*. Leihbiblioth. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . 4 von 3 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen.. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens I 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.„ 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe J Linterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 3 eträgt: f für ithentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M. Pf. „ 2„—„„=.„„.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 4 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 4 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Maſter Humphrey'’s Wandyuhr. Von B o z. Neu aus dem Engliſchen von Dr. Carl Kolb. Mit Federzeichnungen nach G. Cattermole und H. K. Browne. Prittes Zändchen. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1842. Der Naritätenladen. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Kits Mutter und der ledige Herr— deren Fährte wir eiligen Fußes verfolgen müſſen, damit man un⸗ Geſchichte nicht das Vergehen zur Laſt lege, daß ſie ihre handelnden Perſonen gerne in ungewiſſen und bedenklichen Lagen ſtecken laſee— Kits Mutter alſo und der ledige Herr flogen in der vierſpännigen Poſtkutſche, die wir von des Notars Hauſe haben abfahren ſehen, von hinnen, hatten bald die Stadt hinter ſich und ließen die Funken aus den Kieſeln der breiten Landſtraße ſprühen. Die gute Frau, die ob der Neuheit ihrer Lage nicht wenig verlegen war und auch von gewiſſen mütterlichen Beängſtigungen ge⸗ quält wurde, der kleine Jakob oder das Büb⸗ lein, oder vielleicht beide ſeyen in's Feuer gefallen, die Treppe heruntergeſtürzt, hinter Thüren geklemmt worden, oder hätten ſich bei einem Verſuche, den Durſt aus der Röhre des kochenden Theekeſſels zu löſchen, die Kehlen verbrannt— verharrte in einem unruhigen Schweigen; und wenn ſie durch das Kut⸗ ſchenfenſter den Augen der Schlagbaumwärter, der Omnibuskutſcher und Anderer begegnete, ſo fühlte ſie ſich in ihrer neuen Würde ſo ziemlich in der Stel⸗ lung eines Leidtragenden bei einem Leichenbegängniß, der, nicht ſehr betrübt über den Verluſt des Hinge⸗ ſchiedenen, aus ſeinem Trauerwagen heraus ſeine Alltagsfreunde erkennt, aber eine anſtändige Feier⸗ lichkeit bewahren und dergleichen thun muß, als ſey er gegen ſeine ganze Umgebung gleichgültig.* Um übrigens gegen die Geſellſchaft des ledigen Herrn gleichgültig zu bleiben, hätte man nothwendi mit Nerven von Stahl begabt ſeyn müſſen. Ni führten Chaiſe und Pferde einen ſo raſtloſen M als er war. Er blieb nie zwei Minuten lang in d gleichen Haltung ſitzen, ſondern ſtieß ohne Unterlaß mit Armen und Beinen um ſich, zog die Schieb⸗ fenſter auf, ließ ſie dann ungeſtüm wieder hinunter, oder ſteckte den Kopf zu einer Seite des Schlages hinaus, um ihn alsbald wieder hereinzuziehen und zu der andern hinauszuſtecken. Auch fuͤhrte er in ſeiner Taſche einen Feuerzeug von geheimnißvoller und un⸗ bekannter Conſtruction, und Kits Mutter durfte nur die Augen ſchließen, ſo ging es ſicherlich— ritſch, ratſch, tzſchih— und der ledige Herr zog bei dem Lichte des Feuers ſeine Uhr zu Rath, wobei er die Funken auf das Stroh hinunter fallen ließ, als ob 7 gar keine Möglichkeit vorhanden wäre, daß er ſelbſt und Kits Mutter lebendig gebraten würden, bevor noch die Poſtillone ihre Pferde zum Haltmachen be⸗ wegen konnten. So oft wegen des Pferdewechſels angehalten wurde, ſprang er, ohne den Tritt hinunter⸗ zulaſſen, aus dem Wagen, fuhr wie ein angezündeter Schwärmer in dem Wirthshaushof herum, zog bei dem Lampenlichte ſeine Uhr heraus, und vergaß darauf zu ſehen, ehe er ſie wieder einſteckte— kurz, er be⸗ ging ſo viele Schwindeleien, daß Kits Mutter ſich eigentlich vor ihm fürchtete. Waren dann die Pferde wieder eingeſpannt, ſo hüpfte er wie ein Harlequin wieder herein, und ehe ſie eine Meile zurückgelegt hatten, kam ſchon wieder die Uhr und der Feuerzeug heraus, und Kits Mutter wachte wieder hell auf, ohne die Hoffnung, ſich während dieſer Station einem kleinen Schläfchen hingeben zu können. „Fühlen Sie Sich auch behaglich?“ konnte dann der ledige Herr nach einer oder der andern dieſer Großthaten fragen, wobei er ſich raſch an ſeine Begleiterin wandte. „Vollkommen, Sir; ich danke Ihnen.“ „Iſt's auch gewiß? Kömmt es Ihnen nicht fröſtelig vor?“ „Es iſt freilich ein Bischen kühl, Sir,“ lautete dann die Antwort von Kits Mutter. „Dacht ich's ja!“ rief der ledige Herr und ließ dabei eines der Vorderfenſter herunter.„Ich ſollte natürlich etwas Branntwein und Waſſer für ſie mit⸗ 8 genommen haben; wie konnte ich's auch vergeſſen. Holla, Schwager! Am nächſten Wirthshaus wird Halt gemacht; ich muß ein Glas heißen Brannt⸗ weins mit Waſſer haben.“ Kits Mutter betheuerte vergeblich, daß ſie der⸗ artiger Stärkungen nicht benöthigt ſey. Der ledige Herr war unerbittlich; und ſo oft er ſich in allen Arten und Weiſen von Unruhe erſchöpft hatte, ſiel ihm un⸗ abänderlich bei, daß Kits Mutter Waſſer und Brannt⸗ wein brauche. So reisten ſie ungefähr bis um Mitternacht fort und hielten dann an, um ein Abendeſſen einzunehmen, zu welchem Ende der ledige Herr Alles, was die Speiſekammer bot, auftragen ließ; und weil Kits Mutter nicht von allem zumal und überhaupt auch nicht alles ganz aufaß, ſo ſetzte er ſich in den Kopf, daß ſie krank ſeyn müſſe. „Sie ſind unwohl,“ ſagte der ledige Herr, obgleich er ſelbſt nichts that, als in der Stube auf und ab ſpazieren.„Ich ſehe jetzt, woran der Fehler liegt, Ma'am. Sie ſind unwohl.“ „Sie ſind allzugütig, Sir; aber ich bin es in der That nicht.“ „Ich weiß, Sie ſind es. Ich laſſe mir's nicht nehmen. Schleppe ich da dieſe arme Frau aus dem Schooße ihrer Familie, ohne ihr eine Minute Zeit zu laſſen, und nun wird ſie vor meinen Augen immer ſchwächer und elender. Ja, ich bin ein feiner Burſche! Wie viele Kinder haben Sie, Ma'am?“ 9 „Zwei, Sir, außer Kit.“ „Knaben, Ma'am?“ „Ja, Sir.“ „Sind ſie getauft?“ „Noch nicht in gehöriger Form, Sir.“ „Ich will Pathe ſeyn für beide. Vergeſſen Sie das nicht. Ich glaube, es würde gut ſeyn, wenn Sie etwas Glühwein nähmen.“ „Ich könnte in der That keinen Tropfen an⸗ rühren, Sir.“ „Sie müſſen,“ ſagte der ledige Herr.„Ich ſehe, Sie haben es nöthig. Ich hätte ſchon früher daran denken ſollen.“ Sofort flog der ledige Herr nach der Glocke und rief ſo ungeſtüm nach Glühwein, als brauche man ihn augenblicklich, um eine aus dem Waſſer gezogene ſcheintodte Perſon wieder zu ſich zu bringen; dann mußte Kits Mutter einen Kelch dieſes Getränks ſo heiß hinunter ſchlucken, daß ihr die Zähren über die Wangen rannen; und dann transportirte er ſie wieder nach der Chaiſe, wo ſie— vielleicht in Folge dieſes angenehmen Beſchwichtigungsmittels— bald gegen ſein unruhiges Treiben unempfindlich wurde und in tiefen Schlaf verfiel. Auch waren die glück⸗ lichen Wirkungen dieſes Arzneimittels nicht von raſch vorübergehender Natur, denn obgleich die Entfernung größer war und die Reiſe ſich länger hinauszog, als der ledige Herr vermuthet hatte, ſo erwachte ſie doch erſt, als es am hellen Tage holpernd über das Pflaſter einer Stadt ging. „Dieß iſt der Ort!“ rief der ledige Herr, indem er alle Fenſter herabließ.„Fahrt nach dem Wachs⸗ ſigurencabinet!“ Der Poſtillon auf dem Leitgaule berührte ſeinen Hut und ſpornte ſein Pferd, damit ſie mit dem ge⸗ bührenden Anſtand in die Stadt einführen, worauf alle vier einen hübſchen Galopp anſchlugen und durch die Straßen dahinſausten, daß die guten Leute ver⸗ wundert an Thüren und Fenſter traten und man nichts von den nüchternen Tönen der Stadtglocken hören konnte, welche eben die Stunde halb neun Uhr aus⸗ riefen. Sie fuhren auf eine Thüre zu, um welche eine Menge Menſchen verſammelt war, und machten daſelbſt Halt. „Was iſt das?“ rief der ledige Herr, indem er den Kopf hinausſtreckte.„Was gibt's denn hier?“ „Eine Hochzeit! Eine Hochzeit!“ antworteten mehrere Stimmen.„Hurrah!“ Der ledige Herr ſtieg, einigermaßen verblüfft, ſich in dem Mittelpunkte eines ſo lärmenden Ge⸗ dränges zu ſehen, mit Beihülfe eines der Poſtillons aus und reichte Kits Mutter die Hand. Als der Pöbelhaufen deſſen anſichtig wurde, rief er:„Da gibt's noch eine Hochzeit!“ und dann ging ein Ge⸗ brülle los; und Alles hüpfte vor Freuden. „Die Welt iſt, glaube ich, toll geworden,“ ſagte der ledige Herr, als er ſich mit ſeiner angeblichen 11 Braut durch den Haufen drängte.„Macht ein wenig Platz und laßt mich anklopfen.“ Alles, was Lärm macht, iſt dem Pöbel will⸗ kommen. Ein paar Dutzend ſchmutziger Hände er⸗ hoben ſich im Augenblick, um für ihn zu klopfen, unnd ſelten hat wohl ein Thürklopfer von gleichem Umfang betäubendere Töne hervorgebracht, als der in Frage ſtehende bei gegenwärtiger Gelegenheit. Nach Leiſtung dieſes freiwilligen Dienſtes zog ſich der Haufen beſcheiden ein wenig zurück, indem er es herzlich gerne dem ledigen Herrn überließ, die Folgen allein zu tragen. „Nun, Sir, was wollen Sie?“ fragte ein Mann mit einer großen, weißen Schleife in ſeinem Knopfloch, welcher die Thüre öffnete und mit einer ſehr ſtoiſchen Miene dem ledigen Herrn entgegentrat. „Wer hat hier geheirathet, mein Freund?“ fragte der ledige Herr. „Ich.“ „Sie? Und wen, in's Teufels Namen?“ „Welch ein Recht haben Sie, zu fragen,“ ent⸗ gegnete der Bräutigam, den Andern vom Wirbel bis zur Zehe meſſend. „Welch ein Recht?“ rief der ledige Herr, indem er den Arm von Kits Mutter dichter durch den ſeinigen zog, denn die gute Frau war augenſcheinlich im Begriffe, davonzulaufen.„Ein Recht, von dem Sie Sich wenig träumen mögen! Ihr guten Leute! ich rufe euch zu Zeugen auf, wenn dieſer Burſche da eine Minderjährige geheirathet hat— doch nein, nein, das kann nicht ſeyn. Wo iſt das Kind, das Ihr hier habt, mein guter Mann? Nell heißt ſie — wo iſt ſie?“ Sobald er dieſe Frage vorgebracht hatte, zu welcher Kit's Mutter das Echo abgab, ſtieß Jemand in einem nahegelegenen Zimmer einen Schrei aus, und eine ſtämmige Dame in weißer Kleidung kam gegen die Thüre gelaufen, ſtützte ſich ſofort auf den Arm des Bräutigams und rief: „Wo iſt ſie? Was bringen Sie mir für Neuig⸗ keiten? Was iſt aus ihr geworden?“ Der ledige Herr trat verblüfft zurück und ſah mit Blicken, in denen Beſorgniß, getäuſchte Hoffnung und Zweifel mit einander um die Oberhand kämpften, auf das Geſicht der vormaligen Madame Jarley, welche ſich dieſen Morgen mit dem philoſophiſchen George verehlicht hatte— zur ewigen Wuth und Verzweiflung Herrn Slums, des Poeten. Endlich ſtotterte er: „Ich frage Sie, wo ſie iſt. Wie muß ich Sie verſtehen?“ „Ach, Sirl“ rief die Braut,„wenn Sie hieher kommen, um ihr etwas Gutes zu erweiſen, warum haben Sie es nicht eine Woche früher gethan 24 „Sie iſt doch nicht— nicht todt?“ entgegnete der Angeredete erblaſſend. „Nein, ſo ſchlimm iſt's wohl nicht.“ „Gott ſey Dank!“ rief der ledige Herr mit matter Stimme.„Laſſen Sie mich eintreten.“ 13 Man zog ſich zurück, um ihn einzulaſſen, und hinter ihm ſchloß ſich die Thüre. „Meine guten Leute,“ ſagte er, zu dem neu⸗ vermählten Paare ſich wendend,„Ihr ſeht in mir einen Mann, dem das Leben ſelbſt nicht theurer iſt, als die zwei Perſonen, welche ich ſuche. Sie kennen mich zwar nicht und meine Züge ſind Ihnen fremd; aber wenn ſie hier ſind, oder auch nur eines von ihnen hier iſt, ſo bitte ich, zuerſt dieſe gute Frau vorzuſtellen, welche Beiden bekannt iſt. Wolltet Ihr aus mißverſtandener Rückſicht oder Furcht für ſie die Geſuchten verläugnen, ſo mögt Ihr meine Ab⸗ ſichten aus der Art beurtheilen, wie ſie dieſe ihre alte, beſcheidene Freundin aufnehmen werden.“ „Ich habe es immer geſagt!“ rief die Braut. „Ich wußte es ja, daß es kein gemeines Kind iſt! Aber leider, Sir, ſteht es nicht in unſerer Macht, Ihnen zu dienen, denn wir haben ſchon Alles, was in unſern Kräften ſtand, verſucht, ohne daß es etwas fruchtete.“ Hierauf erzählten ſie ihm unumwunden, was ſie über Nell und ihren Großvater wußten, von der Zeit ihres erſten Zuſammentreffens an bis herab auf die ihres plötzlichen Verſchwindens; ſie füg⸗ ten der Wahrheit gemäß bei, daß ſie ſich alle nur erdenkliche Mühe gegeben hätten, ihre Spur auf⸗ zufinden, ohne zu einem Reſultate zu gelangen, und ſagten, ſie ſeyen anfangs in großer Beſorgniß wegen ihrer Sicherheit ſowohl als wegen des Verdachts ge⸗ weſen, der eines Tages wegen ihres plotzlichen Ver⸗ ſchwindens auf ſie fallen könnte. Sie verbreiteten ſich noch weiter über die Geiſtesſchwäche des alten Mannes, über die Unruhe, welche das Kind immer an den Tag gelegt hatte, wenn er abweſend war, über die Geſellſchaft, wegen der man ihn bearg⸗ wöhnte, und über die ſtets ſich ſteigernde Niederge⸗ ſchlagenheit, welche Nell befallen und ſowohl ihre Geſundheit, als ihren Frohſinn zerſtört habe. Ob ſie den alten Mann bei Nacht vermißt habe und ihn, weil ſie entweder ſeinen Aufenthalt kannte oder vermuthete, nachgegangen ſey, oder ob ſie mit ein⸗ ander das Haus verlaſſen hätten— hierüber konnten ſie durchaus keine Auskunft ertheilen; auch betrach⸗ teten ſie es für ausgemacht, daß nur wenig Hoff⸗ nung vorhanden ſey, wieder etwas von ihnen zu hören, und daß man auf ihre Rückkehr keines Falls rechnen dürfe, mochte nun der Vorſchlag zur Flucht von dem alten Manne oder von dem Kind ausgegangen ſeyn. Auf all dieß horchte der ledige Herr mit der Miene eines von Gram und gebeugter Hoffnung niedergedrückten Mannes. Er vergoß Thränen, als ſie von dem Großvater ſprachen, und ſchien auf's Tiefſte betrüͤbt zu ſeyn. Um dieſen Theil unſerer Erzählung nicht in die Länge zu ziehen und die Geſchichte in kurze Worte zu faſſen, wollen wir nur ganz gelegentlich andeuten, daß der ledige Herr, noch ehe das Geſpräch zum Schluſſe kam, hinreichende Ueberzeugung gewann, -—9—, N ðU— u——22 2— 1 15 man habe ihm die reine Wahrheit mitgetheilt; auch ſuchte er der Braut und dem Bräutigam als dank⸗ bare Anerkennung ihrer Güte gegen das freundloſe Kind einige Geſchenke aufzuzwängen, deren Annahme jedoch auf's Entſchiedenſte aufgelehnt wurde. End⸗ lich fuhr das glückliche Paar in ſeinem Cabinets⸗ wagen fort, um die Flitterwochen des Eheſtandes auf dem Lande zuzubringen, indeß der ledige Herr und Kits Mutter mit betrübten Geſichtern bei ihrer eige⸗ nen Poſtkutſche zurückblieben. „Wo ſollen wir jetzt hinfahren, Sir?“ fragte der Poſtillon. „Ei, ſo fahrt meinetwegen zum——* Der ledige Herr hatte wohl nicht im Sinne, das Wörtchen„Wirthshaus“ beizufügen, that es aber doch um Kits Mutter willen; und ſo ging es denn nach dem Wirthshauſe. Es hatte ſich ſchnell das Gerücht verbreitet, das kleine Mädchen, welche das Wachsfigurencabinet zu zeigen pflegte, ſey das Kind vornehmer Leute, welches von der Wiege weg ſeinen Eltern geſtohlen worden, und dem man eben jetzt erſt auf die Spur gekommen ſey. Die Anſichten, ob ihr Vater ein Prinz, ein Herzog, ein Graf, ein Visconnt oder ein Baron wäre, ſtanden zwar nicht ganz im Einklange, aber doch hielt man die Hauptthatſache für ausgemacht und den ledigen Herrn für ihren Vater, weßhalb denn auch Alles herandrängte, um etwas von ihm, wäre es auch nur die Spitze ſeiner edlen Naſe, zu ſehen, als er in ſeiner vierſpännigen Kutſche troſtlos von hinnen fuhr. Was würde er dafür gegeben haben und wie viel Kummer und Sorgen wären erſpart geblieben, wenn er gewußt hätte, daß in jenem Augenblicke Kind und Großvater bei dem alten Kirchenportale ſaßen und geduldig die Rückkehr des armen Schul⸗ meiſters erwarteten! Der Naritätenladen. Achtundvierzigſtes Kapitel. Die Gerüchte über den ledigen Herrn und den Zweck ſeiner Ankunft wanderten von Munde zu Munde, und wurden, je weiter ſie reichten, nur um ſo wunderbarer, denn ein Gerücht nimmt bei ſeinen Auf⸗ und Abwanderungen, ungleich dem rollenden Steine im Sprüchwort, einen ziemlichen Antheil von Moos mit. Zuvörderſt erſchien das Abſteigen des genannten Herrn am Wirthshausthore als ein auf⸗ regendes und anziehendes Schauſpiel, welches kaum genug bewundert werden konnte, und zog einen Haufen Müßiggänger zuſammen, die eben erſt durch den Schluß des Wachsfigurencabinets und die Been⸗ 888—8ſ N 8 K — 17 digung der Hochzeitfeierlichkeiten ſo zu ſagen außer Beſchäftigung gekommen waren und jetzt die Ankunft des Fremden für wenig anders, als für eine beſon⸗ dere Fügung der Vorſehung betrachteten, weßhalb ſie dieſelbe mit den lebhafteſten Aeußerungen der Freude begrüßten. Ohne an der allgemeinen Stimmung Theil zu nehmen, ſondern mit der gebeugten und entmuthigten Miene eines Mannes, der über eine getäuſchte Hoff⸗ nung in ſtiller Zurückgezogenheit nachzudenken wünſcht, ſtieg der ledige Herr ab und hob Kits Mutter mit einer düſteren Höflichkeit aus dem Wagen, welche auf die Zuſchauer einen ungemein kräftigen Eindruck machte. Sobald dieß geſchehen war, bot er ihr den Arm und führte ſie in das Haus, während mehrere behende Kellner als Plänkler voraneilten, um den Weg rein zu machen und die Gäſte nach dem Zimmer, welches für ihre Aufnahme bereit war, zu führen. „Jedes Zimmer iſt recht,“ ſagte der ledige Herr, „wenn es nur gleich zur Hand iſt; weiter verlange ich nichts.“ „Gleich hier, Sir, wenn Sie gefälligſt dieſen Weg ſpazieren wollen.“ „Wäre vielleicht dem Herrn dieſes Zimmer ge⸗ fällig?“ fragte eine Stimme, während eine kleine Seitenthüre in der Nähe des Stiegenhauſes raſch aufflog und ein Kopf zum Vorſchein kam.„Er iſt ganz willkommen hier, ſo willkommen wie Blumen im Mai und Kohlen um Weihnachten. Wäre Ihnen Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 2 18 dieſes Zimmer nicht gefällig, Sir? Erweiſen Sie mir die Ehre, hereinzuſpazieren. Ich bitte, mir dieſe Gunſt zu erzeigen.“ „ Barmherziger Himmel!“ rief Kits Mutter, in höchſtem Erſtaunen zurückfahrend.„Wer hätte auch das gedacht?“ Sie hatte allerdings auch einigen Grund, er⸗ ſtaunt zu ſeyn, denn die Perſon, welche die huld⸗ volle Einladung erließ, war Niemand anders, als Daniel Quilp. Die kleine Thüre, aus welcher er ſeinen Kopf herausſteckte, befand ſich dicht neben dem Speiſeſchrank des Gaſthauſes; und dort ſtand er, ſich mit grotesker Höflichkeit verbeugend, ſo ganz behag⸗ lich, als ob es die Thüre ſeines eigenen Hauſes wäre, die Hammelskeulen und die gebratenen kalten Vögel durch ſeine unmittelbare Nachbarſchaft ver⸗ giftend, und wie der böſe Genius der Keller aus⸗ ſehend, der aus ſeinen unterirdiſchen Gründen herauf⸗ geſtiegen war, um irgend ein Unheil zu ſtiften. „Wollen Sie mir die Ehre angedeihen laſſen?“ fragte Quilp. „Ich ziehe es vor, allein zu ſeyn,“ verſetzte der ledige Herr. „Ah, ſo!“ entgegnete Quilp. Und ſo ſprechend zog er ſich mit einem Rucke wieder zurück und klappte die kleine Thüre hinter ſich zu, wie eine Figur in einer Schwarzwälderuhr, wenn die Stunde ſchlägt. cke hr, 19 „Erſt geſtern Abend noch, Sir,“ flüſterte Kits Mutter,„habe ich ihn in Klein Bethel getroffen.“ „Wirklich?“ verſetzte ihr Reiſegefährte.„Wann kam dieſer Menſch hier an, Kellner?“ „Dieſen Morgen mit der Nachtpoſt,“ verſetzte der Kellner. „Hum! Und wann geht er wieder?“ „Das kann ich in der That nicht ſagen, Sir. Die Zimmermagd hat ihn eben erſt gefragt, ob er ein Bett wünſche, Sir. Als Antwort ſchnitt er Ge⸗ ſichter gegen ſie und wollte ſie dann küſſen.“ „Erſuchen Sie ihn, daß er zu mir komme,“ ſagte der ledige Herr.„Sagen Sie ihm, es würde mich freuen, ein paar Worte mit ihm zu ſprechen. Aber hören Sie, ich laſſe bitten, daß er ſogleich komme!“ Der Kellner machte über dieſen Auftrag große Augen, denn der ledige Herr hatte bei dem Anblick des Zwergs nicht nur eben ſo viel Erſtaunen, als Kits Mutter, an den Tag gelegt, ſondern ſich auch, da er keine Furcht vor ihm hatte, durchaus nicht die Mühe gegeben, ſeinen Abſcheu und Wiederwillen gegen ihn zu verbergen. Er entfernte ſich jedoch und kehrte alsbald mit dem Gegenſtande ſeiner Sendung zurück. „Ihr Diener, Sir,“ begann der Zwerg.„Ich habe Ihren Boten auf dem halben Wege getroffen. Ich dachte, Sie würden mir erlauben, Ihnen mein 2 ¾ 20 Compliment zu machen. Hofefentlich befinden Sie ſich wohl— ſehr wohl ohne Zweifel.“ Es erfolgte eine kurze Pauſe, während welcher der Zwerg mit halbgeſchloſſenen Augen und gerunzel⸗ tem Geſichte auf Antwort wartete. Da er keine erhielt, ſo wandte er ſich an die zweite Perſon, die ihm näher bekannt war. „Chriſtoph's Mutter?“ rief er.„Ach, dieſe gute Dame, dieſe würdige Frau, und ſo geſegnet in ihrem ehrlichen Sohne! Wie befindet ſich Chriſtoph's Mutter? Iſt ihr der Orts⸗ und Luftwechſel gut bekommen? Und ihre kleine Familie und Chriſtoph? Gedeihen ſte? Blühen ſie? Wachſen ſie zu würdigen Bürgern heran, wie?“ Da Quilp ſeine Stimme mit jeder folgenden Frage zu einer höheren Note ſtimmte, ſo endigte er mit einem ſchrillen Gequiecke, worauf er ſeine ge⸗ wöhnliche ſchüchterne Miene wieder annahm, die, mochte ſie nun natürlich oder erkünſtelt ſeyn, die Wirkung hatte, allen Ausdruck von ſeinem Geſicht zu verbannen und daſſelbe, ſo ferne man es als einen Inder ſeiner Stimmung oder Meinung betrachtete, zu einem völlig weißen Blatte zu machen. „Herr Quilp,“ ſagte der ledige Herr. Der Zwerg hielt die Hand an ſein großes Ohr und copirte das Bild der geſpannteſten Aufmerk⸗ ſamkeit. „Wir haben uns ſchon früher getroffen——„ „Gewiß!“ rief Quilp mit einem Kopfnicken. 21 „Oh, gewiß, Sir. Solch eine Ehre und ſolch ein Vergnügen— es iſt beides, Chriſtoph's Mutter, es i*ſt beides— läßt ſich nicht ſo bald vergeſſen. Nein, in keinem Falle!“ „Ihr erinnert Euch vielleicht, daß ich an dem Tage, als ich in London ankam und das Haus, an welchem ich anfuhr, leer und verlaſſen fand, von einigen der Nachbarn an Euch gewieſen wurde, und daß ich Euch ſogleich beſuchte, ohne mir Zeit zur Ruhe oder Erfriſchung zu gönnen?“ „Wie Hals über Kopf das war, und doch, welch eine ernſte und kräftige Maßregel!“ entgegnete Quilp, in der Weiſe ſeines Freundes, des Herrn Sampſon Braß, mit ſich ſelber ſprechend. „Ich fand Euch,“ fuhr der ledige Herr fort, „ganz unbegreiflicher Weiſe, im Beſitze alles deſſen, was ſo kürzlich noch einem andern Manne gehört hatte, und dieſen Anderen, der bis zur Zeit, als Ihr Euch ſeines Eigenthums bemächtigtet, für wohlhabend gehalten wurde, plötzlich bis zum Bettler verarmt. und von Haus und Herd vertrieben.“ „Wir hatten für unſer Verfahren eine Vollmacht, mein guter Sir,“ verſetzte Quilp;„wir hatten unſere Vollmacht. Sprechen Sie nicht von vertreiben. Er ging aus eigenem Antrieb. Verſchwand in der Nacht, Sir.“ „Gleichviel,“ ſagte der ledige Herr gereizt.„Er war fort.“ „Ja, er war fort,“ entgegnete Quilp mit der⸗ 22 ſelben zum Zorne ſtachelnden Ruhe.„Kein Zweifel daran, daß er fort war. Es handelte ſich alſo. nur noch um die Frage, wohin?— Eine Frage, die bis zur Stunde noch nicht gelöst iſt.“ „Was muß ich aber von Euch denken,“ erwie⸗ derte der ledige Herr, indem er ihn mit ſtrengen Blicken betrachtete,„von Euch, der Ihr— augen⸗ ſcheinlich damals durchaus nicht geneigt, mir Aus⸗ kunft zu geben, ja ſogar alle mögliche Pfiffe und Schliche brauchend, um meinen Nachforſchungen aus⸗ zuweichen— jetzt meinen Tritten nachſchleicht.“ „Ich ſchliche Ihnen nach?“ rief Quilp. „Etwa nicht?“ entgegnete ſein Frager, faſt bis zur Wuth aufgebracht.„Wart Ihr nicht vor wenigen Stunden noch ſechzig Meilen von hier in der Kapelle, in welcher dieſe gute Frau hier den Gottesdienſt zu beſuchen pflegt?“ „So, ſie war alſo auch dort?“ verſetzte Quilp vollkommen unbewegt.„Nun, da könnte ich wohl, wenn ich grob ſeyn wollte, ſagen: wie kann ich wiſſen, daß Sie nicht meinen Tritten nachſchleichen? Ja, ich war in der Kapelle. Aber was weiter? Ich habe in Büchern geleſen, daß Pilgrime zur Kirche zu gehen pflegten, ehe ſie ihre Reiſe antraten, um eine glückliche Rückkehr zu erflehen. Das waren weiſe Leute! Reiſen ſind immer ſehr gefährlich— beſonders auf der Außenſeite der Kutſchen. Räder fliegen ab, Pferde werden ſcheu, Kutſcher fahren zu ſchnell und die Kutſchen ſtürzen um. Ich beſuche immer die —— S, 23 Kirche, ehe ich eine Reiſe unternehme. Es iſt in der That ſtets das Letzte, was ich bei ſolchen Anläſſen thue.“ Es gehörte kein ſonderlich großer Scharfſinn dazu, um zu entdecken, daß in dieſen Worten Quilps die größte Lüge lag, obgleich in dem Ausdrucke, welchen er ſeinem Geſichte, ſeiner Stimme und ſeinem ganzen Benehmen gab, die ruhige Feſtigkeit eines Märtyrers der Wahrheit hervorzuleuchten ſchien. „Im Namen alles deſſen, was berechnet iſt, einen Menſchen toll zu machen,“ rief der unglückliche ledige Herr,„habt Ihr nicht aus irgend einem ſelbſt⸗ ſüchtigen Grunde mein Vorhaben zu dem Eurigen gemacht? Wißt Ihr nicht, zu welchem Ende ich hie⸗ her gekommen bin? Und wenn Ihr es wißt, könnt Ihr mir keinen Schlüſſel an die Hand geben?“. „Sie meinen wohl, ich ſey ein Herenmeiſter, Sir?“ verſetzte Quilp mit einem Achſelzucken.„Wenn dieß der Fall wäre, ſo faßte ich mein eigenes Glück in's Auge, um es machen zu können.“ „Ah! ich ſehe, wir haben uns nichts mehr zu ſagen,“ entgegnete der Andere, indem er ſich unge⸗ duldig auf ein Sopha warf.„Seyd ſo gut, uns zu verlaſſen.“ „Stehe zu Dienſten,“ erwiederte Quilp.„Ganz zu Dienſten. Chriſtophs Mutter, meine gute Seele, leben Sie wohl. Angenehme Reiſe— zurück, Sir. Hem!“ Mit dieſen Abſchiedsworten und einem faſt un⸗ 24 begreiflichen Grinſen auf ſeinen Zügen, das aus jeder häßlichen Grimaſſe, deren Menſchen oder Affen be⸗ fähigt ſind, zuſammengeſetzt ſchien, entfernte ſich der Zwerg langſam und machte die Thüre hinter ſich zu. „Oho!“ ſagte er, als er auf ſeinem eigenen Zimmer anlangte und ſich mit in die Seite geſtemmten Armen auf einen Stuhl ſetzte.„Oho! ſteht es ſo, mein Freund! In der That!“ In großer Luſt kichernd und ſich für den Zwang, den er eben erſt ſeinen Zügen aufgelegt hatte, ſchadlos haltend, daß er ſie in alle nur erdenkliche Varietäten der Häßlichkeit verzerrte, ſchaukelte ſich Herr Quilp in ſeinem Stuhle, und zu gleicher Zeit ſein linkes Bein ſtreichelnd, vertiefte er ſich in gewiſſe Betrach⸗ tungen, deren Hauptinhalt wir hier mittheilen müſſen. Erſtlich faßte er die Umſtände in's Auge, welche ihn hieher zu kommen veranlaßt hatten; ſie beſtanden nämlich aus folgenden. Er hatte den Abend zuvor in dem Bureau des Herrn Sampſon Braß einge⸗ ſprochen und, in Abweſenheit dieſes Gentleman und ſeiner gelehrten Schweſter, Herrn Swiveller getroffen, der gerade in dieſem Augenblick mit einem Glas warmen Genever⸗Grogs den Actenſtaub hinunter⸗ ſchwemmte und ſeinen Thon(wie man zu ſagen pflegt) etwas reichlich anfeuchtete. Da aber der Thon, an ſich betrachtet, durch zu vieles Anfeuchten einen etwas ſchwachen und unſicheren Zuſammenhang erhält, gerne, ehe man ſich's verſieht, zuſammenbricht, Eindrücke nur ſchwach aufbewahrt und keine Kraft oder Stä⸗ tigkeit ſeiner Eigenſchaften zeigt, ſo befand ſich auch Herrn Swivellers Thon, der eine beträchtliche Menge Flüſſigkeit in ſich geſaugt hatte, in einem ſehr loſen und ſchlüpfrigen Zuſtande, denn die verſchiedenen Ideen, welche ihm eingeprägt waren, verloren ſehr ſchnell ihren bezeichnenden Charakter und gingen gegenſeitig in einander über. Es iſt in dieſen Verhältniſſen bei dem menſchlichen Thone keine un⸗ gewöhnliche Erſcheinung, daß er vor allen Dingen ſeine Klugheit und ſeinen Scharffinn ungemein hoch anſchlägt, und Herr Swiveller, der ſich insbeſondere um dieſer Eigenſchaften willen hoch ſchätzte, erſah die Gelegenheit, um anzudeuten, daß er ſonderbare Entdeckungen hinſichtlich des im Hauſe wohnenden ledigen Herrn gemacht habe, die er übrigens in ſeinem eigenen Buſen zu bewahren entſchloſſen ſey, und weder Folter noch Schmeichelei ſolle ihn je ver⸗ anlaſſen, dieſelben zu enthüllen. Herr Quilp belobte dieſen Entſchluß höchlich, und da er zu gleicher Zeit bemüht war, Herrn Swi⸗ veller zu gleichen Winken zu ſtacheln, ſo hatte er bald heraus, daß der ledige Herr im Geſpräche mit Kit geſehen worden, und daß dieß das Geheimniß ſey, welches nie an den Tag kommen ſollte.. Aus dieſer Mittheilung folgerte Herr Quilp augenblicklich, daß der Miethsmann des Herrn Braß daſſelbe Individuum ſeyn müſſe, welches ihn beſucht hatte, und da er durch weitere Nachfragen ſeine 26 Vorausſetzung beſtätigt fand, ſo war es nicht ſchwer, zu dem Schluſſe zu kommen, daß der Zweck und Gegenſtand dieſes Verkehrs mit Kit zweifelsohne die Wiederauffindung ſeines alten Clienten und des Kin⸗ des ſey. Brennend vor Begier, zu erfahren, was vorgehe, entſchloß er ſich, Kits Mutter als diejenige Perſon, welche ſeinen Kunſtgriffen am wenigſten ge⸗ wachſen war, zu umkrallen und ſie zu den Mitthei⸗ lungen zu verlocken, die er wünſchte. Er verabſchie⸗ dete ſich daher plötzlich von Herrn Swiveller und eilte nach ihrem Hauſe. Die gute Frau war aus⸗ gegangen, weßhalb er, wie Kit bald nachher gleich⸗ falls that, Nachforſchungen anſtellte, in deren Folge er von einer Nachbarin nach der Kapelle gewieſen wurde. Er begab ſich ſofort dahin, um ihr nach dem Schluſſe des Gottesdienſtes aufzulauern. Er hatte kaum eine Viertelſtunde in der Kapelle geſeſſen und mit innerem Lachen über den Spaß, daß er überhaupt hier wäre, ſeine Augen fromm gegen die Decke geheftet, als Kit anlangte. Der Zwerg war ſo wachſam wie ein Luchs, und es be⸗ durfte daher nur eines Blickes, um ihn zu belehren, daß Herr Nubbles senior in Geſchäften kam. Dem Anſcheine nach, wie wir geſehen haben, ganz in Andacht vertieft und eine völlige Theilnahm⸗ loſigkeit heuchelnd, beobachtete er das Benehmen des Letztern auf's Genaueſte, und als ſich dieſer mit ſeiner Familie entfernte, ſchoß er hintendrein. Er verfolgte ſte bis zu dem Hauſe des Notars, wo er von einem —& dH E———— —— 27 der Poſtillone den Beſtimmungsort hes Wagens er⸗ fuhr, und da er wußte, daß in dem nächſten Augen⸗ blicke aus einer benachbarten Straße eine Nachteilpoſt nach demſelben Orte abfahren würde, ſo eilte er un⸗ verzüglich nach dem Poſtbureau und nahm einen Sitz oben auf der Kutſche. Nachdem die Wagen im Laufe der Nacht zu verſchiedenenmalen an einander vorbeigefahren waren, je nachdem ſie länger oder kürzer Halt machten, oder ihre Geſchwindigkeit wech⸗ ſelte, erreichten ſie faſt gleichzeitig die Stadt. Quilp ließ die Chaiſe nicht aus den Augen, miſchte ſich unter den Volkshaufen, erfuhr die Abſicht des ledi⸗ gen Herrn nebſt deren Vereitelung, und nachdem er ſich in Beſitz alles deſſen geſetzt hatte, was ihm zu wiſſen weſentlich war, eilte er nach dem Wirthshauſe voraus, hielt die bereits mitgetheilte Beſprechung und ſchloß ſich ſodann in dem kleinen Zimmer ein, in welchem er haſtig alle Vorgänge recapitulirte. „Steht es ſo, mein Freund?“ wiederholte er, indem er gierig an ſeinen Nägeln biß.„Ich werde beargwöhnt und bei Seite geworfen, und Kit iſt der vertraute Agent, nicht wahr? Ich werde ihn, fürchte ich, bei Seite ſchaffen müſſen. Wenn wir ſie dieſen Morgen getroffen hätten,“ fuhr er nach einer gedan⸗ kenvollen Pauſe fort,„ſo wäre ich auf dem Punkte geweſen, einen ziemlich guten Anſpruch nachzuweiſen. Ich hätte meinen Nutzen dabei finden können. Wä⸗ ren dieſe pſalmirenden Heuchler, der Junge und ſeine Mutter, nicht, ſo könnte ich dieſen ungeſtümen Herrn 28 ſo gemächlich in mein Netz ziehen, als unſern alten Freund— unſern wechſelſeitigen Freund, ha, ha! — und die glattwangige, roſige Nell. Im ſchlimm⸗ ſten Fall iſt es eine goldene Gelegenheit, die nicht verſäumt werden darf. Finden wir ſie nur erſt auf, ſo werden ſich auch Mittel bieten, Ihnen etwas von Ihrem überflüſſigen Gelde abzuzapfen, mein Herr, ſo lange es noch Gefängniſſe, Riegel und Schlöſſer gibt, um Ihren Freund oder Verwandten wohlbehalten auf⸗ zubewahren. Ich haſſe dieſes tugendhafte Volk!“ ſagte der Zwerg, ein Glas Branntwein hinunterſchüttend und mit den Lippen ſchmatzend;„ha! ich haſſe ſie ſammt und ſonders!“ Dieß war durchaus keine leere Prahlerei, ſondern ein wohlüberlegtes Zugeſtändniß ſeiner wahren Ge⸗ fühle; denn Herr Quilp, der Niemand liebte, war allmälig ſo weit gekommen, Jedermann, der nahe oder ferne mit ſeinem zu Grunde gerichteten Clienten in Verbindung ſtand, zu haſſen:— den alten Mann, weil es demſelben gelungen war, ihn zu täuſchen und ſeiner Wachſamkeit zu entgehen— Nell, weil ſie der Gegenſtand von Frau Quilp's Mitleid und beſtändi⸗ gen Selbſtvorwürfen war— den ledigen Herrn wegen ſeiner unverhüllten Abneigung gegen ihn— aufs Tödtlichſte aber Kit und ſeine Mutter aus den bereits berührten Gründen. Außer jenem allgemei⸗ nen Gefühl des Haſſes, welches von ſeiner heißen Gier, ſich durch dieſe veränderte Sachlage zu berei⸗ 29 chern, unzertrennlich geweſen wäre, haßte ſie alſo Quilp auch insbeſondere. In dieſer liebenswürdigen Stimmung belebte Herr Quilp ſich ſelbſt und ſeinen Groll mit noch mehr Branntwein, und dann wechſelte er ſein Quar⸗ tier, indem er ſich nach einem obſcuren Bierhauſe zurückzog, wo er, durch deſſen Abgeſchiedenheit ge⸗ ſchützt, alle möglichen Nachforſchungen anſtellte, die zur Entdeckung des alten Mannes und ſeiner Enkelin führen konnten. Aber alles umſonſt. Nicht die mindeſte Spur, nicht der geringſte Aufſchluß war zu erzielen. Sie hatten nächtlicherweile die Stadt ver⸗ laſſen; Niemand hatte ſie gehen ſehen, Niemand war ihnen begegnet, kein Kutſcher, Kärrner, oder Fracht⸗ fuhrmann hatte Reiſende geſehen, die ihrer Beſchrei⸗ bung entſprachen; Niemand war mit ihnen zuſam⸗ mengetroffen, oder hatte von ihnen gehört. Als er ſich endlich überzeugt hatte, daß zur Zeit alle ſeine Bemühungen nutzlos wären, ſo ſtellte er zwei oder drei Kundſchafter auf, denen er für den Fall zuver⸗ läßiger Nachrichten große Belohnungen verſprach und kehrte des andern Morgens mit der Eilpoſt nach London zurück. Herr Quilp freute ſich einigermaßen, als er gelegentlich beim Hinaufſteigen auf das Kutſchendach bemerkte, daß Kit's Mutter allein im Innern des Wagens ſaß, denn dieſem Umſtande verdankte er für den Verlauf der Reiſe vielen Spaß, ſofern ihre einſa⸗ me Lage ihn in den Stand ſetzte, ſie mit vielen außer⸗ ordentlichen Plackereien zu erſchrecken. So hing er ſich zum Beiſpiel mit Lebensgefahr an der Seite der Kutſche herunter und ſtierte mit ſeinen großen Glotz⸗ augen, die ihr um ſo ſchrecklicher vorkamen, da das Kinn zu oberſt ſtand, in den Wagen hinein, ſie ſtets auf dieſe Weiſe von einem Fenſter zu dem andern ſcheuchend. Wenn des Pferdewechſels wegen Halt gemacht wurde, ſo glitt er raſch hinunter und ſteckte den Kopf mit einem unheimlichen Schielen durch das Fenſter: und durch ſolche ſinnreiche Qualen brachte er es ſo weit, daß Frau Nubbles ſteif und feſt glaubte, Herr Quilp repräſentire und verkörpere in ſeiner Perſon jene böſe Macht, welche ſo nachdrücklich in Klein⸗Bethel angegriffen wurde, und die jetzt, aus Veranlaſſung ihrer Verſündigungen in Aſtley's Thea⸗ ter und in dem Auſternladen, juble und tanze. Kit, dem die Rückkehr ſeiner Mutter brieflich gemeldet worden war, wartete auf ſie bei dem Poſt⸗ bureau, und man denke ſich ſein Erſtaunen, als er über die Schulter des Kutſchers— wie irgend einen ihn verfolgenden Dämon, der nur ſeinen eigenen Augen ſichtbar war— Quilp's wohlbekannte Geſtalt wegſchielen ſah. „Wie geht's, Chriſtoph?“ krächzte der Zwerg von dem Kutſchendache herunter.„Alles in Ordnung, Chriſtoph. Die Mutter innen.“ „Ei, wie kam der her, Mutter?“ flüſterte Kit. „Ich weiß nicht, wie oder warum er kam, mein Lieber,“ verſetzte Frau Nubbles, als ſie unter Bei⸗ 31 hülfe ihres Sohnes aus dem Wagen ſtieg;„aber er hat mich dieſen ganzen geſegneten Tag an Einem fort aus allen meinen ſieben Sinnen hinausge⸗ ſchreckt.“ „Hat er?“ rief Kit. „Ja, du würdeſt gar nicht glauben,“ entgegnete ſeine Mutter;„aber ſage kein Wort zu ihm, denn ich bin ſteif und feſt überzeugt, daß er kein menſch⸗ liches Weſen iſt. Bst! wende dich nicht nach ihm um, weil er ſonſt merkt, daß ich von ihm ſpreche; aber eben jetzt ſchielt er im vollen Glanze der Kut⸗ ſchenlaterne nach mir her— ganz entſetzlich!“ Kit kehrte ſich, trotz der Einſchärfung ſeiner Mutter, raſch nach ihm um. Herr Quilp ſchaute ganz vergnüglich nach den Sternen und ſchien in Betrachtung des Himmelsgewölbes vertieft zu ſeyn. „O, er iſt die argliſtigſte Creatur!“ rief Ma⸗ dame Nubbles.„Aber komm, und ſprich ja um Alles in der Welt kein Wort mit ihm.“ „Pah, Unſinn! Ja, ich will mit ihm ſprechen, Mutter. Ich ſage, Sir—⸗ Quilp that, als führe er zuſammen, und ſah ſich lächelnd um. „Ich frage, Sir, ob Sie meine Mutter in Frie⸗ den laſſen wollen?“ ſagte Kit.„Wie können Sie ſich unterſtehen, eine arme, verlaſſene Frau, wie ſie, zu plagen und ſie elend und melancholiſch zu machen, als ob ſie nicht ſchon Anlaß genug dazu hätte, ohne Sie? 32 4 V Schämen Sie ſich nicht vor ſich ſelbſt, Sie kleines Ungeheuer?“ „Ungeheuer?“ ſprach Quilp mit einem Lächeln zu ſich ſelber.„Der häßlichſte Zwerg, den man irgend⸗ wo für einen Penny zu ſehen kriegt— Ungeheuer t — ah!“ „Wenn Sie wieder Ihre Unverſchämtheit an ihr auslaſſen,“ nahm Kit wieder auf, indem er die Schach⸗ tel auf die Schulter nahm,„ſo laſſen Sie ſich's ge⸗ ſagt ſeyn, Herr Quilp, daß es zu ſchlimmen Auf⸗ 4 tritten zwiſchen uns kommt. Sie haben kein Recht, ſo zu handeln, denn ich weiß, daß wir uns nie in ihre Angelegenheiten mengen. Es iſt nicht das erſte⸗ mal, daß es vorgekommen iſt, und wenn Sie meine -— Mutter je wieder vexiren und erſchrecken, ſo werden 4 Sie mich zwingen, Sie tüchtig durchzuprügeln, ob⸗ d ſſcchon es mir um ihrer Zwerggeſtalt willen leid thun 3 würde.“ 36 Quilp antwortete keine Sylbe, trat aber ſo nahe r1 an Kit heran, daß ſeine Augen nur zwei oder drei wu Zolle von Kit's Geſicht abſtanden, faßte ihn feſt ins ver Auge, zog ſich ein wenig zuruck, ohne ſeinen Blick un abzuwenden, trat wieder näher und wieder zurück, vor und ſo ein halbhutzendmal, wie ein Kopf in einer In Zauberlaterne. Kit pflanzte ſich feſt auf, als erwarte hal er einen unmittelbaren Angriff; da er jedoch fand, An daß es bei dem Geberdenſpiele blieb, ſo ſchlug er ihm ein Schnippchen und ging weiter. Seine Mutter des zog ihn, ſo ſchnell als ſie konnte, mit ſich fort, ſah — 5 33 aber alle Augenblicke, trotz der Neuigkeiten, welche ihr Erſtgeborner von dem kleinen Jakob und dem Neſthäckchen erzählte, ängſtlich über die Schulter zurück, um Gewißheit einzuziehen, ob ihr Quilp nicht folge. Der Raritätenladen. Neunundvierzigſtes Kapitel. Kit's Mutter hätte ſich die Mühe ſparen können, ſo oft zurückzuſchauen, denn nichts lag Herrn Quilp's Abſicht ferner, als ſie und ihren Sohn zu verfolgen, oder den Streit, in dem ſie ſich getrennt hatten, zu erneuern. Er ging ſeines Weges, pfiff von Zeit zu Zeit ein Liedchen vor ſich hin, und trabte mit ganz ruhigem und gefaßtem Geſichte vergnügt nach Hauſe, wobei er ſich Frau Quilp's Angſt und Schrecken vergegenwärtigte, die ſich, da ſie drei ganze Tage und zwei Nächte nichts von ihm gehört und auch von ſeiner Abreiſe keine Kunde erhalten hatte, ohne Zweifel dieſe ganze Zeit über in einem Zuſtande halben Wahnſinns befand und alle Augenblicke vor Angſt und Kummer in Ohnmacht ſank. Dieſe beluſtigende Wahrſcheinlichkeit war dem Humor des Zwerges ſo angemeſſen und machte ihm ſo ausneh⸗ Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 3 34 mend viel Vergnügen, daß er auf ſeinem Spazier⸗ gange lachte, bis ihm die Thränen die Backen hin⸗ unterliefen; und mehr als einmal, wenn er ſich eben in einem Nebengäßchen befand, machte er ſeinem Entzücken durch einen ſchrillen Ausruf Luft, einen einſamen Wanderer, der zufälligerweiſe, ohne an etwas der Art zu denken, vor ihm herging, faſt zu Tode erſchreckend. Solche kleine Vorfallenheiten er⸗ höhten ſeine Heiterkeit und machten ihn ungemein wohlgemuth und fröhlich. In dieſer glücklichen Gemüthsſtimmung erreichte Herr Quilp Towerhill, und als er nach dem Fenſter ſeines eigenen Wohnzimmers hinaufſah, bemerkte er, wie es ihm dünkte, mehr Licht, als in einem Hauſe der Trauer üblich iſt. Beim Näherkommen hörte ſein aufmerkſames Ohr mehrere Stimmen in angele⸗ gentlicher Unterhaltung, unter denen er nicht nur die ſeines Weibes und ſeiner Schwiegermutter, ſondern auch Männerſtimmen unterſcheiden konnte. „Ha!“ rief der eiferſüchtige Zwerg;„was iſt das? Nimmt ſie in Peiner Abweſenheit ſolche Be⸗ ſuche an?“ Ein gedämpftes Huſten von oben war die Ant⸗ wort. Er fühlte in der Taſche nach ſeinem Haus⸗ ſchlüſſel, aber er hatte ihn vergeſſen. Es blieb alſo kein anderer Ausweg, als an die Thüre zu klopfen. „Ein Licht in der Hausflur?“ ſagte Quilp, durch das Schlüſſelloch ſchauend.„Ein ſehr leiſes 35 Pochen— und mit Ihrer Erlaubniß, Madame, werde ich Sie ganz unverſehens beſchleichen. So, ſo!“ Ein ganz ſanfter und leiſer Schlag bewirkte keine Antwort von innen. Auf eine zweite, kaum ſtärkere Anwendung des Klopfers wurde jedoch die Thüre ſachte durch den Knaben von dem Kai geöff⸗ net, welchem Quilp augenblicklich mit der einen Hand den Mund ſtopfte, während er ihn mit der andern auf die Straße hinauszog. „Ihr erwürgt mich, Meiſter,“ keuchte der Junge. „Laßt mich gehen— wollt Ihr?“ „Wer iſt oben, du Schlingel?“ flüſterte Quilp. „Sage mir's. Und ſprich leiſe, ſonſt erdroßle ich dich allen Ernſtes.“ Der Knabe konnte nur nach dem Fenſter deuten und mit einem erſtickten Kichern antworten, in dem ſich eine ſo ungemeine Heiterkeit verrieth, daß Quilp abermals nach der Kehle des Jungen fuhr und viel⸗ leicht ſeine Drohung ausgeführt, oder wenigſtens ziemliche Fortſchritte in der Ausführung gemacht haben würde, wenn derſelbe nicht behend ſeiner Hand entwiſcht wäre und ſich hinter dem nächſten Pfoſten verſchanzt hätte, vor welchem ſein Herr nach einigen fruchtloſen Bemühungen, ihn an den Haaren her⸗ vorzuziehen, Unterhandlungen einzuleiten genöthigt war. „Willſt du mir antworten?“ ſagte Quilp.„Was iſt oben los?“ „Ihr wollt einen ja nicht ſprechen laſſen,“ ver⸗ 3* 36 ſetzte der Knabe.„Sie— ha, ha, ha!— ſie halten Euch— ſie halten Euch für todt. Ha, ha, ha!“ „Todt?“ rief Quilp, indem er ſelbſt in ein grimmiges Lachen ausbrach.„Nein. Meinen ſie das? Meinen ſie das wirklich, du Hund?“ „Sie glauben, Ihr wäret— Ihr wäret ertrun⸗ ken,“ entgegnete der Knabe, der einen ſtarken Anflug von dem boshaften Weſen ſeines Herrn hatte.„Man hat Euch zuletzt am Rande des Kai's geſehen; nun glauben ſie, Ihr wäret hinuntergepurzelt. Ha, ha!“ Die Ausſichten, unter ſo köſtlichen Umſtänden den Spion zu ſpielen und ihre Hoffnung durch ein plötzliches Auftreten zu durchkreuzen, war für Quilp entzückender, als der größte Glücksfall, welcher ihm hätte begegnen können. Er fühlte ſich nicht weniger gekitzelt, als ſein hoffnungsvoller Gehülfe, und ſo ſtanden ſie einige Sekunden grinſend, keuchend und mit ihren Köpfen wackelnd zu beiden Seiten des Pfoſtens, zwei unvergleichlichen chineſiſchen Pagoden nicht unähnlich. „Kein Wort,“ flüſterte Quilp, indem er ſich auf den Zehenſpitzen der Thüre näherte.„Keinen Laut, wäre es auch nur das Krachen einer Diele, oder das Stolpern gegen ein Spinngewebe. Ertrunken, he, Madame Quilp? Ertrunken?“ Mit dieſen Worten blies er das Licht aus, ſtreifte ſeine Schuhe ab, kroch die Treppe hinauf und ließ ſeinen jungen Freund auf der Straße, der in der Verzückung ſeines Herzens Purzelbäume machte. ex aSSSͤ—',——, g. 37 Da die Schlafzimmerthüre neben der Treppe unverſchloſſen war, ſo ſchlüpfte Herr Quilp hinein und pflanzte ſich hinter der Thüre auf, welche in das Wohnzimmer führte. Sie ſtand etwas offen, um der Luft einen Durchzug zu geſtatten, und war mit einem ſehr bequemen Spalt verſehen, den er oft zum Spioniren benützt und zu dieſem Zwecke mit ſeinem Taſchenmeſſer erweitert hatte, und ſo ſah er ſich denn in den Stand geſetzt, nicht nur zu hören, ſondern auch deutlich zu ſehen, was drinnen vorging. Sein Auge an die genannte Ritze legend, bemerkte er Herrn Braß, der mit Feder, Dinte und Papier hinter der Rumflaſche— ſeiner eigenen Rumflaſche — ſeinem eigenen, vortrefflichen Jamaicagetränk— an dem Tiſche ſaß, auf welchem ſich noch heißes Waſſer, duftende Zitronen, Stückchen weißen Zuckers und ſonſtiges Zugehör befanden. Aus dieſem auser⸗ leſenen Material hatte ſich Sampſon, der daſſelbe keineswegs ſeiner Beachtung unwerth hielt, ein mäch⸗ tiges Glas rauchend heißen Punſches gemiſcht, das er in demſelben Augenblicke mit einem Theelöffel umrührte und mit Blicken betrachtete, in denen die erkünſtelte ſentimentale Trauer nur ſchwach gegen das Gefühl froher Behaglichkeit ankämpfte. An demſelben Tiſch ſaß auch mit aufgeſtemmten Ellenbogen Frau Jiniwin, die nicht länger verbrecheriſcherweiſe anderer Leute Punſch mit dem Theelöffel ſchlürfte, ſondern tüchtige Schlücke aus einem eigenen Glaſe nahm, während ihre Tochter— nicht gerade in Sack und Aſche trauernd— aber doch ein ſehr anſtändiges, gebührend bekümmertes Aeußere bewahrend— in einem Armſtuhle lehnte und ihren Schmerz mit einem kleineren Deputätchen von derſelben lieblichen Flüſſig⸗ keit beſchwichtigte. Ferner waren noch ein paar Fähr⸗ leute zugegen, welche gewiſſe Maſchinen, Schleif⸗ hamen genannt, bei ſich hatten, und auch von dieſen Burſchen letzte ſich jeder mit einem Glaſe Steifen. Da dieſe Männer mit großem Behagen tranken, und natürlich ſehr rothnaſig, finnig und zechgemüthlich ausſahen, ſo trug ihre Anweſenheit eher dazu bei, die entſchiedene Behaglichkeit der Scene zu erhöhen, als zu verringern. „Mit Freuden wollte ich in die Ewigkeit gehen, wenn ich nur der lieben, alten Dame Rum und Waſſer vergiften könnte,“ murmelte Quilp. „Ach!“ ſagte Herr Braß, das Schweigen unterbre⸗ chend und die Augen mit einem Seufzer gegen die Decke heftend.„Wer weiß! Aber vielleicht ſieht er jetzt auf uns hernieder. Wer weiß! vielleicht ſchaut er uns jetzt zu— von ein oder dem andern Orte aus, und beobachtet uns mit wachſamem Auge! Ach Gott!“ Hiemit hielt Herr Braß inne, um die Hälfte ſeines Punſches hinunter zu gießen, und fuhr dann fort, indem er während des Sprechens die andere Hälfte mit einem betrübten Lächeln beäugelte. „Es iſt mir faſt,“ ſagte der Rechtsgelehrte, den Kopf ſchüttelnd,„als könnte ich ſein Auge unten auf dem 39 Boden meines Glaſes glänzen ſehen. Wann wird uns je wieder ſeines Gleichen vorkommen? Nie, nie! In der einen Minute ſind wir hier“— er hielt den Kelch vor ſein Sehorgan—„in der nächſten dort,“ er leerte den Inhalt hinunter und klopfte ſich dabei bedeutſam auf den Magen—„in dem ſtillen Grabe— Oh, der Gedanke, daß ich jetzt ſeinen Rum trinken ſoll! Es iſt mir wie ein Traum!“ Ohne Zweifel in der Abſicht, ſich von der Wirk⸗ lichkeit ſeines Erdenwallens zu überzeugen, ſchob Herr Braß Frau Iiniwin ſein Glas zu, damit es wieder gefüllt würde und wandte ſich ſodann gegen die Män⸗ ner von der Themſe. „Das Suchen hat ſich alſo ganz erfolglos er⸗ wieſen?“ „Vollkommen erfolglos, Herr. Aber ich möchte behaupten, wenn er irgendwo wieder an's Licht kömmt, ſo wird er morgen Früh zur Ebbezeit in der Nähe von Greenwich an's Land treiben— was meinſt du, Camerad?“ Der andere Schiffer pflichtete bei, indem er be⸗ merkte, er habe ihn zwar bei dem Hoſpital aufzufiſchen gehofft, die Penſtonäre dort würden aber ſchon auf ihn Acht geben und den Körper in Empfang nehmen, wenn er dort ankäme. „Dann bleibt uns nichts übrig, als Ergebung,“ ſagte Herr Braß;„nichts als Ergebung und Hoffnung. Es würde ein Troſt ſeyn, wenn man ſeinen Körper hätte— ach freilich ein trauriger Troſt.“ 40 „Oh, ohne allen Zweifel,“ pflichtete Frau Jini⸗ win haſtig bei;„wenn wir nur den einmal hätten, ſo würden wir ganz ſicher ſeyn.“ „Doch, was ſeine Geſtaltsbeſchreibung anbetrifft,“ ſagte Sampſon Braß, die Feder aufnehmend.„Es iſt ein melancholiſches Vergnügen, ſeine Züge ſich zurückzurufen. Hinſichtlich ſeiner Beine— 2“ „Sie waren jedenfalls krumm,“ ſagte Frau Ji⸗ niwin. „Glauben Sie wirklich, daß ſie krumm waren?“ fragte Braß in einſchmeichelndem Tone.„Ich meine, ich ſehe ſie, wie ſie weit geſpreizt die Straße herauf⸗ kommen, in ihren knappen Nankinpantalons und ohne Stege. Ach, in welchem Thale der Zähren leben wir. Wollen wir krumm ſagen?“ „Ich glaube, ſie waren es ein wenig,“ bemerkte Frau Quilp mit einem Seufzer. „Beine krumm,“ ſagte Herr Braß während des Schreibens,„Kopf groß, Beine krumm.“ „Sehr krumm,“ verbeſſerte Frau Jiniwin. „Wir wollen nicht ſagen ‚ſehr krumm, Ma'am,“ entgegnete Braß mit frommem Sentiment.„Be⸗ decken wir die Schwächen des Hingeſchiedenen mit dem Mantel der Liebe. Er iſt hingegangen, Ma'am, wo kein Anſehen der Beine mehr gilt.— Wir wollen uns mit ‚krumm’ begnügen, Frau Jiniwin.“ „Ich meinte, Sie wollten die Wahrheit haben,“ ſagte die alte Dame.„Weiter hatte ich nicht im Sinne.“ 4 ——— — 41 „Gott ſegne die gute Frau! wie ich ſie darum liebe!“ murmelte Quilp.„Doch da geht ſie ſchon wieder. Nichts als Punſch!“ „Dieß iſt eine Beſchäftigung,“ ſagte der Advo⸗ kat, indem er die Feder niederlegte und ſein Glas leerte,„die ihn meinen Augen vorzuführen ſcheint, wie den Geiſt von Hamlet's Vater, in denſelben Kleidern, die er an Werktagen trug. Sein Rock, ſeine Weſte, ſeine Schuhe und Strümpfe, ſeine Hoſen, ſein Hut, ſein Verſtand und Humor, ſein Pathos und ſein Regenſchirm— alles taucht vor mir auf, wie die Träume meiner Jugend! Sein Weißzeug,“ fuhr Herr Braß fort, indem er ſchmachtend nach der Wand lächelte,„ſein Weißzeug war ſtets von einer beſondern Farbe, denn ſo war ſein Geſchmack und ſeine Laune— wie deutlich ſehe ich jetzt ſein Weiß⸗ zeug!“— „Ich glaube, ſie thäten gut, wenn Sie fort⸗ machten,“ ſagte Frau Iiniwin ungeduldig. „Wahr, Ma'am, wahr,“ rief Herr Braß.„Un⸗ ſere Fähigkeiten dürfen nicht vor Gram einfrieren. Darf ich Sie um ein Bischen mehr von dieſem be⸗ mühen, Ma'am? Wir kommen jetzt zu der Frage hinſichtlich ſeiner Naſe.“ „Platt,“ ſagte Frau Jiniwin. „Adlernaſe!“ rief Quilp, der jetzt ſeinen Kopf hereinſteckte und mit der Fauſt über ſein Geſicht ſtrich,„Adlernaſe, du Hexe! Seht Ihr's jetzt? Nen⸗ nen Sie dieß platt? Soll das platt ſeyn— he?⸗ 42 „Oh, capital, capital!“ jauchzte Braß aus bloßer Macht der Gewohnheit.„Vortrefflich! Wie herrlich er iſt! Ein höchſt merkwürdiger Mann— ſo außer⸗ ordentlich ſpaßhaft! Und die erſtaunliche Fähigkeit, die er beſitzt, die Leute zu überraſchen.“ Quilp achtete jedoch nicht im Geringſten weder äuf dieſe Complimente noch auf die bedenkliche und eingeſchüchterte Miene, die der Rechtsgelehrte annahm, weder auf die Schreckensrufe ſeines Weibes und der Schwiegermutter, noch auf das Davonlaufen der Letzteren, oder auf das Ohnmächtigwerden der Erſte⸗ ren. Das Auge auf Sampſon Braß geheftet, ging er auf den Tiſch zu, trank das Glas des Advokaten aus und machte ſodann eine regelmäßige Runde, um die zwei andern gleichfalls zu leeren, worauf er die Flaſche ergriff, ſte unter ſeinen Arm drückte und ſei⸗ nen Rechtsfreund mit einem ganz ungewöhnlichen Schielblick betrachtete. „Noch nicht, Sampſon,“ ſagte Quilp.„Noch nicht im Geringſten!“ „Oh, ſehr gut, in der That!“ rief Braß, der ſich inzwiſchen ein wenig geſammelt hatte.„Ha, ha, ha! Ausnehmend gut! Es gibt keinen zweiten Mann auf Erden, der es ſo durchführen könnte. Eine höchſt ſchwierige Lage, um ſie durchzuführen. Aber er hat einen ſolchen Strom von guter Laune, einen ſo be⸗ wunderungswürdigen Strom!“ „Gute Nacht,“ ſagte der Zwerg mit einem nach⸗ drücklichen Kopfnicken. u—— 43 „Gute Nacht, Sir, gute Nacht,“ rief der Rechts⸗ gelehrte, ſich nach der Thüre zurückziehend.„Dieß iſt ein erfreulicher Anlaß— in der That erfreulich. Ha, ha, ha! Oh, ſehr prachtig— in der That ſehr prächtig, außerordentlich prächtig!“ Herr Quilp wartete, bis die Ausrufe des Herrn Braß in der Ferne erſtarben(denn er fuhr fort, ſie die ganze Treppe hinunter entſtrömen zu laſſen) und wandte ſich ſodann an die zwei Männer, welche noch in einer Art betäubter Verwunderung daſtanden. „Habt ihr den ganzen Tag den Fluß durch⸗ ſpürt, ihr Herrn?“ ſagte der Zwerg, indem er mit großer Höflichkeit die Thüre öffnete. „Und geſtern auch, Herr.“ „Ach du mein Himmel, da habt ihr ja recht viel Mühe gehabt. Ich bitte, betrachtet alles als euer Eigenthum, was ihr finden könnt, an der— an der Leiche. Gute Nacht!“ Die beiden Männer ſahen einander an, hatten aber augenſcheinlich keine Neigung, den Punkt dermalen weiter zu erörtern und trollten ſich aus dem Zimmer. Sobald Quilp in dieſer Weiſe aufgeräumt hatte, ſchloß er die Thüre und ſtellte ſich, noch immer die Flaſche unter den gekreuzten Armen und mit hinauf⸗ gezogenen Achſeln, wie ein abgeſtiegener, Alp vor ſein beſtnnungsloſes Weib hin. Der Naritätenladen. Fünßzigſtes Kapitel. Ehezwiſtigkeiten werden von den betheiligten Parteien gewöhnlich in der Form eines Dialogs ab⸗ gemacht, zu welchem die Dame wenigſtens ihre volle Hälfte beiträgt. Diejenigen zwiſchen Herrn und Frau 8 Quilp bildeten jedoch eine Ausnahme von dieſer all⸗ d gemeinen Regel, und die dadurch veranlaßten Bemer⸗ kungen beſchränkten ſich auf ein langes Selbſtgeſpräch 6 von Seite des Herrn Gemahls, vielleicht hin und wieder durch einen bittenden Ausruf der Dame un⸗ terbrochen, der jedoch nie mehr, als eine einzige zit⸗ ternde Sylbe, umfaßte und mit dem demüthigſten und 1 unterwürfigſten Tone geäußert wurde. Bei dem ge⸗ genwärtigen Anlaſſe wagte Madame Quilp geraume Zeit nicht einmal dieſe unbedeutende Vertheidigung, denn nachdem ſie ſich von ihrem Ohnmachtsfalle er⸗ holt hatte, ſaß ſie in einem thränenvollen Schweigen ſorgſam da und hörte geduldig auf die Vorwürfe ihres Herrn und Meiſters. Dieſer entledigte ſich Herr Quilp mit der größ⸗ ten Lebhaftigkeit und Zungengeläufigkeit, noch oben⸗ drein aber auch mit ſo viel Verzerrungen ſeiner Glie⸗ der und ſeines Geſichts, daß ſogar ſein Weib, die 45 doch ſo ziemlich an ſeine derartige Geſchicklichkeit ge⸗ wohnt war, vor Entſetzen faſt außer ſich kam. Aber der Jamaicarum und die Freude, den Seinigen einen ſo kräftigen Strich durch die Rechnung gemacht zu haben, kühlten allmälig Herrn Quilp'’s Zorn ab, der aus ſeiner ungeſtümen Hitze allmälig in ein Höhnen und Kichern überging, wobei er mit Beharrlichkeit ſtehen blieb. „Du glaubteſt, ich ſey todt und dahin, nicht wahr?“ ſagte Quilp.„Du hieelteſt dich bereits für eine Wittwe,— wie? Ha, ha, ha. Du Metze!“ „In der That, Quilp,“ entgegnete ſein Weib. „Es thut mir ſehr leid—“ „Wer bezweifelt es?“ rief der Zwerg.„Es thut dir ſehr leid! Natürlich! Wer zweifelt daran, daß es dir ſehr leid thut?“ „Ich will damit nicht ſagen, es thue mir leid, daß du geſund und wohl wieder nach Hauſe gekom⸗ men biſt,“ entgegnete ſein Weib;„ſondern nur, daß es mir leid thut, dich zu einem ſolchen Glauben ver⸗ anlaßt zu haben. Es freut mich recht, dich zu ſehen, Quilp; du darfſt's mir glauben.“ In der That ſchien ſich auch Frau Quilp über den Anblick ihres Gatten weit mehr zu freuen, als man hätte erwarten ſollen, wie ſie denn auch einen Grad von Intereſſe an ſeinem Wohle an den Tag legte, der, in Anbetracht der Dinge, etwas räthſel⸗ haft war. Auf Quilp machte jedoch dieſer Umſtand keinen weitern Eindruck, als daß er ihn veranlaßte, mit unterſchiedlichem, triumphirendem und verhöhnen⸗ dem Gegrinſe dicht vor den Augen ſeines Weibes Schnippchen zu ſchlagen. „Wie konnteſt du aber auch auf ſo lange fort⸗ gehen, ohne mir ein Wort zu ſagen, oder ohne etwas voon dir hören zu laſſen?“ fragte das arme kleine Weib ſchluchzend.„Wie konnteſt du ſo grauſam ſeyn, Quilp?“ „Wie ich ſo grauſam ſeyn konnte? Grauſam?“ rief der Zwerg.„Weil ich in der Laune dazu war. Ich bin auch jetzt noch in dieſer Laune. Ich werde grauſam ſeyn, wenn’s mir beliebt. Ich gehe wieder fort.“ „Oh, nicht doch!“ „Ja, doch. Ich gehe wieder fort— und zwar gleich jetzt. Ich gedenke, hinzugehen und zu wohnen, wo es mir immer zuſagt— auf dem Kai— in dem Comptoirhaus— ja, und ein luſtiger Junggeſelle zu ſeyn. Du warſt deiner Meinung nach ſchon eine Wittwe. Gott verdamme mich,“ kreiſchte der Zwerg, „ich will im Ernſte ein Junggeſelle ſeyn.“ „Unmöglich kannſt du das wirklich im Sinne haben, Quilp,“ ſchluchzte ſein Weib. „Ich ſage dir,“ erwiederte der Zwerg ganz ent⸗ zuͤckt über ſeinen Plan,„daß ich ein Junggeſelle ſeyn will, ein Kerl, der ſich um den Teufel nicht kümmert; und ich will meine Junggeſellenwirthſchaft in dem Comptoirhauſe einrichten— du ſollſt dich dann nur 47 unterſtehen, mir nahe zu kommen. Und ſieh dich zugleich vor, daß ich nicht wieder zu einer unzeitigen Stunde über dich herfalle, denn ich will zum Spür⸗ hund an euch werden und kommen und gehen, wie ein Maulwurf oder ein Wieſel. Tom Scott— wo iſt Tom Scott?“ „Hier bin ich, Meiſter,“ rief die Stimme des Knabens, als Quilp das Fenſter aufriß. „Warte hier, du Hund,“ entgegnete der Zwerg; „du mußſt den Mantelſack eines Junggeſellen tragen. Packe ihn zuſammen, Frau Quilp. Klopfe die gute alte Dame heraus, daß ſie dir helfe; klopfe ſie heraus. Holla da! holla!“ Mit dieſen Ausrufungen ergriff Herr Quilp das Schüreiſen, eilte damit nach der Schlafzimmerthüre der guten Dame und hämmerte ſo kräftig an dieſelbe, bis ſie in unausſprechlichem Schrecken erwachte, denn ſte war nicht anders der Meinung, als daß ihr liebens⸗ würdiger Schwiegerſohn die Abſicht habe, ſie aus Rache für die verläumdeten Beine zu ermorden. Von dieſer Vorſtellung überwältigt, hatte ſie ſich kaum ganz aus ihrem Schlafe aufgerafft, als ſie zeterlich zu ſchreien anfing und gewiß auch zu dem Fenſter hinaus in das eines Nachbars geſprungen wäre, wenn ſich ihre Tochter nicht beeilt hätte, ſie zu enttäuſchen und ihren Beiſtand aufzurufen. Etwas beruhigt durch die Nachricht, daß man ihrer Dienſte benöthigt ſey, kam Frau Jiniwin in einem Flanellunterrocke heraus, und Beide— Mutter und Tochter— gehorchten Herrn Quilp's Anweiſungen in unterwür⸗ figem Schweigen und vor Schrecken und Froſt zit⸗ ternd, denn die Nacht war bereits weit vorgerückt. Zur Erhöhung der Bequemlichkeit ſeiner eingeſchüch⸗ terten Untergeordneten verlängerte der excentriſche Ehrenmann, welcher das Einpacken ſeiner Garderobe beaufſichtigte, ſeine Vorbereitungen ſo viel als möglich, und nachdem er eigenhändig ein Teller, Meſſer, Gabel und Löffel, eine Theetaſſe und andere derartige Haus⸗ rath beigefügt hatte, ſchnallte er den Mantelſack zu, nahm ihn auf ſeine Schulter und marſchirte, ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, ab— die Rumflaſche, die er nicht ein einzigesmal niedergeſtellt hatte, noch im⸗ mer feſt unter den Arm drückend. Sobald er auf der Straße angelangt war, übertrug er ſeine ſchwe⸗ rere Laſt Tom Scott's Obhut, nahm zu ſeiner Kräf⸗ tigung einen Zug aus der Flaſche, gab dem Knaben zu der ſeinigen einen Schlag auf den Kopf und ging ſodann bedächtig nach dem Kai voran, woſelbſt er Morgens zwiſchen Drei und Vier Uhr anlangte. „Gemüthlich!“ ſagte Quilp, als er ſich nach dem hölzernen Comptoirhauſe getaſtet hatte und die Thüre mit einem Schlüſſel, den er immer bei ſich führte, öffnete.„Wundervoll gemüthlich! Wecke mich um Acht Uhr, du Schlingel!“ Ohne eine weitere ceremoniöſe Verabſchiedung oder Erörterung packte er ſeinen Mantelſack, ſchloß die Thüre hinter ſeinem Begleiter, klomm auf das Pult, rollte ſich, wie ein Igel, auf einem alten ——,—. u N 49 Schiffermantel zuſammen, und lag bald in tiefem Schlafe. Als Quilp, nach der kürzlichen Anſtrengung, mit einiger Mühe des andern Morgens zu der be⸗ ſtimmten Zeit geweckt war, lehrte er Tom Scott aus unterſchiedlichen Stücken alten Zimmerholzes im Hofe Feuer anmachen und Kaffee zum Frühſtück bereiten. Zur beſſern Ausſtattung dieſes Mahls vertraute er ihm einige kleine Geldmünzen, die für den Einkauf von heißen Semmeln, Butter, Zucker, Yarmouths⸗ Bücklingen und anderen Haushaltungsgegenſtänden verwendet werden ſollten, ſo daß in wenigen Minu⸗ ten ein würziges Gericht auf dem Tiſche dampfte. Mit dieſem ſubſtanziellen Troſte regalirte ſich der Zwerg nach Herzensgelüſten und fühlte ſich höchlich befriedigt durch dieſe freie Zigeunerlebensweiſe, die ihm(wie er oft ſchon gedacht hatte, wenn er ſich derſelben zuwenden wollte) eine angenehme Freiheit von ehelichem Zwang und ein auserleſenes Mittel bot, Frau Quilp und ihre Mutter in einem Zuſtande unabläſſiger Aufregung und Angſt zu erhalten. Zu⸗ gleich beſtrebte er ſich, ſeine Einſiedelei zu verſchönern und ſie bequem und gemächlich einzurichten. In dieſer Abſicht begab er ſich nach einem Orte in der Nähe, wo das, was er brauchte, gegen Be⸗ zahlung zu haben war, und kaufte daſelbſt eine alte Hängematte, die er nach Seemansweiſe an der Decke ſeines Comptoirhauſes befeſtigte. Dann ließ er auch in dieſelbe moderige Cajüte einen alten Schiffsofen Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 4 1 50 ſetzen, deſſen roſtige Röhre den Rauch durch das Dach ableiten ſollte; und ſobald dieſe Vorkehrungen beendigt waren, ſah er ſich mit unausſprechlicher Luſt in ſeinem Eigenthum um. „Ich habe jetzt ein Landhaus, wie Robinſon Cruſoe,“ ſagte der Zwerg, ſeine Bequemlichkeiten be⸗ trachtend; veinen einſamen, abgeſchiedenen Wohnort, der einer öden Inſel gleicht, und wo ich meine Ge⸗ ſchäfte allein betreiben kann, ohne von Spionen und Horchern behelligt zu werden. Niemand iſt hier in meiner Nähe, als Ratten, und dieſe ſind liebliche, ſchweigſame und heimliche Geſellſchafter. Ich werde un⸗ ter einem ſolchen Publikum ſo vergnügt wie eine Grille ſeyn. Ich ſinde wohl eine darunter, die dem Chri⸗ ſtoph gleich ſieht, und vergifte ſie dann— ha, ha, ha! Aber die Geſchäfte— die Geſchäfte— wir dürfen in Mitte der Vergnügungen nicht der Ge⸗ ſchäfte vergeſſen, und die Zeit iſt in der That dieſen Morgen mit Windesfluth dahingegangen.“ Der Zwerg ſchärfte ſofort Tom Scott ein, ſeine Rückkehr abzuwarten, aber ja nicht in der Zwiſchen⸗ zeit ſich auf den Kopf zu ſtellen, Purzelbäume zu machen, oder auch nur auf den Händen ſpazieren zu gehen, indem er ihn für ſolche Vergehen mit langer Züchtigung bedrohte, warf ſich in ein Boot, ſetzte nach der andern Seite des Fluſſes über und eilte zu Fuß weiter, bis er Herrn Swiveller's gewöhnli⸗ ches Speiſehaus in Bevis⸗Marks erreichte, in deſſen düſterer Gaſtſtube der genannte Herr ſich eben zu einem einſamen Mittagsmahle niederſetzte. „Dick“— ſagte der Zwerg, den Kopf zu der Thüre hineinſteckend,„mein Liebling, mein Söhnchen, mein Augapfel— he, he!“ „Ah, ſind Sie es— wirklich?“ entgegnete Herr Swiveller.„Wie befinden Sie ſich?“ „Wie geht es Dick?“ erwiederte Quilp.„Was macht die Milch der Schreiberſchaft— he?“ „Je nun, ſie wird etwas ſauer, Sir,“ verſetzte Herr Swiveller.„In der That, ſie fängt an, an's Käſige zu gränzen.“ „Ci, was gibt es denn?“ ſagte der Zwerg nähertretend.„Hat ſich Sally ungnädig erwieſen? „Von allen Mädchen auf der Welt Mir keine ſo wie—— Iſt's nicht ſo, Dick?“ „Nein, gewiß nicht,“ antwortete Herr Swiveller, während er mit großer Gravität ſein Mahl verzehrte. „Sie hat etwas Anſprechendes ſonder Gleichen. Sally Braß iſt die Sphynx des Privatlebens.“ „Sie ſind übler Laune,“ ſagte Quilp, einen Stuhl heranziehend.„Was iſt denn vorgefallen?“ „Die Jurisprudenz will mir nicht eingehen,“ entgegnete Dick.