4 v 9. ih deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.——— ZBueher: auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3 7 1 5„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Vi beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriffene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage keſtgeſeht und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Maſter Humphrey's Wandnhr. Von B o z. Neuaus dem Engliſchen von Dr. Carl Kolb. Mit Federzeichnungen nach G. Cattermole und H. K. Browne. Fünftes Zändchen. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1842. BVarnaby Rudge. Von B o z. Neu aus dem Engliſchen von Dr. Carl Kolb. Mit Federzeichnungen nach Cattermole und K. H. Browne. Zweites Zändchen. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1842. Dreiunddreißigſtes Kapitel. — An einem Winterabend, zu Anfang des Jahres unſeres Herrn Eintauſend Siebenhundert und Achtzig, erhob ſich mit dem Einbruch der Dämmerung ein ſcharfer Nordwind, und die Nacht zog ſchwarz und düſter heran. Die Schloßen raſſelten gegen die zit⸗ ternden Fenſter, und ein ſcharfer, eiſig⸗kalter Wind fegte durch die feuchten Straßen. Wirthsſchilde, über Gebühr in ihren knarrenden Rahmen erſchüttert, ſtelen krachend auf das Pflaſter nieder; alte, verwitterte Schornſteine wankten und zitterten unter den Wind⸗ ſtößen, und mancher Kirchthurm beugte ſich in dieſer Nacht, als wäre die ganze Erde in Aufruhr. Es war keine Zeit für Solche, die ſich nur halb⸗ wegs Licht und Wärme verſchaffen konnten, der Wuth des Wetters Trotz zu bieten. In den Kaffeehäuſern der beſſern Sorte drängten ſich die Gäſte um das Feuer, vergaßen der Politik und erzählten einander 8 mit heimlichem Wohlbehagen, wie der Sturm mit jedem Augenblicke ungeſtümer werde. Jede Kneipe an dem Themſeufer hatte ihr Häuflein ungeſchlachter Geſtalten um ihren Herd, und man ſprach da von Schiffen, die auf der See umhergeworfen wurden und mit der ganzen Mannſchaft zu Grunde gingen, er⸗ zählte manche traurige Geſchichte von Schiffbruch und ertrunkenen Menſchen, höffte, daß dieſer oder jener Bekannte in dieſem Wetter davon kommen möchte, und ſchüttelte dabei bedenklich den Kopf. In den Privathäuſern ſchaarten ſich die Kinder um die Flamme und horchten mit ſcheuem Behagen auf die Erzäh⸗ lungen von Geiſtern, von Kobolden, von langen Ge⸗ ſtalten und von Leuten, die in alte Kirchen gegangen, eingeſchlafen, überſehen worden und in der Stunde der Mitternacht daſelbſt erwacht wären; dann ſchau⸗ derten ſie bei dem Gedanken an die dunklen Zimmer in dem oberen Stock, und doch hörten ſie es gerne, wie der Wind heulte, und hofften, er werde noch eine Weile wacker fortmachen. Von Zeit zu Zeit hielten dieſe Glücklichen, welche ſich eines Obdachs erfreuten, inne, um zu horchen, oder es hob einer den Finger auf und rief„Bst!“ und dann polterte es in dem Schornſtein, und klapperte es an den Scheiben, und hörte man einen kläglichen, rauſchenden Ton, der die Mauern erſchütterte, als fühlten ſie den Stoß einer Rieſenhand; dann ließ ſich ein heiſeres Brüllen ver⸗ nehmen, als ob ſich die See gehoben; dann kam ein ſolches Gewirbel und ein Tumult, als ob die Luft 9 toll gewordensſey; und dann fegten die Windwellen mit gedehntem Geheul umher, eine augenblickliche Ruhe folgen laſſend. Wie heiter blinkte an dieſem Abende das Licht in dem Maibaum, obgleich Niemand außen war, um es zu ſehen. Geſegneter alter Fenſtervorhang in deinem tiefen, glühenden Rubinroth, wie lieblich ſchmolzeſt du Feuer, Lichter, Eſſen, Trinken und die ganze Geſellſchaft in einen einzigen reichen Glanz⸗ ſtrom zuſammen, der, wie ein heiteres Auge, in die kalte Oede draußen hinausſchaute! Welcher Teppich wäre dem knirſchenden Sande innen gleich gekom⸗ men; welche Muſik hätte heiterer ſeyn können, als das Praſſeln des Holzes; welcher Duft roch lieblicher, als die leckeren Dämpfe aus der Küche; welches Wetter war anſprechender, als die gemüthliche Stuben⸗ wärme! Segen dem alten Hauſe, das ſo wacker Stand hielt! Wie der gereizte Wind um ſein alterthümliches Dach ſchnaubte und brüllte, wie er keuchte und kämpfte in den weiten Schornſteinen, die fortwährend aus ihren wirthlichen Schlünden große Rauchwolken entſandten und ihm höhnend in's Geſicht pafften; wie er namentlich an den Fenſterrahmen umtrieb und raſſelte, eiferſüchtig bemüht, die gemüthliche Flamme auszulöſchen, die ſich nicht dämpfen laſſen wollte, ſondern nur um ſo leuchtender aus dem Kampfe her⸗ vorzugehen ſchien. Und dann der Ueberfluß, der reiche und ver⸗ ſchwenderiſche Vorrath in dieſem prächtigen Wirths⸗ hauſe! Nicht genug, daß ein Feuer auf dem geräu⸗ migen Herde loderte und praſſelte; ſogar auf den Ziegeln, die ihn pflaſterten und ſäumten, flackerten ein halbtauſend Feuer in heller Lohe. Nicht genug, das ein rother Vorhang die wilde Nacht hinaus⸗ ſchloß und ſeinen behaglichen Einfluß an dem Zimmer übte. In jedem Pfannendeckel, an jedem Leuchter, an jedem kupfernen, zinnernen oder Meſſinggefäß, das an den Wänden hing, ſtrahlten zahlloſe röthliche Be⸗ hänge wieder, bei jeder Bewegung der Flamme blitzend, ſtrahlend, und, wohin das Auge ſchauen mochte, un⸗ abſehbare Fernſichten von derſelben reichen Farbe bietend; das alte eichene Getäfel, die Balken, die Stühle, die Bänke— alles leuchtete in tiefrothem Schimmer. Sogar in den Augen der Trinker, in ihren Knöpfen, in ihrem Branntwein, in den Pfeifen, die ſie rauchten, ſtacken Feuer und rothe Vorhänge. Herr Willet ſaß an dem gewohnten Platze, den er ſchon vor fünf Jahren eingenommen hatte, die Augen nach dem unſterblichen Kupferkeſſel gerichtet, und hatte ſchon ſeit dem Glockenſchlag acht Uhr da geſeſſen, ohne ein anderes Lebenszeichen von ſich zu geben, als daß er, obgleich er hellauf wachte, in einem lauten und beſtändigen Schnarchen athmete, von Zeit zu Zeit ſein Glas an die Lippen führte, oder die Aſche aus der Pfeife klopfte und ſie auf's Neue füllte. Es war nun halb Eilf. Wie vor Alters waren Herr Cobb und der lange Phil Par⸗ kes ſeine Gefährten, und in dritthalb flerbenslangen 2ͤSͤ SO„—-—„ 11 Stunden hatte Keiner von ihnen auch nur ein Wort geſprochen. Ob Leute in Folge des Umſtandes, daß ſie eine Reihe von Jahren ſtets an demſelben Ort(bezie⸗ hungsweiſe denſelben Stellungen) bei einander ſitzen, und ſtets das nämliche thun, einen ſechsten Sinn oder ſtatt deſſen irgend eine unbekannte Fähigkeit ſich aneignen, auf einander einzuwirken— dieß iſt eine Frage, deren Löſung wir den Philoſophen überlaſſen wollen. So viel iſt übrigens gewiß, daß der alte John Willet, Herr Parkes und Herr Cobb die feſte und einſtimmige Ueberzeugung hatten, ſie bildeten eine ganz joviale Geſellſchaft und wären eigentlich auserleſene Geiſter, da ſie ſich hin und wieder anſchauten, als ginge ein beſtändiger Ideentauſch unter ihnen vor; daß keiner ſich ſelbſt oder ſeinen Nachbar für einen ſchweigſamen Patron hielt, und daß jeder von ihnen, wenn er zufällig dem Auge des andern begegnete, mit dem Kopf nickte, als wollte er ſagen:„Ihr habt Euch hinſichtlich deſſen außerordent⸗ lich gut ausgedrückt, Sir, und ich bin ganz mit Euch einverſtanden.“ Die Gaſtſtube war ſo gar warm, der Tabak ſo gar gut, und das Feuer ſo gar behaglich, daß Herr Willet allmälig zu doſen begann. Da er es aber durch lange Gewohnheit in der Kunſt, ſchlafend zu rauchen, zu einer hohen Vollkommenheit gebracht hatte, und da ſein Athem, mochte er nun wachen oder ſchlafen, ſo ziemlich gleich lautete, etwa den Umſtand ausgenommen, daß in dem letzteren Falle ſeine Reſpiration hin und wieder auf ein kleines Hinderniß ſtieß(allenfalls wie ein Zimmermann, wenn er beim Hobeln auf einen Aſt kömmt), ſo merkte es keiner ſeiner Gefährten, bis eine der letztgenannten Hemmungen eintrat und ihn nöthigte, abermals an⸗ zuſetzen.— „Johnny iſt abgefallen,“ ſagte Herr Parkes in flüſterndem Tone. „Steif und feſt,“ entgegnete Herr Cobb. Und nun ſprach keiner von ihnen mehr ein Wort, bis Herr Willet auf einen zweiten Aſt ſtieß — und zwar auf einen ſo hartnäckigen, daß er darüber eigentlich in Convulſtonen gerieth; durch eine wahr⸗ haft übermenſchliche Anſtrengung gelang es ihm je⸗ doch, denſelben zu übermannen, ohne daß er aufwachte. „Er ſchläft ungewöhnlich hart,“ ſagte Herr Cobb. Herr Parkes, der wahrſcheinlich ſelber auch ein harter Schläfer war, verſetzte mit einiger Gering⸗ ſchätzung:„warum nicht gar,“ und heftete ſein Auge auf einen an dem Kaminmantel angeklebten Zettel, auf dem ſich ein Holzſchnitt befand, welcher einen ſehr ſchnell laufenden, blutjungen Menſchen mit einem an den Stock befeſtigten Bündel auf der Schulter und— zu völliger Ausführung der Idee— einen Wegweiſer und Meilenſtein nebenan darſtellte. Herr Cobb wandte ſeine Augen in dieſelbe Richtung und beſchaute das Plakat, als ſehe er es heute zum erſten⸗ „ 0 SS2SSSUSGUx S ein tieß ber ihr⸗ je⸗ hte. derr ein ing⸗ luge ttel, inen nem lter inen Herr und ſten⸗ 13 male. Es war nämlich ein Dokument, das Herr Willet in eigener Perſon über das Verſchwinden ſeines Sohnes Joſephs erlaſſen hatte, und worin er einem hohen Adel, einer verehrlichen Honoratiorenſchaft und dem Publikum im Allgemeinen die Umſtände, unter denen derſelbe die Heimath verlaſſen hatte, nebſt einer Beſchreibung ſeines Anzugs und Ausſehens mittheilte. Dabei war der Perſon oder den Perſonen, die ihn aufgreifen, wohlverwahrt nach dem Maibaum bei Chigwell zurückſchaffen oder in einem von Seiner Majeſtät Gefängniſſen unterbringen würden, bis ſein Vater käme, um ihn zurückzunehmen, eine Belohnung von fünf Pfund zugeſichert. In dieſer Ankündigung hatte es Herr Willet trotz des Rathes und der Bitten ſeiner Freunde, hartnäckig durchgeſetzt, ſeinen Sohn als einen jungen Knaben und etwa achtzehn Zoll bis zwei Fuß kleiner, als er wirklich war, zu ſchil⸗ dern— zwei Umſtände, denen es vielleicht einiger⸗ maßen zugeſchrieben werden muß, daß der ganze Erfolg der Anzeige darauf hinauslief, zu verſchiede⸗ nen Zeiten und unter ungeheuren Koſten ungefähr fünfundvierzig ſechs⸗ bis zwölfjährige Ausreißer nach Chigwell zur Beaugenſcheinigung zu ſchaffen. Herr Cobb und Herr Parkes betrachteten ge⸗ heimnißvoll dieſes Machwerk; dann ſahen ſie gegen⸗ ſeitig ſich und ſchließlich den alten John an. Von der Zeit, als Herr Willet es eigenhändig angeklebt, hatte er nie, weder durch ein Wort oder ein Zeichen auf den Gegenſtand angeſpielt oder Jemand anders dazu ermuthigt. Niemand hatte auch nur die geringſte Vorſtellung von dem, was er darüber dachte, und ob er ſich des Umſtandes noch erinnere oder ihn vergeſſen habe. Man wagte es daher, ſo lange er zugegen war, nicht einmal während ſeines Schlafes auf dieſes Ereigniß zurückzukommen, und aus dieſen hinreichenden Gründen waren ſeine auserleſenen Freunde jetzt ſo ſchweigſam. Herr Willet war inzwiſchen in ein ſolches La⸗ byrinth von Aeſten gerathen, daß es vollkommen klar war, er mußte entweder aufwachen oder erſticken. In dieſer Alternative wählte er das erſtere und öffnete ſeine Augen. „Wenn er nicht in fünf Minuten kommt,“ ſagte John,„ſo wird ohne ihn zu Nacht gegeſſen.“ Der Vorderſatz zu dieſer Erklärung war etwa um acht Uhr ausgeſprochen worden. Die Herren Parkes und Cobb, die an dieſen Converſationsſtyl bereits gewöhnt waren, entgegneten daher ohne Anſtand, daß Solomon allerdings ſehr lang ausbleibe, und meinten, ſie möchten doch wiſſen, was ihn möglicher⸗ weiſe abhalten könne. „Hoffentlich iſt er doch nicht weggeblaſen worden,“ ſagte Parkes.„Freilich wäre der Wind ſtark genug, einen Mann von ſeinem Gewicht und ſeiner Figur mit fortzunehmen. Hört Ihr’s? Wahrhaftig, das geht wie grobes Geſchütz. Da wird's manchmal kra⸗ chen heute Nacht im Walde, und morgen kann man hübſch Holzleſe halten.“ 15 „Ich ſtehe dafür, Sir, dem Maibaum thut er nichts,“ entgegnete der alte John.„Er ſoll's ein⸗ mal probiren— ich gebe ihm Erlaubniß dazu. Was iſt das?“ „Der Wind,“ rief Parkes.„Er heult wie ein Chriſtenmenſch, und zwar ſchon den ganzen Abend.“ „Habt Ihr je gehört, Sir,“ fragte John nach dem Nachdenken einer Minute,„habt ihr je gehört, daß der Wind„Maibaum“ rief?“ „Ei, wer hätte das je?“ ſagte Parkes. „Oder vielleicht ‚oho⸗?“ fügte John bei. „Nein, auch das nicht.“ „Sehr wohl, Sir,“ ſagte Herr Willet mit voll⸗ kommener Ruhe;„wenn nun das eben jetzt der Wind war, und Ihr eine Weile warten wollt, ohne zu ſprechen, ſo werdet Ihr ihn gleich beide Worte ganz deutlich ausſprechen hören.“ Herr Willet hatte Recht. Nachdem ſtie einige Augenblicke gehorcht hatten, wiederholte ſich durch das Gebrüll und den Tumult draußen dieſer Ruf, und zwar ſo ſchrill und nachdrücklich, daß man wohl daraus entnehmen konnte, er käme von einer in Angſt und Schrecken verſetzten Perſon. Sie ſahen einan⸗ der an, erblaßten und hielten den Athem an ſich. Keiner rührte ſich. Bei dieſer Gelegenheit entfaltete Herr Willet etwas von jener Geiſtesgegenwart und Beſonnen⸗ heit, die ihm die Bewunderung aller ſeiner Freunde und Nachbarn erwarb. Nachdem er die Herren Parkes und Cobb eine Weile ſtumm angeſehen hatte, legte er ſeine beiden Hände an die Backen und ſtieß ein ſolches Gebrüll aus, daß die Gläſer tanzten und die Sparren erdröhnten— ein gedehntes, mißtöniges Gebelle, das mit dem Winde dahinrollte, jedes Echo erſchreckte und die Nacht noch hundertmal lärmender machte— ein tiefes, lautes, garſtiges Getöne, das wie ein menſchliches Gongong klang. Unter der ge⸗ waltigen Anſtrengung ſchwoll ihm jede Vene des Geſichts an, und ſein Antlitz überlief von dem leb⸗ hafteſten Purpur, dann rückte er dem Feuer ein we⸗ nig näher, wandte ihm den Rücken zu und ſprach mit Würde: „Wenn das irgend Jemanden einen Troſt bringt, ſo iſt's gerne geſchehen. Wo nicht, ſo thut es mir leid. Wenn einer von Euch hinausgehen und ſehen will, was es gibt, ſo kann er es thun. Ich für meine Perſon bin nicht neugierig.“ Während er ſo ſprach, kamen die Rufe näher und näher. Man hörte Fußtritte unter dem Fenſter; die Klinke wurde gelüpft; die Thüre ging auf und ſchlug heftig wieder zu— und Solomon Daiſy, eine angezündete Laterne in der Hand, ſtürzte mit vom Regen triefenden und zerzausten Kleidern in das Zimmer. Ein vollſtändigeres Bild des Entſetzens, als es der kleine Mann darſtellte, läßt ſich kaum denken, Der Schweiß ſtand in großen Tropfen auf ſeinem Geſichte, ſeine Knie ſchlugen zuſammen, jedes Glied —,.,————-— ⏑— — u nu 8d dA ⁸ε— 8 17 zitterte, und er vermochte keinen Laut hervorzubringen. Da ſtand er jetzt, nach Luft ſchnappend, und mit ſo aſchfahlem Geſicht um ſich ſtierend, daß die andern, obgleich ſie die Urſache nicht kannten, von ſeiner Furcht angeſteckt wurden und, ſein geängſtigtes und entſetztes Geſicht wiederſtrahlend, ebenfalls umherſtier⸗ ten, ohne ſich zu getrauen, ihn zu fragen— bis end⸗ lich der alte John Willet in einem Anfalle tempo⸗ rären Wahnſinns einen Griff nach ſeiner Halsbinde that, ihn an dieſem Anzugsartikel packte und ihn ſo kräftig hin und her ſchüttelte, daß ihm die Zähne im Munde klapperten. „Sagt uns, was los iſt, Sir,“ rief John,„oder ich erdroßle Euch. Sagt uns, was es gibt, Sir, oder im nächſten Augenblick habe ich Euren Kopf unter dem Keſſel. Wie könnt Ihr Euch unterſtehen, mit einem ſolchen Geſichte hereinzukommen? Verfolgt Euch Jemand? Was ſoll das heißen? So ſprecht doch, oder ich begehe Mord und Todtſchlag an Euch.“ Herr Willet war in ſeiner Wuth ſo nahe daran, ſein Wort buchſtäblich zu erfüllen(Solomon Daiſy's Augen fingen bereits an, auf eine beunruhigende Weiſe zu rollen, und gewiſſe Guturaltöne, wie von einem Erſtickenden, drangen aus ſeiner Kehle), ſo daß die beiden andern, als ſie ſich einigermaßen gefaßt hatten, ihn mit Gewalt von ſeinem Opfer losrißen und den kleinen Küſter von Chigwell auf einen Stuhl ſetzten. Dieſer ließ jetzt einen angſtvollen Blick durch das Zimmer gleiten und bat ſie mit matter Stimme, Boz XVII. Barnaby Ruoge. 2 18 ihm etwas zu trinken zu geben, vor allem aber ohne den mindeſten Zeitverluſt Hausthüre und Fenſterläden zu ſchließen und zu verriegeln. Die letztere Auffor⸗ derung trug keineswegs dazu bei, ſeine Zuhörer zu beruhigen oder ſie mit behaglicheren Gefühlen zu er⸗ füllen; demungeachtet aber willfahrten ſie mit großer Behendigkeit, und nachdem ſie ihm einen Becher voll faſt kochendheißen Grogs in die Hand gegeben hatten, harrten ſie, was er ihnen wohl zu erzählen haben koͤnnte. „O Johnny,“ ſagte Solomon, dem Wirthe die Hand drückend.„O Parkes! O Tommy Cobb! Warum mußte ich auch heute Abend dieſes Haus verlaſſen! Am neunzehnten März— von allen Aben⸗ den im Jahr am neunzehnten März!“ Sie rückten alle enger an's Feuer. Parkes, der der Thüre am nächſten war, fuhr auf und ſah über ſeine Schulter zurück. Herr Willet fragte in großer Entrüſtung, was zum Teufel er damit meine— ſagte dann:„Gott ſey bei uns!“ ſchaute gleichfalls über die Schulter und rückte ein wenig näher. „Als ich heute Abend von hier fortging,“ ſagte Solomon Daiſy,„dachte ich wenig daran, was wir heute für einen Monatstag hatten. Seit ſiebenund⸗ zwanzig Jahren bin ich, nach Einbruch der Dunkel⸗ heit, nie an dieſem Tage allein in die Kirche gegangen. Ich habe ſagen hören, die Geiſter und todten Leute, welche keine Ruhe im Grabe haben, hielten ihre Sterbetage, wie die Lebenden ihre Geburtstage feiern. — Wie der Wind heult!“ 19 Niemand ſprach. Alle Augen waren auf Solo⸗ mon geheftet. „Das ſchlechte Wetter hätte mir ſchon ſagen können,“ fuhr er fort,„was wir heute für einen Abend haben. Das ganze Jahr iſt es nie ſo grauen⸗ haft, als gerade in dieſer Nacht. Am neunzehnten März habe ich nie in meinem Bette ruhig ſchlafen können.“ „Auch ich nicht,“ ſagte Cobb mit gedämpfter Stimme.„Macht weiter.“ Solomon Daiſy erhob das Glas an ſeine Lip⸗ pen, ſetzte es mit ſo zitternden Händen, daß der Löffel darin wie eine Glockenzunge bimmelte, auf den Boden nieder und fuhr alſo fort: „Habe ich nicht ſtets geſagt, daß wir am neun⸗ zehnten dieſes Monats immer in einer ſonderbaren Weiſe auf dieſe Geſchichte zurückgebracht würden? Glaubt Ihr, es ſey Zufall geweſen, daß ich vergaß, die Kirchthurmuhr aufzuziehen? Habe ich es doch ſonſt nie vergeſſen, obgleich es eine unangenehme Ge⸗ ſchichte iſt, daß ſie jeden Tag aufgezogen werden muß. Warum mußte es gerade vor allen Tagen heute mir entfallen? „Ich beeilte mich, als ich von hier wegging, ſo gut ich konnte; aber ich mußte zuerſt nach Hauſe, um die Schlüſſel zu holen, und da ich auf dem gan⸗ zen Wege Wind und Regen hinter mir her hatte, ſo durfte ich von Glück ſagen, daß ich mich immer auf den Beinen erhalten konnte. Endlich erreichte ich 2* 20 die Kirche, öffnete die Thuͤre und ging hinein. Auf dem ganzen Weg hatte ich keine Seele angetroffen, und Ihr mögt daher urtheilen, ob es ein kurzweili⸗ ges Geſchäft war oder nicht. Keiner von Euch hätte mir mögen Geſellſchaft leiſten„ und würdet Ihr erſt⸗ gewußt haben, was kommen ſollte, ſo hättet Ihr auch ganz Recht dazu gehabt. „Der Wind war ſo ſtark, daß ich die Kirchthüre nur dadurch ſchließen konnte, daß ich das ganze Ge⸗ wicht meines Köpers dagegen ſtemmte, und ſelbſt da fuhr ſie etlichemale mit ſolcher Gewalt zurück, daß Jeder von Euch, wenn er ſich dagegen gelehnt hätte, wie ich, darauf geſchworen hätte, es ſey Jemand auf der Außenſeite, der hereindrücke. Ich drehte indeß den Schlüſſel um, ging in den Thurm und zog die Uhr auf, die beinahe abgelaufen war und in der nächſten halben Stunde ſtockſtill geſtanden hätte. „Als ich meine Laterne wieder aufnahm, um die Kirche zu verlaſſen, überlief es mich mit einemmale eiskalt, daß heute der neunzehnte März ſey. Der Gedanke kam mir ſo plötzlich, daß es mir war, als ſey er mir mit der Fauſt vor die Stirne geſchlagen worden. In demſelben Augenblick hörte ich eine Stimme draußen, die gerade von den Gräbern herkam.“ Hier unterbrach der alte John plötzlich den Sprecher, indem er Herrn Parkes, der ihm gegenüber ſaß und unmittelbar über ſeinem Kopfe wegſtierte, erſuchte, wenn er etwas ſehe, ſo ſolle er ſo gut ſeyn, 21 es zu ſagen. Herr Parkes entſchuldigte ſich und ver⸗ ſicherte, daß er blos zuhöre, worauf Herr Willet ärgerlich erwiederte, daß ein Zuhörer mit einem ſol⸗ chen Ausdruck im Geſicht nicht angenehm ſey, und wenn er nicht wie andere Leute ausſehen könne, ſo thue er beſſer, ſich das Schnupftuch über den Kopf zu legen. Herr Parkes machte ſich mit großer Un⸗ terwürfigkeit dazu anheiſchig, wenn es wieder verlangt würde, und John Willet wandte ſich ſofort mit der Aufforderung an Solomon, weiter zu machen. Nach⸗ dem man einen ungeſtümen Windſtoß abgewartet hatte, der ſogar dieſes ſtattliche Haus in ſeinen Grundfeſten zu erſchüttern ſchien, entſprach der kleine Mann dem an ihn ergangenen Geheiße: „Niemand ſage mir, es ſey blos Einbildung ge⸗ weſen, oder ich habe einen andern Ton mit dem, von welchem ich jetzt erzählen will, verwechſelt. Ich hörte den Wind durch die Gewölbe der Kirche pfei⸗ fen. Ich hörte, wie der Thurm ſich dehnte und krachte. Ich hörte, wie der Regen gegen die Mauern ſchlug. Ich fühlte das Zittern der Glocken. Ich ſah, wie die Seile hin und her ſchwangen. Ich hörte aber auch jene Stimme.“ „Und was ſagte ſie?“ fragte Tom Cobb. „Das weiß ich nicht; ich kann auch nicht ſagen, daß ſie ſprach. Es war eine Art von Schrei, wie ihn etwa einer von uns ausſtoßen würde, wenn uns etwas Schreckliches im Traume verfolgte und uns 22 unverſehens einholte. Es war, als ob es die Runde ganz um die Kirche machte, und dann erſtarb es.“ „Ich ſehe hierin nicht viel,“ ſagte John, tief aufathmend und umherſchauend, wie ein Mann, der ſich ſehr erleichtert fühlt. „Vielleicht nicht,“ entgegnete ſein Freund,„aber das iſt noch nicht alles.“ „Und was ſoll denn noch weiter kommen?“ fragte John, der eben mit der Schürze ſein Geſicht abwiſchte und jetzt in dieſem Geſchäfte plötzlich inne hielt.„Was habt Ihr uns weiter zu erzählen?“ „Was ich geſehen habe.“ „Geſehen?“ wiederholten alle drei, ſich vorwärts beugend. „Als ich die Kirchenthüre öffnete, um hinauszu⸗ gehen,“ fuhr der kleine Mann mit einem Geſichts⸗ ausdrucke fort, der hinreichend bekundete, daß er aus aufrichtiger Ueberzeugung ſprach,„als ich die Kirch⸗ thüre öffnete, um hinauszugehen(ich that dieß plötz⸗ lich, denn ich wollte ſie wieder zukriegen, ehe ein neuer Windſtoß heranzöge), kam etwas an mir vor⸗ bei— ſo nahe, daß ich es mit dem ausgeſtreckten Finger hätte berühren können— etwas, das Aehn⸗ lichkeit mit einem Menſchen hatte. Trotz des Un⸗ wetters hatte es keine Kopfbedeckung. Ohne anzu⸗ halten wandte es ſein Geſicht auf mich und heftete die Augen auf die meinigen. Es war ein Geſpenſt — ein Geiſt.“ „Weſſen?“ riefen alle drei zumal. ——4————— — 10 ☛ △̈—— 23 In dem Uebermaße ſeiner Aufregung(denn er ſank bebend in ſeinen Stuhl zurück und winkte mit der Hand, als bäte er ſie, ihn nicht weiter zu fragen) ging ſeine Antwort für Alle verloren, den alten John Willet ausgenommen, der zufälligerweiſe dicht neben ihm ſeinen Platz hatte. „Wer?“ riefen Parkes und Tom Cobb, in ge⸗ ſpannter Erwartung bald Solomon Daiſy, bald Herrn Willet anſehend.„Wer war es?“ „Meine Herren,“ ſagte Herr Willet nach einer langen Pauſe,„Ihr braucht nicht zu fragen. Es war das Abbild eines Ermordeten. Heute iſt der neunzehnte März.“ Es folgte nun ein tiefes Schweigen. „Wenn Ihr Euch rathen laſſen wollt,“ fuhr John fort,„ſo thun wir ſammt und ſonders beſſer, das Geheimniß zu bewahren. Man würde ſolche Ge⸗ ſchichten im Kaninchenhag nicht gerne hören. Wir wollen es daher jedenfalls vor der Hand für uns behalten; wir könnten ſonſt in Ungelegenheit gera⸗ then und Solomon um ſeinen Platz kommen. Es handelt ſich nicht darum, ob das, was er ſagt, wahr i*ſt, oder nicht; denn mag er recht oder unrecht ha⸗ ben, ſo wird ihm doch Niemand glauben. Was die Wahrſcheinlichkeit anbelangt, ſo kann ich mir nicht denken,“ ſagte Herr Willet, indem er, wie einige an⸗ dere Philoſophen, alle Ecken des Zimmers in einer Weiſe durchſpähte, welche zeigte, daß es ihm bei ſei⸗ ner Theorie doch nicht ganz wohl zu Muthe ſey, 24 „wie ein Geiſt, der zu ſeinen Lebzeiten ein verſtändi⸗ ger Mann geweſen, in einem ſolchen Wetter aus⸗ gehen mag— wenigſtens ich ließe es bleiben, wenn ich einer wäre; ſo viel iſt gewiß.“ Dieſe ketzeriſche Anſicht wurde jedoch lebhaft von den drei Andern bekämpft, welche aus vielen Vorgängen bewieſen, daß ein ſchlechtes Wetter gerade die Zeit für ſolche Erſcheinungen ſey; und Herr Parkes, der ſelbſt einen Geiſt in ſeiner Familie mütterlicher Seits gehabt hatte, behandelte die Sache mit ſolchem Scharf⸗ ſinn und mit ſo überzeugendem Nachdruck, daß John nothwendig hätte widerrufen müſſen, wenn ihm dieſe Schmach nicht durch die gelegentliche Erſcheinung des Nachteſſens erſpart geblieben wäre, bei welchem ſich Alle mit einem furchtbaren Appetite betheiligten. Sogar Solomon Daiſy hatte ſich unter den beleben⸗ den Einflüſſen des Feuers, der Lichter, des Brannt⸗ weins und einer guten Geſellſchaft ſo weit erholt, daß er Meſſer und Gabel höchſt ruhmwürdig zu handhaben und ein ſolches Eß⸗ und Trinktalent zu entwickeln vermochte, daß man nicht befürchten durfte, der ausgeſtandene Schrecken könnte ihm einen blei⸗ benden Nachtheil gebracht haben. Nachdem das Nachteſſen verſorgt war, drängten ſie ſich wieder um das Feuer und beſprachen, wie es bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnlich zu geſchehen pflegt, alles nur Erdenkliche, was die Geſchichte mit neuen Schrecken und Ueberraſchungen ausſtatten konnte. Trotz dieſer Verſuchungen beharrte aber Solomon 25 Daiſy ſo ſteif und feſt auf ſeinem urſprünglichen Berichte, wiederholte denſelben ſo oft, mit ganz un⸗ bedeutenden Variationen, und beglaubigte die Wahr⸗ „heit deſſelben mit ſo feierlichen Betheuerungen, daß ſeine Zuhörer(aus gutem Grunde) noch erſtaunter waren, als im Anfang. Da er auf John Willet's Anſicht einging, daß es nämlich zweckmäßig ſey, die Geſchichte nicht weiter zu verbreiten, wenn ihm der Geiſt nicht wieder erſcheine, in welchem Falle er ſich natürlich unmittelbar bei einem Geiſtlichen Raths erholen müßte, ſo wurde feierlichſt beſchloſſen, daß man die Sache vertuſchen und für ſich behalten wolle. Und da es den meiſten Menſchen angenehm i*ſt, wenn ſie ſich im Beſitze eines Geheimniſſes wiſ⸗ ſen, das ihre eigene Bedeutſamkeit erhöhen könnte, ſo kam es mit vollkommener Einmüthigkeit zu dieſem Beſchluß. Da es inzwiſchen ſpät geworden und die ge⸗ wöhnliche Aufbruchsſtunde längſt vorbei war, ſo trenn⸗ ten ſich die Gevattern für dieſe Nacht. Solomon Daiſy verſah ſich mit einer neuen Kerze in ſeiner Laterne und begab ſich unter dem Geleite des langen Parkes und des Herrn Cobb, die ſich ein Bischen weniger fürchteten als er ſelbſt, nach Hauſe. Nach⸗ dem Herr Willet ſie nach der Thüre begleitet, kehrte er zurück, um unter dem Beiſtande des Kupferkeſſels ſeine Gedanken zu ſammeln und auf das Unwetter zu horchen, welches bisher nicht um ein Haar von ſeiner Wuth abgelaſſen hatte. — Vierunddreißigſtes Kapitel. Ehe der alte John noch volle zwanzig Minu⸗ ten mit dem Keſſel kommunizirt hatte, war es ihm gelungen, ſeine Ideen in einen Brennpunkt zu ver⸗ einigen und damit Solomon Daiſy's Geſchichte zu beleuchten. Je mehr er darüber nachdachte, deſto mehr überzeugte er ſich von ſeiner eigenen Weisheit und deſto lebhafter drängte ihn der Wunſch, Herrn Haredale gleichfalls davon zu überzeugen. Um da⸗ her in der ganzen Angelegenheit eine Hauptrolle zu ſpielen und Solomon nebſt ſeinen zwei Freunden den Vorſprung abzugewinnen, durch die, wie er wohl wußte, das Abenteuer mit vielen Uebertreibungen wenigſtens an ein paar Dutzend Menſchen verträtſcht wurde und vielleicht ſchon morgen Früh an Herrn Haredale ſelbſt gelangte, entſchloß er ſich, noch ehe er zu Bett ging, ſich nach dem Kaninchenhag zu be⸗ geben. Es iſt mein Grundherr, dachte John, indem er eine Kerze nahm, ſie in einem dem Winde unzu⸗ gänglichen Winkel niederſetzte, ein hinten hinaus⸗ gehendes Fenſter öffnete und nach den Ställen ſah. Wir ſind zwar in den letzten Jahren nicht mehr ſo oft zuſammengekommen, als ſonſt— es wird anders mit der Familie— aber doch iſt es wünſchenswerth, daß man ſchon Anſtands halber ſo gut als möglich 27 mit ihnen ſteht. Er wird ſich ärgern, wenn dieſe Geſchichte auskömmt— und es iſt gut, einen ver⸗ traulichen Verkehr mit einem Herrn von ſeinem Cha⸗ rakter unterhalten zu können, abgeſehen davon, daß man auch erfährt, wo man daran iſt. He da! Hugh — Hugh! Holla!“ Nachdem er dieſen Ruf ein Dutzendmal wieder⸗ holt und alle Tauben aus ihrem Schlummer geweckt hatte, ging an einem der gebrechlichen alten Hinter⸗ gebäude die Thüre auf und eine rauhe Stimme fragte, was es denn gebe, daß man nicht einmal ſeine Nachtruhe haben könne. „Wie? läßt man dich nicht genug ſchlafen, du Bärnhäuter, und darf man dich nicht ein einzigesmal herausklopfen?“ entgegnete John. „Nein,“ erwiederte die Stimme, während der Sprecher ſelbſt gähnte und ſich ſchüttelte.„Nicht halb genug.“ „Ich weiß nicht, wie es dir möglich wird, zu ſchlafen, wenn der Wind um dich herum braust und ſaust und die Ziegel wie ein Spiel Karten umher⸗ jagt,“ erwiederte John.„Doch gleichviel. Kleide dich ein Bischen an und komm herein, denn du mußſt noch mit mir nach dem Kaninchenhag. Aber tummle dich.“ Hugh ging murrend und brummend nach ſeinem Lager zurück und erſchien bald wieder mit einer La⸗ terne und einem Knüttel, vom Kopf bis zu den Füßen in eine alte, muffige, plumpe Pferdedecke gehüllt. Herr Willet ließ den Burſchen durch die Hinterthüre ein und führte ihn in das Schenkſtübchen, wo er ſich ſelbſt in etwelche Ueberröcke ſteckte und ſein Geſicht alſo mit Tüchern einknüpfte, daß es recht eigentlich ein Geheimniß war, wie er nur zu athmen vermochte. „Ihr werdet doch nicht bei einem ſolchen Wetter und faſt um Mitternacht einen Menſchen aus dem Hauſe nehmen wollen, ohne ihm eine kleine Herz⸗ ſtärkung zu reichen, Meiſter?⸗ fragte Hugh. „Ja, das will ich, Musje,“ antwortete Herr Willet.„Die Herzſtärkung, wie du es nennſt, ſollſt du haben, wenn du mich wohlbehalten wieder nach Hauſe gebracht haſt, wo es dann nicht ſonderlich mehr von Belang iſt, ob du feſt auf deinen Beinen ſtehſt oder nicht. Halte das Licht in die Höhe, wenn's beliebt, und geh' nun etliche Schritte voraus, um mir den Weg zu zeigen.“ Hugh gehorchte mit zweideutigem Geſichte, indem er noch zuvor einen ſehnſüchtigen Blick nach den Flaſchen warf. Der alte John dagegen ertheilte der Köchin noch den gemeſſenſten Befehl, in ſeiner Ab⸗ weſenheit die Thüren verſchloſſen zu halten und bei Strafe der Entlaſſung Niemand als ihm ſelber zu öffnen, worauf er ſeinem Begleiter in das ſtürmiſche Dunkel hinaus folgte. Der Weg war naß und erbärmlich und die Nacht ſo finſter, daß Herr Willet, wenn er ſich ſel⸗ ber hätte weiter lootſen müſſen, ohnfehlbar in eine tiefe Pferdeſchwemme, einige hundert Ellen von ſei⸗ ₰———— 29 nem eigenen Hauſe abgelegen, hineinſpaziert wäre, und zuverläßig ſeine Laufbahn auf dieſem unedeln Thätigkeitsſchauplatze geendigt haben würde. Aber Hugh, der die Augen eines Falken hatte und auch, abgeſehen von dieſer Begabung, im Unkreiſe von einem Dutzend Meilen jeden Ort als Blinder gefun⸗ den haben würde, ſchleppte den alten John mit ſich fort, ohne ſich an deſſen Gegenvorſtellungen zu keh⸗ ren, indem er, ohne die mindeſte Rückſicht auf ſeinen Meiſter zu nehmen, ſeinen eigenen Weg einſchlug. Sie kämpften, ſo gut es gehen wollte, gegen den Wind an; Hugh trat das naſſe Gras mit ſeinen ſchweren Füͤßen nieder und ſtapfte in ſeiner gewohn⸗ ten wilden Manier weiter, während ihm John auf Armslänge folgte, in ſeine Fußſpuren trat und mit ſo viel Unruhe und Grauen, als nur ſein unbeweg⸗ liches Geſicht ausdrücken konnte, umherſchaute, ob nicht ein Sumpf, ein Graben, oder allenfalls ein verirrtes Geſpenſt um den Weg ſey. Endlich gelangten ſie auf den breiten Kiesweg vor dem Kaninchenhag. Das Gebäude war raben⸗ ſchwarz, und nur ſie waren in der Nähe deſſelben auf den Beinen. Aus einem einzigen Erkerfenſter blinkte jedoch ein Lichtſtrahl, und nach dieſem tröſtli⸗ chen Anhaltspunkte in der kalten, unbehaglichen und ſchweigenden Landſchaft hieß Herr Willet ſeinen Loot⸗ ſen ſteuern. „Die alte Stube,“ ſagte John, furchtſam in die Höhe ſchauend;„Herrn Reuben’'s Gemach, Gott ſteh' uns bei! Es wundert mich, daß ſein Bruder ſo ſpät in der Nacht dort ſitzen mag— und noch obendrein in dieſer Nacht.“ „Nun, wo ſollte er denn anders ſitzen?“ fragte Hugh, indem er die Laterne gegen ſeine Bruſt hob, um ſie gegen den Wind zu ſchützen, während er das Licht mit den Fingern putzte.„Iſt es nicht behag⸗ lich genug?“ „Behaglich?“ rief John unwillig.„Du haſt mir einen ſauberen Begriff von Behaglichkeit, Burſche. Weißſt du denn nicht, was in dieſem Zimmer vor⸗ gefallen iſt, du Schuft?“ „Ei, um was iſt es dadurch ſchlechter geworden 61 rief Hugh, John in's fette Antlitz ſchauend.„Iſt es darum weniger feſt gegen Regen, Schnee und Wind? Iſt es weniger warm oder trocken, weil ein Menſch dort erſchlagen wurde? Ha, ha, ha! Glaubt nur ſo etwas nicht, Meiſter. Was liegt denn ſo viel an einem Menſchen, daß es anders ſeyn ſollte?“ Herr Willet heftete ſeine blöden Augen auf ſeinen Begleiter und begann— in einer Art von Einge⸗ bung— zu glauben, es ſey recht wohl möglich, daß etwas Gefährliches in ſeinem Charakter liege und daß es gerathen ſeyn dürfte, ſich deſſelben eheſtens zu entledigen. Er war jedoch zu kiug, etwas zu ſagen, ſo lange er noch den Heimweg vor ſich hatte, und wandte ſich daher nach dem eiſernen Gitter, vor welchem dieſes kurze Zwiegeſpräch ſtatt gehabt hatte, um an der Klingel zu ziehen. Da der Erker, aus ——,——— —s S„ 31 welchem das Licht blinkte, ſich an einer Ecke des Gebäudes befand und nur durch einen der Garten⸗ gänge von dem Pfade getrennt war, nach welchem ſich das Gitter öffnete, ſo warf Herr Haredale als⸗ bald das Fenſter auf und fragte, wer da ſey. „Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ antwortete John;„aber ich wußte, daß Ihr nicht früh zu Bette geht, und nahm mir daher die Freiheit, herüberzu⸗ kommen, weil ich Euch ein Wort zu ſagen habe.“ „Iſt das nicht Willet?“ „Vom Maibaum, zu dienen, Sir.“ Herr Haredale ſchloß das Fenſter und verſchwand, um alsbald wieder aus der Thüre unter dem Erker zum Vorſchein zu kommen. Er ging den Garten⸗ gang entlang, ſchloß das Gitter auf und ließ ſie ein. „Ihr ſeyd ein ſpäter Beſuch, Willet. Was gibt es?“ „Nichts, was der Rede werth wäre, Sir,“ ſagte John.„Eine müßige Geſchichte. Ich meinte nur, Ihr müßtet es wiſſen— weiter nichts.“ „Laßt Euren Knecht mit der Laterne vorangehen und gebt mir Eure Hand. Die Stiegen ſind krumm und ſchmal— thut gemach mit Eurem Licht, Freund. Ihr ſchwingt es ja, wie ein Rauchfaß.“ Hugh, der inzwiſchen bereits an dem Erker an⸗ gelangt war, hielt es jetzt ſtetiger und ſtieg zuerſt hinan, indem er ſich von Zeit zu Zeit umwandte, um das Licht auf die Treppe zurückfallen zu laſſen. Herr Haredale, der zunächſt folgte, ſchien an ſeinem finſtern Geſicht kein großes Behagen zu finden, und Hugh gab ihm ſeine Blicke mit Intereſſen heim, als ſie die Wendeltreppen hinanſtiegen. Die Treppe endigte in ein kleines Vorzimmer hart neben dem, aus welchem ſie des Lichts anſichtig geworden waren. Herr Haredale trat zuerſt ein und ging durch daſſelbe nach dem letzteren Gemache vor⸗ an, wo er ſich an einem Schreibtiſche niederſetzte, von welchem er auf das Tönen der Klingel aufge⸗ ſtanden war. „Kommt herein,“ ſagte er, dem alten John winkend, der kratzfußend an der Thüre ſtehen blieb. „Nicht Ihr, Freund,“ fügte er haſtig gegen Hugh bei, welcher gleichfalls eintrat.„Willet, warum bringt Ihr dieſen Kerl mit?“ „Je nun, Sir,“ entgegnete John, ſeine Aug⸗ brauen erhebend und ſeine Stimme zu dem Tone dämpfend, in welchem die Frage geſtellt worden war, „Ihr ſeht, er iſt eine gute Leibwache.“ „Baut nicht allzuſehr darauf,“ ſagte Herr Ha⸗ redale, während des Sprechens nach Hugh hinſehend. „Ich möchte es bezweifeln. Er hat ein ſchlimmes Auge.“ „s iſt freilich keine Einbildungskraft in ſeinem Auge,“ verſetzte Herr Willet, über ſeine Schulter nach dem fraglichen Organ hinſchauend. „Glaubt mir, es liegt nichts Gutes darin,“ ſagte Herr Haredale.„Wartet in dem kleinen Zim⸗ — —— 2 3³ mer draußen, Freund, und ſchließt die Thüre zwi⸗ ſchen uns.“ Hugh zuckte die Achſeln und gehorchte dem Be⸗ fehle mit einem verächtlichen Blicke, welcher bekun⸗ dete, daß er entweder gehört hatte, oder errieth, was eben geflüſtert worden war. Sobald er die Thüre geſchloſſen, wandte ſich Herr Haredale an John und forderte ihn auf, ſein Anliegen vorzubringen, aber nicht zu laut zu ſprechen, weil ſich ſcharfe Ohren in der Nähe befänden. So verwarnt berichtete Herr Willet in einem geſchmeidigen Flüſtern Alles, was er dieſen Abend gehört und geſagt hatte, wobei er einen beſondern Nachdruck auf ſeinen eigenen Scharfſinn, auf ſeine große Achtung vor der Familie und auf ſeine Be⸗ ſorgtheit für ihren Seelenfrieden und ihr Glück legte. Die Erzählung ergriff ſeinen Zuhörer mehr, als er erwartet hatte, denn Herr Haredale wechſelte oft ſeine Haltung, ſtand auf, ſchritt durch das Zimmer, kehrte wieder zurück, wünſchte, daß ihm ſo gut als möglich Solomons eigene Worte wiederholt werden möchten, und bekundete durch noch viele andere Zei⸗ chen ſeine Beſtürzung und Unruhe, daß ſich Herr Willet nicht genug wundern konnte. „Ihr habt ganz recht gethan,“ ſagte er am Schluſſe ihrer langen Beſprechung,„daß Ihr ihnen riethet, die Geſchichte geheim zu halten.'s iſt ein thörichtes Phantaſtegebild dieſes ſchwachköpfigen Man⸗ nes— ein Geſchöpf ſeiner Furcht und ſeines Aber⸗ Boz. XVII. Barnaby Rudge. 3 redale beunruhigen, wenn ſie etwas davon vernähme, trotz dem, daß ſie es in dem gleichen Lichte betrachten würde. Die Geſchichte ſteht in zu engem Zuſammen⸗ hange mit einem für uns Alle ſo ſchmerzlichen Ge⸗ genſtande, um ſie mit Gleichgültigkeit anhören zu können. Ihr habt Euch ſehr klug benommen und mir eine große Verbindlichkeit auferlegt. Ich danke Euch recht ſehr.“ Dieß entſprach ganz John's ſanguiniſchen Hoff⸗ nungen; doch wäre es ihm lieber geweſen, wenn ihn Herr Haredale beim Sprechen mit einem dankbaren Blicke angeſehen hätte, ſtatt daß er auf⸗ und nieder⸗ ging, nur ſtoßweiſe und in Abſätzen redete, oft mit auf den Boden gehefteten Augen ſtehen blieb, dann wieder wie ein Verrückter umherrannte und faſt gar nicht zu wiſſen ſchien, was er ſagte oder that. Dieß war nun freilich ſeine Gewohnheit, brachte aber John ſo in Verlegenheit, daß er eine geraume Weile ganz paſſiv ſitzen blieb und nicht wußte, was er thun ſollte. Endlich ſtand er auf. Herr Haredale ſtarrte ihn einen Augenblick an, als habe er ſeine Anweſenheit ganz vergeſſen, dann drückte er ihm die Hand und öffnete die Thüre. Hugh, der auf dem Boden des Vorzimmers feſt eingeſchlafen war, oder doch dergleichen that, ſprang bei ihrem Eintreten auf, warf ſeine Decke um ſich, griff nach Stock und Laterne und ſchickte ſich an, die Treppe hinunter zu gehen. glaubens. Demungeachtet würde es aber Miß Ha⸗ 23——— 35⁵ „Halt!“ ſagte Herr Haredale. Nimmt dieſer Mann einen Trunk an?“ „Einen Trunk? Er würde die Themſe ausſau⸗ fen, wenn das Getränk ſtark genug wäre, Sir,“ verſetzte John Willet.„Er ſoll etwas haben, wenn wir nach Hauſe kommen. Vor der Hand iſt's beſſer, man läßt es bewenden, Sir.“ „Nein. Der halbe Weg iſt zurückgelegt,“ ſagte Hugh.„Was Ihr doch für ein harter Meiſter ſeyd! Die andere Hälfte geht mit einem Glas voll nur um ſo beſſer.„Gebt her!“ Da John nichts darauf erwiederte, ſo brachte Herr Haredale ein Glas voll Branntwein heraus und gab es Hugh. Dieſer nahm es hin und goß einen Theil davon auf den Boden. „Was ſoll das heißen, daß du dein Getränk in dem Hauſe eines Gentlemans umherſpritzeſt, Burſche?“ ſagte John. „Ich trinke einen Toaſt,“ entgegnete Hugh, das Glas über ſeinem Kopf emporhaltend und ſeine Augen auf Herrn Haredale's Geſicht heftend;„einen Toaſt dieſem Hauſe und ſeinem Herrn.“ Dann murmelte er etwas vor ſich hin, trank den Reſt aus, ſetzte das Glas nieder und ſchritt, ohne ein weiteres Wort zu ſagen, voran. John äͤrgerte ſich ungemein über dieſe Reſpekts⸗ widrigkeit; als er jedoch bemerkte, daß Herr Hare⸗ dale wenig auf Hugh oder ſeine Worte achtete, und daß ſeine Gedanken anderweitig beſchäftigt waren, 3* ſo verſuchte er keine Entſchuldigung, ſondern ging ſchweigend die Treppe hinab, den Gang entlang und durch das Gartengitter. Außen blieben ſie ſtehen, und Hugh leuchtete, während Herr Haredale von Innen abſchloß; und jetzt bemerkte John mit großer Verwunderung(wie er nachmals oft erzählt), wie ſein Grundherr ganz blaß ausſah und wie deſſen Geſicht ſeit ſeinem Eintreten ſich ſo ſehr verändert und ſo gar hager geworden war, daß er beinahe ein ganz anderer Mann zu ſeyn ſchien. Sie befanden ſich jetzt wieder auf der offenen Straße, und John ging, wie auf dem Herwege, hinter ſeinem Begleiter drein, eifrig über das eben Geſchehene nachdenkend, als ihn Hugh plötzlich bei Seite zog und faſt in demſelben Augenblicke drei Reiter vorbei jagten— der nächſte ſtreifte ſogar ſeine Schulter— die nunmehr, ſo ſchnell als es gehen wollte, ihre Pferde zügelten, ſtille hielten und war⸗ teten, bis die beiden nachkamen. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Als John Willet bemerkte, daß die Reiter ſich raſch umwandten, ſich neben einander in dem engen Wege aufpflanzten und warteten, bis er mit ſeinem Knechte nachkäme, verfiel er mit ungewöhnlicher 37 Schnelligkeit auf den Gedanken, daß es Straßen⸗ räuber ſeyn müßten, und wäre Hugh ſtatt ſeines tüchtigen Knüttels mit einer Arkebuſe bewaffnet ge⸗ weſen, ſo würde er ihm zuverläßig Befehl ertheilt haben, auf Gerathewohl Feuer zu geben, um, wäh⸗ rend ſeinem Commando Folge geleiſtet wurde, durch augenblickliche Flucht für ſeine perſönliche Sicherheit Sorge tragen zu können. Unter den nachtheiligen Verhältniſſen jedoch, in welchen er ſich mit ſeiner Leibgarde befand, dünkte es ihm klug, eine andere Feldherrenmanier zu beobachten, weßhalb er ſeinem Begleiter zuflüſterte, er ſolle ſie in den friedlichſten und höflichſten Ausdrücken anreden. Dieſer Anwei⸗ ſung dem Geiſt und dem Buchſtaben nach Folge leiſtend, trat Hugh vor, fuchtelte mit ſeinem Stab unter den Augen des ihm zunächſt ſtehenden Reiters und fragte in rauhem Tone, was das heißen ſolle, daß er und ſeine Kameraden ſie beinahe überritten hätten, und warum ſie in ſo ſpäter Stunde der Nacht auf des Königs Landſtraße einherjagten. Der Angeredete wollte eben in eine gleich zor⸗ nige Antwort ausbrechen, als der mittlere Reiter in's Wort fiel und mit der Miene der Oberherrlich⸗ keit zwar etwas laut, aber nicht barſch oder un⸗ höflich, die Frage ſtellte: „Seyd ſo gut, uns zu ſagen, ob dieß der Weg nach London iſt?“ „Wenn Ihr ihn richtig verfolgt, allerdings,“ verſetzte Hugh rauh. „Na, Bruder,“ ſagte derſelbe Mann,„Ihr ſeyd ein plumper Engländer, wenn Ihr überhaupt einer ſeyd— was ich, wäre es nicht um der Sprache willen, faſt bezweifeln möchte. Ich bin überzeugt, Euer Gefährte wird mir höflicher antworten. Was ſagt Ihr, Freund?“ „Ich ſage, daß dieß der rechte Weg nach London iſt, Sir,“ antwortete John,„und ich wollte,“ fügte er mit gedämpfter Stimme bei, indem er ſich an Hugh wandte,„daß du wäreſt, wo der Pfeffer wächſt, du Hallunke. Iſt dir dein Leben ſo gar entleidet, Burſche, daß du mit drei ſo großen Halsbrechern Händel anfangen willſt, die uns über⸗ rennen können, vor⸗ und rückwärts, bis wir todt ſind, dann unſere Körper hinten aufpacken, um uns zehn Meilen von hier zu erſäufen?“ „Wie weit iſt's nach London?“ fragte derſelbe Sprecher. „Je nun, von hier aus, Sir,“ antwortete John einſchmeichelnd,„ſind es dreizehn ganz kleine Meilen.“ Das Beiwörtchen war eingeflochten, um die Reiſenden zu veranlaſſen, im vollen Galop von hinnen zu reiten; aber ſtatt dieſe gewünſchte Wir⸗ kung hervorzubringen, entlockte es nur derſelben Perſon die Bemerkung:„Dreizehn Meilen? Das iſt weit;“ worauf eine kurze, unſchlüßige Pauſe folgte. „Bitte, ſagt mir doch,“ fuhr der Gentleman hr upt che gt, as don gte an ffer gar zen er⸗ odt ns lbe hn ine die von zir⸗ ben Das uſe nan 39 fort,„gibt es denn hier herum keine Wirths⸗ häuſer?“ Bei dem Worte„Wirthshäuſer“ bekam John auf eine überraſchende Weiſe ſeine ganze Geiſtes⸗ gegenwart wieder. Seine Furcht entſchwand wie Rauch, und der ganze Gaſtwirth trat in's Leben. „Wirthshäuſer gibts keine,“ entgegnete Herr Willet, einen ſtarken Nachdruck auf den Pluralis legend;„aber ein Wirthshaus iſt da— ein Wirths⸗ haus— das Gaſthaus zum Maibaum. Das iſt in der That ein Wirthshaus. Ihr werdet nicht oft ſeines Gleichen ſehen.“ Ihr ſeyd wohl der Eigenthümer davon?“ fragte der Reiter lächelnd. „Ja, Sir,“ verſetzte John, hoch verwundert, wie er dieß ſo leicht ausgefunden hatte. „Und wie weit iſt's von hier aus zum Mai⸗ baum?“ „Ungefähr eine Meile— John war eben im Begriffe, beizufügen, daß es die leichteſte Meile von der ganzen Welt ſey, als der dritte Reiter, der ſich bisher ein Bischen im Nachtrab gehalten hatte, plötzlich einfiel: „Und habt Ihr auch ein vortreffliches Bett, Wirth? hem! ein Bett, das Ihr empfehlen könnt— ein Bett, von dem Ihr überzeugt ſeyd, daß es wohl gelüftet iſt— ein Bett, in dem noch Niemand, als allenfalls eine ganz achtbare und tadelloſe Perſon geſchlafen hat?“ „Wir nehmen kein Lumpengeſindel und keinen Janhagel in unſerem Hauſe auf, Sir,“ antwortete John.„Und was das Bett anbelangt—“ „Sagt, was drei Betten anbelangt,“ fiel ihm der Gentleman, der vorhin geſprochen, in's Wort; „denn wir werden drei brauchen, wenn wir bleiben, obgleich mein Freund nur von einem ſpricht.“ „Nicht doch Mylord; Ihr ſeyd gar zu gut, gar zu freundlich. Aber Euer Leben iſt in dieſen ver⸗ hängnißvollen Zeiten von zu großer Wichtigkeit für die Nation, als daß ein ſo werthloſes und armes, wie das meinige, in Betracht kommen könnte. Eine große Sache, Mylord, eine gewaltige Sache hängt von Euch ab. Ihr ſeyd ihr Führer und ihr Vor⸗ kämpfer, ihre Avantgarde und ihr Nachtrab. Es iſt die Sache unſerer Altäre und unſerer heimiſchen Herde, unſeres Vaterlandes und unſeres Glaubens. Ich kann auf einem Stuhl ſchlafen— auf dem Bodenteppich— überall. Niemand kehrt ſich daran, wenn ich einen Schnupfen oder ein Fieber hole. Mag John Grueby die Nacht unter freiem Himmel zubringen— aus ihm wird ſich Niemand etwas machen. Aber vierzigtauſend Männer(Weiber und Kinder nicht mit gerechnet) heften in der Noth dieſer unſerer Inſel ihre Augen und Gedanken auf Lord George Gordon, und beten jeden Tag, vom Auf⸗ gang der Sonne bis zum Niedergange, für ſeine Geſundheit und ſein Gedeihen. Mylord,“ fuhr der Sprecher fort, indem er ſich in ſeinen Bügeln auf⸗ 41 richtete,„es handelt ſich um eine glorreiche Sache, die nicht vergeſſen werden darf. Es iſt eine gewaltige Sache, Mylord, die man keiner Gefahr ausſetzen muß. Es iſt eine heilige Sache, Mylord, und ſie darf nicht verlaſſen werden.“ „Es iſt eine heilige Sache,“ rief Seine Herr⸗ lichkeit, mit großer Feierlichkeit den Hut lüpfend. „Amen!“ „John Grueby,“ ſagte der geſtreckte Herr im Tone milden Vorwurfs,„Seine Herrlichkeit hat Amen geſagt.“ „Ich habe Mylord wohl gehört, Sir,“ entgeg⸗ nete der Mann, wie eine Statue auf ſeinem Pferde ſitzen bleibend. „Und Ihr ſagt nicht ebenfalls Amen?“ John Grueby gab keine Antwort, ſondern ſah gerade vor ſich hin. „Ihr überraſcht mich, Grueby,“ ſagte der Herr.„In einer Kriſis, wie die gegenwärtige, wo die Königin Eliſabeth, jene jungfräuliche Monarchin, in ihrem Grabe weint, und die blutige Marie mit finſterer, umnachteter Miene triumphirend hervor⸗ tritt—„ „Oh, Sir,“ rief der Mann grämlich,„was nützt es, unter gegenwärtigen Umſtänden von der blutigen Marie zu ſchwatzen, wo Mylord durchnäßt und von dem ſcharfen Ritte ermüdet iſt? Laßt uns entweder nach London aufbrechen, oder mit einem⸗ male dieſem Wirthshaus zuſteuern, ſonſt muß dieſe unglückliche blutige Marie noch weiteres verant⸗ worten— und ſie hat ohnehin, glaube ich, in ihrem Grabe weit mehr Böſes geſtiftet, als je zu ihren Lebzeiten.“ Inzwiſchen hatte ſich Herr Willet— der in ſeinem Leben nie ſo viele Worte auf einmal, oder mit ſo viel Zungengeläufigkeit und Nachdruck, als es bei dem geſtreckten Gentleman der Fall geweſen, ſprechen gehört, und es daher ganz aufgegeben hatte, ſie in den Gränzen ſeines engen Gehirns unterzu⸗ bringen— ſo weit geſammelt, um verſichern zu können, daß der Maibaum hinreichende Bequem⸗ lichkeit für die ganze Geſellſchaft biete— gute Betten, gute Weine, treffliche Herberge für Men⸗ ſchen und Vieh, Privatgemächer für große und kleine Geſellſchaften, auf das raſcheſte ſervirte Mahlzeit, auserleſene Stallungen, eine verſchloſſene Kutſchenremiſe— mit einem Worte, er haſpelte die empfehlenden Phraſen her, die an verſchiedenen Theilen ſeines Hauſes angeklebt waren, und die er im Laufe von etlich und vierzig Jahren mit leidlicher Korrektheit vorzubringen gelernt hatte. Er überlegte eben, ob es nicht anginge, ein paar neue Sätze des gleichen Inhalts einzuſchieben, als der Gentleman, der zuerſt geſprochen, ſich mit dem Ausruf an den Langgeſtreckten wandte: „Was ſagt Ihr, Gashford? Sollen wir es mit dem Hauſe, von dem er ſpricht, verſuchen, oder weiter eilen? Ihr mögt entſcheiden.“ 43 „So möchte ich denn unterthänigſt bemerken, Mylord,“ entgegnete die angeredete Perſon in ſeiden⸗ weichem Tone,„daß Eure Geſundheit und Thatkraft — die mit Gottes Hülfe von ſo großer Wichtigkeit für unſere reine und wahre Sache ſind“— hier zog ſeine Lordſchaft wieder den Hut ab, obgleich es tüchtig regnete—„der Erquickung und Ruhe be⸗ dürfen.“ 3 „So geht voran, Wirth, und zeigt uns den Weg,“ ſagte Lord George Gordon,„wir wollen Euch im Schritte folgen.“ „Mit Eurem Wohlnehmen, Milord,“ ſagte John Grueby mit gedämpfter Stimme,„will ich den mir gebührenden Platz ändern und vorausreiten. Das Ausſehen von des Wirths Begleiter kommt mir nicht all zu ehrlich vor, und es iſt vielleicht gut, vorſichtig gegen ihn zu ſeyn.“ 2 „John Grueby hat ganz recht,“ fiel Herr Gash⸗ ford ein, indem er haſtig den hintern Platz einnahm. „Mylord, ein ſo koſtbares Leben, wie das Eurige, darf keiner Gefahr ausgeſetzt werden. Reitet immer⸗ hin voran. Wenn Ihr irgend Grund findet, den Kerl zu beargwöhnen, ſo jagt ihm das Gehirn aus dem Schädel.“ John gab keine Antwort, ſondern ſah gerade vor ſich hin, wie er gewöhnlich zu thun ſchien, wenn der Sekretär ſprach. Dann beſahl er Hugh, ſich zu ſputen, und folgte ihm auf der Ferſe— hinter ihm ſeine Herrlichkeit, dem Herr Willet die Zügel hielt, 44 und endlich als der Letzte von allen Seiner Herrlich⸗ keit Sekretär— denn dieſes ſchien Gashfords Amt zu ſeyn. Hugh ſchritt rüſtig vorwärts und ſchaute oft nach dem Diener zurück, deſſen Pferd dicht hinter ihm trabte, manchen Seitenblick auf deſſen Piſtolen⸗ hulfter werfend, auf die er einen großen Werth zu legen ſchien. Der Letztere war ein vierſchrötiger, ſtarkgebauter, ſtierhalſiger Burſche von ächt engliſcher Zucht, und wie Hugh ihn mit den Augen maß, ſo maß er desgleichen Hugh mit einem Blicke trotziger Geringſchätzung. Er war viel älter als der Knecht aus dem Maibaum, und mochte dem Ausſehen nach fünfundvierzig Jahre zählen; aber er war einer von jenen gefaßten, hartköpfigen, unverwüſtlichen Geſellen, die ſich nichts aus Fauſtſchlägen und anderem Hand⸗ gemenge machen, ſondern kaltblütig darauf losgehen, bis ſie den Sieg errungen haben. „Wenn ich Euch jetzt einen unrechten Weg führte,“ ſagte Hugh höhniſch,„ſo würdet Ihr— ha, ha, ha!— würdet Ihr mich vermuthlich vor den Kopf ſchießen?“ John Grueby achtete ſo wenig auf dieſe Be⸗ merkung, als ob er taub und Hugh ſtumm geweſen wäre, und ritt ganz gemächlich weiter, die Augen an den Horizont geheftet. „Habt Ihr in Euren jüngern Jahren wohl ſchon einen Ringkampf verſucht, Meiſter?“ fragter Hugh. „Wißt Ihr mit dem Knüttel umzugehen?“ Amt oft nter len⸗ ) zu iger, ſcher „ ſo ziger necht nach von llen, and⸗ ehen, rte,“ ha, Kopf Be⸗ veſen ugen ſchon dugh. 45 „John Grueby ſah ihn mit derſelben gefaßten Miene von der Seite an, würdigte ihn aber keiner Antwort. „— Etwa ſo?“ fuhr Hugh fort, mit ſeinem Knüttel eine jener bekannten Schwenkungen machend, an denen der Landmann jener Zeit ſo große Freude hatte.„Wupp!“ „— Oder ſo?“ entgegnete John Grueby, mit der Peitſche parirend und ſeinen Führer mit dem Stiele auf den Kopf ſchlagend.„Ja ich gab mich einmal ein Bischen damit ab. Ihr tragt indeß Euer Haar zu lang. Euer Schädel hätte krachen müſſen, wenn es ein wenig kürzer geweſen wäre.“ Es war ein tüchtiger, ſchallender Schlag, und Hugh war augenſcheinlich darüber beſtürzt. Einen Moment ſchien er ſogar geneigt zu ſeyn, ſeinen neuen Bekannten vom Sattel herunter zu reißen; doch da deſſen Geſicht weder Bosheit, noch Siegesfreude, Zorn oder auch nur einen Zug ausdrückte, der ihn hätte beleidigen können(denn die Augen des Dieners blickten beharrlich in die alte Richtung, und ſein Benehmen blieb ſo gleichgültig und gefaßt, als ob er blos eine Fliege weggejagt hätte), ſo wurde Hugh ganz ver⸗ blüfft. Er erkannte jetzt in dem Andern einen Bur⸗ ſchen von faſt übernatürlicher Zahigkeit, weßhalb er blos lachte und„Brav gemacht!“ rief. Dann zog er ſich ein wenig bei Seite und ging ſchweigend wieder weiter. Ehe noch viele Minuten verfloſſen, machte die Gruppe vor dem Portale des Maibaums halt. Lord George und ſein Sekretär ſtiegen raſch ab und über⸗ gaben die Pferde ihrem Diener, der ſie unter Hughs Begleitung nach den Ställen führte. Sehr erfreut, dem Unwetter der Nacht entkommen zu ſeyn, folgten ſie Herrn Willet in die Gaſtſtube, wo ſie ſich wärmten und vor dem behaglichen Feuer ihre Kleider trockneten, wärend der Wirth ſelbſt ſich mit Anordnungen und Vorbereitungen beſchäftigte, wie ſie für Gäſte von ſo hohem Range erforderlich waren. Wäͤhrend er ſo geſchäftig ab und zuging, hatte er Gelegenheit, ſich die zwei Reiſenden näher zu be⸗ trachten, von denen er bisher eigentlich blos die Stimme gehört hatte. Der Lord, dieſe bedeutende Perſon, welche dem Maibaum ſo hohe Ehre erwies, war ungefähr von Mittelgröße, ſchlankem Bau, blaßer Geſichtsfarbe, mit einer Adlernaſe und langen, röth⸗ lich braunen Haaren, die ganz gerade und glatt um die Ohren gekämmt, leicht gepudert und ohne eine Spur von Locken waren. Unter ſeinem Ueberrock trug er einen vollſtändigen ſchwarzen Anzug von ſchönem, aber einfachem Schnitt, ohne einen weiteren Schmuck. Seine gravitätiſche Kleidung, nebſt einer gewiſſen Schmalwangigkeit und ſeiner ſteifen Haltung, ließ ihn faſt um zehn Jahre älter erſcheinen, obgleich er ſeiner Geſtalt nach kaum dreißig zurückgelegt haben mochte. Während er nachdenkend in dem rothen Scheine des Feuers daſtand, mußte Jedem ſein leuch⸗ tendes ſchwarzes Auge auffallen, aus welchem ſich ernf förn Stit Aug gezo um glatt und der i fen duldi jetzt, Feuer haglie lung rd er⸗ 47 eine Naſtloſigkeit der Gedanken und Entwürfe ſpiegelte, die einen eigenthümlichen Gegenſatz zu der ſtudirten Faſſung und Ruhe ſeiner Miene, wie auch zu ſeinem erkünſtelten, faſt traurigen Aeußern abgab. Es war nichts Hartes oder Grauſames in dem Ausdrucke der⸗ ſelben, wie denn im Gegentheile ſein ſchmales Geſicht eher mild und melancholiſch genannt werden konnte; es war jedoch darin eine unbeſchreibliche Unruhe zu leſen, welche Alle, die ihn ſahen, anſteckte und mit einer Art von Mitleid um den Mann erfüllte, obgleich man ſich das warum nicht wohl hätte erklären können. Gashford, der Sekretär, war höher, eckig gebaut, hochſchulterig, knöchern und ohne Anmuth. Seine Kleidung entſprach ganz der ſeines Gebieters; ſie war ernſt, über die Maßen geſetzt, und ſein Benehmen förmlich und gekünſtelt. Er hatte eine vorſtehende Stirne, große Hände, Füße und Ohren, und ein paar Augen, die ſich unnatürlich weit in den Kopf zurück⸗ gezogen und ein Loch hineingebohrt zu haben ſchienen, um ſich darin zu verbergen. Seine Manieren waren glatt und unterwürfig, dabei aber äußerſt verſchmitzt und lauernd. Er hatte das Ausſehen eines Mannes, der immer auf etwas wartet, was nicht eintref⸗ fen wird, war aber dabei geduldig— äußerſt ge⸗ duldig— und wedelte wie ein Wachtelhund. Selbſt jetzt, während er ſich, die Häͤnde reibend, vor dem Feuer wärmte, wagte er es nicht, ſich dieſer Be⸗ haglichkeit mehr, als es ſeiner untergeordneten Stel⸗ lung zukam, zu erfreuen; und obgleich er wußte, daß ſein Gebieter nicht auf ihn achtete, ſo blickte er ihm doch, gleichſam um der Uebung willen, von Zeit zu Zeit mit einem demüthigen und unterwürfigen Lächeln in's Geſicht. Dieß waren die Gäſte, welche der alte John Willet mit ſtarrem und bleiernen Auge muſterte, bis er endlich, einen Staatsleuchter in jeder Hand, auf ſie zutrat und ſie erſuchte, ihm nach einem würdige⸗ ren Gemache zu folgen. „Denn, Mylord,“ ſagte John— es iſt ſonderbar genug, daß gewiſſe Leute ein eben ſo großes Ver⸗ gnügen in dem Ausſprechen von Titeln zu finden ſcheinen, als die Herren ſelbſt im Führen derſelben —„dieſe Stube, Mylord, iſt durchaus kein paſſender Ort für Euer Herrlichkeit, weßhalb ich Euer Herr⸗ lichkeit um Verzeihnng bitte, daß ich Mylord auch nur eine Minute hier aufgehalten habe.“ Mit dieſer Anrede führte ſie John die Treppe hinauf nach dem Staatsgemach, das, wie manches andere mit dieſem Vorwort in Verbindung Stehende, kalt und unbehaglich war. Ihre Fußtritte, durch den weiten Raum wiederhallend, ſchlugen mit hohlem Tone an ihr Ohr, und die feuchte, froſtige Luft wurde durch den Gegenſatz zu der gemüthlichen Wärme, die ſie eben verlaſſen hatten, doppelt un⸗ erfreulich. Es wäre jedoch nutzlos geweſen, nach dem ver⸗ laſſenen Orte zurückkehren zu wollen, denn die Vor⸗ bereitungen hatten einen ſo raſchen Gang genommen, e er Zeit igen ſohn bis auf dige⸗ rbar Ver⸗ nden lben nder err⸗ auch eppe iches ende, urch hlem Luft ichen un⸗ ver⸗ Vor⸗ men, 49 daß es zu ſpät war, ihnen Einhalt zu thun. John, mit den beiden hohen Leuchtern in der Hand, be⸗ komplimentirte ſeine Gäſte bis nach dem Kamin; Hugh, der mit einem Feuerbrande und einem Arm voll Holz hereinkam, warf ſeine Laſt auf den Herd und ſetzte ſie in Flammen. John Grueby(mit einer großen blauen Kokarde an ſeiner Kopfbedeckung, die er ungemein zu verachten ſchien) brachte den Mantel⸗ ſack herein, den er auf ſeinem Pferde nachgeführt hatte, und legte ihn auf den Boden; und im Nu waren alle drei emſig beſchäftigt, die ſpaniſche Wand auseinander zu ziehen, das Tafeltuch zu legen, die Betten zu beaugenſcheinigen, Feuer in dem Schlaf⸗ zimmer anzumachen, das Nachteſſen zu beſchicken und alles in möglichſt kurzer Friſt ſo traulich und be⸗ haglich zu machen, als es nur gehen wollte. In weniger als einer Stunde Zeit war das Mahl ſervirt, geſpeist und abgeräumt, worauf ſich Lord George und ſein Sekretär mit Pantoffeln verſahen, vor dem Feuer die Beine ausſtreckten und ſich mit etwas Glüh⸗ wein gütlich thaten. „So endet alſo, Mylord,“ ſagte Gashford, ſein Glas mit großem Wohlbehagen füllend,„das ge⸗ ſegnete Werk eines höchſt geſegneten Tages.“ „Und eines geſegneten Geſtern,“ ſagte ſeine Herrlichkeit, den Kopf erhebend. „Ah!“ und hier ſchlug der Sekretär ſeine Hände zuſammen, vallerdings eines geſegneten Geſtern! Die 2 Proteſtanten von Suffolk ſind geſegnete Leute. Obgleich Boz XVII. Barnaby Rudge. 4 50 Andere von unſern Landsleuten ihren Weg in der 9 Finſterniß verloren haben(war es ja heute Nacht d bei uns ſelbſt der Fall, Mylord), ſo iſt doch der ihrige j Licht und Glorie.“ d „Habe ich ſie gerührt, Gashford?“ fragte Lord g George. m „Sie gerührt, Mylord? Sie gerührt? Sie ſchrien w darnach, gegen die Papiſten geführt zu werden; ſie de ſchworen fürchterliche Nache über ihre Häupter; ſie ſch brüllten wie Beſeſſene—— ni „Doch nicht von Teufeln,“ ſagte ſeine Herr⸗ ve lichkeit. un „Von Teufeln, Mylord? Nein, von Engeln.“ St „Ja— zuverläſſig— von Engeln— kein ſo Zweifel,“ ſagte Lord George, indem er die Hände hal in ſeine Taſchen ſteckte, ſie dann wieder herausnahm, De um an ſeinen Nägeln zu beißen, und unbehaglich und nach dem Feuer ſchaute.„Natürlich von Engeln— und iſt’'s nicht ſo, Gashford?“ ſie „Ihr zweifelt doch nicht daran, Mylord?“ ent⸗ und gegnete der Sekretär. Pal „Nein— nein,“ verſetzte ſeine Herrlichkeit.„Nein. Päl Warum ſollte ich auch? Ich glaube, es wäre höchſt dieß unchriſtlich, es bezweifeln zu wollen— wäre es nicht, Euc Gashford? Freilich, und ohne allen Anſtand,“ fügte konn er, ohne eine Antwort abzuwarten, bei,„manche peſt⸗ Grö artig ausſehende Burſche darunter.“ wie „Als Ihr warm wurdet,“ erwiederte der Sekretär mit einem ſcharfen Blick auf die niedergeſchlagenen Es — n der Nacht ihrige Lord chrien ; ſie ; ſie Herr⸗ kein ände ähm, glich 2— ent⸗ ein. Augen des Andern, welche ſich während der folgen⸗ den Worte allmälig aufhellten;„als Ihr Euch zu jenem edlen Ausbruch ſteigertet, als Ihr ihnen ſagtet, daß Ihr nicht zu den lauwarmen oder furchtſamen gehörtet, und ſie auffordertet, ſich darauf gefaßt zu machen, einem Manne zu folgen, der ſie anführen würde, und wär's zum Tode; als Ihr von den hun⸗ dert und zwanzigtauſend Mann jenſeits der ſchotti⸗ ſchen Grenze ſpracht, die ſich ſeiner Zeit ſelbſt Ge⸗ nugthuung ſchaffen würden, wenn man ſie ihnen verweigerte; als Ihr rieft:„Nieder mit dem Pabſt und allen ſeinen nichtswürdigen Anhängern; die Strafgeſetze gegen ſie ſollen nie aufgehoben werden, ſo lange die Engländer noch Herzen und Hände haben“— als Ihr ihnen zuwinktet und an Euern Degen ſchlugt, und als ſie riefen: ‚Kein Pabſtthum!⸗ und Ihr den Ruf mit den Worten erwiedertet:„Nein, und wenn wir durch Blut waten müßten, und als ſie ihre Hüte in die Höhe warfen und riefen:„Hurrah! und wenn wir durch Blut waten müßten! Kein Pabſtthum! Lord George hoch! Nieder mit den Päbſtlern— NRache auf ihre Häupter! als alles dieß geſchah und geſagt wurde, und ein Wort von Euch, Mylord, den Tumult ſteigern oder ſtillen konnte— ach! damais fühlte ich in der That, was Größe iſt, und dachte: wann gab es je eine Macht, wie die des Lord George Gordon!“ „Es iſt eine große Macht. Ihr habt Recht. Es iſt eine große Macht!“ rief er mit leuchtenden 4* 5² Augen.„Aber— lieber Gashford— ſagte ich denn alles dieß wirklich?“ „Und wie viel mehr noch!“ rief der Sekretär, aufwärts ſchauend.„Ach! wie viel mehr noch!“ „Ihr hörtet alſo, daß ich von den hundert und vierzigtauſend in Schottland zu Ihnen ſprach?“ fragte er mit augenſcheinlichem Entzücken.„Das war kühn.“ „Unſere Sache fordert Kühnheit. Die Wahrheit iſt immer kühn.“ „Gewiß. Deßgleichen auch die Religion. Sie iſt kühn, Gashford?“ „Die wahre Religion iſt es, Mylord.“ „Und das iſt die unſrige,“ verſetzte er, unruhig in ſeinem Sitze hin und her rückend und an ſeinen Nägeln kauend, als wollte er ſie bis an die Wurzeln abbeißen.„Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die unſrige die wahre iſt. Ihr ſeyd ſo feſt überzeugt davon, als ich, Gashford, nicht wahr?“ „Und kann Mylord mich ſo fragen?“ grinste Gashford, mit beleidigter Miene ſeinen Stuhl näher ziehend und ſeine breite flache Hand auf den Tiſch legend;„mich?“ wiederholte er, die dunkeln Höhlen ſeiner Augen mit einem unheimlichen Lächeln dem Andern zuwendend,„der erſt noch vor einem Jahre, von dem Zauber ſeiner Beredtſamkeit verſtrickt, in Schottland die Irrthuͤmer der römiſchen Kirche ab⸗ ſchwur und ſich an ihn als an den Mann heftete, 1 3 uhig einen rzeln daß zeugt rinste näher eftete, 53 deſſen Hand mich noch in Zeiten dem ewigen Pfuhle entriß?“ „Richtig. Nein— nein. Ich— ich meinte es nicht ſo,“ entgegnete Lord George, indem er ſeinem Sekretär die Hand drückte, von ſeinem Stuhle auf⸗ ſtand und unruhig im Zimmer umherging.„Die Führung des Volkes iſt eine hohe Aufgabe,“ fügte er bei, indem er plötzlich Halt machte. „Und noch obendrein durch die Gewalt der Ver⸗ nunft,“ entgegnete der geſchmeidige Sekretär. „Ja, zuverläſſig. Mögen ſie im Parlament huſten, höhnen und ſcharren, meinetwegen mich einen Thoren oder Tollhäusler nennen— aber wer von ihnen kann dieſen menſchlichen Ozean nach Willkür zum Schwellen und Brüllen bringen? Nicht Einer.“ „Nicht Einer,“ wiederholte Gashford. „Wer kann ſich ſeiner ehrlichen Abſicht alſo rüh⸗ men, wie ich mich der meinigen? Wer von ihnen hat eine Beſtechung der Miniſter im Betrage von jährlichen tauſend Pfunden zurückgewieſen, weil er auf ſeinen Sitz nicht zu Gunſten eines Andern ver⸗ zichten wollte? Nicht Einer.“ „Nicht Einer!“ wiederholte Gashford abermals — inzwiſchen ſich von dem Glühwein den Antheil des Löwen zueignend. „und da wir ehrlich und treu an einer heiligen Sache hängen, Gashford,“ ſprach Lord George mit glühendem Antlitz und lauterer Stimme, indem er zugleich die fieberiſche Hand auf die Schulter des 1 54 Sekretärs legte;„da wir die einzigen ſind, welche die⸗ Maſſe des Volkes achten und von ihr geachtet wer⸗ den, ſo wollen wir bis auf's Aeußerſte aushalten. Wir wollen gegen dieſe unengliſchen Päbſtler einen Schrei erheben, der mit Donnergroll durch das ganze Land wiederhallen ſoll. Ich will mich des Motto's auf meinem Wappen würdig erweiſen: ‚Berufen, er⸗ wählt und treu.““ „Berufen vom Himmel,“ ſagte der Sekretär. „Ja.* „Erwählt von dem Volke.“ „Jal.“ „Und treu gegen Beide.“ „Bis auf's Hochgericht!“ Es würde ſchwer ſeyn, dem Leſer einen richtigen Begriff von der Aufregung, welche dieſe Antworten des Sekretärs hervorriefen, und von der Haſt und dem Ungeſtüm in Ton und Gebehrde zu geben, womit er darauf einging, um ſo weniger, da durch das Ganze, trotz ſeines puritaniſchen Weſens, etwas Wildes und Ungezügetes, das allen Zwang niederbrach, durchleuch⸗ tete. Einige Minuten ging er haſtig im Zimmer auf und nieder; dann machte er plöhlich Halt und rief: „Gashford— Ihr habt ſie geſtern gleichfalls ergriffen. Ja, ja! Das thatet Ihr!“ „Ich leuchtete mit erborgtem Lichte, Mylord,“ verſetzte der unterwürfige Sekretär, indem er die Hand auf's Herz legte.„Wenigſtens that ich das Meinige, ſo gut ich konnte.“ 5⁵ „Ihr habt Euch wacker gehalten,“ fuhr ſein Gebieter fort,„und ſeyd ein großes, ein würdiges Werkzeug. Wenn Ihr John Grueby klingeln wollt, daß er den Mantelſack auf mein Zimmer bringe, ſo könnt Ihr hier warten, bis ich mich entkleidet habe; wir wollen dann wie gewöhnlich unſere Geſchäfte bereinigen, falls Ihr nicht zu ermüdet ſeyd.“ „Zu ermüdet, Mylord?— Doch ſo rückſichts⸗ voll iſt er immer! Ein Chriſt vom Kopf bis zu den Füßen.“ Während dieſes Selbſtgeſpräches brachte der Sekretär den Krug in eine geneigte Lage und ſah ſehr eifrig nach dem Glühwein hinunter, um ſich zu überzeugen, wie viel noch davon übrig wäre. John Willet und John Grueby traten mit ein⸗ ander ein. Der Eine nahm die großen Leuchter, der Andere den Mantelſack auf, und ſo führten ſie den getäuſchten Lord nach ſeinem Gemache. Der allein zurückbleibende Sekretär gähnte, ſchüttelte ſich und ſchlief endlich vor dem Feuer ein. „Nun, Herr Gashford,“ rief John Grueby dem Sekretär in's Ohr, der, wie er meinte, nur einen Augenblick genickt hatte;„Mylord iſt zu Bette.“ „Oh! Sehr wohl, John,“ lautete ſeine milde Antwort.„Danke Euch, John. Es braucht Nie⸗ mand aufzubleiben. Ich weiß mein Zimmer.“ „Hoffentlich werdet Ihr heute Euch oder Mylord nicht mehr den Kopf zerbrechen mit weiteren Ge⸗ ſchichten von der blutigen Maria?“ ſagte John.„Ich 56 wollte, die verwünſchte alte Hexe wäre nie geboren worden.“ „Ich ſagte Euch, daß Ihr zu Bette gehen könnt, John,“ entgegnete der Sekretär.„Es ſcheint, Ihr habt mich nicht gehört.“ „Vor lauter blutigen Maria's, blauen Kokarden, glorreichen Königinnen Beß, Kein⸗Pabſtthum, prote⸗ ſtantiſchen Verbindungen und Redenhalten,“ fuhr John Grueby fort, indem er wie gewöhnlich, ohne ſich an den Wink des Sekretärs zu kehren, in's Weite ſchaute,„hat Mylord ſchon halb den Kopf verloren. Kaum ſind wir auf der Straße, ſo kommt uns eine Bande von Lumpengeſindel nach und ſchreit hinter uns drein:„Gordon für immer!