Leihbiblivthek autſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 4. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Sceiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ngnahme und Rückgabe der Buücher jeden Tag von Morgens r bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von lt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme nes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe nterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und trägt: chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 5 Bücher: 6—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. 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Eines Abends dachte ich über die Charaktere und Vorfälle nach, mit denen ich mich ſo lang be⸗ ſchäftigt hatte, und wunderte mich, wie ich je mit Vergnügen dem Schluß meiner Geſchichte habe ent⸗ gegenſehen können, wobei ich mir zugleich Vorwürfe machte, daß es wirklich der Fall geweſen, weil es eine Art von Grauſamkeit gegen die Gefährten mei⸗ ner einſamen Stunden wäre, die ich jetzt entlaſſen, ohne ſie wieder zurückrufen zu können. Da ſchlug meine Wanduhr zehn, und pünklich mit dem Schlage erſchienen meine Freunde. Bei unſerer letzten Abendzuſammenkunft hatten wir die Geſchichte, mit welcher der Leſer eben fertig geworden iſt, beendigt. Unſere Unterhaltung nahm dieſelbe Richtung, in welcher mich der Eintritt meiner 8 Freunde unterbrochen hatte, und der Raritätenladen wurde das Thema unſeres Geſpräches. Ich kann jetzt dem Leſer vertrauen, daß ich etwas mit dieſer kleinen Geſchichte in Verbindung Stehendes auf dem Herzen hatte— daß ich etwas mitzutheilen wünſchte, was ich die ganze Zeit über nur mit Mühe unterdrücken konnte— etwas, was mir im Laufe der Geſchichte im Intereſſe derſelben zu verhüllen nothwendig ſchien, und was ich jetzt bei ihrem Schluſſe, obgleich nur widerſtrebend ent⸗ decken möchte. Etwas vor denen zu verbergen, die ich liebe, liegt nicht in meinem Weſen. Ich kann nie meine Lippen ſchließen, wo ich mein Herz geöffnet habe. Dieſe Gemüthsbeſchaffenheit und das Bewußtſeyn, mir während meiner Erzählung einige Gewalt an⸗ gethan zu haben, legten mir einen Zwang auf, den ich nicht leicht überwunden haben würde, ohne eine gelegen kommende Bemerkung des Herrn Miles, wel⸗ cher, wie bereits früher angedeutet wurde, ein Ge⸗ ſchaftsmann und äußerſt genau und geordnet in allen ſeinen Verrichtungen iſt. „Ich hätte faſt wünſchen mögen,“ meinte mein Freund,„daß uns der Name des ledigen Herrn mit⸗ getheilt worden wäre. Dieſes Zurückhalten will mir nicht recht gefallen. Ich habe ihn um dieſes Um⸗ ſtandes willen Anfangs mit Argwohn betrachtet und blieb nie frei von Zweifeln gegen ſeinen moraliſchen Charakter— das kann ich Sie verſichern. Ich habe 5 9 mich inzwiſchen zwar vollkommen überzeugt, daß er ein Ehrenmann iſt, aber in dieſem Punkte hat es durchaus nicht den Anſchein, als ob er nur im Ge⸗ ringſten wie ein Geſchäftsmann gehandelt habe.“ „Meine Freunde,“ ſagte ich, indem ich an den Tiſch rückte, an welchem ſie, wie gewöhnlich, ihre Sitze eingenommen hatten,„erinnern Sie ſich, daß dieſe Geſchichte außer demjenigen Namen, welchen Sie kürzlich ſo oft gehört, noch einen andern hat?“ Herr Miles war im Nu mit ſeinem Taſchen⸗ buche zur Hand, verglich ſeine Notamina und ent⸗ gegnete: „Gewiß. Maſter Humphrey's perſönliche Abenteuer.: Hier ſteht es. Ich habe mir das damals notirt.“ Ich war eben im Begriffe, das, was ich noch nach⸗ zutragen hatte, wieder aufzunehmen, als mich derſelbe Herr Miles abermals mit der Bemerkung unterbrach, daß die Geſchichte wohl in einem Abenteuer, das mir perſönlich begegnete, ſeinen Grund habe, und daß ſie ohne Zweifel deßhalb ihren erſten Titel trage. Dieß führte mich mit einemmale zur Sache. „Ihr werdet mir ſammt und ſonders vergeben,“ entgegnete ich,„wenn ich ſage, daß ich zur beſſeren Abrundung der Geſchichte und als Einleitung jenes Abenteuer erdichtet habe. Allerdings ſpiele ich eine Rolle— und keine leichte oder gewöhnliche— in den vorgeleſenen Blättern, aber nicht jene, die ich 10 urſprünglich vorgegeben. Der jüngere Bruder, der ledige Herr, der namenloſe Schauſpieler in dieſem kleinen Drama— ſteht jetzt vor Euch.“ Es war leicht zu ſehen, daß ſie eine ſolche Ent⸗ hüllung nicht erwartet hatten. „Ja,“ fuhr ich fort.„Ich kann auf meinen Antheil daran mit einem ruhigen, halb mitleidigen Lächeln ſowohl über mich ſelbſt, als über einige an⸗ dere Perſonen zurückſehen. Aber ich bin es wirklich; und jetzt kennen Sie den herbſten Kummer meines Lebens.“ Ich brauche nicht zu ſagen, welche innige Freude ich bei der Wärme und Theilnahme empfand, womit dieſes Zugeſtändniß aufgenommen wurde; nicht, wie oft es ſchon früher auf meinen Lippen geſchwebt; nicht, wie ſchwer, ja, wie faſt unmöglich ich es gefunden hatte, bei Scenen, die mich am meiſten rührten und näch⸗ ſten angingen, den angenommenen Charakter beizu⸗ behalten. Es möge zureichen, wenn ich berichte, daß ich die Erzählung ſo vieler Prüfungen wieder in den Uhrkaſten legte— allerdings mit ſchmerzlichen Ge⸗ fühlen, aber der Schmerz war ſo geſänftigt, daß er faſt zu einem Genuſſe wurde, denn ich hatte mich glücklich darin gefühlt, die Vergangenheit noch einmal durchzuleben und die Lehren, die ich daraus gezogen, auch andern mitzutheilen.“ Wir weilten noch ſo lange über den geleſenen Blättern, daß der Weiſer meiner treuen Uhr, als ich ſie ihrem früheren Ruheort anheim gab, auf Zwölf 11 zeigte, und zu gleicher Zeit trug der Wind die tiefen und fernen Glockentöne der St. Paulskirche herauf, welche die Mitternachtsſtunde verkündigten. „Dieß,“ ſagte ich, indem ich mit einem demſel⸗ ben Aufbewahrungsorte entnommenen Manuſcript zu⸗ rückkehrte,„dies, bei einer ſolchen Muſik eröffnet, ſollte eine Geſchichte ſeyn, wo man Londons Antlitz im Dunkel der Nacht ſieht, und wo irgend eine die⸗ ſer Stunde angemeſſene That in dunkeln Schatten heraustritt. Wer von uns hat je das Schaffen jener großen Maſchine geſehen, deren Stimme eben aus⸗ getönt hat? Herr Pickwick hatte es natürlich geſe⸗ hen, und deßgleichen auch Herr Miles. Jack und mein tauber Freud bildeten die Minorität, denn auch ich war erſt vor ein paar Tagen dort geweſen und konnte mich jetzt nicht entbrechen, Ihnen mitzuthei⸗ len, was mir bei dieſer Gelegenheit für ein Gedanke gekommen war. Ich hatte die Entrée von zwei Pencen an einen der Geldmäkler, die in dem Tempel ſitzen, be⸗ zahlt und während ich nach einigem Auf⸗ und Ab⸗ gehen in den ruhigen Gedankenzug verfiel, den ein ſolcher Platz zu wecken im Stande iſt, ſchritt ich auf den wiederhallenden Steinen wie ein alter Mönch weiter, deſſen gegenwärtige Welt ganz innerhalb die⸗ ſer Mauern liegt. Wie ich ſo in dieſem ſtolzen Dome weit hinauf in die Höhe ſchaute, konnte ich mich der Betrachtung nicht erwehren, was wohl der Mann gedacht haben mochte, deſſen Genius dieſen gewaltigen Bau geſchaffen, als er, ſobald der letzte Holzkeil eingetrieben, der letzte Nagel für viele Jahrhunderte an Ort und Stelle, das Schlagen der Hämmer nebſt dem Geſumme geſchäftiger Stimmen verklungen war — als er, ſage ich, nachſinnend wie ich, inmitten des rings umher herrſchenden, ungeſtörten, hehren Schwei⸗ gens ſtand, das nur durch jahrelangen Lärm möglich geworden war, und ſich in ſeiner weiten Ausdehnung verlor. Ich konnte nicht recht mit mir ins Klare kommen, ob die Betrachtung wohl das Gefühl der Größe oder der Unbedeutſamkeit in ihm erzeugte; aber wenn ich bedachte, welche lange Zeit erfordert wurde, das zu erbauen, was in wenigen Minuten ſogar bis in ſeine entfernteſten Theile durchſchritten werden konnte, und welche kurze Friſt er, oder einer von denen, die ſeinen Namen trugen, leben konnte, um es zu ſehen oder ſich des Daſeyns eines ſolchen Menſchenwerkes zu erfreuen— da dachte ich mir ihn weit eher demüthig, als ſtolz, und mich dünkte, er müßte mit Bedauern auf ſein geſchaffenes Werk zurückblicken. In einer ſolchen Gemüthsſtimmung fing ich an, faſt melancholiſch die Treppenflucht hinanzuſteigen, welche zu den verſchiedenen Merkwürdigkeiten des Gebäudes führte, und bald befand ich mich vor einer Barriere, wo ein anderer Geldnehmer ſaß, der mich fragte, was ich eigentlich zu ſehen wünſche. Da wäre die ſteinerne Gallerie, ſagte er, die Flüſter⸗ gallerie, die geometriſche Treppe, das Modellgemach, —— —,, 2Po Sc—⸗—.———— — — 13 die Uhr— und da die Uhr ganz nach meinem Sinn war, ſo unterbrach ich ihn hier und wählte dieſe Augenweide vor allen übrigen. Ich taſtete mich in den Thurm, wo ſie ſteht, und ſah vor mir in einer Art von Dachboden etwas, was mir ein großer, alter, eichener Kaſten mit Flü⸗ gelthüren zu ſeyn ſchien. Die letzteren wurden durch den Thurmwärter, der bei meiner Ankunft ſchlief und überhaupt wie ein recht ſchläfriger Kerl ausſah, als ob ſeine vertraute Bekanntſchaft mit der Zeit ihn ganz gleichgültig gegen dieſelbe gemacht hätte, auf⸗ geſchloſſen und ließen nun eine wirre Maſſe von Ketten und Rädern aus Eiſen und Meſſing ſchauen — große, kräftige, raſſelnde Maſchinentheile, die ohne 3wüfel jeden Finger, den man da oder dort hinein⸗ ſteckte, zerbrechen und den Knochen zu Staub malmen würden— und das war die Uhr! Selbſt ihr Pulsſchlag, wenn ich mich dieſes Ausdrucks bedienen darf, war nicht wie bei anderen Uhren. Er bezeichnete nicht die Flucht eines jeden Augenblicks mit einem ſanften Sekundenpicken, als wolle ſie die alte Zeit zurückhalten und ſie zu blei⸗ ben bitten, ſondern er maß ſie mit dem Schlage eines Schmiedehammers, wie wenn es ihm darum zu thun wäre, die heranziehenden Sekunden zu zer⸗ malmen und unerbittlich den Weg zu lichten für den Tag des Gerichtes. Ich ſetzte mich ihr gegenüber und horchte auf ihre regelmäßige, nie wechſelnde Stimme, auf dieſen 14 Einen, tiefen, beſtändigen Ton, der den Lärm und das Geraſſel auf den Straßen unten übertäubte, — ſtets der gleiche, mochte der Tumult ſteigen oder fallen, fortmachen oder ſchweigen— bei Nacht oder Mittag, morgen oder heute, in dieſem oder in dem nächſten Jahre. Während ſie ſo ihre Funktion mit derſelben verdroſſenen Beharrlichkeit verrichtete und das Fortſchreiten des Lebens ringsum regelte, kam mir der Gedanke, dieß ſey Londons Herz, und wenn es zu ſchlagen aufhörte, würde auch die Stadt nicht mehr ſeyn. Es iſt Nacht; kalt und unbewegt inmitten der Scenen, welche die Finſterniß begünſtigt, ſchlägt das große Herz von London in ſeiner Rieſenbruſt. Reich⸗ thum und Armuth, Laſter und Tugend, Schuld und Unſchuld, Schlemmerei und ausgemergelter Hunger, jedes dem andern auf dem Fuße folgend und im bunten Gedränge ſammelt ſich darum her. Man ziehe nur einen kleinen Kreis um die gedrängten Dachgiebel und ihr habt in dieſem engen Raum die widerſprechendſten Extreme. Wo jenes ſchwache Licht flimmert, ſtirbt in dieſem Augenblick ein Menſch. Das erhellte Fenſter nur wenige Ellen davon iſt Zeuge, wie ein anderer ſein Auge der Welt öffnet. Da ſind zwei Haͤuſer, die nur durch eine Wand von ein paar Zollen getrennt ſind. In dem einen ſchlum⸗ mern ruhige Seelen, in dem andern ein ſchuldbe⸗ wußtes Gewiſſen, das, wie man denken möchte, ſogar die Luft beunruhigen muß. In jenem dumpfen — ———— 1⁵ Winkel, wo die Dächer zitternd ſich zuſammenkauern, als wollten ſie ihre Geheimniſſe vor der ſchönen Straße nebenan verbergen, iſt der Tummelplatz von ſo ſchwarzen Verbrechen, von ſolchem Elend und Entſetzen, daß man ſie kaum flüſternd ſich erzählen möchte. In der ſchönen Straße ſchlafen Leute, die ihr ganzes Leben über dort gewohnt haben und von ſolchen Dingen nicht mehr wiſſen, als ein nie Ge⸗ borener, oder als hätten ſie ſich an den fernſten Weltgränzen zugetragen— die, wenn man darauf hindeutete, ihre Köpfe ſchütteln, ein kluges Geſicht ſchneiden, die Stirne runzeln und ſagen würden, es ſey unmöglich und ganz gegen die Natur— wie wenn gar keine großen Städte eriſtirten. Finden wir nicht in dieſem Herzen von London, das nichts bewegt, nichts hemmt, nichts beſchleunigt— das immer gleich fortgeht, mag vorfallen, was da will — finden wir nicht darin das treue Abbild der Stadt? Der Morgen graut, und mit ihm erwacht bald das Geſumme und der Lärm des Lebens. Diejeni⸗ gen, welche ihre Nacht auf Thürtreppen und kalten Steinen zugebracht haben, ſchleichen fort, um zu betteln; wer die Nacht über in ſeinem Bette geſchla⸗ fen, geht gleichfalls an ſein Geſchäft, und rührige Thätigkeit iſt allenthalben. Der Nebel des Schlafes ſteigt langſam in die Höhe, und London erſcheint in ſeinem wahren Zuſtande. Die Straßen füllen ſich mit Wagen und ſchmuckgekleideten Menſchen. Auch die Gefängniſſe ſind voll bis an die Kehle, und eben ſo wenig haben die Armenhäuſer und Hoſpitäler übrigen Raum. Die Gerichtshöfe ſind überfüllt. Die Schranken haben ſchon zu dieſer Tageszeit ihre regelmäßigen Beſuche und jeder Handelsplatz läßt ſein Gedränge ſchauen. Alle dieſe Plätze ſind eine Welt für ſich und haben ihre eigenen Bewohner; jeder von ihnen iſt für ſich abgeſchloſſen und weiß nichts von der Exiſtenz des andern. Da ſind einige Leute, die ſich wohl ſeyn laſſen und ſich erinnern, gehört zu haben, daß es eine Unzahl von Männern und Weibern gebe— Tauſende wohl, meinen ſie— welche in London jeden Tag aufſtehen, ohne zu wiſ⸗ ſen, wo ſie Nachts ihr Haupt hinlegen ſollen; und daß die Stadt Quartiere berge, wo Hunger und Elend immer zu Hauſe ſeyen. Sie glauben es nicht ganz— es mag etwas Wahres daran ſeyn, aber natürlich übertrieben. So geht jede dieſer tauſend Welten ihren eigenen Gang, nur auf ſich ſelbſt be⸗ dacht, bis die Nacht wiederkömmt— zuerſt mit ihren Lichtern, ihren Vergnügungen und ihren belebten Straßen, dann mit ihrem Verbrechen und ihrer Finſterniß. Herz von London, es liegt eine ernſte Lehre in jedem deiner Schläge! Wenn ich auf dein unbe⸗ zähmbares Schaffen ſchaue, auf das weder der Tod, noch der Druck des Lebens, weder der Gram, noch die Freude, die außen herrſchen, auch nur den min⸗ deſten Einfluß übt, ſo meine ich aus deinem Innern eine Stimme zu hören, die mich bittet, bei einem — ᷓ täler üllt. ihre läßt eine ner; 17 Gange durch das Gewühl ſelbſt dem elendeſten Vor⸗ übergehenden einen Gedanken zu weihen, und mich bei meiner Menſchenwürde beſchwört, mich nicht in ſtol⸗ zer Verachtung von Jemanden abzuwenden, der das Ebenbild Gottes trägt. Ich bin keineswegs überzeugt, ob ich mich nicht hätte verleiten laſſen, dieſes Thema weiter zu beſpre⸗ chen, wenn mir nicht die auf dem Tiſche liegenden Papiere ſchon über dieſe Abſchweifung einen ſtummen Vorwurf gemacht haben würden. Ich nahm ſie da⸗ her, nachdem ich ſo weit gegangen, wieder auf und ſchickte mich ernſtlich an, vorzuleſen. Ich kannte die Handſchrift nicht, denn das Ma⸗ nuſeript war abgeſchrieben worden. Da es unſern Regeln zuwiderläuft, in einem ſolchen Fall nach dem Verfaſſer zu fragen, ehe die Vorleſung beendigt iſt, ſo konnte ich nur in den verſchiedenen Geſichtern forſchen, um etwa aus dem Ausdruck derſelben etwas zu er⸗ ſpähen, was den Autor verriethe. Wer er übrigens auch ſeyn mochte— er war hierauf vorbereitet und ich entdeckte nichts, was mich hätte leiten können. Ich hatte die Papiere in der Hand, als mein Freund mit einem Vorſchlage dazwiſchen trat. „Bei dem Anhange Ihrer Geſchichte,“ ſagte er, „iſt mir beigefallen, daß es gut ſeyn würde, wenn diejenigen, welche etwas aus ihrem eigenen Leben zu berichten haben, es in Ihre Beiträge zur Wanduhr einflechten würden. Es ſoll damit, weder was Zeit, Ort, noch Ereigniſſe anbelangt, irgend Jemand ein Boz. XVI. Barnaby Rudge. 2 18 Zwang auferlegt werden, da jedes derartige wirkliche Erlebniß recht gut von erdichteten Umſtänden umge⸗ ben ſeyn und durch poetiſche Charaktere verkörpert werden kann. Wie wäre es, wenn wir dieſen Artikel unſern Regeln einverleibten?“ Der Vorſchlag wurde mit Freuden aufgenom⸗ men, und es zeigte ſich nur darin eine Schwierig⸗ keit, daß wir es gleich jetzt mit einer langen Ge⸗ ſchichte zu thun hatten, welche vor dieſer Ueberein⸗ kunft geſchrieben worden war. „Es müßte nur ſeyn,“ ſagte ich,„daß der Ver⸗ faſſer dieſer Schrift— was nicht gerade unmöglich wäre, denn ein Menſch, der ſchreibt, verfällt leicht darauf— bereits einiges von ſeinen Leiden und Er⸗ fahrungen darin verflochten hätte.“ Niemand ſprach, aber ich glaubte in einer Rich⸗ tung eine Andeutung entdeckt zu haben, daß dieß wirklich der Fall ſey.* „Wenn ich deßhalb keine Verſicherung von dem Gegentheile habe,“ fügte ich bei,„ſo nehme ich für ausgemacht an, daß dem wirklich ſo iſt, und daß ſchon dieſe Papiere in den Bereich unſerer Ueberein⸗ kunft fallen. Da Jedermann verſtummt, ſo wollen wir, wenn's beliebt, bei dieſer Annahme bleiben.“ Und hier wollte ich abermals beginnen, als Jack uns leiſe mittheilte, daß im Verlauf unſerer letzten Diskuſſion Herrn Wellers Taſchenuhr ihre Sitzungen in der Küche aufgehoben und ganz regel⸗ recht unmittelbar vor unſerer Thüre eröffnet habe, 19 wo man ohne Zweifel im gegenwärtigen Augenblick dieſe erlauchte Körperſchaft finden würde. Da dieß aus dem Grunde geſchehen war, unſeren Erzählun⸗ gen zuhören zu können, ſo wurde der Vorſchlag ge⸗ macht, ſie hereinkommen zu laſſen, damit ſie es be⸗ quemer hätten. Wir gaben hiezu ſammt und ſonders bereitwillig unſere Zuſtimmung, und da, wie Jack vermuthet hatte, die Geſellſchaft wirklich außen entdeckt wurde, ſo trat ſie auf unſere Einladung(allerdings nicht ohne große Verwirrung über das Ertapptwerden) in das Zimmer, und machte ſich's auf ihren Stühlen im Hintergrunde bequem. Sofort wurde die Lampe geſchneuzt, das Feuer geſchürt, daß es luſtig aufflackerte, der Herd abge⸗ kehrt, die Vorhänge niedergelaſſen, die Uhr aufgezo⸗ gen und wir begannen unſere neue Geſchichte— Barnaby NRudge. 2* Barnaby Rudge. Erſtes Kapitel. Im Jahre 1775 ſtand am Saume des Epping⸗ forſtes— etwa 12 Meilen von London entfernt, wenn man von der Standarte in Kornhill, oder vielmehr von dem Orte an rechnet, wo in alten Tagen die Standarte zu ſtehen pflegte— ein Wirthshaus, der Maibaum genannt. Dieſe Thatſache wurde allen denjenigen Reiſenden, welche weder leſen noch ſchrei⸗ ben konnten— und vor 66 Jahren gab es eine große Anzahl ſowohl von Reiſenden, als von Ofen⸗ hockern, welche ſich in dieſer Lage befanden— durch das Sinnbild angekündigt, das an der Straße, dem Hauſe gegenüber, aufgepflanzt worden war. Es hatte zwar nicht jene kräftigen Proportionen, deren ſich Maibäume gewöhnlich in alten Tagen zu erfreuen pflegten, beſtand aber demungeachtet in einer ſchönen jungen Eſche von 30 Fuß Höhe, und war dabei ſo 21 gerade, als nur je ein Pfeil war, den ein engliſcher Freiſaße auf ſeinen Bogen legte. Der Maibaum— unter welchem Ausdrucke wir fortan das Wirthshaus, und nicht deſſen Zeichen verſtehen— beſtand aus einem alten Gebäude mit mehr Giebeln, als ein träger Menſch an einem ſonnigen Tage zuſammenzählen mochte, mit ungeheuern, zick⸗ zackförmigen Schornſteinen, aus denen ſelbſt der Rauch nicht anders, als in ganz unnatürlichen, phan⸗ taſtiſchen Geſtalten ſich herausſchlängeln zu wollen ſchien, und mit weiten, düſtern, verfallenen und leeren Stallungen. Das Haus ſoll in der Zeit König Heinrichs VIII. erbaut worden ſeyn, und es ging die Sage, daß die jungfräuliche Königin Eliſa⸗ ig⸗ beth bei Gelegenheit einer Jagdpartie in einem ge⸗ nn wiſſen Zimmer mit eigenem Getäfel und einem tiefen hr Bogenfenſter nicht nur übernachtet, ſondern auch des die andern Morgens, während ſie vor der Thüre mit der einem Fuße in dem Steigbügel, mit dem andern auf len dem Aufſteigeblock ſtand, einen unglücklichen Pagen ei⸗ wegen irgend einer Dienſtvernachläßigung eigenhändig ine beohrfeigt habe. Grübler und Zweifler, deren es en⸗ leider in jeder kleinen Geſellſchaft gibt(folglich auch rch unter den Kunden des Maibaumes) waren zwar ge⸗ em neigt, dieſe Ueberlieferung als eine Apocryphe zu Es betrachten; ſo oft aber der Wirth dieſes alten Hotels ren den Block ſelbſt zum Zeugen aufrief und triumphi⸗ ien rend zeigte, wie er bis auf dieſen Tag noch an der⸗ nen ſelben Stelle ſtehe, da wurde jeder Zweifel ſtets durch ſo eine große Stimmenmehrheit entkräftet, und alle waren freudig und jubelten, wie über einen erkämpf⸗ ten Sieg. Mochte nun dieſe, wie ſo viele andere Geſchichten gleicher Art wahr ſeyn oder nicht, jedenfalls war der Maibaum ein altes, ſehr altes Haus, vielleicht ſo alt, als man ihm nachrühmte, vielleicht auch noch älter, wie es bisweilen bei Häuſern von einem unge⸗ wiſſen, oder bei denen von einem gewiſſen Alter zu gehen pflegt. Die Fenſter waren rautenförmig gegit⸗ tert, die Fußböden eingeſunken und uneben, die Zim⸗ merdecken durch die Hand der Zeit geſchwärzt und mit maſſivem Gebälke beſchwert. Ueber dem Thor⸗ wege befand ſich ein altes Portal mit wunderlichem und groteskem Schnitzwerk; und hier ſaßen an Som⸗ merabenden die begünſtigteren Kunden, rauchend und trinkend,— ja, und ſie ſangen auch bisweilen man⸗ ches gute Lied, und ruhten auf zwei grimmig ausſe⸗ henden Kanapees mit hohen Lehnen, welche, wie die Zwillingsdrachen in irgend einem Feenmärchen, den Eingang des Hauſes bewachten. In den Kaminen der unbenützten Zimmer hat⸗ ten ſeit vielen Jahren die Schwalben geniſtet, und vom früheſten Lenz bis in den ſpäteſten Herbſt zirp⸗ ten und zwitſcherten ganze Colonien von Sperlingen in den Traufrinnen. Um den trübſeligen Stallhof und die Außengebäude flogen mehr Tauben, als irgend jemand, der Wirth ausgenommen, zuſammen⸗ rechnen konnte. Die kreiſenden Schwärme von Tum⸗ —²82²ſſſ —.—. 23 meltauben und Truthühnern vertrugen ſich vielleicht nicht ganz mit dem ernſten und feierlichen Charakter des Gebäudes, aber das monotone Girren, das einige davon den ganzen, lieben, langen Tag hören ließen, paßte vollkommen dazu und ſchien es in den Schlummer zu lullen. Mit ſeinen überhängenden Stockwerken, den ſchläfrigen, kleinen Fenſterſcheiben und der über den Weg ſchwellenden und vorſpringen⸗ den Vorderſeite ſah das alte Haus wirklich aus, als ob es im Schlafe nicke. Und in der That bedurfte es keiner ſonderlichen Steigerung der Phantaſie, um auch in ſeinen andern Theilen eine Menſchenähnlich⸗ keit zu entdecken. Die Ziegel, aus welchen es gebaut war, hatten ihr urſprüngliches, tiefes Roth verloren, und waren gelb und mißfarbig geworden, wie die Haut eines alten Weibes; das ſtarke Gebälke war zerfallen, wie die Zähne eines Greiſen; und da und dort umhüllte immergrüner Epheu die zerbröckeln⸗ den Wände, einem warmen Gewande gleich, dem Troſte im fröſtelnden Alter. Demungeachtet war es aber noch ein geſundes und kräftiges Alter, und an Sommer⸗ oder Herbſt⸗ abenden, wenn die Strahlen der niedergehenden Sonne auf die Eichen und Kaſtanien des benachbar⸗ ten Waldes fielen, nahm das alte Haus Theil an ihrem Glanze und ſchien ein ganz paſſender Gefährte für ſie zu ſeyn, der noch manches gute Lebensjahr in ſich hatte. Der Abend, mit welchem wir jetzt zu thun 8 24 haben, war weder ein Sommer⸗ noch ein Herbſt⸗ abend, ſondern das Dämmerlicht eines Märztages, an welchem der Wind unheimlich unter den entlaub⸗ ten Baumzweigen heulte, durch die weiten Kamine polterte und den Regen gegen die Fenſter des Mai⸗ baumwirthshauſes trieb, ſo daß die zufällig anwe⸗ ſenden Gäſte einen unabweislichen Anlaß hatten, länger ſitzen zu bleiben, um ſo mehr, da der Wirth prophetiſch behauptete, die Nacht würde ſich gewiß Punkt eilf Uhr aufhellen— in Folge eines merk⸗ würdigen Zuſammentreffens gerade die Stunde, zu welcher er immer ſein Haus zu ſchließen pflegte. Der Mann, auf welchen ſolch ein prophetiſcher Geiſt niedergeſtiegen, hieß John Willet, ein plumper, großköpfiger Mann mit einem fetten Geſichte, welches auf einen nicht zu brechenden Eigenſinn, eine lang⸗ ſame Faſſungsgabe, und zugleich auf ein unbedingtes Vertrauen in ſeine eigenen Verdienſte hinwies. In gemüthlicher Laune rühmte ſich John Willet gewöhn⸗ lich, daß er zwar langſam, aber ſicher gehe— wo⸗ gegen ſich freilich in einem gewiſſen Betrachte durch⸗ aus nichts einwenden ließ, ſintemal er in Allem unzweifelhaft das gerade Widerſpiel von Geſchwin⸗ digkeit, und einer von den hartnäckigſten und ſtarr⸗ ſinnigſten Geſellen war, die je gelebt haben— immer verſichert, daß Alles, was er dachte, ſagte oder that, recht ſey, weßhalb er es als eine ausgemachte, durch die Geſetze der Natur und der Vorſehung ſo geordnete Sache betrachtete, daß Jedermann, der anders ſprach, 2⁵ dachte oder handelte, unabänderlich und nothwendig Unrecht haben müſſe. Herr Willet ſpazierte langſam zu dem Fenſter, drückte ſeine fette Naſe an den kalten Scheiben platt und ſah hinaus, die Hand über ſeine Augen haltend, damit ſein Geſichtsſinn durch die röthliche Glut des Feuers nicht beeinträchtigt werden möchte. Dann begab er ſich langſam wieder nach ſeinem alten Sitze in der Kaminecke zurück, und machte ſich's nach einem leichten Zuſammenſchaudern bequem, wie man wohl gerne thut, um gewiſſermaßen die Behaglichkeit vor einer warmen Flamme zu erhöhen. Dann ließ er den Blick über ſeine Gäſte ſchweifen und begann: „Um eilf Uhr wird ſich's aufhellen— nicht früher und nicht ſpäter, nicht vorher und nicht nachher.“ „Wie könnt Ihr das wiſſen?“ fragte ein kleiner Mann aus der andern Kaminecke.„Vollmond iſt vorbei, und jetzt geht er um neun Uhr auf.“ John ſah ernſt und feierlich auf den Frager, bis er dieſe Bemerkung gehörig gefaßt hatte, und ant⸗ wortete ſodann in einem Tone, welcher anzudeuten ſchien, daß der Mond ſein eigentliches Fach ſey und ſonſt niemand etwas angehe. „Ihr müßt Euch nie um den Mond bekümmern. Macht Euch um ſeinetwillen keine Unruhe. Laßt den Mond gehen, und ich laſſe Euch gehen.“ „Hoffentlich fühlt Ihr Euch doch nicht beleidigt?“ entgegnete der kleine Mann. 26 Wieder wartete John eine Weile, bis dieſe Ent⸗ gegnung ganz in ſein Gehirn eingedrungen war, worauf er erwiederte:„Bis jetzt iſt noch von kei⸗ ner Beleidigung die Rede.“ Dann zündete er ſeine Pfeife an und rauchte in behaglichem Schweigen, hin und wieder einen Seitenblick auf einen Mann werfend, der in einem weiten Reitkleide mit unge⸗ heuern Aufſchlägen, welche mit abgenützten Silber⸗ borden und großen Metallknöpfen verziert waren, abgeſondert von der gewöhnlichen Wirthshausgeſell⸗ ſchaft da ſaß. Er hatte den Hut über ſein Geſicht gedrückt, welches er noch weiter durch die Hand be⸗ ſchattete, auf der ſeine Stirne ruhte, und ſah ziem⸗ lich ungeſellig aus. Auch war noch ein anderer Gaſt in Stiefeln und Sporen zugegen, der gleichfalls in einiger Ent⸗ fernung von dem Feuer ſaß, und deſſen Gedanken — wenn man aus ſeinen verſchlungenen Armen, ſeinen zuſammengekniffenen Brauen und dem Brannt⸗ wein, der unberührt vor ihm ſtand, einen Schluß ziehen konnte— mit ganz anderen Dingen beſchäf⸗ tigt waren, als mit den Gemeinplätzen der dermali⸗ gen Unterhaltung, oder mit den Perſonen, von wel⸗ chen ſie geführt wurde. Dieſer war ein junger Mann von ungefähr achtundzwanzig Fahren, etwas über Mittelgröße, und obgleich von etwas ſchmäch⸗ tiger Figur, doch anmuthig und kräftig gebaut. Er trug ſein eigenes dunkles Haar und war in einen Reitanzug gekleidet, der nebſt den großen Stiefeln, NAn nunu—— N— * 27 welche in Form und Schnitt eine große Aehnlichkeit mit denen unſerer heutigen Leibgardiſten hatten, un⸗ beſtreitbare Spuren von der ſchlechten Beſchaffenheit der Wege zeigte. Aber ſo kothbeſpritzt das Gewand auch war, ſo ließ ſich doch an deſſen Eleganz und Reichthum, ohne daß es gerade überladen geweſen wäre, der ſtattliche Gentleman nicht verkennen. Auf dem Tiſche neben ihm lagen, gleichgültig hingeworfen, eine ſchwere Reitpeitſche und ein Hut mit breiter, ſchlotteriger Krempe, welch letzteren er ohne Zweifel als das geeignetſte Schutzmittel gegen die Unbarmherzigkeit des Wetters getragen hatte. Auch befanden ſich dabei ein paar Piſtolen in den Hulftern und ein kurzer Reitmantel. Von ſeinem Antlitz war wenig zu ſehen, außer den langen, dun⸗ keln Wimpern, welche die geſenkten braunen Augen verbargen; aber über der ganzen Geſtalt ſchwebte eine ſorgloſe Gleichgültigkeit und eine natürliche Anmuth, welche ſich ſogar auf die vorerwähnten kleinen Bei⸗ gaben zu erſtrecken ſchien, da alles hübſch und in gutem Stande war. Auf dieſen jungen Herrn hefteten ſich die Augen des Herrn Willet nur ein einzigesmal, gleichſam als eine ſtumme Frage, ob er ſeinen ſchweigſamen Nach⸗ bar bemerkt habe. Augenſcheinlich war John mit dem jungen Herrn ſchon früher zuſammengekommen, und da erſterer fand, wie ſein Blick nicht erwiedert, oder in der That von der Perſon, welcher er galt, nicht einmal bemerkt wurde, ſo concentrirte er allmälig die ganze Kraft ſeiner Augen in einen ein⸗ zigen Brennpunkt und ließ ſie nach dem Manne in dem breiten Krempenhut ſchießen, dem er im Laufe der Zeit mit einem ſo merkwürdigen Starrblicke zu⸗ ſetzte, daß ſeine Gevattern am Kamine recht eigent⸗ lich angeſteckt wurden, denn alle nahmen jetzt, wie in Folge einer plötzlichen Verabredung, die Pfeifen aus dem Munde und ſtierten ebenfalls mit offenen Mäulern nach dem Fremden. Der plumpe Wirth hatte ein paar große, aus⸗ drucksloſe Fiſchaugen, und der kleine Mann, der die Bemerkung über den Mond gewagt hatte,(der Küſter und Glöckner in dem nahe gelegenen Orte Chigwell) beſaß runde, glänzend ſchwarze Aeugelein, wie Pater⸗ noſterperlen. Außerdem trug dieſer kleine Mann an den Knieen ſeiner röthlich ſchwarzen Beinkleider, an ſeinem röthlich ſchwarzen Rocke und an dem ganzen Saume ſeiner langen Battenweſte kleine wunderliche Knöpfe, die mit nichts, als mit ſeinen Augen ver⸗ glichen werden konnten und dieſen ſo ganz ähnlich ſahen, daß ſie, wenn ſie in Vereinigung mit ſeinen blanken Schuhſchnallen in dem Lichte des Feuers blitzten und glitzerten, dem Manne das Ausſehen gaben, als beſtehe er vom Kopf bis zum Fuß aus lauter Augen, mit deren jedem er nach dem unbe⸗ kannten Gaſte hinſchaue. Kein Wunder, wenn ein Mann unter einer ſolchen Beſichtigung unruhig wird, der Augen gar nicht zu gedenken, welche dem kurzen Tom Cobb, Krämer und Poſthalter, und dem langen —— W na — u— NK n harte 29 Wildmeiſter, Phil Parkes, angehörten, da dieſe, von dem Beiſpiele ihrer Gefährten angeſteckt, mit nicht geringerer Achtſamkeit den Krempenhut be⸗ trachteten. Der Fremde wurde unruhig— vielleicht weil er einem ſolchen Heckenfeuer von Blicken ausgeſetzt war, vielleicht auch in Folge der Beſchaffenheit ſeiner vorhergegangenen Gedanken— höchſt wahrſcheinlich aus letzterem Grunde, denn als er ſeine Stellung änderte und ſich haſtig umſah, war er nicht wenig betroffen, in ſeiner Perſon den Gegenſtand einer ſo ſcharfen Inſpektion zu entdecken, weßhalb er denn auch einen zornigen und argwöhniſchen Blick nach der Gruppe am Kamine ſchießen ließ. Dieß hatte die unmittelbare Wirkung, alle Augen wieder nach dem Kamine abzulenken, die des John Willet aus⸗ genommen, welcher, da er ſich ſo zu ſagen auf der That ertappt ſah und er, wie bereits bemerkt, etwas langſamer Natur war, in einer eigenthümlich einfäl⸗ tigen und verblüfften Weiſe ſeinen Gaſt anzuſtieren fortfuhr. „Nun?“ ſagte der Fremde. Nun! Es lag nicht viel in dieſem Nun— wenigſtens war es keine lange Rede. „Ich meinte, Ihr hättet etwas befohlen,“ ſagte der Wirth nach einer überlegenden Pauſe von zwei⸗ oder drei Minuten. Der Fremde nahm ſeinen Hut ab und zeigte die n, verwitterten Züge eines Sechzigers oder dar 30 über, deren von Natur aus rauher Ausdruck nicht eben gehoben wurde durch ein dunkles, um den Kopf gebundenes Schnupftuch, welches die Dienſte einer Perücke verſah und ſeine Stirne faſt bis auf die Augen⸗ brauen hinunter bedeckte. Wenn es übrigens die Abſicht hatte, die Aufmerkſamkeit von einer tiefen Wunde abzuleiten, die bis auf den Backenknochen herunter gegangen ſeyn mußte, jetzt aber zu einer häßlichen Nath zuſammengezogen war, ſo wurde der Zweck ſchlecht erreicht, da die Narbe dem flüchtigſten Blicke auffallen mußte. Sein Geſicht war leichenblaß und trug einen graulichten, ſtacheligen Bart, der ſeine drei Wochen alt ſeyn mochte. So müſſen wir die ſchlecht und ärmlich gekleidete Geſtalt ſchildern, die jetzt von ihrem Sitze aufſtand, durch das Zimmer ging und ſich in der Kaminecke niederſetzte, welche ihm der kleine Küſter aus Höflichkeit oder Furcht gar bereit⸗ willig überließ. „Ein Heerſtraßenritter!“ flüſterte Tom Cobb dem Wildmeiſter Parkes zu. „Meint Ihr, derartige Herren ſeyen nicht ſchöner gekleidet, als dieſer da?“ verſetzte Parkes.„Nein, das iſt ein beſſeres Geſchäft, als Ihr Euch vorſtellt, Tom, und die Männer von der Heerſtraße haben nicht nöthig, ſo ſchäbig einherzugehen; nehmt mein Wort dafür.“ Inzwiſchen hatte der Gegenſtand dieſer Speku⸗ lationen dem Hauſe die gebührende Ehre erwieſen, indem er einen Trunk beſtellte, der ſogleich durch den —„—0S ———— 31 Sohn des Wirths, einen breitſchultrigen großen und ſtarken Burſchen von zwanzig Jahren, Namens Joe, herbeigebracht wurde, welchen ſein Vater immer noch als einen kleinen jungen Knaben zu betrachten und ihn demgemäß ſo zu behandeln beliebte. Der Mann ſtreckte ſeine Hände gegen die praſſelnde Flamme aus, um ſie daran zu wärmen, wandte ſodann ſeinen Kopf gegen die Geſellſchaft um, und nachdem er ſie mit ſcharfen Augen gemuſtert hatte, begann er mit einer Stimme, die ganz gut zu ſeiner äußeren Erſchei⸗ nung paßte: „Was iſt das für ein Haus, das eine Meile oder ſo etwas von hier ſteht?“ „Wirthshaus?“ fragte der Wirth mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Bedächtigkeit. „Wirthshaus?“ rief Joe.„Wo iſt ein Wirths⸗ haus im Bereich von einer Meile um den Maibaum? Er meint das große Haus— den Kaninchenhag— da fehlt’s gar nicht. Das alte Gebäude aus rothen Ziegeln, Sir, das auf den dazu gehörigen Gütern ſteht?“ „Richtig,“ ſagte der Fremde. „Und das vor fünfzehn oder zwanzig Jahren in einem fünfmal ſo großen Parke ſtand, der mit an⸗ dern und reicheren Grundſtücken durch die wechſeln⸗ den Beſitzer mehr und mehr beſchnipfelt wurde, bis er ſo zuſammengeſchwunden iſt—'s iſt Jammerſchade“ fuhr der junge Menſch fort. „Möglich,“ lautete die Antwort.„Aber meine Frage bezieht ſich auf den Eigenthümer. Ich kümmere mich nicht drum, was es geweſen, und was es iſt, kann ich ſelbſt ſehen.“ Der muthmaßliche Erbe des Maibaums drückte den Finger an ſeine Lippen, blickte auf den bereits erwähnten jungen Herrn, der bei Nennung des Hauſes ſeine Stellung verändert hatte, und verſetzte mit leiſer Stimme: 1 „Der Eigenthümer heißt Haredale, Herr Geoffrey Haredale; ein“— er blickte wieder in dieſelbe Rich⸗ tung, wie früher— vein würdiger Gentleman, muß ich ſagen— hem!“ Ohne auf dieſen erinnernden Huſten oder den vorangegangenen bezeichnenden Wink zu achten, ſetzte der Fremde ſeine Erkundigungen fort. „Ich ging auf meinem Herwege von der Straße ab und ſchlug den Feldweg ein, der über jene Grund⸗ ſtücke führt. Wer war die junge Dame, die ich in einen Wagen ſteigen ſah? Seine Tochter?“ „Ei, wie könnte ich das wiſſen, mein guter Freund?“ entgegnete Joe, der unter dem Vorwande eines Geſchäftes an dem Herde dem Frager näher rückte und ihn am Aermel zupfte.„Ihr wißt, daß ich die junge Dame nicht geſehen habe. Puh! was das wieder für ein Wind iſt— und ein Regen— das nenne ich einmal eine Nacht!“ „Allerdings ein ſchlimmes Wetter!“ bemerkte der Fremde. „Ihr ſeyd wohl daran gewöhnt,“ ſagte Joe, die 8 8 33 Gelegenheit erfaſſend, um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben. „So ziemlich,“ erwiederte der andere.„Was indeß die junge Dame betrifft— hat Herr Haredale eine Tochter?“ „Nein, nein,“ ſagte der junge Burſche ärgerlich; ver iſt ein lediger Herr— er iſt— ſo ſchweigt doch — könnt Ihr nicht? Ihr ſeht ja, daß ein ſolches Gerede dem dort nicht behagt.“ Ohne auf dieſe flüſternde Vorſtellung zu achten, oder dergleichen zu thun, als ob er ſie gehört hätte, fuhr der Quälgeiſt herausfordernd fort: „Ledige Männer haben auch ſchon Töchter ge⸗ habt. Sie kann demungeachtet ſeine Tochter ſeyn, wenn er gleich nicht verheirathet iſt.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ entgegnete Joe, dann fügte er aber, näher herantretend, in leiſem Tone bei:„Ihr werdet da gleich etwas abfangen, verlaßt Euch drauf.“ „Je nun, ich hatte keine böſe Abſicht,“ erwie⸗ derte der Reiſende keck,„und ſo viel ich weiß, ſagte ich nichts, was man mir übel deuten könnte. Ich ſtelle einige Fragen— wie es ein Fremder wohl thun darf, ohne daß man etwas Ungewöhnliches daran zu ſuchen brauchte— über die Bewohner eines merk⸗ würdigen Hauſes in der Nachbarſchaft, das ich noch nie geſehen, und Ihr thut ſo entſetzt und verſtört, als ob ſich's um einen Hochverrath gegen König Georg handle. Vielleicht könntet Ihr uns den Grund Boz. XVI. Barnaby Rudge. 3 34 angeben, Sir, denn ich bin, wie geſagt, ein Fremder, und all dieß iſt mir ein böhmiſches Dorf.“ Die letztere Bemerkung galt augenſcheinlich dem Veranlaſſer von Joe Willet's Verblüffung, der auf⸗ geſtanden war und ſeinen Reitmantel umwarf, als be⸗ abſichtige er zu gehen. Der junge Herr erklärte kurz, daß er ihm keine Auskunft geben könne, winkte Joe, dem er ein Stück Geld zur Bezahlung ſeiner Zeche reichte, und eilte ſodann hinaus, von dem jungen Willet ſelbſt begleitet, welcher ihm mit einer Kerze folgte, um ihm nach der Hausthüre zu leuchten. Während Joe in dieſem Dienſte begriffen war, fuhren der ältere Willet und ſeine drei Gefährten fort, mit feierlicher Gravität zu rauchen, wobei jeder in tiefem Schweigen ſeine Augen auf einen unge⸗ heuren Kupferkeſſel heftete, der über dem Feuer hing. Nach einer Weile ſchüttelte der Wirth langſam ſeinen Kopf, worauf ſeine Freunde gleichfalls langſam die ihrigen ſchüttelten; aber keiner verwandte ſeine Blicke von dem Keſſel, oder änderte den feierlichen Ausdruck ſeines Geſichtes auch nur im mindeſten. Endlich kehrte Ive zurück— ſehr geſprächig und in verſöhnlicher Stimmung, als habe er eine ſtarke Vorahnung, daß er etwas nicht recht gemacht habe. „Ein wunderlich Ding um die Liebe!“ ſagte er, indem er einen Stuhl an das Feuer zog und, Theil⸗ nahme ſuchend, umherſchaute.„Er iſt nach London aufgebrochen, und will den ganzen Weg dahin zu —,—G— 35 Fuß machen. Seine Mähre, die bei dem Ausritt an dieſem verwünſchten Nachmittag eine Lähmung abgefangen hat, liegt derzeit ganz gemächlich in unſerem Stalle auf der Streu, und er verſagt ſich ein gutes warmes Nachteſſen und unſer beſtes Bett, weil Miß Haredale zu einem Maskenball in die Stadt gegangen iſt und er ſich's in den Kopf ge⸗ ſetzt hat, ſie zu ſehen! Ich glaube nicht, daß ich mich zu ſo etwas bereden könnte, ſo ſchön ſie auch iſt.— Aber freilich bin ich nicht verliebt(ich glaube wenig⸗ ſtens nicht, es zu ſeyn), und das iſt ein großer Un⸗ terſchied.“ „So iſt alſo er verliebt?“ fragte den Fremde. „Wills meinen,“ verſetzte Joe.„Höher könnte er es wenigſtens nicht treiben, und er hätte auch an ein Bischen weniger noch genug.“ „Still, Junge!“ rief ſein Vater. „Du biſt mir ein feiner Zeiſig, Joe!“ rief der lange Parkes. „So ein unüberlegter Knabe,“ murmelte Tom Cobb. „Sich ſelbſt voran zu ſtellen und eigentlich ſeinem Vater die Naſe aus dem Geſicht zu drehen!“ rief der Küſter metaphoriſch. „Was habe ich denn gethan?“ ſtellte der arme Joe vor. „Sweig Junge!“ erwiederte ſein Vater. „Was rauchſt du zu ſchwatzen, wenn du ſtehſt, daß Leute, die zwei oder dreimal älter ſind, als du, ſtill 3* 36 und ruhig ſitzen bleiben und ſich's nicht einfallen laſſen, nur ein Wort zu ſprechen.“ „Ei, iſt's nicht dann gerade die rechte Zeit für mich, zu reden?“ antwortete Joe rebelliſch. „Die geeignete Zeit, Musje?“ entgegnete der Vater.„Es gibt nie eine geeignete Zeit.“ „Ach, natürlich!“ murmelte Parkes, indem er den andern Beiden gravitätiſch mit dem Kopfe zunickte, welche ihrerſeits gleichfalls mit dem Kopfe nickten, und vor ſich hinflüſterten,„darum handle es ſich gerade.“ „Es gibt nie eine geeignete Zeit, Bürſchlein!“ wiederholte Joe Willet.„In deinem Alter habe ich nie geſprochen, nie zu ſprechen verlangt, ſondern nur zugehört und es mir zu Herzen genommen; das habe ich gethan.“ „Und du würdeſt finden, Ive, daß dein Vater ein zäher Burſche im Disputiren iſt, wenn es Je⸗ mand verſuchen wollte, ihn anzutackeln,“ ſagte Parkes. „Was das anbelangt, Phil,“ bemerkte Herr Willet, indem er eine lange, dünne, ſpiralförmige Rauchwolke aus dem Mundwinkel blies und ihr ge⸗ dankenvoll nachſtierte, wie ſie entſchwebte;„was das anbelangt, Phil, ſo iſt das Disputiren eine Gabe der Natur. Wenn die Natur einen Menſchen mit einer ſolchen Eigenſchaft beſchenkt hat, ſo hat er ein Recht, den beſten Gebrauch davon zu machen, und er thut Unrecht, wenn er aus falſchem Zartgefühl nicht zugeſtehen will, daß er alſo begabt iſt; denn len für der er kte, en, ſich : 4 ich nur das aer Je⸗ kes. err nige ge⸗ das abe mit ein und fühl enn 37 dieß hieße der Natur den Rücken kehren, ſie verhöh⸗ nen, ihre koſtbaren Geſchenke geringſchätzen und ſich ſelbſt als ein Schwein erweiſen, das der Perlen nicht werth iſt, die ſie ihm vorwirft.“ Da der Wirth hier eine ſehr lange Pauſe machte, ſo folgerte Herr Parkes natürlich, er habe ſeine Rede zu Ende gebracht, weßhalb er ſich mit einiger Gra⸗ vität an den jungen Mann wandte und ausrief: „Hörſt du, was dein Vater ſagt, Joe? Du würdeſt, glaube ich, im Disputiren nicht viel mit ihm ausrichten, Musje.“ „Wenn,“ ſagte Joe Willet, indem er ſeine Augen von der Zimmerdecke nach dem Geſichte des Unterbrechers gleiten ließ, und das einſylbige Wört⸗ chen in einer Weiſe betonte, als wäre es mit fetter Frakturſchrift gedruckt, um ihm dadurch anzudeuten, daß er, wie man im gemeinen Leben zu ſagen pflegt, ſein Ruder mit ungebührlicher und unehrerbietiger Eile beigeſteckt habe;„wenn die Natur mir die Gabe der Disputirkunſt verliehen hat, Sir, warum ſollte ich es nicht zugeſtehen und mich deſſen ſogar rühmen? Ja, Sir, ich bin ein zäher Burſche in dieſem Fache. Ihr habt ganz Recht, Sir. Ich habe in dieſer meiner Stube hier meine Zähigkeit oft und vielmals erprobt, Sir, wie Ihr, meine ich, wohl wiſſen könnt, und wenn Ihr's nicht wißt,“ fügte John bei, indem er die Pfeife wieder in ſeinen Mund ſteckte,„ſo iſt's um ſo beſſer, denn ich bin 38 nicht ſtolz und keineswegs der Mann, der es Euch vorerzählen will.“ Ein allgemeines Gemurmel von Seiten ſeiner drei Gevattern und ein allgemeines Schütteln des Kopfes gegen den Kupferkeſſel hin verſicherten John Willet, daß man ſeine Kraft recht wohl erfahren habe und keines weiteren Beweiſes bedürfe, um ſeine hohe geiſtige Ueberlegenheit darzuthun. John rauchte mit noch ein Bischen mehr Würde und muſterte ſie ſchweigend. „Das iſt Alles leicht geſagt,“ murmelte Joe, der mit unterſchiedlichen unruhigen Geberden in ſeinem Stuhle hin und her gerückt war.„Wenn ihr mir aber damit bedeuten wollt, daß ich nie meine Lippen öffnen ſoll—* „Schweig, Burſche!“ brüllte ſein Vater.„Nein, du ſollſt es nie. Wenn man dich um deine Mei⸗ nung fragt, ſo antworteſt du, und wenn man dich anredet, ſo redeſt du gleichfalls. Wenn man aber deiner Meinung nicht bedarf und du nicht angeredet wirſt, ſo haſt du auch keine Meinung abzugeben oder zu ſprechen. Die Welt hat da ſeit meiner Zeit ge⸗ wiß eine ſaubere Veränderung erlitten. Mein Glaube iſt, daß es gar keine Knaben mehr gibt— daß durchaus kein ſolches Ding wie ein Knabe mehr übrig geblieben iſt— daß man ein Wickelkind von einem Mann gar nicht mehr unterſcheiden kann— und daß mit ſeiner geſegneten Majeſtät, König Georg II., alle Knaben ausgegangen ſind.“ 39 „Das iſt eine ſehr richtige Bemerkung, freilich mit ſtetiger Ausnahme der jungen Prinzen,“ ſagte der Küſter, der, als der Repräſentant von Kirche und Staat in dieſer Geſellſchaft, ſich zu der ſubtilſten Loyalität verpflichtet glaubte.„Wenn es für Knaben gottſelig und recht iſt, ſich im Knabenalter wie Kna⸗ ben zu benehmen, ſo kann es gar nicht fehlen, daß die jungen Prinzen Knaben ſeyn müſſen.“ „Habt Ihr je von Meerjungfern erzählen hören, Sir?“ fragte Herr Willet. „Freilich,“ verſetzte der Küſter. „Sehr gut,“ ſagte Herr Willet.„Der Conſti⸗ tution der Meerjungfern gemäß muß von der Meer⸗ jungfer, ſo viel nicht Weib an ihr iſt, Fiſch ſeyn. Der Conſtitution junger Prinzen gemäß muß von einem jungen Prinzen, was nicht eigentlich ein Engel an ihm iſt, gottſelig und recht ſeyn. Wenn es da⸗ her für junge Prinzen(wie es auch bei ihrem Alter zutrifft) geziemend, gottſelig und recht iſt, daß ſie Knaben ſeyn ſollten, ſo ſind und müſſen ſie Knaben ſeyn, und es iſt gar keine Möglichkeit vorhanden, daß ſie etwas anders wären.“ Da dieſe Beleuchtung eines ſo ſchwierigen Punk⸗ tes mit ſolchen Zeichen von Beifall aufgenommen wurde, daß John Willet in die beſte Laune gerieth, ſo begnugte er ſich, ſeinem Sohne wiederholt Still⸗ ſchweigen aufzulegen, und ſprach ſofort zu dem Fremden: „Wenn Ihr Eure Fragen an erwachſene Perſonen 40 — an mich, zum Beiſpiel, oder an einen von dieſen Her⸗ ren, geſtellt hättet, ſo würdet Ihr eine genügende Antwort erhalten und nicht umſonſt Euren Athem verſchwendet haben. Miß Haredale iſt Herrn Geof⸗ frey Haredale's Nichte.“ „Lebt ihr Vater noch?“ fragte der Fremde gleichgültig. „Nein,“ verſetzte der Wirth,„er lebt nicht, und iſt auch nicht geſtorben— ℳ „Nicht geſtorben?“ rief der Andere. „Nicht geſtorben auf die gewöhnliche Art und Weiſe,“ erwiederte der Wirth. Die Gevattern nickten einander zu, und Herr Parkes, der den Kopf ſchüttelte, als wollte er ſagen, „möge mir Niemand widerſprechen, denn ich werde ihm nicht glauben,“ verſetzte in einem leiſen Tone: „John Willet ſey dieſen Abend erſtaunlich ſtark und könnte wohl mit einem Oberrichter anbinden.“ Der Fremde ſchwieg eine Weile und fragte dann abgebrochen: „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Mehr als Ihr denkt, Freund,“ entgegnete John Willet.„Es liegt mehr Sinn in dieſen Worten, als Ihr vermuthet.“ „Möglich,“ ſagte der Fremde grämlich;„aber was zum Teufel braucht Ihr ſo in Geheimniſſen zu ſprechen? Ihr habt mir vorhin geſagt, der Mann lebe nicht, ſey aber auch nicht geſtorben— dann, er ſey nicht geſtorben in der gewöhnlichen Art und —-——80—————D888— 41 Weiſe— und dann meint Ihr, es läge weit mehr in Euern Worten, als ich vermuthe. Offen geſpro⸗ chen, ſo etwas iſt leicht geſagt, denn ſo viel ich finden kann, liegt kein Sinn dahinter. Ich frage daher noch einmal, was meint Ihr damit?“ „Das,“ verſetzte der Wirth, der durch den ſauer⸗ töpfiſchen Fremden ein wenig aus ſeiner Würde herausgeworfen wurde,„iſt eine Maibaumgeſchichte, und iſt es ſeit den letzten vierundzwanzig Jahren immer geweſen;'s iſt Solomon Daiſy's Geſchichte. Sie gehört zu dem Hauſe, und Niemand, als Solo⸗ mon Daiſy hat ſie je unter dieſem Dache erzählt, oder, was noch mehr iſt, ſoll ſie erzählen.“ Der Mann blickte auf den Küſter, deſſen kennt⸗ nißreiche und würdige Miene klärlich bekundete, daß er die erwähnte Perſon ſey; und da er bemerkte, daß der genannte Mann nach einem ſehr langen Zuge, um ſie brennend zu erhalten, ſeine Pfeife aus dem Munde genommen hatte und augenſcheinlich im Be⸗ griffe war, ſeine Geſchichte ohne weiteres Drängen zu erzählen, ſo ſchlug er ſeinen weiten Rock um ſich, und zog ſich noch weiter zurück, bis er ſich in dem Dunkel der geräumigen Kaminecke faſt ganz verlor, indem ſeine Geſtalt nur für Augenblicke erleuchtet wurde, wenn die Flamme ſich unter einem großen Reißig⸗ bund, der ſie faſt erdrückte, emporkämpfte und in ſtarker und plötzlicher Lohe in die Höhe ſchlug, dann aber eine tiefere Dunkelheit, als zuvor, eintreten ließ. Bei dieſem flackernden Lichte, in welchem das alte Zimmer mit ſeinem ſchweren Gebälke und den ge⸗ täfelten Wänden ausſah, als ſey es von polirtem Elfenbein gebaut— und während der Wind draußen brüllte und heulte, bald an der Klingel raſſelnd und die Angeln der ſtarken Eichenthüre erknarren machend, bald gegen den Fenſterrahmen treibend, als wolle ſie denſelben einſchlagen— bei dieſem Lichte und unter ſo bedeutungsvollen Auſpizien begann Solomon Daiſy ſeine Erzählung. „Herr Reuben Haredale, Herrn Geoffrey's älterer Bruder—“ Hier machte er mit einemmale Halt und pau⸗ ſirte ſo lange, daß ſogar John Willet ungeduldig wurde und ihn fragte, warum er nicht fortführe. „Cobb,“ ſagte Solomon Daiſy, ſeine Stimme dämpfend, und den Poſthalter anredend;„welchen Mo⸗ natstag haben wir heute?“ „Den neunzehnten.“ „März,“ fügte des Küſter, ſich vorwärts beu⸗ gend, bei. „Den neunzehnten März; das iſt ſehr ſonder⸗ bar.“ Alle ſtimmten flüſternd bei und Solomon fuhr fort: „Herr Reuben Haredale, Herrn Geoffrey's älterer Bruder, war vor zweiundzwanzig Jahren der Beſitzer des Kaninchenhags, der, wie Joe geſagt hat,— nicht, daß du dich deß noch erinnerſt, Joe, denn dieß iſt bei einem Jungen, wie du, unmöglich, ſondern 43 weil du mich's oft erzählen hörteſt— damals ein weit größeres, beſſeres und einträglicheres Gut war, als jetzt. Seine Frau war vor Kurzem geſtorben, und hinterließ ihm ein einziges Kind— die Miß Haredale, nach der Ihr gefragt habt— velches damals kaum ein Jahr alt war.“ Obgleich ſich der Sprecher an den Mann wandte, der ſo viel Neugierde hinſichtlich derſelben Familie an den Tag gelegt hatte, und obgleich er hier eine Pauſe machte, als erwarte er einen Ausruf der Ueber⸗ raſchung oder Ermuthigung, ſo ließ Letzterer doch keine Bemerkung fallen und gab ebenſowenig durch irgend eine Andeutung zu erkennen, daß er das Ge⸗ ſagte höre oder ſich dafür intereſſtre. Solomon wandte ſich daher wieder an ſeine alten Kameraden, deren Naſen prächtig durch die glührothe Glut ihrer Pfei⸗ fenköpfe beleuchtet waren— durch lange Erfahrung von ihrer Aufmerkſamkeit überzeugt und entſchloſſen, ſeine Empfindlichkeit gegen ein ſolches ungebührliches Be⸗ tragen an den Tag zu legen. „Herr Haredale,“ ſagte Solomon, dem Fremden den Rücken zukehrend,„verließ nach dem Tode ſeiner Frau dieſen Ort, weil er ſich hier zu einſam fühlte, und ging nach London, wo er ſich mehrere Monate aufhielt; da es ihm aber auch dort ſo einſam wurde, wie in dem Kaninchenhag— ich will das wohl glauben und habe von London nie anders ſprechen hören— kehrte er plötzlich mit ſeinem kleinen Mäd⸗ chen nach dem letzteren Orte zurück und brachte 44 damals außerdem noch zwei weibliche Dienſtboten, ſeinen Hausverwalter und einen Gärtner mit.“ Herr Daiſy hielt inne, um einen Zug aus ſeiner Pfeife zu thun, welche ausgehen wollte, und fuhr dann wieder fort— anfangs in einem näſelnden Tone, veranlaßt durch den Wohlgeruch des Tabaks und das ſtarke Ziehen aus der Pfeife, ſpäter aber mit erhöhter Deutlichkeit: „Brachte alſo zwei weibliche Dienſtboten mit, ſeinen Hausmeiſter und einen Gärtner. Seine übrige Dienerſchaft war in London zurückgeblieben und ſollte erſt des andern Tages nachkommen. Zufällig ſtarb in jener Nacht ein alter Herr, der in Chigwell⸗row wohnte und ſchon lange krank geweſen war, weß⸗ halb Nachts um halb ein Uhr das Geſuch an mich erging, hinzugehen und die Sterbeglocke zu läuten.“ Unter den Zuhörern entſtand eine Bewegung, welche hinreichend die Abneigung beurkundete, mit welcher jeder von ihnen ſich zu einer ſolchen Stunde und zu einer ſolchen Verrichtung auf den Weg ge⸗ macht haben würde. Der Küſter fühlte und verſtand dieß, und machte demgemäß in ſeinem Thema weiter. „Ja, es war zuverläſſig eine ſchauerliche Auf⸗ gabe, zumalen da der Todtengräber bettlägerig war, in Folge ſeiner langen Arbeit im feuchten Boden und des Niederſitzens auf kalten Grabſteinen, um ſein Mittageſſen darauf einzunehmen. Ich ſah mich deßhalb genöthigt, allein zu gehen, denn es war ſchon zu ſpät, als daß ich hätte hoffen dürfen, einen andern 45 Begleiter aufzutreiben. Wie dem übrigens ſey, ich war nicht unvorbereitet darauf; denn der alte Herr hatte oft gebeten, man möchte die Glocke in möglichſter Bälde läuten, nachdem der Athem aus ſeinem Körper entwichen wäre, und man hatte ihm ſchon ein paar Tage auf's Ende gewartet. Ich machte alſo zum böſen Spiel eine möglichſt gute Miene, mummte mich warm ein(denn es war eine grimmige Kälte) und brach mit meiner Laterne in der einen und dem Kirchenſchlüſſel in der andern Hand auf.“ Als die Erzählung ſo weit gekommen war, rauſchte das Gewand des Fremden, als ob er ſich umgewandt hätte, um deutlicher hören zu können. Leicht mit dem Daumen über die Schulter deutend, zog Solomon ſeine Augenbrauen in die Höhe und nickte Joe eine ſtumme Frage zu, ob dieß wirklich der Fall ſey. Joe beſchattete ſeine Augen mit der Hand und ſpähte nach dem Winkel; da er jedoch keine Gewißheit darüber einzuziehen vermochte, ſo ſchüttelte er den Kopf. „Es war gerade eine ſolche Nacht, wie dieſe: ein eigentlicher Orkan, ſchwere Regengüſſe und un⸗ gemein finſter— ich meine oft, finſterer, als ich je vorher oder nachher eine Nacht geſehen habe. Mög⸗ lich, daß dieß nur eine Einbildung iſt, aber die Häuſer waren alle geſchloſſen, die Leute drinnen, und vielleicht exiſtirt nicht ein einziger weiterer Mann, der ſagen könnte, wie dunkel es in Wirklichkeit war. Ich ging in die Kirche, hackte die Thüre ein, daß ſie offen bleiben mußte— denn aufrichtig geſtan⸗ 46 den, es ſagte mir nicht zu, mich allein dort einzu⸗ ſchließen— ſtellte meine Laterne auf die ſteinerne Bank in dem kleinen Winkel, wo das Glockenſeil iſt, und ſetzte mich daneben nieder, um das Licht zu ſchneuzen. „Ich ſetzte mich alſo daneben, um das Licht zu ſchneuzen, und nachdem ich dieß gethan hatte, konnte ich es nicht über mich gewinnen, wieder aufzuſtehen und an's Werk zu gehen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich dachte an alle Geiſtergeſchichten, von denen ich je gehört, ja ſogar an diejenigen, die man mir, als ich noch Schulknabe war, erzählt und die ich längſt vergeſſen hatte; und ſie fielen mir nicht eine nach der andern ein, ſondern alle zumal. Ich erinnerte mich einer Sage, die im Dorfe umging, wie in einer gewiſſen Nacht des Jahres(ich konnte nicht wiſſen, ob es nicht gerade dieſelbe Nacht war) alle Todten aus der Erde hervorſtiegen und ſich bis zum Morgen oben an ihren Gräbern niederſetzten. Dieß brachte mich auf den Gedanken, wie viele Leute, die ich kannte, zwiſchen der Kirchthüre und dem Kirchhofthore begraben lägen, und wie ſchauer⸗ lich es ſeyn müßte, an ihnen vorbeizugehen und ſie zu erkennen, ſo erdfahl und ſich ſelbſt ſo ganz un⸗ ähnlich. Ich hatte von Kindsbeinen an alle Niſchen und Bogen in der Kirche gekannt; und doch konnte ich mich nicht überreden, daß es ihre natürliche Schat⸗ ten wären, die ich auf dem Pflaſter ſah, ſondern es war mir, als ob einige häßliche Geſtalten ſich dahinter —2 G + Nà§ 9—=8 K& R 47 verſteckten und hervorſahen. Unter ſolchen Gedanken fiel mir auch der eben verſtorbene alte Herr ein, und ich hätte, als ich nach der dunkeln Kanzel hinaufſah, darauf ſchwören wollen, ich ſehe ihn an ſeinem gewöhnlichen Platze, in ſein Leichentuch ge⸗ hüllt und zuſammenſchaudernd, als ob es ihn fröre. Dieſe ganze Zeit über ſaß ich horchend und hor⸗ chend, indem ich kaum zu athmen wagte. Endlich fuhr ich auf und griff nach dem Glockenſeile. In demſelben Augenblicke klang— nicht dieſe Glocke, denn ich hatte das Seil kaum berührt— ſondern eine andere! „Ich hörte deutlich das Geläute einer andern, und zwar einer ſehr tieftönenden Glocke. Es dauerte nur einen Augenblick und ſelbſt da führte der Wind den Schall hinweg. Ich lauſchte noch eine geraume Weile, aber ſie klang nicht mehr. Ich hatte von Leichenkerzen gehört, und endlich fühlte ich mich überzeugt, daß dieß eine Leichenglocke ſeyn müſſe, die um Mitternacht ſelbſt um die Todten läute. Ich ſetzte nun meine Glocke in Bewegung— wie oder wie lange weiß ich nicht— und eilte nach Hauſe in mein Bett, ſo ſchnell als mich meine Fuͤße tragen wollten. „Des andern Morgens ſtand ich nach einer ſchlafloſen Nacht früh auf und erzählte die Geſchichte meinen Nachbarn. Einige nahmen die Sache ernſt, andere nur ſo oben hin, und ich denke nicht, daß Jemand an ihre Wirklichkeit glaubte. Aber an dem⸗ 48 ſelben Morgen fand man Herrn Reuben Haredale in ſeinem Schlafzimmer ermordet, und in ſeiner Hand ein Stück Seil, das zu einer Lärmglocke über dem Dache gehört hatte. Der Strick hing in ſein Zimmer herunter und war ohne Zweifel von dem Mörder abgeſchnitten worden, als Herr Haredale darnach langte. 4 „Dieß war die Glocke, die ich gehört hatte. „Man fand ein Bureau erbrochen, und eine Geldkaſſe, welche Herr Haredale an dieſem Tage mit ſich gebracht hatte, und die, wie man vermuthete, eine große Summe Geldes enthielt, war fort. Man vermißte und beargwohnte geraume Zeit den Haus⸗ meiſter und den Gärtner; aber ſie wurden nicht ge⸗ funden, obgleich man weit und breit nach ihnen ſtreiffte. Und man hätte weit genug nach dem Haus⸗ meiſter, dem armen Herrn Rudge, ſpähen müſſen, deſſen Leiche— kaum mehr an ſeinen Kleidern, der Uhr und dem Ringe, die er trug, zu erkennen— nach vielen Monaten aus dem kleinen Teich auf den Grundſtücken ausgefiſcht wurde, eine tiefe Wunde von einem Meſſerſtich in der Bruſt. Er war nur theilweiſe angekleidet, und alle Leute meinten, er müſſe leſend in ſeinem Zimmer geſeſſen haben, wo ſich noch viele Blutſpuren vorfanden, daſelbſt plötz⸗ lich überfallen und vor den Augen ſeines Herrn ge⸗ tödtet worden ſeyn.. „Jedermann wußte nun, daß der Gärtner der Möorder ſeyn mußte; und obgleich man von jener 49 Zeit bis auf den heutigen Tag nichts von ihm hörte, ſo wird man doch, denkt an mich, ſeiner Zeit ſicher⸗ lich etwas von ihm erfahren. Das Verbrechen wurde heute vor zweiundzwanzig Jahren begangen— am neunzehnten März eintauſend ſiebenhundert und drei⸗ undfünfzig. Am neunzehnten März irgend eines Jahres, gleichviel wann— ich weiß es und bin überzeugt davon, denn ſeitdem ſind wir immer an dieſem Tage auf eine oder die andere wunderſame Weiſe auf dieſe Geſchichte zurückgebracht worden— am neunzehnten März in irgend einem Jahre, früher oder ſpäter, wird dieſer Menſch entdeckt werden.“ Viertes Kapitel. „Eine wunderliche Geſchichte,“ ſagte der Mann, der zu dieſer Erzählung Anlaß gegeben hatte. „Und noch wunderſamer, wenn Eure Prophe⸗ zeiung eintrifft. Iſt's jetzt zu Ende?“ Eine ſo unerwartete Frage incommodirte So⸗ lomon Daiſy nicht wenig: denn da er die Geſchichte ſchon ſo oft erzählt, und, wie im Dorfe das Gerücht ging, mit einigen Schnörkeln, die er nach Beſchaffenheit ſeiner verſchiedenen Zuhörer von Zeit zu Zeit ummodelte, ausgeſchmückt hatte, ſo war er Boz XVI. Barnaby Rudge. 4 allmälig ſo weit gekommen, ſie mit großem Nachdruck an den Mann zu bringen. Er war daher nach der höchſten Steigerung derſelben an ein ſolches„Iſt's jetzt zu Ende?“ nicht gewöhnt. „Iſt's jetzt zu Ende?“ wiederholte er.„Ja, es iſt zu Ende, Sir. Und ich dächte, daß es auch genug wäre.“ „Nun, ich bin auch der Meinung. Mein Pferd, junger Mann. Es iſt nur eine Mähre, die ich an der Landſtraße in einem Poſthauſe miethete, aber ſie muß mich heute noch nach London tragen.“ „Heute Nacht?“ ſagte Joe. „Heute Nacht,“ entgegnete der Andere.„Warum ſtiert Ihr mich ſo an? Es ſcheint, in dieſer Kneipe ſprechen alle müſſigen Maulaufreißer der ganzen Nachbarſchaft ein.“ Bei dieſer Bemerkung, welche ſich augenſchein⸗ lich auf die im vorigen Kapitel erwähnte Muſterung bezog, flogen die Blicke von John Willat und ſeinen Freunden mit bewundernswürdiger Schnelligkeit wie⸗ der dem Kupferkeſſel zu. Nicht ſo bei Joe, der, als ein feuriger Burſche, die zornige Miene des Fremden mit einem feſten Blicke erwiederte und folgendermaßen ſprach: „Es iſt doch keine Vermeſſenheit, wenn man ſich wundert, daß Ihr bei Nacht weiter gehen wollt? Gewiß hat man auch in andern Wirths⸗ häuſern ſchon eine ſolche Frage an Euch geſtellt, und zwar bei beſſerem Wetter, als bei dem heutigen. ——y — 51 Vielleicht kennt Ihr auch den Weg nicht, da Ihr in dieſer Gegend fremd zu ſeyn ſcheint.“ „Den Weg—“ wiederholte der Andere reizbar. „Ja; oder kennt Ihr ihn vielleicht?“ „Ich werde— hum!— ich werde ihn finden,“ verſetzte der Mann, mit der Hand abwehrend und ſich umdrehend.„Wirth, meine Rechnung.“ John Willet beſorgte das Gewünſchte, denn in dieſem Punkte war er ſelten langſam, die Ein⸗ zelnheiten des Herausgebens und des Prüfens des Geldes ausgenommen, da er jede Münze an ſeinen Zähnen, ſeiner Zunge oder anderweitig probirte, und in zweifelhaften Fällen eine lange Reihe von Me⸗ tallproben anſtellte, die dann leicht mit einer Zu⸗ rückweiſung des Geldes endigten. Der Gaſt hüllte ſich ſo dicht in ſeine Kleider, daß er möglichſt wirkſam gegen das rauhe Wetter geſchützt war, und begab ſich, ohne ein Wort oder Zeichen des Ab⸗ ſchieds, nach dem Stallhof. Dort ſtand bereits Joe, der nach dem Schluſſe ihres kurzen Zwie⸗ geſprächs das Zimmer verlaſſen hatte, mit dem Pferde unter dem ſchirmenden Dache eines alten Schuppens. „Das Thier iſt ſo ziemlich meiner Anſicht,“ ſagte Joe, indem er daſſelbe auf den Hals klopfte. „Ich wette, wenn Ihr hier über Nacht bliebet, ſo wäre es ihm lieber, als mir.“ „Es iſt auf dieſem Wege ſchon mehr als ein⸗ 4* mal anderer Meinung geweſen, als ich,“ lautete die kurze Gegenrede. „Das dachte ich mir, ſchon ehe Ihr heraus⸗ kamt, denn es hat Eure Sporen gefühlt, das arme Beeſt.“ Der Fremde ſchob ſeinen Rockkragen über ſein Geſicht und gab keine Antwort. „Ihr möchtet mich gerne ſeiner Zeit wieder er⸗ kennen, wie ich ſehe,“ ſagte er, als er den ernſten Blick bemerkte, womit ihn der junge Menſch anſah, während er in den Sattel ſprang. „Als ob es ſich bei einem Manne nicht der Mühe verlohnte, Herr, der auf einem abgehezten Pferde einen Weg reiten will, den er nicht kennt, und in einer Nacht, wie dieſe, ein gutes Quartier ausſchlägt.“ „Ihr habt ſcharfe Augen und eine ſcharfe Zunge, finde ich.“ „Beides iſt hoffentlich ein Geſchenk der Natur, aber die letztere will aus Mangel an Uebung zu⸗ weilen ein wenig einroſten.“ „Ihr mögt auch die erſteren ein Bischen weniger üben, und ihre Schärfe für Euer Liebchen aufbe⸗ wahren,“ ſagte der Mann. Mit dieſen Worten entriß er ihm den Zügel, gab ihm mit dem Peitſchenſtiele einen derben Schlag auf den Kopf und galopirte von hinnen, mit ſtůr⸗ miſcher Eile durch Koth und Dunkel ſprengend, was wohl wenige ſo ſchlecht berittene Perſonen gewagt —. — 2ͤe dSͤSͤ— △—%[ 53 haben würden, ſelbſt wenn ſie durchaus mit der Gegend bekannt geweſen wären, da ein ſolcher Ritt für einen Mann, der nichts von dem Wege wußte, auf jeden Schritt mit großer Gefahr verbunden war. Die Straßen waren damals ſelbſt im Umkreiſe von zwölf engliſchen Meilen um London ungemein ſchlecht angelegt, gebaut und unterhalten. Der Weg, welchen dieſer Reiter einſchlug, war durch die Räder ſchwerer Frachtwagen aufgepflügt und hatte durch die Fröſte und Thauwetter des vergangenen Winters, vielleicht auch vieler Winter, äußerſt Noth gelitten. Die großen Löcher im Boden, welche jetzt in Folge des Regens mit Waſſer angefüllt waren, konnte man ſchon bei Tag nicht leicht unterſcheiden, und ein Sturz in eines derſelben hätte auch ſicherere Beine, als die des armen Gaules, welcher jetzt weit über ſeine Kräfte angeſtrengt wurde, zu Falle bringen müſſen. Scharfe Kieſel und Steine rollten unabläßig unter ſeinen Hufen, und der Reiter konnte kaum über den Kopf ſeines Thieres hinaus, oder weiter als auf Armslänge zur Seite ſehen. Auch wurden damals alle Straßen in der Nähe der Haupt⸗ ſtadt durch Straßenräuber unſicher gemacht, und namentlich war dieß eine Nacht, in welcher jeder Jauner ſein ungeſetzliches Gewerbe ohne Furcht vor Entdeckung üben konnte. Demungeachtet ſtürmte aber der Reiſende in dem gleichen ungeſtümen Galop vorwärts, ohne Rück⸗ ſicht auf den Schmutz und Schlamm, der über ſeinem Kopfe zuſammenſpritzte, oder auf das tiefe Dunkel der Nacht und die Wahrſcheinlichkeit, auf ſeinem Wege irgend einem verzweifelten Galgenſtricke zu begegnen. Bei jeder Biegung und Wendung, ſelbſt da, wo ein Abweichen von der geraden Richtung am min⸗ deſten hätte erwartet werden ſollen und nicht früher geſehen werden konnte, bis der Reiter dicht daran war, führte er den Zügel mit ſicherer Hand und hielt die Mitte der Straße ein. So ſprengte er dahin, in ſeinen Bügeln ſtehend, den Leib vorwärts gebeugt, daß er faſt den Hals des Pferdes berührte, und mit dem Ungeſtüm eines Tollen die Peitſche über ſeinem Haupte ſchwingend. Es gibt Zeiten, wo bei irgend einer ungewöhn⸗ lichen Aufregung der Elemente ſolche, die auf wag⸗ halſige Unternehmungen ausgehen, oder von irgend einem großen Gedanken, möge er nun ein guter oder böſer ſeyn, getrieben werden, in dem Aufruhr der Natur eine geheimnißvolle Sympathie fühlen, und zu einem entſprechenden Ungeſtüm ſich ſteigern. Unter Donner, Blitz und Sturm wurde ſchon manche ſchreckliche That begangen, und Menſchen von der ruhigſten Selbſtbeherrſchung ließen plötzlich ihren Leidenſchaften, die ſie nicht länger beherrſchen konn⸗ ten, den Zügel. Die Damonen des Zorns und der Verzweiflung haben ſchon mit denen, welche auf Wirbelwinden heranfliegen und den Sturm leiten, zu wetteifern geſtrebt, und der Menſch, durch das Gebrüll der Winde und die ziſchende Fluth zum — 2——,—-—„ 5⁵ Wahnſinn geſtachelt, iſt vorübergehend ſchon ſo wild und erbarmungslos geworden, als die Elemente ſelbſt. Mochte nun der Reiſende von Gedanken beſeſſen ſeyn, welche die Wuth der Nacht erhitzte und zu einem raſcheren Laufe anſpornte, oder wurde er blos durch einen gewichtigen Grund angetrieben, ſeine Reiſe ſchleunigſt zu beendigen— er fegte dahin, mehr wie ein gehetztes Geſpenſt, als wie ein Menſch, ohne ſein Rennen auch nur im mindeſten zu zügeln, bis er auf einer Straßenkreuzung, von denen die eine auf einem Umwege nach dem Maibaum zurück⸗ führte, ſo plötzlich auf ein ihm entgegenkommendes Fuhrwerk ſtieß, daß er, um auszuweichen, ſein Pferd zurückreißen mußte, welches ſich bei dem Rucke bäumte und beinahe nach hinten überſchlug. „Ho, ho!“ rief die Stimme eines Mannes. „Was iſt das? Wer kömmt da?“ „Gut Freund!“ verſetzte der Reiſende. „Gut Freund?“ wiederholte die Stimme.„Nie kann ſich Einer, der alſo reitet, gut Freund nennen — ein Menſch, der die Gaben des Himmels in der Geſtalt von Pferdefleiſch mißbraucht und nicht nur ſich ſelbſt, an was vielleicht nicht viel gelegen wäre, ſondern auch andere Leute in Gefahr ſetzt, den Hals zu brechen?“ „Ihr habt da, wie ich ſehe, eine Laterne,“ ſagte der Reiſende abſteigend.„Leiht mir ſie für einen Augenblick. Ihr habt, glaube ich, mit Eurer Deichſel oder einem Rad mein Pferd verwundet.“ „Verwundet?“ rief der Andere.„Es iſt nicht Euer Verdienſt, wenn es nicht ganz und gar hin iſt. Was ſoll das heißen, daß Ihr ſo auf des Königs Landſtraßen umhergalopirt— he?“ „Gebt mir das Licht,“ entgegnete der Reiſende, indem er ihm die Laterne aus der Hand riß,„und ſtellt nicht ſolche müßige Fragen an einen Mann, der nicht in der Stimmung iſt, zu plaudern.“ „Wenn Ihr mir zuvor geſagt hättet, daß Ihr⸗ keine Luſt zum Plaudern habt, ſo wäre ich vielleicht auch nicht in der Stimmung geweſen, Euch zu leuchten,“ ſagte die Stimme.„Sey dem übrigens, wie ihm wolle, da das Pferd verwundet iſt, und nicht Ihr, ſo ſey meinetwegen Einem von euch das Licht gegönnt— jedenfalls aber nicht dem bär⸗ beißigen.“ Der Reiſende gab keine Antwort, ſondern be⸗ leuchtete ſein keuchendes und dampfendes Thier, um deſſen Leib und Glieder zu unterſuchen. Inzwiſchen blieb der Andere ganz gemächlich in ſeinem Fuhr⸗ werke, einer Art von Chaiſe mit einem Korb und einem großen Sack Handwerkszeugs, ſitzen und ſah dem Treiben des Andern aufmerkſam zu. Dieſer Zuſchauer war ein runder, rothwangiger, ſtämmiger Neoman, mit einem Doppelkinn und einer Stimme, die von gutem Leben, guter Laune, gutem Schlaf und guter Geſundheit ganz heiſer war. Er 57 hatte die Blüte des Lebens hinter ſich, aber die Zeit iſt nicht immer eine Stiefmutter, und obgleich ſie bei keinem ihrer Kinder zurückbleibt, ſo legt ſie doch nur leichte Hand an diejenigen, welche ſie gut benützt haben, und läßt ihnen, während ſie un⸗ erbittlich alte Männer und Weiber macht, doch die Jugend und Friſche des Geiſtes. Bei ſolchen Leuten iſt das graue Haupt nur der Abdruck der ſegnen⸗ den Hand, welche ihnen die gute alte Dame auf⸗ legt, und jede NRunzel nicht weiter als ein Denk⸗ zeichen in dem ruhigen Kalender eines wohlverbrach⸗ ten Lebens. Die Perſon, mit welcher unſer Reiſender ſo plötzlich zuſammentraf, gehörte zu dieſem Schlage; es war ein derber, geſunder, kräftiger und jovialer Alter, im Frieden mit ſich ſelbſt, und augenſcheinlich geneigt, auch mit der ganzen Welt Frieden zu halten. Obgleich eingemummt in verſchiedene Röcke und Schnupftücher, von denen eines, da es über den Scheitel geſchlagen und unter dem Doppelkinn in eine anſtändige Maſche zuſammengebunden war, den dreieckigen Hut und die Stutzperücke gegen eine Ent⸗ führung durch den Wind ſchützte, war doch ſeine beleibte und gemächliche Figur nicht zu verkennen. Selbſt einige ſchmutzige Fingerſpuren in ſeinem Ge⸗ ſichte mußten noch dazu beitragen, den ſchnurrigen und komiſchen Ausdruck zu erhöhen, durch welchen die natürliche gute Laune des Mannes mit unge⸗ mindertem Glanze ſtrahlte. 58 „Es iſt nicht verletzt,“ ſagte endlich der Rei⸗ ſende, den Kopf und die Laterne zumal erhebend. „Habt Ihr das endlich aufgefunden?“ verſetzte der alte Mann.„Meine Augen haben ſchon mehr Licht geſehen, als die Eurigen, aber ich möchte demungeachtet nicht mit Euch tauſchen.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Was ich damit ſagen will? Je nun, ich hätte Euch ſchon vor fünf Minuten ſagen können, daß es keinen Schaden genommen hat. Gebt mir die Laterne her, Freund, und reitet etwas langſamer. Gute Nacht!“ Bei der Zurückgabe der Laterne ſiel natürlich der volle Strahl derſelben auf das Geſicht des Sprechers. Beider Augen begegneten ſich in dem⸗ ſelben Augenblicke. Da ließ der Fremde plötzlich dieſes Beleuchtungswerkzeug fallen und zertrat es mit den Füßen. „Habt Ihr nie zuvor einen Schloſſer geſehen, daß Ihr zuſammenfahrt, als ſey ein Geiſt über Euch gekommen?“ rief der alte Mann in der Chaiſe.„Oder iſt dieß,“ fügte er haſtig bei, in⸗ dem er die Hand in den Werkzeugkorb ſteckte und einen Hammer herauszog,„ein angelegter Plan, um mich zu berauben?“ Ich kenne dieſe Wege; Freund! Wenn ich darauf reiſe, ſo trage ich nichts, als einige Shillinge, nicht einmal im Werthe von einer Krone bei mir. Um uns Beiden Mühe zu ſparen, ſage ich Euch aufrichtig, daß bei mir nichts zu 59 erholen iſt, als etwa ein in Anbetracht meiner Jahre ziemlich kräftiger Arm, und dieſes Werkzeug, das ich, in Folge langer Bekanntſchaft damit, vielleicht rührig genug zu führen im Stande bin. Verlaßt Euch darauf, es ſoll Euch nicht ganz nach Wunſche gehen, wenn Ihr ein ſolches Spiel zu ſpielen gedenkt.“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich in Verthei⸗ digungsſtand. „Ich bin nicht das, wofür Ihr mich nehmt, Herr Varden,“ verſetzte der Andere. „So ſagt mir, wer und was Ihr ſeyd?“ ent⸗ gegnete der Schloſſer.„Wie es ſcheint, ſo kennt Ihr meinen Namen. Laßt mich den wiſſen.“ „Ich verdanke dieſe Kenntniß keiner vertraulichen Mittheilung von Eurer Seite, ſondern der Inſchrift Eures Karrens, welcher Euern Namen der ganzen Stadt verkündigt,“ erwiederte der Reiſende. „So habt Ihr alſo beſſere Augen für dieß, als Ihr für Euer Pferd hattet,“ ſagte Varden, indem er raſch aus ſeiner Chaiſe ſtieg.„Wer ſeyd Ihr? Laßt mich Euer Geſicht ſehen?“ Während der Schloſſer ausſtieg, hatte ſich der Reiſende wieder in den Sattel geworfen und ſtellte ſich nun dem alten Manne entgegen, welcher, da er mit dem unter dem angezogenen Zügel ſchnaubenden Pferde gleichen Schritt hielt, nicht von deſſen Seite kam.— Eurigen „Laßt mich Euer Geſicht ſehen,“ ſage ich. „Weicht zurück!“ „Keine Narrenpoſſen da,“ ſagte der Schloſſer, „damit man ſich nicht etwa morgen im Clubb erzähle, wie Gabriel Varden ſich bei Nacht durch eine barſche Stimme habe einſchüchtern laſſen. Halt— laßt mich Euer Geſicht ſehen.“ Da der Reiſende fand, ein weiterer Widerſtand würde ihn nur in einen perſönlichen Kampf mit einem Gegner verflechten, der keineswegs zu verachten war, ſo ſchlug er ſeinen Rockkragen zurück, beugte ſich nieder und ſah dem Schloſſer feſt in's Geſicht. Vielleicht haben ſich nie zwei Menſchen, die einen ſchrofferen Gegenſatz bildeten, Angeſicht in Angeſicht gegenüber geſtanden. Die röthlichen Züge des Schloſſers ſtachen ſo ſehr gegen die ungemeine Bläſſe des Reiters ab, daß letzterer nur wie ein blut⸗ loſes Geſpenſt ausſah, während die Feuchtigkeit, welche ihm der ſcharfe Ritt abgepreßt hatte, in dun⸗ keln, ſchweren Tropfen, wie der Thau des Todes, über ſeine Haut träufelte. Auf dem Geſichte des alten Schloſſers ſtrahlte ein Lächeln, wie wenn er an die⸗ ſem ſo wenig verſprechenden Fremden irgend einen geheimen Zug von Schelmerei um Auge oder Lippen zu entdecken erwartete, der ihm unter einer ſolchen argliſtigen Verhüllung einen guten Freund verriethe, welchem er ſeinen Spaß hätte verderben mögen. Die Züge des andern waren finſter, wild und ſcheu, wie die eines Menſchen, der ſich in der 8— 61 Klemme ſieht, während ſeine feſtgeſchloſſenen Kiefer, der aufgeworfene Mund, vor Allem aber eine gewiſſe verſtohlene Bewegung der Hand nach ſeiner Bruſt, auf irgend einen verzweifelten Entſchluß hinzudeuten ſchienen, der nichts mit Maskenſpuck oder Kinderſpiel gemein hatte. So ſahen ſie ſich einander eine Weile ſchweigend an. „Hum!“ ſagte der Schloſſer, nachdem er das Geſicht des andern genau erforſcht hatte;„ich kenne Euch nicht.“ „Und verlangt es wohl auch nicht?“ entgegnete der Andere, ſich wieder wie zuvor einmummend. „Gewiß nicht,“ ſagte Gabriel.„Offen geſpro⸗ chen, Freund, Ihr tragt kein Kupfehlungsſchreiben in Eurem Geſichte.“ „Ich verlange es auch nicht,“ erwiederte der Reiſende.„Ich ziehe es vor, wenn man mich meidet.“ „Nun,“ verſetzte der Schloſſer derb,„ich denke, da wird es Euch ganz nach Wunſche gehen.“ „Gewiß, und zwar um jeden Preis,“ entgegnete der Reiſende.„Als Beleg hiefür nehmt auch das zu Herzen:— Ihr habt Euch nie in einer ſolchen Le⸗ bensgefahr befunden, als dieß in den letzten paar Augenblicken der Fall war. Wenn Ihr noch fünf Minuten zu Eurem letzten Athemzug habt, ſo wer⸗ det Ihr dem Tode nicht näher ſeyn, als in dieſer Nacht!“ „Wirklich?“ ſagte der herzhafte Schloſſer. „Allerdings, und zwar einem gewaltſamen Tode.“ „Von weſſen Hand?“ „Von der meinigen,“ entgegnete der Reiſende. Mit dieſen Worten gab er ſeinem Pferde die Sporen und ritt von hinnen, anfangs ſchwerfällig in einem leidlichen Trabe durch den Schlamm klat⸗ ſchend, dann aber allmälig in einen Galop überge⸗ hend, bis der letzte Ton ſeines Pferdehufs im Winde verhallte, und bald befand er ſich wieder in demſel⸗ ben wüthenden Rennen, in welchem er vorhin mit dem Schloſſer zuſammengeſtoßen war. Gabriel Varden blieb, die zerbrochene Laterne in der Hand, auf der Straße ſtehen und lauſchte in ſtummer Betäubung, bis kein Ton mehr an ſein Ohr ſchlug, als das Heulen des Windes und das Plätſchern des Regens. Dann klopfte er ſich ein paarmal kräftig vor die Bruſt, um ſich aus ſeiner Erſtarrung zu wecken, und brach in einen Ausruf der Ueberraſchung aus. „Was im Namen aller Wunder mag dieſer Kerl ſeyn! Ein Tollhäusler? Ein Straßenräuber? Ein Gurgelſchneider? Wenn er nicht ſo ſchnell Ferſengeld gegeben hätte, ſo wollten wir wohl geſehen haben, wer am meiſten in Gefahr war, er oder ich. Ich dem Tode nie näher geweſen, als heute Nacht? Ich hoffe, ich komme ihm für die nächſten paar Jahr⸗ zehende nicht näher, und wollte mich dann wohl be⸗ gnügen, nicht weiter von ihm weg zu ſeyn. Du mein 63 Himmel!— Eine ſaubere Prahlerei das, gegen einen kräftigen Mann.— Pah, pah!“ Gabriel ſtieg wieder in ſeinen Sitz und merkte achtſam auf den Weg, welchen der Reiſende gekom⸗ men war, indem er halblaut vor ſich hinflüſterte: „Der Maibaum— zwei Meilen bis zu dem Maibaum. Ich habe abſichtlich nach einer langen Tagesarbeit mit Schlöſſern und Glocken den Umweg über den Kaninchenhag gemacht, um nicht an dem Maibaum vorbeizukommen und der Verſuchung aus⸗ geſetzt zu werden, das Verſprechen, welches ich Mar⸗ tha gab, nicht daſelbſt einzuſprechen, zu brechen. Das nenne ich Entſchloſſenheit! Indeß würde es gefährlich ſeyn, ohne Licht nach London zu fahren, und es iſt gute fünfthalb Meilen bis zu dem Hauſe, das auf der Halbſcheid des Weges liegt; zwiſchen hier und dort iſt aber ein Licht gerade am meiſten vonnöthen. Zwei Meilen bis zum Maibaum! Ich verſprach Martha, ich wolle nicht; ich ſagte, ich wolle nicht, und ich that es nicht— das nenne ich Entſchloſ⸗ ſenheit!“ Die letzteren vier Worte ſehr oft wiederholend, als wolle er ſich für die kleine Entſchloſſenheit, die er zeigen wollte, dadurch ſchadlos halten, daß er ſich auf die bewieſene große etwas zu gute that, kehrte Gabriel Varden ruhig wieder um, in der Abſicht, ſich im Maibaum ein Licht geben zu laſſen, aber auch nichts weiter, als ein Licht. Als er jedoch vor dem Maibaum anlangte und 64 Joe auf ſeinen wohlbekannten Ruf herauskam, um das Pferd zu bedienen, dabei aber die Thüre hinter ſich offen ließ und eine ſo köſtliche Ausſicht auf Licht und Waͤrme eröffnete— als der röthliche Strahl des Feuers, der durch die alten, rothen Vorhänge der Wirthsſtube ſtrömte, als einen Theil ſeines Selbſts ein vergnügliches Stimmengeſumme, einen würzigen Duft von dampfendem Grog und ſeltenem Tabak, ſo zu ſagen durch die behagliche Glut gekräftigt, mit ſich zu führen ſchien— als die Schatten, die an den Vorhängen vorüberzogen, zeigten, daß die In⸗ ſaßen aus ihren behaglichen Sitzen aufgeſtanden waren, um in dem traulichen Winkel(wie gut kannte er dieſen Winkel!) für den ehrlichen Schloſſer Platz zu machen, und eine breite Flamme plötzlich aufloderte, um Zeugniß abzulegen von der Güte des praſſelnden Holzes, von dem jetzt gewiß ein brillan⸗ ter Funkenregen als Bewillkommnungsgruß für ihn den Schornſtein hinaufwirbelte— als ſich, um dieſe Reizmittel zu erhöhen, aus der fernen Küche ein ſanfter Ton von praſſelnden Braten, das muſikaliſche Geklapper von Teller und Schuſſeln und ein würzi⸗ ger Duft, der ſelbſt den brauſenden Wind mit Wohl⸗ geruch anfüllte, heranſtahl— da fühlte Gabriel ſeine Standhaftigkeit raſch dahinſchwinden. Er ver⸗ ſuchte, die Schenke mit ſtoiſchem Blicke anzuſehen, aber ſeine Züge milderten ſich zu einem ſchmachten⸗ den Ausdrucke. Er wandte den Kopf ab, und die kalte, düſtere Gegend ſchien ihm düſtere Blicke zuzu⸗ 65 werfen und ihn gebieteriſch zu ermahnen, in den gaſtfreundlichen Armen des Wirthshauſes eine Zu⸗ flucht zu ſuchen. „Der Gerechte erbarmt ſich auch ſeines Viehes, Iwe,“ ſagte der Schloſſer.„Ich will ein wenig ausſteigen.“ Und wie natürlich war es auch, auszuſtei⸗ gen. Und wie unnatürlich wäre es einem nüch⸗ ternen Manne vorgekommen, ſich mühſam durch kothige Straßen zu ſchleppen und ſich der rauhen Begegnung von Wind und Platzregen auszuſetzen, wenn es irgendwo einen reinlichen, mit weißem Sand beſtreuten Stubenboden, einen wohlgefegten Herd, ein loderndes Feuer, einen mit weißem Tuche ge⸗ ſchmückten Tiſch, blanke Zinnkannen und andere ver⸗ lockende Vorbereitungen für ein gutes Mahl gab— und wo noch obendrein eine heitere Tiſchgenoſſenſchaft und alles bereit war, ihn zum Genuß einzuladen. Drittes Kapitel. Mit ſolchen Gedanken trug ſich der Schloſſer jedoch erſt, als er in dem behaglichen Winkel ſaß und ſich langſam von einem angenehmen Augenübel erholte— angenehm, weil es in dem Winde ſeinen Boz XVI. Barnaby Rudge. 5 66 Grund hatte, der ihm in die Augen geblaſen, und es daher eine Maßregel der Geſundheitspolizei und eine gebieteriſche Pflicht wurde, ſich gegen das Un⸗ wetter zu ſchützen. Aus dem gleichen Grunde fühlte er ſich auch veranlaßt, einen kleinen Huſten ärger zu machen und die Erklärung abzugeben, daß es ihm ganz elend ſey. Derartige Gedanken begleiteten ihn auch noch eine volle Stunde nachher, als das Nacht⸗ eſſen bereits vorüber war und er mit glänzendem, jovialem Geſichte in demſelben warmen Winkel ſaß, auf das Grillengezirp des kleinen Solomon Daiſy horchend, und ſelbſt keine unwichtige oder un⸗ reſpektirte Rolle unter den geſelligen Schwätzern ſpie⸗ lend, welche um das Feuer des Maibaumes verſam⸗ melt waren. „Ich möchte wünſchen, daß er ein ehrlicher Mann iſt, weiter ſage ich nicht,“ ſprach Solomon, als Schluß zu unterſchiedlichen Spekulationen über den Fremden, hinſichtlich deſſen Gabriel ſeine Notizen mit denen der Geſellſchaft verglichen und ſo ferne Gelegenheit zu einer ernſten Discuſſion gegeben hatte; „ich möchte wünſchen, daß er ein ehrlicher Mann iſt.“ „Hoffentlich iſt dieß bei uns Allen der Fall?“ bemerkte der Schloſſer. „Nein,“ ſagte Joe. „Nicht?“ rief Gabriel. „Nein. Der elende Feigling hat mich mit ſeiner Peitſche geſchlagen, als er zu Pferde und ich zu Fuß uß 67 war; es wäre mir daher lieber, er wieſe ſich als das aus, wofür ich ihn halte.“ „Und das wäre, Joe?“ „Für nichts Gutes, Herr Varden. Ihr mögt Euren Kopf ſchütteln, Vater, aber ich ſage, für nichts Gutes, und will ſagen, für nichts Gutes, und wuͤrde noch hundertmal ſagen, für nichts Gutes, wenn ich ihn dadurch veranlaſſen könnte, umzukehren und ſich die Tracht Prügel zu holen, die er ver⸗ dient.“ „Halt dein Maul, Bürſchlein,“ ſagte John Willet. „Ich mag nicht, Vater. Es iſt rein Eure Schuld, daß er ſich herausnahm, mich in einer ſolchen Weiſe zu behandeln. Er ſah, daß man mit mir umging, wie mit einem Kinde, daß man mir zu reden verbot, wie einem Narren— und da faßte er ſich ein Herz und wiſchte einem Kerl aus, der, wie er dachte und auch denken durfte, keine Spur von Grütze im Kopf hat. Aber da iſt er im Irrthum, wie er mir erfah⸗ ren ſoll, und zwar ehe noch eine lange Zeit darüber verſtreicht.“ „Weiß denn der Junge auch, was er ſagt?“ rief der erſtaunte John Willet. „Vater,“ entgegnete Joe,„ich weiß recht wohl, was ich ſage und ſagen will— beſſer als Ihr, wenn Ihr mich ſprechen hört. Von Euch will ich mir's zur Noth gefallen laſſen, aber ich kann die Verach⸗ tung nicht ertragen, welche mir Eure Behandlung 5*† ——— —. jeden Tag von Andern zuzieht. Seht auf andere junge Leute meines Alters. Haben ſie keine Freiheit, keinen Willen, kein Recht zu ſprechen? Müſſen ſie auch wie ſtumme Hunde da ſitzen und ſich überall her⸗ um zurechtweiſen laſſen, bis ſie bei Alt und Jung zum Gegenſtand des Gelächters werden? Ich bin in ganz Chigwell zum Sprichwort geworden, und ich ſage Euch— es iſt jedenfalls ehrlicher, wenn ich es jetzt ſage, als wenn ich warte, bis Ihr todt ſeyd, und ich Euer Geld eingethan habe— ich ſage Euch, daß man mich mit Gewalt dazu treibt, über kurz oder lang ſolche Bande zu brechen, und wenn dieß der Fall iſt, ſo habt Ihr nicht mir, ſondern keinem andern Menſchen als Euch ſelbſt Vorwürfe darüber zu machen.“ John Willet war ſo erſtaunt über die Gereizt⸗ heit und Kühnheit ſeines hoffnungsvollen Sohnes, daß er ganz betäubt da ſaß und in gar komiſcher Weiſe nach dem Keſſel hinſtierte, vergeblich bemüht, ſeine trägen Gedanken zu ſammeln und eine paſſende Antwort zuſammen zu bringen. Die kaum weniger beſtürzten Gäſte befanden ſich in der gleichen Verle⸗ genheit, bis ſie ſich endlich unter leiſen, halbausge⸗ drückten Condolenzen und Rathſchlägen zum Aufbruche anſchickten, da ſie um dieſe Zeit ſchon ein wenig den Branntwein im Kopfe ſpürten. Nur der ehrliche Schloſſer richtete ein paar Worte zuſammenhängenden und verſtändigen Rathes an beide Partien, indem er John Willet angelegent⸗ ——& RNA— α—— 69 lichſt erinnerte, Joe habe bald das Mannesalter er⸗ reicht, weßhalb man bei ihm die Zügel nicht zu ſtraff anziehen dürfe; zugleich ermahnte er aber auch Joe, die Launen ſeines Vaters zu ertragen und lieber den Verſuch zu machen, ihm durch beſcheidene Vorſtellun⸗ gen, als durch ein unzeitiges Rebelliren zu begegnen. Dieſer Rath wurde hingenommen, wie es gewöhnlich bei ſolchen Rathſchlägen zu gehen pflegt. Auf John Willet machte er einen faſt eben ſo großen Ein⸗ druck, als auf das Wirthshauszeichen vor der Thüre, während Ive, der die Sache von der beſten Seite nahm, ſich zwar für ſehr verpflichtet dafür erklärte, mehr, als er es ausdrücken konnte, zugleich aber höflich ſeine Abſicht andeutete, daß er ſeinen eigenen Weg gehen wolle, ohne ſich von Andern etwas ein⸗ reden zu laſſen. „Ihr ſeyd immer ein gar guter Freund gegen mich geweſen, Herr Varden,“ ſagte er, als ſie außerhalb des Portals ſtanden und der Schloſſer ſich zur Heimreiſe anſchickte;„und ich weiß, daß Ihr es wohl mit mir meint; aber es iſt bald an der Zeit, daß ich mich von dem Maibaum trennen muß.“ „Rollende Steine ſetzen nie Moos an, Joe,“ entgegnete Gabriel. „Und Meilenſteine auch nicht viel,“ verſetzte Joe. „Hier bin ich weuig beſſer, als ein Meilenſtein, und ſehe auch gerade ſo viel von der Welt.“ „Was willſt du aber thun, Joe?“ fuhr der 70 Schloſſer fort, indem er nachdrücklich ſein Kinn ſtrei⸗ chelte.„Was könnteſt du werden? Bedenke nur, wohin willſt du?“ „Ich muß mich eben dem Zufall anheimgeben, Herr Varden.