„Sie iſt nicht feucht genug und hat viel zu viel Stubenhockerei. Ich bin Willens davonzulaufen.“ „Pah,“ erwiederte der Zwerg.„Und wohin wollen Sie denn laufen, Dick.“ 4* „Ich weiß es nicht,“ antwortete Herr Swiveller. „Highgate zu, denke ich. Vielleicht rufen auch mir die Glocken: ‚„kehr um, Swiveller, Lordmayor von London;’ Whittington hat auch Dick geheißen. Ich wollte nur, daß die Katzen ſeltener wären.“ Quilp ſah ſeinen Gefährten mit Augen an, die mit einem komiſchen Ausdrucke von Neugierde zwinkerten, und harrte geduldig der weitern Erör⸗ terung. Herr Swiveller ſchien ſich jedoch hiemit nicht beeilen zu wollen, denn er hielt ein ſehr langes und ſchweigſames Mittagsmahl. Endlich ſchob er ſeinen Teller weg, lehnte ſich in dem Stuhle zurück, kreuzte die Arme und ſtierte mit einer Jammermiene auf das Feuer, in dem einige Cigarrenenden zu ihrem Privatvergnügen rauchten und einen würzigen Duft entſandten. „Vielleicht beliebt ein Stückchen Kuchen?“ fragte Dick, als er ſich endlich an den Zwerg wandte. „Sie ſind höflich dazu eingeladen. Warum auch nicht? Iſt er ja aus ihrem eigenen Backofen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Quilp. Herr Swiveller antwortete nur dadurch, daß er aus der Taſche eine kleine und ſehr ſchmierige Papier⸗ düte zog, dieſelbe langſam öffnete und ein kleines Stück Pflaumenkuchen hervorzog, das außerordentlich unverdaulich ausſah und mit einem anderthalbzoll⸗ hohen Zuckerguſſe bedeckt war. „Was halten Sie wohl von dieſem?“ fragte Swiveller. 53 „Es ſieht aus wie ein Hochzeitkuchen,“ verſetzte der Zwerg grinſend. „Und von wem denken Sie wohl, daß er aus⸗ geht?“ fragte Herr Swiveller weiter, indem er das Backwerk mit ſchrecklicher Ruhe gegen ſeine Naſe rieb.„Von wem?“ „Doch nicht——„ „Ja,“ ſagte Dick,„von derſelben. Sie brauchen ihren Namen nicht zu nennen. Es gibt keinen ſol⸗ chen Namen mehr. Sie heißt jetzt Cheggs— Sophia Cheggs. Und doch liebt' ich, wie nimmer ein Mann geliebt, der nicht hatte hölzerne Bein; und mein Herz, mein Herz iſt tief betrübt, aus Lieb' für Sophia allein.“ Mit dieſer ertemporirten Anpaſſung eines Volks⸗ lieds auf die herzbrechenden Umſtände ſeiner eigenen Lage, machte Herr Swiveller ſeine Düte wieder zu, ſchlug ſie zwiſchen den Flächen ſeiner Hände ſehr platt, ſteckte ſie in ſeine Bruſttaſche, knöpfte den Rock darüber zu und kreuzte die Arme über dem Ganzen. „Ich hoffe, Sie ſind jetzt befriedigt, Sir—“ ſagte Dick;„und das Gleiche hoffe ich von Fritz. Ihr war't Bundesgenoſſen bei dem Unglück, und hoffentlich iſt es jetzt ſo, wie ihr es wünſcht. Iſt dieß der Triumph, den ich haben ſollte— wie? Er gleicht ganz dem ländlichen Tanze des gleichen Namens, wo zwei Herren und eine Dame da ſind, 54 und der Eine hat ſie und der Andere nicht, ſondern der Letztere kommt blos hintendrein gehinkt, um die Figur voll zu machen. Doch das iſt die Wirkung des Ge⸗ ſchicks, und das meinige iſt zernichtend.“ Seine geheime Freude über Herrn Swiveller's Niederlage verbergend, grif Daniel Quilp zu dem ſicherſten Mittel, ihn zu beſchwichtigen, indem er die Klingel zog und einen Nachſchub roſigen Weines (das heißt, deſſen gewöhnlichen Repräſentanten) be⸗ ſtellte, ſich und ſeinem Gaſte raſch einſchenkte und Swiveller aufforderte, ihn mit verſchiedenen Toaſten, welche die Cheggs lächerlich machten und das Glück des ledigen Standes prieſen, zu verpflichten. Dieſe wirkten auch, in Vereinigung mit der Betrachtung, daß Niemand ſeinem Geſchick entgehen kann, ſo nachdrücklich auf Herrn Swiveller, daß ſich in ganz kurzer Zeit ſeine Lebensgeiſter überraſchend hoben und er fähig war, dem Zwerg einen Bericht über den Empfang des Kuchens abzuſtatten, der, wie es ſchien, von den überlebenden zwei Miß Wackleſen in Perſon nach Bevis Marks gebracht und mit vie⸗ lem Kichern an der Bureauthüre abgeliefert wor⸗ den war. „Ha!“ ſagte Quilp.„Die Reihe des Kicherns wird bald an uns kommen. Und das erinnert mich— Sie ſprachen von dem jungen Trent— wo iſt er?“ Herr Swiveller ſetzte auseinander, daß ſein reſpectabler Freund kürzlich eine verantwortliche An⸗ 5⁵ ſtellung in einer wandernden Spielbude angenommen habe und zur Zeit auf einer Geſchäftsreiſe begriffen ſey, um den wagehälſigen Geiſtern Großbritanniens Gelegenheit zu Beſuchen zu geben. „Das iſt ein Unglück,“ verſetzte der Zwerg, „denn ich kam eigentlich nur, um nach ihm zu fragen. Es iſt mir ein Gedanke gekommen. Dick, Ihr Freund drüben—“ „Welcher Freund?“ „In dem erſten Stock.“ „Ja?“ „Ihr Freund in dem erſten Stock, Dick, wünſcht ihn vielleicht kennen zu lernen.“ „Nein, das iſt nicht der Fall,“ entgegnete Herr Swiveller mit Kopfſchütteln. „Nicht der Fall? Natürlich, weil er ihn nie geſehen hat,“ erwiederte Quilp.„Aber, wenn wir ſie zuſammenbringen könnten— wer weiß, Dick, ob nicht Fritz, gehörig vorgeſtellt, ihm faſt eben ſo willkommen wäre, als die kleine Nell oder ihr Großvater. Wer weiß— vielleicht würde der junge Mann ſein Glück dadurch machen, was nothwendig eine Rückwirkung auf ſie üben würde. Wie meinen Sie?“ „Ja, ſehen Sie,“ ſagte Herr Swiveller,„das Factum iſt eben dieß, daß ſie ſchon zuſammenge⸗ bracht worden ſind.“ „Wie, ſie wären ſchon?“ rief der Zwerg, in⸗ . 56 dem er ſeinen Gefährten argwöhniſch anblickte.„Durch weſſen Veranlaſſung?“ „Durch die meinige,“ verſetzte Dick, etwas ver⸗ wirrt.„Habe ich deſſen nicht bei Ihrem letzten Beſuche im Hauſe drüben gegen Sie erwähnt?“ „Das wiſſen Sie ſelber am beſten,“ entgegnete der Zwerg. „Ich glaube, Sie haben Recht,“ ſagte Dick. „Nein. Ich erinnere mich, daß ich's nicht that. Oh, ja; ich brachte ſie an demſelbigen Tage zu⸗ ſammen. Fritz wollte es haben.“ „Und was kam dabei heraus?“ „Je nun, ſtatt daß mein Freund, als ſich Fritz zu erkennen gab, in Thränen ausbrach, ihn zärtlich umarmte und ihm ſagte, daß er ſein Großvater oder ſeine Großmutter in Verkleidung ſey(wie wir gar nicht anders erwartet hatten), gerieth er in einen fürchterlichen Zorn, legte ihm alle mögliche Namen bei, ſagte, es ſey großentheils ſeine Schuld, daß Nell und der alte Herr verarmten, that ganz und gar nicht dergleichen, uns einen Trunk anzu⸗ bieten, und— und— mit einem Worte, es fehlte wenig, daß er uns zur Thüre hinausgeworfen hätte.“. „Das iſt ſonderbar,“ ſagte der Zwerg nach⸗ ſinnend. „So meinten wir damals auch,“ verſetzte Dick kaltblütig;„aber dem ungeachtet iſt's eine That⸗ ſache.“ h 57 Herrn Quilp kam dieſe Nachricht augenſcheinlich nicht gelegen, denn er brütete darüber einige Zeit in finſterem Schweigen, wobei er oft ſeine Augen zu Herrn Swiveller's Geſicht erhob und den Ausdruck deſſelben einer ſcharfen Prüfung unterwarf. Da er jedoch keine weiteren Neuigkeiten oder überhaupt etwas darin finden konnte, was auf den Verdacht einer abſichtlichen Lüge hingedeutet hätte; und da ferner Herr Swiveller, ſeinen eigenen Betrachtungen überlaſſen, tief aufſeufzte und ſichtlich bei dem Ge⸗ danken an Frau Cheggs in einen Liebestaumel ge⸗ rieth, ſo brach der Zwerg das Geſpräch bald ab und entfernte ſich, den unglücklichen Liebhaber ſeinen melancholiſchen Meditationen überlaſſend. „Alſo zuſammengebracht worden?“ ſagte der Zwerg, als er allein durch die Straßen wanderte. „Mein Freund hat mir einen Marſch abgeſtohlen— freilich nur in der Abſicht— denn da es zu nichts führte, ſo iſt es von keinem großen Belang. Es freut mich, daß er ſeine Geliebte verloren hat. Ha, ha! Der dumme Teufel darf zur Zeit die Jurisprudenz noch nicht verlaſſen. An ſeinem gegenwärtigen Aufenthaltsorte bin ich ſeiner ſicher, ſo oft ich ihn für meine Zwecke brauche, und außerdem dient er mir, ohne daß er es weiß, als guter Spion über Braß, indem er beim Glaſe alles, was er ſieht und hört, ausplaudert. Sie ſind mir von Nutzen, Dick, und koſten mich nichts, als hin und wieder ein Bischen Freihalten. Ich bin nicht ganz überzeugt, 58 ob es nicht der Mühe werth wäre, ſich über kurz oder lang bei dem Fremden in Credit zu ſetzen, in⸗ dem man ihm Ihre Abſichten auf das Kind eröffnet, Herr Swiveller. Doch zur Zeit gedenken wir, mit Dero Wohlnehmen, die beſten Freunde von der Welt zu bleiben.“ Dieſe Gedanken weiter verfolgend und während des Ganges in ſeiner eigenthümlichen Weiſe keu⸗ chend, ſetzte Herr Quilp abermals über die Themſe und ſchloß ſich in ſeiner Junggeſellenwohnung ein, die in Folge des neugeſetzten Ofens, der ſeinen Rauch in der Stube ablagerte und durchaus keinen hinaus⸗ leitete, nicht ganz ſo angenehm war, als es wohl eklere Leute gewünſcht haben würden. Solche Un⸗ bequemlichkeiten waren jedoch durchaus nicht geeignet, dem Zwerg ſeinen neuen Aufenthalt zu entleiden, da ſie im Gegentheil ſeiner Laune zuſagten. Nachdem er daher ein ſchwelgeriſches Mahl aus dem Wirths⸗ hauſe zu ſich genommen hatte, zündete er ſeine Pfeife an und rauchte gegen den Kamin, bis in dem Nebel nichts mehr von dem Ehrenmanne ſichtbar war, als ein paar rother, ſehr entzündeter Augen und hin und wieder die undeutlichen Umriſſe ſeines Kopfes und Geſichtes, ſo oft etwa ein heftiger Huſtenanfall den Rauch aufſtörte und die dichten Wolken ein wenig zerſtreute. In Mitte dieſer At⸗ mosphäre, die unfehlbar jeden andern Menſchen erſtickt haben würde, verbrachte Herr Quilp den Abend in großer Heiterkeit, indem er ſich bald mit 59 der Pfeife, bald mit der Rumflaſche tröſtete, und hin und wieder ſich mit einem melodiſchen Geheul unterhielt, das Geſang ſeyn ſollte, aber durchaus nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit irgend einer Vo⸗ cal⸗ oder Inſtrumentalmuſik hatte, die je von Men⸗ ſchen erfunden wurde. So amuſirte er ſich faſt bis um Mitternacht und legte ſich dann äußerſt vergnügt in ſeine Hängematte. Der erſte Ton, der des andern Morgens ſein Ohr traf— als er nämlich ſeine Augen halb öff⸗ nete und ſich in ſo ungewöhnlicher Nähe der Decke befand, ſo überkam ihn der unbeſtimmte Gedanke, daß er im Lauf der Nacht in eine Mücke oder in eine blaue Schweißfliege verwandelt worden ſeyn müſſe— war der eines unterdrückten Schluchzens und Weinens in der Stube. Er ſah vorſichtig über die Seite ſeiner Hängematte hinaus und erblickte Frau Quilp, die er, nachdem er ſie eine Zeitlang ſchweigend betrachtet hatte, plötzlich mit dem hellen, gellenden Rufe anſchrie: „Holla!“ „Ach, Quilp!“ rief ſein armes kleines Weib in die Höhe ſchauend;„wie haſt du mich erſchreckt!“ „Das wollte ich, du Mähre,“ entgegnete der Zwerg.„Was willſt du hier— ich bin todt— nicht wahr?“ „Oh, ich bitte, komm nach Hauſe, komm nach Hauſe,“ entgegnete Frau Quilp ſchluchzend.„Wir wollen es nie wieder thun, Quilp, und im Grunde 60 war es doch nur ein Irrthum, der aus unſerer Be⸗ ſorgniß um dich erwuchs.“ „Aus eurer Beſorgniß?“ grinste der Zwerg. „Ja, ich kenne das. Ihr ſeyd äußerſt beſorgt, mich todt zu ſehen. Ich werde nach Hauſe gehen, wann ich will, ſage ich dir. Ich werde nach Hauſe kom⸗ men, wann es mir gut dünkt, und gehen, wann es mir gut dünkt. Ich will ein Irrwiſch ſeyn, bald hier, bald da, ſtets um euch hertanzend, vor euch auffahren, wo ihr mich am wenigſten erwartet, und euch in einem unaufhörlichen Zuſtand von Unruhe und Aufregung erhalten. Willſt du von hinnen gehen?“ Frau Quilp wagte es nur, eine flehende Ge⸗ berde zu machen. „Ich ſage dir, nein!“ rief der Zwerg.„Nein. Wenn du dich wieder unterſtehſt, wieder hieherzu⸗ kommen, ohne daß ich nach dir ſchicke, ſo will ich Hunde halten, die knurren und beißen— ich will Männerfallen legen, klug verändert und verbeſſert, um Weiber feſtzuhalten— ich bringe Selbſtgeſchoße an, die losgehen, wenn du auf die Drähte trittſt, und dich, zu tauſend Stücken zerfetzt, in den Wind blaſen. Willſt du machen, daß du fortkömmſt?“ „Verzeihe mir! Komm zurück!“ rief ſein Weib dringend. „Nei⸗-ei-ei-ei-ein!“ kreiſchte Quilp.„Nicht eher, bis es mir gut dünkt, und dann will ich zurück⸗ kehren, ſo oft ich mag, und Niemand verantwortlich 61 ſeyn für mein Gehen oder Kommen. Du ſiehſt die Thüre dort. Willſt du gehen?“ Dieſen letzten Befehl ertheilte Quilp mit ſo nachdrücklicher Stimme und begleitete ihn mit einer ſo plötzlichen Geberde, daß die arme Frau wie ein Pfeil von hinnen ſchoß, weil ſie fürchtete, er wolle aus ſeiner Matte ſpringen, und zipfelkappig, wie er war, ſie durch die offenen Straßen nach Hauſe tragen. Der Ehrenmann ſtreckte ſeinen Hals aus und ſah ihr nach, bis ſie den Hof hinter ſich hatte, brach dann in ein ſchallendes Gelächter aus und legte ſich wieder zum Schlafen nieder— höchlich vergnügt, die Sache ſo weit geführt und das Heiligthum ſeines Schloſſes behauptet zu haben. Der Naritätenladen. Einundfünfzigſtes Kapitel. Der angenehme und offenherzige Eigenthümer des Junggeſellenſchloſſes ſchlief in Mitte der geiſtes⸗ verwandten Begleitung von Regen, Schmutz, Un⸗ flath, Feuchtigkeit, Nebel und Ratten, bis ſpät in den Tag hinein; dann rief er ſeinen Diener, Tom Scott, ihm beim Aufſtehen Beihülfe zu leiſten und das Frühſtück zu bereiten, verließ ſein Lager und 62 machte ſeine Toilette. Sobald dieß geſchehen und das Mahl eingenommen war, begab er ſich wieder nach Bevis Marks. Dießmal galt ſein Beſuch nicht Herrn Swi⸗ veller, ſondern deſſen Freunde und Brodherrn, dem Herrn Sampſon Braß. Die beiden genannten Herren waren jedoch nicht zu Hauſe, und eben ſo wenig befand ſich das Licht und Leben der Juris⸗ prudenz, Miß Sally, auf ihrem Poſten. Die That⸗ ſache ihrer vereinten Deſertion aus dem Bureau wurde allen Ankommenden durch einen Zettel von Herrn Swiveller's Handſchrift bekannt gemacht, der, an dem Klingelgriff befeſtigt, dem Leſer die etwas unbeſtimmte und ungenügende Eröffnung machte, daß der letztere Herr„in einer Stunde“ wieder zurück⸗ kehren würde, ohne daß jedoch über die Zeit der Anheftung Aufſchluß gegeben worden wäre. „Hoffentlich iſt doch eine Magd da,“ ſagte der Zwerg, indem er an die Hausthüre klopfte.„Sie kann'’s ausrichten.“ Nach einer hinreichend langen Pauſe wurde die Thüre geöffnet und eine kleine Stimme ertönte. „Oh! wollen Sie ſo gut ſeyn und Ihren Auf⸗ trag oder ein Karte hier laſſen?“ „He!“ ſagte der Zwerg, auf die kleine Magd hinunterſehend, die ihm etwas ganz Neues war. Die Kleine, welche die Unterhaltung in der⸗ ſelben Weiſe führte, wie bei Gelegenheit ihrer erſten 63 Zuſammenkunft mit Herrn Swiveller, entgegnete abermals: „Oh, wollen Sie ſo gut ſeyn und Ihren Auf⸗ trag oder eine Karte hier zu laſſen?“ „Ich will ein Billet ſchreiben,“ ſagte der Zwerg, indem er ſie zur Seite drückte und in das Bureau drang.„Wohlgemerkt, ſie muß es ihrem Herrn übergeben, ſobald er nach Hauſe kommt.“ Mit dieſen Worten klomm Herr Quilp auf den Schreibebock, um das Billet zu ſchreiben, und die kleine Magd, ſorgfältig gegen derartige Aunftritte verwarnt, ſah mit weit offenen Augen zu, ſprung⸗ fertig, wenn er etwa nur den Werth einer Oblate ſtipitzte, auf die Straße zu eilen und die Polizei herbeizurufen. Das ſehr kurze Billet war bald geſchrieben, und während Herr Quilp daſſelbe zuſammenlegte, be⸗ gegnete er den Blicken der kleinen Dienſtmagd. Er ſah ſie lange und angelegentlich an. „Wie geht's Ihr?“ fragte der Zwerg, mit ſchrecklichen Grimaſſen eine Oblate anfeuchtend. Die kleine Magd, vielleicht durch ſein Ausſehen erſchreckt, gab keine vernehmliche Antwort, obgleich aus der Bewegung ihrer Lippen zu erhellen ſchien, daß ſie innerlich dieſelbe Formel hinſichtlich des Auf⸗ trags oder der Karte wiederholte. „Behandelt man ſie hier ſchlecht? Iſt ihre Gebieterin ein Drache?“ fragte Quilp mit einem Kichern. 64 In Erwiederung auf dieſe letztere Frage zog die kleine Magd mit einem ungemein verſchmitzten, von Furcht nicht freiem Blicke, den Mund ſehr klein und rund zuſammen, und nickte nachdrücklich. Ob etwas in der eigenthümlichen Schlauheit ihres Benehmens , was Quilp bezauberte, oder ob der Ausdruck ihres Geſichtes aus irgend einem anderen Grunde ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, wenn es ihm nicht vielleicht rein darum zu thun war, die kleine Magd aus ihrer Faſſung zu glotzen— ſo viel wenigſtens iſt gewiß, daß er ſeine Ellenbogen breit und feſt auf das Pult pflanzte, mit den Händen die Backen in die Höhe drückte und unverwandt nach ihr hinſchaute. „Wo kommt ſie her?“ fragte er nach einer langen Pauſe, ſein Kinn reibend. „Ich weiß nicht.“ „Wie heißt ſie?“ „Ich habe keinen Namen.“ „Unſinn!“ entgegnete Quilp.„Wie ruft ihr ihre Gebieterin, wenn ſie etwas von ihr will?“ „Kleiner Teufel,“ verſetzte die Kleine. Aber in demſelben Athem, als fürchte ſie Verrath, fügte ſie bei: „Wollen Sie nicht ſo gut ſeyn, Ihren Auftrag oder eine Karte hier zu laſſen?“ Dieſe ungewöhnlichen Antworten hätten aller⸗ dings zu weiteren Nachforſchungen Veranlaſſung geben können. Quilp übrigens wandte, ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, ſeine Augen von der kleinen Magd „ ᷑ 2 oH Oo ao———D———— 8 . lacellean 77 5 A 3 4 65 ab, rieb ſich, noch gedankenvoller als vorhin, ſein Kinn, bückte ſich dann über das Billet, als wolle er mit beſonderer Genauigkeit die Addreſſe ſchreiben, und ſah, zwar verſtohlen aber ſehr ſcharf, unter ſei⸗ nen buſchigten Augenbraunen nach ihr hin. Das Ergebniß dieſer geheimen Muſterung war, daß er mit den Händen ſein Geſicht beſchattete und ſich in einem lautloſen, ſchlauen Lachen erging, bis jede Ader deſſelben faſt zum Berſten angeſchwollen war. Dann drückte er ſeinen Hut in die Stirne, um ſeine Heiter⸗ keit und ihre Wirkungen zu verhüllen, warf der Kleinen den Brief zu und entfernte ſich haſtig. Sobald er auf der Straße war, brach er, von irgend einem geheimen Impulſe angetrieben, in ein lautes Lachen aus, hielt ſich die Seiten, lachte wieder und verſuchte es, durch die ſtaubigen Areageländer zu blicken, als möchte er des Kindes noch einmal anſichtig werden, bis er eigentlich ermüdet war. Endlich trat er ſeinen Weg nach der„Wildniß“ an, die nur auf Büchſenſchußweite von ſeinem Jung⸗ geſellenſchloß entfernt war, und beſtellte daſelbſt auf den Nachmittag für drei Perſonen Thee in das höl⸗ zerne Sommerhaus. Eine Einladung der Miß Sally Braß und ihres Bruders war der Zweck ſeines Ganges und ſeines Billets geweſen. Das Wetter war nicht ganz ſo, wie man es liebt, wenn man in Sommerhäuſern Thee trinken will— geſchweige denn in Sommerhäuſern, die im Zuſtande des Verfalls ſchon weit vorgerückt ſind und Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 5 66 zur Ebbezeit die unmittelbare Nachbarſchaft der ſchlam⸗ migen Ufer eines großen Fluſſes bieten. Demunge⸗ achtet aber ließ Herr Quilp in dieſem auserleſenen Winkelchen eine kalte Collation zurichten, und unter ſeinem brüchigen und ſchadhaften Dache wollte er zu beſtimmter Stunde Herrn Sampſon und ſeine Schweſter Sally empfangen. „Sie lieben die Schönheiten der Natur,“ ſagte Quilp mit einem Grinſen.„Iſt dieß nicht bezau⸗ bernd, Braß? Iſt es nicht ungewöhnlich, unge⸗ künſtelt, erhebend?“ „In der That ganz entzückend, Sir,“ verſetzte der Rechtsgslehrte. „Kühl?“ ſagte Quilp. „Ni— nicht beſonders gerade, wie mich däucht, Sir,“ entgegnete Braß, während ihm die Zähne im Munde klapperten. „Vielleicht ein Bischen feucht und ſumpfluftig?“ meinte Quilp. 3 „Gerade feucht genug, um lieblich zu ſeyn,“ er⸗ wiederte Braß.„Weiter nicht, Sir, weiter nicht.“ „Und Sally?“ ſprach der entzückte Zwerg.„Wie behagt's ihr?“ „Es würde ihr beſſer behagen,“ verſetzte dieſe ſtarkgeiſtige Dame,„wenn ſie Thee hätte. Laſſen Sie ihn alſo beiſchaffen und ſchwatzen Sie nicht.“ „Süße Sally!“ rief Quilp, die Arme aus⸗ ſtreckend, als wolle er ſie an ſeine Bruſt ziehen. „Sanfte, bezaubernde, hinreißende Sally!“ te 67 „Er iſt in der That ein ſehr merkwürdiger Mann!“ ſprach Herr Braß vor ſich hin.„Er iſt ein wahrer Troubadour, darf ich ſagen; ein vollkommener Troubadour!“ Dieſe Complimente wurden in einer etwas geiſtes⸗ abweſenden und zerſtreuten Weiſe ausgeſprochen; denn der unglückliche Rechtsgelehrte, der noch oben⸗ drein Kopfreißen hatte, war auf dem Herwege naß geworden, und würde ſich gerne irgend einem pe⸗ cuniären Opfer unterzogen haben, wenn er ſein gegenwärtiges, unbehagliches Quartier mit einem warmen Zimmer hätte vertauſchen können, wo er wenigſtens an dem Feuer trocken geſeſſen hätte. Quilp jedoch, der, abgeſehen von ſeinen dämoniſchen Grillen, Sampſon einige Erkenntlichkeit für deſſen Rolle bei der Trauerſcene ſchuldig zu ſeyn glaubte, bemerkte dieſe Symptome von Unruhe mit einem Entzücken, das aller Beſchreibung Trotz bietet, und fand eine ſo hohe, geheime Luſt darin, wie ſie ihm das köſtlichſte Banket nicht hätte gewähren können. Es iſt als ein eigenthümlicher, kleiner Zug in dem Charakter von Miß Sally Braß bemerkenswerth, daß ſie, obgleich ſie für ihre Perſon die Unbehag⸗ lichkeit der„Wildniß“ ſehr ungnädig aufgenommen und wahrſcheinlich, noch ehe der Thee erſchien, Reiß⸗ aus genommen haben würde, kaum der geheimen Unruhe und des Jammers ihres Bruders anſichtig wurde, als ſie in häßlicher Schadenfreude ſich auf 5* V V 68 ihre eigene Weiſe zu vergnügen anfing. Der Regen ſtahl ſich zwar durch das Dach und träufelte auf ihre Köpfe herunter, aber Miß Braß ließ keinen Klagelaut vernehmen, ſondern präſidirte der Thee⸗ partie mit unverwüſtlicher NRuhe. Herr Quilp ſaß in lärmender Gaſtlichkeit auf einem leeren Bierfaſſe, pries den Ort als den ſchönſten und behaglichſten in allen drei Königreichen, erhob ſein Glas und trank auf die nächſte, frohe Zuſammenkunft an dieſem ver⸗ gnüglichen Plätzchen; und Herr Braß, dem der Regen in die Theetaſſe ſchlug, machte einen trübſeligen Ver⸗ ſuch, aufgeräumt zu ſeyn und wohlgemuth zu erſcheinen. Tom Scott ſaß an der Thüre unter einem alten Regenſchirme und wollte in der Freude ſeines Her⸗ zens uͤber die Nöthen des Advokaten faſt vor Lachen berſten, und Miß Sally Braß befand ſich, ohne der Feuchtigkeit zu achten, welche auf ihre zarte Perſon und ihre ſchöne Kleidung herunterträufelte, ganz be⸗ haglich hinter dem Theetiſch, mit grauenhafter Feſtig⸗ keit und Seelenruhe das Mißbehagen ihres Bruders betrachtend, indem ſie es in liebenswürdiger Selbſt⸗ vergeſſenheit zufrieden geweſen wäre, die ganze Nacht dazuſitzen, wenn ſie nur Zeuge von den Qualen ſeyn konnte, welche ſein geiziges und kriechendes Weſen ihn ertragen hieß und zu rächen verbot. Um die Schilderung vollſtändig zu machen, müſſen wir noch bemerken, daß ſie ſich ſo benahm, obgleich ſie in Geſchäftsſachen die größte Sympathie mit Herrn Sampſon hatte und über die Maßen entrüſtet ge⸗ 69 weſen ſeyn würde, wenn er ſeinem Clienten auch nur das Mindeſte in den Weg gelegt hätte. In der Höhe ſeiner geräuſchvollen Heiterkeit nahm Herr Quilp, nachdem er ſeinen Diener unter irgend einem Vorwande entfernt hatte, mit einem Male ſeine gewöhnliche Weiſe wieder an, ſtieg von ſeinem Faſſe herunter und legte die Hand auf den Aermel des Rechtsgelehrten. „Ein Wort,“ ſagte der Zwerg,„ehe wir fort⸗ fahren. Sally, hören Sie mich einen Augenblick an.“ Miß Sally rückte näher, als wäre ſie gewöhnt, mit ihrem Wirthe Geſchäftsſachen zu verhandeln, die nicht einmal von den Lüften gehört werden durften. „Ein Geſchäft,“ ſagte der Zwerg, indem er von dem Bruder auf die Schweſter blickte.„Ein ſehr geheimes Geſchäft. Berathet's mit einander, wenn ihr wieder allein ſeyd.“ „Gewiß,“ entgegnete Braß, indem er das Taſchen⸗ buch mit dem Bleiſtifte herauszog.„Ich will, mit Ihrer Erlaubniß, die Hauptpunkte niederſchreiben, Sir. Merkwürdige Documente,“ fügte der Rechtsgelehrte bei, indem er ſeine Augen an die Decke heftete, „höchſt merkwürdige Documente. Er ſetzt ſeine Punkte ſo klar auseinander, daß es eine Freude iſt, ſie unter ſeinen Papieren zu haben! Ich kenne keine Parla⸗ mentsacte, die ſich mit ſeiner Klarheit meſſen dürfte.“ „Ich kann ihnen dieſe Freude nicht geſtatten,“ ſagte Quilp trocken.„Stecken Sie Ihr Buch ein, 70 wir brauchen keine Documente. So. Es gibt da einen Burſchen Namens Kit—“ Miß Sally deutete durch ein Kopfnicken an, daß ſie ihn kenne. „Kit?“ rief Herr Sampſon—„Kit! Ha! Ich habe den Namen ſchon gehört, erinnere mich aber nicht genau— nicht ganz genau—“ „Sie ſind ſo langſam wie eine Schildkröte und dickköpfiger wie ein Rhinoceros,“ entgegnete ſein ver⸗ bindlicher Client mit einer ungeduldigen Geberde. „Er iſt außerordentlich ſpaßhaft,“ rief der ge⸗ horſame Sampſon.„Auch ſeine Bekanntſchaft mit der Naturgeſchichte iſt überraſchend. Ein wahrer Buffo, ganz und gar!“ Ohne Zweifel wollte Herr Braß hiemit ein Compliment machen, weßhalb man vielleicht nicht ohne ſcheinbaren Grund annehmen kann, daß er Buffon ſagen wollte und dabei nur einen Conſonant verloren hatte. Sey dem übrigens wie ihm wolle, Quillp ließ ihm keine Zeit ſich zu verbeſſern, ſondern er verſah dieſes Amt ſelbſt, indem er den Kopf des Advokaten etwas unſanft mit dem Handgriff ſeines Regenſchirms berührte. „Was braucht's da eines weitern Zankes?“ legte ſich Miß Sally in's Mittel, indem ſie die Hand des Zwerges auffing.„Ich habe Ihnen gezeigt, daß ich ihn kenne. Und damit baſta!“ „Sie trifft immer den Nagel auf den Kopf,“ ſagte der Zwerg, indem er ſie auf den Rücken pätſchelte —— 71 und verächtlich nach Sampſon hinſah.„Ich kann dieſen Kit nicht leiden.“ „Ich auch nicht.“ „Und ich nicht,“ echoete Sampſon. „Nun, das laß ich mir gefallen!“ rief Quilp. „Dann iſt unſere Arbeit bereits halb gethan. Dieſer Kit iſt einer von den ehrlichen Leuten— ein umher⸗ lungernder Spürhund, ein Heuchler, ein achſelträgeri⸗ ſcher, feiger, ſchleichender Spion, eine kriechende Beſtie gegen alle diejenigen, die ihn füttern und ihm ſchmeicheln, und ein bellender, biſſiger Köter gegen alle Anderen.“ „Furchtbare Beredſamkeit,“ rief Braß mit einem Nieſen.„Ganz erſtaunlich!“ „Kommen Sie zur Sache,“ ſagte Miß Sally „und ſchwatzen Sie nicht ſo viel.“ „Wieder recht!“ rief Quilp mit einem aber⸗ maligen Blicke der Verachtung auf Samſon.„Immer den Nagel auf den Kopf! Ich ſage Ihnen, Sally, er iſt ein belfernder unverſchämter Kröter gegen alle Andern— am meiſten aber gegen mich. Mit einem Worte, ich habe einen Groll auf ihn geworfen.“ „Das iſt hinreichend, Sir,“ ſagte Sampſon. „Nein, es iſt nicht hinreichend, Sir,“ höhnte Quilp.„Wollen Sie mich ausreden laſſen? Ab⸗ geſehen davon, daß ich ihn haſſe, tritt er mir alle Augenblicke in den Weg und ſtellt ſich zwiſchen mich und ein Ziel, das ſich ſonſt als ein goldenes für uns Alle erweiſen könnte. Noch einmal, er kreuzt — 72 meine Entwürfe, und ich haſſe ihn. Nun, Sie kennen den Jungen, und können das Uebrige errathen. Ent⸗ werfen Sie einen Plan, ihn aus dem Wege zu ſchaffen, und führen Sie ihn aus. Soll es ge⸗ ſchehen?“ „Ja, Sir,“ antwortete Sampſon. „Dann geben Sie mir Ihre Hand,“ verſetzte Quilp.„Sally, Mädchen die Ihrige. Ich verlaſſe mich eben ſo viel oder noch mehr auf Sie, als auf ihn. Tom Scott kömmt zurück. Laternen, Pfeifen, mehr Grog, und nun einen luſtigen Abend!“ Kein Wort wurde mehr geſprochen, kein Blick weiter gewechſelt, der nur in der geringſten Beziehung zu dieſer— der wahren Urſache ihrer gegenwärtigen Zuſammenkunft— geſtanden hätte. Das Kleeblatt war gewöhnt, gemeinſchaftlich zu operiren, und hing durch die Bande wechſelſeitigen Vortheils zuſammen, weßhalb nichts Weiteres von Nöthen war. Sein lärmendes Weſen mit derſelben Leichtig⸗ tigkeit wieder aufnehmend, mit der er es abgelegt hatte, war Quilp in einem Nu wieder derſelbe kra⸗ keelende, rückſichtsloſe, kleine Wilde, der er vor einigen Augenblicken geweſen. Es ſchlug zehn Uhr, als die liebenswürdige Sally ihren Geliebten und liebevollen Bruder von der„Wildniß“ nach Hauſe geleitete, und ſie bedurfte der vollen Anſtrengung ihrer zarten Geſtalt, um dieß zu bewerkſtelligen; denn ſein Gang war aus irgend einem unbekannten Grunde alles Andere, nur nicht feſt, und ſeine Beine verfingen uU 8 8 g 73 ſich ohne Unterlaß, wo man ſich deſſen am mindeſten verſah.. Ungeachtet ſeines kürzlichen, langen Schlummers fühlte ſich der Zwerg durch die Anſtrengungen der letzten paar Tage ſo mitgenommen, daß er keine Zeit verlor, in ſein köſtliches Häuschen zu kriechen, wo er bald nachher in ſeiner Hängematte träumte. Wir überlaſſen ihn ſeinen Geſichten, welchen vielleicht die ruhigen Geſtalten, die wir zum letztenmal an dem alten Kirchenportal geſehen haben, nicht ganz fremd waren, und machen es uns zur Aufgabe, die dort Harrenden wieder aufzuſuchen. Der Naritätenladen. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Nach einer geraumen Weile erſchien endlich der Schulmeiſter an dem Pförtchen des Kirchhofes und eilte auf ſie zu, indem er im Gehen mit einem roſti⸗ gen Schlüſſelbunde klingelte, den er in der Hand hatte. Ganz athemlos vor Haſt und Freude langte er bei dem Portale an und konnte anfangs nur mit dem 74 Finger auf das alte Gebäude deuten, welches das Kind ſo angelegentlich betrachtet hatte. „Du ſiehſt jene zwei alten Häuſer,“ ſagte er endlich. „Ja, gewiß,“ verſetzte Nell.„Ich habe während der ganzen Zeit Ihrer Abweſenheit faſt für nichts Anderes ein Auge gehabt.“ „Und wie würdeſt du ſie erſt betrachtet haben, wenn du hätteſt ahnen können, was ich dir zu ſagen habe,“ entgegnete ihr Freund.„Eines dieſer Häuſer iſt das meinige.“ Ohne ein weiteres Wort— ja nicht einmal der Kleinen Zeit laſſend, etwas zu erwiedern, nahm der Schulmeiſter ihre Hand, und mit freudeſtrahlendem Geſichte führte er ſie nach dem Orte, von dem er ſprach. Vor der niederen Bogenthüre blieben ſie ſtehen. Der Schulmeiſter probirte zuerſt mehrere Schlüſſel vergeblich, bis er endlich einen fand, der für das ungeheure Schloß paßte. Er drehte daſſelbe auf, und die Thüre geſtattete ihnen knarrend den Eingang. Der Raum, in den ſie traten, war ein gewölbtes Gemach, einſt edel verziert von geſchickten Baumeiſtern, und noch immer in dem Dachbug, wie auch in der reich ausgelegten Steinarbeit köſtliche Ueberreſte alten Glanzes bewahrend. In das Gemäuer war Blätter⸗ werk ausgehauen, das mit der Meiſterhand der Natur wetteiferte und noch hier prangte, um zu ſagen, wie oftmal das Laub außen gekommen und gegangen war, —— ——8 —-— 75 während es ſelbſt unverändert fortlebte. Die zer⸗ brochenen Figuren, welche den Kamingeſims unter⸗ ſtützten, ließen in ſchroffem Gegenſatze von dem Staube draußen trotz ihrer Verſtümmelung noch deutlich un⸗ terſcheiden, was ſie geweſen, und ſtanden traurig neben dem leeren Heerde, Geſchöpfen gleich, die ihre Gattung überlebten, und nun über ihren eigenen nur zu langſamen Verfall wehklagten. In irgend einer alten Zeit— denn ſelbſt die Veränderungen waren ſchon alt an dieſem alten Orte — war in dem Gemach eine hölzerne Scheidewand aufgeführt worden, um den einen Theil deſſelben in ein Schlafcabinet umzuwandeln, welchem damals ein roh gearbeitetes Fenſter, oder vielmehr eine in die dicke Mauer gehauene Niſche Licht zuführte. Dieſe Wand, nebſt zwei Stühlen bei dem breiten Kamin hatten vor längſt vergeſſenen Jahren zu der Kirche oder dem Kloſter gehört, denn das eichene Getäfel, das ganz in der Eile ſeinem dermaligen Zwecke an⸗ gepaßt war, hatte nur wenig von ſeiner früheren Geſtalt verloren und zeigte dem Auge eine Maſſe Ueberreſte aus dem reichen Schnitzwerke alter Chor⸗ ſtühle. Eine offene Thüre, die zu einem kleinen Ge⸗ mache oder einer Zelle führte, nur matt von dem durch Epheulaub einfallenden Lichte beleuchtet, vol⸗ lendete das Innere dieſes Theils der Ruine. Es fehlte nicht ganz an Möbeln. Ein paar ſeltſame Stühle, deren Arme und Beine ausſahen, als ſeyen ſie von Altersſchwäche abgezehrt, ein Tiſch, den man —— 76 in ſeiner Art ein wahres Geſpenſt nennen konnte, eine große, alte Truhe, welche ehmals die Kirchen⸗ chroniken aufbewahrt hatte, nebſt anderem wunderli⸗ chem Hausgeräthe und einem Vorrath von Brennholz für den Winter, ſtanden und lagen zerſtreut umher, augenſcheinlich beweiſend, daß der Ort erſt in jüng⸗ ſter Zeit zu einer Wohnung umgeſchaffen worden war. Das Kind ſchaute mit jenem feierlichen Gefühl umher, mit welchem wir die Werke entſchwundener Jahrhunderte betrachten, die zu bloßen Waſſertropfen in dem großen Ocean der Ewigkeit geworden ſind. Der alte Mann folgte ihnen; aber alle Drei blieben eine Weile ſtumm und athmeten nur ganz leiſe, als fürchteten ſie das Schweigen auch nur durch den lei⸗ ſeſten Ton zu unterbrechen. „Es iſt ein ſehr ſchöner Ort!“ ſagte das Kind mit gedämpfter Stimme. „Ich fürchtete faſt, du würdeſt es nicht ſo fin⸗ den,“ verſetzte der Schulmeiſter.„Du ſchauderteſt, beim Eintreten, als ob es dich fröre, oder als fühl⸗ teſt du dich unheimlich.“ „Es war nicht das,“ entgegnete Nell, indem ſie mit einem leichten Schauder umherſah.„In der That, ich kann Ihnen nicht ſagen, was es war, aber als ich das Gebäude draußen von dem Kirch⸗ hofe aus betrachtete, kam daſſelbe Gefühl über mich. Vielleicht kömmt es daher, weil es ſ alt und grau iſt.“ 77 „Ein friedlicher Ort, um darin zu wohnen, meinſt du nicht auch ſo?“ fragte ihr Freund. „O ja,“ erwiederte das Kind, ernſt die Hände faltend.„Ein ſtiller, glücklicher Ort— ein Ort, in dem man leben und ſterben lernen kann!“ Sie würde noch mehr geſagt haben, aber der Drang der Gedanken machte ihre Stimme ſtottern und ließ nur ein zitterndes Flüſtern über ihre Lippen gleiten. „Ein Platz, an dem man leben lernen und an Leib und Seele geſunden kann,“ ſagte der Schul⸗ meiſter,„denn dieſes alte Haus iſt das eurige.“ „Das unſrige?“ rief das Kind. „Ja,“ entgegnete der Schulmeiſter heiter,„und ich hoffe, für viele künftige, glückliche Jahre. Ich werde ein naher Nachbar ſeyn— nur die nächſte Thüre— aber dieſes Haus iſt euch angewieſen.“ Nachdem der Schulmeiſter ſich dieſer überraſchen⸗ den Kunde entledigt hatte, ſetzte er ſich nieder, zog Nell an ſeine Seite und erzählte ihr, wie er erfah⸗ ren habe, daß dieſes alte Gebäude lange Zeit von einer alten, faſt hundertjährigen Perſon bewohnt worden ſey, welche die Kirchenſchlüſſel aufbewahrte, die Kirche zum Zwecke des Gottesdienſtes öffnete und ſchloß, und dieſelbe den Fremden zeigte; ſie ſey vor einigen Wochen geſtorben, und bisher habe Niemand aufgefunden werden können, um dieſes Amt zu ver⸗ ſehen; dieß Alles habe er von dem Todtengräber gehört, der wegen eines Rheumatismus im Bette liege, weßhalb er ſo kühn geweſen ſey, ſeiner Ge⸗ fährten Erwähnung zu thun; jener hohe Würdenträ⸗ ger habe ſeine Andeutung ſehr günſtig aufgenommen, weßhalb er auf deſſen Rath ſich das Herz gefaßt, die Sache dem Geiſtlichen vorzutragen. Mit einem Wort, das Ergebniß ſeiner Bemühungen war, daß Nell und ihr Großvater am morgenden Tag dem letztgenannten Herrn vorgeſtellt werden ſollten; der⸗ ſelbe habe ſich zwar eine Prüfung ihres Betragens und Ausſehens der Form wegen vorbehalten, ſie ſeyen aber bereits ſchon ſo gut, als zu dem vakanten Poſten ernannt. „Es iſt ein kleiner Gehalt dabei,“ ſagte der Schulmeiſter;„zwar nicht viel, aber doch genug, um an dieſem abgeſchiedenen Orte leben zu können. Wenn wir unſere Fonds zuſammenwerfen, ſo wird's hübſch ausreichen; man darf da keine Furcht haben.“ „Gott ſegne und beglücke Sie,“ ſchluchzte das Kind. „Amen, meine Liebe,“ entgegnete ihr Freund wohlgemuth.„Und uns Alle! Er wird es thun, wie er es bereits gethan hat, indem er uns durch Sorgen und Trübſal zu dieſem ruhigen Leben führte. Aber jetzt müſſen wir nach meinem Hauſe ſehen. Kommt!“. Sie begaben ſich nach der andern Behauſung, verſuchten, wie früher, die roſtigen Schlüſſel, bis ſie endlich den rechten fanden, und öffneten die von Würmern zerfreſſene Thüre. Sie führte in ein ———-— o- 79 altes, gewölbtes Gemach, demjeuigen ähnlich, aus welchem ſie kamen, aber nicht ſo geräumig und nur mit einer einzigen angefügten Kammer. Es war nicht ſchwer zu errathen, daß das andere Haus eigent⸗ lich dem Schulmeiſter zugedacht war, und daß er nur aus beſorgter Rückſicht für ſeine Reiſegefährten das weniger bequeme für ſich gewählt hatte. Wie in der benachbarten Wohnung befand ſich auch hier ſoviel altes Möbelwerk, als unumgänglich nöthig war, und ein Vorrath von Brennholz. Ihre angelegentlichſte Sorge war nun, dieſe Häu⸗ ſer ſo wohnlich und behaglich als möglich zu machen. In kurzer Zeit hatte jedes derſelben ein luſtig praſſelndes Feuer auf dem Herd, das die grauen, alten Wände mit einer geſunden und lieblichen Röthe färbte. Nell beſchäftigte ſich emſig mit ihrer Nadel, um die zer⸗ fetzten Fenſtervorhänge auszubeſſern und die Riſſe zu verbannen, welche die Zeit in die fadenſcheinigen Abwiſchteppiche geſchliſſen hatte, und machte uͤberhaupt alles ganz und anſtändig. Der Schulmeiſter fegte und glättete den Boden vor der Thüre, ſtutzte das lange Gras, band den Epheu und die andern Schling⸗ pflanzen auf, die ob ihrer Vernachläßigung melan⸗ choliſch die Köpfe hängen ließen, und gab dem äußern Gemäuer ein heiteres und heimliches Ausſehen. Der alte Mann leiſtete bald ihm, bald ſeiner Enkelin Beihülfe, ließ ſich geduldig zu kleinen Dienſten und Gängen brauchen und fühlte ſich glücklich. Die von der Arbeit zurückkehrenden Nachbarn boten gleichfalls 80 ihren Beiſtand an, oder ſchickten ihre Kinder mit kleinen Geſchenken, um den neuen Ortsbewohnern Kleinigkeiten, die ſie gerade am nöthigſten brauchten, zu ſchenken, oder zu leihen. Es war ein rühriger Tag; und mit dem Einbruche der Nacht wunderten ſie ſich, daß es ſchon ſo ſpät ſeyn konnte, während doch noch ſo viel zu thun übrig war. Sie nahmen ihr Nachteſſen gemeinſchaftlich in dem Hauſe ein, welches wir hinfort Nell's nennen wollen, und als ſie ihr Mahl beendigt hatten, ſetzten ſie ſich um das Feuer und beſprachen, faſt flüſternd — ihre Herzen waren zu ruhig und zu froh für einen lauten Erguß— ihre Plane für die Zukunft. Ehe ſie ſich trennten, las der Schulmeiſter laut einige Gebete, und dann ſagten ſie ſich, voll ſeligen Dankes gegen den Himmel, gute Nacht. Zu ſtiller Stunde, als ihr Großvater bereits fried⸗ lich in ſeinem Bette ſchlief und Alles in lautloſem Schweigen verharrte, zögerte das Kind noch vor der ver⸗ glimmenden Aſche und dachte über ihre vergangenen Schickſale nach, als wären ſie ein Traum geweſen, aus dem ſie eben jetzt erſt erwachte. Der Schein der erſterbenden Flamme, wiederſtrahlend von dem eichenen Getäfel, deſſen geſchnitzte Zacken ſich nur undeutlich in der düſtern Dachwölbung unterſcheiden ließen— die altergrauen Mauern, an denen bei jedem Aufflackern des Feuers ſonderbare Schatten — auftauchten und entſchwanden— innen der feierliche Anblick jenes Verfalls, welcher auch lebloſe, ihrer — 4 . 81 Natur nach lange andauernde Gegenſtände heimſucht, und außen rund umher die ergreifende Gegenwart des Todes— erfüllten ihre Seele mit ernſten Ge⸗ fühlen, in die ſich jedoch weder Schrecken noch Un⸗ ruhe miſchten. In der Zeit ihrer Einſamkeit und ihres Kummers war allmälig eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Mit den hinſinkenden Kräften und der ſich ſteigernden Entſchloſſenheit hatte ſich auch ihr Geiſt gereinigt und geläutert. In ihrem Herzen ent⸗ ſproßten ſelige Gedanken und Hoffnungen, wie ſie nur Wenigen, den Schwachen und Gebeugten ausge⸗ nommen, zu Theil werden. Niemand war Zeuge, wie die gebrechliche, vergängliche Geſtalt von dem Feuer wegglitt und gedankenvoll ſich in das offene Fenſter lehnte— Niemand, als die Sterne, welche in dem nach dem Himmel gerichteten Antlitz ihre Geſchichte laſen. Die alte Kirchthurmglocke rief mit klagendem Tone die Stunde aus, als hätten der häufige Verkehr mit den Todten und die unbeach⸗ teten Warnerufe an die Lebenden ſie wehmüthig geſtimmt; das gefallene Laub raſſelte; auf den Grä⸗ bern ſäuſelte das hohe Gras; alles Uebrige war ſtill und in Schlummer. Einige jener traumloſen Schläfer lagen im Schatten der Kirche— hart an der Mauer, als klammerten ſie ſich hier an, um Troſt und Schutz zu finden; Andere hatten einen Ruheplatz unter den wechſelnden Schatten der Bäume vorgezogen. Einige lagen am Weg, um den Fußtritten der Menſchen Boz XIII. Humphrey's Wanduhr. 6 82²2 näher zu ſeyn, Andere ſchlummerten unter den Grä⸗ bern kleiner Kinder. Die Einen hatten gewünſcht, unter demſelben Raſen zu ruhen, den ſie bei Gele⸗ genheit ihrer täglichen Gänge betreten hatten, Andere ſchliefen in Betten, welche die Abendſonne beleuchten konnte, wieder Andere, wo das Licht des Morgen⸗ roths ihren Hügel beſchien. Vielleicht war nicht eine unter dieſen jetzt feſſelloſen Seelen ganz im Stande geweſen, zur Zeit ihres Erdenwallens ſich ganz von ihrem Gefährten, dem Staubleibe, getrennt zu den⸗ ken. Und wenn es je der Fall war, ſo fühlten ſie doch immer eine Liebe für ihn, wie ſie etwa ſelbſt der Gefangene gegen die Zelle fühlt, die ihn lange umſchloſſen hat und an deren engen Gränzen er beim Scheiden noch mit Zärtlichkeit hängt. Es währte lange, bis Nell das Fenſter ſchloß und ſich ihrem Bette näherte. Abermals daſſelbe Ge⸗ fühl, wie früher— ein unwillkürliches Schaudern — ein augenblickliches Gefühl wie Furcht— aber ſchnell wieder verſchwindend, ohne irgend eine Un⸗ ruhe zurückzulaſſen. Und auch jetzt wieder Träume von dem kleinem Schüler! Das Dach that ſich auf und eine Säule glänzender Geſichter, die weit bis in den Himmel hinaufreichte(ſie hatte es einmal ſo in einem alten Bibelbilde geſehen) ſahen auf ſie nieder, während ſie ſchlummerte. Es war ein ſüßer und glücklicher Traum. Der ruhige Friedhof außen ſchien derſelbe zu ſeyn, nur daß Muſik die Luft durchwehte, und ein Ton, wie Fittige der Engel. Nach einer — 83 Weile kamen auch die Schweſtern Hand in Hand hernieder und ſtanden unter den Gräbern; und dann wurde der Traum unbeſtimmter und entſchwand. Mit dem frohen Glanze des Morgens kehrten auch die Beſchäftigungen, die heiteren Gedanken, die Thatkraft und die wonnige Hoffnungsfülle von geſtern zurück. Sie beſchäftigten ſich wohlgemuth mit Ord⸗ nen und Einrichten ihrer Häuſer bis Mittag, worauf ſie dem Geiſtlichen ihren Beſuch abſtatteten. Es war ein einfacher, alter Herr von ſchüchter⸗ nem und demüthigem Geiſte, gewöhnt an die Ein⸗ ſamkeit und wenig bekannt mit der Welt, aus der er ſich ſeit vielen Jahren zurückgezogen hatte, um ſich an ſeinem gegenwärtigen Wohnſitze niederzulaſſen. Seine Frau war in dem Hauſe geſtorben, in wel⸗ chem er noch lebte, und ſeit langer Zeit waren ihm Erdenſorgen und Erdenhoffnungen fremd geworden. Er nahm ſie ſehr freundlich auf und zeigte ſo⸗ gleich lebhaften Antheil an Nell, die er nach ihrem Namen, ihrem Alter, ihrem Geburtsorte, nach den Umſtänden, welche ſie hiehergeführt, und dergleichen fragte. Der Schulmeiſter hatte bereits ihre Geſchichte erzählt. Sie hätten keine andere Freunde, keine Heimath, und wären mit ihm gekommen, um ſein Geſchick mit ihm zu theilen, denn er liebe das Kind, als ob es ſein eigenes wäre, hatte er geſagt. „Schon gut,“ ſprach der Geiſtliche.„Es ge⸗ ſchehe nach eurem Wunſche. Sie iſt ſehr jung.“ 6* 84 „Alt in Widerwärtigkeiten und Prüfungen, Sir,“ verſetzte der Schulmeiſter. „Gott helfe ihr! Möge ſie Ruhe finden und vergeſſen,“ ſagte der alte Herr.„Aber eine alte Kirche iſt ein düſterer und trübſeliger Platz für ein ſo junges Geſchopf als du biſt, mein Kind.“ „O, nicht doch, Sir,“ verſetzte Nell.„So etwas kömmt mir in der That nicht zu Sinne.“ „Ich möchte ſie lieber des Abends auf dem Raſen tanzen ſehen,“ ſagte der alte Herr, indem er mit einem wehmüthigen Lächeln ſeine Hand auf ihren Kopf legte,„als daß ſie dort in dem Schatten unſe⸗ rer moderigen Gewölbe ſitzt. Ihr müßt dafür Sorge tragen, daß ihr das Herz nicht ſchwer wird unter dieſen ehrwürdigen Ruinen. Eurer Bitte iſt willfah⸗ ren, mein Freund.“ Es wurden noch einige freundliche Worte ge⸗ wechſelt, worauf ſie ſich entfernten und nach dem Hauſe des Kindes gingen. Hier beſprachen ſie ſich noch über die glückliche Wendung ihres Schickſals, als ein weiterer Freund erſchien. Dieſer war ein kleiner, alter Herr, der, wie ſie ſpäter erfuhren, ſchon an fünfzehn Jahre— nämlich ſeit dem Tode der Gattin des Geiſtlichen, in dem Pfarrhauſe wohnte. Er hatte mit dem Letzteren ſtudirt und war immer deſſen vertrauter Freund ge⸗ weſen, weßhalb er auch nach dem ſchweren Schlage, der denſelben betroffen, gekommen war, um ihn zu tröſten; und ſeit dieſer Zeit hatten ſie ſich nie wieder — — 85 getrennt. Der kleine alte Herr war der thätige Geiſt des Ortes, der Friedensſtifter, ein Beförderer der Heiterkeit, der Almoſenſpender ſeines Freundes, ein Helfer in der Noth aus eigenem Vermögen, der allgemeine Vermittler, Tröſter und Freund. Keiner von den einfachen Dorfbewohnern hatte ſich je um ſeinen Namen bekümmert, oder wenn er ihn wußte, in ſeinem Gedächtniß aufbewahrt. Vielleicht ging bei ſeiner erſten Ankunft ein unbeſtimmtes Gerücht von einem auf der Univerſität gewonnenen Grade, vielleicht war aber auch der Umſtand, daß er unver⸗ ehlicht war, Urſache, daß man ihn Bachelor* nannte. Der Titel gefiel ihm, oder, ſagte ihm wenigſtens ebenſo gut zu, als ein anderer, und ſo war er denn ſeitdem der Bachelor geblieben. Und eben dieſer Bachelor war es auch, der mit eigenen Händen die Brennholzvorräthe beigeſchafft hatte, welche die Wan⸗ derer in ihren neuen Wohnungen antrafen. Der Bachelor alſo— um ihn mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen Namen zu bezeichnen— drückte auf die Klinke, zeigte einen Augenblick ſein kleines, rundes, ſanftes Geſicht an der Thüre und trat ſodann in das Gemach wie ein Mann, der kein Fremder darin war. „Sie ſind Herr Marton, der neue Schulmeiſter,“ wandte er ſich grüßend an Nell's wohlwollenden Freund. * Bachelor bedeutet einen Junggeſellen oder einen Bacca- laureus. — 86 „Ja, Sir.“ „Sie kommen mit guten Empfehlungen, und ich freue mich, ſie zu ſehen. Ich wäre Ihnen geſtern entgegen gegangen, wenn ich nicht über Feld hätte reiten müſſen, um einer Tochter, die etliche Meilen von hier im Dienſte iſt, einen Auftrag von ihrer kranken Mutter zu bringen. Auch bin ich eben erſt von dieſer Tour zurückgekommen. Dieß iſt unſere junge Kir⸗ chenhüterin? Sie ſind um ihrer, oder um dieſes alten Mannes willen nicht minder willkommen hier, mein Freund. Es ſteht einem Lehrer gut an, wenn er ſelbſt auch Menſchenfreundlichkeit gelernt hat.“ „Sie iſt kürzlich krank geweſen,“ ſagte der Schul⸗ meiſter in Erwiederung des Blickes, mit dem der Bachelor Nell betrachtete, nachdem er ſie auf die Wange geküßt hatte. „Ja, ich weiß das,“ verſetzte er.„Es hat Leiden und Herzeleid gegeben.“ „Allerdings, Sir.“ Der kleine, alte Herr blickte auf den Großvater und dann wieder auf das Kind zuruͤck, deſſen Hand er zart ergriff und in der ſeinigen behielt. „Du wirſt hier glücklicher ſeyn,“ ſagte er.„Wir wollen wenigſtens verſuchen, dir frohe Stunden zu bereiten. Du haſt ja hier bereits große Verbeſſe⸗ rungen angebracht? Iſt dieß Alles deiner Hände Arbeit?“ „Ig, Sir.“ „Wir machen vielleicht noch einige andere— 87 wohl keine beſſeren an ſich, aber doch mit beſſeren Mitteln,“ fuhr der Bachelor fort.„Laß einmal ſehen, laß einmal ſehen.“ Nell bgleitete ihn in die andern kleinen Zimmer und durch beide Häuſer, bei welcher Gelegenheit er fand, daß noch unterſchiedliche kleine Bequemlichkeiten fehlten; er verſprach, dieſelben aus einer Rumpel⸗ kammer des Pfarrhauſes zu ergänzen, deren Inhalt jedenfalls ſehr gemiſcht und ausgedehnt ſeyn mußte, da ſie alle nur erdenklichen Gegenſtände umfaßte. Es kam jedoch Alles, und zwar ohne Zeitverluſt, denn der kleine Herr verſchwand auf fünf oder zehn Minuten und kehrte dann, mit alten Simsgeſtellen, wollenen Decken und anderem Hausrath beladen, zurück, gefolgt von einem Knaben, der eine ahnliche Laſt trug. Dieſes wurde in einem bunten Haufen auf den Boden geworfen, und gab natürlich Anlaß zu langer Beſchäftigung, um es zu ordnen, aufzu⸗ ſtellen und zu ſondern. Die Leitung dieſes Geſchäf⸗ tes gewährte dem alten Herrn augenſcheinlich unge⸗ mein viel Vergnügen, und er betheiligte ſich für eine geraume Weile perſönlich dabei mit großer Rührigkeit und Thätigkeit. Als nichts mehr zu thun übrig war, gab er dem Jungen den Auftrag, zu laufen und ſeine Schulkameraden herzuholen, damit ſie ihrem Lehrer vorgeſtellt werden und deſſen Muſterung paſſiren könnten. 1 „'s iſt ein ſo guter Schlag von Jungen, als man ſie nur zu ſehen wünſchen kann,“ ſagte er zu 88 dem Schulmeiſter, als ſich der Junge entfernt hatte; „aber ich laſſe mir's nicht merken, daß ich ſie in dieſem Lichte betrachte. So was ginge durchaus nicht an.“ Der Bote kehrte bald an der Spitze einer langen Reihe von kleinen Knirpſen zurück, die, ſobald ſie des Bachelors an der Hausthüre anſichtig wurden, in un⸗ terſchiedliche Höflichkeitsconvulſionen verfielen, indem ſie nach ihren Hüten und Mützen griffen, ſie in die möglichſt kleinen Dimenſionen zuſammenpreßten und alle möglichen Bücklinge und Kratzfüße machten. Der kleine, alte Herr ſah mit ungemeiner Zufrieden⸗ heit zu und gab ſeinen Beifall durch vielfaches Kopf⸗ nicken und Lächeln zu erkennen. Dieſer Beifall war jedoch keineswegs ſo gewiſſenhaft bemäntelt, als er den Schul⸗ meiſter zu glauben veranlaßt hatte, denn er ließ denſel⸗ ben i in etlichen vernehmlichen Flüſterworten und vertrau⸗ lichen Bemerkungen ſo ſehr an den Tag treten, daß die Jungen Alles ganz deutlich hören konnten. „Der erſte Junge da, Schulmeiſter,“ ſagte der Bachelor,„iſt John Owen, ein Junge von guten Anlagen, Sir, und von freier, ehrlicher Gemüthsart, aber zu gedankenlos, zu ſpielſüchtig und bei weitem zu leichtſinnig. Der Junge, mein guter Sir, würde mit Vergnügen den Hals brechen, und ſeine Aeltern des größten Troſtes berauben. Unter uns geſagt, wenn Sie ihn beim Hund⸗ und Haſenſpiel ſehen, wie er mit dem Zaun und dem Graben bei dem Wegweiſer umſpringt und vorn an dem 89 kleinen Steinbruch hinunterrutſcht, ſo werden Sie es gewiß nie vergeſſen. Es iſt prächtig!“ Sobald John in dieſer Weiſe getadelt worden war und zugleich das Beiſeitegeſprochene deutlich mit angehört hatte, rief der Bachelor einen andern Kna⸗ ben auf. „Nun, betrachten ſie einmal dieſen Burſchen, Sir,“ ſagte der Bachelor.„Sehen Sie den Kerl? Er heißt Richard Evans, Sir, und iſt ein erſtaunlich geleh⸗ riger Knabe; er beſitzt ein gutes Gedächtniß, eine leichte Faſſungsgabe und hat außerdem eine Stimme und ein Ohr zum Pſalmenſingen, ſo daß er mit dem Beſten von uns wetteifern kann. Aber trotz dem, Sir, wird es mit dieſem Burſchen zu einem ſchlimmen Ende kommen; er ſtirbt keines natürlichen Todes, denn er ſchläft immer während der Predigt. Die Wahrheit zu ſagen, Herr Marton, ich machte es in ſeinem Alter ebenſo und bin feſt überzeugt, daß es eine natürliche Anlage war, deren ich mich nicht erwehren konnte.“ Sobald der Bachelor dieſen hoffnungsvollen Zögling durch die ebengenannte, ſchreckliche Rüge erbaut hatte, ging er auf einen andern über. „Wenn wir aber von Beiſpielen reden, die zur Warnung dienen ſollen,“ ſagte er,„wenn wir von Knaben ſprechen, die man allen ihren Kameraden als ein ſchreckhaftes Beiſpiel vorſtellen kann, ſo iſt hier Einer, und ich hoffe, Sie werden ihm nichts ſchenken. Ich meine den Jungen mit dem blauen Auge und dem hellen Haare. Der Kerl iſt ein Schwimmer— ein Untertaucher, behüte uns Gott! Das iſt ein Junge, Sir, der ſich's einfallen ließ, mit ſeinen Kleidern in ein achtzehn Fuß tiefes Waſſer zu ſpringen und eines blinden Mannes Hund heraus⸗ zuholen, der durch die Laſt ſeiner Kette und ſeines Halsbandes faſt erſoffen wäre, während ſein Herr am Ufer des Fluſſes ſtand und über den Verluſt ſeines Thieres und Freundes wehklagte. Ich habe dem Jungen zwei Guineen geſchickt,“ fügte der Ba⸗ chelor in ſeinem eigenthümlichen Flüſtern bei,„aber man darf es nie erwähnen, denn er hat nicht die mindeſte Idee davon, daß das Geſchenk von mir kam.“ Nachdem der Bachelor dieſen Verbrecher abgefer⸗ tigt hatte, wandte er ſich an einen Andern, und von dieſem wieder an einen Andern, und ſo fort durch die ganze Reihe, wobei er, um ſie durch heilſamen Zwang in den gehörigen Gränzen zu erhalten, den⸗ ſelben ſcharfen Nachdruck auf diejenigen ihrer Nei⸗ gungen legte, welche ſeinem eigenen Herzen am theuerſten waren und ohne Zweifel in ſeinen Lehren und in ſeinem Beiſpiel den Grund hatten. Schließ⸗ lich vollkommen überzeugt, daß er ſie durch ſeine Strenge ganz unglücklich gemacht habe, entließ er ſie mit einem kleinen Geſchenk und mit der Ermahnung, ruhig nach Hauſe zu gehen, ohne zu ſpringen, zu balgen oder die Wieſen zu zertreten. Dieſer Ein⸗ ſchärfung fügte er jedoch in demſelben hörbaren, 91 geheimnißvollen Flüſtern gegen den Schulmeiſter bei, er glaube nicht, daß er als Knabe einem ſolchen Verbote hätte Folge leiſten können, und wenn es ihm an’'s Leben gegangen wäre. Der Schulmeiſter erſah aus dieſen kleinen cha⸗ rakteriſtiſchen Zügen des Bachelors, daß ſeine eigene Erziehungsmethode Beifall finden würde, weßhalb er ſich von demſelben mit leichtem Herzen und voll froher Hoffnung trennte, ſich ſelbſt für den glücklich⸗ ſten Menſchen auf Erden haltend. Die Fenſter der zwei alten Häuſer rötheten ſich jenen Abend wieder von dem Reflexe der luſtigen Feuer, die in ihrem Innern brannten; und als der Bachelor mit ſeinem neuen Freunde von dem Abendſpaziergang zurückkehrte, blieben beide ſtehen, um darnach hinaufzuſchauen. Sie ſprachen dabei leiſe von dem ſchönen Kinde und ſahen ſich mit einem Seufzer auf dem Kirchhofe um. Der Naritätenladen. Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Nell war des andern Morgens früh auf, und nachdem ſie ſich ihrer Haushaltungsgeſchäfte entledigt und für den guten Schulmeiſter Alles zurechtgeſetzt 92 hatte(obgleich ſehr gegen ſeinen Willen, da er ihr gerne die Mühe erſpart haben würde), nahm ſie von dem Nagel neben dem Herde ein kleines Bund Schlüſſel herunter, womit ſie der Bachelor Tags zu⸗ vor förmlich inveſtirt hatte, und ging allein aus, um die alte Kirche zu beſuchen. Der Himmel war ſchön und heiter, und die klare Luft duftete von den friſchen Wohlgerüchen neugefallener Blätter, jeden Sinn lieblich erquickend. Der benachbarte Strom funkelte und rollte weiter mit melodiſchem Ton; der Thau glänzte auf den grünen Grabhügeln, wie Thränen, womit gute Gei⸗ ſter über die Todten trauern. Einige kleine Kinder ſpielten unter den Gräbern mit lachenden Geſichtern Verſtecken. Sie hatten ein Wickelkind bei ſich, das ſie in ein kleines Laubbette auf ein Kindergrab gelegt hatten, wo es eingeſchla⸗ fen war. Es war ein neues Grab— vielleicht der Ruheplatz irgend eines kleinen Weſens, das, ge⸗ duldig und demüthig in ſeiner Krankheit, oft dage⸗ ſeſſen und ihnen zugeſehen hatte und auch jetzt noch, ſo weit ſich die Kleinen des Geſtorbenen erinnern konnten, kaum verändert ſchien. Nell trat näher und fragte eines der Kinder, weſſen Grab es wäre. Dieſes antwortete, es heiße nicht ſo, es ſey der Garten ſeines Bruders. Er ſey grüner, meinte es, als alle übrigen Gärten, und die Vögel liebten ihn beſonders, weil der ſchlafende Bruder ſie immer gefüttert habe. Nach dieſen Worten ſah ſie der Kleine mit einem Lächeln 93 am, kniete nieder, legte einen Augenblick ſeine Wangen gegen den Raſen und ſprang fröhlich weiter. Sie ging an der Kirche vorbei, ſah an dem alten Thurme in die Höhe und begab ſich durch das Pförtchen in das Dorf. Der alte, auf eine Krücke gelehnte Todtengräber ſchöpfte vor ſeiner Hütte friſche Luft und wünſchte ihr guten Morgen. „Es geht Euch beſſer?“ ſagte Nell, indem ſie Halt machte, um mit ihm zu ſprechen. „O freilich, viel beſſer,“ entgegnete der alte Mann.„Ich kann Gott nicht genug danken.“ „Ihr werdet bald ganz geſund ſeyn.“ „Mit der Zulaſſung Gottes und mit ein Bischen Geduld. Doch kommen Sie herein, kommen Sie herein.“ Der alte Mann hinkte voran, machte ſie auf die abwärtsgehende Treppe aufmerkſam, über die er ſelbſt nicht ohne einige Anſtrengung wegkam, und führte ſie in ſeine kleine Hütte. „Sie ſehen, es iſt nur eine Stube. Oben be⸗ findet ſich zwar eine zweite, aber in den letzten Jahren iſt mir das Treppenſteigen ſauer geworden und ich mache keinen Gebrauch davon. Im nächſten Som⸗ mer denke ich übrigens ſie doch wieder zu beziehen.“ Das Kind wunderte ſich, daß ein grauhaariger Mann wie er— und noch obendrein einer von ſei⸗ nem Gewerbe— ſo leicht hin von der Zeit ſprechen konnte. Er ſah ihre Augen über die Werkzeuge, die an der Wand hingen, gleiten und lächelte. „Ich wollte doch wetten,“ ſagte er,„daß Sie glauben, man brauche alles dieß zum Gräbermachen.“ „In der That, es kam mir wunderbar vor, daß man dazu ſo viele brauche.“ „Auch mit Recht. Ich bin nämlich ein Gärtner, grabe den Grund auf und pflanze Dinge, die leben und gedeihen. Nicht alle meine Werke modern und verfaulen in der Erde. Sie ſehen dieſen Spaten in der Mitte?“ „Den ganz alten, der ſo ſchartig und abgenützt iſt? Ja.“ „Das iſt der Todtengräbersſpaten— ein fleißig gebrauchtes Werkzeug, wie Sie ſehen. Wir ſind geſunde Leute hier; er hat aber doch ſchon eine Laſt Arbeit verrichtet. Wenn dieſer Spaten ſprechen könnte, ſo würde er von manchem unverhofften Geſchäfte er⸗ zählen, das er und ich mit einander abgemacht haben, aber ich vergeſſe es, denn mein Gedächtniß iſt ſchwach. Das iſt übrigens nichts Neues,“ fügte er haſtig bei; „es war immer ſo.“ „Da find alſo Blumen und Geſträuche, die von Eurer andern Beſchäftigung erzählen?“ ſagte das Kind. „O ja. Und hohe Bäume. Aber dieſes Ge⸗ ſchäft iſt nicht ſo ganz verſchieden von dem Todten⸗ gräbergewerbe, als Sie denken.“ „Nicht?“ „Das heißt, nicht in meinem Geiſte und in meiner Erinnerung,“ fuhr der alte Mann fort.„In 7 95 der That, Beides muß oft zuſammenhelfen. Denn angenommen, ich pflanze den und den Baum für einen ſolchen und ſolchen Mann. Er ſteht dann da, um mich daran zu erinnern, daß er ſtarb. Wenn ich ſeinen breiten Schatten betrachte, ſo vergegen⸗ wärtige ich mir, was er zu ſeiner Zeit war, und dieß hilft mir auf die Zeit meiner andern Arbeit, ſo daß ich ziemlich nahezu ſagen kann, wann ich ſein Grab gemacht habe.“ „Aber es kann Euch auch an Jemand erinnern, der noch lebt,“ entgegnete Nell. „An Zwanzig, die todt ſind, in Verbindung mit dem Einen, der lebt,“ entgegnete der alte Mann; „Weib, Mann, Aeltern, Brüder, Schweſtern, Kinder, Freunde— wenigſtens an zwanzig. Darum iſt auch der Todtengräbersſpaten ſo abgenützt und ausge⸗ hauen worden. Ich werde einen neuen nöthig haben — nächſten Sommer.“ Nell ſah raſch nach ihm auf, denn ſie glaubte, daß er mit ſeinem Alter und mit ſeiner Gebrechlich⸗ keit ſcherze; aber der harmloſe Todtengräber ſprach in völligem Ernſt. „Ach!“ ſagte er nach einem kurzen Schweigen. „Die Leute lernen nie etwas. Sie wollen nie ler⸗ nen. Nur wir, die wir den Boden aufwühlen, wo Nichts wächst und Alles verwest, denken an ſolche Dinge— denken auf eine geziemende Weiſe daran, meine ich. Sind Sie in der Kirche geweſen?“ „Ich will eben hin,“ verſetzte das Kind. „Es iſt ein alter Brunnen dort,“ fuhr der Todtengräber fort,„unmittelbar unter dem Glocken⸗ ſtuhl; ein tiefer, dunkler, widerhallender Brunnen. Vor vierzig Jahren durfte man nur den Eimer ſo weit hinunter laſſen, bis der erſte Knoten des Seiles von der Winde los war, um ihn in dem kalten Waſſer plätſchern zu hören. Das Waſſer ſiel allmä⸗ lig, ſo daß man zehn Jahre ſpäter einen zweiten Knoten machte, bis zu welchem man den Strick ab⸗ winden mußte, wenn der Eimer nicht frei in der Luft ſchweben ſollte. Im Laufe von zehn Jahren ſiel das Waſſer wieder, und ein dritter Knoten wurde gemacht. In weiteren zehn Jahren trocknete der Brunnen noch mehr aus, und jetzt, wenn Sie den Eimer ſo weit hinunterlaſſen, bis Ihre Arme müde ſind und der Strick faſt am Ende iſt, hören Sie ein plötzliches Klingeln und Raſſeln auf dem Grunde, und es tönt, als wäre es ſo weit unten, daß Sie erſchrecken und zurückfahren, als wären Sie im Begriffe, hineinzu⸗ ſtürzen.“ „Ein ſchrecklicher Ort, wenn man ſich ihm in der Dunkelheit nähert!“ rief Nell, welche den Blicken und Worten des alten Mannes ſo aufmerkſam ge⸗ folgt war, daß es ihr däuchte, ſie ſtände an dem Rande des Brunnens. „Was iſt er anders, als ein Grab 2“ ſagte der Todtengräber.„Was anders? Und wer von unſern alten Leuten, die Alles dieß mit angeſehen haben, dachte bei dem Verſiegen des Quells an das Hin⸗ —— 97 ſchwinden der eigenen Kraft und die Minderung der Lebenstage? Nicht Einer!“ „Ihr ſeyd wohl ſelbſt ſchon ſehr alt?“ fragte das Kind unwillkürlich. „Ich werde neunundſiebenzig ſeyn— nächſten Sommer.“ „Ihr arbeitet noch immer, wenn Ihr geſund ſeyd?“— „Arbeiten? Gewiß! Betrachten Sie einmal meine Gärten hier herum. Sehen Sie durch das Fenſter da. Ich habe dieſes Stück Landes ganz mit eigenen Händen umgegraben und in gutem Stande erhalten. Ueber’s Jahr um dieſe Zeit werde ich kaum den Himmel ſehen, ſo dick werden die Zweige gewor⸗ den ſeyn. Auch habe ich im Winter des Nachts meine Arbeit.“ Er öffnete bei dieſen Worten einen Wandſchrank dicht neben ihm und brachte einige Büchschen, rauh aus altem Holze geſchnitzt, zum Vorſchein. „Manche vornehme Leute, die eine Freude an alten Zeiten und ihrem Zugehör haben,“ ſagte er, „kaufen gerne ſolche kleine Erinnerungszeichen an unſere Kirche und unſere Ruinen. Bisweilen mache ich ſie aus einem Stückchen Eichenholz, das da und dort zum Vorſchein kommt, bisweilen aber auch aus den Brettern der Särge, welche ſich in den Gewöl⸗ ben lange erhalten haben. Sehen Sie her, dieß iſt ein kleines Kiſtchen von der letztern Art, an den Rändern mit Bruchſtücken von Meſſingplatten verſehen, Boz. XIII, Humphrey's Wanduhr. 7 98 die zu ihrer Zeit überſchrieben waren, obgleich die Schrift jetzt kaum mehr würde zu leſen ſeyn. Um dieſe Jahreszeit iſt mein Vorrath zuſammengegangen, aber alle dieſe Geſimſe werden beladen ſeyn— näch⸗ ſten Sommer.