—.———3EEſſſ“ 5. u— Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Wichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Verlag von Adolph Krabbe. 1842. g Neunundfünfzigſtes Kapitel. Es iſt nöthig, daß wir nach dieſer Wendung der Dinge zu Hugh zurückkehren, der, wie wir geſehen haben, die Empörer aufforderte, von dem Kaninchen⸗ hag abzuziehen, ſich zu zerſtreuen und auf dem ge⸗ wöhnlichen Sammelplatze wieder einzutreffen, worauf er in der Dunkelheit, aus der er aufgetaucht, ver⸗ ſchwand und in jener Nacht nicht mehr ſichtbar wurde. Er machte in dem Gebüſche, das ihn vor den Blicken ſeiner tollen Gefährten verbarg, Halt und wartete, um ſich zu überzeugen, ob ſie ſeiner Auffor⸗ derung zum Rückzuge Folge leiſten, oder ob ſie noch bleiben und auf's Neue nach ihm rufen würden. Ei⸗ nige waren, wie er wohl ſah, durchaus nicht geneigt, ohne ihn zu gehen, und wandten ſich der Stelle zu, wo er ſich verborgen hatte, als wollten ſie ſeinen Fußtritten folgen und ihn drängen, zurück zu kom⸗ men; da es jedoch dieſen Leuten, denen noch obendrein ihre Freunde zuriefen, nicht ſehr darum zu thun war, 8 ſich in die dunkleren Partien der herrſchaftlichen Gü⸗ ter zu wagen, wo ſie leicht überraſcht und aufgegrif⸗ fen werden konnten, wenn ihnen etwa einige Nachbarn oder Angehörige der Familie unten den Bäumen auflauerten, ſo gaben ſie dieſen Gedanken bald wieder auf, ſammelten in der Eile ein Häuflein Gleichge⸗ ſinnter und zogen mit ihnen ab. Sobald Hugh Gewißheit hatte, daß die große Maſſe der Rebellen dieſem Beiſpiele folgte und der Grund ſich haſtig lichtete, ſtürzte er in den dichteſten Theil des kleinen Gehölzes und brach ſich durch die krachenden Zweige geraden Weges nach einem fernen Lichte Bahn, das ihm, nebſt der düſtern Gluth hinter ihm, zum Führer diente. Als er dem blinkenden Leuchtthurme, dem er ſeine Schritte zulenkte, näher und näher kam, begann ſich der rothe Schein einiger Fackeln zu enthüllen, und die Stimmen von Män⸗ nern, die in gedämpftem Tone mit einander ſprachen, unterbrachen hin und wieder das Schweigen, das hier, mit Ausnahme des ferne her tönenden Gejubels, obwaltete. Endlich hatte er das Gehölz hinter ſich; er ſprang über einen Graben und ſtand jetzt in einem dunkeln Hohlwege, wo ein kleiner Haufen übel aus⸗ ſehender Hallunken, die er vor etwa zwanzig Minu⸗ ten verlaſſen hatte, mit Ungeduld ſeiner Ankunft ent⸗ gegen ſah. Sie hatten ſich um eine alte Poſtchaiſe, die fie ſelbſt kutſchirten, und auf deren Handpferd Einer aus ihrer Mitte ſaß, verſammelt. Die Blenden waren U———i3⅛&—* n— 2—2 8 9 9— 8 N aufgezogen und an den beiden Fenſtern hielten Herr Tappertit und Herr Dennis Wache. Der Erſtere hatte ſich das Kommando über den Trupp angemaßt, denn er rief den näherkommenden Hugh an, worauf diejenigen, welche ſich um den Wagen herum auf den Boden gelegt hatten, aufſprangen und ſich um ihn ſchaarten. „Nun,“ fragte Simon mit leiſer Stimme;„iſt Alles in Ordnung?“ „So ziemlich,“ antwortete Hugh in demſelben Tone.„Sie zerſtreuen ſich jetzt— und hatten ſchon angefangen, ehe ich ſie verließ.“ „Und iſt das Feld frei?“ „Für unſere Leute denke ich wohl,“ ſagte Hugh. „Es wird nicht viele geben, die, wenn ſie von ihrer Arbeit dort wiſſen, heute Nacht mit ihnen anbinden möchten.— Hat Keiner einen Trunk bei ſich?“ Jeder hatte bei der Plünderung des Kellers ſich Einiges zugeeignet; es wurden ihm daher im Nu ein halb Dutzend Flaſchen angeboten. Er wählte die größte, ſetzte ſie an ſeinen Mund und goß den Wein gurgelnd in ſeine Kehle hinunter. Nachdem er ſie geleert hatte, warf er ſte weg und ſtreckte die Hand nach einer andern aus, die er in gleicher Weiſe mit einem Zuge austrank. Eine dritte leerte er nur zur Hälfte, um den Reſt zum Beſchluſſe aufzubewahren; dann ſagte er: „Habt Ihr nicht auch etwas zu eſſen? Ich bin 10 ſo hungrig, wie ein gieriger Wolf. Welcher von Euch war in der Speiſekammer— he?“ „Ich, Bruder,“ antwortete Dennis, ſeinen Hut herunternehmend und in der Krone deſſelben nachſu⸗ chend.„Es muß da irgendwo ein Stück kalte Wild⸗ pretpaſtete ſeyn, wenn’s Euch damit gedient iſt.“ „Ob's mir damit gedient iſt?“ rief Hugh, indem er ſich an den Weg ſetzte.„Nur her da! Hurtig! Leuchte mir einer, und ſteht um mich herum! Ich will mein Nachteſſen ſtaatsmäßig einnehmen, meine Jungen. Ha, ha, ha!“ Da Alle tief in's Glas geguckt hatten und eben ſo wild waren, als er ſelbſt, ſo gingen ſie auf ſeine lärmende Stimmung ein und ſtellten ſich um ihn herum, während zwei von ihnen, welche Fackeln hat⸗ ten, rechts und links an ſeine Seite traten, um ihm zu leuchten, damit er nicht genöthigt ſeyn möchte, ſein Bankett in der Dunkelheit abzuhalten. Inzwi⸗ ſchen war es Herrn Dennis gelungen, ein großes Paſtetenſtück, welches er ſo dicht in ſeinen Hut hinein gekeilt hatte, daß es kaum wieder herausgehen wollte, loszubringen, und legte es ihm vor, worauf Hugh von Einem aus dem Trupp ein ſchartiges, zackiges Meſſer borgte, und dann mit aller Macht über ſein Mahl herſiel. 1 „Ich möchte Euch empfehlen, Bruder, alle Tage ein Stündlein vor dem Eſſen ein Bischen Feuer zu ſchlucken,“ ſagte Dennis nach einer Pauſe.„Es ſcheint Euch zuzuſchlagen und Euern Appetit zu reizen.“ 8 α—„ — 8 11 Hugh ſah zuerſt nach ihm, dann nach den ge⸗ ſchwärzten Geſichtern auf, die ihn umgaben; worauf er für einen Augenblick ſeine Mahlzeit unterbrach, um das Meſſer über ſeinem Kopfe zu ſchwingen, und in ein brüllendes Gelächter ausbrach. „Wollt Ihr Ordnung halten, he?“ rief Simon Tappertit. „Ei, ſollte es einem Manne nicht erlaubt ſeyn, ſich gütlich zu thun, edler Capitän,“ verſetzte ſein Lieutenant, indem er die Männer, die dazwiſchen ſtan⸗ den, mit dem Meſſer auseinander wieß, um nach Si⸗ mon hinſehen zu können,„ſich ein Bischen gütlich zu thun nach einer Arbeit, wie die meinige war? Welch ein harter Capitän! Welch ein ſtrenger Ca⸗ pitän! Welch ein tyranniſcher Capitän! Ha, ha, ha!“ „Ich wollte, es hielte ihm Einer von euch eine Flaſche an den Mund, um ihn zur Ruhe zu bringen,“ ſagte Simon;„es dürfte uns ſonſt leicht das Mili⸗ tär zu Leibe rücken.“ „Und was wäre es dann?“ entgegnete Hugh. „Wer kümmert ſich darum? Wer fürchtet ſich? Laßt ſte nur kommen, ſage ich, laßt ſie nur kommen. Je mehr, deſto luſtiger. Gebt mir den kühnen Barnaby an die Seite und wir zwei wollen mit dem Militär fertig werden, ohne einen von Euch zu bemühen. Barnaby iſt der rechte Kerl für die Soldaten. Bar⸗ naby ſoll leben!“ Da aber die Mehrzahl der Anweſenden bereits müde und erſchöpft war, deßhalb auch für heute kein beſonderes Verlangen nach einer zweiten Beſchäfti⸗ gung unterhielt, ſo ſchloß ſie ſich Tappertit an und drängte Hugh, ſich mit ſeinem Nachteſſen zu beeilen, denn ſie hätten bereits ſchon zu lange gezögert. Nun wußte aber er ſelbſt auch, obgleich er in der Glanz⸗ höhe ſeiner Tollheit ſtand, welche Gefahr ſie liefen, wenn ſie länger in der Nähe des Schauplatzes ihrer kürzlichen Unthat blieben, weßhalb er ohne weitere Vorſtellung ſein Mahl beendigte, ſich auf die Beine half, auf Herrn Tappertit zuging und ihn auf den Rücken ſchlug. „Wohlan denn,“ rief er,„ich bin bereit. Wir haben brave Vögel in unſerm Käfig da drinnen, he? Köſtliche Vögel— zarte, liebende, kleine Turteltau⸗ ben. Ich habe ſie eingethan— ich habe ſie in den Käſig geſteckt— will doch einmal hineinſehen!“ Während dieſer Worte ſchob er den kleinen Mann zur Seite, ſtieg auf den halb niedergelaſſenen Kut⸗ ſchentritt, ſtieß die Blende mit Gewalt nieder und ſtierte in den Wagen hinein, wie ein Währwolf in ſeine Höhle. „Ha, ha, ha! und du haſt ah gezwickt und dich geſträubt, mein hübſches Schätzchen?“ rief er, indem er eine kleine Hand erfaßte, die ſich vergebens loszumachen bemüht war:„du, ſo helläugig und kirſchlippig, mit einem ſo leckeren Leibchen? Aber ich liebe dich dafür nur um ſo mehr, Schätzchen. Ja, wahrhaftig. Ich wollte mir's gefallen laſſen, wenn du mit dem Meſſer nach mir ſtächeſt, ſo ferne äfti⸗ und ilen, Nun anz⸗ efen, hrer itere heine den Wir he? tau⸗ den ann Kut⸗ und f in und er, bens und Aber hen. ſſen, erne 13 es dir Freude machte, wenn du mich nachher dafür kuriren müßteſt. Dein ſtolzes und ſpöttiſches Weſen gefällt mir. Du nimmſt dich ſchöner darin aus, als je, und wen gäbe es auch, den man mit dir verglei⸗ chen könnte, mein artiges Dingelchen!“ „Nun!“ ſagte Herr Tappertit, der mit beträcht⸗ licher Ungeduld Zeuge dieſer Anrebe geweſen;„'s iſt jetzt genug damit. Kommt einmal herunter.“ Die kleine Hand unterſtützte dieſe Erinnerung damit, daß ſie Hugh's großen Kopf mit aller Ge⸗ walt zurückſtieß und die Blende wieder aufzog, wor⸗ über ihr ungeſchlachter Verehrer in ein ſchallendes Gelächter ausbrach, dem er die Betheuerung beifügte, er müſſe noch einen Blick von ihr haben, denn ihr ſüßes Geſichtchen habe ihn beinahe toll gemacht. Die bisher unterdrückte Ungeduld des Haufens brach aber jetzt in ein offenes Murren aus, weßhalb er ſein Vor⸗ haben aufgab und ſich auf den Bock ſetzte, wo er ſich damit begnügte, von Zeit zu Zeit an die Vorderfen⸗ ſter des Wagens zu klopfen und einen Blick hinein⸗ zuſtehlen verſuchte. Herr Tappertit ſtieg auf den Kutſchentritt, hängte ſich an die Thüre an und erließ von da aus mit gebieteriſcher Stimmung und Hal⸗ tung an den Kutſcher ſeine Befehle. Die Uebrigen ſetzten ſich hinten auf oder rannten, ſo gut ſie konn⸗ ten, neben dem Wagen her, wobei ſich einige, Hugh's Beiſpiel nachahmend, bemühten, das hochgeprieſene Geſichtchen zu ſehen— eine Unverſchämtheit, die ihnen durch Winke von Herrn Tappertit's Knüttel verwieſen wurde. So verfolgten ſie ihre Richtung auf Umwegen und gewundenen Pfaden in ziemlich 44 guter Ordnung und erträglicher Stille, nur hin und f wieder Halt machend, um Athem zu ſchöpfen oder 6 ſich über die beſte Weiſe, wie man nach London kom⸗ men könne, zu ſtreiten. f Mittlerweile verſuchte Dolly— die ſchöne, be⸗ i zaubernde, herzengewinnende, kleine Dolly— ihr t Haar war zerrauft, ihre Kleider zerriſſen, ihre ſchwar⸗ v zen Wimpern von Thränen feucht, ihr Buſen klopfend, b ihr Geſicht, jetzt blaß vor Furcht, jetzt wieder vor 2 Unwillen purpurn geröthet, ihr ganzes Aeußere hun⸗ u dertmal ſchöner in dieſem Contraſt, als je zuvor— ver⸗ H geblich, Emma Haredale zu beruhigen und ihr einen 2 Troſt zu geben, deſſen ſie ſelbſt ſo ſehr bedurfte. Die m Soldaten würden gewiß kommen; ſie mußten befreit ſe werden; es war rein unmöglich, ſie durch die Straßen ro von London zu führen, wenn ſie den Drohungen te ihrer Hüter Trotz boten und die Hülfe der Vorüber⸗ ſt gehenden anriefen. Sie war überzeugt— vollkom⸗ un men überzeugt, daß ihnen Beiſtand werden mußte, ſe wenn ihr Ruf in den beſuchteſten Straßen erklang. So ſagte die arme Dolly und verſuchte auch, ſich un dieſe Ueberzeugung einzureden; aber der unabänder⸗ S liche Schluß aller dieſer Beweismittel lief darauf ihr hinaus, daß Dolly in Thränen ausbrach, mit gerun⸗ un genen Händen rief, was ſie thun oder denken ſollten, ein und wer die Ihrigen zu Hauſe in dem goldenen Schlüſſel S tröſten würde; und dann ſchluchzte ſie auf's Kläglichſte. 15 Miß Haredale, deren Charakter ſonſt ruhiger war, und deren Gefühle ſich weniger auf der Ober⸗ fläche zeigten, lebte in fürchterlicher Angſt und war eben erſt aus einer Ohnmacht zu ſich gekommen. Sie war leichenblaß und ihre Hand, welche Dolly feſt hielt, ganz kalt; dem ungeachtet aber bat ſie ihre Leidensgefährtin, nicht zu vergeſſen, daß ſie un⸗ ter dem Schutze der Vorſehung ſtünden und daß viel von ihrer eigenen Klugheit abhinge; ſie hätten weit beſſere Ausſicht, bei ihrer Ankunft in London ſich Beiſtand zu verſchaffen, wenn ſie ſich ruhig verhielten und dadurch die Wachſamkeit der Schurken, in deren Hände ſie gefallen wären, einſchläferten; wenn die Bande der Geſellſchaft nicht ganz gelöst ſeyen, ſo müßte alsbald eine hitzige Verfolgung beginnen; auch ſey ſie vollkommen überzeugt, ihr Onkel werde weder raſten, noch ruhen, bis er ſie aufgefunden und geret⸗ tet hätte. Mit dieſen letzteren Worten aber ver⸗ ſtummte ſie, denn nach dem, was ſie bereits geſehen und erlebt hatte, war der Gedanke, er könnte in die⸗ ſer Nacht einer allgemeinen Schlächterei der Katho⸗ liken erlegen ſeyn, nicht gar zu ausſchweifend oder unwahrſcheinlich. In ihrem Entſetzen über die Schauerſcenen dieſer Nacht und über diejenigen, die ihnen noch vorbehalten ſeyn mochten, ſaß ſie ſtarr und faſt ſo weiß und kalt wie Marmor da, unfähig eines Gedankens, eines Wortes oder auch nur einer Schmerzensäußerung. Oh, wie oft, wie vielmal während dieſer langen Fahrt dachte Dolly an ihren alten Liebhaber— den armen, treuen und verachteten Joe! Wie oft und vielmal rief ſie ſich jenen Abend in's Gedächtniß, als ſie ihm in die Arme lief, flüchtig vor demſelben Menſchen, deſſen verhaßter Blick ſogar in die Dun⸗ kelheit, worin ſie ſaß, drang und in entſetzlicher Be⸗ wunderung durch die Fenſterſcheiben herein ſchielte! Und wenn ſie Joe's gedachte, was für ein tapferer Burſche er war, und wie er kühn herangeritten wäre, ſich unter dieſe Schurken ſtürzend, ja, und wären es doppelt ſo viele geweſen— da drückte ſie ihre klein⸗ nen Händchen zuſammen und preßte ihren Fuß auf den Boden— der Stolz, den ſie einen Augenblick darüber empfand, ein ſolches Herz gewonnen zu ha⸗ ben, ſchwand in einem Strom von Thränen dahin, und ſie ſchluchzte bitterer, als je. Als es tiefer in die Nacht hineinging und ſie auf ganz unbekannten Wegen weiter fuhren— denn ſie konnten keinen der Gegenſtände, die ihnen hin und wieder im Fluge auftauchten, erkennen— ſtei⸗ gerte ſich ihre Angſt. Auch war hiezu guter Grund vorhanden, denn wie hätte es bei zwei hübſchen, jun⸗ gen Mädchen anders ſeyn können, die von einer Bande wagehälſiger Hallunken entführt wurden, ohne zu wiſſen, wohin, und ſich den Blicken ſolcher Kerle ausſetzen mußten? Als ſie endlich in einer ihnen ganz unbekannten Vorſtadt Londons anlangten, war es bereits Mitternacht vorbei und alles dunkel und leer in den Straßen. Auch war dieß noch nicht — 17 das Schlimmſte, denn als der Wagen an einem ab⸗ gelegenen Orte Halt machte, öffnete Hugh plötzlich den Schlag, ſprang hinein und ſetzte ſich zwiſchen Beide. Es half nichts, daß ſie um Hülfe riefen. Er ſchlang jedem der Mädchen einen Arm um den Nacken und ſchwur hoch und theuer, ſie mit Küſſen zu er⸗ ſticken, wenn ſie jetzt nicht ſo ſtumm wären, wie die Gräber. „Ich bin hereingekommen, um Euch ruhig zu erhalten,“ ſagte er,„und dieß ſind die Maßregeln, die ich dazu einſchlagen will. Seyd daher mäuschen⸗ ſtille, meine hübſchen Damen— oder machet meinet⸗ wegen Lärm, es iſt mir nur um ſo lieber.“ Sie fuhren in geſtrecktem Trabe weiter, muth⸗ maßlich mit wenigerer Begleitung, als zuvor, denn da man die Fackeln ausgelöſcht hatte, ſo war es zu dunkel, um mit Sicherheit darüber urtheilen zu kön⸗ nen. Sie wichen bei ſeiner Berührung in die äußer⸗ ſten Ecken des Wagens zurück; aber Dolly mochte es machen, wie ſie wollte, ſein Arm umſchlang ihren Leib und hielt ſie feſt. Schrecken und Abſcheu lähmte ihre Zunge, ſo daß ſie weder zu ſchreien, noch zu ſprechen vermochte, aber ſie zerrte an ſeiner Hand aus Leibeskräften, als wollte ſie ſich zu Tode kämpfen, kauerte ſich auf den Boden, ſenkte das abgewendete Köpfchen und ſtieß ihn mit einer Gewalt zurück, über die ſie eben ſo verwundert war, als er. End⸗ lich machte der Wagen abermals Halt. Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 2 18 „Lüpft mir dieſe da heraus,“ ſagte Hugh zu dem Manne, der den Kutſchenſchlag öffnete, als er Miß Haredale's Hand ergriff und bemerkte, wie ſchwer ſie niederfiel.„Sie iſt ohnmächtig.“ „Um ſo beſſer,“ brummte Dennis— denn die⸗ ſer liebenswürdige Gentleman war es.„Dann macht ſie doch keinen Lärm. Ich habe die Ohn⸗ mächtigen weit lieber, wenn ſie nicht ſehr zärtlich und ruhig ſind.“ „Könnt Ihr ſie allein herausbringen?“ fragte Hugh. „Weiß nicht, bis ich's probirt habe. Ich ſollt's übrigens meinen, daß ich's kann, denn ich habe zu meiner Zeit ziemlich Viele in die Höhe gebracht,“ ſagte der Henker.„Auf denn! Sie iſt nicht leicht, Bruder; alle dieſe ſchönen Mädels da fallen ordent⸗ lich in's Gewicht. Noch einmal auf! Nun haben wir's!“ 5 Er hatte inzwiſchen die junge Dame mit ſeinen Armen aufgerafft und ſtolperte mit ſeiner Laſt weiter. „Jetzt ſteh' einmal, mein hübſches Vögelchen,“ ſagte Hugh, indem er Dolly an ſich zog.„Vergiß nicht, was ich dir geſagt habe— einen Kuß für jeden Schrei. Rufe nur zu, Schätzchen, wenn du mich liebſt. Schrei' einmal, Jüngferlein— nur ein einzigesmal, mein Herzkäferchen, wenn du mich liebſt.“ —— — 19 Dolly ſtieß ſein Geſicht mit aller Gewalt weg, ſenkte ihr Haupt, ließ ſich aus dem Wagen nehmen und wurde nun von Hugh nach einer armſeligen Hütte gebracht, wo ſich bereits Miß Haredale be⸗ fand. Ihr Träger drückte ſie an ſeine Bruſt und ließ ſie ſachte auf den Boden nieder. Arme Dolly! Sie mochte anfangen, was ſie wollte— ſie ſah nur um ſo hübſcher und verlockender aus. Wenn ihre Augen zornig blitzten und ihre kirſchrothen Lippen leicht aus einander wichen, um ihren heftigen Athem durchzulaſſen, wer konnte da widerſtehen? Wenn ſie weinte und ſchluchzte, als müßte ihr das Herz brechen, wenn ſie über ihr Unglück in der ſüßeſten Stimme ſtöhnte, die je an das Ohr eines Hörers ſchlug, wer konnte da un⸗ empfindlich bleiben gegen die kleine, hinreißende Schnippiſchkeit, die ſich ſelbſt hin und wieder ſogar in ihrem tiefen und aufrichtigen Kummer kund gab? Wenn ſtie, wie jetzt, in einem augenblicklichen Selbſt⸗ vergeſſen an der Seite ihrer Freundin auf die Kniee ſank, ſich über ſie hinbeugte, ihre Wange an die ihrige legte und den Arm um ſie ſchlang, welches ſterbliche Auge hätte ſich enthalten können, nach dem zarten Leibchen, dem wallenden Haare, dem verſtörten Anzuge und der völligen, unwillkürlichen Hingebung der blühenden, kleinen Schönheit hinzu⸗ ſehen? Wer konnte Zeuge ſeyn, wie ſie ſo frei⸗ gebig mit ihren Liebkoſungen war, ohne zu wün⸗ ſchen, an Emma Haredale's Platz zu ſtehen— ſie 2*† zu ſeyn, oder Dolly; entweder der umarmende oder der umarmte Gegenſtand? Hugh wenigſtens nicht — und eben ſo wenig Dennis. „Ich will euch was ſagen, ihr jungen Frauen⸗ zimmerchen,“ begann Herr Dennis,„ich ſelber bin nichts für die Mädels und habe in dem gegenwär⸗ tigen Handel nichts weiter zu ſchaffen, als daß ich meinen Freunden hilfreiche Hand leiſte; wenn ich aber noch viel derartiges Zeug ſehe, ſo will ich's redlich geſtehen, möchte ich ſtatt des Helfers auch ein Bischen den Prinzipal ſpielen.“ „Warum habt Ihr uns hieher gebracht?“ ent⸗ gegnete Emma.„Wollt Ihr uns ermorden 24 „Ermorden?“ rief Dennis, indem er ſich auf einem Schemel niederließ und der Fragerin ſehr gnädige Blicke zuſendete.„Ei, mein Schätzchen, wer könnte wohl ſo appetitliche Hühnchen, wie Euch, ermorden wollen? Wenn Ihr mich übrigens gefragt hättet, ob man Euch hergebracht habe, um Euch mit Männern zu verſorgen, ſo läge doch wenigſtens ein Sinn darin.“ Dabei warf er Hugh einen grinſenden Blick zu, der denſelben, ſein Auge von Dolly abwendend, er⸗ wiederte: 4 „Nein, nein, von Ermorden iſt keine Rede, mein Täubchen,“ ſagte Dennis.„Nichts der Art. Ganz im Gegentheil.“ „Ihr ſeyd älter, als Euer Kamerad da, Sir,“ erwiederte Emma zitternd.„Habt Ihr kein Mitleid — 1 SSZSZSESS un 21 mit uns. Bedenkt Ihr nicht, daß wir Frauen⸗ zimmer ſind?⸗ „Oh, freilich, meine Beſte,“ verſetzte Dennis. „Es würde Einem ſchwer werden, es nicht zu thun, wenn man ſo ein paar Muſterbildlein vor Augen hat. Ha, ha! O ja, ich bedenke das. Wir alle bedenken das, Miß.“ Er ſchüttelte dabei ſchalkhaft den Kopf, ſchielte wieder nach Hugh hin und lachte gewaltig, als hätte ſes geſagt und ſich wacker „Was da ermorden, mein Schatz. Nicht daran zu denken. Ich will Euch übrigens'was ſagen, Bruder,“ ſagte Dennis mit einem gravitätiſchen Blicke auf Hugh, indem er ſeinen Hut ſchief rückte, um ſich bequemer hinter den Ohren kratzen zu können,„es iſt doch merkwürdig und ein Beweis von der erſtaunlichen Gleichheit und Würde unſerer Geſetze, daß es keinen Unterſchied macht zwiſchen Männern und Weibern. Ich habe bisweilen den Richter zu einem Straßenräuber oder Hauseinbrecher ſagen hören, wenn er die Weibsperſonen an Hals Ihr entſchuldigt, mein hier der Sache erwähne— und ſie in den Keller geſteckt hatte— er habe keine geantwortet: ‚was ſchwatzt Ihr da, Mylord? Ich habe den Weibsbildern eben ſo viel Rückſicht erwieſen, als ihnen das Geſetz erweist, und was wollt Ihr weiter von mir? Wenn man in den Zeitungen die Zahl der Frauensperſonen nachzählen wollte, die in den letzten zehen Jahren nur in dieſer Stadt allein abgethan wurden,“ fügte Herr Dennis gedankenvoll bei,„ſo würde man ſtaunen über die Summe— ja, wahrhaftig, man würde es kaum glauben. S iſt was Würdiges, was Schönes um die Gleichheit des Geſetzes; aber wir haben keine Sicherheit dafür, daß es fortbeſteht. Da ſie jetzt einmal angefangen haben, dieſe Papiſten zu begünſtigen, ſo darf man ſich nicht wundern, wenn ſie weiter gehen und näch⸗ ſter Tage auch dieß ändern. Meiner Seele, mich wenigſtens nähm's nicht Wunder! Dieſes Thema, vielleicht wegen ſeiner allzu⸗ ausſchließlichen und gewerbsmäßigen Natur, feſſelte Hughs Intereſſe nicht in dem Grade, als ſein Freund wohl erwartet hatte. Es blieb Letzterem jedoch keine Zeit, die Sache weiter zu verfolgen, denn in dieſem Augenblicke trat Herr Tappertit ein, bei deſſen Anblick Dolly einen Freudenſchrei aus⸗ ſtieß, worauf ſie ſich geradezu in ſeine Arme warf. „Ich wußte es, ich war vollkommen überzeugt davon!“ rief Dolly.„Mein lieber Vater iſt vor der Thüre. Gott ſey Dank! Der Himmel ſegne Euch dafür, Sim!“ Simon Tappertit meinte Anfangs, die Tochter 23 des Schloſſers, die jetzt nicht länger im Stande ſey, ihre geheime Leidenſchaft für ihn zu unterdrücken, wolle nunmehr derſelben den Zügel ſchießen laſſen und mit der Erklärung herausrücken, daß ſie ihm für immer angehören wolle, weßhalb er bei dieſen Worten ein gewaltiges Schafsgeſicht ſchnitt— um ſo mehr, da ſie von Hugh und Dennis mit einem lauten Ge⸗ lächter aufgenommen wurden, welches ſie veranlaßte, zurückzuweichen und ihn mit ernſten, feſten Blicken zu betrachten. „Miß Haredale,“ ſagte Sim nach einer pein⸗ lichen Pauſe,„ich hoffe, Ihr habt es hier ſo ge⸗ mächlich, als es die Umſtände erlauben. Dolly Varden, mein Schätzchen— mein Leben— mein Herzenskind— ich hoffe, daß Euch in gleicher Weiſe nichts abgeht.“ Arme kleine Dolly! Sie erkannte jetzt, wie die Sachen ſtanden, bedeckte das Geſicht mit ihren Händen und ſchluchzte noch bitterlicher, als zuvor. „Miß Varden,“ ſagte Simon, indem er die Hand auf ſeine Bruſt legt,„Ihr ſeht jetzt in mir nicht mehr einen Lehrling, einen Arbeiter, einen Sklaven, ein Opfer der Tyrannei Eures Vaters, ſondern den Führer eines großen Volkes, den Capitän einer edlen Schaar, in welcher dieſe Herren gewiſſer⸗ maßen Korporale und Sergeanten ſind. Ihr erblickt in mir keine Privatperſon, ſondern einen öffentlichen Charakter— keinen Schloßausbeſſerer, ſondern einen Heiler der Wunden ſeines unglücklichen Vaterlands. Dolly Varden, ſüße Dolly Varden, ſeit wie vielen Jahren habe ich einem ſolchen Zuſammentreffen ent⸗ gegen geſehen! Welche lange Reihe von Jahren iſt es nicht mein beharrliches Sehnen und Denken ge⸗ weſen, Euch zu erheben und in eine edle, Stellung zu bringen! Jetzt löſe ich mein Wort. Schaut in mir Euren Gatten. Ja, ſchöne Dolly— liebliche Herzensfängerin— Simon Tappertit iſt ganz Euer Eigenthum.“ Mit dieſen Worten trat er auf ſie zu, aber Dolly wich, ſo weit ſie konnte, zurück und ſank dann zu Boden. In der Meinung, daß dieß wahr⸗ ſcheinlich nichts weiter als mädchenhafte Beſcheiden⸗ heit ſey, verſuchte Simon, ſie aufzuheben, worauf ihm indeß Dolly, zur Verzweiflung gereizt, mit den Händen in's Haar fuhr, unter einer Thränen⸗ fluth ihn ein ſchändliches Wichtlein nannte, das er von je her geweſen ſey, und ihn alſo ſchüttelte, zerzauste und ſchlug, bis er aus Leibeskräften um Hülfe ſchrie. Hugh hatte ſie nie halb ſo verehrt, als in dieſem Augenblicke. „Sie iſt dieſe Nacht in einem aufgeregten Zu⸗ ſtande“ ſagte Simon, indem er ſein zerzaustes Ge⸗ fieder wieder glatt ſtrich,„und weiß nicht, was ihr gut iſt. Wenn man ſie bis Morgen allein läßt, ſo wird ſie ſchon ein Bischen zur Naiſon kommen. Schafft ſie in das nächſte Haus!“ Hugh hatte ſie in einem Nu auf dem Arm. Möglich, daß Herrn Tappertit's Herz wirklich be⸗ ½ O8S/A o 2 25 ſänftigt durch ihre Betrübniß war; vielleicht fühlte er aber einigermaßen die Unſchicklichkeit, daß ſich ſeine künftige Braut in den Armen eines andern Mannes abkämpfte. Er befahl ihm daher nach weiterer Ueberlegung, ſie wieder nieder zu ſetzen, und machte ein verdrießliches Geſicht, als ſie an Miß Haredale's Seite flog, ſich an ihre Kleider an⸗ klammerte und in den Falten derſelben ihr glühendes Antlitz verbarg. „Sie ſollen bis Morgen bei einander hier blei⸗ ben,“ ſagte Simon, der jetzt ſeine Würde wieder ganz geſammelt hatte—„bis Morgen. Kommt mit!“ „Ei ja, kommt mit, Capitän,“ rief Hugh.„Ha, ha, ha!“ „Ueber was lacht ihr?“ fragte Simon ſtrenge. „Ueber nichts, Capitän, über nichts,“ verſetzte Hugh. Und mit dieſen Worten ſchlug er den kleinen Mann mit der Hand auf die Schulter und lachte, aus irgend einem unbekannten Grunde, noch zehn⸗ mal ſtärker als zuvor. Herr Tappertit betrachtete ihn mit ſtolzer Ge⸗ ringſchätzung, die übrigens das Lachen nur noch verſtärkte, vom Kopf bis zu den Füßen, wandte ſich ſodann an die Gefangenen und ſprach: „Ihr werdet bemerken, meine Damen, daß dieſer Ort von allen Seiten wohl bewacht iſt, und daß der mindeſte Lärm nothwendig mit den unange⸗ nehmſten Folgen verknüpft ſeyn muß. Morgen ſollt⸗ ihr Beide mehr von unſern Abſichten hören. In⸗ zwiſchen aber hütet Euch, an das Fenſter zu treten, oder Jemanden von den Vorbeigehenden anzurufen; denn wenn Ihr dieß thut, ſo wird man im Augen⸗ blick wiſſen, daß Ihr aus einem katholiſchen Hauſe kommt, und alle Anſtrengungen unſerer Leute werden nicht im Stande ſeyn, Euer Leben zu retten!“ Mit dieſer ſchließlichen Verwarnung, welche allerdings nur zu vielen Grund hatte, wandte er ſich der Thüre zu, wohin ihm Hugh und Dennis folgten. Ehe ſie die Stube verließen, machten ſie nochmals Halt, und ſahen, wie ſich die beiden Mädchen gegenſeitig in die Arme fielen; dann gingen ſie aus der Hütte hinaus, verſchloſſen die Thüre und ſtellten um das ganze Haus ſichere Wacht⸗ poſten auf. „Nun, ich muß ſagen,“ brummte Dennis, als ſie ſich gemeinſchaftlich entfernten,„das iſt ein leckeres Paar Mädchen. Die des Herrn Gashford i*ſt ſo ſchön als die andere, he?“ „Bst!“ entgegnete Hugh haſtig.„Keine Namen genannt. Es iſt eine ſchlimme Gewohnheit.“ „Ei, wenn Ihr keine Namen hören wollt, ſo ſage ich weiter nichts, als daß ich nicht an ſeiner Stelle ſeyn möchte, wenn er mit ſeinen Abſichten gegen ſie herausrückt,“ erwiederte Dennis.„Sie iſt eine von jenen hübſchen, ſchwarzaugigen, ſtolzen Dirnen, denen ich bei einer ſolchen Gelegenheit nicht zu nahe kommen möchte, wenn ſie ein Meſſer in der — H„—ä— 27 Hand haben. Ich habe ſonſt ſchon mehr von dieſem Schlage geſehen und kann mich auf Eine erinnern, die vor vielen Jahren abgethan wurde— es handelte ſich dabei auch um einen Herrn— die ſagte zu mir, und ihre Lippen zitterten, wenn ſchon ihre Hand ſo feſt war, als ich nur je eine ſah; ‚„Dennis,⸗ ſagte ſie, ‚ich bin meinem Ende nah; aber wenn ich einen Dolch in dieſer Hand hätte, und er wär' mir nahe genug, daß ich ihn erreichen könnte, ſo wollte ich ihn ſelbſt jetzt noch todt vor mir niederſtrecken; ja, ſo ſagte ſie— und ſie hätt's auch gethan.“ „Wen wollte ſie niederſtechen?“ fragte Hugh. „Wie kann ich das wiſſen, Bruder?“ antwor⸗ tete Dennis.„Sie hat mir's nie geſagt; gewiß nicht.“ Hugh ſah einen Augenblick aus, Luſt, an dieſe unzuſammenhängende Rü weitere Fragen zu knüpfen; aber Simon Tappertit, der ſich in tiefen Betrachtungen ergangen hatte, gab ſeinen Gedanken eine neue Richtung. „Hugh!“ ſagte Sim,„Ihr habt Euch heute brav gehalten und ſollt dafür belohnt werden. Ihr gleichfalls, Dennis.— Gibt's kein junges Frauen⸗ zimmer, das Ihr zu entführen geneigt wäret?“ „N nein,“ entgegnete dieſer Gentleman, in⸗ dem er ſich in ſeinem grauen Bart kratzte, der um ein paar Zoll zu lang war.„Wüßte gerade keine Beſondere. „Gut alſo,“ nein, als hätte er ckerinnerung verſetzte Sim,„wir wollen denn ſehen, wie wir Eur Was Euch anbelangt, ſich dabei an Hugh— nſo Tagen Miggs hab ich Euch verſprochen habe. habt mein Wort dafür.“ dies that, kehrte ſein Lachkr ſtüm zurück, daß er ſich mi halten und die an e Verdienſte anderweitig belohnen. alter Knabe“— er wandte ſollt Ihr innerhalb drei en— Ihr wißt, die Perſon, die Merkt's Euch. Ihr hr herzlich, und während er ampf mit ſolchem Unge⸗ t einer Hand die Seite dere auf die Schulter ſeines kleinen Capitäns ſtützen mußte, ohne deſſen Beiſtand er ſich zuverläſſig auf den Boden überkugelt haben würde. Hugh dankte ihm ſe —O Sechzigſtes Kapitel. Das edle Kleeblatt wandte jetzt ſeine Schritte dem Stiefel zu, denn an dieſem ihrem Sammelplatze gedachten ſie die Nacht zu vollbringen, um in ihrer alten Höhle die Ruhe zu ſuchen, deren ſie ſo ſehr bedurften. Das abgekartete Unheil war ja jetzt ge⸗ ſtiftet, das Werk der Zerſtörung vollbracht, ihre Ge⸗ fangenen für die Nacht ſicher untergebracht, und ſie fingen jetzt an, ihrer Ermüdung bewußt zu werden und die erſchöpfenden Folgen ihrer Raſerei zu fühlen, die ſo beklagenswerthe Reſultate herbeigeführt hatte. —ͤ— i1280 „—ͤ———— ☛ά ν˖ 29 Aber ungeachtet der Mattigkeit und Erſchlaffung, die auf ihm und ſeinen beiden Gefährten, wie auch auf Allen, die an ihrem nächtlichen Werke mitgehol⸗ fen, laſteten, brach Hugh's lärmende Heiterkeit immer auf's Neue los, ſo oft er Simon Tappertit anſah, und machte ſich— ſehr zum Aerger dieſes Gentle⸗ mans— in einem ſo brüllenden Gelächter Luft, daß ſchönſtens zu beſorgen ſtand, es möchte ihnen die Wache über den Hals bringen und ſie in ein Schar⸗ müzel verwickeln, dem ſie in ihrem dermaligen Zu⸗ ſtande keineswegs gewachſen ſeyn mochten. Sogar Herr Dennis, der es mit der Gravität und Würde nicht allzugenau nahm und ſonſt an der excentriſchen Stimmung ſeines jungen Freundes Gefallen fand, nahm die Gelegenheit wahr, ihm ſein unkluges Be⸗ nehmen zu verweiſen, das er als eine Art von Selbſt⸗ mord prädizirte, und es gäbe ja doch nichts Lächer⸗ licheres und Impertinenteres, als wenn ſich Einer ſelbſt abthue, ohne vom Geſetze ereilt zu werden. Trotz dieſer Verweiſe ließ Hugh kein Haar von ſeiner geräuſchvollen Luſtigkeit ab, wobei er Arm in Arm mit ſeinen Gefährten weiter ſtolperte, bis ſie des Stiefels anſichtig wurden und nur noch ein paar Ackerlängen von dieſer gemüthlichen Kneipe entfernt waren. Zu gutem Glücke hatte er inzwiſchen ſo viel gelärmt und geſchrien, daß er nicht mehr weiter konnte. Sie gingen daher ſtill vorwärts, als ein Kundſchafter, der die ganze Nacht uͤber in den Gräben umherge⸗ krochen war, um allenfallſige Nachzügler zu warnen, damit ſie ſich einem ſo gefährlichen Grunde nicht weiter nähern möchten, vorſichtig aus ſeinem Verſtecke auf⸗ tauchte und ihnen zurief, daß ſie Halt machen ſollten. „Halt machen? Und warum?“ fragte Hugh. Der Kundſchafter erwiederte, das Haus ſey die⸗ ſen Nachmittag überfallen worden und jetzt mit Gerichtsdienern und Soldaten angefüllt. Die Ein⸗ wohner hätten ſich geflüchtet oder ſeyen in Gewahr⸗ ſam genommen worden; er vermöge jedoch die Auf⸗ gegriffenen nicht namhaft zu machen. Er hätte Viele abgehalten, näher zu gehen, und meinte, ſie hätten ſich nach den Märkten und derartigen Plätzen begeben, um daſelbſt zu übernachten. Die fernen Feuer hatte er geſehen, aber ſie waren jetzt alle erloſchen. Auch die ab⸗ und zugehenden Leute hätten davon geſpro⸗ chen, und die allgemeine Stimmung ſey Angſt und Entſetzen. Von Barnaby, den er nicht einmal dem Namen nach kannte, hatte er kein Wort gehört, wohl aber wußte er aus Berichten, daß man einen Mann gefangen genommen und nach Newgate geführt habe. Für die Wahrheit oder Falſchheit des Berichts konnte er jedoch nicht Gewähr leiſten. Auf dieſe Kunde hin hielten die drei Braven einen Kriegsrath und erwogen die beſten Schritte, die ſie jetzt einzuſchlagen vermöchten. Hugh, der es für möglich hielt, daß ſich Barnaby in den Händen der Soldaten befinde und derzeit noch im Stiefel bewacht werde, meinte, man ſolle verſtohlen vorrücken und das Haus in Brand ſtecken; ſeine Gefährten —, nden tiefel acken orten heutigen Farringtonſtraße ein. 31 jedoch, die keine Freunde von vorſchnellen Maßregeln waren, wenn ſie nicht einen tüchtigen Haufen im Ruͤcken hatten, wendeten dagegen ein, daß Barnaby, im Falle er aufgegriffen worden, zuverläſſig nach einem ſtärkeren Gefängniſſe gebracht worden ſey, denn es könne den Soldaten nicht im Schlafe einfallen, ſich ſeiner eine ganze Nacht durch an einem ſo ſchwa⸗ chen und dem Angriffe zu zugänglichen Orte verſi⸗ chern zu wollen. Solchen Gründen und ihrem Zu⸗ ſpruche nachgebend, fügte ſich Hugh endlich in eine⸗ rückgängige Bewegung nach dem Fleet⸗Markte, wo⸗ hin, wie es ſchien, einige ihrer kühnſten Genoſſen, nachdem ſie eine ähnliche Nachricht erhalten, ihren Weg eingeſchlagen hatten. Neu gekräftigt und ermuthigt, da ſie ſich jetzt zur Thätigkeit gezwungen ſahen, eilten ſie weiter, ohne der Müdigkeit zu gedenken, der ſie vor einigen Minuten beinahe erlegen waren, und langten bald an dem Orte ihrer Beſtimmung an. Der Fleet⸗Markt beſtand damals aus einer langen, unregelmäßigen Reihe von hölzernen Schup⸗ pen und Scheunen und nahm den Mittelpunkt der Die Gebäude lagen abſcheuliche Weiſe in ntlich, um die Durch⸗ e zu ärgern, welche mitten auf dem Wege auf eine einander geſchoben— recht eige fahrt zu hindern und die Leute ſich, ſo gut ſie konnten, durch Wagen, Körbe, Tra⸗ gen, Schubkarren, Fäſſer, Käſten und Bänke einen Weg bahnen mußten, wobei ſie natürlich alle Augen⸗ 32 blicke an einen Laſtträger, Höcker, Fuhrmann und an das Gedränge von Käufern und Verkäufern, Taſchendieben, Landſtreichern und Faullenzern anſto⸗ ßen mußten. Die Luft war durch die Düfte faulen Obſtes und Kräuterwerks, des Abfalles aus den Fleiſch⸗ buden und hundertfältigen andern Unrathes parfümirt; denn es war damals bei allen öffentlichen Orten un⸗ erläßlich, daß ſie auch öffentliches Aergerniß geben mußten, und der Fleet⸗Markt war dieſem Prinzip zum Bewundern getreu. Nach dieſem Orte hatten ſich viele Aufrührer nicht nur für dieſe Nacht, ſondern auch für die zwei oder drei vorhergehenden verloren— ſey es nun, weil die Schuppen und Körbe leidliche Schlafſtellen abgaben, oder weil ſich hier die Mittel vorfanden, im Nothfalle ſchnell Barrikaden errichten zu kön⸗ nen. Es war jehzt bereits lichter Tag, aber ein kalter Morgen, und ein Haufen Geſindels hatte ſich bereits um den Kamin einer Kneipe verſammelt, wo heißes Wermuthbier getrunken, Tabak geraucht und neue Plane für den heutigen Tag geſchmiedet wurden. Hugh und ſeine zwei Freunde waren den Mei⸗ ſten der Anweſenden bekannt, weßhalb man ſie mit beſonderen Beifallsbezeugungen aufnahm und ihnen die Ehrenplätze anwies. Die Stubenthüre wurde verſchloſſen, um unangenehme Eindringlinge ferne zu halten, und dann fing man an, Neuigkeiten aus⸗ zutauſchen. „Wie ich höre, haben die Soldaten den Stiefel⸗ rden. Mei⸗ mit ihnen vurde ferne aus⸗ Stiefel 33 beſetzt?“ ſagte Hugh.„Wer weiß etwas von der Sache?“ Es meldeten ſich zwar Mehrere hiezu; da jedoch die Mehrzahl der Geſe ellſchaft bei dem Angriffe auf . den Kaninchenhag betheiligt und alle Anweſenden bei einer oder der andern nächtlichen Expedition beſchäf⸗ tigt geweſen waren, ſo ſtellte ſich heraus, daß Keiner mehr wußte, als Hugh ſelbſt, denn ſie waren Alle nur von andern, oder durch den Kundſchafter verwarnt worden, weßhalb ſie nicht aus eigener Erfahrung ſprechen konnten. „Wir haben der nicht mehr da „Ihr kennt den der bei Weſtminſt half. Hat ihn J gehört?“ Sie ſchüttelten ihre Köpfe und murmelten eine verneinende Antwort, wobei Jeder fragend umher⸗ ſchaute. Da ließ ſich auf einmal außen ein Geräuſch und die Stimme eines Mannes hören, der zu Hugh wollte— er müſſe Hugh durchaus ſehen. „Es iſt nur ein Einziger,“ rief Hugh denen an der Thure zu;„laßt ihn herein.“ „Ja, ja!“ murmelten die Andern.„Laßt ihn herein. Laßt ihn herein.“ Demgemäß wurde die Thüre entriegelt und ge⸗ öffnet. Ein einarmiger Mann in zerriſſenen Kleidern,* der Kopf und Geſicht in ein blutiges Tuch gehüllt Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 3 geſtern einen Poſten dort gelaſſen, iſt,“ ſagte Hugh, ſich umſchauend. Mann wohl— es war Barnaby, fer dem Soldaten aus dem Sattel emand geſehen oder etwas von ihm 34 hatte, als wäre er ſchwer geſchlagen worden, und in der andern Hand einen dicken Stock trug, ſtürzte athemlos herein und fragte, welcher unter ihnen Hugh wäre. „Hier iſt er,“ verſetzte die in Frage ſtehende Perſon.„Ich bin Hugh. Was wollt Ihr von mir ⁰ „Ich habe eine Botſchaft an Euch,“ ſagte der Mann.„Ihr kennt einen gewiſſen Barnaby?“ „Was iſt mit ihm? Hat er Euch geſchickt „Ja. Er iſt gefangen und ſitzt in einer der feſten Zellen in Newgate. Er hat ſich gewehrt, ſo gut er konnte, wurde aber von der Mehrzahl über⸗ wältigt. Das läßt er Euch ſagen.“ „Wann habt Ihr ihn geſehen?“ fragte Hugh haſtig. 1 6„Auf ſeinem Wege nach dem Gefängniſſe, wo⸗ hin er durch eine Abtheilung Soldaten gebracht wurde. Sie hatten einen Nebenweg, und nicht denjenigen, wo wir ſie erwarteten, eingeſchlagen. Ich war einer von den Wenigen, die ihn zu befreien ſuchten, und bei dieſer Gelegenheit rief er mir zu, ich ſolle Hugh ſagen, wo er ſey. Wir haben tüchtig drein geſchla⸗ gen, aber es half nichts. Schaut her!“ Er deutete auf ſeine Kleider, auf ſeinen verbun⸗ denen Kopf und ſah ſich, noch immer athemlos, in der Stube um; dann wandte er ſich wieder an Hugh. „Ich kenne Euch von Anſehen,“ ſagte er,„denn 2 u * ich war am Freitag, am Samſtag und geſtern unter dem Volke, aber ich wußte Euern Namen nicht. ſo ber⸗ ugh wo⸗ irde. iggen, einer und dugh chla⸗ bun⸗ „ in dugh. „denn unter nicht. Ihr ſeyd ein kühner Burſche. Er auch. Er hat geſtern Abend wie ein Loͤwe gekämpft, aber es fruch⸗ tete nichts. Auch ich that mein Beſtes, ſo weit mir's mit einem fehlenden Arme möglich war.“ Wieder ſchaute er ſpähend im Zimmer umher — wenigſtens hatte es den Anſchein, denn ſein Ge⸗ ſicht war durch die Binde faſt ganz verborgen— dann faßte er Hugh abermals feſt in's Auge, ſeinen Stock feſter umfaſſend, als erwarte er halb einen Angriff, gegen den er ſich zur Wehre ſetzen müſfe. Wenn er indeß etwas der Art befürchtete, ſo wurde er durch das Benehmen aller Anweſenden bald enttäuſcht. Niemand dachte an den Boten. Die Neuigkeiten, die er gebracht hatte, ließen ihn ganz verſchwinden. Allenthalben machte man ſich durch Flüche, Drohungen und Verwünſchungen Luft. Einige riefen, wenn ſie ſich dieß geduldig gefallen ließen, würden ſie bald Alle im Gefängniſſe ſitzen; Andere meinten, wenn man die übrigen Gefangenen befreit hätte, ſo wäre ſo etwas nicht vorgekommen. Einer ſchrie mit lauter Stimme:„Wer will mir nach New⸗ gate folgen!“ und da war nur ein Ruf und ein allgemeines Hinſtürzen nach der Thüre. Hugh und Dennis ſtellten ſich jedoch mit dem Rücken gegen den Eingang und hielten die Andern zurück, bis ſich das Getümmel ſo weit beſchwichtigt hatte, daß man ihre Stimmen hören konnte. Beide riefen ihnen dann zu, es wäre Tollheit, am hellen, lichten Tage auszuziehen; wenn ſie indeß auf die 3* Nacht warten wollten, bis ein Angriffsplan entwor⸗ fen ſey, ſo könnten ſie nicht nur ihre Kameraden, ſondern alle Gefangenen befreien und das Gefängniß niederbrennen. „Und nicht nur dieſes Gefängniß allein,“ rief Hugh,„ſondern alle Gefängniſſe in London. Es ſoll ihnen kein Ort mehr bleiben, um Gefangene hineinzuſtecken. Wir wollen alle in Brand ſtecken und ſie als luſtige Freudenfeuer auflodern laſſen! Da!“ rief er, die Hand des Henkers ergreifend. „Jeder, der ein Mann iſt, möge ſich uns anſchließen. Gebt euch die Hände darauf. Barnaby ſoll frei ſeyn und kein Gefängniß mehr ſtehen bleiben! Wer geht mit?“ Alle, ſammt und ſonders. Und ſie ſchworen einen theuren Eid, in der nächſten Nacht ihre Freunde aus Newgate zu holen, die Thüren einzubrechen und das Gefängniß zu verbrennen, oder ſelbſt in den Flammen zu Grunde zu gehen. * Einundſechzigſtes Kapitel. ˖— In derſelbigen Nacht— denn in Zeiten der Verwirrung und Rebellion häufen ſich die Ereigniſſe in einem ſolchen Grade, daß oft mehr als die Haupt⸗ der gniſſe aupt⸗ 37 abſchnitte eines ganzen Lebens in die engen Grenzen von vierundzwanzig Stunden zuſammengedrängt wer⸗ den— in derſelbigen Nacht führte Herr Haredale ſeinen Gefangenen, den er unter Beihülfe des Küſters gebunden und auf ſein Pferd geſetzt hatte, nach Chig⸗ well, um ſich daſelbſt ein Fuhrwerk zu verſchaffen, mittelſt deſſen er denſelben raſch nach London vor einen Friedensrichter ſchaffen konnte. Der ordnungs⸗ loſe Zuſtand der Stadt war, wie er wohl wußte, ein zureichender Grund für das Anſinnen, daß der Mör⸗ der noch vor Tagesanbruch in das Gefängniß geſetzt werde, da Niemand für die Sicherheit eines der Wachhäuſer oder der gewöhnlichen Detentionsplätze bürgen konnte; und einen Gefangenen durch die Straßen zu führen, wenn ſich der Pöbel ſchon wieder umtrieb, wäre nicht nur ein ſehr gefährliches Wag⸗ niß geweſen, ſondern würde das Geſindel ſchon vorn⸗ weg zu einem Befreiungsverſuche gereizt haben. Er überließ die Führung des Pferdes dem Küſter, ging dicht neben dem Mörder her, und in dieſer Ordnung erreichten ſie gegen Mitternacht das Dorf. Die Einwohner waren alle wach und auf, denn ſie fürchteten in ihren Betten verbrannt zu werden, und ſuchten ſich durch gemeinſchaftliches Wachen zu tröſten und zu beruhigen. Einige der rüſtigſten waren bewaffnet und hatten ſich auf dem Raſen zu einem Haufen verſammelt. Herr Haredale redete dieſe Män⸗ ner, die ihn wohl kannten, an, erzählte ihnen kürz⸗ lich, was vorgefallen, und erbat ſich ihren Beiſtand, um den Verbrecher vor Tagesanbruch nach London bringen zu können. Aber Niemand unter ihnen getraute ſich, auch nur einen Finger für ihn zu rühren; denn die Re⸗ bellen hatten, als ſie durch das Dorf zogen, Jedem, der bei Löſchung des Feuers Hülfe leiſte, oder ihm, wie auch was immer für einem andern Katholiken, irgendwie beiſtehe, mit der grauſamſten Rache bedroht, welche ſie an ihrem Leben ſowohl, als an ihrem Ei⸗ genthum zu nehmen gedachten. Sie hatten ſich nur zum Schutze des Ortes verſammelt und mochten ſich nicht ſelbſt dadurch in Gefahr ſtuͤrzen, daß ſie ihm an die Hand gingen. Dieß ſagten ſie ihm nicht ohne Stocken und Bedauern, während ſie ſich ferne im Mondſcheine hielten und mit furchtſamen Blicken nach dem geſpenſtigen Reiter hinſahen. der mit auf die Bruſt geſenktem Kopfe und tief in die Stirne gedrück⸗ tem Hute ſtumm und bewegungslos auf dem Pferde ſaß. Da Herr Haredale fand, es ſey unmöglich, ſie zu überreden, und überhaupt nach dem, was ſie von der Wuth des Geſindels geſehen hatten, kaum Worte dafür aufzubringen wußte, ſo bat er ſie, ihn wenigſtens ungehindert für ſich handeln zu laſſen und ihm die einzige Chaiſe nebſt den paar Pferden, die in dem Orte aufzutreiben waren, abzu⸗ treten. Auch dieſes ging nicht ohne einige Schwie⸗ rigkeit; aber endlich ſagten ſie ihm, er ſolle thun, was er wolle, und in's Himmels Namen machen, daß er nur fortkomme. don uch Re⸗ em, hm, ken, oht, Ei⸗ nur ſich ihm nicht ferne icken if die rück⸗ ſaß. glich, was atten, dat er In zu paar abzu⸗ chwie⸗ thun, achen, 39 Er überließ dem Küſter den Zügel der Pferdes, zog die Chaiſe mit eigenen Händen heraus und würde auch die Pferde ſelbſt eingeſchirrt haben, wenn nicht der Poſtillon des Dorfes— ein weichherziger, land⸗ ſtreicheriſcher Thunichtgut— durch ſeinen leiden⸗ ſchaftlichen Ernſt gerührt worden wäre. Er warf die Heugabel, mit der er ſich bewaffnet hatte, weg und ſchwur, die Rebellen ſollten, wenn ſie Luſt dazu hätten, ihn lieber in kleine Kochſtücke zerhacken, ehe er da⸗ ſtehen und zuſehen könne, wie ein ehrenhafter Gentle⸗ man, der nichts Unrechtes gethan habe, ſich in einer ſolchen äußerſten Noth beſinde, ohne daß Jemand ſich dazu hergebe, ihm zu helfen. Herr Haredale drückte ihm warm die Hand und dankte ihm auf's Herzlichſte. In fünf Minuten war die Chaiſe bereit und der Bruder Liederlich im Sattel. Der Mörder wurde hineingebracht, die Blenden aufgezogen, der Küſter nahm ſeinen Sitz auf dem Bock, Herr Haredale, der ſein Pferd beſtiegen, ritt dicht neben dem Schlage, und ſo brachen ſie in todtenſtiller Nacht ſchweigend nach London auf. Die Beſtürzung war ſo außerordentlich, daß ſogar die Pferde, welche den Flammen des Kaninchen⸗ hags entkommen waren, keine Freunde finden konnten, die ihnen Obdach gegeben hätten. Sie begegneten ihnen an dem Wege, wo ſie das kurze Gras ab⸗ weideten, und der Poſtillon ſagte ihnen, die armen Thiere ſeyen anfangs nach dem Dorfe geſprungen, aber von dort fortgetrieben worden, damit ſie nicht die Rache des Pöbelhaufens auf die Einwohner leiten möchten. Auch beſchränkte ſich dieſes Gefühl nicht blos auf kleine Orte, wo die Leute ſo furchtſam, er⸗ ſchrocken und unſchlüſſig waren; denn als ſie in die Nähe von London kamen, trafen ſie im grauen Dämmerlichte des Morgens auf mehr als eine arme katholiſche Familie, welche, durch die Drohungen und Warnungen ihrer Nachbarn erſchreckt, die Stadt zu Fuße verlaſſen hatten; auch erfuhren ſie durch dieſelben, ſie hätten nicht einmal ein Pferd oder einen Wagen zur Fortſchaffung ihrer Habe miethen können, und wären daher genöthigt geweſen, alles der Gnade des Pöbelhaufens preiszugeben. In der Nähe von Mile⸗ end kamen ſie an einem Hauſe vorbei, deſſen Eigen⸗ thümer, ein nicht ſehr bemittelter Katholik, der ſich einen Wagen gemiethet, um in der Nacht ſeine Möbel fortzuſchaffen, Alles auf die Straße herausgebracht hatte, um, ſobald das Fuhrwerk anlangte, mit dem Packen keine Zeit zu verlieren. Aber der Mann, mit dem er handelseins geworden war, hatte ſich, beun⸗ ruhigt durch die nächtlichen Feuer und den Anblick der Rebellen, die an ſeiner Thüre vorbeizogen, ge⸗ weigert, ſein Wort zu halten, und der arme Herr ſaß mit Frau, Kindern und Magd in offener Straße zitternd unter ſeinem Eigenthum, bangend der Ankunft des Tages entgegenſehend und nicht wiſſend, wohin er ſich wenden oder was er anfangen ſollte. Ebenſo verhielt es ſich, wie ſie horten, mit den er⸗ die uen rme und zu ben, gen und des tile⸗ gen⸗ ſich töbel racht dem mit eun⸗ ablick ge⸗ Herr traße kunft vohin t den 41 öffentlichen Fuhrwerken. Der paniſche Schrecken war ſo groß, daß die Poſt⸗ und Landkutſcher ſich fürch⸗ teten, Paſſagiere aufzunehmen, die der verhaßten Religion angehörten. Waren ſie den Kutſchern be⸗ kannt, oder geſtanden ſie ihren Katholicismus zu, ſo wurden ſie nicht aufgenommen, welche Summe ſie auch bieten mochten; und an dem geſtrigen Tage hatten ſich die Leute ſogar geſcheut, einen katholiſchen Bekannten auf der Straße zu grüßen, um nicht von Spionen bemerkt und als Folge davon(wie man es nannte) ausgebrannt zu werden. Ein ſanfter alter Mann— ein Prieſter, deſſen Kapelle zerſtört worden war, ein ſchwaches, geduldiges, harmloſes Weſen— der ſich allein mühſam fortſchleppte, um in einiger Entfernung von der Stadt ſein Glück bei einer der Poſtkutſchen zu verſuchen, ſagte Herrn Haredale, er fürchte, daß er keine Magiſtratsperſon finden werde, welche die Kühnheit hätte, auf ſeine Klage einen Verbrecher dem Gefängniß zu überantworten. Aber ungeachtet dieſer entmuthigenden Mittheilung zogen ſie weiter und erreichten bald nach Sonnenuntergang Manſion⸗Houſe. Herr Haredale ſprang von ſeinem Pferde; er brauchte jedoch nicht erſt an die Thüre zu pochen, da ſie bereits offen war, und hier ſtand auf der Treppe ein ſtattlicher alter Mann mit einem ſehr rothen, oder vielmehr purpurfarbigen Geſichte, welcher mit ängſt⸗ licher Miene irgend einer unſichtbaren Perſon oben auf der Treppe Vorſtellungen machte, während der Portier 42 allmälig die Thüre zu ſchließen und ſo ſeiner los zu werden ſuchte. In der größten Ungeduld und in einer ſeiner Lage natürlichen Aufregung eilte Herr Haredale vorwärts und wollte eben ſprechen, als ihm der beleibte alte Herr zuvorkam. „Mein guter Sir,“ ſagte er,„ich bitte, wartet zuerſt die Antwort ab, die ich erhalten ſoll. Es iſt jetzt das ſechstemal, daß ich hier bin, denn ich bin geſtern fünfmal hergekommen. Mein Haus iſt mit Zerſtörung bedroht. Es ſoll in der nächſten Nacht niedergebrannt werden und wäre wohl ſchon geſtern Nacht ein Raub der Flammen geworden, wenn die mordbrenneriſche Bande nicht anderweitig zu ſchaffen gehabt hätte. Ich bitte, laßt zuvor mich Antwort erhalten.“ „Mein guter Sir,“ entgegnete Herr Haredale, den Kopf ſchüttelnd,„mein Haus iſt bis auf den Grund abgebrannt worden, aber Gott verhüte, daß es Euch ebenſo ergehen ſollte. Holt Euch Euern Beſcheid, doch um aller Barmherzigkeit willen, faßt Euch kurz.“ 8 „Nun, Ihr hört dieß, Mylord?“ ſagte der alte Herr, die Treppe hinaufrufend, an deſſen Geländer der Saum eines Schlafrocks flatterte.„Da iſt ein Herr, deſſen Haus in der letzten Nacht wirklich nieder⸗ gebrannt wurde.“ „Mein Gott, mein Gott,“ verſetzte eine ärger⸗ liche Stimme,„ich bedaure das recht ſehr, aber was ſoll ich thun? Ich kann's nicht wieder auf⸗ ind zw 43 bauen. Der erſte Beamte der Stadt kann nicht hin⸗ gehen und der Leute Hauſer wieder aufbauen, mein guter Sir. Das iſt ja der helle, blanke Unſinn!“ „Aber der erſte Beamte der Stadt kann ver⸗ hindern, daß der Leute Häuſer überhaupt wieder aufgebaut werden müſſen, wenn dieſer erſte Beamte ein Mann und nicht eine bloße Puppe iſt— oder etwa nicht, Mylord?“ rief der alte Gentleman zornig. „Ihr benehmt Euch achtungswidrig, Sir,“ ſagte der Lordmayor—„im mildeſten Licht betrachtet, achtungswidrig, wollt ich ſagen.“ „Achtungswidrig, Mylord?“ entgegnete der alte Gentleman.„Ich war geſtern fünfmal ehrerbietig, aber ich kann's nicht für immer ſeyn. Die Leute können nicht herſtehen und an einemfort ihren unter⸗ thänigen Reſpekt bezeugen, wenn man ihnen die Häuſer über ihren Köpfen anzünden will. Was ſoll ich thun, Mylord? Werde ich Schutz erhalten?“ „Ich habe Euch geſtern ſchon geſagt, Sir,“ erwiederte der Lordmayor,„daß Ihr einen Aldermann in Euer Haus nehmen ſollt, wenn Euch einer kom⸗ men will.“ „Zum Teufel, wozu ſoll ein Aldermann gut ſeyn?“ verſetzte der choleriſche alte Herr. „— Die Menge einzuſchüchtern, Sir,“ ſagte der Lordmayor. „Gott ſey mir gnädig!“ wimmerte der alte Herr, indem er ſich in einem Zuſtande poſſierlicher Ver⸗ zweiflung die Stirne trocknete.„Schon der Gedanke, 44 einen Aldermann zu ſchicken, um die Menge einzu⸗ ſchüchtern! Und wenn es eben ſo viele Säuglinge an der Mutterbruſt wären, Mylord, was glaubt Ihr, daß ſie ſich um einen Aldermann kehren würden? Wollt Ihr kommen?“ „Ich?“ entgegnete der Lordmayor mit großem Nachdruck.„Nein, gewiß nicht!“ „Aber was ſoll ich dann thun?“ entgegnete der alte Gentleman.„Bin ich ein Bürger von England? Soll ich die Wohlthaten des Geſetzes genießen? Wird mir etwas dafür, daß ich dem König meine Steuern bezahle?“ „Ich weiß das wahrhaftig nicht,“ ſagte der Lordmayor.„Schade, daß Ihr ein Katholik ſeyd. Warum habt Ihr nicht ein Proteſtant werden können? Damit wäre Euch dieſer ganze Handel erſpart ge⸗ blieben. Ich weiß in der That nicht, was da an⸗ zufangen iſt.— Es ſtecken große Leute im Hinter⸗ grunde dieſer Rebellion.— Ach du mein Himmel, welche ſchwere Stellung hat nicht ein öffentlicher Charakter!— Ihr könnt im Laufe dieſes Tages wieder anſprechen— wäre es wohl mit einem Helle⸗ bardier ausgerichtet?— Oder da iſt auch Philips, der Conſtable— der hat gegenwärtig keinen Dienſt — er iſt noch nicht ſehr gebrechlich für einen Mann in ſeinen Jahren, etwa die Beine ausgenommen. Wenn Ihr ihn dann an ein Fenſter ſtellt, ſo wird er ſich beim Kerzenlicht jung genug ausnehmen und den Haufen gewaltig in Schrecken jagen.— O mein der nd2 zird eern der eyd. en? ge⸗ an⸗ ater⸗ mel, icher ages elle⸗ llips, dienſt Nann men. wird und mein 45 Himmel!— Nun— wir wollen dafür Sorge tragen.“ „Halt!“ rief Herr Haredale mit raſcher Stimme, indem er die Thüre aufdrückte, welche der Pförtner zu ſchließen bemüht war;„Lordmayor, ich muß bitten, daß Ihr Euch nicht entfernt. Ich habe einen Mann hier, der vor achtundzwanzig Jahren einen Mord beging. Ein paar Worte von mir und meine Eides⸗ leiſtung wird Euch berechtigen, ihn der Unterſuchungs⸗ haft zu übergeben. Ich verlange vor der Hand nichts, als daß er in ſicheren Gewahrſam gebracht wird. Die mindeſte Zögerung kann die Folgen haben, daß er von den Aufrührern befreit wird.“ „Ach du mein Himmel!“ rief der Lordmayor. „Gott ſey meiner armen Seele— und meinem Leibe gnädig! Ach, großer Gott— ei du mein!— Wißt Ihr denn nicht, daß große Perſonen im Hintergrunde dieſer Rebellion ſtehen?— Nein, Ihr könnts wahr⸗ haftig nicht wiſſen.“ „Mylord,“ ſagte Herr Haredale,„der Ermordete war ein Mann von Stande— war mein Bruder. Ich war der Erbe ſeiner Güter, und es fehlte damals nicht an Läſterungen, die ſich zuflüſterten, dieſe grau⸗ ſame und ſchändliche Unthat laſte auf mir— auf mir, obgleich Gott mein Zeuge iſt, daß ich ihn zärt⸗ lich liebte. Nach all dieſen Jahren voll Dunkel und Elend iſt endlich die Zeit gekommen, ihn zu rächen und ein Verbrechen an's Licht zu bringen, das an teufliſcher Argliſt nicht ſeines Gleichen hat. Jede Sekunde, die Ihr zögert, löst mehr und mehr die Bande an den blutigen Händen dieſes Menſchen und begünſtigt deſſen Entkommen. Mylord, es iſt Eure Pflicht, mich zu hören und dieſe Angelegenheit ſchleu⸗ nigſt zu bereinigen.“ „Ach, du mein Himmel,“ rief der erſte Beamte; „das ſind keine Geſchäftsſtunden, müßt Ihr wiſſen— ich muß mich wundern über Euch— ſo benimmt ſich kein Mann von Bildung— in der That, Ihr könnt nicht wiſſen, was Brauch iſt.— Und ich ver⸗ muthe beinahe, daß Ihr auch ein Katholik ſeyd?“ „Ja, das bin ich,“ verſetzte Herr Haredale. „Gott ſtehe mir bei, ich glaube, die Leute werden mit Gewalt katholiſch, um mich zu necken und zu quälen,“ rief der Lordmayor.„Ich wollte, Ihr wäret gar nicht hergekommen, denn nächſtens ſtecken ſie auch Manſion⸗Houſe in Brand, und wir werden's Euch Dank wiſſen müſſen. Sperrt Euren Gefangenen ein, Sir— übergebt Ihn einer Wache— und— und ſprecht zu einer geeigneteren Zeit wieder vor. Wir wollen dann ſehen, was ſich thun läßt!“ Ehe noch Herr Haredale antworten konnte, ſchlug die Thüre zu, und das Vorſchieben der Riegel ver⸗ kündete, daß der Lordmayor ſich nach ſeinem Schlaf⸗ gemach zurückgezogen hatte, und daher weitere Vor⸗ ſtellungen fruchtlos waren. Die beiden Bittſteller entfernten ſich gleichfalls und wurden von dem Portier auf die Straße hinausgeſchloſſen. „So werde ich immer abgefertigt,“ ſagte der —— 47 alte Gentleman;„ich kann weder Schutz noch Hülfe erhalten. Was habt Ihr im Sinne, Sir?“ „Ich will es anderswo verſuchen,“ antwortete Herr Haredale, der ſich inzwiſchen wieder in den Sattel geworfen hatte. „Seyd verſichert, ich fühle für Euch— warum ſollte ich auch nicht, da wir für eine gemeinſchaftliche Sache leiden?“ verſetzte der alte Gentleman.„Morgen habe ich Euch vielleicht kein Haus mehr anzubieten, deß⸗ halb will ich es thun, ſo lange ich noch kann. Doch wenn ich's recht überlege,“ fügte er bei, indem er ſein Taſchenbuch, das er während des Sprechens heraus⸗ gezogen hatte, wieder einſteckte,„ſo will ich Euch doch keine Kerle geben, denn wenn man ſie bei Euch findet, ſo könntet Ihr in Ungelegenheiten gerathen. Ich heiße Langdale— Weinhändler und Deſtillateur — Holborn Hill— Ihr ſeyd herzlich willkommen, wenn Ihr bei mir einſprechen wollt.“ Herr Haredale verneigte ſich und ritt weiter, ſich wie zuvor dicht an den Wagen haltend. Er hatte im Sinne, ſich nach der Wohnung des Sir John Fielding zu begeben, der in dem Rufe eines kühnen und thätigen Beamten ſtand, feſt entſchloſſen, falls ihn die Aufrührer überfallen ſollten, den Mörder eigenhändig hinzurichten, ehe er deſſen Befreiung zugäbe. Sie erreichten indeß ohne Störung(denn wir haben geſehen, daß der Pöbel mit tieferen Plänen beſchäftigt war) die Wohnung der Magiſtratsperſon und klopften an die Thüre. Es ging ziemlich allge⸗ mein das Gerücht, Sir John ſey von den Aufrührern in die Acht erklärt worden, weßhalb ein Haufen Diebs⸗ häſcher die ganze Nacht über in ſeinem Hauſe Wache gehalten hatte. Einem derſelben theilte Herr Hare⸗ dale ſein Anliegen mit, und da daſſelbe dem Manne von hinreichender Wichtigkeit ſchien, um eine Schlaf⸗ ſtörung zu rechtfertigen, ſo verſchaffte er ihm augen⸗ blicklich Audienz bei dem Friedensrichter. Der Mörder wurde ohne Zeitverluſt für Newgate beſtimmt— einem damals noch ganz neuen Gebäude, das erſt kürzlich mit ungeheuren Koſten beendigt worden war und für ungemein feſt gehalten wurde. Sobald die Vollmacht ausgeſtellt worden war, banden ihn drei Diebshäſcher auf's Neue(er hatte ſich, wie es ſchien, in der Chaiſe abgekämpft und die Bande ſeiner Hand losgemacht), ſteckten ihm einen Knebel in den Mund, damit er, wenn ſie dem Geſindel begegnen ſollten, nicht um Hülfe rufen könne, und ſetzten ſich mit ihm in den Wagen. Da dieſe Männer alle gut bewaffnet waren, ſo bildeten ſie eine furchtbare Be⸗ deckung; demungeachtet aber zogen ſie die Blenden wieder auf, als ob der Wagen leer ſey, und gaben Herrn Haredale die Weiſung, voranzureiten, damit es kein Aufſehen errege und nicht den Anſchein habe, als gehöre er zu der Equipage. Die Klugheit dieſer Maßregel wurde bald klar; denn als ſie durch die City fuhren, kamen ſie an mehreren Menſchenhaufen vorbei, welche ſie ſicher 8 à A ᷣ 49 angehalten haben würden, wenn ſie den Wagen nicht für ganz leer gehalten hätten. Da jedoch die drin⸗ nen Befindlichen ſich ganz ſtille verhielten und der Kutſcher nur langſam fuhr, um neugierige Fragen zu vermeiden, ſo erreichten ſie das Gefängniß ohne Störung— und einmal dort, hatten ſie den Ver⸗ brecher bald heraus und in einem Nu wohlbehalten hinter den düſtern Mauern untergebracht. Mit eifrigen Blicken und geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit ſah Herr Haredale zu, wie er geſeſſelt und in ſeine Zelle eingeriegelt wurde. Ja, als er das Gefängniß verließ und auf der offenen Straße draußen ſtand, befühlte er ſogar mit ſeinen Händen das Eiſen⸗ beſchläge der Thüre und fuhr über die Steinmauer, um ſich zu überzeugen, daß er nicht träume, und ſich darüber zu freuen, daß ſie ſo feſt, rauh und kalt war. Erſt als er dem Gefängniß den Rücken ge⸗ kehrt hatte und die leeren Straßen hinaufſchaute, die an dem heiteren Morgen ſo ſtill und leblos waren, fühlte er auf's Neue die Centnerlaſt auf ſeiner Seele; er ward ſich ſeiner Angſt um diejenigen, die er zu Hauſe gelaſſen, auf’'s Neue bewußt; ach, und dieſe Heimath wurde jetzt nur noch eine neue Perle in dem langen Noſenkranze ſeiner Leiden. Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 50 Zweiundſechzigſtes Kapitel. Sobald der Gefangene allein war, ſetzte er ſich auf ſeine Bettſtelle nieder, ſtützte die Ellenbogen auf ſeine Kniee, das Kinn auf ſeine Hände und verblieb mehrere Stunden in dieſer Haltung. Es würde ſchwer ſeyn, zu ſagen, mit welcherlei Gedanken er ſich beſchäftigte. Sie hatten keinen beſtimmten Ge⸗ genſtand und, etwa einige aufzuckende Erinnerungen ausgenommen, auch keinen Bezug auf ſeine Lage oder die Verkettung der Umſtände, die ihn hieher ge⸗ führt hatten. Die Spalten in dem Pflaſter ſeiner Zelle, die Ritzen in der Mauer, wo ein Stein ſich in den andern fügte, die Stangen in dem Fenſter, der Eiſenring auf dem Boden— derartige Dinge, ſelt⸗ ſam ſich kreuzend und ein unbeſchreibliches Intereſſe weckend, nahmen ſeinen ganzen Geiſt in Anſpruch; und obgleich im Hintergrunde eines jeden Gedanken ein unruhiges Gefühl von Schuld und die Furcht vor dem Tode lauerte, ſo war ſein Selbſtbewußtſeyn doch nicht klarer, als das eines ſchlafenden Kranken, ſeinen Leiden gegenüber. Sie verfolgen ihn durch ſeine Träume, nagen an dem Herzen aller ſeiner ein⸗ gebildeten Freuden, rauben dem Feſtmahle ſeinen Hochgenuß, der Muſik ihre Süßigkeit, machen die Wonne ſelbſt zu einer Unluſt und ſind doch keine körperlichen Empfindungen, ſondern nur ein formloſes ſich auf lieb irde mer Ge⸗ gen Lage ge⸗ einer h in der ſelt⸗ ereſſe ruch; anken surcht stſeyn ikken, durch rein⸗ ſeinen n die keine mloſes 51 Phantom, ohne erkennbares Daſeyn— Alles durch⸗ dringend, aber ohne eigentliche Exiſtenz; allenthalben erkennbar, aber nirgends zu ſehen, zu fühlen, oder nahe tretend, bis der Schlaf vorüber iſt und der wachende Schmerz zurückkehrt. Nach einer geraumen Weile öffnete ſich die Thüͤre ſeiner Zelle. Er ſchaute auf, ſah den blinden Mann eintreten und ſank wieder in ſeine frühere Haltung zurück. Durch den Athem des Anderen geleitet, trat der Beſuch näher, machte an ſeiner Seite Halt, ſtreckte ſeine Hand aus, um ſich zu überzeugen, daß er nicht irre und blieb lange ſchweigend ſtehen. „Das iſt ſchlimm, Rudge. Das iſt ſchlimm,“ ſagte er endlich. Der Gefangene ſcharrte, während er ſeinen Kör⸗ per abwendete, mit den Füßen auf dem Boden, gab aber keine weitere Antwort. „Wie ſeyd Ihr aufgegriffen worden,“ fragte er. „Und wo? Ihr habt mir nie mehr, als die Hälfte Eures Geheimniſſes mitgetheilt. Doch gleichviel; ich weiß es jetzt. Wie ging es zu, und wo, he?“ fragte er wieder, noch näher herankommend. „In Chigwell,“ ſagte der Andere. „In Chigwell? Wie kamt Ihr dorthin?“ „Weil ich dem Manne, der mir in den Weg trat, ausweichen wollte,“ antwortete er.„Weil ich dahin gehetzt und getrieben wurde durch ihn und das Schickſal. Weil mich ein ſtärkerer Wille, als mein 4* 52 Als ich ihn Nacht für Nacht eigener, dahin jagte. in dem Hauſe wachend fand, wo ſie wohnte, wußte ich nie, wie ich ihm entkommen ſollte— nie! Und als ich die Glocke hörte——“ Er ſchauderte und murmelte, daß es ſehr kalt ſey. Dann ging er haſtig in der engen Zelle auf und ab, ſetzte ſich wieder nieder und verfiel in ſeine frühere Haltung. „Ihr wolltet etwas ſagen,“ ſprach der Blinde nach einer abermaligen Pauſe.„Was war's, als Ihr die Glocke hörtet?“ Laßt das beruhen,“ entgegnete er haſtig.„Sie 115 hängt noch dort.“ Der Blinde wandte ihm ein verſchmitztes und fragendes Geſicht zu; er aber fuhr fort, zu ſprechen, ohne ſeiner zu achten. „Ich ging nach Chigwell, um den Volkshaufen aufzuſuchen. Der Mann hetzte und bedrängte mich ſo, daß ich nirgends hoffen durfte, Sicherheit zu fin⸗ den, als wenn ich mich jenen Leuten anſchlöße. Sie waren bereits vor meiner Ankunft abgezogen; ich folgte ihnen, als ſie aufhörte.“ „Als was aufhörte?“ „Die Glocke. Sie hatten den Ort verlaſſen. Ich hoffte, es möchten noch Einige unter den Ruinen weilen und ſuchte nach, als ich—“ er athmete tief aus und wiſchte ſich die Stirne mit ſeinem Aermel ab—„ſeine Stimme hörte.“ „Und was ſprach er?“ 53 „Gleichviel. Ich weiß es nicht. Ich war eben am Fuße des Thurmes, wo die That—— ⸗ „Ja,“ ſagte der Blinde, indem er in vollkomme⸗ ner Ruhe mit dem Kopfe nickte,„ich verſtehe.“ „Ich kletterte die Treppe, oder ſo viel von der⸗ ſelben übrig war, hinan und gedachte, mich zu ver⸗ bergen, bis er fort wäre. Aber er hörte mich und folgte mir faſt eben ſo ſchnell, als ich den Fuß auf die Aſche ſetzte.“ „Ihr hättet Euch in der Mauer verſtecken und ihn hinunterſtürzen können. Auch ein Meſſeerſtich hätte gut gethan,“ entgegnete der Blinde. „Meint Ihr? Zwiſchen dieſem Manne und mir ſtand Einer— er ſah ihn nicht, aber ich— der ihn führte und eine blutige Hand über ſeinem Haupte erhob. Es war in dem Zimmer oben, wo Er und ich Angeſicht gegen Angeſicht geſtanden hatten in der Nacht, wo der Mord geſchah; gerade ſo erhob er ſeine Hand, und ebenſo war ſein Blick, ehe er nie⸗ derfiel. Ich wußte, daß hier die Jagd enden mußte.“ „Ihr habt eine lebhafte Einbildungskraft,“ ſagte der blinde Mann mit einem Lächeln. „Belebt die Eurige nur mit Blut, und Ihr werdet ſehen, wie weit ſie's treiben wird.“ Er ſtöhnte, rückte hin und her und ſah dann zum erſtenmal auf, mit dumpfer, hohler Stimme die Worte ſprechend: „Achtundzwanzig Jahre! Achtundzwanzig Jahre! Er hat ſich in dieſer ganzen Zeit nie geändert, iſt nicht älter geworden— ganz noch derſelbe, wie da⸗ mals. Er ſtand vor meinen Augen in dunkeln Näch⸗ ten und an hellen Tagen, in der Dämmerung, im Mond⸗ und Sonnenſcheine, im Lichte des Feuers, der Lampe, der Kerze und in der ſchwärzeſten Finſter⸗ niß. Stets derſelbe— unter den Leuten, wie in der Einſamkeit, auf dem Lande, wie auf hoher See; bis⸗ weilen auf Monate verſchwindend, bisweilen ſtets an meiner Seite. Ich habe ihn geſehen, wie er in tie⸗ fer Mitternacht bei den hellen Strahlen des Mondes durch die ruhigen Wellen des Meeres glitt— und habe ihn geſehen auf den Werften und Marktplätzen, die Hand erhoben und hervorragend über das ge⸗ ſchäftige Gedränge, das nichts von der ſchrecklichen Geſtalt ahnete, die ſchweigend in ſeiner Mitte ſtand. Einbildung! Seyd Ihr denn etwas Wirkliches? Bin ich es? Sind mir dieſe eiſernen Feſſeln wirklich durch den Hammer des Schmiedes angeſchlagen worden, oder ſind es blos Luftgebilde, die ich mit einem Hauche abſchütteln kann?“ Der Blinde horchte ſchweigend zu. „Einbildung! Iſt's etwa eine Einbildung, daß ich ihn erſchlug? Iſt es nur ein Gebilde meiner Phantaſie, daß ich, als ich die Stube verließ, wo er lag, das Geſicht eines Mannes durch eine finſtere Thüre ſchauen ſah, deſſen ſcheue Blicke deutlich be⸗ kündeten, daß er argwöhne, was ich für eine That verübt? Iſt's nur ein Traum, daß ich ihm ſchöne Worte gab— daß ich ihm näher— noch näher — — ————— 55 trat— das heiße Meſſer in meinem Aermel? Bilde ich mir blos ein, wie Er ſtarb? Wankte Er nicht zurück in die Mauerecke, in welche ich ihn einge⸗ zwängt hatte, ſich innerlich verblutend und ſtehen bleibend, nicht als eine Leiche vor mir niederfallend? Sah ich ihn nicht, wie ich Euch jetzt ſehe, aufrecht und auf ſeinen Beinen— aber todt?“ Der blinde Mann, welcher merkte, daß der An⸗ dere aufgeſtanden war, winkte ihm, ſich wieder auf ſeine Bettſtelle niederzulaſſen; aber er achtete nicht auf ſeine Geberde. „Damals war es, als ich zum erſtenmal daran dachte, den Mord auf ihn zu wälzen. Ich zog ihm meine Kleider an und ſchleppte ihn über die Hinter⸗ treppe nach dem Teiche hinunter. Iſt es mir nicht, als hörte ich noch die Waſſerblaſen, die in die Höhe ſtiegen, nachdem ich ihn hineingerollt hatte? Erin⸗ nere ich mich nicht, daß ich mir das Waſſer aus dem Geſichte wiſchte, und glaubte ich nicht, weil es die hinabfallende Leiche um ſich geſpritzt hatte, es müßte Blut ſeyn? „Ging ich nicht nach Hauſe, als es geſchehen war? Und, o mein Gott, wie lange brauchte ich dazu! Stand ich nicht vor meinem Weibe und er⸗ zählte es ihr? Sah ich nicht, wie ſie zu Boden ſtürzte; und als ich mich niederbeugte, um ſie aufzuheben, ſtieß ſie mich nicht mit einer Gewalt zurück, als wäre ich ein Kind geweſen und als beſchmutze ich die Hand, 56 womit ſie mein Gelenk umfaßt hatte? Iſt dieß Einbildung?