“ „Ein ſchlimmes Ding, ſich hierauf zu verlaſſen, Joe. Es gefällt mir nicht. Ich ſage immer zu meinem Mädchen, wenn wir von einem Manne für ſie ſprechen, ſie ſolle ſich nie auf den Zufall verlaſ⸗ ſen, ſondern ſich zuvor überzeugen, ob der Freier rechtſchaffen und treu iſt, und dann wird ſie von dem Zufall wenig zu befahren haben. Was treibſt du dich da ſo um, Joe. Hoffentlich fehlt doch nichts an dem Geſchirre?“ „Nein, nein!“ ſagte Ive, obgleich er fand, daß noch vieles an dem Schnallen⸗ und Riemenwerk zu thun war.„Iſt Miß Dolly ganz wohl?“ „Sie iſt geſund, ich danke. Ihr Ausſehen iſt gut genug.“ „Das war es immer, Sir—“ „Gott ſey Dank, ja!“ „Ich hoffe,“ ſagte Joe nach einigem Zögern, „Ihr werdet dieſe Geſchichte nicht weiter erzäh⸗ len, daß ich nämlich geſchlagen wurde, wie ein Knabe, den ſie ſo gar gerne aus mir machen möchten— je⸗ denfalls nicht früher, als bis ich dieſen Menſchen wieder getroffen und meine Rechnung mit ihm ausgeglichen habe. Die Sache wird dann ein beſſeres Anſehen gewinnen.“ 71 „Ei, wem ſollte ich's denn ſagen?“ entgegnete Gabriel.„Hier herum weiß man es, und es wird mir wahrſcheinlich niemand Anders in den Weg kommen, der ſich darum kümmerte.“ „Das iſt freilich wahr,“ ſagte der junge Burſche mit einem Seufzer.„Ich habe es ganz vergeſſen. Ja! das iſt wahr!“ Mit dieſen Worten erhob er ſein Geſicht, wel⸗ ches ſehr roth war— ohne Zweifel in Folge ſeiner Anſtrengung bei dem vorgenannten Schnallen der Niemen— übergab dem alten Manne, der inzwiſchen auf ſeinen Sitz geklettert war, die Zügel, ſeufzte abermals und wünſchte ihm gute Nacht. „Gute Nacht!“ rief Gabriel.„Beſinne dich beſſer uͤber das, was wir eben beſprochen haben, und ſey nicht vorſchnell, mein guter Freund. Ich nehme Antheil an dir und möchte nicht haben, daß du dich wegwürfeſt. Gute Nacht!“ Das freundliche Lebewohl mit großer Herzlich⸗ keit erwiedernd, blieb Ioe Willet außen ſtehen, bis das Raſſeln der Räder in ſeinen Ohren verklungen war; dann ſchüttelte er traurig den Kopf und ging in's Haus zurück. Gabriel Varden ſetzte ſeinen Weg nach London fort und dachte über dieß und das, namentlich aber über die glühenden Ausdrücke, in denen er ſein Abenteuer erzählen und ſo ſeine Einkehr in dem Mai⸗ baum genügend gegen ſeine Frau entſchuldigen wollte, denn es handelte ſich dabei um den Bruch einer 72 gewiſſen feierlichen Uebereinkunft, die zwiſchen ihm und der genannten Dame ſtattgefunden hatte. Das Denken erzeugt übrigens nicht nur Gedanken, ſondern hin und wieder auch Schläfrigkeit, und je mehr der Schloſſer nachdachte, deſto ſchläfriger wurde er. Ein Mann kann ſehr nüchtern ſeyn— oder wenigſtens doch noch feſten Fußes auf jenem neutra⸗ len Grunde ſtehen, der zwiſchen der vollkommenen Nüchternheit und einer kleinen Benebelung liegt— und doch eine ſtarke Neigung fühlen, die Gegenwart mit andern Verhältniſſen in Verbindung zu bringen, die durchaus in keiner Wechſelbeziehung beſtehen, die Rückſichten auf Perſonen, Sachen, Zeit und Ort unter einander zu werfen und ſeine unzuſammenhän⸗ genden Gedanken zu einer Art von geiſtigem Kalei⸗ doscop zu mengen, woraus eben ſo unerwartete als flüchtige Zuſammenſetzungen hervorgehen. Dieß war auch bei Gabriel Varden der Fall, als er in ſeinem Halbſchlummer dem mit der Straße vertrauten Pferde die Zügel ließ und ſo unbewußt der Heimath immer näher und näher kam. Einmal hatte er ſich aufge⸗ rafft, als nämlich der Gaul vor dem Schlagbaume Halt machte, bis er geöffnet war, und dem Schlag⸗ wächter fröhlich gute Nacht zugerufen; aber er er⸗ wachte bei dieſer Gelegenheit aus einem Traume, worin es ihm vorkam, als öffne er in dem Magen des Großmoguls ein Schloß, und ſelbſt als er bereits wach war, verwechſelte er den Schlagbaumwärter mit ſeiner vor zwanzig Jahren verſtorbenen Schwie⸗ 73 germutter. Es darf daher Niemand Wunder nehmen, wenn er bald wieder einen Rückfall erlitt und ſich ſchwerfällig weiter holpern ließ; ohne daß er wußte, wie er vorwärts kam. Und jetzt näherte er ſich der großen Stadt, die wie ein dunkler Schatten auf dem Boden vor ihm ausgeſtreckt lag, die träge Luft mit einem düſtern trüben Licht röthend— dem Wiederſtrahle der Straßen⸗ und Läden⸗Labyrinthe, in welchen ſich geſchäͤftige Menſchen umtrieben. In größerer Nähe begann je⸗ doch dieſer Hof zu erbleichen, während die veran⸗ laſſenden Momente allmälig ſich zu enthüllen an⸗ fingen. Lange Reihen ärmlich beleuchteter Straßen mit gelegentlichen lichteren Stellen, wo die Lampen ſich um ein Square, einen Markt oder ein großes Gebäude mehr anhäuften, ließen ſich unbeſtimmt ver⸗ folgen; nach einer Meile wurden dieſe deutlicher und die Lampen ſelbſt ſichtbar: kleine gelbe Lichtpunkte, die ſchnell nach einander ausgelöſcht zu werden ſchie⸗ nen, wenn irgend ein dazwiſchentretender Gegenſtand ſie den Blicken verbarg. Dann vernahm man Leute — das Schlagen der Kirchthurmuhren, fernes Gebell von Hunden, das Geſumme des gewerblichen Verkehrs in den Straßen; dann wurden auch die Umriſſe be⸗ ſtimmter— hoch in die Luft aufſchießende Thürme und Maſſen von ungleichen, mit Schornſteinen über⸗ ladenen Dächern; dann ein lauterer Lärm, entſchie⸗ dener und zahlreicher hervortretende Geſtalten— und endlich die Stadt ſelbſt— ſichtbar in ihrer Dunkel⸗ 74 heit durch das matte Eigenlicht, nicht durch das des Himmels. Der Schloſſer wußte jedoch durchaus nichts von ſeiner ganzen Nachbarſchaft, ſondern rumpelte noch immer, halb ſchlafend, halb wachend, fort, als ihn plötzlich ein lauter Schrei, in nicht großer Entfernung vor ihm, aufweckte. Für ein paar Augenblicke ſchaute er wie ein Mann umher, der in ſeinem Schlafe nach einem ganz fremden Lande verſetzt worden iſt; aber bald erkannte er die vertrauten Gegenſtände, rieb ſich träge die Augen aus und wäre vielleicht wieder eingeſchlafen, wenn ſich der Schrei nicht wiederholt hätte— aber nicht ein⸗, zwei⸗ oder dreimal, ſondern zu vielen⸗ malen und ſtets mit möglichſt erhöhter Heftigkeit. Hiedurch ganz erweckt wendete ſich Gabriel, der ein kühner und nicht leicht einzuſchüchternder Mann war, ſchnurrgerade der Stelle zu, und trieb ſein träges, kleines Pferd an, als gälte es Tod oder Leben. Die Sache ſah allerdings ernſt genug aus, denn als er an dem Platze anlangte, von wo das Geſchrei aus⸗ gegangen war, entdeckte er die Geſtalt eines Mannes, der augenſcheinlich leblos auf dem Wege lag, und über ihm eine andere Perſon mit einer Fackel in der Hand, die ſte mit wilder Ungeduld in der Luft ſchwang, und zu gleicher Zeit die Hülferufe verdoppelte, welche den Schloſſer herbeigeführt hatten. „Was gibt es hier zu thun?“ fragte der alte 75 Mann ausſteigend.„Was gibts hier— wie— Barnaby?“ Der Fackelträger ſchüttelte das lange, loſe Haar aus den Augen, wandte ſein Geſicht haſtig nach dem Schloſſer um und heftete den Blick mit einem Aus⸗ druck auf ihn, der mit einemmale ſeine ganze Ge⸗ ſchichte erzählte. „Du kennſt mich, Barnaby?“ ſagte Varden. Er nickte— nicht ein oder zweimal, ſondern wohl ein paar Dutzendmale, und zwar mit einer fantaſtiſchen Uebertreibung, die ſeinen Kopf wohl eine Stunde in Bewegung erhalten haben würde, wenn nicht der Schloſſer ſeinen Finger in die Höhe gehoben und den Andern mit einem ernſten Blicke ermahnt hätte, aufzuhören. Dann deutete er fragend auf die Leiche. „Es iſt Blut an ihm,“ ſagte Barnaby mit einem Schauder.„Das macht mich krank.“ „Woher kam das?“ fragte Varden. „Eiſen, Eiſen, Eiſen!“ verſetzte der andere wild, indem er ſeine Hand in einer Weiſe bewegte, als zückte er einen Degen. „Iſt er beraubt?“ fragte der Schloſſer weiter. Barnaby ergriff ihn bei der Hand und nickte „ja“; dann deutete er nach der Stadt. „O!“ ſagte der alte Mann, indem er ſich über den Leichnam beugte und beim Sprechen nach Bar⸗ naby's bleichem Geſichte zurückſah, in welchem etwas Seltſames aufzuckte, das nicht eben Verſtand war⸗ 76 „Der Räuber hat in dieſer Richtung Reißaus ge⸗ nommen, nicht wahr?“ „Nun gut, das braucht uns jetzt wenig zu küm⸗ mern. Leuchte mit deiner Fackel hieher— ein wenig weiter weg— ſo. Nun bleibe ruhig ſtehen, während ich unterſuche, was er für Schaden genommen hat.“ Mit dieſen Worten ſchickte er ſich zu einer ge⸗ nauen Unterſuchung der hingeſtreckten Geſtalt an, während Barnaby, die Fackel auf die befohlene Weiſe haltend, ſtillſchweigend zuſah, feſtgebannt von Theil⸗ nahme oder Neugierde, aber doch von einem gewalti⸗ gen geheimen Entſetzen beklemmt, welches alle ſeine Nerven in convulſiviſche Bewegung ſetzte. Wie er in dieſem Augenblicke daſtand, halb zurückbebend und halb vorwärts gebeugt, waren ſo⸗ wohl Geſicht als Geſtalt in dem grellen Fackelſchein ſo ſtark und deutlich beleuchtet, als ob es heller Tag wäre. Er mochte etwa dreiundzwanzig Jahre zählen, und war, obgleich etwas hager, doch hoch und ſtark gebaut. Sein reichliches, rothes Haar hing ihm unordentlich um Geſicht und Schulter, und gab ſeinen unruhigen Blicken einen ganz unheimlichen Ausdruck, der durch die Bläſſe ſeines Geſichtes und den glaſigen Glanz ſeiner großen hervorquellenden Augen noch erhöht wurde. So abſtoßend auch ſein Anblick war, lag doch etwas Gutmüthiges in ſeinem Antlitz, und ſogar etwas Klagendes in ſeinem hagern, abgehärmten Aeußern. Doch die Abweſenheit der eer iſt noch weit ſchrecklicher bei einem lebenden ———,——————-————-— J3-. 8 77 Menſchen als bei einem todten, und dieſes unglückliche Weſen entbehrte ihrer edelſten Kräfte. Sein grüner Anzug war hin und wieder— augenſcheinlich von ſeinen eigenen Händen— ſchwerfällig mit prunkenden Borten aufgeputzt: am bunteſten da, wo das Tuch am meiſten abgenutzt oder beſchmutzt, am ärmlichſten, wo es am Beſten war. Ein paar flitterige Man⸗ ſchetten hingen an ſeinen Handgelenken herunter, während ſein Hals beinahe ganz bloß war. Den Hut hatte er mit einem Büſchel Pfauenfedern aus⸗ ſtaffirt, die aber kahl und zerknickt waren und nachläßig gegen ſeinen Rücken hinunterhingen. An ſeiner Seite ſtack der Stahlgriff eines alten Degens ohne Klinge oder Scheide, und einige zum Theil farbige Bandenden nebſt etlichen armſeligen Glas⸗ perlen vollendeten dieſen Theil ſeines Anzugs. Die verwirrte Zuſammenſtellung des ganzen Fetzenge⸗ menges, welches ſeine Kleidung ausmachte, bekundete kaum in einem geringeren Grade, als ſein haſtiges und unruhiges Weſen, die Krankheit ſeines Geiſtes, und erhöhte noch durch den grotesken Gegenſatz die eindrucksvolle Wildheit ſeiner Züge. „Barnaby,“ ſagte der Schloſſer nach einer raſchen, aber ſorgfältigen Beaugenſcheinigung,„dieſer Mann iſt nicht todt, hat aber eine Wunde in der Seite und liegt in Ohnmacht.“ „Ich kenne ihn, ich kenne ihn!“ rief Barnaby, ſeine Hände zuſammenſchlagend. „Du kennſt ihn?“ entgegnete der Schloſſer. „Bſt!“ ſagte Barnaby, den Finger an ſeine Lippen legend.„Er ging heute aus, um zu freien. Ich nähme keine leichte Guinee, wenn er nicht wieder ausgehen könnte, zu freien, denn wenn dieß der Fall wäre, ſo würden gewiſſe Augen trübe werden, die jetzt ſo hell ſind, wie— ſeht, wenn ich von Augen ſpreche, ſo kommen die Sterne zum Vorſchein. Wem gehören dieſe Augen? Wenn es die Augen der Engel ſind, warum blicken ſie herunter und ſehen zu, wie gute Menſchen verwundet werden, und warum blinzeln und funkeln ſie nur bei Nacht?“ „Nun, Gott helfe dem aberwitzigen Burſchen,“ murmelte der verwirrte Schloſſer;„ſollte er wohl dieſen Herrn kennen? Seiner Mutter Haus iſt nicht weit von hier, und ich thue wohl beſſer, wenn ich zuſehe, ob ſte mir wohl ſagen kann, wer er iſt. Mein guter Barnaby, hilf mir ihn in den Wagen legen, wir wollen dann mit einander nach Hauſe fahren.“ „Ich kann ihn nicht anrühren!“ rief der Gei⸗ ſteskranke mit einem Schauder, der ſeinen ganzen Körper krampfhaft zu durchzucken ſchien;„er iſt blutig.“ „Ich weiß es, es liegt in ſeiner Natur,“ mur⸗ melte der Schloſſer.„Es iſt zwar eine Grauſamkeit, es von ihm zu verlangen, aber ich muß Hülfe haben⸗ Barnaby— guter Barnaby— lieber Barnaby— wenn du dieſen Herrn kennſt, ſo beſchwöre ich dich bei ſeinem Leben und dem Leben eines Jeden, der ihn eine ien. eder Fall die igen Vem ngel wie zeln en,“ vohl nicht ich iſt. agen auſe Gei⸗ nzen iſt nur⸗ akeit, aben. — dich ihn liebt, hilf mir ihn aufheben und in den Wagen legen.“ „So bedeckt ihn, hüllt ihn dicht ein— laßt mich's nicht ſehen— nicht riechen— das Wort nicht hören. Sprecht das Wort nicht aus— nein, thut's nicht!“ „Nein, nein, es ſoll nicht geſchehen. Da— du ſiehſt, er iſt jetzt bedeckt. Gemach. So— ſo iſt's recht!“ Sie brachten ihn mit Leichtigkeit auf den Wagen, denn Barnaby war ſtark und behend; aber während dieſer ganzen Beſchäftigung ſchauderte er vom Kopf bis zu den Füßen und befand ſich augenſcheinlich in einem ſo überwältigenden Zuſtande des Grauſens, daß es der Schloſſer kaum mit anſehen konnte. Sobald dieß geſchehen und der verwundete Mann mit Vardens eigenem Ueberrock, den er zu dieſem Zweck abgenommen, bedeckt war, fuhren ſie raſch weiter. Barnaby zählte inzwiſchen heiter die Sterne an dem Himmel ab, und Gabriel wunſchte ſich in ſeinem Innern Glück, jetzt ein Abenteuer aufgefunden zu haben, welches Frau Varden über die nächtliche Einkehr im Maibaume zum Schweigen bringen mußte, wenn anders bei Weibern Treue und Glauben zu finden war. 80 Viertes Kapitel. In der ehrwürdigen Vorſtadt Clerkenwell— es war einſt eine Vorſtadt— jenem Theile derſelben zu, welcher am nächſten an die Karthauſe gränzt, und in einer von jenen kühlen, ſchattigen Straßen, deren noch etliche, weit umher zerſtreut, in ſolchen alten Gegenden der Hauptſtadt übrig ſind— wo jede Be⸗ hauſung ruhig fort vegetirt, wie ein alter Bürger, der ſich von den Geſchäften zurückgezogen hat, und in ſeiner Gebrechlichkeit dahinſchlummert, bis es im Laufe der Zeit zuſammenſtürzt und durch irgend einen übermüthigen jungen Nachtreter erſetzt wird, der in Stuck, Schnörkelwerk und allen Eitelkeiten der modernen Zeit prunken will— in dieſem Viertel und in einer ſolchen Straße finden wir den Schauplatz unſeres gegenwärtigen Kapitels. Obgleich ſeitdem erſt ſechsundſechzig Jahre ver⸗ floſſen ſind, ſo war doch damals ein großer Theil des gegenwärtigen London noch nicht vorhanden; nicht einmal in dem Hirne des träumeriſchſten Spekulanten gab es jener Zeit die langen Straßenreihen, welche jetzt Highgate und Whitechapel mit einander verbinden, die Menge von Paläſten in den ſumpfigen Niederungen oder die kleinen Städte in den offenen Feldern. Zwar war dieſer Stadttheil wie heutzutage in Straßen ab⸗ getheilt und reichlich bevölkert, aber er ſah doch ganz 8¹ anders aus. Viele Häuſer hatten Gärten und Bäume nach der Straßenſeite, und ein Hauch von Friſche athmete auf und nieder, den man in unſeren Tagen vergeblich ſuchen würde. In der Nähe befanden ſich Felder, durch welche der New⸗River ſeinen gewun⸗ denen Lauf nahm, und wo es zur Sommerzeit luſtige Heuerntefreuden gab. Die Natur war nicht ſo entfernt, nicht ſo ſchwer zugänglich als dermalen, und obgleich es in Clerkenwell einen geſchäftigen Handelsverkehr und thätige Juweliere zu Dutzenden gab, ſo war doch der Ort reinlicher und hatte mehr Meiereien in der Nähe, als mancher moderne Londoner glauben würde. Auch fehlte es nicht an Spaziergängen für Liebende, die in ſchmutzige Höfe ausgingen, ehe noch die Liebenden dieſes Zeitalters geboren waren, oder ehe man noch, wie man zu ſagen pflegt, an ſie dachte. In einer von dieſen Straßen, der reinlichſten von allen, und zwar auf der ſchattigen Seite des Weges— denn gute Hausfrauen wiſſen, daß das Sonnenlicht ihre geſchätzten Möbel verdirbt, weßhalb ſie ſtets den Schatten einem luſtigen, blendenden Lichte vorziehen— ſtand das Haus, mit welchem wir es jetzt zu thun haben. Es war ein beſcheidenes Gebäude, nicht allzuneumodiſch, nicht allzueinfach, nicht zu groß, nicht zu hoch, nicht zu keckſtirnig, mit weiten, glotzenden Fenſtern, ſondern ein ſchüchternes, blankes Häuschen mit einem kegelförmigen Dache, das über den oberſten, aus vier kleinen Scheiben be⸗ ſtehenden Fenſtern in eine Spitze auslief, ähnlich Boz. XVI. Barnaby Rudge. 6 82 dem dreieckigen Hute auf dem Kopfe eines ältlichen, einäugigen Herrn. Es war nicht aus Ziegeln oder behauenen Steinen gebaut, ſondern aus Holz und Mörtel; eben ſo wenig hatte man bei dem Entwurf eine langweilige, ermüdende Regelmäßigkeit zur Richt⸗ ſchnur genommen, denn kein Fenſter paßte zu dem andern, oder ſchien auch nur im mindeſten andere als egoiſtiſche Beziehungen zu haben. Der Laden — denn es hatte einen Laden— befand ſich, wie es gewöhnlich der Fall iſt, im Erdgeſchoß; aber nun hörte jene Aehnlichkeit mit irgend einem andern Laden auf. Die Ein⸗ und Ausgehenden gelangten nicht durch eine Treppenflucht dazu, oder konnten gemächlich von der Straße aus eben hineingehen, ſondern mußten drei ſteile Stufen hinunter, wie in einen Keller. Der Fußboden war mit Ziegeln gepflaſtert, und hierin alſo jedem andern Keller ähnlich, während ſtatt eines Glas⸗ und Nahmenfenſters ein großer, ſchwarzer, hölzerner Laden faſt bruſthoch von dem Boden ab angebracht war, welcher bei Tag geöffnet wurde und eben ſo viel Kälte als Licht, oft aber auch noch mehr, einließ. Hinter dieſem Laden war ein getäfeltes Wohn⸗ zimmer, welches auf der einen Seite in einen großen gepflaſterten Hof, auf der andern aber nach einem um etliche Fuß höher gelegenen, teraſſenförmig an⸗ gelegten Gärtchen hinausſah. Ein Fremder würde geglaubt haben, dieſes getäfelte Wohnzimmer ſey mit Ausnahme der Thüre, durch die er eingetreten, von der ganzen Welt abgeſchnitten und abgeſchieden; und 22Zͤ& A Soeohe — 83 in der That bemerkte man, daß die meiſten Fremden bei ihrem erſten Beſuche außerordentlich gedankenvoll wurden, als ſtellten ſie in ihrem Innern Betrach⸗ tungen an, ob die obern Räume wohl anders als durch Leitern und von Außen beſtiegen werden könnten. Sie ahnten freilich nicht, daß zwei der anſpruchs⸗ loſeſten und unſcheinbarſten Thüren, welche der ſcharf⸗ ſinnigſte Mechaniker auf Erden nothwendig für die Thuren eines Wandſchrankes gehalten haben würde, da ſie keine Spur von einer Schwelle oder Einfaſſung zeigten, aus dieſem Zimmer nach ein paar Wendel⸗ treppen führten, deren die eine aufwärts, die andere abwärts ging. Dieſe waren die einzigen Verbindungs⸗ wege zwiſchen dieſem Zimmer und den andern Theilen des Hauſes. Ungeachtet aller dieſer Wuͤnderlichkeiten gab es kein netteres, kein ſorgfältiger aufgeräumtes oder pünktlicher geordnetes Haus in Clerkenwell, in London oder in ganz England. Man fand keine reineren Fenſterſcheiben, keine weißern Fußböden, keine blanke⸗ ren Kamine, keine glänzenderen Möbel aus altem Mahagoniholz, und überhaupt nirgends ſo viel Reiben, Scheuern, Putzen und Polieren in der ganzen Straße zuſammengenommen. Dieſer Punkt wurde jedoch nicht ohne Mühe, Koſten und großen Stimmeaufwand erzweckt, wie die Nachbarn recht gut hörten, wenn die gute Dame des Hauſes, die alles überwachte und ſelbſt Handreichung that, an Scheuertagen, welche gewöhnlich vom Montag Morgen bis Samstag Ab end 6*† währten(einſchließlich dieſer beiden Tage) zum Rech⸗ ten ſah. An den Thürpfoſten dieſer ſeiner Wohnung ge⸗ lehnt, ſtand der Schloſſer früh am Morgen nach ſeinem Zuſammentreffen mit dem Verwundeten und blickte troſtlos nach dem großen hölzernen Abbilde eines Schlüſſels, das, mit lebhaftem Gelb bemahlt, welches dem Gold ähneln ſollte, vor ſeinem Hauſe herunterhing und in einem kläglich knarrenden Tone hin und her pendelte, als wimmere es darüber, daß es nichts aufzuſchließen habe. Bisweilen ſah er über die Achſel nach einem Laden zurück, welcher von den zahlreichen Merkmalen ſeines Gewerbes ſo dunkel und beſchmutzt, und in Folge des Rauchs einer kleinen Eſſe, an welcher ſein Lehrling arbeitete, ſo geſchwärzt war, daß ein ungeübtes Auge kaum etwas anderes, als unterſchiedliche, ungeſtalte Werkzeuge, große Bün⸗ del roſtiger Schlüſſel, Bruchſtücke von Eiſengeräth, hellfarbige Schlöſſer und ähnliche Dinge erkannt haben würde, welche die Wände zierten und an dem Balken der Decke herunterhingen. Nach einer langen und geduldigen Betrachtung des goldenen Schlüſſels und vieler der eben genann⸗ ten Rückblicke trat Gabriel in die Straße und ſchaute verſtohlen nach den obern Fenſtern. Eines derſelben wurde in dieſem Augenblick zufällig geöffnet und ein ſchelmiſches Geſicht begegnete ſeinem Blicke— ein Geſicht, das von dem lieblichſten Paar funkelnder Augen erhellt wurde, auf die nur je ein Schloſſer ſchaute: das Geſicht eines hübſchen, lachenden Mädchens, mit Grübchen auf Kinn und Wangen, friſch und geſund— die wahre Verkörperung des Frohſinns und blühender Schönheit. „Bſt!“ flüſterte ſte, indem ſie ſich vorwärts beugte und ſchlau nach dem untern Fenſter deutete. „Die Mutter ſchläft noch.“ „Noch, meine Liebe?“ entgegnete der Schloſſer in demſelben Tone.„Du ſprichſt, als ob ſie die ganze Nacht geſchlafen hätte, während ſie doch kaum eine halbe Stunde im Bette liegt. Gott ſey Dank dafür. Der Schlaf iſt ein Segen, ohne Zweifel.“ Die letztern Worte murmelte er nur vor ſich hin. „Aber wie grauſam war es von Euch, uns bis zum Morgen hinzuhalten, und nicht einmal zu ſagen, wo Ihr wäret, oder es uns wiſſen zu laſſen!“ ſagte das Mädchen. „Ach, Dolly, Dolly!“ entgegnete der Schloſſer, lächelnd den Kopf ſchüttelnd,„wie grauſam war es von dir, gleich nach deinem Bette hinaufzulaufen! Komm zum Frühſtück herunter, du Tollkopf, aber leiſe, daß du deine Mutter nicht aufweckſt. Sie muß müde ſeyn, gewiß— ich bin es auch!“ Die letztern Worte für ſich hinſprechend und das Kopfnicken ſeiner Tochter erwiedernd, trat er, noch immer das Lächeln, das ſie geweckt hatte, auf ſeinem Geſichte, in die Werkſtatt, wo ihm zuerſt die Löſch⸗ papiermütze ſeines Lehrlings ins Auge fiel, der, um der Beobachtung zu entgehen, geduckt von dem Fenſter nach ſeinem früheren Platze zurückſchlich, wo er, kaum angelangt, ſogleich luſtig zu hämmern begann. „Wieder gehorcht, Simon?“ ſagte Gabriel zu ſich ſelbſt.„Das iſt ſchlimm. Was im Namen aller Wunder hofft er denn von dem Mädchen zu hören, daß ich ihn immer auf der Lauer ertappe, wenn ſie ſpricht— ſonſt nie! Eine ſchlimme Gewohn⸗ heit, Sim; eine ſchleichende, hinterliſtige Weiſe. Ja, hämmere nur drauf los; du wirſt mir dieß nicht aus dem Kopf hämmern, und wenn du bis zu deiner letz⸗ ten Stunde fortarbeiteteſt!“ So ſprechend und mit einem ernſten Kopfſchüt⸗ teln ging er in die Werkſtatt und trat vor den Ge⸗ genſtand dieſer Bemerkungen hin. „Für jetzt genug damit,“ ſagte der Schloſſer. „Höre einmal auf mit deinem verwünſchten Geklap⸗ per. Das Frühſtück iſt fertig.“ „Sir,“ entgegnete Sim, der mit bewunderungs⸗ würdiger Höflichkeit aufſah und eine eigenthümlich kleine Kopfverbeugung machte, die gerade bis an den Hals reichte,„ich werde augenblicklich zu Dienſten ſeyn.“ „Vermuthlich,“ murmelte Gabriel,„iſt dieß aus ‚des Lehrlings Blumenſtrauß,“ ‚des Lehrlings Luſt⸗ gärtlein,“ ‚des Lehrlings Liederheft,“„des Lehrlings Wegweiſer zum Galgen’ oder einem ſonſtigen erbau⸗ lichen Schriftlein. Nun geht er, um ſich ſchön zu machen— das iſt mir ein köſtlicher Schloſſer.“ Ohne zu ahnen, daß ihm ſein Meiſter aus 87 einem Winkel der Wohnſtube zuſah, warf Sim die Löſchpapiermütze weg, verließ ſeinen Platz mit zwei außerordentlichen Sätzen, die zwiſchen einem Schlitt⸗ ſchuhlauf und einem Menuetpas die Mitte hielten, eilte nach einem Waſchbecken an dem andern Ende der Werkſtatt und entfernte von Geſicht und Händen alle Spuren ſeiner früheren Arbeit— die ganze Zeit über mit ungemeiner Gravität denſelben Pas wieder⸗ holend. Sobald dieß geſchehen war, holte er aus einem verborgenen Winkel das Fragment eines Spie⸗ gels, unter deſſen Beihülfe er ſein Haar ordnete und die Ueberzeugung gewann, daß ein kleiner Blutſchwör noch immer an derſelben Stelle ſeiner Naſe ſaß. Nach Beendigung ſeiner Tollette ſtellte er das Spie⸗ gelbruchſtück auf eine niedrige Bank und blickte mit der größtmöglichen Selbſtgefälligkeit über die Schul⸗ ter zurück, um ſo viel von ſeinen Beinen zu betrach⸗ ten, als dieſes kleine Möbel zurückzuſtrahlen ver⸗ mochte. Sim, unter welcher Bezeichnung er in der Schloſſerfamilie bekannt war, oder Herr Simon Tap⸗ pertit, wie er ſich ſelbſt nannte und an Sonn⸗ und Feiertagen außer dem Hauſe von allen Leuten ge⸗ nannt ſeyn wollte, war ein altmodiſches, ſchmalwan⸗ giges, glatthaariges, ſcharfnaſiges, kleinäugiges Bürſch⸗ lein, wenig über fünf Fuß hoch und in ſeinem Sinne vollkommen überzeugt, daß er über Mittelgröße ſey, allerdings etwas ſchlank, was er nicht in Abrede ziehen wollte. Gegen ſeine Figur, die nicht übel gebildet war, aber doch unter die ganz mageren ge⸗ hörte, hegte er die größte Bewunderung; und über ſeine Beine, welche in kurzen Hoſen wahre Cabinets⸗ ſtücke von Kleinheit waren, gerieth er nicht ſelten in ein Entzücken, das an Enthuſiasmus gränzte. Er unterhielt auch einige unbeſtimmte, majeſtätiſche Be⸗ griffe von der Gewalt ſeines Auges, obgleich dieſelbe auch von ſeinen vertrauteſten Freunden nie ganz er⸗ gründet wurde. In der That wußte man auch von ihm, daß er ſo gar weit genug gegangen war, ſich zu rühmen, daß er die hochmüthigſte Schönheit durch einen einfachen Prozeß, den er„beäugeln“ nannte, zu Paaren zu treiben und zu bewältigen vermöge. Wir müſſen jedoch beifügen, daß er weder von dieſer Eigenſchaft, noch von einer anderen, welcher er ſich berühmte, daß er nämlich in Folge derſelben Gabe die ſtörrigſten und ſogar toll gewordenen Thiere zu bändigen vermöge, je einen Beweis lieferte, der nur halbwegs als maßgebend und befriedigend hätte be⸗ trachtet werden können. Aus dieſen Vorderſätzen kann man folgern, daß in Herrn Tappertits kleinem Körper eine ehrgeizige und hochſtrebende Seele eingeſchloſſen war. Wie ge⸗ wiſſe Flüſſigkeiten, die in zu engen Gefäßen aufbe⸗ wahrt werden, brauſen, gähren und gegen ihre Ge⸗ fangenſchaft ſchäumend aufwallen, ſo ſchäumte auch die geiſtige Weſenheit oder die Seele des Herrn Tap⸗ pertit bisweilen in jenem köſtlichen Gefäße, ſeinem Körper, bis ſie ſich endlich mit großem Dampf und —— 89 Geſprudel gewaltſam Luft machte und alles vor ſich niederwarf. Er pflegte bei ſolchen Anläſſen den Aus⸗ druck zu gebrauchen, daß ihm die Seele zu Kopf ge⸗ ſtiegen ſey, und in dieſer neuen Art von Berauſchung wandelten ihn manche Sparren und Unfälle an, die er oft nur mit Mühe vor ſeinem würdigen Meiſter zu verbergen vermochte. Unter anderen Grillen, mit welchen ſich Sim Tappertit unabläſſig letzte und regalirte(Grillen, welche wie die Leber des Prometheus ſo oft wieder nachwuchſen, als ſie aufgezehrt wurden), hatte er auch eine ungemein große Meinung von ſeinem Stande, wie denn auch das Dienſtmädchen oft Zeuge war, wenn er offen ſein Bedauern ausdrückte, daß die Lehrlinge nicht mehr Keulen führen dürften, um die Bürger zu Paaren zu treiben— denn ſo lautete ſein kräftiger Ausdruck. Deßgleichen ging auch das Gerede, er habe ſich geäußert, daß in früheren Ta⸗ gen der ganzen Körperſchaft ein Brandmal durch die Hinrichtung des Georg Barnwell aufgedrückt worden ſey, die man ſich nicht ſo feige hätte gefallen laſſen ſollen, denn es wäre am Ort geweſen, von der Ge⸗ ſetzgebung ſeine Loslaſſung zu verlangen— anfangs gemäßigt, dann aber im Nothfalle mit Waffengewalt — um mit ihm zu verfahren, wie es der Weisheit genannter Gemeinſchaft gut däuchte. Solche Ge⸗ danken führten ihn immer zu der Betrachtung, zu welch einem glorreichen Verbande ſich die Lehrlinge noch vereinigen könnten, wenn ein tüchtiger Führer 90 an ihre Spitze träte; und dann ließ er, zum Schrecken ſeiner Zuhörer, dunkle Hindeutungen fallen auf ge⸗ wiſſe waghälſige Burſchen ſeiner Bekanntſchaft und auf einen gewiſſen Löwenherz, der bereit wäre, ihr Hauptmann zu werden, und, einmal im Zuge, ſelbſt den Lordmayor auf ſeinem Throne zittern machen würde. Was Kleidung und perſönliche Ausſtattung be⸗ traf, ſo zeigte ſich in Tappertit ein nicht weniger aben⸗ teuerlicher und unternehmender Charakter. Er war ohne allen Zweifel geſehen worden, wie er an Sonn⸗ tag Abenden an der Straßenecke Manſchetten von der feinſten Qualität auszog und ſie, ehe er heim⸗ kehrte, ſorgfältig in ſeine Taſchen ſteckte; und eben ſo notoriſch war es, daß er an großen Feiertagen unter dem Schutze eines freundlichen Thürpfoſten ſeine einfachen ſtählernen Knieſchnallen gegen ein paar andere mit funkelnden falſchen Brillanten ver⸗ tauſchte und an demſelben Orte letztere ganz gemaͤchlich feſt machte. Rechnet man noch hinzu, daß er gerade zwanzig Jahre, ſeinem Ausſehen nach aber viel älter, und in ſeiner Einbildung wenigſtens zweihundert Jahre alt war; daß er nichts dagegen einzuwenden hatte, wenn man ihn wegen ſeiner Bewunderung für die Tochter ſeines Meiſters neckte; und daß er ſogar, als er in einer gewiſſen Winkelkneipe aufgefordert wurde, die Geſundheit der Dame, welche er mit ſei⸗ ner Liebe beehrte, auszubringen, mit vielen Winken und Seitenblicken als Gegenſtand ſeines Toaſtes ein —⁸½ u— — n N —²½ N R N 91 ſchönes Weſen vorſchlug, deren Taufname, wie er ſagte, mit einem D begänne;— bringt man all dieſes in Rechnung, ſo weiß man von Sim Tapper⸗ tit, der inzwiſchen dem Schloſſer zum Fruhſtück ge⸗ folgt iſt, gerade genug, als man zu wiſſen braucht, um ſeine Bekanntſchaft zu machen. 3 Es war ein ſubſtantielles Mahl, denn außer dem gewöhnlichen Theegeräth krachte der Tiſch unter der Laſt eines hübſchen Rinderbratens, eines Schin⸗ kens erſter Größe und etlicher Thürme von gebutter⸗ ten Yorkshirer Kuchen, die in der verlockendſten Ord⸗ nung, Schichte auf Schichte gelegt waren. Da ſtand auch ein mächtiger brauner Thonkrug, der an Ge⸗ ſtalt einem alten Herrn, und namentlich dem Schloſ⸗ ſer, nicht unähnlich ſah, wie denn auch der weiße Schaum auf deſſen kahlem Haupte, der ohne Zweifel auf das köſtlichſte ſelbſtgebraute Ale hindeutete, ganz der Perücke des Meiſters entſprach. Aber beſſer als das liebliche Hausgebräu oder der Yorkshirer Kuchen, oder der Schinken, oder der Rinderbraten, oder irgend etwas, was Erde, Luft oder Waſſer zu Speiſ' und Trank bieten konnten, ſaß, über alles präſidirend, des Schloſſers roſige Tochter da, in Vergleich mit deren dunkeln Augen ſelbſt der Rinderbraten nur unbedeutend und das Malzgebräu zu gar nichts wurde. Väter ſollten ihre Töchter nie küſſen, wenn junge Männer dabei ſind. Es iſt zu ſtark. Auch das, was ein Menſch zu ertragen vermag, hat ſeine Grän⸗ zen. So dachte Sim Tappertit, als Gabriel jene 92 roſigen Lippen an die ſeinigen drückte— jene Lippen, die Tag für Tag Simſon ſo nahe und doch ſo ferne lagen. Er hatte alle Achtung vor ſeinem Meiſter, aber er wünſchte, daß ihn der Yorkshirer Kuchen er⸗ ſticken möchte. „Vater,“ ſagte des Schloſſers Töchterlein, als dieſer Gruß vorüber war und ſie auf ihren Sitzen am Tiſche Platz genommen hatten,„was muß ich da von der letzten Nacht hören?“ „Alles wahr, meine Liebe; ſo wahr als das Evangelium, Doll.“ „Der junge Herr Cheſter wurde alſo beraubt und lag verwundet in der Straße, als ihr herauf kamt?“ „Ja— Herr Eduard. Und neben ihm Bar⸗ naby, der aus Leibeskräften um Hülfe rief. Es war gut, daß es ſo ging; denn der Weg iſt einſam, die Stunde war ſpät, die Nacht kalt und der arme Bar⸗ naby aus Furcht und Schrecken noch unverſtändiger, als ſonſt, ſo daß der junge Herr in kurzer Zeit hätte des Todes ſeyn müſſen.“ „Schon der Gedanke daran entſetzt mich!“ rief die Tochter mit einem Schauder.„Wie habt Ihr ihn denn erkannt?“ „Wie ich ihn erkannte?“ entgegnete der Schloſſer. „Ich kannte ihn nicht— wie hätte ich ſollen? Ich habe zwar oft von ihm ſprechen hören, aber ihn nie geſehen. Ich brachte ihn zu Frau Rudge, und 93³ ſobald ſie ſeiner anſichtig wurde, kam die Wahrheit heraus.“ „Aber Miß Emma, Vater— wenn ihr dieſe Kunde, und wie es gewöhnlich geht, noch vergrößert zu Ohren kommt, ſo wird ſie den Verſtand ver⸗ lieren.“ „Ei, da ſehe man wieder, was ein Menſch we⸗ gen ſeiner Gutmüthigkeit zu leiden hat,“ ſagte der Schloſſer.„Miß Emma war mit ihrem Onkel auf dem Maskenballe in Carlisle Houſe, wohin ſie, wie mir die Leute in dem Kaninchenhag ſagten, nur ſehr ungern ging. Was kann nun dein Dummkopf von Vater, nachdem er ſich mit Frau Rudge bera⸗ then, anderes thun, als auch hingehen, während er zu Bette ſeyn ſollte, ſeinen Freund, den Thürſteher, ins Intereſſe zu ziehen, in einen Domino zu ſchlüpfen und ſich unter die Masken zu mengen.“ „Ja, das ſieht ihm gleich!“ rief Dolly, indem ſte ihren ſchönen Arm um ſeinen Hals legte und ihm einen begeiſterten Kuß gab. „So, ſieht es ihm gleich?“ entgegnete Gabriel mit affectirter Grämlichkeit, wahrſcheinlich aber er⸗ freut über die Rolle, die er dabei geſpielt, und über das Lob, das ihm ſeine Tochter darüber ertheilt hatte. „Auch deine Mutter ſagte, es ſieht ihm ganz gleich. Wie dem aber ſein mag, er miſchte ſich in das Ge⸗ dränge, wurde tüchtig herumgeſtoßen, und ich ver⸗ ſichere dir, von dem Gequiecke, ‚kennſt du mich?“ und ‚o, ich weiß wohl, wer du biſt!: und was dergleichen Unſinn mehr iſt, klingen ihm noch die Ohren. Uebrigens dürfte er bis auf dieſe Stunde herum⸗ laufen, hätte er nicht in einem Nebencabinet eine junge Dame gefunden, die wegen der Wärme des Orts und weil ſie allein war, ihre Maske abgenom⸗ men hatte.“ „Und das war ſie?“ ſagte ſeine Tochter haſtig. „Und das war ſie,“ wiederholte der Schloſſer. „Ich hatte ihr den Vorfall kaum zugeflüſtert— ſo ſachte, Doll, und mit faſt ſo viel Geſchicklichkeit, als du ſelbſt hätteſt anwenden können— als ſie einen Schrei ausſtößt und in Ohnmacht fällt.“ „Was thatet Ihr— was folgte zunächſt?“ fragte ſeine Tochter. „Je nun, die Masken kamen ſchaarenweiſe, mit allgemeinem Lärm und Geheul, heran, und ich ſchätzte mich glücklich, nur wieder loszukommen, das iſt alles,“ verſetzte der Schloſſer.„Was mir blühte, als ich nach Haus kam, kannſt du dir denken, wenn du es nicht gehört haſt. Ach! wohl iſt es ein armes Herz, das ſich nie freuen darf.— Gib den Toby herüber, meine Liebe.“ Dieſer Toby war der braune Krug, deſſen ſchon Erwähnung geſchehen iſt. Die wohlwollende Stirne des würdigen alten Herrn an ſeine Lippe ſetzend, erlabte ſich der Schloſſer, der inzwiſchen grauſame Verheerungen unter den Eßwaaren angeſtellt hatte, ſo lange an deſſen Inhalt und erhob das Gefäͤß allmälig ſo weit in die Luft, daß endlich Toby mit 95 dem Kopf auf des Meiſters Naſe ſtand; dann ſchnalzte er mit den Lippen und ſtellte ihn mit zärtlichem Widerſtreben auf den Tiſch. Obgleich Sim Tappertit keinen Theil an dieſer Unterhaltung genommen hatte, da keine Sylbe an ihn gerichtet worden war, ſo ermangelte er doch nicht, ſolche ſtumme Merkmale ſeiner Verwunderung an den Tag zu legen, als ihm mit einer günſtigen Ent⸗ faltung ſeines Augenſpiels am meiſten verträglich ſchien. Da er jedoch in der nun folgenden Pauſe eine beſonders günſtige Gelegenheit zu erſehen glaubte, das Geſchütz ſeiner Blicke gegen die Schloſſerstochter ſpielen zu laſſen, die ihm, wie er gar nicht zweifelte, in ſtummer Bewunderung zuſah, ſo begann er ſein Geſicht und beſonders ſeine Augen in ſo außeror⸗ dentliche, gräßliche und unvergleichliche Fratzen zu verzerren, daß Gabriel, welcher zufällig nach ihm hinſchaute, vor Erſtaunen ganz außer ſich gerieth. „Ei, was zum Teufel geht mit dem Jungen vor?“ rief der Schloſſer.„Will er erſticken?“ „Wer?“ fragte Sim etwas geringſchätzig. „Wer? Je nun, Du,“ entgegnete ſein Meiſter. „Was ſoll das heißen, daß du ſo ſchreckliche Geſich⸗ ter über deinem Frühſtück ſchneideſt?“ „Geſichter ſind eine Geſchmacksſache, Sir,“ ſagte Herr Tappertit etwas verblüfft— um ſo mehr, als er auch des Schloſſers Tochter lächeln ſah. „Sim,“ erwiederte Gabriel mit einem herzlichen 96 Lachen,„ſey kein Narr, denn ich möchte dich lieber bei Verſtand ſehen. Dieſe jungen Burſche,“ fügte er an ſeine Tochter gewandt bei,„treiben immer etwas Thörichtes, ſo oder ſo. Da gab es geſtern Abend wieder einen Streit zwiſchen Joe Willet und dem alten John— obgleich ich nicht ſagen kann, daß Joe ſonderlich Schuld daran war. Er wird eines Morgens fort ſeyn, ausgeflogen wie eine wilde Gans, um ſein Glück zu ſuchen.— Ei, was haſt du denn, Doll? Jetzt ſchneideſt du Geſichter. Die Mädels ſind doch um kein Haar beſſer, als die Jungen.“ „Es kömmt vom Thee,“ ſagte Dolly, abwech⸗ ſelnd roth und blaß werdend, was ohne Zweifel in einem Bischen Verbrennen ſeinen Grund hatte, ver iſt ſo gar heiß.“ Herr Tappertit machte ungeheuer große Augen nach einem Viertels Laib Brod auf dem Tiſch und athmete ſchwer auf. „Sonſt ichts?“ erwiederte der Schloſſer.„Thu etwas mehr Mlch dazu. Ja, der Joe thut mir leid, denn er iſt ſo ein gar ordentlicher Burſche, und man muß ihn immer lieber haben, je öfter man ihn ſieht. Aber gib Acht, er nimmt Reißaus. Hat er mir's doch ſelbſt geſagt!“ „Wirklich?“ rief Dolly mit ſchwacher Stimme. „Wirk⸗-lich?“ „Brennt dich der Thee noch im Halſe, meine Liebe?“ fragte der Schloſſer. 97 Aber ehe ihm die Tochter antworten konnte, wurde ſie von einem ſchauerlichen Huſten befallen, und der Huſten war ſo arg, daß ihr die hellen Thrä⸗ nen in die Augen ſchoſſen, als er endlich aufhörte. Der gute Schloſſer klopfte ſie eben auf den Rücken und wandte ähnliche ſanfte Kräftigungsmittel an, als eine Botſchaft von Frau Varden anlegte, welche allen, denen daran gelegen, zu wiſſen machte, daß ſie ſich nach der Aufregung und der Angſt der letzten Nacht zu unwohl fühle, um aufzuſtehen, weßhalb ſie augenblicklich mit dem kleinen ſchwarzen Theetopf voll ſtark gemiſchtem Thee's, einem Paar runder, gebut⸗ terter Röſtſchnitten, einem mäßig großen Teller mit dünn geſchnittenem Rinderbraten und Schinken und der proteſtantiſchen Hausandacht in zwei Oktavbän⸗ den bedient zu werden wünſche. Wie einige andere Damen, die vor Alters auf dieſem Erdballe geblüht hatten, war Frau Varden immer am andächtigſten, wenn ſie am übelgelaunteſten war; denn ſo oft es zwiſchen ihr und ihrem Gatten zu ungewöhnlichen Differenzen kam, ſtand immer die proteſtantiſche Haus⸗ andacht hoch in Gnaden. Durch die Erfahrung belehrt, was ſolche For⸗ derungen zu bedeuten hatten, brach das Triumvirat auf: Dolly, um nachzuſehen, daß alles in gehöriger Eile vollzogen werde— Gabriel, um in ſeiner klei⸗ nen Chaiſe irgend ein Geſchäft außer dem Hauſe zu bereinigen— und Sim, um an ſeine Tagesobliegen⸗ heit in der Werkſtatt zu gehen, wohin er die großen Boz. XVI. Barnaby Rudge. 7 1 98 Augen mitnahm, obgleich der Laib auf dem Tiſche liegen blieb. In der That vergrößerten ſich die Augen des Letzteren mehr und mehr und wurden eigentlich gigantiſch, als er ſich die Schürze umgebunden hatte. Erſt als er einigemal mit gekreuzten Armen und den längſten Schritten, die er nehmen konnte, auf und ab gegangen war, bei welcher Gelegenheit er alles, was ihm in den Weg kam, mit den Füßen zur Seite ſtieß, begann ſich ſeine Lippe zu kräuſeln. Endlich überflog ein düſterer Hohn ſeine Züͤge, und er lächelte, während er mit der Miene der höchſten Verachtung das einſylbige Wörtchen„Joe!“ ausſtieß. „Ich habe ſie beäugelt, während er von dem Kerl ſprach,“ ſagte er,„und das war natürlich der Grund ihrer Verwirrung. Joe!“ Dann ging er wieder mit ſchnelleren und wo möglich noch längeren Schritten als zuvor auf und nieder, bisweilen Halt machend, um einen Blick auf ſeine Beine zu werfen, oder einen Stoß mit denſelben zu führen und ein abermaliges„IDel2 hervorzudrängen. Nach Abfluß einer Viertelſtunde ungefähr nahm er jedoch ſeine Löſchpapiermütze wieder auf und verſuchte zu arbeiten. Nein, es wollte nicht gehen. „So will ich heute nichts thun, als ſchleifen,“ ſagte Herr Tappertit, ſeine Mütze wieder fortſchleu⸗ dernd.„Ich will alle Werkzeuge ſchleifen. Dieſes 99 Mahlen ſagt meiner gegenwärtigen Stimmung am beſten zu. Joe!“ Hurr-r-r-r! Der Schleifſtein war bald in Be⸗ wegung, und die Funken flogen in dichten Schauern davon. Dieß war eine Beſchäftigung für ſeinen erhitzten Geiſt. Hurr-r-r-=r-r-r-r! „Das gibt etwas,“ ſagte Herr Tappertit, indem er, gleichſam triumphirend, inne hielt und die heiße Stirne mit ſeinem Aermel abwiſchte.„Das gibt etwas. Hoffentlich iſt es kein Menſchenblut.“ Hurr-r-r-r-r-r-r-r! Fünftes Kapitel. Sobald das Geſchäft des Tages vorüber war, machte ſich der Schloſſer allein auf den Weg, um den verwundeten Herrn zu beſuchen und über die Fortſchritte ſeiner Beſſerung Gewißheit einzuziehen. Das Haus, wo er ihn gelaſſen hatte, war in einer Nebengaſſe von Southwark, nicht weit von der London⸗ Brücke, und dorthin eilte er nun, ſo ſchnell er konnte, da es ihm darum zu thun war, mit mög⸗ lichſt geringer Verſäumniß zurückzukehren und zeitig in ſein Bette zu kommen. 7* 100 Der Abend war ſtürmiſch— kaum beſſer, als die vorige Nacht. Es wurde einem ſo ſtämmigen Mann, wie Gabriel, nicht ſo gar leicht, ſich an den Straßenecken auf den Beinen zu erhalten, oder dem ungeſtümen Winde die Spitze zu bieten, der oft die Uebermacht über ihn gewann und ihn um einige Schritte zurücktrieb, oder ihn trotz aller ſeiner Kraftanſtrengungen zwang, unter einem Bogen oder einem Thorweg Schutz zu ſuchen, bis ſich die Wuth des Stoßes erſchöpft hatte. Hin und wieder kam ein Hut, oder eine Perücke, oder beides wie wahn⸗ ſinnig wirbelnd und kreiſend an ihm vorbei, und der noch ernſtere Anblick von niederfallenden Ziegeln und Schieferſtücken, oder von Mauermaſſen, Mörtel und dem Geſteine der Schornſteinkuppen, die da und dort ſplitternd auf das Pfaaſter niederpraſſelten, hoben das Vergnügen der Wanderung auf dem trübſeligen Wege nicht ſonderlich. „Eine ſchlimme Nacht zum Ausgehen für einen Mann wie ich,“ ſagte der Schloſſer, als er ſachte an die Thüre der Wittwe klopfte.„Meiner Treu, ich waͤre weit lieber in dem Kaminwinkel des alten John.“ „Wer iſt da?“ fragte eine weibliche Stimme von innen. Die Antwort darauf veranlaßte einen Be⸗ willkommungsgruß, und die Thüre ging raſch auf. Die Frau war ungefähr Vierzig— vielleicht zwei oder drei Jahre älter— freundlich anzuſehen, 101 und ihr Geſicht verrieth noch Spuren früherer Schönheit; aber auch Kummer und Sorge hatten ihre Furchen zurückgelaſſen, obgleich dieſe ſich von lange her ſchreiben mußten, da die Zeit bereits wie⸗ der glättend eingewirkt hatte. Auch dem flüchtigſten Blicke hätte die Aehnlichkeit zwiſchen Barnaby und ſeiner Mutter auffallen müſſen, obſchon in dem Geſichte des Erſtern eine ausdrucksloſe Wildheit lag, während ſich in dem Ihrigen die geduldige Faſſung langer Kämpfe und ruhiger Ergebung nicht ver⸗ kennen ließ. Nur etwas ſprach aus dieſem Geſichte befrem⸗ dend und unheimlich an; ſelbſt in ſeiner heiterſten Stimmung konnte man es nicht anſehen, ohne zu fühlen, daß es eine außerordentliche Fähigkeit hatte, Schrecken auszudrücken. Es lag nicht auf der Oberfläche, nicht in irgend einem einzigen, beſtimm⸗ ten Zuge. Wenn man die Augen, den Mund oder die Linien der Augen betrachtete, ſo konnte man nicht ſagen, wenn dieß oder jenes anders wäre, ſo würde es nicht ſo ſeyn. Und doch war ſtets etwas Leidendes da, nur undeutlich zu erkennen, aber doch war es da und verlor ſich keinen Augenblick. Es war der ſchwächſte, bleichſte Schatten eines Blickes, wozu nur ein Moment des höchſten und unaus⸗ ſprechlichſten Entſetzens Anlaß gegeben haben konnte; aber trotz ſeiner Unbeſtimmtheit und Schattenhaf⸗ tigkeit konnte man ahnen, was es für ein Blick geweſen ſeyn mußte, und das Ganze übte einen 10² Eindruck auf den Geiſt, als hätte man es ſchon einmal im Traume geſchaut. Noch matter ausgedrückt und gleichſam der Kraft und Bedeutung ermangelnd wegen der hier ſtattfindenden Verſtandesverwirrung, haftete der gleiche Stempel auch auf dem Antlitz des Sohnes. In einem Gemälde geſchaut, hätte er eine Legende er⸗ zählen müſſen, deren ſich das Erinnerungsvermögen nicht ſo leicht würde entſchlagen haben. Wer die Maibaumgeſchichte kannte und ſich noch vorſtellen konnte, was die Wittwe war, ehe ihr Gatte und deſſen Gebieter ermordet wurde, wußte es zu deuten. Er konnte ſich noch vorſtellen, wie dieſer Wechſel gekommen war, und mußte noch wiſſen, daß der Sohn, der an demſelben Tage geboren wurde, als man den Mord entdeckte, an dem Handgelenke ein Mal mit auf die Welt brachte, das wie ein halb ausgewaſchener Blutfleck ausſah. „Gott ſey mit Euch, Nachbarin,“ ſagte der Schloſſer, als er ihr mit der Zutraulichkeit eines alten Freundes in eine kleine Stube folgte, wo ein behagliches Feuer brannte. „Und mit Euch,“ antwortete ſie lächelnd.„Euer gutes Herz hat Euch wieder hieher geführt. So weit ich Euch von Alters her kenne, kann Euch nichts zu Hauſe halten, wenn es gilt, irgend einem Freunde draußen einen Dienſt zu leiſten oder Troſt zu bringen.“ „Bst! Bst!“ verſetzte der Schloſſer, ſeine Hände 103 reibend und ſie über das Feuer haltend.„Ihr Weiber müßt doch immer plaudern. Wie geht's un⸗ ſerm Patienten, Nachbarin?“ „Er ſchläft jetzt. Gegen Morgen war er ſehr unruhig und trieb ſich einige Stunden ganz kläglich umher. Aber das Fieber hat ihn verlaſſen, und der Doctor ſagt, es werde bald zum Beſſern gehen. Vor morgen darf er aber nicht entfernt werden.“ „Er hat heute Beſuch gehabt— hum?“ fragte Gabriel ſchlau. „Ja. Der alte Herr Cheſter iſt immer da geweſen, ſeit wir nach ihm geſchickt haben, und ging kaum erſt vor einigen Minuten fort.“ „Kein Frauenzimmer?“ fragte Gabriel weiter, indem er mit getäuſchtem Blick die Augenbrauen in die Höhe zog. „Ein Brief,“ verſetzte die Wittwe. „Je nun,'s iſt wenigſtens etwas beſſer als gar nichts,“ rief der Schloſſer.„Wer brachte ihn?“ „Natürlich Barnaby.“ „Barnaby iſt nicht mit Gold zu bezahlen,“ ſagte Herr Varden.„Er kommt und geht mit Leichtigkeit, wo wir, die wir uns um ſo viel weiſer denken, eine ganz armſelige Rolle ſpielen würden. Hoffentlich iſt er doch nicht ſchon wieder auf der Wanderung?“ „Gott ſey Dank, nein. Er iſt in ſeinem Bette. Ihr wißt ja, daß er die ganze Nacht auf, und den ganzen Tag in Bewegung war, und da iſt er denn jetzt ganz abgehetzt. Ach Nachbar, wenn ich ihn — — 104 nur öfter ſo ſehen könnte— wenn es mir nur möglich wäre, dieſe ſchreckliche Ruheloſigkeit zu be⸗ wältigen—“ 3 „Es wird mit der Zeit gehen,“ ſagte der Schloſſer freundlich;„es wird mit der Zeit gehen— nur nicht verzagt. Es kommt mir vor, als ob er mit jedem Tag verſtändiger würde.“ Die Wittwe ſchüttelte den Kopf. Und doch, obgleich ſie wußte, daß der Schloſſer nicht aus eige⸗ ner Ueberzeugung, ſondern nur ihr zu Gefallen ſo ſprach, freute ſie ſich ſelbſt über dieſes Lob ihres armen verwirrten Sohnes. „Er wird noch ein ganz geſcheidter Menſch werden,“ nahm der Schloſſer wieder auf.„Gebt Acht, ob Barnaby uns nicht noch ſchamroth macht, wenn wir alt und kindiſch werden— weiter ſage ich nichts. Aber unſer weiterer Freund“— fügte er bei, indem er unter dem Tiſch und auf dem Boden um⸗ herſah—„der Schärfſte und Schlauſte unter allen Scharfen und Schlauen— wo iſt er?“ „In Barnaby's Kammer,“ entgegnete die Mut⸗ ter mit einem matten Lächeln. „Ach, er iſt ein pfiffiger Kunde!“ ſagte Varden, den Kopf ſchüttelnd.„Ich möchte keine Geheimniſſe vor ihm auskramen. O, er iſt ein gründlicher Pa⸗ tron. Ich zweifle nicht, daß er leſen, ſchreiben und ſogar rechnen könnte, wenn er nur wollte. Was war das?— klopft er an die Thüre?“ „Nein,“ verſetzte die Wittwe,„es kam, glaube 105 ich, von der Straße. Horch! Ja, da iſt's wieder! Es pocht Jemand leiſe an den Laden. Wer mag das ſeyn?“ Sie hatten nur flüſternd geſprochen, denn der Kranke lag über ihnen, und Wand und Diele waren ſo dünn und ärmlich gebaut, daß der Ton ihrer Stimme ſeinen Schlummer hätte ſtören können. Wer alſo auch vor dem Fenſterladen ſtehen mochte, ein Mitanhören ihres Geſprächs wäre unmöglich ge⸗ weſen; und da die außen befindliche Perſon das Licht durch die Ritzen ſcheinen ſah, und alles ſo ruhig fand, ſo konnte ſie wohl glauben, daß nur ein ein⸗ ziger Menſch im Zimmer ſey. „Irgend ein Dieb oder Jauner,“ ſagte der Schloſſer.„Gebt mir das Licht.“ „»Nein, nein,“ entgegnete ſie haſtig.„Solche Beſuche kommen nie in dieſe arme Wohnung. Bleibt hier. Im ſchlimmſten Fall hört Ihr mich ja rufen. Ich möchte lieber ſelbſt und allein gehen.“ „Warum?“ fragte der Schloſſer, der nur un⸗ gern das Licht, das er vom Tiſche weggenommen hatte, wieder zurückſtellte. „Weil— ich weiß nicht warum— aber weil mich der Wunſch ſo plötzlich anwandelt,“ antwortete ſie.„Da, ſchon wieder— haltet mich nicht auf.— Ich bitte Euch.“ Gabriel blickte ihr nach, erſtaunt, ſie, die ſonſt ſo mild und ruhig war, jetzt über einen ſo geringen Anlaß ſo aufgeregt zu ſehen. Sie verließ 106 die Stube und zog die Thüre hinter ſich zu. Einen Moment blieb ſie zaudernd, die Hand auf die Klinke gelegt, ſtehen, und in dieſem kurzen Augen⸗ blicke wiederholte ſich das Pochen abermals, worauf eine Stimme dicht vor dem Fenſter— eine Stimme, welcher ſich der Schloſſer zu erinnern und mit irgend einem unangenehmen Vorfall in Verbindung zu bringen ſchien— flüſterte:„Beeilt Euch!“ Die Worte wurden mit jener leiſen, aber dennoch beſtimmten Stimme geſprochen, welche ihren Weg ſo leicht in das Ohr der Schläfer ſindet und ein entſetztes Erwachen veranlaßt. Für einen Augen⸗ blick erſchrak ſogar der Schloſſer, denn er fuhr un⸗ willkürlich von dem Fenſter zurück; dann horchte er. Der in dem Schornſtein heulende Wind machte es ſchwer, zu unterſcheiden, was draußen vorging. Demungeachtet aber vernahm er, daß ſich die Thüre öffnete und der Tritt eines Mannes über die Dielen knarrte. Dann ein augenblickliches Schweigen— unterbrochen durch einen unterdrückten Ton, der weder ein Schrei, noch ein Stöhnen, noch ein Hülferuf war, und doch jedes von allen dreien ſeyn konnte; und endlich die Worte:„Mein Gott!“ aus⸗ geſprochen in einem Tone, ob dem ihm das Herz in der Bruſt erſtarrte! Im Nu befand er ſich außen. Da war endlich auf ihrem Antlitz jener entſetzliche Blick— derſelbe, der ihm ſo bekannt zu ſeyn ſchien, und den er doch nie zuvor geſehen hatte. Da ſtand ſie, wie an die — u ᷣ— ——— —2 ᷣ 107 Erde gewurzelt, mit hervorſpringenden Augen, lei⸗ chenfahlen Wangen und jeden Zug ſtarr und ge⸗ ſpenſtig auf den Mann heftend, der ihm im Dunkel der Nacht begegnet war. Seine Augen trafen auf die des Schloſſers. Es war nur ein Blitz, ein Augenblick, ein Hauch auf polirtem Glaſe— und weg war er. Der Schloſſer ſtürzte ihm nach— er faßte faſt den Saum ſeines fliegenden Gewandes, als er ſei⸗ nen Arm plötzlich dicht umfaßt fühlte, und die Wittwe ſich vor ihm auf die Erde warf. „In dieſe Richtung— in dieſe Richtung“— rief ſie.„Er iſt in dieſe Richtung gegangen. Zurück — zurück!“ „Was, in dieſe Richtung! Ich ſehe ihn ja noch!“ entgegnete der Schloſſer, auf den Flüchtigen deutend.„Dort— da— da gleitete ſein Schatten an jenem Licht vorbei. Was— wer iſt dieſer Menſch? Laßt mich los!“ „Kommt zurück, kommt zurück!“ rief das Weib mit ihm ringend und ſich an ihn klammernd.„Rührt ihn nicht an, ſo lieb Euch Euer Leben iſt! Ich befehle Euch, kommt zurück! Er trägt noch Anderer Leben bei ſich, außer ſeinem eigenen. Zurück!“ „Was ſoll das heißen?“ rief der Schloſſer. „Kümmert Euch nicht darum, was es heißen ſoll. Fragt nicht, fragt nicht, denkt nicht daran. Er iſt nicht der Mann, der ſich verfolgen, faſſen oder halten läßt. Kommt zurück!“ 108 Der alte Mann ſchaute ſie verwundernd an, wie ſie mit ihm rang und ſich an ihn heftete. Er⸗ ſchüttert durch ihre Leidenſchaftlichkeit, ließ er ſich von ihr nach dem Hauſe zurückſchleppen. Erſt als ſie die Thüre doppelt verſchloſſen, jeden Riegel und Querbalken mit der Haſt und der Wuth einer Wahnſinnigen vorgeſchoben und ihn in das Zimmer zurückgezogen hatte, wandte ſie ihm wieder jenen verſteinernden Blick des Entſetzens zu, bedeckte, in einen Stuhl ſinkend, ihr Geſicht, und ſchauderte, als ob die Hand des Todes auf ihr läge. Siebentes Kapitel. Ueber alle Maßen erſtaunt durch die ſonder⸗ baren Vorfälle, die ſo ungeſtüm und haſtig ein⸗ ander folgten, blickte der Schloſſer halb verſteinert auf die ſchaudernde Geſtalt im Stuhle, und würde ſie wohl noch viel länger angeſtiert haben, wäre ihm nicht durch Mitleid und Menſchlichkeit die Zunge gelöst worden. „Ihr ſeyd unwohl,“ ſagte Gabriel.„Ich will eine Nachbarin herbeirufen.“ „Nicht um die Welt,“ verſetzte ſie, indem ſie mit zitternder Hand ihm zuwinkte, aber noch 109 immer das Antlitz weggewendet hielt.„Es iſt ge⸗ nug, daß Ihr da geweſen ſeyd, um dieß mit an⸗ zuſehen.“ „Nein, mehr als genug— oder weniger,“ ſagte Gabriel. „Sey es d'rum, ſey es d'rum,“ erwiederte ſie. „Wie Ihr wollt. Ich bitte, ſtellt keine Fragen an mich.“ „Nachbarin,“ ſagte der Schloſſer nach einer Pauſe,„iſt dieß ehrlich, vernünftig oder überhaupt nur gerecht gegen Euch ſelbſt? Muß ich mich eines ſolchen zu Euch verſehen, die Ihr mich ſo lang gekannt und in allen Dingen meinen Rath nach⸗ geſucht habt— zu Euch, die Ihr ſchon als Mäd⸗ chen einen kräftigen Geiſt und ein ſtarkes Herz beſeſſen?“ „Ach, wohl war mir beides nöthig,“ verſetzte ſie.„Ich werde alt an Jahren und an Kummer. Vielleicht iſt dieß, im Vereine mit den erſtandenen allzuvielen Heimſuchungen, Schuld daran, daß ſie ſchwächer ſind, als ſie ſonſt zu ſeyn pflegten. Sprecht nicht weiter davon.“ „Wie kann ich ſehen, was ich geſehen habe, und ſchweigen,“ entgegnete der Schloſſer.„Wer war dieſer Mann, und warum hat ſein Kommen dieſe Veränderung in Euch hervorgebracht?“ Sie antwortete nicht, ſondern klammerte ſich an den Stuhl, als fürchte ſie, zur Erde zu finken. „Ich bediene mich der Freiheit eines alten Be⸗ 110 kannten, Marie,“ ſagte der Schloſſer,„der es im⸗ mer gut mit Euch meinte und es vielleicht auch, wo er konnte, zu beweiſen ſuchte. Wer iſt dieſer Galgenvogel, und was hat er mich Euch zu ſchaffen? Wer iſt dieſes Geſpenſt, das ſich nur in dunkeln Naͤchten und in grauſigem Wetter ſchauen läßt? Wie kennt, und warum umſpuckt er dieſes Haus, durch Spalten und Ritzen flüſternd, als beſtände zwiſchen ihm und Euch ein Verhältniß, von dem man nicht einmal laut ſprechen darf? Wer iſt er 2 „Ja, wohl dürft Ihr ſagen, er umſpuckt dieſes Haus,“ entgegnete die Wittwe mit matter Stimme. „Sein Schatten hat auf demſelben und auf mir geruht in Licht und Finſterniß, um Mittag und um Mitter⸗ nacht. Und nun iſt er endlich ſogar körperlich ge⸗ kommen!“ „Aber er hätte nicht mehr körperlich gehen ſollen,“ entgegnete der Schloſſer etwas gereizt,„wenn Ihr mir nur den freien Gebrauch meiner Arme und Beine gelaſſen hättet. Was iſt das für ein Räthſel?“ „Eines, das immer bleiben muß, wie es iſt,“ antwortete ſie aufſtehend.„Ich darf es nicht wagen, mehr als dieß zu ſagen.“ „Nicht wagen?“ wiederholte der verwunderte Schloſſer. „Dringt nicht in mich,“ verſetzte ſie.„Ich bin krank und ſchwach, und jede Lebenskraft ſcheint in mir erſtorben zu ſeyn. Nein— nein!— Rührt mich auch nicht an.“ 111 Gabriel, der ſich genähert hatte, um ihr Bei⸗ ſtand zu leiſten, trat bei dieſem heftigen Ausruf zu⸗ rück und ſah ſie mit ſtummem Erſtaunen an. „Laßt mich meinen Weg allein gehen,“ ſagte ſie mit dumpfer Stimme,„und mögen die Hände eines ehrlichen Mannes heute nicht die meinigen berühren.“ Als ſie nach der Thüre gegangen war, wandte ſie ſich um, und fügte mit ſtärkerem Nachdruck bei: „Dieß iſt ein Geheimniß, das ich nothgedrungen Euch anvertraue. Ihr ſeyd ein zuverläſſiger Mann, und ſeyd ſo gut und freundlich gegen mich geweſen— bewahrt es. Wenn man oben irgend einen Lärm gehört hat, ſo ſucht eine Ausflucht— ſagt Alles, nur nicht was Ihr wirklich geſehen habt, und laßt uns nie ein Wort oder einen Blick wechſeln, um dieſen Vorfall wieder zurückzurufen. Euch vertraue ich mich. Vergeßt es nicht, daß auf Euch meine Zu⸗ verſicht ſteht. Ihr könnt Euch keine Vorſtellung machen, wie viel ich Euch vertraue.“ Sie heftete noch einmal für einen Moment ihre Augen auf ihn, worauf ſie ſich entfernte und ihn allein ließ. Gabriel, der nicht wußte, was er davon denken ſollte, ſtarrte mit einem Geſichte voll unheimlicher Ueberraſchung auf die Thüre. Jemehr er über den Vorfall nachdachte, deſto weniger fühlte er ſich im Stande, eine günſtige Deutung zu finden. Zeuge zu ſeyn, wie dieſe Wittwe, von der man glaubte, ſie habe viele Jahre ein einſames und zurückgezogenes 112 Leben geführt, und die durch ihren ſtillen, duldenden Charakter die gute Meinung und Achtung aller Be⸗ kannten gewonnen hatte— in einem geheimnißvollen Verkehr mit einem nichts Gutes ahnen laſſenden Manne ſtand, über deſſen Erſcheinen ſie ſich entſetzte, und deſſen Flucht ſie Vorſchub leiſtete: dieß war eine Entdeckung, die ihn eben ſo ſehr ſchmerzte, als ver⸗ blüffte. Ihr Vertrauen auf ſeine Verſchwiegenheit und ſeine ſtumme Zuſtimmung vermehrte noch ſeine Betrübniß. Hätte er kühn geſprochen, auf ſeinen Fragen beharrt, ſie zurückgehalten, als ſie aufſtand, um das Zimmer zu verlaſſen, oder nur irgend eine Art von Proteſtation eingelegt, ſtatt ſtillſchweigend einzuwilligen, wie er, das fuͤhlte er wohl, gethan hatte, ſo wäre er ruhiger geweſen. „Warum ließ ich ſie ſagen, es ſey ein Geheim⸗ niß, das ſie mir anvertraut habe?“ ſagte Gabriel, indem er mit einer Jammermiene auf das Feuer blickte und ſeine Perücke auf die andere Seite ſchob, um ſich gemächlicher im Kopfe kratzen zu können. „Ich bin ſo langſam, als der alte John ſelbſt. Warum ſagte ich nicht mit Feſtigkeit: Ihr habt kein Recht zu ſolchen Geheimniſſen, und ich verlange von Euch, daß ihr mir ſagt, was dieß bedeutet— ſtatt da zu ſtehen, und ſie wie ein altes Mondkalb anzugaffen! Aber ſo iſt meine Schwäche. Gegen Männer kann ich im Nothfall entſchieden auftreten, aber Weiber können mich nach Belieben um ihren Finger wickeln.“ Während dieſer Betrachtungen nahm er ſeine — ——QOñO—y 8 113 Perücke ab, wärmte ſein Schnupftuch am Feuer, und begann damit ſein kahles Haupt zu reiben und zu poliren, bis es wieder glänzte. „Und doch,“ ſagte der Schloſſer, unter dieſem beſchwichtigenden Prozeß ruhiger werdend und ſich einem Lächeln hingebend,„vielleicht ſteckt erſt nichts dahinter. Jeder betrunkene Prahlhans, der es ver⸗ ſucht hätte, in ihr Haus einzudringen, würde eine ſo ruhige Seele, wie ſie iſt, in Schrecken geſetzt haben. Aber dann“— und dieß war allerdings das ver⸗ blüffendſte—„wie kam es, daß es gerade dieſer Mann war. Wie kömmt es, daß er Einfluß über ſie hat? Wie kam ſie dazu, ſein Entkommen zu begünſtigen? und was noch mehr als Alles iſt, was ſteckt wohl dahinter, daß ſie nicht ſagte, es ſey ein plötzlicher Schrecken und weiter nichts? Es iſt traurig, wenn man in einer einzigen Minute Anlaß erhält, Miß⸗ trauen in eine Perſon zu ſetzen, die man ſo lange gekannt hat, und die noch obendrein ein alter Schatz iſt. Aber trotz alle dem, was kann ich anders thun? — Iſt das nicht Barnaby, der draußen iſt?“ „Ja!“ rief er, hereinſehend und mit dem Kopſe nickend.„Gewiß iſt es Barnaby— wie habt Ihr es ſo gleich errathen?“ „Aus deinem Schatten,“ ſagte der Schloſſer. „Oho,“ rief Barnaby, über ſeine Schulter ſehend.„Es iſt ein luſtiger Burſche, dieſer Schatten, und hält immer bei mir aus, obgleich ich thöricht bin. Wir treiben allerhand Poſſen mit einander, lau⸗ Boz. XVI. Barnaby Rudge. 8 114 fen, rennen und purzeln auf dem Graſe. Bisweilen iſt er halb ſo groß als ein Kirchthum, bisweilen aber auch ſo klein wie ein Zwerg. Das einemal geht er vor mir, das andremal hinter mir, und dann ſtiehlt er ſich auch ſachte an meiner Seite fort, bald rechts, bald links, macht immer Halt, wenn ich Halt mache, und meint wohl, ich könne ihn nicht ſehen, obgleich ich ein ſcharfes Auge auf ihn habe. Oh! er iſt ein luſtiger Burſche. Sagt mir— iſt er auch närriſch? Ich denke wohl, daß er es ſeyn muß.“ „Warum?“ fragte Gabriel. „Weil er nie müde wird mich zu necken, ſondern den ganzen Tag in einem fort macht.— Warum kommt Ihr nicht?“ „Wohin?“ „Die Treppe hinauf. Halt— wo iſt ſein Schatten? Ei, Ihr ſeyd ja ein weiſer Mann; ſagt mir das.“ „Neben ihm, Barnaby; vermuthlich neben ihm,“ entgegnete der Schloſſer. „Nein!“ verſetzte Barnaby den Kopf ſchüttelnd. „Rathet noch einmal.“ „Vielleicht ſpazieren gegangen?“ „Er hat ſeinen Schatten mit einem Frauen⸗ zimmer ausgetauſcht,“ flüſterte der Andere ihm leiſe zu, worauf er mit einem triumphirenden Blick zurucktrat. „Ihr Schatten iſt immer bei ihm, und der ſeinige bei ihr. Das iſt doch ein Spaß, denke ich, he?“ 115. „Barnaby,“ ſagte der Schloſſer mit einem ernſten Blick;„komm hierher, Junge.“ „Ich verſtehe; ich weiß ſchon, was Ihr ſagen wollt,“ erwiederte er, in der Ferne ſtehen bleibend. „Aber ich bin ſchlau; ich ſchweige. Nur zu Euch ſage ich es. Seyd Ihr fertig?“ Mit dieſen Worten nahm er das Licht und ſchwang es mit einem wilden Lachen über ſeinen Kopf. „Sachte— gemach,“ ſagte der Schloſſer, der ſeinen ganzen Einfluß aufbot, um ihn zu beruhigen. „Ich dachte, du hätteſt geſchlafen.“ „Ich habe auch geſchlafen,“ entgegnete er mit weit offenen Augen.„Große Geſichter kamen und gingen— jetzt vor meinen Augen und dann eine Meile weit weg— niedrige Orte, durch die ich krie⸗ chen mußte, mochte ich nun wollen oder nicht— hohe Kirchthürme, um daran herunterzufallen— ſonderbare Geſtalten, mit Hals und Ferſen zuſammen⸗ gekauert, die auf dem Bette ſaßen— das heißt ſchlafen, he?“ „Träumen, träumen, Barnaby,“ ſagte der Schloſſer. „Träumen?“ echoete der andere mit weicher Stimme, indem er näher trat.„Das ſind keine Träume.“ „Was ſind ſie ſonſt, wenn ſie dieß nicht ſind?“ verſetzte der Schloſſer. „Ich träumte,“ ſagte Barnaby, indem er ſeinen 8* 116 Arm in Vardens Arm legte und dem Schloſſer dicht in’s Geſicht ſah, als er flüſternd antwortete,„ich träumte eben erſt, daß etwas— es war die Geſtalt eines Mannes— mich verfolgte— mir leiſe nach⸗ kam— nicht von mir ablaſſen wollte— aber immer ſich verſteckend und duckend, wie eine Katze in dun⸗ keln Ecken, wartend bis ich vorbeikäme; dann kroch es hervor und kam mir ſachte nach— Habt ihr mich je laufen ſehen?“ „O, du weißt, ſchon oft.“ „Aber nie ſo, wie ich in dieſem Traume lief. Und immer huſchte es mir nach, um mich zu erwür⸗ gen. Näher, näher, näher— Ich eilte ſchneller— hüpfte— ſprang aus dem Bett und nach dem Fen⸗ ſter— und da, in der Straße drunten— Aber er wartet auf uns. Wollt Ihr kommen?“ „Was war auf der Straße drunten, lieber Bar⸗ naby?“ fragte Varden, welcher meinte, es laſſe ſich zwiſchen dieſem Geſichte und dem, was ſich wirklich zugetragen hatte, ein Zuſammenhang auffinden. Barnaby ſah ihm in's Geſicht, murmelte etwas Unzuſammenhängendes vor ſich hin, ſchwang das Licht abermals über ſeinem Kopfe, lachte, drückte den Arm des Schloſſers feſter an ſich und führte ihn die Treppe hinauf. Sie traten in ein unſcheinbares Gemach, ſpär⸗ lich ausgeſtattet mit Stühlen, deren Spindelbeine ihr Alter verriethen, und anderem ziemlich werthloſem Mobiliar, aber nett und reinlich gehalten. Hier N⸗⸗ 117 lehnte in einem Armſtuhle vor dem Feuer, blaß und durch den Blutverluſt geſchwächt, Edward Cheſter, der junge Gentleman, welchen wir Tags zuvor den Maibaum zuerſt haben verlaſſen ſehen; er ſtreckte die Hand gegen den Schloſſer aus und bewillkommnete ihn als ſeinen Retter und Freund. „Sprecht nicht weiter, Sir, ſprecht nicht weiter,“ ſagte Gabriel.„Ich glaube, ich würde für einen jeden in ſolcher Lage das Gleiche gethan haben, vor Allem aber für Euch, Sir. Eine gewiſſe junge Dame,“ fügte er mit einigem Stocken bei,„hat uns manche Gefälligkeit erwieſen, und da fühlen wir natürlich— hoffentlich findet Ihr doch nichts Beleidigendes darin, Sir?“ Der junge Mann ſchüttelte lächelnd den Kopf, rückte jedoch, wie im Schmerze, auf ſeinem Stuhle. „Es hat nicht viel auf ſich,“ ſagte er in Er⸗ wiederung auf den theilnehmenden Blick des Schloſſers; wein bloßes Unwohlſeyn, das wohl eben ſo gut in der eingeſperrten Stubenluft, als in meiner leichten Wunde oder in dem Blutverluſt ſeinen Grund haben mag. Setzt Euch, Herr Varden.“ „Wenn ich ſo kühn ſeyn darf, Herr Edward, mich auf Euren Stuhl zu lehnen,“ entgegnete der Schloſſer, indem er ſeinem Worte die That folgen ließ und ſich über ihn hinbeugte,„ſo will ich hier ſtehen bleiben, damit wir leiſer ſprechen können. Bar⸗ naby iſt dieſen Abend nicht in ſeiner ruhigſten Stim⸗ 118 mung, und bei ſolchen Gelegenheiten thut ihm das Reden niemals gut.“ Sie blickten beide nach dem Gegenſtande dieſer Bemerkung hin, der ſich auf der andern Seite des Herdes einen Stuhl genommen hatte, ausdruckslos vor ſich hinlächelte und mit einem Strange Zwirn, den er zwiſchen den Fingern hielt, ſpielte. „Bitte, theilt mir ausführlich mit, Sir,“ fuhr Varden noch leiſer fort,„was geſtern Abend vor⸗ gefallen iſt. Ich habe meine Gründe, um zu fragen. Ihr habt den Maibaum allein verlaſſen?“ „Und ging allein nach Hauſe, bis ich nahezu den Ort erreicht hatte, wo Ihr mich fandet, als ich den Hufſchlag eines galopirenden Pferdes hörte.“ „Hinter Euch?“ fragte der Schloſſer. „In der That, ja— hinter mir. Es war ein einzelner Reiter, der mich bald einholte, ſein Pferd anhielt und mich um den Weg nach London fragte.“ „Hoffentlich wart Ihr doch auf Eurer Hut, Sir, da Euch nicht unbekannt ſeyn kann, wie viel Raub⸗ geſindel die Straßen in allen Richtungen unſicher macht?“ ſagte Varden. „Wohl! aber ich war nur mit einem Stock vor⸗ geſehen, da ich unklugerweiſe meine Piſtolen in ihren Halftern bei dem Sohne des Wirths zurückgelaſſen hatte. Ich gab ihm die gewünſchte Weiſung. Ehe übrigens die Worte meinen Lippen entflogen waren, ritt er wüthend auf mich zu, als habe er die Ab⸗ ſicht, mich unter die Hufe ſeines Pferdes zu treten. — —, 119 Während ich zur Seite wich, glitt ich aus und fiel. Ihr fandet mich mit dieſem Stiche, etlichen garſtigen Quetſchungen und ohne meine Börſe— in welcher er allerdings wenig genug für ſeine Mühe fand. Und nun, Herr Varden,“ fügte er bei, indem er dem Schloſſer die Hand drückte,„wißt Ihr, mit Aus⸗ nahme des Dankes, den ich gegen Euch fühle, ſo viel als ich.“ „Vielleicht noch mehr,“ ſagte Gabriel, indem er ſich noch tiefer hinunterbeugte und mit einem vor⸗ ſichtigen Blicke gegen ihren ſtummen Nachbar hin⸗ ſchaute,„vielleicht noch mehr, was den Räuber an⸗ belangt. Wie ſah er aus, Sir? Sprecht leiſe, wenn ich bitten darf. Barnaby meint's zwar nicht böſe, aber ich hab' ihn ſchon öfters geſehen, als ihr, und weiß daher, daß er uns jetzt belauſcht, ſo wenig Ihr es auch glauben würdet.“ Es bedurfte einer ſtarken Zuverſicht zur Wahr⸗ heitsliebe des Schloſſers, um dieſe Aeußerung glaub⸗ würdig zu finden, denn Barnaby's ganzes Sinnen und Denken ſchien ausſchließlich auf ſein Spiel ge⸗ heftet zu ſeyn. Ein Zug in dem Geſichte des jun⸗ gen Mannes drückte auch dieſe Anſicht aus, denn Gabriel wiederholte, was er eben geſagt hatte, noch angelegentlicher als zuvor, und mit einem zweiten Blicke auf Barnaby, fragte er nochmals, wie der Mann ausgeſehen habe. „Die Nacht war ſo dunkel,“ entgegnete Edward, „der Angriff ſo plötzlich und er ſo verhüllt und 120 eingemummt, daß ich kaum hierüber Auskunft erthei⸗ len kann. Es ſcheint, daß—“ „Nennt ſeinen Namen nicht, Sir,“ erwiederte der Schloſſer, dem Blicke des andern gegen Barnaby folgend.„Ich weiß, daß er ihn ſah. Jetzt möchte ich aber auch wiſſen, was Ihr geſehen habt.“ „Ich erinnere mich nur noch, daß ihm der Hut vom Kopfe flog, als er ſein Pferd anhielt. Er fing ihn wieder auf und ſetzte ihn auf ſeinen Kopf, der, wie ich bemerkte, in ein ſchwarzes Tuch eingebunden war. Während ich im Maibaum war, kehrte ein Fremder ein, deſſen ich übrigens nicht anſichtig wurde, denn ich ſaß aus beſonderen Gründen ſeitwärts, und als ich aufſtand, um das Zimmer zu verlaſſen, und umherſchaute, wurde er durch den Schatten des Ka⸗ mins vor meinen Blicken verborgen. Wenn aber er und der Räuber zwei verſchiedene Perſonen ſind, ſo waren ihre Stimmen höchſt merkwürdig ähnlich, denn ſobald er mich auf der Straße anredete, erkannte ich die Sprache wieder.“ „Es iſt, wie ich fürchtete. Derſelbe Mann war heute hier,“ dachte der Schloſſer, die Farbe wechſelnd. „Was iſt doch das für eine finſtere Geſchichte.“ „Halloh!“ rief ihm eine heiſere Stimme in's Ohr.„Halloh, Halloh, Halloh! Bau, Wau, Wau! Was gibt's da? Halloh!“ Der Sprecher— vor dem der Schloſſer zurück⸗ fuhr, als wäre irgend ein ungewöhnlicher Spion zugegen— war ein großer Rabe, der, ohne von Ed⸗ 121 ward oder ihm bemerkt zu werden, auf der Lehne des Armſtuhles ſaß, mit höflicher Aufmerkſam⸗ keit zuhörte und ſich das Anſehen gab, als habe er jedes bisher geſprochene Wort verſtanden. Dabei drehte er ſeinen Kopf von dem Einen zu dem Andern, als wäre es ſeine Pflicht, als Schiedsrichter zwiſchen beide zu treten, und als erſchiene es ihm von der höchſten Wichtigkeit, ja keine Sylbe von ihrem leiſen Verkehre zu verlieren. „Da ſehe man,“ ſagte Varden, in getheilter Bewunderung und Furcht vor dem Vogel.„Hat es je einen ſo ſchlauen Kobold gegeben? O, er iſt ein fürchterlicher Burſche!“ Der Rabe drehte ſeinen Kopf auf die eine Seite, wobei ſein helles Auge wie ein Diamant funkelte, und hielt für ein paar Sekunden ein gedankenvolles Schweigen ein; dann rief er mit einer ſo heiſeren und ferne klingenden Stimme, daß ſie eher aus ſeinen dicken Federn, als aus ſeinem Schnabel hervorzu⸗ kommen ſchien: „Halloh, Halloh, Halloh! Was gibt's da? Nur getroſt! nicht niedergeſchlagen! Wau, wau, wau! Ich bin ein Teufel, ein Teufel, ein Teufel! Hurrah!“ Und dann, als frohlocke er über ſeinen hölli⸗ ſchen Charakter, fing er an zu pfeifen. „Ich glaube mehr als halb, daß er die Wahr⸗ heit ſpricht. Auf mein Wort, es iſt mir Ernſt,“ ſagte Varden.„Schaut nur, wie er mich anſieht, als verſtünde er, was ich ſage.“ 122 Der Vogel balancirte ſich nun ſo zu ſagen auf einer Zehe, bewegte ſeinen Körper in einer Art von ernſtem Tanze auf und ab und rief:„Ich bin ein Teufel, ein Teufel, ein Teufel!“ worauf er mit den Flügeln ſchlug, als wolle er vor Lachen berſten. Bar⸗ naby ſchlug die Hände zuſammen und wäaͤlzte ſich recht eigentlich im Uebermaß des Entzückens auf dem Boden. „Sonderbare Kameradſchaft, Sir,“ ſagte der Schloſſer, den Kopf ſchüttelnd, und bald den Men⸗ ſchen bald den Vogel anſchauend.„Das Thier hat noch den meiſten Verſtand.“ „In der That ſonderbar,“ entgegnete Edward, ſeinen Zeigefinger gegen den Raben ausſtreckend, der in Anerkennung dieſer Aufmerkſamkeit alsbald mit ſeinem Eiſenſchnabel darnach fuhr.„Iſt er alt?“ „Ein bloßes Knäblein noch, Sir,“ antwortete der Schloſſer.„Vielleicht einhundert und zwanzig Jahre, oder ſo etwas. Rufe ihn herunter, Barnaby, mein Guter!“ „Ihn rufen?“ entgegnete Barnaby, ſich auf dem Boden aufrichtend und ausdruckslos nach Gabriel hin⸗ ſtierend, indem er ſich zugleich das Haar aus der Stirne ſtrich.„Ja, wer kann ihn herunterbringen? Er ruft mich und zwingt mich, hinzugehen, wo er hin will. Er geht voraus, und ich folge. Er iſt der Herr, und ich bin der Diener. Habe ich nicht recht, Greif?“ Der Rabe antwortete mit einem kurzen, behag⸗ — N 123 lichen und vertraulichen Krächzen— einem höchſt ausdrucksvollen Krächzen, welches anzudeuten ſchien: „Du brauchſt dieſe Burſche nicht in unſer Geheim⸗ niß zu ziehen. Genug, daß wir uns verſtehen.“ „Ich ihn herunterrufen?—“ rief Barnaby, nach dem Vogel deutend—„ihn, der nie ſchläft, oder auch nur einnickt? Ei, ihr könnt zu jeder Zeit der Nacht in meiner dunklen Kammer ſeine Augen wie zwei Funken glühen ſehen. Und jede Nacht, und die ganze Nacht dazu, wacht er hellauf, ſpricht mit ſich ſelbſt und denkt, was er morgen thun will, wo⸗ hin wir gehen müſſen, und was es zu ſtehlen, zu verbergen und zu begraben gibt. Ich ihn herunter⸗ rufen! Ha, ha, ha!“ Nach weiterer Erwägung ſchien jedoch der Vogel geneigt zu ſeyn, von ſelbſt herunter zu kommen. Er muſterte zuerſt ein wenig den Boden, und nach eini⸗ gen Seitenblicken auf die Anweſenden und nach der Decke flatterte er zur Erde und ging auf Barnaby zu— nicht hüpfend, laufend oder rennend, ſondern in der Weiſe eines ſtutzerhaften Gentlemans mit außer⸗ ordentlich engen Stiefeln, der raſch über loſe Kieſel⸗ ſteine hinzutänzeln verſucht. Dann trat er auf Bar⸗ naby's ausgeſtreckte Hand, genehmigte es, daß dieſer ihn auf Armslänge vor ſich hinhielt, ließ eine Reihen⸗ folge von Tonen ausſtrömen, die ungefähr klangen, wie wenn acht oder zehn Dutzend lange Körke aus⸗ gezogen würden, und behauptete ſodann abermals 124 mit großer Beſtimmtheit ſeine Abſtammung aus dem hölliſchen Schwefelpfuhl. Der Schloſſer ſchüttelte den Kopf— vielleicht weil er einigermaßen bezweifelte, ob dieſes Geſchöpf wirklich nichts anderes als ein Vogel ſey— vielleicht aus Mitleid mit Barnaby, der ſich inzwiſchen mit ſeinem ſchwarzen Kameraden auf dem Boden umher⸗ kugelte. Als er aber ſeine Augen von dem armen Bur⸗ ſchen erhob, begegnete er denen von Barnaby's Mutter, welche in das Zimmer getreten war, und ſchweigend zuſchaute. Ihr Geſicht war ſchneeweiß, ſogar bis auf die Lippen, aber ſie hatte ihre Aufregung gedämpft und zeigte ganz wieder ihre gewöhnliche ruhige Miene. Es kam Varden vor, als bebe ſie vor ſeinen Blicken zurück, und als mache ſie ſich nur um den Verwun⸗ deten ſo viel zu ſchaffen, um ſeinen Augen beſſer ausweichen zu können. Es ſey Zeit zum Schlafen gehen, ſagte ſie. Er werde morgen in ſeine Heimath gebracht werden, und ſey bereits um eine volle Stunde länger auf geweſen, als er hätte ſollen. In Gemäßheit dieſes Winkes ſchickte ſich der Schloſſer an, aufzubrechen. „Apropos,“ ſagte Edward, während er ihm die Hand drückte, und von ihm auf Frau Rudge, dann wieder nach ihm zurückblickte,„was war das für ein Lärm unten? Ich unterſchied deutlich Eure Stimme und hätte ſchon zuvor fragen ſollen, aber unſere 1 2ł 125 anderweitige Unterhaltung ließ mich darauf vergeſſen. Was war es?“ Der Schloſſer ſah die Wittwe an und biß ſich in die Lippen. Sie hielt ſich an einem Stuhl und ſenkte die Augen zu Boden. Auch Barnaby— er lauſchte. „Irgend ein Tollkopf oder Trunkenbold, Sir,“ antwortete Varden endlich, ohne jedoch den Blick von der Wittwe zu verwenden.„Er irrte ſich im Hauſe und verſuchte, den Eingang zu erzwingen.“ Sie athmete freier, ſtand aber völlig regungs⸗ los. Als der Schloſſer gute Nacht ſagte und Bar⸗ naby das Licht ergriff, um ihm die Treppe hinunter⸗ zuleuchten, entriß ſie ihm daſſelbe und befahl ihm— mit mehr Haſt und Eifer, als bei einem ſo unbe⸗ deutenden Anlaß nöthig erſcheinen mochte— ſich nicht zu rühren. Der Rabe folgte ihnen, um ſich zu überzeugen, daß unten alles richtig ſey, und als ſie die Hausthüre erreicht hatten, ſtellte er ſich auf der unterſten Treppe auf und zog zahlloſe Stöpſel aus. Mit zitternder Hand ſchob ſie den Riegel zurück und drehte den Schlüſſel um. Als ſie die Hand auf die Klingel legte, ſprach der Schloſſer mit leiſer Stimme: „Ich habe dieſen Abend eine Lüge geſagt— um Euretwillen, Marie, wegen alter Zeiten und der alten Bekanntſchaft, denn für mich ſelbſt würde ich nimmermehr ſo etwas gethan haben. Ich will hoffen, daß ich nichts Schlimmes that, oder 126 zu Schlimmem Anlaß gab. Ihr habt mir einen Arg⸗ wohn beigebracht, den ich nicht unterdrücken kann, und ich muß Euch offen geſtehen, daß es mir leid thut, Herrn Edward hier laſſen zu müſſen. Nehmt Euch in Acht, daß er nicht zu Schaden kommt. Ich zweifle, daß es unter dieſem Dache geheuer iſt, und bin froh, daß er es ſo bald verlaſſen kann. Jetzt laßt mich gehen.“ Sie bedeckte einen Augenblick das Geſicht mit ihren Händen und weinte. Bald aber hatte ſie den heftigen Drang, den ſie augenſcheinlich fühlte, ihm zu antworten, unterdrückt; ſie öffnete die Thüre nicht weiter, als gerade nöthig war, ihn durchzulaſſen, und winkte ihm, ſich zu entfernen. Der Schloſſer ſtand noch auf der Schwelle, als die Thüre bereits hinter ihm abgeſchloſſen und ge⸗ riegelt war, und der Rabe, als geſchehe es zur För⸗ derung dieſer Vorſichtsmaßregeln, bellte wie ein wach⸗ ſamer Haushund. „Im Bunde mit dieſem Spitzbubengeſicht, das von irgend einem Galgen gefallen ſeyn mag— viel⸗ leicht horcht und verſteckt ſich die Canaille hier— geſtern Nacht Barnaby der erſte auf dem Platze— ſollte ſie, die ſich immer eines ſo guten Namens erfreute, mitſchuldig ſeyn an ſolchen geheimen Ver⸗ brechen?“ ſagte der Schloſſer nachſinnend.„Ver⸗ gebe mir der Himmel, wenn ich ihr Unrecht thue, und möge er mir andere Gedanken ſchenken— aber ſie iſt arm, die Verſuchung groß, und wir hören mit v v — 1oö—— 7— 127 jedem Tag eben ſo ſeltſame Dinge.— Ja, belle nur zu, mein Freund. Wenn ſich's hier um eine Ruch⸗ loſigkeit handelt, ſo möchte ich darauf ſchwören, daß der Rabe dabei im Spiele iſt.“ Siebentes Kapitel. Frau Varden gehörte unter die Zahl der Da⸗ men, die man im gewöhnlichen Leben wetterwendiſch nennt— ein Ausdruck, womit man ſonſt einen Cha⸗ rakter bezeichnet, bei dem man ziemlich ſicher ſeyn darf, daß es in ſeiner Nähe Niemanden ganz wohl wird. So geſchah es gewöhnlich, daß ſich Frau Var⸗ den in einer verſtimmten Laune befand, wenn andere Leute heiter waren, und waren andere Leute mißver⸗ gnügt, ſo beliebte es Frau Varden, ungemein auf⸗ geräumt zu ſeyn. In der That war die würdige Hausfrau ſo eapriciöſer Natur, daß ſie, was die Fähigkeit anbelangt, in demſelben Augenblick weiſe und überraſcht, gemäßigt und wüthend, loyal und neutral zu ſeyn, nicht nur das Genie eines Macbeth überflügelte, ſondern bisweilen dieſe Wechſel vorwärts und rückwärts in allen nur erdenklichen Weiſen und Wendungen in einer kurzen Viertelſtunde durchzu⸗ machen vermochte, indem ſie gewiſſermaßen mit dem muſikaliſchen Apparate ihres weiblichen Glockenthurms ein Terzett läuten konnte, über deſſen raſche und ge⸗ ſchickte Ausführung alle Zuhörer in Erſtaunen ge⸗ riethen. Man bemerkte an dieſer guten Dame(welche übri⸗ gens der perſönlichen Anziehungskräfte nicht entbehrte, da ſie wohlbeleibt und ſtattlich anzuſehen, obſchon im Einklange mit ihrer ſchönen Tochter, von etwas kurzer Statur war), daß ihre wetterwendiſche Stimmung in dem gleichen Verhältniſſe mit ihrem zeitlichen Wohlſtande zunahm; und unterſchiedliche kluge Män⸗ ner und Frauen, welche mit dem Schloſſer und ſeiner Familie befreundet waren, gingen ſogar weit genug, um zu behaupten, daß ein Sturz um ein Halbdutzend Sproſſen von der Leiter der Welt— allenfalls eine Zahlungsunfähigkeit der Bank, bei welcher ihr Gatte ſein Geld angelegt habe, oder ein ſonſtiger kleiner Lapſus— gute Wirkung thun und kaum 4 verfehlen würde, ſie zu einer der angenehmſten Geſellſchafterin⸗ nen, die es gab, zu machen. Mochten ſie nun in dieſer Muthmaßung Recht oder Unrecht haben, ſo viel iſt gewiß, daß ſowohl der Geiſt als der Körper aus reinem Uebermaße von Gemächlichkeit oft in einen kränklichen, pockenartigen Zuſtand geräth, und daß in beiden Fällen ſich ſolche Heilmittel oft am wirkſamſten erweiſen, die an ſich widerlich und un⸗ ſchmackhaft ſind. Frau Vardens Hauptfreundin und Aufhetzerin, 129 zugleich aber auch das erſte Opfer und Ziel ihres Zornes, war ihre einzige Dienerin, Miß Miggs, oder, wie ſie im Einklange mit jenen Vorurtheilen der Geſellſchaft, welche alle ſolche gentilen Auswüchſe an Domeſtiken für unzuläſſig halten, genannt wurde — Miggs. Dieſe Miggs war eine ſchlanke, junge Dame, die in ihrem Privatleben den Ueberſchuhen ſehr zugethan war, ſchmächtig, zänkiſch, von etwas ungefälligen Formen und, obgleich nicht abſolut häß⸗ lich, von ziemlich ſcharfem und ſaurem Geſichte. Es war ein allgemeiner, abſtrakter Grundſatz dieſer Dame, daß das männliche Geſchlecht durchaus ver⸗ ächtlich und jeder Beachtung unwürdig ſey— wan⸗ kelmüthig, falſch, ſchlecht, thöricht, zum Meineide geneigt und aller Verdienſte baar. So oft ſie gegen die Männer beſonders im Harniſch war— was, wie die böſe Welt ſagte, beſonders dann ſtatt fand, wenn Herr Sim Tappertit ihr geringſchätzig begeg⸗ nete— ſo pflegte ſie mit großem Nachdruck den Wunſch kund zu geben, das ganze weibliche Geſchlecht möchte ausſterben, damit der Männertroß zur Er⸗ kenntniß des wahren Werths und der Segnungen käme, welche er ſo gering anſchlage; ja ihr Gefühl für die ſchönere Hälfte menſchlicher Weſen ging ſo weit, daß ſie bisweilen erklärte, wenn ſie nur über⸗ zeugt ſeyn könnte, daß eine ſchöne runde Zahl— allenfalls zehntauſend— jungfräulicher junger Da⸗ men ihrem Beiſpiele folgen würde, ſo wollte ſie, dem ganzen andern Geſchlechte zum Trotz, mit un⸗ Boz XVI. Barnaby Rudge. 9 130 beſchreiblicher Freude ſich erhängen, ertränken, erdol⸗ chen oder vergiften. Es war die Stimme dieſer Miggs, welche den Schloſſer, als er an ſeinem Hauſe klopfte, mit dem ſchrillen Rufe„Wer da?“ begrüßte. „Ich bin's, Mädchen, ich,“ antwortete Gabriel. „Was, jetzt ſchon, Sir?“ verſetzte Miggs, indem ſie mit einem Blicke der Ueberraſchung die Thüre öffnete.„Wir ſetzten eben unſere Nachtmützen auf — ich und die Meiſterin— um aufzubleiben. O, ſie iſt ſo gar ſchlimm geweſen!“ Miggs ſagte dieß mit der Miene der größten Treuherzigkeit und Beſorgtheit; aber da die Wohn⸗ zimmerthüre offen ſtand, und Gabriel gar wohl wußte, für welche Ohren dieß beabſichtigt war, ſo warf er ihr beim Eintreten einen keineswegs beifäl⸗ ligen Blick zu. „Der Meiſter iſt nach Hauſe gekommen, Ma⸗ dame,“ rief Miggs, indem ſie nach dem Zimmer voraneilte.„Ihr hattet Unrecht, Madame, und ich hatte Recht. Ich dachte mir's wohl, er würde uns nicht zwei Nächte ſo lange hinhalten, Madame. In ſo weit handelt der Meiſter immer mit Ueberlegung. Ich bin um Euretwillen ſo froh, Madame. Ich bin ſelbſt ein Bischen“— hier zimperte Miggs— nein klein Bischen ſchläfrig; jetzt darf ich's wohl geſtehen, Madame, obgleich ich's nicht ſagte, als Ihr mich fragtet. Das hätte indeß natürlich nichts zu ſagen gehabt, Madame.“ 131 „Nun, da thäte Sie beſſer,“ ſagte der Schloſſer, der im Innerſten ſeines Herzens wünſchte, daß Bar⸗ naby's Rabe der Jungfer auf den Knöcheln ſäße, „da thäte Sie beſſer, gleich in's Neſt zu gehen.“ „Danke gehorſamſt, Sir,“ entgegnete Miggs. „Ich hätte heute die Leibesruhe nicht und könnte meine Gedanken nicht zum Nachtgebete ſammeln, ehe ich die Meiſterin behaglich in ihrem Bette wüßte. Von Rechtswegen ſollte ſie ſchon ſeit ein paar Stun⸗ den darin ſeyn.“ „Sie iſt ſehr redſelig, Jungfer,“ ſagte Varden, der ſie etwas ſcheel anſah, als er ſeinen Ueberrock auszog. „Ich verſtehe den Wink, Sir,“ rief Miggs mit glühendem Geſichte,„und danke gehorſamſt, nehme mir aber doch die Freiheit, zu ſagen, daß ich Ihre Verzeihung gar nicht verlange, wenn mich die Be⸗ ſorgniß um meine Gebieterin etwas zu weit geführt hat, ſondern zufrieden bin, wenn ich auch weiter nichts als Unluſt und Aerger dafür ernte.“ Jetzt ſah Frau Varden, welche inzwiſchen— ihr Geſicht in eine große Nachtmütze, wie in ein Leichen⸗ tuch, gehüllt— über der proteſtantiſchen Hausandacht geſeſſen hatte, von ihrem Buche auf und belohnte die Parteigängerſchaft der ehrenwerthen Jungfer dadurch, daß ſie ihr befahl, das Maul zu halten. Jeder Knochen und Knorpel an dem Kehlkopfe und dem Halſe der Jungfer Miggs entwickelte ſich 9* 13² mit einem ganz beunruhigenden Hohne, als ſie ant⸗ wortete: „Ja, Madame, das will ich.“ „Wie geht es dir jetzt, meine Liebe?“ fragte der Schloſſer, indem er ſich neben ſeinem Weibe, die ihr Buch wieder aufgenommen hatte, auf einen Stuhl ſetzte und aus Leibeskräften an ſeinen Knieen rieb. „O, daran iſt dir natürlich ſehr viel gelegen,“ entgegnete Frau Varden, ohne ihre Augen von den Typen zu verwenden;„dir, der du den ganzen Tag nicht in meine Nähe kamſt und nicht gekommen wä⸗ reſt, wenn ich im Sterben gelegen hätte.“ „Meine liebe Martha, ſagte Gabriel— Frau Varden drehte das Blatt um, dann ſah ſte noch einmal nach den Schlußworten der eben be⸗ endigten Seite und fuhr fort, mit der Miene des tiefſten Intereſſes und Nachdenkens zu leſen. „Meine liebe Martha,“ ſagte der Schloſſer, „wie magſt du ſo reden, da du doch ſelber weißſt, wie wenig es dir Ernſt iſt? Wenn du im Sterben gelegen hätteſt— ei, wenn dir etwas Ernſtliches fehlte, Martha, würde ich nicht ohne Unterlaß an deiner Seite ſeyn?“ „Ja!“ rief Frau Varden, in Thränen ausbre⸗ chend.„Ja das wurdeſt du thun; ich zweifle nicht daran, Varden. Gewiß würdeſt du es. Das heißt, du würdeſt mich wie ein Geier umſchweben und war⸗ ten, bis mir der Athem entflogen wäre, um hingehen und eine Andere heirathen zu können.“ „—— 13³ Miggs ſtöhnte mitfühlend— ein kleines, kurzes Stöhnen, das in ſeiner Geburt erſtickt und in einen Huſten umgewandelt wurde. Es ſchien zu ſagen: „Ich kann nicht anders. Die ſchreckliche Rohheit die⸗ ſes Ungeheuers von einem Meiſter hat es mir ab⸗ gepreßt.“ „Aber bald, nächſter Tage wird mein Herz ge⸗ brochen ſeyn,“ fügte Frau Varden mit viel Erge⸗ bung bei,„und dann ſind wir beide glücklich. Ich habe nur noch den Wunſch, Dolly gut verſorgt zu ſehen, und wenn dieß der Fall iſt, ſo kannſt du mich verſorgen, ſobald es dir beliebt.“ „Ah!“ rief Miggs— und huſtete abermals. Der arme Gabriel zupfte eine geraume Weile ſchweigend an ſeiner Perücke und fragte dann ſanft: „Iſt Dolly zu Bette gegangen?“ „Ihr Herr hat gefragt,“ ſagte Madame Varden, ſich mit einem ſtrengen Blicke nach Miß Miggs um⸗ ſehend. „Nein, meine Liebe, ich habe mit dir geſprochen,“ entgegnete der Schloſſer. „Hat Sie gehört, Miggs?