“ Die Kleine bewunderte und lobte ſeine Arbeit, und entfernte ſich bald nachher. Im Gehen machte ſie ſich ihre Gedanken, wie ſeltſam es ſey, daß dieſer alte Mann, der doch aus ſeinem ganzen Treiben und ſeiner ganzen Umgebung eine ernſte Lehre zog, nie daran dachte, ſie auf ſich ſelbſt anzuwenden, und daß er, während er doch ſo gerne über die Ungewiß⸗ heit des menſchlichen Lebens ſprach, ſowohl in Wor⸗ ten als in der That ſich ſelbſt für unſterblich zu halten ſchien. Ihre Betrachtungen fanden jedoch hier noch kein Ziel, denn ſie war klug genug, einzuſehen, daß vermöge der weiſen und gnädigen Ordnung Gottes die menſchliche Natur ſo ſeyn mußte, und daß der alte Todtengräber mit ſeinen Planen für den nächſten Sommer nur ein Abbild ſeines ganzen Ge⸗ ſchlechtes war. Mit ſolchen Gedanken erfüllt gelangte ſie zu der Kirche. Es war leicht, den Schlüſſel zu dem Portale aufzufinden, denn jeder hatte einen angehängten Streifen von gelbem Pergament, auf dem ſeine Be⸗ ſtimmung bemerkt war. Schon das Umdrehen des Schlüſſels in ſeinem Schloſſe weckte einen hohlen Ton, und als ſie mit zögernden Schritten eintrat, 99 erſchrack ſie ob dem Echo, welches das Zuſchlagen der Thüre erzeugte. Alles, was uns in unſerm Leben Gutes oder Schlimmes begegnet, ergreift uns vorzugsweiſe durch den Gegenſatz. Wenn der Frieden des einfachen Dörſchens einen ſtärkern Eindruck auf Nell gemacht hatte wegen der düſtern und mühevollen Wege, die jenſeits lagen und über die ſie mit ſo ſchwachen Füßen gewandert war, wie tief mußte ſie ſich nicht ergriffen fühlen, als ſie ſich allein in dieſem feierli⸗ chen Gebäude befand, wo ſelbſt das Licht, das durch die eingeſunkenen Fenſter ſtrömte, alt und grau er⸗ ſchien, und wo die Luft, nach Erde und Moder rie⸗ chend, eine Verweſung ſichtbar werden ließ, die ſich mit der Zeit von ihren gröberen Beſtandtheilen ge⸗ reinigt hatte und nun, wie der Hauch entſchwunde⸗ ner Jahrhunderte, durch die Bogen und Säulenhallen ſeufzte! Da war das zerbrochene Pflaſter, ſo lange durch fromme Füße ausgenützt, daß die Zeit, den Schritten der Pilgrime verſtohlen nachfolgend, ihre Spur ausgetreten und nur ein zerbröckelndes Ge⸗ ſtein zurückgelaſen hat. Da war das faulende Gebälk, das ſich ſenkende Gewölbe, die untergrabene und modernde Mauer, der kleine Laufgraben, das ſtattliche Grab, auf welchem die Aufſchrift verwiſcht war— Alles— Marmor, Stein, Eiſen, Holz und Staub nur ein gemeinſchaftliches Denkmal der Ver⸗ gänglichkeit. Die beſten Werke wie die ſchlechteſten, die einfachſten wie die reichſten, die prunkvollſten wie 100 die unbebeutendſten, die des Himmels wie die des Menſchen— alle wurden hier nach derſelben Richt⸗ ſchnur gemeſſen und erzählten insgeſammt nur Eine Geſchichte. Ein Theil des Gebäudes war eine Freiherrn⸗ gruft geweſen, und hier lagen die Abbilder von Kriegern mit gefalteten Händen und gekreuzten Bei⸗ nen auf ihren Betten von Stein ausgeſtreckt— die⸗ jenigen, welche in den heiligen Kriegen mitgefochten hatten, in ihren Wappenrüſtungen und das Schwert an der Seite, wie zu ihrer Lebenszeit. Einige jener Ritter hatten ihre eigenen Gewehre, Helme und Panzerhemden neben ihren Gräbern an der Wand aufhängen laſſen, wo ſie noch jetzt an roſtigen Hacken feſtgehalten wurden. Sie waren zwar zerbrochen und zerſtückt, aber doch hatten ſie ihre urſprüngliche Form und auch manches von ihrem alterthümlichen Ausſehen beibehalten. So überleben auf Erden ge⸗ waltſame Handlungen ihre Urheber, und die Spuren von Krieg und Blutvergießen ſind noch fühlbar, nachdem diejenigen, welche das Werk der Zerſtörung begangen, längſt ſelbſt zu Atomen der Erde gewor⸗ den ſind. Die Kleine ſetzte ſich in dieſem alten, ſtillen Orte unter den ſtarren Geſtalten auf den Gräbern nieder— es war ihr, als würde er durch dieſelbe noch ruhiger, als jeder andere— blickte mit einem ehrfurchtsvollen Schauer, der durch eine milde Wonne gemäßigt war, umher und fühlte, daß ſie jetzt glüͤck⸗ —,— „— lich und ruhig war. Sie nahm eine Bibel von dem Geſimſe und las; dann legte ſie das Buch nieder, dachte an die Sommertage— an die ſchöne Zeit des kommenden Frühlings— an die Sonnenſtrahlen, die ſchräg über die ſchlafenden Geſtalten fallen wür⸗ den— an die Blätter, die am Fenſter zitterten und ihre flimmernden Schatten auf das Pflaſter warfen — an den Geſang der Vögel— an die Knospen und Blüthen außen— an die ſüße Luft, die ſich hereinſtehlen und die zerriſſenen Banner über den Häuptern der Standbilder ſanft in Bewegung ſetzen mochte. Was war es, daß der Ort Gedanken an den Tod weckte! Er blieb doch immer derſelbe, mochte ſterben, wer da wollte— dieſer Anblick, dieſe Töne mußten doch ſo beſeligend ſeyn, wie nur je. Der Gedanke, in ihrer Mitte zit ſchlafen, konnte nichts Schmerzliches haben. Sie verließ die Gruftkapelle— ſehr langſam und oft ſich umdrehend, um zurückzuſchauen. Dann gelangte ſie zu einer niedrigen Thüre, welche augen⸗ ſcheinlich in einen Thurm führte, öffnete dieſelbe und kletterte im Dunkeln die Wendeltreppe hinan, nur hin und wieder einen Lichtblick erſchauend, wenn ſie durch die engen Gucklöcher nach dem eben verlaſſenen Orte zurück, oder nach den ſtaubigen Glocken in die Höhe ſah. Endlich erreichte ſie das Ende der Treppe und ſtand auf dem Kranze des Thurms. Welche Pracht des plötzlich auftauchenden Lichtes! Die friſchen Felder und Wälder, die ſich in jeder . * Richtung hindehnten, bis ſie das blaue Himmelsge⸗ wölbe ſäumten; das auf den Weiden graſende Vieh; der aus den Bäumen aufſteigende Rauch, als hebe er ſich aus der grünen Erde; die Kinder, die weit unten ſpielten— Alles, alles ſo gar ſchön und wonnig! Es war wie ein Uebergang vom Tode zum Leben— ein Näherrücken an den Himmel. Als ſie an das Portal herunterkam und die Thüre ſchloß, waren die Kinder bereits fort. Bei dem Vorbeigehen am Schulhauſe konnte ſie das Geſumme von Stimmen hören. Ihr Freund hatte an dieſem Tage ſein Amt angetreten. Der Lärmen wurde lauter, und als ſie zurückblickte, ſah ſie die Jungen ſchaarenweiſe herauskommen und ſich unter luſtigem Jubel und Spiel erfreuen.„Es iſt gut ſo,“ dachte Nell;„es fkeut mich ſehr, daß ſie an der Kirche vorbeigehen.“ Und dann machte ſie Halt, um ſich eine Vorſtellung machen zu können, wie ſich das Getöſe wohl innen ausnähme, und wie ſanft es dem Ohr zu verhallen ſchiene. Noch einmal, ja ſogar noch zweimal ſtahl ſie ſich an jenem Tage nach der alten Kapelle zurück und las auf ihrem früheren Sitze aus demſelben Buche, oder erging ſich in einem ruhigen Gedanken⸗ ſtrome. Selbſt als es bereits dunkel geworden war und die Schatten der hereinbrechenden Nacht die Umgebung feierlicher machten, blieb Nell wie an den Ort gewurzelt, ohne ſich zu fürchten, ja ſogar ohne ſich zu rühren. 103 Endlich fand man ſie hier und nahm ſie nach Hauſe. Sie ſah blaß aus, fühlte ſich aber ſehr glücklich, bis man ſich in der Nacht trennte; und dann däuchte es dem armen Schulmeiſter, als er ſich niederbeugte, um ſie auf ihre Wangen zu küſſen, er fühle eine Thräne auf ihrem Geſichte. Der Naritätenladen. Vierundfünßzigſtes Kapitel. Der Bachelor fand neben ſeinen verſchiedenen Beſchäftigungen auch in der alten Kirche eine nie verſiegende Quelle des Intereſſes und der Unterhal⸗ tung. Mit jenem Stolze, den die Menſchen gerne für die Wunder ihrer eigenen kleinen Welt bewahren, hatte er ſich das Studium ihrer Geſchichte zu ſeiner Aufgabe gemacht, und an manchem Sommertage traf man den Bachelor in ihren Mauern, oder man⸗ chen Winterabend an dem traulichen Herde des Pfarr⸗ hauſes, nachſinnend, wie er ſeinem reichen Schatze von Erzählungen und Legenden eine neue beifügen möchte. Er war keiner von jenen ſchroffen Geiſtern, welche der ſchönen Wahrheit jedes kleine ſchattenhafte Gewand abſtreifen möchten, womit die Zeit und die 104 ſchaffende Phantaſie ſie ausgeſchmückt hat. Laſſen ihr ja ſolche Hüllen bisweilen ſo lieblich, und ſind, wie die Waſſer ihres Quells, geeignet, den Reizen, welche ſich halb verbergen, halb errathen laſſen, neue An⸗ muth zu verleihen und weit eher Intereſſe zu erwecken, als Erſchlaffung und Gleichgültigkeit zu veranlaſſen. Ungleich dieſer ſtrengen Menſchenclaſſe liebte er es alſo, die Göttin zu ſchauen, gekrönt mit den Kränzen wilder Blumen, welche ihr die Tradition gewunden hatte, und die am friſcheſten in ihrer ungekünſteltſten Geſtalt ſind, weßhalb er mit leichtem Schritte und mit leichter Hand den Staub von Jahrhunderten berührte, ohne die luftigen Altäre, die ſich darüber erhoben hatten, zerſtören zu wollen, wenn darin nur irgend ein gutes, ein kräftiges Gefühl des menſchli⸗ chen Herzens verborgen war. Handelte es ſich zum Beiſpiel um einen ſteinernen Sarg, der der volks⸗ thümlichen Aunahme zu Folge die Ueberreſte eines gewiſſen Barons umſchloß, welcher, nachdem er in fremden Landen mit Feuer und Schwert geplündert hatte, weichen und bekümmerten Herzens zurückkehrte, um in der Heimath zu ſterben, ſo behauptete der Bachelor ſteif und feſt die Wahrheit der alten Sage, daß nämlich der genannte Baron ſein Unrecht bereut, viel Gutes gethan und in demüthiger Zerknirſchung ſeinen Geiſt aufgegeben habe, und daß, wenn je ein Baron in den Himmel kam, dieſer Baron im Frie⸗ den hingefahren ſeyn müſſe— wie ſehr auch in letzter Zeit von gelehrten Alterthümlern die Unwahr⸗ 10⁵ heit der ganzen Erzählung erwieſen und zugleich dargethan worden, daß der fragliche Baron im Schlachtgetümmel gefallen ſey unter Zähneknirſchen und Fluchen bis auf den letzten Athemzug. In glei⸗ cher Weiſe, wenn die genannten Alterthümler nicht gelten laſſen wollten, daß ein gewiſſes altes graues Gewölbe das Grabmal einer alten Dame ſey, welche unter der Regierung der glorreichen Königin Beß gehangen und geviertheilt wurde, weil ſie einem un⸗ glücklichen Prieſter, der an ihrer Thüre vor Hunger und Durſt verſchmachtete, Beiſtand leiſtete, ſo ver⸗ ſicherte der Bachelor feierlichſt gegen alle Fremde, daß die Kirche durch die Aſche jener alten Dame geheiligt ſey; man habe ihre ſterblichen Reſte des Nachts an den Stadtthoren geſammelt, heimlich hie⸗ her gebracht und an dieſem Orte aufbewahrt. Bei ſolchen Gelegenheiten gerieth der Bachelor ſehr in Eifer, läugnete den Ruhm der Königin Beß und behauptete, das gemeinſte Weib ihres Königreichs, dem ein zartes und erbarmendes Herz im Buſen ſchlug, habe unermeßlich höher geſtanden, als ſie. Was jedoch die Behauptung betraf, daß der flache Stein in der Nähe der Thüre nicht das Grab des Geizhalſes ſey, welcher ſein eigenes Kind verſtoßen und der Kirche eine Geldſumme hinterlaſſen habe, um ein hübſches Geläute anzuſchaffen, ſo gab der Bachelor bereitwillig ſeine Zuſtimmung, indem er verſicherte, es ſey nie ein ſolcher Mann in dem Orte geboren worden. Mit einem Worte, er hätte 106 gewünſcht, daß jeder Stein und jede Metallplatte die Denkmäler von Thaten ſeyn möchten, die in der Erinnerung fortzuleben verdienten. Alle andern wollte er gerne vergeſſen. Man mochte ſie allenfalls auf geweihtem Boden beerdigen, aber dieß ſollte, ſeiner Anſicht nach, tief genug geſchehen, damit ſie nicht wieder an's Licht kämen. Von den Lippen eines ſolchen Führers lernte Nell ihre Aufgabe. Da ſie bereits durch die ſchwei⸗ genden Gewölbe und die friedliche Schönheit des Ortes(ſein majeſtätiſches, von ewiger Jugend um⸗ gebenes Alter) über alle Maßen ergriffen war, ſo meinte ſie, als ſie dieſe Sagen hörte, Alles ſey hier der Tugend und der Frömmigkeit geheiligt. Die Kirche kam ihr wie eine andere Welt vor, wohin nie Sünde oder Sorge kam— ein friedliches Ruheplätz⸗ chen, wo nichts Böſes Zutritt hatte. Nachdem der Bachelor mit faſt jedem Grabmale oder Grabſteine irgend eine Geſchichte in Verbindung gebracht hatte, nahm er Nell mit in die alte Gruft, jetzt ein bloßes verödetes Gewölbe, hinunter und zeigte ihr, wie ſie in den Zeiten der Mönche beleuch⸗ tet wurde und wie man in alten Tagen zu mitter⸗ nächtlicher Stunde oft den Geſang alter Stimmen hörte, während mit Kutten verſehene Geſtalten um⸗ herknieten und ihren Roſenkranz beteten— mitten unter Lampen, die von der Decke niederhingen, ſchwin⸗ genden Rauchfäſſern, welche die Düfte des Weih⸗ rauchs aushauchten, von Gold und Silber glänzenden — — 107 Kirchengewändern, Gemälden, koſtbaren Stoffen und Juwelen, das Alles durch den niedrigen Bogen fun⸗ kelte und glänzte. Dann führte er ſie wieder hinauf und zeigte ihr hoch oben in den alten Wänden kleine Gallerien, wo die Nonnen einherzugleiten pflegten — aus ſo weiter Entfernung kaum in ihren dunkeln Anzügen zu unterſcheiden— oder wie düſtere Schat⸗ ten ſtille hielten, um auf die Gebete zu horchen. Er belehrte ſie auch, wie die Krieger, deren Abbilder auf den Gräbern lagen, einſt die aufgehängten roſti⸗ gen Waffenrüſtungen getragen hätten— wie dieß ein Helm, das ein Schild, jenes ein Panzerhand⸗ ſchuh geweſen ſey— und wie man die großen zwei⸗ händigen Schwerter geſchwungen oder mit jener Eiſenkeule Menſchen niedergeſchlagen habe. All dieß prägte die Kleine tief in ihr Gedächt⸗ niß ein, und wenn ſie hin und wieder des Nachts aus ihren Träumen von ſolchen alten Zeiten erwachte, von ihrem Bettchen aufſtand und in die dunkle Kirche hinausſah, ſo hoffte ſie faſt, die Fenſter beleuchtet zu ſehen und den Schall der Orgel nebſt dem Tone von Stimmen in dem Rauſchen des Windes zu hören. Mit dem alten Todtengräber beſſerte es ſich ſchnell und er ging wieder aus. Von ihm lernte Nell noch manches Andere, obgleich von ganz verſchiedener Art. Er war noch nicht im Stande, zu arbeiten; als je⸗ doch eines Tags ein Grab gemacht werden ſollte, ſo kam er herzu, um ſeinen Stellvertreter zu beaufſich⸗ 108 tigen. Er war in einer geſprächigen Stimmung, und Nell, die Anfangs an ſeiner Seite ſtand, nachher aber zu ſeinen Füßen ſich in's Gras ſetzte, begann, das Antlitz gedankenvoll zu ihm erhoben, ein Ge⸗ ſpräch mit ihm. Nun war der Mann, der zur Zeit das Amt des Todtengräbers verſah, ein wenig älter, als der letztere, obgleich noch viel rüſtiger; er hörte jedoch nicht gut, und wenn der Todtengräber, der vielleicht in ſechs Stunden kaum eine Meile zurücklegen konnte, eine Bemerkung über deſſen Arbeit fallen ließ, ſo entging es dem Kinde nicht, daß dieß mit einer Art ungeduldigen Mitleids über die Schwäche des Ge⸗ hülfen geſchah, als ob er ſelbſt der ſtärkſte und kräf⸗ tigſte Menſch auf Erden wäre. „Es thut mir wehe, einem ſolchen Geſchäfte zuſehen zu müſſen,“ ſagte Nell im Näherkommen. „Ich hörte nicht, daß Jemand geſtorben iſt.“ „Sie wohnte in einem andern Dörfchen, meine Liebe,“ entgegnete der Todtengräber.„Drei Meilen von hier.“ „War ſie jung?“ „J— ja,“ ſagte der Todtengräber;„ich glaube, erſt vierundſechzig. David, war ſie mehr als vier⸗ undſechzig?“ David, welcher emſig grub, hörte nichts von dieſer Frage. Da der Todtengräber ihn mit ſeiner Krücke nicht erreichen konnte, und überhaupt auch nicht im Stande war, ohne Beiſtand aufzuſtehen, ſo — 109 weckte er ſeine Aufmerkſamkeit dadurch, daß er ihm eine Erdſcholle auf ſeine rothe Nachtmütze warf. „Was ſoll’s?“ fragte David, heraufſchauend. „Wie alt war Becky Morgan?“ fragte der Todtengräber. 1„Becky Morgan?“ wiederholte David. „Ja,“ verſetzte der Todtengräber, indem er in halb mitleidigem, halb zornigem Tone, den der alte Mann nicht hören konnte, beifügte:„Ihr werdet. nachgerade ſehr taub, David— gewiß, ſehr taub.“ Der alte Mann hielt in ſeiner Arbeit inne, rei⸗ nigte ſeinen Spaten mit einem Stück Schiefer, das er zu dieſem Zwecke bei ſich hatte, und nachdem er im Verlaufe dieſer Zeit den weſentlichen Beſtandtheil von der Himmel weiß wie vielen Becky Morgans abgekratzt hatte, ſchickte er ſich an, die Sache in Erwägung zu ziehen.„Laßt mich nachdenken,“ ſprach er.„Ich ſah geſtern Abend, was ſie auf den Sarg geſetzt hatten— war es nicht neunundſiebenzig?“ „Nein, nein,“ ſagte der Todtengräber. „Ach ja, es war doch,“ entgegnete der alte Mann mit einem Seufzer;„denn ich erinnere mich, ſie war ziemlich von unſerm Alter. Ja, es war neunundſiebenzig.“ „Seyd Ihr ſicher, daß Ihr Euch nicht in einer Ziffer verzählt habt, David?“ fragte der Todtengrä⸗ ber mit Spuren einiger Erregung. „Wie?“ antwortete der alte Mann.„Sagt das noch einmal.“ — 1 3 ) — „Er iſt ſehr taub. In der That, er iſt ſehr taub,“ rief der Todtengräber ärgerlich.„Wißt Ihr auch gewiß, daß Ihr die Ziffer recht geleſen habt?“ „O freilich,“ verſetzte der alte Mann,„warum nicht?“. „Er iſt außerordentlich taub,“ murmelte der Todtengräber vor ſich hin.„Ich glaube, er iſt im Begriffe, kindiſch zu werden.“ Nell wunderte ſich, was ihn wohl zu dieſem Glauben geführt haben mochte, da der alte Mann in Wahrheit ebenſo gut bei Sinnen zu ſeyn ſchien, als er ſelber, und noch obendrein um ein Namhaftes kräftiger war. Der Todtengräber ſprach jedoch zur Zeit nichts mehr davon, weßhalb ſie es wieder ver⸗ gaß und zu reden fortfuhr. „Ihr habt mir von Eurem Gartenweſen er⸗ zählt,“ ſagte ſie.„Pflanzt Ihr auch hier herum etwas?“ „Auf dem Kirchhof?“ entgegnete der Todtengrä⸗ ber.„Fällt mir nicht ein.“ „Ich habe aber einige Blumen und kleine Ge⸗ ſträuche bemerkt,“ erwiederte die Kleine;„ſeht Ihr, da ſind einige, und dort drüben auch; und da meinte ich, ſie wären von Euch gezogen worden, obgleich ſte in der That nur kümmerlich aufwachſen.“ „Sie wachſen, wie es der Himmel will,“ ſagte der alte Mann;„und dieſer beſtehlt wohlwollend, daß ſie hier nie gedeihen ſollen.“ „Ich verſtehe Euch nicht.“ —— —,.,— —— 11¹ „Je nun, ſo will ich deutlicher ſeyn,“ verſetzte der Todtengräber.„Sie bezeichnen die Gräber der⸗ jenigen, welche beſonders zärtliche und liebevolle Verwandte und Freunde waren.“ „Ich dachte mir's wohl!“ rief Nell.„Auch freut es mich, zu hören, daß ich mich nicht geirrt hatte.“ „Ja wohl,“ entgegnete der alte Mann,„aber warten Sie noch ein wenig. Schauen Sie einmal hin. Sehen Sie, wie ſie ihre Köpfe hängen und dahin welken? Können Sie ſich wohl den Grund davon denken?“ „Nein,“ erwiederte das Kind. „Weil das Andenken an diejenigen, welche da unten liegen, ſo ſchnell dahin ſchwindet. Zuerſt be⸗ ſucht man ſie Morgens, Mittags und Abends; aber bald werden die Beſuche weniger häufig— von einem⸗ mal des Tages zu einemmal in der Woche, von einem⸗ mal in der Woche zu einemmal im Monate; dann kommen lange und ungewiſſe Zwiſchenräume, und endlich hört's ganz auf. Solche Denkmale gedeihen ſelten lang. Ich habe geſehen, wie die kürzeſten Sommer⸗ blumen die Zärtlichkeit der Zurückgebliebenen über⸗ lebten.“ „Es ſchmerzt mich, das hören zu müſſen,“ ſagte das Kind. „Ach! So ſagen auch die vornehmen Leute, welche herunterkommen, um ſich hier umzuſehen,“ verſetzte der alte Mann mit Kopfſchütteln;„aber ich —— ſage anders.„Es iſt eine gar hübſche Gewohnheit in dieſer Gegend,“ ſagen ſie hin und wieder zu mir, ‚die Gräber zu bepflanzen, aber es iſt melancholiſch, ſie alle welk oder todt zu ſehen. Ich bitte ſie dann um Verzeihung und ſage ihnen, meiner Anſicht nach ſey dieß ein gutes Zeichen für das Glück der Leben⸗ den. Und ſo iſt es auch. Es iſt Natur.“ „Vielleicht lernen aber die Trauernden, bei Tag nach dem blauen Himmel und bei Nacht nach den Sternen aufzuſehen? Vielleicht denken ſie, daß ihre Todten dort ſind, und nicht in den Gräbern?“ ſagte Nell mit ernſter Stimme. „Vielleicht iſt's ſo,“ entgegnete der alte Mann zweifelhaft.„Möglich!“ „Mag nun mein Glaube richtig ſeyn oder nicht,“ dachte die Kleine in ihrem Innern,„ich will dieſen Ort zu meinem Garten machen. Es wird wenigſtens nichts Unrechtes ſeyn, Tag um Tag hier zu arbeiten, und zuverläßig werden mir dabei angenehme Gedan⸗ ken kommen.“ Der Todtengräber achtete ihrer glühenden Wange und ihres thränenfeuchten Auges nicht, ſondern wandte ſich an den alten David, den er bei Namen rief. Augenſcheinlich beunruhigte ihn noch immer Becky Morgans Alter, obgleich es dem Kind nicht recht klar werden wollte, warum? Der Name des alten Mannes mußte zwei⸗ oder dreimal wiederholt werden, bis ſeine Aufmerkſamkeit angezogen wurde. Er hielt in ſeiner Arbeit inne, —.— —*— —.— 113 lehnte ſich auf ſeinen Spaten und hielt die Hand hinter ſein taubes Ohr. „Habt Ihr gerufen?“ fragte er. „Ich habe eben bei mir gedacht, David,“ verſetzte der Todtengräber,„daß ſie“— er deutete nach dem Grabe—„ein anſehnliches älter geweſen ſeyn muß, als Ihr oder ich.“ „Neunundſiebenzig,“ antwortete der alte Mann mit einem kummervollen Kopfſchütteln;„ich ſage Euch, daß ich es mit eigenen Augen geſehen habe.“ „Geſehen?“ verſetzte der Todtengräber;„ja aber David— Weiber ſagen nicht immer die Wahrheit wenn ſich's um ihr Alter handelt.“ „Das iſt allerdings wahr,“ ſagte der andere alte Mann mit einem plötzlichen Leuchten in ſeinen Augen.„Sie iſt vielleicht älter geweſen.“ „Gewiß muß es ſich ſo verhalten. Man darf nur daran denken, wie alt ſie ausſah. Ihr und ich, wir Beide waren nur Knaben gegen ſie.“ „Sie ſah alt aus,“ entgegnete David.„Ihr habt Recht. Sie ſah alt aus.“ „Und erinnert Euch nur, wie alt ſie ſchon ſeit manchem langen Jahre ausſah. Sagt, konnte ſie da zuletzt nur neunundſiebenzig ſeyn— nur von unſerm Alter?“ ſagte der Todtengräber. „Ja, ſie muß allerwenigſtens ſünf Jahre älter ſeyn!“ rief der andere. „Fünf?“ erwiederte der Todtengräber.„Zehn. Gute neunundachtzig. Ich entſinne mich noch recht Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 8 114 gut, wie ihre Tochter ſtarb. Sie iſt neunundachtzig auf den Tag hin, und verſuchte es nun, für zehn Jahre jünger zu gelten. O menſchliche Eitelkeit!“ Der andere alte Mann blieb auch nicht zurück mit einigen moraliſchen Reflexionen über das lehr⸗ reiche Thema, und beide brachten eine Maſſe von ſo nachdrücklichen Beweiſen bei, daß es zweifelhaft wurde, ob die Hingeſchiedene ſtatt des ihr beige⸗ meſſenen Alters nicht etwa gar die patriarchaliſche Zahl von hundert Jahren erreicht habe. Nachdem dieſe Frage zu ihrer wechſelſeitigen Zufriedenheit ab⸗ gethan war, ſtand der Todtengräber mit Beihülfe ſeines Freundes auf, um ſich zu entfernen. „Es iſt kühl, wenn man ſo hier ſitzt, und ich muß mich in Acht nehmen— bis nächſten Sommer,“ ſagte er, als er ſich anſchickte, hinwegzuhinken. „Wie?“ fragte der alte David. „Der arme Kerl iſt ſehr taub. Gott befohlen!“ rief der Todtengräber. „Ah!“ ſagte der alte David, ihm nachſehend; er nimmt gar ſchnell ab. Mit jedem Tage altert er mehr.“ Und ſo trennten ſie ſich— jeder feſt überzeugt, der andere habe weniger Lebenskräfte, als er ſelbſt, und beide ungemein getröſtet und beruhigt durch die kleine Erdichtung, über die ſie hinſichtlich Becky Morgan's eins geworden waren. Ihr Hinſcheiden war daher nicht länger eine unbequeme Mahnung, 115 und ging ſie alſo für die nächſten zehn Jahre ganz und gar nichts an. Das Kind blieb noch einige Minuten und ſah dem tauben alten Manne zu, wie er mit ſeiner Schaufel Erde herauswarf, oft inne hielt, um zu huſten und Athem zu ſchöpfen und dabei mit luſtigem Kichern vor ſich hinmurmelte, daß es mit dem Todtengräber ſchnell zur Neige gehe. Endlich wandte ſie ſich weg, und während ſie gedankenvoll durch den Kirchhof ging, traf ſie unerwartet auf den Schulmeiſter, der auf dem Kirchhof auf einem grünen Grab ſaß und las. „Nell hier?“ rief er freudig, während er ſein Buch ſchloß.„Es thut mir wohl, dich wieder in der friſchen freien Luft und dem Licht der Sonne zu ſehen. Ich fürchtete, du ſitzeſt wieder in der Kirche, wo du dich ſo viel aufhältſt.“ „Sie fürchteten?“ verſetzte das Kind, ſich an ſeiner Seite niederlaſſend.„Iſt ſie nicht ein gutes Plätzchen?“ „Ja, ja,“ entgegnete der Schulmeiſter.„Aber du mußt auch bisweilen heiter ſeyn— nein, ſchüttle nicht den Kopf, und lächle nicht ſo gar traurig.“ „Sie würden es nicht traurig nennen, wenn Sie in meinem Herzen leſen könnten. Sie dürfen mich für keine Bekümmerte halten, denn es gibt kein glück⸗ licheres Weſen auf Erden, als ich jetzt bin.“ Voll dankbarer Zärtlichkeit ergriff die Kleine ſeine Hand und drückte ſie zwiſchen der ihrigen. 8* 116 8 „Es iſt Gottes Wille!“ ſagte ſie, nachdem beide eine Weile ſtill geſchwiegen. „Was?“ „Alles dieſes,“ verſetzte ſie;„unſere ganze Um⸗ gebung. Aber wer von uns i*ſt jetzt traurig? Sie ſehen, daß ich lächle.“ „Ich gleichfalls,“ entgegnete der Schulmeiſter; „ich lächle bei dem Gedanken, wie oft wir noch an dieſem nämlichen Orte lachen werden. Haſt du nicht dort mit Jemanden geſprochen?“ „Ja,“ antwortete das Kind. „Vielleicht von etwas, was dich wehmüthig ſtimmte?“ Es folgte eine lange Pauſe. „Was war es?“ fuhr der Schulmeiſter mit Zartheit fort.„Komm, ſage mir, was es war.“ „Es thut mir weh— ja, es thut mir wahr⸗ haftig weh,“ erwiederte das Kind in Thränen aus⸗ brechend,„denken zu müſſen, daß diejenigen, welche um uns her ſterben, ſo bald vergeſſen ſind.“ „Und glaubſt du,“ ſprach der Schulmeiſter, dem ihr umherſtreifender Blick nicht entgangen war,„daß ein unbeſuchtes Grab, ein erſtorbener Baum oder einige verwelkte Blumen Merkmale des Vergeſſenſeyns oder kalter Vernachläßigung ſind? Glaubſt du nicht, daß fern von hier Handlungen geübt werden können, durch welche man dieſer Todten vielleicht am beſten gedenkt? Nell, Nell, in dieſem Augenblicke pilgern vielleicht Leute durch die Welt, zu deren guten Hand⸗ 117 v. lungen und guten Gedanken gerade dieſe Gräber— ſo vernachläßigt ſie auch ausſehen— die Haupt⸗ werkzeuge geworden ſind.“ „Sagen Sie mir nichts mehr,“ verſetzte das Kind raſch.„Sagen Sie mir nichts mehr. Ich fühle, ich weiß es. Wie ſollte ich deſſen uneingedenk ſeyn können, wenn ich mir Sie vergegenwärtige?“ „Es gibt nichts,“ rief ihr Freund,„nein, gar nichts Gutes oder Unſchuldiges, das ſtirbt oder ver⸗ geſſen wird. Mögen wir dieſen Glauben bewahren oder keinen. Ein Säugling, ein plapperndes Kind, das in ſeiner Wiege ſtirbt, lebt fort in den beſſeren Gedanken derjenigen, welche es liebten, und ſpielt durch ſie ſeine Rolle in den verſöhnenden Handlungen dieſer Welt, obgleich vielleicht ſein Körper zu Aſche verbrannt oder in den tiefſten See verſenkt iſt. Es gibt keinen Engel, der den himmliſchen Heerſchaaren zugeführt wird, ohne daß er in denen, welche ihn hienieden liebten, ſeine Segenswerke übte. Vergeſſen! Ach, wenn die guten Handlungen menſchlicher Weſen bis zu ihrer Quelle verfolgt werden können, wie ſchön mußte ſogar der Tod erſcheinen; denn wie viel Liebe, Barmherzigkeit und geläutertes Sehnen würde man nicht dem Gräberſtaube entſproſſen ſehen!“ „Ja,“ ſagte das Kind,„es iſt wahr, ich weiß es, es iſt wahr. Wer könnte dieſe Ueberzeugung tiefer empfinden, als ich, in der ihr kleiner Schuüͤler wieder auflebt! Theurer, theurer, edler Freund, wenn Sie doch wüßten, welchen Troſt Sie mir ge⸗ geben haben!“ Der arme Schulmeiſter antwortete nicht, ſon⸗ dern beugte ſich ſchweigend über ſie; denn ſein Herz war voll. Sie ſaßen noch an derſelben Stelle, als der Großvater herzukam. Ehe ſie noch lange geſprochen hatten, verkündigte die Kirchthurmuhr, daß es Zeit zur Schule ſey, und ihr Freund entfernte ſich. „Ein guter Mann,“ ſagte ihr Großvater, ihm nachſehend;„ein wohlwollender Mann. Gewiß wird er uns nie ein Leides thun, Nell. Hier ſind wir endlich ſicher.— Wie? wir gehen doch nicht wieder fort von hier?“ Die Kleine ſchüttelte das Köpfchen und lächelte. „Sie bedarf der Ruhe,“ fuhr der alte Mann fort, indem er ſie auf die Wange pätſchelte;— nzu blaß. Sie iſt nicht mehr, wie ſie geweſen.“ „Wann?“ fragte das Kind. „Halu entgegnete der alte Mann,—„freilich — wann? Vor wie viel Wochen? Könnte ich ſie an den Fingern herzählen? Doch laß es beruhen; es iſt gut, daß es vorbei iſt.“ „O, freilich gut, lieber Großvater,“ verſetzte das Kind.„Wir wollen ſie vergeſſen, und wenn wir ſie je wieder in's Gedächtniß rufen, ſoll es nur geſchehen, wie man ſich eines unruhigen Traumes erinnert, der entſchwunden iſt.“ —— 1 119 „Bſt!“ erwiederte der alte Mann, indem er ihr haſtig mit der Hand zuwinkte und ſich umſah;„rede mir nicht mehr von dem Traume und all' dem Elend, welches er gebracht hat. Es gibt keine Träume hier. Es iſt ein ruhiger Ort, von dem ſie ſich ferne halten. Wir wollen nie wieder daran denken, damit ſie uns nicht abermals verfolgen. Eingeſunkene Augen und hohle Wangen— Näſſe, Kälte und Hunger— und vor allem dieſem die Schrecken, die ſogar noch ſchlim⸗ mer waren,— wir müſſen ſolche Dinge vergeſſen, wenn wir hier Frieden haben wollen.“ „Dem Himmel ſey Dank für dieſen höchſt glück⸗ lichen Wechſel!“ betete das Kind in den Tiefen ſeines Herzens. „Ich will geduldig ſeyn,“ ſagte der alte Mann, „demüthig, gehorſam und von Herzen dankbar, wenn du mich hier bleiben laſſen willſt. Aber du mußt dich nicht vor mir verſtecken, dich nicht allein weg⸗ ſtehlen, ſondern mich an deiner Seite laſſen. Glaube mir, ich will ganz wahr und aufrichtig ſeyn, Nell.“ „Ich mich allein wegſtehlen? Ei das wäre in der That ein allerliebſter Spaß,“ verſetzte das Kind mit erkünſtelter Heiterkeit.„Sehen ſie da, lieber Großvater, wir wollen dieſen Platz zu unſerem Garten umwandeln— warum ſollten wir's nicht? Er iſt ſehr ſchön— und morgen wollen wir anfangen, ge⸗ meinſchaftlich zu arbeiten, Seite an Seite.“ „Das iſt ein wackerer Gedanke!“ rief ihr Groß⸗ vater.„Vergiß es nicht, mein Herz— wir wollen morgen anfangen.“ Wer war entzückter, als der alte Mann bei dem Beginne der Arbeit des nächſten Morgens? Wer ahnete ſo wenig von Allem, was mit dem Orte in Verbindung ſtand, als er? Sie pflückten das lange Gras und die Neſſeln von den Gräbern, lichteten das dünne Geſträuch von den Wurzeln, machten den Raſen glatt und ſäuberten ihn von den Blättern und dem Unkraute. Sie waren noch in eifriger Arbeit begriffen, als Nell den Kopf von dem Boden, über welchen ſie gebeugt war, erhob und den Bachelor bemerkte, welcher auf dem nahen Zaun ſaß und ihnen ſchweigend zuſchaute. „Ein angenehmes Geſchäft,“ ſagte der kleine Herr, indem er Nell's Knix mit einem Kopfnicken erwiederte.„Habt Ihr alles dieſes heute Morgen vollbracht?“ „Es iſt nur ſehr wenig in Vergleichung mit dem, was wir noch zu thun gedenken,“ entgegnete die Kleine mit niedergeſchlagenen Augen. „Gute Verrichtung, gute Verrichtung,“ ſagte der Bachelor.„Aber gebt Ihr Euch nur mit den Gräbern von Kindern und jungen Leuten ab?“ „Wir werden bald auch an die andern kommen, Sir,“ verſetzte Nell mit weicher Stimme, indem ſie den Kopf bei Seite wandte. Es war ein unbedeutender Umſtand, vielleicht Abſicht, vielleicht Zufall, oder wohl eine unbewußte — 121 Sympatz)ie des Kindes mit der Jugend. Es ſchien jedoch ihrem Großvater aufzufallen, obſchon er es zuvor nicht beachtet hatte. Er ſah haſtig auf die Gräber und dann beſorgt auf Nell, drückte ſie an ſeine Bruſt, und hieß ſie aufhören, um auszuruhen. Etwas lang Vergeſſenes ſchien ſchwach in ſeiner Er⸗ innerung auftauchen zu wollen. Es ging nicht vor⸗ über, wie es ſonſt bei viel wichtigeren Dingen der Fall geweſen war, ſondern bemächtigte ſich ſeiner mehr und mehr, indem es an dieſem Tage und auch ſpäter oftmals wiederkehrte. Einmal, als ſie eben an der Arbeit waren, bemerkte die Kleine, daß er ſich oft umwandte und unruhig nach ihr hinſah, wie wenn er irgend einen peinlichen Zweifel zu löſen oder wirre Gedanken zu ſammeln ſuchte; ſie drang daher in ihn, ihr den Grund mitzutheilen. Er ſagte jedoch, es ſey nichts— nichts— und indem er ihr Köpfchen auf ſeinen Arm legte, ſtreichelte er ihre ſchöne Wange mit der Hand und flüſterte vor ſich hin, ſie werde mit jedem Tage ſtärker und würde nun bald ein erwachſenes Frauenzimmer ſeyn. — 122 Der Naritätenladen. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Von dieſer Zeit an erwachte in der Seele des alten Mannes eine ängſtliche Beſorgtheit um das Kind, welche nie ſchlummerte oder von ihm wich. Es gibt Saiten im Menſchenherzen— fremdartige wechſelnde Accorde— die nur der Zufall zum Er⸗ tönen bringt und oft gegen die leidenſchaftlichſte und feierlichſte Anſprache ſtumm und gefühllos bleiben, während ſie vielleicht endlich auf die leichteſte gelegent⸗ liche Berührung anſchlagen. In den unempfindlich⸗ ſten oder zerſtreuteſten Gemüthern findet ſich bisweilen ein Zug von Beſchaulichkeit, den ſelten die Kunſt leiten oder Gewandtheit unterſtützen kann, der aber, wie es oft bei großen Wahrheiten der Fall iſt, ſich durch einen Zufall enthüllt, wo man ſich deſſen am allerwenigſten verſieht. Von jener Zeit an vergaß der alte Mann keinen Augenblick die Schwäche und Aufopferung des Kindes: und jenem geringfügigen Umſtande war es zuzuſchreiben, daß er, der ſie durch ſo viele Beſchwerlichkeiten und Leiden an ſeiner Seite ſich hatte durchkämpfen ſehen, ohne ſie für etwas anderes, als für die Theilhaberin des Elendes zu halten, welches er ſelbſt ſo bitter an ſeiner Perſon fühlte und um ſeinetwillen wenigſtens eben ſo ſehr 123 beklagte, als um ihretwillen, zu dem Bewußtſeyn deſſen erwachte, was er ihr ſchuldig war, und was der viele Jammer aus ihr gemacht hatte. Nein, nicht ein einzigesmal— auch nicht in einem unbe⸗ wachten Augenblicke, von jener Zeit an bis zum Ende, entfremdete irgend eine Sorge für ſich ſelbſt, ein Gedanke an ſeine eigene Gemächlichkeit oder irgend eine ſonſtige ſelbſtſüchtige Rückſicht ſeine Gedanken dem zarten Gegenſtande ſeiner Liebe. Er pflegte ihr auf und ab zu folgen, und wartete bis ſie müde war, damit ſie ſich auf ſeinen Arm ſtützen konnte— er ſetzte ſich ihr gegenüber in die Kaminecke, zufrieden, ſie anzuſehen, bis ſie ihr Köpf⸗ chen erhob und ihm zulächelte wie in alten Tagen— er beſorgte heimlich diejenigen Haushaltungsobliegen⸗ heiten, welche ihren Kräften zu ſchwer fielen— er ſtand ſogar mitten in kalter, dunkler Nacht auf, um die Schlafende athmen zu hören, und kauerte ſich wohl ſtundenlange an ihrem Bett nieder, blos um ihre Hand berühren zu können. Nur der Allwiſſende war Zeuge der Hoffnungen, der Beſorgniſſe und der Gedanken inniger Liebe, welche in dieſem einen zer⸗ rütteten Gehirne wühlten— nur er kannte die Ver⸗ änderung, die mit dem armen alten Manne vorge⸗ gangen war. Wochen waren inzwiſchen vergangen, und das Kind brachte bisweilen, erſchöpft, obgleich von keiner ſonderlichen Anſtrengung, ganze Abende auf einem Ruhebette neben dem Feuer zu. Bei ſolchen Gelegen⸗ 124 heiten brachte der Schulmeiſter Bücher und las ihr vor; auch verging ſelten ein Abend, ohne daß der Bachelor zu Beſuch kam und ihn abwechſelnd in die⸗ ſem Geſchäfte ablöste. Der alte Mann ſaß da und hörte zu, zwar wenig von den Worten verſtehend, aber ohne Unterlaß ſeine Augen auf das Kind heftend — und wenn ſie lächelte oder ihr Geſicht bei dem Geleſenen ſich erheiterte, ſo nannte er die Geſchichte ſchön und gewann ſogar eine Vorliebe für das Buch. Wenn bei Gelegenheit ihrer Abendunterhaltungen der Bachelor eine Legende erzählte, die ihr geſiel(was gewöhnlich der Fall war), ſo gab ſich der alte Mann alle Mühe, ſie ſeinem Gedächtniß einzuprägen, und nicht ſelten, wenn ſich der Bachelor entfernte, ſchlich er ihm nach und bat ihn demüthig, er möchte ihm irgend einen Theil derſelben wieder vorſagen, damit auch er es lerne, Nell ein Lächeln abzugewinnen. Dieß waren jedoch zum Glück nur ſeltene Ge⸗ legenheiten, denn Nell ſehnte ſich ins Freie, um in ihrem feierlichen Garten ſpazieren gehen zu können. Es kamen auch Geſellſchaften, welche die Kirche ſehen wollten, und dieſe erzählten andern von dem Kinde, die dann auch kamen, ſo daß ſie ſogar um dieſe Zeit des Jahres faſt täglich Beſuche hatten. Der alte Mann folgte ihnen dann in kleiner Entfernung durch die öden Räume, horchte auf die Stimme, die er ſo ſehr liebte, und wenn die Fremden ſich von Nell verabſchiedeten, ſo pflegte er heranzutreten, um einige Bruchſtücke von ihrer Unterhaltung aufzufangen, oder 125 er ſtellte ſich in gleicher Abſicht, das graue Haupt unbedeckt, an die Thüre, durch welche ſie gehen mußte. Sie lobten ſtets den Verſtand und die Schönheit des Kindes, und er war ſtolz darauf, ſie ſo ſprechen zu hören. Aber was war es, was ſie ſo oft beifügten, was ſein Herz zerriß und was ihn ver⸗ anlaßte, nach irgend einem dunkeln Winkel zu ſchleichen und daſelbſt in der Einſamkeit zu ſchluchzen und zu weinen? Ach! ſelbſt gleichgültige Fremde— ſie, die kein anderes Gefühl, als das Intereſſe eines Augenblicks für ſie hatten— ſie, die fortgingen, und in der nächſten Woche ſchon vergeſſen hatten, daß ein ſolches Weſen lebte— ſelbſt ſie ſahen es— ſelbſt ſie hatten Mitleiden mit ihr— ſelbſt ſie boten ihm ſo theilnehmend einen guten Tag und flüſterten, wenn ſie vorübergingen. Auch unter den Einwohnern des Dorfes, die alle die arme Nell liebgewonnen hatten, herrſchte das gleiche Gefühl— eine Zärtlichkeit,— eine theil⸗ nehmende Rückſicht für ſie, die ſich mit jedem Tage mehrte. Sogar die leichtherzigen und gedankenloſen Schulknaben kümmerten ſich um ſie. Selbſt dem roheſten darunter that es leid, wenn er ſie auf ſei⸗ nem Wege nach der Schule nicht auf ihrem gewöhn⸗ lichen Platze ſah, und er ließ ſich den Umweg nicht verdrießen, an ihrem Gitterfenſter nach ihr zu fragen. Saß ſie in der Kirche, ſo blickten ſie vielleicht ver⸗ ſtohlen zu der offenen Thüre herein, aber ſie redeten ſie nicht an, wenn ſie nicht aufſtand und auf ſie zukam um mit ihnen zu ſprechen. Alle fühlten es, daß Nell hoch über ihnen ſtehe. Das Gleiche war der Fall, wenn der Sonntag kam. Es gab in der Kirche nichts als arme Land⸗ leute, denn das Schloß, in welchem die alte Familie 4 gelebt hatte, war eine leere Ruine, und auf ſieben Meilen im Umkreiſe lebte nichts, als niedriges Volk. Auch hier, wie anderswo, erweckte Nell Theilnahme. Man ſammelte ſich vor und nach dem Gottesdienſte um ſie in dem Portale; kleine Kinder klammerten ſich an ihre Schöße und alte Männer und Weiber vergaßen ihr Geplauder, um ſie freundlich zu begrü⸗ ßen. Niemand von ihnen, Alt oder Jung, dachte daran, ohne ein liebevolles Wort an ihr vorbeizu⸗ gehen. Viele, die drei oder vier Meilen weit herka⸗ men, brachten ihr kleine Geſchenke, und ſelbſt die ärmſten und rauheſten hatten einen frommen Wunſch für ſie. Sie hatte ſich aus den Kindern, die ſie bei ihrem Erſcheinen in dem Ort auf dem Kirchhofe ſpielen ſah, eines ausgewählt— daſſelbe, welches von ſeinem Bruder geſprochen hatte. Der Knabe war ihr Liebling, ihr Freund, und ſaß oft an ihrer Seite in der Kirche, oder klomm mit ihr zu dem Thurmkranze hinauf. Es war ihm eine Luſt, wenn er ihr helfen konnte, oder zu helfen ver⸗ meinte, und ſo wurden ſie bald faſt unzertrennliche Gefährten. Eines Tages, als Nell einſam an ihrem alten — » 127 Plätzchen ſaß und las, kam dieſer Knabe mit Thrä⸗ nen in den Augen auf ſie zugelaufen, und nachdem er ſie einen Augenblick aus ſcheuer Entfernung ange⸗ legentlich betrachtet hatte, ſchlang er leidenſchaftlich ſeine kleinen Arme um ihren Nacken. „Was haſt du?“ fragte Nell ihn beſchwichtigend. „Was gibt es denn?“ „Sie iſt's noch nicht!“ rief der Knabe, ſie noch inniger umarmend.„Nein, nein! Noch nicht!“ Sie ſah ihn verwundert an, ſtrich ihm das Haar aus dem Geſichte, küßte ihn, und fragte ihn, was er damit ſagen wolle. „Nein, du ſollſt keiner ſeyn, liebe Nell,“ rief der Knabe.„Wir können ſie nicht ſehen. Sie kom⸗ men nie, um mit uns zu plaudern oder zu ſpielen. Bleibe, was du biſt. Es iſt ſo beſſer.“ „Ich verſtehe dich nicht,“ verſetzte Nell.„Sage mir, was du damit meinſt.“ „Ei,“ entgegnete der Knabe, indem er ihr in's Geſicht ſah,„ſie ſagen, du würdeſt ein Engel ſeyn, ehe die Vögel wieder fingen. Aber gelt, das magſt du nicht? Es iſt zwar ſchön im Himmel, aber du mußt uns nicht verlaſſen!“ Nell ſenkte das Haupt und hielt die Hände vor ihr Antlitz. „Nein, ſie mag gar nicht daran denken!“ rief der Knabe, durch ſeine Thränen jubelnd.„Du willſt nicht gehen. Du weißſt, wie wehe es uns thun 128 würde. Liebe Nell, ſage mir, du wolleſt bei uns bleiben. Ol ich bitte, bitte, verſprich mir das.“ Das kleine Weſen faltete ſeine Händchen und kniete zu ihren Füßen nieder. „Sieh mich nur an, Nell,“ ſagte der Knabe, „und ſage mir, daß du bleiben willſt. Ich werde dann wiſſen, daß ſie Unrecht haben, und will nicht mehr weinen. Magſt du denn nicht ja ſagen, Nell?“ Nell ſenkte das Haupt, bedeckte ihr Antlitz und verblieb ſtumm— ihr leiſes Schluchzen ausge⸗ nommen. Nach einer Weile fuhr der Knabe fort, indem er ihre Hand wegzuziehen ſuchte: „Die lieben Engel werden froh ſeyn, wenn ſie denken, daß du nicht unter ihnen, ſondern hier bei uns geblieben biſt. Willy iſt auch bei ihnen, aber wenn er gewußt hätte, wie ich ihn Nachts in unſerm kleinen Bette vermiſſen würde, ſo hätte er nih gewiß nicht verlaſſen.“ Doch Nell war zu keiner Antwort zu bewegen, denn ſie ſchluchzte fort, als ob ihr das Herz brechen müßte. „Warum ſollteſt du denn gehen wollen, liebe Nell? Ich weiß, du würdeſt nicht glücklich ſeyn, wenn du hörteſt, daß wir um deinen Verluſt weinen. Sie ſagen, Willy ſey jetzt im Himmel, und dort habe man immer Sommer. Und doch weiß ich gewiß, es thut ihm leid, wenn ich drunten auf ſeinem 129 Gartenbette liege und er ſich nicht umwenden kann, um mich zu küſſen! Aber wenn Du gehſt, Nell,“ fügte der Knabe bei, indem er liebkoſend ſein Geſicht an das ihrige drückte,„ſo habe ihn um meinetwillen gern. Sage ihm, daß ich ihn noch immer liebe, und wie ſehr ich dich geliebt habe. Und wenn ich denke, daß ihr Zwei bei einander und glücklich ſeyd, ſo will ich verſuchen, es zu ertragen und dir nie durch Unarten wehe thun— ja, ich will es ge⸗ wiß nie!“ Nell geſtattete dem Knaben, ihre Hände hinweg⸗ zuziehen und ſie um ſeinen Nacken zu ſchlingen. Es war ein thränenreiches Schweigen; aber es hatte noch nicht lange gedauert, als ſie ſchon wieder den Kleinen mit einem lächelnden Blicke anſah und ihm mit ungemein weicher und ruhiger Stimme verſprach, ſie wolle bleiben und ſeine Freundin ſeyn, ſo lange es der Himmel zulaſſe. Er ſchlug freudig ſeine Hände zuſammen und dankte ihr oftmals. Sie verbot ihm ſodann, keinem Menſchen zu ſagen, was zwiſchen ihnen vorgefallen ſey, was er auch auf das Feier⸗ lichſte verſprach. Er hielt Wort,(ſo viel nämlich Nell davon er⸗ fahren konnte,) kehrte übrigens nie wieder auf dieſes Thema zurück, das ihr ſchmerzlich geworden zu ſeyn ſchien, obgleich er ſich keinen Grund denken konnte, und fuhr fort, ihr ruhiger Begleiter auf allen ihren Spaziergängen und in ihren Betrachtungsſtunden zu ſeyn. Er traute ihr aber doch nicht ganz, denn er Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 9 130 kam oft, ſogar an ſpäten Abenden, um vor der Thüre außen mit ſchüchterner Stimme zu fragen, ob ſie noch wohlbehalten innen ſey; und wenn man ihm dann mit ja antwortete und ihn eintreten hieß, ſo pflegte er ſich auf einen Schemel zu ihren Füßen zu ſetzen, wo er geduldig verblieb, bis man ihn ſuchte und heimnahm. Jeder kommende Morgen fand ihn unabänderlich in der Nähe des Hauſes, wo er fragte, ob ſie wohl ſey; und Morgens, Mittags oder Abends ließ er alle ſeine Spielkameraden und Spiele im Stich, um ihr Geſellſchaft zu leiſten, wenn er wußte, daß ſie irgendwohin ging. „Und obendrein iſt er ein guter, kleiner Freund,“ ſagte einmal der alte Todtengräber zu ihr.„Als ſein älterer Bruder ſtarb— ich ſollte eigentlich das Wort alt nicht brauchen, da er erſt ſieben Jahre zählte— ſo war es nur dieſer Eine, welcher ſich den Todesfall ſehr ernſtlich zu Herzen nahm; ich er⸗ innere mich deſſen noch recht gut.“ Nell dachte an das, was der Schulmeiſter zu ihr geſagt hatte, und fühlte, wie ſich die Wahrheit jener Worte ſogar an dieſem unmündigen Kinde wiederſpiegelte. „Ich glaube, er iſt ſeitdem etwas ſtill geworden,“ fuhr der alte Mann fort,„obgleich er, was das anbelangt, zuweilen heiter genug iſt. Ich wette, Sie und er haben an dem alten Brunnen etwas gehört.“ „Nein, gewiß nicht,“ verſetzte Nell.„Ich fürch⸗ tete mich, ihm nahe zu kommen, und gehe überhaupt 131 nicht oft in jenen Theil der Kirche, obgleich ich kei⸗ nen Grund hiefür anzugeben weiß.“ „So kommen Sie mit mir hinab,“ ſagte der alte Mann.„Ich kenne ihn von Jugend auf. Kom⸗ men Sie!“ Sie ſtiegen die ſchmalen Treppen hinunter, welche nach der Gruft führten, und machten unter den dun⸗ keln Gewölben an einer finſtern und düſtern Stelle Halt. „Dieß iſt der Ort,“ ſagte der alte Mann. „Geben Sie mir Ihre Hand, damit Sie, wenn Sie den Deckel zurückwerfen, nicht ſtolpern und hinunter⸗ fallen. Ich bin zu alt— das heißt, es ſitzt mir noch zu ſehr in den Gliedern— als daß ich mich bücken könnte.“ „Ein finſterer und ſchrecklicher Ort!“ rief die Kleine. „Sehen Sie hinunter,“ ſagte der alte Mann, indem er mit dem Finger nach der Oeffnung deutete. Nell gehorchte und ſchaute in die Tiefe hinab. „Es ſieht aus, wie ein leibhaftiges Grab,“ ſagte der alte Mann. „Freilich,“ verſetzte das Kind. „Es iſt mir oft ſo vorgekommen,“ fuhr der Todtengräber fort,„als habe man urſprünglich den Brunnen nur deßhalb gegraben, um den alten Ort noch düſterer, und die alten Mönche noch frömmer zu machen. Er ſoll aufgefüllt und überbaut werden.“ 9* 132 Das Kind blieb noch immer ſtehen und ſah ſich gedankenvoll in dem Gewölbe um. „Wir wollen ſehen,“ ſagte der Todtengräber, wüber welchen frohen Häuptern ſich die übrige Erde geſchloſſen haben wird, wenn es einmal hier mit dem Lichte ein Ende hat. Weiß Gott! Sie wollen den Brunnen zuwerfen— im nächſten Früh⸗ jahr.“ „Im Frühjahr ſingen die Vögel wieder,“ dachte Nell, als ſie an ihrer Fenſterbrüſtung lehnte und nach der niedergehenden Sonne ſchaute.„Der Früh⸗ ling! Welch eine ſchöne und glückliche Zeit!“ Der Naritätenladen. Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Einen oder zwei Tage nach Quilp's Theepartie in der Wildniß verfügte ſich Herr Swiveller zu der gewohnten Stunde in das Bureau des Herrn Sampſon Braß, und da er jetzt zufällig in dieſem Tempel der Rechtſchaffenheit allein war, ſo legte er ſeinen Hut auf das Pult, zog aus ſeiner Taſche einen ſchmalen Streifen ſchwarzen Kreps, legte denſelben zuſammen und ſteckte ihn in der Weiſe eines Hutbandes feſt. Nachdem er dieſes Anhängſel zu Stande gebracht, 8⏑ 8 ⏑— 1 133 betrachtete er ſeine Arbeit mit großer Wohlgefälligkeit und ſetzte ſeinen Hut wieder auf— ziemlich gegen das linke Auge geneigt, um den Effekt der Trauer zu erhöhen. So zu ſeiner vollkommenen Zufrieden⸗ heit ausſtaffirt, ſteckte er ſeine Hände in die Taſchen und ſpazierte gemeſſenen Schrittes in dem Bureau auf und nieder. „So ging es mir immer,“ ſagte Herr Swiveller; „ohne Unterlaß.'s war immer ſo— von Jugend an mußt' mich mein ſchönſtes Hoffen trügen; ich dürfte keiner Blüthe nah'n, ſollt' ſie nicht ſchnell im Sturm verfliegen. Nie hätſchelte ich mir ein Weib⸗ chen, daß mich ihr Aug' beſtrahlt' mit Luſt, daß ich nicht ſehen mußt' das Täubchen ſich einem Markt⸗ gärtner werfen an die Bruſt.“ Von ſolchen Betrachtungen überwältigt machte Herr Swiveller vor dem Klientenſtuhle Halt und warf ſich in deſſen offene Arme. „Und das,“ ſagte Herr Swiveller mit einer Art trotziger Faſſung,„das nennt man, glaube ich, Leben. Natürlich— und warum nicht? Ich bin ganz zufrieden. Ich will es tragen,“ fügte Richard bei, indem er ſeinen Hut wieder abnahm und ihn unwillig anſchaute, als würde er nur von pecuniären Rückſichten abgehalten, ihn unter ſeine Füße zu tre⸗ ten,„ich will es tragen, dieß Sinnbild weiblicher Treuloſigkeit, als Erinnerungszeichen an ſie, mit der ich nie wieder einfädeln werde die Windungen des Labyrinths, deren Geſundheit ich nie wieder aus⸗ 134 bringen will in dem Roſigen, und die für den kurzen Reſt meines Daſeyns meinen Balſamiſchen ermordet. Ha, ha, ha!“ Damit der Schluß dieſes Selbſtgeſpräches nicht als unharmoniſch mit den Vorderſätzen erſcheine, mag wohl die Bemerkung nöthig ſeyn, daß Herr Swiveller nicht mit einem fröhlichen, heitern Lachen endigte, was ohne Zweifel zu ſeinen feierlichen Betrachtungen in einen Widerſpruch getreten wäre, ſondern daß er, einmal in einer theatraliſchen Laune, nur eine Vor⸗ ſtellung zum Beſten gab, welches man in Melodra⸗ men„das Gelächter eines Teufels“ nennt— denn es ſcheint, daß jene Teufel immer in Sylben, und zwar in drei Sylben, lachen, nie mehr und nie weniger, was eine merkwürdige und beachtenswerthe Eigen⸗ thümlichkeit bei dieſen achtbaren Perſonen iſt. Dieſe ſchrecklichen Töne waren kaum verhallt, und Herr Swiveller ſaß noch immer in einer gar grimmigen Stimmung auf dem Klientenſtuhl, als ein Klingeln— oder um den Ausdruck ſeinem dama⸗ ligen Humor mehr anzupaſſen, ein Todtengeläute— an der Bureauthüre laut wurde. Er öffnete die letztere mit aller Haſt und erſchauete das ausdrucksvolle Antlitz des Herrn Chuckſter, den er alsbald mit einem brüderlichen Gruße empfing. „Du biſt teufelmäßig früh in dieſer verpeſteten, alten Mörderhöhle,“ ſagte dieſer Gentleman, indem er ſich auf einem Beine balancirte und das andere nachläßig hin⸗ und her ſchlenderte. 13⁵5 en„Ziemlich,“ verſetzte Dick. t.„Ziemlich?“ entgegnete Herr Chuckſter mit jener Miene graziöſer Sorgloſigkeit, die ihm ſo wohl ließ. ht„Ich ſollt's doch auch meinen. Ei, mein Freund⸗ g chen, weißſt du auch, wie viel es geſchlagen hat?— er halb 10 Uhr Morgens.“ e,„Willſt du nicht hereinkommen?“ ſagte Dick. en„Mutterſeelen allein. Swiveller solus. ‚Dieß iſt r, des Zaubers—„ 8 r⸗„„Nächtliche Stunde!““ 9⸗„„Wo Gräber ſich öffnen,““* 2s„„Und Todte machen die Runde.““ 4 ar Nach dem Schluſſe dieſes dialogiſirten Citate r, fiel jeder der beiden Gentlemen in eine Attitüde, d⸗ worauf ſich beide wieder zu Proſa herabließen und in das Bureau ſpazierten. Solche Begeiſterungs⸗ t, brocken waren etwas Gewöhnliches unter den glo⸗ r rioſen Apollos und bildeten in der That die Kette, ls welche ſie zuſammenknüpfte und über die ertödtende ⸗ Langeweile der Erde erhob. m.„Nun, und wie befindeſt du dich, mein altes 3 Haus?“ ſagte Herr Chuckſter, indem er einen Stuhl le nahm.„Ich ſah mich genöthigt, wegen einiger klei⸗ 9 nen Privatangelegenheiten in die City zu gehen, und konnte nicht an der Ecke vorbei, ohne ein Bischen n, einzuſprechen; aber bei meiner Seele, ich erwartete m nicht, dich zu treffen. Es iſt noch ſo gar ungemein re früh.“ Herr Swiveller drückte ſeinen Dank aus; und 136 da ſich aus der weiteren Unterhaltung ergab, wie er ſich in guter Geſundheit befand, und wie Herr Chuck⸗ ſter ſich eines gleich beneidenswerthen Zuſtandes erfreute, ſo vereinigten ſich die beiden Gentlemen— in Folge eines feierlichen Brauches der alten Brüderſchaft, welcher ſie angehörten— zu einem Fragment des populaͤren Duetts:„Alles iſt wohl!“ das mit einem langen Händedruck endigte. „Und was gibt's Neues?“ fragte Richard. „Die Stadt iſt ſo flach, wie die Oberfläche eines holländiſchen Ofens, mein theurer Bundesgenoſſe,“ verſetzte Herr Chuckſter.„Es gibt nichts Neues! Apropos, euer Miethsmann iſt eine ganz außeror⸗ dentliche Perſon. Er bietet der kräftigſten Faſſungs⸗ gabe Hohn, mußſt du wiſſen; es hat nie einen ſolchen Kerl gegeben!“ „Was hat er denn wieder getrieben?“ fragte Dick. „Beim Jupiter,“ entgegnete Herr Chuckſter, in⸗ dem er eine länglichte Schnupftabaksdoſe herauszog, deren Deckel mit einem ſeltſam in Meſſing gearbei⸗ teten Fuchskopf verziert war,„der Mann iſt uner⸗ gründlich. Dieſer Menſch hat mit unſerm immatri⸗ kulirten Schreiber Freundſchaft geſchloſſen. Es ſteckt zwar kein Arg hinter demſelben, aber er iſt ſo erſtaun⸗ lich langſam und weich. Nun, wenn er einen Freund brauchte, warum wählte er ſich nicht einen, der auch etwas verſteht, und der ihm bei ſeinen kurioſen Ma⸗ 137 nieren zu Statten kommen könnte. Ich habe aller⸗ dings meine Fehler,“ ſagte Herr Chuckſter. „Nein, nein!“ fiel ihm Herr Swiveller in's Wort. „O ja,— ich habe meine Fehler; niemand kennt ſeine Fehler beſſer, als ich die meinigen kenne. Aber,“ ſagte Herr Chuckſter,„ich bin nicht ſo degen⸗ mäßig. Meine ſchlimmſten Feinde— jeder Menſch hat ſeine Feinde, und auch ich habe die meinigen— konnten mir nie zur Laſt legen, daß ich degenmäßig und weichmüthig ſey. Und ich will dir etwas ſagen, wenn ich nicht mehr von jenen Eigenſchaften beſäße, die gemeiniglich den Menſchen ſeinem Nächſten lieb und werth machen, als unſer immatrikulirter Schrei⸗ ber, ſo wollte ich augenblicklich einen Laib Cheſhire⸗ käſe ſtehlen, ihn um meinen Hals binden und mich erſäufen. Dann ſtürbe ich wenigſtens ſo gemein, als ich gelebt hätte. Ja, das wollte ich, bei meiner Ehre.“ Herr Chuckſter hielt inne, klopfte mit dem Knö⸗ chel ſeines Zeigefingers den Fuchskopf geradezu auf die Naſe, nahm eine Priſe und ſah Herrn Swiveller feſt an, als wollte er ſagen: ‚wenn du glaubſt, daß ich nießen werde, ſo biſt du gewaltig auf dem Holzwege.⸗ „Nicht zufrieden damit,“ fuhr Herr Chuckſter fort,„den Abel zu ſeinem Freunde zu machen, hat er auch mit deſſen Vater und Mutter eine Bekannt⸗ ſchaft eingeleitet. Seit ſeiner Heimkehr von jener wilden Gänſejagd iſt er dort geweſen— hat eigentlich 1 138 dort gewohnt. Auch begünſtigt er noch außerdem den jungen Schliffel; du wirſt finden, daß er ohne Unterlaß an dieſem Orte ab⸗ und zugeht; und doch glaube ich nicht, daß er außer den gewöhnlichen Höflichkeitsformeln nur ſechs Worte mit mir gewech⸗ ſelt hat. Nun, bei meiner Seele, du weißſt,“ fügte Herr Chuckſter bei, indem er ernſt den Kopf ſchüt⸗ telte, wie wohl Menſchen zu thun pflegen, wenn ſie glauben, daß eine Sache ein Bischen zu weit gehe;„das Ganze iſt eine ſo gemeine Geſchichte, daß ich keine andere Wahl hätte, als mit einemmale die Condition aufzuſagen, wenn ich nicht Mitleid fühlte mit meinem Prinzipal, von dem ich weiß, daß er ohne mich nicht auszukommen vermag.“ Herr Swiveller, der auf einem andern Bocke ſeinem Freund gegenüber ſaß, ſtörte in einem Ueber⸗ maß von Sympathie im Feuer und ſagte nichts. „Was den jungen Schliffel anbelangt,“ fuhr Herr Chuckſter mit einem prophetiſchen Blicke fort, „ſo wirſt du finden, daß es ein ſchlimmes Ende mit ihm nimmt. In unſerm Berufe lernen wir etwas von der menſchlichen Natur kennen, und nimm mein Wort darauf, daß der Kerl, der da zurückkam, um ſeinen Shilling abzuverdienen, ſich nächſter Tage in ſeiner wahren Farbe zeigen wird. Er iſt ein gemei⸗ ner Dieb, ſage ich dir. Er muß es ſeyn.“ Da Herr Chuckſter einmal im Feuer war, ſo würde er wahrſcheinlich dieſen Gegenſtand noch weiter und in einer nachdrücklicheren Sprache verfolgt haben, 139 wenn ihn nicht ein Klopfen an der Thüre, das einen Geſchäftsbeſuch anzukündigen ſchien, veranlaßt hätte, eine degenmäßigere Außenſeite anzunehmen, als ſich mit ſeiner kürzlichen Erklärung ganz vertragen wollte. Herr Swiveller, der das Klopfen gleichfalls gehört hatte, ließ ſeinen Bock ſchnell um eines ſeiner(des Bockes) Beine tanzen, bis er ſich an ſeinem Pult befand, in welches er das Schüreiſen ſtieß, welches er in der plötzlichen Verwirrung ſeines Geiſtes weg⸗ zulegen vergeſſen hatte; dann rief er:„Herein!“ Und wer anders präſentirte ſich jetzt, als eben⸗ derſelbe Kit, welcher der Gegenſtand von Herrn Chuckſters Zorn geweſen war! Noch nie hat ein Menſch ſeinen Muth ſo raſch wieder aufgerafft, oder eine ſo trotzige Miene gemacht, als dieß bei Herrn Chuckſter der Fall war, ſobald er fand, daß es Kit war. Herr Swiveller ſtierte ihn einen Augenblick an, hüpfte dann von ſeinem Bock herunter, holte das Schüreiſen aus ſeinem Verſteck hervor und voll⸗ führte damit in einer Art von Wahnſinn das ganze Säbelexercitium mit all' ſeinen Hieben und Pa⸗ raden. „Iſt der Herr zu Hauſe?“ fragte Kit, etwas verblüfft über dieſe ungewöhnliche Aufnahme. Ehe Herr Swiveller noch antworten konnte, er⸗ ſah Herr Chuckſter die Gelegenheit, gegen dieſe Frage⸗ form ſeine entrüſtete Proteſtation einzulegen, indem er dieſelbe für reſpektwidrig und ſchliffelartig erklärte, ſofern der Frager, da er hin und wieder zwei Herrn anweſend geſehen habe, von dem andern Herrn hätte ſprechen ſollen; noch beſſer hätte er indeß gethan, (denn es ſey nicht unmöglich, daß der Gegenſtand ſeines Suchens einer untergeordneteren Qualität ange⸗ höre) blos den Namen zu nennen und dem Gut⸗ dünken ſeiner Zuhörer die Entſcheidung über deſſen Stellung im Leben zu überlaſſen. Herr Chuckſter bemerkte ferner, daß er Grund zu glauben habe, dieſe Anredeform enthalte eine Perſönlichkeit gegen ihn ſelbſt, und er ſey nicht der Mann, der mit ſich ſcherzen laſſe, wie gewiſſe Schliffel(die er nicht be⸗ ſonders namhaft zu machen oder zu beſchreiben für gut erachtete) auf ihre eigenen Unkoſten erfahren dürften. „Ich meine den Herrn im erſten Stock,“ ent⸗ gegnete Kit, ſich an Richard Swiveller wendend. „Iſt er zu Hauſe?“ „Warum?“ entgegnete Dick. „Weil ich, wenn dieß der Fall iſt, einen Brief für ihn habe.“ „Von wem?“ fragte Dick. „Von Herrn Garland.“ „Oh!“ ſagte Dick mit außerordentlicher Höf⸗ lichkeit;„dann kann er hier abgegeben werden, Musje. Und wenn Ihr eine Antwort haben wollt, ſo könnt Ihr auf der Hausflur warten, Musje, die ein ſehr angenehmes und wohlgelüftetes Ge⸗ mach iſt.“ „Ich danke,“ erwiederte Kit;„aber entſchuldi⸗ 141 gen Sie, ich habe den Auftrag, ihn ſelbſt abzu⸗ liefern.“ Die ungeheure Vermeſſenheit dieſer Antwort überwältigte Herrn Chuckſter ſo ſehr, und wirkte ſo kräftig auf ſein Zartgefühl für die Ehre ſeines Freun⸗ des, daß er erklärte, wenn er nicht von amtlichen Rückſichten abgehalten würde, ſo hätte er Kit noth⸗ wendig auf dem Platze vernichten müſſen— eine Genugthuung, welche wegen der außerordentlichen, den Schimpf erſchwerenden Umſtände ſeiner Anſicht nach nothwendig die gebührende Sanction und Billi⸗ gung jeder engliſchen Jury zu Theil werden müßte; denn er zweifelte nicht, daß das Edikt gelautet haben würde:„zu rechtfertigender Todſchlag, gepaart mit einem ungemein günſtigen Zeugniß für die Moralität und den Charakter des Rächers.“ Herr Swiveller, der die Sache ruhiger nahm, ſchämte ſich ein wenig über die Aufregung ſeines Freundes und wußte nicht recht, wie er ſich benehmen ſollte,(denn Kit blieb ganz gelaſſen und treuherzig) als man auf einmal den ledigen Herrn ungeſtüm auf der Treppe rufen hörte. „Habe ich nicht Jemanden hereinkommen ſehen, der zu mir will?“ rief der Miethsmann.. „Ja, Sir,“ verſetzte Dick.„Es iſt wirklich ſo, Sir.“ 3 „Nun, wo bleibt er denn?“ brüllte der ledige Herr. „Er iſt hier, Sir,“ entgegnete Herr Swiveller. „Nun, junger Menſch, hört Ihr nicht, daß Ihr die Treppe hinaufgehen ſollt? Seyd Ihr taub?“ Kit ſchien es nicht für der Mühe werth zu halten, ſich in einen weitern Wortwechſel einzulaſſen, ſondern eilte fort und überließ es den glorioſen Apollos, ſich gegenſeitig ſtumm anzugaffen. „Habe ich's nicht geſagt?“ begann endlich Herr Chuckſter.„Was hältſt du davon?“ Herr Swiveller war im Grund ein gutmüthiger Burſche, und da er in Kit's Benehmen gerade keine ungeheuer große Bosheit entdecken konnte, ſo wußte er kaum, was er darauf antworten ſollte. Er wurde jedoch aus ſeiner Verlegenheit erlöst durch den Ein⸗ tritt des Herrn Sampſon und ſeiner Schweſter, Miß Sally, bei deren Anblick Herr Chuckſter ſogleich Reiß⸗ aus nahm. Herr Braß und ſeine liebenswürdige Begleiterin ſchienen während ihres mäßigen Frühſtücks über eine Sache von großer Wichtigkeit und Bedeutung zu Rathe gegangen zu ſeyn. Bei Gelegenheit ſolcher Conferenzen erſchienen ſie gewöhnlich eine halbe Stunde nach ihrer gewohnten Zeit und mit ſehr lächelnden Geſichtern in dem Bureau, als hätten die eben ge⸗ ſponnenen Ränke und Pläne ihre Gemüther beruhigt und ein ſchönes Licht auf ihren mühſamen Pfad ge⸗ worfen. In dem vorliegenden Fall ſchienen ſie beſon⸗ ders heiter. Miß Sally's Antlitz ſtrahlte in einem ſehr öligten Glanze, und Herr Braß rieb ſich auf eine un⸗ gemein ſcherzhafte und frohſinnige Weiſe die Hände. 143 „Nun, Herr Richard,“ ſagte Herr Braß;„was machen wir dieſen Morgen? Sind wir hübſch friſch und heiter, Sir— he, Herr Richard?“ „Ziemlich wohl, Sir,“ verſetzte Dick. „Das iſt gut,“ ſagte Braß.„Ha, ha! Wir ſollten ſo heiter ſeyn wie die Lerchen, Herr Richard. — Warum nicht? Wir leben in einer ſehr ange⸗ nehmen Welt, Sir— ſie hat zwar auch ihr ſchlimmes, Herr Richard; aber wenn es keine ſchlimmen Leute gäbe, ſo hätten wir auch keine guten Advokaten. Ha, ha! Hat die Poſt dieſen Morgen Briefe gebracht, Herr Richard?“ Herr Swiveller gab eine verneinende Antwort. „Ha!“ ſagte Braß,„thut nichts. Geht das Geſchäft heute flau, ſo wird ſich's dafür morgen um ſo beſſer machen. Ein zufriedener Geiſt, Herr Richard, iſt Süßigkeit in dem Becher des Daſeyns. Jemand hier geweſen, Sir?“ „Nur mein Freund“— entgegnete Dick.„Mö⸗ gen wir nie des“— „Freundes entbehren“— ſtimmte Herr Braß haſtig ein,„oder der Flaſche, die er mit uns leert. Ha, ha. Nicht wahr, ſo lauten die Trinkrundge⸗ ſänge? Ein ſehr gutes Lied, Herr Richard, ſehr gut. Es liegt ſo viel Gefühl darin. Ha, ha! Ihr Freund iſt der junge Menſch aus Witherden's Bureau, glaube ich— ja— Mögen wir nie eines— Sonſt niemand hier geweſen, Herr Richard?“— 144 „Nur jemand, der zu unſerm Miethsmann wollte,“ verſetzte Herr Swiveller. „Ah, wirklich,“ rief Braß.„Jemand, der zu unſerm Miethsmann wollte, he? Ha, ha! Mögen wir nie eines Freundes entbehren oder— Es wollte alſo Jemand zu dem Miethsmann, he, Herr Richard?“ „Ja,“ entgegnete Dick, ein wenig verblüfft über die außerordentliche Heiterkeit, die ſein Principal an den Tag legte.„Er iſt eben oben.“ „Eben oben?“ rief Braß.„Ha, ha! Mögen ſie dort ſeyn, fröhlich und frei, tralalara. He, Herr Richard? Ha, ha!“ „O gewiß,“ erwiederte Dick. „Und wer,“ fuhr Braß fort, indem er unter ſeinen Papieren ſtörte,„wer iſt bei dem Miethsmann zu Beſuch— doch keine Dame, hoffe ich, he— Herr Richard? Sie wiſſen, die Sittlichkeit von Bevis⸗ marks— ‚wenn ſchöne Frauen in der Thorheit Schlingen— und ſo weiter— wie, Herr Richard?“ „Ein anderer junger Mann, der gleichfalls, oder wenigſtens hälftig zu Witherden's gehört,“ entgegnete Richard.„Kit iſt ſein Name.“ „Kit, he?“ rief Braß.„Sonderbarer Name— Name von des Schreiners Leimkachel, he, Herr Richard? Ha, ha! Kit alſo, Kit iſt da? Oh!“ Dick blickte auf Miß Sally und wunderte ſich, daß ſie dieſer ungewöhnlich überſtrömenden Laune des Herrn Sampſon keine Zügel anlegte. Da ſie jedoch keinen Verſuch machte, dergleichen zu thun, ſondern —— 145 eher geneigt ſchien, dieſelbe ruhig gewähren zu laſſen, ſo ſchloß er daraus, ſie müßten eben Jemand betrogen und die Rechnung bezahlt erhalten haben. „Wollen Sie die Güte haben, Herr Richard,“ ſagte Braß, einen Brief von ſeinem Pulte nehmend, „mit dieſem geſchwind zu Peckham Rye hinüberzu⸗ gehen? Es wird keine Antwort verlangt, aber das Billet iſt wichtig und ſollte daher eigenhändig über⸗ liefert werden. Die Kutſchenmiethe zurück können Sie unter die Bureaukoſten verrechnen, wiſſen's Sie; ſchonen Sie das Bureau nicht; klopfen Sie ſo viel heraus, als Sie können— Schreibers Motto— he, Herr Richard? Ha, ha!“ Herr Swiveller legte feierlich die Waſſerfahrtjacke ab, zog ſeinen Rock an, nahm ſeinen Hut vom Nagel herunter, ſteckte den Brief in die Taſche und entfernte ſich. Er war kaum fort, als Miß Sally Braß auf⸗ ſtand, ihrem Bruder, der zur Erwiederung nickte und ſeine Naſe ſtrich, ein ſüßes Lächeln zuwarf und gleichfalls fortging. Sobald Sampſon Braß allein war, öffnete er die Bureauthüre weit, ſetzte ſich derſelben gerade gegenüber an das Pult, ſo daß er Jedermann ſehen mußte, der die Treppe hinunter nach der Hausthüre ging, und begann mit außerordentlicher Heiterkeit und Emſigkeit zu ſchreiben. Dabei ſummte er mit einer Stimme, die alles, nur nicht muſtkaliſch war, gewiſſe abgeriſſene Noten vor ſich hin, die eine Vereinigung von Kirche und Staat zum Zweck zu haben ſchienen, Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 10 B 146 inſofern ſie aus dem Abendhymnus und dem„God save the king“ zuſammengeſetzt waren. So ſaß der Anwalt von Bevismarks eine geraume Zeit da, ſchreibend und ſummend, indem er nur hin und wieder inne hielt, um mit verſchmitztem Geſichte zu horchen; und wenn er dann nichts hörte, ſo ging das Summen lauter und das Schreiben langſamer fort, als zuvor. Bei Gelegenheit einer dieſer Pauſen hörte er endlich, daß die Zimmerthüre ſeines Mieths⸗ manns auf⸗ und zuging, und daß Tritte die Treppe herunterkamen. Jetzt hörte Herr Braß ganz auf, zu ſchreiben, während er, die Feder in ſeiner Hand, auf's allerlauteſte ſummte. Dabei wiegte er ſeinen Kopf von einer Seite zur andern, wie ein Mann, deſſen ganze Seele in der Muſik webt, und lächelt in einer eigentlich ſeraphiſchen Weiſe. Die Treppe führte nothwendig an dieſem beweg⸗ lichen Schauſpiele vorbei. Sobald aber Kit, von dieſen ſüßen Tönen geleitet, vor der Thüre anlangte, unter⸗ brach Herr Braß ſeinen Geſang, nicht aber ſein Lächeln, nickte zutraulich und winkte ihm mit der Feder, hereinzukommen. „Kit,“ ſagte Herr Braß in der gewinnendſten Weiſe, die ſich nur denken läßt,„wie befinden Sie ſich?