“ ſo daß ich mich vor mir ſelber ſchäme und nicht weiß, wo ich hin⸗ ſchauen ſoll. Sind wir zu Hauſe, ſo pflanzen ſie ſich unten auf, und lärmen und brüllen wie eben ſo viele losgelaſſene Teufel. Und Mylord, ſtatt ſie wegtreiben zu laſſen, geht auf den Balkon hinaus und erniedrigt ſich ſo weit, daß er Reden an ſie hält, und ſie, Män⸗ ner von England“ und„Landsleute’ nennt, als hätte er eine gewaltige Freude an ihnen und danke ihnen für ihr Kommen. Ich kann nicht daraus klug wer⸗ den, aber immer kommt auf eine oder die andere Weiſe Etwas von dieſer unglücklichen blutigen Maria dazwi⸗ ſchen, und ſie ſchreien ihren Namen, bis ſie heiſer ſind. Auch wollen alle Proteſtanten ſeyn— jeder Mann und jeder Gaſſenjunge unter ihnen; und Proteſtanten find, wie ich finde, gewaltig auf Löffel und Silber⸗ ———„—— ren nt, öhr en, öte⸗ uhr hne eite ren. eine nter nich hin⸗ ſich viele iben rigt kän⸗ pätte ynen wer⸗ Leiſe zwi⸗ ſind. dann nten lber⸗ 57 geſchirr überhaupt verſeſſen, ſobald zufällig eine Haus⸗ thüre offen bleibt. Ich wollte nur, daß dieß das Schlimmſte wäre, und nicht noch etwas Uebleres nachkäme; aber wenn ihr dieſen garſtigen Kunden nicht in Zeiten einen Zaum anlegt, Herr Gashford (aber ich kenne Euch, Ihr ſeyd gerade der Mann, der das Feuer ſchürt), ſo werdet Ihr finden, daß ſie ein Bischen zu ſtark für Euch werden. Nächſter Tage, wenn das Wetter wärmer wird und die Pro⸗ teſtanten Durſt kriegen, werden ſie ganz London nie⸗ derreißen,— und ich habe nie gehört, daß es die blutige Maria ſo weit getrieben hätte.“ Gashford war indeß längſt verſchwunden, und ſo gingen denn dieſe Bemerkungen nur in die leere Luft. Dieſe Entdeckung brachte jedoch John Grueby nicht aus ſeiner Faſſung; er ſetzte ſeinen Hut ver⸗ kehrt auf, um nicht einmal in ſeinem Schatten die anſtößige Kokarde ſehen zu müſſen, und begab ſich zu Bette, auf dem Wege dahin in ſehr düſterer und prophetiſcher Weiſe den Kopf ſchüttelnd. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Gashford verfügte ſich mit lächelndem Geſichte, aber noch immer mit der Miene der tiefſten Unter⸗ würfigkeit und Ergebenheit, nach dem Zimmer ſeines Gebieters, unterwegs die Haare glättend und einen Pſalm ſummend. Als er ſich der Thüre von Lord Georges Schlafgemach näherte, räuſperte er ſich und ſummte ein wenig kräftiger. In dieſem Augenblick ſprach ſich ein merkwür⸗ diger Gegenſatz in der Beſchäftigung dieſes Menſchen und in dem eigenthümlich abſtoßenden und malitiöſen Zuge auf ſeinem Geſichte aus. Seine vorſpringende Stirne bedeckte die Augen beinahe völlig; ſeine Lippe war verächtlich aufgeworfen, und ſogar ſeine Schul⸗ tern ſchienen höhniſch den großen, niederhängenden Ohren zuzuflüſtern. 4 „Bst!“ murmelte er leiſe, als er zur Thüre hineinſchaute.„Er ſcheint zu ſchlafen. Gebe der Himmel, daß es ſo iſt! Zu viel Wachen, zu viel Sorgen, zu viel Denken— Ach! der Herr erhalte ihn für die Märtyrerkrone! Er iſt ein Heiliger, wenn je ein Heiliger auf dieſer ſchlimmen Erde geathmet hat.“ Er ſtellte das Licht auf den Tiſch, ging auf den Zehen nach dem Feuer, ſetzte ſich, den Rücken gegen das Bett gewandt, auf einen davor ſtehenden Stuhl 59 und ſprach in der Weiſe eines Lautdenkenden vor ſich hin: „Der Retter ſeines Vaterlandes und der Vater⸗ landsreligion, der Freund ſeiner armen Landsleute, der Feind der Stolzen und Hochmüthigen; geliebt von den Verſtoßenen und Unterdrückten, angebetet von 40,000 kühnen und loyalen engliſchen Herzen— welch einen glücklichen Schlummer muß er haben!“ Dabei ſeufzte er, wärmte ſich die Hände, ſchüt⸗ telte, wie in der Ueberfülle ſeines Herzens, den Kopf, ſeufzte abermals und wärmte ſich auf's Neue die Hände. „Ei, Gashford?“ ſagte Lord George, der in hellem Wachen, auf die Seite gedreht, da lag und ihn ſeit ſeinem Eintreten nicht aus dem Auge ge⸗ laſſen hatte. „My— Mylord,“ rief Gashford, zuſammen⸗ fahrend und wie in großer Ueberraſchung umſchauend. „Ich habe Euch geweckt.“ „Ich ſchlief noch nicht.“ „Ihr ſchlieft nicht?“ entgegnete er in erkünſtel⸗ ter Verwirrung.„Wie kann ich mich entſchuldigen, daß ich in Eurer Anweſenheit Gedanken laut werden ließ— doch ſie waren aufrichtig— ſie waren auf⸗ richtig!“ rief der Sekretär, indem er mit ſeinem Aermel raſch über die Augen fuhr;„und warum ſollte ich bedauern, daß Ihr zugehört habt?“ „Gashford,“ verſetzte der arme Lord, indem er in augenſcheinlicher Rührung die Hand nach ihm ausſtreckte.„Ihr braucht es nicht zu bedauern. Ich weiß, Ihr liebt mich— vielleicht nur zu ſehr. Ich verdiene eine ſolche Verehrung nicht.“ Gashford antwortete nicht, ſondern ergriff die dargebotene Hand und drückte ſie an ſeine Lippen. Dann ſtand er auf, nahm aus dem Mantelſacke ein kleines Pult, das er auf einen neben dem Kamine ſtehenden Tiſch ſetzte, ſchloß es mit einem Schlüſſel, den er in ſeiner Taſche trug, auf, ſetzte ſich davor nieder, nahm eine Feder heraus und ſaugte zuvor daran, ehe er ſie in das Dintenfaß tauchte— ver⸗ muthlich, um ſeinen Mund in die gewöhnlichen Fal⸗ ten zu bringen, da noch immer ein Lächeln darauf lauerte. „Wie ſteht es mit unſerer Anzahl ſeit unſerer letzten Werbenacht?“ fragte George.„Sind wir wirk⸗ lich viertauſend Mann ſtark, oder ſprechen wir noch immer in runder Zahl, wenn wir die Aſſociation zu dieſem Belauf annehmen?“ „Die Geſammtſumme überſteigt nunmehr die Vierzigtauſend um dreiundzwanzig,“ verſetzte Gash⸗ 1 ford, einen Blick auf ſeine Papiere werfend. „Die Fonds?“ „Haben ſich nicht ſehr vermehrt; aber doch iſt's einiges Manna in der Wüſte, Mylord. Hm! Am Freitag Abend liefen die Scherflein der Wittwen ein. „Vierzig Gaſſenkehrer, drei Shillinge und vier Pence. 1 Ein alter Kirchenſtuhlöffner aus dem St. Martins⸗ Sprengel, ſechs Pence. Ein Glöckner der Staats⸗ 61 kirche, ſechs Pence. Ein neugebornes proteſtantiſches Kind, einen halben Penny. Die vereinigten Fackel⸗ jungen, drei Shillinge, darunter einen falſchen. Die antipaptiſtiſchen Gefangenen in Newgate, fünf Shil⸗ linge und vier Pence. Ein Freund in Bedlam, eine halbe Krone. Dennis, der Henker, einen Shilling.““ „Dieſer Dennis,“ ſagte ſeine Herrlichkeit,„iſt ein eifriger Mann. Ich bemerkte ihn letzten Freitag unter dem Gedränge in der Welbeckſtraße.“ „Ein guter Mann,“ verſetzte der Sekretär; „kräftig, aufrichtig und wahrhaft eifrig.“ „Man muß ihn ermuthigen,“ ſagte Lord George. „Macht ein Notabene zu dem Namen Dennis. Ich will mit ihm ſprechen.“ Gashford gehorchte und fuhr fort, ſeine Liſte abzuleſen: „„Die Freunde der Vernunft, eine halbe Guinee. Die Freunde der Freiheit, eine halbe Guinee. Die Freunde des Friedens, eine halbe Guinee. Die Freunde der Barmherzigkeit eine halbe Guinee. Die Freunde der chriſtlichen Menſchenliebe, eine halbe Guinee. Die verbündeten Zurückdenker an die blu⸗ tige Maria, eine halbe Guinee. Die vereinigten Bullenbeißer, eine halbe Guinee.““ „Die vereinigten Bullenbeißer,“ ſagte Lord George, an den Näͤgeln beißend,„ſind eine neue Ge⸗ ſellſchaft— nicht wahr?“ „Vormals die Lehrlingsritter, Mylord. Da die Lehrbriefe der alten Mitglieder allmälig abgelaufen 62 waren, ſo wechſelten ſie, ſcheint es, den Namen, ob⸗ gleich ſie noch immer Lehrlinge ſowohl, als Arbeiter unter ſich haben.“ „Kennt Ihr den Namen ihres Präſidenten?“ fragte Lord George. „Präſident iſt—“ fuhr Gashford, weiter leſend, fort—„Herr Simon Tappertit.“ „Ich entſinne mich ſeiner. Der kleine Mann, der hin und wieder eine ältliche Schweſter in unſere Verſammlungen bringt, bisweilen auch ein an⸗ deres Frauenzimmer, die ohne Zweifel auch zu den Gläubigen gehört, aber von der Natur etwas ver⸗ wahrlost iſt?“ „Derſelbe, Mylord. „Tappertit iſt ein eifriger Mann,“ ſprach Lord George nachdenkend.„Meint Ihr nicht, Gashford?“ „Gehört unter die allereifrigſten, Mylord. Er wittert den Kampf ſchon von ferne, wie ein Schlacht⸗ roß. Auf der Straße wirft er ſeinen Hut in die Höhe, als wäre der Geiſt über ihn gekommen, und außerdem hält er von den Schultern ſeiner Freunde aus höchſt ergreifende Reden.“ „Macht ein Notabene zu Tappertit,“ ſagte Lord George Gordon.„Wir können ihn auf einen wich⸗ tigen Poſten vorrücken laſſen.“ „Dieß,“ entgegnete der Sekretär, ſo bald er den Befehl erfüllt hatte,„iſt alles— mit Ausnahme des Betrags von Frau Vardens Büchſe(ſchon zum vierzehntenmal geöffnet), ſieben Shillinge, ſechs Pence ren dieſ 63 in Silber und Kupfer, und eine halbe Guinee in Gold; auch von Miggs(als Erſparniß von dem Vierteljahrslohn), einen Shilling und drei Pence.“ „Miggs,“ ſagte Lord George.„Iſt das eine Mannsperſon?“ „Der Name iſt in der Liſte als der eines Wei⸗ bes eingetragen,“ verſetzte der Sekretär.„Ich glaube, es iſt die lange, magere Frauensperſon, die Mylord eben als von der Natur verwahrlost bezeichnet hat, und die bisweilen in die Erbauungsſtunden kömmt — mit Tappertit und Frau Varden.“ „So iſt wohl Frau Varden die ältliche Dame, nicht wahr?“ Der Sekretär nickte und rieb ſich die Naſe mit der Fahnenwurzel ſeiner Feder. „Sie iſt eine eifrige Schweſter,“ ſagte Lord George.„Ihre Kollecte geht gut von Statten und wird mit Nachdruck fortgeſetzt. Hat ſich ihr Mann angeſchloſſen?“ „Er iſt ein Uebelgeſinnter,“ entgegnete der Se⸗ kretär, ſeine Papiere zuſammenfaltend.„Unwürdig eines ſolchen Weibes. Er verharrt in der tiefſten Verſtockung und weigert ſich entſchieden.“ „Mögen die Folgen über ſein eigenes Haupt kommen.— Gashford!“ „Mylord!“ „Ihr glaubt doch nicht—“ er wandte ſich wäh⸗ rend dieſer Worte in ſeinem Bette um,„daß mich dieſe Leute verlaſſen werden, wenn die Stunde kömmt? Ich habe kühn für ſie geſprochen, viel gewagt, nichts unterdrückt. Sie werden doch nicht abfallen— was meint Ihr?“ „Steht durchaus nicht zu befürchten, Mylord,“ ſagte Gashford mit einem bedeutungsvollen Blicke, der eher einen unwillkürlichen Ausdruck ſeiner Ge⸗ danken, als eine Beſtätigung ſeiner Worte in ſich faßte, denn Lord George hatte ſein Geſicht abge⸗ wandt.„Seyd verſichert, ſo etwas iſt nicht zu fürchten.“ „Auch nicht, daß ſie“— ſeine Bewegungen wurden jetzt noch unruhiger, als zuvor—„doch es kann ihnen ja keinen Schaden bringen, daß ſie ſich zu dieſem Zwecke vereinigen. Das Recht iſt auf unſerer Seite, obgleich wir die Macht gegen uns haben. Ihr ſeyd aber doch davon überzeugt, wie ich — ehrlich geſprochen, ſeyd Ihr's?“ Der Sekretär wollte eben mit einem:„Ihr zweifelt doch nicht“ anfangen, als ihm der Lord in's Wort ſiel und erwiederte: „Zweifeln? Nein. Wer ſpricht von Zweifeln? Wenn ich zweifelte, könnte ich wohl Verwandte, Freunde und Alles für dieſes unglückliche Land zum Opfer bringen? Für dieſes unglückliche Land,“ rief er, indem er im Bette aufſprang und, nachdem er die Phraſe,„für dieſes unglückliche Land,“ für ſich ſelbſt mindeſtens ein dutzendmal wiederholt hatte, fortfuhr:„Verlaſſen von Gott und den Menſchen, preisgegeben einer gefährlichen Verbindung von ichts was rd,“ licke, Ge⸗ ſich bge⸗ zu ngen h es ſich auf uns e ich Ihr in's eln? ndte, zum rief n er ſich atte, chen, von ———————— ₰——— 0AKĩ——— 8— ſooee— x x 65 papiſtiſchen Mächten— ein Raub der Verderbniß, des Götzendienſtes und des Deſpotismus! Wer ſagt, ich zweifle? Bin ich nicht berufen, erwählt und treu? Sagt mir— bin ich es, oder bin ich es nicht?“ „Im Auge Gottes, des Vaterlandes und vor Euch ſelbſt,“ rief Gashford. „Ich bin es. Ich will es ſeyn. Ich ſage noch einmal, ich will es ſeyn— bis auf's Hochgericht. Wer kann das von ſich behaupten? Etwa Ihr? Oder irgend ein anderer Lebender?“ Der Sekretär neigte mit einem Ausdrucke voll⸗ kommener Zuſtimmung zu Allem, was Jener geſagt hatte oder ſagen könnte, den Kopf, und Lord George ſank allmälig auf ſein Kiſſen zurück, um ein⸗ zuſchlafen. Obgleich in ſeinem ungeſtümen Weſen, wenn man es mit ſeinem hageren und ungraziöſen Aus⸗ ſehen zuſammen hielt, etwas ungemein Poſſirliches lag, ſo hätte es doch keinem Mann von Gefühl ein Lächeln entrungen, oder wäre es auch wirklich der Fall geweſen, ſo würde es ihm ſicherlich im nächſten Augenblicke leid gethan, oder er ſich ſogar geärgert haben, daß er dieſem Impulſe nachgab. Dieſer Lord war eben ſo aufrichtig in ſeiner Heftig⸗ keit, als in ſeinem Schwanken. Falſcher Enthuſias⸗ mus und die Eitelkeit, ein Führer des Volks zu ſeyn, waren die ſchlimmſten Züge in ſeinem Charakter. Alles Uebrige war Schwäche— reine Schwäche, und Boz. XVII. Barnaby Rudge. 5 66 es iſt das unglückliche Loos durchaus ſchwacher Men⸗ ſchen, daß ſogar ihre Sympathien, ihre Liebe und ihre Offenheit— Eigenſchaften, die bei kräftigen Geiſtern Tugenden heißen— in ſchwächeren zuſam⸗ menſchrumpfen oder geradezu Fehler werden. Gashford blieb, über die Thorheit ſeines Ge⸗ bieters kichernd und manchen ſchlauen Blick nach deſſen Bette werfend, ſitzen, bis der tiefe Athem des Lords ihn belehrte, daß er ſich jetzt entfernen konnte. Er ſchloß das Pult, ſteckte es wieder in den Mantelſack (nicht aber, ohne zuvor aus einer geheimen Verklei⸗ dung zwei gedruckte Zettel genommen zu haben) und entfernte ſich vorſichtig, im Abgehen noch nach dem blaſſen Geſichte des Schlummernden zurückſehend, über deßen Haupte die ſtaubigen Federkronen des Maibaumbettes traurig und wehmüthig nickten, als bildeten ſie einen Sargſchmuck. Er machte auf der Treppe Halt, um zu horchen, ob Alles ruhig ſey, worauf er ſeine Schuhe abnahm, damit ſeine Fußtritte nicht irgend einen Leichtſchläfer in der Nähe ſtören möchten. Dann ſtieg er in die Flur zu ebener Erde hinunter und ſteckte einen ſeiner Zettel unter die Hauptthüre des Hauſes. Sobald dieß geſchehen war, kroch er ſachte nach ſeinem eige⸗ nen Schlafgemach zurück und ließ den andern, ſorg⸗ fältig um einen Stein gewickelt, damit ihn der Wind nicht entführe, in den Hof hinunter fallen. Die Zettel trugen auf der Rückſeite die Adreſſe: „An jeden Proteſtanten, dem dieß in die * Nen⸗ und igen ſam⸗ Ge⸗ eſſen ords Er lſack klei⸗ und dem zend, des als chen, ahm, läfer n die einer bbald eige⸗ ſorg⸗ Wind reſſe: die 67 Hände fallen ſollte,“ und lautete innen folgen⸗ dermaßen: „Männer und Brüder! Wer auch immer dieſes Schreiben finden mag, der nehme es als einen Wink hin, ſich ohne Verzug den Freunden des Lord George Gordon anzuſchließen. Es ſind große Dinge im Werden und die Zeit iſt unruhig und gefahrvoll. Leſet dieß mit Bedacht, haltet es rein und laſſet es anderswo fallen. Für König und Vaterland. Die Union.“ „Weiterer Samen, weiterer Samen,“ ſagte Gashford, als er das Fenſter ſchloß.„Wann wird die Ernte kommen!“ Siebenunddreißigſtes Kapitel. Hüllt man eine noch ſo ungeheuerliche oder lä⸗ cherliche Sache in den Schleier des Geheimniſſes, ſo begleitet man ſie mit einem geheimen Zauber und einer Anziehungskraft, welcher die Menge nicht zu widerſtehen vermag. Afterprieſter, Afterpropheten, Afterdoctoren, falſche Patrioten und falſche Wunder aller Art haben, ſo lange ſie geheimnißvoll fort⸗ ſchlichen, die Leichtgläubigkeit des Volks ſtets auf's 5* Kläglichſte ausgebeutet, und verdankten es vielleicht mehr dieſem Umſtande, als ſonſt einem Halbdutzend Items in der großen Liſte der Betrügereien, daß ſie eine Zeitlang über Wahrheit und geſunden Menſchen⸗ verſtand triumphirten. Neugierde iſt und war ſeit der Schöpfung der Welt eine Hauptleidenſchaft des Menſchen. Sie zu wecken, ſie nur ganz allmälig zu befriedigen und doch ſtets ſich etwas vorzubehalten, dieß iſt der ſicherſte Hebel, mit dem man bei dem nicht denkenden Theile der Menſchheit ſchlechte Zwecke ver⸗ folgen kann. Hätte Jemand auf der Londonbrücke geſtanden und den Vorübergehenden, bis er heiſer geweſen, zu⸗ gerufen, ſie ſollten ſich Lord George Gordon anſchlie⸗ ßen— namentlich für einen Zweck, den Niemand verſtand, weil gerade hierin ein Hauptreiz liegt— ſo würde er vielleicht in einem Monat ein paar Dutzend Leute gewonnen haben. Wären alle eifrigen Proteſtanten öffentlich aufgefordert worden, einer Ver⸗ bindung beizutreten, welche den oſtenſibeln Zweck hätte, etliche Pſalmen zu ſingen, einige gleichgültige Reden anzuhören und ſchließlich eine Petition an das Parlament zu unterzeichnen, daß es keine Bill erlaſ⸗ ſen möge für Aufhebung der Strafgeſetze gegen die katholiſchen Prieſter, der lebenslänglichen Gefängniß⸗ ſtrafe gegen ſolche, welche Kinder in dieſem Glau⸗ bensbekenntniß erzögen, der Unbefähigung aller An⸗ gehörigen der römiſchen Kirche, in dem vereinigten Königreich durch Kauf oder Vererbung Grundbeſitz +——„-„„ 69 zu erwerben— lauter Dinge, an die ſonſt die Maſſe gar nicht denken würde— ſo hätte man vielleicht hundert Unterſchriften zuſammengebracht. Aber wenn unbeſtimmte Gerüchte gingen, daß in dieſer prote⸗ ſtantiſchen Aſſociation eine geheime Macht zu nicht näher beſtimmten Zwecken gegen die Regierung auf⸗ träte; wenn man ſich allenthalben von einer Verbin⸗ dung und papiſtiſchen Gewalten zuflüſterte, die ſich zum Ziele ſteckten, England herabzuwürdigen und in Feſſeln zu ſchlagen, in London eine Inquiſition einzuführen und die Hürden des Smithfieldmarktes in Marterpfähle und Feuerkeſſel umzuwandeln; wenn ein Schwärmer, der ſelbſt nicht wußte, was er wollte, ſowohl in, als außer dem Parlament unab⸗ läſſig Schrecken und Beſorgniſſe, die Niemand begrei⸗ fen konnte, verbreitete und veraltete Popanze, die Jahrhunderte lang ruhig in ihren Gräbern gelegen hatten, heraufbeſchwor, um den Unwiſſenden und Leichtgläubigen zu hetzen— wenn Alles dieß gewiſſer⸗ maßen im Dunkeln geſchah und geheime Einladungen zum Anſchluß an die proteſtantiſche Aſſociation für die Vertheidigung der Religion, des Lebens und des Eigen⸗ thums auf offener Straße gefunden, unter die Hausthü⸗ ren geſteckt, zu den Fenſtern hineingeworfen und bei nächtlicher Weile in die Hände einſamer Spaziergänger geſteckt wurden; wenn ſie an jeder Mauer, an jedem Pfoſten und Pfeiler klebten, ſo daß Stöcke und Steine von der allgemeinen Furcht angeſteckt zu ſeyn ſchienen 70 und alle Welt aufforderten, ſich blindlings zum Wi⸗ derſtand gegen Etwas(ſie wußten weder was noch warum) zu vereinigen— da griff der Wahnſinn allerdings um ſich, und die Maſſe, die noch mit jedem Tag anſchwoll, konnte auf vierzigtauſend Mann erſtarken. So ſagte wenigſtens in dieſem Monat März 1780 Lord George Gordon, der Präſident der Aſſo⸗ ciation. Ob es Thatſache war oder nicht, das wuß⸗ ten, oder darum kümmerten ſich nur Wenige. Es hatte nie eine öffentliche Demonſtration ſtattgefunden; man hatte von der Verbindung kaum von jemand Anderem, als von ihm, etwas gehört; nirgends ließ ſich etwas blicken, und ſo betrachtete man die Sache meiſt als die bloße Ausgeburt eines verwirrten Gehirns. Er war gewöhnt, immer großartig von ungeheuern Streitkräften zu ſprechen— vermuthlich geſpornt durch gewiſſe erfolgreiche Ruheſtörungen, die ſich ein Jahr zuvor hinſichtlich derſelben Frage entſponnen hatten— und wurde allgemein blos als ein überhirn⸗ tes Mitglied des Unterhauſes betrachtet, das alle Partien angriff, es mit keiner hielt und daher nur ſehr wenig berückſichtigt wurde. Man wußte, daß allent⸗ halben eine mißvergnügte Stimmung herrſchte— aber das war etwas Alltägliches. Es war ſchon früher ſeine Gewohnheit geweſen, ſich über andere Fragen in Placaten, Reden und Flugſchriften an die Maſſen zu wenden, aber England hatte auf ſeine früheren Bemühungen nicht geachtet, und ſo befürch⸗ ———— gi⸗ nit nn p⸗ iß⸗ Es 71 tete man auch von ſeinem dermaligen nichts. Gerade ſo, wie er eben vor dem Leſer auftauchte, zeigte er ſich von Zeit zu Zeit im Publikum und war mit einem Tage wieder vergeſſen. So plötzlich, als er nach einem Zwiſchenraume von fünf langen Jahren auf dieſen Blättern erſcheint, drängte in dieſer Periode auch er und ſein Treiben ſich der Beachtung von Tauſenden auf, welche dieſe ganze Zeit über auch nicht unthätig geweſen waren und, ohne taub oder blind gegen die Zeitereigniſſe zu ſeyn, kaum je zuvor an ihn gedacht hatten. „Mylord,“ fläſterte ihm Gashford zu, als er des andern Morgens zeitig die Vorhänge von ſeiner Herrlichkeit Ruheſtätte auseinanderſchlug;„Mylord!“ „Ja— wer iſt das? Was gibt es?“ „Die Glocke hat Neun geſchlagen, der Secretär mit andächtig gefalteten Händen.„Ihr habt doch wohl geruht? Ich hoffe, Ihr habt einen geſunden Schlaf gehabt. Wenn mein Gebet erhört wurde, ſo müßt Ihr in der That ſehr geſtärft ſeyn.“ „Aufrichtig geſtanden, ich habe ſo feſt geſchla⸗ fen,“ entgegnete Lord George, die Augen ausreibend und ſich im Zimmer umherſehend,„daß ich mich nicht ganz mehr erinnere— doch wo ſind wir ei⸗ gentlich?“ „Mylord!“ rief Gashford mit einem Lächeln. „O!“ erwiederte ſein Gebieter.„Ja. Ihr ſeyd alſo kein Jude?" “ entgegnete 72 „Ein Jude?“ rief der fromme Sekretär, zurück⸗ fahrend⸗ „Mir träumte, daß wir Juden wären, Gashford. Ihr und ich— wir Beide— Juden mit langen Bärten.“ „Gott behüte, Mylord! Wir könnten eben ſo gut Papiſten ſeyn.“ „Das meine ich auch,“ entgegnete der Andere ſehr raſch.„He? Glaubt Ihr's wirklich auch, Gashford?“ „Zuverläſſig,“ rief der Sekretär mit überraſch⸗ ten Blicken. „Hum!“ murmelte er.„Ja, das ſcheint ver⸗ nünftig.“ „Ich hoffe, Mylord—“ begann der Sekretär. „Ihr hofft?“ entgegnete der Mylord, ihn unter⸗ brechend.„Warum ſagt Ihr, Ihr hofft? Es liegt kein Arg darin, an ſolche Dinge zu denken.“ „Im Traume allerdings nicht,“ verſetzte der Sekretär. „Im Traume gewiß nicht— aber auch nicht im Wachen.“ —„Berufen, erwählt und treu,“ ſagte Gashford, indem er Lord George's auf einem Stuhle liegende Uhr aufnahm und in der Zerſtreuung die Inſchrift auf dem Petſchaft zu leſen ſchien. Dieß war die möglichſt leichte Andeutung, nicht gewaltſam ſeiner Beachtung ſich aufdringend und offenbar blos das Ergebniß einer augenblicklichen, 73 nicht der Rede werthen Geiſtesabweſenheit. Die Worte waren jedoch kaum ausgeſprochen, als Lord George, der eben ungeſtüm werden wollte, inne hielt, roth wurde und verſtummte. Dem Anſcheine nach nicht auf dieſe Veränderung in dem Benehmen ſeines Gebieters achtend, trat der ſchlaue Secretär ein wenig bei Seite, um die Fenſterblenden aufzuziehen, eigent⸗ lich aber, um dem Andern Zeit zu gönnen, ſich zu faſſen, worauf er dann wieder zurückkehrte und fol⸗ gendermaßen fortfuhr: „Die heilige Sache macht wackere Fortſchritte, Mylord. Ich war ſogar in der letzten Nacht nicht müſſig, und ließ, ehe ich zu Bette ging, zwei von den Zetteln fallen, die dieſen Morgen beide fort ſind. Niemand im Hauſe erwähnte derſelben, oder wollte ſie gefunden haben, obgleich ich mich eine volle Stunde drunten umtrieb. Verlaßt Euch drauf, einer oder zwei Rekruten werden die erſte Frucht davon ſeyn; und wer kann ſagen, wie viele noch folgen mögen, wenn der Segen des Himmels Eure begeiſterten Bemühungen begleitet.“ „Es war von Anfang an ein famoſer Kunſt⸗ griff,“ verſetzte Lord George,„ein vortrefflicher Kunſtgriff, der in Schottland gute Dienſte leiſtete. Er war ganz Eurer würdig. Ihr erinnert mich, nicht träge zu ſeyn, Gashford, während der Wein⸗ berg von Verwüuſtung bedroht iſt und vielleicht von den Füßen der Papiſten niedergetreten wird. Laßt 74 in einer halben Stunde die Pferde bereit ſeyn. Wir müſſen aufbrechen und handeln!“ Er ſagte dieß mit höherem Roth und in einem ſo begeiſterten Tone, daß der Sekretär weiteres Drängen für unnöthig hielt und ſich entfernte— —„Träumte, er ſey ein Jude,“ ſagte er ge⸗ dankenvoll, als er die Thüre des Schlafzimmers ge⸗ ſchloſſen hatte.„Er kann's vielleicht noch ſo weit bringen, ehe er ſtirbt. Es ſähe ihm wenigſtens gleich. Nun, mit der Zeit, und vorausgeſetzt, daß nichts dabei verloren geht, ſehe ich nicht ein, warum mir dieſe Religion nicht ſo gut als irgend eine an⸗ dere zuſagen ſollte. Es gibt reiche Leute unter den Juden; das Raſiren iſt ſehr unbequem;— ja, ich würde mich wohl darein finden können. Vor der Hand müſſen wir indeß bis auf’s Mark hinein Chriſten ſeyn. Unſer prophetiſches Motto wird der Reihe nach für alle Glaubensbekenntniſſe paſſen— das iſt ein Troſt.“ Ueber dieſe Quelle der Beruhigung Betrach⸗ tungen anſtellend, gelangte er nach dem großen Zimmer und läutete um das Frühſtück. Lord George war raſch angekleidet(denn ſeine einfache Toilette bedurfte keines großen Zeitaufwandes), und da er eben ſo mäßig in ſeinen Mahlzeiten, als puritaniſch in ſeinem Anzug war, ſo hatte er über ſeinen Antheil am Frühſtück bald verfügt. Der Sekretär jedoch, der den Genüſſen dieſer Welt mehr zugethan, oder vielleicht eifriger bemüht war, ſeine 8☛ 8 A 1u32u — Kräfte und ſeinen Muth um der proteſtantiſchen Sache willen aufrecht zu erhalten, aß und trank bis auf den letzten Augenblick, ſo daß er in der That etlicher Erinnerungen von Seiten John Grueby's bedurfte, ehe er ſich entſchließen konnte, ſich von Herrn Willet's reichen Vorräthen zu trennen. End⸗ lich kam er, ſich das fette Maul abwiſchend, die Treppe herunter, zahlte John Willet's Rechnung und kletterte in den Sattel. Lord George, der in⸗ zwiſchen, mit ernſter Geberde ein Selbſtgeſpräch haltend, vor dem Hauſe auf und ab gegangen war, ſtieg gleichfalls in den Sattel, erwiederte des alten John Willeet's ſtattliche Verbeugung, wie auch den Abſchiedsgruß von einem Dutzend Müſſiggängern, welche das Gerücht, daß ein lebendiger Lord im Begriffe ſey, den Maibaum zu verlaſſen, um das Portal verſammelt hatte, und ritt an der Seite ſeines Sekretärs von hinnen, während der ſtämmige John Grueby den Nachtrab bildete. Wenn Lord George Gordon in der Nacht ſchon Herrn Willet's Augen als ein Edelmann von ſon⸗ derbarem Aeußeren vorgekommen war, ſo wurde die⸗ ſer Eindruck am Morgen noch beſtärkt und hundert⸗ mal vervielfältigt. Er ſaß bolzgerade auf ſeinem magern Roß, während ihm das lange und ſchlichte Haar im Winde um das Geſicht flatterte; ſeine Glieder waren eckig und ſtarr, ſeine Ellenbogen ſtanden anmuthlos zu beiden Seiten hinaus, und ſeine ganze Geſtalt ſchütterte und hüpfte auf bei 76 jedem Hufſchlag ſeines Pferdes, ſo daß man ſich kaum eine groteskere und weniger einnehmende Figur denken konnte. Statt einer Peitſche hatte er ein großes Rohr mit einem goldenen Knopf, wie man es heut zu Tage bei den Portiers ſieht, in der Hand, und die verſchiedenen Methoden, wie er dieſe unbequeme Waffe führte— bald aufrecht vor dem Geſichte, wie den Säbel eines Reiters, bald über der Schulter, wie eine Muskete, dann wieder zwi⸗ ſchen dem Zweigeſinger und dem Daumen, aber immer linkiſch und unbeholfen— trugen nicht wenig dazu bei, das Barocke ſeines Aeußern zu erhöhen. Steif, hager uad feierlich, in einem ungewöhnlichen Anzuge, und— ſey es nun abſichtlich oder aus Zufall— das ganze Eigenthümliche ſeiner Haltung, ſeiner Geberden und ſeines Benehmens(worin er ſich ſo ganz vor andern Leuten auszeichnete) ſchroff zur Schau ſtellend— hätte ſich bei dieſem Anblicke ſelbſt der ernſteſte Zuſchauer eines Lachens nicht er⸗ wehren können, weßhalb denn auch das Lächeln und die leiſen Scherzreden, womit der Abzug Seiner Herrlichkeit von dem Maibaum begrüßt wurde, ſehr natürlich waren. Der hervorgebrachten Wirkung übrigens ganz unbewußt, trabte er an der Seite ſeines Sekretärs weiter, ſich faſt auf dem ganzen Weg in Selbſtge⸗ ſprächen ergehend, bis ſie in den Bereich einer oder zweier Meilen von London kamen, wo ihnen hin und wieder ein Fußgänger begegnete, der den Lord 77 von Angeſicht kannte, ihn allenfalls einem Andern zeigte, und vielleicht ſtehen blieb, um ihm nachzu⸗ ſchauen, oder, ſey es nun im Scherze, oder im Ernſte, in den Ruf:„Hurrah Geordie! Kein Pabſtthum!“ ausbrach, worauf er gewöhnlich ganz gravitätiſch ſeinen Hut abzog und ſich verbeugte. Als ſie endlich die Stadt erreichten und durch die Straßen ritten, wurden dieſe Aufmerſamkeitsbe⸗ zeugungen häufiger; einige lachten, andere ziſchten, einige wandten die Köpfe ab und lächelten, andere hätten wiſſen mögen, wer es wäre, während etliche unter Jubelrufen auf dem Pflaſter neben ihm her⸗ rannten. Wenn ſich dieß in einem Gedränge von Karren, Sänften und Kutſchen zutrug, ſo pflegte er Halt zu machen und mit dem Rufe:„Gent⸗ lemen, kein Pabſtthum!“ den Hut abzuziehen, worauf die Gentlemen mit kräftigen Stimmen den Ruf neunmal wiederhallen ließen. Dann ritt er wieder weiter, ein paar Dutzend des zerlumpteſten Geſindels hinter ſeinem Pferde her, die ſich ganz heiſer ſchrieen. Und dann die alten Damen— es gab ſehr viele alte Damen in den Straßen, und alle kannten ihn. Einige davon— nicht gerade vom höchſten Rang, ſondern Obſtverkäuferinnen und Laſtträ⸗ gerinnen, ſchlugen ihre runzeligen Hände zuſammen und ließen ein kreiſchendes, zirpendes, ſchrilles „Hurrah, Mylord!“ erſchallen. Andere winkten mit den Händen und Schnupftüchern, oder ſchuttelten 78 ihre Fächer und Sonnenſchirme, oder riſſen die Fenſter auf und riefen denen in der Stube zu, eiligſt zu kommen und zu ſehen. Alle dieſe Beweiſe der öffentlichen Achtung nahm er mit vieler Würde und Herablaſſung entgegen, machte ſehr tiefe Com⸗ plimente und zog ſeinen Hut ſo oft ab, daß er ihn eigentlich mehr in den Händen als auf dem Kopfe hatte. Dabei ſah er nach den Häuſern hinauf mit der Miene eines Mannes, der ſich bewußt iſt, einen öffentlichen Einzug zu halten, ohne jedoch ſtolz oder aufgeblaſen zu ſeyn. So ging es, zum unausſprechlichen Aerger von John Grueby, durch ganz Whitechapel, Leadenhall⸗ Street und Cheapſide nach dem St. Pauls⸗Kirchhof. Bei dieſer Kathedrale angelangt, machte er Halt, ſprach mit Gashford und blickte dann kopfſchüttelnd an dem hohen Dom hinauf, als wollte er ſagen: „die Kirche iſt in Gefahr!“ Nach ſolchen Vor⸗ gängen mußten freilich die Umſtehenden auf's Neue ihre Kehlen in Thätigkeit ſetzen; und weiter zog er unter gewaltigem Zuruf des Pöbels und unter tie⸗ feren Bücklingen als je. So durch den Strand, Swallow⸗Street hinauf in die Orford⸗Straße und dann nach ſeiner Woh⸗ nung in Welbeck⸗Street bei Cavendish⸗Square, wo⸗ hin ihm etliche Dutzend Müßiggänger folgten. Dieſe redete er von der Hausthürtreppe aus mit folgenden kurzen Scheideworten an:„Gentlemen, kein Pabſt⸗ thum. 3 Guten Tag. Gott behüte Euch!“ Da man 79 keine ſo kurze Anrede erwartet hatte, ſo wurde ſie mit einigem Mißvergnügen und mit dem Ruf: „eine Rede! eine Rede!“ aufgenommen, dem ſicher⸗ lich auch entſprochen worden wäre, hatte nicht John Grueby, der mit allen drei Pferden, als er ſie nach dem Stalle führte, einen wüthenden Angriff auf die Bande machte, ſie gezwungen, ſich nach den angränzenden Feldern zu zerſtreuen, wo ſie ſich alsbald mit Münzeaufwerfen, Grübchenſpiel, Gerade oder Ungerade, Hundehatzen und andern proteſtan⸗ tiſchen Erholungen ergingen. Nachmittags kam Lord George wieder zum Vorſchein, in einen ſchwarzen Sammtrock und in Beinkleider und Weſte von Gordonzeug(alles nach dem gleichen Quäcker⸗Schnitt) gekleidet. In dieſer Tracht, worin er noch zehnmal ſonderbarer und auf⸗ fallender ausſah, begab er ſich zu Fuße nach Weſt⸗ minſter. Gashford betrieb inzwiſchen die Geſchäfte, mit denen er noch beſchäftigt war, als kaum nach der Dämmerung John Grueby eintrat und einen Beſuch anmeldete. „Laßt ihn hereinkommen,“ ſagte Gashford. „Nun, ſo tretet ein!“ brummte John einem Außenſtehenden zu.„Ihr ſeyd ein Proteſtant, nicht wahr?“ „Will's doch meinen, “ verſetzte eine tiefe, rauhe Stimme. „Ihr ſeht mir darnach aus,“ ſagte John Grueby. 80 „Ich würde Euch für einen ſolchen erkannt haben, wo ich Euch auch getroffen hätte.“ Mit dieſer Bemerkung ließ er den Beſuch ein, drückte die Thüre zu und entfernte ſich. Der Mann, welcher ſich jetzt Gashford vor⸗ ſtellte, war eine ſtämmige, gedrungene Figur mit niederer, zurücktretender Stimme, grobem, buſchigem Haar, und ſo kleinen, nahe bei einander ſtehenden Augen, daß nur die zuſammengedrückte Naſe ihr Zuſammenſchmelzen in Eines von der gewöhnlichen Größe zu verhindern ſchien. Um den Hals hatte er ein ſchmutziges Schnupftuch ſtrickartig geſchlungen, ſo daß man die großen Adern deutlich ſehen konnte: das Hinunterwürgen von heftigen Leidenſchaften, Groll und Bosheit ſchien ſie zu Fingersdicke ange⸗ ſchwellt zu haben. Sein Anzug beſtand aus einem fadenſcheinigen Velpelrock— verblichen, roſtfarbig und weißlich⸗ſchwarz, etwa wie die Aſche aus einer Tabakspfeife, oder von einem Kohlenfeuer, das be⸗ reits einen Tag erloſchen iſt, mit den Spuren man⸗ cher übernächtigen Schlemmerei beſudelt und nach den Wohlgerüchen eines Bierhauſes duftend. Statt der Beinkleiderſchnallen trug er ungleiche Maſchen von Packſchnüren, und in den ſchmierigen Händen trug er einen Knotenſtock, in deſſen Knopf ein rauhes Abbild ſeines eigenen gemeinen Geſichtes geſchnitten war. Dieß war der Beſuch, der jetzt ſeinen drei⸗ eckigen Hut vor Gashford abzog und mit einem ſchielenden Seitenblicke der Anrede entgegenſah. ben, ein, vor⸗ mit gem aden ihr chen e er gen, ite: ten, ige⸗ nem big ner be⸗ an⸗ ach att hen den hes ten rei⸗ em gegen Euch. Ha, gewiß— wenn ich wegen ausgehe.“ 81 „Ah! Dennis!“ rief der Sekretär.„Setzt Euch.“ „Ich ſehe Mylord da drunten— a rief der Mann, mit ſeinem Daumen nach der Richtung deu⸗ tend, welche er meinte,„und er ſagt mir gerade nichts zu thun habt Haus und discurirt wißt Ihr wohl, daß ich natürlich jetzt nichts zu thun habe, denn dieß ſind nicht meine Arbeitsſtunden. Ha, ha! Ich erluſtirte mich nur ein Bischen in der friſchen Luft, wie mir Mylord begegnete; das war mein gan⸗ zes Geſchäfte. Ich mache bei Nacht meine Prum⸗ naden, wie die Eulen, Herr Gashford.“ „Und bisweilen auch bei Tage, he?“ entgegnete der Sekretär—„wenn Ihr von Staatswegen aus⸗ geht, meine ich.“ 3 „Ha, ha!“ brüllte der Kerl ſich auf das Bein ein Schindelmän, der'was Angenehmes auf'ne angenehme Weiſe ſagen kann. Da lob' ich mir Herrn Gashford vor alle nicht übel in dieſe Stück, aber er iſt nur ein Narr von Staats⸗ „Und Euren Wagen habt,“ ſagte der Sekretär; „und Euren Kaplan, he? und all das übrige?“ „Ihr ſeyd noch mein Tod,“ rief Dennis, mit einem zweiten Gelächter,„wahrhaftig. Doch was gibt's jetzt im Hinterhalt, Herr Gashford, he?“ 6 Boz XVII. Barnaby Rudge. 8²2 fragte er mit heiſerer Stimme.„Kriegen wir'ma Auftrag, eine von denen papiſtiſchen Kapellen nie⸗ derzureißen— oder was ſonſt?“ „Bst!“ ſagte der Sekretär, ein ganz leiſes Lä⸗ cheln auf ſeinen Lippen ſpielen laſſend.„Bet! Gott behüte uns, Dennis! Ihr wißt ja, wir verbinden uns zu ganz friedlichen und geſetzlichen Zwecken.“ „Der Tauſend auch, warum ſollt' ich's nicht wiſſen?“ entgegnete der Mann, die Zunge in die Backen ſteckend;„ich bin doch zu'nem Zwecke bei⸗ getreten— etwa nicht?“ „Ohne Zweifel,“ ſagte Gashford, mit ſeinem ſräheren Lächeln. Und bei dieſen Worten brüllte Dennis abermals hinaus, klopfte noch ungeſtümer auf ſein Bein, und wollte vor Lachen faſt erſticken; dann wiſchte er ſich die Augen mit dem Zipfel ſeines Halstuches und rief: „Herr Gashford gegen ganz England— halloh!“ „Lord George und ich, wir ſprachen geſtern Nacht von Euch,“ ſagte Gashford nach einer Pauſe. „Er meinte, Ihr wäret ein ſehr eifriger Mann.“ „Na, das bin ich auch,“ entgegnete der Henker. „Und trüget einen aufeichtigen Haß gegen die Papiſten?“ „Ja, das thu' ich,“ und er bekräftigte dieſe Ver⸗ ſicherung mit einem derben Fluche.„Schaut'mal her, Herr Gashford,“ fuhr der Kerl fort, indem er Hut und Stock auf den Boden legte und langſam mit den Fingern der einen Hand auf die Fläche der nie⸗ Lä⸗ Gott nden nicht die bei⸗ inem nals und ſich rief: dih!“ dern uſe. fer. die Ver⸗ mal 1 er ſam der 83 andern klopfte;„man muß bedenken, daß ich ein konſtuzneller Beamter bin, der für ſeinen Lebensunter⸗ halt arbeitet und ſeinem Beruf Ehre macht. Iſt's ſo, oder nicht?“ „Ohne Frage.“ „Recht alſo. Haltet noch'ne Minute. Meine Arbeit iſt'n ächtes, proteſtantiſches, konſtuznelles, engliſches Geſchäft. Hab' ich recht, oder nicht?“ „Kein lebendiger Menſch kann das bezweifeln.“ „Und auch kein Todter nicht. Da ſagt das Par⸗ lament— wenn irgend ein Mann, Weib oder Kind,“ ſagt das Parlament, zetwas thut, was gegen eine gewiſſe Zahl unſerer Parlamentsakten geht’— wie viele Galgengeſetze mag es wohl dermalenſt geben, Herr Gashford? Fünfzig?“ „Ich weiß nicht genau, wie viele,“ verſetzte Gash⸗ ford, indem er ſich gähnend in ſeinem Stuhle zurück⸗ lehnte;„jedenfalls iſt die Zahl eine ziemlich große.“ „Nun, nehmen wir an, fünfzig. Das Parla⸗ ment ſagt: ‚wenn irgend ein Mann, Weib oder Kind etwas thut gegen dieſe fünfzig Akten, ſo ſoll dieſer Mann, dieſes Weib oder dieſes Kind von Dennis abgethan werden.“ Iſt dann am Ende der Sitzungen die Anzahl ſehr groß, ſo kommt Georg der dritte dazwiſchen und ſagt:„Die ſind zu viel fur Dennis. Ich will die Hälfte für mich behalten, und Dennis mag die andere Hälfte haben;“ und manchmal wirft er auch einen zu mir herüber, den ich nicht erwartete, wie's vor drei Jahren war, als ich die Marie Toms 6* kriegte, eine junge Weibsperſon von neunzehn, die mit ihrem Kind an ihrer Bruſt nach Tyburn kam und abgethan wurde, weil ſie ein Stück Tuch von einem Ladentiſch in Ludgate⸗Hill nahm, und es wieder niederlegte, als es der Kaufmann ſah; ſie hatte vor⸗ her Niemand kein Leids nicht gethan und es nur ein einzigesmal probirt, weil ihr Mann drei Wochen vorher gepreßt wurde und ihr mit ihren zwei Kindern nichts übrig geblieben war, als zu betteln— wie ſich's beim Verhör gezeigt hat. Ha, ha!— Nun! Da's einmal ſo Geſetz und Landesbrauch iſt in Eng⸗ land, ſo gereicht's auch zum Ruhm von England— oder nicht, Herr Gashford?“ „Allerdings,“ ſagte der Sekretär. „Und in künftigen Zeiten,“ fuhr der Henker fort „wenn unſere Enkel'mal an die ihrer Großväter zu⸗ rückdenken und finden, daß es ſo ganz anders gewor⸗ den, ſo werden ſie ſagen: ‚„das waren doch noch Zeiten, und wir ſeyn ſeitdem immer bergab gegangen.“ — Werden ſie nicht ſo ſagen, Herr Gashford?“ „Ich zweifle nicht daran, daß es der Fall ſeyn wird,“ entgegnete der Sekretär. „Wohlan denn, ſchaut'mal her,“ ſagte der Hen⸗ ker.„Wenn dieſe Papiſten die Gewalt kriegen und fangen an zu ſieden und zu braten, ſtatt zu henken, was wird aus meinem Geſchäft? Wenn ſie meinem Geſchäft Eintrag thun, das eine Hauptportion von ſo vielen Geſetzen iſt, was wird aus den Geſetzen im Allgemeinen, was aus der Religion und was aus oD——,— 8⁵ dem Vaterland werden?— Seyd Ihr je in die Kirche gegangen, Herr Gashford?“ „Je?“ wiederholte der Sekretär mit Unwillen; „natürlich.“ „Gut,“ ſagte der Schuft;„ich bin einmal— zweimal, wenn ich meine Taufe mitzähle— darin geweſen, und als ich hörte, daß man für das Par⸗ lament betete, und dran dachte, wie viele Hängegeſetze es in ſeinen Sitzungen macht, ſo mußte ich wohl auch annehmen, daß man für mich betete. Merkt Euch alſo wohl, Herr Gashford,“ fuhr der Kerl fort, indem er ſeinen Stock aufnahm und ihn mit wilder Geberde ſchüttelte,„mein proteſtantiſches Geſchäft darf nicht angerührt oder der jetzige proteſtantiſche Stand der Dinge auf irgend eine Weiſe geändert werden, wenn ich's hindern kann. Papiſten ſollen mit mir gar nichts zu thun haben, es ſey denn, daß ſie zu mir kommen, um ſich auf geſetzlichem Wege ab⸗ thun zu laſſen. Es darf nichts da geben von Sieden Röſten und Braten— nein, nichts als Hängen. My⸗ lord kann mich wohl einen eifrigen Mann nennen. Um den großen proteſtantiſchen Grundſatz zu unter⸗ ſtützen, dem ich das Blühen meines Geſchäfts ver⸗ danke, will ich“— und damit ſtieß er mit ſeinem Knittel auf den Boden—„Brand, Mord und Todt⸗ ſchlag begehen— alles thun, was man mich heißt, wenn’s nur recht keck und teufliſch iſt— und ging's auch drauf hinaus, daß man mich ſelber henken thäte. — So, Herr Gashford!“ Auf eine gar geziemende Weiſe ließ er dieſem häufigen Mißbrauche eines edlen Wortes zu den ſchnödeſten Zwecken in einer Art von Wuth minde⸗ ſtens ein paar Dutzend der ſchrecklichſten Flüche folgen; dann wiſchte er ſich das erhitzte Geſicht mit ſeinem Halstuch ab und rief:„Kein Pabſtthum! ich bin ein religiöſer Mann, bei Gott!“ Gashford hatte ſich in ſeinem Stuhl zurückge⸗ lehnt und betrachtete den Andern mit ſo tief einge⸗ ſunkenen und von den finſtern Brauen beſchatteten Augen, daß der Henker ſo wenig davon ſehen konnte, als wäre er ſtockblind geweſen. Er verharrte noch eine Weile in einem lächelnden Schweigen und ſagte dann langſam und nachdrücklich: „Ihr ſeyd in der That ein eifriger Mann, Dennis— ein äußerſt ſchätzbarer Burſche— der kräftigſte in Euern Reihen. Aber Ihr müßt Euch beruhigen, Ihr müßt friedlich ſeyn, geſetzlich und mild, wie ein Lamm. Ich bin überzeugt, Ihr werdet Euch mäßigen können.“ „Ja, ja, wir werden ſehen, Herr Gashford. Wir werden ſehen. Ihr ſollt nicht über mich zu klagen haben,“ entgegnete der Andere, ſeinen Kopf ſchüttelnd. „Ich bin überzeugt, daß dieß nicht der Fall ſeyn wird,“ ſagte der Sekretär in demſelben milden Tone und mit dem gleichen Nachdruck.„Im nächſten Monat etwa, oder im Mai, wenn dieſe Papiſten⸗ Emancipations⸗Bill vor das Haus kommt, werden 87 wir, glaube ich, zum erſtenmal unſere ganze Macht zuſammenziehen müſſen. Mylord gedenkt, uns in Proceſſion durch die Straßen zu führen— nur als eine unſchuldige Zurſchauſtellung unſerer Streitkräfte — und ſo die Petition an der Thüre des Hauſes der Gemeinen abzugeben.“ „Je bälder, deſto beſſer,“ entgegnete Dennis mit einem weiteren Fluche. „Da unſere Zahl ſo groß iſt, werden wir wohl in Abtheilungen aufziehen müſſen; und ich glaube, behaupten zu dürfen,“ fügte Gashford bei, indem er that, als hätte er die Unterbrechung nicht gehort „— obgleich mir hierüber noch keine beſtimmten In⸗ ſtruktionen zugegangen ſind— daß Lord George Euch als einen trefflichen Führer für einen dieſer Haufen hält. Ich zweifle nicht, daß Ihr ausgezeich⸗ net dazu paſſen würdet.“ „Stellt mich auf die Probe,“ ſagte der Kerl mit einem häßlichen Blinzeln. „Ich weiß, Ihr würdet beſonnen ſeyn,“ fuhr der Sekretär fort, indem er noch immer lächelte und ſeine Augen in einer Weiſe hütete, daß er den Andern wohl beobachten, nicht aber wieder beobachtet werden konnte,„den Befehlen gehorſam und vollkommen ge⸗ mäßigt. Ich bin überzeugt, Ihr möchtet Euren Trupp nicht in Gefahr ſtürzen.“ „Ich würde ſie führen, Herr Gashford—* wollte der Henker eben frech anfangen, als ſich Gash⸗ ford vorwärts neigte, die Finger an ſeine Lippen 88 legte und that, als ob er ſchriebe; dann aber wurde die Thüre von John Grueby geöffnet. „Oh! ſagte John, hineinſehend.„Da iſt wie⸗ der ein Proteſtant.“ „In ein anderes Gemach, John,“ rief Gash⸗ ford in ſeinem geſchmeidigſten Tone.„Ich bin ge⸗ genwärtig beſchäftigt.“ Aber John hatte den neuen Beſuch bereits an die Thüre gebracht, und während der Sekretär alſo ſprach, ſpazierte derſelbe ungeheißen hinein, die Ge⸗ ſtalt, das kecke Geſicht und den rauhen Anzug Hughs unterſcheiden laſſend. Achtunddreißigſtes Kapitel. Der Sekretär legte die Hand vor ſeine Augen, um ſie gegen das Licht der Lampe zu ſchützen, und ſchaute Hugh einige Augenblicke mit gerunzelter Stirne an, als erinnerte er ſich, ihn kürzlich geſehen zu haben, ohne daß es ihm übrigens beifiel, wo oder bei welcher Gelegenheit. Dieſe Ungewißheit war je⸗ doch nur von kurzer Dauer, denn noch ehe Hugh ein Wort geſprochen hatte, klärte ſich Gashford's Geſicht auf, und er ſagte: „Ja, ja, ich entſinne mich. Es iſt ganz recht, 89 John; Ihr braucht nicht zu warten. Ihr könnt bleiben, Dennis.“ „Gehorſamer Diener, Herr,“ ſagte Hugh, als Grueby verſchwunden war. „Euer Freund,“ entgegnete der Sekretär in ſeiner glatteſten Weiſe.„Was bringt Euch hieher? Wir haben doch hoffentlich nichts zurückgelaſſen?“ Hugh ließ ein kurzes Gelächter erſchallen, ſteckte die Hand in ſeine Bruſttaſche und brachte einen der Zettel zum Vorſchein, der, weil er die ganze Nacht auf der Straße gelegen, ganz beſchmutzt war. Nach⸗ dem er denſelben mit ſeiner ſchweren Hand auf dem Knie geglättet hatte, legte er ihn auf das Pult des Sekretärs. „Weiter nichts, als dieß, Herr. Ihr ſeht, es ſiel in gute Hände.“ „Was ſoll das? fragte Gashford, den Fetzen mit der Miene eines vollkommen natürlichen Erſtau⸗ nens umwendend.„Wo habt Ihr das Papier her, mein guter Burſche? Was ſoll es bedeuten? Ich verſtehe nichts von alle dem.“ Ein wenig verblüfft durch dieſe Aufnahme ſchaute Hugh von dem Sekretär auf Dennis, welcher aufge⸗ ſtanden und gleichfalls an den Tiſch getreten war, von wo aus er, ſcheinbar ſehr zufrieden über deſſen Benehmen und Außenſeite, den Fremden verſtohlen betrachtete. In dem Benehmen des Sekretärs eine ſtumme Appellation an ihm ſelbſt erkennend, ſchüttelte Herr Dennis dreimal den Kopf, als wollte er ſagen: 90 „Nein Er weiß nicht das geringſte davon. Ich kann’s bezeugen und will einen Eid darauf ablegen.“ Dann verbarg er ſein Profil gegen Hugh mit einem langen Zipfel ſeines muffigen Halstuches und nickte, hinter dieſem Schirm hervorkichernd, dem Verfahren des Sekretärs ſeinen vollſten Beifall zu. „Es ſteht darauf, wer es finde, ſolle hieher kommen, oder nicht?“ fragte Hugh.„Ich ſelber kann nicht leſen, aber ich zeigte es einem Freunde, und der ſagte mir ſo.“ „Das ſteht allerdings darauf,“ ſagte Gashford, ſeine Augen weit öffnend; und es iſt in der That der merkwürdigſte Umſtand, der mir je vorgekommen. Wie iſt dieſes Papier in Eure Hände gelangt, mein guter Freund?“ „Herr Gashford,“ ſchnaubte der Henker leiſe, „ein Burſche gegen ganz Newgate!“ Ob Hugh ihn hörte, ob er aus dieſem Benehmen ſchloß, daß man ſich über ihn luſtig mache, oder ob er bemerkte, worauf der Sekretär abzielte— genug, er platzte mit einemmale in ſeiner derben Weiſe heraus. „Nun,“ ſagte er, indem er die Hand ausſtreckte und den Wiſch wieder an ſich nahm,„was liegt an dem Zettel oder an dem, was darin ſteht. Ihr wißt nichts davon, Herr— ich auch nicht— und der da auch nicht.(Er blickte dabei auf Dennis.) Keiner von uns weiß, was er bedeutet und wo er herkömmt; ſomit wäre das abgemacht. Nun möchte ich aber auch gegen die Katholiken mitthun; ich bin ein Kein⸗ 91 Papſtthum⸗Mann und bereit, mich einzuſchwören. Deßhalb bin ich hergekommen.“ „Setzt ihn auf die Liſte, Herr Gashford,“ ſagte Dennis beifällig.„So muß man die Sache traktiren— gleich mit einemmale auf's Ziel los, und kein Geſalbader.“ „Was könnt' es nützen, weit ab vom Ziele zu ſchießen, alter Knabe, he?“ rief Hugh. „Ganz meine Anſicht!“ verſetzte der Henker. „Das iſt der rechte Burſche für meine Abtheilung, Herr Gashford. Hinein mit ihm, Sir— hinein mit ihm in die Liſte. Ich möcht' ihm zu Gevatter ſtehen, wenn er in einem Freudenfeuer, angezündet aus den Trümmern von England, getauft wird.“ Mit dieſen und anderen vertraulichen Ausdrücken von gleich ſchmeichelhafter Art klopfte ihn Dennis kräftig auf den Rücken— eine Begrüßung, die zu erwiedern Hugh nicht flau war. „Kein Pabſtthum, Bruder!“ rief der Henker. „Kein Habthum, Bruder!“ entgegnete Hugh. „Papſtthum, Papſtthum,“ ſagte der Sekretär mit ſeiner gewöhnlichen Milde. „'s iſt ganz das Gleiche!“ rief Dennis.„Alles in Richtigkeit. Hinein mit ihm, Herr Gashford. Hinein mit Jedermann, hinein mit aller Welt! Es lebe der proteſtantiſche Glaube! Das iſt die Loſung des Tages, Herr Gashford!“ Der Sekretär betrachtete Beide mit ungemein wohlwollendem Geſichte, während ſie dieſe und andere 92² Demonſtrationen ihres Patriotismus kund gaben, und war eben im Begriffe, eine laute Bemerkung zu ma⸗ chen, als Dennis auf ihn zutrat, ihn mit dem Ellen⸗ bogen anſtieß und ihm hinter der vor den Mund ge⸗ haltenen Hand zufluͤſterte: „Verderbt einem konſtuznellen Beamten das Handwerk nicht, Herr Gashford. Ihr wißt, es gibt ſo volksthümliche Vorurtheile, und er iſt vielleicht auch kein Freund davon. Wartet, bis er näher mit mir bekannt wird. Es iſt ein hübſchgebauter Bur⸗ ſche, nicht wahr?“ „In der That, ein gewaltiger Kerl!“ „Habt Ihr je, Herr Gashford,“ flüſterte Den⸗ nis mit jener entſetzlichen Art von Bewunderung, womit allenfalls ein hungriger Kannibale ſeinen Buſensfreund betrachten würde—„habt Ihr je“— und damit rückte er dem Ohre des Andern noch näher, indem er zugleich ſeinen Mund mit beiden hohlen Händen verſchanzte— einen ſolchen Hals ge⸗ ſehen? Nur nicht darnach hingeſchaut! Das iſt ein Hals zum Strecken, Herr Gashford. Der Sekretär pflichtete dieſer. Anſicht mit der beſtmöglichſten Miene bei— es iſt ſchwer, einen rein gewerblichen Geſchmack, der bisweilen excentriſch iſt, zu heucheln— und nachdem er dem Kandidaten etliche unwichtige Fragen vorgelegt hatte, ſchickte er ſich an, ihn als Mitglied der großen Proteſtanten⸗ Aſſociation von England einzuſchreiben. Wenn indeß etwas Herrn Dennis Freude über den glücklichen Voll⸗ 93 zug dieſer Ceremonie übertreffen konnte, ſo war es das Entzücken, womit er die Kunde aufnahm, daß das neue Mitglied weder leſen noch ſchreiben konnte — ein paar Künſte, die(wie Herr Dennis ſchwur) der größtmögliche Fluch für die civiliſirte Geſellſchaft wären und mehr gegen die gewerblichen Einkünfte und den Zweck des großen konſtuznellen Amtes, das er zu begleiten die Ehre hätte, ankämpften, als die widerlichſten Umſtände, die ſeine Einbildungskraft zu erſinnen im Stande ſey. Sobald die Anwerbung beendet und Hugh durch Gashford(in deſſen eigenthümlicher Manier) über den friedlichen und ſtreng geſetzlichen Zweck belehrt war, welchen die Geſellſchaft, zu der er jetzt gehöre, im Auge habe,— während dieſes Vorgangs ſtieß Herr Dennis den Sekretär oft mit den Ellenbogen an und ſchnitt dabei unterſchiedliche Geſichter— gab ihnen der Sekretär zu verſtehen, daß er jetzt allein zu ſeyn wünſche. Sie verabſchiedeten ſich daher ohne Zögerung und verließen gemeinſchaftlich das Haus. „Habt Ihr nicht Luſt zu einem Spaziergang, Bruder?“ fragte Dennis. „Ei freilich!“ entgegnete Hugh.„Wohin wollt Ihr?“ „Na, das iſt geſellig,“ ſagte ſein neuer Freund. „Welchen Weg wollen wir einſchlagen? Beſichtigen wir uns vielleicht ein Bischen die Thüren, an denen wir in Bälde tüchtig anklopfen werden— was meint Ihr, Bruder?⸗ 94 Da Hugh nichts dagegen einzuwenden hatte, ſo gingen ſie langſam nach Weſtminſter hinab, wo eben die beiden Häuſer des Parlaments ihre Sitzungen hielten. Sie ſchlenderten unter dem Gedränge der Wagen, Pferde, Diener, Sänftenträger, Fackeljungen und Müßiggänger aller Art umher, wobei Herr Dennis ſeinen neuen Freund auf die ſchwachen Sei⸗ ten des Gebäudes aufmerkſam machte und ihn be⸗ lehrte, wie leicht es ſey, in die Vorhalle und von da bis an die Thüre des Hauſes der Gemeinen zu kom⸗ men, wo ſie dann, wenn man in großen Schaaren aufzöge, die Mitglieder drinnen durch Gejubel und Geſchrei nicht wenig erſchrecken könnte— nebſt man⸗ chem Andern ahnlichen Inhalts, was Hugh mit au⸗ genſcheinlicher Freude anhörte. Er nannte ihm auch einige der ein- und aus⸗ gehenden Lords und Gemeinen mit Namen, ob ſie Freunde der Papiſten wären, oder nicht, und forderte ihn auf, ſich ihre Livréen und Equipagen zu merken, damit er im Falle der Noth nicht fehl greife. Bis⸗ weilen zog er ihn dicht an den Schlag eines vor⸗ überfahrenden Wagens, damit er im Scheine der Lampen das Geſicht des Eigenthümers erkennen möge, wie er denn überhaupt eine ſo genaue Be⸗ kanntſchaft mit Perſonen und Localitäten zeigte, daß man wohl ſah, er müſſe dieß Alles fleißig ſtudirt haben, was er in der That auch, ſobald ihre Freund⸗ ſchaft vertrauter wurde, aufrichtig zugeſtand. Das Auffallendſte von Allem waren vielleicht die ind an⸗ au⸗ ius⸗ ſie derte ken, Bis⸗ vor⸗ der nnen Be⸗ daß udirt eund⸗ öt die vielen Leute, die ſich gruppenweiſe zu zweien oder dreien beiſammen befanden und in der gleichen Abſicht durch das Gedränge zu ſchleichen ſchienen. Für die Meiſten derſelben galt ein Kopfnicken, oder ein Blick von Hugh's Begleiter als hinreichende Be⸗ grüßung; hin und wieder kam aber Einer aus dem Haufen, ſtellte ſich neben ihn hin und ſprach, ohne ſeinen Kopf umzuwenden, oder ſich das Anſehen zu geben, als rede er ihn an, mit leiſer Stimme etliche Worte, die in derſelben vorſichtigen Weiſe beantwor⸗ tet wurden. Dann trennten ſie ſich wieder, als ob ſie ſich gar nicht kennten. Etliche dieſer Menſchen tauchten in dem Gedränge oft wieder unverſehens neben Hugh auf, drückten im Vorbeigehen ihm die Hand, oder blickten ihm eruſt in's Geſicht, ohne daß übri⸗ gens weder er noch ſie gegenſeitig ein Wort verloren. Eben ſo merkwürdig dünkte es Hugh, daß er, ſo oft er in einem rechten Gewühl ſtand und zufäl⸗ lig die Augen niederſchlug, jedesmal bemerken konnte, wie ſich unter den ſeinigen durch, oder gerade vor ihm weg ein Arm aueſtreckte, in die Hand oder die Taſche eines Nebenſtehenden ein Papier ſchob, und ſo piötzlich ſich wieder zurückzog, daß man unmöglich ſagen konnte, woher er gekommen war; wenn er dann raſch umſchaute, ſo vermochte er in keinem Antlitze auch nur die mindeſte Spur von Verwirrung oder Ueberraſchung zu entdecken. Auch traten ſie oft auf ein Papier, dergleichen er eines in ſeiner Bruſt⸗ taſche führte; aber ſein Gefahrte flüſterte ihm zu, er ſolle es nicht anrühren oder, aufheben— nicht ein⸗ mal darnach hinſehen; und ſo ließen ſie es denn lie⸗ gen und gingen weiter. Nachdem ſie in dieſer Weiſe die Straße und die Zugänge, welche zu dem Parlamentsgebäude führten, wohl zwei Stunden lang durchſtrichen hatten, bega⸗ ben ſie ſich weiter, bei welcher Gelegenheit Herr Dennis ſeinen Freund fragte, was er von all dem Geſehenen halte, und ob er auf ein hübſches Stück heißer Arbeit gefaßt ſey, wenn es einmal ſo weit komme. „Je heißer, deſto beſſer,“ entgegnete Hugh;„ich bin auf Alles vorbereitet.“ „Ich gleichfalls,“ erwiederte ſein Freund,„und ſo noch Viele unter uns.“ Dabei ſchüttelten ſie ſich mit einem tüchtigen Fluche und unter ſchrecklichen Verwünſchungen über die Papiſten die Hände. Da ſie indeſſen durſtig geworden waren, ſo machte Dennis den Vorſchlag, ſich nach dem Stiefel zu begeben, wo es gute Geſellſchaft und prächtigen Branntwein gebe. Hugh gab hiezu bereitwillig ſeine Zuſtimmung und ſie verfügten ſich ohne Zögerung nach dem genannten Orte. Dieſer Stiefel war eine einſame Kneipe auf den Feldern hinter dem Findelhauſe— in jener Periode ein äußerſt abgelegener Ort, und nach Einbruch der Dunkelheit völlig unbeſucht. Das Haus ſtand etwas von der Landſtraße abgelegen und war nur durch ——— 8 œ 97 einen engen, finſtern Heckenweg zugänglich, ſo daß Hugh nicht wenig überraſcht war, als er hier trinkende Gäſte vorfand, die ſich's ungemein wohl ſeyn ließen. Noch mehr wunderte er ſich aber, faſt alle Geſichter hier zu finden, die ihm in dem Gedränge aufgefallen waren; da ihm jedoch ſein Gefährte vor der Thüre zugeflüſtert hatte, es gehöre im Stiefel nicht zum guten Tone, wenn man überhaupt auch nur die mindeſte Neugierde über die Geſellſchaft verrathe, ſo behielt er ſeine Entdeckung für ſich, und that nicht dergleichen, als ob ihm Jemand bekannt vorkäme. Ehe Dennis noch die Lippen an das Glas ſetzte, worin ihnen der Branntwein gebracht worden war, brachte er mit lauter Stimme die Geſundheit des Lord George Gordon, des Präſidenten der großen proteſtantiſchen Aſſociation, aus, welchen Toaſt Hugh gleichermaßen mit entſprechender Begeiſterung erwie⸗ derte. Ein anweſender Spielmann, der als ange⸗ ſtellter Minſtrel der Geſellſchaft ſeine Fidel erſchal⸗ len zu laffen ſchien, ſpielte einen ſchottiſchen Tanz auf, und zwar in ſo belebenden Tönen, daß Hugh und ſein Freund, die ſchon früher getrunken hat⸗ ten, als geſchehe es in Folge vorläufiger Verabre⸗ dung, von ihrem Sitze aufſtanden, um zur großen Bewunderung der verſammelten Gäſte einen extem⸗ porirten Kein⸗Papſtthum⸗Tanz aufzuführen. Boz XVII. Barnaby Rudge. 7 Neununddreißigſtes Kapitel. —q—' Der Beifall, welchen ſich die Kunſtleiſtung Hughs und ſeines neuen Freundes von Seite der Geſellſchaft im Stiefel erfreute, ſchallte noch fort, und die beiden Tänzer keuchten noch von der außerordentlichen und gewaltigen Anſtrengung, als die Trinkſtube in der Ankunft von weiteren Gäſten Zuwachs erhielt, welche, da ſie ſich als eine Abtheilung der vereinigten Bul⸗ lenbeißer auswieſen, mit ſehr ſchmeichelhaften Merk⸗ malen der Auszeichnung und Achtung empfangen wurden. Der Führer dieſes kleinen Häufleins— denn es zählte im ganzen blos drei— war unſer alter Bekannter, Herr Tappertit, der hinſichtlich ſeines phyſiſchen Umfangs, namentlich was ſeine winzigen Beine betraf, mit jedem Jahr kleiner geworden zu ſeyn ſchien, vom moraliſchen Geſichtspunkte aus übri⸗ gens, ſowohl an perſönlicher Würde, als an hoher Meinung von ſich ſelbſt, zu einem Rieſen angeſchwol⸗ len war. Auch wäre es der achtloſeſten Perſon nicht ſchwer geworden, dieſen Gefühlszuſtand in dem quon- dam Lehrling zu entdecken, denn er ſprach ſich nicht nur auf das Unzweifelhafteſte in dem majeſtätiſchen Gang und dem flammenden Auge aus, ſondern ent⸗ faltete ſich auch auf's Schlagendſte in der aufwärts geſtülpten Naſe, die alle Erdendinge nur mit tiefer 99 Verachtung zu behandeln und eine Gemeinſchaft mit den verwandten, himmliſchen Sphären zu ſuchen ſchien. Herr Tappertit, als Führer oder Capitän der Bullenbeißer, erſchien in dem Gefolge ſeiner beiden Lieutenants, von denen der Eine der früher aufgeführte lange Camerad, der Andere in den Tagen der Lehr⸗ lingsritterſchaft Mark Gilbert, vormals bei Herrn Tho⸗ mas Curzon im goldenen Vließe, war. Dieſe Her⸗ ren waren nunmehr, wie ihr Chef, den Lehrlings⸗ ſchuhen entwachſen und dienten als Geſellen, ahmten aber an Keckheit und Wagehälſigkeit demüthig ihrem großen Vorbilde nach und trachteten nach einer aus⸗ gezeichneten Stellung in den großen politiſchen Ereig⸗ niſſen des Tages. Daher ihre Verbindung mit der proteſtantiſchen Aſſociation in England, geheiligt durch den Namen George Gordon, und daher ihr dermaliger Beſuch im Stiefel. „Gentlemen!“ ſagte Herr Tappertit, indem er ſeinen Hut abnahm, wie etwa ein großer General ſeine Truppen angeredet haben würde.„Wir treffen uns zu glücklicher Stunde. Mylord erweist mir die Ehre, euch durch mich ſeinen Gruß zu vermelden.“ „Ihr habt alſo Mylord auch geſprochen?“ ent⸗ gegnete Dennis.„Ich bin dieſen Nachmittag bei ihm geweſen.“ „Sobald unſere Werkſtatt geſchloſſen war, rief mich mein Dienſt zu ihm in's Vorzimmer, und ich ſah ihn dort, Sir,“ verſetzte Herr Tappertit, während 7* er und ſeine Lieutenants ſich Plätze nahmen.„Wie geht es Euch?“ „Luſtig, Meiſter, luſtig,“ ſagte der Kerl.„Da iſt ein neuer Bruder, regelmäßig ſchwarz auf weiß gebucht von Herrn Gashford— ein Mann, der der Sache Ehre macht— über nichts verzagt, und ganz nach meinem Herzen. Seht Ihr ihn? Meint Ihr, er habe das Aeußere eines Menſchen, der zu brau⸗ chen iſt?“ rief er, indem er Hugh auf den Rücken klopfte. „Aeußeres, oder nicht,“ entgegnete Hugh mit einer trunkenen Armſchwenkung;„ich bin der Mann für Euch. Ich haſſe die Papiſten ſammt und ſonders. Sie haſſen mich und ich haſſe ſie. Was ſie können, thun ſie mir Leides an, und ſo will ich's auch ihnen gegenüber halten. Hurrah!“ „Gab es je,“ ſagte Dennis, der ſich, nachdem das Echo von Hugh's lärmender Stimme verhallt war, im Zimmer umſah,„gab es je einen ſo tüchti⸗ gen Hetzhund? Der Tauſend, ich darf wohl ſagen, Brüder, wäre Herr Gashford hundert Meilen weit gegangen, und hätte er fünfzig Kerle von dem ge⸗ wöhnlichen Schlag zuſammengebracht, ſie thäten die⸗ ſen einzigen nicht aufwiegen.“ Die Mehrzahl der Anweſenden unterſchrieb dieſe Anſicht unbedingt und gab ihr volles Vertrauen auf Hugh durch bedeutungsvolle Blicke und Winke zu erkennen. Herr Tappertit blieb jedoch eine Weile in ſtummen Betrachtungen ſitzen, als wolle er ſich vor⸗ 101 derhand jeden Urtheils entſchlagen. Dann rückte er dem Gefeierten ein wenig näher, um ihn ſorgfältig beäugeln zu können, bis er endlich auf ihn zuging und ihn nach einer dunkeln Ecke bei Seite nahm. „Habe ich Euch nicht ſonſt wo ſchon geſehen?“ begann er mit gedankenvollem Stirnrunzeln. „Leicht möglich,“ antwortete Hugh in ſeiner gleichgültigen Weiſe.„Ich weiß es nicht; ſollte mich übrigens nicht Wunder nehmen.“ „Nun, das läßt ſich leicht abmachen,“ entgegnete Sim.„Betrachtet mich einmal. Habt Ihr mich je zuvor geſehen? Wenn's der Fall iſt, ſo wißt Ihr wohl, daß Ihr mich unmöglich vergeſſen haben könnt. Schaut mich an— ohne Furcht; ich thue Euch nichts zu Leide. Faßt mich feſt in's Auge.“ Die ermuthigende Weiſe, in welcher Herr Tap⸗ pertit dieſes Anſinnen ſtellte, gepaart mit der Ver⸗ ſicherung, daß er ſich nicht zu fürchten brauche, be⸗ luſtigte Hugh gewaltig— in der That ſo gewaltig, daß er von dem kleinen, vor ihm ſtehenden Manne wegen eines ſchallenden Gelächters, das ihm die Au⸗ gen ſchloß und ihm die breiten Seiten erſchütterte, bis ſie ſchmerzten, gar nichts ſah. „Nun!“ ſagte Herr Tappertit, der über dieſe achtungswidrige Behandlung etwas ungeduldig wurde. „Kennt Ihr mich denn nicht, Burſche?“" „Gewiß nicht,“ rief Hugh.„Ha, ha, ha! Nein, gewiß nicht! Aber ich möchte es wohl.“ „Und doch hätte ich ein Siebenſhillingſtück wetten mögen,“ entgegnete Herr Tappertit, indem er ſeine Arme zuſammenſchlug und ſich mit weit geſpreizten Beinen feſt vor ihm aufpflanzte,„daß Ihr einmal Stallknecht im Maibaum wart.“ Hugh ſchlug bei dieſen Worten ſeine Augen weit auf und ſchaute ihn in großer Ueberraſchung an. „— und der wart Ihr auch,“ ſagte Herr Tap⸗ pertit, indem er ihn mit herablaſſender Scherzhaftig⸗ keit von ſich ſchob.„Wann täuſchten meine Augen je— als meinetwegen ein junges Frauenzimmer? Kennt Ihr mich jetzt?“ „Ei, es iſt doch nicht—“ Hugh ſtotterte. „Es iſt doch nicht—“ entgegnete Herr Tapper⸗ tit.„Seyd Ihr deß ſo gewiß? Könnt Ihr Euch nicht mehr Gabriel Varden's entſinnen— wie?“ Hugh entſann ſich freilich, und namentlich Dolly Varden's; aber dieß behielt er weislich für ſich. „Ihr erinnert Euch, daß Ihr, als ich noch in der Lehre war, in’s Haus kamt, um nach einem Land⸗ ſtreicher zu fragen, der ausgeriſſen war und ſeinen troſtloſen Vater dem bitterſten Kummer und dergleichen Preis gegeben hatte— wißt Ihr's nicht mehr?“ fragte Herr Tappertit. „Freilich weiß ich es!“ rief Hugh.„Und ich ſah Euch dort.“ „Saht mich dort?“ erwiederte Herr Tappertit. „Ja, ich ſollt's doch meinen, daß Ihr mich dort ſaht. Der Alte hatte Mühe, ohne mich fortzukommen. Entſinnt Ihr Euch nicht mehr, daß ich Euch für 103 einen Freund des Vagabunden hielt und deßhalb Streit mit Euch anfangen wollte? Als ich dann fand, daß Ihr ihn ärger verabſcheutet als Gift, ſo ging ich mit Euch zu einem Trunle? Erinnert Ihr Euch deſſen?“ „Ah, freilich!“ rief Hugh. „Gut; und Ihr habt ſeitdem Euern Sinn nicht geändert?“ ſagte Herr Tappertit. „Nein!“ brüllte Hugh. „Ihr ſprecht, wie ein Mann,“ entgegnete Herr Tappertit;„wir müſſen uns die Hände reichen.“ Dieſen verſöhnenden Worten ließ er die That folgen; und da ihm Hugh hiebei bereitwillig entge⸗ gen kam, verrichteten ſie die genannte Ceremonie augenſcheinlich mit großer Herzlichkeit. „Ich finde,“ ſagte Herr Tappertit, ſich unter den verſammelten Gäſten umſehend, daß ich den Bruder So und So— von früherher kenne.— Hof⸗ fentlich habt Ihr ſeither nie wieder etwas von dem Schufte gehört, he?“ „Keine Sylbe,“ verſetzte Hugh.„Verlangt mich auch nicht darnach. Ich glaube nicht, daß er je wieder Kunde von ſich geben wird. Hoffentlich iſt er längſt todt.“ „Ich möchte es gleichfalls hoffen, um der Menſchheit und um des Glückes der Geſellſchaft willen,“ ſagte Herr Tappertit, indem er ſich die Hand⸗ flächen an den Beinen abrieb und ſie von Zeit zu Zeit betrachtete.„Iſt Cure andere Hand nicht ein Bischen reiner? Nein, ganz ebenſo. Nun ich will Euch einen andern Händedruck ſchuldig bleiben. Nehmen wir's für geſchehen an, wenn Ihr nichts dagegen habt.“ Hugh lachte wieder, und zwar mit ſo ausge⸗ laſſenem, tollem Humor, daß ſeine Gliedmaßen ſich zu verrenken ſchienen und ſein ganzer Körper aus⸗ einanderfallen zu wollen drohte. Doch Herr Tap⸗ pertit nahm dieſe ungewöhnliche Heiterkeit durchaus nicht übel, ſondern ſchaute ſehr gnädig zu und ſtimmte ſogar mit ein, ſo weit nämlich ein Mann von ſeiner Würde und Stellung mit gehöriger Rückſicht auf Anſtand und Schicklichkeit(da ein Solches von be⸗ deutenden Perſonen ſtets erwartet wird) ſich dazu heranlaſſen konnte. Herr Tappertit ließ es, wie vielleicht mancher andere öffentliche Charakter gethan haben würde, hiemit nicht bewenden, ſondern rief ſeine paar Lieu⸗ tenauts herbei, denen er Hugh in ſehr empfeylender Weiſe vorſtellte, indem er ihn für einen Mann er⸗ klärte, weicher in den Zeiten, wie die gegenwartigen, nicht genug geſchätzt werden könne. Auch erwies er ihm noch die weitere Ehre, ihn ats eine Erwerbung zu bezeichnen, auf die ſogar die vereinigten Bullen⸗ beißer ſtoiz ſeyn durften; und da er nach einigem Sondiren fand, daß der neugeworbene Antipapſtler ganz bereit und willig war, in ihre Geſellſchaft ein⸗ zutreten(er nahm es nämlich durchaus nicht genau, und würde ſich in jener Nacht mit Allem und Jedem 105 zu was immer für einem Zwecke verbündet haben), ſo traf er die nöthigen Einleitungen, um die Auf⸗ nahme auf der Stelle vorzunehmen. Dieſe dem Ver⸗ dienſte zu Theil gewordene Huldigung gewährte Nie⸗ mand mehr Freude, als Herrn Dennis, wie er ſelbſt mit unterſchiedlichen, ſeltenen und überraſchenden Flüchen betheuerte, und erhielt deßgleichen den ein⸗ ſtimmigen Beifall der ganzen Verſammlung. „Ihr könnt aus mir machen, was Ihr wollt!“ rief Hugh, indem er die zu öftern Malen geleerte Kanne in der Luft ſchwenkte.„Verwendet mich, wie es Euch beliebt. Ich bin Euer Mann. Ich führ's aus. Da iſt mein Capitän— mein Anführer. Ha, ha, ha! Wenn er das Commandowort dazu gibt, ſo greife ich ganz allein das ganze Parlament an, oder lege eine brennende Fackel ſogar an den Thron des Königs!“ Nach dieſen Worten ſchlug er mit ſolcher Macht auf Herrn Tappertit's Rücken, daß ſein kleiner Leich⸗ nam in ein wahres Nichts zuſammenzuſchrumpfen ſchien; und dann brüllte er wieder, daß ſogar die Findelkinder in der Nachbarſchaft aus ihren Betten aufſchracken. In der That ſchien ein gewiſſes Gefühl von der Wunderlichkeit ihrer Verbrüderung ſein rohes Gehirn vollkommen in Beſchlag genommen zu haben, Schon die bloße Thatſache, von einem großen Mann beſchützt zu werden, den er in der Hand zerdrücken konnte, kam ſeinen Augen ſo excentriſch und humoriſtiſch vor, 106 daß eine Art Luſtigkeit die Oberherrſchaft über ihn gewann, welche ſein viehiſches Weſen ganz unterjochte. Er brüllte und brüllte wieder, brachte wohl hundert⸗ mal Herrn Tappertit's Geſundheit aus, erklärte ſich ſelbſt für einen Bullenbeißer mit Haut und Haaren, und gelobte der Verbrüderung derſelben Treue bis auf den letzten Blutstropfen. Alle dieſe Komplimente nahm Herr Tappertit als Dinge hin, die ganz in der Natur der Sache lägen — zwar ſchmeichelhaft in ihrer Art, aber doch weiter nichts, als ein Zoll, der ſeiner hohen Ueberlegenheit gebührte. Sein gravitätiſches Weſen ergötzte Hugh. nur um ſo mehr— und mit einem Worte, Rieſe und Zwerg ſchloßen eine Freundſchaft mit einander, die von Dauer zu ſeyn verſprach, da der Eine ein Necht zum Befehlen zu haben glaubte, und der Andere im Gehorchen einen ausgeſuchten Spaß fand. Auch benahm ſich Hugh durchaus nicht wie ein paſſiver Partheigänger, der alles Mögliche bedenkt, ehe er ohne gemeſſenen und beſtimmten Befehl handelt; denn als Herr Tappertit auf ein leeres Faß ſtieg, das als eine Art von Rednerbühne in der Stube ſtand, um über die beunruhigende Kriſis der gegenwärtigen Zeiten eine Rede zu halten, pflanzte er ſich neben dem Sprecher auf, und obgleich er bei jedem Worte der⸗ ſelben von einem Ohr bis zum andern grinste, ſo gab er doch vermittelſt Handhabung ſeines Knüttels den Spöt⸗ tern ſo nachdrückliche Winke, daß diejenigen, welche anfangs die größte Neigung verriethen, den Redner 107 zu unterbrechen, merkwürdig aufmerkſam wurden und den lauteſten Beifall klatſchten. Dem ungeachtet war aber doch nicht Alles Lärm und Poſſe in dem Stiefel, wie denn auch nicht alle Anweſenden zu dem Auditorium des Sprechers ge⸗ hörten. An dem andern Ende der Stube(einem langen, niedrigen Gemache) befanden ſich mehrere Männer in ernſter Unterhaltung, und wenn die Einen gingen, ſo kamen bald nachher Andere, um ihre Plätze einzunehmen, als ob ſie eine Wache ablösten, was auch wirklich der Fall zu ſeyn ſchien, da der Wechſel ganz nach der Uhr, je von halber Stunde zu halber Stunde ſtattfand. Dieſe Perſonen flüſterten viel unter ſich, hielten ſich ferne und ſchauten oft umher, als nähmen ſie ſich in Acht, gehört zu werden; Etliche darunter ſchrieben in Bücher ein, was die Andern gemeldet zu haben ſchienen; und wenn ſie nicht in dieſer Weiſe beſchäftigt waren, griff Einer von ihnen nach den auf dem Tiſch zerſtreuten Zeitungen, um aus dem Saint James Chronicle, dem Herald, dem Chronicle oder Public Advertiſer den Uebrigen mit leiſer Stimme eine Stelle über den Gegenſtand vor⸗ zuleſen, für den ſich Alle ſo lebhaft intereſſirten. Die größte Aufmerkſamkeit erregte übrigens eine Flugſchrift unter dem Titel„der Donnerer,“ welche ihre eigenen Anſichten behandelte und, wie man damals glaubte, direkt von der Aſſociation ausgegangen war. Nach ihr geſchah immer Nachfrage, und ſo oft ſie vor einem Häuflein eifriger Zuhörer, oder vor einem 108 einzelnen Mann verleſen wurde, ſo durfte man zu⸗ verläſſig darauf zählen, daß ſtürmiſche Worte und aufgeregte Blicke an die Reihe kamen. Mitten in dieſer Heiterkeit und trotz der Be⸗ wunderung, die er ſeinem Kapitän zollte, wurde doch Hugh durch dieſe und andere Anzeigen auf das Vor⸗ handenſeyn eines geheimnißvollen Treibens aufmerk⸗ ſam, ähnlich dem, welches ihm auf der Straße ſchon ſo ſehr aufgefallen war. Unmöglich konnte man ſich des Gefühls erwehren, daß etwas Ernſtliches im Werden ſey, und daß unter dem geräuſchvollen Ge⸗ lage der Kneipe unſichtbare, gefährliche Dinge lauerten. Dieß focht ihn jedoch wenig an, denn er war ganz zufrieden mit ſeinem Quartier, und würde bis zum Morgen da geblieben ſeyn, wenn nicht ſein Begleiter bald nach Mitternacht aufgebrochen wäre, um nach Hauſe zu gehen. Herr Tappertit folgte dieſem Bei⸗ ſpiele und beraubte ihn ſomit jeden Vorwandes, länger zu bleiben, weßhalb alle Drei gemeinſchaftlich die Schenke verließen und unterwegs ein Kein⸗Pabſt⸗ thum⸗Lied brullten, ſo daß die Felder von dem grauen⸗ haften Larm wiederhallten. „Hell auf, Capitän,“ rief Hugh, als ſie ſich außer Athem gebrüllt hatten.