“ rief die ſtörrige Dame, mit dem Fuße auf den Boden ſtampfend. „Fängt auch Sie an, mich zu verachten? Hat man nicht an einem Exempel genug?“ Bei dieſem grauſamen Vorwurfe brach Miggs, welcher auf den kleinſten Wink und zu jeder Stunde große oder kleine Partien von Zähren zu Gebote ſtanden, in einen Thränenſtrom aus, wobei ſie ihre 134 Hände dicht an's Herz drückte, als ob dieß durchaus nöthig ſey, um zu verhindern, daß es nicht in tau⸗ ſend kleine Stücke zerſpringe. Frau Varden, welche das gleiche Vermögen in hoher Vollkommenheit beſaß, weinte ebenfalls in Oppofition zu Jungfer Miggs, und zwar mit ſolchem Nachdruck, daß Miggs nach einer Weile, ein gelegentliches Schluchzen ausgenommen, welches die entfernte Abſicht anzudrohen ſchien, auf's Neue wieder auszubrechen, die Segel ſtrich und ihre Gebieterin im Beſitze des Schlachtfeldes ließ. Da dadurch die Ueberlegenheit der Dame des Hauſes zur Genüge dargethan war, ſo ließ auch ſie ab und ver⸗ fiel in eine ruhige Melancholie. Dieſe Erleichterung war ſo groß, und die ermü⸗ denden Ereigniſſe der letzten Nacht hatten den Schloſſer ſo ganz und gar überwältigt, daß er auf ſeinem Stuhl einnickend ohne Zweifel die ganze Nacht hier geſchlafen hätte, wenn er nicht in Folge der wecken⸗ den Stimme von Frau Varden, welche nach einer Pauſe von etwa fünf Minuten erſcholl, wieder auf⸗ gefahren wäre. „Wenn ich je einmal guter Laune bin,“ ſagte Frau Varden— nicht ſchmählend, ſondern in einer Art eintönigen Verweiſes—„wenn ich je einmal heiter bin, wenn ich je einmal mehr als gewöhnlich geneigt bin, gemüthlich zu plaudern, ſo werde ich in dieſer Weiſe behandelt.“ „Und wie aufgeräumt Ihr noch vor einer halben 13⁵ Stunde waret, Madame,“ rief Miggs.„Eine ſolche Geſelligkeit ſehe ich in meinem Leben nicht wieder.“ „Weil ich mir keine Einmengungen und Unter⸗ brechungen erlaube,“ ſagte Frau Varden;„weil ich nie frage, ob einer kommt oder geht; weil mein ganzes Dichten und Trachten darauf gerichtet iſt, zu ſparen, wo ich kann, und in dieſem Hauſe zu arbei⸗ ten— deßhalb verſucht man's, alſo mit mir umzu⸗ gehen.“ „Martha,“ entgegnete der Schloſſer, der ſich bemühte, ſo wach als möglich auszuſehen,„worüber haſt du dich denn zu beklagen? Ich kam in der That mit dem Wunſche und Verlangen nach Hauſe, heiter zu ſeyn. Gewiß, du darfſt es mir glauben.“ „Ueber was ich mich zu beklagen habe?“ erwie⸗ derte ſein Weib.„Iſt es nicht etwas Herzbrechendes, einen Mann zu haben, der grämlich wird und ein⸗ ſchläft, ſobald er nach Hauſe kömmt— der Einem alle Warmherzigkeit zum Gefrieren bringt und kaltes Waſſer über den häuslichen Herd gießt? Iſt es nicht natürlich, wenn ich weiß, er geht wegen Ange⸗ legenheiten aus, für die ich mich ebenſo intereſſire, als irgend Einer, daß ich Alles wiſſen möchte, was vorgefallen iſt, oder daß er es mir erzählen ſollte, ohne mich vorher lange bitten und betteln zu laſſen? Iſt das natürlich oder nicht?“ „Es thut mir recht leid, Martha,“ ſagte der Schloſſer.„Ich fürchtete in der That, du ſeyeſt nicht aufgelegt zu einem gemüthlichen Geſpräche. Ich will 136 dir ja alles ſagen— es kann mich nur freuen, meine Liebe.“ „Nein, Varden,“ entgegnete ſein Weib, mit Würde aufſtehend.„Ich danke ſchönſtens dafür. Ich bin kein Kind, das ſich in dem einen Augenblick ſchlagen, in dem andern liebkoſen läßt. Dafür bin ich ein wenig zu alt, Varden. Miggs, nehme Sie das Licht. Sie wenigſtens kann heiter ſeyn, Miggs.“ Miggs, die ſich bis auf dieſen Augenblick in der tiefſten mitleidigen Troſtloſigkeit befunden hatte, ging plötzlich in die möglichſt denkbare Lebhaftigkeit über, warf dem Schloſſer kopfſchüttelnd einen Blick zu und leuchtete ihrer Gebieterin voran. 4 „Nun, wer würde es glauben,“ dachte Varden, indem er achſelzuckend ſeinen Stuhl näher an das Feuer ſchob,„daß dieſes Weib je angenehm und lieb⸗ lich ſeyn könnte? Und doch kann ſie es. Aber mei⸗ netwegen; jeder Menſch hat ſeine Fehler, und ich will die ihrigen nicht zu ſtrenge nehmen. Für ſo etwas hauſen wir ſchon zu lange mit einander. Er nickte wieder ein— nicht weniger angenehm vielleicht um ſeines verträglichen Temperamentes willen. Während ſeine Augen geſchloſſen waren, ging die Thüre, welche nach oben führte, theilweiſe auf, und ein Kopf kam zum Vorſchein, der, als er des Schlummernden anſichtig wurde, haſtig wieder zurückfuhr. „Ich wollte,“ murmelte Gabriel, der bei dem — — 137 Geräuſch erwachte und ſich in dem Zimmer umſah; „ich wollte, daß Jemand die Miggs heirathete. Aber das iſt unmöglich! Ich möchte doch wiſſen, ob es nicht irgend einen Tollhäusler gibt, der ſie nähme.“ Dieß war jedoch eine ſo großartige Spekulation, daß er alsbald wieder eindoſete und fortſchlief, bis das Feuer ganz aufgezehrt war. Endlich raffte er ſich auf, verſchloß ſeiner Gewohnheit gemäß die Haus⸗ thüre doppelt, ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche und ging zu Bette. Er hatte das dunkle Zimmer noch nicht lange verlaſſen, als der Kopf wieder zum Vorſcheine kam und Sim Tappertit mit einer kleinen Lampe in der Hand eintrat. „Was zum Teufel hatte er noch ſ ſpät hier zu thun?“ murmelte Sim, in die Werkſtatt tretend und ſich auf der Eſſe niederſetzend.„Die halbe Nacht iſt bereits um. Doch habe ich Ein Gutes dieſem ver⸗ wünſchten, alten, roſtigen Handwerke zu danken, und das iſt, bei meiner Seele, dieſes Stück Eiſenwerk!“ Mit dieſen Worten zog er aus der rechten Taſche ſeiner Kniehoſen einen plumpen, großen Schlüſſel, welchen er behutſam in das Schloß ſteckte, das ſein Meiſter eben verwahrt hatte, und öffnete leiſe die Thüre. Sobald dieß geſchehen war, ſteckte er dieſes Produkt ſeiner geheimen Handwerksthätigkeit wieder in die Taſche, ließ die Lampe brennen, ſchloß die Thüre ſorgfältig und geräuſchlos und ſchlich auf die Straße 138 hinaus— eben ſo wenig beargwöhnt von dem Schloſſer in ſeinem geſunden, tiefen Schlafe, als von Barnaby ſelbſt in ſeinen geſpenſtigen Träumen. Achtes Kapitel. Sobald Sim Tappertit das Haus des Schloſſers im Rücken hatte, legte er ſein vorſichtiges Weſen ab, nahm dafür das eines windbeutelnden, ſchwadroni⸗ renden, unſteten Burſchen an, der alle Welt todt⸗ ſchlagen und im Nothfall ſogar auffreſſen will, und eilte, ſo ſchnell er konnte, durch die dunkeln Straßen. Hin und wieder blieb er einen Augenblick ſtehen, um an ſeine Taſche zu klopfen und ſich zu überzeu⸗ gen, daß ſich der Hauptſchlüſſel noch wohlbehalten dort befinde; dann ſputete er ſich wieder weiter, Bar⸗ bican zu, und bog in eine der engſten von den engen Straßen ein, welche von dieſem Mittelpunkte aus⸗ gehen, indem er jetzt ſeinen Schritt ermäßigte und ſich den Schweiß von der Stirne wiſchte, als ob das Ende ſeines Spaziergangs nahe ſey. Es war kein ſehr gewählter Ort für mitternächt⸗ liche Ausflüge, denn er hatte einen in der That mehr als zweifelhaften Charakter und eine keineswegs ein⸗ ladende Außenſeite. Von der Hauptſtraße, welche Sim eingeſchlagen hatte, und die an ſich ſchon wenig beſſer als ein Gäßchen war, führte ein niedriger Thorweg nach einem finſteren, ungepflaſterten Hof ohne weiteren Ausgang und voll ſumpfiger Dünſte. Nach dieſem verwahrlosten Orte taſtete ſich des Schloſſers vagabundiſcher Lehrling ſeinen Weg, blieb vor einem Hauſe ſtehen, von deſſen verwitterter und moderiger Vorderſeite das rohe Abbild einer Flaſche wie ein am Galgen hängender Uebelthäter herunter⸗ pendelte, und ſtieß dreimal mit ſeinem Fuße auf ein eiſernes Gitter. Nachdem Herr Tappertit eine Weile vergeblich auf eine Beantwortung ſeines Zeichens gelauſcht hatte, wurde er ungeduldig und ſtieß auf’s Neue dreimal gegen das Gitter. Es folgte eine abermalige Pauſe, dießmal aber nicht von langer Dauer. Der Grund ſchien ſich unter ſeinen Fuͤßen zu öffnen und ein zottiges Haupt kam zum Vorſchein. „Iſt es der Hauptmann?“ fragte eine Stimme ſo rauh als der Kopf. „Ja,“ antwortete Herr Tappertit mit hochmü⸗ thiger Herablaſſung;„wer ſollte es ſonſt ſeyn?“ „Es iſt ſchon ſo ſpät, daß wir Euch ganz auf⸗ gaben,“ verſetzte die Stimme, als ihr Eigenthümer Halt machte, um das Gitter wieder zu ſchließen und zu befeſtigen.„Ihr ſeyd ſpät daran, Sir.“ „Voran!“ ſagte Herr Tappertit mit düſterer 140 Majeſtät,„und verſchiebt Eure Bemerkungen, bis ſie von Euch verlangt werden. Vorwärts!“ Dieſes letztere Commandowort war vielleicht etwas theatraliſch und unnöthig, da die Treppe ſehr enge, ſteil und ſchlüpfrig war, ſo daß jede Ueberei⸗ lung oder jeder falſche Tritt in den gähnenden Schlund eines unten ſtehenden Waſſerfaſſes hätte führen müſſen. Weil indeß Herr Tappertit, wie einige andere große Be⸗ fehlshaber, kräftige Effekte und Entfaltung perſönlichen Muths liebte, ſo rief er abermals in der barſcheſten Stimme, welcher er aufzubieten vermochte:„Vorwärts!“ und ſtieg mit gekreuzten Armen und zuſammengekniffenen Brauen in den Keller hinunter. Hier befand ſich in einer Ecke ein kleiner Kupferkeſſel, ein paar Stühle, ein Tiſch, eine Bank, ein kniſterndes Feuer und ein Feldbett, auf dem eine rauhe, aus Lappen zu⸗ ſammengeſtickte Decke lag. „Willkommen, edler Hauptmann!“ rief eine ſchlanke Geſtalt, als ob ſie eben aus dem Schlafe aufführe. Der Hauptmann nickte mit dem Kopfe. Als er ſodann ſeinen Ueberrock abgelegt hatte, ſtand er in aller ſeiner Würde da, den Sprecher beäugelnd. „Was gibt es heute Nacht Neues?“ fragte er, nachdem er ihm bis in die Tiefe ſeiner Seele ge⸗ ſchaut hatte. „Nichts Beſonderes,“ verſetzte der Andere, ſich ſtreckend, was eigentlich ſchrecklich mit anzuſehen war, da er ohnedieß ſchon ziemlich zu den längſten Per⸗ 141 ſonen gehörte—„wie kömmt es, daß Ihr ſo ſpät erſt eintrefft?“ „Geht Euch nichts an,“ war die kurze Antwort, welcher ihn der Capitän würdigte.„Iſt der Saal zugerüſtet?“ „Ja,“ verſetzte der Andere. „Der Kamerad— iſt er da?“ „Ja. Und auch eine Partie von den Uebrigen — Ihr hört ſie?7⸗ „Sie kegeln?“ ſagte der Hauptmann unmuthig. „Leichtſinniges Volk!“— Es konnte kein Zweifel hinſichtlich der Unter⸗ haltung ſtattfinden, welcher ſich dieſe rückſichtsloſen Geiſter hingegeben hatten, denn ſelbſt in der dumpfen und erſtickenden Atmoſphäre des Gewölbes ſchallte der Lärm wie ein ferner Donner. Jedenfalls aber mochte auf den erſten Blick die Wahl eines ſolchen Ortes für was immer für eine Erholung ſonderbar erſcheinen, wenn die andern Keller dem einen, in welchem dieſes kurze Geſpräch ſtattfand, ähnlich waren; denn der Fußboden beſtand aus feſtgetretener Erde, Wand und Dach aus feuchten, nakten Back⸗ ſteinen, mit Spuren von Schnecken austapezirt, und die Luft war ungeſund und verdorben. Der unter den übrigen Düften am meiſten vorherr⸗ ſchende Geruch mochte darauf hindeuten, daß der Ort vor nicht gar langer Zeit als Käſemagazin benutzt wurde— ein Umſtand, den die überall herumhängende ſchmierige Feuchtigkeit und die an⸗ 142 genehme Zugabe von Ratten erklären mochte. Außer⸗ dem war er natürlich ſehr feucht, und kleine Bäume von Schwämmen und Schimmel ſproßten in jedem moderigen Winkel. Der Eigenthümer dieſer bezaubernden Freiſtätte und der Beſitzer des vorerwähnten zottigen Kopfes— denn er trug eine alte Knotenperücke, die ſo nackt und muffig wie ein wohlgebrauchter Herdbeſen aus⸗ ſah— war inzwiſchen herangekommen; er ſtand ein wenig bei Seite, rieb ſich die Hände, wackelte mit ſeinem ſtruppigen Kinn und lächelte ſchweigend vor ſich hin. Seine Augen waren geſchloſſen; wären ſie aber auch weit offen geweſen, ſo hätte man doch aus dem achtſamen Ausdrucke ſeines Geſichtes, das er ihnen zukehrte— blaß und ungeſund, wie von einem ſolchen unterirdiſchen Aufenthalte zu er⸗ warten ſtand— und aus einem gewiſſen, ängſtlichen Heben und Zittern der Augenlider entnehmen können, daß er blind war. „Selbſt Stagg hat geſchlafen,“ ſagte der lange Kamerad, auf die eben genannte Perſon hindeutend. „Geſund, Hauptmann, geſund!“ rief der blinde Mann.„Was beſiehlt mein edler Capitän zu trinken — Brantwein, Rum oder Usquebaugh? Einge⸗ weichtes Schießpulver oder flammendes Oel? Nennt es immer, Eichenherz, und wir ſchaffen es Euch, wäre es auch Wein aus eines Biſchofs Keller oder geſchmolzenes Gold aus König Georgs Münze.“ 143 „Seht zu, daß es etwas Starkes iſt,“ ſagte Herr Tappertit hochmüthig,„und macht raſch. So lange Ihr dafür beſorgt ſeyd, mögt Ihr es aus des Teufels Keller holen, wenn es Euch beliebt.“ „Kühn geſagt, edler Hauptmann!“ entgegnete der blinde Mann.„Geſprochen wie der Preis der Lehrlinge. Ha, ha! Aus des Teufels Keller! Ein prächtiger Spaß! Der Hauptman ſcherzt. Ha, ha, ha!“ „Ich will Euch was ſagen, mein feiner Burſche,“ erwiederte Herr Tappertit, indem er den Wirth be⸗ äugelte, als derſelbe nach einem Schranke ging und eine Flaſche ſammt Glas ſo ſicher herausnahm, als ſey er im vollen Beſitze ſeines Augenlichtes, „wenn Ihr einen ſolchen Randal macht, ſo werdet Ihr finden, daß der Hauptmann weit entfernt iſt, zu ſcherzen; merkt Euch das.“ „Er hat ſeine Augen auf mich geheftet!“ rief Stagg, indem er auf ſeinem Rückwege inne hielt und that, als wolle er ſein Geſicht mit der Bouteille ſchützen.„Ich fühle ſie, obgleich ich ſie nicht ſehen kann. Wendet ſie ab, edler Hauptmann; wendet ſie ab, denn ſie ſind ſo durchdringend wie Bohrer.“ Herr Tappertit lachte grimmig ſeinem Kameraden zu und entſandte noch einen Blick— eine Art von Augenſchraube, unter deren Einfluß der Blinde große Angſt und Qual zu leiden behauptete; dann befahl er ihm in ſanfterem Tone näher zu kommen und ſein Maul zu halten. „Ich gehorche, Hauptmann,“ rief Stagg, heran⸗ tretend und einen Kelch füllend, ohne einen Tropfen zu verſchütten, weil er den kleinen Finger an den Rand des Glaſes brachte und in dem Augenblicke inne hielt, als derſelbe durch den Branntwein be⸗ rührt wurde.„Trinkt, edler Gönner! Tod allen Meiſtern, Leben allen Lehrlingen, und Liebe allen ſchönen Damen! Trinkt, braver General, und wärmt Euer tapferes Herz!“ Herr Tappertit geruhte, das Glas aus ſeiner ausgeſtreckten Hand zu nehmen. Stagg ließ ſich ſo⸗ dann auf ein Knie nieder und ſtreichelte ihm mit der Miene demüthiger Bewunderung ſanft die Waden. „Ach, daß ich Augen hätte!“ rief er,„um die ſymmetriſchen Verhältniſee meines Hauptmanns ſchauen zu können. Ach, daß ich Augen hätte, um dieſe Zwillingsſtörer der häuslichen Ruhe zu ſehen!“ „Fort!“ ſagte Herr Tappertit, auf ſeine Lieb⸗ lingsglieder niederſchauend.„Packt Euch! Wollt Ihr gehen, Stagg?“ „Wenn ich nachher meine eigenen befühle“ rief der Wirth, vorwurfsvoll auf ſeine Waden klopfend, „ſo haſſe ich ſie. In Vergleichung mit den Muſter⸗ beinen meines edlen Hauptmanns ſind ſie ſo form⸗ los, wie hölzerne Stelzfüße.“ „Die Euren?“ rief Herr Tappertit.„Warum nicht gar. Sprecht nicht von dieſen koſtbaren alten Zahnſtochern in einem Athem mit meinen Beinen; 145 das iſt ein Bischen zu ſtark. Da, nehmt das Glas. Benjamin— voran. An'’s Geſchäft!“ Mit dieſen Worten kreuzte er abermals die Arme, runzelte die Stirne in düſterer Majeſtät und verſchwand mit ſeinem Gefährten durch eine kleine Thüre am obern Ende des Kellers, Stagg ſeinen Privatbetrachtungen überlaſſend. Das mit Sägemehl beſtreute und düſter beleuch⸗ tete Gewölbe, in welches ſie jetzt traten, lag zwiſchen dem, aus welchem ſie eben gekommen, und einem dritten, in welchem ſich die Kegler unterhielten, wie aus dem zunehmenden Lärm und Geſchrei zu er— kennen war. Dieſes hörte jedoch auf ein Zeichen des Kameraden plötzlich auf und machte einer Todten⸗ ſtille Platz. Der eben genannte junge Gentleman ging nach einem kleinen Wandſchrank, kehrte mit einem Schenkelknochen zurück, welches ſeiner Zeit einem eben ſo langen Individuum angehört haben mußte, und legte denſelben in die Hände des Herrn Tappertit, welcher ihn als Scepter und Wunderſtab entgegennahm. Nachdem Letzterer ſeinen dreieckigen Hut trotzig auf den Kopf gedrückt hatte, ſtieg er auf einen großen Tiſch, auf dem ein Ehrenſeſſel, lieblich mit ein paar Todtenſchädeln verziert, zu ſeiner Aufnahme bereit ſtand. Er hatte nicht ſobald ſeinen Sitz eingenom⸗ men, als ein anderer junger Gentleman ein unge⸗ heures, mit Klampen verſchloſſenes Buch unter dem Arme, erſchien, vor dem Hauptmann eine tiefe Boz XVI. Barnaby Rudge. 10 Verbeugung machte und das Buch dem langen Kameraden einhändigte, worauf er wieder an den Tiſch trat, dieſem den Rücken zukehrte und nun wie ein Atlas daſtand. Sofort ſtieg auch der lange Kamerad auf den Tiſch, ſetzte ſich mit viel Anſtand und Ceremonie auf einen Stuhl, der niedriger als Herr Tappertit war, legte das große Buch ſo be⸗ dächtig auf die Schultern des ſtummen Kameraden, als wäre dieſer nur ein hölzerner Pult, und ſchickte ſich an, mit einer Feder von entſprechender Größe Aufzeichnungen zu machen. Sobald der lange Kamerad dieſe Vorbereitungen getroffen hatte, ſah er Herrn Tappertit an, worauf deiſer den Knochen ſchwang und damit neunmal auf einen der Schädel ſchlug. Mit dem neunten Schlage tauchte ein dritter junger Gentleman aus der Thüre, die zur Kugelbahn fuhrte, auf, verbeugte ſich tief und harrte weiterer Befehle. „Lehrling!“ ſagte der gewaltige Hauptmann, „wer wartet außen?“ Der Lehrling antwortete, es ſey ein Fremder da, der um Zulaſſung zu der geheimen Geſellſchaft der Lehrlingsritter und um freie Theilnahme an ihren Rechten, Privilegien und Immunitäten bitte. Sofort ſchwenkte Herr Tappertit abermals ſeinen Knochen, gab damit dem andern Schädel einen wundervollen Klapps auf die Naſe und rief:„Laßt ihn ein!“ Nach dieſen Worten verbeugte ſich der 147 Lehrling wieder, und entfernte ſich, wie er ge⸗ kommen war. Bald nachher erſchienen an derſelben Thüre noch zwei Lehrlinge, einen dritten in ihrer Mitte, deſſen Augen verbunden waren. Der Letztere trug eine Beutelperücke, einen Rock mit breiten Schößen und abgetragenem Bortenwerk, und einen Degen an der Seite— in Gemäßheit der Geſetze, welche vor⸗ ſchrieben, daß die einzuführenden Candidaten ſich dieſes Gallaanzugs zu bedienen hätten, welcher denn auch des größeren Eclats wegen fortwährend mit Lavendelgeiſt beſprengt wurde. Einer der Führer dieſes Novizen hielt eine roſtige Arkebuſe gegen deſſen Ohr gerichtet, während der Andere bei ſeinem Nä⸗ herkommen in blutdürſtig anatomiſcher Weiſe mit einem ſehr alten Säbel imaginäre Meineidige in Fetzen hieb. Während ſich dieſe Gruppe ſchweigend näherte, drückte Herr Tappertit ſeinen Hut feſter auf den Kopf. Dann legte der Novize ſeine Hand auf die Bruſt und verbeugte ſich vor ihm. Sobald er ſich hinlänglich gedemüthigt hatte, befahl der Haupt⸗ mann die Binde zu entfernen, worauf er ſich an⸗ ſchickte, den neuen Ankömmling zu beäugeln. „Ha!“ ſagte der Hauptmann gedankenvoll, nach⸗ dem er dieſe Ordalie beendigt hatte.„Fahrt fort!“ Der lange Kamerad las das Folgende laut vor: „Mark Gilbert. Alter: neunzehn Jahre. Lehr⸗ ling bei Thomas Curzon, Strumpfſtricker im gol⸗ 10* denen Vließ. Altgate. Liebt Curzon's Tochter. Kann nicht ſagen, ob Curzon's Tochter ihn liebt. Hält es aber für wahrſcheinlich. Curzon zupfte ihn letzten Dienſtag am Ohre.“ „Wie?“ rief der Capitän auffahrend. „Erlaubt, weil ich nach ſeiner Tochter geſchaut,“ ſagte der Novize. „Zeichnet Curzon als angeklagt auf,“ rief der Capitän.„Setzt ein ſchwarzes Kreuz vor dem Namen Curzon.“ „Mit Eurem Wohlnehmen,“ ſagte der Novize, „das iſt noch nicht das Aergſte— er nennt ſeinen Lehrling einen faulen Hund, und gibt ihm kein Bier, wenn er nicht nach ſeinem Gefallen arbeitet. Auch reicht er holländiſchen Käs, während er ſelbſt Cheſhire Käs ißt, Sir, und geſtattet nur einen Sonntag im Monat zum Ausgehen.“ „Das iſt ein unverantwortlicher Fall,“ ſagte Herr Tappertit mit Würde.„Setzt zwei ſchwarze Kreuze zu dem Namen Curzon.“ „Wenn die Geſellſchaft,“ entgegnete der Novize, ein übelſüchtiger, ſchiefgewachſener, ſchlotterbeiniger Burſche mit eingeſunkenen, dicht bei einander lie⸗ genden Augen—„wenn die Geſellſchaft ſein Haus niederbrennen wollte— denn es iſt nicht verſichert— oder ihn tüchtig durchprügelte, wenn er Abends aus ſeinem Clubb nach Hauſe kömmt, oder mir Beihülfe leiſtete, ſeine Tochter zu entführen und ſie im Fleet zu heirathen, möchte ſie nun wollen oder nicht—“ ——,—4,,, ²2 Herr Tappertit ſchwang ſeinen gräuliche Com⸗ mandoſtab als Ermahnung, ihn nicht zu unterbrechen, und befahl, den Namen Curzon mit drei ſchwarzen Kreuzen zu bezeichnen.„Womit geſagt werden will,“ fügte er als gnädige Erklärung bei,„Rache, voll⸗ kommene und ſchreckliche Rache! Lehrling, liebſt du die Conſtitution?“ Der Lehrling, welcher für dieſe Frage von ſei⸗ nen Begleitern die nöthigen Inſtruktionen erhalten hatte, antwortete: „Ich liebe ſie.“ „Die Kirche, den Staat und alles Feſtbeſtehende — mit Ausnahme der Meiſter?“ fuhr der Haupt⸗ mann fort. Und abermals antwortete der Novize: „Ich liebe ſie.“ Nachdem er dieß geſprochen, horchte er demüthig auf den Hauptmann, der ihm in einer Rede, welche auf ſolche Anläſſe vorbereitet war, mittheilte,„wie unter derſelben Conſtitution(welche in einer eiſer⸗ nen Kiſte irgendwo aufbewahrt würde, obgleich man nicht genau den Ort wiſſe, ſonſt würde er ſich Mühe gegeben haben, eine Abſchrift davon beizuſchaffen) die Lehrlinge von Rechtswegen viele Feiertage ge⸗ habt, den Leuten zu Dutzenden die Schädel zer⸗ ſchlagen, ihren Meiſtern Trotz geboten und es ſogar zu einigen glorreichen Mordthaten in den Straßen gebracht hätten— Privilegien, die ihnen allmälig entriſſen worden ſeyen, indem man nunmehr ſtatt 150 deſſen ein derartiges edles Streben nach allenthalben einenge; die herabwürdigenden Bande, die man ihnen auflege, ſeyen unzweifelhaft dem Neuerungs⸗ geiſte der Zeit zuzuſchreiben, und ſie hätten ſich demgemäß verbunden, jeder Aenderung entgegen zu treten, ſolche ausgenommen, welche die Abſicht hät⸗ ten, jene guten alten engliſchen Bräuche zurückzu⸗ führen, für welche ſie ſtehen oder fallen wollten. Nachdem er die Weisheit eines ſolchen Rückſchrittes durch das Bild jenes ſcharfſinnigen Fiſches, des Krebſes, und die nicht ſeltene Praxis der Eſel und Maulthiere belegt hatte, ging er auf die Gemeinzwecke der Aſſociation über, welche kürzlich darin beſtanden: Rache an ihren tyranniſchen Meiſtern, an deren ſchändlichem und unerträglichem Unterdruͤckungs⸗ ſyſtem kein Lehrling auch nur einen Augenblick zwei⸗ feln könne, und Wiederherſtellung der vorgenannten alten Rechte und Feiertage; ſie wären zwar für kei⸗ nen dieſer Zwecke ſchon ganz reif, da ihre Anzahl kaum zwanzig betrüge, wollten ſich aber dennoch verpflichten, ſie im Nothfall mit Feuer und Schwert durchzuführen. Dann ſetzte er den Eid auseinan⸗ der, welchen jedes Mitglied dieſes kleinen Ueberreſtes einer edlen Körperſchaft geſchworen hatte und den er als einen höchſt fürchterlichen und nachdrücklichen ſchilderte, da er die Verpflichtung in ſich ſchlöße, auf das Geheiß des Hauptmanns dem Lordmayor, dem Schwertträger und Kapellan, Widerſtand entgegen zu ſetzen, dem Anſehen der Sheriffe zu trotzen und 151 den Gerichtshof der Altermänner gering zu ſchätzen, um keinen Preis aber, falls die Zeit ſich erfüllen und einen allgemeinen Aufſtand der Lehrlinge zu Stande bringen ſollte, Temple Bar zu beſchädigen, da dieſes ſtreng conſtitutionell ſey und daher immer mit Ehrfurcht betrachtet werden müſſe. Nachdem Herr Tappertit ſich über dieſe verſchiedenen Haupt⸗ punkte mit großer Kraft und Beredſamkeit ausgelaſſen und außerdem noch den Novizen belehrt hatte, daß dieſe Geſellſchaft ihren Urſprung ſeinem eigenen kreiſen⸗ den Gehirne und ſeinem überquellenden Gefühle gegen Schmach und Beeinträchtigung verdanke, fragte er, ob der Neuling Seelengröße genug beſitze, ſich dieſen ge⸗ waltigen Verpflichtungen zu unterziehen, oder ob er zu⸗ rücktreten wolle, ſo lange es noch in ſeiner Macht ſtehe. Hierauf erwiederte der Novize, er wolle den Eid leiſten, und wenn er daran erſticken müßte, weß⸗ halb ihm ſofort die Formel unter vielen und aus⸗ drucksvollen Umſtänden vorgeleſen wurde. Darunter gehörte namentlich die Beleuchtung der beiden Schä⸗ del mittelſt einer in's Innere geſteckten Kerze und einer großen Anzahl von Schwenkungen mit dem Schenkelknochen, der verſchiedenen gravitätiſchen Exer⸗ citien mit der Arkebuſe und dem Säbel, und eines grauenhaften Geſtöhnes unſichtbarer Lehrlinge draußen vor der Thüre gar nicht zu gedenken. Als endlich dieſe finſteren und grauenhaften Formalitäten vor⸗ über waren, wurde der Tiſch zur Seite gerückt, der Staatsſeſſel entfernt, das Scepter in ſeinen gewöhn⸗ 152 lichen Schrank eingeſchloſſen, die Verbindung der drei Keller durch Oeffnung der Thüre freigegeben, und die Lehrlingsritter ſchickten ſich an, eine luſtige Nacht durchzumachen. Herr Tappertit aber, deſſen Seele über den ge⸗ meinen Troß erhaben war, und der, um ſeiner Größe keinen Eintrag zu thun, nur hin und wieder ſich dem Frohſinn ergeben durfte, warf ſich mit der Miene eines Mannes, der dem Gewichte ſeiner Würde erliegt, auf eine Bank, und ſah gleichgültigen Blicks auf Kegel, Karten und Würfel, an nichts denkend, als an des Schloſſers Töchterlein und an die entartete Zeit, in welcher geboren zu werden er ſo unglücklich war. „Mein edler Hauptmann iſt kein Freund von Spiel, Geſang und Tanz,“ ſagte der Wirth, ſich an ſeiner Seite niederlaſſend.„Trinkt, mein tapferer General!“ Herr Tappertit leerte das dargebotene Glas bis auf die Nagelprobe; dann ſteckte er die Hände in ſeine Taſchen und ging mit finſterer Miene unter den Kegeln umher, während ſeine Jünger— ſo groß iſt der Einfluß eines überlegenen Genius— in ſtummem Reſpekte vor ſeinen kleinen Schienbeinen, die begierige Kugel zurückhielten. „Wäre ich doch geboren als Korſar, als See⸗ räuber, als ein Fürſt der Wälder, als ein vor⸗ nehmer Wegelagerer oder als Patriot—'s kömmt doch bei allen ziemlich auf das Gleiche heraus,“ dachte —8—— 11 Herr Tappertit, unter den neun Kegeln nachſinnend, „ſo befände ich mich doch in einer für mich paſſenden Stellung. Aber ein niedriges Daſeyn hinzuſchleppen, ohne von der Menſchheit im allgemeinen gekannt zu werden— doch Geduld! mein Ruhm wird nicht ausbleiben. Unabläßig flüſtert eine Stimme in mei⸗ nem Innern: Größe! Ich werde dieſer Tage einmal losbrechen, und wenn dieß geſchieht, welche Macht der Erde vermöchte es, mich zu erdrücken? Ich fühle, wie mir die Seele bei dieſem Gedanken zu Kopfe ſteigt. Mehr zu trinken her!“ „Der Novize,“ fuhr Herr Tappertit— nicht gerade in einer Donnerſtimme, denn, um die Wahr⸗ heit zu ſprechen, ſein Organ war dafür etwas zu ſchnarchend und ſchrill, aber demungeachtet mit gro⸗ ßem Nachdruck—„wo iſt er?“ „Hier! edler Capitän,“ rief Stagg.„Ich fühle, daß mir ein Fremder zur Seite ſteht.“ „Haſt du,“ ſagte Herr Tappertit, den Blick in die angedeutete Richtung wendend, wo jetzt in der That der neue Ritter in ſeinem gewöhnlichen Anzuge ſtand—„haſt du den Schlüſſel deiner Hausthüre in Wachs abgedrückt?“ Der lange Kamerad kam der Antwort zuvor, indem er den Abdruck von dem Sims, auf welchen er niedergelegt worden war, herunterlangte. „Gut,“ ſagte Herr Tappertit, denſelben genau unterſuchend, während athemloſes Schweigen rings⸗ umher herrſchte; denn er hatte für die ganze Ge⸗ — ſellſchaft Nachſchlüſſel verfertigt und vielleicht dieſem unwürdigen und gemeinen Umſtande einigermaßen ſei⸗ nen Einfluß zu danken, da oft von ähnlichen ge⸗ ringfügigen Verhältniſſen auch Männer von Geiſt ab⸗ hängig werden!—„das läßt ſich leicht machen. Komm hieher, mein Freund.“ Mit dieſen Worten winkte er den neuen Ritter beiſeits, indem er zugleich die Wachsmatrize in ſeine Taſche ſteckte. „Du liebſt alſo,“ ſagte er, nachdem er einige⸗ mal mit ihm auf und ab gegangen war—„du liebſt alſo die Tochter deines Meiſters?“ „Ja,“ antwortete der Lehrling.„Aber in allen Ehren. Keine Poſſe, müßt Ihr wiſſen.“ „Haſt du,“ verſetzte Tappertit, indem er ihn am Handgelenk faßte und ihn mit einem Blicke an⸗ ſah, der den tödtlichſten Groll ausgedrückt haben würde, wenn nicht ein zufälliges Schluckſen da⸗ zwiſchen gekommen wäre;—„haſt du einen— einen Nebenbuhler?“ „Nicht, daß ich wüßte,“ entgegnete der Lehrling. „Wenn du aber einen hätteſt—“ ſagte Herr Tappertit—„was würdeſt du mit ihm— he— 2“ Der Lehrling ſchnitt ein grimmiges Geſicht und ballte ſeine Fäuſte. „Es iſt genug,“ rief Herr Tappertit,„wir ver⸗ ſtehen einander. Man beobachtet uns; ich danke dir.“ Mit dieſen Worten ſchüttelte er die neue Be⸗ kanntſchaft ab, ging einigemal haſtig auf und nie⸗ der, rief dann den langen Kameraden zu ſich und befahl ihm, ſogleich eine Anzeige zu ſchreiben und an die Wand zu kleben, vermöge welcher ein gewiſſer Joſeph Willet(gemeiniglich unter dem Namen Joe bekannt) von Chigwell in die Acht erklärt werden ſollte. Es wurde damit allen Lehrlingsrittern ver⸗ boten, unter was immer für Verhältniſſen ihm Beiſtand zu leiſten oder mit ihm zu verkehren; deß⸗ gleichen erhielten ſie auch unter Androhung der Excommunication den Befehl, beſagten Joſeph. zu beläſtigen, zu beſchädigen, zu ärgern, zu be⸗ leidigen und Händel mit ihm anzufangen, wann und ſo oft ſie, oder einer aus ihrer Mitte, zufällig mit ihm zuſammentreffen ſollten. Nachdem er durch dieſes energiſche Verfahren ſein Gemüth erleichtert hatte, ließ er ſich herab, die Feſttafel mit ſeiner Geſellſchaft zu beehren, und wie er nach und nach wärmer wurde, geruhte er ſogar den Vorſitz zu übernehmen und die Geſellſchaft mit einem Liede zu erfreuen. Und ſeine Heiterkeit ſtei⸗ gerte ſich mit der Zeit ſo ſehr, daß er einwilligte, die Geſellſchaft mit einem Hornpipe zu beglücken, welchen er bei der Muſik einer Fidel(geſpielt von einem genialen Mitgliede) mit ſo überraſchender Be⸗ hendigkeit und einer Pracht der Darſtellung aus⸗ führte, daß ſeine Zuſchauer ihre Bewunderung nicht enthuſiaſtiſch genug auszudrücken vermochten. Der Wirth aber ſchwor mit Thränen in den Augen hoch 156 und theuer, daß er ſeine Blindheit nie ſo ſchmerzlich empfunden habe, als in dieſem Augenblicke. Sodann entfernte ſich der Wirth— wahrſchein⸗ lich um im Stillen zu weinen— kehrte jedoch bald wieder mit der Nachricht zurück, daß es kaum noch eine Stunde bis zum Morgen wäre, und daß alle Hähne in Barbikan bereits zu krähen angefangen hätten, als ob ihr Leben davon abhinge. Bei dieſer Mittheilung ſtanden die Lehrlingsritter haſtig auf, ſtellten ſich in eine Linie, difilirten nach einander ab und zerſtreuten ſich in aller Eile, um ſich nach ihren verſchiedenen Wohnungen zu begeben, ihrem Führer die Ehre überlaſſend, zuletzt nach dem Gitter hinaufzuſteigen. „Gute Nacht,“ edler Hauptmann,„flüſterte der Blinde, als er das Gitter in der Hand hielt, um ihn hinaufzulaſſen.„Lebt wohl, braver General. Gott ſey mit Euch, erlauchter Commandeur. Das Glück ſey in Eurem Geleite— du ungebildeter, ſchwadronirender, hohlköpfiger, entenbeiniger Dumm⸗ kopf!“ Nach dieſen Abſchiedsworten, welche er ganz kaltblütig beifügte, als er bei dem Schalle der ſich entfernenden Fußtritte das Gitter über ſich ſchloß, ſtieg er die Treppe hinunter, zündete Feuer unter dem kleinen Keſſel an und ging ohne weitere Bei⸗ hülfe an die Vorbereitungen zu ſeinem Tages⸗ geſchäfte. Dieſes beſtand darin, an der Area oben für den Preis von einem Penny Fleiſchbrühe, Suppen 157 und würzige Puddings zu verkaufen, die er aus Brocken, wie ſie des Abends haufenweiſe für ein ganz geringes Geld bei Fleet Market verkauft wurden, componirte. Dabei hatte er ſeine Kund⸗ ſchaft hauptſächlich ſeinen vielen Bekanntſchaften zu verdanken, da der Hof ohne Durchgang und über⸗ haupt auch kein Platz war, an welchem viele Per⸗ ſonen Luft ſchöpfen, oder den ſie zu einem ange⸗ nehmen Spaziergang wählen mochten. Neuntes Kapitel. Geſchichtſchreiber haben das Privilegium, einzu⸗ treten, wo es ihnen beliebt, durch Schlüſſellöcher zu ſchlüpfen und wieder herauszugehen, auf dem Winde zu reiten und in ihrem Schwunge aufwärts und ab⸗ wärts alle Hinderniſſe von Zeit und Raum zu be⸗ ſiegen. Dreimal geſegnet ſey uns dieſer Umſtand, da er uns in die Lage ſetzt, der Männerfeindin Miggs ſogar in das Heiligthum ihres Schlafzimmers zu folgen und uns die ganze traurige Nacht durch ihrer holden Geſellſchaft zu erfreuen! Sobald Miß Miggs ihre Gebieterin ‚ausgethan“ (mit welchem Ausdrucke ſie ihre Beihülfe bei dem Entkleiden derſelben bezeichnen wollte) und ſie ge⸗ mächlich in dem Hinterzimmer des erſten Stockes zu Bette gebracht hatte, zog ſie ſich nach ihrer eigenen Kammer unter dem Dache zurück. Ungeachtet ihrer Erklärungen in Gegenwart des Schloſſers war ſie doch nicht ſchläfrig, denn ſie ſetzte ihr Licht auf den Tiſch, zog den kleinen Fenſtervorhang zurück und blickte gedankenvoll nach dem ſtürmiſchen Nachthimmel. Vielleicht wunderte ſie ſich, welcher Stern ihr wohl zur Wohnung angewieſen werden dürfte, wenn ihr kurzes Erdenwallen zu Ende wäre; vielleicht ſpekulirte ſie, welche von jenen funkelnden Sphären der Raum ſeyn würde für Herrn Tappertits Neuge⸗ burt; vielleicht ſtaunte ſie, wie die Himmelskörper nur herabſchauen konnten auf das treuloſe Geſchöpf, Mann genannt, ohne zu erkranken und grün zu wer⸗ den, wie die Lampen eines Apothekers; vielleicht dachte ſie aber auch an nichts Beſonderes. Womit ſich indeß auch ihr Geiſt befaſſen mochte— da ſaß ſie, bis ihre Aufmerkſamkeit, lebhaft genug in allem, was mit dem herzgewinnenden Lehrling in Verbindung ſtand, durch ein Geräuſch in dem nächſten Gemach angeregt wurde— ſeinem Gemache, der Kammer, in welcher er ſchlief und träumte— vielleicht auch bisweilen von ihr träumte. Freilich, daß jetzt von keinem Traume die Rede ſeyn konnte, war klar, wenn er etwa nicht zu den Somnambülen gehörte, denn alle Augenblicke ließ ſich ein ſcharrendes Geräuſch vernehmen, als ſey er 159 beſchäftigt, die weißgetünchte Wand zu poliren; dann ein leiſes Knarren ſeiner Thüre; dann die ſchwächſte Andeutung ſeiner verſtohlenen Fußtritte auf der Flur draußen. Dieſes letztern Umſtandes wahrnehmend, wurde Miß Miggs blaß und ſchauderte, als miß⸗ traute ſie ſeinen Abſichten; und mehr als einmal rief ſie leiſe:„Ach, du gütiger Himmel, wie gut iſt's, daß ich eingeſchloſſen bin!“ Dieſes war nun ohne Zwei⸗ fel eine in ihrem Schreck begründete Begriffsver⸗ wechslung zwiſchen dem Riegel und ſeinem Gebrauche, denn obgleich ſie einen ſolchen an der Thüre hatte, ſo war er doch nicht vorgeſchoben. Das Gehörorgan der Jungfer Miggs hatte je⸗ doch eine ſo ſcharfe Schneide, wie ihre Gemüthsart, und da ſie zugleich ſchnippiſch und argwöhniſch war, ſo fand ſie bald, daß die Fußtritte an ihrer Thüre vorbeigingen und einem Gegenſtande zu gelten ſchie⸗ nen, der durchaus in keiner Verbindung mit ihr ſtand. Ueber dieſe Entdeckung entſetzte ſie ſich noch mehr, als zuvor, und ſie war eben im Begriffe, „Mörder!“ und„Diebe!“ zu ſchreien, was ſie bisher nur mit Noth unterdrückt hatte, als ihr der Gedanke kam, ſie wolle zuerſt ſachte hinausgehen, um zu ſehen, ob ihre Beſorgniſſe auch wirklich einen guten Grund hätten. Sie ſah demgemäß hinaus, ſtreckte ihren Hals über das Treppengeländer und bemerkte zu ihrer großen Ueberraſchung, daß Herr Tappertit, vollſtändig an⸗ gekleidet, Stufe für Stufe ſich die Treppe hinunterſtahl, 160 in der einen Hand die Schuhe und in der andern eine Lampe. Während ſie ihm ſo mit ihren Augen folgte und ſelbſt auch einige Stufen hinunterging, um beſſer um eine vorſpringende Ecke ſehen zu können, bemerkte ſie, wie er ſeinen Kopf in die Wohnſtube ſteckte, ihn aber wieder mit großer Schnelligkeit zu⸗ rückzog und alsbald mit möglichſter Geſchwindigkeit ſeinen Rückzug die Treppe hinauf antrat. „Da gibt's Geheimniſſe!“ ſagte die Jungfer, als ſie wohlbehalten, obgleich ganz athemlos, wieder in ihrer Kammer angelangt war.„Ach, du mein Himmel, da gibt's Geheimniſſe.“ Die Ausſicht, Jemand auf etwas zu ertappen, würde Miß Miggs wach gehalten haben, und wenn ſie ein Opiat im Leibe gehabt hätte. Bald nachher hörte ſie den Tritt wieder, und ſie würde ihn gehört haben, wenn es der einer mit Bewegung begabten Feder geweſen wäre, die ſich auf den Zehen hinunter⸗ geſchlichen hätte. Dann ſchlüpfte ſie wieder, wie zu⸗ vor, hinaus und ſah abermals die dahingleitende Ge⸗ ſtalt des Lehrlings, wie er auf's Neue vorſichtig in die Wohnſtube ſchaute, dießmal aber, ſtatt ſich zurück⸗ zuziehen, eintrat und verſchwand. Miggs war wieder in ihrer Kammer und hatte den Kopf zum Fenſter hinausgeſteckt, ehe ein ältlicher Herr die Augen hätte zu⸗ und aufmachen können. Da kam er zur Hausthüre heraus, ſchloß ſie ſorgfältig hinter ſich ab, probirte ſie mit dem Knie und ſtolzierte von hinnen, im Abgehen noch etwas in die Taſche ſteckend. 161 Bei dieſem Spektakel rief Miggs abermals:„Ach du mein Himmel!“ und dann,„Barmherziger Himmel!“ und dann,„O du mein lieber barmherziger Himmel!“ und dann ging ſie mit der Kerze in der Hand die Treppe hinunter, wie er gethan hatte. Als ſie in die Werkſtatt kam, ſah ſie, daß die Lampe auf der Eſſe brannte, und dabei etwas, was Sim dort gelaſſen hatte. „Ei, ich will nur mit einer fußgehenden Leiche und nie mit einer anſtändigen Trauerkutſche und Pferden begraben werden, wenn ſich der Junge nicht ſelbſt einen Schlüſſel gemacht hat!“ rief Miggs. „Welch ein kleiner Spitzbube!“ Zu dieſer Folgerung war ſie nicht ohne viel Ueberlegen und viel Hin⸗ und Herſpähen gekom⸗ men; auch wurde ſie dabei durch die Erinnerung unterſtützt, daß ſie bei verſchiedenen Anläſſen den Lehrling über einem geheimen Geſchäfte ertappt hatte. Damit indeß die Thatſache, daß Miß Miggs ihn, auf den ſie einen wohlwollenden Blick zu wer⸗ fen geruhte, einen Jungen nannte, unſere Leſer nicht überraſche, müſſen wir bemerken, daß ſie be⸗ harrlich dergleichen that, als betrachte ſie alle männ⸗ lichen Zweifüßler unter dreißig Jahren als bloße Knäbchen und unmündige Kinder— eine Erſchei⸗ nung, die bei Damen von der Gemüthsſtimmung der Jungfer Miggs nicht ſo ungewöhnlich iſt und in der Regel als Begleiterin einer ſolchen wilden und unbezähmbaren Tugend gefunden wird. Boz. XVI. Barnaby Rudge. 11 162 Miß Miggs ging eine Weile mit ſich zu Rath, und betrachtete dabei ſorgfältig die Werkſtattthüre, als ob Augen und Gedanken ſich in dieſem End⸗ punkte vereinigten; dann nahm ſie einen Bogen Pa⸗ pier aus einer Schublade und drehte ihn in eine lange, dünne, ſpiralförmige Röhre. Nachdem ſie dieſes Werkzeug mit Kohlenſtaub aus der Eſſe ge⸗ füllt hatte, näherte ſie ſich der Thüre, ließ ſich vor derſelben auf ein Knie nieder und blies gewandt ſo viel von der feinen Aſche in das Schlüſſelloch, als das Schloß halten wollte. Es wurde in dieſer Weiſe kunſtgerecht und randvoll angefüllt, worauf ſie, an einem fort kichernd, die Treppe hinaufſchlich. „So!“ rief Miggs, ihre Hände reibend.„Jetzt wollen wir doch ſehen, ob du nicht froh ſeyn wirſt, auch einmal von mir Notiz nehmen zu können, Musje. Hi, hi, hi! Du wirſt nun wohl auch Augen fuͤr Jemand Anders als Miß Dolly haben, denke ich. Dieſe Gans mit einem Fettgeſicht, wie mir nur je eine in den Weg gekommen iſt!“ Während ſie dieſen kritiſchen Satz ausſprach, betrachtete ſie ſich beifällig in ihrem kleinen Spiegel, als wollte ſie ſagen,„ich danke meinen Sternen, daß man mir ein ſolches nicht nachſagen kann“— was man auch gewiß nicht konnte, denn die Schönheit der Dame Miggs war von einer Art, welche Herr Tap⸗ pertit im Geheim nicht unpaſſend„eine dürre“ ſty⸗ liſirt hatte. 163 „Ich gehe heute Nacht nicht zu Bette,“ ſagte Miggs, indem ſie ſich in einen Shawl hüllte und ein paar Stühle in die Nähe des Fenſters rückte, auf deren einen ſie ſich ſelbſt, auf den andern aber ihre Füße ſtellte,„bis du nach Hauſe kommſt, mein Jüngelchen. Nein, ich thue es nicht,“ fügte Miß Miggs boshaft bei,„und wenn man mir fünfund⸗ vierzig Pfund geben wollte!“ Mit dieſen Worten und einem Ausdruck im Ge⸗ ſichte, in welchem ſich eine große Maſſe entgegenge⸗ ſetzter Ingredienzien, zum Beiſpiel, Schadenfreude, Verſchmitztheit, Triumph, Bosheit und geduldige Er⸗ wartung zu einer Art von phyſtognomiſchen Punſch vereinigten, ſchickte ſich Miß Miggs an, zu warten und zu lauſchen, wie irgend eine ſchöne Wehrwölfin, die eine Falle aufgeſetzt hat und nun auf einen hüb⸗ ſchen Biſſen von dem Fleiſche eines wohlgemäſteten jungen Mannes lauert. Sie blieb die ganze Nacht in der vollkommen⸗ ſten Ruhe ſitzen. Endlich, kaum vor Tagesanbruch, ließ ſich ein Fußtritt in der Straße hören, und un⸗ mittelbar darauf vernahm ſie, daß Herr Tappertit an der Thüre Halt machte. Sie konnte unterſchei⸗ den, daß er ſeinen Schlüſſel verſuchte— daß er hineinblies— daß er ihn gegen den nächſten Pfoſten ſchlug, um den Staub herauszuklopfen— daß er ihn unter eine Lampe nahm, um hineinzuſehen— daß er Stückchen Holz in das Schloß ſteckte, um es 11* 164 zu reinigen— daß er in das Schlüſſelloch blickte, zuerſt mit dem einen, dann mit dem andern Auge — daß er den Schlüſſel abermals verſuchte— daß er ihn nicht herumdrehen, und was noch ſchlimmer war, nicht wieder herausbringen konnte— daß er ihn umbog— daß er ſich dann noch viel weniger geneigt zeigte, herauszukommen— daß er einen gewaltigen Ruck that, worauf das Werkzeug ſo plötzlich herausfuhr, daß er rückwärts taumelte— daß er an die Thüre ſtieß— daß er an ihr rüttelte — und ſchließlich, daß er an die Stirne ſchlug und ſich verzweifelnd auf die Schwelle ſetzte. Als die Kriſis ſo weit gediehen, affectirte Miß Miggs den größten Schrecken, indem ſie durch An⸗ klammern an den Fenſterſims eine Stütze ſuchte, ſtreckte ihre Nachtmütze hinaus und fragte mit ſchwa⸗ cher Stimme, wer da ſey. Herr Tappertit rief„Bst!“ trat in die Straße zurück und bat ſie mit phantaſtiſchen Pantomimen, die Sache geheim zu halten und zu ſchweigen. „Sagt mir nur das eine,“ entgegnete Miggs. „Sind es Diebe?“ „Nein— nein— nein!“ rief Herr Tap⸗ pertit. „Dann iſt's wohl Feuer,“ erwiederte Miß, noch matter, als zuvor.„Wo iſt es, Sir? Ich weiß, in der Nähe von dieſer Kammer. Ich habe ein gutes Gewiſſen, Sir, und würde lieber ſterben, als an einer 165 Leiter hinuntergehen. Nur das eine wünſchte ich noch, daß man meine verheirathete Schweſter, Golden Lion Court, Nr. Siebenundzwanzig, zweite Klingel rechts neben der Thüre, herzlich von mir grüße.“ „Miggs!“ rief Herr Tappertit,„kennt Ihr mich denn nicht? Sim, Ihr wißt ja— Sim—“ „O, was iſt mit ihm?“ rief Miggs, ihre Hände zuſammenſchlagend.„Iſt er in Gefahr? Iſt er in der Mitte der Flammen und des Rauches? O, barm⸗ herziger, barmherziger Himmel!“ „Ei, bin ich denn nicht hier?“ entgegnete Herr Tappertit, ſich an die Bruſt ſchlagend.„Seht Ihr mich denn nicht? Seyd Ihr denn ein ganzer Narr, Miggs?“ „Hier?“ rief Miggs, ohne auf dieſes Compli⸗ ment zu achten.„Ei— das wäre— du meine Güte, was ſoll das heißen? Madame, wenn es ge⸗ fällig wäre—“ „Nein, nein!“ rief Herr Tappertit, indem er ſich auf die Zehen ſtellte, als ſey er der Meinung, ſo von der Straße aus beſſer im Stande zu ſeyn, der Jungfer Miggs in dem Dachſtübchen das Maul zu ſtopfen.„Laßt das!— Ich bin ohne Erlaubniß ausgeweſen, und mit dem Schloß muß etwas vorge⸗ gangen ſeyn. Kommt herunter und macht den Werk⸗ ſtattladen auf, damit ich hineinſchlüpfen kann.“ „Ich getraue mir's nicht, Simmun,“ rief Miggs — denn ſo ſprach ſie ſeinen Taufnamen aus.„Ich getraue mir's in der That nicht. Ihr wißt ſo gut, 166 als Jemand, wie ich auf Chre halte. Und hinunter zu kommen mitten in der Nacht, wo das ganze Haus in Schlaf und Dunkelheit gehüllt iſt—“ Sie hielt inne und ſchauderte, denn ihre Be⸗ ſcheidenheit kriegte ſchon bei dem Gedanken den Schnupfen. „Aber Miggs,“ rief Herr Tappertit, unter die Lampen tretend, daß ſie ſeine Augen ſehen möchte. „Meine holde Miggs—“ Miß ſtieß einen leichten Schrei aus. „Die ich ſo ſehr liebe, und an die ich immer denken muß,“— und es iſt unmöglich, zu beſchreiben, welchen Gebrauch er bei dieſen Worten von ſeinen Augen machte— n„thut es— thut es um meinet⸗ willen!“ „O Simmun!“ rief Miggs,„das iſt noch ſchlim⸗ mer als Alles. Ich weiß, wenn ich hinunterkomme, ſo werdet Ihr hergehen und—“ „Und was, meine Köſtliche?“ fragte Herr Tap⸗ pertit. „Und verſuchen,“ entgegnete Miß,„mich zu küſſen oder ſonſt etwas Schreckliches zu thun. Ich weiß, Ihr würdet!“ „Ich ſchwöre es Euch, es ſoll nicht geſchehen,“ ſagte Herr Tappertit mit einem merkwürdigen Ernſte. „Bei meiner Seele, ich will es nicht thun. Es wird nachgerade heller Tag und die Wächter ſind auf den Beinen. Engliſche Miggs! Wenn Ihr nur herunter⸗ — ———— H——,—̃ 167 kommen und mich einlaſſen wolltet. Ich verſpreche Euch treu und wahrhaftig, ich will es nicht thun.“ Miß Miggs, deren zartes Herz gerührt war, wartete nicht auf den Eid(denn ſie wußte, wie ſtark die Verſuchung war, und fürchtete, er möchte falſch ſchwören), ſondern huſchte leicht die Treppe hinunter und zog mit eigenen ſchönen Händen die ſchweren Riegel des Werkſtattladens zurück. Sobald ſie den wankelmüthigen Lehrling hereingehoben hatte, ſtieß ſie matt die Worte aus:„Simmun iſt geborgen!“ worauf ſie ihrer weiblichen Natur nachgab und au⸗ genblicklich ohnmächtig wurde. „Ich wußte, ich würde ſie mürbe machen,“ ſagte Sim, etwas verlegen über dieſen Umſtand.„Ich konnte es natürlich vorausſehen, daß es ſo kommen mußte, aber da war nichts Anderes zu machen.— Wenn ich ſie nicht beäugelt hätte, wäre ſie nicht heruntergekommen. So! haltet Euch nur eine Mi⸗ nute aufrecht, Miggs. Was das für eine ſchlüpfrige Geſtalt iſt! Man kann ſie nirgends gemächlich an⸗ greifen. Haltet Euch eine Minute aufrecht, Miggs, wollt Ihr?“ Da Miggs jedoch gegen alle Bitten taub blieb, ſo lehnte ſie Herr Tappertit etwa wie einen Spazier⸗ ſtock oder Regenſchirm an die Wand, bis er das Fenſter verſchloſſen hatte, worauf er ſie wieder auf ſeine Arme nahm und nicht ohne große Schwierig⸗ keit— welche hauptſächlich in den ungleichen Kör⸗ perlängen und vielleicht auch einigermaßen in ihrer 168 phyſiſchen Beſchaffenheit, die vorhin angedeutet wurde, ihren Grund haben mochte— in kurzen Stationen die Treppe hinauf. Oben angelangt, pflanzte er ſie in derſelben Spazierſtock⸗ oder Regenſchirmmethode gegen die Innenwand neben ihre Thüre und überließ ſie ihrer Ruhe. „Nun, jetzt mag er ſo kalt ſeyn, als er will,“ ſagte Miß Miggs, die, ſobald ſie allein war, wieder zu ſich kam;„ich bin jetzt in ſeinem Vertrauen, und er kann nicht anders; ja, er könnte nicht anders, und wenn auch zwanzig Simmune in ihm ſteckten.“ Zehntes Kapitel. Es war einer von jenen im Frühlinge ſo ge⸗ wöhnlichen Morgen, wo das Jahr, in ſeiner Jugend eben ſo wankelmüthig als alle anderen geſchaffenen Dinge, unſchlüſſig iſt, ob es ſich rückwärts gegen den Winter oder vorwärts gegen den Sommer neigen ſoll und in ſeiner Unentſchloſſenheit ſich bald dem Einen, bald dem Andern, bald Beiden zumal zu⸗ wendet— im Sonnenſchein mit dem Sommer buh⸗ lend und im Schatten noch den Winter feſthaltend ..G.G,— 169 — kurz, es war einer jener Morgen, wo es in den engen Grenzen einer Stunde heiß und kalt, naß und trocken, hell und düſter, heiter und traurig, welkend und blühend iſt,— als der alte John Willet, der über dem Kupferkeſſel eingeſchlafen war, durch den Huf⸗ tritt eines Pferdes aufgeweckt wurde. Er trat an das Fenſter und erblickte einen Reiſenden von viel verſprechendem Aeußern, der ſein Roß an der Thüre des Maibaums anhielt. Er gehörte nicht zu den leichtfertigen jungen Burſchen, die etwa einen Becher heißen Ales beſtellen und dabei ſo wie zu Hauſe thun, als hätten ſie ein Orhoft Wein befohlen; nicht zu den kecken jungen Renomiſten, die ſelbſt in das feierliche Heiligthum des Schenkſtübchens eindringen, den alten John auf den Rücken klopfen und Fragen ſtellen, ob es denn gar keine hübſche Dirne im Hauſe gebe und wo er ſeine kleinen Kammerjungfern ver⸗ ſteckt habe, mit hundert anderen derartigen Unge⸗ bührlichkeiten; nicht zu den ungenirten Geſellen, welche ihre Stiefeln in der Gaſtſtube am Kamin⸗ roſt abkrazen und es mit den Spucknäpfen nicht ſon⸗ derlich genau nehmen; nicht zu den gewiſſenloſen Kunden, die Hammelsrippchen von ungewöhnlicher Größe verlangen und unerhörter Weiſe das Einge⸗ pöckelte als Gratiszugabe betrachten;— ſondern er war ein geſetzter, ernſter, friedfertiger Gentleman, etwas über die Blüte des Lebens hinaus, aber dem⸗ ungeachtet noch bolzgerade in ſeiner Haltung und ſo ſchlank wie ein Windſpiel. Er ſaß auf einem kräf⸗ 170 tigen kaſtanienbraunen Hengſte mit dem Anſtand eines erfahrenen Reiters, und ſein Sattelzeug war ſchön und gewählt, ohne jedoch etwas von dem Flitter⸗ prunke, der damals in der Mode war, an ſich zu haben. Sein Reitkleid war von etwas hellerem Grün, als man von dem Geſchmacke eines Herrn in ſeinen Jahren hätte erwarten ſollen, und hatte einen niedrigen ſchwarzen Sammetkragen deßgleichen auch Borten an den Taſchen und Aufſchlägen— alles nach der neue⸗ ſten Mode. Seine Wäſche war von der feinſten Art, mit reichen Spitzen an den Handgelenken und dem Halſe verſehen, und von der ſorgſamſten Reinlichkeit. Obgleich er, dem Schmutze nach zu urtheilen, den er auf dem Wege aufgeleſen, von London zu kom⸗ men ſchien, ſo war doch ſein Pferd ſo glatt und kühl, als ſeine eiſengraue Zopfperücke. Weder an dem Manne, noch an dem Thiere war auch nur ein einziges Härchen in Unordnung; und wenn man von den beſpritzten Rockſäumen und Gamaſchen abſah, ſo konnte man wohl denken, dieſer Herr mit ſeinem blühenden Geſichte, ſeinen weißen Zähnen, dem ſorg⸗ fältig geordneten Anzug und ſeiner vollkommenen Ruhe habe eben gemächlich und ſorgfältig ſeine Toi⸗ lette gemacht, um an dem Thore des alten John Willet zu einem Reiterporträt zu ſitzen. Man glaube übrigens nicht, daß John dieſe ver⸗ ſchiedenen Merkmale anders als nur ſehr allmälig auf⸗ faßte, oder daß er überhaupt nur mehr als ein halbes auf einmal, und auch dieſes nicht ohne ſehr ernſte 171 und bedächtige Ueberlegung gewahr wurde. In der That, wäre er gleich anfangs durch Anfragen und Aufträge verwirrt worden, ſo würde er wenigſtens vierzehn Tage gebraucht haben, um das hier Aufge⸗ führte zu bemerken. Zufällig verwunderte ſich aber der Herr ſo ſehr, entweder über das alte Haus, oder über die fetten Tauben, die da umherflogen und knirſten, oder über den hohen Maibaum, auf deſſen Spitze ein Wetterhahn, welcher vielleicht fünfzehn Jahre keine Dienſte mehr geleiſtet hatte, zu ſeiner eigenen krächzenden Muſik ſich drehte,— daß er ſich eine kleine Weile ſchweigend umſah. John ſtand daher, die Zügel des Pferdes in der Hand, da und heftete ſeine großen Augen auf den Reiter; da ihn alſo weiter nichts in ſeinen Gedanken beunruhigte, ſo konnte er wohl in der Zwiſchenzeit, bis er zu ſprechen aufgefordert wurde, Einiges von dieſen Ein⸗ zelheiten ſeinem Gehirne einprägen. „Ein wunderliches Haus das,“ begann der Herr — und ſeine Stimme tönte eben ſo reich, als ſein Anzug war.„Seyd Ihr der Wirth?“ „Zu dienen, Sir,“ verſetzte John Willet. „Ihr könnt doch meinem Pferde einen guten Stall und mir in Bälde etwas zu eſſen geben? Ich bin in dem letzteren Punkte nicht ſehr eigen, wenn ich nur reinlich bedient werde. Auch brauche ich ein anſtändiges Zimmer— woran es in dieſem Hauſe keinen Mangel zu haben ſcheint,“ ſagte der Fremde, abermals das Aeußere überſchauend. 172 „Ihr könnt Alles haben, was Euch beliebt, Sir,“ antwortete John mit einer überraſchenden Schnel⸗ ligkeit. „Gut; ich bin leicht zufrieden geſtellt,“ entgeg⸗ nete der Andere mit einem Lächeln,„ſonſt dürfte es Euch ſchwer werden, Eurem Verſprechen Ehre zu ma⸗ chen, mein Freund.“ Und in einem Nu war er mit Beihülfe des Blockes an der Thüre abgeſtiegen. „Hollah da! Hugh!“ ſchrie John.„Ich bitte um Verzeihung, Sir, daß ich Euch vor dem Portale ſtehen laſſe, aber mein Sohn iſt Geſchäfte halber nach der Stadt gegangen, und da mir der Junge, wie ich wohl ſagen darf, gewiſſermaßen nützlich iſt, ſo ſpüre ich ſeine Abweſenheit ſehr. Hugh!— Ein ſchrecklich fauler, landſtreicheriſcher Schuft, Sir— ein halber Zigeuner, glaube ich— ſchläft immer Sommers in der Sonne und Winters im Stroh— Hugh! Lieber Gott, muß der Herr da um ſeinet⸗ willen warten!— Hugh! Ich wollte, der Schlingel wäre todt;'s iſt mir in der That ernſt.“ „Vielleicht iſt er's auch,“ entgegnete der Andere. „Ich ſollte faſt meinen, wenn er noch am Leben wäre, ſo müßte er Euch gehört haben.“ „Wenn ſeine Faulheit über ihn kömmt, ſo ſchläft er verzweifelt hart,“ ſagte der verwirrte Gaſtwirth. „Er würde nicht aufwachen, wenn Ihr ihm Kano⸗ nenkugeln in's Ohr ſchößet, Sir.“ Der Gaſt bemerkte nichts auf dieſe neue Me⸗ thode, die Schlafſucht zu kuriren und die Leute 173 lebendig zu machen, ſondern ſtand, die Hände auf dem Rücken, in dem Portale, augenſcheinlich ſehr amüſirt, den alten John zu ſehen, wie er, den Zügel in der Hand, nicht wußte, ob er das Thier los und ſeinem Schickſal überlaſſen, oder es in das Haus führen und in die Gaſtſtube ſperren ſollte, während er den Herrn warten ließ. „An den Pranger mit dem Burſchen, da iſt er endlich,“ rief John im Zenith ſeiner Verzweiflung. „Haſt du mich nicht rufen hören, du Schuft?“ Die angeredete Perſon gab keine Antwort, ſondern legte die Hand auf den Sattel, ſprang mit einem Satze hinein, drehte den Kopf des Pferdes dem Stalle zu und war in einem Nu fort. „Raſch genug, wenn er wach iſt,“ bemerkte der Gaſt. „Raſch genug, Sir?“ verſetzte John, nach dem Platze ſchauend, wo das Pferd geſtanden hatte, als begreife er nicht ganz, was daraus geworden ſey. „Er thaut auf, glaube ich. Es geht mit ihm, wie mit einem Flöcklein Reif. Ihr ſeht hin, und da iſt es. Ihr ſeht wieder hin, und— was iſt daraus geworden?“ In Ermanglung weiterer Worte mit dieſem Climar ſchließend, womit eigentlich eine lange Er⸗ klärung des ganzen Lebens und Charakters ſeines Dieners gegeben werden ſollte, führte der orakel⸗ ſprechende John Willet den Fremden über die breite, 174 verfallene Treppe nach dem beſten Zimmer im Mai⸗ baum. Dieſes war jedenfalls geräumig genug, da es die ganze Tiefe des Hauſes einnahm und an jedem Ende ein großes Erkerfenſter, ſo groß, als manches moderne Gemach, beſaß. Einige Scheiben waren von gefärbtem Glas und zeigten die Spuren von matten Verzierungen, zwar zerbrochen und geflickt, aber doch immerhin durch ihre Anweſenheit bezeugend, daß der frühere Eigenthümer auch das Licht ſeiner Prunkliebe dienſtbar gemacht, und ſogar die Sonne der Liſte ſeiner Schmeichler einverleibt hatte, indem er ihr befahl, wenn ſie in ſein Zimmer leuchten wollte, ihren Weg durch die Abzeichen ſeiner alten Familie zu nehmen und von dem Stolze derſelben ihren Glanz und ihre Farben zu borgen. Doch dieß war in alten Tagen, und nun konnte ſogar der kleinſte Strahl kommen und gehen, wie er wollte, die rein nackte Wahrheit zeigend. Das Zim⸗ mer, obgleich das beſte im Hauſe, hatte ganz den melancholiſchen Anblick zerfallener Größe und war auch viel zu groß, um behaglich zu ſeyn. Reiche, rauſchende Vorhänge an den Wänden, und was noch beſſer, die rauſchenden Gewänder der Jugend und Schönheit, das Licht aus ſchönen Augen, welches das der Kerzen und der reichen Juwelen verdunkelte, die Laute lieblicher Zungen, die Muſik, und der Tritt von Mädchenfüßen waren einmal da geweſen und hatten den Raum mit Wonne erfüllt. Aber alles 175 dieß war dahin, und mit ihm die frühere Heiterkeit. Es war nicht länger ein heimiſcher Herd; keine Kinder wurden mehr hier geboren und erzogen; die Feuerſeite war feil geworden— ein Ding, das man kaufen oder verkaufen kann— eine wahre Buhlerin; mochte jemand ſterben, bei ihr ſeyn oder ſie verlaſſen, ſie blieb ſtets dieſelbe, vermißte Niemand, kümmerte ſich um Niemand, und hatte für Alle die gleiche Wärme, das gleiche Lächeln. Gott helfe dem Manne, deſſen Herz ſich in dem Treiben der Welt je ſo ver⸗ ändert, wie eine alte Wohnung, die ein Wirthshaus wird! Man hatte ſich nicht die Mühe genommen, dieſe ertödtende Oede zu möbliren— eine Kolonie von Stühlen und Tiſchen ausgenommen, die auf einem viereckigen Teppich aufgepflanzt war und eine ge⸗ ſpenſtige ſpaniſche Wand zur Seite hatte, von der groteske Figuren heruntergrinsten. Nachdem der alte John eigenhändig die auf dem Herde aufgehäuften Reisbündel angezündet hatte, entfernte er ſich, um wegen des Mahles für den Fremden mit der Köchin ernſten Rathes zu pflegen, während der Gaſt ſelbſt, der an dem nicht zündenden Holze wenig Behagen fand, in dem fernen Fenſter einen Schieber öffnete und ſich in den matten Strahlen einer kalten März⸗ ſonne wärmte. Er verließ hin und wieder das Fenſter, um das praſſelnde Holz übereinander zu werfen oder in dem wiederhallenden Zimmer auf und abzugehen, ſchloß 176 daſſelbe, als das Feuer ganz aufgebrannt war, rückte den behaglichſten Stuhl in den wärmſten Winkel und rief John Willet. „Sir!“ ſagte John. Er verlangte Feder, Tinte und Papier. Auf dem hohen Kaminmantel ſtand ein alter Schreibzeug, der für die verlangten drei Gegenſtände eine ſtaubige Entſchädigung bot. Nachdem der Wirth das Schreib⸗ zeug vor den Gaſt hingeſtellt hatte, wollte er ſich entfernen, wurde aber durch einen Wink zum Bleiben aufgefordert. „In der Nähe von hier liegt ein Haus,“ ſagte der Gaſt, als er einige Zeilen geſchrieben hatte,„das man, wie ich glaube, den Kaninchenhag nennt?“ Da dieſe Frage in einem Tone geſtellt wurde, als ſey der Fremde bereits mit der Thatſache bekannt, und als frage er nur ſo nebenzu, ſo begnügte ſich John mit einem einfachen bejahenden Kopfnicken; zu gleicher Zeit nahm er eine Hand aus ſeiner Taſche, um dahinter zu huſten, und ſteckte ſie dann wieder ein. „Ich wünſchte,“ ſagte der Gaſt, ſein Schreiben überleſend und es zuſammenlegend,„daß dieſes Billet ohne Zeitverluſt hinüber und eine Antwort zurück⸗ gebracht wird. Habt Ihr einen Boten zur Hand?“ John beſann ſich eine Minute oder darüber, und antwortete dann mit Ja. „Ich möchte ihn ſehen,“ ſagte der Gaſt. Dieß brachte den Wirth in Verwirrung; denn da Joe nicht zu Hauſe und Hugh mit dem Striegeln 177 des kaſtanienbraunen Hengſtes beſchäftigt war, ſo war er Willens, den Auftrag Barnaby zu übertragen, der eben von einem ſeiner Streifzüge angelangt und überall hinzugehen bereit war, wenn er glaubte, daß ihm eine ernſte und wichtige Sendung anvertraut worden ſey. „Je nun, die Sache verhält ſich ſo,“ ſagte John nach einer langen Pauſe;„die Perſon, auf deren Schnelligkeit man ſich am beſten verlaſſen kann, iſt eine Art Naturmenſch, wie man zu ſagen pflegt, Sir; er iſt zwar raſch auf den Beinen und ſo zuverläſſig als die Poſt ſelbſt, aber mit dem Sprechen will's nicht recht fort bei ihm, da er etwas flüchtig und unter dem Hut nicht ganz richtig iſt, Sir.“ „Ihr meint doch nicht“— ſagte der Gaſt, ſeine Augen auf Johns Geſichte heftend,„— wie heißt doch der Burſche— Ihr meint doch nicht Barnaby?“ „Ja, freilich,“ entgegnete der Wirth mit der ſprechendſten Miene der Ueberraſchung. „Wie kömmt der hieher?“ fragte der Gaſt, ſich in ſeinem Stuhle zurücklehnend, indem er mit der⸗ ſelben weichen und gleichförmigen Stimme, die nie wechſelte, und dem nämlichen ſanften, höflichen, un⸗ abänderlichen Lächeln auf ſeinem Geſichte ſprach: „Ich ſah ihn geſtern Abend in London.“ „Er ſtreift immer umher und iſt die eine Stunde da, die andere dort,“ erwiederte der alte John nach der gewöhnlichen Pauſe, deren er benöthigt war, eine Frage zu faſſen.„Bisweilen geht er, bisweilen läuft Boz XVI. Barnaby Rudge. 12 er. Alle Welt kennt ihn in dieſer Gegend; und hin und wieder kömmt er auch in einem Karren oder einer Chaiſe, bisweilen auch auf einem Gaule ſelbander. Er kömmt und geht durch Wind und Regen, Schnee und Hagel, ſogar in den dunkelſten Nächten. Ihm kann nichts ſchaden.“ „Er geht auch oft nach dieſem Kaninchenhag?“ fragte der Gaſt gleichgültig.„Ich meine, ſeine Mutter hat mir geſtern etwas der Art geſagt; aber ich gab nicht ſonderlich auf die gute Frau Acht.“ „Ihr habt Recht, Sir,“ lautete Johns Antwort. „Es iſt ſo. Sein Vater wurde in jenem Hauſe er⸗ mordet, Sir.“ „So habe ich gehört,“ verſetzte der Gaſt mit demſelben geſchmeidigen Lächeln, einen goldenen Zahn⸗ ſtocher aus der Taſche ziehend.„Ein unangenehmer Umſtand für die Familie.“ „Allerdings,“ ſagte John mit einem verblüfften Blicke, als ſiele ihm unbeſtimmt und von weitem ein, daß dieß die möglichſt kühle Weiſe ſey, den Gegen⸗ ſtand zu behandeln. „Das Treiben nach einem Mord,“ ſagte der Gaſt vor ſich hin,„muß ſchrecklich beläſtigend ſeyn, — ſo viel Störung und Lärm— keine Ruhe— das beſtändige Schwatzen über Einen Gegenſtand— das ewige Rennen aus und ein, auf und ab— un⸗ erträglich! Ich möchte um keinen Preis, daß einem, für den ich mich intereſſire, etwas der Art begegnete Es könnte einem das ganze Leben verleiden.— Ihr —= O== —— 179 wolltet ſagen, Freund“— fügte er, ſich wieder an John wendend, bei. „Weiter nichts, als daß Frau Rudge von einer kleinen Penſion, welche ihr die Familie ausgeworfen hat, lebt, und daß Barnaby ſo frei wie eine Katze oder ein Hund aus und ein geht,“ antwortete John. „Soll er Euren Auftrag beſorgen, Sir?“ „O ja,“ verſetzte der Gaſt.„Gewiß. Er kann’s ohne Anſtand thun. Seyd ſo gut, ihn herauf zu bringen, damit ich ihm ſelber Schnelligkeit empfehlen kann. Sollte er nicht kommen wollen, ſo ſagt ihm, es wäre Herr Cheſter. Ich denke wohl, daß er ſich meines Namens erinnern wird.“ John war über dieſe Nachricht, wer ſein Gaſt wäre, ſo ſehr erſtaunt, daß er ſein Erſtaunen über⸗ haupt gar nicht— weder durch Blicke noch ſonſt etwas— auszudrücken vermochte, ſondern einfach das Zimmer verließ, als wäre er in der möglichſt ruhigen und unzerſtörlichen Gemüthsſtimmung. Man erzählt jedoch, daß er, als er unten anlangte, zehn Minuten lang unabläſſig den Kupferkeſſel anſah und die ganze Zeit über nicht ein einzigesmal aufhörte, den Kopf zu ſchütteln. Dieſe Angabe ſcheint auch in dem Umſtande eine Beſtätigung zu finden, daß wenigſtens ſo viel Zeit verfloß, ehe er mit Barnaby nach dem Zimmer ſeines Gaſtes zurückkehrte. „Komm her, Junge,“ ſagte Herr Cheſter. „Du kennſt Herrn Geoffrey Haredale?“ Barnaby lachte und ſah auf den Wirth, als 12*† wolle er ſagen:„da höre man nur!“ John aber, der ſich über dieſe Verletzung des Anſtandes höchlichſt entſetzte, klopfte mit dem Zeigefinger gegen ſeine Naſe und ſchüttelte in ſtummem Verweiſe ſeinen Kopf. „Er kennt ihn, Sir,“ ſagte John mit einem zornigen Seitenblick auf Barnaby,„ſo gut als Ihr oder ich ihn kenne.“ „Ich habe nicht das Vergnügen, mit dem Herrn beſonders bekannt zu ſeyn,“ entgegnete ſein Gaſt. „Bei Euch mag es vielleicht der Fall ſeyn; beſchränkt daher Eure Vergleichung auf Eure eigene Perſon, mein Freund.“ Obgleich dieß mit derſelben Leutſeligkeit und demſelben Lächeln geſprochen wurde, ſo fühlte ſich doch John wie aus den Wolken gefallen; er legte übrigens die Schmach Barnaby zur Laſt, und nahm ſich vor, bei der nächſten beſten Gelegenheit ſeinem Raben einen Fußtritt zu geben. „Uebergib dieß,“ ſagte der Gaſt, der inzwiſchen das Billet geſtegelt und nun dem Boten näher ge⸗ winkt hatte,„zu Herrn Haredale's eigenen Händen. Warte auf Antwort und bringe ſie hierher zurück. Findeſt du, daß Herr Haredale gerade beſchäftigt iſt, ſo ſage ihm— kann er ſich einen mündlichen Auf⸗ trag merken, Herr Wirth?“ „Wenn er will, Sir,“ antwortete John.„Ich denke, er wird dieſen einzigen nicht vergeſſen.“ „Wie könnt Ihr das wiſſen?“ John zeigte blos auf Barnaby, der mit vor⸗ vor⸗ 181 wärts gebeugtem Kopfe da ſtand und den Blick an⸗ gelegentlich auf das Geſicht des Fragers heftete; dann nickte er ſchlau. „Wenn er alſo beſchäftigt iſt, Barnaby, ſo ſage ihm,“ fuhr Herr Cheſter fort,„daß ich gerne hier war⸗ ten wolle, falls es ihm belieben ſollte, mich im Laufe des Tages mit einem Beſuch zu beehren.— Im ſchlimm⸗ ſten Fall kann ich hier wohl ein Bett haben, Willet?“ Der alte John, ungemein geſchmeichelt durch dieſe vertrauliche Anrede, welche bekundete, daß ſeine Perſon dem Fremden bekannt ſey, antwortete mit einem Blicke, der ſchlau ſeyn ſollte,„Möcht's doch meinen, Sir,“ und ſann eben über verſchiedene For⸗ men von Lobeserhebungen, in der Abſicht, eine paſ⸗ ſende für die Qualitäten ſeines beſten Bettes auszu⸗ leſen, als ſeine Ideen dadurch in die Flucht geſchla⸗ gen wurden, daß Herr Cheſter Barnaby den Brief gab und ihm befahl, ſich möglichſt zu ſputen. „Sputen?“ entgegnete Barnaby, das Schreiben in ſeiner Bruſt verbergend.„Sputen? Wenn Ihr Geſchwindigkeit und Heimlichkeit ſehen wollt, ſo kommt her.“ Mit dieſen Worten legte er zu John Willets großem Entſetzen die Hand auf den feintuchenen Aermel des Gaſtes und führte ihn verſtohlen nach dem Hinterfenſter. „Seht da hinunter,“ ſagte er mit weicher Stimme;„bemerkt Ihr, wie ſie ſich in die Ohren flüſtern, dann hüpfen und tanzen, um einem glauben zu machen, es ſey nur ein Scherz? Seht Ihr, wie ſie einen Augenblick inne halten, wenn ſie glauben, daß Niemand zuſieht, und wieder unter ſich murmeln; und dann, wie ſie ſpringen und ſich kugeln vor Freude über das Unheil, das ſie angeſtiftet haben? Schaut nur darnach hin. Seht, wie ſie wirbeln und um⸗ herſtürzen. Und nun machen ſie wieder Halt und flüſtern vorſichtig mit einander— gebt nur Acht, ohne daran zu denken, wie oft ich im Graſe gelegen und ihnen zugeſchaut habe. Ich ſage— was iſt's wohl, was ſie miteinander abmachen und aushecken? Wißt Ihr es?“ „Das ſind ja nur Kleider,“ entgegnete der Gaſt, „wie wir ſie tragen; ſie hängen zum Trocknen an den Schnüren und flattern im Winde.“ „Kleider?“ wiederholte Barnaby, angelegentlich ihm in's Geſicht ſehend und dann ſchnell zurückwei⸗ chend.„Ha, ha! Ci, wie viel beſſer iſt es, thöricht zu ſeyn, als ſo weiſe wie Ihr! Ihr ſeht nicht die ſchattenhaften Leute dort, gerade wie die, welche im Schlaf leben— nein, Ihr nicht. Auch keine Augen in den Knoten der Glasſcheiben, keine ſchnellen Geiſter, wenn es ſcharf windet; auch hört Ihr keine Stimme in der Luft und ſeht keine Männer an dem Himmel fortſchreiten— Ihr nicht! Da führe ich doch ein luſtigeres Leben, als Ihr, ſo geſcheidt Ihr auch ſeyn möget. Ihr ſeyd die Dunkelmänner, während wir im Lichte ſind. Ha! ha! Ich möchte nicht mit Euch tauſchen. ſo geſcheidt Ihr auch ſeyd— ich nicht!“ Mit dieſen Worten ſchwenkte er den Hut über ſeinem Kopfe und ſchoß davon. „Ein ſonderbares Geſchöpf, auf Ehre!“ ſagte der Gaſt, eine ſchöne Doſe herausziehend und eine Priſe Schnupftabak nehmend. „Es fehlt ihm an Einbildungskraft,“ ſagte Herr Willet ſehr langſam und nach einem langen Schwei⸗ gen;„da liegt der Fehler. Ich habe oft und viel⸗ mals verſucht, ihm etwas davon eusttrichtern aber“ — fügte John im Vertrauen bei— ner iſt nicht dafür geſchaffen, kann ich Euch ſagen.“ Es würde von der Wahrheit abweichen, wenn wir ſagen wollten, daß Herr Cheſter über Johns Bemerkung lächelte, denn er bewahrte ſtets die gleiche gewinnende und angenehme Miene. Uebrigens rückte er jetzt ſeinen Stuhl näher an's Feuer, gewiſſermaßen um damit anzudeuten, daß er gerne allein wäre, und John, der keinen vernünftigen Grund ſah, um da zu bleiben, entfernte ſich. Während der Bereitung des Mahls erging ſich der alte John Willet in tiefſinnigen Gedanken, und wenn ſein Gehirn weniger klar war, als ſonſt, ſo kann man ziemlich mit Grund annehmen, daß es daher rührte, weil er heute ſchon ſo oft und viel den Kopf geſchüttelt und deßhalb den Inhalt deſſelben in einige Verwirrung gebracht hatte. Es war in der ganzen Nachbarſchaft bekannt, daß Herr Cheſter mit Herrn Haredale in kiefer Feindſchaft lebte, weß⸗ halb es ein gewaltiger Stein des Anſtoßes war, über 184 den John nicht wegkommen konnte, daß der Erſtere, wie es ſchien, blos zum Zweck einen Beſuches heraus⸗ kommen, den Maibaum zum Verſammlungsort wählen und einen Expreſſen an Letzteren abſchicken ſollte. Dem guten Gaſtwirth blieb indeſſen keine andere Wahl, als den Keſſel zu Rathe zu ziehen und unge⸗ duldig auf Barnaby's Rückkehr zu warten. Aber Barnaby zögerte, wie nie. Dem Gaſt war ſeine Tafel ſervirt und wieder abgeräumt, der Wein aufgeſtellt, das Feuer nachgeſchürt und der Herd rein gefegt worden; der Tag neigte ſich zu Ende; es wurde dunkel und endlich ganz Nacht, ohne daß Barnaby zurückkam. Obgleich nun John Willet voller Verwunderung und ſchlimmer Beſorgniſſe war, ſo ſaß doch ſein Gaſt mit gekreuzten Beinen in dem Armſtuhle, allem Anſcheine nach eben ſo wenig ver⸗ wirrt in ſeinen Gedanken als in ſeinem Anzuge— derſelbe ruhige, gelaſſene, kaltblütige Herr, der ſich durchaus um nichts als um ſeinen goldenen Zahn⸗ ſtocher zu kümmern ſchien. „Barnaby bleibt lange aus,“ wagte John zu bemerken, als er ein paar roſtige Leuchter von etwa drei Fuß Höhe auf den Tiſch ſetzte und die Lichter ſchneuzte. „So ziemlich,“ verſetzte der Gaſt, ſeinen Wein ſchlürfend,„doch denke ich, daß er jetzt bald kommen muß.“ John huſtete und ſchürte das Holz zuſammen. „Da Eure Wege nicht im beſten Rufe ſtehen, — 1— u—* 185 wenn ich anders aus dem Unfalle, der meinem Sohn begegnet iſt, ſchließen darf,“ ſagte Herr Cheſter,„und da ich durchaus nicht Luſt habe, mir eins über den Kopf verſetzen zu laſſen— was nicht nur für den Augenblick ſtörend iſt, ſondern einen auch in eine lächerliche Stellung gegen die Leute bringt, welche einen zufällig aufheben— ſo werde ich hier über Nacht bleiben. Ich glaube, Ihr ſagtet, daß ein Bett zu haben ſey?“ „Und was für ein Bett, Sir,“ entgegnete John Willet;„ein Bett, wie man es ſogar bei vornehmen Leuten nur ſelten trifft. Es iſt ein wandfeſtes Haus⸗ geräthe, Sir. Ich habe mir ſagen laſſen, die Bett⸗ ſtatt ſey ſchon an zweihundert Jahre alt. Euer edler Sohn— ein hübſcher junger Herr— war der letzte, der darin ſchlief, Sir— vor ungefähr einem halben Jahre.“ „Bei meinem Leben, welch eine Empfehlung!“ ſagte der Gaſt, achſelzuckend und ſeinen Stuhl näher an's Feuer rädelnd.„Seht zu, daß es gut gelüftet wird, Herr Willet, und laßt hier noch ein gutes Feuer anzünden. Dieſes Haus iſt etwas feucht und kalt.“ John ſtörte abermals in dem Reisholz, mehr aus Gewohnheit als in achtſamer Vollziehung dieſes Auftrags, und war eben im Begriff, ſich zu entfernen, als plötzlich ein haſtiger Tritt auf der Treppe gehört wurde und Barnaby athemlos hereinkam. „Er wird in einer Stunde den Fuß in die Bü⸗ gel ſetzen,“ rief er.„Er iſt den ganzen Tag ſcharf 186 geritten, eben erſt nach Hauſe gekommen, will aber wieder im Sattel ſeyn, ſobald er etwas zu ſich ge⸗ nommen hat, um mit ſeinem lieben Freunde zuſammen zu treffen.“ „War dieß ſein Auftrag?“ fragte der Gaſt aufblickend, aber ohne die geringſte Verblüffung— oder wenigſtens, ohne eine ſolche zur Schau zu ſtellen. „Alles, bis auf die letzten Worte,“ antwortete Barnaby.„Aber er meinte es ſo. Ich las dieß in ſeinem Geſichte.“ „Nimm das für deine Mühe,“ ſagte der andere, indem er ihm Geld in die Hand drückte und ihn feſt anſah.„Nimm das für deine Mühe, ſcharf⸗ ſinniger Barnaby.“ „Es ſoll zwiſchen Greif, mir und Hugh getheilt werden,“ entgegnete er, indem er es mit einem Kopf⸗ nicken auf der Hand zählte.„Greif eins, ich zwei, Hugh drei; der Hund, die Ziege, die Katzen— gut, ich ſtehe Euch dafür, wir werden bald damit fertig ſeyn. Halt!— ſchaut! ſeht ihr weiſen Leute jetzt nichts hier?“ Er kauerte ſich haſtig auf ein Knie nieder und blickte aufmerkſam in den Rauch, der in einer dicken, ſchwarzen Wolke den Schornſtein hinaufwirbelte. John Willet, der augenſcheinlich den Ausdruck„weiſen Leute“ vorzugsweiſe und hauptſächlich auf ſich bezog, ſchaute ebenfalls mit äußerſt gediegener Miene in die⸗ ſelbe Richtung. „Nun, wo gehen ſie hin, wenn ſie ſo ſchnell -—— 187 hier aufhüpfen?“ fragte Barnaby;„he! warum treten ſie einander ſo dicht auf die Ferſen, und warum ſind ſie immer in Eile— was kann man mir zum Vorwurf machen, wenn ich mir dieſes geſchäftige Völkchen um mich zum Muſter nehme. Noch mehrere, die ſich an den Rockſchößen faſſen; und wie ſchnell ſie auch gehen mögen, andere kommen nach! Was das für ein luſtiger Tanz iſt! Ich wollte, Greif und ich könnten auch ſolche Luftſprünge machen!“ „Was hat er in dem Korb auf ſeinem Rücken?“ fragte der Gaſt nach einer Weile, während welcher Barnaby immer niedergeduckt dageſeſſen hatte, um höher in den Schornſtein hinaufſehen und den Rauch betrachten zu können. „In dieſem?“ antwortete er aufſpringend, ehe John Willet noch etwas erwiedern konnte. Dabei ſchüttelte er den Korb und ſenkte den Kopf um zu horchen.„In dieſem? was da drinnen iſt? ſag' es ihm!“ „Ein Teufel, ein Teufel, ein Teufel!“ rief eine heiſere Stimme. „Da iſt Geld!“ ſagte Barnaby, indem er es in ſeiner Hand klingeln ließ.„Geld zu einem Ge⸗ lage, Greif!“ „Hurrah! Hurrah! Hurrah!“ entgegnete der Rabe.„Nur getroſt! Nichts da von Sterben! Wau, wau, wau!“.. Herr Willet, der ſtarke Zweifel zu unterhalten ſchien, ob ein Gaſt in einem Bortenrocke und feiner 188 Leinwand muthmaßlicherweiſe von dem Daſeyn einer ſo unhöflichen Genoſſenſchaft, welcher der Vogel an⸗ zugehören behauptete, Kunde haben könne, ſchob jetzt Barnaby zur Thuüre hinaus, um weiteren unpaſſen⸗ den Erklärungen vorzubeugen, und verließ mit ſeinem beſten Kratzfuß das Zimmer. Eilftes Kapitel. Dieſen Abend gab es große Neuigkeiten für die regelmäßigen Kunden des Maibaums; denn ſobald einer derſelben eintrat, um den ihm angewieſenen Sitz im Kaminwinkel einzunehmen, theilte ihm John mit höchſt nachdrücklicher Langſamkeit und einem apoplektiſchen Flüſtern die Thatſache mit, daß Herr Cheſter allein in dem großen Zimmer oben ſey und die Ankunft des Herrn Geoffrey Haredale erwarte, dem er einen Brief(ohne Zweifel drohenden Inhalts) durch den hin und wieder auf Beſuch kommenden Barnaby zugeſendet habe. Für ein kleines Häufchen rauchender Plauderer, bei denen ſelten ein neuer Gegenſtand der Unter⸗ haltung zur Sprache kömmt, war dieß eine wahr⸗ 189 haftige Gottesgabe. Da ging ein gutes, düſter aus⸗ ſehendes Geheimniß unter demſelben Dache vor— recht eigentlich in's Haus und an den Herd gebracht, ſo daß man ſich deſſen ohne die geringſte Mühe er⸗ freuen konnte. Es war außerordentlich, welchen Reiz und Hochgenuß dieß dem Trinken verlieh, und wie es den Duft des würzigen Tabaks erhöhete. Jeder rauchte ſeine Pfeife mit einem Geſichte voll ernſter und feierlicher Wonne, wobei er ſeinen Nachbar mit einer Art ſtummer Beglückwünſchung anſah. Ja, man fühlte, es ſey ein beſonders feſtlicher Abend, ſo daß in Folge eines Vorſchlages von Seite des kleinen Solomon Daiſy jeder(John mit eingeſchloſſen) ſeine ſechs Pence für eine Kanne Flip vor ſich hinlegte, wel⸗ ches angenehme Getränk in aller Eile gebraut und mitten unter ſie auf das Backſteinpflaſter des Fußbodens geſetzt wurde— einmal, damit man es vor dem Feuer möchte ſieden und ziſchen hören, und dann, daß ein lieb⸗ licher Geruch unter ihnen aufſteige, ſich mit den kräuſelnden Wolken des Tabakrauches aus ihren Pfeifen vermiſche und ſie alle in eine eigenthümliche köſtliche Atmosphäre hülle, welche ſie ganz von der Welt abſchlöße. Sogar die Möbeln der Gaſtſtube ſchienen mildere und tiefere Farben anzunehmen; die Decken und die Wände ſahen dunkler und polirter, und die Vorhänge röther als gewöhnlich aus; das Feuer loderte hell und hoch auf, und die Heimchen * Ein Getränk aus Vranntwein und Zucker beſtehend. 190 in dem Herdſteine zirpten mit ganz ungewöhnlicher Behaglichkeit. Zwei waren jedoch anweſend, die nur geringen Antheil an der allgemeinen Zufriedenheit nahmen. Von dieſen war der Eine Barnaby, welcher in dem Kaminwinkel ſchlief, oder wenigſtens that, als ob er ſchliefe, damit ihm nicht mit Fragen zugeſetzt würde; der Andere Hugh, welcher gleichfalls ſchlief und in dem vollen Glanze der praſſelnden Flamme auf der gegenüberſtehenden Bank ausgeſtreckt lag. Das Licht, das auf dieſe ſchlummernde Geſtalt fiel, zeigte ſie in allen ihren muskulöſen und ſchönen Verhältniſſen. Es war die eines jungen Mannes, von geſundem, athletiſchem Bau und rieſiger Kraft, deſſen ſonnverbranntes Geſicht und ſchwarzer Hals, mit pechſchwarzen Haaren bewachſen, einem Maler als Modell hätten dienen können. Loſe in das ſchlechteſte und gröbſte Gewand gehüllt, an welchem hie und da Hen und Strohhalme— von ſeinem ge⸗ wöhnlichen Lager herrührend— hingen, wie ſie ſich auch mit ſeinen ungekämmten Haaren vermiſchten, war er in einer mit ſeinem Anzug wetteifernden nach⸗ läſſigen Stellung eingeſchlafen. Das ungeordnete Aeußere des Mannes nebſt dem einigermaßen wil⸗ den Trotze, der auf ſeinen Zügen lag, gab ihm ein maleriſches Ausſehen, welches ſogar die Blicke der Maibaumſtammgäſte, die ihn doch gut kannten, auf ſich zog, und den langen Parkes zu der Aeußerung 191 veranlaßte, Hugh ſehe dieſen Abend mehr als je einem ſchuftigen Wilddiebe gleich. „Vermuthlich wartet er hier,“ ſagte Solomon, „um Herrn Haredale das Pferd abzunehmen.“ „Das iſt es, Sir,“ verſetzte John Willet.„Ihr wißt, er iſt nicht oft im Hauſe. Es iſt ihm wohler unter Pferden als unter Menſchen. Ich ſehe ſogar ihn ſelbſt als ein Stück Vieh an.“ Dieſen Ausſpruch mit einem Achſelzucken be⸗ gleitend, der anzudeuten ſchien,„wir können nicht er⸗ warten, daß Jedermann uns gleiche,“ ſteckte John ſeine Pfeife wieder in den Mund und rauchte wie ein Mann, der ſeine Ueberlegenheit über den gewöhn⸗ lichen Troß des Menſchengeſchlechts fühlt. „Dieſer Burſche, Sir,“ ſagte John, ſie nach einer Weile wieder herausnehmend und mit dem Waſſerſacke nach dem Schlafenden deutend,„hat zwar alle ſeine Fähigkeiten bekommen— in einer oder der andern Weiſe, auf Flaſchen gezogen und eingeſtöpſelt, wenn ich ſo ſagen darf——“ „Sehr gut!“ ſagte Parkes, mit dem Kopfe nickend.„Ein ſehr guter Ausdruck Johnny. Ihr ſeyd dieſen Abend rüſtig und gut im Zuge, wie ich ſehe.“ „Nehmt Euch in Acht,“ ſagte Herr Willet, nicht ſehr empfänglich für dieſes Compliment,„daß ich nicht Euch in den Zug nehme, Sir, wozu ich mich gewiß herablaſſen will, wenn Ihr mich wieder in meinen Bemerkungen unterbrecht.— Dieſer Burſche, wollte 192 ich ſagen, hat zwar alle ſeine Fähigkeiten— in der einen oder der andern Weiſe auf Flaſchen gezogen und eingeſtöpſelt, aber er beſitzt nicht mehr Einbil⸗ dungskraft, als Barnaby. Und warum das?“ Die drei Freunde ſchüttelten wechſelſeitig die Köpfe und deuteten durch dieſe Bewegung an, ohne ſich mit einem Oeffnen der Lippen bemühen zu müſſen: „Bemerkt ihr, welch einen philoſophiſchen Geiſt unſer Freund hat?“ „Warum nicht?“ ſagte John, mit der offenen Hand leicht auf den Tiſch ſchlagend.„Weil ſie nicht herausgezogen wurden, als er noch ein Knabe war. Darum. Was würden wir alle ſeyn, wenn nicht unſere Väter unſere Fähigkeiten aus uns herausge⸗ zogen hätten? Was wäre aus meinem Jungen, dem Joe, geworden, wenn ich nicht ſeine Fähigkeiten aus ihm herausgezogen hätte— merkt Ihr, was ich da⸗ mit ſagen will, meine Herrn?“ „Ah! wir begreifen,“ rief Parkes.„Fahrt nur fort uns zu belehren, Johny.“ „Daraus folgt denn,“ ſagte Herr Willet,„daß dieſer Burſche, deſſen Mutter mit noch ſechs andern, als er noch ein kleiner Knabe war, gehangen wurde, weil ſie falſche Banknoten ausgegeben hatten— und es iſt eine Luſt, wenn man denkt, wie viele ähnlichen Gelichters alle ſechs Wochen haufenweiſe für der⸗ artige Verbrechen baumeln müſſen, da es von der Wachſamkeit unſerer Regierung Zeugniß gibt— daß dieſer Burſche, welcher nun ſich ſelbſt überlaſſen war — er 193 und Kühe hüten, die Vögel wegſcheuchen und was weiß ich alles für etliche Pence thun mußte, um ſein Leben durchzuſchlagen, dann Pferdehirt wurde und im Laufe der Zeit auf dem Dachboden unter einer Streu ſchlafen durfte, ſtatt unter Hecken und Heuſchobern, bis er es endlich zum Stallknecht im Maibaum brachte, wo er Koſt, Wohnung und einen kleinen Jahreslohn kriegt— daß dieſer Burſche, der weder leſen noch ſchreiben kann, nie mit Jemand anders verkehrte, als mit dem Vieh, und nie anders lebte, als wie das Vieh, unter dem er ſich aufhielt, ſelber auch ein Vieh iſt. Demgemäß,“ fügte Herr Willet bei, der jetzt zu einem logiſchen Schluſſe kam,„muß er auch wie ein Vieh behandelt werden.“ „Willet, ſagte Solomon Daiſy, der einige Un⸗ geduld über das Eingreifen eines ſo unwürdigen Gegenſtandes in ihr intereſſantes Thema an den Tag gelegt hatte,„verlangte Herr Cheſter, als er dieſen Morgen ankam, das große Zimmer?“ „Er deutete mir an, Sir,“ ſagte John,„daß er ein großes Gelaß haben wolle. Ja! Gewiß!“ „Wohlan dann, ſo will ich Euch etwas ſagen,“ entgegnete Solomon leiſe und mit bedeutſamer Miene. „Er und Herr Haredale ſind im Begriffe, einen Zwei⸗ kampf darin auszufechten.“ Bei dieſer beunruhigenden Annahme ſah er mäͤn⸗ niglich auf Herrn Willet. Herr Willet ſeinerſeits blickte nach dem Feuer und dachte über die Folgen nach, Boz. XVI. Barnaby Rudge. 13 194 welche ein ſolcher Vorfall für ſeinen Gaſthof nach ſich ziehen könnte. „Nun,“ ſagte John,„ich weiß nicht— ich meine — ich erinnere mich, daß er, als ich das letztemal droben war, die Lichter auf den Kaminſims geſtellt hatte.“ „Es iſt ſo klar,“ erwiederte Solomon,„als daß unſerem Parkes die Naſe im Geſicht ſitzt“— Herr Parkes, der eine große Naſe hatte, rieb ſie, und ſchnitt ein Geſicht, als betrachte er das für eine per⸗ ſönliche Anſpielung—„ſie wollen in jenem Zimmer miteinander fechten. Ihr wißt aus den Zeitungen, wie oft es unter Gentlemen vorkömmt, in den Kaffee⸗ häuſern ohne Sekundanten miteinander zu ſechten. Einer von ihnen wird in dieſem Hauſe verwundet oder gar getödtet.“ „So hat alſo wohl Barnaby eine Herausforde⸗ rung überbringen müſſen, he?“ ſagte John. „Nebſt einem Stück Papier darin, welches das Maß ſeines Degens angibt— ich wette eine Guinee,“ antwortete der kleine Mann.„Wir wiſſen, zu welchem Schlag von Gentlemen Herr Haredale gehört, und Ihr habt uns mitgetheilt, was Barnaby nach ſeiner Zurückkunft von ſeinen Blicken ſagte. Verlaßt Euch darauf, ich habe Recht. Denkt an mich.“ Der Flip hatte bis jetzt noch keinen rechten Wohl⸗ geſchmack gehabt. Der Tabak war vorher nur gemeines engliſches Kraut geweſen in Vergleichung mit ſeinem jetzigen wurzigen Dufte. Ein Duell in dem großen 195 alten Zimmer droben, und das beſte Bett bereits zugerichtet für den Verwundeten! „Wird es wohl mit Degen oder Piſtolen los⸗ gehen?“ fragte John. „Das weiß der Himmel. Vielleicht mit beiden,“ entgegnete Solomon.„Die Gentlemen tragen Degen, und können recht leicht, ja ſogar ſehr wahrſcheinlich, Piſtolen in ihren Taſchen mitbringen. Wenn ſie ohne Erfolg auf einander abgeſchoſſen haben, ſo ziehen ſie vom Leder, und dann geht's erſt recht ernſt⸗ lich an.“ Eine Wolke überflog Herrn Willets Geſicht, wenn er an die zerbrochenen Fenſter und die zerhaue⸗ nen Möbeln dachte; als er aber erwog, daß doch wahrſcheinlich eine der Partien am Leben bleiben würde, um den Schaden zu bezahlen, hellte es ſich wieder auf. „Und dann,“ fuhr Solomon fort, die Anweſen⸗ den der Reihe nach in's Auge faſſend,—„dann haben wir einen von jenen Flecken auf dem Boden, die nie wieder herausgehen. Wenn Haredale ſiegt, ſo dürft Ihr Euch darauf verlaſſen, daß es ein großer ſeyn wird; unterliegt er, ſo iſt er vielleicht noch größer, denn er wird nicht nachgeben, bis er in Stücke gehauen iſt. Da kennen wir ihn beſſer, he?“ „Allerdings beſſer!“ flüſterten alle zuſammen. „Und was das Haſten des Fleckens auf dem Boden anbelangt,“ ſagte Solomon,„ſo ſage ich Euch, er kann und wird nie wieder herausgehen. Ei, wißt 13* 196 Ihr nicht, daß es in einem gewiſſen Hauſe, welches wir kennen, auch ſchon verſucht wurde?“ „In dem Kaninchenhag?“ rief John.„Nein, iſt's wahr?“ „Ja,'s iſt wahr— zuverläſſig. Zwar haben's nur ſehr wenige geſehen, aber's iſt demungeachtet ausgekommen. Sie hobelten das Brett ab, aber er blieb. Sie hobelten tiefer, aber auch der Fleck ging tiefer. Sie legten neue Dielen, aber der große Fleck drang wieder durch und zeigte ſich auf dem alten Platze. Und— horcht— ruͤckt näher— Herr Geoffrey machte dieſes Zimmer zu ſeinem Studier⸗ zimmer und ſitzt immer dort, wie ich mir ſagen ließ,⸗ mit dem Fuße darauf; und er iſt durch langes und vieles Nachdenken auf den Glauben gekommen, der Fleck werde nicht verſchwinden, bis er den Mann findet, der die Unthat begangen hat.“ Als dieſe Erzählung zu Ende war und ſie ſich alle dichter um das Feuer drängten, ließ ſich außen das Stampfen eines Pferdehufs vernehmen. „Da kömmt er,“ rief John auffahrend.„Hugh! Hugh!“ Der Schläfer half ſich taumelnd auf die Beine und eilte ſeinem Herrn nach. John kam ſchnell wieder zurück und führte mit großer Ehrerbietigkeit (denn Herr Haredale war ſein Grundherr) den langerſehnten Gaſt ein, der, mit den ſchweren Stiefeln klirrend, in die Stube trat. Er betrachtete ſich ſcharf 4:—ͤn 4 N 1 er 197 die kratzfußende Gruppe und lüpfte in Anerkennung ihres tiefen Reſpekts ſeinen Hut. „Ihr habt einen Fremden hier, der nach mir geſchickt hat, Willet?“ ſprach er mit einer Stimme, die von Natur ernſt und tief tönte.„Wo iſt er?“ „In dem großen Zimmer droben, Sir,“ ant⸗ wortete John. „Leuchtet mir dahin. Ich weiß, Eure Treppe iſt finſter. Gute Nacht, ihr Herrn!“ Er bedeutete ſofort dem Wirthe, voranzugehen und folgte ihm klirrend die Treppe hinauf. Der alte John leuchtete in ſeiner Aufregung ſcharfſinniger⸗ weiſe auf Alles nur nicht auf den Weg, und ſtolperte bei jeder zweiten Stufe. „Halt,“ ſagte der neue Ankömmling, als er die obere Flur erreicht hatte.