“ Kit, der etwas ſcheu gegen dieſen ſeinen Freund war, gab eine paſſende Antwort, und hatte bereits ſeine Hand auf dem Schloß der Hausthüre, als ihn Herr Braß ſanft zurückrief. 147 „Erlauben Sie, Sie werden doch nicht ſchon gehen, Kit,“ ſagte der Anwalt mit einer geheimniß⸗ vollen, aber doch geſchäftsmäßig ausſehenden Miene. „Iſt's Ihnen nicht gefällig, ein wenig hereinzuſpa⸗ zieren? Ach du mein Himmel, du mein Himmel! Wenn ich Sie ſehe,“ fügte der Rechtsgelehrte bei, indem er von ſeinem Bocke aufſtand und ſich mit dem Rücken gegen das Feuer ſtellte,„ſo werde ich an das ſüßeſte kleine Geſicht erinnert, das mir je vor Augen gekommen iſt. Ich weiß noch recht wohl, wie Sie zwei oder dreimal in das Haus kamen, nachdem wir Beſitz ergriffen hatten. Ach, Kit, mein lieber Freund, Gentlemen von meiner Profeſſion haben bisweilen ſo peinliche Pflichten zu erfüllen, daß Sie uns nicht beneiden dürfen— nein in der That nicht.“ „Dieß fällt mir nicht ein, Sir,“ verſetzte Kit, „obſchon es für meines Gleichen nicht paßt, darüber abzuurtheilen.“ „Unſer einziger ſicherer Troſt,“ fuhr der Rechts⸗ gelehrte fort, indem er ihn mit einer Art gedanken⸗ voller Zerſtreutheit in's Auge faßte,„beſteht darin, daß wir doch den Sturm zu beſchwichtigen vermögen, wenn wir ihn auch nicht ganz abwenden können. Wir können ihn mildern, daß er, wenn ich ſo ſagen darf, den geſchorenen Lämmern weniger weh thut. „In der That geſchoren! Den Nagel auf den Kopf getroffen!“ So dachte nämlich Kit, ohne es aber auszu⸗ ſprechen. 3 10*† 148 „Bei jener Gelegenheit, Kit,“ ſagte Herr Braß, „bei der ebengenannten Gelegenheit hatte ich einen harten Strauß mit Herrn Quilp zu beſtehen(denn Herr Quilp iſt ein harter Mann), um ihn zu der Nachſicht, welche er ihnen zu Theil werden ließ, zu vermögen. Es hätte mich einen Klienten koſten kön⸗ nen. Aber die unterdrückte Tugend begeiſterte mich und ich ſiegte.“ „Er mag im Grund doch nicht ſo ſchlimm ſeyn,“ dachte der ehrliche Kit, als der Anwalt ſeine Lippen aufwarf und die Miene eines Mannes annahm, der mit ſeinen beſſern Gefühlen im Kampfe begriffen iſt. „Ich achte Sie, Kit,“ fuhr Herr Braß mit Rührung fort.„Ich habe damals genug von Ihrem Benehmen geſehen, um Sie zu achten, obgleich Ihre Stellung nur eine niedrige und Ihr Vermögen höchſt unbedeutend iſt. Nein, ich ſehe nicht auf die Weſte, die Einer anhat, ſondern auf das Herz. Die qua⸗ drillirten Streifen der Weſte ſind blos die Dräthe des Käfichts, aber das Herz iſt der Vogel darin. Ach, wie viele ſolche Vögel ſind beſtändig in der Mauſe, und ſtecken ihre Schnäbel durch die Dräthe, um nach aller Welt zu picken!“ Dieſe poetiſche Figur, welche Kit für eine ſpezielle Anſpielung auf ſeine eigene quadrillirte Weſte nahm, überwältigte ihn ganz und gar. Die Stimme und das Benehmen des Herrn Braß ſteigerte den Effect nicht wenig, denn derſelbe ſprach mit der ganzen milden Stimme eines Einſiedlers und hätte nur eines 149 Strickes um ſeinen roſtfleckigen Ueberrock und eines Todtenkopfs auf ſein Kamingeſims bedurft, um als völlig eingerichtet für dieſen Geſchäftszweig zu gelten. „Nun, nun,“ ſagte Sampſon mit einem Lächeln, wie gute Menſchen zu lächeln pflegen, wenn ſie ihre eigene Schwäche, oder die ihrer Nebenmenſchen be⸗ mitleiden,„wir ſind noch weit vom Ziele. Iſt's Ihnen gefällig, dieß zu ſich zu ſtecken?“ Als er ſo ſprach, deutete er auf ein paar halbe Kronen, die auf dem Pulte lagen. Kit ſah zuerſt nach dem Gelde, dann nach Braß, und zögerte.* „Es iſt für Sie,“ ſagte Braß. „Von——“ „Gleichviel, von wem es kömmt,“ verſetzte der Rechtsgelehrte.„Sagen Sie mir, ob es Ihnen an⸗ ſteht. Wir haben erxcentriſche Freunde zu unſern Häupten, Kit, und wir dürfen keine Frage ſtellen oder zu viel ſchwatzen— verſtanden? Sie haben weiter nichts zu thun, als das Geld zu nehmen, und unter uns geſagt, ich glaube nicht, daß es das letzte ſeyn wird, welches Sie aus derſelben Quelle ziehen. Ich hoffe nicht. Gott befohlen, Kit. Gott be⸗ fohlen!“ Unter vielen Dankesbezeugungen und noch mehr Selbſtvorwürfen, daß er auf ſo geringfügige Anläſſe hin einen Mann beargwöhnt hatte, der ſich bei der allererſten Beſprechung ſo ganz anders zeigte, als er geglaubt, nahm Kit das Geld und eilte nach Hauſe. Herr Braß blieb zurück, um ſich an dem Feuer zu bähen, und nahm ſeine muſikaliſche Uebung nebſt ſeinem ſeraphiſchen Lächeln wieder auf. „Kann ich kommen?“ fragte Miß Sally herein⸗ ſchauend. „O ja, du magſt kommen,“ entgegnete ihr Bruder. „Ahem?“ huſtete Miß Braß fragend. „Ja,“ erwiederte Sampſon;„ich möchte ſagen, es iſt ſo gut wie abgethan.“ Der Raritätenladen. Siebenundfünßzigſtes Kapitel. Herrn Chuckſters unmuthige Beſorgniſſe waren nicht ohne Grund. Jedenfalls wollte ſich die Freund⸗ ſchaft zwiſchen dem ledigen Herrn und Herrn Garland nicht abkühlen, ſondern machte vielmehr Rieſenfort⸗ ſchritte, und wurde immer dicker und inniger. Sie ſtanden bald in einem beſtändigen Verkehr, und da der ledige Herr ſich damals etwas unwohl befand, (höchſt wahrſcheinlich die Folge der Aufregungen — oooooo 151 und Täuſchungen der letzten Tage), ſo war Anlaß vorhanden, eine noch häufigere Correſpondenz zu unterhalten, wie denn auch faſt jeden Tag einer der Inſaſſen von Abel Cottage zwiſchen Bevis Marks und Finchley ab⸗ und zuging.— Was den Pony anbelangt, ſo hatte dieſer jetzt die Maske ganz abgeworfen, indem er ſich ohne viele Umſtände geradezu hartnäckig weigerte, einem andern Lenker als Kit zu folgen, und ſo traf es ſich denn regelmäßig, daß Kit von der Partie war, mochte nun Herr Garland oder Herr Abel auf Beſuch kom⸗ men. Alle Aufträge und Anfragen mußte natürlich Kit von Rechtswegen beſorgen, und ſo traf es ſich denn, daß er, während der ledige Herr unwohl war, jeden Morgen faſt ſo regelmäßig wie der Poſtbote in Bevis Marks eintraf. Herr Sampſon Braß, dem es ohne Zweifel nicht an Gründen fehlte, ein ſcharfes Augenmerk auf ihn zu richten, hatte bald den Tritt des Pony und das Raſſeln der kleinen Chaiſe an der Straßenecke unter⸗ ſcheiden gelernt. So oft dieſer Ton ſein Ohr er⸗ reichte, legte er alsbald ſeine Feder nieder, wobei er ſeine Hände zu reiben und das größte Entzücken an den Tag zu legen begann. „Ha, ha!“ konnte er rufen,„da iſt der Pony wieder. Höchſt merkwürdiger Pony; außerordentlich gelehrig,— he, Herr Richard, he, Sir?“ Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Dick irgend eine 15² Antwort darauf gab, und Herr Braß, der ſich auf die Leiſte ſeines Bocks ſtellte, um durch das obere Fenſter eine Ausſicht nach der Straße zu gewinnen, nahm die Beſuche in Augenſchein. „Der alte Herr wieder!“ rief er;„ein ſehr ein⸗ nehmender alter Herr— charmantes Geſicht, Sir — außerordentlich ruhig— Wohlwollen in jedem Zuge, Sir. Er verwirklicht ganz meine Idee von dem König Lear, wie er ausſah, als er noch im Beſitz ſeines Königreichs war, Herr Richard. Der⸗ ſelbe gute Humor, daſſelbe weiße, zum Theil kahle Haupt, dieſelbe Zugänglichkeit für Betrügerei. Ah! ein angenehmer Gegenſtand für die Betrachtung, Sir, höchſt angenehm!“ Wenn dann Herr Garland abgeſtiegen und die Treppe hinaufgeſtiegen war, ſo konnte Sampſon nicken und Kit von dem Fenſter aus zulächeln. Er ging wohl auch auf die Straße hinaus, um ihn zu begrüßen, worauf dann eine Unterhaltung wie die nachſtehende zu folgen pflegte. „Zum Wunder geſtriegelt, Kit“— beginnt Herr Braß, indem er den Pony ſtreichelt—„macht Ihnen große Ehre— erſtaunlich glatt und blank. Er ſieht buchſtäblich aus, als ob er über und über gefirnißt worden wäre.“ Kit langt an ſeinen Hut, lächelt, ſtreichelt den Pony gleichfalls, und drückt ſeine Ueberzeugung aus: „Herr Braß werde nicht viele ſeines Gleichen finden.“ — 153 „In der That, ein ſchönes Thier!“ ruft Braß. „Und dazu noch ſo geſcheidt.“ „Beim Himmel!“ verſetzt Kit,„er weiß, was Sie ihm ſagen, ſo gut als ein anderer Chriſten⸗ menſch.“ „Wirklich?“ ruft dann Braß, der das Nämliche an dem gleichen Ort und von derſelben Perſon mit den nämlichen Worten ſchon zu Dutzendmalen gehört hat, aber demungeachtet vor Erſtaunen ganz verſtei⸗ nert iſt.„Ei der Tauſend!“ „Als ich ihn zum erſtenmal ſah,“ fährt Kit fort, der über das lebhafte Intereſſe des Advokaten an ſeinem Liebling ſehr vergnügt iſt,„hätte ich es mir wohl nicht träumen laſſen, daß ich ſo gut mit ihm bekannt werden würde, als ich es jetzt bin.“ „Ah!“ erwiedert Herr Braß, bis an den Rand voll von moraliſchen Grundſätzen und Tugendliebe. „Ein bezaubernder Gegenſtand zur Betrachtung für Sie— ganz bezaubernd. Ein Gegenſtand, auf den Sie mit Recht ſtolz ſeyn und zu dem Sie ſich Glück wünſchen können. Ehrlichkeit iſt die beſte Politik— ich finde dieß ſtets auch an mir ſelber. Ich habe dieſen Morgen aus lauter Ehrlichkeit ſiebenundvierzig Pfund, zehn Shillinge verloren— aber es iſt alles Gewinn, es iſt Gewinn!“ Herr Braß kitzelt pfiffig ſeine Naſe mit der Feder und das Waſſer ſteht ihm in den Augen, wäh⸗ rend er Kit anblickt. Kit aber denkt, wenn es je 154 einen guten Menſchen gibt, deſſen Herz ſein Aeußeres Lügen ſtraft, ſo iſt dieſer Menſch Sampſon Braß. „Ein Mann,“ fährt Sampſon fort,„der an einem Morgen durch ſeine CEhrlichkeit ſiebenund⸗ vierzig Pfund und zehn Shillinge verliert, iſt ein beneidenswerther Mann. Wären es achtzig Pfund geweſen, ſo hätte die Wolluſt des Gefühls noch größer ſeyn müſſen. Jedes verlorene Pfund wäre durch den Gewinn von einem Centner Glück ausge⸗ glichen worden. Die ſtille kleine Stimme,“ ruft Braß lächelnd, indem er ſich dabei auf die Bruſt ſchlägt,„ſingt luſtige Lieder in meinem Innern, und alles iſt lauter Glück und Freude.“ Kit iſt durch dieſe Unterhaltung ſo erbaut und findet ſich in derartigen Gefühlen ſo heimiſch, daß er eben überlegt, was er ſagen will, als Herr Garland erſcheint. Herr Sampſon Braß läßt es ſich nicht nehmen, dem alten Herrn in die Chaiſe zu helfen, und der Pony, der nach mehrmaligem Kopfſchütteln drei oder vier Minuten mit ſeinen vier Beinen wie in die Erde gepflanzt daſteht, als ſey er feſt ent⸗ ſchloſſen, ſich nie wieder von der Stelle zu rühren, und hier zu leben und zu ſterben, packt plötzlich, ehe man ſich's verſieht, auf, und ſchießt mit einer Ge⸗ ſchwindigkeit von zwölf engliſchen Meilen in der Stunde weiter. Dann tauſchen Herr Braß und ſeine Schweſter, die inzwiſchen an die Thüre getreten iſt, eine wunder⸗ liche Art von Lächeln aus, das wir jedoch keineswegs ein angenehmes nennen möchten, und kehren zu Herrn 155 Richard Swiveller zurück, der während ihrer Ab⸗ weſenheit ſich ſelbſt mit unterſchiedlichen pantomimi⸗ ſchen Heldenthaten regalirt hat und nun mit ſehr geröthetem und erhitztem Geſichte an ſeinem Pulte ge⸗ funden wird, wo er mit großem Eifer einen imagi⸗ nären Dintenkleks aus dem Papiere kratzt. So oft Kit allein und ohne die Chaiſe kam, ſo traf es ſich immer, daß Sampſon Braß ſich an irgend einen Auftrag erinnerte, in Folge deſſen er Herrn Swiveller, wenn auch nicht wieder nach Peck⸗ ham Rye, ſo doch jedenfalls nach einem hübſch ent⸗ fernten Platz ſchickte, von wo aus ſeine Rückkehr nicht vor zwei oder drei Stunden zu beſorgen ſtand, um ſo weniger, da, aufrichtig geſtanden, der genannte Herr nicht ſehr im Rufe ſtand, bei ſolchen Gelegen⸗ heiten ſehr expedit zu ſeyn, ſintemal er die erforder⸗ liche Zeit bis an die äußerſten Gränzen der Möglichkeit zu verlängern und auszuſpannen pflegte. Sobald Herr Swiveller fort war, nahm auch Miß Sally ihren Abſchied. Herr Braß ließ dann die Bureau⸗ thüre weit offen, ſummte ſeine alte Arie mit großer Herzensfreudigkeit und lächelte ſo ſeraphiſch wie früher. Sobald Kit die Treppe herunter kam, wurde er in das Bureau gerufen, durch irgend ein moraliſches und angenehmes Geſpräch unterhalten, vielleicht er⸗ ſucht, einen Augenblick auf das Bureau Acht zu haben, während Herr Braß einen kleinen Ausgang machte, und dann, je nach den Umſtänden mit einer oder zwei halben Kronen beſchenkt. Dieß trug ſich 156 ſo oft zu, daß Kit, nicht anders glaubend, als ſie kämen von dem ledigen Herrn, der bereits ſeine Mutter mit großer Freigebigkeit beſchenkt hatte, die Großmuth deſſelben nicht genug bewundern konnte. Er kaufte auch für ſeine Mutter, für den kleinen Jakob, für das Wiegenkind und für Barbara oben⸗ drein ſo viele wohlfeile Geſchenke, daß das eine oder das andere von ihnen tagtäglich irgend eine neue Kleinigkeit erhielt. Während in und außer dem Bureau des Herrn Sampſon Braß in dieſer Weiſe operirt wurde, begann Richard Swiveller, der oft allein bleiben mußte, die Zeit ſchrecklich langweilig zu finden. Zu Erhaltung ſeiner guten Laune und um ſeine Fähigkeiten nicht einroſten zu laſſen, verſah er ſich daher mit einer Cribbage⸗Tafel, einem Paquet Karten, und ſpielte ſodann mit einem Blinden für zwanzig, dreißig, bis⸗ weilen ſogar für fünfzig tauſend Pfund auf eine Partie, die vielen Hazardwetten zu einem beträchtlichen Belauf gar nicht mitgerechnet. Da dieſe Spiele, trotz der ungeheuren Summen, die dabei zur Sprache kamen, ſehr ſtill abliefen, ſo begann Herr Swiveller an Abenden, wo Herr und Miß Braß ausgingen(was gegenwärtig ſehr oft geſchah), zu glauben, er höre eine Art von ſchnar⸗ chenden oder ſchwer athmenden Tönen in der Richtung der Thüre, wobei ihm nach einiger Ueberlegung ein⸗ fiel, ſie müßten von der kleinen Dienſtmagd herrühren, die als Folge ihres ſtetigen Aufenthalts in feuchten — 3 3 3 157 Löchern beharrlich den Schnupfen hatte. Bei Ge⸗ legenheit einer Unterſuchung, die er eines Abends anſtellte, konnte er deutlich an dem Schlüſſelloche ein glänzendes Auge unterſcheiden, und da er jetzt nicht mehr an der Richtigkeit ſeiner Muthmaßung zweifelte, ſo ſtahl er ſich ſachte nach der Thüre und ſtürzte über ſie her, ehe ſie ſeines Näherkommens gewahrte. „O! ich habe in der That nichts Schlimmes im Sinne gehabt. Gewiß, Sie dürfen mir's glauben,“ rief die kleine Magd, die ſich wie eine viel größere Perſon wehrte.„Es iſt ſo gar langweilig unten, aber ſeyen Sie ſo gut, mich nicht zu verklagen; ich bitte, thun Sie's nicht.“ „Dich zu verklagen?“ verſetzte Dick.„Meinſt du, ich werde dich verklagen, weil du durch das Schlüſſelloch geſchaut haſt, um Geſellſchaft zu haben?“ „Ja, auf mein Wort, ich meinte das,“ ent⸗ gegnete die kleine Dienſtmagd. „Wie lang haſt du ſchon da dein Auge geletzt?“ fragte Dick. „O, immer, ſeit Sie mit Karten zu ſpielen an⸗ fingen, und auch ſchon früher.“ Unbeſtimmte Erinnerungen an verſchiedene phan⸗ taſtiſche Exercitien, mit denen er ſich ſelbſt nach den Muhen des Geſchäfts erfriſcht und denen ohne Zweifel die Magd zugeſehen hatte, machten zwar Herrn Swiveller etwas verblüfft; da er aber in ſolchen Fällen nicht ſehr empfindlich war, ſo faßte er ſich ſchnell wieder. „Nun— komm herein,“— ſagte er nach einer kurzen Ueberlegung.„Da— ſetze dich nieder. Ich will dich ſpielen lehren.“ „O! ich dürfte das nicht wagen,“ verſetzte die kleine Magd.„Miß Sally würde mich umbringen, wenn ſie wüßte, daß ich heraufkäme,“ „Haſt du ein Feuer drunten?“ fragte Dick. „Nur ein ſehr kleines,“ verſetzte die kleine Magd. „Da mich Miß Sally nicht umbringen kann, wenn ſie erfährt, das ich hinuntergehe, ſo will ich kommen,“ ſagte Richard, die Karten in ſeine Taſche ſteckend.„Ei, wie mager biſt du! Was ſoll das heißen?“ „Es iſt nicht meine Schuld.“ „Könnteſt du nicht etwas Brod und Fleiſch eſſen?“ fragte Dick, indem er ſeinen Hut herunternahm. „Ja.“ „Ah! ich dachte mir's. Haſt du je Bier gekoſtet?“ „Ich habe einmal ein Schlückchen erhalten,“ entgegnete die kleine Magd. „Ah! Stehen die Dinge ſo!“ rief Swiveller, die Augen zu der Decke erhebend.„Sie hat es nie gekoſtet— man kann nichts koſten mit einem Schlück⸗ chen! Wie alt biſt du denn?“ „Ich weiß es nicht.“ Herr Swiveller rieß ſeine Augen weit auf und ſchien einen Moment über etwas nachzudenken. Dann befahl er der Kleinen, auf die Thüre Acht zu haben, bis er wieder zurückkäme, und verſchwand alsbald. 159 Er kehrte ſchnell wieder zurück, den Jungen aus dem Wirthshauſe in ſeinem Gefolge, der in der einen Hand einen Teller mit Brod und Nindfleiſch und in der andern einen großen Krug trug, aus dem ein ſehr würziges Gemiſch ſeine lieblichen Dünſte entſandte. Es war auch in der That ein auserleſenes Wermuth⸗ bier und nach einem beſondern Rezepte gebraut, wel⸗ ches Herr Swiveller dem Wirthe in einer Periode mit⸗ getheilt hatte, wo er tief in deſſen Büchern ſtand und emſig bemüht war, ſich deſſen Freundſchaft zu er⸗ halten. Er nahm dem Knaben die Bürde an der Thüre ab, beauftragte ſeine kleine Gefährtin, die letztere zu ſchließen, um einer Ueberraſchung vorzu⸗ beugen, und verfügte ſich ſodann mit derſelben nach der Küche. „Da,“ ſagte Richard, indem er den Teller vor ſie hinſtellte.„Vor Allem mache hier reine Arbeit, und wenn du fertig biſt, wirſt du ſehen, was weiter kömmt.“ Die kleine Magd bedurfte keines weitern Ge⸗ heißes, und der Teller war bald geleert. „So,“ ſagte Dick, indem er ihr das Bier hin⸗ überreichte;„jetzt nimm einen Schluck von dieſem. Aber mäßige dein Entzücken, denn du weißt, daß du nicht daran gewöhnt biſt. Nun, iſt es gut?“ „O, dieſe Frage!“ antwortete die kleine Magd. Herr Swiveller ſchien durch dieſe Antwort über alle Beſchreibung erfreut zu ſeyn, und nahm ſelbſt einen langen Schluck, während deſſen er ohne Unter⸗ 160 laß ſeine Gefährtin feſt in's Auge faßte. Sobald dieſe Einleitungen getroffen waren, ſchickte er ſich an, ſie ſpielen zu lehren, was ſie bald leidlich gut lernte, da ſie ſowohl verſtändig als verſchmitzt war. „Nun,“ ſagte Herr Swiveller, indem er zwei Sechspenceſtücke in eine Untertaſſe legte und das arm⸗ ſelige Licht ſchneuzte, ſobald die Karten abgehoben und ausgegeben waren,„das iſt der Einſatz. Wenn du gewinnſt, ſo kriegſt du ihn ganz, gewinne ich, ſo gehört er mir. Um der Sache einen reelleren und amüſanteren Anſtrich zu geben, werde ich dich Mar⸗ quiſe nennen, hörſt du?“ Die kleine Magd nickte bejahend. „Dann, Marquiſe,“ ſagte Herr Swiveller, „legen Sie los!“ Die Marquiſe hielt die Karten feſt in beiden Händen und überlegte, welche ſie ausſpielen ſollte, während Herr Swiveller die heitere und fashionable Miene annahm, welche in einer ſolchen Geſellſchaft nöthig war, ein zweitesmal ſeinem Kruge zuſprach und wartete, bis ſeine Gefährtin den Anfang machte. Der Naritätenladen. Achtundfünfzigſtes Kapitel. Herr Swiveller und ſeine Spielgefährtin machten mehrere Partien mit wechſelndem Erfolg, bis der Verluſt von dreißig Pencen, das allmälige Abnehmen des Biers und das Schlagen der Glocke, welche zehn Uhr verkündigte, den genannten Herrn vereint an die Flucht der Zeit und die Zweckmäßigkeit erinnerte, ſich zu entfernen, ehe Herr Sampſon und Miß Braß zurückkehrte. „In Berückſichtigung dieſes Gegenſtandes, Mar⸗ quiſe,“ ſagte Herr Swiveller ernſt,„werde ich Ihre Gnaden um die Erlaubniß bitten, die Tafel in meine Taſche zu ſtecken und mich aus Ihrer perſönlichen Nähe zurückzuziehen, ſobald ich dieſen Tummler ge⸗ lehrt habe,— blos bemerkend, Marquiſe, daß ich, ſeit das Leben wie ein Fluß entfleucht, mich nicht kümm're um des Laufes Schnelle, wenn am Ufer ſolcher Wermuth kreucht, und ſolch Augenlicht ihm ſcheint ſo helle. Marquiſe, Ihre Geſundheit! Sie werden mich entſchuldigen, daß ich meinen Hut auf⸗ behalte, aber der Palaſt iſt etwas feucht und der Marmorboden— wenn ich mich des Ausdrucks be⸗ dienen darf— ſchmutzig.“ Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 11 162 Als Vorſichtsmaßregel gegen die letztere Unbe⸗ quemlichkeit hatte Herr Swiveller geraume Zeit ſeine Füße auf die Unterleiſte des Tiſches geſtellt, in welcher Haltung er auch jetzt ſeine entſchuldigenden Bemerkungen zum Beſten gab, dabei langſam die letzten Tropfen ſeines auserleſenen Nektars aus⸗ ſchlürfend. „Der Baron Sampſono Braßo und ſeine Schweſter ſtnd, wie Sie mir ſagten, im Theater?“ fuhr Herr Swiveller fort, indem er ſeinen linken Arm ſchwer auf den Tiſch lehnte und ſeine Stimme nebſt dem rechten Beine in der Weiſe eines Theaterbanditen erhob. Die Marquiſe nickte. „Ha!“ rief Herr Swiveller mit einem bedeu⸗ tungsvollen Stirnerunzeln.„Das iſt gut, Marquiſe! — doch gleichviel. Wein herbei! Ho!“ Er illuſtrirte dieſe melodramatiſchen Brocken dadurch, daß er ſich ſelbſt den Krug mit großer Demuth einhändigte, ihn mit hoher Miene hinnahm, gar durſtiglich daraus trank und ungemein lebhaft mit den Lippen ſchmatzte. Die kleine Magd, die nicht ſo vertraut mit theatraliſchen Gebräuchen war, als Herr Spiveller, da ſie in der That nie ein Schauſpiel geſehen oder davon ſprechen gehört hatte(es müßte denn zufällig durch Thüreuſpalten oder an andern verborgenen Orten geweſen ſeyn), fühlte ſich durch ſolche, dem Weſen nach ihr ſo neue Demonſtrationen etwas beunruhigt, 163 und ließ dieß auch deutlich in ihren Blicken merken, weßhalb Herr Swiveller es für nöthig erachtete, die Banditenrolle mit einer, welche ſich mehr mit dem ge⸗ wöhnlichen Leben vertrug, zu vertauſchen und zu fragen: „Gehen ſie oft hin, wo Ruhm ihrer harrt, indem ſie Euch hier allein laſſen?“ „O ja, ich glaube, ſie thun das,“ verſetzte die kleine Dienſtmagd.„Miß Sally iſt gerade eine ſolche dafür.“ „Was für eine?“ fragte Dick. „Eine ſolche,“ entgegnete die Marquiſe. Nach kurzer Ueberlegung entſchloß ſich Herr Swiveller, ſeine verantwortliche Obliegenheit, ſie zurechtzuweiſen, zu uͤbergehen und ſie fortplaudern zu laſſen; denn es war augenſcheinlich, daß ihr das Wermuthbier die Zunge gelöst hatte, und die Ge⸗ legenheit zu einer Unterhaltung kam nicht ſo häufig an ſie, als daß nicht eine kurze Pauſe für ſie ein bedeutungsvoller Zeitverluſt geweſen wäre. „Sie machen hin und wieder bei Herrn Quilp Beſuch,“ ſagte die kleine Magd mit verſchmitztem Blicke.„Sie gehen an viele Orte— behüt' uns!“ „Macht Herr Braß einen guten Gewinn?“ fragte Dick. „Nicht halb ſo ſehr, als Miß Sally,“ ant⸗ wortete die kleine Magd mit Kopfſchütteln.„Behüt' uns, er thut nie etwas ohne ſie.“ „Ah! wirklich?“ entgegnete Dick. „Miß Saly hält ihn tüchtig in der Ordnung,“ 11 ⁵ 164 fuhr die kleine Magd fort.„Er fragt ſie immer um NRath, und fängt auch bisweilen etwas. Gott behüte, Sie würden's gar nicht glauben, wie ihm bisweilen aufgetrumpft wird.“ „Vermuthlich berathen ſie ſich viel mit einander,“ ſagte Dick,„und ſprechen von andern Leuten— von mir zum Beiſpiel. Kömmt's nicht bisweilen vor, Marquiſe?“ Die Marquiſe nickte ganz erſtaunlich. „Schmeichelhaft?“ fragte Herr Swiveller. Die Marquiſe veränderte die Bewegung ihres Kopfes, der bisher immer genickt hatte, und begann ihn auf einmal mit ſolcher Heftigkeit zu ſchütteln, daß eine Verrenkung ihres Halſes zu befürchten ſtand. „Hum!“ murmelte Dick.„Wäre es ein Miß⸗ brauch des Vertrauens, Marquiſe, mir mitzutheilen, was ſie über ſo ein unbedeutendes Individuum ſprechen, das jetzt die Ehre hat, zu— 2“ „Miß Sally ſagt, Sie wären ein ſchnurriger Kauz,“ verſetzte die Kleine. „Nun, Marquiſe,“ entgegnete Herr Swiveller, „das iſt nichts Beſchimpfendes. Heiterkeit, Marquiſe, iſt keine ſchlimme oder herabwürdigende Eigenſchaft. Der alte König Cole war ſelbſt eine luſtige alte Haut, wenn wir anders glauben dürfen, was die Geſchichte von ihm erzählt.“ „Aber ſie ſagt,“ fuhr ſeine Gefährtin fort, „haß man Ihnen nicht trauen dürfe.“ „Ei, in der That, Marquiſe,“ ſagte Herr 165⁵ Swiveller gedankenvoll,„mehrere Herren und Damen — nicht gerade Standesgenoſſen, ſondern nur Gewerbs⸗ leute, Ma'am, Gewerbsleute— haben dieſelbe Bemer⸗ kung gemacht. Der obſcure Spießbürger, der über der Straße drüben ein Hotel hält, neigte ſich gleichfalls heute Abend ſtark zu dieſer Anſicht, als ich ihm be⸗ fahl, das Banket zu bereiten. Es iſt ein im Volke begründetes Vorurtheil, Marquiſe, und doch ſchwöre ich Ihnen, ich weiß nicht warum, denn man hat mir zu meiner Zeit bis auf beträchtliche Summen ge⸗ traut, und ich kann wohl ſagen, daß ich von meinem Kredit den beſten Gebrauch machte, bis er mich auf⸗ gab— ja, gewiß den beſten. Herr Braß iſt ver⸗ muthlich der gleichen Meinung?“ Seine Freundin nickte abermals und ließ dabei einen ſo verſchlagenen Blick ſchießen, daß daraus hervorzugehen ſchien, Herr Braß hege über dieſen Punkt noch entſchiedenere Anſichten, als ſeine Schweſter. Sie mochte ſich jedoch ſchnell wieder faſſen, denn ſie fügte flehentlich bei: „Aber ſagen Sie ja nichts über mich aus, ſonſt werde ich zu Tode geſchlagen.“. „Marquiſe,“ ſagte Herr Swiveller aufſtehend, „das Wort eines Gentleman iſt ſo gut, als ſeine Handſchrift— bisweilen noch beſſer, wie es nament⸗ lich dermalen der Fall iſt, wo ſeine Handſchrift als eine zweideutige Art von Sicherheit angeſehen werden dürfte. Ich bin Ihr Freund und hoffe, daß wir noch mehr Partien in dem gleichen Salon mit einander 166 ſpielen werden. Aber Marquiſe,“ fügte Richard bei, indem er auf ſeinem Wege nach der Thüre Halt machte und ſich langſam gegen die kleine Magd um⸗ ſah, die ihm mit der Kerze folgte,„es fällt mir eben bei, daß Sie ſehr daran gewöhnt ſeyn müſſen, Ihr Auge an den Schlüſſellöchern zu lüften, um alles dieß wiſſen zu können?“ „Ich hätte nur wiſſen mögen,“ verſetzte die Marquiſe zitternd,„wo der Schlüſſel zum Speiſe⸗ ſchrank verſteckt wird; weiter ging meine Abſicht nicht. Auch würde ich nicht viel genommen haben, wenn ich ihn gefunden hätte— nur ſo viel, um meinen Hunger zu ſtillen.“ „Sie haben ihn alſo nicht gefunden?“ entgegnete Dick.„Doch wie mag ich fragen; Sie wären ſonſt wohl fetter. Gute Nacht, Marquiſe. So leb' denn wohl, und wenn für immer, ſo denn für immer lebe wohl— und legen Sie die Kette vor, Marquiſe, im Fall ſich etwas zutragen ſollte.“ Mit dieſer Einſchärfung zum Abſchied ſchlüpfte Herr Swiveller aus dem Hauſe, und da er fühlte, er habe inzwiſchen gerade ſo viel Getränk eingenommen, als ſeiner Conſtitution zuträglich zu ſeyn verſprach (das Wermuthbier war nämlich ein etwas ſtarkes und zu Kopf ſteigendes Gemiſch), ſo entſchloß er ſich weislich, auf ſein Quartier loszuſteuern und ſich geſchwinde in's Bett zu verfügen. Er ging daher nach Hauſe, und da ſeine Appartements(er behielt noch immer die Pluralisfiction bei) nicht weit von —3õ—— 167 dem Bureau entlegen waren, ſo ſaß er bald in ſeiner Schlafkammer, wo er, nachdem er den einen Stiefel ausgezogen, den andern aber auszuziehen vergeſſen hatte, in tiefe Betrachtungen verfiel. „Dieſe Marquiſin,“ ſagte Herr Swiveller, inden. er die Arme übereinander ſchlug,„iſt eine ganz außerordentliche Perſon— allenthalben von Geheim⸗ niſſen umgeben, weiß nicht, wie Bier ſchmeckt, iſt in nicht minder merkwürdiger Weiſe nicht einmal mit ihrem Namen bekannt und erlaubt ſich eine beſchränkte Ausſicht auf die Geſellſchaft durch die Schlüſſellöcher der Thüren. Können dieſe Umſtände zu ihrer Be⸗ ſtimmung gehören oder hat irgend eine unbekannte Perſon eine Oppoſition gegen die Beſchlüſſe des Schickſals eröffnet? Es iſt ein höchſt unergründliches, unerbittliches Bedenken!“ Sobald ſeine Meditationen zu dieſer befriedigen⸗ den Höhe gelangt waren, gewahrte er ſeines noch an dem Beine haftenden Stiefels, deſſen er ſich ſofort mit einer Feierlichkeit ſonder Gleichen entledigte. Die ganze Zeit über ſchüttelte er aber ſein Haupt mit ungemeiner Gravität und ſeufzte dabei tief auf. „Dieſe Spielpartien,“ fuhr Herr Swiveller fort, indem er ſeine Nachtmütze genau in demſelben Styl aufſetzte, in welchem er ſeinen Hut zu tragen pflegte, werinnern mich an den ſtillen Herd des ⸗friedlichen Eheſtandes. Cheggs' Gattin ſpielt Cribbage und auch Partien zu Vieren. Dieß bildet den beſtän⸗ digen Kreislauf. Von Spiel zu Spiel nur treibt 168 man ſie, zu dämpfen ihre Schmerzen, und kömmt einmal ein Lächeln an ſie, ſo meint man, es komm' aus dem Herzen— aber das iſt nicht der Fall. Wohl könnte ich jetzt ſagen,“ fügte Richard bei, in⸗ dem er ſeine linke Wange in's Profil brachte und wohlgefällig den Reflex eines ſehr kleinen Streifen Backenbarts in dem Spiegel betrachtete;„ja, wohl könnte ich jetzt ſagen, das Eiſen iſt ihr durch die Seele gedrungen. Aber es geſchieht ihr Recht!“ Aus dieſer ſtrengen und harten Stimmung in die zartere und patheteriſche verſchmelzend, ſtöhnte Herr Swiveller ein wenig, ſtürmte wild auf und nieder, und that ſogar dergleichen, als wolle er ſich die Haare ausraufen; er beſann ſich jedoch eines Beſſern und zerrte ſtatt deſſen an der Quaſte ſeiner Nacht⸗ mütze. Endlich warf er in düſterer Entſchloſſenheit ſeine Kleider vollends ab und legte ſich zu Bette. Mancher hätte in ſeiner vom Sturm zerknickten Lage zum Trinken ſeine Zuflucht genommen; da aber Herr Swiveller dieß bereits zuvor gethan hatte, ſo legte er ſich nur, als er die Nachricht erhalten, daß Sophie Wackles auf immer für ihn verloren ſey, auf's Flötenſpiel, welches er, nach einer reif⸗ lichen Erwägung, für eine gute, geſunde und gehörig trübſelige Beſchäftigung hielt, indem es nicht nur im Einklang mit ſeinen eigenen traurigen Gedanken ſtand, ſondern auch berechnet war, verwandte Ge⸗ fühle in dem Innern ſeiner Nachbarn zu wecken. In Vollführung dieſes Entſchluſſes zog er nun einen klei⸗ 169 nen Tiſch an ſein Bett, ſtellte das Licht und ein kleines länglichtes Notenbuch ſo vortheilhaft als mög⸗ lich auf, nahm ſeine Flöte aus dem Futteral und begann auf's kläglichſte zu blaſen. Die Melodie war die des Liedes„Verſcheuchet jetzt die Grillen“— eine Compoſition, welche, wenn ſie im Bett ſehr langſam auf der Flöte geblaſen wird und ſich den weitern Nachtheil gefallen laſſen muß, von einem Gentleman ausgeführt zu werden, welcher das Inſtrument nur unvollkommen verſteht und eine Note oftmal wiederholt, ehe er die nächſte finden kann— keinen ſehr lebhaften Eindruck übt. Demungeachtet aber quetſchte Herr Swiveller, bald auf dem Rücken daliegend und die Augen nach der Decke heftend, bald halb im Bette aufgerichtet, um ſich im Buche Raths zu erholen, die halbe Nacht oder noch länger die unglückliche Arie wieder und wieder durch, und pauſirte höchſtens allemal eine oder zwei Minuten, um Athem zu holen, oder einen Monolog über die Marquiſe abzuhalten, worauf es wieder mit erneuerter Kraft anging. Erſt nachdem er ſeine verſchiedenen Betrachtungsgegenſtände erſchöpft und alle ſeine aus dem Wermuthbiere entſproßten Gefühle bis zur Hefe durch die Flöte ausgehaucht hatte, wobei nebenzu alle Bewohner des Hauſes, wie auch die Nachbarn rechts und links und über die Straße, faſt toll geworden waren, ſchloß er ſein Notenheft, löſchte das Licht aus, drehte ſich leichteren und heiteren Geiſtes auf die Seite und ſchlief ein. 170 Er erwachte des andern Morgens ſehr erfriſcht und übte ſich ungefähr eine halbe Stunde auf ſeiner Flöte, worauf er ſich nach Bevis Marks begab, nach⸗ dem er zuvor die Quartieraufkündigung ſeiner Haus⸗ frau, die zu dieſem Ende ſchon ſeit dem Grauen des Tages auf der Treppe wartete, ſehr in Gnaden hin⸗ genommen hatte. Die ſchöne Sally befand ſich be⸗ reits auf ihrem Poſten und zeigte in ihren Blicken einen milden Strahlenglanz, ähnlich dem, der dem jungfräulichen Monde entſtrömt. Herr Swiveller begrüßte ſie mit einem Nicken und tauſchte ſeinen Rock gegen die Waſſerfahrtjacke aus, was gewöhnlich eine ziemliche Zeit wegnahm, da er nicht ohne viele Mühe in die engen Aermel kommen konnte. Sobald dieſe Schwierigkeit überwun⸗ den war, nahm er an dem Pulte Platz. „Ich frage,“ begann Miß Braß, plötzlich das Schweigen unterbrechend,„haben Sie dieſen Morgen nicht eine ſilberne Bleiſtiftröhre geſehen. Wie?“ „Ich traf nicht viele auf der Straße,“ verſetzte Herr Swiveller.„Ich ſah eine— eine ſtämmige Bleiſtiftröhre von reſpektablem Ausſehen— aber da ſie ſich in Geſellſchaft eines ältlichen Federmeſſers und eines jungen Zahnſtochers befand, mit welchen ſie in einer Unterhaltung begriffen war, ſo hinderte mich mein Zartgefühl, ſie anzureden.“ „Wie, Sie haben nicht?“ entgegnete Miß Braß. „Aufrichtig geſprochen?“ „Was für ein dummer Hund müſſen Sie ſeyn, 171 daß Sie ſolche Fragen im Ernſte an mich richten,“ erwiederte Herr Swiveller.„Komme ich nicht in dieſem Augenblick erſt an?“ „Nun, ſo weiß ich weiter nichts,“ antwortete Miß Sally,„als daß ſie nicht aufzufinden iſt, und daß ſie in dieſer Woche verſchwand, als ich ſie ein⸗ mal auf dem Pulte liegen ließ.“ „Holla!“ dachte Richard;„ich hoffe doch nicht, daß die Marquiſe hier Geſchäfte gemacht hat.“ „Es war auch ein Meſſer dabei,“ fuhr Miß Sally fort,„mit ſilbernem Hefte. Ich habe beides vor Jahren von meinem Vater zum Geſchenk er⸗ halten, und jetzt iſt's fort. Sie haben doch nicht auch etwas vermißt— oder?“ Herr Swiveller griff unwillkürlich mit ſeinen Händen nach der Jacke, um ſich zu überzeugen, daß es eine Jacke und nicht ein Frack ſey, und nachdem er ſich vergewiſſert hatte, daß ſein einziges, beweg⸗ liches Eigenthum in Bevis Marks wohlbehalten vor⸗ handen war, gab er eine verneinende Antwort. „Es iſt etwas ſehr Unangenehmes, Dick“— ſagte Miß Braß, indem ſie die zinnerne Doſe heraus⸗ nahm und ſich mit einer Priſe labte;„aber unter uns geſagt— wir ſind ja Freunde, denn wenn Sammy es wüßte, ſo würde ich des Zankens kein Ende abſehen— auch einiges von dem Bureaugeld, das hier liegen blieb, iſt den gleichen Weg gegan⸗ gen. Insbeſondere habe ich zu drei verſchiedenen Malen drei halbe Kronen vermißt.“ 172 „Es iſt Ihnen doch nicht ernſt damit?“ rief Dick. „Sehen Sie ſich vor, was Sie ſagen, alter Knabe, denn dieß könnte einen bedenklichen Handel abſetzen. Wiſſen Sie's auch ganz gewiß? Iſt kein Irrthum möglich?“ „Es iſt ſo; auch kann durchaus kein Irrthum ſtattfinden,“ verſetzte Miß Braß mit Nachdruck. „Dann, beim Jupiter, fürchte ich,“ dachte Richard, indem er ſeine Feder niederlegte,„daß es um die Mar⸗ quiſe geſchehen iſt!“ Jemehr Dick den Gegenſtand in ſeinen Ge⸗ danken erwog, deſto wahrſcheinlicher erſchien es ihm, daß die kleine Magd die Schuldige ſey. Wenn er bedachte, von welcher ſpärlichen Koſt ſie leben mußte, wie vernachläßigt und unterrichtslos ſie war, und wie ihre natürliche Schlauheit durch Noth und Entbehrung geſchärft worden, ſo zweifelte er kaum mehr daran. Und doch bemitleidete er ſie ſo ſehr und empfand es ſo ſchmerzlich, das Sonderbare dieſer neuen Bekanntſchaft durch eine ſo ernſte Veranlaſſung geſtört zu ſehen, daß er meinte, und zwar allen Ern⸗ ſtes meinte, es wäre ihm lieber, die Marquiſe unſchul⸗ dig zu wiſſen, als fünfzig Pfund einzunehmen. Während er ſich in ſehr tiefſinnigen und ernſten Betrachtungen über dieſen Gegenſtand er⸗ ging, und Miß Sally da ſaß, mit geheimnißvoller und bedenklicher Miene den Kopf ſchüttelnd, ließ ſich die Stimme ihres Bruders Sampſon vernehmen, der in der Hausflur eine heitere Melodie aborgelte; und unmittelbar darauf trat der genannte Ehrenmann, 173 von einem tugendhaften Lächeln ſtrahlend, perſönlich in’s Zimmer. „Ah, guten Morgen, Herr Richard. Da ſind wir wieder, Sir, und treten einen neuen Tag an, während der Leib geſtärkt iſt von Schlummer und Früh⸗ ſtück, und der Geiſt in ſtrömenden Flüſſen ſich ent⸗ faltete. Da ſind wir, Herr Richard, mit der Sonne aufſtehend, um unſere kleine Bahn abzulaufen— die Bahn unſerer Pflicht, Sir— und gleich ihr zu unſerem Tagewerk zu gehen, zu unſerer eigenen Ehre und zu Nutz und Frommen unſerer Nebenmenſchen. Ein bezaubernder Gedanke, Sir— ganz bezaubernd.“ Während Herr Braß ſeinen Schreiber mit dieſen Worten anredete, beſchäftigte er ſich eben auf eine etwas in die Augen fallende Weiſe mit der umſtänd⸗ lichen Prüfung einer Fünfpfundnote, die er in der Hand mitgebracht hatte und welche er gelegentlich gegen das Licht hielt. Da Herr Richard dieſe Bemerkungen mit keiner Spur von Begeiſterung aufnahm, ſo wandte ſein Principal die Augen nach ihm hin, bei welcher Ge⸗ legenheit derſelbe fand, daß ſein Geſicht einen beun⸗ ruhigenden Ausdruck trug. „Sie ſind nicht in der beſten Laune, Sir?“ ſagte Braß.„Wir ſollten freudig an die Arbeit gehen, Herr Richard, und nicht mit einer verſtimmten Seele. Es ziemt uns, Herr Richard, zu——* Hier entſandte die keuſche Maria einen leichten Seufzer. „Ach du mein Himmel!“ rief Herr Sampſon. „Auch du? Was gibt es denn? Herr Richard, Sir—* Dick, der auf Sally blickte, bemerkte, daß ſie ihm durch Zeichen zu verſtehen gab, er möchte ihrem Bruder den Gegenſtand ihrer Beſprechung mittheilen. Da ſeine eigene Lage nicht die angenehmſte war, bis der Handel auf die eine oder die andere Art be⸗ reinigt war, ſo willfahrte er; und Miß Braß, die ganz ungeheuer ihrer Schnupftabaksdoſe zuſprach, beſtätigte ſeine Eröffnung. Sampſons Geſicht verlängerte ſich, und Angſt überflog ſeine Züge. Anſtatt jedoch ungeſtüm über den Verluſt ſeines Geldes wehzuklagen, ſchlich er auf den Zehen nach der Thüre, öffnete ſie, ſah hinaus, machte ſie leiſe wieder zu, kehrte auf den Zehenſpitzen zurück und ſprach flüſternd:— „Dieß iſt ein höchſt außerordentlicher und ſchmerz⸗ licher Umſtand, Herr Richard— ein ſehr ſchmerz⸗ licher Umſtand. Die Sache iſt nämlich, daß ich ſelbſt kürzlich mehrere kleine Summen von dem Pulte ver⸗ mißte, und ich enthielt mich nur deßhalb, der Sache zu erwähnen, weil ich hoffte, ein Zufall würde zu Entdeckung des Verbrechers führen. Dieß iſt aber nicht der Fall geweſen— es iſt nicht der Fall ge⸗ weſen. Sally— Herr Richard— Dieß iſt ein be⸗ ſonders bedauerlicher Handel!“ Während Sampſon ſprach, legte er in der Zer⸗ ſtreuung die Banknote auf das Pult unter einige 175 Papiere und ſteckte ſeine Hände in die Taſchen. Ri⸗ chard machte ihn darauf aufmerkſam und ermahnte ihn, die Banknote an ſich zu nehmen. „Nein, Herr Richard,“ verſetzte Braß in großer Aufregung, vich will ſie nicht nehmen. Sie ſoll dort liegen bleiben, Sir. Sie zu mir zu ſtecken, würde einen Zweifel gegen Sie verrathen— gegen Sie, Sir, in den ich unbedingtes Vertrauen ſetze. Wir wollen ſie hier liegen laſſen und ſie unter keinen Umſtänden wegnehmen.“ Mit dieſen Worten pätſchelte ihn Herr Braß zwei oder dreimal freundlich auf die Schulter und verſicherte ihn, daß er ſo viel Vertrauen in ſeine Ehrlichkeit ſetze, als in ſeine eigene. Obgleich Herr Swiveller zu einer andern Zeit dieß für ein zwei⸗ deutiges Compliment genommen hätte, ſo fühlte er doch unter obwaltenden Umſtänden eine große Er⸗ leichterung in der Zuſicherung, daß man keinen Ver⸗ dacht gegen ihn hege. Er gab eine paſſende Antwort, worauf Herr Braß ihm die Hand drückte, der ſofort in ein finſteres Nachſinnen verſank, was auch bei Miß Sally der Fall war. Richard blieb gleichfalls nicht frei von der gedankenvollen Stimmung ſeiner Um⸗ gebung, denn er fürchtete jeden Augenblick, eine An⸗ ſchuldigung gegen die Marquiſe zu vernehmen, wie er ſich überhaupt der Ueberzeugung nicht erwehren konnte, daß ſie ſchuldig ſeyn müſſe. Sie verharrten einige Minuten in dieſem Zu⸗ ſtande, als Miß Sally plötzlich mit geballter Fauſt 176 auf das Pult ſchlug und ausrief:„Ich habe es getroffen!“ was auch allerdings der Fall war, denn es hatte ſogar Splitter gegeben. Sie hatte jedoch nicht das Pult gemeint. „Nun,“ rief Braß ängſtlich.„So ſprich dich aus.“ „Je nun,“ verſetzte ſeine Schweſter mit trium⸗ phirender Miene,„iſt in den letzten drei oder vier Wochen nicht beſtändig Jemand in dem Bureau ein⸗ und ausgegangen? Hat man es nicht dir zu danken, daß dieſer Jemand bisweilen allein hier blieb? Und willſt du mir weiß machen, daß dieſer Jemand nicht der Dieb ſey?“ „Welcher Jemand 2“ brauste Braß auf. „Je nun, wie nennt ihr ihn doch— Kit?“ „Der junge Menſch bei Herrn Garland?“ „Zuverläßig.“ „Nein, nimmermehr!“ rief Braß.„In keinem Falle. Ich will nichts davon hören. Sprich nichts ſolches“— fügte Sampſon bei, indem er den Kopf ſchüttelte und ſich mit beiden Händen abarbeitete, als habe er tauſend Spinnengewebe aus ſeinem Geſichte zu wiſchen.„Ich werde es nie von ihm glauben, nie!“ „Ich behaupte,“ wiederholte Miß Braß, aber⸗ mals eine Priſe nehmend,„daß er der Dieb iſt.“ „Und ich ſage,“ entgegnete Sampſon noch ungeſtü⸗ mer,„daß er es nicht iſt. Was willſt du damit ſagen? Wie kannſt du dich unterſtehen? Darf man Einem ein gutes Prädikat nur geſchwind ſo wegflüſtern? Weißſt 177 . du auch, daß er der ehrlichſte und treuſte Burſche iſt, der je gelebt hat, und daß er einen untadelichen, guten Namen beſitzt? Herein! Herein!“ Dieſe letztern Worte waren nicht an Miß Sally gerichtet, obgleich ſie in dem gleichen Tone entrüſte⸗ ten Verweiſes ausgeſprochen waren, ſondern galten vielmehr einer Perſon, die an der Bureauthüre ge⸗ klopft hatte. Auch waren ſie kaum über die Lippen des Herrn Braß gefloſſen, als derſelbige Kit her⸗ einſah. „Entſchuldigen Sie, Sir, iſt der Herr droben?“ „Ja, Kit,“ antwortete Braß, noch immer ent⸗ flammt von edlem Unwillen, und die Braunen finſter gegen ſeine Schweſter runzelnd.„Ja, Kit, er iſt oben. Ich freue mich, Sie zu ſehen, Kit; recht ſehr freue ich mich, Sie zu ſehen. Sprechen Sie im Herunterkommen wieder bei uns ein, Kit.“ „Dieſer Junge ein Dieb?“ rief Braß, als Kit ſich entfernt hatte;„ein ſo freimüthiges und offenes Geſicht? Ich wollte ihm ungezähltes Gold anvertrauen. Herr Richard, wollen Sie nicht die Güte haben, geſchwinde zu Wrasp und Compagnie in der breiten Straße zu gehen und dort anzufragen, ob ſie Weiſung erhalten haben, in Carkem und Painter zu erſcheinen? Dieſer Junge ein Dieb!“ höhnte Sampſon, noch immer vor Zorn glühend. „Bin ich blind, taub, blödſinnig? Verſtehe ich nichts von menſchlichen Charakteren, wenn ich ſie vor mir ſehe? Kit ein Dieb— Pah!“ Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 12 178 Sampſon Braß warf dieſen Schlußausruf Miß Sally mit der Miene unausſprechlicher Verachtung zu, ſteckte den Kopf in ſein Pult, als wollte er ſeinen Augen den Anblick einer ſo ſchlimmen Welt erſparen, und keuchte ſogar noch unter dem halbgeſchloſſenen Deckel Trotz hervor. Der Naritätenladen. Neunundfünßzigſtes Kapitel. Sobald ſich Kit ſeines Auftrags entledigt und etwa eine Viertelſtunde auf dem Zimmer des ledigen Herrn aufgehalten hatte, kam er die Treppe herunter und fand Sampſon Braß allein in dem Bureau. Er ſang nicht, wie ſonſt, und ſaß auch nicht an ſeinem Pult. Die offene Thüre zeigte den Ehren⸗ mann, wie er mit dem Rücken gegen das Feuer ſtand und ein ſo gar ſonderbares Geſicht ſchnitt, daß Kit meinte, er müſſe unwohl geworden ſeyn. „Iſt etwas vorgefallen, Sir?“ fragte Kit. „Vorgefallen?“ rief Braß.„Nein. Warum ſollte etwas vorgefallen ſeyn?“ „Sie ſehen ſo gar blaß aus,“ verſetzte Kit,„daß ich Sie kaum gekannt hätte.“ 179 „Pah, pah! Lauter Einbildung!“ entgegnete Braß, indem er ſich bückte, um in der glimmenden Aſche zu ſtören.„War nie wohler, Kit— in mei⸗ nem Leben nie wohler. Und vergnügt dazu. Ha, ha! Was macht Ihr Freund oben, he?“ „Er iſt um vieles beſſer,“ antwortete Kit. „Freut mich, das zu hören,“ entgegnete Braß; „ja wohl, wir dürfen dem Himmel danken. Ein vortrefflicher Herr— ein Ehrenmann— freigebig, großmüthig, macht nur ſehr wenig Mühe— ein bewundernswürdiger Miethsmann. Ha, ha! Und Herr Garland— er iſt hoffentlich wohl, Kit?— und der Pony— mein Freund— Sie wiſſen ja, mein beſonderer Freund— ha, ha!“ Kit gab genügende Auskunft über den ganzen kleinen Haushalt von Abel Cottage. Herr Braß, der unachtſam und ungeduldig ſchien, ſtieg auf ſeinen Bock, winkte ihm, näher zu kommen, und nahm ihn beim Knopfloche. „Ich habe gedacht, Kit,“ ſagte der Rechtsge⸗ lehrte,„daß ich Ihrer Mutter einige kleine Vortheile zuſchanzen könnte— Sie haben doch eine Mutter, glaube ich— wenn ich mich recht erinnere, ſo er⸗ zählten Sie mir— 24 „O ja, Sir— ja, gewiß.“ „Eine Wittwe, wenn's mir recht iſt? Eine fleißige Wittwe?“ „Eine arbeitſamere Frau oder eine beſſere Mut⸗ ter hat nie auf Erden gelebt, Sir.“ 12* „Ah!“ rief Braß.„Das iſt herzergreifend, wahrhaft herzergreifend. Eine arme Wittwe, die ſich abmüht, ihre Waiſen anſtändig und gemächlich zu ernähren, iſt ein köſtliches Bild menſchlicher Tugend. — Aber legen Sie doch Ihren Hut ab, Kit.“ „Ich danke, Sir, ich muß gleich wieder fort.“ „So legen Sie ihn wenigſtens ab, ſo lange Sie hier ſind,“ entgegnete Braß, indem er ihm denſelben abnahm und einige Verwirrung unter den Papieren anrichtete, um einen Platz dafür auf dem Pult zu finden.„Ich dachte, Kit, daß wir oft für Leute, mit denen wir in Geſchäftsverbindung ſtehen, Häuſer zu vermiethen haben und ſonſt dergleichen. Nun wiſſen Sie wohl, daß wir Leute in ſolche Häuſer ſetzen müſſen, die auf dieſelben Acht haben— das trifft oft Leute, die es nicht verdienen, und auf die man ſich nicht verlaſſen kann. Was hindert uns, eine Perſon zu nehmen, auf die man bauen kann, wenn man dabei die Freude genießt, zugleich ein gutes Werk gethan zu haben? Ich ſage, was hin⸗ dert uns, dieſe würdige Frau, Ihre Mutter, dazu zu verwenden? Da folgte dann Eins aus dem An⸗ dern; einmal eine Wohnung— und dazu eine gute Wohnung— in der man das ganze Jahr über warm ſitzt, ohne Miethe zu bezahlen; außerdem einen Wo⸗ chengehalt, Kit, der im Stande wäre, ſie mit vielen Bequemlichkeiten zu verſehen, welche ſie zur Zeit ent⸗ behren muß. Nun, was halten Sie davon? Haben Sie etwas einzuwenden? Mein einziger Wunſch 181 beſteht darin, Ihnen zu dienen, Kit. Wenn es Ihnen alſo nicht anſteht, ſo ſagen Sie es freimüthig heraus.“ Während Braß ſprach, rückte er zwei⸗ oder drei⸗ mal den Hut und ſtorte wieder unter den Papieren, als ob er etwas ſuchte. „Wie könnte ich etwas einzuwenden haben gegen ein ſo freundliches Anerbieten, Sir?“ antwortete Kit mit erfreutem Herzen.„In der That, ich weiß nicht, wie ich Ihnen dafür genug danken ſoll.“ „Wohlan denn,“ verſetzte Braß, indem er ſich plötzlich umwandte und ſein Geſicht, auf dem ſich ein abſtoßendes Lächeln ſpiegelte, Kit ſo weit näherte, daß dieſer ſogar auf der Höhe ſeiner Dankbarkeit ganz beſtürzt zurücktrat.„Wohlan denn, es iſt ge⸗ ſchehen.“ Kit ſah ihn verblüfft an. „Geſchehen, ſage ich“— fügte Sampſon bei, indem er ſeine Hände rieb und auf's neue in ſeinem gewöhnlichen Oelglanz leuchtete.„Ha, ha! Und ſo werden Sie es finden, Kit; ſo werden Sie es finden. Aber du mein Himmel!“ rief Braß,„wie lange doch Herr Richard ausbleibt! In der That ein trübſeliger Zögerer! Wollen Sie nicht eine Minute auf mein Bureau Acht haben, während ich die Treppe hinauf eile? nur eine Minute. Ich will Sie dann keinen Augenblick länger aufhalten— um keinen Preis, Kit.“ So ſprechend eilte Herr Braß aus dem Bureau und kehrte in ſehr kurzer Zeit wieder zurück. Faſt in demſelben Augenblicke langte auch Herr Swiveller an, und als Kit ſehr ſchnell das Zimmer verließ, um die verlorene Zeit einzubringen, begegnete ihm auch noch Miß Braß auf der Thürſchwelle. „Ah!“ höhnte Sally, indem ſie ihm beim Ein⸗ treten nachſah.„Da geht ja dein Augapfel, Sam⸗ my, he?“ „Ja, da geht er,“ verſetzte Braß.„Mein Aug⸗ apfel, wenn du ſo willſt. Ein ehrlicher Burſche, Herr Richard— in der That, ein ganz würdiger Burſche!“ „Hem!“ huſtete Miß Braß. „Laß dir ſagen, du aufſäßiger Vagabund,“ fuhr Sampſon gereizt fort,„daß ich mein Leben für ſeine Chrlichkeit zum Pfand ſetze. Soll'’s mit dieſem Ge⸗ ſchwätze nie ein Ende nehmen? Bin ich nur dazu da, um mich durch deinen gemeinen Argwohn immer aufhetzen und placken zu laſſen? Haſt du keine Ach⸗ tung vor wahrem Verdienſt, du maliziöſer Kerl? Wenn's ſo weit kömmt, ſo möchte ich lieber deine Ehrlichkeit beargwöhnen, als die ſeinige.“ Miß Sally zog ihre zinnerne Doſe heraus, und nahm eine lange langſame Priſe, die ganze Zeit über ihren Bruder feſt in's Auge faſſend. „Sie macht mich noch ganz toll, Herr Richard,“ ſagte Braß;„ſie ärgert mich, daß es nicht mehr aus⸗ zuhalten iſt. Ich weiß, daß ich erhitzt und aufgeregt 183 bin, Sir. Man darf ſich nicht ſo im Geſchäft be⸗ nehmen, man darf nicht ſo im Geſchäft ausſehen, Sir; aber ſie bringt mich ganz aus der Faſſung.“ „Warum laſſen Sie ihn denn nicht gewähren?“ fragte Dick. „Weil ſie nicht kann, Sir,“ entgegnete Braß; „weil keifen und mich ärgern ein Theil ihrer Natur iſt; und ſie will und muß es thun, oder ſie würde, glaube ich, nicht geſund ſeyn. Doch gleichviel,“ fügte Braß bei,„gleichviel. Ich habe meinen Willen doch durchgeſetzt. Ich habe dem Jungen Vertrauen er⸗ wieſen und habe ihn wieder auf das Bureau Acht geben laſſen. Ha, ha! Etſch, du Viper!“ Die liebenswürdige Jungfrau nahm abermals eine Priſe, ſteckte die Doſe in ihre Taſche und ſah noch immer ihren Bruder mit vollkommener Faſſung an. „Er hat wieder auf das Bureau Acht gegeben,“ rief Braß triumphirend;„er hat mein Zutrauen ge⸗ habt, und ſoll es fortan behalten; er— wo iſt denn die— 2“ „Haben Sie etwas verloren?“ fragte Herr Swiveller. „Ach du mein Himmel!“ entgegnete Braß, in⸗ dem er der Reihe nach an alle ſeine Taſchen klopfte, in, auf und unter das Pult ſah, und die Papiere wirr durcheinander warf;„die Note, Herr Richard, die Fünfpfundnote— was kann aus ihr geworden ſeyn? Ich habe ſie da hergelegt— Gott behüte mich!“ „Was?“ ſchrie Miß Sally auffahrend, ihre Hände zuſammenſchlagend und die Papiere über den Boden zerſtreuend.„Fort? Nun, wer hat Recht? wer hat es jetzt? Was kümmern uns fünf Pfund— was ſind fünf Pfund? Du kennſt ihn als ehrlich, als ganz ehrlich. Es würde gemein ſeyn, ihn zu beargwöhnen. Lauf ihm ja nicht nach. Nein, nein, nicht um eine Welt!“ „Iſt ſie denn wirklich fort?“ fragte Dick, indem er mit einem gleich blaſſen Geſichte auf Braß ſchaute. „Auf mein Wort, Herr Richard,“ antwortete der Rechtsgelehrte, indem er mit Blicken der größten Aufregung in allen ſeinen Taſchen herumfühlte,„ich fürchte, der Teufel hat ſeine Hand im Spiel. Sie iſt gewiß fort, Sir. Was können wir thun?“ „Laufe ihm ja nicht nach,“ ſagte Miß Sally, ihrem Schnupftabak weiter zuſprechend.„Laufe ihm um keinen Preis nach. Du weißt, du mußt ihm Zeit laſſen, der Banknote los zu werden. Es würde grauſam ſeyn, den Dieb aufzufinden!“ Herr Swiveller und Sampſon Braß ſahen in einem Zuſtande äußerſter Verwirrung zuerſt Miß Braß und dann gegenſeitig einander an, worauf ſie wie aus einem Antrieb nach ihren Hüten langten und auf die Straße hinausſtürzten. Sie eilten in der Mitte des Weges fort und drängten alle Hinder⸗ niſſe bei Seite, als gälte es ihr Leben. Es traf ſich nun, daß Kit gleichfalls ſchnell ge⸗ laufen war, obgleich nicht ganz ſo ſchnell, und da er 185 einen Vorſprung von einigen Minuten hatte, ſo war er bereits eine gute Strecke voraus. Sie wußten jedoch ziemlich genau, welchen Weg er eingeſchlagen haben mußte, und da ſie ihm in großer Haſt nach⸗ ſetzten, ſo holten ſie ihn in demſelben Augenblicke ein, wo er zum Athemholen Halt gemacht hatte und eben im Begriff war, ſein Rennen wieder aufzu⸗ nehmen. „Halt!“ rief Sampſon, indem er ihn an der einen Schulter faßte, während Herr Swiveller auf die andere losſtürzte.„Nicht ſo ſchnell, junger Herr. Haben Sie es ſo gar eilig?“ „Ja,“ verſetzte Kit, indem er in großer Ueber⸗ raſchung von dem einen auf den andern ſah. „J— ich— kann es kaum glauben,“ keuchte Sampſon,„aber es wird etwas von Werth aus dem Bureau vermißt. Ich hoffe, Sie wiſſen nichts da⸗ von?“ „Davon wiſſen? Guter Himmel? Herr Braß!“ rief Kit, von Kopf bis zu den Füßen zitternd,„Sie glauben doch nicht—— ℳ „Nein, nein,“ entgegnete Braß raſch,„ich glaube nichts. Meinen Sie ja nicht, daß ich geſagt hätte, Sie hätten es gethan. Ich hoffe, Sie werden ruhig mit zurückkommen?“ „Natürlich will ich das!“ erwiederte Kit.„Warum nicht?“ „Ich ſagte es ja!“ verſetzte Braß.„Warum nicht? Ich hoffe, es ſtellt ſich nichts heraus, was nicht mit dieſem ‚„Warum nichte im Einklang ſtünde. Wenn Sie wüßten, welche Noth ich dieſen Morgen hatte, um Ihre Partei zu nehmen, Chriſtoph, ſo würde es Ihnen ſehr leid thun.“ „Und ich bin überzeugt, es wird Ihnen leid thun, mich beargwohnt zu haben, Sir,“ entgegnete Kit.„Kommen Sie— laſſen Sie uns zurückeilen.“ „Freilich!“ rief Braß.„Je ſchneller, deſto beſſer. Herr Richard— haben Sie die Güte, jenen Arm zu nehmen; ich will dieſen nehmen. Es iſt zwar kein angenehmes Gehen, drei nebeneinander, aber unter ſolchen Umſtänden muß es ſeyn; das läßt ſich nicht ändern.“ Kit wurde abwechſelnd roth und blaß, als man ſich ſeiner in dieſer Weiſe verſicherte, und ſchien einen Augenblick geneigt, Widerſtand zu leiſten. Er faßte ſich jedoch bald, und da er bedachte, im Falle des Widerſtrebens würde man ihn vielleicht am Kragen durch die öffentlichen Straßen ſchleppen, ſo wieder⸗ holte er nur angelegentlichſt und mit Thränen in den Augen, daß ſie ihr Benehmen gewiß bereuen würden— und ließ ſich von ihnen fortführen. Wäh⸗ rend ſie auf dem Rückwege begriffen waren, erſah Herr Swiveller, dem ſeine gegenwärtige Verrichtung ſehr widerwärtig vorkam, eine Gelegenheit, ſeinem Gefangenen in’s Ohr zu flüſtern, wenn er ſich für ſchuldig bekenne, wäre es auch nur durch ein Nicken, und verſpreche, es in Zukunft nicht mehr zu thun, 1 187 ſo wolle er(Swiveller) durch die Finger ſehen, wenn er Sampſon Braß eines an die Schienbeine verſetze und Reißaus nehme. Da aber Kit dieſen Vorſchlag mit Unwillen zurückwies, ſo blieb Herrn Richard nichts übrig, als ihn feſtzuhalten, bis ſie Bevis Marks erreichten, wo ſie ihren Gefangenen ſofort der be⸗ zaubernden Sarah vorführten, welche augenblicklich die Vorſicht beobachtete, die Thuͤre zu verſchließen. „Sie müſſen wiſſen,“ begann Braß,„wenn dieß ein Fall von Unſchuld iſt, ſo iſt es ein Fall von der Art, Chriſtoph, wo die vollſte Enthüllung die beſte Genugthuung gewährt für Jedermann. Wenn Sie ſich daher einer Unterſuchung unterwerfen wollen,“ er deutete die Art der von ihm gemeinten Unter⸗ ſuchung dadurch an, daß er die Aermelaufſchläge ſeines Rockes zurückſtreifte,„ſo wäre das für alle Partien angenehm und beruhigend.“ „So durchſuchen Sie mich,“ entgegnete Kit mit Stolz, indem er ſeine Arme in die Höhe hob.„Aber bedenken Sie, Sir— ich weiß, Sie werden es bis an den letzten Tag Ihres Lebens bereuen.“ „Es iſt gewiß ein ſehr ſchmerzlicher Vorfall,“ ſagte Braß mit einem Seufzer, als er in eine von Kits Taſchen lenkte und eine bunte Sammlung ver⸗ ſchiedener kleiner Gegenſtände herausſiſchte;„ſehr ſchmerzlich. Nichts da, Herr Richard— alles voll⸗ kommen befriedigend. Auch hier nicht, Sir. Eben⸗ ſowenig in der Weſte, Herr Richard— auch nicht in den Rockſchößen. So weit freut es mich in der That.“ Richard Swiveller, der Kit's Hut in der Hand hielt, beobachtete den Fortgang der Unterſuchung mit großem Intereſſe, ohne ſich einer ganz leichten An⸗ deutung von Lächeln erwehren zu können, als Braß, eines ſeiner Augen ſchließend, mit dem andern in das Innere eines Rockärmels des armen Jungen ſah, als ob derſelbe ein Fernrohr wäre; dann wandte ſich Sampſon haſtig zu ihm, und forderte ihn auf, den Hut zu durchſuchen. „Da iſt ein Schnupftuch,“ ſagte Dick. „Darin liegt nichts verfängliches, Sir,“ verſetzte Braß, indem er ſein Auge an den andern Aermel brachte, und in dem Tone eines Mannes ſprach, der in’'s Unendliche hinausſchaut.„Durchaus nichts Verfängliches in einem Schnupftuch— durchaus nichts, Sir. Die Fakultät hält es, glaube ich, für keine geſunde Gewohnheit, Herr Richard, ſein Schnupf⸗ tuch im Hut zu tragen— ich habe mir ſagen laſſen, es halte den Kopf zu warm— aber in jeder andern Beziehung iſt dieſe Aufbewahrungsmethode außer⸗ ordentlich befriedigend— ja, außerordentlich befrie⸗ digend.“. Ein Ausruf von Richard Swiveller, Miß Sally und Kit zumal unterbrach plötzlich den Advokaten. Er wandte den Kopf um und ſah Dick mit der Banknote in der Hand da ſtehen. 189 „In dem Hut?“ rief Braß mit einer Art von Entſetzen. „Unter dem Schnupftuch und hinter das Futter geſteckt,“ ſagte Dick, ganz erſtarrt über dieſe Ent⸗ deckung. Herr Braß blickte auf Swiveller, auf ſeine Schwe⸗ ſter, auf die Wände, an die Decke, auf den Fußboden — überall hin, nur nicht auf Kit, der ganz betäubt und regungslos da ſtand. „Und das,“ rief Sampſon, ſeine Hände zuſam⸗ menſchlagend,„das iſt die Welt, die ſich um ihre eigene Axe dreht, unter lunariſchem Einfluß ſteht, und ihre Bewegungen um himmliſche Körper voll⸗ führt, nebſt ſonſtigen derartigen Poſſen! Das iſt menſchliche Natur! O Natur, Natur! Das iſt der Böſewicht, dem ich durch alle meine kleinen Künſte Wohlthaten erweiſen wollte, und für den ich noch jetzt ſo viel Zuneigung fühle, daß ich ihn noch jetzt möchte laufen laſſen. Doch,“ fügte Herr Braß mit größerer Mannhaftigkeit bei,„ich bin ein Rechts⸗ gelehrter und als ſolcher verpflichtet, ein Beiſpiel zu geben, wo es gilt, die Geſetze meines glücklichen Vaterlandes in Vollzug zu ſetzen. Sally, meine Liebe, vergib mir und ergreife ihn an dem andern Arme. Herr Richard, haben Sie die Güte, geſchwind einen Conſtable zu holen. Mit der Schwäche iſt's aus und vorbei, Sir, und die moraliſche Kraft kehrt zurück. Einen Conſtable, Sir, wenn es Ihnen gefällig iſt!“ Der Naritätenladen. Sechzigſtes Kapitel. Kit ſtand wie verſteinert da, die weit offenen Augen auf den Boden geheftet und eben ſo gleich⸗ gültig gegen die zitternde Hand des Herrn Braß, welcher ihn an der einen Seite ſeiner Halsbinde feſt⸗ hielt, wie gegen den feſteren Griff von Miß Sally, welche auf der andern die gleiche Verrichtung vor⸗ nahm. Die Krallen der letztern waren an ſich ſchon keine kleine Unbequemlichkeit, da dieſe be⸗ zaubernde Dame, abgeſehen davon, daß ſie von Zeit zu Zeit ihre Knöchel ſehr unbequem in ſeine Kehle bohrte, gleich von Anfang an ſo feſt gepackt hatte, daß der arme Junge ſogar in der Verwirrung und Zerſtreutheit ſeiner Gedanken ſich eines unruhigen Gefühls von Erſticken nicht erwehren konnte. Er verblieb in dieſer Stellung zwiſchen Bruder und Schweſter, wiederſtandlos und leidend, bis Herr Swi⸗ veller mit einem Conſtable zurückkehrte. Dieſer Würdenträger, der natürlich an ſolche Auftritte gewöhnt war und alle Arten von Eigen⸗ thumsbeeinträchtigung von dem kleinſten Diebſtahle an bis zum Hauseinbruch und Straßenraub als regelmäßige Geſchäftsſachen betrachtete, während ihm 8 191 die Verbrecher in dem Lichte von eben ſo vielen Kun⸗ den erſchienen, die aus dem en gros- und Detail⸗ laden des Criminalgeſetzes, hinter deſſen Ladentiſch er ſtand, bedient werden ſollten— nahm die Angaben des Herrn Braß ungefähr mit eben ſo viel Intereſſe und Ueberraſchung hin, die etwa ein Leichenbeſorger an den Tag legen würde, wenn er einen umſtändlichen Bericht über die letzte Krankheit einer Perſon anhören ſollte, zu deren Beſchickung er profeſſionsmäßig beigezogen wurde; dann verhaftete er Kit mit anſtän⸗ diger Gleichmüthigkeit. „Wir thäten beſſer,“ ſagte dieſer untergeordnete Diener der Gerechtigkeit,„uns an das Gericht zu wenden, ſo lange noch eine Magiſtratsperſon da iſt. Ich muß Sie daher auffordern, Herr Braß, mit uns zu kommen, und die—“ er ſah dabei Miß Sally an, als trage er einigermaßen Bedenken, ob ſie nicht eine Greifin oder ein anderes fabelhaftes Ungeheuer ſey. „Die Dame, he?“ half Sampſon nach. „Ah!“ verſetzte der Conſtable.„Ja— die Dame. Deßgleichen auch den jungen Mann, der die Note gefunden hat.“ „Herr Richard,“ ſagte Braß mit wehmüthiger Stimme, ves iſt eine traurige Nothwendigkeit. Aber der Altar des Vaterlandes, Sir—„ „Sie werden vermuthlich eine Miethkutſche neh⸗ men?“ fiel der Conſtable ein, indem er Kit, den ſeine andern Häſcher losgelaſſen hatten, ein wenig über dem Ellbogen ſorglos am Arme hielt. Wollen Sie ſo gut ſeyn und nach einer ſolchen ſchicken, wie?“ „Aber laſſen Sie mich nur ein Wort ſprechen,“ rief Kit, die Augen erhebend und flehentlich um ſich ſchauend.„Hören Sie mich doch an. Ich bin eben ſo wenig ſchuldig, als einer von Ihnen. Bei meiner Seele, ich bin unſchuldig. Ich, ein Dieb! O Herr Braß, Sie kennen mich beſſer. Gewiß, Sie kennen mich beſſer. Es iſt in der That nicht Recht von Ihnen.“ „Ich gebe Ihnen mein Wort, Conſtable—* ſagte Braß. Hier legte ſich jedoch der Conſtable mit dem con⸗ ſtitutionellen Prinzip ins Mittel, daß Worte leicht wie Wind ſeyen, indem er dieſelben für Löffelkoſt unmün⸗ diger Kinder und Säuglinge erklärte, ſintemalen nur Eide die wahre Nahrung für kräftige Män⸗ ner ſeyen. „Vollkommen richtig, Conſtable,“ flüſterte Braß in demſelben wehmüthigen Tone bei.„Das kann nicht fehlen. Ich gebe Ihnen die eidliche Verſiche⸗ rung, Conſtable, daß ich noch einige Minuten vor dieſer fatalen Entdeckung eine ſolche Zuverſicht zu dieſem Jungen hatte, daß ich ihm die Obhut über mein— eine Miethkutſche, Herr Richard; Sie ſind ſo gar langſam, Sir.“ „Wo iſt Jemand, der mich kennt,“ rief Kit,„und mir nicht vertrauen würde? Fragt Jedermann, ob man je den mindeſten Zweifel in mich geſetzt hat, 193 und ob ich jemals auch nur einen Heller veruntreute. Ich bin nie unehrlich geweſen, ſo lang ich arm und hungrig war; iſt es da wohl wahrſcheinlich, daß ich jetzt anfangen werde? O ſeht euch vor, was ihr thut. Wie kann ich den wohlwollendſten Freunden, die je ein menſchliches Weſen hatte, unter die Augen treten, während eine ſolche Anſchuldigung auf mir haftet?“ Herr Braß entgegnete, der Gefangene würde gut gethan haben, wenn er das früher bedacht hätte, und ſchickte ſich eben an, noch einige weitere unheim⸗ liche Bemerkungen zu machen, als ſich die Stimme des ledigen Herrn vernehmen ließ, der von oben herunter fragte, was es gebe, und was all' dieſer Lärm bedeuten ſolle. Kit machte in der Angſt ſeines Herzens eine unwillkürliche Bewegung nach der Thüre, um ſich zu verantworten, wurde aber haſtig von dem Conſtable zurückgehalten und mußte mit bitterem Schmerz ſehen, wie Braß allein hinauslief, um die Geſchichte in ſeiner eigenen Weiſe zu erzählen. „Und er kann es kaum glauben,“ ſagte Samp⸗ ſon, als er wieder zurückkehrte;„es geht aller Welt ſo. Ich wollte ſelber auch, ich könnte das Zeugniß meiner Sinne bezweifeln, aber ihre Ausſagen ſind zu unumſtößlich. Es führt zu nichts, meine Augen in ein Kreuz⸗ und Querverhör zu nehmen,“ rief Samp⸗ ſon blinzelnd, indem er ſeine Sehwerkzeuge rieb; „ſie beharren auf ihrer erſten Ausſage und wollen nicht davon abweichen. Nun, Sarah, ich höre Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 13 draußen die Kutſche; hole deinen Hut, damit wir fortkommen. Eine traurige Verrichtung! Recht eigent⸗ lich ein moraliſches Leichenbegängniß!“ „Herr Braß,“ ſagte Kit,„erweiſen Sie mir nur eine einzige Gunſt. Bringen Sie mich zuerſt zu Herrn Witherden.“ Sampſon ſchüttelte unſchlüſſig ſeinen Kopf. „Ach, thun Sie es,“ flehte Kit.„Mein Herr iſt dort. Um's Himmelswillen, bringen Sie mich zuerſt dorthin.“ „Ei, ich weiß nicht,“ ſtammelte Braß, der viel⸗ leicht ſeine Gründe hatte, in den Augen des Notars ſo rein als möglich daſtehen zu wollen.„Wie ſtehen wir im Punkte der Zeit, Conſtable? He?