„Eine andere Strophe!“ Herr Tappertit, dem die Sache nicht entleidet war, begann auf's Neue, und ſo ſtolperte das Kleeblatt Arm in Arm weiter, wie Tollhäusler ſchreiend und die Nachtwächter mit großer Ritterlichkeit verhöhnend. Freilich gehörte hiezu keine ſonderliche Keckheit oder N N 12 K 109 Bravour, da die Nachtwächter der damaligen Zeit nur ihrem hohen Alter und ihrer außerordentlichen Gebrechlichkeit das Aemtlein verdankten und ſich daher beim erſten Anziehen eines Tumults feſt in ihren Wachthäuſern einzuſchließen pflegten, wo ſie verblie⸗ ben, bis die Lärmmacher verſchwunden waren. Na⸗ mentlich zeichnete ſich dermalen Herr Dennis, der eine rauhe Stimme und gewaltige Lunge hatte, ſehr vortheilhaft aus und erwarb ſich großen Kredit bei ſeinen zwei Gefährten. „Was Ihr doch für ein ſchnurriger Kauz ſeyd!“ ſagte Herr Tappertit.„Ihr ſeyd ſo köſtlich ſchlau und hinterliſtig. Warum wollt Ihr nie ſagen, was Ihr für ein Gewerbe treibt?“ „Antwortet dem Kapitän augenblicklich,“ rief Hugh, indem er ihm den Hut tiefer in's Geſicht ſchlug;„warum wollt Ihr nie ſagen, was Ihr für ein Gewerbe treibt?“ „Ich gehöre einem ſo gentilen Beruf an, Bruder, als ſich nur irgend ein Mann in England deſſen rühmen kann— ein ſo leichtes Geſchäft, daß ſich jeder Gentleman danach ſehnen möchte.“ „Seyd Ihr darauf in der Lehre geweſen?“ fragte Herr Tappertit.. „Nein. Natürliches Genie,“ antwortete Herr Dennis.„Pah, Lehre! Es kommt von Natur. Herr Gashford kennt meinen Beruf. Seht mal dieſe meine Hand an— ſie hat manches und manches Geſchäftchen mit einer Nettigkeit und Gewandtheit, 110 die ihres Gleichen ſucht, abgemacht. Wenn ich dieſe Hand anſchauen thue,“ ſagte Herr Dennis, indem er ſie in der Luft ſchüttelte,„und bedenke, welche elegante Stückchen Arbeit ſie gefertigt hat, ſo wird’s mir ganz mellonkoliſch über dem Gedanken, daß ſie je alt und ſchwach werden ſoll. Aber ſo geht's eben im Leben!“ Er holte, während er ſich in dieſen Betrachtungen erging, einen tiefen Seufzer, legte in einer Art von Geiſtesabweſenheit ſeine Finger an Hughs Hals, und namentlich unter ſein linkes Ohr, als ſtudire er den anatomiſchen Bau dieſes Körpertheils, ſchüttelte verzweifelnd den Kopf und vergoß eigentliche Thränen. „So ſeyd Ihr vermuthlich eine Art von Frei⸗ künſtler— he?“ ſagte Herr Tappertit. „Ja,“ entgegnete Dennis;„ja— ich darf mich wohl einen Freikünſtler nennen— einen Geſchäfts⸗ mann aus Liebhaberei— Kunſt verbeſſert die Natur! Das iſt mein Motto.“ „Und was ſoll dieß bedeuten?“ ſagte Herr Tap⸗ pertit, indem er ihm den Stock aus der Hand nahm. „Das auf dem Knopf iſt mein Porträt,“ ver⸗ ſetzte Dennis.„Haltet Ihr's für getroffen?“ „Je nun— es iſt ein Bischen zu hübſch,“ ſagte Herr Tappertit.„Wer hat'’s gemacht? Ihr viel⸗ leicht?“ „Ich?“ erwiederte Dennis, ſein Ebenbild zäͤrtlich betrachtend.„Ich wollte, ich hätte das Talent. Ein Freund hat's für mich geſchnitzt, der jetzt nicht mehr M 111 iſt. Den Tag, ehe er ſtarb, ſchnitt er dieß aus dem Gedächtniß mit ſeinem Taſchenmeſſer aus! Ich muß ſterben, ſagte mein Freund, und meine letzten Augen⸗ blicke ſollen der Fertigung von Dennis Porträt ge⸗ weiht ſeyn. So iſt's.“ „Das war ein wunderlicher Einfall— oder nicht?“ ſagte Herr Tappertit. „Freilich war's ein wunderlicher Einfall,“ ent⸗ gegnete der Andere, die Naſe des Knopfs anhauchend und ſie mit dem Rockärmel polirend;„'s war aber überhaupt auch ein wunderlicher Kerl— eine Art Zigeuner— einer der ſchönſten, der tüchtigſten Kerle, die Ihr je geſehen habt. Ah! Mein Freund erzählte mir an dem Morgen, bevor er ſtarb, einige Ge⸗ ſchichtchen, ob denen Ihr die Augen aufreißen würdet.“ „Ihr wart alſo damals bei ihm, he?“ fragte Herr Tappertit. „Ja, ich war bei ihm,“ antwortete er mit einem verſchmitzten Blicke.„O ja, gewiß war ich bei ihm. Er wäre nicht halb ſo behaglich abgefahren ohne mich. Ich habe dreien oder vieren ſeiner Familie unter denſelben Verhältniſſen beigeſtanden. Es waren lauter hübſche Burſche.“ „Da müſſen ſte wohl gewaltig erpicht auf Euch geweſen ſeyn,“ verſetzte Herr Tappertit, ihn von der Seite anſehend. „Ich wüßte nicht, daß ſie gerade beſonders er⸗ picht auf mich geweſen wären,“ ſagte Dennis nach einem kleinen Zögern,„aber ſie alle hatten mich in ihrer Nähe, als ſie abſegelten. Ich erbte auch ihre Garderobe. Das Tuch, das Ihr hier um meinen Hals ſehet, gehörte dem, von dem ich vorhin geſprochen — demſelbigen, der das Porträt machte.“ Herr Tappertit blickte auf den angedeuteten Ar⸗ tikel und ſchien zu denken, daß der Hingeſchiedene hinſichtlich ſeines Anzuges nicht beſonders wäͤhlig geweſen ſeyn und jedenfalls dabei ſeine Kaſſe ſehr zu Rathe gehalten haben müſſe. Er ließ jedoch keine Bemerkung darüber fallen, und ſo fuhr ihr geheim⸗ nißvoller Gefährte ununterbrochen fort. „Dieſe Beinkleider,“ ſagte Dennis, ſeine Kniee reibend;„dieſe Beinkleider hier gehörten einem Freund von mir, der ſolche Unbequemlichkeiten für immer abgelegt hat: auch ſein Rock— ich bin oft in den Straßen hinter dieſem Rocke hergegangen und habe mir meine Gedanken darüber gemacht, ob er wohl je an mich kommen würde. Dieſes Paar Schuhe hat an den Füßen eines andern Mannes wenigſtens ein halbdutzendmal vor meinen Augen ein Hornpipe ge⸗ tanzt. Und was meinen Hut betrifft,“ ſagte er, in⸗ dem er ihn abnahm und auf ſeiner Fauſt tanzen ließ —„Herr Gott im Himmel! wie oft habe ich dieſen Hut auf dem Bock einer Miethkutſche Holborn hinauf⸗ fahren ſehen— ja, manchen und manchen Tag.“ „Ihr wollt doch hoffentlich nicht ſagen, daß die früheren Träger dieſer Kleidungsſtücke alle todt ſind?“ entgegnete Herr Tappertit, während dieſer Worte ein wenig zurücktretend. 113 „Alle ſammt und ſonders,“ verſetzte Dennis. „Stück für Stück, mein Guter.“ Es lag etwas ſo Unheimliches in dieſem Um⸗ ſtand, und die Verblichenheit des Anzugs, der, aus dieſem neuen Geſichtspunkte betrachtet, von der Grabeserde entfärbt zu ſeyn ſchien, fand hie⸗ durch eine ſo ſeltſame und grauenhafte Erklärung, daß es jetzt Herrn Tappertit plötzlich einſtel, er habe einen andern Weg zu machen; er hielt daher an und wünſchte ihm auf's Herzlichſte gute Nacht. Sie befanden ſich gerade in der Nähe von Old Bailey, und da Herr Dennis wußte, es wären noch einige Schließer auf, mit denen er die Nacht verbringen und bei einem geſelligen Gläschen neben einem luſti⸗ gen Kaminfeuer Geſchäftsangelegenheiten von allge⸗ meinem Intereſſe beſprechen konnte, ſo trennte er ſich ohne großes Bedauern von ſeinen Kameraden, indem er zuvor noch Hugh mit Wärme die Hand druückte und ihn auf morgen früh nach dem Stiefel beſtellte. Die Beiden gingen ſofort ihres Weges weiter. „Das iſt ein ſonderbarer Burſche,“ ſagte Herr Tappertit, indem er dem die Straße hinunterwackeln⸗ den Miethkutſcherhute nachſah.„Ich weiß nicht, was ich aus ihm machen ſoll. Warum verſchafft er ſich nicht ſeine Beinkleider von dem Schneider, oder war⸗ um trägt er überhaupt keine lebendige Kleider?“ „Er iſt ein glücklicher Mann, Capitän,“ rief Hugh.„Ich möchte wohl auch ſolche Freunde, wie die ſeinigen, haben.“ Boz. XVII. Barnaby Rudge. 8 114 „Hoffentlich veranlaßt er ſie doch nicht, ihr Te⸗ ſtament zu machen, und ſchlägt ſie dann auf den Kopf,“ ſagte Herr Tappertit nachdenkend.„Doch kommt! Die vereinigten Bulldoggen erwarten mich. Vorwärts!— Nun, was gibt's?“ „Ich habe ganz vergeſſen,“ ſagte Hugh, der etwas ſtutzte, als er in der Nähe eine Kirchthurm⸗ uhr ſchlagen hörte.„Ich habe dieſe Nacht noch einen Beſuch zu machen und muß augenblicklich umkehren. Das Trinken und Singen ließ mich nicht daran denken.'s iſt gut, daß es mir noch einfiel.“ Herr Tappertit warf ſeinem Gefährten einen Blick zu, als hätte er gute Luſt, in Bezug auf dieſen Akt der Deſertion einige ſehr majeſtätiſche Anſichten preiszuge⸗ ben; da er aber aus Hughs haſtigem Weſen erſah, ſein Geſchäft müſſe ſehr dringender Natur ſeyn, ſo hatte er gnädigſte Nachſicht und gab ihm die Erlaubniß, ſich unmittelbar zu entfernen, was von Hugh mit einem ſchallenden Gelächter anerkannt wurde. „Gute Nacht, Capitän!“ rief er.„Vergeßt nicht, ich gehöre zu den Eurigen bis in den Tod 14 „Lebt wohl,“ ſagte Herr Tappertit mit einer Handſchwenkung.„Seyd kühn und wachſam!“ „Kein Pabſtthum, Capitän!“ brüllte Hugh. „England muß zuerſt im Blute ſchwimmen!“ rief ſein verzweifelter Führer. Hugh erwiederte dieß mit einem Jubelruf und einem Gelächter, worauf er wie ein Windſpiel davon rannte. 1“ ind von „ 115 „Dieſer Menſch wird meinem Corps Ehre ma⸗ chen,“ ſagte Simon, ſich gedankenvoll umwendend. „Und laßt mich ſehen. In einem veränderten Stand der Geſellſchaft— der natürlich die Folge unſeres Losbrechens und Sieges ſeyn muß— wenn die Schloſſerstochter mein iſt, muß ich mir, auf was immer für eine Weiſe, die Miggs vom Halſe ſchaf⸗ fen, ſonſt vergiftet ſie mir eines Abends, wenn ich nicht zu Hauſe bin, den Theekeſſel. Er könnte die Miggs heirathen, wenn er betrunken genug iſt. Ja, ſo wird's gehen. Ich will mir's notiren.“ Vierzigſtes Kapitel. Ohne ſich etwas von dem Plane, den das gäh⸗ rende Gehirn ſeines vorſorglichen Befehlshabers für ſeine glückliche Verſorgung im Leben entworfen hatte, träumen zu laſſen, eilte Hugh ohne Unterbrechung fort, bis die Dunſtansrieſen über ihm die Stunde anſchlugen, worauf er mit aller Macht die Ziehſtange eines naheſtehenden Pumpbrunnens bearbeitete, ſeinen Kopf unter die Röhre ſteckte und das Waſſer über ſich hinſchießen ließ, bis von jedem ſeiner ungekämm⸗ ten Haare ein kleiner Strom trof und er bis auf 8* 116 den Gürtel durchnäßt war. Durch dieſe Waſchung ſowohl an Körper als Seele beträchtlich erfriſcht und faſt ganz nüchtern geworden, trocknete er ſich ſo gut ab, als es gehen wollte, begab ſich ſodann über den Weg und pochte mit dem Klopfer an das Thor von Middle⸗Temple. Der Pförtner ſchaute mit ſaurer Miene durch ein kleines Gitter in dem Portal und rief:„Heda!“ welche Begrüßung Hugh geneigteſt erwiederte, in⸗ dem er dem Manne zugleich befahl, geſchwind auf⸗ zumachen. „Wir haben hier keine Bierſtube,“ rief der Mann;„was könntet Ihr ſonſt wollen?“ „Ich will hinein,“ verſetzte Hugh mit einem Stoß an die Thüre. „Wohin?“ „Nach den Paper⸗ Buildings. „Zu wem?“ „Zu Sir John Cheſter.“ Jede dieſer Antworten begleitete er nachdrücklich mit einem neuen Fußſtoße. Nach einigem Brummen jenſeits wurde das Thor geöffnet und er eingelaſſen, wobei er übrigens ſich einer genauen Inſpektion von Seiten des Pförtners unterwerfen mußte. „Ihr wollt in dieſer Stunde der Nacht zu Sir John?“ ſagte der Mann. „Ja,“ entgegnete Hugh.„Ich! Warum ſollte ich nicht?“ or rs Ite 117 „Je nun, da muß ich mit Euch gehen und ſehen, ob ſich's wirklich ſo verhält, denn ich glaube es nicht.“ „So kommt denn mit.“ Der Mann betrachtete ihn mit argwöhniſchen Blicken und ging mit Schlüſſel und Laterne an ſeiner Seite weiter bis zu Sir John Cheſters Thüre, an welche Hugh einen Schlag führte, der wie die An⸗ meldung eines Geſpenſtes durch das dunkle Treppen⸗ haus ſchallte und das trübe Licht in der ſchläfrigen Lampe zittern machte. „Glaubt Ihr jetzt, daß man mich hier haben will?“ fragte Hugh. Ehe der Pförtner noch Zeit hatte, zu antworten, ließ ſich von innen ein Fußtritt hören. Ein Licht wurde ſichtbar, und Sir John im Schlafrock und Pantoffeln öffnete perſönlich die Thüre. „Ich bitte um Verzeihung, Sir John,“ ſagte der Portier, ſeinen Hut abnehmend.„Der junge Menſch da ſagt, er habe mit Euch zu ſprechen. Es iſt ſchon ſpät für Fremde, und ſo hielt ich's für's Beſte, ſelbſt nachzuſehen, ob es ſeine Richtigkeit damit hätte.“ „Aha!“ rief Sir John, ſeine Augbraunen in die Höhe ziehend.„Iſt es mein Bote? Geh' nur hinein. Ganz recht, Freund. Eure Klugheit verdient alles Lob. Schönen Dank. Gott ſey mit Euch. Gute Nacht.“ Gelobt zu werden, Dank zu ärndten, und ein „Gott ſey mit Euch“ nebſt einem Gutenachtwunſche von einem Manne zu erhalten, der das Wörtchen „Sir“ vor ſeinem Namen führte und ſich noch oben⸗ drein P. M.* ſchrieb, das war ſchon etwas für einen Pförtner. Er entfernte ſich ſehr demüthig und ehr⸗ furchtsvoll. Sir John folgte ſeinem ſpäten Gaſte in das Ankleidezimmer, ſetzte ſich in ſeinen Armſtuhl vor das Feuer, rückte ihn ſo, daß er Hugh, welcher mit dem Hut in der Hand neben der Thüre ſtand, im Auge hatte, und betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Das alte Geſicht war ſo ruhig und freundlich, als je; die Farbe ganz jugendlich— eigentlich ſchön und blühend; das Lächeln wie vordem; der Anzug von gewohnter Pünktlichkeit und Eleganz, die Zähne weiß und wohlerhalten, die zarten Hände, das ge⸗ faßte und ruhige Benehmen, kurz alles, wie es ſonſt zu ſeyn pflegte: keine Spur von Alter oder Leiden⸗ ſchaft— Neid, Haß oder Unzufriedenheit; alles glatt, heiter und wahrhaft vergnüglich anzuſchauen. Er ſchrieb ſich P. M.— aber wie kam dieß? Die Sache verhielt ſich alſo: Die Familie war ſtolz — freilich ſtolzer, als reich. Er hatte Verhaftung, Gerichtsdiener und Gefängniß in Ausſicht— ein ſchlechtes Gefängniß, wohin gemeine Leute mit geringem Einkommen gebracht wurden. Gentlemen aus alten ——— * Parlaments⸗Mitglied. —2— a2— 119 Häuſern haben kein Privilegium, das ſie gegen ſo grauſame Geſetze ſchützt— wenn ſie nicht Glieder eines einzigen großen Hauſes bilden, was allerdings der Sache eine andere Wendung gibt. Ein ſtolzer Mann, der ſeiner Familie angehörte, beſaß die Mittel, ihn in dieſes Haus zu bringen. Er erbot ſich— freilich nicht gerade ſeine Schulden zu bezahlen, aber doch ihn für einen kleinen Marktflecken im Parlament ſitzen zu laſſen, bis ſein eigener Sohn das paſſende Alter erreicht hätte, was, wenn er am Leben blieb, ſeine zwanzig Jährchen anſtehen mochte. Er befand ſich dabei eben ſo gut, als bei einer Inſolvenzakte, und dabei war es unendlich gentiler. So wurde Sir John Cheſter ein Parlamentsmitglied. Aber wie Sir John? Nichts geht einfacher oder leichter. Eine einzige Berührung mit dem Staats⸗ ſchwerte, und die Umwandlung iſt geſchehen. John Cheſter, Esquire, P. M. machte bei Hof ſeine Auf⸗ wartung— kam mit einer Addreſſe— und an der Spitze einer Deputation. Eine ſo elegante Außenſeite, ſo viel Grazie in dem Benehmen, ein ſolches Talent für die Geſellſchaft konnte nicht unbeachtet bleiben. Herr war zu gemein für derartige Verdienſte. Ein Gentleman, wie er, hätte— wäre das Geſchick nicht launiſch geweſen— als Herzog geboren werden ſollen, gerade wie manche Herzoge beſſer unter Taglöhnern ihren Platz gefunden hätten. Er wußte die Zuneigung des Königs zu gewinnen, kniete als Raupe nieder und erhob ſich als Schmetterling. John Cheſter Esquire war zum Ritter geſchlagen und wurde Sir John. „Ich dachte, als du mich dieſen Abend verließeſt, meine geſchätzte Bekanntſchaft,“ begann Sir John nach einer ziemlich langen Pauſe,„daß du im Sinne hätteſt, in aller Eile wieder zuruͤckzukehren?“ „Das war auch der Fall, Herr.“ „Wirklich?“ entgegnete Sir John, auf ſeine Uhr ſehend.„Und das iſt Alles, was du mir zu ſagen haſt?“ Statt zu antworten, ſtützte ſich Hugh auf das andere Bein, ließ ſeine Mütze von einer Hand in die andere wandern und betrachtete ſich den Boden, die Wände, die Decke und ſchließlich auch Sir John ſelbſt, vor deſſen lieblichen Angeſichte er ſeine Augen nieder⸗ ſenkte und ſie auf den Boden heftete. „Und wie haſt du dich inzwiſchen beſchäftigt?“ fragte Sir John, indem er ſeine Beine nachläſſig kreuzte,„wo biſt du geweſen? Welchen Unfug haſt du getrieben?“ „Durchaus keinen Unfug, Herr,“ entgegnete Hugh unterwürfig.„Ich habe blos gethan, was Ihr mir befahlt.“ „Was hätte ich gethan?“ erwiederte Sir John. „Wohlan denn“, ſagte Hugh unruhig,„was Ihr mir riethet, oder was ich, wie Ihr ſagtet, thun ſollte, oder thun könnte, oder Ihr thun würdet, wenn Ihr an meiner Stelle wäret. Geht doch nicht ſo hart mit mir um, Herr.“ — 121 Etwas wie ein Zug von Triumph über die voll⸗ kommene Gewalt, die er ſich über dieſes rauhe Werk⸗ zeug verſchafft, zuckte für einen Augenblick in dem Antlitz des Ritters auf, verſchwand übrigens alsbald wieder. „Wenn du ſagteſt, ich hätte dir etwas befohlen, mein guter Burſche,“ ſagte er, indem er ſich die Nägel ſchnitt,„ſo will dieß ſo viel heißen, als hätte ich dich angewieſen, etwas für mich zu thun— etwas, woran mir gelegen wäre— etwas für meine eigenen Zwecke und Abſichten— ſiehſt du. Zuverläßig brauche ich mich indeß über die ausgeſuchte Abge⸗ ſchmacktheit eines ſolchen Gedankens, wie unabſichtlich er auch geweſen ſeyn mag, nicht weiter zu verbrei⸗ ten; ſomit alſo möchte ich bitten—“ und dabei heftete er die Augen auf den andern— netwas vor⸗ ſichtiger zu ſeyn. Willſt du?“ „Ich hatte keine Beleidigung im Sinne ,“ ver⸗ ſetzte Hugh.„Ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll. Ihr fertigt mich ſo kurz ab.“ „Du wirſt mit nächſtem viel kürzer abgefertigt werden, mein Freund— verlaß dich darauf, unend⸗ lich kürzer,“ verſetzte ſein Gönner ruhig.„Beiläufig ſtatt mich zu verwundern, warum du ſo lange aus⸗ geblieben biſt, ſollte ich mich vielmehr wundern, warum du überhaupt kommſt. Warum biſt du hier? frage ich.“ „Ihr wißt Herr,“ ſagte Hugh,„daß ich den gefundenen Zettel nicht leſen konnte, und weil ich 122 meinte, es ſey etwas beſonderes dahinter, da er ſo kurios um den Stein gewickelt war, ſo brachte ich ihn her.“ „Und konnteſt du nicht Jemand anders bitten, ihn dir zu leſen, du Bärenhäuter?“ verſetzte Sir John. „Niemand, dem ich Geheimniſſe anvertrauen könnte, Herr. Seit Barnaby Rudge unſichtbar ge⸗ worden iſt— und das mag wohl ſchon fünf Jahre her ſeyn— hätte ich mit Niemanden, als mit Euch, Rückſprache nehmen mögen.“ „Da haſt du mir zuverläͤſſig eine große Ehre erwieſen.“ „Dieſe ganze Zeit über, Herr, bin ich bei Euch ab und zugegangen, wenn es etwas zu erzählen gab, weil ich wußte, Ihr würdet böſe auf mich werden, wenn ich wegbliebe,“ platzte Hugh nach einer läſtigen Pauſe heraus,„und weil ich nach Kräften Euch zu Gefallen handeln wollte, um Euch nicht gegen mich zu haben. So. Das iſt der wahre Grund, warum ich heute Nacht herkam. Ihr wißt das ſicherlich ſelber auch, Herr.“ „Du biſt ein ſcheinheiliger Kerl,“ verſetzte Sir John, ihn feſt in's Auge faſſend,„und trägſt, ſo gut als einer, zwei Geſichter unter deinem Schlapphute. Haſt du mir nicht heute Abend in dieſem meinem Zimmer einen andern Grund angegeben? Sprachſt du nicht von deinem Haß gegen Jemand, der dich in der letzten Zeit bei allen Anläſſen geringſchätzig und —8—— SS 123 mit Rohheit behandelte— der ſich gegen dich eher wie gegen einen Baſtardhund, als wie gegen einen Nebenmenſchen benahm?“ „Das iſt allerdings war,“ rief Hugh in ſich ſteigernder Leidenſchaftlichkeit— ganz wie es nach des Andern Sinn war;„ich widerhole es und will's meinetwegen noch oft wiederholen. Ich würde alles thun, wenn ich mich an ihm rächen könnte— gar alles. Und wenn Ihr mir ſagt, Diejenigen, welche ſich nach Maßgabe jenes Zettels vereinigen, wollten über ihn und alle die Katholiſchen herfallen, ſo ent⸗ gegne ich, ich will dabei mitthun, und wenn der Teufel ſelber ihr Anführer wäre. Jetzt habe ich mich Ihnen angeſchloſſen. Gebt Acht, ob ich nicht Wort halte, und ob ich nicht unter den Vorderſten ſtehe. Ich habe vielleicht nicht viel Kopf, Herr, aber doch noch immerhin genug, um es denen zu gedenken, die mich übel behandeln. Ihr ſollt ſehen, und er ſoll ſehen, und ſo noch viele hundert Andere, was ich für Courage zeigen werde, wenn es d'rauf und d'ran geht. Mein Bellen iſt noch gar nichts gegen mein Beißen. Für manche Leute, die ich kenne, wäre es beſſer, es führe ein wilder Löwe unter ſie, als ich, wenn ich einmal die Zügel geſprengt habe— ja, gewiß!“ Der Ritter betrachtete ihn mit einem weit be⸗ deutungsvolleren Lächeln, als ſonſt, und wies nach dem alten Wandſchrank, wohin er Hugh mit den Augen folgte, während dieſer ſich ein Glas Branntwein einſchenkte und es austrank. In der Zwiſchenzeit lächelte Sir John hinter dem Rücken des Andern noch weit bedeutungsvoller. „Du biſt in einer ſehr prahleriſchen Stimmung, mein Freund,“ ſagte er, als Hugh ſich wieder umwandte. „O gewiß nicht, Herr!“ rief John.„Ich laſſe nicht die Hälfte von dem heraus, was mir im Sinne ſteckt. Ich kann's nicht, weil ich nicht die Gabe dazu erhalten habe. Schwätzer haben wir genug unter uns; ich will unter den Handelnden ſeyn.“ „Ah! du haſt dich alſo dieſen Burſchen ange⸗ ſchloſſen?“ verſetzte Sir John mit der Miene der größten Gleichgültigkeit. „Ja, ich ging nach dem Hauſe, das Ihr mir namhaft machtet, und ließ mich dort einſchreiben. Es war noch ein anderer Mann dort, Dennis mit Namen—“ „Dennis, he?“ rief Sir John lachend.„Ja, ja! Ein angenehmer Kamerad, glaube ich.“ „Eine heulende Beſtie, Herr— ganz Einer nach meinem Herzen— und dazu auf die Dach⸗ erpicht — heiß erpicht.“ „Ich hörte davon,“ entgegnete Sir John un⸗ bekümmert.„Du kennſt wohl ſein Gewerbe nicht, wie?“— „Er wollte es nicht ſagen,“ antwortete John. „Er thut geheim damit.“ „Ha, ha!“ lächelte Sir John.„Eine ſeltſame —-„—— 125 Liebhaberei— doch manche Perſonen haben dieſe Schwäche. Ich wollte darauf ſchwören, daß du es eines Tages erfahren wirſt.“ „Wir ſind bereits ganz intim,“ ſagte Hugh. „Das finde ich ganz natürlich. Und ihr habt mit einander getrunken, he?“ fuhr Sir John fort. „Ich glaube, du haſt mir ſchon geſagt, wohin du mit ihm gingſt, als ihr Lord George verließt?“ Hugh hatte es weder geſagt, noch war es ihm eingefallen, es ihm zu ſagen; jetzt mußte es aber heraus. Dieſer Frage folgte eine lange Reihe von weiteren, und Hugh berichtete alles, was ſowohl in der Schenke als auf der Straße vorgefallen war, mit welchen Leuten er verkehrt, wie ſtark ihre An⸗ zahl, wie die Stimmung unter ihnen, wovon ſie geſprochen, und wit welchen Abſichten und Erwar⸗ tungen ſie ſich trügen. Das Verhör war ſo künſt⸗ lich eingeleitet, daß er ſelbſt ganz freiwillig zu beichten meinte, ohne daß ihm etwas entlockt würde, und dieß fügte ſich alles ſo natürlich, daß er noch in ſeiner rauhen Weiſe um Entſchuldigung wegen ſeines vielen Geplauders bat, als endlich Sir John unter Gähnen die Erklärung abgab, daß er's jetzt ſatt habe. „So!— mache jetzt, daß du fortkömmſt,“ ſagte Sir John, indem er ihm eigenhändig die Thüre öffnete.„Du haſt am erſten Abend hübſche Arbeit gemacht. Ich ſagte dir's, du ſollteſt es unterlaſſen, weil du in Ungelegenheiten gerathen könnteſt. Uebri⸗ 126 gens wirſt du Gelegenheit haben, dich an deinem ſtolzen Freund Haredale zu rächen, und dafür, glaube ich, ſetzeſt du Alles auf's Spiel.“ „Allerdings,“ entgegnete Hugh, indem er auf der Flur draußen Halt machte und wieder zurück⸗ ſchaute;„aber was wäre denn eigentlich auf's Spiel zu ſetzen? Was könnte ich möglicherweiſe verlieren, Herr? Verwandte und Heimath? Das iſt keine Priſe Tabak für mich werth; ich habe keine;'s gibt nichts der Art für mich. Gebt mir'ne tüchtige Balgerei und ſetzt mich in den Stand, in einem kecken Anrennen und unter einem Haufen tüchtiger Kerle alte Schulden abzuzahlen, ſo könnt Ihr mit mir anfangen, was Ihr wollt—'s iſt mir gleich⸗ gültig, was es für ein Ende nimmt!“ „Was haſt du mit jenem Papier angefangen?“ fragte Sir John. „Ich habe es hier, Herr.“ „Laß es auf deinem Wege irgendwo fallen; 's iſt nicht gut, wenn man ſolche Dinge bei ſich trägt.“ Hugh nickte, langte mit ſo viel Reſpekt, als er aufzubieten vermochte, an ſeine Kopfbedeckung, und entfernte ſich. Sir John ſchloß die Thüre hinter ihm ab, kehrte nach ſeinem Ankleidezimmer zurück und ſetzte ſich wieder vor das Feuer, daſſelbe geraume Zeit in ernſtem Nachdenken betrachtend. „Das trifft ſich alles glücklich,“ ſagte er, in — ——— ——— 127 ein Lächeln ausbrechend,„und verſpricht einen guten Fortgang. Wir wollen ſehen. Mein Verwandter und ich, wir beide ſind die größten Stockproteſtanten von der Welt und wünſchen der katholiſchen Sache das Schlimmſte; auch gegen Saville, der die Bill einbringt, habe ich eine perſönliche Abneigung. Aber da in unſerem beiderſeitigen Glaubensbekenntniß das Ich obenan ſteht, ſo können wir uns nicht durch eine Vereinigung mit einem kompleten Tollhäusler bloßſtellen, denn daß Gordon ein ſolcher iſt, unter⸗ liegt durchaus keinem Zweifel. Nun kann aber ein geheimer Vorſchub, den wir dieſen Unruhen ver⸗ mittelſt eines ſo paſſenden Werkzeuges, als mein wilder Freund da iſt, leiſten, unſere wahren Zwecke weſent⸗ lich fördern; und wenn wir bei allen geeigneten Ge⸗ legenheiten in gemäßigten und höflichen Ausdrücken Gordon's Treiben mißbilligen, wie ſehr wir auch dem Prinzipe nach mit ihm einverſtanden ſeyn mö⸗ gen, ſo ſetzen wir uns zuverläſſig in einen Geruch von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, der uns noth⸗ wendig ungemein zu Statten kommen und eine ge⸗ wiſſe Wichtigkeit verſchaffen muß. Gut! Das wäre denn der öffentliche Geſichtspunkt. Was nun die Privatrückſichten anbelangt, ſo muß ich geſtehen: wenn dieſe Landſtreicher einen Aufſtand erregten (was mir nicht ganz unwahrſcheinlich vorkommt), und dieſem Haredale, der in ſeiner Sekte kein un⸗ thätiger Mann iſt, eine kleine Züchtigung angedeihen ließen, ſo käme dieß meinen Gefühlen äußerſt 128 gelegen und würde mich über die Maßen ergötzen. Abermals gut! Vielleicht ſogar noch beſſer! Nachdem er ſo weit gekommen war, nahm er eine Priſe Tabak, begann ſich ſodann langſam zu entkleiden und nahm ſeine Betrachtungen wieder auf, indem er lächelnd fortfuhr: „Ich fürchte— ich fürchte ungemein, daß mein Freund raſchen Schrittes den Fußtapfen ſeiner Mutter folgt. Seine vertraute Bekanntſchaft mit Herrn Dennis iſt ungemein bedeutungsvoll. Ich zweifle indeß nicht, daß es jedenfalls mit ihm ein ſolches Ende nehmen muß. Biete ich ihm ein hülfreiche Hand, ſo beſteht der einzige Unterſchied darin, daß er im Ganzen vielleicht einige Gallonen, Tonnen oder Orhofte weniger trinkt, als er ſonſt gethan haben würde. Doch das kümmert mich nicht. 'S iſt eine höchſt unwichtige Sache. Er nahm abermals eine Priſe und verfügte ſich zu Bette. Einundvierzigſtes Kapitel. ꝭ— Aus der Werkſtatt zum goldenen Schlüſſel ſchallte ein ſo heiterer und gutgelaunter klingelnder Ton, daß man ſich bei der behaglichen Muſik des ·— 129 Gedankens an einen fröhlichen Arbeiter nicht erwehren konnte. Niemand, der in einem verdrießlichen, ein⸗ tönigen Tagewerk forthämmerte, hätte dem Stahl und Eiſen ſo herzliche Töne entlocken können; dieß war nur einem wohlgemuthen, kräftigen, ehrlichen Burſchen möglich, der alles von der beſten Seite nahm und wohlwollend gegen alle Welt war. Selbſt als Kupferſchmied hätte er muſikaliſch ſeyn müſſen; und wäre er in einem holpernden Frachtwagen voll Stabeiſen geſeſſen— ich glaube, er hätte auch in dieſes Geklingel einige Harmonie bringen müſſen. Tink, tink, tink— klar, wie ein Silberglöckchen und deutlich zwiſchen jeder Pauſe in dem wildem Straßenlärm durchklingelnd, als wollte es ſagen: „was kümmere ich mich darum? Nichts ſoll mich verſtimmen; ich bin einmal feſt entſchloſſen, glücklich zu ſeyn!“ Weiber keiften, Kinder balgten ſich, ſchwere Karren rollten vorbei, ſchreckliches Ge⸗ ſchrei ſchallte aus den Lungen der Zeitungsverkäufer— und doch machte es immer wieder fort, nicht höher, nicht tiefer, nicht lauter, nicht leiſer, ohne ſich der Beachtung auch nur ein klein wenig mehr aufzudringen, weil es durch den ſtärkeren Lärm erſtickt wurde— tink, tink, tink, tink. Es war eine vollkommene Verkörperung der leiſen, kleinen Stimme, frei von Schnupfen, Hei⸗ ſerkeit, Rauhheit, oder ſonſtigem Unwohlſeyn; die Fußgänger bewegten ſich langſamer und zeigten ſich geneigt, in ihrer Nähe zu weilen, die Nachbarn, Boz XVII. Barnaby Rudge. 9 welche am Morgen verdrießlich aufgeſtanden waren, fühlten einen Anflug von guter Laune, während ſie darauf horchten, und wurden allmälig ganz heiter; Mütter tanzten bei dem Schalle mit ihren Kindlein, und immer noch erſcholl daſſelbe magiſche Tink, tink, tink, aus der Werkſtatt zum goldenen Schlüſſel. Wer anders als der Schloſſer hätte eine ſolche Muſik machen können? Ein Sonnenſtrahl leuchtete durch das offene Fenſter und fiel, die dunkle Werkſtatt mit einem breiten Lichtſtrahle kreuzend, geradezu auf den Arbeiter, als würde er von deſſen ſonnigem Herzen angezogen. Da ſtand er vor ſeinem Ambos, das Geſicht über und über leuchtend von Geſchäftigkeit und Frohſinn, die Aermel zurückgeſchlagen, die Pe⸗ rücke der glänzenden Stirne entnommen— der be⸗ haglichſte, freieſte und glücklichſte Mann auf der ganzen Welt. Neben ihm ſaß eine geleckte Katze, ſchnurrend und blinzelnd im Lichte, und hin und wieder, wie im Uebermaß der Behaglichkeit, in ein müßiges Schläſchen verfallend. Toby ſchaute von einem hohen Fenſter nieder— ein ſtrahlendes Lächeln von ſeinem breiten nußbraunen Geſichte an bis zu ſeinen kohlſchwarz gebrannten Schuhſchnallen. Sogar die umherhängenden Schlöſſer hatten etwas Fideles in ihrem Roſt und ſchienen, wie gichtiſche Gentlemen von kräftigem Weſen, über ihre Gebrechen zu ſcherzen. Da war auch nicht eine Spur von ſauertöpfiiſcher Strenge in dem ganzen Raum. Es ſchien unmöglich daß einer der zahlreichen Schlüſſel in eine knauſerige ————. 131 Geldkiſte oder in das Schloß einer Gefängnißthüre paſſen könnte. Bier⸗ und Weinkeller, Zimmer mit lodernden Feuern, Büchern, luſtigem Geplauder und frohem Gelächter— dieſe ſchienen in ihre Wirkungs⸗ ſphäre zu gehören. Orte des Mißtrauens, der Grau⸗ ſamkeit und des Zwanges würden ſie für immer vier⸗ fach verſchloſſen haben. Tink, tink, tink. Der Schloſſer hielt endlich inne und wiſchte ſich die Stirne. Das Schweigen weckte die Katze, die, ſachte hinunterſpringend, nach der Thüre kroch und mit Tigerblicken einen Vogelkäfig an einem nahen Fenſter bewachte. Gabriel erhob den Toby an ſeinen Mund und that einen kräftigen Zug. Dann, als der Meiſter gerade ſtand, den Kopf zu⸗ rückgeworfen und die ſtattliche Bruſt vorgeſtreckt, konnte man ſehen, daß ſeine untern Partieen in Soldatenklei⸗ dern ſteckten. Ein Blick auf die Wand zeigte dem Zu⸗ ſchauer an mehreren Nägeln eine Blechhaube ſammt Federbuſch, einen Säbel, eine Scharpe und einen Schar⸗ lachrock, woraus jeder in derartigen Dingen Kundige entnehmen konnte, daß die Uniform den Schnitt und die Auszeichnung eines Sergeanten bei den königlichen Oſt⸗Londoner Freiwilligen hatte. Der Schloſſer ſtellte den leeren Krug wieder auf den Simms, von wo aus derſelbe zuvor auf ihn herniedergelächelt hatte, überſchaute ſeine Armatur mit lachendem Auge, neigte dann den Kopf zur Seite, als ob er alles in einen Brennpunkt zuſammenfaßen wollte, und begann end⸗ lich, auf ſeinen Hammer gelehnt, folgendermaßen: 9* „Ich erinnere mich wohl noch der Zeit, wo ich faſt toll wurde vor lauter Begier, einen Rock von dieſer Farbe zu tragen. Und wie würde ich gefeuert und geſchäumt haben, wenn mich einer(mit Aus⸗ nahme meines Vaters) für die Mühe, die ich mir gab, einen Narren geheißen hätte; aber doch, was muß ich nicht in der That für ein Narr geweſen ſeyn!“ „Ach!“ ſeufzte Frau Varden, die unbemerkt ein⸗ getreten war.„Freilich ein Narr. Ein Mann von deinem Alter, Varden, ſollte wenigſtens jetzt ge⸗ ſcheidter ſeyn.“ „Ei, was du doch für ein lächerliches Weib biſt, Martha,“ ſagte der Schloſſer, ſich mit heiterer Stimme umwendend. „Natürlich,“ verſetzte Frau Varden, die plötzlich ungemein ſteif wurde.„Ich kann freilich nichts anderes ſeyn. Ich weiß das, Varden. Danke gar ſchön.“ „Ich wollte ſagen—“ begann der Schloſſer. „Ja,“ entgegnete ſeine Gattin,„ich weiß, was du ſagen wollteſt. Du ſprichſt ja offen genug, um verſtanden zu werden, Varden. Es iſt ſehr freundlich von dir, daß du dich dabei meiner Faſſungsgabe an⸗ bequemſt— zuverläßig.“ „Bst, bst, Martha,“ erwiederte der Schloſſer, „thu nicht gleich empfindlich über Nichts. Ich wollte ſagen, es ſey ſonderbar von dir, daß du über die Freiwilligen losziehſt, die doch nur den Zweck haben, dich und die übrigen Weiber, wie auch unſere Heim⸗ ſtätten insgeſammt im Fall der Noth zu vertheidigen.“ . 133 „Es iſt unchriſtlich,“ rief Frau Varden, ihren Kopf ſchüttelnd. „Unchriſtlich?“ entgegnete der Schloſſer.„Ei, was zum Teufel—“ Frau Varden ſchaute zur Decke hinauf, als er⸗ warte ſie, daß in Folge dieſer Gottloſigkeit alsbald die Himmelbettſtatt im zweiten Stock nebſt dem beſten Beſuchszimmer in dem erſten herniederſtürze; da aber kein ſo aaugenfälliges Gericht eintrat, ſo holte ſie einen tiefen Seufzer und bat ihren Gatten im Tone der Ergebung, nur fortzufahren und immerhin ſich ſo gottesläſterlich als nur möglich auszu⸗ drücken, weil er wiſſe, welche Freude ſie daran habe. Der Schloſſer that einen Augenblick, als ſchiene er geneigt, zu willfahren, ſchluckte es aber mit Ge⸗ walt wieder hinunter und erwiederte milde: „Ich wollte ſagen, wie um aller Welt willen du es unchriſtlich nennen kannſt? Was würde da unchriſtlicher ſeyn, Martha— ruhig die Hände in den Schoos zu legen und unſere Häuſer durch eine fremde Armee ausplündern zu laſſen, oder wie Männer hin⸗ zugehen und ſie fortzujagen? Das wäre mir ein ſauberes Chriſtenthum, wenn ich in den Kaminwinkel kröche und zuſchaute, wie ein Haufen ſchnurrbärtiger Wilder Dolly davon trüge— oder dich?« Als er ſagte„oder dich“, verzog ſich Frau Var⸗ den’s Mund unwillkürlich zu einem Lächeln. Es lag etwas Schmeichelhaftes in dieſer Vorſtellung. „Wenn es ſo ſtünde, dann allerdings“— zim⸗ perte ſie. „Wenn es ſo ſtünde?“ wiederholte der Schloſſer. „Nun, ſo weit könnte es alsbald kommen. Sogar der Miggs könnte es auf die Nähte gehen. So ein ſchwarzer Tamburinſpieler, mit einem großen Turban auf dem Kopfe, könnte ſie mit fortnehmen, und er würde meiner Anſicht nach am ſchlimmſten dabei fahren, wenn er nicht ganz feſt gegen Kratzen und Ausſchlagen wäre. Ha, ha, ha! Ich wollte dem Tambourinſpieler wohl verzeihen und mich keineswegs drein mengen— der arme Burſche!“ Und damit lachte der Schloſſer wieder ſo heftig, daß ihm die Thränen in die Augen traten— ſehr zu Frau Vardens Entrüſtung, welche den Raub einer ſo guten Proteſtantin und eines ſo achtbaren Cha⸗ rakters, als Miggs war, durch einen heidniſchen Neger als einen Umſtand betrachtete, woran ſchon der Gedanke herzbrechend und entſetzlich war. Das von Gabriel ausgeführte Bild drohte in der That mit ernſtlichen Folgen und würde ſie ohne Zweifel auch herbeigeführt haben, wenn nicht zum Glück in dieſem Augenblick ein leichter Fußtritt über die Schwelle gehüpft und Dolly ihrem alten Vater in die Arme geflogen wäre. „Da iſt ſie endlich!“ rief Gabriel.„Und wie gut du ausſiehſt, Doll. Und warum ſo ſpät, mein Liebling?“ Wie gut ſie ausſah! Gut? Ei, wenn er alle 13⁵ lobſpendende Beiwörter in dem ganzen Wörterbuch zuſammengeleſen haben würde, ſo hätte er nicht genug zu ſeinem Lobe ſagen können. Wann und wo gab es je in der Welt ein ſo rundes, ſchelmiſches, ſtattliches, helläugiges, verlockendes, behexendes, gewinnendes und wahnſinnig machendes kleines Dirnchen, als Dolly? Was war die Dolly vor fünf Jahren gegen die Dolly von heute? Wie viele Wagenmacher, Sattler, Kunſtſchreiner und Meiſter von andern nützlichen Künſten hatten aus Liebe zu ihr Väter, Mütter, Schweſtern, Brüder, und die meiſten davon ihre Bäschen verlaſſen? Wie viele unbekannte Gentlemen— vermuthlich von ungeheurem Ver⸗ mögen, wo nicht gar mit hohen Titeln— hatten drüben an der Ecke nach der Dämmerung gelauert und Miggs, die Unbeſtechliche, mit goldenen Gui⸗ neen zu verlocken geſucht, ihre Heirathsanträge in zierlich gefalteten Liebesbriefen zu überbringen? Wie viele troſtloſe Väter und vermögliche Gewerbsleute hatten dem Schloſſer in gleicher Abſicht ihre Auf⸗ wartung gemacht, ſchauerliche Dinge von ihren Söhnen erzählend, wie ſie ihren Appetit verloren hätten, ſich in dunkle Schlafkammern einſchlößen, mit blaſſen Geſichtern in abgelegenen Vorſtädten umherwanderten— und alles nur wegen Dolly Barden's Liebenswürdigkeit und Grauſamkeit? Wie viele junge Männer, die vorher unvergleichlich geſetzt geweſen, waren aus demſelben Grunde Wildfänge und gottloſe Burſche geworden und hatten in dem Grame unerwiederter Liebe angefangen, Thürklopfer abzureißen und die Hütten rheumatiſcher Wächter umzureißen? Wie viele Rekruten hatte ſie ſowohl der königlichen Marine, als den Milizen geliefert, weil ſie Seiner Majeſtät getreue Unterthanen zwiſchen dem achtzehnten und fünfundzwanzigſten Jahre in Verzweiflung ſtürzte? Wie viele junge Damen hatten öffentlich, mit Thränen in den Augen, ver⸗ ſichert, ſie käme ihnen viel zu klein, zu groß, zu keck, zu kalt, zu beleibt, zu dünn, zu blond, zu ſchwarz— kurz als alles, nur nicht ſchön vor? Wie viele alte Frauen hatten bei ihren Theeviſiten dem Himmel gedankt, daß ihre Töchter nicht wären, wie ſie, und die Hoffnung ausgeſprochen, es möchte nicht noch zu böſen Häuſern gehen, da einmal nichts Gutes dabei herauskommen könne, und ſich gewundert, was doch die Leute an ihr fänden— bis ſie regelmäßig zu dem Schluſſe kamen, ſie ſey im Verblühen, oder habe nie geblüht, und ſie ſey mit einem Worte eitel Betrug und durchaus gar nicht das, wofür man ſie anſehe? Und doch, da war dieſelbe Dolly Varden, ſo grillenhaft und ſo wählig, daß ſie noch immer Dolly Varden war— dabei aber ſo lächelnd, mit ſo lieb⸗ lichen Grübchen im Geſicht, und ſo unbekümmert um die fünfzig oder ſechzig junge Burſche, denen in demſelben Augenblicke aus lauter Verlangen, ſie zu heirathen, die Herzen brechen wollten, als wären 137 ſie eben ſo viele Auſtern, die Liebesnöthen hatten und nachher aufgemacht wurden. Wie alſo geſagt, Dolly umarmte ihren Vater, und nachdem ſie der Mutter den gleichen Zärtlichkeits⸗ beweis gegeben hatte, begleitete ſie beide nach der kleinen Wohnſtube, wo der Tiſch bereits für das Mittageſſen gedeckt war, und wo Miß Miggs— ein wenig ſteifer und knöcherner als vordem— ſie mit einer Art hyſteriſchem Keuchen empfing, das ein Lächeln vorſtellen ſollte. In die Hände dieſer lieblichen Jungfrau übergab ſie ihr Hütchen und ihre Mantille—(beides von einem ſchrecklich hinterliſtigen und trugvollen Schnitte)— und dann begann ſie mit einem Lachen, das mit des Schloſſers Muſik wetteiferte: „Wie froh bin ich immer, wenn ich wieder zu Hauſe bin!“ „Und wie froh ſind wir immer, Doll,“ ſagte ihr Vater, indem er ihr die ſchwarzen Locken von den leuchtenden Augen zurückſtrich,„dich zu Hauſe zu haben. Gib mir einen Kuß.“ Wenn ſonſt Jemand männlichen Geſchlechtes zugegen geweſen wäre(was ubrigens nicht der Fall war), und Zeuge hätte ſeyn müſſen, wie ſie dem Wunſche ihres Vaters entſprach— nein, es hätte ihn in tiefſter Seele erbarmen müſſen. „Es iſt mir nicht lieb, daß du nach dem Kanin⸗ chenhag gehſt,“ ſagte der Schloſſer.„Ich kann's nicht ausſtehen, wenn ich dich aus den Augen verliere. Und was gibt es Neues dort, Doll?“ „Nun, ich dächte, ihr wüßtet dieß bereits,“ verſetzte die Tochter.„Ich wette darauf, Ihr wißt es ſchon.“ „Der Tauſend!“ rief der Schloſſer.„Und was denn?“ „Pah, pah,“ ſagte Dolly,„es kann Euch nicht unbekannt ſeyn. Ich verlange von Euch, daß Ihr mir ſagt, warum Herr Haredale— ach, und wie mürriſch und verſchloſſen er wieder iſt— ſeit meh⸗ reren Tagen ſchon vom Hauſe fort iſt, und warum er umherwandert(wir wiſſen aus ſeinen Briefen, daß er ſich an keiner bleibenden Stätte aufhält), ohne ſeiner Nichte ein Warum oder Weßwegen an⸗ zugeben.“ 1 „Ich will darauf ſchwören, daß es Miß Emma nicht zu wiſſen verlangt,“ entgegnete der Schloſſer. „Das weiß ich nicht,“ ſagte Dolly;„aber ich verlange es zu wiſſen, um jeden Preiß. Sagt mir's. Warum thut er ſo geheimnißvoll, und was iſt's mit dieſer Geiſtergeſchichte, die Miß Emma von Niemand erzählt werden ſoll, obgleich ſie mit ſeinem Weggehen in Verbindung zu ſtehen ſcheint. Nun, ich ſehe, daß Ihr es wißt, ſonſt würdet Ihr nicht ſo roth werden.“ „Was es mit der Geſchichte iſt, was ſie be⸗ ſagen ſoll, oder was ſie damit zu ſchaffen hat, weiß ich eben ſo wenig als du, meine Liebe,“ erwiederte 139 der Schloſſer;„vermuthlich iſt's nichts weiter, als ein thörichter Schrecken von dem kleinen Solomon, hin⸗ ter dem wahrſcheinlich kein Sinn ſteckt. Was Herrn Haredale's. Reiſe anbelangt, ſo hat ſie, wie ich glaube— ℳ „Ja?“ ſagte Dolly. „Wie ich glaube,“ nahm der Schloſſer wieder auf, indem er ſie in die Wange kniff,„eine Ge⸗ ſchäftsangelegenheit zum Zweck, Doll. Wovon ſich's dabei handelt, das iſt eine andere Frage. Ließ den Blaubart und ſey nicht allzu neugierig, Schätzchen. Verlaß dich darauf, es geht weder dich, noch mich etwas an— und da iſt das Eſſen, das ich weit mehr am Platze finde, als ein ſolches Verhör.“ Dolly hätte, trotz dem, daß das Eſſen bereits auf dem Tiſche ſtand, gerne noch Manches gegen dieſe ſummariſche Abfertigung des Gegenſtandes ein⸗ gewendet, aber bei der Erwähnung des Blaubart legte ſich Frau Varden mit der Verſicherung in's Mittel, daß ſie es mit ihrem Gewiſſen nie verei⸗ nigen könne, ruhig da zu ſitzen und anzuhören, wie man ihrem Kinde das Leſen der Abenteuer eines Türken und Muſelmannes anempfehle— geſchweige denn eines fabelhaften Türken, denn ein ſolcher mußte ihrer Anſicht nach der genannte Potentat ſeyn. Sie hielt dafür, daß es in ſolchen aufgeregten und ſchrecklichen Zeiten, wie die gegenwärtigen, weit zweckmäßiger wäre, wenn Dolly regelmäßig auf den Donnerer ſubſcribirte, wo ſie doch Gelegenheit hätte, 140 Lord George Gordon's Reden Wort für Wort zu leſen, denn gewiß würde ſie hieraus weit mehr Troſt und Beruhigung erholen, als aus hundert und fünfzig Blaubärten zuſammen genommen. Zu Un⸗ terſtützung ihres Vorſchlages berief ſie ſich auf die anweſende Miß Miggs, welche hierauf ohne Wei⸗ teres verſicherte, der Seelenfrieden, den ſie der Lektüre dieſes Blattes im Allgemeinen und eines Artikels aus der letzten Woche, der die Auſſchrift hatte:„Großbrittanien in Blut getränkt,“ in's Beſon⸗ dere verdanke, ſey ganz unglaublich; derſelbe Auf⸗ ſatz, fügte ſie bei, habe auch eine ſo tröſtliche Wir⸗ kung auf das Gemüth ihrer verheiratheten Schweſter auf dem goldenen Löwenhof Nr. 27, zweite Klingel rechter Hand, geübt, daß ſie, gerade in delikaten Geſundheitsverhältniſſen ſich befindend und mit jedem Tag einen Zuwachs ihrer Familie erwartend, un⸗ mittelbar nach dem Leſen deſſelben in Krämpfe ver⸗ fallen und ſeitdem immer von der Inquiſition delirirt habe— zur großen Erbauung ihres Gatten und ihrer Freundinnen. Miß Miggs beliebte ferner zu ſagen, daß ſie allen verhärteten Gemüthern em⸗ pfehlen wolle, Lord George ſelber zu hören, den ſie zuvörderſt wegen ſeines beharrlichen Proteſtantismus, dann wegen ſeiner Rednergabe, dann wegen ſeiner Augen, dann wegen ſeiner Naſe, dann wegen ſeiner Beine, und ſchließlich wegen ſeiner Figur im Allge⸗ meinen höchlich belobte, ſintemal letztere ihrem Er⸗ meſſen nach ſich fuür jede Statue eines Fürſten oder ———9—.— & u*ð„—— u A — 8 RK RSESNNRNS8N —— 8 141 Engels qualiſiziren würde— eine Anſicht, welcher Frau Varden aus vollem Herzen beipflichtete. Sobald Frau Varden einmal ihren Beitrag dazu gegeben hatte, blickte ſie nach einer Büchſe auf dem Kaminmantel, ganz in der Form eines ſehr rothen Ziegelhauſes mit gelbem Dache, das oben einen wirklichen Schornſtein hatte, durch welchen freiwillige Subſeribenten ihre Gaben an Silber, Gold oder Pencen in die Wohnſtube hinunterfallen ließen; auch befand ſich an der gewaltigen Thüre die Nachahmung eines Meſſingſchildes, worauf ganz leſerlich die Worte„proteſtantiſche Aſſociation“ geſchrieben waren. Danach blickte ſie alſo hinauf und ſagte, es mache ſie höchſt unglücklich, denken zu müſſen, daß Varden von ſeinem ganzen Reichthum nie etwas in dieſen Tempel habe fallen laſſen, als einmal im Geheim— wie ſie nachher gefunden— zwei Bruchſtücke von einer Tabakspfeife, die ihn, wie ſie hoffen möchte, jenſeits nicht auf der Seele brennen ſollten. Mit Schmerz müſſe ſie ſagen, daß Dolly eben ſo ſaumſelig in ihren Beiträgen ſey, und ſich lieber Bänder und ſolche Siebenſachen kaufen, als die große Sache in ihrer dermaligen ſchweren Bedrängniß ermuthigen möge; ſie bitte ſie daher auf's Dringendſte(denn ſie fürchte, daß ſich ihr Vater nie werde bewegen laſſen), dieſen wichtigen Punkt nicht auf die leichte Achſel zu nehmen, ſondern das glänzende Beiſpiel der Miß Miggs nachzuahmen, welche ihren Lohn, ſo zu ſagen, dem Pabſte geradezu in's Geſicht würfe und ihn mit ihren Sparpfennigen Beulen in den Kopf ſchlüge. „Oh, Ma'am,“ ſagte Miggs,„thut doch nicht auf dieß anſpielen. Ich habe nicht im Sinne, daß es Jemand wiſſen ſoll. Solche Opfer, wie ich ſie bringen kann, ſind nichts weiter als ein Wittwen⸗ ſcherflein.'S iſt alles, was ich habe,“ rief Miggs, in einen Strom von Thränen ausbrechend— denn ſie kamen bei ihr nie einzeln—„aber es wird mir auf eine andere Weiſe wieder hereinkommen; ja, ˙s wird mir wieder hereinkommen.“ Dieß war allerdings ſehr wahr, obſchon viel⸗ leicht nicht in dem Sinne, in welchem es Miggs meinte. Da ſie nie ermangelte, ihre Selbſtverläug⸗ nung ihrer Gebieterin gehörig vor Augen zu ſtellen, ſo zog ſie aus dieſem Umſtande ſo viele Gaben von Hauben, Kleidern und anderen Anzugsartikeln, daß im Ganzen das rothe Ziegelhaus wohl die beſte Hypothek war, die ſie für ihre kleinen Capitalien möglicherweiſe hätte auffinden können, da ſie davon ihre ſteben bis acht Prozent Intereſſen an Geld, und wenigſtens fünfzig an Ehre und Reputation zog. „Sie braucht nicht zu weinen, Miggs,“ ſagte Frau Varden, gleichfalls in Thränen;„ſie braucht ſich nicht zu ſchämen, obgleich Ihre arme Gebieterin auf derſelben Seite ſteht.“ Miggs heulte bei dieſer Bemerkung ganz be⸗ ſonders kläglich und ſagte, ſie wiſſe wohl, daß der Meiſter ſie haſſe. Es ſey ſchrecklich, in Familien 143 zu leben, wo man auf Abneigung ſtoße und nichts zur Zufriedenheit machen könne. Sie könne den Gedanken nicht ertragen, daß ſie Anlaß zu Zwie⸗ ſpalt geben ſollte, und auch ihr Herz laße dieß nicht zu. Wenn es daher der Wunſch des Meiſters ſey, daß ſie aus dem Hauſe ſolle, ſo ſey es das Beſte, wenn ſie gehe; ſie hoffe, er werde dann glücklicher ſeyn, und wünſche ihm alles Gute, nament⸗ lich aber daß er Jemanden finden möge, der beſſer nach ſeinem Geſchmack ſey; freilich wäre es eine harte Prüfung, ſagte ſie, ſich von einer ſolchen Gebieterin trennen zu müſſen; aber ſie könne alles über ſich ergehen laſſen, wenn ſie in ihrem Innern ſich keines Unrechts zeihen müſſe, weßhalb ſie auch bereit ſey, ſich ſogar dieſem zu unterziehen. Sie glaube nicht, fügte ſie bei, daß ſie die Trennung würde lange überleben können; aber da man ſie haſſe und mit ſcheelen Augen anſehe, ſo werde ſie vielleicht der Tod in möglichſter Bälde alles Wei⸗ teren überheben. Nach dieſem rührenden Schluß vergoß Miß Miggs noch mehr Thränen und ſchluchzte erbärmlich. „Kannſt du dieß ertragen, Varden,“ ſagte ſeine Gattin mit feierlicher Stimme, indem ſie Meſſer und Gabel niederlegte. „Je nun, nicht Beſonders, meine Liebe,“ ver⸗ ſetzte der Schloſſer;„aber ich verſuche es, mich in guter Laune zu erhalten.“ „Verliert da keine Worte um meinetwillen, 144 Ma'am,“ ſchluchzte Miggs.„Es iſt bei Weitem das Beſte, wenn ich wandere. Ich möchte nicht bleiben— ach, barmherziger Himmel!— und Zwie⸗ ſpalt veranlaſſen, nicht um eine jährliche Goldmine und um einen Fund in Thee und Zucker.“ Damit der Leſer nicht in Ungewißheit über den Grund von Miggs gewaltiger Aufregung bleibe, müſſen wir ihm in der Stille mittheilen, daß die gute Jungfer es liebte, den Geſprächen zwiſchen Gabriel und ſeinem Weibe zuzuhorchen, und daß ſie gerade bei dieſer Gelegenheit den Scherz des Schloſſers hinſichtlich des ſchwarzen Fremden, der die Tam⸗ bourine ſpielte, mit angehört hatte. Dieſer Hohn hatte den grimmigſten Aerger in ihrer ſchönen Bruſt entflammt, und ſie mußte ſich in der angeführten Weiſe Luft machen. Nachdem übrigens die Ange⸗ legenheiten auf dieſe Höhe gekommen waren, gab der Schloſſer, wie gewöhnlich, um des lieben Haus⸗ friedens willen nach.“ „Warum weint denn das Weibsbild?“ fragte er.„Was ſchwatzt ſie denn eigentlich? Ich haſſe ſie nicht, wie überhaupt keinen Menſchen. Trockne Sie ihre Augen, heitere Sie ſich um's Himmels willen wieder auf, und mögen wir alle glücklich ſeyn, ſo lange wir es können.“ Die vereinigten Mächte hatten Feldherrntakt genug, dieß für eine hinreichende Genugthuung von Seiten des Feindes zu betrachten; das Bekenntniß, daß er Unrecht gehabt, trocknete ihnen die Augen 145 und ließ ſie das Ganze aus dem beſten Geſichts⸗ punkte nehmen. Miß Miggs erklärte, daß ſie keinen Groll im Herzen trage— nicht einmal gegen ihren größten Feind, den ſie im Gegentheil nur noch um ſo mehr liebe, je mehr ſie Verfolgungen von ihm auszuſtehen habe. Frau Varden belobte dieſen de⸗ müthigen und verſöhnlichen Geiſt höchlich und be⸗ dingte gelegentlich als Schlußartikel des Friedens⸗ vertrags, daß Dolly ſie dieſen Abend noch nach dem Clerkenweller Filialzweig der Aſſociation begleiten ſolle. Das war aber auch ein außerordentlicher Be⸗ leg für ihre große Klugheit und Politik, denn ſie hatte dieß ſchon vom Anfang an im Auge gehabt, dabei aber ein geheimes Bedenken unterhalten, der Schloſſer, der immer ſehr kühn war, wenn es ſich um Dolly handelte, könnte Einwendungen dagegen machen; Miß Miggs mußte daher den Hebel abgeben, um den Gatten in Nachtheil zu ſetzen. Das Manöver gelang ſo gut, daß Gabriel bloß ein ſaures Geſicht machte, des kürzlichen Auftritts aber⸗ noch zu ſehr eingedenk, kein Wort zu ſagen ſtch getrautel Der Zwiſt wurde ſchließlich: damtd ausgeglta chen, daß Miggs vbnn Frau n Vardene mitlbeinem Kleide und Von Dollyn mit lbineb halben⸗⸗Krons be⸗ ſchenkt autdens als häͤtte ſieo ſich auf dem Pfadr der VngendimudSttttich Rit aütßeterdeutlich hervorgethuu⸗ Ftan Varden, eihver Gewohnhritgemäß, fprach dier Huffnung ſaus 3a Herr BVavden⸗ werden ſich das Vora gegangäne us Lehre dienan Aüſſen und ſſch für die Boz. XVII. Barnaby Rudge. 10 146 Zukunft eines edleren Betragens befleißigen. In⸗ zwiſchen war jedoch das Eſſen kalt geworden, und da durch die Einleitungsſcene der Appetit der bethei⸗ ligten Parteien keineswegs ſonderlich ſtimulirt worden war, ſo fügten ſie ſich eben geduldig in die Sach⸗ lage,„als gute Chriſten,“ wie Frau Varden bemerkte. Da auf dieſen Abend große Parade der Oſtlon⸗ doner Freiwilligen anberaumt war, ſo ging der Schloſſer nicht wieder an's Geſchäft, ſondern hielt gemächlich, die Pfeife in dem Mund und den Arm um ſein hübſches Töchterlein geſchlungen, ſeine Sieſta; dabei warf er von Zeit zu Zeit ſeiner Frau liebevolle Blicke zu, und war mit einem Worte vom Scheitel bis zur Sohle nur ein Bild lächelnden Frohſinns. Und als endlich die Zeit heranrückte, ſich in ſeinen militäriſchen Ornat zu werfen, wobei ihm Dolly auf die liebevollſte Weiſe half, Knöpfe und Schnallen zuzumachen, ihn auszubürſten und ihm in den engſten Rock hineinzuhelfen, den je ein ſterblicher Schneider gemacht hatte— da war er in der That der ſtolzeſte Vater in ganz England. „Was es für eine gewandte Dirne iſt!“ ſagte der Schloſſer zu Frau Varden, die mit verſchlun⸗ genen Armen daneben ſtand— auch etwas ſtolz auf ihren Gatten— während Miggs die Blechhaube und den Säbel hielt, letzteren auf Armslänge hinaus⸗ ſtreckend, als traute ſie nicht ganz, ob derſelbe nicht Luſt bezeugen könnte, Jemandem aus eigenen Antrieb V 147 in den Leib zu fahren;„aber heirathe mir nur nie einen Soldaten, meine liebe Dolly.“ Dolly fragte nicht warum, ja, ſie ſagte über⸗ haupt gar nichts darauf, ſondern beugte nur ihr Köpfchen tief nieder, um ihrem Vater die Schärpe zu knüpfen. „Ich kann nie in dieſen Nock ſchlüpfen,“ ſagte der ehrliche Gabriel,„ohne an den armen Joe Willet zu denken. Ich habe Joe gern gehabt; er war immer mein Liebling. Armer Joe!— Liebes Herzensmädel, knüpfe mich nur nicht ſo feſt ein.“ Dolly lachte— freilich gar nicht wie ſonſt— es war das ſeltſamſte kurze Lachen, das es geben konnte— und ſenkte ihren Kopf noch tiefer. „Der arme Joe!“ nahm der Schloſſer, mit ſich ſelber ſprechend, wieder auf,„wenn er nur zu mir gekommen wäre. Ich hätte zuverläßig die Sache zwiſchen ihm und ſeinem Vater wieder in's Geleiſe gebracht. Ah! der alte John hat in der Art, wie er den Jungen behandelte, einen großen Fehler gemacht— einen gewaltigen Fehler.— Biſt du mit der Schärpe noch nicht fertig, meine Liebe?“ Wie bitter übel dieſe Schärpe ſaß! Da war ſie ſchon wieder los und hing auf den Boden hin⸗ unter, Dolly mußte niederknieen und wieder von Vorne anfangen. „Schweig mir nur mit deinem jungen Willet, Varden,“ ſagte ſein Weib ſtirnerunzelnd.„Es gibt, 10* 148 glaube ich, noch Andere, die mehr verdienen, daß man von ihnen ſpricht.“ Miß Miggs ſchnaubte zu dem gleichen End⸗ zweck gewaltig durch die Naſe. „Nein, Martha,“ rief der Schloſſer,„wir müſſen ihn nicht zu hart beurtheilen. Wenn der Junge wirklich todt iſt, ſo wollen wir wenigſtens ſein Andenken in Ehren halten.“ „Ein entlaufener Vagabund!“ ſagte Frau Varden. Miß Miggs ertheilte in der vorbemerkten Weiſe ihre Zuſtimmung. „Entlaufen wohl, meine Liebe, aber kein Va⸗ gabund,“ entgegnete der Schloſſer in ſanftem Tone. „Er hat ſich ordentlich aufgeführt, der Ive— immer — und war ein hübſcher, mannhafter Burſche. Nenne ihn doch keinen Vagabunden, Martha.“ Frau Varden huſtete— und Miggs that deßgleichen. „Es war ihm immer ſehr darum zu thun, deine gute Meinung zu gewinnen, Martha, kann ich dir ſagen,“ ſagte der Schloſſer, indem er ſich lächelnd das Kinn ſtreichelte.„Ja, gewiß und wahrhaftig. Ich erinnere mich noch, als wäre es geſtern ge⸗ weſen, daß er mich eines Abends im Maibaum zur Thüre hinausbegleitete und mich bat, ich möchte nicht ſagen, daß man ihn wie einen Knaben be⸗ handle— er meinte, ich ſolle es hier zu Hauſe nicht ſagen, obgleich ich mich entſinne, daß ich es 149 damals nicht recht verſtand. ‚Und was macht Miß Dolly, Sir?“ ſagte Joe,“ fuhr der Schloſſer in kummervollen Gedanken fort.„Ach! der arme Joe 1— „Nun, das geſtehe ich,“ rief Miggs. O barm⸗ herziger Himmell“ „Was gibt's denn jetzt wieder?“ fragte Gabriel, indem er ſich raſch nach ihr umwandte. „Je nnn, wenn da nicht Miß Dolly,“ ſagte die Zofe, indem ſie ſich niederbeugte, um dem Mäd⸗ chen in's Geſicht zu ſehen,„eine Fluth von Thränen losbrechen läßt! O Ma'am! O Sir! In der That, das greift mich ſo an,“ rief die gefühlvolle Jungfer, indem ſie ihre Hand in die Seite drückte, um das Klopfen ihres Herzens zu beſchwichtigen, „daß Ihr mich mit einer Feder zu Boden ſchlagen könntet.“ Der Schloſſer ſah Miß Miggs zuerſt in einer Weiſe an, als wünſchte er, nur gleich eine Feder zur Hand zu haben, und riß dann die Augen weit auf, als Dolly forteilte und die ſympathiſtrende junge Dame ihr nachfolgte. Dann wandte er ſich an ſeine Gattin und ſtammelte: „Iſt Dolly unwohl? Habe ich etwas Unrechtes gethan? Iſt es meine Schuld? „Deine Schuld?“ rief Frau Varden vorwurfs⸗ voll.„So;— mache nur, daß du fortkömmſt.“ „Was habe ich denn gethan?“ ſagte der arme Gabriel.„Wir haben ausgemacht, daß Herrn Edward's Name nie wieder erwähnt werden ſolle, und von ihm ließ ſich doch nichts verlauten— oder?“ Frau Varden entgegnete bloß, daß es mit ihm nicht auszuhalten ſey, und ſtuͤrmte den beiden An⸗ dern nach. Der unglückliche Schloſſer knüpfte ſich ſelbſt die Schärpe feſt, gürtete ſich den Säbel um, ſetzte ſeine Blechhaube auf und ging, „Ich bin zwar kein großer Meiſter im Exer⸗ eiren,“ ſagte er leiſe vor ſich hin,„aber doch wird's mir dabei leichter werden, als hier. Jeder Menſch kömmt zu irgend einem Zwecke auf der Welt, und meine Aufgabe ſcheint darin zu beſtehen, ehe ich mich's verſehe, alle Weiber zum Weinen zu bringen. 'S iſt doch ein Bischen hart!“ Dieß war jedoch vergeſſen, noch ehe er das Ende der Straße erreichte. Mit ſtrahlendem Ge⸗ ſichte ging er weiter, den Nachbarn zuwinkend und wie einen milden Frühlingsregen ſeine freundlichen Grüße rings umher entſendend. Zweiundvierzigſtes Kopitel. Die Königlichen Oſtlondoner Freiwilligen ge⸗ währten an dieſem Tage einen prachtvollen Anblick, als ſie unter dem Klange der Trompete und dem —+—..-.“ e⸗ c, 151 Flattern der Fahnen ihre Reihen, Quarrées, Zirkel, Dreiecke und was nicht noch alles bildeten;'s war eine ungeheuere Anzahl der verwickeltſten Evolutionen, bei denen Sergeant Varden keine unbedeutende Rolle ſpielte. Nachdem ſie ihre militäriſche Bravour in dieſem kriegeriſchen Gepränge glänzend zur Schau geſtellt hatten, marſchirten ſie in blanken Reihen nach dem Chelſeaer Bunhouſe, wo ſie ſich in den umliegenden Schenken letzten, bis es Dunkel wurde. Dann ſammelten ſie ſich wieder unter Trommelſchall und kehrten unter donnernden Vivats fuͤr Seine Majeſtät nach dem Orte zurück, von wo ſie ausge⸗ rückt waren. Mit dem Rückmarſche ging es etwas langſam — wegen des unſoldatiſchen Benehmens einiger Korporale, die, ſo geſetzte Herren ſie auch in ihrem Privatleben waren, doch draußen in eine renommi⸗ rende Stimmung verſielen, mit ihren Bajoneten un⸗ terſchiedliche Fenſter zerſchlugen und daher den com⸗ mandirenden Officier in die gebieteriſche Nothwen⸗ digkeit verſetzten, ſie einer ſtarken Wache zu über⸗ geben, mit welcher ſie ſich unterwegs balgten und zankten. Es wurde daher neun Uhr, bis der Schloſſer zu Hauſe anlangte. Eine Miethkutſche ſtand harrend vor ſeiner Thüre, und als er an der⸗ ſelben vorbeikam, rief ihn Herr Haredale durch den Schlag heraus bei Namen. „Euer Anblick könnte kranke Augen heilen, Sir,“ ſagte der Schloſſer, auf ihn zugehend.„Ich hätte 15⁵² indeß gewünſcht, Ihr wäret hinein gegangen, anſtatt hier zu warten.“ „Ich habe Niemand zu Hauſe gefunden,“ ant⸗ wortete Herr Haredale.„Und außerdem wollte ich Euch nur ſo geheim als möglich beſuchen.“ „Hum!“ brummte der Schloſſer, nach ſeinem Hauſe zurückſchauend.„Alſo ohne Zweifel mit Simon Tappertit zu dieſem köſtlichen Filialzweig gegangen!“ Herr Haredale lud ihn ein, in den Wagen zu ſteigen, und, wenn er nicht müde ſey oder nach Haus verlange, eine Strecke Weges mitzufahren, damit ſie ein Bischen plaudern könnten. Gabriel willfahrte mit Freuden, worauf der Kutſcher auf den Bock ſtieg und weiter fuhr. „Varden,“ ſagte Herr Haredale nach einer kurzen Pauſe,„Ihr werdet ſtaunen, wenn Ihr hört, was für ein Anliegen mich umhertreibt; es wird Euch gewaltig ſonderbar vorkommen.“ „Ich zweifle nicht, daß es ein vernünftiges iſt und ſeine Bedeutung hat, Sir,“ verſetzte der Schloſſer, „ſonſt würdet Ihr Euch nicht damit abgeben. Seyd Ihr erſt kürzlich in die Stadt gekommen, Sir?“ „Vor etwa einer halben Stunde.“ „Und bringt Ihr wohl Nachrichten von Barnaby oder ſeiner Mutter?“ fragte der Schloſſer zweifelnd. „Ach! Ihr braucht nicht den Kopf zu ſchütteln, Sir. ˙S war eine wilde Gänſejagd. Ich fürchtete 153 das gleich Anfangs. Ihr habt ja alle erdenklichen Mittel, ſie nach ihrem Verſchwinden wieder aufzu⸗ finden, erſchöpft. Sie nach ſo langer Zeit wieder aufzunehmen, iſt hoffnungsloſe Arbeit, Sir— ganz hoffnungslos.“ „Je nun, wo ſind ſie?“ entgegnete er unge⸗ duldig.„Wo können ſie ſeyn? Doch noch auf der Erde?“ „Das weiß Gott,“ erwiederte der Schloſſer. „Viele von meinen Bekannten haben ſich im Laufe dieſer fünf Jahre unter dem Raſen gebettet. Auch hat die Erde einen weiten Raum.'S iſt ein hoff⸗ nungsloſer Verſuch, Sir, glaubt mir. Wir müſſen die Löſung dieſes Geheimniſſes, wie ſo vieles andere, der Zeit, dem Zufall und der Schickung Gottes anheimgeben.“ „Varden, mein lieber Freund,“ ſagte Herr Haredale,„mein Verlangen, ſie jetzt aufzufinden, hat einen weit tiefern Grund, als Ihr ahnen könnt. 's iſt keine bloße Grille— nicht ein zufälliges Wie⸗ deraufleben früherer Wünſche, ſondern ich habe dabei einen ernſten und feierlichen Zweck im Auge. Alle meine Gedanken und Träume zielen darauf hin und halten ihn in meiner Seele feſt. Er läßt mich weder bei Tag noch bei Nacht ruhen und raſten, und ohne Unterlaß ſpuckt es um mich her.“ Seine Stimme klang ſo ganz anders als ſonſt, und ſein Benehmen bekundete eine ſolche Aufregung, daß Gabriel nur verwundert daſitzen, im Dunkeln 154 nach ihm hinſehen und ſich den Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichts vorſtellen konnte. „Verlangt keine nähere Erklärung von mir,“ fuhr Herr Haredale fort.„Wollte ich mich weiter ausſprechen, ſo würdet Ihr glauben, ich ſey das Opfer irgend einer graſſen Einbildung. Genug, daß es ſo iſt und daß ich mich nicht ruhig zu Bette legen kann— nein, ich kann's wahrlich nicht— ohne daß ich thue, was Euch unbegreiflich ſcheinen mag.“ „Seit wann hat ſich denn dieſes unruhige Ge⸗ fühl Eurer bemächtigt, Sir?“ fragte der Schloſſer nach einer Pauſe. Herr Haredale ſtockte eine Weile und erwiederte ſodann: „Seit jener Sturmnacht. Mit Einem Worte, ſeit dem letzten neunzehnten März.“ Als fürchtete er, Varden möchte ſeine Ueberra⸗ ſchung kund geben, oder mit Vernunftgründen ange⸗ ſtiegen kommen, fuhr er haſtig fort: „Ich weiß, Ihr werdet denken, daß ich unter irgend einer Selbſttäuſchung leide. Vielleicht iſt's ſo — aber es iſt nichts Krankhaftes dabei im Spiel, ſondern es handelt ſich um eine vollkommen geſunde Geiſtesthätigkeit, die ſich auf wirkliche Vorfälle grün⸗ det. Ihr wißt, daß ich die Möbel in Frau Rudge's Hauſe ſtehen ließ und daß das Haus ſelbſt ſeit ihrem Entweichen verſchloſſen blieb; höchſtens wird es die Woche einmal geöffnet, wenn ein alter Nachbar hin⸗ — 8 8 OSD 8d——————— 22——ͤ S — — 155 kömmt, um die Ratten zu verſcheuchen. Ich bin eben auf dem Wege dahin.“ „In welcher Abſicht?“ fragte der Schloſſer. „Um dort zu übernachten,“ verſetzte er;„und nicht blos heute, ſondern noch oft. Ich vertraue Euch dieſes Geheimniß, im Falle ſich etwas Unver⸗ hofftes zutragen ſollte. Nur die äußerſte Noth muß Euch veranlaſſen, mich dort zu beſuchen— ich werde von der Abenddämmerung an bis zum hellen Mor⸗ gen dort ſeyn. Emma, Eure Tochter und die Uebri⸗ gen ſuchen mich nicht in London, wie ich denn auch erſt ſeit einer Stunde mich hier aufhalte. Laßt ſie auf dieſer Meinung. Es gehört weſentlich zu mei⸗ nem Zwecke. Ich weiß, daß ich Euch vertrauen kann, und baue darauf, daß Ihr vor der Hand keine weitere Fragen ſtellen werdet.“ Sofort ſchien er auf ein anderes Thema über⸗ gehen zu wollen, indem er den erſtaunten Schloſſer an den nächtlichen Wegelagerer bei Gelegenheit ſeiner Heimfahrt vom Maibaum, an Edward Cheſter's Beraubung, an das Wiederauftauchen dieſes Mannes in Frau Rudge's Hauſe und an alle die ſeltſamen Umſtände erinnerte, die ſich ſpäter zugetragen hatten. Er ſtellte auch gleichgültige Fragen über die Größe des Räubers, ſein Geſicht, ſeine Geſtalt, ob er Je⸗ manden ähnlich wäre, den er ſchon geſehen— allen⸗ falls Hugh, zum Beiſpiel, oder ſonſt Jemanden, den er vordem gekannt— und noch viele andere der gleichen Art, was indeß der Schloſſer als einen 156 bloßen Kunſtgriff betrachtete, um ſeine Aufmerkſamkeit abzulenken und einen Ausbruch ſeines Erſtaunens zu verhindern, weßhalb er dieſelbe auch nur auf Gerathewohl beantwortete. Endlich langten ſie an der Ecke der Straße an, in welcher das Haus ſtand. Herr Haredale ſtieg aus und entließ den Miethkutſcher. „Wenn Ihr zu ſehen wünſcht, wie ich mich ein⸗ quartirt habe,“ ſagte er, ſich mit einem düſtern Lächeln an den Schloſſer wendend,„ſo bleibt Euch dieß unbenommen.“ Gabriel, dem alle frühern Wunder Nichts in Vergleichung mit dieſem waren, folgte ihm ſchweigend über das ſchmale Trottoir. An der Thüre angelangt öffnete ſie Herr Haredale ſachte mit dem Schlüſſel, den er bei ſich hatte, und ſchloß, ſobald Varden ein⸗ getreten war, hinter ſich ab. Sie waren jetzt ganz im Dunkeln und taſteten ſich nach dem Zimmer im Erdgeſchoße fort. Hier ſchlug Herr Haredale ein Licht und zündete eine Kerze an, die er zu dieſem Zwecke mitgebracht hatte. Im Scheine deſſelben ſah der Schloſſer zum erſtenmal, wie blaß, hager, abgezehrt und wie ganz verändert ſein Begleiter geworden war; ſein ganzes Ausſehen ſtand in vollkommenem Einklang mit den ſeltſamen Worten, die er während des Fahrens geſprochen hatte. Es war ein ganz natürlicher Impuls, daß Gabriel, nach dem, was er gehört, aufmerkſam den Ausdruck ſeiner Augen beobachtete. Dieſer war jedoch keit ens auf an, aus ein⸗ ern uch in end ingt ſſel, ein⸗ eten ier eine tte. nal, dert hen men chen daß den doch 157 ſo vollkommen gefaßt und gelaſſen, daß ſich der Schloſſer ſeines augenblicklichen Verdachtes eigentlich ſchämte und, als Herr Haredale ihn anſah, ſeinen Blick ſinken ließ, als fürchtete er, ſeine Augen möch⸗ ten ſeine Gedanken verrathen. „Wollen wir einen Gang durch das Haus ma⸗ chen?“ fragte Herr Haredale mit einem Blicke nach nach dem Fenſter, deſſen gebrechliche Läden noch immer verſchloſſen und verriegelt waren.„Sprecht übrigens leiſe.“ Es laſtete etwas Schauerliches auf dem Orte, ſo daß es ſchwer geweſen wäre, ſich hier laut aus⸗ zuſprechen. Gabriel flüſterte ein„Ja“ und folgte ihm die Treppe hinauf. Alles war noch ganz ſo, wie ſie es zum letzten⸗ mal geſehen hatten. Die eingeſperrte Luft verbreitete ringsum ein dumpfes, ſchweres Düſter, als habe die lange Haft ſogar das Schweigen ſchwermüthig ge⸗ macht. Die ärmlichen Fenſter und Bettvorhänge fingen an, niederzufallen; der Staub lag dick auf ihren mürben Falten und der feuchte Moder hatte ſich durch Decke, Wände und Fußboden Bahn ge⸗ brochen. Die Dielen knarrten unter ihrem Tritte, als zürnten ſie über die ungewohnten Eindringlinge; die hurtigen Spinnen hemmten, gelähmt von dem Scheine des Lichtes, die Bewegung ihrer hundert Beine an den Wänden, oder ſielen wie lebloſe Ge⸗ ſchöpfe auf den Boden; die Todtenuhr pickte laut und die behenden Füße der Ratten und Mäuſe raſ⸗ ſelten hinter dem Getäfel. Als ſie ſich nach dem Möbelwerk umſahen, fühl⸗ ten ſich Beide mit merkwürdiger Lebhaftigkeit an die früheren Bewohner, mit denen ſie ſonſt ſo vertraut geweſen, erinnert. Greif ſchien noch auf dem hoch⸗ lehnigen Stuhle zu ſitzen, Barnaby in ſeinem alten Lieblingswinkel neben dem Feuer zu kauern und die Mutter ihn wie vordem von ihrem gewohnten Sitze aus zu beobachten. Selbſt als ſie ſich dieſer Phan⸗ taſteen entſchlagen hatten, konnten ſie derſelben nicht ganz los werden, denn es war ihnen, als lauerten die Geſtalten in den Alkoven und hinter den Thüren, jeden Augenblick bereit, hervorzutreten und ſie mit den wohlbekannten Tönen anzureden. Sie begaben ſich wieder die Treppe hinunter nach dem Zimmer, das ſie eben verlaſſen hatten. Herr Haredale ſchnallte ſeinen Degen los und legte ihn nebſt ein paar Taſchenpiſtolen auf den Tiſch; dann erbot er ſich, dem Schloſſer nach der Thüre zu leuchten. „Aber das iſt ein trübſeliger Ort, Sir,“ ſagte Gabriel zögernd.