— „Sank ſie nicht auf die Knie nieder, um den Himmel zum Zeugen anzurufen, daß ſie und ihr un⸗ geborenes Kind von dieſer Stunde an ſich von mir los⸗ ſagten? Und warnte ſie mich nicht in ſo eindring⸗ lichen Worten, daß es mich kalt überlief— mich, der ich eben von dem Entſetzlichen herkam, das meine Hände verrichtet— zu fliehen, ſo lange es noch Zeit wäre; denn da ſie mein unglückliches Weib ſey, ſo wolle ſie zwar ſchweigen, mir aber keinen Schutz ver⸗ leihen? Ging ich nicht fort in jener Nacht, ausge⸗ ſtoßen von Gott und von Menſchen und tiefgeankert in der Hölle, um auf meine Taulänge um die Erde zu wandern und am Ende ſicher hinuntergeriſſen zu werden?“ „Warum kehrtet Ihr zurück,“ fragte der blinde Mann. „Warum iſt Blut roth? Ich konnte eben ſo wenig anders, als ich ohne Luft zu leben vermöchte. Ich kämpfte gegen den innern Antrieb, aber ich wurde trotz aller Schwierigkeiten und widerlichen Umſtände zurückgezogen, wie durch die Gewalt einer Maſchine. Nichts konnte mich halten. Ich dachte nicht mehr an Tag oder Stunde. Schlafend und wachend hatte ich jahrelang unter den alten Schlupfwinkeln geweilt — hatte mein eigenes Grab beſucht. Warum ich zurückkam? Weil dieſes Gefängniß für mich ſeinen ſo chte. urde aände zine. nehr hatte weilt ich einen 57 Mund auſfthat und er an der Thüre ſtand, mir winkend.“ „Man kannte Euch nicht?“ fragte der Blinde. „Ich war ein Mann, der zweiundzwanzig Jahre todt geweſen. Nein, man kannte mich nicht.“ „Ihr hättet Euer Geheimniß beſſer bewahren ſollen.“ „Mein Geheimniß? Das Meinige? Es war ein Geheimniß, das jeder Lufthauch nach Belie⸗ ben weiter fluͤſtern konnte. Die Sterne riefen es in ihrem Flimmern, das Waſſer in ſeinem Strömen, die Blätter in ihrem Rauſchen und die Jahreszeiten in ihrer Wiederkehr. Es lauerte ſogar in den Ge⸗ ſichtern und Stimmen der Fremden. Alles hatte Lippen. auf welchen es immer zitterte— Mein Geheimniß!“ „Jedenfalls war es Eure eigene Schuld, daß es enthüllt wurde,“ ſagte der blinde Mann. „Es war nicht meine Schuld. Ich gab Veran⸗ laſſung dazu, aber es war nicht meine Schuld. Ich ſah mich genöthigt, von Zeit zu Zeit um dieſen Ort herumzuwandeln, rund herum. Hätte man mich in Ketten gelegt, wenn der Anfall über mich kam, ſo würde ich ſie zerbrochen haben, um dahin zu gehen. Eben ſo ſicher, als der Magnet Eiſen anzieht, konnte der, der tief in ſeinem Grabe lag, mich in ſeine Nähe zwängen, wenn er wollte. War das Einbildung? Ging ich gerne hin, oder kämpfte ich nicht vielmehr, mich von der Macht loszuringen, die mich drängte?“ 58 Der blinde Mann zuckte mit den Achſeln und lächelte ungläubig. Der Gefangene nahm ſeine frü⸗ here Stellung wieder ein, und Beide verblieben eine lange Zeit ſtumm. „Demnach muß ich vermuthen,“ ſagte der Be⸗ ſuch, endlich das Schweigen unterbrechend,„daß Ihr reuig und ergeben ſeyd; daß Ihr Frieden zu ſchließen wünſcht mit Jedermann, namentlich aber mit Eurem Weibe, das Euch ſo weit gebracht hat, und daß Ihr nichts ſehnlicher wünſcht, als ſo bald als möglich nach Tyburn geführt zu werden? Wenn dieß der Fall iſt, ſo thue ich beſſer, wenn ich mich verab⸗ ſchiede. Ich bin dann nicht gut genug, um ein paſ⸗ ſender Geſellſchafter für Euch zu ſeyn.“ „Habe ich Euch nicht geſagt,“ entgegnete der Andere heftig,„daß ich gekämpft habe, um mich von der Gewalt loszureißen, die mich hieher gebracht? Iſt mein ganzes Leben nicht achtzehn Jahre lang ein einziges unabläſſiges Ringen und Widerſtreben ge⸗ weſen, und denkt Ihr, ich verlange jetzt, niederzu⸗ liegen und zu ſterben? Wenn ſchon jeder Menſch vor dem Tode zurückbebt, ſo muß ich es wohl am meiſten vor Allen!“ „Nun, das laſſe ich gelten. So ſprecht Ihr beſſer, als Ihr jemals geſprochen, Rudge— doch ich will Euch nicht mehr ſo nennen,“ entgegnete der Blinde in vertraulicherem Tone, indem er die Hand auf ſeinen Arm legte.„Schaut einmal, ich ſelbſt habe nie einen Menſchen umgebracht, denn ich befand der von icht? ein ge⸗ erzu⸗ enſch am Ihr h ich der Hand ſelbſt efand 59 mich nie in der Lage, wo etwas Solches der Mühe werth geweſen wäre. Ferner will ich dem Ermorden der Leute nicht das Wort reden, und ich glaube nicht, daß ich es empfehlen oder ſelbſt thun möchte— denn es iſt unter allen Umſtänden ein gefährliches Wage⸗ ſtück. Ihr habt aber das Unglück gehabt, in dieſe Verlegenheit zu gerathen, ehe ich Eure Bekanntſchaft machte, und da Ihr mein Kamerad und mir lange Zeit von Nutzen geweſen ſeyd, ſo nehme ich's mit dieſem Punkte nicht ſo genau, und es liegt mir blos daran, daß Ihr nicht unnöthiger Weiſe ſterben ſollt! Im gegenwärtigen Augenblick glaube ich aber, daß es das nutzloſeſte Ding von der Welt wäre.“ „Was bleibt mir anders übrig?“ entgegnete der Gefangene.„Kann ich mich mit den Zähnen durch dieſe Mauern beißen?“ „'s gibt noch etwas Leichteres, als dieſes,“ er⸗ wiederte ſein Freund.„Verſprecht mir, daß Ihr nicht mehr von dieſen Euren Einbildungen reden wollt— es ſind eitle, thörichte Dinge, die einem Mann nicht ziemen— und ich will Euch meine Mei⸗ nung ſagen.“ „So ſprecht,“ ſagte der Andere. „Eure würdige Ehefrau mit dem zarten Ge⸗ wiſſen: Euer ſcrupulöſes, tugendhaftes, pünktliches, aber nicht blind zärtliches Weib—“ „Was iſt mit ihr?“ „Iſt jetzt in London.“ „Fluch über ſie, mag ſie ſeyn, wo ſie will!“ 60 „Das finde ich begreiflich. Hätte ſie, wie ge⸗ wöhnlich, ihr Jahrgeld genommen, ſo befändet Ihr Euch nicht hier, und wir würden beſſer daran ſeyn. Doch das hat mit der Sache nichts zu ſchaffen. Sie iſt in London. Eingeſchüchtert, wie ich ohne Zweifel glaube, weil ich bei Gelegenheit meines Beſuches ihr vorſtellte, daß Ihr dicht zur Hand wäret(ich bediente mich natürlich dieſer Mittheilung nur als eines Spornes, weil ich wußte, daß ſie kein Ver⸗ langen tragen würde, Euch zu ſehen), verließ ſie den Ort und wanderte nach London.“ „Wie kommt Ihr zu dieſer Kunde?“ „Von meinem Freunde, dem edlen Capitän— dem erlauchten General— dem aufgeblaſenen Herrn Tappertit. Von ihm erfuhr ich, als ich ihn geſtern zum letztenmal ſah, daß Euer Sohn, der— ver⸗ muthlich nicht nach ſeinem Vater— Barnaby heißt—“ „Tod und Teufel! Was ſoll das jetzt?“ „Ihr ſeyd ungeduldig,“ ſagte der Blinde ruhig. „Nun, das iſt ein gutes Zeichen und ſieht ein wenig nach dem Leben aus— daß alſo Euer Sohn Bar⸗ naby durch einen Kameraden aus Chigwell, den er von Alters her kannte, von ihm angelockt wurde, und daß er ſich jetzt unter den Aufrührern befindet.“ „Und was ſoll das mir? Welchen Troſt ſoll ich darin finden, wenn Vater und Sohn mit ein⸗ ander gehangen werden?“ „Halt— halt, mein Freund,“ entgegnete der 1— derrn ſtern ver⸗ naby uhig. venig Bar⸗ en er urde, det.“ ſoll ein⸗ e der 61 blinde Mann mit ſchlauer Miene,„wir kommen bald an das Ende der Geſchichte. Geſetzt, ich ſpüre die verehrliche Dame auf und ſage zu ihr:„Ihr möchtet Euren Sohn haben, Ma'am— gut. Ich bin mit denjenigen bekannt, die ihn verlocken, unter ihnen zu bleiben, und kann ihn Euch wieder zurück⸗ geben, Ma'am— gut. Ihr müßt für ſeine Zurück⸗ erſtattung einen Preis zahlen, Ma'am— wieder gut. Der Preis iſt klein und leicht zu bezahlen— meine liebe Madame, das iſt das Beſte von Allem.““ „Was ſoll dieſe Poſſenreiſſerei?“ „Sehr wahrſcheinlich wird ſie mir dieß darauf entgegnen.„Durchaus keine Poſeenreiſſerei,“ ant⸗ worte ich. ‚Madame, eine Perſon, angeblich Euer Gatte(die Idendität iſt nach Abfluß vieler Jahre ſchwer zu beweiſen), befindet ſich im Gefängniß und ſein Leben iſt in Gefahr— die Anklage gegen ihn lautet auf Mord. Nun, Ma'am, iſt Euer Mann ſchon ſo und ſo lange todt geweſen. Der Gentleman kann nie mit ihm verwechſelt werden, wenn Ihr die Güte haben wollt, mit ein paar Worten eidlich zu belegen, wann und wie er ſtarb, und daß dieſe Perſon, welche dem Vernehmen nach einige Aehn⸗ lichkeit mit ihm haben ſoll, eben ſo wenig Euer Gatte iſt, als ich es bin. Ein ſolches Zeugniß wird die Frage ganz und gar bereinigen. Ver⸗ pflichtet Euch dazu, Ma'am, und ich will es über mich nehmen, Euren Sohn, der ein hübſcher Junge iſt, vor allem Schaden zu wahren und ihn Euch 62 geſund und wohlbehalten zuzuſtellen, ſobald Ihr uns dieſen kleinen Dienſt geleiſtet habt. Solltet Ihr indeß nicht darauf einzugehen geneigt ſeyn, ſo fürchte ich, er wird verrathen und dem Geſetz überant⸗ wortet, das ihn dann ohne alle Frage zum Tode verurtheilt. Ihr habt jetzt da die Wahl zwiſchen ſeinem Leben und Tode. Sagt Ihr nein, ſo bau⸗ melt er. Willigt Ihr aber ein, ſo iſt der Balken noch nicht gewachſen und eben ſo wenig der Hanf geſät, woran er Schaden nehmen ſoll.“ „Es iſt ein Funke von Hoffnung d'rin,“ rief der Gefangene aufſpringend. „Ein Funke?“ entgegnete ſein Freund.„Sagt lieber, eine Nachmittagsſonne; ein volles und herr⸗ liches Tageslicht. Stille! Ich höre einen fernen Fußtritt. Baut auf mich.“ „Wann werde ich weiter hören?“ „So bald wie möglich. Ich dächte, morgen. Man kömmt, um uns zu ſagen, daß unſer Plau⸗ derſtündchen vorüber iſt. Ich höre die Schlüſſel klirren. Jetzt keine Worte mehr davon; man könnte uns belauſchen.“ Er hatte kaum ausgeſprochen, als ſich der Schlüſſel umdrehte und einer der Gefängnißwärter an der Thüre erſchien, um zu melden, daß Beſuche jetzt das Gefängniß verlaſſen müßten. „So bald?“ fragte Stagg demüthig.„Doch das läßt ſich nicht ändern. Nur den Muth nicht verloren, Freund. Dieß Mißverſtändniß wird bald uns Ihr rchte rant⸗ Tode ſchen bau⸗ alken Hanf rief Sagt herr⸗ ernen orgen. Plau⸗ Zlüſſel könnte ) der värter eſuche „Doch nicht bald 63 beſeitigt ſeyn und dann ſeyd Ihr wieder ein Mann! Wenn dieſer barmherzige Herr einen armen Blinden, der ihn mit nichts, als mit Gebeten, zu belohnen vermag, nach dem Gefängnißportale führen und ihm das Geſicht gegen Weſten kehren will, ſo wird er ein wohlthätiges Werk thun. Ich danke Euch, guter Sir. Ich danke Euch von Herzen.“ So ſprechend und an der Thüre noch einen Augenblick inne haltend, um das grinſende Geſicht ſeinem Freunde zuzukehren, entfernte er ſich. Nachdem ihn der Schließer nach dem Portale geführt hatte, kehrte er wieder zurück, entriegelte abermals die Zellenthüre, machte ſie weit auf und theilte dem Gefangenen mit, er habe, wenn er wolle, die Erlaubniß, in dem anliegenden Hof eine Stunde lang ſpazieren zu gehen. Der Bewohner der Zelle antwortete nur mit einem finſtern Kopfnicken, und ſobald er allein war, brütete er über dem Gehörten, ſich den Hoffnungen hingebend, die das kürzliche Geſpräch in ihm ge⸗ weckt hatte; dabei blickte er zerſtreut auf das Licht draußen und betrachtete die Schatten, welche die eine Mauer auf die andere und auf den gepflaſterten Steinboden warf. Es war ein öder, viereckiger Hof, ſo kalt und düſter durch die hohen Mauern, daß ſelbſt das Sonnenlicht hier zu erfrieren ſchien; die kahlen, ſtarren und rauhen Steine erfüllten ſelbſt ihn mit einer Sehnſucht nach den freien Wieſengründen und 64 Bäumen, und weckten in ihm den brennenden Wunſch, wieder in Freiheit zu ſeyn. Er ſtand auf, lehnte ſich gegen den Thürpfoſten und ſchaute uach dem ſchönen blauen Himmel, der ſogar auf dieſe traurige Heimſtätte des Verbrechens niederlächelte. Einen Augenblick ſchien er ſich zu erinnern, wie er vor langer, langer Zeit einmal an einem duftreichen Orte auf dem Rücken gelegen und durch die wehen⸗ den Zweige geblickt hatte. Auf einmal wurde ſeine Aufmerkſamkeit durch einen klirrenden Ton gefeſſelt— er wußte, was er zu bedeuten hatte, denn er war ja ſelbſt über das gleiche Geräuſch erſchrocken, als er nach der Thüre ging. Unmittelbar darauf fing eine Stimme zu ſingen an und er bemerkte den Schatten einer menſchlichen Geſtalt auf dem Pfaaſter. Sie machte Halt, verſtummte mit einemmale, als ob ſie für einen Augenblick vergeſſen hätte, wo ſie wäre, und ſich jetzt wieder erinnerte— und mit demſelben Geklirre verſchwand der Schatten wieder. Er trat in den Hof hinaus und ging auf und ab, mit dem rauhen Klimpern ſeiner Feſſeln das Echo weckend. In der Nähe befand ſich eine Thüre, welche, wie die ſeinige, weit offen ſtand. Er war noch kein halbdutzendmal in dem Hofe auf- und abgegangen, und er ſtand eben ſtille, um ſich dieſe Thüre zu betrachten, als er den klir⸗ renden Ton wieder vernahm. An dem vergitterten auf wie üre zu ner chte für und lben und das eine —. dem tille, klir⸗ erten 65 Fenſter zeigte ſich ein Geſicht— er ſah es nur ſehr undeutlich, denn die Zelle war ſehr dunkel und die Eiſenſtangen dick— dann trat ein Mann heraus und kam auf ihn zu. Er fühlte ſich ſo einſam, als wäre er bereits ein Jahr im Gefängniß geſeſſen. Die Hoffnung, auf einen Leidensgefährten zu treffen, beſchleunigte ſeine Schritte und er eilte dem Mann halb Weges entgegen— Was war das? Sein Sohn! Sie ſtanden ſich, Angeſicht in Angeſicht, gegen⸗ über und ſtierten ſich an. Er wich unwillkürlich ſchüchtern zurück, während Barnaby mit ſeinem un⸗ vollkommenen Gedächtniß kämpfte und ſich wunderte, wo er doch dieſe Geſtalt früher ſchon geſehen habe. Er blieb jedoch nicht lange im Unklaren, denn er legte plötzlich Hand an ihn, mühte ſich, ihn zu Boden zu werfen und rief: „Ah! jetzt kenne ich Euch! Ihr ſeyd der Räuber!“. Dieſer erwiederte Anfangs nichts, ſondern ſenkte blos den Kopf und rang ſchweigend mit ihm. Als er jedoch fand, daß der jüngere Mann zu ſtark für ihn war, hob er das Geſicht in die Höhe, ſchaute ihm ſcharf in die Augen und ſagte: „Ich bin dein Vater!“ Gott weiß, welchen Zauberſchlag dieſer Name auf Barnaby's Ohr übte; aber er ließ ihn los, wich zurück und blickte ihn entſetzt an. Dann ſprang Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 5 66 er plötzlich auf ihn zu, ſchlang die Arme um ſeinen Nacken und drückte den Kopf an ſeine Wangen. Ja, ja, er war es; er war überzeugt, daß er es war. Aber wo hatte er ſo lange geweilt; warum hatte er ſeine Mutter allein, oder, was noch ſchlimmer war, mit ihrem armen, geiſtesſchwachen Knaben allein gelaſſen? Und war ſie wirklich ſo glücklich, als man ihm berichtet? Und wo hielt ſie ſich auf? War ſie in der Nähe? Konnte ſie glücklich ſeyn, wenn er im Gefängniß war? Ach, nein.— Der Andere antwortete mit keiner Sylbe; aber Greif krächzte laut und hüpfte um ſie herum im Kreiſe und wieder im Kreiſe, als ſchlöße er einen magiſchen Zirkel und riefe alle finſteren Mächte herauf. Dreiundſechzigſtes Kapitel. Während dieſes ganzen Tages hatte jedes Re⸗ giment in oder aus der Umgebung der Hauptſtadt an einem oder dem andern Theile von London Dienſt, und Reguläre, wie Milizen, begannen in Gemäß⸗ heit der Ordre, welche an jede Garniſon und Kaſerne im Umkreiſe von vierundzwanzig Stunden ergangen war, auf allen Straßen heranzuſtrömen. Aber die ——y 2— ——d &— 1O—— SS— n ͤS Re⸗ ſtadt enſt, näß⸗ ſerne ngen die 67 Unruhen hatten eine ſo furchtbare Höhe erreicht, und die Aufrührer waren durch ihre Ungeſtraftheit ſo keck und tollkühn geworden, daß der Anblick die⸗ ſer Streitkräfte, welche jeden Augenblick Zuwachs erhielten, ſtatt eines Zügels zu dienen, nur noch zu verwegeneren Unthaten reizte und in London eine Flamme anfachen half, wie ſie die Geſchichte ſelbſt in den alten rebelliſchen Zeiten nicht kennt. Schon den ganzen geſtrigen Tag, und eben ſo auch heute hatte der Stadtkommandant ſich alle Mühe gegeben, das Pflichtgefühl der Magiſtrats⸗ perſonen, und insbeſondere des Lordmayors, welcher der Furchtſamſte und Feigſte von Allen war, zu wecken. Zu dieſem Ende ſchickte er mehremale ganze Kom⸗ pagnien nach Manſion⸗Houſe, um die Befehle des erſten Beamten der Stadt entgegen zu nehmen. Dieſer ließ ſich jedoch weder durch Ueberredung, noch durch Drohungen bewegen, welche zu erlaſſen, und da deßhalb die Soldaten auf offener Straße ſtehen bleiben mußten, ſo ſtifteten dieſe lobenswerthe Be⸗ mühungen mehr Nachtheil als Gutes, da die Mann⸗ ſchaft unter ſolchen Umſtänden nichts weiter thun konnte, als dem ſchlimmen Spiele zuzuſchauen. So⸗ bald nämlich der Pöbel die Geſinnung des Lord⸗ Mayors erfuhr, nahm er keinen Anſtand, ſich die⸗ ſelbe zu Nutzen zu machen und damit zu prahlen, daß ſelbſt die Civilobrigkeiten Gegner der Papiſten wären und es nicht über's Herz bringen könnten, diejenigen zu bedrücken, die ſich keines andern Ver⸗ 5* gehens ſchuldig gemacht hätten. Man trug Sorge dafür, daß die Soldaten dieſe Prahlereien hörten, und da der gemeine Mann einen natürlichen Wider⸗ willen dagegen hat, ſich mit dem Volke herumzu⸗ balgen, ſo kam man dieſen Annäherungen bereit⸗ willig genug entgegen; und wenn man die Soldaten fragte, ob ſie auf ihre Landsleute Feuer geben wollten, ſo antworteten ſie in der ehrlichſten und einfachſten Gutmüthigkeit:„Nein, ſie wollten ver⸗ dammt ſeyn, wenn ſie dieß thäten.“ Eine Folge davon war, daß bald die Anſicht die Oberhand ge⸗ wann, das Militär gehöre zu den Antipapiſten und ſey vollkommen reif, der Ordre zu widerſtreben und ſich dem Pöbel anzuſchließen. Gerüchte von ſeiner Hinneigung zur Sache des Volkes verbreiteten ſich wie ein Lauffener von Mund zu Mund, und ſo oft eine Abtheilung müſſig in den Straßen oder Plätzen aufgeſtellt wurde, durfte man darauf rechnen, daß ſich ein jubelnder Haufen um ſie ſammelte, der den Soldaten die Hände drückte und ſie mit großer Freundſchaft und Vertraulichkeit behandelte. Die Rebellenſchaaren hatten ſich durch die ganze Stadt verbreitet und alle Verkappung und Heim⸗ lichkeit bei Seite gelegt. Wenn Einer aus dem Haufen Geld haben wollte, ſo brauchte er nur an die Thüre eines Wohnhauſes zu klopfen, oder in einen Laden hineinzugehen und es im Namen der Aufrührer zu verlangen— eine Aufforderung, der augenblicklich willfahrt wurde. Wenn ſich friedliche 69 Bürger ſcheuten, Hand an die Einzelnen zu legen, ge ſo kann man ſich leicht denken, daß ſie, wo ſie ſich en, in Schaaren zuſammengefunden hatten, vollkommen et nach Belieben ſchalten und wallten konnten. Sie li⸗ ſtellten ſich in den Straßen auf, zogen nach Gut⸗ it⸗ dünken hin und her und beriethen öffentlich ihre 4 Anſchläge. Alles Geſchäftsleben hatte aufgehört; der größere Theil der Läden war geſchloſſen; die nd meiſten Häuſer ließen zum Zeichen ihrer Anhäng⸗ et lichkeit an die Volksſache eine blaue Flagge wehen, lge und ſelbſt die Juden in Houndsditch, Whitechapel und ge⸗ ähnlichen Stadttheilen ſchrieben an ihre Thüren und oder Fenſterläden:„Dieſes Haus iſt ächt pro⸗ un teſtantiſch.“ Der Pöbel war jetzt das Geſetz, und ner nie wurde es mehr gefürchtet oder ihm unbedingter ſich Folge geleiſtet. oft Es war ungefähr ſechs Uhr Abends, als ein ten ungeheuerer Haufen Geſindel auf jedem Zugang daß nach den Lincoln's⸗Inn⸗Fields ſtrömte und ſich— den augenſcheinlich zu Ausführung eines verabredeten ßer Planes— in mehrere Abtheilungen trennte. Man darf jedoch nicht glauben, daß der ganze Haufen anze in den Anſchlag eingeweiht geweſen, denn dieſer war eim⸗ nur das Werk einiger Führer, die ſich unter die dem Heranziehenden miſchten, ihnen zuriefen, ſich dieſer an oder jener Parthie anzuſchließen, und die ganze in Maßregel ſo raſch ausführten, als wäre ſie von dr der Geſammtheit beſchloſſen worden, und als hätte er a Jedermann bereits vorher ſeinen Platz gekannt, liche ————— Man wußte recht wohl, daß die größte Abthei⸗ lung, welche ungefähr zwei Drittheile des Ganzen umfaßte, einen Angriff auf Newgate beabſichtigte. Es befanden ſich darunter alle Aufrührer, welche ſich in den früheren Schauderſcenen einen Ruf erworben, alle, die man als wagehälſige und zu jedem Unfug bereitwillige Kerle kannte, alle, deren Freunde ſich unter den Gefangenen befanden, und eine große Anzahl von Geſindel, das mit den verhafteten Dieben und ſonſtigen Verbrechern in verwandtſchaft⸗ licher oder Geſchäftsverbindung ſtand. Mehr als ein Weib hatte ſich in Mannskleider geſteckt, um ein Kind oder einen Bruder zu retten. Auch waren da die beiden Söhne eines Mannes, über den das Todesurtheil ſchon ausgeſprochen war und der mit drei Andern übermorgen hingerichtet worden ſollte; deß⸗ gleichen eine große Anzahl von Jungen, deren beutel⸗ ſchneideriſche Kameraden im Gefängniß ſaßen; und als Nachtrab geſellten ſich dem Haufen ein paar Dutzend armſeliger Weibsbilder, die Auswürflinge der Menſch⸗ heit, bei, welche irgend ein anderes gefallenes Ge⸗ ſchöpf, das eben ſo elend als ſie ſelbſt war, zu be⸗ freien ſuchten, oder ſich vielleicht durch ein allge⸗ meines Mitgefühl mit— Gott weiß welchen— Hoffnungsloſen und Elenden verleiten ließen. Alte Säbel und Piſtolen ohne Kugeln und Pulver, Schmiedehämmer, Meſſer, Aexte, Sägen und aus Fleiſchbuden geſtohlene Inſtrumente, ein Wald von Eiſenſtangen und hölzernen Keulen, lange 71 Leitern zum Erklettern der Mauern, deren jede auf den Schultern von einem Dutzend Männer ruhte, angezündete Fackeln, mit Pech, Theer und Schwefel getränktes Werg, von den Zäunen abgeriſſene Pfähle und ſogar Krücken, die man verkrüppelten Bettlern auf der Straße entriſſen hatte, bildeten die Bewaff⸗ nung. Nachdem Alles bereit war, traten Hugh und Dennis, die Simon Tappertit in der Mitte hatten, an die Spitze. Brüllend und ſchnaubend, wie ein empörtes Meer, drängte der Pöbel nach. Statt geraden Wegs Holborn zu und nach dem Gefängniß zu ziehen, wie Alle erwartet hatten, ſchlugen die Führer den Weg nach Clerkenwell ein, brausten eine ruhige Straße hinab und machten Halt vor dem Hauſe eines Schloſſers— dem goldenen Schlüſſel. „Schlagt an die Thüre,“ rief Hugh den ihn um⸗ ringenden Leuten zu.„Wir brauchen heute Nacht einen von ſeiner Zunft. Schlagt ſie ein, wenn Nie⸗ mand antwortet.“ Die Werkſtatt war geſchloſſen, und da ſowohl Thüre als Fenſterladen ſtark und feſt verwahrt waren, ſo that ihr Pochen keine Wirkung. Der ungeduldige Haufen erhob deßhalb den Ruf:„Steckt das Haus in Flammen!“ und die Fackeln zogen ſich bereits in den Vordergrund, als ein oberes Fenſter aufgeworfen wurde und der ſtämmige alte Schloſſer vor ihnen ſtand. „Was ſoll das, ihr Hallunken?“ fragte er. „Wo iſt meine Tochter?“ „Stellt keine Fragen an uns, alter Mann,⸗ entgegnete Hugh, indem er ſeinen Kameraden zum Schweigen winkte,„ſondern kommt herunter und bringt Euer Arbeitsgeräth mit. Wtr brauchen Euch.“ „Ihr braucht mich?“ rief der Schloſſer, auf die Uniform ſchauend, die er trug.„Ja, und wenn einige, die ich nennen könnte, keine Haſenfüße wären, ſo ſolltet Ihr mich ſchon lang gehabt haben. Horch jetzt auf, Burſche— und Ihr um ihn herum deß⸗ gleichen. Es gibt ein paar Dutzend unter Euch, die ich ſehe und kenne, und die von Stund an todte Leute ſind. Hinweg! und plündert einen Leichenbe⸗ ſtatter, ſo lange Ihr noch koͤnnt! Ihr werdet eheſtens etliche Särge brauchen.“ „Wollt Ihr herunterkommen?“ rief Hugh. „Willſt du mir meine Tochter geben, du Schurke?“ rief der Schloſſer. „Ich weiß nichts von ihr,“ entgegnete Hugh. „Verbrennt die Thüre!“ „Halt!“ rief der Schloſſer mit einer Stimme, daß alle zurückwichen, indem er, während er ſprach, ein Gewehr zum Vorſchein brachte.„Ueberlaßt das einem alten Manne, deſſen Ihr beſſer entrathen könnt.“ Der junge Kerl, der die Fackel hielt und ſich vor der Thüre niedergebeugt hatte, ſtand bei dieſen Worten haſtig wieder auf und wich zurück. Der Schloſſer ließ ſein Auge über die aufwärts gekehrten Geſichter gleiten und hielt die Waffe gegen die Schwelle ſeines Hauſes gerichtet. Sie hatte keinen andern gh. ne, ich, das hen ſich ſen Der tten elle ern Stützpunkt, als ſeine Schulter, aber ſie war ſo feſt, als das Haus ſelber. „Wer den Verſuch machen will, mag zuerſt ſein Gebet ſprechen,“ ſagte er mit Nachdruck;„ich warne ihn.“ Einem Nebenſtehenden die Fackel entreißend, trat Hugh mit einem Fluche vorwärts, als er plötzlich durch einen ſchrillen, durchbohrenden Schrei angehalten wurde. Er ſchaute in die Höhe und entdeckte auf dem Dachgiebel ein flatterndes Gewand. Dann wieder ein Schrei und ein dritter, worauf eine kreiſchende Stimme rief:„Iſt Simmun unten?“ In demſelben Augenblick ſtreckte ſich ein magerer Hals über die Böſchung heraus, und Miggs, die ſich in dem Schatten des Abends nur undeutlich erkennen ließ, kreiſchte faſt wahnſinnig: „Oh! Liebe Herren, laßt mich Simmun's Ant⸗ wort hören von ſeinen eigenen Lippen. Sprecht zu mir, Simmun. Sprecht zu mir!“ Herr Tappertit, der ſich durch dieſes Compliment nicht ſehr geſchmeichelt fühlte, ſah auf, hieß ſie das Maul halten und befahl ihr, ſte ſolle herunterkommen und die Thüre öffnen, denn ſie brauchten ihren Meiſter und wollten ſich nicht abweiſen laſſen. „O gute Herren!“ rief Miß Miggs.„O mein köſtlicher, mein köſtlicher Simmun— „Wollt Ihr einmal mit Eurem Unſinn aufh und herunterkommen, um uns die Thüre zu öffn⸗ 74 — Gabriel Varden, ſetzt Euer Gewehr nieder, oder es geht Euch ſchlecht.“ „Kehrt Euch nicht an ſein Gewehr,“ rief Miggs. „Simmun und ihr andern Herren, ich habe einen Krug voll Dünnbier in den Lauf hineingegoſſen.“ Die Menge ſtieß einen lauten Schrei aus, dem ein ſchallendes Gelächter folgte. „Es würde nicht losgehen, und wenn man es bis an die Mündung laden thäte,“ rief Miggs.„Sim⸗ mun und ihr andern Herren, ich bin in dem vordern Dachſtübchen eingeſchloſſen, durch die kleine Thüre rechter Hand, wenn Ihr ſchon glaubt, ganz oben auf der Treppe zu ſeyn— und auf der Erkerſtiege nehmt Euch in Acht, den Kopf nicht gegen die Querbalken zu ſtoßen und nicht auf die eine Seite zu treten, damit Ihr nicht durch die Balken und den Mörtel des zweipaarigen Schlafzimmers fallt, weil dieſelben nicht halten, ſondern gerade im Gegentheil. Simmun und ihr andern Herren, ich bin zwar hier eingeſperrt, aber meine Bemühungen ſind immer geweſen, und werden es ſtets ſeyn, es mit der rechten Seite— mit der geſegneten Seite— zu halten und den Pabſt von Babylon zu verfluchen und alle ſeine inneren und äußeren Werke, welches heidniſch iſt. Ich weiß wohl, meine Geſinnungen kommen nicht viel in Betracht,“ rief Miggs mit noch ſchneidenderer Stimme,„denn meine Stellung iſt nur eine Bediente und daher nur niedrig; aber demungeachtet will ich meine Gefühle 75 kund geben und mein Vertrauen auf diejenigen ſetzen, welche meine Geſinnung theilen!“ Ohne viel auf dieſe Ergießungen der Jungfer Miggs zu achten, nachdem ſie einmal den Thatbeſtand hinſichtlich des Gewehres veröffentlicht hatte, legten die Aufrührer eine Leiter an das Fenſter, wo der Schloſſer ſtand, und, obgleich er es ſchloß, verriegelte und männlich vertheidigte, ſo waren doch in einem Nu Scheiben und Rahmen zertrümmert und ſo ſich ein Ein⸗ gang erzwungen. Er theilte zwar etliche Schläge aus, befand ſich aber bald wehrlos in der Mitte eines wüthenden Haufens, der die Stube überſchwemmte und an Thüre und Fenſter in einen wirren Haufen von Geſichtern auslief. Man war ſehr ergrimmt über ihn(denn er hatte zwei Männer verwundet), und die Hinterſten riefen den Vorderen zu, man ſolle ihn hinausſchaffen und an einen Laternenpfahl hängen. Aber Gabriel blieb furchtlos und ſah von Hugh und Dennis, die ihn an den Armen hielten, auf Simon Tappertit, der ihm gegenüber ſtand. „Ihr habt mir meine Tochter geſtohlen,“ ſagte der Schloſſer, die mir weit, weit theurer iſt, als mein Leben. Ihr mögt es daher immer nehmen, wenn Ihr Luſt habt! Gott ſey Dank, daß er es mir möglich machte, meinem Weib dieſe Scene zu erſparen, und daß er mir ein Männerherz in die Seele legte, das keine Schonung und Gnade von Händen, wie die Eurigen, verlangt.“ 76 „Ja, Ihr ſeyd ein wackerer alter Herr„ſagte Dennis beifällig,„und drückt Euch wie ein Mann aus. Was liegt daran, Bruder, ob's heute Nacht der Laternenpfahl iſt oder in den nächſten zehn Jahren ein Federbette, he?“ Der Schloſſer warf ihm einen Blick der Ver⸗ achtung zu, ohne ihn einer andern Antwort zu würdigen. „Ich für meinen Theil,“ ſagte der Henker, dem der Vorſchlag mit dem Laternenpfahl beſonders gefiel, „ehre Eure Grundſätze. Sie ſind ganz die meinigen. Bei ſolchen Geſinnungen,“ und hier bekräftigte er ſeine Worte mit einem Fluche,„bin ich bereit, Euch oder jedem Andern auf dem halben Wege entgegen zu kommen— habt Ihr nicht irgendwo ein Endchen Strick zur Hand? Nun, wenn's nicht iſt, ſo braucht Euch das keine Sorge zu machen. Ein Schnupftuch thut's auch.“ „Seyd kein Narr, Meiſter,“ flüſterte Hugh, in⸗ dem er Varden rauh an der Schulter faßte,„ſondern thut, was man Euch heißen wird. Ihr ſollt bald hören, was man von Euch verlangt. Sträubt Euch nicht.“ „Auf dein Geheiß oder auf das Geheiß eines dieſer Spitzbuben hier, werde ich nichts thun,“ ent⸗ gegnete der Schloſſer.„Wenn man einen Dienſt von mir will, ſo kann man ſich die Mühe ſparen, ihn mir namhaft zu machen. Ich ſage Euch vornweg, ich thue nichts für Euch.“ —— —-—j4y 1——————— — 77 Herr Dennis war durch dieſe Beharrlichkeit des wackern alten Mannes ſo gerührt, daß er— faſt mit Thränen in den Augen— betheuerte, es ſey eine Grauſamkeit und eine unverantwortliche Härte, ſeinen Neigungen in den Weg zu treten, und er könne dieß nun und nimmermehr mit ſeinem Gewiſſen ver⸗ einigen.„Der Gentleman,“ ſagte er,„habe ſich in deutlichen Worten für bereit erklärt, ſich abthun zu laſſen, und in dieſem Falle betrachte er es für die Pflicht eines aufgeklärten und civiliſirten Volkshaufens, ihn auch wirklich abzuthun. Es komme nicht oft vor,“ bemerkte er,„daß es in ihre Macht gegeben ſey, ſich den Wünſchen derjenigen anzubequemen, von deren Anſichten ſie unglücklicherweiſe abwichen. Da man alſo jetzt ein Individium gefunden habe, welches ein Verlangen kund gebe, das man vernünftigerweiſe er⸗ füllen könne(und er für ſeine Perſon nehme ſich die Freiheit, zu bekennen, daß ſeiner Anſicht gemäß, dieſer Wunſch den Gefühlen deſſen, der ihn ausge⸗ ſprochen, große Ehre mache), ſo hoffe er, man werde ſich dafür entſcheiden, den Vorſchlag ohne weiteres anzunehmen. Es ſey ein Experiment, das, wenn es geſchickt ausgeführt werde, zur Beruhigung und Zu⸗ friedenheit aller Theile in fünf Minuten voruͤber ſey, und obgleich es ihm(Herrn Dennis) nicht zieme, ſich ſelber zu loben, ſo verſehe er ſich's doch zu ſeinen verehrlichen Committenten, daß man es ihm zu gute halte, wenn er ſage, er beſitze praktiſche Kenntniſſe in der Sache, weßhalb er, da er von Natur aus 78 einen humanen Charakter beſitze und den Leuten gerne zu Gefallen lebe, den Gentleman mit allem Ver⸗ gnügen abthun wolle.“ Dieſe Bemerkungen, die inmitten eines fürchterli⸗ chen Lärms und Tumults an die zunächſt Stehenden gerichtet waren, wurden mit großem Wohlgefallen aufgenommen— vielleicht nicht ſo faſt wegen des Hen⸗ kers Beredſamkeit, ſondern weil ſich der Schloſſer ſo ſtörriſch benahm. Gabriel wußte wohl, daß er in der größten Gefahr ſtand; dem ungeachtet aber be⸗ harrte er auf einem hartnäckigen Schweigen, und er würde nicht geſprochen haben, ſelbſt wenn ſich's darum gehandelt hätte, ihn bei langſamem Feuer lebendig zu braten. Als der Henker noch ſprach, gab es einige Un⸗ ruhen und Verwirrung auf der Leiter draußen, und ſo bald er zu Ende war— ſo unmittelbar nach ſei⸗ nem Verſtummen, daß der Haufen unten keine Zeit hatte, zu erfahren, was geſagt worden war, oder eine Erwiederung zu brüllen— rief Jemand an dem Fenſter: „Es iſt ein alter Mann mit grauem Haupte, thut ihm nichts zu Leide.“ Der Schloſſer wandte ſich verdutzt nach der Stelle, woher dieſe Worte gekommen waren, und blickte haſtig auf die Leute, welche an der Leiter hin⸗ gen und ſich an einander anklammerten. „Ihr braucht keine Achtung vor meinem grauen Haupt zu haben, junger Mann,“ erwiederte er der 79 Stimme, obgleich er den Sprecher nicht ſah.„Ich verlange es nicht. Mein Herz iſt noch jung genug, um Euch Alle ſammt und ſonders zu verachten— Räuber und Mordbrennerpack, das Ihr ſeyd!“ Dieſe unvorſichtige Sprache diente keineswegs dazu, die Wildheit des Haufens zu beſchwichtigen. Es erklang daher auf’s Neue der Ruf, daß man ihn hinausſchaffen ſolle, und es wäre dem ehrlichen Schloſ⸗ ſer wohl ſchlimm ergangen, wenn Hugh ſeine Genoſ⸗ ſen nicht erinnert hätte, daß man ſeiner Dienſte be⸗ nöthigt ſey und ſie haben müſſe. „Theilt ihm alſo unſer Begehren mit,“ ſagte er zu Simon Tappertit,„und zwar hurtig. Thut jetzt Eure Ohren auf, Meiſter, wenn Ihr ſie je ſpäter⸗ hin wieder brauchen wollt.“ Gabriel ſchlug die Arme, die man ihm jetzt frei gelaſſen hatte, über einander und ſah ſeinen früheren Lehrling ſchweigend an. „Schaut, Varden,“ begann Sim,„wir müſſen nach Newgate.“ „Das weiß ich,“ entgegnete der Schloſſer.„Er hat nie ein wahreres Wort geſprochen, als dießmal.“ „Um es niederzubrennen, meine ich,“ ſagte Si⸗ mon.„Wir wollen die Thore einbrechen und die Gefangenen in Freiheit ſetzen. Ihr habt das Schloß an dem Hauptportale machen helfen?“ „Das iſt wahr,“ verſetzte der Schloſſer.„Er wird aber bald ſehen, daß Er mir dafür nicht zu Danke verpflichtet iſt.“ 80 „Kann ſeyn,“ erwiederte ſein ehemaliger Ge⸗ ſelle;„aber Ihr müßt uns zeigen, wie man es auf⸗ bricht.“ „Muß ich?“ „Ja; denn Ihr verſteht Euch darauf, und ich nicht. Ihr müßt mit uns kommen und es eigenhän⸗ dig öffnen.“ „Wenn ich es thue,“ ſagte der Schloſſer ruhig, ſo mögen mir die Hände an den Gelenken abfallen und Er, Simon Tappertit, ſoll ſie als Epauletten auf ſeiner Schulter tragen.“ „Das wollen wir ſchon ſehen,“ rief Hugh, ſich in’s Mittel legend, da der Zorn des Pöbels wieder losbrach.„Füllt einen Korb mit dem nöthigen Werk⸗ zeug, während ich ihn die Treppe hinunter ſchaffe. Ein paar von Euch mögen unten die Thüre öffnen. Und Ihr andere da, leuchtet dem großen Kapitän! Gibt's denn ſonſt nichts zu ſchaffen, meine Jungen, daß Ihr nur da herſtehen und brummen wollt?“ Sie ſchauten einander an, zerſtreuten ſich dann raſch und ſchwärmten durch das ganze Haus, um ihrer Gewohnheit gemäß zu plündern, zu zerſchlagen und Alles, was ihnen gefiel, mitzunehmen. Es blieb ihnen indeß nicht viel Zeit dazu, denn der Korb war bald mit Handwerkszeug gefüllt und einem Manne über die Schultern geworfen. Sobald dieß geſchehen und Alles für den Angriff bereit war, wurden die Plünderer aus den übrigen Gemächern nach der Werkſtatt hinunter berufen. Sie waren bereits im Ge⸗ auf⸗ ich hän⸗ hig, llen tten ſich eder erk⸗ uffe. ien. än! gen, ann um gen lieb var nne hen die der im Beg Tre jund eine ſchr läß Gef war war Wa zur bal knie Zei ſo 81 Begriffe aufzubrechen, als ein Kerl, der zuletzt die Treppe heruntergekommen, vortrat und fragte, ob das junge Weibsbild in der Dachſtube, die, wie er ſagte, einen ſchrecklichen Lärm mache und ohne Unterlaß ſchreie, nicht in Freiheit geſetzt werden ſolle. Simon Tappertit hätte für ſeine Perſon zuver⸗ läßig mit einem Nein geantwortet; der Haufe ſeiner Gefährten jedoch, der des guten Dienſtes eingedenk war, den ſie ihnen bei dem Gewehre geleiſtet hatte, war anderer Anſicht, und ſo blieb ihm keine andere Wahl, als Ja zu ſagen. Der Mann ging daher zurück, um den Gegendienſt zu üben, und erſchien bald wieder mit Miß Miggs, die ſehr ſchlaff, einge⸗ knickt und vom vielen Weinen ganz feucht war. Da die junge Dame auf dem Herwege kein Zeichen von Bewußtſeyn an den Tag gelegt hatte, 1 ſo berichtete der Träger, ſie müſſe entweder todt oder im Sterben ſeyn. In ſeiner Verlegenheit, was er 2„ mit ihr anfangen ſollte, ſah er ſich nach einer paſ⸗ ſenden Bank oder nach einem Aſchenhaufen um, N worauf er die beſinnungsloſe Geſtalt zu legen ge⸗ dachte, als ſie plötzlich durch irgend ein myſteriöſes 3 Mittel auf die Beine kam, ihr Haar zurückwarf, 88 Herrn Tappertit verwirrt anſtarrte und in die Worte ausbrach: -„Meines Simmun's Leben iſt kein Opfer!“ b Dann ſank ſie mit ſolcher Behendigkeit in ſeine Arme, daß er wankte und unter ſeiner liebenswür⸗ digen Laſt um einige Schritte zurücktaumelte. Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 6 8² „Ah, Poſſen!“ ſagte Herr Tappertit.„Da, halte ſie Jemand. Sperrt ſie wieder ein; man hätte ſie nicht herauslaſſen ſollen.“ „Mein Simmun!“ rief Miß Miggs in Thraͤnen und einer halben Ohnmacht.„Mein für immer und ewig geſegneter Simmun!“ „Haltet Euch aufrecht,“ ſagte Herr Tappertit mit unverantwortlicher Kälte,„oder wenn Ihr nicht wollt, ſo laſſe ich Euch fallen. Was braucht Ihr da immer mit den Füßen auf dem Boden zu ſcharren?“ „Mein Engel Simmun!“ murmelte Miggs— „er hat verſprochen—“ „Verſprochen? Gut, und ich will mein Ver⸗ ſprechen halten,“ antwortete Simon ärgerlich.„Daß ich für Euch zu ſorgen gedächte? Nun, ſo ſteht doch aufrecht.“ „Wo ſoll ich hingehen? Was ſoll aus mir werden nach dem, was ich in dieſer Nacht gethan habe?“ rief Miggs.„Welch ein Ruheplatz bleibt mir übrig, als in den ſtillen Gräbern?“ „Ich wollte, Ihr wäret in den ſtillen Gräbern; wahrhaftig,“ rief Tappertit,„und obendrein in einem recht feſten eingemauert. Da,“ rief er einem der Umſtehenden zu, welchem er etwas in's Ohr flüſterte. „Nehmt ſie fort. Ihr habt verſtanden, wohin?“ Der Burſche nickte mit dem Kopfe, nahm ſie auf die Arme und brachte ſie, ungeachtet ihrer ab⸗ gebrochenen Betheuerungen und ihres Sträubens (welch letztere Art von Widerſtand weit ſchwieriger 8³ zu bewältigen war, da ſie das Kratzen mit inbegriff) aus dem Hauſe. Die Uebrigen ſtrömten nach und auf die Straße hinaus. Der Schloſſer wurde an die Spitze des Zuges geſtellt und mußte zwiſchen ſeinen zwei Führern einhergehen. Der ganze Haufen kam raſch in Bewegung und ohne weiteren Lärm ging es geradezu auf Newgate los, wo ſie in dichten Maſſen vor dem Gefängnißthore Halt machten. Vierundſechzigſtes Kapitel. Ihr bisheriges Schweigen unterbrechend, erhoben ſie, ſobald ſie ſich in Reihe und Glied vor dem Gefäng⸗ niſſe aufgeſtellt hatten, ein gewaltiges Geſchrei und verlangten den Kerkermeiſter zu ſprechen. Dieſe Heim⸗ ſuchung kam dem Letzteren nicht ganz unerwartet, denn ſeine Wohnung, die auf die Straße hinausging, war ſtark verbarrikadirt, das Pförtchen an der Gefäng⸗ nißthüre verſchloſſen und an keinem Gitter oder Schieß⸗ loche eine Seele zu ſehen. Sie hatten ihre Auffor⸗ derung noch nicht oft wiederholt, als ein Mann auf dem Dache der Kerkermeiſterswohnung erſchien und fragte, was ſie wollten. Einnige ſagten dieß, Andere das, und Etliche antworteten blos mit Grunzen und Ziſchen. Da es 6* 84 bereits ziemlich dunkel und das Haus hoch war, ſo bemerkten viele in dem Gedränge gar nicht, daß Je⸗ mand gekommen war, um ihnen Rede zu ſtehen, denn ſie fuhren mit ihrem Geſchrei fort, bis ſich die Nach⸗ richt allmälig durch den ganzen Haufen verbreitet hatte. Es ſtund wohl zehn Minuten oder daruͤber an, ehe ſich eine Stimme auch nur halbwegs ver⸗ nehmlich machen konnte. Inzwiſchen blieb die Ge⸗ ſtalt, dem Sommerabendhimmel zugekehrt, auf dem Dache ſitzen und ſchaute auf die gedrängt volle Straße hinunter. „Seyd Ihr Herr Akerman, der Kerkermeiſter?“ fragte Hugh endlich. „Freilich iſt er's, Bruder,“ flüſterte Dennis. Hugh kehrte ſich jedoch nicht daran, ſondern wollte die Antwort von dem Manne ſelber haben. „Ja,“ ſagte er, vich bin es.“ „Ihr habt einige unſerer Freunde in Eurem Gewahrſam, Meiſter?“ „Ich habe ein hübſches Häufchen Leute in mei⸗ nem Gewahrſam.“ Er ſchaute bei dieſen Worten nach dem Gefäng⸗ niſſe hinunter; und die Meinung, daß er in die ver⸗ ſchiedenen Höfe ſehen und Alles, was ihrem Anblicke durch die ſtarren Wände entzogen war, überſchauen könne, reizte und ſtachelte das Geſindel dermaßen, daß es wie ein Rudel Wölfe zu heulen anfing. „Liefert uns unſere Freunde aus,“ ſagte Hugh. „Die Uebrigen mögt Ihr behalten.“ ——— ing⸗ ver⸗ licke nuen ßen, ugh. 8⁵ „Meine Pflicht fordert es, daß ich ſie Alle be⸗ halte. Ich will meiner Pflicht getreu ſeyn.“ „Wenn Ihr die Thore nicht aufſchließt, ſo bre⸗ chen wir ſie nieder,“ entgegnete Hugh.„Wir wollen durchaus unſere Freunde heraus haben.“ „Ihr guten Leute, ich kann nichts thun, als euch ermahnen, daß ihr auseinander geht,“ erwiederte Akerman.„Bedenkt, was für ernſte Folgen es nach ſich ziehen wird, wenn ihr dieſen Platz ſtört, und die Meiſten von Euch werden es bitter bereuen, wenn es zu ſpät iſt.“ Nach dieſen Worten ſchickte er ſich an, wieder zurückzugehen, er wurde jedoch durch die Stimme des Schloſſers angehalten. „Herr Akerman!“ rief Gabriel.„Herr Aker⸗ man!“ „Ich will auf Keinen von Euch mehr hören,“ verſetzte der Kerkermeiſter, indem er ſich gegen den Sprecher wandte und mit der Hand abwehrte. „Aber ich gehöre nicht zu dieſem Haufen,“ ent⸗ gegnete Gabriel.„Ich bin ein ehrlicher Mann, Herr Akerman; ein achtbarer Profeſſioniſt— Gabriel Varden, der Schloſſer. Ihr kennt mich.“ „Ihr unter dieſen Leuten?“ rief der Kerkermeiſter mit verwunderter Stimme. „Ich wurde mit Gewalt fortgeſchleppt— mit⸗ gebracht, um das Schloß an dem großen Thore für ſie aufzumachen,“ erwiederte der Schloſſer.„Ihr ſeyd mein Zeuge, Herr Akerman, daß ich mich wei⸗ gere, es zu thun, und daß ich es nicht thun werde, mag auch daraus folgen, was will. Wenn Gewalt an mir geübt wird, ſo bitte ich, Euch deß zu erinnern.“ „Gibt es kein Mittel, Euch zu helfen?“ fragte der Kerkermeiſter. „Keines, Herr Akerman. Ihr werdet Eure Schuldigkeit thun und ich die meinige. Noch einmal, Ihr Spitzbuben und Gurgelſchneider,“ ſagte der Schloſſer, ſich gegen das Geſtndel umwendend, nich thue es nicht. Heult, bis Ihr heiſer ſeyd. Ich thue es nicht.“ „Halt— halt!“ rief der Kerkermeiſter haſtig. „Herr Varden, ich kenne Euch als einen Ehrenmann und weiß, daß Ihr nichts Ungeſetzliches thun werdet, wenn es nicht aus Zwang geſchieht—“ „Aus Zwang, Sir,“ ſiel ihm der Schloſſer in's Wort, welcher fühlte, daß der Ton, worin dieß ge⸗ ſprochen war, die Anſicht in ſich begriff, daß er, der als ein alter Mann ganz allein unter einem wüthen⸗ den Haufen ſtand, welcher ihn von allen Seiten ein⸗ engte und ihm zuſetzte, für ein Nachgeben hinreichend enſchuldigt ſey;„aus Zwang, Sir, geſchieht bei mir nichts.“ „Wo iſt der Mann,“ rief der Kerkermeiſter be⸗ ſorgt,„der mich vorhin anredete?“ „Hier!“ entgegnete Hugh. „Wißt Ihr, welche Strafe auf dem Morde ſteht, und daß Ihr das Leben dieſes ehrlichen Handwerks⸗ 87 mannes in Gefahr ſetzt, wenn Ihr ihn zwingt, unter euch zu bleiben?“ „Wir wiſſen das recht wohl,“ antwortete er, „denn für was ſonſt hätten wir ihn hieher gebracht? Gebt uns unſere Freunde heraus, Meiſter, und Ihr ſollt Euren Freund haben. Iſt das nicht ein ehrli⸗ cher Handel, meine Jungen?“ Der Pöbel pflichtete ihn mit einem brüllenden Hurrah bei. „Ihr ſeht nun, wie die Sachen ſtehen, Sir!“ rief Varden.„Haltet ſie in König Georgs Namen ab. Vergeßt nicht, was ich geſagt habe. Gute Nacht!“ Nun war es mit den Unterhandlungen vorbei. Ein Schauer von Steinen und andern Wurfgeſchoßen nöthigte den Kerkermeiſter, ſich zurückzuziehen. Das Geſindel ſtürmte heran, umſchwärmte die Mauer und drängte Gabriel Varden dicht vor das Thor. Vergeblich legte man den Korb mit Werkzeug vor ihm auf den Boden. Weder Verſprechungen noch Schläge, weder Belohnungsverheißungen noch die Bedrohung mit augenblicklichem Tode konnten ihn vermögen, den Dienſt zu leiſten, um deſſen willen ſie ihn hergebracht hatten. „Nein,“ rief der Schloſſer,„ich will nicht!“ Nie war ihm das Leben ſo theuer geweſen, als eben jetzt, aber nichts konnte ihn bewegen. Wo er hinſchaute, die wilden Geſichter, die ihn von allen Seiten anſtierten, das Geſchrei derjenigen, die 88 wie grimmige Raubthiere nach ſeinem Blute dürſte⸗ ten, der Anblick der ſich vorwärts drängenden Kerle, welche ihre Kameraden niedertraten, während ſie ſich mühten, an ihn zu kommen, und über den Köpfen der Andern weg mit Aexten und Eiſenſtangen nach ihm ſchlugen— nichts von alle dem vermochte ihn einzuſchüchtern. Er ſchaute von Mann zu Mann, von Geſicht zu Geſicht, und noch immer rief er, ob⸗ gleich mit beſchleunigtem Athem und blaſſerem Antlitze, ſein beharrliches„Ich will nicht!“ Dennis verſetzte ihm einen Schlag in's Geſicht, der ihn zu Boden fällte. Aber alsbald war er wie ein Mann in der Blüthe ſeines Lebens wieder auf den Beinen, und während ihm das Blut über die Stirne ſchoß, packte er den Henker an der Kehle. „Du feiger Hund!“ rief er.„Gib mir meine Tochter. Gib mir meine Tochter!“ Sie rangen mit einander. Einige riefen:„Schlagt ihn todt!“ während Andere, die jedoch nicht nahe genug waren, ihn mit den Füßen zertreten wollten. Mochte der Henker zerren, wie er wollte, er konnte ſich von den umkrallenden Händen des alten Mannes nicht losreißen. „Iſt das der ganze Lohn, den ich von Euch erhalte, Ihr undankbares Ungeheuer?“ rief er, müh⸗ ſam herausgurgelnd und unter vielen Flüchen. „Gib mir meine Tochter!“ rief der Schloſſer, der nun ſo wüthend war, als der ihn umringende Haufen.„Gib mir meine Tochter!“ te⸗ le, ich een ich hn in, bb⸗ be, ht, vie auf die ine agt ahe en. nte nes ich ih⸗ ſer, nde 89 Er lag wieder am Boden, raffte ſich nochmals auf und balgte ſich mit zwanzigen von dem Geſindel, die ihn von Hand zu Hand warfen, als ein langer Kerl, friſch von der Schlachtbank weg, deſſen Klei⸗ der und hohe Stiefeln noch von Fett und Blut dampften, ein Schlächterbeil erhob und mit einem ſchrecklichen Fluche nach dem unbeſchützten Haupte des alten Mannes zielte. In demſelben Augenblicke aber, wie er den Streich führen wollte, fiel er ſelbſt, als wäre er vom Blitze getroffen, und über ſeinen Körper weg ſtürzte ein einarmiger Mann an des Schloſſers Seite. Ihm folgte ein Anderer, und Beide packten den Schloſſer mit derber Fauſt. „Ueberlaßt ihn uns!“ riefen ſie Hugh zu, indem ſie ſich einen Weg durch die widerſtrebende Menge zu bahnen ſuchten.„Ueberlaßt ihn uns! Warum ver⸗ ſchwendet ihr eure ganze Kraft an einem ſolchen Burſchen, während doch ein paar Leute in etlichen Minuten mit ihm fertig werden können! Verliert keine Zeit! Denkt an die Gefangenen! Denkt an Barnaby!“ Der Nuf ging durch den ganzen Haufen. Häm⸗ mer begannen an der Mauer zu raſſeln, und Jeder mühte ſich, das Gefängniß zu erreichen und unter den Vorderſten zu ſeyn. Die Beiden kämpften ſich ſo verzweifelt durch das Gedränge und Gewühl, als wären ſie mitten unter Feinden und nicht unter ihren Freunden, zogen ſich mit dem Schloſſer zurück und ſchleppten ihn gerade durch das Herz der Maſſe, 90 Und nun begannen die Streiche wie ein Hagel⸗ wetter gegen das Thor und das feſte Gebäude zu fallen, denn diejenigen, welche den Eingang nicht erreichen konnten, verſchwendeten ihre ungeſtüme Wuth an Allem, ſelbſt an den großen Steinblöcken, an welchen ihre Waffen in Stücke ſprangen und wovon ihnen Hände und Arme prickelten, als leiſteten ſogar die Mauern gegen ihr Unweſen kräftigen Wi⸗ derſtand und gäben ihnen ihre Schläge zurück. Der Klang von Eiſen auf Eiſen miſchte ſich in den be⸗ täubenden Tumult und übertönte ihn bei weitem, als die ſchweren Schmiedehämmer gegen das mit Metall⸗ platten und Nägeln beſchlagene Thor donnerten, ſo daß die Funken davon ſprühten. Die Leute arbeiteten zu Hauf und lösten ſich in kurzen Zwiſchenräumen ab, damit ihre ganze Kraft dem Werke geweiht ſeyn möchte; aber noch immer ſtand das Portal— ſo grim⸗ mig, ſo dunkel und feſt, als nur je, ohne die mindeſte Veränderung, als die Beulen, welche auf der ver⸗ wetterten Oberfläche zurückgeblieben waren. Während Einige ihre äußerſte Kraft auf dieſes müheſame Werk verwendeten und Andere, welche Leitern an das Gefängniß legten, die überhohen Mauern zu erklettern ſuchten, waren wieder Andere beſchäftigt, die hundert Mann ſtarke Polizeiwache zu⸗ rückzuwerfen, und ſie, kraft ihrer Maſſe, unter die Füße zu treten. Eine weitere Abtheilung belagerte das Haus, auf welchem ſich der Kerkermeiſter gezeigt hatte, erbrach die Thüre, ſchaffte das Moͤbelwerk 91 l⸗ heraus und häufte es gegen das Gefängnißthor, um u ein luſtiges Feuer anzuzünden, womit daſſelbe nieder⸗ ht gebrannt werden ſollte. Sobald dieſer Anſchlag all⸗ ne gemein begriffen wurde, warfen die bisherigen Arbei⸗ n, ter ihre Werkzeuge weg und halfen den Holzhaufen ud vergrößern, bis derſelbe halb in die Straße hinein⸗ en reichte und ſo hoch aufgethürmt war, daß man i⸗ zuletzt an Leitern hinanklettern mußte, um oben noch er mehr Brennſtoff beizulegen. Nachdem das ganze e⸗ Eigenthum des Kerkermeiſters bis auf das geringſte ls Bruchſtück hinaus auf dieſen koſtbaren Scheiterhaufen ll⸗ geworfen war, beſchmierten und beſprengten ſie den⸗ aß ſelben mit Pech, Theer und Harz, was ſie alles mit⸗ zu gebracht hatten. Ebenſo hielten ſie es auch mit b, allem Holzwerk rund um die Gefängnißthüre, ſo daß yn auch nicht der kleinſte Balken verſchont blieb. Nach⸗ n⸗ dem dieſe hölliſche Taufe vorüber war, ſteckten ſie ſte den Stoß mit angezündeten Schwefelhölzern und er⸗ brennendem Werge in Flammen, ſtellten ſich darum her und erwarteten das Ergebniß. es Das ſehr trockene und gefirnißte Möbelwerk he war ohnehin ſchon brennbar genug, und loderte en daher unter den angewendeten Kunſtgriffen in einem ere Nu in hellen Flammen auf. Das Feuer brauste u⸗ wild und hoch auf, ſchwaͤrzte die Gefängnißmauer ie und züngelte an der hohen Vorderſeite wie brennende tte Schlangen hin. Anfangs drängten ſie ſich um die gt Lohe und legten ihr Frohlocken nur durch Blicke an ert den Tag; aber als es heißer und ungeſtümer 92 wurde— als es praſſelte, aufziſchte und wie ein Hochofen brauste— als es an den gegenüberlie⸗ genden Häuſern wiederſtrahlte und nicht nur die blaſſen, ängſtlichen Geſichter an den Fenſtern, ſon⸗ dern auch die innerſten Winkel der Wohnungen er⸗ leuchtete— als man durch die tiefrothe Glut das Feuer mit dem Thore ſpielen und ſcherzen ſah, ſich jetzt an deſſen hartnäckiger Oberfläche hinleckend, jetzt wieder in wilder Unbeſtändigkeit abgleitend und hoch gegen den Himmel ſich aufſchwingend, dann wieder zurückkehrend, um es mit ſeinen heißen Armen zu umfaſſen und es in's Verderben zu locken — als es einen ſo hellen Schein verbreitete, daß man auf der Thurmuhr der heiligen Grabkirche, die ſo Manchem die Stunde des Todes gezeigt, die Ziffer ſo deutlich ableſen konnte, wie am lichten Mittag, und der Wetterhahn auf der Spitze in den ungewohnten Strahlen wie ein herrlicher Juwel glitzerte— als die geſchwärzten Steine und die düſteren Ziegel ſich in dem tiefen Wiederſcheine rötheten und die Fenſter wie polirtes Gold ausſahen, die Straße hinauf eine lange Reihe von feurigen Punkten bil⸗ dend— als Mauern und Thürme, Dächer und Schornſteine in dem zitternden Glanze wie betrunken zu wackeln und wanken ſchienen— als hundert Gegenſtände, die man zuvor nie geſehen, ſich den Blicken enthüllten und die bekannteſten Dinge ein ſo ganz neues Ausſehen gewannen— da begann der Pöbel ſich zu einem wirbelnden Tanze zu ver⸗ 93 einigen, und mühete ſich, mit lautem Gellen, Ge⸗ heul und Zetergeſchrei, wie es zum Glücke ſelten gehört wird, die Flamme zu nähren und ſie in ihrer Höhe zu erhalten. Obgleich die Hitze ſo gewaltig war, daß der Anſtrich der dem Gefängniß gegenüber liegen⸗ den Häuſer vertrocknete, wie im Uebermaße des Schmerzes Blaſen zog, borſt und abſiel; ob⸗ gleich die Scheiben aus den Fenſtern fielen, das Blei und Eiſen auf den Dächern die unvorſichtig taſtende Hand verſengte und die Sperlinge aus den Rinnen davon flogen, von dem Rauche aber ſchwind⸗ lich gemacht, flatternd in den lodernden Holzſtoß niederfielen— immer noch wurde das Feuer von rührigen Händen geſchürt und unabläßig von Män⸗ nern umwandelt. Auch erlahmte der Eifer nicht, denn man drängte ſich ſo ſehr gegen die Flamme, daß die Vorderen Mühe hatten, ſich feſt genug auf⸗ zuſtellen, um nicht hineingeſtoßen zu werden. Wenn einer ohnmächtig wurde oder niederſank, kämpften Dutzende um ſeinen Platz, obgleich ſie wußten, daß ſie dort beinahe erdrückt wurden oder vor Durſt zu Grunde gehen mußten. Die Umſinkenden, wenn ſie nicht zertreten oder eine Beute der Flammen wurden, ſchaffte man nach einem nahe gelegenen Wirthshaushofe, wo man ihnen mittelſt eines Pump⸗ brunnens wieder zur Beſinnung half. Waſſereimer gingen ohne Unterlaß von Hand zu Hand durch das Gedränge; aber der Durſt war ſo groß und das 94 Ringen nach den Mitteln, ihn zu ſtillen, ſo eifrig, daß der Inhalt der Eimer großentheils auf dem Boden verſpritzt wurde, ohne daß auch nur ein Mann ſeine Lippen damit hätte netzen können. Inzwiſchen und inmitten all' dieſes Lärmes und Tumultes häuften diejenigen, welche dem Holz⸗ ſtoße am nächſten waren, die brennenden Bruchſtücke wieder auf, die herunter gerollt kamen, und ſchür⸗ ten das Feuer rings um das Thor, das, trotz des Flammenmeeres, in dem es ſtand, immer noch eine feſt verſchloſſene und verriegelte Barriere war, die jeden Eingang wehrte. Außerdem wanderten auch noch Feuerbrände über den Köpfen der Leute von Hand zu Hand nach denen hin, welche um die Leitern ſtanden; Einige derſelben kletterten auf die höchſte Sproße, hielten ſich mit der einen Hand an die Mauer und boten alle ihre Geſchicklichkeit und Kraft auf, die flammenden Holzſtücke auf die Dächer und in die Höfe hinunter zu werfen. Mitunter gelangen auch dieſe Anſtrengungen, wodurch das Entſetzliche des Schauſpiels nur noch vergrößert wurde; denn die Gefangenen d'rinnen ſahen durch ihre Gitter, wie das Feuer an manchen Stellen wurzelte und mit Macht um ſich griff, und da ſie Alle in feſte Zellen ein⸗ geſchloſſen waren, ſo bemächtigte ſich ihrer alsbald die entſetzliche Beſorgniß, lebendig verbrennen zu müſſen. Dieſe verbreitete ſich auch von Zelle zu Zelle, von Hof zu Hof, und machte ſich in ſo grauenhaftem Geheul, Zetergeſchrei und Hülferufen Luft, daß das 8̈ᷣ̈—— 2 95 ganze Gefängniß davon wiederhallte, und ſogar das Gebrülle des Pöbels und das Brauſen der Flammen übertäubt wurde. Es waren Töne der Todesangſt und der Verzweiflung, ob denen auch der Kühnſte erbebte. Merkwürdig war es, daß dieſes Geſchrei gerade in jenem Theile des Gefängniſſes ſeinen Anfang nahm, der nach Newgate Street hinausging, und wo, wie man wußte, die Männer ſaßen, die am Donnerſtag hingerichtet werden ſollten. Die vier Leute, welchen ſo kurze Lebensfriſt zugemeſſen war, waren indeß nicht nur die erſten, welche von der Furcht, verbrennen zu müſſen, erfaßt wurden, ſon⸗ dern benahmen ſich auch die ganze Zeit über am allerungeberdigſten. Man konnte ſie nämlich, trotz der dicken Mauern, deutlich rufen hören, daß der Wind ſich in ihre Richtung zöge und die Flammen ſie in Kurzem erreichen müßten, auch ſchrieen ſie den Schließern zu, ſie ſollten kommen und das Feuer aus der Ciſterne in ihrem Hofe löſchen, die voll Waſſer ſey. Nach dem zu urtheilen, was man von Zeit zu Zeit draußen hören konnte, ließen dieſe vier verurtheilten Elenden keinen Augenblick ab, um Hülfe zu rufen, und zwar mit einer ſolchen Verzweiflung, mit einem ſo wahnſinnigen Haften an dem Daſeyn, als hätte jeder ein geehrtes, glück⸗ liches Leben vor ſich, und nicht nach achtundvierzig Stunden jämmerlicher Haft einen gewaltſamen, ſchmachvollen Tod. 96 Ueber alle Beſchreibung ging jedoch die Angſt und die Qual zweier Menſchen, die Söhne eines dieſer Verurtheilten waren, als ſie die Stimme ihres Vaters hörten oder zu hören glaubten. Sie rangen die Hände und eilten wie Wahnſinnige auf und ab; dann ſtieg einer auf die Schulter ſeines Bruders und verſuchte auf die hohe Mauer zu klettern, die oben mit eiſernen Spitzen und Haken geſchützt war. Auch ließ er ſich nicht durch die Beulen abſchrecken, die er erhielt, wenn er wieder unter den Haufen zurückſtel, ſondern ſtieg wieder hinauf, um abermals rückwärts zu fallen, und als er endlich die Unmög⸗ lichkeit einſah, fing er an, mit den Händen gegen die Steine zu ſchlagen und an ihnen zu zerren, als wollte er mit den Nägeln eine Breſche in das feſte Gebäude brechen und ſich einen Eingang erzwingen. Zuletzt drangen ſie durch den um das Thor ver⸗ ſammelten Haufen, obgleich Viele, die ihnen dutzend⸗ mal an Kraft überlegen waren, es vergeblich ver⸗ ſucht hatten, und dort ſah man ſie im— ja, im— Feuer, wie ſie ſich anſtrengten, das Eiſenportal mit Hebebäumen niederzuſtoßen. Doch waren ſie nicht die einzigen, welche durch die Jammerufe der Gefangenen ſo ergriffen wurden. Die zuſchauenden Weiber ſchrieen laut auf, ſchlugen die Hände zuſammen und ſtopften ſich die Ohren zu; Viele ſanken ihn Ohnmacht. Die Männer, welche nicht in der Nähe der Mauern geweſen und bei der Belagerung bethätigt waren, 97 rißen, um nicht müßig zu ſeyn, das Straßenpflaſter auf und vollführten dieß mit einer Haſt und einer Wuth, die nicht ungeſtümer hätten ſeyn können, ſelbſt wenn ſie es mit dem Gefängniß zu thun ge⸗ habt und ihr Zweck damit erreicht geweſen wäre. Nicht ein lebendes Weſen in dem ganzen Haufen blieb auch nur einen Augenblick ruhig. Die ganze große Maſſe war eigentlich toll. Ein Jubelruf! noch einer! und wieder einer— obgleich nur Wenige wußten, warum, oder was er bedeuten ſolle. Aber die Naheſtehenden hatten ge⸗ ſehen, daß das Thor langſam nachgab und aus ſeiner oberſten Angel wich. Es hieng auf dieſer Seite nur noch in einer einzigen, ſtand aber noch immer aufrecht wegen des Querbalkens, und weil es vermöge ſeiner eigenen Schwere tief in den Aſchen⸗ haufen unten eingeſunken war. Oben an der Bogen⸗ wölbung zeigte ſich nun ein Spalt, durch den man in einen finſteren, höhlenartigen Gang hineinſehen konnte. Jetzt das Feuer aufgeſchürt! Es loderte ungeſtüm auf. Das Thor wurde rothglühend und der Spalt weiter. Sie mühten ſich umſonſt, die Geſichter mit den Händen zu ſchir⸗ men, und ſtanden ſprungfertig auf der Lauer. Man ſah dunkle Geſtalten, einige auf Händen und Knieen kriechend, einige auf den Armen von Andern ge⸗ tragen, das Dach entlang ziehen. Es war augen⸗ ſcheinlich, daß ſich das Gefängniß nicht länger halten konnte. Der Kerkermeiſter und ſeine Dienſt⸗ Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 7 98 mannſchaft ergriffen mit Weibern und Kindern die Flucht. Das Feuer aufgeſchürt! Das Thor wich abermals; es ſenkte ſich tiefer in die Aſche— wankte— neigte ſich— und lag am Boden! Sie erhoben abermals ein Freudengeſchrei und wichen einen Augenblick zurück, um das Feuer, das zwiſchen ihnen und dem Eingang in das Gefängniß lag, zu umgehen. Hugh ſprang auf den Flammen⸗ haufen und ſtürzte, einen Funkenregen durch die Luft zerſtreuend und die dunkle Vorhalle mit der Lohe auf ſeinen Kleidern erhellend, durch den Eingang. Der Henker folgte. Und dann ſtürzten ihnen ſo Viele nach, daß das Feuer niedergetreten und auf der Straße zerſtreut wurde. Doch man bedurſte ſeiner jetzt nicht mehr, denn das Gefängniß loderte nun von Innen und Außen hell auf. Fünfundſechzigſtes Kapitel. Während des ganzen Verlaufs des ſchrecklichen Auftrittes, der jetzt ſeine höchſte Höhe erreicht hatte, litt ein einziger Mann in dem Gefängniſſe unter einer Furcht und Seelenfolter, die ſelbſt unter den zum Tode Verurtheilten nicht ihres Gleichen fand. ————— S S ͤS—— S· —, 99 Gleich Anfangs, als ſich die Rebellen vor dem Gebäude verſammelten, wurde der Mörder durch das Gebrüll der Stimmen und das Gewühl der unge⸗ heuren Menge aus dem Schlafe geweckt— wenn anders der Schlummer eines ſolchen Menſchen dieſen glücklichen Namen verdient. Sobald dieſe Töne ſein Ohr trafen, fuhr er auf und ſetzte ſich lauſchend auf ſeine Bettſtelle. Nach einer kurzen Pauſe brach der Lärm auf’s Neue los. Er horchte noch immer aufmerkſam und kam im Laufe der Zeit zu dem Schluſſe, daß das Gefängniß durch eine wüthende Menge belagert werde. Sein Schuldbewußtſeyn malte ihm ſogleich in den Stürmenden Feinde und ließ ihn beſorgen, daß man ihn herausſuchen und in Stücke reißen werde. Einmal durch dieſen Gedanken erſchreckt, ver⸗ einigte ſich alles nur, um denſelben zu beſtätigen und zu bekräftigen. Sein doppeltes Verbrechen, die Umſtände, unter denen er es begangen, die lange Zeit, die darüber verfloſſen, und demungeachtet die endliche Entdeckung deſſelben— alles dieſes zeigte ihm, daß er der ſichtbare Gegenſtand des göttlichen Zornes ſey. Unter der Geſammtheit des Verbrechens, des Laſters und der ſittlichen Umnachtung in dieſem großen Peſthauſe der Hauptſtadt— ſtand er allein, gebrandmarkt und ausgezeichnet durch ſeine große Schuld— ein Luzifer unter den Teufeln. Die übrigen Gefangenen waren ein ganzes Heer, die 7* 100 ſich gegenſeitig verbergen und ſchützen konnten— eine Maſſe, ähnlich der vor den Mauern draußen. Er war nur ein Einziger gegen den ganzen, ver⸗ einigten Haufen: ein einzelner, einſamer, verlaſſener Mann, vor dem ſogar die Verbrecher im Kerker entſetzt zurückwichen. Möglich, daß die Kunde von ſeiner Habhaft⸗ werdung ruchbar geworden und daß ſie ausdrücklich in der Abſicht hergekommen waren, ihn herauszu⸗ ziehen und auf der Straße zu erſchlagen; möglich auch, daß es Rebellen waren, die in Verfolgung eines alten Planes das Gefängniß verwüſten wollten. Aber in keinem Falle glaubte oder hoffte er, daß man ihn ſchonen würde. Jedes Geſchrei, daß ſie erhoben, jeder Laut, der an ſein Ohr ſchlug, war ein Dolchſtich in ſein Herz. Im Verlaufe der Be⸗ lagerung wurde er nur noch wilder und wahnſinniger in ſeinem Schrecken. Er verſuchte die Eiſenſtangen vor dem Kamin wegzureißen, die ihn hinderten, hinauf zu klettern, und ſchrie den Gefängnißwärtern zu, ſie ſollten ſich um ſeine Zelle ſchaaren und ihn gegen die Wuth des Pöbels ſchützen, oder ihn in irgend einen unterirdiſchen Kerker werfen— gleich⸗ viel, wie tief, wie finſter, wie eckelhaft, wie mit Ratten und kriechenden Würmern bevölkert er wäre, wenn er ihn nur verſteckte und ihn nicht leicht auf⸗ finden ließ. Aber Niemand kam oder antwortete auf ſein Rufen. Aus Furcht, durch ſein Schreien die Auf⸗ „ 101 merkſamkeit auf ſich zu ziehen, verſtummte er. Auf einmal bemerkte er, als er durch ſein Gitterfenſter ſah, einen ſeltſamen Schein auf der Steinmauer und dem Pflaſter des Hofes. Er war anfangs nur ſchwach, und kam und ging, als ob einige Gefäng⸗ nißwärter mit Fackeln auf dem Dache hin und her zögen. Bald wurde er jedoch röther und Feuer⸗ brände wirbelten hernieder, Funken auf den Boden herumſprühend und trübe in den Ecken fortgloſtend. Einer derſelben rollte unter eine hölzerne Bank und ſetzte ſie in Flammen; ein anderer fiel in eine Dach⸗ rinne, entzündete dieſelbe, und das Feuer griff weiter, eine lange Flammenzeile hinter ſich laſſend. Einige Zeit nachher begann ein langſamer, dichter Schauer von brennenden Trümmern aus irgend einem obern Theile des Gefängniſſes, der ſchon faſt in lichter Lohe ſtand, vor ſeiner Thüre niederzu⸗ praſſeln. Er erinnerte ſich, daß ſie nach Außen aufging, und wußte, daß jeder Funke, der auf den Haufen ſiel, ſelbſt wenn er ſein lichtvolles Leben verlor und zu einem häßlichen Häuflein Aſche hin⸗ ſtarb, nur dazu beitrug, ihn lebendig zu begraben. Aber obgleich das Gefängniß von Angſt⸗ und Hülferufen wiederhallte— obgleich das Feuer auf⸗ huͤpfte, als wenn jede geſonderte Flamme das Leben eines Tiegers hätte und in hungrigen Tönen brüllte — obgleich die Hitze ſo übermächtig, die Luft ſo er⸗ ſtickend, der Lärm außen mit jedem Augenblicke ſtärker, und die Gefahr, dem unbarmherzigen Element zum Opfer zu fallen, von Minute zu Mi⸗ nute drohender wurde— dennoch fürchtete er ſich, ſeine Stimme wieder laut werden zu laſſen, damit die Maſſe nicht hereinbreche und entweder durch ihre ei⸗ gene Ohren, oder durch Benachrichtigung von Seiten der anderen Gefangenen Kunde erhalte, wo er einge⸗ ſchloſſen ſey. Er fürchtete ſich alſo gleich ſehr vor denen im Gefängniß, wie vor denen draußen, vor dem Lärm, wie vor der Stille, vor dem Lichte, wie vor der Finſterniß; er bebte zurück vor ſeiner Befreiung, wie vor dem Gedanken, hier bleiben und ſterben zu müſſen; er war ſo gefoltert und gequält, daß nichts, was je die ſchreckliche Laune der Gewalt und Grau⸗ ſamkeit über einen Menſchen zu verhängen vermochte, mit ſeiner Selbſtpeinigung verglichen werden konnte. Jetzt, jetzt lag das Thor am Boden. Jetzt ſtürmten ſie durch das Gefängniß, riefen einander in den gewölbten Gängen zu, ſprengten die Eiſenthüren, die von einem Hofe zum andern führten, ſchlugen an die Thüren der Zellen und Wächter, riſſen Querbal⸗ ken, Schlöſſer und Riegel ab, zertrümmerten die Thür⸗ pfoſten, um die Leute herauszulaſſen, mühten ſich, ſie mit Gewalt durch Spalten und Fenſter zu zerren, wo ſich kaum ein Kind durchzuzwängen vermochte, heulten und zeterten ohne Unterlaß, und rannten durch Hitze und Flammen, als beſtände ihre Haut aus Metall. Sie zogen die Gefangenen an den Beinen, an den Armen, ja ſogar an den Haaren heraus. Einige eilten auf dieſelben zu, wie ſie gegen 103 das Thor kamen, und verſuchten es, ihnen ihre Eiſen abzufeilen; Andere tanzten in wahnſinniger Freude um ſie her, zerrauften ihnen die Kleider und ſchienen Luſt zu haben, ihnen Glied für Glied vom Leibe zu reißen. Jetzt kamen ungefähr ein Dutzend Männer durch den Hof geſtürzt, in welchen der Mörder durch ſein dunkles Fenſter ſcheue Blicke warf, und ſchleppten einen Gefangenen auf dem Boden nach, dem ſie in ihrem wahnſinnigen Befreiungseifer beinahe alle Klei⸗ der vom Leibe geriſſen hatten, und der jetzt blutend und beſinnungslos in ihren Händen lag. Etwa zwanzig Sträflinge, die ſich in den Windungen des Gefängniſſes verirrt und von dem Lärm und dem Feuerſchein den Kopf ſo verloren hatten, daß ſie noch immer, wie früher, zeterlich um Hülfe ſchrien, eilten hin und her. Ein ausgehungerter Unglücklicher, der vielleicht einen Brod⸗ laib oder ein Stück Fleiſch von einer Schlachtbank weggeſtohlen hatte, ſchlich baarfuß vorbei— nur langſam ſich entfernend, weil das Gefängniß, ſein Haus, brannte, denn er hatte keine Freunde aufzufin⸗ den, keine alten Herbergen wieder zu beſuchen, keine Erlaubniß, etwas zu erwerben, ſondern nur die Er⸗ laubniß, vor Hunger zu ſterben. Und dann kam eine Bande Straßenräuber vorbeigetrabt, geführt von ihren Freunden unter dem Pöbelhaufen, die ihnen die Feſſeln mit Schnupftüchern und Heubändern umwickel⸗ ten, ſie ſelbſt in Mäntel und Ueberröcke hüllend und ihnen die Flaſchen zum Trinken an die Lippen haltend, weil man nicht Zeit hatte, ihnen die Handſchellen abzu⸗ 104 nehmen. Alles dieß, und der Himmel weiß, wie viel noch mehr, geſchah inmitte eines Lärms, einer Haſt und einer Verwirrung, dergleichen man nicht einmal aus Träumen kennt; und doch ſchien der Tumult immer noch zuzunehmen und auch keinen Augenblick ablaſſen zu wollen. Er ſchaute durch ſein Fenſter auf all dieß nie⸗ der, als ſich ein Männerhaufen mit Fackeln, Leitern, Aexten und Waffen aller Art in den Hof ergoß, an ſeine Thüre hämmerte und fragte, ob ein Gefan⸗ gener drinnen ſey. Als er ſie kommen ſah, wich er von dem Fenſter zurück und verſteckte ſich in den äußerſten Winkel ſeiner Zelle; aber obgleich keine Antwort erfolgte, dachten ſich doch die Eindringlinge, daß Jemand drinnen ſeyn müſſe, denn ſie legten ſchnell die Leiter an, begannen die Eiſenſtangen des Fenſters loszureißen und hieben ſogar mit Spitzhauen die Steine aus der Mauer heraus. Sobald ſie an dem Fenſter eine Breſche ge⸗ brochen hatten, groß genug, um einen Mannskopf durchzulaſſen, ſteckte Einer von ihnen eine Fackel hinein und ſah ſich in dem ganzen Raume um. Der Möͤrder folgte dem Blicke dieſes Mannes, bis derſelbe auf den ſeinigen traf, und hörte ihn fragen, warum er nicht antworte, erwiederte übrigens immer noch nichts. In der allgemeinen Ueberraſchung und Verwun⸗ derung waren ſie an dergleichen gewöhnt, denn ohne etwas Weiteres zu ſagen, machten ſie die Breſche groß genug, bis ein Mann durchkriechen konnte, und dann — 105 ließ ſich Einer um den Andern auf den Boden hin⸗ unter, bis die Zelle voll war. Sie hoben ihn auf, ſchoben ihn von Hand zu Hand gegen das Fenſter, und die auf der Leiter Stehenden warfen ihn auf das Hofpflaſter hinunter. Dann kamen auch die Uebrigen, Einer nach dem Andern, wieder heraus und hießen ihn ohne Zögerung fliehen, da der Weg ihm bald verſperrt ſeyn würde, worauf ſie weiter eilten, um Andere zu retten. Seine ganze Befreiung ſchien nur das Werk einer einzigen Minute zu ſeyn. Er half ſich auf die Beine und konnte kaum an die Wirklichkeit des Ge⸗ ſchehenen glauben, als ſich der Hof wieder füllte, und ein Haufen, Barnaby in ihrer Mitte, vorbeiſtürzte. In einer andern Minute— was ſage ich, Minute! — nein, in demſelben Augenblicke wurden er und ſein Sohn durch das dichte Gedränge in der Straße von Hand zu Hand geſchoben und dort ſchaute er auf ein Feuermeer zurück, das, wie Einer ſagte, New⸗ gate war. Von dem Augenblicke ihres erſten Eindringens in das Gefängniß an vertheilten ſich die Rebellen in allen Rich⸗ tungen und ſchwärmten durch alle Löcher und Spalten, als wären ſie vollkommen mit den innerſten Theilen vertraut und als wüßten ſie den Plan des ganzen Gebäudes auswendig. Dieſe genaue Ortskenntniß ver⸗ dankten ſte ohne Zweifel großentheils dem Henker, der in der Vorhalle ſtand und dem Einen dieſe, dem Andern jene Richtung anwies, was denn allerdings 106 eine weſentliche Unterſtützung war und die wunder⸗ bare Schnelligkeit, womit die Befreiung der Gefan⸗ genen vollführt wurde, möglich machte. Aber dieſer Vollſtrecker des Geſetzes behielt ſich einen wichtigen Theil ſeiner Lokalitätskenntniſſe vor und ließ über dieſen Punkt auch keine Sylbe verlau⸗ ten. Nachdem er ſeine Inſtruktionen hinſichtlich der übrigen Theile des Gebäudes erlaſſen hatte und ſich der Pöbel von einem Ende zum andern geſchäftig verbreitete, nahm er aus einem Wandſchrank einen Schlüſſelbund und begab ſich vermittelſt eines gehei⸗ men Ganges in der Nähe der Kapelle(ſie ſtieß an das Haus des Kerkermeiſters und ſtand in Flammen) nach den Zellen der Verurtheilten— einer Reihe kleiner, feſter, ſchauerlicher Gemächer, neben einer niedrigen Gallerie, die an dem Ende, wo er eintrat, durch eine ſtarke, eiſerne Pforte, an dem andern durch zwei Thüren und ein feſtes Gitter geſchützt war. Nachdem er die Pforte zweimal verſchloſſen und ſich die Ueberzeugung verſchafft hatte, daß die andern Eingänge gleichfalls wohl verwahrt waren, ſetzte er ſich auf eine Bank in der Gallerie und ſaugte mit der Miene der größten Selbſtzufriedenheit, Ruhe und Behaglichkeit an dem Knopfe ſeines Stockes. Dieſe Weiſe, ſich ruhig gehen zu laſſen, während das Gefängniß brannte und ein ſolcher Tumult die Luft zerriß, wäre ſchon ſeltſam genug geweſen, wenn ſich der Mann außerhalb der Mauern befunden hätte. Aber hier, mitten im Herz des Gebäudes, wo noch N R 107 obendrein die Bitten und Jammerrufe der vier zum Tod verurtheilten Männer in ſeine Ohren tönten und die durch die Gitter der Zellenthüren geſtreckten Hände vor ſeinen Augen in verzweifeltem Flehen zu⸗ ſammenſchlugen— hier war es beſonders merkwür⸗ dig. In der That ſchien es auch Herr Dennis für einen ungewöhnlichen Umſtand zu halten und ſich ſelbſt darüber aufzuziehen; denn er ſchob ſeinen Hut auf die eine Seite, wie manche zu thun pflegen, wenn ſie in einer ſchalkhaften Stimmung ſind, ſaugte mit größerem Wohlbehagen an dem Knopfe ſeines Stockes und lächelte, als ob er ſagen wollte:„Dennis, du biſt ein pfiffiger Hund, du biſt ein ſchnurriger Kauz; du biſt ein Kapitalgeſellſchafter, Dennis, und recht eigentlich ein großer Charakter.