“ Der Conſtable, der die ganze Zeit über mit großer philoſophiſcher Ruhe an einem Strohhalme genagt hatte, entgegnete, wenn ſie gleich gingen, ſo hätten ſie noch Zeit genug; wenn ſie aber noch lange daſtünden und tallanſchten, ſo müßten ſie gleich nach dem Detentionshauſe gehen; dieß ſey ſchließlich ſeine Meinung in der Sache, und weiter wolle er nichts geſagt haben. Da Herr Swiyveller in der Kutſche zurückge⸗ kommen war und noch immer in der bequemſten Ecke, das Geſicht den Pferden zugekehrt, ſaß, ſo forderte Braß den Polizeibeamten auf, ſeinen Ge⸗ fangenen abzuführen, indem er zugleich erklärte, daß er bereit ſey. Der Conſtable, der Kit noch immer in derſelben 195 Weiſe feſthielt und ihn ein wenig vor ſich hinſchob, ſo daß er ihn(der gewohnten Weiſe gemäß) unge⸗ fähr drei Viertel Armslänge vor ſich hatte, ſtieß ihn ſofort in den Wagen und folgte ſelber nach. Dann kam Miß Sally; und da jetzt vier innen ſaßen, ſo ſtieg Sampſon Braß auf den Bock und hieß den Kutſcher weiter fahren. Noch völlig betäubt von dem plötzlichen und ſchreck⸗ lichen Wechſel, der mit ſeinen Verhältniſſen vorgegangen war, ſtierte Kit zum Kutſchenfenſter hinaus, feſt hoffend, in den Straßen irgend eine ungeheure Erſcheinung zu ſehen, die ihm Grund gebe, zu glauben, daß Alles nur ein Traum ſey. Leider war aber Alles nur zu wirklich und gewöhnlich: daſſelbe Aufeinanderfolgen der Stra⸗ ßenwindungen, dieſelben Häuſer, derſelbe Menſchen⸗ ſtrom, der ſich zu beiden Seiten in verſchiedenen Richtungen über das Pflaſter hintrieb, daſſelbe Kar⸗ ren⸗ und Wagengeraſſel, dieſelben wohlbekannten Gegenſtände in den Ladenfenſtern— eine Regelmä⸗ ßigkeit ſogar in dem lärmenden Treiben, wie ſie nie ein Traum wiederſpiegeln konnte. So ſehr ihm auch Alles wie ein Traum erſchien, ſo war es doch eine traurige Wirklichkeit. Er war des Diebſtahls bezüchtigt; die Banknote war bei ihm gefunden worden, obſchon er unſchuldig war in Gedanken und That; und man führte ihn fort— als einen Ge⸗ fangenen. In dieſe ſchmerzlichen Betrachtungen vertieft, mit ſinkendem Herzen an ſeine Mutter und den kleinen 13*† Jacob denkend, im Gefühle, daß ſelbſt das Bewußt⸗ ſeyn ſeiner Unſchuld ihn gegenüber von ſeinen Freun⸗ den nicht zu tröſten vermöchte, wenn ſie ihn ſchuldig glaubten, und mehr und mehr die Hoffnung und den Muth verlierend, je näher ſie zum Hauſe des Notars kamen, ſchaute der arme Kit ſehnſüchtig durch das Fen⸗ ſter, ohne daß er überhaupt ſah, was um ihn vorging, — als er mit einemmale, als wäre es durch Zauberei heraufbeſchworen, Quilps Geſicht gewahr wurde. Und welch ein Hohn lauerte in dieſem Geſichte! Es ſah aus dem offenen Fenſter einer Schenke her⸗ aus; und der Zwerg hatte ſich ſoweit vorgebeugt, die Ellenbogen auf den Fenſterſims geſtemmt und den Kopf auf beide Hände geſtützt, ſo daß er in dieſer Haltung und angeſchwellt von einem unter⸗ drückten Gelächter, zweimal ſo breit und aufgeblaſen als gewöhnlich erſchien. Sobald Braß ihn erkannte, ließ er ſogleich die Kutſche Halt machen. Dieß ge⸗ ſchah unmittelbar dem Hauſe gegenüber, und der Zwerg nahm nun ſeinen Hut ab, um die Partie mit einer ſcheußlichen und grotesken Höflichkeit zu grüßen. „Aha!“ rief er.„Wohin jetzt, Braß— wohin? Sally auch bei Ihnen? Die ſüße Sally! Und Dick? Der angenehme Dick! Und Kit? Der ehr⸗ liche Kit!“ „Er iſt außerordentlich luſtig!“ ſagte Braß zu dem Kutſcher.„In der That ganz außerordentlich * 197 luſtig! Ach, Sir, ein trauriges Geſchäft! Da glaube Einer wieder an Ehrlichkeit, Sir.“ „Warum nicht?“ entgegnete der Zwerg.„Warum nicht, Ihr Spitzbube von einem Advokaten— warum nicht?“ „Im Bureau eine Banknote verloren gegangen,“ ſagte Braß kopfſchüttelnd.„Gefunden in ſeinem Hute, Sir— war unmittelbar vorher allein dort — kann gar nicht fehlen, Sir— eine Kette voll⸗ ſtändiger Beweiſe— kein Glied fehlend.“ „Was?“ rief der Zwerg, den halben Leib zu dem Fenſter herauslehnend.„Kit ein Dieb? Kit ein Dieb? Ha, ha, ha! Ei er iſt ein häßlicherer Dieb, als man irgendwo einen für einen Penny zu ſehen kriegt. He, Kit,— he? Ha, ha, ha! Habt ihr Kit in Gewahrſam gebracht, ehe er Zeit und Gelegenheit hatte, mich durchzuprügeln— he, Kit, he?“ Und nun brach er in ein gellendes Gelächter aus, ob dem ſich der Kutſcher höchlich entſetzte, und zeigte auf eine nebenſtehende Färberſtange, wo ein herunterbaumelnder Anzug eine große Aehnlichkeit mit einem Gehängten hatte. 3 „Iſt es ſo weit gekommen, Kit?" rief der Zwerg, indem er haſtig ſeine Hände rieb.„Ha, ha, ha, ha! Was werden der kleine Jacob und ſeine allertheuerſte Frau Mutter für Augen machen. Sorgen Sie dafür, Braß, daß man ihm den Bethelpfarrer zum Tröſter gibt. He, Kit, he? Vorwärts, Kutſcher, vorwärts! Gott befohlen, Kit; alles Gute mit dir! Sey heiteren Muthes; ſchöne Grüße an Garlands— den lieben alten Herrn und ſeine Frau. Sage ihnen, ich habe nach Ihnen gefragt— willſt du? Gottes Segen über ſie und über dich und über Jedermann, Kit. Gottes Segen über die ganze Welt.“ Mit ſolchen guten Wünſchen zum Abſchied, die ſich in einem fort ergoßen, bis ſie nicht mehr zu hören waren, begleitete Quilp die ſich entfernende Kutſche, und als er ſie nicht mehr ſehen konnte, zog er den Kopf zurück und rollte ſich in einer Wonne⸗ verzückung auf dem Boden. Bald nachher langten ſie an dem Hauſe des Notars an,(denn ſie waren dem Zwerg nicht weit davon in einer Nebengaſſe begegnet) und Herr Braß ſtieg ab. Er öffnete mit melancholiſchem Geſichte den Kutſchenſchlag und erſuchte ſeine Schweſter, ihn in das Bureau zu begleiten, damit man die guten Leute innen auf die Trauerpoſt, die ihrer harrte, vorbereiten könne. Miß Sally willigte ein und er⸗ ſuchte Herrn Swiveller, ſie zu begleiten. Sofort gingen ſie in das Bureau— Herr Sampſon Arm in Arm mit ſeiner Schweſter und Herr Swiveller allein hintendrein. Der Notar ſtand in dem Vorzimmer am Feuer und plauderte mit Herrn Abel und dem älteren Garland, während Herr Chuckſter an dem Pulte ſchrieb und gelegentlich einige Brocken von der Un⸗ terhaltung auffing. Herr Braß bemerkte dieſen Stand der Dinge durch die Glasthüre, als er eben im Be⸗ +⸗, 199 griffe war, auf die Klinke zu drücken, und ſobald er bemerkte, daß der Notar ihn erkannt hatte, begann er, ungeachtet der Scheidewand, die ſie noch trennte, den Kopf zu ſchütteln und ſchwer zu ſeufzen. „Sir,“ ſagte Sampſon, indem er ſeinen Hut abnahm und die beiden Vorderfinger ſeines rechten Biberhandſchuhes küßte—„mein Name iſt Braß — Braß von Bevis⸗Marks, Sir. Ich habe die Ehre und das Vergnügen gehabt, Sir, in einer kleinen Teſtamentsangelegenheit gegen Sie aufzutreten. Wie geht es Ihnen, Sir?“ „Wenn Sie in Geſchäftsangelegenheiten kommen, ſo mögen Sie ſich an meinen Schreiber wenden, Herr Braß,“ ſagte der Notar, ihm den Rücken zu⸗ kehrend. „Ich danke Ihnen, Sir,“ verſetzte Braß.„Je⸗ denfalls ſehr verbunden. Erlauben Sie mir, Sir, Ihnen meine Schweſter vorzuſtellen— ſie gehört ganz zu den Unſrigen, Sir, obgleich von dem ſchwãä⸗ chern Geſchlecht— ich verſichere Sie, Sir, ſie iſt mir von großem Nutzen in meinen Geſchäften. Herr Richard, haben Sie die Güte, vorzutreten, wenn es Ihnen beliebt.— Nein, nein, in der That“ fügte Braß bei, indem er zwiſchen den Notar und deſſen Privatbureau trat, nach welchem ſich der letztere zurückziehen wollte, und ganz den Ton eines verletz⸗ ten Mannes annahm;„in der That, Sir, ich muß mit Ihrem Wohlnehmen Sie um ein Wort oder zwei bitten.“ 3 200 „Herr Braß,“ entgegnete der andere mit entſchie⸗ denem Tone,„ich bin beſchäftigt. Sie ſehen, daß dieſe Herrn Anſpruch auf mich machen. Wenn Sie Ihr Anliegen Herrn Chuckſter dort eröffnen wollen, ſo wird er Ihnen jede Aufmerkſamkeit widmen.“ „Meine Herrn,“ ſagte Braß, indem er die rechte Hand an ſeine Weſte legte und mit einem glatten Lächeln auf den jungen Garland und ſeinen Vater ſah—„meine Herrn, ich berufe mich auf Sie— in der That, meine Herrn— bedenken Sie, ich bitte. Ich bin ein Mann vom Fach. Ich trage den Titel, Gentleman’ vermöge einer Parlamentsacte. Ich behaupte dieſen Titel durch jährliche Entrichtung von zwölf Pfund Sterling für das Certifikat. Ich bin keiner von jenen Muſtikanten, Komödianten, Bücherſchreibern oder Bildermalern, die ſich eine Stellung anmaßen, welche die Geſetze ihres Landes nicht anerkennen. Ich bin kein Vagabund, kein wandernder Comödiant. Wenn Jemand eine Klage gegen mich vorbringt, ſo muß er mich als einen Gentleman tituliren, oder ſeine Klage iſt null und nichtig. Ich berufe mich auf Sie— geht man ganz achtbar mit mir um! In der That, meine Herrn—“ „Nun, ſo wollen Sie die Güte haben, Ihr Anliegen vorzubringen, Herr Braß?“ unterbrach ihn der Notar. „Ja wohl, Sir,“ verſetzte Braß.„Ah, Herr Witherden! Sie können wenig von der— aber ich 201 will mich nicht verlocken laſſen, von der Hauptſache abzugehen, Sir. Ich glaube, der Name von einem dieſer Herrn iſt Garland 29 „Von beiden,“ entgegnete der Notar. „Wirk⸗lich?“ erwiederte Braß, außerordentlich kriechend.„Ich hätte dieß jedoch aus der ungemeinen Aehnlichkeit entnehmen können. Ich ſchätze mich in der That außerordentlich glücklich, die Ehre zu haben, zwei ſolche Herrn kennen zu lernen, obgleich der Anlaß ein höchſt peinlicher iſt. Einer von Ihnen, meine Herrn, hat einen Diener, der Kit heißt?“ „Beide,“ verſetzte der Notar. „Zwei Kits?“ ſagte Braß lächelnd.„Du mein Himmel!“ „Einen Kit, Sir,“ entgegnete Herr Witherden ärgerlich,„der dieſe beiden Herrn bedient. Was iſts mit ihm?“ „So viel iſt's mit ihm, Sir,“ erwiederte Braß, indem er ſeine Stimme nachdrücklich dämpfte.„Dieſer junge Menſch, Sir, in den ich ein unbedingtes und ſchrankenloſes Vertrauen ſetzte, und den ich immer wie meines Gleichen behandelte— dieſer junge Menſch hat dieſen Morgen auf meinem Bureau einen Dieb⸗ ſtahl begangen und iſt faſt auf der That erwiſcht worden.“ „Da iſt jedenfalls ein Betrug um den Weg!“ rief der Notar. „Es iſt nicht möglich!“ ſagte Herr Abel. „Ich glaube kein Wort davon,“ rief der alte Herr. Herr Braß blickte ſie der Reihe nach mild an und entgegnete: „Herr Witherden, Ihre Worte enthalten die Begründung einer Klage, und wenn ich ein Mann von gemeiner und niedriger Stellung wäre, auf dem eine Verläumdung haften bliebe, ſo würde ich wegen Schadenserſatzes gegen Sie auftreten. Da ich jedoch bin, wer ich bin, Sir, ſo kann ich ſolche Ausdrücke blos verachten. Die edle Wärme der andern Herren reſpektire ich, und es thut mir in der That leid, daß ich der Bote ſolch mißliebiger Neuigkeiten bin. Ich verſichere Sie, daß ich mich nicht in dieſe peinliche Stellung verſetzt haben würde, aber der Junge ſelbſt verlangte in erſter Inſtanz hieher gebracht zu werden, und ich willfahrte ſeinem Geſuche. Herr Chuckſter, wollen Sie die Güte haben, an dem Fenſter dem Conſtable zu klopfen, der in der Kutſche wartet?“ Die drei Herren ſahen ſich während dieſer Worte gegenſeitig mit leichenfahlem Geſichte an, und Herr Chuckſter, welcher der Aufforderung Folge leiſtete und von ſeinem Schreibebocke ſo ziemlich in der Aufregung eines begeiſterten Sehers herunterſprang, deſſen Vor⸗ ausſagen ſich nach erfüllter Zeit verwirklichten, öffnete die Thüre für den Eintritt des unglücklichen Ge⸗ fangenen. Man denke ſich den Auftritt, als Kit herein kam und in die rohe Beredſamkeit, womit ihn die Wahr⸗ heit endlich begeiſtert hatte, ausbrach, den Himmel zum Zeugen anrufend, daß er unſchuldig ſey und 20³ daß er durchaus nicht wiſſe, wie die bei ihm gefun⸗ dene Banknote in ſeinen Hut gekommen! Dann das Stimmengewirre, ehe die Umſtände berichtet und die Beweiſe vorgelegt waren, und endlich die Todtenſtille, als man alles wußte und ſeine drei Freunde Blicke des Zweifels und Staunens wechſelten. „Iſt es nicht möglich,“ ſagte Herr Witherden nach einer langen Pauſe,„daß dieſe Note durch Zufall ihren Weg in den Hut gefunden hat— durch Wegräumen der Papiere von dem Pulte vielleicht?“ Es wurde jedoch klärlich nachgewieſen, daß dieß ganz unmöglich ſey. Herr Swiveller, obgleich ein unfreiwilliger Zeuge, konnte nicht umhin, aus der Lage, in welcher er die Note gefunden, darzuthun, daß ſie abſichtlich daſelbſt verborgen worden war. „Es iſt ſehr betrübend,“ ſagte Braß,„ja, un⸗ gemein betrübend. Wenn es ſo weit kommt, daß er verurtheilt wird, ſo werde ich mich ſehr glücklich ſchätzen, ihn wegen ſeines früheren guten Charakters der Gnade zu empfehlen. Ich bin auch früher ſchon um Geld gekommen, aber es folgt daraus nicht ganz, daß er es genommen habe. Freilich iſt der Verdacht gegen ihn— ſtark gegen ihn— aber wir ſind Chri⸗ ſten, hoffe ich.“ „Vermuthlich,“ ſagte der Conſtable, indem er umherſchaute,„kann keiner der anweſenden Herrn Auskunft geben, ob er kürzlich viel bei Geld geweſen iſt. Wiſſen Sie vielleicht etwas, Sir?“ „Er hatte allerdings von Zeit zu Zeit Geld,“ 204 entgegnete Garland, an den die Frage geſtellt worden war.„Aber das wurde ihm, wie er ſagte, von Herrn Braß ſelbſt gegeben.“ „Ja, gewiß,“ ſagte Kit lebhaft.„Sie können mich in dieſer Beziehung vertreten, Sir?“ „Eh,“ rief Braß, indem er mit dem Ausdruck dummer Verwunderung von einem Geſichte auf das andere blickte. „Das Geld, wiſſen Sie— die halben Kronen, die Sie mir gaben— von dem Miethsmann,“ ſagte Kit. „O, barmherziger Himmel!“ rief Braß, den Kopf ſchüttelnd und finſter die Stirne runzelnd.„Das iſt ein böſer Fall, finde ich; in der That, ein ſehr böſer Fall.“ „Wie, haben Sie ihm nicht für Rechnung eines Anderen Geld gegeben?“ fragte Herr Garland in großer Angſt. „Ich ihm Geld gegeben, Sir?“ erwiederte Sampſon.„Sehe man einmal, das iſt zu unverſchämt. Conſtable, mein guter Freund, es wird am beſten ſeyn, wir gehen.“ „Was?“ ſchrie Kit.„Er läugnet es, daß er es that? Ich bitte, frage ihn doch Jemand. Fragt ihn; er ſoll ſagen, ob er es that, oder nicht!“ „Iſt es ſo, Sir?“ fragte der Notar. „Ich will Ihnen was ſagen, meine Herrn,“ verſetzte Braß mit ungemein gravitätiſcher Miene, ner wird auf dieſe Weiſe ſeiner Sache ſchlecht dienen, und in der That, wenn Sie Antheil an ihm nehmen, ſo werden Sie gut thun, wenn Sie ihm den Rath geben, auf einen andern Gang anzulegen. Ob dem ſo ſey, Sir? Natürlich gab ich ihm nie etwas.“ „Meine Herrn,“ rief Kit, dem plötzlich ein Licht aufging,„Herr Garland, Herr Abel, Herr Wither⸗ den, Sie alle mögen es hoͤren— er that es! Ich weiß nicht, was ich ihm zu Leid gethan habe, aber hier iſt ein Complott geſchmiedet, um mich zu ver⸗ nichten. Denken Sie daran, meine Herrn, es iſt ein Complott, und was auch dabei herauskommen mag, ich will bis zu meinem letzten Athemzug behaupten, daß er die Note ſelbſt in den Hut gethan hat. Sehen Sie ihn an, meine Herrn. Sehen Sie, wie er die Farbe verändert. Wer von uns ſieht jetzt wie der Schuldige aus?— er, oder ich?“ „Hören Sie ihn, meine Herrn?“ ſagte Braß lächelnd,„hören Sie ihn? Nun, duünkt es Ihnen, als ob dieſer Fall eine ſchwarze Geſtalt annehme? Iſt es nach Ihrer Anſicht überhaupt ein Fall von tückiſcher Hinterliſt oder iſt es nur ein gewöhnliches Verbrechen? Sie würden vielleicht auch dieß für unmöglich gehalten haben, meine Herrn, wenn Sie es nur von mir und nicht aus ſeinem eigenen Munde gehört hätten— he?“ Mit ſolchen ruhigen Spottreden wies Herr Braß die ſchmachvolle Befleckung ſeines Charakters von ſich; aber die tugendhafte Sarah, die von ſtärkeren Ge⸗ fühlen beſeelt wurde und im Grunde ihres Herzens vielleicht eine eiferſüchtigere Achtung für die Ehre ihrer Familie bewahrte, flog ohne weitere Andeutung ihrer Abſicht von der Seite ihres Bruders weg und ſtürzte in der höchſten Wuth auf den Gefangenen los. Auch würde es ohne Zweifel Kit's Geſichte ſchlimm gegangen ſeyn, wenn nicht der vorſichtige Conſtable, der in's Feuer hineinſah, ihn in dem kritiſchen Augen⸗ blicke bei Seite gezogen und ſo Herrn Chuckſter in einigermaßen gefährliche Umſtände verſetzt hätte; denn da dieſer Gentleman zufälligerweiſe der nächſte Gegen⸗ ſtand von Miß Sarah's Zorn war und bekannter⸗ maßen die Wuth, wie das Glück und die Liebe, blind iſt, ſo ſtürzte die ſchöne Herzensbändigerin auf ihn los, riß ihm einen falſchen Hemdkragen mit den Wurzeln heraus und zerzauste ihm tüchtig das Haar, ehe die Anſtrengungen der übrigen Geſellſchaft ihr den Irrthum begreiflich machen konnten. Der Conſtable, der ſich dieſen verzweifelten An⸗ griff zur Warnung dienen ließ und vielleicht dachte, daß es dem Zwecke der Gerechtigkeit angemeſſener ſey, wenn der Gefangene ganz, als wenn er in kleine Stücke zerriſſen vor den Richter geſtellt werde, führte Kit ohne weitern Lärm nach der Miethkutſche zurück und beſtand durchaus darauf, daß Miß Braß mit der Außenſeite des Wagens vorlieb nehmen müſſe, welchem Vorſchlag ſich endlich das bezaubernde Weſen nach einem kleinen zornigen Wortwechſel fügte. Sie nahm den Platz ihres Bruders auf dem Bocke ein, während Herr Braß mit einigem Widerſtreben ſich heranließ, den ihrigen im Innern des Wagens zu 207 beſetzen. Nachdem dieſe Vorkehrungen beendigt waren, fuhren ſie in aller Haſt nach dem Gerichtshofe, und der Notar nebſt ſeinen zwei Freunden folgte in einer andern Kutſche nach. Nur Herr Chuckſter wurde zurückgelaſſen— und zwar ſehr zu ſeiner Entrüſtung, denn er hielt das Zeugniß, das er über Kit's Rück⸗ kehr, um den Shilling abzuverdienen, hätte geben können, für einen ſo weſentlichen Beitrag zur Be⸗ zeichnung ſeines heuchleriſchen und hinterliſtigen Cha⸗ rakters, daß er die Unterdrückung deſſelben für nicht viel beſſer, als für einen gütlichen Vergleich über ein Staatsverbrechen anſah. In dem Gerichtsſaale fanden ſie den ledigen Herrn, der ſich ſchnurſtraks dahin begeben hatte und ſie mit verzweifelter Ungeduld erwartete. Aber nicht fünfzig ledige Herrn, zu einem einzigen incorporirt, hätten dem armen Kit helfen können, der eine halbe Stunde nachher in die Anklageliſte geſchrieben war und auf ſeinem Wege nach dem Gefängniß von einem freund⸗ lichen Gerichtsdiener die Verſicherung erhielt, daß durchaus kein Grund vorhanden ſey, niedergeſchlagen zu ſeyn, denn die Sitzungen würden bald angehen, und dann dürfe er mit großer Wahrſcheinlichkeit darauf zählen, daß ſeine kleine Angelegenheit bald abgethan und er in weniger als vierzehn Tagen ganz behaglich deportirt ſey. 54 4— Der Naritätenladen. — Einundſechzigſtes Kapitel. Mögen die Moraliſten und Philoſophen ſagen, was ſie wollen, jedenfalls fragt es ſich ſehr, ob ein Schuldiger ſich in jener Nacht nur halb ſo elend gefühlt haben würde, als es bei dem armen Kit trotz ſeiner Unſchuld der Fall war. Die Welt, die ohne Unterlaß eine Menge der größten Ungerechtig⸗ keiten begeht, tröſtet ſich nur allzugerne mit der Idee, daß das Opfer ihres Trugs und ihrer Bosheit, ſo ferne es nur ein reines Gewiſſen hat, unmöglich unter ſeinen Prüfungen erliegen kann und auf die eine oder die andere Weiſe endlich zu ſeinem Rechte gelangen muß, vin welchem Falle,“ ſagen diejenigen, welche es zu Tode gehetzt haben,„— obgleich es nicht zu erwarten ſteht— niemand ſich mehr freuen wird, als wir.“— Die Welt würde indeſſen recht wohl thun, zu bedenken, daß die Ungerechtigkeit an ſich ſchon für jeden edlen und kräftigen Geiſt die unleidlichſte, quä⸗ lendſte und unerträglichſte Kränkung iſt, und daß* manches geſunde Herz drüber brach, manches reine Gewiſſen ſeine Rechtfertigung jenſeits ſuchen mußte; denn das Bewußtſeyn der Unſchuld erhöht nur das Leiden und macht es unerträglicher. 1 209 In Kit's Lage war jedoch der Welt nichts vor⸗ zuwerfen. Er war zwar unſchuldig, aber in diefem Bewußtſeyn und in dem Gefühle, daß ſeine beſten Freunde ihn ſchuldig glaubten— daß Herr und Ma⸗ dame Garland ihn als ein Scheuſal von Undankbar⸗ keit betrachten müßten— daß B ſchlimm und verbrecheriſch iſt, ſeine eigene Mutter den gewichtigen Zeugniſſen, die gegen ihn ſprachen, Glauben beimeſſen und in ihm den Elenden ſehen könnte, welcher er dem Anſcheine nach war— in dem Gefühle alles deſſen erlitt er anfangs eine Seelenqual, die ſich nicht in Worten beſchreiben läßt, und er ging in der kleinen Zelle, in welche er die Nacht über eingeſchloſſen war, faſt wahnſinnig vor Kummer und Schmerz auf und nieder. Und ſelbſt als der Sturm dieſer Gefühle ſich einigermaßen beſchwichtigt hatte und er ruhiger zu werden anfing, tauchte ein neuer Gedanke in ſeiner Seele auf, der ihn kaum weniger ängſtigte. Nell— m Leben des einfachen naben— ſie, die immer wie ein ſchöner Traum zu aſeyns zum glücklichſten und beſten gemacht hatte — die immer ſo edel, ſo rü 210 Während er ſich dieſem Gedanken hingab, ſchienen die Mauern ſeines Gefängniſſes wegzuſchmelzen, und an ihre Stelle trat das alte Haus, wie es gewöhn⸗ lich an Winterabenden war— der Herd, der kleine Tiſch, des alten Mannes Hut, Rock und Stock, die halboffene Thüre, die zu ihrem kleinen Kämmerchen führte,— alles war wieder da. Und Nell ſelbſt war da, und er— beide herzlich lachend, wie ſie ſo oft gethan hatten— und als Kit ſo weit gekommen war, konnte er nicht weiter, ſondern er warf ſich auf ſein ärmliches Lager und weinte. Es war eine lange Nacht, die kein Ende nehmen zu wollen ſchien; doch ſchlief er auch und träumte — immer von der Freiheit, in welcher er draußen herumſchweifte, bald mit dieſem, bald mit einem andern, doch ſtets unter der unbeſtimmten Furcht, wieder in das Gefängniß geſchleppt zu werden; nicht gerade in dieſes Gefängniß, ſondern nach einem, von dem er nur eine dunkle Vorſtellung hatte— es war kein Ort, nein, nur ein Aufenthalt des Kummers und der Sorge, etwas Niederdrückendes, nicht von hinnen Weichendes, obſchon er außer Stande war, ſich einen Begriff davon zu bilden. Endlich grauete der Morgen, und da war der Kerker ſelbſt— kalt, düſter und traurig, aber in der That ein wirklicher Kerker. Er blieb übrigens ſich ſelbſt überlaſſen, und das war ein Troſt für ihn. Er durfte zu einer beſtimm⸗ ten Stunde in einem kleinen gepflaſterten Hofe ſpa⸗ 211 zieren gehen und hörte von dem Kerkermeiſter, der ſeine Zelle aufſchloß und ihm zeigte, wo er ſich wa⸗ ſchen könne, daß die Gefangenen jeden Tag zu einer gewiſſen Zeit Beſuche annehmen dürften; wenn alſo Jemand von ſeinen Freunden zu ihm kommen wollte, ſo würde er ihn zu dem Gitter hinunterholen. Nach⸗ dem ihm der Mann dieſe Nachricht mitgetheilt und eine zinnerne Schüſſel eingehändigt hatte, welche das Frühſtück enthielt, ſchloß er ihn wieder ein, ging raſſelnd durch den ſteinernen Gang, und öffnete und ſchloß viele andere Thüren, zahlloſe laute Echo's weckend, die lange noch durch das Gebäude hallten, als wären auch ſie hier eingeſperrt, ohne hinaus zu können. Der Gefängnißwärter hatte ihm zu verſtehen gegeben, daß er, wie ein paar Andere, abgeſchieden von dem großen Haufen der Gefangenen unterge⸗ bracht worden ſey, weil man ihn nicht für ganz ver⸗ derbt und verloren halte und er früher noch nie in der Anſtalt geweſen ſey. Kit erwies ſich dankbar für dieſe Nachſicht, ſetzte ſich nieder und las ſehr aufmerkſam den Kirchenkatechismus(obgleich er ihn von früher Kindheit an auswendig wußte), bis er den Schlüſſel in dem Schloͤſſe klirren hörte und der Mann wieder eintrat. „Nun denn,“ ſagte er,„komm er mit.“ „Wohin, Sir? fragte Kit. Der Mann begnügte ſich mit der kurzen Ant⸗ wort:„Beſuch,“ nahm ihn dann genau ſo, wie Tags 3 14* 212 zuvor der Conſtable, beim Arme, und führte ihn durch mehrere verſchlungene Gänge und ſtarke Thore nach einer Flur, wo er ihn nach einem Gitter wies und ſich entfernte. Etwa vier oder fünf Fuß hinter dieſem Gitter befand ſich ein zweites, und zwiſchen beiden ſaß ein Schließer, der eine Zeitung las. Jen⸗ ſeits der äußeren Barriere erblickte jedoch Kit mit klopfendem Herzen ſeine Mutter, die das Büblein auf dem Arme hatte, Barbara's Mutter, mit dem nie fehlenden Regenſchirme, und den armen kleinen Jakob, der aus Leibeskräften hereinſtierte, als ſehe er ſich nach dem Vogel oder dem wilden Thiere um, und als dächte er, die Menſchen wären nur zufällig hier und könnten mit den eiſernen Stangen unmög⸗ lich etwas zu ſchaffen haben. Sobald aber der kleine Jakob ſeines Bruders anſichtig wurde und bemerkte, daß derſelbe, obgleich er ſeine Arme durch das Gitter ſteckte, um ihn zu umarmen, nicht näher kam, ſondern weit weg ſtehen blieb, den Kopf auf den Arm geſenkt, welchen er auf eine der Eiſenſtangen ſtützte, begann er höchſt kläglich zu weinen, worauf Kits Mutter und Bar⸗ bara's Mutter, die ſich allen nur möglichen Zwang angethan hatten, auf's Neue in ein Schluchzen und Weinen ausbrachen. Der arme Kit konnte nicht um⸗ hin, mit einzuſtimmen, und Niemand von allen war im Stande, auch nur ein Wort zu ſprechen. Der Schließer las während dieſer trübſeligen Pauſe ſeine Zeitung mit einer ſchmunzelnden Miene 71 * 12 * 213 (denn er war augenſcheinlich unter die humoriſtiſchen Aufſätze gerathen), bis er zufällig für einen Moment ſeine Augen erhob, als wolle er mittelſt Nachdenkens irgend einen tiefer liegenden Witz bis in's Mark er⸗ gründen, und bei dieſer Gelegenheit fiel es ihm zum erſtenmal auf, daß Jemand weinte. „Nun, meine Damen, meine Damen,“ ſagte er, überraſcht umſchauend,„ich möchte euch rathen, eure Zeit nicht in dieſer Weiſe zu vergeuden. Sie iſt hier etwas abgemeſſen, müßt ihr wiſſen. Auch dürft ihr das Kind keinen ſolchen Lärm machen laſſen. Es iſt gegen alle Regel.“ „Ich bin ſeine arme Mutter, Sir,“ ſchluchzte Frau Nubbles, ſich verbeugend,„und dieß iſt ſein Bruder, Sir. Ach, mein Gott, mein Gott!“ „Nun,“ verſetzte der Schließer, indem er ſeine Zeitung auf dem Knie zuſammenlegte, ſo daß er mit größerer Bequemlichkeit auf die nächſte Spalte über⸗ gehen konnte;„ihr wißt, es führt doch zu nichts. Er iſt nicht der einzige, der hier feſt ſitzt. Ihr braucht da keinen ſolchen Lärm darüber zu machen!“ Nach dieſen Worten fuhr er zu leſen fort. Der Mann war von Natur nicht grauſam oder hart⸗ herzig, und hatte es ſo weit gebracht, Verbrechen als eine Art Krankheit, etwa wie das Scharlachfieber oder den Rothlauf, zu betrachten; einige Leute hatten's — andere hatten's nicht— wie ſich's eben traf. „O mein lieber Kit,“ rief ſeine Mutter, der Barbara's Mutter mitleidig das Bübchen abgenom⸗ men hatte.„Daß ich meinen armen Knaben hier ſehen muß!“ „Ihr glaubt doch nicht, daß ich gethan habe, was man mir zur Laſt legt, liebe Mutter?“ entgeg⸗ nete Kit mit erſtickter Stimme. „Ob ich es glaube?“ rief die arme Frau.„Ich, die dich nie eine Lüge ſagen hörte oder nie eine böſe Handlung bei dir ſah von deiner Wiege auf— der du mir nie einen Augenblick Sorge gemacht haſt, außer der um das kümmerliche Eſſen, welches du mit ſolcher Freudigkeit und Zufriedenheit hinnahmſt, daß ich vergaß, wie wenig es war, wenn ich daran dachte, wie du, obgleich nur ein Kind, ſo lieb und verſtändig warſt!— Ich es glauben von dem Sohne, der von der Stunde ſeiner Geburt an bis auf dieſen Tag mein Troſt geweſen iſt, und über den ich mich nie eine Nacht zornig ſchlafen legen durfte! Ich es von dir glauben, Kit!—* „Nun denn, Gott ſey Dank!“ entgegnete Kit, indem er die Eiſenſtangen mit einem Eifer packte, daß ſie ſchütterten;„und ich kann es tragen, Mutter. Mag kommen, was da will, es wird mir immer ein Tropfen von Seligkeit im Herzen bleiben, wenn ich denke, daß Ihr ſo geſprochen habt.“ Nach dieſem brach die arme Frau abermals in ein Weinen aus, und Barbara's Mutter gleichfalls. Auch der kleine Jakob, deſſen unzuſammenhängende Gedanken ſich inzwiſchen einen etwas klareren Be⸗ griff darüber gebildet hatten, daß Kit nicht ausgehen —y— ——=— † 215 konnte, wann er wollte, und daß es keine Vögel, Löwen, Tiger oder andere Naturmerkwürdigkeiten hinter dieſen Stäben gebe— nein, in der That gar nichts, als einen gefangenen Bruder— vereinigte ſeine Thränen, ſo geräuſchlos als möglich, mit den ihrigen. Nachdem Kit's Mutter ihre Augen getrocknet, oder beſſer, ſie noch viel mehr angefeuchtet, als getrocknet hatte(die arme Seele!) nahm ſie von dem Boden ein kleines Körbchen auf, näherte ſich demüthig dem Schließer, und fragte, ob es ihm nicht gefällig ſey, ſie eine Minute anzuhören. Der Schließer, der ge⸗ rade mitten in der Kriſis eines Spaſſes war, winkte ihr mit der Hand, noch eine Minute zu ſchweigen, ſo lieb ihr das Leben ſey. Auch verwandte er dieſe Hand nicht aus ihrer Lage, ſondern ſtreckte ſie immer in derſelben warnenden Haltung aus, bis er ſeinen Abſchnitt beendigt hatte, worauf er ein paar Secun⸗ den inne hielt, indeß ein Lächeln ſein Geſicht über⸗ flog, als wollte er ſagen:„dieſer Zeitungsſchreiber iſt ein ſchnurriger Kauz— ein ſpaßhafter Hund—“, und dann fragte er ſte, was ſie wolle. „Ich habe ihm ein Bischen zu Eſſen gebracht,“ ſagte die gute Frau.„Erlauben Sie wohl, Sir, daß er es nehmen darf?“. „Ja, das kann er. Es beſteht kein Verbot da⸗ gegen. Ihr könnt es mir geben, wenn Ihr geht; ich will dann Sorge dafür tragen, daß er es erhält.“ „Nein, ich bitte um Verzeihung, Sir— aber 216 nehmen Sie's nicht übel, Sir— ich bin ſeine Mutter, und Sie hatten auch einmal eine Mutter— wenn ich ihn nur ein Bischen davon eſſen ſehen könnte; ich würde viel beruhigter fortgehen, und wüßte dann doch, daß er nicht unwohl iſt.“— Und abermals ſtrömten die Thränen von Kit's Mutter, von Barbara's Mutter und dem kleinen Ja⸗ kob. Was das Bübchen betraf, ſo krähte und lachte es aus Leibeskräften— augenſcheinlich, weil es meinte, die ganze Scene ſey erfunden und werde auf⸗ geführt zu ſeiner beſonderen Vergnügung. Der Gefängnißwärter machte ein Geſicht, als käme ihm das Geſuch etwas ſonderbar und unge⸗ wöhnlich vor; demungeachtet legte er aber die Zei⸗ tung nieder, kam an die Stelle, wo Kit's Mutter ſtand, nahm ihr den Korb ab, händigte ihn, nachdem er von deſſem Inhalte Augenſchein genommen hatte, Kit ein und verfügte ſich wieder an ſeinen früheren Platz. Man kann ſich leicht vorſtellen, daß der Ge⸗ fangene keinen beſondern Appetit hatte; er ſetzte ſich jedoch auf den Boden und aß ſo gut er konnte, wäh⸗ rend ſeine Mutter bei jedem Biſſen, den er in den Mund ſteckte, auf's Neue ſchluchzte und weinte, ob⸗ gleich die Freude über dieſen Anblick ihren Kummer ſehr beſchwichtigte. Während dieſer Beſchäftigung ſtellte Kit einige ängſtliche Fragen über ſeine Dienſtherrſchaft und ob ſie eine Meinung über ihn ausgeſprochen; aber alles, 217 was er erfahren konnte, beſtand darin, daß Herr Abel ſelbſt geſtern Abend ſeiner Mutter die Nach⸗ richt mit großer Milde und Zartheit beigebracht habe, ohne jedoch eine Anſicht über ſeine Schuld oder Un⸗ ſchuld zu äußern. Kit war eben im Begriffe, ſeinen ganzen Muth zuſammenzunehmen und Barbara's Mutter nach Barbara zu fragen, als der Gefangen⸗ wärter, welcher ihn hergebracht hatte, wieder erſchien, ein zweiter Schließer hinter Kit's Angehörigen zum Vorſchein kam, und der dritte Gefangenwärter mit der Zeitung rief:„die Zeit iſt aus!“ indem er zugleich beifügte:„jetzt die nächſte Partie vor,“ worauf er ſich wieder in ſeine Zeitung vertiefte. Kit wurde ſo⸗ gleich fortgeſchafft, und ein Segenswunſch von ſeiner Mutter nebſt ein Schrei des kleinen Jacobs hallte in ſeinen Ohren nach. Als er im Geleite ſeines früheren Führers, das Körbchen in der Hand, über den nächſten Hof ging, hieß ihn ein anderer Gerichtsdiener halten, und kam mit einem Nöſel Porter in der Hand heran. „Das iſt Chriſtoph Nubbles, der geſtern Abend wegen Veruntreuung hereinkam— nicht wahr?⸗ fragte der Mann. Sein Kamerad verſetzte, daß dieß allerdings der in Frage ſtehende Zeiſig ſey. „Dann iſt hier Sein Bier,“ ſagte der andere Mann zu Chriſtoph.„Warum ſieht Er es ſo an? Es iſt keine Losſprechung darin.“ „Ich bitte um Verzeihung,“ entgegnete Kit. „Wer ſchickt es mir?“ „Ei, ein Freund von Ihm,“ antwortete der Mann.„Er ſoll es jeden Tag haben, ſagt er. Und ſo ſoll's auch geſchehen, wenn dafür bezahlt wird.“ „Ein Freund von mir?“ wiederholte Kit. „Er iſt, ſcheint's, ein Bischen aus dem Häuschen,“ erwiederte der Mann.„Da iſt ein Brief von ihm. Nehm Er.“ Kit nahm ihn, und als er wieder eingeſchloſſen war, las er Folgendes: „Trink aus dieſem Becher. Du wirſt finden, daß in jedem ſeiner Tropfen ein Zauber liegt gegen die Gebrechen der Sterblichkeit. Was ſchwatzt man da von der Herzſtärkung, die für Helenen funkelte! Ihr Becher war ein geträum⸗ ter, aber dieſer iſt Wirklichkeit.(Barclay und Compagnie's.) Wenn man ihn dir in einem ſchalen Zuſtande ſchickt, ſo beklage dich bei dem Aufſeher. Dein R. S.“ „R. S.?²“ ſagte Kit nach einiger Ueberlegung. „Das muß Herr Richard Swiveller ſeyn. Nun, es iſt ſehr wohlwollend von ihm, und ich danke ihm herzlich.“ 219 Der Naritätenladen. Zweiundſechszigſtes Kapitel. Ein mattes Licht, das aus dem Fenſter des Comptoirhauſes auf dem Quilps⸗Kai blinkte und trübroth durch den Nachtnebel ſchien, als litte es an einer Augenentzündung, bedeutete Herrn Sampſon Braß, als er ſich mit vorſichtigen Tritten der Holzhütte näherte, daß der vortreffliche Eigenthümer derſelben, ſein werthgeſchätzter Client, drinnen war und wahr⸗ ſcheinlich mit ſeinem gewöhnlichen geduldigen und liebenswürdigen Temparament des Vollzugs der Be⸗ ſtellung harrte, welche jetzt Herrn Braß in ſein ſchönes Herrſchgebiet brachte. „Ein tückiſcher Ort, wenn man da im Dunkeln ſeinen Weg finden ſoll,“ murmelte Sampſon, als er zum zwanzigſtenmale über zerſtreut umherliegendes Gerümpel ſtolperte und mühſam weiter hinkte.„Ich glaube, jener Junge beſtreut den Boden jeden Tag anders, um Einem Beulen und Verletzungen einzu⸗ tragen, wenn es etwa nicht gar ſein Herr eigenhändig thut, was mir ſogar mehr als wahrſcheinlich dünkt. Es iſt mir in der Seele zuwider, dieſen Ort ohne Sally zu beſuchen. Sie gewährt mehr Schutz, als ein Dutzend Männer.“ 220 Während Herr Braß dem Verdienſte der ab⸗ weſenden Zaubererin dieſes Compliment zollte, machte der Halt, blickte bedenklich nach dem Lichte und dann über ſeine Schultern. „Ich möchte doch wiſſen, was er jetzt treibt?“ murmelte der Rechtsgelehrte, indem er ſich auf die Zehenſpitzen ſtellte und einen Blick nach dem zu ge⸗ winnen ſuchte, was innen vorging, obgleich dieß nach einer ſolchen Entfernung unmöglich war.„Ver⸗ muthlich trinkt er— macht ſich noch wilder und wüthender, und erhitzt ſeine Bosheit, ſeinen böſen Geiſt bis zum Ueberſprudeln. Ich fürchte mich immer, allein hierher zu kommen, wenn ſeine Rechnung ein Bischen hoch angelaufen iſt. Ich glaube, er würde ſich nicht viel daraus machen, mich zu erdroſſeln und ſanft in den Fluß hinabgleiten zu laſſen, wenn die Fluth am höchſten iſt— nicht mehr, als er ſich daraus machen würde, eine Ratte todt zu ſchlagen. In der That, ich weiß nicht, ob er es nicht als einen luſtigen Scherz betrachten würde. Horch! Jetzt ſingt er!“ Herr Quilp unterhielt ſich allerdings mit einer muſtkaliſchen Leiſtung, doch klang es mehr wie eine Kirchenmelodie, als wie ein Lied, denn es war eine monotone Wiederholung eines einzigen Satzes in einem ſehr raſchen Tempo, wobei er einen gedehnten Nach⸗ druck auf das letzte Wort legte, welches er bis zu einem grauſigen Brüllen anſchwellen ließ. Auch be⸗ zog ſich der Text weder auf Liebe, noch auf Krieg, + 221 Wein, ritterliche Ergebenheit oder ſonſtige ſtereotype Gegenſtände für Lieder, ſondern auf einen Gegenſtand, der nicht oft in Muſik geſetzt oder überhaupt nur von Dichtern behandelt wird. Die Worte lauteten fol⸗ gendermaßen:—„Die würdige Magiſtratsperſon be⸗ merkte, daß der Gefangene einige Schwierigkeit darin finden würde, eine Jury zu bereden, daß ſie an ſein Mährchen glaube, und entſchied ſodann, daß er bei den nächſten Sitzungen vor Gericht geſtellt werde; ſie befahl ſofort, daß die üblichen Vorladungen ein⸗ geleitet werden ſollten zu weiterer Ver-fol-gung.“ So oft Quilp zu dieſem Schlußworte kam und allen möglichen Nachdruck darauf erſchöpft hatte, brach er in ein gellendes Gelächter aus und fing wieder von vorne an. „Er iſt ſchrecklich unklug,“ murmelte Braß, nach⸗ dem er zwei oder drei Wiederholungen dieſes Cantus angehört hatte.„Fürchterlich unklug. Ich wünſchte, er wäre ſtumm. Ich wünſchte, er wäre taub. Ich wünſchte, er wäre blind. Zum Henker mit ihm,“ rief Braß, als der Geſang abermals begann,„ich wünſchte, er wäre todt.“ Dieſem Stoßgebetlein im Intereſſe ſeines Clien⸗ ten Luft machend, bot Herr Sampſon der ganzen gewöhnlichen Glätte ſeines Geſichtes auf, wartete, bis der gellende Ruf wieder kam und verhallte, be⸗ gab ſich an die hölzerne Hütte und pochte. „Herein!“ rief der Zwerg. „Wie befinden Sie ſich dieſen Abend, Sir?⸗ fragte Sampſon hineinſchauend.„Ha, ha, ha! Wie geht es Ihnen, Sir? O du meine Güte, wie gar grillenhaft! Gewiß, erſtaunlich grillenhaft!“ „Komm herein, du Narr,“ entgegnete der Zwerg, „und ſtehe nicht dort hin um deinen Kopf zu ſchütteln und deine Zähne zu zeigen. Komm herein, du falſcher Zeuge, du Meineidiger, du Beweiſefabrikant! komm herein!“ „Er hat den köſtlichen Humor!“ rief Braß, in⸗ dem er die Thüre hinter ſich abſchloß;„die bewun⸗ dernswürdigſte komiſche Ader! Aber iſt es nicht et⸗ was unüberlegt, Sir— ⁵° „Was?“ fragte Quilp,„was, du Judas?“ „Judas!“ rief Braß.„Er iſt außerordentlich aufgeräumt! Sein Humor iſt ſo ungemein ſcherz⸗ haft! Judas! O ja— du mein Himmel, wie gar gut! Ha, ha, hal“ Dieſe ganze Zeit über rieb Sampſon ſeine Hände und ſtierte mit ſpaßhaftem Erſtaunen und Grauen auf das große, glotzäugige, ſtumpfnaſige Gallionbild eines alten Schiffes, das in einer Ecke bei dem Ofen gegen die Wand aufgepflanzt war, und wie ein Ko⸗ bold oder ein häßlicher Götze ausſah, welchen der Zwerg anbetete. Eine Holzmaſſe auf dem Kopf, welche in einer Weiſe geſchnitzt war, daß es eine entfernte Aehnlichkeit mit einem eckigten Hut hatte, zugleich mit der Andeutung eines Sterns auf der linken Bruſt und Epauletten auf den Schultern, verkündigte, daß es das Bild irgend eines berühmten Admirals vorſtellen 223 ſollte; ohne dieſe Beihülfen jedoch hätte es der Be⸗ ſchauer wohl für das authentiſche Bild eines ausge⸗ zeichneten Meermanns oder eines rieſigen Seeun⸗ geheuers halten müſſen. Da es urſprünglich zu groß für das Gemach geweſen, in welchem es jetzt zur Zierde dienen ſollte, war es hart über den Lenden abgeſägt worden. Aber auch jetzt noch reichte es von dem Boden bis an die Decke, und indem es ſich mit jenen weit offenen Augen und der Miene einer etwas zudringlichen Höflichkeit, wodurch ſich Gallionenköpfe gewöhnlich charakteriſiren, vorwärts beugte, ſchien es ſeine ganze Umgebung auf bloße Pygmäenproportionen zu re⸗ dueiren. „Kennen Sie es?“ fragte der Zwerg, auf Samp⸗ ſons Blicke Acht habend.„Bemerken Sie die Aehn⸗ lichkeit?“ „Eh?“ verſetzte Braß, den Kopf auf die eine Seite neigend und etwas zurückwerfend, wie Kenner zu thun pflegen.„Wenn ich es recht betrachte, ſo kömmt es mir vor, als ſehe ich ein— ja, gewiß, es erinnert mich etwas in dieſem Lächeln an— und doch, auf mein Wort, ich—“ Nun hatte aber in der That Sampſon nie etwas geſehen, was nur im geringſten Grade eine Aehnlich⸗ keit mit dieſem verkörperten Phantom gehabt hätte, weßhalb er ſich in nicht geringer Verlegenheit befand, denn er konnte ja nicht wiſſen, ob Quilp nicht meinte, es ſehe ihm ſelbſt gleich, und es daher als ein Fa⸗ 224 milienporträt kaufte, oder ob er geneigt war, das Abbild eines Feindes darin zu finden. Er verblieb jedoch nicht lange im Zweifel; denn während er den Rumpf mit jenem ſachkundigen Blicke betrachtete, den Leute anzunehmen pflegen, wenn ſie zum erſtenmale ein Porträt ſehen, das man ihnen zu erkennen zu⸗ muthet, warf der Zwerg die Zeitung, aus der er die bereits angeführten Worte abgeſungen hatte, hinweg, ergriff eine roſtige Eiſenſtange, deren er ſich als eines Schüreiſens bediente, und verſetzte der Figur einen ſolchen Streich auf die Naſe, daß ſie hin und her wankte. „Sieht es nicht Kit gleich— iſt es nicht ſein Ebenbild, ſein Porträt, ſein anderes Selbſt?“ rief der Zwerg, indem er einen Schauer von Schlägen auf das empfindungsloſe Geſicht niederfallen ließ und es mit tiefen Beulen bedeckte.„Iſt es nicht das ge⸗ naue Modell und Conterfei des Hundes— iſt es nicht— iſt es nicht— iſt es nicht?“ Und bei jeder Wiederholung dieſer Frage wetterte er auf die rieſige Figur los, bis ihm in Folge des Ungeſtüms ſeiner Anſtrengung der Schweiß über das Geſicht rann. Obgleich dieß von einer ſichern Gallerie aus ſehr komiſch anzuſehen geweſen ſeyn dürfte, wie etwa ein Stiergefecht ein behagliches Schauſpiel iſt für dieje⸗ nigen, welche ſich nicht in der Arena befinden, oder ein brennendes Haus ſolchen, welche nicht in der Nähe wohnen, ergötzlicher vorkommt, als eine 225 Comödie, ſo lag doch etwas in dem angelegentlichen Ernſte von Quilps Benehmen, was ſeinem Rechts⸗ freunde die Ueberzeugung einflößte, das Comtoirhaus ſey doch etwas zu klein und viel zu einſam gelegen, um ſolchen humoriſtiſchen Exercitien den gebühren⸗ den Geſchmack abgewinnen zu können. Er zog ſich alſo, während der Zwerg in dieſer Weiſe beſchäftigt war, ſo weit als möglich zurück, drückte in ſchwa⸗ chen, winſelnden Tönen ſeinen Beifall aus, und als der Andere endlich aus purer Erſchöpfung aufhörte und ſich niederſetzte, näherte er ſich ihm geſchmeidiger, als je. „Vortrefflich, in der That!“ rief Braß.„Hi, hi! Oh, ſehr gut, Sir. Sie wiſſen,“ fügte Sampſon bei, indem er ſich umwandte, als wollte er den zerwetterten Admiral anreden,„er iſt ein ganz merkwürdiger Mann— äußerſt merkwürdig.“ „Setzen Sie ſich,“ ſagte der Zwerg.„Ich kaufte den Wicht geſtern. Ich habe Löcher in ihn gebohrt, Gabeln in ſeine Augen geſtochen und mei⸗ nen Namen auf ihn eingeſchnitten. Ich gedenke, ihn ſchließlich zu verbrennen.“ „Ha, ha!“ rief Braß.„Außerordentlich unter⸗ haltend, in der That.“ „Kommen Sie her!“ ſagte Quilp, indem er ihm näher winkte.„Was iſt unüberlegt— he?“ „Nichts, Sir, nichts. Kaum der Rede werth, Sir; aber ich meinte, jener Geſang— ſo bewun⸗ Boz. XIII. Humphrey’s Wanduhr. 15 226 dernswürdig humoriſtiſch er an ſich auch ſeyn mag — dürfte vielleicht etwas—“ „Ja,“ entgegnete Quilp;„nun, was weiter?“ „An Unüberlegtheit gränzen, oder vielmehr, vielleicht entfernt ſich zu der Gränze der Unüberlegt⸗ heit hinneigen, Sir,“ erwiederte Braß, ſchüchtern nach den verſchmitzten Blicken des Zwerges hinſehend, die gegen das Feuer geheftet waren und deſſen rothen Schein widerſtrahlten. „Warum?“ fragte Quilp, ohne ſeine Augen zu erheben. „Je nun, Sie wiſſen, Sir,“ verſetzte Braß, der es nachgerade wagte, vertraulicher zu werden; „die Sache iſt nämlich, Sir, daß jede Anſpielung auf ſolche kleine Verbindungen unter Freunden, welche das Geſetz Verſchwörungen nennt, wenn Sie auch noch ſo löbliche Zwecke haben— Sie verſtehen mich, Sir— am beſten für ſich und unter Freunden be⸗ halten werden, wiſſen Sie.“ „Eh!“ ſagte Quilp mit vollkommen ausdrucks⸗ loſer Miene aufſehend.„Was wollen Sie damit ſagen?“ „Vorſichtig, außerordentlich vorſichtig— ganz recht und ſachgemäß!“ rief Braß, mit dem Kopfe nickend.„Stumm, Sir, ſelbſt hier— ganz meine Meinung, Sir.“ „Ganz deine Meinung, du eherne Vogelſcheuche — was iſt deine Meinung?“ entgegnete Quilp. „Warum ſprichſt du mit mir von Verbindungen 227 unter Freunden? Unterhalte ich Verbindungen? Weiß ich etwas von deinen Verbindungen?“ „Nein, nein, Sir— gewiß nicht; keineswegs,“ erwiederte Braß. „Wenn du ſo blinzelſt und mir zunickſt,“ ſagte der Zwerg, indem er umherſah, als ſuche er nach ſeinem Schüreiſen,„ſo will ich dir dein Affengeſicht zeichnen, daß du genug haſt; ja, das will ich.“ „Ich bitte, machen Sie ſich keine Ungelegenheit, Sir,“ verſetzte Braß, ſchnell einlenkend.„Sie haben ganz Recht, Sir, ganz Recht. Ich ſollte des Ge⸗ genſtands nicht erwähnt haben, Sir. Es iſt viel beſſer, man ſchweigt; Sie haben ganz Recht, Sir. Auf etwas Anderes, wenn es Ihnen gefällig iſt. Sie haben, wie mir Sally ſagte, nach unſerm Mieths⸗ mann gefragt, Sir. Er iſt noch nicht zurückgekom⸗ men, Sir.“ „Nicht?" ſagte Quilp, der etwas Rum in einer Taſſe über das Feuer geſetzt hatte und nun Acht gab, daß er nicht überlief.„Warum nicht?“ „Ei, Sir,“ entgegnete Braß;„er— du meine Güte, Herr Quilp—“ „Was gibt’s?⸗ ſagte der Zwerg, der mitten in ſeiner Bewegung inne hielt, als er eben die Taſſe an ſeinen Mund führen wollte. „Sie haben das Waſſer vergeſſen, Sir,“ erwie⸗ derte Braß.„Und entſchuldigen Sie, Sir— aber er iſt glühend heiß.“ Dieſe Bemerkung keiner andern, als einer that⸗ 15 heiße Taſſe an ſeine Lippen und trank mit Vorbedacht allen darin enthaltenen Spiritus aus, der etwa ein halbes Nöſel betragen mochte und den Augenblick zuvor, ehe er ihn vom Feuer nahm, ungeſtüm ge⸗ ziſcht und Blaſen geworfen hatte. Sobald dieſes milde Reizmittel verſchluckt war, ſchüttelte er ſeine Fauſt gegen den Admiral und forderte Herrn Braß auf, fortzufahren. „Aber zuerſt,“ ſagte Quilp mit ſeinem gewohn⸗ ten Grinſen,„ſollen Sie auch ein Tröpflein haben — ein hübſches Tröpflein— ein gutes, warmes, feuriges Tröpflein.“ „Ci, Sir,“ verſetzte Braß,„wenn nur ſo etwas, wie ein Mund voll Waſſer zu bekommen wäre, ohne daß ich Sie bemühen müßte—“ „Etwas der Art gibt es hier nicht,“ rief der Zwerg.„Waſſer für Advokaten? Geſchmolzenes 3 Blei und Schwefel wollen Sie ſagen— hübſch heißes, Blaſen ziehendes Pech— das iſt etwas für Sie— he, Braß, he?“ „Ha, ha, ha!“ lachte Herr Braß.„O, ſehr beißend! Und doch iſt's nur wie gekitzelt— eine wahre Luſt, es mit anzuhören, Sir!“ „Trinken Sie das,“ ſagte der Zwerg, der in⸗ 4 zwiſchen noch mehr Rum heiß gemacht hatte.„Hin⸗ unter damit; es darf nicht die Nagelprobe darin bleiben. Verbrennen Sie Ihre Kehle und ſeyen Sie glücklich!“ ſächlichen Antwort würdigend, erhob Herr Quilp die ᷣ † ——— 229 Der unglückliche Sampſon ſchlürfte einigemale von dem Branntwein, der unmittelbar darauf ſich ſelbſt zu brennenden Thränen deſtillirte, und in dieſer Form die Wangen herunter wieder in die Taſſe ge⸗ rollt kam, während Auge und Geſicht des Ehren⸗ mannes ſich tiefroth färbten und ein heftiger Huſten⸗ anfall zum Ausbruch kam, inmitten deſſen man ihn immer noch mit der Beharrlichkeit eines Märtyrers betheuern hörte, daß es in der That allerliebſt wäre. Er litt noch unter unausſprechlichen Beängſtigungen, als der Zwerg die Unterhaltung wieder aufnahm. „Der Miethsmann,“ ſagte Quilp—„was iſt’s mit ihm?“ „Er hält ſich noch immer bei der Garland'ſchen Familie auf, Sir,“ verſetzte Braß in den gelegent⸗ lichen Zwiſchenräumen ſeines Huſtens.„Er iſt nur ein einzigesmal nach Haus gekommen, Sir, ſeit dem Tage, als der Schuldige in's Verhör genommen wurde. Er theilte Herrn Richard mit, Sir, daß er es in dem Hauſe nach dem, was dort ſtattgefunden. habe, nicht mehr aushalten könne, daß er ſich un⸗ glücklich darin fühle, und daß er gewiſſermaßen ſich ſelbſt als die Veranlaſſung zu dieſem Vorfall be⸗ trachte.— Ein ganz vortrefflicher Miethsmann, Sir. Ich hoffe, wir werden ihn nicht verlieren.“ „Der Eſel!“ rief der Zwerg.„An nichts denkt er, als an ſich ſelbſt! Warum ſchränken Sie ſich nicht ein— ſcharren zuſammen, häufen auf, ſpa⸗ ren, he? „Ei, Sir,“ entgegnete Braß,„auf mein Wort, ich meine, Sarah ſey eine ſo gute Haushälterin, als man eine finden mag. Ja, gewiß, Herr Quilp.“ „Feuchten Sie Ihren Thon an, netzen ſie auch das andere Auge, trinken Sie, Menſch,“ rief der Zwerg.„Sie nahmen einen Schreiber, um mich zu verpflichten?“ „Gewiß, Sir, es macht mir zu jeder Zeit ein Vergnügen,“ erwiederte Sampſon.„Ja, Sir, es geſchah Ihnen zum Gefallen.“ „Nun, dann können Sie ihn jetzt entlaſſen,“ ſagte Quilp.„Sie haben da mit einemmal ein Mit⸗ tel, ſich beſſer einzuſchränken.“ „Herrn Richard entlaſſen, Sir?“ rief Braß. „Haben Sie mehr als einen Schreiber, Sie Papagei, daß Sie ſo fragen mögen? Ja.“ „Auf mein Wort, Sir,“ verſetzte Braß, nich war hierauf nicht vorbereitet—“ „Wie hätten Sie das können, da ich es ſelbſt nicht war?“ höhnte der Zwerg.„Wie oft muß ich Ihnen noch ſagen, daß ich ihn zu Ihnen brachte, um ihn ſtets im Auge zu haben, um zu wiſſen, wo er iſt— und daß ich einen Anſchlag, einen Plan, ein kleines, ruhiges Stückchen zu meiner eigenen Beluſtigung vorhatte, von dem der Rahm und die Quinteſſenz war, daß jener alte Mann und ſeine Enkelin, die vermuthlich inzwiſchen zu Grunde ge⸗ gangen ſind, von ihm und ſeinem köſtlichen Freunde —. —. 231 für reich gehalten würden, während ſie doch in der That ſo arm wie erfrorene Kirchenmäuſe waren.“ „Ich begreife das vollkommen, Sir,“ verſetzte Braß.„Ich ſehe klar in der Sache.“* „Wohlan, Sir,“ entgegnete Quilp,„und be⸗ greifen Sie auch jetzt, daß ſie nicht arm ſind— daß ſie es nicht ſeyn können, wenn Leute, wie Ihr Miethsmann, das Land weit und breit nach ihnen durchſuchen und durchſpähen?“ „Natürlich auch das, Sir,“ antwortete Sampſon. „Natürlich auch das!“ wiederholte der Zwerg, boshaft ſeine Worte aufſchnappend.„Sie begreifen dann natürlich auch, daß es gleichgültig iſt, was aus dieſem Kerl wird? Und natürlich leuchtet Ihnen auch ein, daß er weder für mich, noch für Sie zu einem andern Zwecke paßt?“ „Ich habe oft zu Sarah geſagt, Sir,“ verſetzte Braß,„daß er im Geſchäft durchaus von keinem Nutzen ſey. Man kann ihm durchaus nichts anver⸗ trauen, Sir. Sie dürfen mir glauben, daß ich ge⸗ funden habe, wie der Kerl in den gewöhnlichſten und geringfügigſten Geſchäftsangelegenheiten, die ich ihm anvertraute, mit der Wahrheit herausplatzte, ob⸗ gleich man ihn ausdrücklich gewarnt hatte. Der Burſche iſt uns ſo beſchwerlich geworden, Sir, daß Sie ſich in der That gar keine Vorſtellung davon machen können. Nichts, als die Achtung und die Verbindlichkeiten, die ich gegen Sie habe, Sir—⸗ Da es klar war, Sampſon wolle ſich jetzt in 232 einem Complimentenerguſſe ergehen, wenn ihm nicht zeitig Einhalt gethan würde, ſo klopfte ihn Herr Quilp höflich mit der kleinen Taſſe auf den Kopf, indem er ihn zugleich erſuchte, er möchte ſo gut ſeyn, und ſein Maul halten. „Praktiſch, Sir, praktiſch,“ ſagte Braß, indem er die getroffene Stelle rieb und lächelte;„aber doch außerordentlich ſcherzhaft— ungemein ſcherzhaft!“ „Wollen Sie ſo gefällig ſeyn, und mich anhö⸗ ren?“ verſetzte Quilp,„oder Sie ſollen mich im Au⸗ genblick noch ein Bischen ſcherzhafter finden. Es iſt keine Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß ſein Freund und Kamerad wieder zurückkehrt. Der Hallunke hat, wie ich höre, wegen irgend eines Schurkenſtreichs flüchtig werden müſſen und ſein Heil im Ausland verſucht. Möge er dort verfaulen.“ „Gewiß, Sir. Ganz paſſend.— Nachdrücklich!“ rief Braß, wieder nach dem Admiral blickend, als bildete dieſer die dritte Perſon in der Geſellſchaft. „Außerordentlich nachdrücklich!“ „Ich haſſe ihn,“ murmelte Quilp durch die Zähne,„und habe ihn immer gehaßt— aus Fami⸗ lienrückſichten. Außerdem war er ein Schuft, der nichts mit ſich anfangen ließ, ſonſt hätte er von Nutzen werden können. Der andere Kerl iſt tauben⸗ herzig und leichtſinnig. Ich brauche ihn nicht länger. Meinetwegen kann er gehangen werden, ſich erſäufen, Hungers ſterben oder zum Teufel gehen.“ „In allweg, Sir,“ entgegnete Braß.„Wann — — 233 wünſchen Sie, Sir, daß er— ha, ha!— daß er den letztern, kleinen Ausflug mache?“ „Wenn über Kit ein Urtheil geſprochen iſt,“ ſagte Quilp.„Nach Beendigung dieſer Angelegen⸗ heit ſchicken Sie ihn fort.“ „Es ſoll geſchehen, Sir,“ erwiederte Braß;„je⸗ denfalls. Es wird allerdings für Sarah ein Schlag ſeyn, Sir, aber ſie weiß alle ihre Gefühle zu be⸗ herrſchen. Ach, Herr Quilp, ich denke oft, wenn es doch der Vorſehung gefallen hätte, Sie und Sarah im frühern Leben zuſammen zu bringen— welch' geſegnete Reſultate wären aus einer ſolchen Verbin⸗ dung gefloſſen. Sie haben nie unſeren lieben ſeli⸗ gen Vater geſehen, Sir?— Ein charmanter Gentle⸗ man. Sarah war ſein Stolz und ſeine Freude, Sir. Das Füchslein würde mit Freuden ſeine Au⸗ gen geſchloſſen haben, Herr Quilp, wenn er einen ſolchen Gatten für ſie gefunden hätte. Sie ſchätzen ſie, Sir?“ „Ich liebe ſie,“ kraͤchzte der Zwerg. „Sie ſind ſehr gütig, Sir,“ verſetzte Braß; „gewiß. Haben Sie noch einen Auftrag, den ich mir notiren könnte, außer dieſer kleinen Angelegen⸗ heit mit Herrn Richard?“ „Nein,“ entgegnete der Zwerg, die Taſſe ergrei⸗ fend.„Laſſen Sie uns die Geſundheit der liebens⸗ würdigen Sarah trinken!“ „Wenn wir es in etwas thun könnten, Sir, was nicht ganz ſo heiß wäre,“ ſtellte Braß demüthig 2 234 vor,„ſo würde es vielleicht um ſo beſſer ſeyn. Ich glaube, es dürfte angenehmer auf ihre Gefühle wir⸗ ken, wenn ich ihr von der Ehre, welche Sie ihr an⸗ gethan haben, erzähle, und ſie zugleich erfährt, daß es in etwas kälterem Branntwein geſchah, als der letzte war, Sir.“ Herr Quilp hatte jedoch gegen ſolche Vorſtel⸗ lungen nur ein taubes Ohr. Sampſon, der ſchon jetzt nicht mehr ganz nüchtern war und ſich noch obendrein genöthigt ſah, weitere Züge aus derſelben kräftigen Bowle zu thun, fand bald, daß das Ge⸗ tränk, ſtatt zu ſeiner Kräftigung beizutragen, die neue Wirkung übte, das Comtoirhaus mit ungemei⸗ ner Schnelle wirbelnd um ihn drehen zu machen, wie denn auch Fußboden und Decke in einer ganz ſchauerlichen Weiſe ſich zu heben begannen. Nach einer kurzen Betäubung erwachte er zu dem Be⸗ wußtſeyn, daß er zum Theil unter dem Tiſche, zum Theil unter dem Kaminroſte lag. Da dieſe Situa⸗ tion nicht gerade die behaglichſte war, die er für ſich hätte ausleſen können, ſo half er ſich wankend auf die Beine, hielt ſich an dem Admiral feſt, und ſah ſich nach ſeinem Wirthe um. Anfangs dachte Herr Braß, ſein Gaſtfreund habe ſich entfernt, ihn allein hier gelaſſen, und viel⸗ leicht für die Nacht eingeſperrt. Ein ſtarker Ta⸗ baksqualm erregte jedoch einen neuen Ideengang; er ſah in die Höhe und bemerkte, daß der Zwerg in ſeiner Hängematte rauchte. „Gott befohlen, Sir,“ rief Braß mit matter Stimme.„Gott befohlen, Sir.“ „Wollen Sie nicht hier über Nacht bleiben,“ fragte der Zwerg herausſehend.„Geniren Sie ſich doch ja nicht.“ „Ich könnte es in der That nicht, Sir,“ ver⸗ ſetzte Braß, der ſich in dem dumpfen Zimmer vor Ueblichkeit faſt todt fühlte.„Wenn Sie doch ſo gut ſeyn wollten, mir ein wenig zu leuchten, daß ich den Weg über den Hof finden kann, Sir—„ Quilp war in einem Nu aus ſeiner Matte— nicht mit den Beinen zuerſt, oder mit dem Kopf zu⸗ erſt, oder mit den Armen zuerſt— ſondern mit dem ganzen Körper zumal. „O freilich,“ ſagte er, eine Laterne aufnehmend, die jetzt das einzige Licht an dem Ort war.„Aber Sehen Sie ſich vor, gut zwiſchen den Betten durch⸗ zukommen, denn die roſtigen Nägel ſtehen alle auf⸗ wärts. Auch iſt ein Hund in der Gaſſe. Er biß geſtern Nacht einen Mann, vorgeſtern Nacht eine Frau und hat am letzten Dienſtag gar ein Kind umgebracht— doch dieß geſchah nur beim Spielen. Kommen Sie ihm nicht zu nahe.“ „Auf welcher Seite des Weges iſt er, Sir 2“ fragte Braß in Todesängſten. „Gewöhnlich rechts,“ ſagte Quilp,„aber hin und wieder verſteckt er ſich auch links und iſt immer zum Sprung geneigt. Man kann ſich in dieſer Hin⸗ ſicht nicht auf ihn verlaſſen. Tragen Sie ja Sorge für ſich— ich könnte mir nie vergeben, wenn Sie es unterließen. Da iſt das Licht ausgegangen.— Macht nichts— Sie kennen den Weg— gerade aus!“ Quilp hatte boshafterweiſe das Licht dadurch beſchattet, daß er es gegen ſeine Bruſt hielt, und nun kicherte er, im Uebermaß ſeines Entzückens ſich vom Kopf bis zu Füßen ſchüttelnd, als er hörte, wie der Rechtsgelehrte über den Hof ſtolperte und hin und wieder einen ſchweren Plump that. Endlich brachte aber Braß den Ort hinter ſich und befand ſich außer Gehörweite. Der Zwerg ſchloß ſich wieder ein und ſprang auf's Neue in die Hängematte. Der Naritätenladen. Dreiundſechzigſtes Kapitel. Der Mann vom Fach, welcher Kit die tröſtliche Belehrung ertheilt hatte, daß ſein kleines Anliegen in Old Bailey bald vorkommen und abgethan ſeyn würde, hatte ganz richtig prognoſtizirt. Acht Tage nachher begannen die Sitzungen. Am zweiten Tage —⁸— 237 fand die große Jury eine Klage gegen Chriſtoph Nubbles wegen eines Kapitalverbrechens für begrün⸗ det, und nach zwei weiteren Tagen wurde der beſagte Nubbles vorgefordert, um ſich für ſchuldig oder un⸗ ſchuldig zu erklären gegen die Bezüchtigung, daß er⸗ wähnter Chriſtoph aus der Wohnung und dem Bu⸗ reau eines Gentlemans, Namens Sampſon Braß, eine Banknote von fünf Pfunden, ausgeſtellt von dem Direktor und der Compagnie der Bank von England, böslicherweiſe entwendet und geſtohlen, folglich die für einen ſolchen Fall vorgeſehenen Sta⸗ tuten übertreten und gegen den Frieden unſeres ſou⸗ veränen Herrn, des Königs, ſeine Krone und ſeine Majeſtät ſich verfehlt habe. Auf dieſe Anſchuldigung erklärte ſich Chriſtoph Nubbles in leiſer und zitternder Stimme für nicht ſchuldig; und hier mögen diejenigen, welche vorſchnell aus dem Aeußern ein Urtheil fällen und von Chri⸗ ſtoph zum Beweis ſeiner Unſchuld verlangt haben würden, daß er kräftig und laut ſich ausſpreche, die Lehre nehmen, daß Gefangenſchaft und Angſt auch die muthigſten Herzen einzuſchuchtern vermag, und daß auf einen Menſchen, der— wäre es auch nur für zehn oder eilf Tage— eingeſchloſſen iſt, wo er nichts als ſteinerne Wände und ein paar ſteinerne Geſichter ſieht, der plötzliche Eintritt in eine große, mit Menſchen erfüllte Halle als ein ziemlich verblüffender und ein⸗ ſchüchternder Umſtand wirken kann. Dieſem müſſen wir noch beifügen, daß ein Kopf mit einer Perücke auf eine große Maſſe von Leuten einen weit kräftigeren und ſchreckhafteren Eindruck macht, als ein Kopf mit ſeinen natürlichen Haaren; und wenn man zu dieſen Rückſichten Kit's natürliche Erregung mit in Rech⸗ nung bringt, als er die beiden Herren Garland und den kleinen Notar mit ängſtlichen und blaſſen Geſich⸗ tern daſtehen ſah, ſo wird man ſich vielleicht nicht ſo ſonderlich wundern, daß der Gefangene etwas außer Faſſung und nicht im Stande war, ſich hier ganz heimiſch zu fühlen. Obgleich er ſeit ſeiner Verhaftung weder von den Herren Garland noch von Herrn Witherden etwas geſehen hatte, ſo war doch die Mittheilung an ihn ergangen, daß ſie einen Rechtsfreund für ihn auf⸗ geſtellt hätten. Als daher einer von den mit Perücken verſehenen Herren aufſtand und ſagte:„ich bin für den Gefangenen, mein Lord,“ ſo machte ihm Kit eine Verbeugung; und als ein anderer Herr in einer Perücke aufſtand und ſagte:„ich bin gegen ihn, mein Lord,“ ſo zitterte Kit heftig und verbeugte ſich auch gegen dieſen. Und hoffte er nicht in den Tie⸗ fen ſeiner Seele, daß ſein Herr dem andern gewach⸗ ſen ſey, und daß er eheſtens ihn dahin bringen würde, ſich vor ſich ſelbſt zu ſchämen. Der Herr, der ſich gegen ihn erklärt hatte, durfte zuerſt ſprechen, und da derſelbe in ſchrecklich guter Laune war(denn es war ihm bei der letzten Sitzung beinahe gelungen, die Freiſprechung eines jungen Gentleman zu erwirken, der das Unglück ge⸗ 239 habt hatte, ſeinen Vater zu ermorden), ſo kann man ſich denken, wie er ſprach. Er ſagte nämlich der Jury, wenn ſie dieſen Gefangenen frei ſpräche, ſo hätten ſie dieſelben Gewiſſensbiſſe und Seelenqualen zu gewärtigen, welche er der andern Jury zuverläſſig prophezeiht hatte, wenn ſie den damaligen Gefange⸗ nen verurtheilte. Und als er ihnen den Fall weit⸗ läufig auseinander geſetzt und erklärt hatte, es ſey der ſchlimmſte Fall, der ihm je vorgekommen, hielt er eine kleine Weile inne, wie ein Mann, der irgend etwas Schreckliches ſagen will, und dann ſagte er, wie er höre, ſolle von ſeinem gelehrten Freunde(er blickte dabei zur Seite auf Kit's Herrn) der Verſuch gemacht werden, die Ausſagen jener makelloſen Zeu⸗ gen, die er vorrufen werde, zu entkräften; er hoffe und vertraue jedoch, daß ſein gelehrter Freund eine größere Achtung vor dem Ankläger habe, ſintemalen er recht wohl wiſſe, daß kein achtbareres Glied des höchſt achtbaren Berufes, dem er ſich zugewandt, exiſtire oder eriſtirt habe. Dann fragte er, ob die Jury Bevis Marks kenne, und wenn ſie Bevis Marks kenne, wie er um des perſönlichen Charakters der Geſchwornen willen zuverſichtlich hoffe, ob ihr die geſchichtlichen und erhebenden Anknüpfungspunkte be⸗ kannt ſeyen, die mit dieſem höchſt merkwürdigen Ort in Verbindung ſtänden? Ob ſie glaubte, daß ein Mann, wie Braß, an einem Ort, wie Bevis Marks, wohnen könnte, ohne ein tugendhafter und höchſt aufrichtiger Charakter zu ſeyn? Und als er noch 240 vieles über dieſen Punkt geſprochen hatte, bemerkte er, es wäre eine Schmähung ihrer Einſicht, wenn er ſich noch weitere Worte über einen Gegenſtand erlauben wollte, der auch ohne ihn klar vor ihrer Ueberzeugung ſtehen müſſe, weßhalb er ohne Weite⸗ res Sampſon Braß in die Zeugenloge rufe. Dann kommt ganz friſch und raſch Herr Braß herauf, verbeugt ſich gegen den Richter, wie ein Mann, der ſchon früher das Vergnügen gehabt hat, ihn zu ſehen, und nun hofft, daß er ſich ſeit der letzten Begegnung ziemlich wohl befunden habe, kreuzt die Arme und ſieht auf ſeinen Herrn, als wollte er ſagen:„hier bin ich— voll von Beweiſen— zapfe mich an!“ Und der Herr zapft ihn augenblicklich an und zwar mit vieler Umſicht, läßt ganz langſam die Beweiſe herauslaufen, und macht alle Anweſen⸗ den darauf aufmerkſam, wie ganz rein und klar ſie entſtrömen. Dann nimmt ihn Kit's Herr in die Mache, kann aber nicht viel mit ihm anfangen; und nach ſehr vielen, langen Fragen und ſehr kurzen Antworten zieht Herr Sampſon Braß mit Glanz ab. Ihm folgt Sarah, die in gleicher Weiſe durch den Sachwalter des Herrn Braß, um ſo ſchwieriger aber durch den des armen Kit zu handhaben iſt. Kurz, Kit's Herr kann nichts aus ihr herausbringen, als eine Wiederholung deſſen, was ſie früher geſagt hat, — nur dießmal etwas ſtärker, als gegen ſeinen Klien⸗ ten— und läßt ſie daher gehen, ſelbſt etwas verwirrt. Dann ruft der Sachwalter des Herrn Braß Herrn 3zt 241 Richard Swiveller auf, welchem Aufrufe Richard Swiveller auch Folge leiſtet. Nun iſt aber dem Sachwalter des Herrn Braß zugeflüſtert worden, daß dieſer Zeuge freundlich gegen heit zu geſtehen, nur lieb iſt, da man allgemein an⸗ nimmt, ſeine Kraft beſtehe eigentlich nur in dem, was man im gemeinen Leben„das Gehetze vor Ge⸗ richt“ nennt. Er beginnt demgemäß damit, daß er den Gerichtsdiener erſucht, ſich gehörige Sicherheit zu verſchaffen, daß dieſer Zeuge das Buch küſſe, und fängt dann an, mit Zehen und Nägeln über ihn herzufallen. „Herr Swiveller,“ ſagt dieſer Herr zu Dick, als letzterer, augenſcheinlich mit vielem Widerſtreben und unverkennbar in der Abſicht, der Sache dia beſte Wendung zu geben, ſein Zeugniß abgelegt hat:„Er⸗ lauben Sie mir die Frage, Sir, wo haben Sie geſtern geſpeist?“—„Wo ich geſtern geſpeist habe?“ —„Ja, Sir, wo Sie geſtern geſpeist haben— war es in der Nähe von hier, Sir?“—„Allerdings— ja— gerade über die Straße hinüber—.“—„Al⸗ lerdings. Ja. Gerade über die Straße hinüber,“ wiederholt der Sachwalter des Herrn Braß mit einem Blick auf den Gerichtshof.„Allein?“— „Ich bitte um Verzeihung,“ entgegnet Herr Swi⸗ veller, der die Frage nicht ganz verſtanden hat.— „Allein, Sir?—“ wiederholt der Sachwalter des Herrn Braß mit einer Donnerſtimme.„Haben Sie Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 16 242 allein geſpeist, oder haben Sie Jemand traktirt?“ —„O ja, Sie dürfen es mir nachſagen,“ erwiederte Swiveller lächelnd.