„Kann Niemand Eure Wache theilen?“ Er ſchüttelte den Kopf und bekundete dadurch ſo entſchieden ſeinen Wunſch, allein zu ſeyn, daß Gabriel nichts mehr ſagen konnte. Im nächſten Augenblicke befand ſich der Schloſſer auf der Straße, von wo aus er ſehen konnte, daß das Licht wieder 159 die Treppe hinauf wanderte, aber bald wieder nach der unteren Stube zurückkehrte wo es hell durch die Ritzen der Fenſterläden ſchien. Wenn je ein Menſch vollkommen verblüfft und verwirrt war, ſo war es dieſen Abend der Schloſſev. Selbſt als er behaglich wieder an ſeinem eigenen Herde ſaß— Frau Varden in der Schlafmütze und Nachtjacke ihm gegenüber und Dolly im bezaubernd⸗ ſten Negligée an ſeiner Seite, wie ſie eben die Haare wickelte und lächelte, als ob ſie in ihrem ganzen Leben nie geweint hätte, oder auch nur zu weinen im Stande wäre— ſelbſt dann, trotz des Toby's an ſeiner Seite, der Pfeife in ſeinem Munde und des Schläſchens der Jungfer Miggs im Hintergrunde (was indeß vielleicht nicht viel heißen wollte) konnte er ſich ſeines Staunens und ſeiner Unruhe nicht ganz entſchlagen. Deßgleichen auch in ſeinen Träumen— immer ſtand Herr Haredale vor ihm, hager und ſorgenvoll, wie er in dem einſamen Hauſe auf jeden Laut, jede Bewegung horchte, waͤhrend das Licht durch die Ritzen ſchien, bis es im Lichte des Tages erblaßte, und ſo ſeiner einſamen Wache ein Ziel ge⸗ ſteckt wurde. I 160 I Preiundvierzigſtes Kapitel. 1 Der andere Morgen, wie auch viele der nach⸗. folgenden Tage verſchafften dem Schloſſer auch nicht 3 die mindeſte Löſung des Räthſels. Oft begab er 4 ſich nach Einbruch der Nacht in jene Straße und 4 heftete ſeine Blicke auf das wohlbekannte Haus; aber t ſo oft dieß auch geſchah, ſtets ſah er das einſame 1 Licht durch die Fenſterladenritzen ſchimmern, während 4 innen alles ſo ſtill, ſo lautlos und ſo unheimlich 1 war, wie ein Grab. Da er Herrn Haredale's Gunſt durch Ungehorſam gegen deſſen gemeſſene Einſchärfung L nicht verſcherzen wollte, ſo wagte er es nie, an die Thüre zu pochen, oder irgendwie ſeine Nähe kund e zu thun. Aber ſtets, ſo oft ihn Neugierde und In⸗ 1 tereſſe nach der Stelle zogen— was nicht ſelten fi vorkam— war auch das Licht zugegen. 3 Wenn er auch gewußt hätte, was innen vorging, 4 ſo hätte er dadurch doch keinen Schlüſſel zu dieſen geheimnißvollen Nachtwachen erhalten. In der Däm⸗ f M merung ſchloß ſich Herr Haredale ein und kam mit n dem Anbruch des Tages wieder zum Vorſchein. Keine Nacht ließ er es fehlen, kam und ging allein, und h wich auch um kein Haar von ſeinem Treiben ab. 5 Seine Wache hielt er folgendermaßen. Sobald es dunkel wurde, betrat er das Haus gerade ſo, wie u damals, als ihn der Schloſſer begleitet hatte, zündete 3 1 1 161 Licht an, ging durch alle Gemächer und unterſuchte ſie auf’'s Genaueſte. Sobald dieß geſchehen war, kehrte er nach der Stube im Erdgeſchoße zurück, legte Degen und Piſtolen auf den Tiſch und blieb dabei ſitzen bis zum Morgen. Er brachte gewöhnlich ein Buch mit ſich und verſuchte oft zu leſen; aber ſeine Gedanken oder Blicke konnten ſich nie länger als fünf Minuten hin⸗ tereinander damit beſchäftigen. Das leichteſte Ge⸗ räuſch draußen feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit, jeder Tritt auf dem Pflaſter ſchien ihm Herzklopfen zu machen. Er war jedoch während dieſer langen, einſamen Stunden nicht ganz ohne Erfriſchung, denn in der Regel brachte er in der Taſche Brod, Fleiſch und eine kleine Flaſche Wein mit. Letzteren miſchte er mit ſehr viel Waſſer und goß ihn in ſo erhitzter und fieberiſcher Weiſe hinunter, als wäre ihm die Kehle ausgetrocknet, wogegen er den feſteren Nahrungsmit⸗ teln nur äußerſt ſpärlich zuſprach. Wenn dieſe freiwillige Aufopferung ſeines Schla⸗ fes und ſeiner Bequemlichkeit, die— wie der Schloſſer nach Erwägung der Sache zu glauben geneigt war— in irgend einer abergläubiſchen Hoffnung ihren Grund hatte, einen Traum oder ein Geſicht in Erfüllung gehen zu ſehen, welches mit dem Ereigniſſe, über dem er ſo viele Jahre gebrütet, in Verbindung ſtand; und wenn er der Erſcheinung irgend eines geſpenſti⸗ gen Gaſtes harrte, der zu einer Zeit umherwandelte, Boz. XVII. Barnaby Rudge. 11 162 wenn andere Leute in ihren Betten ſchliefen— ſo zeigte er wenigſtens keine Spur von Furcht oder Wankelmuth. Seine ſtrengen Züge bekundeten die unbeugſamſte Entſchloſſenheit; die gerunzelte Stirne und die zuſammengepreßten Lippen deuteten auf ein tief gewurzeltes, entſchiedenes Vorhaben; und wenn er bei einem Geräuſch auffuhr und horchte, ſo ge⸗ ſchah dieß nicht aus Furcht, ſondern aus Erwartung, denn er griff dann nach ſeinem Schwerte, als ob die Stunde endlich gekommen wäre, hielt es feſt in der geballten Fauſt und lauſchte mit funkelnden Augen und begierigen Blicken, bis es verhallt war. Dieſe Täuſchungen waren zahlreich, da ſie ſich faſt bei jedem Laute wiederholten; aber ſeine Beharrlich⸗ keit war nicht zu erſchüttern. Jede Nacht harrte er auf ſeinem Poſten aus— dieſelbe ernſte, ſchlafloſe Schildwache; und ſtets entſchwand die Nacht, der Morgen dämmerte auf und er mußte ſeine Wache erneuern. So ging es Wochen lang fort. Er hatte ſich in Vaurhall eingemiethet, um daſelbſt den Tag zu verbringen und auszuruhen. Von hier aus beſtieg er gewöhnlich, wenn die Fluth günſtig war, ein Fähr⸗ boot, um zu Waſſer von Weſtminſter nach der Lon⸗ donbrücke gelangen und ſo die belebteren Straßen vermeiden zu können. Eines Abends, kurz vor der Dämmerung, ging er wie gewöhnlich das Themſeufer entlang, in der Abſicht, ſich durch Weſtminſterhall nach dem Palaſt⸗ 163 ſo hof zu begeben und dort ein Boot nach der London⸗ oder brücke zu nehmen. Um die Parlamentsgebäude hatte die ſich ein großer Haufen Volks geſammelt, der die irne eintretenden und ſich entfernenden Parlamentsmit⸗ ein. glieder betrachtete und, je nach deren bekannten An⸗ enn ſichten, ſeinen Beifall oder ſeine Abneigung in etwas ge⸗ lärmenden Demonſtrationen zu erkennen gab. Als ung, er ſich einen Weg durch das Gedränge bahnte, hörte die er etlichemal den Ruf:„Kein Pabſtthum!“ der da⸗ der mals den Ohren der Meiſten ziemlich bekannt war. gen Da er jedoch in den Rufenden blos Müßiggänger var. aus der niedrigſten Volksklaſſe erkannte, ſo achtete faſt er nicht darauf, ſondern ging in vollkommener Gleich⸗ ich⸗ gültigkeit weiter. e er In Weſtminſterhall befanden ſich viele kleine loſe Gruppen von Perſonen: einige blickten nach den der edeln Deckenverzierungen und nach den Strahlen ache der Abendſonne hinauf, welche quer durch die kleinen Fenſter einfielen, allmälig trüber wurden und in dem ſich unten ſich anhäufenden Düſter erſtarben; Andere, zu lärmende Spaziergänger, Arbeiter, die von ihrem ſtieg Tagewerk nach Hauſe gingen, oder ſonſtige Perſonen, ähr⸗ die nur durcheilen wollten, weckten das Echo mit zon⸗ ihren Stimmen und verdunkelten bald in der Ent⸗ ßen fernung die kleine Thüre, durch welche ſie in die Straße jenſeits traten; wieder Andere gingen in emſigem Ge⸗ zing ſpräch über politiſche und Privatangelegenheiten lang⸗ der ſam und mit geſenkten Blicken auf und nieder und aſt⸗ ſchienen, ſo viel man aus ihrer Haltung entnehmen 11* 164 konnte, von Kopf bis zu Füßen angelegentlichſt zu lauſchen. Hier machten ein Dutzend ſich balgende Knirpſe ein wahres Babel in die Luft; dort ging ein einzelner Mann, halb Geiſtlicher, halb Bettler, bei dem Hunger und Elend aus Blicken und Gang her⸗ vorleuchtete, auf und nieder; da kam ein Laufknabe dicht an ihm vorbei, der ſeinen Korb im Kreiſe ſchwenkte und mit ſeinem ſchrillen Pfeifen ſogar die Dachziegel zu zerſprengen ſchien, während ein ſolg⸗ ſamerer Schulknabe mitten im Spiel ſeinen Ball einſackte, weil er aus der Entfernung den Büttel heranhinken ſah. Es war jene Zeit des Abends, wo man, wenn man die Augen ſchließt und wieder öffnet, die Dunkelheit einer Stunde in eine Sekunde zu⸗ ſammengedrängt zu ſehen glaubt. Das glattge⸗ tretene Pflaſter mit ſeinen ſtaubigen Fußſpuren hallte noch immer, bis zu den Wänden hinauf, unabläſſig von dem Scharren und Auftreten der Füße— Töne, die nur hin und wieder durch das donnernde Krachen erſtickt wurde, wenn irgend ein ſchweres Thor in der Nähe zuſchlug. Herr Haredale achtete blos auf die Gruppen in ſeiner unmittelbaren Nachbarſchaft, und auch dann nur in einer Weiſe, welche bekundete, daß ſeine Ge⸗ danken anderswo waren. So hatte er beinahe die ganze Halle zurückgelegt, als zwei Perſonen ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zogen. Die eine derſelben, ein Gentleman in elegantem Koſtüme, trug ein Rohr in der Hand, welches ſie im Gehen luſtig hin und her t zu ende ein bei her⸗ nabe reiſe die lg⸗ Ball üttel wo fnet, zu⸗ ttge⸗ allte äſſig öne, ichen der n in dann Ge⸗ die ſeine ben, Kohr her 165 ſchwenkte; die andere, eine gedrückte, kriechende, ge⸗ ſchmeidige Geſtalt, horchte auf die Worte des Andern, machte hin und wieder ſelbſt eine beſcheidene Anſicht geltend, zuckte mit unterwürfigem Händereiben die Schultern bis an die Ohren oder antwortete je zu⸗ weilen durch eine Verbeugung des Kopfes, die zwi⸗ ſchen dem Nicken des Beifalls und einer reſpektvollen Verneigung mitten inne ſtand. Es lag zwar nichts ſonderlich Merkwürdiges in dieſem Paar, denn eine knechtiſche Huldigung gegen einen ſchönen Anzug und einen ditto Spazierſtock— von den goldenen und ſilbernen Stäben als Zeichen der Würde gar nicht zu reden— iſt eine zu gewöhn⸗ liche Erſcheinung. Aber doch war etwas an dem wohlgekleideten Mann— ja, und deßgleichen auch an dem Andern, was in Herrn Haredale nicht die angenehmſten Gefühle weckte. Er zögerte, blieb ſtehen und würde wohl ganz auf die Seite getreten ſeyn, wenn nicht in demſelben Augenblicke die beiden andern ſich raſch nach ihm umgewandt und gegen ihn angeprallt hätten, ehe er ihnen ausweichen konnte. Der Gentleman mit dem Spazierſtocke lüpfte ſeinen Hut und hatte bereits eine höfliche Entſchul⸗ digung begonnen, die Herr Haredale eiligſt abmachen und dann weiter gehen wollte, als der Erſtere plötz⸗ lich mit dem Ausrufe ſtehen blieb: „Wie, Haredale? Bei Gott, das iſt in der That merkwürdig!“ 166 „Kein Anderer,“ entgegnete Herr Haredale un⸗ geduldig;„ja— ein—* „Mein lieber Freund,“ rief der Andere, ihn zu⸗ rückhaltend;„warum in ſo großer Eile? Nur eine Minute, Haredale, um alter Bekanntſchaft willen.“ „Meine Zeit drängt,“ erwiederte dieſer.„Keiner von uns hat dieſe Begegnung geſucht. Möge ſie daher kurz ſeyn. Guten Abend!“ „Pfui, pfui!“ verſetzte Sir John(denn dieſer war es),„warum ſo gar kurz angebunden? Wir ſprachen von Euch. Ich hatte Euren Namen auf den Lippen— vielleicht habt Ihr ihn ausſprechen hören. Nicht?— das thut mir leid, in der That, ſehr leid.— Ihr kennt unſern Freund hier, Haredale? Es iſt in der That ein höchſt merkwürdiges Zuſam⸗ mentreffen.“ Der Freund, dem augenſcheinlich gar nicht wohl bei der Sache zu Muthe war, hatte ſich erdreiſtet, Sir Johns Arm zu drücken und ihm noch andere bedeutungsvolle Winke zu geben, daß er gerne dieſe Vorſtellung vermeiden möchte. Da dieß jedoch nicht in Sir John's Kram paßte, ſo that er, als bemerke er dieſe ſtummen Gegenvorſtellungen gar nicht und neigte während des Sprechens ſeine Hand gegen ihn, um ihn beſonderer Aufmerkſamkeit zu empfehlen. Der Freund wußte daher nichts Beſſeres zu thun, als ſeinem gefälligſten Lächeln aufzubieten und eine verſöhnende Verbeugung gegen Herrn Haredale zu machen, der jetzt ſeine Augen auf ihn heftete. 167 Sobald er bemerkte, daß er erkannt war, ſtreckte er, in linkiſcher und verlegener Weiſe, ſeine Hand aus, und ſeine Verwirrung wurde dadurch nicht gemildert, daß Haredale den beabſichtigten Händedruck verächt⸗ lich zurückwies. „Herr Gashford!“ ſagte der letztere mit Kälte. „Es iſt alſo wirklich ſo, wie ich hören mußte. Ihr habt die Finſterniß um des Lichtes willen verlaſſen, Sir, und haßt diejenigen, deren Anſichten Ihr früher theiltet mit der ganzen Bitterkeit eines Abtrünnigen. Nun, Ihr werdet jeder Sache Ehre machen, Sir. Ich wünſche derjenigen, welcher Ihr Euch zur Zeit zugeſellt habt, viel Glück zu ihrer Erwerbung.“ Der Sekretär rieb ſich die Hände und verbeugte ſich, als gedächte er, durch ſeine eigene Demüthigung den Gegner zu entwaffnen. Sir John Cheſter nahm mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe eine Priſe und wieder⸗ holte mit großer Heiterkeit: „Nun, das iſt in der That ein höchſt merkwür⸗ diges Zuſammentreffen!“ „Herr Haredale,“ ſagte Gashford, verſtohlen die Augen erhebend und ſie dann wieder ſenkend, als ſie dem feſten Blick des Andern begegneten,„iſt, wie ich überzeugt bin, zu gewiſſenhaft, zu edelmüthig und zu männlich, um einer Aenderung der Anſichten wil⸗ len, die aus Ueberzeugung ſproßt, Jemanden unwür⸗ dige Triebfedern unterzulegen, ſelbſt wenn dieſer Wechſel einen Zweifel gegen die Richtigkeit ſeiner eigenen Meinungen ausſpricht. Herr Haredale iſt zu gerecht, 168 zu ehrenhaft und hat einen zu klaren moraliſchen Blick, um—“ „Ja, Sir?“ entgegnete Herr Haredale mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln, als er bemerkte, daß der Sekretär in's Stocken gerieth.„Ihr wolltet ſagen—“ Gashford zuckte demüthig die Achſeln, ſah wieder auf den Boden und blieb ſtumm. „Nein, aber laßt uns wirklich,“ ſiel Sir John bei dieſer Wendung ein;„laßt uns in der That einen Augenblick den ſehr merkwürdigen Charakter dieſer Be⸗ gegnung betrachten. Haredale, mein lieber Freund, verzeiht, wenn ich der Anſicht bin, daß Ihr das Einzige des Falls nicht gehörig zu würdigen wißt. Da ſtehen jetzt ohne vorläufige Beſtellung oder Einleitung drei alte Schulkameraden in Weſtminſterhall; drei alte Penſionäre aus einem merkwürdig langweiligen und düſtern Seminar zu Saint Omers, wo ihr, da ihr als Katholiken nothwendig im Ausland eure Schule machen mußtet, erzogen wurdet, und wohin ich, damals ein hoffnungsvoller junger Proteſtant, geſchickt wurde, um die franzöſiſche Sprache von einem geborenen Pariſer zu lernen!“ „Fügt der Eigenthümlichkeit dieſes Falles noch bei, Sir John,“ ſagte Herr Haredale,„daß eine Parthie Eurer hoffnungsvollen Proteſtanten in dieſem Augenblick ſich vor dieſem Gebäude dort drüben ver⸗ bindet, um die Genehmigung des außerordentlichen und unerhörten Privilegiums zu hintertreiben, daß wir hier— in dieſem Lande— unſere Kinder leſen und 169 ſchreiben lernen laſſen, während doch jährlich Tauſende von uns in Eure Kriegsdienſte treten, um zu Erhaltung Eurer Freiheit in's Ausland zu ziehen und ſchaaren⸗ weiſe in blutigen Schlachten zu fallen: ferner, daß andere unter Euch— wie ich höre, ſollen es etliche Tauſende ſeyn— gerade von dieſem Menſchen hier, dieſem Gashford, verleitet werden, alle, die meinem Glaubensbekenntniſſe angehören, Wölfen und Raub⸗ thieren gleich zu achten. Fügt außerdem noch die nackte Thatſache hinzu, daß dieſer Menſch in der Geſellſchaft lebt, am hellen Tag über die Straßen geht— ich wollte ſagen, das Haupt kühn erhebend, das thut er aber nicht— und es iſt allerdings ſon⸗ derbar, höchſt ſonderbar, das gebe ich zu.“ „Oh! Ihr beurtheilt unſern Freund zu hart,“ verſetzte Sir John mit einem einnehmenden Lächeln. „In der That, Ihr beurtheilt unſeren Freund viel zu hart!“ „Laßt ihn nur fortmachen, Sir John,“ ſagte Gashford, an ſeinen Handſchuhen reibend.„Laßt ihn nur fortmachen. Ich muß es ihm zu gute hal⸗ ten, Sir John. Ich fühle mich geehrt durch Eure gute Meinung, und kann der des Herrn Haredale wohl entrathen. Herr Haredale leidet ſelbſt unter den Strafgeſetzen mit; ich kann daher von ihm keine Geneigtheit erwarten.“ „Ihr beſitzt meine Geneigtheit in ſo hohem Grade,“ entgegnete Haredale mit einem bittern Blicke auf die dritte Perſon in ihrer Unterhaltung,„daß es 170 mich freut, Euch in dieſer Geſellſchaft zu ſehen. Ihr vereinigt in Eurer Perſon die Quinteſſenz dieſer großen Aſſociation.“ „Nun, da ſeyd Ihr im Irrthum,“ ſagte Sir John in ſeinem wohlwollendſten Tone.„Da ſeyd Ihr wirklich im Irrthum— was ein ſehr merkwür⸗ diger Umſtand bei einem Manne von Eurer Ge⸗ nauigkeit und Pünktlichkeit iſt, mein lieber Haredale. Ich gehöre nicht zu dieſer Körperſchaft— habe zwar alle Achtung vor ihren Mitgliedern, gehöre aber in der That nicht dazu, obgleich ich, was ich durchaus nicht in Abrede ziehen will, aus gewiſſenhafter Ueber⸗ zeugung ein Gegner der Emancipationsbill bin. Ich fühle, daß meine Pflichten dieß von mir fordern — es iſt eine höchſt unglückliche Nothwendigkeit, die mich einen bittern Kampf koſtet.— Wollt Ihr nicht dieſes Fläſchchen verſuchen? Wenn Ihr nichts gegen ein paar Tropfen von dieſem ungemein reinen Arom einzuwenden habt— Ihr werdet finden, daß es ein ausgeſuchter Wohlgeruch iſt.“ „Ich muß um Entſchuldigung bitten, Sir John,“ entgegnete Herr Haredale, indem er das Anerbieten mit einer Handbewegung ablehnte,„daß ich Euch unter die beſcheidenen Werkzeuge zählte, die Einem auf Wegen und Stegen entgegentreten. Allerdings hätte ich Eurem Genie mehr Gerechtigkeit widerfah⸗ ren laſſen ſollen. Männer von Euren Anlagen ſchmieden im Geheim und in Sicherheit ihre ———„—— 171 Complotte und überlaſſen gefährliche Poſten blöderen Köpfen.“ „Um Alles in der Welt keine Entſchuldigung,“ verſetzte Sir John mit ſüßer Stimme;„alte Freunde wie Ihr und ich, müſſen ſich einige Freimüthigkeit zu gute halten, ſonſt hätte ja der Teufel ſein Spiel dabei.“ Gashford, der die ganze Zeit über ſehr unruhig geweſen war und nicht ein einzigesmal aufgeblickt hatte, wandte ſich nun an Sir John und wagte etwas von Fortmüſſen zu murmeln, da ihn Mylord wahr⸗ ſcheinlich erwarte. „Ihr braucht nicht in Noth zu gerathen, mein ehrenwerther Herr,“ ſagte Haredale;„ich will mich beurlauben und es Euch leicht machen.“ Er war auch ſchon im Begriffe, dieſes ohne weitere Umſtände zu bethätigen, als er durch ein Ge⸗ tümmel und Gemurmel am obern Ende der Halle angehalten wurde. Er blickte in die Richtung, wo es herkam, und ſah Lord George Gordon mit einem Haufen Volkes einherziehen. In den Geſichtern der Beiden lauerte ein trium⸗ phirender Blick, obgleich von verſchiedenem Ausdrucke, der Herrn Haredale veranlaßte, vor dieſem Agitator nicht zu weichen, ſondern zu bleiben, bis er vorüber wäre. Er richtete ſich in ſeiner vollen Höhe auf, ſchlug die Hände auf dem Rücken zuſammen und ſah mit ſtolzer und verächtlicher Miene zu, während ſich 172 Lord George langſam(denn das Gedränge um ihn war groß) dem Orte näherte, wo ſie ſtanden. Er hatte eben erſt das Haus der Gemeinen ver⸗ laſſen und war geraden Wegs in die Halle herunter gekommen, ſeiner Gewohnheit gemäß Nachricht mit⸗ bringend über Alles, was dieſen Abend über die ka⸗ tholiſche Frage geſagt, welche Petitionen zu ihren Gunſten eingebracht worden, wer ſie unterſtützt hatte, in welcher Sitzung die Bill verleſen werden ſollte, und wenn es räthlich ſeyn würde, ihre eigene große proteſtantiſche Petition zu überreichen. Alles dieſes theilte er dem ihn umringenden Haufen mit lauter Stimme und mit vielen linkiſchen Geſtikulationen mit. Die am nächſten Stehenden machten gegenſeitig Be⸗ merkungen, murrten und erlaubten ſich Drohungen; die Aeußerſten riefen„Stille“ und„Zurück,“ oder drangen auf die Uebrigen ein und bemühten ſich, ge⸗ waltſam einen andern Platz zu erkämpfen: und ſo trieben ſie ungeordnet und regellos vorwärts, wie es bei einem Volksgedränge gewöhnlich der Fall iſt. Als ſie ganz nahe an der Stelle waren, wo der Sekretär, Sir John und Herr Haredale ſtanden, machte Lord George eine Wendung und ſchloß nach einigen hinreichend ungeſtümen und unzuſammenhän⸗ genden Bemerkungen mit ſeinem gewöhnlichen Spruche, ein dreifaches Hurrah zu deſſen Unterſtützung ver⸗ langend. Während ihm hierin mit großem Nachdruck willfahrt wurde, wand er ſich aus dem Haufen heraus und trat auf Gashford zu. Da dieſer und den, än⸗ che, ver⸗ fen und 173 Sir John dem Pöbel wohl bekannt waren, ſo wich derſelbe ein wenig zurück und machte für die vier Männer Platz. „Herr Haredale, Lord George,“ ſagte Sir John Cheſter, als er bemerkte, daß der Lord den Erſteren mit einem inquiſitoriſchen Blicke betrachtete.„Leider ein Katholik— höchſt unglücklicherweiſe ein Katholik, aber ein geſchätzter Freund von mir und ehedem auch von Herrn Gashford. Mein lieber Haredale, dieß iſt Lord George Gordon.“ „Das hätte ich wiſſen können, ſelbſt wenn mir ſeine Herrlichkeit von Perſon unbekannt geweſen wäre,“ entgegnete Herr Haredale.„Hoffentlich gibt es nur einen einzigen Gentleman in England, der, wenn er einen unwiſſenden und aufgeregten Pöbel anredet, von einem großen Theile britiſcher Unterthanen in ſo beleidigenden Ausdrücken ſprechen kann, wie ich ſie in dieſem Augenblick hören mußte. Pfui der Schande, Mylord! Schämt Euch!“ „Mit Euch kann ich nicht ſprechen, Sir,“ er⸗ wiederte Lord George mit lauter Stimme, indem er in unruhiger Weiſe die Hand ſchwenkte;„wir haben nichts mit einander gemein.“ „Wir haben viel mit einander gemein— ſehr viel— alle Gaben des Allmächtigen,“ ſagte Herr Haredale;„und die allgemeine chriſtliche Liebe, My⸗ lord,(des gemeinen Menſchenverſtandes und der all⸗ gemeinen Schicklichkeit gar nicht zu gedenken) ſollte Euch lehren, einem ſolchen Treiben Einhalt zu thun. 174 Wenn in dieſem Augenblicke jeder einzelne Eurer hier verſammelten Anhänger Waffen in den Haͤnden hätte, wie ſie dieſelben in ihren Köpfen haben, ſo würde ich doch nicht von dieſem Platze weichen, ohne Euch zu ſagen, daß Ihr Eure Stellung ſchändet.“ „Ich höre Euch nicht, Sir,“ verſetzte er;„ich kann Euch nicht hören. Es iſt mir gleichgültig, was Ihr ſagt. Keine Erwiederung, Gashford,“ denn der Sekretär hatte dergleichen gethan, als führte er eine ſolche im Schilde,„ich kann keine Gemeinſchaft unter⸗ halten mit Götzendienern.“ Mit dieſen Worten blickte er auf Sir John, welcher die Hände erhob und die Augenbrauen in die Höhe zog, als beklage er Herr Haredale's unbe⸗ ſonnenes Benehmen, zu gleicher Zeit dem Haufen und ihrem Führer Bewunderung zulächelnd. „Er und eine Erwiederung!“ rief Haredale. „Seht her, Mylord. Kennt Ihr dieſen Menſchen?“ Lord George's Antwort beſchränkte ſich darauf, daß er die Hand auf die Schulter ſeines ſich winden⸗ den Sekretärs legte und ihn mit einem vertraulichen Lächeln anſah. „Dieſen Menſchen,“ rief Herr Haredale, indem er ihn vom Wirbel bis zur Zehe muſterte,„der ſchon als Knabe ein Dieb war und ſich von jener Zeit an bis auf dieſen Augenblick als ein kriechender, falſcher und tuckmäuſeriſcher Schuft benahm: dieſen Men⸗ ſchen, der wie eine Schlange durchs Leben kroch, die Hand verwundete, die er leckte, und diejenigen biß⸗ denen er ſchmeichelte: dieſen Speichellecker, der nie wußte, was Ehre, Wahrheit oder Muth iſt; der die Tochter ſeines Wohlthäters entehrte und ſie dann heirathete, um ihr durch Schläge und die entmenſch⸗ teſte Grauſamkeit das Herz zu brechen: dieſe Kreatur, die an den Küchenfenſtern um das übrig gebliebene Eſſen winſelte, und an unſern Kirchthüren um Halb⸗ pence bettelte: dieſen Glaubensapoſtel, deſſen zartes Gewiſſen die Altäre nicht leiden kann, an denen ſein laſterhaftes Leben öffentlich gebrandmarkt wurde— kennt Ihr dieſen Menſchen, Mylord?“ „Oh, in der That— Ihr ſeyd ſehr— ſehr hart gegen unſern Freund!“ rief Sir John. „Laßt Herrn Haredale nur fortſprechen,“ ſagte Gashford, über deſſen krankes Geſicht während dieſer Worte der Schweiß in großen Tropfen hinunter⸗ gerieſelt war;„ich kehre mich nicht an ihn, Sir John; es iſt mir eben ſo gleichgültig, was er ſagt, als es Mylord iſt. Wenn er es wagt, Mylord zu ſchmähen, wie Ihr gehört habt, Sir John, wie darf ich hoffen, frei auszugehen?“ „Iſt es nicht genug, Mylord,“ fuhr Herr Hare⸗ dale fort,„daß ich, der ich ſo gut ein Gentleman bin, als Ihr, mein Bischen Eigenthum nur durch einen Kunſtgriff beſitzen darf, gegen den der Staat, eben wegen der Haͤrte dieſer Geſetze, Nachſicht hat; und daß wir unſere Kinder nicht in Schulen die ge⸗ meinſamen Grundſätze von Recht und Unrecht lehren ſollen? Muͤſſen wir auch noch von Menſchen, wie 176 dieſer hier, verläumdet und gedrückt werden? Das iſt eben der rechte Mann, Eurem Keinpabſtthum⸗Geſchrei das Siegel aufzudrücken. Pfui der Schande! Pfui der Schande!“ Der verbluͤffte Lord hatte mehr als einmal auf Sir John geblickt, als wollte er fragen, ob in dieſen Anſchuldigungen gegen Gashford etwas Wahres liege, und Sir John eben ſo oft deutlich durch einen Wink oder ein Achſelzucken geantwortet:„o mein Gott, nein!“ Er ſprach daher jetzt mit derſelben lauten Stimme und den obgemeldeten wunderlichen Ge⸗ berden: „Ich habe hierauf nichts zu erwiedern, Sir, und trage auch kein Verlangen, etwas Weiteres zu hören. Ich muß Euch bitten, daß Ihr Euch nicht in unſer Geſpräch drängt und fernerhin ſolche perſönliche An⸗ griffe gegen mich unterlaßt. Ich werde mich durch derartige Verſuche nicht abſchrecken laſſen, meine Pflicht gegen Volk und Vaterland zu erfüllen, mögen ſie nun von Emiſſären des Pabſtes ausgehen, oder nicht; das verſichere ich Euch. Kommt Gash⸗ ford.“ Sie waren während dieſer Worte einige Schritte weit gegangen, und befanden ſich nunmehr an dem Thore der Halle, durch welches ſie gemeinſchaftlich in die Straßen traten. Herr Haredale bog, ohne ſich zu verabſchieden, nach der nebenanliegenden Ufertreppe ein und rief den einzigen Schiffer an, der mit ſeinem Boote auf Zuſpruch wartete. iſt hrei Pfui auf leſen iege, Vink Zott, uten Ge⸗ und dren. inſer urch neine ögen ehen, ash⸗ rritte dem ftlich ſich feppe inem An⸗. 177 Der Velkshaufen aber— die Vorderſten hatten nämlich jedes von John George Gordon geſprochene Wort gehört, weßhalb dann alsbald ſich das Gerücht verbreitete, daß der Fremde ein Papiſt ſey und ihren Führer wegen Verfechtung der Volksſache geſchmäht habe— ſtrömte im bunten Gewühle nach, drängte den Lord, ſeinen Sekretär und Sir John Cheſter vor ſich her, ſo daß es den Anſchein hatte, als wäͤren dieſe die Führer, und ſchaarte ſich auf der obern Treppe zuſammen, ſo daß Herr Haredale, welcher ſtehen blieb und wartete, bis das Boot losgemacht war, nur einen kleinen Raum für ſich frei behielt. Trotz des Lärmens kam es jedoch nicht zu Thät⸗ lichkeiten. Anfangs erhob ſich ein dumpfes Gemur⸗ mel unter dem Pöbel, dem hin und wieder ein Ziſchen folgte, bis das Getümmel endlich zu einem voll⸗ kommenen Sturme anſchwoll. Eine Stimme rief: „Nieder mit den Papiſten!“ was mit einem allge⸗ meinen Jubelrufe aufgenommen wurde, aber dabei blieb's vor der Hand. Nach einer kurzen Pauſe rief ein Zweiter:„Steinigt ihn!“ Ein Dritter:„Taucht ihn unter!“ und ein Vierter brüllte mit einer Stentor⸗ ſtimme:„Kein Pabſtthum!“ Dieſer Lieblingsruf hallte von allen Seiten wieder, und der Pöbel, der an zweihundert Köpfe ſtark ſein mochte, brach in einen allgemeinen Jubel aus. Herr Haredale hatte ruhig an dem Rande der Treppen geſtanden, und erſt als es zu dieſer Demon⸗ ſtration kam, warf er einen zürnenden Blick zurück, Boz. XVII. Barnaby Rudge. 12 178 worauf er langſam die Stufen hinunterging. Er war dem Boot ſchon ziemlich nahe, als ſich Gashford, wie wenn es ganz unabſichtlich geſchähe, abſeits wandte und unmittelbar darauf ein Stein, der von einem aus der Bande geſchleudert wurde, ihn mit ſolcher Gewalt an den Kopf traf, daß er wie ein Betrun⸗ kener wankte. Das Blut ſchoß aus der Wunde und träufelte auf ſeinen Rock nieder. Er wandte ſich haſtig um, eilte mit einer Kühnheit und einem Ungeſtüm, die Alles vor ihm zurückweichen machten, die Treppe hinauf und fragte: „Wer hat dieß gethan? Laßt mich den Menſchen ſehen, der mich geworſen hat!“ Niemand rührte ſich, als etwa einige von den Hinterſten, welche davon ſchlichen und, ſobald ſie auf der andern Seite des Weges waren, mit den Mienen gleichgültiger Zuſchauer ſtehen blieben. „Wer hat dieß gethan?“ wiederholte er.„Zeigt mir den Kerl. Hund, warſt du es? Nun, es war doch dein Anſtiften, wenn auch nicht deine Hand— ich kenne dich.“ Mit dieſen Worten ſtürzte er auf Gashford los und ſchleuderte ihn zu Boden. Es entſtand eine plötzliche Bewegung unter der Menge und einige waren im Begriffe, Hand an ihn zu legen; aber im Nu war ſein Degen aus der Scheide, worauf ſie wieder zurückwichen. „Mylord— Sir John—“ rief er,„zieht, Er ord, ndte nem lcher run⸗ felte um, die eppe ſchen den auf lenen Zeigt war d— los eine daren Nu ieder ieht, 179 welcher von Euch es ſeyn mag— Ihr ſeyd mir ver⸗ antwortlich für dieſe Verletzung und ich verlange daher Genugthuung. Zieht, wenn Ihr Männer ſeyd!“ Damit ſchlug er Sir John mit der flachen Klinge auf die Bruſt und ſtellte ſich mit glühendem Geſichte und leuchtenden Augen in Parade— er, ein einziger Mann gegen ſie alle. Für einen Augenblick— nur für den kürzeſten Zeitabſchnitt, der ſich möoͤglicherweiſe denken läßt— zeigte ſich eine Veränderung in Sir Johns glattem Geſicht, wie ſie Niemand je darin geſehen hatte. Dann aber trat er vor und legte die eine Hand auf Herrn Haredales Arm, während er mit der andern die Menge zu beſchwichtigen ſuchte. „Mein lieber Freund, mein guter Haredale, die Leidenſchaft macht Euch blind— es iſt zwar natür⸗ lich, außerordentlich natürlich— aber Ihr wißt Eure Freunde nicht von den Feinden zu unterſcheiden.“ „Ich kenne ſie alle, Sir, und weiß recht wohl, wie ich daran bin— entgegnete er faſt wahnſinnig vor Wuth.„Sir John, Mylord— hört Ihr mich? Seyd Ihr Memmen?“ „Kümmert Euch nicht darum, Sir,“ ſagte ein Mann, der ſich dazwiſchen drängte und ihn mit freundlicher Gewalt die Treppe hinunterzuſchieben ver⸗ ſuchte;„wozu auch ſolche Fragen. Um Gotteswillen, macht, daß Ihr fortkommt. Was könnt Ihr gegen eine ſolche Anzahl ausrichten? Auch ſteht ein eben 12*† 180 ſo großer Haufen in der nächſten Straße, der im Augenblick zur Hand ſeyn wird“— in der That be⸗ gann derſelbe ſchon während dieſer Worte herbeizu⸗ ſtrömen—„und in der erſten Hitze des Kampfes müßte es Euch ſchon von jenem Wurfe ſchwindelig werden. So zieht Euch doch jetzt zurück, oder nehmt mein Wort darauf, man wird Euch weit ſchlimmer behandeln, als wenn jeder Kerl in dem Haufen ein Weib, und dieſes Weib die blutige Maria wäre. Kommt, Sir, beeilt Euch— ſo ſchnell als Ihr könnt.“ Herr Haredale, dem es bereits ſchwindelig und unwohl wurde, ſah das Vernünftige dieſes Rathes ein und ſtieg unter dem Beiſtand ſeines unbekannten Freundes die Stufen hinunter. John Grueby(denn es war John) half ihm in das Boot, gab dem⸗ ſelben einen Stoß, daß es um dreißig Fuß in die Strömung hinaus ſchoß und forderte den Fährmann auf, wie ein Brite auszuholen; dann ging er ſo ge⸗ laſſen wieder zurück, als ob er eben an's Land ge⸗ ſtiegen wäre. Der Pöbel verrieth anfangs eine kleine Nei⸗ gung, dieſe Einmengung zu ahnden. Da aber John beſonders kräftig und kaltblütig ausſah, und außer⸗ dem auch Lord George's Liverey trug, ſo beſann man, ſich eines Beſſern und begnügte ſich damit, dem Boote einen Regen von Steinen nachzuſchicken, die indeß nur harmlos ins Waſſer niederfielen, denn der Kahn war inzwiſchen unter der Brücke durchgekommen und ſchoß raſch in der Mitte des Stromes hinab⸗ r im t be⸗ eizu⸗ npfes delig Lehmt nmer n ein wäre. nnt.“ und athes unten [denn dem⸗ n die nann v ge⸗ d ge⸗ Nei⸗ John ußer⸗ man dem „ die n der umen b. 181 Von dieſer Beluſtigung gingen ſie darauf über, ächt proteſtantiſch an den Hausthüren zu poltern, etliche Laternen zu zerbrechen und hin und wieder einen einzelnen Conſtable anzufallen. Als aber das Gerücht verlautete, daß eine Abtheilung der Leibwache aus⸗ gerückt ſey, um dem Unfug zu ſteuern, ſo gaben fie ſchleunigſt Ferſengeld und räumten die Straßen. Vierundvierzigſtes Kapitel. Als ſich der Haufen verlief und, in einzelne Gruppen vertheilt, nach verſchiedenen Richtungen ab⸗ zog, blieb auf dem Schauplatze des eben ſtattgehabten Tumults nur ein einziger Mann zurück. Dieſer Mann war Gashford, der, durch ſeinen Fall gequetſcht und weit tiefer durch die erlittene öffentliche Brand⸗ markung verletzt, unter Verwünſchungen und Rache⸗ androhungen auf⸗ und abhinkte. Es lag nicht in der Natur des Sekretärs, ſeinen Grimm blos in Worten zu erſchöpfen; denn während er den Geifer ſeiner Bosheit in dieſen Ergüſſen aus⸗ ſtrömen ließ, behielt er unabläſſig ein paar Menſchen im Auge, die auf die erſchreckende Kunde von dem ausgerückten Militär mit den übrigen verſchwunden, dann aber wieder zurückgekehrt und nunmehr im Mondlicht ſichtbar waren, wie ſie in nicht großer 182 Entfernung auf und ab gingen und mit einander plauderten. Er trat ihnen nicht näher, ſondern wartete ge⸗ duldig auf der dunkeln Seite der Straße, bis ſie ihres Herumlungerns müde waren und ſich entfernten. Dann folgte er ihnen von ferne, ohne ſich jedoch dieſen Anſchein zu geben, oder von ihnen geſehen zu werden. Sie gingen die Parlamentsſtraße hinauf, an der Saint Martins⸗Kirche vorbei, und über Saint Giles nach Tottenham Court⸗Road, auf deſſen Weſt⸗ ſeite damals ein Platz lag, den man die Green Lanes nannte— ein abgelegener Strich von nicht ſehr ge⸗ wählter Art, der in freies Feld führte. Große Aſchenhaufen, ſtehende Sümpfe, von hohem Schilf und Waſſerlinſen überwachſen, zerbrochene Schlag⸗ bäume und die noch ſtehenden Pfoſten von längſt als Brennholz verbrauchten Verzäunungen, die mit ihren vorſpringenden, roſtigen Nägeln jeden unachtſamen Spaziergänger in Gefahr brachten— dieß waren die Hauptzüge der Landſchaft: während hin und wieder ein Eſel oder ein rauhhaariges Pferd, an einen Pfahl gebunden, von dem rauhen und dürftigen Raſen das kurze Gras abweidete und die Scene vervollſtändigen half. Schon hieraus konnte man, wenn es auch nicht die Häuſer genügend dargethan hätten, ent⸗ nehmen, wie gar arm die Leute ſeyn mußten, die in den gebrechlichen umliegenden Hütten wohnten, und wie tollkühn es für einen anſtändig gekleideten Mann, ander e ge⸗ ihres enten. edoch ſehen „an Saint Weſt⸗ Lanes ge⸗ roße Schilf hlag⸗ als hren men n die ieder fahl das igen auch ent⸗ 2 in und unn, 183 der Geld bei ſich trug, geweſen wäre, anders als bei hellem Tage allein dieſe Gegend zu beſuchen. Indeß hat auch die Armuth ſo gut als der Reichthum ihre Grillen und Liebhabereien. Einige von dieſen Hütten waren mit Erkern verſehen, lei andern die morſchen Wände mit falſchen Fenſtern bemalt; Eine hatte eine nachgemachte Uhr an einem gebrechlichen, vier Fuß hohen Thurme, der eigentlich den Schornſtein bildete, und Jede hatte auf ſeinem kleinen Vorgrund ein roh gearbeitetes Kanapee oder eine Laube. Die Bewohner derſelben handelten mit Knochen, Lumpen, zerbrochenem Glas, alten Rädern, Vögeln und Hunden. Die unterſchiedlichen Aufbe⸗ wahrungsorte der Letztern füllten die Gärten an, ent⸗ ſandten gerade nicht die einladendſten Wohlgerüche in die Luft und erfüllten dieſelbe mit dem Bellen, Kläffen und Heulen ihrer Inſaßen. Nach dieſem abgelegenen Orte folgte der Sekre⸗ tär den Beiden, die er nicht aus dem Auge gelaſſen hatte, und ſah, wie ſie ſich wohlbehalten in einer der ſchlechteſten Hütten, die nur eine einzige und dazu noch ſehr kleine Stube enthielt, einquartirten. Er wartete außen, bis ſie ihre Stimmen zu einem miß⸗ tönigen Geſange vereinigten und ihm ſo die Ueber⸗ zeugung gaben, daß ſie ſich luſtig machten; dann näherte er ſich vermittelſt einer wackeligen Planke, die über den vornliegenden Graben führte, der Thüre und klopfte mit der Hand an. „Herr Gashford?“ ſagte der Mann, welcher öffnete, indem er in augenſcheinlicher Ueberraſchung die Pfeife aus ſeinem Munde nahm.„Ei, wer hätte ſich auch einer ſolchen Ehre hier verſehen? Herein ſpaziert, Herr Gashford— nur herein ſpaziert, Sir.“ Gashford bedurfte keiner zweiten Einladung und trat mit gnädiger Miene hinein. Auf dem roſtigen Kaminroſte brannte ein Feuer(denn trotz des ziem⸗ lich weit vorgerückten Frühjahrs waren doch die Nächte noch kalt) und neben demſelben ſaß Hugh, der eine Pfeife rauchte, auf einem Schemel. Dennis rückte einen Stuhl, den einzigen, der zu haben war, für den Sekretär vor das Kamin und nahm wieder auf dem Schemel Platz, den er nur verlaſſen hatte, um dem Gaſte zu öffnen. „Was iſt jetzt im Winde, Herr Gashford,“ fragte er, wieder zu ſeiner Pfeife greifend und ihn von der Seite anſehend.„Gibt's Ordre aus dem Hauptquartier? Sollen wir anfangen? Wie ſteht's, Herr Gashford?“ „O, nichts, nichts,“ verſetzte der Sekretär mit einem freundlichen Kopfnicken gegen Hugh.„Uebri⸗ gens iſt das Eis ſchon einmal gebrochen. Wir haben heute einen kleinen Spaß gehabt, he, Dennis?“ „Einen gar kleinen,“ brummte der Henker. „Nicht halb genug für mich.“ „Und eben ſo wenig für mich!“ rief Hugh. „Gebt uns Etwas, wo Leben darin iſt— wo Leben darin iſt, Meiſter. Ha, ha.“ „Je nun, ich denke wohl,“ ſagte der Secretär ung hätte erein Sir.“ und tigen iem⸗ die ugh, nnis war, ieder atte, rd,“ ihn dem ht's, mit bri⸗ aben ker. igh. eben etär 185 mit ſeinem häßlichſten Geſichte und in den mildeſten Tönen,„daß Ihr mit nichts zu ſchaffen haben möch⸗ tet, wo— wo Tod darin iſt?“ „„Ich wüßte nicht,“ verſetzte Hugh.„Ich harre nur auf Ordre und kümmere mich nicht darum, was es iſt. Ich gewiß nicht.“ „Und ich auch nicht,“ ſtimmte Dennis ein. „Brave Burſchen!“ ſagte der Sekretär mit der Stimme eines Paſtors, wenn er Jemanden wegen irgend einer ungewöhnlichen Großthat oder um einer edlen Handlung willen belobt.„Apropos“— und hier hielt er inne, um ſeine Hände zu wärmen; dann ſah er plötzlich auf—„wer hat heute den Stein geworfen?“ Herr Dennis huſtete und ſchüttelte den Kopf, als wollte er ſagen:„das iſt ein Geheimniß.“ Hugh rauchte ſchweigend fort. „Es war nicht übel!“ ſagte der Sekretär, ſeine Hände wieder an's Feuer haltend.„Ich möchte den Mann wohl kennen.“ „Möchtet Ihr!“ verſetzte Dennis, nachdem er ihm in’s Geſicht geſehen, um ſich zu überzeugen, ob es ihm auch Ernſt ſey.„Möchtet Ihr wirklich den Mann kennen, Herr Gashford?“ „Zuverläßig,“ entgegnete der Sekretär. „Nun denn, der Herr ſey mit Euch,“ ſagte der Henker mit ſeinem heiſerſtem Kichern, indem er mit ſeiner Pfeife auf Hugh deutete;„da ſitzt er. Dieß iſt der Mann. Potz Stern und Galgen, Herr Gash⸗ 186 ford,“ fügte er flüſternd bei, indem er ſeinen Sche⸗ mel dicht an den Sekretär hinan rückte und ihn mit dem Ellenbogen anſtieß.„Was das für ein intereſ⸗ ſanter Kumpan iſt! Man muß ihn halten, als wäre er von ächter Bullenbeißerzucht. Wenn ich heute nicht geweſen wäre, ſo hätte er jenen Katho⸗ liken zu Boden geſchlagen und in der nächſten Mi⸗ nute einen Tumult zu Wege gebracht.“ „Und warum nicht?“ rief Hugh verdrießlich, da er dieſe letzte Bemerkung gehört hatte.„Was ſoll Gutes dabei herauskommen, wenn man eine Sache hinausſchiebt? Man muß zuſchlagen, ſo lange das Eiſen heiß iſt; das iſt meine Meinung.“ Ah!“ entgegnete Dennis, in einer Art von Mit⸗ leid über ſeines Freundes jugendliche Einfalt den Kopf ſchüttelnd;„aber geſetzt, das Eiſen wäre noch nicht heiß, Bruder? Vor dem Zuſchlagen muß man das Blut des Volkes in Gährung bringen— es muß aufgelegt ſeyn. Heute war's noch nicht ganz ſo weit, um ſie aufreizen zu können, ſage ich Euch. Hätte man Euch heute wollen gewähren laſſen, ſo würdet Ihr den künftigen Spaß verdorben und uns zu Grunde gerichtet haben.“ „Dennis hat ganz Recht,“ ſagte Gashford ge⸗ ſchmeidig—„hat vollkommen richtig geurtheilt. Dennis beſitzt große Weltkenntniß.“ „Das ſollte ich doch meinen, Herr Gashford⸗ Für was hätte ich denn ſonſt ſo Vielen aus der ſche⸗ mit ereſ⸗ als ich tho⸗ Mi⸗ lich, Was eine ange Mit⸗ den noch man es ganz luch. „ ſo uns ge⸗ eilt. ord. der 187 Welt geholfen, he?“ flüſterte der grinſende Henker hinter der vorgehaltenen Hand. Der Sekretär lachte über dieſen Scherz, wie es Dennis nur wünſchen konnte; dann wandte er ſich mit den Worten an Hugh: „Ihr müßt bemerkt haben, daß Dennis Politik ganz die meinige war. Ihr ſaht zum Beiſpiel, daß ich niederſiel, als mir zugeſetzt wurde. Ich verſuchte keinen Widerſtand, weil ich keinen Ausbruch herbei⸗ führen wollte. O mein Gott, nein!“ „Nein, bei Lord Harry!“ rief Dennis mit pol⸗ terndem Lachen.„Ihr ließt Euch ganz ruhig nieder, Herr Gashford— und obendrein hübſch auf den Bauch. Ich dachte bei mir ſelbſt:„'s iſt Alles vor⸗ bei mit Herrn Gashford! Bis auf den heutigen Tag habe ich nie Jemand ſo hübſch auf dem Bauche liegen ſehen— ich meine nämlich einen Lebendigen. Gewiß und wahrhaftig,'s iſt ein rauhhäriger Kamerad, dieſer Papiſt, mit dem ſich's nicht gut ſpaſſen läßt.“ Des Sekretärs Geſicht, als Dennis wieder in ein Gelächter ausbrach und die zuſammengekniffenen Augen auf Hugh heftete, der ſeinem Beiſpiele folgte, hätte eine hübſche Statue zu dem Bilde eines Teu⸗ fels abgeben können. Er blieb ruhig ſitzen, bis ſie wieder ernſt wurden, und ſagte dann, ſich in der Stube umſehend: „Wir haben's hier ſehr traulich— ſo gar trau⸗ lich, Dennis, daß ich wohl hier bleiben möchte, bis es kaum räthlich wäre, heimzugehen, wenn mich 188 nicht Mylord ausdrücklich erſucht hätte, mit ihm zu Nacht zu ſpeiſen, und dazu iſt es bald Zeit. Ich komme wegen eines kleinen Geſchäftchens— ja, ſo iſt es— wie Ihr vermuthet habt. Es iſt ſehr ſchmeichelhaft für Euch und handelt davon— wenn wir nämlich je genöthigt ſeyn ſollten— und Ihr wißt ja, wer kann ſo Etwas ſagen— es iſt eine gar unſichere Welt—“ „Das will ich meinen, Herr Gashford,“ fiel ihm der Henker mit einem gravitätiſchen Kopfnicken in's Wort.„Was hab' nur ich für Unſicherheiten in Bezug auf das Daſeyn in der Welt erleben müſ⸗ ſen, und was ſind nicht ſchon für unerwartete Dinge eingetroffen!— Ach du mein Himmel!“ Und im Gefühle, daß der Gegenſtand zu weit über allen Ausdruck erhaben ſey, dampfte er weiter und drückte das Uebrige durch Blicke aus. „Ich ſage,“ nahm der Sekretär langſam und nachdrücklich wieder auf,„wir können nicht wiſſen, was noch kommen mag; und wenn wir— gegen unſern Willen— zu gewaltſamen Maßregeln unſere Zuflucht nehmen müßten, ſo gedenkt Mylord, der, ſo weit es durch Worte geſchehen kann, heute ſchreck⸗ lich gelitten hat, Euch Beiden in Anbetracht meiner Empfehlung— denn ich habe Euch als zuverläßige Männer, die über allen Verdacht und Argwohn er⸗ haben ſind, geſchildert— das angenehme Geſchäft zu übertragen, dieſen Haredale zu züchtigen. Ihr mögt mit ihm oder mit ſeinem Eigenthum nach Gut⸗ zm zu Ich a, ſo ſehr wenn Ihr t eine „ fiel nicken heiten müſ⸗ Dinge weit veiter und iſſen, gegen nſere der, reck⸗ einer ißige mer⸗ chäft Ihr Gut⸗ 189 dünken verfahren— nur keine Schonung gezeigt, kein Pardon gegeben und keine zwei Balken von ſei⸗ nem Hauſe gelaſſen, wie ſie der Zimmermann zuſam⸗ mengefügt hat. Ihr könnt es ausplündern, verbren⸗ nen, ganz nach Willkür damit verfahren; aber nieder muß es— ganz dem Erdboden gleich gemacht wer⸗ den, damit er und alle die Seinigen obdachlos ſeyen, wie neugeborene Kinder, die von ihren Müttern ausgeſetzt wurden. Verſteht Ihr mich?“ ſagte Gash⸗ ford, inne haltend und ſeine Hände an einander drückend. „Ob wir Euch verſtehen, Herr?“ rief Hugh. „Ihr ſprecht doch jetzt deutlich. Nun,'s kommt doch jetzt einmal zu'was Herzhaftem!“ „Ich wußte, daß Ihr gern darauf eingehen würdet,“ ſagte Gashford, ihm die Hand drückend; wich dachte mir's wohl. Gute Nacht. Ihr braucht nicht aufzuſtehen, Dennis, denn ich finde den Weg wohl allein. Vielleicht komme ich ſonſt noch hierher und dann iſt's mir lieb, wenn ich kommen und gehen kann, ohne Euch zu ſtören. Ich will mich auf dem Weg ſchon ausfinden. Gute Nacht!“ Er war fort und hatte die Thüre hinter ſich zugedrückt. Die Beiden ſahen ſich gegenſeitig mit beifälligem Kopfnicken an. Dennis ſchürte das Feuer. „Das ſieht doch einmal Etwas gleich!“ ſagte er. „Allerdings!“ rief Hugh;„die Sache iſt ganz nach meinem Sinne.“ „Ich habe mir über Herrn Gashford ſagen laſ⸗ ſen,“ ſprach der Henker gedankenvoll,„daß er ein merkwürdiges Gedächtniß und eine wunderbare Be⸗ harrlichkeit beſitzt— daß er nie Etwas vergeſſen und nie Etwas vergeben hat.— Laßt uns ſeine Geſund⸗ heit trinken!“ Hugh willfahrte ohne Anſtand. Bei dieſem Toaſte goß er nichts auf den Boden, denn der Se⸗ kretär war ein Mann ganz nach ihrem Herzen, weß⸗ halb ſeine Geſundheit mit einem vollen Glaſe aus⸗ gebracht wurde. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Während die ſchlimmſten Leidenſchaften der ver⸗ dorbenſten Menſchen alſo im Dunkeln brüteten und der Deckmantel der Religion, der die ſchändlichſten Laſter verhüllen ſollte, das Leichentuch alles Guten und Friedlichen in der Geſellſchaft zu werden drohte, trat ein Umſtand ein, der wieder einmal den Lebens⸗ weg zweier Perſonen kreuzte, welche lange nicht mehr in dieſer Geſchichte aufgetreten ſind und zu denen wir jetzt zurückkehren müſſen. In einer kleinen engliſchen Landſtadt, deren Be⸗ wohner ſich durch Händearbeit ihren Unterhalt erwar⸗ —„— G SS S n —8—2ͤgͤ—B— 8 55 191 ben, indem ſie das Stroh zubereiteten und fur dieje⸗ nigen zu Schnüren flochten, welche aus dieſem Material Hüte, Putz⸗ und Zierſachen verfertigten, lebten Barnaby und ſeine Mutter unter angenommenen Namen und in ruhiger, wechſelloſer Armuth dahin; und obgleich ſie keine Freuden kannten, ſo laſteten doch auch nur wenige andere Sorgen, als die der ſchweren Arbeit um das tägliche Brod, auf ihnen. Ihre ärmliche Hütte war ſeit den fünf Jahren, als ſie darin Schutz und Obdach gefunden hatten, von keinem fremden Fuße betreten worden, und eben ſo wenig hatten ſie dieſe ganze Zeit über irgend einen Verkehr mit der alten Welt gepflogen, aus der ſie ſich geflüchtet. Im Frieden zu arbeiten und ihr Leben nebſt den Früchten ihres Fleißes ihrem armen Sohne zu weihen, war das einzige Streben der Wittwe; und wenn man von Glück ſprechen kann, wo Jemand die Beute eines geheimen Grames iſt, ſo war ſie jetzt glücklich. Ruhe, Ergebung und ihre aufopfernde Liebe zu dem, der derſelben ſo ſehr be⸗ durfte, bildeten den kleinen Kreislauf ihrer ſtillen Freuden, und ſo lange dieſer ununterbrochen blieb, war ſie zufrieden. An Barnaby dagegen war die entwichene Zeit wie der Hauch des Windes vorübergegangen. Der täg⸗ liche Sonnenlauf vieler Jahre hatte keinen lichteren Strahl in die düſtere Nacht ſeines Geiſtes gewor⸗ fen, aus der kein Morgenroth aufdämmern wollte. Er konnte zuweilen— oft Tage lang hinter ein⸗ 192 ander— auf einer niedern Bank bei dem Feuer oder vor der Hüttenthüre ſitzen und bei emſiger Arbeit (denn er hatte dieſelbe Kunſt gelernt, welche ſeine Mutter übte) auf die Geſchichtchen hören, welche ſie ihm immer wieder neu erzählte, um ihn zu vermö⸗ gen, daß er ihr unter den Augen bleibe. Er hatte keine Erinnerung für dieſe kleinen Erzählungen, denn die Geſchichte von geſtern war ihm am Moͤrgen wieder neu; aber für den Augenblick fand er Freude daran, und wenn es ihn ankam, ſo konnte er geduldig zu Hauſe bleiben und auf die Märchen ſeiner Mutter hören, wie ein kleines Kind, dabei wohlgemuth arbeitend von Sonnenaufgang, bis es zu dunkel war, um zu ſehen. Zu andern Zeiten— und dann war ihr ſpärli⸗ cher Verdienſt kaum hinreichend, ſie auch nur mit der gröbſten Nahrung zu verſorgen— wanderte er draußen umher vom Grauen des Tages an, bis das Zwielicht in die Nacht überging. Wenige Ortsbe⸗ wohner, nicht einmal die Kinder, konnten müßig ſeyn, und ſo hatte er auch nicht Einen menſchlichen Gefährten. Ueberhaupt wären auch unter einer gan⸗ zen Legion nur wenige aufzufinden geweſen, die auf ſeinen Streifzügen gleichen Schritt mit ihm hätten halten können. Statt deſſen gab es aber ein paar Dutzend vagabundirender Hunde, die den Nachbarn angehörten und ganz gut in ſeinen Kram paßten. Mit zweien oder dreien, bisweilen mit einem ganzen Halbdutzend dieſer bellenden Kameraden auf der oder Urbeit ſeine he ſie rmö⸗ hatte denn rgen er unnte chen abei 3 es irli⸗ mit 193 Ferſe, konnte er Tage lang herumſchwärmen; und wenn die Hunde des Abends von Müdigkeit ganz er⸗ ſchöpft und mit wunden Beinen heimgehinkt kamen, ſo war Barnaby bereits bei Sonnenaufgang mit einigen neuen Begleitern derſelben Klaſſe wieder auf und davon, um ſie Abends in einem gleichen Zu⸗ ſtande zuruckzubringen. An allen dieſen Wanderzü⸗ gen nahm Greif, der in dem kleinen Korbe auf dem Rücken ſeines Herrn ſaß, beharrlichen Antheil, und wenn ſie bei ſchönem Wetter wohlgemuth aufbrachen, war kein Hund im Stande, es dem Raben im Bel⸗ len zuvorzuthun. Ihre Vergnügungen bei derartigen Ausflügen waren einfach genug. Eine Kruſte Brod und eine Fleiſchſchnitte mit Waſſer aus einem Bach oder einer Quelle reichten zu ihrer Erfriſchung zu. Ueberhaupt war es Barnaby's größte Luſt, zu gehen, zu laufen und zu ſpringen, bis er müde war, dann ſich in das lange Gras, in ein Getreidefeld oder in den Schat⸗ ten eines hohen Baumes zu legen, nach den lichten Wolken aufzuſehen, wie ſie an dem blauen Himmels⸗ gewölbe hinſchwammen, und auf den lieblichen Ge⸗ ſang der Lerche zu horchen. Da gab es wilde Blu⸗ men zu pflücken— den hochrothen Feldmohn, die liebliche Hyazinthe, die Schlüſſelblume und die Noſe — auch Vögel zu beobachten, Fiſche, Ameiſen, Wür⸗ mer, Haſen oder Kaninchen, die wie ein Blitz über den fernen Waldpfad huſchten und im Nu ihm aus dem Geſichte kamen; Millionen lebender Weſen, für Boz. XVII. Barnaby Rudge. 13 194 die er ſich intereſſirte und auf die er lauerte, nur um die Hände zuſammenzuſchlagen und in einen Jubelruf auszubrechen, wenn ſie verſchwunden waren. In Ermanglung deſſen, oder wenn er einer ſolchen Beſchäftigung uͤberdrüſſig war, konnte er noch nach dem luſtigen Sonnenlichte jagen, wie es ſich ſchräge durch Blätter und Baumzweige wand und ſich weit unten verſteckte— in tiefen, tiefen Höhlen— oder einem ſieberhellen Teiche, in dem ſich die bückenden Zweige zu baden und zu necken ſchienen; dann gab es auch die ſüßen Düfte der über Bohnen⸗ oder Kleefelder wehenden Sommerluft; den Wohlgeruch des feuchten Laubes und Mooſes; das Leben wehender Bäume und ſtets wechſelnder Schatten. War er ermattet— bisweilen geſchah es auch im Uebermaße ſeiner Luſt — ſo ſchloß er die Augen, um einzuſchlummern in⸗ mitten aller dieſer ſanften Genüſſe; der leiſe Wind murmelte wie Muſik in ſeinen Ohren und die ganze Umgebung ſchmolz in einen einzigen entzückenden Traum zuſammen. Ihre Hütte— denn man konnte ſie kaum etwas Anderes nennen— ſtand an dem äußerſten Ende des Städtchens, in kurzer Entfernung von der Land⸗ ſtraße, aber ſo abgeſchloſſen, daß ſich das ganze Jahr durch nur ſelten ein Spaziergänger dahin verlor. Sie hatte nebenan ein Stückchen Gartengrund, wel⸗ ches Barnaby, wenn er gerade ſeine Arbeitslaune hatte, beſorgte und in Ordnung hielt. Aber in und außer dem Hauſe war ſeine Mutter für ihr gemein⸗ — ſchaftliches Fortkommen thätig, ohne daß ſie ſich hierin durch Hagel, Regen, Schnee oder Sonnen⸗ ſchein ſtören ließ. Obgleich ſo weit entfernt von dem Schauplatze ihres vergangenen Lebens, den ſie nie wieder zu beſuchen gedachte, ſchien ſie doch ein ſonderbares Verlangen zu tragen, von dem, was in der ge⸗ ſchäftigen Welt vorging, Kunde zu erhalten. Mit Gier griff ſie nach jeder alten Zeitung, oder nach jedem Fetzen, welche Nachrichten von London ent⸗ hielten. Die Aufregung, die ſie dabei empfand, war keineswegs erfreulicher Art, denn in ihrem ganzen Benehmen drückte ſich dann Angſt und Beklommen⸗ heit aus; aber demungeachtet blieb ihre Haſt darauf ſtets dieſelbe. Bei ſolchen Gelegenheiten und den ſtürmiſchen Winternächten, wenn der Wind heulte und tobte, konnte ſich wieder der alte Ausdruck in ihrem Geſichte zeigen und ſie in ein krampfhaftes Zittern verfallen, als wandelte ſie ein Fieberfroſt an. Barnaby achtete jedoch wenig darauf, und da ſie ſich nach Kräften zuſammennahm, ſo hatte ſie ſich gewöhnlich wieder gefaßt, ehe dieſer Wechſel ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Greif war keineswegs ein müſſiges oder un⸗ nützes Mitglied der beſcheidenen Haushaltung. Unter Barnaby's Schule und zum Theil auch durch eine ſeinem Geſchlecht eigenthümliche Art von Selbſtbe⸗ lehrung und fleißige Uebung ſeiner Beobachtungs⸗ gabe hatte er einen ſo hohen Grad von Scharfſinn 13* 196 erworben, daß er auf mehrere Meilen im Unkreiſe berühmt wurde. Sein Converſationstalent und ſeine überraſchenden Leiſtungen waren in Jedermanns Munde; und da viele Leute kamen, um den wunder⸗ baren Raben zu ſehen, ſo floß hieraus ein nicht unbeträchtlicher Beitrag zu dem Geſammtverdienſte, denn Niemand ließ ſeine Anſtrengungen unbelohnt, ſofern er ſich nämlich herabließ, ſeine Geſchicklichkeit zu zeigen, was übrigens nicht jedesmal der Fall war, denn ein Genie iſt immer grillenhaft. In der That ſchien auch der Vogel ſeinen Werth recht gut zu kennen; denn obgleich er ſich in Gegenwart von Barnaby und ſeiner Mutter vollkommen zwanglos und unge⸗ nirt benahm, ſo behauptete er doch vor den Leuten eine erſtaunliche Gravität und entwürdigte ſich nie durch andere unentgeldliche Kunſtſtücke, als daß er Knaben in die Knöchel biß(eine Leiſtung, die ihm beſonders viel Vergnügen machte), hin und wieder ein paar Stücke Geflügel tödtete, oder unterſchied⸗ lichen Nachbarshunden ihr Mittageſſen wegſtipizte, denn auch die kühnſten derſelben hatten Reſpekt und Furcht vor ihm. So entſchwand die Zeit, ohne daß etwas vor⸗ fiel, um ſie in dieſer Lebensweiſe zu ſtören oder. einen Wechſel darein zu bringen; und ſie befanden ſich eines Abends(es war Juni) in ihrem kleinen Garten, um von der Mühe des Tages auszuruhen. Die Wittwe hatte ihre Arbeit noch auf dem Knie und auf dem Boden umhergeſtreut, während Bar⸗ 3 197 reiſe naby, auf ſeinem Spaten gelehnt, den prächtigen ſeine weſtlichen Himmel betrachtete und leiſe vor ſich hin unns ſang. der⸗„Ein ſchöner Abend, Mutter! Wenn nur ein nicht Bischen von dem Golde, das dort am Himmel auf⸗ nſte, gehäuft iſt, in unſeren Taſchen klimperte, ſo wären öhnt, wir reich für unſer ganzes Leben.“ it zu„'S iſt beſſer ſo, wie es iſt,“ verſetzte die denn Wittwe mit einem ruhigen Lächeln.„Wenn wir chhien zufrieden ſind, ſo brauchen wir uns nicht darnach nen; zu ſehnen, oder uns auch nur darum zu kümmern, naby ſelbſt wenn es flimmernd zu unſern Füßen läge.“ nge⸗„Ei ja!“ ſagte Barnaby, die gekreuzten Arme Uten auf ſeinen Spaten ſtützend und ſehnſüchtig nach der nie untergehenden Sonne hinſchauend;„das mag alles 6 er wahr ſeyn, Mutter; aber Gold iſt doch etwas Gutes, ihm wenn man's hat. Es wäre mir lieb, wenn ich keder wüßte, wo man's ſinden kann. Greif und ich, wir hied⸗ beide würden wohl wiſſen, was wir damit anfangen iizte, müßten— gewiß.“ und„Nun, und was würdet ihr anfangen?“ fragte ſie. vor⸗„Was? Oh, unendlich viel. Wir würden uns vher. ſchön kleiden— Euch und mich, meine ich, nicht nden den Greif— Pferde und Hunde halten, herrliche einer Bänder und Federn tragen, nicht mehr arbeiten und hen. ganz gemächlich und gut leben. Oh, wir würden's Knie wohl anbringen können, Mutter, und es käme uns gut Bar⸗ zu Statten. Ich wollte, ich wüßte wo Gold begraben 198 liegt. Wie wollte ich ſchaufeln und arbeiten, um es herauszukriegen!“ „Du weißt nicht,“ ſagte die Mutter, indem ſie von ihrem Sitze aufſtand und ſanft ihre Hand auf ſeine Schultern legte,„was die Menſchen ſchon alles gethan haben, um es zu gewinnen, und wie ſie erſt, als es zu ſpät war, finden mußten, daß es von ferne am hellſten glänzt, aber ganz trüb und dunkel wird, wenn man es in den Händen hat.“ „Nun ja; du ſagſt nur ſo und bildeſt dir's ſo ein,“ antwortete er, noch immer begierig in dieſelbe Richtung blickend.„Jedenfalls aber, möchte ichs ein⸗ mal verſuchen, Mutter.“ „Siehſt du nicht,“ ſagte ſie, wie roth es iſt? An Nichts kleben ſo viele Blutflecken, als an dem Golde. Hüte dich davor. Niemand hat mehr Grund, es zu haſſen, als wir. Denke nicht ſo viel daran, mein Lieber. Wenige können ſich denken, wie viel Elend und Leiden es über dein und mein Haupt ge⸗ bracht hat, und gebe Gott, daß nur Wenige Aehn⸗ liches erleben müſſen. Ich wollte lieber, wir wären todt und lägen im Grabe, als daß ich denken müßte, du kämeſt je ſo weit, es zu lieben.“ Barnaby wandte ſich für einen Augenblick um und ſchaute ſeine Mutter verwundert an. Dann ſah er von dem rothen Himmel auf das Mal an ſeinem Handgelenke, als wollte er beides vergleichen, und war dann augenſcheinlich im Begriff, ſeiner Mutter eine ernſte Frage zu ſtellen, als ein neuer — SE———½ꝑ 199 Gegenſtand ſeine unſtäte Aufmerkſamkeit feſſelte und ihn den früheren Gedanken ganz vergeſſen ließ. Dieſer war ein Mann mit ſtaubigen Füßen und Kleidern, der mit entblöstem Haupte hinter der den Gartenzaun von dem Fußwege trennenden Hecke ſtand und ſich demüthig vorwärts beugte, als wünſchte er, ſich in ihre Unterhaltung zu miſchen, und erſähe er bloß die Gelegenheit, einzufallen. Sein Geſicht war gleichfalls auf das glänzende Abendroth geheftet, aber das einfallende Licht be⸗ kundete, daß er blind war und es nicht ſehen konnte. „Gottes Segen über dieſe Stimmen!“ begann der Wanderer.„Ich fühle die Schönheit des Abends weit eindringlicher, wenn ich ſolche Laute höre. Sie dienen mir ſtatt der Augen. Wollt Ihr nicht wie⸗ der ſprechen und das Herz eines armen Reiſenden erfreuen?“ „Habt Ihr keinen Führer?“ fragte die Wittwe nach einer kurzen Pauſe. „Keinen als dieſe dort,“ antwortete er, mit ſeinem Stab nach der Sonne deutend,„und hin und wieder des Nachts auch einen milderen; aber der iſt jetzt unthätig.“ „Habt Ihr einen weiten Weg gemacht?“ „Wohl einen weiten und mühſamen,“ verſetzte der Wanderer mit einem Kopfſchütteln.„Ja, einen mühevollen, ſehr mühevollen Weg. Ich bin mit meinem Stock eben auf den Eimer Eures Brunnens geſtoßen— wollt Ihr wohl ſo gut ſeyn, mich mit einem Trunk Waſſer zu erquicken, Lady.“ „Warum nennt Ihr mich Lady?“ entgegnete ſie.„Ich bin ſo arm als ihr.“ „Eure Sprache iſt weich und ſanft, und nach dieſen richtet ſich mein Urtheil,“ erwiederte der Mann. Der groͤbſte Stoff und der feinſte Seiden⸗ zeug iſt für mich ganz daſſelbe, wenn ich nicht den Gefühlsſinn zu Hülfe rufe. Ich kann Euch nicht nach Eurem Anzug ſchätzen.“ „Kommt hier herum,“ ſagte Barnaby, der zu dem Gartenthor hinausgegangen war und jetzt dicht neben dem Fremden ſtand.„Reicht mir Eure Hand. Ihr ſeyd blind und ſtets im Dunkeln, he? Fürchtet Ihr Euch nicht im Finſtern? Seht Ihr jetzt nicht große Haufen von Geſichtern, die grinſen und die Zähne fletſchen?“ „Leider ſehe ich nichts,“ verſetzte der Andere, „weder im Wachen noch im Schlafen.“ Barnaby betrachtete neugierig ſeine Augen, be⸗ fühlte ſie, wie ein neugieriges Kind, mit den Fingern, und führte ihn nach der Hütte. „Wenn Ihr ſo weit herkommt,“ ſagte die Wittwe, indem ſie ihn an der Thüre empfing,„wie habt Ihr's nur angegriffen, den Weg zu finden?“ „Gewohnheit und Nothwendigkeit ſind gute Lehrer— die allerbeſten, habe ich mir ſagen laſſen,“ entgegnete der Blinde, indem er ſich auf den Stuhl niederließ, nach welchem ihn Barnaby geführt hatte, 201 und Hut und Stock auf den rothen Backſteinboden legte;„aber's iſt eine rauhe Schule. Gebe Gott, daß weder Ihr noch Euer Sohn je darin lernen muß.“— „Auch ſeyd Ihr von der Straße abgekommen,“ ſagte die Wittwe im Tone des Mitleids. „Kann ſeyn, kann ſeyn,“ erwiederte der blinde Mann mit einem Seufzer, aber doch mit einer Art von Lächeln in ſeinem Geſichte;„'s iſt leicht möglich. Wegweiſer und Meilenſteine ſind freilich ſtumm gegen mich. Um ſo mehr danke ich Euch für die Ruhe, die Ihr mir gönnt und für dieſen erfri⸗ ſchenden Trunk.“ 4 Mit dieſen Worten erhob er den Waſſerkrug zu ſeinem Munde. Der Inhalt war klar, kalt und friſch, ſchien aber demungeachtet nicht nach ſeinem Geſchmacke zu ſeyn— wenigſtens war ſein Durſt nicht ſonderlich, denn er benetzte nur die Lippen und ſetzte ihn wieder nieder. Er trug an einem langen um den Hals ge⸗ ſchlungenen Riemen eine Art Taſche oder Felleiſen, um Lebensmittel mit zu führen. Die Wittwe ſetzte ihm etwas Brot und Käſe vor; er dankte jedoch und ſagte, daß die Güte menſchenfreundlicher Leute ihn heute ſchon einmal geſpeist habe und er nicht hungrig ſey. Dann öffnete er ſeine Reiſetaſche und nahm ein paar Pence heraus, aus denen ihr ganzer Inhalt zu beſtehen ſchien. 1 „Darf ich mich wohl unterfangen, zu bitten,“ ſagte er, indem er ſich in die Richtung wandte, wo Barnaby ſtand und zuſchaute,„daß Jemand, der die Gabe des Geſichtes hat, mir für dieſes Geld Brot auf meinen Weg kaufe? Des Himmels Segen auf die jungen Füße, die ſich bemühen wollen, einem hülfloſen, blinden Mann Beiſtand zu leiſten.“ Barnaby ſah ſeine Mutter an, welche ihm be⸗ jahend zuwinkte. Im nächſten Augenblicke war er fort, um dieſen Auftrag der Barmherzigkeit zu er⸗ füllen. Der blinde Mann horchte mit aufmerſamem Geſichte, bis die Fußtritte des ſich Entfernenden der Wittwe nicht mehr hörbar ſeyn konnten, und ſprach dann plötzlich mit ganz veränderter Stimme: „Es gibt verſchiedene Arten und Grade von Blindheit, Wittwe. Da iſt die eheliche Blindheit, Ma'am, die Ihr vielleicht im Laufe Eurer eigenen Erfahrung kennen gelernt habt, und die eine Art von eigenſinniger, ſich ſelbſt die Augen verbindender Blindheit iſt. Dann die Blindheit der Parteiſucht und der öffentlichen Meinung: dieſe iſt die Blindheit eines tollen Stiers in der Mitte eines Regiments rothröckiger Soldaten. Dann die blinde Zuverſicht der Tugend: ſie iſt die Blindheit eines jungen Kätz⸗ chens, wie es auf die Welt fkömmt. Und endlich die phyſiſche Blindheit, Ma'am, von der ich, ganz gegen meinen Wunſch, ein ſprechendes Beiſpiel bin. Fügt hier noch jene Blindheit des Verſtandes bei Ma'am, von der Ihr ein Pröbchen an Eurem in⸗ tereſſanten Sohn habt, und der man kaum wie 203 einer totalen Finſterniß trauen kann, da in ihr bisweilen ein Lichtblick oder Morgenroth auftaucht. Ich habe mir daher die Freiheit genommen, Ma'am, ihn für eine kleine Weile aus dem Weg zu ſchaffen, um mich mit Euch ungeſtört benehmen zu können. Ich weiß, Ihr werdet mich entſchuldigen, Ma'am, da dieſe Vorſichtsmaßregel nur aus meinem Zart⸗ gefühl gegen Euch entſpringt.“ Nachdem er ſich dieſer Rede mit vielen Geſtiku⸗ lationen entledigt hatte, zog er unter ſeinem Rocke eine flache, ſteinerne Flaſche hervor, öffnete den Kork mit den Zähnen und goß eine reichliche Portion des darin enthaltenen Branntweins in ſeinen Waſſer⸗ krug, den er höflich auf ihre und aller Frauen Ge⸗ ſundheit mit einem Zuge leerte und, ungemein be⸗ haglich mit den Lippen ſchmatzend, wieder niederſetzte. „Ich bin ein Weltbürger, Ma'am,“ ſagte der Blinde, die Flaſche wieder zuſtöpſelnd,„und wenn ich mich etwas frei zu benehmen ſcheine, ſo iſt das nur ſo eine Mode in der Welt. Ihr möchtet wohl wiſſen, wer ich bin, Ma'am, und was mich her⸗ führt? Erfahrungen, wie ich ſie in Bezug auf die menſchliche Natur gemacht habe, führen mich zu dieſem Schluſſe, ohne daß ich der Augen dazu be⸗ dürfte, um in Euren weiblichen Geſichtszügen die Bewegungen Eurer Seele zu leſen. Ich will Eure Neugierde ſogleich zufrieden ſtellen, Ma'am; ſogleich.“ Dabei klopfte er auf die breite Fläche ſeiner Flaſche, verbarg ſie, wie zuvor, wieder unter ſeinem 204 Rock, kreuzte die Beine, legte die Hände zuſammen und machte ſich's in ſeinem Stuhle bequem, ehe er fortfuhr. Der Wechſel in ſeinem Benehmen war ſo un⸗ erwartet, ſein verſchmitztes und unverhülltes Weſen bei ſeiner Blindheit ſo befremdend— denn wir ſind gewöhnt, an Menſchen, die einen ihrer Sinne ver⸗ loren haben, ſtatt deſſen faſt etwas Göttliches zu ſehen— und dieſe Umaͤnderung verſetzte die Ange⸗ redete ſo in Furcht, daß ſie keine Sylbe hervor⸗ bringen konnte. Nachdem der Fremde, wie es ſchien, eine Zeitlang vergeblich auf eine Gegenrede oder Antwort gewartet hatte, fuhr er fort: „Ma'am, ich heiße Stagg. Ein Freund von mir, der ſeit fünf Jahren nach der Ehre getrachtet hat, Euch wieder einmal zu ſehen, hat mich beauftragt, Euch zu beſuchen,. Es ſoll mich freuen, Euch den Namen dieſes Gentleman's in's Ohr zu flüſtern.— Der Tauſend, Ma'am, ſeyd Ihr taub? Hört Ihr mich denn nicht ſagen, daß es mir eine Freude ma⸗ chen wird, Euch den Namen meines Freundes in's Ohr zu flüſtern?“ „Ihr braucht ihn nicht zu nennen,“ ſagte die Wittwe mit einem erſtickten Stöhnen;„ich ſehe nur zu gut, wer Euch ſchickt.“ „Aber als Mann von Ehre, Ma'am,“ entgeg⸗ nete der Blinde, indem er ſich auf die Bruſt ſchlug, „deſſen Beglaubigung keinem Zweifel unterliegen darf, nehme ich mir die Freiheit, Euch zu ſagen, daß ich ——,— ——.,——— 205 den Namen dieſes Gentleman nennen will. Ja, ja,“ fügte er bei, indem er mit ſeinem raſchen Ohr ſogar die Bewegung ihrer Hand aufzufangen ſchien,„aber nicht laut. Mit Eurem Wohlnehmen, Ma'am, ich erbitte mir die Gunſt, es Euch zuflüſtern zu dürfen.“ Sie trat auf ihn zu und beugte ſich nieder. Er ſagte ihr ein Wort in's Ohr, worauf ſie, hände⸗ ringend und wie eine Verrückte, im Zimmer auf und abging. Der Blinde brachte mit vollkommener Faſſung ſeine Flaſche wieder zum Vorſchein, beſorgte ſich eine neue Miſchung, ſteckte ſie, wie zuvor, wieder ein und ſprach von Zeit zu Zeit dem Getränke zu, dabei aber immer ſchweigend ihr mit dem Geſichte folgend. „Ihr ſeyd eine flaue Geſellſchafterin, Wittwe,“ ſagte er nach einer Weile, den Krug abſetzend.„Wir werden zuletzt vor Eurem Sohne ſprechen müſſen.“ „Was wollt Ihr eigentlich von mir?“ entgegnete ſie.„Was könnt Ihr von mir verlangen?“ „Wir ſind arm, Wittwe, wir ſind arm,“ er⸗ wiederte er, indem er ſeine rechte Hand ausſtreckte und den Daumen auf ſeiner Handfläche rieb. „Arm?“ rief ſie.„Und was bin denn ich?“ „Vergleichungen ſind gehäſſig,“ ſagte der blinde Mann.„Ich weiß es nicht und kümmre mich auch nicht darum. Ich ſage, wir ſind arm. Mein Freund iſt in keinen günſtigen Verhältniſſen und ich deß⸗ gleichen. Wir müſſen unſere Rechte haben, Wittwe, oder man muß ſich mit uns abſinden. Aber Ihr 206 wißt dieß ſo gut als ich; was braucht's da viel Redens?“ Sie ging noch immer in der äußerſten Verwir⸗ rung hin und her. Endlich machte ſie plötzlich vor ihm Halt und fragte: „Iſt er in der Nähe?“ „Ja. Ganz dicht bei der Hand.“ „Dann bin ich verloren!“ „Nicht verloren, Wittwe,“ ſagte der blinde Mann ruhig;„nur gefunden. Soll ich rufen?“ Nicht um die Welt,“ antwortete ſte mit einem Schauder. „Sehr gut,“ verſetzte er, die Beine wieder übereinanderlegend, denn er hatte ſich bereits an⸗ geſchickt, aufzuſtehen und nach der Thüre zu gehen, „Ganz nach Eurem Belieben, Wittwe. Ich wüßte nicht grade, wozu ſeine Gegenwart nöthig wäre. Aber er und ich, wir beide müſſen leben; um zu leben müſſen wir eſſen und trinken, und zum Eſſen und Trinken müſſen wir Geld haben:— ich ſage nicht weiter.“ „Wißt Ihr auch, wie elend und kümmerlich ich daran bin?“ entgegnete ſie.„Ich glaube nicht, daß Ihr es wißt oder wiſſen könnt. Wenn Ihr Augen hättet, um Euch in dieſer armſeligen Hütte umſehen zu können, ſo würdet Ihr Mitleid mit mir haben. Oh! möge Euer eigenes Unglück Euer Herz weicher ſtimmen, Freund, damit Ihr Erbarmen haben möget mit dem meinigen.“ .——— ———,————— ,—— ir⸗ vor — 207 Der blinde Mann ſchnippte mit den Fingern, indem er erwiederte: „Darum handelt ſich's jetzt nicht, Ma'am, ganz und gar nicht. Ich habe das weichſte Herz von der Welt, aber ich kann nicht davon leben. Mancher Gentlemen lebt wohl von einem ſchwachen Kopfe, aber ein Herz von gleicher Beſchaffenheit würde ein gewaltiger Hemmſtein für ihn ſeyn. Hört mir zu. Wir benehmen uns hier über eine Geſchäftsſache, bei der Mitleid und Gefühle nichts zu ſchaffen haben. Als Euer wechſelſeitiger Freund wünſche ich, die Sache ſo befriedigend als möglich zu arrangiren; und ſo .