“ So blieb er etliche Minuten ſitzen, während die vier Männer in den Zellen, überzeugt, daß Jemand in die Gallerie getreten war, aber ohne zu wiſſen, wer, ſo jammervolle Bitten laut werden ließen, wie man ſich's von Elenden in ihrer erbärmlichen Lage nur denken kann; ſie flehten ihn um Gotteswillen an, wer er auch ſeyn möge, ſie in Freiheit zu ſetzen, und betheuerten mit der größten Wärme(vielleicht war es auch für den Augenblick aufrichtig genug gemeint), daß ſie, wenn ſie dießmal durchkämen, ihre ſchlimmen Wege verlaſſen und nie, nie, nie wieder Unrecht thun wollten vor Gott oder den Menſchen, denn ſie ſeyen feſt entſchloſſen, ein reuiges und ehrbares Leben zu führen und die begangenen Verbrechen durch Buße zu ſüh⸗ 108 nen. Der ſchreckliche Nachdruck, womit ſie ſprachen, würde Jeden, ſelbſt den Beſten oder Gerechteſten (wenn überhaupt ein Guter oder Gerechter ſich in einer ſolchen Nacht nach dieſem traurigen Orte hätte verirren können) bewegt haben, ſie in Freiheit zu ſetzen und ihnen, während er jeder andern Züchtigung freien Lauf gelaſſen hätte, dieſe letzte, fürchterlich ab⸗ ſtoßende Strafe zu erſparen, die nie den Vösgeſinn⸗ ten bekehrt, wohl aber Tauſende ſchon verhärtet hat, die ſchon auf halbem Wege zur Beſſerung waren. Herr Dennis war ein Zögling der guten alten Schule und hatte ſeit geraumer Zeit alle ſechs Wo⸗ chen ein⸗ oder zweimal die guten alten Geſetze in guter alter Weiſe vollſtreckt, weßhalb er dieſe flehent⸗ lichen Aufforderungen mit viel Philoſophie hinnahm. Da er jedoch endlich durch die allzu oftigen Wieder⸗ holungen derſelben in ſeinen vergnüglichen Betrach⸗ tungen einigermaßen geſtört wurde, ſo klopfte er mit ſeinem Stocke an eine der Thüren und rief: „Ruhig einmal mit dieſem Lärm da— wollt Ihr 24 Hierauf ſchrieen Alle zuſammen, daß ſie über⸗ morgen gehängt werden ſollten und fingen auf's Neue an, kläglich um Hülfe zu flehen. „Hülfe? Zu welchem Ende?“ verſetzte Herr Dennis, indem er neckiſch auf die Fingerknöchel des⸗ jenigen klopfte, der ihm am nächſten war. „Damit wir uns retten können!“ riefen ſie. „Ah, natürlich,“ ſagte Herr Dennis, indem er 109 in Abweſenheit eines Freundes, mit dem er ſich über den Spaß vergnügen konnte, der Mauer zublinzelte. „Ihr ſollt alſo abgethan werden, meine lieben Brüder?“ „Wenn wir heute Nacht nicht loskommen,“ rief Einer von ihnen,„ſo iſt's um unſer Leben geſchehen.“ „Ich will Euch ſagen, wie die Sachen ſtehen,“ entgegnete der Henker gravitätiſch;„ich fürchte, mein Freund, Ihr ſeyd nicht in der Gemüthsſtimmung, die für Eure Lage paßt. Ihr werdet nicht los kom⸗ men— nicht daran zu denken. Wollt Ihr einmal von Eurem unanſtändigen Schreien ablaſſen? Wahr⸗ haftig, es nimmt mich Wunder, daß Ihr Euch nicht vor Euch ſelbſt ſchämt.“ Nach dieſem Verweiſe klopfte er Jedem der Reihe nach auf die Knöchel, und dann nahm er mit ver⸗ gnügtem Geſichte ſeinen Sitz wieder ein. „Ihr habt das Geſetz gehabt,“ fuhr er fort, die Beine über einander legend und die Augbrauen in die Höhe ziehend;„ausdrücklich wegen Euch hat man Geſetze gemacht, wegen Euch ein ſchönes Gefängniß gebaut, wegen Euch hält man einen Pfarrer, wegen Euch einen konſtuznellen Beamten; ausdrücklich wegen Euch hat man Karren angeſchafft— und doch ſeyd Ihr nicht zufrieden!— wird der Lärm bald aufhö⸗ ren, da, Ihr Musje, in der hinterſten Zelle?“ Ein Stöhnen war die einzige Antwort. „So viel ich merke,“ ſagte Herr Dennis in einem Tone, der zwiſchen Scherz und Verweis die Mitte hielt,„iſt nicht ein einziger Mann unter Euch. Ich fange an, zu glauben, daß ich auf die andere Seite hinüber unter die Weiber gerathen bin, obgleich ich, was dieß betrifft, auf manche Frauensperſon gerathen bin, die ſich ſo ſtandhaft benommen hat, daß ſie ihrem Geſchlechte alle Ehre machte.— Ihr, in Num⸗ mer Zwei, knirſcht nicht ſo mit Euren Zähnen. Hab' ich doch nie zuvor an dieſem Orte ſo eine ſchlechte Lebensart geſehen,“ fügte der Henker bei, indem er mit ſeinem Stock an die Thüre ſchlug.„Ich ſchäme mich für Euch. Ihr ſeyd eine wahre Schmach für das Bailey!“ Nach einer kurzen Pauſe, während welcher der Henker aufhorchte, ob Keiner etwas zu ſeiner Recht⸗ fertigung vorbringen würde, fuhr er in einer Art von einſchmeichelndem Tone fort: „Nun, ſchaut einmal, Ihr vier. Ich komme her, um Euch in Obacht zu nehmen und zuzuſehen, daß Ihr mir ſtatt der anderen Geſchichte nicht verbrennt. Euer Geſchrei hilft Euch nichts, denn diejenigen, welche eingebrochen haben, finden Euch nicht und Ihr macht blos, daß Ihr heiſer werdet, wenn es an die Reden kömmt— und das wäre Schade. Was die Reden anbelangt, ſage ich immer: laßt ſie machen!“ Das iſt mein Grundſatz. Laßt ſie machen. Ich habe,“ fügte der Henker bei, indem er ſeinen Hut abnahm, um ſein Schnupftuch herauszulangen und ſein Geſicht abzuwiſchen, worauf er ihn, noch ſchiefer als zuvor, auf die Seite drückte, ich habe eine 111 Beredtſamkeit auf den Brettern gehört— Ihr wißt, was fuͤr Bretter ich meine— ja, ich habe ein Stück Mundwerk in den Reden gehört, daß es einem ſo hell vorkam, wie eine Glocke, und ſo gut, als eine Komödie. Nehmt ein Muſter d'ran! Und wenn eine Sache einmal ſo weit kömmt, ſo halte ich immer viel auf eine geeignete Gemüthsſtimmung. Haben wir nur erſt eine geeignete Gemüthsſtimmung, ſo kann man mit Ehren angenehm und geſellig durch⸗ kommen. Was Ihr auch immer thun mögt— ich meine dabei namentlich Euch in der hinterſten— nur keine Heulerei.'s wär' mir halb und halb lie⸗ ber, obgleich ich dabei verlöre, wenn ich mit anſehen müßte, wie ein Mann mit Fleiß ſeine Kleider zer⸗ reißt und ſie verderbt, ehe ſie an mich kommen, als daß er mir da die Ohren voll heulte. Jedenfalls iſt's eine zehnmal beſſere Gemüthsſtimmung. Während der Henker ſie alſo im Tone und mit der Miene eines Paſtors, der ſich in vertraulichem Geſpräche mit ſeiner Heerde ergeht, anredete, hatte ſich der Lärm einigermaßen gelegt, denn die Aufrüh⸗ rer waren beſchäftigt, die Gefangenen nach dem Sitzungshauſe zu führen, das zwar außerhalb der Hauptmauern von Newgate lag, aber doch mit dem⸗ ſelben zuſammenhing, und der übrige Haufen war gleichfalls nicht laß, ſie von hier aus durch die Stra⸗ ßen weiter zu ſchieben. Dennis war jedoch kaum mit ſeinem Zuſpruche zu Ende gekommen, als das Rufen von Stimmen in dem Hofe klärlich bekundete, 112 daß der Pöbel zurückkehrte und dieſe Richtung ein⸗ ſchlug. Ein ungeſtümes Donnern gegen das Gitter unten lieferte den Beleg, daß endlich ein Angriff auf die Zellen, wie man ſie nannte, gemacht wurde. Vergeblich eilte der Henker von Thüre zu Thüre und bedeckte ein Gitter um das andere mit ſeinem Hute, um das Schreien der vier Männer innen zu erſticken; vergeblich klopfte er mit ſeinem Stocke auf die ausgeſtreckten Hände oder bedrohte ſie mit neuen und langwierigen Peinigungen in Ausübung ſeines Amtes; die Gallerie hallte wieder von ihren Klage⸗ rufen. Dieß, zugleich mit dem Bewußtſeyn, daß man jetzt noch die letzten aus dem Gefängniſſe zu holen habe, wirkte als ein ſolcher Sporn auf die Belagerer, daß in unglaublich kurzer Friſt das ſtarke Gitter unten, welches aus zwei Zoll dicken Eiſen⸗ ſtangen beſtand, niedergeſchlagen war; dann ſpreng⸗ ten ſie die beiden andern Thüren, als wären ſie nur aus leichtem Tannenholz, und ſtanden nun am Ende der Gallerie, nur noch durch einen oder zwei Quer⸗ balken von den Zellen getrennt. „Hollah!“ rief Hugh, der zuerſt in den düſtern Gang hineinſchaute.„Dennis ſchon vor uns da? Brav, alter Knabe. Sputet Euch und öffnet hier, ſonſt erſtickt uns der Rauch im Hinausgehen.“ „So geht lieber gleich hinaus,“ verſetzte Dennis. „Was wollt ihr hier?“ „Was wir wollen?“ entgegnete Hugh.„Die vier Männer.“ — ———— — 0 ³— +½ 28α—ꝑ7 dier 113 „Vier Teufel!“ rief der Henker.„Wißt Ihr nicht, daß ſie am nächſten Donnerſtag aufgeknüpft werden ſollen? Habt Ihr keinen Reſpekt vor dem Geſetz— vor der Conſtitution— vor nichts? Laßt die vier Männer ungeſchoren.“ „Iſt das eine Zeit zu Poſſen?“ erwiederte Hugh. „Hört Ihr ſie? Weg da mit dieſen Balken zwiſchen der Thüre und dem Boden und laßt uns ein.“ „Bruder,“ ſagte der Henker mit gedämpfter Stimme, indem er ſich niederbeugte, als wolle er Hughs Wunſch willfahren, dabei aber nur nach ſei⸗ nem Geſicht aufſchaute. Könnt Ihr nicht dieſe vier Menſchen mir überlaſſen, auf die ich einmal verſeſſen bin? Ihr thut, was Ihr wollt, und nehmt von Allem Euren beliebigen Antheil; gebt mir auch den meinigen. Ich will, daß man dieſe vier Män⸗ ner in Ruhe läßt, ſage ich Euch.“ „Reißt die Balken nieder, oder geht aus dem Wege,“ lautete Hughs Antwort. „Ihr dürft nur wollen, ſo geht der Haufen wieder mit Euch zurück; Ihr wißt das recht wohl, Bruder,“ ſagte der Henker langſam.„Was? Ihr wollt wirklich herein, he?“ „Ja.“ „Ihr wollt alſo dieſe Maͤnner nicht ungeſchoren — wollt ſie nicht mir überlaſſen? Ihr habt alſo vor gar nichts Reſpekt— vor gar nichts?“ entgeg⸗ nete der Henker, indem er ſich nach der Thüre zu⸗ rückzog, durch welche er eingetreten war , und ſeinem Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 8 8 Kameraden einen häßlichen Zornblick zuwarf.„Ihr wollt wirklich herein, Bruder?“ „Ich ſage Euch, ja. Was zum Teufel iſt Euch denn? Wohin wollt Ihr?“ „Gleichviel, wohin ich will,“ erwiederte der Henker, wieder zu dem eiſernen Pförtchen herein⸗ ſchauend, das er beinahe ſchon geſchloſſen hatte, jetzt aber wieder halb öffnete.„Denkt lieber daran, wo⸗ hin Ihr kommen werdet. Weiter ſage ich nichts.“ Damit ſchuttelte er ſein Porträt gegen Hugh, verzog ſein Geſicht zu einer Fratze, dem gegenüber ſein gewöhnliches Lächeln liebenswürdig genannt wer⸗ den konnte, und verſchwand, die Thüre hinter ſich zuſchlagend. Hugh zögerte nicht länger, ſondern, eben ſo ſehr geſpornt durch das Geſchrei der Verurtheilten, als durch die Ungeduld der Menge, bedeutete er dem Manne unmittelbar hinter ihm— der Gang war nämlich ſo ſchmal, daß nur Einer Platz hatte, zu⸗ rückzutreten; dann ſchwang er einen Schmiedehammer mit ſolcher Kraft, daß nach einigen Schlägen das Eiſen wich, einbrach und freien Zutritt geſtattete. Wenn die oben erwähnten Söhne des einen der dem Tode geweihten Männer ſchon früher einen wü⸗ thenden Eifer zeigten, ſo arbeiteten ſie jetzt mit dem Grimme und der Kraft von Löwen. Man rief Jedem in ſeiner Zelle zu, ſo weit als möglich zurück⸗ zuweichen, damit ihn die Arthiebe nicht durch die Thüre verwunden möchten; und dann arbeitete ſich ◻ 115 vor jeder Zelle ein Häuflein ab, mit rühriger Kraft darauf losſchlagend, bis Querbalken und Schließ⸗ haken brachen. Aber obgleich die beiden jungen Menſchen das ſchwächſte und am ſchlechteſten bewaff⸗ nete Häuflein um ſich hatten, deßgleichen auch ſpäter an die Arbeit kamen, als die Uebrigen, weil ſie zu⸗ vor noch durch das Gitter mit ihrem Vater geflüſtert, ſo war doch dieſe Zelle zuerſt geſprengt und ihr Be⸗ wohner zuerſt in Freiheit geſetzt. Als ſie ihn in die Gallerie hinauszogen, um ihm die Feſſeln abzuſchla⸗ gen, ſank er, eine bloße Kettenmaſſe, unter ihnen nieder, ſo daß man ihn in dieſem Zuſtande und ohne alle Lebenszeichen auf den Schultern hinaustragen mußte. Die Befreiung dieſer vier Elenden, welche man jetzt, verwirrt und betäubt, in das lebenvolle Treiben der Straße hinausſchaffte— ein Anblick, den ſie nur dann wieder zu ſchauen hoffen durften, wenn ſie aus ihrer ſtummen Einſamkeit ihre letzte Reiſe an⸗ treten ſollten, wo die Luft ſchwer war von dem ver⸗ haltenen Athem vieler Tauſende, und Straßen und Häuſer nicht aus Steinen und Ziegeln, ſondern aus menſchlichen Geſichtern gebaut und gemacht ſchienen — ſetzte der Scene des Entſetzens die Krone auf. Ihre bleichen, hageren Geſichter und hohlen Augen; ihre unſicheren Füße und die ausgeſtreckten Hände, als wollten ſie ſich gegen das Fallen ſchützen; ihre unſtäte und wirre Miene; die Art, wie ſie, als ſie unter das Gedränge kamen, nach Luft haſchten, in's 8*x Waſſer Gefallenen ähnlich— alles dieß bezeichnete ſie als die Verurtheilten. Man brauchte nicht zu ſagen:„Dieſer war dem Tode geweiht;“ es ſtand ihnen mit großer Schrift in die Geſichter geſtempelt und eingebrannt. Der Pöbel wich zurück, als hätten ſie ſchon im Sarge gelegen und ſich mit ihren Lei⸗ chentüchern wieder aufgerafft. Ja, man ſah Viele ſchaudern, als hätten ſie wirklich einen Todten be⸗ rührt, wenn ſie zufällig an ihren Kleidern vorbei⸗ ſtreiften. Auf Befehl des Pöbels wurden in dieſer Nacht alle Häuſer illuminirt— von oben bis unten be⸗ leuchtet, wie zu einer Zeit öffentlicher Freude. Viele Jahre ſpäter erinnerten ſich noch alte Leute, die in ihrer Jugend dieſem Stadttheile nahe gewohnt hatten, eines großen Lichterglanzes innerhalb und außerhalb der Häuſer, und ſie wußten zu erzählen, wie ſie da⸗ mals, als ſchüchterne und furchtſame Kinder durch die Fenſter ſchauend, ein Geſicht hätten vorbei⸗ gehen ſehen. Obgleich die ganze Maſſe mit ihren ſonſtigen Schrecken ihrem Gedächtniß entſchwunden war, hatte ſich doch dieſer Eine Gegenſtand tief feſt⸗ gewurzelt— ausſchließlich, beſtimmt und lebhaft vor die Seele tretend. Selbſt dem unerfahrenen Kinder⸗ ſinn war die vorbeihuſchende Erſcheinung eines dieſer Verurtheilten ein Anblick, lebhaft genug, um das ganze übrige Getümmel in Schatten zu ſtellen und ſich für immer der Erinnerung einzuprägen. Nachdem dieſes letzte Werk vollführt war, ließ das Gejubel und das Geſchrei mehr und mehr nach. Das Klirren der Ketten, welches früher, als die Züchtlinge entſprangen, von allen Seiten wiederge⸗ hallt hatte, wurde gleichfalls nicht mehr gehört. Das Getümmel milderte ſich zu einem heiſeren, dumpfen Gemurmel, das ſich in der Ferne verlor; und als die Menſchenfluth hinweggerollt war, bezeichnete nur ein trübſeliger Haufen rauchender Trümmer die Stelle, wo ſie kürzlich noch gebrüllt und getobt hatte. Sechsundſechzigſtes Kapitel. Obgleich Herr Haredale die ganze vorhergehende Nacht nicht geruht und mit weniger Unterbrechung mehrere Wochen lang gewacht hatte, da er ſich blos bei Tage durch kurzen Schlummer erfriſchte, ſpähte er doch von der Morgendämmerung an bis zu Sonnen⸗ untergang nach ſeiner Nichte an allen Orten, wo ſie, ſeiner Anſicht nach, möglicherweiſe Schutz geſucht haben konnte. Den ganzen langen Tag kam nichts als ein Schluck Waſſer über ſeine Lippen, trotz dem, daß er weit und breit Nachforſchungen anſtellte und ſich auch nicht einen Augenblick Ruhe gönnte. Auf was er ſich nur immer eutſinnen konnte, zu Chigwell und in London, in den Häuſern ſeiner 118 Freunde und der Gewerbsleute, mit denen er im Verkehr ſtand, hielt er Nachfrage. Eine Beute der bedrängendſten Sorgen, ging er von einer Magiſtrats⸗ perſon zur andern und endlich zu dem Staatsſekretär. Der einzige Troſt, den er von dieſem Miniſter er⸗ hielt, beſtand in der Verſicherung, daß die Regierung in dieſer dringenden Noth entſchloſſen ſey, die höch⸗ ſten Vorrechte der Krone in Anwendung zu bringen; es werde wahrſcheinlich morgen eine Proklamation ergehen, welche dem Militär die unumſchränkteſte Vollmacht gebe, den Aufruhr nach Kräften zu unter⸗ drücken; die Stimmung des Königs, der Verwaltung, beider Parlamente und überhaupt aller Gutgeſinnten, welchem Glaubensbekenntniß ſie auch angehören möch⸗ ten, wäre entſchieden zu Gunſten der Katholiken, und zes ſollte ihnen auf jede Gefahr und Koſten hin Ge⸗ xechtigkeit zu Theil werden. Er ſagte ihm ferner, daß auch andere Perſonen, deren Häuſer niederge⸗ brannt worden, für eine Zeitlang ihre Kinder oder Verwandten aus den Augen verloren, aber, ſo viel er wiſſe, immer wieder aufgefunden hätten; man werde ſeiner Beſchwerde eingedenk ſeyn und in den Inſtruktionen an die eommandirenden Offiziere, wie auch an die untergeordneten Diener der Gerechtigkeit gehörigen Bedacht darauf nehmen; überhaupt dürfe er ſich darauf verlaſſen, daß man ihm bereitwillig und nach Kräften hülfreiche Hand bieten werde. Wie ſchwach auch dieſer Troſt in Vergleich mit der Vergangenheit ſeyn mochte und wie wenig Hoff⸗ „— —7 119 nung ihm hinſichtlich des ſeinem bekümmerten Herzen ſo nahe liegenden Gegenſtandes daraus erwuchs, ſo entfernte er ſich doch voll dankbarer Gefühle für die von dem Miniſter ausgeſprochene Theilnahme und das Mitgefühl, welches derſelbe für ſeine Lage ge⸗ äußert hatte. Die einbrechende Nacht fand ihn noch immer einſam auf der Straße, keiner Stätte ſich be⸗ wußt, wo er ſein Haupt niederlegen konnte. Er trat in ein Gaſthaus nahe bei Charing Croß und beſtellte ſich ein Nachteſſen nebſt einem Bette. Er ſah, daß ſein mattes und erſchöpftes Ausſehen die Aufmerkſamkeit des Wirthes und der Kellner auf ſich zog, und in der Meinung, ſie könnten glauben, daß er kein Geld habe, zog er ſeine Börſe heraus und legte ſie auf den Tiſch. Es ſey nicht das, ſagte der Wirth mit ſtotternder Stimme; wenn er aber zu denjenigen gehöre, die durch die Rebellen gelitten hätten, ſo dürfe er ihm kein Unterkommen geben. Er ſey Familienvater und bereits zweimal gewarnt worden, in Aufnahme ſeiner Gäſte vorſichtig zu ſeyn. Er bitte tauſendmal um Verzeihung, aber was könne er unter ſolchen Umſtänden thun? Nichts. Niemand fühlte das tiefer, als Herr Haredale. Er ſagte dieß auch dem Manne und ver⸗ ließ das Haus. Er hätte dieß vorausſehen können nach dem, was er am Morgen zu Chigwell geſehen hatte, wo kein Menſch es wagte, auch nur einen Spaten an⸗ zurühren, obgleich er allen denen, welche mit ihm 120 kommen und unter den Trümmern ſeines Hauſes nachgraben helfen wollten, eine große Belohnung ver⸗ ſprach. Zu ſtolz, ſich einer ferneren Zurückweiſung auszuſetzen, und zu hochherzig, einen ehrlichen Ge⸗ werbsmann, der vielleicht ſchwach genug ſeyn könnte, ihm ein Ohdach zu geben, in's Unglück oder Ver⸗ derben zu ſtürzen, ging er den Strand entlang und dann in eine der Straßen, die nach der Themſe führten. Er ſpazierte gedankenvoll auf und nieder, ſeltſamerweiſe ſich in Erinnerungen an längſt ver⸗ gangene Dinge vertiefend, als er einen Diener an einem oberen Fenſter einem andern über der Straße drüben zurufen hörte, daß der Volkshaufen Newgate in Brand ſtecke. Newgate? Wo jener Mann war? Seine ſin⸗ kenden Kräfte kehrten zurück und in einem Nu fühlte er ſeine Thatkraft zehnfältig verſtärkt. Wäre es möglich— wollten ſie den Mörder wieder befreien — ſollte er, nach Allem, was er gelitten, ſterben, mit dem Verdachte des Brudermordes belaſtet? Solche Gedanken bedrängten ſeine Seele. Er wußte nicht, wie er vor das Gefängniß kam, aber dort ſtand er. Das Gedränge keilte und preßte ſich in eine dichte, finſtere, wogende Maſſe zuſammen; und da loderten die Flammen gegen den Himmel auf. Sein Kopf ſchwindelte, Lichtfunken blitzten vor ſeinen Augen, und er rang heftig mit zwei Männern. „Nein, nein,“ ſagte der Eine.„Faßt Euch doch ein wenig, mein guter Sir. Wir ziehen hier »— u— 121 die Aufmerkſamkeit auf uns. Kommt fort, was kön⸗ net Ihr thun gegen ſo viele? „Der Gentleman iſt immer für's Handeln,“ ſagte der Andere, indem er ihn vor ſich herdrängte. „Er gefällt mir darum— wahrhaftig, er gefällt mir darum. Sie hatten ihn mittlerweile in einen Hof ganz in der Nähe des Gefängniſſes gebracht. Er ſah von dem einen auf den andern, und als er ſich loszu⸗ machen ſuchte, fühlte er, daß ihm die Knie einknickten. Derjenige, welcher zuerſt geſprochen, war der alte Gentleman, den er vor des Lordmayors Wohnung getroffen— der andere John Grueby, welcher ihm zu Weſtminſter ſo mannhaften Beiſtand geleiſtet hatte. „Was ſoll das heißen?“ fragte er ſie mit mat⸗ ter Stimme.„Wie kamen wir zuſammen?“ „Außen an dem Haufen,“ antwortete der Deſtil⸗ lateur;„aber kommt mit uns. Ich bitte, kommt mit uns. Es ſcheint, Ihr kennt meinen Freund hier?“ „Gewiß,“ ſagte Herr Haredale, in einer Art von Betäubung auf John blickend. „Dann wird er Euch ſagen,“ entgegnete der alte Gentleman,„daß ich ein Mann bin, dem man trauen darf. Es iſt mein Diener. Kürzlich ſtand er noch, wie Ihr ohne Zweifel wißt, in Lord George Gordons Dienſten, trat aber aus, und brachte aus reiner Gutherzigkeit mir und andern, auf die die Auf⸗ rührer ein Augenmerk hatten, Nachrichten über die gegen uns ausgeheckten Anſchläge.“ 122 „Aber nicht zu vergeſſen, Sir, nur unter einer Bedingung,“ entgegnete John, an ſeinen Hut grei⸗ fend.„Kein Zeugniß gegen Mylord— er iſt ein gutherziger— ein irre geleiteter Mann, Sir. My⸗ lord hat dieß nie beabſichtigt.“ „Die Bedingung wird natürlich eingehalten,“ erwiederte nachdrücklich der alte Deſtillateur.„'s iſt ein Ehrenpunkt. Aber kommt mit uns, Sir, bitte, kommt mit uns.“ John Grueby fügte keine Bitte bei, ſchlug aber eine andere Weiſe der Ueberredung ein, indem er Herrn Haredale unter dem Arm ergriff, während ſein Herr den andern nahm, und ſo führten ſie ihn in aller Eile fort. Eine ſeltſame Verwirrtheit in ſeinem Kopf und die Schwierigkeit, ſeine Gedanken auf einen beſtimm⸗ ten Gegenſtand zu richten, indem er ſich ſogar nicht einmal ſeiner Führer entſinnen konnte, wenn er ſie nicht anſah, gaben Herrn Haredale die Ueberzeugung, daß ſein Gehirn unter der Aufregung und den Lei⸗ den der letzten Zeit, die auch jetzt noch kein Ende nehmen ſollten, gelitten hatte; er ließ ſich daher ganz nach ihrer Willkür leiten. Während ihres Weges kam er zu dem Bewußtſeyn, daß ihm weder ſeine Worte, noch ſeine Gedanken zu Gebote ſtanden, und er fürchtete allen Ernſtes, wahnſinnig zu werden. Der Deſtillateur wohnte, wie er bei ihrem erſten Zuſammentreffen geſagt hatte, zu Holborn Hill, wo er große Niederlagen hatte und ein bedeutendes Ge⸗ —.— R— uU n α 23 123 ſchäft trieb. Sie näherten ſich ſeiner Wohnung durch eine Hinterthüre, um die Aufmerkſamkeit des Pöbels nicht auf ſich zu lenken, und begaben ſich nach einer obern Stube, die gegen die Straße hinausging; die Fenſter waren jedoch hier, wie in allen andern Zim⸗ mern des Hauſes an der innern Seite mit Brettern vernagelt, damit draußen alles dunkel ausſehen möchte. Man hatte jetzt den vollkommen beſinnungsloſen Herrn Haredale auf ein Sopha gelegt. John holte einen Wundarzt herbei, und nachdem ihm dieſer tüch⸗ tig zur Ader gelaſſen hatte, kam er allmälig wieder zu ſich. Da er vor der Hand zu ſchwach zum Gehen war, ſo hielt es nicht ſchwer, ihn zu überreden, daß er die Nacht über hier bleibe, und man brachte ihn ohne Zeitverluſt zu Bette. Dann erquickte man ihn mit etwas Röſtſchnitte und einer Herzſtärkung, und reichte ihm einen kräftigen Schlaftrunk, unter deſſen Einfluß er bald in Betäubung verfiel, und für eine Weile ſeiner Leiden vergaß. Der Weinhändler, ein Ehrenmann und ein herz⸗ lich guter alter Knabe, dachte nicht daran, ſelbſt zu Bette zu gehen, denn er hatte von den Rebellen unterſchiedliche drohende Warnungen erhalten, und war dieſen Abend eigentlich aus keinem andern Grunde ausgegangen, als um zu ſehen, ob er nicht aus dem Geſpräche des Geſindels entnehmen könnte, in wie weit er zunächſt für ſein Haus zu fürchten habe. Er blieb die ganze Nacht über neben Herrn Haredale's Lager in einem Armſtuhle ſitzen— hin und wieder 124 ein wenig einſchlummernd und von Zeit zu Zeit die Berichte John Grueby's und zweier oder dreier an⸗ dern vertrauten Perſonen in ſeinen Dienſten anzuhö⸗ ren, die als Kundſchafter auf den Straßen umher⸗ gingen und zu deren Erquickung in einem anliegen⸗ den Zimmer ein reichlich beſetzter Tiſch ſtand, welchem der alte Weinhändler, trotz ſeiner Herzensangſt, zu⸗ weilen gleichfalls zuſprach. Die Nachrichten lauteten ſchon anfangs beun⸗ ruhigend genug, aber je weiter es in die Nacht hin⸗ einging, deſto ſchlimmer wurden ſie, denn das Werk der Verheerung und des Aufruhrs griff ſo furchtbar um ſich, daß die früheren Unruhen in Vergleichung mit den neueſten Berichten in ein wahres Nichts zu⸗ ſammen fielen. Die erſte Botſchaft meldete die Einnahme von Newgate und die Flucht aller Verbrecher, deren Spur, als ſie ſich Holborn hinauf und in den anliegenden Straßen vertheilten, die in ihren Häuſern eingeſchloſ⸗ ſenen Bürger in dem unheimlichen Conzerte des Ket⸗ tengeraſſels, welches man in allen Richtungen hörte, als ob eben ſo viele Schmiedewerkſtätten in Thätigkeit wären, verfolgen konnten. Auch leuchteten die Flam⸗ men ſo hell durch die Gewölbeöffnungen des Wein⸗ händlers, daß die Stuben und Stiegen unten beinahe wie im Lichte des Tages erſchienen, während von dem fernen Brüllen des Pöbels ſogar die Wände und die Decken erzitterten. Endlich hörte man, wie ſich die Bande dem Hauſe 1 ————————„-—— — ₰— 1 125 näherte, und einige Minuten gingen in ſchrecklicher Angſt dahin. Der Haufen kam dicht heran und machte unten Halt, aber nach einem dreimaligen gellenden Geſchrei zog er weiter. Freilich kehrten ſie in der Nacht noch etlichemale zurück, jedesmal neue Aengſten weckend; aber damit hatte es ſein Bewenden, da ſie anderwärtig hinreichende Beſchäftigung fanden. Bald nach ihrem erſten Abzuge kam einer der Kundſchafter mit der Meldung zurück, daß ſie vor Lord Mans⸗ fields Wohnung in Bloombsbury Square Halt ge⸗ macht hätten. Eine Weile ſpäter kam ein anderer, und wieder ein anderer, und dann kam der erſte wieder zurück. Aus ihren Mittheilungen ließ ſich noch gerade Folgen⸗ des ermitteln: Der Pöbel hatte ſich um Lord Manſield's Haus geſchaart, denen drinnen zugerufen, daß ſie die Thüre öffnen ſollten, und, da keine Antwort erfolgte(denn Lord und Lady Mansfield entſchlüpften in demſel⸗ ben Augenblicke durch eine Hinterthüre), nach ſeiner Gewohnheit ſich mit Gewalt Eingang verſchafft. Dann fingen ſie an, in der frechſten Wuth Alles zu zerſtören, legten an verſchiedenen Stellen Feuer ein und vernichteten das ganze koſtbare Möbelwerk, Silber⸗ geſchirr und Juwelen, eine prächtige Gemäldegallerie, die ſeltenſte Manuſeriptenſammlung, die je eine Privat⸗ perſon beſaß, und was noch ſchlimmer als alles war, weil ſich der Verluſt nicht wieder erſetzen ließ, die große juridiſche Bibliothek, in welchen der Richter 126 jede Seite mit eigenhändigen Noten von unſchätz⸗ barem Werthe, weil ſie das Ergebniß des Studiums und der Erfahrung eines ganzen Lebens waren, ver⸗ ſehen hatte. Während das Geſindel heulend und jubilirend um das Feuer tanzte, zog ein Haufen Militär unter Begleitung einer Magiſtratsperſon heran (freilich zu ſpät, da das Unheil ſchon geſchehen war), und begann die Unholde auseinander zu treiben. Als ſie nämlich nach Vorleſung der Aufruhrsakte nicht von der Stelle wichen, erhielten die Soldaten Befehl, Feuer zu geben, und die erſte Salve ſtreckte ſechs Männer und ein Weib todt auf dem Platze nieder, während ſie viele Perſonen verwundete. Eine zweite Ladung unmittelbar darauf ging, wie man glaubte, nur über den Köpfen der Leute weg, da man Niemand fallen ſah. Erſt jetzt, durch den Tumult und das Geſchrei eingeſchüchtert, fing der Haufen an, ſich zu zerſtreuen, und die Soldaten zogen ab, die Todten und Verwundeten auf dem Boden liegen laſſend. Kaum hatten jedoch die Aufrührer dieſes wahrgenommen, als ſie wieder zurückkehrten, um die Todten und Verwundeten aufzuheben, welche jetzt vorausgetragen wurden, während die übrigen hinten⸗ drein eine wilde Proceſſion bildeten. In dieſer Ord⸗ nung marſchirten ſie unter ſchrecklichem Frohlocken ab, den Erſchlagenen Waffen in die Hände gebend, damit ſie ausſähen, als ob ſie noch lebten, und voran ging ein Kerl, der aus Leibeskräften Lord Mansſfields Speiſeglocke läutete. — 8 83 8 A& — 127 Die Kundſchafter meldeten weiter, dieſer Haufen habe ſich mit einem andern, der ſonſt wo in einem ähnlichen Werke begriffen geweſen, vereinigt und ſey, nachdem man die Todten und Verwundeten unter der Obhut einiger Leute zurückgelaſſen, nach Lord Mans⸗ ſields Landhaus zu Caen Wood zwiſchen Hampſtead und Highgate marſchirt, um dieſes Gebäude gleichfalls zu zerſtören und dort ein ſo großes Feuer anzuzünden, daß man es von jener Höhe aus durch ganz London ſehen könne. Sie vermochten jedoch ihr Vorhaben nicht auszuführen, denn da ihnen bereits eine Schwadron Cavallerie zuvorgekommen war, ſo wichen ſie eben ſo ſchnell, als ſie angerückt waren, wieder zurück und ſchlugen den Weg nach der Stadt ein. Sie durchzogen nun in Schaaren die Straßen, das Werk der Zerſtörung ganz nach ihrer Laune übend, und ſchnell ſtanden ein Dutzend Häuſer, mit Einſchluß derer des Sir John Fielding und zweier anderen Frie⸗ densrichter, deßgleichen vier in Holborn(eine der be⸗ völkertſten Straßen in London) in hellen Flammen: ſie brannten fort, bis ſte von ſelbſt erloſchen, denn der Pöbel hatte die Spritzenbüchſen zerſchlagen und wollte nicht zugeben, daß die Feuermannſchaft Lö⸗ ſchungsverſuche machte. In einem Hauſe bei Moor⸗ fields fanden ſie auf einem der Zimmer etliche Ka⸗ narienvögel in Käfigten, welche ſie lebendig in's Feuer warfen. Die armen kleinen Geſchöpfe kreiſchten(ſo ging wenigſtens die Sage) wie kleine Kinder, als man ſie in die Flammen ſchleuderte, und ein Mann, 128 der dieß nicht mit anſehen konnte und umſonſt ſie zu retten bemüht war, weckte dadurch ſo ſehr den Un⸗ willen der Canaille, daß er nur mit knapper Noth ſein Leben rettete. In demſelben Hauſe fand einer der Kerle, die durch die Gemächer gingen, die Möbel zerſchlugen und das Haus verwüſten halfen, eine Kinderpuppe — ein armſeliges Spielzeug, das er dem unſinnigen Haufen drunten als das Bild irgend eines unheiligen Heiligen, welches die Hausbewohner angebetet hätten, durch das Fenſter vorzeigte. Während dieß geſchah, ſetzte ſich ein anderer Mann mit gleich zartem Ge⸗ wiſſen(dieſe beiden waren nämlich bei dem Lebendig⸗ röſten der Vögel die Vorderſten geweſen) auf die Dach⸗ böſchung des Hauſes und deklamirte dem Geſindel aus einer Flugſchrift, welche die Aſſociation in Umlauf ge⸗ bracht hatte, etwas über die wahren Prinzipien des Chriſtenthums vor. Mittlerweile ſah der Lordmayor, die Hände in die Taſchen geſteckt, zu, wie etwa ein müßiger Menſch bei einem andern Spektakelſtück den Zuſchauer ſpielt, und ſchien ſich gewaltig zu freuen, daß er einen guten Platz bekommen hatte. So lauteten die Nachrichten, die dem an Herrn Haredale's Bett ſitzenden alten Weinhändler durch ſeinen Diener hinterbracht wurden. Nach den erſten Scenen der Nacht hatte er nicht einmal mehr ein⸗ nicken können, denn die Angſt um die eigene Habe, das Geſchrei des wüthenden Pöbels, der Wiederſchein der vielen Feuer und die Salven des Militärs waren —— —: y— — 129 hinreichend beunruhigende Momente. Zum Glück lag jedoch Herr Haredale während all' dieſer Scenen, die noch vor Mitternacht beendigt waren, in einem be⸗ wußtloſen Zuſtande; und eben ſo wenig erfuhr er von der Befreiung aller Gefangenen in dem neuen Gefängniß von Clerkenwell, oder von den vielen, auf der Straße verübten Räubereien, von denen man hörte, ſobald der Pöbel Muße fand, hierin eine Er⸗ holung zu ſuchen. 4 Siebenundſechzigſtes Kapitel. — Als die Dunkelheit entwichen und der Morgen zu grauen begann, bot die Stadt in der That einen ſeltſamen Anblick. An Schlaf hatte kaum jemand die ganze Nacht hindurch denken mögen. Die allgemeine Beſtürzung war ſo deutlich in den Geſichtern der Einwohnerſchaft zu leſen, und ſie gewann durch den Mangel an Ruhe (denn nur Wenige, die etwas beſaßen, was ſie ver⸗ lieren konnten, hatten ſich ſeit dem Montag getraut, zu Bette zu gehen) einen ſo peinlichen Ausdruck, daß ein Fremder, der durch die Straßen ging, leicht hätte auf den Gedanken kommen können, daß hier eine tödtliche Peſt oder Seuche wüthe. Statt der Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 9 130 gewöhnlichen Heiterkeit und Lebhaftigkeit des Morgens war alles ſtumm und todt; Läden, Bureaus und Waarenniederlagen waren verſchloſſen, die Stände der Kutſcher und Sänftenträger verlaſſen, kein Karren oder Frachtwagen holperte durch die langſam erwachenden Straßen, das Morgengetümmel ſchwieg und allenthalben herrſchte ein ſchwermüthiges Düſter. Man ſah zwar ſchon um Tagesanbruch viele Leute, aber ſie huſchten nur ſo hin und her, als erſchräcken ſie vor ihren eigenen Fußtritten; die Geſtalten, die ſich an öffentlichen Orten zeigten, ſahen mehr Ge⸗ ſpenſtern als Menſchen gleich, und um die rauchen⸗ den Trümmer ſtanden abgeſondert und ſtumm ein⸗ zelne Perſonen, ohne ſich zu getrauen, auch nur in den leiſeſten Flüſterworten die Aufrührer zu ver⸗ wünſchen. Vor dem Hauſe des Lordpräſidenten in Pieca⸗ dilly, vor dem Lambethpalaſte, vor der Wohnung des Lordkanzlers in Great⸗Ormond⸗Street, in der kö⸗ niglichen Börſe, in der Bank, vor Guildall, in den Gerichtshöfen und in allen Zimmern, die in der Nähe von Weſtminſterhall und den Parlamentsge⸗ bäuden auf die Straße hinausgingen, hatten noch vor Tagesanbruch Soldatenabtheilungen Poſten gefaßt. Einige Schwadronen der Leibgarde zu Pferde ſtanden in dem Palaſthofe; in dem Parke hatten fünfzehn⸗ hundert Mann und fünf Bataillone Milizen ein La⸗ ger geſchlagen; den Tower hatte man befeſtigt, die Zugbrücken waren aufgezogen, die Kanonen geladen ͤo———=- 2 — 131 und gerichtet, und zwei Regimenter Artillerie beſchäf⸗ tigten ſich emſig, die Forts zu verſtärken und ſie in Vertheidungsſtand zu ſetzen. Eine zahlreiche Abthei⸗ lung Militär hielt Wache vor der neuen Waſeerlei⸗ tung, welche der Pöbel anzugreifen gedroht hatte, und wo er, wie die Sage ging, die Hauptröhren abzuſchneiden drohte, damit es an Waſſer fehle, um die Flammen zu löſchen. In Poultry, auf Cornhill und an mehreren Hauptpunkten waren eiſerne Ketten über die Straßen gezogen; in einige der alten City⸗ kirchen vertheilte man, ſo lange es noch dunkel war, Soldaten; deßgleichen auch in mehrere Privatwoh⸗ nungen(unter andern in die des Lord Rockingham zu Grosvenor Square) welche in einer Weiſe ver⸗ ſchanzt waren, als müßten ſie eine Belagerung aus⸗ halten, und an allen Fenſtern herausgeſtreckte Gewehr⸗ mündungen ſchauen ließen. Die aufgehende Sonne traf die ſchönſten Zimmer mit Bewaffneten erfüllt, wäh⸗ rend man die Möbel im Schrecken des Augenblicks ſorglos in den Ecken aufgehäuft hatte— Waffen glänzten in allen Kammern der Stadt unter Pulten, Schemeln und ſtaubigen Büchern. In rauchigen, kleinen Kirchhöfen an abgelegenen Gaſſen und Ne⸗ benwegen lagen Soldaten unter den Gräͤbern oder ruhten aus unter dem Schatten eines alten Baumes, während die Gewehrpyramiden im Lichte funkelten; einzelne Schildwachen gingen jetzt in den ſtummen Höfen auf und nieder, die geſtern noch von dem Ge⸗ töſe und Geſumme eines geſchäftigen Treibens wieder⸗ 9* gehallt hatten; überall Wachſtuben, Garniſonen und drohende Vorbereitungen. Im Verlaufe des zögernden Tages konnte man noch ſeltſamere Dinge in den Straßen ſehen. Als die Thore des King's⸗Bench und Fleetgefängniſſes zu der gewöhnlichen Stunde geöffnet wurden, fand man Zettel angeheftet mit der Nachricht, daß die Rebellen in der Nacht kommen und die Kerker nie⸗ derbrennen würden. Die Aufſeher, welche nur zu gut wußten, wie wahrſcheinlich die Erfüllung einer ſolchen Drohung war, ſetzten daher lieber ihre Ge⸗ fangenen ſelbſt in Freiheit und gaben ihnen die Er⸗ laubniß, ihre Habe mitzunehmen; demnach waren diejenigen, welche einiges Möbelwerk beſeſſen hatten, den ganzen Tag über beſchäftigt, es dahin und dort⸗ hin, nicht ſelten auch in die Trödelbuden zu ſchaffen, wo ſie es mit Freuden für jeden Lumpenpreiß, den die charmanten Inhaber ſolcher Anſtalten bieten mochten, hingaben. Unter dieſen Schuldgefangenen gab es einige in ihrer Haft ſo abgeſtorbene Menſchen, daß ſie ihre Kerkermeiſter anflehten, ſie nicht in Freiheit zu ſetzen, ſondern, wenn es nöthig wäre, nach einem andern Gefängniß zu ſchicken, da ſie in der Welt gänzlich vergeſſen wären und nirgends Freunde beſäßen, die ſich um ſie kümmerten. Aber man ſchlug ihnen ihre Bitten ab, um ſich dem Grimm des Pöbels nicht bloß zu ſtellen, und warf ſie auf die Straße hinaus, wo ſie auf und nieder wanderten, kaum noch der Wege ſich erinnernd, die nd an Ils ſes ind die ie⸗ zu ner Be⸗ Er⸗ ren en, drt⸗ en, den ten nen en, in ire, in uds ber dem arf der die 133 ihre Füße ſo lange nicht betreten hatten; ja, dieſe moderherzigen Gefängniſſe hatten ſie ſo ſehr ernie⸗ drigt, daß ſie, in ihren Schlappſchuhen mühſam ſich über das Pflaſter hinſchleppend, thränenden Auges mit ihren Lumpen weiter ſchlichen. Selbſt von den dreihundert Sträflingen, welche aus Newgate entkommen waren, ſuchten einige— wenige zwar, aber doch einige— ihre Schließer auf, um ſich ſelbſt auszuliefern, denn ſie zogen Ge⸗ fängniß und Strafe dem Entſetzen einer zweiten ſolchen Nacht, wie die letzte geweſen, vor. Viele von den Verbrechern, durch einen unbeſchreiblichen Zauber, oder durch den Wunſch nach dem Orte ihrer Haft, zurückgezogen, um über ſeinen Fall zu triumphiren oder ihre Rache durch den Anblick des Aſchenhaufens zu ſättigen, gingen ſogar am hellen Mittage dahin zurück und lungerten um die Zellen. Man fing an dem andern Tage fünfzig auf einmal in den Gefängnißmauern wieder ein; aber ihr Ge⸗ ſchick ſchreckte Andere nicht ab, denn man ging dem⸗ ungeachtet hin, und ſo wurden in der ganzen näch⸗ ſten Woche etliche Mal täglich Gruppen von Zweien oder Dreien aufgegriffen. Von den vorerwähnten Fünfzigen traf man einige, wie ſie ſich eben be⸗ mühten, das Feuer wieder anzuzünden, aber im Allgemeinen ſchienen ſie keine andere Abſicht zu haben, als den alten Platz müßig zu umlauern; man fand ſie oft ſchlafend auf den Trümmern, oder dort ſitzend und ſchwatzend, ſogar eſſend und trinkend, als befänden ſie ſich in einem ganz ſicheren Schlupf⸗ winkel. Außer den Anſchlägen an den Thoren der Fleet⸗ und Kingsbenchgefängniſſe wurden noch vor ein Uhr Nachmittags ähnliche Drohbriefe in den Häuſern von Privatperſonen abgegeben; deß⸗ gleichen verkündigte der Pöbel ſeine Abſicht, die Bank, die Münze, das Arſenal zu Woolwich und die königlichen Palläſte anzugreifen. Die Zettel wurden von ſelten mehr als von einem einzigen Menſchen abgeliefert, der, wenn ſie einem Laden galten, hineinging und ſeinen Fetzen, vielleicht mit einer blutigen Drohung begleitet, auf den Zahltiſch legte. Bei den Privathäuſern klopften die Kerle an die Thüre und ſteckten ſte dem öffnenden Diener in die Hand. Obgleich in jedem Stadttheile Militär lag und in dem Park eine große Streitmacht ver⸗ ſammelt war, vollführten dieſe Boten ihre Aufträge doch den ganzen Tag über ohne alle Beeinträchtigung. So gingen zum Beiſpiei zwei mit Stangen von den Geländern aus Lord Manfield's Hauſe bewaffnete Knaben Holborn hinunter und forderten Geld für die Rebellen. Zu dem gleichen Zwecke ritt ein langer Kerl durch die Fleetſtraße, eine Sammlung veranſtaltend, für die er nichts als Gold nehmen wollte. Auch war ein Gerücht im Umlauf, das einen weit größeren Schrecken durch ganz London verbrei⸗ tete, als ſogar dieſe öffentlich angekündigten Ab⸗ „ uͤ— 13⁵ ſichten der Aufrührer, obgleich Jedermann wußte, daß im Falle ihres Gelingens ein Nationalbankerott und allgemeiner Ruin unvermeidlich waren. Man ſagte ſich nämlich, ſie gedächten die Thore von Bedlam zu erbrechen und alle Tollen in Freiheit zu ſetzen. Dieſe Kunde erfüllte die Gemüther mit ſo ſchrecklichen Bildern, und war auch in der That ein Anſchlag, der ſo neue und undenkbare Schauer⸗ ſcenen in ſich faßte, daß ſchon der Gedanke daran aller früheren und möglicherweiſe noch nachfolgenden Grauſamkeiten und Verluſte vergeſſen ließ und man⸗ chen geſunden Menſchen beinahe ſelbſt wahnſinnig machte. 1 So entſchwand der Tag. Die Gefangenen ſchafften ihre Habe fort; in der Straße eilten Leute ab und zu, um ihr Eigenthum gleichfalls in Sicher⸗ heit zu bringen; Gruppen ſtanden ſtumm um die Trümmerhaufen; aller Gewerbsverkehr hatte aufge⸗ hört, und die Soldaten verhielten ſich ruhig auf ihren Poſten. So verging der Tag und die gefürch⸗ tete Nacht brach wieder herein. Endlich, um ſieben Uhr Abends, erließ der Staatsrath eine Proklamation, daß es jetzt nöthig ſey, das Militär einſchreiten zu laſſen und daß die Offiziere die gemeſſenſte und nachdrücklichſte Voll⸗ macht hätten, die Unruhen mit aller ihnen zu Ge⸗ bote ſtehenden Gewalt zu unterdrücken, wobei zu⸗ gleich alle gutgeſinnten Unterthanen des Königs die Aufforderung erhielten, die Nacht über mit ihren Dienſtboten und Lehrlingen die Häuſer nicht zu ver⸗ laſſen. Dann wurden an alle dienſtthuenden Sol⸗ daten je ſechsunddreißig Patronen ausgetheilt. Gegen Sonnenuntergang wirbelten die Trommeln als Sig⸗ nal, daß ſich die ganze Streitmacht unter Waffen ſtellen ſollte. Die ſtädtiſchen Behörden, geſpornt durch dieſe kräftigen Maßregeln, hielten eine allgemeine Be⸗ rathung, votirten eine Dankadreſſe an das Militär, welches ſich der bürgerlichen Obrigkeit zur Verfügung geſtellt hatte, und überwies es der Leitung der beiden Sheriffe. Der Königinpalaſt erhielt eine doppelte Wache; die Laquaien, Portiers und das übrige Hofdienſtperſonal wurden um ſieben Uhr mit der ſtrengen Weiſung, die ganze Nacht über auf ihrem Poſten wachſam zu ſeyn, in den Gängen und Stiegenhäuſern aufgeſtellt und ſodann alle Thüren verſchloſſen. Die Studenten im Tempel und in den übrigen juridiſchen Kollegien bezogen innerhalb der Thore die Wache und verbarrikadirten ſie mit großen Steinen, welche ſie zu dieſem Zwecke aus dem Pflaſter riſſen. In Lincoln's⸗Inn wurden Halle und Hör⸗ ſäle für die Northhumberländiſche Miliz unter dem Kommando) des Lord Algernon Perry geräumt, und einige der Stadtwachen wurden von dem Bürger⸗ militär bezogen, das, ohne gerade zu bramarbaſiren, wacker genug ausſah. Einige Hundert rüſtiger Gentlemen warfen ſich, bis an die Zähne bewaffnet, in die Hallen der verſchiedenen Zünfte, ſchloßen und — 137 verriegelten alle Thore und forderten die Rebellen aus den Zunftverbänden heraus, auf ihre Gefahr heranzukommen. Da dieſe Maßregeln beinahe gleichzeitig geſchahen, ſo waren ſie bei Einbruch der Nacht beendigt. Die Straßen ſtanden nun bezie⸗ hungsweiſe leer und wurden an allen Hauptecken und Kreuzungen durch Truppen gedeckt. Dabei ritten Offiziere in allen Richtungen auf und nieder, wieſen die Verſpäteten nach Hauſe und ermahnten ſie, hübſch in ihren vier Pfählen zu bleiben und ja nicht an's Fenſter zu treten, wenn gefeuert würde. Straßenkreuzungen, die ihrer Beſchaffenheit nach das Anrücken eines großen Pöbelhaufens begünſtig⸗ ten, wurden mit noch mehr Ketten geſperrt, und an jedem ſolchen Punkte ſtanden beträchtliche Streit⸗ kräfte. Da es mit Beendigung dieſer Vorſichts⸗ maßregeln Nacht geworden war, ſo ſahen die Be⸗ fehlshaber dem Ergebniſſe mit Beklommenheit ent⸗ gegen, einigermaßen der Hoffnung ſich hingebend, daß ſolche wachſame Demonſtrationen an ſich ſchon im Stande ſeyn dürften, das Geſindel zu entmuthigen und weiteren Geſetzwidrigkeiten vorzubeugen. Sie hatten ſich jedoch in dieſer Rechnung grau⸗ ſam getäuſcht, denn in weniger als einer halben Stunde, gleichſam als wäre die einbrechende Nacht vorläufig als Signal beſtimmt worden, erhoben ſich die Rebellen, nachdem ſie zuvor die Laternen in den Straßen zerſchmettert, wie ein ungeheures Meer, und zwar an ſo vielen Orten zumal und mit ſo unglaublicher Wuth, daß die Anführer der Truppen Anfangs nicht wußten, wohin ſie ſich wenden oder was ſie thun ſollten. In allen Richtungen der Stadt loderte ein Feuer nach dem andern auf, als hätten die Aufrührer die Abſicht, die Stadt mit einem Flammenkreiſe zu umgeben, welcher, ſich allmälig enger ſchließend, alles zuſammen in Aſche brennen ſollte. Der Pöbel ſchwärmte und brüllte durch alle Straßen, und da ſich Niemand als Rebellen und Soldaten außen blicken ließen, ſo kam es den Letz⸗ teren vor, als zöge ganz London gegen ſie an, und als hätten ſie allein mit der ſämmtlichen Stadt⸗ bevölkerung zu kämpfen. Nach zwei Stunden wütheten ſechsunddreißig Feuer— ſechsunddreißig große Feuersbrünſte, dar⸗ unter Borough Clink in Tooley⸗Street, King's⸗ Bench, das Fleet und New⸗Bridewell. In faſt jeder Straße wurde eine Schlacht geliefert und in jedem Stadttheile übertönten die Musketenſalven das Geſchrei und das Toben des Pöbels. Das Feuern begann in Poultry, wo die Straße mit Ketten geſperrt war, und ſchmetterte mit der erſten Ladung an zwanzig Perſonen todt nieder. Die Soldaten, nachdem ſie die Gefallenen haſtig in der Saint Mildreds⸗Kirche untergebracht hatten, gaben abermals Feuer und verfolgten den Haufen, der bei dem Anblicke des Gemetzels zu weichen begann, ſperr⸗ ten Cheapſide in die Queere und griffen nun mit gefällten Bajoneten an. 139 Die Straßen gewährten jetzt in der That einen ſchrecklichen Anblick, während das Geſchrei der Re⸗ bellen, die Angſtrufe der Weiber, das Gezeter der Verwundeten und das beſtändige Gewehrfeuer eine betäubende und entſetzliche Begleitung der Scene abgab, deren man an jeder Ecke anſichtig wurde. Wo man die Wege mit Ketten geſperrt hatte, war natürlich der Kampf und das Gemetzel am ſtärkſten, doch gab es auch heiße Arbeit und viel Blutvergießen in jeder Hauptſtraße, und allenthalben traf man auf gleich ſchauderhafte Auftritte. Bei der Holborn⸗Brücke und auf Holborn⸗Hill war die Verwirrung größer, als in irgend einem andern Stadttheile; denn der Pöbel, der ſich von der City aus in zwei großen Strömen durch Ludgate⸗ Hill und die Newgate⸗Straße ergoß, vereinigte ſich an dieſen Stellen und bildete eine ſo dichte Maſſe, daß bei jeder Salve die Leute in Haufen ſtürzten. Es war auf dieſem Punkte eine große Abtheilung Militär aufgeſtellt, welche bald Fleet⸗Market, bald Holborn, bald Snowhill hinauf feuerte— ohne Unter⸗ laß die Straßen in allen Richtungen beſtreichend. Auch hier brannten mehrere große Feuer, ſo daß alle Schrecken dieſer entſetzlichen Nacht ſich in die⸗ ſem einzigen Punkte concentrirt zu haben ſchienen. Volle zwanzigmale nahmen die Aufrührer— von einem Manne geführt, der eine Art in ſeiner rechten Hand ſchwang und auf einem großen, kräf⸗ tigen Brauersgaule ſaß, welcher mit den aus New⸗ gate mitgenommenen Feſſeln aufgezäumt war, ſo daß es bei jeder Bewegung deſſelben klimperte und klapperte— einen Anlauf, um hier durchzubrechen und das Haus eines Weinhändlers in Brand zu ſtecken. Volle zwanzigmale wurden ſie mit blutigen Verluſten zurückgeworfen, aber doch kamen ſie wie⸗ der zurück; und obgleich der Kerl an ihrer Spitze vor allen ausgezeichnet und als der einzige Reiter unter den Rebellen ein augenfälliger Gegenſtand war, ſo konnte ihn doch Niemand treffen; ſobald der Rauch wieder wegfegte, durfte man darauf zählen, daß er wieder da war, heiſer ſeinen Ge⸗ fährten zurufend, die Art über ſeinem Kopfe ſchwingend und vorwärts ſtürzend, als hätte er ein gefeietes Leben, dem weder Pulver noch Blei etwas anhaben könnte. Dieſer Mann war Hugh, der in allen Scenen des Aufruhrs ſeine Rolle ſpielte. Er leitete zwei Angriffe auf die Bank, half die Zollhäuſer auf der Blackfriars⸗Brücke niederbrechen, wo er das Geld auf die Straßen hinauswarf, ſteckte zwei der Ge⸗ fängniſſe mit eigenen Händen in Brand, war da und dort und überall— immer der Vorderſte— immer thätig— auf die Soldaten einhauend, die Menge ermuthigend und mit der Eiſenmuſik ſeines Pferdes den Lärmen und das Getümmel übertönend, ohne je beſchädigt oder zum Halten gezwungen zu werden. Wurde er an der einen Stelle zurück ge⸗ drängt, ſo begann er von einer andern einen neuen — K nů——— 141 Strauß; mußte er da weichen, ſo ſtürmte er gleich dort wieder an. Zum zwanzigſtenmal aus Holborn zurückgetrieben, ritt er an der Spitze eines großen Haufens auf den Saint Paulsplatz zu, griff ein Soldatenpiquet, das die Wache über einen inner⸗ halb der eiſernen Geländer befindlichen Haufen Ge⸗ fangener hatte, zwang es zum Rückzuge, befreite die in Gewahrſam Befindlichen, kehrte mit dieſem Zuwachs wieder zu ſeiner Schaar zurück und rief derſelben, von Branntwein und Leidenſchaft toll, wie ein losgelaſſener Teufel ſein Hurrah zu. Es wäre auch für den geſchickteſten Reiter keine leichte Aufgabe geweſen, inmitten eines ſolchen Tu⸗ multes und Gedränges ſich auf ſeinem Pferde zu erhalten; aber obgleich dieſer Raſende auf dem Rücken ſeines ſattelloſen Thieres wie ein Boot auf der See hin und her rollte, ſo verlor er doch keinen Augenblick ſeinen Sitz, den Gaul hinlenkend, wohin er wollte. Durch die dichteſten Haufen, über Leich⸗ name und brennende Trümmer, das einemal auf dem Pflaſter, das anderemal mitten im Wege, jetzt eine Treppenflucht hinanreitend, um ſich dem Pöbel ſichtbarer zu machen, jetzt ſich durch ein Gedränge Bahn brechend, welches ſo eng in einander gekeilt war, daß man hätte glauben ſollen, kaum die Schneide eines Meſſers vermöchte durchzudringen— ſo ging es fort, als könnte er mit der bloßen Ge⸗ walt ſeines Willens alle Hinderniſſe überflügeln. Vielleicht war es auch gerade dieſem Umſtande einigermaßen zuzuſchreiben, daß er nicht erſchoſſen wurde, denn ſeine außerordentliche Tollkühnheit und die Ueberzeugung, daß er einer von denen ſeyn müſſe, die in der Proklamation vorgemerkt waren, weckte in den Soldaten den Wunſch, ihn lebendig zu greifen, und lenkte manche Kugel ab, die ſonſt ihr Ziel ſicherer gefaßt haben würde. Der Weinhändler und Herr Haredale, die dem ſchrecklichen Tumulte draußen unmöglich ruhig zu⸗ ſehen konnten, ohne ſelbſt zu ſehen, was vorging, waren auf das Dach des Hauſes geklettert, wo ſie, zwiſchen den Schornſteinen verſteckt, vorſichtig in die Straßen hinunter ſchauten. Sie gaben ſich bei⸗ nahe der Hoffnung hin, die Rebellen würden nach ſo vielen abgeſchlagenen Angriffen endlich zurück⸗ weichen, als ſie auf einmal ein lautes Gejubel belehrte, daß eine Schaar um die andere Seite herumkam, und das unheimliche Klirren der ver⸗ wünſchten Feſſeln verkündigte bald genug, daß auch dieſe von Hugh angeführt wurde. Die Soldaten waren gegen Fleet⸗Market vorgerückt und trieben dort das Volk aus einander, ſo daß dieſe neue Bande faſt gar keinen Widerſtand fand und eheſtens vor dem Hauſe ſtand. „Jetzt iſt alles vorbei,“ ſagte der Weinhändler „In einer Stunde ſind fünfzigtauſend Pfund in den Winden. Wir müſſen ſehen, daß wir uns ſelbſt retten. Weiter iſt jetzt nichts zu thun, und wir dürfen Gott danken, wenn es uns gelingt.“ hen vir 143 Ihr erſter Gedanke war, an den Häuſerdächern weiter zu klettern und an irgend einem Dachfenſter um Einlaß zu klopfen, von wo aus ſie auf die Straße hinunter kommen und ſo entwiſchen konnten. Aber ein zweites ungeſtümes Geſchrei von unten und ein in die Höhe Schauen von tauſend Galgenge⸗ ſichtern überzeugte ſie, daß ſie entdeckt wären, und namentlich, daß man auch Herrn Haredale erkannt habe; denn Hugh, der ihn deutlich in dem grellen Lichte der Flammen ſah, welche dieſe Gegend wie das Geſtirn des Tages erhellten, rief ihn bei Namen und betheuerte unter Flüchen, daß er ſein Leben haben müſſe. „Laßt mich hier,“ verſetzte Herr Haredale,„und verſucht es in Gottesnamen, Euch ſelbſt zu helfen, mein wackerer Freund!— Komm' nur heran!“ murmelte er, indem er ſich gegen Hugh wandte und ihm, ohne ſich länger verbergen zu wollen, die Stirne bot.„Dieſes Dach iſt hoch, und wenn wir uns zu faſſen kriegen, werden wir mit einander ſterben!“ „Das iſt Wahnſinn,“ ſagte der ehrliche Wein⸗ händler, indem er ihn zurückſchob,„helllichter Wahnſinn. Hört doch auf die Stimme der Ver⸗ nunft, Sir. Mein guter Sir, nehmt doch Raiſon an. Jetzt können wir uns nicht mehr durch das Klopfen an ein Fenſter hörbar machen, und ſelbſt wenn es der Fall wäre, würde ſich Niemand ge⸗ trauen, meine Flucht zu begünſtigen. Wir müſſen durch die Keller; dort iſt eine Art Durchgang nach einer Hintergaſſe, durch die wir die Fäſſer aus⸗ und einrollen. Wir haben noch Zeit genug, dahin zu kommen, ehe ſie die Thüre eingebrochen haben. Zö⸗ gert doch ja keinen Augenblick, ſondern kommt mit mir— um unſerer Beider willen— um meinetwil⸗ len— mein lieber, guter Sir!“ Während er dieß ſprach und Herrn Haredale zu⸗ rückzog, warfen Beide noch einen Blick auf die Straße. Es war nur Ein Blick, aber er zeigte ihnen den Pöbelhaufen, wie er ſich rund um das Haus ſchaarte. Einige der Bewaffneten drängten ſich nach vorne, um die Thüren und Fenſter einzuſchlagen, Andere brach⸗ ten brennende Holzſcheite von dem nächſten Feuer, wieder Andere ſchauten in die Höhe, wie die beiden Bedrängten auf dem Dache weiter krochen, und zeig⸗ ten ſie ihren Kameraden, Alle aber rasten und brüll⸗ ten, wie die Flammen, die ſie angeſchürt hatten. Sie ſahen mit an, wie Einige nach den Branntwein⸗ ſchätzen, die bekanntermaßen im Innern aufgehäuft waren, heulten und lechzten; wie Andere, die ver⸗ wundet worden, auf den gegenüberliegenden Schwel⸗ len niederſanken und ſtarben— einſame Elende inmitten dieſes ganzen ungeheuren Gewühls; da war ein erſchrecktes Weib, das zu entkommen verſuchte, dort ein verirrtes Kind und dort ein betrunkener Schuft, der, der Todeswunde an ſeinem Kopfe nicht bewußt, bis auf den letzten Augenblick fortraste und kämpfte. Alles dieß, wie auch ſolche unbedeutende —————.— —-———.— —₰—,— —.— — 145 Vorfälle, daß Einer ſeinen Hutzerlor, ſich umdrehte, ſich niederbeugte oder einem Andern die Hand drückte, konnten ſie deutlich unterſcheiden— aber nur in einem ſo kurzen Blicke, daß ſich in dem Augenblicke des Zurückweichens das Ganze wieder verwiſchte und ſte nur noch gegenſeitig ihre bleichen Geſichter und den rothen Himmel über ſich ſahen. Herr Haredale gab den Bitten ſeines Leidens⸗ gefährten nach— mehr, weil er entſchloſſen war, ihn auf's Aeußerſte zu vertheidigen, als weil er ſein eigenes Leben im Auge hatte, oder auf ſeine perſön⸗ liche Rettung Bedacht nahm— und raſch waren ſie in dem Hauſe, wo ſie eiligſt mit einander die Treppe hinunter ſtiegen. Es donnerten bereits gewaltige Schläge gegen die Läden; Hebebalken wurden unter die Thüre geſteckt, die Scheiben fielen aus den Fen⸗ ſterrahmen, ein tiefrothes Licht ſchien durch jede Spalte, und ſie hörten die Stimmen der Vorderſten in dem Haufen ſo deutlich durch jede Spalte und jedes Schlüſſelloch, daß es ihnen vorkam, als wür⸗ den ihnen die heiſeren Drohungen in's Ohr geflüſtert. Kaum hatten ſie die unterſte Kellerſtaffel erreicht und die Thüre hinter ſich zugeſchlagen, als der Pöbel einbrach. Die Gewölbe waren pechfinſter, und da ſie weder Fackel noch Kerze bei ſich hatten— denn ſie ſcheu⸗ ten ſich, Licht mitzunehmen, um ihren Zufluchtsort nicht zu verrathen— mußten ſie ſich mit den Hän⸗ den weiter taſten. Sie blieben jedoch nicht lange Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 10 146 8 ohne Helle, denn noch ehe ſie weit gekommen waren, hörten ſie, wie das Geſindel die Kellerthüre erbrach. Ein Blick zurück in den langen gewölbten Raum zeigte ihnen in der Ferne die Aufrührer, wie ſie mit flammenden Fackeln hin⸗ und hereilten, die Fäſſer anzapften, die Dauben zerſchlugen, rechts und links in die verſchiedenen Keller einbogen und ſich nieder⸗ legten, um den ſtarken Branntwein, der bereits den Boden überſtrömte, aufzulecken. Sie beſchleunigten ihre Schritte und langten endlich bei dem letzten Gewölbe an, das zwiſchen ihnen und dem Ausgange lag, als ihnen plötzlich aus der Richtung, wohin ſie gingen, ein lebhaftes Licht entgegenſtrahlte und, ehe ſie auf die Seite ſchlüpfen oder ſich umwenden und verbergen konnten, zwei Männer, von denen einer eine Fackel trug, auf ſie zukamen, welche in erſtauntem Flüſtern die Worte ſprachen: „Da ſind ſie!“ In demſelben Augenblicke ſtreiſten ſie ihre Kovf⸗ bedeckungen ab. Herr Haredale erkannte in dem einen Edward Cheſter und in dem andern, als der Weinhändler deſſen Namen keuchte, Ive Willet. Ja, denſelben Ive, obgleich jetzt nur mit Einem Arme, der alle Vierteljahre auf der grauen Mähre nach London zu reiten pflegte, um die Rech⸗ nung des purpurgeſichtigen Weinhändlers auszuglei⸗ chen, und der nämliche purpurgeſichtige Weinhändler, 147 vormals in der Themſeſtraße, ſchaute ihm nun in's Geſicht und rief ihn bei Namen. „Gebt mir Eure Hand,“ ſagte Joe ſanft, in⸗ dem er ſie ergriff, mochte nun der erſtaunte Wein⸗ händler wollen oder nicht.„Schämt Euch nicht, ſie zu nehmen;'s iſt die Hand eines Freundes, der es herzlich mit Euch meint, obgleich ſie keinen Kamera⸗ den mehr hat. Ei, wie gut Ihr ausſeht, und wie ſtark Ihr geworden ſeyd! Und Ihr— Gott grüße Euch, Sir. Nur Muth gefaßt, Muth gefaßt! Wir werden ſie finden. Nur nicht niedergeſchlagen; wir ſind nicht unthätig geweſen.“ Es lag etwas ſo Ehrliches und Freimüthiges in Joe's Worten, daß ihm Herr Haredale unwillkürlich die Hand drückte, obgleich dieſe Begegnung verdäch⸗ tig genug war. Sein Blick auf Edward Cheſter und das Zurückweichen dieſes Herrn entgingen jedoch Joe nicht, weßhalb er, nach Edward ſchauend, derb her⸗ ausſagte: „Die Zeiten haben ſich geändert, Herr Haredale, und es iſt endlich an dem, daß wir unſere Freunde von unſern Feinden unterſcheiden lernen und uns nicht an Namen kehren ſollten. Ihr mögt wiſſen, daß Ihr ohne dieſen Herrn jetzt wahrſcheinlich todt, oder im beſten Falle ſchwer verwundet wäret.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Herr Haredale. „Ich will damit ſagen,“ entgegnete Joe, verſt⸗ lich, daß es ein verwegener Streich war, ſich unter 10* 148 das Geſindel zu miſchen in der Verhüllung eines Rebellen; doch das will ich eben nicht ſo hoch an⸗ ſchlagen, da ich mich, im Grunde genommen, in der gleichen Lage befand. Zweitens, daß es eine tapfere und rühmliche Handlung war— ja, ſo muß ich es nennen— jenen Kerl vor ihren Augen von ſeinem Gaule zu ſchlagen!“ „Welchen Kerl? Vor weſſen Augen?“ „Welchen Kerl, Sir?“ rief Joe.„Einen Kerl, der nichts Gutes gegen Euch im Schilde führt, und der die Tollkühnheit und Teufelei von zwanzig ſeiner Kameraden im Leibe hat. Ich kenne ihn von Alters her. Einmal in dieſem Hauſe, würde er Euch auf⸗ gefunden haben, hier oder anderswo. Die Uebrigen haben keinen beſondern Groll auf Euch, und wenn ſie Euch nicht ſehen, werden ſie auf nichts Bedacht nehmen, als ſich zu Tode zu ſaufen. Doch wir ver⸗ lieren die Zeit. Seyd Ihr bereit?“ „Ja,“ ſagte Edward.„Löſcht die Fackel aus, Joe, und geht voran. Ihr meint's zwar gut, aber ſeyd ſtille.“ „Stille oder nicht ſtille,“ murmelte Ive, indem er die flammende Fackel auf den Boden warf, ſie mit dem Fuße austrat und Herrn Haredale ſeine Hand reichte;„es war eine tapfere und ruhmvolle That, die Euch Niemand ſchmälern ſoll.“ Haredale und der würdige Weinhändler waren zu erſtaunt und auch zu beeilt, um weitere Fragen zu ſtellen, weßhalb ſie ſchweigend ihren Führern folg⸗ Gαᷣ——-]4— 149 ten. Aus einem kurzen Flüſtern zwiſchen ihnen und dem Weinhändler hinſichtlich der beſten Weiſe zu entfliehen ſchien hervorzugehen, daß ſie mit John Grueby's Einverſtändniß, den ſie in's Vertrauen ge⸗ zogen, und der mit dem Schlüſſel in der Taſche außen ſtand, durch die Hinterthüre hereingekommen. Sie waren nämlich kaum eingetreten, als ein Pöbelhaufen des gleichen Weges heranzog, weßhalb John die Thüre wieder doppelt verſchloſſen hatte und nach Militär fortgelaufen war, ſo daß ihnen im Augen⸗ blicke die Mittel zum Rückzug benommen blieben. Inzwiſchen war jedoch die Thüre vorn eingebro⸗ chen worden, und da dieſer kleinere Haufen ſich gleich⸗ falls ſehr nach dem Branntwein im Innern ſehnte, demungeachtet aber nicht Luſt hatte, mit dem Erbre⸗ chen einer zweiten Thüre Zeit zu verlieren, ſo war er wieder in die Holbornſtraße hinübergezogen, um mit den Uebrigen von dort aus einzudringen, weß⸗ halb jetzt die enge Hintergaſſe ganz leer ſtand. Die Flüchtlinge krochen durch einen von dem Weinhändler angegebenen Gang— eigentlich blos eine ſchräge Fallthüre, um Fäſſer hereinzuziehen— und nachdem ſie mit einiger Schwierigkeit die Ketten losgemacht und die Thüre am oberen Ende aufgedrückt hatten, gelangten ſie, ohne bemerkt oder geſtört zu werden, in die Straße. Joe hielt noch immer Herrn Hare⸗ dale feſt, während Edward in derſelben Weiſe für den Weinhändler beſorgt war, und ſo eilten ſie raſch durch die Straßen, nur hin und wieder bei Seite 150 tretend, um einige Flüchtlinge vorbei zu laſſen, oder den ihnen folgenden Soldaten Platz zu machen, deren Fragen, wenn ſie ſich etwa damit aufhielten, Joe durch ein einziges Flüſterwort ſchleunig ein Ziel ſetzte. Achtundſechzigſtes Kapitel. — Während in der vorangehenden Nacht Newgate brannte, ſtanden Barnaby und ſein Vater, welche von Hand zu Hand weiter geſchoben worden waren, in Smithſield hinter den äußerſten Reihen des Pöbels und ſchauten den Flammen zu, wie Männer, die plötzlich aus dem Schlafe geweckt wurden. Es ver⸗ ging einige Zeit, ehe ſie ſich mit Beſtimmtheit ent⸗ ſinnen konnten, wo ſie waren oder wie ſie hierher gekommen; deßgleichen vergaßen ſie auch beinahe, während ſie, wie ein paar ſorgloſe Zuſchauer, müßig da ſtanden, daß man ihnen haſtig Werkzeuge in die Hand geſteckt hatte, womit ſie ſelbſt ſich von ihren Feſſeln befreien konnten. Wäre Barnaby ſeinem erſten Gedanken gefolgt oder überhaupt allein geweſen, ſa würde er, trotz ſeiner ſchweren Ketten, wieder an Hughs Seite zu⸗ rückgekehrt ſeyn, da dieſer ſeinem umwölkten Verſtande e el ate che en, els die er⸗ nt⸗ her ihe, ßig die ren olgt rotz zu⸗ ande 151 jetzt in dem neuen Glanze eines Retters und des treueſten Freundes erſchien. Sobald er aber die volle Ausdehnung der Angſt ſeines Vaters begriff, ging auch deſſen Schrecken, ſich in offener Straße zu wiſ⸗ ſen, auf ihn über und flößte ihm dieſelbe Begier ein, nach einem ſichern Orte zu fliehen. In einer Ecke des Marktes unter den Viehhür⸗ den kniete Barnaby nieder und fing an, ſeinem Va⸗ ter die Eiſen abzuſchlagen, dabei nur hin und wieder inne haltend, um ihm mit der Hand über das Ge⸗ ſicht zu fahren, oder lächelnd nach ihm aufzuſehen. Sobald er ihn als freien Mann aufſpringen geſehen und dem Uebermaße ſeines Entzückens über dieſen Anblick Luft gemacht hatte, ging er an Löſung ſeiner eigenen Bande, die bald raſſelnd auf den Boden niederfielen, ſo daß er gleichfalls feſſellos daſtand. Nach Beendigung dieſes Geſchäftes glitten ſie gemeinſchaftlich weiter, an verſchiedenen Menſchen⸗ gruppen vorbei, die ſich um irgend eine geduckte Perſon verſammelt hatten, um ſte vor den Vorüber⸗ gehenden zu verbergen, ohne jedoch den ſchallenden Ton der Hämmer unterdrücken zu können, der auf eine ähnliche Arbeit, wie die kurz zuvor von ihnen abgefertigte, hinwies. Die beiden Flüchtlinge ſchlu⸗ gen ihren Weg nach Clerkenwell ein, begaben ſich von da nach Islington— dem nächſten Punkte, um aus der Stadt zu kommen— und waren bald auf freiem Felde. Nachdem ſie geraume Zeit umherge⸗ —— — 15² wandert waren, fanden ſie auf einem Waideplatz in der Nähe von Finchley einen armſeligen Schuppen mit Lehmwänden, der mit Gras und Geſträuch be⸗ deckt und für einen Kuhhirten gebaut worden war, jetzt aber leer ſtand. Hier legten ſie ſich nieder, um die Nacht über auszuruhen. Als es Tag war, wanderten ſie hin und her, und einmal begab ſich Barnaby ſogar nach einer zwei oder drei Meilen entlegenen Gruppe von kleinen Bauernhäuſern, um Brod und Milch zu kaufen. Da ſie jedoch kein beſſeres Obdach fanden, ſo kehrten ſie wieder an den früheren Ort zurück, wo ſie ſich niederlegten, um die Nacht zu erwarten. Der Himmel allein weiß, mit welchen wirren Begriffen von Pflicht und Liebe, mit welchen ſeltſa⸗ men Natureinflüſterungen, Barnaby eben ſo verſtänd⸗ lich, als einem Manne von hellem Geiſte und guten Fähigkeiten, mit welchen unklaren Rückerinnerungen, wie er einſt als Kind mit Kindern geſpielt, die von ihren Vätern, von der Liebe derſelben und von ihrer Liebe zu ihnen geſprochen, mit wie vielen halbbe⸗ wußten und träumeriſchen Rückblicken auf den Kum⸗ mer, die Thränen und die Verlaſſenheit ſeiner Mut⸗ ter— er dieſen Mann pflegte und bewachte. Daß aber eine unklare und ſchattenhafte Maſſe von Ideen lang⸗ ſam in ihm auftauchte, daß ſie ihn ſchmerzlich ſtimmte, wenn er ihm in's abgezehrte Geſicht ſah, daß ſie ihm Thränen in's Auge preßte, wenn er ſich nieder⸗ beugte, um ihn auf die Wangen zu küſſen, daß ſie 153 ihn wach erhielten in ſchmerzlich beklommener Hei⸗ terkeit, wenn er ihn gegen das Licht der Sonne ſchützte, ihm mit Blättern Kühlung zufächelte und ihn beruhigte, ſo oft er aus ſeinem Schlafe— ach! und aus welch einem unruhigen Schlafe— auffuhr, dabei ſich wundernd, wenn wohl ſie kommen würde, um ſich mit ihnen zu vereinigen und glücklich zu ſeyn — das iſt Wahrheit. Er ſaß den ganzen Tag über an ſeiner Seite, glaubte in jedem wehenden Lüftchen ihren Tritt zu hören, ſah ſich in dem ſanft wogen⸗ den Graſe nach ihrem Schatten um und wand wilde Blumen zu Kränzen, um ihr, wenn ſte käme, und ihm, wenn er erwachte, eine Freude zu machen; dabei bückte er ſich von Zeit zu Zeit nieder, um auf ſein Murmeln zu hören und ſich zu wundern, warum er ſo unruhig ſeyn könne an dieſem ſtillen Orte. Die Sonne ging unter und die Nacht brach ein; er war noch immer ganz zufrieden und heiter, ſtets mit den⸗ ſelben Gedanken beſchäftigt, als gäbe es keine weite⸗ ren Menſchen auf der Welt, und als verbärge jene düſtere Rauchwolke, welche in der Ferne über der ungeheuren Stadt hing, keine Laſter oder Verbrechen, weder Leben noch Tod oder ſonſtige Anläſſe zur Un⸗ ruhe— nichts, als die reine Luft. Aber nun war die Stunde gekommen, wo er allein fortgehen ſollte, um den blinden Mann aufzu⸗ ſuchen— ein Auftrag, der ihn mit Wonne erfüllte — und ihn nach der Hütte zu bringen. Es wurde ihm indeß eingeſchärft, er ſolle ja recht Acht haben, 154 daß man ihn auf dem Rückweg nicht belauſche oder ihm nachfolge. Er achtete aufmerkſam auf die ihm ertheilten Weiſungen und wiederholte ſie zu öfteren Malen; dann kehrte er einigemale wieder zurück, um ſeinen Vater mit einem leichtherzigen Gelächter zu überraſchen, bis er endlich ſeine Botſchaft antrat, Greif, den er auf den Armen aus dem Gefängniß getragen, in der Hütte zurücklaſſend. Trotz ſeiner flüchtigen Füße und ſeines ängſt⸗ lichen Verlangens, bald wieder zurück zu ſeyn, er⸗ reichte er doch die Stadt erſt, als die Feuer zu lodern begannen und die Nacht grimmig mit ihrem unheimlichen Glanze erhellten. Als er daſelbſt an⸗ langte— war es vielleicht, daß er ſich in einer an⸗ dern Stimmung befand, weil ſeine früheren Kame⸗ raden nicht an ſeiner Seite waren und er nur einen harmloſen Auftrag zu beſorgen hatte, oder daß die ſchöne Einſamkeit, in welcher er den Tag vollbracht, vielleicht auch die Gedanken, mit denen er ſich be⸗ ſchäftigt, auf ihn eingewirkt— kurz, als er daſelbſt anlangt, ſchien ſie ihm durch eine Legion Teufel bevölkert zu ſeyn. Dieſes Fliehen und Verfolgen, dieſes grauſame Sängen und Verheeren, dieſer betäu⸗ bende Lärm und dieſes ſchreckliche Geſchrei— war das alles die edle Sache des guten Lords? Trotz der verwirrenden Scenen, die ihm bei⸗ nahe die Sinne benahmen, fand er doch das Haus des Blinden auf. Es war verſchloſſen und unbe⸗ 155 wohnt. Er wartete lange Zeit, ohne daß Jemand kam. Endlich entfernte er ſich. Er hatte inzwiſchen die Soldaten feuern hören und konnte ſich wohl denken, daß viele Leute gefallen ſeyn mußten, weß⸗ halb er nach Holborn hinunter ging, wo, wie er hörte, ſich die Menge befand, um zu ſehen, ob er Hugh nicht auffinden und ihn bereden könne, der Gefahr auszuweichen und ſich mit ihm zu flüchten. War er aber zuvor ſchon erſchüttert und be⸗ täubt, ſo ſteigerte ſich ſein Entſetzen auf das Tauſend⸗ fältige, als er in dieſen Wirbel des Aufruhrs ge⸗ rieth und, ohne in dem ſchrecklichen Schauſpiele eine Rolle zu ſpielen, das Ganze vor Augen hatte. Und dort, mitten darin, über Alle emporragend, und dicht vor dem Hauſe, das ſie jetzt angriffen, ſaß Hugh zu Pferde, den Uebrigen zurufend. Faſt ohnmächtig von der Hitze, dem Lärm, dem Gewühl und dem Anblick rings umher brach er ſich durch den Pöbel(unter dem ihn Viele erkannten, weßhalb ſie mit Jubelrufen zurückwichen, um ihn durchzulaſſen) Bahn und befand ſich ſchon ziemlich in Hugh's Nähe, welcher eben wilde Drohungen gegen Jemanden ausſtieß; er konnte jedoch in der großen Verwirrung nicht unterſcheiden, wem ſie galten, oder was er überhaupt ſagte. In demſelben Augenblick hatte der Haufen die Thure niederge⸗ brochen und Hugh ſtürzte köpflings zu Boden, ohne daß es möglich geweſen wäre, in dem Gewühl zu erkennen, was Anlaß zu dieſem Falle gegeben hatte. 