„Ich kann mich ſelbſt an⸗ kündigen. Ihr braucht nicht zu warten.“ Er legte die Hand auf die Klinke, trat ein und warf die Thüre ſchallend zu. Herr Willet war kei⸗ neswegs geneigt, allein da zu ſtehen und zu horchen, zumal da die Wande ſehr dick waren, weßhalb er mit größerer Behendigkeit, als er heraufgekommen war, wieder hinunterſtieg und ſich ſeinen Freunden anſchloß. Bwölftes Kapitel. Eine kurze Pauſe herrſchte in dem Prunkge⸗ mache des Maibaums, als Herr. Haredale das Schloß unterſuchte, um ſich zu überzeugen, daß die Thüre wirk⸗ lich zu war; dann ſchritt er durch das dunkle Zim⸗ mer nach dem Orte, wo die ſpaniſche Wand einen kleinen Fleck von Licht und Wärme einſchloß und ſtellte ſich plötzlich, ohne zu ſprechen, dem lächelnden Gaſt vor. Wenn in den Gedanken der Beiden nicht eine — größere Sympathie lag, als in ihrer äußeren Er⸗ ſcheinung und Haltung, ſo mochte wohl ihre Zu⸗ ſammenkunft keineswegs eine ſehr ruhige und ange⸗ nehme ſeyn. Sie waren ſo ziemlich von gleichem Alter, in jedem anderen Betracht aber ſo unähnlich und verſchieden, als nur möglicherweiſe zwei Menſchen ſeyn konnten. Der eine war ein ſanftſprechender, zartgebauter, pünktlicher und eleganter Mann, der andere derb und vierſchrötig, nachläſſig gekleidet, rauh und abgebrochen in ſeinem Benehmen, ſtreng, und in ſeiner gegenwärtigen Stimmung abſtoßend, ſowohl in Blick, als in Sprache. Der Eine behielt ein ruhiges und gefälliges Lächeln bei, während ein finſteres Miß⸗ trauen die Miene des Andern beſchattete. Der neue e⸗ oß rk⸗ m⸗ ien ind den ine — Er⸗ Zu-⸗ ge⸗ dem lich hen der, der auh ) in l in iges Niß⸗ neue 199 Ankömmling ſchien in der That geneigt, in jedem Ton und jeder Geberde ſeinen entſchiedenen Wider⸗ willen und ſeine Feindſeligkeit gegen den Mann an den Tag zu legen, den er zu beſuchen gekommen war. Der Gaſt, welcher ihn empfing, mochte ſeinerſeits em⸗ pfinden, daß der Contraſt zwiſchen ihnen ganz zu ſeinen Gunſten ausſiel, und ſich heimlich darüber zu freuen, denn er benahm ſich mit größerer Leichtigkeit, als je. „Haredale,“ ſagte dieſer Gentleman, ohne im mindeſten Verlegenheit oder Rückhaltung blicken zu laſſen,„ich bin ſehr erfreut, Euch zu ſehen.“ „Verſchont mich mit Complimenten, die zwiſchen uns nicht am Orte ſind,“ verſetzte der andere mit der Hand abwehrend,„und ſprechen wir uns unum⸗ wunden über das aus, was wir uns zu ſagen haben. Ihr habt eine Zuſammenkunft mit mir gewünſcht. Hier bin ich. Warum ſtehen wir uns noch einmal Angeſicht in Angeſicht gegenüber?“ „Noch immer derſelbe freie und trotzige Cha⸗ rakter, wie ich ſehe!“ „Gut oder ſchlecht, Sir,“ entgegnete der Andere, den Arm auf den Kaminſims ſtützend, und einen ſtolzen Blick auf den im Armſtuhl ſitzenden werfend, „ich bin derſelbe, der ich immer war. Ich habe keine meiner alten Neigungen oder Abneigungen ver⸗ loren, und mein Gedächtniß iſt nicht um ein Haar breit ſchwächer geworden. Ihr habt um dieſe Zu⸗ ſammenkunft nachgeſucht. Ich ſage noch einmal, hier bin ich.“ 200 „Unſere Zuſammenkunft, Haredale,“ ſagte Herr Cheſter, indem er auf ſeine Schnupftabaksdoſe klopfte und lächelnd der ungeduldigen Bewegung folgte, welche der Andere— vielleicht unwillkührlich— gegen ſein Schwert machte,„trägt hoffentlich den Charakter einer freundlichen Beſprechung 24 „Ich bin Eurem Verlangen gemäß hieher ge⸗ kommen,“ erwiederte der Andere, weil ich mich für verpflichtet halte, Euch entgegenzutreten, wann und wo Ihr wollt. Meine Abſicht iſt nicht, glatte Worte und hohle Erklärungen auszutauſchen. Ihr ſeyd ein geſchmeidiger Weltmann, Sir, und in einem ſolchen Spiele bin ich im Nachtheil. Ich verſichere Euch, Herr Cheſter wäre der letzte Mann anf Erden, gegen den ich einen Kampf mit höfiſchen Komplimenten und maskirten Geſichtern beginnen möchte. Solchen Waffen bin ich nicht gewachſen und glaube jedenfalls, daß es wenige Menſchen find.“ „Ihr erweist mir viele Ehre, Haredale,“ ver⸗ ſetzte der Andere in ruhiger Faſſung,„und danke Euch. Ich will offen gegen Euch ſeyn—“ „Ich bitte um Verzeihung— was wollt Ihr ſeyn?“ „Offen— frei— vollkommen aufrichtig.“ „Ha!“ rief Herr Haredale, mit einem ſarkaſti⸗ ſchen Lächeln auffahrend.„Doch ich will Euch nicht unterbrechen.“ „Ich bin ſo entſchloſſen, dieſen Weg einzuhalten,“ entgegnete Herr Cheſter, mit großer Bedächtlichkeit ſeinen 75— 201 Wein koſtend,„daß ich mir feſt vorgenommen habe, keinen Streit mit Euch anzufangen, und eben ſo wenig mich durch einen warmen Ausdruck oder ein vorſchnelles Wort hinreißen zu laſſen.“ „Da habt Ihr ebenfalls wieder einen großen Vortheil vor mir,“ ſagte Herr Haredale.„Eure Selbſtbeherrſchung—“ „Iſt nicht zu bewältigen, wenn ſie meinen Zwecken dienen ſoll, wollt Ihr ſagen“— entgegnete der Andere, ihn mit der gleichen Selbſtgefälligkeit unterbrechend. „Zugegeben. Ich räume es ein.“ „Und ſie ſoll jetzt meinen Zwecken dienen. Auch bei Euch iſt es der Fall. Ich bin überzeugt, Eure Abſicht iſt die gleiche. Verfolgen wir ſie, wie ver⸗ ſtändige Männer, die ſchon geraume Zeit aufgehört haben, Knaben zu ſeyn.— Mögt Ihr trinken?“ „Mit meinen Freunden,“ antwortete der Andere. „Wenigſtens werdet Ihr doch Platz nehmen wol⸗ len?“ ſagte Herr Cheſter. „Ich will an dieſem verfallenen und zum Bettler gewordenen Herde ſtehen,“ erwiederte Herr Haredale ungeduldig,„und ſo geſunken er auch iſt, ihn nicht durch Poſſen beflecken. Fahrt fort!“ „Ihr habt Unrecht, Haredale,“ ſagte der Andere, indem er ſeine Beine kreuzte und lächelnd ſein Glas gegen die helle Flamme hielt.„Ihr habt in der That ſehr Unrecht. Die Welt iſt ein gehörig lebhafter Ort, in welchem wir uns nach den Umſtänden fügen 202 — ſo glatt als möglich mit dem Strome ſchwim⸗ men und uns begnügen müſſen, den Schaum für Weſen, die Oberfläche für die Tiefe und die falſche Münze für ächte zu nehmen. Es wundert mich, daß noch kein Philoſoph den Satz aufgeſtellt hat, unſere Erde ſelbſt ſey hohl. Sie ſollte es ſeyn, wenn anders die Natur in ihren Werken conſequent blei⸗ ben will.“ „So meint Ihr vielleicht?“ „Ich möchte ſagen, daß da kaum ein Zweifel obwal⸗ ten kann,“ entgegnete Herr Cheſter, ſeinen Wein ſchlür⸗ fend.„Gut; wir in unſerem Spielen mit dieſem klingenden Tande haben das Unglück gehabt, an einander anzuſtoßen und uns zu verfeinden. Wir ſind nicht, was die Welt Freunde nennt; demun⸗ geachtet aber ſind wir ſo gute, treue und liebevolle Freunde, als im Durchſchnitt neun oder zehn von denen, welchen man dieſen Titel beilegt. Ihr habt eine Nichte und ich einen Sohn— einen hübſchen Jungen, Haredale, aber thöricht. Sie verlieben ſich in einander und gehen, wie es dieſelbe Welt nennt, ein gegenſeitiges Verhältniß ein, indem ſie ſich dabei etwas ebenſo Geträumtes und Unwahres denken, wie alles übrige, das, wenn man ihm Zeit läßt, wie eine Waſſerblaſe platzt. Aber für ſie wird die Zeit viel⸗ leicht, oder wohl gar ſicherlich nicht kommen, wenn man ſie gewähren läßt— und nun frägt ſich's, ſollen wir zwei, weil uns die Welt Feinde nennt, von Ferne zuſehen, wie ſie ſich in die Arme fliegen, 203 wenn wir durch eine gegenſeitige vernünftige Ver⸗ ſtändigung, die ich jetzt herbeiführen möchte, es ver⸗ hindern und das Pärchen trennen können?“ „Ich liebe meine Nichte,“ ſagte Herr Haredale nach einem kurzen Schweigen.„Es klingt vielleicht ſeltſam in Euren Ohren, aber ich liebe ſie.“ „Seltſam, mein Beſter?“ rief Herr Cheſter, langſam ſein Glas wieder füllend und ſeinen Zahn⸗ ſtocher herausnehmend.„Nicht im Geringſten. Ich finde auch Gefallen an meinem Ned— oder, wie Ihr ſagt, ich liebe ihn— denn ſo nennt man's unter ſo nahen Verwandten. Ich habe Ned ſehr lieb. Er iſt ein erſtaunlich guter Junge, und ein hübſcher Junge— freilich noch ſchwach und thöricht, aber das iſt alles. Doch jetzt handelt ſichs darum, Haredale, — denn ich will offen ſeyn, wie ich gleich anfangs ſagte— abgeſehen von dem Widerwillen, den wir Beide gegen eine wechſelſeitige Verwandtſchaft haben mögen, und unabhängig von unſerer religiöſen Mei⸗ nungsverſchiedenheit— und hol mich der Henker, das iſt wichtig genug— in keinem Falle kann ich eine ſolche Marriage zugeben. Sie paßt weder für Ned noch für mich. Eine reine Unmoglichkeit!“ „Bei Gott, Ihr müßt Eure Zunge zügeln, wenn dieſe Unterhaltung fortdauern ſoll,“ entgegnete Herr Haredale finſter.„Ich habe geſagt, daß ich meine Nichte liebe. Glaubt Ihr, daß ein Mann, der ſie liebt, ihr Herz an einen Menſchen wegwerfen kann, in deſſen Adern Euer Blut fließt?“ 204 „Ihr ſeht,“ ſagte der Andere, ohne ſich im min⸗ deſten ſtören zu laſſen,„welche Vortheile ein freier und offener Anſichtentauſch mit ſich führt. Auf Ehre, ganz daſſelbe, was ich noch beifügen wollte! Ich bin meinem Ned erſtaunlich zugethan. In Wahr⸗ heit, ganz vernarrt in ihn— und ſelbſt, wenn wir es über uns gewinnen könnten, uns wegzuwerfen, ſo fände ſich ſchon hierin ein ganz unüberſteigliches Hinderniß.— Ihr ſolltet aber doch etwas Wein trinken.“ „Merkt auf mich,“ entgegnete Herr Haredale, herantretend und die Hand ſchwer auf den Tiſch preſſend,„wenn jemand glaubt— oder nur zu den⸗ ken wagt— daß ich in Wort oder That, oder auch nur im wildeſten Traume, je die entfernteſte Idee unterhielt, Emma Haredale begünſtige die Bewer⸗ bung eines Mannes, der mit Euch verwandt iſt— in irgend einer Weiſe— was frage ich darnach— ſo luͤgt er. Er lügt, und thut mir ſchon durch den Gedanken das ſchwerſte Unrecht.“ „Haredale,“ erwiederte der Andere, indem er gleichſam beifällig hin- und herrückte und gegen das Feuer nickte,„es iſt außerordentlich männlich und in der That ſehr großmüthig von Euch, daß Ihr Euch ſo ſchön und rückhaltlos gegen mich ausſprecht. Auf mein Wort, dieß ſind ganz meine Gefühle, nur mit mehr Kraft und Energie ausgeſprochen, als ich es auszudrücken im Stande wäre. Ihr kennt meine 205 träge Natur und werdet mir daher zuverläßig ver⸗ geben.“ „Zwar möchte ich auf die Gefahr hin, daß es meiner Nichte den Tod brächte, alle Gemeinſchaft und jeden Verkehr zwiſchen ihr und Eurem Sohne ſchnell abſchneiden,“ ſagte Haredale, der inzwiſchen im Zim⸗ mer auf⸗ und abgegangen war;„aber doch wäre es mir lieber, wenn es mit Güte und Zartheit geſchehen könnte. Ich habe mich einer Pflicht zu entledigen, die nicht recht im Einklange mit meinem Charakter ſteht, und aus dieſem Grunde kömmt mir die un⸗ verholene Nachricht, daß ein Liebesverhältniß zwi⸗ ſchen ihnen beſtehe, von dem ich bis jetzt kaum eine Ahnung hatte, wie ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel.“ „Ich freue mich, mehr als ich ausſprechen kann,“ entgegnete Herr Cheſter äußerſt geſchmeidig,„einen ſo ſchönen Einklang mit meinen eigenen Gefühlen zu finden. Ihr erkennt alſo die Vortheile unſerer Zuſammenkunft. Wir verſtehen einander und ſind ganz einen Sinnes. Die Sache iſt klar und voll⸗ ſtändig erörtert, und wir wiſſen, welchen Weg wir einzuſchlagen haben.— Warum wollt Ihr nicht den Wein Eures Nachbars koſten? Er iſt in der That ſehr gut.“ 1 „Entſchuldigt,“ ſagte Herr Haredale,„wer hat Emma oder Eurem Sohne Beihülfe geleiſtet? Wer ſind ihre Zwiſchenträger und Agenten— kennt Ihr ſie?“ „Alle die guten Leute hier herum— die ganze 206 Nachbarſchaft, glaube ich,“ erwiederte der Andere mit dem freundlichſten Lächeln.„Namentlich aber der Bote, den ich Euch heute ſandte.“ „Der Verrückte? Barnaby?“ „Das überraſcht Euch? Freut mich, denn mir ging es ebenſo. Ja. Ich habe es von ſeiner Mut⸗ ter— einer ſehr anſtändigen Frau— von ihr habe ich in der That hauptſächlich erfahren, wie ernſt die Sachen ſtünden; und ſo entſchloß ich mich, heute herauszureiten, und mich auf dieſem neutralen Grunde mit Euch zu beſprechen.— Ihr habt etwas an Körpermaſſe zugelegt, Haredale, aber Ihr ſeht ungemein gut aus.“ „Unſer Geſchäft wird jetzt, glaube ich, wohl zu Ende ſeyn,“ ſagte Herr Haredale mit dem Aus⸗ drucke der Ungeduld, den er zu verbergen nicht der Mühe werth hielt;„verlaßt Euch auf mich, Herr Cheſter, es ſoll von Stunde an anders mit meiner Nichte werden. Ich will ſie,“ fügte er in dumpferem Tone bei,„bei ihrem weiblichen Herzen, ihrer Würde, ihrem Stolze, ihrer Pflicht faſſen—“ „Das Gleiche will ich bei Ned thun,“ entgegnete Herr Cheſter, indem er mit der Fußſpitze einige ab⸗ geſprungene Reißer in dem Kamin zurückſchob. „Wenn es noch irgend etwas Reelles in der Welt gibt, ſo muß man es in jenen ungemein ſchönen Gefühlen und in den natürlichen Pflichten finden, die zwiſchen Vater und Sohn beſtehen. Ich will ihm mit allen moraliſchen und religiöſen Gründen 207 zuſetzen. Ich werde ihm vorſtellen, daß wir es un⸗ möglich thun können— daß ich immer hoffte, ihn gut verheirathet zu ſehen, um ſelbſt für den Herbſt meines Lebens anſtändig verſorgt zu ſeyn— daß es einen großen Haufen bellender Hunde zu bezahlen gibt, deren Anſprüche vollkommen gerecht und billig find, und die von dem Vermögen ſeines Weibes be⸗ friedigt werden müſſen;— kurz, daß die höchſten und ehrenvollſten Gefühle unſerer Natur, mit beſon⸗ derer Rückſicht auf kindliche Pflicht und Liebe, und was dergleichen alles iſt, gebieteriſch die Entführung einer Erbin von ihm verlangen.“ „Damit ihr ſo ſchnell als möglich das Herz breche?“ entgegnete Herr Haredale, ſeine Handſchuhe anziehend.. „Das ſteht ganz zu Neds Belieben,“ erwiederte der Andere, ſeinen Wein ſchlürfend,„es iſt ganz ſeine Sache. Bis auf einen gewiſſen Punkt möchte ich mich um keine Welt in die Angelegenheiten meines Sohnes mengen, Haredale. Ihr wißt, Verwandt⸗ ſchaft zwiſchen Vater und Sohn iſt ein entſchieden heiliges Band. Wollt Ihr Euch denn gar nicht überreden laſſen, ein Glas Wein anzunehmen? Nun, nach Belieben, nach Belieben,“ fügte er bei, indem er ſich ſelbſt zu einem neuen verhalf. „Cheſter,“ ſagte Herr Haredale nach einem kurzen Schweigen, während deſſen er von Zeit zu Zeit das lächelnde Geſicht ſeines Gefährten aufmerk⸗ ſam betrachtet hatte,„Ihr habt den Kopf und das 208 Herz eines böſen Geiſtes in allem, wo es ſich um Hinterliſt handelt. „Eure Geſundheit!“ entgegnete der Andere mit einem Kopfnicken.„Aber ich habe Euch unter⸗ brochen.“ „Wenn wir nun Schwierigkeiten finden ſollten,“ fuhr Herr Haredale fort,„dieſe jungen Leute zu trennen und ihren Verkehr abzubrechen— wenn Ihr zum Beiſpiel Eurerſeits Schwierigkeiten finden ſolltet, welchen Weg gedenkt Ihr einzuſchlagen?“ „Nichts iſt klarer, mein Beſter, nichts leichter,“ antwortete der Andere, die Achſeln zuckend und ſich gemächlich vor dem Feuer ausſtreckend.„Ich werde dann diejenigen Gaben anwenden, deren Ihr eben ſo ſchmeichelhaft erwähnt habt— obgleich ich, auf mein Wort, Eure Complimente nicht in dieſer vollen Ausdehnung verdiene— und zu einigen kleinen, ordi⸗ nären Nothbehelfen meine Zuflucht nehmen, um Eiferſucht und Groll zu wecken. Begreift Ihr?“ „Mit einem Worte, um die Mittel durch den Zweck zu rechtfertigen, ſollen wir als letzten Aus⸗ weg, um ſie auseinander zu reißen, unſere Zuflucht zu Verrath und Lüge nehmen?“ ſagte Herr Ha⸗ redale. „O mein Gott, nein. Pfui, Pfui!“ entgegnete der Andere, indem er ſich eine Priſe Schnupftabak außerordentlich ſchmecken ließ.„Keine Lüge. Nur ein bischen Schlauheit, ein bischen Diplomatik, ein bischen Intrigue, das iſt das rechte Wort.“ 209 „Es wäre mir lieb,“ ſagte Herr Haredale, der im Zimmer auf⸗ und abging, dann Halt machte und wieder zu gehen anfing, wie ein Mann, dem nicht wohl bei einer Sache zu Muth iſt;„wenn man all' dieß hätte vorausſehen und verhindern können. Aber nun es ſo weit gekommen und die Nothwendigkeit des Handelns eingetreten iſt, ſo führt es zu nichts, zurückzubeben oder zu bedauern. Wohl⸗ an, ich will Euch in Euren Bemühungen nach Kräf⸗ ten unterſtützen. So gibt es doch wenigſtens Einen Punkt in dem ganzen weiten Bereiche menſchlicher Gedanken, über den wir einig ſind. Wir wollen für einen gemeinſamen Zweck, aber Jeder für ſich, thätig ſeyn. Hoffentlich iſt es nicht nöthig, daß wir uns wiederſehen.“ „Ihr wollt gehen?“ entgegnete Cheſter, mit graziöſer Gleichgültigkeit aufſtehend.„Erlaubt, daß ich Euch die Treppe hinunter leuchte.“ „Bitte, behaltet Euren Sitz,“ erwiederte der Andere trocken;„ich kenne den Weg.“ So mit der Hand leicht abwehrend und den Hut aufſetzend, wandte er ſich um, ging klirrend, wie er gekommen war, fort, drückte die Thure hinter ſich zu und polterte die wiederhallenden Treppen hin⸗ unter. „Pahl in der That ein ſehr ungehobeltes Thier!“ ſagte Herr Cheſter, indem er ſich's in ſeinem Arm⸗ ſtuhl wieder bequem machte.„Ein grobes Vieh. Ein wahrer Dachshund in Menſchengeſtalt.“ Boz XVI. Barnaby Rudge. 14 210 John Willet und ſeine Freunde, die in größter Spannung dem Schwertergeklirr und dem Knallen der Piſtolen in dem großen Zimmer entgegen harrten, und ſich in der That ſchon in der Ordnung aufgeſtellt hatten, in welcher ſie bei dem erſten Hülferuf hin⸗ aufeilen wollten— der alte John hatte ſich vorſichtig die letzte Stelle in dieſer Prozeſſion vorbehalten— waren insgemein erſtaunt, als ſie ſahen, wie Herr Haredale unzerfetzt herunterkam, nach ſeinem Pferde rief und gedankenvoll auf einem Fußpfade von hinnen ritt. Nach einiger Ueberlegung kam man zu dem Schluſſe, er habe den Herrn oben für todt liegen laſſen und dieſe Kriegsliſt benuͤtzt, um Argwohn oder Verfolgung abzuwenden. Da jedoch dieſe Folgerung die Nothwendigkeit in ſich ſchloß, ſich unverzüglich hinauf zu begeben, ſo waren ſie eben im Begriffe, in der früher feſtge⸗ ſetzten Ordnung ihre Prozeſſion zu beginnen, als plötzlich ein raſches Klingeln, als würde heftig an der Glocke für die Gäſte gezerrt, ihre Spekulationen über den Haufen warf und ſie in große Ungewißheit und Zweifel verſetzte. Endlich ließ ſich Herr Willet bewegen, unter dem Geleite von Hugh und Barnaby, die dem Anſehen nach die ſtärkſten und kräftigſten waren und vorwenden ſollten, ſie kämen, um die Gläſer abzuräumen, die Treppe hinauf zu gehen. Unter dieſer Bedeckung trat der tapfere, breit⸗ wangige John kühn in die Stube und nahm ohne Zittern den Befehl, einen Stiefelzieher beizuſchaffen, 211 entgegen. Als dieſer jedoch gebracht war und Herr Willet dem Gaſte ſeine breite Schulter zur Unter⸗ ſtützung lieh, konnte man bemerken, wie der Wirth ſehr genau in die Stiefel, die er abziehen half, guckte und ſeine Augen viel weiter als gewohnlich aufriß, offenbar, um dadurch ſeine Ueberraſchung und Täuſchung auszudrücken; weil er ſie nicht voll Blut fand. Auch erſah er die Gelegenheit, den Herrn ſo genau als möglich zu unterſuchen, in der Hoffnung, unterſchiedliche Schießſcharten an deſſen Perſon zu entdecken, welche der Gegner hineingebohrt haben möchte. Da er jedoch nichts fand und im Laufe der Zeit bemerkte, daß ſein Gaſt eben ſo ruhig und unverſtoͤrt in der Stimmung ſowohl, als im Anzuge war, wie den ganzen Tag über, ſo entſandte er endlich einen ſchweren Seufzer und begann zu glauben, daß dieſen Abend kein Duell ausgefochten worden ſey. „Und nun, Willet,“ ſagte Herr Cheſter,„wenn das Zimmer wohl gelüftet iſt, ſo will ich die Ver⸗ dienſte Eures berühmten Bettes verſuchen.“ „Das Zimmer, Sir,“ entgegnete John, das Licht aufnehmend, indem er Barnaby und Hugh zuwinkte, ſie zu begleiten, falls der Herr unerwartet in Folge einer innerlichen Wunde ohnmächtig oder todt niederſinken ſollte;„das Zimmer iſt ſo warm, wie eine geröſtete Brodſchnitte in einer Kanne. Bar⸗ naby, nimm das andere Licht und gehe voran. Hugh, folge dem Herrn mit dem Armſtuhl. 14* 212 In dieſer Ordnung führte John— der noch immer in angelegentlicher Unterſuchung das Licht ganz dicht an ſeinen Gaſt hielt, ſo daß er ihm bald außer⸗ ordentlich warm um die Beine machte, bald ſeine Perücke in Brand zu ſtecken drohte, wobei er ohne Unterlaß ſehr linkiſch und verlegen um Verzeihung bat— die Geſellſchaft nach dem beſten Schlafge⸗ mache, welches beinahe eben ſo groß war, als das Zimmer, aus welchem ſie ſo eben kamen. Hier ſtand — um der Wärme willen in der Nähe des Feuers aufgeſchlagen— eine große, alte, geſpenſtige Bett⸗ ſtelle, mit verblichenem Brocatzeug behangen, wäh⸗ rend die geſchnitzten Bettpfoſten oben einen Federbuſch zur Zierde hatten, der ehemals weiß geweſen war, jetzt aber wie ein Bahrtuch⸗ und Leichenwagenſchmuck ausſah. „Gute Nacht, meine Freunde,“ ſagte Herr Cheſter, der ſich, nachdem er das Gemach von einem Ende bis zum andern betrachtet hatte, lächelnd in dem von ſeinen Begleitern an's Feuer gerückten Armſtuhle niederließ.„Gute Nacht!— Barnaby, mein guter Burſche, du ſprichſt doch hoffentlich dein Nachtgebet, ehe du zu Bette gehſt.“ Barnaby nickte mit dem Kopfe. „Er ſchwatzt wohl einigen Unſinn, den er beten heißt, Sir,“ erwiederte der alte John dienſtfertig. „Ich fürchte aber, es iſt nicht viel Gutes dahinter.“ „Und Hugh?“ ſagte Herr Cheſter, ſich an dieſen wendend. — J—— ———— 213 „Ich nicht,“ antwortete er.„Ich kenne das ſeinige“— auf Barnaby deutend—„es iſt gut genug. Er fingt es bisweilen im Stroh. Ich höre zu.“ „Er iſt ganz ein Vieh, Sir,“ flüſterte ihm John mit Würde in's Ohr.„Ihr müßt's ihm zu gut halten, Sir. Wenn er überhaupt eine Seele hat, ſo muß ſie jedenfalls ſehr klein ſeyn, ſo daß nicht viel daran liegt, was er in dieſer Hinſicht thut oder unterläßt. Gute Nacht, Sir.“ Der Gaſt erwiederte mit einer Wärme, die eigent⸗ lich rührend war:„Gott behüte Euch!“ John aber winkte ſeinen Garden, voran zu gehen, kratzfußte ſich aus dem Zimmer und überließ Herrn Cheſter der Ruhe in dem alterthümlichen Bette des Mai⸗ baums. Dreizehntes Kapitel. Wenn Joſeph Willet, der von den Lehrlingen Angeklagte und Geächtete, zufällig zu Hauſe geweſen wäre, als ſich ſeines Vaters höflicher Gaſt vor der Thure des Maibaums zeigte— das heißt, wenn nicht, ungeſchickt genug, dieſer Beſuch ge⸗ rade auf einen der halbdutzend Tage im ganzen Jahre gefallen wäre, an welchem es ihm geſtattet Verweis eine ziemliche An⸗ war, ohne Verhör oder zahl von Stunden auszubleiben— ſo würde es ihm wohl auf die eine oder die andere Weiſe gelungen ſeyn, Herrn Cheſter's Geheimniß auf den Grund zu. kommen und deſſen Zweck ſo gewiß zu erkunden, als ob er mit im Nathe geſeſſen hätte. In einem ſol⸗ chen glücklichen Falle würden die Liebenden wohl einen raſchen Wink üher das drohende Unheil und noch manchen zeitigen und klugen Rath obendrein erhalten haben; denn Joe's ganze Klugheit und Thatkraft, alle ſeine Sympathien und guten Wünſche ſtanden auf der Seite des jungen Paares, wie er denn auch den Liebesleutchen aufrichtige Ergebenheit zollte. Ob dieſe Geſinnung in einer alten Vorliebe für die junge Dame ihren Grund hatte, deren Ge⸗ ſchichte er ſich faſt von ſeiner Wiege an mit Umſtän⸗ den von ungewöhnlichem Intereſſe ausgemalt, oder in ſeiner Anhänglichkeit an den jungen Herrn, in deſſen Vertrauen er ſich durch ſeine Schlauheit und Behendigkeit, wie auch durch manche wichtige Dienſte, die er ihm als Spion oder Bote geleiſtet hatte, faſt unmerklich feſtgeſetzt; ob der Grund in einer dieſer beiden Quellen lag, oder in einer der Jugend na⸗ türlichen Sympathie, oder in den beharrlichen Plackt⸗ reien ſeines verehrlichen Vaters, oder in irgend einer eige⸗ nen geheimen Liebesangelegenheit, die ihm verwandte Gefühle einflößte— wir brauchen dieß nicht zu un⸗ terſuchen, um ſo weniger, da Joe nicht um den Weg 21⁵ war und daher keine Gelegenheit hatte, bei dieſem beſonderen Anlaſſe ſeine Geſinnungen im Intereſſe der einen oder andern Partei zu erproben. Es war nämlich der fünfundzwanzigſte März, der, wie die meiſten Leute aus leidiger Erfahrung wiſſen, ſeit unfürdenklichen Zeiten zu den unange⸗ nehmen Zeitabſchnitten gehört, welche man Quartal⸗ tage nennt. John Willet ſetzte einen Stolz darein, an dieſem fünfundzwanzigſten März ſeine Jahresrech⸗ nung mit einem gewiſſen Weinhändler und Deſtilla⸗ teur in der City von London mit klingender Münze abzuſchließen; und keinen Tag früher oder ſpäter war es Joe's Geſchäft, mit einem Leinwandſack, der keinen Penny mehr oder weniger als gerade den Belauf der ſchuldigen Summe enthielt, an Ort und Stelle zu reiſen, um denſelben genanntem Geſchäfts⸗ manne einzuhändigen. Dieſe Reiſe wurde auf einer alten, grauen Mähre gemacht, mit der John unterſchiedliche unbe⸗ ſtimmte Ideen in Verbindung brachte, des Inhalts, daß ſie beim Wettrennen wohl eine Platte oder Schaale gewinnen könnte, wenn ſie's nur einmal verſuchte. Sie hatte es jedoch nie verſucht und kam auch wahrſcheinlich nicht mehr dazu, denn ſie war ihre vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, kurzathmig, langleibig und, was Mähne und Schwanz betraf, nicht ſonderlich anſehnlich. Aber ungeachtet dieſer kleinen Mängel that ſich John doch ungemein viel auf das Thier zu gut, und ſo oft es von Hugh vor 216 die Hausthüre gebracht wurde, zog er ſich alsbald nach dem Schenkverſchlag zurück, um in dieſem ge⸗ heimen Citronenhaine dem Stolze und der Freude ſeines Herzens durch ein behagliches Lachen Luft zu machen. „Das iſt einmal ein Stückchen Pferdefleiſch, Hugh,“ ſagte John, als er wieder hinreichend Selbſt⸗ beherrſchung gewonnen hatte, um wieder an der Thüre zu erſcheinen.„Ein ſtattliches Geſchöpf! Da iſt Feuer! da ſind Knochen!“ Die Knochen konnte man nun allerdings nicht beanſtanden; und ſo ſchien auch Hugh zu denken, wenn er läßig ſeitwärts im Sattel ſaß und das Kinn faſt bis auf ſeine Kniee herunterhängen ließ, während die Steigbügel und Zügel achtlos nieder⸗ baumelten und er auf dem kleinen Raſen vor der Thüre auf⸗ und abritt. „Vergiß nicht, auf das Thier ſorgfältig Acht zu haben, Bürſchlein,“ ſagte John, indem er ſich von dieſer unempfindlichen Perſon an ſeinen Sohn und Erben wandte, der nun in vollem Reiſezeug erſchien.„Reite nicht zu ſtark.“ „Ich wüßte kaum, wie ich das angreifen müßte, Vater,“ verſetzte Ive mit einem troſtloſen Blicke auf das Thier. „Ich verbitte mir alle Unverſchämtheiten, Bur⸗ ſche,“ entgegnete der alte John.„Was möchteſt du wohl reiten? Dir wäre wohl ein wilder Eſel oder ein Zebra noch zu zahm— etwa nicht? Du 217 möchteſt wohl gerne einen brüllenden Löwen reiten, nicht wahr? Halt dein Maul, Junge.“ So oft Herr Willet bei Gelegenheit eines Er⸗ guſſes über ſeinen Sohn die ihm zu Sinne kommen⸗ den Fragen erſchöpft hatte, ohne daß dieſer eine Aütwort gab, ſchloß er gewöhnlich damit, daß er ihn das Maul halten hieß. „Und was meint wohl der Knabe damit,“ fügte Herr Willet bei, nachdem er ſeinen Sprößling eine Weile in einer Art Betäubung angeſtiert hatte,„daß er ſeinen Hut alſo aufgeſtutzt hat? Willſt du etwa den Weinhändler todtſchlagen, Bürſchlein?“ „Das fäͤllt mir nicht entfernt ein. Ihr dürft Euch beruhigen, Vater,“ entgegnete Joe. „Dazu noch das militäriſche Weſen!“ fuhr Herr Willet fort, ihn vom Scheitel bis zur Zehe betrach⸗ tend.„Stolziert er nicht einher, als könnte er Eiſen freſſen und kochendes Waſſer ſaufen! Und was ſollen dieſe Krokuſſe und Schneeglöckchen, Junge?“ „Es iſt nur ein kleiner Blumenſtrauß,“ erwie⸗ derte Ive erröthend.„Da iſt doch hoffentlich nichts Unrechtes daran?“ „Du biſt mir ein feiner Kerl in's Geſchäft,“ ſagte Herr Willet verächtlich.„Meinſt du, Weinhänd⸗ ler kümmerten ſich um Blumenſträuße?“ „Nein, das meine ich nicht,“ verſetzte Joe.„Für ihre rothe Naſen mögen Flaſchen und Gläſer paſſen, aber dieß hier wandert in Herrn Varden's Haus.“ 218 „Und glaubſt du, er mache ſich etwas aus deinen Krokuſſen?“ fragte John. „Ich weiß es nicht und, aufrichtig geſtanden, mache mir auch nicht viel daraus,“ entgegnete Joe. „So gebt mir einmal das Geld, Vater, und laßt mich in Gottes Namen ziehen.“ „Da iſt es, Junge,“ erwiederte John.„Gib ſorgfältig Acht darauf und vergiß nicht, den Gaul auch ordentlich ausruhen zu laſſen. Nicht nöthig, daß du mit dem Heimkommen allzuſehr eilſt— hörſt du?“ „Wohl,“ entgegnete Jve.„Der Himmel weiß, die Beſtie wird's brauchen können.“ „Und laß nicht zu viel im ſchwarzen Löwen an⸗ kreiden,“ ſagte John.„Auch dieß merke dir.“ „Warum gebt Ihr mir aber nicht lieber etwas Geld in die Taſche?“ entgegnete Joe bekümmert; „warum nicht, Vater? Muß ich da nach London und darf mir blos im ſchwarzen Löwen ein Mittag⸗ eſſen geben laſſen, das Ihr bezahlt, wenn Ihr das nächſtemal hinkommt, als ob man mir nicht ein paar Shillinge anvertrauen dürfte! Warum geht Ihr ſo mit mir um? Es iſt nicht recht von Euch. Ihr könnt nicht erwarten, daß ich mich damit zufrie⸗ den geben ſoll.“ „Geld möchte er alſo haben!“ rief John in einer Art von ſchläfrigem Träumen.„Was nennt denn der Junge Geld— Guineen? hat er nicht — — 219 Geld erhalten? Habe ich ihm nicht außer dem Zoll⸗ betrag einen Shilling und ſechs Pence gegeben?“ „Einen Shilling und ſechs Pence!“ wiederholte der Sohn verächtlich. „Ja, Musje,“ entgegnete John,„einen Shil⸗ ling und ſechs Pence. Als ich ſo alt wie du war, hatte ich noch nie ſo viel Geld auf einem Haufen geſehen. Einen Shilling für den Fall, daß dir etwas zuſtößt— der Gaul ein Hufeiſen verliert, oder ſonſt etwas der Art. Die andern ſechs Pence kannſt du auf den Unterhaltungsplätzen Londons verthun, und da rathe ich dir namentlich, die Spitze des Monu⸗ ments zu beſteigen und dort ſitzen zu bleiben.'s gibt keine Verſuchung dort, Bürſchlein— nichts zu trin⸗ ken— kein junges Weibsvolk— keine ſchlechte Ge⸗ ſellſchaft— nichts als die Einbildungskraft. So habe ich mich vergnügt, als ich in deinem Alter war, Bürſchlein.“ Joe gab hierauf keine Antwort, ſondern winkte Hugh, ſchwang ſich in den Sattel und ritt von hin⸗ nen. Man darf indeß ſagen, daß er recht ſtattlich zu Pferde ſaß und wohl ein beſſeres Roß verdiente, als ihm das Geſchick zugewieſen hatte. John ſah ihm— oder vielmehr der grauen Mähre nach(denn er hatte kein Auge für den Reiter), bis Mann und Thier etliche und zwanzig Minuten ſeinen Blicken entſchwunden waren; dann erſt fing er an, zu denken, daß ſie fort ſeyen und zog ſich nun langſam nach 220 dem Hauſe zurück, wo er ſich einem ſanften Schläf⸗ chen hingab. Die unglückſelige graue Mähre, Joe's bitteres Leidweſen, trottete nach eigenem Willen und Behagen weiter, bis der Maibaum nicht mehr ſichtbar war; dann beredete ſie ihre Beine zu einem Gange, der im Puppenſpiele wie eine plumpe und linkiſche Nachahmung eines Galops ausgeſehen haben würde, und holperte aus eigenem Antriebe raſcher weiter. Die Bekannt⸗ ſchaft mit ihres Reiters gewöhnlicher Reiſeweiſe, welche zu der vorgenannten Beſſerung Anlaß gegeben hatte, bewog ſie auch, auf einen Nebenweg einzu⸗ biegen— nicht nach London, ſondern durch Feldwege, die parallel mit der Straße, auf welcher ſie herge⸗ kommen, liefen und auf etliche hundert Ellen an dem Maibaume vorbeiführten, bis ſie zuletzt in eine Ver⸗ zäunung einmündeten, die ein großes, aus rothen Ziegeln gebautes, altes Haus umgab— daſeelbe, das in dem erſten Kapitel dieſer Geſchichte mit dem Namen Kaninchenhag bezeichnet wurde. In einem kleinen, daneben liegenden Gebuſche wurde Halt ge⸗ macht, worauf das Thier gutwillig den Reiter ab⸗ ſteigen und ſich an den Stamm eines Baumes bin⸗ den ließ. „Bleib' da ſtehen, alte Katze,“ ſagte Joe;„wir wollen ſehen, ob's nicht heute einen kleinen Auftrag gibt.“ Mit dieſen Worten überließ er es dem Thiere, das Gras in dem Bereiche ſeines Strickes abzuwei⸗ —— — 221 den, öffnete ein Pförtchen und ging zu Fuß über die zum Hauſe gehörigen Grundſtücke. Der Pfad führte ihn nach wenigen Minuten dicht vor das Haus, nach welchem er— namentlich einem beſondern Fenſter deſſelben— viele verſtohlene Blicke ſandte. Es war ein trauriges, ödes Ge⸗ bäude, mit wiederhallenden Höfen, verödeten Erker⸗ ſtuben und ganzen Reihen von größeren Gelaſſen, die verſchloſſen waren und dem Verfalle entgegen gingen. Der teraſſenförmig angelegte Garten war von überhängenden Bäumen verdunkelt und hatte ein gar unheimliches und melancholiſches Ausſehen. Große, roſtrothe Eiſengitter, die ſeit Jahren nicht mehr be⸗ nützt wurden und mit langem Gras umwachſen waren, ſchienen in den Boden ſinken zu wollen, um ihren hinfälligen Zuſtand unter dem befreundeten Unkraut zu verbergen. Die phantaſtiſchen, unge⸗ heuerlichen Figuren an den Wänden, grün von Alter und Feuchtigkeit und hin und wieder mit Moos bewachſen, ſahen grimmig und verſtört hernieder; ſelbſt der bewohnte und in gutem Stand erhaltene Theil des Gebäudes hatte eine ſo düſtere Außenſeite, daß jeder Beſchauer ſich eines Gefühls von Trauer über dieſe Verödung, welche keinem heitern Ge⸗ danken Raum gab, nicht erwehren konnte. Es wäre ſchwer geweſen, ſich ein helles, praſſelndes Feuer in den finſtern Räumen, oder das Bild eines frohen Herzens, oder eines lebensluſtigen Sinnes in dieſen 222 zürnenden Mauern vorzuſtellen. Der Ort ſchien wohl vordem ſolche Dinge geborgen zu haben, jetzt aber nichts mehr zu ſeyn, als der Geiſt eines Hauſes, der noch die alte Stelle in ſeiner frühern äußeren Geſtalt umſpuckte. Viel von dieſem verfallenen und finſteren Aus⸗ ſehen war ohne Zweifel dem Tode des früheren und dem Charakter des jetzigen Beſitzers beizumeſſen; wenn man ſich indeß der Geſchichte, welche ſich an das Gebäude knüpfte, erinnerte, ſo ſchien es ganz der Ort für eine ſolche Unthat zu ſeyn, und die Beſtimmung, einer Schreckensſcene zum Schauplatz zu dienen, viete Jahre zuvor in ſich getragen zu haben. Der Hinblick auf dieſe düſtere Geſchichte mußte dem Waſſerbecken, wo die Leiche des Haus⸗ meiſters gefunden worden, einen ſchwarzen und unheim⸗ lichen Charakter verleihen, wie man ihn bei keinem andern Teiche fand; die Glocke auf dem Dache, die dem mitternächtlichen Winde den Mord erzählt hatte, wurde zu einem wahren Geſpenſt, vor deſſen Stimme dem Hörer die Haare zu Berge ſtanden, und jeder laubloſe Zweig, der dem andern zunickte, flüſterte verſtohlen die Sage von dem Verbrechen. Joe ging den Pfad auf und nieder, bisweilen Halt machend, als betrachte er das Gebäude oder die Ausſicht, bisweilen mit der erkünſtelten Miene müſ⸗ ſiger Gleichgültigkeit an einen Baum lehnend, aber ſtets den Blick nach dem Fenſter heftend, das er ſich gleich Anfangs auserleſen hatte. Nach viertelſtün⸗ 223 digem Harren kam eine kleine weiße Hand zum Vorſchein, die ihm für einen Augenblick zuwinkte, und der junge Mann entfernte ſich mit einer achtungs⸗ vollen Verbeugung, auf dem Wege zu ſeinem Pferde vor ſich hinmurmelnd:„Heute kein Auftrag für mich!“ Aber das ſchmucke Weſen, der aufgeſtutzte Hut, ob dem John Willet ſchon ungehalten geweſen, und der Frühlingsſtrauß— alles dieſes bekundete ein kleines Geſchäftchen für eigene Rechnung, das einen weit intereſſanteren Gegenſtand zum Zwecke haben mußte, als etwa einen Weinhändler oder auch einen Schloſſer. Es wies ſich auch in der That ſo aus, denn als er mit dem Weinhändler— einem ſo purpurgeſichtigen alten Herrn, als hätte er ſein ganzes Lebenlang das gewölbte Dach ſeiner tiefen Keller in der Nähe der Themſeſtraße auf dem Kopfe getragen— die Rechnung abgeſchloſſen, Zahlung geleiſtet, die Quittung in Empfang genommen und wohl mehr als drei Gläſer alten Peres zu koſten abgelehnt hatte— zum unbegrenzten Erſtaunen des purpurgeſichtigen Weinhändlers, der, mit dem Bohrer in der Hand, einen Angriff auf wenigſtens zwei Dutzend ſtaubige Fäßer machen wollte und nun wie gebannt oder moraliſch an ſeinen eigenen Wänden angebohrt, da ſtand— als er alles dieß gethan und außerdem im ſchwarzen Löwen zu Whitechapel über ein ſpärliches Mittagsmahl verfügt hatte, lenkte er, uneingedenk des väterlichen Rathes hinſichtlich 224 des Monumentes, ſeine Schritte nach dem Hauſe des Schloſſers, wohin ihn die Augenſterne der blü⸗ henden Dolly Varden zogen. Joe war keineswegs ein ſcheuer Burſche, dem⸗ ungeachtet konnte er es aber, als er um die Ecke der Straße kam, worin der Schloſſer wohnte, um keinen Preiß über ſich gewinnen, geraden Weges auf das Haus zuzugehen. Anfangs ſchlenderte er fünf Minuten durch eine andere Straße, dann aber⸗ mals fünf Minuten durch eine zweite, und ſo fort, bis er eine volle halbe Stunde damit zugebracht hatte; endlich aber wagte er einen kühnen Anlauf und befand ſich mit glühendem Geſichte und klopfen⸗ dem Herzen in der rauchigen Werkſtatt „Joe Willet, oder ſein Geiſt!“ ſagte Varden, indem er von dem Pulte, an welchem er mit ſeinen Büchern beſchäftigt war, aufſtand und den Beſuch unter ſeiner Brille weg betrachtete.„Welcher iſt es? Joe im Fleiſch— he? Nun, das iſt freundlich. Und was macht die Chigwell⸗Geſellſchaft, Joe?“ „Was ſonſt auch, Sir— wir kommen ſo gut als nur je mit einander aus.“ „Nun, nun!“ entgegnete der Schloſſer.„Wir müſſen uns gedulden, Joe, und mit alter Leute Schwächen Nachſicht haben. Wie ſteht's mit der Mähre, Joe? Geht ſie noch immer mit Leichtigkeit ihre vier Meilen in der Stunde? Ha, ha, ha!“ Iſt's ſo, Joe— he?— Aber was haben wir da, Joe— einen Blumenſtrauß?“ ͤt 225 „O, nur eine Kleinigkeit, Sir— ich dachte— Miß Dolly— „Nein, nein,“ entgegnete Gabriel, ſeine Stimme dämpfend und den Kopf ſchüttelnd,„nicht Dolly; gib es ihrer Mutter, Joe.'s iſt viel beſſer, wenn Du's ihrer Mutter gibſte⸗ Du haſt doch nichts da⸗ gegen, es Frau Varden zu geben, Ive?“ „O nein, Sir, nein,“ antwortete Joe, der, freilich nicht mit dem beſten Erfolge, ſeinen Verdruß über die fehlgeſchlagene Hoffnung zu verbergen bemüht war. „Ich werde mir's jedenfalls zur Ehre rechnen.“ „Recht ſo,“ ſagte der Schloſſer, indem er den jungen Menſchen auf den Rücken klopfte.„Es liegt nichts daran, wer es hat, Ioe?“ „Nicht das Geringſte, Sir.“— Armer Junge! Die Worte blieben ihm in der Kehle ſtecken. „Komm jetzt herein,“ ſagte Gabriel.„Man hat mich eben zum Thee abgerufen. Sie iſt in dem Wohnzimmer!“: „Sie?“ dachte Joe.„Ich bin doch begierig, welche es iſt— die Frau oder die Jungfer.“ Der Schloſſer brachte die Frage ſo exakt in Er⸗ ledigung, als ob ſie laut ausgeſprochen worden wäre, indem er ſeinen Gaſt nach der Thüre führte und mit den Worten anmeldete:„Martha, meine Liebe, da iſt der junge Herr Willet.“ Nun aber betrachtete Frau Varden den Mai⸗ baum als eine Art von Männerfalle, oder als einen Köder für Hausväter, und den Eigenthümer deſ⸗ Boz. XVI. Barnaby Rudge. 15 226 ſelben ſammt allen, die ihm Beihülfe und Vorſchub thaten, als eben ſo viele Wilddiebe, die auf Chriſten⸗ menſchen Jagd machten. Da ſie noch außerdem glaubte, die Publicanen,* welche die heilige Schrift mit den Sündern in Verbindung bringt, wären nichts anderes, als patentiſirte Schenkwirthe ge⸗ weſen, ſo war ſie weit entfernt, gegen ihren Gaſt beſonders wohlwollend geſtimmt zu ſeyn. Sie fühlte ſich deßhalb auch augenblicklich unwohl, und meinte, als ihr die Crokuſſe und Schneeglöckchen gebührend dargeboten waren, daß ihr unbehagliches Gefühl von dieſen Blumen herrühren müſſe. „Ich fürchte, daß ich's keine Minute länger in dieſem Zimmer aushalten kann,“ ſagte die junge Dame,„wenn ſie hier bleiben. Ihr werdet mich wohl entſchuldigen, wenn ich ſie vor das Fenſter hinausſtelle.“ Joe bat, ſie möchte doch ja der Sache nicht erwähnen, und lächelte wehmüthig, als er ſie auf den Sims außen niederſetzen ſah. Hätte doch Je⸗ mand gewußt, welche Mühe es ihm gekoſtet, das verachtete und mißhandelte Sträuschen zuſammen zu bringen! „Gewiß, es iſt mir eine wahre Erleichterung, daß ich ihrer los bin,“ ſagte Frau Varden.„Ich fühle mich bereits beſſer.“ * Publicanen, Zöllner— Publican(engliſch) Schenkwirth. 227 Und in der That ſchien ſie ihre Lebensgeiſter wieder geſammelt zu haben. Joe dankte dem Himmel für dieſe günſtige Aen⸗ derung, und verſuchte, ſich eine Miene zu geben, als ob er ſich gar nicht wundere, wo Dolly bliebe. „Ihr ſeyd ein betrübtes Volk zu Chigwell draußen, Herr Joſeph,“ ſagte Frau Varden. „Das hoffe ich doch nicht, Ma'am,“ verſetzte Joe. „Ihr ſeyd die grauſamſten und rückſichtsloſeſten Leute von der Welt,“ entgegnete Frau Varden, ſich in die Bruſt werfend,„und es wundert mich nur, daß der alte Herr Willet, der doch ſelbſt einmal ver⸗ heiratet geweſen iſt, nicht beſſer weiß, wie man ſich zu benehmen hat. Daß er es ſeines Vortheils wegen thut, entſchuldigt ihn nicht. Ich wollte ja lieber zwanzigmal das Geld bezahlen, wenn nur Varden wie ein achtbarer und nüchterner Gewerbs⸗ mann nach Hauſe käme. Nichts iſt mir mehr in der Seele zuwider, als ein Trunkenbold,“ fügte Frau Varden mit großem Nachdruck bei. „Ach, liebe Martha,“ entgegnete der Schloſſer aufgeräumt,„laß uns den Thee trinken und reden wir nicht von Trunkenbolden. Hier iſt keiner, und ich darf wohl ſagen, daß Joe auch nichts davon hören mag.“ In dieſem kritiſchen Augenblicke erſchien Miggs mit Röſtſchnitten. „Ich getraue mich das zu unterſchreiben, und 15* 228 von dir auch, Varden,“ erwiederte Frau Varden. Ohne Zweifel iſt's kein ſehr angenehmer Gegenſtand, obgleich ich keine Perſönlichkeiten im Auge habe“— Miggs huſtete—„was ich auch immer zu denken genoͤthigt ſeyn mag“— Miggs nieſete nachdrücklich. „Du weißt natürlich nicht, Varden, und eben ſo wenig kann von einem Menſchen in dem Alter des jungen Herrn— Ihr entſchuldigt mich, Sir— er⸗ wartet werden, daß er wiſſen ſolle, was eine Frau auszuſtehen hat, wenn ſie unter ſolchen Umſtänden zu Hauſe warten muß. Wenn du mir nicht glauben willſt(und ich weiß, daß es der Fall iſt), ſo iſt hier Miggs, die es nur zu oft mit eigenen Augen an⸗ geſehen hat— frage ſie.“ „Oh! ſie hat letzthin eine ſehr ſchlimme Nacht gehabt, Sir— ganz gewiß,“ ſagte Miggs.„Wenn Ihr nicht die Sanftmuth eines Engels in Euch hättet, Ma'am, ſo glaube ich in der That nicht, daß Ihr es hättet ertragen können.“ „Miggs,“ ſagte Frau Varden,„Sie iſt profan.“ „Bitt' um Verzeihung, Ma'am,“ verſetzte Miggs mit ſchriller Haſtigkeit,„das war nicht meine Ab⸗ ſicht und liegt auch hoffentlich nicht in meinem Cha⸗ rakter, obgleich ich nur eine dienende Perſon bin.“ „Antwort und Dienſtaufkündigung iſt eins und daſſelbe,“ entgegnete die Gebieterin, indem ſie mit Würde umherſchaute.„Wie kann Sie ſich unterſtehen, in einem Athem von Engeln und ſündigen Neben⸗ menſchen zu ſprechen?—“ fuhr Frau Varden fort, 229 indem ſie ſich in dem Spiegel beſah und das Band auf ihrer Haube modiſcher ordnete.— Sind wir doch nichts weiter, als bloß Würmer, die im Staube kriechen.“ „Entſchuldigt, Ma'am, ich wollte Euch nicht beleidigen,“ ſagte Miggs, auf die Stärke ihres Com⸗ pliments bauend und ihren Kehlknorpel wie gewöhn⸗ lich vorſtreckend;„auch meinte ich nicht, daß Ihr es ſo nehmen würdet. Ich hoffe, daß ich meinen eige⸗ nen Unwerth erkenne, und daß ich mich und alle meine Nebenmenſchen haſſe und verachte, wie es je⸗ der gute Chriſt thun muß.“ „Sie wird wohl ſo gut ſeyn,“ ſprach Frau Varden in hohem Tone,„hinaufzugehen und nach⸗ zuſehen, ob Dolly mit ihrem Anzug fertig iſt. Sie kann ihr auch ſagen, daß die Sänfte, die ich für ſie beſtellt habe, im Augenblick ankommen wird, und wenn ſie auf ſich warten läßt, ſo ſchicke ich ſie im Augenblick wieder fort.— Ich bedaure, ſehen zu müſſen, daß du deinen Thee nicht nimmſt, Varden, und daß auch Ihr nicht zugreift, Herr Joſeph, ob⸗ gleich es natürlich thöricht von mir wäre, zu er⸗ warten, daß Euch etwas behagen ſollte, was zu Hauſe und in Geſellſchaft von Frauen zu haben iſt. Das Wörtchen„Euch“ ſollte beiden Herren gel⸗ ten, war aber jedenfalls etwas hart und unverdient, denn Gabriel hatte ſich mit einem ſehr viel verſpre⸗ chenden Appetit zu Tiſch geſetzt, bis er ihm von Frau Varden ſelbſt verdorben wurde, und Joe fand 230 ſo großes Behagen an der weiblichen Geſellſchaft in des Schloſſers Hauſe— oder doch jedenfalls an einem Theil derſelben, als nur ein Mann finden konnte. Letzterer hatte jedoch keine Gelegenheit, etwas zu ſeiner Vertheidigung zu ſagen, denn in demſelben Augenblicke erſchien Dolly und brachte ihn durch ihre Schönheit ganz und gar zum Verſtummen. Noch nie hatte Dolly ſo anmuthig ausgeſehen, als jetzt, in dem vollen Glanz und der Blüte der Ju⸗ gend, ihre Reize hundertfältig erhöht durch einen höchſt zierlichen Anzug, durch tauſend kleine Coquet⸗ terien, die Niemand beſſer ließen, als ihr, und durch alle die glühende Erwartung auf die verwünſchte Abendgeſellſchaft. Es iſt unmöglich, auszudrücken, wie Joe dieſe Partie haßte, wo ſie auch immer ab⸗ gehalten werden mochte, und einen gleichen Groll warf er auf die dabei betheiligten Perſonen. Und ſie ſah ihn kaum an— nein, ſah ihn kaum an. Und als die Sänfte durch die offene Thüre in die Werkſtatt hineinpolterte, klatſchte ſie in die Hände und ſchien ſich zu freuen, daß ſie gehen konnte. Doch Ive bot ihr den Arm— es lag doch einiger Troſt darin— und half ihr hinein. Sie dann drinnen auf ihrem Sitze zu ſehen mit ihren lachenden Augen, die heller ſtrahlten, als Diamanten, und ihre Hand— gewißlich die ſchönſte Hand auf der Welt— auf dem Rahmen des offenen Fenſters, und ihr kleiner Finger herausfordernd und neckiſch -᷑— u——— 2 2 231 erhoben, als wundere er ſich, warum Joe ihn nicht küſſe oder drücke! Zu denken, wie gut eines oder zwei von den beſcheidenen Schneeglöckchen dem zar⸗ ten Miederchen gelaſſen hätten, und wie vernachläßigt ſie jetzt vor dem Fenſter lagen! Zeuge zu ſeyn, wie Miggs zuſah, mit einem Geſichte, das auszudrücken ſchien, ſie wiſſe wohl, wie alle dieſe Liebenswürdig⸗ keit zuſammengebracht ſey, und kenne das Geheimniß jeder Schnur und Nadel, jedes Häckchens und Häft⸗ chens, dabei ſich ſelbſt ſagend, es ſey nicht halb ſo arg, als man meine, und ich könnte genau eben ſo ausſehen, wenn ich mir die Mühe geben wollte! Den köſtlichen kleinen Schrei zu hören, als die Sänfte aufgehoben wurde, und den flüchtigen, aber unver⸗ geßlichen Anblick des glücklichen Geſichichens drinnen aufzufangen— was lag nicht für eine Qual und Folter, und doch ſo viel Wonne in all dieſem! So⸗ gar die Sänftenträger, die ſie die Straße hinabtru⸗ gen, ſchienen ihm beneidenswerthe Nebenbuhler! Wohl nie war in einem kleinen Zimmer und in ſo kurzer Zeit eine ſolche Veränderung vorgegan⸗ gen, wie in dieſer Wohnſtube, als ſie zurückkehrten, um den Thee vollends zu trinken. Wie düſter, wie verödet, wie ſo ganz entzaubert war Alles. Es ſchien heller Unſinn, ruhig hier zu ſitzen, während ſie beim Tanze war, wo ſie zahlloſe Liebhaber umkreisten— mitten in einer Geſellſchaft, die ſie verehrte und an⸗ betete, und wo Alle ſie heirathen wollten. Auch Miggs ſpuckte umher; und die Thatſache ihres Da⸗ 232 ſeyns, der bloße Umſtand, daß ſie je geboren wurde, ſchien, nach Doll, ein unerklärlicher, aber doch ein Kapitalſpaß. Es war rein unmöglich, noch ein Wort zu ſprechen. Es ging durchaus nicht. Was ſollte er da weiter thun, als in ſeinem Thee rühren, herum, herum, und wieder herum, und dabei ſich all den Zauber der lieblichen Schloſſerstochter vergegen⸗ wärtigen. Gabriel war gleichfalls verdrießlich, und es bil⸗ dete einen Theil von Frau Vardens wetterwendiſchem Charakter, daß ſie bei einer ſolchen Stimmung ge⸗ rade recht heiter und lebhaft war. „Es gehört doch gewiß ein von Natur aus recht heiteres Gemüth dazu,“ ſagte die Hausfrau lächelud, „hier überhaupt guter Laune zu ſeyn, und ich weiß in der That nicht, wie ich es angreife.“ „Ach, Malam,“ ſeufzte Miggs,„ich bitte um Verzeihung, daß ich unterbreche, aber es gibt nicht viele Eures Gleichen.“ „Räume Sie ab, Miggs,“ ſagte Madame Var⸗ den, indem ſie aufſtand,„räume Sie ab. Ich weiß, ich bin hier zur Laſt, und da ich wünſche, jeder möchte ſo heiter ſeyn, als er kann, ſo wird's wohl am beſten ſeyn, wenn ich gehe.“ „Nein, nein, Martha,“ rief der Schloſſer.„Bleibe immerhin hier. Gewiß, wir würden es recht be⸗ dauern, wenn du gingeſt— nicht wahr, Joe?“ Joe fuhr zuſammen und entgegnete: „Gewiß!“ 233 „Schönen Dank, lieber Varden,“ entgegnete ſeine Gattin;„aber ich kenne dich beſſer. Taback und Bier, oder Branntwein haben weit größere An⸗ ziehungskräfte, als ich mich deren rühmen kann; ich will daher hinaufgehen und zum Fenſter hinausſehen, mein Beſter. Gute Nacht, Herr Joſeph. Es hat mich ſehr gefreut, Euch geſehen zu haben, und ich hätte nur gewünſcht, Euch mit etwas bedienen zu können, was Eurem Geſchmack anſtändiger geweſen wäre. Einen recht ſchönen Gruß, wenn ich bitten darf, an den alten Herrn Willet, und ſagt ihm, daß ich ihm auf die Nähte gehen will, wenn er einmal herkömmt. Gute Nacht!“ Nachdem die gute Dame dieß mit ihrem ſüße⸗ ſten Weſen geſprochen hatte, machte ſie einen merk⸗ würdig herablaſſenden Knicks und entfernte ſich wohl⸗ gemuth. Und deßhalb hatte alſo Joe Woche für Woche dem fünfundzwanzigſten März entgegengeharrt— deßhalb hatte er die Blumen mit ſo viel Sorgfalt geſammelt, ſeinen Hut aufgeſtutzt und ſich ſelbſt ſo blank herausſtaffirt! Dies war das Ende ſeines kühnen, wohl hundertmal gefaßten Entſchluſſes, ſich gegen Dolly auszuſprechen und ihr zu ſagen, wie ſehr er ſie liebe! Sie eine Minute zu ſehen— nur eine einzige Minute— zu finden, daß ſie zu einer Abendgeſellſchaft ging, und zwar mit freudigem Her⸗ zen ging; für einen gemeinen Tabackraucher, Bier⸗ ſchlucker, Branntweinſäufer und Topfgucker angeſehen 234 zu werden! Er verabſchiedete ſich von ſeinem Freunde, dem Schloſſer, und eilte nach dem ſchwarzen Löwen, um ſein Pferd herauszuholen, auf dem Heimritte (wie ſo mancher andere Joe vor und nach ihm) nicht anders denkend, als daß es mit allen ſeinen Hoffnungen aus ſey— daß die Sache unmöglich und nimmermehr gehen könne— daß ſie ſich nicht um ihn kümmere— daß er unglücklich ſey für ſein ganzes Leben— und daß ihm nur die einzige entſprechende Ausſicht bleibe, unter die Soldaten oder Matroſen zu gehen, und irgend einen wohlwollenden Feind aufzuſuchen, der ihm ſobald als möglich den Schädel einſchlüge. Vierzehntes Kapitel. Joe Willet ritt in ſeiner verzweifelnden Stim⸗ mung langſam weiter und malte ſich aus, wie des Schloſſers Töchterlein in endloſen Walzern dahin⸗ ſchwebte und ſich ganz entſetzlich von kühnen Fremd⸗ lingen den Hof machen ließ— Gedanken, die ihm faſt zu ſchwer wurden, um ſie zu ertragen— als er plötzlich den Hufſchlag eines Pferdes hinter ſich hörte 23⁵5 und beim Zurückblicken eines wohlberittenen Herrn anſichtig wurde, der in einem ſcharfen Trabe heran⸗ kam. Als dieſer Reiter den vom Maibaum einge⸗ holt hatte, zügelte er ſein Roß und nannte Joe beim Namen, welcher ſofort der grauen Mähre die Sporen einlegte und ſich an die Seite des Andern hielt. „Ich dachte mir wohl, daß Ihr es wäret, Sir,“ ſagte der junge Willet, an ſeinen Hut langend.„Ein ſchöner Abend, Sir. Es freut mich, daß Ihr Euch wieder außer dem Hauſe blicken laſſen dürft.“ Der Herr lächelte und nickte. „Du biſt wohl heute recht vergnügt geweſen, Joe? Iſt ſie noch immer ſo hübſch, wie ſonſt? Nun, du brauchſt eben nicht zu erröthen.“ „Ich weiß nicht, ob ich überhaupt errothete, Herr Edward,“ entgegnete Joe;„wenn es aber wirk⸗ lich der Fall war, ſo geſchah es über den Gedanken, daß ich je ſo ein Thor ſeyn konnte, auf ſie zu hof⸗ fen. Sie iſt ſo weit aus meinem Bereiche, als— als der Himmel.“ „Nun, Jvoe, ich ſollte doch meinen, daß es auch nicht aus dem Kreiſe der Möglichkeit liegt, dieſen zu erringen,“ erwiederte Edward gut gelaunt.„Meinſt du nicht?“ „Ach!“ ſeufzte Joe.„Ihr habt gut reden, Sir. Mit kaltem Blute laſſen ſich leicht Sprichwörter machen, aber was nützt's? Reitet Ihr nach dem Maibaum, Sir?“ „Ja. Da ich noch nicht ganz zu Kräften ge⸗ 236 kommen bin, ſo gedenke ich dort zu übernachten, und dann morgen wieder gemächlich heimzureiten.“ „Wenn Ihr's nicht beſonders eilig habt,“ ſagte Joe nach einem kurzen Schweigen,„und mit dem Schritte dieſes armſeligen Gaules vorlieb nehmen wollt, ſo macht es mir Freude, mit Euch nach dem Kaninchenhag zu reiten und Euer Pferd zu halten, wenn Ihr abſteigt, Sir. Es wird Euch den Weg von dem Maibaum dahin und wieder zurück erſpa⸗ ren. Bei mir hat's keine Eile, da ich ohnehin noch zu früh daran bin.“ „Bei mir iſt's derſelbe Fall,“ entgegnete Ed⸗ ward,„obgleich ich eben unwillkürlich ſo ſchnell ritt, vermuthlich um den Gang meines Thieres meinen Gedanken anzubequemen, die mit der Schnellpoſt reisten. Es iſt mir lieb, Joe, den Weg gemeinſchaft⸗ lich zu machen; wir wollen uns gegenſeitig ſo gute Geſellſchaft leiſten, als es gehen will. Aber nur gutes Muths, gutes Muths! Du mußt mit unver⸗ zagtem Herzen an die Tochter des Schloſſers denken, wenn du ſie noch gewinnen willſt.“ Joe ſchüttelte den Kopf; aber es lag etwas ſo Kräftigendes in der belebenden Hoffnungsfülle dieſer Worte, daß ſich ſein Geiſt unter ihrem Einfluſſe hob und ſogar der grauen Mähre etwas von ſeinem Feuer mitzutheilen ſchien, da ſie jetzt aus ihrem nüchternen Schritt in einen ſanften Trab überging, um es Edward Cheſters Pferd gleich zuthun, und 237 offenbar mit ſich ſelbſt ſehr zufrieden darüber war, daß ſie ihr Beſtes thue. Es war eine ſchöne, trockene Nacht, und die Mondſichel, die eben aufging, goß allenthalben die Ruhe und den Frieden aus, welche den Abendſtunden ihren köſtlichſten Reiz verleiht. Die verlängerten Schatten der Bäume waren ſo ſanft, als ob ſie ſich in ſtillem Waſſer abſpiegelten, und warfen ihren Teppich auf den Pfad der Wanderer, während der leichte Wind noch leiſer als zuvor wehte, als wollte er mit der ſchlummernden Natur koſen. Nach und nach hörten ſie zu ſprechen auf und'ritten in behag⸗ lichem Schweigen neben einander her. „Der Maibaum iſt ja dieſen Abend ganz präch⸗ tig beleuchtet,“ ſagte Edward, als ſie über den Feld⸗ weg ritten, auf den ihnen durch die entlaubten Bäume das Wirthshaus ſichtbar wurde. „In der That prächtig, Sir,“ entgegnete Joe, ſich in ſeinem Steigbügel aufrichtend, um beſſer hin⸗ ſehen zu können.„Lichter in der großen Stube und Feuer in dem beſten Schlafgemach? Ei, da bin ich doch neugierig, was es für Gäſte ſeyn mögen!“ „Ein von der Nacht überfallener Reiter viel⸗ leicht, der nach London zu reiſen gedachte und ſich durch die wunderbaren Erzählungen über meinen Freund, den Straßenräuber, abſchrecken ließ, bei Nacht ſeinen Weg fortzuſetzen,“ meinte Edward. „Es muß ein Reiter von Stand ſeyn, daß man ihm dieſe Bequemlichkeiten zu Theil werden läßt. Obendrein Euer Bett— Sir!“ „Macht nichts, Joe. Jedes andere Zimmer iſt gut für mich. Aber komm— es ſchlägt neun Uhr. Wir müſſen uns beeilen.“ Sie galopirten ſo raſch, als es Joe's Zelter möglich war, vorwärts, und machten an dem kleinen Gebüſche Halt, wo der junge Willet am Morgen ſein Thier angebunden hatte. Edward ſtieg ab, gab die Zügel ſeinem Gefährten und ging mit leichten Tritten auf das Haus zu. Ein weiblicher Dienſtbote harrte an einer Sei⸗ tenpforte in der Gartenmauer und ließ ihn ohne Verzug ein. Er eilte den Teraſſenweg hinan und über eine breite Treppenflucht, welche nach einer alten, düſtern Halle fuͤhrte, deren Wände mit roſtigen Wappenſchildern, Hirſchgeweihen, Jagdgewehren und dergleichen Geräthen verziert waren. Hier machte er Halt, aber nicht auf lange; denn indem er ſich umſah, als erwarte er, daß das Dienſtmädchen ihm folge, und als wundere er ſich, daß es nicht ge⸗ ſchehe, erſchien ein liebliches Mädchen, deren dunkle Locken im nächſten Augenblick an ſeiner Bruſt ruhten. Faſt in demſelben Moment legte ſich eine ſchwere Hand auf ihren Arm; Edward fühlte ſich zurück⸗ geſtoßen, und Herr Haredale ſtand zwiſchen beiden. Er betrachtete den jungen Mann, ohne ſeinen Hut zu berühren, mit einem ſtrengen Blicke, ergriff mit der einen Hand ſeine Nichte, und winkte mit 239 der andern, in welcher er eine Reitpeitſche hielt, nach der Thüre. Der junge Mann richtete ſich auf und erwiederte ſeinen Blick. „Es iſt ſehr ſchön von Euch, Sir, mein Ge⸗ ſinde zu beſtechen und heimlich und ungebeten wie ein Dieb in mein Haus zu ſchleichen,“ ſagte Herr Haredale.„Entfernt Euch, Sir, und kehrt nie wieder zurück!“ „Miß Haredale's Anweſenheit,“ entgegnete der junge Mann,„und Eure Verwandtſchaft mit ihr geben Euch eine Freiheit, die Ihr, wenn Ihr ein Ehrenmann ſeyd, nicht mißbrauchen werdet. Ihr habt mich gezwungen, einen ſolchen Weg zu gehen; die Schuld liegt an Euch— nicht an mir.“ „Es iſt weder edelmüthig, noch ehrenvoll, und eben ſo wenig eines aufrichtigen Mannes würdig, Sir,“ erwiederte der Andere,„die Liebe eines ſchwa⸗ chen und vertrauenden Mädchens zu erſchleichen, während Ihr im Gefuühl Eures Unwerths vor ihrem Beſchützer und Vormund zurückbebt und das Licht des Tages ſcheut. Weiter habe ich Euch nichts zu ſagen, als daß ich Euch dieſes Haus verbiete und von Euch augenblickliche Entfernung verlange.“ „Es iſt weder großmüthig, noch ehrenhaft, und eben ſo wenig eines aufrichtigen Mannes würdig, den Spion zu ſpielen,“ verſetzte Edward.„Eure Worte legen mir ein ſchimpfliches Benehmen zur Laſt, aber ich weiſe ſie mit der Verachtung zurück, die ſie verdienen.“ 240 „Ihr werdet finden,“ entgegnete Herr Haredale ruhig,„daß Euer treuer Zwiſchenträger an dem Pförtchen, durch welches Ihr eintratet, wartet. Von Spioniren iſt keine Rede, Sir, denn ich ſah Euch durch das Pförtchen gehen und folgte Euch nach. Ihr hättet hören können, wie ich um Einlaß klopfte, wenn ihr weniger ſchnell auf den Beinen geweſen oder länger im Garten geblieben wäret. Habt die Güte, Euch zu entfernen. Eure Anweſenheit iſt beleidigend für mich und betrübend für meine Nichte.“ Mit dieſen Worten ſchlang er ſeinen Arm um das erſchreckte, weinende Mädchen und zog ſie näher an ſich. In dieſer Handlung lag augenſcheinlich ein wohlwollendes Gefühl und ein Ausdruck von Theil⸗ nahme an ihrem Kummer, obgleich im Uebrigen die Strenge ſeines Weſens nicht gemindert wurde. „Herr Haredale,“ ſagte Edward,„Euer Arm umfaßt jetzt diejenige, an die ich alle meine Ge⸗ danken und alle Hoffnungen meines Lebens geſetzt habe; denn um ihr auch nur das Glück einer Mi⸗ nute zu erkaufen, würde ich freudig in den Tod gehen. Dieſes Haus iſt der Schrein, der den köſt⸗ lichſten Edelſtein meines Daſeyns birgt. Eure Nichte hat mir Treue zugeſchworen, und ich leiſtete ihr denſelben Eid. Was habe ich gethan, daß Ihr mich ſo geringſchätzig behandelt und ſo unhöfliche Worte gegen mich gebraucht?“ „Ihr habt gethan, Sir, was ungeſchehen hätte bleiben ſollen,“ antwortete Herr Haredale.„Ihr — — 241 habt hier einen Liebesknoten geſchürzt, der wieder zerriſſen werden muß— merkt Euch, was ich ſage— muß! Ich löſe Eure gegenſeitigen Verpflichtungen. Ich verwerfe Euch und alle von Eurer Verwandt⸗ ſchaft— den ganzen falſchen, hohlen, herzloſen Troß!“ „Hochtönende Worte, Sir,“ entgegnete Edward verächtlich. „Inhaltsſchwere und bedeutungsvolle Worte, wie Ihr finden werdet,“ erwiederte der Andere. „Nehmt ſie Euch zu Herzen.“ „Nun denn, ſo laßt auch Euch geſagt ſeyn,“ verſetzte Edward:„Euer kalter und finſterer Cha⸗ rakter, der jedes Herz in Eurer Nähe zum Erſtarren bringt, die Liebe in Furcht verkehrt und Pflicht in Scheu umwandelt, hat uns gezwungen, den Weg des Geheimniſſes einzuſchlagen, ſo ſehr er auch un⸗ ſerm Weſen und unſern Wünſchen widerſtrebt, denen er jedenfalls weit fremder iſt, als Euern Geſin⸗ nungen, Sir. Ich bin weder falſch, noch hohl oder herzlos. Ein ſolcher Vorwurf laſtet auf Euch, der Ihr Euch jämmerlicherweiſe unterfangt, in der Ueberzeugung von dem Gegentheil und unter dem Schutz von Verhältniſſen, die ich vorhin angedeutet habe, ſolche beleidigende Worte auszuſtoßen. Ihr ſeyd nicht im Stande, ein Band zwiſchen uns zu löſen, denn ich werde meine Bewerbungen fortſetzen und baue auf die Treue und Ehre Eurer Nichte, daß ſie Eure Beſtrebungen vereiteln wird. Ich ver⸗ Boz XVI. Barnaby Rudge. 16 242 laſſe ſie, mit voller Zuverſicht zu ihrem Herzen, ohne Arg, dem Ihr nichts werdet anhaben können, und bedauere nur, daß ich ſie unter ſo rauhen Händen wiſſen muß.“ Mit dieſen Worten drückte er ihre kalte Hand an ſeine Lippen, warf abermals Herrn Haredale einen feſten Blick zu und entfernte ſich. Wenige mit Joe gewechſelten Worte erklärten demſelben hinreichend, was vorgefallen war und erneuerten mit zehnfältigen Qualen die Verzweiflung dieſes jungen Mannes. Sie beſtiegen ihre Pferde und ritten ſtumm nach dem Maibaum, an deſſen Thüre ſie mit ſchwerem Herzen anlangten. Der alte John ſah hinter ſeinem rothen Vor⸗ hang hervor, als die Reiter nach Hugh riefen, und eilte ſogleich hinaus, um dem jungen Herrn Cheſter den Steigbügel zu halten, bei welcher Gelegenheit er ihm mit großer Wichtigkeit mittheilte: „Er liegt bereits behaglich im Bette— dem beſten Bette. Ein ganz vortrefflicher Herr— der freundlichſte und leutſeligſte Gentleman, mit dem ich je zu thun hatte.“ „Wer, Willet?“ fragte Edward gleichgültig, als er abſtieg. „Euer würdiger Vater, Sir,“ verſetzte John. „Euer achtbarer und verehrungswürdiger Vater.“ „Was kann er damit meinen?“ ſagte Edward, mit der Miene der Unruhe und des Zweifels Ive anſehend. „Was wollt Ihr damit ſagen, Vater,“ fragte Joe.„Seht Ihr nicht, daß Herr Edward Euch nicht verſteht?“ „Ei, wußtet Ihr denn nichts davon, Sir,“ verſetzte John, die Augen weit aufſperrend.„Das iſt doch recht ſonderbar! Gott behüte,— er iſt ſeit Mittag hier. Herr Haredale hat lange mit ihm geſprochen und ſich erſt vor einer Stunde entfernt.“ „Mein Vater, Willet?“ „Ja, Sir, ſo ſagte er mir— ein ſchöner, ſchlanker, gerader Herr, in Grün und Gold. Er bewohnt Euer gewöhnliches Zimmer dort, Sir. Ohne Zweifel könnt Ihr noch zu ihm, Sir,“ ſagte John, indem er rückwärts in den Weg hinaustrat und nach dem Fenſter hinauf ſah.„Er hat ſeine Lichter noch nicht ausgelöſcht, wie ich ſehe.“ Edward ſchaute gleichfalls nach dem Fenſter und murmelte haſtig, es ſey ihm anders gekommen— er habe etwas vergeſſen— und müſſe nach London zurückkehren. Dann beſtieg er ſein Pferd wieder und ritt davon, die beiden Willets, Vater und Sohn, auf der Straße zurücklaſſend, die ſich gegen⸗ ſeitig in ſtummem Erſtaunen anſahen. 244 Fünfzehntes Kapitel. Um die Mittagszeit des nächſten Tages befand ſich John Willet's Gaſt in ſeiner eigenen Wohnung beim Frühſtück, von Begquemlichkeiten umgeben, gegen welche die im Maibaum himmelweit zurück⸗ blieben, indem eine Vergleichung zwiſchen beiden ungemein zum Nachtheile des genannten achtbaren Wirthshauſes hätte ausfallen müſſen. Auf dem breiten, altmodiſchen Fenſterſitze, der ſo geräumig wie viele moderne Sophas und durch die Polſter zu einem üppigen Kanapee umgewandelt war, dehnte ſich Herr Cheſter recht gemächlich neben dem wohlbeſetzten Frühſtücktiſche. Er hatte ſein Reitkleid gegen einen ſchönen Morgenrock und ſeine Stiefeln gegen Pantoffel vertauſcht, dabei ſich auch alle Mühe gegeben, für die mangelhafte Toilette des Morgens, da er ſich zu Pferd nicht hatte ge⸗ hörig verſehen können, Buße zu thun, und allmälig unter ſeiner behaglichen Umgebung die Müheſelig⸗ keiten einer ſchlechten Nacht und eines frühen Rittes vergeſſen, ſo daß er ſich jetzt in einem Zuſtande vollkommener Selbſtzufriedenheit und Indolenz befand. In der That war ſeine Lage auch eine ſolche, die recht wohl derartige Gefühle fördern mochte; denn des beſchwichtigenden Einfluſſes eines ſpäten und einſamen Frühſtücks nebſt der Beigabe einer einſchläfernden Zeitung nicht zu gedenken, umlagerte ſeinen Wohnplatz eine eigenthümliche Ruhe, die ihn ſelbſt in unſern Tagen, wo es doch weit rühriger und geſchäftiger zugeht, als vordem, noch nicht verlaſſen hat. Selbſt jetzt gibt es noch weit unbehaglichere Orte, als den Temple, wenn man ſich an einem ſchwülen Tage ſonnen oder müſſig im Schatten ruhen will. Es herrſcht eine gewiſſe Schläfrigkeit in ſeinen Höfen und eine träumeriſche Oede in ſeinen Bäumen und Gär⸗ ten; wer in den Gaſſen und Squaren umherwandelt, kann noch immer den Wiederhall der Fußtritte auf den tönenden Steinen hören und im Gegenſatze von dem Getümmel des Strandes oder der Fleet⸗ ſtraße ſich dem Gedanken hingeben, als ſtände hier an den Thoren geſchrieben, ‚wer in die Schranken von Temple eintritt, läßt alles Geräuſch hinter ſich.⸗ Noch hört man das Plätſchern des fallenden Waſſers in dem ſchönen Fountain Court, noch gibt es Winkel und Ecken, zu denen von Gläubigern verfolgte Stu⸗ denten aus ihren duſtern Dachſtübchen niederſchauen können, um einen irrenden Sonnenſtrahl aufzu⸗ fangen, der den tiefen Schatten der hohen Häuſer unterbricht und ſich ſelten die Mühe nimmt, die Geſtalt eines Vorubergehenden zu beleuchten. Noch athmet in dem Temple die mönchiſche Atmoſphäre, die keine Advokatenkanzlei zu ſtören, keine Juriſten⸗ firma zu verſcheuchen vermag. Im Sommer geben ſeine Pumpbrunnen dem durſtigen Spaziergänger kühlere, klarere und tiefere Quellen, als er ſonſt wo findet; er athmet Friſche, wenn überlaufende Krüge den erhitzten Grund befeuchten, ſeufzt, wirft einen traurigen Blick auf die Themſe, träumt von Bädern und Waſſerfahrten und ſchlendert zaghaft weiter. In einem Zimmer der Paper Buildings— einer Reihe ſchöner Wohnungen, die vorn von alten Bäumen beſchattet werden und hinten nach den Temple⸗Gärten hinausſehen— lungerte unſer Müſ⸗ ſiggänger, bald die Zeitung wieder aufnehmend, die er ſchon zum hundertſtenmale niedergelegt, bald mit den Ueberbleibſeln ſeines Mahles ſpielend, dann wieder ſeinen goldenen Zahnſtocher herausziehend und behaglich ſich im Zimmer umſchauend, oder durch das Fenſter nach den aufgeſtutzten Gar⸗ tengängen blickend, wo etliche frühe Spazier⸗ gänger bereits hin und her wandelten. Da traf ſich ein Liebespärchen, um ſich zu zanken und wieder gut zu werden, dort hatte ein ſchwarzaugiges Kinds⸗ mädchen weit beſſere Augen für die Studenten des Temples, als für ihren Pflegling, wahrend eine alte Jungfer, ihren Schooßhund an einem Bande führend, dieſe beiden ſchrecklichen Ungebührlichkeiten mit verächtlichen Seitenblicken betrachtete, und ein magerer alter Gentleman, der das Kindsmädchen beäugelte, mit gleicher Verachtung auf die Jungfrau ſah, Vermuthungen anſtellend, wie ſie wahrſcheinlich nicht wiſſe, daß ſie nicht länger jung ſey. Geſondert von dieſen gingen an dem Strande des Fluſſes 247 etliche Paar Geſchäftsleute auf und nieder, indeß ein junger Mann gedankenvoll und allein auf einer Bank ſaß. „Ned iſt erſtaunlich geduldig!“ ſagte Herr Cheſter, auf die letztgenannte einſame Perſon blickend, indem er ſeine Theetaſſe niederſetzte und zu dem goldenen Zahnſtocher ſeine Zuflucht nahm,„ungeheuer geduldig! Er ſaß ſchon dort, als ich meine Toilette begann, und hat ſeitdem kaum ſeine Stellung ver⸗ ändert. Ein höchſt excentriſcher Menſch!“ Als er ſo ſprach, ſtand der junge Mann auf und kam mit raſchen Schritten auf ihn zu. „'s iſt doch in der That, als ob er mich ge⸗ hört hätte,“ fuhr der Vater fort, indem er gähnend wieder zur Zeitung griff.„Lieber Ned!“ Die Thure ging auf und der junge Mann trat ein. Der Vater winkte ihm leicht mit der Hand und lächelte. „Habt Ihr Muße für ein kleines Geſpräch, Vater?“ begann Edward. „Gewiß, Ned. Ich habe immer Zeit. Du kennſt meine Conſtitution. Haſt du dein Frühſtück ſchon eingenommen?“ „Schon vor drei Stunden.“ „Nun, das nenne ich einmal früh aufſtehen!“ rief der Vater, ihn hinter ſeinem Zahnſtocher hervor mit einem matten Lächeln betrachtend.— „Aufrichtig geſprochen,“ ſagte Edward, indem er einen Stuhl herbeirückte und ſich an den Tiſch 248 ſetzte, eich habe in der letzten Nacht nur ſchlecht geſchlafen und war froh, als ich aufſtehen konnte. Der Grund meiner Unruhe muß Euch bekannt ſeyn, Vater, und gerade hievon wünſchte ich jetzt zu ſprechen.“ 4 „Mein lieber Sohn,“ entgegnete ſein Vater, „ich bitte, vertraue dich mir an. Aber du kennſt meine Conſtitution— mach's nicht zu lange, Ned.“ „Ich will kurz und einfach ſeyn,“ erwiederte Edward. „Sage nicht, du wolleſt es, mein guter Junge,“ verſetzte ſein Vater, die Beine übereinanderſchlagend, „oder es wird gewiß nichts daraus. Du haſt mir alſo mitzutheilen——* „Weiter nichts,“ erwiederte der Sohn mit be⸗ kümmerter Miene,„als daß ich weiß, wo Ihr geſtern Abend waret— denn ich war ſelbſt an Ort und Stelle— mit wem Ihr zuſammenkamt, und welchen Grund Eure Beſprechung hatte.“ „Was du da ſagſt!“ rief der Vater.„Nun, es freut mich ungemein, dieß zu hören. Es erſpart uns die Pein und das unangenehme Recken und Dehnen einer langen Erklärung— iſt alſo eine große Erleichterung für uns Beide. Alſo in dem Haus ge⸗ weſen? Warum kamſt du nicht zu mir hinauf? Es würde mich entzückt haben, dich zu ſehen.“ „Ich wußte, daß es beſſer ſeyn würde, was ich zu ſagen habe, nach der Ueberlegung einer Nacht vor⸗ ———+ u o N ð—— 249 zubringen, wenn wir Beide kälter ſeyn würden,“ ent⸗ gegnete der Sohn. „Ei der Tauſend, Ned,“ verſetzte der Vater,„ich fand es geſtern Abend kalt genug. Dieſer verwünſchte Maibaum! Der Baumeiſter hat es durch irgend einen hölliſchen Kniff dahin gebracht, daß das Haus den Wind fängt und friſch erhält. Du erinnerſt dich des ſcharfen Oſtwindes, der vor fünf Wochen wehte 7. Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß er die letzte Nacht noch in jenem alten Neſte ſauste, obgleich im Freien eine völlige Windſtille war. Aber du wollteſt ſagen—— „Ich wollte ſagen, und der Himmel weiß, daß es mein feierlicher Ernſt iſt— Ihr habt mich elend gemacht, Vater. Wollt Ihr mich einen Augenblick aufmerkſam anhören?“ „Mein lieber Ned,“ erwiederte der Vater,„ich will es mit der Geduld eines Einſiedlers thun. Willſt du ſo gut ſeyn, mir die Milch herüber zu reichen?“ „Ich ſah Miß Haredale geſtern Abend,“ nahm Edward wieder auf, nachdem er dem Wunſche ſeines Vaters entſprochen hatte.„Ihr Onkel verbot mir in ihrer Gegenwart und unmittelbar nach Eurer Zuſammenkunft, der ich dieß natürlich zu verdanken habe, das Haus, und befahl mir unter den kränkend⸗ ſten Ausdrücken, die, wie ich recht wohl weiß, von Euch eingegeben ſtnd, es auf der Stelle zu verlaſſen.“ „Auf Ehre, Ned, für ſein Benehmen dabei kann 250 ich nicht verantwortlich gemacht werden. Du mußt ihn indeß entſchuldigen— er iſt nur ein Bauer, ein Klotz, ein Vieh, ohne eine Spur von Lebensart.— In dem Milchnapf iſt eine Fliege.— Der erſte ſolche Menſch, den ich in dieſem Jahr geſehen habe.“ Edward ſtand auf und ſchritt im Zimmer auf und ab. Der unerſchütterliche Vater ſchlürfte ſei⸗ nen Thee. „Vater,“ ſagte der junge Mann, indem er end⸗ lich vor in hintrat,„mit dieſer Sache läßt ſich nicht ſpielen. Wir dürfen weder uns ſelbſt, noch uns gegenſeitig hintergehen. Laßt mich männlich und offen den Weg verfolgen, den ich einzuſchlagen wünſche, und ſtoßt mich nicht durch dieſe herzloſe Gleichgültigkeit zurück.“ „Ob ich gleichgültig bin, oder nicht,“ erwiederte der Andere,„will ich deiner Beurtheilung anheim⸗ ſtellen, mein lieber Junge. Ein Ritt von fünfund⸗ zwanzig oder dreißig Meilen auf ſchmutzigen Wegen — ein Mittagsmahl im Maibaum— eine téte à téte mit Haredale, was, ohne alle Eitelkeit, gewiß ganz in der Weiſe eines Oreſt und Pylades geſchah— ein Maibaumbett— ein Maibaumwirth— und eine Maibaumgeſellſchaft von Dummköpfen und Centau⸗ ren; wenn man ſich ſolchen Annehmlichkeiten frei⸗ willig unterzieht, lieber Ned, ſo möchte ich dich doch fragen, ob hier von Gleichgültigkeit, oder nicht viel mehr von einer alles Maß überſchreitenden Beſorgniß⸗ 251 Aufopferung und dergleichen eines Vaters geſprochen werden ſollte.“ „Ich wünſche, Vater,“ ſagte Edward,„daß Ihr in Erwägung zieht, in welche grauſame Lage ich verſetzt werde. Bei einer Liebe, wie ich ſie für Miß Haredale hege——* „Mein lieber Junge,“ unterbrach ihn der Vater mit einem mitleidigen Lächeln,„du hegſt nichts der Art— weißt gar nichts davon. Glaube mir, es gibt gar nichts ſolches. Ich gebe dir mein Wort darauf. Du haſt doch Verſtand, Ned,— einen guten Verſtand; und da kann ich mich nicht genug wundern, wie du dir ſo erſtaunliche Abgeſchmacktheiten zu Schulden kommen laſſen magſt. Du überraſcheſt mich in der That.“ „Ich wiederhole es,“ verſetzte der Sohn mit Feſtigkeit,„daß ich ſie liebe. Ihr habt es Euch zur Aufgabe gemacht, uns zu trennen, und bis zu der bereits genannten Ausdehnung iſt es Euch auch ge⸗ lungen. Darf ich Euch, ſo lange es noch Zeit iſt, bitten, von unſerer Liebe günſtiger zu denken, Vater, oder iſt es Eure Abſicht und Euer unabänderlicher Plan, uns auseinander zu reißen, wenn Ihr es ver⸗ mögt?“ „Mein lieber Ned,“ entgegnete ſein Vater, in⸗ dem er eine Priſe nahm und die Doſe dem Sohne zuſchob,„das iſt ohne allen Zweifel meine Abſicht.“ „Seit ich ihren Werth kennen zu lernen begann,“ erwiederte Edward,„iſt mir die Zeit ſo eigentlich im Traume dahingeſchwunden, daß ich bis jetzt kaum ein einzigesmal Muße gewann, über meine wahre Lage nachzudenken. Worin beſteht dieſe? Von Jugend auf bin ich an Ueppigkeit und Müßiggang gewöhnt, und in einer Weiſe erzogen worden, als ob ich ein großes Vermögen zu erwarten hätte, und meine Ausſichten unbeſchränkt wären. Mit dem Gedanken an Wohl⸗ leben hat man mich ſchon von der Wiege an ver⸗ traut gemacht, während man mich auf die Mittel, womit man ſich Reichthum und Auszeichnung er⸗ wirbt, als unter meiner Würde ſtehend herabſehen lehrte. Ich bin, wie man es nennt, liberal erzogen worden und paſſe zu nichts, bin alſo am Ende ganz von Euch abhängig, ohne weitere Hülfsquellen zu haben, als die mir Eure Gunſt bietet. In dieſer höchſt wichtigen Frage meines Lebens ſind unſere Anſichten verſchieden, und können, wie es ſcheint, nie in Einklang gebracht werden. Unwillkürlich bebte ich vor denen zurück, welchen ich, Eurem Drängen zu Folge, den Hof machen ſollte, und eben ſo ſehr verſchmähte ich die Beweggründe des Gewinnes und der Selbſtſucht, aus denen Euch ſolche Bewerbungen paſſend erſchienen. Wenn es nie zuvor zu einer ſo offenen Erklärung zwiſchen uns kam, Vater, ſo war es in der That nicht meine Schuld; und mag Euch auch jetzt meine Frage zu freimüthig erſcheinen, glaubt mir, Vater, ſo geſchieht es in der Hoffnung, daß für die Zukunft ein freierer Geiſt, ein würdigeres Ver⸗ 253. trauen und ein freundlicheres Einverſtändniß zwiſchen uns Platz greifen werde.“ „Mein guter Junge,“ entgegnete ſein Vater lä⸗ chelnd,„du rührſt mich wahrhaftig. Ich bitte, fahre fort, mein theurer Edward. Aber vergiß dein Verſpre⸗ chen nicht. Es liegt ein großer Ernſt, eine ungemeine Ehrlichkeit und eine augenfällige Aufrichtigkeit in allen deinen Worten; aber ich fürchte, leiſe Andeu⸗ tungen zu bemerken, als ov du Luſt hätteſt, langweilig zu werden.“ „Das bedaure ich ſehr, Vater.“ „Ich gleichfalls, Ned, aber du weißt, daß ich meinen Geiſt nicht lange Zeit mit einem und dem⸗ ſelben Gegenſtand beſchäftigen kann. Wenn du mit einemmale zur Sache kommen willſt, ſo werde ich mir wohl die Einleitungen denken und einen Sinn in's Ganze bringen können. Reiche mir doch noch einmal die Milch herüber. Das Zuhören macht mich ganz fieberiſch.“ „Was ich alſo ſagen will, zielt dahin ab,“ fuhr Edward fort,„ich kann dieſe unbedingte Abhängigkelt, und wäre es auch von Euch, nicht ertragen. Es iſt zwar viele Zeit und Gelegenheit verloren worden, aber ich bin noch jung und kann vielleicht alles wie⸗ der einbringen. Wollt Ihr mir Mittel an die Hand geben, meine Kräfte und Fähigkeiten irgend einem würdigen Zwecke zu widmen? Wollt Ihr mir ge⸗ ſtatten, daß ich den Verſuch mache, mir eine ehren⸗ volle Laufbahn zu eröffnen? Ihr mögt dann eine 254 Friſt beſtimmen— ſagt meinetwegen fünf Jahre— für die ich mich verpflichten will, in der Euch miß⸗ fälligen Sache keinen weiteren Schritt zu thun ohne Eure volle Genehmigung. Während dieſer Periode werde ich mit ſo viel Geduld und Ausdauer als ein Menſch ihrer nur fähig iſt, mir eine Zukunft zu bereiten bemüht ſeyn, um Euch von einer Bürde zu befreien, die ich Euch, wie ich fürchte, wohl werden müßte, wenn ich ein Mädchen heirathete, deren Hauptmitgift in ihrem innern Werthe und ihrer Schönheit beſteht. Wollt Ihr ſo, Vater? Nach Ab⸗ fluß dieſes Termins können wir dieſen Gegenſtand wieder zur Sprache bringen. Bis dahin aber ſoll alles beruhen bleiben, wenn Ihr es nicht ſelbſt in Anregung bringt.“ „Mein lieber Ned,“ verſetzte ſein Vater, indem er die Zeitung, welche er nachläßig durchblättert, niederlegte, und ſich in ſeinem Fenſterſitz zurücklehnte, „ich meine, du könnteſt wiſſen, wie ſehr mir die ſo⸗ genannten Familienangelegenheiten zuwider ſind, die auch nur für die Weihnachten gemeiner Leute, keines⸗ wegs aber für Perſonen unſeres Standes paſſen. Ehe wir aber auf einer irrigen Anſicht fortbauen, Ned— auf einer durchaus irrigen Anſicht— ſo will ich meine Abneigung, mich in ſolche Dinge ein⸗ zulaſſen, überwinden, und dir eine vollkommen klare und aufrichtige Antwort geben, wenn du ſo gut ſeyn willſt, die Thüre zu ſchließen.“ Nachdem Eduard gehorcht hatte, nahm der alte 25⁵ Herr Cheſter ein elegantes kleines Meſſer aus ſeiner Taſche, ſchnitt ſich die Nägel damit und fuhr fort: „Du haſt es mir zu verdanken, Ned, daß du einer guten Familie angehörſt; denn deine Mutter war zwar eine ganz charmante Perſon und verließ mich faſt mit einem gebrochenen Herzen und ſo weiter, als ſie ſich genöthigt ſah, ſo frühe unſterblich zu werden— aber ſie konnte ſich ihres Standes nicht ſehr rühmen.“ „Ihr Vater war wenigſtens ein ausgezeichneter Rechtsgelehrter,“ ſagte Eduard. „Ganz wohl, Ned; vollkommen richtig. Er ſtand hoch bei den Gerichten und verband mit einem großen Namen auch einen großen Reichthum; aber er war von Nichts ausgegangen— ich habe immer meine Augen gegen den Umſtand verſchloſſen und beharrlich verſucht, mich der Betrachtung zu erwehren— ich fürchte jedoch, ſein Vater machte in Schweinen Ge⸗ ſchäfte und handelte einmal ſogar mit Kuhfüßen und Würſten. Nun, er wünſchte, ſeine Tochter in eine gute Familie zu verheirathen, und dieſer ſein Herzens⸗ wunſch ging in Erfüllung. Ich war der jüngere Sohn eines jüngeren Sohnes und heirathete ſie. Jedes von uns erreichte dadurch ſeinen Zweck. Sie kam mit einemmale in die gebildetſten und beſten Cirkel, und ich in den Beſitz eines Vermögens, das, ich verſichere dich, zu meiner Gemächlichkeit ſehr nöthig und eigentlich ganz unerläßlich war. Nun aber, mein guter Junge, gehört dieſes Vermögen 256 unter die Dinge, die geweſen ſind. Es iſt fort, Ned, und war ſchon dahin— wie alt biſt du? ich ver⸗ geſſe es immer.“ „Siebenundzwanzig, Vater.“ „Was du ſagſt?“ rief ſein Vater, ſeine Augen⸗ lieder mit mattem Erſtaunen aufſchlagend.„So alt ſchon? Dann muß ich dir ſagen, Ned, daß die letzten Reſte davon, ſo viel ich mich erinnern kann, vor un⸗ gefähr achtzehn oder neunzehn Jahren aus dem Be⸗ reiche menſchlicher Spähekunſt verſchwunden ſind. Um dieſe Zeit ungefähr war es, als ich in den Beſitz dieſer Zimmer kam— ſie gehörten einmal deinem Großvater und, wurden von beſagter außerordentlich achtbaren Perſon auf mich vererbt— und von einem ſehr unbedeutenden Jahrgehalt und von meiner frühe⸗ ren Reputation zu leben anfing.“ „Ihr ſcherzt mit mir, Vater,“ ſagte Edward. „Nicht im Geringſten, kann ich dich verſichern,“ verſetzte ſein Vater mit großer Faſſung.„Solche Familiengeſchichten ſind ſo ungemein trocken, daß ich mit Bedauern ſagen muß, ſie geſtatten durchaus keine derartigen Hebepunkte. Aus dieſem Grunde, und weil ſie ſo nach Geſchäftsſachen ſchmecken, ſind ſie mir auch im Innerſten meiner Seele zuwider. Nun, das Uebrige weißt du. Ein Sohn, Ned, der nicht alt genug iſt, um als Gefährte zu gelten— das heißt, der nicht etwa zwei oder dreiundzwanzig Jahre zählt, gehört nicht zu einem Schlage, den man gerne um ſich hat. Er iſt ein Zwang für den Vater und 257 der Vater ein Zwang für ihn, weßhalb ſie ſich ge⸗ genſeitig das Leben unbehaglich machen. Du haſt daher in den letzten vier Jahren etwa— ich habe ein ſchlechtes Zahlengedächtniß, und ich müßte ſehr irren, wenn du das meinige nicht im Geiſte corri⸗ girteſt— in der Entfernung deinen Studien obge⸗ legen und dir viele Kenntniſſe erworben. Hin und wieder brachten wir ein paar Wochen gemeinſchaft⸗ lich hier zu, und beengten uns gegenſeitig, wie es bei ſo nahen Verwandten nicht anders ſeyn kann. Endlich kamſt du nach Hauſe. Ich geſtehe dir ehr⸗ lich, mein lieber Junge, daß ich dich hätte nach irgend einem fernen Landtheil transportiren laſſen, wenn du linkiſch und eigenſinnig geweſen wäreſt.“ „O wollte Gott, Ihr hättet es gethan, Vater!“ rief Edward. „Nein, das iſt nicht dein Ernſt, Ned,“ fuhr der Vater ruhig fort.„Ich verſichere dich, dieß iſt nur eine Selbſttauſchung. Ich fand in dir einen hübſchen, einnehmenden, eleganten Burſchen, und brachte dich in die Geſellſchaft, die mir noch zu Gebote ſteht. Da ich dieß gethan, mein Sohn, ſo glaube ich, für dein Fortkommen im Leben geſorgt zu haben, und rechne darauf, daß du in deſſen Erwiederung auch etwas für mich thuſt.“ „Ich verſtehe nicht, was Ihr damit meint, Vater.“ „Der Sinn meiner Worte iſt klar, Ned— ich bemerke wieder eine Fliege in der Rahmkanne, aber Boz XVI. Barnaby Rudge. 4 17 258 ſey ſo gut, und laß ſie dießmal drinnen, denn es iſt äußerſt unangenehm, ſie mit ihren milchigen Füßen umherſpazieren zu ſehen— ich meine nämlich, daß du thun mußt, was ich that: auf eine gute Heirath abheben und dich in möglichſt vortheilhaftem Lichte zeigen.“ „Als bloßer Glücksritter?“ rief der Sohn un⸗ willig. „Und was in Teufels Namen möchteſt du denn ſeyn, Ned?“ entgegnete der Vater.„Alle Menſchen ſind Glücksritter, oder etwa nicht? Die Gerichtshöfe, die Kirche, der Hof, das Lager— ſiehſt du nicht, wie ſich's allenthalben mit Glücksrittern drängt, die ſich in Verfolgung ihrer Zwecke die Beine unter⸗ ſchlagen? Die Börſe, der Lehrſtuhl, das Comtoir, die königlichen Vorzimmer, der Senat— was triffſt du dort anders, als Glücksritter? Ja, ein Glücks⸗ ritter! Du biſt einer, und würdeſt nichts anders ſeyn können, mein lieber Ned, wenn du der größte Höfling, Rechtsgelehrte, Geſetzgeber, Prälat oder Kaufmann auf der ganzen Erde wäreſt. Biſt du eckel und ſetzt dir die Moral zu, Ned, ſo tröſte dich mit der Betrachtung, daß im ſchlimmſten Falle deine Glücksritterſchaft nur eine einzige Perſon elend oder unglücklich machen kann. Meinſt du nicht, daß die Uebrigen von der Sippſchaft im Verlaufe ihres Ren⸗ nens Hunderte, ja Tauſende mit einem Tritt zer⸗ quetſchen?“ n⸗ 259 Der junge Mann ſtützte den Kopf auf ſeine Hand und ſchwieg. „Ich bin ganz entzückt,“ ſagte der Vater auf⸗ ſtehend und langſam im Zimmer hin⸗ und hergehend, wobei er mitunter ſtehen blieb, um ſich im Spiegel zu beſchauen, oder mit einer Kennermiene ein Ge⸗ mälde zu lorgnettiren,„daß es zu dieſer Unterredung gekommen iſt, Ned, ſo unbehaglich ſie auch ſeyn mag. Sie bringt ein wahrhaft erfreuliches Vertrauen zwiſchen uns zu Wege und war gewiß ſehr nothwen⸗ dig, obgleich ich geſtehe, daß ich nicht begreife, wie du je über unſere Stellung und unſere Plane im Irrthum ſeyn konnteſt. Ich war der Meinung, daß alle dieſe Punkte ſtillſchweigend zwiſchen uns abge⸗ macht ſeyen, bis ich von deiner Neigung zu dem Mädchen hörte.“ „Ich kannte zwar die Beſchränktheit Eurer Ver⸗ hältniſſe, Vater,“ entgegnete der Sohn, indem er ſeinen Kopf für einen Augenblick aufrichtete und ihn dann gleich wieder in ſeine vorige Lage zurückſinken ließ,„aber es fiel mir nicht entfernt ein, daß wir ſo gar bettelarm wären, wie Ihr ſagt. Wie hätte ich auch etwas ſolches ahnen können bei der Erzie⸗ hung, wie ſie mir ertheilt wurde, bei dem Leben, das Ihr immer führtet, und bei der Außenſeite, die Ihr immer zur Schau trugt?“ „Mein liebes Kind,“ ſagte der Vater—„denn du ſprichſt in der That ſo kindiſch, daß ich dich nicht anders nennen kann— du wurdeſt nach einem ſehr 17* 260 überlegten Prinzip erzogen, denn ich verſichere dich, gerade die Art deiner Erziehung erhielt meinen Kredit zum Bewundern aufrecht. Auch konnte ich durchaus nicht anders leben, Ned, denn ich muß dieſe kleinen Gemächlichkeiten um mich haben, da ich ſtets an ſie gewöhnt war und jetzt nicht mehr ohne ſie exiſtiren kann. Du ſiehſt, ich muß ſie haben, und deßhalb ſind ſie da. Was unſere Verhältniſſe betrifft, Ned, ſo magſt du dich über dieſen Punkt immerhin beru⸗ higen. Sie ſind verzweifelt. Dein eigenes Auftreten iſt nichts weniger als verächtlich, und unſer vereintes Taſchengeld frißt allein ſchon unſer Einkommen auf. Dieß iſt der treue Stand der Dinge.“ „Ach, warum habe ich dieß nicht ſchon früher gewußt; warum ermuntertet Ihr mich, Vater, einen Aufwand zu machen und ein Leben zu führen, wozu wir durchaus kein Recht haben!“ „Mein guter Junge,“ erwiederte der Vater mit einer mitleidigern Miene als je,„wenn du nicht Aufſehen erregteſt, wie könnteſt du je auf der Lauf⸗ bahn, die ich dir vorgezeichnet habe, dein Glück machen? Was unſere Lebensweiſe anbelangt, ſo hat jeder Menſch das Recht, ſie einzurichten, ſo gut es geht, und ſich's ſo bequem zu machen, als er kann, ſonſt iſt er ein unnatürlicher Schuft. Unſere Schul⸗ den ſind freilich ſehr groß, aber um ſo mehr ziemt es dir als einem jungen Mann von Ehre und Grund⸗ ſätzen, ſie ſo ſchnell als möglich zu tilgen.“ „Ha, welche Schurkenrolle mußte ich bisher —— NK—— ſpielen!“ murmelte Edward.„Ich— das Herz von Emma Haredale gewinnen! Ach, um ihretwillen wünſchte ich, ich wäre lieber geſtorben!