—„Haben Sie die Güte, jede Leichtfertigkeit zu verbannen, Sir, die ſich nicht ſehr zu dem Orte ſchickt, wo ſie ſich befinden, obgleich Sie vielleicht Grund haben, Gott zu danken, daß es nur dieſer Platz iſt,“ ſagte der Sachwalter des Herrn Braß mit einem Kopfnicken, wodurch er anzudeuten beabſichtigte, Herrn Swiveller's eigentliche Thätigkeits⸗ Sphäre wäre das Gefangenen⸗Schiff;„und hor⸗ chen Sie auf. Sie haben geſtern in der Meinung, das Verhör werde gleich angehen, irgendwo herum gewartet. Sie ſpeisten über der Straße drüben. Sie haben irgend Jemanden traktirt. Es fragt ſich nun, war dieſer Jemand nicht ein Bruder des Ge⸗ fangenen vor der Schranke?“— Herr Swiveller ſchickt ſich an, eine Erklärung zu geben.—„Ja, oder nein, Sir,“ ruft der Sachwalter des Herrn Braß.—„Aber Sie werden mir doch erlauben—“ —„Ja, oder nein, Sir?—„Ja, das war der Fall, aber—.“—„Ja, es war der Fall; er geſteht es zu,“ ruft der Herr, ihn kurz beim Worte faſſend. „Nun, Sie ſind ein ganz vortrefflicher Zeuge.“ Der Sachwalter des Herrn Braß ſetzt ſich nieder. Kit’s Herr, der nicht weiß, wie die Sache wirklich ſteht, ſcheut ſich, den Gegenſtand zu verfolgen. Ri⸗ chard Swiveller zieht ſich beſchämt zurück. Der Richter, die Jury und die Zuſchauer denken ſich unter ſeinem Gaſte einen übelausſehenden, langbär⸗ 243 tigen, liederlichen jungen Burſchen von ſechs Fuß Höhe, während er in Wirklichkeit aus Niemand anders be⸗ ſtanden hat, als aus dem kleinen Jakob, der, in einen Shawl gewickelt und die Waden ſeiner kleinen Füße in der Luft baumelnd, zugegen iſt. Niemand kennt die Wahrheit; alle Welt ſchließt auf irgend eine Hinterliſt— und alles dieß nur in Folge der von Herrn Braßens Sachwalter entwickelten Schlauheit! Dann kommen die Charakterzeugen, und hier tritt der Herr des Klägers abermals auf. Es ſtellt Herrn entlaſſen worden war. „In der That, Herr Garland,“ ſagte der Herr des Klägers,„für einen Mann in Ihren Lebensjahren haben Sie ſich da, um das Allermindeſte zu ſagen, eigenthümlich unklug benommen, denke ich.“ Die Jury denkt auch ſo und findet Kit ſchuldig. Er wird ab⸗ geführt, obgleich er fortwährend de⸗ und wehmüthig ſeine Unſchuld betheuerte. Die Zuſchauer nehmen mit erneuerter Aufmerkſamkeit ihre Plätze wieder ein, denn es ſollen jetzt mehrere weibliche Zeugen für den nächſten Fall vernommen werden, und es geht das Gerücht, daß der Sachwalter des Herrn Braß dem Auditorium viel Spaß machen wird durch das Kreuz⸗ und Querverhör im Intereſſe des Gefangenen. Kit's Mutter, das arme Weib, wartete bei dem 16* 244 Gitter unten an der Treppe, wo ihr Barbara's Mutter, die ehrliche Seele, Geſellſchaft leiſtet und nichts anders zu thun weiß, als zu weinen und das Büblein zu halten. Es erfolgt eine traurige Zu⸗ ſammenkunft. Der zeitungsleſende Schließer hat ihnen alles geſagt. Er glaubt nicht, daß es ſich um De⸗ portation für Lebenszeit handeln wird, weil man noch Zeit hat, für den Verurtheilten gute Zeugniſſe beizuſchaffen, welche ihm jedenfalls zu Statten kom⸗ men müſſen. Er wundert ſich, warum er es ge⸗ than hat. „Aber er hat es nicht gethan!“ ruft Kit's Mutter. „Nun,“ ſagt der Schließer,„ich will euch nicht widerſprechen. Es iſt jetzt alles eins, ob er es ge⸗ than hat oder nicht.“ Kit's Mutter kann durch die Eiſenſtangen ſeine Hand erreichen und drückt ſie— nur Gott und die⸗ jenigen, denen er ſo viel Zärtlichkeit in's Herz gelegt hatte, wiſſen, mit welchem Seelenſchmerze. Kit ſagt ihr, ſie ſolle guten Muthes ſeyn, und unter dem Vor⸗ wand, man ſolle die Kinder zu ihm empor heben, daß er ſie küſſen könne, bittet er Barbara's Mutter leiſe, ſie fortzunehmen. 4 „Gewiß wird ſich ein Freund für uns erheben, Mutter,“ ruft Kit;„wenn auch nicht gleich im Augen⸗ blicke, ſo doch bald. Meine Unſchuld wird an's Licht kommen, Mutter, und ich kehre wieder heim; ich fühle dieß zuverſichtlich. Ihr müßt dem kleinen Jakob ———— und dem Büblein erzählen, wie alles dieß kam; denn wenn ſie denken könnten, ich ſey je unehrlich geweſen, ſobald ſie einmal alt genug ſind, um dieß zu ver⸗ ſtehen, ſo würde es mir das Herz brechen, und wenn ich tauſend Meilen weit weg wäre.— O gibt es denn nicht irgend einen guten Herrn hier, der für ſie Sorge tragen möchte! Ihre Hand gleitet aus der ſeinigen, denn das arme Geſchöpf ſinkt beſinnungslos zu Boden. Richard Swiveller kömmt haſtig hinzu, ellenbogt die Um⸗ ſtehenden aus dem Wege, nimmt ſie, nicht ohne einige Mühe, in der Weiſe der Comödienentführer auf den einen Arm, nickt Kit zu, befiehlt Barbara's Mutter zu folgen, da draußen eine Kutſche auf ſie warte, und trägt ſeine Laſt raſch von hinnen. 3 Richard brachte ſie ſofort nach Hauſe— und kein Sterblicher weiß, welche erſtaunliche Abgeſchmackt⸗ heiten er auf dem Wege durch fortwährendes Citiren aus Liedern und Gedichten begangen haben mag. Wie geſagt alſo, er brachte ſie nach Hauſe, wo er wartete, bis ſie ſich erholt hatten; und da er kein Geld beſaß, um die Kutſche zu bezahlen, ſo fuhr er ganz ſtattlich in Bevis Marks vor und hieß den Kut⸗ ſcher(denn es war Samſtag Abend) an der Thüre warten, während er hineinginge, um„wechſeln zu laſſen.“ „Ah, Herr Richard,“ ſagte Braß wohlgemuth. „Guten Abend.“ So ungemein abgeſchmackt Kit's Erzählung 246 anfangs auch erſcheinen mochte, ſo beargwöhnte doch Herr Richard an dieſem Abend ſeinen geſprächigen Brodherrn halb und halb irgend einer tief angelegten Büberei. Vielleicht hatte ſein ſonſt ſo gleichgültiger Charakter nur aus dem Elend, deſſen Zeuge er eben geweſen, den Anlaß dazu genommen; wie dem übri⸗ gens ſeyn mag, der Gedanke wollte ihm gar nicht aus dem Kopfe, und er ſagte in ſo wenig Worten als möglich, was er brauchte. „Geld?“ rief Braß, ſeine Börſe herausnehmend. „Ha, ha! Natürlich, Herr Richard, ganz natürlich, Sir. Alle Menſchen müſſen leben. Können Sie eine Fünfpfundnote wechſeln, Sir?“ „Nein,“ verſetzte Dick kurz angebunden. „O!“ ſagte Braß,„da iſt gerade die Summe. Es erſpart uns Mühe. Sie ſind mir natürlich ſehr willkommen— Herr Richard—* Dick, der inzwiſchen die Thüre erreicht hatte, drehte ſich wieder um. „Aber Sie brauchen ſich nicht zu bemühen, je wieder zurückzukommen, Sir,“ fügte Braß bei. „Wie?“ „Sie ſehen, Herr Richard,“ entgegnete Braß, indem er die Hände in ſeine Taſche ſteckte und ſich auf ſeinem Schreibebock hin und her wiegte,„die Thatſache iſt, daß ein Mann von Ihren Fähigkeiten verloren, ganz verloren iſt, Sir, in unſerem trockenen und ſchimmeligen Beruf. Es iſt eine ſchreckliche Plackerei— herzbrechend. Ich möchte ſagen, daß 247 das Theater, oder die— oder die Armee, Herr Ri⸗ chard, oder irgend eine höhere Stellung in dem pa⸗ tentiſirten Viktualienhandel ſo eine Art Sache wäre, worin ſich das Genie eines Mannes, wie Sie, ent⸗ wickeln könnte. Ich hoffe, ſie werden hin und wieder zu einem Beſuche bei uns anſprechen. Sally wird ſich gewiß ſehr darüber freuen, Sir. Es thut ihr außerordentlich leid, Sie zu verlieren, Herr Richard, aber das Bewußtſeyn ihrer Pflicht gegen die Geſell⸗ ſchaft läßt ſie es tragen.— Sie iſt ein ganz erſtaun⸗ liches Weſen, Sir! Sie werden das Geld richtig finden, denke ich. Da iſt noch ein zerbrochenes Fen⸗ ſter, Sir; aber ich habe Ihnen um deßwillen keinen Abzug gemacht. Wenn wir uns von Freunden tren⸗ nen, Herr Richard, ſo muß es in liberaler Weiſe geſchehen. Ein entzückendes Gefühl, Sir!* Auf alle dieſe gelegentlichen Bemerkungen ant⸗ wortete Herr Swiveller mit keinem Worte. Er kehrte nun zu ſeiner Waſſerfahrtjacke zurück, rollte ſie in einen dichten, runden Ballen zuſammen und blickte dabei beharrlich auf Braß, als hätte er die Abſicht, ihn damit niederzukugeln. Dieß unterblieb jedoch, denn er nahm ſein Gepäck blos unter den Arm und marſchirte in tiefem Schweigen aus dem Bureau. Er hatte jedoch kaum die Thüre geſchloſſen, als er ſie wieder öffnete, auf einige Augenblicke in derſelben bedeutungsvollen Gravität hineinſtierte, noch einmal mit dem Kopf nickte und endlich langſam, einem Geſpenſte ähnlich, verſchwand. 248 Sobald er den Kutſcher bezahlt hatte, drehte er Bevis Marks den Rücken zu, angeſchwellt von groß⸗ artigen Planen, wie er Kit'’s Mutter tröſten und Kit ſelber Beiſtand leiſten wolle. Aber die Lebensſtunden von Herren, welche ſich Vergnügungen hingeben, wie Richard Swiveller, ſind außerordentlich unzuverläßig. Die ſpirituöſe Auf⸗ regung der letzten vierzehn Tage, in Anbetracht, daß ſie auf ein Syſtem wirkte, welches in nicht geringem Grade unter der ſpirituöſen Aufregung mehrerer Jahre gelitten hatte, erwies ſich etwas zu ſtark für ihn. In derſelben Nacht wurde Herr Richard von einer beun⸗ ruhigenden Krankheit befallen, und nach vierundzwan⸗ zig Stunden lag er im Fieberdelirium. Der Naritätenladen. Vierundſechzigſtes Kapitel. Auf ſeinem heißen, unbequemen Lager ſich hin⸗ und herwälzend, von einem heftigen, durch nichts zu beſchwichtigenden Durſt gequält, unfähig, durch was immer für eine Veränderung ſeiner Lage auch nur einen Augenblick Ruhe oder Behaglichkeit zu finden, Au — 80ᷣ— ᷣ 249 an einem fort durch Gedankenwüſten ſchweifend, wo es keinen Ruheort, keinen Anblick, keinen Ton gab, der Erfriſchung oder Erleichterung hoffen ließ, nichts als eine abſtumpfende ewige Ermüdung, ohne einen Wechſel, als das ruheloſe Umhertreiben ſeines elenden Körpers und das abmattende Umherſchweifen ſeines Geiſtes, ſtets nach einem immer gegenwärtigen Ziele der Beſorgniſſe ringend— nämlich nach einem Gefühle, daß etwas ungeſchehen geblieben ſey, daß irgend ein fürchterliches Hinderniß ſich in den Weg lege, daß irgend eine nagende Sorge ihn umſchwebe, die ſich nicht vertreiben laſſen wollte und ſein krankes Hirn bald in dieſer bald in jener Form bedrängte— immer ſchattenhaft und düſter, aber in jeder ihrer Geſtal⸗ tungen ſich als daſſelbe Phantom zu erkennen gebend, jedes Traumbild wie ein böſes Gewiſſen verdüſternd und den Schlummer mit Schrecken erfüllend; in dieſen langſamen Qualen ſeiner ſchrecklichen Krankheit lag der unglückliche Richard da, Zoll um Zoll dahin⸗ ſchwindend und ſich abzehrend, bis er endlich unter der Vorſtellung, als kämpfe und mühe er ſich auf⸗ zuſtehen, und als würde er von böſen Geiſtern nie⸗ dergehalten, in einen tiefen Schlaf verſank, in welchem er nicht mehr träumte. Er erwachte; und mit einem Gefühle der glück⸗ lichſten Ruhe, die noch beſeligender war, als der Schlaf ſelbſt, begann er nachgerade ſich an einiges von ſeinem Leiden zu erinnern, darüber nachzudenken, welch eine lange Nacht es geweſen ſey, und ob er nicht zwei oder dreimal delirirt habe. Inmitten dieſer Gedanken zufällig ſeine Hand erhebend, war er nicht wenig erſtaunt, zu finden, wie ſchwer ſie ſchiene, ob⸗ gleich ſie in Wirklichkeit doch ſo abgezehrt und leicht war. Er machte ſich jedoch nicht viel daraus und fühlte ſich glücklich; auch blieb er, da er nicht geneigt war, die Sache weiter zu verfolgen, eine Weile in demſelben wachen Schlummer liegen, bis ſeine Auf⸗ merkſamkeit durch einen Huſten geweckt wurde. Dieß erregte in ihm Zweifel, ob er auch Nachts zuvor ſeine Thüre geſchloſſen habe, und er fühlte ſich etwas überraſcht, daß Jemand bei ihm in ſeiner Kammer ſeyn ſollte. Es fehlte ihm jedoch an Kraft, dieſem Gedankenzuge zu folgen, und er verſank unwillkürlich, ſchwelgeriſch ſeiner Ruhe ſich erfreuend, in ein Stieren auf einige grüne Streifen der Bettvorhänge, die er wunderſam mit Strecken grünen Raſens in Ver⸗ bindung brachte, während ihm der gelbe Grund da⸗ zwiſchen wie Kieswege vorkam, die das Ganze zu einer langen Perſpektive von zierlich aufgeſtutzten Gärten umwandeln halfen. Seine Phantaſie führte ihn auf den Teraſſen umher, und er hatte ſich bereits ganz in denſelben verloren, als er abermals huſten hörte. Bei dieſem Tone wandelte ſich alles wieder in einen geſtreiften Vorhang um, welchen er jetzt, nach⸗ dem er ſich im Bette ein wenig aufgerichtet hatte, bei Seite drückte, um hinausſehen zu können. Es war gewiß ganz daſſelbe Gemach und noch — 251 immer bei Kerzenlicht; aber mit welchem gränzen⸗ loſen Erſtaunen erblickte er alle jene Flaſchen, Becken, Leinenſtoffe, die an dem Feuer trockneten, und ſonſtige Ausſtattungen eines Krankenzimmers— alles ſehr reinlich und nett, aber doch ſo ganz anders, als es bei ſeinem Zubettegehen geweſen war! Auch die Atmosphäre mit einem kühlenden Geruch von Kräuter⸗ eſſig erfüllt; der Fußboden friſch beſprengt; die— was?— die Marquiſe? Ja, ſie ſpielte am Tiſche mit ſich ſelbſt Cribbage. Da ſaß ſie, nur auf ihr Spiel achtend, nur hin und wieder gedämpft huſtend, als ſcheue ſie ſich, ihn zu ſtören— Karten miſchend, abhebend, ausgebend, ſpielend, zählend, marquirend, kurz, alle Geheimniſſe des Cribbageſpieles durchma⸗ chend, als hätte ſie von ihrer Wiege an nichts an⸗ deres getrieben! Herr Swiveller betrachtete dieſe Dinge eine kurze Zeit, ließ dann den Vorhang wieder in ſeine frühere Lage fallen, und legte ſeinen Kopf auf das Kiſſen zurück.. „Es iſt klar, daß ich träume,“ dachte Richard. „Als ich zu Bette ging, waren meine Hände nicht aus Eierſchalen gemacht, und jetzt kann ich faſt durch dieſelben ſehen. Wenn dieß kein Traum iſt, ſo bin ich durch irgend ein Mißverſtändniß ſtatt in einer Londoner in Tauſend und einer Nacht aufgewacht. Aber ich zweifle nicht, daß ich ſchlafe. Nicht im ge⸗ ringſten.“ Hier huſtete die kleine Magd abermals. 25²2 „Sehr merkwürdig!“ dachte Herr Swiveller. „Ich habe doch früher nie von einem Huſten ſo täu⸗ ſchend geträumt. In der That, ich kann mich nicht erinnern, daß ich je von Huſten oder Nießen träumte. Vielleicht gehört es mit zur Theorie der Träume, daß man es nie thut. Jetzt wieder— und noch einmal— wahrlich, ich muß ſagen, daß ich etwas ſchnell träume.“ Um ſich von der wahren Sachlage zu überzeugen, kniff ſich Herr Swiveller nach einiger Ueberlegung in den Arm. „Noch ſonderbarer!“ dachte er.„Ich legte mich doch ziemlich bei Fleiſch zu Bette, und jetzt iſt gar nichts vorhanden, was ich anfaſſen könnte. Ich muß doch noch einmal zuſehen.“ Das Reſultat dieſer weitern Inſpektion lief da⸗ hin hinaus, Herrn Swiveller zu überzeugen, daß die Gegenſtände, welche ihn umgeben, wirklich wären, und daß er ſie ohne alle Frage mit wachendem Auge ſehe. „Ich ſagte es ja,“ meditirte Richard weiter,„es iſt Tauſend und eine Nacht. Ich bin in Damaskus oder Groß Kairo. Die Marquiſe iſt ein Geiſt und hat mit einem andern Geiſte gewettet, wer der ſchönſte lebende junge Mann und am wirdigſten ſey, ſich mit der Prinzeſſin von China zu vermählen, weßhalb ſie mich mit Zimmer und allem wegführte, um Ver⸗ gleichungen anſtellen zu können. Vielleicht,“ ſagte Herr Swiveller, indem er ſich matt auf ſeinem Kiſſen 253 umdrehte und auf die Seite ſeines Bettes wandte, welche der Wand am nächſten war,„iſt die Prinzeſſin immer noch— nein, ſie iſt fort.“ Nicht ganz zufrieden mit dieſer Erklärung, da ſie, ſelbſt im Falle, daß ſie richtig war, jedenfalls noch ein Bischen Geheimniß und Bedenken in ſich faßte, erhob Herr Swiveller abermals den Vorhang, feſt entſchloſſen, die erſte günſtige Gelegenheit zu be⸗ nützen und ſeine Gefährtin anzureden. Dieſe Gele⸗ genheit bot ſich bald. Die Marquiſe gab aus, ſchlug einen Buben auf und vergaß, den gewöhnlichen Vor⸗ theil dafür zu benützen, worauf Herr Swiveller, ſo laut als er köonnte, rief: „Zwei für ſeine Ferſen!“ Die Marquiſe ſprang raſch auf und ſchlug ihre Hände zuſammen. „Zuverläſſig Tauſend und eine Nacht,“ dachte Herr Swiveller.„Sie ſchlagen dort immer die Hände zuſammen, ſtatt die Klingel zu ziehen. Nun werden die zweitauſend ſchwarzen Sklaven kommen, mit Ge⸗ fäßen voll Juwelen auf ihren Köpfen.“ Es ſtellte ſich jedoch heraus, daß ſie nur in der Freude ihres Herzens die Hände zuſammengeſchlagen hatte; denn unmittelbar darauf fing ſie an, zu lachen und dann zu weinen, wobei ſie nicht im gewählten Arabiſch, ſondern in ganz ordinärem Engliſch erklärte, „ſie ſey ſo froh, daß ſie nicht wiſſe, was ſie anfangen ſolle.“ 254 „Marquiſe,“ ſagte Herr Swiveller gedankenvoll, „möge es Ihnen belieben, ein wenig näher zu kom⸗ men. Zuvörderſt— wollen Sie die Güte haben, mich zu unterrichten, wo ich meine Stimme wieder finden werde; und zweitens— erweiſen Sie mir die Geneigtheit, zu ſagen, was aus meinem Fleiſch ge⸗ worden iſt?“ Die Marquiſe ſchüttelte nur traurig ihren Kopf und weinte auf's Neue, worauf Herr Swiveller, der ſich ſchwach befand, ſeine eigenen Augen in gleicher Weiſe afficirt fühlte. „Ich fange an, aus Ihrem Benehmen und aus dieſen äußern Merkmalen zu ſchließen, Marquiſe,“ fuhr Richard nach einer Pauſe fort, während ein Lächeln ſeine bebenden Lippen umzog,„daß ich krank geweſen bin?“ „Freilich ſind Sie krank geweſen!“ verſetzte die kleine Magd.„Und was Sie dabei nicht Unſinn herausgeſchwatzt haben?“ „Alſo wohl ſehr krank, Marquiſe?“ fragte Dick. „Auf den Tod,“ entgegnete die kleine Magd. „Ich meinte, es wolle gar nimmer beſſer gehen. Dem Himmel ſey Dank, daß es wieder ſo iſt!“ Herr Swiveller verblieb eine geraume Zeit ſtumm, und als er wieder zu ſprechen begann, fragte er zu⸗ erſt,„wie lange er ſich hier befinde.“ „Morgen werden's drei Wochen,“ erwiederte die kleine Magd. „Was, drei—?“ ſagte Dick. 2⁵5⁵ „Wochen,“ verſetzte die Marquiſe nachdrücklich. „Drei lange, langſame Wochen.“ Schon der Gedanke, ſo weit draußen geweſen zu ſeyn, veranlaßte Richard zu einem weitern Schwei⸗ gen. Er ſtreckte ſich der vollen Länge nach auf ſeinem Lager aus. Die Marquiſe rückte ihm das Bettzeug bequemer, und als ſie fühlte, daß Hände und Stirne ganz kühl waren— eine Entdeckung, ob der ſie ganz entzückt wurde— weinte ſie noch ein wenig, worauf ſie ſich anſchickte, den Thee zu bereiten und eine dünne Brodſchnitte zu röſten. Während ſie ſo beſchäftigt war, ſah ihr Herr Swiveller mit dankerfülltem Herzen zu, nicht wenig erſtaunt, als er bemerkte, wie ganz und gar ſie ſich hier heimiſch gemacht hatte, indem er dieſe Aufmerk⸗ ſamkeit urſprünglich Sally Braß zuſchrieb, welcher er, wie er meinte, ſich nicht verpflichtet genug fühlen konnte. Nachdem die Marquiſe ihr Röſtbrod fertig gebracht hatte, breitete ſie ein reines Tuch über ein Theebrett und legte ihm einige kleine Schnitten nebſt einem großen Napfe ſchwachen Thee's vor, womit ſie ihn, wie ſie ſagte, der Erlaubniß des Doktors zu Folge bei ſeinem Erwachen erfriſchen durfte. Sie unterſtützte ihn, wenn auch nicht ſo geſchickt, als ob ſie ihr ganzes Leben über eine Krankenwärterin ge⸗ weſen wäre, ſo doch mit eben ſo viel Zartheit, durch Kiſſen und ſah mit unausſprechlicher Freude zu, wäh⸗ rend der Patient— hin und wieder inne haltend, um ihr die Hand zu drücken— ſein armliches Mahl 256 mit einem Appetit und einem Hochgenuß zu ſich nahm, den unter andern Umſtänden die größten Leckereien der Welt nicht hervorzurufen vermocht hätten. Nach⸗ dem ſie wieder aufgeräumt und das Bettzeug gemäch⸗ lich um ihn her gerückt hatte, ſetzte ſie ſich an dem Tiſche nieder, um ihren eigenen Thee einzunehmen. „Marquiſe,“ ſagte Herr Swiveller,„was macht Sally?“ Die kleine Magd ſchraubte ihr Geſicht zu einem Ausdruck äußerſter Verſchmitztheit zuſammen und ſchüttelte den Kopf. „Wie, haſt du ſie in der letzten Zeit nicht ge⸗ ſehen?“ fragte Dick. „Sie geſehen?“ rief die kleine Dienſtmagd. „Gott behüte mich; ich bin weggelaufen!“ Herr Swiveller legte ſich ſogleich ganz flach in ſeinem Bett wieder zurück und verblieb ungefähr fünf Minuten in dieſer Lage. Nach Verfluß dieſer Zeit brachte er ſich langſam wieder in eine ſitzende Stel⸗ lung und fragte: „Und wo wohnen Sie, Marquiſe?“ „Wo ich wohne?“ entgegnete die kleine Magd. „Hier!“ „Oh!“ rief Herr Swiveller. Und mit dieſem Ausruf ſank er wieder zurück, ſo plötzlich, als ob er erſchoſſen worden wäre. Auch blieb er ſprach⸗ und regungslos, bis ſie ihr Mahl beendigt, alles an ſeinen Ort geſtellt und den Herd abgefegt hatte, worauf er ihr winkte, einen Stuhl an 257 ſein Bett zu rücken, und ſobald er mit Kiſſen wieder aufgerichtet war, eröffnete er ein weiteres Geſpräch. „Und ſo biſt du alſo weggelaufen?“ fragte Dick. „Ja,“ entgegnete die Marquiſe,„und ſie haben mich vertiſirt.“ „Ver—— ich bitte um Verzeihung,“ ſagte Dick;„was haben ſie gethan?“ „Mich vertiſirt— vertiſirt, wiſſen Sie— in den Zeitungen,“ erwiederte die Marquiſe. „Ja, ja,“ ſagte Dick,„avertiſirt.“ Die kleine Magd nickte und blinzelte. Ihre Au⸗ gen waren vom Wachen und Weinen ſo roth geworden, daß ſelbſt die tragiſche Muſe nicht nachdrücklicher hätte blinzeln können. Und auch Dick fuͤhlte dieß. „Aber ſage mir,“ ſprach er,„wie konnte es dir einfallen, hieher zu kommen?“ „Warum? ja, ſehen Sie,“ verſetzte die Mar⸗ quiſe;„als Sie fort waren, hatte ich keine Freude mehr, weil der Miethsmann auch nicht wieder zurück⸗ kam, und Sie können ſich denken, daß ich nicht wußte, ob ich ihn oder Sie je wieder auffinden würde. Aber eines Morgens, als ich—— ⸗ „Vor dem Schluſſelloch ſtand?“ ergaͤnzte Herr Swiveller, da er ihr Stocken bemerkte. „Nun ja denn,“ enigegnete die kleine Magd mit dem Kopfe nickeno;„als ich vor dem Schluſſelloch des Bureaus ſtand— wiſſen Sie, wie Sie mich ge⸗ ſehen haben— hörte ich eine Frauensperſon ſagen, ſie wohne hier und ſey die Beſitzerin des Hauſes, Boz. XIII. Humphrey’s Waneuhr. 17 258 in welchem Sie Ihr Logis hätten; Sie ſeyen ſehr krank, und es komme Niemand, um Sie zu verpflegen. Herr Braß ſagte dann, ‚es geht mich nichts an’, und Miß Sally ſagte,„er iſt ein ſchnurriger Kauz, aber es geht mich nichts ane; und die Frau ging fort und ſchlug die Thüre hinter ſich zu, kann ich Ihnen ſagen. Ich entlief dann in derſelben Nacht, um hieher zu kommen, und ſagte ihnen, Sie wären mein Bruder, und ſie glaubten mir, und ſo bin ich ſeitdem hier geweſen.“ „Und dieſe arme kleine Marquiſe hat ſich faſt zu Tode abgemüht!“ rief Dick. „O, nicht doch,“ verſetzte ſie,„nicht im Ge⸗ ringſten. Kümmern Sie ſich nicht um mich. Ich bleibe gern auf, und Gott behüte, ich habe oft auf einem von dieſen Stühlen ein Schläfchen gemacht. Aber wenn Sie hätten mit anſehen können, wie Sie verſuchten, aus dem Fenſter zu ſpringen, und wenn Sie gehört hätten, wie Sie geſungen und Reden ge⸗ halten haben, Sie würden's nicht glauben.— Jetzt bin ich eben ſo frob⸗ daß es Ihnen beſſer geht, Herr Liverer.“* „In der That, Liverer!“ ſagte Dick gedankenvoll. „Es iſt gut, daß ich noch ein Liverer bin. Es geht mir bedeutend vor, ich wäre geſtorben, Marquiſe, ohne dich.“ Herr Swiveller nahm abermals die Hand der * Ein Lebender. 259 kleinen Dienſtmagd in die ſeinige, und da es ihm, wie wir geſehen haben, noch ſehr elend war, ſo hätte er vielleicht in der Bemühung, ſeinen Dank auszu⸗ drücken, ſeine Augen ebenſo ſehr geröthet, als die ihrigen, wenn ſie nicht ſchnell auf etwas anderes übergegangen wäre, indem ſie ihn drängte, ſich nieder⸗ zulegen und ſich recht ruhig zu verhalten. „Der Doktor ſagte,“ fuhr ſie fort,„Sie müßten ſich ganz ruhig verhalten, und es dürfe durchaus kein Larm oder etwas der Art um Sie ſeyn. Legen Sie ſich alſo, und dann wollen wir wieder miteinander ſprechen. Sie wiſſen, ich bleibe bei Ihnen auf. Wenn Sie die Augen ſchließen, ſo kommen Sie viel⸗ leicht zum Schlafen. Es iſt nur um ſo beſſer, wenn Sie es thun.“ Nach dieſen Worten rückte die Marquiſe einen kleinen Tiſch an das Bett, ſetzte ſich dabei nieder und ſohickte ſich an, mit der Gewandtheit eines halben Schocks von Chemikern einen kühlenden Trank zu be⸗ reiten. Richard Swiveller, der in der That erſchöpft war, verfiel in einen Schlummer, aus dem er nach einer halben Stunde wieder erwachte; dann fragter er, wie es an der Zeit ſey. „Gerade halb ſiehen vorbei,“ verſetzte ſeine kleine Freundin, indem ſie ihm im Bette wieder aufhalf. „Marquiſe,“ ſagre Richard, mit der Hand über ſeine Stirne fahrend und ſich plötzlich umwendend, als ob ihm dieſer Gegenſtand eben erſt eingefallen wäre,„was iſt aus Kit geworden?“ 4 17*† 260 „Er ſey zu vielen Jahren Deportation verur⸗ theilt worden,“ lautete die Antwort. „Iſt er fort?“ fragte Dick.—„Seine Mutter — wie geht es ihr— was iſt aus ihr geworden?“ Seine Wärterin ſchüttelte den Kopf und erwie⸗ derte, daß ſie nichts von ihnen wiſſe. „Aber wenn ich glauben könnte,“ fügte ſie lang⸗ ſam bei,„daß Sie ruhig bleiben und ſich nicht in ein anderes Fieber hetzen würden, ſo könnte ich Ihnen etwas ſagen— aber ich will jetzt nicht.“ „O, thue es,“ ſagte Dick.„Es wird mich unterhalten.“ „Ach würde es wirklich?“ verſetzte die kleine Magd mit einem entſetzten Blick.„Nein, ich weiß dieß beſſer. Warten Sie, bis Sie ſich mehr erholt haben, und dann will ich es Ihnen ſagen.“ Dick blickte ſehr ernſt auf ſeine kleine Freundin, und der Ausdruck ſeiner in Folge der Krankheit großen, hohlen Augen erſchreckte dieſelbe ſo ſehr, daß ſie ihn ängſtlich bat, nicht mehr daran zu denken. Was ihr jedoch bereits entfallen war, hatte nicht nur ſeine Neugierde geſtachelt, ſondern ihn auch ernſtlich beun⸗ ruhigt, weßhalb er in ſie drang, ihm alles zu ſagen, und wenn es das Schlimmſte wäre. „O, es iſt nichts ſo gar Schlimmes daran,“ ver⸗ ſetzte die keine Magd.„Es hat nichts mit Ihnen zu ſchaffen.“ „Hat es zu ſchaffen oder ſteht es in Verbindung mit etwas, was du durch Ritzen oder Schlüſſellöcher —. 261 gehört haſt, und was eigentlich für deine Ohren nicht berechnet war?“ fragte Dick in einem athem⸗ loſen Zuſtand. „Ja,“ entgegnete die kleine Magd. „In— in Bevis Marks?“ fuhr Dick haſtig fort. „Unterhaltungen zwiſchen Braß und Sally?“ Die kleine Magd antwortete abermals bejahend. Richard Swiveller ſtreckte ſeinen hagern Arm aus dem Bette, ergriff den ihrigen bei dem Hand⸗ gelenk, zog ſie näher heran und befahl ihr, und zwar freimüthig damit herauszurücken, ſonſt könne er für die Folgen nicht ſtehen, da er gänzlich außer Stand ſey, dieſen Zuſtand von Aufregung und Er⸗ wartung zu ertragen. Sobald ſie jedoch den Sturm in ſeinem Innern bemerkte und die Entdeckung machte, daß die Wirkungen einer Verzögerung ihrer Mitthei⸗ lung weit nachtheiliger ſeyn würden, als alles, was eine ſchleunige Enthüllung möglicherweiſe veranlaſſen könnte, ſo verſprach ſie unter der Bedingung zu will⸗ fahren, daß ſich der Kranke vollkommen ruhig ver⸗ halte und durchaus nicht auffahren und ſich umher werfen wolle.„Wenn Sie aber etwas der Art zu thun anfangen,“ fügte die kleine Magd bei,„ſo höre ich auf. Laſſen Sie ſich's alſo geſagt ſeyn.“ „Du kannſt nicht aufhören, ehe du angefangen haſt,“ ſagte Dick.„Alſo heraus damit, mein Schatz, Sprich, Schweſter, ſprich. Hübſches Mariechen, rede, — o, ſage mir, wenn, und ſage mir, wo, ich bitte, Marquiſe, flehentlichſt.“ Unfähig, ſolchen glühenden Ueberredungen zu widerſtehen, die Richard ſo leidenſchaftlich ausſchüt⸗ tete, als handle es ſich um die feierlichſte und ergrei⸗ fendſte Angelegenheit, begann ſeine Gefährtin folgen⸗ dermaßen. „Wohlan! Ehe ich weglief, pflegte ich in der Küche zu ſchlafen— Sie wiſſen, wo wir Karten ſpielten. Miß Sally trug gewöhnlich den Schlüſſel zu der Küchenthüre in der Taſche und kam immer⸗ des Nachts herunter, um das Licht wegzunehmen und das Feuer auszulöſchen. Wenn ſie dieß gethan hatte, ließ ſie mich im Dunkeln zu Bette gehen, ſchloß die Thüre von außen ab, ſteckte den Schlüſſel wieder in ihre Taſche und hielt mich eingeſperrt, bis ſie des Morgens— ſehr früh, kann ich Ihnen ſagen— wieder herunterkam und mich herausließ. Ich fürch⸗ tete mich ganz entſetzlich, ſo gehalten zu werden, weil ich dachte, wenn einmal Feuer auskäme, ſo würden ſie mich vergeſſen und nur für ſich Sorge tragen. So oft ich daher irgendwo einen alten, ro⸗ ſtigen Schlüſſel wahrnahm, ſo las ich ihn auf und probirte, ob er nicht zu der Thüre paſſe, bis ich endlich im Aſchenkeller einen fand, der für meinen Zweck geeignet war.“ Hier machte Herr Swiveller eine ungeſtüme Demonſtration mit ſeinen Beinen; da jedoch die kleine Magd ſogleich zu ſprechen aufhörte, ſo gab er ſich wieder zufrieden, entſchuldigte ſich, daß er einen 263 Augenblick des gegenſeitigen Bertrags vergeſſen hatte, und bat ſie, fortzufahren. „Sie hielten mich ſehr kurz,“ agte die kleine Magd.„O, Sie können gar nicht glauben, wie kurz ſie mich hielten. Ich pflegte daher Nachts, wenn ſie zu Bette gegangen waren, heraufzukommen und im Finſtern nach Zwiebackbrocken oder Sandwiches, welche Sie in dem Bureau gelaſſen hatten, oder auch nur nach einem Stückchen Orangenſchaale zu ſuchen, um es in kaltes Waſſer zu legen und mir weiß zu machen, daß es Wein ſey. Haben Sie je Orangen⸗ ſchaale in Waſſer gekoſtet?“ Herr Swiveller erwiederte, daß er dieß feurige Getränk nie verſucht habe, und drängte aufs Neue ſeine Freundin, den Faden ihrer Erzählung wieder aufzunehmen. „Wenn man der Einbildungskraft um ein Nam⸗ haftes nachhilft, ſo iſt es gar nicht übel,“ fuhr die kleine Magd fort;„andern Falls aber, Sie wiſſen wohl, könnte es ſcheinen, als ob es noch ein Bischen mehr Zeitigung ertragen könne. Nun, bisweilen kam ich heraus, nachdem ſie bereits zu Bette gegangen waren, bisweilen auch, wie ſie wiſſen, früher; und eine oder zwei Nächte, ehe jener köſtliche Lärm in dem Bureau vorging— als der junge Menſch geſetzt wurde, meine ich— kam ich die Treppe herauf, während Herr Braß und Miß Sally bei dem Feuer der Schreibſtube ſaßen. Um Ihnen die Wahrheit zu 264 ſagen, ich kam nur wieder, um wegen des Schlüſſels zum Speiſeſchrank zu lauſchen.“ Herr Swiveller zog ſeine Kniee an ſich, daß die Bettdecke einen großen Kegel bildete, und legte in ſein Geſicht einen Ausdruck der angelegentlichſten Spannung. Da jedoch die kleine Magd wieder inne hielt und ihren Finger erhob, ſo ſank der Kegel ganz ſachte wieder zuſammen, obſchon der Ausdruck ſeines Antlitzes Beſtand hatte. „Er und ſie ſaßen beim Feuer da,“ erzählte die kleine Magd,„und ſprachen leiſe miteinander. Herr Braß ſagte zu Miß Sally: ‚auf mein Wort,“ ſagte er, ‚es iſt ein gefährlich Ding, das uns in eine Welt voll Ungelegenheiten bringen kann, und es gefällt mir nur halb.’ Sie ſagte— Sie kennen ihre Weiſe— ſie ſagte: ‚du biſt der haſenherzigſte, ſchwächſte und verzagteſte Mann, den ich je geſehen habe, und ich denke,“ ſagte ſie, ‚daß ich hätte der Bruder, und du hätteſt die Schweſter werden ſollen. Iſt nicht Quilp unſere Hauptſtütze? ſagte ſie. ‚Ge⸗ wiß iſt er es, ſagte Herr Braß. ‚Und müſſen wir nicht,“ ſagte ſie, ‚ohne Unterlaß dieſen oder jenen auf dem Wege des Geſchäftsganges zu Grunde rich⸗ ten?„Gewiß müſſen wir das,“ ſagte Herr Braß. „Was hat es denn zu bedeuten,“ ſagte ſie, ‚wenn man, Quilp's Wunſche gemäß, dieſen Kit ruinirt?“ „Es hat natürlich nichts zu bedeuten, ſagte Braß. Dann flüſterten und lachten ſie darüber, daß keine Gefahr vorhanden ſey, wenn man es gut ausführe, ——9 u 2 265 und dann zog Herr Braß ſein Taſchenbuch heraus und ſagte:„Gut,; ſagte er,„da iſt es— Quilp's eigene Fünfpfundnote. So wollen. wir's alſo in dieſer Weiſe ausführen,“ ſagte er.„Ich weiß, daß Kit morgen früh kömmt. Wenn er die Treppe hin⸗ aufgeht, ſo gehſt du aus dem Wege, und ich will Herrn Richard fortſchaffen. Habe ich Kit allein, ſo halte ich ihn durch ein Geſpräch hin und praktizire dieſe Banknote in ſeinen Hut. Ich will außerdem die Einleitung treffen,“ ſagte er, ‚daß Richard ſie darin finden und Zeugniß ablegen muß. Und wenn auf dieſe Weiſe Chriſtoph nicht aus Herrn Quilp's Weg geräumt und das Brummen des Herrn Quilp zufrieden geſtellt wird,⸗ ſagte er, ‚ſo muß der Teufel ſein Spiel darin haben.⸗ Miß Sally lachte und ſagte: ‚das wäre der Plan;e und da es den Anſchein hatte, als ob ſie fortgehen wollten, ſo wagte ich es nicht, mich länger aufzuhalten, ſondern begab mich wieder die Treppe hinunter.— So!“ Die kleine Magd hatte ſich allmälig in eine eben ſo große Aufregung hineingearbeitet als Herr Swi⸗ veller und verſuchte daher nicht, ihn zurückzuhalten, als er ſich im Bette aufrichtete und haſtig fragte, ob ſie dieſe Geſchichte ſchon irgend Jemand erzäͤhlt habe. „Wie hätte ich können?“ verſetzte ſeine Wärte⸗ rin.„Ich ſcheute mich faſt, nur daran zu denken, und hoffte, der junge Menſch würde losgelaſſen werden. Als ich ſie ſagen hörte, man habe ihn trotz ſeiner Unſchuld für ſchuldig erklärt, da waren Sie 266 fort, und deßgleichen auch der Miethsmann— ob⸗ gleich ich glaube, ich wäre nicht ſo keck geweſen, es ihm zu ſagen, ſelbſt wenn er da geweſen wäre. Seit ich hier bin, ſind Sie nie bei Verſtand geweſen, und was wäre Gutes dabei herausgekommen, wenn ich's Ihnen dann mitgetheilt hätte?“ „Marquiſe,“ ſagte Herr Swiveller, indem er ſeine Nachtmütze abriß und ſie in das andere Ende der Kammer ſchleuderte,„wenn du mir einen Gefal⸗ len erweiſen willſt, ſo ziehe dich einige Minuten zu⸗ rück und ſiehe zu, was es für eine Art von Nacht iſt; ich will aufſtehen.“ „Ach, Sie dürfen nicht an ſo etwas denken,“ rief ſeine Wärterin. „Ich muß in der That,“ ſagte der Patient, im Zimmer umherſchauend.„Wo ſind meine Kleider?“ „O, wie bin ich ſo froh— Sie haben keine,“ verſetzte die Marquiſe. „Ma'am!“ rief Herr Swiveller in großer Ueber⸗ raſchung... „Ich habe ſie alle nach einander verkaufen müſſen, um die Sachen zu bezahlen, welche der Doctor für Sie verordnet hat. Aber laſſen Sie ſich das nicht kümmern,“ bat die Marquiſe, als Dick auf ſein Kiſſen zurückſank.„Sie ſind ja in der That zu ſchwach zum Stehen.“ „Ich fürchte,“ ſagte Nichard mit einer Jam⸗ — —6 „ ————— N 267 mermiene,„daß du Recht haſt. Was ſoll ich thun? Was kann geſchehen?“ 3 Nach kurzer Erwägung fiel ihm natürlich ein, daß der erſte Schritt darin beſtehen müßte, auf der Stelle mit einem von den Herrn Garlands in Ver⸗ kehr zu treten. Es war ſehr möglich, daß Herr Abel das Bureau des Notars noch nicht verlaſſen hatte. In eben ſo kurzer Zeit, als unſer Bericht in An⸗ ſpruch nimmt, war für die kleine Magd die Adreſſe mit Bleiſtift auf ein Stück Papier geſchrieben; dann folgte eine mündliche Beſchreibung von Vater und Sohn, welche ſie in den Stand ſetzte, jeden von Beiden ohne Schwierigkeit zu erkennen, und eine ſpezielle Warnung, gegen Herrn Chuͤckſter vorſichtig zu ſeyn, wegen der bekannten Antipathie dieſes Genlte⸗ man gegen Kit. Mit dieſen gebrechlichen Streitkräften ausgerüſtet eilte ſie von hinnen, um ſich ihres Auftrags, ent⸗ weder den alten Herrn Garland oder Herrn Abel perſönlich nach dieſem Gemach zu bringen, zu entle⸗ digen. „So iſt alſo,“ ſagte Dick, als ſie die Thüre langſam ſchloß, dann aber noch einmal in'’s Zim⸗ mer ſchaute, um ſich zu überzeugen, daß er ſich leidlich befinde;„ſo iſt alſo gar nichts übrig geblie⸗ ben— nicht einmal eine Weſte?“ „Nein, nichts.“ „Das könnte mich in Verlegenheit bringen, wenn — 268 Feuer auskäme,“ ſagte Herr Swiveller.„Selbſt ein Regenſchirm würde etwas ſeyn— aber du thateſt ganz recht, liebe Marquiſe. Ohne dich wäre ich geſtorben.“ Der Naritätenladen. Achtundſechzigſtes Kapitel. Es kam der kleinen Magd ſehr zu ſtatten, daß ſie ſehr ſchlau und behend war, ſonſt wäre wohl die Folge ihrer unbeſchützten Sendung in der unmittel⸗ baren Nachbarſchaft einer Gegend, wo ſie ſich nicht ohne große Gefahr blicken laſſen durfte, wahrſchein⸗ lich darauf hinausgelaufen, daß ihre Perſon der Oberherrlichkeit von Miß Sally wieder anheimgefallen wäre. Ohne jedoch dieſer Gefahr zu achten, ſchlüpfte die Marquiſe, ſobald ſie das Haus verlaſſen hatte, in die erſte dunkle Nebengaſſe, die ihr in den Weg kam, und da es ihr nicht darum zu thun war, auf ſchnurgera⸗ dem Wege das Ziel ihrer Reiſe zu erreichen, ſo ließ ſie ſich's zuerſt angelegen ſeyn, zwei gute Meilen Stein und Mörtel zwiſchen ſich und Bevis Marks zu bringen. Sobald ſie dieſen Zweck erreicht hatte, begann ſie die Richtung nach dem Bureau des Notars einzu⸗ 269 ſchlagen, die ihr leicht angedeutet werden konnte— und zwar nicht durch eingeholte Nachweiſungen in hellbeleuchteten Läden oder bei wohlgekleideten Leuten, wo ſie Aufmerkſamkeit hätte erregen können, denn ſie zog es klüglich vor, nur bei den Apfelweibern und Auſtern⸗ verkäufern an den Straßenecken Nachfrage anzuſtellen. Wie Brieftauben, die das erſtemal an einem fremden Orte losgelaſſen werden, anfangs auf's Ungefähr eine Meile in der Luft herumflattern, ehe ſie ſich dem Orte ihrer Beſtimmung zuwenden, ſo rückte auch die Marquiſin ſchüchtern hin und her, bis ſie ſich geborgen glaubte, und dann ſchoß ſie raſch dem Hafen zu, der ihr als Ziel vorgeſteckt war. Sie hatte keinen Hut— nichts auf ihrem Kopfe, als eine große Haube, welche vor Alters von Sally Braß getragen worden war, deren eigenthümlichen Geſchmack am Kopfputz wir bereits kennen gelernt haben— und ihre Eile wurde eher verzögert, als unterſtützt durch ihre Schuhe, welche, da ſie außer⸗ ordentlich groß und ſchlappig waren, hin und wieder abflogen und unter dem Menſchengedränge nur mit Mühe wieder aufgefunden werden konnten. In der That hatte das arme Geſchöpf ſo viel Mühe und Verzögerung von dem Umſtande zu befahren, daß ſie dieſe Anzugsartikel aus dem Schmutz und den Goſſen hervorſuchen mußte, und außerdem erlitt ſie durch ihre Nachforſchungen ſo viele Stöſſe von den ſich drängenden Vorübergehenden, daß ſie zur Zeit, als ſie die Straße erreichte, in welcher der Notar 270 wohnte, völlig abgemattet und erſchöpft war, und ſich daher der Thränen nicht erwehren konnte. Aber einmal dort zu ſeyn, war ſchon ein großer Troſt, zumal da ſie in den Bureaufenſtern noch Licht bemerkte und deßhalb noch Hoffnung haben durfte, nicht zu ſpät gekommen zu ſeyn. Die Marquiſe trocknete alſo die Augen mit ihrem Handruücken, ſtahl ſich ſachte die Thürtreppe hinauf und guckte durch die Glasthüre. Herr Chuckſter ſtand hinter dem Deckel ſeines Pultes und ſchickte ſich an, Feierabend zu machen, indem er ſeine Manſchetten und Jabots herauszupfte, ſeinen Hals anmuthiger in die Kravatte ſchnallte, und unter Beihülfe eines kleinen, dreieckigen Stück⸗ chens Spiegelgtas heimlich ſeinen Backenbart in Ord⸗ nung brachte. Vor der Aſche des Feuers ſtanden zwei Herren, von denen ſie den einen mit Recht für den Notar, den andern aber, welcher eben ſeinen Ueberrock zuknöpfte und augenſcheinlich ſich anſchickte, unmittelbar fortzugehen, für Herrn Abel Garland hielt. Nachdem die kleine Spionin dieſe Beobachtun⸗ gen angeſtellt hatte, ging ſie mit ſich zu Rathe und kam dabei zu dem Entſchluſſe, auf der Straße zu warten, bis Herr Abel herauskäme, da ſie dann nicht mehr zu hefürchten hatte, vor Herrn Chuckſter ſpre⸗ chen zu müſſen, und ihren Auftrag mit geringerer Schwierigkeit ausrichten konnte. In dieſer Abſicht 271 glitt ſie wieder hinaus, ging über den Weg hinüber und ſetzte ſich gerade vis à vis auf eine Thürſchwelle. Sie hatte kaum dieſe Stelle eingenommen, als, alle Viere in den Lüften und den Kopf nach allen Seiten drehend, ein Pony die Straße herauf getanzt kam. Dieſer Pony hatte einen kleinen Phaeton hin⸗ ter ſich, in welchem ein Mann ſaß; aber weder Mann noch Phaeton ſchienen ihn auch nur im Min⸗ deſten zu incommodiren, da er ſich auf ſeine Hinter⸗ beine ſtellte, Halt machte, vorwärts trabte, wieder ſtille ſtand, rückwärts ging, oder Seitenſprünge machte, ohne die geringſte Rückſicht auf ſein Anhängſel zu nehmen, gerade wie es ihm ſeine Laune eingab, als ob er das freieſte Thier in der Schöpfung ſey. Als ſie vor der Thure des Notars anlangten, rief der Mann in ſehr reſpektvoller Weiſe:„Oha!“ was ſo viel heißen ſollte, als:„wenn ich es wagen darf, einen Wunſch auszudrücken, ſo möchten wir hier Halt machen.“ Der Pony blieb einen Augenblick ſtehen; aber als ob ihm jetzt erſt einfiele, daß man unbequeme und gefährliche Conſequenzen daraus ziehen könnte, wenn er hielte, ſo bald man es von ihm verlangte, packte gleich wieder auf, raſſelte ga⸗ loppirend um die Straßenecke, drehte ſich dann, kam zurück und blieb aus eigenem Antriebe ſtehen. „O! du biſt ein köſtliches Geſchöpf!“ ſagte der Mann, der, nebenbei geſagt, nicht früher mit ſeiner wahren Farbe heraus zu rücken wagte, bis er wohl 272 behalten auf dem Pflaſter ſtand.„Ich wollte, ich dürfte dir's eintränken.“ „Was hat er denn gethan?“ fragte Herr Abel, der einen Shawl um ſeinen Hals band, als er die Stufen herunter kam. „Man möchte ſich zu Tode ärgern über das Beeſt,“ antwortete der Stallknecht.„Es iſt der bos⸗ hafteſte Schuft— oha! willſt du?“ „Er wird nie halten, wenn Ihr ihm Unnamen gebt,“ ſagte Herr Abel einſteigend und die Zügel ergreifend.„Er iſt ein guter Burſche, wenn man ihn zu behandeln verſteht. Seit lange iſt er heute das erſtemal wieder im Geſchirr, denn er hat ſeinen alten Kutſcher verloren und wollte bis auf heute Morgen mit Niemand von der Stelle gehen. Sind die Lampen in Ordnung? Nun das iſt gut. Seyd ſo gut, Euch morgen hier wieder einzufinden. Gute Nacht!“ Und nach einem oder zwei wunderlichen Sprün⸗ gen ganz eigener Erfindung fügte ſich der Pony Herrn Abels milder Hand und trabte gemächlich weiter. Dieſe ganze Zeit über haite ſich Herr Chuckſter unter der Thüre aufgepflanzt, ſo daß ſich die Magd nicht wagte, näher zu kommen. Sie konnte daher jetzt nichts weiteres thun, als der Chaiſe nachlaufen und Herrn Abel zurufen, daß er halten möchte. Ganz außer Athem, als ſie ihn einholte, war ſie nicht im Stande, ſich ihm hörbar zu machen. Der Fall war — 273 ein verzweifelter, denn der Pony beſchleunigte ſeine Schritte. Die Marquiſe hängte ſich deßhalb einige Augenblicke hinten an, und da ſie fühlte, ſie könne nicht weiter gehen und müſſe bald erliegen, ſo klet⸗ terte ſie mittelſt einer gewaltigen Kraftanſtrengung in den hintern Sitz, bei welcher Gelegenheit ſte einen der Schuhe für immer verlor. Da Herr Abel in einer gedankenvollen Gemüths⸗ ſtimmung war und zu thun hatte, um den Pony im Gang zu erhalten, ſo fuhr er weiter, ohne ſich um⸗ zuſchauen, indem er ſich nichts träumen ließ von der ſonderbaren Geſtalt, die ſich dicht hinter ihm be⸗ fand, bis die Marquiſe, ſo bald ſie einigermaßen wieder zu Athem gekommen war und ſich in den Verluſt ihres Schuhes, wie auch in die Neuheit ihrer Lage gefunden hatte, dicht vor ſeinem Ohre die Worte ſprach— „Ich ſage, Sir—“ Jetzt wandte er den Kopf raſch um, hielt den Pony an und rief mit einigem Zittern: „Gott behüte mich, was iſt das?“ „Erſchrecken Sie nicht, Sir,“ entgegnete die noch immer keuchende Botin.„O, ich bin Ihnen ſo gar lange nachgelaufen!“ „Aber, was will Sie von mir?“ ſagte Herr Abel. „Wie kömmt Sie hierher?“ „Ich bin hinten hinaufgeſtiegen,“ entgegnete die Marquiſe.„O, haben Sie die Gefälligkeit, weiter zu fahren, Sir— halten Sie nicht und fahren Sie Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 18 274 der City zu, nicht wahr? Und ach, beeilen Sie ſich gefällig, weil es von wichtigen Folgen iſt. Es wünſcht Sie dort Jemand zu ſprechen. Er ſandte mich, um Ihnen zu ſagen, Sie möchten doch gleich kommen; er wiſſe Alles von Kit, könne ihn noch retten, und ſey im Stande, ſeine Unſchuld zu be⸗ weiſen.“ „Was ſagſt du mir, Kind?“ „Die Wahrheit, auf mein Wort und meine Ehre. Aber ſeyen Sie ſo gut, weiter zu fahren— raſch, wenn ich bitten darf. Ich bin ſchon ſo lange fort, daß er glauben wird, es ſey mir etwas ge⸗ ſchehen.“ Herr Abel trieb mechaniſch den Pony vorwärts. Der Pony, durch irgend eine geheime Sympathie oder durch eine neue Caprice veranlaßt, ging in einen raſchen Galopp über und ließ darin, aller ſei⸗ ner excentriſchen Leiſtungen vergeſſend, nicht eher ab, bis ſie an der Thüre von Herrn Swiveller's Woh⸗ nung anlangten, wo er, wird man es glauben? ſeine Zuſtimmung zum Haltmachen gab, als Herr Abel die Zügel anzog. „Sehen Sie!'s iſt dort oben in jenem Zim⸗ mer,“ ſagte die Marquiſe, nach einem Fenſter deu⸗ tend, wo ein mattes Licht brannte.„Kommen Sie!“ Herr Abel, der einer der einfachſten und ſchüch⸗ ternſten Menſchen auf Gottes Erde und obendrein von Natur aus ſehr furchtſam war, zauderte, denn er hatte von Leuten gehört, die unter Umſtän⸗ 4.—— ⏑⏑ ¾— 275 den, welche den gegenwärtigen ſehr ähnlich waren, nach fremden Orten verlockt, beraubt und ermor⸗ det worden waren, und da war es denn recht wohl möglich, daß die Marquiſe gleichfalls zu einer Jau⸗⸗ nerbande gehörte und jetzt Luſt hatte, das bekannte Kunſtſtück an ihm zu üben. Seine Vorliebe für Kit überwältigte übrigens jede andere Rückſicht. Er ver⸗ traute daher den Pony der Obhut eines Mannes, der in der Nähe auf einen derartigen Verdienſt paßte, überließ der kleinen Magd ſeine Hand und geſtattete ihr, ihn die dunkeln und engen Treppen hinauf zu führen. Er war nicht wenig überraſcht, als er fand, daß man ihn in eine düſter beleuchtete Krankenkammer wies, worin ein Menſch ruhig in einem Bette ſchlief. „Iſt es nicht herrlich, ihn ſo ruhig hier liegen zu ſehen?“ ſagte ſeine Führerin in angelegentlichem Flüſtern.„O gewiß! Sie würden das Gleiche ſagen, wenn Sie ihn vor zwei oder drei Tagen ge⸗ ſehen hätten.“ Herr Abel antwortete nicht, ſondern hielt ſich, aufrichtig geſtanden, in ziemlicher Entfernung von dem Bette und in großer Nähe bei der Thüre. Seine Führerin, die ſein Widerſtreben zu verſtehen ſchien, ſchneuzte die Kerze, nahm den Leuchter und trat da⸗ mit an das Krankenlager. Während ſie dieß that, fuhr der Schläfer auf und Herr Abel erkannte in dem abgemagerten Geſichte die Züge von Herrn Swiveller. „Ei, wie kömmt dieß?“ ſagte Herr Abel freund⸗ 18 276 lich, indem er auf ihn zueilte.„Sind Sie krank geweſen?“ „Sehr,“ verſetzte Dick.„Auf den Tod. Sie hätten vielleicht höchſtens von Ihrem gehorſamen Diener Richard gehört, wie er in der Todtenbahre liegt, wenn nicht die Freundin geweſen wäre, die ich ausgeſchickt habe, um Sie zu holen. Noch einen Händedruck, Marquiſe, wenn ich bitten darf. Setzen Sie ſich, Sir.“ Herr Abel ſchien etwas erſtaunt, alſo von den Verdienſten ſeiner Führerin ſprechen zu hören, und ſetzte ſich auf einen Stuhl neben dem Bette. „Ich habe nach Ihnen geſchickt, Sir,“ ſagte Dick.„Iſt Ihnen auch bereits mitgetheilt, weß⸗ wegen?“. „Ja, und ich bin von alle dem ſo verwirrt, daß ich in der That nicht weiß, was ich ſagen oder den⸗ ken ſoll,“ verſetzte Herr Abel. „Sie werden darüber bald in's Klare kommen,“ entgegnete Dick.„Marquiſe, willſt du nicht auch einen Stuhl an das Bett nehmen? Jetzt ſage die⸗ ſem Herrn alles, was du mir erzählt haſt, und zwar ganz ausführlich. Ich bitte, ſie ja nicht zu unter⸗ brechen, Sir.“ Die Geſchichtserzählung wurde wiederholt; ſie war in der That genau dieſelbe, wie früher, ohne irgend eine Abweichung oder Lücke. Richard Swi⸗ veller verwandte während des Berichts kein Auge von —— 277 dem Beſuche, und ſo bald die Marquiſe zu Ende gekommen war, ergriff er wieder das Wort. „Sie haben jetzt alles gehört und werden es nicht wieder vergeſſen. Es iſt mir noch ſo ſchwindelig und wunderlich, daß ich keinen Rath ertheilen kann, aber Sie und Ihre Freunde werden wiſſen, was zu thun iſt. Nach ſo langer Zögerung zählt jede Mi⸗ nute für ihn ein Menſchenalter. Wenn Sie je in Ihrem Leben ſchnell nach Hauſe gefahren ſind, ſo beeilen Sie ſich dieſen Abend. Halten Sie ſich nicht mit weitern Erwiederungen auf, ſondern gehen Sie. Sie iſt hier zu finden, ſobald man ihrer bedarf; und was mich anbelangt, ſo darf man ziemlich darauf rechnen, daß man mich die nächſten paar Wochen zu Hauſe treffen wird. Es gibt dafür mehr als einen Grund. Marquiſe, nimm das Licht. Wenn Sie noch eine Minute verlieren, mich anzuſehen, Sir, ſo werde ich es Ihnen nie vergeben!“ Herr Abel bedurfte keiner weitern Vorſtellung oder Ueberredung. In einem Nu war er fort; und als die Marquiſe mit dem Licht zurückkam, berichtete ſie, daß der Pony ohne irgend eine vorläufige Ein⸗ wendung in vollem Galopp weiter geeilt ſey. „So iſt’s Recht!“ ſagte Dick.„Es iſt wacker von ihm, und ich ehre ihn darum von dieſer Zeit an. Aber hole jetzt etwas zu eſſen und einen Krug Bier, denn ich bin überzeugt, daß du müde ſeyn wirſt. Du mußt einen Krug Bier haben. Es wird mir ebenſo gut thun, wenn ich dich trinken ſehe, als wenn ich ſelbſt tränke.“ Nur dieſe Verſicherung konnte die kleine Wärte⸗ rin bewegen, ſich eine ſolche Schwelgerei zu erlauben. Nachdem ſie zu Herrn Swivellers ungemeiner Zu⸗ friedenheit gegeſſen und getrunken hatte, reichte ſie auch ihm ſeinen Trank, brachte alles in zierliche Ordnung, hüllte ſich in eine alte Bettdecke und legte ſich auf den groben Fries vor dem Herde nieder. Herr Swiveller murmelte halb im Schlafe vor ſich hin:„So mach' ein Binſenbett zur Noth; hier bleib’ ich bis zum Morgenroth. Gute Nacht, Mar⸗ quiſe.“ Der Naritätenladen. Sechsundſechzigſtes Kapitel. Als Richard Swiveller erwachte, kam er nach und nach zu dem Bewußtſeyn, daß ſich flüſternde Stimmen in ſeiner Kammer vernehmen ließen. Er blickte zwiſchen den Vorhängen hinaus und entdeckte Herrn Garland, Herrn Abel, den Notar und den ledigen Herrn, welche ſich um die Marquiſe geſam⸗ melt hatten und mit großer Angelegentlichkeit, obgleich 279 in ſehr gedämpftem Tone mit ihr ſprachen— ohne Zweifel, weil ſie ihn zu ſtören fürchteten. Er zögerte nicht, ſie wiſſen zu laſſen, daß dieſe Vorſicht unnö⸗ thig ſey, und alle vier Herrn näherten ſich alsbald ſeinem Bette. Der alte Herr Garland war der erſte, der die Hand ausſtreckte und fragte, wie er ſich be⸗ finde. Dick war eben im Begriffe, zu antworten, daß es beſſer mit ihm gehe, obgleich er immer noch ſehr ſchwach ſey, als ſeine kleine Wärterin die Beſucher, als wäre ſie eiferſüchtig auf ihre Einmengung, bei Seite ſchob, ſich nach dem Kiſſen drängte, das Früh⸗ ſtück vor ihn hinſtellte und darauf beſtand, daß er es nehmen müſſe, ehe er ſich der Anſtrengung des Sprechens oder Hörens unterzöge. Herr Swiveller, der jetzt eigentlich gefräßig war und die ganze Nacht durch erſtaunlich deutliche und zuſammenhängende Träume von Hammelskeulen, Doppeltſtarkem und ähn⸗ lichen Leckereien gehabt hatte, fühlte ſogar gegen den ſchwachen Thee und die trockene Röſtſchnitte ſo un⸗ widerſtehliche Verſuchungen, daß er unter einer Bedingung einwilligte, zu eſſen und zu trinken. „Und dieſe beſteht darin,“ ſagte Dick, indem er den Druck von Herrn Garlands Hand erwiederte, „daß Sie mir dieſe einzige Frage der Wahrheit ge⸗ mäß beantworten, ehe ich einen Tropfen oder Biſſen zu mir nehme. Iſt es zu ſpät?“ „Um das Werk zu vollenden, das Sie in der letzten Nacht ſo gut begonnen haben?“ verſetzte der 280 alte Herr.„Nein. Beruhigen Sie ſich darüber. Ich verſichere Sie, es iſt nicht der Fall.“ Durch dieſe Kunde getröſtet, perfügte der Kranke mit ſcharfem Appetit über ſein ſpärliches Mahl, ob⸗ gleich augenſcheinlich lange nicht mit jenem Genuß, den ſeine Wärterin an den Tag legte, als ſie ihn eſſen ſah. Die Art, wie dieß geſchah, war folgende: — Herr Swiveller hielt die Röſtſchnitte oder die Theetaſſe in ſeiner Linken und nahm, je nach⸗ dem es ſich fügte, bald einen Biſſen, bald einen Schluck, wobei er beharrlich in ſeiner Rechten eine Hand der Marquiſe dicht eingeſchloſſen hielt; dann konnte er wohl auch hin und wieder, ſogar im Akte des Schluckens, inne halten, um mit vollem Ernſte und der größten Gravität die gefangene Hand zu drücken oder auch zu küſſen. So oft er etwas in den Mund brachte, war es nun Feſtes oder Flüſſiges, ſo ſtrahlte das Geſicht der Marquiſe über alle Beſchreibung; aber wenn er ihr eines oder das andere der genannten Anerkennungs⸗ zeichen zu Theil werden ließ, dann wurde ihr Geſicht überſchattet und ſie begann zu ſchluchzen. Mochte ſie ſich nun aber in ihrem lachenden, oder in ihrem weinenden Freudenzuſtande befinden, ſo konnte ſie ſich nicht entbrechen, einen appellirenden Blick an die Anweſenden ergehen zu laſſen, welcher zu ſagen ſchien: „Sie ſehen dieſen Menſchen— kann ich dafür?“— und da dieſe hiedurch gewiſſermaßen zu Mitſpielern in dem Auftritte gemacht wurden, ſo antworteten ſie 281 regelmäßig durch einen andern Blick:„Nein. Gewiß nicht.“ 5 Dieſe Pantomime dauerte ſo lange fort, als der Kranke frühſtückte, und da der Kranke ſelbſt, ſo blaß und abgezehrt er war, keine unbedeutende Rolle darin ſpielte, ſo darf man wohl fragen, ob bei irgend einem Mahle, wo vom Anfang bis zum Ende kein gutes oder böſes Wort gefallen, ſo viel durch an ſich ſo geringe und unbedeutende Geberden ausge⸗ drückt wurde. Endlich— und um die Wahrheit zu ſagen— nach nicht ſehr langer Zeit, hatte Herr Swiveller ſo viel Röſtſchnitten und Thee verſorgt, als ihm klüglicherweiſe in dieſem Stadium der Wiedergeneſung geſtattet werden konnte. Aber die Sorgfalt der Mar⸗ quiſe hatte hiemit noch kein Ende, denn ſie verſchwand auf einen Augenblick und kehrte alsbald wieder mit einem Becken friſchen Waſſers zurück, worauf ſie ihm Geſicht und Hände wuſch, das Haar bürſtete, und mit einem Worte ihn ſo ſchmuck und blank machte, als es unter ſolchen Umſtänden überhaupt möglich war; und alles dieß geſchah ſo raſch und geſchäfts⸗ mäßig, als ob er ein ganz kleiner Knabe und ſie ſeine erwachſene Wärterin ſey. Allen dieſen verſchiedenen Dienſtleiſtungen unterwarf ſich Herr Swiveller in einer Art von dankbarem Erſtaunen, das ſich nicht durch Worte ſchildern ließ. Als die Marquiſe endlich fertig war und ſich in eine Kammerecke zurückgezogen hatte, um ihr eigenes, armſeliges Frühſtück einzu⸗ nehmen, das inzwiſchen kalt genug geworden war, wandte er ſein Geſicht einige Augenblicke ab und wechſelte mit der Luft herzliche Händedrücke. „Meine Herrn,“ ſagte Dick, indem er ſich wieder aufraffte und den Kopf umwandte,„Sie werden mich entſchuldigen. Wenn man ſo weit heruntergekommen iſt, als ich, ſo wird man leicht erſchöpft. Jetzt bin ich wieder friſch und zum Sprechen geeignet. Es geht, wie überhaupt hier, auch knapp mit den Stüh⸗ len her, aber wenn Sie ſo gut ſeyn wollen, auf das Bett zu ſitzen——“ „Was können wir für Sie thun?“ fragte Herr Garland wohlwollend. „Wenn ſie jene Marquiſe in wirklichem, nüch⸗ ternem Ernſte zu einer Marquiſe machen könn⸗ ten,“ entgegnete Dick,„ſo würde ich's Ihnen Dank wiſſen, wenn Sie es auf der Stelle thäten. Da dieß aber nicht der Fall iſt und es ſich nicht darum handelt, was für mich geſchehen kann, ſondern was Sie für jemand Anders thun wollen, der beſſere Anſprüche an Sie hat, ſo bitte ich Sie, mich wiſſen zu laſſen, was ſie beabſichtigen.“ „Wir ſind hauptſächlich deßhalb hergekommen,“ ſagte der ledige Herr,„denn Sie werden demnächſt auch noch einen andern Beſuch erhalten. Wir fürch⸗ teten, Sie würden beſorgt ſeyn, wenn Sie nicht von uns ſelbſt erführen, welche Schritte wir einzuſchlagen gedenken, und kamen deßhalb her, ehe noch überhaupt etwas geſchehen iſt.“ - cS S 25 nͤ S — ᷣ 28— 283 „Meine Herrn,“ erwiederte Dick,„ich danke Ihnen. Wenn man in einer ſo hülfloſen Lage iſt, wie Sie mich hier ſehen, ſo wird man natürlich be⸗ ſorgt und ängſtlich. Doch laſſen Sie ſich nicht ſtö⸗ ren, Sir.“ „Wohlan denn, Sie ſehen, mein lieber Freund,“ fuhr der ledige Herr fort;„wir zweifeln nicht im Mindeſten an der Wahrheit dieſer Enthüllung, welche zu ſo gelegener Zeit an's Licht gekommen iſt—“ „Sie meinen die ihrige?“ ſagte Dick, auf die Marquiſe deutend. „Natürlich. Wir zweifeln nicht im Geringſten daran und ebenſo wenig, daß eine zweckmäßige Be⸗ nützung derſelben dem armen Jungen augenblickliche Befreiung erwirken wird. Demungeachtet ſteht es aber ſehr in Frage, ob wir ohne weitere Hülfsmittel da⸗ durch in den Stand geſetzt werden, Quilp als den Haupthebel dieſer Schurkerei zu packen. Ich muß Ihnen ſagen, daß dieſes Bedenken durch die beſten Autoritäten, welche wir in dieſem Augenblicke zu Rathe ziehen konnten, faſt zur Gewißheit geworden iſt. Sie werden mit uns gleicher Anſicht ſeyn, daß es eine Schmach wäre, ihm nur die entfernteſte Möglichkeit des Entkommens zu laſſen, wenn wir es ändern können; denn ohne Zweifel ſagen Sie auch, wie wir, wenn jemand ſich ſalviren muß, ſo möge es lieber jeder Andere ſeyn, als er.“ „Ja,“ entgegnete Dick,„gewiß. Das heißt, wenn jemand muß— aber auf mein Wort, ich möchte nicht, daß dieß der Fall wäre. Geſetze ſind für alle Grade hier, das Laſter zu zügeln in andern ſowohl, als in mir— und ſo weiter, Sie wiſſen ja — erſcheint es Ihnen nicht auch in dieſem Lichte?“ Der ledige Herr lächelte, als ob das Licht, in welches Herr Swiveller die Frage geſtellt hatte, nicht das klarſte von der Welt wäre, und ſchickte ſich ſofort an, auseinanderzuſetzen, daß ſie in erſter Inſtanz zur Liſt ihre Zuflucht nehmen müßten, und daß es ihre Abſicht ſey, zu verſuchen, ob ſich nicht von der zar⸗ ten Sarah ein Geſtändniß erpreſſen laſſe. „Wenn ſie findet, wie viel wir wiſſen,“ fügte er bei,„wie wir zu dieſer Kunde gelangt ſind, und daß ſte bereits offenbar compromittirt iſt, ſo dürfen wir recht ſehr hoffen, daß wir in die Lage kommen, durch ihre Beihülfe die beiden Andern nachdrücklich zur Strafe zu ziehen. Wenn wir es ſoweit bringen könnten, ſo dürfte ſie meinetwegen frei ausgehen.“ Dick hörte dieſen Vorſchlag keineswegs ſehr gnädig an, denn er bewies mit ſo viel Wärme, als ſein Zuſtand ihm geſtattete, daß man dieſe alte Hexe (er meinte damit Sarah) weit ſchwieriger zu behan⸗ deln finden dürfte, als Quilp ſelbſt— daß ſie gegen Drohungen, Einſchüchterungen oder Schmeichelworte eine höchſt wenig verſprechende und unnachgiebige Perſon ſeyn würde— daß ſie eine Art von Metall ſey, das ſich nicht leicht ſchmelzen und in Formen gießen laſſe— kurz, daß man ihr nichts anhaben könne und nothwendig einer Niederlage entgegenſehen müſſe. Er verſuchte es jedoch umſonſt, ſie zu Ein⸗ ſchlagung eines andern Weges zu bereden. Wir haben den ledigen Herrn als denjenigen bezeichnet, der ihren vereinten Plan auseinander⸗ ſetzte, obgleich wir eher hätten andeuten ſollen, daß ſie Alle durcheinander ſprachen, und daß, wenn einer von ihnen zufällig für einen Augenblick ſchwieg, er ſchnappend und keuchend daſtand, um bei der nächſten Gelegenheit wieder einfallen zu können. Mit einem Worte, ſie hatten jene Höhe von Ungeduld und Haſt erreicht, wo der Menſch keiner Ueberredung, keinen Vernunftgründen mehr zugänglich iſt, und man würde leichter den umgeſtümſten Sturm, der je ge⸗ tobt, von ſeiner Bahn abgelenkt, als es über ſie vermocht haben, ihren Entſchluß noch einmal in Er⸗ wägung zu ziehen. Nachdem ſie außerdem Herrn Swiveller geſagt hatten, wie ſie Kit's Mutter und die Kinder nicht aus dem Geſicht verloren, wie ſie Kit ſtets im Auge gehabt und unabläßig bemüht ge⸗ weſen, eine Milderung ſeines Urtheils zu erwirken, wie ſie faſt wahnſinnig geworden ob den unwiderleg⸗ lichen Belegen ſeiner Schuld und den mehr und mehr entſchwindenden Hoffnungen, ſeine Unſchuld darzu⸗ thun, und wie er, Richard Swiveller, ganz ruhig ſeyn dürfte, denn Alles würde zwiſchen jetzt und heute Abend in's Reine kommen— nachdem ſie alles dieß geſagt und noch viele freundliche und herzliche Worte in Beziehung auf ſeine Perſon beigefügt hat⸗ ten(deren Erwähnung hier unnöthig iſt), nahmen 286 Herr Garland, der Notar und der ledige Herr in einem kritiſchen Augenblicke Abſchied, da Herr Ri⸗ chard Swiveller zuverläßig in ein neues Fieber ver⸗ fallen wäre, deſſen Folgen ſich als verhängnißvoll hätten erweiſen mögen. Herr Abel blieb zurück und ſchaute ſehr oft auf ſeine Uhr oder nach der Kammerthüre, bis Herr Swiveller durch eine Erſchütterung außen auf der Flur, welche das ganze Haus erbeben und die Arz⸗ neiflaſche auf dem Kamingeſimms klirren machte, aus einem kurzen Schlummer geweckt wurde. Die Stö⸗ rung ſchien von irgend einer Rieſenlaſt herzurühren, die von den Schultern eines Laſtträgers niedergelaſſen wurde. Sobald dieſer Ton zu Herrn Abels Ohr gelangte, ſprang er auf, humpelte nach der Thüre, öffnete ſie — und ſiehe! do ſtand ein ſtarker Mann mit einem mächtigen Korbe, der, als er in die Stube gezogen und alsbald ausgepackt wurde, ſolche Schätze von Thee, Kaffee, Wein, Zwieback, Orangen, Trauben, zum Braten zugerichtetem Geflügel, Kälberfuß⸗Gelée, Arrow⸗root, Sago und anderen köſtlichen Stärkungs⸗ mitteln entlud, daß die kleine Dienſtmagd, welche nie an die Möglichkeit gedacht hatte, daß es ſolche Dinge anderswo, als in den Laden gebe, in ihrem einzigen Schuh wie an den Boden gewurzelt daſtand, während ihr der Mund im Einklang mit den Augen wäſſerte und das Sprachvermögen gänzlich entſchwunden war. Dieß war aber nicht der Fall bei Herrn Abel oder —— 287 bei dem baumſtarken Mann, der den Korb, ſo groß er war, in einem Nu ausgeleert hatte, oder bei der niedlichen alten Dame, welche ſo plötzlich erſchien, daß man meinen konnte, ſie ſey gleichfalls aus dem Korbe gekommen, ſintemal derſelbe wenigſtens groß genug dazu geweſen wäre. Die letztere bewegte ſich ruhig und lautlos auf den Zehen hin und her— bald da, bald dort, bald überall zumal— und fing an, die Gelée in Theetaſſen zu füllen, in kleinen Pfännchen Hühnerbrühe zu machen, für den Kranken Orangen zu ſchälen, ſie in kleine Stückchen zu ſchneiden und die kleine Magd mit Gläſern voll Wein und den aus⸗ erleſenſten Biſſen von dem ganzen Vorrath zu be⸗ wirthen, bis ein ſubſtantielleres Mahl zu ihrer Er⸗ friſchung bereitet werden konnte. Dieſe ganze Er⸗ ſcheinung war ſo unerwartet und wirkte ſo verwirrend, daß Herr Swiveller, als er zwei Orangen nebſt etwas Gelée genoſſen und ſich, nach Entfernung des ſtarken Mannes, der den leeren Korb mit ſich fortnahm, in dem unbeſtrittenen Beſitz des ganzen Ueberfluſſes ſah, in dem Bette zurückſank und wieder einſchlief, da er durchaus unfähig war, in ſeinem Geiſte Be⸗ trachtungen über ſolche Wunder anzuſtellen. Inzwiſchen hatten ſich der ledige Herr, der Notar und Herr Garland nach einem gewiſſen Kaffeehaus begeben, und von hier aus an Miß Sally Braß ein Schreiben erlaſſen, welches dieſelbe in kurzen und geheimnißvollen Ausdrücken erſuchte, einen unbekannten Freund, der ſich mit ihr zu beſprechen wünſche, ſo 288 einem Beſuche zu be⸗ ſchleunig als möglich mit ehren. Dieß Schreiben entſprach ſeinem Zweck ſo gut, daß zehn Minuten nach der Rückkehr des Boten, der die richtige Ueberlieferung anzeigte, Miß Braß per⸗ ſönlich angemeldet wurde. „Ich bitte, Ma'am,“ ſagte der ledige Herr, den ſie allein im Zimmer fand,„ſetzen Sie ſich.“ Miß Braß nahm mit ungemein ſteifer und kalter Förmlichkeit Platz, dem Anſchein nach— wie es auch der Fall war— nicht wenig überraſcht, als ſie ent⸗ deckte, daß ihr Miethsmann und der geheimnißvolle Correſpondent eine Perſon ſeyen. „Sie erwarteten wohl nicht, fuhr der ledige Herr fort. „Ich habe nicht viel darüber nachgedacht,“ ver⸗ ſetzte die Schöne,„ſondern nahm an, es handle ſich um eine Geſchäftsſache irgend einer Art. Wenn es wegen des Logis iſt, ſo geben Sie natürlich meinem Bruder eine regelmäßige Aufkündigung— oder leiſten Zahlung. Das iſt ſehr leicht bereinigt. Sie ſind die Partie, an die wir uns halten müſſen, und in einem ſolchen Fall iſt geſetzliches Geld und geſetzliche Aufkündigung ſo ziemlich das gleiche.“ „Ich bin Ihnen verbunden für dieſe gute Mei⸗ ge Herr,„und bin ganz mich zu ſehen?“ nung,“ entgegnete der ledi mit Ihren Anſichten einverſtanden. Aber das iſt nicht der Handel, über den ich mit Ihnen zu ſprechen wünſche.“ 2—-——— — — 289 „Ah,“ ſagte Sally,„dann wollen Sie mir nur die Einzelnheiten angeben. Vermuthlich handelt es ſich um eine Geſchäftsſache, die in unſer Fach ein⸗ ſchlägt?