156 Barnaby war an ſeiner Seite, als er ſich wie⸗ der auf die Beine half. Es war gut, daß er ſeine Stimme hören ließ, ſonſt würde ihm wohl Hugh mit der geſchwungenen Art den Schädel entzwei geſpalten haben. „Barnaby— du? Welche Hand hat mich nie⸗ dergeſchlagen?“ „Die meinige nicht.“ „Welche?— Ich frage, welche,“ rief er, zurück⸗ taumelnd und wild umherſchauend.„Was geht da vor? Wo iſt er? Zeige mir ihn.“ „Du biſt verwundet,“ entgegnete Barnaby— dieß war in der That der Fall, ſowohl in Folge des erhaltenen Schlages, als durch den Huf ſeines Pferdes.„Komm' mit mir fort.“ So ſprechend, ergriff er den Zügel des Roſſes, wandte daſſelbe um und ſchleppte Hugh mehrere Schritte mit ſich. Dieß führte ſie aus dem Bereich des Haufens, der von der Straße aus nach den Kellern des Weinhändlers ſtrömte. „Wo iſt— wo iſt Dennis?“ fragte Hugh, in⸗ dem er Halt machte und Barnaby mit ſeinem kräf⸗ tigen Arm zurückhielt.„Wo hat er ſich den ganzen Tag über aufgehalten? Was wollte er damit an⸗ deuten, als er mich geſtern Nacht in dem Gefängniß verließ? Sage mir das— hörſt du?“ Mit einer Schwenkung ſeiner gefährlichen Waffe ſiel er jetzt plötzlich, einem Holzblock ähnlich, zu Boden. Eine Minute ſpäter raffte er ſich jedoch, 157 obgleich faſt wahnſinnig vor Betrunkenheit und der Wunde in ſeinem Kopf, auf, kroch nach einem Strome brennenden Weingeiſtes, der die Goſſe hinab⸗ lief, und begann daraus zu trinken, als ob es friſches Quellwaſſer wäre. Barnaby zog ihn zurück und half ihm auf die Beine. Da indeß Hugh weder zu ſtehen, noch zu gehen vermochte, ſo wankte er maſchienenmäßig ſei⸗ nem Pferde zu, kletterte auf ſeinen Rücken und klammerte ſich daſelbſt an. Nach einigen vergeb⸗ lichen Verſuchen, das Thier ſeines klappernden Zierraths zu entkleiden, ſprang Barnaby hinten hinauf, ergriff die Zügel, bog in das nahe gelegene Leather Lane ein und trieb das erſchreckte Pferd zu einem ſchwerfälligen Galop an. Er ſchaute noch einmal in die eben verlaſſene Straße zurück und erſah daſelbſt einen Anblick, der ſich wohl ſein ganzes Leben über nicht wieder aus ſeinem Gedächtniß verwiſchen mochte. Des Weinhändlers Haus nebſt einem halben Dutzend benachbarter Gebäude war nur eine große Flammenlohe. Den ganzen Abend über hatte keine Seele verſucht, das Feuer zu löſchen oder ſeinem Umſichgreifen Einhalt zu thun, aber jetzt war eine Abtheilung Soldaten beſchäftigt, zwei alte Holzhäuſer niederzureißen, die jeden Augenblick in Brand zu gerathen drohten, und, wenn man dieß nicht ver⸗ hinderte, die Flammen unendlich weit verbreiten mußten. Das Niederſtürzen der wankenden Mauern 158 und der ſchweren Holzblöcke, das Fluchen und Toben des Geſindels, die Musketenſalven der übrigen Sol⸗ datenabtheilungen in der Ferne, die entſetzten Blicke und Weherufe derjenigen, deren Häuſer in Gefahr waren, das Ab⸗ und Zurennen der erſchreckten Leute, welche ihre Habe retten wollten, allenthalben der tiefrothe Wiederſchein auflodernder Flammen am Himmel, als wäre der jüngſte Tag angebrochen und ſollte das ganze All ſich in Glut verzehren, der Staub, der Rauch und die ſprühenden Funken, die überall zündeten und ſengten, wohin ſie fielen, der heiße, krankmachende Dampf, der alles austrocknete, der ganze Himmel, der mit Mond und Sternen zu verſchwinden ſchien— alles dieß bildete eine ſolche Summe von Jammer und Verheerung, daß es den Anſchein gewann, als könne das Antlitz Gottes ſelbſt nicht mehr niederſchauen, und als wäre die Nacht mit ihrem ſanften Lichte, mit ihrer Ruhe und ihrem Frieden für immer von der Erde vertilgt. Aber es gab noch einen weit entſetzlicheren An⸗ blick— weit ſchlimmer noch, als das Feuer, ver Rauch oder ſogar die unerſättliche, tolle Wuth des Geſindels. Die Goſſen, wie überhaupt jede Rinne oder jeder Spalt in dem Pflaſter, ſtrömte von bren⸗ nendem Spiritus, der, von geſchäftigen Händen eingedämmt, die Straßen und Trottoirs überflu⸗ thete und einen großen Feuerpfuhl bildete, in welchen die Leute zu Dutzenden todt niederſielen. Sie lagen zu Tauſenden um dieſen ſchrecklichen Teich ———— 159 — Männer und Weiber, Väter und Söhne, Mütter und Töchter, Weiber mit Kindern in ihren Armen und Säuglingen an ihren Brüſten— und tranken, bis ſie todt waren. Während Einige ſich nieder⸗ beugten, um ihre Lippen an den Rand zu bringen, und ihre Köpfe nie wieder erhoben, ſprangen An⸗ dere von ihrem Feuertranke wieder auf und tanzten, halb in tollem Triumph, halb in der Angſt des Todes, bis ſie niederfielen und ihre Leichen ganze Haufen bildeten in dem Branntwein, der ſie ge⸗ tödtet hatte. Auch war dieß noch nicht die ſchlimmſte oder ſchrecklichſte Todesart, deren Zeuge dieſe ver⸗ hängnißvolle Nacht war. Aus den brennenden Kellern, wo ſie aus Hüten, Eimern, Gelten, Fäßern und Schuhen tranken, wurden einige herausgezogen, noch lebendig, aber von Kopf bis zu den Füßen in Flammen; in dem unerträglichen Schmerze ſtürzten ſie auf alles los, was wie Waſſer ausſah und roll⸗ ten ſich ziſchend in dieſem gräßlichen See, flüßiges Feuer von ſich ſpritzend, das allenthalben haftete, wohin es traf, an der Oberfläche herunterſtrömte und weder Lebendiges noch Todtes verſchonte. In dieſer letzten Nacht des großen Aufruhrs— denn es war die letzte Nacht— wurden die elenden Opfer einer ſinnloſen Verhetzung ſelbſt ein Raub der Flam⸗ men, die ſie angezündet hatten, mit der eigenen Aſche die Straßen von London beſtreuend. All' dieß mit ſeinem letzten Blick erfaſſend und unzerſtörlich ſeiner Seele einprägend, eilte Barnaby 160 aus der Stadt, die ſolche Schauer umſchloß. Er ſenkte das Haupt, damit er nicht einmal den Wie⸗ derſchein der Feuer in der ruhigen Landſchaft ſchauen möchte, und befand ſich bald auf der ſtillen Straße im Freien. Er machte ungefähr eine halbe Meile von dem Schuppen, wo ſein Vater lag, Halt, bewog Hugh, freilich nicht ohne Mühe, zum Abſteigen, verſenkte das Sattelzeug des Pferdes in einen ſtehenden Sumpf und ließ das Thier laufen. Sobald dieß geſchehen war, unterſtützte er ſeinen Gefährten, ſo gut es gehen wollte, und führte ihn langſam weiter. Neunundſechzigſtes Kapitel. —’ Es war mitten in der Nacht und ſehr dunkel, als ſich Barnaby mit ſeinem taumelnden Freunde dem Orte näherte, wo er ſeinen Vater gelaſſen hatte, und er konnte ſehen, wie dieſer, ſogar ihm ſelbſt mißtrauend, ſich mit eiligen Schritten leiſe in die Finſterniß hinaus flüchtete. Nachdem er ihm zwei⸗ oder dreimal erfolglos zugerufen hatte, daß nichts zu fürchten ſey, ließ er Hugh auf die Erde gleiten und folgte ihm nach, um ihn zurückzubringen. Er fuhr fort, weiter zu ſchleichen, bis ihm inkel, zunde zFatte, ſelbſt n die zwei⸗ nichts leiten ihm 161 Barnaby ganz nahe war; dann wandte er ſich um und ſprach mit ſchrecklicher, obgleich gedämpfter Stimme: „Laß mich gehen. Lege keine Hand an mich. Weiche zurück. Du biſt bei ihr geweſen; und du und ſie, ihr beide habt mich verrathen!“ Barnaby ſah ihn ſchweigend an. „Du haſt deine Mutter geſehen?“ „Nein,“ rief Barnaby haſtig.„In langer Zeit nicht— länger, als ich ſagen kann. Ich glaube, es iſt ſchon ein ganzes Jahr. Iſt ſie hier?“ Sein Vater blickte ihn eine kurze Weile feſt an; dann trat er näher(denn wenn man ihm in's Ge⸗ ſicht ſah und ſeine Worte hörte, ſo konnte man un⸗ möglich ſeine Aufrichtigkeit in Zweifel ziehen) und ſprach: „Was iſt das für ein Mann?“ „Hugh— Hugh. Nur Hugh. Ihr kennt ihn. Er wird Cuch nichts zu Leide thun. Ei, Ihr fürchtet Euch vor Hugh? Ha, ha, ha! Sich fürchten vor dem rauhen, alten, lärmenden Hugh!“ „Was es für ein Mann iſt, frage ich dich,“ entgegnete er ſo ungeſtüm, daß Barnaby in ſeinem Lachen inne hielt, zurückwich und ihn mit einem Blicke erſchreckten Staunens betrachtete. „Ei, wie ſtreng Ihr ſeyd! Ich muß mich vor Euch fürchten, obgleich Ihr mein Vater ſeyd— ſie fürchtete ich nie. Warum ſprecht Ihr ſo mit mir?“ Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 11 16² „Ich verlange,“ antwortete er— die Hand wegſchleudernd, welche ihm ſein Sohn mit dem ſchüchternen Wunſche, ihn verſöhnlich zu ſtimmen, auf den Aermel gelegt hatte—„ich verlange eine Antwort und erhalte von dir bloß Hohnworte und Fragen. Wen haſt du mit dir gebracht nach die⸗ ſem Verſtecke, du armer Thor, und wo iſt der Blinde?“ „Ich weiß es nicht, ſein Haus war geſchloſſen. Ich wartete, aber Niemand kam; es iſt daher nicht meine Schuld. Der dort iſt Hugh— der tapfere Hugh, der in das garſtige Gefängniß einbrach und uns in Freiheit ſetzte. Aha! Ihr habt ihn jetzt gern, nicht wahr? Ihr müßt Ihn jetzt gern haben!“ „Warum liegt er auf dem Boden?“ „Er hat bei einem Falle Schaden genommen — und auch getrunken. Die Felder und Bäume gehen rund herum mit ihm und der Boden hebt ſich unter ſeinen Füßen. Ihr kennt ihn? Ihr er⸗ innert Euch ſeiner? Seht!“ Sie waren inzwiſchen wieder zu der Stelle ge⸗ kommen, wo er lag, und beugten ſich über ihn nie⸗ der, um ihm in's Geſicht zu ſehen. „Ich entſinne mich des Mannes,“ murmelte ſein Vater.„Warum haſt du ihn mit hieher ge⸗ bracht?“ „Weil er erſchlagen worden wäre, wenn ich ihn dort gelaſſen hätte. Sie feuerten Gewehre ab — 2—— A 163 and und vergoßen Blut. Macht Euch der Anblick von dem Blut auch krank, Vater? Ja, es geht Euch eben nen, ſo; ich ſehe es an Eurem Geſichte. Ganz wie bei eine mir— nach was ſchaut Ihr ſo?“ und„Nach nichts!“ entgegnete der Mörder mit die⸗ matter Stimme, indem er einige Schritte zurückwich der und mit hängender Kinnlade über dem Kopfe ſeines Sohnes wegſtarrte.„Nach nichts!“ ſen. Er verblieb in derſelben Haltung und ohne den niß Ausdruck ſeines Geſichtes zu ändern, eine Minute fere oder darüber; dann ſchaute er langſam rund umher, 1 als ob er etwas verloren hätte, und ging ſchaudernd jetzt nach dem Schuppen zurück. und dern Soll ich ihn hineinſchaffen, Vater?“ fragte Barnaby, der ihm verwundert zugeſehen hatte. nen 4 Er antwortete ihm nur mit einem unterdrückten ums Stöhnen, legte ſich auf den Boden nieder, wickelte hebt den Mantel um ſeinen Kopf und duckte ſich in die he dunkelſte Ecke. 4 Als Barnaby fand, daß Hugh jetzt durch nichts ge⸗ zu erwecken, oder auch nur für einen Augenblick nie⸗ zur Beſinnung zu bringen war, ſo ſchleppte er ihn üͤber das Gras hin und legte ihn auf ein Häuflein elte Heu und Stroh, das ihm zuvor ſelbſt als Bette ge⸗ ge⸗ dient hatte. Nachdem er einiges Waſſer aus einem nahen Bache geholt und dem Betäubten die Wunde, ich Hände und Geſicht gewaſchen hatte, legte er ſich ab zwiſchen den beiden nieder, um ſich auszuruhen, 11* und ſchlief bald, den Blick nach den Sternen ge⸗ kehrt, ein. Am andern Morgen früh durch den Sonnen⸗ ſchein, den Geſang der Vögel und das Geſumme der Inſekten geweckt, ließ er die noch Schlafenden in der Hütte und ſpazierte draußen in der ſüßen und lieblichen Luft herum. Aber er fühlte, daß all’ die Schönheiten des ſich erſchließenden Tages, in de⸗ nen er ſo oft ſeligen Genuß gefunden, jetzt nur ſchwer auf ſeiner gedrückten Seele laſteten, die ſich der Schauderſcenen der letzten Nacht und ſo vieler vorhergehenden nicht zu entſchlagen vermochte. Er gedachte der glücklichen Morgen, an denen er mit ſeinen Hunden durch Wälder und Felder eilte, und die Erinnerung daran füllte ſeine Augen mit Thrä⸗ nen. Er war ſich— Gott weiß es— keines Un⸗ rechts bewußt und hatte eben ſo wenig dem Ver⸗ dienſte der Sache, bei welcher er ſich betheiligte, oder dem Werthe ihrer Vertheidiger eine neue An⸗ ſicht abgewonnen; aber ſein Herz war jetzt erfüllt von Sorgen, Reue, unheimlichen Erinnerungen und Wünſchen(die er früher nie gekannt hatte), daß dieß oder jenes nicht vorgefallen, und daß der Jammer und das Elend, das ſo viele Leute betroffen, unterblieben ſeyn möchte. Und jetzt begann er auch zu denken, wie glücklich ſie ſeyn würden— ſein Vater, ſeine Mutter, er und Hugh— wenn ſie mit einander weiter zögen und an irgend einem einſamen Orte wohnten, wo man nichts von dieſen 165 Unruhen wüßte, und daß vielleicht der blinde Mann, der ſo weiſe von dem Gold geſprochen und ihm von den Geheimniſſen, die er kannte, erzählt hatte, ſie lehren könnte, wie ſie ohne Sorgen und Mangel zu leben vermöchten. Als ihm dieß einfiel, bedauerte er nur um ſo mehr, daß er ihn geſtern Abend nicht geſehen hatte, und er brütete noch darüber als ſein Vater kam und ihm die Hand auf die Schulter legte. „Ah!“ rief Barnaby, aus ſeinem Nachdenken auffahrend.„Seyd ihr es?“ „Wer ſollte es denn ſonſt ſeyn?“ „Ich meinte faſt,“ antwortete er,„es ſey der blinde Mann. Ich muß mit ihm ſprechen, Vater.“ „Und ich gleichfalls; denn ohne ihn geſehen zu haben, weiß ich nicht, wohin ich fliehen oder was ich thun ſoll. Jede Zögerung an dieſer Stelle iſt todbringend. Du mußt noch einmal fort, um ihn zu holen.“ „Muß ich?“ rief Barnaby entzückt.„Das iſt ſchön, Vater. Es trifft herrlich mit meinen Wün⸗ ſchen zuſammen.“ „Aber du mußt ihn allein bringen— keinen Andern mit. Und wenn du einen ganzen Tag und eine ganze Nacht vor ſeiner Thüre zu warten ge⸗ nöthigt wäreſt— du bleibſt dort und kömmſt nicht ohne ihn.“ „Habt deßhalb keine Sorge,“ rief er freudig. „Er ſoll kommen. Er wird kommen.“ „Wirf aber zuvor dieſen Grimsgrams weg,“ ſagte ſein Vater, indem er die Bandſtreifen und Federn von ſeinem Hut abriß,„und trage meinen Mantel über deinen Kleidern. Benimm dich nur vorſichtig; man wird genug in den Straßen zu thun haben, um auf dich zu achten. Wegen deines Zurückkommens brauchſt du unbekümmert zu ſeyn. Er wird dich ſchon ſicher genug geleiten.“ „Oh freilich,“ entgegnete Barnaby,„freilich wird er das! Er iſt ein weiſer Mann, Vater, und kann uns lehren, wie wir reich werden. Oh, ich kenne ihn, ich kenne ihn.“ Er war in Bälde möglichſt gut vermummt und trat mit leichterem Herzen ſeine zweite Reiſe an, Hugh in der Hütte zurücklaſſend, wo er noch immer in betrunkener Betäubung auf dem Boden ausge⸗ ſtreckt lag, während ſein Vater vor der Thüre auf und ab ging. Der Mörder, voll beklommener Gedanken, ſchaute ihm während ſeines Hin⸗ und Hergehens nach, ob jedem Luftzuge, der durch die Zweige flüſterte, und jedem leichten Schatten erbebend, den die flüchtigen Wolken auf den blumigen Boden warfen. Er war ängſtlich bekümmert um die ſichere Rückkehr ſeines Sohnes, und fühlte doch in ſeiner Abweſenheit einen Troſt, da ſeine eigene Freiheit und ſein Leben davon abhing. In der unendlichen Selbſtſucht, womit ihn der beſtändige Gedanke an ſeine großen Verbrechen und die Folgen derſelben 167 hier und jenſeits erfüllte, zehrte ſich jeder Gedanke an Barnaby, als ſeinen Sohn, auf. War ihm ja außerdem ſeine Anweſenheit eine Qual und ein Vor⸗ wurf; in ſeinen verwirrten Blicken lauerten die ſchrecklichen Bilder jener mit Fluch beladenen Nacht; ſein geſpenſtiges Ausſehen und ſein nur halb ent⸗ wickelter Geiſt ſchienen dem Mörder zu ſagen, er ſey ein Weſen, entſproßen aus dem verſpritzten Blute ſeines Schlachtopfers. Sein Blick, ſeine Stimme, ſeine Berührung durchſchauerten ihn eiſig, und doch ſah er ſich durch ſeine verzweifelte Lage und durch ſein ſehnliches Verlangen, den Galgen um ſein ge⸗ rechtes Eigenthum zu betrügen, genöthigt, ihn an ſeiner Seite zu dulden, weil er wußte, daß nur durch ihn ſein Entkommen möglich wurde. Unter ſolchen Betrachtungen ging er ohne Un⸗ terlaß den ganzen Tag hin und her, während Hugh, noch immer beſinnungslos, in dem Schuppen lag. Um Sonnenuntergang kehrte Barnaby endlich zurück, den blinden Mann an ſeiner Hand, mit dem er ſich auf dem Herwege auf das Angelegentlichſte un⸗ terhielt. Der Mörder ging ihnen entgegen und befahl ſeinem Sohne, nach Hugh zu ſehen, der ſich eben erſt ein Bischen auf die Beine geholfen hatte; dann nahm er deſſen Platz an der Seite des Blinden ein und folgte ihm langſam nach dem Schuppen. „Warum habt Ihr ihn geſchickt?“ fragte Stagg. 168 „Wißt Ihr nicht, daß dieß der Weg war, den eben Gefundenen wieder zu verlieren?“ „Hätte ich etwa ſelbſt kommen ſollen?“ entgeg⸗ nete der Andere. „Hum! vielleicht nicht. Ich war am Dienſtag Nacht vor dem Gefängniß, konnte Euch aber in dem Gedränge nicht auffinden. Auch geſtern Nacht war ich aus.'S gab da gute Arbeit— luſtige Arbeit— einträgliche Arbeit“— fügte er bei, in⸗ dem er in ſeinen Taſchen mit Geld klimperte. „Habt Ihr—* —„Eure Gnädige geſehen? Ja.“ „Ihr habt mir da wohl etwas Weiteres mit⸗ zutheilen, oder nicht?“ „Ich will Euch alles ſagen,“ entgegnete der Blinde lachend.„Entſchuldigt— aber ich habe es gerne, wenn ich Euch ſo ungeduldig ſehe.'S liegt doch Energie darin.“ „Willigt ſte ein, das Wort zu ſprechen, das mich retten kann?“ „Nein,“ erwiederte der blinde Mann mit Nach⸗ druck, indem er ihm ſein Geſicht zukehrte.„Nein. So weit iſt's nicht. Seit ſie ihren Liebling ver⸗ loren, iſt ſie auf den Tod gelegen— beſinnungslos geweſen, und was weiß ich alles. Ich verfolgte ihre Spur nach einem Spital und zeigte mich(mit Eurem Wohlnehmen) an der Seite ihres Bettes. Unſer Geſpräch dauerte nicht lange, denn ſie war ſehr ſchwach, und in der Nähe befanden ſich Leute, ben geg⸗ ſtag in acht tige in⸗ mit⸗ der e es liegt das kach⸗ Rein. ver⸗ gslos olgte (mit ettes. war Leute, 169 ſo daß ich mich etwas genirt fühlte. Ich ſagte ihr indeß Alles, was wir beſprochen hatten, und ſchilderte ihr die Lage des jungen Herrleins in gehörig kräftigen Ausdrücken. Sie verſuchte, mich zu erweichen, aber ich ſagte ihr natürlich, daß dieß verlorene Mühe ſey. Ihr könnt Euch denken, daß ſie gehörig weinte und ſtöhnte; alle Weiber machen's ſo. Dann fand ſie mit einemmale ihre Stimme und ihre Kraft wieder und ſagte, Gott werde ihr und ihrem unſchuldigen Sohne helfen; deßgleichen rufe ſie den Himmel gegen uns auf— und ich verſichere Euch, ſie that dieß auch, in gar hübſchen Ausdrücken. Ich gab ihr, als guter Freund den Rath, nicht auf Beiſtand von einem ſo entlegenen Orte zu zählen— empfahl ihr, die Sache zu überlegen— gab ihr meine Wohnung an, ſagte, ich wüßte, ſie würde vor Mittag zu mir ſchicken und verließ ſie— was weiß ich, ob in einer verſtellten oder in einer wirklichen Ohnmacht.“ Nach dem Schluſſe dieſer Mittheilung, welche der Blinde mehreremale unterbrach, um Nüſſe knacken und verſpeiſen zu können, deren er eine ganze Taſche voll zu haben ſchien, zog dann eine Flaſche aus der Taſche, labte ſich mit einem Trunk und bot das Ge⸗ fäß ſeinem Kameraden an. „Ihr wollt nicht— wie, Ihr wollt nicht?“ ſagte er, als er fühlte, daß es zurückgeſtoßen wurde. „Nun! ſo wird's der wackere Gentleman, der bei Euch wohnt, nicht ausſchlagen. He da, mein Theuerſter!“ „Tod und Hölle!“ rief der Andere, ihn zurück⸗ 170 haltend.„Wollt Ihr mir ſagen, was ich anfangen ſoll?“ „Was anfangen? Das iſt bald geſchehen. Macht ein paar Minuten einen Mondſcheinausflug mit dem jungen Gentleman(er iſt ganz reiſefertig und auf dem Herwege habe ich ihm guten Rath er⸗ theilt) und ſeht zu, ſo weit als möglich von London wegzukommen. Gebt mir Nachricht, wo Ihr ſeyd und überlaßt das Andere mir. Sie muß herumge⸗ bracht werden, auf die Länge wird ſie's nicht treiben; und was die Möglichkeit Eurer Wiederaufgreifung anbelangt— je nun, es war ja nicht Einer, der aus Newgate loskam, ſondern ihrer dreihundert. Be⸗ denkt das und laßt Euch's zum Troſte dienen.“ „Aber wir müſſen leben.— Wie?“ „Wie?“ wiederholte der blinde Mann.„Natür⸗ lich vom Eſſen und Trinken. Und wie gelangt man anders zu Speiſe und Trank, als durch Zahlen? Geld!“ rief er, an ſeine Taſche klopfend.„Iſt Geld die Loſung? Je nun, es hat in den Straßen um⸗ hergerollt. Verhüte der Teufel, daß der Spaß ſchon vorüber iſt, denn das ſind luſtige Zeiten— goldene, rare, lärmende und fingerfertige Zeiten. He da, Patron! He da! He dal trink, Patron, trink. Wo ſteckſt du denn? He da!“ Mit dieſem polternden und lärmenden Weſen, welches bekundete, daß auch der Blinde ſich der all⸗ gemeinen Zügelloſigkeit hingegeben hatte, tappte er N— u——- Kn—— A—?ð AðN᷑ 171 ſich nach dem Schuppen, wo Hugh und Barnaby auf dem Boden ſaßen, und trat ein. „Laßt's herumgehen,“ rief er, Hugh ſeine Flaſche einhändigend.„Die Goſſen rinnen von Wein und Gold. Branntwein und Guineen fließen aus jedem Pumpbrunnen. Herum damit— nichts geſpart!“ Erſchöpft, ungewaſchen, ungeſchoren, von Rauch und Staub geſchwärzt, das Haar von Blut zuſam⸗ menklebend, die Stimme ſo heiſer, daß er nur flüſternd ſprechen konnte, die Haut vom Fieber vertrocknet, der ganze Körper zerquetſcht und zerſchunden— trotz dieſes Zuſtandes nahm Hugh dennoch die Flaſche und erhob ſie an ſeine Lippen. Er war eben im Trinken begriffen, als ſich plötzlich die Thüre des Schuppens verdunkelte und Dennis vor ihnen ſtand. „Will nicht ſtören, will nicht ſtören,“ ſagte dieſe Perſon in verſöhnlichem Tone, als Hugh in ſeinem Zuge inne hielt und ihn mit keinem ſehr freundlichen Blicke vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete.„Will nicht ſtören, Bruder. Barnaby auch hier, he? Wie geht's Euch, Barnaby? Und zwei andere Gentle⸗ men! Euer gehorſamer Diener, meine Herren. Ich mache doch hoffentlich hier nirgends eine Störung. Oder iſt’s ſo, Brüder?“ Obgleich er dieß mit ſehr freundlichen und ver⸗ traulichen Geberden ſprach, ſo ſchien er doch nam⸗ haftes Bedenken zu tragen, weiter vorzutreten, weß⸗ halb er in der Thüre ſtehen blieb. Er war etwas beſſer gekleidet, als gewöhnlich; denn obgleich er noch 172 immer denſelben fadenſcheinigen, ſchwarzen Anzug trug, ſo hatte er doch um ſeinen Hals eine ungeſund ausſehende, gelbliche Kravate und an ſeinen Händen große Lederhandſchuhe, wie ſie die Gärtner bei ihrer Handthierung zu tragen pflegen. Seine Schuhe wa⸗ ren neu geſchmiert und mit ein paar roſtigen Eiſen⸗ ſchnallen verziert, die Bindfadenſchnüre an ſeinen Knieen erneuert und wo ihm die Knöpfe fehlten, Stecknadeln angebracht. Sein ganzes Ausſehen hatte etwas von dem eines jämmerlich heruntergekommenen Diebfängers oder Gerichtsdieners, der aber nicht daran denkt, ſeinem gewerbsmäßigen Charakter etwas zu vergeben und ſeine geringen Mittel auf's Beſte anwendet. „Ihr ſeyd recht hübſch geborgen hier,“ fuhr Herr Dennis fort, indem er ein muffiges, ſtrickartig ausſehendes Taſchentuch herauszog, womit er ſich ängſtlich die Stirne abtrocknete. „Nicht geborgen genug, wie es ſcheint, um nicht von Euch aufgefunden zu werden,“ entgegnete Hugh mürriſch. „Ei, ich will Euch was ſagen, Bruder,“ erwie⸗ derte Dennis mit einem freundlichen Lächeln;„wenn Ihr mich nicht wiſſen laſſen wollt, wohin Ihr reitet, ſo müßt Ihr ein anderes Schellenwerk an Eurem Gaule tragen. Ahl ich kenne den Ton von dem, das Ihr geſtern Nacht trugt, und habe ein ſcharfes Gehör dafür; darauf könnt Ihr Euch verlaſſen. Nun, und wie geht's Euch, Bruder?“ ug ind den rer va⸗ en⸗ ien en, tte ien icht das eſte ihr tig ſich um tete ie⸗ enn tet, em em, fes un, 173 Er hatte ſich inzwiſchen ſo weit ermuthigt, herein⸗ zutreten und ſich neben ihn hinzuſetzen. „Wie es mir geht?“ antwortete Hugh.„Wo wart Ihr geſtern? Wo gingt Ihr hin, als Ihr mich im Gefängniß verließt? Warum habt Ihr mich verlaſſen und was wolltet Ihr damit, als Ihr Eure Augen ſo rolltet und Eure Fauſt nach mir ſchüttel⸗ tet, he?“ „Ich— meine Fauſt geſchüttelt? nach Euch, Bruder?“ ſagte Dennis, indem er ſanft Hugh's dro⸗ hend aufgehobene Hand zurückhielt. „Nun, ſo war's Euer Stock; das iſt ganz das⸗ ſelbe.“ „Barmherziger Himmel, Bruder, ich wollte nichts damit. Ihr habt mich nur halb verſtanden. Es ſollte mich jetzt nicht Wunder nehmen,“ fügte er in dem Tone eines troſtloſen, gekränkten Mannes bei, „wenn Ihr auf den Gedanken gekommen wäret, ich ſey, weil ich wollte, daß jene Burſche im Gefängniß blieben, im Begriffe geweſen, die Banner zu ver⸗ laſſen?“ Hugh betheuerte ihm mit einem Fluche, daß er wirklich dieſer Anſicht ſey. „Nun,“ ſagte Herr Dennis trauervoll,„wenn das nicht genug iſt, Jemanden Mißtrauen gegen ſeine Nebenmenſchen einzuflößen, ſo weiß ich nicht, was es ſonſt thun könnte. Die Banner verlaſſen, he? Ich — Ned Dennis, wie mich mein eigener Vater taufen ließ?— Gehört dieſe Art Euch, Bruder?“ 174 „Ja, ſie gehört mir,“ entgegnete Hugh in dem⸗ ſelben heiſeren Tone, wie zuvor;„Ihr hättet ſie ſpüren ſollen, wenn Ihr in der letzten Nacht mir da und dort in den Weg gekommen wäret. Legt ſie nieder.“ „Ich ſie ſpüren ſollen?“ entgegnete Herr Den⸗ nis, ſie noch immer in der Hand behaltend, und mit gedankenvoller Miene die Schneide befühlend.„Ich ſie ſpüren ſollen? Und ich habe mich doch die ganze Zeit über auf's Vortheilhafteſte abgemüht. Iſt das nicht eine Welt! Und Ihr fordert mich nicht einmal auf, einen Schluck aus dieſer Flaſche da zu thun, he?“ Hugh warf ſie ihm hin. Während ſie jedoch der Henker an ſeine Lippen führte, ſprang Barnaby auf, winkte ihnen, ſich ruhig zu verhalten und ſah angelegentlich hinaus. „Was gibt es, Barnaby?“ fragte Dennis mit einem Blicke auf Hugh, indem er die Flaſche ſenkte, aber noch immer die Art in der Hand behielt. „Bst!“ antwortete er leiſe.„Was glitzert doch dort ſo hinter der Hecke?“ „Was?“ rief der Henker, ſeine Stimme ſo laut als möglich erhebend und ſowohl Barnaby als Hugh faſſend.„Doch nicht— doch nicht Soldaten?“ In demſelben Augenblick füllte ſich der Schup⸗ pen mit Bewaffneten und eine Abtheilung Kavallerie, die über das Feld her galoppirte, ſtellte ſich vor der Thüre auf. „So!“ ſagte Dennis, der ganz ruhig unter —„-——— ł*-h em⸗ ſie da ſie den⸗ mit Ich unze das mal ſe?“ doch aby ſah mit nkte, doch laut ugh 2“ zup⸗ erie, der nter 175 ihnen ſtehen blieb, als ſie ſich der Gefangenen ver⸗ ſichert hatten;„die beiden jungen Leute da ſind's, meine Herren, auf welche die Proklamation einen Preis ausgeſetzt hat. Dieſer Andere iſt ein entſprun⸗ gener Kapitalverbrecher.— Es thut mir leid, Bru⸗ der,“ fügte er im Tone der Ergebung gegen Hugh bei,„aber Ihr ſeyd ſelbſt Schuld daran. Ihr habt mich zu dieſem Schritte gezwungen. Wolltet Ihr ja nicht einmal die geſundeſten conſtuznellen Grundſätze reſpektiren, wißt Ihr, und gingt hin, um die Geſell⸗ ſchaft in ihren innerſten Grundfeſten zu beſchädigen. Meiner Seel', ich hätt' lieber eine Kleinigkeit einem Armen gegeben, als ſo etwas gethan.— Wenn ihr ſte nur feſt halten wollt, meine Herren, ſo glaube ich, ich wär' im Stand, ſie beſſer zu binden, als Ihr!“ Dieſe Operation wurde jedoch durch einen neuen Vorfall auf einige Augenblicke verzögert. Der blinde Mann, deſſen Ohr weit ſicherer war, als bei den meiſten Menſchen das Geſicht, war ſchon vor Bar⸗ naby durch ein Rauſchen in dem Gebüſch, unter deſſen Schutz die Soldaten anrückten, aufgeſchreckt worden. Er entwich ſogleich— hatte ſich irgendwo für eine Minute verſteckt— wahrſcheinlich in ſeiner Verwirrung hinſichtlich des Punktes, woher es ge⸗ kommen, ſich getäuſcht— und man ſah ihn jetzt über die offenen Felder rennen. Ein Offizier rief ſogleich, er habe geſtern Nacht bei der Plünderung eines Hauſes mitgeholfen. Er 176 wurde daher laut zur Uebergabe aufgefordert. Dieß veranlaßte ihn nur zu einem noch ſtärkeren Rennen, und in wenigen Augenblicken hätte er ſich außer Schußweite befunden. Das Commando erfolgte und die Soldaten gaben Feuer. Es folgte eine athemloſe Pauſe und ein tiefes Schweigen, während deß Aller Augen auf ihn ge⸗ heftet waren. Man hatte geſehen, daß er bei dem Abſchießen der Musketen zuſammenfuhr, als ob ihn das Knallen erſchreckt hätte. Er machte aber nicht Halt, ſondern lief mit der gleichen Schnelligkeit noch volle vierzig Schritte weiter. Dann ſank er, ohne ein Wanken oder Stolpern, ohne ein Zeichen von Schwäche oder Gliederzittern nieder. Einige Soldaten nebſt dem Henker eilten nach der Stelle, wo er lag. Alles war ſo raſch vor ſich gegangen, daß der Rauch noch nicht einmal entſchwun⸗ den war, ſondern ſich langſam in einer kleinen Wolke in die Höhe kräuſelte, als wäre er die Seele des tod⸗ ten Mannes, die feierlich emporſchwebte. Man ſah nur einige Blutstropfen im Graſe— noch einige weiter, als man ihn umwandte— das war Alles. „Schaut dal ſchaut her!“ ſagte der Henker, ſich neben der Leiche auf ein Knie niederlaſſend und mit troſtloſem Geſicht zu dem Offizier und den Soldaten aufſchauend.„Das iſt ein ſauberer Anblick!“ „Zurück da!“ verſetzte der Offizier.„Sergeant, ſeht nach, was er bei ſich hat.“ Der Sergeant leerte ſeine Taſchen auf das — das 177 Gras aus und zählte, außer einigen fremden Mün⸗ zen und Ringen, fünfundvierzig Guineen in Gold. Dieſe wurden in ein Schnupftuch eingeſchlagen und weggeſchafft; die Leiche ließ man vor der Hand an Ort und Stelle, aber auch ſechs Soldaten und den Sergeanten dabei, um ſie nach dem nächſten Wirths⸗ hauſe zu bringen. „Wie, wollt Ihr nicht auch einmal gehen?“ ſagte der Sergeant, Dennis auf den Rücken klopfend und auf den Offtzier deutend, der auf den Schuppen zuging. Herr Dennis erwiederte hierauf blos:„Sprecht nicht mit mir!“ und wiederholte dann ſeine wenigen Worte:„Das iſt ein ſauberer Anblick!“ „Ich ſollte meinen, es iſt einer, aus dem Ihr Euch nicht viel macht,“ bemerkte der Sergeant kalt⸗ blütig. „Ei,“ entgegnete Herr Dennis, aufſtehend,„wer ſollte ſich etwas daraus machen, wenn ich's nicht thue?“ „Oh! ich wußte nicht, daß Ihr ſo weichherzig ſeyd,“ erwiederte der Sergeant.„Weiter will ich nicht ſagen!“ „Weichherzig?“ echoete Dennis.„Weichherzig? Schaut'mal dieſen Mann an. Nennt Ihr dieß conſtuznell? Seht Ihr nicht, daß er durch und durch geſchoſſen iſt, ſtatt abgethan zu werden, wie ein Brite? Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich weiß, mit welcher Seite ich es halten ſoll. Ihr ſeyd Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 12 178 ſo ſchlimm, wie die Anderen. Was ſoll aus dem Lande werden, wenn die militäriſche Gewalt die bür⸗ gerliche in dieſer Weiſe übervortheilt? Wo ſind die Rechte dieſes armen Nebenmenſchen, die er als Bür⸗ ger anzuſprechen hat, wenn nicht ich ihm in ſeinen letzten Augenblicken zur Seite ſtehe? Ich war da. Ich war bereit und willig. Das ſind ſaubere Zeiten, Bruder, wenn die Todten in dieſer Weiſe Zeter über uns ſchreien und wir nachher nicht mehr ruhig in unſeren Betten ſchlafen können. Saubere Zeiten!“ Ob er ſich hiefür aus dem Binden der Gefan⸗ genen einen weſentlichen Troſt erholte, iſt ungewiß, aber doch ſehr wahrſcheinlich. Jedenfalls verſcheuchte ſeine Berufung zu dieſer Arbeit vor der Hand die dermaligen peinlichen Betrachtungen und beſchäftigte ſeine Gedanken auf eine angenehmere Weiſe. Sie ſollten nicht alle drei zumal, ſondern in zwei Partieen abgeführt werden— Barnaby und ſein Vater nach der einen Richtung inmitten einer Abtheilung Fußvolk, auf einem andern Wege aber Hugh, der auf ein Pferd gebunden und von einem Reitertrupp ſtark bewacht wurde. In der kurzen Friſt vor ihrer Abführung hatten ſie durchaus keine Gelegenheit, ſich unter einander zu beſprechen, denn ſie wurden ſtreng geſondert gehalten. Hugh ſah nur noch, daß Barnaby mit geſenktem Haupte zwiſchen ſeiner Wache einherging und ihn, ohne die Augen aufzuſchlagen, mit der gefeſſelten Hand zu grüßen verſuchte, als er an ihm vorbeikam. perf geth acht halk ſellſ Abſt Dol war Befe ging der an⸗ iß, hte die gte in und ner ber nem tten zu ten. tem ihn, lten am. 179 Er ſelbſt ermuthigte ſich während ſeines Rittes mit der zuverſichtlichen Hoffnung, der Pöbel werde, wohin man ihn auch bringen möge, das Gefängniß erbre⸗ chen und ihn in Freiheit ſetzen. Aber als ſie nach London und namentlich durch Fleet Market, kürzlich noch die Citadelle der Rebellen, kamen, wo jetzt das Militär alle Ueberreſte des Aufruhrs ausgerottet hatte— da wurde es ihm klar, daß dieſe Hoffnung eitel war, und er fühlte, daß er dem Tode entgegen ritt. Siebenzigſtes Kapitel. Nachdem Herr Dennis dieſes Stück Arbeit ohne verſönliche Beeinträchtigung oder Ungelegenheit ab⸗ gethan, entſchloß er ſich, denn er war jetzt zu der achtbaren Ruhe des Privatlebens zurückgekehrt, ein halbes Stündchen oder ſo etwas in weiblicher Ge⸗ ſellſchaft Troſt zu holen. In dieſer liebenswürdigen Abſicht lenkte er ſeine Schritte nach dem Hauſe, wo Dolly und Miß Haredale noch immer eingeſperrt waren, und wohin auf Herrn Simon Tappertit's Befehl auch Miß Miggs gebracht worden war. Während Herr Dennis ſo durch die Straßen ging— die Lederhandſchuhe auf dem Rücken in einan⸗ der geſchlagen und im Geſichte den Ausdruck heiterer 12* 180 Gedanken und behaglicher Berechnung— hätte man ihn wohl für einen Pächter halten mögen, der Er⸗ wägungen über den Betrag ſeiner Ernte anſtellt und ſich im Vorhinein des reichen Segens der Vorſehung erfreut. Mochte er hinſchauen, wohin er wollte, allenthalben zeigten ihm die Trümmerhaufen, wie viel er ſich für ſein Handwerk verſprechen dürfe; die ganze Stadt ſchien für ihn gepflügt, geſät und durch das gedeihlichſte Wetter begünſtigt worden zu ſeyn; eine herrliche Ernte ſtand in Ausſicht. Es wäre vielleicht zu weit gegangen, wenn man behaupten wollte, Herr Dennis habe, als er die Waffen ergriff und zu gewaltſamen Handlungen ſeine Zuflucht nahm, um das große Ziel zu verfolgen, Old Bailey in aller ſeiner Reinheit und den Galgen in ſeiner früheren Anwendung und moraliſchen Größe zu erhalten— dieſen glücklichen Stand der Dinge be⸗ ſtimmt im Auge gehabt oder vorausgeſehen. Er be⸗ trachtete ihn vielmehr als eine jener herrlichen Spen⸗ den, welche unzweifelhaft von Zeit zu Zeit zu Nutz und Frommen der Guten niederſtrömen und fühlte ſich bei dieſem ſegensreichen Reifen für den Galgen gewiſſermaßen perſönlich bedacht. Nie war er ſich ſelbſt ſo in dem Lichte von Fortuna's Liebling und Schooßkind erſchienen, und nie, in ſeinem ganzen Leben, hatte er dieſe Dame ſo innig oder mit ſo ruhiger und tugendhafter Zuverſicht geliebt. Den Gedanken, ſelbſt als Rebelle aufgegriffen und mit den übrigen beſtraft zu werden— ja, ſchon man Er⸗ und hung vollte, e viel ganze ) das eine nman er die ſeine olgen, zalgen Größe ge be⸗ Er be⸗ Spen⸗ 1 Nutz fühlte Galgen er ſich ig und ganzen mit ſo xgriffen 1, ſchon 181 den Gedanken an die Möglichkeit eines ſolchen Er⸗ eigniſſes wies Herr Dennis als eine eitle Chimäre von ſich; er argumentirte nämlich, das von ihm zu Newgate eingeſchlagene Verfahren und der Dienſt, den er heute geleiſtet, würden mehr als zureichen, jedes Zeugniß, daß er mit unter dem Pöbel geweſen, zu entkräften: jede Beſchuldigung ſeiner Betheiligung bei dem Aufruhr von Seite derjenigen, die ſelbſt in Gefahr waren, mußte nothwendig für null und nichtig erachtet werden: und wenn auch unglücklicher⸗ weiſe irgend eine kleine Unklugheit auf ihn heraus⸗ kommen ſollte, ſo drückte man dabei ſicherlich ein Auge zu wegen des dermaligen beſonderen Nutzens ſeines Amtes und der großen Nachfrage nach Funk⸗ tionen, wie die ſeinigen waren. Mit einem Worte, er hatte ſeine Karten durchaus mit großem Bedacht geſpielt, ganz zu rechter Zeit ſeine Fahne gewechſelt, die beiden Hauptaufwiegler nebſt einem ausgezeichneten Verbrecher in die Hände der Gerichte geliefert, und war daher ganz ruhig. Mit einer einzigen Ausnahme— denn dieß gilt von allen Regeln, und ſelbſt Herr Dennis theilte dieß Geſchick— des Umſtands nämlich, daß Dolly und Miß Haredale in einem Hauſe, das faſt an das ſeinige ſtieß, gewaltſam zurückgehalten wurde. Dieß war ein Stein des Anſtoßes; denn wenn ſie entdeckt und befreit wurden, ſo waren ſie im Stande, durch ihr Zeugniß ihn in eine ſehr gefährliche Lage zu bringen; ſie aber laufen zu laſſen, nachdem er ihnen zuvor einen Eid der Verſchwiegenheit abgepreßt hatte, das war eine Sache, an die er nicht denken durfte. Vielleicht war es mehr die Rückſicht auf die Gefahr, welche dem Henker von dieſer Seite drohte, als ſeine Liebe zur Unterhaltung mit dem ſchönen Geſchlecht, daß er ſich jetzt ſo ſehr beeilte, in ihre Geſellſchaft zu kommen; denn bei jedem Schritte, den er that, verwünſchte er Hughs und Herrn Tappertits verliebte Naturen aus tiefſtem Herzensgrunde. Als er in das armſelige Gemach trat, in welchem ſte eingeſperrt waren, zogen ſich Dolly und Miß Haredale ſchweigend in die hinterſte Ecke zurück. Aber Miß Miggs, die hinſichtlich ihres Rufes beſonders zart fühlte, ſank augenblicklich auf ihre Kniee nieder und fing an, laut hinaus zu kreiſchen:„Was wird aus mir werden!“—„Wo iſt mein Simmun!“— „Habt Barmherzigkeit, guter Herr, mit der Schwäche meines Geſchlechtes!“— nebſt vielen anderen kläg⸗ lichen Lamentationen gleicher Beſchaffenheit, deren ſie ſich mit großem Anſtande und Schicklichkeitsgefühle entledigte. „Miß, Miß,“ flüſterte Dennis, indem er ihr mit dem Zeigefinger winkte,„kommt her— ich thue Euch nichts zu Leide. Kommt her, mein Lamm, wollt Ihr?“ Miß Miggs, die, ſobald er die Lippen öffnete, zu ſchreien aufgehört und aufmerkſam auf ſeine Worte gehorcht hatte, ſing nach dieſem zärtlichen Epithetum ſogleich wieder an: 1 1 tte, fte. ahr, eine echt, 1 haft hat, iebte chem Miß Aber nders ieder wird wäche kläg⸗ en ſie efühle r ihr thue kamm, ffnete, Worte thetum 183 „Oh, ich bin ſein Lamm! er ſagt, ich ſey ſein Lamm! Oh, du grundgütiger Himmel, warum bin ich nicht alt und häßlich geboren? Warum mußte ich gerade die jüngſte von ſechſen ſeyn, die alle todt ſind und in ihren geſegneten Gräbern liegen, eine ver⸗ heirathete Schweſter ausgenommen, die im goldenen Löwenhof Nr. 72, zweite Klingel rechts wohnt!“ „Habe ich Euch nicht geſagt, ich wolle Euch nichts zu Leide thun?“ entgegnete Dennis, auf einen Stuhl deutend.„Warum denn ſo, Miß? Was gibts denn?“ „Ich weiß nicht, was es geben mag,“ rief Miggs, verzweifelnd ihre Hände zuſammenſchlagend. „Aber etwas muß es geben!“ „Ich ſage Euch aber: nein,“ erwiederte der Henker. „Zuerſt hört einmal mit Eurem Schreien auf— Na, und ſetzt Euch daher; wollt Ihr, mein Hühnchen?“ Der einſchmeichelnde Ton, womit er dieſe letzten Worte ſprach, hätte vielleicht ſeines Zweckes verfehlt, wenn er ſie nicht mit unterſchiedlichen ſcharfen Rucken ſeines Daumens über die eine Schulter, einem gewiſſen Blinzeln und Stecken der Zunge in ſeine Backen begleitet hätte— Signale, aus denen die Jungfer nachgerade entnahm, daß er über Miß Haredale's und Dolly's Angelegenheiten heimlich mit ihr zu ſprechen wünſchte. Sie war mit einer gewaltigen Portion Neugierde begabt, und da ihre Eiferſucht gleichfalls nicht unthätig war, ſo ſtand ſte auf und kam ihm allmälig, freilich viel ſchaudernd, oft zurück⸗ fahrend und ein großes Muskelſpiel um alle die kleinen Kehlknorpelchen entwickelnd, näher. „Setzt Euch,“ ſagte der Henker. Um ſeinem Geheiß mehr Nachdruck zu geben, drückte er ſie etwas plötzlich und vorſchnell in einen Stuhl. Um ſie ſodann durch einen kleinen, harm⸗ loſen Scherz, wie ihn Frauenzimmer lieben, wieder zu verſöhnen, verwandelte er ſeinen rechten Zeige⸗ finger in einen ideellen Nagelpfriem oder Bohrer, und that, als wolle er ihr denſelben in die Seite ſchrauben— worüber Miß Miggs abermals aufſchrie und Symptome von einer Ohnmacht blicken ließ. „Schätzchen, meine Liebe,“ flüſterte Dennis, ſeinen Stuhl dicht neben den ihrigen rückend.„Wann war Euer junger Mann zum letztenmal hier?“ „Mein junger Mann, guter Herr?“ antwortete Miggs im Tone ſchmerzlichen Kummers. „Ah! Simmun— Ihr kennt— ihn?“ ver⸗ ſetzte Dennis. „Ja wohl da, nein!“ rief Miggs mit einem Bitterkeitsausbruche— und während ſie ſo ſprach, blickte ſie nach Dolly hin.„Mein— guter Herr!“ Dieß war es eben, was Herr Dennis wollte und erwartete. „Ah!“ ſagte er mit ſo freundlichem, um nicht zu ſagen, verliebtem Blicke auf Miggs, daß ſie, wie ſie nachmals bemerkte, wie auf den ſchärfſten Whit⸗ chapelnadeln ſaß, da ſie nicht wiſſen konnte, welche Abſichten hinter einem ſolchen Geſichtsausdrucke lauern 185 mochten:„ich fürchte das. Ich habe es ſelbſt auch ſchon geſehen. Die Schuld liegt rein an ihr. Sie will ihn durchaus verlocken.“ „Ich möchte mich nicht,“ rief Miggs, ihre Hände faltend und mit der Miene andächtiger Unſchuld gegen die Decke blickend,„ich möchte mich nicht ſo blos ſtellen, wie ſie thut; ich möchte nicht ſo ſchamlos ſeyn, wie ſie; ich möchte nicht ſo ausſehen, als ſagte ich allen Mannsbildern: ‚komm' und küß' miche“— und hier überflog ein krampfhaftes Schaudern ihren ganzen Körper—„nein, nicht um alle Erdenkronen, die man mir bieten thäte. Welten,“ fügte Miggs feierlich bei,„ſollten mich nicht ſo weit bringen. Nein und wenn ich eine Venis wäre.“ „Nun wißt Ihr aber wohl, daß Ihr eine Venis ſeyd, ſagte Herr Dennis zutraulich. „Nein, ich bin's nicht, guter Herr,“ entgegnete Miggs, indem ſie mit einer Miene der Selbſtver⸗ läugnung den Kopf ſchüttelte, welche anzudeuten ſchien, ſie könnte eine ſeyn, wenn ſie wollte, aber ſie ſey hoffentlich geſcheidter.„Nein, ich bin's nicht, guter Herr. Legt mir ſo etwas nicht zur Laſt.“ Die ganze Zeit über hatte ſie ſich hin und wieder nach der Stelle, wohin ſich Dolly und Miß Haredale geflüchtet, umgedreht, einen Schrei oder einen Seufzer ausgeſtoßen, oder mit ungemeinem Zittern die Hand auf's Herz gelegt, um das Anſehen zu gewinnen und den beiden Maͤdchen verſtehen zu geben, daß ſie ſich nur proteſtirend und mit Widerwillen mit dem Gaſte 186 unterhalte und dem allgemeinen Beſten ein großes perſönliches Opfer bringe. Jetzt aber ſchaute ſie Herrn Dennis mit einem ſo viel ſagenden Blicke an und verzog ſein Geſicht in einer ſo eigenthümlichen Weiſe, indem er ſie erſuchte, noch etwas näher zu rücken, daß ſie dieſe kleinen Kunſtgriffe aufgab und ihm ihre ganze ungetheilte Aufmerkſamkeit weihte. „Wann war Simmun hier, frage ich?“ raunte ihr Dennis in's Ohr. „Seit geſtern Morgen nicht mehr, und auch dann nur ein paar Minuten. Vorgeſtern ließ er ſich den ganzen Tag nicht ſehen.“ „Ihr wißt, er gedachte immer, die eine da zu entführen,“ ſagte Dennis, mit dem möglichſt leichten Kopfrucke nach Dolly deutend.„Und Euch wollte er einem Andern übergeben.“ Miß Miggs, die nach dem erſten Theile dieſer Rede ſchrecklich in Jammer gerathen war, erholte ſich bei dem zweiten ein wenig und ſchien dadurch, daß ſie ihre Thränen plötzlich unterdrückte, andeuten zu wollen, dieſe Maßregel könnte möglicherweiſe ihren Beifall haben— jedenfalls ſey es noch eine große Frage. „Aber unglücklicherweiſe,“ fuhr Dennis, dem dieß nicht entging, fort,„war jemand anders auch in ſie verliebt, ſeht Ihr; und ſelbſt wenn's nicht wäre, ſo iſt dieſer Andere als Rebeller gefaßt worden und demnach alles vorbei mit ihm. 187 Miß Miggs erlitt einen Rückfall. „Nun möchte ich aber dieſes Haus geräumt und Euch in Eure Rechte eingeſetzt ſehen,“ ſagte Dennis. „Wie wär's, wenn ich ſie mir vom Hals ſchaffte— aus dem Wege, he?“ Miß Miggs ſtrahlte wieder auf und entgegnete mit vielen Unterbrechungen und Pauſen(Folgen ihrer überſtrömenden Gefühle), daß die Verſuchungen für Simmun Gift geweſen wären. Er ſey nicht Schuld daran, ſondern ſie(nämlich Dolly). Die Männer durchſchauten nicht ſo dieſe ſchrecklichen Kunſtgriffe, wie dieß bei Frauenzimmern der Fall ſey, und ließen ſich daher fangen und einthun, wie es auch bei Sim⸗ mun gegangen. Sie habe zwar keine perſönlichen Beweggründe, ihm an die Hand zu gehen— kein Gedanke— im Gegentheil, ſie meine es gut mit allen Parteien. Aber ſo viel ſie von der Sache verſtehe, müſſe ſie ſagen, daß Simmun, wenn er gewiſſe trügeriſche und argliſtige Hexen(ſie wolle keine Namen nennen, denn dieß widerſtrebe ihrem Charakter) gewiſſe trügeriſche und argliſtige Heren heirathete— ſich elend und unglücklich machen würde für ſein ganzes Leben, weßhalb ſie der Anſicht ſey, daß Vorſichtsmaßregeln. am Orte wären. So viel, fügte ſie bei, müſſe ſie aufrichtig geſtehen. Da aber dieß Privatgefühle ſeyen und vielleicht als Rachſucht betrachtet werden könnten, ſo bitte ſie den Herrn, nicht weiter davon zu reden. Sie wünſche ihre Pflicht gegen alle Menſchen, ſogar gegen diejenigen, die von jeher ihre 188 bitterſten Feinde geweſen, zu erfüllen, und wolle daher nicht mehr auf ihn hören, was er auch ſagen möge. Damit verſtopfte ſte die Ohren und ſchüttelte den Kopf hin und her, um Herrn Dennis anzudeuten, daß ſie gegen ihn ſo taub ſeyn würde, wie eine Blind⸗ ſchleiche, und wenn er ſich außer Athem ſprechen wollte. „So ſchaut nur, mein Zuckerſtengel,“ ſagte Herr Dennis;„wenn Eure Anſicht mit der meinigen übereinkömmt, und Ihr wolltet nur zu rechter Zeit ruhig davonſchlüpfen, ſo kann ich das Haus morgen ſauber haben und dieſer ganzen Plackerei los ſeyn. — Aber haltet, da iſt noch die Andere.“ „Welche andere, Sir?“ fragte Miggs, noch immer mit den Fingern in ihren Ohren und hart⸗ näckig den Kopf ſchüttelnd. „Je unn, die Große dort,“ antwortete Dennis, indem er ſich das Kinn ſtrich und etwas vor ſich hin murmelte, ungefähr des Inhalts, daß er Herrn Gash⸗ ford nicht in die Queere kommen möge. Die noch immer ſtocktaube Miß Miggs verſetzte, wenn Miß Haredale ein Hinderniß ſey, ſo dürfe er ſich in dieſer Hinſicht völlig beruhigen: aus dem, was zwiſchen Hugh und Herrn Tappertit, als ſie das letztemal hier geweſen, vorgegangen ſey, habe ſie entnommen, daß ſie morgen Abend allein(nicht von ihnen, ſondern von jemand Anders) fortgeſchafft werden ſolle. Auf dieſe Nachricht ſperrte Herr Dennis die 189 Augen weit auf, pfiff einmal, überlegte einmal, ſchlug ſich zum Schluſſe an die Stirne und nickte mit dem Kopf, als hätte er jetzt den Schlüſſel zu dieſer ge⸗ heimnißvollen Entfernung und ſey damit ganz zu⸗ frieden. Dann theilte er Miß Miggs ſeinen Dolly betreffenden Plan mit, die jetzt mit einemmale tauber als je war und es auch während der ganzen Eröff⸗ nung verblieb. Der merkwürdige Entwurf lief nämlich darauf hinaus. Herr Dennis wollte ſogleich unter den Re⸗ bellen irgend einen wagehälſigen jungen Burſchen (wie er ſagte, hatte er ſchon auf einen ſein Augen⸗ merk) aufſuchen, der, erſchreckt durch die Drohungen, mit denen er ihn hinhalten könnte, und beunruhigt durch die Aufgreifung ſo Vieler, die nicht beſſer und nicht ſchlechter als er wären, mit Freuden nach Allem greifen würde, was ihm und ſeinem Raube aus dem Bereiche der Gefahr und in's Ausland zu helfen ver⸗ möchte, ſelbſt wenn ſeine Reiſe die läſtige Zugabe einer unfreiwilligen Kumpanſchaft erhielte; ja, es werde wahrſcheinlich nur noch mehr Reiz und Verlockung darin liegen, wenn er höre, daß dieſe Kumpanſchaft ein hübſches Mädchen ſey. Habe er einmal die paſ⸗ ſende Perſon aufgefunden, ſo wolle er ſie morgen Nacht, wenn man die Große geholt und Miß Miggs Reißaus genommen habe, herbringen. Dolly müſſe dann geknebelt, in einen Mantel gehüllt und in ir⸗ gend einem gelegenen Fuhrwerke nach der Themſe⸗ hinunter geſchafft werden, wo es Mittel genug gebe, 190 ſie in der Stille auf ein kleines Fahrzeug von zwei⸗ deutigem Charakter zu ſchmuggeln, wo weiter keine Fragen geſtellt würden. Was die Koſten dieſer Ent⸗ führung betreffe, ſo glaube er nach einem ungefähren Ueberſchlag, daß zwei oder drei ſilberne Thee⸗ oder Kaffeekannen nebſt einem Trinkgeld(etwa einer Zucker⸗ zange oder einem Theeſeiher) mehr als hinreichend ſeyn dürften. Silbergeſchirr jeder Art ſey von den Rebellen an mehreren einſamen Orten Londons, na⸗ mentlich aber, wie er wiſſe, in Saint James Square begraben; man könne demſelben zwar leicht beikommen, aber da nach Einbruch der Nacht kein Menſch dort zu finden und ein gelegenes Stückchen Waſſer in der Mitte wäre, ſo lägen die nöthigen Fonds bereit und könnten jeden Augenblick erhoben werden. Hinſicht⸗ lich Dolly's müſſe der Gentleman eben mit der nö⸗ thigen Vorſicht zu Werke gehen. Er verpflichte ſich zu nichts, als ſie fortzunehmen und zurückzuhalten; was er ſonſt noch mit ihr anfangen wolle, bleibe ganz ihm ſelbſt überlaſſen. Wenn Miß Miggs im Beſitze ihres Gehörſinnes geweſen wäre, ſo hätte ſie ſich ohne Zweifel höchlich über die Unzartheit entſetzt, daß ein junges Frauen⸗ zimmer mit einem Fremden, und noch obendrein bei Nacht, durchgehen ſolle, denn ihr Sittlichkeitsgefühl war, wie bereits bemerkt, von der allerzarteſten Art; aber ſobald Herr Dennis zu ſprechen aufgehört hatte, erinnerte ſie ihn, daß er nur umſonſt ſeinen Athem verſchwendet habe. Sie fuhr(noch immer mit den 191 Fingern in ihren Ohren) fort, daß nur eine ſtrenge praktiſche Lection die Schloſſerstochter von gänzlichem Verderben retten könne, und daß ſie es ſo zu ſagen für eine moraliſche Verbindlichkeit und für eine heilige Pflicht gegen die Familie halte, zu wünſchen, daß ihr Jemand um ihres eigenen Beſten willen dieſe Lection ertheile. Miß Miggs bemerkte auch noch, und zwar ganz richtig, als allgemeine Anſicht, auf die ſie eben erſt zufällig komme, ſie glaube allerdings, daß der Schloſſer und ſeine Frau jammern und kla⸗ gen würden, wenn ſie je, ſey es nun durch gewalt⸗ ſame Entführung oder auf eine andere Weiſe, ihr Kind verlieren ſollten: wir wüßten jedoch in dieſer Welt ſelten, was zu unſerem Beſten diene, ſintema⸗ len wir ſo ſündige und unvollkommene Weſen ſeyen, daß hierin nur Wenige zu einer richtigen Anſicht gelangten. Nachdem das Geſpräch zu dieſem befriedigenden Z iele geführt, trennten ſie ſich— Dennis, um ſeinen Plan zu bethätigen und ſich noch einmal ein Bischen in ſeinen Domänen umzuſehen, Miß Miggs, um, ſobald der Henker fort war, ſich in einem ſolchen Ausbruche von Aengſten und Nöthen zu ergehen, Gwie ſie ſagte, in Folge gewiſſer zarter Dinge, welche Herr Dennis ihr zu eröffnen die Frechheit und An⸗ maßung gehabt hatte) daß das Herz der kleinen Dolly recht eigentlich zum Schmelzen kam. In der That ſagte und that ſie auch ſo viel, um die verletz⸗ ten Gefühle der Miß Miggs zu beſchwichtigen, und ſah dabei ſo ſchön aus, daß die ehrſame Jungfer ihr auf der Stelle hätte das Geſicht zerkratzen müſſen, wenn ſie nicht hinreichend Gelegenheit gehabt haben würde, ihren überſprudelnden Groll durch das Vor⸗ gefühl deſſen, was der Aermſten bevorſtand, zu ſättigen. Einundſtebenzigſtes Kapitel. Den ganzen nächſten Tag blieben Emma Hare⸗ dale, Dolly und Miggs zuſammen an dem Orte eingeſperrt, wo ſie ſchon ſo viele Tage gefangen geſeſſen, ohne Jemand zu ſehen oder einen andern Ton zu hören, als das halblaute Geſpräch, worin ſich ihre Wächter in einem äußeren Zimmer ergingen. Ihre Anzahl ſchien ſich gemindert zu haben, und auch die Weiberſtimmen konnten ſie nicht mehr hören, welche ſte zuvor immer deutlich zu unterſcheiden vermocht hatten. Auch ſchien irgend eine neue Aufregung unter ihnen zu herrſchen, denn es wurde viel ver⸗ ſtohlen aus⸗ und eingegangen und beſtändig bei den andern Ankömmlingen Nachfrage gehalten. Man hatte ſich früher ganz rückſichtslos benommen, oft einen gewaltigen Lärm gemacht, Streit angefangen, geboxt, getanzt und geſungen. Jetzt war aber Alles re⸗ örte ſen, zu ihre hre die lche ocht ung ver⸗ den Nan oft igen, Alles 193 ſchüchtern und ſchweigſam; ſie beſprachen ſich faſt in Flüſterlauten und ſchlichen mit leiſen und verſtohle⸗ nen Tritten aus und ein— mit einem Worte, ſo ganz verſchieden von dem lärmenden Geſtampfe, wo⸗ mit bisher ihr Kommen und Gehen den zitternden Gefangenen angekündigt wurde. Ob dieſe Veränderung in der Gegenwart irgend einer angeſehenen Perſon aus den Reihen der Auf⸗ rührer, oder in irgend einem andern Anlaſſe ihren Grund hatte, vermochten ſie nicht zu unterſcheiden. Bisweilen glaubten fie, denſelben in der Anweſenheit eines kranken Mannes in der Kammer ſuchen zu müſſen, denn ſie hatten in der letzten Nacht ein Scharren mit den Füßen, als ob eine Laſt herein⸗ gebracht würde, und nachher ächzende Töne gehört. Ueber den wahren Thatbeſtand konnten ſie jedoch keine Gewißheit erholen, da jede Frage oder Bitte von ihrer Seite nur einen Sturm brutaler Verwün⸗ ſchungen oder etwas noch Schlimmeres hervorrief; auch fühlten ſie ſich zu glücklich, daß ſie allein blei⸗ ben durften und mit Drohungen oder bewundernden Blicken verſchont blieben, um dieſen Troſt durch einen freiwilligen Verkehr mit ihren Hütern auf's Spiel zu ſetzen. Es war ſowohl Emma, als auch der armen, kleinen Schloſſerstochter ſelbſt hinreichend klar, daß ſie, Dolly, der große Anziehungsgegenſtand war, und daß Hugh und Tappertit, ſobald ſie Muße hat⸗ ten, ſich der zarteren Leidenſchaft hinzugeben, zuver⸗ Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 13 * 194 läſſig um ihretwillen einander in die Haare gerathen würden, in welch letzterem Falle es nicht ſehr ſchwie⸗ rig war, vorauszuſehen, wem die Priſe zu Theil werden mußte. All' ihr früherer Schrecken gegen dieſen Mann lebte auf's Neue wieder auf und ſtei⸗ gerte ſich zu einem Abſcheu, den keine Sprache zu ſchildern vermag. Tauſend alte Erinnerungen, Ge⸗ fühle der Reue und Urſachen zu Kummer, Angſt und Furcht bedrängten ſie von allen Seiten. Die arme Dolly Varden— die ſüße, blühende, ſchmucke Dolly— begann ihr Köpfchen zu hängen, dahin zu ſchwinden und zu welken, wie eine ſchöne Blume. Die Farbe floh von ihren Wangen, der Muth ver⸗ ließ ſie und ihr armes Herzchen fing an, zu verza⸗ gen. Aller ihrer Eroberungen, ihrer Unbeſtändigkeit und ihrer anziehenden kleinen Koketterien vergeſſend, lag ſie den ganzen lieben Tag an Emma Haredale's Buſen, bald nach ihrem theuern, alten, grauhaarigen Vater, bald nach ihrer Mutter, bisweilen auch nach ihrer Heimath rufend, und ſo ſchwand ſie langſam dahin, wie ein armes Vögelchen in ſeinem Käfig. O ihr leichten Herzen, ihr leichten Herzen, die ihr ſo heiter auf dem glatten Strome dahinſchwimmt und euch ſo wonnig und wohl in dem Sonnenſcheine des Lebens fühlt— Duft auf der Pflaume, Blü⸗ thenzeit der Blume, zartes Erglühen in der Sommer⸗ luft, geflügeltes Inſektenleben mit deiner eintägigen Dauer— wie bald ſinkt ihr unter, wenn ſich die Waſſer trüben! Das Herz der armen Dolly— ein kleines, zartes, eitles, flatterhaftes Ding, ſchwindlig, ohne Raſt und ſtets in den Lüften, in nichts beſtän⸗ dig, als in den leuchtenden Blicken und dem heitern Lächeln— Dolly's Herz wollte brechen. Emma war mehr mit Leiden vertraut und wußte ſich daher beſſer darein zu finden. Troſt konnte ſie zwar nur wenig geben, aber doch ihre Freundin be⸗ ruhigen und zärtlich behandeln, was ſie denn auch that. Dolly klammerte ſich an ſie an, wie ein Kind an ſeine Amme. Indem Miß Haredale verſuchte, ihr Muth einzuflößen, bekräftigte ſie zugleich ihren eigenen, und trotz der langen Nächte, der trübſeligen Tage und des lähmenden Einfluſſes von Wachen und Er⸗ ſchöpfung, ließ ſie keine Klage laut werden, obgleich ſie vielleicht einen weit beſtimmteren und klareren Blick in die Gefahren und die Troſtloſigkeit ihrer Lage that. Vor den Elenden, in deren Macht ſie gegeben war, benahm ſie ſich ſo ruhig und inmitten ihrer Herzensangſt lebte ſo augenſcheinlich die geheime Zuverſicht, man werde es nicht wagen, ihr ein Lei⸗ 13 196 ſtande erzählt,(die Tugend hatte ihr nämlich über⸗ natürliche Kräfte verliehen) daß die Beiden ſich ſogar glücklich fühlten, in ihr eine Gefährtin zu haben. Auch war dieß nicht der einzige Troſt, der ihnen anfangs aus Miggs' Anweſenheit und Geſellſchaft erwuchs, denn dieſe junge Dame entfaltete ſo viel Geduld und Ergebung, eine ſo demüthige Langmuth unter ihrer Heimſuchung und athmete in allen ihren züchtigen Reden ein ſo heiliges Vertrauen und einen ſo frommen Glauben, Alles werde noch zu einem guten Ende führen, daß ſogar Emma ſich durch die⸗ ſes glänzende Beiſpiel gekräftigt fühlte, denn ſie zweifelte keinen Augenblick, daß Alles, was ſie ſprach, wahr, und daß ſie, gleich ihnen, von Allem, was ſte liebte, weggeriſſen worden ſey— ein Raub ban⸗ gender Sorgen. Schon der Umſtand, daß ſie aus dem elterlichen Hauſe kam, wirkte anfangs als ein Belebungsmittel auf die arme Dolly; als ſie jedoch hörte, unter welchen Verhältniſſen ſie fortgekommen, und in weſſen Hände ihr Vater gefallen war, weinte ſie bitterlicher als je und wollte ſich nicht tröſten laſſen. Miß Miggs bemühte ſich, ihr dieſe Zaghaftig⸗ keit zu verweiſen, und forderte ſie auf, an ihr ſelbſt ein Beiſpiel zu nehmen, ſintemal ihr jetzt der Betrag ihrer Beiträge zu dem rothen Ziegelhäuschen mit tauſendfältigen Intereſſen an Seelenfrieden, ruhigem Gewiſſen und ähnlichen Artikeln zurückkäme. Und da man eben ernſte Dinge beſprach, ſo hielt es Miß 197 Miggs für ihre Pflicht, Hand an Miß Haredale's Bekehrung zu legen, zu deren Erbauung ſie ſich in einer ziemlich langen polemiſchen Anrede erging, in deren Verlauf ſie ſich ſelbſt mit einem auserkorenen Miſſionär und die junge Dame mit einem in der Finſterniß wandelnden Kannibalen verglich. In der That kam ſie auch ſo oft auf dieſen Stoff zurück und forderte die beiden Mädchen zu ſo unzähligen⸗ malen auf, an ihr ein Muſter zu nehmen— zu glei⸗ cher Zeit mit ihrer ungeheuren Unwürdigkeit und ihrem Uebermaße von Sünden prunkend und prah⸗ lend— daß ſie in Bälde in jener kleinen Stube mehr zum Aergerniß, als zum Troſt wurde und ihre Lei⸗ densgefährtinnen wo möglich noch unglücklicher machte, als ſie zuvor geweſen waren. Die Nacht war jetzt hereingebrochen und ſie blieben heute zum erſtenmale im Dunkeln, denn bis⸗ her hatten ihre Hüter nie unterlaſſen, ſie regelmäßig mit Lebensmitteln und Licht zu verſehen. Jeder Wechſel in ihrer Lage, der an einem ſolchen Orte ſtattfand, flößte ihnen neue Aengſten ein, und als nach dem Verlaufe einiger Stunden das Dunkel noch immer nicht unterbrochen wurde, vermochte Emma ihre Unruhe nicht länger zu bewältigen. Sie horchten aufmerkſam. Es war ein Gemur⸗ mel in dem äußern Zimmer und hin und wieder ein Stöhnen, welches ſich aus der Bruſt eines Leidenden zu ringen ſchien, der daſſelbe vergeblich zu unter⸗ drücken verſuchte. Selbſt ihre Wächter ſchienen im 198 Dunkeln zu ſitzen, denn kein Licht ſchien durch die Thürſpalten und eben ſo wenig ließ ſich das gewohnte rührige Treiben vernehmen. Es herrſchte eine Tod⸗ tenſtille, die nicht einmal durch das Knarren einer Diele unterbrochen wurde. Anfangs hätte Miß Miggs gar zu gerne wiſſen mögen, wer wohl die kranke Perſon ſey; bei weiterer Erwägung kam ſie jedoch zu dem Schluſſe, daß es wohl ein Theil des verabredeten Anſchlags und ein Kniff ſey, der bald erfolgreich in Wirkſamkeit treten dürfte. Um daher Miß Haredale zu tröſten, gab ſie ihre Meinung dahin kund, es ſey wahrſcheinlich ein ver⸗ wundeter, irre geleiteter Papiſt, und dieſe glückliche Annahme ermuthigte ſie, zu wiederholtenmalen leiſe ein„Hallilojah“ vor ſich hinzuſingen. „Iſt's möglich,“ ſagte Emma mit einiger Ent⸗ rüſtung,„daß Ihr, die Ihr alle dieſe Greuel, von denen Ihr uns erzählt, mit angeſehen habt und, wie wir, in die Hände dieſer Ungeheuer gefallen ſeyd, über ihre Grauſamkeit noch triumphiren könnt?“ „Perſönliche Rückſichten, Miß,“ verſetzte Miggs, „ſinken einer edeln Sache gegenüber in Nichts zu⸗ ſammen. Hallilojah! Hallilojah! Hallilojah, meine guten Herren!“ Der ſchrillen Härte nach, womit Miß Miggs dieſe Anrufungsformel wiederholte, hätte man glau⸗ ben ſollen, ſie keuche dieſelbe durch das Schlüſ⸗ ſelloch; die tiefe Dunkelheit ließ jedoch hierüber nicht in's Klare kommen. — — 199 „Wenn die Zeit gekommen iſt— und der Him⸗ mel weiß, daß ſie jeden Augenblick kommen kann— wo die Plane, um deren willen ſie uns herge⸗ bracht haben, welche ſie nun auch ſeyn mögen, zur Ausführung gebracht werden ſollen— könntet Ihr noch immer getroſt ſeyn und es mit ihnen halten?“ fragte Emma. „Dank ſey es meinen grundgütigen, barmherzi⸗ gen, geſegneten Sternen, ich kann es, Miß,“ ant⸗ wortete Miggs mit erhöhtem Nachdrucke.„Hallilo⸗ jah, ihr guten Herrn!“ Selbſt Dolly lebte bei dieſen Worten, ungeach⸗ tet ihrer Troſtloſtgkeit und Niedergeſchlagenheit wie⸗ der auf und befahl Miggs, auf der Stelle das Maul zu halten. „Was habt Ihr zu bemerken beliebt, Miß Var⸗ den?“ verſetzte Miggs, einen ſtarken Nachdruck auf das erſtere Wort legend. Dolly wiederholte ihren Befehl. „Ho, barmherziger Himmel!“ rief Miggs mit einem hyſteriſchen Lachen.„Ho, barmherziger Him⸗ mel! Ja, da muß ich wohl. Ho ja! Ich bin eine in den Staub getretene Sklavin, ein ſich plackendes, ſich abrackerndes, beſtändig arbeitendes, ſtets alle Schuld auf ſich nehmendes, nie was recht machen⸗ des und nie ſich zu reinigen Zeit kriegendes irdenes Geſchirr— oder etwa nicht, Miß? Ho ja! Meine Stellungen ſind niedrig, meine Fähigkeiten verdumpft und meine Pflichten beſtehen darin, mich vor den 200 boshaften, ausgearteten Töchtern geſegneter Mütter zu demüthigen, die werth ſind, mit den Heiligen im Himmel umzugehen, aber die Schickung tragen, von gottloſen Verwandten verfolgt zu werden— und mich herabzuwürdigen vor ſolchen, die nicht beſſer ſind als Heiden— nicht wahr, Miß? Ho, ja! Die einzigen für mich paſſenden Beſchäftigungen ſind, hochfahrende junge Ketzerinnen zu bürſten, zu kämmen und ihnen zu helfen, bis ſie ſind wie die übertünchten Gräber, damit die jungen Männer glauben, daß kein Bischen da iſt von Wattiren, Ausſtopfen und Ausfüllen, auch Pomade nicht, und nichts von Betrug und irdiſchen Eitelkeiten— etwa nicht, Miß? Ja, natürlich— ho, ja?“ Nachdem ſie ſich dieſes ironiſchen Erguſſes mit wunderbarer Zungengeläufigkeit und wahrhaft betäu⸗ bender Schrillheit(beſonders wenn ſie in Interjek⸗ tionen ſich vernehmen ließ) entledigt hatte, brach ſie (nicht weil Zähren gerade hier am paſſenden Ort waren, denn ſie feierte jetzt einen Triumph, ſondern aus purer Gewohnheit) in einen Strom von Thrä⸗ nen aus und rief mit leidenſchaftlicher Ungeduld Simmun’'s Namen aus. Was Emma Haredale und Dolly gethan, oder wie lange Miß Miggs ihr Banner, deſſen wahre Farben ſie endlich gezeigt, vor ihrer erſtarrten Geg⸗ nerin geſchwungen haben würde, läßt ſich nicht ſagen. Auch wäre eine Conjektur darüber nutzlos, denn in dieſem Augenblicke legte ſich eine beengende —4 — 201 Unterbrechung in's Mittel, welche, wie durch einen Sturm, die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Dieſe beſtand in einem ungeſtümen Pochen an der Hausthüre, die dann plötzlich aufflog, und un⸗ mittelbar darauf folgte ein Kampf im Zimmer draußen und das Geklirr von Waffen. Ganz ent⸗ zückt von der Hoffnung, daß endlich die Rettungs⸗ ſtunde gekommen ſey, ſchrieen Emma und Dolly laut um Hülfe. Auch blieb ihr Ruf nicht un⸗ erwiedert, denn nach einer kurzen Weile ſtürzte ein Mann, der in der einen Hand einen gezogenen Degen, in der andern ein Licht trug, in die Stube, wo ſich die Gefangenen befanden. Ihre Freude erlitt allerdings einen Stoß, als ſte in dem Eintretenden einen wildfremden Menſchen entdeckten; demungeachtet aber wandten ſte ſich an ihn und flehten ihn in leidenſchaftlicher Sprache an, ſie ihren Verwandten zurückzugeben. „Zu welchem andern Zwecke wäre ich hier?“ entgegnete er, indem er die Thüre zudrückte und ſich mit dem Rücken dagegen ſtellte.„Welche Abſicht hätte mich veranlaſſen können, mir durch Hinderniſſe und Gefahren den Weg hieher zu bahnen, wenn es nicht die wäre, Euch zu retten?