“ „Ich bemerke mit Vergnügen, daß du einſiehſt, Ned,“ entgegnete ſein Vater,„wie ſonnenklar es iſt, daß ſich in dieſer Richtung nichts machen läßt. Doch abgeſehen davon und von der Nothwendigkeit, daß du dich ſchleunig nach einer andern umſehen ſollteſt (und du weißt, daß dieß morgen geſchehen könnte, wenn du nur wollteſt), ſo möchte ich auch, daß du die Sache von einer heiterern Seite betrachteteſt. Schon im religiöſen Geſichtspunkte beſehen— wie konnteſt du je daran denken, dich mit einer Katho⸗ likin zu verehlichen, wenn ſie nicht überaus reich iſt — du, der du als Abkömmling einer proteſtantiſchen Familie, wie die unſrige iſt, ein eingefleiſchter Pro⸗ teſtant ſeyn ſollteſt? Wir müſſen moraliſch ſeyn, Ned, oder wir ſind Nichts; und ſelbſt, wenn ſich dieſer Einwurf beſeitigen ließe, was übrigens un⸗ möglich iſt, ſo tritt uns wieder ein anderer in den Weg, der vollends ein unlöslicher Riegel iſt. Schon der Gedanke, ein Mädchen zu heirathen, deſſen Vater geſchlachtet wurde, wie ein Kalb! Guter Gott, Ned, wie unangenehm. Bedenke doch auch, daß du un⸗ möglich unter ſolchen mißliebigen Umſtänden vor dei⸗ nem Schwiegervater Reſpekt haben könnteſt— daß er von Geſchworenen beaugenſcheinigt und von den Leichenſchauern unterſucht wurde— und dann noch ſeine ſehr zweifelhafte Stellung in der Familie nach⸗ her. Mir kömmt die ganze Sache ſo undelikat vor, daß ich in der That der Meinung bin, man hätte das Mädchen von Staatswegen aus der Welt ſchaf⸗ fen ſollen, um auch nur einem Gedanken daran vor⸗ zubeugen. Aber ich ermüde dich vielleicht. Du biſt wohl lieber allein? Lieber Ned, mit allem Vergnü⸗ gen. Gott behüte dich. Ich gehe ſogleich aus, aber wir werden uns auf den Abend, oder doch ſicherlich morgen wieder ſehen. Nimm dich inzwiſchen in Acht — um unſerer Beider willen. Du biſt eine Perſon von großer Wichtigkeit für mich, Ned— von unge⸗ heurer Wichtigkeit, in der That. Gott befohlen!“ Der Vater hatte, während er dieſe Worte nach⸗ läßig und unzuſammenhängend hinwarf, vor dem Spiegel ſeine Halsbinde feſtgeknüpft und entfernte ſich jetzt, im Gehen ein Liedchen ſummend. Der Sohn, welcher ſo in Gedanken verloren ſchien, als hätte er weder etwas davon gehört noch verſtanden, blieb ſtill und ruhig ſitzen. Nach Verfluß von un⸗ gefähr einer halben Stunde ging der ältere Cheſter prächtig geputzt aus; der jüngere hatte noch immer den Kopf auf die Hand geſtützt und ſchien in einer Art von Betäubung zu verharren. 263 Sechzehntes Kapitel. Eine Reihe von Gemälden, welche das nächtliche Treiben in den Straßen von London, wie es ſich in der verhältnißmäßig noch gar nicht alten Periode unſerer Geſchichte geſtaltete, darſtellen wollte, würde dem Auge ein ſo ganz anderes Bild geben, als wir es heutzutage ſehen, daß es dem Beſchauer ſchwer fallen dürfte, ſeine bekannten Spaziergänge in dem Aeußeren, das ſie vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert hatten, wieder zu erkennen. Die Straßen waren ſammt und ſonders, von der breiteſten und beſten bis zur ſchmalſten und unbeſuchteſten ſehr dunkel. Die Oellampen brannten, obgleich ſie in langen Winternächten regelmäßig zwei⸗ oder dreimal geputzt wurden, im günſtigſten Falle nur matt, und in ſpäteren Stunden, wenn die Bei⸗ hülfe der Lampen und Kerzen in den Läden aufge⸗ hört hatten, warfen ſie nur einen ſchmalen Streifen ungewiſſen Lichtes auf den Weg, ohne die vorſprin⸗ genden Thüren und die Vorderſeite der Häuſer zu erreichen, die im tiefſten Dunkel begraben blieben. Viele Höfe und Gaſſen blieben in völliger Finſterniß, und ihnen gegenüber waren diejenigen, in welchen je nach zwanzig Häuſern ein Lichtlein flimmerte, nicht wenig begünſtigt. Doch auch an dieſen Orten hat⸗ ten die Bewohner oft gute Gründe, ihre Lampe ſo⸗ gleich wieder auszulöſchen, ſobald ſie angezündet war, was ganz nach Belieben geſchah, da die Wachmann⸗ ſchaft nicht Macht genug beſaß, es zu verhindern. So gab es denn ſogar in den hellſten Straßen an jeder Wendung irgend eine dunkle und gefährliche Stelle, wohin ein Dieb ſich flüchten konnte und nur wenige ihn verfolgen mochten. Dabei war die Altſtadt rund umher von Feldern, grünen Heckengaſſen, öden Grün⸗ den und einſamen Straßen umgeben und durch dieſen Gürtel von den Vorſtädten, die ſich jetzt enge an⸗ ſchließen, getrennt, ſo daß ſelbſt bei einer hitzigen Verfolgung die Flucht leicht bewerkſtelligt werden konnte. Kein Wunder, daß unter ſo günſtigen Verhält⸗ niſſen ſelbſt im Herzen von London die Landſtraßen⸗ induſtrie in voller und unabläſſiger Thätigkeit war. Man hörte allnächtlich von Straßenraub, oft beglei⸗ tet von grauſamer Verſtümmelung und nicht ſelten von Mordthaten, ſo daß ruhige Leute ſich nur mit großer Angſt nach dem Schluſſe der Läden außer den Häuſern blicken ließen. Ging Jemand allein um Mitternacht nach Hauſe, ſo hielt er ſich gewöhnlich in die Mitte der Straße, um ſich beſſer gegen den Ueberfall eines lauernden Gauners ſchützen zu kön⸗ nen; und nur wenige wagten es, in ſpäter Stunde ohne Bewaffnung oder Geleite nach Kentiſhtown oder Hampſtead, oder nur nach Kenſington oder Chelſea zu gehen, während der lauteſte und tapferſte Knei⸗ penheld froh war, einen Fackeljungen als Geleits⸗ —· n— 26⁵ mann miethen zu können, wenn er auch nur einen Gang von einer Meile zu machen hatte. Doch hatten damals die Straßen von London auch noch viele andere nicht ganz ſo unangenehme charakteriſtiſche Merkmale, die noch aus älteren Zeiten ſtammten. Einige der Läden, vorzüglich die im Oſten von Temple⸗Bar, hafteten noch an der alten Gewohn⸗ heit, ein Schild auszuhängen, und das Knarren und Schwingen ſolcher Bretter in ihren Eiſenrahmen, wenn es hübſch windete, bildete ein wunderliches und klägliches Conzert für die Ohren derjenigen, welche noch wach im Bette lagen oder durch die Straßen eilten. Lange Reihen von Sänften und Gruppen von Trägern, welchen gegenüber die Kutſcher heuti⸗ ger Zeit noch fein und höflich ſind, hemmten den Weg und erfüllten die Luft mit Geſchrei; Nachtkeller, kennbar durch einen kleinen Lichtſtreif, der über das Trottvir bis in die Mitte der Straßen lief, und durch das gedämpfte Gebrüll von Stimmen unten, gähnten dem Auswurf beider Geſchlechter entge⸗ gen; unter jedem Schuppen verſpielte ein kleines Häuflein Fackeljungen den Verdienſt des Tages; oder wenn einer müder war, als die übrigen, ſo legte er ſich zum Schlafen nieder und ließ den Reſt ſeiner Fackel ziſchend auf den Boden fallen. Dann kam auch der Nachtwächter mit Stab und Laterne, um die Stunde und das Wetter auszurufen, und diejenigen, welche ob dem Tone ſeiner Stimme erwachten und ſich im Bette umdrehten, freuten ſich, wenn ſie hörten, daß es regnete, ſchneiete, windete oder fror, weil ſie's ſelbſt ſo behaglich hatten. Der einſame Straßengänger wurde durch das Geſchrei der Sänftenträger:„Mit Erlaubniß da!“ aufgeſchreckt, wenn ihrer zwei mit ihrem leeren Kaſten, den ſie verkehrt trugen, um zu zeigen, daß er leer ſey, an ihm vorbeikamen und nach dem nächſten Stande eil⸗ ten. Auch manche Privatſänfte mit irgend einer ſchönen Dame in ihrem ungeheuern Reifrock und Kleiderbeſatz, voraus Lakaien mit Fackeln, für welche noch heutzutage an manchen beſſern Häuſern Löſcher angebracht ſind— erleuchtete in ihrem Dahinſchau⸗ keln den Weg, um ihn nachher nur noch dunkler und unheimlicher erſcheinen zu laſſen. Dann war es bei der genannten Lakaienhonoratiorenſchaft, die ſich be⸗ deutend hoch trug, nicht ungewöhnlich, während des Wartens auf ihre Herrſchaften in der Bedientenhalle Händel anzufangen, bei welcher Gelegenheit man gegenſeitig an Ort und Stelle, oder auf der Straße draußen, über einander herfiel und den Kampfplatz mit Puder, Bruchſtücken von Beutelperücken und zerfetzten Blumenſträußen beſtreute. Das Spiel— ein Laſter, das unter allen Klaſſen gedeihlich wu⸗ cherte, da die Mode natürlich von oben ausgegangen war— war in der Regel die Urſache ſolcher Schar⸗ mützel; denn Karten und Würfel wurden in den Salons, wie in den Geſindeſtuben offen gehandhabt, allenthalben das gleiche Unheil ſtiftend und die gleiche Aufregung veranlaſſend. Während ſolche Vorfälle N -V u S 21 267 im Weſtende der Stadt bei Muſik, Tanz und Mas⸗ kenſpiel ſich zutrugen, holperten die ſchweren Land⸗ kutſchen und die kaum ſchwereren Frachtwagen langſam der City zu, Kutſcher, Geleite und Paſſagiere bis an die Zähne bewaffnet, und die Kutſche ſelbſt— viel⸗ leicht einen Tag verſpätet, aber das wäre noch anzu⸗ nehmen— beraubt von Heerſtraßenrittern, die ſich kein Bedenken daraus machten, vereinzelt eine ganze Ca⸗ ravane von Gütern und Menſchen anzugreifen, und bisweilen auch etliche Reiſende todtſchoßen, oder, je nachdem es kam, ſelbſt todtgeſchoſſen wurden. Am Morgen nach einer ſolchen wagehalſigen That beſprach man allenfalls die Sache einige Stunden durch die Stadt, und die Galgenprozeſſion einiger feinen, auf das modernſte gekleideten, halbbetrunkenen Gentlemen, die den Geiſtlichen mit unausſprechlicher Ritterlichkeit und Anmuth verfluchten, verſchaffte der Bevölkerung zumal eine angenehme Aufregung und ein geſundes, nachdrückliches Exempel. Unter allen den gefährlichen Charakteren, die bei einem ſolchen geſellſchaftlichen Zuſtande Nachts in der Hauptſtadt umher ſchlichen und lauerten, war ein einziger Mann, vor dem viele, wenn ſie auch eben ſo wild und ungeſchlacht waren, als er, mit unwillkürlicher Scheu zurückbebten. Man fragte oft, wer er ſey, oder woher er käme; aber niemand wußte darauf zu antworten. Sein Name war un⸗ bekannt; man hatte ihn erſt ſeit etwa acht Tagen zum erſtenmal geſehen, und ſo war er denn den alten Spitzbuben, in deren Schlupfwinkel er ſich furchtlos wagte, nicht minder fremd, als den jungen. Er konnte kein Spion ſeyn, denn er entfernte ſeinen breitkrämpigen Hut nie, damit er allenfalls umher⸗ ſchauen könnte, ließ ſich mit niemanden in Geſpräche ein, achtete nicht auf die Vorgänge, hörte auf keine Unterhaltung und merkte weder auf die Kommenden noch auf die Gehenden. Aber ſo bald die Nacht ſtille war, traf man auch dieſen Mann unabänder⸗ lich mitten in dem wilden Getümmel des Nacht⸗ kellers, wohin Geſindel von allen Abſtufungen ſeine Zuflucht nahm, und dort ſaß er bis zum Morgen. Aber nicht allein bei ihren zügelloſen Feſten er⸗ ſchien er als ein Geſpenſt— als ein Etwas, das ihnen mitten in ihrer Schlemmerei das Blut erſtarren machte— ſondern auch im Freien war er der gleiche. Sobald es dunkel wurde, befand er ſich auf der Straße— nie von jemand begleitet, ſondern ſtets allein; nie zögernd oder lungernd, ſondern ſtets im raſchen Gange, wobei er— wie diejenigen, welche ihn geſehen hatten, erzählten— von Zeit zu Zeit über ſeine Schulter ſah und dann ſeine Schritte noch mehr beſchleunigte. In den Feldern, Gaſſen und Straßen, durch alle Viertel der Stadt— im Oſten, Weſten, Norden und Süden— hatte man dieſen Mann wie einen Schatten dahin gleiten ſehen. Er hatte immer Eile. Diejenigen, welche ihm begeg⸗ neten, ſahen ihn vorbeihuſchen, bemerkten noch, wie 269 er allenfalls rückwärts ſchaute, und verloren ihn ſo in der Finſterniß. Dieſe beſtändige Unruhe und das blitzartige Hin⸗ und Herzucken gab zu manchen ſeltſamen Ge⸗ ſchichten Veranlaſſung. Man hatte ihn an ſehr weit von einander entfernten Orten zu faſt gleicher Zeit geſehen, ſo daß einige zweifelhaft waren, ob es nicht ihrer zwei oder noch mehrere gebe— während an⸗ dere ſich mit Muthmaßungen trugen, ob er nicht durch übernatürliche Mittel von einem Orte zum andern gelange. Der Gaſſendieb hatte ihn am Rand des Grabens in dem er verborgen lag, wie ein Ge⸗ ſpenſt vorbeigleiten ſehen; der Vagant war ihm Nachts auf der Landſtraße begegnet; der Bettler konnte erzählen, wie er ihn auf der Brücke traf, nach dem Waſſer hinunterſehend und dann wieder weiter eilend; die Auferſtehungsmänner wollten mit einem Eid bekräftigen, daß er auf den Kirchhöfen ſchlafe, denn ſie hatten geſehen, wie er bei ihrer Annäherung unter den Gräbern wegſchlich. Und während ſie ſich gegenſeitig ſolche Geſchichten erzähl⸗ ten, ſah ſich vielleicht einer um und zupfte ſeinen Nachbar am Aermel— denn da war er mitten un⸗ ter ihnen. Endlich entſchloß ſich ein Mann, es war einer von denen, die mit geraubten Leichen Geſchäfte machten— dieſen wunderlichen Kauz ins Verhör zu nehmen; und als letzterer am nächſten Abend ſein ärmliches Mahl gierig verſchlang(man bemerkte, daß dieß immer der Fall war, als ob er kein an⸗ deres den Tag über genöße), machte ſich der Leichen⸗ räuber dicht an ſeine Seite. „Eine finſtere Nacht, Meiſter!“ „Ja, es iſt eine finſtere Nacht.“ „Sogar noch dunkler als die letzte, die doch auch wie Pech war. Kam ich nicht bei dem Schlag⸗ baum auf dem Orfordwege an Euch vorüber? „Wohl möglich, ich weiß es nicht.“ „Ei, Meiſter, rief der der durch die Blicke ſeiner Kameraden ermuthigte Burſche, indem er ihn auf die Schulter klopfte:„Ihr ſolltet auch ein bischen geſelliger und mittheilſamer ſeyn. Spielt mehr den Gentleman in dieſer guten Geſellſchaft. Da gehen Gerüchte unter uns, Ihr hättet Euch dem Teufel verkauft, und weiß Gott, was ſonſt noch.“ „Iſt das nicht bei uns allen der Fall!“ ent⸗ gegnete der Fremde, aufſtehend.„Wäre die Zahl kleiner, ſo gäbe es vielleicht auch beſſern Lohn.“ „Es geht Euch freilich etwas hart,“ ſagte der Leichendieb, als der Fremde auf ſein hageres, unge⸗ waſchenes Geſicht und ſeine zerriſſene Kleider zeigte. „Doch, was macht's? Seyd heiter, Meiſter. Ver⸗ ſucht's einmal mit einer Strophe von einem lärmen⸗ den Liede.“— „Singt ſelbſt, wenn's Euch darnach gelüſtet,“ entgegnete der Andere, indem er ihn rauh abſchüt⸗ telte,„und rührt mich nicht an, wenn Ihr klug ſeyd. Ich habe Waffen bei mir, die leicht losgehen— es 271 iſt ſonſt ſchon geſchehen— und es iſt für Fremde, die den Vortheil nicht wiſſen, nicht gerathen, Hand an mich zu legen.“ „Wie, Ihr droht?“ erwiederte der Kerl. „Ja,“ antwortete der Andere, indem er auf ſtand, den Sprecher in's Auge faßte und dann mit wilden Blicken um ſich ſah, als verſehe er ſich eines allgemeinen Angriffs. Seine Stimme, ſein Blick und ſeine Haltung— alles der Ausdruck der wildeſten Rückſichtsloſigkeit und Verzweiflung— ſchüchterten die Umſtehenden ein, ſo daß ſie zurückwichen. Der Schauplatz war zwar jetzt ein anderer, aber doch übte ſein Beneh⸗ men ſo ziemlich dieſelbe Wirkung, welche es in dem Wirthshauſe zum Maibaum hervorgebracht hatte. „Ich bin, was Ihr alle ſeyd, und lebe, wie Ihr alle lebt,“ ſprach der Mann ernſt, nach einer kurzen Pauſe.„Ich verſtecke mich hier, wie die andern, und wenn wir überraſcht werden ſollten, ſo ſtehe ich vielleicht dem Beſten von Euch nicht nach. Wenn ich in der Stimmung bin, mir ſelbſt überlaſſen zu bleiben, ſo ſtört mich nicht. Andernfalls,“— und hier ſchwor er einen ſchrecklichen Eid—„gibt's Unglück an dieſem Platze, und wenn man zu Dutzen⸗ den mit mir anbände.“ Ein leiſes Gemurmel, das vielleicht ſeinen Grund in der Furcht vor dem Manne und in dem ihn um⸗ gebenden Geheimniß hatte, möglicherweiſe aber auch aus der aufrichtigen Meinung eines Theils der An⸗ 272 weſenden entſprang, daß es unpaſſend ſey, ſich all⸗ zuneugierig in die Privatangelegenheiten eines Gentle⸗ mans zu mengen, wenn dieſer ſie für ſich behalten wolle— bedeutete dem Kerl, der zu dieſem Wort⸗ wechſel Anlaß gegeben hatte, es ſey am beſten, nicht weiter fortzufahren. Bald nachher legte ſich der Fremde auf eine Bank zum Schlafen nieder, und als man ſich ſpäter wieder ſeiner erinnerte, fand man, daß er fort war. Mit dem eintretenden Dunkel des nächſten Abends ſtreifte dr wieder durch die Straßen und machte mehr als einmal vor der Wohnung des Schloſſers Halt; aber die Familie war ausgegangen und das Haus verſchloſſen. Er ging über die Londonbrücke nach Southwark. Als er in ein Nebengäßchen ſchlüpfte, bemerkte er eine Frau mit einem kleinen Korb an dem Arme, welche an dem anderen Ende hereinbog, worauf er alsbald unter einem Bogenwege Schutz ſuchte und ſeitlich ſtehen blieb, bis ſie vorüber war. Dann tauchte er vorſichtig aus ſeinem Verſtecke auf und folgte ihr. Sie ging in mehrere Läden, um allerhand Hausbedarf einzukaufen, und wo ſie immer Halt machen mochte, umkreiste er den Ort, wie ein böſer Geiſt, hinter ihr d'rein gehend, ſo oft ſie wieder zum Vorſchein kam. Es war gegen eilf Uhr, und die Menſchen verloren ſich mehr und mehr aus den Straßen, als ſie umkehrte, ohne Zweifel, um nach 273 Hauſe zu gehen. Das Geſpenſt folgte ihr noch immer. Sie trat wieder in dieſelbe Nebengaſſe, in welcher er ſie zuerſt geſehen hatte. Die enge Gaſſe hatte keine Läden und war daher auch außerordentlich ſinſter⸗ Die Frau beſchleunigte ihre Schritte, als fürchte ſie, angehalten und der unbedeutenden Habe, die ſie bei ſich führte, beraubt zu werden. Er ſchlich auf der andern Seite des Weges weiter. Wäre ſie mit den Flügeln des Windes dahin geeilt, ſo hätte doch, wie es ſchien, der ſchreckliche Schatten nicht von ihr ab⸗ gelaſſen. Endlich erreichte die Wittwe— denn ſie war es— ihre eigene Thüre und machte, nach Luft haſchend, Halt, um den Schluüſſel aus ihrem Körbchen zu nehmen. Erhitzt von ihrer Eile und der Freude, wohlbehalten zu Hauſe angelangt zu ſeyn, bückte ſie ſich nach dem Schlüſſel nieder, und als ſie den Kopf wieder aufrichtete, ſah ſie ihn ſchweigend an ihrer Seite ſtehen— die Verkörperung eines Traumes. Er legte die Hand auf ihren Mund; dieß war jedoch unnöthig, denn ihre Zunge klebte am Gau⸗ men und hatte die Macht der Sprache verloren. „Ich habe ſchon manche Nacht auf Euch ge⸗ harrt. Iſt das Haus leer? Antwortet mir. Iſt Je⸗ mand drinnen?“. Die Antwort beſtand nur aus einem Gurgeln in ihrer Kehle. „Gebt mir ein Zeichen.“ Boz. XVI. Barnaby Rudge. 18 274 Sie ſchien anzudenten, daß niemand drinnen ſey. Er nahm den Schlüſſel, ſchloß die Thüre auf, führte ſie hinein und riegelte ſorgfältig hinter ſich zu. Siebenzehntes Kapitel. Es war eine froſtige Nacht und das Feuer in der Wohnſtube der Wittwe faſt aufgebrannt. Ihr ſonderbarer Begleiter ſetzte ſich auf einen Stuhl, beugte ſich gegen die halberloſchenen Kohlen nieder, ſtreifte ſie zuſammen und fachte ſie mit ſeinem Hute an. Von Zeit zu Zeit ſchaute er über ſeine Schul⸗ tern nach der Wittwe hin, als wollte er ſich über⸗ zeugen, daß ſie ſich ruhig verhielt und keinen Flucht⸗ verſuch machte, worauf er ſich wieder mit dem Feuer beſchäftigte. Er nahm ſich allerdings nicht ohne Grund dieſe Mühe, denn ſeine Kleider waren von Näſſe getränkt, ſeine Zähne klapperten vor Kälte und er ſelbſt ſchauderte am ganzen Leibe. Es hatte die ganze vorige Nacht und auch einige Stunden des Morgens ſtark geregnet, aber ſeit Mittag war es ſchön geweſen. Wo er ſich auch in den Stunden der Dunkelheit aufgehalten haben mochte, ſein Aeußeres bekundete hinreichend, daß er ſie meiſtens unter freiem Himmel verbracht hatte. Mit Koth beſpritzt, die r in Ihr uhl, der, Hute hul⸗ ber⸗ icht⸗ euer ohne von dälte jatte des r es der zeres eiem die naſſen Kleider an den Gliedern klebend; der Bart ungeſchoren, das Geſicht ungewaſchen, die Wangen tief eingeſunken— nicht leicht konnte es einen er⸗ barmungswürdigeren Menſchen geben, als dieſer Mann, der ſich jetzt vor dem Kamine der Wittwe niederkauerte und mit Blut unterronnenen Augen die kämpfende Flamme bewachte. Die Wittwe hatte das Geſicht mit ihren Hän⸗ den bedeckt, augenſcheinlich, weil ſie ſich fürchtete, nach ihm hinzuſehen. So verblieben ſie eine kleine Weile in tiefem Schweigen. Endlich ſah der Mann um und fragte: „Iſt dieß Euer Haus?“ „Ja; aber um Gotteswillen, warum müßt Ihr mir es verfinſtern.“ „Gebt mir zu eſſen und zu trinken,“ antwortete er verdrießlich,„oder ich bin ſo keck, noch mehr als dieß zu thun. Hunger und Näſſe haben meine Kno⸗ chen bis in's Mark erkältet. Ich brauche Wärme und Atzung, und will dieß hier haben.“ „Ihr wart der Räuber auf dem Chigwellwege?“ „Ja.“ „Demnach faſt ein Mörder?“ „Am Willen hat's wenigſtens nicht gefehlt. Es kam aber Einer über mich, der ein Mordiogeſchrei erhob und mir dafür hätte büßen ſollen, wäre er nicht ſo geſchwind geweſen. Ich ſtieß nach ihm.“ „Ihr ſtießt mit dem Schwert nach ihm!“ rief 18* die Wittwe, gen Himmel blickend.„Gott, du hörſt dieſen Mann! Du hörſt und ſahſt ihn!“ Er ſchaute ihr zu, wie ſie mit zurückgeworfenem Haupte und flehentlich verklammerten Händen dieſe Worte gen Himmel ſandte. Als ſie ſich dann wieder aufrichtete, ſtand auch er auf und trat ihr näher. „Nehmt Euch in Acht!“ rief ſie mit unterdrück⸗ ter Stimme und einer Feſtigkeit, die ihn mitten auf ſeinem Wege Halt machen ließ.„Wenn Ihr mich auch nur mit einem Finger anrührt, ſo ſeyd Ihr verloren— verloren an Leib und Seele.“ „Hört mich,“ entgegnete er, indem er ihr mit der Hand drohte.„Ich, der ich in menſchlicher Ge⸗ ſtalt das Leben eines gehetzten Thieres führe, der ich ein verkörperter Geiſt bin, ein Geſpenſt auf Er⸗ den, ein Weſen, vor dem alle Geſchöpfe zurückbeben, die fluchbeladenen Höllenbewohner ausgenommen, die nicht von mir laſſen wollen— ich bin in der Ver⸗ zweiflung dieſer Nacht weit über alle Furcht erhaben und ſcheue nichts, als die Hölle, in welcher ich Tag für Tag lebe. Macht immerhin Lärm, ruft Leute herbei und verweigert mir ein Obdach. Ich werde Euch nichts zu Leide thun. Aber lebendig laſſe ich mich nicht greifen, und ſobald Ihr zu rufen droht, falle ich, ein todter Mann, auf dieſen Boden nieder. Das Blut, womit ich ihn beflecke, komme über Euch und die Eurigen, im Namen des böſen Geiſtes, der die Menſchen in ihr Verderben lockt!“ Während er ſo ſprach, nahm er eine Piſtole aus ſeiner Bruſttaſche und hielt ſie feſt mit ſeiner Hand umfaßt. „Nimm dieſen Menſchen von mir, guter Gott!“ rief die Wittwe.„Ach, gib ihm in deiner Gnade und Barmherzigkeit nur eine einzige Minute Buße und laß ihn ſterben!“ „Er hat nichts Solches im Sinne,“ ſagte er, ihr entgegentretend.„Er iſt taub. Gebt mir zu eſſen und zu trinken, damit ich die That unterlaſſe. Er kann mich nicht daran verhindern, und wird es auch um Euretwillen nicht thun wollen.“ „Wollt Ihr dann gehen, wenn Ihr Speiſe und Trank erhalten habt? Wollt Ihr mich verlaſſen und nie wieder herkommen?“ „Ich verſpreche nichts,“ entgegnete er, indem er ſich am Tiſche niederließ,„nichts, als dieß, daß ich meine Drohung vollſtrecke, wenn Ihr Verrath gegen mich im Schilde führt.“ Sie ſtand endlich auf, begab ſich nach einem Wandſchrank in der Stube und holte einige Ueber⸗ reſte von Brod und kalter Küche heraus, die ſie auf den Tiſch ſtellte. Er forderte Branntwein und Waſ⸗ ſer. Anch dieß ſchaffte ſie bei, und er aß und trank mit der Gefräßigkeit eines ausgehungerten Wolfes. Während er ſo beſchäftigt war, hielt ſie ſich in der fernſten Ecke des Gemachs und blieb dort ſchaudernd ſitzen, das Geſicht ihm zugekehrt. Nicht ein einziges⸗ mal wandte ſie ihm den Rücken zu, und obgleich ſie, wenn ſie an ihm vorbei mußte, was immer der Fall war, ſo oft ſie ſich an dem Schranke zu ſchaffen machte, die Säume ihres Kleides an ſich zog, als erſchräcke ſie ſchon ob dem Gedanken, daß ſie ihn zufällig damit ſtreifen könnte, ſo faßte ſie ihn doch feſt in's Auge und bewachte jede ſeiner Bewegungen. Sobald ſein Mahl zu Ende war— wenn man anders ein Mahl nennen kann, was nur ein gefräßi⸗ ges Befriedigen der Anforderungen des Hungers war — rückte er ſeinen Stuhl wieder an das Feuer, wärmte ſich vor der Flamme, die jetzt hell aufloderte und begann abermals: „Ich bin ein Ausgeſtoßener, dem ein Dach über dem Haupte oft ein ungemeiner Luxus, und die Koſt, die ein Bettler zurückweiſen würde, ein köſtliches Mahl iſt. Ihr wohnt hier ſehr gemächlich. Lebt Ihr allein?“ „Nein, brachte ſie mit Mühe hervor. „Wer wohnt außerdem hier?“ „Einer— gleichviel, wer. Ihr thätet beſſer, Euch von hinnen zu machen, damit er Euch hier nicht finde. Warum zögert Ihr noch?“ „Weil' hier warm iſt,“ verſetzte er, die Hände vor dem Feuer ausbreitend.„Weil's hier warm iſt. Ihr ſeyd reich vielleicht?“ „Sehr,“ entgegnete ſie mit matter Stimme. Sehr reich. Kein Zweifel, daß ich ſehr reich bin.“ „Wenigſtens ſeyd Ihr nicht ohne einige Baar⸗ ſchaft. Ihr müßt etwas beſitzen, denn Ihr habt heute Abend Einkäufe gemacht.“ 279 „Es iſt wenig übrig geblieben. Kaum ein paar Shillinge.“ „Gebt mir Euren Beutel. Ihr hattet ihn an der Thüre in der Hand. Gebt ihn her.“ Sie trat an den Tiſch und legte ihn hin. Er d. griff darnach, nahm ihn und zählte ſich den Inhalt auf die Hand. Inzwiſchen horchte ſie einen Augen⸗ blick auf und ſprang dann auf ihn zu. 3„Nehmt, was darin iſt, nehmt alles; Ihr könn⸗ te tet noch mehr haben, wenn da wäre, aber geht nur nd fort, ehe es zu ſpät iſt. Ich habe draußen einen e unſtäten Tritt gehört, den ich nur zu gut kenne. Er wird alsbald wiederkehren. Entfernt Euch!“ ſt,„Was meint Ihr damit?“ „Haltet Euch nicht mit Fragen auf. Ich will nicht antworten. So ſehr ich mich ſcheue, Euch anzurühren, ſo möchte ich Euch doch lieber nach der 5 Thüre ſchleppen, wenn ich die Kraft dazu beſäße, als daß Ihr noch einen Augenblick länger verziehen er, ſolltet. Elender! flieht von dieſer Stelle!“ „Wenn Spionen außen ſind, ſo bin ich hier ſicherer,“ entgegnete der Mann erſchreckt.„Ich will hier bleiben und nicht fliehen, bis die Gefahr vor⸗ iſ. über iſt.“ „Es iſt zu ſpät!“ rief die Wittwe, welche nur auf die Tritte, nicht aber auf den Mann in ihrem Zimmer gehorcht hatte.„Hört Ihr dieſen Fußtritt ar⸗ auf dem Boden? Zittert Ihr nicht bei dem Schalle? Es iſt mein Sohn, mein wahnwitziger Sohn!“ 280 Sie ſprach dieß nur in wirren Lauten, als ſich ein ſchweres Klopfen an der Thüre vernehmen ließ. Die beiden blickten ſich gegenſeitig an. „Laßt ihn hereinkommen,“ ſagte der Mann finſter.„Ich fuͤrchte ihn weniger, als die dunkle, obdachloſe Nacht. Er klopft wieder. Laßt ihn herein!“ „Das Entſetzen dieſer Stunde,“ entgegnete die Wittwe, ahat mein ganzes Leben auf mir gelaſtet, und ich will nicht. Es kann ihm Unheil zuſtoßen, wenn ihr Euch Auge in Auge gegenüberſteht. Mein unglücklicher Sohn! Oh, ihr guten Engel alle, die ihr die Wahrheit kennt— hört auf das Flehen einer armen Mutter und erſpart meinem Sohne das Elend, dieſen Menſchen kennen zu lernen!“ „Er raſſelt an den Läden!“ erwiederte der Mann. „Er ruft Euch. Dieſe Stimme!— ſo iſt er es ge⸗ weſen, der mich auf der Straße anſiel— iſt's ſo?“ Sie war in die Knie geſunken und lag am Bo⸗ den, zwar die Lippen bewegend, aber völlig außer Stande, einen Ton hervorzubringen. Während er ſie ſo anſah, ohne zu wiſſen, was er thun, oder wo⸗ hin er ſich wenden ſollte, flog der Fenſterladen auf. Er hatte kaum Zeit, ein Meſſer von dem Tiſche weg⸗ zunehmen, es in den weiten Aermel ſeines Rockes zu ſtecken und ſich in dem Speiſeſchrank zu verbergen, was alles mit der Schnelligkeit des Blitzes geſchah, als Barnaby bereits an die bloße Scheibe klopfte und jubelnd das Schiebfenſter in die Höhe hob. „Ei, wer kann Greif und mich hinausſperren?“ 281 rief er, den Kopf hereinſtreckend und ſich im Zimmer umſehend.„Seyd Ihr da, Mutter? Wie lange ſoll uns Feuer und Licht verſagt bleiben?“ Sie ſtammelte eine Entſchuldigung und reichte ihm die Hand. Barnaby bedurfte jedoch eines ſol⸗ chen Beiſtandes nicht, ſondern ſprang behend herein, ſchlang ſeine Arme um ihren Nacken und küßte ſie zu hundertmalen. „Wir waren im Feld draußen, Mutter— hüpften über Gräben, krochen durch Hecken, ſprangen ſteile Ufer hinab, hinauf und davon, und eilten weiter. Der Wind hat geblaſen, und die Binſen und jungen Pflanzen beugten und bückten ſich vor ihm, damit er ihnen kein Leides thue— die Feiglinge— und Greif — ha, ha, ha! Braver Greif, der ſich um nichts kümmert, und wenn der Wind ihn im Staube über⸗ kugelt, ſich männlich aufrichtet und nach ihm beißt — Greif, kühner Greif— hat ſich mit jedem ſich beu⸗ genden Zweigchen gezankt— in der Meinung, es wolle ihn necken, wie er mir ſagt— und hat es zerzaußt wie ein Bullenbeißer. Ha, ha, ha!“ Da der Rabe in dem kleinen Korbe auf dem Rücken ſeines Herrn ſo oft ſeinen Namen im Tone des Jubels ausſprechen hörte, ſo drückte er ſeine Theilnahme dadurch aus, daß er wie ein Hahn krähte, und dann ſeinen übrigen Phraſenvorrath mit ſolcher Schnelligkeit und in ſo wechſelnden, heiſeren Ton⸗ arten abhaſpelte, daß man das Gemurmel eines gan⸗ zen Volkshaufens zu hören glaubte. „Und außerdem nimmt er auch mich gewaltig in ſeine Obhut!“ ſagte Barnaby.„Er wacht im⸗ mer, wenn ich ſchlafe, und ſchließe ich meine Augen, um ihn glauben zu machen, daß ich ſchlummere, ſo wiederholt er leiſe ſeine neuen Uebungsſtücke; dabei faßt er mich aber immer in's Auge, und wenn er mich lachen ſieht, wäre es auch noch ſo wenig, ſo hält er augenblicklich inne. Er will mich nicht über⸗ raſchen, bis er es zu einer Vollkommenheit gebracht hat.“ Der Rabe krähte wieder auf eine ganz entzückte Weiſe, die offenbar alſo verſtanden werden mußte, daß dieß gewiß einige ſeiner Meiſterproben wären und er darauf ſtolz ſeyn dürfte. In der Zwiſchen⸗ zeit ſchloß Barnaby das Fenſter, worauf er nach dem Herde zurückkehrte und ſich anſchickte, mit dem Ge⸗ ſichte gegen den Wandſchrank gekehrt, Platz zu neh⸗ men. Doch die Mutter verhinderte dieß, indem ſie ſich haſtig ſelbſt auf dieſe Seite ſetzte und dem Sohne nach der andern winkte. Wie blaß Ihr heute Abend ausſeht!“ ſagte Bar⸗ naby, indem er ſich auf ſeinen Stock ſtutzte.„Wir ſind grauſam geweſen, Greif, und haben ihr Angſt gemacht!“ 3 Angſt hatte ſie allerdings, und auch ihr Herz war tief bekümmert! Der Horcher hielt die Thüre ſeines Verſteckes mit der Hand offen und beobachtete ihren Sohn ſcharf. Greif, der, ohne daß ſein Herr es wußte, auf Alles Acht gab, hatte ſeinen Kopf aus — U—* 283 dem Korb hervorgeſtreckt und faßte ſeinerſeits den Fremden aufmerkſam in's Auge. „Er ſchlägt mit den Flügeln,“ ſagte Barnaby, indem er ſich ſo ſchnell umwandte, daß er beinahe den ſich zurückziehenden Kopf und das Zugehen der Thüre hätte bemerken können,„als ob Fremde da wären. Doch Greif iſt zu klug, um ſich etwas der Art einzubilden. So mache denn deinen Sprung!“ Der Vogel nahm dieſe Einladung mit der ihm eigenthümlichen Würde hin und hüpfte auf die Schul⸗ ter ſeines Herrn, dann auf deſſen ausgeſtreckte Hand und von da auf den Boden. Barnaby legte ſofort den Korb ab und ſtellte ihn mit offenem Deckel in eine Ecke, worauf es Greif's erſte Sorge war, ihn mit möglichſter Eile zu ſchließen und ſich darauf zu ſtellen. Da er nun ohne Zweifel glaubte, er habe es durchaus unmöglich gemacht, ihn wieder hinein⸗ zuſtecken, ſo zog er triumphirend eine große Menge Stöpſel aus, dazwiſchen eine entſprechende Anzahl Hurrahs ſchallen laſſend. „Mutter!“ ſagte Barnaby, indem er ſeinen Hut und Stock bei Seite legte und nach dem Stuhl zu⸗ rückkehrte, von dem er aufgeſtanden war,„ich will Euch ſagen, wo wir heute geweſen ſind und was ich gethan habe— ſoll ich?“ Sie ergriff ſeine Hand, hielt ſie feſt und nickte, da ſie außer Stande war, ein Ja hervorzubringen. „Ihr müßt's aber nicht weiter erzählen,“ ſagte Barnaby, indem er ſeinen Finger in die Höhe hob, 284 „denn es iſt ein Geheimniß, von dem nur ich, Greif und Hugh etwas weiß. Wir hatten zwar den Hund bei uns, aber ſo pfiffig er auch iſt, ſo kann er doch nicht mit Greif verglichen werden, und ich wette, daß er es nicht auffindet.— Warum ſeht Ihr ſo über meinen Rücken?“ „That ich dieß?“ antwortete ſie mit matter Stimme,„ſo geſchah es unwillkürlich. Komm ein wenig näher.“ „Ihr fühlt Euch beängſtigt, Mutter!“ ſagte Barnaby, die Farbe wechſelnd.„Seht Ihr etwa—“ „Was?“ „'s iſt doch nichts von dieſem da hier herum?“ antwortete er flüſternd, indem er näher an ſie rückte und auf das Mal an ſeinem Handgelenk deutete. „Ich fürchte faſt, es iſt ſo. Ihr macht, daß mir das Haar zu Berge ſteht und ein Schauder meinen Kör⸗ per überläuft. Warum macht ihr ſolche Augen? Iſt es in der Stube da, wie ich es in meinen Träu⸗ men geſehen habe, Decke und Wände roth beſpritzend? Sagt mir— iſt's ſo?“ Während er dieſe Frage ſtellte, überflog ihn ein Schauder, und die Augen mit ſeinen Händen bedeckend ſaß er da, bis er vorüber war. Nach einer Weile richtete er den Kopf auf und blickte umher. „Iſt es fort?“ „Es iſt nichts da geweſen,“ antwortete ſeine Mutter, ihn beruhigend.„Gewiß nichts, lieber Bar⸗ naby. Du ſiehſt ja, daß wir beide allein ſind.“ 847—ͤ——— ne r⸗ 285 Er ſah ſie ausdruckslos an, und nachdem er ſich allmälig gefaßt hatte, brach er in ein wildes Lachen aus. „Aber laßt uns ſehen,“ ſagte er nachdenkend. „Wir haben geſprochen? Wir Beide? Wo waren wir?“ „Nirgends, als hier.“ „Richtig, nur Hugh und ich,“ fuhr Barnaby fort —„das iſt es. Ihr kennt ihn ja— Maibaum Hugh, und ich, und Greif— wir haben in dem Forſt ge⸗ legen und uns unter den Bäumen am Wege verſteckt — eine Blendlaterne bei uns und den Hund in einer Schlinge, um ihn loslaſſen zu können, wenn der Mann vorbei käme.“ „Welcher Mann?“ „Der Räuber; er, dem die Sterne zugeſehen haben. Wir warteten ſchon manche Nacht im Dun⸗ keln auf ihn und werden ihn wohl noch kriegen. Ich kenne ihn unter Tauſenden heraus. Mutter, ſeht her! Dieß iſt der Mann. Schaut!“ Er knüpfte ſein Schnupftuch um den Kopf, drückte den Hut in ſeine Stirne, knöpfte den Rock zu und trat vor ſie hin— ſo ganz dem Originale gleich, welches er abkonterfeite, daß die dunkle Geſtalt, welche in dem Hintergrunde lauerte, recht wohl als der Schatten dazu hätte gelten können. „Ha, ha, ha! Wir werden ihn faſſen,“ rief er, der Maskerade ſich ſo ſchnell wieder entledigend, als er ſie angenommen hatte.„Ihr ſollt ihn ſehen, Mutter, an Händen und Füßen gebunden, und nach London gebracht in einem Sattelgurt; wenn es uns glückt, ſo ſollt ihr hören von ihm am Galgenbaum. Hugh ſagt ſo. Ihr werdet aber ſchon wieder blaß und zittert. Und warum ſchaut Ihr ſo über meinen Rücken?“ „Es iſt nichts,“ antwortete ſie.„Ich fühle mich nicht ganz wohl. Gehe zu Bette und laß mich hier.“ „Zu Bette?“ entgegnete er. Ich mag nicht in's Bett. Ich liege lieber vor dem Feuer und betrachte mir die Ausſichten in den glühenden Kohlen— die Flüſſe, die Berge und Thäler in dem tiefen rothen Sonnenuntergang und die wilden Geſichter. Auch hungert es mich, und Greif hat ſeit Mittag nichts zu eſſen gekriegt. Gebt uns etwas zu Nacht. Greif! Ein Nachteſſen, Junge!“ Der Nabe ſchlug mit den Flügeln, gab ſeine Freude durch Krächzen zu erkennen, hüpfte zu den Füßen ſeines Meiſters und ſperrte ſeinen Schnabel auf, um die Stücke, die man ihm etwa zuwarf, auf⸗ zufangen. Von dieſen erhielt er ein paar Dutzende in der Reihenfolge, ohne dadurch im mindeſten aus der Faſſung gebracht zu werden. „So, jetzt iſt's alle,“ ſagte Barnaby. „Mehr,“ rief Greif.„Mehr!“ Sobald er aber Gewißheit hatte, daß nichts mehr zu bekommen war, zog er ſich mit ſeinem Vor⸗ rathe zurück, würgte die Biſſen nach einander wieder heraus, und verbarg ſie an verſchiedenen Ecken, ver⸗ mied aber äußerſt ſorgfältig den Wandſchrank, als zweifle er, ob der verborgene Mann wohl auch ge⸗ neigt oder im Stande ſey, der Verſuchung ſolcher 287 Schätze zu widerſtehen. Sobald er ſeine Vorkehrun⸗ gen beendigt hatte, ſpazierte er mit ausgeſucht erkün⸗ ſtelter Gleichgültigkeit, ohne jedoch das eine Auge von ſeinem Reichthume zu verwenden, etlichemal durch das Zimmer, und nun erſt begann er, ihn Stuck für Stück hervorzuholen und mit größtem Behagen aufzuzehren. Barnaby ließ ſich ſein Mahl gut ſchmecken, ohne jedoch ſeine Mutter vermögen zu können, daran Theil zu nehmen. Einmal gebrach es ihm an etwas Brod, weßhalb er aufſtand, um es aus dem Schranke zu holen; aber ſie kam ihm eilig zuvor und brachte es ihm ſelbſt, für ihren Gang nach dem Verſchlage ihre äußerſten Kräfte aufbietend. „Mutter,“ ſagte Barnaby, indem er ſie feſt in's Auge faßte, als ſie ſich unmittelbar darauf an ſeiner Seite niederließ;„iſt heute mein Geburtstag?“ „Heute?“ fragte ſie.„Weißt du nicht, daß er erſt vor einer Woche war, und daß Sommer, Herbſt und Winter darüber verfließen müſſen, ehe er wieder⸗ kehrt!“ „Ich erinnere mich, daß es bisher ſo geweſen iſt. Aber ich denke demungeachtet, daß heute mein Geburtstag ſeyn muß.“ Sie fragte ihn, warum? „Das will ich Euch ſagen,“ antwortete er.„Ich habe immer geſehen, obgleich ich es Euch nicht wiſſen laſſen wollte, daß Ihr an dem Abende dieſes Tages ſehr traurig wurdet. Ich war Zeuge, wie Ihr wein⸗ tet, während Greif und ich am luſtigſten waren, und wie Ihr ganz ſcheu ausſahet, ohne daß ein Grund vorhanden war; auch habe ich Eure Hand angerührt und gefühlt, daß ſie kalt war— wie ſie es jetzt iſt. Einmal, Mutter— es war auch an meinem Geburts⸗ tag— dachten Greif und ich darüber nach, als wir nach dem Bette hinaufgegangen waren, und Schlag Ein Uhr nach Mitternacht kamen wir zu Eurer Thüre herunter, um zu ſehen, ob Ihr auch ganz wohl wäret. Da lagt Ihr auf Euren Knien. Ich habe vergeſſen, was Ihr ſagtet. Greif, was haben wir ſie in jener Nacht ſprechen hoͤren?“ „Ich bin ein Teufel!“ entgegnete der Rabe raſch. „Nicht doch,“ entgegnete Barnaby.„Aber Ihr ſagtet etwas im Gebet, und als Ihr aufſtandet und umherginget, ſaht ihr gerade ſo aus, wie jetzt, und wie es ſeitdem immer an dem Abend meines Geburts⸗ tages der Fall war. Seht Ihr, ich habe das auf⸗ gefunden, obgleich ich thöricht bin; und daher ſage ich Euch, Ihr habt Unrecht, denn heute muß mein Geburtstag ſeyn— mein Geburtstag, Greif!“ Der Vogel nahm dieſe Kunde mit einem ſo langen Krähen hin, wie man es wohl von einem Hahn, der vor allen andern ſeines Geſchlechtes mit Vernunft begabt iſt, hören würde, wenn er damit den längſten Tag einführen müßte. Dann rief er, als hätte er gehörig nachgedacht und nichts Paſſen⸗ deres als Geburtstagsgratulation aufgefunden, zu wie⸗ derholtenmalen;„Nichts da von ſterben!“ und ſchlug dazu nachdrücklich mit ſeinen Flügeln. . 8 289 Die Wittwe verſuchte, Barnaby's Bemerkung mit Gleichgültigkeit zu behandeln, und gab ſich Mühe, ſeine Aufmerkſamkeit auf einen andern Gegenſtand abzulenken, was, wie ſie wohl wußte, zu allen Zeiten nur eine allzuleichte Aufgabe war. Sobald Bar⸗ naby ſein Nachteſſen beendigt hatte, ſtreckte er ſich, ohne ihrer Bitten zu achten, auf der Matte vor dem Feuer aus, während Greif ſich auf ſein Bein ſetzte und ſich die Zeit damit vertrieb, daß er bald in der behag⸗ lichen Wärme nickte, bald, wie es den Anſchein hatte, ein neues Kunſtſtück ſich in's Gedächtniß zu rufen verſuchte, das er den Tag über eingeübt hatte. Es folgte nun ein langes und tiefes Schweigen, nur hin und wieder von Seiten Barnaby's, der die weit offenen Augen aufmerkſam auf das Feuer hef⸗ tete, durch eine Veränderung ſeiner Lage oder von Seiten Greif's durch ſeine Memorirverſuche unter⸗ brochen, der bisweilen in leiſer Stimme rief:„Polly— iſetz' den Keſſ—,“ dann aber, weil er den Reſt vergeſſen hatte, abbrach und in ſeiner Träumerei fortfuhr. Nach einer langen Pauſe wurden Barnaby's Athemzüge tiefer und regelmäßiger, und ſeine Augen ſchloßen ſich. Aber ſelbſt dann noch entfaltete der unruhige Geiſt des Rabens je zuweilen ſeine Thätig⸗ keit.„Polly ſetz' den Keſſ—,“ rief Greif, und ſein Gebieter wachte wieder hell auf. Endlich lag Barnaby in tiefem Schlafe. Der Vogel hatte den Schnabel auf die Bruſt geſenkt und Boz. XVI. Barnaby Rudge. 19 290 ſich ſelbſt ſo gemächlich wie ein Alderman aufgebla⸗ ſen, während ſein funkelndes Auge immer kleiner und kleiner wurde und allmälig in eine Art von Schlummer überzugehen ſchien. Hin und wieder murmelte er noch in einem Grabestone:„Polly ſetz' den Keſſ—,“ aber ſehr ſchläfrig und mehr wie ein betrunkener Menſch, als wie ein nachdenkender Rabe. Die Wittwe, welche ſich kaum zu athmen ge⸗ traute, ſtand von ihrem Sitze auf. Der Mann huſchte aus dem Schrank heraus und löſchte das Licht. „—ſſel auf,“ rief Greif in großer Aufregung, da ihm plötzlich der Schluß des Satzes einfiel. „' ſſel auf. Hurrah! Polly, ſetz' den Keſsſel auf, wir wollen Alle Thee haben: Polly, ſetz' den Keſoſel auf, wir wollen Alle Thee haben. Hurrah, hurrah, hurrah! Ich bin ein Teufel, ich bin ein Teufel, ich bin ein Keſoſel auf! Nur luſtig; nichts da von ſterben! Wau, wan, wau! Ich bin ein Teufel, ich bin ein Keſ⸗ſel, ich bin ein— Polly, ſetz' den Keſ⸗ ſel auf, wir wollen Alle Thee haben!“ Sie ſtanden, wie an den Boden gewurzelt, als ob ſie eine Stimme aus dem Grabe gehört hätten. Doch ſelbſt dieß vermochte den Schläfer nicht zu wecken. Er drehte ſich nach dem Feuer um; ſein Arm ſiel auf den Boden und ſein Kopf ſank ſchwer⸗ fällig darauf nieder. Die Wittwe und ihr unwill⸗ kommener Gaſt betrachteten eine Weile ihn und dann ſich ſelber, worauf Erſtere dem Letzteren nach der Thüre winkte. 3 „Halt,“ flüſterte er,„Ihr gebt Eurem Sohne ſchöne Lehren.“ „Was Ihr heute Nacht von ihm gehört habt, hat er nicht von mir gelernt. Doch jetzt entfernt Euch augenblicklich, oder ich wecke ihn.“ „Ihr habt die Wahl. Soll ich ihn wecken?“ „Erdreiſtet Euch nicht!“ „Ich habe Euch bereits geſagt, daß ich mich zu allem erdreiſte. Er kennt mich gut, wie es ſcheint. So will ich denn auch wenigſtens ihn kennen lernen.“ „Wollt Ihr ihn im Schlafe tödten?“ rief die Wittwe, indem ſie ſich zwiſchen beide warf. „Weib,“ murmelte er durch die Zähne, indem er ihr winkte, auf die Seite zu treten,„ich muß ihn näher ſehen, und will es. Wenn es Euer Wunſch iſt, daß einer von uns den andern tödte, ſo weckt ihn.“ Mit dieſen Worten trat er vor, beugte ſich uͤber die hingeſtreckte Geſtalt, drehte ſanft den Kopf zurück und ſah ihm in's Geſicht. In dem Scheine des Feuers war jeder Zug deutlich zu erkennen. Er be⸗ trachtete es eine kurze Weile und richtete ſich dann haſtig auf. „Merkt auf meine Worte,“ flüſterte er der Wittwe in's Ohr.„Durch ihn, von deſſen Daſeyn ich bis heute nichts wußte, habe ich Euch in meiner Gewalt. Seht Euch vor, wie Ihr mich behandelt. Ich bin zwar nur ein elender, dem Hungertode Preis 19 gegebener Erdenwanderer, aber ich kann langſame und ſichere Rache nehmen.“ „Eure Worte laſſen einen fürchterlichen Sinn ahnen, obgleich ich ihn nicht ergründe.“ „Es liegt Sinn darin, und ich ſehe, daß Ihr ihn bis in ſeine tiefſten Tiefen ergründet. Sagtet Ihr mir's doch ſelbſt, daß Ihr's ſchon ſeit Jahren ahnetet. Ueberlegt es wohl, und vergeßt meiner Warnung nicht.“ Er deutete bei dieſen Worten auf den Schlum⸗ mernden und ſtahl ſich leiſe auf die Straße hinaus. Sie fiel an der Seite des Schläfers auf die Knie nieder und blieb daſelbſt wie verſteinert liegen, bis die Thränen, welche das Entſetzen in Eis verwandelt hatte, zu ſtrömen begannen und ihr milde Erleich⸗ terung brachten. „O Du,“ rief ſie,„der Du mir eine ſo tiefe Liebe zu dieſem einzigen Ueberreſt von allen Ausſich⸗ ten auf ein glückliches Leben in's Herz gelegt haſt— für dieſen einzigen, aus deſſen Geiſtesverirrung ſogar mir vielleicht der Troſt quillt, daß er immer ein vertrauenvolles und liebendes Kind ſeyn wird, deſſen Herz nie kalt oder alt wird, da er meiner Sorge und Obhut in den Jahren ſeiner Mannheit eben ſo ſehr bedarf, als zur Zeit, da er noch in der Wiege lag— hilf' ihm auf ſeinem nachtumwölkten Gang durch dieſe traurige Welt, oder er iſt dem Verderben verfallen, und mein armes Herz bricht zuſammen 13 Achtzehntes Kapitel. Sobald der Mann das Haus der Wittwe ver⸗ laſſen hatte, ſchlich er durch die ſchweigenden Straßen, wobei er ſich immer auf die dunkelſte Seite hielt, gieng über die London Brücke nach der City und vertiefte ſich in die Hintergaſſen und Höfe von Corn⸗ hill und Smithfield, ohne ſich dabei einen andern Zweck vorzuſetzen, als ſich in ihren Windungen zu verlieren und jeder Verfolgung Trotz zu bieten, wenn Jemand ſeinen Schritten nachſpüren ſollte. Die Nacht war todtenſtill und alles zur Ruhe gegangen. Hin und wieder ſchallten die Tritte eines ſchläfrigen Nachtwächters auf dem Pflaſter, oder der Lampenputzer kam auf ſeiner Runde leuchtend vorbei, kleine Rauchſtreifen zurücklaſſend, die von den abge⸗ ſtoßenen Bruchſtücken ſeiner Fackel in die Höhe ſtiegen. Der Fremde verbarg ſich ſogar vor dieſen Genoſſen ſeines einſamen Ganges, indem er ſich unter irgend einem Bogen oder Thorweg verkroch, wenn er ihrer anſichtig wurde, und nicht eher wieder zum Vorſchein kam, als bis ſie vorüber gegangen waren. Es iſt etwas Unheimliches, obdachlos und allein im Freien zu ſeyn, auf das Heulen des Windes zu horchen und durch eine lange, ermüdende Nacht auf den Tag zu harren, dem Fallen des Regens zuzu⸗ hören und unter einer alten Scheune, einem Heu⸗ ſchober, oder in einem hohlen Baume Wärme ſuchen zu müſſen— aber noch weit unheimlicher iſt es, auf und ab zu wandern als ein heimathloſes, ausge⸗ ſtoßenes Weſen, wo Häuſer, Betten und Schläfer zu tauſenden ſind. Stunde um Stunde das wieder⸗ hallende Pflaſter zu treten, und die zögernden Schläge der Glocke zu zählen; die Lichter zu betrachten, die aus den Kammerfenſtern blicken, und dabei zu denken, welches glückliche Vergeſſen jedes Haus einſchließt; daß hier Kinder in ihren Betten zuſammen kauern— hier die Jugend, dort das Alter, hier die Armuth, dort der Reichthum, alle gleich in ihrem Schlafe, und alle der Ruhe ſich erfreuend; nichts gemein zu haben mit der ſchlummernden Welt rund umher, nicht einmal den Schlaf, den doch der Himmel allen ſeinen Geſchöpfen ſchenkt, und mit nichts verwandt zu ſeyn, als mit der Verzweiflung; in dem ver⸗ nichtenden Gegenſatze mit der ganzen Umgebung ſich einſamer und verſtoßener zu fühlen, als in einer pfadloſen Wüſte;— dieß ſind Leiden, über denen die Fluthen großer Städte oft zuſammenſchlagen, und die nur die Einſamkeit in dem Gedränge zu wecken vermag. Der elende Mann gieng in den Straßen auf und nieder— wie lang, wie ermüdend, wie ſo ganz einan⸗ der gleichſehend waren ſie!— und warf oft ſehnende Blicke nach Oſten, hoffend, den erſten Dämmerſchein des Tages zu ſchauen. Aber die hartnäckige Nacht wollte nicht vom Himmel weichen, und ſein verſtörter, -2V3— u — 2 295 unruhiger Spaziergang ſollte noch immer keine Er⸗ leichterung finden. In einer Hintergaſſe war noch ein einziges Haus lebhaft beleuchtet; man hörte den Schall von Muſik, die Fußtritte von Tanzenden, den Lärm froher Stim⸗ men und den Ausbruch luſtigen Gelächters. Dahin— um doch etwas, was wach und froh war, nahe zu ſeyn— kehrte er wieder und wieder zurück, und mehr als einer von denen, welche den Tumwelplatz der Freude in ihrer höchſten Höhe verließen, fühlten ihre gemüthliche Stimmung getrübt, wenn ſie den Fremden wie ein unruhiges Geſpenſt an ſich vorüber gleiten ſahen. Endlich hatten ſich die Gäſte ſammt und ſonders zerſtreut; das Haus ſchloß ſich und wurde ſo ſtumm und öde, wie die übrigen. Einmal führten ihn auch ſeine Schritte vor das Stadtgefängniß. Statt jedoch an einem Platze von ſo übler Vorbedeutung, den er wohl zu ſcheuen Ur⸗ ſache hatte, vorüber zu eilen, ſetzte er ſich auf eine nahe Haustreppe, ſtützte das Kinn auf ſeine Hand und blickte nach den rauhen und zürnenden Mauern, als ob ſelbſt ſie ſeinen müden Augen eine Zuflucht böten. Dann umſchritt er das Gefängniß und nahm wieder auf der früheren Stelle Platz. Dieß wieder⸗ holte er zu öfternmalen, und einmal trat er ſogar haſtig auf das Gemach zu, wo einige Wächter auf waren, den Fuß auf die Treppe ſetzend, als ſey er entſchloſſen, ſie anzureden. Wie er ſich aber umſah, bemerkte er den erſten Streifen des Tages; er gab ſein 296 Vorhaben auf, wandte dem Orte den Rücken und floh. Er befand ſich bald wieder in dem Stadttheile, den er unmittelbar zuvor verlaſſen hatte, und ging auf's neue wieder hin und her. Er kam eben durch eine ſchlechte Straße, als er aus einem naheliegen⸗ den Gäßchen den Lärm von Nachtſchwärmern hörte; auch kamen ein Dutzend jubelnde Tollköpfe hervor, die ſich gegenſeitig zuriefen, lärmend Abſchied nah⸗ men und in kleineren Gruppen ihre verſchiedenen Wege verfolgten. In der Hoffnung, es dürfte irgend eine ſchlechte Kneipe in der Nähe ſeyn, die ihm einen ſicheren Zu⸗ fluchtsort zu bieten im Stande ſey, bog er, ſobald ſich das Getümmel verloren hatte, nach dem Hofe ein, und ſchaute umher, ob er nicht eine halb offene Thüre, ein beleuchtetes Fenſter oder ein anderes Merkmal entdecken könne, das ihm den Ort andeu⸗ tete, wo die Nachtſchwärmer ſich luſtig gemacht hatten. Es war aber hier ſo dunkel und unheimlich, daß er vermuthete, ſie müßten wohl dahin verirrt ſeyn und hätten, nach Entdeckung ihres Mißgriffs, wieder umgekehrt, als er ſie herausſtrömen ſah. Unter dieſer Vorausſetzung, die noch dadurch, daß ſich kein zweiter Ausgang finden ließ, eine Beſtätigung erhielt, wollte er eben ſelbſt auch wieder umwenden, als aus einem Gitter im Boden, ganz in ſeiner Nähe, plötzlich Licht hervorſtrömte und die Stimme von Sprechen⸗ den hörbar wurde. Er zog ſich in einen Bogenweg —9 u—.,— 9— pertit, auf das Pflaſter des Hofes tretend und von 297 zurück, um zu ſehen, wer da redete, und ſie zu be⸗ horchen. Inzwiſchen war das Licht mit dem Pflaſter in eine Höhe gekommen, und ein Mann ſtieg heraus, der eine Fackel in ſeiner Hand trug. Er entriegelte das Gitter und hielt es offen, um einen Andern herauszulaſſen, der denn auch alsbald erſchien. Letz⸗ terer war ein junger Menſch von kleiner Statur, der eine ſehr hohe Meinung von ſich ſelbſt zu haben ſchien und ungewöhnlich grell gekleidet war. „Gute Nacht, edler Capitän,“ ſagte der Fackel⸗ träger.„Lebt wohl, Commandant! Viel Glück, durch⸗ lauchtiger General.“ Als Antwort auf dieſe Komplimente befahl ihm der Andere, das Maul zu halten und keinen Lärm zu machen; auch erließ derſelbe mit großer Zungen⸗ geläufigkeit und ſehr bedeutſamer Miene noch mehrere ähnliche Einſchärfungen. „Mein Kompliment, Capitän, an die in Liebe verſtrickte Miggs,“ entgegnete der Fackelträger mit leiſerer Stimme.„Mein Capitän macht auf ein höheres Wild als auf Miggſen Jagd. Ha, ha, ha! Mein Capitän iſt ein Adler, an Blick ſowohl, als an hochtragenden Schwingen. Mein Capitän bricht Herzen, wie andere Junggeſellen Cier bei ihrem Frühſtück.“ „Ihr ſeyd ein Narr, Stagg!“ ſagte Herr Tap⸗ 298 ſeinen Beinen den Staub abbürſtend, der ſich beim Heraufgehen angeſetzt hatte. „Seine köſtlichen Gliedmaßen,“ rief Stagg, einen von ſeinen Knöcheln umfaſſend.„Darf ſich eine Miggs vermeſſen, nach einem ſolchen Ebenmaß zu ſtreben? Nicht doch, mein Capitän; wir wollen ſchöne Damen in's Netz locken und ſie in unſerer geheimen Höhle heirathen. Wir wollen uns mit blühenden Schönheiten verbinden, Capitän!“ „Ich will Euch was ſagen, alter Knaſterbart,“ entgegnete Herr Tappertit, ſein Bein losmachend; „bemüht Euch nicht mit ſo viel Freiheiten, und un⸗ terlaßt es, gewiſſe Fragen zu ſtellen, wenn nicht Euch gewiſſe Fragen vorgelegt werden. Ihr habt bloß zu ſprechen, wenn man Euch uͤber gewiſſe An⸗ gelegenheiten dazu auffordert, ſonſt nicht. Erhebt die Fackel, bis ich am Ende des Hofes bin, und dann kriecht wieder in Eure Höhle, hört ihr?“ „Ich höre, edler Capitän.“ „Nun, ſo gehorcht denn,“ erwiederte Herr Tap⸗ pertit ſtolz.„Voran, meine Herren!“ Mit dieſem Kommandowort, das einem imagi⸗ nären Gefolge oder Generalſtab galt, ſchlug er die Arme über einander und ſpazierte mit ungemeiner Gravität den Hof hinunter. Sein gehorſamer Nachtreter blieb, die Fackel über den Kopf erhebend, ſtehen, und jetzt bemerkte der Zuſchauer von ſeinem Verſtecke aus zum erſten⸗ male, daß er blind war. ——— uõu— 299 Eine unwillkürliche Bewegung von ſeiner Seite erreichte das ſcharfe Ohr des Blinden, noch ehe er ſelbſt wußte, daß er ſich demſelben auch nur um einen Zoll genähert hatte, denn letzterer wandte ſich plötzlich um und rief: „Wer da?“ „Ein Menſch,“ antwortete der Andere, vortre⸗ tend.„Gut Freund!“ „Ein Fremder,“ entgegnete der blinde Mann. „Ich kann keinen Fremden für„gut Freund“ nehmen. Was habt Ihr hier zu ſchaffen?“ „Ich ſah Eure Geſellſchaft herauskommen, und wartete hier, bis ſie ſich entfernt hatte. Ich bedarf eines Nachtquartiers.“ „Ein Nachtquartier um dieſe Stunde?“ erwie⸗ derte Stagg, indem er auf das Grauen des Tages deutete, als ob er es ſehe.„Wißt Idr nicht, daß der Tag ſchon anbricht?“ „Wohl weiß ich es, zu meinem eigenen Nach⸗ theile,“ verſetzte der Andere.„Ich bin die ganze Nacht in dieſer Stadt voll Eiſenherzen umherge⸗ wandelt.“ „Da thätet Ihr beſſer, Euren Wandel wieder aufzunehmen,“ ſagte der blinde Mann, indem er ſich anſchickte, wieder hinabzuſteigen,„bis Ihr ein Unterkommen findet, das paſſender iſt für Euren Geſchmack; ich laſſe Niemand ein.“ „Halt!“ rief der Andere, ihn beim Arme faſſend. „Ich ſchlage Euch dieſe Fackel in's Geſicht, Ihr 300 Galgenſtrick(denn ein Galgenſtrick müßt Ihr ſchon Eurer Stimme nach ſeyn) und wecke die Nachbar⸗ ſchaft, wenn Ihr mich aufhaltet,“ ſagte der blinde Mann.„Laßt mich los— hört Ihr?“ „Hört Ihr?“ erwiederte der Andere, mit ein paar Shillingen klimpernd und ſie ihm haſtig in die Hand drückend.„Ich bin kein Bettler und will das Obdach, das Ihr mir gebt, bezahlen. Tod und Hölle, was könnte man viel von einem Kerl, wie Ihr, verlangen? Ich komme vom Lande und wünſche an einem Orte auszuruhen, wo mir Niemand Fragen vorlegt. Ich bin matt, erſchöpft, abgehetzt und bei⸗ nahe todt. Laßt mich, wie einen Hund, vor Eurem Feuer niederliegen— weiter verlange ich nicht. Wollt Ihr meiner los ſeyn, ſo gehe ich morgen wieder.“ „Wenn ein Gentleman auf der Straße verun⸗ glückt iſt,“ murmelte Stagg, dem Andern nachgebend, der ihn vorwärts drängte und bereits ſeinen Fuß auf die Treppe geſetzt hatte—„und für ſeine Be⸗ quemlichkeit bezahlen kann—“ „Ich will Euch bezahlen mit Allem, was ich habe. Gott weiß, mit dem Hunger iſt's jetzt bei mir vorbei, und ich wünſche nur, mir ein Obdach zu erkaufen. Was für Geſellſchaft habt Ihr unten?“ „Keine.“ „Dann ſchließt geſchwinde Euer Gitter und geht voran. Raſch!“ Nach kurzer Zögerung willfahrte der Fremde und ſie ſtiegen mit einander hinunter. Das Zwiegeſpräch . 301 war ſo ſchnell vor ſich gegangen, als die Worte nur geſprochen werden konnten, und ſie ſtanden in dem elenden Gemache, noch ehe der Beſitzer Zeit gehabt hatte, ſich von ſeiner erſten Ueberraſchung zu erholen. „Darf ich nachſehen, wohin dieſe Thüre führt, und was hinter derſelben ſteckt?“ fragte der Fremde, indem er ſcharf umherblickte.„Ihr werdet wohl nichts dagegen einwenden?“ „Ich will's Euch ſelber zeigen. Folgt mir, oder geht voran— ganz nach Eurem Belieben.“ Der Fremde hieß ihn vorangehen und beſich⸗ tigte bei dem Lichte der Fackel, welche ſein Führer in die Höhe hob, die drei Keller ſehr genau. Nach⸗ dem er ſich von der Wahrheit der Ausſagen ſeines Wirthes, daß er nämlich allein hier wohne, über⸗ zeugt hatte, kehrte er wieder nach dem erſten zurück, wo ein Feuer brannte, und warf ſich mit einem tiefen Seufzer vor dem Kamine auf den Boden nieder. Der Blinde ging an ſeine gewöhnliche Beſchäf⸗ tigung und ſchien ſich um ſeinen Gaſt nicht weiter zu kümmern. Sobald aber letzterer eingeſchlafen war— er gewahrte dieſes Umſtandes ſo bald, als es nur bei einem Manne mit dem ſchärfſten Geſicht hätte der Fall ſeyn können— kniete er an ſeiner Seite nieder und fuhr mit ſeiner Hand leicht, aber aufmerkſam über deſſen Geſicht und Körper. Der Schlummer des Fremden wurde durch viel Auffahren und Stöhnen, hin und wieder durch etliche murmelnde Worte unterbrochen. Seine Hände waren geballt, ſeine Stirne gefurcht und ſein Mund feſt verſchloſſen. Nichts von alle dem entging dem Blin⸗ den; und als ob ſeine Neugierde lebhaft geweckt wäre und er bereits einen Blick in ſein Geheimniß gethan hätte, blieb er lauernd und horchend neben ihm ſitzen, bis es heller Tag war. Neunzehntes Kapitel. Dolly Vardens hübſches Köpfchen war noch ganz verwirrt von den mancherlei Erinnerungen an⸗ die Abendgeſellſchaft, und vor ihren glänzenden Au⸗ gen tanzten und funkelten noch immer, wie Sonnen⸗ ſtäubchen, eine Menge von Bildern, worunter na⸗ mentlich das eines Theilhabers an jener Geſellſchaft eine bedeutende Rolle ſpielte; es handelte ſich nämlich dabei um einen jungen Kutſchenmacher, der ſich be⸗ reits das Meiſterrecht erworben und, als er ihr in die Sänfte half, den Wink hatte fallen laſſen, er ſey von Stund an feſt entſchloſſen, ſein Geſchäft hintanzuſetzen und aus eitel Liebe zu ihr langſam dahin zu ſterben.— Dolly's Köpfchen, Augen und Gedanken, kurz alle ſieben Sinne waren ſammt und ſonders in einem Zuſtande von Aufregung und ——— ☛ 303 Verwirrung, den einzig jene Abendgeſellſchaft zu ver⸗ antworten hatte, obglelch dieſe ſchon drei Tage vorüber war, als fie, eben gleichgültig bei ihrem Frühſtück ſitzend, und alle Arten von Glück— das heißt, von Verheirathung und blühendem Wohl⸗ ſtande— auf dem Grunde ihrer Theetaſſe leſend, einen Tritt in der Werkſtatt hörte und durch die Glasthüre Herrn Edward Cheſter erkannte, der un⸗ ter den roſtigen Schlöſſern und Schlüſſeln wie ein Liebesgott unter den Roſen ſtand— eine Verglei⸗ chung, auf die ſich jedoch der Geſchichtsſchreiber nichts zu gute thun darf, da ſie eigentlich von der keuſchen und beſcheidenen Miggs herſtammt, welche ſich in einer ähnlichen Weiſe über den jungen Mann ausſprach, als ſie von der Thürtreppe aus, welche ſie eben in ſentimentaler Stimmung und jungfräu⸗ licher Beſcheidenheit fegte, ſeiner anſichtig wurde. Der Schloſſer, welcher gerade ſeine Augen aufwärts geſchlagen und den Kopf zurückgeworfen hatte, weil er in emſiger Unterhaltung mit ſeinem Toby begriffen war, bemerkte ſeinen Gaſt nicht, bis Frau Varden, aufmerkſamer als die übrigen, Sim Tappertit aufforderte, die Glasthüre zu öffnen und ihn einzulaſſen— aus welchem widrigen Umſtand die gute Dame ſogleich folgerte(denn ſie wußte aus dem unbedeutendſten eine köſtliche Lehre abzuleiten), daß ein Trunk Dünnbiers am Morgen genommen, eine ſchädliche, irreligiöſe und heidniſche Gewohnheit ſey, die man den Schweinen, dem Satan, oder 304 allermindeſtens den Katholiken überlaſſen ſollte, wäh⸗ rend ein rechtgläubiger Proteſtant ſie als eine An⸗ ſtiftung des Böſen und als ſündiges Werk meiden müſſe. Ohne Zweifel hätte ſie ihre Ermahnulh noch weiter fortgeführt und eine lange Reihe von köſtlichen Sittenſprüchen von unſchätzbarem Werthe daran geheftet, wenn nicht der junge Herr, der etwas verblüfft und verlegen daneben ſtand, während ſie ihrem Gatten dieſe Vorleſung hielt, einen ſchnelleren Schluß herbeigeführt haben würde. „Ihr werdet mich wohl entſchuldigen, Sir,“ ſagte Frau Varden aufſtehend und knixend;„aber Varden iſt ſo gar gedankenlos, und muß ſo viel erinnert werden— Sim, bring Er einen Stuhl herbei. Herr Tappertit gehorchte, aber mit einer Schwen⸗ kung, welche ſagen ſollte, er thue es zwar, aber unter Proteſt. „Du kannſt jetzt gehen, Sim,“ ſagte der Schloſſer. Herr Tappertit gehorchte abermals, noch immer proteſtirend, und begab ſich nach der Werkſtatt, unter⸗ wegs ernſtliche Beſorgniſſe hegend, er dürfte ſich ge⸗ nöthigt ſehen, ſeinen Meiſter zu vergiften, noch ehe ſeine Lehrzeit aus wäre. Inzwiſchen erwiederte Edward Frau Vardens Höflichkeit auf eine paſſende Weiſe, worüber ſich dieſe Dame in ſo hohem Grade aufheiterte, daß ſie eigent⸗ lich angenehm wurde, als er aus Dolly's ſchönen Händen eine Taſſe Thee annahm. — 0- ⏑——‿—* 30⁵ „Verlaßt Euch darauf, Sir, wenn Euch Varden oder ich, oder Dolly, zu irgend einer Zeit mit etwas dienen kann, ſo ſoll es geſchehen, ſobald Ihr es nur ausgeſprochen habt,“ ſagte Frau Varden. „Sehr verbunden für dieſe Güte,“ verſetzte Ed⸗ ward.„Ihr ermuthigt mich dadurch zu dem Ge⸗ ſtändniß, daß ich gerade heute gekommen bin, um von Eurem Anerbieten Gebrauch zu machen.“ Frau Varden war über alle Maßen entzückt. „Es iſt mir eingefallen, daß vielleicht Eure ſchöne Tochter heute oder morgen nach dem Kaninchenhag geht,“ ſagte Edward mit einem Blick auf Dolly, „und falls ich mich hierin nicht täuſche, ſo werdet Ihr mich mehr, als ich auszudrücken vermag, ver⸗ binden, wenn Ihr erlauben wollt, daß ich ſie mit dieſem Briefe beläſtige. Die Wahrheit zu ſagen, es iſt mir ſehr viel daran gelegen, daß er an den Ort ſeiner Beſtimmung gelangt, habe aber beſondere Gründe, ihn Niemand anderem anzuvertrauen, weß⸗ halb ich ohne Eure Beihülfe in der peinlichſten Ver⸗ legenheit bin.“. „Sie geht zwar weder heute, noch morgen, oder überhaupt in der ganzen nächſten Woche dahin, Sir,“ entgegnete die Dame ſehr huldvoll,„aber es ſoll uns freuen, um Euretwillen dieſen Umweg zu machen. Iſt es daher Euer Wunſch, ſo dürft Ihr Euch darauf verlaſſen, daß er heute noch abgeliefert wird. Viel⸗ leicht glaubt Ihr,“ fügte Frau Varden mit einem Stirnerunzeln gegen ihren Gatten bei,„mein Mann Beoz XVI. Barnaby Rurge. 20 306 habe etwas dagegen einzuwenden, weil er ſo ſtumm und ſteif da ſitzt; aber daran braucht Ihr Euch nicht zu kehren, Sir. Er macht's immer ſo zu vnſ Freilich, draußen kann er luſtig und geſprächig ge⸗ nug ſeyn.“ Nun hatte aber der unglückliche Schloſſer gerade ſeine Sterne geſegnet, daß ſein Ehegemahl ſo gut gelaunt war, und mit eigentlich leuchtendem Geſicht da geſeſſen, um mit unausſprechlicher Freude dem Geſpräche zuzuhören, weßhalb ihn dieſer plötzliche An⸗ griff nicht wenig überraſchte. „Meine liebe Martha“— ſagte er. „O ja, das geſtehe ich,“ unterbrach ihn Frau Varden mit einem Lächeln, in welchem ſich Hohn und Scherz miſchte.„Sehr lieb! wir wiſſen das alle.“ „Nein, aber meine gute Seele,“ entgegnete Gabriel,„du irrſt dich gewaltig— in der That, ganz gewaltig. Ich war ganz entzückt, dich ſo freund⸗ lich und bereitwillig zu ſehen. Ich verſichere dich, meine Liebe, ich wartete eigentlich mit Bangen darauf, was du ſagen würdeſt.“ „Du warteteſt mit Bangen?“ wiederholte Frau Varden.„Ja, ich danke dir, Varden. Du warteteſt, wie du immer thuſt, damit die Schande auf mich fiele, wenn welche dabei herauskäme. Doch ich bin daran gewöhnt,“ fügte die Dame mit einer Art von feierlichem Kichern bei,„und das tröſtet mich.“ „Ich gebe dir mein Wort, Martha— ¹ 307 „Laß dir mein Wort darauf geben, mein Lieber,“ unterbrach ihn ſeine Gattin mit einem chriſtlichen Lächeln,„daß es beſſer iſt, wenn ſolche Streitigkeiten zwiſchen verheiratheten Leuten unterbleiben. Wenn es dir daher beliebt, Varden, ſo wollen wir den Ge⸗ genſtand fallen laſſen. Ich wünſche nicht, darin fort⸗ zufahren, ſo viel Grund auch vorhanden wäre. Ich könnte noch viel ſagen— aber ich ſchweige lieber. Sey darum ſo gut, es auch zu thun.“ „Ich verlange nicht, weiter zu ſagen,“ entgegnete der Schloſſer gereizt. „Wohlan denn, ſo unterlaß es,“ erwiederte Frau Varden. „Nur das noch, daß ich nicht angefangen habe, Martha,“ fügte der Schloſſer gutmüthig bei. „Du haſt nicht angefangen Varden,“ rief ſeine Frau, die Augen weit öffnend und die Anweſenden überſchauend, als wollte ſie ſagen: ‚da höre man dieſen Mann!„Du nicht angefangen? Doch, du ſollſt nicht ſagen können, daß ich in Hitze gerathen bin. Nein, du haſt nicht angefangen; o du mein Himmel, nein, du nicht, mein Lieber!“ „Nun, nun,“ verſetzte der Schloſſer,„laſſen wir's gut ſeyn.“ „O ja,“ entgegnete ſein Weib;„vollkommen einverſtanden. Wenn es dir zu ſagen beliebt, Dolly, habe angefangen, ſo will ich dir auch nicht wider⸗ ſprechen. Ich kenne meine Pflicht. Wie ſollte ich ſie nicht kennen? Wird ſie mir nicht oft genug in's Ge⸗ 20* dächtniß zurückgerufen, wenn ich vielleicht Luſt hätte, ſie für einen Augenblick zu vergeſſen? Das danke ich dir, Varden.“— und ſo faltete ſie, mit einer gewaltigen Zur⸗ ſchauſtellung von Demuth und Verſöhnlichkeit, die Hände und blickte abermals mit einem Lächeln um⸗ her, welches deutlich ſagte:„Wenn ihr die erſte und gedrückteſte aller Märtyrerinnen ſehen wollt— hier iſt ſie, betrachtet ſie.“ In ein ſo helles Licht dieſer kleine Vorfall auch Frau Varden's außerordentliche Sanftmuth und Liebenswürdigkeit ſtellen mochte, ſo trug er doch we⸗ ſentlich dazu bei, die Unterhaltung zu hemmen und alle Anweſenden, die vortreffliche Dame ausgenom⸗ men, ſo zu verſtimmen, daß in Edward's Anweſen⸗ heit nur noch wenige Worte gewechſelt wurden. Dieſer brach jedoch bald auf, dankte der Hausfrau zu wie⸗ derholtenmalen für ihre Herablaſſung und flüſterte Dolly in's Ohr, daß er morgen wieder kommen wolle, um nachzuſehen, ob ſie eine Antwort auf das Billet erhalten habe— was ſie in der That wußte, ohne daß es ihr geſagt würde, da Barnaby und ſein Freund Greif des Abends zuvor da geweſen waren,. um ſie auf den dermaligen Beſuch vorzubereiten. Gabriel gab Edward das Geleite bis an die Hausthüre und kehrte dann, die Hände in den Ta⸗ ſchen, wieder zurück. Nachdem er eine Weile ſehr unruhig im Zimmer umhergeſtört und viele Seiten⸗ blicke auf Frau Varden geworfen hatte, die mit dem 309 ruhigſten Geſichte von der Welt ihre fünf Faden tief in der proteſtantiſchen Hausandacht ſtack, fragte er Dolly, wie ſie den Weg zu machen gedenke. Dolly meinte, es ginge am Beſten mit dem Poſtwagen, und ſchaute nach ihrer Frau Mutter hin, welche ſich bei dieſer ſtummen Berufung wenigſtens um ein weiteres Klafter in ihre Andacht vertiefte und für alle Erdendinge abgeſtorben zu ſeyn ſchien. „Martha—“ ſagte der Schloſſer. „Ich höre dich, Varden,“ ſagte ſeine Frau, ohne an die Oberfläche aufzutauchen. „Es thut mir leid, meine Liebe, daß du einen ſolchen Groll auf den Maibaum und den alten John geworfen haſt, denn's iſt ein ſehr ſchöner Morgen, und da an Sonntagen bei uns ohnehin nicht gear⸗ beitet wird, ſo hätten wir drei wohl miteinander in unſerer Chaiſe nach Chigwell fahren und uns einen frohen Tag machen können.“ Frau Varden machte ſogleich ihr Gebetbuch zu, brach in Thränen aus und wollte nach ihrem Zimmer hinaufgeführt werden. „Was gibt's denn jetzt wieder?“ fragte der Schloſſer. „O! ſprich nicht mit mir,“ erwiederte Martha, und betheuerte in ihren Seelennöthen, wenn's ihr Jemand geſagt hätte, ſo würde ſie es nicht geglaubt haben. „Aber Martha,“ entgegnete Gabriel, indem er ihr in den Weg trat, als ſie, unter Beihülfe von Dolly's Schulter, ſich entfernen wollte,„was würdeſt du nicht geglaubt haben? So ſprich, was habe ich nicht recht gemacht. Sage mir’s. Bei meiner Seele, ich weiß es nicht. Weißt du es, mein Kind? Zum Henker!“ rief der Schloſſer, in halber Verzweiflung an ſeiner Perücke zupfend,„ich glaube in der That, Niemand weiß es, als Miggs!“ „Miggs,“ ſagte Frau Varden mit matter Stimme, und alle Merkmale deuteten auf eine heranziehende Geiſtesabweſenheit hin,„iſt mir treu, und das reicht zu, um ſie zum Stichblatt des Haſſes für das ganze Haus zu machen. Aber ſie iſt mein Troſt, was ſie auch fuüͤr andere ſeyn mag.“ „Mir iſt ſie kein Troſt,“ rief Gabriel, den die Verzweiflung kühn machte.„Sie iſt das Elend meines Lebens und vereint in ihrer einzigen Perſon alle Plagen Aegyptens.“ „Ich zweifle nicht, daß man ſie ſo betrachtet,“ ſagte Frau Varden.„Natürlich konnte ich darauf vorbereitet ſeyn, denn es gehört nur zum Uebrigen. Wenn du mich in's Angeſicht verunglimpfſt, wie kann ich mich wundern, wenn du's ihr hinter ihrem Rücken nicht beſſer machſt.“ Und nun kam die Geiſtesabweſenheit in ſtarkem Zuge; denn Frau Varden weinte und lachte, ſchluchzte und ſchauderte, gächzte und würgte; dann ſagte ſie, ſie wiſſe wohl, daß es ſehr thöricht ſey, aber ſie könne ſich nicht helfen, und wenn ſie einmal todt und geſtorben ſey, ſo würde man vielleicht erſt bereuen 311 — was freilich, den Umſtänden nach, nicht ſo ganz wahrſcheinlich ſeyn mochte, als ſie zu glauben ſchien — nebſt noch vielem Anderen dergleichen. Mit einem Worte, ſie führte mit großem Anſtand alle Ceremo⸗ nien durch, die bei ſolchen Gelegenheiten unerläßlich ſind, ließ ſich die Treppe hinaufführen und wurde in einem höchſt bedenklichen Krampfanfalle auf ihr Bett gelegt, wo alsbald Miß Miggs ſich ganz troſtlos über ſie herwarf. Der eigentliche Zweck von alle dem war, daß Frau Varden nach Chigwell wollte, daß ſie aber nicht geneigt war, Zugeſtändniſſe zu machen oder Erklä⸗ rungen zu geben, daß man ſie durch Bitten und Flehen dazu bewegen ſollte, und daß ſie unter keiner andern Bedingung einzuwilligen gedachte. Demge⸗ mäß gab es viel Geſchluchze und Thränen oben, viele naſſe Umſchläge um den Kopf, viel Eſſig⸗ und Hirſch⸗ horngeiſt⸗Applikation an Schläfen und Naſe u. ſ. w.; dann folgten die pathetiſchſten Beſchwörungen von Seite der Jungfer Miggs, unterſtützt durch nicht allzuſchwache Miſchungen von warmem Branntwein und Waſſer, nebſt unterſchiedlichen anderen Herzſtärkungen, gleich⸗ falls aus dem Bereiche der Stimulantien, die anfangs theelöffelvollweiſe und ſpäter in geſteigerten Doſen angewendet, aber auch von Miß Miggs fleißig als Präſervative gebraucht wurden, da Ohnmachten an⸗ ſteckend ſind. Nach all dieſen Heilmitteln und noch vielen anderen, die man wohl einnehmen, aber nicht aufzäheen kann, wobei man es denn auch nicht an 312 moraliſchen, religiöſen und andern Tröſtungen fehlen ließ, kroch der Schloſſer zum Kreuz, und das Spiel gewann eine günſtigere Wendung. „Es iſt nur um des Friedenswillen, Vater,“ ſagte Dolly, indem ſie ihn die Treppe hinauf drängte. „Ach, Doll, Doll,“ ſeufzte der gutmüthige Va⸗ ter.„Wenn du je ſelbſt einmal einen Mann haſt—“ Dolly blickte nach dem Spiegel. „Nun, wenn du einmal einen haſt,“ fuhr der Schloſſer fort,„ſo falle ja nie in Ohnmacht, meine Liebe. Das leichte Ohnmächtigwerden ſchafft mehr häusliches Unglück, als alle größeren Leidenſchaften zuſammengenommen. Vergiß das nicht, meine Liebe, wenn dir's um dein wahres Glück zu thun iſt, und eines ſolchen kannſt du dich nur erfreuen, wenn auch dein Gatte glücklich iſt. Und noch ein Wort dir in's Ohr. Laß nie eine Miggs neben dir auf⸗ kommen!“ Nach dieſem Rathe küßte er ſeine blühende Toch⸗ ter auf die Wange und ſchlich nach Frau Varden's Zimmer, wo dieſe Dame leichenblaß und erſchöpft auf ihrem Lager war und ſich an dem Anblicke ihres neueſten Hutes labte, welchen Miggs als ein Mittel, die verirrten Lebensgeiſter zu ſammeln, auf die vor⸗ theilhafteſte Weiſe neben dem Bette zur Schau auf⸗ geſtellt hatte. „Da iſt der Meiſter, Ma'am,“ ſagte Miggs. „O, welch ein Glück iſt es, wenn Mann und Frau wieder einig werden! Ach, barmherziger Gott, ſchon 313 der Gedanke, daß ſie nur ein ſchlimmes Wort mit einander wechſeln ſollten!“ In dem Feuer dieſer Gefühle, die Miß Miggs in der Form einer Anrufung an alle Himmel insge⸗ ſammt ausſprach, pflanzte ſie den Hut auf ihren eigenen Kopf, ſchlug ihre Hände zuſammen und fing auf's Neue zu weinen an. „Ich kann die Zähren nicht zurückhalten,“ rief Miggs,„und wenn ich darin ertrinken müßte. Sie hat ein ſo gar verſöhnliches Gemüth! Sie will Alles vergeſſen, was vorgefallen iſt, und mit Euch gehen, Sir— o, und wenn es an der Welt Ende wäre, ſie ginge mit Euch.“ Frau Varden ertheilte mit einem matten Lächeln ihrer Dienerin einen ſanften Verweis für dieſen Enthuſiasmus, ſie zu gleicher Zeit erinnernd, daß ſie ja viel zu unwohl ſei, um ſich heute hinauswagen zu können. „O nein, Ihr ſeyd's nicht, Ma'am, gewiß nicht,“ ſagte Miggs.„Ich berufe mich auf den Meiſter, der Meiſter weiß, Ihr ſeyd's nicht, Ma'am. Die friſche Luft und die Bewegung der Schäs wird Euch gut thun, Ma'am; Ihr müßt nur nicht nachgeben — nein, Ihr müßt nicht. Sollte ſie ſich nicht auf⸗ heitern, Sir— ſollte ſie's nicht, um unſer Aller willen? Ich habe ihr's eben erſt geſagt. Sie muß auch an uns denken, wenn ſie je auf ſich ſelbſt keine Rückſicht nehmen will. Ich weiß, der Meiſter wird auch zu⸗ reden, Ma'am. Miß Dolly geht ja mit, und der 314 Meiſter, und Ihr, und dann iſt alles ſo glücklich und vergnügt. O!“ rief Miggs, indem ſie abermals in Thränen ausbrach, ehe ſie in ihrer großen Aufregung das Zimmer verließ,„ich ſehe nie wieder eine ſolche Geſegnete, wie ſie iſt, um der Verſöhnlichkeit ihres Gemüthes willen— habe nie, nie, nie eine ſolche geſehen. Und auch der Meiſter nicht— nein, nicht eine einzige— nie!“ Noch etwa fünf Minuten widerſtrebte Frau Var⸗ den ſanft allen Bitten ihres Gatten, daß ſie ihm die Freude machen möchte, an dem Vergnügen des Tages Theil zu nehmen; aber endlich ließ ſie ſich erweichen. Sie gewann es über ſich, ihm aus freien Stücken zu verzeihen— ein Verdienſt, das, wie ſie beſcheiden bemerkte, der proteſtantiſchen Hausandacht und nicht ihr beizumeſſen war— und verlangte, daß Miggs kommen ſolle, um ihr bei ihrem Anzug zu helfen. Die Zoſe war auch ſogleich zur Hand, und wir laſ⸗ ſen ihren vereinten Bemühungen nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir bemerken, daß die gute Dame, als ſie im Verlaufe der Zeit vollkommen reiſefertig die Treppe herunterkam, ganz ſo ausſah, als ob gar nichts vorgefallen wäre, denn von ihrem Unwohlſeyn war auch nicht eine Spur zurückgeblieben. Und was Dolly betrifft, da war ſie wieder— recht eigentlich die Blume und das Muſterbild guten Aus⸗ ſehens— in einer hübſchen kirſchrothen Mantille, deren Kapuze über ihren Kopf gezogen war, und über die⸗ ſer Kapuze ſaß ein kleiner, mit kirſchfarbigen Bän⸗ — ͤͤ e =— 315 dern ausſtaffirter Strohhut, der ein klein wenig auf die eine Seite gedrückt war— gerade hinreichend, um ihn zu dem gottloſeſten und neckiſchſten Kopfputz zu machen, der je aus den Händen einer boshaften Putz⸗ macherin gekommen war. Und gar nicht davon zu reden, wie dieſe kirſchrothen Verzierungen gegen ihre Augen abſtachen, oder mit ihren Lippen wetteiferten, oder eine neue Blütenfarbe über ihr Antlitz verbrei⸗ teten— trug ſie auch noch einen ſo grauſamen, kleinen Muff, ein ſo herzzerreißendes Paar Schuhe, und war ſo umgeben und eingeengt von Ungeheuerlichkeiten aller Art, daß Herr Tappertit, als er des Pferdes Zügel hielt und ſie aus dem Hauſe herauskommen ſah, einen gewaltigen Drang verſpürte, ſie in die Chaiſe zu locken und wie toll davon zu fahren, was er auch ohne Frage gethan haben würde, wenn ihm nicht gewiſſe unruhige Zweifel aufgeſtoßen wären über den kürzeſten Weg nach Gretna Green: ob er nämlich die Straße auf⸗ oder abwärts, ob rechts oder links fahren müſſe, und ob, im Falle auch alle Schlagbäume durch den Sturm zerſtört worden wä⸗ ren, zu guter letzt der Schmid ſie auf Borg trauen würde, was, um ſeines geiſtlichen Amtes willen, ſogar unſeres Tappertit's aufgeregter Einbildungskraft ſo unwahrſcheinlich vorkam, daß er zauderte, und wäͤh⸗ rend er zaudernd da ſtand und aus ſeinen Augen ſechsſpännige Poſtchaiſen auf Dolly ſchießen ließ, kam ſein Meiſter und ſeine Meiſterin und die ſtand⸗ hafte Miggs heraus, und die Gelegenheit war für 316 immer entſchwunden. Denn die Chaiſe knarrte jetzt in ihren Federn und Frau Varden war darin, und jetzt knarrte ſie wieder, ſtärker als zuvor, und der Schloſſer war darin, und jetzt hüpfte ſie einmal auf, als ob ihr das Herz leichter ſchlüge, und Dolly war darin; und jetzt war ſie fort und der Platz, wo ſie geſtanden, leer, und Sim und jene traurige Miggs ſtanden mit einander allein auf der Straße. Der wackere Schloſſer war in ſo guter Laune, als ob ihm in den letzten zwölf Monaten nichts über den Weg gekommen wäre, Dolly lauter Lächeln und Anmuth, und Frau Varden angenehmer als je. Wäh⸗ rend ſie durch die Straßen holperten und von Allerlei ſprachen— wen anders ſahen ſie da auf dem Pflaſter, als gerade jenen Kutſchenmacher, welcher ſo gentil ausſah, daß Niemand geglaubt haben würde, er habe je anders mit Kutſchen zu thun gehabt, als um darin zu fahren, und ſich wie ein Lord verbeugte. Dolly war ganz verwirrt, als ſie ſein Compliment erwie⸗ derte, und die kirſchrothen Bänder zitterten ein wenig, als ſie ihm in das ſchwermüthige Auge ſah, welches zu ſagen ſchien: ‚„ich habe mein Wort gehalten und angefangen; das Geſchaft geht zum Teufel, und du biſt die Urſache davon.“ Da ſtand er, wie in den Boden gewurzelt;„wie eine Statue,“ ſagte Dolly, und ‚wie ein Pumpbrunnen,“ ſagte Frau Varden— bis ſie um die Ecke bogen. Und als der Vater dachte, es wäre doch eine Unverſchämtheit, und die Mutter ſich wunderte, was er damit gemeint haben 31¹7 könne, wurde Dolly wieder ſo roth, daß ihre Kapuze eigentlich blaß dagegen ausſah. Demungeachtet ging's aber luſtig weiter. Der Schloſſer hielt in der unvorſichtigen Fülle ſeines Herzens an allen möglichen Orten an, und zeigte eine höchſt vertraute Bekanntſchaft mit allen Wirths⸗ häuſern am Wege, wie auch mit allen Wirthen und Wirthinnen, mit denen in der That auch das kleine Pferd auf gleich freundlichem Fuße ſtand, denn es machte ſtets aus eigenem Antrieb Halt. Nie waren Leute ſo erfreut, andere Leute zu ſehen, als dieſe Wirthe und Wirthinnen bei Herr Vardens und Frau Vardens und Miß Vardens Anblick; und ob ſie nicht ausſteigen wollten, ſagte der eine; und ſie müß⸗ ten in der That in's Haus hinauf, ſagte ein ande⸗ rer; und ſie würde es übel nehmen, und ganz ge⸗ wiß, ſie ſey ſtolz darauf, wenn man einen kleinen Imbiß bei ihr neymen wolle, ſagte eine dritte; und dergleichen, ſo daß es eigentlich eher ein Triumphzug als eine Fahrt war— eine fortgeſetzte Gaſtlichkeits⸗ zuſchauſtellung vom Anfang bis zum Ende. Es war angenehm genug, in ſo hoher Achtung zu ſtehen, der Erfriſchungen gar nicht zu erwähnen; und ſo ſagte Frau Varden zur Zeit nichts und war ganz Lautſe⸗ ligkeit und Entzücken— aber eine ſolche Maſſe von Beweiſen, als ſie an dieſem Tage gegen den unglück⸗ lichen Schloſſer ſammelte, um ſie bei erforderlichen Anläſſen zu benützen, war noch nie zu ähnlichen Zwecken zuſammengebracht worden. 318 Im Laufe der Zeit— und zwar einer ziemlich langen Zeit, denn dieſe angenehmen Unterbrechungen hatten keinen kleinen Verzug zur Folge— gelangten ſie an den Saum des Waldes, und vergnüglich unter den Bäumen hinfahrend, kamen ſie endlich vor den Maibaum, wo des Schloſſers luſtiges„Halloh!“ als⸗ bald den alten John und nach ihm den jungen Joe an’s Portal brachte; und beide waren von dem An⸗ blick dieſer Damen ſo bezaubert, daß ſie für einen Augenblick völlig außer Stand waren, die Gäſte willkommen zu heißen, und nur die Augen aufzu⸗ ſperren vermochten. Es dauerte jedoch nur einen Augenblick, daß Joe ſich vergaß, denn, ſchnell wieder zu ſich kom⸗ mend, ſchob er ſeinen ſchläfrigen Vater bei Seite— zu Herrn Willet's mächtiger und unausſprechlicher Entrüſtung— eilte herzu und ſchickte ſich an, der Geſellſchaft aus dem Wagen zu helfen. Dolly mußte zuerſt ausſteigen. Ive hatte ſie in ſeinen Armen; — ja, er hatte ſie in ſeinen Armen, obgleich nicht länger, als um Eins zählen zu können. Wenigſtens ein Funken von Seligkeit! Es wäre ſchwer zu beſchreiben, was es für ein flaches Alltagsgeſchäft war, nachher Frau Varden herauszuhelfen; aber Ioe that es, und that es noch obendrein auf die anmuthigſte Weiſe von der Welt. Der alte John, der eine dunkle und unbeſtimmte Idee unterhielt, daß Frau Varden nicht gut auf ihn zu ſprechen ſey, und einigermaßen im Zweifel ſtand, ob 319 ſie nicht etwa herausgekommen ſey, um ihm in die Haare zu fahren, nahm endlich ſeinen Muth zuſam⸗ men, hoffte, daß ſie ſich wohl befinde, und bot ihr ſein Geleite in das Haus an. Dieſe Höflichkeit wurde freundlich aufgenommen, und ſo ſpazierten ſie mit einander hinein; Joe folgte, Arm in Arm mit Dolly (abermals Seligkeit!), und Varden bildete die Nachhut. Der alte John that es durchaus nicht anders, als daß ſie im Schenkſtübchen ſitzen mußten, und da Niemand etwas einzuwenden hatte, ſo geſchah es auch. Alle Schenkſtübchen ſind behagliche Plätze, aber das im Maibaum war das behaglichſte, trau⸗ lichſte und vollkommenſte Schenkſtübchen, das nur je menſchlicher Verſtand geſchaffen hatte. So erſtaun⸗ liche Flaſchen auf den alten eichenen Taubengeſimſen, ſo blanke Kannen, die von den Rechen in einer Nei⸗ gung herunterhingen, wie wenn ſie durſtige Leute an den Lippen hielten; ſo ſtämmige kleine Holländer⸗ fäßchen, der Reihe nach aufgeſtellt; ſo viele Citronen, die in geſonderten Netzen hingen, und den in dieſer Geſchichte bereits erwähnten duftenden Hain bildeten und mit den ſchneeweißen Zuckerhüten daneben das alle menſchlichen Begriffe überſteigende Ideal eines Punſches vergegenwärtigten; ſolche Schränke, ſolche Kommoden, ſolche Schubladen voll Tabackspfeifen, ſolche Plätze, um Dinge in die Niſchenſitze der Fen⸗ ſter zu ſtellen; Alles vollgepropft mit Eß⸗ und Trink⸗ ſachen oder würzigen Speiſezuthaten; und endlich die Krone von Allem— der ſchönſte Beleg für die 320 unerſchöpflichen Hülfsquellen des Wirthshauſes und eine wahre Herausforderung für alle Gäſte, anzu⸗ ſchneiden und wieder zu kommen— ſo ungeheure Käſelaibe! Wohl iſt es ein armes Herz, dem nie eine Freude blüht— aber es hätte das ärmſte, ſchwächſte und wäſſerigſte Herz ſeyn müſſen, das je geſchlagen hat, wenn es nicht in dem Schenkſtübchen des Maibaums warm geworden wäre. Frau Varden's Herz fühlte alsbald dieſen Einfluß. Unter ſolchen Laren, den Tönnchen und Flaſchen, den Citronen, den Pfeifen und dem Käſe hätte ſie John Willet eben ſo wenig einen Vorwurf machen können, als ſie im Stande geweſen wäre, ihn mit ſeinem eigenen blanken Vor⸗ legemeſſer zu erſtechen. Und dann die Anordnung der Mittagstafel— ſie hätte einen Wilden zahm machen können. „Ein Stückchen Fiſch,“ ſagte John zu der Kö⸗ chin,„und einige gebratene Lammsrippchen mit ge⸗ hörig Brühe, und einen guten Salat, und ein ge⸗ röſtetes Hühnchen, mit einer Platte voll Würſten und zerdruckten Kartoffeln oder etwas der Art.“ Etwas der Art! Welche Vorräthe in dieſen Wirthshäuſern! So leicht hin von Gerichten zu ſprechen, die an ſich ſchon ein Feiertagseſſen erſten Rangs geweſen wären und einer Hochzeitstafel Ehre gemacht haben würden— etwas der Art; gerade ſo viel, als wollte er ſagen, wenn du nicht gerade ein Hühnchen kriegen kannſt, ſo thut's eine andere A—, n n k ——— 321 Kleinigkeit aus dem Geflügelhofe— ein Pfauhahn vielleicht! Dann auch die Küche mit den großen weiten Höhlen in dem Kamin— eine Küche, wo nichts, was die Kochkunſt erſonnen, auszuführen unmöglich erſchien; wo man an Alles glauben konnte, was man einem als Speiſe verſprach. Frau Varden kehrte nach Betrachtung dieſer Wunder wieder nach dem Schenkſtübchen zurück— recht eigentlich ſchwindelig und verwirrt über das Geſehene; ihr Wirthſchafts⸗ talent war nicht umfaſſend genug, um alles dieß zu begreifen. Sie mußte ein Schläfchen machen. In⸗ mitten des Ungeheuern zu wachen, wäre zu peinlich geweſen. Inzwiſchen ging Dolly, deren frohes Herzchen und Köpfchen mit andern Dingen beſchäftigt waren, zur Gartenthüre hinaus, hin und wieder einen Blick zurückwerfend(natürlich aber nicht aus Neugierde, ob Joe ſie ſehe) und trippelte auf dem wohlbekannten Feldwege weiter, um ihren Auftrag im Kaninchenhag auszurichten: und dem Erzähler dieſer Geſchichte wurde mitgetheilt, und er glaubt es wahrhaftig, daß man nicht leicht etwas Lieblicheres ſehen konnte, als die kirſchrothe Mantille und die kirſchrothen Bänder, wie ſie im ſchönen Lichte des Tages ſchwindelnd und flüchtig auf dem Grun der Wieſen dahin flatterten. Boz XVI. Barnaby Rudge. 21 ——J—ſ=e 322 Zwanzigſtes Kapitel. Siolz auf das ihr bewieſene Vertrauen und voll Selbſtgefuhl über die Wichtigkeit ihrer Sendung, hätten alle im Hauſe ihr dieſelbe anſehen können, wenn ſeine Bewohner Spaliere vor ihr gebildet hät⸗ ten; da aber Dolly als Kind oft und vielmals in den öden Räumen und Fluren geſpielt hatte und ſeitdem immer eine Freundin von Miß Haredale, ihrer Milchſchweſter, geweſen war, ſo war ſie mit dem Gebäude ſo bekannt, wie die junge Dame ſeibſt. Ohne ſich daher einer größeren Vorſicht zu bedienen, als daß ſie den Athem anhielt und an der Thüre des Bibliothekzimmers auf den Zehen vorbeiſchlüpfte, ging ſie geradenwegs als ein privilegirter Beſuch auf Emma's Zimmer zu. Es war das angenehmſte Gemach im ganzen Hauſe— zwar eben ſo düſter als die übrigen, aber die Gegenwart von Jugend und Schönheit, wenn ſie nicht etwa unglücklicherweiſe durch die Gefangenſchaft hinwelkt, könnte ſogar einen Kerker heiter machen und ſelbſt dem düſterſten Schauplatze einiges von ihrem Zauber leihen. Vögel, Blumen, Bücher, Zeichnungen, Muſikalien und hundert ſolche anmuthige Merkmale weiblicher Liebhabereien und Beſchäfti⸗ gungen füllten es mit mehr Leben und Sympathie, als das ganze übrige Gebäude bergen zu können — ſchien. Es war Herz in dem Gemache, und wer, der ein Herz hat, erkennt nicht ſchnell die ſtumme Sprache eines Andern! Dolly konnte ſich unſtreitig eines Herzens rüh⸗ men, und noch obendrein keines zähen, obgleich es etwas von Koquetterie umnebelt war„wie dieß zu⸗ weilen in der Morgenſonne des Lebens der Fall iſt, deren heiterer Glanz dadurch ein wenig getrübt wird. Als daher Emma aufſtand, um ſie zu begrüßen, ihr einen zärtlichen Kuß auf die Wange drückte und ihr in ihrer ruhigen Weiſe mittheilte, daß ſie ſehr un⸗ glücklich geweſen ſey— da fühlte Dolly Thränen in ihren Augen und ſie wurde über die Maßen betrübt; aber im nächſten Augenblicke ſchlug ſie dieſelben zu⸗ fällig zu dem Spiegel auf, und dort fand ſie denn wirklich etwas ſo ungemein Erfreuliches, daß ſie unter ihrem Seufzen lächelte und ſich ausnehmend getröſtet fuͤhlte. „Ich habe davon gehört, Fräulein,“ ſagte Dolly, „und es iſt gewiß ſehr traurig; wenn aber eine Sache auf's Aeußerſte kömmt, findet ſich zuverläſſig am eheſten Abhülfe.“ „Aber weißt du auch gewiß, daß es auf's Aeußerſte gekommen iſt?“ fragte Emma mit einem Laͤcheln. „Je nun, ich ſehe in der That nicht, wie es ſich möglicherweiſe noch ſchlimmer geſtalten könnte,“ antwortete Dolly.„Ich bringe aber etwas, womit ſich anfangen läßt.“ „Doch nicht von Edward?