ſteht einmal die Sachlage.— Wenn Ihr jetzt arm ſeyd, ſo habt Ihr ſelbſt es ſo gewollt; denn Ihr habt Freunde, die für den Nothfall bereit ſind, Euch zu helfen. Mein Freund iſt in einer hülfloſeren, verlaſſeneren Lage, als die meiſten Menſchen, und da Ihr beide in einer gemeinſchaftlichen Sache zu⸗ ſammengekettet ſeyd, ſo verſieht er ſich ganz natürlich Eures Beiſtandes. Er hat lange Zeit bei mir ge⸗ wohnt und gegeſſen(denn wie ich vorhin ſagte, ich habe ein ſehr weiches Herz), und ich kann ſeiner der⸗ falſigen Anſicht nur Beifall zollen. Ihr habt immer ein Dach über Eurem Haupte gehabt— er war ſtets ausgeſtoßen. Ihr habt Euren Sohn, um Euch zu tröſten und beizuſtehen— er hat auf der ganzen Gotteswelt Niemand. Die Vortheile dürfen nicht blos auf der einen Seite liegen. Ihr ſeyd in dem⸗ 208 ſelben Boote, und wir müſſen den Ballaſt ein wenig gleicher vertheilen.“ Sie wollte ſprechen, er ließ ſte jedoch nicht zum Worte kommen und fuhr fort: Die einzige Weiſe, dieß zu thun, beſteht darin, daß Ihr hin und wieder für meinen Freund eine kleine Börſe zuſammenmacht, und dazu möchte ich Euch rathen. Ich wüßte nicht, Ma'am, daß er Euch einen Groll nachtrüge— ſo wenig ſogar, daß ich wohl ſagen kann, er hat, obgleich Ihr ihn mehr als einmal hart behandelt und aus dem Hauſe getrieben habt, noch ſo viel Liebe für Euch, daß ich glaube, er würde, ſelbſt wenn Ihr ihn auch jetzt in ſeiner Noth ſtecken ließet, ſich heranlaſſen, Euren Sohn in ſeine Obhut zu nehmen, um einen Mann aus ihm zu machen.“ Er legte einen großen Nachdruck auf die letzteren Worte und hielt jetzt inne, um ſich zu überzeugen, welche Wirkung ſie hervorgebracht hatten. Sie konnte blos durch ihre Thränen antworten. „Der Junge würde für allerhand Dinge taugen,“ ſagte der blinde Mann nachdenkend,„und wenn ich nach dem urtheilen darf, was ich ihn dieſen Abend ſprechen hörte, ſo iſt er auch durchaus nicht abgeneigt, ſein Glück in ein wenig Wechſel und Rührigkeit zu ver⸗ ſuchen.— Je nun, mit einem Worte, mein Freund muß durchaus zwanzig Pfund haben. Eine Perſon, die einen Jahrgehalt aufzugeben im Stande iſt, kann nicht um dieſe Summe für ihn verlegen ſeyn. Es — 209 wäre Schade, wenn Ihr beunruhigt werden müßtet. Ihr ſcheint hier ſehr gemaͤchlich zu ſitzen, und es iſt wohl Geldeswerth, in einer ſolchen Lage zu verblei⸗ ben. Zwanzig Pfund, Wittwe, iſt ein mäßiger Preis. Ihr wißt, wohin Ihr Euch darum zu wenden habt — die nächſte Poſt wird's Euch bringen. Zwanzig Pfund!“ Sie wollte wieder etwas entgegnen, aber er kam ihr abermals zuvor. „Sprecht nichts Uebereiltes; Ihr könntet es hin⸗ tendrein bereuen. Denkt ein Bischen drüber nach— zwanzig Pfund— von andrer Leute Geld— wie leicht! Erwägt Euch die Sache reiflich, ich habe keine Eile. Die Nacht bricht herein, und wenn ich auch hier nicht ſchlafe, ſo finde ich doch ganz in der Nähe ein Unterkommen. Zwanzig Pfund! Ihr mögt Euch zwanzig Minuten darüber beſinnen, Ma'am— für jedes Pfund eine Minute; das iſt ein ſchönes Zu⸗ geſtändniß. Ich will mich inzwiſchen an der friſchen Luft erholen, die gar mild und angenehm in dieſer Gegend iſt.“ Nach dieſen Worten nahm er ſeinen Stuhl auf und tappte ſich damit nach der Thüre. Dann ſetzte er ſich unter einem Gaisblattſtrauch nieder, ſtreckte ſeine Beine quer über die Schwelle, ſo daß Niemand ohne ſein Vorwiſſen ein⸗ oder ausgehen konnte, nahm 3 Pfeife, Stein, Stahl und Zunder aus der Taſche, und fing an zu rauchen. Es war ein lieblicher Abend und gerade jene Jahreszeit, wo die Däm⸗ Boz. XVII. Barnaby Rudge. 14 210 merung am ſchönſten iſt. Hin und wieder hielt er inne, um die Rauchwolken hinſchwinden zu laſſen und den herrlichen Duft der Blumen zu athmen; und ſo machte er ſich's bequem, als wäre die Hütte ſeine eigene Wohnung, die er ſein ganzes Leben über un⸗ beſtritten beſeſen— auf die Antwort der Wittwe und auf Barnaby's Rückkehr wartend. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Als Barnaby mit dem Brode hereinkam, ſchien ſogar ihn der Anblick des frommen alten Pilgers, der ganz that, als ob er zu Hauſe wäre, und ſeine Pfeife rauchte, zu überraſchen— um ſo mehr, da dieſer Ehrenmann ſeinen Brodlaib, ſtatt ihn als einen ſeltenen und koſtbaren Artikel in ſeine Reiſetaſche zu ſtecken, nachläſſig auf den Tiſch warf, ſeine Flaſche hervorzog und Barnaby aufforderte, ſich niederzu⸗ ſetzen und zu trinken. „Denn ich führe einen Tröſter bei mir, wie Ihr ſeht,“ ſagte er.„Verſucht dieß. Iſt es gut?“ Barnaby antwortete mit Ja, obgleich ihm das Waſſer in den Augen ſtand und die Stärke des Ge⸗ tränks ihn zum Huſten reizte. „Trinkt noch ein wenig,“ fuhr der blinde Mann 211 fort;„Ihr braucht Euch nicht davor zu fürchten, Ihr kriegt wohl nicht oft etwas der Art, he?“ „Oft?“ rief Barnaby.„Nie!“ „Zu arm?“ entgegnete der Blinde mit einem Seufzer.„Ja. Das iſt ſchlimm. Eure Mutter, die gute Seele, würde viel glücklicher ſeyn, wenn ſie reicher wäre.“ „Ei, das iſt eben, was ich ihr auch ſage. Wir haben kaum vor Eurer Ankunft davon geſprochen, als der Himmel voll Gold war,“ ſagte Barnaby, ſeinen Stuhl näher rückend und dem Andern begierig in's Geſicht blickend.„Sagt mir, gibt es wohl einen Weg, reich zu werden, den ich auffinden könnte?“ „Einen Weg? Hundert Wege!“ „Das wäre!“ entgegnete er.„Iſt's Euch wirk⸗ lich Ernſt? Was ſind das für Wege?— Nein, Mutter, ich frage nur um Eurer, nicht um meinet⸗ willen, wahrhaftig, wegen Euch. Was ſind das für Wege?“ Der blinde Mann wandte ſein Geſicht, auf wel⸗ chem ein triumphirendes Lächeln lag, nach der Stelle, wo die troſtloſe Wittwe ſtand, und antwortete: „Je nun, ein Ofenhocker kann ſie freilich nicht auffinden, mein guter Freund.“ „Ein Ofenhocker?“ rief Barnaby, ihn am Aer⸗ mel zupfend.„Wenn Ihr meint, daß ich ein Ofen⸗ hocker ſey, ſo befindet Ihr Euch im Irrthum. Ich bin oft draußen, ehe noch die Sonne am Himmel 14* 212 ſteht, und komme wieder heim, wenn ſie längſt unter⸗ gegangen iſt. Ich war ſchon in den Wäldern, ehe der Tag die ſchattigen Orte erreichte, und bin oft noch dort, wenn der glänzende Mond durch die Zweige guckt und nach dem andern Mond ſieht, der in dem Waſſer wohnt. Und auf meinen Spaziergängen ſuche ich unter dem Gras und dem Mooſe etwas von dem kleinen Gelde zu finden, um das die Mutter ſo hart arbeitet und ſo viele Thränen vergießt. Wenn ich im Schatten daliege und ſchlafe, ſo träume ich davon — es träumt mir, daß ich es in Haufen ausgrabe, daß ich es unter den verſteckteſten Büſchen auffinde, und daß ich es funkeln ſehe, wie die Tautropfen auf den Blättern. Aber ich finde es nie. Sagt mir, wo es iſt. Ich gehe hin, und wenn ich ein ganzes Jahr lang reiſen müßte; denn ich weiß, ſie würde glück⸗ licher ſeyn, wenn ich heimkäme und etwas davon mitbrächte. So ſprecht doch. Ich will auf Euch hören, und wenn Ihr die ganze Nacht durch redetet.“ Der Blinde fuhr mit der Hand leicht über das Geſicht des armen Vurſchen, und als er fand, daß ſeine Ellenbogen auf den Tiſch gepflanzt, ſein Kinn auf die beiden Hände geſtützt, er ſelbſt begierig vor⸗ geneigt und in ſeinem ganzen Benehmen das größte Verlangen und Intereſſe ausgedrückt war, ſo hielt er eine Weile inne, als wünſchte er, daß die Wittwe alles dieß bemerke, und antwortete ſodann: „Es iſt in der Welt, kühner Barnaby, in der luſtigen Welt. Man findet's nicht an einſamen Orten, unter⸗ ehe noft veige dem ſuche dem hart ich avon dabe, nde, auf mir, nzes ück⸗ von uch et.⸗ das aß inn or⸗ ßte er we —,— — 213 wie der, wo Ihr Eure Zeit verbringt, ſondern im Gedränge, wo Lärm und Getümmel iſt.“ „Gut! gut!“ rief Barnaby, ſeine Hände reibend. „Ja! Das gefällt mir. Auch Greif hat es gerne. Es ſagt uns beiden zu. Das iſt ſchöͤn.“ „Dieß ſind die Orte,“ ſagte der Blinde,„wo es einem jungen Burſchen gefallen kann und er in einem Monat ſeiner Mutter und ſich ſelbſt obendrein mehr Gutes thun kann, als hier in ſeinem ganzen Leben— das heißt, wenn er einen Freund hat, einen Menſchen, der ihm mit ſeinem Rath an die Hand geht, müßt Ihr wiſſen.“ „Hört Ihr dieß, Mutter?“ rief Barnaby, indem er ſich entzückt an ſie wandte.„Redet mir nicht mehr davon, es zu verſchmähen, wenn es ſchimmernd vor unſern Füßen liege. Warum ſeyd Ihr denn jetzt ſo darum bekümmert? Warum arbeitet Ihr vom Mor⸗ gen bis zur Nacht?“ „Allerdings,“ ſagte der Blinde;„allerdings. Habt Ihr keine Antwort, Wittwe? Seyd Ihr noch nicht mit Euch in's Reine gekommen?“ fügte er langſam bei. „Laßt uns bei Seite mit einander ſprechen,“ entgegnete die Frau. „Legt Eure Hand auf meinen Aermel,“ ſagte Stagg, indem er von ſeinem Tiſche aufſtand,„und führt mich, wohin Ihr wollt. Muth, kühner Bar⸗ naby. Wir werden noch mehr davon reden, wenn 214 Ihr Gefallen daran habt. Wartet da, bis ich wieder zurückkomme. Nun, Wittwe?“ Sie führte ihn zur Thüre hinaus in den kleinen Garten, wo ſie Halt machten. „Ihr ſeyd ein geſchickter Unterhändler,“ ſagte ſte mit verhaltenem Athem,„und ein würdiger Re⸗ präſentant des Mannes, der Euch hergeſchickt hat.“ „Ich will ihm das ausrichten,“ verſetzte Stagg. „Er hat Achtung vor Euch und wird mich um dieſes Eures Lobes willen wo möglich noch mehr reſpektiren. Aber wir müſſen unſere Rechte haben, Wittwe.“ „Rechte? Wißt Ihr auch,“ ſagte ſie,„daß ein Wort von mir—“ „Warum haltet Ihr inne?“ entgegnete der Blinde nach einer langen Pauſe mit Ruhe.„Ob ich weiß, daß ein Wort von Euch meinen Freund in die letzte Poſition des Lebenstanzes bringen kann? Allerdings. Aber was wollt Ihr damit? Es wird nie geſprochen werden, Wittwe.“ „Seyd Ihr das ſo ganz ſicher?“ „Ganz;— ſo ſicher, daß ich nicht hergekommen bin, um mit Euch dieſe Frage zu traktiren. Ich ſage, wir müſſen unſere Rechte haben, oder man muß ſich mit uns abfinden. Verliert dieß nicht aus den Augen, oder laßt mich lieber zu meinem jungen Freunde zurückkehren; denn ich nehme ein Intereſſe an dem Bürſchlein und wünſche, ihn in eine Lage zu ver⸗ ſetzen, worin er ſein Glück machen kann. Pah! Ihr braucht nicht zu ſprechen,“ fügte er haſtig bei,„ich weiß, 1 eder einen ſagte Re⸗ hat.“ agg. ieſes iren. ein inde deiß, etzte igs. hen 215 was Ihr ſagen wollt. Habt Ihr doch ſchon einmal darauf hingedeutet. Ob ich um meiner Blindheit willen kein Erbarmen mit Euch habe. Nein ich habe keines. Warum erwartet Ihr von mir, der ich im Dunkeln wandern muß, daß ich beſſer ſeyn ſoll, als Menſchen, die mit dem Augenlicht geſegnet ſind? Wie könnt Ihr auf einen ſolchen Gedanken kommen? Spricht ſich denn die Hand Gottes deutlicher in mir aus, weil ich der Augen entbehre, als bei Euch, die Ihr deren zwei habt? Entſetzen ſich da die Leute nicht, wenn ein blinder Mann raubt, lügt oder ſtiehlt! Natürlich iſt es an einem Menſchen, der von den paar Halbpencen, welche man ihm in den gedrängt vollen Straßen zuwirft, ein weit ſchlimmeres Ver⸗ gehen, als an denen, die ſehen, arbeiten können und nicht von der Barmherzigkeit der Welt abhängig ſind. Fluch über ſie! Ihr, mit Euren ſieben Sinnen, könnt ſo verrucht ſeyn, als Ihr wollt; wir aber, die wir nur unſere ſechs haben und des wichtigſten ent⸗ behren, ſollen leben und, trotz unſeres Elendes, noch tugendhaft ſeyn. Das iſt die ganze Gerechtigkeit und Menſchenliebe des Reichen gegen den Armen, mag man hinkommen, wo man will!“ Nach dieſen Worten hielt er einen Augenblick inne und horchte auf den Ton des Geldes, das in ihrer Hand klimperte. „Nun?“ rief er, raſch wieder in ſeine frühere Weiſe verfallend.„Das könnte zu etwas führen. Wie ſtehen wir, Wittwe?“ 216 „Zuerſt beantwortet mir eine Frage,“ verſetzte ſie.„Ihr ſagt, er ſey dicht zur Hand. So hat er alſo London verlaſſen?“ „Es muß wohl ſo ſeyn, wenn ich ſage, daß er dicht zur Hand ſey,“ erwiederte der Blinde. „Ich meine, ob auf die Dauer? Ihr müßt das wiſſen.“ „Ja, auf die Dauer. Die Sache iſt nemlich ſo, Wittwe, daß ein längerer Aufenthalt daſelbſt unangenehme Folgen für ihn hätte haben können. Aus dieſem Grunde hat er ſich davon gemacht.“ „So hört,“ ſagte die Wittwe, indem ſie einiges Geld auf die nebenſtehende Bank legte.„Zählt.“ „Sechs,“ ſagte der Blinde, aufmerkſam horchend. „Nicht weiter?“ 4 „Es iſt die Erſparniß von funf Jahren, ant⸗ wortete ſie.„Sechs Guineen.“ Er ſtreckte die Hand nach einem der Goldſtücke aus, betaſtete es ſorgfältig, probirte es an den Zäh⸗ nen und ließ es auf der Bank klingen; dann winkte er ihr zu, fortzufahren. „Ich habe ſie zuſammengeſcharrt und zurückge⸗ legt für den Fall, daß Krankheit oder Tod mich von meinem Sohne trennen ſollte. Sie wurden zu einem theuren Preiſe erkauft— haben mich viel Hunger, ſchwere Arbeit und viele ſchlafloſe Nächte gekoſtet. Wenn Ihr ſie nehmen könnt— ſo thut es— unter der Bedingung, daß Ihr augenblicklich dieſen Ort „—— „—— 212 verlaßt und nie mehr nach dem Zimmer zurückfehrt, wo er jetzt ſitzt und Euer Wiederkommen erwartet.“ „Sechs Guineen?“ ſagte der blinde Mann, den Kopf ſchüttelnd.„Sie ſind zwar ſo vollwichtig, als nur je eine geprägt wurde— aber noch bei Weitem keine zwanzig Pfund, Wittwe. Um eine ſolche Summe müßte ich, wie Ihr wohl wißt, nach einem fernen Theile des Landes ſchreiben. Um dieß thun und eine Antwort erhalten zu können, brauche ich Zeit.“ „Zwei Tage?“ fragte Stagg. „Mehr.“ „Vier Tage?“ „Eine Woche. Kommt heute über acht Tage um dieſelbe Stunde wieder, aber nicht in's Haus. Wartet an der Ecke der Gaſſe.“ „Natürlich werde ich aber Euch hier finden?“ entgegnete der Blinde mit einer verſchmitzten Miene. „Wo anders hin könnte ich meine Zuflucht neh⸗ men? Iſt es nicht hinreichend, daß Ihr mich zu einer Bettlerin gemacht, und daß ich meine ganze ſauer erworbene Habe hingeopfert habe, um mir dieſe Herberge zu bewahren?“ „Hum!“ ſagte der blinde Mann nach einiger Erwägung.„Bringt mich in die Mitte des Weges und richtet mein Geſicht nach der Stelle, von der Ihr ſprecht.— Iſt dieß der Ort?“ „Ja. „Alſo heute über acht Tage um Sonnenunter⸗ 218 gang. Und denket an den d'rinnen.— Vor der Hand gute Nacht.“ Sie antwortete nicht. Auch wartete er nicht darauf, ſondern ging langſam weiter, von Zeit zu Zeit den Kopf umwendend und horchend ſtehen blei⸗ bend, als ſey er neugierig, ob ihm nicht Jemand nachſchaue. Die Schatten der Nacht hatten ſich mehr und mehr geſammelt, und er verlor ſich bald in der Dunkelheit. Aber erſt, als er ganz aus dem Wege war und kein Zweifel mehr obwalten konnte, daß er ſich wirklich entfernt hatte, kehrte die Wittwe nach der Hütte zurück und verriegelte haſtig Thüre und Fenſter. „Mutter!“ ſagte Barnaby,„was gibts?“ Wo iſt der blinde Mann?“ „Er iſt fort.“ „Fort?“ rief er aufſpringend.„Ich muß noch mehr mit ihm reden. Welchen Weg hat er ge⸗ nommen?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete ſie, ihn mit ihren Armen umſchlingend.„Aber du mußt dieſen Abend nicht mehr ausgehen. Es ſind Geiſter und Träume draußen.“ „Ja?“ entgegnete Barnaby in furchtſamem Flüſtern. „Es iſt nicht geheuer, heute das Haus zu ver⸗ laſſen. Aber morgen müſſen wir fort von hier.“ „Von hier? Von dieſer Hütte— und von dem kleinen Garten, Mutter?“ ☛ n * 219 „Ja! Morgen mit Sonnenaufgang. Wir müſ⸗ ſen nach London. Dort verlieren wir uns unter der Maſſe— nach jeder andern Stadt würde man un⸗ ſere Spur verfolgen können. Dann reiſen wir wie⸗ der und ſuchen uns einen neuen Wohnort.“ Es gehörte wenig Ueberredungsgabe dazu, Bar⸗ naby mit Allem zu verſöhnen, was einen Wechſel verſprach. In der nächſten Minute war er ganz außer ſich vor Entzücken, dann wieder voll Schmerz über die Nothwendigkeit, ſich von ſeinen Freunden, den Hunden, trennen zu müſſen; dann wieder freu⸗ dig, und dann furchtſam und voll Schreckhaftigkeit, indem er die wunderlichſten Fragen wegen der ängſti⸗ genden Worte ſtellte, deren ſich ſeine Mutter bedient hatte, um ihn abzuhalten, heute aus dem Hauſe zu gehen. Seine Leichtherzigkeit gewann indeß die Ober⸗ hand über alle andern Gefühle. Er legte ſich in den Kleidern nieder, um am Morgen zeitig bereit zu ſeyn, und verfiel bald vor dem ärmlichen Torffeuer in einen feſten Schlaf. Seine Mutter ſchloß kein Auge, ſondern blieb wachend an ſeiner Seite ſitzen. Jeder Windhauch tönte in ihren Ohren, wie jener gefürchtete Fußtritt an der Thüre, oder wie eine auf die Klinke gelegte Hand, und machte die ruhige Sommernacht für ſie zu einer Nacht des Entſetzens. Endlich erſchien der willkommene Tag. Sobald ſie die kleinen Vorberei⸗ tungen, die ſie für die Reiſe nöthig hielt, getroffen und unter vielen Thränen auf den Knieen gebetet hatte, weckte ſie Barnaby, der auf ihren Ruf heiter aufſprang. Sein Kleidervorrath war gering, und Greif zu tragen war ein Lieblingsgeſchäft. Mit dem erſten Strahle der Sonne ſchloßen ſie die Thüre der Hütte, welche nun verlaſſen bleiben ſollte, und traten ihre Wanderung an. Der Himmel war hell und blau, die Luft friſch und mit tauſend Wohlgerüchen erfüllt. Barnaby blickte in die Höhe und lachte aus vollem Herzen. Doch es war ein Tag, den er ſonſt irgend einem langen Streifzuge zu widmen pflegte, und einer der Hunde— der häßlichſte von allen— kam herange⸗ ſprungen und hüpfte in der Ueberfülle ſeiner Freude um ihn her. Er mußte ihn mit ſtrengen Worten zurückweiſen, und das Herz blutete ihm, als er es that. Der Hund wich zurück und ſchaute mit halb ungläubigem, halb flehentlichem Blicke nach ihm auf; dann kam er wieder ein wenig näher und machte Halt. Es war die letzte Bitte eines alten Gefährten und eines treuen— eines verſtoßenen Freundes⸗ Dieß war zu viel für Barnaby; er ſchüttelte den Kopf, winkte ſeinem Spielgefährten nach Hauſe und brach in Thränen aus. „O Mutter, Mutter, wie traurig wird er ſeyn, wenn er an der Thüre kratzt und ſie immer verſchloſ⸗ ſen findet!“ Es lag ſo viel Sinn für eine Heimath in dem 58 221 Gedanken, daß ſie ihn nicht um alle Reichthümer der Welt, obgleich ihr die Augen dabei überſtrömten, hätte vergeſſen mögen; und auch auf Barnaby machte er einen bleibenden Eindruck. Siebenundvierzigſtes Kapitel. In der unerſchöpflichen Reihe der Wohlthaten, die der Himmel dem Menſchengeſchlechte ſpendet, muß die uns inwohnende Kraft, ſelbſt in den ſchwerſten Prüfungen einen Keim des Troſtes zu finden, ſtets die erſte Stelle einnehmen— nicht nur, weil ſie uns ſtützt und aufrecht erhält, wo wir deſſen am meiſten bedürfen, ſondern weil in dieſer Quelle des Friedens etwas liegt, was wir mit Grund einen göttlichen Hauch nennen mögen: etwas von jener Güte, das uns auch in Mitte unſeres ſündigen Treibens eine verſöhnende Eigenſchaft enthüllt; etwas, das wir, trotz unſerer gefallenen Natur, mit den Engeln ge⸗ mein haben, das ſeinen Urſprung aus den Zeiten hat, als dieſe Boten des Friedens noch auf Erden wandelten, und jetzt noch mitleidig hienieden weilt. Wie oft bedachte die Wittwe auf ihrer Wande⸗ rung mit dankbarem Herzen, daß Barnaby's Liebe und Heiterkeit aus ſeiner Geiſtesſchwäche ſproſſe! Wie oft führte ſie ſich zu Gemüthe, daß er ohne dieſen Umſtand vielleicht tückiſch, mürriſch, lieblos, fern von ihr— wohl gar verbrecheriſch und grauſam ſeyn könnte! Wie oft hatte ſie Urſache, ſich durch ſeine Kraft, ſeine Hoffnungsfülle und ſein einfaches Weſen getröſtet zu fühlen! War es nicht jetzt eine Beruhigung für ſie, daß gerade dieſe Geiſtesſchwäche ihn der Vergangenheit ſo bald vergeſſen ließ— etwa kurze, leuchtende Blitze ausgenommen. Die Welt hatte nichts als Glück für ihn; jeder Baum, jede Pflanze, jede Blume, jeder Vogel, jedes Thierchen, ſogar das kleinſte Inſekt, das ein Sommerlüftchen auf die Erde warf, war für ihn ein Gegenſtand des Entzückens. Seine Luſt war auch die ihrige; und wo ein verſtändiger Sohn ihr Herz ſorgenſchwer ge⸗ macht hätte, erfüllte dieſer arme, frohſinnige Ver⸗ rückte ihr Inneres mit Dank und Liebe. Ihre Baarſchaft war nur gering, denn von dem ganzen Schatz, welchen die Wittwe in die Hand des Blinden gezählt, hatte ſie nur eine einzige Guinee zurückbehalten. Freilich war dieſe mit ein paar Pencen, die ſie außerdem beſaß, für zwei ſo mäßige Perſonen ſogar ein Reichthum zu nennen. Außerdem hatten ſie auch Greif bei ſich, und ſtatt die Guinee wechſeln zu laſſen, durften ſie ihn nur an der Thüre eines Bierhauſes, in der Straße eines Dorfes, oder auf den Gütern und Gärten eines Landhauſes der beſſe⸗ ren Art ausſtellen, um Dutzende, die aus Barmher⸗ zigkeit nichts gegeben haben würden, zu veranlaſſen, W α—— O&ᷣ 8——— g R n — 8 — N 223 in ihrer Freude über den ſchwatzenden Vogel, ſich von einer Kleinigkeit an Geld zu trennen. Eines Tages— denn ihre Reiſe ging nur lang⸗ ſam von Statten, und ſie befanden ſich, obgleich ſie hin und wieder mit Karren oder Frachtwagen fahren konnten, bereits eine Woche unterwegs— bat Bar⸗ naby, Greif auf ſeiner Schulter und die Mutter hinter ihm, in einem hübſchen Thürſteherſtübchen um die Erlaubniß, nach einem großen Hauſe an der andern Seite der Allee hinaufgehen und ſeinen Raben zeigen zu dürfen. Der Portier war nicht abgeneigt, ſie einzulaſſen und wollte ihnen eben öffnen, als ein wohlbeleibter Gentleman mit einer langen Peitſche in der Hand und einem glühendrothen Geſichte, das auf ſeinen Morgentrunk hinzudeuten ſchien, gegen das Gitterthor angeritten kam, vor dem er mit lauter Stimme und mit mehr Flüchen, als wohl nöthig ſchien, augenblicklichen Einlaß verlangte. „Was haſt du hier aufgegriffen?“ ſagte der Gentleman zornig, als der Thürſteher das Thor weit öffnete und ſeinen Hut abzog.„Wer ſind dieſe? He? Biſt du eine Bettlerin, Weib?“ Die Wittwe antwortete mit einer Verneigung, daß ſie arme Reiſende wären. „Vaganten,“ entgegnete der Gentleman,„Va⸗ ganten und Lumpenpack. He, willſt du mit dem Käfig Bekanntſchaft machen— mit dem Käfig, dem Block und dem Auspeitſchungspfahle? Woher kömmſt du?“ Sie gab mit ſchüchterner Miene Auskunft dar⸗ über— denn der Rothkopf ſprach ſehr laut und patzig— und bat ihn, nicht zu zürnen, da ſie ganz in Gutem gekommen wären und augenblicklich ihres Weges weiter ziehen wollten. „Das wollen wir erſt ſehen,“ verſetzte der Gent⸗ leman.„Wir laſſen hier kein Lumpengeſindel herum⸗ ſtreifen. Ich weiß wohl, was du im Schilde führſt — Leinwand, die zum Trocknen an den Hecken auf⸗ gehängt iſt, und Geflügel zu ſtehlen, he? Was haſt du in deinem Korbe, du Tagedieb?“ „Greif, Greif, Greif— Greif, der Geſcheidte, Greif, der Boshafte, Greif, der Schelm— Greif, Greif, Greif!“ rief der Rabe, welchen Barnaby bei der Annäherung Seiner Geſtrengen wieder in den Korb geſteckt hatte.„Ich bin ein Teufel, ich bin ein Teufel, ich bin ein Teufel. Nichts da von Ster⸗ ben! Hurrah! Bau, wau, wau! Polly, ſetz' den Keſſel auf, wir wollen Alle Thee haben.“ „Nimm das Geſchmeiß heraus, du Galgen⸗ ſtrick,“ ſagte der Gentleman,„und laß mich's ſehen.“ Auf dieſe herablaſſende Anrede nahm Barnaby, freilich nicht ohne Furcht und Zittern, ſeinen Vogel heraus und ſetzte ihn auf den Boden nieder. Dieß war kaum geſchehen, als Greif wenigſtens fünfzig Stöpſel auszog und dann zu tanzen anfing; dabei beäugelte er den Gentleman mit erſtaunlicher Unver⸗ ſchämtheit und drehte ſeinen Kopf ſo gewaltig auf ³£½̈— ☛* 8 —— —,—² — N 225 die Seite, daß es den Anſchein hatte, als wolle er ihn auf der Stelle ganz abſchrauben. Das Korkziehen ſchien auf den geſtrengen Herrn einen weit größeren Eindruck zu machen, als das Sprachtalent des Raben, da erſteres in der That mehr zu den Gewohnheiten und der Faſſungsgabe des Gentleman paßte. Er verlangte eine Wiederho⸗ lung deſſelben; aber trotz ſeines ſehr dictatoriſchen Befehles, und ungeachtet Barnaby allen ſeinen Schmei⸗ chelworten aufbot, hatte Greif für das Anſinnen doch nur ein taubes Ohr, denn er verblieb jetzt mäus⸗ chenſtille. „Bring ihn mit,“ ſagte der Gentleman, nach dem Hauſe deutend. Aber Greif, der auf dieſe Geberde Acht gegeben hatte, kam ſeinem Gebieter zuvor, indem er voran hüpfte, dabei unabläſſig mit den Flügeln ſchlagend und zwiſchen hinein„Köchin“ rufend— vielleicht als eine Andeutung, daß Geſellſchaft komme, welche eine kleine Erfriſchung nicht verſchmähen würde. Barnaby und ſeine Mutter gingen zu beiden Seiten des Reiters her, der ſie von Zeit zu Zeit ſtolz und grob in's Auge faßte und bisweilen eine Frage herausdonnerte, deren Ton Barnaby ſo ſehr erſchreckte, daß er keine Worte finden und daher ganz natürlich auch nicht antworten konnte. Bei einer ſolchen Gelegenheit, als der Gentleman geneigt ſchien, ſeine Reitpeitſche in Anwendung zu bringen, wagte es die Wittwe, ihm mit leiſer Stimme und Boz XVII. Barnaby Rudge. 15 226 mit Thränen in den Augen mitzutheilen, daß ihr Sohn geiſtesſchwach ſey. „Ein Blödſinniger, he?“ ſagte der Gentleman, während dieſer Worte auf Barnaby ſchauend.„Und wie lange biſt du's ſchon?“ „Sie weiß es,“ gab Barnaby ſchüchtern zur Antwort, indem er auf ſeine Mutter deutete—„ich, immer glaube ich.“ „Von Geburt an,“ ſagte die Wittwe. „Kein wahres Wort daran,“ rief der Gentleman. „Eine bloße Ausflucht, um nicht arbeiten zu müſſen. Solche Krankheiten kurirt man mit Nichts ſicherer, als mit der Peitſche. Ich ſtehe dafür, in zehn Minuten iſt er mir ganz anders.“ „Der Himmel hat ihn nicht anders machen können in mehr als zwanzig Jahren, Sir,“ entgeg⸗ nete die Wittwe ſanft. „Warum läßt du ihn denn nicht einſperren? Die Grafſchaft zahlt genug für dieſe verdammten Narrenhäuſer. Aber natürlich willſt du ihn lieber mit dir herumſchleppen, um Mitleid zu erregen. Na, ich kenne dich.“ Nun hatte dieſer Gentleman unter ſeinen ver⸗ trauten Freunden unterſchiedliche Lieblingsnamen. Die Einen nannten ihn„einen Landedelmann aus der ächten Schule,“ Andere„einen charmanten alten Landedelmann,“ Einige„einen Fuchsjäger,“ Andere „einen Engländer von gutem alten Schlage,“ und wieder Andere„einen ächten und gerechten John 227 Bull;“ in einem Betracht kamen aber Alle überein, nämlich, es ſey Schade, daß es nicht mehr ſeines Gleichen gäbe und daß aus eben dieſem Grunde das Land mit jedem Tage mehr ſeinem Verfall und Untergang näher entgegen gehe. Er war Friedens⸗ richter und konnte beinahe ſeinen Namen leſerlich ſchreiben; ſeine vorzüglichſten Eigenſchaften beſtanden jedoch darin, daß er ſtrenger mit den Wilddieben umging, beſſer ſchoß, ſchärfer ritt, beſſere Hunde und Pferde hielt, mehr eſſen und ſtarken Wein trinken konnte, jeden Tag trunkener zu Bette ging und jeden Morgen nüchterner aufſtand, als irgend ein Menſch in der ganzen Grafſchaft. Auf Pferde⸗ fleiſch verſtand er ſich faſt wie ein Kurſchmied; an Stallwiſſenſchaften that er es ſeinem eigenen Ober⸗ ſtallknecht zuvor, und was die Gefräßigkeit betraf, ſo konnte es kein Schwein auf ſeinem ganzen Gute ihm gleich thun. Er hatte zwar keinen Sitz im Parlament, war aber doch ausnehmend patriotiſch und kutſchirte gewöhnlich ſeine Wahlmänner eigen⸗ händig zum Poll. Er hing ſehr eifrig an der Kirche und ließ in ſeinem Bezirke Niemandem eine Pfründe zukommen, der nicht ein tüchtiger Trinker und Fuchs⸗ jäger erſten Ranges war. Alle armen Leute, die leſen und ſchreiben konnten, waren ihm verdächtig, und da ſeine Frau — eine junge Dame, die er, wie ſeine Freunde es nannten, aus dem„guten, altengliſchen Grunde“ geheirathet hatte, daß ſich ihres Vaters Vermögen 15* 228 mit dem ſeinigen verſchmelze— in dieſer Hinſicht größere Kenntniſſe beſaß, als er ſelbſt, ſo konnte auch ſie ſeiner geheimen Eiferſucht nicht entgehen. Mit einem Worte— wenn Barnaby ein Verrückter, und Greif ein Geſchöpf von bloß thieriſchen Inſtinkt genannt werden konnte, ſo ließ ſich kaum ſagen, was dieſer Gentleman war. Er ritt an der hohen Treppenflucht eines ſchö⸗ nen Hauſes an, wo ein Diener wartete, um ihm das Pferd abzunehmen; dann ging er nach einer großen Halle voraus, die, trotz ihrer Geräumigkeit, ganz mit den Düften übernächtiger Schlemmerei an⸗ gefüllt war. Ueberröcke, Reitpeitſchen, Zaͤume, Stulpenſtiefel, Sporen und ſonſtiger Plunder lagen überall umhergeſtreut und bildeten, nebſt einigen un⸗ geheuren Hirſchgeweihen und Porträts von Hunden und Pferden, die Hauptverzierung der Halle. Er warf ſich in einen großen Lehnſtuhl, in welchem er beiläufig geſagt, oft die ganze Nacht durch zu ſchnarchen pflegte, wenn er, nach dem Urtheile ſeiner Bewunderer, ein noch charmanterer Landedelmann als ſonſt geweſen war, und befahl dem Diener, ſeine Gebieterin herunter zu rufen. Unmittelbar darauf erſchien auch, augenſcheinlich etwas verwirrt durch dieſe ungewohnte Einladung, eine Dame, die viel jünger, als er ſelbſt, von ſehr zartem Bau, und, wie man ſehen konnte, nicht allzu glücklich war. „Da! du haſt keine Freude daran, wie es 229 einer Engländerin ziemt, den Jagdhunden zu folgen,“ ſagte der Gentleman.„So ſieh' einmal dieß hier an— vielleicht iſt's nach deinem Geſchmacke.“ Die Dame lächelte, ſetzte ſich in einiger Ent⸗ fernung von ihm nieder und betrachtete Barnaby mit einem mitleidigen Blick. „Das Weib ſagt, er ſey verrückt,“ bemerkte der Gentleman mit einem Kopfſchütteln;„aber ich glaub's nicht.“ „Seyd Ihr ſeine Mutter?“ fragte die Dame. Die Antwort lautete bejahend. „Was hilft's, ſie zu fragen?“ ſagte der Gent⸗ leman, ſeine Hände in die Beinkleidertaſchen ſteckend, „Die ſagt natürlich nicht anders. Höchſt wahrſchein⸗ lich iſt er gemiethet um ſo und ſo viel für den Tag. Nun. Fang einmal an. Laß ihn was machen.“ Greif, der inzwiſchen wieder zu Laune gekom⸗ men war, geruhte auf Barnaby's Bitten, ſeine ver⸗ ſchiedenen Redensarten zu wiederholen und alle ſeine Leiſtungen mit dem ſchönſten Erfolg durchzumachen. Die Stöpſel und die„Nichts da von Sterben“ ge⸗ währten dem Gentleman ſo viel Vergnügen, daß er ſo lange eine Repetition dieſes Theils der Dar⸗ ſtellung verlangte, bis Greif in ſeinen Korb ſpazirte und ſich entſchieden weigerte, auch nur noch ein Wörtchen, mochte es nun gut oder bös ſeyn, zu ſagen. Auch die Dame unterhielt ſich ſehr gut da⸗ mit, und die ſchließliche Störrigkeit des Vogels er⸗ götzte ihren Herrn Gemahl dermaßen, daß er in ein 230 ſchallendes Gelächter ausbrach und nach dem Preiſe fragte. Barnaby ſah ihn an, als ob er ihn nicht ver⸗ ſtände. Wahrſcheinlich war es auch wirklich der Fall. „Den Preis,“ ſagte der Gentleman, indem er in ſeiner Taſche mit Geld klimperte.„Was willſt du für ihn haben? Wie viel?“ „Er iſt nicht zum Verkaufen,“ entgegnete Bar⸗ naby, indem er haſtig den Korb zumachte und den Riemen über ſeine Schulter warf.„Mutter, kommt mit.“ „Da ſiehſt du, wie blödſinnig er iſt, du Bücher⸗ gelehrte,“ ſagte der Gentleman, ſeiner Gattin einen verächtlichen Blick zuwerfend.„Wie er ſich auf's Handeln verſteht. Was verlangſt du dafür, altes Weib?“ „Er iſt der beſtändige Begleiter meines Sohnes,“ ſagte die Wittwe,„und iſt in der That nicht zu ver⸗ kaufen.“ „Nicht zu verkaufen?“ rief der Gentleman noch lauter und barſcher, als zuvor, dabei noch zehnmal röther werdend.„Nicht zu verkaufen?“ „Nein, gewiß nicht,“ antwortete ſie.„Ich kann Euch verſichern, Sir, daß wir nie entfernt daran gedacht haben, ihn wegzugeben.“ Er war augenſcheinlich im Begriffe, eine höchſt leidenſchaftliche Erwiederung zu machen, als einige leiſe Worte von Seite ſeiner Gattin an ſein Ohr ſchlugen, worauf er ſich raſch umwandte und fragte: 231 „He? Was?“ „Wir können ihnen nicht zumuthen, den Vogel gegen ihren Willen zu verkaufen,“ ſtotterte ſie.„Wenn ſie ihn daher behalten wollen——“ „Ihn behalten wollen?“ wiederholte er.„Dieſe Leute, welche das Land durchſtreichen, um lange Finger zu machen und ein Vagabundenleben zu füh⸗ ren— und einen Vogel behalten wollen, wenn ein Landeigenthümer und Friedensrichter nach dem Preiſe fragt? Dieſes alte Weib iſt in die Schule gegangen. Ich weiß das. Läugne es nicht,“ brüllte er die Wittwe an;„ich ſage: Ja.“ Die Wittwe bekannte ſich als dieſer Bezüchti⸗ gung ſchuldig und drückte ihre Hoffnung aus, daß es nichts Unrechtes ſey. „Nichts Unrechtes?“ ſagte der Gentleman.„Nein, nichts Unrechtes. Nichts Unrechtes, du alte Rebel⸗ lin; kein Bischen Unrechtes. Wenn mein Büttel da wäre, ließe ich dich in den Block ſtecken, ja, oder in's Gefängniß legen für's Landſtreichen und Auf⸗ paſſen, ob es nicht irgendwo'was zu ſtipitzen gibt, du Stück von einer Zigeunerin. Da, Simon, ſchaff’ dieſes Diebsgeſindel hinaus, wirf ſie auf die Straße — hinaus mit ihnen! Ihr wollt den Vogel nicht verkaufen und kommt nur her, um zu betteln, he? Wenn ſie nicht im Doppelſchritt Reißaus nehmen, ſo hetze die Hunde auf ſie.“ Sie warteten keine weitere Entlaſſung ab, ſon⸗ dern flohen eiligſt, den Gentleman allein laſſend, da 232 ſich ſeine arme Gattin bereits entfernt hatte. Sie machten viele vergebliche Verſuche, Greif zum Schwei⸗ gen zu bringen, der, während ſie die Allee hinunter⸗ eilten, durch den Lärm aufgeregt ſo viele Stöpſel auszog, daß man ein Citybanquett damit hätte ver⸗ ſehen können, und ſich ſelbſt über die Maßen Glück zu wünſchen ſchien, daß er zu einem Tumulte Anlaß gegeben hatte. Als ſie in der Nähe des Pförtner⸗ häuschens anlangten, tauchte ein anderer Diener aus dem Geſträuche auf, der ſich ganz geſchäftig anſtellte, ſie fortzuſchaffen, im Geheim aber der Wittwe eine Krone in die Hand drückte und ihr zuflüſterte, daß ſie von ſeiner Gebieterin komme, worauf er ſie ſachte zu dem Thore hinausſchob. Dieſer Vorfall weckte in der Wittwe, als ſie einige Meilen weiter unten bei einem Bierhauſe Halt machten und den Charakter des Friedensrichters in dem Sinne ſeiner Freunde beurtheilen hörte, nur die Muthmaßung, daß vielleicht doch etwas mehr als ein guter Magen und Geſchmack für Stall und Hundehütten erforderlich ſey, um einen vollkommenen Landedelmann, einen Engländer von gutem altem Schlage, oder einen ächten und gerechten John Bull zu bilden, und daß dieſe Ausdrücke bisweilen ſehr unrecht angebracht, wo nicht gar entehrt würden. Sie ließ ſich damals wenig träumen, daß ein ſo ge⸗ ringfügiger Umſtand je auf ihr künftiges Glück ein⸗ wirken könnte; aber Zeit und Erfahrung ſollten ſie in dieſer Hinſicht belehren. 233 „Mutter,“ ſagte Barnaby, als ſie des andern Tages in einem Frachtwagen ſaßen, der ſie bis auf zehn Meilen in die Nähe der Hauptſtadt bringen ſollte;„Ihr ſagtet, wir gehen zuerſt nach London; werden wir den blinden Mann dort ſehen?“ Sie wollte ſchon mit einem„Gott behüte!“ antworten, hielt aber wieder inne und ſagte ihm, ſie glaube nicht, und warum er ſo frage. „Er iſt ein verſtändiger Mann,“ ſagte Barnaby mit gedankenvoller Miene.„Ich wollte, wir träfen ihn dort wieder. Was hat er doch von dem Gedränge geſagt? Gold könne man finden, wo viele Leute beiſammen wären, aber nicht unter den Bäumen und an ſo ruhigen Orten? Er ſprach, als ob er ſelbſt ein Freund von Gold ſey. In London gibt es viele Leute; ich denke, wir werden ihn dort treffen.“ „Aber warum wünſcheſt du ihn zu ſehen, mein Kind?“ fragte ſie. „Weil,“ entgegnete Barnaby, ſeine Mutter ver⸗ ſchmizt anſehend,„weil er von Gold mit mir ſprach, und das iſt jedenfalls eine ſeltene Sache. Sage mir, was du willſt, ich weiß, es iſt ein Ding, das du auch haben möchteſt. Außerdem noch, weil er auf eine ſo wunderſame Weiſe kam und ging— gerade wie die weißköpfigen alten Leute, die bisweilen des Nachts unten an mein Bett treten und mir Dinge ſagen, auf die ich mich nicht mehr erinnern kann, wenn der helle Tag zurückkehrt. Er ſagte mir, er 234 wolle wieder kommen. Ich möchte nur wiſſen, war⸗ um er nicht Wort gehalten hat!“ „Aber du haſt früher nie daran gedacht, reich ſeyn und prächtige Kleider tragen zu wollen, lieber Barnaby. Du biſt ſonſt immer ſo zufrieden geweſen.“ Er lachte und verlangte, daß ſie ihm dieß noch einmal ſage; dann rief er:„je nun— o ja!“ und lachte auf's Neue. Dann feſſelte etwas in der Nähe ſeine Aufmerkſamkeit, und der Gegenſtand war ver⸗ geſſen, um einem andern eben ſo flüchtigen Platz zu machen. Jedenfalls war indeß aus ſeinen Worten und aus dem Umſtande, daß er an dieſem und an dem nächſten Tage immer wieder auf den Beſuch des blinden Mannes und ſogar auf deſſen Reden zurück⸗ kam, klar, daß jene kurze Erſcheinung in ſeinem Geiſte feſte Wurzeln gefaßt haben mußte. Hatte nun die Idee des Reichthums ihren erſten Urſprung in dem Anblick der goldenen Wolken jenes Abends— denn oft drängten ſich in Folge von Außendingen ſeinen Gedanken Bilder auf, die gar nicht mit denſelben in Zuſammenhang ſtanden— war es ihre armſelige und dürftige Lebensweiſe, die ihn längſt auf den Gegenſatz gebracht, lag der plötzliche Anlaß in dem ſcheinbaren Zufalle, daß des blinden Mannes Denk⸗ weiſe dieſelbe Richtung mit der ſeinigen verfolgte, oder hatte blos die Blindheit des Mannes, um deren willen ſich derſelbe ſo ſehr von denjenigen, mit wel⸗ chen er ſonſt geſprochen, unterſchied, einen ſolchen ——— 23⁵5 Eindruck auf ihn gemacht— wir wiſſen das nicht zu ſagen. Sie gab ſich alle Mühe, dieſer Frage auf den Grund zu kommen, aber vergeblich; auch war die Sache Barnaby wahrſcheinlich eben ſo unklar. Es erfüllte ſie mit Unruhe, daß er immer wieder dieſelbe Saite berührte; ſie wußte aber weiter nichts zu thun, als ihn raſch auf ein anderes Thema zu führen, um ihn in dieſer Weiſe davon abzulenken. Ihn vor jenem Beſuch zu warnen, Furcht oder Arg⸗ wohn gegen denſelben an den Tag zu legen— dieß, fürchtete ſie, könnte das Intereſſe, das Barnaby für ihn fühlte, nur vermehren und den Wunſch, wieder mit ihm zuſammenzutreffen, verſtärken. Sie hoffte im Gewühl der Menſchen ihres ſchrecklichen Verfolgers los zu werden und, wenn ſie dann, wo möglich mit erhöheter Vorſicht, nach irgend einem fernen Winkel wanderte, in ſliller Verborgenheit ein ruhiges Leben führen zu können. Sie erreichten im Laufe der Zeit ihre noch zehen Meilen von London entlegene Station, und blieben daſelbſt über Nacht, nachdem ſie ſich zuvor für eine Kleinigkeit Plätze auf einem leichteren Wägelchen verſchafft hatten, das leer nach London zurückkehrte und des andern Morgens um fünf Uhr abfahren ſollte. Der Kutſcher war pünktlich, die Wege gut(den Staub ausgenommen, da die Witterung ſehr heiß und trocken war), und Freitag den zweiten Juni Tauſend Siebenhundert und Achtzig, Vormittags um ſieben Uhr, ſtiegen ſie an der Weſt⸗ 236 minſterbrücke aus, verabſchiedeten ſich von ihrem Führer und ſtanden jetzt allein mit einander auf dem ſengenden Pflaſter; denn die Friſche, welche die Nacht über ſolche rührige Straßen verbreitet, war bereits entwichen, und die Sonne leuchtete mit un⸗ gewöhnlichem Glanze. Achtundvierzigſtes Kapitel. Ungewiß, wohin ſie zunächſt gehen ſollten, und verwirrt durch das Volksgedränge, das bereits auf den Beinen war, ſetzten ſie ſich in eine der Brücken⸗ niſchen, um auszuruhen. Bald bemerkten ſie jedoch, daß der Menſchenſtrom ſich nach einer Nichtung hin. ergoß, und daß große Haufen in ungewöhnlicher Eile von Middleſer aus nach dem Surreyufer über⸗ ſetzten. Die Leute waren meiſtens zu zwei oder drei, bisweilen auch ein halb Dutzend beiſammen, ſprachen nur wenig mit einander— viele blieben ganz und gar ſtumm— und eilten vorwärts, als hätten ſie nur Ein gemeinſames, alles verdrängendes Ziel im Auge. Sie waren nicht wenig verwundert, als ſie ſahen, daß faſt jeder in dieſem großen Gewühle, 237 das unabläſſig an ihnen vorbeizog, an ſeinem Hute auf eine blaue Kokarde trug, und daß die gelegentlichen Spaziergänger, welche dieſer Dekoration entbehrten, ängſtlich der Beobachtung oder einem Angriffe zu un⸗ entgehen ſuchten, den Anderen, gleichſam zur Ver⸗ ſöhnung, die Trottoirs einräumend. Dieß war je⸗ doch ſehr natürlich, da ſie bei Weitem die Minder⸗ zahl bildeten, denn das Verhältniß der Kokarden⸗ träger gegen diejenigen, welche wie gewöhnlich ge⸗ kleidet waren, geſtaltete ſich mindeſtens wie vierzig oder fünfzig zu eins. Es kam indeß zu keinem Streite. Die blauen Kokarden ſchwärmten vor⸗ wärts, ſich gegenſeitig den Vorrang abzulaufen ſtrebend, und ſputeten ſich ſo ſehr, als es bei einer and. derartigen Volksmaſſe möglich war; dabei kommuni⸗ auf zirten ſie unter ſich höchſtens nur durch Blicke, ken⸗ während diejenigen, welche nicht zu ihrer Zahl ge⸗ och, hörten, gar nicht beachtet wurden. hin Anfangs hatte ſich der Menſchenſtrom auf die her beiden Trottoirs beſchränkt, und nur Wenige, die es er⸗ beſonders eilig hatten, bedienten ſich der Mitte der rei, Straße. Aber nach ungefähr einer halben Stunde hen war die Straße völlig geſperrt durch das Gedränge, und„ das jetzt, dicht in einander gekeilt, und durch die ſie Kutſchen und Wagen gehindert, ſich nur langſam Ziel vorwärts bewegen konnte und bisweilen ſogar fünf oder zehn Minuten lang Halt machen mußte. ſie Nach dem Abfluß von beinahe zwei Stunden hle, minderte ſich die Maſſe ſichtlich und wurde immer 238 lichter und lichter, bis zuletzt die Brücke ganz frei war, hin und wieder einen Nachzügler ausgenommen, der, mit der Kokarde auf dem Hute und mit über die Schultern geworfenem Rocke, erhitzt und ſtaubbedeckt vorbeikeuchte, um nicht zu ſpät zu kommen, oder Halt machte, um zu fragen, welche Richtung ſeine Freunde eingeſchlagen hätten, und dann mit erneuerter Haſt weiter eilte. In dieſer verhältnißmäßigen Einſamkeit, die nach dem kürzlichen Gewühl nur um ſo auf⸗ fallender und befremdender war, hatte die Wittwe zum erſtenmal Gelegenheit, einen alten Mann, der ſich an ihre Seite ſetzte, zu fragen, was denn die⸗ ſer große Auflauf zu bedeuten habe. „Ei, wo kommt Ihr denn her,“ antwortete er, „daß Ihr nichts von Lord George's Gordon großer Aſſociation wißt? Heute iſt der Tag, an dem er ſeine Petition gegen die Katholiken übergibt. Gottes Segen über ihn!“ „Aber was haben alle dieſe Menſchen hiemit zu ſchaffen?“ fragte ſie. „Was ſie damit zu ſchaffen haben?“ entgegnete der alte Mann.„Ei, wie Ihr auch ſchwatzt! Wißt Ihr denn nicht, daß Seine Lordſchaft erklärt hat, er werde ſie dem Hauſe gar nicht übergeben, wenn ihn nicht wenigſtens vierzigtauſend gute und getreue Männer an die Thüre begleiteten? Das iſt ein ſchönes Gedränge!“ „Allerdings ein Gedränge!“ ſagte Barnaby. „Hört Ihr das, Mutter?“ 239 frei„Dem Vernehmen nach ziehen ſie dort in Reih ien, und Glied auf, an die hunderttauſend Mann ſtark,“ die fuhr der Alte fort.„Ah! Laßt Lord George nur deckt machen. Er kennt ſeine Streitkräfte. Da wird's Halt hübſch viele blaſſe Geſichter geben innerhalb der drei nde Fenſter da drüben,“ er deutete dabei in die Richtung, Haſt wo man das Haus der Gemeinen über die Themſe keit, herüber ſehen konnte,„wenn der gute Lord George auf⸗ dieſen Nachmittag über ſie kommt— und zwar mit ttwe Recht. Ei ja. Laßt Seine Herrlichkeit nur machen— der laßt ihn machen. Er verſteht ſich darauf!“ die⸗ Und damit ſtand er, kinnwackelnd, kichernd und ſeinen Zeigefinger ſchüttelnd, unter Beihülfe ſeines Stockes auf und humpelte weiter. Ber. vSe⸗.„Mutter!“ ſagte Barnaby,„das iſt ein braves n er Gedränge, von dem der Mann geſprochen hat. Kommt.“ ottes„Aber doch nicht um uns dabei anzuſchließen!“ rief ſeine Mutter. emit„Ja, ja,“ antwortete er, indem er ſie am Aermel zupfte.„Warum nicht? Kommt!“ znete„Du weißt nicht,“ flehte ſie,„was für Un⸗ Wißt heil ſie im Schilde führen, zu was ſie ſich verleiten hat, können und was ſie vorhaben. Lieber Barnaby, venn um meinetwillen—“ treue—.. ein„Um Euretwillen?“ rief er, ihre Hand ſtrei⸗ chelnd.„Nun, es geſchieht ja um Euretwillen, naby. Mutter. Wißt Ihr nicht, was der blinde Mann von dem Golde ſagte. Das iſt ein tüchtiges Gedränge! 240 Kommt! Oder wartet, bis ich zurückkomme— ja, ja, wartet hier.“ Sie verſuchte mit allem Feuer, das ihr die Angſt einflößte, ihn von ſeinem Vorhaben abzu⸗ bringen, aber vergeblich. Er beugte ſich eben nieder, um ſeinen Schuh feſtzuſchnallen, als haſtig eine Miethkutſche heranfuhr und eine Stimme von Innen dem Kutſcher Halt zu machen gebot. „Junger Mann,“ rief die Stimme von Innen. „Wer iſt das?“ rief Barnaby, aufſchauend. „Willſt du dieſen Hutſchmuck tragen?“ entgeg⸗ nete der Fremde, eine blaue Kokarde herausbietend. „Um Gotteswillen, nein. Ich bitte, gebt es ihm nicht!“ rief die Wittwe. „Sprecht für Euch ſelbſt, Frau,“ ſagte der Mann in der Kutſche kaltblütig, und laßt dieſem jungen Manne freie Wahl. Er iſt alt genug, um einen Entſchluß zu faſſen und ſich von Eurer Schürze loszureißen. Er weiß, ohne daß Ihr's ihm zu ſagen braucht, ob er das Zeichen eines loyalen Engländers tragen will oder nicht.“ Zitternd vor Ungeduld, rief Barnaby!„Ja, ja, ja, ich will's!“ wie er wohl ſchon ein Dutzend⸗ mal gerufen hatte. Der Mann warf ihm die Ko⸗ karde zu und erwiederte:„So eilt nach Saint George's Fields!“ worauf er dem Kutſcher ſchnell zu fahren befahl und ſie zurückließ. Mit Händen, die vor Begierde zitterten, ſuchte Barnaby den Tand, ſo gut er konnte, auf ſeinem 241 ja, Hut feſt zu machen, während er zugleich die Thränen und Bitten ſeiner Mutter zu beſchwichtigen ſuchte, die als zwei Herren auf der andern Seite des Wegs bzu⸗ vorübergingen. Wie ſie Barnaby'’s Beſchäftigung der, 1 bemerkten, machten ſie Halt, flüſterten mit einander, eine kehrten um und kamen auf ſie zu. nen„Warum ſitzt Ihr hier?“ fragte der Eine, der ganz ſchwarz gekleidet war, ein langes, ſchlichtes nen. Haar trug und einen großen Stock mit ſich führte. 3„Warum ſeyd Ihr nicht mit den Uebrigen ge⸗ geg⸗ gangen?“ nd.„Ich bin im Begriffe, Sir,“ verſetzte Barnaby, es der jetzt mit ſeinem Geſchäfte zu Ende war und mit ſtolzer Miene den Hut aufſetzte.„Ich werde der im Augenblick dort ſeyn.“ ſem„Ihr müßt Mylord ſagen, junger Mann, wenn um Seine Herrlichkeit Euch die Ehre erweist, Euch ürze anzureden,“ ſagte der zweite Gentleman mit ſanfter zu Stimme.„Wenn Ihr Lord George Gordon nicht von alen Angeſicht kennt, ſo iſt es jetzt hohe Zeit, daß Ihr ihn kennen lernet.“ Ja,„Nicht doch, Gashford,“ entgegnete Lord George, enb⸗ als Barnaby ſeinen Hut wieder abriß und einen Ko⸗ tiefen Bückling machte.„Das hat nichts zu bedeu⸗ aint* ten an einem Tage, wie dieſer, deſſen ſich jeder nell Engländer mit Stolz und Entzücken erinnern wird. Setzt Euren Hut auf, Freund, und folgt uns, denn chte wenn Ihr länger zögert, ſo werdet Ihr zu ſpät nem kommen. Es iſt jetzt Zehn vorbei. Wußtet Ihr Bvz. XVII. Barnaby Rudge. 16 242 nicht, daß die Volksverſammlung auf zehn Uhr anberaumt war?“ Barnaby ſchüttelte den Kopf und ſah mit einem leeren Blick von dem Einen auf den Andern. „Das hättet Ihr wiſſen können, Freund,“ ſagte Gashford,„denn es wurde genau ausgemacht. Wie kommt's, daß Ihr ſo übel unterrichtet ſeyd?“ „Er kann's Euch nicht ſagen, Sir,“ legte ſich die Wittwe in's Wort.„Es iſt nutzlos, ſolche Fragen an ihn zu ſtellen. Wir kommen erſt dieſen Morgen weit vom Lande her und wiſſen nichts von dieſen Dingen.“ „Die gute Sache hat tiefe Wurzeln gefaßt und ihre Zweige nahe und fernhin verbreitet,“ ſagte Lord George zu ſeinem Sekretär.„Das iſt eine ſehr erfreuliche Kunde. Ich danke dem Himmel dafür!“ „Amen!“ rief der Sekretär mit einem feier⸗ lichen Geſichte. „Ihr verſteht mich nicht, Mylord,“ entgegnete die Wittwe.„Verzeiht mir, aber Ihr habt meine Meinung grauſam mißverſtanden. Wir wiſſen nichts von dieſen Sachen. Wir haben weder den Wunſch, noch das Recht, uns dem anzuſchließen, was Ihr vorhabt. Dieß iſt mein Sohn, mein armer, un⸗ glücklicher Sohn, der mir theurer iſt, als das eigene Leben. Im Namen der Barmherzigkeit, Mylord, geht allein Eures Weges, und verlockt ihn nicht in Gefahren.“ „Meine gute Frnu,“ verſetzte Gashford,„wie Uhr einem ſagte Wie ſich ſolche dieſen von und Lord ſehr ir!“ feier⸗ gnete neine iichts unſch, Ihr un⸗ das gkeit, rlockt „wie 243 könnt Ihr— du mein Himmel!— was ſprecht Ihr da von Verlocken und von Gefahren? Meint Ihr denn, Seine Herrlichkeit ſey ein brüllender Löwe, der da auszieht und ſucht, wen er verſchlinge? Gott behüte mich!“ „Nein, nein, Mylord, verzeiht mir,“ flehte die Wittwe, die in ihrem Eifer kaum wußte, was ſie ſagte oder that, beide Hände auf die Bruſt drückend, „aber es ſind Gründe vorhanden, um deren willen Ihr die ernſte Bitte einer Mutter hören müßt. Laßt mir meinen Sohn— oh, laßt mir ihn. Ach Gott, er iſt ja nicht recht bei Sinnen!“ „Es iſt ein böſes Zeichen für die Verderbtheit dieſer Zeiten,“ ſagte Lord George, ihrer Bemer⸗ kung ausweichend und hoch erröthend,„daß die⸗ jenigen, welche an der Wahrheit halten und die rechte Sache unterſtützen, für verrückt erklärt werden. Habt Ihr das Herz, dieß von Eurem Sohne zu ſagen, unnatürliche Mutter?“ „Ich bin ganz erſtaunt über Euch,“ ſprach Gashford mit einer Art von demüthigem Ernſte. „Das iſt in der That ein recht trauriges Bild weib⸗ licher Verworfenheit.“ „Er ſieht doch gewiß nicht danach aus,“ flüſterte Lord George, mit einem Blicke auf Barnaby, ſeinem Sekretär in's Ohr,„als ob es nicht richtig mit ihm ſtände? Und ſelbſt wenn es wäre, müßten wir da nicht jede unbedeutende Eigenthümlichkeit für Verrücktheit erklären? Welcher von uns“— und 16* 244 hier erröthete er abermals—„würde ſicher ſeyn, wenn man dieß zur allgemeinen Norm machte?“ „Keiner,“ verſetzte der Sekretär;„denn je grö⸗ ßer in dieſer Sache der Eifer, die Wahrheitsliebe und das Talent, je entſchiedener die Begeiſterung von Oben— deſto erwieſener würde die Verrücktheit ſeyn. Was dieſen jungen Mann anbelangt, Mylord,“ fügte er mit leicht gekräuſelter Lippe bei, als er Barnaby anſchaute, der, ſeinen Hut in der Hand drehend, ihnen verſtohlen winkte, weiter zu gehen, „ſo iſt er ſo verſtändig und vernünftig, als ich nur je einen geſehen habe.“ „Und Ihr habt alſo den Wunſch, Euch dieſem großen Verbande anzuſchließen?“ ſprach Lord George zu Barnaby.„Ihr beabſichtigt wirklich, ihm bei⸗ zutreten?“ „Ja— ja,“ antwortete Barnaby mit leuch⸗ tenden Augen.„Freilich hatte ich dieſe Abſicht! Ich ſagte ihr's eben ſelbſt.“ „Ich ſehe,“ entgegnete Lord George mit einem vorwurfsvollen Blick auf die unglückliche Mutter. „Ich dachte mir's gleich. Folgt mir und die⸗ ſem Herrn, und Eurem Verlangen ſoll willfahrt werden.“ Barnaby küßte ſeine Mutter zärtlich auf die Wange, hieß ſie guten Muthes ſeyn, da ihr beider⸗ ſeitiges Glück jetzt gemacht wäre, und that, wie von ihm verlangt wurde. Sie, die arme Frau, folgte 245 ſeyn, gleichfalls— aber mit wie vielen Aengſten, mit 4 2 welchem Kummer, das wäre ſchwer zu ſagen. Itd Sie gingen raſch durch die Brückenſtraße. Die slieb: Läden waren alle geſchloſſen, denn der Durchzug krung des Pöbelhaufens und ſeine vorausſichtliche Zurück⸗ ktheit kehr hatte die Handelsleute um ihre Waaren und lord,“ Fenſter beſorgt gemacht, und aus den obern Stock⸗ s er werken ſahen die dort verſammelten Bewohner mit Hand dem Ausdrucke der Unruhe, der Theilnahme, der gehen, Erwartung und des Unwillens in die Straße hin⸗ à nu unter. Einige klatſchten Beifall, Andere ziſchten; aber ohne auf dieſe Unterbrechungen zu achten— ieſem denn das Getümmel eines ungeheuren Volksauflaufes eorge ganz in der Nähe tönte wie ein brauſendes Meer bei⸗ in ſeinen Ohren— beſchleunigte Lord George Gordon ſeinen Schritt und langte alsbald auf Saint George’s leuch⸗ Fields an. ſicht! Sie waren damals in der That weiter nichts als Felder, und zwar von einem ſehr beträchtlichen einem Umfange. Es war daſelbſt eine endloſe Volksmaſſe utter. mit Fahnen der verſchiedenſten Art und Größe, aber die⸗ alle von derſelben Farbe— blau, wie die Kokarden fahrt— verſammelt; ein Theil marſchirte in militäriſcher Parade auf und ab, während Andere in Kreiſen, Vierecken und Reihen aufgeſtellt waren. Eine große die Anzahl, ſowohl von den beweglichen Corps, als eider⸗ von denen, die ſtehen blieben, beſchäftigte ſich mit velt dem Abſingen von Hymnen und Pſalmen. Jeden⸗ folgte falls war dieß ein gut berechneter Gedanke, von 246 wem er auch ausgegangen ſeyn mochte, denn der Lärm von ſo vielen tauſend Stimmen in der Luft mußte Jedem das Herz im Leibe erſchüttern und einen wundervollen Eindruck auf Schwärmer üben, gleichviel, ob in einer gerechten, oder mißverſtan⸗ denen Sache. Der Haufen hatte Poſten ausgeſtellt, um die Ankunft des Führers zu melden; ſobald man dieſen anlangen ſah, verbreitete ſich die Kunde raſch durch das ganze Heer und eine kurze Weile beharrten ſie in ſo tiefer Todtenſtille, daß man ſogar die Banner flattern hören konnte. Dann brachen ſie in ein dreimaliges ſchreckliches Geſchrei aus, das, wie der Donner von grobem Geſchütze, die Luft zerriß und erſchütterte. „Gashford!“ rief Lord George, den Arm ſeines Sekretärs feſter drückend und mit eben ſo viel Auf⸗ regung in ſeinem Geſichte, als in ſeiner Stimme, „ich bin wahrlich berufen. Jetzt weiß und fühle ich es. Ich bin der Führer eines Heeres. Wenn ſte mich in dieſem Augenblicke einſtimmig aufforderten, ſie in den Tod zu führen, ſo würde ich es thun— ja, und gerne als der Erſte fallen.“ „Es iſt ein ſtolzer Anblick,“ ſagte der Sekretär. „Es iſt ein edler Tag für England und für die große Sache durch die ganze Welt. Die Huldigung, Mylord, wie ſie ein geringer, aber ergebener Mann zollen kann—“ 247 „Was beginnt Ihr?“ rief ſein Gebieter, ihn bei beiden Händen ergreifend; denn der Sekretär that dergleichen, als wolle er zu ſeinen Füßen niederknien. „Macht mich doch nicht untauglich für die feierliche Pflicht dieſes ruhmreichen Tages, lieber Gashford.“ Während dieſer Worte ſtanden dem armen Lord Thränen in den Augen.„Wir wollen in ihre Mitte treten, um in irgend einer Abtheilung einen Platz für dieſen neuen Rekruten aufzufinden— gebt mir Eure Hand.“ Gashford legte ſeine kalte tückiſche Hand in die ſeines Gebieters, und ſo miſchten ſie ſich, von Bar⸗ naby und deſſen Mutter gefolgt, in das Gewühl. Man hatte daſelbſt wieder zu ſingen angefangen, und als der Agitator zwiſchen den Reihen hindurch⸗ ging, ſtrengten ſie ihre Stimmen aufs äußerſte an. Viele von denen, welche ſich hier verbündet hatten, die Religion ihres Landes ſelbſt mit ihrem Blute zu ſchützen, hatten in ihrem Leben nie eine Hymne oder einen Pſalm gehört. Da aber dieſe Kerle meiſt ſtarke Lungen beſaßen und eine natürliche Freude am Singen hatten, ſo brüllten ſie irgend ein Zotenlied oder ſon⸗ ſtigen Unſinn, da ſie ziemlich ſicher ſeyn durften, in dem allgemeinen Chorus nicht bemertt zu werden, vvbgleich ſie's wenig bekümmert haben würde, wenn es auch der Fall geweſen wäre. Manche dieſer Lieder wurden dem Lord George Gordon gerade vor der Naſe abgeſungen; da aber dieſer den Text nicht kannte, ſo ſchritt er in ſeiner gewohnten ſteifen und feierlichen 248 Haltung weiter, ſehr erbaut und entzückt von dem frommen Benehmen ſeiner treuen Anhänger. So gingen ſie weiter, die eine Reihe hinauf, die andere herunter, dann um die Außenſeite dieſes Kreiſes, dann um alle vier Seiten jenes Quarre's; und doch blieb immer noch eine Unzahl von Reihen, Quarre’s und Zirkeln zu muſtern. Der Tag war jetzt ſehr heiß geworden und die Sonne ſandte ihre ſengendſten Strahlen auf das Feld nieder, ſo daß diejenigen, welche ſchwere Banner trugen, matt und müde zu werden anfingen. Die meiſten aus dem Haufen hatten ihre Halstücher abgelegt und die Röcke ſammt den Weſten aufgeknöpft. Etliche im Mittel⸗ punkte waren von der übermäßigen Hitze, die natürlich durch das Volksgedränge nur noch unerträglicher ge⸗ worden war, ſo überwältigt, daß ſie ſich auf das Gras niederlegten und alles, was ſie bei ſich hatten, für einen Trunk Waſſer boten. Demungeachtet aber verließ keiner(ſelbſt dieſe faſt Verſchmachtenden nicht) den Platz; und obgleich Lord George der Schweiß aus allen Poren drang, ging er doch noch immer mit Gashford weiter, Barnaby und ſeine Mutter dicht an ihrer Ferſe. Sie waren eben an dem Ende einer etwa acht⸗ hundert Mann ſtarken Einzelnreihe angelangt, und Lord George wandte ſeinen Kopf, um zurückzuſchauen, als ein lauter Schrei der Erkennung— in jenem eigenthümlichen, halb erſtickten Tone, den die menſch⸗ liche Stimme unter freiem Himmel und in der Mitte — 249 eines großen Menſchengewühls hat— gehört wurde, worauf ein Mann mit jubelndem Gelächter aus ſeinem Gliede trat und mit ſchwerer Hand Barnaby auf die Schulter ſchlug. „Der Tauſend auch!“ rief er.„Barnaby Rudge! Ei, wo haſt du denn in dieſen hundert Jahren ge⸗ ſteckt?“ Der Geruch des niedergetretenen Graſes hatte Barnaby eben den Gedanken an das Ballſpiel in früheren Tagen, als er noch ein kleiner Knabe war, und auf dem Chigweller Raſen ſich umtrieb, in's Gedächtniß zurückgeführt. Verblufft durch dieſen plötz⸗ lichen und lärmenden Gruß, ſtierte er den Mann mit wirren Blicken an, und kaum vermochte er her⸗ vorzuſtoßen: 4 „Was! Hugh?“ „Hugh?“ wiederholte der Andere.„Ja, Hugh, der Maibaum⸗Hugh! Erinnerſt du dich noch an meinen Hund? Er lebt noch und wird dich kennen, ich ſtehe dafür. Was, auch du trägſt unſere Farbe? Recht ſo! Ha! ha, ha!“ „Ihr kennt dieſen jungen Mann, wie ich ſehe,“ ſagte Lord George. „Ob ich ihn kenne, Mylord? ſo gut als meine eigene rechte Hand. Auch unſer Capitän kennt ihn. Wir alle kennen ihn.“ „Wollt Ihr ihn in Eure Abtheilung aufnehmen?“ „Sie hat keinen beſſeren, hurtigeren oder thäti⸗ geren Mann, als Barnaby Nudge,“ ſagte Hugh. 250 „Den möchte ich ſehen, der dieß in Abrede zieht. Rücke ein, Barnaby. Er ſoll zwiſchen mir und Dennis marſchiren, Mylord, und die ſchönſte Seiden⸗ fahne in dieſer tapfern Armee tragen,“ fügte er bei, indem er Barnaby ein Banner einhändigte, das er den Händen eines ermüdeten Mannes abnahm. „Um Gotteswillen, nein!“ ſchrie die Wittwe, entſetzt vorwärts ſtürzend.„Barnaby— Mylord— ach, er wird nicht wieder zurückkommen— Barnaby — Barnaby!“ „Weiber im Feld?“ rief Hugh, zwiſchen die Wittwe und ihren Sohn tretend und die erſtere zurück⸗ weiſend.„He da! Capitän!“ „Was gibts hier?“ rief Simon Tappertit, eifrig herzueilend.„Iſt das auch eine Ordnung?“ „Könnt's nicht ſagen, Capitän,“ antwortete Hugh, noch immer die Frau mit der ausgeſtreckten Hand zurückhaltend;„'s iſt gegen alle Ordnung. Frauen wollen unſere tapferen Krieger ihrer Pflicht untreu machen. Das Commandowort, Capitän! Sie ſollen abdefiliren. Hurtig!“ „Schließt Euch!“ rief Simon aus vollem Halſe. „Richt Euch! Marſch!“ Sie wurde zu Boden geworfen. Das ganze Feld kam in Bewegung; Barnaby war im Nu mitten in einen dichten Haufen hineingewirbelt, und ſie ſah ihn nicht mehr. 251 ht. ind en⸗ Neunundvierzigſtes Kapitel. eei, er Der Pöbelhaufen hatte ſich gleich bei dem erſten ve, Zuſammenlauf in vier Diviſionen getheilt: in die von — London, die von Weſtminſter, die von Southwark by und die ſchottiſche. Da jedoch dieſe Diviſionen in verſchiedenen Corps, die in allerlei Figuren aufgeſtellt die waren, ihre Unterabtheilungen hatten, ſo war die ⸗ Anordnung(mit Ausnahme einiger Häuptlinge und Führer) der Maſſe ſo unverſtändlich, als der Plan ig einer großen Schlacht einem gemeinen Soldaten. Es gebrach ihr jedoch nicht an Methode, denn bald nach h, dem Aufbruche hatten die Schaaren ſich in drei große nd Haufen geſondert, um ganz in der Lage zu ſeyn, dem en Uebereinkommen gemäß, auf verſchiedenen Brücken eu den Fluß zu kreuzen und in getrennten Detachements en. gegen das Haus der Gemeinen vorzurücken. An der Spitze der Abtheilung, welche ſich ver⸗ ſe. mittelſt der Weſtminſterbrücke dem Schauplatze ihrer Thätigkeit nähern ſollte, ſtand Lord George ſelbſt— ze ihm zur Rechten Gashford und etliche Schufte von u dem heilloſeſten Ausſehen, die eine Art von General⸗ h ſtab um ihn bildeten. Die Führung des zweiten Haufens, welcher bei Blackfrias vorrücken ſollte, war einem leitenden Comitee, das ungefähr aus zwölf Männern beſtand, anvertraut, während der dritte, 25² welcher über die Londonbrücke und durch die Haupt⸗ ſtraßen ziehen ſollte, damit ihre Zahl und ihre ernſt⸗ liche Abſicht von den Bürgern beſſer erkannt und gewürdigt werden möchte, von Simon Tappertit (nebſt einigen Subalternen aus der Brüderſchaft der vereinigten Bullenbeißer), Dennis, dem Henker, Hugh und etlichen Andern angeführt wurde. Sobald das Commandowort gegeben war, ſchlug jede dieſer großen Abtheilungen die ihr angewieſene Richtung ein und zog ſtille und in vollkommener Ordnung ab. Der durch die City marſchierende Haufen war viel ſtärker, als die andern, und bildete eine ſo merkwürdig lange Reihe, daß die Vorderen faſt ſchon vier Meilen zurückgelegt hatten, ehe ſich der Nachtrab in Bewegung ſetzte, obgleich ſie drei Mann hoch, und jedes Glied dicht hinter dem andern einherzogen. Hugh hatte in ſeiner tollen Laune Barnaby an die Spitze dieſer Abtheilung geſtellt, und ſo marſchirte derſelbe zwiſchen dieſem ſeinem gefährlichen Freunde und dem Henker, wie mancher unter den Tauſenden, welche an dieſem Tage Zuſchauer waren, ſich nachher noch recht gut erinnerte. Alles Uebrige in der Ent⸗ zückung des Augenblicks vergeſſend, glühte ſein An⸗ geſicht, und ſeine Augen leuchteten vor Wonne. Wie er da, ohne auf die Laſt des großen Banners, das er trug, ſondern nur auf deſſen Blitzen in der Sonne und das Rauſchen in dem Sommerwinde zu achten, ſtolz, glücklich und über alle Beſchreibung hochgetragen, 253 einhermarſchirte— das einzige leichtherzige, argloſe Weſen in dem ganzen Gewühl! „Wie kömmt dir dieß vor?“ fragte Hugh, als ſie durch die überfüͤllten Straßen zogen und nach den Fenſtern hinaufſchauten, an denen ſich die Zuſchauer drängten.„Sie ſind wohl alle ausgezogen, um unſere Flaggen und Fahnen zu ſehen? He, Barnaby? Gelt, Barnaby iſt der bedeutendſte Mann in dem ganzen Haufen! Seine Fahne iſt die größte und auch die prächtigſte. Keiner in der ganzen Parade kann ſich mit Barnaby meſſen. Alle Augen ſind auf ihn gerichtet. Ha, ha, ha!“ „Macht keinen ſolchen Lärm, Bruder,“ brummte der Henker mit einem mißbilligenden Blicke auf Bar⸗ naby.„Hoffentlich meint er doch nicht, es gäbe nichts zu thun, als dieſen blauen Fetzen zu tragen, wie ein Junge, der in die Vakanz zieht. Ich hoffe, daß Ihr auch zum Handeln bereit ſeyd, he? Euch mein' ich,“ fügte er bei, indem er Barnaby rauh mit dem Ellen⸗ bogen anſtieß. Barnaby, der eben bewundernd ſeine Fahne be⸗ trachtet hatte, ſchaute nun mit einem leeren Blick auf den Frager und dann auf Hugh. „Er verſteht Eure Redeweiſe nicht,“ ſagte der Letztere. „Nun, ſo will ich mich deutlicher ausſprechen. Barnaby, alter Knabe, merkt auf, was ich Euch ſage. „Ich will aufmerken,“ entgegnete Barnaby, indem 254 er ängſtlich umherſchaute;„aber ich wollte, daß ich ſte irgendwo ſehen könnte.“ „Wen ſehen?“ fragte Dennis in barſchem Tone. „Ihr ſeyd doch hoffentlich nicht verliebt, Bruder? Ihr wißt, ſo was können wir jetzt nicht brauchen. 's handelt ſich jetzt um keine Liebesangelegenheiten.“ „Sie würde ſich zuverläſſig etwas auf mich ein⸗ bilden, wenn ſie mich ſehen könnte, he, Hugh?“ ſagte Barnaby.„Müßte es nicht ihr Herz erfreuen, wenn ſie mich an der Spitze dieſes großen Haufens erblickte? Ich weiß, ſie würde Freudenthränen weinen. Wo mag ſie nur jetzt ſeyn? Sie ſieht mich nie, wenn ich mich am beſten ausnehme, und was kümmert mich alle Schönheit und Luſt, wenn ſie nicht dabei iſt.“ „Nun, was iſt das für ein Geſalbader?“ fragte Dennis im Tone der äußerſten Verachtung.„Wir haben doch hoffentlich keine ſentimentalen Mitglieder unter uns.“ „Das braucht Euch nicht zu beunruhigen, Bru⸗ der,“ rief Hugh;„er ſpricht nur von ſeiner Mutter.“ „Von was?“ entgegnete Herr Dennis mit einem tüchtigen Fluche. „Von ſeiner Mutter.“ „Und habe ich mich dieſer Section da ange⸗ ſchloſſen und bin ich an dieſem denkwürdigen Tage ausgerückt, um Männer von ihren Müttern ſchwatzen zu hören?“ brummte Dennis in hohem Aerger.„'8 2⁵⁵ iſt ſchon ſchlimm genug, wenn ein Mann von ſeinem Schatz ſpricht, aber gar von ſeiner Mutter!“ Dabei ſteigerte ſich ſein Widerwille ſo ſehr, daß er auf den Boden ſpie und kein Wort mehr ſagen mochte. „Barnaby hat Recht,“ rief Hugh mit einem Grinſen,„und ich ſage es gleichfalls. Doch ſchau einmal, du kühner Junge— wenn ſie nicht hier iſt, um dich zu ſehen, ſo liegt der Grund darin, weil ich für ſie geſorgt und weil ich ihr ein Halbdutzend Gentlemen, jeden mit einer blauen Fahne(aber nicht halb ſo ſchön, als die deinige) geſchickt habe, um ſie in vollem Staat nach einem Hauſe zu führen, wo Alles voll goldener und ſilberner Banner hängt, und wo du Alles finden würdeſt, was nur dein Herz er⸗ freuen könnte. Dort wartet ſie, bis du kömmſt, und leidet an nichts Mangel.“ „Ah!“ entgegnete Barnaby mit vor Wonne ſtrahlendem Geſichte;„iſt das wirklich wahr? Nun, ſo etwas höre ich gerne. Das iſt ſchön! Guter Hugh!“ „Aber, Gott behüte, das iſt noch gar Nichts gegen das, was kommen wird,“ entgegnete Hugh mit einem Blinzeln gegen Dennis, der ſeinen neuen Waffenbruder mit großem Erſtaunen anſah. „Ei, in der That?“ rief Barnaby. „Nein gar nichts,“ ſagte Hugh.„Geld, auf⸗ gekrämpte Hüte und Federn, rothe Röcke und Gold⸗ borten, die ſchönſten Goldborten, die ſchönſten Sachen, 256 die es gibt, gegeben hat oder geben wird— Alles gehört uns, wenn wir treu ſind gegen jenen braven Gentleman— den beſten Herrn von der Welt. Wir brauchen unſere Fahnen nur ein paar Tage zu tra⸗ gen und zu behaupten. Weiter haben wir nichts zu thun.“ „Weiter nichts?“ rief Barnaby mit funkelnden Augen, indem er den Schaft ſeiner Fahne feſter um⸗ faßte.„Nun, ich ſtehe Euch dafür, dieß ſoll gut genug behauptet werden. Ihr habt ſie in gute Hände gegeben. Hugh kennt mich. Niemand ſoll ſie mei⸗ nen Händen entreißen.“— „Wohl geſprochen!“ rief Hugh.„Ha, ha! Edel geſprochen! Das iſt noch der alte, wackere Barnaby, mit dem ich manchen und manchen Tag geklettert und geſprungen bin— ich wußte es ja, daß ich mich in Barnaby nicht täuſchen würde.— Seht Ihr denn nicht, Menſch,“ fügte er flüſternd bei, indem er an Dennis Seite ſchlüpfte,„daß dieſer Burſche ein Naturmenſch iſt, mit dem man Alles anfangen kann, wenn man nur auf dem rechten Wege an ihn kömmt. Ein Bischen Verrücktheit ab⸗ gerechnet, iſt er allen Ernſtes ein ganzes Dutzend Männer werth, und Ihr werdet's ſelber finden, wenn Ihr einmal mit ihm anbinden wollt. Ueberlaßt ihn nur mir. Ihr werdet bald ſehen, ob er von Nutzen iſt oder nicht.“ Herr Dennis nahm dieſe erklärenden Bemerkun⸗ gen mit vielem Kopfnicken und Augenblinzeln hin 257 und beobachtete von dieſem Augenblicke an ein weit ſchonenderes Benehmen gegen Barnaby. Hugh legte den Finger an ſeine Naſe, trat an ſeinen vorigen Platz zurück und zog ſtumm weiter. Zwiſchen zwei und drei Uhr Nachmittags trafen die drei großen Abtheilungen bei Weſtminſter zuſam⸗ men, wo ſie ſich in eine ungeheure Maſſe vereinigten und ein furchtbares Geſchrei erhoben. Dieß geſchah nicht blos, um ihre Anweſenheit kund zu thun, ſon⸗ dern galt zugleich als ein Signal für diejenigen, welchen die Aufgabe zu Theil geworden war, die Vorhöfe der beiden Häuſer, die verſchiedenen Zugänge und die Gallerietreppen zu beſetzen. Nach den letz⸗ teren eilten nun Hugh und Dennis, ihren Zögling mit ſich ſchleppend, nachdem dieſer ſeine Fahne einem Andern aus ihrer Abtheilung übergeben hatte, welcher ſich damit an der Außenthüre aufpflanzte. Da die Andern hinten nachdrängten, ſo wurden ſie, wie von einer großen Woge, bis an die Thüre der Gallerien getragen, von wo aus ſie wegen des Gedränges, das die Zugänge verſtopfte, nicht mehr zuruͤck konnten, ſelbſt wenn ſie gewollt hätten. Man pflegt von einer ſehr großen Menſchenmaſſe zu ſagen, daß man den Leuten hätte auf den Köpfen gehen können. Bei dem gegenwärtigen Anlaſſe war dieß wirklich der Fall, denn ein Knabe, der, weiß Gott wie, unter das Gewühl gekommen und in augenſcheinlicher Erſtickungs⸗ gefahr war, kletterte auf die Schulter eines neben ihm ſtehenden Mannes und ſpazierte auf den Hüten Boz. XVII. Barnaby Rudge. 