“ Mit einer Freude, für die wir unmöglich einen bezeichnenden Ausdruck finden können, ſielen ſich die beiden Mädchen in die Arme und dankten dem Him⸗ mel für die ſo höchſt gelegene Hülfe. Ihr Befreier trat für einen Augenblick vor, um das Licht auf 202 den Tiſch zu ſtellen, kehrte aber alsbald wieder an ſeinen frühern Platz an die Thüre zurück, nahm den Hut ab und ſah ſie lächelnd an. „Ihr habt wohl Neuigkeiten von meinem Onkel, Sir?“ fragte Emma, indem ſie ſich haſtig an ihn wandte. „Und von meinem Vater, und von meiner Mutter?“ fügte Dolly bei. „Ja,“ ſagte er.„Gute Neuigkeiten.“ „Sie ſind doch noch am Leben und wohl?“ riefen Beide mit einemmale. „Ja, am Leben und wohl,“ antwortete er. „Und in der Nähe?“ „Das ſagte ich nicht gerade,“ entgegnete er in glattem Tone;„doch ſind ſie auch nicht gar zu weit weg. Eure Verwandte, meine Süße,“ fügte er, gegen Dolly bei,„ſind nur ein paar Stunden von hier. Ihr werdet ihnen, hoffe ich, heute Nacht noch zurückgegeben ſeyn.“ „Mein Onkel—“ ſtotterte Emma. „Euer Onkel, theure Miß Haredale, hat glück⸗ licherweiſe— ich ſage glücklicherweiſe, weil ihm ge⸗ lang, was vielen unſerer Glaubensgenoſſen fehl ge⸗ ſchlagen hat— das Meer zwiſchen ſich und Eng⸗ land, und befindet ſich wohlbehalten auf dem Feſtlande.“ „Gott ſey Dank,“ entgegnete Emma, halb ohnmächtig. „Wohl dürft Ihr ſo ſprechen. Ihr habt allen Grund, dem Himmel zu danken— mehr Grund, — x— .,— — x— — 203 als Ihr für möglich halten würdet, da Ihr nur eine einzige Nacht dieſe Gräuelthaten mit angeſehen habt.“ „Wünſcht er, daß ich ihm folge?“ fragte Emma. „Ihr fragt, ob er es wünſcht?“ rief der Fremde erſtaunt.„Ob er es wiünſcht! Doch Ihr könnt nicht wiſſen, welche Gefahren ſich an ein Verbleiben in England ketten, wie ſchwierig es iſt, zu entkom⸗ men, oder welchen Preis ſich Hunderte koſten laſſen würden, um ſich die Mittel zur Flucht zu verſchaffen — ſonſt würdet Ihr keine ſolche Fragen ſtellen. Ich bitte indeſſen um Verzeihung. Wie ſollte es auch möglich ſeyn, da Ihr hier gefangen waret?“ „Ich entnehme, Sir,“ ſagte Emma nach einer kurzen Pauſe,„aus dem, was Ihr andeutet, aber nicht auszuſprechen wagt, daß ich nur Zeuge des Anfangs und eines unbedeutenden Theils der Ge⸗ waltthätigkeiten, welche unſere Glaubensgenoſſen be⸗ trafen, geweſen bin, und daß die Verfolgungswuth noch nicht nachgelaſſen hat.“ Er zuckte die Achſeln, ſchüttelte den Kopf und erhob ſeine Hände; dann ſenkte er mit demſelben glatten Lächeln, welches durchaus nicht lieblich an⸗ zuſehen war, die Augen zu Boden und verblieb ſtille. „Ihr dürft Euch immerhin offen ausſprechen, Sir,“ ſagte Emma,„und mir das Schlimmſte mit⸗ theilen. Was wir erlitten haben, iſt eine hinrei⸗ chende Vorbereitung darauf.“ 204 Jetzt legte ſich aber Dolly in's Mittel und bat ſie, nicht das Schlimmße, ſondern bloß das Beſte hören zu wollen; deßgleichen erſuchte ſie auch den Gentleman, er möchte nur das Erfreuliche ſagen und die übrigen Neuigkeiten für ſich behalten, bis ſie wieder wohlbehalten unter ihren Freunden wären. „Es läßt ſich mit wenig Worten ſagen,“ erwie⸗ derte er, der Schloſſerstochter einen mißvergnügten Blick zuwerfend.„Das Volk hat ſich, wie ein Mann, gegen uns erhoben, und die Straßen ſind mit Soldaten angefüllt, welche ganz nach ſeinem Willen und Geheiß handeln. Wir haben keinen Schutz, als von oben, und keine Sicherheit, als die Flucht, die obendrein ein armſeliger Nothbehelf iſt, denn wir werden von allen Seiten bewacht, und ſo⸗ wohl durch Gewalt, als durch Liſt hier zurückge⸗ halten. Miß Haredale, es iſt mir zuwider— glaubt mir, es iſt mir zuwider— von mir ſelbſt oder von dem zu reden, was ich gethan habe, oder zu thun bereit bin, denn ich möchte meine Dienſtleiſtungen nicht als Prahlerei erſcheinen laſſen. Da ich jedoch ein⸗ flußreiche Verbindungen unter den Proteſtanten un⸗ terhalte und meine ganze Habe in ihrem Handels⸗ verkehr ſtecken habe, ſo beſaß ich glücklicherweiſe die Mittel, Euren Onkel zu retten. Auch ſteht es in meiner Macht, Euch in Sicherheit zu bringen, und um das heilige Verſprechen, das ich ihm gab, zu löſen, bin ich jetzt hier. Er hat nämlich mein Wort, daß ich Euch nicht verlaſſen wolle, bis ich —xV— —— 20⁵ Euch wieder in ſeine Arme geführt. Der Verrath oder die Reue eines Eurer Hüter ließ mich den Ort Eurer Haft entdecken, und daß ich mir mit dem Schwerte in der Hand den Weg hieher gebahnt habe, deß ſeyd Ihr Zeuge.“ „Ihr bringt mir doch,“ ſagte Emma ſtotternd, veinige Zeilen oder ein Wahrzeichen von meinem Onkel?“ „Nein, er bringt nichts,“ rief Dolly, ange⸗ legentlich auf ihn deutend;„ich bin jetzt überzeugt, daß er nichts bringt. Du mußt um keine Welt mit ihm gehen.“ „Bst, meine ſchöne Thörin— ſeyd ſtille,“ ver⸗ ſetzte er mit einem zornigen Stirnerunzeln.„Nein, ich habe keinen Brief, Miß Haredale, und eben ſo wenig ein Wahrzeichen irgend einer Art; aber indem ich Mitleid mit allen denen habe, welche das Un⸗ glück ſo ſchwer und ſo unverdient bedrückt, ſetze ich mein Leben auf's Spiel. Ich trage daher kein Schreiben bei mir, das, wenn es aufgefunden, mir ſicheren Tod bringen würde. Ich dachte nicht daran, ein Zeichen zu verlangen, und eben ſo wenig fiel es Herrn Haredale ein, mich mit einem ſolchen zu be⸗ glaubigen, vielleicht weil er meine Treue und Auf⸗ richtigkeit aus Erfahrung kannte und mir die Ret⸗ tung ſeines Lebens verdankt.“ Es lag ein Verweis in dieſen Worten, der bei einem Charakter, wie der von Emma Haredale war, ſeines Zweckes nicht verfehlte. Aber Dolly dachte 206 ganz anders und ließ ſich durchaus nicht rühren; ſie beſchwor ihre Freundin in allen Ausdrücken der Zärtlichkeit und Liebe, deren ſie aufzubieten vermochte, ſich ja nicht verleiten zu laſſen. „Die Zeit drängt,“ ſprach der Fremde, welcher, obgleich er die tiefſte Theilnahme auszudrücken be⸗ müht war, doch etwas Kaltes und ſogar in ſeiner Sprache etwas Peinliches an ſich hatte,„und wir ſind von Gefahren umgeben. Wenn ich mich ver⸗ geblich bloß geſtellt habe, ſo ſey's d'rum; aber wenn Ihr Euren Onkel wiederſeht, ſo laßt mir Gerechtigkeit wiederfahren. Es ſcheint, Ihr habt Luſt, hier zu bleiben; vergeßt aber dabei nicht, Miß Hare⸗ dale, daß ich. Euch zum Abſchied feierlich ver⸗ warnte, und daß die Folgen, denen Ihr Euch aus⸗ ſetzt, nicht mir zur Laſt gelegt werden konnen.“ „Halt, Sir!“ rief Emma—„ich bitte, nur noch einen Augenblick. Können wir“— und ſie zog Dolly näher an ſich—„können wir nicht mit einander gehen?“ „Es iſt eine zureichende Aufgabe,“ antwortete er,„ein Frauenzimmer wohlbehalten durch Scenen zu bringen, wie ſie uns begegnen werden, des Auf⸗ ſehens gar nicht zu gedenken, das wir in dem Ge⸗ dränge auf den Straßen machen würden. Ich habe geſagt, daß ſie heute Nacht noch ihren Freunden zurückgegeben werden ſoll. Wenn Ihr meine Dienſt⸗ leiſtungen annehmen wollt, Miß Haredale, ſo er⸗ hält ſie im Augenblick ein ſicheres Geleit und 207 mein Verſprechen iſt gelöst. Entſcheidet Ihr Euch für's Hierbleiben? Leute jeden Standes und Glau⸗ bensbekenntniſſes flüchten ſich aus der Stadt, die von einem Ende zum andern der Plünderung Preis gegeben iſt. Laßt mich wenigſtens irgendwo Nutzen bringen. Wollt Ihr bleiben, oder gehen?“ „Dolly,“ rief Emma haſtig,„mein liebes Mäd⸗ chen, dieß iſt unſere letzte Hoffnung. Wenn wir uns jetzt trennen, ſo geſchieht es nur, um uns in Glück und Ehre wieder zu ſehen. Ich will dieſem Herrn vertrauen.“ „Nein— nein— nein!“ rief Dolly, ſich an ſie anklammernd.„Bitte, bitte, thu' es nicht!“ „Du hörſt,“ ſagte Emma, daß du dieſe Nacht — ſchon dieſe Nacht— in ein paar Stunden— o, bedenke doch das!— unter denen ſeyn wirſt, die ſich um deinen Verluſt zu Tode grämen und jetzt um deinetwillen in dem größten Jammer ſind. Bete für mich, liebes Mädchen, wie ich es für dich thun will, und vergiß nie der glücklichen Stunden, die wir mit einander verbracht haben. Sage mir: „Gote behüte dich!⸗ ſage mir dieß zum Abſchied, Schweſter.“ Aber Dolly war außer Stande, ein Wort her⸗ vorzubringen, und obgleich Emma ſie wohl hundert⸗ mal auf die Wange küßte und ihre Thränen auf ſie niederſtrömen ließ— ſie konnte nichts thun, als ſich an ihren Hals hängen, ſchluchzen und ſie nur noch feſter umfaſſen. 208 „Wir haben keine Zeit mehr zu derartigen Scenen,“ rief der Mann, indem er Dolly's Hand los⸗ machte und ſie rauh zurückſtieß, während er Emma Haredale nach der Thüre zog.„Nun, hurtig, ihr da draußen! Seyd ihr bereit?“ „Ja,“ rief eine laute Stimme, ob der er zurück⸗ bebte.„Vollkommen bereit! Zurück da, wem ſein Leben lieb iſt.“ Und in einem Nu lag der Fremde gefällt da wie ein Ochſe im Schlachthauſe— niedergeſtreckt, als ob ein Marmorblock vom Dache herunter ge⸗ fallen wäre und ihn zerſchmettert hätte. Und jetzt kamen helle Lichter und ſtrahlende Geſichter herein⸗ geſtrömt— Emma lag in den Armen ihres Onkels und Dolly warf ſich mit einem Freudengeſchrei, das die Luft durchſchnitt, ihrem Vater und ihrer Mutter um den Hals. Was es da für Ohnmachten gab, welches Lachen, welches Weinen, welches Schluchzen und Lächeln, wie viele Fragen und Antworten, Alle zumal redend und außer ſich vor Freude; welches Rufen, Glückwünſchen, Umarmen und Händedrücken; und wie oft ſich dieſer Rauſch des Entzückens wie⸗ derholte— nein, keine Feder vermag dieß zu ſchildern. Endlich, nach einer langen Weile, machte ſich der alte Schloſſer los, um zwei Fremde zu umar⸗ men, welche ſeitwärts geſtanden hatten, ohne die 209 Glücklichen zu ſtören; und dann ſahen ſie— wen? Ja, Edward Cheſter und Joſeph Willet. „Schaut einmal,“ rief der Schloſſer.„Schaut einmal her! Wo würden wir Alle ſeyn, ohne dieſe Beiden da? Oh, Herr Edward, Herr Edward— oh, Joe, Joe, wie leicht und doch wie voll habt ihr heute Abend mein altes Herz gemacht!“ „Es war Herr Edward, der ihn zu Boden ſchlug, Sir,“ ſagte Joe.„Ich hatte auch Luſt dazu, aber ich überließ es ihm.—„Na, du wackerer Ehrenmann! Nimm deine fünf Sinne zuſammen, denn du darfſt nicht mehr lange hier liegen bleiben.“ Er hatte in Ermanglung eines übrigen Armes den Fuß auf die Bruſt des angeblichen Befreiers geſetzt und gab demſelben bei dieſen Worten einen leichten Stoß. Gashford, denn kein anderer war es, erhob in kriechender Bosheit ſein finſteres Ge⸗ ſicht, der überführten Sünde gleich, und bat um eine anſtändige Behandlung. „Ich habe Zutritt zu allen Papieren meines Gebieters, Herr Haredale,“ ſagte er mit unterwür⸗ figer Stimme, während Herr Haredale ihm den Rücken zukehrte und ſich nicht ein einzigesmal nach ihm umſah;„es ſind ſehr wichtige Dokumente darunter. Sie ſtecken in vielen geheimen Schub⸗ fächern und ſind an verſchiedenen Orten, die nur My⸗ lord und mir bekannt ſind, vertheilt. Ich kann ſehr werthvolle Cröffnungen machen und bei jedem Verhör Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 14 210 gewichtige Belege geben. Ihr werdet es zu verant⸗ worten haben, wenn ich eine üble Behandlung erleide.“ „Pah!“ rief Joe in tiefſtem Widerwillen.„Mach' dich auf die Beine, Menſch; man erwartet dich draußen. Willſt du aufſtehen— hörſt du?“ Gashford erhob ſich langſam, nahm ſeinen Hut auf, ſah ſich mit der Miene getäuſchter Bosheit und zugleich der wegwerfendſten Kriecherei in der Stube um und ſchlich hinaus. „Und nun meine Herren,“ ſagte Ivoe, der der Sprecher der Geſellſchaft zu ſeyn ſchien, denn alle Uebrigen verhielten ſich ſtill;„je bälder wir nach dem ſchwarzen Löwen zurückkehren, deſto beſſer iſt's.“ Herr Haredale nickte beifällig, bot ſeiner Nichte den Arm, nahm eine ihrer Hände zwiſchen die ſeini⸗ gen und entfernte ſich mit ihr; ihm folgte der Schloſ⸗ ſer, Frau Varden und Dolly— die, wenn ſie aus Dutzend Dollys beſtanden haben würde, nicht genug Oberfläche für all' die Umarmungen und Liebkoſun⸗ gen, welche ihr zu Theil wurden, geboten hätte. Ed⸗ ward Cheſter und Joe ſchloßen den Zug. Und ſchaute denn Dolly nie zurück— nicht ein einzigesmal? Ließ ſich nicht ein kleines, flüchtiges Zucken an der ſchwarzen, faſt auf der glühenden Wange ruhenden Wimper und an dem von ihr be⸗ ſchatteten, geſenkten, funkelnden Auge entdecken? Joe kam es wenigſtens ſo vor— und vielleicht hatte er ſich nicht getäuſcht, denn ſo viel iſt richtig, es gab nicht viel Augen, wie Dolly's. 211 Das Vorzimmer, durch welches ſie jetzt zu gehen hatten, war mit Menſchen erfüllt— darunter auch Dennis in ſicherem Gewahrſam; deßgleichen hatte hier ſeit geſtern, hinter einem hölzernen Schirme ver⸗ borgen, der jetzt weggenommen war, Simon Tappertit, der abtrünnige Lehrling, gelegen. Er war verbrannt und gequetſcht, hatte eine Schuß⸗ wunde in ſeinem Leibe, und ſeine Beine— ſeine voll⸗ kommenen Beine, der Nuhm und Stolz ſeines Lebens, die Wonne ſeines ganzen Daſeyns, waren zu einer häßlichen Formloſigkeit zerſchmettert. Dolly, die ſich jetzt nicht länger über das Stöhnen, das ſie gehört, wunderte, drückte ſich dichter an ihren Vater und ſchauderte über dem Anblick; aber weder Beulen, noch Brandmale, weder die Schußwunde, noch all' die Qual ſeiner leidenden Gliedmaßen verurſachten Simon nur halb ſo viel Kummer, als der Umſtand, daß er Dolly hinausgehen ſehen und in Joe ihren Retter erkennen mußle. Eine Kutſche ſtand vor der Thüre bereit, und Dolly ſaß bald geſund und wohlbehalten drinnen; Vater und Mutter zur Seite, während ſich Emma Haredale und ihr Onkel, wirklich und leibhaftig, ihr gegenuͤber befanden. Aber da war kein Joe und kein Edward, und ſie hatten nicht einmal mit ihnen ſprechen konnen. Nur eine einzige Verbeugung und dann ein abgemeſſenes Zurücktreten. Armes Herz! welch eine weite Strecke bis zu dem ſchwarzen Löwen! 14*† Zweiundſtebenzigſtes Kapitel. Der ſchwarze Löwe war ſo weit abgelegen und ſie brauchten ſo lange, bis ſie hinkamen, daß Dolly, obgleich ſie für die Thatſächlichkeit und Wirklichkeit der Begebniſſe in der letzten Zeit hin⸗ reichend kräftige Beweiſe zu haben glaubte, ſich doch des Gedankens nicht ganz entſchlagen konnte, ſie müſſe in einem Traum befangen ſeyn, der die ganze Nacht durch anhalte. Auch war ſie noch nicht ganz überzeugt, ob ſie wirklich mit eigenen Sin⸗ nen ſah und hörte, als ſogar im Verlauf der Zeit die Kutſche vor dem ſchwarzen Löwen Halt machte und der Wirth dieſes Gaſthauſes im heiteren Lichter⸗ glanz herantrat, um ihnen ausſteigen zu helfen und ſie herzlich willkommen zu heißen. Und da ſtanden auch, der Eine auf dieſer, der Andere auf jener Seite der Kutſche, bereits Edward Cheſter und Joe Willet am Schlage, die demnach auch in einer Kutſche hergekommen ſeyn mußten: und dieß war eine ſo ſeltſame und räthſelhafte Er⸗ ſcheinung, daß Dolly nur um ſo mehr geneigt war, dem Gedanken nachzuhängen, daß das Ganze nur ein Traum ſey. Aber als Herr Willet erſchien— der alte John ſelbſt— ſo hartköpfig und ſtörrig, und mit einem ſolchen Doppelkinn, wie es wohl die lebhafteſte Einbildungskraft in ihren kühnſten Flügen 213 nie in ſo ungeheuren Proportionen hätte heraufbe⸗ ſchwören können— da ſah ſie ihren Irrthum ein und mußte ſich gegen ihren Willen zugeſtehen, daß ſie hellauf wachte. Und Ive hatte einen Arm verloren— er— dieſer wohlgebaute, hübſche, tapfere Burſche! Als Dolly nach ihm hinblickte und der Schmerzen ge⸗ dachte, die er dabei ausgeſtanden haben mußte, und der entlegenen Orte, welche er durchzogen, und ſich dabei wunderte, wer ihm wohl abgewartet habe, der Hoffnung Raum gebend, wer es auch geweſen ſeyn mochte, er ſey ſo freundlich, zart und rückſichtsvoll behandelt worden, als ſie ihn hätte behandeln können — da drangen die Thränen nach ihren klaren Augen, anfangs nur ein klein wenig, eine nach der andern, bis ſie dieſelben nicht mehr zurückhalten konnte und ſie endlich vor ihnen Allen bitterlich zu weinen be⸗ gann. „Wir find jetzt Alle wohlbehalten und in Sicher⸗ heit, Dolly,“ ſagte ihr Vater freundlich.„Nichts ſoll uns wieder trennen. D'rum guten Muths, meine Liebe, guten Muths!“ Die Frau des Schloſſers wußte vielleicht beſſer, als er, was ihrer Tochter fehlte. Aber Madame Varden war eine ganz andere Frau— denn der Aufruhr hatte eine ſehr günſtige Wirkung auf ſie geübt; ſie brachte daher auch ihr Sprüchlein an und tröſtete ſie mit ähnlichen Vorſtellungen. „Vielleicht— ſagte Herr Willet senior, ſich in 214 der Geſellſchaft umſchauend—„iſt ſie hungrig. Ver⸗ laßt Euch d'rauf, da ſitzt der Haken— ich bin'’s ſelber auch.“ Der ſchwarze Löwe, der, wie der alte John, ſchon unvernünftig und unbillig lang auf das Nacht⸗ eſſen gewartet hatte, begrüßte dieſe Hypotheſe als eine philoſophiſche Entdeckung der tiefſten und umfaſſend⸗ ſten Art, und da der Tiſch bereits gedeckt war, ſo ſetzte man ſich alsbald zum Mahle nieder. Die Unterhaltung war keine der lebhafteſten, und auch der Appetit der Gäſte nicht ſehr groß. Aber in jedem Betracht leiſtete der alte John für das, woran es die Andern fehlen ließen, mehr als hinreichend Erſatz, indem er ſich ganz ungewöhnlich auszeichnete. Zwar war es nicht gerade die Geſprächigkeit, was Herrn Willet ſo glänzend erſcheinen ließ, denn er hatte keinen von ſeinen alten Gevattern da, um mit ihm„anzubinden,“ und Joe gegenüber war er etwas ſchüchtern, denn er unterhielt ein gewiſſes un⸗ beſtimmtes Bedenken, daß derſelbe, eh' man ſich's verſehe und bei der geringſten Beleidigung den ſchwar⸗ zen Löwen in ſeiner eigenen Stube zu Boden ſchla⸗ gen und ſich dann auf der Stelle nach China oder irgend einem anderen entlegenen oder unbekannten Welttheile zurückziehen könnte, um für immer oder wenigſtens ſo lang dort zu bleiben, bis er auch noch ſeines andern Arm's, ſeiner beiden Beine und viel⸗ leicht noch eines Auges obendrein losgeworden wäre, 215 Dagegen füllte er jede Pauſe mit einer eigenthümli⸗ chen Art von Pantomimenſpiel aus, ſo daß der ſchwarze Löwe, der ihn doch ſeit Jahren her kannte, die Anſicht kund gab, er übertreffe eigentlich ſich ſelbſt und überfliege die Erwartungen ſeiner bewundernſten Freunde. Der Gegenſtand, welcher in Herrn Willet's Ge⸗ hirn arbeitete und dieſe Pantomimen veranlaßte, war kein anderer, als ſeines Sohnes körperliche Entſtel⸗ lung, die er noch nie recht hatte glauben oder begrei⸗ fen können. Kurz nach ihrem erſten Zuſammentref⸗ fen ſah man ihn im Zuſtande großer Verwirrung nach der Küche wandern und ſeine Blicke gegen das Feuer richten ſehen, als ſuche er ſeinen gewöhnlichen RNathgeber in ſchwierigen und bedenklichen Fällen. Da ſich jedoch im ſchwarzen Löwen kein Kupferkeſſel be⸗ fand und die Aufrührer ſeinen eigenen dermaßen zer⸗ ſchlagen und zerwettert hatten, daß er ganz ungeeig⸗ net war, weitere Dienſte zu leiſten, ſo ging er in vollkommener Ungewißheit und geiſtiger Confuſton wieder hinaus, jetzt zu den ſeltſamſten Mitteln ſeine Zuflucht nehmend, um ſeine Bedenken zu löſen. So befühlte er zum Beiſpiel den Aermel von ſeines Sohnes Oberrock, als hielte er es für möglich, daß hier ein Arm verſteckt ſey; dann betrachtete er ſich ſelbſt und die übrigen Anweſenden, um ſich zu über⸗ zeugen, daß zwei Arme und nicht einer die gewöhn⸗ liche Ration wären; dann ſaß er, wohl eine Stunde in düſterem Nachdenken verſunken da, als mühte er — ſich, Joe's Bild aus früheren Tagen in ſein Ge⸗ dächtniß zurückzurufen, um darüber in's Klare zu kommen, ob er denn wirklich damals nur einen Arm gehabt habe, oder ein Paar; und ſo erging er ſich in noch vielen anderen derartigen ſpekulativen Betrachtungen. Da Herr Willet ſich bei dem Nachteſſen von Geſichtern umringt ſah, mit denen er aus alten Zeiten ſo gut bekannt war, ſo kam er mit ungemei⸗ ner Geiſteskraft wieder auf den Gegenſtand zurück, feſt entſchloſſen, jetzt oder nie darüber in’s Klare zu kommen. Bisweilen, in der Regel nach zwei oder drei Mundladungen, legte er Meſſer und Gabel nie⸗ der und ſtierte mit aller Macht ſeinen Sohn— na⸗ mentlich deſſen verſtümmelte Seite— an; dann ſah er ſich rund an dem Tiſche um, bis er dem Auge irgend einer andern Perſon begegnete, worauf er mit großer Feierlichkeit den Kopf ſchüttelte, ſich die Schul⸗ ter ſtrich, blinzelte, oder vielmehr— denn das Blin⸗ zeln war bei ihm ein gar langſamer Prozeß— für eine oder zwei Minuten mit einem Auge einſchlief; und dann nahm er mit einem abermaligen Kopfſchüt⸗ teln Meſſer und Gabel wieder auf, um weiter zu eſſen. Bisweilen ſteckte er ſich in der Zerſtreuung einen Biſſen in den Mund und ſchaute, alle ſeine Fähigkeiten auf Joe concentrirend, in einem Zuſtande von Betäubung nach ihm hin, wie er das Fleiſch mit Einer Hand ſchnitt, bis ſich bei ihm Symptome der Erſtickung zeigten und er auf dieſem Wege wieder in’s Bewußtſeyn gerufen wurde. Ein andermal nahm 217 er ſeine Zuflucht zu kleinen Pfiffen, indem er ihn aufforderte, ihm die Salzbüchſe, den Pfeffer, die Eſſigflaſche, den Senf— überhaupt Dinge, die auf ſeiner beſchädigten Seite ſtanden— zu reichen, wo⸗ bei er ſorgſam darauf achtete, wie er es ihm herüber bot. Vermittelſt derartiger Experimente gelangte er endlich zu einer ſo genügenden Ueberzeugung, daß er nach einer längeren Pauſe, als er bis jetzt hatte ein⸗ treten laſſen, Meſſer und Gabel zu jeder Seite ſeines Tellers niederlegte, aus dem neben ihm ſtehenden Kruge einen langen Schluck that, die Augen noch immer auf Joe geheftet, ſich in ſeinem Stuhle zu⸗ rücklehnte, den Athem tief aufholte, ſich an dem gan⸗ zen Tiſche umſah und endlich anhub: „Er iſt ihm abgenommen worden!“ „Beim Görge!“ rief der ſchwarze Löwe, mit der Hand auf den Tiſch ſchlagend,„jetzt hat er's.“ „Ja, Sir,“ ſagte Herr Willet mit dem Blicke eines Mannes, der ſich bewußt iſt, das Kompliment, welches er erhalten, verdient zu haben.„Da liegt der Haſe im Pfeffer. Er iſt abgenommen worden.“ „Erzählt ihm, wo es geſchah,“ erging die Auf⸗ forderung des ſchwarzen Löwen an Joe. „Bei der Vertheidigung der Savannah, Vater.“ „Bei der Vertheidigung der Salwanner?“ wie⸗ derholte Herr Willet leiſe, indem er ſich abermals an dem ganzen Tiſche umſah. „In Amerika, wo der Krieg iſt,“ ſagte Joe. „In Amerika, wo der Krieg iſt,“ wiederholte Herr Willet.„Er wurde ihm abgenommen bei der Verthei⸗ digung der Salwanner in Amerika, wo der Krieg iſt.“ Er fuhr fort, dieſe Worte leiſe vor ſich hin zu murmeln(dieſelbe Mittheilung war ihm indeß vor⸗ her wenigſtens ſchon fünfzigmal in denſelben Aus⸗ drücken gemacht worden), ſtand dann vom Tiſche auf, ging zu Joe hinüber, befühlte ſeinen leeren Aermel von dem Aufſchlage an bis hinauf, wo der Stumpf taſtbar war, drückte ihm die Hand, zündete ſeine Pfeife am Feuer an, that einen langen Zug und ſpazierte nach der Thüre; dort wandte er ſich noch einmal um, wiſchte ſich das linke Auge mit dem Rücken ſeines Zeigefingers und ſprach mit ſtottern⸗ der Stimme:„Meines Sohnes Arm— iſt abgeſchoſ⸗ ſen worden— bei Vertheidigung von den— Sal⸗ vanners— in Amerika— wo der Krieg iſt“— mit welchen Worten er ſich entfernte, um an dieſem Abend nicht wieder zurückzukehren. In der That zog ſich unter verſchiedenen Vor⸗ wänden Einer nach dem Andern zurück— Dolly ausgenommen, die noch allein ſitzen blieb. Sie fand eine große Erleichterung in dieſer Einſamkeit und weinte nach Herzensluſt, als ſie plötzlich Joe's Stimme am Ende der Hausflur hörte, wie derſelbe Jemand gute Nacht wünſchte. Gute Nacht! denn er ging anderswohin— vielleicht weit weg. Wie mochte wohl die Wohnung beſchaffen ſeyn, nach welcher er ging— jetzt, da es ſchon ſo ſpät war? 219 Sie hörte ihn die Flur entlang und an der Thüre vorbei kommen. Aber es war etwas Zögern⸗ des in ſeinen Tritten. Er kehrte wieder um— Dolly's Herz ſchlug hoch auf— und ſchaute herein. „Gute Nacht!“— er ſagte nicht„Dolly,“ aber es lag doch ein Troſt darin, daß er ſie nicht als Miß Varden anredete. „Gute Nacht!“ ſchluchzte Dolly. „Ich bedaure, daß Ihr das, was jetzt vorbei und vergangen iſt, ſo ſehr zu Herzen nehmt,“ ſagte Joe freundlich.„Laßt es doch gut ſeyn. Ich kann Euch ſo nicht ſehen. Denkt nicht länger daran. Ihr ſeyd jetzt gerettet und glücklich.“ Dolly weinte nur noch mehr. „Ihr müßt ſehr viel in dieſen paar Tagen ge⸗ litten haben— und doch habt Ihr Euch ſo gar nicht verändert, es müßte denn ſeyn zu Eurem Vor⸗ theile. Man wollte mir das glauben machen, aber ich ſehe nichts davon. Ihr wart— Ihr wart immer ſehr ſchön,“ ſagte Joe,„aber jetzt ſeyd Ihr ſchöner als je. Ja, wahrhaftig. Es kann nichts Unrechtes darin liegen, daß ich ſo ſage, denn Ihr müßt es ja ſelbſt auch wiſſen. Ich bin überzeugt, man hat es Euch ſchon oft genug geſagt.“ Im Allgemeinen wußte es Dolly recht wohl, und man hatte es ihr auch ſehr oft geſagt. Aber der Kutſchenmacher hatte ſich ſchon vor Jahren als einen ganz beſondern Eſel erwieſen; und mochte ſte ſich nun fürchten, ähnliche Entdeckungen bei Andern zu machen, oder war ſie in Folge langer Gewohnheit überhaupt gegen derartige Komplimente gleichgültig geworden— ſo viel iſt gewiß, obgleich ſie ſo viel weinte, ſo war ſie doch in ihrem ganzen Leben nie froher geweſen, als jetzt, da ihr Joe dieß ſagte. „Ich werde Euren Namen ſegnen, ſo lange ich lebe,“ ſchluchzte des Schloſſers kleine Tochter.„Ich werde ihn nie nennen hören, ohne daß mich ein Gefühl durchzuckte, als ob mir das Herz brechen müßte. Ich werde ſeiner in meinen Gebeten geden⸗ ken, jede Nacht und jeden Morgen, bis ich ſterbe!“ „Wollt Ihr?“ entgegnete Joe haſtig.„Wollt Ihr das in der That? Es macht mich— nun, es macht mich froh und ſtolz, dieß von Euch zu hören.“ Dolly ſchluchzte noch immer und hielt ſich das Schnupftuch vor die Augen. Joe blieb ſtehen und ſah ihr zu. „Eure Stimme,“ ſagte Ive,„ruft mir alte Zeiten ſo lieblich in's Gedächtniß, daß es mir in dieſem Augenblicke iſt, als wäre jene Nacht— es kann ja nichts ſchaden, daß ich jetzt von jener Nacht rede— wieder zurückgekommen, und als hätte ſich nichts in der Zwiſchenzeit ereignet. Es dünkt mich, als hätte ich keine Gefahren durchlebt, als hätte ich erſt geſtern den armen Tom Cobb zu Boden geſchlagen, und als käme ich eben jetzt mit meinem Bündel auf der Schulter her, um Euch zu beſuchen, ehe ich in die weite Welt renne.— Ihr erinnert Euch noch?“ Ob ſie ſich erinnerte? Aber ſie ſagte nichts. 221 Sie erhob ihre Augen für einen Moment. Es war nur ein Blick, ein kleiner, thränenvoller, ſchüchterner Blick. Demungeachtet machte er ihn für eine geraume Zeit verſtummen. „Nun!“ ſagte er, ſich ermuthigend, nes ſollte anders kommen, und kam auch anders. Ich bin ſeit⸗ dem in der Fremde geweſen, kämpfte den ganzen Sommer durch, und fror, wenn es Winter war. Ich komme ſo arm zurück, als ich ging, und bin noch außerdem ein Krüppel für mein ganzes Leben. Aber Dolly, ich hätte lieber auch dieſen andern Arm ver⸗ lieren wollen— ja, lieber ſogar meinen Kopf— als wenn ich hätte heimkehren müſſen, um Euch todt oder anders zu finden, als ich mir Euch immer vor⸗ geſtellt habe, und wie ich Euch immer zu ſinden hoffte und wünſchte. Gott ſey Dank dafür!“ O wie tief, wie nachdrücklich fühlte jetzt ſie, die vor fünf Jahren eine ſo arge Kokette geweſen. Sie hatte endlich ihr Herz gefunden. Da ſie nie den Werth des eigenen gekannt hatte, war ihr auch der des ſeinigen nie klar geworden. Wie ſchätzenswerth erſchien es ihr jetzt! „Ich hoffte einmal,“ ſagte Joe in ſeiner ſchlichten Weiſe,„daß ich als reicher Mann zurückkommen möchte und Euch heirathen könnte. Doch ich war damals noch ein Junge und bin ſeitdem vernünftiger geworden. Ich bin ein armer, verſtümmelter, ver⸗ abſchiedeter Soldat und muß mich beſcheiden, ſo gut es gehen will, mich durchs Leben zu kämpfen. Ich kann zwar ſelbſt jetzt noch nicht ſagen, daß es mich freuen würde, Euch verheirathet zu ſehen, Dolly; aber doch freut es mich— ja, ich freue mich— denken und ſagen zu können— und zu wiſſen, daß Ihr bewundert und angebetet ſeyd, und daß Ihr einen Mann wählen könnt, der Euch ein glückliches Leben zu bereiten im Stande iſt. Es liegt ein Troſt für mich in dem Gedanken, daß Ihr mit Eurem Manne von mir ſprechen werdet, und ich hoffe, es wird eine Zeit kommen, wo ich ihn lieben und ihm die Hand drücken kann— wo ich auf Beſuch zu Euch komme als ein armer Freund, der Euch kannte, als Ihr noch ein Mädchen wart. Gott behüte Euch!“ Seine Hand zitterte; aber er nahm ſie wieder zurück und entfernte ſich. Dreiundſtebenzigſtes Kapitel. In dieſer Freitagnacht— denn es war der Freitag in der Aufruhrwoche, als Emma und Dolly durch Joe's und Edward Cheſter's ſo gelegenen Bei⸗ ſtand gerettet wurde— waren die Unruhen vollſtändig gedämpft und der erſchreckten Stadt Friede und Ord⸗ nung wieder zurückgegeben. Den Vorgängen nach konnte man freilich unmöglich ſagen, wie lange dieſer —-.. 223 beſſere Stand der Dinge andauern mochte, oder wie plötzlich neue Gräuelſcenen, die kürzlich erlebten ſogar noch überbietend, losbrechen und die Straßen auf's Neue mit Verwüſtung und Blutvergießen erfüllen konnten. Diejenigen, welche ſich vor dem Aufruhr gefluͤchtet hatten, hielten ſich daher immer noch ferne, und viele Familien, denen es bisher unmöglich ge⸗ weſen, die Mittel zur Flucht beizuſchaffen, benützten die damalige Windſtille und zogen ſich auf's Land zurück. Auch die Läden, von Tyburn an bis White⸗ chapel, blieben geſchloſſen, und an allen Orten für den größeren Handelsverkehr ſah man nur wenig rühriges Leben. Demungeachtet aber, und trotz der trübſeligen Prophezeiungen jener zahlloſen Claſſe der Geſellſchaft, welche ſogar bei dem klarſten Himmel in der Ferne die dunkelſten Wolken ſieht, blieb die Stadt vollkommen ruhig. Die ſtarke Militärmacht, die in die vortheil⸗ hafteſten Stadttheile gelegt war und an jedem be⸗ deutenden Punkte ihre Poſten hatts, hielt die zer⸗ ſtreuten Ueberreſte des Pöbels im Zaum; die Ver⸗ folgung der Aufrührer wurde mit unerbittlicher Strenge fortgeſetzt, und wenn auch hie und da rückſichtsloſe, verzweiſelte Kerle geneigt waren, ſich nach den durch⸗ lebten Schreckensſcenen auf’s Neue hervorzuwagen, ſo wurden ſie durch dieſe entſchloſſenen Maßregeln ſo eingeſchüchtert, daß ſie ſich wieder in ihre Schlupf⸗ winkel verkrochen und an nichts dachten, als an ihre perſönliche Sicherheit. Mit einem Worte, der Aufſtand war gänzlich unterdrückt. Ueber zweihundert waren in den Straßen erſchoſſen worden. In den Spitälern lagen weitere zwei⸗ hundertundfünfzig ſchwer Verwundete, von denen ſieben⸗ zig oder achtzig im Verlauf von einigen Tagen gleich⸗ falls ſtarben. Hundert lagen bereits in Haft, und mit jeder Stunde wurden noch mehr aufgegriffen. Wie viele bei den Feuersbrünſten zu Grunde gingen oder Opfer ihrer eigenen Ausſchweifung wurden, iſt un⸗ bekannt; aber daß eine große Anzahl ein ſchreckliches Grab in der Gluth, die ſie ſelbſt angezündet, fand, daß Viele in Gewölbe und Keller krochen, um im Geheimen zu trinken oder ihre Wunden zu pflegen, und nie wieder an's Licht kamen— das iſt gewiß und bekundete ſich deutlich durch die Spaten der Ar⸗ beiter, als man nach mehreren Wochen den ſchwarzen und erkalteten Schutt, den die Flammen zurückgelaſſen, wegräumte. Zweiundſiebzig Privathäuſer und vier feſte Ge⸗ fängniſſe waren in dieſen vier großen Tagen des Auf⸗ ruhrs zerſtört worden. Der Geſammtverluſt betrug nach der Schätzung der Beſchädigten einhundert und fünfundfünfzigtauſend Pfund und überſtieg ſogar nach dem niedrigſten Anſchlage unparteiiſcher Perſonen die Summe von hundert und fünfundzwanzigtauſend Pfunden. In Folge eines Antrages des Hauſes der Gemeinen wurde dieſer ungeheure Schaden bald nach⸗ her aus öffentlichen Mitteln vergütet und die Summe auf die verſchiedenen Stadttheile, wie auch auf den Bezirk und den Flecken von Southwark umgelegt. —— 225 Lord Mansfield und Lord Saville jedoch, die bedeu⸗ tend gelitten hatten, wieſen jede Entſchädigung zurück. Das Unterhaus, welches am Dienſtag bei ver⸗ ſchloſſenen und bewachten Thüren ſeine Sitzung hielt, hatte einen Beſchluß abgefaßt, des Inhalts, ſobald der Aufruhr beſchwichtigt ſey, alsbald die von vielen proteſtantiſchen Unterthanen ſeiner Majeſtät eingereich⸗ ten Petitionen zu berathen und dieſelben in ernſte Erwägung zu ziehen. Während dieſe Frage debat⸗ tirt wurde, ſtand Herr Herbert, eines der anweſen⸗ den Mitglieder, entrüſtet auf und machte dem Hauſe bemerklich, daß Lord George Gordon mit der blauen Kokarde(dem Zeichen der Rebellion) auf ſeinem Hute unter der Gallerie ſitze. Er wurde durch die in der Nähe Sitzenden nicht nur genöthigt, ſie her⸗ unter zu nehmen, ſondern auch mit Gewalt in ſeinem Sitze zurückgehalten, als er ſich erbot, auf die Straße hinauszugehen und den Pöbel durch die etwas unbe⸗ ſtimmte Verſicherung zu beruhigen, daß das Haus im Begriffe ſey, ihnen„die verlangte Genugthuung“ zu geben. Mit einem Worte, die Unordnung und Gewaltthätigkeit, welche draußen triumphirte, war auch in den Senat gedrungen; hier, wie allenthal⸗ ben, herrſchte Schrecken und Unruhe, und alle ge⸗ wöhnlichen Formen waren zur Zeit vergeſſen. Am Donnerſtag unterbrachen die beiden Häuſer ihre Sitzungen bis zum nächſten Montag über acht Tage, ſich dahin erklärend, daß es ihnen unmöglich ſey, ihre Berathungen mit der nöthigen Freiheit und Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 15 226 Würde zu behandeln, ſo lange ſie von bewaffneten Truppen umgeben wären. Und jetzt, nachdem die Empörer zerſtreut waren, geriethen die Bürger in neue Angſt; denn da ſie die öffentlichen Straßen und die gewohnten Verkehrsplätze mit Soldaten, denen der freie Gebrauch der Feuerwaffen und des Schwer⸗ tes überlaſſen war, angefüllt fanden, ſo liehen ſie den Gerüchten, die über Einführung von Standrecht umgingen, und den jammervollen Erzählungen, daß man Gefangene in Cheapſide und Fleet⸗Street an den Laternenpfählen habe hängen ſehen, ein bereit⸗ williges Ohr. Sobald dieſer Schrecken durch eine Proklamation, daß alle verhafteten Rebellen auf ge⸗ ſetzlichem Wege durch eine Specialcommiſſion abge⸗ urtheilt werden ſollten, beſchwichtigt war, verbreitete ſich neue Beſorgniß durch das Gerede, man habe bei einigen der Aufrührer franzöſiſches Geld gefunden; die Unruhen ſeyen daher durch fremde Mächte, welche den Umſturz und das Verderben von England her⸗ beizuführen ſuchten, angezettelt worden. Dieſes Ge⸗ rücht— das noch durch die Verbreitung anonymer Zettel bekräftigt wurde, ohne Zweifel aber, wenn es überhaupt begründet war, wahrſcheinlich ſeinen Ur⸗ ſprung in dem Umſtande nahm, daß einige Münzen von ausländiſchem Gepräge nebſt dem übrigen Raube ihren Weg in die Taſchen der Inſurgenten genom⸗ men hatten und nachher bei den Gefangenen oder Leichen aufgefunden wurden— erregte großes Auf⸗ ſehen und wurde, wie denn einmal der menſchliche — 227 Geiſt in einem ſolchen Zuſtande immer geneigt iſt, ſich jedem Schatten von Furcht hinzugeben, mit gro⸗ ßem Fleiße weiter getragen. Da jedoch während des ganzen Freitags und auch die Nacht über Alles ruhig blieb, ohne daß neue Entdeckungen gemacht wurden, ſo begann das Vertrauen zurückzukehren und ſogar die Schüchtern⸗ ſten und Zaghafteſten athmeten wieder auf. In Southwark vereinigten ſich nicht weniger als dreitau⸗ ſend Einwohner zu einem Wachcorps, das alle Stun⸗ den ſeine Patrouillen durch die Straßen ſchickte. Auch die Bewohner der City folgten dieſem guten Bei⸗ ſpiele; und da es die Weiſe der Spießbürger iſt, nach dem Verſchwinden der Gefahr recht keck zu ſeyn, ſo traf man auch hier auf große Bravour und Herz⸗ haftigkeit, indem man ohne Bedenken den ſtämmigſten Spaziergänger auf's Strengſte ausfragte und gegen Laufbuben, Dienſtmädchen und Lehrlinge gewaltig dicke that. Als der Tag in den Abend überging und ſich die Dunkelheit in alle Winkel und Ecken der Stadt einſchlich, als wollte ſie im Geheim ihre Streitkräfte muſtern und zuſammenziehen, um dann in die offe⸗ nen Straßen hinauszubrechen, ſaß Barnaby in ſei⸗ nem Kerker, verwundert über die Stille und umſonſt auf den Lärm und das Getümmel horchend, die kürz⸗ lich immer die Boten der Nacht geweſen waren. Neben ihm, ſeine Hand mit der ihrigen umfaſſend, ſaß Eine, in deren Naͤhe er ſich wohl und ruhig 15*† fühlte. Sie war abgezehrt und verändert, ihr Herz ſchwer und mit Gram erfüllt; aber gegen ihn war ſie dieſelbe, wie ſonſt. „Mutter,“ ſagte er nach einem langen Schwei⸗ gen,„wie lange— wie viele Tage und Nächte— wird man mich noch hier behalten?“ „Nicht viele, mein Lieber. Ich hoffe, nicht viele.“ „Ihr hofft? Ja, aber Euer Hoffen wird mir dieſe Feſſeln nicht abnehmen. Ich hoffe auch, aber man kümmert ſich nicht darum. Greif hofft, aber wer macht ſich etwas aus Greif?“ Der Rabe antwortete mit einem kurzen, dumpfen, melancholiſchen Krächzen. Es lautete„Niemand“ ſo deutlich, als dieß nur bei einem Krächzen mög⸗ lich war. „Wer kümmert ſich um Greif, ausgenommen Ihr und ich?“ ſagte Barnaby, die zerzausten Federn ſeines Vogels mit der Hand glatt ſtreichend.„Er ſpricht nie an dieſem Orte; er ſagt kein Wort im Gefängniſſe; er ſitzt den ganzen Tag traurig in ſei⸗ ner dunkeln Ecke, dost bisweilen und ſchaut hin und wieder nach dem Lichte, das durch die Eiſenſtangen hereinſchleicht und aus ſeinen hellen Augen wieder⸗ ſtrahlt, als ſey ein Funke von jenen großen Feuern in die Zelle hereingefallen und brenne noch fort. Aber wer macht ſich etwas aus Greif?“ Der Rabe krächzte abermals—„Niemand.“ „Und dann,“ ſagte Barnaby, ſeine Hand von nicht mir aber aber fen, nd“ nög⸗ men dern „Er im ſei⸗ und igen der⸗ uern fort. 64 von — 229 den Vogel wegnehmend und ſie auf die Arme ſeiner Mutter legend, welcher er angelegentlich in's Geſicht ſah,„wenn ſie mich umbringen— es wäre möglich, denn ich hörte ſagen, daß ſie es thun wollen— was wird aus Greif werden, wenn ich geſtorben bin?“ Der Ton des Wortes oder vielleicht der Gang ſeiner eigenen Gedanken legte Greif ſeine alte Phraſe in den Schnabel:„Nichts da von Sterben!“ Aber mitten inne machte er Halt, zog einen entſetzlichen Stöpſel aus und ging dann in ein mattes Krächzen über, als gebräche ihm der Muth, auch nur den kürzeſten Satz zu Ende zu bringen. „Werden ſte ihm eben ſo gut das Leben nehmen, wie mir?“ fragte Barnaby.„Ich wollte, ſie thätens. — Wenn Ihr, ich und er mit einander ſterben könnten, ſo würde ſich doch Keines um das Andere grämen müſſen. Doch, ſie mögen thun, was ſie wollen, ich fürchte ſie nicht, Mutter!“ „Man wird dir kein Leides thun,“ ſagte ſie, während Thränen ihre Worte erſtickten.„Sie wer⸗ den dir kein Leides thun, wenn ſie Alles wiſſen. Gewiß, ſie werden's nicht.“ „Oh! das dürft Ihr nicht für allzugewiß an⸗ nehmen,“ rief Barnaby mit einer ſeltſamen Freude über ſeinen Scharfſinn, welcher ausgefunden haben wollte, daß ſeine Mutter in einer Selbſttäuſchung befangen ſey.„Sie haben von Anfang an ein Augenmerk auf mich gehabt. Sie ſagten dieß, als ſie mich geſtern Nacht hieher brachten, und ich glaube ihnen. Weint nicht um mich. Sie nannten mich kühn, und das war ich auch, und will es bleiben. Ihr mögt immerhin denken, daß ich thöricht ſey, aber ich kann ſo gut ſterben, als ein Anderer.— Ich habe ja nichts Unrechtes gethan, oder?“ fügte er raſch bei. „Im Auge des Himmels nicht,“ antwortete ſie. „Wohlan denn,“ ſagte Barnaby,„ſo mögen ſie ihr Schlimmſtes thun. Ihr habt mir einmal geſagt — ja, Ihr— als ich Euch fragte, wie es mit dem Tod ſey— daß man ihn nicht zu fürchten brauche, wenn man nichts Unrechtes gethan habe.— Aha! Mutter, meint Ihr, ich hätte das vergeſſen?“ Sein heiteres Lachen und ſein ſcherzhaftes Weſen ſchnitten ihr in die Seele. Sie zog ihn näher an ſich und bat ihn, nicht ſo laut zu reden und ruhig zu ſeyn, denn es dunkle bereits und ihre Zeit ſey kurz; ſie werde ihn bald für die Nacht verlaſſen müſſen.“ „Ihr kommt aber doch morgen wieder?“ fragte Barnaby. Ja. Und jeden Tag. Und ſie wollten ſich nie wieder trennen. Freudig erwiederte er, dieß ſey ſchön und ſein einziger Wunſch; auch habe er vorher gewußt, daß ſie ſo ſprechen würde. Dann fragte er ſie, wo ſie ſo lange verweilt und warum ſie nicht gekommen ſey, um ihn zu ſehen, als er ein großer Soldat ge⸗ 231 weſen. Er erging ſich ſofort in all' den wirren Entwürfen, die er ſich für ihr Reichwerden und ihr Glück ausgeheckt hatte, und mit einer unklaren Vorſtellung, daß ſie traurig ſey, und zwar wegen ihm, verſuchte er ſie zu beruhigen und zu tröſten, indem er ihr von ihrem früherem Leben, von ſeinen alten Spielen und der heiteren Freiheit erzählte, freilich nicht entfernt daran denkend, daß jedes ſeiner Worte nur ihren Kummer vermehrte und daß ihre ſchneller fallenden Thränen der Erinnerung an ihren verlorenen Frieden galten. „Mutter,“ ſagte Barnaby, als ſie den Schließer ſich der Zelle nähern hörten,„als ich vorhin mit Euch von meinem Vater ſprechen wollte, rieft Ihr ‚Bst!“ und wandtet Euer Geſicht ab. Warum thatet Ihr dieß? Sagt mir mit einem einzigen Wörtchen, warum? Ihr meintet, er ſey todt. Es thut Euch doch nicht leid, daß er lebt und zurück⸗ gekommen iſt— zu uns? Und wo iſt er? Hier?“ „Frage Niemanden, wo er iſt, und ſprich auch nicht von ihm,“ lautete ihre Antwort. „Warum nicht?“ fragte Barnaby.„Weil er ein finſterer Mann iſt und ſo rauh ſpricht? Nun, ich liebe ihn gerade nicht, und ſehne mich auch nicht nach ihm; aber warum nicht von ihm ſprechen?“ „Weil es mir leid thut, daß er noch lebt, leid, daß er zurück gekommen iſt, und leid, daß ihr Beide euch je getroffen habt. Ach, lieber Barnaby, es 23²2 war der heißeſte Wunſch meines Lebens, daß ihr euch nie treffen möchtet.“ „Vater und Sohn ſich nie treffen! Warum?“ „Er hat,“ flüſterte ſie ihm in's Ohr,„er hat Blut vergoſſen. Die Zeit iſt gekommen, wo du es wiſſen mußt. Er hat das Blut eines Mannes vergoſſen, der ihn liebte, der auf ihn baute und der ihn nie, weder in Worten, noch in der That, beleidigt hat.“ Barnaby bebte entſetzt zurück, ſchielte für einen Augenblick nach dem Male an ſeinem Handgelenke und verhüllte es dann ſchaudernd in ſeinen Kleidern. „Aber,“ fügte ſie haſtig bei, als ſich der Schlüſſel im Schloß drehte,„obgleich wir ihn ſcheuen, mein Lieber, ſo iſt er doch dein Vater und ich bin ſein unglückliches Weib. Man verlangt ſein Leben und er wird es verlieren. Aber es darf nicht durch uns geſchehen; ja, und wenn wir ihn der Reue zurück⸗ gewinnen könnten, ſo wäre es unſere Pflicht, ihn ſogar zu lieben. Gib dir nicht den Anſchein, als ob du ihn weiter kennteſt, es wäre denn als einen, der mit dir aus dem Gefängniß floh; und wenn ſie um ſeinetwillen Fragen an dich ſtellen, ſo gib keine Antwort. Gott ſey dein Beſchützer in dieſer Nacht, mein lieber Sohn. Gott ſey mit dir!“ Sie riß ſich von ihm los und in wenigen Augen⸗ blicken war Barnaby allein. Er ſtand eine geraume Zeit wie in die Erde gewurzelt da und verbarg ſein Geſicht mit den Händen; dann warf er ſich ſchluch⸗ zend auf ſein Lager. ——— * 8N8 G 8 8 ᷣ— e N 233 Aber der Mond kam langſam herauf in all' ſeiner ſanften Pracht, und die Sterne blickten nieder; durch den kleinen Raum des vergitterten Fenſters, wie durch die enge Ritze einer einzigen guten That in einem ſchuldbefleckten Leben, leuchtete klar und er⸗ barmungsvoll das Antlitz des Himmels. Er erhob das Haupt, ſchaute auf nach dem ruhigen Sternen⸗ gewölbe, das traurig auf die Erde niederzulächeln ſchien, als ſchaute die Nacht, gedankenvoller als der Tag, ſorgenvoll auf die Leiden und Sünden der Menſchen herab, und er fühlte, wie ihr Frieden tief in ſein Herz niederträufelte. Er, der arme Geiſtesverwirrte, eingekäfigt in ſeiner engen Zelle, war im Geiſte jetzt, während er auf jenes milde Licht blickte, eben ſo frei zu Gott emporgehoben, als der glücklichſte Menſch in der ganzen geräumigen Stadt, und in ſeinem halbvergeſſenen Gebete und in dem Bruchſtücke des kindiſchen Hymnus, mit dem er ſich in den Schlaf ſang, lebte ein ſo ächter, frommer Sinn, als ihn nur je eine ſtudirte Altarrede aus⸗ drückte oder die Gewölbe einer alten Kathedrale wiederhallten. Während ſeine Mutter beim Hinausgehen über einen Hof kam, ſah ſie durch eine Gitterthüre, welche nach einem zweiten Hoſe führte, ihren Mann, der mit genſenktem Haupte und über der Bruſt ge⸗ falteten Händen im Kreiſe herumging. Sie fragte ihren Führer, ob ſie nicht ein Wort mit dieſem Ge⸗ fangenen ſprechen dürfe. Ja; aber ſie müſſe ſich 234 beeilen, denn das Thor werde jetzt geſchloſſen und er könne ihr nur eine Minute Zeit laſſen. Mit die⸗ ſen Worten riegelte er die Thüre auf und hieß ſie hineingehen. 8 Die Thüre kreiſchte, als ſie ſich in ihren Angeln drehte, aber er blieb taub gegen den Ton und ging immer rund in dem Hof herum, ohne den Kopf zu erheben oder ſeine Haltung zu ändern. Sie redete ihn an, aber ihre Stimme war ſchwach und ver⸗ ſagte ihr. Endlich ſtellte ſte ſich in ſeinen Weg; als er in ihre Nähe kam, ſtreckte ſie die Hand aus und berührte ihn. Er fuhr zurück, zitterte am ganzen Leibe, und als er ſah, wer es war, fragte er ſie, warum ſie herkomme. Che ſie noch antworten konnte, fuhr er fort: „Soll ich leben oder ſterben? Wollt ihr mich ermorden oder meines Lebens ſchonen?“ „Mein Sohn— unſer Sohn,“ entgegnete ſie, „iſt in dieſem Kerker. „Was geht das mich an?“ rief er, ungeduldig auf das Steinpflaſter ſtampfend.„Ich weiß es. Er kann mir ſo wenig helfen, als ich ihm. Wenn Ihr gekommen ſeyd, um von ihm zu ſprechen, ſo packt Euch von hinnen!“ Nach dieſen Worten fing er wieder zu gehen an und eilte, wie zuvor, im Kreiſe herum. Als er auf's Neue an der Stelle anlangte, wo ſie weilte, machte er Halt und ſagte: ldig es. Jenn ſo ehen s er eilte, 235 „Soll ich leben oder ſterben? Bereut Ihr's?“ „Oh!— bereut Ihr?“ antwortete ſie,„Wollt Ihr Euch der Reue hingeben, ſo lang Ihr noch Zeit dazu habt? Glaubt nicht, daß ich Euch zu retten im Stande wäre, ſelbſt wenn ich es wagte.“ „Sagt lieber, wenn Ihr wolltet,“ antwortete er mit einem Fluche, indem er es verſuchte, ſich los zu machen und weiter zu gehen.„Sagt, wenn Ihr es wolltet.“ „Hört mich einen Augenblick an,“ erwiederte ſie;„nur einen Augenblick. Ich bin kürzlich erſt von dem Krankenlager aufgeſtanden, von dem ich mich nie wieder zu erheben hoffte. Die Beſten unter uns gedenken zu ſolchen Zeiten ihrer halbausgeführten guten Vorſätze und der unterlaſſenen Pflichten. Wenn ich ſeit jener verhängnißvollen Nacht je unter⸗ ließ, für Eure Neue vor Eurem Hinſcheiden zu beten— wenn ich es ſelbſt damals unterließ, als mich das noch neue Entſetzen vor Eurem Verbrechen und alles Andere dazu hätte drängen ſollen— wenn ich bei unſerer kürzlichen Begegnung der mich be⸗ drückenden Angſt nachgab, und es vergaß, auf meine Kniee niederzufallen und Euch im Namen deſſen, den Ihr ſo plötzlich vor den Richterſtuhl Gottes ſchicktet, feierlichſt zu beſchwören, daß Ihr Euch vorbereiten ſolltet auf die Wiedervergeltung, die kommen mußte und die Euch jetzt an der Ferſe klebt— ſo demüthige ich mich jetzt vor Euch und 236 flehe Euch in meinen Todesängſten an, laßt Euch zur Buße und Sühne bewegen.“ „Was ſoll dieſes Heuchlergeſchwätz?“ antwortete er rauh,„Sprecht ſo, daß ich Euch verſtehen kann.“ „Das will und wünſche ich,“ antwortete ſie. „Habt nur einen Augenblick mit mir Geduld. Die Hand deſſen, der den Mörder mit ſeinem Fluche gebrandtmarkt hat, liegt jetzt ſchwer auf Euch. Ihr könnt darüber nicht im Zweifel ſeyn. Unſer Sohn, unſer unſchuldiger Knabe, den Gottes Zorn ſchon vor ſeiner Geburt heimſuchte, iſt hier gefangen und in Lebensgefahr— durch Eure Schuld hieher ge⸗ bracht; ja, durch ſie allein— davon iſt der Himmel Zeuge— denn er wurde auf Irrwege geleitet durch die Umnachtung ſeines Verſtandes, die ſchreckliche Folge Eures Verbrechens.“ „Wenn Ihr hergekommen ſeyd, um mich nach Weiberart mit Vorwürfen zu überhäufen—“ mur⸗ melte er, indem er abermals verſuchte, ſich los⸗ zureißen. „Das will ich nicht. Mein Zweck iſt ein ganz anderer. Ihr müßt mich anhören. Iſt es nicht heute, nicht morgen, nicht übermorgen, ſo doch ein andermal. Ihr müßt es hören. Mann, ein Ent⸗ rinnen iſt hoffnungslos— iſt unmöglich.“ „Und das ſagt Ihr mir?“ erwiederte er, in⸗ dem er die gefeſſelte Hand erhob und ſchüttelte. Ihr?“ —O——ę—ę—ę—ę—ę—Q—Q—Q—C—C—C—C—C— & —— u—— 237 „Ja,“ verſetzte ſie mit dem angelegentlichſten Ernſte.„Doch zu welchem Ende?“ „Um es mir in dieſem Kerker behaglicher zu machen. Damit mir die Zeit zwiſchen heute und meinem Tode recht angenehm entſchwinde. Ha, ha! Zu meinem Beſten, natürlich zu meinem Beſten,“ verſetzte er, mit den Zähnen knirſchend und einem grinſenden Lächeln auf ſeinem leichenfahlen Geſichte. „Nicht um Euch mit Vorwürfen zu überhäufen,“ entgegnete ſie,„nicht um die Qualen des Elendes zu vermehren, nicht um auch nur ein einziges har⸗ tes Wort gegen Euch auszuſprechen, ſondern um Euch dem Frieden und der Hoffnung wieder zu geben. Mann, wenn Ihr nur dieſes ſchreckliche Verbrechen eingeſtehen wolltet, wenn Ihr nur die Vergebung des Himmels und derjenigen, die Ihr auf Erden gekränkt habt, anflehen möchtet, wenn Ihr aufgeben würdet dieſe eitlen, unruhigen Gedanken, die nie verwirklicht werden können, um auf dem Boden der Reue und Wahrheit zu ankern— ſo verſpreche ich Euch im Namen des Allmächtigen, deſſen Ebenbild Ihr befleckt habt, daß Er Euch tröſten und ſtärken wird. Und was mich betrifft,“ rief ſie, die Hände zuſammen ſchlagend und aufwärts ſchauend,„ſo ſchwöre ich Euch bei Ihm, der mein Herz kennt und in meinem Innern liest, daß ich Euch von Stunde an lieben und pflegen will, wie ich es in alten Tagen that; ich will in der Euch zugemeſſenen kur⸗ zen Friſt Tag und Nacht nicht von Eurer Seite 238 weichen, durch treue Liebe und Pflichterfüllung Eure Unruhe bekämpfen und mit Euch beten, damit we⸗ nigſtens ein drohendes Gericht abgewandt werde und unſer Knabe verſchont bleiben möge, um nach ſeiner armen Weiſe im Lichte der Sonne und der freien Luft Gottes Namen zu preiſen!“ Während dieſer Worte wich er zurück, als flößte ihm ihr Benehmen für einen Augenblick eine heilige Scheu ein, und als wüßte er nicht, was er thun ſolle. Aber Grimm und Todesangſt gewannen als⸗ bald wieder über ihn die Oberhand und er ſtieß ſie von ſich. „Fort mit Euch! Verlaßt mich! Ihr ſchmiedet ein Complott gegen mich! Ihr wolltet mit mir ſprechen, um ſie zu überzeugen, daß ich der Mann ſey, für den man mich hält. Fluch über Euch und Euren Sohn!“ „Ach, der Fluch hat ihn bereits ereilt,“ verſetzte ſie händeringend. „Mag er noch ſchwerer auffallen. Mag er Einen und Alle treffen. Ich haſſe euch Beide. Das Schlimmſte kömmt über mich, und der einzige Troſt, den ich ſuche oder haben kann, liegt in dem Be⸗ wußtſeyn, daß auch ihr darunter leidet. Fort!“ Auch jetzt noch würde ſie von ihrem ſanften Drängen nicht abgelaſſen haben, aber er drohte ihr mit ſeiner Kette. „Fort! ſage ich— ich wiederhole es zum letzten⸗ mal; führt mich daher nicht in Verſuchung. Der Strick „.——— —— ð 8 8 239 i*ſt bereits um meinen Hals geſchlungen, und das iſt ein ſchwarzes Geſpenſt, das mich zu noch'was Weiterem treiben kann, ehe es mir die Kehle zu⸗ ſchnürt. Hinweg! Fluch der Stunde, in der ich ge⸗ boren wurde! Fluch dem Manne, den ich erſchlug! und Fluch Allem, was da lebt auf Erden!“ In einem Anfalle von Wuth, Schrecken und Todesfurcht riß er ſich von ihr los und ſtürzte in die Nacht ſeiner Zelle, wo er ſich klirrend auf das Pflaſter niederwarf und mit den gefeſſelten Händen an die Steine ſchlug. Der Mann kehrte zurück, um das Gitter zu ſchließen, und ſobald dieß geſchehen war, führte er ſie fort. In jener warmen, balſamiſchen Julinacht gab es in allen Stadttheilen frohe Geſichter und leichte Herzen; der durch die Schrecken der letzten Zeit lange verſcheuchte Schlaf kehrte doppelt willkommen zurück. In derſelben Nacht machten ſich die Fami⸗ lien luſtig in ihren Häuſern und wünſchten ſich Glück, der gemeinſchaftlichen Gefahr entronnen zu ſeyn. Die ſo arg Bedrohten wagten ſich wieder auf die Straßen und die Geplünderten konnten ſich eines ſicheren Obdachs erfreuen. Selbſt der furchtſame Lordmayor, der in jener Nacht vor den Staatsrath berufen worden, um ſein Benehmen zu rechtfertigen, kam ganz zufrieden wieder zurück und bemerkle gegen alle ſeine Freunde, daß er ganz gut mit einem Verweiſe davon gekommen ſey, dabei mit ungemeiner Selbſtgefälligkeit ſeine merkwürdige Ver⸗ 240 theidigung wiederholend:„ſeine Verwegenheit ſey ſo groß geweſen, daß er geglaubt habe, er werde ſie mit dem Leben büßen müſſen.“ Auch wurden in jener Nacht noch weitere zer⸗ ſtreute Ueberreſte des Geſindels aus ihren Schlupf⸗ winkeln gezogen und zur Haft gebracht; und in den Spitälern, und tief unter den Trümmern, die ſie ſelbſt gemacht, in Gräben und auf den Feldern lagen viele elende Todte ohne Leichentuch, beneidet von denen, die ſich bei den Unruhen bethätigt hatten und ihre dem Tode verfallenen Häupter vor der Hand im Gefängniß niederlegten. Und im Tower, in einem traurigen Gemach, wo dicke Steinmauern das laute Geſumme des Lebens ausſchloßen und eine Stille verbreiteten, welche nur noch tiefer und nachdrücklicher wurde durch die Reminiscenzen, welche frühere Gefangene in die Wände eingegraben hatten— bittere Reue empfindend über alle die grauſamen Handlungen und Schandthaten des ſchändlichen Pöbels, in deſſen Verbrechen ſeine eigene Schuld erkennend und ſich den Tod ſo Vieler vorwerfend— ſaß der unglückliche Urheber von all' dieſem Elende, Lord George Gordon, dem bei ſolchen Betrachtungen ſein Fanatismus oder ſein eingebildetes„Berufenſeyn“ nur wenig Troſt zu bieten vermochte. Er war dieſen Abend feſtgenommen worden. „Wenn Ihr überzeugt ſeyd, daß ich es bin, dem Euer Auftrag gilt,“ ſagte er zu dem Beamten, 241 der mit einem Haftbefehle wegen Hochverraths außen wartete, ſo bin ich bereit, Euch zu begleiten—“ was er denn auch ohne Widerſtand that. Er wurde zuerſt vor den Geheimenrath und nachher vor die Kommandatur geſtellt, von wo aus man ihn, um die Hauptſtraßen zu vermeiden, über die Weſtminſterbrücke auf der rechten Seite der Themſe nach der Londonbrücke und von da aus nach dem Tower brachte— wohl mit der ſtärkſten Be⸗ deckung, unter der je ein einzelner Gefangener die Thore dieſer Veſte betrat. Von allen ſeinen vierzigtauſend Mann war nicht ein Einziger übrig geblieben, um ihm Gefellſchaft zu leiſten. Freunde, Anhänger, Diener— Niemand war da. Sein fuchsſchwänzender Sekretär hatte den Verräther geſpielt; und er, deſſen Schwäche von ſo Vielen in ſelbſtſüchtiger Abſicht geſtachelt und ange⸗ ſpornt worden, war jetzt verlaſſen und allein. Vierundſtebenzigſtes Kapitel. Herr Dennis, den man Abends ſpät gefangen ge⸗ nommen, wurde für die Nacht in einem nahe gelegenen Wachhauſe untergebracht und des andern Tags, am Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 16 242 Sonnabend, vor einen Friedensrichter geſtellt, um verhört zu werden. Die Bezüchte gegen ihn waren zahlreich und gewichtig, und da namentlich durch Gabriel Var⸗ den’s Zeugniß bewieſen war, daß er ein beſonderes Verlangen an den Tag gelegt, ihm das Leben zu nehmen, ſo wurde er der Unterſuchungshaft über⸗ antwortet. Ueberdieß erwies man ihm die Ehre, ihn als einen ausgezeichneten Häuptling der Inſurgenten zu betrachten, weßhalb er auch von den Beamten die ſchmeichelhafte Verſicherung erhielt, daß er ſich in der größten Gefahr befinde und daher gut thue, ſich auf das Schlimmſte gefaßt zu machen. Wenn wir ſagen wollten, die Beſcheidenheit des Herrn Dennis ſey durch dieſe Ehre nicht etwas über⸗ raſcht worden, oder er ſey auf eine ſo ſchmeichelhafte Aufnahme vorbereitet geweſen, ſo würden wir ihm einen weit größeren Vorrath von Stoicismus zur Laſt legen, als er ſich deſſen berühmen konnte. In der That war auch die Philoſophie dieſes Gentlemans von jener außergewöhnlichen Art, die Einen befähigt, das Unglück ſeiner Freunde mit muſterhafter Seelen⸗ ſtärke zu tragen, dafür Einen aber um ſo ſelbſtſüch⸗ tiger und empfindlicher in Allem macht, was der eigenen Perſon zuſtößt. Man kann es daher durch⸗ aus nicht als eine Kränkung des in Frage ſtehenden bedeutenden Staatsdieners betrachten, wenn wir offen und ohne Hehl angeben, daß er Anfangs ſehr un⸗ ruhig war und unterſchiedliche Symptome von Furcht blicken ließ, bis ihm ſeine intellektuellen Kräfte zu — 243 Hülfe kamen und eine hoffnungsvollere Fernſicht auf⸗ ſchloßen. In demſelben Maße, als Herr Dennis bei Muſterung der Wahrſcheinlichkeiten, die für ein leich⸗ tes Davonkommen, ohne ſonderliche Beläſtigung, ſprachen, die genannten geiſtigen Begabungen an⸗ wandte, hob ſich ſein Muth und ſteigerte ſich ſeine Zuverſicht. Wenn er ſich der Achtung, in welcher ſein Gewerbe ſtand, und der beſtändigen Nachfrage nach ſeinen Dienſten erinnerte; wenn er bedachte, wie die Geſetzgebung ihn als eine Art Univerſalmedizin anſah, die für Männer, Weiber und Kinder, für jedes Alter und für jede Abſchattung verbrecheriſcher Conſtitutionen paßte; wenner erwog, wie hoch er vermöge ſeiner techniſchen Eigenſchaft in der Gunſt der Krone, der beiden Parlamente, der Münze, der Bank von England und der Richter in Juda ſtand; wenn er in'’s Auge faßte, daß er unter allen Miniſterwechſeln doch ſtets der beſondere Liebling und die Panacee aller am Ruder ſtehenden blieb, und daß um ſeinet⸗ willen England einzig und groß unter allen civiliſtr⸗ ten Völkern der Erde da ſtand; wenn er alles dieß ſich in's Gedächtniß rief und Betrachtungen dar⸗ über anſtellte, ſo fühlte er ſich völlig überzeugt, daß die Dankbarkeit der Nation ihn gegen die Fol⸗ gen ſeines kürzlichen Treibens ſchützen müſſe und ihm zuverläſſig ſeinen alten Poſten in dem glücklichen ſocialen Syſtem wieder anweiſen würde. Mit ſolchen Krumen, oder wie man lieber ſagen 16*† 244 möchte, mit ſolchen ganzen Laiben von Troſt, nahm Herr Dennis ſeinen Platz unter dem Geleite ein, das ſeiner wartete, um ſich mit mannhafter Gelaſ⸗ ſenheit nach dem Gefängniſſe bringen zu laſſen. In Newgate angelangt, wo einige der zerſtörten Zellen haſtig zu einem ſicheren Aufbewahrungsorte der Re⸗ bellen hergeſtellt worden waren, wurde er von den Schließern mit vieler Wärme empfangen, denn es han⸗ delte ſich hier um einen ungewöhnlichen und ſehr in⸗ tereſſanten Fall, der einen angenehmen Wechſel in ihre einförmigen Dienſtobliegenheiten brachte. In der gleichen humoriſtiſchen Stimmung legten ſie ihm auch mit einer beſondern Sorgfalt ſeine Feſſeln an führten ihn in das Innere des Gefängniſſes. „Bruder,“ rief der Henker, als er in Beglei⸗ tung eines Gefängnißwärters unter ſo neuen Ver⸗ hältniſſen durch die Ueberreſte der ihm genau be⸗ kannten Gänge ſchritt,„komme ich mit Jemand zu⸗ ſammen?“ „Wenn Ihr mehr Mauern hättet ſtehen laſſen, ſo könntet Ihr jetzt allein ſeyn,“ lautete die Ant⸗ wort.„So aber, da wir im Raum beſchränkt ſind, werdet Ihr Geſellſchaft haben.“ „Nun,“ verſetzte Dennis,„ich habe nichts gegen Geſellſchaft einzuwenden.'s iſt mir ſogar lieber. Ich bin wahrhaftig ganz geſchaffen für's geſellſchaft⸗ liche Leben.“ „Das iſt doch recht Schade, oder etwa nicht?“ entgegnete der Mann. — 245 „Nein,“ erwiederte Dennis,„nicht, daß ich wüßte! Warum ſoll's denn Schade ſeyn, Bruder?“ „Oh! ich weiß nicht,“ antwortete der Mann gleichgültig.„Ich meinte nur, Ihr hättet das ſagen wollen. Für's geſellſchaftliche Leben geſchaffen ſeyn, und ſo in der Blüte davon müſſen, wißt Ihr—“ „Alle Welt, von was ſchwatzt Ihr da?“ fiel ihm der Andere haſtig in's Wort.„Wer ſoll denn in der Blüte davon müſſen?“ „Oh, Niemand beſonders. Vielleicht dachte ich dabei an Euch,“ ſagte der Mann. Herr Dennis wiſchte ſich ſein Geſicht ab, das plötzlich ganz heiß geworden war, und bemerkte mit bebender Stimme gegen ſeinen Führer, er ſey immer ein Freund von ſeinen Späſſen geweſen; dann folgte er ihm ſchweigend, bis der Schließer vor einer Thüre Halt machte. „Iſt das mein Quartier, he?“ fragte er ſcherzend. „Ja, hier habt Ihr Euer Unterkommen, Sir,“ antwortete ſein Freund. Er war, freilich nicht mit der beſten Miene, eingetreten, machte aber plötzlich Halt und fuhr wie⸗ der zurück. „Hollah!“ ſagte der Schließer.„Ihr ſeyd ner⸗ venſchwach.“ „Nervenſchwach?“ flüſterte Dennis in großer Unruhe.„Nun, vielleicht iſt's ſo. Macht die Thüre wieder zu.“ 246 „Das will ich, wenn Ihr d'rinnen ſeyd,“ erwie⸗ derte der Gefängnißwärter. „Aber ich kann da nicht hineingehen,“ flüſterte Dennis.„Ich kann mich nicht einſchließen laſſen mit dieſem Mann. Wollt Ihr, daß ich erdroſſelt werde, Bruder?“ Der Schließer ſchien in dieſer Hinſicht keinen beſonderen Wunſch zu hegen, ſey es auf die eine, oder die andere Weiſe, ſondern bemerkte nur kürzlich, daß er ſeine Ordre habe und dieſer Folge zu leiſten geſonnen ſey; er ſchob ihn daher hinein, drehte den Schlüſſel um und entfernte ſich. Dennis ſtand zitternd da, den Rücken an die Thüre gedrückt und unwillkürlich zur Vertheidigung den Arm erhebend; dabei ſtierte er nach einem Manne hin, dem einzigen anderen Bewohner der Zelle, der der Länge nach ausgeſtreckt auf einer Steinbank lag und hin und wieder in ſeinem tiefen Schnarchen inne hielt, als wäre er im Begriffe, aufzuwachen. Er rollte ſich jedoch nur auf die andere Seite, ließ den Arm nachläßig niederſinken, holte einen tiefen Seufzer, murmelte etwas Unverſtändliches vor ſich hin und lag bald wieder in tiefem Schlafe. Hiedurch einigermaßen beruhigt, wandte der Henker für einen Moment ſeinen Blick von der ſchla⸗ fenden Geſtalt ab und ſchaute in der Zelle umher, ob er nicht etwa eine vortheilhafte Stellung oder eine Vertheidigungswaffe auffinden könne. Es war nichts Bewegliches da, als ein plumper Tiſch, der +— 247 nicht ohne Geräuſch verrückt werden konnte und ein ſchwerer Stuhl. Nach dem letzteren Möbelſtück ſchlich er ſich auf den Zehen hin, retirirte ſich mit demſel⸗ ben in die fernſte Ecke, verſchanzte ſich dahinter und beobachtete ſeinen Feind mit der größten Wach⸗ ſamkeit und Vorſicht. Der ſchlafende Mann war Hugh, weßhalb die höchſt unbehagliche Spannung und der recht vom Herzen kommende Wunſch, welcher in Herrn Dennis auftauchte, er möchte nie wieder aufwachen, durchaus nicht unnatürlich waren. Müde vom Stehen, kauerte er ſich nach einer Weile in ſeinem Winkel nieder und ruhte auf dem kalten Pflaſter aus; aber obgleich Hugh's Schnarchen noch immer bekundete, daß er feſt ſchlief, ſo getraute ſich der Henker doch nicht, ihn auch nur einen Augenblick aus dem Geſichte zu laſ⸗ ſen. Er fürchtete ſich ſo vor ihm und einem plötzli⸗ chen Ueberfall, daß er ſich nicht damit begnügte, durch die Stuhllehne nach den geſchloſſenen Augen des Anderen hinzuſehen, ſondern er half ſich auch noch hin und wieder verſtohlen auf die Beine und und ſchaute mit ausgeſtrecktem Hals nach ihm hin, um ſich zu überzeugen, daß er wirklich noch ſchlafe und nicht im Begriffe ſey, auf ihn und ſeine Ver⸗ ſchanzung loszuſtürmen. Er ſchlief ſo lang und ſo feſt, daß Herr Dennis ſchon der Hoffnung Raum gab, er möchte fortſchla⸗ fen, bis der Schließer wieder einen Beſuch machte. Mit viel Wärme ſeinen Glücksſtern ſegnend, gratu⸗ 248 lirte er ſich bereits zu dieſer tröſtlichen Ausſicht, als ſich auf einmal etliche mißliebige Symptome kund gaben, zum Beiſpiel die Bewegung des Armes, ein abermaliges Seufzen und ein unruhiges Schütteln des Kopfes. Dann, in demſelben Augenblick, als es den Anſchein hatte, er möchte von ſeinem ſchmalen Lager auf den Boden hinunterplumpen, öffnete Hugh die Augen. Es traf ſich, daß ſein Geſicht gerade dem uner⸗ warteten Gaſte zugekehrt war. Er ſah ein Halb⸗ dutzend Sekunden ſchläfrig und ohne ein Merkmal von Ueberraſchung und Wiedererkennen hin; dann ſprang er plötzlich auf und ſtieß nebſt einem ſchweren Fluche den Namen des Andern aus. „Laßt ab, laßt ab, Bruder!“ rief Dennis, hinter ſeinem Stuhle hin und her rückend.„Fügt mir kein Leides zu. Ich bin ein Gefangener, wie Ihr. Ich habe nicht den freien Gebrauch meiner Glieder und bin nur ein ganz alter Mann. Thut mir keinen Schaden an!“ Er winſelte die letzten fünf Worte in einem ſo jämmerlichen Tone, daß Hugh, der den Stuhl weg⸗ gezerrt hatte und damit einen Schlag nach ihm füh⸗ ren wollte, inne hielt und ihn aufſtehen hieß. „Gewiß, ich ſtehe auf, Bruder,“ rief Dennis, der ſich beeilte, ſeinen Freund durch alle ihm zu Ge⸗ bote ſtehenden Mittel gütlich zu ſtimmen.„Ihr dürft Euch darauf verlaſſen, daß ich Alles thue, was Ihr von mir verlangt. So— da wäre ich. Was — unu — 249 kann ich für Euch thun? Sprecht's nur aus, und es geſchieht.“ 8 „Was du für mich thun kannſt?“ rief Hugh, indem er ihn mit beiden Händen am Kragen packte und ihn dermaßen ſchüttelte, als habe er Luſt, ihm die Seele aus dem Leben zu ſchutteln.„Was ha ſt du für mich gethan?“ „Das Beſte. Das Beſte, was ich für Euch thun konnte,“ entgegnete der Henker. Hugh gab ihm keine Antwort, ſondern rüttelte ihn mit ſeinen ſtarken Fäuſten, bis ihm die Zähne im Munde klapperten; dann ſchleuderte er ihn auf den Boden und warf ſich ſelbſt wieder auf die Bank. „Läge nicht ein Troſt für mich darin, dich hier zu ſehen,“ murmelte er,„ſo hätte ich dir wahrhaftig das Hirn an den Wänden ausgerannt.“ Es ſtund eine Weile an, ehe Dennis ſo weit zu Athem kam, um ſprechen zu können; ſobald er aber ſeinen verſöhnenden Ton wieder aufzunehmen ver⸗ mochte, erwiederte er mit winſelnder Stimme: „Ich habe das Beſte gethan, was ſich machen ließ, ſo wahr ich lebe. Ich wurde mit zwei Bayo⸗ netten und was weiß ich, wie vielen Kugeln hüben und drüben gezwungen, Euch den Soldaten zu zei⸗ gen. Wärt Ihr nicht gefangen genommen worden, ſo hätten ſie Euch erſchoſſen; und was für ein An⸗ blick wäre das geweſen— ſo ein ſchöner, junger Mann, wie Ihr!“ 1 „Wird der Anblick jetzt beſſer ſeyn?“ fragie 250 Hugh, den Kopf mit einem ſo wilden Ausdruck er⸗ hebend, daß der Andere vor der Hand nicht zu ant⸗ worten ſich getraute. „Oh! viel beſſer,“ ſagte Dennis nach einer Weile mit ſchüchterner Stimme; verſtlich hat man da all die Möglichkeiten bei einem Prozeß, von denen es gewiß ihrer fünfhundert gibt. Wir können noch un⸗ geſchlagen davon kommen.'s iſt ſchon bei unglück⸗ licheren Händeln ſo gegangen. Und ſelbſt, wenn nichts einſchlagen will, ſo können wir doch nur Ein⸗ mal abgethan werden. Fällt man in gute Hände, ſo iſt das ſo'was Nettes, Geſchicktes und Angeneh⸗ mes(wenn Ihr keinen Anſtoß an dieſem Worte nehmt), daß Ihr's kaum glauben würdet, wie man es dabei zu einer Perfection bringen kann. Seine Ne⸗ benmenſchen mit Musketen umzubringen!— Pfui!“ Und ſeine ganze Natur empörte ſich ſo ſehr bei dem bloßen Gedanken daran, daß er auf das Ker⸗ kerpflaſter ausſpie. Sein Erwarmen über dieſen Gegenſtand, das in den Augen eines Mannes, welcher nichts von Herrn Dennis Gewerbe und Liebhabereien wußte, wie Muth vorkam, nebſt der argliſtigen Umgehung ſeiner eigenen geheimen Hoffnungen, indem er ſich als einen Mann bezeichnete, der mit Hugh in glei⸗ cher Lage war, wirkten mehr zu Beſänftigung dieſes ungeſchlachten Strolches, als die ausgeſuchteſten Be⸗ weismittel oder die kriechendſte Unterwerfung im Stande geweſen wären. Er ſtützte die Arme auf co=—,=————,-——-——9..