“ „Je nun, es hat allerdings Beziehung zur Juſtiz.“ „Sehr wohl,“ entgegnete Miß Braß.„Sie können ſich ebenſogut an mich, als an meinen Bruder wenden. Was die Entgegennahme von Inſtruktionen oder das Ertheilen eines Rathes betrifft, ſo kann ich Ihnen zur Zufriedenheit dienen.“ „Da jedoch außer mir noch andere Partien be⸗ theiligt ſind,“ ſprach der ledige Herr, indem er die Thüre des Nebenzimmers öffnete,„ſo thun wir wohl beſſer, die Sache gemeinſchaftlich zu beſprechen. Miß Braß iſt da, meine Herrn!“ Herr Garland und der Notar traten mit ſehr ernſten Mienen herein, rückten ein paar Stühle an die Seite des ledigen Herrn und bildeten ſo eine Art von Mauer um die zarte Sarah, welche ſie in eine Ecke zwängten. Ihr Bruder Sampſon würde unter ſolchen Umſtänden gewiß einige Verwirrung und Be⸗ klommenheit an den Tag gelegt haben; ſie aber, ohne im Mindeſten aus der Faſſung zu kommen, zog ihre Doſe heraus, und nahm eine Priſe Schnupftabak. „Miß Braß,“ ſagte der Notar, der bei dieſer Kriſis das Wort nahm,„wir Leute vom Fach ver⸗ ſtehen einander, und wenn wir wollen, können wir das, was wir zu ſagen haben, in wenige Worte Boz. XIII. Humphrey’s Wanduhr. 19 290 zuſammenfaſſen. Sie haben in öffentlichen Blättern kürzlich eine entlaufene Magd ausgeſchrieben?“ „Wohl,“ verſetzte Miß Sally, während eine plötzliche Röthe ihre Züge überflog,„und was weiter?“ „Sie iſt aufgefunden, Ma'am,“ ſagte der Notar, der mit einer raſchen Schwenkung ſein Schnupftuch herauszog;„ſie iſt aufgefunden.“ „Wer hat ſie gefunden?“ fragte Sarah haſtig. „Wir, Ma'am— wir drei. Erſt geſtern Abend, ſonſt würden Sie ſchon früher von uns gehört haben.“ „Und nun ich von Ihnen gehört habe,“ ſagte Miß Braß, indem ſie entſchloſſen ihre Arme über⸗ einander ſchlug, als wäre ſie im Begriff, etwas bis auf den Tod in Abrede zu ziehen,„was haben Sie mir zu ſagen? Natürlich haben Sie ſich um ihrer Willen etwas in den Kopf geſetzt. Beweiſen Sie es— weiter ſage ich nicht. Beweiſen Sie es. Sie haben ſie aufgefunden, ſagen Sie. So mögen Sie denn erfahren, wenn Sie es nicht wiſſen, daß ſie die argliſtigſte, lügenhafteſte, diebiſchſte und heuch⸗ leriſchſte kleine Hexe aufgefunden haben, welche je an's Licht der Welt trat.— Iſt ſie vielleicht hier in der Nahe?“ fügte ſie bei, indem ſie ſpähend um⸗ herſchaute. „Nein, ſie iſt zur Zeit nicht hier,“ verſetzte der Notar.„Aber ſie iſt ganz in Sicherheit.“ „Ha!“ rief Sally, indem ſie mit einem ſolchen Ingrimm eine Priſe aus der Doſe holte, als wäre 291 ſie in dem Akte begriffen, der kleinen Magd die Naſe aus dem Geſicht zu drehen;„ſie ſoll von nun an in gehörige Sicherheit kommen; ich bürge Ihnen dafür.“ „Ich hoffe ſo,“ entgegnete der Notar.—„Iſt es Ihnen gleich nach ihrem Weglaufen nicht aufge⸗ fallen, daß zwei Schlüſſel zu ihrer Küchenthüre vor⸗ handen ſind?“ Miß Sally nahm eine weitere Priſe, drehte den Kopf zur Seite und blickte mit krampfhaft verzogenem Mund auf den Frager; aber in ihrem Geſichte war ein Ausdruck von Verſchmitztheit zu erkennen, der ſich nicht beſchreiben läßt. „Zwei Schlüſſel,“ wiederholte der Notar,„von denen der eine ihr Gelegenheit gab, Nachts, während ihr ſie feſt eingeſchloſſen glaubtet, durch das Haus zu ſtreifen, und vertrauliche Berathungen mit anzu⸗ hören— unter andern jene beſondere Conferenz, welche heute von einem Friedensrichter zu Protokoll genommen werden ſoll, und Sie ſollen Gelegenheit haben, die Angabe mit anzuhören:— ich meine nämlich jene Berathung, welche Sie und Herr Braß den Abend zuvor mit einander hielten, als jener höchſt unglückliche und unſchuldige junge Menſch des Diebſtahls angeklagt wurde, und zwar nur in Folge eines ſchändlich ausgeſponnenen Planes, von dem ich weiter nichts ſagen kann, als daß auf ihn alle die Beiwörter nebſt noch einigen kräftigeren paſſen, 19* 292 welche Sie der unglücklichen kleinen Zeugin beizulegen beliebten.“ Sally nahm abermals eine Priſe. Ihr Geſicht zeigte zwar eine wunderbare Faſſung, es fiel aber doch in die Augen, daß ſie ſehr überraſcht war, und daß ſie, gegenüber der kleinen Dienſtmagd, eine ganz andere Bezüchtigung erwartet hatte. „Laſſen wir das, Miß Braß,“ fuhr der Notar fort.„Sie haben zwar eine große Gewalt über Ihr Geſicht, aber ſie fühlen doch, wie ich ſehe, daß durch einen Zufall, von dem Sie ſich nichts träumen ließen, dieſes heilloſe Complott entdeckt worden iſt, und zwei der Betheiligten müſſen vor den Richter geſtellt wer⸗ den. Nun kennen Sie die für derartige Fälle an⸗ gedrohten Strafen, weßhalb ich nicht nöthig habe, mich weiter darüber zu verbreiten; ich will Ihnen daher nur einen Vorſchlag machen. Sie haben die Ehre, die Schweſter eines der größten Schurken zu ſeyn, die ungehangen umherlaufen, und ſind, wenn ich mir gegen eine Dame dieſen Ausdruck erlauben darf, in jedem Betracht ſeiner ganz würdig. Aber im Bunde mit euch Zweien ſteht ein Dritter, ein Schuft Namens Quilp, der die erſte Triebfeder des ganzen teufliſchen Planes, und, wie ich glaube, bei Weiten der ſchlechteſte iſt. Um ſeinetwillen, Miß Braß, erweiſen Sie uns die Gunſt, die ganze Geſchichte zu enthüllen. Ich will Sie dabei erinnern, daß ein ſolcher Schritt Sie, uns gegenüber, in eine ſichere und ungefährdete Stellung bringen wird— Ihre α☛*⏑—— 293 gegenwärtige iſt jedenfalls keine wünſchenswerthe— und daß ſie Ihrem Bruder nicht ſchaden können, denn gegen ihn und gegen Sie haben wir, wie Sie hören, bereits vollkommen hinreichende Belege. Ich will nicht ſagen, daß wir aus Rückſichten der Barm⸗ herzigkeit dieſen Weg einſchlagen,(denn offen ge⸗ ſtanden, Ihre Compromittirung in der Sache wäre uns ſehr gleichgültig) aber wir ſehen uns zu dieſer Nothwendigkeit veranlaßt, und ich empfehle Ihnen dieſelbe als die beſte Politik, die Sie beobachten können. Die Zeit,“ fügte Herr Witherden bei, indem er ſeine Uhr zog, niſt indeß bei einer ſolchen Angelegenheit außerordentlich koſtbar. Theilen Sie uns daher Ihren Entſchluß ſo ſchleunig als möglich mit, Ma'am.“ Miß Braß ſah mit lächelndem Geſicht der Reihe nach jeden der drei Anweſenden an, nahm dann et⸗ liche Priſen, und da ihr durch dieß Manöver ſehr wenig Tabak übrig geblieben war, ſo wanderte ſie mit dem Zeigefinger und dem Daumen rund in der ganzen Doſe herum, um eine vierte aufzubringen. Nachdem ſie über dieſe in gleicher Weiſe verfügt und die Doſe in ihre Taſche geſteckt hatte, ſprach ſie: „Und ſoll ich dieſen Vorſchlag auf der Stelle annehmen oder verwerfen?“ „Ja,“ antwortete Herr Witherden. Das bezaubernde Weſen öffnete eben die Lippen, um eine Erwiederung zu geben, als auch plötzlich 294 die Thüre geöffnet wurde und der Kopf des Herrn Sampſon Braß in dem Zimmer zum Vorſchein kam. „Entſchuldigen Sie,“ ſagte dieſer Herr haſtig. „Warte noch einen Augenblick.“ Mit dieſen Worten, und ohne ſich an das Er⸗ ſtaunen zu kehren, das ſeine Erſcheinung veranlaßte, kroch er herein, machte die Thüre zu, küßte ſeinen ſchmierigen Handſchuh ſo knechtiſch, wie ein Sklave den Staub küßt, und machte eine höchſt kriechende Verbeugung. „Sarah,“ ſagte Braß,„zügle deine Zunge, wenn ich bitten darf, und laß mich ſprechen. Meine Herren, wenn ich es auszuſprechen vermöchte, welche Freude es mir macht, drei ſolche Männer in einer glücklichen Eintracht der Gefühle und in einer beſeligenden Harmonie der Geſinnung zu ſehen, ſo würden Sie mir, denke ich, kaum glauben. Aber obgleich ich unglücklich bin— ja, ſogar verbrecheriſch, meine Herrn, wenn ich mir ſolche harte Ausdrücke in einer Geſellſchaft wie dieſe erlauben darf— ſo habe ich doch meine Gefühle, wie andere Men⸗ ſchen. Ich hörte oft von einem Poeten, welcher die Bemerkung machte, daß Gefühle das gemeinſchaftliche Loos aller Menſchen ſeyen. Dieſe Aeußerung hätte ihn unſterblich machen müſſen, und wenn er ein Ferkel geweſen wäre.“ „Wenn du nicht ein vollkommener Dummkopf biſt,“ entgegnete Miß Braß barſch,„ſo halte dein Maul.“ „Sarah, meine Liebe,“ verſetzte ihr Bruder, „ich danke dir. Aber ich weiß, was ich thue, mein Schatz, und will mir daher die Freiheit nehmen, mich demgemäß auszudrücken. Herr Witherden, Ihr Schnupftuch hängt aus der Taſche heraus— wollen Sie mir erlauben, es zu——“ Während Herr Braß näher trat, um dieſem Verſehen abzuhelfen, wich der Notar mit der Miene großen Widerwillens zurück. Braß, der nebſt und außer ſeinen gewöhnlichen gewinnenden Eigenſchaften ein zerkratztes Geſicht, eine grüne Binde über einem Auge und einen ſchreck⸗ lich zerknüllten Hut hatte, hielt inne und ſchaute mit einem klüglichen Lächeln umher. „Er meidet mich,“ ſagte Sampſon,„ſelbſt wo ich, wie ich ſagen möchte, glühende Kohlen auf ſein Haupt ſammeln will. Wohl! Ach! ich bin ja nur ein einſtürzendes Haus, und die Ratten(wenn es mir erlaubt iſt, eine ſolche Vergleichung einem Gentle⸗ man gegenüber zu ziehen, den ich über alles achte und liebe) weichen von mir. Meine Herren— was Ihre jetzige Unterredung betrifft, ſo will ich bemer⸗ ken, daß ich zufällig meine Schweſter auf ihrem Wege hierher entdeckte, und da ich neugierig war, wohin ſie gehe, und— darf ich ſo zu ſprechen wagen?— von Natur aus argwöhniſch bin, ſo folgte ich ihr. Seitdem habe ich gehorcht.“ „Wenn du nicht toll biſt,“ ſiel ihm Miß Sally 296 in’'s Wort,„ſo halt jetzt inne, und ſprich kein Wort weiter.“ „Meine liebe Sarah,“ verſetzte Braß mit unge⸗ minderter Höflichkeit,„ich danke dir verbindlichſt, will aber demungeachtet fortfahren. Herr Witherden, da wir die Ehre haben, Mitglieder deſſelben Standes zu ſeyn— des andern Herrn gar nicht zu gedenken, da er mein Miethsmann geweſen iſt, und ſo zu ſagen die Gaſtfreundlichkeit meines Daches genoſſen hat— ſo ſollte ich meinen, Sie hätten mir in erſter Inſtanz dieſen Vorſchlag machen können. Ja, gewiß, ſo hätten Sie's halten ſollen. Nein, mein werther Sir,“ rief Braß, als er bemerkte, daß der Notar im Begriffe war, ihn zu unterbrechen,„laſſen Sie mich ausreden, wenn ich bitten darf.“ Herr Witherden ſchwieg und Braß fuhr fort. „Wenn Sie mir die Gunſt erweiſen wollen,“ ſagte er, indem er die grüne Binde erhob und ein Auge ſichtbar werden ließ, das ſchrecklich mit Blut unter⸗ ronnen war,„dieß anzuſehen, ſo werden Sie natür⸗ lich in Ihrem Innern fragen, wie ich dazu kam. Wenn Sie von da auf mein Geſicht ſchauen, ſo wird ſich der Wunſch in Ihnen regen, zu erfahren, was die Urſache von all dieſen Riſſen iſt. Und wenn Sie dann meinen Hut betrachten, ſo finde ich's be⸗ greiflich, daß Sie erfahren möchten, wie er in den Zuſtand kam, in welchem Sie ihn ſehen. Meine Herren,“ fügte Braß bei, indem er mit geballter Fauſt ungeſtüm auf den zuletzt genannten Artikel ſchlug, 297 „auf alle dieſe Fragen habe ich nur die eine Ant⸗ wort— Quillp iſt Schuld daran.“ Die drei Herren ſahen einander an, ohne jedoch zu ſprechen. „Ich ſage,“ fuhr Braß fort, indem er ſeitlich auf ſeine Schweſter blickte, als ſpreche er nur zu ihrer Belehrung, wobei er ſich mit einer beißenden Bosheit ausdrückte, die in einen ſchroffen Gegenſatz zu ſeiner gewöhnlichen Geſchmeidigkeit trat,„daß ich auf alle dieſe Fragen nur antworten kann— Quilp— Quilp, der mich in ſein Höllenloch lockt und ſeine Luſt daran hat, wenn er zuſehen und lachen kann, wahrend ich mich verſenge, verbrenne, quetſche und mich ſelbſt verwunde— Quilp, der nie, nein, nicht ein ein⸗ zigesmal während unſeres gegenſeitigen Verkehrs mich anders behandelt hat, als einen Hund— Quilp, den ich immer aus dem Grunde meiner Seele haßte, aber nie ſo ſehr, als in der letzten Zeit. Er benimmt ſich gerade in dieſer Angelegenheit, als ob er gar nichts damit zu ſchaffen gehabt, habe, obwohl er der erſte Anlaß dazu war. Ich kann ihm nicht trauen. In einer ſeiner heulenden, wuͤthenden und auflodern⸗ den Launen würde er, glaube ich, ausplaudern, und wenn es ſich um einen Mord handelte, ohne an ſich ſelbſt zu denken, ſo lange er mich in Schrecken jagen kann. Nun,“ ſagte Braß, indem er ſeinen Hut wieder aufnahm, die Binde über ſeine Augen zog und im Uebermaße ſeiner Kriecherei ſich faſt bis in den Staub bückte,„wohin kann alles dieß noch 298 führen?— zu welchem Ende, glauben Sie, meine Herren, wird es führen?— Sind Sie wohl im Stande, zu errathen, was das Ziel und Ende davon iſt?“ Niemand ſprach. Braß ſtand eine kleine Weile ſchmunzelnd da, als ob er irgend einen auserleſenen Schwank vorgebracht häͤtte und fuhr dann fort: „Um mich alſo kurz auszuſprechen, es führt dahin: wenn einmal die Wahrheit herauskömmt und ſo klar daliegt, daß man ihr nicht mehr widerſtehen kann— und es iſt in ihrer Art etwas gar großes und erhebendes um die Wahrheit, meine Herrn, obgleich ſie, wie andere große und erhabene Dinge, zum Beiſpiel Donnerwetter und dergleichen keine allzugroße Freude bei denen, welche Zeuge davon ſeyn müſſen, veranlaßt— ſo halte ich es für beſſer, auf dieſen Menſchen loszugehen, als daß ich ihn auf mich los⸗ gehen laſſe. Es iſt mir klar, daß ich fertig bin. Wenn daher jemand lachen ſoll, ſo i*ſt es beſſer, daß ich es thue und den Vortheil davon ziehe. Liebe Sarah, beziehungsweiſe geſprochen biſt du ſicher. Ich erzähle dieſe Umſtände nur in meinem eigenen Intereſſe.“ Hierauf erzählte Herr Braß in großer Eile die ganze Geſchichte, indem er ſo ſchwer als möglich auf ſeinen liebenswürdigen Auftraggeber ablud, ſich ſelbſt aber gewiſſermaßen in dem Lichte eines Heiligen hin⸗ ſtellte, obgleich er zugab, daß er nicht ganz frei von menſchlichen Schwächen ſey. Er beſchloß folgender⸗ maßen: „Nun, meine Herrn, ich bin nicht der Mann, in, —— 299 der eine Sache nur halb thut. Stehe ich für einen Penny ein, ſo bin ich auch bereit, es auf ein Pfund anfommen zu laſſen. Sie dürfen mit mir anfangen, was Ihnen beliebt, und mich hinnehmen, wo es Ihnen gefällig iſt. Wollen Sie es ſchriftlich haben, ſo können wir es im Augenblick zu Papier bringen. Ich bin überzeugt, daß Sie ſchonſam mit mir um⸗ gehen werden, und verlaſſe mich zuverſichtlich darauf. Sie ſind Männer von Ehre und haben gefühlvolle Herzen. Die Noth drängte mich, Quilps Anforde⸗ rungen nachzugeben, denn obgleich die Noth kein Geſetz kennt, ſo hat ſie doch ihre Advokaten. Auch bei Ihnen weiche ich der Nothwendigkeit, und außer⸗ dem der Klugheit, in Vereinigung mit Gefühlen, die ſchon geraume Zeit in mir thätig waren. Beſtrafen Sie Quilp, meine Herrn. Legen Sie ihm tüchtig auf. Zermalmen Sie ihn. Treten Sie ihn unter die Füße. Er hat mir's ſeit langer, langer Zeit ebenſo gemacht.“ Nachdem Sampſon ſeine Rede alſo geſchloſſen hatte, hemmte er den Sturm ſeines Zornes, küßte abermals ſeinen Handſchuh und lächelte, wie nur Paraſiten und Schmarotzer lächeln können. „Und dieß, ſagte Miß Braß, indem ſie ihren Kopf erhob, den ſie bisher auf ihre Hände geſtützt hatte, und den Sprecher vom Wirbel bis zur Zehe mit einem bitteren Hohngelächter betrachtete,„dieß iſt wirklich mein Bruder! Dieß mein Bruder, für den ich mich abgemüht, für den ich gearbeitet habe, 300 und von dem ich glaubte, daß er etwas von einem Mann an ſich hätte!“ „Liebe Sarah,“ entgegnete Sampſon, indem er beſtändig ſeine Hände rieb,„du beunruhigſt unſere Freunde. Außerdem— du haſt dich in deinen Hoff⸗ nungen getäuſcht, Sarah, weißſt nicht, was du ſagſt, und ſtellſt dich daher bloß.“ „Ja, du armſelige Memme,“ erwiederte die liebens⸗ würdige Dame,„ich verſtehe dich. Du fürchteteſt, ich möchte dir zuvorkommen. Aber meinſt du, ich hätte mir nur ein Wort entlocken laſſen? Mit Hohn⸗ lachen würde ich ſie zurückgewieſen haben, und wenn ſie mich zwanzig Jahre verhört und vor den Gerichten herumgeſchleppt häͤtten.“ „Hi, hi!“ lachte Braß ſchafmäßig, denn in der Tiefe ſeiner Erniedrigung ſchien er wirklich ſein Geſchlecht mit dem ſeiner Schweſter vertauſcht zu haben, während jeder Funke von Männlichkeit, der möglicherweiſe in ihm hätte glimmen können, auf die letztere übergegangen war.„Du meinſt ſo, Sarah, du meinſt wirklich ſo; aber du würdeſt ganz anders gehandelt haben, mein guter Kerl. Du haſt doch den Grundſatz des Füchschens nicht vergeſſen— un⸗ ſeres verehrten Vaters, meine Herrn— ‚traue kei⸗ nem Menſchen.“ Dieß iſt die Maxime, die einem durch's Leben hilft! Wenn du in der That nicht ſchon im Begriffe warſt, deine Sicherheit zu erkaufen, als ich mich zeigte, ſo vermuthe ich doch, daß du es jetzt bereits gethan haben wuͤrdeſt. Und deßhalb habe 301 ich für mich ſelbſt gehandelt, und dir ſowohl die Mühe als die Schande erſpart. Die Schande, meine Herrn,“ fügte Braß bei, indem er ſich von dem Gefühl für den genannten Affect in einem leichten Grad bewaltigen ließ,„wenn von einer ſolchen die Rede iſt, ruht auf mir. Es iſt beſſer, wenn ein Frauenzimmer davon verſchont bleibt.“ Trotz aller Achtung gegen die beſſere Einſicht des Herrn Braß, insbeſondere aber gegen die Auto⸗ rität ſeines großen Vorfahren möchten wir doch in Demuth bezweifeln, ob das erhebende Prinzip, welches der letztere Herr empfohlen und ſein Nachkomme ſo treulich befolgt hatte, immer auch ein kluges iſt, oder in der Erfahrung die gewünſchten Reſultate zur Folge hat. Dieß iſt jedoch außer Frage nur ein kecker und anmaßender Zweifel, inſoferne viele ausgezeich⸗ nete Charaktere, die man Menſchen von Welt, durchtriebene Burſche, ſchlaue Füchſe, verſchmitzte Geſellen, Kapitalgeſchäftsleute und dergleichen nennt, dieſen Grundſatz zu ihrem Polarſtern und Compaß gemacht haben und Tag für Tag noch machen. Doch mag es geſtattet ſeyn, ein ſolches Beden⸗ ken höflich anzudeuten. Als einen Beleg hiefür erlauben wir uns, zu bemerken, daß Herr Braß ſich am Ende wohl weit beſſer aus der Sache gezogen hätte, wenn er nicht all zu argwöhniſch geweſen und die Behandlung der Geſchichte ohne Einmiſchung von Spähen und Horchen, ſeiner Schweſter überlaſſen geblieben wäre; oder wenn er auch nur, trotz ſeines Spähens und Horchens, ſich nicht ſo gar ſehr beeilt hätte, ihr den Rang abzu⸗ laufen, was ohne Mißtrauen und Eiferſucht von ſei⸗ ner Seite gleichtalls unterblieben ware. So wird ſich's denn immer treffen, daß derartige Weltmen⸗ ſchen, welche ſtets im Harniſch aufziehen, ſich ebenſo 4 oft gegen das Gute, als gegen das Böſe wehren— abgeſeyen von der Unvequemlichkeit und Abgeſchmackt⸗ heit, alle Zeit mit einem Mikroskop die Wache be⸗ ziehen und bei den unſchuldigſten Aueſſen ſich in einen Panzer ſchnallen zu müſſen. 6 Die drei Herren ſprachen einige Augenblicke ab⸗ ſeits mit einander. An dem Ende iyrer ſehr kurzen Berathung deutete der Notar auf Schreibmaterialien, weiche auf dem Tiſche lagen, und deurete Herrn Braß an, daß er, wenn er ſeine Aueſagen ſchriftuich abzu⸗ geben wunſche, hiezu Gelegenheu habe. Zu gleicher G Zeu fuhlte er ſich veranlaßt, ihm zu bemerken, daß er ſie ſogleich zu einem Friedensrichter begleiten, und daß er in allem, was er thue oder ſage, ſich ganz von ſeiner eigenen Klugheit leiten laſſen muſſe. „Meine Herrn,“ ſagte Braß, indem er ſeine Handſchuhe auszog und im Geiſte vor iynen im Staube kroch,„ich will der Schonung, mit der Sie mich, wie ich weiß, behandeln wer en, Eyhre machen; und da ich, ohne eine ſolche Schonung, nachdem ein⸗ mal die Enthüllung gemacht iſt, von allen dreien die ſchlechteſte Stellung habe, ſo duͤrfen Sie ſich darauf verlaſſen, daß ich meine Bruſt rein machen werde. 318*⁸ 88 ’ 303 Herr Witherden, eine Art von Schwäche liegt auf mei⸗ nem Geiſte— wenn Sie mir die Gunſt erweiſen wollten, zu klingeln, und ein Glas von etwas Warmem und Gewürztem zu befehlen, ſo wuͤrde ich, ungeachtet aller Vorgänge, das melancholiſche Vergnügen haben, Ihre Geſundheit zu trinken. Ich hatte gehofft,“ fügte Braß bei, indem er mit einem traurigen Lächeln umherſah, „eines Tags gegenwärtige drei Herren hinter dem Mahagonitiſch meines beſcheidenen Beſuchszimmers in Bevis 2 rks zu ſehen. Aber Hoffnungen ſind unſicher. Du mein Himmel!“ Herr Braß fand ſich hinſichtlich dieſes Punktes ſo außerordenttich ergriffen, daß er nichts mehr ſprechen oder thun konnte, bis eine Erfriſchung angelangt war. Nachdem er ſich daran gelabt hatte, und zwar für ſeinen aufgeregten Zuſtand ziemlich reichlich, ſetzte er ſich nieder, um zu ſchreiben. Die liebliche Sarah ſchritt, während ihr Bruder ſo beſchäftigt war, bald mit verſchlungenen Arme bald die Hände auf dem Rücken zuſammengelegt, mi männlichen Tritten in dem Zimmer auf und ab, und machte nur bisweilen Halt, um ihre Doſe heraus⸗ zuziehen und an dem Deckel zu kauen. Sie fuhr in dieſer Leibesübung fort, bis ſie ganz ermattet war, und warf ſich dann auf einen Stuhl in der Nähe der Thüre, wo ſie einſchlief. Man hat ſeitdem mit einigem Grund vermuthet, daß dieſer Schlummer nur verſtellt war, da es ihr gelungen war, in der Dunkelheit des Abends unbe⸗ 304 merkt zu entſchlüpfen. Ob dieß eine abſichtliche und im vollen Wachen ausgeführte Verabſchiedung, oder ein ſonambüles Adien war, mag als Gegenſtand der Conjectur ſtehen bleiben; jedenfalls ſind über einen Punkt— und zwar den Hauptgrund— alle Partien einig. So viel iſt gewiß, mochte ſie in was immer für einem Zuſtande weggegangen ſeyn, ſie kehrte nim⸗ mer zurück. Da wir bereits der Dunkelheit des Abends gedachten, ſo wird man daraus folgern, daß Herr Braß eine geraume Zeit durch die Vollziehung ſeines Geſchäftes in Anſpruch genommen wurde. Er kam erſt ſpät damit zu Stande; aber als er endlich fertig war, verfügte ſich dieſer Ehrenmann mit den drei Freunden in einer Miethkutſche nach dem Privatar⸗ beitszimmer eines Friedensrichters. Dieſer bereitete Herrn Braß einen warmen Empfang und behielt ihn an einem ſichern Ort, damit er ja des Vergnü⸗ gens nicht entbehre, ihn morgen wieder zu ſehen, worauf er die andern mit der erfreulichen Betheurung entließ, daß mit dem nächſten Tage unfehlbar ein Haftbefehl gegen Herrn Quilp erlaſſen werden ſolle, und daß eine geeignete Auseinanderſetzung aller Um⸗ ſtände den Staatsſekretär(der zum Glück in der Stadt war) ohne Zweifel veranlaſſen würde, Kit ohne Zögerung auf freien Fuß zu ſetzen. Und nun hatte es in der That den Anſchein, als ob ſich Quilp's boshafte Laufbahn ihrem Ende nähere, und als ob die Wiedervergeltung, die— namentlich, wo ſich's um die ſchwerſten Verbrechen ———— 30⁵ handelt— oft ſo langſam geht, ſeine Fährte auf⸗ geſpurt hätte und ihn ſchnell und ſicher zu ereilen drohte. Uneingedenk ihres leiſen Trittes, geht das Opfer in eingebildetem Triumphe ſeinen Weg. Aber ſie ſchleicht ihm auf der Ferſe nach, und, einmal im Gange, läßt ſie ſich nicht wieder abwenden. Sobald die drei Herren ihr Geſchäft beendigt hatten, eilten ſie nach Herrn Swiveller's Wohnung zurück, deſſen Beſſerung ſo ſchnelle Fortſchritte machte, daß er eine halbe Stunde hatte aufſeyn und ſich ganz gemüthlich unterhalten können. Frau Gar⸗ land war ſchon ſeit einiger Zeit nach Hauſe ge⸗ gangen, aber Herr Abel befand ſich noch immer bei dem Kranken. Nachdem ihm der ganze Verlauf des Geſchehenen mitgetheilt war, verabſchiedeten ſich die beiden Herren Garland und der ledige Herr, als geſchehe es in Folge vorhergegangener Verabredung, und ließen den Patienten und den Notar mit der kleinen Magd allein. „Da Sie ſich um ſo beſſer befinden,“ ſagte Herr Witherden, ſich neben ſeinem Bette nieder⸗ ſetzend,„ſo wage ich es, Ihnen eine Neuigkeit mit⸗ zutheilen, von der ich auf dem Wege meines Berufes Kunde erhalten habe.“ Der Gedanke einer Mittheilung in Geſchäfts⸗ ſachen durch einen Herrn, deſſen Beruf mit gericht⸗ lichen Angelegenheiten in Verbindung ſtand, ſchien Richard durchaus keine erfreuliche Vorahnung zu bereiten. Vielleicht bezog er ſie in ſeinem Innern Boz NXIII. Humphrey's Wanduhr. 20 306 auf einige ausſtehende Rechnungen, wegen deren er be⸗ reits unterſchiedliche drohende Schreiben erhalten hatte. Sein Geſicht verlängerte ſich, als er entgegnete: „Ohne Anſtand, Sir. Ich hoffe jedoch, daß es nicht von allzu unangenehmer Beſchaffenheit iſt?“ „Wenn ich dieß glauben könnte, ſo würde ich eine gelegentlichere Zeit für meine Eröffnung wählen,“ erwiederte der Notar.„Laſſen Sie ſich vorerſt be⸗ deuten, daß meine Freunde, welche heute hier ge⸗ weſen ſind, nichts davon wiſſen, und daß ihr Wohl⸗ wollen gegen Sie ein ganz freiwilliges iſt, ohne daß ſie dabei auf Wiedererſatz zählten. Es dürfte für einen gedankenloſen, unbekümmerten Menſchen gut ſeyn, dieß zu wiſſen.“ Dick dankte ihm und ſagte,„er hoffe, daß dieß der Fall ſeyn werde.“, „Ich habe um Ihretwillen einige Nachfragen angeſtellt,“ fuhr Herr Witherden fort,„ohne mir's träumen zu laſſen, daß ich Sie unter Verhältniſſen finden würde, wie diejenigen ſind, welche uns zu⸗ ſammenführten. Sie ſind der Neffe von Rebecca Swiveller, die unverehelicht zu Cheſelbourne in Dorſetſhire geſtorben iſt.“ „Geſtorben?“ rief Dick. „Geſtorben. Wenn man mit dieſem Neffen hätte zufrieden ſeyn können, ſo wären Sie jetzt(ſo ſagt das Teſtament, und ich ſehe keinen Grund, warum ich es bezweifeln ſollte) im Beſitze von 25,000 Pfund. So aber iſt Ihnen blos eine jähr⸗ — 307 liche Leibrente von 150 Pfunden zugefallen. Ich denke indeß, ich kann Ihnen auch hiezu Glück wünſchen.“ „Sir,“ ſagte Dick, der zumal lachte und ſchluchzte,„das können Sie. So es Gott gefällt, wollen wir noch aus der armen Marquiſe eine Ge⸗ lehrte machen! Sie ſoll in Seide einhergehen und etwas Namhaftes aufſtecken können, oder ich will nicht wieder von dieſem Bette aufſtehen.“ Der Naritätenladen. Siebenundſechzigſtes Kapitel. Ohne etwas von den im letzten Kapitel treulich mitgetheilten Vorgängen zu ahnen, ja ohne ſogar nur im mindeſten ſich etwas von der Mine träumen zu laſſen, die unter ihm geſprengt werden ſollte (denn damit ihm keine Warnung zugehen möchte, war in der ganzen Verhandlung das tiefſte Geheim⸗ niß beobachtet worden), blieb Herr Quilp in ſeiner Einſiedelei verſchloſſen, ungeſtört von irgend einem Verdachte und außerordentlich wohl zufrieden mit dem Ergebniſſe ſeiner Machinationen. Da er zur Zeit mit dem Abſchluſſe einiger Rechnungen zu thun hatte— eine Beſchäftigung, wobei ihm das Schweigen . 8 20* 308 und die Einſamkeit ſeines Schlupfwinkels ſehr zu ſtat⸗ ten kam— war er zwei ganze Tage lang nicht aus ſeiner Höhle hervorgegangen. Auch am dritten Tage befand er ſich noch immer emſig an der Arbeit, und er zeigte ſich wenig geneigt auszugehen. Es war der Tag nach dem Geſtändniſſe des Herrn Braß und folglich derjenige, welcher Herrn Quilp's Freiheit mit einer gewiſſen Beſchränkung, und ihn ſelbſt mit der plötzlichen Mittheilung einiger mißliebigen und unwillkommenen Thatſachen be⸗ drohte. Da der Zwerg keinen anſchaulichen Begriff von der Wolke hatte, die ſich über ſeinem Hauſe niederließ, ſo befand er ſich ganz in ſeinem gewohn⸗ ten Zuſtande von Heiterkeit, und ſobald er bemerkte, die Rückſicht für ſeine Geſundheit und ſeine Lebens⸗ geiſter fordere es, daß er ſich nicht ſo ganz und gar von ſeinen Geſchäften hinnehmen laſſe, ſo gab er dem monotonen Gange derſelben durch einiges Schreien, Heulen oder andere derartige unſchuldige Ergötzlichkeiten einige Abwechſelung. Wie gewoͤhnlich, war Tom Scott um ihn, der wie eine Kröte über dem Feuer hockte und von Zeit zu Zeit, wenn ihm ſein Meiſter den Ruͤcken zu⸗ wandte, mit furchtbarer Genauigkeit ſeine Grimaſſen nachahmte. Die hölzerne Figur war noch nicht ver⸗ ſchwunden, ſondern ſtand noch immer auf ihrem alten Platze. Das Geſicht, fürchterlich verſengt durch die häufige Anwendung des rothglühenden Schüreiſens, und außerdem verziert durch einen Zehnpennynagel, der ihm in die Naſenſpitze einge⸗ ſchlagen war, lächelte noch immer freundlich in ſeinen weniger zerriſſenen Theilen, und ſchien, wie ein ſtandhafter Märtyrer, ſeinen Quälgeiſt zu neuen Unbilden und Verletzungen herauszufordern. Der Tag war ſelbſt in den höchſten und hellſten Stadttheilen feucht, kalt und düſter. An dieſem niedrig gelegenen ſumpfigen Orte hüllte der Nebel jeden Winkel und jede Ecke in eine dichte Wolke. Jeder Gegenſtand auf nur zwei Ellen Entfernung war verdüſtert. Die Warnlichter und Schutzfeuer auf der Themſe waren machtlos unter dieſem Leichen⸗ tuche, und ohne die rauhe und ſchneidende Kälte der Luft, oder hin und wieder den Ruf eines ver⸗ irrten Bootsmanns, wenn er auf ſeinem Ruder aus⸗ ruhte und ſich über ſeine Lage Sicherheit verſchaffen wollte, hätte man den Strom ſelbſt meilenweit ent⸗ fernt denken können. So träge und langſam ſich auch der Nebel be⸗ wegte, ſo war er doch ſo ſcharf und durchdringend, daß weder Tücher noch Pelzwerk Schutz dagegen ver⸗ liehen. Er ſchien bis auf die Knochen der ſchau⸗ dernden Wanderer einzuſchneiden und ſie eigentlich durch ſeine Kälte auf die Folter zu ſpannen. Alles fühlte ſich feucht und froſtig an. Die warme Flamme allein bot ihm Trotz und hüpfte und funkelte luſtig. Es war ein Tag, um zu Hauſe zu bleiben, ſich um's Feuer zu drängen, Geſchichten von Reiſenden zu erzählen, welche in ſolchem Wetter auf Mooren 310 und Haiden ihren Weg verloren hatten, und den warmen Herd mehr als je zu lieben. Der Geſchmack des Zwerges beſtand, wie wir wiſſen, darin, einen Herd für ſich zu haben, und wenn er zur Heiterkeit aufgelegt war, ſich ohne Zeugen luſtig zu machen. Keineswegs unempfindlich gegen die Behaglichkeit eines warmen Stübchens, befahl er Tom Scott, den kleinen Ofen mit Kohlen zu füllen, gab ſeine Arbeit für heute auf und ent⸗ ſchloß ſich, luſtig zu ſeyn. Zu dieſem Ende zün⸗ dete er neue Kerzen an und legte dem Feuer mehr Brennſtoff zu; dann ſpeiste er ein Beefſteack, das er ſelbſt in einer etwas wilden und kanibaliſchen Weiſe gekocht hatte, braute eine große Bowle heißen Pun⸗ ſches, zündete ſeine Pfeife an und ſetzte ſich nieder, um den Abend heiter zu verbringen. In dieſem Augenblicke erregte ein leiſes Klopfen an der Hüttenthüre ſeine Aufmerkſamkeit. Nachdem dieß zwei⸗ oder dreimal wiederholt worden war, öffnete er leiſe das kleine Fenſter, ſteckte den Kopf hinaus und fragte,„wer da ſey?“ „Nur ich, Quilp,“ antwortete eine Weiber⸗ ſtimme. „Nur du?“ rief der Zwerg und ſtreckte ſeinen Hals aus, um den Beſuch beſſer in's Auge faſſen zu können.„Und was bringt dich her, du Metze? Wie kannſt du dich unterſtehen, dem Schloſſe des Ogers nahe zu kommen, he?“ 2n 311 „Ich bringe eine Nachricht,“ verſetzte ſeine Frau. „Sey nicht böſe auf mich.“ „Iſt es eine gute Nachricht, eine angenehme Nachricht, eine Nachricht, ob der man in die Höhe ſpringen und mit den Fingern ſchnalzen möchte?“ ſagte der Zwerg.„Iſt die liebe alte Dame todt?“ „Ich kenne ihren Inhalt nicht, und weiß daher nicht zu ſagen, ob ſie gut oder ſchlimm iſt,“ ent⸗ gegnete ſein Weib. „Dann lebt ſie noch,“ ſagte Quilp,„und's handelt ſich nicht um ſie. Geh' wieder heim, du Unglücksvogel; geh' nach Hauſe.“ „Ich habe einen Brief mitgebracht“— rief das demüthige kleine Weib. „So wirf ihn hier zum Fenſter herein und geh' deiner Wege,“ ſagte Quilp,„ihr in's Wort fallend, „oder ich komme hinaus und gebe dir meine Nägel zu koſten.“ „Nein, ſey nur ſo gut, Quilp, mich ein wenig anzuhören,“ flehte ſein unterwürfiges Weib in Thrä⸗ nen.„Bitte.“ „So ſprich denn,“ brummte der Zwerg mit einem boshaften Grinſen.„Aber faſſe dich kurz. Willſt du ſprechen?“ „Der Brief,“ ſagte die Frau Quilp zitternd, „wurde mir dieſen Nachmittag von einem Knaben in's Haus gebracht, welcher ſagte, er wiſſe nicht, woher er komme, er ſey ihm aber, und zwar mit dem Bedeuten, zur Beſorgung übergeben worden, 312 daß er dir ſogleich übermacht werden müſſe, weil er von höchſter Wichtigkeit ſey.— Doch ſey ſo gut,“ fügte ſie bei, als ihr ehrenwerther Gemahl ſeine Hand darnach ausſtreckte,„ſey ſo gut, mich einzu⸗ laſſen. Du weißſt nicht, wie naß und erfroren ich bin, oder wie oft ich auf meinem Herwege in die⸗ ſem dichten Nebel meinen Weg verloren habe. Er⸗ laube mir, daß ich mich nur fünf Minuten an dem Feuer trocknen darf. Ich will gleich wieder fort⸗ gehen, ſobald du mich gehen heißſt, Quilp. Auf mein Wort, das will ich.“ Ihr liebenswürdiger Gatte zögerte ein paar Augenblicke; da er jedoch bedachte, der Brief möchte einer Antwort bedürfen, welche ſie beſorgen könnte, ſo ſchloß er das Fenſter, öffnete die Thüre und hieß ſie eintreten. Frau Quilp gehorchte augenblicklich, übergab ihm ein kleines Paquet und kniete vor dem Feuer nieder, um ihre Hände zu wärmen. „Es freut mich, daß du naß biſt,“ ſagte Quilp, das Ueberbrachte an ſich reißend und nach ihr hinſchielend.„Es freut mich, daß du frierſt. Es freut mich, daß du deinen Weg verloren haſt. Es freut mich, daß deine Augen roth ſind von Weinen. Es thut meinem Herzen wohl!, deine kleine Naſe ſo verzwickt und erfroren zu ſehen.“ „O Quitp!“ ſchluchzte ſein Wecb.„Wie grau⸗ ſam biſt du!“ „Hat ſie nicht etwa geglaubt, ich ſey todt?“ entgegnete Quilp, indem er ſein Geſicht in eine 313 ganz außerordentliche Reihe von Grimaſſen ver⸗ zerrte.„Hat ſie nicht etwa geglaubt, ſie ſey jetzt im Beſitze all' meines Geldes und könne Jemand hei⸗ rathen, der nach ihrem Geſchmack wäre? Ha, ha, ha! Iſt's nicht ſo!“ Dieſe Hohnreden entlockten keine Antwort aus der armen, kleinen Frau, die auf ihren Knieen liegen blieb und zu Quilp's großem Entzücken ſchluchzend ihre Hände wärmte. Während er ſie je⸗ doch mit ungemeinem Kichern betrachtete, bemerkte er zufällig, daß auch Tom Scott entzückt war, weßhalb ihn der Zwerg, der ſeine Freude mit kei⸗ nem vorlauten Burſchen theilen wollte, urplötzlich am Kragen packte, nach der Thüre ſchleppte und nach einem kurzen Ringen mit Fußtritten in den Hof ſtieß. In Erwiederung dieſes Aufmerkſamkeits⸗ beweiſes ſpazierte Tom unmittelbar auf ſeinen Händen nach dem Fenſter und ſah— wenn wir uns dieſes Ausdrucks bedienen dürfen— mit ſeinen Schuhen hinein; auch raſſelte er, wie eine umge⸗ kehrte Banshee* mit ſeinen Füßen gegen die Schei⸗ ben. Wie ſich von ſelbſt verſteht, verlor Herr Quilp keine Zeit, zu dem Schureiſen ſeine Zuflucht zu nehmen, womit er, nachdem er einige Zeit im Hin⸗ terhalt gelegen, ſeinem jungen Freunde ein paar ſo unzweideutige Complimente verſetzte, daß derſelbe —— * In Irland eine Fee, welche durch Geſang unter den Fenſtern den Tod weiſſagt. 314 plötzlich verſchwand und ihn im ruhigen Beſitze des Schlachtfeldes ließ. „So! nun dieſer kleine Handel abgemacht iſt,“ ſagte der Zwerg kaltblütig,„will ich meinen Brief leſen. Hum!“ brummte er, während er die Adreſſe betrachtete.„Ich ſollte dieſe Hand kennen. Liebens⸗ würdige Sally!“ Er öffnete das Schreiben und las in einer ſchönen, runden Advokatenhand folgende Zeilen: „Sammy iſt bearbeitet worden und hat das Vertrauen mißbraucht. Es iſt alles am Tage. Sie würden gut thun, aus dem Wege zu gehen, denn Fremde ſind ausgezogen, um Ihnen einen Beſuch zu machen. Man iſt bis jetzt ganz ruhig geweſen, weil man Sie zu überraſchen gedenkt. Machen Sie's mir nach und verlieren Sie keine Zeit. Ich bin nirgends zu finden. An Ihrer Stelle würde ich es eben ſo halten. S. B., ſonſt in B. M.“ Um den Wechſel zu beſchreiben, der ſich in Quilp's Geſichte zeigte, während er ſeinen Brief ein halbdutzendmal durchlas, würden wir einer neuen Sprache— einer Sprache bedürfen, in der eine Kraft des Ausdrucks läge, wie man ſie nie geſchrie⸗ ben, geleſen oder geſprochen hat. Eine geraume Weile ließ er keine Sylbe vernehmen; aber nach einer langen Pauſe, während welcher Frau Quilp unter dem Schrecken, den ſeine Blicke erzeugten, faſt erlahmte, gelang es ihm, hervorzukeuchen: u—.— ———* 8 2——— 315 „Wenn ich ihn hier hätte. Wenn ich ihn nur hier hätte——“ „O Quilp!“ ſagte ſein Weib,„was gibt es doch? Ueber wenn biſt du zornig?“ „Ich würde ihn erſäufen,“ fuhr der Zwerg fort, ohne auf ſie zu achten.„Freilich ein zu leichter Tod, zu kurz, zu ſchnell— aber der Strom läuft gerade hier vorbei. O, wenn ich ihn hier hätte! Mit freundlichen Worten ihn an das Ufer zu ſchmei⸗ cheln— ihn am Knopfloche feſtzuhalten— mit ihn zu ſcherzen— und durch einen plötzlichen Stoß ihn platſchend hinunter zu ſchicken! Man ſagt, Leute, die ertrinken, kämen dreimal wieder an die Ober⸗ fläche. Ach! ihn dieſe dreimal zu ſehen, ihn zu verhöhnen, wenn ſein Geſicht auftauchte— o welch' ein reicher Hochgenuß würde das ſeyn!“ „Quilp!“ ſtammelte ſein Weib, indem ſie es zu gleicher Zeit wagte, ſeine Schultern zu berühren, „was iſt denn Schlimmes vorgefallen?“ Sie war ſo entſetzt ob der Wolluſt, womit er ſich das Vergnügen einer ſolchen That ausgemalt hatte, daß ſie ſich kaum verſtändlich machen konnte. „Solch' ein blutloſer Köter!“ ſagte Quilp, ſehr langſam ſeine Hände reibend und ſie feſt zuſammen⸗ preſſend.„Ich dachte, ſeine Feigheit und ſeine Kriecherei wären die beſten Bürgen für ſein Schweigen. O Braß, Braß— mein lieber, guter, zärtlicher, treuer, complimentenreicher, bezaubernder Freund— wenn ich dich nur hier hätte!“ 316 Seine Frau, welche ſich zurückgezogen hatte, damit es nicht den Anſchein gewänne, als horche ſie auf dieſe dumpf ausgeſtoßenen Worte, wagte es, wieder näher zu kommen, und war eben im Begriffe, zu ſprechen, als der Zwerg nach der Thüre eilte und Tom Scott rief, welcher es, eingedenk der kürzlichen ſanften Ermahnung, für räthlich erachtete, auf der Stelle zu erſcheinen. „Da!“ ſagte der Zwerg, indem er ihn herein⸗ zerrte.„Nimm ſie nach Hauſe. Du brauchſt mor⸗ gen nicht herzukommen, denn dieſer Ort wird ge⸗ ſchloſſen ſeyn; komm nicht zurück, bis du von mir hörſt oder mich ſiehſt. Merke dir's!“ Tom nickte verdrießlich und winkte Frau Quilp, voranzugehen. „Was dich anbelangt,“ fuhr der Zwerg gegen ſeine Frau fort,„ſo ſtelle keine Nachfragen nach mir an; ſuche mich nicht und rede überhaupt nicht von mir. Dir zum Troſte ſey es geſagt, daß ich nicht todt ſeyn werde, meine Theuerſte. Er wird für dich Sorge tragen.“ „Aber Quilp— was gibt's denn? Wo gehſt du hin? Sage mir doch noch etwas mehr!“ „Ich will dir etwas ſagen,“ entgegnete der Zwerg, indem er ſie am Arm faßte,„und obendrein etwas thun, was für dich beſſer ungeſagt und unge⸗ than bliebe, wenn du nicht augenblicklich gehſt.“ „Iſt etwas vorgefallen?“ rief ſein Weib.„O theile mir nur dieß mit.“ 317 „Ja,“ knurrte der Zwerg.„Nein. Was küm⸗ mert's dich? Ich habe dir geſagt, was du zu thun haſt. Wehe dir, wenn du zögerſt oder nur ein Haar breit davon abweichſt. Willſt du gehen?“ „Ich gehe, ich gehe augenblicklich! Aber—“ ſtotterte ſein Weib—„beantworte mir zuvor nur eine Frage. Steht dieſer Brief in irgend einer Verbindung mit der lieben kleinen Nell? Ich muß dich dieß fragen— in der That, ich muß, Quilp. Du kannſt glauben, welche Tage und Nächte der Sorge ich durchgemacht habe, weil ich dieſes Kind ein einziges Mal betrog. Ich weiß nicht, was ich Schlimmes über ſie gebracht habe, aber mag es nun groß oder klein ſeyn, ich that es um deinet⸗ willen, Quilp. Mein Gewiſſen machte mir Vor⸗ würfe, als ich es that. O, ich bitte, beantworte mir nur dieſe Frage.“ Der auf's höchſte gereizte Zwerg erwiederte nichts, ſondern wandte ſich um und griff mit ſolchem Ungeſtüm nach ſeiner gewöhnlichen Waffe, daß Tom Scott ſeinen Schützling mit Gewalt, und ſo ſchnell als er konnte, hinauszerrte. Es war gut, daß er dieſes that, denn Quilp, der vor Wuth faſt toll war, verfolgte ſie nach der benachbarten Gaſſe, und würde ihnen noch länger nachgeſetzt haben, wenn ſie der dichte Nebel, der mit jedem Augenblicke ſchwerer zu werden ſchien, ſeinen Blicken nicht ver⸗ borgen hätte. „Es wird eine ſchöne Nacht für eine Incognito⸗ 318 reiſe geben,“ ſagte er, als er langſam und faſt athemlos vom Laufen zurückkehrte.„Halt! Wir müſſen uns hier beſſer vorſehen. So iſt es etwas gar zu gaſtfreundlich und frei.“ Mit großer Kraftanſtrengung ſchloß er die zwei alten Thorflügel, welche tief in den Schlamm einge⸗ ſunken waren und verriegelte ſie mit einem ſtarken Querbalken. Sobald dieß geſchehen war, ſtrich er ſein filziges Haar aus dem Geſichte und verſuchte die Kraft ſeiner Verſchanzung.— Stark und feſt. „Die Verzäunung zwiſchen dieſem Kai und dem nächſten iſt leicht zu überſteigen,“ fuhr der Zwerg fort, nachdem er dieſe Vorſichtsmaßregeln getroffen hatte.„Von dort aus führt auch eine Hintergaſſe her. Dieſe mag meinen Rückzug ſichern. Man muß ſeinen Weg gut kennen, wenn man ſich an dieſem lieblichen Plätzchen zur Nachtzeit ausfinden will. Ich glaube, ſo lange dieſes hält, habe ich keine unwillkommenen Beſuche zu befürchten.“ Es war jetzt bereits ſo finſter geworden und der Nebel hatte ſich ſo ſehr verdichtet, daß er ſich faſt genöthigt ſah, ſeinen Weg mit den Händen zu taſten, als er nach ſeinem Lager zurückkehrte. Dort blieb er eine Weile vor dem Feuer ſitzen und traf ſeine Vorbereitungen zu einer ſchleunigen Abreiſe. Während er einiges Nothdürftige zuſammenraffte und es in ſeine Taſchen packte, hörte er nicht ein einziges Mal auf, leiſe mit ſich ſelbſt zu ſprechen, oder mit den Zähnen zu knirſchen, und in gleicher 319 Weiſe blieben von dem Augenblicke an, als er Sally's Schreiben geleſen hatte, ſeine Zähne dicht verbiſſen. „O Sampſon!“ murmelte er,„trefflicher Ehren⸗ mann— wenn ich dich nur umarmen könnte! Dürfte ich dich nur einmal umſchlingen und deine Rip⸗ pen quetſchen, wie ich ſie quetſchen könnte, wenn ich dich einmal umfaßt hätte— welch' ein köſtliches Wiederſehen würde es nicht ſeyn! Wenn wir uns je wieder begegnen, Sampſon, ſo verlaß dich darauf, daß wir einen Gruß mit einander wechſeln, den du nicht ſo leicht vergeſſen wirſt. Dieſe Zeit, Sampſon, dieſer Augenblick, wo alles ſo gut abgelaufen, war ſo herrlich gewählt! Es war ſo überlegt von dir, ſo reumüthig, ſo edel. Ha, wenn wir in dieſem Gemach wieder Angeſicht gegen Angeſicht ſtehen, mein feigherziger Sohn des Geſetzes, wie wohl zu⸗ frieden würde Einer von uns ſeyn!“ Hier hielt er inne, ſetzte die Punſchbowle an ſeine Lippen und that einen langen, tiefen Zug, als wäre das Getränk nur klares Waſſer, mit dem er ſeine trockene Zunge kühlen wollte. Dann ſetzte er ſie plötzlich wieder nieder, ging auf's neue an ſeine Vorbereitungen und fuhr in ſeinem Selbſtgeſpräche fort. 3— „Da iſt Sally,“ ſagte er mit blitzenden Augen; „das Weib hat Muth, Entſchloſſenheit, Umſicht— ſchlief ſie, oder war ſie erſtarrt? Sie hätte ihn ohne Gefährde erdolchen— vergiften können. Sie 320 konnte vorausſehen, daß es ſo kommen mußte. Warum gibt ſie mir erſt Nachricht, nachdem es zu ſpät iſt? Als er da ſaß— dort auf jener Stelle— mit ſeinem weißen Geſichte, ſeinem rothen Kopf und ſeinem kränklichen Lächeln— warum wußte ich da⸗ mals nicht, was in ſeinem Herzen brütete? Es hätte in jener Nacht zu ſchlagen aufgehört, wenn ich ſein Geheimniß hätte ahnen können, falls ſich anders ein Gift hätte auffinden laſſen, um einen Menſchen in den Schlaf zu lullen, oder ein Feuer, um ihn zu verbrennen.“ Ein anderer Zug aus der Bowle. Er kauerte ſich mit wüthender Geberde über das Feuer und fuhr fort zu murmeln: „Und dieſe, wie jede andere Sorge und Unge⸗ legenheit der letzten Zeit, habe ich rein jenem alten Faſeler und ſeinem Herzkäferlein zu danken— je⸗ nen zwei elenden, gebrechlichen Wanderern. Aber ich will doch noch ihr böſer Genius werden. Und du, ſußer Kit, ehrlicher Kit, tugendhafter, unſchul⸗ diger Kit, ſieh’ dich vor. Wo ich haſſe, beiſſe ich. Ich haſſe dich, mein theures Freundchen, mit gutem Grunde; und ſo ſtolz du auch dieſe Nacht ſeyn magſt, die Reihe wird wieder an mich kommen. — Was iſt das?“ Man pochte an das Thor, das er geſchloſſen hatte. Ein lautes und ungeſtümes Pochen. Dann eine Pauſe, als ob diejenigen, welche geklopft hatten, inne hietten, um zu horchen. Dann begann der —ñ—,—— 1 N SS N 1- 32 g 321 Lärm auf's neue— noch lauter und heftiger als zuvor. „So bald ſchon?“ ſagte der Zwerg.„Und ſo eifrig? Ich fürchte, ihr habt einen vergeblichen Gang gemacht. Es iſt gut, daß ich vollig vorbe⸗ reitet bin. Sally, ich danke dir!“ Während er ſo ſprach, löſchte er das Licht aus. In ſeinen ungeſtümen Verſuchen, das Feuer auszu⸗ löſchen, warf er den Ofen um, welcher vorwärts und auf die glimmende Aſche ſtürzte, die bereits während des Sturzes herausgeſchoſſen war. Das Gemach hüllte ſich in ſchwarze Dunkelheit. Da das Klopfen an dem Thore noch immer fortmachte, ſo taſtete er ſeinen Weg nach der Thüre und betrat das Freie.— In dieſem Augenblick hörte das Pochen auf. Es war ungefähr acht Uhr, aber die ſchwärzeſte Nacht wäre lichter Tag geweſen in Vergleichung mit der dicken Wolke, welche jetzt auf der Erde ruhte und alles in ihr Leichentuch hüllte. Er ſtürzte einige Schritte vorwärts, als flöhe er in den Ein⸗ gang irgend einer duͤſtern, gähnenden Höhle; dann änderte er, in der Meinung, irre gegangen zu ſeyn, ſeine NRichtung und blieb endlich ſtehen, ungewiß, wohin er ſich wenden ſollte. „Wenn ſie nur wieder klopften,“ ſagte Quilp, der es vergeblich verſuchte, mit ſeinen Augen die Finſterniß, welche ihn umgab, zu durchdringen; Boz XIII. Humphrey's Wanduhr 21 322 „der Schall würde mich leiten. Wohlan, wettert noch einmal d'rauf los!“ Er blieb eine Weile aufmerkſam horchend ſtehen; aber das Getöſe wiederholte ſich nicht. Kein anderer Laut ließ ſich an dieſem öden Platze hören, als hin und wieder das Gebelle von Hunden. Der Ton war weit weg— bald in dieſer, bald in jener Rich⸗ tung— und konnte daher nicht zum Führer dienen, denn Quilp wußte wohl, daß derartige Laute auch oft von den Schiffen kommen. „Wenn ich nur einen Wall oder Zaun finden könnte,“ ſagte der Zwerg, indem er ſeinen Arm aus⸗ ſtreckte und langſam vorwärts ging,„ſo wüßte ich doch, wohin ich mich wenden könnte. Es wäre eine gute, ſchwarze Teufelsnacht, wenn ich meinen guten, lieben Freund hier hätte. Würde mir nur dieſer Wunſch erfüllt, ſo dürfte es meinetwegen nie wieder Tag werden.“ Dieſe Worte waren kaum ſeinen Lippen ent⸗ glitten, als er ſtolperte und fiel. Im nächſten Augenblick kämpfte er mit dem kalten, dunkeln Waſſer. Trotz des Sprudelns und Rauſchens in ſeinem Ohre konnte er jetzt doch deutlich das Klopfen an dem Thore wieder vernehmen— konnte das Schreien hören, womit ſie es begleiteten— konnte die Stimmen unterſcheiden. Ungeachtet ſeines Käm⸗ pfens und Plätſcherns wurde es ihm klar, daß ſie ihren Weg verloren hatten und daß ſie zu dem Punkte zurückwanderten, von dem ſie ausgegangen +2 5 e /u&⏑— 323 waren. Er bemerkte, daß ſie faſt zuſahen, während er ertrank, daß ſie ganz dicht an ſeiner Seite waren, ohne jedoch im Stande zu ſeyn, ihn zu retten, und daß er ſelbſt ſie ausgeſchloſſen und den Riegel vor⸗ gelegt hatte. Er beantwortete ihr Geſchrei mit einem gellenden Rufe, der die hundert Feuer, welche vor ſeinen Augen tanzten, zittern und flackern zu machen ſchien, als ob ein Windſtoß ſie aufgeſtört hätte. Vergeblich. Die wogende Fluth füllte ſeine Kehle und trug ihn auf ihrer raſchen Strömung weiter. Noch ein letztes Ringen um ſein Leben, und er war wieder oben, ſchlug das Waſſer mit den Händen und ſtierte mit wilden und funkelnden Augen nach einem dunkeln Gegenſtande, auf welchen er losgetrie⸗ ben wurde. Der Rumpf eines Schiffes! Er konnte ſeine glatten und ſchlüpferigen Wände mit der Hand berühren. Jetzt ein lauter Schrei— aber die nicht zu bewältigenden Wogen riſſen ihn hinunter, ehe er ihn ausſtoßen konnte, hoben ihn wieder und führten ihn weiter— eine Leiche. Das Waſſer ſpielte und ſcherzte mit ſeiner un⸗ heimlichen Laſt, indem es dieſelbe das einemal gegen die ſchlüpfrigen Pfähle warf, das anderemal im Schlamm oder in dem langen, üppigen Schilfe ver⸗ barg, jetzt den Leichnam über rauhe Steine und Kies ſchleppte, dann ihn ſeinem eigenen Elemente heimgeben zu wollen ſchien, in demſelben Augenblick ihn aber wieder wegwuſch, bis es, des häßlichen Spielzeugs müde, ihn auf ein Moor ſchleuderte— . 21* 324 einen unheimlichen Ort, wo in mancher traurigen Winternacht Seeräuber in Ketten gehangen hatten— damit dort ſeine Gebeine bleichen möchten. Und dort lag er— allein. Der Himmel leuch⸗ tete in feuriger Glut, und die Wellen, die ihn her⸗ getragen hatten, ſpiegelten in ihrem Laufe das düſtere Licht wieder. Die Hütte, welche die einſame Leiche ſo kürzlich noch lebend verlaſſen hatte, lag jetzt in flammenden Trümmern. Der Schein des Feuers beleuchtete einigermaßen ihr Geſicht. Das Haar, von dem feuchten Winde bewegt, ſpielte um ihr Haupt, in einer Art von Todesverhöhnung— eine Verhöh⸗ nung, ob welcher der Geſtorbene ſelbſt gejubelt hätte, wenn er noch am Leben geweſen wäre— und ſeine Kleider flatterten loſe in der Nachtluft. Der Naritätenladen. Achtundſechzigſtes Kapitel. Erleuchtete Zimmer, lodernde Feuer, heitere Geſichter, die Muſik froher Stimmen, Worte der Liebe und des Willkommens, warme Herzen und Thränen des Glückes— was iſt das nicht für ein 325 Wechſel! Aber ſolchen Wonnen eilt jetzt Kit entge⸗ gen. Er weiß, daß er erwartet wird. Er fürchtet, vor Freude zu ſterben, ehe er zu ihnen kömmt. Sie haben ihn den ganzen Tag darauf vorbe⸗ reitet. Er erfährt zuerſt, daß er des andern Mor⸗ gens nicht mit den Uebrigen fortgebracht werden ſolle. Allmälig läßt man ihn wiſſen, daß ſich Zweifel er⸗ hoben haben, daß Nachfragen angeſtellt werden ſol⸗ len, und daß er vielleicht gänzlich begnadigt werden dürfte. Mit dem Herannahen des Abends bringt man ihn endlich in ein Zimmer, wo einige Herren verſammelt ſind. Unter ihnen fällt ihm zuerſt ſein guter, alter Herr in's Auge, der auf ihn zukommt und ihn bei der Hand nimmt. Er hört, daß ſeine Unſchuld anerkannt und er freigeſprochen iſt. Er kann den Sprecher nicht ſehen, aber er wendet ſich der Stimme zu, und während er eine Antwort ver⸗ ſucht, ſinkt er bewußtlos nieder. Man bringt ihn wieder zu ſich und ſagt ihm, er ſolle ſich faſſen und es wie ein Mann tragen. Jemand bedeutet ihm, er müſſe an ſeine arme Mut⸗ ter denken. Aber nur weil er ſo viel an ſie gedacht hat, iſt er von der glücklichen Neuigkeit überwältigt worden. Man drängt ſich um ihn und ſagt ihm, daß die Wahrheit bereits allenthalben ruchbar ge⸗ worden ſey und daß Stadt und Land von Theilnahme an ſeinem Mißgeſchick wiederhalle. Er hat kein Ohr dafür. Seine Gedanken reichen bis jetzt noch nicht weiter, als nach der Heimath. Ob ſie es weiß? Was ſie ſagt? Wer es ihr ſagt? Er ver⸗ mag von nichts Anderem zu ſprechen. Man gibt ihm etwas Wein zu trinken und redet eine Weile freundlich mit ihm, bis er gefaßter und im Stande iſt, zuzuhören und zu danken. Er kann jetzt frei hingehen, wohin er will. Herr Garland iſt der An⸗ ſicht, wenn er ſich beſſer fühle, ſo ſey es Zeit zum Aufbrechen. Die Herren drängen ſich um ihn und drücken ihm die Hand. Er erkennt mit innigem Dank die Theilnahme, welche ſie für ihn haben, und die wohlwollenden Verſprechungen, die ſie ihm ma⸗ chen; aber die Kraft der Sprache iſt wieder ver⸗ ſchwunden und er kann ſich nur mit Mühe auf den Füßen erhalten, obgleich er ſich auf den Arm ſeines Herrn ſtützt. Während ſie durch die trübſeligen Gänge ſchrei⸗ ten, begegnet er einigen Gefängnißwärtern, welche auf ihn warten, um ihm in ihrer rauhen Weiſe zu ſeiner Erlöſung Glück zu wünſchen. Der zeitungs⸗ leſende Schließer iſt unter ihrer Zahl, aber ſein Be⸗ nehmen iſt nicht ganz herzlich— es liegt etwas Sauertöpfiſches in ſeinem Glückswunſch. Er betrach⸗ tet Kit als einen Eindringling, als einen Menſchen, der unter falſchem Vorwande Zutritt zu dieſem Orte erhalten und ſich eines Privilegiums erfreut hat, ohne gebührend privilegirt zu ſeyn; er mag ein ganz ordentlicher, junger Menſch ſeyn, denkt er, aber hier hat er nichts zu ſchaffen, und je bälder er geht, deſto beſſer iſt es. 327 Die letzte Thüre ſchließt ſich hinter ihnen. Sie haben die letzte Mauer hinter ſich und ſtehen in freier Luft, in der Straße, die er ſich ſo oft im Banne jenes düſtern Geſteines ausgemalt hat, und die ſelbſt nicht aus ſeinen Träumen weichen wollte. Sie ſcheint weiter und lebhafter zu ſeyn, als es früher der Fall war. Die Nacht iſt ſchaurig, und doch wie lieblich und heiter in ſeinen Augen! Einer der Herren drückt ihm beim Abſchied etwas Geld in die Hand. Er hat es nicht gezählt; aber ſie ſind kaum um ein paar Schritte an der Büchſe für die armen Gefangenen vorbeigegangen, als er haſtig wieder umkehrt und es hineinfallen läßt. Herr Garland hat in einer benachbarten Straße einen Wagen warten laſſen, in welchen er mit Kit ſteigt; dann heißt er den Mann nach Hauſe fahren. Anfangs geht es nur langſam, und dann müſſen Fackeln vorgetragen werden wegen des ſchweren Ne⸗ bels. Aber je weiter ſie ſich von dem Strome ent⸗ fernen und die dumpfigeren Stadttheile hinter ſich laſſen, deſto weniger bedarf es ſolcher Vorſichtsmaß⸗ regeln und deſto ſchneller fährt der Wagen. Unter⸗ wegs kömmt ſogar der ſchnellſte Galop Kit zu lang⸗ ſam vor, aber wie ſie ſich dem Ende ihrer Fahrt nähern, bittet er, man möchte die Pferde langſamer gehen laſſen, und ſobald er des Hauſes anſichtig wird, wünſcht er, daß Halt gemacht werde— nur auf eine oder zwei Minuten— damit er Zeit gewinne, um athmen zu können. 328 Aber da iſt von keinem Halten die Rede; denn der alte Herr ſpricht ihm kräftig zu, die Pferde holen wacker aus und bereits befinden ſie ſich am Garten⸗ thore. In der nächſten Minute ſind ſie an der Haus⸗ thüre. Innen hört man Stimmen und Fußtritte. Sie geht auf, Kit ſtürzt hinein— und findet ſich in den umſchlingenden Armen ſeiner Mutter. Und da iſt auch die ſtets getreue Mutter Bar⸗ bara's, noch immer das Bübchen auf dem Arme tragend, als ob ſie es nicht niedergeſetzt hätte ſeit jenem traurigen Tage, wo ſie ſo gar wenig Hoffnung hatte, eine Freude, wie dieſe, zu erleben— da iſt ſie, der Himmel ſegne ſie, weint ſich faſt die Augen aus, und ſchluchzt, wie nie zuvor ein Weib geſchluchzt hat. Und da iſt die kleine Barbara— arme, kleine Bar⸗ bara, wie ſo viel magerer und blaſſer, und doch ſo gar hübſch— zitternd wie Espenlaub und ſich gegen die Wand ſtützend. Und da iſt Frau Garland, net⸗ ter und hübſcher, als je, die ohnmächtig niederſinkt, ohne daß ihr Jemand Beiſtand leiſtete. Und da iſt Herr Abel, der heftig ſeine Naſe ſchneuzt und Jeder⸗ mann umarmen will. Und da iſt der ledige Herr, der bei Allen herumläuft und jedesmal nur auf einen Augenblick. Und da iſt der gute, liebe, ſinnige, kleine Jacob, der mutterſeelenallein auf der unterſten Treppe ſitzt, wie ein Alter die Hände auf ſeine Kniee legt und fürchterlich brüllt, ohne damit Jemand zu ſtören. Und Alle ſammt und ſonders ſind dermalen ganz aus — — 329 dem Häuschen und begehen in ſchönſter Harmonie alle möglichen Thorheiten. Und ſelbſt als die Uebrigen wieder einigermaßen zu Sinnen gekommen ſind, ſo weit wenigſtens, um ein Lächeln oder Worte finden zu können, wird Bar⸗ bara— die weichherzige, zarte, thörichte, kleine Bar⸗ bara— plötzlich vermißt, und man findet, daß ſie in dem Hinterzimmer für eigene Rechnung in Ohn⸗ macht gefallen iſt. Aus der Ohnmacht verfällt ſie in Krämpfe, aus den Krämpfen wieder in Ohnmacht, und mit einem Worte, ſie befindet ſich ſo ſchlecht, daß ſie trotz des Uebermaßes von Weineſſig und kal⸗ tem Waſſer endlich kaum ein wenig beſſer iſt, als ſie anfangs geweſen. Dann kömmt Kit's Mutter und ſagt zu Kit, er ſolle zu ihr hineingehen und mit ihr ſpre⸗ chen, und Kit ſagt:„ja,“ und geht hinein. Und er ſagt mit freundlicher Stimme:„Barbara!“ und Barbara's Mutter ſagt ihr:„es iſt nur Kit;“ und Barbara, deren Augen die ganze Zeit über geſchloſ⸗ ſen ſind, ſagt:„o! iſt es aber auch wahr?“ und Barbara's Mutter ſagt:„gewiß iſt es wahr, meine Liebe; es iſt ja alles Nichts an der ganzen Sache geweſen.“ Und um ihr eine weitere Verſicherung zu geben, daß er geſund und wohlbehalten iſt, ſpricht Kit wieder zu ihr; und dann kriegt Barbara einen Lachkrampf, und dann bricht ſie in ein Weinen aus, und dann nicken ſich Kit's und Barbara's Mutter gegenſeitig zu und thun, als ob ſie mit ihr ſchmähen wollten— aber, lieber Gott, nur um ſie ſchneller zu ſich zu bringen— und da ſie erfahrene Frauen ſind und mit großem Scharfblick die zuerſt auftau⸗ chenden Symptome der Beſſerung bemerken, ſo tröſten ſie Kit mit der Verſicherung,„daß es jetzt gehen werde,“ und entlaſſen ihn nach dem Ort, woher er gekommen. Gut! An dieſem Orte, der nichts anderes, als das nächſte Zimmer iſt, befinden ſich Weinflaſchen und derartige Dinge, die ſo großartig zur Schau ſtehen, als ob Kit und ſeine Freunde einer Geſell⸗ ſchaft erſten Ranges angehörten. Und da iſt der kleine Jacob, der ſich überraſchend ſchnell in einen Pflaumenkuchen hinein arbeitet und kein Auge von den Feigen und Orangen verwendet, welche nachher aufgetragen werden ſollen(wie man denn überhaupt verſichert ſeyn darf, daß er ſeine Zeit auf's Aller⸗ beſte benützte). Kit iſt kaum in’'s Zimmer getreten, als der ledige Herr(nie gab es wohl einen ſo ge⸗ ſchäftigen Herrn) alle Gläſer randvoll füllt, ſeine Geſundheit trinkt und ihm ſagt, ſo lange er lebe, werde es ihm nie an einem Freunde fehlen. Und deßgleichen thut Herr Garland, und deßgleichen thut Frau Garland, und deßgleichen thut Herr Abel. Aber ſelbſt dieſe Ehre und Auszeichnung iſt noch nicht alles; denn der ledige Herr zieht ſofort aus ſeiner Taſche eine maſſive ſilberne Uhr, die ſehr hart tickt und auf eine halbe Sekunde richtig geht, und auf der hinteren Seite dieſer Uhr iſt Kit's Name, über und über mit Schnörkelwerk, eingetragen; und mit 331 einem Wort, es iſt Kit's Uhr, die ausdrücklich für ihn gekauft wurde und ihm auf der Stelle zum Präſent gemacht wird. Man darf verſichert ſeyn, daß auch Herr und Frau Garland ſich nicht entbre⸗ chen können, Winke über ihr beabſichtigtes Geſchenk fallen zu laſſen, und daß Herr Abel gerade heraus ſagt, er habe das ſeinige bereits bei ſich, und daß Kit der Glücklichſte unter den Glücklichen iſt. Es iſt jetzt nur noch ein Freund vorhanden, den er nicht geſehen hat, und da dieſer füglicherweiſe nicht in die Familienzirkel eingefuührt werden kann, ſintemalen er ein mit Eiſenhufen verſehener Vier⸗ füßler iſt, ſo nimmt Kit die erſte beſte Gelegenheit wahr, um zu entſchlüpfen und nach dem Stall zu eilen. In demſelben Augenblicke, als er ſeine Hand auf die Klinke legt, wiehert der Pony den lauteſten Ponygruß; noch ehe er die Schwelle überſchritten hat, macht der Pony ſeine Kapriolen im Stall herum (denn er erträgt nicht die Schmach eines Halfters) und iſt ganz toll, um ſeinen Willkomm anzubringen; und als Kit auf ihn zugeht, um ihn zu liebkoſen und zu pätſcheln, reibt der Pony die Naſe gegen ſeinen Rock und cajoulirt ihn weit zärtlicher, als je ein Pony einen Menſchen cajoulirt hat. Er ſetzt hiemit ſeinem ernſten und herzlich gefühlten Empfange die Krone auf, worauf Kit ſeinen Arm um den Hals des Kleppers ſchlingt und denſelben an ſich drückt. Aber wie mag es ſich treffen, daß Barbara 332 herein kommt? Und wie ſchmuck iſt ſie wieder? Seit ſie ſich wieder erholt hat, iſt ſie vor ihrem Spiegel geſtanden. Wie, von allen Plätzen in der Welt mag Barbara gerade in den Stall kommen? Je nun, in Kit's Abweſenheit wollte der Pony von niemand anders als von ihr ſein Futter nehmen, und der Leſer begreift wohl, daß Barbara nicht entfernt daran dachte, Kit hier zu finden, ſondern nur hineinſchaut, um zu ſehen, ob Alles in Ordnung iſt, bei welcher Gelegenheit ſie ihm unverſehens begegnet. Wie ſie erröthet, die kleine Barbara! Möglich, daß Kit den Pony genug geliebkost hat, vielleicht auch möglich, daß es noch beſſere Dinge zu liebkoſen gibt, als Ponies. Er tritt raſch auf Barbara zu und hofft, daß ſie ſich beſſer befinde. Ja; Barbara befindet ſich viel beſſer. Sie fürchtet — und hiebei ſchlägt Barbara die Augen nieder und erröthet noch mehr— daß er ſie für ſehr thöricht gehal⸗ ten haben muß.„Nicht im geringſten,“ ſagt Kit. Bar⸗ bara freut ſich darüber und huſtet— hem!— den mög⸗ lichſt leichten Huſten— in keinem Falle mehr als dieß. Welch ein rückſichtsvoller Pony, wenn er will. Er iſt jetzt ſo ruhig, wie eine Marmorſtatue. Er ſieht ſo gar geſcheidt darein; aber dieß iſt immer bei ihm der Fall.„Wir haben kaum Zeit gehabt, uns die Hände zu reichen,“ ſagt Kit. Barbara gibt ihm die ihrige. Warum mag ſie jetzt ſo zittern? Thö⸗ richte, verlegene Barbara! Auf Armslänge! Die Länge eines Armes iſt —,——— ——,——— N— 9— 333 nicht viel. Der von Barbara war keineswegs ein langer, und außerdem hielt ſie ihn nicht gerade aus⸗ geſtreckt, ſondern ein wenig gebogen. Kit war ihr ſo nahe, als er ihr die Hand drückte, daß er ſehen konnte, wie ihr noch eine winzig kleine Thräne an dem Augenliede zitterte. Es war natürlich, daß er darnach hinſah, ohne daß es Barbara bemerkte. Auch war es natürlich, daß Barbara unwillkürlich ihre Augen erhob und ihn ertappte. Mochte es wohl in gleicher Weiſe natürlich ſeyn, daß Kit, ohne zu⸗ vor ſeine Abſicht zu verrathen, Barbara küßte? Gleichviel, ob oder nicht— er that es. Barbara ſagte:„Pfui!“ ließ ihn aber doch gewähren— und zwar zweimal. Vielleicht hätte er es auch das drit⸗ temal gethan, aber der Pony ſchlug hinten aus und ſchüttelte den Kopf, als geriethe er vor Entzücken ganz außer ſich; und Barbara, die ſehr darüber er⸗ ſchrack, lief fort— aber nicht ſtracks dahin, wo ihre Mutter und Kit's Mutter waren, damit ſie nicht ſehen ſollten, wie roth ihre Wangen wären und allenfalls nach dem Warum fragen könnten. Schlaue kleine Barbara! Sobald ſich die erſte Freude bei der ganzen Ge⸗ ſellſchaft gelegt hatte, und Kit nebſt ſeiner Mutter, und Barbara nebſt ihrer Mutter, den kleinen Jacob, und das Bübchen mit eingerechnet, mit ihrem Nacht⸗ eſſen zu Stande gekommen waren— wobei ſie es nicht gerade ſehr eilig hatten, da ſie die ganze Nacht hier bleiben ſollten— rief Herr Garland Kit zu 334 ſich, nahm ihn nach einem Zimmer, wo ſie allein ſeyn konnten, und ſagte ihm, daß er ihm noch etwas mitzutheilen habe, was ihn ſehr überraſchen würde. Als Kit dieß hörte, machte er ein ſo ängſtliches Ge⸗ ſicht und wurde ſo blaß, daß ſich der alte Herr bei⸗ zufügen genöthigt ſah, er meine nämlich eine ange⸗ nehme Ueberraſchung; worauf er ihn fragte, ob er bereit ſey, des andern Morgens eine Reiſe anzu⸗ treten. „Eine Reiſe, Sir?“ rief Kit. „Ja, mit mir und meinem Freunde in dem nächſten Zimmer. Kannſt du wohl den Grund der⸗ ſelben errathen?“ Kit erblaßte noch mehr und ſchüttelte den Kopf. „O ja; ich glaube, du haſt ſchon eine Ahnung davon,“ ſagte ſein Herr.„Verſuche es einmal.“ Kit murmelte etwas Unzuſammenhängendes und Unverſtändliches, ſprach aber zwei⸗ oder dreimal die Worte„Miß Nell“ aus, obgleich er dabei den Kopf ſchüttelte, als meine er, daß hiefür keine Hoffnung vorhanden ſey. Aber Herr Garland forderte ihn nicht auf, es noch einmal zu verſuchen, wie Kit ſicher erwartet hatte, ſondern ſagte ihm allen Ern⸗ ſtes, daß er richtig gerathen habe. „Wir haben in der That endlich den Ort ihres Aufenthalts entdeckt,“ fügte er bei.„Und dieß iſt der Zweck unſerer Reiſe.“ Kit ſtotterte noch einige Fragen, als da waren, f 33⁵ wo ſie ſey, wie man ſie gefunden, wie lange ſchon, und ob ſie ſich wohl und glücklich befinde. „Glücklich iſt ſie, außer allem Zweifel,“ ſagte Herr Garland.„Und wohl, nun, ich— ich hoffe, daß ſie es bald ſeyn wird. Wie ich höre, iſt ſie krank und leidend geweſen; den Nachrichten von die⸗ ſem Morgen zufolge befindet ſie ſich aber beſſer, und man iſt voller Hoffnung. Setze dich, und du ſollſt das Weitere hören.