17 258 und Köpfen der Leute in die offene Straße hinaus, auf ſeinem Wege die ganze Länge von zwei Treppen und einer langen Gallerie zurücklegend. Doch auch dort war der Schwarm nicht minder dicht, denn ein unter das Gewühl geworfener Korb hüpfte von Kopf zu Kopf, von Schulter zu Schulter und wirbelte darüber hin, bis man nichts mehr von ihm ſehen konnte, ohne auch nur ein einzigesmal zwiſchen den Leuten nieder zu fallen oder dem Boden nahe zu kommen. Durch dieſes ungeheure Gedränge— unter welchem ſich wohl hin und wieder einige ehrliche Eiferer befinden mochten, das aber bei Weitem der Mehrzahl nach aus dem wahren Abſchaum und Aus⸗ wurf Londons beſtand, deſſen Gedeihen durch ſchlechte Kriminalgeſetze, heilloſe Gefängnißeinrichtungen und die möglichſt erbärmliche Polizei üppig genährt wurde — mußten ſich diejenigen Mitglieder der beiden Parla⸗ mentshäuſer, welche nicht vorſichtig genug geweſen waren, ſich ſchon früher auf ihrem Poſten einzufin⸗ den, durchkämpfen und gewaltſam Bahn brechen. Ihre Wagen wurden angehalten und zerbrochen, die Räder abgeriſſen, die Fenſterſcheiben in tauſend Stüůcke zerſchmiſſen, die Thüren eingeſchlagen, Kutſcher, Laquaien und Herren von ihren Sitzen herunterge⸗ riſſen und in den Koth geworfen. Lords, Gemeine und hochwürdige Biſchöfe wurden ohne Unterſchied des Ranges umhergeworfen, gezwickt und mit Füßen getreten, durch unterſchiedliche Abſtufungen der Miß⸗ ius, pen nuch ein dopf velte ehen den zu inter liche der Aus⸗ echte und urde arla⸗ veſen ufin⸗ chen. , die tücke ſcher, terge⸗ neine ſchied füßen Miß⸗ handlung weiter und weiter geſchoben und endlich, mit zerfetzten Kleidern, abgeriſſenen Haarbeuteln, über und über mit Puder beſtreut, der ihnen mit Schlä⸗ gen und Ohrfeigen aus dem Haare geklopft worden, ſprach⸗ und athemlos ihren Collegen zugeſchickt. Ein Lord befand ſich ſo lange in den Händen des Pöbels, daß die Pairs bereits entſchloſſen waren, in Maſſe hinauszudringen und ihn zu retten, was ſie auch eben auszuführen im Begriffe waren, als zum Glück der Mißhandelte unter ihnen erſchien, aber ſo mit Staub und Beulen bedeckt, daß ihn ſeine beſten Freunde kaum zu erkennen vermochten. Das Ge⸗ tümmel und der Aufruhr nahmen mit jedem Augen⸗ blicke zu. Die Luft donnerte von Flüchen, Geheul und Zetergeſchrei. Der Pöbel wüthete und tobte unabläſſig, wie ein tolles Ungeheuer, und jede neue Unbill, die er übte, diente nur dazu, ſeinen Muth zu ſteigern. Im Hauſe ſelbſt war die Sachlage ſogar noch drohender. Lord George, vor ihm ein Mann, der die ungeheure Petition in Tragriemen durch die Vor⸗ halle bis zur Thüre des Hauſes der Gemeinen ſchleppte, wo ſie von zwei Pedellen des Hauſes ent⸗ gegengenommen und zur Vorlegung auf den Tiſch hinaufgelüpft wurde— hatte ſeinen Sitz in Zeiten und lange vorher eingenommen, ehe der Sprecher die Gebetsformel verlas. Da ſeine Anhänger gleich⸗ zeitig mit ihm hereinſtrömten, ſo waren, wie wir geſehen haben, Vorhalle und Zugänge in einem Nu 17* 260 angefüllt. Die Mitglieder wurden demnach nicht blos auf den Straßen angegriffen, ſondern auch innerhalb der Mauern des Parlaments bedrängt, wie denn auch überhaupt der Tumult innen und außen ſo groß war, daß diejenigen, welche zu ſprechen verſuchten, kaum ihr eigenes Wort hören, geſchweige denn ſich über das für die Sachlage paſſende Verfahren berath⸗ ſchlagen oder ſich gegenſeitig zu einem würdevollen und beharrlichen Widerſtand ermuthigen konnten. So oft ſich ein eben angekommenes Mitglied mit zerriſ⸗ ſenen Gewändern und zerrauften Haaren durch das Gedränge in der Vorhalle kämpfte, erſcholl jedesmal ein gellendes Triumphgeſchrei; und wenn die Thüre des Hauſes, die man den Ankommenden nur behut⸗ ſam und theilweiſe öffnete, einen flüchtigen Blick in das Innere thun ließ, ſo wurde der Haufen noch wilder und wüthender, wie Raubthiere, die eine Beute erſpähen, und ſtürmten gegen das Portal an, ſo daß Schloß und Riegel krachten und ſogar das Gebälk erzitterte. Die Fremdengallerie, welche ſich unmittelbar über der Thüre des Hauſes befand, war leer, da man ſie auf das erſte Gerücht von Unruhen hin hatte ſchließen laſſen, und nur Lord George nahm hin und wieder dort ſeinen Platz, um bequemer nach der zu ihr führenden Treppe gelangen und dem Volke Nach⸗ richten über die Vorgänge im Innern mittheilen zu können. Auf dieſer Treppe hatten Barnaby, Hugh und Dennis ſich aufgepflanzt. Sie beſtand aus zwei blos rhalb denn groß chten, ſich rath⸗ dollen So erriſ⸗ hdas smal Thüre ehut⸗ ick in noch eine l an, das elbar man hatte mund er zu Nach⸗ en zu Hugh zwei 261 kleinen, ſteilen, ſchmalen, parallel laufenden Stiegen vor zwei in einen niedrigen Gang führenden Thür⸗ chen, von wo aus man in die Gallerie gelangte. Dazwiſchen befand ſich ein ſchräges Fenſter ohne Scheiben, durch welches die achtzehn bis zwanzig Fuß weiter unten gelegene Vorhalle Luft und Licht erhielt. Auf einer dieſer kleinen Stiegen— nicht auf der, an welcher Lord George von Zeit zu Zeit zum Vorſchein kam, ſondern auf der andern— ſah man Gashfords verſchmitztes Geſicht, der die Ellenbogen auf das Geländer ſtützte und das Kinn auf ſeiner Hand ruhen ließ. So oft er dieſe Haltung auch nur im Mindeſten veränderte— wenn auch nur durch die leiſeſte Bewegung ſeines Armes— ſo konnte man darauf zählen, daß der Tumult ſich nicht nur in ſeiner Nähe, ſondern auch in der Vorhalle drau⸗ ßen ſteigerte; denn ohne Zweifel ſtand an letzterem Platze ein Menſch, der beharrlich nach dem Sekretär aufſah, ihn beobachtete und den Uebrigen gewiſſer⸗ maßen zum Telegraphen diente.. „Ruhe!“ rief Hugh mit einer Stimme, die ſo⸗ gar die brüllende Menge übertönte, als Lord George oben an der Treppe erſchien.„Neuigkeiten! Neuig⸗ keiten von Mylord!“ Aber der Lärm machte demungeachtet fort, bis Gashford umſchaute. Nun trat eine augenblickliche Stille ein— ſelbſt unter den Leuten auf den Gän⸗ gen draußen und auf den andern Treppen, welche 262 nichts von dem Signale ſehen oder hören konnten, aber demungeachtet mit wunderbarer Schnelligkeit Kunde davon erhielten. „Gentlemen,“ ſagte Lord George, der ſehr blaß und aufgeregt war,„wir müſſen beharrlich ſeyn. Man ſpricht von Aufſchuh, aber wir dürfen es nicht dahin kommen laſſen. Man ſpricht davon, unſere Petition am nächſten Dienſtag in Erwägung zu zie⸗ hen, aber wir müſſen dafür ſorgen, daß es jetzt ge⸗ ſchieht. Die Ausſichten auf einen guten Erfolg ſind zur Zeit noch ſchlecht, aber es muß und wird ge⸗ lingen!“ „Es muß und wird gelingen!“ echoete der Pöbel. Und unter dem Gebrull und Beifallsrufe deſſel⸗ ben verbeugte er ſich, ging wieder hinein und kam bald darauf wieder zurück. Eine zweite Geberde von Seiten Gashfords bewirkte augenblicklich eine Tod⸗ tenſtille. „Ich fürchte,“ ſagte er dießmal,„daß wir we⸗ nig Grund haben, Gentlemen, uns von den Ver⸗ handlungen des Parlaments Abhülfe zu verſprechen. Wir müſſen daher unſern Beſchwerden ſelbſt abhel⸗ fen, müſſen uns wieder verſammeln und unſer Ver⸗ trauen auf die Vorſehung ſetzen, die unſere Bemü⸗ hungen mit einem glücklichen Erfolge krönen wird.“ Da dieſe Anrede etwas gemäßigter war, als die vorige, ſo wurde ſie lange nicht ſo günſtig auf⸗ genommen. Der Lärm und der Unwille hatte ſo ziemlich ſeine hoöchſte Höhe erreicht, als er noch — nten, gkeit blaß ſeyn. nicht nſere zie⸗ t ge⸗ ſind — d ge⸗ zbel. deſſel⸗ 9 kam ee von Tod⸗ r we⸗ Ver⸗ eechen. abhel⸗ Ver⸗ Bemü⸗ — wird.“ , als g auf⸗ atte ſo r noch 263 einmal zurückkam und berichtete, das Gerücht von dem Aufſtande habe ſich viele Meilen weit verbreitet; wenn der König höre, in welcher Maſſe ſie ſich ver⸗ ſammelt hätten, ſo zweifle er nicht im Geringſten, Seine Majeſtät werde Privatordre erlaſſen, daß ihren Wünſchen willfahrt werde; und ſo fuhr er noch eine Weile mit derſelben kindiſchen Unſicherheit und Un⸗ entſchloſſenheit, welche für ſeine Sache charakteriſtiſch war, zu ſprechen fort, als an der Thüre, wo er ſtand, plötzlich zwei Herren erſchienen, ſich an ihm vorbei drängten, einige Treppen herunterſtiegen und dem Volk die Stirne boten. Die Kühnheit dieſes Benehmens übte die Wir⸗ kung einer plötzlichen Ueberraſchung. Auch wurde die Berblüffung des Pöbels nicht gemindert, als einer der Herren ſich an Lord George wandte und ihn mit lauter, aber ruhiger und gefaßter Stimme, ſo daß man ihn recht gut verſtehen konnte, folgender⸗ maßen anredete: „Ihr mögt, wenn es Euch beliebt, dieſen Leu⸗ ten ſagen, Mylord, daß ich General Conway bin, von dem ſie ſchon gehört haben werden, und daß ich mich dieſer Petition, wie auch ihrem und Eurem Treiben entgegenſtemme. Ihr könnt ihnen ſagen, daß ich ein Soldat und die Freiheit dieſes Platzes mit meinem Schwerte zu ſchützen Willens bin. Ihr ſeht, Mylord, daß die Mitglieder dieſes Hauſes an dem heutigen Tage in Waffen ihre Sitzungen halten; auch iſt Euch bekannt, wie enge der Eingang dazu 264 iſt, und Ihr müßt wiſſen, daß ſich Männer innerhalb dieſer Mauern befinden, die entſchloſſen ſind, dieſen Paß bis auf's letzte zu vertheidigen, und von deren Waffe mancher fallen wird, wenn Eure Anhänger ſo fortfahren. Seht Euch vor, was Ihr thut.“ „Und Mylord George,“ ſagte der andere Gent⸗ lemen, ihn in der gleichen Weiſe anredend, nich wünſche, daß Ihr dieß von mir höret— von Obriſt Gordon— Eurem nahen Verwandten. Wenn einer unter dieſer Bande, deren Tumult uns taub macht, über die Schwelle des Hauſes der Gemeinen tritt, ſo iſt es hoch und theuer geſchworen, daß ich in dem⸗ ſelben Augenblick meinen Degen— nicht ihm, ſondern Euch in den Leib rennen werde!“ Damit traten ſie wieder zurück, die Geſichter fortwährend der Menge zugekehrt, worauf jeder einen Arm des irregeleiteten Lord nahm, den ſie in den Gang hineinzogen; dann ſchloſſen und verriegelten ſie die Thüre von innen. Dieß war ſo raſch vor ſich gegangen und das Benehmen der beiden Herren— die nicht mehr zu den jungen gehörten— ſo entſchloſſen und ritterlich geweſen, daß die Menge wankte und ſich mit ſchüch⸗ ternem Blicke gegenſeitig anſtierte. Viele machten den Verſuch, die Thüre zu gewinnen; einige der Muthloſeſten riefen, man würde am beſten thun, heim⸗ zugehen, und baten ihre Hintermänner, ihnen Platz zu machen. Der paniſche Schreck und die Verwirrung 365 griffen reißend um ſich, als endlich Gashford Hugh zuflüſterte. „Was ſoll das?“ brüllte Hugh der Menge zu. „Warum zurückgehen? Wo könntet Ihr beſſer an Eurem Orte ſeyn, als hier, Jungen? Ein guter An⸗ lauf gegen dieſe Thüren und ein gleichzeitiger unten — das iſt Alles, was wir brauchen. Vorwärts alſo! Wer ſich an der Thüre drunten fürchtet, ſoll zurück⸗ treten, damit die Herzhaften verſuchen können, wer ſich zuerſt den Eingang erzwingt. Es muß gehen! Acht gegeben!“ In einem Nu hatte er ſich über das Geländer in die Vorhalle hinuntergeworfen, und kaum ſtand er auf dem Boden, als Barnaby ſich ſchon an ſeiner Seite befand. Der Gehülfe des Kaplans und einige Mitglieder des Hauſes, welche damit beſchäftigt waren, die Leute durch Bitten zum Rückzug zu veranlaſſen, eilten haſtig von hinnen, und dann warfen ſich beide Haufen in buntem Durcheinander und unter lautem Gejubel auf die Thüren, das Haus in allem Ernſt belagernd. Ein zweiter Angriff hätte nothwendig erfolgreich ſeyn und die Bande in einen Kampf mit denen ver⸗ wickeln müſſen, die zur Vertheidigung innen ſtanden, was unausbleiblich ein großes Gemetzel zur Folge gehabt haben würde; aber in dem Augenblicke, als dieſer geſchehen ſollte, wichen die Hinterſten zurück, und das Gerücht ging von Mund zu Mund, daß man zu Waſſer einen Boten abgeſchickt habe, um 266 Militär herbeizuholen, das ſich bereits in den Straßen aufſtelle. Die Furcht, einen Angriff in den engen Zugängen aushalten zu müſſen, wo das Geſindel ſo dicht in einander gekeilt war, veranlaßte ein eben ſo ungeſtümmes Entweichen, als die Bande herein⸗ geſtürmt war. Da der ganze Sturm mit einemmal umlenkte, ſo wurden auch Barnaby und Hugh mit fortgeriſſen; und ſo flüchtete allmälig, kämpfend, zer⸗ tretend und abwechſelnd ſelbſt unter die Füße getreten werdend, die ganze Maſſe in die offene Straße hinaus, wo bereits eine große Abtheilung der Leibgarde, ſo⸗ wohl Reiterei als Infanterie, aufgerückt war, die den Raum ſo raſch vor ſich her lichtete, daß das Volk wie Schnee vor ihren Tritten zu ſchmelzen ſchien. Auf das Commandowort„Halt!“ verſperrten die Soldaten die Straße in die Quere, und die Auf⸗ rührer, durch ihre letzten Anſtrengungen athemlos und erſchöpft, bildeten ſich gleicherweiſe zu einer freilich ſehr unregelmäßigen und ungeordneten Colonne. Der commandirende Offizier ritt haſtig zwiſchen den offenen Raum der beiden Abtheilungen, von einer Magiſtrats⸗ perſon und einem Beamten von dem Hauſe der Ge⸗ meinen begleitet, denen ein paar Reiter ihre Pferde hatten abtreten müſſen. Die Aufruhrakte wurde ver⸗ leſen, aber Niemand rührte ſich von der Stelle. Hugh und Barnaby ſtanden Seite an Seite in der vorderſten Reihe der Inſurgenten. Letzterem hatte Jemand beim Herausdrängen auf die Straße ſeine 267 köſtliche Flagge wieder in die Hand gegeben, die er behutſam und feſt hielt; ſie war jetzt aufgerollt und um die Stange gebunden, ſo daß ſie wie ein rieſiger Kampfſtock ausſah. Wenn je ein Menſch aus vollem Herzen und mit ganzer Seele bei einer gerechten Sache betheiligt und verpflichtet zu ſeyn glaubte, ſeinem Führer bis auf den letzten Augenblick anzuhängen, ſo war dieß bei dem armen Barnaby gegenüber dem Lord George Gordon der Fall. Nach einem vergeblichen Verſuche, ſich Gehör zu verſchaffen, gab die Magiſtratsperſon das Zeichen und die Cavallerie ritt auf die Haufen ein. Aber auch dann noch galopirte der Friedensbeamte dahin und dorthin, um die Leute zu ermahnen, daß ſie ſich fortbegeben ſollten, und obgleich ſchwere Steinwürfe die Mannſchaft trafen und mitunter verzweifelt be⸗ ſchädigten, ſo war doch nur Ordre gegeben worden, blos die thätigſten Aufrührer zu greifen, im Uebrigen aber das Geſindel mit der flachen Klinge auseinander zu jagen. Sobald die Pferde eindrangen, machte der Haufen an vielen Punkten Platz, und die Garden, die ihren Vortheil verfolgten, räumten tüchtig auf, als zwei oder drei der Vorderſten, die durch die wogende Volksmaſſe von ihrer Mannſchaft abgeſchnit⸗ ten waren, geraden Wegs auf Barnaby und Hugh, welche man ihnen ohne Zweifel als diejenigen, die in die Vorhalle hinuntergeſprungen waren, bezeichnet hatte, losgeritten kamen. Sie hieben jetzt etwas nachdrücklicher um ſich und verſetzten den ungeſtümm⸗ ſten ihrer Gegner einige leichte Fleiſchwunden, in Folge derer da und dort einer ſtöhnend und viel Verwirrung veranlaſſend einem Kameraden in die Arme fiel. Bei dem Anblick klaffender Wunden und blutiger Geſichter, die einen Augenblick in dem Gedränge ſichtbar wurden und dann wieder unter der Maſſe verſchwanden, wurde Barnaby blaß und unwohl. Demungeachtet aber wich er nicht von der Stelle und heftete, ſeine Stange noch feſter umfaſſend, ſein Auge auf den nächſten Soldaten. Hugh flüſterte ihm mit grimmigem Geſichte etwas in's Ohr, worauf er blos mit dem Kopfe nickte. Der Soldat ſprengte näher heran, ließ ſein Roß ſich bäumen, wenn das Volk auf ihn eindrang, hieb nach den Händen derjenigen, die nach den Zügeln greifen und ſein Pferd zurücktreiben wollten, und winkte ſeinen Kameraden, ihm zu folgen. Noch immer ſtand Barnaby da, keinen Zoll breit von der Stelle weichend und des Herankommenden harrend. Einige riefen ihm zu, er ſolle fliehen, und andere waren eben im Begriffe, ſich um ihn zu ſchaaren, damit er nicht gefangen wuͤrde, als die Stange über den Häuptern der Naheſtehenden wegflog und der Sattel des Soldaten in einem Nu leer war. Dann wandte er ſich mit Hugh um und floh. Die Menge trat auseinander, um ſie durchzulaſſen, und ſchloß ſich wieder eben ſo raſch hinter ihnen, weßhalb man die von ihnen eingeſchlagene Richtung nicht ver⸗ — 269 folgen konnte. Keuchend, von Staub bedeckt, mit glühenden Geſichtern und durch die Anſtrengung er⸗ ſchöpft, erreichten ſie wohlbehalten das Flußufer, wo ſie mit aller Eile in ein Boot ſprangen, das ſie bald aus dem Bereiche unmittelbarer Gefahr führte. Während ſie den Strom hinabglitten, hörten ſie deutlich den Jubelruf des Volkes, und in der Mei⸗ nung, die Soldaten wären zum Rückzug gezwungen worden, ließen ſie die Ruder einige Minuten ruhen, unſchlüſſig, ob ſie zurückkehren ſollten, oder nicht. Aber die über die Weſtminſterbrücke ziehenden Maſſen überzeugten ſie bald, daß das Gefindel ſich zerſtreute, woraus Hugh ganz richtig folgerte, das Gejubel habe wohl der Magiſtratsperſon gegolten, d ſee richeinlic verſprochen habe, das Militär abziehen zu laſſen, wenn die Tumultuanten ſich auf der Stelle nach Hauſe begäben. Sie hielten es daher für räthlich, ihre Flucht fortzuſetzen. Hugh meinte, ſie ſollten bis Blackfrias fahren, an der Brücke landen und ſehen, wie ſie nach dem Stiefel kämen, wo ſie nicht nur Erfriſchung und ein ſicheres Unterkommen, ſondern auch zuverläſſig viele von ihren Kameraden antreffen würden. Barnaby willigte ein, und ſo ruderten ſie gen Blackfrias weiter. Sie ſtiegen in einem kritiſchen Augenblicke und, zum Glücke für ſie, noch gerade zu rechter Zeit an's Land, denn als ſie in die Fleet⸗ Straße kamen, fanden ſie dort alles in einer unge⸗ wöhnlichen Aufregung. Auf ihre Frage, was es gäbe, ſagte man ihnen, daß eine Abtheilung der Garde zu Pferd eben durchgekommen ſey, um einige Aufrührer, die ſie zu Gefangenen gemacht hatte, nach Newgate in Gewahrſam zu bringen. Sie waren froh, mit ſo knapper Noth dem Reitertrupp entkommen zu ſeyn, und verloren keine Zeit mit weiterem Fragen, ſondern eilten ſo ſchnell, als Hugh es für nöthig hielt, um nicht aufzufallen oder eine unbequeme Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, dem Stiefel zu. „ Fünßzigſtes Kapitel. Sie gehörten unter die Erſten, welche in der Kneipe anlangten, waren aber noch nicht viele Mi⸗ nuten dort geweſen, als verſchiedene Gruppen, welche an dem Tumult Theil genommen hatten, nacheinander herankamen. Auch Simon Tappertit und Herr Dennis waren darunter, welche beide, namentlich der letztere, Barnaby mit der größten Wärme grüßten und ihm viele Complimente über die heute an den Tag gelegte Bravour machten. „Es thut mir noch wohl, wenn ich daran denke,“ ſagte Dennis mit einem Fluche, indem er ſeinen Knittel mit dem darauf gehängten Hut in eine Ecke lehnte und mit ihnen an dem gleichen Tiſch Platz 271 nahm.„Das war einmal eine hübſche Gelegenheit! Aber ſie führte zu Nichts. Ich für meinen Theil weiß nicht, was daraus werden ſoll. ˙S iſt in dieſen Zeiten da keine Courage mehr unter den Leuten. Bringt was zu eſſen und zu trinken her. Die Menſch⸗ heit widert mich an.“ „Und warum denn?“ fragte Herr Tappertit, der bereits ſein glühendes Geſicht in eine Halbmaaßkanne gequetſcht hatte.„Betrachtet Ihr dieß nicht für einen guten Anfang, Meiſter?“ „Liefert mir den Beweis, daß es nicht ſchon das Ende iſt,“ verſetzte der Henker.„Als jener Soldat aus dem Sattel flog, hätten wir London unſer machen können. Aber nein— wir ſtehen dabei, gaffen und ſehen zu— der Friedensrichter(ich wollte, er hätte eine Kugel in jedem Auge gehabt, was auch ſicher der Fall geweſen wäre, wenn Alle meine Gedanken gehabt hätten)— der Friedensrichter ſagt:„Jungens, wenn Ihr mir Euer Wort gebt, daß Ihr heimgehen wollt, ſo laß ich das Militär abziehen,— Unſer Volk ſchreit dann Hurrah, wirft das Spiel weg, ob⸗ gleich es lauter Trümpfe in der Hand hat, und ſchleicht davon, wie ein Rudel zahmer Köder, die ſie auch wirklich ſind. Ah!“ fügte der Henker im Tone des tiefſten Widerwillens bei,„ich muß für meine Mit⸗ menſchen roth werden. Wäre ich doch lieber als ein Ochſe geboren worden!“ „In dieſem Falle meine ich, Ihr wäret gerade der gleiche angenehme Charakter geweſen,“ entgegnete 272 Simon Tappertit und verließ mit ſtolzer Miene die Stube. „Deß ſeyd ihr nicht ſo ganz ſicher,“ erwiederte der Henker, ihm nachrufend;„wäre ich in dieſem Augenblick ein gehörntes Thier mit nur dem kleinſten Funken Menſchenverſtand, ſo wollt' ich dieſe ganze Compagnie zuſammenſtoßen, dieſe zwei da“(er meinte damit Hugh und Barnaby)„ausgenommen, die heute wenigſtens gewußt haben, wie man ſich benehmen muß.“ Nach dieſem betrübenden Rückblicke auf die Be⸗ gebenheiten des Tages, ſuchte Herr Dennis ſich in kaltem Rindfleiſch und Bier Troſtes zu erholen, ohne jedoch den gzimmigen und unzufriedenen Ausdruck ſeines Geſichtes zu mildern, deſſen Düſter durch den wohlthätigen Einfluß des Mahles eher vertieft als zerſtreut wurde. Die Compagnie, welche alſo angegriffen wurde, hätte ſich durch harte Worte, wo nicht gar durch Prügel rächen können, aber ſie war zu entmuthigt und ermattet. Der größere Theil davon hatte von Morgen an gefaſtet, die Geſammtheit durch die un⸗ gemeine Hitze außerordentlich gelitten, und von dem Schreien, der Aufregung und der Anſtrengung des Tages waren die meiſten ganz heiſer und ſo kraftlos geworden, daß ſie kaum mehr zu ſtehen vermochten. Dann waren ſie auch unſchlüſſig, was ſie zunächſt anfangen ſollten, fürchteten ſich vor den Folgen des bereits Geſchehenen und fühlten wohl, daß ihr ganzes 273 Unterfangen zu keinem Ziele geführt, ſondern im Gegentheil den Stand der Dinge eher verſchlimmert hatte. Von denen, welche nach dem Stiefel gekom⸗ men, waren im Verlauf einer Stunde viele ver⸗ ſchwunden, und die wirklich Ehrenhaften und Auf⸗ richtigen mochten nach den Erfahrungen des Morgens nicht mehr zurückkehren oder überhaupt eine Kum⸗ munication mit ihren früheren Gefährten unterhalten. Manche blieben nur da, um einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen, und gingen dann zaghaft nach Hauſe, während Andere, die bisher Stammgäſte des Hauſes geweſen, den Platz überhaupt vermieden. Das halbe Dutzend der von den Garden aufgegriffenen Ge⸗ fangenen wurde durch das Gerücht z3. wenigſtens einem halben Hundert vergrößert, und ihre er⸗ ſchöpften, jetzt nüchtern gewordenen Freunde hatten in ihrem Eifer ſo ſehr nachgelaſſen, und ließen unter dieſen entmuthigenden Einflüſſen dermaßen die Flügel hängen, daß ſich gegen Abend acht Uhr Dennis, Hugh und Barnaby allein im Hauſe befanden. Auch ſie waren auf den Bänken eingeſchlafen, als Gash⸗ ford's Eintritt ſie weckte. „Oh, Ihr ſeyd alſo hier?“ fragte der Sekretär. „Du mein Himmel!“ „Ei, wo ſollten wir denn ſonſt ſeyn, Herr Gashford?“ verſetzte Dennis, indem er ſich in eine ſitzende Stellung aufrichtete. „O nirgends, nirgends,“ entgegnete er mit un⸗ gemeiner Sanftmuth.„Die Straßen ſind mit Boz XVII. Barnaby Rudge. 18 blauen Kokarden angefüllt, und ich dachte beinahe, Ihr möchtet auch darunter ſeyn. Freut mich übri⸗ gens, daß es nicht der Fall iſt.“ „So habt Ihr wohl Ordre für uns, Meiſter?“ fragte Hugh. „O mein Gott, nein. Ich nicht. Keine Ordres, mein guter Burſche. Was ſollte ich denn für Ordres haben? Ihr ſeyd ja nicht in meinem Dienſte.“ „Aber, Herr Gashford,“ entgegnete Dennis, „wir gehören doch zu der Sache— oder etwa nicht?“. „Sache wiederholte der Sekretär, den Henker in einer Art von Geiſtesabweſenheit anſehend.„Es gibt keine Sache. Die Sache iſt verloren.“— „Verloren?“ „Allerdings. Ihr müßt's doch wohl auch ge⸗ hört haben? Die Petition iſt durch hundert und zweiundneunzig Stimmen gegen ſechs verworfen worden, und demnach die Angelegenheit gänzlich bereinigt. Wir hätten uns unſere Mühe ſparen können; denn dieß und Mylords Verdruß iſt das einzige, was ich bei dem ganzen Handel beklage. Sonſt bin ich mit allem Uebrigen zufrieden.“ Mit dieſen Worten nahm er ein Federmeſſer aus der Taſche, legte ſeinen Hut auf's Knie und begann dann eifrigſt, die blaue Kokarde, die er den ganzen Tag über getragen hatte, abzutrennen; dabei 275 ſummte er mit der Miene milden Kummers einen Pſalm, der am Morgen ſehr populär geweſen war. Seine zwei Anhänger ſahen zuerſt ſich und dann ihn an, als wüßten ſie nicht, was ſie weiter ſagen ſollten. Hugh tauſchte mit Herrn Dennis ſeine Anſichten durch Ellenbogenanſtoßen und Blinzeln aus, bis er es endlich wagte, die Hand des Sekre⸗ tärs anzuhalten und ihn zu fragen, warum er denn dieſes Band von ſeinem Hute wegnehmen wolle. „Weil es zum Geſpötte wird,“ entgegnete der Sekretär, halb lächelnd, halb ihn anſchnarrend, „wenn man es trägt und ruhig ſitzen bleibt, oder wenn man es trägt und ſchläft, oder wenn man es trägt und davonläuft. Aus dieſem einfachen Grunde, mein Freund.“ „Aber was wollt Ihr denn, das wir thun ſollen, Meiſter?“ rief Hugh. „Nichts,“ erwiederte Gashford, ſeine Achſeln zuckend;„nichts. Als man Mylord Vorwürfe machte und Drohungen gegen ihn ausſtieß, weil er Eure Sache vertheidigte, wünſchte ich, als ein kluger Mann, daß Ihr nichts thut. Als die Sol⸗ daten Euch unter die Hufe ihrer Pferde traten, wünſchte ich gleichfalls, Ihr möchtet nichts thun. Als Einer von ihnen durch eine vermeſſene Hand nie⸗ dergeſchlagen wurde und ich Verwirrung und Entſetzen auf allen ihren Geſichtern las, wünſchte ich gleich⸗ falls, Ihr möchtet nichts thun— mit einem Worte ganz das, was Ihr gethan habt. Da iſt der junge 18*† Mann, der ſo viel Kühnheit und ſo wenig Klugheit beſaß. Ach! es thut mir leid um ihn.“ „Leid, Meiſter 2“ rief Hugh. „Leid, Herr Gashford?“ echoete Dennis. „So wie die Sachen jetzt ſtehen, wird morgen ine Proklamation erlaſſen ſeyn, welche demjenigen, der ihn aufgreift, fünfhundert Pfund oder eine ähnliche Kleinigkeit zur Belohnung verſpricht; auch wird ſie in dem gegenwärtigen Fall einen Mann einſchließen, der von der Treppe hinunter in die Vorhalle ſprang,“ ſagte Gashford kalt.„Aber Ihr müßt ja nichts thun.“ „Tod und Hölle, Meiſter!“ rief Hugh auf⸗ fahrend.„Was haben wir denn gethan, daß Ihr ſo mit uns ſprechen dürft?“ „Nichts,“ entgegnete Gashford mit einem Hohn⸗ lächeln.„Wenn Ihr in’s Gefängniß geworfen werdet, wenn man den jungen Mann da—“ er ſah dabei feſt auf Barnaby's aufmerkſames Geſicht —„von uns und ſeinen Freunden, vielleicht von Leuten, die er liebt, und die ſein Tod unter die Erde bringen würde, wegreißt, wenn man ihn in den Kerker legt, herausbringt und vor ihren Augen aufhängt, ſo thut ja nichts. Ohne Zweifel werdet Ihr finden, daß dieß die beſte Politik iſt.“ „Kommt!“ rief Hugh, nach der Thüre ſchrei⸗ tend.„Dennis— Barnaby— kommt!“ „Wohin? Was wollt Ihr thun?“ rief Gash⸗ — 277 ford, an ihm vorbeiſchlüpfend und ſich mit dem Rücken gegen die Thüre ſtemmend. „Sey es, wohin es will! Es ſoll etwas ge⸗ ſchehen!“ entgegnete Hugh.„Tretet bei Seite, Meiſter, oder das Fenſter wird uns eben ſo gut zum Zwecke dienen. Laßt uns hinaus!“ „Ha, ha, ha! Ihr ſeyd von ſo— von ſo unge⸗ ſtümmem Weſen,“ ſagte Gashford, mit einem Mal ſein Benehmen in das der beſten Kameradſchaft und des gemüthlichſten Scherzes umwandelnd;„Ihr ſeyd ein ſo erregbarer Menſch— aber Ihr werdet doch noch vorher Eins mit mir trinken, eh' Ihr geht.“ „O ja— zuverläßig,“ brummte Dennis, mit dem Aermel über ſeine durſtigen Lippen fahrend. „Keinen Groll, Bruder. Trinkt mit Herrn Gashford!“ Hugh wiſchte ſich die heiße Stirne ab und ver⸗ zog ſeine Züge zu einem Lächeln. Der verſchmitzte Sekretär lachte laut hinaus. „Ein Bischen Branntwein her! Hurtig, ſonſt läßt er ſich nicht einmal durch dieß halten. Er iſt ein verzweifelt feuriger Mann!“ ſagte der glatte Sekretär, dem Herrn Dennis mit unterſchiedlichem Kopfknicken und geflüſterten Flüchen beipflichtete. „Iſt er einmal aufgeweckt, ſo gibt's keinen wilderen und entſchloſſeneren Burſchen!“ Hugh ſtreckte ſeinen kräftigen Arm in die Höhe und ſchlug Barnaby auf den Rüucken, ihm bedeutend, daß er ſich nicht fürchten ſolle. Sie drückten ſich beiderſeitig die Hände— der arme Barnaby augen⸗ ſcheinlich von der Einbildung beſeſſen, daß er einer der tugendhafteſten und uneigennützigſten Helden von der Welt ſey— und Gashford lachte wieder. „Ich höre,“ ſagte er geſchmeidig, als er auf einmal mit einem tüchtigen Krug Branntwein unter ihnen ſtand und eifrig die geleerten Glaͤſer wieder auffüllte,„ich höre— kann aber nicht ſagen, ob es wahr oder falſch iſt— daß das Volk, welches heute auf den Straßen umherlungert, halbwegs Luſt dazu hat, ein paar katholiſche Kapellen nieder⸗ zureißen, und daß es hiezu nur der Anführer be⸗ darf. Ich ließ mir auch ſagen, daß man es auf die in Duke Street Lincoln's⸗Inn Fields und in Warwick Street Golden Square abgeſehen hat; aber, verſteht mich,'s iſt bloßes Gerücht— Ihr wollt doch nicht hingehen?“ —„um nichts zu thun, Meiſter, he?“ rief Hugh.„Nein, keine Gefängniſſe und Galgen für Barnaby und mich. Man muß ſie einängſtigen, daß ihnen ſolche Gedanken vergehen. Führer alſo brauchen ſie? Wohlan, Jungen!“ „Ein höchſt ungeſtümer Burſche!“ rief der Se⸗ kretär.„Ha, ha! Ein muthiger, lärmernder, äußerſt heftiger Geſelle, ein Mann, der—“ Er brauchte ſeinen Satz nicht zu beendigen, denn ſie waren bereits zum Hauſe hinausgeſtürmt und befanden ſich ſchon ganz auſſer Hörweite. Er hielt mitten in einem Gelächter inne, lauſchte, zog ſeine Handſchuhe an und ging geraume Zeit mit 279 auf den Rücken gekreuzten Händen in der verlaſſenen Stube auf und ab; dann lenkte er ſeine Schritte der Stadt zu und ſpazierte in den Straßen umher. Sie waren mit Menſchen angefüllt, denn das Gerücht von den Begebniſſen des Tages hatte viel Aufſehen gemacht. Solche, die nicht ausgehen mochten, ſtanden unter ihren Thüren oder an den Fenſtern, und überall beſprach man ſich nur über den Einen Gegenſtand. Bald hieß es, der Aufruhr ſey mit allem Nachdruck unterdrückt worden, bald wollte man wiſſen, daß er wieder auf's Neue los⸗ gebrochen ſey. Einige ſagten, man habe Lord George Gordon unter einer ſtarken Bedeckung nach dem Tower geſchickt, Andere ſprachen ſogar von einem Mordverſuch gegen den König, in Folge deſſen die Truppen wieder ausgerückt ſeyen; auch habe man in abgelegenen Stadttheilen vor ungefähr einer Stunde Musketenſchüſſe gehört. Als es dunkler und dunkler wurde, nahmen ſolche Geſchichten mehr und mehr einen geheimnißvollen und grauenhaften Cha⸗ rakter an, und oft, wenn irgend ein erſchreckter Spaziergänger mit der Nachricht vorbeieilte, die Aufrüͤhrer wären ganz in der Nähe und zögen an, wurden die Thüren geſchloſſen und verriegelt, die Läden der untern Fenſter zugemacht, und es herrſchte mit einem Worte eine ſolche Beſtürzung, als verſähe man ſich jeden Augenblickes des Einfalls fremder Truppen in die Stadt. „Gashford ſchlich verſtohlen umher, lauſchte auf alles, was zu hören war, und verbreitete oder be⸗ ſtätigte, wo er immer Gelegenheit hatte, falſche Nachrichten, wie ſie eben in ſeinen Plan taugten. In dieſer Weiſe emſig beſchäftigt, lenkte er zum zwanzigſten Mal gegen Holborn ein, als ihm mit einem Male eine Menge flüchtiger Weiber und Kin⸗ der, keuchend und oft zurückſchauend, entgegen kam und das verwirrte Getümmel zahlloſer Stimmen an ſein Ohr ſchlug. Aus dieſen Belegen, wie auch aus dem rothen Lichte, das über die Häuſer auf der andern Seite aufzuzucken begann, die Ueber⸗ zeugung gewinnend, daß jetzt in der That Einige von ſeinen Freunden anzögen, bat er an einer Thüre, die ſich eben öffnete, als er vorüber ging, um Obdach, worauf er mit einigen andern Perſonen nach einem oberen Fenſter eilte, um von hier aus auf das Gedränge hinunter zu ſehen. Sie hatten Fackeln bei ſich, und die Geſichter der Hauptperſonen waren deutlich zu unterſcheiden. Sie kamen augenſcheinlich von der Zerſtörung eines Gebäudes her, und daß dieſes ein katholiſches Gottes⸗ haus geweſen war, ließ ſich aus der Beute, die ſie als Siegestrophäen mit ſich trugen, nämlich aus den Prieſterornaten und den Bruchſtücken von Altar⸗ verzierungen, leicht erſehen. Mit Ruß, Schmutz, Kalk und Staub bedeckt, die Kleider in Fetzen zer⸗ ſchliſſen, die Haare wild umher hängend, Hände und Geſicht zerriſſen und blutend von den Wunden, welche ſie an den roſtigen Nägeln geholt— eilten be⸗ ge en. um mit in⸗ am an uch auf der⸗ nige ner ng, nen aus hter den. nes tes⸗ ſie aus tar⸗ utz, zer⸗ und den, lten — ᷣↄ— 281 Barnaby, Hugh und Dennis, wie gräßliche Toll⸗ häusler, dem Haufen voran. Hinter ihnen kämpfte ſich die dichte Maſſe weiter. Einige ſangen, Andere jubelten triumphirend; da gab es Streit unter ihnen ſelbſt, dort wurden die vorbeigehenden Zuſchauer bedroht; Einige brachten große Balken mit ſich, an welchen ſie, als wären dieſe lebende Weſen, ihre Wuth ausließen, indem ſie ſie zuſammenbrachen und die Bruchſtücke hoch in die Luft ſchleuderten; Andere waren ſo betrunken, daß ſie nichts von den Ver⸗ letzungen ſpürten, die ſie unter den fallenden Zie⸗ geln, Steinen und Balken erlitten; ganz in der Mitte wurde Einer, mit einem ſchmutzigen Tuche bedeckt, auf einem Fenſterladen getragen— ein gefühlloſer, unheimlicher Klumpen. So ſchwebte es vorbei— eine Viſion von wilden Geſichtern, hin und wieder von einer flackernden, rauchenden Fackel beleuchtet; ein Traum von Dämonenköpfen und funkelnden Augen, in der Luft wirbelnden Stöcken und Eiſenſtangen; eine ſinnverwirrende Schauer⸗ ſcene, in der man ſo viel, und doch ſo wenig ſah, die ſo lang, und doch ſo kurz zu ſeyn ſchien, worin es ſo viele Phantome gab, die man das ganze Leben über nicht vergeſſen konnte, und doch auch wieder ſo Vieles, was in der Verwirrung des Augenblicks der Beobachtung entging— und dann war es verſchwunden. Während der Haufen ſo auf dem Wege der Wuth und der Zerſtörung dahin zog, hörte man 282 plötzlich einen durchbohrenden Schrei. Man lief auf den Ort zu, von woher er gekommen, und auch Gashford, der eben in dieſer Straße aufgetaucht war, eilte nach der Stelle. Er konnte wegen des Gewühls nicht beikommen und daher nicht perſönlich ſehen, was im Mittelpunkte dieſes Kreiſes vorge⸗ gangen war; aber ein Mann, der einen beſſern Standort gefunden hatte, theilte ihm mit, daß eine Wittwe ihren Sohn unter den Aufrührern erkannt habe. „Sonſt nichts?“ ſagte der Sekretär, ſich nach Hauſe wendend.„Nun, ich denke, dieß ſieht ſchon ein Bischen mehr einem Handeln ähnlich.“„ Einundfünßzigſtes Kapitel. — So vielverſprechend dieſer Unfug in Gashford's Augen ſeyn, und ſo ſehr er auch wie Handeln aus⸗ ſehen mochte, ſo ging er doch in der ſelbigen Nacht nicht weiter. Das Militär rückte wieder aus, es gab abermals ein halb Dutzend Gefangene, und auf's Neue wurde die Bande nach einem kurzen und blutloſen Kampfe zerſtreut. So erhitzt und betrun⸗ ken ſie auch waren, hatten ſie doch noch nicht alle Schranken niedergetreten und dem Geſetz und der Regierung noch nicht völlig Hohn geboten. Immer —,— auf uch icht des lich ge⸗ ern eine übe. ach hon rd's nus⸗ acht es und und run⸗ alle der mer — 283 haftete noch etwas von der gewohnten Ehrfurcht gegen das für die Erhaltung der Geſellſchaft einge⸗ ſetzte Anſehen, und wäre die Majeſtät deſſelben zur rechten Zeit gehandhabt worden, ſo hätte wohl der Sekretär eine bittere Täuſchung niederwuͤrgen müſſen. Um Mitternacht waren die Straßen leer und ruhig, und alles ſah aus wie ſonſt, ausgenommen, daß an zwei Punkten der Stadt wankende Mauern und Schutthaufen ſich befanden, wo am Morgen noch reiche und ſchöne Gebäude geſtanden hatten. Selbſt die beſſeren Klaſſen der katholiſchen Ein⸗ wohner, deren viele in der Altſtadt und in den Vor⸗ ſtädten wohnten, fürchteten nichts für ihr Leben oder Eigenthum, und fühlten nur wenig Unwillen wegen des Unrechts, das ihnen bereits durch Plünderung und Zerſtörung ihrer Kirchen zugegangen war. Eine ehrliche Zuverſicht zu der Regierung, unter deren Schutz ſie ſchon ſo viele Jahre gelebt, und ein wohlgegründetes Vertrauen auf die gute Geſinnung und das richtige Gefüͤhl der Gemeinſchaft im Allge⸗ meinen, mit der ſie, ungeachtet der Confeſſions⸗ verſchiedenheit, jeden Tag vertraulichen, innigen und freundſchaftlichen Verkehr unterhalten hatten, beruhigte ſie ſogar unter den begangenen Exceſſen und gaben ihnen die Ueberzeugung, daß diejenigen, welche in allem, nur nicht in dem Namen, Pro⸗ teſtanten waren, eben ſo wenig als die Anſtifter ſolcher ſchmählichen Ereigniſſe betrachtet werden dürften, als man ihnen ſelbſt die Anwendung des 284 Blocks, der Folter, des Galgens und des Marter⸗ pfahls unter der Herrſchaft der grauſamen Maria zur Laſt legen konnte. Es ſchlug Ein Uhr, und Gabriel Varden ſaß mit ſeiner Frau und Miß Miggs noch immer war⸗ tend in der kleinen Wohnſtube. Dieß, der über⸗ hängende Docht der trüben, niedergebrannten Kerzen, die herrſchende Stille und namentlich die Nacht⸗ mützen der Frau vom Hauſe und der Jungfer be⸗ kundeten augenſcheinlich, daß ſie längſt hatten zu Bette gehen wollen und deßhalb wohl einen gewich⸗ tigen Grund haben mochten, um ſo lange über die gewohnte Stunde aufzubleiben. Hätte es noch eines weiteren bekräftigenden Zeug⸗ niſſes bedurft, ſo wäre es hinreichend in den Be⸗ wegungen der Miß Miggs zu finden geweſen, die ſich in jenem unruhigen und reizbaren Zuſtande des Nervenſyſtems befand, der eine gewöhnliche Folge langen Wachens iſt, denn ſie rieb und zwickte ohne Unterlaß ihre Naſe, änderte jeden Augenblick ihre Lage(was von dem plötzlichen Hervorwachſen ima⸗ ginärer Aeſte und Knorren aus ihrem Stuhle her⸗ rührte), kratzte ſich häufig an den Augenbrauen, verfiel je zuweilen in einen kleinen Huſten, ſtöhnte, gähnte, ſeufzte, ſchnüffelte, fuhr krampfhaft zu⸗ ſammen und erging ſich noch in vielen andern der⸗ artigen Demonſtrationen, wodurch ſie die Geduld des Schloſſers dermaßen befeilte und beraspelte, daß derſelbe, nachdem er ſie ein Weilchen ſtill⸗ er⸗ ria ſaß ar⸗ der⸗ een, cht⸗ be⸗ zu ich⸗ die ug⸗ Be⸗ die des olge hne ihre ma⸗ her⸗ uen, nte, zu⸗ der⸗ duld elte, till⸗ 285 ſchweigend angeſehen, endlich in folgende Anrede ausbrach: „Miggs, meine gute Dirne, gehe Sie zu Bette— gehe Sie zu Bette. Es wird mir in der That ſchlechter, als wenn hundert Waſſertonnen vor dem Fenſter draußen herabträufelten, oder eben ſo viele Mäuſe hinter dem Getäfel kratzten. Ich kann’s nicht aushalten. Gehe Sie zu Bette, Miggs. In der That, Sie erweist mir einen Gefallen damit.“ „Ihr habt nichts aufzubinden, Sir,“ entgegnete Miß Miggs,„und daher wundert mich's gar nicht, daß Ihr ſo etwas von mir verlangt. Bei der Meiſterin iſt es aber nicht der Fall, und ſo lang Ihr aufbleibt, Ma'am,“ fügte ſie, gegen die Gattin des Schloſſers gewandt, bei,„könnte ich nicht ruhig zu Bette gehen, und wenn man mir zwanzigmal ſo viel kalt Waſſer in dieſem Augenblick über den Rücken hinunter laufen ließe.“ Nach dieſen Worten machte Miß Miggs unter⸗ ſchiedliche Verſuche, ihre Schultern an einem un⸗ möglichen Orte zu reiben, und ſchauderte von Kopf bis zu Füßen, damit zu verſtehen gebend, daß der imaginäre„Waſſerfall noch immer in vollem Rieſeln begriffen ſey, ſie aber durch ihr Pflichtge⸗ fühl ſowohl unter dieſem, als unter allen Leiden aufrecht erhalten und zur Ausdauer bekräftigt werde. Frau Varden war zu ſchläfrig, um zu ſprechen, und da Miß Miggs ihr Sprüchlein angebracht hatte, 286 ſo blieb dem Schloſſer nichts übrig, als zu ſeufzen und möglichſt ruhig zu bleiben. Sich übrigens einem ſolchen Baſilisken gegen⸗ über ruhig zu verhalten, war ein Werk der Unmög⸗ lichkeit; denn wenn er in eine andere Richtung ſchaute, ſo war es noch weit ſchlimmer, fühlen zu müſſen, wie ſie ihre Wange rieb, ſich in's Ohr zwickte, mit den Augen blinzelte oder ihre Naſe in alle Arten von außerordentlichen Formen drehte, als es mit anzuſehen. Hörte ſie einen Augenblick auf, den Schloſſer damit zu beläſtigen, ſo geſchah es nur, weil ihr der Fuß eingeſchlafen war, weil ſie ein Jucken am Arme ſpürte, weil ihr der Krampf das Bein zuſammen zog, oder eine ſonſtige ſchreck⸗ liche Krankheit den ganzen Körper durchzuckte. Wenn ſie ſich ein klein wenig Ruhe gönnte, ſo ſaß ſie ſteif und aufrecht in ihrem Stuhl, die Augen ſchließend und den Mund weit aufſperrend, nickte dann ein Bischen vorwärts und hielt wieder mit einem Rucke inne; dann kam wieder ein Kopfnicken und abermals ein Ruck, dann erholte ſie ſich ein Wenig und kam wieder vorwärts— tiefer— tiefer — und tiefer— ganz allmälig, bis es endlich als eine Unmöglichkeit erſchien, daß ſie nur einen Augen⸗ blick länger das Gleichgewicht erhalten könnte, und der Schloſſer eben in Todesängſten aufſchreien wollte, damit ſie nicht auf die Stirne niederſtürze und ſich den Schädel einſchlage; dann aber fuhr ſie ſo plötzlich und ohne vorhergängige Urkund in die 287 Höhe, und ſaß wieder ſteif und aufrecht da, das ſchläfrige Geſicht voll trotziger Herausforderung, welche deutlich ſagte:„Ich habe kein Auge zugethan, ſeit ich Euch zum letzten Mal anſah, und kann einen Eid darauf ſchwören.“ Endlich, nachdem es Zwei geſchlagen, ließ ſich ein Ton von der Hausthüre her vernehmen, als ob Jemand zufällig gegen den Klopfer gefallen wäre. Miß Miggs ſprang augenblicklich auf, ſchlug ihre Hände zuſammen und rief mit einer ſchläfrigen Miſchung von Heiligem und Profanem: „Hallelojah, Ma'am! Das iſt Simmun's Klopfen!“ „Wer da?“ rief Gabriel. „Ich!“ entgegnete Herrn Tappertit's wohlbe⸗ kannte Stimme. Gabriel öffnete die Thüre und ließ ihn ein. Die Figur, die Herr Tappertit machte, war nicht die anſprechendſte; denn ein Mann von ſeiner Statur leidet immer in einem Gedränge, und da er bei dem Werke des geſtrigen Morgens thätig ge⸗ weſen, ſo war ſein Anzug, im buchſtäblichen Sinne des Wortes, vom Kopf bis zum Fuße zerknüllt, ſein Hut aus allen Formen geſchlagen und die Fußbe⸗ kleidung nach Weiſe der Pantoffeln hinten nieder⸗ getreten. Sein Rock flatterte in Fetzen um ihn her, Beinkleider⸗ und Schuhſchnallen waren abge⸗ zerrt, das Halstuch nur noch zur Hälfte vorhanden und der Buſenſtreif ſeines Hemds in Franzen zer⸗ 288 ſchliſen. Aber ungeachtet dieſer perſönlichen Ent⸗ ſtellungen, der durch die Hitze und die Anſtrengung herbeigeführten Erſchöpfung und der dicken Schmutz⸗ und Staubrinde, die ihn wie ein Futteral überzog, ſo daß ſich weder von ſeiner Haut, noch von ſeinen Kleidern die wirkliche Textur unterſcheiden ließ, ſtolperte er doch hochmüthig in die Stube, warf ſich in einen Stuhl, bemühte ſich, die Hände in die Taſchen ſeiner kurzen Hoſen zu ſtecken, die herausgekehrt waren und wie Troddeln auf ſeine Beine herunter hingen, und muſterte den Haushalt mit düſterer Würde. „Simon,“ ſagte der Schloſſer mit Ernſt,„wie kömmt es, daß Er zu dieſer Stunde der Nacht und in einem ſolchen Zuſtande heim kommt? Gebe Er mir die Verſicherung, daß Er nicht unter den Aufrührern geweſen iſt, und ich bin zufrieden.“ „Sir,“ verſetzte Herr Tappertit mit einem Blicke voll Verachtung,„ich wundere mich über Eure Dreiſtigkeit, mir ſolche Fragen zu ſtellen.“ „Er hat getrunken,“ ſagte der Schloſſer. „Vom allgemeinen Geſichtspunkte aus und in dem beleidigendſten Sinne des Worts, Sir,“ erwie⸗ derte ihm der Schloſſergeſelle mit großer Beſonnen⸗ heit,„betrachte ich Euch als einen Lügner. Mit Eurer letzten Bemerkung habt Ihr jedoch unabſicht⸗ lich— unabſichtlich, Sir— die Wahrheit ge⸗ troffen.“ „Martha,“ ſagte der Schloſſer zu ſeinem Weibe, —————˖OOOBꝭQK—-˖‚—— 289 indem er bekümmert den Kopf ſchüttelte, obgleich er ſich eines kleinen Lächelns über die abgeſchmackte Figur ſeines Arbeiters nicht erwehren konnte,„ich hoffe, es ſtellt ſich nicht heraus, daß dieſer arme Tropf ein Opfer der Schurken und Narren geworden iſt, über die wir uns ſo oft ſtritten, und die heute ſo viel Unheil angeſtiftet haben. Wenn er heute Nacht in Warwick⸗Street oder Duke⸗Street ge⸗ weſen wäre— ℳ „Er iſt an keinem dieſer Orte geweſen, Sir,“ rief Herr Tappertit mit lauter Stimme, die er plötzlich zu einem Flüſtern dämpfte, als er, den Schloſſer feſt anſehend, wiederholte:„Er iſt an keinem dieſer Orte geweſen.“ „Das freut mich von ganzem Herzen,“ verſetzte der Schloſſer in ernſtem Tone;„denn wäre es ſo, und es könnte gegen ihn bewieſen werden, Martha, dann wäre deine große Aſſociation für ihn der Karren, der die Leute zum Galgen führt und ſie in der Luft hängen läßt. Ja, ſo wahr wir leben, es wäre nicht anders!“ Frau Varden war durch Simmons verändertes Benehmen und Ausſehen, wie auch durch die Be⸗ richte, die ſie über die Aufrührer gehört hatte, zu verſchüchtert, um etwas zu erwiedern, oder zu ihrer gewöhnlichen ehelichen Politik ihre Zuflucht zu nehmen. Miß Miggs rang ihre Hände und weinte. „Er war nicht in Duke⸗Street oder in Warwick⸗ Street, Gabriel Varden,“ ſagte Simon hochtragend, Boz. XVII. Barnaby Rudge. 19 290 „aber in Weſtminſter war er. Vielleicht, Sir, hat er einen Grafſchaftsdeputirten mit Füßen getreten, vielleicht, Sir, einen Lord geprügelt— ja, macht nur große Augen, Sir, ich wiederhole es— Blut iſt aus den Naſen gefloſſen, und vielleicht hat er einen Lord geprügelt. Wer weiß? Dieß,“ fügte er bei, indem er die Hand in ſeine Weſtentaſche ſteckte und einen großen Zahn herausnahm, bei deſſen An⸗ blick Miß Miggs und Frau Varden laut auſſchrien; „dieß war das Eigenthum eines Biſchofs. Seht Euch vor, Gabriel Varden.“ „Nun, da wollte ich doch lieber fünfhundert Pfund aus meinem Beutel bezahlt haben,“ ſagte der Schloſſer haſtig,„als daß es ſo weit kommen mußte. Du Dummkopf, weißſt du auch, in welcher Gefahr du ſchwebſt?“ „Ich weiß es, Sir,“ verſetzte ſein Geſelle,„und rechne mir's zum Ruhme. Ich war dort. Jedermann ſah mich dort. Ich habe mich als bedeutender, als hervorragender Mann gezeigt und mache mir nichts aus den Folgen.“ Der Schloſſer ſchritt in ſtummer Aufregung und Unruhe auf und ab, warf hin und wieder ſeinem vormaligen Lehrling einen Blick zu, machte endlich vor ihm Halt und ſprach: „Gehe Er zu Bette und ſchlafe Er ein paar Stunden, um mit einigem Verſtande wieder aufzu⸗ wachen. Ja, bereue Er, was Er gethan hat, und wir wollen ſehen, ob wir Ihn retten können. Ich — — 2 2 ðæ -Sͤ=SSͤ g 2—— hat ten, acht Blut t er e er eckte An⸗ ien; Seht dert der ußte. fahr „und nann als ichts und inem dlich paar ufzu⸗ und Ich 291 werde ihn um fünf Uhr wecken,“ ſagte Varden, in⸗ dem er ſich haſtig an ſeine Frau wandte,„und wenn er ſich dann wäſcht und andere Kleider anzieht, ſo erreicht er vielleicht die Towertreppen und kann mit dem Graveſender Fluthboot entwiſchen, ehe man ihn aufſucht. Von dort aus iſt's ihm ein Leichtes, nach Canterbury zu kommen, wo ihm dein Vetter Arbeit geben kann, bis dieſes Unwetter ausgeſtürmt hat. Ich weiß zwar nicht, ob ich Recht handle, indem ich ihn gegen die wohlverdiente Strafe zu ſchirmen ſuche, aber er hat wohl ein Dutzend Jahre als Knabe und Rann in dieſem Hauſe gelebt, und es thäte mir leid, wenn er wegen dem Unterfangen dieſes einzigen Tages zu einem elenden Ende käme. Schließe Sie die Vorder⸗ thüre, Miggs, und gebe Sie Acht, daß man kein Licht auf der Straße ſieht, wenn Sie die Treppe hinaufgeht. Hurtig, Simon! Mache Er, daß Er zu Bette kömmt!“ „Und meint Ihr, Sir,“ entgegnete Herr Tap⸗ pertit mit einer Breite und Langſamkeit, die einen gewaltigen Contraſt gegen die Haſt und den Eifer ſeines freundlich geſinnten Meiſters bildete—„und meint Ihr, daß ich niederträchtig und gemein genug ſey, Euren knechtiſchen Vorſchlag anzunehmen, Ihr ungläubiger Heide?“ „Rede. Er da, was Er will, Sim, aber mache Er, daß Er zu Bette kömmt. Jede Minute iſt von Folgen. Das Licht her, Miggs!“ „Ja, ja, recht ſo! Nur gleich zu Bette!“ rie⸗ fen die beiden Weiber unter einander. 19* 292 Herr Tappertit erhob ſich, ſtieß ſeinen Stuhl zuruck, um zu zeigen, daß er keines Beiſtandes be⸗ dürfe, ſchwankte hin und her, machte mit ſeinem Kopfe Geſtikulationen, als ſtehe er durchaus nicht mit ſeinem Körper in Verbindung, und antwortete: „Ihr ſprecht von Miggs, Sir— eine Miggs läßt ſich allenfalls dämpfen.“ „O Simmun!“ rief dieſe junge Dame mit mat⸗ ter Stimme.„O Ma'am! O Sir! O du ewige Güte! Was er mir für einen Herzſtoß gegeben hat!“ „In dieſer Familie laſſen ſich wohl Alle dämpfen, Sir,“ entgegnete Herr Tappertit, die Zofe mit einem Lächeln unausſprechlicher Verachtung anſehend,„Frau Varden ausgenommen. Nur um ihretwillen komme ich dieſe Nacht her, Sir. Frau Varden, nehmt dieſen Streifen Papier. Es iſt eine Sicherheitskarte, Ma'am. Ihr könntet deſſen vielleicht benöthigt ſeyn.“ Mit dieſen Worten hielt er auf Armslänge einen ſchmutzigen und zerknüllten, überſchriebenen Fetzen vor ſich hin. Der Schloſſer nahm ihn, öffnete ihn und las, wie folgt: „Alle aufrichtigen Freunde unſerer Sache werden ſich hoffentlich in Acht nehmen, nirgends das Eigenthum eines treuen Proteſtanten zu be⸗ ſchädigen. Ich bin überzeugt, daß der Eigen⸗ thümer dieſes Hauſes ein ſtandhafter und ehrenhafter Freund unſerer Sache iſt. George Gordon. 293 „Was ſoll dieß?“ ſagte der Schloſſer mit ganz verändertem Geſichte. „Etwas, was Euch gute Dienſte leiſten wird, alter Knabe, wie Ihr finden werdet,“ verſetzte der Schloſſergeſelle.„Bewahrt es gut auf und legt es an einen Ort, wo Ihr es in einem Nu zur Hand haben könnt. Und kreidet morgen Nacht und für die ganze künftige Woche ‚Kein Pabſtthum’ an Eure Thüre— weiter ſage ich nicht.“ „Das Dokument iſt ächt,“ ſagte der Schloſſer, „denn ich habe dieſe Hand früher ſchon geſehen. Was liegt darin für eine Drohung verſteckt? Welcher Teufel iſt los?“ „Ein feuriger Teufel,“ erwiederte Sim;„ein flammender, wüthender Teufel. Kommt ihm nicht zu nahe, oder es iſt um Euch geſchehen, mein Hähn⸗ chen. Laßt Euch in Zeiten warnen, Gabriel Var⸗ den. Gott befohlen!“ Aber nun warfen ſich ihm die beiden Weiber in den Weg— beſonders Miß Miggs, die mit einem ſolchen Eifer über ihn herfiel, daß ſie ihn beinahe gegen die Wand ſpießte— und beſchworen ihn in den bewegendſten Worten, nicht fortzugehen, bis er nüchtern ſey; er ſolle doch Räſon annehmen, ſich beſinnen, ein Bischen ruhen und dann erſt einen Entſchluß faſſen. „Ich ſage Euch,“ verſetzte Herr Tappertit,„daß mein Entſchluß gefaßt iſt. Mein blutendes Vaterland ruft mich und ich gehe! Miggs, wenn Ihr mir nicht aus dem Wege tretet, ſo zwicke ich Euch.“ Miß Miggs klammerte ſich noch immer an den Rebellen an und ſchrie entſetzlich hinaus— ob in den tiefen Nöthen ihrer Seele, oder ob in Folge der Ausführung dieſer Drohung, wiſſen wir nicht zu ſagen. „Laßt mich los,“ ſagte Simon, indem er ſich ihrer keuſchen, aber ſpinnenartigen Umarmung zu entziehen ſuchte.„Laßt mich gehen! Ich habe für den kommenden, veränderten Zuſtand der Geſellſchaft meine Vorkehrungen getroffen und gedenke, Euch eine behagliche Verſorgung zu verſchaffen— So! Wird Euch dieß zufriedenſtellen?“ „O Simmun!“ rief Miß Miggs.„O mein geſegneter Simmun! O Ma'am, welche Gefühle durchkreuzen in dieſem betrübenden Augenblick meine Bruſt!“ Dieſe Gefühle mochten wohl von ziemlich ſtͤr⸗ miſcher Natur ſeyn, denn ſie hatte im Kampfe ihre Nachtmütze verloren und lag nun knieend auf dem Boden, eine ſonderbare Schauſtellung von blauen und gelben Papierwickeln, los gewordenen Haarlocken, Schnürbandſtiften und allem Möglichen bietend; da⸗ bei ſchnappte ſie nach Luft, ſchlug ihre Hände zu⸗ ſammen, richtete die Augen aufwärts, vergoß einen Ueberfluß von Thränen und zeigte noch verſchiedene andere Symptome des peinlichſten Seelenleidens. „Ich laſſe einen Koffer voll Sachen droben,“ ſagte Simon, in gänzlicher Nichtachtung von Miggs' sird nein ihle eine tůr⸗ ihre dem nuen cken, da⸗ zu⸗ inen dene ben,“ iggs⸗ 295 jungfräulichem Schmerz ſich an ſeinen Meiſter wendend.„Ihr könnt damit anfangen, was Ihr wollt, denn ich brauche ſie nicht mehr— werde auch nie wieder hierher zurückkommen. Seht Euch nach einem andern Arbeiter um, Sir, denn ich ſtehe jetzt als Arbeiter im Dienſte meines Vaterlandes. Hin⸗ fort wird dieß meine Profeſſion ſeyn.“ „Sey Er meinetwegen in zwei Stunden, was Er will, aber jetzt ſoll Er mir zu Bette gehen,“ entgegnete der Schloſſer, vor die Thüre tretend. „Hört Er mich? Zu Bette ſoll Er gehen!“ „Ich höre Euch und biete Euch Trotz, Varden,“ verſetzte Simon Tappertit.„Ich bin dieſe Nacht auf dem Lande draußen geweſen, Sir, und habe den Plan zu einem Feldzug entworfen, der Eure arme Schloſſerſeele mit Staunen und Entſetzen erfüllen wird. Die Ausführung des Entwurfs bedarf mei⸗ ner höchſten Thatkraft. Laßt mich hinaus.“ „Ich ſchlage Ihn zu Boden, wenn Er der Thüre nahe kömmt,“ erwiederte der Schloſſer.„'s iſt ge⸗ ſcheidter, Er geht in's Bett.“ Simon Tappertit gab keine Antwort, ſondern pflanzte ſich ſo gerade, als es ihm möglich war, auf, ſtürzte köpflings auf ſeinen alten Meiſter los, und ſo rangen ſich Beide in die Werkſtatt hinaus, mit Händen und Füßen ſo raſch um ſich ſchlagend, daß ſie wie ein Halbdutzend ausſahen, während Miggs und Frau Varden für Zwölf ſchrieen. Es wäre für Herrn Varden ein Leichtes geweſen, ſeinen alten Lehrling zu Boden zu ſchlagen und ihm Hände und Füße zu binden; aber er wollte ihm in ſeinem dermaligen unzurechnungsfähigen und un⸗ beſchützten Zuſtande nicht wehe thun, weßhalb er ſich begnügte, die Schläge deſſelben, ſo gut er konnte, zu pariren, und wo dieß nicht anging, ſie eben gut⸗ müthig hinzunehmen; dabei hielt er ſich zwiſchen ihm und der Thüre, einer günſtigen Gelegenheit harrend, ihn die Treppe hinaufzudrängen und in ſeiner Kammer einzuſperren. In ſeiner Herzensgute baute er inzwiſchen zu viel auf die Schwäche ſeines Geg⸗ ners und vergaß darüber ganz, daß betrunkene Per⸗ ſonen, die das Vermögen, ſicher aufzutreten, verlo⸗ ren haben, oft rennen können. Simon Tappertit erſah daher den günſtigen Zeitpunkt, that, als ob er zurück⸗ wiche, ſtolperte dann plötzlich vorwärts und an ſeinem Meiſter vorbei, öffnete die Thüre(denn er kannte den Vortheil des Schloſſes wohl) und ſtürzte wie ein toller Hund auf die Straße hinaus. Im Ueber⸗ maße ſeines Erſtaunens pauſirte der Schloſſer einen Augenblick und begann dann eine Jagd. Die Zeit war für ein Wettrennen ausgezeichnet gewählt, denn die Straßen waren zu der ſpäten Stunde ganz verlaſſen, die Luft abgekühlt und die flüchtige Geſtalt in großer Entfernung noch deutlich erkennbar: ſie eilte dahin, während ihr ein langer, magerer Schatten auf dem Fuße folgte. Bei dem kurzen Athem des Schloſſers war jedoch ein Menſch von Sim's Jugend und windiger Geſtalt ſehr im —— 297 Vortheil, obgleich es eine Zeit gegeben hatte, wo er ihn in einem Nu eingeholt haben würde. Der Raum zwiſchen Beiden wurde immer größer, und da eben die erſten Sonnenſtrahlen einſielen, als Simon um eine ferne Ecke bog, gab Gabriel Varden die Jagd gerne auf und ſetzte ſich auf eine Thürtreppe nieder, um wieder zu Athem zu kommen. Simon hatte ſich inzwiſchen, ohne auch nur ein einzigesmal anzuhal⸗ ten, mit ſtets gleicher Geſchwindigkeit nach dem Stie⸗ fel geflüchtet, wo er einige von ſeiner Geſellſchaft zu finden gewiß war. Dieſes reſpektable Gaſthaus hatte bereits die Auszeichnung erworben, durch das Geſetz bedroht zu ſeyn, weßhalb dort jede Nacht eine freund⸗ liche Wache aufgeſtellt war, die ſich denn auch jetzt auf ihrem Poſten befand, um ſeiner Ankunft entge⸗ gen zu ſehen. „Nun, ſo geh' deiner Wege, Sim, geh' deiner Wege,“ ſagte der Schloſſer, ſobald er wieder ſprechen konnte.„Ich habe mein Beſtes für dich gethan, ar⸗ mer Tropf, und hätte dich wohl retten mögen, aber ich fürchte, der Hanf zu deinem Stricke iſt ſchon gedreht.“ Dabei ſchüttelte er bekümmert und troſtlos den Kopf, trat den Heimweg an und erreichte bald wieder ſeine Wohnung, wo Frau Varden und die treue Miggs ängſtlich ſeiner Rückkehr harrten. Nun unterhielt aber Frau Varden(und demge⸗ mäß auch Miß Miggs) eine geheime Beſorgniß, daß ſie wohl Unrecht gethan habe, indem ſie, ſo weit es ihre beſchränkten Mittel erlaubten, dem Gedeihen von Unruhen, deren Ende unmöglich vorauszuſehen war, Beihülfe und Vorſchub leiſtete; daß ſie eini⸗ germaßen ſelbſt Anlaß zu dem letzten Auftritt gege⸗ ben, und daß für den Schloſſer jetzt in der That die Zeit des Triumphes und der Vorwürfe herangekom⸗ men ſey. Frau Varden fühlte dieß wirklich ſo nach⸗ drücklich, und war in Folge davon ſo entmuthigt, daß ſie, während ihr Gatte den ausgeriſſenen Schloſ⸗ ſergeſellen verfolgte, das kleine Ziegelhäuschen mit dem gelben Dache unter ihrem Stuhle verbarg, um dadurch jeden neuen Anlaß, auf dieſes peinliche Thema zurückzukommen, zu vermeiden. Jetzt rückte ſie es ſogar noch weiter zurück und verbarg es mit den Säumen ihres Kleides. Zufälligerweiſe hatte jedoch der Schloſſer auf ſeinem Heimwege gerade an dieſen Gegenſtand ge⸗ dacht. Als er daher in das Zimmer trat und ihn nicht ſah, ging ſeine erſte Frage dahin, wo der⸗ ſelbe wäre. 3 Frau Varden hatte nun freilich keine andere Wahl, als ihn hervorzuziehen, was ſie unter vielen Thränen that, indem ſie dabei die abgebrochenen Verſicherungen laut werden ließ, wenn ſie hätte wiſſen können, daß— „Ja, ja,“ ſagte Varden,„natürlich— ich wußte es wohl. Ich will dir keine Vorwürfe machen, meine Liebe; aber vergiß mir in Zukunft nicht, daß etwas Gutes, wenn es zu üblen Zwecken angewendet wird, u— 299 weit ſchlimmer iſt, als das von Natur aus Böſe. Ein ſchlechtes Weib geräth immer auf ſchlimmere Abwege, und wenn die Religion einmal irre geleitet iſt, ſo geht es mi ihr aus demſelben Grunde bald zum Allerſchlimme 4. Wir wollen daher nichts mehr darüber ſagen, meine Liebe.“ Und damit warf er das rothe Ziegelhäuschen auf den Boden, ſetzte den Fuß darauf und zertrat es in Stücke. Die Halbpence, die Sechspence und die ſonſtigen freiwilligen Beiträge rollten nach allen Richtungen hin, aber Niemand bewegte ſich, um ſie anzurühren oder aufzunehmen. „Mit Dieſem ſind wir leicht fertig,“ ſagte der Schloſſer,„und wollte Gott, daß Alles, was aus derſelben Geſellſchaft erwachſen iſt, eben ſo ſchnell bereinigt werden könnte!“ „Ein ſehr glücklicher Umſtand, Varden,“ ent⸗ gegnete ſeine Gattin, das Schnupftuch vor die Augen haltend,„daß wir für den Fall ernſtlicher Ruheſtö⸗ rungen— ich hoffe es indeß nicht; nein, ich hoffe es aus ganzer Seele, daß ſich Nichts dergleichen zu⸗ tragen wird—“ „Das hoffe ich auch, meine Liebe.“ „— Daß wir, im Falle ſich Etwas der Art be⸗ geben ſollte, den Papierſtreifen haben, den uns jener arme, irregeleitete junge Menſch gebracht hat.“ „Ha, natürlich,“ ſagte der Schloſſer, ſich raſch umwendend.„Wo iſt der Wiſch?“ 8 Frau Varden ſtand entſetzt da, als er ihr den Fetzen aus der ausgeſtreckten Hand nahm, ihn zerriß und die Bruchſtücke unter den Kaminroſt ſchob. „Aber warum keinen Gebrauch davon machen 24 rief ſie. 3 „Gebrauch davon machen?“ entgegnete der Schloſ⸗ ſer.„Nein! Mögen ſie kommen und uns das Dach um die Ohren ziehen! Mögen ſie mir Haus und Hof niederbrennen— keines Falls will ich unter dem Schutze ihres Führers ſtehen und eben ſo wenig ihr Geheul an meine Thüre kreiden, ſollten ſie mich auch an meiner Schwelle todt ſchießen. Gebrauch davon machen? Mögen ſie kommen und ihr Schlimmſtes thun. Der Erſte, der mir in einer Abſicht, wie die ihrige iſt, in die Thüre tritt, würde weit beſſer daran ſeyn, wenn er hundert Meilen davon weg wäre. Er ſoll ſich vorſehen. Die andern mögen treiben, was ſie wollen. Ich möchte nicht bei ihnen betteln, oder mich von dem Pack loskaufen, wenn ich ſtatt eines jeden Pfundes Eiſen in meiner Werkſtatt eben ſo viele Centner Gold da liegen hätte. Geh' zu Bett, Martha. Ich will die Läden aufmachen und an's Geſchäft gehen.“ 3 „So früh?“ entgegnete ſeine Gattin. „Ei, freilich ſo früh,“ erwiederte der Schloſſer wohlgemuth.„Mögen ſie kommen, wenn ſie wollen, ſie ſollen uns in keinem Verſtecke kauernd finden, als fürchteten wir uns, auch unſer Theilchen Tageslicht zu perſilirn⸗ und wollten alles ihnen allein laſſen. 301 Nun, ſüße Träume, mein Schatz, und ein gutes Schläfchen!“ Damit gab er ſeinem Weibe einen herzlichen Kuß und forderte ſie auf, nicht länger zu zögern, ſonſt dürfte es Zeit zum Aufſtehen werden, ehe ſie ſich niedergelegt hätte. Frau Varden ging ganz liebenswürdig und zahm die Treppe hinauf, hintendrein Miggs, die ſich, neben⸗ bei geſagt, nicht entbrechen konnte, feierlich und ſehr gedämpft, unterſchiedliche ſtimulirende Huſtenſtöße und Schnüffeltöne laut werden zu laſſen, oder in hellem Erſtaunen über die Keckheit ihres Gebieters die Hände über dem Kopf zuſammen zu ſchlagen. Zweiundfünßigſtes Kapitel. Eine Pöbelzuſammenrottung iſt, namentlich in großen Städten, eine Erſcheinung von ſehr geheimniß⸗ vollem Weſen. Nur wenige wiſſen, woher ſie kömmt und wohin ſie geht. Sie ſtiebt eben ſo ſchnell wieder auseinander, als ſie ſich gebildet hat, und ihre ver⸗ ſchiedenen Quellen aufzuſpüren, iſt nicht minder ſchwie⸗ rig, als bei dem Meere ſelbſt. Doch damit hat die Parallele noch kein Ende, denn der Ocean iſt nicht wankelmüthiger und unzuverläßiger, wenn er einmal geweckt iſt, nicht ſchrecklicher, nicht unvernünftiger oder grauſamer, als die tobende Maſſe des Geſindels. Diejenigen, welche am Freitag Morgen zu Weſt⸗ minſter am lauteſten geſchrieen hatten, waren im Ganzen dieſelben Perſonen, welche ſich bei dem Werke der Zerſtörung in Ducke⸗Street und Warwick⸗Street thätlich betheiligt hatten; denn obſchon man ſicher ſeyn darf, daß es in einer Stadt, wo es immer eine große Anzahl müßiger und verderbter Menſchen gibt, immer auch Gelegenheitszuwachs gibt, ſo war's doch an beiden Orten ein und derſelbe Pöbel. Als ſie ſich des Nachmittags zerſtreuten, geſchah dieß in den ver⸗ ſchiedenſten Richtungen, ohne daß eine Beſtellung zur Wiederzuſammenrottung gemacht worden wäre, und da kein beſtimmter Plan vorlag, ſo wußte Niemand, ob auch nur die mindeſte Hoffnung zu einer nach⸗ maligen Vereinigung vorhanden ſey. In dem Stiefel, der, wie man geſehen hat, gewiſſermaßen das Hauptquartier der Rebellen bildete, waren an jenem Freitag Abend kaum zwoͤlf Perſonen beiſammen. Einige ſchliefen im Stall und in den Nevengebäuden, andere in der gemeinſchaftlichen Stube, und vielleicht zwei oder drei in Betten. Die übrigen befanden ſich in ihren gewohnten Herbergen oder Schlupfwinkeln. Unter denen, welche in den an⸗ liegenden Feldern und Heckengängen, auf den Heu⸗ ſchobern oder in der Nähe der warmen Ziegelofen lagen, befanden ſich vielleicht kaum zwanzig, deren gewöhn⸗ liche Schlafſtätte nicht gewöhnlich unter freiem Himmel ———-——— —— 4—=. ger ls. eſt⸗ im rke eet her ine ibt, och ſich ver⸗ zur und and, ach⸗ hat, dete, onen den tube, eigen oder an⸗ Heu⸗ agen, bͤhn⸗ mmel 303 hätte geſucht werden müſſen. Die öffentlichen Straßen innerhalb der Stadt bargen die herkömmlichen nächt⸗ lichen Bewohner, den alltäglichen Schlamm von Laſter und Elend, aber weiter nicht. Die Erfahrung eines einzigen Abends hatte jedoch zugereicht, die kecken Führer des Aufruhrs zu belehren, daß ſie ſich nur in den Straßen zu zeigen brauchten, um augenblicklich von den Werkzeugen umgeben zu ſeyn, die ſie, wenn ihre Beihülfe nicht gerade erfor⸗ derlich war, nur mit großer Gefahr, Mühe und Koſtſpieligkeit hätten zuſammenhalten können. Einmal im Beſitze dieſes Geheimniſſes, waren ſie ſo zuver⸗ ſichtlich, als ob zwanzigtauſend treu ergebene Männer ein Lager um ſie aufgeſchlagen hätten, und ihr Ver⸗ trauen hätte nicht größer ſeyn können, ſelbſt wenn letzteres auch wirklich der Fall geweſen wäre. Den Sonnabend über verhielten ſie ſich ruhig; am Sonntag aber waren ſie, ſtatt durch gewaltſame Maßregeln das Unweſen des erſten Tages fortzuſetzen, nur um ſo eifriger bedacht, die Mannſchaft in getroſter Hoff⸗ nung und Schlagfertigkeit zu erhalten. „Ich hoffe,“ ſagte Dennis zu Hugh, als er am Sonntag Morgen mit einem lauten Gähnen ſeinen Körper von dem Bund Stroh, auf dem er geſchlafen, aufrichtete und den Kopf mit ſeiner Hand unterſtützte, „daß Herr Gashford uns einige Ruhe gönnen wird. Vielleicht möchte er, daß wir ſchon wieder an der Arbeit wären, he?“ „Darauf wenigſtens könnt Ihr Euch verlaſſen, daß es nicht ſeine Weiſe iſt, eine Sache fallen zu laſſen,“ lautete Hughs brummende Erwiederung.„Ich bin indeß noch nicht in der Laune, mich zu rühren. Mein Körper iſt ſo ſteif, wie ein Leichnam, und ſo garſtig zerkratzt, als hätte ich mich geſtern den ganzen Tag mit wilden Katzen gebalgt.“ „Das kömmt daher, weil Ihr zu viel Feuer habt,“ ſagte Dennis, mit großer Bewunderung den ungekämmten Kopf, den wirren Bart, die zerriſſenen Hände und das Schrammengeſicht der wilden Geſtalt vor ihm betrachtend.„Ihr ſeyd eine Art von Teufels⸗ kerl und beſchädigt Euch hundertmal mehr, als nöthig iſt, weil Ihr in allem der Vorderſte ſeyn und mehr thun wollt, als alle andern.“ „Was das anbelangt,“ entgegnete Hugh, indem er das wirre Haar zurückwarf und nach der Thüre des Stalles blickte, in welchem ſie lagen,„ſo iſt dort einer, der ſich ſo brav hält, als ich. Was hab' ich von ihm geſagt? Habe ich Euch nicht bedeutet, als Ihr Zweifel gegen ihn hegtet, er ſey ein ganzes Dutzend werth?“ Herr Dennis rollte ſich ſchläfrig auf die Bruſt herum, ſtützte, in Nachahmung von Hughs Lage, die Hand auf ſein Kinn, ſchaute gleichfalls nach der Thüre und erwiederte: „Nun ja, Ihr habt ihn gekannt, Bruder; Ihr habt ihn gekannt. Aber wer würde es glauben, wenn er den Kunden jetzt anſieht, daß er wirklich der Mann ſeyn kann, der er iſt? Iſt's nicht tauſendmal Schade, 20 „——— cQG—4———— 2 22855 2 Bruder, daß er, ſtatt die natürliche Ruhe zu genießen und ſich für weitere Anſtrengungen in dieſer ehrenhaften Sache zu kräftigen, Soldaten ſpielt, wie ein kleiner Junge? Und dann ſeine Reinlichkeit!“ fügte Herr Den⸗ nis bei, der allerdings keinen Grund hatte, Sympathie gegen Jemand zu empfinden, der in dieſer Beziehung eckel war;„was das nicht für eine Schwäche von ihm iſt, dieſe Reinlichkeit da. Heute Morgen um fünf Uhr war er ſchon an dem Pumpbrunnen, obſchon man glauben ſollte, er hätte vorgeſtern genug mit⸗ gemacht, um zu dieſer Zeit noch in hübſchem Schlaf zu liegen. Aber nein— wie ich da auf eine oder zwei Minuten aufwache, iſt er richtig an dem Pump⸗ brunnen; und da hättet Ihr nur ſehen ſollen, wie er nach dem Waſchen die Pfaufedern in ſeinen Hut ſteckte. Ach, es thut mir leid um dieſe Charakter⸗ unvollkommenheit; aber auch die Beſten von uns ſind nicht ganz mackellos, ſey es nun ſo oder ſo.“ Der Gegenſtand dieſes Zwiegeſprächs und dieſer im Tone philoſophiſcher Mediation ausgedrückten Schlußbemerkungen war, wie der Leſer ſchon errathen hat, Niemand anders, als Barnaby, der, die Flagge in ſeiner Hand, in dem kleinen Flecken Sonnenlicht an G der fernen Thüre Schildwache ſtand oder draußen auf und ab ging, leiſe vor ſich hinſingend und mit der Muſik einiger helltönenden Kirchenglocken Takt haltend. Aber mochte er nun, mit beiden Händen die Fahnenſtange umfaſſend, ſtille ſtehen, oder, ſie Boz. XVII. Barnaby Rudge. 20 306 auf den Schultern tragend, langſam auf und ab ſchreiten— immerhin zeigten die ſorgfältige Anord⸗ nung ſeines armſeligen Anzugs und ſeine aufrechte, ſtolze Haltung, welche hohe Wichtigkeit er dem ihm übertragenen Amte beilegte und wie ſtolz und glücklich er ſich darin fühlte. Hugh und ſeinem Gefährten, die in einer dunkeln Ecke des Stalles lagen, erſchienen er, das Sonnenlicht und die friedlichen Sabbath⸗ klänge, auf die er antwortete, wie ein blendendes Gemälde, das durch die Thüre eingerahmt wurde und einen kräftigen Contraſt gegen das Dunkel ihres Aufenthalts bildete. Sie fühlten denſelben auch in der That ſo lebhaft, daß ſie, die ſich wie gewiße un⸗ fläthige Thiere in ihrem Schmutz und ihrer Verwor⸗ fenheit auf den beiden Strohhäufen wälzten, einige Augenblicke ſprachlos zuſahen und nahe daran waren, ſich vor ſich ſelbſt zu ſchämen. „Ah!“ ſagte Hugh endlich, das Schweigen mit einem Gelächter unterbrechend;„der Barnaby iſt ein rarer Burſche und kann mit weniger Schlaf, Eſſen oder Trinken mehr thun, als einer von uns. Und was ſein Soldatenſpiel betrifft, ſo habe ich ihn dort auf den Poſten geſtellt.“ „Dann hattet Ihr gewiß einen Zweck dabei, und zuverläßig einen beſonders guten— darauf will ich ſchwören,“ entgegnete Dennis mit einem breiten Grinſen und einem tüchtigen Fluche.„Und was für einer war dieß wohl, Bruder?“— „Je nun, Ihr ſeht,“ ſagte Hugh, indem er ein 12 fi 307 wenig näher zu dem andern hinkroch,„daß unſer edler Capitän dort geſtern Morgen etwas mit Brannt⸗ wein beſchwert herkam, und ſo hat er’s auch— nun, bei mir und Euch war es derſelbe Fall— in der letzten Nacht gehalten.“ Dennis ſchaute nach der Richtung hin, wo Simon Tappertit, auf einem Heuhaufen zuſammen⸗ geballt, ſchnarchte, und nickte mit dem Kopfe. „Und unſer edler Capitän,“ fuhr Hugh mit einem abermaligen Lachen fort,„unſer edler Capitän und ich haben für Morgen einen hübſch lärmenden Feldzug ausgedacht, wobei ſich was profitiren läßt.“ „Gegen die Papiſten?“ fragte Deunis, ſeine Hände reibend. „Ja, gegen die Papiſten— wenigſtens gegen einen davon, gegen den ich und Einige von uns eine alte Schuld abzutragen haben.“ „Es iſt doch nicht Herrn Gashfords Freund⸗ von dem er in meinem Hauſe geſprochen hat, he?