“ = 2 251 ſein Knie, beugte ſich vorwärts und blickte mit etwas, das wie ein Lächeln ausſah, unter ſeinem zottigen Haare hervor nach Dennis. „Die Sache iſt nämlich ſo Bruder,“ ſagte der Henker im Tone größerer Vertraulichkeit;„Ihr ſeyd in ſchlechte Geſellſchaft gerathen. Auf den Mann, der bei Euch war, hatte man ein ſchärferes Auge, als auf Euch, und er war es, auf den ich mein Abſehen nahm. Ich, für meine Perſon, was hab denn ich davon? Da ſind wir jetzt, beide in ein und demſelben Pfandſtalle. „Sieh her, du Schuft,“ entgegnete Hugh, ſeine Brauen zuſammenkneifend,„ich bin ganz und gar nicht ein ſolcher Hohlkopf, um nicht einzuſehen, daß du etwas davon erwartet haſt, ſonſt hätteſt du's nicht gethan. So es aber einmal geſchehen iſt und du auch in der Patſche ſteckſt— nun,'s wird bald alles mit dir und mir vorüber ſeyn— und's iſt mir jetzt faſt gleichviel, ob ich lebe oder ſterbe. Warum ſollt' ich mir die Mühe geben, Rache an dir zu neh⸗ men? Eſſen, trinken und ſchlafen, ſo lang ich noch hier bin, das iſt Alles, was mich jetzt noch kümmert. Haͤtt' ich noch ein Bischen mehr Sonne, als in die⸗ ſes verwünſchte Loch herein kann, um ſich zu wärmen, ſo läge ich den ganzen Tag drinn, und gäbe mir nicht ein einzigesmal die Mühe, zu ſitzen, oder aufzuſtehen. Das iſt alles, worum ich mich noch kümmere. Warum ſollte ich mich um einen Kerl, wie du, kümmern?“ 2⁵² Dieſe Rede mit einem Tone, wie das Gähnen einer wilden Beſtie, beſchließend, ſtreckte er ſich wie⸗ der auf der Bank aus, und ſchloß auf's Neue ſeine Augen. Nachdem Dennis, dem dieſe Stimmung einen Stein vom Herzen nahm, eine Weile ſtumm nach ihm hingeſehen, rückte er den Stuhl an das rauhe Lager des Andern und ſetzte ſich neben ihn nieder— dabei übrigens die Vorſicht nicht außer Augen laſſend, ſich aus dem Bereich ſeiner ſehnigen Arme zu halten. „Wohlgeſprochen, Bruder; könnte gar nicht beſſer geſagt ſeyn,“ wagte er zu bemerken.„Wir wollen eſſen und trinken auf's Beſte, ein hübſches wegſchlafen, und zum böſen Spiel eine gute Miene machen. Für Geld iſt alles zu haben. Wir wollen's luſtig verjubiliren.“ „Ja,“ ſagte Hugh, ſich in eine neue Stellung zuſammenrollend.—„Aber wo iſt es?“ „Ah, das meinige hat man mir auf der Wache abgenommen,“ verſetzte Herr Dennis;„aber bei mir iſt's ein beſonderer Fall.“ „Wirklich? Nun, mir nahm man das meinige auch weg.“ „Wohlan denn, ich will Euch was ſagen, Bru⸗ der,“ begann Dennis;„Ihr müßt Euch bei Euren Freunden umſehen—“ „Bei meinen Freunden?“ rief Hugh, auffahrend und ſich auf ſeine Hände ſtützend.„Wo ſind meine Freunde?“ » —,— ÿ—. —,— 253 „Nun denn, ſo ſind's Eure Verwandten,“ ſagte Dennis. „Ha, ha, ha!“ brüllte Hugh, den einen Arm über ſeinem Kopfe ſchwenkend.„Er ſpricht zu mir von Freunden— ſpricht von Verwandten mit einem Manne, deſſen Mutter den Tod ſtarb, der ihrem Sohn vorbehalten iſt— der zurückgelaſſen wurde als eine hungrige Brut, ohne daß er auf der ganzen Welt auch nur ein einziges Geſicht gekannt hätte! Er ſpricht von ſolchen Dingen zu mir!“ „Bruder,“ rief der Henker, deſſen Züge eine plötzliche Umwandlung erlitten,„Ihr wollt doch nicht damit ſagen—“ „Ich will damit ſagen,“ fiel ihm Hugh in's Wort,„daß man ſie zu Tyburn aufhängte. Was für ſie gut genug war, iſt auch gut genug für mich. Mögen ſie mir ein Gleiches anthun, ſobald ſie Luſt dazu haben— je bälder, deſto beſſer. Rede jetzt nicht mehr mit mir. Ich will ſchlafen.“ „Aber ich muß noch reden; ich muß noch mehr davon hören,“ ſagte Dennis, ſeine Farbe verändernd. „Wenn du klug biſt,“ brummte Hugh, ſeinen Kopf erhebend und ihm ein wildes Stirnerunzeln zuwerfend,„ſo hältſt du dein Maul. Ich ſage dir, daß ich ſchlafen will.“ Da Dennis trotz dieſer Warnung noch immer ſprechen wollte, ſo führte der verzweifelte Kerl aus Leibeskräften einen Streich nach ihm, der übrigens nicht traf, legte ſich mit vielen halblauten Flüchen 254 und Verwünſchungen wieder nieder, und kehrte ſein Geſicht der Wand zu. Der Henker war kühn genug, trotz dieſer gefährlichen Stimmung den Andern et⸗ lichemal an ſeinen Kleidern zu zupfen, da er aus beſondern Gründen danach brannte, das Geſpräch fortzuſetzen; ſeine Bemühungen hatten jedoch keinen Erfolg, weßhalb ihm keine andere Wahl blieb, als ſo ruhig, wie möglich, ſitzen zu bleiben und zu warten, bis es Hugh beliebte, auf ſein Anſinnen ein⸗ zugehen. Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. Ein Monat iſt verfloſſen,— und wir ſtehen jetzt in dem Schlafgemach des Sir John Cheſter. Durch das halb geöffnete Fenſter blickt grün und lieblich der Templegarten herein; der glatte Strom, mit Boten und Barken belebt und von plätſchernden Rudern gepeiſcht, funkelt in der Ferne; der Himmel iſt blau und klar, und Sommerlüftchen ſtehlen ſich leiſe herein, das Gemach mit Wohlgeruch erfüllend. Sogar die Stadt, die rauchende Stadt, bietet einen ſtrahlenden Anblick. Hohe Dächer und Kirchthurm⸗ ſpitzen, ſonſt ſo ſchwarz und düſter anzuſehen, lächeln 25⁵ in einem fröhlichen Grau; jeder alte, vergoldete Wetterhahn, jede Kugel, jedes Kreuz glitzert neu auf in dem Strahle der Morgenſonne; und hoch uͤber Alles ragen die Thürme von Saint Paul, ihre Spitzen in blankem Golde ſchimmern laſſend. Sir John frühſtückte im Bette. Die Chokolade, nebſt den Röſtſchnitten, ſtand auf einem kleinen Tiſche zu ſeiner Seite; Bücher und Zeitungen lagen auf der Bettdecke; zuweilen hielt er inne, um ſich mit der Miene ruhiger Selbſtgefälligkeit in dem wohl geordneten Gemache umzuſehen oder gleichgültig nach dem Sommerhimmel hinaufzuſchauen; dann aß und trank er wieder mit ſchwelgeriſchem Wohlbehagen oder nahm auf's Neue die Zeitung auf. Der belebende Einfluß des Morgens ſchien auch an ſeinem gleichmüthigen Temperament nicht ſpurlos vorübergegangen zu ſein. Sein Benehmen war un⸗ gewöhnlich heiter, ſein Lächeln gefälliger und ange⸗ nehmer, als ſonſt, ſeine Stimme klarer und lieb⸗ licher. Er legte die Zeitung, die er geleſen hatte, nieder, lehnte ſich mit der Miene eines Mannes, der ſich in entzückenden Erinnerungen ergoß, auf ſein Kiſſen zurück und begann nach einer Pauſe folgendes Selbſtgeſpräch: „Und mein Freund, der Centaur geht alſo den Weg ſeiner Mama? Wundert mich nicht. Und ſein geheimnißvoller Freund, Herr Dennis, gleichermaßen? Auch das kömmt mir nicht überraſchend. Und mein alter Poſtbote, der außerordentlich ungenirte junge Verrückte von Chigwell? Darüber bin ich eigentlich erfreut.'s iſt das Allerbeſte, was ihm möglicher⸗ weiſe begegnen konnte.“ Nachdem er ſich in dieſen Bemerkungen ergan⸗ gen, vertiefte er ſich wieder in den lieblichen Gang ſeiner Betrachtungen, woraus er ſich endlich wieder aufraffte, um ſeine bereits kalt gewordene Chokolade vollends zu trinken und nach einer neuen Portion zu klingeln. Sobald der neue Vorrath angelangt war, nahm er die Taſſe aus der Hand ſeines Dieners, den er mit der bezauberndſten Leutſeligkeit und den Worten: „ich bin dir ſehr verbunden, Peak“ entließ. „Es iſt ein merkwürdiger Umſtand,“ ſagte er, nachläßig mit dem Theelöffel ſpielend,„daß mein Freund, der Verrückte, bei dem Verhör um ein Haar davon gekommen wäre, und es war ein glück⸗ liches Geſchick(oder, wie die Welt ſagen wuͤrde, das Walten der Vorſehung) daß der Bruder des Lord⸗ mayor gerade mit anderen Provinzialfriedensrichtern, in deren dicke Köpfe die Neugierde Zugang gefun⸗ den, zugegen ſein mußte. Denn obgleich der Bru⸗ der des Lordmayor entſchieden Unrecht hatte und ſeine nahe Verwandtſchaft mit dieſer erbaulichen Perſon außer allen Zweifel ſetzte, indem er angab, daß mein Freund vollkommen geſund ſey und, ſo viel er wiſſe, das Land mit einer vagabundirenden Mutter durchſtrichen habe— zugeſtandenermaßen mit revolutionären und rebelliſchen Geſinnungen, ſo bin — 8=—— K K 257 ich ihm doch nicht weniger für dieſes freiwillige Zeugniß verbunden. Dieſe verrückten Kreaturen machen ſo gar verſchraubte und in Verlegenheit ſetzende Bemerkungen, daß man ſie ſchon um der Bequem⸗ lichkeit der Geſellſchaft willen hängen ſollte.“ Der Provinzial⸗Friedensrichter hatte in der That der wankenden Schale der Gerechtigkeit zum Nachtheile des armen Barnaby eine entſcheidende Neigung gegeben, und das Bedenken gelöst, das zu Gunſten des Gefangenen kleine Schwankungen veran⸗ laßte. Greif dachte wenig daran, wie viel er dabei zu verantworten hatte. „Das gibt eine eigenthümliche Parthie,“ ſagte Sir John, den Kopf auf die Hand ſtützend und ſeine Chokolade ſchlürfend,„eine höchſt kurioſe Par⸗ thie. Der Henker ſelbſt, der Centaur und der Ver⸗ rückte: der Centaur paßt prächtig zu einem Präpe⸗ rat für das anatomiſche Theater, und dürfte recht eigentlich eine Wohlthat für die Wiſſenſchaft werden. Ich hoffe, man hat ſich's angelegen ſeyn laſſen, ihn zu kaufen.— Peak, ich bin für Niemand zu Hauſe, natürlich den Haarkräusler ausgenommen.“ Dieſe Erinnerung wurde durch ein Pochen an der Thüre veranlaßt, und der Diener beeilte ſich, ſie zu öffnen. Nach einem verzögerten, aus Fragen und Antworten beſtehenden, leiſen Geſpräche kehrte er wieder zurück, und als er vorſichtig die Zimmer⸗ thüre hinter ſich abſchloß, hörte man im Oehrn draußen einen Mann huſten. Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 17 258 „Alles umſonſt, Peak,“ ſagte Sir John, mit der erhobenen Hand die Meldung des Auftrags ab⸗ lehnend;„ich bin nicht zu Hauſe. Ich kann dich unmöglich anhören. Du haſt gehört, daß ich nicht zu Hauſe bin, und mein Wort iſt heilig. Wirſt du denn nie thun, was man von dir verlangt?“ Da der Diener nichts gegen dieſen Verweis ein⸗ zuwenden wußte, ſo wollte er eben das Zimmer wieder verlaſſen, als der Beſuch, der Anlaß dazu gegeben hatte, wahrſcheinlich durch die Zögerung ungeduldig gemacht, mit den Fingerknöcheln an die Thüre pochte und ausrief, daß er ein dringendes Anliegen, das keinen Aufſchub zulaſſe, mit Sir John Cheſter zu beſprechen habe. „So laß ihn herein,“ verſetzte Sir John, „Mein guter Freund,“ fügte er bei, als die Thüre aufging,„wie kommt Ihr dazu, Euch in dieſer außerordentlichen Weiſe in das Privatgemach eines Mannes zu drängen? Wie könnt Ihr aller Selbſt⸗ achtung ſo ganz und gar vergeſſen, um Euch eines ſo merkwürdigen Beleges von ſchlechter Erzie⸗ hung ſchuldig zu machen?“ „Sir John, ich verſichere Euch, mein Anliegen iſt durchaus nicht von gewöhnlicher Art,“ entgeg⸗ nete die angeredete Perſon,„wenn ich einen unge⸗ wohnten Weg eingeſchlagen hatte, um Zutritt zu Euch zu erhalten, ſo wird mir hoffentlich um deß⸗ willen Verzeihung zu Theil.“ „Gut! wir werden ſehen; wir werden ſehen,“ r — — — — 259 erwiederte Sir John, deſſen Geſicht ſich aufklärte, als er ſah, wer zugegen war, und ſein gewinnendes Lächeln kehrte wieder zurück.„Ich bin überzeugt, daß wir uns ſonſt ſchon getroffen haben,“ fügte er in ſeiner höflichen Weiſe bei, aber ich habe in Wahr⸗ heit Euren Namen vergeſſen.“ „Ich heiße Gabriel Varden, Sir.“ „Varden, freilich, Varden,“ verſetzte Sir John, ſich an die Stirne ſchlagend.„Du mein Gott, wie gar mangelhaft doch mein Gedächtniß wird! Varden, natürlich— Herr Varden, der Schloſſer. Ihr habt eine ſehr angenehme Frau, Herr Varden, und eine wunderhübſche Tochter. Sie befinden ſich doch wohl?“ Gabriel dankte für die Nachfrage und ſagte Ja. „Freut mich, das zu hören,“ entgegnete Sir John.„Mein Kompliment an ſie, wenn Ihr nach Hauſe kommt, und ſagt ihnen, daß ich mich glück⸗ lich ſchätzen würde, wenn ich ſelbſt die Begrüßung überbringen könnte, womit ich Euch beauftrage. Und was,“ fügte er nach einer kurzen Pauſe in ſeiner ſüßeſten Stimme bei,„was kann ich für Euch thun? Ich ſtehe ganz zu Dienſten.“ „Ich danke Euch, Sir John,“ ſagte Gabriel, mit et⸗ was Stolz in ſeiner Haltung,„aber ich komme mit keiner Bitte für meine Perſon zu Euch, obgleich mich ein Anlie⸗ gen herführt.— Eine Privatangelegenheit,“ fügte er mit einem Blicke auf den Diener bei, der noch immer da ſtand und zuſchaute,„von ſehr dringender Natur.“ 17* 260 „Ich kann nicht ſagen, daß Ihr mir willkom⸗ mener ſeyd, weil Euch kein Anliegen für Cure eigene Perſon herführt,“ erwiederte Sir John huldvoll, „denn es hätte mich ungemein gefreut, Euch einen Dienſt leiſten zu können; doch Ihr ſeyd unter allen Umſtänden willkommen. Willſt du ſo gut ſeyn, mir etwas mehr Chokolade zu geben, Peak— du kannſt dann abtreten.“ Der Mann entfernte ſich und ließ ſie allein. „Sir John,“ ſagte Gabriel,„ich bin ein Hand⸗ werksmann, und war mein ganzes Leben über nie etwas anderes. Wenn ich meine Meldung nicht ge⸗ ſchickt genug einzuleiten weiß, wenn ich gleich mit einemmale zur Sache zu kommen und Euch einen Schreck bereite, den Euch ein feiner gebildeter Mann erſpart oder jedenfalls ſehr gemildert hätte, ſo hoffe ich, Ihr werdet es meiner ehrlichen Abſicht zu gut halten. Ich möchte wohl mit Ueberlegung und Vor⸗ bedacht zu Werke gehen; bei einer ſchlichten Perſon wie ich aber werdet Ihr hoffentlich den Willen für die That annehmen. „Herr Varden,“ entgegnete der Andere, den dieſe Einleitung durchaus nicht aus der Faſſung brachte;„ich bitte, bedient Euch mit einem Stuhl. Chokolade vielleicht? Nichts nach Eurem Geſchmack? Nun, man muß natürlich daran gewöhnt ſeyn.“ „Sir John,“ ſagte Gabriel, der für die Ein⸗ ladung, Platz zu nehmen, mit einer Verbeugung dankte, aber keinen Gebrauch davon machte.„Sir 261 John—“ er dämpfte jetzt ſeine Stimme und trat näher an das Bett—„ich komme eben von New⸗ gate—* „Guter Gott!“ rief Sir John, haſtig in ſeinem Bette aufſitzend;„von Newgate, Herr Varden? Wie könnt Ihr auch ſo gar unklug ſein, von Newgate zu kommen? Newgate, wo es nichts als Gefängniß⸗ fieber, Lumpenpack, baarfüßige Männer und Weiber und tauſend andere Abſcheulichkeiten gibt! Peak, bring den Campher, hurtig! Himmel und Erde, Herr Varden, mein Beſter, gute Seele, wie mögt Ihr auch von Newgate kommen?“ Gabriel antwortete nichts, ſondern ſah ſchwei⸗ gend zu, wie Peak, der eben ſehr gelegen mit heißer Chokolade eingetreten war, nach einer Schub⸗ lade lief und mit einer Flaſche zurückkehrte, aus der er den Schlafrock und das Bettzeug ſeines Gebieters beſpritzte, und auch den Schloſſer ſelbſt reichlich be⸗ netzte, zugleich einen Spirituskreis um ihn auf dem Teppich ziehend. Sobald dieß geſchehen war, ent⸗ fernte er ſich wieder, und Sir John, der ſich in einer nachläßigen Haltung auf ſeine Kiſſen zurück⸗ lehnte, wandte abermals dem Beſuche ſein lächeln⸗ des Geſicht zu. „Ich bin überzeugt, Ihr werdet mich entſchul⸗ digen, Herr Varden, daß ich anfangs ſowohl um Eurer ſelbſt, als um meinetwillen etwas ängſtlich war. Ich geſtehe, daß ich, ungeachtet Eurer zarten Einleitung, erſchrack. Darf ich Euch um die Gunſt 262 bitten, nicht näher heranzutreten?— Ihr kommt alſo wirklich aus Newgate?“ Der Schloſſer neigte bejahend das Haupt. „Wirk-lich? Und nun, Herr Varden, ohne alle Uebertreibung und Verſchönerung,“ ſagte Sir John Cheſter in vertraulichem Tone, während er ſeine Chokolade ſchlürfte,„was iſt denn Newgate für ein Ort?“ „Ein ſeltſamer Ort, Sir John,“ verſetzte der Schloſſer;„ein trauriger und betrübter Ort, wo viel Sonderbares zu hören und zu ſehen iſt, aber nicht leicht etwas Seltſameres, als das, um deſſen willen ich herkomme. Der Fall iſt dringend. Ich bin an Euch abgeſchickt.“ „Doch nicht— nein, nein— doch nicht aus dem Gefängniſſe?“ „Ja, Sir John, aus dem Gefängniſſe.“ „Und mein guter, leichtgläubiger, offenherziger Freund,“ ſagte Sir John, indem er lachend ſeine Taſſe niederſetzte—„von wem?“ „Von einem Manne, Namens Dennis— er war viele Jahre der Henker und wird morgen der Gehängte ſeyn,“ entgegnete der Schloſſer. Sir John hatte erwartet— war im Anfang ſogar der feſten Ueberzeugung geweſen, der Andere werde den Namen Hugh nennen, und hatte ſich ſchon angeſchickt, ihm darauf zu dienen. Aber dieſe Ant⸗ wort ſetzte ihn einigermaßen in Erſtaunen, was ſich, trotz der Macht, die er über ſeine Züge hatte, für —, „f it ie ———— —, „ 263 einen Augenblick auch in ſeinem Geſichte ausdrückte. Er faßte ſich jedoch raſch wieder und ſagte in dem⸗ ſelben leichten Tone: „Und was verlangt dieſer Gentleman von mir? Mein Gedächtniß muß mich hier wieder im Stiche laſſen, denn ich erinnere mich nicht, je das Glück gehabt zu haben, ihm vorgeſtellt zu werden, oder ihn unter meine perſönlichen Freunde zählen zu können; wahr⸗ haftig, Herr Varden.“ „Sir John,“ entgegnete der Schloſſer ernſt,„ich will Euch, ſo gut ich kann, in ſeinen eigenen Wor⸗ ten mittheilen, was er Euch zu wiſſen thun möchte, und was Ihr ohne den mindeſten Zeitverluſt erfahren müßt.“ Sir John brachte ſich in eine noch behaglichere Lage und betrachtete ſeinen Beſuch mit einem Geſichts⸗ ausdrucke, der zu ſagen ſchien:„Das iſt ein unter⸗ haltender Kerl, ich muß ihn doch anhören.“ „Ihr werdet vielleicht aus den Zeitungen erſehen haben, Sir,“ ſagte Gabriel, indem er auf das neben liegende Blatt deutete,„daß ich vor einigen Tagen als Zeuge gegen dieſen Mann auftrat. Es war in der That nicht ſeine Schuld, daß ich noch am Leben und im Stande bin, Euch mitzutheilen, was ich weiß.“ „Ob ich's vielleicht daraus erſehen habe?“ rief Sir John.„Mein lieber Herr Varden, Ihr ſeyd recht eigentlich ein öffentlicher Charakter und lebt verdientermaßen in den Gedanken aller Menſchen. 264 Nichts übertrifft das Intereſſe, womit ich Euer Zeug⸗ niß geleſen habe, um ſo mehr, da ich mich dabei erinnerte, das Vergnügen einer kurzen Bekanntſchaft mit Euch gehabt zu haben.— Ich hoffe, Euer Porträt iſt zu bekommen?“ „Dieſen Morgen, Sir,“ entgegnete der Schloſ⸗ ſer, ohne auf dieſe Komplimente zu achten,„dieſen Morgen mit dem Früheſten kam ein Bote aus New⸗ gate zu mir, um mir den Wunſch dieſes Mannes mitzutheilen, daß ich ihn beſuchen möchte, da er mir etwas beſonders Wichtiges zu eröffnen habe. Ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß er nicht zu meinen Freunden gehört und daß ich ihn zum erſtenmale ſah, als die Aufrührer mein Haus belagerten.“ Sir John fächelte ſich leicht mit dem Zeitungs⸗ blatte und nickte. „Ich wußte jedoch aus dem allgemeinen Stadt⸗ gerede,“ nahm Gabriel wieder auf,„daß ſein Todes⸗ urtheil geſtern Nacht nach dem Gefängniſſe gekom⸗ men ſey, und da ich ihn als einen Sterbenden an⸗ ſah, ſo entſprach ich ſeinem Geſuche.“ „Ihr ſeyd ein höchſt chriſtlicher Mann, Herr Var⸗ den,“ entgegnete Sir John;„und um dieſer liebens⸗ würdigen Eigenſchaft willen vermehrt Ihr in mir noch den Wunſch, daß Ihr einen Stuhl nehmt.“ „Er ſagte,“ fuhr Gabriel fort, den Ritter feſt in's Auge faſſend,„daß er als ein gemeiner Henker keinen Freund oder Gefährten auf der ganzen Welt habe, und aus der Art, wie ich mein Zeugniß gegen ihn abgelegt, 265 ſey er zu der Ueberzeugung gekommen, daß ich ein ehr⸗ licher Mann ſey und aufrichtig an ihm handeln werde. Weil er von Allen, die ſein Gewerbe kannten, ſelbſt von dem ſchlechteſten und elendeſten Geſindel geſcheut würde, habe er, ſagte er, als er ſich den Rebellen anſchloß, die ihn durchaus nicht beargwohnten(was ich wohl glauben mag, da ein armer Tropf, ein früherer Lehrling von mir, auch darunter war) ſeinen Beruf für ſich behalten, bis zur Zeit, als er gleichfalls aufgegriffen und in's Gefängniß geſteckt worden.“ „Sehr verſtändig von Herrn Dennis,“ verſetzte Sir John mit einem leichten Gähnen, obſchon noch immer mit großer Leutſeligkeit,„hat aber— mit Ausnahme Eurer bewundernswürdig klaren Erzäh⸗ lungsweiſe, die ihres Gleichen ſucht— kein ſonderliches Intereſſe für mich.“ „Als er,“ ſprach der Schloſſer weiter, ohne ſich durch dieſe Unterbrechung einſchüchtern zu laſſen oder auch nur darauf zu achten,„als er in das Gefäng⸗ niß geworfen wurde, fand er in ſeinem Mitgefange⸗ nen, der dieſelbe Zelle mit ihm theilte, einen Mann, Hugh mit Namen, welcher ein Anführer der Rebel⸗ len und von ihm ſelbſt verrathen und ausgeliefert worden war. Aus einigen Worten, welche dieſem un⸗ glücklichen Menſchen im Laufe eines Zornerguſſes bei ihrem erſten Zuſammentreffen entfielen, machte er die Entdeckung, daß ſeine Mutter den gleichen Tod er⸗ litten hatte, zu welchem ſie Beide jetzt verurtheilt 266 ſind.— Die Zeit iſt ihnen nun noch ſehr kurz zuge⸗ meſſen, Sir John—“ Der Ritter legte ſeinen Papierfächer nieder, ſtellte die Taſſe auf den Tiſch neben ſich und faßte den Schloſſer, mit Ausnahme des Lächelns, das um ſeinen Mund zuckte, eben ſo feſt in's Auge, als der Schloſſer ihn anſah. „Sie ſitzen jetzt bereits einen Monat im Ge⸗ fängniße. Eine Rede gab die andere; und der Hen⸗ ker fand bald aus einer Vergleichung der Zeit, des Orts und ſonſtiger Umſtände, daß er ſelbſt an dieſem Weibe das Urtheil vollſtreckt hatte. Wie ſo viele Andere war ſie durch die Noth in Verſuchung geführt worden, ſich zu dem leicht ausführbaren Verbrechen brau⸗ chen zu laſſen, falſche Banknoten auszugeben. Sie war jung und ſchön, und die Hallunken, welche Männer, Wei⸗ ber und Kinder mit dieſem gottloſen Handel beauftragen, betrachteten ſie als eine Perſon, die recht gut in ihren Kram paßte, und wahrſcheinlich geraume Zeit, ohne Argwohn zu erregen, in ihrem Geſchäfte zu brauchen war. Aber das war eine Rechnung ohne den Wirth, denn ſie wurde bei dem erſten Vergehen angehalten und mußte es mit dem Leben büßen. Sie ſtammte aus Zigeunerblut, Sir John—“ Vielleicht war es die Wirkung einer Wolke, die in ihrem Vorbeiziehen die Sonne verdunkelte und ihren Schatten auf Sir Johns Geſicht warf— aber ſo viel iſt gewiß, daß der Ritter todtenblaß wurde. N.+ε8—— N u—+—9 G A 267 Demungeachtet aber ſah er dem Schloſſer ſo feſt, wie zuvor, in's Auge. „Sie war aus Zigeunerblut entſproſſen, Sir John,“ wiederholte Gabriel,„und hatte einen hohen und freien Geiſt. Dieß, ihr gutes Ausſehen und ihre ſtolze Haltung weckten das Intereſſe einiger Her⸗ ren von Stande, die ſich leicht durch ihre ſchwarzen Augen rühren ließen, und man machte Verſuche, ſie zu retten. Vielleicht hätte es geglückt, wenn ſie offen mit ihrer Geſchichte herausgegangen wäre; aber das wollte ſie nie und that es auch nicht. Es war Grund zu der Vermuthung vorhanden, daß ſie ſich ſelbſt das Leben zu nehmen gedachte. Man ließ ſie Tag und Nacht bewachen, und von dieſer Zeit an ſprach ſie nicht wieder—“ Sir John ſtreckte die Hand nach ſeiner Taſſe aus. Da jedoch der Schloſſer fortfuhr, hielt er auf dem halben Wege inne. —„bis ſie nur noch eine Minute zu leben hatte. Dann brach ſie ihr Schweigen und ſagte mit leiſer, aber feſter Stimme, welche Niemand als dieſer Henker hörte— denn alle andern lebenden Weſen waren vor ihr zurückgewichen und hatten ſie ihrem Schickſal überlaſen— ‚wenn ich einen Dolch in dieſer Hand hätte und er wäre mir nahe genug, daß ich ihn erreichen könnte, ſo wollte ich ihn ſelbſt jetzt noch todt vor mir niederſtrecken! Der Henker fragte: „Wen?— worauf ſie erwiederte, ‚den Vater ihres Kindes.““ 268 Sir John zog die ausgeſtreckte Hand zurück, und als er ſah, daß der Schloſſer inne hielt, winkte er ihm mit glatter Höflichkeit und ohne irgend eine Erregung zu verrathen, fortzufahren. „Es war das erſte Wort, das ſie je geſprochen, woraus ſich entnehmen ließ, daß ſie ein verwandtes Weſen auf Erden hatte.„Iſt das Kind am Leben?⸗ fragte er. ‚Ja.⸗ Er fragte weiter nach ſeinem Auf⸗ enthalt, ſeinem Namen und ob ſie hinſichtlich deſſelben noch einen Wunſch habe. Sie hatte nur Einen, daß näm⸗ lich der Knabe am Leben bleiben und heranwachſen möge, ohne ſeinen Vater zu kennen, ſo daß keine Kunſt ihn je lehren könne, mild und verſöhnlich zu ſeyn. Wenn er ein Mann würde, ſo hoffe ſie zu dem Gott ihres Stammes, daß er Vater und Sohn zuſammenbringen werde, um ſie durch ihr Kind zu rächen. Er ſtellte noch einige andere Fragen an ſie, ohne daß ſie ihm jedoch darauf antwortete. Sie habe dieß auch kaum zu ihm geſprochen, ſagte er, denn ſie ſey die ganze Zeit über dageſtanden, das Geſicht dem Himmel zugekehrt, und habe nicht ein einziges⸗ mal nach ihm hingeſchaut. Sir John nahm eine Priſe Schnupftabak, blickte wohlgefällig auf ein elegantes Bild mit der Unter⸗ ſchrift„Natur,“ das an der Wand hing, erhob dann ſeine Augen wieder zu dem Antlitz des Schloſſers und ſagte mit höflicher Gönnermiene: „Ihr habt eben bemerkt, Herr Varden—“ „Daß ſie nie,“ entgegnete der Schloſſer, der —— 269 durch keinen Kunſtgriff von ſeinem unerſchütterlichen Weſen und ſeinem feſten Blicke abzubringen war, „daß ſie nicht ein einzigesmal nach ihm hinſah, Sir John; und ſo ſtarb ſie und er vergaß ihrer. Aber einige Jahre ſpäter wurde ein Mann zu der gleichen Todesſtrafe verurtheilt, der auch ein Zigeuner war — ein ſonnverbrannter, ſchwärzlicher Kerl, faſt ein Wilder; und während er, bereits dem Tode geweiht, in dem Gefängniſſe lag, ſchnitzte er das Bild des Henkers, den er während ſeiner Freiheit mehr als einmal geſehen, auf ſeinen Stock, ſo dem Tode Trotz bietend, um ſeiner Umgebung zu zeigen, wie wenig er ſich daraus machte, oder überhaupt nur daran dachte. Zu Tyburn gab er dem Henker den Stock in die Hände und ſagte ihm damals, daß das vor⸗ erwähnte Weib ihren Leuten wegen eines hübſchen Gentlemans entlaufen ſey; dieſer habe ſie jedoch im Stiche gelaſſen, und da ihre alten Freunde nichts mehr von ihr wiſſen wollten, ſo habe ſie in ihrem ſtolzen Herzen geſchworen, ſie wolle kein menſchliches Weſen um Hülfe anflehen, welches Elend auch über ſie kommen möge. Er ſagte ihm, ſie habe bis zum letzten Augenblick Wort gehalten und ſich ſogar, als er ſie einmal in der Straße getroffen(er mochte wohl früher in ſie verliebt geweſen ſeyn) liſtig von ihm losgemacht; von dort an habe er ſie nie wieder ge⸗ ſehen, bis er einmal bei Gelegenheit eines der häu⸗ figen Volkszuſammenläufe zu Tyburn, dem er ſich mit einigen ſeiner ungeſchlachten Kameraden ange⸗ 270 ſchloſſen, faſt wahnſinnig geworden ſey, als er in der unter einem andern Namen Verurtheilten, deren Hinrichtung er mit anzuſehen gekommen war, ſie er⸗ kannte. Dieß ſagte er zu dem Henker, als er auf demſelben Platze ſtand, wo ſie geſtanden hatte, und theilte ihm auch ihren wahren Namen mit, den nur ihre Leute und der Gentleman, um deſſen willen ſie ihnen untreu geworden war, kannten.— Dieſen Namen will er Niemand anders, als Euch, Sir John, wieder ſagen.“ „Niemand anders, als mir?“ rief der Ritter der eben mit vollkommen ſtetiger Hand ſeine Taſſe an die Lippen führen wollte, aber auf dem halben Wege inne hielt, dabei ſeinen kleinen Finger bewe⸗ gend, um einen Brillantring, womit er geziert war, beſſer ſpielen zu laſſen.„Nur mir?— Mein lieber Herr Varden, wie gar abgeſchmackt, mich zu ſeinem Vertrauten zu wählen— und noch obendrein, wäh⸗ rend er einen Mann an der Seite hatte, der eines ſo vollen Vertrauens würdig iſt!“ „Sir John, Sir John!“ entgegnete der Schloſ⸗ ſer,„morgen um zwölf Uhr müſſen dieſe Menſchen ſterben. Hört die wenigen Worte, die ich noch bei⸗ zufuͤgen habe, und hofft nicht, mich zu tänſchen; denn obgleich ich nur ein ſchlichter Bürgersmann bin, und Ihr mir ſowohl an Rang als an Bildung über⸗ legen ſeyd, ſo ſtellt mich doch die Wahrheit mit Euch auf eine gleiche Höhe, und durch die Gewalt derſel⸗ ben weiß ich, daß Ihr die Enthüllung, mit welcher — — 271 ich zu ſchließen gedenke, vorausſeht— ich meine nämlich, daß Ihr glaubt, dieſer verurtheilte Menſch, der Hugh, ſey Euer Sohn.“ „Nicht doch,“ ſagte Sir John, den Andern mit heiterer Miene neckend;„ich glaube kaum, daß der wilde Gentleman, der ſo plötzlich ſtarb, in ſeinen Behauptungen ſo weit gegangen iſt.“ „Nein, das that er nicht,“ erwiederte der Schloſ⸗ ſer,„denn ſie hatte ihm einen Eid aufgelegt, wie er nur unter dieſen Leuten üblich iſt und den die Schlech⸗ teſten unter ihnen reſpektiren, Euren Namen nicht zu nennen. Er hatte jedoch in eine phantaſtiſche Verzierung auf dem Stocke einige Buchſtaben einge⸗ ſchnitten, und als ihn der Henker darüber fragte, ſo forderte er ihn auf, wenn er nach ſeinem Tode je mit ihrem Sohne zuſammenkommen ſollte, ſich dieſes Wort wohl zu merken.“ „Was für ein Wort?“ „Cheſter.“ Der Ritter trank ſeine Chokolade augenſcheinlich mit dem größten Wohlbehagen aus und wiſchte ſich dann die Lippen mit dem Handtuche. „Sir John,“ fuhr der Schloſſer fort,„dieß iſt Alles, was mir mitgetheilt wurde; da aber dieſe beiden Männer gemeinſchaftlich den Tod erleiden ſol⸗ len, ſo haben ſie ſich auf's Genaueſte mit einander beſprochen. Geht zu ihnen und hört, was ſie noch beizufügen haben. Beſucht dieſen Dennis und laßt Euch von ihm ſagen, was er mir nicht anvertrauen 272 wollte. Wenn Ihr, der Ihr den Schlüſſel zu All' dieſem habt, noch einer Bekräftigung bedürft, was übrigens kaum der Fall ſeyn wird, ſo liegen die Mittel hiezu nahe.“ „Und wozu,“ verſetzte Sir John Cheſter, ſich auf ſeinen Ellbogen erhebend und das Kiſſen hinter ſich glättend;„mein lieber, gutmüthiger, ſchätzbarer Herr Varden— auf den ich nicht böſe ſeyn kann, ſelbſt wenn ich wollte— wozu ſoll All' dieß führen?“ „Ich halte Euch für einen Menſchen, Sir John, und nehme an, daß ein gewiſſer natürlicher Drang in Eurem Innern ſprechen muß,“ entgegnete der Schloſſer unwillig.„Ich vermuthe, daß Euer gan⸗ zes Sehnen darauf gerichtet ſeyn muß, und daß Ihr allem Eurem Einfluß aufbieten werdet, um die Lage Eures unglücklichen Sohnes und des Mannes, der Euch von ſeinem Daſeyn Kunde gab, in eine gün⸗ ſtigere umzuwandeln. Im ſchlimmſten Falle glaube ich, daß Ihr Euren Sohn beſuchen und ihn zur Erkenntniß ſeines Verbrechens und zum Bewußtſeyn ſeiner gefährlichen Lage bringen werdet. Beides ge⸗ bricht ihm jetzt ganz und gar. Bedenkt, welch ein Leben er geführt haben muß, da ich mit meinen eigenen Ohren von ihm hören mußte, Alles, wozu ich Euch bewegen könne, werde darauf hinausgehen, wenn es in Eurer Macht ſtehe, ſeinen Tod zu be⸗ ſchleunigen, um Euch dadurch ſeines Schweigens zu verſichern!“ „Und habt Ihr, mein guter Herr Varden,“ ———— 273 erwiederte Sir John im Tone ſanften Vorwurfs, „habt Ihr wirklich ſo alt werden müſſen, um ſo gar einfältig und leichtgläubig zu bleiben, daß Ihr einem Mann von anerkanntem Charakter mit derartigen Beglaubigungen nahe kommen mögt— mit Ausſa⸗ gen verzweifelter Menſchen, die in ihrer letzten Noth nach jedem Strohhalme greifen? Ach du mein Himmel! Pfui, pfui!“ Der Schloſſer wollte etwas dagegen einwenden, konnte aber nicht zum Worte kommen. „In jeder andern Beziehung, Herr Varden, ſoll es mich frenen— ungemein freuen— mich mit Euch zu beſprechen, aber ich bin es meiner Ehre ſchuldig, dieſes Thema keinen Augenblick weiter fort⸗ zuführen.“ „Bedenkt Euch darüber eines Beſſern, Sir, wenn ich fort bin,“ erwiederte der Schloſſer;„beſinnt Euch eines Beſſern, Sir. Obgleich Ihr im Verlaufe von drei Wochen Euren rechtmäßigen Sohn, den Herrn Edward, dreimal von Eurer Thüre zurückge⸗ wieſen habt, ſo bleibt Euch immerhin noch eine Friſt von Jahren, mit ihm Euren Frieden zu machen, Sir John: aber jene zwölfte Stunde wird bald ſchlagen und unwiderbringlich dahin ſeyn.“ „Ich bin Euch ſehr dankbar,“ entgegnete der Ritter, ſeine zarte Hand gegen den Schloſſer küſſend, „für Euren wohlgemeinten Rath und möchte nur wün⸗ ſchen, meine gute Seele, obgleich Eure Einfalt ganz hinreißend iſt, daß Ihr ein wenig mehr Weltklugheit Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 18 274 beſäßet. Nie war mir die Ankunft meines Haar⸗ kräuslers ſo ärgerlich, als eben jetzt. Gott behüte Euch! Guten Morgen! Ihr werdet doch meinen Auf⸗ trag an die Damen nicht vergeſſen, Herr Varden? Peak, gib Herrn Varden das Geleit.“ Gabriel ſagte nichts mehr, ſondern warf dem Ritter nur noch einen letzten Blick zu und entfernte ſich. Sobald er das Zimmer verlaſſen hatte, ging in Sir John’s Geſicht eine Veränderung vor; das Lächeln machte einem hageren und ängſtlichen Aus⸗ drucke Platz, wie etwa bei einem ermüdeten Schau⸗ ſpieler, der ſich bei Ausführung einer ſchweren Rolle erſchöpft hat. Er erhob ſich mit einem ſchweren Seufzer von ſeinem Bette und warf ſich in ſeinen Schlafrock. „So hat ſie alſo ihr Wort gehalten und ihre Drohung ausgeführt,“ ſagte er.„Ich wollte, ich hätte nie ihr dunkles Geſicht geſehen— denn von Anfang an wäre ein ſolcher Ausgang darin zu leſen geweſen. Die Sache würde Aufſehen machen, wenn ſie beſſer belegt werden könnte; ſo aber, wenn ich die zerriſſenen Glieder der Kette nicht zuſammenfüge, kann ich mit Verachtung darauf nieder blicken.— Es iſt außerordentlich betrübend, der Vater einer ſo ungeſchlachten Creatur zu ſeyn; doch, ich habe ihm guten Rath ertheilt; ich ſagte ihm, er würde ſicher noch an den Galgen kommen; und mehr hätte ich nicht thun können, ſelbſt wenn mir unſere Ver⸗ wandtſchaft bekannt geweſen wäre; es gibt unzählig 275 viele Väter, die nicht einmal ſo viel für ihre natür⸗ lichen Kinder gethan haben.— Der Haarkräusler mag hereinkommen, Peak!“ Der Haarkräusler kam unverweilt herein und ſah in Sir John Cheſter, deſſen geſchmeidiges Gewiſſen durch die Erinnerung an die zahlreichen Vor⸗ gänge, welche ſeine letztere Bemerkung belegen halfen, bald beſchwichtigt war, denſelben unerſchüt⸗ terlichen, gewinnenden und eleganten Gentleman, den er geſtern, vorgeſtern und ſchon ſo oft be⸗ dient hatte. Sechsundſtebenzigſtes Kapitel. Nachdem der Schloſſer Sir John Cheſter's Wohnung mit zögernden Schritten verlaſſen hatte, weilte er noch immer in der Allee, beinahe hoffend, daß er wieder zurückberufen würde. Er hatte ſchon dreimal umgekehrt und ſtand noch immer an der⸗ ſelben Ecke, als die Glocke Zwölf ſchlug. Es war ein feierlicher Schall, und zwar nicht blos wegen ſeiner Beziehung zu Morgen, denn er wußte, daß jetzt auch die Todtenſtunde für den Mörder ſchlug. Er hatte geſehen, wie man ihn unter den Verwünſchungen des Volks durch die ge⸗ 18* 276 drängt vollen Straßen führte, hatte das Beben ſeiner Lippen, das Zittern ſeiner Glieder, die Aſch⸗ farbe ſeines Geſichts, die feuchte Stirne und die wilde Verzweiflung in ſeinem Auge bemerkt— die Furcht vor dem Tode hatte alle übrigen Gedanken aufgeſaugt und fraß ohne Unterlaß an ſeinem Herzen und Gehirne. Er war Zeuge des unſteten Blickes geweſen, der allenthalben nach Hoffnung ſuchte, und, wohin er auch fallen mochte, nichts als Verzweiflung fand. Er hatte geſehen, wie das von Gewiſſens⸗ biſſen gegeißelte, jämmerliche, verlaſſene Geſchöpf, den Sarg neben ſich, zum Galgen fuhr. Er wußte, daß er bis auf den letzten Augenblick hartnäckig und verſtockt geblieben, daß das wilde Entſetzen vor ſei⸗ ner Lage ihn, ſtatt ihn milder zu ſtimmen, nur noch mehr gegen Weib und Kind verhärtet hatte, und daß die letzten Worte, die ihm über die blaſſen Lippen gingen, ſeine Angehörigen als ſeine Feinde verfluchten. Herr Haredale hatte ſich entſchloſſen, der Hin⸗ richtung anzuwohnen. Nichts, als das Zeugniß ſeiner eigenen Sinne, konnte den finſtern Durſt nach Vergeltung ſtillen, der ſo viele Jahre auf ihn gelaſtet hatte. Der Schloſſer wußte dieß, und als die Töne verklungen waren, eilte er fort, um ihm entgegen zu gehen. „Für dieſe zwei Menſchen,“ ſagte er im Weiter⸗ gehen,„kann ich nichts Weiteres thun. Der Him⸗ mel moͤge ihnen gnädig ſeyn.— Ach! ich ſage, ich —P———,— 277 könne nicht mehr für ſie thun, aber wem kann ich helfen? Mary Nudge wird eine Heimath haben und einen treuen Freund, wenn ſie eines ſolchen bedarf; aber Barnaby, der arme Barnaby, der lenkſame Barnaby— welchen Beiſtand kann ich ihm reichen? Gott verzeih' mir's, es gibt viele, viele Menſchen mit geſunden Sinnen,“ rief der ehrliche Schloſſer, indem er in einem engen Hofe ſtehen blieb, um mit der Hand über ſeine Augen zu fahren,„die ich leichter vermiſſen könnte, als Barnaby. Wir ſind immer gute Freunde geweſen, aber ich wußte bisher nie, wie ſehr ich den Jungen liebte. Es gab an jenem Tage in der großen Stadt nicht Viele, welche an Barnaby anders als an einen Mitſpieler in dem Spektakel dachten, das morgen ſtatt haben ſollte. Aber wenn auch die ganze Bevölkerung auf ihn Bedacht genommen und die Rettung ſeines Lebens gewünſcht hätte, ſo wäre doch Niemand darunter geweſen, dem es ſo ganz aus reinem, eifrigem und aufrichtigem Herzen ging, als dem guten Schloſſer. Barnaby war zum Tode verurtheilt. Keine Hoffnung mehr. Es iſt nicht die unbedeutendſte ſchlimme Folge einer häufigen Anwendung der ſchreck⸗ lichen Todesſtrafe, daß ſie die Herzen derjenigen, welche ſie ausſprachen, verhärtet und ſie, ſo liebens⸗ würdige Leute ſie auch in anderer Beziehung ſeyn mögen, gleichgültig oder achtlos gegen ihre große Verantwortlichkeit macht. Die Sentenz war er⸗ 278 gangen, daß Barnaby ſterben ſollte. Man erließ ähnliche jeden Monat für weit leichtere Verbrechen. Es war etwas ſo Gewöhnliches, daß ſich nur ſehr Wenige bei dieſem ſchrecklichen Urtheil betroffen fühlten, oder nur darnach fragten, ob es gerecht ſey. Auch mußte gerade jetzt, wo das Geſetz ſo freventlich verhöhnt worden war, ſeine Würde um ſo nachdrücklicher behauptet werden. Das Symbol ſeiner Würde— der Stempel auf jedem Blatte des Criminal⸗ coder— war der Galgen; und Barnaby ſollte ſterben. Man hatte ſich Mühe gegeben, ihn zu retten. Der Schloſſer war mit Petitionen und Bittſchriften zu der Hauptquelle gegangen, um ſie eigenhändig zu überreichen. Aber füͤr den armen Verurtheilten gab es keine einzige Quelle des Erbarmens, und Barnaby ſollte ſterben. Vom Anfang hatte Sie ihn nur des Nachts verlaſſen, und mit ihr an ſeiner Seite war er ge⸗ wöhnlich zufrieden. An dieſem letzten Tage fühlte er ſich höher gehoben und er war ſtolzer als je; und wenn ſie das Buch ſinken ließ, aus dem ſie ihm laut vorgeleſen hatte, um ihm um den Hals zu fallen, hielt er in ſeinem Geſchäft, ein Stück Crepp an ſeinem Hut zu befeſtigen, inne und wun⸗ derte ſich über ihre Angſt. Greif ließ ſich nur in einem ſchwachen Krächzen, das halb wie Ermu⸗ thigung, halb wie ein Verweis zu klingen ſchien, vernehmen; aber auch ihm gebrach es an Herz, und er verſank ſchnell wieder in Schweigen. 279 Ihnen, die jetzt am Rande der großen Kluft ſtanden, die Niemand zu überſchauen vermag, rollte die Zeit, die ſich ſo bald in eine endloſe Ewigkeit verlieren ſollte, wie ein mächtiger Strom dahin— raſcher und ſchwellender, je näher er dem Meere kömmt. Es war eben erſt Morgen geweſen, ſie ſaßen da und ſchwatzten träumend mit einander; und jetzt war es ſchon Abend. Die ſchreckliche Stunde der Trennung, die ihnen ſelbſt geſtern noch ſo fern vorgekommen war, rückte heran. Sie gingen in den Hof hinaus, ſich feſt an einander klammernd, aber ohne ein Wort zu ſprechen. Barnaby wußte, daß das Gefängniß ein langwei⸗ liger, trauriger, elender Ort war, und ſehnte ſich nach dem Morgen, wie nach einem Uebergang zu etwas Schönem und Herrlichem. Er hatte auch eine unbeſtimmte Vorſtellung, man erwarte von ihm, daß er ſich muthig benehme, er ſey ein Mann von Be⸗ deutung und es würde den Leuten im Gefängniß Freude machen, wenn ſie ihn zum Weinen bringen könnten. Bei ſolchen Gedanken trat er feſter auf, bat ſeine Mutter, ſich zu ermuthigen, ihre Thränen zu hemmen, und zu fühlen, wie ſtetig ſeine Hand ſey. „Man nennt mich thöricht, Mutter. Sie ſollen ſehen— morgen!“. Auch Dennis und Hugh waren in dem Hofe. Hugh kam zu gleicher Zeit mit ihnen aus ſeiner Zelle und ſtreckte ſich, als hätte er eben ſeinen Schlaf unterbrochen. Dennis ſaß auf einer Bank 280 in einem Winkel, das Kinn ganz zwiſchen die Kniee gekauert, und rückte wie ein Menſch, der unter ſchweren Schmerzen leidet, hin und her. Mutter und Sohn blieben auf der einen Seite des Hofes und jene beiden Männer auf der andern. „Hugh ging auf und ab, hin und wieder einen wil⸗ den Blick nach dem klaren Sommerhimmel werfend, um dann wieder die Wände anzuſchauen. „Keine Friſtung, kein Aufſchub! Niemand nähert ſich uns. Es bleibt uns nur noch dieſe ein⸗ zige Nacht!“ ſtöhnte Dennis matt, indem er die Hände rang.„Glaubt Ihr, ich werde in dieſer Nacht noch pardonirt werden, Bruder? Ich habe ſchon von Begnadigungen gehört, die noch in der Nacht anlangten. Ich weiß, ſie kamen ſchon um fünf, um ſechs, um ſieben Uhr des andern Morgens. Glaubt Ihr, daß noch Hoffnung da iſt— he? Sagt doch ja. Oh, ſagt ja, junger Mann,“ win⸗ ſelte das elende Geſchöpf mit einer flehentlichen Ge⸗ berde gegen Barnaby,„oder ich werde toll!“ „Beſſer toll, als bei Sinnen, hier an dieſem Orte,“ ſagte Hugh.„Werdet immerhin toll.“ „Aber ſagt mir, was Ihr denkt. Es ſoll mir Einer ſagen, was er denkt!“ rief das erbärmliche Subjekt— ſo gemein, jämmerlich und verächtlich, daß ſogar das Mitleid ſein Antlitz hätte abwenden müſſen von dem Anblick eines ſolchen Geſchöpfes in Menſchengeſtalt—„Habe ich denn keine Hoff⸗ nung mehr— habe ich denn gar keine Hoffnung „ 281 mehr? Wäre es nicht möglich, daß man nur ſo dergleichen thut, um mich einzuängſtigen? Meint Ihr nicht auch? Oh!“ ſchrie er hinaus, indem er die Hände zuſammen ſchlug,„will mir denn Nie⸗ mand Troſt geben?“ „Ihr müßt's von der beſten Seite nehmen und nicht von der ſchlimmſten,“ ſagte Hugh, vor ihm Halt machend.„Ha, ha, ha! Seht mir da den Henker, wenn es ihm heim gegeben wird.“ „Ihr wißt nicht, was es darum iſt,“ rief Dennis, bei dieſen Worten ſich windend und krüm⸗ mend.„Aber ich weiß es. Sollte es mit mir ſo weit kommen, daß ich abgethan würde! Ich! ich! Sollte es mit mir dahin kommen!“ „Und warum nicht?“ erwiederte Hugh, indem er ſein filziges Haar zurückſtrich, um ſeinen früheren Bundesgenoſſen beſſer betrachten zu können.„Wie oft habe ich Euch, ehe ich Euer Gewerbe kannte, davon ſprechen hören, als ob es ein wahrer Hoch⸗ genuß wäre?“ „Ich bin nicht inconſequent,“ kreiſchte die jäm⸗ merliche Creatur,„ich würde noch ſo ſagen, wenn ich der Henker wäre. Irgend ein Anderer ſpricht ſich in dieſem Augenblick ganz in derſelben Weiſe aus. Aber das iſt eben das Schlimme. Es ſehnt ſich Einer danach, mich abzuthun. Ich weiß von mir ſelbſt, daß ſich Einer danach ſehnen muß!“ „Nun, ſein Gelüſte wird bald geſtillt werden,“ 282 ſagte Hugh, ſeinen Spaziergang wieder aufnehmend. „Denkt an dieß und verhaltet Euch ruhig.“ Obgleich der Eine von dieſen Männern in ſei⸗ ner Sprache und in ſeinem Benehmen die rückſichts⸗ loſeſte Keckheit, und der Andere in jedem Worte oder in jeder Geberde die verworfenſte Feigheit entfaltete, daß man es nicht ohne Ekel mit anſehen konnte, ſo läßt ſich doch ſchwer ſagen, welcher von Beiden den Beobachter mehr zurückgeſtoßen haben würde. Hugh zeigte die ſtarrſinnige Verzweiflung eines Wilden an dem Marterpfahle, während der Henker Einem nicht viel beſſer vorkommen mußte, als ein Hund, der den Strick um den Hals hat. Und doch waren dieß die zwei gewöhnlichſten Gemüthszuſtände, welche ſich an Perſonen ihrer Lage kund gaben, wie Herr Dennis recht wohl wußte und auch hätte bezeugen können. Und der Samen, den das Geſetz geſäet, gedieh ſo üppig, daß eine derartige Aernte gewöhn⸗ lich als eine Sache betrachtet wurde, die ſich von ſelbſt verſtand. Nur in einem Stücke kamen ſie Alle überein: Der unſtete und nicht beherrſchbare Gedankengang, plötzliche Erinnerungen an ferne, längſt vergeſſene und mit einander durchaus nicht in Verbindung ſtehende Dinge auftauchen laſſend— das irre, raſt⸗ loſe Sehnen nach etwas Unbeſtimmtem, das durch nichts geſtillt werden konnte— der raſche Flug der Stunden, die wie durch einen Zauberſchlag ſich in Minuten zuſammen zu drängen ſchienen— das ſchnelle 283 Herannahen der feierlichen Nacht— der Schatten des Todes, der ſie immer umfing, aber doch nur ſo matt und dünne, daß die gewöhnlichſten und all⸗ täglichſten Gegenſtände aus dem Düſter hervortraten und ſich ihren Blicken aufdrängten— die Unmög⸗ lichkeit, ſelbſt wenn ſie wollten, ſich zur Reue zu wenden und ſich auf das Ende vorzubereiten, oder die Gedanken in Einen Punkt zu ſammeln, weil jener gräßliche Bann ihr ganzes Sinnen umnachtete!— Dieß alles hatten ſie mit einander gemein, und nur die äußeren Merkmale waren verſchieden. „Hole mir das Buch, das ich drinnen ließ auf deinem Lager,“ ſagte ſie, als die Glocke ſchlug. „Aber gib mir zuvor einen Kuß!“ Er blickte ihr in's Geſicht, und ſah darin, daß die Zeit gekommen ſey. Nach einer langen Umar⸗ mung riß er ſich los und eilte fort, um das Verlangte zu bringen, nachdem er ſie zuvor gebeten, nicht von der Stelle zu gehen, bis er zurück wäre. Er kam bald wieder, denn ein entſetzter Schrei beſchleunigte ſeine Schritte;— aber ſie war fort. Er rannte nach dem Gitter des Hofes und ſchaute durch. Man führte ſie fort. Sie hatte geſagt, das Herz würde ihr brechen. Es war auch ſo beſſer. „Meint Ihr nicht,“ winſelte Dennis, indem er auf ihn zukroch, als er, wie in die Erde gewurzelt, da ſtand und die leeren Mauern anſtierte—„meint Ihr nicht, es ſey noch Hoffnung da? Es iſt ein ſchreckliches Ende; es iſt ein fürchterliches Ende für ——— 284 einen Mann wie ich. Glaubt Ihr nicht, es gäbe noch Hoffnung? Ich meine nicht für Euch, ich meine für mich. Aber daß nur er uns nicht hört“ (nämlich Hugh); ver iſt ſo ein verzweifelter Menſch.“ „Nun, ihr Jungen,“ ſagte der Schließer, der bald innerhalb, bald außerhalb des Gitters mit in die Taſchen geſteckten Händen umherging und gähnte, als wäre er um einen Unterhaltungsſtoff verlegen; „es iſt Zeit, daß ihr in eure Quartiere zurückkehrt.“ „Noch nicht,“ rief Dennis,„noch nicht. Vor einer Stunde noch nicht.“ „Na, da geht Eure Uhr anders, als ſonſt. Es war einmal eine Zeit, wo ſie immer vorlief. Jetzt hat ſie den andern Fehler.“ „Mein Freund,“ rief das elende Geſchöpf, auf ſeine Kniee niederfallend,„mein lieber Freund, Ihr ſeyd immer mein Freund geweſen. Es waltet da ein Irrthum ob. Ein Schreiben iſt verlegt worden, oder ein Bote wurde unterwegs aufgehalten. Er iſt vielleicht todt gefallen. Ich ſah einmal mit meinen eigenen Augen einen Mann, der todt in den Straßen umfiel, und er hatte Papiere in ſeiner Taſche. Laßt doch nachfragen. Schickt Jemand aus, um nach⸗ zufragen. Mich kann man doch nicht hängen— unmöglich!— Und am Ende thun ſte's,“ ſchrie er entſetzt hinaus, indem er mit dem Fuß auf den Boden ſtampfte.„Man wird mich hinterliſtigerweiſe hängen und mir den Begnadigungsbrief vorenthalten. ———————— Es iſt ein Complott gegen mich. Man bringt mich um's Leben!“ Und dann ſtieß er einen abermaligen gellenden Schrei aus, worauf er zu Boden ſank und in Krämpfe verfiel. „Da ſehe man den Henker, wenn es ihm heim⸗ gegeben wird,“ rief Hugh abermals, als man ihn wegſchaffte.„Ha, ha, ha! Muth, kühner Barnaby, was kümmern wir uns d'rum? Deine Hand! Sie thun gut daran, uns aus der Welt zu ſchaffen, denn wenn wir zum zweitenmal loskämen, ſo ſollten ſie uns nicht ſo leicht abkommen, he? Noch einmal deine Hand! Man kann nur ein Mal ſterben. Wenn du in der Nacht aufwachſt, ſo ſing dieß luſtig hinaus, und ſchlafe wieder ein. Ha, ha, ha!“ Barnaby ſchaute noch einmal durch das Gitter in den leeren Hof und ſah dann Hugh nach, als derſelbe nach der Treppe hinging, die zu ſeiner Schlafzelle führte. Er hörte ihn jauchzen und in ein Gelächter ausbrechen, auch bemerkte er, wie er ſeinen Hut ſchwenkte. Dann wandte er ſich wie ein Nachtwandler ab und legte ſich, ohne ein Gefühl von Furcht und Kummer, auf ſein Lager nieder, auf den nächſten Glockenſchlag lauſchend. 286 Siebenundſtebenzigſtes Kapitel. — Die Zeit entſchwand; der Lärm in den Straßen legte ſich allmälig, bis das Schweigen kaum noch anders, als durch die Glocken auf den Kirchthürmen unterbrochen wurde, welche— leiſer und heimlicher, weil die Stadt ſchlummerte— die Tritte jenes großen Wächters mit dem grauen Haupte, der nie ſchläft oder ruht, bezeichneten. In dem kurzen Zwiſchen⸗ raum der Dunkelheit und Ruhe, deſſen ſich fieberiſch aufgeregte Städte erfreuen können, war Alles rührige Getöſe verſtummt, und diejenigen, welche ihre Brü⸗ der weckten, lagen lauſchend auf ihren Betten⸗ ſich nach dem Grauen des Morgens ſehnend, und wünſch⸗ ten, die todtenſtille Nacht möchte einmal vorüber ſeyn. In der Straße vor der Hauptmauer des Gefäng⸗ niſſes erſchienen zu dieſer feierlichen Stunde in Grup⸗ pen von Zweien oder Dreien mehrere Handwerksleute, die, als ſie ſich vor dem Gebäude begegneten, ihr Handwerksgeräthe auf den Boden warfen, und leiſe mit einander ſprachen. Bald kamen auch Andere aus dem Gefängniß ſelbſt heraus, Planken und Balken auf den Schultern tragend. Sobald das Material vorhanden war, gingen die Uebrigen emſig an's Werk, und der dumpfe Hall von Hammerſchläͤgen echoete durch die ſtille Straße. Hie und da ſtand unter dieſem Arbeiterhäuflein — —,— 287 Einer mit einer Laterne oder einer rauchenden Fackel, um ſeinen Kameraden bei ihrem Geſchäfte zu leuchten; und bei dieſem unſicheren Lichte konnte man un⸗ gefähr ſehen, wie Einige das Pflaſter aufrißen, während Andere große, gerade Pfoſten hielten oder ſie in den für ihre Aufnahme gegrabenen Löchern be⸗ feſtigten. Einige ſchleppten langſam einen leeren Karren herzu, den ſie polternd gegen das Gefäng⸗ nißthor fuhren, indeß Andere ſtarke Schranken quer über die Straße zogen. Alle waren emſig beſchäftigt. Ihre dunkeln Geſtalten bewegten ſich zu der unge⸗ wohnten Stunde ſo thätig und ſtumm hin und her, daß man ſie für ſchattenhafte Weſen hätte halten können, die um Mitternacht an irgend einem ge⸗ ſpenſtiſchen, weſenloſen Werke arbeiteten, das, wie ſie ſelbſt, mit dem erſten Strahle des Tags ver⸗ ſchwinden und nichts als Morgendunſt und Nebel zurücklaſſen follte. Noch in der Dunkelheit ſammelten ſich einige Zuſchauer, die augenſcheinlich nicht ohne Grund herge⸗ kommen waren und wohl zu bleiben beabſichtigten; ſelbſt diejenigen, welche nur über den Platz zu gehen ge⸗ dachten, zögerten und zögerten, als ob es hier etwas unwiderſtehlich Anziehendes gäbe. Inzwiſchen mach⸗ ten die Sägen⸗ und Hammertöne nebſt dem Schall der auf das Steinpflaſter niederfallenden Bretter fleißig fort, während ſich hin und wieder auch die Stimmen der Arbeiter, wie ſie einander zuriefen, darein⸗ miſchten. So oft jedoch die Schläge der benach⸗ barten Kirchthurmuhr erſchollen— was mit jeder Viertelſtunde geſchah— ſchien ein ſeltſames und unbeſchreibliches Gefühl, zwar nur vorübergehend, aber doch augenfällig genug, alle Anweſenden zu durchdringen. Allmälig tauchte eine matte Helle an dem öſt⸗ lichen Himmel auf, und die Luft, welche die ganze Nacht durch ſehr warm geweſen, wurde kalt und ſchneidend. Obgleich man noch nicht von Tageslicht ſprechen konnte, ſo war doch die Dunkelheit gemin⸗ dert und die Sterne flimmerten blaßer. Das Ge⸗ fängniß, das zuvor nur wie eine ſchwarze, faſt form⸗ loſe Maſſe ausgeſehen, bot nun ſeinen gewöhnlichen Anblick, und hin und wieder konnte man einen ein⸗ ſamen Wächter auf dem Dache ſehen, der anhielt, um auf die Vorbereitungen in der Straße niederzu⸗ ſchauen. Dieſer Mann, der gewiſſermaßen einen Theil des Kerkers bildete und Alles wußte, oder doch, wie man glaubte, Alles wiſſen mußte, was im Innern vorging, wurde zu einem Gegenſtande des lebhafte⸗ ſten Intereſſes; man ſah geſpannt nach ihm auf und deutete entſetzt mit den Fingern nach ihm, als ob er ein Geſpenſt wäre. Nachgerade wurde das matte Licht heller, und die Häuſer mit ihren Schilden und Inſchriften ließen ſich deutlich in dem düſtern Scheine der Morgen⸗ dämmerung unterſcheiden. Schwere Poſtkutſchen wur⸗ den aus dem Hofe des gegenüberliegenden Wirths⸗ hauſes herausgeholt. Die Reiſenden ſteckten die ☛— ——— — —— ——,ſ— —-9—— 289 Köpfe durch die Fenſter, und warfen, während die Wagen langſam weiter rollten, manchen Blick nach dem Gefängniß zurück. Und nun fielen die erſten Sonnenblicke in die Straßen herunter. Die nächt⸗ liche Arbeit, die in ihren verſchiedenen Ausführungs⸗ ſtadien in der wechſelnden Phantaſte der Zuſchauer hundert Geſtalten angenommen hatte, zeigte jetzt ihre eigenthümliche Form— ein Gerüſt und einen Galgen. Als die Wärme des heiteren Tages auf das kleine Häuflein niederzuſchauen begann, hörte man das Gemurmel von Stimmen; die Läden wurden geöffnet, die Blenden aufgezogen, und diejenigen, welche in den dem Gefängniß gegenüberliegenden Zim⸗ mern geſchlafen hatten, wo Plätze zum Anſehen der Hinrichtung zu hohen Preiſen vermiethet wurden, ſtanden haſtig von ihren Betten auf. In einigen Häuſern waren die Leute beſchäftigt, zu größerer Be⸗ quemlichkeit der Zuſchauer die Fenſter auszuheben; in andern ſaßen Spektakelluſtige beim Glaſe, und ſuchten ſich die Zeit mit Kartenſpielen und Scherzen zu kürzen. Einige hatten ſich Plätze auf den Haus⸗ giebeln gekauft und kletterten bereits durch die Dach⸗ fenſter und über die Dachböſchungen nach ihren Poſten. Andere dingten noch unſchlüſſig um die Plätze, auf denen ſie ſtanden, blickten auf die langſam an⸗ ſchwellende Menge und auf die Arbeiter, die unbe⸗ kümmert an dem Gerüſte lehnten, und thaten, als hörten ſie gleichgültig auf die Lobſprüche, welche die Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 19 290 Hauseigenthümer der Ausſicht, welche ihre Gelaſſe böten, und der außerordentlichen Billigkeit ihrer Be⸗ dingungen ſpendeten. Nie gab es einen ſchöneren Morgen. Von den Dächern und oberen Stockwerken der Gebäude aus ſah man die Thürme der Stadtkirchen und die Kup⸗ pel der hohen Kathedrale, die jenſeits des Gefäng⸗ niſſes in den blauen Himmel hinaufragte— gekleidet in die Farbe leichter Sommerwolken und in der kla⸗ ren Athmosphäre auch die kleinſten Verzierungen, jede Niſche und Schießſcharte erkennen laſſend. Alles war heiter und hoffnungsvoll, ausgenommen die Straße unten, in welche, da ſie noch im Schatten lag, das Auge wie in einen dunkeln Graben hin⸗ unterſchaute, wo inmitten ſo vielen erneueten Lebens das ſchreckliche Werkzeug des Todes ſtand. Es hatte den Anſchein, als ob ſelbſt die Sonne Bedenken trüge, darauf nieder zu blicken. Das Gerüſte nahm ſich jedoch noch beſſer aus in ſeinem düſteren Schatten, als ſpäter, wo es bei mehr vorgerücktem Tage mit ſeinem ſchwarzen An⸗ ſtrich und ſeinen pendelnden Schlingen(dieſen gar⸗ ſtigen Guirlanden) in vollem Lichte und Glanze der Sonne da ſtand. Es war noch beſſer in der Ein⸗ ſamkeit und Finſterniß der Nacht, wo nur wenige Geſtalten ſich darum ſammelten, als in der Friſche und Rührigkeit des Morgens— der Mittelpunkt eines ſchauluſtigen Haufens. Es war noch beſſer, als es, während die Menſchen noch in ihren Betten —(-———-9o.„ ———— 291 lagen, wie ein Geſpenſt auf der Straße ſpuckte und vielleicht die Träume der guten Bürger beunruhigte, als jetzt, wo es dem hellen Tage keck in's Auge ſah und ſeine ſchnöde Gegenwart wachenden Sinnen aufzwang. Es hatte fünf— ſechs— ſieben— acht ge⸗ ſchlagen. Durch die zwei Hauptſtraßen an beiden Enden wogte ein lebendiger Strom nach den Tum⸗ melplätzen des Gewerbsbetriebs und des Gewinnes. Karren, Kutſchen, Frachtwagen, Tragen und Schub⸗ karren brachen ſich Bahn durch die Hinterſten des Gedränges und raſſelten in ihrer Richtung weiter. Die Landpoſtkutſchen machten Halt, und der Poſtillion deutete mit der Peitſche nach dem Galgen, obgleich er ſich dieſe Mühe hätte erſparen können, denn die Köpfe der Reiſenden wandten ſich ohne ſeine An⸗ weiſung ſchon in dieſe Richtung und die Kutſchen⸗ fenſter ſtacken voll glotzender Augen. In einigen Karren und Frachtwagen konnte man Weiber ſehen, die ſcheue Blicke nach dem unheimlichen Gegenſtand warfen, und ſelbſt die Kinder hielt man über die Köpfe der Leute empor, damit ſie ſehen möchten, was für eine Art von Spielzeug der Galgen ſei, und wie man die Menſchen aufhänge. Zwei Aufrührer ſollten vor dem Gefängniſſe ſterben, bei deſſen Beſtürmung ſie ſich betheiligt hat⸗ ten und einer unmittelbar nachher in Bloomsbury Square. Um neun Uhr zog eine ſtarke Soldaten⸗ Abtheilung in der Straße auf und ließ nach Holborn 19* hin, welches die ganze Nacht über von Conſtablen in Ordnung gehalten worden war, nur einen engen Durchgang. Es kam von dieſer Seite her ein ande⸗ rer Karren, da der oben erwähnte zu Errichtung des Gerüſtes verbraucht worden war, und fuhr vor dem Gefängnißthore auf. Sobald dieſe Vorbereitun⸗ gen getroffen waren, durften die Soldaten ſich rüh⸗ ren; die Offiziere gingen zwiſchen den Spalieren ab und zu, oder plauderten unter dem Schaffot; und der Zuſchauerhaufen, der ſeit einigen Stunden raſch angewachſen war und mit jeder Minute neuen Zu⸗ wachs erhielt, wartete mit einer Ungeduld, welche mit jedem Glockenſchlage von der heiligen Grabkirche aus noch vergrößert wurde, auf die zwölfte Stunde. Bisher war es ganz ruhig, beziehungsweiſe ſtill geweſen— ausgenommen, wenn die Ankunft irgend einer Neuen Geſellſchaft an einem unbeſetzten Fenſter etwas Neues zu ſchauen oder zu plaudern gab. Aber als die Stunde näher heranrückte, erhob ſich ein Geſumme und Gemurmel, das mit jedem Augen⸗ blick lauter wurde und bald zu einem Gebrülle an⸗ ſchwoll, das die ganze Luft erfüllte. Worte, oder auch nur Stimmen waren in dieſem Lärm nicht zu unterſcheiden, wie man denn überhaupt nicht gegen⸗ ſeitig mit einander ſprach, obgleich vielleicht ein beſſer Unterrichteter den Umſtehenden ſagen mochte, der Henker wäre, wenn er herauskomme daran zu erken⸗ nen, daß er der Kleinere ſey, der Mann, der mit ihm hingerichtet werde, heiße Hugh, und Barnaby 293 Rudge ſolle in Bloomsbury Square gehangen wer⸗ den. Es liegt in der Natur der Sache, daß ſich die Menſchen bei einer großen Hitze unwillkührlich Luft machen, und ſo wogte dieſes wilde Getümmel, geſchwellt von der Ungeduld der Menge, auf und nieder, keinem Zwange und Zügel mehr gehorchend. Mit dem Näherrücken der Zeit wurde es ſo laut, daß die an den Fenſter Stehenden nicht ein⸗ mal den Glockenſchlag hören konnten, obgleich die Kirche ganz in der Nähe war. Es war indeß auch nicht nöthig, denn ſie konnten es aus den Geſichtern der Leute entnehmen. So oft eine neue Viertelſtunde tönte, gab es eine Bewegung unter dem Haufen— als wäre etwas vorbeigezogen— als hätte das Licht über ihnen gewechſelt— worin man eben ſo deut⸗ lich die Zeit ableſen konnte, wie auf einer ehernen Sonnenuhr, die eine Rieſenhand zum Zeiger hat. Dreiviertel auf Zwölf! Das Gemurmel war jetzt wahrhaft betäubend, obgleich Jedermann ſtumm zu ſein ſchien. Wohin man auch ſchauen mochte, allenthalben nichts als begierige Augen und zuſam⸗ mengepreßte Lippen. Auch dem aufmerkſamſten Beobachter hätte es ſchwer werden müſſen, zu ſagen, da oder dort hat Einer ausgerufen; eben ſo gut hätte ſich die Bewegung einer Lippe in einer See⸗ muſchel nachweiſen laſſen. Dreiviertel auf Zwölf! Viele Zuſchauer, die ſich von den Fenſtern zurückgezogen hatten, kamen mit erfriſchter Geduld zuruck, als nehme ihr Warten jetzt erſt den An⸗ 4 fang. Diejenigen, welche eingeſchlafen waren, rafften ſich wieder auf, und jeder in dem Haufen auf der Straße machte eine letzte Anſtrengung, um einen beſſern Platz zu erhalten, wodurch ein Drängen gegen die ſtarken Schranken veranlaßt wurde, daß ſie ſich wie Zweige bogen und nachgaben. Die Säbel wurden gezogen, die Musketen geſchultert, und der blanke Stahl wand ſich durch die Menge hin, in der Sonne wie ein Bach glitzernd und ſchimmernd. Neben dieſem glän⸗ zenden Pfade hin eilten zwei Männer mit einem Pferd, welches ſie haſtig an den Karren vor der Gefängnißthüre ſpannten. Dann trat eine tiefe Stille an die Stelle des Tumults, der ſo lange ge⸗ herrſcht hatte, und es folgte eine athemloſe Pauſe. Jedes Fenſter war nun mit Köpfen voll gepropft, auf den Dächern wimmelte es von Menſchen, die ſich an die Schornſteine anklammerten, über die Giebel wegſchauten und ſich an Stellen feſt hielten, wo das plötzliche Loswerden eines Ziegels oder Steins ſie hätte auf die Maſſe hinunterſtürzen müſſen. Der Kirchthurm, das Kirchendach, der Kirchhof, die Bleidächer des Gefängniſſes, ſogar die Dach⸗ rinnen und Laternenpfähle— jeder Zoll Raum ſchwärmte von Menſchenleben. Mit dem erſten Schlag Zwölf begann die Armen⸗ fünderglocke zu läuten. Dann brach das Gebrüll auf's Neue los— hin und wieder mit dem Rufen: „Hüte ab!“ und„Arme Tröpfe!“ untermiſcht, wozu an ein oder dem andern Orte des Gedränges ein 295 Ruf des Entſetzens oder ein Stöhnen kam. Es war ſchrecklich zu ſehen— wenn anders in einer ſolchen Verwirrung und Aufregung von Sehnen die Rede ſein kann— weich' eine Welt von gierigen Augen auf das Gerüſte und den Balten geheftet war. Aus dem Gefängniß ließ ſich eben ſo deutlich ein hoyles Gemurmel vernehmen, wie außen. Man kannte die Bedeutung deſſelben wohl. Als es durch die Luft ſchallte wurden die drei Verurtheilten in den Hof gebracht. „Hört Ihr,“ rief Hugh, durchaus nicht einge⸗ ſchüchtert durch den Ton.„Sie erwarten uns! Ich hörte, wie ſie ſich ſammelten, als ich in der Nacht aufwachte, und legte mich auf die andere Seite, um wieder einzuſchlafen. Wir werden jetzt ſehen, wie ſie den Henker bewillkommen, es ihm nun heimge⸗ geben wird, ha, ha, ha!“ In dieſem Augenblicke kam der Geiſtliche des Gefängniſſes herzu, verwies ihm ſeine unanſtändige Luſtigkeit und rieth ihm, ſein Benehmen zu ändern. „Und warum, Herr,“ fragte Hugh.„Kann ich etwas Beſſeres thun, als es auf die leichte Achſel nehmen. Ihr nehmt' es leicht genug. Oh! ſchweigt nur ſtille,“ rief er, als ihm der Andere in's Wort fallen wollte,„denn trotz Eurer traurigen Blicke und Eures feierlichen Ausſehens macht Ihr Euch wenig genug dar⸗ aus. Man ſagt, Ihr verſtündet Euch in ganz London am Beſten darauf, Hummernſalate zu machen. Ha, ha, ha! Ihr ſeht, ich habe früher ſchon davon gehört. 296 Er wird Euch dieſen Morgen gut bekommen— Ihr habt doch welchen angefertigt? Wie ſieht's mit dem Frühſtück aus? Ich hoffe,'s iſt doch genug da und nichts geſpart, um dieſe ganze hungerige Geſellſchaft zufrieden zu ſtellen, wenn ſie ſich dazu niederſetzt, ſobald der Spektakel vorüber iſt?“ „Ich fürchte,“ bemerkte der Geiſtliche mit Kopf⸗ ſchütteln,„daß Ihr unverbeſſerlich ſeyd?“ „Ihr habt Recht; ich bin es,“ verſetzte Hugh finſter.„Seyd kein Heuchler, Herr. Alle Monate macht Ihr Euch an einem ſolchen Tage luſtig; ich will mich auch luſtig machen. Wenn Ihr einen zag⸗ haften Kerl haben wollt, da iſt Einer, der für Euch paſſen wird. Verſucht's mit ihm.“ Bei dieſen Worten deutete er auf Dennis, den zwei Männer halten mußten; er ſchleppte die Füße auf dem Boden nach und zitterte ſo, daß alle ſeine Glieder von heftigen Krämpfen durchzuckt zu werden ſchienen. Von dieſem ſchnöden Anblick ſich abwen⸗ dend, rief Hugh Barnaby zu, der abgeſondert ſtand. „Wie iſt's dir zu Muthe, Barnaby? Sey nicht niedergeſchlagen, Junge. Ueberlaß das dieſem da.“ „Gott behüte,“ rief Barnaby, mit leichtem Schritte auf ihn zutretend,„ich fürchte mich nicht, Hugh. Ich bin ganz glücklich und möchte jetzt nicht weiter leben, ſelbſt wenn ich dürfte. Betrachte mich! Habe ich das Ausſehen eines Menſchen, der ſich vor dem Tode fürchtet? Werden ſte wohl die Freude erleben, miich zittern zu ſehen?“ 297 Hugh ſchaute ihm einen Augenblick in's Geſicht, in dem ein ſonderbares, geſpenſtiges Lächeln lag, während das Auge hell leuchtete; dann trat er zwiſchen ihn und den Geiſtlichen und flüſterte dem Letzteren mürriſch in's Ohr: „An Eurer Stelle würde ich nicht viele Worte an ihn verlieren, Herr. Es könnte Euch den Appe⸗ tit zum Frühſtück nehmen, obgleich Ihr daran ge⸗ wöhnt ſeyd.“ Barnaby war der Einzige unter den Dreien, der ſich an dieſem Morgen gewaſchen und gekämmt hatte, denn ſeit der Verkündigung des Urtheils war es den beiden Anderen nicht eingefallen, dieſe Auf⸗ merkſamkeit auf ihren Körper zu verwenden. Er trug noch immer die zerknickten Pfauenfedern auf ſeinem Hute und hatte ſeinen Körper mit dem ge⸗ wohnten Zierrath ſorgfältig herausgeputzt. Sein leuchtendes Auge, ſein feſter Tritt und ſeine ſtolze, entſchloſſene Haltung ſchienen irgend eine heldenmü⸗ thige Großthat, die freiwillige Aufopferung eines Be⸗ geiſterten für eine edle Sache, nicht aber den Tod eines Verbrechers zu bekunden. Aber all dieß vergrößerte nur ſeine Schuld. Es war nur gekünſtelt. Das Gericht hatte es dafür erklärt, und alſo mußte es wahr ſeyn. Sein Ab⸗ ſchied von Greif, der vor einer Viertelſtunde Statt gefunden, hatte den guten Geiſtlichen höchlich em⸗ pört. In einer ſolchen Lage noch einen Vogel lieb⸗ koſen!—— 298 Der Hof war mit Leuten angefüllt: wohlbeleibte Magiſtratsperſonen, Gerichtsdiener, Soldaten, Neu⸗ gierige und Gäſte, die man wie zu einer Hochzeit eingeladen hatte. Hugh ſah ſich um, nickte düſter einer Perſon in Amtstracht zu, die ihm mit der Hand die Richtung, welche er gehen ſollte, andeutete, klopfte Barnaby auf die Schulter und ſchritt mit dem Gange eines Löwen hinaus. Sie traten in eine große Halle, ſo nahe an dem Schaffot, daß man die Stimmen der daſſelbe Umrin⸗ genden deutlich hören konnte; Einige baten die Helle⸗ bardiere, ſie aus dem Gewühl zu nehmen, und An⸗ dere riefen ihren Hintermännern zu, ſie möchten etwas zurücktreten, weil ſie ſonſt erdrückt würden oder erſticken müßten. In der Mitte dieſer Halle ſtanden zwei Schmiede mit Hämmern neben einem Amboſe. Hugh ging gerade auf denſelben zu und ſetzte ſeinen Fuß mit ſolcher Gewalt darauf, daß es tönte, als würde er von einer ſchweren Waffe getroffen. Dann ſchlug er die Arme in einander und blieb ſtehen, um ſich die Feſſeln abſchlagen zu laſſen, mit ſtolzem Stirnerun⸗ zeln die Umſtehenden in's Auge faſſend, die nach ihm hinſahen und unter ſich flüſterten. Man brauchte ſo lange, um Dennis hereinzu⸗ ſchleppeu, daß dieſe Ceremonie mit Hugh und Bar⸗ naby beinahe vorüber war, ehe er erſchien. Er war jedoch kaum an dem ihm ſo wohlbekannten Platz und unter den bekannten Geſichtern angelangt, als 299 er ſich plötzlich ſo weit erholte, um ſeine Hände zu⸗ ſammenſchlagen und eine letzte Appellation laut wer⸗ den laſſen zu können. „Gentlemen, meine guten Gentlemen,“ rief die erbärmliche Kreatur, in die Kniee ſinkend und ſich eigentlich auf dem Steinpflaſter hinſtreckend.„Ober⸗ kerkermeiſter, lieber Oberkerkermeiſter— hochgeehrte Sheriffs— würdige Herren— habt Erbarmen mit einem elenden Manne, der ſeiner Majeſtät, dem Ge⸗ ſetz und dem Parlament ſo viel Jahre gedient hat, und laßt— laßt mich nicht ſterben— wegen eines Mißverſtändniſſes.“ „Dennis,“ ſagte der Oberkerkermeiſter,„Ihr kennt den Gang des Geſetzes und wißt, daß der Be⸗ fehl zugleich mit den übrigen angekommen iſt. Ich brauche Euch daher nicht erſt zu ſagen, daß wir Nichts thun können, ſelbſt wenn wir wollten.“ „Ich verlange Nichts, Sir— ich bitte um gar Nichts, als um Zeit, damit man gewiß ſey,“ rief der zitternde Elende, ſich mit wirren Blicken nach Theil⸗ nahme umſehend.„König und Regierung können nicht wiſſen, daß ich es bin; gewiß, ſie können nicht wiſſen, daß ich es bin, ſonſt würden ſie mich nicht nach dieſem ſchrecklichen Schlachthauſe bringen laſſen. Sie kennen zwar den Namen, aber wiſſen nicht, was es für ein Mann iſt. Verſchiebt meine Hinrichtung — um der göttlichen Barmherzigkeit willen, verſchiebt meine Hinrichtung, Gentlemen, bis man gemeldet hat, daß ich an dreißig Jahre der Henker geweſen 300 bin. Will Niemand gehen und es ihnen ſagen?“ flehte er, ſeine Hände verklammernd und wiederholt im Kreiſe herumſtierend—„will denn keine barm⸗ herzige Perſon hingehen und es ihnen ſagen?“ „Herr Akerman,“ ſagte ein nebenſtehender Herr nach einer kurzen Pauſe,„da es vielleicht möglich iſt, dieſem unglücklichen Mann ſelbſt in dieſer letzten Minute noch zu einer beſſeren Gemüthsſtimmung zu verhelfen, ſo erlaubt mir, ihm zu verſichern, daß man recht wohl wußte, es handle ſich um den Henker, als ſein Urtheil berathen wurde.“ „— Aber vielleicht glauben ſie eben deßhalb, daß die Strafe nicht ſo groß ſey,“ rief der Verurtheilte, auf den Knieen gegen den Sprecher hin rutſchend und die gefalteten Hände erhebend,„während ſie doch für mich ärger, hundertmal ärger iſt, als für jeden andern Mann. Thut dieß ihnen kund, Sir. Oh, thut dieß ihnen kund. Sie haben's für mich zu einer viel ſchlimmeren Strafe gemacht, weil ſie mir ſo viel zu thun gaben. Schiebt meine Hinrichtung auf, bis ihnen dieß geſagt iſt!