“ 21* Dolly nickte lächelnd und fühlte in ihren Taſchen nach(man hatte damals noch Taſchen), indem ſie dabei that, als könne ſie nicht finden, was ſie ſuchte, was natürlich ihre Wichtigkeit noch ſehr erhöhte, und endlich brachte ſie den Brief zum Vorſchein. Emma erbrach haſtig das Siegel und vertiefte ſich in den In⸗ halt, während inzwiſchen Dolly's Augen vermöge eines jener ſonderbaren Zufälle, von denen man keine Rechenſchaft geben kann, wieder nach dem Spiegel wanderten. Es nahm ſie dabei nicht Wunder, daß der Kutſchenmacher wohl recht viel zu leiden habe, und ſie bedauerte recht eigentlich den armen Mann. Es war ein langer— ein ſehr langer Brief, denn der Bogen war auf allen vier Seiten voll und dann über's Kreuz geſchrieben; aber er enthielt keine tröſtliche Mittheilung, denn Emma hielt oft im Leſen inne und brachte von Zeit zu Zeit ihr Tuch an die Augen. Dolly war ungemein erſtaunt, ihre Freundin ſo bekümmert zu ſehen, denn ſie meinte, eine Liebes⸗ angelegenheit ſey der allerſchönſte Spaß und die ſchlaueſte, luſtigſte Sache, die es im Leben geben könne. Sie kam jedoch bald zu dem Schluſſe, daß all' dieß nur von Miß Haredale's Beſtändigkeit herrühre, und wenn ſie es nur einmal mit einem andern jungen Gentleman verſuchen wollte— gerade in der mög⸗ lichſt unſchuldigen Weiſe, um dem erſten Liebhaber die Sache nicht ganz zu verleiden— ſo würde ſie unausſprechlichen Troſt daraus erholen. „Gewiß und wahrhaftig, ſo wurde ich's an ihrer 8 —SgS= — Stelle halten,“ dachte Dolly.„Es reicht zu und iſt auch ganz recht, einen Liebhaber elend zu machen, aber ſelbſt darüber unglücklich zu werden, iſt doch ein Bischen zu viel!“ Es wollte jedoch nicht gehen, dieſe Anſicht aus⸗ zuſprechen, und deßhalb ſah ſie eben ſchweigend zu. Sie brauchte jedoch hiezu einen hübſchen Geduldsvor⸗ rath, denn als der lange Brief einmal durchgeleſen wor⸗ den war, wurde wieder von vorn angefangen, und auch dieß ſchien noch nicht zuzureichen, da auch zum dritten⸗ mal wieder begonnen wurde. Während dieſer lang⸗ weiligen Beſchäftignng ſuchte Dolly die Zeit auf die beſte Weiſe, die ſich ihr darbot, zu tödten, indem ſte ihr Haar um die Finger kräuſelte und es unter Bei⸗ hülfe des vorerwähnten Spiegels in eigentlich mör⸗ deriſche Locken drehte. Doch alles nimmt endlich ein Ende, und auch verliebte junge Damen können nicht unabläſſig Briefe leſen. Im Laufe der Zeit wurde der Bogen wieder zuſammengelegt, und es blieb jetzt nur noch übrig, eine Antwort zu ſchreiben. Da dieß indeß eine eben ſo langweilige Arbeit zu werden ſchien, ſo ſagte Emma, ſie wolle dieſelbe bis nach dem Eſſen verſchieben, indem ſie zu gleicher Zeit Dolly einlud, an ihrem Mahle Theil zu nehmen. Dolly hatte ſich dieß bereits vorhin ſchon in den Kopf geſetzt, und ſo war nicht viel Drängens erforderlich; ſobald demnach dieſer Punkt im Reinen war, gingen ſie in den Garten ſpazieren. 326 Sie ſchlenderten in den Teraſſengängen hin und her, ohne Unterlaß plaudernd— wenigſtens ging es bei Dolly in einem Zuge fort— und machten dieſen Theil des trübſeligen und traurigen Wohnortes un⸗ gemein lebhaft. Nicht, daß ſie laut ſprachen oder viel lachten, aber ſie waren beide ſo ſchön, und es war ein ſo luftiger Tag, und die leichten Gewänder und dunkeln Locken flatterten ſo frei und fröhlich in dieſer Einſamkeit, und Emma war ſo wunderhübſch und Dolly ſo roſig, und Emma war ſo zart gebaut und Dolly ſo artig unterſetzt, und— mit einem Worte, es gibt in keinem Garten Blumen, wie dieſe, was auch die Gärtner dagegen ſagen mögen, und ſowohl Haus und Garten ſchienen dieß zu wiſſen und ſich daruber merklich aufzuheitern. Dann kam das Eſſen und das Brieſſchreiben, dann noch einiges Geplauder, in deſſen Verlauf Miß Haredale der Gelegenheit wahrnahm, Dolly wegen gewiſſer koquettirenden und flatterhaften Neigungen Verweiſe zu ertheilen— Anſchuldigungen, die letztere für eigentliche Komplimente zu nehmen ſchien, indem ſte ſich gewaltig darüber amüſirte. Als Emma fand, daß ſie in dieſer Beziehung ganz unbeſſerlich ſey, ließ ſie ihren Gaſt ziehen, aber nicht ohne ihr zuvor jene wichtige nicht ſorgfaltig genug zu verwahrende Ant⸗ wort anvertraut und ein kleines Andenken, beſtehend in einem hübſchen Armband, beigefügt zu haben. Sie legte es ihr ſelbſt an, empfahl ihr noch einmal, halb im Scherz, halb im Ernſt, ſich ihr ſchelmiſches Weſen 327 abzugewöhnen, denn ſie wiſſe wohl, daß Joe ihr Herz beſitze(was jedoch Dolly unter vielen ſtolzen Be⸗ theurungen, daß ſie hoffentlich noch andere haben könne und dergleichen, hartnäckig in Abrede zog), und ſagte ihr Lebewohl. Die wirkliche Entlaſſung folgte aber erſt, nachdem ſie des Schloſſers Töchterlein noch einmal zurückgerufen hatte, um ihr eine Maſſe ergänzender Aufträge an Edward zu ertheilen, die Jemand mit zehnmal mehr Ernſt, als Dolly Varden vernünftigerweiſe zuzumuthen war, kaum hätte merken können. Dolly ſagte ihr Lebewohl und huſchte leicht die Treppe hinunter, bis ſie an der gefürchteten Biblio⸗ thekzimmerthüre anlangte. Sie wollte eben wieder auf den Zehen vorbeiſchleichen, als dieſe aufging, und ſiehe! da ſtand Herr Haredale vor ihr. Nun hatte Dolly von Kindheit an ſtets die Idee von etwas Grimmigem und Geſpenſtigem mit dieſem Herrn in Verbindung gebracht, und da ſie außerdem in dieſem Augenblick kein reines Gewiſſen beſaß, ſo wurde ſie über ſeinen Anblick ſo verwirrt, daß ſie ihn weder zu grüßen noch wegzulaufen vermochte; ſie that daher nur einen weiten Sprung und blieb dann zitternd und mit niedergeſchlagenen Augen ſtehen. „Komm her, Mädchen,“ ſagte Herr Haredale, indem er ſie bei der Hand faßte.„Ich möchte etwas mit dir ſprechen.“ „Entſchuldigt mich, Sir, ich habe Eile,“ ſtotterte Dolly,„und— und Ihr habt mich durch Euer 328 plötzliches Herauskommen ſo erſchreckt, Sir— ich möchte lieber gehen, Sir, wenn Ihr ſo gut ſeyn wolltet, mir es zu erlauben.“ „Sogleich,“ ſagte Herr Haredale, der ſte in⸗ zwiſchen in das Zimmer geführt und die Thüre ge⸗ ſchloſſen hatte.„Du ſollſt im Augenblick entlaſſen werden. Du kömmſt eben von Emma?“ „Ja, Sir, in dieſer Minute.— Der Vater wartet auf mich, Sir; wenn Ihr alſo die Güte haben wolltet——“ „Ich weiß, ich weiß,“ entgegnete Herr Haredale. „Aber beantworte mir zuvor eine Frage. Was haſt du heute hieher gebracht?“ „Hieher gebracht, Sir?“ ſtotterte Dolly. „Ich zweifle nicht, daß du mir die Wahrheit ſagen wirſt. Ja.“ Dolly zögerte eine Weile; endlich fühlte ſie ſich aber durch ſein Benehmen ermuthigt und ſagte: „Wohlan denn, Sir, es war ein Brief.“ „Von Herrn Edward Cheſter, natürlich. Und du ſollſt auch die Antwort überbringen?“ Dolly ſtockte wieder, und da ſie nicht wußte, wie ſie ſich anders aus der Sache ziehen könnte, brach ſie in Thränen aus. „Du beunruhigſt dich ohne Grund,“ ſagte Herr Haredale.„Warum biſt du ſo thöricht? Gewiß, du kannſt mir doch antworten. Weißt du denn nicht, daß ich nur Emma zu fragen brauche, um die Wahr⸗ heit zu erfahren? Haſt du die Antwort bei dir?“ 329 Dolly hatte, wie man im gemeinen Leben zu ſagen pflegt, ihr eigenes Köpfchen und machte, da ſie ſich jetzt ſo in der Klemme ſah, den beſten Ge⸗ brauch davon. „Ja, Sir,“ antwortete ſie, vor Furcht zitternd. „Ja, Sir, ich habe ſie. Aber Ihr ſollt mich eher umbringen, Sir; als daß ich ſie herausgebe. Es thut mir zwar ſehr leid— aber ich mag nicht. So, Sir.“ „Ich lobe deine Feſtigkeit und deine offene Sprache,“ erwiederte Herr Haredale.„Beruhige dich übrigens, denn ich wünſche dir eben ſo wenig deinen Brief als dein Leben zu nehmen. Du biſt ein ſehr zuverläßiger Bote und ein gutes Mädchen.“ Nicht ganz überzeugt, wie ſie nachher ſagte, ob er nicht nach dieſem Komplimente„über ſie herfallen wolle,“ hielt ſich Dolly ſo fern als möglich, fieng wieder an zu weinen, und entſchloß ſich, ihre Taſche, worin der Brief war, bis aufs Aeußerſte zu vertheidigen. „Ich habe im Sinne,“ fuhr Herr Haredale nach einer kurzen Pauſe fort, während welcher ſich, als er ſie anſah, ein Lächeln durch das melancholiſche Düſter kämpfte, das gewöhnlich ſein Geſicht umlagerte, „meiner Nichte eine Geſellſchafterin zu geben, denn ſie führt hier ein ſo gar einſames Leben. Würde dir die Stelle gefallen? Du biſt ihre älteſte Freun⸗ din und am eheſten dazu berechtigt.“ „Ich weiß nicht, Sir,“ antwortete Dolly, welche nicht ganz gewiß war, ob man ſie nicht necke;„ich 330 kann es nicht ſagen. Ich weiß nicht, was man zu Hauſe davon halten würde, und kann daher keine eigene Meinung abgeben, Sir.“ „Wenn deine Verwandten nichts dagegen haben, würdeſt du wohl etwas einwenden?“ fragte Herr Haredale.„Nun, das iſt doch eine einfache Frage, auf welche dir die Antwort nicht ſchwer werden kann.“ „Ich habe nicht das mindeſte dagegen, Sir,“ verſetzte Dolly.„Natürlich würde es mich freuen, in Miß Emma's Nähe zu ſeyn, wie ich mich auch immer darauf freue, wenn ich ſie beſuchen darf.“ „Recht ſo,“ ſagte Herr Haredale.„Weiter will ich nicht von dir wiſſen. Du haſt Eile— ich will dich nicht länger aufhalten.“ Dolly ließ ſich dieß nicht zweimal ſagen, denn die Worte waren kaum ſeinen Lippen entſchlüpft, als ſie ſich ſchon aus dem Zimmer, aus dem Hauſe und wieder im Freien befand. Das erſte, was nun geſchah, als ſie wieder zu ſich kam und Ueberlegungen anſtellte, was für eine Angſt ſie ausgeſtanden hatte, beſtand darin, daß ſie aufs Neue zu weinen anfing; und dann, als ſie er⸗ wog, wie gut ſie ſich dabei benommen, fing ſie an, herzlich zu lachen. Sobald die Thränen einmal ver⸗ bannt waren, machten ſie einem Lächeln Platz, und endlich lachte Dolly ſo aus Leibeskräften, daß ſie ſich an einen Baum lehnen mußte, um ihrem Jubel Luft machen zu können. Als ſie vor Mudigkeit nicht länger konnte, ſetzte ſie ihren Kopfputz zurecht, trocknete — 2& ˙ ⏑— ☛ ☛——+ 331 ihre Angen, ſah ſehr vergnügt und triumphirend nach dem Kaninchenhag zurück, deſſen Schornſteine eben noch ſichtbar waren, und nahm ihren Spaziergang wieder auf. Es dämmerte bereits und wurde raſch dunkel; aber ſie kannte den Weg aus früheren Zeiten ſo genau, daß ſie kaum darauf achtete und jedenfalls keine Unruhe darüber empfand, daß ſie allein war. Außerdem gab es ja eine Armſpange zu bewundern, die ſie, nachdem ſie dieſelbe tüchtig gerieben, auf Armslänge vor ſich hinhielt, und dann glänzte und funkelte das Ge⸗ ſchmeide ſo ſchön an ihrem Handgelenke, daß ſie voll⸗ auf zu thun hatte, es von allen Richtungen und in jeder möglichen Schwenkung ihres Armes zu betrach⸗ ten. Dann war auch der Brief da, und er ſah ſo ſchlau und geheimnißvoll aus, als ſie ihn aus ihrer Taſche nahm, und es ſtand, wie ſie wußte, ſo viel drinnen, daß ihre Thätigkeit vollauf in Anſpruch ge⸗ nommen wurde, indem ſie ihn wieder und wieder umdrehte, Betrachtungen anſtellte und ſich mit Muth⸗ maßungen trug, wie er wohl anfinge, wie er ſchlöße und was alles darin geſagt ſey. Sie hatte daher mit dem Armband und dem Brief gerade hinlänglich zu thun, um an nichts anderes zu denken, und ſo ging ſie denn heiter weiter, abwechſelnd ihre Auf⸗ merkſamkeit bald dem einen, bald dem andern zu⸗ wendend. 3 Ais ſie an einem Orte, wo der mit Hecken und hin und wieder mit Bäumen geſäumte Pfad ſich ver⸗ 33² engte, durch ein Pförtchen mußte, hörte ſie dicht nebenan ein Raſſeln, welches ſie plötzlich Halt machen ließ. Sie horchte. Alles war mäuschenſtille, und ſie ging weiter— nicht gerade ſcheu, aber doch ſchnel⸗ ler als vorhin, und vielleicht nicht ganz ſo unbeküm⸗ mert, denn ein derartiges Begebniß iſt doch immer etwas beunruhigend. Sie war noch nicht weit gekommen, als ſie den⸗ ſelben Ton wieder vernahm— ganz ſo, wie wenn Je⸗ mand verſtohlen im Gebüſch und Unterholz weiter ſchleicht. Sie ſah nach der Stelle, woher es zu kommen ſchien, und es war ihr faſt, als könne ſie eine geduckte Geſtalt unterſcheiden. Sie hielt wieder. Alles war ſo ruhig, wie zuvor. Sie fing abermals an, zu gehen— jetzt entſchieden ſchneller— und verſuchte es, leiſe vor ſich hinzuſingen. Es mußte wohl der Wind geweſen ſeyn. Aber wie kam es, daß der Wind nur blies, wenn ſie ging, und aufhörte, wenn ſie ſtille ſtand? Wäh⸗ rend dieſer Erwägung machte ſie unwillkürlich Halt, und das Rauſchen pauſirte gleichermaßen. Jetzt wandelte ſie wirklich eine Angſt an, und ſie überlegte eben, was ſie thun ſollte, als das Gebüſch rauſchte und praſſelte und ein Mann herausſtürzte, der ihr geradezu in den Weg trat. 333 Einundzwanzigſtes Kapitel. [O[O—— Es gereichte für den Augenblick Dolly zur un⸗ ausſprechlichen Beruhigung, in der Perſon, welche ſich ſo plötzlich in den Weg gedrängt hatte und nun hart vor ihr ſtand, den Maibaum⸗Hugh zu erkennen, deſſen Namen ſie im Tone entzückter und wahrhaft aus dem Herzen kommender Ueberraſchung ausrief. „Ah, Ihr wart es?“ ſagte ſie.„Wie freut es mich, Euch zu ſehen! Und wie konntet Ihr mich ſo erſchrecken?“ Hugh gab keine Antwort, ſondern blieb ſtehen und ſchaute ſie an. „Seyd Ihr mir entgegen gegangen?“ fragte Dolly. Hugh nickte mit dem Kopfe und murmelte, er habe auf ſie gewartet und geglaubt, daß ſie früher kommen würde. „Dachte ich's doch, daß man nach mir ſchicken würde,“ fagte Dolly, hiedurch höchlich beruhigt. „Es hat mich Niemand geſchickt,“ lautete die grämliche Erwiederung.„Ich bin aus eigenem An⸗ trieb gekommen.“ Das rauhe Benehmen dieſes Kerls und ſeine wilde, ungeſchlachte Außenſeite hatten dem Mäd⸗ chen oft, ſelbſt wenn andere Leute zugegen waren, eine unbeſtimmte Angſt eingeflößt und ſie veranlaßt, unwillkürlich vor ihm zurückzubeben. Ihn aber an einem ſo einſamen Orte und in der zunehmenden Dunkelheit als einen aufdringlichen Begleiter um ſich zu haben— dieß erneuerte und vermehrte ſogar die Unruhe, die ſie anfangs gefühlt hatte. Wäre ſein Benehmen blos verdrießlich und wild in ſich gekehrt geweſen, wie es ſonſt bei ihm der Fall war, ſo hätte ſie wohl kein größeres Mißbeha⸗ n an ſeiner Geſellſchaft gefunden, als ſie gewöhn⸗ lich fühlte— vielleicht wäre ſie ſogar froh geweſen, ihn zur Hand zu haben. Aber es lag etwas von roher und verwegener Bewunderung in ſeinem Blicke, was ſie ſehr erſchreckte. Sie blickte ſchuchtern nach ihm auf, ohne zu wiſſen, ob ſie vorwärts oder rück⸗ warts gehen ſollte, während er daſtand, ſie wie ein ſchöner Satyr angaffend, und ſo verblieben ſie eine Weile, ohne ſich zu rüyren oder das Schweigen zu unterbrechen. Endlich nahm Dolly ihren ganzen Muth zuſammen, ſchoß an ihm vorbei und eilte weiter. „Warum jagt Ihr Euch außer Athem, um mich zu vermeiden?“ ſagte Hugh, indem er ſeinen Schritt dem ihrigen anpaßte und ſich dicht an ihre Seite hielt. „Ich möchte ſo bald als möglich bei den Mei⸗ nigen ſeyn, und Ihr ſeyd mir zu nahe auf dem Leibe,“ antwortete Dolly. „Zu nahe?“ entgegnete Hugh, indem er ſich über ſie beugte, daß ſie den Hauch ſeines Athems AE an ihrer Stirne fühlen konnte.„Warum zu nahe? Ihr ſeyd immer ſo ſtolz gegen mich, Fräulein.“ „Ihr ſeyd im Irrthum, denn ich bin gegen niemand ſtolz,“ erwiederte Dolly.„Seyd ſo gut, zurückzubleiben oder vorauszugehen.“ „Mein Fräulein,“ verſetzte er, indem er ſich bemühte, ihren Arm durch den ſeinigen zu ziehen. „Ich will mit Euch gehen.“ Sie machte ſich los, ballte ihre kleine Hand und ſchlug aus Leibeskräften nach ihm. Hierüber brach Maibaum⸗Hugh in ein ſchallendes Gelächter aus, legte ſeinen Arm um ihren Leib und hielt ſie mit leichter Muhe feſt, als ob ſie blos ein Vogel wäre. „Ha, ha, ha! brav gemacht, Fräulein! Schlagt noch einmal zu. Ihr könnt mich in's Geſicht ſchla⸗ gen, mein Haar zerraufen und meinen Bart mit den Wurzeln ausreißen— ich habe nichts dagegen um Eurer glänzenden Augen willen. Schlagt noch einmal zu, Fraulein. Verſucht es. Ha, ha, ha! Es macht mir Spaß!“ „Laßt mich gehen,“ rief ſie, indem ſie ſich mit beiden Händen gegen ihn wehrte.„Laßt mich augen⸗ blicklich los.“ „Ihr könntet mich wohl etwas freundlicher be⸗ handeln, Goldmündchen,“ ſagte Hugh.„Das könntet Ihr in der That. Doch ſagt mir jetzt, warum Ihr immer ſo ſtolz ſeyd. Ich will aber keine Händel deßhalb mit Euch anfangen, denn es gefällt mir, daß Ihr ſtolz ſeyd. Ha, ha, ha! Aber doch könnt Ihr Eure Schönheit nicht vor einem armen Kerl verbergen; das iſt ein Troſt.“ Sie gab ihm keine Antwort, ſondern fuhr eben fort, ſo raſch als möglich vorwärts zu dringen, da er ſie bisher noch nicht aufgehalten hatte. Unter ihrer Eile, dem Schrecken und der Zähigkeit, womit er ſich anſchloß, ſchwanden ihr aber endlich die Kräfte, und ſie konnte nicht weiter. „Hugh,“ rief das athemloſe Mädchen,„guter Hugh, wenn Ihr mich loslaßt, ſo will ich Euch Alles geben— Alles, was ich habe, und keinem lebenden Weſen auch nur ein Wort davon ſagen.“ „Da thut Ihr jedenfalls gut daran,“ antwortete er.„Hört Ihr’s, mein Täubchen, Ihr thut gut daran. Alle in der Umgegend kennen mich und wiſ⸗ ſen, wozu ich fähig bin, wenn ich mir einmal etwas in den Kopf geſetzt habe. Wenn Ihr je einmal Luſt hättet, auszuplaudern, ſo haltet die Worte zurück, die Euch auf den Lippen ſchweben, und denkt an das Unheil, das Ihr dadurch über mehrere unſchuldige Häupter bringen könntet, von⸗ denen Ihr vielleicht nicht wolltet, daß ihnen ein Haar gekrümmt würde. Bringt Ihr mich in Ungelegenheit, ſo will ich dafür auch Andere in Ungelegenheit und in noch etwas mehr bringen. Ich kümmere mich nicht weiter um ſie, als ob es eben ſo viel Hunde wären; nein, nicht einmal ſo viel— warum ſollte ich's auch? Ich wollte zu jeder Stunde lieber einen Menſchen um⸗ 337 bringen, als einen Hund, denn der Tod eines Men⸗ ſchen hat mir nie leid gethan, aber um einen Hund habe ich ſchon getrauert.“ Dieſe barſchen Worte wurden von ſo durchaus wilden Blicken und Geberden begleitet, daß die Angſt t ihr neue Kraft verlieh und es ihr möglich machte, ſich durch eine plötzliche Anſtrengung loszuwinden und 8 dem Zudringlichen eiligen Fußes zu entfliehen. Aber Hugh war ſo gut auf den Beinen, als nur Einer im — weiten England, und ſo bot ſie vergeblich allen ihren Kräften auf, denn er hatte ſie wieder mit ſeinen Armen umfaßt, ehe ſie noch hundert Schritte weit 4 gekommen war. t„Gemach, Schätzchen, gemach— wollt Ihr . vor dem rauhen Hugh fliehen, der Euch eben ſo ſehr 3 liebt, als nur irgend ein ſüßes Herrchen in dem t Beſuchszimmer?“ 1,„Ja, ich will,“ antwortete ſie, auf's Neue be⸗ 3 müht, ſich loszuwinden.„Ich will. Hülfe!“ e„Ihr müßt Strafe zahlen für dieſes Schreien,“ t ſagte Hugh.„Ha, ha, ha! Strafe, mein Schätz⸗ 2. chen, mit Euren ſchönen Lippen. Ich mache mich ir ſelbſt bezahlt! Ha, ha, ha!“ 8 71„Hülfe! Hülfe! Hülfe!“ M Während dieſes mit allem nur möglichen Unge⸗ ſt ſtüm ausgeſtoßenen Hülferufs ließ ſich aus der Ferne 1 eine mehrfach wiederholte Beantwortung deſſelben vernehmen. Boz. XVI. Barnaby Rudge. 22 338 „Gott ſey Dank!“ rief das Mädchen in ihren Todesängſten.„Joe, lieber Ive, hierher! Hülfe!“ Der Angreifer hielt inne und blieb einen Augen⸗ blick unſchlüſſig ſtehen; die raſch näher und näher kommenden Rufe jedoch drängten ihn zu einem ſchleu⸗ nigen Entſchluß. Er ließ ſie los, flüſterte ihr mit drohendem Blicke zu:„Sagt's ihm nur und ſeht zu, was dann folgt!“ ſprang in die Hecke und war im Nu verſchwunden. Dolly eilte weiter und lief gera⸗ denwegs in Joe Willets offene Arme. „Was iſt vorgefallen? Habt Ihr Schaden ge⸗ nommen? Was gab es? Wer war es? Wo iſt er? Wie ſah er aus?“ lauteten Ioe's erſte Worte, denen er noch viele beruhigende Betheuerungen, daß ſie in Sicherheit ſey, beifügte. Die arme kleine Dolly war jedoch ſo erſchreckt und außer Athem, daß ſie eine geraume Zeit gänz⸗ lich außer Stand war, ihm zu antworten, denn ſie hängte ſich nur an ſeine Schulter und weinte und ſchluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Joe hatte nicht das Mindeſte einzuwenden, daß ſie ſich an ſeine Schulter klammerte— nein, nicht das Mindeſte, obſchon ihre kirſchrothen Bänder da⸗ durch elendiglich zerdrückt wurden und ihr hübſcher, kleiner Hut ganz aus der Form kam. Doch weinen konnte er ſie nicht ſehen— es ſchnitt ihm in's Herz. Er verſuchte, ſie zu tröſten, beugte ſich über ſie, flüſterte ihr zu— Einige wollen ſogar wiſſen, daß er ſie geküßt habe, doch dieß iſt eine Fabel. Jeden⸗ nz⸗ ſie und daß icht da⸗ her, nen erz. ſie, daß een⸗ falls ſagte er ihr alles Freundliche und Zärtliche, was ihm nur einftel, und Dolly ließ ihn gewähren, ohne ihn auch nur ein einzigesmal zu unterbrechen. So ſtand es denn gute zehn Minuten an, ehe ſie im Stande war, das Köpfchen aufzurichten und ihm zu danken. „Was hat Euch denn ſo in Angſt geſetzt?“ fragte Ive. Sie antwortete, ein ihr unbekannter Mann ſey ihr nachgefolgt, habe ſie zuerſt angebettelt und dann ſie berauben wollen, was er eben in Ausführung zu bringen gedacht und ſicher auch vollzogen hätte, wenn ihr nicht Joe ſo gelegen zu Hülfe gekommen wäre. Das Stocken und die Verwirrung, womit ſie dieſes ſagte, ſchrieb Joe auf Rechnung ihrer ausgeſtandenen Angſt, und es ſiel ihm keinen Augenblick ein, die Wahrheit ihrer Ausſage zu beargwöhnen. „Haltet die Worte zurück, die Euch auf den Lippen ſchweben.“ Dolly dachte dieſen Abend wohl hundertmal, und auch nachher noch ſehr oft an dieſe Worte, wenn ihr eine Enthüllung dieſes Auftritts auf die Zunge trat, und drängte dieſelbe wieder zu⸗ rück. Eine tiefgewurzelte Furcht vor dem Manne, die Ueberzeugung, daß ſein wilder Charakter, einmal gereizt, durch nichts zu bändigen ſeyn würde, und das lebhafte Vorgefühl, wenn ſie ausſchwatzte, würde das volle Maaß ſeines Zornes und ſeiner Rache auf Joe niederfallen, der ſie bewahrt hatte— dieß waren 22* Erwägungen, die ihr allen Muth benahmen und das Geheimniß in ihren Buſen zurückdrängten. Joe ſeinerſeits war viel zu ſelig, um ein ſehr nachdrückliches Verhör über die Sache anzuſtellen, und da Dolly noch zu ſehr zitterte, um ohne Beiſtand vorwärts zu kommen, ſo gingen ſie langſam und, ſeiner Anſicht nach, ſehr vergnüglich weiter, bis die nahen Lichter des Maibaums ihren freundlichen Will⸗ komm blinkten. Jetzt machte Dolly plötzlich Halt und rief erſchreckt aus: „Der Brief!“ „Welcher Brief?“ entgegnete Joe. „Den ich bei mir hatte— ich trug ihn in der Hand. Auch mein Armband,“ ſagte ſie, nach ihrem Handgelenk greifend.„Ich habe Beides verloren.“ „Wie— eben erſt?“ erwiederte Joe. „Entweder habe ich ſie damals fallen laſſen, oder ſie wurden mir mit Gewalt entriſſen,“ antwor⸗ tete Dolly, vergeblich ihre Taſche durchſuchend und mit ihren Kleidern raſchelnd.„Sie ſind fort, beide fort. O ich unglückliches Mädchen!“ Mit dieſen Worten fing die arme Dolly, wel⸗ cher wir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen müſſen, daß ſie den Verluſt des Briefes ebenſo beklagte, als den ihres Armbandes, auf's Neue zu weinen an und bejammerte ihr Schickſal ſchmerzlich. Joe verſuchte es, ſie durch die Verſicherung zu tröſten, daß er, ſo bald er ſie im Maibaume wohl⸗ verwahrt untergebracht habe, mit einer Laterne(denn 341 es war ſchon ſehr finſter) nach der Stelle zurückkeh⸗ ren und genaue Nachforſchung nach den vermißten Gegenſtänden anſtellen wolle, die ſich ſehr wahr⸗ ſcheinlich auch vorfinden müßten, da wohl Niemand ſeitdem des Weges gekommen ſey und ſie ſich nicht ausdrücklich erinnern könne, daß ſie ihr gewaltſam abgenommen worden wären. Dolly dankte ihm auf's herzlichſte für ſein Anerbieten, obgleich ſie ſich nur wenig von dem Erfolge ſeiner Nachforſchung ver⸗ ſprach; und ſo erreichten ſie endlich unter vielen La⸗ mentationen von ihrer, und vielen hoffnungsvollen Worten von ſeiner Seite, wobei Dolly alle Augen⸗ blicke eine Schwäche anwandelte, die Jve's zarten Beiſtandes bedürftig war, die Schranken des Mai⸗ baums, wo der Schloſſer, ſeine Gattin und der alte John noch immer bei ihrem Feiertagsſchmauſe ſaßen. Herr Willet nahm die Nachricht von dem Angriffe auf Dolly mit jener überraſchenden Geiſtesgegenwart und Sprachfertigkeit auf, um deren willen er ſich vor allen Menſchen ſo ſehr auszeichnete. Frau Varden legte ihr Mitgefühl für das Ungemach ihrer Tochter durch Schmählen über ihre Verſpätung an den Tag, und der Schloſſer theilte ſeine Zeit darein, daß er bald Dolly bedauerte und küßte, bald Ive herzlich die Hand drückte, dem er nicht genug danken und Lobſprüche ſpenden konnte. Hinſichtlich des letzteren Punktes war der alte John durchaus nicht mit ſeinem Freunde einverſtan⸗ den, denn abgeſehen davon, daß er ein abgeſagter 342 Feind aller Wagehälſe war, fiel ihm auch ein, wenn ſein Sohn und Erbe in einem Kampfe ernſtlich Schaden genommen hätte, ſo wären die Folgen da⸗ von wahrſcheinlich ſehr koſtſpielig und unbequem ge⸗ weſen; auch hätte ohne Zweifel das Maibaumgeſchäft darunter bedeutend Noth leiden müſſen. Aus dieſem Grunde und weil er überhaupt nicht gut auf junge Frauenzimmer zu ſprechen war, da er ſie, wie auch das ganze weibliche Geſchlecht, gewiſſermaßen für einen unſinnigen Mißgriff in der lieben Gottes Natur betrachtete, nahm er die Gelegenheit wahr, ſich zu⸗ rückzuziehen und privatim gegen den Keſſel den Kopf zu ſchütteln. Durch die Inſpirationen dieſes ſtum⸗ men Orakels ließ er ſich auch veranlaſſen, Ive ver⸗ ſtohlenerweiſe unterſchiedliche Ellenbogenſtöße zu ver⸗ ſetzen— als eben ſo viele väterliche Verweiſe und ſanfte Ermahnungen, nur auf ſeine eigenen Ange⸗ legenheiten zu achten und nicht ſich ſelbſt zum Narren zu machen. Joe nahm jedoch die Laterne herunter, zündete ſie an, bewaffnete ſich mit einem tüchtigen Knüttel, und fragte, ob Hugh im Stalle ſey. „Er ſchläft vor dem Küchenfeuer,“ ſagte Herr Willet.„Was willſt du von ihm?“ „Er ſoll mit mir gehen, um mir das Armband und den Brief ſuchen zu helfen,“ antwortete Joe. „Heda! Hugh!“ Dolly wurde leichenblaß, und es war ihr, als ob ſie augenblicklich in Ohnmacht ſinken müßte 343 Bald darauf ſtolperte Hugh herein, ſeiner Gewohn⸗ heit nach ſich ſtreckend und gähnend, und zeigte ganz das Aeußere eines Menſchen, der eben aus einem geſunden Schlafe geweckt wurde. „Da, du Siebenſchläfer,“ ſagte Joe, indem er ihm die Laterne gab.„Trage dieß und nimm auch den Hund und deinen Knüttel mit. Wehe dem Kerl, wenn er ſich betreten läßt!“ „Welchem Kerl?“ grölzte Hugh, ſich ſchüttelnd und die Augen ausreibend. „Welchem Kerl?“ entgegnete Joe, der nun ganz Mannhaftigkeit und Rührigkeit war;„einem Kerl, den du kennen und dem du beſſer auf die Nähte gehen ſollteſt. Aber ſo ein fauler Gaul kann nichts thun, als ſeine Zeit in Kaminwinkeln ver⸗ ſchlafen, während ehrlicher Leute Töchter nicht ein⸗ mal im Stande ſind, nach Anbruch der Nacht über unſere ruhigen Wieſen zu gehen, ohne von Hecken⸗ dieben angefallen und in Todesängſten gejagt zu werden.“ „Mich beraubt man nie,“ rief Hugh mit einem Gelächter,„denn man weiß wohl, daß bei mir nichts zu holen iſt. Ich wollte ihnen übrigens eben ſo gern eins vor den Kopf geben, als irgend Je⸗ mand Anderem. Wie viele ſind ihrer?“ „Nur ein Einziger,“ ſagte Dolly mit matter Stimme, da alle Augen auf ſie geheftet waren. „Und wie ſah er aus, Fräulein,“ fragte Hugh mit einem Blick auf den jungen Willet, aber nur 344 ſo leicht und raſch, daß die wilde Glut darin allen Andern, als dem Mädchen, entging.„Ungefähr von meiner Größe?“ „Nein— nicht ganz,“ verſetzte Dolly, welche kaum wußte, was ſie ſagte. „Seine Kleidung—“ fuhr Hugh, ſie ſcharf anſehend, fort—„hatte ſie— hatte ſie Aehnlichkeit mit dem Anzuge eines der hier Gegenwärtigen? Ich kenne alle Leute in der Nachbarſchaft und er⸗ rathe ihn vielleicht, wenn man mir Merkmale an⸗ gibt, an die man ſich halten kann.“ Dolly ſtotterte und wurde noch blaſſer; dann antwortete ſie, er habe einen weiten Mantel ange⸗ gehabt und ſein Geſicht unter einem Schnupftuche verſteckt, weßhalb ſie keine weitere Beſchreibung von ihm geben könne. „Ihr würdet ihn alſo nicht wieder kennen, wenn Ihr ihn zu Geſicht bekämet?“ entgegnete Hugh mit einem boshaften Grinſen. „Nein,“ antwortete Dolly, abermals in Thränen ausbrechend.„Ich wünſche ihn nicht zu ſehen. Schon der Gedanke an ihn iſt mir unerträglich. Ich kann nicht einmal mehr von ihm ſprechen. Ich bitte Euch, Herr Joe, geht nicht fort, um nach dieſen Dingen zu ſehen. Um Gotteswillen, geht nicht mit dieſem Menſchen!“ „Er ſoll nicht mit mir gehen?“ rief Hugh. „Natürlich, ich bin für Alle zu rauh, und Alles fürchtet ſich vor mir. Aber, ſo wahr ich lebe, ———— 345 Fräulein, ich habe das allerempfindſamſte Herz. Ich liebe alle Frauenzimmer, Ma'am,“ fügte Hugh, gegen die Schloſſerin gewendet, bei. Frau Varden meinte, wenn dieß der Fall ſey, ſo ſollte er ſich vor ſich ſelbſt ſchämen; denn ſolche Geſinnungen, folgerte ſie, vertrügen ſich nur mit den in Nacht verſunkenen Muſelmännern, oder den wilden Indianern, nicht aber mit guten Proteſtanten. Aus dieſem unvollkommenen Zuſtande ſeiner Moral zog Frau Varden den weiteren Schluß, daß er wohl nie die proteſtantiſche Hausandacht ſtudirt habe. Da Hugh dieß zugab und noch ferner ein⸗ geſtand, daß er gar nicht leſen könne, ſo erklärte Frau Varden mit großer Strenge, daß er ſich jetzt um ſo mehr vor ſich ſelbſt ſchämen ſollte, und em⸗ pfahl ihm nachdrücklich, ſein Taſchengeld zuſammen zu ſparen, um ſich eine Hausandacht kaufen und ſofort den Inhalt derſelben mit dem gebührenden Eifer ſelbſt lernen zu können. Sie war noch in ihrer Predigt begriffen, als Hugh, etwas unhöflich und unehrerbietig, ſeinem jungen Herrn nachging und es ihr überließ, die übrige Geſellſchaft zu er⸗ bauen. Dieß that ſie auch, und da ſie fand, daß Herrn Willet's Augen ſcheinbar in großer Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſie geheftet waren, ſo richtete ſie nach⸗ gerade ihre ganze Rede an ihn, indem ſie ihn mit einer moraliſchen und theologiſchen Vorleſung von beträchtlicher Länge beglückte, feſt überzeugt, daß große Dinge in ſeinem Geiſte vorgingen. Die ein⸗ 346 fache Wahrheit beſtand übrigens darin, daß Herr Willet, obgleich ſeine Augen weit offen waren und ein Weib vor ſich ſahen, deren Kopf durch das lange und ſtetige Hinſtarren immer größer und grö⸗ ßer zu werden ſchien, bis er das ganze Schenk⸗ ſtübchen ausfüͤllte, für jede weitere Betrachtung feſt eingeſchlafen war. So ſaß er denn, mit in die Taſche geſteckten Händen, in ſeinem Stuhle zurück⸗ gelehnt, bis die Rückkehr ſeines Sohnes ihn veran⸗ laßte, mit einem matten Seufzer und der unklaren Vorſtellung zu erwachen, daß er von eingepökeltem Schweinefleiſch und Sauerkraut geträumt habe— eine Viſion, welche ohne Zweifel mit dem Umſtande zuſammenhing, daß Frau Varden häufig und mit vielem Nachdrucke das Wort„Gebet“ ausgeſprochen hatte. Dieſes Wort war nun durch die Pforten von Herrn Willet's Gehirn, als ſie noch offen ſtanden, eingedrungen, und hatte ſich mit dem Beiſatze„vor dem Eſſen“ gepaart, und ſo bildete er ſich denn eine eigene Art Eſſen daraus, wobei er natürlich zuerſt auf ſein Lieblingsfleiſch verfiel, mit dem er die gewöhnlichen Gemüſebeigabe in Verbindung brachte. Das Nachſpähen war durchaus erfolglos ge⸗ weſen. Joe hatte wohl ein Dutzendmal den Weg, das Gras, den trockenen Graben und die Hecken durchſucht, ohne etwas ſinden zu können. Dolly, die ganz untröſtlich über ihren Verluſt war, theilte Miß Haredale brieflich den ihr zugeſtoßenen Vorfall auf dieſelbe Weiſe, wie im Maibaum, mit, und Joe über⸗ ————,— —+ 347 nahm es, das Schreiben zu überliefern, ſobald die Familie am andern Morgen auf ſeyn würde. So⸗ bald dieß beſorgt war, ſetzten ſie ſich im Schenkſtüb⸗ chen zum Thee nieder, wo es eine ganz ungewöhn⸗ liche Zurſchauſtellung von gebutterten Röſtſchnitten und— damit man aus Nahrungsmangel nicht von einer Schwäche heimgeſucht würde und eine ange⸗ nehme Zwiſchenſtation zwiſchen Mittag⸗ und Nacht⸗ eſſen hätte— von würzigen Kleinigkeiten in der Geſtalt großer Schinkenſtücke gab, die, wohl geſalzen, gar gekocht und dampfend heiß, einen un⸗ gemein verlockenden und köſtlichen Duft entſandten. Frau Varden war ſelten ſehr proteſtantiſch beim Eſſen, wenn es nicht zufälligerweiſe etwa ungar oder angebrannt war, oder allenfalls ſonſt etwas ihre Laune verſäuerte. Ihre Lebensgeiſter ſteigerten ſich bei dem Anblicke dieſer ſtattlichen Vorbereitungen, und von der Nichtigkeit guter Werke ging ſie mit großem Herzensbehagen zu der Wirklichkeit von Schin⸗ ken und Röſtſchnitten über. Ja, unter dem Einfluß dieſer heilſamen Reizmittel verwies ſie ſogar ihrer Tochter nachdrücklich ihre Niedergeſchlagenheit und Zaghaftigkeit, die ſie als eine ganz und gar unaus⸗ ſtehliche Gemüthsſtimmung bezeichnete, indem ſie dabei, nach einer friſchen Platte greifend, bemerkte, es wäre beſſer, wenn Dolly, die ſich über den Ver⸗ luſt eines Spielzeugs und eines Bogen Papiers gräme, Betrachtungen über die freiwilligen Opfer der Miſſio⸗ 348 näre in fremden Ländern anſtellte, die hauptſächlich von Salate lebten. Die Begebniſſe eines ſolchen Tages waren wohl im Stande, verſchiedene Schwankungen in dem menſch⸗ lichen Thermometer hervorzubringen, namentlich bei ſo empfindlichen und zartgebauten Inſtrumenten, unter welche Frau Varden gehörte. Genannte Dame ſtand während des Mittageſſens in der gemüthlichſten, lä⸗ chelndſten und ergötzlichſten Sommerhöhe. Nach dem Eſſen ſteigerte ſie ſich, in dem Sonnenſcheine des Weines, wenigſtens um ein halb Dutzend Grade und wurde eigentlich bezaubernd. Sobald aber dieſer Einfluß entwich, fiel ſie raſch und verblieb während der Zeit eines Stündchen Schlafes auf gemäßigt, bis ſie nach dieſer Zeit etwas unter dem Gefrier⸗ punkte erwachte. Jetzt zeigte ſie auf's Neue wieder Sommerhitze im Schatten, und als nach dem Thee der alte John eine Herzſtärkungsflaſche von einem der eichenen Taubengeſimſe herunterlangte, ſich's durchaus nicht nehmen laſſend, daß ſie langſam hintereinander ein paar Gläſer davon ſchlürfe, ſtand ſie fünf Viertel⸗ ſtunden beharrlich auf dem neunzigſten Grade. Durch Erfahrung weiſe, benützte der Schloſſer dieſen ge⸗ müthlichen Witterungsſtand, um unter dem Portale ſeine Pfeife zu rauchen— ein Verfahren, das ihn in den Stand ſetzte, ſobald der Thermometer ſiel, zu augenblicklicher Abfahrt bereit zu ſeyn. Das Pferd wurde demgemäßt eingeſpannt und die Chaiſe vor der Thüre aufgefahren. Joe, der & ☛ 2=ͤ8Aͤp— — 349 ſich's durchaus nicht nehmen laſſen wollte, ſie zu begleiten, bis ſie den traurigſten und einſamſten Weg zurückgelegt hätten, führte zu gleicher Zeit die graue Mähre heraus, und ſprang, nachdem er Dolly auf ihren Sitz geholfen(wieder Glück!) luſtig in den Sattel. Dann, nach vielem Gutenachtſagen, den geeigneten Ermahnungen, ſich einzuhüllen und auf die Lichter Acht zu haben, dem Herumbieten von Manteln, Shawlen und dergleichen— rollte der Wagen von hinnen, und Joe trabte neben her— ohne Zweifel auf Dolly's Seite und ſo nahe, als thunlich, an den Rädern. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Die Nacht war ſchön und hell, und ungeachtet ihrer Niedergeſchlagenheit blickte Dolly auf eine ſo bezaubernde Weiſe(ſie wußte das wohl!) nach den Sternen, daß Joe ganz von Sinnen kam und klärlich an ſich darthat, daß, wenn je ein Menſch— wir wollen nicht ſagen bis über die Ohren, ſondern ſogar über das Monument und über den Sankt Paul'sthurm hinaus— verliebt war, dieſer Menſch nirgends an⸗ ders, als in Joe's hocheigener Perſon gefunden werden konnte. Der Weg war ſehr gut, weder 350 holperig noch uneben, und doch hielt ſich Dolly die ganze Zeit über mit ihrem einen Händchen an der Seite der Chaiſe. Wenn jetzt ein Scharfrichter hin⸗ ter Joe geſtanden hätte, mit aufgehobenem Beile und bereit, ihm den Kopf abzuſchlagen, ſobald er dieſe Hand berührte— der Arme hätte es in der That nicht unterlaſſen können. Anfangs legte er die ſeinige, als geſchehe es nur ganz zufällig, auf die verführeriſchen Fingerchen und nahm ſie nach einer Minute oder ſo etwas wieder weg, dann aber ritt er neben her, ohne ſie auch nur ein einziges Mal wieder los zu laſſen, als ſey dieß eine ganz uner⸗ läßliche Obliegenheit ſeines Geleitsdienſtes und er ausdrücklich zu dieſem Zwecke herausgekommen. Das Sonderbarſte war, daß Dolly es gar nicht zu merken ſchien. Wenn ſie Ive anſchaute, ſo geſchah es mit der unſchuldigſten und argloſeſten— ja, mit einer zum Verzweifeln argloſen Miene. Sie plauderte auch— plauderte von ihrem Schrecke, von dem gelegenen Beiſtand, den ihr Joe geleiſtet, von ihrer Dankbarkeit, von ihrer Furcht, ſie möchte ihm noch nicht genug gedankt haben, von ihrem Wunſche, daß ſie hinfort immer Freunde ſeyn möchten— und was dergleichen mehr war. Und als Joe von dem„Freunde bleiben“ nichts wiſſen wollte, war Dolly ganz überraſcht und hoffte, ſie würden doch keine Feinde ſeyn; und als Joe ſagte, ob es denn nicht noch etwas beſſeres als dieſe Alter⸗ native gäbe, fand Dolly auf einmal einen Stern — G& 88˙ 6 —— N 351 auf, der weit glänzender war, als alle übrigen Sterne, und bat ihren Begleiter, auch nach ihm hinzuſehen, und war noch zehntauſendmal unſchul⸗ diger und argloſer, als je zuvor. In dieſer Weiſe reisten ſie weiter, leiſe mit ein⸗ ander flüſternd und den Weg etliche Dutzendmal länger wünſchend— wenigſtens war dieß Joe's aufrichtiger Wunſch— als ſie, beim Auftauchen aus dem Forſt, wo die Straße beſuchter wurde, hinter ſich den Schall eines galopirenden Pferde⸗ hufes hörten, der immer näher und lauter tönte, bis er endlich, ganz nahe, Frau Varden einen Angſtruf entlockte, welcher von dem an der Seite des Wagens Halt machenden, athemloſen Reiter mit dem beſchwichtigenden Schlagworte„gut Freund!“ beantwortet wurde. „Wieder dieſer Menſch!“ rief Dolly ſchaudernd. „Hugh!“ ſagte Ive,„was führt dich hierher?“ „Ich komme, um Euch zurückzuholen,“ ant⸗ wortete er, verſtohlen nach des Schloſſers Tochter hinblickend.„Er hat mich geſchickt.“ „Mein Vater?“ entgegnete der arme Joe, indem er leiſe einen ſehr unkindlichen Ausruf beifügte. „Wird er denn nie glauben, ich ſey Manns genug, um auf mich ſelbſt Acht zu haben!“ „Ja!“ antwortete Hugh auf den erſten Theil der Frage.„Die Wege ſeyen gegenwärtig nicht ganz geheuer, ſagt er, und es wäre beſſer, wenn Ihr einen Begleiter hättet.“ 3⁵² „So reite voran,“ ſagte Ioe.„Ich bin noch nicht Willens, umzukehren.“ Hugh gehorchte und ſie zogen weiter. Es war eine Grille von ihm, unmittelbar vor der Chaiſe zu reiten, und von hier aus wandte er unabläßig den Kopf um, um zurückzuſchauen. Dolly fühlte, daß er ſie anſah, aber ſie wandte ihre Augen ab und fürchtete ſich, ſie auch nur ein einzigesmal zu erheben, denn der Schrecken, den er ihr eingeflößt hatte, ſtack ihr noch in allen Gliedern. Dieſe Unterbrechung und die nun folgende Wachſamkeit der Frau Varden — welche bis jetzt immer genickt, ein paar Mi⸗ nuten ausgenommen, wo ſie ſich aufgerafft hatte, um den Schloſſer auszuſchmählen, weil er ſie ſo kühn angefaßt, um zu verhindern, daß ſie ſich nicht zu der Chaiſe hinaus nicke— legten dem Flüſtergeſpräch der Beiden einen Zwang auf und machten die Wieder⸗ aufnahme deſſelben ſehr ſchwierig, Sie waren in der That auch kaum eine Meile weiter gekommen, als Gabriel auf das Verlangen ſeiner Gattin Halt machte, und nun wollte dieſe gute Dame um keinen Preis mehr etwas davon hören, daß Ioe auch nur einen Schritt weiter mit⸗ ginge. Umſonſt betheuerte Joe, daß er keineswegs müde ſey und alsbald umkehren wolle, wenn er ſie recht wohlbehalten über dieſe und dieſe Stelle ge⸗ bracht habe und ſo weiter. Frau Varden hatte ſich's einmal in den Kopf geſetzt und war durch keine Erdenmacht mehr herumzubringen. —— ᷣ S8 8&&& — — 353 „Gute Nacht denn, wenn es ſeyn muß,“ ſagte Joe bekümmert.— „Gute Nacht,“ entgegnete Dolly. Sie hätte wohl beifügen mögen,„nehmt Euch vor dieſem Menſchen in Acht und traut ihm ja nicht,“ aber dieſer hatte ſein Pferd bereits umgewandt und ſtand ihnen zu nahe. Es blieb ihr daher keine an⸗ dere Wahl, als Joe's ſanften Händedruck geduldig hinzunehmen und, als die Chaiſe eine Strecke weiter gefahren, auf den ihr Nachwinkenden zurückzuſchauen, der noch immer an derſelben Stelle zögerte, wo ſie ſich getrennt hatten, Hugh's hohe dunkle Geſtalt an ſeiner Seite. Mit welchen Gedanken ſte ſich auf dem Heim⸗ wege trug, und ob der Kutſchenmacher noch immer ein ſo günſtiges Plätzchen in ihrem Herzen einnahm, als dieſen Morgen, wiſſen wir nicht. Sie langten endlich zu Hauſe an— endlich, denn es war ein langer Weg, der durch Frau Varden's mürriſche Stimmung durchaus nicht kürzer wurde. Sobald Miggs die Räder raſſeln hörte, befand ſie ſich auch ſchon im Nu unter der Hausthüre. „Da ſind ſie, Simmun! da ſind ſie!“ rief Miggs, ihre Hände zuſammenſchlagend und herzu⸗ eilend, um ihrer Gebieterin beim Ausſteigen zu hel⸗ fen.„Bringt einen Stuhl, Simmun. Nun, iſt's Euch jetzt nicht beſſer, Ma'am? fühlt Ihr Euch jetzt nicht wohler, als wenn Ihr zu Hauſe geblieben wäret? Ach, barmherziger Himmel! wie ſeyd Ihr ſo kalt! Boz XVI. Barnaby Rudge. 23 354 Du meine Güte, Sir, ſie iſt ja ein vollkommener Eisklumpen.“ „Iſt nicht meine Schuld, meine gute Jungfer.“ „Ihr thätet übrigens beſſer, ſie an das Feuer hinein⸗ zunehmen,“ entgegnete der Schloſſer. „Der Meiſter ſpricht gefühllos, Ma'am,“ ſagte Miggs im Tone des Mitleids,„aber ich weiß wohl, er meint es nicht ſo. Nach dem, was er heute von Euch geſehen hat, kann ich gar nicht anders glauben, als daß er viel zu viel Liebe für Euch in ſeinem Herzen trägt, um ſo unzart ſprechen zu können. Kommt herein und laßt Euch an dem Feuer nieder; 's iſt ein ganz prächtiges drinnen— kommt.“ Frau Varden ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Der Schloſſer folgte ihr, die Hände in die Taſchen geſteckt und Herr Tappertit holperte mit der Chaiſe nach einem benachbarten Stalle. „Meine liebe Martha,“ ſagte der Schloſſer, als ſie die Wohnſtube erreicht hatten,„es dürfte wohl freundlich und am Orte ſeyn, wenn du ſelbſt nach Dolly ſehen wollteſt oder Jemand anders damit be⸗ auftragteſt. Du weißt, ſie iſt ſehr geängſtigt worden, und befindet ſich ſchon dieſen ganzen Abend gar nicht recht wohl.“ Dolly hatte ſich in der That auf das Sopha geworfen, ohne auf den Schmuck, mit dem ſie ſich am Morgen ſo ſehr gebrüſtet, auch nur die mindeſte Rückſicht zu nehmen, und weinte ſehr viel in die vor das Antlitz gehaltenen Hände. —,— — 3⁵⁵ Als Frau Varden dieſer Wundererſcheinung an⸗ ſichtig wurde(denn Dolly war an derartige Zur⸗ ſchauſtellungen keineswegs gewöhnt, da im Gegentheil das Beiſpiel ihrer Mutter ſie gelehrt hatte, ſie ſo viel als möglich zu vermeiden), erklärte dieſe wohl⸗ wollende Dame, ſie glaube, daß es nie eine bedräng⸗ tere Frauensperſon gegeben habe, als ſie; daß ihr Leben eine immerwährende Kette von Prüfungen ſey; daß ſie, ſo oft ſie ſich wohl fühle und aufgeräumt ſey, auf einen kalten Streich von Seiten ihrer Um⸗ gebung zählen dürfe, und daß ſie für den heutigen vergnügten Tag— und der Himmel wiſſe, wie ſelten ein ſolcher an ſie komme— jetzt ſchon wieder Buße thun müſſe. Zu allen dieſen Erklärungen gab Miggs ihre bereitwillige Zuſtimmung. Aber die arme Dolly wurde durch ſolche Belebungsmittel nicht beſſer, ſon⸗ dern eher ſchlimmer, und als Frau Varden und Miggs ſahen, daß ſie wirklich krank war, ließen ſie ſich endlich zum Mitleid rühren und pflegten ſie allen Ernſtes. Aber ſelbſt ihre Güte mußte ſich den Stempel ihrer gewöhnlichen Politik aufdrücken laſſen, und ob⸗ gleich Dolly in Ohnmacht lag, ſo hätte es doch dem verwirrteſten Verſtande klar werden können, daß Frau Varden die eigentlich Leidende war. Als daher Dolly etwas beſſer wurde und in jenes Stadium überging, welches nach der Anſicht der Matronen ganz das paſ⸗ ſende für die erfolgreiche Anwendung von Verweiſen und Gründen iſt, ſtellte ihr die Mutter mit Thränen in 23* 356 den Augen vor, wenn ſie auch heute erſchreckt und geängſtigt worden ſey, ſo müſſe ſie nicht vergeſſen, daß dieß zu dem gemeinſchaftlichen Loos der Menſch⸗ heit und insbeſondere des weiblichen Geſchlechts ge⸗ höre, welches durch ſein ganzes Leben nichts anderes zu gewärtigen habe, und daher verpflichtet ſey, ſich mit demüthiger Ergebung und geduldiger Ausharrung darein zu finden. Frau Varden bat ſie ferner, zu bedenken, daß ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach näch⸗ ſtens ihren Gefühlen ſo weit werde Zwang anthun müſſen, um ſich zu verheirathen, und daß die Che, wie ſie jeden Tag ihres Lebens ſehen könne(und ſie ſah es auch wirklich), ein Stand ſey, der große See⸗ lenſtärke und Duldung erfordere. Sie ſtellte ihr in lebhaften Farben vor, ſie(Frau Varden) müßte ſchon ſeit Jahren im Grabe liegen, wenn ſie nicht auf ihrer Pilgerſchaft durch dieſes Thal der Thränen aus⸗ ſchließlich durch ihr ſtrenges Pflichtgefühl aufrecht erhalten und vor dem Erliegen bewahrt worden wäre; freilich hätte ſie wiſſen mögen, was in dieſem Falle aus jenem unſtäten Geiſte(ſie meinte damit den Schloſſer) geworden wäre, deſſen eigentlicher Aug⸗ apfel, deſſen Richtſchnur, und deſſen Licht und Polar⸗ ſtern ſie geweſen. Auch Miß Miggs trug ihr Scherflein in dem gleichen Sinne bei. Sie meinte, Miß Dolly könne gewiß und wahrhaftig ihre geſegnete Mutter zum Muſter nehmen, die, wie ſte immer geſagt habe und wie ſie immer ſagen würde, und ſollte ſie dafür auch 357 in der nächſten Minute gehangen, ausgeweidet und geviertheilt werden, das ſanfteſte, liebenswürdigſte, verſöhnlichſte und duldungsvollſte Frauenzimmer ſey, mehr, als ſie es je für möglich gehalten hätte; und die bloße Erzählung ihrer Vorzüge habe in dem Ge⸗ müth ihrer eigenen Schwägerin eine ſo heilſame Wiedergeburt hervorgebracht, daß ſie, die früher mit ihrem Gatten wie Katze und Hund lebte und gewöhn⸗ lich in der Form von fliegenden Metalleuchtern, Topf⸗ deckeln, Bügeleiſen und anderen ſolchen kräftigen Re⸗ preſſalien mit ihm converfirt habe, jetzt in der glück⸗ lichſten und zärtlichſten Ehe, die man ſich nur denken könne, lebe, wie man ſich jeden Tag mit eigenen Augen überzeugen koͤnne, wenn man im goldenen Löwenhofe Nummer 27 zweite Klingel rechter Hand anſprechen wolle. Nachdem ſie ſich ſelbſt für ein vergleichungsweiſe werthloſes Gefäß erklärt, in dem aber doch einiges Verdienſt ſey, bat ſie Dolly, ſie möchte ſich's zu Gemüthe führen, daß ihre vorgenannte liebe und einzige Mutter von ſchwächlicher Conſtitu⸗ tion und reizbarem Temperamente ſey und unab⸗ läſſig in ihrem häuslichen Leben Bekümmerniſſe durch⸗ zumachen habe, gegen die vergleichungsweiſe Diebe und Räuber gar nichts wären, und doch ſey ſie nie erlegen, oder habe ſie dem Zorn oder der Verzweif⸗ lung Raum gegeben, da ſie, wie die Preiskämpfer zu ſagen pflegen, ein heiter Geſicht dazu gemacht und um den Preis gerungen habe, als ob gar nichts vor⸗ gefallen wäre. 358 Sobald Miggs mit ihrem Solo zu Ende ge⸗ kommen war, ſiel die Frau Mamma wieder ein, und die beiden führten ein Duett deſſelbigen Inhalts mit⸗ einander auf, deſſen Refrain beharrlich darauf hinaus⸗ lief, daß Frau Varden die verfolgte Tugend, und Herr Varden, als der Repräſentant des ganzen Män⸗ nergeſchlechts in dieſem Zimmer, ein Geſchöpf voll laſterhafter und viehiſcher Gewohnheiten ſey, der den Segen, deſſen er ſich erfreue, durchaus nicht zu wür⸗ digen wiſſe. Ihr vereintes Talent, unter der Maske des Mitgefühls ihre Ausfälle zu bergen, war in der That ſo vollendet, daß Frau Varden, als die wiederauflebende Tochter ihren Vater, gleichſam um ſeinen edlen Sinn in Schutz zu nehmen, zärtlich umarmte, feierlich die Hoffnung ausſprach, dieß werde ihm für den ganzen Reſt ſeines Lebens zur Lehre dienen und er in Zu⸗ kunft der weiblichen Natur ein wenig mehr Gerechtig⸗ keit wiederfahren laſſen— welcher troſtreichen Er⸗ wartung Miß Miggs durch unterſchiedliches Schnüffeln und Huſteu, das ſprechender als die längſte Rede war, ihre vollkommene Zuſtimmung ertheilte. Was aber Miggs' Herz am meiſten erfreute, war, daß ſie nicht nur die Begebniſſe des Tages in ihrem ganzen Umfange erhaſchte, ſondern ſich auch des ausgeſuchten Genuſſes erfreute, durch eine Be⸗ richterſtattung Herrn Tappertit's Eiferſucht auf’s Empfindlichſte zu quälen. Man hatte nämlich dieſen Gentleman wegen Dolly's Unwohlſeyn erſucht, ſein Nachteſſen in der Werkſtatt einzunehmen, und Miß 359 Miggs brachte ihm daſſelbe mit eigenen ſchönen Händen. „O Simmun!“ ſagte die letztgenannte junge Dame,„ſind das nicht Dinge, die heute vorgefallen ſind! Ach du barmherziger Himmel, Simmun!“ Herr Tappertit, der nicht gerade in der beſten Stimmung war und Miß Miggs nie weniger leiden konnte, als wenn ſie die Hand auf's Herz legte und nach Luft ſchnappte, da unter ſolchen Umſtänden ihre mangelhaften Umriſſe am meiſten ſichtbar wurden, beäugelte ſie in ſeinem hochmüthigſten Style und that ihr nicht die Ehre an, auch nur die mindeſte Neugierde zu erkennen zu geben. „Nie habe ich, oder hat ſonſt Jemand dergleichen gehört,“ fuhr Miggs fort,„Der Gedanke ſchon, ſich mit ihr einzulaſſen. Wie iſt es nur menſchenmög⸗ lich, ihr etwas abzuſehen, was ſich einer ſolchen Mühe verlohnte? Das iſt ein Todesſpaß, he, he, he!“ Sobald Herr Tappertit fand, daß von einer Dame die Rede ſey, erſuchte er ſeine ſchöne Freun⸗ din hochmüthig, ſich deutlicher auszuſprechen und ſich zu erklären, wen ſie mit ihrem„ihr“ meine. „Je nun, dieſe Dolly,“ ſagte Miggs, indem ſie dieſen Namen ungemein nachdrücklich betonte.„Doch 's iſt auf Wort und Chre wahr, der junge Joſeph Willet iſt ein braver Burſche und verdient ſie wahr⸗ haftig.“ „Weibsbild!“ rief Herr Tappertit, indem er von 360 dem Ladentiſch, auf welchem er ſaß, herunterſprang, „ſieh dich vor!“ „Du mein Himmel, Simmun!“ rief Miggs in geheucheltem Erſtaunen.„Ihr macht mir Todesangſt! Was gibt's denn?“ „Es gibt Saiten in dem menſchlichen Herzen,“ entgegnete Tappertit, mit ſeinem Brod⸗ und Käſe⸗ meſſer in der Luft fuchtelnd,„bei denen es gut wäre, wenn ſie nie in Schwingung gebracht würden. Das gibt es.“ „O, ſehr gut— wenn Ihr den Poltron ſpielen wollt—“ rief Miggs, ſich abwendend. „Poltron oder nicht,“ ſagte Herr Tappertit, ſie am Handgelenk zurückhaltend.„Was willſt du damit ſagen, Jeſabel? Was wollteſt du ſagen? Antworte mir!“ Ungeachtet dieſes nicht ſonderlich höflichen An⸗ ſinnens ging doch Miggs mit Freuden darauf ein und theilte ihm mit, wie ihre junge Gebieterin, als ſie in der Dunkelheit allein auf der Wieſe geweſen, von drei oder vier baumſtarken Kerlen angepackt wurde und gewiß von denſelben entführt, vielleicht gar ermordet worden wäre, wenn nicht Joſeph Willet, der zeitig dazu gekommen, ganz allein alle in die Flucht gejagt und ſie gerettet hätte— zur dauernden Bewunderung ſeiner Mitmenſchen im Allgemeinen und zur ewigen Liebe und Dankbarkeit von Seite Dolly Varden'’s. 361 „Sehr gut,“ ſagte Tappertit, bei dem Schluſſe der Erzählung tief aufathmend und ſeine Haare ſtrei⸗ chend, bis ſie alle ſteif und gerade in die Höhe ſtan⸗ den,„ſeine Tage ſind gezählt!“ „O Simmun!“ „Ich ſage Euch,“ entgegnete der Lehrling,„ſeine Tage ſind gezählt. Verlaßt mich. Fort mit Euch.“ Miggs gehorchte dieſem Befehle, aber weniger um des Befehles willen, als weil ſie ſich insgeheim auszukichern wünſchte. Sobald ſie ſich nach Herzensluſt Luft gemacht hatte, kehrte ſie nach der Wohnſtube zu⸗ rück, wo der Schloſſer, durch die friedliche Stimmung und den Toby aufgeregt, geſchwätzig und ganz geneigt geworden war, die Begebenheiten des Tages gemüthlich noch einmal Revue paſſiren zu laſſen. Aber Frau Varden, deren praktiſche Religion(wie dies nicht ſelten erlebt wird) gewöhnlich rückwärts wirkte, machte dem alsbald ein Ende, indem ſie über das Sündige eines ſolchen Banquettirens deklamirte und ihre An⸗ ſicht ausſprach, daß es hohe Zeit ſey, zu Bette zu gehen. Sie begab ſich deßhalb zu Bette mit einer Stirne, ſo grimmig und düſter, als das Aeußere des Staatsbettes im Maibaum, und bald nachher ſuchten auch die übrigen Inſaßen des Hauſes ihr Lager auf. 362 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Die Dämmerung war ſchon ſeit einigen Stun⸗ den der Nacht gewichen, und es war hoher Mittag in jenen Stadttheilen, in welchen ſich„die Welt“ zu wohnen herabgelaſſen hatte— denn die Welt war ſchon damals, wie heutzutage, auf einen ſehr beſchränkten Raum angewieſen und daher bald unter⸗ gebracht— als Herr Cheſter in ſeinem Ankleide⸗ zimmer auf einem Sopha lag und ſich mit einem Buche unterhielt. Er kleidete, wie es ſchien, ſich ſehr gemächlich an, hatte ungefähr die Hälfte ſeines Geſchäftes vollbracht und machte eben eine lange Ruhepauſe. Da ſeine Beine bereits nach der prunk⸗ vollſten Mode des Tages herausſtaffirt waren, ſo blieb ihm nur noch der obere Theil ſeiner Toilette zu vollenden. Der Rock hing, wie eine verfeinerte Vogelſcheuche, ausgeſpannt auf ſeinem beſonderen Ständer, die Weſte lag in ihrem vortheilhaften Lichte vor ihm ausgebreitet, die unterſchiedlichen weiteren Anzugsartikel waren in der lockendſten Ordnung arrangirt; und noch immer ſtreckte er ſich auf dem Sopha, die Beine gegen den Boden niederbaumelnd und in ſein Buch ſich vertiefend, wie wenn er nichts weiteres mehr beabſichtige, als in ſein Bette zu gehen. „Auf Ehre,“ ſagte er endlich, indem er mit — — 363 der Miene eines Mannes, der reiflich über das Ge⸗ leſene nachdenkt, die Augen nach der Decke auf⸗ ſchlug,„auf Ehre, der meiſterhafteſte Styl, die ſublimſten Gedanken, der ſchönſte Coder der Moral und die gentlemäniſchſten Geſinnungen des ganzen Alls! Ach, Ned, Ned!, wenn du nur deinen Geiſt nach ſolchen Vorſchriften modeln wollteſt— wir hätten dann nur ein gemeinſames Gefühl über alles, was möglicherweiſe zwiſchen uns vorfallen könnte!“ Dieſe Anrede war, wie der übrige Theil ſeiner Bemerkung, an die leere Luft gerichtet, denn Edward war nicht zugegen und der Vater ganz allein. „Ach, Lord Cheſterfield,“ fuhr er fort, indem er das Buch, welches er jetzt niederlegte, zärt⸗ lich mit der Hand drückte,„wenn ich von deinem Genius in Zeiten genug hätte proſitiren können, um meinen Sohn nach dem Modell zu bilden, das du allen weiſen Vätern hinterlaſſen haſt, ſo würden wir Beide, er und ich, jetzt reiche Leute ſeyn. Shakeſpeare war ohne Zweifel ſehr ſchön in ſeiner Art; Milton gut, obgleich langweilig; Lord Backon tief und ein entſchiedener Gelehrter; aber der Schrift⸗ ſteller, den man den Stolz ſeines Landes nennen ſollte, iſt Lord Cheſterfield.“ Er wurde wieder nachdenkſam und nahm zu dem Zahnſtocher ſeine Zuflucht. „Ich glaubte, ein leidlich vollkommener Welt⸗ mann zu ſeyn,“ fuhr er fort,„ich ſchmeichelte mir, 364 alle die kleinen Künſte und die graziöſen Manieren ziemlich genau zu kennen, welche den Mann von Welt von dem rohen Bauern und dem Kerl, der ſein Brot im Schweiße ſeines Angeſichts verdient, unterſcheiden und ſeinen Charakter über die unendlich gemeinen Geſinnungen erheben, die man mit dem Titel Nationalcharakter bezeichnet. Ich meinte es zu ſeyn, ohne gerade von Natur aus eine beſondere Vorliebe für mich ſelbſt zu beſitzen, aber auf jeder Seite dieſes erleuchteten Autors finde ich irgend eine gewinnende Heuchelei, die mir nie vorher zu Sinnen kam, oder irgend ein Ausbundſtückchen von Selbſtſucht, das mir wildfremd war. Ich ſollte, dieſem erſtaunlichen Weſen gegenüber, vor mir ſelbſt erröthen, wenn man, ſeiner Lehren eingedenk, über⸗ haupt noch über etwas erröthen könnte. Ein be⸗ wunderungswürdiger Mann! In der That ein Edelmann! Ein König oder eine Königin mögen allenfalls einen Lord machen, aber nur der Teufel ſelbſt— und die Grazien— ſind im Stande, einen Cheſterſteld zu ſchaffen.“ Durchaus falſche und hohlherzige Menſchen ge⸗ ben ſich ſelten Mühe, dieſe Gebrechen vor ſich ſelbſt zu verbergen, und doch thun ſie ſich in demſelben Augenblicke auf die Tugenden, welche ſie am meiſten zu verachten vorgeben, etwas zu gute—„denn“ ſagen ſie,„das iſt Chrlichkeit, iſt Wahrheit. Alle Menſchen ſind wie wir, aber nur nicht ſo aufrichtig, es zuzugeſteheu.“ Je mehr ſie das Vorhandenſeyn jeder Ehrlichkeit in der Welt in Abrede zu ziehen affektiren, deſto mehr möchten ſie darum angeſehen werden, daß ſie dieſe Eigenſchaft in ihrer kühnſten Geſtalt beſitzen; und dieß iſt von Seite dieſer Phi⸗ loſophen eine unwillkürliche Kniebeugung vor der Wahrheit, welche bis zum Tage des Gerichtes das Gelächter gegen ſie kehren wird. Nachdem Herr Cheſter ſeinen Lieblingsſchrift⸗ ſteller in der genannten Weiſe geprieſen hatte, nahm er in dem Uebermaße ſeiner Bewunderung das Buch wieder auf und war eben im Begriffe, die hohe Moral deſſelben weiter zu ſtudiren, als er durch einen Lärm an der äußern Thüre geſtört wurde, der, wie es ſchien, ſeinen Urſprung daraus nahm, daß ſein Diener den Eintritt irgend eines unwillkommenen Gaſtes zu verhindern ſuchte. „Eine ſpäte Stunde für einen zudringlichen Gläubiger,“ ſagte er, die Augenbrauen mit einem ſo indolenten Ausdrucke der Verwunderung in die Höhe ziehend, als ob der Lärm auf der Straße vor ſich ginge und durchaus nicht die mindeſte, Beziehung zu ihm ſelbſt hätte.„Viel zu lang nach ihrer ge⸗ wohnten Zeit. Vermuthlich der alte, abgedroſchene Vorwand. Ohne Zweifel morgen eine große Zah⸗ lung zu machen. Der arme Kerl— er verliert ſeine Zeit, und Zeit iſt Geld, wie das Sprichwort ſagt, obgleich es an mir nie wahr werden wollte. Nun? Was gibt's? Du weißt, daß ich nicht zu Hauſe bin.“ „Ein Mann, Sir,“ entgegnete der Diener, der 366 in ſeiner Art eben ſo kalt und gleichgültig, wie ſein Gebieter war,„hat die Reitpeitſche gebracht, die Ihr kürzlich verloren habt. Ich ſagte ihm, Ihr wäret nicht zu Hauſe; aber er erklärte, er wolle warten, bis ich ſie hereingebracht habe, und werde nicht eher gehen, bis dieß geſchehen ſey.“ „Er hat ganz recht,“ erwiederte ſein Herr,„und du biſt ein Strohkopf ohne Verſtand und Beurthei⸗ lungsgabe. Laß ihn hereinkommen— ſieh' aber zu, daß er zuvor genau fünf Minuten lang ſeine Schuhe abreibt.“ Der Bediente legte die Peitſche auf einen Stuhl und entfernte ſich. Der Herr, der blos ſeinen Fuß⸗ tritt gehört und ſich nicht die Mühe genommen hatte, den Kopf umzuwenden und ihn anzuſehen, ſchloß ſein Buch und verfolgte den Gedankengang weiter, in dem er durch den Eintretenden geſtört worden war. „Wenn Zeit Geld wäre,“ ſagte er, mit ſeiner Schnupftabaksdoſe ſpielend,„ſo wollte ich wohl mit meinen Gläͤubigern ein's werden und ihnen geben— laßt einmal ſehen— wie viel täglich? Da iſt mein Schläſchen nach dem Mittageſſen— eine Stunde, die ſollte ihnen gegönnt ſeyn; ſie könnten damit an⸗ fangen, was ſie wollten. Morgens zwiſchen dem Frühſtück und dem Zeitungsleſen könnte ich wieder eine Stunde für ſie erſparen; Nachmittags vor dem Eſſen— meinetwegen noch eine. Drei Stunden des Tags. Sie könnten ſich in zwölf Monaten mit 367 Intereſſen bezahlt machen. Ich denke, ich will ihnen einmal den Vorſchlag machen. Ah, mein Centaur, biſt du da?“ „Ja, hier bin ich,“ verſetzte Hugh, der mit einem Hund, ſo rauh und mürriſch als er ſelbſt, hereintrat;„aber es hat mich auch Mühe genug gekoſtet. Warum verlangt Ihr von mir, daß ich kommen ſoll, wenn Ihr mich doch nicht einlaſſen wollt?“ „Mein guter Burſche,“ entgegnete der Andere, ſeinen Kopf ein wenig von dem Polſter erhebend und ihn nachläßig vom Kopfe bis zur Zehe muſternd, „ich freue mich ungemein, dich zu ſehen, und finde den beſten Beweis, daß man dich eingelaſſen hat, in deinem Hierſeyn. Wie geht es dir?“ „Oh, gut genug,“ antwortete Hugh ungeduldig. „Du ſiehſt wie ein wahres Wunder von Ge⸗ ſundheit aus. Nimm Platz.“ „Ich kann eben ſo gut ſtehen,“ ſagte Hugh. „Ganz nach deinem Belieben, mein guter Burſche,“ verſetzte Herr Cheſter aufſtehend, indem er langſam ſeinen weiten Schlafrock ablegte und ſich vor den Ankleideſpiegel ſetzte.„Du kannſt's jeden⸗ falls ganz nach deiner Bequemlichkeit halten.“ Nachdem er dieß in dem möglichſt höflichen und freundlichen Tone geſprochen hatte, fuhr er fort, ſich anzukleiden, ohne weitere Notiz von ſeinem Gaſt zu nehmen, der, ohne zu wiſſen, was er zunächſt 368 thun ſollte, auf derſelben Stelle ſtehen blieb und Herrn Cheſter nur hin und wieder einen verdrieß⸗ lichen Blick zuwarf. „Wollt Ihr mit mir ſprechen, Herr?“ fragte er nach einer langen Pauſe. „Mein würdiger Patron,“ verſetzte Herr Cheſter, „du biſt ein wenig verſtimmt und nicht des beſten Humor's, weßhalb ich warten will, bis du wieder ganz du ſelbſt biſt. Ich habe keine Eile.“ Dieſes Benehmen übte ſeine beabſichtigte Wir⸗ kung. Es demüthigte und beſchämte den Menſchen und machte ihn noch unſchlüßiger und ungewiſſer. Harte Worte hätte er erwiedern, Heftigkeit mit In⸗ tereſſen zurückbezahlen können; aber dieſe kalte, ge⸗ ſchmeidige, verächtliche und durchdachte Aufnahme ließ ihn ſeine untergeordnete Stellung weit vollſtän⸗ diger fühlen, als wenn man ſie ihm durch die gründlichſte Argumentation dargethan hätte. Dabei ſtand alles im Einklange, um den Nachdruck zu verſtärken. Seine eigene rauhe Sprache im Ge⸗ genſatz mit dem weichen, anſprechenden Aecente des Andern; ſein rohes Benehmen und Herrn Cheſter's abgeſchliffenes Weſen; die Unordnung und Nach⸗ läßigkeit in ſeinem zerlumpten Anzuge und die ele⸗ gante Kleidnng, die er vor ſich ſah; dazu noch der ungewohnte Luxus und die Gemächlichkeit des Zim⸗ mers, wie auch das Schweigen, das ihm Muße gab, all' dieß zu beobachten und ſich unwohl dabei zu fühlen; alle dieſe Einflüſſe, welche nur zu oft —— 9 8½ x 2 u—Aͤ—õʒß— n Q 369 ihres Eindrucks auf unmündige Gemüther nicht ver⸗ fehlen und eine faſt unwiderſtehliche Macht üben, wenn man ſie einem Charakter, wie dem unſeres Centauren gegenüber, geltend macht, überwältigten Hugh ganz und gar. Er trat näher und näher an Herrn Cheſter's Stuhl heran, blickte über deſſen Schulter, als ſuche er in dem Ausdrucke ſeines Geſichts, das der Spiegel zurückſtrahlte, eine Er⸗ muthigung, und begann endlich mit einem rohen Verſuche zur Verſöhnung: „Wollt Ihr mit mir ſprechen, Herr, oder ſoll ich wieder gehen?“ „Sprich,“ ſagte Herr Cheſter,„ſprich immerhin, mein guter Burſche. Ich habe bereits den Anfang gemacht— oder nicht? Ich warte auf dich.“ „Je nun, ſeht, Sir,“ entgegnete Hugh mit ſich ſteigernder Verlegenheit,„bin ich nicht der Mann, dem Ihr, ehe Ihr von dem Maibaum fortrittet, im geheim Eure Peitſche zurückließt, und dem Ihr ſagtet, er ſolle ſie Euch zurückbringen, wenn er über einen gewiſſen Gegenſtand mit Euch zu reden habe?“ „Ohne Zweifel derſelbe, wenn du nicht etwa einen Zwillingsbruder haſt,“ erwiederte Herr Cheſter, indem er den Reflex von dem ängſtlichen Geſichte des Andern im Spiegel betrachtete;„aber dieß iſt wohl nicht wahrſcheinlich, möcht' ich behaupten.“ „Ich bin da her gekommen, Sir,“ ſagte Hugh, „und habe ſie zurückgebracht, aber auch noch etwas Boz. XVI. Barnaby Rudge. 24 370 anderes mit— einen Brief, Sir, den ich der Perſon abnahm, welche ihn beſorgen ſollte.“ Mit dieſen Worten legte er Dolly's letzten Brief auf den Ankleidetiſch— denſelben, der ihr ſo viel Kummer verurſacht hatte. „Iſt er durch Gewalt in deine Hände gekommen, mein guter Burſche?“ fragte Herr Cheſter, indem er nach dem Briefe hinſah, ohne jedoch die mindeſte Ueberraſchung oder Freude kund zu geben. „Nicht ganz,“ antwortete Hugh,„aber doch theilweiſe.“ „Wer war der Bote, dem du ihn abnahmſt?“ „Eine Weibsperſon. Die Tochter eines gewiſſen Varden.“ „Ah, wirklich?“ verſetzte Herr Cheſter heiter. „Und was nahmſt du ihr ſonſt noch ab?“ „Was ſonſt noch?“ „Ja,“ erwiederte der Andere gedehnt, denn er heftete eben ein Schönpfläſterchen auf eine ſehr kleine Finne in der Nähe ſeines Mundwinkels.„Was ſonſt noch?“ „Je nun— einen Kuß,“ antwortete Hugh nach einigem Zögern. „Und außerdem?“ „Nichts.“ „Ich denke,“ ſagte Herr Cheſter in demſelben leichten Tone und einigemale lächelnd, um zu ſehen, ob das Pfläſterchen klebe— nich denke, es handelte ſich von etwas Weiterem. Es iſt von einem Schmuck A geſprochen worden— einer bloßen Kleinigkeit— einer Sache von ſo wenig Werth, daß du wohl darauf vergeſſen haben magſt. Erinnerſt du dich nicht auf etwas der Art— auf eine Armſpange zum Bei⸗ ſpiel?“ 3 Hugh brummte einen Fluch vor ſich hin, ſteckte die Hand in ſeine Bruſttaſche, zog das in einen Heubüſchel gewickelte Armband heraus und war eben im Begriffe, es gleichfalls auf den Tiſch zu legen, als ſein Gönner ihm abwehrte und ihn aufforderte, es wieder einzuſtecken. „Du haſt dieß für dich ſelbſt genommen, mein vortrefflicher Freund,“ ſagte er,„und magſt es daher behalten. Ich bin weder ein Dieb noch ein Hehler. Zeige es mir nicht. Du thuſt gut, es ohne Zeit⸗ verluſt wieder zu verbergen. Laß mich nicht einmal ſehen, wo du es hinſteckſt,“ fügte er bei, indem er ſeinen Kopf abwandte. „Ihr wäret kein Hehler?“ polterte Hugh heraus, ungeachtet der ſich ſteigernden Ehrfurcht, in welcher ihn der Andere erhielt.„Wie nennt Ihr Dieß, Herr?“ Er ſchlug dabei mit ſchwerer Fauſt auf den Brief. „Ich nenne das anders,“ verſetzte Herr Cheſter kaltblütig;„und du ſollſt ſehen, daß ich dir augen⸗ blicklich den Beweis liefern werde. Du haſt ver⸗ muthlich Durſt?“ Hugh fuhr mit ſeinem Aermel über die Lippen und antwortete mit einem mürriſchen„Ja.“ 24* „So geh' an jenen Wandſchrank und bringe mir eine von den Flaſchen, die du darin ſehen wirſt, nebſt einem Glaſe.“ Hugh gehorchte. Sein Gönner folgte ihm mit den Augen, und ſobald ihm der Kerl den Rücken bot, lächelte er, wie er noch nie gethan hatte, ſeit er vor dem Spiegel ſtand. Sobald Hugh zurück⸗ kehrte, fuͤllte er ihm das Glas und forderte ihn zum Trinken auf. Dieß geſchah, worauf ein zweites und ein drittes eingeſchenkt wurde. „Wie viel kannſt du fuͤhren?“ fragte Herr Che⸗ ſter, indem er das Glas abermals füllte. „So viel als Euch beliebt, mir zu geben. Nur eingeſchenkt— bis an den Nand. Ein Glas, daß es recht hübſch perlt in der Mitte! Gebt mir genug von dieſem,“ fügte er bei, indem er wieder eines in ſeine haarige Kehle hinuntergoß,„und ich begehe Mord und Todtſchlag, wenn Ihr mich's heißt.“ „Da ich dieß nicht von dir zu verlangen gedenke, und du es möglicherweiſe thun könnteſt, ohne dazu eingeladen zu werden, wenn du noch weiter fort⸗ machſt,“ entgegnete Herr Cheſter mit großer Ruhe, „ſo wollen wir, wenn's gefällig iſt, mein guter Freund, bei dem nächſten Glaſe Halt machen.— Du haſt ſchon getrunken, ehe du herkamſt.“ „Ich greife immer zu, wo was zu kriegen iſt,“ rief Hugh lärmend, indem er das leere Glas über ſeinem Kopfe ſchwang und ſich in eine rohe Tanzat⸗ titüde warf. Ich bin immer dabei. Warum nicht? 373 Ha, ha, ha! Was könnte mir beſſer bekommen, als dieß? Was iſt mir je beſſer bekommen? Womit ſonſt hätte ich den Froſt abhalten können in bitter⸗ kalten Nächten und den Hunger in Zeiten, wo es auf's Verſchmachten hinauslief? Was hätte mir ſonſt die Kraft und den Muth eines Mannes gege⸗ ben, da die Menſchen mich ſchon als ein kleines Kind hätten hinſterben laſſen? Ohne dieſes wäre mir nie das Herz eines Mannes geworden, ſondern ich hätte umkommen müſſen in dem nächſten beſten Graben. Wer hat je, als ich ſchwach und krank war, mit zitternden Beinen und erblindenden Augen, mich aufgeheitert, wenn es nicht dieſes war? Jemand anders hat's nie gethan— nein. Das Trinken ſoll leben, Herr. Ha, ha, ha!“ „Du biſt ein ungemein aufgeregter junger Mann,“ ſagte Herr Cheſter, indem er mit großer Bedächtig⸗ keit ſeine Halsbinde umlegte und den Kopf leicht von einer Seite zur andern bewegte, um das Kinn in eine paſſende Lage zu bringen.„Ein wahrhaft luſti⸗ ger Kumpan.“ „Seht Ihr dieſe Hand, Herr, und dieſen Arm?“ fuhr Hugh fort, indem er dieſes ſehnige Glied bis an den Ellbogen entblößte. Sie waren einmal nur Haut und Knochen und würden längſt in einem Ar⸗ menkirchhof in Staub zerfallen ſeyn, wenn das Trin⸗ ken nicht geweſen wäre.“ „Du magſt dich wieder bedecken,“ ſagte Herr Cheſter,„Der Arm ſieht auch noch durch den Aer⸗ mel reell genug aus.“ „Ich würde mich auch nie ſo weit ermuthigt haben, der ſtolzen kleinen Schönheit einen Kuß abzu⸗ jagen, Herr, wenn ich nicht zuvor getrunken hätte,“ rief Hugh.„Ha, ha, ha! Er ſchmeckte herrlich— ſo ſüß wie Honig, kann ich Euch ſagen. Und das verdanke ich einzig dem Trinken. Noch einmal, das Trinken ſoll leben, Herr. Schenkt mir wieder ein. Kommt— noch eines!“ „Du biſt ein ſo hoffnungsvoller Burſche,“ ent⸗ gegnete ſein Gönner, der mit großer Pünktlichkeit ſeine Weſte anlegte, ohne auf dieſes Geſuch Rückſicht zu nehmen,„daß ich dir Vorſicht empfehlen muß, denn wenn du deinem Hang zum Trunke allzuſehr nachgibſt, ſo könnteſt du vor der Zeit gehangen werden. Wie alt biſt du?“ „Ich weiß es nicht.“ „Jedenfalls biſt du jung genug,“ fuhr Herr Cheſter fort,„um für die nächſten Jahre nicht dem ausgeſetzt zu ſeyn, was ich einen natürlichen Tod nennen möchte. Doch, wie kannſt du dich nach einer ſo kurzen Bekanntſchaft mir ſo ganz und gar in die Hände geben— recht eigentlich mit einem Strick um deinen Hals? Gewiß, du biſt ein ſehr vertrauens⸗ voller Kerl!“ Hugh fuhr ein paar Schritte zurück und betrach⸗ tete Herrn Cheſter mit einem Blicke, in dem ſich Schrecken, Unwillen und Ueberraſchung miſchten. Nu—3 ᷣ—— — N 375 Dieſer betrachtete ſich mit derſelben Selbſtgefälligkeit wie früher in dem Spiegel und fuhr ſo glatt und gleichgültig, als handle ſich's nur um ein luſtiges Stadtgeſpräch, fort: „Raub auf des Königs Landſtraße, mein junger Freund, iſt ein ſehr gefährliches und kitzliches Unter⸗ fangen— zwar ohne Zweifel beluſtigend, ſo lange es währt, aber wie ſo manche andere Vergnügungen in dieſer vergänglichen Welt, iſt es ſelten von langer Dauer. Und in der That, wenn du in der Zutrau⸗ lichkeit der Jugend dein Herz ſo leicht öffneſt, ſo muß ich fürchten, daß deine Laufbahn außerordentlich kurz ſeyn wird.“ „Was ſoll das?“ ſagte Hugh.„Wie mögt Ihr ſo ſchwatzen, Herr? Wer hat mich denn dazu verleitet?“ „Wer?“ entgegnete Cheſter, indem er ſich raſch umwandte und ſeinem Gaſte zum erſtenmal voll in's Geſicht ſah.„Ich habe dich nicht recht verſtanden. Wer war es?“ Hugh ſtotterte und murmelte etwas Unvernehm⸗ liches vor ſich hin. „Wer war es? Ich möchte das doch wiſſen,“ ſagte Herr Cheſter mit ausnehmender Freundlichkeit. „Irgend eine ländliche Schönheit vielleicht? Aber ſey vorſichtig, mein guter Freund, man darf ihnen nicht immer trauen. Laß dir jetzt rathen und ſieh dich in Zukunft vor.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich wieder gegen 7 376 den Spiegel und machte in ſeiner Toilette weiter. Hugh hätte antworten mögen, daß er, der Frager ſelbſt, der Anſtifter geweſen ſey; aber die Worte blieben ihm in der Kehle ſtecken. Die vollendete Gewandtheit, womit ſein Gönner ihn ſo weit gebracht und die ganze Unterhaltung geleitet hatte, verblüffte ihn ganz und gar. Er zweifelte nicht, Herr Cheſter hätte ihn auf die Antwort, die ihm auf den Lippen ſchwebte, als ſich derſelbe umwandte und ihn ſo ſcharf fragte, ſchnurſtracks verhaften und mit dem geſtoh⸗ lenen Gut in der Taſche vor einen Friedensrichter ſchleppen laſſen, in welchem Falle er des Todes am Galgen eben ſo ſicher war, als des Umſtandes, daß er überhaupt geboren wurde. Die Ueberlegenheit, welche ſich der Weltmann über dieſes wilde Werkzeug verſchaffen wollte, erlitt von Stunde an keine Bean⸗ ſtandung mehr. Hugh's Unterwerfung war unbedingt. Er fürchtete ſich vor Herrn Cheſter über die Maßen und fühlte, daß Zufall und Argliſt ein Gewebe um ihn geſponnen hatten, das ſich durch die leichteſte Berührung einer ſolchen Meiſterhand zu einem Strick zuſammendrehte, welcher ihn an den Galgen knüpfte. Mit ſolchen Gedanken in ſeinem Schädel und doch zu gleicher Zeit verwundert, wie er, der in ſtolzer Zuverſicht auf das vermeintliche Vertrauen dieſes Mannes hergekommen war, ſo bald und völlig unterjocht werden konnte, ſtand Hugh gebeugt vor ſeinem Beherrſcher und warf ihm von Zeit zu Zeit unruhige Blicke zu, während derſelbe ſeinen Anzug 377 vollendete. Sobald dieß geſchehen war, nahm Herr Cheſter den Brief auf, erbrach das Siegel, warf ſich in ſeinen Stuhl und las ihn mit Muße durch. „Bei meinem Leben, ein recht hübſches Concept! Ein ächter Frauenzimmerbrief, voll von dem, was die Leute Zärtlichkeit, Uneigennützigkeit, Herz und dergleichen nennen!“ Während dieſer Worte drehte er das Schreiben zuſammen, wandte ſich träge nach Hugh um, als wollte er ſagen:„Siehſt du dieß?“ und hielt es an das Licht. Als es hellauf brannte, warf er es auf den Kaminroſt, wo es in Aſche zerfiel. „Es war an meinen Sohn gerichtet,“ ſagte er, ſich an Hugh wendend,„und du thateſt ganz recht, es mir zu bringen. Ich öffnete es auf meine eigene Verantwortlichkeit, und du ſiehſt, was ich damit an⸗ gefangen habe. Nimm dieß für deine Mühe.“ Hugh trat heran, um das hingebotene Geldſtück in Empfang zu nehmen. Während er ihm daſſelbe in die Hand drückte, fügte er bei: „Wenn du zufällig ſonſt etwas der Art finden oder etwas erfahren ſollteſt, wovon du glaubſt, daß es für mich Intereſſe haben könnte, ſo kömmſt du wieder her, mein guter Burſche.“ Er ſprach dieß mit einem Lächeln, welches ſo viel ſagen wollte— wenigſtens kam es Hugh ſo vor— als:„wenn du es unterläſſeſt, ſo geſchieht es auf deine Gefahr!“ Er druckte daher ſeine Bereitwilligkeit aus. „Auch brauchſt du,“ fuhr Herr Cheſter mit 378 der wohlwollendſten Gönnermiene fort,„auch brauchſt du nicht im Geringſten niedergeſchlagen oder un⸗ ruhig wegen der kleinen Voreiligkeit zu ſeyn, von der wir geſprochen haben. Ich verſichere dich, mein guter Burſche, dein Hals iſt in meinen Händen ſo ſicher, als ob ihn die Finger eines Säug⸗ lings umfaßten.— Nimm noch ein Glas. Du biſt jetzt ruhiger.“ Hugh ließ ſich dieß gefallen und trank den In⸗ halt des angebotenen Glaſes ſchweigend und mit einem verſtohlenen Blicke nach dem lächelnden Geſichte ſeines Patrons aus. „Du trinkſt— ha, ha!— du trinkſt nicht mehr auf das Wohl des Trinkens?“ ſagte Herr Cheſter in ſeiner gewinnendſten Weiſe. „Auf das Eurige, Sir,“ lautete die verdrießliche Antwort, die von einer Art Bückling begleitet war. „Ich trinke auf Eure Geſundheit.“ „Ich danke. Gott ſey mit dir. Nebenbei, wie heißſt du, meine gute Seele? Man nennt dich Hugh — das weiß ich freilich— aber dein anderer Name?“ „Ich habe keinen andern.“ „Ein höchſt ſonderbarer Burſche! Soll das ſo viel heißen, als du habeſt nie einen andern gehabt, oder daß du nicht Luſt haſt, ihn zu nennen— wie?“ „Ich würde ihn ſagen, wenn ich könnte,“ ent⸗ gegnete Hugh raſch;„aber ich kann nicht. Man hat mir nie anders als Hugh gerufen. Von einem Vater habe ich nie etwas gewußt, ihn nicht geſehen oder ————— 379 auch nur an ihn gedacht; und ich war ein ſechsjäh⸗ riger Knabe— das iſt nicht ſehr alt— als ſie meine Mutter zu Tyburn hängten vor ein paar tau⸗ ſend gaffenden Menſchen. Man hätte ſie können leben laſſen. Sie war arm genug.“ „Wie gar traurig!“ rief ſein Gönner mit einem herablaſſenden Lächeln.„Ich zweifle nicht, daß ſie ein ungemein ſchönes Weib war.“ „Seht Ihr meinen Hund da?“ fragte Hugh ab⸗ gebrochen. „Vermuthlich ein treues Thier?“ entgegnete Herr Cheſter, durch ſein Augenglas darnach hinſe⸗ hend,„und außerordentlich geſcheidt? Tugendhafte und begabte Geſchöpfe, mögen es nun Menſchen oder Thiere ſeyn, find immer ſo häßlich.“ „Ein Hund, wie dieſer und von derſelben Zucht, war das einzige lebende Weſen, das an jenem Tage mit mir heulte,“ ſagte Hugh.„Aus den zweitauſend und etlichen— der Haufe war größer, weil es einem Weibe galt— hatte nur der Hund und ich Miteid. Wär' er ein Menſch geweſen, ſo würde er ſich ge⸗ freut haben, ihrer los zu ſeyn, denn ſie mußte ihn ſpärlich halten und halb verhungern laſſen; ſo aber war's ein Hund, der keinen Menſchenverſtand hatte, und er trauerte.“ „Das war gewiß ſehr einfältig von dem Thier,“ erwiederte Cheſter,„und ſieht ganz einem Thiere gleich.“ Hugh antwortete nichts, ſondern pfiff ſeinem 380 Hunde, der ſogleich aufſprang und an ihm hinauf⸗ hüpfte; dann bot er ſeinem theilnehmenden Freunde gute Nacht. „Gute Natht,“ entgegnete Herr Cheſter.„Merke dir's, du biſt ganz ſicher in meinen Händen— ganz ſicher. So lange du es verdienſt, mein guter Burſche — und ich hoffe, daß dieß immer der Fall ſeyn wird— ſollſt du immer einen Freund an mir haben, auf deſſen Verſchwiegenheit du bauen kannſt. Aber ich bitte dich, ſieh dich vor und vergiß nicht, in welche Gefahr du hätteſt kommen können. Gute Nacht, Gott ſey mit dir.“ Hugh beugte ſich unter den geheimen Sinn die⸗ ſer Worte ſo tief, als ein ſolcher Menſch es vermochte, und ſchlich demüthig und unterwürfig, kurz, mit einer Miene zur Thüre hinaus, die ſo ganz verſchie⸗ den von derjenigen war, mit welcher er eingetreten, daß ſein Gönner, als er ſich allein ſah, mehr als je lächelte. „Und doch,“ ſagte er, indem er eine Priſe nahm, „will's mir nicht gefallen, daß man ſeine Mutter gehängt hat. Der Burſche hat ein ſchönes Auge, und ſie muß wohl hübſch geweſen ſeyn. Vielleicht war ſie auch roh, rothnaſig und hatte plumpe Füße. Ja. Es war im Grunde doch am beſten, daß es ſo ging.“ 5 Mit dieſer tröſtlichen Betrachtung zog er ſeinen Rock an, warf zum Abſchiede noch einen Blick nach dem Spiegel und rief ſeinem Bedienten, der augen⸗ n.— ½ 12— 381 blicklich mit einer Sänfte und ein paar Trägern erſchien. „Pfui!“ ſagte Herr Cheſter.„Selbſt die At⸗ moſpäre, die dieſer Centaur geathmet hat, ſcheint von Miſtkarren⸗ und Leiternduft verunreinigt zu ſeyn. Da, Peak, bring etwas Wohlriechendes und beſprenge den Boden damit; und nimm den Stuhl weg, auf dem er geſeſſen, und lüfte ihn; und ſpritze ein Bis⸗ chen von dieſem Arom auf mich. Ich erſticke!“ Der Diener that, wie ihm geheißen wurde; und nachdem das Zimmer und deſſen Beſitzer puriſzirt waren, blieb Herrn Cheſter nichts mehr übrig, als ſeinen Hut zu verlangen, ihn zierlich unter den Arm zu klappen, in der Sänfte Platz zu nehmen und ſich forttragen zu laſſen, wobei er eine faſhionable Arie vor ſich hinſummte. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Wie der vollendete Gentleman in der Mitte eines prunkenden und blendenden Zirkels ſeinen Abend verbrachte, wie er Alle, die mit ihm in Berührung kamen, durch ſein graziöſes Benehmen, die Feinheit 382 ſeiner Manieren, die Lebhaftigkeit ſeiner Unterhal⸗ tung und das Einſchmeichelnde ſeiner Stimme be⸗ zauberte, wie man an allen Ecken und Enden be⸗ merkte, Cheſter ſey ein Mann von ſo glücklichem Temperament, daß ihn nichts ſtöre, daß ihm die Sorgen und Wirren der Welt ſo leicht ſtänden, wie ſein Anzug, und daß aus ſeinem lächelnden Geſichte ſtets ein ruhiger und friedlicher Geiſt wiederſtrahle; wie ſelbſt Ehrenmänner trotz dem, daß ihr Inneres ſie eines Beſſern belehrte, ſich vor ihm beugten, jedem ſeiner Worte Beifall zollten und um ſeine ge⸗ neigte Aufmerkſamkeit buhlten; wie Leute, die wirk⸗ lich etwas Gutes in ſich hatten, doch mit dem Strome fortſchwammen und krochen und heuchelten und Beifall zollten, und obgleich ſie ſich ſelbſt darüber verachten mußten, doch nicht den Muth hatten, zu widerſtehen, mit einem Worte, wie er einer von jenen Menſchen war, die in der Geſellſchaft aufge⸗ nommen und(wie man zu ſagen pflegt) von Dutzen⸗ den gehätſchelt werden, deren Perſönlichkeit vor dem Gegenſtande, an dem ſie ihre Verehrung verſchwen⸗ den, erſchrecken und zurückfahren ſollte— das ſind natürlich Dinge, die ſich von ſelbſt verſtehen. Für ſolche Gemeinplätze genügt ein flüchtiger Blick, und damit wollen wir's bewenden laſſen. Die Menſchenverächter— ich ſpreche natürlich nicht von den Thoren und Affen, welche dieſes Glau⸗ bensbekenntniß affektiren— zerfallen in zwei Arten: einmal in ſolche, welche glauben, ihr Verdienſt 383 werde vernachläßigt und nicht geſchätzt, dann in ſolche, welchen man huldigt und ſchmeichelt, wäh⸗ rend ſie ihren eigenen Unwerth kennen. Natürlich gehören die kaltherzigſten Miſanthropen in dieſe letztere Klaſſe. Herr Cheſter ſaß des andern Morgens aufrecht in ſeinem Bette, ſchlürfte ſeinen Kaffee und gedachte eben mit einer Art von geringſchätziger Behaglichkeit, wie er am letzten Abend geglänzt, und wie man ihm geſchmeichelt und den Hof gemacht hatte, als ſein Diener einen ſehr kleinen Fetzen ſchmutzigen Papiers, das an zwei Orten verſiegelt war, hereinbrachte. Der Inhalt deſſelben beſtand aus folgenden ziemlich groß geſchriebenen Worten: „Ein Freund. Wünſcht eine Unterredung. Augenblicklich. Ganz in's Geheim. Verbrennt es, wenn Ihr es geleſen habt.“ „Wo, im Namen der Pulververſchwörung, haſt du dieß aufgeleſen?“ fragte ſein Herr. Der Diener erwiederte, es ſey ihm von einer Perſon übergeben worden, die noch an der Thüre warte. „Im Mantel und mit einem Dolch?“ fragte Herr Cheſter. Er ſcheine nichts Drohenderes an ſich zu haben, als eine Lederſchürze und ein ſchmutziges Geſicht. „So laß ihn hereinkommen.“ Und hereintrat— Herr Tappertit. Das Haar 384 ſtand ihm noch immer zu Berge, und in der Hand trug er ein großes Schloß, welches er mitten im Zimmer auf den Boden legte, als ſey er Willens, einige Kunſtproduktionen zu zeigen, zu denen er deſ⸗ ſelben nothwendig bedurfte. „Sir,“ begann Tappertit mit einem Bückling, „ich danke Euch für dieſe Herablaſſung, und freue mich, Euch zu ſehen. Entſchuldigt mich wegen des Fröhnergeſchäfts, dem ich verfallen bin, Sir, und dehnt Euer Mitgefühl auf einen Menſchen aus, deſſen inneres Schaffen weit über ſeiner Lage ſteht, wie unſcheinbar auch ſein Aeußeres ſeyn mag.“ Herr Cheſter zog den Bettvorhang weiter zu⸗ rück und ſah nach ihm hin, die unbeſtimmte Idee unterhaltend, daß ihm hier ein Verkehr mit einem Tollhäusler bevorſtehe, der nicht nur ſeine Gefäng⸗ nißthüre erbrochen, ſondern auch das Schloß mit⸗ genommen habe. Herr Tappertit verbeugte ſich abermals und zeigte ſeine Beine im vortheilhafteſten Lichte. „Ihr habt wohl ſchon von Gabriel Varden gehört,“ fuhr Herr Tappertit fort, indem er die Hand auf ſeine Bruſt legte,„einem Schloſſer und Glockenzugmacher zu Clerkenwell in London, der alle Aufträge und Reparaturen in Stadt und Land auf's Beſte beſorgt?“ „Und was weiter?“ fragte Herr Cheſter. „Ich bin ſein Lehrling, Sir.“ „Was dann?“ —————„„„ — 22— 385 „Hem!“ räusperte ſich Herr Tappertit.„Woll⸗ tet Ihr mir wohl erlauben, die Thüre zu ſchließen, Sir, und ſeyd Ihr ferner bereit, Sir, mir Euer feierliches Ehrenwort zu geben, daß alles, was zwiſchen uns vorgeht, unter dem Siegel der ſtreng⸗ ſten Verſchwiegenheit verbleibt?“ Herr Cheſter legte ſich ruhig wieder in ſein Bette zurück, wandte ein vollkommen gefaßtes Ge⸗ ſicht der Erſcheinung zu, welche inzwiſchen die Thüre geſchloſſen hatte, und forderte dieſelbe auf, ſo ver⸗ nünftig ſich auszuſprechen, als es ihr möglich ſey, ohne ſich allzugroße perſönliche Unbequemlichkeiten aufzuerlegen. „Erſtlich, Sir,“ ſagte Herr Tappertit, indem er ein kleines Taſchentuch herauszog und es aus einander ſchüttelte,„erlaubt mir, da ich keine Karte bei mir habe(denn der Neid unſerer Meiſter ernie⸗ drigt uns ſo weit, daß wir keine führen dürfen), Euch das beſte Surrogat, welches die Umſtände ge⸗ ſtatten, dafür anzubieten. Wenn Ihr dieß in Eure Hand nehmen und Euer Auge auf die rechte Ecke werfen wollt, Sir,“ fuhr Herr Tappertit fort, indem er das Taſchentuch ſehr graziös hinbot,„ſo finden Sie mein Creditiv.“ „Danke Ihnen,“ antwortete Herr Cheſter, es höflich entgegen nehmend und die blutrothen Schrift⸗ zuüge in dem einen Zipfel betrachtend.„„4. Simon Tappertit. 4. Iſt dieß die——„ „Ohne die Nummern, Sir, das iſt mein Boz XVI. Barnaby Rudge. 25 386 Name,“ verſetzte der Lehrling.„Die Zahlen ſind bloße Anweiſungen für die Wäſcherin und haben keine Beziehung auf mich oder meine Familie. Euer Name, Sir,“ ſagte Herr Tappertit, die Nachtmütze des Andern ſcharf in's Auge faſſend,„iſt Cheſter, glaube ich. Ihr braucht ſie nicht abzunehmen, Sir, ich danke Euch— denn ich ann von hier aus das E. C. unterſcheiden. Das Uebrige wollen wir für ausgemacht annehmen.“ „Ich bitte, Herr Tappertit,“ ſagte Herr Cheſter, „hat das complicirte Stück Eiſenwaare, das Ihr mitzubringen ſo gütig waret, irgend eine unmittel⸗ bare Beziehung zu dem Geſchäft, über das wir uns beſprechen wollen?“ „Nein, Sir,“ antwortete der Lehrling.„Es ſoll an die Thüre eines Waarenlagers in der Themſe⸗ Straße angeſchlagen werden.“ „Nun, wenn dieß der Fall iſt,“ verſetzte Herr Cheſter,„ſo werdet Ihr mich vielleicht, da es einen ſtarken Oelgeruch verbreitet, womit ich mein Schlaf⸗ zimmer nicht zu räuchern pflege, in ſo weit verbin⸗ den, daß Ihr es vor die Thüre hinauslegt?“ „In allweg, Sir,“ entgegnete Herr Tappertit, der die That dem Worte folgen ließ. „Ihr entſchuldigt hoffentlich, daß ich deß er⸗ wähne?“ „Keine Entſchuldigung, wenn ich bitten darf, Sir. Und nun, wenn's gefällig iſt, zur Sache.“ Während dieſes ganzen Dialogs hatte Herr 387 Cheſter nichts als ſein unveränderlich heiteres und höfliches Lächeln auf ſeinem Geſichte ſpielen laſſen. Sim Tappertit, der eine zu hohe Meinung von ſich ſelbſt hatte, um zu argwöhnen, daß Jemand ihn zum Beſten haben könnte, dachte in ſeinem Innern, hier finde er doch etwas von der Achtung, zu wel⸗ cher er berechtigt ſey, und zog zwiſchen dem höf⸗ lichen Benehmen eines Fremden und dem des wür⸗ digen Schloſſers eine Vergleichung, die keineswegs zu Gunſten des Letzteren ausfiel. „Aus den Vorgängen in unſerm Hauſe,“ ſagte Herr Tappertit,„bemerke ich, Sir, daß Euer Sohn gegen Euern Willen eine Verbindung mit einer jungen Dame unterhält. Sir, Euer Sohn hat mich gar nicht gut behandelt.“ „Herr Tappertit,“ entgegnete der Andere„Ihr betrübt mich über die Maßen.“ „Danke Euch Sir,“ erwiederte der Lehrling. „Es freut mich, Euch ſo ſprechen zu hören. Euer Sohn iſt ſehr ſtolz, Sir— ungemein hochmüthig.