“ fragte Dennis, übervoll von vergnüglicher Erwartung. „Derſelbe,“ ſagte Hugh. „Nun, das iſt etwas für Euch,“ rief Herr Dennis, Hugh froh die Hand drückend;„das gibt einen Spaß. Wenn wir da Beſchimpfungen und der⸗ gleichen zu rächen haben, ſo geht's zweimal ſo ſchnell voran. So was läßt ſich in der That hören!“ „Ha, ha, ha! Der Capitän hat im Sinne,“ fügte Hugh bei,„in dem Getümmel ein Weibsbilh 20*† zu entführen, und— ha, ha, ha!— ich möchte ein Gleiches thun.“ Herr Dennis machte zu dieſer Mittheilung ein ſchiefes Geſicht und bemerkte, daß er ſchon aus Grundſatz durchaus nichts mit Weibern zu ſchaffen haben wolle, denn ſie ſeyen unzuverläßige und ſchlüpfrige Perſonen, auf die man nie mit Sicher⸗ heit rechnen könne, ſintemalen ſie nicht vierund⸗ zwanzig Stunden hintereinander gleichen Sinnes ſeyn könnten. Er würde dieſes inhaltsreiche Thema noch weiter erörtert haben, wenn ihm nicht eingefallen wäre, daß er doch auch fragen müſſe, in welcher Verbindung Barnaby's Schildwachſtehen an der Stallthüre mit der beabſichtigten Expedition ſtünde, worauf Hugh bedächtlich in folgenden Worten antwortete: „Je nun, die Leute, die wir zu beſuchen ge⸗ denken, waren vordem Freunde von ihm, und ich kenne ihn zu gut, um nicht überzeugt ſeyn zu dürfen, daß er, wenn er wüßte, wir hätten im Sinne, ihnen ein Leides anzuthun, nicht auf unſerer Seite ſtehen, ſondern bereitwillig den Anderen ſeine Hand bieten würde. Ich habe ihn daher beredet(denn ich kenne ihn von Alters her), Lord George habe ihn auserleſen, während unſerer morgigen Abweſenheit dieſen Ort zu bewachen, was eine große Ehre ſey— und ſo ſteht er nun auf ſeinem Poſten, und zwar mit einem Stolze, als ob er ein General geworden wäre. Ha, ha! Was ſagt Ihr nun dazu? Bin 3⁰9 ich nicht außer dem Teufelskerl auch ein vorſichtiger und bedächtiger Mann?“ Herr Dennis erſchöpfte ſich in Complimenten und fuhr dann fort: „Aber was den Feldzug ſelbſt anbelangt—“ „Davon,“ entgegnete Hugh,„ſollt Ihr alsbald die Einzelnheiten durch mich und den großen Capitän vernehmen— denn ſeht, er wacht auf. Rafft Euch auf, Löwenherz! Ha, ha! Nur eine gute Miene dazu gemacht und auf's Neue getrunken. Wieder ein Haar von dem Hunde, der Euch gebiſſen hat, Capitän! Laßt Euch Branntwein bringen! Da ſind genug goldene Kelche und ſilberne Leuchter unter meinem Bette begraben,“ fügte er, das Stroh zu⸗ rückſtreifend, bei, indem er zugleich auf den friſch umgegrabenen Boden deutete,„um ihn zu bezahlen, und wenn's ein paar Dutzend Faß voll wären. Trinkt, Capitän!“ Herr Tappertit nahm dieſen fidelen Rath nicht ſehr gnädig auf, denn es war ihm nach der Schwel⸗ gerei zweier Nächte an Geiſt und Körper ſo jäm⸗ merlich zu Muth, daß er kaum auf den Beinen ſtehen konnte. Unter Hugh's Beiſtand gelang es ihm jedoch, nach dem Pumpbrunnen zu wanken, wo er ſich mit einem guten Trunke kalten Waſſers erquickte und einen tüchtigen Schauer von derſelben erfriſchenden Flüſſigkeit über Kopf und Geſicht ſtrömen ließ; dann beſtellte er etwas Rum und Milch, und hielt bei dieſem unſchuldigen Getränke 310 eine hübſche, herzhafte Mahlzeit in Zwieback und Käſe. Sobald er damit fertig war, ſetzte er ſich in nachläßiger Stellung neben ſeine beiden Ge⸗ fährten, die ſich nach ihrem eigenen Geſchmacke letzten, auf den Boden, und ſchickte ſich an, Herrn Dennis in den morgigen Entwurf einzuweihen. Daß ihre Unterhaltung intereſſant ſeyn mußte, ließ ſich aus ihrer langen Dauer und der geſpann⸗ ten Aufmerkſamkeit der dabei Betheiligten entnehmen. Von einem bedrückend ernſten Charakter derſelben konnte wohl keine Rede ſeyn, denn ſie mochte im Gegentheil gar viel Spaßhaftes umfaſſen, wie aus dem lauten und häufigen Gelächter erhellte, das ſo⸗ gar Barnaby auf ſeinem Poſten auffiel, indem der⸗ ſelbe ſich über ihren Leichtſinn nicht genug wundern konnte. Er wurde jedoch nicht eher aufgefordert, ſich ihnen anzuſchließen, bis ſie gegeſſen, getrunken, geſchlafen und etliche Stunden mit einander geplau⸗ dert hatten— das heißt, nicht früher, als bis die Dämmerung einbrach— und nun theilten ſie ihm mit, ſie wollten eine kleine Demonſtration in den Straßen machen— nur um die Leute ein Bischen in Thätigkeit zu erhalten, da es Sonntagnacht wäre und das Publikum ſich ſonſt getäuſcht fühlen könnte; man ſtelle es ihm indeß anheim, ob er ſie begleiten wolle, oder nicht. Ohne weitere Vorbereitungen, als daß ſie nach ihren Knitteln griffen und die blaue Kokarde auf⸗ ſteckten, begaben ſie ſich in die Straßen, wo ſie auf —, MUu / 311 Gerathewohl hin und her zogen, ohne einen be⸗ ſtimmteren Plan im Schilde zu führen, als daß ſie ſo viel wie möglich Unheil anzurichten gedachten. Da ihre Zahl reißend zunahm, ſo theilten ſie ſich bald in Abtheilungen, und durchſtreiften, nachdem ſie überein gekommen waren, ſich auf den Feldern in der Nähe von Welbeck⸗Street wieder zu treffen, die Stadt in verſchiedenen Richtungen. Unter dem größten Haufen, zu dem noch obendrein jeden Augen⸗ blick neue Schaaren ſtießen, befanden ſich auch Hugh und Barnaby. Dieſer nahm ſeinen Weg gegen die Moorfelder, wo eine reiche Kapelle ſtand; auch wußte man, daß in der Nähe derſelben einige katholiſche Familien wohnten. Sie machten den Anfang mit den katholiſchen Privathäuſern, deren Thüren und Fenſter ſie ein⸗ ſchlugen; dann ging es an Zertrümmerung der Möbel, bis nur noch die nakten Wände da ſtanden, wobei ſie übrigens nicht ermangelten, nach gewiſſen Zerſtörungswerkzeugen, zum Beiſpeil Hämmern, Schüreiſen, Aexten, Sägen und ähnlichen Inſtru⸗ menten zu fahnden. Viele der Aufrührer hatten ſich aus Stricken, Schnupftüchern und anderem ähn⸗ lichen Material, Gürtel gemacht, an denen ſie die genannten Waffen ſo offen, wie Pioniere an einem Schlachttage, zur Schau trugen. Niemand nahm ſich dieſen Abend die Mühe, ſich zu verkleiden oder zu verbergen, wie denn überhaupt nur ſehr wenig Aufregung oder Uebereilung herrſchte. Aus den 2 Kapellen riſſen ſie die Altäre, Bänke, Stühle, Kan⸗ zeln und Bodendielen, und nahmen ſie mit fort, während aus den Privathäuſern ſogar das Wand⸗ getäfel und die Treppen weggeſchleppt wurden. Sie betrieben dieſe Sonntagsabendunterhaltung recht eigentlich wie Handwerksleute, welche eine gewiſſe Auf⸗ gabe zu erfüllen hatten, die denn auch treulich geſchah. Fünfzig entſchloſſene Männer hätten ſie in einem Augen⸗ blick in die Flucht ſchlagen, eine einzige Compagnie Soldaten ſie wie Staub zerſtreuen können; aber Niemand legte ſich in's Mittel, keine Behörde ſuchte ſie zu zügeln, und mit Ausnahme der erſchreckten Perſonen, welche bei ihrer Ankunft flohen, achtete man der Ruheſtörer ſo wenig, als verrichteten ſie ein geſetzliches Geſchäft mit der größten Nüchtern⸗ heit und dem anſtändigſten Benehmen. In derſelben Weiſe marſchirten ſie nach dem verabredeten Sammelplatze, zündeten auf den Feldern große Feuer an, laſen ſich das Werthvolleſte ihres Raubes aus und verbrannten das Uebrige. Meßgewänder, Heiligenbilder, reiche Stoffe und Ornate, Altarverzierungen und Hausgeräthe wurden in die Flammen geworfen, die weit umher die ganze Gegend erhellten; und dazu tanzte, heulte und brüllte das Geſindel, ohne auch nur einen Augen⸗ blick inne zu halten, bis es erſchöpft und müde war⸗ Als der Haupthaufen von dieſem Schauplatze ſeiner Thaͤtigkeit abzog und durch Welbeck⸗Street hinunter marſchirte, ſtieß er auf Gashford, der ihr — — 313 Treiben mit angeſehen hatte und nun auf dem Pflaſter hin und her ſchlich. Hugh trat an ſeine Seite und flüſterte ihm, ohne daß es den Anſchein hatte, in's Ohr: „Iſt’s ſo beſſer, Meiſter?“ „Nein,“ entgegnete Gashford.„Durchaus nicht.“ „Was wollt Ihr denn eigentlich?“ erwiederte Hugh.„Ein Fieber ſteht nicht mit einem Male in ſeiner höchſten Höhe. Es muß ſich gradweiſe ſteigern.“ „Ich möchte von Euch haben,“ ſagte Gashford, indem er den Andern ſo boshaft in den Arm kniff, daß ſich die Male ſeiner Nägel in deſſen Haut zeigen mußten,„daß etwas Vernünftiges in Euer Treiben käme. Ihr Thoren! Könnt ihr mit nichts Beſſerem als mit Lumpen und Fetzen eure Freudenfeuer anzünden? Könnt ihr nichts Beſſeres verbrennen?“ „Nur eine kleine Geduld, Meiſter,“ verſetzte Hugh.„Wartet noch einige Stunden und Ihr ſollt finden, was wir können. Seht Euch Morgen Nacht um, ob ſich nicht irgendwo der Himmel röthet.“ Damit trat er wieder an Barnaby's Seite, und als ihm der Sekretär nachſchaute, waren Beide im Gedränge verſchwunden. 314 Dreiundfünfßzigſtes Kapitel. Der nächſte Tag wurde mit frohem Glocken⸗ geläute und dem Donner der Kanonen im Tower eingeführt. Von vielen Kirchthürmen wehten Fahnen und man ſah überall die Vorbereitungen, welche gewöhnlich dem Geburtstag des Königs zu Ehren getroffen wurden. Jedermann ging ſeinem Ver⸗ gnügen oder ſeinem Geſchäfte nach, als herrſchte in der Stadt die vollkommenſte Ordnung, und als läge nicht irgendwo unter der Aſche noch Glut ver⸗ borgen, die in der kommenden Nacht wieder auf⸗ lodern könnte, ringsum Entſetzen und Verheerung verbreitend. Die Führer des Aufruhrs, durch den Erfolg der letzten Nacht und die dabei gewonnene Beute nur noch vermeſſener gemacht, hielten feſt zu⸗ ſammen und dachten nur darauf, den Haufen ihrer Anhänger ſo tief in ihre Unthaten zu verwickeln, daß keine Hoffnung von Begnadigung oder Beloh⸗ nung ſie verlocken konnte, ihre berüchtigteren Ver⸗ bündeten den Händen der Gerechtigkeit zu über⸗ antworten. In der That hielt auch das Gefühl, bereits zu weit gegangen zu ſeyn, um Vergebung hoffen zu dürfen, die Furchtſamen eben ſo feſt zuſammen, als die Kecken. Viele, die bereitwillig die Haupt⸗ ruheſtörer angegeben und Zeugniß gegen ſie abge⸗ „ O E 2 K EXS=5 1 ☛ +— ————— 315 legt hätten, fühlten wohl, daß ſie hiedurch nicht zu entkommen hoffen durften, denn ihre eigenen Thaten waren von Dutzenden bemerkt worden„die an dem Tumulte keinen Antheil genommen, wohl aber an Perſon und Eigenthum von dem Geſindel Schaden erlitten hatten, und daher, wenn ſich's einmal darum handelte, bereitwillig als Zeugen auf⸗ traten; es ließ ſich demnach vorausſehen, daß die Regierung eines Königszeugniſſes* nicht bedurfte. Viele zu dieſer Klaſſe Gehörige hatten am Samſtag Morgen ihre gewöhnliche Beſchäftigung verlaſſen; Einige waren in ihrer Betheiligung bei dem Tumult von ihren Brodherren geſehen worden; Andere wußten, daß man ſie beargwohnte und daher bei ihrer Rückkehr ihres Dienſtes entlaſſen würde; und und wieder Andere, die gleich Anfangs unter den Verzweifeltſten geweſen, tröſteten ſich mit dem rohen Sprichwort, wenn man doch einmal gehangen wer⸗ den müſſe, ſo ſey es gleichgültig, ob man für das Roß, oder für das Fohlen baumle. Alle lebten in⸗ deß mehr oder weniger der Hoffnung und des Glau⸗ bens, die Regierung ſey eingeſchüchtert und werde in ihrem Schrecken Unterhandlungen pflegen, in de⸗ nen ſie ihre Bedingungen machen könnten. Die am wenigſten Sanguiniſchen meinten, im ſchlimmſten Falle wären ihrer zu viel, als daß Alle geſtraft * Königszeugniß iſt die Ausſage eines Mitſchuldigen, dem um ſeines Zeugniſſes willen Begnadigung zu Theil wird. 316 werden könnten, und ſo hatten ſie eben ſo große Wahrſcheinlichkeit, frei auszugehen, aſs irgend ein Anderer. Die große Maſſe jedoch meinte oder dachte gar nichts, ſondern ließ ſich eben durch ihre unge⸗ ſtümen Leidenſchaften, ihre Armuth, ihre Unwiſſen⸗ heit, ihre Freude am Unheilſtiften und die Hoffnung auf Raub und Plünderung reizen. Wir müſſen hier noch eines andern Umſtandes gedenken:— Von dem erſten Ausbruche zu Weſtminſter an war nämlich unter ihnen jede Spur von Ord⸗ nung oder einem vorbedachten Entwurfe gänzlich verſchwunden. Wenn ſie ſich in Abtheilungen trenn⸗ ten und nach verſchiedenen Stadtvierteln rannten, ſo geſchah dieß blos in Folge einer Eingebung des Augenblicks. Jeder Haufen ſchwoll in ſeinem Wei⸗ terziehen an, wie Flüſſe in ihrem Laufe nach dem wogenden Meer; neue Führer traten an ihre Spitze, wenn man ihrer bedurfte, verſchwanden, wenn die Noth voruüber war, und kamen bei der nächſten Kriſis wieder zum Vorſchein. Jeder Tumult entnahm den Verhältniſſen des Augenblicks ſeine Form und Geſtalt; man ſah nüchterne Arbeiter, die von ihrem Tagewerke nach Hauſe gingen, die Körbe mit dem Arbeitsgeräth wegwerfen und in einem Nu ſich den Aufrührern beigeſellen; ſogar die Laufjungen thaten ein Gleiches. Mit einem Worte, eine mora⸗ liſche Seuche lief durch die ganze Stadt. Der Lärm, das Getümmel und die Aufregung hatten für Hun⸗ dert und aber Hundert eine Anziehungskraft, der ſie des ſter örd⸗ lich enn⸗ ſo des Vei⸗ nach ihre nden, der mult ſeine die dörbe Nu ngen nora⸗ Lärm, Hun⸗ er ſie 317 nicht zu widerſtehen vermochten. Die Anſteckung pflanzte ſich peſtartig fort: ein contagiöſer Wahnſinn ergriff, da er noch lange nicht ſeine Höhe erreicht hatte, mit jeder Stunde neue Opfer, und die Geſell⸗ ſchaft begann vor ſeinem Raſen zu zittern. Es war Nachmittags zwiſchen zwei und drei Uhr, als Gashford das im vorigen Kapitel beſchrie⸗ bene Hauptquartier beſuchte, wo er, da er nur Barnaby und Dennis traf, nach Hugh fragte. „Er ſey ſchon vor mehr als einer Stunde aus⸗ gegangen und ſeitdem noch nicht zurückgekehrt,“ lau⸗ tete Barnaby's Antwort. „Dennis!“ ſagte der lächelnde Sekretär in ſeiner glatteſten Stimme, indem er ſich mit gekreuzten Beinen auf ein Faß niederſetzte,„Dennis!“ Der Henker half ſich alsbald in eine liegende Stellung und ſah ihn mit weit aufgeſperrten Augen an. „Wie geht'’s Euch, Dennis?“ fragte Gashford mit einem Kopfnicken.„Ich hoffe, Ihr habt bei Eurer letzten Anſtrengung keinen Schaden genommen, Dennis?“ „Nun, Euch kann man nachrühmen, Herr Gashford,“ entgegnete der Henker, ihn noch immer anſtierend,„daß Euer ſtilles Weſen faſt einen Todten erwecken könnte. Es iſt—“ fügte er, ohne ſein Auge von ihm zu verwenden, mit einem leiſen Fluche bei—„ſo grauenhaft ſchlau.“ „So beſtimmt, wollt Ihr ſagen, Dennis?“ „Beſtimmt?“ antwortete er, ſich im Kopf kratzend und dem Sekretär noch immer in's Geſicht ſchauend.„Wohl; ich meine, es dringt mir durch alle meine Gebeine, Herr Gashford.“ „Es freut mich recht, daß Ihr ein ſo gutes Gehör habt und ich mich Euch ſo leicht verſtändlich machen kann,“ ſagte Gashford in ſeinem gewohnten ruhigen Tone.„Wo iſt Euer Freund?“ Herr Dennis ſchaute umher, als erwarte er, Hugh irgendwo auf einer Streu eingefchlafen zu ſehen; dann erinnerte er ſich aber, daß er fortge⸗ gangen war, und entgegnete: 3 „Ich kann nicht ſagen, wo er iſt, Herr Gash⸗ ford; er ſollte bereits wieder zurück ſeyn. Hoffent⸗ lich iſt es noch nicht Zeit, daß wir uns wieder rühren, Herr Gashford.“ „Ei, wer könnte das beſſer wiſſen, als Ihr?“ verſetzte der Sekretär.„Wie könnt Ihr mich ſo fragen, Dennis? Ihr wißt ja, daß Ihr vollkommen Herr über Eure Handlungen ſeyd, ohne Euch gegen Jemand verantworten zu müſſen— als etwa hin und wieder vor dem Geſetze— he?“ Dennis, welchen dieſe kalte und unbefangene Entgegnung verblüffte, gewann, ſobald der Sekretär ſich die Anſpielung auf ſein Gewerbe erlaubte, als⸗ bald ſeine Faſſung wieder, deutete auf Barnaby, ſchüttelte den Kopf und runzelte die Stirne. „Bst!“ rief Barnaby. „Ah! Seyd nur davon ſtille, Herr Gashford,“ ſagte der Henker leiſe.„Ihr vergeßt immer die 319 Volksvorurtheile.— Nun Barnaby, mein Junge, was gibt's?“ „Ich höre ihn kommen,“ antwortete dieſer. „Horcht! Verſteht Ihr das? Es iſt ein Fuß. Wahrhaftig, ich kenne ſeinen Tritt und auch den ſeines Hundes. Tramp, tramp, pitpat, kommen ſie mit einander heran, und— ha, ha, ha!— und da ſind ſie!“ rief er freudig, indem er Hugh mit beiden Händen willkommen hieß und ihn dann lieb⸗ koſend auf den Rücken klopfte, als wäre er nicht der rauhe Kerl, der er eigentlich war, ſondern einer der einnehmendſten Menſchen.„Da iſt er, und noch obendrein wohlbehalten! Es freut mich, den alten Hugh wieder hier zu ſehen.“ „Ich will ein Türke ſeyn, wenn er mich nicht ſtets warmer willkommen heißt, als irgend ein Menſch mit geſundem Verſtande,“ ſagte er, indem er ihm mit einer Art wilder Freundſchaft, die ſich wunderlich genug ausnahm, die Hand drückte.„Wie geht es dir, Junge?“ „Ich bin ganz wohlgemuth, ha, ha, ha! Und auch luſtig dazu, Hugh!“ rief Barnaby, ſeinen Hut ſchwenkend.„Stets bereit, etwas für die gute Sache und das Recht zu thun, und dem freundlichen, ſanften Herrn mit dem bleichen Geſicht— dem Lord, den ſie ſo übel behandeln— beizuſtehen, he, Hugh?“ „Ei freilich!“ verſetzte ſein Freund, indem er ſeine Hand fallen ließ und Gashford einen Augenblick 320 mit einem ganz veränderten Geſichtsausdrucke anſah, ehe er ihn begrüßte.„Guten Tag, Meiſter.“ „Auch Euch guten Tag,“ entgegnete der Se⸗ kretär, ſein Bein ſtreichelnd.„Und noch viele gute Tage, viele gute Jahre, hoffe ich. Ihr ſeyd erhitzt?“ „So wäre es Euch wahrſcheinlich auch gegangen, Meiſter,“ ſagte Hugh, indem er ſein Geſicht ab⸗ wiſchte,„wenn Ihr ſo ſchnell gelaufen wäret.“ „So wißt Ihr alſo die Neuigkeit? Ja, ich dachte mir's wohl, Ihr würdet davon gehört haben.“ „Neuigkeit? Was für eine Neuigkeit?“ „Alſo nicht?“ rief Gashford, mit einem Aus⸗ rufe der Ueberraſchung ſeine Augenbrauen in die Höhe ziehend.„Du mein Himmel! Wohlan, ſo bin ich alſo jedenfalls der Erſte, der Euch mit Eurer ausgezeichneten Stellung bekannt macht. Seht Ihr des Königs Wappen oben?“ fragte er lächelnd, in⸗ dem er einen großen Bogen Papier aus der Taſche nahm, aus einander faltete und vor Hugh's Augen hinhielt. „Nun,“ entgegnete Hugh,„was hat das mit mir zu ſchaffen?“ „Viel; ſehr viel,“ erwiederte der Sekretär. „Leſ't es einmal.“ „Ich habe Euch ſchon, als ich Euch das erſte Mal beſuchte, geſagt, daß ich nicht leſen könne,“ —— 321 entgegnete Hugh ungeduldig.„Was in's Teufels Namen ſteht d'rinnen?“ „Es iſt eine Proklamation des Geheimenraths vom heutigen Datum,“ ſagte Gashford,„und bietet eine Belohnung von fünfhundert Pfund— fünf⸗ hundert Pfund iſt ein hübſches Stück Geld und eine große Verſuchung für manche Leute— Jedem, der die Perſon oder die Perſonen ausfindig macht, die Samſtag Nachts am thätigſten bei Zerſtörung der Kapellen geweſen ſind.“ „Iſt das alles?“ rief Hugh mit gleichgültiger Miene.„Davon habe ich ſchon gehört.“ 3 „Nun, das hätte ich in der That wiſſen können,“ ſagte Gashford lächelnd und ſeine Dokumente wie⸗ der zuſammenlegend.„Euer Freund— ſo was ließ ſich errathen, und in der That, ich habe es auch errathen— mußte es Euch wohl mittheilen.“ „Mein Freund?“ ſtotterte Hugh, der es ver⸗ geblich verſuchte, die Miene der Verwunderung an⸗ zunehmen.„Was für ein Freund?“ „Bst, Bst— meint Ihr, ich wiſſe nicht, wo Ihr geweſen ſeyd?“ entgegnete Gashford, indem er ſich in die Hände rieb, den Rücken der einen Hand auf die Fläche der andern ſchlug und ihn mit einem verſchmitzten Blick anſah.„Für wie einfältig haltet Ihr mich! Soll ich Euch ſeinen Namen nennen?“ „Nein,“ ſagte Hugh, mit einem haſtigen Blicke auf Dennis. „Auch habt Ihr ohne Zweifel davon gehört,“ Boz. XVII. Barnaby Rudge. 21 322 nahm der Sekretär nach einer kurzen Pauſe wieder auf,„daß die armen Teufel, welche gefangen wur⸗ den, vor Gericht geſtellt werden ſollen, und daß einige Zeugen, die ſich die Sache ſehr angelegen ſeyn laſſen, die Vermeſſenheit gehabt haben, gegen ſie aufzutreten. Unter andern—“ und dabei knirſchte er mit den Zähnen, als wollte er gewaltſam einige heftige Worte unterdrücken, die ihm bereits auf der Zunge ſchwebten; dann fuhr er ſehr langſam fort: „Unter andern ein Gentleman, der Euer Treiben in Warwick⸗Street mit anſah: ein katholiſcher Gentle⸗ man, ein gewiſſer Haredale.“ Hugh hätte das Lautwerden dieſes Namens gern verhindern mögen, aber er war bereits heraus. Barnaby hatte ihn kaum vernommen, als er ſich raſch umwandte. „Nimm auf deinen Dienſt Bedacht, kühner Barnaby!“ rief Hugh, indem er ihm haſtig und in ſeiner wildeſten Weiſe die Fahnenſtange, welche gegen die Mauer gelehnt ſtand, in die Hand drückte.„Be⸗ ziehe ohne Zeitverluſt deine Wache, denn wir treten jetzt unſern Feldzug an. Auf, Dennis, und macht Euch bereit. Sorge dafür, daß Niemand die Streu von meiner Schlafſtätte wegnimmt, Barnaby; wir wiſſen, was darunter liegt— he? Nun, Meiſter, raſch! Sagt ſchnell, was Ihr zu ſagen habt, denn der kleine Capitän iſt mit einem Haufen der Unſrigen in den Feldern und wartet auf uns. Jetzt gilt es ——- ⸗„.. eder pur⸗ daß ꝛegen egen ſchte nige der fort: n in ntle⸗ gern aus. ſich ihner d in gegen „Be⸗ reten nacht Streu wir eiſter, denn rigen lt es 323 Hurtigſeyn, und Zuſchlagen iſt das Feldgeſchrei. Geſchwinde!“ Gegen ein ſolches Drängen und Treiben war Barnaby nicht feſt genug. Der gemiſchte Blick des Erſtaunens und Unwillens, als er ſich zu ihnen wandte, entſchwand wieder, ſobald die Worte ſeinem Gedächtniß entflogen waren, wie ein Hauch von einem blanken Spiegel. Er umfaßte die Wafee, welche ihm Hugh aufzwängte, und nahm ſtolz an der Thüre ſeine Stellung, wo er von dem Geſpräch nichts mehr hören konnte. „Ihr hättet uns unſern ganzen Plan verderben können, Meiſter,“ ſagte Hugh.„Und noch obendrein von allen Menſchen gerade Ihr!“ „Wer hätte auch denken können, daß er ſo raſch ſeyn würde?“ entſchuldigte ſich Gashford. „Er iſt bisweilen ſo raſch— ich meine nicht gerade mit ſeinen Händen, denn davon habt Ihr Proben, ſondern mit ſeinem Verſtande— ſo raſch, als Ihr, oder irgend ein anderer Menſch,“ ſagte Hugh.„Dennis, es iſt Zeit zum Aufbrechen. Sie warten auf uns, und ich kam nur her, um es Euch zu ſagen. Gebt mir meinen Stock und meinen Gürtel. So! legt auch mit Hand an, Meiſter. Werft mir dieß über die Schulter und ſchnallt es hinten zu, wollt Ihr ſo gut ſeyn?“ „Hurtig, wie immer!“ entgegnete der Sekretär, indem er ihm den Willen that. 21* 324 „Heute gilt's wohl, hurtig zu ſeyn;'s iſt auch ein hurtiges Geſchäft abzumachen.“ „Gibt es wirklich ſo etwas?“ ſagte Gashford. Dieſe Frage wurde mit einer ſo verzweifelt künſtlichen Miene der Unwiſſenheit geſtellt, daß Hugh haſtig über ſeine Schulter nach dem Sekretär hinunter⸗ ſah und erwiederte: „Ob es wirklich ſo etwas gibt? Das wißt Ihr ſelber! Wer könnte beſſer wiſſen, als Ihr, Meiſter, daß der erſte große Schritt, den wir thun, dahin gehen muß, an dieſen Zeugen ein Exempel zu ſtatuiren, ſo daß es Allen vergehen ſoll, gegen uns, oder gegen Einen von uns je wieder vor Gericht zu erſcheinen?“ „Und Einen kennen wir,“ entgegnete Gashford mit nachdrücklichem Lächeln,„der wenigſtens eben ſo gut als Ihr oder ich hievon überzeugt iſt?“ „Wenn Ihr meinen Mann im Sinne habt, was vermuthlich der Fall iſt,“ entgegnete Hugh leiſe, „ſo will ich Euch nur ſo viel ſagen— er iſt von Alllem ſo gut und ſchnell unterrichtet, als—“ hier hielt er inne und ſchaute umher, als wollte er ſich überzeugen, daß die fragliche Perſon nicht in Hör⸗ weite ſey—„wie der Teufel ſelber. Seyd Ihr noch nicht fertig, Meiſter? Ei wie langſam das geht!“ „s iſt jetzt gehörig feſt,“ ſagte Gashford auf⸗ ſtehend.„Nur Eines noch. Ihr fandet nicht, daß e—„ 325 unſer Freund den heutigen kleinen Ausflug mißbil⸗ ligt? Ha, ha, ha! Zum Glück fällt es mit Eurer Politik gegen die Zeugen zuſammen; denn iſt der Plan einmal entworfen, ſo muß er auch ausgeführt werden. Und nun geht Ihr, he?“ „Nun gehen wir, Meiſter,“ verſetzte Hugh. „Habt Ihr uns zum Abſchiede noch etwas aufzu⸗ tragen?“ „O mein Gott, nein,“ ſagte Gashford mit ſüßer Stimme.„Durchaus nichts.“ „Seyd Ihr fertig?“ rief Hugh, den grinſenden Dennis anſtoßend. „Zuverläßig— wie iſt's, Herr Gashford?“ kicherte der Henker. In Gashford ſtritten ſich einige Augenblicke Vorſicht und Bosheit, dann ſtellte er ſich zwiſchen die beiden Männer, legte auf den Arm eines Jeden eine Hand und ſagte mit beklommenem Flüſtern: „Ihr vergeßt doch nicht, meine guten Freunde — ich bin überzeugt, Ihr werdet nicht— vergeſſen, was wir kürzlich— in Eurem Hauſe, Dennis— über dieſe Perſon geſprochen haben. Kein Erbar⸗ men, keine Schonung; keine zwei Balken ſeines Hau⸗ ſes müſſen ſtehen bleiben, wo ſie der Zimmermann hingeſetzt hat! Das Feuer, lautet ein Sprichwort, iſt ein guter Knecht, aber ein ſchlimmer Meiſter. Möge es ihn meiſtern; er verdient's nicht beſſer. Ich baue auf Euch, daß Ihr feſt und entſchloſſen ſeyn werdet; ich bin überzeugt, Ihr werdet Euch erinnern, daß er nach Eurem Blute dürſtet und nach dem Blute aller Eurer braven Kameraden. Wenn Ihr je als kräftige Burſche gehandelt habt, ſo zeigt Euch heute als ſolche. Wollt Ihr das, Dennis— wollt⸗Ihr das, Hugh?“ Die Beiden ſahen zuerſt den Sprecher und dann ſich ſelbſt an; endlich aber brachen ſie in ein ſchal⸗ lendes Gelächter aus, ſchwangen die Stäbe über ihren Häuptern, drückten ſich die Hände und eilten hinaus. Eine kleine Weile nach ihnen verließ auch Gash⸗ ford das Gebäude, und er ſah ſie noch, wie ſie nach jenem Theile der anliegenden Felder eilten, wo ſich ihre Kameraden bereits aufgeſtellt hatten. Hugh ſchaute zurück und ſchwenkte ſeinen Hut gegen Bar⸗ naby, der, ganz entzückt über das ihm erwieſene Vertrauen, in derſelben Weiſe antwortete und dann wieder vor der Stallthüre auf⸗ und abſchritt, wo ſeine Füße bereits einen Pfad eingetreten hatten. Und als Hugh aus der Entfernung zum letztenmal zurückblickte, marſchirte er noch immer mit denſelben gemeſſenen Schritten auf und nieder— der treueſte und fröhlichſte Kämpe, der je auf einem Poſten ge⸗ ſtanden hat. Sein Herz fühlte ſich von edlem Pflichtgefühl gehoben, und der feſte Entſchluß wur⸗ zelte in ſeiner Seele, den ihm übertragenen Dienſt bis auf's Aeußerſte zu erfüllen. Lächelnd über die Einfalt der armen Verrückten, vermied Gashford auf ſeinem Wege nach Welbeck⸗ — ————· 327 Street die Richtung, welche, wie er wußte, die Auf⸗ rührer einſchlagen würden, und ſetzte ſich in einem der obern Gemächer von Lord George Gordon’s Wohnung hinter einen Vorhang, wo er ungeduldig ihrer Ankunft harrte. Sie blieben indeß ſo lange aus, daß er ſchon zu beſorgen anfing, ſie möchten, trotz ihrer Uebereinkunft, dieſes Wegs zu kommen, ihren Plan geändert und eine andere Straße einge⸗ ſchlagen haben. Endlich hörte er jedoch ihre Stim⸗ men durch die benachbarten Felder brüllen, und bald nachher kamen ſie zu Haufen angedrängt. Sie bildeten übrigens nicht eine Maſſe, ſondern waren, wie er bald entdeckte, in vier Corps getheilt, von denen jedes vor dem Hauſe ſtehen blieb, um einen dreimaligen Hurrahruf auszubringen, und dann weiter zog. Die Anführer riefen, welche Richtung ſie einſchlügen, und forderten die Zuſchauer auf, ſich ihnen anzuſchließen. Die erſte Abtheilung, die ſtatt der Banner einige Reliquien aus der in den Moor⸗ ſeldern zerſtörten Kapelle mit ſich führte, gab vor, daß ſie nach Chelſea zöge, von wo aus ſie in der⸗ ſelben Ordnung zurückkehren wollte, um von der dort gemachten Beute in der Nähe ein großes Freu⸗ denfeuer anzuzünden. Die zweite ſagte, ſie ziehe nach Wapping, um daſelbſt eine Kapelle zu zerſtören; die dritte bezeichnete als ihren Beſtimmungsort Eaſt⸗ Smithfield, und als Zweck ihres Ausflugs eine ähn⸗ liche Heldenthat. Alles dieß geſchah an einem lichten, hellen Sommertag. Prächtige Equipagen und Wa⸗ 328 gen machten Halt, um ſie vorbei zu laſſen, oder fuhren eine andere Straße, um ihnen auszuweichen. Die Spa⸗ ziergänger ſtellten ſich ſeitwärts in die Thorwege oder pochten vielleicht an eine Thüre und baten um die Erlaubniß, an ein Fenſter oder in die Halle treten zu dürfen, bis die Aufrührer vorüber wären; aber Niemand legte ihnen etwas in den Weg, und ſobald der Zug weg war, ging Alles ſeinen gewohnten Gang. Aber noch gab es eine vierte Abtheilung, und nach dieſer ſah ſich der Sekretär mit der geſpannte⸗ ſten Neugierde um. Endlich kam auch ſie heran. Sie war zahlreich und beſtand aus auserleſenen Leu⸗ ten; denn als er darnach hinunterſchaute, bemerkte er unter den aufwärts gekehrten Geſichtern viele bekannte— die von Simon Tappertit, Hugh und Dennis natürlich ganz vorne. Sie machten Halt und riefen ihr Hurrah, wie die Uebrigen; aber als ſie weiter zogen, unterließen ſie es, den Zweck ihres Ausflugs anzukündigen; Hugh ſteckte blos ſeinen Hut auf den Knüttel, den er führte, blickte nach einem Zuſchauer auf der andern Seite des Weges und war verſchwunden. Gashford folgte unwillkürlich der Richtung jenes Blickes und bemerkte dort auf dem Pflaſter Sir John Cheſter mit einer blauen Kokarde. Er hatte ſeinen Hut ein paar Zolle über den Kopf erhoben, um das Geſindel günſtig für ſich zu ſtimmen und ſah, gra⸗ ziös auf ſein Rohr geſtützt und ſeinen Anzug, wie 329 auch ſeine Perſon, im vortheilhafteſten Lichte zur Schau ſtellend, mit einem heiteren Lächeln und ſo ruhig, als man ſich's nur denken konnte, zu. Trotz des Getümmels erkannte doch Gashfords raſches und gewandtes Auge ſchnell, daß er Hugh mit der Miene eines Gönners begrüßte. Jetzt achtete er nicht länger auf das Gedränge, ſondern heftete ſeine ſcharfen Blicke auf Sir John. Dieſer verblieb an demſelben Orte und in der⸗ ſelben Stellung, bis der letzte Mann im Haufen um die Straßenecke marſchirt war; dann nahm er bedächtig die blaue Kokarde von ſeinem Hute, ſteckte ſie ſorgfältig in die Taſche, um ſie beim nächſten Anlaſſe wieder benützen zu können, erfriſchte ſich mit einer Priſe Tabak und ſchlug ſeine Doſe zu; dann ging er langſam weiter, bis er auf einen Wagen traf, an welchem die Hand einer Dame das Fenſter herunterließ. Im Augenblicke hatte Sir John den Hut wieder in der Hand. Nach einer kurzen Beſpre⸗ chung durch das Wagenfenſter, in welcher er ſich augenſcheinlich über den Pöbelaufſtand luſtig machte, ſprang er leichten Fußes in die Equipage und fuhr mit fort. Der Sekretär lächelte; da ihm jedoch andere Gedanken zu ſchaffen machten, ſo ließ er bald dieſen Gegenſtand fahren. Die Mahlzeit, welche ihm ge⸗ bracht wurde, ſchickte er unberührt wieder hinunter, worauf er die vier ſchleppenden Stunden mit Auf⸗ und Abgehen im Zimmer, beharrlichem Aufſehen 330 nach der Uhr und manchen vergeblichen Verſuchen, niederzuſitzen und etwas zu leſen, zu ſchlafen, oder zum Fenſter hinauszuſchauen, verbrachte. Als ihn der Zeiger endlich belehrte, daß dieſe Zeit verſtrichen war, ſtahl er ſich nach dem Giebel des Hauſes hin⸗ auf, ſtieg auf das Dach und ſetzte ſich, das Geſicht gegen Oſten gerichtet, nieder. Ohne Rückſicht auf den friſchen Wind, der ſeine glühende Stirne umwehte, auf die lieblichen Gründe, denen er den Rücken kehrte, auf die Maſſe von Dä⸗ chern und Schornſteinen, die vor ihm lagen, auf den Rauch und den aufſteigenden Nebel, den er ver⸗ gebens zu durchdringen ſuchte, auf den kreiſchenden Lärm der Kinder bei ihren Abendſpielen, auf das ferne Geſumme und Getümmel der Stadt, auf die heitere Landſchaft, auf den erfriſchenden Landwind, der über London hinrauſchte, um hier zu ermatten⸗ und hinzuſterben— ohne Rückſicht auf all dieß lauſchte und lauſchte er, bis es dunkel wurde— die Lichtpunkte etwa ausgenommen, die auf den Straßen drunten und in der Ferne glitzerten— und je mehr ſich die Schatten der Nacht vertieften, deſto mehr ſtrengte er ſeinen Blick an und deſto geſpannter wur⸗ den ſeine Züge. „Noch immer nichts als Dunkel in dieſer Rich⸗ tung!“ murmelte er unruhig.„Hund, wo iſt die Röthe am Himmel, die du mir verſprochen haſt?“ 331 Vierundfünßigſtes Kapitel. Inzwiſchen hatten ſich die Gerüchte von den obwaltenden Unruhen ziemlich allgemein durch die Städte und Dörfer in der Umgebung von London verbreitet, und die Nachrichten waren allenthalben mit jener Vorliebe für das Wunderbare und Schreck⸗ liche, welche wahrſcheinlich ſchon ſeit der Schöpfung der Welt eine natürliche Eigenſchaft des menſchlichen Charakters iſt, aufgenommen worden. Die Berichte kamen jedoch vielen Perſonen jener Zeit, wie es auch bei uns der Fall ſeyn müßte, wenn wir nicht wüßten, daß ſie geſchichtliche Thatſachen ſind, ſo mon⸗ ſtrös und unwahrſcheinlich vor, daß ein großer Theil von ſolchen, die mehr entfernt von London wohnten und in andern Punkten leichtgläubig genug waren, in der That nicht im Stande war, ſich zu bereden, daß ſolche Dinge vorgehen könnten, und daher die Erzählungen, mit denen man ſich allenthalben trug, als abgeſchmackt und fabelhaft verwarf. Herr Willet— vielleicht weniger in Folge einer reiflichen Ueberlegung und einer darauf begründeten Anſicht, als vielmehr in Folge ſeiner angeborenen Streitſucht und Hartnäckigkeit— war einer von denen, die von den Gegenſtänden des Tagsgeſpräches durchaus nichts wiſſen wollten. An demſelbigen Abend, und vielleicht gerade um dieſelbige Zeit, als 33² Gashford ſeine einſame Wache hielt, war der alte John von beſtändigem Kopfſchütteln in Folge ſeiner Oppoſttion gegen die ſalbadernden Maibaum⸗ ſtammgäſte ſo roth im Geſichte geworden, daß er eigentlich wie ein Wunderding anzuſchauen war, wel⸗ ches das Portal des Maibaums, worin ſie mit ein⸗ ander ſaßen, wie ein ungeheurer Karfunkel in einem Feenmährchen erleuchtete. „Glaubt Ihr, Sir,“ fragte Herr Willet mit einem ſtrengen Blicke auf Solomon Daiſy, denn es war in Fällen eines perſönlich werdenden Wortwech⸗ ſels ſeine Gewohnheit, mit dem kleinſten Mann in der Geſellſchaft anzubinden—„glaubt Ihr, Sir, daß ich als ein Narr auf die Welt gekommen bin?“ „Nein, nein, Johnny,“ verſetzte Solomon, ſich in dem kleinen Kreiſe, wovon er ſelbſt einen Beſtand⸗ theil bildete, umſehend;„wir Alle wiſſen das beſſer. Ihr ſeyd kein Narr, Johnny. Nein, nein!“ Herr Cobb und Herr Parkes ſchüttelten im Ein⸗ klang ihre Köpfe und murmelten:„Nein, nein, Johnny, Ihr nicht!“ Aber da ſolche Komplimente gewöhnlich keine andere Wirkung übten, als daß ſie Herr Willet noch ſtörriſcher machten, als er zuvor war, ſo muſterte er ſie nur mit einem Blicke tiefer Verachtung und gab folgende Erwiederung: „Wie muß ich es aber dann nehmen, daß ihr hierher kommt und mir ſagt, ihr wollet dieſen Abend mit einander einen Spaziergang nach London machen — ihr drei— ihr— um euch durch eure eige⸗ 333 nen Sinne zu überzeugen. Habt ihr nicht,“ fügte Herr Willet bei, indem er mit der Miene ſtolzer Geringſchätzung die Pfeife in ſeinen Mund ſteckte, „habt ihr nicht genug an dem Zeugniß meiner Sinne?“ „Aber das haben wir ja nicht, Johnny,“ lau⸗ tete die beſcheidene Entgegnung des Herrn Parkes. „Wie, Ihr hältet es nicht, Sir?“ verſetzte Herr Willet, ihn vom Kopfe bis zur Zehe betrach⸗ tend.„Ihr hättet es nicht, Sir? Ihr habt es, Sir. Sage ich Euch nicht, Seine geſegnete Majeſtät, König Georg der Dritte, würde eben ſo wenig einen ſolchen Aufruhr und Skandal in ſeinen Straßen dulden, als er ſein Parlament verhöhnen laſſen kann?“ „Ja, Johnny, aber das ſagt Euch Euer Ver⸗ ſtand— nicht Eure Sinne,“ entgegnete der wage⸗ hälſige Herr Parkes. „Wie könnt Ihr dieß wiſſen?“ erwiederte John mit großer Würde.„Ihr ſeyd ſehr keck in Eurem Widerſpruche, Sir. Wie könnt Ihr wiſſen, ob's der Verſtand oder die Sinne ſind? Ich kann mich nicht erinnern, daß ich Euch je eine Mittheilung dar⸗ über gemacht hätte, Sir.“ Herr Parkes, der jetzt ſah, daß er auf dem Wege war, ſich in metaphyſiſche Spitzfindigkeiten zu verwickeln, aus denen er ſich nicht herauszuwinden die Ausſicht hatte, ſtammelte eine Entſchuldigung und ließ den Gegenſtand fahren. Dann folgte eine Pauſe von zehn Minuten oder einer Viertelſtunde, 334 nach deren Abfluß man ſehen konnte, wie Herr Willet von einem Gelächter geſchüttelt und gerüttelt wurde, wobei derſelbe in Beziehung auf ſeinen abgefertigten Gegner bemerkte,„er hoffe, daß dieſer jetzt zufrieden ſey.“ Dann lachten die Herren Cobb und Daiſy, nickten mit dem Kopfe, und ſo wurde Parkes als durchaus und nachdrücklich geſchlagen angeſehen. „Könnt Ihr glauben, daß Herr Haredale, wenn alles dieß wahr wäre, beſtändig von Hauſe weg ſeyn würde, wie es wirklich der Fall iſt?“ fuhr John nach einer zweiten Pauſe fort.„Meint Ihr, er wäre ſo keck, ſein Haus mit den beiden Frauenzimmern zu verlaſſen, während nur ein paar Männer oder ſo etwas zu ihrem Schutze da ſind?“ „Je nun, Ihr wißt doch auch,“ entgegnete Solomon Daiſy,„daß ſein Haus eine Strecke Wegs von London entfernt iſt, und man ſagt, die Auf⸗ wiegler gingen nicht weiter als zwei oder höchſtens drei Meilen von dem Stadtbanne weg. Außerdem wißt Ihr auch, daß einige von den vornehmen Ka⸗ tholiken Geſchmeide und dergleichen nach dem Ka⸗ ninchenhag in Sicherhelt gebracht haben— wenig⸗ ſtens geht ſo die Sage.“ „Die Sage?“ entgegnete Herr Willet gereizt. „Ja, Sir. Es geht auch die Sage, daß Ihr im vergangenen März einen Geiſt geſehen hättet. Aber Niemand glaubt es.“ „Nun!“ ſagte Solomon, der jetzt, um die Auf⸗ merkſamkeit ſeiner beiden über dieſe Erwiederung Gͤ=VͤGͤ ——— ½— ¶☛ —„+₰— illet rde, zten den iſy, als enn ſeyn ohn väre zu ſo nete zegs Auf⸗ tens dem Ka⸗ Ka⸗ nig⸗ feizt. im Aber kichernden Freunde abzulenken, aufſtand,„mag man’s glauben oder nicht, wahr bleibt es doch. Aber wie dem auch ſeyn mag, wenn wir nach London gehen wollen, ſo muß es gleich geſchehen. Alſo die Hand, Johnny, und gute Nacht.“ „Ich gebe Niemanden die Hand,“ verſetzte der Wirth, indem er die genannten Gliedmaßen in ſeine Taſchen ſteckte,„der in einer ſo unſinnigen Abſicht nach London geht.“ Die drei Gevattern ſahen ſich daher in die Noth⸗ wendigkeit verſetzt, ſtatt der Hand mit dem Ellenbogen vorlieb zu nehmen. Nach Bereinigung dieſer Cere⸗ monie holten ſie ihre Hüte, Röcke und Ueberröcke aus dem Hauſe, wünſchten ihm gute Nacht und ent⸗ fernten ſich mit dem Verſprechen, ihm morgen einen vollen und wahren Bericht über die Sachlage in der Stadt zu bringen, und im Falle dort alles ruhig wäre, das volle Verdienſt ſeines Sieges anzuerkennen. John Willet ſah ihnen nach, wie ſie in der reichen Gluth eines Sommerabends ihres Weges zo⸗ gen, klopfte die Aſche aus ſeiner Pfeife und lachte innerlich über ihre Thorheit, bis ihm die Seiten wehe thaten. Als er ſich ganz erſchöpft hatte— wozu eine geraume Zeit erforderlich war, denn er lachte eben ſo langſam, als er dachte und ſprach— lehnte er ſich gemächlich mit ſeinem Rücken gegen das Haus, legte die Beine auf die Bank, zog die Schürze über ſein Geſicht und verfiel in einen ge⸗ ſunden Schlaf. 336 Wie lange er geſchlafen haben mochte, kümmert uns wenig. Jedenfalls war es ein hübſcher Zeitraum, denn als er erwachte, war das Licht des Tages ent⸗ ſchwunden, und die ſchwarzen Schatten der Nacht, in welchen bereits einige Sternlein blinkten, lagerten über der Landſchaft. Die Vögel waren alle zur Ruhe, die Maßliebchen auf dem Raſen hatten ihre Feen⸗ ſchirme geſchloſſen, die um das Portal ſich windende Jerichoroſe hauchte zwiefachen Duft aus, als hätte ſie in dieſer ſtillen Stunde ihre Schüchternheit ver⸗ loren und liebte ſie es, ihre Wohlgerüche bei Nacht zu ergießen, und der Epheu bewegte kaum ſeine tief⸗ grünen Blätter. Wie ruhig und ſchön alles war! Gab es nicht noch einen andern Ton in der Luft, außer dem ſanften Rauſchen des Laubs auf den Bäumen und dem luſtigen Gezirpe der Heuſchrecken? Horch! Ein ganz ſchwacher und ferner Ton, nicht unähnlich dem Gemurmel in einer Seemuſchel. Jetzt wurde er lauter, jetzt wieder ſchwächer, und jetzt ſtarb er ganz dahin. Aber unmittelbar darauf— er kam wieder, ſchwieg, wiederholte ſich, wurde lauter, ſchwächer und ging endlich in ein Gebrülle über. Es war auf der Straße und wechſelte mit deren Win⸗ dungen. Mit einemmale ließen ſich die Töne be⸗ ſtimmter unterſcheiden— Stimmen und die Fußtritte vieler Menſchen. Es iſt zweifelhaft, ob der alte Willlet ſelbſt jetzt an die Rebellen gedacht hätte, ohne das Geſchrei ſeiner Köchin und Hausmagd, welche kreiſchend die Treppe 337 hinauf rannten und ſich in eine der alten Dachſtuben einſchloßen, wo ſie ein gräuliches Gezeter anhuben, damit ja ihr Zufluchtsort recht verborgen und ſicher ſeyn möchte. Dieſe zwei Frauensperſonen gaben nach⸗ her an, daß Herr Willet in ſeiner Beſtürzung blos ein einziges Wort hervorgebracht, das er ſechsmal mit einer Stentorſtimme auf das Beſtimmteſte die Treppe hinaufgerufen habe. Da aber dieſes nur mit zwei Sylben verſehene Wort, ſo unanſtößig es auch in ſeiner Anwendung auf einen Vierfüßler ſeyn mochte, in Verbindung mit Damen von untadeligem Cha⸗ rakter ſehr ehrenrührig klang, ſo waren viele Per⸗ ſonen geneigt, zu glauben, daß die jungen Frauen⸗ zimmer in Folge ihrer ubermäßigen Furcht unter einer Sinnentäuſchung gelitten und nicht recht gehört hiätten. Sey dem übrigens, wie ihm wolle, John Willet, in welchem der höchſte Grad dummer Verwirrung die Stelle des Muths erſetzte, pflanzte ſich in dem Portale auf und erwartete, was da kommen ſollte. Einmal kam ihm der unbeſtimmte Gedanke, daß ſo etwas wie eine Thüre an dem Hauſe ſey, was er verſchließen und verriegein könnte, und zu gleicher Zeit zuckte eine ſchattenhafte Vorſtellung von Läden an den untern Fenſtern durch ſein Gehirn. Aber er ſtand ſtockſtille, ſchaute die Straße hinunter in der Richtuug, von wo aus der Lärm raſch näher kam, und nahm ſich nicht einmal Zeit, die Hände aus den Taſchen zu ziehen. Boz. XVII. Barnaby Rudge. 22 338 Er brauchte nicht lange zu warten. Eine dunkle Maſſe wurde bald durch eine Staubwolke hindurch ſichtbar. Der Pöbel beſchleunigte ſeine Schritte und drang in buntem Durcheinander, heulend und ze⸗ ternd, wie ein Schwarm Wilder heran, und in wenigen Augenblicken wurde John von einer Hand zur andern mitten in den Haufen hineingewirbelt. „Halloh!“ rief eine ihm nicht unbekannte Stim⸗ me, während zu gleicher Zeit der Sprecher ſich durch das Gedränge einen Weg bahnte.„Wo iſt er? Ueberlaßt ihn mir. Thut ihm kein Leides. Wie iſt es jetzt, alter Hans? Ha, ha, ha!“ Herr Willet ſtierte ihn an und ſah, daß es Hugh war; aber er ſprach kein Wort und dachte auch nichts. „Die Burſchen da ſind durſtig und müſſen einen Trunk haben!“ rief Hugh, indem er ihn gegen das Haus hinſchob.„Nühre dich, Hans, rühre dich. Zeig' uns deinen Beſten— den Allerbeſten.— Das Extraſäftlein, das du dir zum eigenen Haustrunk vorbehältſt, Hans!“ John ſtotterte mit matter Stimme die Worte hervor: „Wer bezahlt es?“ „Er fragt,„wer es bezahlt!““ rief Hugh mit einem ſchallenden Gelaͤchter, das in der Bande ein tauſendfaches Echo fand. Dann wandte er ſich wieder an den alten John und fügte bei:„Ei, von Zahlen iſt gar keine Rede,“ nkle urch und ze⸗ igen dern tim⸗ urch er? e iſt z es achte linen das dich. Das runk Jorte mit e ein ieder ahlen 339 John ſtierte rund auf die Maſſe der Geſichter — einige grinsten, andere ſchoßen wilde Blicke, der ganze Haufen zum Theil von Fackeln beleuchtet, zum Theil unbeſtimmt und die Meiſten in Nacht und Schatten ſtehend: einige ſahen den Wirth, andere das Haus, wieder andere gegenſeitig ſich ſelber an— und während er, wie er meinte, eben im Begriffe war, zu gehen, befand er ſich, ehe er ſich einer ſelbſt⸗ thätigen Bewegung bewußt wurde, in dem Schenk⸗ ſtübchen. Er ſaß dort in einem Armſtuhle und ſah der Zerſtörung ſeines Eigenthums zu, als ob das Ganze nichts als ein wunderlicher Spaß— eine Be⸗ luſtigung von allerdings verblüffender und betäubender Art wäre, aber, ſo weit er daraus klug werden konnte, auch nicht in der mindeſten Beziehung zu ihm ſelber ſtand. Ja. Da war das Schenkſtübchen— das Schenk⸗ ſtübchen, welches auch der Keckſte nie ohne beſondere Einladung zu betreten wagte— der geheiligte Boden, die geheimnißvolle Sakriſtei. Es war jetzt vollge⸗ propft mit Männern, Knütteln, Stöcken, Fackeln und Piſtolen— angefüllt mit einem betäubenden Lärm, mit Flüchen, Toben und Zetergeſchrei; mit einem⸗ male in einen Bärengarten, ein Tollhaus, einen in⸗ fernaliſchen Tempel umgewandelt. Männer ſtürzten durch Thüren und Fenſter aus und ein, zerwetterten die Gläſer, drehten die Faßhahnen, tranken Brannt⸗ wein aus porzellanenen Punſchbowlen, ritten auf den Tonnen, rauchten aus den Pfeifen der Stammgäſte, 22*† 340 riſſen den geheiligten Citronenhain nieder, hackten und ſäbelten in dem gefeierten Käſe, brachen unver⸗ letzliche Schubladen auf, ſteckten Dinge in ihre Taſchen, die ihnen nicht gehörten, theilten ſich vor ſeinen Augen in ſein Geld, riſſen und ſchmiſſen alles zuſammen, und hatten dabei gar kein Hehl, alles hübſch öffent⸗ lich. Wohin man ſchaute, Männer— oben, unten, in den Schlafſtuben, in der Küche, in dem Hof, in den Ställen, zu den Fenſtern hereinkletternd, wo doch die Thüren weit offen ſtanden, und auf dem gleichen Wege hinausſpringend, wo doch die Treppen zur Hand waren, über die Stiegengeländer in den Oehrn hinunter hüpfend: in jedem Augenblick neue Geſtalten und Geſichter— einige ſchreiend, andere ſingend, einige ſich balgend, andere Gläſer und Töpfergeſchirr zer⸗ ſchlagend, einige den Staub löſchend mit dem Brannt⸗ wein, den ſie nicht trinken konnten, andere an den Klingeln zerrend, bis die Drähte abgeriſſen waren, indeß wieder andere mit den Schüreiſen an die Glocken ſchlugen, bis ſie in Stücke ſprangen: und noch immer mehr Männer— mehr, mehr, mehr— wie Inſekten heranſchwärmend: nichts als Lärm, Rauch, Licht, Dunkelheit, Jubel, Zorn, Gelächter, Geſtöhn, Raub, Angſt und Verheerung! Während John dieſer ſinnverwirrenden Scene zuſah, blieb Hugh faſt immer in ſeiner Nähe; und obgleich er der lauteſte, der wildeſte und zerſtörungs⸗ tollſte unter den anweſenden Hallunken war, ſo ſchützte er doch die Knochen ſeines alten Herrn oft ckten ver⸗ hen, ugen nen, fent⸗ aten, , in doch ichen Hand unter und inige zer⸗ unnt⸗ den aren, ocken noch wie auch, töhn, Scene und ings⸗ ſp n oft 341 und vielmals gegen Beſchädigung. Ja, Hugh forderte ihn ſogar auf— als Herr Tappertit in einer Brannt⸗ weinbegeiſterung herankam, um zum Beweis ſeiner perſönlichen Würde John Willets Schienbein mit einem Fußtritt zu beehren— das Compliment zu erwiedern, und wenn der alte John hinreichend Geiſtesgegenwart gehabt hätte, um dieſe geflüſterte Anweiſung zu ver⸗ ſtehen und Gebrauch davon zu machen, ſo dürfte es keinem Zweifel unterliegen, daß er ſie unter Hughs Schutz ohne Gefährde hätte ausführen können. Endlich begann ſich die Bande vor dem Hauſe zu verſammeln, und rief denen drinnen zu, ſich an⸗ zuſchließen, damit ſie keine Zeit verlören. Da dieſes Gemurmel ſich mehrte und auf die höchſte Höhe ſtei⸗ gerte, berieth ſich Hugh mit einigen von denen, die noch im Schenkſtübchen weilten und klärlich zu den Führern der Bande gehörten, was ſie mit John an⸗ fangen ſollten, um ihn ruhig zu erhalten, bis ihr Chikweller Werk vorüber ſey. Einige machten den Vorſchlag, das Haus in Brand zu ſtecken und den Wirth in den Flammen umkommen zu laſſen: andere meinten, ihn durch einen Schlag vor den Kopf in einen Zuſtaud jeweiliger Beſinnungsloſigkeit zu ver⸗ ſetzen; einige wollten haben, er ſolle ſchwören, bis morgen um dieſelbe Stunde in ſeinem Stuhle ſitzen zu bleiben; andere gedachten, ihn gebunden und unter gehöriger Bedeckung mitzunehmen. Nach Erwägung aller dieſer Vorſchläge kam man endlich zu dem Entſchluß, ihn in ſeinen Stuhl zu binden— ein 342 Geſchäft, um deſſenwillen nach Dennis gerufen wurde. „Schau einmal her, Hans!“ ſagte Hugh, auf ihn zutretend;„wir binden dir jetzt Hände und Füße, aber ſonſt ſollſt du keinen Schaden haben, hörſt du?“ John Willet blickte auf einen Anderen, als wüßte er nicht, wer geſprochen hatte, und murmelte etwas von einem Diner jeden Sonntag um zwei Uhr. „Du ſollſt keinen Schaden nehmen, ſage ich dir, Hans— hörſt du?“ brüllte Hugh, dieſer Verſicherung durch einen tüchtigen Schlag auf den Rücken ſeines Herrn den gehörigen Nachdruck gebend.„Er iſt, glaube ich, halb todt vor Angſt, und weiß nicht, wo ihm der Kopf ſteht. Ha, ha! Gebt ihm ein Tröpflein zu trinken. Reiche Einer von Euch etwas herüber.“ Sofort wurde ein Glas Branntwein beigeſchafft, und Hugh goß den Inhalt in des alten Johns Kehle hinunter. Herr Willet ſchmatzte leicht mit den Lippen, ſteckte die Hand in ſeine Taſche und fragte, was er zu bezahlen habe; dann fügte er, nachdem er aus⸗ druckslos umhergeſtiert hatte, bei, er glaube, es ſey noch eine Kleinigkeit für zerbrochene Gläſer— „Wahrhaftig, er iſt zur Zeit ganz von Sinnen,“ ſagte Hugh, indem er ihn rüttelte, bis die Schlüſſel in ſeiner Taſche raſſelten, ohne daß jedoch eine ſicht⸗ bare Wirkung auf John's Nervenſyſtem hervorgebracht wurde.„Wo iſt denn dieſer Dennis?“ Man rief abermals nach ihm, und alsbald kam ufen auf und ben, üßte was dir, rung ines aube ihm flein der.“ aafft, dehle pen, s er aus⸗ 3 ſey en,“ üſſel ſicht⸗ racht kam 343 Herr Dennis, der nach Weiſe eines Kapuziners einen langen Strick um ſeinen Leib gegürtet hatte, im Ge⸗ folge einer ſechs Mann ſtarken Leibgarde hereingeeilt. „Kommt! Macht hurtig!“ rief Hugh, mit dem Fuß auf den Boden ſtampfend.„Beeilt Euch!“ Dennis knüpfte blinzelnd und kopfnickend den Strick los, erhob die Augen zur Decke und ſchaute mit neugierigem Blicke an allen Wänden und Ge⸗ ſimſen umher; dann ſchüttelte er den Kopf. „Nun, könnt Ihr Euch nicht rühren, Menſch?“ rief Hugh, abermals ungeduldig auf den Boden ſtampfend.„Sollen wir hier warten, bis man zehn Meilen in die Runde von unſerem Treiben weiß, damit unſere Arbeit ja recht hübſch unterbrochen werde?“ 3 „Ihr habt gut reden, Bruder,“ antwortete Dennis, auf ihn zutretend,„aber wenn's nicht—“ und dabei flüſterte er ihm in's Ohr—„wenn's nicht über der Thüre geſchieht, ſo läßt ſich's in dieſer Stube da durchaus nicht abthun. „Was läßt ſich nicht abthun?“ fragte Hugh. „Was ſich nicht abthun läßt? entgegnete Dennis. „Je nun, der alte Mann dort.“ „Zum Teufel, Ihr werdet ihn doch nicht auf⸗ hängen wollen?“ rief Hugh. „Nicht, Bruder?“ erwiederte der Henker mit großen Augen.„Was denn ſonſt?“ Hugh gab keine Antwort, ſondern rieß ſeinem Gefährten den Strick aus der Hand und ſchickte 344 ſich an, den alten John ſelbſt zu binden; aber ſein erſter Verſuch war ſo linkiſch und ungeſchickt, daß ihn Herr Dennis faſt mit Thränen in den Augen anflehte, er möchte doch ihm erlauben, das Geſchäft zu verrichten. Hugh ließ ſich dieß gefallen, und ſo war es in einem Nu geſchehen. „So!“ ſagte der Henker mit einem kläglichen Blick auf John Willet, der in ſeinen Banden ebenſowenig Aufregung verrieth, als früher.„Das nenn ich hübſch und fachmäßig gearbeitet. Er ſieht jetzt ganz zum Malen aus. Aber Bruder, nur noch ein Wort in's Ohr— nun, da er ſo recht hübſch ſeine Ban⸗ dage anhat, wäre es nicht für alle Theile beſſer, wenn wir ihn abthäten? Es ließe ſich ganz prächtig in den Zeitungen leſen, wahrhaftig. Die Leute würden weit mehr von uns halten!“ Hugh, der den Sinn dieſer Worte eher aus den Geberden, als aus der techniſchen Ausdrucksweiſe ſeines Kameraden errieth(denn es fehlte ihm an dem Schlüſſel dazu, da er den ſonſtigen Beruf deſſelben nicht kannte), verwarf dieſen Vorſchlag zum zweiten⸗ mal und gab das Schlagwort:„Vorwärts!“ das aus hundert Kehlen draußen wiederhallte. „Nach dem Kaninchenhag!“ brüllte Dennis im Hinauseilen, während die Uebrigen nachfolgten.„Das Haus eines Zeugen!“ Es folgte ein gellendes Geſchrei und der ganze Haufen jagte weiter, ganz raſend von Beute⸗ und Zerſtörungsgier. Hugh blieb noch einige Augenblicke ſein daß ugen chäft d ſo Blick enig ich ganz Vort Zan⸗ eſſer, chtig rden den veiſe dem lben ten⸗ das 345 zurück, um ſich durch noch mehr Branntwein anzu⸗ ſpornen, wobei er die paar Hahnen, die zufälliger⸗ weiſe geſchont worden waren, aufdrehte; dann ſah er ſich in dem verwüſteten und geplünderten Zimmer um, durch deſſen zerſchmettertes Fenſter die Aufwiegler ſogar den Maibaum, den ſie niedergeſägt, hereinge⸗ ſtoßen hatten, zündete eine Fackel an, klopfte den ſtummen und bewußtloſen Willet auf den Rücken, ſchwang die Leuchte über ſeinen Kopf, ſtieß ein wildes Hurrah aus und eilte ſeinen Kameraden nach. Fünfundfünßzigſtes Kapitel. John Willet, der in dem verwüſteten Schenk⸗ ſtübchen allein zurückblieb, ſtierte noch immer um ſich her— allerdings mit wachen Augen, aber all' ſein geiſtiges Vermögen lag in einem tiefen, traumloſen Schlafe. Er ſah auf das Gemach, das ſeit Jahren, und ſogar noch vor einer Stunde, der Stolz ſeines Herzens geweſen war, aber auch nicht eine einzige Muskel bewegte ſich in ſeinem Geſicht. Die Nacht draußen blickte ſchwarz und kalt durch die traurigen Löcher in den Fenſterſcheiben; die koſtbaren Flüſſigkeiten, die nun beinahe ausgelaufen waren, tröpfelten noch mit hohlem Tone auf den Boden; 346 der Maibaum guckte kläglich durch den zertrümmerten Fenſterrahmen, wie das Bugſpriet eines geſcheiterten Schiffes; der Stubenboden hätte mit dem Grunde des Meeres verglichen werden können, ſo voll lag er von köſtlichen Bruchſtücken. Der Wind rauſchte herein, die alten Thüren krachten und knarrten in ihren Angeln, die Kerzen faackerten niederträufelnd und machten lange Leichenhemden; die heiteren, tief⸗ rothen Vorhänge flatterten müßig auf die Straße hinaus; ſelbſt die wackeren Holländerfäßchen, die leer und umgeworfen in den dunkeln Stubenecken lagen, ſchienen blos die Hüllen luſtiger Brüder zu ſeyn, deren Jovialität entſchwunden war, und die keine freund⸗ liche Gluth mehr anzufachen vermochten. John ſah dieſe Verwüſtung und ſah ſie doch nicht. Er war vollkommen zufrieden, daſitzen und ſie anſtarren zu können, ohne mehr Unwillen oder Ungemächlichkeit in ſeinen Banden zu empfinden, als wären ſie ſeine Ehrenkleider geweſen. So weit er perſönlich dabei betheiligt war, lag die alte Zeit im Schnarchen und die Welt ſtand ſtille. Außer dem Tröpfeln der Fäſſer, dem Rauſchen der leichteren Trümmerſtücke unter dem Einfluße des eindringenden Windes und dem ein⸗ tönigen Knarren der offenen Thüren herrſchte ringsum tiefe Ruhe, und die eben erwähnten Töne machten, wie das nächtliche Picken einer Todtenuhr, das Schweigen nur noch tiefer und nachdrücklicher. Aber Ruhe oder Lärmen, dieß war für John ganz daſſelbe. Wenn eine Batterie ſchweren Geſchützes aufgefahren 347 wäre und vor dem Fenſter draußen zu ſpielen an⸗ gefangen hätte, ſo würde er auch hieraus ſich nichts gemacht haben. Er war weit über alles Erſchrecken hinaus. Nicht einmal ein Geſpenſt hätte ihm etwas anhaben können. Endlich hörte er aber einen Fußtritt, einen haſti⸗ gen und doch vorſichtigen Fußtritt, der ſich dem Hauſe näherte. Er machte Halt, kam dann wieder vorwärts und ſchien das ganze Haus zu umkreiſen. Sodann kam er unter das Fenſter und ein Kopf ſchaute herein. Er ſtach in dem grellen Lichte der träufelnden Kerzen ſcharf gegen die außen herrſchende Dunkel⸗ heit ab. Ein bleiches, abgezehrtes, welkes Geſicht; die Augen— was man übrigens der Magerkeit zu⸗ ſchreiben mußte— unnatürlich groß und funkelnd, das Haar ein mit Grau vermiſchtes Schwarz. Er warf einen ſpähenden Blick durch das Gemach, und dann fragte eine tiefe Stimme: „Seyd Ihr allein in dieſem Hauſe?“ John gab kein Zeichen, obgleich er die zweimal wiederholte Frage deutlich hörte. Nach einer kurzen Pauſe ſtieg der Mann durch das Fenſter herein. Auch hierüber war John nicht im Geringſten überraſcht. Im Laufe der letzten Stunde war man ſo viel durch das Fenſter aus und eingegangen, daß er die Thüre ganz vergeſſen hatte; es war ihm, als ſey es von ſeiner Kindheit an nie anders gehalten worden. Der Mann trug einen großen, dunkeln, faden⸗ ſcheinigen Mantel und einen niedergekrampten Hut; 1 348 Jer trat auf John zu und ſchaute ihn an. John gab dieſes Compliment mit Zinſen zurück. „Wie lange habt Ihr ſo da geſeſſen?“ fragte der Mann. John dachte darüber nach, brachte aber nichts heraus. „Welche Richtung hat der Haufen eingeſchlagen?“ Einige wirre, ſpekulative Gedanken über den Schnitt der Stiefel des Fremden zuckten Herrn Willet zufällig durch das Gehirn, machten ſich aber wieder haſtig von dannen und ließen ihn wieder in ſeinem früheren Zuſtande. „Ihr würdet gut daran thun, zu ſprechen.“ ſagte der Mann,„damit Ihr wenigſtens eine ganze Haut behaltet, denn ſonſt iſt Euch doch nichts übrig ge⸗ blieben, woran man ſein Müthchen kühlen könnte. Welchen Weg haben ſie eingeſchlagen?“ „Dieſen!“ entgegnete John, der auf einmal ſeine Stimme wieder fand, indem er mit dem Kopfe in die ganz entgegengeſetzte Seite nickte, denn ſeine Hände waren ſo feſt gebunden, daß er nicht deuten konnte. „Ihr lügt!“ ſagte der Mann mit einer zornigen und drohenden Geberde.„Ich komme aus dieſer Richtung. Ihr wollt mich verrathen.“ Es fiel ſo ſehr in die Augen, John's Starrheit ſey keine erkünſtelte, ſondern das Ergebniß deſſen, was kürzlich unter ſeinem Dache vorgegangen, daß 349 der Mann, der ſchon auf ihn losſchlagen wollte, die Hand zurückzog und ſich abwandte. John ſah ihm nach, ohne daß auch nur eine Muskelfaſer in ſeinem Geſichte gezuckt hätte. Der Mann ergriff ein Glas, hielt es unter eines der kleinen Fäſſer, bis er einige Tropfen damit aufge⸗ fangen hatte, und trank ſie gierig aus. Dann warf er es ungeduldig zu Boden, nahm das Fäßchen in die Hände und goß den Inhalt vollends in ſeine Kehle. Sofort machte er ſich über einige Stückchen Brod und Fleiſch her, die in dem Gemache umher zerſtreut lagen, und verſchlang ſie mit großer Ge⸗ fräßigkeit, wobei er nur hin und wieder inne hielt, um auf ein eingebildetes Geräuſch draußen zu hor⸗ chen. Nachdem er ſich in dieſer haſtigen Weiſe er⸗ quickt hatte, erhob er ein anderes Fäßchen zu ſeinen Lippen; dann drückte er ſich den Hut in die Stirne als wäre er im Begriffe, das Haus zu verlaſſen und wandte ſich noch einmal an John.— „Wo find Eure Dienſtboten?“ Es ſchwebte Herrn Willet dunkel vor, daß er gehört hatte, wie ihnen die Aufrührer zuriefen, ſie ſollten den Schlüſſel der Stube, in welcher ſie ſich befänden, zum Fenſter herauswerfen. Er entgegnete daher: „Eingeſchloſſen.“ „Gut für ſie, wenn ſie ſich ruhig verhalten, und auch Euch möchte ich ein Gleiches rathen,“ ſagte 350 der Mann.„Aber jetzt zeigt mir den Weg, den der Haufen einſchlug.“ Dießmal winkte Herr Willet richtig. Der Fremde eilte nach der Thüre, als ihm plötzlich auf den Flü⸗ geln des Windes der laute und haſtige Ton einer Lärmglocke entgegen drang, worauf ein heller und lebhafter Lichtſtrom folgte, der nicht nur die ganze Stube, ſondern auch die Landſchaft rings umher er⸗ leuchtete. Es war nicht der plötzliche Uebergang der Nacht in dieſes ſchreckliche Licht, es war nicht das ferne Gejubel und Triumphgeſchrei, es war nicht dieſer ſchreckliche Eingriff in den ſtillen Frieden der Nacht, was den Mann zurückſchreckte, als ob ihn ein Blitz⸗ ſtrahl getroffen hätte. Es war die Glocke. Wenn das gräßlichſte Geſpenſt, das ſich des Menſchen Geiſt je in ſeinen wildeſten Träumen ausgemalt, vor ihn hingetreten wäre, ſo hätte er bei deſſen Berührung nicht entſetzter zurückwanken können, als dieß bei dem erſten Klange jener lauten Eiſenſtimme der Fall war. Mit hervorquellenden Augen, convulſiviſch zitternden Gliedern und einem ſchrecklich anzuſchauenden Ge⸗ ſichte, erhob er den einen Arm hoch in die Luft, während er mit der andern Hand irgend ein Traum⸗ geſicht abzuwehren ſchien, auf das er losſtieß, als hielte er ein Meſſer in der Hand, mit welchem er ihm das Herz durchbohrte. Er fuhr ſich in die Haare, hielt die Ohren zu, raste wie ein Wahnſin⸗ niger im Kreiſe herum, ſtieß dann einen entſetzten 351 Schrei aus und eilte von hinnen. Aber die Glocke läutete fort und fort und ſchien ihn zu verfolgen— ſtets lauter und lauter, hitziger und hitziger. Der Feuerſchein wurde heller, das Gebrüll der Stimmen tiefer; das Krachen ſchwerer, einſtürzender Maſſen erſchütterte die Luft, glänzende Ströme von Funken zuckten gen Himmel; aber lauter als alles— weit ſchneller zum Himmel ſteigend, tauſendmal ungeſtümer und wüthender— ſchreckliche Geheimniſſe nach langem Schweigen verkündend— die Sprache der Todten redend— tönte die Glocke— die Glocke! Welcher Geſpenſterſpuck hätte dieſe entſetzliche Jagd und Flucht übertreffen können? Und wäre eine Legion Geiſter ſeiner Fährte gefolgt, er hätte es leichter ertragen. Sie hätten einen Anfang und ein Ende haben müſſen, aber hier war der ganze Raum damit angefüllt. Die eine ihn hetzende Stimme war allenthalben: ſie tönte in der Erde, in der Luft, ſchüttelte das lange Gras und bebte unter den zit⸗ ternden Bäumen. Das Echo ſieng ſie auf, die Eule heulte bei den auf dem Winde einhergetragenen Klängen, die Nachtigall blieb ſtumm und verbarg ſich unter den dichteſten Zweigen. Die Stimme ſchien das zürnende Feuer zu ſtacheln, aufzuwühlen und es zum Wahnſinn zu peitſchen; alles war in ein einziges, voorherrſchendes Roth gekleidet; die Gluth war allent⸗ halben— die ganze Natur in Blut getränkt; und noch immer der erbarmenloſe Ruf jener entſetzlichen Stimme— der Glocke— der Glocke! 3⁵²2 Sie hörte endlich auf— aber nicht in ſeinen Ohren. Das Todtengeläute tönte in ſeinem Herzen fort. Kein Menſchenwerk hatte je eine Stimme, wie dieſes, das hier ſchallte und mit ſeinen Warne⸗ rufen unabläßig gen Himmel ſchrie. Wer konnte dieſe Glocke hören, ohne zu verſtehen, was ſie ſagte! Jeder Ton rief Mord— grauſamer, unerbittlicher, wilder Mord— Mord an einem vertrauensvollen Manne, geübt von Einem, der des Hingeſchlachteten volles Vertrauen beſaß. Die Klänge läuteten die Schatten aus ihren Gräbern. Welch ein Geſicht war das, in welchem ſich ein freundliches Lächeln zu dem Blicke eines halb ungläubigen Entſetzens umwandelte; welches einen Augenblick in Schmerzenszügen erſtarrte und dann wieder in einen flehentlichen Aufblick zum Himmel überging, und dann hülflos, mit aufwärts gekehrten Augen, wie die todten Hirſche zur Erde ſank, denen er ſo oft als ein kleines Kind zugeſehen hatte, dabei ſich bebend und ſchaudernd an eine Schürze haltend— es war ſchrecklich, jetzt daran zu denken!. Er ſank auf den Boden, wälzte ſich darauf, als wollte er ſich eine Stelle ausgraben, um ſich darin zu verbergen, und bedeckte ſich Geſicht und Ohren. Aber nein, nein, nein— hundert Mauern und eherne Dächer hätten den Ton jener Glocke nicht ausſchließen können, denn ſie redete die Stimme der erzürnten Gottheit, vor der das ganze, weite Weltall ihm keinen Schutz bieten konnte! inen rzen me, rne⸗ unte gte! her, llen eten die war dem elte; arrte zum ärts Erde ehen eine rran als arin ren. erne eßen nten inen 353 Während er auf und niederſtürzte, ohne zu wiſſen, wohin er ſich wenden ſollte, und während er niedergekauert auf der Erde lag, ging das entſetzliche Werk der Empörer ſeinen raſchen Gang. Als ſie den Maibaum verlaſſen hatten, ſammelten ſie ſich zu einem conſolidirten Haufen und rückten raſchen Schrittes auf den Kaninchenhag los. Da ihnen das Gerücht ihrer Annäherung vorausgegangen war, ſo fanden ſie die Gartenthore feſt verſchloſſen, die Fenſterladen ver⸗ riegelt und das Haus in tiefes Dunkel begraben. In keinem Theile des Gebäudes war Licht zu ſehen. Nachdem ſie eine Weile vergebens an den Klingeln gezerrt und gegen die Eiſengitter geſchlagen hatten, wichen ſie ein wenig zurück, um zu recognosciren und ſich über die beſten Maßregeln zu berathen. Letzteres bedurfte keiner langen Friſt, denn durch den Branntwein zur Wuth gereizt und durch die glück⸗ lichen Erfolge ihrer Unthaten ermuthigt, waren ſie auf die verzweifeltſten Schritte gefaßt. Sobald das Kommandowort zu Umringung des Hauſes gegeben war, kletterten einige über das Gitter oder ließen ſich in den feuchten Graben hinunter, von wo aus ſie die Gartenmauer hinanklommen, während andere die feſten Eiſenſtangen niederhieben, die ſie als Waffen benützten, während ſie ſich dadurch zugleich eine Breſche verſchafften. Nachdem ſie das Haus voll⸗ ſtändig umzingelt hatten, wurde eine kleine Anzahl ausgeſchickt, um einen Schuppen im Garten, wo Werkzeug lag, zu erbrechen, und unterdeß begnügten Boz. XVII. Barnaby Rudge. 23 354 ſich die Uebrigen, heftig an die Thüren zu ſchlagen und denen drinnen zuzurufen, ſie ſollten, wenn Ihnen ihr Leben lieb ſey, herunterkommen und öffnen. Auf dieſe wiederholten Aufforderungen folgte keine Antwort; und da die abgeſchickte Abtheilung mit einem Vorrath von Aexten, Spaten und Hauen zurückkam, ſo kämpfte ſich dieſe nebſt den Vielen, welche bereits ähnliche Waffen beſaßen, in die vorderſte Reihe, um die Thüren und Fenſter zu erbrechen. Bis jetzt hatten ſie nicht mehr als ein Dutzend brennender Fackeln unter ſich gehabt, ſobald aber die Vorbereitungen ſo weit gediehen waren, wurden Feuerbrände vertheilt, die mit ſolcher Schnelligkeit von Hand zu Hand gingen, daß in einer Minute wenigſtens zwei Dritt⸗ theile der ganzen brüllenden Maſſe damit verſehen waren. Mit lautem Hurrah wirbelten ſie dieſe über ihren Köpfen und brachen nun gegen Thüren und Fenſter los. Unter dem Donner der ſchweren Schläge, dem Klirren der zerbrochenen Scheiben, dem Geſchrei und den Flüchen des Pöbels und dem ganzen Lärm und Getümmel des Auftritts hielten ſich Hugh und ſeine Freunde an die Thüre unter dem Erker, durch welche Herr Haredale kürzlich ihn und den alten John Willet eingelaſſen hatte, und hier boten ſie ihrer vereinigten Kraft auf. Es war eine ſtarke, alte Eichenthüre, durch gute Riegel und einen ſchweren Querbalken geſchützt; aber bald ſtürzte ſie krachend auf die enge Treppe zurück und bildete gewiſſermaßen eine Plat⸗ gen nen eine nem am, eits um tten keln ſo eilt, and eitt⸗ hen ber und dem und und eine lche llet gten üre, ken nge lat⸗ 35⁵ form, welche das Eindringen der Empörer in die obern Gemächer erleichterte. Faſt in demſelben Augen⸗ blicke war auch ein Dutzend anderer Punkte erobert, und an jedem derſelben brach das Geſindel wie Meereswogen ein. Etliche bewaffnete Dienſtleute waren in der Halle aufgeſtellt und feuerten auf die heranſtürzenden Em⸗ pörer ungefähr ein halb Dutzend Schüſſe ab. Dieß wollte jedoch nicht viel verfangen, und da die Brut wie ein Heer von Teufeln andrängte, ſo dachten ſie an nichts weiter, als an ihre eigene Sicherheit, und zogen ſich unter dem Donnerrufe ihrer Angreifer zurück, hoffend, in der Verwirrung von den Rebellen als ihres Gleichen genommen zu werden. Dieſe Kriegsliſt hatte auch guten Erfolg, bei einem alten Manne ausgenommen, von dem man nachher nie wieder hörte. Der Sage nach wurde ihm mit einer Eiſen⸗ ſtange der Schädel eingeſchlagen(einer ſeiner Kame⸗ raden erzählte, er habe ihn fallen ſehen) und dann ſein Leichnam in den Flammen verbrannt. Da die Belagerer nun in völligem Beſitze des Hauſes waren, ſo verbreiteten ſie ſich in demſelben von dem Dache an bis zu dem Keller hinunter, wo ſte allenthalben rüſtig ihr Teufelswerk übten. Während kleine Abtheilungen unter den Fenſtern Freudenfeuer anzündeten, zertrümmerten andere die Möbel und warfen die Bruchſtücke durch die Fenſter, um die Flamme unten zu nähren. Wo die Maueröffnungen (man konnte ſie nicht länger Fenſter nennen) groß 23* 356 genug waren, ſchleuderte man ganze Tiſche, Kom⸗ moden, Betten, Spiegel und Gemälde in das Feuer, während jeder neue Zuwachs von Brennmaterial mit Geheul, Jubel und Zetergeſchrei aufgenommen wurde, die der Brunſt neue Schrecken und Entſetzen ver⸗ liehen. Sobald diejenigen, welche Aexte hatten, ihre Wuth an dem beweglichen Geräthe ausgelaſſen hatten, hieben und riſſen ſie Thüren⸗ und Fenſtereinfaſſungen heraus, brachen die Fußböden auf und hackten das Gebälke durch, ſo daß diejenigen, welche in den obern Räumen weilten, in einem Haufen von Trümmern begraben wurden. Einige durchſuchten die Kommoden, Kiſten, Koffer, Schreibpulte und Wandſchränke nach Juwelen, Silbergeſchirr und Gold, während andere, die weniger auf Gewinn erpicht, dagegen mehr zer⸗ ſtörungstoll waren, ohne Unterſuchung alles ſammt und ſonders in den Hofraum hinunterwarfen und den unten Stehenden zuriefen, es in's Feuer zu werfen. Einige, die in den Kellern geweſen und die Faßböden eingeſchlagen hatten, ſprangen in hellem Wahnſinn hin und her, ſteckten alles in Brand— oft ſogar die Kleider ihrer Freunde— und das Gebäude loderte bald an ſo vielen Orten, daß Manche keine Zeit mehr fanden, zu entkommen: man ſah ſie mit ſchlaffen Händen und geſchwärzten Geſichtern leblos an den Fenſtern hängen, zu welchen ſie gekrochen waren, bis ſie von dem Flammenmeere aufgeſaugt und verzehrt waren. Je mehr das Feuer praſſelte und wüthete, deſto wilder und grauſamer wurden die zm⸗ ter, mit de, er⸗ hre ten, gen das ern ern een, ach ere, er⸗ imt den fen. den inn gar ude ine mit los hen ugt elte die 357 Menſchen, als wären ſie durch das Element, in wel⸗ chem ſie ſich bewegten, zu eigentlichen Teufeln ge⸗ worden und hätten ihr irdiſches Weſen gegen Eigen⸗ ſchaften vertauſcht, die in der Hölle entzückend ſind. Die Feuermaſſe, welche Zimmer und Gänge durch die Riſſe in den zerbröckelnden Mauern glüh⸗ roth durchſcheinen ließ; die Nebenflammen, die mit langgeſpaltenen Zungen außen an den Ziegeln und Rinnen hinaufleckten und eilten, ſich mit dem Glutmeere innen zu vereinigen; der Wiederſchein, der auf die zuſchauenden Elenden, welche immer noch Brennmaterial beiſchafften, niederfiel; das Brauſen des zornigen Elements, welches ſo licht und hoch auf⸗ loderte, daß es in ſeiner Gefräßigkeit ſogar den Rauch zu verſchlucken ſchien; die Funken, welche der Wind wie einen Feuerregen dahintrug; das lautloſe Zuſam⸗ menbrechen großer, hölzerner Balken, welche wie Federn auf den Aſchenhaufen niederfielen und in Staub und Funken zerſtoben; das unheimliche Roth des Himmels in ſeinem Gegenſatze zu dem tiefen Dunkel, das rings umher herrſchte; die Bloßſtellung jedes kleinen Winkels, welchen vielleicht heimiſcher Brauch zu einem geheiligten Orte gemacht hatte, vor rohen, gemeinen Gafeferblicken, und die Zerſtörung ſo manches kleinen Lieblinggeräthes, das durch Erinne⸗ rung aus der Vergangenheit lieb und theuer geworden war, durch barbariſche Hände: alles dieſes fand ſtatt — nicht unter mitleidigen Blicken und dem Gemur⸗ mel freundlicher Theilnahme, ſondern unter viehiſchem Jubel und Triumphgeſchrei, ſo daß ſelbſt die Ratten, welche zu lange in dem alten Hauſe geblieben waren, als Weſen erſchienen, die Anſpruch auf das Erbar⸗ men der früheren Inwohner hatten. Kurz, das Ganze bildete eine Scene, die kein Augenzeuge, wenn er nicht an dem Schauderwerke mitwirkte, ſein ganzes Leben über vergeſſen konnte. Aber wo waren dieſe Zeugen? Die Lärmglocke klang lange, und zwar von keiner ſchwachen oder zögernden Hand gezogen; aber keine Seele ließ ſich blicken. Einige von den Mordbrennern ſagten, als es aufgehört, hätten ſie das Gekreiſch von Weibern gehört und Frauenkleider in der Luft flattern ſehen, wie wenn ein Haufen Männer widerſtrebende Geſtalten forttrüge. Niemand konnte in einem ſolchen Auf⸗ ruhr mit Gewißheit verſichern, ob dieſe Angabe wahr oder falſch ſey; aber wo war Hugh? Wer von ihnen hatte ihn ſeit dem Erbrechen der Thüren geſe⸗ hen? Der Ruf nach ihm verbreitete ſich durch den ganzen Haufen. Wo war Hugh? „Hier!