“ Der Kerkermeiſter winkte mit der Hand und die beiden Anderen, die ihn vorher unterſtützt hatten, traten herzu. Er ſtieß einen durchbohrenden Schrei aus: „Halt! halt! nur einen Augenblick— nur noch einen einzigen Augenblick! Laßt mir doch noch die letzte Möglichkeit zur Begnadigung. Einer von uns Dreien ſoll zu Bloomsbury Square hingerichtet wer⸗ den. Laßt mich dieſen Einen ſeyn. Vielleicht kömmt 301 ſie inzwiſchen an; gewiß, ſie muß ankommen. Laßt mich um Gotteswillen nach Bloomsbury Square bringen. Hängt mich nicht hier. Es iſt Mord!“ Sie nahmen ihn an den Amboß; aber auch hier konnte man ihn die Hammerſchläge und das heiſere Getöſe des Volkshaufens überſchreien hören. Er rief, daß er von Hughs Herkunft wiſſe— daß deſſen Vater noch am Leben und ein Herr von Stand und Einfluß ſey— er befinde ſich im Beſitz von Fami⸗ liengeheimniſſen— könne ſie aber nicht veröffentlichen, wenn man ihm nicht Zeit laſſe, ſondern müſſe ſie dann mit in die Ewigkeit nehmen; und ſo fuhr er fort, zu raſen, bis ihm die Stimme verſagte und er, wie ein bloßer Kleiderhaufen, zwiſchen den Beiden, die ihn ſtützten, niederſank. In dieſem Augenblick erſchallte der erſte Schlag zwölf Uhr, und die Verurtheiltenglocke begann zu läuten. Die Gerichtsdiener mit den beiden Sheriffs an der Spitze bewegten ſich der Thüre zu. Als der letzte Schlag in den Ohren verklungen, war Alles bereit. Nan gab dieß Hugh zu verſtehen und fragte ihn, ob er noch Etwas zu ſagen habe. „Zu ſagen?“ rief er.„Nein. Ich bin bereit. — und doch,“ fügte er bei, während ſein Auge auf Barnaby fiel.„Ich habe noch ein Wort zu ſagen. Komm hierher, Junge.“ Es kämpfte für einen Augenblick etwas Gemüth⸗ liches, ja ſogar Zärtliches in ſeinem wilden Aeußeren, 302 als er mit Heftigkeit die Hand ſeines armen Schick⸗ ſalsgenoſſen drückte. „So viel will ich ſagen,“ rief er, feſt im Kreiſe herumſehend;„wenn ich zehn Leben zu verlieren hätte, und ein jeder ſolcher Verluſt bereitete mir zehnmal die Qual des härteſten Todes, ſo wollte ich gerne alle hingeben— ja, das würde ich, obſchon es vielleicht die Herren da nicht glauben— um dieſes Eine zu retten: dieſes Eine,“ fügte er mit einem abermaligen Händedruck bei,„das durch mich verlo⸗ ren geht.“ „Nicht durch dich,“ ſagte der Verrückte ſanft. „Sprich nicht ſo. Dich trifft kein Vorwurf. Du biſt immer ſo freundlich gegen mich geweſen.— Hugh, jetzt werden wir erfahren, was die Sterne ſcheinen macht.“ „Ich nahm ihn weg von ihr in einer übermü⸗ thigen Stimmung, und dachte nicht, was Schlimmes daraus erwachſen könne,“ fuhr Hugh mit heiſerer Stimme fort, indem er die Hand auf den Kopf des Anderen legle.„Darum bitte ich ſie und ihn um Verzeihung.— Schaut her,“ fügte er in ſeinem früheren rauhen Tone bei.„Seht Ihr dieſen Jungen?“ Man murmelte Ja und ſchien ſich zu wundern, warum er ſo fragte. „Der Herr dort—“ er deutete dabei auf den Geiſtlichen—„hat in den letzten paar Tagen oft vom Glauben und von einem ſtarken Glauben zu mir geſprochen. Ihr ſeht, was ich bin— mehr ein ——-———]—— 303 Vieh, als ein Menſch, wie man mich oft nannte— aber ich hatte einen ſo zuverſichtlichen Glauben und glaubte ſo feſt, als einer von Euch Herren Etwas glauben kann, daß dieſes eine Leben geſchont werden müßte. Seht, was er iſt!— Betrachtet ihn.“ Barnaby war gegen die Thüre hin gegangen und winkte ſeinem Freunde, ihm zu folgen. „Wenn das nicht Glauben, und zwar ein feſter Glauben war,“ rief Hugh, ſeinen rechten Arm hoch erhebend und wie ein wilder Prophet, den die An⸗ näherung des Todes mit Begeiſterung erfüllt hat, in die Höhe blickend,„wo wäre er ſonſt zu finden? Was Anderes hätte mich lehren können— mich, der ich ſo geboren und erzogen wurde— an dieſem hartherzigen, grauſamen und unerbittlichen Orte auf Barmherzigkeit zu hoffen? Auf dieſe menſch⸗ liche Schlachtbank rufe ich, der bis jetzt ſeine Hand nie zu Gebeten erhoben, den Zorn Gottes nieder! Mögen auf jenen ſchwarzen Baum, an dem ich eine gereifte Frucht bin, die Flüche aller ſeiner Opfer aus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft niederfallen. Dem Manne, der mich in ſeinem Ge⸗ wiſſen als Sohn anerkennen muß, vermache ich den Wunſch, daß er den Tod nicht finden möge auf einem Krankenlager aus Eiderdaunen, ſondern gewaltſam abgerufen werde, wie ich jetzt, und nur den Nacht⸗ wind zu ſeinem Leidtragenden habe. Dazu ſage ich Amen, Amen!“ Sein Arm ſank an ſeiner Seite nieder; er 304 auf die Gerichtsdiener zu— wieder ganz der Mann, der er zuvor geweſen. „Habt Ihr ſonſt Nichts mehr zu bemerken?“ fragte der Kerkermeiſter. Hugh winkte Barnaby zurück, obgleich er nicht in die Richtung ſchaute, wo derſelbe ſtand, und ant⸗ wortete: „Nichts mehr.“ „Vorwärts!“ „Wenn nicht,“ ſagte Hugh, haſtig zurückſchauend —„wenn nicht etwa Jemand einen Hund zu ſich nehmen will— aber auch nur für den Fall, daß er ihn gut zu behandeln gedenkt. Es iſt ein ſolches Thier in dem Hauſe, aus dem ich kam; er gehört mir, und man jindet nicht leicht einen beſſeren. Anfangs wird er zwar winſeln, doch das nimmt bald ein Ende. — Ihr wundert Euch, daß ich jetzt noch an einen Hund denke,“ fügte er mit einer Art von Lachen bei. „Wenn es ein Menſch auch nur halb ſo um mich verdient hätte, ſo würde ich ſeiner ſicher nicht ver⸗ geſſen.“ Er ſprach nicht mehr, ſondern begab ſich mit ſorgloſer Miene nach ſeinem Platze, obſchon er zu gleicher Zeit mit einem Gemiſch von trotziger Auf⸗ merkſamkeit und geweckter Neugierde auf den Got⸗ tesdienſt für die Todten horchte. Sobald er aus der Thuüre trat, wurde ſein unglücklicher Gefährte hinausgeführt. Die Menge war Zeuge des Uebrigen. wandte ſich um und bewegte ſich mit ſtetigem Schritte 305 Barnaby wollte gleichzettig mit Hugh die Stu⸗ fen des Gerüſtes beſteigen— ja, er ware dem Zuge ſogar vorangeeilt, wenn man ihn nicht zurückgehalten hätte, da er an einem andern Orte hingerichtet wer⸗ den ſollte. In ein paar Minuten erſchienen die Sheriffe wieder; es begann auf's Neue dieſelbe Prozeſ⸗ ſion, wie zuvor, und zog durch verſchiedene Stuben und Gänge nach einer andern Thüre— nach derje⸗ nigen, wo der Karren wartete. Er ſenkte ſeinen Kopf, um den Anblick zu vermeiden, der, wie er wußte, ſonſt ſeinen Augen begegnen mußte, und nahm bekümmert, zugleich aber mit einem gewiſſen kindiſchen Stolz und kindiſcher Freude ſeinen Sitz auf dem Fuhrwerke. Die Gerichtsdiener ſchloßen ſich vorn, hinien und an den Seiten an; die Wagen der She⸗ riffe rollten voraus; das mülitariſche Executionscom⸗ mando umringte das Ganze; und ſo bewegten ſie ſich langſam durch die andringende Volksmaſſe nach Lord Mansfields zerſtörtem Hauſe. Es war ein trauriger Anblick— all dieſe prun⸗ kende Kraftzurſchauſtellung um ein einziges hülfloſes Weſen; und noch trauriger war es, mit anzuſehen, wie Barnaby dahin fuhr und ſeine unſteten Gedanken eine ſeltſame Ermuthigung fanden in den gedrängt vollen Fenſtern und in dem Auflauf auf den Straßen; aber auch ſelbſt hier fühlte er den Einfluß des klaren Himmels, nach deſſen endloſem Blau er lächelnd auf⸗ ſah. Doch hatte es ſeit Unterdrückung der Rebellion viele ſolcher Scenen gegeben— einige ſo ergreifend Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 20 und zurückſtoßend, daß ſie weit mehr dazu dienten, Mitleid gegen die Opfer, als Achtung gegen das Ge⸗ ſetz zu wecken, deſſen ſtarker Arm ſich jetzt in den Stunden der öffentlichen Sicherheit mehr als einmal eben ſo unnöthigerweiſe zu erheben ſchien, als er ſich in den Zeiten der Gefahr ſchmählich kraftlos erwie⸗ ſen hatte. Zwei Krüppel— beide kaum aus den Knaben⸗ ſchuhen getreten— einer mit einem hölzernen Bein, ein anderer, der ſeine gelämten Glieder nur vermit⸗ telſt Krücken fortzuſchaffen vermocht hatte, waren in demſelben Bloomsbury Square aufgehängt worden. Als man im Begriffe war, den Karren unter ihnen wegzuziehen, bemerkte man, daß ihre Geſichter nicht dem Hauſe zugekehrt waren, das ſie zu berauben ge⸗ holfen hatten; und um dieſem Mangel abzuhelfen, wurde ihr Unglück verlängert. Ein weiterer Knabe hing in Bow Street, während andere junge Men⸗ ſchen verſchiedene Stadttheile mit ihren Leichen zieren mußten. Auch vier elende Weiber wurden hingerich⸗ tet. Mit einem Worte, diejenigen, welche als Re⸗ bellen die Todesſtrafe erlitten, waren meiſt die Schwächſten, Unbedeutendſten und Armſeligſten aus dem Haufen. Man kann es für eine ſchneidende Satyre auf das falſche Religionsgeſchrei, welches ſo viel Elend herbeigeführt, betrachten, daß Einige der Verurtheilten ſich ſelbſt als Katholiken bekannten und um die Vergünſtigung baten, von den Prieſtern ihrer eigenen Religion zum Tode vorbereitet zu werden. ten, Ge⸗ den mal ſich wie⸗ ben⸗ ein, mit⸗ in den. nen icht ge⸗ fen, abe ten⸗ ren ich⸗ Re⸗ die aus nde ſo der und ern en. In Bishopsgate Street hängte man einen jungen Menſchen, den ſein grauhaariger Vater an dem Galgen erwartete; ſobald der Unglückliche auf dem Gerüſte ankam, küßte er ihn und ſetzte ſich auf den Boden, bis man ihn herunternahm. Man hätte ihm gerne die Leiche ſeines Kindes überlaſſen, aber er war ſo arm, daß er keinen Sarg, keine Bahre, Nichts, um ihn darin fortzuſchaffen, erſchwingen konnte; er ging daher demüthig neben dem Karren her, der die Leiche nach dem Gefängniß zurückbrachte, und verſuchte im Gehen, die lebloſe Hand zu be⸗ rühren. Aber der Volkshaufen hatte all dieß bereits ver⸗ geſſen, oder kümmerte ſich wenigſtens nicht viel darum, und während eine große Maſſe den Galgen von New⸗ gate umringte und näher zu kommen ſich balgte, um ein paar ungluͤckliche Menſchen ſterben zu ſehen, folgte eine andere dem Zuge des armen, verlorenen Barnaby, um das Gedränge, das ihn an Ort und Stelle erwartete, noch mehr anzuſchwellen. Achtundſiebenzigſtes Kapitel. An demſelben Tage und ungefähr um dieſelbe Stunde ſaß Herr Ive Willet, der Aeltere, ſeine Pfeife 20 308 raucheud, in einer Stube des ſchwarzen Löwen. Trotz des heißen Sommerwetters hatte er ſich doch dicht neben das Feuer gemacht. Er war, wie er meinte, in einem Zuſtande tiefen Nachdenkens, und zu ſolchen Zeiten pflegte er ſich gerne langſam zu ſchmoren, glaubend, dieſer Kochprozeß ſey dem Ausſchmelzen ſeiner Ideen günſtig, die, wenn ſie einmal flüſſig zu werden begannen, bisweilen ſo reichlich überſprudel⸗ ten, daß er ſelbſt darüber erſtaunte. Herr Willet hatte etliche tauſendmale von ſeinen Freunden und Bekannten den Troſt erhalten, daß der Verluſt, den er bei Beſchädigung des Maibaums er⸗ litten, der Grafſchaft anheim fallen dürfte. Da je⸗ doch dieſe Phraſe zufälligerweiſe eine unglückliche Aehnlichkeit mit dem populären Ausdruck„dem Kirch⸗ ſpiel anheimfallen“ hatte, ſo ſah Herr Willet darin keine erfreulicheren Ausſichten, als eine Verarmung im ausgedehnteſten Grade und den ſchrecklichſten Ver⸗ fall. Er verfehlte daher nie, derartige Tröſtungen mit einem kläglichen Kopfſchütteln oder einem trauri⸗ gen Glotzen hinzunehmen, wie er denn auch ſtets nach einem Condolenzbeſuch weit melancholiſcher war, als zu jeder andern Zeit der vierundzwanzig Tages⸗ ſtunden. Es trug ſich jedoch zu, daß, als er bei der ge⸗ nannten Gelegenheit neben dem Feuer ſaß— viel⸗ leicht, weil er, ſo zu ſagen, halb gar war, vielleicht, weil er ſich in einer ungemein hellen Geiſtesſtimmung befand, vielleicht, weil er ſchon ſo lange über den — 2——,,—-. „ A ⏑̈ u——— N 309 Gegenſtand nachgedacht hatte, oder vielleicht, weil alle dieſe Umſtände zuſammenwirkten— mit einem Worte, es trug ſich zu, daß Herr Willet, als er bei dieſem beſondern Anlaſſe neben dem Feuer ſaß, weit ab und in den tiefſten Tiefen ſeines Verſtandes eine Art von geheimem Wink oder eine ſchwache Andeutung er⸗ kannte, es könnten vielleicht die öffentlichen Kaſſen die Mittel vorſchießen, um den Maibaum wieder in ſeine frühere hohe Stellung unter den Wirthshäuſern der Erde zu verſetzen. Und dieſer unſichere Lichtſtrahl verbreitete ſich in ſeinem Innern, zündete und loderte endlich ſo hell auf, daß er ihm endlich eben ſo klar und deutlich wurde, als die Flamme neben ihm; und in der feſten Ueberzeugung, daß dieſe Entdeckung von ihm zuerſt gemacht werde und daß er eine voll⸗ kommen originelle Idee, die nie zuvor einem andern Manne, lebenden oder todten, eingefallen ſey, auf⸗ getrieben, gehetzt, erlegt und auf den Kopf geſchlagen habe, legte er ſeine Pfeife nieder, rieb ſich die Hände und kicherte hörbar. „Ei, Vater!“ rief Joe, der in dieſem Augen⸗ blicke eintrat,„Ihr ſeyd ja heute recht guter Dinge!“ „'s iſt nichts Beſonderes,“ ſagte Herr Willet, abermals kichernd;„'s iſt nichts Beſonderes, Joſeph. Erzähle mir Etwas von den Salvanners.“ Nachdem Herr Willet dieſen Wunſch ausgeſpro⸗ chen hatte, kicherte er zum drittenmale— wirklich ungewöhnliche Demonſtrationen von Herzensleichtig⸗ keit— und ſteckte ſeine Pfeife wieder in den Mund. „Was ſoll ich Euch erzählen, Vater?“ fragte Joe, die Hand auf die Schulter ſeines Erzeugers legend und auf deſſen Geſicht hinunterblickend.„Daß ich zurückgekommen bin ärmer, als eine Kirchenmaus? Das wißt Ihr. Das ich heimkehrte, verſtümmelt und zum Krüppel geworden? Auch das iſt Euch nichts Neues.“ „Er wurde abgenommen,“ murmelte Herr Willet, auf das Feuer blickend,„bei der Vertheidigung der Salvanners in Amerika, wo der Krieg iſt.“ „Ganz recht,“ entgegnete Joe lächelnd und den noch vorhandenen Ellbogen auf die Lehne von ſeines Vaters Stuhl ſtützend;„ich komme, um gerade über dieſen Gegenſtand mit Euch zu ſprechen. Ein Mann mit Einem Arme, Vater, paßt nicht beſonders in das geſchäftige Treiben der Welt.“ Dieß war eine von jenen ungeheuren Behaup⸗ tungen, über die Herr Willet noch keinen Augenblick nachgedacht hatte und daher einiger Zeit bedurfte, um darüber„anbinden“ zu können. Es blieb daher vor der Hand die Antwort ſchuldig. „Jedenfalls,“ fuhr Joe fort,„ſtehen ihm nicht die Mittel zu Gebote, ſeinen Lebensunterhalt zu ver⸗ dienen, zu denen ein anderer Mann ſeine Zuflucht nehmen kann. Er kann nicht ſagen: ‚ich will es mit Dieſem verſuchen,“ oder: ‚ich will mich mit Jenem nicht befaſſen,“ ſondern muß eben nehmen, was er thun kann, und auch für das Geringſte dankbar ſeyn. — Was habt Ihr geſagt?“ 311 Herr Willet hatte nämlich leiſe und im Tone des Nachſinnens die Worte„Vertheidigung der Sal⸗ vanners“ vor ſich hingeſprochen, ſchien aber durch den Umſtand, daß er gehört worden war, in Verle⸗ genheit verſetzt worden zu ſeyn und antwortete daher: „Nichts.“ „Nun, ſchaut einmal, Vater.— Herr Edward iſt aus Weſtindien nach England zurückgekommen. Als er England verließ(es geſchah an demſelben Tage mit mir, Vater) machte er eine Reiſe nach einer der Inſeln, wo ſich einer ſeiner Schulkameraden angeſie⸗ delt hatte, und nachdem er ihn aufgefunden, war er nicht zu ſtolz, ſich auf deſſen Beſitzthum beſchäftigen zu laſſen; und— und mit einem Worte, es ging ihm gut; er befindet ſich in glücklichen Verhältniſſen und iſt wegen eigener Geſchäftsangelegenheiten wieder nach England gekommen, kehrt aber bald wieder nach Weſtindien zurück. Unſere faſt gleichzeitige Ankunft im Vaterlande und unſer Zuſammentreffen während der bürgerlichen Unruhen iſt jedenfalls ein günſtiger Zufall geweſen, denn er hat uns nicht nur in den Stand geſetzt, alten Freunden einen Dienſt zu leiſten, ſondern auch mir einen Lebensweg geöffnet, den ich betreten kann, ohne Euch zur Laſt zu fallen. Offen geſprochen, Vater, er kann mich beſchäftigen; ich habe mich überzeugt, daß ich ihm wirklich von Nutzen ſeyn kann, und ſo will ich denn meinen Einen Arm weiter tragen und ſehen, was ich mit ihm ausrichten kann.“ 312 Nun war aber in Herrn Willets geiſtigem Auge Weſtindien, wie überhaupt alle fremden Länder, von wilden Nationen bewohnt, die ohne Unterlaß Frie⸗ denspfeifen begruben, Tomahawks ſchwenkten und wunderliche Figuren auf ihre Haut punktirten. Er hatte daher kaum dieſe Ankündigung ver⸗ nommen, als er ſich in ſeinem Stuhl zurücklehnte, die Pfeife aus ſeinem Munde nahm und ſeinen Sohn mit einem ſolchen Entſetzen anglotzte, als ſtünde der⸗ ſelbe bereits an den Marterpfahl gebunden, um zur Unterhaltung einer lebensluſtigen Bevölkerung gefol⸗ tert zu werden. In welcher Ausdrucksweiſe ſeine Gefühle ſich Luft gemacht haben würden, vermögen wir nicht zu ſagen. Auch iſt dieß unnöthig, denn ehe noch eine Sylbe ihren Weg zu ſeinen Lippen fand, kam Dolly Varden, mit Thränen in den Au⸗ gen, in das Zimmer geeilt, warf ſich ohne weitere Einleitung an Joe's Bruſt und ſchlang ihre weißen Arme um ſeinen Nacken. „Dolly!“ rief Joe.„Dolly!“ „Ja, nennt mich ſo; nennt mich immer ſo,“ rief des Schloſſers Töchterlein;„ſprecht nicht mehr ſo kalt und abgemeſſen mit mir. Tadelt mich nicht mehr für die Thorheiten, die ich langſt bereut habe, oder es wird mein Tod ſeyn.“ „Ich Euch tadeln?“ entgegnete Joe. „Ja— denn jedes freundliche und ehrliche Wort, das Ihr ausſpracht, ſchnitt mir durch's Herz. Daß Ihr, der Ihr ſo viel von mir ertragen habt— daß Ihr, der Ihr meiner Grillenhaftigkeit alle Eure Leiden und Schmerzen verdankt— daß Ihr ſo freund⸗ lich— ſo edel gegen mich ſeyn könnt, Joe.“ Er konnte nichts darauf erwiedern— nicht eine Sylbe. Es lag übrigens eine eigenthümliche Art von Beredſamkeit in ſeinem Einen Arme, den er um ihren Leib ſchlang, obgleich ſeine Lippen ſtumm blieben. „Wenn Ihr mich nur durch ein Wort— durch ein einziges kurzes Wort erinnert hättet,“ ſchluchzte Dolly, ſich inniger an ihn anklammernd;„ach, wie wenig verdiente ich um Euch dieſe nachſichtige Be⸗ handlung! Wenn Ihr nur ein einzigesmal in Eurem Triumph frohlockt hättet, ſo würde ich es leichter er⸗ tragen haben.“ „Triumph?“ wiederholte Joe mit einem Lächeln, welches zu ſagen ſchien:„ich hätte eine paſſende Fi⸗ gur dazu.“ „Ja, Triumph,“ rief ſie, und ihre Thränen ſtrömten reichlicher, indeß ihr ganzes Herz und ihre ganze Seele in dem Tone ihrer Stimme lagen;„denn es iſt ein Triumph. Ich freue mich der Ueberzeu⸗ gung, daß es ſo iſt. Ich würde nicht weniger gede⸗ müthigt ſeyn, mein Lieber; ich könnte unſerer letzten Unterredung an dieſem Orte nicht vergeſſen— nein, und wenn ich die Vergangenheit zurückrufen und unſere Trennung zu einer von geſtern machen könnte.“ Sah je ein Liebhaber aus, wie Joe jetzt ausſah? „Theurer Joe,“ ſagte Dolly,„ich habe Euch 314 immer geliebt— Ihr wohntet ſtets in meinem Her⸗ zen, obgleich ich ſo eitel und thöricht war. Ich hoffte, Ihr würdet denſelben Abend zurückkommen. Ich war vollkommen überzeugt, daß Ihr wiederkommen müß⸗ tet, und betete auf meinen Knieen darum. Durch alle dieſe langen, langen Jahre habe ich nicht ein einzigesmal Eurer vergeſſen oder zu hoffen aufgehört, daß dieſe glückliche Zeit einmal eintreffen werde.“ Die Beredſamkeit von Joe's Arm übertraf die leidenſchaftlichſte Sprache; das Gleiche war auch mit ſeinen Lippen der Fall— obgleich fie keine Sylbe laut werden ließen. „Und nun endlich,“ rief Dolly, unter der Glut ihrer Worte erbebend,„wenn Ihr krank wäret und alle Eure Glieder verſtümmelt; wenn Ihr ſiech, ſchwach und elend, wenn Ihr, ſtatt was Ihr jetzt ſeyd, in aller Anderer Augen nur ein Trümmerhau⸗ fen, eine Ruine von einem Mann wäret, ſo würde ich doch mit weit größerem Stolz und mit innigerer Freude an Eurer Hand vor den Altar treten, als mit dem ſtattlichſten Lord in ganz England.“ „Was habe ich gethan,“ rief Joe,„was habe ich gethan, um einen ſolchen Lohn zu verdienen?“ „Durch Euch habe ich mich ſelbſt und Euren Werth kennen gelernt,“ ſagte Dolly, ihr hübſches Geſicht zu dem ſeinigen erhebend;„Ihr lehrtet mich, beſſer zu werden, als ich war, und mich Eures treuen und männlichen Charakters würdiger zu machen. Ihr werdet in kommenden Jahren finden, theurer Joe, ————— f daß es wahr iſt; denn ich will nicht nur jetzt in den Tagen Eurer Jugend und Hoffnungsfülle, ſondern auch, wenn Ihr alt und gebrechlich werdet, Euer geduldiges, ſanftes, nie ermüdendes Weib ſeyn. Ihr und der ſtille Frieden der Häuslichkeit ſoll mein ein⸗ ziger Wunſch, meine einzige Sorge ſeyn, und ſtets will ich mir Mühe geben, Euch mit der innigſten und aufopferndſten Liebe zu erfreuen. O gewiß, gewiß — das will ich!“ Joe konnte nur in ſeiner früheren Beredſamkeit fortfahren— doch dieſe war eben ſo ſachgemäß. „Man weiß zu Hauſe Alles,“ ſagte Dolly.„Um Euretwillen wollte ich ſelbſt meine Eltern verlaſſen; aber ſie wiſſen es, freuen ſich darüber und ſind in ihrem dankerfüllten Herzen eben ſo ſtolz auf Euch, als ich es bin.— Du willſt nicht zu mir kommen und mich als ein alter Freund beſuchen, der mich kannte, als ich noch ein Mädchen war, nicht wahr?“ Nun, es liegt nicht viel daran, wie Joe's Ant⸗ wort lautete; aber er wußte ſehr viel zu ſagen, und Dolly deßgleichen; und er ſchloß Dolly recht feſt in ſeinen Einen Arm, natürlich, weil es nur ein einzi⸗ ger war, und Dolly leiſtete keinen Widerſtand; und wenn zwei Leutchen auf dieſer Welt— die, trotz aller ihrer Mängel, doch nicht ſo ganz zu verachten iſt— glücklich waren, ſo können wir dieß mit aller Wahrſcheinlichkeit von dieſem Pärchen annehmen. Wenn wir ſagten, daß während dieſer Vorgänge Herr Willet der Aeltere die höchſten Symptome des 316 Erſtaunens an den Tag legte, deren unſere Natur im Allgemeinen möglicherweiſe fähig iſt— wenn wir ſagten, daß er ſich in einer vollkommenen Geiſtesläh⸗ mung befand, und daß er ſich in die ungeheuerſten und daher faſt unerreichbaren Höhen der Verwunde⸗ rung verſtieg— ſo hieße dieß den Zuſtand ſeines Ge⸗ müths nur in den ſchwächſten und dürftigſten Ab⸗ ſchattungen zeichnen. Wenn ein Vogel Roc, ein Adler, ein Greif, ein fliegender Elephant oder ein mit Schwingen verſehenes Seepferd plötzlich erſchie⸗ nen wäre, ihn auf ſeinen Rücken genommen und ihn mit Haut und Haaren mitten in's Herz der„Sal⸗ vanners“ getragen hätte, ſo wäre das nur ein All⸗ tagsbegebniß geweſen in Vergleichung mit dem, welches er jetzt erblickte. Ruhig da zu ſitzen und all' dieß ſehen und hören zu müſſen: gänzlich vernachläßigt und hintangeſetzt zu werden, während ſein Sohn und eine junge Dame in der leidenſchaftlichſten Weiſe mit einander ſprachen, ſich küßten und in jeder Hinſicht thaten, als ob ſie zu Hauſe wären— dieß war eine ſo entſetzliche, unerklärliche und ſein Begriffsvermö⸗ gen ſo himmelweit uüͤberbietende Lage, daß er in eine eigentliche Lethargie von Verwunderung verſank, aus der er ſich eben ſo wenig aufzuraffen vermochte, als ein verzauberter Schläfer in dem erſten Jahre ſeines für ein Jahrhundert ausgeſprochenen Feenbannes. „Vater,“ begann Joe, indem er Dolly vorſtellte. „Ihr wißt, wer dieß iſt?“ Herr Willet ſchaute zuerſt ſie, dann ſeinen Sohn 317 und dann wieder Dolly an, worauf er einen erfolg⸗ loſen Verſuch machte, eine Wolke aus ſeiner Pfeife zu blaſen, welche längſt ausgegangen war. „Sagt nur ein Wort, Vater, wäre es auch weiter Nichts, als ein„Grüß Gott,“ drängte Joe. „Gewiß, Joſeph,“ antwortete Herr Willet.„O ja! Warum nicht?" „Natürlich,“ ſagte Joe.„Warum nicht?“ „Ah!“ erwiederte ſein Vater.„Warum nicht?“ Und mit dieſer Bemerkung, die er leiſe vor ſich hinſprach, als beriethe er irgend eine ernſte Frage mit ſich ſelbſt, bediente er ſich des kleinen Fingers ſeiner rechten Hand— wenn man anders einen ſeiner Finger klein nennen konnte— als eines Pfeifenſtop⸗ fers und verſtummte abermals. Und ſo blieb er mindeſtens eine halbe Stunde ſitzen, obgleich Dolly mit den liebevollſten Geberden wohl ein dutzendmal ihre Hoffnung ausdrückte, er werde ihr doch nicht böſe ſeyn. Dieſe ganze Zeit über war er ganz regungslos, auf und nieder wie ein großer Kegelkönig ausſehend. Nach Ablauf dieſer Periode brach er, zur großen Beſtürzung der jungen Leute, plötzlich und ohne die mindeſte Urkunde in ein ſehr lautes und ſehr kurzes Lachen aus, worauf er die Worte wiederholte:„Gewiß, Joſeph. O ja! Warum nicht?“ und dann die Stube verließ, um einen Spaziergang zu machen. 318 Neunundſtebenzigſtes Kapitel. Der alte John ſpazierte nicht in die Nähe des goldenen Schlüſſels, denn zwiſchen dem goldenen Schlüſſel und zwiſchen dem ſchwarzen Löwen lag ein endloſes Labyrinth von Straßen— wie Jedermann weiß, der mit den beziehungsweiſen Lagen von Cler⸗ kenwell und Whitechapel bekannt iſt— und er ſtand keineswegs im Rufe eines gewaltigen Fußgängers. Doch liegt der goldene Schlüſſel, wenn auch nicht auf dem ſeinigen, ſo doch auf unſerm Wege, weß⸗ halb dieſes Kapitel nach dem goldenen Schlüſſel geht. Der goldene Schlüſſel ſelbſt, das ſchöue Sinnbild des Schloſſerhandwerks, war von den Rebellen heruntergeriſſen und ſchnöde unter die Füße getreten worden. Aber jetzt hatte man ihn wieder in der vollen Glorie eines neuen Wammſes, das heißt An⸗ ſtriches, ausgehängt, und er nahm ſich dermalen ſogar noch wackerer aus, als in alten Tagen. In der That war die ganze Vorderſeite des Hauſes ſo nett herausgeputzt und ſo durchaus wieder hergeſtellt, daß, wenn überhaupt welche von den Rebellen, die bei dem Sturme mitgeholfen hatten, übrig geblieben wären, der Anblick des alten, guten, wackern Häus⸗ chens in ſeiner neuen Geſtalt wie Galle und Wer⸗ muth auf ſie gewirkt haben müßte. Die Läden der Werkſtatt waren jedoch geſchloſſen, die Fenſterblenden 319 oben niedergelaſſen und ſtatt ſeines gewöhnlichen hei⸗ teren und gemüthlichen Ausſehens lagerte auf dem Hauſe ein trüber und trauriger Charakter, den die Nachbarn, welche in alten Tagen den armen Bar⸗ naby oft hatten aus und ein gehen ſehen, recht wohl zu deuten wußten. Die Hausthüre ſtand halb offen, aber der Hammer des Schloſſers war ſtumm; die Katze ſaß träumend auf der mit Aſche bedeckten Eſſe; Alles war verlaſſen, ſinſter und ſtumm. Auf der Schwelle dieſer Thüre begegneten ſich Herr Haredale und Edward Cheſter. Der Jüngere überließ dem Aelteren den Vortritt und Beide gingen mit einer ſo familiären Miene hinein, daß man leicht daraus erſehen konnte, ſie warteten dort auf Jemand, oder ſeyen ſo bekannt im Hauſe, daß ſie ohne allen Anſtand ab und zu gehen konnten; dann ſchloßen ſie die Thüre hinter ſich ab. Als ſie in der alten, hinteren Wohnſtube ange⸗ langt waren, ſtiegen ſie die altmodiſche, ſteile Treppe hinan nach dem beſten Zimmer— dem Stolz von Frau Varden's Herzen und ſonſt dem Tummelplatze der Haushaltungsthätigkeiten von Ehren Miggs. „Herr Varden ſagt mir, er habe geſtern Abend die Mutter hergebracht?“ begann Herr Haredale. „Sie iſt eine Treppe weiter oben— in dem Zimmer über dieſem,“ verſetzte Edward.„Wie ich höre, geht ihr Schmerz über alle Beſchreibung. Ich brauche nicht beizufügen— denn Ihr wißt das ſchon vorher— daß die Sorgfalt, die Theilnahme 320 und Menſchenfreundlichkeit dieſer guten Leute keine Grenzen kennt.“ „Freilich. Möge ſie der Himmel für dieß und noch vieles andere belohnen. Varden iſt ausge⸗ gangen?“ „Er kam faſt gleichzeitig mit Eurem Boten zurück. Die ganze Nacht ließ er ſich nicht in dem Hauſe ſehen— doch das müßt Ihr natürlich wiſſen. Er war ja großentheils bei Euch?“ „Ja. Ohne ihn hätte mir die rechte Hand ge⸗ fehlt. Er iſt zwar älter als ich, beſitzt aber doch noch weit mehr Ausdauer.“ „Der heiterſte und redlichſte Mann von der ganzen Welt!“ „Er hat auch Grund dazu— er hat auch Grund dazu. Nie trug die Erde einen beſſern Men⸗ ſchen. Er arntet jetzt, was er geſaͤet hat— ich finde es natürlich“ „Es wird indeß nicht allen Menſchen dieſes Glück zu Theil,“ ſagte Edward nach einem kurzen Zögern. „Doch trifft ſich's öfters, als Ihr Euch wohl denken mögt,“ verſetzte Herr Haredale.„Der Fehler liegt nur daran, daß wir mehr auf die Zeit der Aernte, als auf die Zeit der Saat Acht nehmen. Ihr findet hierin ein Beiſpiel an mir.“ Seenn blaſſes und abgezehrtes Geſicht und ſeine düſtere Haltung hatte allerdings Edward zu ſeiner vorerwähnten Bemerkung veranlaßt, und Letzterer 321. wußte für den Augenblick nicht, was er antworten ſollte. „Bst, bst,“ ſagte Herr Haredale,„es war nicht ſchwer, dieſen ſo nahe liegenden Gedanken in Euch zu leſen. Ihr ſeyd aber doch im Irrthum. Ich hatte meinen Antheil Leiden— vielleicht mehr, als es das gewöhnliche Loos der Menſchen iſt— aber ich habe mich ſchlecht darein gefunden. Ich zerbrach, wo ich hätte biegen können, und ſann und brütete, während mein Geiſt ſich in Gottes großer Schöpfung hätte ergehen ſollen. Nur derjenige ver⸗ mag zu dulden, der in der ganzen Menſchheit Brü⸗ der und Schweſtern ſieht. Ich habe mich von der Welt abgewandt und muß es jetzt büßen.“ Edward wollte ihn unterbrechen; er aber fuhr, ohne ihn zum Wort kommen zu laſſen, fort: „Es iſt jetzt zu ſpät, den Folgen auszuweichen. Bisweilen denke ich, daß ich, wenn ich noch ein⸗ mal zu leben hätte, dieſen Fehler verbeſſern würde — weniger wegen der Liebe zum Guten(wie ich entdecke, wenn ich mein Herz prüfe), als um meiner ſelbſt willen. Aber ſelbſt während ich dieſe beſſeren Vorſätze faſſe, bebe ich unwillkürlich vor dem Ge⸗ danken an die Leiden zurück, wenn ich ſie wieder durchzumachen hätte, und in dieſem Umſtand finde ich den unerfreulichen Beleg, daß ich ganz wieder derſelbe Mann ſeyn würde, ſelbſt wenn ich die Ver⸗ gangenheit zu nichte machen und mit meinen gegen⸗ Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 21 —— 322 wärtigen Erfahrungen ein neues Daſeyn beginnen könnte.“ „Hievon könnt Ihr doch nicht ſo ganz überzeugt ſeyn,“ ſagte Edward.. „Ihr meint ſo,“ entgegnete Herr Haredale,„und ich freue mich deſſen. Aber ich kenne mich ſelbſt beſſer, und muß daher nur ein um ſo größeres Miß⸗ trauen in mich ſetzen. Doch laſſen wir das, um auf einen andern Gegenſtand überzugehen, der viel⸗ leicht in näherer Verbindung damit ſteht, als es auf den erſten Blick ſcheinen möchte. Sir, Ihr liebt meine Nichte noch immer, und auch ſie iſt Euch gewogen.“ „Ich habe dieſe Verſicherung von ihren eigenen Lippen,“ ſagte Edward,„und Ihr wißt— gewiß, Ihr müßt wiſſen— daß ich dieſe frohe Ueberzeugung für kein Erdenglück hingeben möchte.“ „Ihr ſeyd offen, ehrenhaft und uneigennützig,“ entgegnete Herr Haredale,„und habt mir dieſe Ueberzeugung aufgezwungen, trotz der bitteren Stim⸗ mung, die ich vordem gegen Euch unterhielt. Ich glaube Euch daher. Wartet hier, bis ich wieder zurückkomme.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer und kehrte bald mit ſeiner Nichte zurück. „Jenes erſte und einzigemal,“ ſagte er, indem er von ihr auf ihn blickte,„als wir Drei mit ein⸗ ander unter dem Dache ihres Vaters ſtanden, be⸗ 323 fahl ich Euch, es zu meiden und nie wieder unter daſſelbe zurückzukehren.“ „Dieß iſt der einzige Vorfall in der Geſchichte unſerer Liebe,“ entgegnete Edward,„den ich ver⸗ geſſen habe.“ „Ihr tragt einen Namen,“ ſagte Herr Haredale, „den nicht zu vergeſſen ich guten Grund hatte. Ich weiß. Ich ließ mich durch die Rückblicke auf erlittene Kränkungen leiten und ſtacheln, aber ſelbſt jetzt kann ich mir nicht den Vorwurf machen, als hätte ich je die innigſte Sorge für ihr wahres Glück außer Augen gelaſſen. Ich war zwar im Irrthum, aber ich handelte aus keinem andern Antriebe, als aus dem reinen, redlichen und aufrichtigen Wunſche, ihr den verlorenen Vater zu erſetzen, ſo weit dieß meinen ſchwachen Kräften möglich war.“ „Theurer Onkel,“ rief Emma,„ich habe keine Eltern gekannt, als Euch. Das Andenken der andern war mir heilig, aber Euch habe ich mein ganzes Leben über geliebt. Nie war ein Vater liebe⸗ voller gegen ſein Kind, als Ihr gegen mich geweſen ſeyd, denn ich kann mich nicht erinnern, daß Ihr mir auch nur eine einzige bittere Stunde bereitetet.“ „Du ſprichſt zu zärtlich,“ erwiederte er,„und doch kann ich nicht wünſchen, daß du weniger par⸗ theiiſch wäreſt, denn es liegt eine Wonne für mich in dieſen Worten, die mir durch nichts anderes ge⸗ geben werden kann, und ich werde ſte in meinem Herzen tragen, wenn weite Räume uns trennen. 21* 324 Habt noch einen Augenblick Nachſicht mit mir, Sir, denn wir haben viele Jahre mit einander gelebt, und obgleich ich glaube, daß ich ihrem Glück das Siegel aufdrücke, wenn ich ſie Euren Händen übergebe, ſo finde ich doch, daß ich dazu aller meiner Kräfte be⸗ nöthigt bin.“ Er drückte ſie zärtlich an ſeine Bruſt und nach kurzer Pauſe nahm er wieder auf: „Ich habe Euch Unrecht gethan, Sir, und bitte Euch um Vergebung— nehmt es nicht für eine gewöhnliche Redensart, denn es iſt mein vollkom⸗ mener und aufrichtiger Ernſt. Mit derſelben Red⸗ lichkeit will ich auch bekennen, daß es eine Zeit ge⸗ geben hat, wo ich die Umtriebe der Verrätherei und der Falſchheit zuließ— ja, wenn ich mich auch nicht ſelbſt dabei betheiligte, ſo ließ ich ſie doch zu — um euch Beide zu trennen.“ „Ihr urtheilt zu ſtrenge über Euch,“ ſagte Edward.„Laßt dieſe Dinge beruhen.“ „Sie treten als Ankläger gegen mich auf, wenn ich zurückblicke, und zwar nicht jetzt zum Erſten⸗ male,“ verſetzte er.„Ich kann nicht von Euch ſcheiden, ohne Eurer vollen Vergebung gewiß zu ſeyn, denn das Treiben der Welt und ich haben jetzt wenig mehr mit einander gemein, und ich werde genug zu bereuen haben in der Einſamkeit, ohne daß auch noch dieſes auf mir laſtet.“ „Wir Beide rufen Segen über Euch,“ ſagte Emma.„Möge der Gedanke an mich, die Euch ſo viel Dank und Liebe ſchuldig iſt, Euch an nichts, als an meine treue Anhänglichkeit für die Vergan⸗ genheit und meine heißen Gebete für Eure Zukunft erinnern.“— „Die Zukunft,“ entgegnete der Onkel mit einem wehmüthigen Lächeln,„hat wohl Strahlen für euch und iſt mit den Roſen ſchöner Hoffnungen umgrenzt. Bei der meinigen iſt es anders, obſchon ſie friedlich und, wie ich hoffe, frei ſeyn wird von Erdenſorgen und Leidenſchaften. Sobald ihr England verlaßt, ſcheide auch ich vom Vaterlande. Es gibt im Aus⸗ lande Klöſter, und jetzt, da ich zwei große Zwecke meines Lebens erfüllt habe, kenne ich keine beſſere Heimath. Das macht euch Kummer? Aber ihr ver⸗ geßt, daß ich alt bin und meine Bahn bald abge⸗ laufen ſeyn wird. Nun„wir werden wieder davon ſprechen— nicht ein⸗ oder zweimal, ſondern noch oft— und du, Emma, ſollſt mir mit freundlichem Rathe beiſtehen.“ „Und Ihr wollt ihn annehmen?“ fragte ſeine Nichte. „Ich will ihn hören,“ antwortete er, ſie auf ihre ſchöne Stirne küſſend,„und verlaß dich darauf, er ſoll nicht an mir verloren ſeyn. Was bleibt mir noch zu ſagen? Ihr ſeyd in der letzten Zeit viel beiſammen geweſen. Es iſt beſſer und paſſender, daß die Umſtände, welche vordem eure Trennung herbeiführten und den Samen des Argwohns und 326 Mißtrauens zwiſchen euch ſtreuten, nicht von mir zur Sprache gebracht werden.“ „Viel, viel beſſer,“ flüſterte Emma.„Denkt nicht mehr daran.“ „Ich bekenne, daß ich Antheil daran hatte,“ ſagte Herr Haredale,„obgleich ich ſie verabſcheute. Möge Niemand, wäre es auch noch ſo unbedeutend, von dem breiten Pfade der Ehre abweichen, wie ſchein⸗ bar auch der Vorwand durch den guten Zweck gerecht⸗ fertigt werden möge. Ein guter Zweck kann nur durch gute Mittel bethätigt werden, und wo man zu ſchlimmen greifen muß, darf man ſich ja nicht durch die Abſicht verblenden laſſen; auch ſie gehört dem Uebel an und ſollte ſogleich aufgegeben werden.“ Er blickte von ſeiner Nichte auf Edward und fuhr in ſanfterem Tone fort: „An Vermögen und Glücksgütern ſeyd ihr jetzt ſo ziemlich gleich. Ich bin ihr treuer Verwalter ge⸗ weſen, und zu dem größeren Vermögen, was mein Bruder ihr hinterlaſſen hat, wünſche ich, als Zeichen meiner Liebe, ein kleines Jahrgeld, kaum der Rede werth, beizufügen, denn ich werde deſſen nicht mehr benöthigt ſeyn. Es freut mich, daß ihr England verlaßt. Möge unſer vom Schickſal ſchwer heimge⸗ ſuchtes Haus der Trümmerhaufen bleiben, der es iſt. Wenn ihr nach einigen Jahres des Glückes zurück⸗ kehrt, werdet ihr über ein beſſeres und glücklicheres gebieten können. Wir ſind doch Freunde?“ 327 Edward ergriff die hingeſtreckte Hand und drückte ſie herzlich. 1 „Ihr ſeyd weder ſäumig noch kalt in Eurer Antwort,“ ſagte Herr Haredale, ſeinen Händedruck mit gleicher Wärme erwiedernd,„und wenn ich Euch jetzt, nachdem ich Euch kenne, betrachte, ſo fühle ich, daß ich keinen paſſenderen Gatten für ſie hätte wählen können. Ihr Vater war ein edler Mann, und auch er würde eurer Verbindung Beifall gezollt haben. Ich übergebe Euch Emma in ſeinem Namen und mit ſeinem Segen. Wenn ich mit einer ſolchen Handlung von der Welt ſcheide, bereitet mir die Trennung von derſelben Glück, als ſie mir in einem langen Leben bieten konnte.“ Er legte Emma in Edward's Arme und wollte eben das Zimmer verlaſſen, als er durch ein großes Ge⸗ räuſch in der Entfernung angehalten wurde; ſie ſtutzten Alle und horchten. 4 Es war ein lautes Gejubel, mit lärmenden Zurufen untermiſcht, welche die Luft zerriſſen. Mit jedem Augenblicke kam es näher und näher, und bald war es ſo nahe, daß es, als ſie kaum zu lau⸗ ſchen angefangen hatten, ſich ſchon zu einem betäu⸗ benden Gewirre von Tönen gerade an der Straßen⸗ ecke ſteigerte. „Man muß dem Lärmen Einhalt thun— Ruhe gebieten,“ ſagte Herr Haredale haſtig.„Wir hätten dieß vorausſehen können und Vorſichtsmaßregeln treffen ſollen. Ich will hinunter zu ihnen.“ 328 Aber bevor er die Thüre erreichte, und ehe Edward ſeinen Hut nehmen konnte, um ihm zu folgen, wurden ſie abermals durch einen lauten Schrei von Oben angehalten. Die Frau des Schloſſers ſtürzte herein, Herrn Haredale geradezu in die Arme, und rief laut: „Sie weiß alles, Sir!— Sie weiß alles! Wir brachten es ihr allmälig bei; ſie iſt ganz vor⸗ bereitet.“ Nachdem die gute Dame dieſe Mittheilung ge⸗ macht und außerdem dem Himmel mit großer Glut und Herzlichkeit gedankt hatte, ſank ſie, nach dem Brauche aller Frauen bei aufregenden Anläſſen, augenblicklich in Ohnmacht. Sie eilten zum Fenſter, riſſen es auf und ſchauten in die gedrängt volle Straße hinunter. Un⸗ ter einem dichten Volkshaufen, der unruhig durch einander wogte, konnte man das redliche Geſicht und die ſtämmige Geſtalt des Schloſſers erkennen, der um ſich ſchlug, als kämpfte er mit einem wild aufgeregten Meere. Jetzt wurde er etwa ein paar Dutzend Schritte zurückgedrängt, jetzt wieder faſt bis zu der Thüre vorgeſchoben, dann wieder zurück, dann nach den gegenüberliegenden Häuſern, dann gegen die neben dem ſeinigen; dann wurde er auf eine Treppenflucht hinaufgehoben und wohl von einem halben Hundert ausgeſtreckter Hände begrüßt, während die ganze tumultuirende Maſſe ihre Kehlen anſtrengte und aus Leibeskräften„‚Hurrahe rief. Ob⸗ ———-er—D—ᷣ—do1g)ßsß ———— 329 gleich der Schloſſer auf dem ſchönſten Wege war, unter der allgemeinen Begeiſterung in Stuͤcke ge⸗ riſſen zu werden, ſo brachte ihn doch nichts aus der Faſſung; er erwiederte die Jubelrufe, bis er eben ſo heiſer war, als irgend einer aus dem Haufen, und ſchwenkte im Uebermaße ſeiner Herzensfreude ſeinen Hut, bis das Tageslicht zwiſchen der Krempe und der Krone durchſchien. Aber in all' dieſem Wandern von Hand zu Hand, dieſem Hin⸗ und Herkämpfen, dieſem Dahin⸗ und Dorthinfegen, welches, ausgenommen daß er nach jedem Kampfe nur um ſo froher und ſtrahlender ausſah— den Frieden ſeiner Seele nicht mehr ſtörte, als ein Strohhalm die Oberfläche des Waſſers, ließ er auch nicht ein einzigesmal einen Arm fahren, der feſt in den ſeinigen geſchlungen war. Er drehte ſich hinundwieder ein wenig, um ſeinen Freund auf den Rücken zu klopfen, ihm ein Wort der Er⸗ muthigung in's Ohr zu füſtern, oder ihn mit einem Lächeln aufzuheitern; ſeine Hauptſache war jedoch, ihn gegen den Andrang zu ſchützen und einen Weg nach dem goldenen Schlüſſel für ihn zu erzwingen. Leidend und furchtſam, eingeſchüchtert, blaß und verwundert auf das Gedränge hinſtierend, als wäre er eben vom Tode erſtanden und jetzt als Ge⸗ ſpenſt unter den Lebendigen erſchienen, klammerte ſich Barnaby— nicht Barnaby im Geiſt, ſon⸗ dern in Fleiſch und Blut, mit Muskeln, Sehnen, Nerven und einem klopfenden, liebevollen Herzen— 330 an ſeinen wackern alten Freund, von dem er ſich nach deſſen Belieben führen ließ. Und ſo erreichten ſie im Laufe der Zeit die Thüre, welche ihnen willkommenen Einlaß bot. Sie ſchlüpften hinein, ſchloßen ſie mit aller Gewalt vor der nachdrängenden Menge zu, und nun ſtand Ga⸗ briel zwiſchen Herrn Haredale und Edward Cheſter, während Barnaby die Treppe hinauf eilte und an ſeiner Mutter Bette auf die Kniee niederfiel. „So hat denn das beſte Tagewerk, das wir je vollbrachten, ein geſegnetes Ende genommen,“ rief der keuchende Schloſſer Herrn Haredale zu.„Die Hallunken!'s hat einen harten Strauß gekoſtet, um von ihnen los zu kommen. Etlichemal meinte ich, es ſey doch ein Bischen zu viel Wohlwollen für uns!“ Sie hatten ſich den ganzen vorigen Tag Mühe gegeben, Barnaby's Leben zu retten. Da es ihnen an dem erſten Orte, wo ſie ihr Anliegen vorbrachten, fehl ſchlug, erneuerten ſie ihre Bemühungen an einem andern. Auch hier zurückgewieſen, fingen ſie um Mitternacht auf's Neue an, nicht nur bei den Richtern und den Geſchworenen, die ihn verurtheilt hatten, ihre Runde machend, ſondern auch zu Män⸗ nern von Einfluß, zu dem jungen Prinzen von Wales und ſogar zu den Vorzimmern des Königs ihre Zuflucht nehmend. Nachdem es ihnen endlich geglückt war, ein Intereſſe für den Verurtheilten zu wecken, und man ſich nicht abgeneigt zeigte, die Sache — 331 leidenſchaftsloſer zu unterſuchen, verſchafften ſie ſich eine Audienz bei dem Miniſter, der ſie Morgens um 8 Uhr im Bette empfing. Das Reſultat einer ſtrengeren Unterſuchung, bei welcher ſie, die den armen Burſchen von ſeiner Kindheit her kannten (abgeſehen von ihren Bemühungen, denen man die Wiederaufnahme des Prozeſſes zu verdanken hatte), weitere gute Dienſte leiſteten— lief darauf hinaus, daß zwiſchen eilf und zwölf Uhr ein Begnadigungs⸗ brief für Barnaby Rudge ausgefertigt, unterzeichnet und einem berittenen Gardiſten übergeben wurde, um denſelben ſogleich nach dem Orte, wo die Hinrichtung Statt haben ſollte, zu bringen. Der Courier langte in demſelben Augenblick an, als der Karren auffuhr. Barnaby wurde nun nach dem Gefängniß zurückgeſchafft, und Herr Haredale, der hieraus die Ueberzeugung gewann, daß die Sache nach Wunſche ſtand, hatte ſich unmittelbar von Bloomsburg⸗Square nach dem goldenen Schlüſſel begeben, Gabriel die dankbare Aufgabe überlaſſend, Barnaby im Triumphe nach Hauſe zu bringen. „Ich brauche nicht zu ſagen,“ bemerkte der Schloſſer, nachdem er wenigſtens zu fünfzigmalen allen Männern im Hauſe die Hände gedrückt und alle Frauenzimmer umarmt hatte,„daß ich keinen weiteren Triumph daraus machen wollte, als für uns ſelbſt. Aber ſobald wir in die Straßen ge⸗ langten, wo man uns kannte, fing dieſer Tumult an. Wenn man mir die Wahl ließe,“ fügte er bei, indem 33² er ſein Purpurgeſicht abwiſchte, ſo zöge ich es nach den gemachten Erfahrungen vor, von einem feind⸗ lichen Haufen aus meinem Hauſe geholt, als von einem derartigen Freundesauflauf nach demſelben zurückgeleitet zu werden.“ Es war jedoch klar genug, daß dieß von Seiten Gabriels nur eine Redensart war, und daß ihm die ganze Prozeſſion die größte Wonne bereitete; denn da das Volk draußen fortlärmte und Hurrah rief, als hätte es ſich Stimmen der beſten Sorte zugelegt, die wohl in vierzehn Tagen nicht umzubringen wären, ſo ſchickte er nach Greif hinauf— dieſer war näm⸗ lich auf ſeines Gebieters Rücken mitgekommen und hatte die Gunſtbezeugungen der Menge dadurch an⸗ erkannt, daß er jeden Finger, der in ſeinen Bereich kam, blutig hackte— und präſentirte ſich, mit dem Vogel auf dem Arme, an einem Fenſter des erſten Stocks, ſeinen Hut ſo lange ſchwenkend, daß er nur noch an einem Fetzen zwiſchen ſeinen Fingern und dem Daumen niederhing. Nachdem dieſe Demon⸗ ſtration mit dem gebührenden Jubel aufgenommen und das Schweigen einigermaßen wieder hergeſtellt war, dankte er ihnen für ihre Theilnahme, nahm ſich aber zugleich die Freiheit, ihnen mitzutheilen, daß eine kranke Perſon im Hauſe ſey, weßhalb er ihnen den Vorſchlag mache, drei Hurrah's für König George, drei für Alt⸗England und drei für gerade nichts Beſonderes auszubringen; damit aber die Ceremonie zu ſchließen. Die Menge ließ ſich 33³ das gefallen, ſubſtituirte für das nichts Beſondere Gabriel Varden, gab ihm noch ein vollgemeſſenes Hurrah oben drein und zerſtreute ſich dann in der beſten Laune. Welche Glückwünſche ausgetauſcht wurden, als ſie allein waren, welches Uebermaß von Freude und Glück unter ihnen herrſchte, wie unfähig Barnaby war, auch nur über ein Wort zu gebieten, und wie verwirrt er von dem Einen zum Andern ging, bis er ſich ſo weit beruhigt hatte, um ſich neben dem Lager ſeiner Mutter auf den Boden ſtrecken und in einen tiefen Schlaf verfallen zu können— dies ſind Dinge, von welchen wir nicht zu ſprechen brauchen. Auch iſt es gut, daß ſie dieſer Klaſſe anheimfallen, denn es wäre ſchwer, Bericht darüber zu erhalten, wenn ihre Aufführung ſo gar unerläßlich wäre. Ehe wir dieſes heitere Gemälde verlaſſen, wird es gut ſeyn, auch noch einen Blick auf ein ganz anderes und düſtereres zu werfen, welches ſich dieſelbe Nacht nur vor einigen wenigen Augen entfaltete. Der Schauplatz war ein Kirchhof, die Zeit Mitternacht, die Perſonen Edward Cheſter, ein Geiſtlicher, ein Todtengräber und die vier Träger eines ärmlichen Sarges. Sie ſtanden um ein friſch aufgeworfenenes Grab, und einer der Träger hatte eine trübe Laterne in der Hand— das einzige Licht an dieſem Orte— welche ihre matten Strahlen auf das Gebetbuch warf. Er ſtellte ſie für einen Augen⸗ blick auf den Sarg, als er und ſeine Gefährten ihn 334 niederließen. Es war keine Inſchrift auf dem Deckel. Die Erde ſiel feierlich auf die letzte Behauſung dieſes namenloſen Mannes und das Poltern der Schollen tönte unheimlich ſogar in den an ſolche Töne gewohnten Ohren derjenigen wieder, welche ihn zu dieſer Ruheſtätte getragen hatten. Das Grab wurde wieder angefüllt und die Erde niedergetreten. Dann verließen ſie gemeinſchaftlich die Stelle. „Ihr habt ihn im Leben nie geſehen?“ fragte der Geiſtliche Herrn Edward. „Oft; doch iſt das ſchon ſeit Jahren. Ich wußte nicht, daß er mein Bruder war.“ „Seitdem nicht wieder?“ „Nein. Ich wollte ihn geſtern beſuchen, doch er war nicht zu vermögen, mich vorzulaſſen, obſchon er, auf meinen Wunſch, zu öftermalen dringend darum angegangen wurde.“ „Und doch wollte er nicht? Das war verſtockt und unnatürlich.“ „Meint Ihr ſo?“ „Ich muß daraus wohl entnehmen, daß Ihr anderer Meinung ſeyd?“ „Ihr habt Recht. Wir hören jeden Tag, daß ſich die Welt über Ungeheuer von Undankbarkeit wundert. Iſt es Euch nie aufgefallen, daß ſie oft ein Ungeheuer von Liebloſigkeit als Etwas betrachtet, was ganz zu dem Laufe der Dinge gehört?“ ————— 8⁸— n n it ft 335 Sie hatten inzwiſchen das Thor erreicht, ſag⸗ ten ſich gute Nacht, und gingen ihrer verſchiedenen Wege. Achtzigſtes Kapitel. Denſelbigen Nachmittag, als der Schloſſer ſeine Ermüdung weggeſchlafen, ſich raſirt, gewaſchen angekleidet und vom Scheitel bis zur Zehe erfriſcht, nachdem er zu Mittag geſpeist, ſich mit einer Pfeife, einem Extra Toby, einem Schläfchen in dem großen Armſtuhl und einem friedlichen Geplauder mit Frau Varden über Alles, was ſich in dem Bereiche ihrer häuslichen Angelegenheiten zugetragen, zutrug, oder zutragen konnte, getröſtet hatte— ſetzte er ſich an dem Theetiſch des heiteren Wohnſtübchens nieder, der ſtrahlendſte, gemüthlichſte, luſtige, herzigſte, zu⸗ friedenſte alte Knabe in oder außerhalb der Großbri⸗ tanniſchen Lande. Da ſaß er, das ſtrahlende Auge auf Frau Var⸗ den gerichtet, und ſein glänzendes Angeſicht über⸗ ſtrömte von Freude; ſogar ſeine umfangreiche Weſte ſchien aus jeder Runzel zu lächeln und ſeine fidele Stimmung ließ ſich ſelbſt in der Art erkennen, wie ſeine plumpen Füße unter dem Tiſch vorguckten: 336 ein Anblick, der den Eſſig der Miſanthropie in die reinſte Milch der Menſchenliebe hätte umwandeln können. Da ſaß er, zuſehend, wie ſeine Gattin das Zimmer mit Blumen ſchmückte. Dieß geſchah Dolly und Joſeph Willet zu Ehren, welche mit ein⸗ ander ſpazieren gegangen waren, und für welche der Theekeſſel auf dem Schalke volle zwanzig Minuten ſo luſtig ſang und zirpte, wie nie ein Keſſel gezirpt hat— für welche das beſte Service von ächtem, unbe⸗ zweifelten chineſiſchen Porzellän, mit unterſchiedlichen rundgeſichtigen Mandarinen bemalt, die große Schirme in der Hand trugen, in ſeiner ganzen Glorie ent⸗ faltet war— deren Appetit zu reizen ein heller, durch⸗ ſichtiger, ſaftiger Schinken, mit kühlem Salat und würzigen Gurken garnirt, auf einem im Schatten ſtehenden und mit ſchneeweißem Tuche gedeckten Tiſche ruhte— die zu erfreuen eingemachte Früchte und Dick⸗ ſäfte, mürbe Kuchen und kleines Backwerk mit klei⸗ nen Tabakrollen und Hausbrodlaiben, weißen und braunen Semmeln in üppiger Fülle aufgeſtellt waren— bei deren Jugend Frau Varden, die in roth und weißem Kleide da ſtand, ſelbſt wieder ganz jung ge⸗ worden, ſymmetriſch von Geſtalt, hübſch, rundlich, mit rothen Wangen und Lippen, zierlichen Füßen, lachendem Geſichte und roſiger Laune, überhaupt in jeder Hinſicht köſtlich anzuſehen— da ſaß denn der Schloſſer inmitten dieſer Welten von Entzücken, die Sonne, welche ſie alle beleuchtete: der Mittelpunkt des Syſtems, der Quell des Lichts, der Wärme, des 1 1 337 Lebens und der frohherzigen Heiterkeit in dem behag⸗ lichen Haushaltsplanetarium. Und wann war Dolly je dieſe Dolly geweſen, welche ſie dieſen Nachmittag war? Zu ſehen, wie ſie Arm in Arm mit Joe hereinkam; wie ſie ſich Mühe gab, nicht zu erröthen oder überhaupt ver⸗ wirrt zu erſcheinen; wie ſie dergleichen that, als machte ſie ſich gar nichts daraus, ob ſie an ſeiner Seite ſitze oder nicht; wie ſie den Schloſſer mit ſchmeichelnden Flüſterworten bat, ſeine Späße zu unterlaſſen; wie ſie in der unruhigen Verwirrung ihres Glücks bald erröthete, bald erblaßte, dabei alles unrecht angriff und es dabei doch ſo gar hin⸗ reiſſend machte, daß es ſich weit beſſer ausnahm, als wenn es recht geweſen wäre!— Ei der Schloſſer hätte all' dieſem(wie er auch gegen Frau Varden bemerkte, als ſie ſich zur Ruhe begaben) vier und zwanzig Stunden in einem Zuge fort zuſchauen kön⸗ nen, ohne auch nur ein einzigesmal zu wunſchen, daß es vorbei ſeyn möchte. Dann auch die Erinnerungen, in welchen ſie ſich während dieſes ſehr in die Länge gezogenen Thee's ergingen. Die Seligkeit, womit der Schloſſer Joe fragte, ob er auch noch der Sturmnacht gedenke, in welcher er vor dem Maibaum zum Erſtenmal nach Dolly gefragt— das Lachen der ſämmtlichen An⸗ weſenden uber jenen Abend, als Dolly in der Sänfte die Soirée beſuchte— die unbarmherzige Weiſe, in welcher ſie Frau Varden neckten, weil ſie damals Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 22 338 die Blumen vor das Fenſter hinausgelegt— die Schwierigkeit, womit ſich Frau Varden anfangs darein fand, über ſich ſelbſt mitzulachen, und wie gut ihr ſpäter der Spaß vorkam— Joe's vertrauliche Mit⸗ theilungen hinſichtlich des Tages und der Stunde, wo er ſich zuerſt ſeiner Liebe zu Dolly bewußt ge⸗ worden, und Dolly's halb freiwillige, halb erpreßte erröthende Zugeſtändniſſe über die Zeit, von der an ſie die Entdeckung datirte, daß ſie ſich aus Ive „nichts mache“— all' dieß war ein unerſchöpflicher Stoff für Heiterkeit und Unterhaltung! Dann gab es auch noch viel zu reden über Frau Varden's Zweifel, mütterliche Beſorgniſſe und ſuperfeine Bedenklichkeiten; und es erhellte aus Allem, daß Frau Varden's Beobachtungsgabe und außer⸗ ordentlichem Scharfblick von Anfang an nicht das Mindeſte verborgen geblieben war. Sie hatte Alles längſt gewußt. Sie hatte es von Anbeginn voraus⸗ geſehen und prophezeit. Sie hatte es gemerkt, ehe es ſogar die Betheiligten wußten. Sie hatte zu ſich ſelbſt geſagt(ſie konnte ſich ſogar noch genau der Worte erinnern)„der junge Willet hat ſicherlich ein Auge auf unſere Dolly, weßhalb ich ein Auge auf ihn haben muß.“ Demgemäß hatte ſie ein Auge auf ihn geworfen und viele kleine Umſtände, die ſie alle nahmhaft machte, von ſo ungemein mikroſcopi⸗ ſcher Natur bemerkt, daß ſelbſt jetzt noch Niemand, als ſie, daraus klug zu werden vermochte; dabei hatte ſie natürlich von Anfang an bis zu Ende mit 81S 2221r ed— ☛— +½ Ze2 339 dem ſicherſten Takt, überhaupt wie ein vollendeter Feldherr, operirt. Begreiflicherweiſe kam auch die Nacht an die Reihe, in der Joe durchaus neben der Chaiſe mit fortreiten wollte, was aber Frau Varden nicht zu⸗ gab, indem ſie darauf beſtand, daß er wieder um⸗ kehre— deßgleichen auch die Nacht, wo Dolly in Ohnmacht ſank, als ſie ſeinen Namen nennen hörte — und dann, wie oft und vielmal hatte die kluge und ſtets wachſame Frau Varden ſie nicht in Thrä⸗ nen zerfließend auf ihrem Kämmerchen getroffen. Mit einem Worte, Nichts wurde vergeſſen; und was man auch vorbringen mochte, Alles führte zu dem Schluſſe zurück, daß gerade jene Stunde die glück⸗ lichſte in ihrem ganzen Leben war, woraus ſich denn weiter folgern ließ, daß Alles, was vorgefallen, recht geweſen ſeyn müſſe, und nichts ſich denken laſſe, wodurch es hätte beſſer werden können. Während ſie am eifrigſten in dieſer Unterhaltung begriffen waren, hörte man einen Schlag von der Werkſtattthüre her, welche, um alle Störung zu vermeiden, den ganzen Tag über geſchloſſen war, Joe wollte ſich's in ſeinem Dienſteifer nicht neh⸗ men laſſen, ſelbſt hinzugehen und die Thüre zu öffnen, weßhalb er auch in dieſer Abſicht das Zim⸗ mer verließ. Es wäre gewiß ſeltſam genug geweſen, wenn Ioe den Weg zu dieſer Thüre vergeſſen hätte, und ſelbſt wenn es der Fall geweſen, ſo war ſie 22 ¾ 340 immerhin groß genug, und lag ihm ſo ganz vor der Naſe, daß er ſie nicht leicht verfehlen konnte. Aber Dolly, vielleicht in Folge der oben erwähnten geiſti⸗ gen Verwirrung, vielleicht auch, weil ſie glaubte, er werde nicht im Stande ſeyn, die Thüre mit ſei⸗ nem einzigen Arm zu öffnen— einen andern Grund konnte ſie nicht haben— eilte ihm nach; und ſie machten ſo lange in dem Oehrn Halt— ohne Zweifel wegen Joe's Bitten, daß ſie ſich nicht dem Zug einer Juli Luft ausſetzen möchte, die unvermeidlich hereinſtrömen mußte, ſobald man dieſe Thüre öffnete— daß das Klopfen noch weit lauter als zuvor wiederholt wurde. „Wird die Thüre endlich einmal aufgemacht werden?“ rief der Schloſſer;„oder ſoll ich kommen?“ Darauf eilte Dolly, voll Grübchen und Erröthen in die Wohnſtube zurück, und Joe öffnete mit mäch⸗ tigem Lärm und andern überflüſſigen Demonſtrationen einer gewaltigen Eile die Thüre. „Nun,“ ſagte der Schloſſer, als Joe wieder zurückkam.„Was gibt's? He, Joe? Worüber lachſt du?“ „Oh über nichts, Sir. Es kömmt herein.“ „Wer kömmt herein? Was kömmt herein?“ Frau Varden, die ſich mit ihrem Gatten in gleicher Verlegenheit befand, konnte auf deſſen fra⸗ genden Blick nur den Kopf ſchütteln. Der Schloſſer drehte daher ſeinen Stuhl um, damit er eine beſſere Ausſicht nach der Stubenthüre gewänne, und ſtierte mit weit offenen Augen und einem gemiſchten Aus⸗ 341 druck von Neugierde und Verwunderung in ſeinem heiteren Geſichte nach derſelben hin. Statt daß aber eine Perſon oder Perſonen ge⸗ radezu erſchienen, ließen ſich unterſchiedliche merk⸗ würdige Töne zuerſt in der Werkſtatt und dann in dem kleinen dunkeln Gang vor der Wohn⸗ ſtube vernehmen, als ob irgend eine ungeſchlachte Kiſte oder ein ſchweres Möbelſtück hereingebracht würde, und zwar durch eine menſchliche Kraftan⸗ ſtrengung, die der Aufgabe nicht gewachſen war. Endlich nach vielem Kämpfen, Poltern und Anſchla⸗ gen an beiden Wänden wurde die Thüre wie durch einen Rannblock aufgeſtoßen, worauf der Schloſſer, der mit feſtem Blicke Acht hatte, was jenſeits vor⸗ ging, auf ſein Bein ſchlug, die Augenbrauen in die Höhe zog, den Mund öſſnete, und mit lauter, die größte Beſtürzung bekundender Simme ausrief: „Ich will des Henker's ſeyn, wenn da nicht die Migg's zurückkömmt.“ Das junge Frauenzimmer hatte kaum dieſe Worte gehört, als ſie plötzlich einen ſehr kleinen Jungen und einen ſehr großen Koffer, in deren Ge⸗ leite ſie gekommen war, verließ, und mit ſolcher Eile, daß ihr die Haube von dem Kopfe flog, in das Zimmer eilte; dabei ſchlug ſie ihre Hände, in deren jeder ſie einen Ueberſchuh hatte, zuſammen, erhob die Augen andächtig zur Decke und brach in einen Thränenſtrom aus. „Wieder die alte Geſchichte!“ rief der Schloſſer 342 in unausſprechlicher Verzweiflung nach ihr hin⸗ ſehend.„Dieſe junge Weibsperſon iſt dazu geboren, allenthalben eine Freudenſtörerin zu ſeyn! Da hilft nichts!“ „Ho Meiſter, ho Ma'am!“ rief Miggs,„kann ich meine Gefühle niederkämpfen in dieſem hier wieder einmal vereinigten Augenblicke? Ho, Herr Varſen, da iſt Segen unter Verwandten, Sir. Da iſt Vergebung von Beleidigungen, da ſind Freund⸗ lichkeiten!“ Der Schloſſer blickte mit noch immer erhobenem und offenem Munde von ſeinem Weib auf Dolly, von Dolly auf Joe und von Ive auf Miggs, wo ſie indeß wie gebannt haften blieben. „Zu denken,“ rief Miggs mit hyſteriſcher Freude, „daß Herr Joe und die liebe Miß Dolly wirklich zu⸗ ſammengekommen ſind, nach Allem, was man da⸗ gegen geſagt oder gethan hat! Zu ſehen, wie die Beiden mit ihm und ihr ſo vergnügt und in jeder Hinſicht ſo geſprächig und mild beiſammen ſitzen, ohne daß ich etwas davon weiß und um den Weg bin, um die Vorbereitungen zu ihrem Thee zu machen! Ho, wie Einem das nicht in's Herz ſchneidet, und doch, welche ſüße Gefühle es in mir erweckt!“ Als Miß Miggs ſo weit gekommen, ſchlug ſie ihre Ueberſchuhe in der Weiſe von einem Paar Cym⸗ beln zuſammen— vielleicht weil ſie die Hände dan⸗ kend falten wollte, vielleicht aber auch in der Ver⸗ N N A& 343 zückung ihrer frommen Freude— und nahm dann in den weichſten Tönen wieder auf: „Und hat meine Miſſis denken können— ho, du meine Güte, hat ſie denken können— von ihrer Miggs, die ſie unter ſo vielen Prüfungen unterſtützt und ihre Natur verſtanden hat, wenn diejenigen, die es wohl gut gemeint, aber rauh angegangen haben, ihr die tiefſten Gefühle verletzten— hat ſie glauben können, daß ihre Miggs ſie je verlaſſen würde? Hat ſie gemeint, Miggs, obgleich ſie nur eine Magd iſt und weiß, daß Dienſte keine Erb⸗ ſchaften ſind, werde vergeſſen, daß ſie das demüthige Werkzeug war, das alles zwiſchen ihnen wieder in's Gleiche brachte, wenn ſie ſich entzweiten, und immer dem Meiſter vorhielt, wie demüthig und verſöhnlich ihr geſegneter Charakter ſey? Glaubt ſie, Miggs habe keine Anhänglichkeit? Hat ſie meinen können, der Lohn ſey ihr einziger Zweck?“ Frau Varden erwiederte auf keine dieſer Fragen auch nur ein Wort, obgleich jede derſel⸗ ben mit ſich ſteigerndem Pathos vorgetragen wurde. Miggs jedoch, die ſich durch dieſen Umſtand nicht im Geringſten einſchüchtern ließ, wandte ſich an den kleinen Knaben, der mit ihr gekommen— ihren älteſten Neffen, den Sohn ihrer verheiratheten Schweſter, geboren im goldenen Löwenhof Nr. 7. und erzogen im Schatten der zweiten Klingel, rechts neben der Thüre— und redete ihn unter fleißigem Gebrauch ihres Taſchenbuchs, mit der Bitte an, daß 344 er, wenn er nach Hauſe zurückkomme, ſeine Eltern über ihren(ſeiner Tante) Verluſt tröſten ſolle, in⸗ dem er ihnen einen treuen Bericht erſtatte, wie er ſie im Schooße jener Familie, der, wie ſeine vorbeſag⸗ ten Eltern wohl wüßten, ihre beſten Zuneigungen ein⸗ verleibt ſeyen, verlaſſen habe; er möchte ſie darauf auf⸗ merkſam machen, daß nichts, als ihr gebieteriſches Pflicht⸗ gefühl und ihre treue Anhänglichkeit an ihren alten Meiſter und Miſſis, deßgleichen an Miß Dolly und den jungen Herrn Joe, ſie je hätten veranlaſſen kön⸗ nen, die dringenden Einladungen abzulehnen, womit, wie er bezeugen könne, ſeine Eltern ihr unentgeld⸗ liche Koſt und Wohnung für immer angeboten hät⸗ ten; endlich, er möge ihr den Koffer hinaufſchaffen helfen und dann ſchnurrſtracks nach Hauſe zurück kehren, begleitet von ihrem Segen und ihrer ſtrengen Einſchärfung, ſeiner täglichen Andacht die Bitte bei⸗ fügen, daß er im Laufe der Zeit als ein Schloſſer oder als ein Herr Joe aufwachſe und lauter Frau Varden’s und Miß Dolly's zu Verwandten und Freunde bekomme. Nachdem ſie mit dieſer Ermahnung zu Ende gekommen— auf welche indeß, die Wahrheit zu ſagen, der junge Gentleman, dem ſie zu Nutz und From⸗ men dienen ſollte, wenig oder keine Acht hatte, ſintemalen dem Anſchein nach alle ſeine Fähigkeiten in Betrachtung des kleinen Backwerks vertieft waren — bedeutete Miß Miggs der Geſellſchaft im Allge⸗ meinen, ſie möge ſich nicht ſtören laſſen, denn ſie 345 werde bald wieder zurückkehren; und unter Beihilfe ihres Neffen ſchickte ſie ſich an, ihre Garderobe die Treppe hinauf zu ſchaffen. „Meine Liebe,“ ſagte der Schloſſer zu ſeiner Gattin.„Verlangſt du dieß?“ „Ob ich es verlange?“ antwortete ſie.„Ich bin erſtaunt— ich kann mich nicht genug verwun⸗ dern— über dieſe Keckheit. Sie ſoll im Augenblick das Haus verlaſſen.“ Als Miggs dieß hörte, ließ ſie ihr Kofferende ſchwer auf den Boden fallen, ſchnüffelte laut auf, ſchlug die Arme über einander, ließ die Mundwinkel hängen und rief dreimal in ſteigender Skale: „Ho, du grundgütiger Himmel!“ „Sie hört, was ihre Gebieterin ſagt, meine Gute,“ bemerkte der Schloſſer.„Ich halte es daher für das Beſte, wenn ſie geht. Doch Halt! nehme ſie dieß mit ſich, um alter Dienſte willen.“ Miß Miggs packte die Banknote, die er aus ſeinem Taſchenbuche nahm, hielt ſie vor ſich hin, verſorgte ſie in einem kleinen, rothledernen Beutel, ſteckte ihn in die Taſche(wobei ſie eine beträchtliche Portion Flanellunterrock und mehr von ihren ſchwar⸗ zen, baumwollenen Strümpfen blicken ließ, als man gewöhnlich öffentlich zu ſehen bekömmt), warf den Kopf in die Höhe, ſchaute Frau Varden an, und wiederholte: „Ho, du grundgütiger Himmel!“ 346 „Sie hat, glaube ich, dieß ſchon vorhin geſagt, meine Gute,“ bemerkte der Schloſſer. „Die Zeiten ſind anders geworden, nicht wahr, Ma'am?“ rief Miggs aufbrauſend.„Ihr könnt mich jetzt entbehren, he? Ihr könnt ſie ohne mich unter dem Daumen halten? Ihr braucht jetzt Niemand mehr, den Ihr auszanken und zum Sündenbock ma⸗ chen könnt, nicht wahr, Ma'am? Es freut mich, zu finden, daß Ihr ſo unabhängig geworden ſeyd. Ich wünſche Euch Glück dazu, wahrhaftig!“ Bei dieſen Worten machte ſie einen Knix, warf den Kopf in die Höhe, wandte das Ohr Frau Var⸗ den zu, faßte die übrige Geſellſchaft in's Auge, je nachdem ſie die eine oder die andere Perſon in ihren Bemerkungen berührte, und fuhr fort: „Ich bin in der That ganz entzückt über eine ſolche Unabhängigkeit, obſchon es mir zu gleicher Zeit Leid thut, Ma'am, daß Ihr in ſolche Unterwerfungen gezwungen worden ſeyd, als Ihr Euch nicht anders zu helfen wußtet— hi, hi, hi! Es muß ein großer Verdruß ſeyn, beſonders wenn man bedenkt, wie ſchlimm Ihr immer von Herrn Joe geſprochen habt — und ihn am Ende noch zu einem Schwiegerſohn haben ſollt; und es wundert mich, wie Miß Dolly mit ihm zurecht kommen kann, nachdem ſie ſo viele Jahre in einen Kutſchenmacher vernarrt geweſen iſt. Aber ich hörte ſagen, der Kutſchenmacher habe ſich die Sache zweimal überlegt— hi, hi, hi!— und habe einem jungen Manne, der ein Freund von ihm — 347 geweſen, geſagt, daß er hoffe, er ſey geſcheuter, als ſich ſo einziehen zu laſſen, obgleich ſie in der ganzen Familie gewaltig an ihm zerren thäten!“ Hier hielt ſie einen Augenblick inne, um eine Antwort abzuwarten; da ſie jedoch ausblieb, machte ſie in dem früheren Tone fort. „Ich habe ſagen hören, Ma'am, daß die Ueblig⸗ keiten von gewiſſen Frauen nichts als Verſtellungen ſind, und daß ſie ſteintodt in Ohnmacht ſinken kön⸗ nen, ſo oft ſie nur die Neigung dazu anwandelt. Natürlich hab' ich ſo Etwas nie mit meinen eigenen Augen angeſehen— o nein! hi, hi, hi! Auch der Meiſter nicht— o nein! Hi, hi, hi! Ich habe die Nachbarn ſagen hören, wie ein Gewiſſer, mit dem ſie bekannt ſeyen— ein armer, gutmüthiger Pan⸗ toffelnarr— eines Tags ausging, um ein Weib zu fiſchen, und einen Drachen gefangen hat. Natürlich habe ich, meines Wiſſens, die arme Perſon nie ge⸗ ſehen. Und auch Ihr nicht, Ma'am— ho nein. Ich möchte nur wiſſen, wer's geweſen ſeyn kann— Ihr nicht auch, Ma'am? Ohne Zweifel, Ma'am. Ho ja! Hi, hi, hi!“ Abermals harrte Miggs auf Antwort, und als dieſe eben ſo wenig erfolgte, gährte Gift und Galle ſo überwältigend in ihr, daß ſie hätte berſten mögen. „Es freut mich, daß Miß Dolly lachen kann,“ rief Miggs mit einem ſchwachen Gekicher.„Ich habe es gerne, wenn ich Lente lachen ſehe— Ihr auch, Ma'am, nicht wahr? Ihr hattet immer Eure 348 Freude daran, wenn die Leute in guter Laune waren, oder nicht, Ma'am? Und Ihr habt immer Euer Beſtes gethan, ſie aufzuheitern, nicht wahr, Ma'am? Obgleich es jetzt nicht mehr ſo viel zu lachen gibt, he, Ma'am?'s iſt kein ſo großer Fang, nachdem man ſich von Kindsbeinen an immer ſo ſcharf umgeſehen und ſo viel in Kleidern und Staat gekoſtet hat, einen armen, gemeinen Soldaten mit einem einzigen Arm daran zu kriegen— oder Ma'am? Hi, hi. Ich möchte unter keinen Umſtänden einen Mann mit einem einzi⸗ gen Arm. Der Meinige müßte zwei Arme haben. Wenn ich's wär', müßte ich zwei Arme haben, und wenn ſtatt der Hände nur ein paar Hacken daran wären, wie bei unſerem Kehrichtkärrner.“ Miß Miggs wollte noch beifügen, und hatte auch in der That ſchon angefangen, im Allgemeinen ge⸗ nommen wären Kehrichtkärrner noch bei Weitem an⸗ ſehnlichere Partieen, als Soldaten, obgleich natürlich Leute, bei denen die Zeit zum Wählen vorbei ſey, das nächſte Beſte, was ſie kriegen könnten, nehmen und ſich noch glücklich dabei ſchätzen müßten; da je⸗ doch ihr Aerger und Verdruß von jener bittern, in's Innere freſſenden Art war, welche in Worten keine Erleichterung findet, ſondern durch den Mangel an Widerſpruch ſich zu förmlichem Wahnſinn ſteigert, ſo vermochte ſie ſich nicht länger zu halten; ſie brach in ein Unwetter von Geſchluchze und Zähren aus. In dieſer äußerſten Noth ſiel ſie mit Zähnen und Nägeln über ihren unglücklichen Neffen her, 349 zauste ihm eine Hand voll Haare vom Kopfe, fragte, wie lange ſie noch daſtehen und ſich Kränkungen ge⸗ fallen laſſen müſſe, ob er gedächte, ihr beim Hinaus⸗ tragen des Koffers zu helfen, oder nicht, und ob es ihm ein Vergnügen mache, ſeine Familie verunglimpfen zu horen, nebſt noch einigen derartigen Fragen. Nach dieſer Schmach und Beſchimpfung marſchirte der kleine Junge, der inzwiſchen durch den Anblick einer unerreichbaren Paſtete allmälig in förmliche Rebellion gegeißelt worden war, entrüſtet ab, es ſeiner Tante und dem Koffer überlaſſend, ihm mit Muße zu fol⸗ gen. Die Letzteren erreichten endlich unter Püffen und Zerren die Straße, wo Miß Miggs, hochroth vor Anſtrengung, ſich unter Geſchluchze und Thränen auf ihr Eigenthum niederſetzte, um auszuruhen und mit ſehnendem Verlangen zu harren, bis ſie einen anderen Jüngling verſtricken könnte, um ihr das Ge⸗ päck nach Hauſe ſchaffen zu helfen. „Die Sache iſt ſo gleichgültig, daß man nur darüber lachen kann, Martha,“ flüſterte der Schloſ⸗ ſer, indem er ſeiner Gattin nach dem Fenſter folgte und ihr gutmüthig die Augen trocknete.„Was liegt daran? Du haſt ja deinen Fehler ſchon früher ein⸗ geſehen. Na! Fülle mir den Toby noch einmal, meine Liebe. Dolly ſingt uns ein Liedchen, und wir wollen um dieſer Störung willen nur um ſo heiterer ſeyn.