“ „Ich fürchte ſelbſt auch, daß er hochmuthig iſt,“ ſagte Herr Cheſter.„Wißt Ihr auch, daß ich früher ſchon die Beſorgniß hegte, und daß Ihr mich jetzt darin beſtätigt?“ „Wenn ich die Frohndienſte aufzählen wollte, die ich für Euern Sohn leiſten mußte,“ fuhr Herr Tappertit fort,„die Sänften und Kutſchen, die ich für ihn zu beſorgen, und die zahlloſen herabwür⸗ digenden Dienſtleiſtungen, die ich für ihn zu ver⸗ 25*¾ 388 richten hatte, obgleich nichts davon in meinem Lehr⸗ vertrag ſteht, ſo könnte ich eine Hausbibel damit anfüllen. Außerdem, Sir, iſt er ſelbſt nur ein junger Mann, und ich glaube nicht, daß bei ſolchen Gelegenheiten ein„danke dir, Sim,“ die paſſende Anredeformel iſt. „Herr Tappertit, Eure Weisheit geht über Eure Jahre. Ich bitte, fortzufahren.“ „Schönen Dank für Eure gute Meinung, Sir,“ ſagte Sim,„und ich will mir Mühe geben, Eurem Wunſche zu entſprechen. Nun, Sir, aus dieſem Grunde(und vielleicht aus noch ein paar anderen, auf die ich mich nicht einzulaſſen brauche) bin ich ganz auf Eurer Seite; und was ich Euch zu ſagen habe, beſteht kurz darin— ſo lange unſere Leute hin und her, ab und zu, nach jenem luſtigen alten Maibaum gehen, Briefe ſchreiben, Boten laufen, holen und bringen, ſo könnt Ihr nicht hindern, daß Euer Sohn mit jener jungen Dame durch Send⸗ linge verkehrt— nein, nicht einmal, wenn er Tag und Nacht durch die ganze Leibgarde zu Pferd be⸗ wacht würde und Mann für Mann ſtets in der vollſten Uniform wäre.“ Herr Tappertit hielt inne, um ein wenig zu Athem zu kommen, und ging dann wieder friſch d'rauf los.* „Jetzt aber komme ich auf den Hauptpunkt, Sir. Ihr werdet mich fragen, wie dem vorzubeugen ˖——— AN 389 iſt? Ich will es Euch ſagen, wie. Wenn ein achtbarer, höflicher, lächelnder Gentleman, wie Ihr—“ „Herr Tappertit— in der That—“ „Nein, ich meine es ganz im Ernſte,“ verſetzte der Lehrling,„gewiß, bei meiner Seele. Wenn ein achtbarer, höflicher und lächelnder Gentleman nur zehn Minuten mit unſerm alten Weibe— das heißt, mit Frau Varden— ſprechen und ihr ein Bischen mit Schmeicheleien zuſetzen wollte, ſo würde er ſie auf immer für ſich gewinnen. Dann hat man ſo viel erreicht— daß ihre Tochter Dolly“— hier überflog eine Glut Herrn Tappertit's Geſicht— „nicht mehr den Zwiſchenträger ſpielen dürfte; allein ſo lange man's nicht ſo weit gebracht hat, wird ſie nichts zu hindern im Stande ſeyn. Dieß müßt Ihr wohl in's Auge faſſen.“ „Herr Tappertit, Eure Kenntniß der menſch⸗ lichen Natur— „Noch eine Minute Geduld,“ ſagte Sim, indem er mit ſchrecklicher Ruhe ſeine Hände über einander ſchlug.„Jetzt kommen wir erſt zu dem Hauptpunkte. In jenem Maibaum iſt nämlich ein Schuft, ein Ungeheuer in Menſchengeſtalt, ein abgefeimter Hal⸗ lunke, der, wenn Ihr Euch ſeiner nicht entledigt, wenn Ihr ihn nicht allerwenigſtens ſtehlen und entführen laßt — denn durch leichtere Mittel wird's nicht gehen— Euren Sohn ſo ſicher und gewiß mit jenem jungen Frauenzimmer zuſammenbringen wird, als wäre er der Erzbiſchof von Canterbury ſelbſt. Er wird dieß 390 ſchon aus Haß und Bosheit gegen Euch thun, Sir — abgeſehen von der Luſt, die er in böſen Thaten findet, und die ihm an ſich ſchon Lohnes genug wäre. Wenn Ihr wüßtet, wie dieſer Bube, dieſer Joſeph Willet— denn ſo heißt er— in unſerm Hauſe ab und zu geht, welche Verläumdungen, Schmähungen und Drohungen er gegen Euch aus⸗ ſtößt— es ſchaudert mich, wenn ich es nur an⸗ höre— ſo würdet Ihr ihn noch bitterer haſſen, als ich ihn haſſe— ja, noch bitterer als ich, Sir,“ fügte Herr Tappertit wild bei, indem er ſein Haar noch mehr in die Höhe ſtrich, und mit den Zähnen knirſchte,„wenn dieß je möglich wäre.“ „Da iſt wohl eine kleine Privatrache mit im Spiel, Herr Tappertit?“ „Privatrache, Sir, oder öffentliche Meinung, oder beides zuſammengenommen— vernichtet ihn,“ ſagte Herr Tappertit.„Miggs iſt der gleichen Mei⸗ nung. Ich und Miggs, wir beide ſagen ſo. Wir können das Complottiren und Unterminiren, das da ſtattfindet, nicht mit anſehen. Es iſt uns in der Seele zuwider. Barnaby Rudge und Frau Rudge ſind gleichfalls mit im Spiel, aber der ſchuftige Jo⸗ ſeph Willet iſt der Rädelsführer. Ich und Miggs kennen ihre Complotte und Entwürfe. Wenn Ihr darüber belehrt ſeyn wollt, ſo wendet Euch an uns. Nieder mit Joſeph Willet, Sir! Vernichtet ihn— und ſeyd glücklich.“ Herr Tappertit ſchien auf dieſe Worte keine ᷣ 2 8 28N* N —2&☛ 391 Antwort zu erwarten, ſondern es für eine nothwen⸗ dige Folge ſeiner Beredſamkeit zu halten, daß ſein Zuhörer eigentlich verſteinert, ſtumm und überwältigt ſeyn müßte; er kreuzte daher die Arme in einer Weiſe, daß die Fläche einer jeden Hand auf der ent⸗ gegengeſetzten Schulter ruhte, und verſchwand nach Art jener geheimnißvollen Warner, von denen er in wohlfeilen Romanen geleſen hatte. „Dieſer Kerl iſt brauchbar,“ ſagte Herr Cheſter, indem er, ſobald ſich ſein Gefährte entfernt hatte, ſein Geſicht in ruhigere Falten legte.„Ohne Zwei⸗ fel weiß ich meine Züge einigermaßen zu beherrſchen. Er bringt mir indeß nur eine Bekräftigung meines Argwohns, und ſtumpfe Werkzeuge nützen oft mehr, als ſcharfe. Ich fürchte, ich werde eine große Ver⸗ heerung unter dieſen würdigen Leuten anrichten müſ⸗ ſen. Eine unangenehme Nothwendigkeit. Es thut mir eigentlich Leid um ſie. Sofort verfiel er in einen ruhigen Schlummer — in einen ſo ſanften und gefälligen Schlaf, wie der eines Kindes. 392 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Wir überlaſſen den Liebling, das überall wohl aufgenommene und gehätſchelte Schooßkind der Welt, den weltlichſten aller Weltmänner, der ſich nie durch eine ungentlemäniſche Handlung compromittirt und nie einer männlichen ſchuldig gemacht hatte, ſei⸗ nem lächelnden Schlafe— denn ſelbſt ſein Schlaf, der nur wenig in ſeinem an Verſtellung gewöhnten Geſichte änderte, war bei ihm zu einem Stück kalter und konventioneller Heuchelei geworden— und ver⸗ folgen jetzt die Schritte zweier langſamer Wanderer, die ſich auf dem Wege nach Chigwell befinden. Dieſe ſind Barnaby und ſeine Mutter, in deren Geſellſchaft ſich natürlich auch Greif befand. Die Wittwe, welcher jede neue Minute peinlicher und länger als die letzte vorkam, ſchleppte ſich mühſam weiter, während Barnaby, der ohne Unterlaß ſeinen unbeſtändigen Trieben folgte, bald da, bald dort war, jetzt ſeine Mutter weit hinter ſich laſſend, jetzt wieder weit zurückbleibend, dann wieder auf irgend einem Nebenwege vorwärtsſchießend und ſie allein ihres Weges ziehen laſſend, bis er auf einmal ganz verſto⸗ len auftauchte und mit einem wilden Jubel auf ſie zu kam, wie es ihm eben ſein unſtätes und launenhaftes Weſen eingab. Das einemal konnte er ihr von dem oberſten Zweige eines hohen, am Wege ſtehenden —2——-— 393 Baumes zurufen, das anderemal bediente er ſich ſei⸗ nes langen Stabes als einer Sprungſtange, um über Hecken, Gräben, oder fünffach verriegelte Pförtchen zu fliegen; dann eilte er wieder eine Meile oder dar⸗ über auf der geraden Straße voran und machte Halt, um auf einem Raſenfleck mit Greif zu ſpielen, bis ihn ſeine Mutter einholte. Hierin fand er ſeine Luſt, und wenn die geduldige Mutter ſeine frohe Stimme hörte, oder ihm in das glühende, geſunde Antlitz ſah, ſo hätte ſie ihn nicht mit einem einzigen ſtrengen Worte oder Murren kränken mögen, obgleich ſie unter dem Treiben ihres Sohnes eben ſo viel litt, als es ihm Freude gewährte. Es liegt einiger Genuß darin, Zeuge einer Hei⸗ terkeit zu ſeyn, die ſich frei und wild in der ſchönen Gottesnatur ausläßt, wäre es auch nur die Heiter⸗ keit eines Wahnwitzigen. Der Grund liegt wohl in dem Bewußtſeyn, daß der Himmel die Fähigkeit, ſich zu freuen, ſelbſt der Bruſt eines ſolchen Weſens be⸗ laſſen hat, und daß der Schöpfer des Alls ſelbſt dem Verachtetſten ſeiner Werke eine ſolche freundliche Gabe ertheilt, obgleich der Menſch ſie ſo leichtfertig an ſeinem Mitmenſchen zu zerſtören geneigt iſt. Wer möchte nicht lieber einen armen Blödſinnigen ſehen, wie er ſich im Sonnenlichte freut, als einen weiſen Mann, den im finſteren Gefängniſſe der Gram auf⸗ reibt. Ihr düſteren und ſtrengen Männer, die ihr das Antlitz des unendlichen Wohlwollens mit einem un⸗ 494 aufhörlichen Stirnrunzeln malt— lest in dem ewi⸗ gen Buche, das offen vor euern Augen liegt, und lernet die Lehren, die darin ſtehen. Seine Bilder zeigen euch keine ſchwarzen und unheimlichen Schat⸗ ten, ſondern helle und glühende Tinten, ſeine Muſik beſteht nicht aus Seufzen und Stöhnen, ſondern aus Liedern und frohen Klängen, wenn ſie nicht von euch ſelber erſtickt werden. Hört auf die Millionen Stim⸗ men in der Sommerluft und findet mir nur eine einzige heraus, die ſo trübſelig klingt, als eure eigene. Erinnert euch, wenn ihr könnt, des Gefühls der Hoffnung und Freude, welches jeder heitere Tages⸗ anbruch in der Bruſt Aller weckt, die ſich ihres ur⸗ ſprünglichen Weſens nicht entkleidet haben, und lernt einige Weisheit ſelbſt von den Thörichten, wenn ihre Herzen inſtinktartig unter dem Frohſinn und dem Glücke der Stunde gehoben werden. Die Bruſt der Wittwe war mit Kummer erfüllt und ſchwer mit geheimer Angſt und Sorge beladen; aber die Heiterkeit ihres Kindes erfreute ihr Herz und kürzte ihr den langen Weg. Hin und wieder bot er ihr ſeinen Arm an und hielt ſich eine kleine Weile dicht an ihre Seite; es war aber ſeinem We⸗ ſen angenehmer, umherzuſtreifen, und ſie fühlte ſich wohler, wenn ſie ihn frei und glücklich ſah, als wenn er neben ihr herging, denn ſie liebte ihn mehr, als ſich ſelbſt. 3 Sie hatte den Ort, nach dem ſie jetzt wander⸗ ten, unmittelbar nach der Kataſtrophe verlaſſen, die 395 einen ſo großen Wechſel in ihrer ganzen Eriſtenz veranlaßt, und ſeit zweiundzwanzig Jahren war ſie nicht mehr dahin zurückgekehrt, weil es ihr am Muthe gebrach. Es war ihr Geburtsort. Wie viele Erin⸗ nerungen drängten ſich ihrem Geiſte auf, als ſie des Dörfchens wieder anſichtig wurde! Zweiundzwanzig Jahre. Das ganze Leben und die ganze Geſchichte ihres Kindes. Zum letztenmale hatte ſie auf die Dächer unter den Bäumen zurückgeblickt, während ſie ihn als einen Säugling auf ihren Armen trug. Wie oft hatte ſie ſeitdem Tag und Nacht an ſeiner Seite geſeſſen und dem Morgenrothe der Vernunft entgegengeharrt, das nie kommen ſollte. Welche Be⸗ ſorgniſſe, Zweifel und doch nicht weichenwollende Hoffnungen, nachdem ſich ihr lange die Ueberzeugung mit furchtbarer Gewalt aufgedrungen hatte! Die kleinen Kunſtgriffe, die ſie verſuchte, um ihn auf die Probe zu ſtellen, die kleinen Anzeichen, die er in ſeiner kindiſchen Weiſe kund gab— nicht von Blöd⸗ ſinn, ſondern von etwas unendlich Schlimmerem, ſo geſpenſtig und unkindlich in ſeiner Verſchmitztheit— alles trat ihr jetzt ſo lebhaft vor die Seele, als ſey es erſt geſtern vorgefallen. Die Stube, in welcher ſie wohnten; der Ort, wo ſeine Wiege ſtand; er, ſo alt und koboldartig von Angeſicht, aber ihr doch ſo theuer, wie er ſie mit wilden und hohlen Augen anſtierte und ein rauhes Lied heulte, wenn ſie dabei ſaß und ihn wiegte— jeder Umſtand aus ſeiner Kindheit tauchte in ihrer Erinnerung auf, und je gewöhnlicher 396 ſie vielleicht waren, deſto beſtimmter malten ſie ſich vor ihrer Seele ab. Dann ſeine Knabenjahre. Die ſonderbaren Ein⸗ bildungen, die er hatte; ſein Erſchrecken vor manchen lebloſen Dingen— bekannte Gegenſtände, in denen er Leben zu ſchauen glaubte; der langſame und allmä⸗ lige Ausbruch jenes einen Entſetzens, womit vor ſeiner Geburt ſchon die Umnachtung ſeines Verſtan⸗ des begann; wie ſie trotz alle dem Troſt und Hoff⸗ nung darin fand, daß er gar nicht war, wie andere Kinder, und dabei feſt auf den Glauben kam, daß ſich ſein Geiſt eben langſam entwickle,— bis er zum Manne geworden und nun der Beweis vorhanden war, daß er nimmer aus der Unmündigkeit heraus⸗ treten werde— alle dieſe alten Gedanken dämmerten auf's Neue auf, nachdem ſie lange geſchlummert, aber jetzt nachdrücklicher und bitterer als jemals. Sie ergriff ſeinen Arm und eilte mit ihm durch die Straße des Dorfes. Sie war noch ganz ſo, wie in alten Zeiten, aber doch wieder verſchieden und von anderem Ausſehen. Der Wechſel lag aber in ihr, nicht in dem Dorfe, woran ſie freilich nicht dachte, denn ſie wunderte ſich nur über ſeine Verän⸗ derung, wo es lag und wie es ausſah. Barnaby war allen Leuten daſelbſt wohl be⸗ kannt, und die Kinder ſchaarten ſich um ihn— die Arme erinnerte ſich, mit den Vätern und Müttern derſelben ein Gleiches gethan zu haben, als ſie ſelbſt noch Kinder waren, wenn etwa ein närriſcher Bettler ———— E nN— U— — 397 in's Ort kam. Von ihr ſelbſt wußte man jedoch nichts mehr. Sie gingen an jedem bekannten Hauſe oder Hofe vorbei und bogen dann nach den Feldern ein, wo ſie bald wieder allein waren. Der Kaninchenhag war das Ziel ihrer Wande⸗ rung. Herr Haredale ging in dem Garten ſpazieren, und als er ſie auf das Eiſengitter zukommen ſah, ſchloß er auf und hieß ſie eintreten. „Endlich habt Ihr Euch ein Herz gefaßt, den alten Ort wieder einmal zu beſuchen,“ ſagte er zu der Wittwe. „Es freut mich, daß Ihr es über Euch gewannt.“ „Zum erſten⸗ und letztenmale, Sir,“ verſetzte ſie. „Zum erſtenmal ſeit vielen Jahren, aber doch nicht zum letztenmal?“ „Zum allerletztenmal.“ „Ihr wollt damit doch nicht ſagen,“ verſetzte Herr Haredale, indem er ſie mit einiger Ueberraſchung be⸗ trachtete,„daß Euch Eure Entſchloſſenheit leid thut und Ihr wieder rückfällig werden wollt? Das wäre Eurer ſehr unwürdig. Habe ich Euch nicht oft ge⸗ ſagt, Ihr ſolltet hierher zurückkehren? Ich weiß, Ihr wäret hier glücklicher, als anderswo. Barnaby iſt ohnehin ſchon ganz heimiſch bei uns.“ „Und auch Greif,“ ſagte Barnaby, indem er den Deckel ſeines Korbes öffnete. Der Rabe hüpfte gravitätiſch heraus, ſetzte ſich auf Barnaby's Schulter, wandte ſich gegen Herrn Haredale, und rief— vielleicht um anzudeuten, daß eine maͤßige Erfriſchung ſehr gelegen kommen dürfte. 398 „Polly ſetz den Keſ⸗ſel auf; wir wollen alle Thee haben!“ „Hört mich, Marie,“ ſprach Herr Haredale freund⸗ lich, indem er ihr winkte, ihn in’s Haus zu begleiten. „Euer Leben iſt ein Muſter von Geduld und Seelen⸗ ſtärke geweſen dieſen einzigen Punkt ausgenommen, der mir ſchon oft viel Kummer gemacht hat. Es iſt genug, daß ich weiß, wie ſchrecklich Ihr bei dem Unglück betheiligt ſeyd, das mich eines einzigen Bru⸗ ders und Emma ihres Vaters beraubte, ohne daß Ihr mich zu der Vermuthung drängt— und es kömmt mir hin und wieder ſo vor— als brächtet Ihr uns in Verbindung mit dem Urheber unſeres gemeinſchaftlichen Unglücks.“ „Euch mit ihm in Verbindung bringen, Sir?“ rief ſie. „In der That,“ entgegnete Herr Haredale,„ich muß Euer Benehmen wohl ſo deuten. Beinahe möchte ich glauben, Ihr betrachtet uns als den An⸗ laß zu dem blutigen Tod Eures Mannes, weil er durch ſo viele Bande an unſere Familie gekettet war und in ihrem Dienſte, wie auch in ihrer Vertheidi⸗ gung, ſein Leben verlor.“ „Ach!“ erwiederte ſie;„wie wenig kennt Ihr mein Herz— und wie wenig die Wahrheit, Sir!“ „Freilich könnte ich Euch's nicht verargen, und es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß Ihr ſo denkt, ohne es ſelbſt zu wiſſen,“ ſagte Herr Haredale mehr für ſich hin, als gegen die Wittwe.„Wir ſind ein gefallenes 399 Haus. Was auch die verſchwenderiſchſte Hand an Geld bieten könnte, wäre nur ein kümmerlicher Er⸗ ſatz für Leiden wie die Eurigen, und die ſpärlichen Spenden, welche wir in unſeren gedrückten Verhält⸗ niſſen reichen können, werden zu einem erbärmlichen Hohne. Gott weiß, ich fühle es wohl,“ fügte er bei.„Warum ſollte ich mich wundern, wenn es bei ihr der gleiche Fall iſt?“ „Ihr thut mir Unrecht, theurer Sir,“ verſetzte ſie mit großem Ernſte;„und doch, wenn Ihr mich anhören wollt, was ich Euch, mit Eurer Erlaubniß, mittheilen möchte—„ „So würde ich meinen Zweifel beſtätigt finden,“ ergänzte er, als er bemerkte, daß ſie ſtotterte und ver⸗ legen wurde.„Wohlan!“ Er eilte einige Schritte voran, trat aber ſchnell wieder an ihre Seite und ſprach: „Und habt Ihr am Ende dieſen weiten Weg blos deßhalb gemacht, um mit mir zu reden?“ Sie antwortete:„Ja!“ „Es ruht ein Fluch auf der elenden Lage ſolcher ſtolzen Bettler, wie wir,“ murmelte er,„der Arm und Reich in gleicher Weiſe von uns ſcheucht; denn die einen ſehen ſich genöthigt, uns mit der Außen⸗ ſeite kalter Achtung zu behandeln, während die an⸗ dern jeden Verkehr, jedes Wort als eine Verablaſſung betrachten und nur um ſo höher auftreten, jemehr ſie ſich uns nähern. Doch, wenn Ihr Euch den Zwang auferlegt habt(denn einen ſolchen muß ich 400 es wohl nennen), zu einem ſo geringfügigen Ende die Kette einer zweiundzwanzigjährigen Gewohnheit zu brechen— hättet Ihr mich nicht Euren Wunſch wiſſen laſſen und einen Beſuch von mir verlangen können?“ „Dazu war keine Zeit, Sir,“ entgegnete ſie. „Ich habe mich erſt geſtern Nacht entſchloſſen und fühlte dabei, daß ich keinen Tag— was ſage ich Tag?— keine Stunde verlieren dürfte, um mit Euch Rückſprache zu nehmen.“ Sie hatten inzwiſchen das Haus erreicht. Herr Haredale blieb eine Weile ſtehen und ſah ſie einiger⸗ maßen überraſcht über das Nachdruckevolle in ihrem Benehmen an. Als er jedoch gewahrte, daß ſie ſeiner nicht achtete, ſondern ſchaudernd an den alten Wänden hinaufſah, mit denen ihr Geiſt ſo viel Ent⸗ entſetzliches in Verbindung brachte, führte er ſie auf einer beſondern Treppe nach ſeiner Bibliothek, wo Emma mit einem Buch am Fenſter ſaß. Sobald die junge Dame des Beſuches anſichtig wurde, ſtand ſie haſtig auf, legte ihr Buch bei Seite und hieß die Wittwe, nicht ohne Thränen, warm und freundlich willkommen. Die Frau wich jedoch ihrer Umarmung aus, als fürchtete ſie ſich vor ihr, und ſank bebend in einen Stuhl. „Die Rückkehr zu dieſem Orte nach ſo langer Abweſenheit greift ſte an,“ ſagte Emma ſanft.„Läu⸗ tet doch, lieber Onkel— oder halt— Barnaby kann fort und etwas Wein holen—“ „Um alles in der Welt nicht,“ rief die Wittwe. —————„ Y„ — u 401 „Er hätte einen andern Geſchmack— ich könnte ihn nicht anrühren. Ich bedarf nur einer Minute Ruhe — weiter nichts.“ Miß Haredale ſtand an der Seite ihres Stuhles und betrachtete ſie mit ſtummem Mitleid. Eine Weile verblieb die Wittwe ganz ruhig; dann ſtand ſie auf und wandte ſich an Herrn Haredale, der ſich in ſeinen Armſtuhl niedergelaſſen hatte und ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit betrachtete. Wenn man die Erzählung, welche ſich an dieſes Haus heftete, mit dem Schauplatze der Unthat ſelbſt verglich, ſo ſchien derſelbe recht eigentlich für ein ſol⸗ ches Verbrechen geſchaffen zu ſeyn. Das Zimmer, in welchem die kleine Gruppe jetzt verſammelt war, lag hart neben dem Gemach, wo der Mord verübt wurde, und war öde, finſter und unheimlich, mit wurmſtichigen Büchern angefüllt, verdunkelt durch die verblichenen Vorhänge, die jeden Ton dämpften, und wehmüthig beſchattet durch die Bäume, deren rauſchende Zweige hin und wieder geſpenſtig an die Scheiben ſchlugen— mit einem Worte, es trug vor⸗ zugsweiſe vor allen übrigen im Hauſe einen düſtern und geiſterhaften Charakter. Auch die Perſonen da⸗ rin paßten ganz zu dem Orte. Die Wittwe mit ihren ſcharfgezeichneten, auffallenden Zügen und den niedergeſchlagenen Augen; Herr Haredale immer finſter und über der Verzweiflung brütend; ihm zur Seite ſeine Nichte, ihrem Vater ſo ähnlich, und doch ſo unähnlich, deſſen Bild vorwurfsvoll von den geſchwärz⸗ Boz XVI. Barnaby Rudge. 26 40² ten Wänden auf die Gruppe niederſchaute; Barnaby mit ſeinem leeren Blick und dem unruhigen Auge— alle ſtanden im Einklange mit dem Platze und waren ganz zu Helden in der genannten Legende geeignet. Ja, ſogar der Rabe, der auf den Tiſch gehüpft war und mit der Miene eines alten Zauberers in einem großen Folioband, der offen auf dem Pult lag, zu ſtudiren ſchien, harmonirte mit den übrigen und ſah ganz aus, wie ein verkörperter böſer Geiſt, der ſeiner Zeit harrt um Unheil zu ſtiften. „Ich weiß kaum,“ begann die Wittwe, das Schweigen brechend,„wie ich anfangen ſoll. Ihr werdet mich für eine Wahnſinnige halten.“ „Euer ganzes ruhiges und tadelloſes Leben ſeit Eurem letzten Aufenthalt hier in dieſem Hauſe wird Zeugniß für Euch ablegen,“ verſetzte Herr Haredale ſanft.„Warum beſorgt Ihr, eine ſolche Vermuthung zu wecken? Ihr ſprecht nicht mit Fremden und nehmt unſere Theilnahme oder Berückſichtigung nicht zum erſtenmale in Anſpruch. Ermuthiget Euch. Faßt Euch ein Herz. Ihr wißt, daß Ihr ein Recht habt auf jeden Rath, jeden Beiſtand, den ich Euch geben kann, und er ſoll Euch gerne ertheilt werden.“ „Wenn ich aber hier herkäme, Sir,“ erwiederte ſie, „ich, die ich außer Euch nur noch einen einzigen Freund auf Erden habe, um von dieſem Augenblicke an Eure Beihülfe zurückzuweiſen und Euch zu ſagen, daß ich mich hinfort in die Welt werfen will, allein und ohne —-— ⏑+ 403 Hülfe, um zu ſinken oder oben zu ſchwimmen, wie es des Himmels Rathſchluß beſchließt?“ „Wenn Ihr in dieſer Abſicht herauskamt,“ ſagte Herr Haredale ruhig, ſo habt Ihr ohne Zweifel für ein ſo außerordentliches Betragen einen Grund anzu⸗ geben, der natürlich von Gewicht ſeyn muß, ſonſt wäre es ja gar nicht möglich, an ein ſo wildes und abenteuerliches Vorhaben zu glauben.“ „Dieſes, Sir,“ antwortete ſie,„iſt eben der Jammer meines Unglücks. Ich kann durchaus keinen Grund angeben und habe nichts, als mein bloßes Wort anzubieten; aber es wird mir zur Pflicht, zu einer ernſten und gebieteriſchen Pflicht. Wollte ich mich derſelben nicht entledigen, ſo wäre ich eine ver⸗ brecheriſche und ſchuldbeladene Elende. Aber weiter kann ich nicht mehr ſagen; von nun an ſind meine Lippen verſiegelt.“ Sie ſchien ſich jetzt, nachdem ſie ſo viel geſagt, erleichtert und für den Reſt ihrer Aufgabe gekräftigt zu fühlen, denn ſie ſprach fortan mit feſterer Stimme und höherem Muthe. „Der Himmel und mein eigenes Herz ſind Zeu⸗ gen— und ich weiß, auch das Eurige wird für mich ſprechen, theures Fräulein— daß ich ſeit jener Zeit, die für uns Alle Anlaß zu ſchmerzlicher Erinnerung gibt, in unwandelbarer Ergebenheit und Dankbarkeit gegen dieſe Familie gelebt habe; und ſo wahr mir Gott helfe, wohin ich auch gehen mag, werden dieſe Gefühle unverändert bleiben. Ja, der Allmächtige 26* 404 iſt mein Zeuge, daß ſie allein der Grund ſind, warum ich einen ſolchen Weg einſchlage, von dem mich nichts abbringen ſoll, ſo wahr ich auf Gnade hoffe.“ „Das ſind ſeltſame Räthſel,“ ſagte Herr Haredale. „Die in dieſer Welt vielleicht nimmer aufge⸗ klärt werden, Sir,“ verſetzte ſie.„In einer andern wird die Wahrheit zur gehörigen Zeit an's Licht kommen. Und möge dieſe Zeit noch recht ferne ſeyn,“ fügte ſie mit dumpfer Stimme bei. „Ich möchte übrigens gewiß wiſſen,“ entgegnete Herr Haredale,„daß ich Euch auch recht verſtehe, denn ich verzweifle an meinen eigenen Sinnen. Wollt Ihr damit ſagen, daß Ihr entſchloſſen ſeyd, Euch freiwillig derjenigen Unterſtützung zu ent⸗ ſchlagen, die Ihr ſo lange von uns empfangen habt— daß Ihr verzichten wollt auf den Jahrge⸗ halt, den wir Euch vor zwanzig Jahren ausgeſetzt— daß Ihr Haus und Heimath zu verlaſſen und ein neues Leben anzufangen dedenkt— und dieß aus irgend einem geheimen Grunde, oder wegen irgend einer wunderlichen Einbildung, die nicht erklärt wer⸗ den kann und die erſt jetzt vorhanden iſt, nachdem ſie dieſe ganze Zeit über geſchlafen hat? Um Gottes⸗ willen, in was für einer Verblendung ſeyd Ihr befangen!“ „Da ich mich zu innigem Dank verpflichtet fühle gegen die Güte Aller, die dieſem Hauſe angehören, ſo⸗ wohl der Lebenden, als der Todten,“ antwortete ſie, „und da ich nicht haben möchte, daß dieß Dach über mir zuſammenfalle und mich zerquetſche, oder daß ſogar ſeine 40⁵ Wände von Blut triefen, wenn mein Name darin ausgeſprochen wird, ſo will ich nie mehr von Eurer Gute meinen Unterhalt ziehen, oder auch nur einen Beitrag dazu annehmen. Ihr wißt nicht,“ fügte ſie plötzlich bei,„wozu Eure Gaben verwendet werden und in welche Hände ſie fallen könnten. Aber ich weiß es, und leiſte daher Verzicht darauf.“ „Ohne Zweifel nützen ſie blos Euch,“ verſetzte Herr Haredale. „So war es, aber es iſt nicht mehr ſo. Viel⸗ leicht— ach, ja freilich— fallen ſie Zwecken an⸗ heim, ob denen ſich die Todten in ihren Gräbern umwälzen möchten. Ich kann nimmermehr Segen davon haben, denn ſie würden irgend ein ſchweres Gericht auf meinen lieben Sohn herunterrufen, der ohne Verſchulden für das Verbrechen ſeiner Mutter büßen müßte.“ „Was ſind das für Worte!“ rief Herr Haredale, ſie verwundert betrachtend.„Unter was für Geſell⸗ ſchaft ſeyd Ihr gefallen und an welcher Schuld habt Ihr Euch betheiligt?“ „Ich bin ſchuldig und doch unſchuldig, habe Unrecht und doch Recht, und ſo gut auch meine Abſicht ſeyn mag, ſo ſehe ich mich doch genöthigt, den Böſen zu ſchützen und zu ſchirmen. Fragt mich nicht weiter, Sir, aber glaubt mir, daß ich mehr zu beklagen als zu verdammen bin. Ich muß morgen mein Haus verlaſſen, denn während ich hier bin, geht es dort um. Wenn ich in Zukunft Frieden 406 haben ſoll, ſo muß mein Aufenthalt ein Geheimniß bleiben. Sollte ſich mein armer Knabe je hieher verlieren, ſo verſucht nicht, ihn zu Entdeckungen zu veranlaſſen, und ſpüͤret ihm nicht nach, weun er zurückkehrt; denn ſobald man uns aufſucht, müſſen wir weiter fliehen. Nun ich dieſe Laſt von meiner Seele gewälzt habe, bitte ich Euch— und auch Euch, theure Miß Haredale— mir Vertrauen zu ſchenken, wenn Ihr könnt, und ſo wohlwollend von mir zu denken, als Ihr bisher gethan habt. Wenn ich ſterbe und zuvor mein Geheimniß nicht enthüllen kann (was recht leicht möglich iſt), ſo wird es in jener Stunde um des heutigen Tages willen weniger auf meinem Herzen drücken, und bis zum Ende meines Lebens will ich jeden Tag für Euch beten, in ſtillem Danke Eurer gedenken, ohne Euch mehr zur Laſt zu fallen.“ Sobald ſie dieß geſprochen, wollte ſie ſich ent⸗ fernen; aber man hielt ſie zurück und forderte ſie mit vielen beſchwichtigenden Worten und freundlichen Bitten auf, zu bedenken, was ſie thue, vor allem aber, ſich freimüthig auszuſprechen und zu ſagen, was ſo ſchwer auf ihrer Seele laſte. Da jedoch keine Ueberredung verfangen wollte, ſo machte Herr Haredale, als letzten Ausweg, den Vorſchlag, ſie möchte ſich Emma anvertrauen, da ſie ſich vielleicht vor einer jungen Perſon ihres eigenen Geſchlechts weniger fürchte, als vor ihm. Sie bebte jedoch vor dieſem Anſinnen mit demſelben unbeſchreiblichen 407 Widerwillen zurück, den ſie bei dem erſten Zuſammen⸗ treffen mit der Dame an den Tag gelegt hatte, wie ſie denn überhaupt zu nichts Weiterem zu vermögen war, als daß ſie verſprach, am nächſten Abend noch einen Beſuch von Herrn Haredale in ihrer Wohnung abzu⸗ warten und inzwiſchen ihren Entſchluß, wie die ge⸗ machten Vorſtellungen, weiter zu überlegen— ob⸗ gleich eine Aenderung ihrer Geſinnungen, wie ſie ſagte, durchaus nicht zu erwarten ſtehe. Nachdem dieſe Bedingung eingegangen war, ließ man ſie, wenn ſchon nur ungerne, ziehen, da ſie im Hauſe weder Speiſe noch Trank zu ſich nehmen wollte; und ſo entfernten ſich Mutter, Sohn und Greif, wie ſie gekommen waren, vermittelſt der Hintertreppe und des Gartenpförtchens, ohne auf ihrem Wege Jemand zu ſehen, oder geſehen zu werden. Es war merkwürdig, daß der Rabe während des ganzen Geſprächs ſein Auge auf das Buch geheſtet hatte, gerade wie ein verſchmitzter menſchlicher Schuft, der unter der Maske eifriger Lectüre auf jede Sylbe, die geſprochen wird, horcht. Auch ſchien ihm immer noch die Unterhaltung ſehr im Kopfe umzugehen, denn obgleich er, als ſie wieder allein waren, auf der Stelle unzählige Theekeſſel aufzuſetzen befahl, ſo blieb er doch gedankenvoll, was eher die Folge eines unbe⸗ wußten Pflichtgefühls zu ſeyn ſchien, als weil er ſich irgendwie angenehm machen oder, wie man es im gemeinen Leben nennt, einen guten Geſellſchafter ab⸗ geben wollte. 408 Den Heimweg wollten ſie zu Wagen machen. Da es jedoch noch volle zwei Stunden währte, bis die Poſtkutſche abfuhr, und ſie der Ruhe, wie auch einiger Erfriſchung bedurften, ſo lag Barnaby ſeiner Mutter dringend an, in dem Maibaum einzuſprechen. Dieſe wollte jedoch von Niemanden, dem ſie von früher bekannt war, erkannt werden, und da ſie außerdem fürchtete, Herr Haredale möchte nach weiterer Ueberlegung ſie in dem Wirthshauſe aufſuchen laſſen, ſo entſchloß ſie ſich, auf dem Kirchhofe zu warten, was auch Barnaby genehmigte, da es ihm leicht wurde, die benöthigten Lebensmittel einzukaufen und herzubringen. Sie ließen ſich daher auf dem Kirchhof nieder, um ein ärmliches Mahl einzunehmen. Auch hier zeigte der Rabe einen ſehr beſchaulichen und nachdenkſamen Charakter, denn nachdem er ge⸗ ſpeist hatte, ſpazierte er mit der ſelbſtgefälligen Miene eines ältlichen Herrn, der die Hände unter ſeinen Rockſchößen verbirgt, auf und nieder, und ſchien mit großem kritiſchem Takte die Inſchriften auf den Grabſteinen zu leſen. Bisweilen ſperrte er, nach langer Inſpektion eines Epitaphs, den Schnabel gegen das Grab auf und ſchrie in heiſeren Tönen:„ich bin ein Teufel, ich bin ein Teufel, ich bin ein Teufel!“ doch wiſſen wir nicht zu ſagen, ob dieß blos eine allgemeine Bemerkung ſeyn, oder ob der Ausruf irgend einer vermeintlichen Perſon unter dem Raſen gelten ſollte. Es war ein hübſcher ruhiger Ort, an den ſich 40⁰9 übrigens traurige Erinnerungen für Barnaby's Mutter hefteten: denn hier lag Herr Reuben Haredale und in der Nähe des Gewölbes, in welchem ſeine ſterblichen Reſte ruheten, befand ſich ein Gedenkſtein ihres Mannes mit einer Inſchrift, wie, und wann er ſein Leben verloren hatte. Da blieb ſie denn ge⸗ dankenvoll und abſeits ſitzen, bis ihre Wartezeit abgelaufen war und die fernen Töne des Horns die Ankunft der Kutſche verkündigten. Barnaby, der auf dem Graſe geſchlafen hatte, ſprang bei dem Tone behend auf, und Greif, der das Zeichen gleichfalls gut zu verſtehen ſchien, ſpazierte geradezu in ſeinen Korb, die Geſellſchaft im Allge⸗ meinen auffordernd(als beabſichtige er damit eine Art von Satyre auf die im Kirchhof Begrabenen) „nichts da von Sterben zu ſagen, unter keinen Um⸗ ſtänden.“ Sie befanden ſich bald auf dem Kutſchen⸗ dache und fuhren ihres Weges weiter. Der Wagen fuhr an dem Maibaum vorbei und machte an der Thüre Halt. Joe war nicht zu Hauſe, weßhalb Hugh träge herausſchlich, um ein abgegebenes Paket zu überreichen. Von dem alten John war nicht zu beſorgen, daß er herauskomme. Sie konnten ihn von dem Kutſchendache aus ſehen, wie er in ſeinem traulichen Schenkſtübchen feſt eingeſchlafen daſaß. Dieß gehörte recht eigentlich zu Johns Cha⸗ rakter, denn er betrachtete es gewiſſermaßen als einen Ehrenpunkt, zur Zeit des Anfahrens der Poſtkutſche zu ſchlafen. Er war überhaupt kein Freund von 410 Landſtreicherei, und meinte, Poſtkutſchen ſollte man eigentlich verbieten, denn ſie ſeyen Friedensſtörer und unruhige, lärmende, geſchäftige, hornblaſende Teufels⸗ Erfindungen, die ſich mit der Würde des Menſchen gar nicht vertrügen und nur für ſchwindelköpfige, plappernde und ladenläuferiſche Mädchen paßten. „Wir wiſſen hier nichts von Poſtwagen, Sir,“ konnte John ſagen, wenn irgend ein unglücklicher Reiſender nach einer ſolchen anſtößigen Locomotive fragte.„Wir führen kein Buch für ſie— nein, ge⸗ wiß nicht; ſie machen mehr Störung, als ſie werth ſind, mit ihrem Gelärm und Geraſſel. Wollt Ihr warten bis eine kömmt, ſo mögt Ihr es thun; wir aber wollen nichts davon wiſſen. Meinetwegen mögen ſie ankehren oder nicht— es iſt ein Fuhrmann da, und den hielt man ſchon für gut genug für uns, als ich noch ein Knabe war.“ Sie ließ ihren Schleier nieder, als Hugh hinan⸗ klimmte und, hinten ſich feſthaltend, Barnaby etwas zuflüſterte. Aber weder er noch ſonſt Jemand redete ſie an, achtete auf ſie, oder verrieth auch nur die mindeſte Neugierde, zu wiſſen, wer ſie wäre. So beſuchte und verließ ſie denn als eine Fremde den Ort, wo ſie geboren worden, wo ſie als ein heiteres Kind, als ein hübſches Mädchen und als Weib ge⸗ lebt— wo ſie die vergnügteſten Stunden ihres Daſeyns genoſſen und ihr ſchwerſtes Elend den An⸗ fang genommen hatte. N AK S—6 8$&œ⏑ 411 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. * „Und Ihr wundert Euch nicht über dieſe Kunde, Varden?“ ſprach Herr Haredale.„Nun, Ihr und ſie, ihr Beide ſeyd ſtets die beſten Freunde geweſen, und wenn Jemand ſie verſteht, ſo muß es bei Euch der Fall ſeyn.“ „Ich bitte um Entſchuldigung,“ verſetzte der Schloſſer;„aber ich ſagte nicht, daß ich ſie verſtünde, da es eine Anmaßung wäre, etwas Solches, was im⸗ mer einem Weibe gegenüber, behaupten zu wollen. So etwas geht nicht ſo leicht. Keinesfalls kömmt mir übrigens die Sache ſo unerwartet, als Ihr wohl geglaubt haben mögt.“ „Darf ich wohl fragen, warum nicht, mein gu⸗ ter Freund?“ „Ich habe etwas geſehen, Sir,“ entgegnete der Schloſſer mit augenſcheinlichem Widerſtreben,„ich habe etwas bei ihr geſehen, was mich mit Unruhe und Mißtrauen erfüllte. Sie hat ſich auf ſchlimme Bekanntſchaften eingelaſſen— wie, oder wann, weiß ich nicht; ſo viel aber iſt gewiß, daß ſie ihr Haus zu einer Zufluchtsſtätte für einen Kerl hergegeben hat, der mindeſtens ein Räuber und Gurgelabſchneider iſt. So, Sir, jetzt iſt's heraus.“ „Varden!“ „Ich habe es mit eigenen Augen angeſehen, und 412 möchte um ihretwillen gern eines derſelben hergeben, wenn ich mir damit die Wonne erkaufen könnte, ihnen mißtrauen zu dürfen. Ich habe das Geheim⸗ niß bis jetzt bewahrt, und ich weiß, daß bei Euch auch kein weiterer Gebrauch davon gemacht wird; aber ich ſage Euch, daß ich letzthin nach Einbruch der Nacht in der Flur ihres Hauſes mit dieſen mei⸗ nen eigenen Augen und in hellem Wachen den Strauch⸗ dieb ſah, der Herrn Edward Cheſter beraubte und verwundete— denſelben, der in jener Nacht auch mich bedrohte.“ „Und Ihr verſuchtet nicht, ihn feſtzuhalten?“ entgegnete Herr Haredale raſch. „Sir,“ erwiederte der Schloſſer,„ſie ſelbſt ver⸗ hinderte mich daran— hielt mich mit aller Kraft zurück und hängte ſich an mich, bis er geborgen war.“ Und nachdem er ſich ſo weit ausgelaſſen hatte, berichtete er umſtändlich Alles, was in jener Nacht vorgefallen war. Dieſes Zwiegeſpräch wurde in flüſterndem Tone auf des Schloſſers kleiner Wohnſtube gehalten, wohin der ehrliche Gabriel ſeinen Gaſt nach deſſen Ankunft geführt hatte. Herr Haredale war gekommen, um den Schloſſer zu bitten, ihn zu der Wittwe zu be⸗ gleiten, damit auch er ſeinen Einfluß geltend mache, um ſie zu bereden; und dieſer Umſtand hatte das genannte Geſpräch veranlaßt. „Ich habe gegen keinen Menſchen etwas davon verlauten laſſen,“ ſuhr Gabriel fort,„da es ihr 413 nichts nützen und vielleicht ſehr ſchaden konnte. Offen geſtanden, ich dachte und hoffte immer, ſie würde zu mir kommen, gegen mich davon anfangen und mir die Sache auseinander ſetzen; aber obgleich ich mich ihr etlichemal abſichtlich in den Weg ſtellte, berührte ſie doch den Gegenſtand nie— als allenfalls durch einen Blick. Und in der That,“ fügte der gutmü⸗ thige Schloſſer bei,„es lag viel in dieſem Blick, mehr, als ſich durch einen ganzen Schwall von Wor⸗ ten hätte ausdrücken laſſen. Unter Anderem ſagte er mir ſo flehentlich ‚frage mich über nichts,“ daß ich mich gar nicht zu fragen getraute. Ich weiß, Ihr werdet mich für einen alten Narren halten, Sir. Nun, wenn's Euch Erleichterung verſchafft, ſo thut es immerhin.“ „Eure Mittheilung beunruhigt mich ungemein,“ ſagte Herr Haredale nach einer Pauſe.„Und was haltet Ihr eigentlich von dem Ganzen?“ Der Schloſſer ſchüttelte den Kopf und ſchaute bedenklich durch das Fenſter nach dem entſchwinden⸗ den Tageslicht. „Sie kann ſich doch nicht wieder verheirathet haben?“ fuhr Herr Haredale fort. „Ohne unſer Vorwiſſen ſicherlich nicht!“ „Sie hat vielleicht uns nichts mitgetheilt, weil ſie fürchtete, es könnte zu Einwendungen oder einer Entfremdung führen. Angenommen, ſie hätte ſich in ein unvorſichtiges Ehebündniß eingelaſſen— es iſt nicht unmöglich, denn ſie hat viele Jahre ein ein⸗ 1 I 414 ſames und einförmiges Daſeyn geführt— und der Mann ſich nachher als einen Schurken ausgewieſen: ſie mußte da wohl Sorge tragen, ihn zu ſchirmen, wenn ſie auch vor ſeinen Verbrechen zurückbebte. Es könnte wohl der Fall ſeyn und reimte ſich recht gut mit ihrem ganzen geſtrigen Benehmen und ihren Reden zuſammen; wenigſtens würde mir Alles dar⸗ aus erklärlich. Glaubt Ihr, Barnaby ſey in die Verhältniſſe eingeweiht?“ „Das läßt ſich unmöglich ſagen,“ verſetzte der Schloſſer mit abermaligem Kopfſchütteln;„und eben ſo unmöglich wäre es, ihn darüber auszuholen. Wenn Eure Annahme wirklich Grund hätte, ſo müßte ich für den jungen Menſchen zittern— er iſt ganz dar⸗ nach, ſich zu böſen Zwecken gebrauchen zu laſſen.“ „Es iſt doch nicht wohl möglich, Varden,“ ſagte Herr Haredale noch leiſer als vorher,„daß wir von dieſem Weibe vom Anfang an verblendet und ge⸗ täuſcht wurden? Es iſt nicht wohl denkbar, daß dieſe Verbindung ſchon zu Lebzeiten ihres Gatten ſtattfand und Anlaß gab zu ſeinem und meines Bruders—“ „Guter Gott, Sir,“ rief Gabriel, ihn unterbre⸗ chend;„gebt doch ja keinen Augenblick ſolchen fin⸗ ſtern Gedanken Raum. Wo war vor fünfundzwan⸗ zig Jahren ein Mädchen, wie ſie? Ein heiteres, ſchönes, lachendes, helläugiges Jüngferchen! Bedenkt doch, was ſie damals war, Sir. Selbſt jetzt noch möchte mir das Herz ſpringen, obgleich ich ein alter Mann bin, deſſen Tochter ſchon eine Frau ſeyn J9 2ͤ—— ——— 415 könnte, wenn ich an die Vergangenheit und an die Gegenwart denke. Wir Alle verändern uns, aber das iſt Folge der Zeit. Die Zeit thut ihr Geſchäft ehrlich, doch ich kümmere mich den Henker um ſie, Sir. Geht nur gut mit ihr um, und ſie iſt ſo übel nicht— ja, ſie verſchmäht es ſogar, einen in Nach⸗ theil zu bringen. Doch Sorgen und Leiden(denn dieſe ſind es, die die arme Frau ſo verändert haben) ſind wahre Teufel, Sir— geheime, ſchleichende und un⸗ terminirende Teufel, welche die ſchönſten Blumen Edens niedertreten und in einem Monat mehr Verwüſtung anrichten, als die Zeit in einem Jahre. Vergegen⸗ wärtigt Euch nur für eine Minute, was Marie war, ehe dieſe Unholden auf ihr ſchönes Herz und ihr friſches Geſicht einſtürmten— laßt ihr dieſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren— und ſagt, ob ſolches auch nur möglich iſt?“ „Ihr ſeyd ein guter Menſch, Varden,“ ſagte Herr Haredale,„und habt da ganz Recht. Die ganze Geſchichte hat ſo lange in meiner Seele ge⸗ brütet, daß jeder Hauch von Verdacht mich wieder darauf zurückführt. Ihr habt ganz Recht.“ „Nicht gerade deßhalb,“ entgegnete der Schloſſer mit leuchtenden Augen und kräftiger, ehrlicher Stimme; „nicht gerade deßhalb, weil ich vor Rudge um ſie freite und zurückgewieſen wurde, ſage ich, daß ſie für ihn zu gut war. Sie wäre deßgleichen auch für mich zu gut geweſen. Aber ſie war ſicherlich auch zu gut für ihn; er war nicht frei und offen genug 416 für ſie. Ich will das Andenken des armen Burſchen mit keinem Vorwurfe belaſten, ſondern Euch nur zu Gemüthe führen, was ſie wirklich war. Was mich anbelangt, ſo ſoll ihr altes Bild nicht aus meiner Seele weichen; und wenn ich daran denke und in's Auge faſſe, was ſie ſo verändert hat, ſo muß ich fortfahren, ihr als Freund zur Seite zu ſtehen. Vielleicht gelingt's mir, ihr den Frieden zurückzu⸗ bringen. Und hole mich Dieſer und Jener, Sir,“ rief Gabriel,„— entſchuldigt, wenn ich fluche— ich könnte nicht anders gegen ſie ſeyn, wenn ſie in zwölf Monaten fünfzig Straßenräuber geheirathet hätte; und würde noch obendrein bis zum jüngſten Tage 4 ſteif und feſt behaupten, ich handle dabei ganz nach 1 der proteſtantiſchen Hausandacht, was mir auch Martha dagegen ſagen möchte.“ Wenn das finſtere kleine Stübchen mit einem dichten Rauch erfüllt geweſen und mit einemmale entwichen wäre, um alles licht und ſtrahlend zu ma⸗ chen, ſo hätte der Eindruck nicht erfreulicher ſeyn können, als die Heiterkeit, die nach dieſem Ausbruche plötzlich aus dem Antlitze des redlichen Schloſſers leuchtete. Herr Haredale erwiederte deſſen Worte mit einem faſt eben ſo runden und vollen„Wohlgeſpro⸗ chen!“ und bat ihn, ohne weiteren Verzug mitzu⸗ kommen. Der Schloſſer willfahrte mit Freuden, und Beide ſtiegen in eine Miethkutſche, die an der Thüre wartete, um auf der Stelle abzufahren. Sie ſtiegen an der Straßenecke aus, entließen 417 daſelbſt ihr Fuhrwerk und gingen zu Fuß nach dem Hauſe der Wittwe. Ihr erſtes Pochen an die Thüre blieb unerwiedert; ein zweites hatte den gleichen Er⸗ folg, und erſt als ſie zum drittenmale und zwar weit nachdrücklicher klopften, öffnete ſich ſachte das Schieb⸗ fenſter der Wohnſtube, aus welchem eine muſtkaliſche Stimme hervortönte. „Haredale, mein theurer Freund, ich bin unge⸗ mein erfreut, Euch zu ſehen. Um wie viel hat ſich Euer Aeußeres ſeit unſerer letzten Zuſammenkunft verbeſſert! Ihr habt nie ſo gut ausgeſehen. Wie geht es Euch?“ Herr Haredale wandte ſein Auge nach dem Fen⸗ ſter, obgleich dieß nicht nöthig geweſen wäre, um den Sprecher zu erkennen, und gewahrte daſelbſt Herrn Cheſter, der ihm mit der Hand zuwinkte und ihn mit freundlichem Lächeln willkommen hieß. „Die Thüre wird ſogleich geöffnet werden,“ ſagte er.„Es iſt Niemand da, um ſolche Verrichtungen zu vollziehen, als eine ſehr verwitterte Frauensper⸗ ſon. Ihr werdet wohl mit ihrer Gebrechlichkeit Nachſicht haben? Stünde ſie auf einer höheren Stufe der Geſellſchaft, ſo würde ſie die Gicht haben. Da ſie jedoch blos eine Holz⸗ und Waſſerträgerin iſt, ſo hat ſie das Rhevma. Ich verſichere Euch, mein theurer Haredale, das ſind ganz natürliche Rang⸗ unterſchiede.“ Herr Haredale, deſſen Antlitz ſich verfinſterte und mißtrauiſch wurde, ſobald er dieſe Stimme hörte, Boz XVI. Barnaby Rudge. 27 418 antwortete nur mit einem ſteifen Kopfnicken und wandte dem Sprecher den Rücken zu. „Noch nicht offen?“ ſagte Herr Cheſter.„Ich will nicht hoffen, daß die alte Creatur unterwegs mit ihrem Fuße in irgend einem unglücklichen Spinnen⸗ gewebe ſtecken blieb. Nun, da iſt ſie endlich; ich bitte, kommt herein!“ Herr Haredale trat mit dem Schloſſer ein. Er wandte ſich mit erſtauntem Blicke an die alte Frau, welche die Thüre geöffnet hatte und fragte nach Frau Rudge— und nach Barnaby. Sie wären Beide fert, entgegnete die Alte mit einem Kopfſchütteln; aber im Zimmer ſey ein Herr, der vielleicht mehr darüber ſagen könne. Weiter wiſſe ſie nicht. „Ich bitte, Sir,“ begann Herr Haredale, indem er ſich an dieſen neuen Inſaßen wandte,„wo iſt die Perſon, die ich zu beſuchen komme?“ „Mein theurer Freund,“ entgegnete dieſer,„ich habe nicht die mindeſte Idee davon.“ „Eure Scherze ſind ſehr unzeitig,“ erwiederte der Andere mit verhaltener Stimme,„und haben ihren Gegenſtand übel gewählt. Behaltet ſie auf für Eure Freunde und verſchwendet ſie nicht an mich. Ich mache keinen Anſpruch an eine ſolche Auszeich⸗ nung und beſitze Selbſtverläugnung genug, darauf zu verzichten.“ „Mein theurer, guter Sir,“ ſagte Herr Cheſter, „Ihr habt Euch in Hitze gelaufen. Bitte, nehmt Platz. Unſer Freund iſt—“ 419 „Nur ein einfacher, ehrlicher Mann,“ entgeg⸗ nete Herr Haredale,„und Eurer Beachtung durchaus unwerth.“ 4 „Gabriel Varden, Sir,“ platzte der Schloſſer plump dazwiſchen. „Ein würdiger, engliſcher Freiſaſſe,“ ſagte Herr Cheſter.„Ein höchſt würdiger Freiſaſſe, von dem ich meinen Sohn Ned— den lieben Jungen— häufig habe ſprechen hören und den ich ſelbſt oft zu ſehen wünſchte. Varden, mein lieber Freund, es freut mich, Euch kennen zu lernen. Ihr wundert Euch, mich hier zu ſehen,“ fügte er langſam gegen Herrn Haredale gewendet fort:„Ich kann mir wohl denken, daß Ihr Euch wundert.“ Herr Haredale ſah nach ihm hin— freilich weder zärtlich noch bewundernd— lächelte und ſchwieg. „Das Geheimniß wird ſich in einem Augenblick aufklären,“ ſprach Herr Cheſter;„in einem Augen⸗ blick. Wollt Ihr nicht mit mir ein wenig auf die Seite treten? Ihr erinnert Euch doch Eures Ver⸗ trags hinſichtlich meines Ned und Eurer Nichte, Haredale? auch fällt Euch vielleicht bei, wer Alles auf der Liſte der Helfershelfer in ihrer unſchuldigen Intrigue ſtand? Nun, Ihr müßt Euch entſinnen, daß dieſe zwei Leute darunter waren?“ Nun, mein theurer Freund, Ihr müßt Euch und mir Glück wünſchen. Ich habe ſie abgekauft.“ „Was hättet Ihr gethan?“ verſetzte Herr Haredale. „Sie abgekauft,“ entgegnete ſein lächelnder 27* 420 Freund.„Ich habe es nothwendig gefunden, einige entſchiedene Schritte zu thun, um das Verhältniß zwiſchen dieſem Jungen und dem Mädchen zur Lö⸗ ſung zu bringen, und machte den Anfang damit, daß ich dieſe zwei Agenten entfernte. Ihr ſeyd überraſcht? Wer könnte auch dem Einfluß von ein Bischen Geld widerſtehen? Sie brauchten es, und ſo habe ich ſie abgekauft. Wir haben nichts mehr von ihnen zu be⸗ fürchten. Sie ſind fort.“ „Fort!“ wiederholte Herr Haredale,„wohin?“ „Mein theurer Freund— und Ihr müßt mir erlauben, Euch abermals zu ſagen, daß Ihr nie ſo jung ausgeſehen habt, nie ſo gar jugendlich, wie die⸗ ſen Abend— Gott weiß, wohin. Ich glaube, Co⸗ lumbus ſelbſt würde ſie nicht zu entdecken vermögen. Unter uns, ſie haben ihre geheimen Gründe dafür, aber über dieſen Punkt habe ich mich zur Verſchwie⸗ heit verpflichtet. Ich weiß, ſie hatte für heute Abend eine Zuſammenkunft mit Euch verabredet; doch ſie fand es unbequem und konnte nicht warten. Hier iſt der Hausſchlüſſel. Ich fürchte, Ihr werdet ihn un⸗ gebührlich groß finden; aber da das Haus Euch gehört, ſo bin ich überzeugt, Haredale, daß es Eure Gutmüthigkeit nicht allzu genau nehmen wird.“ 421 ge 3 iß Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 0⸗ 6ß 2 Herr Haredale ſtand, den Hausſchlüſſel in der ld Hand, in der Wohnſtube der Wittwe und blickte bald ſie auf Herrn Cheſter, bald auf Gabriel Varden, zu⸗ e⸗ weilen aber auch auf den Schlüſſel, als hoffe er, daß dieſer aus eigenem Antrieb das Geheimniß aufſchließe, — bis ihn endlich Herr Cheſter, der jetzt ſeinen Hut ir aufſetzte und die Handſchuhe anzog, durch die ſüßliche ſo Frage, ob ſie mit ihm einen Weg gingen, zur Be⸗ e⸗ ſinnung brachte. o⸗„Nein,“ antwortete er.„Unſere Wege ſind ver⸗ n. ſchieden— Ihr wißt recht wohl, himmelweit. Vor⸗ r, derhand werde ich hier bleiben.“ b e⸗„Ihr werdet Hüftweh kriegen, Haredale; es wird nd Euch ſchlecht, melancholiſch, durchaus miſerabel wer⸗ ie den,“ entgegnete der Andere.„Der Ort paßt am ſt allerwenigſten für einen Mann von Eurem Tempe⸗ n⸗ rament. Ich weiß, er wird Euch eigentlich krank ch machen.“ re„Sey's drum,“ erwiederte Herr Haredale, indem er ſich niederließ;„und lebt meinetwegen auf unter dieſem Gedanken. Gute Nacht!“ Herr Cheſter that, als bemerke er die abgebro⸗ chene Handbewegung nicht, welche dieſe Verabſchie⸗ dung zu einer förmlichen Entlaſſung umwandelte, und antwortete darauf nur mit einem höflichen, von 42²2 Herzen gehenden Segenswunſche, worauf er Gabriel fragte, welche Richtung er einſchlage. „Euer Weg, Sir, würde zu viele Ehre für meines Gleichen ſeyn,“ antworterte der Schloſſer zögernd. „Es wäre mir lieb, wenn Ihr noch eine kleine Weile hier bliebet, Varden,“ ſagte Herr Haredale, ohne aufzuſehen.„Ich habe noch ein paar Worte mit Euch zu ſprechen.“ „Ich will mich keinen Augenblick in Eueren Verkehr eindringen,“ ſagte Herr Cheſter äußerſt höflich;„möge er zu beiderſeitiger Zufriedenheit ausfallen. Gott befohlen.“ Nach dieſen Worten beglückte er den Schloſſer mit dem ſtrahlendſten Lächeln und entfernte ſich. „Eine klägliche Creatur, dieſer widerhaarige Menſch da,“ ſagte er, als er ſeines Weges ging; „doch ſeine Schroffheit trägt ſeine Strafe in ſich ſelber — er iſt ein Bär, der ſich ſelbſt beißt. Da ſieht man übrigens wieder, welch' einen unſchätzbaren Vortheil man davon hat, wenn man ſeine Neigungen zu be⸗ herrſchen weiß. Im Laufe dieſer zwei kurzen Zu⸗ ſammenkünfte fühlte ich mich wohl fünfzigmal ver⸗ ſucht, gegen den Kerl meinen Degen zu ziehen, und unter ſechs würden wohl fünf dieſem Impulſe nach⸗ gegeben haben. Aber dadurch, daß ich mich be⸗ zähmte, verwundete ich ihn weit tiefer und ſchmerz⸗ licher, als wäre ich der beſte Haudegen in Europa und er der ſchlechteſte. Du biſt die allerletzte Zu⸗ 7 N AN ⸗ ⸗ 1 ⸗ 423 flucht des weiſen Mannes,“ fuhr er, an ſeinen De⸗ genknopf ſchlagend, fort,„und ich möchte dich nur dann zum Beiſtand aufrufen, wenn Alles geſagt und gethan iſt. Früher nach dir zu greifen und unſerem Gegner eine ſolche Schonung angedeihen zu laſſen, wäre eine barbariſche Kriegsmanier und eines Mannes durchaus unwürdig, der auch nur die entfernteſten Anſprüche auf Zartgefühl oder feine Sitten macht.“ Er lächelte bei dieſer Betrachtung ſo gar ver⸗ gnüglich, daß ein Bettler ſich ſo weit ermuthigte, ihm eine Strecke weit zu folgen und ihn um ein Almoſen anzuſprechen. Dieſer Umſtand freute ihn, weil er ihn als ein Compliment für die Gewalt, die er über ſeine Züge hatte, betrachtete, weß⸗ halb er dem Mann als Belohnung geſtattete, ihm zu folgen, bis er nach einer Sänfte rief. Jetzt erſt entließ er ihn gnädigſt mit einem warmen Segen. „Es iſt jedenfalls ſo leicht als Fluchen,“ fügte er wohlweiſe bei, während er ſeinen Sitz einnahm, nund läßt dem Geſichte auch beſſer.— Nach Cler⸗ kenwell, meine guten Leute, wenn ich bitten darf.“ Das Vergnügen, eine ſo höfliche Bürde tragen zu dürfen, ſtimmte die Sänftenmänner ganz lebhaft, und ſo ging es in einem ſchönen Trabe Clerkenwell zu. Er ſtieg an einer gewiſſen Stelle, die er ihnen unterwegs angedeutet hatte, aus, und nachdem er ihnen etwas weniger bezahlt, als ſie von einer ſo höflichen Sprache erwartet hatten, lenkte er in die 424 Straße ein, wo der Schloſſer wohnte, bald unter dem Schatten des goldenen Schlüſſels anlangend. Herr Tappertit, der in einer Ecke der Werkſtatt beim Scheine der Lampe eifrig beſchäftigt war, be⸗ merkte den Eintretenden nicht, bis ſich eine Hand auf ſeine Schulter legte, worüber er auffuhr und den Kopf umwandte. „Fleiß iſt die Seele des Geſchäftslebens,“ ſagte Herr Cheſter,„und der Grundſtein des Wohlſtandes. Herr Tappertit, ich hoffe, Ihr werdet mich zu Eurem Mahle einladen, wenn Ihr Lordmayor von London ſeyd.“ „Sir,“ entgegnete der Lehrling, indem er den Hammer niederlegte und mit dem Rücken einer ſehr rußigen Hand ſeine Naſe rieb,„ich verachte den Lordmayor und Alles was mit ihm zuſammenhängt. Wir müſſen zuvor einen ganz andern Stand der Geſellſchaft haben, Sir, ehe ich mich darauf er⸗ tappen laſſe, ein Lordmayor zu werden. Wie be⸗ findet Ihr Euch, Sir?“ „Um ſo beſſer, Herr Tappertit, weil ich wieder einmal in Euer geiſtreiches Antlitz ſehen kann. Ich hoffe, Ihr ſeyd wohl?“ „So wohl, Sir,“ entgegnete Sim, indem er aufſtand, um dem Ohre des Anderen näher zu kommen, welches er mit einem heiſeren Flüſtern be⸗ ehrte,„als es unter den ärmlichen Verhältniſſen, denen ich ausgeſetzt bin, möglich iſt. Das Leben iſt mir eine Laſt. Wäre es nicht um der Rache ——— ———— S 4²⁵ willen, ſo ſetzte ich es meinetwegen auf einen Wurf, Kopf oder Wappen.“ 1 „Iſt Frau Varden zu Hauſe?“ fragte Herr Cheſter. „Sir,“ entgegnete Sim, indem er ihn mit dem concentrirteſten Ausdrucke beäugelte,„ſie iſt zu Hauſe; wünſcht Ihr ſie zu beſuchen?“ Herr Cheſter nickte. „Dann kommt hieher,“ ſagte Sim, indem er ſein Geſicht mit der Schürze abwiſchte.„Folgt mir, Sir. Würdet Ihr mir wohl geſtatten, Euch Etwas in's Ohr zu flüſtern— nur eine halbe Sekunde?“ „Zuverläßig.“. Herr Tappertit ſtellte ſich auf die Zehen, brachte ſeine Lippen an Herrn Cheſters Ohr, trat, ohne zu ſprechen, wieder zurück, ſah in ſcharf an, näherte ſich abermals ſeinem Ohre, wich auf's Neue zurück und flüſterte endlich: „Der Name iſt Joſeph Willet. Bst! Ich ſage nicht weiter.“ Dann winkte er dem Beſuche mit geheimniß⸗ voller Miene, ihm nach dem Wohnzimmer zu folgen, wo er ihn mit der Stimme eines Ceremonienmeiſters anmeldete. „Herr Cheſter!“ „Aber wohlbemerkt, nicht Edward,“ fügte Sim bei, indem er wieder zur Thüre hineinſah und das „ 426 Letztere in der Weiſe eines Poſtſcripts an ſeine eigene Perſon beifügte,„ſondern ſein Vater.“ „Bitte,“ ſprach Herr Cheſter, der mit dem Hut in der Hand näher trat, als er bemerkte, welche Wirkung dieſe letzte erklärende Anmeldung hervor⸗ brachte,„der Beſuch des Vaters ſoll Euren häus⸗ lichen Beſchäftigungen durchaus keinen Zwang an⸗ thun, oder eine Störung veranlaſſen, Miß Varden.“ „Ah! Da haben wir's! Iſt es nicht, wie ich immer ſage?“ rief Miggs, ihre Hände zuſammen⸗ ſchlagend.„Hat er da nicht die Frau für ihre Tochter genommen? Nun, ſie ſieht aber auch ganz danach aus. Denkt nur, Madame!“ „Wäre es möglich,“ ſagte Herr Cheſter in ſeinem weichſten Tone,„daß dieß Frau Varden iſt? Ich bin ganz erſtaunt. Und das wäre Eure Toch⸗ ter, Frau Varden? Nein, nein, Eure Schweſter.“ „Es iſt in der That meine Tochter, Sir,“ ver⸗ ſetzte Frau Varden, in großer Jungfräulichkeit er⸗ röthend. „Ah, Frau Varden!“ rief der Beſuch.„Ah, Ma'am— das Leben iſt doch in der That ein glückliches Loos, wenn wir uns ſelbſt in Andern wiederholen und doch ſo jung bleiben können, wie Sie. Ihr müßt mir den gewöhnlichen Gruß er⸗ lauben, meine, theure Ma'am— und auch Eure Tochter.“ Dolly zeigte einigen Widerwillen, dieſe Cere⸗ monie an ſich vollziehen zu laſſen, wurde aber von —õ———————— 8 427 Frau Varden ſcharf darüber getadelt, welche daraff beſtand, daß ſie ſich augenblicklich darein ergebe, n„denn Stolz,“ ſagte ſie mit großer Strenge,„ſey eine von den ſieben Todſünden, während Demuth und Selbſterniedrigung gar ſchöne Tugenden wären.“ Sie verlangte daher, daß Dolly ſich bei Strafe ihres gerechten Mißfallens auf der Stelle küſſen laſſe, indem ſie ihr zugleich zu verſtehen gab, was ſie ihre Mutter thun ſehe, dürfe ſie ihr ohne alles Bedenken nachmachen, ſintemal vieles Grübeln und Vernünfteln anſtößig, pflichtwidrig und ömmects gegen den Kirchenkatechismus ſey. Solchen Ermahnungen konnte Dolly nicht widerſtehen, obgleich ſie ſich keineswegs gerne darein fügte, denn es lag ein offener, kecker Zug von Be⸗ wunderung in Herrn Cheſters Geſicht, der ihr, trotz der gekünſtelten Feinheit und Höflichkeit, ſehr wider⸗ wärtig war. Während ſie mit niedergeſchlagenen Augen daſtand, um ſeine Blicke zu vermeiden, be⸗ trachtete er ſie mit beifälliger Miene und wandte ſich dann an ihre Mutter. „Mein Pheu Gabriel, deſſen Bekanntſchaft ich erſt dieſen Abend gemacht habe, muß wohl ein glücklicher Mann ſeyn, Frau Varden!“ „Ach!“ ſeufzte Frau Varden mit einem Kopf⸗ ſchütteln. „Ach!“ echoete Miggs. „Steht es ſo?“ ſprach Cheſter mitleidig.„Du mein Himmel!“ . 428 „Der Meiſter hat keine andere Abſichten, Sir,“ murmelte Miggs, indem ſie ſich an ſeine Seite heranſchlich,„als für Alles, was er beſitzt, und was ihn ſeine Fähigkeiten würdigen laſſen, ſo dankbar zu ſeyn, wie es ihm ſeine Natur geſtattet. Aber wir wiſſen nie, Sir—“ fuhr Miggs mit einem Seitenblick auf Frau Varden fort, indem ſie ihrer Rede einen Seufzer einflocht—„wir wiſſen nie den Werth mancher Weine und Feigenbäume voll zu ſchätzen, als bis wir ſie verlieren. Um ſo ſchlimmer iſt es aber für Diejenigen, Sir, welchen eine ſolche Geringſchätzung auf das Gewiſſen fällt, wenn die Gaben einmal fort ſind, um anderswo voll auf⸗ zublühen.“ Und Miggs ſchlug ihre Augen auf, um damit anzudeuten, wo dieß wohl ſeyn möchte. Da Frau Varden die Worte ihrer Jungfer deutlich hörte und auch hören ſollte, und da die⸗ ſelben ferner eine metaphoriſche Prophezeihung oder Vorahnung zum umfaſſen ſchienen, daß genannte Dame in Bälde ihren Prüfungen erliegen müßte und einen leichten Flug nach den Sternen nehmen würde, ſo begann ſie alsbald zu ſchmachten; ſie nahm daher einen Band der Hausandacht von dem naheſtehenden Tiſche und ſtützte ihren Arm darauf, als wäre ſie die figurirte Hoffnung und das Gebet⸗ buch ihr Anker. Als Herr Cheſter dieß bemerkte und den Titel des Buches auf dem Rücken las, nahm er es ihr ſanft aus der Hand und blätterte darin. V 429 „Mein Lieblingsbuch, theure Ma'am. Wie gar oft habe ich nicht aus dieſen Blattern für mei⸗ nen lieben Sohn Ned, als er noch ganz jung war— er wird ſich kaum mehr erinnern können—“(dieſe Clauſel war unſtreitig ſehr richtig)— pkleine leicht⸗ faßliche Sprüche ausgezogen! Ihr kennt meinen Ned?“ 1 Frau Varden hatte die Ehre. Er ſey ein recht hübſcher, geſprächiger, junger Gentleman, ſagte ſie. „Ihr ſeyd Mutter, Frau Varden,“ entgegnete Herr Cheſter, indem er eine Priſe nahm,„und wißt daher, was ich als Vater fühlen muß, wenn man gut von ihm ſpricht. Er macht mir zwar Sorgen— viele Sorgen— er iſt ein unſteter Charakter, Ma'am — von Blume zu Blume— von einer Süßigkeit zur andern— aber er iſt in der Schmetterlingszeit des Lebens, und ſo dürfen wir derartige Kleinigkeiten nicht allzuhart beurtheilen.“ Er blickte dabei auf Dolly. Sie achtete augen⸗ ſcheinlich auf jedes ſeiner Worte. Ganz wie er es wünſchte. „Das Einzige, was ich dabei Ned vorzuwerfen habe, beſteht darin,“ fuhr Herr Cheſter fort,„und da ich eben von ihm rede, ſo fällt mir nebenzu bei, daß ich auf eine Minute um die Gunſt eines Ge⸗ ſpräches unter vier Augen bitten muß,— das Ein⸗ zige, was ich ihm vorzuwerfen habe, beſteht darin, daß er nicht recht ehrlich iſt. Freilich möchte mich gerne meine Liebe zu Ned gegen dieſe Thatſache ver⸗ 430 blenden; dabei muß ich aber immer auf den Satz zurückkommen— ohne Aufrichtigkeit ſind wir nichts — auf der ganzen Welt gar nicht. Wir wollen da⸗ her aufrichtig ſeyn, meine theure Ma'am—* „— Und gute Proteſtanten,“ murmelte Frau Varden. „— und gute Proteſtanten vor Allem. Wir wollen aufrichtig und gut proteſtantiſch ſeyn, ſtreng moraliſch, ſtreng gerecht(obgleich immer mit einer Hinneigung zur Barmherzigkeit), ſtreng ehrlich und ſtreng wahr; dieß iſt lauter Gewinn— und wenn ſich's auch um das Unbedeutendſte handelte, denn in ſolchen Punkten iſt das Gewiſſen äußerſt ſubtil. Wir legen dadurch gewiſſermaßen die Grundmauern der Tugend, auf welchen wir ſpäter ein ſchönes Gebäude aufführen können.“ Nun mußte Frau Varden natürlich denken, ſie habe es hier mit einem ganz vollkommenen Cha⸗ rakter zu thun. Da war einmal ein demüthiger, rechtſchaffener, auf den Grund gehender Chriſt, der ſich alle dieſe ſo ſchwer zu erlangenden Eigenſchaften aneignet, der allen Cardinaltugenden eine Priſe Salz auf den Schwanz geſtreut, und ſo eine nach der andern gefangen hatte. Und dabei that er ſich ſo gar nichts auf ihren Beſitz zu gut und ſtrebte immer noch nach höherer Moralität. Die gute Frau zweifelte nämlich keinen Augenblick(und wie viele gute Frauen und Männer ſind in derſelben Lage), daß ein derartiges, ſelbſterniedrigendes Bekenntniß —-——ͤͤ — of—— r——„— 43¹ ein ſolches Geringſchätzen großer Dinge, welches zu ſagen ſchien,„ich bin nicht ſtolz, ſondern ganz, wie du mich ſprechen hörſt, und halte mich ſelbſt nicht für beſſer, als andere Leute, weßhalb wir uns nicht dabei aufhalten wollen“— vollkommen aufrichtig und wahr gemeint ſeyn müſſe. Er wußte es ſo zu lenken und ſprach ſich in einer Weiſe aus, als wäre ihm ſein Zugeſtändniß abgenöthigt worden, und der Erfolg davon war eigentlich wunderbar. Des Eindrucks, den er gemacht hatte, gewah⸗ rend— und wenige Menſchen hatten ein raſcheres Auge für ſolche Entdeckungen— verfolgte Herr Cheſter ſeinen Vortheil durch Entfaltung gewiſſer Tugendmaximen, die ohne Zweifel etwas weit her geholt und allgemein waren, hin und wieder auch den Charakter an den Ellenbogen ein wenig abgenützter Wahrheiten trugen; aber er brachte dieſelbe mit einer ſo hinreißenden Stimme und mit einer ſo un⸗ gewöhnlichen Herzensheiterkeit und Seelenruhe vor, daß ſie ihren Zweck vollkommen erreichten. Man darf ſich darüber nicht im geringſten wundern, denn wie hohle Gefäße in ihrem Falle einen weit muſika⸗ liſcheren Ton hervorbringen, als gediegene, ſo wird man auch oft finden, daß inhaltsleere Floskeln am meiſten Lärm in der Welt machen und am ehe⸗ ſten dem Geſchmacke des Publikums zuſagen. Herr Cheſter erhob in der einen Hand zierlich das Buch, während er die andere leicht auf die Bruſt drückte, und ſprach in der möglichſt hinreißen⸗ 432 den Weiſe, ſo daß alle ſeine Zuhörer, trotz ihrer verſchiedenen Intereſſen und Gedanken, eigentlich hingeriſſen wurden. Selbſt Dolly, welche ob ſeinen ſcharfen Blicken und dem Beäugeln des Herrn Tap⸗ pertit ganz außer Faſſung kam, konnte nicht umhin, in ihrem Innern zuzugeſtehen, daß Herr Cheſter der angenehmſte Sprecher ſey, der ihr je vorgekommen. Auch Miß Miggs hatte, obgleich ihre Aufmerkſamkeit zwiſchen Bewunderung vor Herrn Cheſter und einer ſterblichen Eiferſucht gegen ihre junge Gebieterin getheilt war, noch hinreichend Muße, in eine mil⸗ dere Stimmung überzugehen. Und ſogar Herr Tap⸗ pertit konnte, trotz dem, daß er, wie wir geſehen haben, ohne Unterlaß die Wonne ſeines Herzens anſtierte, ſeine Gedanken nicht ganz von der Stimme des anderen Zauberers abkehren. Frau Varden ſagte ſich im Innern ihres Herzens, daß ſie ſich in ihrem ganzen Leben nie ſo erbaut habe; und als Herr Cheſter aufſtand, um ein Geſpräch unter vier Augen bat, ſie bei der Hand nahm und in armslanger Entfernung ſie nach dem beſten Beſuchszimmer hinauf⸗ führte— da dünkte es ihr faſt, er ſey etwas mehr, als ein menſchliches Weſen. „Theure Ma'am,“ ſagte er, indem er ihre Hand zart an ſeine Lippen drückte;„nehmt doch Platz.“ Frau Varden dankte mit dem höflichſten Knixe und ließ ſich nieder. me ge em 43³ „Ihr errathet wohl, was ich zu ſagen habe?“ fuhr Herr Cheſter fort, indem er einen Stuhl an ihre Seite rückte.„Ihr ahnet meine Abſicht? Ich bin ein zärtlicher Vater, meine liebe Frau Varden.“ „Davon bin ich vollkommen überzeugt,“ verſetzte Frau Varden. „Ich danke Euch,“ entgegnete Herr Cheſter und trommelte auf ſeinem Doſendeckel.„Aeltern haben eine ſchwere moraliſche Verantwortlichkeit, Frau Varden.“ Frau Varden erhob ihre Hände ein wenig, ſchüttelte ihren Kopf und blickte nach dem Boden, als ſchaue ſie geraden Wegs durch den ganzen Erd⸗ ball und an dem andern Ende weit hinaus in den jenſeitigen unermeßlichen Raum. „Euch kann ich mich ohne Rückhalt anvertrauen,“ ſagte Herr Cheſter.„Ich liebe meinen Sohn innig, Ma'am, und weil ich ihn liebe, möchte ich ihn ver⸗ hindern, Unheil zu ſtiften. Ihr kennt ſeine Bezie⸗ hung zu Miß Haredale und habt ihm dabei Vor⸗ ſchub geleiſtet„„was jedenfalls ſehr freundlich von Euch war. Ich bin Euch ſehr verbunden— unge⸗ mein verbunden für die Theilnahme, welche Ihr ihm erweist; aber ich verſichere Euch, meine theure Ma'am, ſie war am unrechten Orte angebracht.“ Frau Varden ſtammelte, daß es ihr leid thue. „Leid, meine theure Ma'am?“ fiel er ihr in's Wort.„Warum leid um Etwas, was ſo gar freundlich und in der beſten Abſicht gemeint, ja, Boz. XVI. Barnaby Rudge. 28 434 ſo ganz Eurer würdig war? Aber es gibt ernſte und gewichtige Gründe, dringende Familienrück⸗ ſichten, und außerdem noch religiöſe Meinungs⸗ verſchiedenheiten, welche als Hemmſteine im Wege liegen und eine Verbindung unmöglich machen— durchaus unmöglich. Ich würde dieſer Umſtäͤnde gegen Euren Gatten erwähnt haben, aber er be⸗ ſitzt— entſchuldigt, daß ich ſo frei herausſpreche— er beſitzt weder Eure raſche Auffaſſungsgabe, noch Euren tiefen, moraliſchen Sinn.— Welch' ein un⸗ gemein helles Haus dieß iſt, und wie ſchön ge⸗ halten! Für einen Mann, wie ich— einen viel⸗ jährigen Wittwer— haben dieſe Merkmale einer ſorgfältigen, leitenden Frauenhand einen unaus⸗ ſprechlichen Zauber.“ Frau Varden fing unwillkürlich an zu glauben, der junge Herr Cheſter habe Unrecht, und der alte Herr müſſe nothwendig Recht haben. „Mein Sohn Ned,“ nahm der Verſucher in ſeiner gewinnendſten Weiſe wieder auf,„hat, wie ich höre, durch Eure liebenswürdige Tochter und Euren offenherzigen Gatten Vorſchub erhalten.“ „Weit mehr, als von mir, Sir,“ verſetzte Frau Varden;„bei weitem mehr. Ich habe oft mein Be⸗ denken darüber gehabt. Es iſt— „Ein ſchlimmes Beiſpiel,“ ergänzte Herr Cheſter. „Ja. Kein Zweifel. Eure Tochter ſteht in einem Alter, wo man beſonders unüberlegt handelt, wenn man vor ihren Augen junge Leute ermuthigt, in —- —— dieſem höchſt wichtigen Punkte gegen die Aeltern zu rebelliren. Ihr habt ganz Recht. Ich hätte ſelbſt daran denken ſollen, aber ich geſtehe, es entging mir;— ſo weit iſt Euer Geſchlecht im Punkte des Scharfſinns und des durchdringenden Blicks über das unſrige erhaben, meine theure Ma'am.“ Frau Varden ſah ſo weiſe darein, als ob ſie wirklich etwas geſagt hätte, um dieſes Compliment zu verdienen— kurz, ſie glaubte feſt, daß dieß wirk⸗ lich der Fall ſey— und ihr Vertrauen zu ihrer eigenen Schlauheit gewann einen beträchtlichen Zu⸗ wachs. „Meine theure Ma'am,“ fuhr Herr Cheſter fort,„Ihr ermuthigt mich, daß ich mich frei gegen Euch ausſpreche. Mein Sohn hat in dieſem Punkte ganz andere Anſichten, als ich, und ein Gleiches iſt auch bei der jungen Dame und ihrem natürlichen Beſchützer der Fall. Und doch läuft Alles darauf hinaus, daß mein Sohn durch ſein Pflichtgefühl gegen mich, durch ſeine Ehre, und überhaupt durch jedes feierliche und heilige Band gehalten iſt, eine Andere zu heirathen.“ „Schon mit einer andern Dame verſprochen?“ rief Frau Varden, ihre Hände erhebend. „Meine theure Ma'am, aufgewachſen, erzogen und gebildet ausdrücklich für dieſen Zweck— aus⸗ drücklich für dieſen Zweck.— Miß Haredale ſoll ein ſehr bezauberndes Weſen ſeyn?“ „Ich bin ihre Pflegemutter und muß ſie daher 28*† 43⁶ wohl kennen— die beſte junge Dame von der Welt,“ ſagte Frau Varden. „Ich zweifle nicht im Mindeſten daran. Ja, ich bin überzeugt, daß es ſo iſt. Und Ihr, die Ihr in dieſer zarten Beziehung zu ihr ſteht, ſeyd verpflichtet, ihr Glück in's Auge zu faſſen. Kann ich nun— wie ich auch zu Haredale geſagt habe, der ganz meiner Anſicht iſt— kann ich nun mögli⸗ cherweiſe zuſehen und dulden, daß ſie ſich, obgleich ſie einer katholiſchen Familie angehört, an einen jun⸗ gen Menſchen wegwirft, der zur Zeit noch nicht das mindeſte Herz hat? Ich will ihm damit keinen be⸗ ſondern Vorwurf machen, denn man trifft ſelten ein Herz bei jungen Menſchen, die ſich tief in den Leicht⸗ ſinn und in das conventionelle Treiben der Geſell⸗ ſchaft geſtürzt haben. Ihre Herzen wachſen eigentlich erſt nach dem dreißigſten Jahre, meine theure Ma'am. Ich glaube nicht— nein, ich glaube wirklich nicht, daß ich ſelbſt eines hatte, als ich in Neds Alter war.“ „O, Sir,“ ſagte Frau Varden,„ich denke, Ihr müßt eines gehabt haben. Nicht möglich, daß ein Mann, der jetzt ſo viel hat, je ganz ohne Herz ge⸗ weſen wäre.“ „Ich hoffe,“ antwortete er mit einem beſcheide⸗ nen Achſelzucken,„daß ich ein wenig habe; ich hoffe, ein ganz klein wenig, der Himmel weiß es! Um jedoch auf Ned zurückzukommen— ohne Zweifel habt Ihr wohl gedacht und Euch deßhalb ſo wohlwollend für ihn intereſſirt, daß ich gegen Miß Haredale etwas — 74 1 ———Q˖—Q—Q—C—Q—Q——,QQ—- 437 einzuwenden hätte. Ich finde das ganz begreiflich. Aber nicht gegen ſie, meine theure Ma'am, ſondern gegen ihn habe ich Einwendungen zu machen— recht viele Einwendungen gegen Ned.“ Frau Varden war eigentlich eutſetzt über dieſe Mittheilung. „Wenn er die feierliche Verpflichtung, von der ich Euch geſagt habe, ehrenhaft erfüllt— und er muß ſich ehrenhaft benehmen, meine theure Frau Varden, oder er iſt nicht mein Sohn— ſo ſteht ihm ein Vermögen in Ausſicht. Er hat ſehr koſtſpielige, zum Ruiniren koſtſpielige Liebhabereien, und wenn er in einem Augenblick der Laune und des Eigen⸗ ſinnes dieſe junge Dame heirathen würde, wodurch er ſich natürlich der Mittel beraubte, ſeinen alten Gewohnheiten nachzuhängen, ſo müßte— meine theure Ma'am, ja, es müßte dem zarten Weſen das Herz brechen. Meine gute Frau Varden, redliche Seele, ich gebe es Eurem Urtheil anheim— kann man ein ſolches Opfer geſtatten? Darf man mit einem weiblichen Herzen alſo ſein Spiel treiben? Fragt Euer eigenes— ich bitte, fragt Euer eigenes.“ „In der That, dieſer Gentleman iſt ein Heili⸗ ger,“ dachte Frau Varden.„Aber,“ fügte ſie laut und mit einer ſehr natürlichen Regung bei,„wenn Ihr Miß Emma den Geliebten nehmt, Sir, was ſoll dann aus dem Herzen des armen Kindes werden?“ „Das iſt eben der Punkt,“ entgegnete Herr Cheſter, nicht im Mindeſten betroffen,„worauf ich ——— 438 Euch zu führen wünſchte. Eine Heirath mit meinem Sohne, den ich in dieſem Falle verſtoßen müßte, hätte nur Jahre voll Elend zur Folge, und in zwölf Monaten würden ſie wieder getrennt ſeyn, theure Ma'am. Eine Löſung dieſes Verhältnißes, welches, wie wir Beide recht wohl wiſſen, mehr ein eingebil⸗ detes, als ein wirkliches iſt, wird dem lieben Mäd⸗ chen ein paar Thränen koſten, und ſie iſt wieder glücklich. Machen wir eine Anwendung des Falls auf Eure eigene Tochter— die junge Dame drunten, die Euer leibhaftiges Ebenbild iſt.“— Frau Varden huſtete und zimperte.—„Da iſt ein junger Menſch (ich bedaure, es ſagen zu müſſen, ein ausſchweifen⸗ der Burſche von ſehr zweideutigem Charakter) über den ich Ned habe ſprechen hören— ich glaube, Bullet heißt er— Pullet— Mullet—“ „Es gibt einen jungen Menſchen, Namens Jo⸗ ſeph Willet, Sir,“ ſagte Frau Varden, voll hohen Geiſtes ihre Hände faltend. „Ja, ganz richtig,“ rief Herr Cheſter.„Ange⸗ nommen, dieſer Joſeph Willet trachtete nun nach der Liebe Eurer bezaubernden Tochter und träte mit ihr in ein Verhältniß.“ „Es ſäͤhe ſeiner Unverſchämtheit gleich,“ unter⸗ brach ihn Frau Varden, ſich in die Bruſt werfend, „ſich eines ſolchen Gedankens zu erfrechen!“ „Meine theure Ma'am, da haben wir ganz den⸗ ſelben Fall. Ich weiß, er wäre im Stande, ſeine Unverſchämtheit ſo weit zu treiben. Auch Ned war — +ε A — 439 unverſchämt genug, zu thun, wie er gethan hat; aber um deßwillen, oder wegen einiger Thränen aus den Augen Eurer ſchönen Tochter würdet Ihr doch nicht anſtehen, die aufkeimende Neigung in ihrer Geburt zu erſticken. Ich gedachte, dieſe Gründe Eu⸗ rem Gatten vorzulegen, als ich ihn dieſen Abend bei Frau Rudge ſah.“ „Mein Mann würde viel beſſer thun,“ fiel ihm Frau Varden aufgeregt in's Wort,„wenn er zu Hauſe bliebe, als daß er ſo oft zu Frau Rudge hin⸗ läuft. Ich weiß nicht, was er dort zu ſchaffen hat, und ſehe keinen Grund ein, warum er ſich überhaupt mit ihren Angelegenheiten befaſſen mag, Sir.“ „Wenn ich mit Euren Anſichten nicht ſo ganz übereinzuſtimmen ſcheine,“ erwiederte Herr Cheſter, „als Ihr wünſchen möchtet, meine theure Ma'am, ſo liegt der Grund einzig darin, daß ich ihn dort traf und ſehr unzugänglich fand, weßhalb ich hieher kam und mir das Glück einer Unterredung mit einer Frau verſchaffte, in der ſich, wie ich bemerke, die ganze Leitung, das Gedeihen und der Wohlſtand ihrer Familie vereinigt.“ Mit dieſen Worten ergriff er abermals Frau Vardens Hand, und nachdem er ſie mit der ganzen preziöſen Galanterie jener Tage an die Lippen ge⸗ drückt hatte— ſogar mit ein Bischen Uebertreibung, um ſie für das Auge der nicht daran gewöhnten Dame noch beſtechender zu machen— fuhr er in demſelben Tone der Sophiſtik und Schmeichelei fort, 440 ſie zu bitten, daß ſie ihrem äußerſten Einfluſſe auf⸗ bieten möchte, eine weitere Begünſtigung von Ed⸗ wards Bewerbung um Miß Haredale durch ihren Gatten und ihre Tochter zu hemmen und zu vermei⸗ den, daß dem Liebespärchen in irgend einer Weiſe Beihülfe oder Vorſchub geleiſtet werde. Frau Varden war nur ein Weib und hatte daher ihren guten An⸗ theil von Eitelkeit, Eigenſinn und Herrſchſucht. Sie ging daher mit ihrem gewinnenden Gaſte ein gehei⸗ mes Schutz⸗ und Trutzbündniß ein und glaubte dabei wirklich(wie es vielen Anderen, die ihn geſehen und gehört hätten, gleichfalls ergangen wäre), daß ſie durch dieſe Allianz die Sache der Wahrheit, Sitt⸗ lichkeit und Gerechtigkeit in ungemein hohem Grade fördere. Hoch erfreut über den glücklichen Erfolg ſeines Geſchäftes und in ſeinem Innern gewaltig amüſirt, führte ſie Herr Cheſter in der früheren preziöſen Weiſe die Treppe hinunter. Sofort wiederholte er die frühere Begrüßungsceremonie, in welche er Dolly gleichfalls wieder mit einſchloß, und verabſchiedete ſich, nachdem er zuvor auch Miß Miggs' Herz voll⸗ ſtändig durch die Frage erobert hatte, ob wohl dieſe „junge Dame“ ſo gefällig ſeyn möchte, ihm nach der Thüre hinunterzuleuchten. „O, Madame,“ ſagte Miggs, als ſie mit dem Lichte zurückkehrte.„O, barmherziger Himmel, Ma⸗ dame, das iſt einmal ein Gentleman! Hat es je einen gegeben, der ſo ganz wie ein Engel redete, als Nnu—— nU—9 ᷣ V.— w dA⸗ 441 er— und dabei iſt er ein ſo ſüß ausſehender Mann! So aufrecht und edel, daß er ſogar den Boden, auf dem er geht, zu verachten ſcheint, und doch ſo mild, und herablaſſend, als wollte er ſagen: ‚auch von dem Boden will ich Notiz nehmen.“ Wenn ich nur daran denke, daß er Euch für Miß Dolly, und Miß Dolly für Eure Schweſter hielt. O du meine Güte, wenn ich der Meiſter wäre, würde ich eiferſüchtig auf ihn ſeyn!“ Frau Varden verwies ihrem Kammermädchen dieſes eitle Gerede— aber nur ganz ſanft und mild, ſogar lächelnd, indem ſie bemerkte, ſie ſey ein thörich⸗ tes, ſchwindelköpfiges, leichtſinniges Mädchen und ihr Geiſt führe ſie über alle Schranken hinaus; ſie meine aber nicht halb, was ſie ſage, ſonſt müßte man ihr im Ernſte böſe werden. „Ich für meinen Theil,“ ſagte Dolly gedanken⸗ voll,„glaube feſt, daß Herr Cheſter in dieſer Hin⸗ ſicht viele Aehnlichkeit mit Miggs hat. Trotz ſeiner Höflichkeit und ſeiner glatten Zunge bin ich über⸗ zeugt, daß er ſich mehr als einmal über uns luſtig machte.“ „Wenn du dich noch einmal erdreiſteſt, etwas Solches zu ſagen und in meiner Gegenwart von den Leuten hinterrücks übel zu ſprechen, Jungfer,“ ſagte Frau Varden,„ſo werde ich darauf beſte⸗ hen, daß du dein Licht nimmſt und augenblicklich zu Bette gehſt. Wie kannſt du dich unterſtehen, Dolly? Ich bin ganz erſtaunt über dich. Du haſt dich die⸗ 442 ſen ganzen Abend höchſt roh und anſtößig benommen. Hat man je gehört,“ rief die entrüſtete Matrone, in Thränen ausbrechend,„daß eine Tochter ihrer Mutter ſagte, man habe ſich luſtig über ſie gemacht!“ Wie gar wetterwendiſch war Frau Vardens Charakter. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Sobald Herr Cheſter das Haus des Schloſſers verlaſſen hatte, begab er ſich nach einem Kaffeehauſe in Covent⸗Garden, wo er ein ſpätes Mahl einnahm, ſich dabei behaglich die Poſſe ſeines kürzlichen Sieges in’s Gedächtniß rufend und ſeiner großen Gewandt⸗ heit geheime Glückwünſche ſpendend. Unter dem Einfluſſe ſolcher Gedanken gewann ſein Geſicht einen ſo wohlwollenden und ruhigen Ausdruck, daß der Kellner, der ihn bediente, für ihn faſt in den Tod gegangen wäre und ſich überzeugt hielt, ein ſolcher apoſtoliſcher Kunde ſey mehr werth, als ein halbes Dutzend der gewöhnlichen Gäſte, bis ihm endlich die Bezahlung der Rechnung und das ſehr kleine Trink⸗ geld für die viele Mühe dieſen Glauben benahm. Auch den Spieltiſch beſuchte er— nicht als ein erhitzter, ängſtlicher Spieler, ſondern als ein Mann, 443 der ſich darin gefällt, etliche Stücke Geld einzuſetzen, um den Thorheiten der Geſellſchaft zu huldigen, und mit gleichem Wohlwollen auf Gewinnende und Ver⸗ lierende niederlächelt— und dieß war Urſache, daß er ziemlich ſpät zu Hauſe anlangte. Er pflegte ſei⸗ nen Diener zur gewöhnlichen Zeit zu Bette gehen zu laſſen, wenn er ihm nicht beſtimmte Gegenordre er⸗ theilte, und verlangte dann nur, daß man ein Licht auf die gemeinſchaftliche Treppe ſtellen ſolle. Auch befand ſich eine Lampe in dem Stiegenhauſe, an wel⸗ chem er, wenn er ſpät nach Hauſe kam, die Kerze anzünden konnte, und da er ſtets den Hausſchlüſſel bei ſich trug, ſo konnte er heimkommen und zu Bette gehen, wie es ihm gerade beliebte. Er nahm das Glas von der düſtern Lampe ab, deren abgebrannter und wie die Naſe eines Trunken⸗ bolds aufgeſchwollener Docht, ſobald er mit der Kerze berührt wurde, in kleinen Karfunkeln abflog und glühende Funken umherſtreute, ſo daß es etwas ſchwierig wurde, das dünne Wachslicht anzuzünden; und wie er noch damit beſchäftigt war, vernahm er einige Stufen weiter oben ein Geräuſch, ähnlich dem tiefen Schnarchen eines Menſchen, was ihn veranlaßte, Halt zu machen und zu horchen. Es war wirklich der ſchwere Athem eines ganz in der Nähe ſchlafen⸗ den Mannes— irgend eines Kerls, der ſich auf der Treppe niedergelegt hatte und feſt eingeſchlummert war. Nachdem Herr Cheſter endlich die Kerze zum Brennen gebracht und ſeine eigene Thüre geöffnet hatte, ſtieg er ſachte hinan, das Licht hoch über ſeinen Kopf haltend und ſich vorſichtig umſchauend, um zu ſehen, wer ſich wohl eine ſo unbehagliche Stelle zum Obdach auserleſen hätte. Den Kopf auf den oberſten Tritt gelegt und die langen Gliedmaßen über ein halbes Dutzend Stufen hinſtreckend, ſo regungslos, als wäre es ein Todter, den betrunkene Träger haben fallen laſſen— lag Hugh da, das Geſicht nach oben gerichtet, ſein lan⸗ ges Haar wie Unkraut auf dem hölzernen Kiſſen hin⸗ geſtreut, während ſeine breite Bruſt ſich bei jedem der Töne hob, die zu ſo ungewohnter Stunde die Ruhe des Ortes ſtörten. Herr Cheſter war eben im Begriffe, den Schlä⸗ fer mit einem Fußtritte zu wecken, als er noch durch einen Blick nach dem in die Höhe gerichteten Geſichte aufgehalten wurde; er hielt die Hand vor das Licht, beugte ſich nieder und betrachtete ſich genau die Züge des Hingeſtreckten. So genau auch dieſe erſte Beſichti⸗ gung war, ſo ſchien ſie ihm doch nicht zu genügen, denn er fuhr mit dem noch immer ſorgfältig beſchatteten Lichte etlichemal über das Geſicht des Schläfers, daſſelbe mit ſpähendem Auge betrachtend. Während er noch damit beſchäftigt war, erwachte der Mann, ohne jedoch zuſammenzufahren oder ſich umzuwenden. Der plötzliche, feſte Blick deſſelben trug etwas ſo Bannendes in ſich, daß Herr Cheſter in ſeiner Verblüffung unmöglich die Augen abwenden konnte, ſondern gleichſam gezwungen wurde, Hugh 445 in's Geſicht zu ſehen. So ſtierten ſie ſich gegenſeitig eine Weile an, bis endlich Herr Cheſter das Schwei⸗ gen unterbrach und den Andern mit gedämpfter Stimme fragte, warum er hier liege und ſchlafe. „Ich meinte,“ entgegnete Hugh, indem er ſich zum Sitzen aufrichtete und noch immer nach ihm hinglotzte,„Ihr wäret ein Theil meines Traumes. Ich träumte von wunderlichen Dingen und hoffe, daß ſie nie eintreffen werden, Herr.“ „Warum ſchauderſt du?“ „Die— die Kälte, glaube ich,“ brummte er, indem er ſich ſchüttelte und aufſtand.„Ich weiß kaum, wo ich bin.“ „Kennſt du mich?“ fragte Herr Cheſter. „Ah, freilich kenne ich Euch, antwortete er.„Ich träumte von Euch— wir ſind nicht, wo ich zu ſeyn glaubte. Das iſt ein Troſt.“ Er ſah ſich bei dieſen Worten um, namentlich aber auch in die Höhe, als erwarte er halb, unter einem Gegenſtande zu ſtehen, der ihm in ſeinem Traume vorgekommen war; dann rieb er ſich die Augen aus, ſchüttelte ſich abermal und folgte ſeinem Führer nach deſſen Gemache. Herr Cheſter zündete die Kerzen an, welche auf ſeinem Toilettentiſche ſtanden, rückte ſeinen Armſtuhl an das noch brennende Feuer, ſchürte es an, bis es luſtig aufloderte, ſetzte ſich vor demſelben nieder und befahl ſeinem ungeſchlachten Gaſte, heranzukommen und ihm die Stiefel auszuziehen. „Du haſt wieder einmal getrunken, mein feiner Burſche,“ ſagte er, als Hugh ſich auf ein Knie nie⸗ derließ und that, wie ihm geheißen worden. „So wahr ich lebe, Meiſter, ich bin die zwölf lange Meilen gegangen und habe hier weiß nicht wie lange gewartet, ohne ſeit dem Mittageſſen auch nur einen Tropfen über die Lippen gebracht zu haben.“ „Und weißt du nichts Beſſeres zu thun, mein angenehmer Freund, als hier einzuſchlafen und das ganze Gebäude mit deinem Schnarchen zu erſchüttern?“ entgegnete Herr Cheſter.„Kannſt du nicht zu Hauſe auf deinem Stroh träumen, du dummer Hund, und mußt du zu dieſem Ende hieher kommen?— Gib mir die Pantoffeln herüber und tritt leiſe auf.“ Hugh gehorchte ſchweigend. „Und höre, mein artiger, junger Gentleman,“ fuhr Herr Cheſter fort, als er ſie angezogen hatte, „wenn du das nächſtemal träumſt, ſo träume nicht von mir, ſondern allenfalls von einem Hund, oder einem Pferde, die eine beſſere Bekanntſchaft für dich ſind. Fülle dir einmal das Glas— du wirſt es nebſt der Bouteille an dem bewußten Ort finden— und trink es aus, um dich wach zu erhalten.“ Hugh gehorchte abermals— ſogar noch eifriger als zuvor— und ſobald er damit fertig war, ſtellte er ſich vor ſeinen Gönner hin. „Nun,“ ſagte Herr Cheſter,„was iſt dein Be⸗ gehr?“ „Es hat heute Neuigkeiten gegeben,“ antwortete — 447 Hugh.„Euer Sohn war in unſerem Hauſe— er iſt hinausgeritten— und verſuchte, das Frauenzimmer zu ſehen, ohne ihr jedoch nahe kommen zu können. Er ließ einen Brief oder ſonſt einen Auftrag da, welchen unſer Joe beſorgen ſollte; aber als Euer Sohn ſort war, kriegten er und der Alte Streit miteinander, weil der Alte nicht wollte, daß die Sache beſorgt werde. Er ſagte(nämlich der Alte), daß Niemand von ſeinen Leuten ſich darein mengen und ihn in Ungelegenheiten bringen ſolle. Er ſey ein Wirth, ſagt er, und müſſe von Jedermanns Zuſpruch leben.“ „Er iſt ein Juwel,“ lächelte Herr Cheſter,„und nur um ſo beſſer, weil er dumm genug iſt.— Nun?“ „Vardens Tochter— das Mdchen, welches ich küßte—„ „— und der du auf des Königs Landſtraße das Armband ſtahlſt,“ entgegnete Herr Cheſter gefaßt, „ja. Was iſt mit ihr?“ „Sie ſchrieb in unſerem Hauſe ein Billet an das junge Frauenzimmer, in welchem ſie ihr ſagte, ſie habe den Brief(den ich Euch brachte, und den Ihr verbrannt habt) verloren. Unſer Joe ſollte es abgeben; aber der Alte ließ ihn den ganzen nächſten Tag nicht aus dem Hauſe, ſo daß er es nicht be⸗ ſorgen konnte. Des andern Morgens ſollte ich das Billet hintragen, und hier iſt es.“ „Du haſt es alſo nicht überliefert, mein guter 448 Freund,“ ſagte Herr Cheſter, indem er Dolly's Billet zwiſchen ſeinen Fingern drehte und dabei ſich ganz überraſcht anſtellte. „Ich dachte, Ihr könntet es haben wollen,“ ver⸗ ſetzte Hugh.„Verbrennt man das Eine, ſo verbrennt man Alles, meinte ich.“ „Ci, mein verteufelter Freund,“ entgegnete Herr Cheſter„— in der That, wenn du nicht beſſer zu unterſcheiden verſtehſt, ſo wird deine Laufbahn ein überraſchend ſchnelles Ende nehmen. Weißt du nicht, daß der Brief, den du mir gebracht haſt, an meinen Sohn gerichtet war, der hier wohnt? Und kannſt du keinen Unterſchied machen zwiſchen Briefen an ihn und Briefen an andere Leute?“ „Wenn Ihr ihn nicht wollt,“ ſagte Hugh, durch dieſen Verweis außer Faſſung gebracht, da er ſtatt deſſen hohes Lob zu ärnten hoffte,„ſo gebt ihn nur wieder her, daß ich ihn abliefern kann. Ich weiß nicht, wie man's Euch zu Gefallen machen kann, Herr.“ „Ich will ihn ſelbſt abgeben,“ entgegnete ſein Gönner, indem er ihn nach kurzer Erwägung bei Seite legte.„Geht die junge Dame an ſchönen Morgen ſpazieren?“ „Meiſtens— Mittags iſt ſo ihre gewöhnliche Zeit.“ „Allein?“ „Ja, allein.“ „Wo?“ — 88— ——,———— 449 „Auf den Grundſtücken vor dem Hauſe, über welche der Fußweg führt.“ „Wenn das Wetter morgen gut iſt, ſo ſtelle ich mich vielleicht ſelbſt ihr in den Weg,“ ſagte Herr Cheſter ſo kaltblütig, als gehöre ſie ganz zu ſeiner gewöhnlichen Bekanntſchaft.„Meiſter Hugh, wenn ich vor dem Maibaum anreiten ſollte, magſt du ge⸗ fälligſt darauf Bedacht nehmen, daß du mich nur ein einzigesmal geſehen haſt. Du mußt deine Dankbar⸗ keit unterdrücken und dir Mühe geben, zu vergeſſen, wie nachſichtig ich mich wegen des Armbandes gegen dich benommen habe. Es iſt natürlich, daß du ein ſolches Gefühl zum Ausbruch kommen läſſeſt, und es macht dir Ehre; aber wenn andere Leute dabei ſind, ſo mußt du um deiner eigenen Sicherheit willen ganz dergleichen thun, als ob du mir durchaus keine Ver⸗ bindlichkeit ſchuldeſt und nie im Bereiche dieſer Mauern geweſen ſeyſt. Du verſtehſt mich?“ Hugh verſtand ihn vollkommen. Nach einer Pauſe murmelte er, ſein Gönner werde ihn wegen dieſes letzten Briefes nicht in Ungelegenheit bringen, da er ihn blos zurückbehalten habe, um ihm einen Gefallen zu erweiſen. Er machte noch in dieſem Zuge fort, als ihm Herr Cheſter mit einer höchſt wohl⸗ wollenden Beſchützersmiene raſch in's Wort fiel. „Mein guter Burſche, du haſt mein Verſprechen, mein Wort und Siegel darauf(denn eine mündliche Verpflichtung gilt bei mir ſo gut, als eine Verbrie⸗ Boz. XVI. Barnaby Rudge. 29 450 fung), daß ich dich immer ſchirmen werde, ſo lange du es verdienſt. Gib dich daher ganz zufrieden. Bitte, nimm es ganz auf die leichte Achſel. Wenn ſich ein Menſch ſo ganz in meine Macht gibt, wie du es gethan haſt, ſo ſagt mir zuverläſſig mein Ge⸗ fühl, daß er eine Art Anſprüche hat. Unter ſolchen Umſtänden bin ich mehr zu Erbarmen und Nachſicht geneigt, als ich dir ſagen kann, Hugh. Betrachte mich als deinen Beſchützer, und ich bitte dich, ſey verſichert, daß du wegen jener Unbeſonnenheit für die Dauer unſerer Freundſchaft ſo leichten Sinnes ſeyn kannſt, als irgend ein anderes lebendes Weſen. Füll dir dein Glas noch einmal, damit du dich auf den Heimweg ſtärkeſt— ich bin in der That ganz beſchämt, wenn ich daran denke, wie weit du zu gehen haſt— und dann, Gott befohlen für heute Nacht.