“ rief er mit heiſerer Stimme, athemlos und rauchſchwarz aus der Dunkelheit auftauchend. „Wir haben Alles gethan, was wir konnten; das Feuer brennt von ſelbſt fort, und wenn auch etwas zurückbleibt, wo es nicht hinkommen kann, ſo iſt es doch nichts, als ein Trümmerhaufen. Zerſtreut Euch Jungen, ſo lange es noch geheuer iſt; geht auf ver⸗ ſchiedenen Wegen zurück und ſammelt Euch wieder an dem gewöhnlichen Orte.“ en, en, ar⸗ 359 Mit dieſen Worten verſchwand er abermals— ganz gegen ſeine Gewohnheit, denn er war immer der Erſte beim Vorrücken, und der Letzte bei'm Ab⸗ zug— und überließ es den Uebrigen, ihm nach Hauſe zu folgen, oder nicht. Es war keine leichte Aufgabe, eine ſolche Bande zum Abzuge zu bewegen. Wenn man die Thore von Bedlam weit aufgeriſſen hätte, ſo würden ſie keine ſolchen Tollhäusler ausgeſpieen haben, als man hier in Folge einer ſolchen Nacht ſah. Es waren Kerle darunter, die auf Blumenbeeten tanzten und trap⸗ pelten, als ob ſie menſchliche Feinde niederträten, und die Blüthen von ihren Stängeln abriſſen, wie Wilde, die Menſchenhälſe umdrehen. Andere war⸗ fen ihre angezündeten Fackeln in die Luft und fingen ſie mit ihren Köpfen und Geſichtern wieder auf, wobei ſie tiefe, abſcheuliche Brandmale holten. Andere eilten durch die Flammen und plätſcherten darin mit ihren Händen, als ob ſie's mit Waſſer zu thun hätten. Wieder Andere mußten mit Gewalt zurück gehalten werden, ein tödtliches Gelüſte durch tolles Hinein⸗ ſtürzen in das Feuer zu büßen. Auf dem Schädel eines dem Anſehen nach kaum zwanzigjährigen Be⸗ trunkenen, der mit einer an den Mund geſetzten Flaſche auf dem Boden lag, floß das Blei des Daches, weißglühend wie ein flüßiger Feuerregen, nieder, und ſchmolz ihm den Kopf wie Wachs zu⸗ ſammen. Als ſich die zerſtreuten Haufen vereinigten, mußten Manche— zwar noch lebend, aber wie mit 360 glühenden Eiſen geſengt— aus den Kellern gezogen und von den Andern auf den Schultern fortgetragen werden. Letztere ſuchten dann die Beſinnungsloſen unterwegs mit frechen Scherzen zu wecken, und ließen ſie dann, wenn ſie todt waren, in den Vorhallen der Spitäler liegen. Aber von der ganzen heulenden Menge wußte nicht Einer was von Erbarmen. Keinen ſchmerzte der Anblick; und nicht Einer fühlte ſich durch die wilde, ſinnloſe, thörichte Wuth geſättigt. Langſam, in kleinen Haufen, mit heiſeren Hurrah's und ihrem gewöhnlichen Rufen verlor ſich endlich das Gefindel. Die letzten paar rothäugigen Nachzügler wankten hinten drein; das ferne Ge⸗ ſchrei derjenigen, welche ſich zuriefen und den An⸗ dern, welche ſie vermißten, pfiffen, wurde ſchwächer und ſchwächer; endlich erſtarrten auch dieſe Töne, und ringsum herrſchte tiefes Schweigen. In der That ein Schweigen. Die Flammen⸗ ſtrahlen waren zu einem zuckenden, blitzenden Leuchten zuſammengeſunken, und die milden Sterne, die jetzt erſt ſichtbar wurden, flimmerten auf den ſchwarzen Trümmerhaufen nieder. Ein dichter Rauch umlagerte noch die Brandſtätte, als wollte er ſie vor den Augen des Himmels verbergen; und ſogar der Wind ſcheute ſich, ihn aufzuſtören. Kahle Wände, ein Dach, gegen den Himmel offen ſtehend— Gemächer, in denen die geliebten Todten manchen und manchen ſchönen Tag zu neuem Leben und 361 neuer Thatkraft aufgeſtanden waren; wo ſo viele Theuren in Trauer und Freude geweilt; an die ſich ſo viele Gedanken und Hoffnungen, Schmerzen und Wechſel geknüpft— Alles dahin. Nichts übrig, als eine öde, traurige Leere— ein rauchender Staub⸗ und Aſchenhaufen— die Stille und Ein⸗ ſamkeit der äußerſten Verödung. Sechsundfünßigſtes Kapitel. Die Maibaumgevattern, die ſich wenig träumen ließen, was für eine Veränderung ihre Lieblings⸗ herberge treffen ſollte, ſchlugen den Waldweg ein und zogen unter Vermeidung der heißen und ſtau⸗ bigen Landſtraße auf Nebenpfaden und durch Felder gen London. Als ſie dem Orte ihrer Beſtimmung näher kamen, fingen ſie an, bei den Vorübergehenden Nachfrage über die Rebellen und über die Wahrheit oder Faſchheit der gehörten Gerüchte anzuſtellen. Die Antworten übertrafen bei Weitem die Nach⸗ richten, die ſich nach dem ruhigen Chigwell verloren hatten. Einer erzählte ihnen, dieſen Nachmittag ſeyen die Garden, welche einige neu aufgefundene Aufrührer nach Newgate bringen ſollten, von dem Pöbel angegriffen und zum Rückzug gezwungen 36² worden; ein Anderer ſagte, die Häuſer zweier Zeugen in der Nähe von Clare⸗Market ſollten eben nieder⸗ geriſſen werden, als er die Stadt verlaſſen; wieder ein Anderer wußte, daß die Rebellen nächſte Nacht Sir George Saville's Haus in Leiceſter Fields niederbrennen wollten, und daß es wahrſchein⸗ lich Sir George ſchlimm ergehen dürfte, wenn er in die Hände des Volks falle, da er es geweſen, welcher die Katholikenbill eingebracht habe. Alle Berichte kamen übrigens darin überein, daß das Geſindel in weit größeren Maſſen und in zahl⸗ reicheren Abtheilungen ausgezogen ſey, als je bisher; die Straßen wären unſicher; das Geſchick der Häuſer und Menſchen hinge an den Ereigniſſen einer Stunde; die allgemeine Beſtürzung nähme mit jedem Augen⸗ blicke zu, und viele Familien hätten ſich bereits aus der Stadt geflüchtet. Ein Kerl, der die Farbe des Pöbels trug, verwünſchte ſie, weil ſie keine Kokarde an ihren Hüten hatten, und hieß ſie morgen Nacht auf die Gefängnißthüren Acht zu haben, denn man werde dort guter Schlöſſer benöthigt ſeyn; ein Anderer fragte ſte, ob ſie gefeyet ſeyen, daß ſie ohne die Erkennungszeichen aller guten und treuen Männer umhergingen; und ein Dritter, der zu Pferd ange⸗ ritten kam und ganz allein war, befahl ihnen, daß ihm jeder einen Schilling zu Unterſtützung der Auf⸗ rührer in den Hut werfen ſolle. Obgleich ſie ſich ſcheuten, dieſem Anſinnen nicht zu entſprechen, und durch die vielerlei Gerüchte ſehr beunruhigt waren, 363 ſo beſchloſſen ſie doch, da ſie einmal ſo weit her ge⸗ kommen wären, weiter zu gehen und ſich mit eigenen Augen von dem wahren Stand der Dinge zu über⸗ zeugen. Sie zogen daher raſcher voran, wie etwa Menſchen zu thun pflegen, die durch wichtige Neuig⸗ keiten geſtachelt werden, und während ſie über das Vernommene Erwägungen anſtellten, gerieth ihre Unterhaltung beinahe völlig in’s Stocken. Es war allmälig Nacht geworden, und als ſie ſich der City näherten, fanden ſie eine traurige Beſtätigung der unterwegs gehörten Nachrichten in drei großen Feuern, die ziemlich nahe dei einander hellauf loderten und mit ihrem düſtern Wiederſchein den Himmel beleuchteten. In den Vorſtädten ange⸗ langt, bemerkten ſie, daß faſt an jeder Hausthüre mit großen Zügen die Worte:„Kein Pabſtthum!“ angekreidet, daß die Läden verſchloſſen, und daß in jedem Geſichte, das ihnen begegnete, Angſt und Unruhe abgemalt waren. Der Anblick aller dieſer Dinge erfüllte das Chigweller Kleeblatt mit einer Herzensangſt, die Keiner in ihrer vollen Ausdehnung ſeinen Gefährten mittheilen wollte, und ſo langten ſie endlich an einem vorgelegten Schlagbaum an. Sie waren eben im Begriffe, um den Seitenpfad zu biegen, als ein Reiter von London aus in vollem Galopp ange⸗ ſprengt kam, der dem Schlagbaumwärter mit ſehr aufgeregter Stimme zurief, um Gotteswillen ſchnell zu öffnen. 364 Die Beſchwörung war ſo ungeſtüm und ange⸗ legentlich, daß der Mann(obgleich er ein Schlag⸗ baumwärter war) ſchnell mit ſeiner Laterne heraus⸗ kam. Er war eben im Begriffe, die Barre zurück⸗ zuziehen, als er zufällig hinter ſich ſah und ausrief: „Gott im Himmel, was iſt dieß! Noch ein Feuer!“ Bei dieſen Worten wandten die Drei ihre Köpfe um und ſahen in der Entfernung— unmittelbar in der Richtung, wo ſie hergekommen waren— einen breiten Feuerſchein, der ein drohendes Licht auf die Wolken warf; letztere glimmten, als wäre die Feuersbrunſt hinter ihnen, und boten beinahe den Anblick eines zornigen Sonnenunterganges. „Wenn mich meine Ahnung nicht trügt,“ ſagte der Reiter,„ſo weiß ich, von welchem fernen Ge⸗ bäude dieſe Flammen kommen. Steht nicht ſo ent⸗ ſetzt da, mein guter Freund. Oeffnet die Barre!“ „Sir,“ rief der Mann, der, nachdem er aufge⸗ ſchloſſen hatte, die Hand an den Zügel ſeines Pſerdes legte,„ich kenne Euch jetzt, Sir. Nehmt Rath von mir an und geht nicht weiter. Ich ſah ſie vorbeiziehen, und weiß, zu welchem Leuteſchlage ſie gehören. Man wird Euch ermorden.“ „Sey's d'rum!“ entgegnete der Reiter, der unabläſſig auf das Feuer, aber nicht auf den, der ihn anredete, ſchaute. „Aber Sir— Sir“ rief der Schlagbaum⸗ wärter, die Zügel noch feſter faſſend,„wenn Ihr — U d n ſu „ α△̈0— RK 8ε — einmal gehen wollt, ſo tragt wenigſtens das blaue Band. Da, Sir,“ fügte er bei, indem er die Kokarde von ſeinem eigenen Hut nahm und dabei ſo angelegentlich ſprach, daß ihm die Thränen im Auge ſtanden:„ich habe ſie aus Noth, nicht aus freier Wahl— aus Liebe zum Leben und zum hei⸗ miſchen Herde getragen, Sir. Steckt ſie nur dieſe einzige Nacht auf, Sir— nur dieſe einzige Nacht.“ „O thut es!“ riefen die drei Freunde, ſich um das Pferd herdrängend.„Herr Haredale— wür⸗ diger Sir— guter Herr— bitte, laßt Euch überreden.“ „Wer iſt das?“ rief Herr Haredale, ſich nie⸗ derbeugend, um einem der Sprecher in's Geſicht zu ſehen.„Habe ich nicht Daiſy's Stimme gehört?“ „Freilich, Sir,“ rief der kleine Mann.„Laßt Euch doch überreden, Sir. Dieſer Herr hat voll⸗ kommen Recht. Euer Leben hängt davon ab.“ „Würdet Ihr Euch wohl fürchten,“ ſagte Herr Haredale abgebrochen,„mit mir zu kommen?“ „Ich, Sir?— Non-nein!“ „So ſteckt dieſes Band auf Euren Hut. Wenn wir auf die Rebellen ſtoßen, ſo will ich ſchwören, ich hätte Euch zum Gefangenen gemacht, weil Ihr es getragen. Sie ſollen dieß von meinen eigenen Lippen hören; denn ſo wahr ich ſelig zu ſterben hoffe— ich nehme keinen Pardon von ihnen, und werde auch keinen geben, wenn es heute Nacht zu einem Handgemenge kömmt. Herauf da— hinter 366 mich— raſch! Haltet Euch nur dicht um meinen Leib und fürchtet nichts.“. Einen Augenblick ſpäter ſprengten ſie, in einer dichten Staubwolke galoppirend, von hinnen— ſo raſch, wie es ein Jäger nur im Traume thun kann. Es war ein Glück, daß das gute Roß mit dem Wege vollkommen bekannt war, denn nicht ein ein⸗ ziges Mal während des ganzen Rittes ſenkte Herr Haredale ſeinen Blick nach dem Boden, ſondern hielt ihn ohne Unterlaß auf das Licht geheftet, auf das er mit wahnſinnigem Jagen losſprengte. Einmal ſagte er mit dumpfer Stimme:„es iſt wirklich mein Haus,“ aber dieß waren die einzigen Worte, die er laut werden ließ. So oft ſie an dunkle und bedenk⸗ liche Stellen kamen, vergaß er nie, die Hand auf den kleinen Mann zu legen, um ihn ſicherer in ſei⸗ nem Sitze zu erhalten; aber auch dann, und immer, war ſein Kopf aufrecht und das Auge dem Feuer zugekehrt. Der Weg war gefährlich genug, denn Herr Haredale hatte den nächſten eingeſchlagen, und da ging es Hals über Kopf dahin— weit von der Landſtraße ab— über einſame Pfade und Hecken⸗ wege, wo die Räder der Frachtwagen tiefe Furchen eingedrückt hatten, der ſchmale Streifen Erdreich durch Gehäge und Gräben eingeengt wurde, und hohe, überwölbende Bäume tiefe Finſterniß verbrei⸗ teten. Aber weiter, weiter, weiter jagte das Roß, ohne anzuhalten oder zu ſtolpern, bis ſie vor der — 9—7 8— 367 Thüre des Maibaums anlangten, wo ſie deutlich ſehen konnten, wie das Feuer abzunehmen begann, als gebräche es ihm an weiterem Brennſtoff. „Wir müſſen abſteigen— für einen Augenblick— nur für einen einzigen Augenblick,“ ſagte Herr Haredale, indem er Daiſy auf den Boden half und dann ſelbſt folgte;„Willet— Willet— wo iſt meine Nichte— wo meine Dienſtboten— Willet!“ Mit dieſem verzweifelten Rufe eilte er in das Schenkſtübchen. Dort traf er den Wirth gebunden und an ſeinen Stuhl gefeſſelt, den Platz verheert und geplündert;— Niemund konnte hier Schutz geſucht haben. Er war ein kräftiger Mann, der ſich zu zügeln und ſeine Leidenſchaften zu unterdrücken wußte; aber dieſe Einleitung zu dem, was kommen ſollte— ob⸗ gleich er das Feuer geſehen hatte und von ſeinem Hauſe kaum eine Spur zu finden hoffen durfte— nein, es war mehr, als er zu tragen vermochte. Er bedeckte einen Augenblick das Geſicht mit ſeinen Händen und wandte das Haupt ab. „Johnny, Johnny!“ rief Solomon— und das treuherzige Männchen ſchlug die Hände zuſammen, indem er gerade hinaus zu weinen anfing—„o lieber, alter Johnny, was iſt das für eine Veränderung! Daß es mit dem Maibaumſchenkſtübchen ſo weit kommen und wir leben mußten, um es mit anzuſehen! Auch der alte Kaninchenhag, Johnny— Herr Haredale — oh, Johnny, welch' ein kläglicher Anblick!“ 368 Während dieſer Worte deutete der kleine So⸗ lomon Daiſy auf Herrn Haredale, legte dann ſeine Ellenbogen auf die Lehne von Herrn Willet's Stuhl und vergoß über deſſen Schulter bittere Zähren. Während Solomon geſprochen, war der alte John ſtumm wie ein Stockfiſch da geſeſſen, mit einem geſpenſtigen Glotzauge umher ſtierend und jedes mögliche Symptom an den Tag legend, daß er ganz und gar das Bewußtſeyn verloren hatte. Als aber Solomon ſchwieg, folgte John mit ſeinen großen, runden Augen der Richtung ſeiner Blicke und gewann das Ausſehen, als habe er irgend einen unbeſtimmten aufdämmernden Begriff, daß Jemand gekommen ſey, um ihn zu beſuchen. „Ihr kennt uns doch, oder nicht, Johnny?“ fragte der kleine Küſter, ſich auf die Bruſt klopfend. „Ihr wißt ja, Daiſy— Chigwell Kirche— Glöckner — das kleine Pult an Sonntagen— he, Johnny?“ Herr Willet überlegte einige Augenblicke und murmelte dann mechaniſch vor ſich hin: „Laßt uns ſingen zum Preiß und Ruhm des—“ „Ja, freilich,“ rief der kleine Mann haſtig; „das iſt's— das bin ich, Johnny. Ihr findet Euch jetzt wieder zurecht, nicht wahr? Sagt, Ihr findet Euch wieder zurecht, Johnny.“ „Zurecht?“ erwog Herr Willet, als wäre dieß eine Sache, die er bloß mit ſich und ſeinem Ge⸗ wiſſen abzumachen habe.„Zurecht? Ah!“ „Sie haben Euch doch nicht mit Stöcken, Schür⸗ 369 eiſen oder andern ſtumpfen Werkzeugen mißhandelt — haben ſie's, Johnny?“ fragte Solomon, mit einem ängſtlichen Blicke nach Herrn Willet's Kopf ſchauend.„Sie haben Euch doch nicht geſchlagen, he?“ John kniff die Brauen zuſammen, blickte abwärts, als wäre er im Geiſte mit irgend einem arithme⸗ tiſchen Calcul beſchäftigt, dann aufwärts, als könne er mit dem Facit nicht zu Rechte kommen, dann auf Solomon Daiſy, den er von der Stirne bis zu den Schuhſchnallen betrachtete, und endlich ganz langſam in dem Schenkſtübchen umher. Dann rollte eine große, runde, bleiern ausſehende und nicht im geringſten durchſichtige Zähre aus jedem ſeiner Augen, und endlich ſagte er mit einem Kopfſchütteln: „Wenn ſie nur die Güte gehabt hätten, mich umzubringen, ich wurde es ihnen aus ganzem Herzen Dank gewußt haben.“ „Nein, nein, nein, ſprecht nicht ſo, Johnny,“ erinnerte ſein kleiner Freund.„Es iſt freilich ſehr — ſehr ſchlimm, aber doch nicht ganz ſo, um einen derartigen Wunſch zu rechtfertigen. Nein, nein!“ „Seht Ihr da, Sir!“ rief John, einen Jammer⸗ blick auf Herrn Haredale entſendend, der ſich auf ein Knie niedergelaſſen hatte, und im Begriffe war, ihn haſtig ſeiner Bande zu entledigen.„Seht Ihr da, Sir; ſogar der Maibaum— der alte ſtumme Maibaum— guckt zum Fenſter herein, als wollte er ſagen:„John Willet, John Willet, laßt uns Boz. XVII. Barnaby Rudge. 24 ——— 370 gehen und uns in den nächſten beſten Weiher ſtürzen, wo er am tiefſten iſt; denn unſere Stunde iſt vorüber!“ „Redet nicht ſo, Johnny— redet nicht ſo,“ rief ſein Freund, nicht weniger gerührt durch dieſe klägliche Anſtrengung von Herrn Willet's Einbil⸗ dungskraft, als durch den Grabeston, worin er für den Maibaum geſprochen hatte.„Um alles in der Welt, redet nicht ſo, Johnny.“ „Euer Verluſt iſt groß und Euer Unglück ſchwer,“ ſagte Herr Haredale, unruhig nach der Thüre blickend; „aber dieß iſt keine Zeit, Euch zu tröſten. Und wenn es auch wäre, ſſo bin ich nicht in der Lage, es zu können. Sagt mir übrigens, ehe ich Euch verlaſſe, nur das Eine, und verſucht es, ich bitte Euch flehentlich, mir treue und offene Auskunft zu geben. Habt Ihr nichts von Emma geſehen oder gehört?“ „Nein!“ ſagte Herr Willet. „Nichts von ſonſt Jemand, als von dieſen Bluthunden?“ „Nein!“ „Ich vertraue zu Gott, daß ſie ſich geflüchtet haben, ehe dieſe ſchrecklichen Scenen begannen,“ ſagte Herr Haredale, der bei ſeiner Aufregung und Haſt, wieder zu Pferde zu kommen, und bei der Geſchicklichkeit, womit das Seil geknüpft war, bis jetzt kaum einen einzigen Knoten aufgelöst hatte. „Ein Meſſer, Daiſy. u 371 zen,„Hat von den Herren,“ ſagte John, indem er iſt umherſchaute, als hätte er ſein Taſchentuch oder ſonſt etwas verloren—„hat von den Herren— o,“ keiner irgendwo— einen Sarg geſehen?“ ieſe„Willet!“ rief Herr Haredale. Pn Solomon ließ das Meſſer fallen, und ſein in Körper zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, als er rief: r,“„Barmherziger Himmel!“ nd;„Es iſt,“ ſagte John, ohne im Geringſten auf Und ſie zu achten,„auf ſeinem Wege nach demſelben vor ge, einer kleinen Weile ein todter Mann bei mir einge⸗ uch kehrt. Ich hätte Euch ſagen können, welcher Mann itte auf der Platte ſtehen müſſe, wenn er nur ſeinen zu Sarg mitgebracht und ihn hier gelaſſen hätte. Wenn der er's übrigens nicht that, ſo hat es nichts zu be⸗ deuten.“ Sein Grundherr, der mit athemloſer Aufmerk⸗ ſen ſamkeit auf dieſe Worte gelauſcht hatte, ſprang jetzt plötzlich auf, zog, ohne ein Wort zu ſprechen, So⸗ lomon Daiſy nach der Thüre, ſtieg auf ſein Pferd, htet nahm ſeinen Begleiter wieder hinter ſich und ritt n,“ mehr im Fluge, als im Galop nach der Brand⸗ ing ſtätte, wo die Sonne des vergangenen Tages noch bei ein ſtattliches Haus beleuchtet hatte. Herr Willet dar, glotzte ihnen nach, horchte und blickte auf ſeine tte. Füße nieder, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß er noch immer gebunden war, und ohne eine 24*† 372 Spur von Ungeduld, Täuſchung oder Ueberraſchung zu verrathen, verſiel er ſachte wieder in den Zuſtand, aus dem er nur unvollkommen geweckt worden war. Herr Haredale band ſein Pferd an einen Baum⸗ ſtamm, nahm ſeinen Begleiter am Arm und ſchlich verſtohlen auf dem Fußpfade weiter nach der Stelle, . die früher der Garten ſeines Hauſes geweſen war. Er machte einen Augenblick Halt, um von den rau⸗ chenden Mauern nach den Sternen aufzublicken, die durch das offene Dach und die zertrümmerten Gänge auf einen Aſchenhaufen niederflimmerten. Solomon ſah ihm ſchüchtern in's Geſicht; aber ſeine Lippen waren dicht zuſammen gepreßt, der Ausdruck ſtrenger Entſchloſſenheit lagerte auf ſeiner Stirne, und keine Thräne, kein Blick, keine Geberde bekundete den Schmerz ſeiner Seele. Er zog ſeinen Degen, fühlte einen Augenblick nach ſeiner Bruſttaſche, als führte er dort noch andere Waffen, ergriff dann Solomon wieder bei der Hand und umkreiste mit vorſichtigen Tritten das Haus. Er ſchaute durch jede Thüre, durch jeden Spalt in der Mauer, wich bei jedem Windſtoße in den Blättern zurück und durchſpähte mit ausge⸗ ſtreckten Händen jeden dunkeln Winkel. So machten ſie ihren Gang um das Gebäude, ohne jedoch, als ſie an der früheren Stelle anlangten, auf irgend ein menſchliches Weſen, oder auf die Spur irgend eines verſteckten Nachzüglers getroffen zu haben. Nach einer kurzen Pauſe ließ Haredale zwei⸗ oder ung und, var. um⸗ lich elle, var. rau⸗ die inge mon ppen nger eine den blick noch bei das eden e in sge⸗ hten als gend gend ben. oder 373 dreimal ein lautes„He da!“ erſchallen. Dann rief er: „Iſt Niemand hier verborgen, der meine Stimme kennt? Es iſt jetzt nichts mehr zu fürchten. Wenn Jemand von meinen Leuten in der Nähe iſt, ſo bitte ich ihn, mir zu antworten!“ Er rief dann alle bei Namen; aber nur das Echo antwortete in vielen kläglichen Tönen; dann war alles wieder ſo ſtill wie zuvor. Sie ſtanden in der Nähe des Thürmchens, wo die Lärmglocke hing. Das Feuer hatte hier ge⸗ wüthet, und außerdem waren die Fußboden zerſägt, zerhauen und niedergeſchlagen. Alles dem Zutritt der Luft offen. Nur ein Theil der Treppe ſtand noch und wand ſich aus einem Staub⸗ und Aſchen⸗ haufen aufwärts. Bruchſtücke zerhackter und zer⸗ trümmerter Stufen boten hin und wieder einen unſicheren Tritt und verloren ſich dann wieder in den vorſtehenden Mauerecken oder in den tiefen Schatten, welche von andern Theilen der Ruine darauf geworfen wurden; denn mittlerweile war der Mond aufgegangen und leuchtete hell und ruhig auf die Landſchaft nieder. Während ſie ſo da ſtanden und auf das hin⸗ ſterbende Echo horchten, vergeblich eine bekannte Stimme zu vernehmen hoffend, wurde etwas von der Aſche in dem Thurme los und rollte herunter. Solomon, der an dieſem traurigen Orte über das geringſte Geräuſch erſchrak, blickte nach dem Antlitz 374 ſeines Gefährten auf und entdeckte dabei, daß dieſer das lauſchende Ohr der Stelle, woher der Ton kam, zugewandt hatte. Herr Haredale legte dem kleinen Mann die Hand auf den Mund und horchte auf's Neue. Un⸗ mittelbar darauf befahl er ihm mit leuchtenden Augen, ſo lieb ihm ſein Leben ſey, ſich ruhig zu verhalten, und weder zu ſprechen, noch ſich zu rühren. Dann hielt er den Athem an, bückte ſich nieder, ſchlich mit gezogenem Degen nach dem Thurme und verſchwand. In der Angſt ſeines Herzens, nach all' dem, was er in dieſer Nacht geſehen und gehört hatte, unter ſo troſtloſen Verhältniſſen allein bleiben zu müſſen, wäre Solomon wohl gerne nachgegangen, wenn nicht in Herrn Haredale's Weſen und Blick etwas gelegen hätte, was ihn an Ort und Stelle gebannt hielt. Er blieb wie angewurzelt ſtehen, und, kaum zu athmen wagend, ſchaute er mit furchtſamer Neugierde in die Höhe. Wieder ein Lostrennen und Rollen von Aſche— ganz,z ganz leiſe— wieder— und dann wieder, als brockelte ſie unter dem Tritte eines ſchleichenden Fußes zuſammen. Und nun wurde durch die Dun⸗ kelheit eine Geſtalt ſichtbar, die ganz ſachte nieder⸗ ſtieg, oft Halt machte, um nach Unten zu ſchauen, dann ihren gefährlichen Weg weiter verfolgte und jetzt wieder den Blicken entſchwand. 375 Sie tauchte noch einmal empor in das be⸗ ſchattete und unſichere Licht— jetzt höher, aber nicht viel, denn der Weg war ſteil und mühſam, weßhalb das Weiterkommen nur ſehr langſam von Statten ging. Welch' ein Hirngeſpinnſt mochte er verfolgen, und warum ſah er ohne Unterlaß nieder? Wußte er ja doch, daß er allein war! Sein Geiſt konnte doch nicht unter dem Verluſte und dem Kummer dieſer Nacht gelitten haben? Wollte er ſich etwa köpflings von der Höhe der wankenden Mauer herunterſtürzen? Solomon wandelte eine Schwäche an; er ſchlug die Hände zuſammen. Die Kniee zitterten unter ihm und ein kalter Schweiß übergoß ſein blaßes Geſicht. Wenn er Herrn Haredale's letzter Einſchärfung Folge leiſtete, ſo geſchah es jetzt nur, weil er weder zu ſprechen, noch ſich zu rühren vermochte. Er ſtrengte ſeinen Blick an und heftete ihn auf einen vom Mondſchein beleuchteten Fleck, in welchen er, wenn er fortfuhr, herabzuſteigen, bald eintreten mußte. Sobald er dort anlangte, wollte der Küſter verſuchen, ihm zuzurufen. Wieder ein Ausgleiten und Bröckeln von Aſche; einige Steine ſielen nieder und rollten mit dumpfem und ſchwerem Schalle auf den Boden unten. Er verwandte kein Auge von der mondhellen Stelle. Die Geſtalt näherte ſich, denn ihr Schatten zeigte ſich bereits auf der Mauer. Jetzt tauchte ſie auf— und jetzt ſchaute ſie ſich nach ihm um— und jetzt— 376 Der entſetzte Küſter ſtieß einen Schrei aus, der⸗ die Luft zerriß, und rief: „Wieder der Geiſt, der Geiſt!“ Lange, ehe das Echo dieſes Rufes hingeſtorben war, hatte ſich auch eine andere Geſtalt in das Licht geſtellt, ſich auf die erſte geſtürzt und ſie nie⸗ dergeworfen; dann kniete ſie auf die Bruſt derſelben und umfaßte ihre Kehle mit beiden Händen. „Elender!“ rief Herr Haredale mit furchtbarer Stimme— denn er war es.„Todt und begraben, wie deine hölliſchen Kunſtgriffe alle Welt glauben machten, aber von dem Himmel hiezu aufgeſpart— endlich— endlich— habe ich dich. Du, deſſen Hände roth ſind von dem Blute meines Bruders und dem ſeines treuen Dieners, den du erſchlugſt, um deine Schandthat zu verbergen— du Rudge, doppelter Mörder und Ungeheuer, ich verhafte dich im Namen Gottes, der dich in meine Hände ge⸗ liefert hat. Nein. Und wenn du die Kraft von zwanzig Männern hätteſt,“ fügte er bei, als der Andere ſich wehrte und abkämpfte,„du ſollſt dich in dieſer Nacht meiner Fauſt nicht entwinden oder entkommen!“ 377 ſer- Siebenundfünßzigſtes Kapitel. en as Barnaby fuhr fort, bewaffnet, wie wir geſehen je⸗ haben, vor der Stallthüre auf und nieder zu gehen en— froh, daß er wieder einmal allein war, um ſich nach Herzensluſt der ungewohnten Stille und Ruhe er erfreuen zu können. Nach dem Lärm und Tumult, n, in welchem er die letzten zwei Tage verbrachte, hatte en der Friede und die Einſamkeit einen tauſendfach — höheren Reiz für ihn. Er fühlte ſich vollkommen 2n glücklich, und während er ſinnend, an ſeine Fa hnen⸗ rs ſtange gelehnt, da ſtand, ſtrahlte ein heiteres Lächeln ſt, über ſein Geſicht, denn nur frohe Geſichte traten e, ihm vor die Seele. ch Hatte er denn keine Gedanken für ſie, deren e⸗ einzige Luſt er war, und die er, ohne es zu wiſſen, n in ſo bittere Sorgen, in ſo tiefes Herzeleid geſtürzt er hatte? Allerdings. Sie war ja das Herz aller ch ſeiner ſchönen Hoffnungen und ſeiner ſtolzen Ge⸗ er danken. Sie war es, der alle dieſe Ehren und Auszeichnungen Freude und Gewinn bereiten ſollten. Mit welcher Wonne mußte ſie die Kunde von der Tapferkeit ihres armen Kindes vernehmen! Ah! das 1 wußte er ja, ohne daß es ihm Hugh zu ſagen brauchte. Und welcher Hochgenuß lag in dem Be⸗ wußtſeyn, daß ſie ſo glücklich lebte und mit ſo viel Stolz anhörte— er vergegenwärtigte ſich dabei ihr 6 378 Geſicht, wenn ihr derartige Nachrichten mitgetheilt wurden— daß er in ſo hoher Achtung ſtand: ein Kühner unter den Kühnſten, den Alle mit ihrem Vertrauen beehrten. Und wenn nach allen dieſen Kämpfen, aus denen der gute Lord als Sieger über ſeine Feinde hervorgehen mußte, der Frieden wieder⸗ kehrte, und er und ſie reich waren, mit welcher Seligkeit konnten ſie dann von den unruhigen Zeiten ſprechen, in denen er ſich als Soldat ausgezeichnet; und wenn ſie dann allein in dem ruhigen Zwielicht beiſammen ſaßen und ſie nicht mehr für den kom⸗ menden Morgen ängſtlich bekümmert ſeyn mußten— welche Luſt lag da nicht in dem Gedanken, daß dieß ſein Werk ſey— ſein—. des armen, thörichten Barnaby's Werk. Wie er ſie dann auf die Wange pätſchelte und mit heiterem Lachen zu ihr ſagte: „Bin ich jetzt noch thöricht, Mutter— bin ich noch thöricht?“ Mit leichterem Schritt und Herzen, mit Augen, die nur noch heller ſtrahlten, weil eine glückliche Thräne ſie für einen Augenblick getrübt hatte, nahm Barnaby ſeinen Spaziergang wieder auf, ein hei⸗ teres Liedchen vor ſich hin ſingend, während er auf ſeinem ruhigen Poſten Wache hielt. Greif, der Gefährte und Theilhaber ſeines Dienſtes, der ſich ſonſt lieber in der Sonne wärmte, zog es heute vor, in dem Stall herum zu ſpazieren; er machte ſich dabei viel zu ſchaffen, indem er bald das Stroh aus einander warf, unter dem er einen 379 oder den andern kleinen Gegenſtand, der zufällig liegen geblieben war, verſteckte, oder Hugh's Lager beſuchte, das ein beſonderes Intereſſe für ihn zu haben ſchien. Hin und wieder ſchaute Barnaby hinein und rief ihm, worauf er herangehüpft kam; aber er that dieß blos aus Nachſicht mit der Schwäche ſeines Gebieters und kehrte bald wieder zu ſeiner gravitätiſchen Beſchäftigung zurück, mit dem Schnabel das Stroh unterſuchend, und dann ſchnell wieder die Stelle bedeckend, als flüſtere er der Erde Ge⸗ heimniſſe zu und begrabe ſie ſodann. Dabei war er beſtändig auf der Lauer und that, ſobald Bar⸗ naby vorbeikam, als ſchaue er nach den Wolken und führe durchaus gar nichts im Schilde: kurz, er be⸗ nahm ſich in vielfacher Hinſicht weit nachdenkſamer, tiefſinniger und geheimnißvoller, als ſonſt. Als der Tag zur Neige ging, entſchloß ſich Barnaby, der kein Verbot erhalten hatte, auf ſeinem Poſten zu eſſen und zu trinken, ſondern im Gegen⸗ theil mit einer Flaſche Bier und einem Korb voll Mundvorrath verſehen worden war, ſein Faſten zu brechen, denn er hatte ſeit dem Morgen nichts zu ſich genommen. Zu dieſem Ende ſetzte er ſich vor der Thüre auf den Boden nieder, legte für den Fall eines Angriffs oder einer Ueberraſchung ſein Banner quer über die Kniee und rief Greif zum Mahle. Dieſer Aufforderung leiſtete der Vogel mit großer Behendigkeit Folge, und rief, während er ſich an der Seite ſeines Herrn aufpflanzte:„Ich bin ein 380 Teufel, ich bin ein Teufel, ich bin ein Polly, ich bin ein Keſſel, ich bin ein Proteſtant, kein Pabſt⸗ thum!“ Dieſen letzteren Spruch hatte er von der edlen Genoſſenſchaft, unter der er ſich in der letzten Zeit aufgehalten, gelernt, und er entledigte ſich deſ⸗ ſelben mit ungemeinem Nachdruck. „Wohl geſprochen, Greif!“ ſagte ſein Gebieter, indem er ihn mit den leckerſten Biſſen fütterte. „Wohl geſprochen, alter Knabe!“ „Nichts da von Sterben, bau, wau, wau, hellauf, Greif, Greif, Greif. Hollah! Wir wollen Alle Thee haben, ich bin ein Proteſtant, ein Keſſel, kein Pabſtthum!“ rief der Rabe. „Gordon für immer, Greif,“ rief Barnaby. Der Rabe legte den Kopf auf den Boden und blickte ſeitwärts nach ſeinem Herrn auf, als wollte er ſprechen:„Sag' mir das noch einmal.“ Da Barnaby dieſe Geberde vollkommen ver⸗ ſtand, ſo wiederholte er den Satz zu vielen Malen. Der Vogel horchte mit vieler Aufmerkſamkeit, hin und wieder mit leiſer Stimme das Feldgeſchrei des Volks repetirend, als wollte er dieſe beiden Phraſen mit einander vergleichen und verſuchen, ob er ſich dadurch nicht zu einer neuen Vollkommenheit ver⸗ helfen könne; dann ſchlug er auch mit den Flügeln, oder bellte, und hin und wieder zog er in einer Art von Verzweiflung mit außerordentlicher Bosheit eine Menge Korkſtöpſel aus. Barnaby war ſo ſehr mit ſeinem Liebling 381 beſchäftigt, daß er im Anfange die Annäherung 2 zweier Perſonen nicht gewahr wurde, die auf einem er Fußpfade gerade auf ſeinen Poſten zuritten. Sobald n er ſie jedoch bemerkte(dieß geſchah jedoch erſt, als ſie ſ kaum noch fünfzig Schritte von ihm entfernt waren), ſprang er haſtig auf, befahl Greif, nach dem Stall r, zurückzukehren, umfaßte ſein Banner mit beiden e. Händen und wartete ab, ob er es mit Freunden oder Feinden zu thun habe. u, Er hatte ſich kaum in Poſitur geſetzt, als er en entdeckte, daß die Herankommenden aus einem Gent⸗ I, leman und ſeinem Diener beſtanden, und faſt in demſelben Augenblicke erkannte er in der Perſon des Erſteren Lord George Gordon, vor welchem er nd den Hut abnahm und die Augen zu Boden ſchlug. te„Guten Tag!“ ſagte Lord George, ohne ſein Pferd zu zügeln, bis er dicht an der Seite der r⸗ Schildwache ſtand.„Nun?“ u.„Alles ruhig, Sir; alles in Sicherheit!“ rief in Barnaby.„Die Andern ſind fort— in dieſer es Nicchtung. Eine große Anzahl!“ 3„So?“ ſagte Lord George, ihn gedankenvoll v⸗ in's Auge faſſend.„Und Ihr?—“* ,„Oh! Sie ließen mich hier auf dem Poſten— er ich ſoll Wache ſtehen— alles in Sicherheit erhalten, eit bis ſie wieder zurückkommen. Ich thu’ es, Sir, um Eunretwillen. Ihr ſeyd ein guter Herr, ein ng freundlicher Herr— ja, das ſeyd Ihr. Ihr habt, 382 viele Feinde gegen Euch; aber wir nehmen's wohl mit ihnen auf— habt keine Furcht!“ „Was iſt denn das dort?“ fragte Lord George, auf den Raben deutend, der zur Stallthüre heraus⸗ guckte, aber noch immer, wie es ſchien, Barnaby gedankenvoll und in einiger Verlegenheit betrachtend. „Ei, wißt Ihr das nicht?“ entgegnete Barnaby mit einem verwunderten Lachen.„Nicht zu wiſſen, was das iſt! Natürlich ein Vogel. Mein Vogel— mein Freund— Greif.“ „Ein Teufel, ein Keſſel, ein Greif, ein Polly, ein Proteſtant— kein Pabſtthum!“ rief der Rabe. „Demungeachtet,“ fügte Barnaby mit ſanfter Stimme bei, indem er ſeine Hand auf den Hals von Lord George's Pferd legte,„mögt Ihr in der That Grund haben, mich zu fragen, was er iſt, denn bisweilen bin ich auch verlegen darüber— und ich bin— daran gewöhnt— ihn mir blos als Vogel zu denken. Ha, ha, ha! Er iſt mein lieber Bruder; Greif iſt immer bei mir— immer plaudernd— immer vergnügt— he, Greif?“ Der Rabe antwortete durch ein zärtliches Kräch⸗ zen, hüpfte auf ſeines Gebieters hingehaltenen Arm und ließ ſich von ihm mit der Miene vollkommener Gleichgültigkeit liebkoſen, indem er zugleich ſein ruhiges, neugieriges Auge bald auf Lord George, bald auf deſſen Diener haften ließ. Lord George biß ſich verwirrt in die Nägel, 383³ ſah eine Weile ſchweigend auf Barnaby, winkte dann ſeinem Diener und ſagte: „Komm hieher, John.“ John Grueby langte mit der Hand an ſeinen Hut und kam näher. „Haſt du dieſen jungen Menſchen früher ſchon geſehen?“ fragte ſein Gebieter mit leiſer Stimme. „Zweimal, Mylord,“ antwortete John.„Ich ſah ihn geſtern Nacht und am Sonnabend in dem Gedränge. „Kam— kam es dir vor, als ob etwas Neues oder Sonderbares in ſeinem Benehmen liege?“ fuhr Lord George ſtotternd fort. „Er iſt verrückt,“ ſagte John mit nachdrück⸗ licher Kürze. „Und warum hältſt du ihn für verrückt?“ ver⸗ ſetzte ſein Gebieter im Tone des Aergers.„Sey nicht ſo freigebig mit ſolchen Bezeichnungen. Warum hältſt du ihn für verrückt?“ „Mylord,“ antwortete John Grueby,„ſchaut nur auf ſeinen Anzug, ſchaut auf ſeine Augen, ſchaut auf ſein unruhiges Weſen, hört ſein ‚Kein Pabſt⸗ thum’ ſchreien. Rein verrückt. Mylord.“ „Wenn ſich alſo einer nicht wie die andern kleidet,“ entgegnete Lord George unmuthig, indem er einen Blick auf ſich ſelber warf,„zufälligerweiſe in ſeiner Haltung und in ſeinem Weſen etwas Ungewöhnliches hat und auf die Seite der großen Sache tritt, die der Verderbte und Ungläubige verläßt, ſo muß er gleich für verrückt gelten, he?“ „Rein, total, toll verruckt, Mylord,“ entgeg⸗ nete der unbewegliche John. „und das ſagſt du mir in's Geſicht?“ rief ſein Gebieter, ſich raſch nach ihm umwendend. „Jedem, Mylord, der mich danach fragt,“ ant⸗ wortete John. „Ich finde, daß Gashford Recht hatte,“ ſagte Lord George.„Ich glaubte, er ſey von Vorurtheilen befangen, obgleich ich einen Mann ſeines Gleichen hätte beſſer kennen ſollen, um etwas der Art für möglich zu halten.“ „Herr Gashford wird nie ein gutes Wort für mich einlegen,“ verſetzte John, achtungsvoll an ſeinen Hut greifend,„und ich begehre es auch nicht.“ „Du biſt ein übelgeſinnter, höchſt undankbarer Menſch,“ ſagte George;„ein Spion, wie ich be⸗ merke. Herr Gashford hat vollkommen Recht, und ich hätte vorweg davon überzeugt ſeyn können. Es iſt ein Fehler von mir, daß ich dich in meinen Dienſten behalten habe. Es war eine ſtillſchweigende Kränkung, eine Verletzung meines auserleſenen und vertrauteſten Freundes, daß ich dich nicht auf der Stelle entließ, als du damals zu Weſtminſter für den Mann, der ihn ſchmähte, Partei nahmſt. Du haſt deinen Ab⸗ ſchied— ja, ſobald wir zu Hauſe anlangen. Je bälder, deſto beſſer.“ „Wenn es ſo weit gekommen iſt, ſo bin ich auch Her zeug mich mich eben paa daß ihm höre woll thör hier viel dari beſſe er Ger dieſe glar zu! hier Erü neh 385⁵ der gleichen Meinung, Mylord. Mögt Ihr immerhin Herrn Gashford's Willen thun. Ich bin indeß über⸗ zeugt, Mylord, Ihr kennt mich beſſer, als daß Ihr mich für einen Spion halten könntet. Ich verſtehe mich nicht auf Eure großen Sachen, und halte mich eben auf die Seite deſſen, der einzeln ſteht, wenn ein paar hundert gegen ihn anrennen; auch hoffe ich, daß dieß immer der Fall ſeyn wird.“ „Du haſt genug geſagt,“ entgegnete Lord George, ihm zurückwinkend,„ich verlange nicht mehr zu hören.“ 1 „Wenn Ihr mich noch ein Wort beifügen laſſen wollt,“ erwiederte John Grueby,„ſo möchte ich dieſem thörichten Burſchen da den Rath geben, nicht länger hier zu bleiben. Die Proklamation iſt bereits in vielen Händen, und man weiß wohl, daß er in den darin berührten Händeln betheiligt war. Er würde beſſer thun, ſich einen Schlupfwinkel aufzuſuchen, wo er ſich bergen kann— der arme Menſch.“ „Ihr hört, was dieſer Mann ſagt?“ rief Lord George, ſich an Barnaby wendend, der während dieſes Zwiegeſprächs verwundert zugeſehen hatte.„Er glaubt, Ihr könntet Euch fürchten, auf Eurem Poſten zu bleiben, und würdet vielleicht gegen Euren Willen hier feſtgehalten. Was ſagt Ihr dazu?“ „Ich glaube, junger Menſch,“ ſagte John als Erörterung,„daß Soldaten ausrücken und Euch feſt nehmen dürften; und wenn dieß geſchieht, werdet Ihr ſicher an dem Hals aufgehängt, bis Ihr todt— todt Boz. XVII. Barnaby Rudge. 25 386 — todt ſeyd. Auch halte ich es für beſſer, Ihr macht, daß Ihr ſo ſchnell als möglich von hier fort⸗ kommt. Das iſt meine Meinung.“ „Er iſt ein Feigherziger, Greif, eine Memme!“ rief Barnaby, den Raben auf den Boden ſetzend und ſeine Fahne ſchulternd.„Mögen ſie kommen! Gor⸗ don für immer! Mögen ſie kommen!“ „Ja!“ ſagte Lord George.„Mögen ſie kommen! Wir wollen ſehen, wer es wagen wird, eine Macht wie die unſrige anzugreifen— die feierliche Verbün⸗ dung eines ganzen Volkes. Dieſer Mann ein Ver⸗ rückter? Ihr habt brav geſprochen— ganz wie ein Held. Ich bin ſtolz darauf, der Führer ſolcher Männer zu ſeyn.“. Barnaby's Herz pochte hoch in ſeiner Bruſt, als er dieſe Worte hörte. Er führte Lord George's Hand an ſeine Lippen, klopfte auf die Mähne des Pferdes, als hätte ſich die Liebe und Bewunderung, die er gegen den Mann hegte, auch auf deſſen Thier aus⸗ gedehnt, entrollte ſeine Fahne, ſchwang ſie ſtolz in der Luft und ſieng wieder an, auf und ab zu ſchreiten. Lord George's Augen und Wangen leuchteten und glühten; er nahm ſeinen Hut ab, ſchwenkte ihn über ſeinem Haupte und ſagte ihm ein triumphirendes Lebewohl. Dann ritt er in raſchem Trabe weiter, noch einen ärgerlichen Blick zurückwerfend, um zu ſehen, ob ihm ſein Diener folge. Der ehrliche John ſpornte ſein Thier und ritt ſeinem Gebieter nach, aber nicht, ehe er zuvor Barnaby mit vielen bezeich⸗ nen mac dun ſich von die Fül Ver Das ner nich könn wich Wir und Es wele ſtand ſcha eben über drei das als Gef ange 387 nenden Geberden bedeutet hatte, daß er ſich flüchtig machen ſolle; er fuhr ſogar damit fort, bis die Win⸗ dungen des Weges ihn den Blicken der beharrlich ſich weigernden Schildwache entzogen. Sich ſelbſt überlaſſen, mit noch höherer Meinung von der Wichtigkeit ſeines Poſtens und begeiſtert durch die beſondere Aufmerkſamkeit und Ermuthigung ſeines Führers, ſpazierte Barnaby, mehr in einer wonnigen Verzückung, als in wachem Zuſtande, auf und nieder. Das Sonnenlicht rings umher ſtrahlte auch in ſei⸗ ner Seele wieder. Er hatte jetzt nur noch einen nicht geſtillten Wunſch. Wenn doch ſie ihn ſehen könnte! Der Tag neigte ſich ſeinem Ende zu; die Hitze wich allmälig der Kühle des Abends; ein leichter Wind erhob ſich, fächelte durch ſein langes Haar und rauſchte luſtig in dem Banner über ſeinem Haupte. Es war eine Freiheit und Friſche in dieſem Tone, welche in genauem Einklang mit ſeiner Stimmung ſtand. Er war glücklicher, als je. Er lehnte ſich eben an den Schaft ſeiner Fahne, ſchaute der untergehenden Sonne zu und machte ſich eben Gedanken darüber, daß er in dieſem Augenblicke über begrabenem Golde Schildwache ſtehe, als zwei oder drei Geſtalten in der Ferne auftauchten, raſch auf das Haus zukamen und mit ihren Händen winkten, als wollten ſie die Bewohner drängen, einer nahenden Gefahr auszuweichen. Je näher ſie kamen, deſto angelegentlicher wurden ihre Geberden, und ſobald 25* 388 ſie ſich in Hörweite befanden, rief der Vorderſte, daß Soldaten heranzögen. Bei dieſen Worten rollte Barnaby ſeine Fahne zuſammen und band ſie um den Schaft. Das Herz ſchlug ihm hoch bei dieſem Geſchäfte, aber er fürch⸗ tete ſich nicht und dachte eben ſo wenig an Flucht, als die Stange ſelbſt. Die befreundeten Flüchtlinge eilten, nachdem ſie ihn von der Gefahr benachrich⸗ tigt, an ihm vorbei und huſchten in das Haus, wo unmittelbar darauf die größte Verwirrung ſtattfand. Drinnen verſchloſſen ſie haſtig Zimmer und Thüren und drängten ihn durch Blicke und Zeichen, hin und wieder auch durch Zurufe, ohne Zeitverluſt zu flie⸗ hen; er aber ſchüttelte entrüſtet den Kopf und pflanzte ſich nur um ſo feſter auf ſeinem Poſten auf. Da er ſich nicht bewegen laſſen wollte, ſo nahmen die Warner auf ihre eigene Sicherheit Bedacht und ent⸗ fernten ſich eiligſt, nur ein altes Weib in dem Hauſe zurücklaſſend. Bis jetzt hatte ſich keine Spur gezeigt, daß die Kunde eine beſſere Begründung habe, als die Furcht der Ueberbringer. Der Stiefel war indeß kaum fünf Minuten verlaſſen, als über die Felder her ein Männerhaufen kam, der— wie man leicht aus dem Glanze der Waffen und Montirungsgarnituren im Sonnenſtrahl und aus der Regelmäßigkeit ihres An⸗ rückens, das in geſchloſſener Reihe geſchah, entneh⸗ men konnte— aus Soldaten beſtand. In ſehr kurzer Zeit erkannte Barnaby darin eine ſtarke Abtheilung —— 389 der Garde zu Fuß, die von zwei Herren in Civil und einer kleinen Anzahl von Reitern begleitet war. Letztere bildeten den Nachzug und beſtanden nur aus ſechs oder acht Pferden. Sie marſchirten gleichförmig an, ohne im Nä⸗ herkommen das Tempo ihrer Schritte zu beſchleunigen — lautlos und durchaus keine Spur von Aufregung oder Furcht verrathend. Obgleich ſich dieß, wie ſo⸗ gar Barnaby wußte, bei regulären Truppen von ſelber verſtand, ſo lag darin doch etwas beſonders Eindrucksvolles und Verblüffendes für einen Men⸗ ſchen, der nur an den Tumult eines undisciplinirten Pöbels gewöhnt war. Demungeachtet aber behaup⸗ tete er mit nicht weniger Entſchloſſenheit ſeinen Po⸗ ſten, und keine Spur von Beklommenheit verrieth ſich in ſeinen Mienen. Sie rückten in den Hof und machten Halt. Der commandirende Offtzier ſchickte eine Ordonnanz an die Cavalleriſten, von denen einer heranritt. Sie wechſelten einige Worte und blickten auf Barnaby, der ſich wohl noch des Mannes erinnerte, den er zu Weſtminſter vom Pferde geſtoßen hatte und den er jetzt hier vor ſeinen Augen ſah. Der Cavalleriſt erhielt bald ſeine Entlaſſung, ſalutirte und ritt zu ſeinen Kameraden zurück, die ſeitlich in kurzer Ent⸗ fernung aufgeſtellt waren. Dann commandirte der Offizier zu Ladung der Gewehre. Das dumpfe Aufſtoßen der Musketenkol⸗ ben auf den Boden und das raſche Klirren der 390 Ladſtöcke in den Läufen war für Barnaby eine Er⸗ leichterung, obgleich er wußte, welche todbringende Bedeutung dieſe Töne hatten. Sobald dieſe Mani⸗ pulation vorüber war, wurde wieder commandirt und die Soldaten hatten im Nu einen eingliedigen Kreis um Haus und Stallungen gebildet, das Ganze etwa in einer Entfernung von ungefähr einem halben Dutzend Ellen umzingelnd, denn ſo kam wenigſtens Barnaby die Entfernung zwiſchen ihm und den Sol⸗ daten vor. Die Reiterei verblieb auf ihrer früheren Stelle. Die zwei Herren in Civil, die ſich inzwiſchen ferne gehalten hatten, ritten nun an die Seite des Offiziers heran. Die Proklamation wurde hervorge⸗ zogen, von einem der beiden Beamten verleſen und der Offizier forderte Barnaby auf, ſich zu ergeben. Er gab keine Antwort, ſondern trat in die Thüre, vor welcher er Wache gehalten hatte, und hielt ſeine Fahne quer davor, um ſie zu ſchützen. Es herrſchte tiefe Stille; dann wurde er zum zweitenmale aufge⸗ fordert, ſich zu ergeben. Noch immer keine Antwort. In der That hatte er auch genug zu thun, die Augen an dem Halb⸗ dutzend Männer, die unmittelbar vor ihm ſtanden, auf⸗ und ablaufen zu laſſen und zu einem raſchen Entſchluß zu kommen, welchen er zunächſt auf's Korn nehmen wollte, wenn ſie auf ihn eindrängen. Er richtete ſein Augenmerk auf einen in der Mitte, feſt 391 entſchloſſen, dieſen Kerl niederzuſchlagen, und wenn er dafür ſelbſt in Stücke zerhauen werden ſollte. Wieder eine Todtenſtille und noch einmal dieſelbe Stimme, die ſeine Ergebung forderte. Im nächſten Augenblicke war er in den Stall zurückgewichen, wo er wie ein Raſender um ſich ſchlug. Zwei der Soldaten lagen ausgeſtreckt zu ſei⸗ nen Füßen: der eine, den er ſich gemerkt hatte, zuerſt — denn darauf hatte er ſogar in der Hitze und in dem Getümmel des Kampfes Acht gehabt. Ein zwei⸗ ter Schlag— und noch einer; dann aber ſtürzte er— überwältigt— durch einen ſchweren Stoß eines Ge⸗ wehrkolbens auf der Bruſt verwundet,(er ſah die Waffe im Fallen)— athemlos— und war ein Ge⸗ fangener. Ein Ausruf der Ueberraſchung von Seiten des Offiziers brachte ihn einigermaßen wieder zu ſich. Er ſah ſich um. Greif, der den ganzen Nachmittag im Geheimen gearbeitet und der jetzt, da Jedermanns Aufmerkſamkeit von ihm abgelenkt war, ſeine An⸗ ſtrengung verdoppelte, hatte die Streu von Hugh's Lager weggezupft und den loſen Grund mit ſeinem Eiſenſchnabel aufgewühlt. Das Loch war achtloſer⸗ weiſe bis an den Rand angefüllt und nur mit etwas Erde bedeckt worden. Goldene Schaalen, Löffel, Leuchter, Guineen— der ganze Reichthum war dem Auge bloß gelegt. Man brachte Spaten und einen Sack herbei, grub Alles aus, was hier verborgen war, und ſchaffte 392 mehr weg, als zwei Mann zu lüpfen vermochten. Dann legte man Barnaby Handſchellen an, band ihm die Arme, durchſuchte ihn und nahm ihm Alles weg, was ſich bei ihm vorfand. Niemand fragte ihn, Niemand machte ihm Vorwürfe oder ſchien ſich über⸗ haupt viel um ihn zu kümmern. Die zwei betäubten Soldaten, die er niedergeſchlagen, wurden von ihren Kameraden in derſelben geregelten Weiſe, in welcher alles Uebrige geſchah, fortgeſchafft. Schließlich wurde er unter der Bewachung von vier Mann mit aufge⸗ pflanzten Bajonetten zurückgelaſſen, während der Offizier in eigener Perſon eine Durchſuchung des Hauſes, wie auch der Nebengebäude, anordnete. Dieß war bald geſchehen. Die Soldaten ſtellten ſich wieder in dem Hofe auf. Barnaby wurde von ſeiner Wache hinausgebracht und mußte ſich an einer Stelle, wo für ihn Raum gelaſſen war, in Reihe und Glied ſtellen. Die Andern ſchloßen ſich rings um ihn an, und ſo ging der Zug, den Gefangenen in der Mitte, weiter. Als ſie in die Straßen von London kamen, fühlte er bald, daß er eigentlich als ein Schauſtück betrachtet wurde, denn ſo oft er während des raſchen Marſches in die Höhe blickte, konnte er Leute bemer⸗ ken, die, freilich etwas zu ſpät, an die Fenſter eilten und ſie aufrißen, um ihm nachzuſehen. Bisweilen traf er auf ein glotzendes Geſicht hinter den Köpfen ſeiner Umgebung oder unter den Armen ſeiner Führer durch, oder auf einen Burſchen, der von einem 393 Frachtwagen oder einem Kutſchenbocke auf ihn herun⸗ guckte. Aber dieß war Alles, was er durch die ihn umringenden Soldaten ſehen konnte. Sogar der Lärm in den Straßen ſchien gedämpft, und die Luft wehte ihn dumpf und heiß an, wie der krankmachende Athem eines Ofens. Trab, trab. Trab, trab. Kopf aufrecht, Bruſt heraus, Mann für Mann in gleichem Schritt und Tritt— Alles ſo ordonnanz⸗ und regelmäßig— Niemand ſah auf ihn— Niemand ſchien ſeiner An⸗ weſenheit bewußt zu ſeyn— er konnte kaum glauben, daß er ein Gefangener ſey. Aber während er dieß dachte, fühlte er, wie die Handſchellen ſeine Ge⸗ lenke quetſchten und der Strick ſeine Arme an die Seite preßte: die geladenen Gewehre nach ſeinem Kopfe gerichtet; die kalten, ſcharfen, blanken Bajo⸗ netſpitzen ihm zugekehrt— ſchon der bloße Anblick brachte den warmen Strom des Lebens in dem hülf⸗ loſen Gebundenen zum Gerinnen. Achtundfünßigſtes Kapitel. Es währte nicht lange, bis ſie in der Kaſerne anlangten, denn der kommandirende Offizier wünſchte die Aufregung dee Volks durch Zurſchauſtellung 394 militäriſcher Streitkräfte in den Straßen zu vermeiden, und war menſchlich beſorgt, nicht den mindeſten An⸗ laß zu einem möglichen Befreiungsverſuche zu geben, da er wohl wußte, wie es in dieſem Falle zu Blut⸗ vergießen und Verluſt von Menſchenleben kommen müßte, und daß mancher Unſchuldige, den nur müßige Neugierde an Ort und Stelle geführt hatte, fallen würde, ſobald die mit dem Zuge gehenden Civilbeam⸗ ten Vollmacht zum Schießen ertheilten. Er führte daher ſeine Mannſchaft raſch vorwärts, mit barm⸗ herziger Klugheit die beſuchteren Straßen umgehend und nur ſolche einſchlagend, welche wahrſcheinlicher⸗ weiſe am wenigſten durch das Geſindel unſicher ge⸗ macht wurden. Dieſe weiſe Maßregel machte es ihnen nicht blos möglich, ihr Quartier ohne Störung zu erreichen, ſondern täuſchte auch auf eine wirkſame Weiſe einen Haufen Aufrührer, der ſich in einer der Hauptſtraßen geſammelt hatte, durch welche, wie man glaubte, der Zug kommen mußte. Die Rebellen blieben daher in der Abſicht, den Gefangenen ihren Händen zu entreißen, noch immer beiſammen, nach⸗ dem man den Gefangenen bereits in Sicherheit ge⸗ bracht, die Kaſernenthore geſchloſſen und zum Schutze derſelben an jedem Eingange die Wache verdoppelt hatte. Hier angelangt, wurde der arme Barnaby in einem Gelaße mit einem ſteinernen Boden unterge⸗ bracht, wo es gewaltig nach Tabak roch, ein ſtarker Luftzug herrſchte und eine große hölzerne Bettſtelle S=SE SͤSSe ——X, E——ꝑ ½ —.———, d—=& — 8α 5 —« K K 8 S 3 &R̈ u8u— 395 ſtand, die für ein paar Dutzend Mann nicht zu klein geweſen wäre. Mehrere Soldaten in Halbmontirung lungerten umher oder aßen aus zinnernen Schüſſeln; Uniformsſtücke hingen von hölzernen Rechen an den getünchten Wänden herunter und ein Halbdutzend Leute lagen ſchlafend auf dem Rücken, ein liebliches Conzert ſchnarchend. Nachdem er hier gerade lang genug verweilt hatte, um Alles dieß zu bemerken, wurde er wieder hinaus commandirt und über den Kaſernenhof nach einem andern Theile des Gebäudes geführt. Vielleicht ſieht der Menſch nie ſo viel mit einem einzigen Blicke, als in Augenblicken der höchſten Noth. Es wären Hundert gegen Eins zu wetten geweſen, daß Barnaby ſich, wenn er in müßiger Neugierde zum Thore hineingeſehen hätte, mit einer ſehr unvollkom⸗ menen Vorſtellung von dem Orte wieder entfernt und nachher wenig daran erinnert haben würde. Jetzt aber, da er mit gefeſſelten Händen über den Kiesgrund geführt wurde, entging nichts ſeiner Auf⸗ merkſamkeit. Das dürre, trockene Ausſehen des ſtau⸗ bigen Vierecks und des kahlen Ziegelgebäudes, die Kleider, die vor einigen Fenſtern hingen, während an andern hemdärmelige Soldaten mit dem halben Leib zu dem Fenſter herauslehnten; die grünen Ja⸗ louſien an den Offizierswohnungen und vorn die kümmerlichen kleinen Bäume; die Tambours, die ſich in einer entlegenen Abtheilung des Hofes übten; die Soldaten auf dem Exerzirplatze; die zwei Mann, die 396 einen Korb trugen und, als ſie an ihm vorbeigingen, ſich gegenſeitig zublinzelten, mit ſchlauer Geberde auf ihre Hälſe deutend; der herausgeputzte Sergeant, der mit einem Rohr in der Hand und einem in Perga⸗ ment gebundenen, zugeklampten Buche unter dem Arme vorbeieilte; die Burſchen in den Gemächern zu ebener Erde, die ihre verſchiedenen Montirungs⸗ ſtücke putzten und bürſteten, und deren Stimmen laut durch die leeren Gallerien und Gänge echveten, als ſie in ihrem Geſchäfte inne hielten, um ihm nachzu⸗ ſehen;— Alles, bis auf den Musketenſtand vor der Wachſtube und die Trommel, die mit ihrem weiß angeſtrichenen Lederwerk in einer. Ecke hing, prägte ſich ſeinem Geiſte ſo lebhaft ein, als hätte er es ſchon hundertmal an demſelben Platze geſehen, oder als wäre er ſchon einen ganzen Tag, nicht aber die kurze Friſt einer Minute hier geweſen. Man brachte ihn nach einem kleinen, gepflaſter⸗ ten Hinterhof, wo man eine große, mit Eiſen be⸗ ſchlagene Thüre öffnete, die in einer Höhe von fünf Fuß mit einigen Löchern verſehen war, um Luft und Licht hineinzulaſſen. In dieſes Gefängniß mußte er hinein, und nachdem man ihn eingeriegelt und eine Schildwache vor die Thüre geſtellt hatte, überließ man ihn ſeinen Betrachtungen. Die Zelle, oder das ſchwarze Loch(denn dieſe Worte waren auf die Thüre gemalt) war ſehr dunkel und keineswegs ſehr reinlich, da ſie unmittelbar zuvor einem betrunkenen Deſerteur als Herberge gedient ͤ=U SEͤ— d= ——,—-,O.———— — NK „uU —— 397 hatte. Barnaby taſtete ſich nach dem Bischen Streu in dem entfernteſten Ende hin und ſuchte ſich, nach der Thüre hinſchauend, an die Dunkelheit zu gewöh⸗ nen, was, da er eben aus dem ſchönen Sonnen⸗ ſcheine im Freien kam, keine ſo leichte Aufgabe war. Draußen befand ſich eine Art von Porticus oder Colonnade, welche ſogar das Bischen Licht noch ſchmälerte, welches im günſtigſten Falle ſeinen Weg durch die kleinen Thüröffnungen finden konnte. Die Fußtritte der auf dem Steinpflaſter auf⸗ und abge⸗ henden Schildwache(Barnaby erinnerte ſich dabei, daß er erſt kürzlich ſelbſt auf dem Poſten geſtanden) hallten eintönig wieder, und ſo oft der Soldat an der Thüre vorbeiging, verdunkelte er durch den Schatten ſeines Körpers die Zelle ſo ganz und gar, daß ſein Weggehen wie die Erſcheinung eines neuen Lichtſtrahls wirkte und wirklich für ein Ereigniß an⸗ geſehen werden konnte. Der Gefangene hatte eine Zeitlang auf dem Boden geſeſſen, nach den Spalten blickend und auf das Ab⸗ und Zugehen der Schildwache horchend, als der Soldat mit einemmale auf ſeinem Poſten ſtille ſtand. Der regelmäßige Schritt hatte Barnaby, der durchaus unfähig war, Gedanken oder Betrachtungen über ſein Schickſal anzuſtellen, in eine Art von Halbſchlummer gelullt, aber dieſes Stehenbleiben weckte ihn. Er bemerkte jetzt, daß zwei Maͤnner unter der Colonnade und in unmittelbarer Nähe ſei⸗ ner Gefängnißzelle mit einander ſprachen. 398 Wie lange ſie ſich mit einander unterhalten haben mochten, konnte er nicht ſagen, denn er war in eine förmliche Bewußtloſigkeit hinſichtlich ſeiner wahren Lage verfallen, und als die Fußtritte aufhörten, antwortete er laut auf eine Frage, welche Hugh im Stalle an ihn gerichtet zu haben ſchien, auf deren Inhalt er ſich jedoch nicht mehr zu erinnern ver⸗ mochte, obgleich er mit der Erwiederung auf den Lippen erwachte. Die erſten Worte, die ihm zu Ohren kamen, waren folgende: „Warum hat man ihn denn hergebracht, wenn er ſchon ſo bald wieder fortgeſchafft werden ſoll?“ „Wohin hätte man ihn denn auch bringen ſol⸗ len? Zum Henker, kann er irgendwo ſo ſicher ſeyn, als unter des Königs Truppen? Was hättet Ihr mit ihm angefangen? Ihn allenfalls einem Pack haſenherziger Civilbeamten ausgeliefert, die in ihrer Angſt vor den Drohungen des Lumpengeſindels, zu dem er gehört, nicht gewußt hätten, wohin ſie ſich verkriechen ſollten?“ „Das iſt allerdings wahr.“ „Leider nur zu wahr!— Ich will Euch was ſagen, Tom Green. Ich wollte nur, daß ich ſtatt eines Unteroffiziers ein Offizier wäre und zwei Kom⸗ pagnien zu kommandiren hätte— nur zwei Kom⸗ pagnien— von meinem Regiment. Man ſollte mich dann ausſchicken gegen dieſe Rebellen— mir die nöthige Vollmacht ertheilen— und ein halb Dutzend Kartätſchengrüße—“— — ð— uu 8&½— 399 „Ja!“ entgegnete die andere Stimme.„Das wäre alles ganz gut, aber man gibt die nöthige Voll⸗ macht nicht. Was kann der Offizier thun, wenn die Magiſtratsperſon nicht In ſagt?“ Da der Andere dem Anſcheine nach mit dieſer Schwierigkeit nicht zurecht kommen konnte, ſo begnügte er ſich, die Magiſtratsperſonen zu verwünſchen. „Da ſtimme ich von ganzem Herzen mit ein,“ entgegnete ſein Freund. „Zu was nützt auch eine ſolche Magiſtratsper⸗ ſon,“ erwiederte die andere Stimme.„Was iſt in einem ſolchen Falle die Magiſtratsperſon anders, als eine unverſchämte, unnöthige und unconſtitutionelle Einmiſchung? Da iſt eine Proklamation, und da ein Menſch, von dem in der Proklamation die Rede iſt. Alſo Beweis und Zeugniß ſchon zur Hand. Zum Teufel! hinaus mit ihm und ihn niedergeſchoſſen. Was braucht's da eine Magiſtratsperſon?“ „Wann ſoll er Sir John Fielding vorgeführt werden?“ fragte der Mann, der zuerſt geſprochen hatte. „Heute Abend um acht Uhr,“ verſetzte der An⸗ dere.„Und dann aufgepaßt, was kommen wird. Die Magiſtratsperſon ſchickt ihn nach Newgate. Unſere Leute bringen ihn hin. Die Rebellen gehen unſeren Leuten zu Leibe. Unſere Leute müſſen ſich vor den Rebellen zurückziehen. Dann gibt's Steinwürfe, Be⸗ ſchimpfungen— aber kein Gewehr darf abgefeuert werden. Warum? Wegen den Magiſtratsperſonen. Zum Teufel mit dem Magiſtrat!“ Er machte ſich noch durch verſchiedene andere Verwünſchungen gegen die⸗ Magiſtratsperſonen Luft und ſchwieg dann ſtille, hin und wieder ein Brum⸗ men ausgenommen, das noch immer auf die genann⸗ ten obrigkeitlichen Perſonen Bezug hatte. Barnaby, der verſtändig genug war, um einzu⸗ ſehen, daß dieſes Geſpräch ihn ſelbſt, und zwar ſehr nahe anging, blieb vollkommen ruhig, bis ſie zu ſpre⸗ chen aufhörten; dann taſtete er ſich nach der Thüre, ſchaute durch die Luftlöcher und verſuchte, ausfindig zu machen, was das für Leute wären, denen er zu⸗ gehorcht hatte. Der Eine, der die bürgerliche Gewalt in ſo kräf⸗ tigen Ausdrücken verwünſchte, war ein Sergeant, dem, wie man aus den fliegenden Bändern auf ſeiner Blechhaube entnehmen konnte, zur Zeit das Amt der Rekrutenanwerbung übertragen war. Er ſtand bei⸗ nahe der Thüre gegenüber, ſeitlich an einen Pfeiler gelehnt, und zog, während er vor ſich hinbrummte, mit ſeinem Stocke Figuren auf das Pflaſter. Der Andere hatte den Rücken der Thüre zugekehrt, ſo daß Barnaby nur ſeine Umriſſe ſehen konnte. Aus die⸗ ſem zu urtheilen, war er ein rüſtiger, mannhafter, hübſcher Burſche, dem übrigens der linke Arm fehlte. Er war ihm zwiſchen dem Ellenbogen und der Achſel abgenommen worden, und der leere Rockärmel hing ihm quer über die Bruſt. 401 Wahrſcheinlich war es dieſer Umſtand, der Bar⸗ naby's Aufmerkſamkeit beſonders anzog und dem Manne auf dem Poſten in den Augen des Gefange⸗ nen ein weit höheres Intereſſe verlieh, als ſich ſein Gefährte deſſen rühmen konnte. Es lag etwas Sol⸗ datiſches in ſeiner Haltung; auch war ſeine Monti⸗ rung ſehr ſchmuck gehalten. Er hatte vielleicht ſchon ſonſt wo in Dienſten geſtanden. Keinesfalls konnte es aber ſehr lange ſeyn, da er noch ein junger Mann war. „Nun, nun,“ ſagte er gedankenvoll;„mag die Schuld liegen, wo ſie will, es muß einem Manne ſchmerzlich fallen, wenn er nach dem alten England zurückkömmt, um es in einem ſolchen Zuſtande zu ſehen.“ „Ich denke, nächſtens werden ſich auch die Schweine an die Aufwiegler anſchließen,“ entgegnete der Sergeant mit einer Verwünſchung,„denn von den Vögeln haben wir bereits ein Beiſpiel.“ „Von den Vögeln?“ erwiederte Tom Green.. „Ja— von den Vögeln,“ ſagte der Sergeant ärgerlich;„Ihr könnt doch eugliſch, he?“ „Ich weiß nicht, was Ihr damit ſagen wollt.“ „So geht auf die Wachſtube und ſeht ſelbſt zu. Ihr findet dort einen Vogel, der ihr Feldgeſchrei ſo gut weg hat, als einer von ihnen, und ſein nfkein Pabſtthum“ ſchreit, wie ein Menſch— oder wie ein Teufel, für den er ſich ſelbſt ausgibt. Es ſollte mich nicht wundern. Der Teufel muß irgendwo in London los ſeyn. Zum Henker, wenn man mir den Willen Boz. XVII. Barnaby Rudge. 26 40² ließe, wollte ich wenig Federleſens machen und ihm den Hals umdrehen.“ Der junge Mann war haſtig zwei oder drei Schritte weggetreten, als wollte er hingehen, um ſich das Thier zu beſehen; er wurde jedoch durch Bar⸗ naby's Stimme aufgehalten. „Er gehört mir,“ rief dieſer, halb lachend und halb weinend—„mein Liebling, mein Freund Greif. Ha, ha, ha! Thut ihm nichts zu Leide, er hat nichts Böſes gethan. Die Schuld liegt an mir; ich habe es ihn gelehrt. Seyd ſo gut, mir ihn zu geben. Er iſt der einzige Freund, der mir übrig geblieben iſt. Ich weiß, er wird vor euch nicht tanzen oder plau⸗ dern, oder pfeifen— nein, nur vor mir, weil er mich kennt und mich liebt. Freilich werdet Ihr es mir nicht glauben wollen. Doch ich bin überzeugt, Ihr thut einem Vogel nichts zu Leide. Ihr ſeyd ein braver Soldat, Sir, und würdet kein Weib oder Kind beſchädigen— geſchweige einen armen Vogel.“ Dieſe letztere Beſchwörung war an den Sergean⸗ ten gerichtet, welchen Barnaby wegen ſeines rothen Rockes für einen hohen Würdenträger hielt, in deſſen Macht es gegeben wäre, Greif's Schickſal mit einem Worte zu beſiegeln. Aber dieſer Gentleman antwor⸗ tete mit einer ſauertöpfiſchen Verwünſchung, nannte ihn einen Dieb und Rebellen und verſicherte ihn un⸗ ter vielen uneigennützigen Flüchen über ſeine eigenen Augen, ſeine Leber, ſein Blut und ſeinen ganzen Körper, wenn die Entſcheidung von ihm abhinge, ſo wollte er bald dem Vogel und dem Herrn den Garaus machen. „Ihr ſeyd ſehr tapfer gegen einen Gefangenen,“ ſagte Barnaby unmuthig.„Wenn ich auf der an⸗ dern Seite der Thüre wäre und Niemand uns trennte, ſo ſolltet Ihr mir bald aus einem andern Tone pfei⸗ fen— ja, ſchüttelt immerhin Euren Kopf! Bringt den Vogel nur um— verſucht es. Bringt Alles um, was Ihr könnt, und rächt Euch ſo an denjeni⸗ gen, die mit ihren bloßen, ungefeſſelten Händen Euch ein Gleiches thun könnten!“ Nachdem er ſich dieſer Herausforderung entledigt, warf er ſich in die fernſte Ecke ſeines Kerkers, mur⸗ melte:„Lebe wohl, Greif— lebe wohl, lieber, alter Greif!“ verbarg ſein Geſicht in dem Stroh und vergoß zum erſtenmale in ſeiner Gefangenſchaft Thränen. Es war ihm Anfangs der Gedanke gekommen, der einarmige Mann werde ihm helfen, oder ihm doch eine freundliche Antwort geben. Er wußte kaum, warum, aber er hatte es gehofft und ſich ſo gedacht. Als er hinausrief, war der junge Mann ſtehen ge⸗ blieben; er wollte ſich umwenden, hielt aber inne und horchte auf jedes von Barnaby's Worten. Vielleicht beruhte hierauf die ſchwache Zuverſicht des Gefange⸗ nen; vielleicht auch auf der Jugend und auf dem freien und ehrlichen Weſen des Soldaten. Wie dem übrigens auch ſeyn mochte, er hatte auf Sand 26* 404 gebaut. Sobald er zu ſprechen aufgehoͤrt hatte, ging der Andere fort, ohne etwas zu erwiedern, und kam nicht mehr zurück. Gleichviel. Hier war Alles ge⸗ gen ihn verſchworen; das hätte er wiſſen können. Lebe wohl, alter Greif, lebe wohl! Nach einer Weile wurde die Thüre aufgeſchloſſen und ihm der Befehl ertheilt, heraus zu kommen. Er ſtand ſogleich auf und that, wie ihm geheißen wurde, denn er wollte nicht, daß man ihn für muthlos und eingeſchüchtert halte. Er trat wie ein Mann hinaus und ſchaute Einem nach dem Andern ſtolz in's Geſicht. Keiner erwiederte ſeinen Blick oder ſchien auf ihn zu achten. Sie führten ihn wieder über den Kaſernenhof zurück und machten unter einer Abthei⸗ lung von Soldaten Halt, die wenigſtens zweimal ſo zahlreich als diejenige war, welche ihn am Nachmit⸗ tag gefangen genommen hatte. Der Offtzier, den er bereits geſehen hatte, kündigte ihm in kurzen Worten an, daß die Mannſchaft gemeſſenen Befehl erhalten habe, auf ihn Feuer zu geben, ſobald er, unter was immer für günſtigen Umſtänden einen Fluchtverſuch machen ſollte. Er wurde ſodann, wie früher, um⸗ ringt und weiter geführt. In derſelben ununterbrochenen Ordnung langten ſie in Bow⸗Street an, von allen Seiten durch einen ſtets ſich vergrößernden Volkshaufen umringt und angegriffen. Man ſtellte ihn vor einen blinden Herrn, der ihn fragte, ob er etwas zu ſeiner Vertheidigung 40⁵ zu ſagen habe. Nein. Was haäͤtte er auch ſagen ſollen? Nach einer ſehr kurzen Anrede, um die er ſich nicht kümmerte und die ihm ganz gleichgültig war, erklärte man ihm, daß man ihn nach Newgate bringen werde. Dann ging es wieder auf die Straße hinaus. Er war allenthalben ſo von Soldaten umringt und eingeengt, daß er nichts ſehen konnte; aber aus dem Gemurmel entnahm er, daß eine große Volksmaſſe verſammelt ſeyn mußte, die, wie aus ihrem Schreien und Ziſchen er⸗ hellte, nicht freundlich gegen die Soldaten geſtimmt war. Wie oft und wie ſehnſüchtig horchte er auf Hugh's Stimme! Nein. Nirgends ein Laut, den er kannte. Hatte man Hugh auch gefangen genom⸗ men? Gab es gar keine Hoffnung mehr? Je näher ſie dem Gefängniſſe kamen, deſto lau⸗ ter und ungeſtümer wurde das Geſchrei des Pöbels. Es kam zu Steinwürfen und hie und da wieder auch zu einem Anlaufe gegen die Soldaten, vor dem ſie zurückwichen. Einer von ihnen, unmittelbar vor dem Gefangenen, der einen Wurf an die Schläfe erhalten hatte, legte ſeine Muskete an; aber der Offtzier ſchlug ihm dieſelbe mit dem Degen in die Höhe und verbot ihm bei Todesſtrafe ein ähnliches Unterfangen. Dieß war das Letzte, was er mit einiger Beſtimmtheit ſah, denn unmittelbar darauf wurde er hin und her ge⸗ ſtoßen, wie auf einem ſtürmiſchen Meere. Aber wo⸗ hin er auch gedrängt wurde, allenthalben war er von denſelben Hütern umgeben. Zwei oder dreimal wurde 406 er niedergeworfen, und die Soldaten deßgleichen: aber ſelbſt dann konnte er keinen Augenblick ihre Wach⸗ ſamkeit täuſchen. Sie waren wieder aufgeſtanden und hatten ſich um ihn angeſchloſſen, noch ehe ihm ſeine gefeſſelten Hände geſtatteten, ſich auf die Beine zu helfen. So eingezwängt, fühlte er ſich auf einmal auf die oberſte Stufe einer niedrigen Treppe empor⸗ gehoben. Er ſah noch für einen Moment den käm⸗ pfenden Volkshaufen und da und dort ein paar Roth⸗ röcke, die ſich zu ihren Kameraden durchzuarbeiten verſuchten. Im nächſten Augenblicke aber war alles Nacht und düſter, und er ſtand unter einem Haufen von Männern in der Vorhalle des Gefängniſſes. Bald darauf erſchien ein Schmied, der ihm ſchwere Eiſen anſchlug. Unter der ungewohnten Laſt dieſer Feſſeln ſo gut als möglich fortſtolpernd, wurde er nach einer feſten, ſteinernen Zelle geführt, wo man ihn allein ließ und die Thüre mit Schlöſſern, Quer⸗ balken und Ketten wohl verwahrte. Zuvor hatte man aber, ohne daß er es bemerkte, auch Greif hineinge⸗ ſteckt, der mit geſenktem Kopfe, nur das tiefſchwarze Gefieder geſträubt, das unglückliche Geſchick ſeines Herrn zu begreifen und zu theilen ſchien. 3