“ —— Einundachtzigſtes Kapitel. Ein weiterer Monat war verfloſſen und das Ende des Auguſts nahe, als Herr Haredale allein in dem Poſtbureau zu Briſtol ſtand. Obgleich nur wenige Wochen zwiſchen ſeiner Unterhaltung mit Ed⸗ ward Cheſter und ſeiner Nichte in dem Hauſe des Schloſſers lagen, und er inzwiſchen in ſeiner gewohn⸗ ten Tracht keine Veränderung vorgenommen hatte, ſo zeigte ſich doch eine große Umwandlung in ſeinem Aeußeren. Er ſah viel älter und abgezehrter aus. Heftige Gemüthsbewegungen und Sorgen ſtreuen zwar NRunzeln und graue Haare mit freigebiger Hand aus, aber das ſtumme Losreißen von alten Gewohnheiten und die Löſung theurer Familienbande ziehen doch noch weit tiefere Furchen. Die Liebe wird nicht ſo leicht verletzt, als die Leidenſchaft, aber ihre Spuren, ihre Wunden ſind einſchneidender und nachhaltiger. Er war jetzt ein verlaſſener Mann, und ſein Herz fühlte ſich traurig und verödet. Dieſes Gefühl laſtete nicht minder bedrückend auf ihm, weil er ſo viele Jahre in der Zurückgezo⸗ genheit und Abgeſchiedenheit zugebracht hatte. Letztere waren eben ſo wenig geeignet, ihn auf ſeine derma⸗ lige Lage vorzubereiten, als heitere, geſellige Kreiſe, da ſie im Gegentheil ſogar ſeine empfindliche Reiz⸗ barkeit ſteigerten. Er hatte ſich ſo ſehr an den 351 Umgang und an die Liebe ſeiner Nichte gewöhnt; ſie war ſo ganz ein Theil von ſeinem Weſen geworden; ſie hatten ſo viele Leiden mit einander durchgemacht, von denen ſonſt Niemand wußte, daß mit ihrem Verluſte für ihn ein neues Leben begann: und er bedurfte doch ſo gar ſehr der Hoffnungsfülle und Schwungkraft der Jugend in den Bedenklichkeiten, dem Mißtrauen und der geſchwächten Thatkraft des Alters. Die Mühe, die er ſich gegeben hatte, mit heite⸗ rer und getroſter Miene von ihr zu ſcheiden— ſie hatten ſich erſt geſtern getrennt— ließ ihm ſeine Lage nur noch drückender erſcheinen. Unter ſolchen Ge⸗ fühlen wollte er London zum letztenmal beſuchen und ſich noch einmal die Trümmer ſeiner alten Heimath betrachten, ehe er ihr für immer den Rücken kehrte. Eine ſolche Reiſe war damals etwas ganz ande⸗ res, als in unſeren Tagen; aber auch der längſte Weg nimmt endlich ein Ende, und er ſtand wieder in den Straßen der Hauptſtadt. Er ſtieg in dem Wirths⸗ hauſe, wo die Kutſche Halt machte, ab, feſt entſchloſ⸗ ſen, ſeine Ankunft Niemand mitzutheilen, nur dieſe und die nächſte Nacht in London zu verbleiben, und ſich ſogar den Schmerz eines Abſchieds von dem ehrli⸗ chen Schloſſer zu erſparen. Gemüthsſtimmungen, wie diejenigen waren, wo⸗ mit ſich Herr Haredale zur Ruhe begab, begünſtigen wirre Phantaſiebilder und unruhige Träume. Er erkannte dieß auch aus dem Schrecken, womit er aus 352 ſeinem erſten Schlafe auffuhr, und riß das Fenſter auf, um ihn durch die Anweſenheit irgend eines Ge⸗ genſtandes außerhalb des Zimmers zu verſcheuchen, der, ſo zu ſagen, nicht Zeuge ſeines Traumes gewe⸗ ſen war. Es war indeß kein neuer, nächtlicher Schreck, denn er hatte ſich ſchon früher in mancherlei Formen vor ihn hingeſtellt, ihn in vergangenen Zeiten viel umſpuckt und hin und wieder ſeinen Pfühl heimge⸗ ſucht. Wär' es nur ein häßliches Bild, ein kindi⸗ ſches Geſpenſt geweſen, das ſeinen Schlaf in einer früheren Geſtalt ſtörte, ſo hätte es vielleicht ein au⸗ genblickliches Gefühl der Furcht erweckt, das übrigens mit dem Moment des Erwachens verſchwunden wäre. Dieſe Unruhe laſtete jedoch beharrlich auf ihm und wollte ſich durch nichts verſcheuchen laſſen. So oft er die Augen wieder ſchloß, fühlte er, wie ſie nieder⸗ ſchwebte, und als er langſam einſchlummerte, wurde er ſich deutlich bewußt, wie ſie allmätig ihre frühere Geſtalt annahm und Kraft und Bedeutung gewann. Er ſprang zwar von ſeinem Bette auf und das Phantom verſchwand aus ſeinem erhitzten Gehirne, ließ aber ein Bangen in ſeinem Innern zurück, gegen das er vergeblich mit dem wachen Verſtande an⸗ kämpfte. Die Sonne war ſchon aufgegangen, ehe er ſich ſeiner Angſt entſchlagen konnte. Er verließ ſpät, aber unerfriſcht ſein Lager und blieb den ganzen Tag auf ſeinem Zimmer. Er hatte ſich vorgenom⸗ men, ſeinen letzten Beſuch an der alten Stelle in den 353 Abendſtunden zu machen, denn dieß war ſonſt die Zeit ſeiner Spaziergänge geweſen, und er wünſchte ſie unter Umſtänden zu ſehen, wie ſie ihm am meiſten heimiſch waren. Er verließ das Wirthshaus zu einer Zeit, welche es ihm möglich machte, ſeine frühere Wohnung ein wenig vor Sonnenuntergang zu erreichen und trat in die geſchäftigen Straßen hinaus. Er war noch nicht weit gekommen und trieb ſich gedankenvoll in dem lärmenden Gedränge hin, als er eine Hand auf ſeiner Schulter fühlte und beim Umwenden einen Kellner aus dem Wirthshauſe er⸗ kannte, welcher wegen dieſer Störung um Verzeihung bat, dieſelbe aber damit entſchuldigte, daß er ſeinen Degen zurückgelaſſen habe. „Warum habt Ihr ihn mir gebracht?“ fragte er, die Hand nach der Waffe ausſtreckend, ohne ſie jedoch hinzunehmen, indem er den Andern nur mit einer verſtörten und unruhigen Miene anſah. Der Kellner bedauerte, läſtig gefallen zu ſeyn, und wollte die Waffe wieder mitnehmen. Der Gent⸗ leman habe geſagt, er wolle einen Spaziergang auf's Land hinaus machen und werde wohl erſt ſpät zurück⸗ kehren. Nach Einbruch der Nacht ſeyen die Wege für einzelne Wanderer nicht geheuer, und ſeit der Unruhen hätten Perſonen von einem anſehnlichen Aeußern mehr Urſache als je, ſich nicht ohne Waffen an einſame Orte zu begeben.„Wir hielten Euch für einen Fremden, Sir,“ fügte er bei,„und ver⸗ Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 23 254 mutheten, Ihr könntet unſere Wege für beſſer halten, als es wirklich der Fall iſt; vielleicht kennt Ihr ſie übrigens ſelbſt gut genug und habt daher wohl Piſto⸗ len mit Euch genommen—“ Er nahm den Degen, ſteckte ihn an ſeine Seite, dankte dem Manne und ging weiter. Man erinnerte ſich lange nachher noch, daß er dieß in einer ſo ſeltſamen Weiſe und mit ſo zitternder Hand that, daß der Kellner ſtehen blieb und der ſich entfernenden Geſtalt nachſah, zweifelhaft, ob er ihr nicht folgen und auf ſie Acht haben ſolle. Auch entſann man ſich deſſen noch lange, daß man ihn mitten in der Nacht in ſeinem Schlafgemach hatte auf⸗ und abgehen hören; daß die Aufwärter ſich des andern Morgens gegenſeitig darauf aufmerkſam ge⸗ macht, wie ſieberiſch und blaß er ausſah, und daß der Kellner, als er wieder nach dem Wirthshauſe zurückkehrte, einem Gehülfen ſagte, er habe in dieſer kurzen Unterredung bemerkt, daß dem Herrn Etwas ſchwer auf dem Herzen liegen müſſe; er fürchte, er werde ſich ſelbſt ein Leides anthun und nicht mehr lebendig zurückkommen. Herr Haredale ſchien ſich halb bewußt zu ſeyn, daß ſein Benehmen die Aufmerkſamkeit des Menſchen auf ſich gezogen hatte(es war auch deutlich genug in deſſen Geſicht zu leſen geweſen), weßhalb er ſeine Schritte beſchleunigte. Sobald er bei einem Kutſchen⸗ ſtande angelangt war, miethete er ſich den beſten Wagen, der ihn bis zu der Stelle, wo der Fußweg —-9 ☛ 2. 25⁵ über die Felder ging, bringen und in einem Wirths⸗ hauſe, das auf Steinwurfsweite entfernt lag, warten ſollte, bis er wieder zurückkäme. Als er an dem bedungenen Punkte anlangte, ſtieg er aus und ging zu Fuß weiter. Er kam ſo nahe an dem Maibaum vorbei, daß er deſſen Rauch zwiſchen den Bäumen aufſteigen ſehen konnte, während eine Schaar Tauben— ohne Zwei⸗ fel zu den alten Bewohnern gehörig— luſtig zwiſchen ihm und dem unbewölkten Himmel nach dem heimi⸗ ſchen Schlage ſegelte. „Das alte Haus wird jetzt wieder aufleben,“ ſagte er, danach hinſchauend—„auf's Neue ein luſtiger Herd unter ſeinem Epheu umrankten Dache. Es liegt wenigſtens einiger Troſt in dem Bewußtſeyn, daß nicht Alles hier herum dem Verderben anheim gefallen iſt. Ich freue mich, wenigſtens ein Bild des Lebens und der Heiterkeit mitnehmen zu können!“ Er nahm ſeinen Spaziergang wieder auf und lenkte ſeine Schritte nach dem Kaninchenhag. Es war ein klarer, ſtiller, ruhiger Abend. Der Wind bewegte kaum die Blätter der Bäume, und kein an⸗ derer Ton unterbrach das Schweigen des Augenblicks, als das Klingeln ſchläferiger Schafglocken in der Ferne und hin und wieder das Blöcken des Viehs oder das Gebell eines Hundes im Dorfe. Der Him⸗ mel leuchtete in der ſanften Pracht eines Sonnenun⸗ tergangs; auf der Erde und in der Luft herrſchte allenthalben tiefe Ruhe. Zu ſolcher Stunde langte 23*† 356 er bei der verlaſſenen Behauſung an, die ſo lange ſeine Heimath geweſen war und deren geſchwärzte Mauern er jetzt zum letztenmal zu beſchauen gedachte. Die Aſche des gewöhnlichſten Feuers iſt ſchon etwas trübſeliges, denn ſie birgt in ſich das Bild des Todes und der Vernichtung— deutet auf ein ſonſt glänzendes Daſeyn, ohne jetzt weiter als kalter, tod⸗ ter Staub zu ſeyn, der unſere Natur zur Theilnahme zwingt. Aber wie weit ſchmerzlicher iſt der Anblick der zerbröckelnden Aſche einer Heimath: der Umſturz jenes großen Altares, wo die Schlechteſten unter uns bisweilen einen Gottesdienſt des Herzens feiern und für den die Beſten Opfer gebracht und Heldenthaten verrichtet haben, ob denen, wenn ſie aufgezeichnet würden, die ſtolzeſten Tempel des Alterthums mit allen ihren ruhmredneriſchen Annalen erröthen müßten! Er raffte ſich aus einem langen Zug von Be⸗ trachtungen auf und ging langſam um das Haus. Es war inzwiſchen faſt dunkel geworden. Er war beinahe herumgekommen, als er mit einem halbunterdrückten Ausruf zuſammenfuhr und ſtehen blieb. In einer nachläßigen Haltung, den Rücken gegen einen Baum gelehnt und mit dem Aus⸗ drucke der höchſten Wonne— einer Wonne, die ſo⸗ gar ſeine gewohnte Indolenz und die Herrſchaft über ſeine Züge bewältigte, da letztere ſich allen Zwangs und Rückhalts entſchlagen hatten— den Trümmer⸗ haufen betrachtend, vor ihm, auf ſeinem eigenen Grund und Boden, und ſelbſt jetzt noch über ihn trium⸗ ——— ——————.— ——Z— 82 38& 35⁵7 phirend, wie er über jedes Unglück, jede fehlgeſchla⸗ gene Hoffnung ſeines Lebens triumphirt hatte— befand ſich von allen Menſchen gerade derjenige Mann, deſſen Anweſenheit er nirgends, am allerwenigſten aber an dieſem Orte ertragen konnte. Obgleich ſein Blut bei dieſem Anblick aufwallte und ſein Grimm in einer Weiſe anſchwoll, daß er ihn auf der Stelle hätte ermorden können, ſo gab er ſich doch alle Mühe, ſich ſo weit zu bekämpfen, daß er ohne ein Wort oder einen Aufblick an ihm vor⸗ beigehen konnte. Ja, und er würde weiter gegangen ſeyn und ſich nicht umgewendet haben, obgleich es ihn eine faſt übermenſchliche Anſtrengung koſtete, dem Teufel, der ihm eine ſo heiße Verſuchung in's Ge⸗ hirn goß, zu widerſtehen, wenn ihn dieſer Mann nicht ſelbſt aufgefordert hätte, Halt zu machen, und dieß zwar mit einem ſo erkünſtelten Mitleid in ſeiner Stimme, daß es ihn faſt wahnſinnig machte und er in einem Nu aller Selbſtbeherrſchung baar war, deren Erhaltung ihn die peinlichſte, ſchmerzlichſte Mühe gekoſtet hatte. Alle Rückſicht, Ueberlegung, Nachſicht und Scho⸗ nung— Alles, wodurch ein auf's Höchſte gereizter Menſch ſeinen Zorn und ſeine Leidenſchaftlichkeit zu zügeln vermag, floh von hinnen, als er ſich um⸗ wandte. Und doch ſagte er langſam und mit voll⸗ kommener Ruhe— weit ruhiger, als er je mit ihm geſprochen: „Warum habt Ihr mich gerufen?“ 358 „Um mir die Bemerkung zu erlauben,“ verſetzte Sir John Cheſter mit ſeiner gewohnten Faſſung, „was es für ein wunderſamer Zufall iſt, daß wir uns hier treffen.“ „Es iſt in der That ein ſeltſamer Zufall.“ „Seltſam? Der merkwürdigſte und auffallendſte in der Welt. Ich reite Abends nie aus, habe es ſeit Jahren nicht gethan. Auf eine ganz unerklär⸗ liche Weiſe erfaßte mich geſtern mitten in der Nacht dieſe Grille.— Wie gar maleriſch dieß iſt!“ Er deutete bei dieſen Worten auf das zerſtörte Haus und erhob die Lorgnette zu ſeinem Auge. „Ihr brüſtet Euch ſehr offen mit Eurem Werke.“ Sir John ließ die Lorgnette ſinken, verneigte ſich gegen den Andern mit der Miene der höflichſten Frage und ſchüttelte leicht ſeinen Kopf, als wolle er ſich ſelbſt ſagen:„Ich fürchte, dieſes Thier iſt toll geworden.“ „Ich ſage, Ihr brüſtet Euch ſehr offen mit Eu⸗ rem Werke,“ wiederholte Herr Haredale. „Werk?“ entgegnete Sir John, ſich lächelnd umſchauend.„Das Meinige?— Ich muß da in der That um Verzeihung bitten—“ „Je nun, Ihr ſeht doch dieſe Wände,“ ſagte Herr Haredale.„Ihr ſeht dieſe wankenden Giebel. Ihr ſeht aller Orten, wie das Feuer und der Rauch gewüthet haben. Ihr ſeht, wie überſchwenglich freige⸗ big die Zerſtörung hier gewaltet hat. Oder nicht?“ „Mein guter Freund,“ entgegnete der Ritter, ᷣꝗ u G 35⁵9 den Ungeduldigen ſanft mit der Hand abwehrend, „natürlich ſehe ich es. Ich ſehe Alles, wovon Ihr ſprecht, wenn Ihr ein Bischen bei Seite tretet und Euch nicht zwiſchen mich und die Ausſicht ſtellt. Es thut mir recht Leid um Euch. Wenn ich nicht das Vergnügen gehabt hätte, Euch hier zu treffen, ſo würde ich Euch, glaube ich, mein Bedauern ſchrift⸗ lich ausgedrückt haben. Aber, Ihr wißt Euch nicht ſo gut darein zu ſchicken, als ich erwartet hätte— verzeiht— aber wahrhaftig, Ihr wißt Euch nicht darein zu finden.“ 4 Er zog ſeine Schnupftabacksdoſe heraus und fuhr mit der überlegenen Miene eines Mannes fort, der in Folge ſeiner höheren Natur das Recht hat, einem Andern eine moraliſche Lektion zu geben. „Denn Ihr wißt ja, Ihr ſeyd ein Philoſoph — einer von jener ſtrengen und ſtarren Schule, die weit über die Schwächen der übrigen Menſchheit er⸗ haben iſt. Die Gebrechlichkeiten der übrigen Men⸗ ſchen ſtehen Euch zu ferne. Ihr ſchaut von Eurer Höhe auf ſie herunter und verſpottet ſie mit der nachdrücklichſten Bitterkeit. Ich habe Euch ja ſelbſt gehört—“ „— Und ſollt mich noch einmal hören,“ ſagte Herr Haredale. „Schönen Dank,“ verſetzte der Andere.„Wollen wir während des Sprechens einen Spaziergang ma⸗ chen? Der Nebel wird dichter und ſchwerer. Nun, — wie Euch beliebt. Es thut mir übrigens Leid, 36⁰0 Euch bedeuten zu müſſen, daß ich nur ſehr wenige Augenblicke übrig habe.“ „Ich wollte,“ ſagte Herr Haredale,“ Ihr hättet keinen für mich übrig gehabt. Ich wünſchte von ganzer Seele, Ihr wäret lieber im Paradies geweſen (wenn eine ſolche ungeheure Lüge verwirklicht werden könnte), als daß ich Euch dieſen Abend hier treffen muß.“ „Na,“ entgegnete der Andere—„in der That — Ihr thut Euch ſelbſt Unrecht. Ihr ſeyd zwar wohl ein unfreundlicher Geſellſchafter, aber ich möchte doch nicht ſo weit gehen, Euch zu meiden.“ „Hört mich an,“ ſagte Herr Haredale.„Hört mich an.“ „Während Ihr Eurer Satyre freien Lauf laßt?“ fragte Sir John. „Während ich Eure Schändlichkeit aufdecke. Ihr drängtet und ſtacheltet zu Eurem Werke einen paſſen⸗ den Agenten, der aber ſeiner Natur, dem ganzen Weſen ſeines Seyns nach ein Verräther iſt, und auch gegen Euch ſo falſch war, wie er gegen alle Andern geweſen, trotz der Sympathie, die Euch Beide hätte zuſammenknüpfen ſollen. Mit Winken, Blicken und verſchmitzten Worten, die ſich nicht wieder geben laſſen, habt Ihr Gashford zu dieſem Werke— dem Werke vor unſeren Augen— geſpornt. Mit denſel⸗ ben Winken, Blicken und verſchmitzten Worten, die ſich nicht wieder geben laſſen, drängtet Ihr ihn, ſei⸗ nen tödtlichen Haß gegen mich— Gott ſey Dank, er trifft mich nicht unverdient— durch Entführung e — 22dA 8 SA8Sͤ und Entehrung meiner Nichte Befriedigung zu ver⸗ ſchaffen. Ja, Ihr thatet es. Euer Blick will es zwar in Abrede ziehen, ſehe ich“— rief er plötzlich, ihm in's Geſicht deutend und zurücktretend;„aber jeder Widerſpruch iſt eine Lüge.“ Er hatte die Hand an ſeinen Degen gelegt; aber der Ritter erwiederte ſo kalt wie zuvor, wäh⸗ rend ein Lächeln der Verachtung ſeine Züge überflog: „Ihr werdet wohl bemerken, Sir— wenn Ihr anders gehörig zu faſſen vermögt— daß ich mir nicht die Mühe genommen habe, Etwas in Abrede zu ziehen. Euer Blick iſt kaum ſcharf genug, um in Geſichtern zu leſen, die nicht ebenſo derb und plumb, als Eure Worte ſind; auch wüßte ich mich nicht zu erinnern, daß Ihr in dieſer Beziehung je glücklicher geweſen wäret, ſonſt müßtet Ihr in einem Geſichte, das ich Euch namhaft machen könnte, längſt Gleichgültigkeit, wo nicht Widerwillen geleſen haben. Ich ſpreche zwar von längſt vergangenen Zeiten— aber Ihr verſteht mich.“ „Dreht und wendet Euch, wie Ihr wollt, Ihr gedenkt es zu läugnen. Aber jeder Widerſpruch, ent⸗ ſchieden oder bemäntelt, ausgedrückt oder blos ange⸗ deutet, iſt und bleibt eine Lüge. Ihr ſagt, Ihr wollet es nicht in Abrede ziehen— alſo gebt Ihr es zu?“ „Ihr ſelbſt,“ entgegnete Sir John, den Strom ſeiner Rede ſo glatt hinfließen laſſend, als wäre er durch kein einziges Wort der Unterbrechung gehemmt worden,„habt den Charakter des fraglichen Gentle⸗ 362 mans(ich glaube, es war in Weſtminſterhall) öffent⸗ lich in Ausdrücken bezeichnet, die mich der Nothwen⸗ digkeit, weiter von ihm zu ſprechen, überheben. Ihr mögt damals Recht gehabt haben, vielleicht aber auch nicht, denn ich bin nicht competent in dieſer Sache. Geſetzt aber, der Gentleman ſey ſo, wie Ihr ihn bezeichnet, und er habe Euch oder irgend einer Perſon Mittheilungen hinterbracht, die ihm vielleicht die Sorge für ſeine Sicherheit, Gewinnſucht, der Wunſch, ſich über Jemand luſtig zu machen, oder ſonſt irgend eine Rückſicht eingab— was auch immer der Fall ſeyn mag, ich werde nichts weiter über ihn ſprechen, als daß mir Diejenigen, welche einem ſo außerordentlich gemeinen Charakter ein Ohr leihen, dieſe liebenswürdige Eigenſchaft zu theilen ſcheinen. Ihr ſeyd ſelbſt ſo gar offen, daß ich wohl annehmen darf, Ihr werdet eine kleine Freiheit bei mir ent⸗ ſchuldigen.“ „Hört mich noch einmal an, Sir John— nur noch einmal,“ rief Herr Haredale;„in jedem Blicke, jedem Worte und jeder Geberde wollt Ihr mir ſagen, dieß ſey nicht Euer Werk. Ich aber behaupte, daß Ihr mit dem genannten Manne und mit Eurem un⸗ glücklichen Sohne, dem Gott vergeben möge, bei Be⸗ gehung dieſer That unter einer Decke geſpielt. Ihr ſprecht von Gemeinheit und Charakter? Ihr ſagtet mir einmal, Ihr hättet den armen Verrückten und ſeine Mutter abgekauft, während Ihr doch(wie ich damals ſchon muthmaßte, ſeitdem aber mit Gewiß⸗ 363 heit erfahren habe) nur hingingt, um ſie zu ver⸗ ſuchen, nachdem ſie ſchon ausgeflogen waren. Auf Euch zurück konnte ich das ſchmähliche Gerücht ver⸗ folgen, daß ich allein von dem Tode meines Bruders Nutzen gezogen habe, und alle die nachherigen ſchnöden Angriffe und Verläumdungen ſtammen aus derſelben Quelle. In jeder bedeutenderen Epoche meines Lebens, von jener erſten Hoffnung an, die Ihr in Schmerz und Verödung umwandeltet, habt Ihr immer wie ein böſes Schickſal zwiſchen mir und meinem Frieden geſtanden. Ueberall erwiest Ihr Euch als den glei⸗ chen kaltblütigen, hohlherzigen, falſchen und ehrloſen Schurken. Zum zweiten⸗ und letztenmal werfe ich Euch dieſe Beſchuldigung in's Geſicht und ſtoße Euch von mir wie einen treuloſen Hund.“ Mit dieſen Worten erhob er ſeinen Arm und ſtieß ihn vor die Bruſt, ſo daß er zurück wankte. Sobald Sir John ſich erholt hatte, zog er ſeinen Degen, warf die Scheide und ſeinen Hut weg, eilte auf ſeinen Gegner zu und führte nach deſſen Herzen einen verzweifelten Stoß, welcher, wenn die Parade nicht raſch und ſicher geweſen wäre, ihn todt in's Gras geſtreckt haben müßte. Mit dem Schlage hatte aber Herr Haredale's Zorn ſeine höchſte Höhe erreicht und hielt jetzt inne. Er parirte die raſchen Stöße ſeines Feindes, ohne ſie zu erwiedern, und rief ihm, während ſich ein faſt wahn⸗ ſinniger Schreck in ſeinem Geſichte ausdrückte, zu, er mochte inne halten. 364 „Nicht heute Abend! nicht heute Abend!“ rang es ſich von ſeinen Lippen.„Um Gottes willen, nicht heute Abend!“ Als der Andere ſah, daß er ſeine Waffe ſenkte und keinen Stoß erwiederte, ließ er auch die ſeinige nieder. „Ich warne Euch, nicht heute Abend!“ rief Herr Haredale. „Ihr ſagtet mir— es muß eine Art von Ein⸗ gebung geweſen ſeyn“— entgegnete Sir John ganz ruhig, obgleich er jetzt ſeine Maske fallen und den bitterſten Haß in ſeinen Zügen ſchauen ließ,„daß dieß das Letztemal ſey. Ihr dürft es überzeugt ſeyn! Glaubt Ihr, ich hätte unſere letzte Zuſammenkunft vergeſſen? Meintet Ihr, ich hätte nicht jedes Wort, jeden Blick von Euch meinem Gehächtniß eingegraben, um ſeiner Zeit Rechenſchaft dafür zu fordern? Glaubt Ihr, ich hätte Eure Zeit abgewartet, oder Ihr die meinige? Was iſt das wohl für ein Mann, der mit ſeinem kranken Heuchelgeſchwätze von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit einen Bund mit mir eingeht, um eine Heirath zu verhindern, von der er dergleichen thut, als ſey ſie ihm zuwider, und ſich, nachdem ich mich meiner Verbindlichkeit, dem Geiſt und Buchſtabeu nach, entledigt, von der ſeinigen loszählt und auf eigene Fauſt die Verbindung zu Stande bringt, um ſich einer Bürde, welcher er müd' geworden, zu ent⸗ ledigen und einen falſchen Glanz auf ſein Haus zu werfen?“ „Ich habe nach Ehre und Gewiſſen gehandelt,“ rief Haredale,„und handle auch jetzt noch ſo. Zwingt mich nicht, dieſen Zweikampf heute Abend zu erneuern!“ „Ihr ſagtet, mein ‚unglücklichere Sohn, glaube ich?“ entgegnete Sir John mit einem Lächeln.„Armer Narr! Bethörter Spielball eines ſo ſeichtköpfigen Schuftes!— ſich zu einem Ehebunde verſtricken zu laſſen durch ſolch einen Onkel und ſolch eine Nichte!— Ja, er verdient Euer Mitleid. Doch er iſt nicht mehr mein Sohn: der Fang, den Ihr Euch ſo verſchmitzt geſichert, Sir, iſt Euch wohl vergönnt.“ „Noch einmal,“ rief ſein Gegner, wild auf den Boden ſtampfend,„obgleich Ihr mich von meinem guten Engel losreißt, flehe ich Euch an, dieſen Abend nicht in den Bereich meines Degens zu kom⸗ men. O! warum mußtet Ihr überhaupt hier ſeyn? Warum ſind wir uns begegnet? Der morgige Tag ſchon hätte für immer einen weiten Raum zwiſchen uns gelegt.“ „Wenn dieß der Fall,“ verſetzte Sir John ohne die mindeſte Erregung,„ſo iſt es wahrhaftig ein Glück, daß wir uns heute noch getroffen haben. Haredale, Ihr wißt, daß ich Euch ſtets verachtete, aber ich erwies Euch wenigſtens die Ehre, Euch eine Art von rohem Muth zuzutrauen. Um meiner Ur⸗ theilsgabe willen, die ich für eine gute hielt, thut es mir leid, finden zu müſſen, daß Ihr eine Memme ſeyd.“ Von beiden Seiten wurde kein Wort weiter 366 geſprochen. Sie kreuzten ihre Degen, obgleich es ſchon ganz dunkel war und griffen ſich gegenſeitig ungeſtüm an. Sie waren ſich ganz gleich, denn Beide wußten ihre Waffen mit großer Geſchicklichkeit zu führen. Herr Haredale hatte zwar durch ſeine Kraft und Größe einen Vortheil; dagegen konnte ſich Sir John einer größern Behendigkeit, namentlich aber einer größeren Kaltblütigkeit rühmen. Der Kampf wurde bald heißer und wüthender; ſie verſetzten und empfingen gegenſeitig mehrere leichte Wunden. Herr Haredale war eben in den Arm ge⸗ troffen worden; als er fühlte, daß das warme Blut herausſprudelte, führte er einen heftigeren Stoß und ſenkte ſeinem Gegner den Degen bis an's Heft in den Leib. Ihre Augen trafen ſich und hafteten auf einan⸗ der, als er die Waffe herauszog. Er ſchlang ſeinen Arm um den ſterbenden Mann, der ihn matt zurück⸗ ſtieß und auf den Raſen niederſank. Auf die Hände ſich aufrichtend ſchaute er noch einen Moment, voll Haß und Verachtung in ſeinem Blicke, nach ſeinem Gegner hin; da ihm übrigens ſelbſt jetzt einzufallen ſchien, daß hiedurch der Ausdruck ſeiner Züge nach dem Tode entſtellt werden dürfte, ſo verſuchte er zu lächeln. Mit einer ſchwachen Bewegung ſeiner rechten Hand, als wollte er die blutige Leinwand durch ſeine Weſte bedecken, ſank er todt zurück— das Phantom der letzten Nacht. 367 Letztes Kapitel. Wir werfen noch einen Scheideblick auf jene Helden dieſer kleinen Geſchichte, deren Geſchick nicht im Lanfe der Ereigniſſe ſeine Erledigung gefunden hat. Herr Haredale ſlüchtete ſich in jener Nacht. Ehe eine Verfolgung beginnen konnte, ja, ſogar ehe Sir John vermißt oder aufgefunden wurde, hatte er das Königreich verlaſſen. Er begab ſich geraden Weges nach einem Kloſter, das durch ganz Europa den Ruf einer äußerſt ſtrengen Regel und einer großen Barm⸗ herzigkeit gegen die Reuigen beſaß, die unter ſeinem Dache Schutz und eine Zufluchtsſtätte gegen die Welt ſuchten. Dort legte er die Gelübde ab, die ihn fortan von der Natur und dem Verkehr mit der Menſchheit ausſchloßen, und wurde nach einigen Jahren der Reue und Buße in der düſteren Mönchs⸗ gruft begraben. Es verſloßen zwei Tage, ehe Sir John's Leiche aufgefunden wurde. Sobald er erkannt und nach Hauſe gebracht war, entlief ſein getreuer Kammer⸗ diener, das Glaubensbekenntniß ſeines Gebieters ſi ſich zum Muſter nehmend, mit allem baaren Gelde und demjenigen beweglichen Gute, das er mitnehmen konnte, um als vollendeter Gentleman auf eigene Rechnung einen Anfang zu machen. Er verfolgte dieſe Laufbahn mit wunderbarem Erfolge und würde gewiß am Ende noch eine Erbin geheirathet haben, wenn nicht eine unglückliche Störung ſein frühzeitiges Ableben herbeigeführt hätte. Er unterlag einer da⸗ mals graſſirenden contagiöſen Krankheit, welche man volksthümlich das Kerkerfieber nannte. Lord George Gordon blieb im Tower verhaftet bis zu Montag, dem fünften Februar des folgenden Jahres, an welchem Tage er zu Weſtminſter feierlich wegen Hochverraths vor Gericht geſtellt wurde. Man hatte mit der größten Geduld alle nur erdenklichen Vorfragen angeſtellt, und er wurde für„nicht ſchul⸗ dig“ erklärt, weil kein Beweis vorhanden war, daß er die Menge in verrätheriſcher oder ungeſetzlicher Abſicht zuſammenberufen habe. Aber doch gab es noch ſo viele Leute, welche ſich die Unruhen nicht zur Witzigung hatten dienen laſſen, daß in Schott⸗ land öffentlich Subſcriptions⸗Liſten aufgelegt wurden, um die Mittel beizuſchaffen, ihn für die Koſten ſeiner Vertheidigung zu entſchädigen. In Folge der kräftigen Vorſtellungen ſeiner Freunde verhielt er ſich ſieben Jahre lang beziehungs⸗ weiſe ruhig, indem er nur hie und da Gelegenheit nahm, zur Beluſtigung ſeiner Feinde ſeinen Eifer fuͤr den proteſtantiſchen Glauben in irgend einem tollen Schritte zu bekunden, obſchon er von dem Erzbiſchoff zu Canterbury förmlich erkommunizirt war, weil er ſich geweigert hatte, vor einem geiſtlichen Kollegium als Zeuge zu erſcheinen. Im Jahre 1788 ließ er ſich durch irgend eine neue Geiſtesverrücktheit 369 veranlaſſen, eine in ſehr heftigen Ausdrücken abge⸗ faßte Schmähſchrift gegen die Königin von Frank⸗ reich zu veröffentlichen. Als Pasquillant angeklagt und(nach unterſchiedlichen ſeltſamen Demonſtrationen im Gerichtshof) ſchulsig erfunden, floh er, ſtatt ſich ſeinem Urtheil zu ſtellen, nach Holland, von wo aus ihn die ruhigen Bürgermeiſter von Amſterdam, die wenig Geſchmack an ſeiner Geſellſchaft fanden, ſchleu⸗ nigſt wieder nach Hauſe ſchickten. Er langte im Juli zu Harwich an und ging dann nach Birmingham, wo er ſich im Auguſt öffentlich zum jüdiſchen Glau⸗ ben bekannte. Er figurirte auch daſelbſt als Jude, bis er verhaftet und nach London zurückgebracht wurde, um die Strafe zu erſtehen, der er entwichen war. Kraft dieſes Urtheils wurde er im Monat Dezember auf fünf Jahre und zehn Monate nach Newgate ge⸗ bracht; auch mußte er außerdem noch eine große Geldſtrafe bezahlen und bedeutende Kautionen für ſein künftiges Wohlverhalten ſtellen. Nachdem er ſich im Sommer des folgenden Jahrs an die Barmherzigkeit der franzöſiſchen Nationalver⸗ ſammlung gewendet, welche der engliſche Miniſter nicht anerkennen wollte, fügte er ſich darein, ſeine volle Strafzeit zu erſtehen. Er ließ ſich den Bart faſt bis zum Gürtel wachſen, verrichtete in jedem Be⸗ tracht die Ceremonien ſeiner neuen Religion, verlegte ſich auf das Studium der Geſchichte und gab ſich auch gelegentlich mit Malerei ab— eine Kunſt, wo⸗ rin er in jüngeren Jahren einige Geſchickrichkeit ge⸗ Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 24 370 zeigt hatte. Von ſeinen früheren Freunden verlaſſen und in jeder Hinſicht wie der geringſte Verbrecher im Gefängniß behandelt, lebte er heiter und entſagend dahin, bis er am erſten November 1793, erſt drei⸗ undvierzig Jahre alt, in ſeiner Zelle ſtarb. Viele Menſchen mit weit weniger Mitgefühl für das Un⸗ glück und die Noth ihrer Nebenmenſchen, mit viel weniger Fähigkeiten und weit härterem Herzen, haben bedeutende Rollen geſpielt und einen glänzenden Ruf hinterlaſſen. Doch hatte auch er ſeine Leidtragenden. Die Gefangenen beklagten ſeinen Verluſt und ver⸗ mißten ihn ſchmerzlich: denn er war trotz ſeiner ge⸗ ringen Mittel ſehr wohlthätig, in Spendung ſeiner Almoſen durchaus nicht auf die Verſchiedenheit der Sekten und Glaubensbekenntniſſe Rückſicht nehmend. Die weiſen Männer auf den Heerſtraßen der Welt dürften wohl ſogar von dieſem armen, verrückten Lord, der in Newgate ſtarb, etwas lernen können. Der ehrliche John Grueby weihte ihm bis zum letzten Augenblicke ſeine Dienſte. Lord George hatte ſich noch keine vierundzwanzig Stunden im Tower befunden, als ſich der treue Diener einſtellte und ihn bis zu ſeinem Tode nicht wieder verließ. Eine an⸗ dere beharrliche Begleitung hatte er noch in der Per⸗ ſon eines ſchönen Judenmädchens, das halb aus re⸗ ligiöſer, halb aus romantiſcher Schwärmerei an ihm hing; ihr tugendhafter und uneigennütziger Charakter ſcheint jedoch auch den Splitterrichtern keinen Anlaß zum Tadel geboten zu haben. —,—s u u ð 8 gF 371 Gashford hatte ihn natürlich verlaſſen. Er lebte eine Zeitlang von dem Handel mit den Geheim⸗ niſſen ſeines Gebieters; als jedoch der Vorrath er⸗ ſchöpft und dieſe Einkommensquelle verſiegt war, verſchaffte er ſich eine Anſtellung bei dem ehrenwerthen Corps der Spione und Aushorcher, deren ſich die Regierung bediente. Als eines dieſer armſeligen Werkzeuge plackte er ſich bald auswärts, bald im Vaterlande, und unterzog ſich lange dem mannig⸗ faltigen Elend einer ſolchen Stellung. Vor zehn oder zwölf Jahren— länger iſt es nicht— fand man einen mageren, abgezehrten, kranken und blut⸗ armen Mann, den Niemand kannte, todt in dem Bette einer elenden Schenke zu Borough. Er hatte Gift genommen. Ueber ſeinen Namen ließ ſich keine Auskunft finden, aber aus gewiſſen Notizen in einem Taſchenbuche, das er bei ſich führte, ließ ſich ent⸗ nehmen, daß er in der Zeit des berüchtigten Aufſtan⸗ des Sekretär bei Lord George Gordon geweſen war. Viele Monate nach Wiederherſtellung von Friede und Ordnung— ſelbſt, nachdem es ſchon aufgehört hatte, Modegeſpräch zu ſein, daß jeder Offizier— die Einquartierung wurde nämlich während der Un⸗ ruhen von der Stadt beſtritten— täglich vier Pfund und vier Schillinge, jeder gemeine Soldat zwei Schil⸗ linge und dritthalb Pence gekoſtet habe; viele Mo⸗ nate, nachdem ſogar dieſer wichtige Gegenſtand ver⸗ geſſen und die vereinigten Bullenbeißer Mann für Mann getödtet, in's Gefängniß geſetzt oder deportirt 24* 372 waren, wurde Herr Simon Tappertit vermöge einer Amneſtie aus ſeiner Unterſuchungshaft entlaſſen, wo⸗ hin er aus dem Spitale mit zwei hölzernen Beinen geſchafft worden war. Seiner anmuthigen Glied⸗ maßen beraubt und von ſeiner ſo hohen Stellung herab in tiefſte Armuth und äußerſtes Elend geſtürzt, hinkte er zu ſeinem alten Meiſter zurück, den er um eine Unterſtützung anbettelte. Auf den Rath und unter dem Beiſtande des Schloſſers etablirte er ſich als Schuhwichſer und ſchlug ſeine Bude in der Nähe der Gardekaſerne auf. Hier, gewiſſermaßen in einem Hauptquartiere, verſchaffte er ſich bald umfaſſende Be⸗ kanntſchaften, und an Levertagen ſah man oft an zwanzig Halbſoldoffiziere in ſeinem Atelier, die ſich der Reihe nach von ihm die Stiefel putzen ließen. In der That gedieh auch ſein Handwerk zu einer ſolchen Ausdehnung, daß er im Laufe der Zeit nicht weniger als zwei Lehrlinge halten konnte und außer⸗ dem die Wittwe eines angeſehenen Knochen⸗ und Lumpenſammlers in Milbank heirathete. Mit dieſer Dame(die ihm in dem Geſchäfte Beihülfe leiſtete) lebte er in großem häuslichen Glücke, das nur hin und wieder durch kleine Unwetter, wie ſie eben nöthig ſind, um die Atmosphäre des Eheſtandshimmels zu ſäubern und aufzuklären, unterbrochen wurde. In manchen dieſer Stürme konnte ſich Herr Tappertit, in Behauptung ſeiner Vorrechte, ſo weit vergeſſen, ſeine Dame mit einer Bürſte, einem Stiefel oder einem Schuh zurecht zu weiſen, wofür ſie ſich(freilich nur 373 in ganz außerordentlichen Fällen) dadurch rächte, daß ſie ihm ſeine Beine wegnahm, und ihn dem Geſpötte der ſchadenfrohen Gaſſenjugend Preis gab. Miß Miggs, der keiner von allen Entwürfen, ehelichen und anderen, gedeihen wollte, und die ſich jetzt in eine undankbare, Verdienſte nicht zu würdigen verſtehende Welt hinausgeſtoßen ſah, wurde nachge⸗ rade ſehr ſcharf und ſauer, endlich aber ſo ätzend, und zwickte, kniff und raufte die Haare und Naſen der Jugend im goldenen Löwenhof dermaßen, daß ſie durch einſtimmigen Beſchluß aus dieſem Heiligthume ausgeſtoßen und erſucht wurde, lieber jeden andern Ort auf der Welt mit ihrer Gegenwart zu beglücken. Um dieſe Zeit traf es ſich, daß die Friedensrichter für Middleſex vermittelſt eines öffentlichen Anſchlags eine weibliche Gefängnißwärterin für Bridewell ſuch⸗ ten, und Tag und Stunde für die Beaugenſcheinigung der Bewerberinnen feſtſetzte. Miß Miggs fand ſich zu der beſtimmten Zeit ein, wurde ſogleich aus hun⸗ dert vierundzwanzig Kandidatinnen erwählt und aus⸗ erkoren und alsbald in das Amt eingeſetzt, welches ſie bis zu ihrem mehr als dreißig Jahre ſpäter er⸗ folgten Ableben verſah, dieſe ganze Zeit über in dem Stande der Jungfräulichkeit verbleibend. Man be⸗ merkte, daß dieſe Dame, obgleich grimmig und un⸗ beugſam gegen ihre ganze weibliche Heerde, doch beſon⸗ ders unnachſichtlich gegen diejenigen war, welche eini⸗ gen Anſpruch auf Schönheit machen konnten, und man wollte oft einen Beweis ihrer unüberwindlichen Tugend 374 und ihrer ſtrengen Züchtigkeit in dem Umſtande finden, daß ſie gegen ſolche, welche ſich fleiſchliche Vergehen hatten zu Schulden kommen laſſen, durchaus kein Erbarmen zeigte, ſintemal ſie immer bei dem leichte⸗ ſten Anlaß oder auch ohne irgend einen Grund die ganze Schale ihres Zornes über ſie ausgoß. Unter die nützlichen Erfindungen, welche ſie bei dieſer Klaſſe von Geſetzübertreterinnen in Anwendung brachte und der Nachwelt vermachte, gehörte auch die Kunſt, Je⸗ manden mit dem Bart eines Schlüſſels in der Nähe der Wirbelſäule auf das Kreuz einen ausgeſucht bos⸗ haften Stoß oder Hieb zu verſetzen. In gleicher Weiſe ſtammt auch die Methode von ihr ab, denen, welche kleine Füße haben, ganz zufällig mit den Ueberſchuhen auf die Zehen zu treten— ein ſehr merkwürdiges, ſcharfſinniges Verfahren, das früher nie üblich geweſen war. Der Leſer darf verſichert ſeyn, daß es nicht lange anſtund, bis IJoe Willet und Dolly Varden Mann und Frau waren. Der Schloſſer hatte ſeiner Tochter ein ſchönes Heirathsgut mitgeben können, und ſo eröffneten ſie, mit einem hübſchen Kapitale in der Bank, den Maibaum wieder. Auch kann man ſich denken, daß es nicht ſehr lange währte, bis man einen rothgeſichtigen kleinen Knaben vor dem Maibaum herumſtolpern und auf dem Raſen vor der Thüre ſich tummeln ſah. Wenn man nach Jahren zählt, ſo ſtund es auch nicht lange an, bis ein rothwangiges kleines Mädchen, ferner wieder ein rothwangiger klei⸗ — 2 8 ...„...——,——,— 375 ner Knabe, und allmälig ein ganzer Trupp von Mäd⸗ chen und Knaben anlangten, ſo daß man, wenn man nach Chigwell ging, ſicher darauf rechnen durfte, entweder auf der Straße nach dem Dorf, oder auf dem Raſen, oder in dem Meierhofe— denn der Maibaum war jetzt nicht nur ein Wirthshaus, ſon⸗ dern auch ein Meierhof— mehr kleine Joe's und Dolly's zu ſehen, als man in der Geſchwindigkeit zählen konnte. All dieß folgte ſich in nicht ſehr langer Zeit, aber es währte ſehr lange, ehe Joe und Dolly oder der Schloſſer und ſein Weib um fünf Jahre älter ausſahen; denn Heiterkeit und Zufrie⸗ denheit ſind herrliche Schönheitsmittel und vortreff⸗ liche Bewahrer eines jugendlichen Aeußeren, darauf kann man ſich verlaſſen. Auch ſtund es lange an, ehe es in ganz England ein zweites ſolches Land⸗ wirthshaus gab, als der Maibaum war: in der That iſt es eine große Frage, ob ſich bis auf dieſe Stunde ein anderes derartiges aufgethan hat, oder je auf⸗ thun wird. Auch währte es lange— denn„nie“ iſt, wie das Sprichwort ſagt, ein langer Tag— bis man im Maibaum vergaß für verwundete Soldaten Intereſſe zu fühlen, oder bis Joe es unterließ, um ſeines alten Feldzugs willen ſie zu erfriſchen, oder bis der Sergeant aufhörte, hin und wieder ſeinen Beſuch zu machen, oder bis ſie es müde wurden, bei derartigen Anläſſen mit einander von Schlachten und Belagerungen, von ſchlechtem Wetter, ſchwerem Dienſt und tauſend anderen zum Soldatenleben gehörigen 376 Dingen zu plaudern. Dann die große ſilberne Schnupf⸗ tabaksdoſe, welche der König Joe wegen ſeines Be⸗ nehmens bei der Rebellion eigenhändig übermachte— welcher Gaſt kam je nach dem Maibaum, ohne ſeinen Finger und Daumen in dieſe Doſe zu ſtecken und eine große Priſe zu nehmen, wenn er auch vorher in ſeinem Leben nie geſchnupft hatte, und vor lauter Nießen faſt Krämpfe bekam? Dann der purpurgeſich⸗ tige Weinhändler— wo iſt der Menſch, der in ſeinen Zeiten lebte und ihn nie im Maibaum ſah, in deſſen beſtem Zimmer er allem Anſcheine nach ſo zu Hauſe war, als hätte er wirklich hier ſeine Wohnung? Und dann die Gaſtereien, Taufſchmäuſe, Weihnachtsfeier⸗ lichkeiten, Geburtsfeſte, Hochzeitserinnerungstage und ſonſtige Arten von Feiertagen ſowohl in dem Mai⸗ baum als in dem goldenen Schlüſſel— wenn die nicht berühmt waren, was hätte es ſonſt ſeyn ſollen? Herr Willet der Aeltere, welcher, weiß Gott durch welche außerordentliche Mittel, auf den Gedanken ge⸗ kommen war, Joe werde wohl heirathen wollen, weß⸗ halb es gut für ihn, den Vater, ſeyn dürfte, ſich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen, wählte, um ſich's recht behaglich zu machen, ſeinen Aufenthalt in einem kleinen Häuschen zu Chigwell wo man ihm den Herd erweiterte und vergrößerte, den Kupferkeſſel aufhing und außerdem in dem kleinen Garten an der Vorder⸗ ſeite eine Kopie des Maibaums aufpflanzte, ſo daß er ſich bald ganz heimiſch fand. In dieſer ſeiner 377 neuen Wohnung fanden ſich Tom Cobb, Phil Parkes und Solomon Daiſy regelmäßig jeden Abend ein; und in der Kaminecke ſaßen alle Vier, zechend und rauchend, plaudernd und nickend, wie ſie vor Alters gethan hatten. Man machte bald nachher zufälliger⸗ weiſe die Entdeckung, daß Herr Willet ſich noch immer für einen Gaſtwirth von Profeſſion zu halten ſchien, weßhalb Joe ihn mit einer Schiefertafel verſah, auf welcher der alte Mann regelmäßig ungeheure Rechnungen für Eſſen, Trinken und Tabak ankreidete. Dieſe Leidenſchaft nahm mit dem Alter zu, und es gewährte ihm eine wahre Wonne, neben dem Namen eines jeden ſeiner Gevattern eine Summe von un⸗ geheurer Größe und unmöglicher Bezahlbarkeit an⸗ zuſchreiben; auch hatte er an dieſen Ausſtänden im Geheim eine ſo große Freude, daß man oft bemerken konnte, wie er hinter die Thüre ging, um danach zu ſchauen, und mit dem ſtrahlendſten Geſichte wieder hervor kam. Von dem Schrecken, den ihm die Aufrührer eingejagt, erholte er ſich nie wieder, denn er ver⸗ blieb in dem gleichen geiſtigen Zuſtande bis zum letzten Augenblicke ſeines Lebens. Dieſes hätte indeß leicht ein ſchleuniges Ende nehmen können, als er zum Erſtenmal ſeines erſten Enkels anſichtig wurde, denn er ſchien zu glauben, daß ſich mit Joe ein Wunder zugetragen habe und daß etwas Erſchreckliches vor⸗ gefallen ſey. Da ihm jedoch ein geſchickter Wund⸗ arzt ſchleunig zur Ader ließ, ſo erholte er ſich wieder. 378 Sechs Monate ſpäter zeigten ſich wieder Symptome von Schlagfluß, und obgleich die Aerzte darüber einig waren, daß er ſterben müſſe, und es ſehr übel nahmen, daß er es nicht that, ſo blieb er doch— vielleicht wegen ſeiner konſtitutionellen Langſamkeit— beinahe noch ſieben Jahre am Leben, nach welcher Zeit man ihn eines Morgens ſprachlos im Bette fand. In dieſem Zuſtande blieb er, ohne Zeichen einer ſonſtigen Krankheit, eine ganze Woche liegen; auf einmal kam er aber wieder zum Bewußtſeyn, als er die Wärterin ſeinem Sohne in's Ohr flüſtern hörte, daß es mit ihm ausgehe.„Ich gehe, Joſeph,“ ſagte Herr Willet, indem er ſich für einen Augen⸗ blick umwandte,„zu den Salvanners,“— und un⸗ mittelbar darauf gab er ſeinen Geiſt auf. Er hinterließ ein großes Vermögen, ſogar noch mehr, als man ihm geſchätzt hatte, obgleich die Nachbarn, dem gewöhnlichen Brauche zu Folge, das, was Andere erworben haben müſſen, zu be⸗ rechnen, ſeine Habe in ſchönen runden Zahlen an⸗ geſchlagen hatten. Joe erbte das Ganze, ſo daß er in der Gegend ein bedeutender Mann und voll⸗ kommen unabhängig wurde. Es verfloß einige Zeit, ehe Barnaby das, was er durchgemacht, verſchmerzen konnte, oder ſeine alte Geſundheit und Heiterkeit wieder erlangte. Er erholte ſich jedoch allmälig, und obgleich er ſich des Gedankens nicht entſchlagen konnte, ſeine Verur⸗ theilung und Rettung ſey nur ein ſchrecklicher Traum —8* 8— — 379 geweſen, ſo war er doch in anderem Betracht ver⸗ nünftiger geworden. Von der Zeit ſeiner Wieder⸗ geneſung an hatte er ein beſſeres Gedächtniß und eine feſtere Willenskraft; aber über ſeinem ganzen früheren Leben hing eine düſtere Wolke, welche ſich nie zerſtreute. Demungeachtet fühlte er ſich jedoch nicht weniger glücklich, denn ſein Drang nach Freiheit und ſeine Vorliebe für Alles, was ſich bewegte, wuchs oder in den Elementen lebte, blieben ungemindert. Er wohnte mit ſeiner Mutter auf der Maibaum⸗ Meierei, beſorgte den Geflügelhof und das Vieh, ar⸗ beitete in einem eigenen Gärtchen und ließ ſich allent⸗ halben brauchen. Jedes Huhn und jedes Rind auf dem Hofe kannte ihn, wie er denn auch jedem einen Namen ſchöpfte. Nie gab es einen frohſinnigeren Haus⸗ hälter, ein Weſen, das bei Alt und Jung ſo be⸗ liebt war, eine heiterere oder glücklicherere Seele, als Barnaby; und obgleich ihn nichts hinderte, wo er wollte, umherzuſtreifen, ſo verließ er Sie doch nie, ſondern blieb ihr immer eine Stütze und ein Troſt. Merkwürdig war es, daß er, obſchon die Ver⸗ gangenheit nur wie ein Nebel vor ihm lag, doch Hugh's Hund aufſuchte und ihn unter ſeine Obhut nahm, deßgleichen, daß er ſich nie bewegen ließ, wieder nach London zu gehen. Als ſchon viele Jahre über der Rebellion hingeſchwunden waren und Edward mit ſeiner Gattin und einer Familie, faſt ſo zahl⸗ 380 reich wie Dolly's, nach England zurückkehrte— ſie machten bald in dem Maibaum einen Beſuch— erkannte er ſie augenblicklich, und weinte und hüpfte vor Freuden. Aber ſie zu beſuchen, oder unter was immer für einem Vorwande, wie viel Luſt er auch verſprechen mochte, einen Fuß in die Straßen von London zu ſetzen— hiezu war er nicht zu bewegen. Er überwand dieſen Widerwillen nie, nicht einmal in ſo weit, daß er ſich die Stadt von ferne beſehen hätte. Greif gewann bald ſein gutes Aeußeres wieder und wurde ſo glatt und glänzend, als nur je. Aber er beobachtete ein tiefes Schweigen. Ob er die Kunſt zierlicher Rede in Newgate verlernt, oder ob er in den vergangenen unruhigen Zeiten ein Gelübde gethan hatte, vor der Hand ſeine Talente ruhen zu laſſen, wiſſen wir nicht; nur ſo viel iſt gewiß, daß er ein ganzes Jahr lang keinen andern Ton, als ein ernſtes und anſtändiges Krächzen, von ſich gab. Nach Abfluß dieſer Periode hörte man ihn an einem heiterem, ſonnigen Morgen, wie er ſich im Stalle wegen des in dieſen Blättern mehr erwähnten Keſſels an die Pferde wandte, und ehe der Zeuge dieſer ſeltſamen Erſcheinung in das Haus eilen konnte, um Bericht zu erſtatten und noch die feierliche Ver⸗ ſicherung beizufügen, daß er das Thier habe lachen hören, ſpazierte der Vogel ſelbſt mit phantaſtiſchen Schritten bis vor die Thüre des Schenkſtübchens, wo er mit außerordentlichem Entzücken rief: nich 381 bin ein Teufel! ich bin ein Teufel! ich bin ein Teufel!“ Von dieſer Zeit an(obgleich man ver⸗ muthete, daß ihm der Tod des Herrn Willet senior ſehr zu Herzen ging) übte und vervollkommnete er ſich ohne Unterlaß in dem Volksdialekt, und da man ihn ein bloßes Kind von einem Raben nennen konnte, als Barnaby ſchon grau war, ſo plaudert er wahrſcheinlich noch bis auf die gegenwärtige Zeit fort. Maſter Humphrey von der Wanduhrecke ſeines Kamins. Es iſt abermals Mitternacht. Mein Feuer brennt behaglich; das Zimmer iſt erfüllt mit der ernſten Stimme meiner alten Freundin, und ich bin allein, um über die Geſchichte, die wir eben been⸗ digt haben, nachzudenken. In ſolchen Augenblicken muß ich lächeln über den Gedanken, wie einſam ich Jedem erſcheinen müßte, der mich in meinem Armſtuhl ſitzen ſehen würde, das graue Haupt geſenkt, die Augen nach⸗ denkſam auf die verglimmenden Kohlen geheftet, und die Krücke— das Sinnbild meiner Hülfloſigkeit— neben mir an den Kamin gelehnt. Aber obgleich ich nur allein neben meiner Kaminecke ſitze, obgleich ich ein kinderloſer Greis bin, ſo fühle ich mich doch nicht einſam zu dieſer Stunde, denn ich bin der Mittelpunkt einer ſtummen Gruppe, deren Geſell⸗ ſchaft mir theuer iſt. 183 So iſt ſelbſt das Alter und die Gebrechlichkeit nicht frei von Tröſtlichem. Wäre ich jünger, thätiger und mit ſtärkeren Banden an das Leben geknüpft, ſo würden mich meine geträumten Freunde ſcheuen, oder ich müßte wünſchen, ihrer los zu werden. So aber kann ich mich ihrer Geſellſchaft erfreuen, ein Ent⸗ zücken darin finden und ganze Stunden damit ver⸗ bringen, daß ich mir ihre Schatten ausmale, die vielleicht jede Nacht durch dieſes Gemach gleiten, und mit Luſt mich in das Intereſſe hinein verſetzen, das ſie für das gebrechliche, ſterbliche Weſen fühlen, welches hier der einzige Bewohner iſt. Alle meine verlorenen und dahingeſchiedenen Freunde finde ich wieder unter dieſen Gäſten. Ich gebe mich mit Liebe dem Gedanken hin, daß ihre Geiſter mich umſchweben, daß ſie noch einige irdiſche Zuneigung für ihren alten Kameraden fühlen, und daß ſte zuſehen, wie er dem Grabe entgegen reift.„Es geht ſchnell mit ihm dem Ende zu, er rückt uns näher und näher und wird bald wiſſen, wie es mit unſerem Seyn beſchaffen iſt.“ Was ſollte auch hierin Beunruhigendes für mich liegen? Es iſt Hoff⸗ nung und Ermuthigung. Solche Gedanken machten mir nie halb ſo viel zu ſchaffen, als eben in dieſer Nacht. Lange ver⸗ geſſene Geſichter ſind mir mit einemmale wieder deutlich geworden; Züge, die ich Jahre lang vergeb⸗ lich zurückzurufen verſuchte, ſind in einem Nu vor mich hingetreten; nichts iſt verändert, als ich; und wenn ich will, kann auch ich wieder ſeyn, wie ehedem. Erhebe ich meine Augen zu dem Antlitz meiner alten Uhr, ſo erinnere ich mich unwillkürlich der Verehrung und des kindiſchen Grauens, womit ich ihr zuzuſehen pflegte, als ſie noch unbeachtet in einem dunklen Winkel der Treppe pickte. Ich ent⸗ ſinne mich, daß mein Geſicht ernſter wurde, wenn ich ihr ſtaubiges Zifferblatt betrachtete; denn mit ihrem ſeltſamen Leben in ſich, mit ihrer Freiheit von allen gewöhnlichen Begierden und mit ihren alltäglichen und allnächtlichen Warnerufen durch das ganze Haus, kam ſie mir vor wie eine Zaubrerin. Wie oft habe ich auf ſie gehorcht, als ſie ihre Per⸗ len an dem Roſenkranze der Zeit abzählte, und mich über ihre Beharrlichkeit gewundert! Wie oft ſah ich zu, wie ſie langſam rund herum mit ihrem Zeiger deutete, und wie oft bewunderte ich unwill⸗ kürlich, trotz dem, daß ich mich ängſtlich nach der nächſten Stunde ſehnte, ihre Willenskraft, ihre ſtolze Erhabenheit über die Kämpfe, die Ungeduld und das Sehnen der Menſchen. 3 Ich hielt ſie einmal für grauſam. Ich erinnere mich, daß ſie mir ſehr hartherzig vorkam. Sie war ſchon damals eine alte Dienerin, und ich meinte, ſie ſollte auch Theil an unſerem Kummer nehmen und Mitgefühl für unſere Leiden an den Tag legen; ſie erſchien mir als ein langweiliges, herzloſes, feites Geſchöpf. Ach! wie bald lernte ich, daß in ihrem ——-õ—- Oe———— u—— ⏑ n — 1— — 38⁵ unabläſſigen Weitergehen und in dem Umſtande, daß ſie ſich durch Nichts halten läßt, ihre größte Wohl⸗ that, der einzige Balſam für Schmerz und verwun⸗ deten Seelenfrieden, liege. 3 Heute Nacht, heute Nacht, wo dieſe Ruhe, dieſe Stille meinen Geiſt umſchwebt und die Erin⸗ nerung ſo viele wechſelnde Scenen vor meine Seele führt, ſtelle ich mich nach Belieben an dieſes oder jenes längſt erloſchene Kaminfeuer und miſche mich in die heitere Gruppe, die es umringt. Wenn ich mich in einer ſolchen Stimmung der Trauer hingeben könnte, ſo wäre es etwa wegen des Gedankens, welch' eine üble Figur ich ehedem inmitten ihrer Jugend und Schönheit machte, während jetzt nur ſo Wenige übrig geblieben ſind, um mich erröthen zu machen; ich könnte traurig werden über den Ge⸗ danken, daß diejenigen unter ihnen, welche ich bis⸗ weilen auf meinen täglichen Spaziergängen treffe, kaum weniger gebrechlich ſind als ich, daß die Zeit uns gleichgeſtellt hat, und daß alle Unterſchiede ſich verwiſchen und verſchwinden, wenn wir unſere wan⸗ kenden Schritte dem Grabe zulenken. Die Erin⸗ nerung iſt uns aber zu weit beſſeren Zwecken, als ſolchen, geſchenkt, und die meinige weiß nichts von Selbſtquälerei, ſondern wird mir zu einer Quelle der Wonne. Wenn ich mir Gedanken mache über den jugendlichen Frohſinn, der mir in meinem Leben begegnete, ſo heften ſich daran gemüthliche Scenen harmloſer Freude, wie ſie auch jetzt noch vorkommen Boz. XVIII. Barnaby Rudge. 25 mögen. Und wenn ich ſie ſo betrachte, werde ich bald ein Mitſpieler in dieſen kleinen Dramen, indem ich mich unter den Gebilden verliere, welche die Phantaſie mir vor Augen führt. Wenn mein Feuer heiter auflodert und ein warmes Erröthen die Wände und Decken dieſes alten Gemaches übergießt, wenn meine Wanduhr in ihrer gemüthlichen Muſik fortmacht, gleich einem jener zirpenden Inſekten, welche ſich der freundlichen Herd⸗ wärme erfreuen, und die der gutmüthige Aberglauben als Propheten des Glücks und Ueberfluſſes für den Haushait betrachtet, in deſſen Barmherzigkeit ſie ihr beſcheidenes Vertrauen ſetzen; wenn Alles in einer behaglichen rothen Glut ſteht und Stimmen aus der praſſelnden Flamme tönen, während ein Lächeln aus ihrem zuckenden Lichte blitzt— dann ſammeln ſich auch andere Stimmen und ein anderes Lächeln um mich, mit ihrer lieblichen Harmonie die ſtille Stunde erfüllend. Denn dann ſchaart ſich ein Häuflein jugend⸗ licher Geſtalten um meinen Herd und der Raum tönt von dem Echo ihrer heiteren Stimmen wieder. Mein einſamer Lehnſtuhl bleibt nicht mehr auf dem geräumigen Platze vor dem Feuer ſtehen, ſondern muß in eine kieinere Ecke rücken, um für den großen Kreis, der ſich um den gemüthlichen Kamin bildet, Raum zu geben. Ich habe Söhne, Töchter und Enkel, und wir ſind wegen eines Anlaſſes verſammelt, der uns gemeinſchaftlich zur Freude wird. Es iſt 387 vielleicht ein Geburtstag oder eine Weihnacht; ſey es aber, was es immer will, wir halten einen ſel⸗ tenen Feiertag und ſind voller Wonne. In der Kaminecke mir gegenüber ſitzt Eine, die neben mir alt geworden iſt. Sie hat ſich natürlich verändert, ſehr verändert, und doch erkenne ich das Mädchen noch ſelbſt in dieſem grauen Haar und der gefurchten Stirne. Und von ihr ſchaue ich auf das Kind, das ſich halb in ihrem weiten Schoße ver⸗ ſteckt, halb hervorguckt— dann auf die kleine zwölf⸗ jährige Matrone, die ſo frauenhaft und ernſt in nicht großer Entfernung von mir ſitzt— dann wie⸗ der auf ein ſchönes Mädchen in der vollen Blüte der Jungfräulichkeit, welche den Mittelpunkt der Gruppe bildet und mehr als einmal nach der auf⸗ gehenden Thüre blickt. Die Kinder flüſtern und kichern neben ihr und wollen durchaus einen Stuhl leer laſſen, obgleich ſie's ihnen nicht befiehlt,— ich ſehe ihr Bild dreimal wiederholt und fühle, wie lange es anſteht, ehe eine Geſtalt und Phy⸗ ſiognomie aus dem Bereich des Lebens verſchwindet, wenn es überhaupt je der Fall iſt. Während ich bei ſolchen Betrachtungen verweile und die allmäligen Wechſel von der Kindheit zum jugendlichen, reiferen und hohen Alter verfolge; wenn ich dabei mit dem Stolze eines alten Mannes denke, daß ſie noch immer lieblich iſt, ſo fühle ich eine zarte Hand auf meinen Arm gelegt, und im Niederſchauen bemerke ich einen verkrüppelten Knaben, der zu meinen 25*† Füßen ſitzt— ein ſanftes, geduldiges Kind, deſſen Anblick mir wohl bekannt iſt. Er ſtützt ſich auf eine kleine Krücke— auch dieß weiß ich— hilft ſich mittelſt derſelben auf meinen Schemel hinauf und flüſtert mir in's Ohr:„Ich bin kaum eines von dieſen, lieber Großvater, obgleich ich ſie innig liebe. Sie ſind ſo gar freundlich gegen mich, aber ich weiß, du biſt doch noch gütiger.“ Ich lege meine Hand auf ſeinen Nacken und beuge mich nieder, um ihn zu küſſen. Aber da ſchlägt meine Wanduhr, mein Stuhl ſteht wieder an ſeinem alten Platze, und ich bin allein. Doch ſey's d'rum. Was iſt's auch, wenn dieſe Feuerſeite keinen andern Gaſt hat, als einen ein⸗ zigen, gebrechlichen, alten Mann? Von dem Giebel meines Hauſes kann ich auf hundert Heimſtätten niederſchauen, in deren jeder dieſe geſelligen Zuſam⸗ menkünfte zur Wirklichkeit werden. Auf meinen täglichen Spaziergängen komme ich an tauſend Menſchen vorbei, die alle ihrer Sorgen vergeſſen haben, die nicht mehr ihrer Mühen und ihres langweiligen, mit jedem Morgen ſich erneuenden Tagwerks gedenken, ſobald ſie ſich an ihrem Herde den Freuden der Häuslichkeit hingeben. Was wer⸗ den nicht in Mitte des Ringens dieſer ſich ab⸗ kämpfenden Stadt für freudige Opfer gebracht, welche Mühe läßt man ſich nicht gerne gefallen, welche Geduld und welchen Heldenmuth zeigt man nicht— Alles um des heimiſchen Herdes und ſeiner 82 389 Lieben willen! Ich danke dem Himmel, daß ich meine Feuerſeite mit ſolchen Schatten bevölkern kann— mit den Schatten heiterer Weſen, die rings in dem Gewühle um mich entſprechende Wirklichkeiten finden. Ja, ich kann dann wohl ſagen, daß ich nicht mehr allein bin. Mit dankbarem Herzen ſchreibe ich's nieder, daß ich es nie weniger war, als in dieſer Nacht. Erin⸗ nerungen aus der Vergangenheit und Geſichte der Gegenwart kommen, um mir Geſellſchaft zu leiſten. Der geringſte Mann, den ich je mit einem Almoſen erfreute, tritt heran, um ſein Scherflein Friede und Freude meinem Vorrath beizufügen; und wenn ein⸗ mal das Feuer in mir erkalten und aufhören will, mir den Erdenpfad zu beleuchten, ſo gebe Gott, daß es in einer ſolchen Stunde geſchehen möge— in einer Stunde, wo ich die ganze Welt ſo ſehr in mein Herz eingeſchloſſen habe, wie in der gegen⸗ wärtigen. Der taube Herr von ſeinem Zimmer aus. Unſer lieber Freund legte nach dem Abſchluſſe des vorſtehenden Abſchnitts die Feder nieder, um ſie nie wieder aufzunehmen. Ich hätte kaum gedacht, je eine ſo ſchmerzliche Aufgabe erfüllen zu müſſen, als die iſt, welche er mir hinterlaſſen hat, und der ich mich jetzt weihe. Da er des andern Morgens nicht zu ſeiner ge⸗ wöhnlichen Stunde unter uns erſchien, ſo klopften wir leiſe an ſeine Thüre. Es erfolgte keine Antwort, weßhalb wir ſachte öffneten: und da ſahen wir mit großer Ueberraſchung, wie er vor der Aſche ſeines Feuers ſaß, nicht weit von ihm ein kleiner Tiſch, den ich Nachts, ehe ich fortging, an ſeine Seite zu rücken pflegte; es ſchien, als ſey er im Begriffe ge⸗ weſen, aufzuſtehen und zu Bette zu gehen, weßhalb er ihn zurückgeſchoben hatte. Krücke und Schemel lagen wie gewöhnlich zu ſeinen Füßen; er ſelbſt war in ſeinen Schlafrock gekleidet, den er angezogen hatte, 391 ehe ich fortging. Er hatte ſich in ſeiner gewohnten Haltung gegen den Rücken ſeines Armſtuhls zurück⸗ gelehnt und ſchien, das Antlitz auf den Kamin ge⸗ richtet, in Betrachtungen vertieft— anfangs hofften wir auch, daß es der Fall ſey. Als wir näher traten, fanden wir, daß er todt war. Ich habe ihn oft in ſeinem friedlichen Schlafe beobachtet, aber nie ſah ich ihn ſo ruhig und freund⸗ lich. Sein Antlitz trug denſelben heiteren und wohl⸗ wollenden Ausdruck, welcher, als er mir zum letzten⸗ male die Hand drückte, einen ſo tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte— nicht, daß er je anders aus⸗ geſehen hätte— wahrhaftig nein; aber es lag etwas ſo Geiſtvolles und, trotz ſeiner grauen und ehrwür⸗ digen Haare, etwas ſo ſeltſam und unbeſchreiblich Jugendliches darin, daß es mir wirklich auffiel. Ich bemerkte es namentlich da, als er mich den Abend zuvor unter einem unbedeutenden Vorwande zurück⸗ rief, um mir noch einmal die Hand zu drücken und mir ein„Gott mit dir“ zuzurufen. Eine Klingelſchnur hieng in dem Bereiche ſeiner Hand, aber er hatte ſie nicht darnach ausgeſtreckt, ja, wie wir alle meinten, ſich nicht einmal gerührt, ausgenommen daß er, wie vorhin bemerkt, den Tiſch zurückgeſchoben, was mit einer ganz leichten Handbewegung bewerkſtelligt werden konnte. Er war für einen Augenblick in ſeinen früheren Gedanken⸗ gang zuruckgeſunken und mit einem ſinnigen Lächeln auf ſeinem Antiitze verſchieden. Ich kannte längſt ſeinen Wunſch, daß wir uns Alle in ſeinem Hauſe verſammeln möchten, wenn einmal dieſes Ereigniß einträte. Ich zögerte daher nicht, nach Herrn Pickwick und Herrn Miles zu ſchicken, die beide anlangten, noch ehe der Bote zu⸗ rückkehrte. Es liegt nicht in meiner Abſicht, mich über den Kummer und die liebevolle Trauer zu verbreiten, deren Zeuge und Theilhaber ich jetzt war. Von den untergeordneten Leidtragenden muß ich jedoch ſagen, daß ſeiner treuen Haushälterin faſt das Herz brach, daß der arme Barbier ſich gar nicht wollte tröſten laſſen und daß ich der einfachen Treue und Warm⸗ herzigkeit des Herrn Weller und ſeines Sohnes bis zu dem letzten Augenblicke meines Lebens Achtung zollen werde. „So iſt alſo das liebevolle, alte Geſchöpf abge⸗ ſegelt,“ ſagte Nachmittags der ältere Herr Weller zu mir.„Er, der keinen Fehler hatte und ſo frei war von aller Unart, daß ihn ein Kind hätte leiten kön⸗ nen, hat endlich auch den unvermeidlichen Stolperer machen müſſen, der an uns Alle kömmt, und iſt für immer durch die Lappen gegangen! Ich ſehe ihn,“ fuhr der alte Herr mit einem Schwimmen in ſeinem Auge fort, über deſſen Bedeutung kein Zweifel ſeyn konnte,„ich ſehe ihn bei jeder Reiſe wackeliger und wackeliger werden; da ſage ich denn zu Samiel: „Junge! der Graue geht auf den letzten Socken;“ und nun ſind leider meine Vorausſagungen wahr 393 geworden, und er, dem ich nie genug hätte dienen oder meine Lieb' beweiſen können, iſt nun fort zu dem großen, allgemeinen Brunnenrohr der Natur.“ Die Anhänglichkeit des alten Mannes drang mir nicht weniger zum Herzen, weil er ſich in ſeiner eigen⸗ thümlichen Weiſe ausdrückte; denn ungeachtet der außer⸗ ordentlichen Zwiegeſpräche, welche Vater und Sohn mit einander hielten, und trotz der ſeltſamen Commenta⸗ rien und Verbeſſerungen, womit Jeder die Worte des Andern beleuchtete, darf ich doch in Wahrheit ver⸗ ſichern, daß ihre Trauer kaum hätte inniger ſeyn können, wie ich denn auch der Ueberzeugung lebe, daß die Angelegentlichkeit und die Sorgfalt, womit ſie in vielen kleinen Dienſten der Theilnahme wett⸗ eiferten, den zartfühlendſten Perſonen Ehre gemacht haben würde. Unſer Freund hatte mir oft geſagt, daß man ſein Teſtament in einem Schubfache des Wanduhr⸗ kaſtens, wozu der Schlüſſel in ſeinem Schreibepult liege, finden würde. Seinem Wunſche gemäß ſollte es alsbald nach ſeinem Tode geöffnet werden, weß⸗ halb wir noch an demſelbigen Abend zuſammenkamen, um ſein Verlangen zu erfüllen. Wir fanden das Teſtament an der bezeichneten Stelle; es war in einen Umſchlag eingeſiegelt und mit einem Codieill von neuerem Datum verſehen, worin er Herrn Miles und Herrn Pickwick zu Voll⸗ ſtreckern deſſelben ernannte— da dieſelben nicht in der Lage wären, von ſeiner Hinterlaſſenſchaft mehr zu bedürfen, als ein freundliches Andenken, das ſie zur Erinnerung an ihn aufbewahren möchten. Nachdem er den Ort angedeutet, wo er begraben zu werden wünſchte, vermachte er„ſeinen lieben, alten Freunden,“ Jack Redburn und mir, ſein Haus, ſeine Bücher, ſeine Möbel— kurz, den ganzen Inhalt deſſelben, und außerdem noch ſo reichliche Mittel, es in ſeinem gegenwärtigen Stand zu erhalten, daß wir ſie bei unſern Gewohnheiten und unſerer Lebensweiſe nie zu erſchöpfen im Stande ſeyn werden. Dann überantwortete er noch unſerer Verwaltung eine jähr⸗ liche Summe von nicht unbedeutendem Betrag, die unter ſeine bisherigen Penſionäre— ſie bildeten eine lange Liſte— und unter ſolche Hülfsbedürftige, die hin und wieder die Wohlthat dieſes Legats in An⸗ ſpruch nehmen möchten, zu vertheilen. Und da wahre Menſchenliebe nicht nur eine Menge von Sün⸗ den bedeckt, ſondern auch eine Menge von Tugenden, als da ſind Verſöhnlichkeit, Freigebigkeit, Erbarmen und Nachſicht mit den Fehlern Anderer und die Er⸗ kenntniß eigener Unvollkommenheit, einſchließt, ſo trug er uns auf, nicht allzu ſtrenge gegen die ver⸗ zeihlichen Irrthumer der Armen zu verfahren, ſondern wenn wir fänden, daß ſie wirklich arm wären, ihnen zuerſt Abhülfe zu leiſten und dann— bei günſtiger Gelegenheit— Beſſerungsverſuche zu machen. Der Haushälterin hinterließ er einen Jahrgehalt, der hinreichte, ihr für Lebenszeit ein anſtändiges Auskommen zu ſichern. Den Barbier, welcher ihn 395 viele Jahre bedient, bedachte er in ähnlicher Weiſe. Es mag denn hier auch der Ort für ein paar Be⸗ merkungen ſeyn: erſtlich, daß ich glaube, dieſe Leut⸗ chen werden wahrſcheinlich ihre Mittel zuſammenwer⸗ fen und ein Paar machen; und dann: daß ein ſol⸗ ches Reſultat ganz in der Abſicht unſeres Freundes lag, denn ich hörte ihn mehr als Einmal ſagen, er könne mit der allgemeinen Anſicht nicht einverſtanden ſeyn, welche gleiche Heirathen im ſpäteren Alter tadle, ſintemalen es gar viele Fälle gebe, in welchen der⸗ artige Verbindungen zu einer weiſen und vernünfti⸗ gen Quelle des Glücks für beide Partien werden müßten. Der ältere Herr Weller iſt ſo weit entfernt, dieſe Ausſicht mit Gefühlen der Eiferſucht zu betrach⸗ ten, daß er vielmehr dadurch recht ſehr beruhigt zu ſeyn ſcheint, und wenn wir nicht irren, ſo geht es ſeinem Sohne gerade ebenſo. Wir ſind indeß der Anſicht, daß die Gefahr des alten Herrn ſogar in ihrer Hauptkriſis nicht viel beſagen wollte, und daß er nur unter einer jener vorübergehenden Schwächen litt, denen Perſonen von ſeinem Temperament unter⸗ worfen ſind; ſie werden übrigens bei jeder Wieder⸗ kehr weniger und weniger beunruhigend, bis ſie am Ende ganz und gar ſchweigen. Ich zweifle nicht, daß er für den Reſt ſeines Lebens ein luſtiger, alter Wittwer bleiben wird, da er mich bereits in allem Ernſte gefragt hat, ob ihn das habeas corpus er⸗ mächtige, ſein Vermögen unwiderruflich auf Tony zu 396 übertragen, wie er denn auch deßgleichen in meiner Gegenwart ſeinen Sohn ſchon mit Thränen in den Augen beſchworen hat, er möchte ihm für den Fall, daß er je wieder verliebt werde, eine Zwangsweſte anlegen, bis der Anfall vorüber ſey, daneben aber der Dame ausdrücklich bedeuten, daß ſein Vermögen „bereits einen andern Herrn habe.“ Obgleich ich keinen Zweifel unterhalte, daß Sam im äußerſten Nothfalle dieſen Einſchärfungen pflicht⸗ lich nachkommen und ſie mit vollkommener Faſſung und Kaltblütigkeit in Vollzug ſetzen würde, ſo fürchte ich doch nicht, daß es je ſo weit kommen wird; denn der alte Herr ſcheint in der Geſellſchaft ſeines Soh⸗ nes, ſeiner hübſchen Schwiegertochter und ſeiner Enkel vollkommen glücklich zu ſeyn; auch hat er feierlich ſeinen Entſchluß zu erkennen gegeben, daß er ſich„in jedem Betracht nach dem Alten richten“ wolle, woraus ich ſchließen möchte, daß er ſich für ſein Verhalten Herrn Pickwick zum Muſter zu neh⸗ men gedenkt, welcher ihm zuverläßig in der Eheloſig⸗ keit mit einem guten Beiſpiel vorangehen wird. Ich bin für einen Augenblick von dem Gegen⸗ ſtande, den ich mir vorgeſetzt, abgegangen, denn ich weiß, daß ſich mein Freund für dieſe Angelegenheiten intereſſirte, und weile gerne bei einem Thema, das ſeine Gedanken beſchäftigte, oder ihm Vergnügen und Unterhaltung gewährte. Seine übrigen Wünſche laſſen ſich kurz zuſammenfaſſen. Er verlangte, daß wir ihn oft zum Gegenſtande unſerer Unterhaltung A* 397 machen, aber nie in einer Stimmung der Trauer oder Zurückhaltung, ſondern frei und offen von ihm, als von einem Manne, den wir noch liebten und wieder zu ſehen hofften, ſprechen ſollten. Er drückte ſeine Hoffnung aus, daß ſeine alte Wohnung nie traurig, ſondern immer heiter und gemüthlich aus⸗ ſehen werde; wir ſollten daher auch ſein Porträt, das in unſerm Speiſezimmer hängt, nicht entfernen oder verhüllen, ſondern es zu unſerm Gefährten ma⸗ chen, wie er es ſelbſt geweſen. Sein Zimmer, der Ort unſerer Verſammlungen, verbleibt ſeinem Wunſche gemäß in ſeinem gewohnten Zuſtande; unſere Sitze ſtehen wie vor Alters um den Tiſch; ſein Armſtuhl, ſein Pult, ſeine Krücke, ſein Schemel— Alles be⸗ hauptet ſeine gewohnte Stelle und die Wanduhr be⸗ findet ſich in ihrer traulichen Ecke. Wir gehen zu einer beſtimmten Stunde in das Gemach, um zu ſehen, ob Alles iſt, wie es ſeyn ſollte, und dem Lichte und der Luft freien Zutritt zu geſtatten, denn dieß hatte er uns beſonders angelegentlich empfohlen. Es war indeß eine Grille von ihm, daß es nicht mehr be⸗ wohnt, daß es pflichtlich in dieſem Zuſtande bewahrt werden und daß ſich die Stimme ſeiner alten Ge⸗ fährtin nicht mehr hören laſſen ſolle. Meine eigene Geſchichte läßt ſich in ſehr wenige Worte zuſammenfaſſen, und ſelbſt dieſe würde ich dem Leſer gerne erſpart haben, wenn nicht mein Freund einmal darauf angeſpielt hätte. Mein Schmerz iſt kein geringerer, als der Verluſt eines Kindes— einer einzigen Tochter, die noch lebt und einige Wochen, ehe ich meinen Freund zum erſtenmale ſah, aus dem Vaterhauſe entfloh. Ich habe nie davon geſprochen, nicht einmal gegen ihn, weil ich ſie immer liebte und es nicht über mich zu gewinnen vermochte, ihm ihren Fehltritt mitzutheilen, ohne daß ich ihm auch von ihrem Schmerz und ihrer Reue erzählen konnte. Glücklicherweiſe war jch im Stande, dieß vor einiger Zeit zu thun. Mit Gottes Zulaſſung wird es daher nicht mehr lange anſtehen, bis ſie mir zurückgegeben iſt, damit ich in ihr und ihrem Gatten eine Stütze finde für die Neige meiner Tage. 4 Was meine Tabakspfeife betrifft— ſo iſt ſie eine alte Reliquie aus der Heimath, ein Ding von kei⸗ nem großen Werth, eine armſelige Kleinigkeit, mir aber theuer um ihretwillen. Seit dem Tode unſeres verehrten Freundes ſind nun wir Beide, Jack Redburn und ich, die einzigen Bewohner des alten Hauſes, und Tag für Tag be⸗ ſuchen wir gemeinſchaftlich ſeine Lieblingsſpaziergänge. Eingedenk ſeiner Weiſungen ſind wir lange im Stande geweſen, mit Nuhe und Freude von ihm zu ſprechen und ſeiner zu gedenken, wie er ſelbſt es gewünſcht hat. Aus gewiſſen Anſpielungen, welche Jack fallen ließ, daß er nämlich in früher Jugend einſam in die Welt hinausgeſtoßen worden, bin ich geneigt, zu glauben, daß einige Züge aus ſeinem früheren Leben in der Geſchichte des Herrn Cheſter und ſeines Sohnes gezeichnet ſind; da er jedoch nicht gerne 399 darüber ſpricht, ſo ſuchte ich die Sache nicht näher zu erforſchen. Meine Aufgabe iſt vollendet. Das Gemach, worin wir ſo viele Stunden, wie ich hoffe, nicht ohne Vergnügen und Gewinn verbracht haben, iſt verlaſſen; die glückliche Stunde unſerer Zuſammen⸗ kunft ſchlägt nicht mehr; die Kaminecke iſt kalt ge⸗ worden und Maſter Humphrey's Wanduhr hat für immer aufgehört, zu ſchlagen. — —— 4 46. 8 —