“ „Sie meinen,“ entgegnete Hugh, nachdem er den Branntwein hinuntergegoſſen hatte,„ich ſey im Stalle feſt eingeſchlafen. Ha, ha, ha! Die Stallthüre iſt zwar geſchloſſen, aber die Mähre iſt fort, Herr.“ „Du biſt ein höchſt luſtiger Cumpan,“ entgegnete ſein Freund,„und dein Humor gefällt mir aus⸗ nehmend. Gute Nacht! Thu mir den Gefallen, ja die größtmögliche Sorge für dich zu haben.“ Es war merkwürdig, daß während des ganzen Geſpräches Jeder ſich Mühe gegeben hatte, nach dem Geſichte des Andern verſtohlene Blicke zu entſen⸗ 451 den, ohne daß ſie ſich auch dabei nur ein einzigesmal voll anſchauten. Als Hugh ſich entfernte, tauſchten ſie nur einen einzigen haſtigen Blick aus, wandten dann gleich ihre Augen wieder ab, und ſo ſchieden ſie. Hugh drückte die doppelte Thüre lautlos und ſorgfältig hinter ſich zu, und Herr Cheſter blieb in ſeinem Armſtuhl, die Augen nachdenkend auf das Feuer geheftet. „Gut!“ ſagte er nach einem langen Beſinnen, indem er einen tiefen Seufzer beifügte und etwas unrubig hin und herrückte, als gäbe er irgend einen Gedanken auf und kehrte er wieder zu denen zurück, welche ihn den ganzen Tag über beſchäftigt hatten. „Das Complott verdichtet ſich und die Bombe iſt geworfen. Sie wird, denke ich, in achtundvierzig Stunden explodiren und dieſe gute Leute erſtaunlich auseinanderwettern. Wir werden ſehen.“ Er ging zu Bette und ſchlief ein; aber bald fuhr er wieder auf, und es war ihm, als hätte Hugh mit einer ſonderbaren Stimme, die gar keine Aehn⸗ lichkeit mit ſeiner ſonſtigen hatte, an der äußeren Thüre um Einlaß gerufen. Die Täuſchung war ſo lebhaft und hatte ihn ſo ganz mit jenem unbeſtimmten Ent⸗ ſetzen erfüllt, welches derartige nächtliche Viſionen in ihrem Gefolge haben, daß er aufſtand, den in der Scheide ſteckenden Degen ergriff, die Thüre öffnete, ſich in dem Stiegenhauſe umſah, nach der Stelle hinging wo Hugh geſchlafen hatte, und ihn ſogar 29* 45² beim Namen rief. Aber Alles war finſter und ruhig, weßhalb er wieder in ſein Bett kroch und nach einer Stunde unruhigen Wachens in einen zweiten Schlaf fiel, aus dem er erſt am Morgen wieder erwachte. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Gedanken der Weltmenſchen ſind durch ein moraliſches Gravitationsgeſetz geregelt, das ſie, gleich dem phyſiſchen, an der Erde feſthält. Die lichte Pracht des Tages und die ſtummen Wunder einer Sternennacht ſprechen vergeblich zu ihrem Herzen. Weder Sonne, noch Mond und Sterne haben Chiffern, die ihnen lesbar wären. Sie gleichen hierin man⸗ chen Gelehrten, die jeden Planeten bei ſeinem latei⸗ niſchen Namen kennen, aber ganz vergeſſen haben, daß es auch kleine himmliſche Sternbilder gibt, die man Menſchenliebe, Duldung und Erbarmen nennt, obgleich ſie bei Tag und bei Nacht ſo glänzend ſchei⸗ nen, daß auch der Blinde ſie ſehen kann. Dieſe Leute ſehen an dem flimmernden Himmelsgewölbe nichts Anderes, als den Wiederſtrahl ihrer eigenen großen Weisheit und Büchergelahrtheit. Es iſt ſonderbar, wenn man ſich denken muß, 453 daß der Weltmann, wenn er gedankenvoll ſeine Augen zu den zahlloſen Sphären erhebt, die über uns ſchei⸗ nen, nur den Wiederſtrahl der Bilder darin er⸗ kennt, die in ſeinem eigenen Gehirne leben: wer in der Nähe von Fürſten weilt, kennt keine andere Sterne, als die auf der Bruſt von Höflinge. Der Neidiſche erſchaut die Würden ſeines Nächſten ſogar am Him⸗ melszelt. Dem Habſüchtigen und der Maſſe der Weltleute flimmert das ganze All über ihren Häuptern nur von gediegenen Goldſtücken, friſch von der Münze weg, mit dem Kopfe des Fürſten geſtempelt, die immer zwiſchen ſie und den Himmel treten, wo ſie auch gehen und ſtehen mögen. So ſtellen ſich auch die Schatten unſerer Begierden zwiſchen uns und unſere guten Engel, deren Glanz ſie verdunkeln. Alles war friſch und heiter, wie wenn die Welt erſt an dieſem Morgen geſchaffen worden wäre, als Herr Cheſter ruhigen Trabes auf dem Waldwege weiter ritt. Obgleich frühe im Jahre, war doch die Witterung mild und warm; die Bäume trieben Knos⸗ pen, Gras und Hecken grünten, die Luft ertönte von dem Geſang der Vögel, und hoch über allen trillerte die Lerche ihr gemüthliches Liedchen. An ſchattigen Orten funkelte der Morgenthau auf jedem jungen Blatte oder Grashalm, und wo die Sonne hinſchien, blitzten gleichfalls noch einige herrliche Diamanttropfen, als wollten ſie nach ihrem kurzen Daſeyn nur ungerne eine ſo ſchöne Welt verlaſſen. Selbſt der leichte Wind, deſſen Rauſchen ſo ſanft als das leiſe Plät⸗ 454 ſchern fernefallender Waſſer ans Ohr ſchlug, wehte Hoffnung und Verheißungen, und flüſterte in den würzigen Düften, womit er ſeinen Weg bezeichnete, von ſeinem Verkehr mit dem Sommer und von deſſen beglückender Nähe. Der einſame Reiter trabte gleichen Schrittes unter den Bäumen weiter, bald im Sonnenlicht, bald im Schatten, wobei er ſich allerdings von Zeit zu Zeit umſah, ohne jedoch dem heitern Tage und der herrlichen Landſchaft eine ſchönere Seite abzugewin⸗ nen, als daß er ſich in der That Glück wünſchen dürfe, ſo günſtig Wetter zu haben, da er eben be⸗ ſonders gewählt gekleidet war. Bei ſolchen Gelegen⸗ heiten lächelte er gar wohlgefällig, aber in einer Weiſe, welche bekundete, daß ſein Vergnügen mehr ſeiner eigenen Perſon, als etwas Anderem galt; und ſo ritt er auf ſeinem kaſtanienbraunen Hengſte weiter, ſo lieblich anzuſehen, als ſein Pferd, aber wahrſchein⸗ lich noch weit unempfänglicher, als dieſes, für die vielen herzerhebenden Einflüſſe, von denen er um⸗ geben war. Im Laufe der Zeit tauchten die maſſiven Fenſter des Maibaums aufV; aber ſein Trab wurde dadurch nicht im Mindeſten beſchleunigt, und mit derſelben kalten Gravität machte er vor dem Portale des Wirthshauſes Halt. John Willet, der ſein rothes Geſicht vor einem großen Feuer im Schenkſtübchen röſtete und mit überraſchender Umſicht und Faſſungs⸗ gabe eben meditirte, wenn der Himmel einmal ſo 45⁵ blau ausſehe, dürfte der Zuſtand der Dinge nicht länger dauern und es am Ende nöthig werden, die Feuer ausgehen zu laſſen und die Fenſter zu öffnen— eilte herbei um den Steigbügel zu halten und rief aus Leibeskräften nach Hugh. „Ach, da biſt du ja ſchon, Burſche?“ ſagte John, etwas überraſcht über die Behendigkeit, mit der er erſchienen war.„Führe dieſes koſtbare Thier in den Stall und habe beſonders Acht darauf, ſo lieb dir deine Stelle iſt. Er iſt ein entſetzlich fauler Schlingel, Sir, und hat's nöthig, daß man ihm auf die Nähte geht.“ „Aber Ihr habt ja einen Sohn,“ entgegnete Herr Cheſter, der, ſobald er abgeſtiegen war, ſeine Zügel Hugh übergab und deſſen Gruß mit einer nach⸗ läſſigen Bewegung der Hand nach ſeinem Hute er⸗ wiederte.„Warum benützt Ihr nicht dieſen dazu?“ „Je nun, die Sache iſt ſo, Sir,“ verſetzte John mit großer Wichtigkeit;„mein Sohn iſt— was ſtehſt du her, zu horchen, du Schuft?“ „Wer horcht?“ entgegnete Hugh verdrießlich. „Es verlohnte ſich wohl der Mühe, Euch zuzu⸗ hören. Soll ich denn das Thier hineinnehmen, ehe es ſich abgekühlt hat?“ „So führe es auf und ab, aber etwas in der Entfernung, Burſche,“ rief der alte John;„und ſo oft du ſiehſt, daß ich mich mit einem vornehmen Gentlemann beſpreche, ſo ziehſt du dich zurück. Wenn du deine Stellung nicht kennſt, Kerl,“ fügte Herr 456 Willet nach einer ungemein langen Pauſe bei, während welcher er ſeine großen, blöden Augen auf Hugh heftete und mit exemplariſcher Geduld wartete, bis ihm aus dem Schatze ſeiner Ideen ein kleiner Gedanke kam, „ſo werden wir ſehr bald Mittel finden, dich zu be⸗ lehren.“ Hugh zuckte verächtlich die Achſeln und ſtolzirte in ſeiner rückſichtsloſen Weiſe auf die andere Seite des kleinen Raſens, wo er die Zügel leicht über ſeine Schultern warf und das Pferd auf und abführte, dabei von Zeit zu Zeit ſo finſtere Blicke unter ſeinen buſchigen Augbrauen hervor nach ſeinem Herrn ſchie⸗ ßend, als man es nur zu ſehen wünſchen konnte. Herr Cheſter, der ihn, ohne daß es den An⸗ ſchein hatte, während dieſes kurzen Wortwechſels auf⸗ merkſam beobachtet, trat jetzt in das Portal und wandte ſich plötzlich mit folgenden Worten an Herrn Willet: „Ihr haltet ein ſonderbar Geſinde, John.“ „Allerdings ſonderbar genug, Sir, von Anſehen,“ antwortete der Wirth,„aber nicht im Hauſe— nur für Pferde, Hunde und dergleichen, und da gibt es keinen Beſſern in ganz England, als den Maibaum⸗ Hugh dort. Für die Wirthſchaft paßt er nicht,“ fügte Herr Willet mit der zuverſichtlichen Miene eines Mannes bei, der ſeine eigene Ueberlegenheit fühlt; „für dieſe ſorge ich. Aber wenn dieſer Burſche nur ein Bischen Einbildungskraft hätte, Sir—* „Ich möchte indeß darauf ſchwören, daß er ein N 457 rühriger Menſch iſt,“ ſprach Herr Cheſter im Tone des Nachdenkens, welcher anzudeuten ſchien, daß er daſſelbe geſagt haben würde, wenn auch Niemand da geweſen wäre, um ihn zu hören. „Rührig, Sir?“ entgegnete John, deſſen Geſicht mit einemmale eigentlich ausdrucksvoll wurde;„die⸗ ſer Kerl? Holla da! Bring das Pferd her, Bur⸗ ſche, und hänge meine Perücke auf den Wetterhahn, um dieſem Herrn zu zeigen, ob Leben in dir iſt, oder nicht.“ Hugh gab keine Antwort, ſondern warf ſeinem Dienſtherrn die Zügel zu und riß ihm ſo haſtig und ungebührlich die Perücke vom Kopfe, daß Herr Wil⸗ let, obgleich es nur auf ausdrücklichen Befehl geſche⸗ hen war, nicht wenig verduzt wurde; dann klomm er behende bis nach der Spitze des Maibaums vor dem Hauſe hinauf, hängte die Perücke auf den Wetter⸗ hahn und ließ denſelben wie einen Bratſpieß herum⸗ wirbeln. Nachdem er dieſes Kunſtſtück vollführt, warf er die Perücke auf den Boden, glitt mit unbe⸗ greiflicher Schnelligkeit an der Stange herunter, und war in demſelben Augenblick, wie er die Erde be⸗ rührte, wieder auf den Beinen. „So, Sir,“ ſagte John, wieder in ſein gewöhn⸗ liches ſtumpfes Weſen zurückverfallend;„Ihr werdet das nicht bei vielen Häuſern ſehen können, den Mai⸗ baum ausgenommen, wo Alles auf’s Bequemſte für Menſchen und Vieh eingerichtet iſt— obgleich das eigentlich noch gar nichts bei ihm heißen will.“ —— 458 Dieſe letzte Bemerkung bezog ſich auf Hugh's geſchicktes Voltigiren bei Gelegenheit von Herrn Cheſters erſtem Beſuch, und ſein raſches Verſchwin⸗ den durch die Stallthüre. „Das will noch gar nichts bei ihm heißen,“ wiederholte Herr Willet, ſeine Perücke mit dem Aer⸗ mel ausbürſtend und innerlich entſchloſſen, für die Beſchmutzung dieſes Anzugsartikels die verſchiedenen Poſten in ſeines Gaſtes Rechnung etwas zu erhöhen, ner ſpringt faſt zu jedem Fenſter des Hauſes hinaus. Es gab wohl nie einen Kerl, der ſolche Sätze machen kann, und doch nimmt er dabei nie Schaden. Meiner Anſicht nach rührt dieß faſt ganz von dem Umſtande her, daß er keine Einbildungskraft hat; und wenn man ihm Einbildungskraft hineinbläuen könnte(was aber nicht möglich iſt), ſo wäre er nimmer im Stande, etwas der Art auszuführen. Aber wir haben von meinem Sohne geſprochen, Sir.“ „Richtig, Willet, richtig,“ ſagte der Gaſt, indem er ſich mit ſeinem gewohnten heitern Geſicht gegen den Wirth wandte,„was iſt mit ihm, mein guter Freund?“ Man hat wiſſen wollen, daß Herr Willet vor⸗ läufig blinzelte, ehe er eine Antwort gab. Da man ihm aber nicht nachſagen kann, daß er ſich je zuvor. oder nachher ein derartiges leichtfertiges Betragen habe zu Schulden kommen laſſen, ſo darf man dieſe Angabe wohl als eine boshafte Erfindung ſeiner Feinde betrachten, die ſich vielleicht auf den unbeſtrit⸗ 459 tenen Umſtand gründete, daß er den dritten Rockknopf ſeines Gaſtes faßte, von da an bis zu dem Kinn aufwärts zählte und ihm die Antwort in's Ohr flüſterte. „Sir,“ ſagte John mit Würde,„ich kenne meine Schuldigkeit. Wir brauchen hier von keinen Liebes⸗ händeln Etwas, Sir, von denen die Aeltern nichts wiſſen ſollen. Ich reſpektire einen jungen Gentleman, ſo weit ich ihn im Lichte eines jungen Gentlemans nehme, und reſpektire eine junge Dame, ſofern ſie mir im Lichte einer jungen Dame erſcheint; aber was die Beiden als ein Paar anbelangt, ſo will ich hier durchaus nichts davon wiſſen. Mein Sohn, Sir, iſt auf ſeiner Patrolle.“ „Ich meinte aber doch, ich hätte ihn eben erſt aus dem Eckfenſter ſchauen ſehen,“ entgegnete Herr Cheſter, welcher natürlich glaubte, unter„auf der Pa⸗ trolle ſeyn,“ wäre ein Hin⸗ und Herſtreifen zu verſtehen. „Das fehlt gar nicht,“ erwiederte John.„Er hat mir ſeine Ehrenpatrolle gegeben, das Haus nicht zu verlaſſen. Ich und einige von meinen Freunden, die Abends im Maibaum einſprechen, Sir, haben dieß für das Beſte gehalten, was man mit ihm an⸗ fangen kann, um ihn zu verhindern, daß er nicht etwas Unangenehmes begeht, was unſeren Wünſchen zuwider iſt. Und außerdem, Sir, ſoll er mir eine hübſche Zeit warten, bis er ſeiner Patrolle ledig iſt— das kann ich Euch ſagen.“ Nachdem er ſeinem Gaſt dieſe großartige Idee 460 mitgetheilt hatte, die aus dem Umſtande entſprungen war, daß die Dorfgevatter unter Anderem in einer Zeitung geleſen hatten, wie irgend ein Officier, über den ein Kriegsgericht gehalten werden ſollte, auf Parole der Bewachung überhoben worden war, zog ſich Herr Willet von Herrn Cheſters Ohr zurück, wobei er dreimal ganz vernehmlich kicherte, ohne daß jedoch eine beſondere Veränderung in ſeinen Zügen bemerk⸗ lich geweſen wäre. Dieſe bedeutendſte Annäherung an ein Gelächter, der er ſich je hingegeben hatte(und etwas Solches kam nur ſelten und bei ganz außer⸗ ordentlichen Anläſſen vor), kräuſelte nicht einmal ſeine Lippen, geſchweige denn, daß es einen ſonſtigen Wech⸗ ſel in ſeinem Geſichte hervorgebracht hätte— nicht einmal ein leichtes Wackeln mit ſeinem großen, fetten Doppelkinn, das bei ſolchen, die bei allen anderen Gelegenheiten, eine vollkommene Wüſte in der breiten Landkarte ſeines Geſichts verblieb— eine wandelloſe, ſchreckliche, öde Leere. Damit es Niemand Wunder nehme, daß hier Willet ein ſo kühnes Verfahren in Oppoſition zu einem Mann einſchlagen mochte, den er ſo oft beher⸗ bergt, und der bei ſeinen Gängen nach dem Maibaum ſtets wacker bezahlt hatte, ſo mag hier bemerkt ſeyn, daß der Grund in dem durchdringenden Geiſte und der Schlauheit des Gaſtwirths lag, und dieß veran⸗ laßte ihn auch, ſich den eben erwähnten ungewöhn⸗ lichen Ausbrüchen von Heiterkeit hinzugeben. Er hatte nämlich Vater und Sohn ſorgfältig im Geiſte N E Q N 8 461 abgewogen und war dabei zu dem entſchiedenen Schluß gekommen, daß der alte Herr zu einem weit beſſern Kundenſchlag gehöre, als der junge. Legte er dazu noch ſeinen Grundherrn in die Schaale, die ohnehin unter dieſer Erwägung ſchwer genug zog, und fügte er dieſem Gewichte noch ſeinen eigenen lebhaften Wunſch, dem unglücklichen Joe in den Weg zu treten, und ſeine grundſatzmäßige Abneigung gegen alle Arten von Liebeshändel und Heirathsangelegen⸗ heiten bei, ſo mußte ſich dieſe Schaale natürlich ſtraks zu Boden neigen und die leichte Sache des jüngeren Herrn bis an die Decke hinauf ſchleudern. Herr Cheſter war nicht der Mann, dem Willet's Beweg⸗ gründe entgehen konnten; demungeachtet dankte er ihm aber ſo gnädig, als wäre derſelbe der uneigen⸗ nützigſte Märtyrer geweſen, der je auf Erden glänzte. Dann beſtellte er ſich ein Mittageſſen, hinſichtlich deſſen er ſich mit vielen Komplimenten ganz auf den hohen Geſchmack und das Urtheil ſei⸗ nes Wirthes verließ, der wohl wiſſen müſſe, was ſich für die Gelegenheit paſſe, und lenkte ſeine Schritte dem Kaninchenhag zu. In einem ungewöhnlich eleganten Anzuge, mit einer Grazie, die ihm, obgleich ſie das Reſultat eines langen Studiums war, doch ſehr leicht und gut ließ, ſeinen Zügen den heiterſten und gewinnendſten Aus⸗ druck verleihend— kurz, mit jener pünktlichen Auf⸗ merkſamkeit auf ſich ſelbſt, welche bekundete, daß er kein kleines Gewicht auf den Eindruck legte, den er 46² zu machen im Begriffe war— betrat er den Bereich von Miß Haredale's gewönlichem Spaziergang. Er war noch nicht weit gegangen und hatte ſich noch nicht lange umgeſehen, als er eine weibliche Geſtalt auf ſich zukommen ſah. Ein Blick nach derſelben und ihr Anzug, als ſie eben über eine kleine hölzerne Brücke ging, die zwiſchen ihnen lag, überzeugten ihn, daß er gefunden hatte, was er wünſchte. Er ſtellte ſich in ihren Weg, und nach wenigen Schritten waren ſie dicht bei einander. Herr Cheſter lüpfte den Hut, trat aus dem Pfade und ließ ſie an ſich vorbeigehen. Dann, als wäre ihm der Gedanke erſt in dieſem Augenblick ein⸗ gefallen, wandte er ſich haſtig um und ſprach mit bewegter Stimme: „Ich bitte um Verzeihung— habe ich die Ehre, Miß Haredale vor mir zu ſehen?“ Sie machte in einiger Verwirrung über dieſe unerwartete Anrede eines Fremden Halt und antwor⸗ tete bejahend. „Mein Inneres ſagte mir,“ fuhr er fort, indem er ihrer Schönheit durch Blicke ſein Kompliment machte,„daß es Niemand anders ſeyn könnte. Miß Haredale, ich führe einen Namen, der Euch nicht unbekannt iſt und der— mit Stolz und doch zugleich mit Schmerz bin ich mir deſſen bewußt— angenehm in Euren Ohren klingt. Ihr ſeht, ich bin ein im Alter vorgerückter Mann, bin der Vater deſſen, den Ihr vor allen andern Männern ehrt und auszeich⸗ —* ᷣ 463 net. Darf ich um wichtiger Gründe willen, die meine Seele mit Kummer erfüllen, für eine kleine Weile um Gehör bitten?“ Welches offene, in Argliſt unerfahrene, jugend⸗ liche Herz hätte die Aufrichtigkeit dieſes Mannes be⸗ zweifeln können— um ſo mehr, da ſeine Stimme wie das ſchwache Echo einer wohlbekannten klang, der ſie ſo gerne lauſchte? Sie verneigte ihr Haupt, blieb ſtehen und ſenkte die Blicke zu Boden. „Ein Bischen mehr bei Seite— unter dieſen Bäumen. Es iſt die Hand eines alten Mannes, Miß Haredale, aber glaubt mir, eines ehrlichen.“ Sie reichte ihm nach dieſen Worten die ihrige und ließ ſich von ihm nach einem benachbarten Sitze führen. „Ihr erſchreckt mich, Sir,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme.„Hoffentlich ſeyd Ihr doch nicht der Bote übler Neuigkeiten?“ „Wenigſtens nicht deſſen, was Ihr befürchten mögt,“ antwortete er, indem er ſich an ihrer Seite niederließ.„Edward iſt wohl— ganz wohl. Von ihm will ich allerdings ſprechen, aber ich habe kein Unglück zu berichten.“ Sie verneigte abermals das Haupt und ſchien ihn ſtumm zu bitten, fortzufahren. „Ich fühle wohl, daß ich, indem ich Euch an⸗ rede, im Nachtheil bin, theure Miß Haredale; glaubt mir, daß ich die Gefühle meiner jüngern Tage nicht ſo ganz vergeſſen habe, um nicht zu wiſſen, daß Ihr 464 nicht ſehr geneigt ſeyn könnt, mich mit günſtigen Augen zu betrachten. Ihr habt mich ſchildern hören als einen kaltherzigen, berechnenden, ſelbſtſüchtigen—“ „Nie, Sir“— unterbrach ſie ihn mit ganz ge⸗ ändertem Weſen und feſterer Stimme—„nie habe ich von Euch in harten oder unehrerbietigen Aus⸗ drücken ſprechen hören. Ihr thut Edward's Charak⸗ ter ſchwer Unrecht, wenn Ihr ihm eine ſo gemeine oder niedrige Geſinnung zutraut.“ „Verzeiht, meine ſüße, junge Dame, aber Euer Onkel—“ „Und eben ſo wenig liegt es im Charakter mei⸗ nes Onkels,“ verſetzte ſie, indem ein höheres Roth ihre Wangen überflog,„Es widerſtrebt ſeinem We⸗ ſen, Dolchſtiche im Finſtern zu führen, und eben ſo ſehr dem meinigen, daran Gefallen zu finden.“ Mit dieſen Worten ſtand ſie auf und war im Begriffe, ihn zu verlaſſen. Er hielt ſie jedoch mit ſanfter Hand zurück und bat ſie in dem überredend⸗ ſten Tone, ihn noch eine Minute anzuhören, wozu ſie leicht zu vermögen war; ſie ſetzte ſich daher wie⸗ der nieder. „Und dieſes freimüthige, großartige und edle Weſen,“ ſagte Herr Cheſter aufwärts blickend und die Luft anredend,„kannſt du ſo leichtfertig verwun⸗ den! Schande— Schande über dich, Knabe!“ Sie wandte ſich raſch, mit einem Blicke der Ver⸗ achtung aus den leuchtenden Augen, gegen ihn hin. Es glänzten Thränen an Herrn Cheſter's Wimpern; aber —— ————,— 8A 3 46⁵ er wiſchte ſie haſtig weg, als wolle er dieſe Schwäche verbergen, und betrachtete ſie mit dem gemiſchten Blicke der Bewunderung und des Mitleids. „Ich habe bisher nie geglaubt,“ fuhr er fort, „daß die leichtfertigen Handlungen eines jungen Men⸗ ſchen mir je ſo zu Herzen gehen könnten, wie die meines Sohnes. Und erſt jetzt lerne ich eigentlich den Werth eines weiblichen Herzens kennen, das Knaben ſo leicht gewinnen und leicht wieder hinſchleu⸗ dern. Seyd verſichert, Fräulein, daß ich bisher nie Euren Werth kannte; und obgleich mein Abſcheu vor Argliſt mich antrieb, Euch außzuſuchen, wie ich es auch eben ſo gehalten haben würde gegen die Aermſte und Unbegabteſte Cures Geſchlechtes, ſo hatte mich doch der Muth verlaſſen, um dieſe Zuſammenkunft zu bethätigen, wenn mir meine Phantaſie Euch hätte ausmalen fönnen, wie Ihr wirklich ſeyd.“ Ach! wenn doch Frau Varden dieſen tugendhaf⸗ ten Gentleman hätte ſehen können, wie ihm bei die⸗ ſen Worten die Augen vor Entrüſtung leuchteten! Hätte ſie doch ſeine gebrochene, bebende Stimme hören und ihn ſchauen können, wie er mit entblöß⸗ tem Haupte im Lichte der Sonne da ſtand und mit ungewohnter Kraft ſeine Beredſamkeit entſtrömen ließ. Emma ſah ihn mit ſtolzer Miene, aber doch blaß und zitternd an, ohne jedoch eine Sylbe zu ſprechen oder auch nur ſich zu rühren. Sie faßte ihn in’'s Auge, als wollte ſie in das Innerſte ſeines Herzens dringen. Boz. XVI. Barnaby Rudge. 30 „Ich entſchlage mich allen Zwanges,“ ſagte Herr Cheſter,„den natürliche Zuneigung anderen Menſchen auflegen würde, und zerreiſſe alle Bande, die der Wahrheit und des Pflichtgefühls ausgenommen. Miß Haredale, Ihr ſeyd betrogen— hintergangen von Eurem unwürdigen Liebhaber— und leider auch mei⸗ nem unwürdigen Sohne.“ Sie ſah ihn noch immer feſt an, ohne ein Wort zu ſprechen. „Ich habe mich immer ſeinen Liebesbetheuerun⸗ gen gegen Euch in den Weg geſtellt; Ihr werdet mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, theuere Miß Haredale, Euch deſſen zu erinnern. Euer Onkel und ich, wir haben uns in früherer Zeit verfeindet, und wäre mein Sinn nach Rache geſtanden, ſo hätte ich ſie hier finden können. Doch mit dem Alter wird man weiſer— vielleicht auch beſſer, wie ich hoffe— und von Anfang an bin ich ſeinen Bewerbungen in den Weg getreten. Ich ſah das Ende voraus, und hätte es Euch wohl erſparen mögen, wenn es mir möglich geweſen wäre.“ „Sprecht unumwunden, Sir,“ ſtotterte ſie.„Ent⸗ weder täuſcht Ihr mich, oder ſeyd Ihr ſelbſt getäuſcht. Ich glaube Euch nicht— kann— darf Euch nicht glauben.“ „Zuvörderſt,“ ſagte Herr Cheſter beſchwichtigend, —„denn vielleicht liegt in Eurem Herzen ein Ver⸗ druß verborgen, von dem ich keinen Nutzen ziehen moͤchte— bitte ich Euch, dieſen Brief zu nehmen. 467 Er kam zufällig oder aus Verſehen in meine Hände und ſollte, wie ich höre, meinen Sohn wegen Nicht⸗ beantwortung eines Schreibens vor Euch rechtferti⸗ gen. Gott verhüte, Miß Haredale,“ ſagte der edle Mann in großer Bewegung,„daß in Eurem zarten Herzen ein grundloſer Anlaß, mit ihm zu grollen, Platz greifen ſollte. Ihr müßt wiſſen und werdet auch hieraus erſehen, daß in dieſer Hinſicht die Schuld nicht an ihm lag.“ Herr Haredale erſchien bei dieſem Anlaſſe ſo gar aufrichtig, ſo gewiſſenhaft ehrlich, ſo ganz wahrheits⸗ liebend und gerecht, überhaupt ſo glaubwürdig, daß Emma zum erſtenmal der Muth entſank. Sie wandte ſich ab und brach in Thränen aus. „Ich wollte,“ fuhr Herr Cheſter fort, indem er ſich uber ſie beugte und in ſanftem, eigentlich ehrer⸗ bietigem Tone ſprach;„ich wollte, mein theures Fräulein, daß ich die Aufgabe hätte, ſolche Merkmale Eures Schmerzes zu verbannen, nicht ſie zu ver⸗ größern. Mein Sohn, mein irrender Sohn— ich will ihn nicht einer überlegten verbrecheriſchen Hand⸗ lung bezüchtigen, denn ein junger Menſch, wenn er ſchon zwei⸗ oder dreimal unbeſtändig geweſen iſt, handelt ohne Vorbedacht und kennt kaum das Un⸗ recht, das er thut— wird die Euch geſchworene Treue brechen— ja, hat ſie ſogar jetzt ſchon ge⸗ brochen. Soll ich hier, nachdem ich Euch dieſe War⸗ nung gegeben, inne halten und der Sache ihren Lauf laſſen, oder ſoll ich fortfahren?“ 30* 468 „Fahrt fort, Sir,“ antwortete ſie,„und ſprecht Euch deutlicher aus. Laßt uns Beiden, mir und ihm, Gerechtigkeit widerfahren.“ „Mein theures Fräulein,“ ſagte Herr Cheſter, ſich noch zärtlicher über ſie niederbeugend,„das ich ſo gerne meine Tochter nennen möchte, wenn es das Geſchick nicht anders wollte— Edward ſucht unter einem falſchen und durchaus nicht zu rechtfertigenden Vorwande mit Euch zu brechen. Er hat mir's ſelbſt, eigenhändig geſchrieben, gezeigt. Vergebt mir, wenn ich auf ſein Treiben Acht hatte. Ich bin ſein Va⸗ ter, und da mir der Friede Eures Herzens und ſeine Ehre theuer ſind, ſo blieb mir keine andere Zuflucht. In dieſem Augenblicke liegt ein Brief auf ſeinem Pulte, der an Euch abgehen ſoll— ein Brief, in welchem er Euch ſagt, daß unſere Armuth— unſere Armuth, die ſeinige und die meinige, Miß Haredale — ihm verbiete, ſeine Anſprüche an Eure Hand zu verfolgen; in welchem er ſich freiwillig erbietet, Euch Eure Zuſage zurückzugeben, und(wie es die Män⸗ ner gemeiniglich in ſolchen Fällen halten) großmü⸗ thig davon ſpricht, er werde mit der Zeit Eurer Ach⸗ tung würdiger ſeyn— und dergleichen. Offen ge⸗ ſprochen— ein Brief, worin er Euch nur zum Beſten hat— entſchuldigt dieſes Wort; ich möchte, daß Euch Euer Stolz und Euer Selbſtgefühl zu Hüͤlfe käme— und ich fürchte, nicht nur zum Beſten hat zu Gunſten der Perſon, deren geringſchätzige Behandlung ihm zuerſt die kurze Leidenſchaft für 469 Euch einflößte, welche eigentlich nur in verletzter Ei⸗ telkeit ihren Grund hat, ſondern ſich noch obendrein dieſe Handlung als Verdienſt und Tugend anrech⸗ nen will.“ Sie ſah ihn, wie von einem unwillkürlichen Im⸗ pulſe geleitet, noch einmal ſtolz an und erwiederte dann aus ſchwellender Bruſt: „Wenn das, was Ihr ſagt, wahr iſt, ſo gibt er ſich viele unnöthige Mühe, Sir, ſeinen Plan aus⸗ zuführen. Er geht ſehr zart mit meinem Seelen⸗ frieden um. Ich muß es ihm recht Dank wiſſen.“ „Die Wahrheit deſſen, was ich Euch mittheile, theures Fräulein,“ verſetzte er,„wird am Beſten daraus erhellen, ob Ihr den genannten Brief erhal⸗ tet, oder nicht.— Haredale, mein theurer Freund, ich bin ganz entzückt, Euch zu ſehen, obgleich wir uns unter ſonderbaren Umſtänden und wegen eines ſchmerzlichen Anlaſſes treffen. Ich hoffe, Ihr befindet Euch wohl!“ Mit dieſen Worten erhob die junge Dame ihre thränenſchweren Augen, und da ſie in der That ihren Onkel in der Nähe ſtehen ſah, aber durchaus un⸗ fähig war, nur noch ein Wort weiter anzuhören oder zu ſprechen, ſo entfernte ſie ſich haſtig und ließ die Beiden allein. Dieſe blickten einander gegenſeitig an, ſchauten der entweichenden Geſtalt nach und ſprachen geraume Zeit keine Sylbe. „Erklärt mir, was ſoll das heißen?“ fragte 470 Herr Haredale endlich.„Warum ſeyd Ihr hier, und was habt Ihr mit ihr zu ſchaffen?“ „Mein theurer Freund,“ entgegnete der Andere, mit ungemeiner Gewandheit ſein gewohntes Weſen wieder aufnehmend und ſich mit dem Ausdrucke der Ermüdung auf die Bank ſetzend,„Ihr habt mir unlängſt geſagt— dort in jener ergötzlichen alten Schenke, von der Ihr der achtbare Eigenthümer ſeyd (und es iſt ein höchſt anziehendes Haus für Leute von laͤndlichen Sitten und kräftiger Geſundheit, die dem Schnuppen nicht unterworfen ſind)— daß ich in allen Arten von Hinterliſt den Kopf und das Herz eines böſen Geiſtes habe. Ich dachte damals— ja, ich verſichere Euch, ich dachte wirklich, Ihr ſchmei⸗ cheltet mir blos. Jetzt aber fange ich an, Eure Beobachtungsgabe zu bewundern, und glaube, von aller Eitelkeit abgeſehen, aufrichtig, daß Ihr die Wahrheit ſpracht. Habt Ihr je außerordentliche Auf⸗ richtigkeit und ehrlichen Unwillen geheuchelt? Wenn Ihr dieß nicht aus Erfahrung kennt, ſo habt Ihr keinen Begriff davon, wie eine ſolche Anſtrengung Einen erſchöpft.“ Herr Haredale muſterte ihn mit einem Blicke kalter Verachtung. „Ich weiß, Ihr möchtet gerne einer Erklärung ausweichen,“ ſagte er, ſeine Arme zuſammenſchlagend. „Aber ich muß ſie haben. Ich kann warten.“ „Nicht doch. Nicht im Geringſten, mein Guter. Ihr ſollt keinen Augenblick warten müſſen,“ ent⸗ 471 gegnete ſein Freund, indem er läſſig ſeine Beine kreuzte.„Die einfachſte Sache von der Welt. Man könnte ſie in eine Nußſchale ſperren. Ned hat ihr einen Brief geſchrieben— ein knabenhaftes, ehrliches, ſentimentales Machwerk, das zur Zeit noch auf ſeinem Pulte liegt, weil er ſich nicht ſo viel Herz faſſen konnte, es abzuſchicken. Ich habe mir die Freiheit genommen, das Schreiben zu leſen(denn meine väterliche Liebe und Sorgfalt iſt hinlänglicher Ent⸗ ſchuldigungsgrund) und den Inhalt Eurer Nichte (ein ganz hinreißendes Frauenzimmer, Haredale, ein wahres Engelsbild) mit einiger für unſern Zweck paſſenden Färbung mitgetheilt. Es iſt geſchehen. Ihr dürft ganz ruhig ſeyn—'s iſt alles vorbei. Die Anhänger und Zpiſchenträger entfernt, Stolz und Eiferſucht auf's höchſte gereizt, von keiner Seite Enttäuſchung, und Ihr ein Beſtätiger meiner An⸗ gaben— Ihr werdet finden, daß mit ihrer Antwort der Verkehr ein Ende nimmt. Wenn ſie Ned's Brief morgen Mittag erhält, ſo dürft Ihr morgen Abend auf einen Abſchied für immer zählen. Bitte, keinen Dank; Ihr habt keine Verpflichtung gegen mich. Ich handelte für mich ſelbſt, und wenn ich unſern Ver⸗ trag mit allem Eifer, den Ihr mir wünſchen konntet, förderte, ſo that ich es in der That aus eigennützigen Abſichten.“ „Ich verfluche dieſen Vertrag, wie Ihr es nennt, aus vollem Herzen und ganzer Seele,“ erwiederte der Andere.„Er wurde in ſchlimmer Stunde ge⸗ 472 ſchloſſen. Indem ich mit Euch ein Bündniß einging, habe ich mich mit der Lüge verkettet; und obgleich es in der beſten Abſicht geſchah, obgleich es mich eine Ueberwindung koſtete, die vielleicht wenige Menſchen zu würdigen wiſſen, ſo muß ich mich doch ſelbſt wegen dieſer That haſſen und verachten.“ „Ihr werdet ja ganz warm,“ ſagte Herr Cheſter mit einem ſchlaffen Lächeln. „Ich bin warm. Ich werde wahnſinnig durch Eure Kälte. Gott's Tod, Cheſter, wenn wärmeres Blut in Euren Adern ränne und nicht ein Zwang auf mir läge, der mich hielte und zurückzöge— nun es iſt geſchehen, wie Ihr ſagt, und in einer ſolchen Sache kann ich Euch Glauben ſchenken. Wenn dieſer Verrath mich mit Gewiſſensbiſſen geißelt, ſo will ich an Euch und Eure Heirath denken— will in ſolchen Erinnerungen eine Rechtfertigung dafür ſuchen, daß ich Emma und Euren Sohn um jeden Preis aus⸗ einander reißen half. Unſer Bund iſt nun zu Ende, und wir können uns trennen.“ Herr Cheſter küßte graziös ſeine Hand und ſtreckte ſich mit demſelben ruhigen Geſichte, das er die ganze Zeit über bewahrt hatte— ſelbſt als er ſeinen Gefähr⸗ ten ſo von Leidenſchaft gefoltert ſah. daß ſein ganzer Körper bebte— in nachläſſiger Haltung auf dem Sitze aus, dem ſich Entfernenden nachſchauend. „Mein Sündenbock und mein Packeſel in der Schule,“ ſagte er, den Kopf erhebend, um ihm nach⸗ 473 zublicken;„mein Freund in ſpätern Tagen, der ſeine Geliebte wohl gewann, aber nicht zu behaupten ver⸗ mochte, weil er mich ihr in den Weg warf, daß ich ihm die Beute entführen konnte— ich triumphire über dich jetzt, wie in der Vergangenheit. Belle nur zu, du garſtiger, boshafter Köder; das Glück hat ſich immer zu mir gehalten— ich höre dich gerne.“ Der Ort dieſer Zuſammenkunft war eine Allee. Herr Haredale ging geradezu in derſelben weiter. In beträchtlicher Entfernung wandte er zufällig den Kopf um, und als er ſah, daß Herr Cheſter in⸗ zwiſchen aufgeſtanden war und ihm nachſchaute, blieb er ſtehen, als erwarte er halb und halb, daß ihm derſelbe nachfolgen werde. „So weit kann es eines Tages kommen, aber jetzt nicht,“ ſagte Herr Cheſter, indem er ihm mit der Hand zuwinkte, als wären ſie die beſten Freunde, und weiter ging.„Jetzt nicht, Haredale. Das Leben hat noch hinreichend Reiz für mich, und eine Centner⸗ laſt von Oede und Sorgen für dich. Nein. Mit einem ſolchen Mann den Degen zu kreuzen— ſich in ſeine Laune zu fügen, wenn es nicht die höchſte Noth erfordert— es wäre in der That eine Schwäche.“ Demungeachtet zog er aber in ſeinem Weiter⸗ gehen den Degen, welchen er in einer Art Geiſtes⸗ abweſenheit volle zwanzigmal vom Hefte bis zur Spitze mit den Augen maß. Aber Nachdenken macht Runzeln. Dieſes Sprichworts eingedenk, ſteckte er ihn wieder ein, glättete ſeine finſtere Stirne, ſummte eine heitere Arie vor ſich hin, und war bald ganz wieder der lächelnde Weltmann. Dreißigſtes Kapitel. Ein bekanntes Sprichwort erkennt die Exiſtenz einer gewiſſen läſtigen Menſchenklaſſe an, die die ganze Hand nehmen will, wenn man ihr einen Finger bietet. Wir wollen dabei nicht auf die erlauch⸗ ten Beiſpiele jener heroiſchen Geißeln der Menſch⸗ heit hindeuten, deren liebenswürdiger Lebenspfad von ihrer Geburt an bis zum Sarge durch Blut, Feuer und Zerſtörung lief, und die zu keinem beſſern Zwecke geſchaffen zu ſeyn ſcheinen, als die Völker zu lehren, daß, wie der Mangel des Kummers und der Sorge Wohlbehagen iſt, ſo auch die von ihrem Daſeyn gereinigte Erde eine Wohnſtätte des Segens ſeyn könnte. Mit ſolchen großartigen Beiſpielen haben wir zur Zeit nichts zu thun, weßhalb wir uns ein⸗ fach auf den alten John Willet beziehen wollen. Der alte John war längſt im Beſitze eines wohl⸗ gemeſſenen Fingers von Joe's Freiheit und hatte in der Patrolle⸗Angelegenheit gar hübſch deſſen ganze 475 Hand erfaßt; dadurch wurde er aber ſo groß und despotiſch, daß ſein Eroberungsdurſt keine Grenzen mehr kannte. Je mehr ſich der gute Joe fügte, deſto abſoluter wurde der alte John. Die Hand war bald gar nichts mehr, denn er griff weiter und weiter nach den übrigen Gliedmaßen, beſchnitt in möglichſt vergnüglicher Weiſe das einemal hier einen Auswuchs, nahm das anderemal dort eine Freiheit im Reden oder Handeln unter die Scheere, und benahm ſich überhaupt in ſeinem kleinen Wirkungskreiſe mit ſolcher Machtvollkommenheit und Majeſtät, wie nur der glorreichſte Tyrann alter oder neuer Zeit, dem an öffentlicher Straße eine Denkſäule errichtet wurde. Wie große Männer durch ihre Schmeichler und Höflinge zum Mißbrauch ihrer Macht gedrängt werden (wenn anders ein Drängen nöthig iſt, was übrigens nicht oft der Fall ſeyn wird), ſo ließ ſich auch der alte John zu Ausübung ſeines Anſehens durch den Beifall und die Bewunderung ſeiner Maibaumſtammgäſte ſtacheln, welche in den Zwiſchenräumen, welche ihnen die Abendpfeife und der Abendkrug ließen, bedächtig ihre Köpfe ſchüttelten und zu ſagen pflegten, Herr Willet ſey noch ein Vater von ächtem altengliſchem Schlage, der keine Spur von den neuerfundenen Ideen oder dem neumodiſchen Zeug an ſich habe, ſondern ſie ganz an ihre eigenen Väter gemahne, als ſie ſelbſt noch Knaben geweſen, und daß er überhaupt gar nicht irren könne, wie es denn auch gut wäre, wenn es mehr ſeines Gleichen im Lande gäbe, was 476 aber leider nicht der Fall ſey, nebſt vielen andern derartigen originellen Bemerkungen. Dann gaben ſie auch Joe herablaſſend zu verſtehen, daß Alles nur zu ſeinem Beſten geſchehe und er eines Tages noch dankbar dafür ſeyn werde; und insbeſondere pflegte ihm Herr Cobb zu vertrauen, daß ihn ſein Vater, als er ſelbſt noch in Joe's Alter geweſen, eben ſo gut mit Fußtritten, Ohrfeigen, Kopfnüſſen oder ähnlichen kleinen Ermahnungen regalirt habe, als ob dieß zu ſeinen übrigen gewöhnlichen Pflichten und Lebensauf⸗ gaben gehörte; dabei konnte er mit ungemein be⸗ deutungsvollen Blicken die Bemerkung machen, er verdanke es nur dieſer vernünftigen Erziehung, daß er der Mann geworden ſey, als welchen er ſich ge⸗ genwärtig ausſpreche, was allerdings genug Wahr⸗ ſcheinlichkeit für ſich hatte, da er ohne Frage der dummſte Tropf in der ganzen Geſellſchaft war. Kurz, nie wurde ein junger unglücklicher Burſche ſo miß⸗ handelt, gehetzt, gequält, gebiſſen und gewaſchen — ſo unabläßig bedrängt und lebensüberdrüſſig ge⸗ macht, als der arme Joe Willet unter der liebe⸗ vollen Behandlung des alten John und den Ein⸗ flüſterungen von deſſen wohlmeinenden Freunden. Dieß war einmal der anerkannte und unum⸗ ſtößliche Stand der Dinge. Da jedoch John ein brennendes Verlangen trug, mit ſeiner Beharrlichkeit vor Herrn Cheſters Augen zu prunken, ſo übertraf er an dieſem Tage eigentlich ſich ſelbſt, indem er ſeinen Sohn und Erben in einer Weiſe ſtachelte und hetzte, 477 daß man nicht wiſſen kann, wie es ausgefallen wäre, hätte nicht Joe das feierliche Gelübde gethan, ſeine Hände in den Taſchen zu behalten, wenn ſie nicht anderweitig beſchäftigt waren. Doch auch der längſte Tag hat ein Ende, und endlich kam Herr Cheſter die Treppe herunter, um ſein Pferd zu be⸗ ſteigen, das reiſefertig vor der Thüre ſtand. Da der alte John gerade nicht um den Weg war, ſo lief Joe, der in dem Schenkſtübchen über ſein unglückliches Geſchick und die mannigfaltigen Vorzüge von Dolly Varden Betrachtungen anſtellte, hinaus, um dem Gaſte die Bügel zu halten und ihm auf's Pferd zu helfen. Herr Cheſter ſaß ſchon im Sattel, und Joe war eben im Begriffe, ihm eine anſtändige Verbeugung zu machen, als der alte John aus dem Portale ſtürzte und ſeinen Sohn am Kragen packte. „Nichts da, Musje,“ rief John,„nichts da. Keine Patrollen brechen. Wie kannſt du dich unter⸗ ſtehen, Bürſchlein, ohne Erlaubniß aus dem Hauſe zu gehen? Gedenkſt du allenfalls, dich davon zu machen und zum Verräther zu werden, he? Was ſoll das heißen, Musje?“ „Laßt mich gehen, Vater,“ ſagte Joe in bit⸗ tendem Tone, als er das ſchadenfrohe Hohnlächeln über ſeine Schmach in dem Geſichte des Gaſtes be⸗ merkte.„Das iſt doch zu arg. Wer will ſich denn davon machen?“ „Wer ſich davon machen will?“ rief John, ihn 478 rüttelnd.„Je nun, du willſt es, Bürſchlein, du. Du biſt der Knabe, Musje,“ fügte John bei, ihn mit der einen Hand immer noch am Kragen packend und mit der andern die Abſchiedsverbeugung gegen den Gaſt begleitend,„der in die Häuſer ſchleicht und Zwieſpalt zwiſchen edlen Gentlemen und ihren Söhnen anſtiftet— oder nicht, he? Halt dein Maul, Burſche!“ Joe verſuchte keine Erwiederung. Dieſer Vor⸗ gang hatte ſeiner Entehrung die Krone aufgeſetzt. Er entwand ſich dem Griffe ſeines Vaters, ſchoß einen Zornblick auf den ſcheidenden Gaſt und kehrte in’s Haus zurück. „Wäre es nicht um ihretwillen,“ dachte Joe, als er in der Gaſtſtube die Arme auf den Tiſch⸗ legte und ſeinen Kopf darauf ſtützte,„wäre es nicht wegen Dolly, von der ich es nicht ertragen köͤnnte, wenn ſie mich für den Schuft hielte, den man aus mir machen würde, wenn ich davon liefe, ſo ſagt ich heute Nacht noch dieſem Hauſe Valet.“ Da es bereits Abend war, ſo befanden ſich Solvmon Daiſy, Tom Cobb und der lange Parkes gleichfalls in der Gaſtſtube und waren vom Fenſter aus Zeugen des eben genannten Auftritts geweſen. Herr Willet kam bald nachher gleichfalls herein, nahm die Complimente der Geſellſchaft mit großer Faßung entgegen, zündete ſeine Pfeife an und ſetzte ſich in ihre Mitte. „Wir wollen einmal ſehen, meine Herren,“ 479 ſagte John nach einer langen Pauſe,„wer hier im Hauſe Herr iſt, und wer nicht. Wir wollen ſehen, ob die Männer ſich von den Knaben beherrſchen laſſen müſſen, oder ob es dem Manne zuſteht, die Oberherrlichkeit über die Knaben zu führen.“ „Da habt Ihr obendrein ganz recht,“ fügte Solomon Daiſy mit einem gutheißenden Kopfnicken bei;„ganz recht, Johnny, ſehr gut, Johnny. Wohl⸗ geſprochen, Herr Willet. Bravo, Sir.“ John erhob langſam ſeine Augen nach ihm, ſah ihn eine geraume Weile an und gab ſchließlich zur unausſprechlichen Beſtürzung ſeiner Zuhörer fol⸗ gende Antwort: „Wenn ich Ermuthigung von Euch brauche, ſo will ich ſie Euch ſchon abverlangen. Vor der Hand brauche ich ſie aber nicht, Sir. Ich kann hoffentlich ohne Euch fertig werden. Ich muß bitten, Sir, daß man mir nicht in's Geſchirr greift.“ „Wer wird auch gleich alles übel nehmen, Johnny; ich meinte es nicht böſe,“ entſchuldigte ſich der Kleine. „Sehr wohl, Sir,“ entgegnete John, der nach ſeiner letzten Großthat ungewöhnlich hartnäckig ge⸗ worden war.„Gleichviel, Sir. Ich kann ſchon für mich ſelbſt feſt genug auftreten, Sir, glaube ich, ohne daß Ihr mich zu unterſtützen nöthig hättet.“ Nachdem ſich Herr Willet alſo hatte vernehmen laſſen, heftete er ſeine Augen auf den Keſſel und verſiel in eine Art von Rauchverzückung. 480 Die Heiterkeit der Geſellſchaft war durch dieſes unangenehme Benehmen von Seite ihres Wirths einigermaßen gedämpft, ſo daß einige Zeit kein lautes Wort geſprochen wurde. Endlich aber ſtand Herr Cobb auf, um die Aſche aus ſeiner Pfeife zu klopfen, und wagte die Bemerkung zu machen, er hoffe, daß Joe hinfort ſeinem Vater in allen Stücken gehorchen lerne; er(Joe) habe heute gefunden, daß die⸗ ſer nicht zu dem Leuteſchlage gehöre, die mit ſich ſpa⸗ ßen laſſe, und er(Cobb) wolle ihm, poetiſch geſprochen, empfehlen, fürderhin auf den Wink des väterlichen Auges zu gehen. „Und ich möchte Euch dagegen empfehlen, nicht mit mir zu ſprechen,“ erwiederte Joe, mit einem blutrothen Geſichte aufblickend. „Halt dein Maul, Musje,“ rief Herr Willet, ſich aufraffend und nach ihm umſehend. „Ich mag nicht, Vater,“ rief Joe, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend, ſo daß Gläſer und Krüge erdröhnten;„es iſt hart genug, daß ich mir 4 ſolche Dinge von Euch gefallen laſſen muß. Aber von Jemand Anders ertrage ich es durchaus nicht mehr. Ich ſage Euch daher, Herr Cobb, Ihr redet nicht mehr mit mir.“ „Ei, wer biſt denn du,“ ſagte Herr Cobb höhnend,„daß man nicht mit dir reden ſoll— he, Joe?“ Joe gab hierauf keine Antwort, ſondern nahm mit einem Unheil verkündenden Kopfſchutteln ſeine 2 8S e—— —₰4 — 481 alte Stellung wieder auf, in welcher er bis zum Hausſchluß friedlich verharrt haben würde, wenn nicht Herr Cobb, geſtachelt durch die Verwunderung der Geſellſchaft über die Anmaßung des jungen Menſchen mit unterſchiedlichen Hohnreden, die freilich zu ſtark waren, als daß ſie Fleiſch und Blut hätte ertragen können, fortgemacht haben würde. Den Groll und Aerger vieler Jahre in einem Moment zuſammendrängend, ſtand Ioe auf, warf den Tiſch um, fiel über ſeinen langen Feind her, ſchlug mit aller Macht auf ihn los und endigte den Kampf damit, daß er ihn mit überraſchender Schnelligkeit in eine Ecke gegen einen Haufen Spucknäpfe trieb, in welche ſein Feind mit einem furchtbaren Krachen köpflings hineinſtürzte, ſo daß er ſeiner vollen Länge nach betäubt und regungslos unter den Trümmern liegen blieb. Dann zog ſich Joe, ohne die Compli⸗ mente der Zuſchauer über dieſen erfochtenen Sieg abzuwarten, nach ſeinem Schlafgemach, deſſen Thüre er mit allem tragbaren Möbelwerk verbarrikadirte, weil er ſich in Belagerungsſtand verſetzt wähnte. „Endlich iſt es geſchehen,“ ſagte Joe,“ indem er ſich auf ſein Bette ſetzte und das glühende Ge⸗ ſicht abwiſchte.„Ich wußte es ja, daß es noch ſo weit kommen mußte. Jetzt iſt der Maibaum keine Stätte mehr für mich. Ich bin ein unſteter Land⸗ ſtreicher— ſie haßt mich für immer— es iſt Alles vorbei!“ Boz. XVI. Barnaby Rudge. 31 482 Einunddreißigſtes Kapitel. Ueber ſein unglückliches Loos nachdenkend, ſaß Joe eine Zeitlang horchend da und erwartete jeden Augenblick knarrende Fußtritte auf der Treppe zu hören, oder von Seite ſeines würdigen Vaters mit der Aufforderung begrüßt zu werden, ohne alle Be⸗ dingungen zu kapituliren und ſich auf der Stelle zu ergeben. Aber da war weder Stimme, noch Fuß⸗ tritt zu vernehmen, und obgleich hin und wieder ein fernes Echo, wie wenn man Thüren zuſchlüge und Leute in den Stuben aus⸗ und eingingen, durch die weiten Gänge ſchallte und bis in ſein abgeſchie⸗ denes Kämmerchen drang, ſo wurde doch unten keine ungewöhnliche Bewegung laut, und kein näherer Ton ſtörte ihn in ſeinem Schlupfwinkel, der durch das ferne Geräuſch nur noch ruhiger zu werden ſchien und ganz ſo öde und düſter war, wie eine Einſiedlerzelle. Es wurde dunkler und dunkler. Die altmodi⸗ ſchen Möbel ſeines Gemaches, das eine Art von Spital für alle invaliden, beweglichen Geräthe des Hauſes war, wurden unbeſtimmt und ſchattenhaft in ihren mannigfaltigen Formen. Stühle und Tiſche, die bei Tag wie ſo ehrliche Krüppel ausſahen, als ſie nur ſeyn konnten, nahmen einen zweifelhaften, geheimnißvollen Charakter an, und eine alte, aus⸗ ———„— 8—„——— —— + η — ̈— au——— N 483 ſätzige ſpaniſche Wand von verſchoßenem indiſchem Leder mit Goldſäumen, die in früheren Tagen man⸗ chen kalten Luftzug abgehalten und manches fröhliche Geſicht eingeſchloſſen hatte, ſchaute mit geiſterhaftem Stirnerunzeln auf Joe nieder und ſtand in ihrer vollen Höhe in der ihr zugedachten Ecke, wie irgend ein hageres Geſpenſt, das nur angeredet zu werden erwartet. Ein Portrait dem Fenſter gegenüber— ein wunderlicher, alter, grauäugiger Genueral in einem eirunden Rahmen— ſchien zu blinzeln und mit dem hinſchwindenden Lichte einzunicken, bis es endlich mit dem vollen Einbruche der Nacht ſeine Augen in gutem Ernſte ſchloß und in einen geſunden Schlaf verfiel. Es herrſchte über dem Ganzen ein ſo geheimnißvolles, ſcheues Schweigen, daß Joe ſich nicht entbrechen konnte, dem allgemeinen Beiſpiele zu folgen; er ſchlummerte daher gleichermaßen ein und träumte von Dolly, bis die Uhr auf dem Chig⸗ weller Kirchthurm Zwei ſchlug. Noch immer erſchien Niemand. Die fernen, lärmenden Töne im Hauſe hatten aufgehört, und auch draußen war Alles ruhig— etwa das gele⸗ gentliche dumpfe Bellen eines Hundes und das Rauſchen der Zweige im Nachtwinde ausgenommen. Er ſchaute traurig aus dem Fenſter auf jeden wohl⸗ bekannten Gegenſtand, wie Alles ſo im Dämmer⸗ lichte des Mondes ſchlafend da lag, huſchte wieder nach ſeinem früheren Sitz zurück und rief ſich ſeinen kürzlichen Streit in's Gedächtniß, über den er ſo 31* 484 lange nachdachte, daß es ihm ſchien, er habe ſchon vor einem Monat ſtattgefunden. So entſchwand ihm zwiſchen Schlummern, Nachdenken, Auf⸗ und Abgehen und Zumfenſterhinausſchauen die Racht. Die grimmige, alte ſpaniſche Wand und die Tiſch⸗ und Stühleſippſchaft begannen langſam ihre ge⸗ wohnten Geſtalten zu entwickeln; der grauäugige General ſchien zu blinzeln, zu gähnen und ſich auf⸗ zuraffen, und endlich wachte er wieder hell auf, ſah aber jetzt ſehr unbehaglich, kalt und hager in dem trüben, grauen Lichte der Dämmerung aus. Die Sonne ſäumte bereits die Baumſpitzen des Waldes und kreuzte den wirbelnden Nebel mit glän⸗ zenden Goldſtreifen, als Ive von ſeinem Fenſter aus ein kleines Bündel und ſeinen treuen Stock auf den Boden hinunterwarf und ſich anſchickte, gleichfalls hinabzuſteigen. Dieß war kein ſehr ſchwieriges Geſchäft; denn es gab da ſo viele Vorſprünge und Giebelenden, daß ſie eine Reihe plumper Treppen bildeten, wobei das größte Hinderniß darin beſtand, daß man zuletzt einen Sprung von etlichen Fußen wagen mußte. Joe ſtand bald, mit ſeinem Stocke und das Bündel auf der Schulter, auf feſtem Grunde und ſah an dem alten Maibaum hinauf— vielleicht zum Letztenmale. Er beehrte ihn mit keiner Anrede, denn ſo was hatte er nicht gelernt. Auch fluchte er ihm nicht, denn er hegte nur wenig Groll gegen irgend Etwas ——-— 5 52 SDͤSAͤ——,—— 485 auf Erden; und da er in dieſem Augenblicke ſogar eine zärtlichere Liebe zu ihm fühlte, als bisher je der Fall geweſen war, ſo ſprach er aus dem Grunde ſeines Herzens den Scheidewunſch aus:„Gott be⸗ hüte dich!“ und ging von hinnen. Er wanderte rüſtigen Schrittes weiter, ganz von dem großartigen Gedanken hingenommen, unter die Soldaten zu gehen, in irgend einem fremden, ſehr heißen und ſandigen Lande zu ſterben, und Gott weiß, welchen unerhörten Reichthum von Priſengeldern Dolly zu hinterlaſſen, die dann zu⸗ verläßig ſehr gerührt ſeyn mußte, wenn ſie Kunde davon erhielt. Voll ſolcher jugendlicher Geſichte, die bisweilen ſanguiniſch, bisweilen wehmüthig waren, ſtets aber nur ſie zum Hauptziele hatten, trabte er rüſtig weiter, bis der Lärm von London in ſeinen Ohren tönte und der ſchwarze Löwe vor ſeinen Blicken auftauchte. Es war erſt acht Uhr und der ſchwarze Löwe machte gewaltige Augen, als er Joe, ohne ſeine graue Mähre, mit Staub bedeckt und zu ſo früher Stunde, einherkommen ſah. Er beſtellte daſelbſt in aller Eile ein Frühſtück, und da er, als es ihm vorgeſetzt wurde, die ſicherſten Merkmale eines kräf⸗ tigen Appetits von ſich gab, ſo empfing ihn der Löwe wie gewöhnlich mit einem gaſtlichen Willkomm und behandelte ihn ganz mit jener Auszeichnung, welche er als ein regelmäßiger Kunde und als zur 486 Gewerbsfreimaurerei gehörig, mit Recht anzuſprechen hatte. Dieſer Löwe oder Gaſtwirth— denn man nannte ihn ſo als Menſch und als Thier, weil er den Künſtler, der ihm ſein Schild malte, ange⸗ wieſen hatte, in die Züge der Beſtie, welche das Wirthshaus bezeichnete, ein ſo getreues Abbild ſeines eigenen Geſichtes zu legen, als es nur immer ſeiner Geſchicklichkeit möglich wäre— dieſer Löwe alſo war ein Herr von faſt eben ſo ſchneller Faſſungsgabe und beinahe eben ſo hellem Verſtand, wie der gewaltige John ſelbſt. Demungeachtet fand aber ein Unter⸗ ſchied zwiſchen beiden ſtatt, denn während Herrn Willets außerordentlicher Scharfſinn und Geiſt ein reines Geſchenk der Natur war, hatte der Löwe ſeine derartigen Talente in keinem geringen Grade dem Biere zu danken, dem er mit ſo vielen Schlücken zuſprach, daß die meiſten ſeiner Fähigkeiten gänzlich erſäuft und weggewaſchen wurden— die einzige große Fähigkeit zum Schlafen ausgenommen, die er ſich in überraſchender Vollkommenheit bewahrte. Der knarrende Löwe über der Hausthüre war daher, wenn wir die Wahrheit ſagen wollen, ein ziemlich ſchläfriger, zahmer und ſchwacher Löwe; und da dieſe ſocialen Repräſentanten einer wilden Klaſſe ge⸗ wöhnlich einen conventionellen Charakter tragen (denn man malt ſie meiſtens in unmöglichen Stellungen und in auf der Erde nicht vorkommenden Farben), ſo meinte der unwiſſende und ununterrichtete Theil en ie ge⸗ 487 der Nachbarſchaft gar häufig, man ſähe hier das leibhaftige Portrait des Wirths, wie er bei irgend einem großen Leichenbegängniß oder zur Zeit einer Landestrauer erſchiene. „Wer iſt der lärmende Burſche in der nächſten Stube,“ fragte Joe, nachdem er ſein Frühſtück ver⸗ ſorgt und dann ſich gewaſchen und gebürſtet hatte. „Ein Werber,“ antwortete der Löwe. Joe fuhr unwillkürlich zuſammen. Hier hatte er ja gerade das, wovon er auf ſeinem ganzen Wege geträumt hatte. „Und ich wollte, er wäre anderswo, als hier,“ ſagte der Löwe.„Der Kerl macht wohl Lärm ge⸗ nug, aber verbraucht nicht viel.'S heißt da eben auch, viel Geſchrei und wenig Wolle, Herr Willet. Ich weiß, Euer Vater würde keine beſondere Freude an ſolchen Kunden haben.“ Vielleicht hatte der Löwe für alle Umſtände recht; wenn aber der alte John hätte wiſſen können, was in dieſem Augenblicke in Joe's Seele vorging, ſo hätte er vielleicht noch weniger Freude an ihnen gehabt. „Wird da für ein— für ein ſchönes Regiment geworben?“ fragte Ioe, indem er ein wenig nach dem Spiegel zurückblickte, der in dem Schenkſtüb⸗ chen hing. „Ich glaube ſo,“ verſetzte der Wirth.„Doch iſt's ſo ziemlich gleichgültig, für welches Regiment man angeworben wird. Ich habe mir ſagen laſſen, —— 488 es ſey kein großer Unterſchied zwiſchen einem ſchönen Mann und einem andern, wenn ſie einmal durch und durch geſchoſſen ſind.“ „Nicht Alle werden erſchoſſen,“ entgegnete Joe. „Nein,“ erwiederte der Löwe,„nicht Alle. Doch glaube ich, daß diejenigen, welchen es ſo ergeht— vorausgeſetzt, daß ſie gut getroffen werden— noch am beſten wegkommen.“ „Ah,“ verſetzte Joe.„Nun, Ihr kümmert Euch eben nichts um den Ruhm.“ „Um was?“ fragte der Löwe. „Um den Ruhm.“ „Nein,“ entgegnete der Löwe mit großer Gleich⸗ gültigkeit.„Ihr habt ganz Recht, Herr Willet, um den kümmere ich mich nicht. Wenn der Ruhm ein⸗ mal herkommt, einen Trunk beſtellt und zur Bezah⸗ lung eine Guinee wechſeln laſſen will, ſo ſoll er es umſonſt haben. Ich bin der Anſicht, Sir, daß die Fäuſte des Ruhms nirgends beſonders gute Geſchäfte machen werden.“ Dieſe Bemerkungen waren ganz und gar nicht tröſtlich. Joe ging hinaus, hielt an der Thüre des nächſten Zimmers und horchte. Der Werboeofftzier ſchilderte eben das Soldatenleben. Da werde an einem fort getrunken, ſagte er, die häufigen Zwiſchen⸗ räume abgerechnet, wo man auch eſſe und Liebes⸗ abenteuer beſtehe. Eine Schlacht ſey das Allerſchönſte, was man ſich auf der Welt denken könne, wenn man ——————— —— r 489 auf der Seite des Sieges ſtehe, und dieß ſey bei den Engländern ſtets der Fall. „Aber wenn man todtgeſchoſſen wird, Sir?“ fragte eine ſchüchterne Stimme aus einer Ecke. „Nun, Sir, angenommen, es wäre der Fall,“ entgegnete der Werbeoffizier,„was weiter? Euer Vaterland liebt Euch, Sir; Seine Majeſtät, König Georg der Dritte, liebt Euch; Euer Andenken iſt geachtet und verehrt; Alle Welt liebt Euch und iſt Euch dankbar; Euer Name wird der vollen Länge nach in ein Buch auf dem Kriegsminiſterium einge⸗ ſchrieben. Gott verdamme mich, meine Herren, wir müſſen Alle einmal ſterben, wie?“ Die Stimme huſtete und ſagte nichts mehr. Joe trat in das Zimmer. Eine Gruppe von einem halben Dutzend Burſchen hatte ſich in der Wirthsſtube verſammelt und hörte mit begierigen Oh⸗ ren zu. Einer von ihnen, ein Kärrner in einem Zwilchkittel, ſchien zu wanken und geneigt zu ſeyn, ſich anwerben zu laſſen. Die Uebrigen, welche indeß für ihre Perſon durchaus keine Luſt bezeugten, ſetzten ihm(wie es die Leute zu machen pflegen) zu, ſein Vorhaben auszuführen, unterſtützten die Gründe des Werbers und grinsten ſich gegenſeitig an. „Ich ſage nichts weiter, Jungen,“ ſprach der Werbeoffizier, der ein wenig abwärts ſaß und ſeinen Branntwein trank.„Aber für muthige Burſchen“ — hier warf er einen Blick auf Joe—„iſt jetzt die rechte Zeit. Ich wünſche nicht, Euch zu verlocken, 490 denn hoffentlich iſt's noch nicht ſo weit mit dem Kö⸗ nige gekommen. Wir brauchen rühriges junges Blut, nicht Milch und Waſſer, und nehmeu aus Sechſen kaum Fünfe. Rechte Leute wollen wir haben. Ich mag nicht aus der Schule ſchwatzen, aber, hole mich der Henker, wenn ich jeden Gentlemansſohn aufzäh⸗ len ſollte, der in unſerm Corps die Waffen führt, weil es ein Bischen Unwetter und kleine Zwiſtigkeiten mit ſeinen Verwandten ſetzte“— hier fiel ſein Auge abermals auf Ive, und zwar ſo gutmüthig, daß ihm Ive winkte. Er kam ſogleich heran. „Ihr ſeyd ein Gentleman, bei Gott!“ lautete ſeine erſte Bemerkung, indem er Joe auf die Schulter klopfte.„Ihr ſeyd ein verkleideter Gentleman. Ich auch. Laßt uns Freundſchaft ſchwören.“ Dieß mochte nun Joe gerade nicht, aber er wechſelte mit ihm einen Händedruck und dankte ihm für ſeine gute Meinung. „Ihr wollt Dienſte nehmen?“ fragte ſein neuer Freund.„Das ſollt Ihr auch. Ihr ſeyd ganz dafür geſchaffen— ſeyd von Natur aus Einer von den Unſrigen. Was wollt Ihr trinken?“ „Jetzt eben nichts,“ verſetzte Joe mit einem matten Lächeln.„Ich bin noch nicht ganz ſchlüſſig.“ „Ein feuriger Burſche wie Ihr, und noch nicht ſchlüſſig?“ rief der Werber.„Nun— laßt mich nur einen Ruck an der Klingel thun, und ich weiß, Ihr werdet in einer halben Minute in's Reine kommen.“ 491 „So weit habt Ihr Recht“— antwortete Joe, „denn wenn Ihr hier, wo man mich kennt, klingelt, ſo wird's mit meinem Soldatwerden im Nu ein Ende haben. Schaut mir in's Geſicht. Ihr ſeht mich — wie?“ „Freilich ſehe ich Euch,“ entgegnete der Werber mit einem Fluche,„und ein hübſcherer junger Burſche, der ſich beſſer dafür qualiſizirte, ſeinem Könige und Vaterlande zu dienen, iſt mir“— hier ſchaltete er eine etwas kräftige Betheurung ein—„nie unter die Augen gekommen.“ „Danke Euch,“ entgegnete Joe.„Ich fragte Euch nicht, um ein Compliment von Euch zu hören, aber demungeachtet danke ich Euch. Sehe ich wie ein Schleicher oder wie ein Lügner aus?“ Der Werber erwiederte mit vielen auserleſenen Betheuerungen, daß er dieß nicht finde, und wenn ſein eigener(des Werbers) Vater eine ſolche Be⸗ hauptung wagen wollte, ſo würde er dem alten Herrn mit Vergnügen den Degen durch den Leib rennen und es noch als eine verdienſtliche Handlung betrachten. Joe drückte ſeine Anerkennung aus und fuhr fort: „Ihr könnt alſo auf mich bauen und meinen Worten Glauben beimeſſen. Wahrſcheinlich werde ich mich heute Abend für Euer Regiment anwerben laſſen. Der Grund, warum ich es zur Zeit nicht thun will, iſt: weil ich mich vor heute Abend auf 492 Nichts einlaſſen mag, was ich nicht wieder unge⸗ ſchehen machen kann. Wo werde ich Euch dann finden?“ Sein Freund erwiederte etwas ungerne und nach vielem vergeblichen Drängen, das Geſchäft auf der Stelle zu bereinigen, daß er im Krummſtab zu Tower⸗Street einquartirt ſey, wo man ihn bis Mitternacht wachend und bis Morgen zum Frühſtück ſchlafend finden werde. „Und wenn ich komme— es iſt tauſendmal wahrſcheinlicher, daß es geſchieht, als nicht— wann nehmt Ihr mich aus London fort?“ fragte Ive. „Morgen früh um halb neun Uhr,“ verſetzte der Werber.„Ihr kommt in's Ausland— in eine Gegend, wo es nichts als Sonnenſchein und Beute gibt— das ſchönſte Klima von der Welt.“ ¹„Das wünſche ich gerade,“ verſetzte John, ihm die Hand drückend.„Ihr mögt mich erwarten.“ „Ihr ſeyd der rechte Mann für uns,“ rief der Werber, im Uebermaße ſeiner Bewunderung Joe's Hand in der ſeinigen feſthaltend.„Ihr ſeyd ein Burſche, der ſein Glück machen wird. Nicht, weil ich Euch beneide, oder weil ich Euch den Ruhm ſchmälern mochte, zu dem Ihr Euch erheben werdet, ſage ich Euch nur ſo viel, wäre ich ſo erzogen und unterrichtet worden, wie Ihr, ſo müßte ich jetzt bereits Obriſt ſeyn.“ „Bst, Mann!“ entgegnete Joe,„ich bin nicht ſo jung und unerfahren, um mir ſo Etwas weiß 493 machen zu laſſen. Wenn Einen der Teufel treibt, ſo muß man eben; und der Teufel, der mir auf dem Nacken ſitzt, iſt eine leere Taſche und eine un⸗ glückliche Heimath. Vor der Hand— Gott be⸗ fohlen!“ „Für König und Vaterland!“ rief der Werber, ſeine Mütze ſchwenkend. „Für Brot und Fleiſch!“ rief Joe, mit den Fingern ſchnippend. Und ſo trennten ſie ſich. Er hatte nur ſehr wenig Geld in der Taſche— in der That ſo wenig, daß ihm, nachdem er ſein Frühſtück bezahlt(denn er war zu ehrlich, und viel⸗ leicht zu ſtolz, den Credit ſeines Vaters zu benützen), nur noch ein Penny übrig blieb. Demungeachtet aber war er ſtandhaft genug, nicht auf das zértliche Drängen des Werbers einzugehen, der ihm an der Thüre mit vielen Verſicherungen ewiger Freundſchaft in den Weg trat und ihn insbeſondere erſuchte, er möge ihm den Gefallen erweiſen, nur einen Shilling als jeweilige Aushilfe von ihm anzunehmen. Joe wollte übrigens von derartigen Anerbietungen nichts wiſſen, ſondern ging, wie früher, mit Stock und Bündel weiter, entſchloſſen, den Tag ſo gut als möglich zu verbringen und im Zwielichte des Abends die Wohnung des Schloſſers zu beſuchen; denn— wenn nicht der Teufel ſein Spiel dabei hatte, ſo mußte es ihm doch glücken, der bezaubernden Dolly Varden ein Wort zum Abſchiede zu ſagen. 494 Er ging bei Islington hinaus und weiter bis Highgate, oft auf den vielen Steinen und an den Tho⸗ ren ſich niederſetzend; aber kein Glockenton hieß ihn zu⸗ rückkehren. Mit den Tagen des edlen Whittington, dieſer Blume der Kaufmannſchaft, haben die Glocken ihr Mitgefühl mit dem Menſchengeſchlecht verloren. Sie tönen nur um Geld oder bei wichtigen Staats⸗ ereigniſſen. Die Zahl der Wanderer hat ſich ver⸗ größert; Schiffe fahren aus der Themſe nach fernen Gegenden, vom Bug bis zum Stern keine andere Ladung, als ſonſt auch, führend; die Glocken bleiben ſtumm; ſie läuten nicht mehr zum Gebet oder zum ſchmerzlichen Abſchied für den Scheidenden; ſie ſind deß gewöhnt und nachgerade ganz weltlich geworden. Joe kaufte ſich eine Semmel und brachte ſo(nur mit einem kleinen Unterſchiede) ſeinen Beutel in den Zuſtand von jenes berühmten Fortunati Seckel, der, welche Bedürfniſſe ſein Eigenthümer auch haben mochte, unabänderlich nur den gleichen Betrag ent⸗ hielt. Aber in dieſen Zeiten der Wirklichkeit, wo alle Feen todt und begraben ſind, gibt es noch un⸗ geheuer viele Börſen, welche dieſelbe Eigenſchaft be⸗ ſitzen. Ihre Totalſumme läßt ſich arithmetiſch durch einen Kreis ausdrücken, und mag man ſie nun mit ſich ſelbſt addiren oder multipliciren, ſo läßt ſich das Reſultat immer leichter angeben, als bei allen andern Zahlen. Der Abend kam endlich heran. Mit dem troſt⸗ loſen Gefühle der Verlaſſenheit, das die Heimatloſen, —— 2 Sͤ 8& ☛ —— 495 und namentlich diejenigen bedrückt, die zum erſten⸗ mal allein und fremd in der Welt ſtehen, lenkte er ſeine Schritte nach dem Hauſe des Schloſſers. Er hatte ſo lang gezögert, weil er wußte, daß Frau Varden bisweilen ohne Begleitung, oder blos mit Miggs in ihrem Gefolge, eine Abendbetſtunde be⸗ ſuchte, und bei dem gegenwärtigen Anlaſſe hoffte er ſehnlichſt, dieſer Abend möchte gleichfalls einer ihrer moraliſchen Erbauungen geweiht ſeyn. Er war auf der andern Seite des Weges etlichemal vor dem Hauſe auf⸗ und abgegangen, und als er wieder umkehrte, wurde er eines flatternden Kleiderſaumes an der Thüre anſichtig. Es war Dolly's— wem anders hätte er gehören können?— kein Gewand, als das ihrige, hatte einen ſolchen Faltenwurf. Er nahm allen ſeinen Muth zuſammen und folgte ihr in die Werkſtatt des goldenen Schlüſſels. Sein Eintritt in die Thüre veranlaßte ſie, um⸗ zuſchauen. Oh, dieſes Antlitz!„Wäre es nicht um ſeinetwillen,“ dachte Joe,„ſo hätte mir der arme Tom Cobb wohl unangetaſtet bleiben mögen. Sie iſt zwanzigmal ſchöner als je. Ein Lord dürfte ſich nicht an ihr ſchämen!“ Er ſagte dieß jedoch nicht laut, ſondern nur in ſeinem Innern— und vielleicht konnte man es ihm auch anſehen. Dolly freute ſich über dieſen Beſuch, und bedauerte ungemein, daß Vater und 496 Mutter nicht zu Hauſe wären. Joe bat, ſie möchte doch ja nicht davon ſprechen. Dolly nahm Anſtand, nach dem Beſuchszimmer voran zu gehen, denn es dunkelte bereits ſehr; und doch wollte ſie nicht mit ihm in der Werkſtatt ſtehen bleiben, denn da war es doch zu hell, und man konnte von der Straße hereinſehen. Auch waren ſie, weiß Gott wie, vor die kleine Eſſe gekommen, und da Joe ihre Hand in der ſeinigen hielt(wozu er eigentlich kein Recht hatte, da ſie ihm Dolly nur zum Gruße geboten), ſo hatte es ganz das Anſehen, als ſtänden ſie vor einem häuslichen Altar, um ſich trauen zu laſſen, ſo daß ſie ſich vor Verlegenheit nicht zu laſſen wußte. „Ich komme,“ ſagte Jve,„um Euch Lebewohl zu ſagen— Lebewohl auf weiß Gott wie lange; vielleicht auf immer. Ich verlaſſe England.“ Das war es nun eben, was er eigentlich nicht hätte ſagen ſollen. Stand er nicht da und ſchwatzte ganz großartig, wie ein vornehmer Herr, der die Freiheit hat, zu kommen, zu gehen, und nach Be⸗ lieben in der Welt herumzuſtreifen, während doch der galante Kutſchenmacher den Abend vorher be⸗ theuert hatte, Miß Varden halte ihn feſt mit dia⸗ mantenen Ketten; deßgleichen hatte er ausdrücklich und mit denſelben Worten verſichert, ſie tödte ihn zollweiſe, und in vierzehn Tagen, oder ſo etwas, ſehe er einem anſtändigen Ende entgegen, worauf dann ſeine Mutter das Geſchäft fortführen könne. — 497 Dolly machte ihre Hand los und ſagte:„Wirk⸗ lich?“ Zugleich bemerkte ſie auch, daß es eine ſchöne Nacht ſey— kurz, ſie verrieth nicht mehr Bewegung, als die Eſſe nebenan. „Ich hätte nicht gehen können,“ ſagte Joe, „ohne Euch zuvor geſehen zu haben. Der Muth würde mir verſagt haben.“ Dolly bedauerte unausſprechlich, daß er ſich ſo viele Mühe genommen. Es war ein ſo weiter Weg, und er mußte noch ſo viel zu thun haben.„Und was macht Herr Willet— der liebe alte Herr— „Und weiter habt Ihr mir nichts zu ſagen?“ rief Ioe. Weiter? Ach du mein Gott, was erwartete denn der Mann! Sie mußte ihren Schürzenſaum in die Hand nehmen und ihre Augen von einem Zipfel bis zum andern laufen laſſen, um ihm nicht geradezu in's Geſicht zu lachen— nicht weil ſein Blick ſie ver⸗ wirrte— nein, ganz und gar nicht. Joe hatte wenig Erfahrung in Liebesangelegen⸗ heiten, und wußte nicht, wie verſchieden junge Frauenzimmer zu verſchiedenen Zeiten ſind. Seiner Meinung nach ſollte Dolly ganz auf dem Punkte ſtehen, wo er ſie nach jenem köſtlichen Abendritt verlaſſen hatte, weßhalb er auf eine ſolche Verän⸗ derung eben ſo wenig gefaßt war, als wenn mit einmal Sonne und Mond ihre Stelle verwechſelt hätten. Den ganzen Tag über hatte er in der Boz XVI. Barnaby Rudge. 32 498 unbeſtimmten Idee geſchwelgt, ſie würde zuverläſſig ſagen:„Geh nicht,“ oder„Verlaß uns nicht,“ vder „Warum gehſt du?“ oder„Warum willſt du uns ver⸗ laſſen“— kurz, auf eine derartige kleine Ermuthigung hatte er zuverſichtlich gebaut, und wohl auch den Gedanken an die Möglichkeit unterhalten, daß ſie in Thränen ausbrechen, ſich in ſeine Arme werfen, oder ohne vorläufiges Wort und Zeichen ſchnurſtracks in Ohnmacht fallen könnte. Ein Betragen wie dieſes war ihm aber ſo wenig zu Sinne gekommen, daß er ſie nur mit ſtummer Verwunderung anſehen konnte. Dolly drehte inzwiſchen an ihren Schürzenzipfeln, maß die Seiten, ſtrich die Falten glatt und blieb ſo ſtumm, als er. Endlich, nach einer langen Pauſe, ſagte Joe: „Lebt wohl.“ „Lebt wohl—“ entgegnete Dolly mit einem ſo heitern Lächeln, als ginge er nur in die nächſte Gaſſe und käme zum Eſſen wieder zurück;„lebt wohl!“ „Na,“ ſagte Joe, ſeine Hände ausſtreckend, „Dolly, liebe Dolly, laßt uns nicht ſo ſcheiden. Ich liebe Euch zärtlich und aus dem Grunde meines Herzens— mit ſo viel Treue und Aufrichtigkeit, als, glaube ich, nur je in der Welt ein Mann ein Frauen⸗ zimmer geliebt hat. Ihr wißt, ich bin ein armer Burſche— ärmer als je, denn ich bin der Heimath entflohen, weil ich's nicht länger dort auszuhalten vermochte, und muß mich jetzt allein und ohne Hülfe durch die Welt kampfen. Ihr ſeyd ſchön, bewundert, 4 4 499 von Jedermann geliebt, wohl und glücklich. Mögt Ihr es immer bleiben! Gott verhüte, daß es durch mich anders werden ſollte— aber gebt mir wenig⸗ ſtens ein Wort des Troſtes. Sagt mir etwas Freund⸗ liches. Ich weiß zwar wohl, daß ich kein Recht habe, es von Euch zu erwarten; aber ich bitte darum, weil ich Euch liebe, und das kleinſte Wörtchen von Euch ſoll mir ein theurer Schatz ſeyn auf meinem Gange durchs Leben. Dolly, theuerſte Dolly, habt Ihr mir gar nichts zu ſagen?“ Nein. Gar nichts. Dolly war kokett von Natur und ein verzogenes Kind. Sie dachte nicht entfernt daran, ſich auf dieſe Weiſe im Sturm er⸗ obern zu laſſen. Der Kutſchenmacher wäre in Thränen zerfloſſen, vor ihr niedergekniet, hätte ſich ſelbſt alles Mögliche geheißen, die Hände gerungen, an ſeine Bruſt geklopft, ganz wahnſinnig an ſeiner Kravate gezupft und alle mögliche Arten von Poeſie durch⸗ geführt. Was hatte Joe im Auslande zu ſchaffen? Was berechtigte ihn dazu, auch nur dazu fähig zu ſeyn? Hätte er an diamantenen Ketten gelegen, ſo wäre es ihm unmöglich geweſen. „Ich habe Euch ſchon zweimal Lebewohl geſagt,“ entgegnete Dolly.„Nehmt gleich Euren Arm weg, Herr Joſeph, oder ich werde Miggs rufen.“ „Ich will Euch keinen Vorwurf machen,“ ver⸗ ſetzte Joe,„denn ohne Zweifel liegt die Schuld auf meiner Seite. Ich habe mich bisweilen dem Glauben hingegeben, daß Ihr mich nicht ganz verſchmähtet, . 32* 500 aber ich war ein Thor. Jeder, der mit angeſehen hat, was ich für ein Leben führte, muß mich ver⸗ achten— und Ihr am allermeiſten. Gott ſey mit Euch!“ Er war fort— wirklich fort. Dolly wartete eine kleine Weile, in der Hoffnung, er würde wieder zurückkehren, ſah zur Thüre hinaus, ſchaute die Straße auf und ab, ſo gut es in der zunehmenden Finſterniß gehen wollte, kam wieder herein, wartete ein wenig länger, ging, ein Liedchen ſummend, die Treppe hinauf, ſchloß ſich ein, legte das Köpfchen auf ihr Bett und weinte, als ob ihr das Herz brechen müßte. Und doch ſind derartige Charaktere aus ſo viel Wider⸗ ſprüchen zuſammengeſetzt, daß man hundert gegen Eins hätte darauf wetten können, Dolly würde Ive Willet, wenn er dieſen Abend, des andern Tages, in nächſter Woche, den nächſten Monat zurückgekom⸗ men wäre, ganz ebenſo behandelt und hintendrein in der gleichen Verzweiflung darüber geweint haben. Sie hatte kaum die Werkſtatt verlaſſen, als hinter dem Schlot der Eſſe hervor ein Geſicht zum Vorſchein kam, das bereits ſchon etlichemal unbeachtet aus ſeinem Verſtecke aufgetaucht hatte; und ſobald es ſich überzeugt hatte, daß es jetzt allein ſey, folgte ein Bein, eine Achſel, und ſo allmälig mehr und mehr, bis endlich Herrn Tappertit's ganze Figur in freier Entfaltung daſtand, die Löſchpapiermütze nachläſſig auf die Seite ſeines Kopfs gedrückt, und die Arme in die Seite geſtemmt. — 501 „Haben mich meine Ohren getäuſcht,“ ſagte der Lehrling,„oder träume ich? Was ſoll ich thun, Schickſal— ſoll ich dir danken oder dich verfluchen?“ Dann gab er mit vieler Würde ſeine großartige Stellung auf, zog ſein Spiegelfragment hervor, pflanzte es auf der gewöhnlichen Bank gegen die Mauer, wandte den Kopf um und betrachtete aufmerkſam ſeine Beine. „Wenn dieſe ein Traum ſind,“ fuhr Sim fort, „ſo ſollten Bildhauer derartige Viſionen haben und ſie ausmeißeln, wenn ſie erwachen. Doch nein, es iſt Wirklichkeit. Im Schlafe ſieht man keine ſolche Gliedmaßen. Zittre Willet und verzweifle. Sie iſt mein! Sie iſt mein!“ Wit dieſen triumphirenden Ergüſſen griff er nach einem Hammer und führte einen heftigen Schlag nach einem Schraubſtock, in welchem er ſich wohl Joſeph Willet's Kopf oder Schädel vergegenwärtigen mochte. Sobald dieß geſchehen war, brach er in ein ſchallendes Gelächter aus, das ſogar Miß Miggs in ihrer fernen Küche aufſchreckte, tauchte ſeinen Kopf in ein Waſſerbecken und nahm ſeine Zuflucht zu dem Handtuche in dem Wandſchranke, welches den doppel⸗ ten Zweck erfüllte, einmal ſeine Gefühle zu be⸗ ſchwichtigen, und dann, ſein Geſicht zu trocknen. Joe, der mit troſtloſem und niedergeſchlagenem Herzen, aber doch voll Entſchloſſenheit, des Schloſſers Haus verließ, begab ſich geraden Wegs nach dem Krummſtabe und fragte daſelbſt nach ſeinem Freunde, 5⁰² dem Werbooffizier, welcher, da er ihn nimmer wieder zu ſehen geglaubt, mit offenen Armen empfieng. Fünf Minuten nach ſeiner Ankunft in dieſem Wirths⸗ hauſe war er bereits in die Liſte der tapfern Ver⸗ theidiger ſeines Vaterlandes eingereiht, und eine halbe Stunde ſpäter wurde er mit einem dampfenden Mahle von geſchmorten Kuttelnflecken mit Zwiebeln regalirt, das, wie ihm ſein Freund mehr als einmal ver⸗ ſicherte, auf ausdrücklichen Befehl ſeiner allergnädig⸗ ſten Majeſtät des Königs bereitet worden war. Die⸗ ſem Mahle, welches nach ſeinem langen Faſten gar würzig ſchmeckte, ließ er vollkommene Gerechtigkeit wiederfahren und begleitete es mit unterſchiedlichen loyalen und patriotiſchen Trinkſprüchen, worauf er nach einer Strohmatratze in einer Bühnenkammer über dem Stall geführt und daſelbſt für die Nacht eingeſchloſſen wurde. Des andern Morgens fand er, daß die liebe⸗ volle Sorgfalt ſeines zärtlichen martialiſchen Freundes ihm den Hut mit unterſchiedlichen bunten Bändern verziert hatte, wodurch ſich derſelbe gar lebhaft aus⸗ nahm; und in Begleitung dieſes Offiziers und dreier anderen neueingereihten mititäriſchen Gentlemen, die in ein ſo tüchtiges Unwetter gekommen waren, daß man nur noch drei Schuhe, einen Stiefel und andert⸗ halb Röcke an ihnen bemerken konnte, begab er ſich nach dem Themſeufer. Hier trafen ſie auf einen Korporal mit vier weitern Helden, von denen zwei betrunken und wagehalſig, die beiden Andern nüchtern 503 und reuig, alle aber, wie Joe, mit einem Stock und einem ſtaubigen Wanderbündel verſehen waren. Die Geſellſchaft ſchiffte ſich auf einem nach Gravesend be⸗ ſtimmten Fährboote ein, von wo aus ſie zu Fuß nach Chatam marſchieren ſollten. Der Wind war günſtig, und bald hatten ſie London als einen bloßen dunkeln Nebel— ein rieſiges Phantom in der Luft — hinter ſich. d Zweiunddreißigſtes Kapitel. Unglück kömmt nie allein, ſagt ein Sprichwort. Man darf gar nicht zweifeln, daß Ungemache einen außerordentlich geſelligen Charakter haben, und, da ſie ſchaarenweiſe fliegen, ungemein geneigt ſind, ſich ganz nach ihrer Laune in Maſſen niederzulaſſen. Sie drängen ſich dann um die Häupter einiger Wichte, bis auch kein Zoll mehr auf ihren unglücklichen Schädeln frei bleibt, und nehmem von andern, die ihnen einen eben ſo guten Ruheplatz bieten könnten, ſo wenig Notitz, als ob dieſe gar nicht exiſtirten. Möglich, daß ein Flug von über London brütenden Sorgen ſich nach Joſeph Willet umſah und, da ſie ihn nicht finden konnte, auf Gerathewohl dem erſten jungen Mann, der ihnen zuſagte, nachſtürzten, um — ſich ſeiner ſtatt der entgangenen Beute zu bemächtigen. Wie dem übrigens ſeyn mag, ſo viel iſt gewiß, daß ſie an dem Tage vor Joe's Abreiſe Edward Cheſter ſo dicht umſchwärmten und dermaßen ſummten, mit den Flügeln ſchlugen und ihm zuſetzten, daß er ſich höchſt unglücklich fühlte. Es war acht Uhr Abends, als er und ſein Vater, Wein und Deſſert vor ſich, heute zum erſtenmal allein bei einander waren. Sie hatten zwar gemeinſchaftlich geſpeist, aber es war eine dritte Perſon während des Mahls zugegen geweſen, und ſeit geſtern Abend bis zur heutigen Tafelzeit hatten ſie ſich mit keinem Auge geſehen. Edward war ſtumm und zuruͤckhaltend— da⸗ gegen Herr Cheſter heiterer als gewöhnlich, obgleich es nicht den Anſchein hatte, als ſey ihm viel darum zu thun, ein Geſpräch mit einem Menſchen zu er⸗ öffnen, deſſen Stimmung ſo gar von der ſeinigen verſchieden war, denn er bekundete die Heiterkeit ſeines Geiſtes nur durch ſein Lächeln und durch funkelnde Blicke, ohne den Verſuch zu machen, die Aufmerkſamkeit des andern zu wecken. So verblieben ſie geraume Zeit — der Vater mit ſeiner gewohnten graziöſen Nach⸗ läſſigkeit auf dem Sopha ausgeſtreckt, der Sohn mit niedergeſchlagenen Augen ihm gegenüberſitzend, und, wie man deutlich ſehen konnte, in unruhige und ſchmerzliche Gedanken vertieft. „Mein lieber Edward,“ begann endlich Herr Cheſter mit einem ſehr gewinnenden Lachen,„dehne — — 50⁵ doch deinen einſchläfernden Einfluß nicht auf die Flaſche aus. Gib wenigſtens dieſe herum und laß deinen Geiſt nicht ganz und gar zum Sumpfe werden.“ Edward bat um Verzeihung, reichte die Flaſche hin und verſank in ſein früheres Träumen. „Es iſt nicht Recht von dir, daß du dein Glas nicht füllſt,“ ſagte Herr Cheſter, indem er das ſeinige gegen das Licht hielt.„Der mäßige Genuß des Weines— denn das Uebermaaß macht den Menſchen garſtig— übt tauſend angenehme Einflüſſe. Er ver⸗ leiht den Angen Glanz, klärt die Stimme und theilt den Gedanken und der Unterhaltung neue Lebhaftigkeit mit. Du ſollteſt es verſuchen, Ned.“ „Ach, Vater!“ rief der Sohn,„wenn——“ „Mein guter Junge,“ ſiel ihm der Vater Faſtig ins Wort, indem er ſein Glas niederſetzte n die Augbraunen mit einem Ausdrucke von D dlün ang und ſogar von Entſetzen in die Höhe„u Himmelswillen, nenne mich nicht mit em abé droſchenen und veralteten Namen. Habe och einige Rückſicht für Delikateſſe. Bin ich denn grau oder runzelig, gehe ich an Krücken und hab ich meine Zähne verloren, daß du mich in dieſer Weiſe an⸗ redeſt? Guter Gott, wie ſo gar roh!“ „Es ſollte ein Vertrauen zwiſchen uns beſtehen,“ entgegnete Edward,„und ich war im Begriffe, Sir, mit Euch vom Herzen zu ſprechen, aber Ihr ſtoßt mich zurück, noch ehe ich angefangen habe.“ „Nein, Ned, ſprich ja nicht in dieſer monſtröſen 506 Weiſe,“ ſagte Cheſter, indem er ſeine Hand flehent⸗ lich erhob.„Von deinem Herzen willſt du ſprechen? Weißt du nicht, daß das Herz ein ſinnreicher Be⸗ ſtandtheil unſeres Organismus iſt— der Mittelpunkt der Blutgefäße und ſolcher Dinge— der mit deinen Worten oder deinen Gedanken in keiner nähern Ver⸗ bindung ſtehen ſollte, als dein Knie? Wie kannſt du doch ſo gar gemein und abgeſchmackt ſeyn? Solche anatomiſchen Anſpielungeu ſollten allein den Herren Aerzten belaſſen bleiben. In Geſellſchaft klingen ſie durchaus nicht angenehm. Wahrhaftig, du überraſcheſt mich, Ned.“ „Nun! Es gibt alſo nichts, was verwundet werden könnte, das man heilen oder auf das man Rückſicht nehmen müßte. Ich kenne Euer Glaubens⸗ bekenntniß, Sir, und will nicht weiter fragen,“ ent⸗ gegnete der Sohn. „Da haſt du ſchon wieder Unrecht,“ erwiederte Herr Cheſter, ſeinen Wein ſchlürfend.„Ich ſage ausdrücklich, daß es ſolche Dinge gibt. Wem ſollte das nicht bekannt ſeyn. Die Herzen der Thiere— der Rinder, der Schafe u. ſ. w.— werden gekocht und ſollen von den niedrigen Volksklaſſen mit großem Wohlbehagen verzehrt werden. Den Menſchen fährt bisweilen ein Degen, eine Kugel durchs Herz; wenn man aber von Herzen oder zum Herzen, von warmen, kalten oder gebrochenen Herzen, von Herzensfülle oder Herzloſigkeit ſprechen will— pah, das iſt Unſinn, Ned.“ 507 „Kein Zweifel, Sir,“ verſetzte der Sohn, als er bemerkte, daß der Andere inne hielt und auf Ant⸗ wort wartete.„Kein Zweifel.“ „Da iſt zum Beiſpiel Haredale's Nichte, deine geweſene Flamme,“ ſagte Herr Cheſter, als wolle er in ihr einen gelegentlichen Beleg geben.„Ohne Zweifel meinteſt du einmal, ſie ſey ganz Herz, und jetzt hat ſie gar keines. Demungeachtet iſt ſie aber noch ganz dieſelbe Perſon, Ned.“ „Nein, ſie iſt anders geworden, Sir,“ rief. Edward erröthend;„und, wie ich glaube, anders geworden durch niedrige Mittel.“— „Du haſt eine kühle Verabſchiedung erhalten— wie?“ fragte der Vater.„Armer Ned! Ich fagte dir ja letzten Abend, wie es kommen würde.— Darf ich dich um den Nußknacker bitten?“ „Man hat ein Spiel mit ihr getrieben und ſie auf die hinterliſtigſte Weiſe betrogen,“ rief Edward, von ſeinem Sitze aufſtehend.„Ich werde nie glauben, daß die Kunde von meiner wahren Lage, die ich ihr ſelbſt mittheilte, dieſe Veränderung bewirkt hat. Ich weiß, man ſetzt ihr zu und foltert ſie. Aber obgleich unſer Bund gelöst und unwiderbringlich zerriſſen iſt, obgleich ich ihr Mangel an Feſtigkeit und Treue ſowohl gegen ſich ſelbſt, als gegen mich vorwerfen muß, ſo kann und werde ich doch nie glauben, daß irgend ein niedriger Beweggrund oder ihr freier, ungebundener Wille ſie veranlaßt hat, dieſen Weg einzuſchlagen — nie!“ 50⁰8 „Du machſt,“ entgegnete ſein Vater heiter,„daß ich über dein thörichtes Weſen erröthen muß, in welchem ſich— freilich kennen wir uns ſelbſt nie— wie ich demüthig hoffe, kein Zug von dem meinigen wiederſtrahlt. Was die junge Dame anbelangt, ſo hat ſie ganz natürlich und geziemend gehandelt, mein Theuerſter, und, ſo viel ich von Haredale höre, nichts Anderes gethan, als was du ihr ſelbſt vorgeſchlagen haſt. Ich ſagte dir's voraus, obgleich hiezu kein großer Scharfſinn gehörte. Sie hielt dich für reich, oder wenigſtens reich genug für ſie, und muß jetzt erfahren, daß du arm biſt. Die Ehe iſt ein bürger⸗ licher Contrakt. Man heirathet, um in beſſere Ver⸗ hältniſſe zu kommen und ſich in der Welt zeigen zu können: es handelt ſich dabei um ein Haus, Möbel, Livereien, Dienerſchaft, Equipage u. ſ. w. Da die Dame arm iſt und du gleichfalls, ſo hat das Liedchen ein Ende. Unter ſolchen Rückſichten kannſt du auf nichts eingehen und dich daher mit keiner Trauungs⸗ ceremonie befaſſen. Ich trinke in dieſem Glaſe ihre Geſundheit und zolle ihrem ungemeinen Verſtand alle Achtung. Es iſt eine Lehre für dich. Schenke dir ein, Ned.“ „Es iſt eine Lehre,“ entgegnete der Sohn, von der ich hoffentlich nie einen Nutzen ziehen mag, und wenn ſie auch durch die Erfahrung vieler Jahre den—“ „O rede nicht wieder von Herzen,“ fiel ihm der Vater in’s Wort. —, —, 509 „— den Menſchen aufgedrückt wurde, welche durch die Welt und ihre Heuchelei ſich verderben ließen,“ fuhr Edward mit Wärme fort.„Gott behüte mich vor einem ſolchen Wiſſen.“ „Na, Sir,“ entgegnete der Vater, indem er ſich ein wenig von dem Sopha aufrichtete und ihn feſt anſah;„wir haben davon ſchon genug gehabt. Denke gefälligſt an dein eigenes Intereſſe, deine Pflichten, deine moraliſchen Verbindlichkeiten, deine Obliegen⸗ heiten als Sohn, und was dergleichen mehr iſt, worüber ſich ſo gar vergnügliche und anziehende Be⸗ trachtungen anſtellen laſſen— oder du wirſt's noch bereuen.“ „Ich werde es nie bereuen, daß ich mir meine Selbſtachtung bewahrte,“ ſagte Edward.„Entſchul⸗ digt, wenn ich Euch verſichere, daß ich mich nie auf Euer Geheiß derſelben entſchlagen werde und daß ich unter keinen Umſtänden den Pfad verfolgen will, den Ihr mir vorgezeichnet habt, und auf den Eure geheime Betheiligung bei dieſer Trennung abzielt.“ Sein Vater richtete ſich noch ein wenig weiter auf und ſchaute ihn an, als verlangte ihn zu wiſſen, ob dieß wirklich ſein ernſter und feſter Entſchluß ſey; dann ließ er ſich ſachte wieder nieder und ſagte mit der ruhigſten Stimme indem er zugleich Nüſſe ſpeiste: „Edward, mein Vater hatte einen Sohn, der gerade ſo thöricht war, wie du, und eben ſo gemeine und rebelliſche Grundſätze unterhielt; aber er ent⸗ erbte ihn eines Morgens nach dem Frühſtück und 5¹⁰ gab ihm ſeinen Fluch. Der Umſtand fällt mir dieſen Abend mit beſonderer Klarheit bei. Ich erinnere mich, daß ſich damals gerade Semmeln und eine Marmelade auf dem Tiſch befanden. Er führte ein miſerables Leben(ich meine nämlich, der Sohn) und ſtarb früh. Jedenfalls war es eine glückliche Er⸗ löſung, denn er hatte der Familie viele Unehre ge⸗ macht. Es iſt ein trauriger Umſtand, wenn es ein Vater nöthig findet, zu ſo kräftigen Maßregeln ſein⸗ Zuflucht zu nehmen!“— „Allerdings,“ verſetzte Edward,„aber es iſt auch traurig, wenn ein Sohn den Vater im beſten und wahrſten Sinne lieben und ſein Pflichtgefühl beobachten möchte, ſich aber allenthalben zurückge⸗ ſtoßen und zum Ungehorſam gezwungen fühlt. Theu⸗ rer Vater,“ fügte er dringender, aber in ſanfterem Tone bei,„ich habe oft und vielmal Erwägungen darüber angeſtellt, was zwiſchen uns vorgegangen iſt, ſeit wir uns zum erſtenmal über dieſen Gegen⸗ ſtand beſprochen. Laßt Vertrauen zwiſchen uns Platz greifen— nicht blos dem Worte, ſondern der That nach. Hört, was ich zu ſagen habe.“ „Da ich mir denken kann, was es iſt, und keinen Augenblick darüber im Unklaren bin, Edward,“ ent⸗ gegnete ſein Vater kaltblütig,„ſo mag ich nicht darauf eingehen. Es iſt in der That unmöglich. Ich bin überzeugt, du würdeſt mich in üble Laune ver⸗ ſetzen, und dieß iſt ein Gemüthszuſtand, den ich nicht ausſtehen kann. Beabſichtigſt du, meine Plane für 511 deine zukünftige Stellung im Leben und für die Auf⸗ rechthaltung jenes Anſtandes und würdigen Stolzes, der ſo lange der Hebel unſerer Familie war, zu ver⸗ derben— mit einem Wort, biſt du entſchloſſen, deinen eigenen Weg zu gehen, ſo magſt du es haben, und meinen Fluch dazu. Es thut mir ſehr leid, aber es bleibt da keine andere Wahl.“ „Mag dann auch der Fluch über Eure Lippen kommen,“ ſagte Edward,„er wird nicht weiter als ein leerer Schall ſeyn. Ich glaube nicht, daß irgend ein Menſch auf Erden eine größere Macht hat, den Fluch auf dem Haupte ſeines Nebenmenſchen— am allerwenigſten aber ſeines Kindes— haften zu machen, als er im Stande iſt, mit einem gottloſen Wunſche nur einen Tropfen Regen oder eine Flocke Schnee aus den Wolken herabzurufen. Seht Euch vor, Sir, was Ihr thut.“ 1 „Du biſt ſo gar irreligiös, ſo außerordentlich pflichtvergeſſen und ein ſo ſchrecklicher Heide,“ ent⸗ gegnete ſein Vater,„daß ich dich hier entſchieden unterbrechen muß. Es iſt durchaus unmöglich, daß wir auf dieſem Fuße fortfahren. Wenn du mir den Gefallen erweiſen willſt, die Klingel zu ziehen, ſo wird dir der Bediente die Thüre weiſen. Ich muß bitten, daß du nicht mehr unter dieſes Dach zurück⸗ kehrſt. So geh denn, wenn kein moraliſches Gefühl mehr in dir zurückgeblieben iſt, und fahre auf meinen ausdrücklichen Wunſch zum Teufel. Guten Tag.“ * Edard verließ das Zimmer, ohne ein weiteres 512 Wort zu ſprechen oder einen Blick zurückzuſenden, und kehrte dem Hauſe für immer den Rücken. Das Geſicht des Vaters war leicht geröthet und erhitzt, im Uebrigen aber blieb er ganz unverändert. Er zog die Klingel und redete den Diener folgender⸗ maßen an: „Peak— wenn der Gentleman, der eben heraus⸗ in— „Entſchuldigt, Sir, Herr Edward?“ „War denn mehr als einer da, du Tölpel, daß du fragſt?— Wenn dieſer Gentleman nach ſeiner Garderobe herſchicken ſollte, ſo kannſt du ſie ihm verabfolgen, hörſt du? Sollte er je ſelber herkommen, ſo bin ich nicht zu Hauſe. Dieß ſagſt du ihm und ſchließeſt die Thuͤre.“ So flüſterte man ſich denn bald allenthalben zu, daß Herr Cheſter ſehr unglücklich mit ſeinem Sohne ſey, der ihm viel Gram und Sorgen gemacht habe. Und die guten Leute, die dieß hörten, erzähl⸗ ten es weiter, konnten ſich nicht genug uber den Gleichmuth des alten Herrn wundern, und meinten, er müſſe doch einen höchſt liebenswürdigen Charakter haben, da er nach dieſer ſchweren Prüfung doch noch ſo ſanft, gefällig und ruhig ſeyn könne. Und ſo oft in der Geſellſchaft Edward's Name ausgeſprochen wurde, ſchüttelte man den Kopf, legte den Finger an die Lippe, ſeufzte und machte ein ernſtes Geſicht. Und diejenigen, welche Söhne von ſeinem Alter hatten, wurden ganz zornig und entrüſtet, und hofften um der Tugend willen, daß er todt ſeyn möchte. Und die Welt wälzte ſich in ihrem gewöhnlichen Geleiſe um fünf Jahre weiter, welche Zeit unſere Erzählung mit Stillſchweigen übergeht. — , ſINNIIINGITIſTI 8 4 2₰ X△ 4 4*