“ Kit, der kaum zu athmen wagte, that, wie ihm geheißen wurde. Herr Garland theilte ihm ſodann mit, daß er einen Bruder habe, von dem er ſicher⸗ lich ſchon ſprechen gehört, und deſſen Bild, noch in ſeinen jüngern Jahren gemalt, in dem Staatszimmer hänge. Dieſer Bruder wohne weit weg in einem Dorfe bei einem alten Geiſtlichen, deſſen Freund er von Jugend auf geweſen. Obgleich ſie einander liebten, wie es zwiſchen Brüdern recht und billig ſey, ſo hätten ſie ſich doch ſeit vielen Jahren nicht wieder geſehen, wohl aber von Zeit zu Zeit brieflich mit einander verkehrt, indem ſie ſtets einer Periode ent⸗ gegengeſehen, wo ſie ſich gegenſeitig wieder einmal die Hände drücken könnten; darüber ſey denn, wie es gewöhnlich bei den Menſchen zu gehen pflegt, die Gegenwart entſchwunden und die Zukunft zur Ver⸗ gangenheit geworden. Dieſer Bruder, deſſen Ge⸗ müthsſtimmung ſehr mild, ruhig und zurückgezogen ſey— etwa wie die des Herrn Abel— ſtehe hoch in der Liebe und Achtung der einfachen Leute, unter 336 denen er wohne, da dieſelben den Bachelor,(wie ſie ihn nannten), faſt auf den Händen trügen, wie denn auch jeder derſelben ſeine Mildthätigkeit und ſein Wohl⸗ wollen erfahren habe. Dieſe kleinen Umſtände ſeyen nur ſehr langſam und im Laufe der Jahre ihm be⸗ kannt geworden, weil der Bachelor zu den Leuten ge⸗ höre, deren edle Eigenſchaften nicht an's Licht treten wollen, da er ein größeres Vergnügen darin finde, die edeln Handlungen Anderer zu erheben, als ſeine eigenen auszupoſaunen, ſeyen ſie auch noch ſo lobens⸗ werth. Aus dieſem Grunde habe er ihnen ſelten etwas von ſeinen ländlichen Freunden mitgetheilt; dem⸗ ungeachtet aber ſey jetzt ſein Herz ſo voll von zweien derſelben— einem Kinde und einem alten Manne, denen er ſich freundlich zu erweiſen Gelegenheit ge⸗ habt— daß er in einem vor ein paar Tagen einge⸗ laufenen Briefe vom Anfang bis zum Ende von ihnen geſprochen und darin eine ergreifende Ge⸗ ſchichte von ihren Wanderzügen und ihrer gegenſeiti⸗ gen Liebe erzählt habe, welche wenige leſen könnten, ohne zu Thränen bewegt zu werden. Er, der Empfän⸗ ger dieſes Briefes, ſey nun augenblicklich auf den Gedanken gekommen, daß dieß dieſelben Wanderer ſeyn müßten, nach welchen ſo viele Nachforſchungen angeſtellt wurden, und die der Himmel der Obhut ſeines Bruders zugeführt habe. Demgemäß ſey von ihm um ſolche weitere Mittheilungen geſchrieben worden, welche die Thatſache außer allen Zweifel ſetzen könnten, und dieſe ſeyen heute Morgen eingelaufen. Seine erſte 337 Ahnung habe ſich dadurch zur Gewißheit erhoben und die unmittelbare Folge davon ſey die beabſichtigte Reiſe, welche gleich morgen ſtatthaben ſolle. „Du bedarfſt übrigens ſehr der Ruhe,“ ſagte der alte Herr, aufſtehend und ſeine Hand auf Kit's Schultern legend;„denn ein Tag, wie der heutige, könnte den kräftigſten Mann ermatten. Gute Nacht, und Gott gebe, daß unſere Reiſe einen glücklichen Ausgang nehme.“ Der Naritätenladen. Neunundſechzigſtes Kapitel. Kit erwies ſich des andern Morgens nicht träge, ſondern ſprang ſchon vor Tagesanbruch aus ſeinem Bette und fing an, ſich für die willkommene Reiſe vorzubereiten. Die geiſtige Aufregung, welche die Ereigniſſe von geſtern zur Folge gehabt hatten, und die unerwartete Nachricht, die er Abends vernommen, waren in den langen, dunkeln Stunden ſo beunru⸗ higend für ſeinen Schlaf geworden und hatten ſo viele beklommene Träume um ſeinen Pfühl geſam⸗ melt, daß es ihm ein Genuß war, aufzuſtehen. Aber wäre es der Anfang irgend einer großen Boz XIII. Humphrey's Wanduhr. 22 338 Anſtrengung mit demſelben Ziel in Ausſicht— wäre es der Beginn einer langen Reiſe geweſen, die zu Fuß in dieſer ungünſtigen Jahreszeit hätte ausgeführt, unter Entoehrungen und Schwierigkeiten aller Art verfolgt und nur mit Ungemach, Erſchopfung und Leiden beendigt werden fkönnen— ware es der Mor⸗ gen irgend einer mühevollen Unternehmung geweſen, bei der man darauf rechnen durfte, daß ſie den höch⸗ ſten Aufwand von Ausdauer und Entſchloſſenheit forderte und ſeine ganze Seelenſtärke in Anſpruch nahm, ſofern ſich von einem glucklichen Ausgange nur hoffen ließ, daß ſie zu Nell's Glück und Freude ausfiele— Kit's Eifer würde nicht minder rührig, ſein Feuer und ſeine Ungeduld ebenſo entſchieden geweſen ſeyn. Auch war er nicht allein in dieſer Weiſe aufge⸗ regt. Er hatte noch keine Viertelſtunde ſein Lager verlaſſen, als ſchon das ganze Haus in reger Ge⸗ ſchäſtigfkeit war. Jedermann beeilte ſich, etwas zur Erleichterung der Vorbereitungen beizutragen. Frei⸗ lich, der ledige Herr konnte nichts thun, aber er beaufſichtigte alle Uebrigen und war beweglicher, als jeder Andere. Das Einpacken und die ſonſtigen Vor⸗ kehrungen gingen raſch vor ſich, und mit Tageoan⸗ bruch war Alles in reiſefertigem Stande. Jetzt begann Kit zu wünſchen, daß ſie lieber nicht ſo gar hurtig geweſen ſeyn möchten, denn der gemiethete Wagen ſollte erſt um neun Uhr anlangen, und es 339 gab nichts, um die dazwiſchen liegenden anderthalb Stunden auszufüllen, als das Frühſtück. Ja, und doch war etwas da— nämlich Bar⸗ bara. Barbara war natürlich ſehr geſchäftig, aber nur um ſo beſſer— Kit konnte ihr helfen, und ſo entſchwand die Zeit ſchneller, als durch jedes andere zur Verfügung ſtehende Mittel. Barbara hatte gegen dieſen Beiſtand nichts einzuwenden, und Kit, die Idee verfolgend, die ſo plötzlich über Nacht in ihm aufgetaucht war, begann zu denken, Barbara müſſe ihm gewiß gut ſeyn, und ebenſo gewiß war er auch Barbara gut. Wenn wir indeß die Wahrheit ſagen wollen, was natürlich geſchehen muß und ſoll, ſo ſchien von dem ganzen kleinen Haushalt Barbara am allerwenigſten Gefallen an der bei dieſem Anlaß an den Tag ge⸗ legten Rührigkeit zu finden, und als ihr Kit in der Offenheit ſeines Herzens ſagte, wie froh und über⸗ glücklich er ſich fühle, wurde Barbara noch niederge⸗ ſchlagener und ſchien ſich in dem Ganzen noch weni⸗ ger zu gefallen, als zuvor. „Sie ſind noch nicht ſo gar lange zu Hauſe, Chriſtoph,“ ſagte Barbara— und wir vermögen es nicht auszudrücken, mit welcher Sorgloſigkeit ſie dieß hinwarf.„Sie ſind noch nicht ſo gar lange zu Hauſe, daß Sie nöthig hätten, ſich ſo ſehr zu freuen, daß es wieder weiter geht, ſollte ich meinen.“ „Aber zu ſolch' einem Zweck,“ verſetzte Kit. 22* 340 „Miß Nell wieder zurückzubringen! Sie wieder zu ſehen! Schon der Gedanke daran! Ach, wie freut es mich, denken zu dürfen, daß auch Sie, Barbara, ſie endlich ſehen werden.“ Barbara ſagte nicht geradezu, daß ſie über die⸗ ſen Punkt keine ſonderliche Freude empfinde, drückte aber ein derartiges Gefühl durch ein einfaches Schüt⸗ teln ihres Kopfes ſo deutlich aus, daß Kit eigentlich verblüfft war und ſich in ſeiner Einfalt nicht genug wundern konnte, warum ſie die Sache ſo kalt neh⸗ men möge. „Ich weiß, Sie werden ſagen, daß ſie das aller⸗ ſchönſte und ſüßeſte Geſicht hat, das Ihnen je vor⸗ gekommen iſt,“ erklärte Kit, ſeine Hände reibend. „Ich bin überzeugt, Sie werden ſo ſagen.“ Barbara ſchüttelte abermals ihren Kopf. „Was iſt Ihnen denn, Barbara?“ fragte Kit. „Nichts,“ entgegnete Barbara. Und Barbara ſchmollte— nicht verdrießlich oder in einer häßlichen Weiſe, ſondern gerade genug, um ſich kirſchenlippiger, als je, ausſehen zu machen. Es gibt keine Schule, in welcher ein Zögling ſo ſchnelle Fortſchritte macht, als diejenige war, in welcher Kit zum Schüler wurde, als er Barbara den Kuß gab. Er ſah jetzt, was Barbara meinte— er hatte ſeine Lection auf einmal auswendig gelernt — ſie war das Buch— und da lag es offen vor ihm aufgeſchlagen, wie gedruckt. 341 „Barbara,“ ſagte Kit,„Sie ſind mir doch nicht böſe?“ „O Herr Je, nein! Warum ſollte Barbara böſe ſeyn? Was für ein Recht hat ſie, böſe zu ſeyn? Und was liegt daran, ob ſie böſe iſt oder nicht? Wer kümmert ſich um ſie?“ „Ei, ich kümmere mich,“ entgegnete Kit.„Na⸗ türlich kümmere ich mich um Sie.“ Barbara wollte nicht einſehen, warum dieß überhaupt natürlich ſeyn ſollte. Kit war überzeugt, daß ſie dieß begreifen müſſe. Ob ſie ſich's wohl noch einmal in Erwägung ziehen wolle? Gewiß, Barbara wollte es noch einmal in Er⸗ wägung ziehen. Nein, ſie ſah durchaus nicht ein, was Natürliches darin lag. Sie begriff nicht, was Kit meinte. Und außerdem war ſie überzeugt, daß man ſie jetzt droben brauche, und ſie mußte gehen, in der That—— „Nicht doch, Barbara,“ ſagte Kit, indem er ſie ſanft zurückhielt.„Laſſen Sie uns als Freunde ſcheiden. Ich habe in meinem Unglück immer an Sie gedacht. Wäre es nicht um Ihretwillen geweſen, ſo würde ich mich noch viel unglücklicher gefühlt haben.“ Guter Himmel, wie hübſch war Barbara, als ſie erröthete— und als ſie zitterte, wie ein ver⸗ ſcheuchtes Vögelchen. „Auf mein Wort, ich ſage Ihnen die Wahrheit, 342 Barbara., aber demungeachtet nicht halb ſo nachdrück⸗ lich, als ich wünſchen möchte,“ ſagte Kit ernſthaft. „Wenn ich wunſche, Sie möchten ſich freuen, Miß Nell zu ſehen, ſo geſchieht es nur deßhalb, weil es mir lieb wäre, wenn Ihnen das gefiele, was mir gefällt,— das iſt alles. Was ſie anbelangt, Bar⸗ bara, ſo graube ich, ich könnte faſt in den Tod gehen, um ihr einen Deenſt zu leiſten, aber auch Sie wür⸗ den ſo denken, wenn Sie ſo mit ihr bekannt wären, wie ich. Ja, gewiß, Sie würden es.“ Barbara war gerührt, und es rhat ihr leid, daß ſte ſich ſo gleichgültig benommen hatte. „Sehen Sie, ich habe mich daran gewöhnt,“ fuhr Kit fort,„von ihr faſt ſo zu ſprechen und zu denfen, als ob ſie ein Engel wäre. Wenn ich mir dann das Wiederſehen vergegenwärtige, ſo denke ich an ihr Lächeln, wie ſie gewöhnlich lächelte, und an ihre Freude, wenn ſie mich wieder ſieht, ihre Hand aus⸗ ſtreckt und ſagt: zes iſt mein lieber alter Kit,“ oder etwas der Art, wie ſie es ſonſt gegen mich hielt. Ich hoffe, ſie glücklich zu ſehen; ſie wird Freunde um ſich haben und erzogen werden, wie ſie es ver⸗ dient und wie ſie erzogen werden ſollte. An mich ſelber denke ich nur als an ihren alten Diener und als Einen, der ſie innig liebte als ſeine freundliche, gütige, ſanfte Gebieterin, und der für ſie alles Ungemach auf ſich genommen hätte— ja, und noch auf ſich nehmen würde, wenn er ihr damit dienen könnte. Es gab eine Zeit, wo ich mich der Furcht nicht 343 erwehren konnte, ſie würde, wenn ſie von Freunden umgeben zurückkäme, meiner vergeſſen haben oder ſich ſchämen, einen ſo geringen Menſchen, wie ich bin, anzuerkennen; ich fürchtete, ſie könnte kalt mit mir reden, was mir in's Herz geſchnitten haben würde, Barbara,— weit tiefer, als ich es auszuſprechen ver⸗ mag. Als ich aber weiter daran dachte, ſo fühlte ich mich überzeugt, daß ich ihr hierin Unrecht thue, und ſo fuhr ich denn fort, wie von Anfang an zu hoffen, daß ich ſie wieder einmal ſehen wurde, gerade ſo, wie ſie ſonſt zu ſeyn pflegte. Dieſe Hoffnung und die Rückerinnerung an ſie hat mir das Gefuhl in die Seele gepflanzt, ich müſſe mir immer Mühe geben, ihr zu gefallen, und immer das ſeyn, als was ich ihr gerne erſchienen wäre, wenn ich noch in ihren Dienſten ſtünde. Wenn ich dadurch beſſer ge⸗ worden bin— und ich glaube nicht, daß es mich ſchlechter gemacht hat— ſo bin ich ihr dafur zu Danke verpflichtet, und ich ehre und liebe ſie daher nur um ſo mehr. Dieß iſt die reine, ehrliche Wahrheit, liebe Barbara; auf mein Wort, ſo iſt es!“ Die kleine Barbara war von Natur weder ſtörriſch noch launenhaft, und da ſie jetzt ihr Ge⸗ wiſſen ſchlug, ſo zerfloß ſie faſt in Thränen. Wozu ſonſt noch dieſe Unterhaltung geführt haben möchte, wollen wir hier nicht unterſuchen, denn in dieſem Augenblick ließ ſich das Raſſeln des Wagens ver⸗ nehmen, und da unmittelbar ein Reißen an der Klingel des Gartenthores folgte, ſo kam alles im Hauſe, 344 das für eine kurze Friſt im Schlummer gelegen zu haben ſchien, in eine ſo rührige Bewegung, daß der Lärm und das Getümmel zehnfältig wiederhallte. Gleichzeitig mit dem Reiſewagen langte auch Herr Chuckſter in einem Mietheabriolet an, der ge⸗ wiſſe Papiere und Geldvorräthe mitbrachte und die⸗ ſelben in die Hände des ledigen Herrn überlieferte. Sobald er ſich dieſer Pflicht entledigt hatte, zog er ſich in den Kreis der Familie zurück, unterhielt ſich mit einem ambulatoriſchen oder peripathetiſchen Früh⸗ ſtück und ſah mit gentiler Freimüthigkeit dem Be⸗ laden des Wagens zu. „Der Schliffel iſt dabei, wie ich ſehe, Sir?“ ſagte er zu Herrn Abel Garland.„Ich meinte, er käme nicht mit zu dieſem Ausflug, weil zu erwarten ſteht, daß ſeine Gegenwart dem alten Büffel nicht ſehr anſtändig ſeyn mag.“ „Wem, Sir?“ fragte Herr Abel. Dem alten Großvater,“ entgegnete Herr Chuck⸗ ſter etwas beſchämt. „Unſer Client iſt jetzt der Meinung, ihn mit⸗ zunehmen,“ ſagte Herr Abel trocken.„Eine ſolche Vorſicht iſt nicht länger nöthig, da meines Vaters Verwandtſchaft mit einem Herrn, dem die Gegen⸗ ſtände ſeines Suchens volles Vertrauen ſchenken, eine hinreichende Bürgſchaft für die freundliche Abſicht Ihres Erſcheinens geben wird. „Ah!“ dachte Herr Chuckſter, aus dem Fenſter ſehend,„jeder, nur ich nicht. Der Schliffel wird 345 natürlich mir vorgezogen. Zufälligerweiſe hat er nicht gerade dieſe Fünfpfundnote geſtohlen, aber ich zweifle nicht im geringſten, daß er jeden Augenblick im Stande iſt, ein derartiges Geſchäftchen abzu⸗ machen. Ich ſagte es immer, ehe dieſe Geſchichte auf ihn herauskam. Ein verteufelt nettes Mädchen das! Meiner Seele, ein bewundernswürdiges Ge⸗ ſchöpfchen!“ Dieſe Lobeserhebungen des Herrn Chuckſter galten Barbara, und da ſie in der Nähe des Wagens weilte (er war jetzt ganz zum Abfahren bereit), ſo nahm der genannte Gentleman plötzlich ein großes Inte⸗ reſſe an dem Fortgange des Ganzen, wodurch er ſich veranlaßt ſah, den Garten hinunter zu ſtolziren und ſeine Stellung an einem für ein kleines Augenſpiel paſſenden Orte zu nehmen. Da er bei dem ſchönen Geſchlechte große Erfahrungen gemacht hatte und mit allen jenen kleinen Kriegsliſten vollkommen ver⸗ traut war, welche am leichteſten den Weg zu einem Weiberherz bahnen, ſo pflanzte Herr Chuckſter, ſo⸗ bald er Poſto gefaßt, die eine Hand auf ſeine Hüfte und ſtrich ſich mit der andern ſeine fliegenden Haare zurecht. Dieß iſt eine Lieblingsattitüde in feinen Zirkeln, und hat, mit einem anmuthigen Pfeifen be⸗ gleitet, bekanntermaßen ſchon ungemeine Reſultate geliefert. Zwiſchen Stadt und Land iſt jedoch ein ſo him⸗ melweiter Unterſchied, daß Niemand von dieſer herzen⸗ gewinnenden Stellung auch nur die mindeſte Notiz nahm. Die Elenden waren ausſchließlich damit be⸗ ſchäftigt, den Reiſenden Adieu zu ſagen, ſich Kuß⸗ händchen zuzuwerfen, die Schnupftücher zu ſchwenken, und was dergleichen gemeine Praktiken weiter ſind. Denn der ledige Herr und Herr Garland waren jetzt in dem Wagen, der Poſtillon im Sattel und Kit, wohl eingehullt und eingemummt, auf dem hintern Bocke. Und Frau Garland war da, und Herr Abel war da, und Kit's Mutter war da, und der kleine Jakob war da, und Barbara's Mutter war in ferner Perſpektive ſichtbar, das immer wache Büblein hät⸗ ſchelnd; und alle nickten, winkten, knixten oder riefen mit aller Kraft, deren ſie fahig waren, Lebewohl. In der nächſten Minute war der Wagen den Blicken entſchwunden, und Chuckſter verblieb allein auf der Stelle, wo derſelbe eben noch geſtanden hatte. Es war ihm wie ein Traum, daß Kit von dem Bock aufgeſtanden ſey, um Barbara mit der Hand zuzu⸗ winken, und daß Barbara, dem vollen Lichte und Glanze ſeiner Augen gegenüber— ſeiner Augen — der Augen Chuckſter's— Chuckſter's des Sieg⸗ reichen, auf den Sonntags in den Parken Damen von Stand aus ihren Phaetonen mit Wohlwollen niedergeblickt— mit den ihrigen Kit zuwinkte! Wie Herr Chuckſter, ganz verſteinert von dieſem entſetzlichen Faktum, eine geraume Weile wie an die Erde gewurzelt da ſtand und ſich in ſeinem Innern betheuerte, Kit ſey der Fürſt aller ſpitzbübiſchen und ſchuftigen Charaktere, und recht eigentlich der Kaiſer 347 oder Großmogul aller Schliffel, und wie klärlich er dieſen empörenden Umſtand bis auf die alte Schur⸗ kerei mit dem EShilling zurückführte— das ſind Dinge, die unſerem Zwecke ferne liegen; denn wir haben jetzt dem dahinrollenden Wagen zu folgen und die Wanderer auf ihrer rauhen und froſtigen Reiſe zu begleiten. Es war ein bitter kalter Tag. Ein ſchneidender Wind blies und tobte ihnen ungeſtüm entgegen, den harten Boden bleichend, den weißen Reif von Bäumen und Hecken ſchüttelnd und ihn wie wirbeln⸗ den Staub von hinnen tragend. Doch Kit kümmerte ſich wenig um das Wetter. Es war eine Freiheit und eine Friſche in dem vorbeiſauſenden Winde, die ihm, trotz der eindringlichen Kälte, willkommen waren. Wie er dahinfegte mit ſeiner Reifwolke, trockene Zweige, Aeſte und Blätter in bunter Verwirrung über ihren Weg jagend— es ſchien, als ob eine allgemeine Sympathie die Reiſenden begleite und die ganze Natur die gleiche Eile habe, wie ſie ſelbſt. Je ſtärker die Stöße, deſto raſcher ſchienen ſie vor⸗ wärts zu kommen. Es war etwas Schönes, unter Kämpfen dahinzueilen und einen Gegner nach dem andern zu beſiegen; Zeuge davon zu ſeyn, wie ſie heranſtürmten und im Verlaufe an Kraft und Un⸗ geſtüm zunahmen; ſich einen Augenblick niederzu⸗ beugen, wenn ſie vorbeipfiffen, und dann rückwärts zu ſchauen auf ihre eilige Flucht; wahrzunehmen, wie 348 ihr heiſeres Geheul in der Ferne erſtarb und die ſtämmigen Bäume ſich vor ihnen niederbeugten! Der Wind blies den ganzen Tag ohne Unterlaß fort; die Nacht war klar und ſternhell, aber weder der Wind, noch die ſchneidende Kälte hatten ſich ge⸗ legt. Bisweilen— etwa gegen das Ende einer langen Station— konnte ſich Kit des Wunſches nicht erwehren, daß es ein wenig wärmer ſeyn möchte. Wenn aber des Pferdewechſelns wegen Halt gemacht wurde, ſo machte er ſich kräftige Bewegung; dieſe, und das Amt, den alten Poſtillon zu bezahlen und den neuen zu wecken, wie auch das Ab⸗ und Zugehen bis die Pferde angeſpannt waren— alles dieß wärmte ihm das Blut ſo ſehr, daß es ihm bis in die Finger⸗ ſpitzen prickelte und feuerte. Es war ihm ſodann, als ob nur ein Grad Kälte weniger der Reiſe die Hälfte ihrer Luſt und ihres Glanzes benehmen würde, und ſeelenfroh ſprang er wieder hinauf, ſingend zu der luſtigen Muſik der dahinrollenden Räder und die Stadtleute ihren warmen Betten überlaſſend, während ſie auf der einſamen Straße ihren Weg verfolgten. Da die beiden Herrn im Innern des Wagens wenig zum Schlafen geneigt waren, ſo verkürzten ſie ſich die Zeit mit Geſprächen. Als natürliche Folge ihrer beiderſeitigen Erwartung und Beſorgniß drehte ſich ihre Unterhaltung um den Gegenſtand ihres Aus⸗ flugs, um die Art und Weiſe, wie derſelbe ver⸗ anlaßt worden, und um die Hoffnungen und Befürch⸗ tungen, welche ſie hinſichtlich ſeines Erfolgs unter⸗ n N 349 hielten. Der erſteren waren viele, der letzten nur wenige— vielleicht gar keine, jene Unruhe ausge⸗ nommen, welche unzertrennlich iſt von plötzlich ge⸗ weckter Hoffnung und verzögerter Erfüllung. Nach einer der Pauſen ihres Geſpräches, und als die Nacht bereits halb um war, wandte ſich der ledige Herr, der allmälig immer ſchweigſamer und gedankenvoller geworden war, an ſeinen Gefähtren und begann abgebrochen: „Hören Sie gerne etwas an?“ „Wie die meiſten andern Menſchen, glaube ich,“ verſetzte Herr Garland lächelnd;„namentlich wenn mich etwas intereſſirt. Und wenn dieß nicht der Fall iſt, ſo kann ich's wenigſtens verſuchen, dergleichen zu thun. Warum fragen Sie mich ſo?“ „Es ſchwebt mir eine kleine Erzählung auf den Lippen,“ entgegnete ſein Freund,„und ich will Sie damit beläſtigen. Sie iſt ſehr kurz.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, legte er die Hand auf den Aermel des alten Herrn und fuhr folgendermaßen fort: „Es waren einmal zwei Brüder, die einander zärtlich liebten. Es beſtand eine ziemliche Alters⸗ ungleichheit zwiſchen ihnen— etwa um zwölf Jahre und ich weiß nicht— vielleicht liebten ſie ſich gerade aus dieſem Grunde nur um ſo inniger. Trotz dieſes bedeutenden Unterſchieds der Jahre wurden ſie jedoch nur zu bald Nebenbuhler. Bei beiden hatte ſich die 350 tiefſte und innigſte Herzenszuneigung einem und dem⸗ ſelben Gegenſtande zugewendet. „Der Jüngere— er hatte Grund, empfindlich und auf der Hut zu ſeyn— fand dieß zuerſt aus. Ich will Ihnen nicht mittheilen, wie unglücklich er ſich fühlte, welchen Seelenſchmerz er erlitt und welche heftigen Krämpfe in ſeinem Innern vorgingen. Er war ein kränkliches Kind geweſen. Sein Bruder, der ſich der beſten Geſundheit und Kraft erfreute, hatie ſich geduldig und rückſichtsvoll den Beluſtigun⸗ gen, welche er liebte, manchen und manchen Tag ent⸗ zogen, um am Bette des Kranken zu ſitzen und ihm Mahrchen zu erzählen, bis ſein blaſſes Geſicht von ungewöhnlicher Glut leuchtete— um ihn auf den Armen in den Garten zu tragen, wo er den ſinnigen armen Knaben hütete, wenn er in den ſchönen Som⸗ mertag hinausſchaute und die ganze Natur geſund ſah, nur ſich ſelbſt nicht— kurz, um ihm ſtets ein treuer und zärtlicher Wärter zu ſeyn. Ich will nicht bei dem verweilen, was er Alles that, um ſich die Liebe des armen, ſchwachen Weſens zu gewinnen, ſonſt würde meine Erzählung kein Ende nehmen. Aber als die Zeit der Prüfung kam, war das Herz des jüngeren Bruders noch voll von der Erinnerung an entſchwundene Tage. Der Himmel kräftigte ihn, die Opfer einer gedankenloſen Jugend durch eines zu bezahlen, das der Bruſt des reifenden Mannes ent⸗ quoll. Er ließ ſeinen Bruder glücklich ſeyn. Die 35¹ Wahrheit kam nie über ſeine Lippen; er verließ die Heimath und hoffte, in der Fremde zu ſterben. „Der ältere Bruder heirathete ſie. Bald aber kehrte ſie in das himmliſche Vaterhaus heim und hinterließ ihm eine unmündige Tochter. „Wenn Sie die Gemäldegallerie irgend einer alten Familie geſehen haben, ſo werden Sie ſich er⸗ innern, wie daſſelbe Geſicht, dieſelbe Geſtalt— oft die ſchönſte und die zarteſte von allen— in ver⸗ ſchiedenen Generationen vorkömmt, und wie Sie das nämliche holde Mädchen durch eine lange Reihe von Porträten verfolgen konnten— nie alt werdend oder ſich verändernd— der gute Engel des Geſchlechtes, der im Glück und Unglück dableibt— alle ihre Vergehungen ſühnend.— „In dieſer Tochter lebte die Mutter wieder auf. Sie können ſich leicht vorſtellen, mit welcher Innigkeit er, der die Gattin ſchon in den Honig⸗ monden verloren hatte, an dieſem Mädchen— ihrem leibhaftigen Ebenbilde— hing. Sie wuchs heran, und ſchenkte ihr Herz einem Manne, der deſſen Werth nicht zu ſchätzen wußte. Ihr Vater konnte nicht mit anſehen, wie ſie ſich abzehrte und dahinſchwand. Der Freier mochte vielleicht Verdienſte haben, die er nicht kannte, und ſicherlich konnte eine ſolche Gattin ſehr veredelnd auf ihn einwirken. Er vereinigte ihre Hände und ſie waren Mann und Fran. „Durch all das Unglück, welches dieſer Ver⸗ bindung folgte, durch alle die vielen Vernachläſſigun⸗ 352 gen und unverdiente Vorwürfe, durch all die Armuth, die er über ſie brachte, durch alle die Kämpfe ihres täglichen Lebens, zu armſelig und zu bedauernswürdig, um ſie zu erzählen, aber doch ſo ſchrecklich drückend laſtend— mühete ſie ſich fort, gehoben von der tiefen Liebe ihres Herzens und von ihrem beſſern Selbſt, wie nur ein Weib es im Stande iſt. Ihr Vermögen war entſchwunden, ihr Vater, der ſtündlich Zeuge ihres Unglücks und der ihr widerfahrenden Behand⸗ lung war, da ſie jetzt unter einem Dache wohnten, durch die Hand ihres Gatten faſt zum Bettler gemacht; demungeachtet aber jammerte ſie doch— um ſeinet⸗ willen— nie über ihr Schickſal. Geduldig und von ihrer kräftigen Liebe bis auf den letzten Augenblick aufrecht erhalten, ſtarb ſie, eine Wittwe von etwa drei Wochen, und hinterließ der Sorge ihres Vaters zwei Waiſen— einen Sohn von zwölf Jahren und ein Mädchen, eben ſo unmündig und hülflos, dieſelbe an Geſtalt und Antlitz, wie ſie ſelbſt geweſen, als ihre jugendliche Mutter ſtarb.“ „Der ältere Bruder, der Großvater dieſer beiden Kinder, war nun ein armer Mann, gebeugt und niedergedrückt nicht ſo faſt durch die Laſt des Alters als durch die ſchwere Hand des Kummers. Mit den Trümmern ſeines Vermögens begann er einen Handel — anfangs in Gemälden und dann in Alterthümern. Er hatte ſchon in ſeinen Knabenjahren eine große Vorliebe für ſolche Gegenſtände gehabt, und was er bisher aus Neigung getrieben, mußte nun ein Mittel V 2— e—. 6 ½ꝑ 2 353 für ſeinen kümmerlichen und unſichern Unterhalt abgeben.“ „Der Knabe artete an Geiſt und Körper ſeinem Vater nach, während das Mädchen ſo ganz der Mutter ähnlich wurde, daß es dem alten Manne, wenn er es auf ſeinen Knien wiegte und in ſein mildes blaues Auge ſah, vorkam, als erwache er aus einem ſchweren Traum und ſeine Tochter ſey wieder ein kleines Kind. Der ungerathene Knabe verſchmähte bald den Schutz des großväterlichen Daches und ſuchte Genoſſen, die ſeines Gleichen waren. Der alte Mann und das Kind wohnten allein bei einander. „So geſchah es denn, daß die Liebe zu zwei hingeſchiedenen Perſonen, die ſeinem Herzen ſo nahe und theuer geweſen, ſich auf dieſes zarte Weſen verpflanzte. Als das Antlitz der Kleinen, die beſtän⸗ dig vor ſeinen Augen war, ihn von Stunde zu Stunde an den allzufrühen Wechſel, deſſen Zeuge er bei einem ähnlichen theuren Geſchöpfe geweſen, an alle die Leiden, die er mit angeſehen und erfahren, und an all das erinnerte, was ſein Kind durchgemacht hatte, — als des jungen Mannes verderbte und herzloſe Lebensweiſe ſein Geld verſchlang, wie es die ſeines Vaters gethan hatte, und er ſelbſt hin und wieder Ungemach und Entbehrung erdulden mußte— da ge⸗ ſchah es denn, daß eine düſtere Furcht vor Armuth und Mangel ſich ſeines Geiſtes bemächtigte und ihn nicht mehr verließ. Er dachte dabei nicht an ſich ſelbſt, denn ſeine Beſorgniß galt blos dem Kinde. Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 23 354 Sie war ein Geſpenſt in ſeinem Hauſe, das ihn Tag und Nacht umſpuckte. „Der jüngere Bruder hatte viele Länder geſehen und ſeine Pilgerfahrt durch's Leben einſam gemacht. Seine freiwillige Verbannung war ihm übel aus⸗ gelegt worden, und er hatte nicht ohne ſchweren Kum⸗ mer die Vorwürfe und die Geringſchätzung hinge⸗ nommen, welche die Folgen einer Handlung waren, die ihm das Herz zerriß und einen traurigen Schatten auf ſeine Pfade warf. Abgeſehen von dieſem war auch der Verkehr zwiſchen ihm und dem älteren Bruder ſchwierig, unſicher und häufig unterbrochen, in keinem Falle aber ſo, daß er nicht— freilich nach langen Zwiſchenräumen und vielen Lücken— alles erfahren hätte, was ich Ihnen eben mitgetheilt habe. „Dann beſuchten Träume von einem ſrüheren glücklichen Leben— glücklich, obgleich ſchon früh mit Kummer und Sorge beladen— öfters als je ſein Lager, und in jeder Nacht wurde er wieder zum Knaben an der Seite ſeines Bruders. In möglichſter Eile brachte er ſeine Angelegenheiten in Ordnung, ſetzte alle ſeine Habe in Geld um, und mit einem ehrlich erworbenen Reichthum, der wohl für Beide zu⸗ reichte, mit offenem Herzen und offener Hand, von zit⸗ ternden Gliedern vorwärts getragen, und mit Gefühlen, die ein Lebender kaum durchzumachen vermag, langte er eines Abends an der Thüre ſeines Bruders an!“ Der Erzähler, deſſen Stimme bei den Schluß⸗ worten unſicher geworden war, hielt jetzt inne. 355 „Den Reſt,“ ſagte Herr Garland, indem er ſeine Hand drückte,„weiß ich.“ „Ja,“ verſetzte ſein Freund nach einer Pauſe, „wir können das Uebrige erſparen. Sie kennen das armſelige Ergebniß aller meiner Nachforſchungen. Selbſt als wir durch Erkundigungen, wie ſie nur der größte Eifer und Scharfſinn anzuſtellen vermag, die Entdeckung machten, daß ſie von zwei armen wan⸗ dernden Puppenſpielern geſehen worden, als wir mit der Zeit die Männer ſelbſt auffanden, und ſpäter auch den Ort, wo ſich die Flüchtlinge aufgehalten— ſelbſt damals kamen wir zu ſpät. Gebe Gott, daß es uns nicht wieder ſo ergehe!“ „Das kann nicht ſeyn,“ ſagte Herr Garland. „Dießmal muß es uns gelingen.“ „Ich habe ſo geglaubt und gehofft,“ entgegnete der Andere,„und will verſuchen, auch noch länger zu glauben und zu hoffen. Aber eine ſchwere Laſt liegt auf meiner Seele, lieber Freund, und die Trauer, die mich übermannt, will weder der Hoffnung noch den Vorſtellungen der Vernunft weichen.“ „Das nimmt mich nicht Wunder,“ erwiederte Herr Garland.„Es iſt eine natürliche Folge der Ereigniſſe, die Sie ſich in's Gedächtniß zurückgerufen haben, der trübſeligen Verhältniſſe von Ort und Zeit, und namentlich dieſer wilden und unheimlichen Nacht. In der That eine unheimliche Nacht! Horch! Wie der Wind heult!“ 23*† Der Naritätenladen. Siebzigſtes Kapitel. Mit dem Anbruche des Morgens befanden ſie ſich noch auf dem Wege. Seit ſie die Heimath ver⸗ laſſen, hatten ſie da und dort der nöthigen Erfriſchung wegen angehalten und namentlich in der Nacht, wenn man auf friſche Pferde warten mußte, häufige Ver⸗ zögerungen erlitten. Weitere Unterbrechungen waren nicht vorgekommen, aber das Wetter blieb fortwährend rauh, und die Wege waren oft ſteil und mühſam. Es mochte wohl wieder Nacht werden, ehe ſie den Ort ihrer Beſtimmung erreichten. Kit, der gegen die Kälte ganz unempfindlich und hart geworden war, hielt mannhaft aus; und da er genug zu thun hatte, um ſein Blut in gehöriger Cirkulation zu erhalten, ſich das glückliche Ende dieſer abenteuerlichen Reiſe auszumalen und mit Staunen die Umgebung zu betrachten, ſo blieb ihm wenig Zeit übrig, um an die Unbequemlichkeiten der Reiſe zu denken. Obgleich ſeine Ungeduld, wie auch die ſeiner Reiſegefährten mit dem Hinſchwinden des Tages immer mehr zunahm, ſo ſtanden doch die Stunden nicht ſtill. Das kurze Licht des winterlichen Tages neigte ſich bald zur Dämmerung, und es war —— u—2— u 357 ſchon wieder dunkel, als ſie noch manche Meile vor ſich liegen hatten. Mit dem Eintritte der Dämmerung legte ſich der Wind. Sein fernes Stöhnen klang leiſer und kläg⸗ licher; und als er über den Weg hinſchlich, leiſe in dem trockenen Geſtrüpp zur Seite der Straße raſſelnd da ſchien er irgend ein großes Geſpenſt zu ſeyn, deſſen Gewand rauſcht, während es auf dem Wege, welcher zu eng für es iſt, hinſchreitet. Allmälig hörte es gänzlich zu wehen auf, und nun fing es an zu ſchneien. Die Flocken fielen ſchnell und dicht, bedeckten den Boden mehrere Zoll hoch und verbreiteten allent⸗ halben ein feierliches Schweigen. Die Räder rollten lautlos dahin, und der ſcharf dröhnende Hufſchlag ermäßigte ſich zu einem dumpfen Stampfen. Das Leben ihrer Reiſe ſchien langſam entſchlummert zu ſeyn und etwas Todtenartigem Raum gegeben zu haben. Die Augen gegen den fallenden Schnee beſchützend, der an den Wimpern anfror und das Sehen hinderte, machte Kit oftmalen den Verſuch, ob er nicht zuerſt blinkende Lichter entdecken könnte, welche die Nähe irgend einer Stadt bekundeten. Bei ſolchen Beobach⸗ tungen konnte er Gegenſtände genug erkennen, aber nicht mit Sicherheit. Da war ein hoher Kirchthurm, der ſich bald darauf in einen Baum umwandelte; eine Scheune; ein Schatten auf dem Boden, der von ihren eigenen hellen Laternen herrührte. Er ſah 1 358 Reiter, Fußgänger, Wagen, die vor ihnen hergingen oder ihnen in den Wägen begegneten, beim Näher⸗ kommen ſich aber gleichfalls zu Schatten umwandelten. Eine Mauer, eine Ruine, ein breiter Dachgiebel konnte ſich auf dem Wege erheben, und wenn ſie darauf losfuhren, war es nichts anderes als die Straße ſelbſt. Auch ſeltſame Wegwendungen. Brucken und Waſſerflächen ſchienen da und dort emporzu⸗ ſchießen und den Weg nunſicher zu machen; und doch befanden ſie ſich immer auf derſelben kahlen Straße, und alle dieſe Gegenſtände erwieſen ſich beim Näher⸗ kommen wie die übrigen als Nebelbilder. Als ſie an einem einſamen Poſthauſe anlang⸗ ten, ſtieg er langſam von ſeinem Sitz herunter — denn ſeine Glieder waren erſtarrt— und fragte, wie weit ſie noch bis zu dem Ziele ihrer Reiſe hätten. Es war ſchon ſpät für einen ſolchen Nebenort, und die Leute befanden ſich bereis in ihren Betten; eine Stimme aus einem obern Fenſter antwortete jedoch: „zehn Meilen.“ Die nun folgenden zehn Minuten ſchienen eine Stunde zu ſeyn. Nach Ablauf dieſer Zeit führte eine ſchlendernde Geſtalt die verlangten Pferde heraus und nach einer zweiten kurzen Zögerung waren ſie abermals in Bewegung. Es war ein Nebenweg, auf den erſten drei oder vier Meilen voll Löcher und tiefen Fahrleiſen, welche, da ſie von Schnee bedeckt waren, für die zitternden Pferde ſich als eben ſo viele Fallgruben erwieſen und nur Schritt zu fahren geſtatteten. Für ſo aufgeregte N 359 Perſonen war es faſt eine Unmöglichkeit, bei ſolch einer langſamen Bewegung ſtill zu ſitzen, weßhalb alle drei ausſtiegen und hinter dem Wagen hergingen. Der beſchwerliche Weg ſchien kein Ende nehmen zu wollen. Jeder dachte ſchon in ſeinem Innern, der Kutſcher müſſe irre gefahren ſeyn, als p öslich eine Kirchthurmuhr ganz in der Nahe Mitternacht ver⸗ kündigte und der Wagen halt machte. Er hatte ſich geräuſchlos genug bewegt, aber als er aufhörte, den Schnee knarren zu machen, war das Schweigen ſo auffallend, als wenn auf den größten Lärm plötzlich die tiefſte Stille gefolgt wäre. „Dieß iſt der Ort, meine Herrn,“ ſagte der Poſtillon, indem er von ſeinem Pferde ſtieg und an die Thüre eines kleinen Wirthshauſes klopfte.„Holla! Wenn's hier zwölf Uhr vorbei iſt, ſo trifft man keine Seele mehr aus den Federn.“ Er klopfte laut und lange, ohne jedoch die ſchlafenden Inſaßen wecken zu können. Alles blieb wie zuvor finſter und ſtumm. Sie traten ein wenig zurück und ſahen nach den Fenſtern hinauf, die nur wie ſchwarze Flecken auf der getünchten Frontmauer ausſahen. Kein Licht erſchien. Um der Lebensſpuren willen, welche das Haus zeigte, hätte es recht wohl verlaſſen oder ſeine ſchlafende Einwohnerſchaft todt ſeyn können. Sie flüſterten mit einer unerklärlichen Befangen⸗ heit unter einander, als wollten ſie nicht wieder den trau⸗ rigen Wiederhall wecken, der eben erſt verklungen war. 360 „Wir wollen ein wenig weiter gehen,“ ſagte der jüngere Bruder,„und es dieſem guten Burſchen überlaſſen, ſie zu wecken, wenn er kann. Ich habe keine Leibesruhe, bis ich weiß, daß wir nicht zu ſpät kommen. Gehen wir in Gottes Namen weiter!“ Sie thaten dieß und überließen es dem Poſtillon, diejenigen Bequemlichkeiten, welche das Haus bieten konnte, zu beſtellen und ſein Pochen wieder aufzu⸗ nehmen. Kit ging mit ihnen, ein kleines Bündel in der Hand, welches er, als ſie von London abgefah⸗ ren, in den Wagen gehängt und ſeitdem nicht ver⸗ geſſen hatte.— Es war der Vogel in ſeinem alten Käſich, gerade ſo, wie er zurückgeblieben war. Kit wußte, daß ſie ſich freuen würde, wenn ſie den Vo⸗ gel wieder ſah. Der Weg neigte ſich ſanft abwärts. Während ſie weiter gingen, verloren ſie die Kirche, deren Thurmuhr ſie hatten ſchlagen hören, und die Häuſer des kleinen Dorfes wieder aus dem Geſichte. Das erneuerte Klopfen, das ſie in der ſtillen Nacht deut⸗ lich vernahmen, ſtörte ſie. Sie wünſchten, der Mann unterließe es, und bedauerten, daß ſie ihm nicht ge⸗ ſagt hatten, er ſolle das Schweigen nicht unterbre⸗ chen, bis ſie wieder zurückkämen. Der alte Kirchthurm, in ein geſpenſtiges Ge⸗ wand von reinem, kaltem Weiß gekleidet, ſtand jetzt wieder vor ihnen, und in wenigen Minuten be⸗ fanden ſie ſich dicht an ſeiner Seite. Ein ehrwür⸗ diges Gebäude— grau, ſogar inmitten der beſchneiten 361 Landſchaft. Eine alte Sonnenuhr an dem Glocken⸗ ſtuhle war beinahe unter dem Schnee verborgen und kaum für das zu erkennen, was ſie war. Die Zeit ſelbſt ſchien ſtumpf und alt geworden zu ſeyn, als ob kein Tag mehr dieſer ſchwermüthigen Nacht fol⸗ gen ſollte. Ein Pförtchen war ganz in der Nähe, aber es gab mehr als einen Pfad über den Kirchhof, zu welchem es führte, und da ſie nicht wußten, welchen ſie einſchlagen ſollten, blieben ſie abermals ſtehen. Die Straße des Dorfes— wenn man an⸗ ders eine Straße nennen kann, was nichts weiter war, als eine unregelmäͤßige Gruppe armſeliger Hütten von verſchiedenen Höhen und Altern, einige mit der Vorderſeite, andere mit der Hinterwand, wieder andere mit dem Giebel dem Wege zugekehrt, hie und da ſogar ein Wegweiſer oder ein Schuppen mitten auf der Fahrpaſſage— lag hart daneben. Unfern befand ſich ein mattes Licht hinter einem Kammerfenſter und Kit eilte auf das Haus zu, um nach dem Wege zu fragen. Sein erſter Anruf wurde von innen durch einen alten Mann beantwortet, der, nachdem er zuvor ſeinen Hals durch irgend ein Kleidungsſtück gegen die Kälte verwahrt hatte, alsbald an dem Fenſter erſchien und fragte, wer zu ſo ſpäter Stunde noch etwas von ihm wolle. „Es iſt grimmig Wetter,“ murmelte er,„und keine Nacht, in der man mich zu rufen braucht. 36² Mein Gewerbe iſt nicht von der Art, daß man mich aus dem Bette wecken dürfte. Das Geſchäft, wozu die Leute meiner begehren, hält fkühl, beſonders zu dieſer Jahreszeit. Was wollt Ihr?“ „Ich würde Euch nicht geweckt haben, wenn ich gewußt haͤtte, daß Ihr alt und krank ſeyd,“ ſagte Kit. 4 „Alt?“ verſetzte der Andere verdrießlich.„Wie könnt Ihr wiſſen, wie alt ich bin? Vielleicht nicht ſo alt, als Iyr denkt, mein guter Freund. Was meine Krankheit anbelangt, ſo werdet Ihr viele junge Leute finden, die weit übler daran ſind, als ich. Freilich ſchade darum— nicht, daß ich für meine Jahre noch kräftig und munter wäre, meine ich, ſon⸗ dern daß ſie zart und gebrechlich ſind. Doch ich bitte um Verzeihung,“ fügte der alte Mann bei,„wenn ich anfangs etwas barſch war. Meine Augen ſind des Nachts nicht gut— das rührt aber weder von Alter, noch von Krankheit her; ſie waren es nie— und ich ſah nicht, daß Ihr ein Fremder ſeyd.“ „Es thut mir leid, daß ich Euch aus Euerm Bette rief,“ entgegnete Kit;„aber die Herren dort an dem Kirchhofpförtchen ſind auch Fremde und kommen eben von einer langen Reiſe an, um in dem Pfarrhauſe einzuſprechen. Ihr könnt uns wohl hinweiſen?“ „Ob ich es kann?“ antwortete der alte Mann mit zitternder Stimme.„Nächſten Sommer bin ich gute fünfzig Jahre hier Todtengräber. Der Pfad 363 rechts führt hin, Freund.— Es gibt doch hoffentlich keine ſchlimmen Nachrichten für unſern guten Herrn?“ Kit dankte ihm und gab ihm haſtig eine ver⸗ neinende Antwort. Er wollte eben zurückkehren, als ſeine Aufmerkſamkeit durch die Stimme eines Kindes gefeſſelt wurde. Beim Aufblicken gewahrte er ein ſehr kleines Geſchöpf an einem benachbarten Fenſter. „Was iſt das?“ rief das Kind angelegen.„Iſt mein Traum wahr geworden? Ich bitte, ſage mir's, wer du auch ſeyn magſt, der du noch wach und auf biſt.“ „Armer Knabe!“ ſagte der Todtengräber, ehe Kit antworten konnte.„Wie geht es dir, Lieber?“ „Iſt mein Traum wahr geworden?“ rief das Kind wieder in einem ſo flehentlichen Tone, daß er jedem Zuhörer bis in's Herz dringen mußte.„Aber nein, es kann nicht ſeyn. Wie ware es möglich— o! wie wäre es möglich!“ „Ich errathe, was er meint,“ ſagte der Todten⸗ gräber.„Geh wieder zu Bette, lieber Knabe.“ „Ja!“ rief das Kind in einem Ausbruche von Verzweiflung;„ich wußte, daß es nicht ſeyn kann; ich fühlte es zu gewiß, noch ehe ich fragte. Aber die ganze Nacht und auch geſtern Nacht war es das Gleiche. Ich ſchlafe nie ein, ohne daß jener grau⸗ ſame Traum zurückkehrt.“ „Verſuche wieder einzuſchlafen,“ entgegnete der alte Mann beſchwichtigend.„Er wird ſeiner Zeit ſchon wieder gehen.“ 364 „Nein, nein, ich wollte lieber, daß er bliebe— ſo grauſam er iſt, ſo wollte ich doch lieber, daß er bliebe,“ verſetzte das Kind.„Ich fürchte mich nicht, wenn er mich im Schlaf beſucht; aber ich bin ſo trau⸗ rig— ſo gar, gar traurig.“ „Gott behüte dich, armes Kind,“ ſagte der alte Mann; worauf das Kind unter Thränen gute Nacht bot und Kit wieder allein war. Tief ergriffen von dem, was er gehört, ob⸗ gleich das Benehmen des Kindes einen weit lebhaf⸗ tern Eindruck auf ihn gemacht hatte, als ſeine Worte, die er nicht verſtand, eilte Kit wieder zurück. Sie ſchlugen den von dem Todtengräber angedeuteten Pfad ein und langten bald vor dem Pfarrhauſe an. Hier ſahen ſie ſich um und entdeckten in den ferne ſtehenden, halb verfallenen Gebäuden ein einziges, einſames Licht. Dem Anſcheine nach kam es aus einem alten gothiſchen Fenſter und funkelte aus den tiefen Schatten der überhängenden Mauern wie ein Stern. Hell und ſchimmernd, wie die Sterne zu ihren Häuptern, einſam und bewegungslos, wie ſie, ſchien es Anſprüche an die Verwandtſchaft mit den ewi⸗ gen Lichtern des Himmels zu erheben und geſellig mit ihnen zu brennen. „Was iſt dort für ein Licht?“ rief der jüngere Bruder. „Zuverläßig kömmt es aus der Ruine, wo ſie wohnen,“ ſagte Herr Garland.„Ich ſehe ſonſt keine andern Gebäude hier herum.“ , 1— m „Sie können doch nicht in ſo ſpäter Stunde noch wach ſeyn!“ entgegnete der Bruder haſtig. Kit legte ſich alsbald in's Mittel und bat, ſie möchten ihn, während ſie hier klingelten und an der Thüre warteten, nach dem Lichte hingehen laſſen, damit er ſich überzeugen könne, ob Leute um den Weg wären. Nachdem er die nachgeſuchte Erlaubniß erhalten, eilte er in athemloſer Haſt, noch immer den Vogelkäfich in der Hand tragend, der Stelle zu. Es war nicht leicht, denſelben Schritt unter den Gräbern einzuhalten, und zu jeder andern Zeit würde er wohl langſamer oder auf den Wendungen des Pfades gegangen ſeyn. Ohne jedoch der Hinder⸗ niſſe zu achten, drang er mit nicht erſchlaffender Eile vorwärts und befand ſich bald im Bereiche von einigen Ellen vor dem Fenſter. Er trat ſo leiſe als möglich näher, drängte ſich ſo hart an die Mauer, daß er mit ſeinen Kleidern den Schnee von dem Epheu fegte, und horchte. Kein Laut von innen. Die Kirche ſelbſt hätte nicht ruhi⸗ ger ſeyn können. Er berührte das Glas mit ſeiner Wange und horchte wieder. Nichts. Und doch war es ringsumher ſo ſtille, daß er meinte, er hätte ſo⸗ gar das Athmen eines Schlafenden hören müſſen, wenn ein lebendes Weſen innen geweſen wäre. Ein ſeltſamer Umſtand— ein Licht zu ſolcher Stunde und an einem ſolchen Orte, ohne daß Je⸗ mand in der Nähe war. Da ein Vorhang den untern Theil des Fenſters * 366 verhüllte, ſo konnte er nicht in das Gemach ſehen. Aber es lag kein Schatten von innen daxauf. An der Mauer hinanzuklettern und den Verſuch zu ma⸗ chen, von oben hineinzuſehen, wäre mit etwas Ge⸗ fahr verbunden geweſen— jedenfalls mit einigem Geräuſch, von welchem zu beſorgen ſtand, daß es das Kind erſchrecke, wenn es wirklich ſeine Wohnung war. Er horchte und horchte— aber ſtets dieſelbe ermüdende Oede. Mit langſamen und vorſichtigen Tritten zog er ſich von der Stelle zurück, ging einige Schritte an dem Gebäude weiter und kam endlich zu einer Thüre. Er klopfte. Keine Antwort. Aber von innen ver⸗ nahm er ein wunderliches Geräuſch. Es war ſchwer, über die Beſchaffenheit deſſelben ſich Gewißheit zu verſchaffen; es hatte Aehnlichkeit mit dem leiſen Stöhnen eines Leidenden, konnte aber doch nicht die⸗ ſes ſeyn, da es viel zu regelmäßig und anhaltend war. Jetzt ſchien es eine Art von Geſang zu ſeyn, jetzt eine Wehklage— ſo kam es nämlich ſeiner wechſelnden Einbildungskraft vor, denn der Ton blieb ohne Unterbrechung ſtets derſelbe. Er hatte nie etwas Aehnliches gehört, und in dem Klange lag etwas Schreckliches und Ergreifendes, das nicht von der Erde zu ſtammen ſchien.. Dem Zuhörer rann das Blut jetzt kälter durch die Adern, als es in Froſt und Kälte der Fall ge⸗ weſen; aber er klopfte wieder. Gleichfalls keine Antwort— und der Ton währte ohne Unterbrechung⸗ 367 fort. Er drückte ſanft auf die Klinke und ſtemmte ſeine Kniee an die Thüre. Sie war von innen nicht verſchloſſen, ſondern gab dem Drucke nach und drehte ſich in ihren Angeln. Er ſah den Wiederſchein eines Feuers auf den alten Wänden und trat ein. Der Naritätenladen. Einundſtebenzigſtes Kapitel. Die düſtere rothe Glut eines Holzfeuers— denn es brannte weder Kerze noch Lampe in dem Gange — zeigte ihm eine Geſtalt, welche ihm den Rücken zuwandte und neben der flackernden Flamme am Herde ſaß. Die Stellung war die eines Menſchen, der Wärme ſucht. Sie war es, und war es doch nicht. Die gebeugte Haltung und die zuſammenge⸗ kauerte Geſtalt war da, aber keine Hände ſtreckten ſich der behaglichen Glut entgegen, kein Zucken oder Schaudern verrieth den Hochgenuß in Vergleichung mit der durchbohrenden Kälte außen. Mit zuſam⸗ mengekrümmten Gliedern, gebeugtem Haupte, auf der Bruſt gekreuzten Armen und dicht verſchlungenen Fingern rückte ſie unabläßig auf ihrem Sitze hin und her und begleitete ihre Bewegung mit dem kläg⸗ lichen Tone, den Kit außen gehört hatte. 368 Nachdem er eingetreten war, ſchlug die Thüre ſo laut zu, daß er zuſammenfuhr. Die Geſtalt gab übrigens weder durch eine Bewegung, noch durch einen Blick oder ein ſonſtiges Zeichen im Geringſten zu erkennen, daß ſie das Geräuſch wahrgenommen hatte. Sie war die eines alten Mannes mit einem Haupte ſo weiß, als die verfallende Aſche, auf die er ſchaute. Er, das erſterbende Licht, das verglimmende Feuer, das altergraue Gemach, die Einſamkeit, das hinge⸗ welkte Leben und das Düſtere über der ganzen Scene — alles ſtand im Einklange.— Aſche, Staub und Trümmer! Kit verſuchte zu reden und ſprach einige Worte, obgleich er kaum wußte, was. Aber immer noch währten dieſelben dumpfen, ſchrecklichen Töne fort— immer noch daſſelbe Rücken auf dem Stuhle— die⸗ ſelbe umheimliche Geſtalt, unverändert und ohne auf ſeine Anweſenheit zu achten. Er hatte bereits ſeine Hand wieder auf der Klinke, als ihm bei Gelegenheit eines zerbrechenden und fallenden Holzes, in Folge deſſen die Flamme hoch aufloderte, etwas in der Geſtalt auffiel, was ihm Halt gebot. Er kehrte nach der Stelle um, wo er zuvor geſtanden— trat einen Schritt näher— wieder einen— und noch einen.— Jetzt nur noch einen, und er ſah das Geſicht. Ja! ſo verändert es war, ſo erkannte er es doch. „Herr!“ rief er, ſich auf ein Kniee niederlaſſend. „Lieber Herr, ſprechen Sie zu mir.“ ——„— — 369 Der alte Mann wandte ſich langſam zu ihm und murmelte mit hohler Stimme: „Da iſt wieder ein neuer— wie viele von die⸗ ſen Geiſtern ſind nicht heute ſchon hier geweſen?“ „Kein Geiſt, Herr. Nur Ihr alter Diener. O gewiß, Sie müſſen mich noch kennen. Miß Nell— wo iſt ſie— wo iſt ſie?“ „Alle ſagen ſo!“ rief der alte Mann.„Sie ſtellen Alle die gleiche Frage an mich. Ein Geiſt!“ „Wo iſt ſie?“ fragte Kit.„O ſagen Sie mir nur dieß, mein lieber Herr.“— „Sie ſchläft— dort— dort drinnen.“ „Gott ſey Dank!“ „Ja! Gott ſey Dank!“ entgegnete der alte Mann.„Ich habe zu ihm gebetet— manche, manche und manche ewiglange Nacht, als ſie ſchlief. Er weiß es, Horch! hat ſie nicht gerufen?“ „Ich habe keine Stimme gehört.“ „O freilich. Du hörſt ſie jetzt. Willſt du mir weis machen, daß du dieß nicht höreſt?“ Er fuhr auf und horchte abermals. „Auch das nicht?“ rief er mit einem triumphi⸗ renden Lächeln.„Kann Jemand dieſe Stimme ſo kennen, als ich! Bst! Bst!“ Er winkte ihm, zu ſchweigen, und ſchlich in eine andere Kammer. Nach einer kurzen Abweſenheit, während welcher man ihn in leiſen Tönen ſprechen hörte, kam er mit einer Lampe in der Hand zurück. „Sie ſchläft noch,“ flüſterte er.„Du haſt Recht. Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 24 370 Sie hat nicht gerufen. Sie müßte es denn in ihrem Schlummer gethan haben. Sie hat mir auch ſonſt ſchon im Schlafe gerufen; während ich wachend bei ihr ſaß, ſah ich ihre Lippen ſich bewegen und be⸗ merkte, obgleich kein Ton hervorkam, daß ſie von mir ſprach. Ich fürchtete, das Licht möchte ihre Augen blenden und ſie wecken, ich habe es deßhalb mit herausgenommen.“ Er ſprach eher mit ſich, als mit ſeinem Beſuche. Als er jedoch die Lampe auf den Tiſch geſtellt hatte, nahm er ſie wieder auf, wie wenn ihn irgend eine augenblickliche Erinnerung dazu triebe, und hielt ſie gegen Kit's Geſicht. Dann wandte er ſich, als ver⸗ gäße er während dieſer Bewegung ſeine Abſicht, zur Seite und ſtellte ſie wieder nieder. „Sie ſchläft feſt,“ ſagte er;„aber es iſt kein Wunder. Engelhände haben den Boden tief mit Schnee beſtreut, damit auch der leichteſte Fußtritt noch leichter auftreten möge; und auch die Vögel ſind todt, damit ſie meine Kleine nicht wecken. Sie war ſonſt gewohnt, ſie zu füttern. Mögen ſie auch noch ſo ſehr frieren und hungern, die ſcheuen Dinger fliegen vor uns fort; vor ihr flohen ſie nie!“ Er hielt wieder inne, um zu horchen, und that dieß, kaum zu athmen wagend, eine lange, lange Zeit. Dann öffnete er eine alte Truhe, nahm einige Kleider ſo zärtlich heraus, als ob ſie lebende Weſen wären, und begann, ſie mit der Hand zu glätten und zu ſtreichen. „——-—— —————— —————— 371 „„Warum liegſt du ſo unthätig da, liebe Nell?“ murmelte er,„da es doch draußen ſchöne rothe Beeren gibt, die nur auf deine pflückende Hand warten? Und warum liegſt du ſo unthätig da, wenn deine kleinen Freunde zu der Thüre gekrochen kommen und rufen: ‚„wo iſt Nell— die ſüße Nell?«— und ſchluchzen und weinen, weil ſie dich nicht ſehen? Sie war immer ſo ſanft gegen die Kinder. Das Wildeſte von ihnen würde ihr Ge⸗ heiß erfüllt haben— ſie wußte ſo gar zart mit den Kindern umzugehen— ja gewiß!“ Kit war außer Stande, zu ſprechen. Seine Augen füllten ſich mit Thränen. „Ihr kleiner Hausanzug— ihr Lieblingskleid⸗ chen,“ rief der alte Mann, drückte es an ſeine Bruſt und hätſchelte es mit ſeinen welken Händen.„Sie wird es vermiſſen, wenn ſie erwacht. Man hat ſich den Spaß gemacht, es hier zu verſtecken. Aber ſie ſoll es haben— ſie ſoll es haben. Ich möchte meinen Liebling nicht necken,— nicht um alle Reichthümer der Welt. Sieh' nur— dieſe Schuhe — wie zerriſſen ſie ſind— ſie hat ſie aufgehoben zur Erinnerung an unſere letzte lange Reiſe. Du ſiehſt, wo die kleinen Füßchen auf den bloßen Grund traten. Man ſagte mir, die Steine hätten ihr in's Fleiſch geſchnitten und ſie gequetſcht. Sie ſagte mir nie etwas davon. Nein, nein. Gott ſegne ſie. Und wohl erinnerte ich mich ſeitdem daran; ſie ging hinter mir her, damit ich nicht ſehen möchte, wie 24* 372 ſte hinkte— aber doch lag ihre Hand in der mei⸗ nigen, und ſie ſchien mich noch immer zu führen.“ Er preßte ſie an ſeine Lippen, und nachdem er ſie ſorgfältig zurückgelegt hatte, ſprach er wieder mit ſich ſelbſt, wobei er von Zeit zu Zeit ängſtliche Blicke nach der Kammer warf, woraus er ge⸗ kommen. „Sie war nicht gewohnt, lange in dem Bette liegen zu bleiben. Wir müſſen Geduld haben. Wenn ſie wieder wohl iſt, wird ſie ſo früh aufſtehen, als ſie ſonſt zu thun pflegte, und draußen in der Morgenluft herumſchweifen. Ich habe es oft ver⸗ ſucht, ihren Fußſtapfen zu folgen, aber ihr kleiner Elfentritt ließ keine Spur auf dem bethauten Grunde zurück, um mich zu leiten. Wer iſt das? Schließe die Thüre! Geſchwinde!— Haben wir nicht genug zu thun, dieſe ſtrenge Kälte auszuſperren und ſie warm zu erhalten?“ Die Thüre wurde geöffnet, und Herr Garland und ſein Freund nebſt zwei andern Perſonen traten ein. Dieſe waren der Schulmeiſter und der Bachelor. Der erſtere hielt ein Licht in ſeiner Hand. Er war, wie es ſchien, in dem Augenblicke, als Kit kam und den alten Mann allein fand, nur nach ſeiner eigenen Wohnung gegangen, um der erlöſchenden Lampe Oel nachzugießen. Der alte Mann beſchwichtigte ſich bei dem An⸗ blick dieſer zwei Freunde und legte den gereizten Ton ab, in dem er eben erſt geſprochen— wenn man 373 anders dieſen Ausdruck auf etwas ſo Mattes und Trauriges anwenden kann— worauf er ſeinen frühern Sitz wieder einnahm und allmälig in ſein altes Hin⸗ und Herrücken und in ſein dumpfes, wirres Geſtöhne verfiel. Die Fremden beachtete er durchaus nicht. Er hatte ſie zwar geſehen, ſchien aber weder eines In⸗ tereſſes, noch der Neugierde fähig zu ſeyn. Der Bachelor brachte einen Stuhl in die Nähe des alten Mannes und ſetzte ſich an ſeiner Seite nieder. Nach einem langen Schweigen wagte er zu ſprechen. „Wieder eine Nacht, und nicht im Bette?“ ſagte er leiſe.„Ich hoffte, Sie würden des Ver⸗ ſprechens, das ſie mir gegeben, mehr eingedenk ſeyn. Warum wollen Sie ſich nicht einige Ruhe gönnen?“ „Der Schlaf hat mich verlaſſen,“ verſetzte der alte Mann.„Es iſt alles bei ihr!“ „Es würde ihr ſehr leid thun, wenn ſie wüßte, daß Sie in dieſer Weiſe wachten,“ ſagte der Bachelor. „Sie möchten ihr doch nicht wehe thun?““ „Das weiß ich nicht gewiß. Wenn ich ſie nur dadurch aufwecken könnte; ſie hat ſo gar lang ge⸗ ſchlafen. Und doch, iſt es nicht Unrecht von mir, daß ich ſo rede? Es iſt ein guter und glücklicher Schlaf — nicht wahr? „O gewiß,“ entgegnete der Bachelor.„Gewiß, gewiß iſt er es!“ „Nun, ſo iſt's recht!— und das Erwachen“— ſtottterte der alte Mann. 374 „Auch glücklich, glücklicher als eine Zunge aus⸗ zuſprechen, oder des Menſchen Herz zu faſſen vermag.“ Sie ſahen ihm nach, wie er aufſtand und auf den Zehen nach der andern Kammer ſchlich, wo die Lampe wieder aufgeſtellt worden war. Sie lauſch⸗ ten, während er innerhalb der ſtummen Wände wieder zu ſprechen begann, ſahen ſich gegenſeitig in’s Geſicht, und keine Wange blieb von Thränen frei. Er kam geduckt und flüſterte, ſie ſchliefe zwar noch, aber es käme ihm vor, als ob ſie ſich bewegt hätte. Es war ihre Hand, ſagte er— eine kleine — ſo gar, gar kleine Hand— aber er war ziem⸗ lich ſicher, daß ſie ſich bewegt hatte— vielleicht um die ſeinige zu ſuchen. Er erinnerte ſich, daß ſie es früher ſchon ſo gemacht hatte, obgleich ſie im tiefſten Schlafe lag. Und als er dieß geſagt, ließ er ſich nieder in ſeinen Stuhl, ſchlug die Hände über dem Haupte zuſammen, und ſtieß einen Schrei aus, der nicht ſo leicht zu vergeſſen war. Der arme Schulmeiſter winkte dem Bachelor, daß er mit ihm bei Seite treten möchte, weil er etwas mit ihm zu ſprechen habe. Sie öffneten ſanft die Finger des Greiſen, die ſich in ſein graues Haar gedreht hatten, und drückten ſie mit ihren Händen. „Gewiß, er wird auf mich hören,“ ſagte der Schulmeiſter.„Wenn wir ihn darum bitten, ſo wird er entweder auf mich, oder auf Sie hören. Er that es immer.“ [——8 375 „Ich will auf jede Stimme hören, welche ſie gerne hörte,“ rief der alte Mann.„Ich liebe Alles, was ſie liebte.“ 3 „Ich weiß es ja,“ entgegnete der Schulmeiſter, „ich bin davon überzeugt. Denken Sie an ſie; denken Sie an alle die Sorgen und Bekümmerniſſe, die ihr mit einander getheilt, und an alle die Prü⸗ fungen und die ſtillen Freuden, die ihr gemeinſchaft⸗ lich mit einander erlebt habt.“ „Freilich, freilich, ich denke nichts anders.“ „Ich wollte, Sie dächten heute an nichts an⸗ deres— an nichts, als an ſolche Dinge, welche Ihr Herz weicher ſtimmen und daſſelbe für alte Zu⸗ neigungen aus vergangenen Zeiten aufſchließen, mein lieber Freund. So würde jetzt ſte zu Ihnen ſprechen und in ihrem Namen rede ich zu Ihnen.“ „Sie werden gut thun, wenn Sie leiſe ſprechen,“ ſagte der alte Mann.„Wir wollen ſie nicht wecken, ſo ſehr es mich auch freuen würde, wieder ihre Augen und ihr Lächeln zu ſehen. Auch jetzt liegt ein Lächeln auf ihrem jugendlichen Geſichte, aber es iſt immer daſſelbe— unwandelbar. Ich wollte, es käme und ginge. So Gott will, wird's aber auch wieder kommen. Wir wollen ſie nicht aufwecken.“ „Wir wollen nicht von ihrem Schlaf reden, ſondern wie ſie war, als ihr mit einander eure weiten Wanderzüge machtet— wie ſie war in der Heimath, in dem alten Hauſe, aus welchem ihr floht— wie ſie 376 war in der alten, frohen Zeit,“ ſagte der Schul⸗ meiſter. „Sie war immer froh— ſogar heiter,“ rief der alte Mann mit einem ſtarren Blicke auf den Schulmeiſter.„Ich erinnere mich zwar, daß von frü⸗ heſter Jugend an immer etwas Mildes und Ruhiges in ihrem Weſen war, aber ſie hatte doch ein glückliches Temperament.“ „Wir haben von Ihnen gehört,“ fuhr der Schulmeiſter fort,„daß ſie in dieſen wie in allen guten Eigenſchaften ein Abbild ihrer Mutter war. Sie erinnern ſich doch noch derſelben?“ Er behielt ſeinen ſtieren Blick bei, gab jedoch keine Antwort. „Oder vielleicht einer, die vor ihr war,“ ver⸗ ſetzte der Bachelor.„Es iſt ſeit vielen Jahren her, und Leiden verlängern die Zeit; aber Sie haben doch wohl derjenigen nicht vergeſſen, deren Tod dazu beitrug, Ihnen dieſes Kind ſo theuer zu machen, noch ehe ſie ſeinen Werth kannten oder in ſeinem Herzen leſen konnten? Sagen Sie, daß Sie Ihre Ge⸗ danken in ſehr ferne Tage zurückzuführen vermöchten — zu einer frühen Zeit ihres Lebens— wo Sie nicht, wie dieſe ſchöne Blume, Ihre Stunden allein vollbrachten. Sagen Sie, daß Sie aus langer Zeit eines andern Kindes ſich erinnern können, das ſte zärtlich liebte, als Sie ſelbſt noch ein Kind waren. Sagen Sie, daß Sie einen Bruder haben, lange vergeſſen, lange nicht geſehen, lange von 377 Ihnen getrennt, der jetzt endlich zurückkömmt, um Sie in Ihrer höchſten Noth zu tröſten und Ihnen Beiſtand zu leiſten—“ „Dir zu ſeyn, was du ihm ehemals warſt,“ rief der jüngere Bruder, indem er vor dem älteren auf die Knie niederfiel;„Dir Deine alte Liebe zu vergelten, theurer Bruder, durch beharrliche Sorg⸗ falt und liebevolle Pflege; an ſeiner Seite zu ſeyn, was er nie zu ſeyn aufhörte, als ſelbſt Weltmeere zwiſchen uns rollten; ganze Jahre der Einſamkeit zu Zeugen aufzurufen ſeiner unveränderten Treue und ſeiner ſteten Rückerinnerungen entſchwundener Tage. Laß mich nur ein einziges Wort des Wieder⸗ erkennens hören, Bruder— und nie— nein, nie, ſelbſt in den glücklichſten Augenblicken unſerer Jugend⸗ zeit, wo wir als arme, thörichte Knaben unſer Leben gemeinſam zu verbringen gedachten— werden wir uns gegenſeitig auch nur halb ſo lieb gehabt haben, oder uns nur halb ſo theuer geweſen ſeyn, als es von nun an der Fall ſeyn ſoll.“ Der alte Mann ſah den Anweſenden der Reihe nach in's Geſicht, und ſeine Lippen bewegten ſich; aber kein Laut der Erwiederung drang aus den⸗ ſelben hervor. „Wenn wir ſchon damals ſo eng mit einander verbunden waren,“ fuhr der jüngere Bruder fort,„wie innig wird nicht jetzt erſt unſere Verbrüderung ſeyn. Unſere Liebe und Freundſchaft begann mit unſerer Kindheit, als das ganze Leben noch vor uns lag, und 378 wir nehmen ſie wieder auf, nachdem wir die Prü⸗ fungen der Welt gekoſtet, um fortan Kinder bis an's Ende zu ſeyn. Wie viele ruheloſe Seelen, die dem Glück, dem Ruhm oder dem Vergnügen über die ganze Erde nachgejagt haben, ziehen ſich in der Neige ihres Lebens dahin zurück, wo ſie ihren erſten Athem begonnen, und ſuchen noch einmal Kinder zu werden, ehe ſie ſterben. Und ſo wollen auch wir, weniger glücklich als ſie in jüngern Jahren, aber glücklicher in der Schlußſcene des Lebens, ein Ruheplätzchen ſuchen an dem Orte, wo wir uns als Knaben umhertrieben; wir wollen heimgehen, ohne eine Hoffnung verwirklicht zu haben, die in den Jahren der Mannheit aufſproßte,— nichts zurückbringen, was wir mitgenommen haben, als unſer gegenſeitiges Sehnen nach einander— nichts retten aus dem Schiffbruche des Lebens, als dasjenige, was uns daſſelbe zuerſt theuer gemacht hat— und ſo können wir in der That wieder Kinder werden, wie wir es früher waren. Und wenn,“ fügte er mit veränderter Stimme bei,„wenn, was ich mich ſcheue, auszuſprechen, eingetreten iſt— ſelbſt wenn es ſo iſt, oder ſo kommen ſoll(wovor der Himmel uns be⸗ wahren wolle!)— auch dann, lieber Bruder, wer⸗ den wir nicht getrennt ſeyn und doch dieſen Troſt in unſerm Kummer haben.“ Der alte Mann hatte ſich während dieſer Worte gegen die innere Kammer zurückgezogen. Er deutete nach derſelben hin und verſetzte mit bebenden Lippen. —————— 8d U — 379 „Es iſt ein Komplott unter euch, mein Herz von ihr abzuziehen. Es ſoll euch aber nicht gelingen — nie, ſo lange ich noch ein Leben habe. Ich habe keinen Verwandten, keinen Freund, als ſie— habe nie einen gehabt— will nie einen haben. Sie iſt mein Alles in Allem. Es iſt zu ſpät, uns jetzt zu trennen.“. Er winkte ihnen mit der Hand zurück, rief leiſe ihren Namen und ſchlich ſich in die Kammer. Die Zurückbleibenden traten näher zuſammen und folgten ihm nach einigen Flüſterworten, die oft durch die Gefühle ihres Innern unterbrochen wurden und ihnen kaum über die Lippen wollten. Sie bewegten ſich ſo leiſe, daß ihre Tritte nicht zu hören waren, wohl aber ihr Schluchzen, die Laute des Schmerzes und der Trauer. Denn ſie war todt. Dort auf ihrem kleinen Bettchen ſchlief ſie den ewigen Schlaf. Die feierliche Stille war kein Wunder mehr. Sie war todt. Kein Schlaf, ſelbſt der lieblichſte und ruhigſte war ſo frei von jeder Spur des Schmer⸗ zes, ſo ſchön anzuſehen. Sie ſchien ein Gebilde zu ſeyn, friſch aus der Hand Gottes kommend, das nur auf den Athem des Lebens wartete— nicht eines, das gelebt hatte und unter der Senſe des Todes dahin welkte. Ihr Lager war da und dort mit Winterbeeren und grünen Blättern geſchmückt, die man an einem Orte geſammelt hatte, wo ſie gerne weilte,„Wenn 380 ich ſterbe, ſo legt etwas in meine Nähe, was das Licht liebte und den Himmel ſtets über ſich hatte.“ Dieß waren ihre Worte. Sie war todt. Die theure, ſanfte, geduldige, edle Nell war todt. Ihr Vögelchen— ein armes, gebrechliches Geſchöpf, das unter dem Drucke eines Fingers ſein Leben ausgehaucht haben würde, be⸗ wegte ſich rührig in ſeinem Käfich; und das kräftige Herz ſeiner künftigen Gebieterin war ſtumm und regungslos für immer. Wo waren die Merkmale ihrer früheren Sorgen ihrer Leiden und Mühen? Alle fort. Der Schmerz war in ihr erſtorben, aber Friede und vollkommenes Glück neu entſproßt— man ſah dieß in ihrer ſtillen Schönheit, in ihrer tiefen Ruhe. Und immer noch lag ihr früheres Selbſt da, nur verändert durch dieſen Wechſel. Ja. Die alte Heimath hatte auf demſelben ſüßen Geſichte gelächelt; ſie hatte wie ein Traum die Scenen des Elends und der Sorge durchflogen. An der Thüre des armen Schulmeiſters an jenem Sommerabende, vor dem Ofenfeuer während der kalten Regennacht, an dem ſtillen Bette des ſterbenden Knaben war derſelbe milde, liebliche Blick geweſen. So werden wir nach dem Tode die Engel in ihrer Majeſtät ſchauen. Der alte Mann hielt einen der erſchlafften Arme in dem ſeinigen und drückte die kleine Hand dicht umſchlungen an ſeine Bruſt, um ſie zu erwärmen. Es war die Hand, die ſie ihm mit ihrem letzten G½ 8 RN 381 Lächeln entgegen geſtreckt— die Hand, die ihn auf allen ſeinen Wanderungen geleitet hatte. Wieder und wieder preßte er ſie an ſeine Lippen; dann drückte er ſie nochmal an ſeine Bruſt und murmelte, daß ſie jetzt wärmer ſey. Und mit dieſen Worten ſah er in einem Schmerzenskampfe zu den Umſtehenden auf, als flehte er ſie an, ihr zu helfen. Sie war todt— keine Hülfe mehr möglich oder nöthig. Die alten Räume, die ſie mit Leben zu er⸗ füllen ſchien, ſelbſt als ihr eigenes mit Rieſenſchritten dem Grabe zureifte— der Garten, den ſie gepflegt — die Augen, welche ſie erfreut— die geräuſchloſen Schauplätze mancher gedankenvollen Stunde, die Pfade, die ſie betreten, als wäre es erſt geſtern— ſie ſollten nichts mehr von ihr ſehen. „Nicht hienieden,“ ſagte der Schulmeiſter, indem er ſich niederbeugte, um ihre Wangen zu küſſen und ſeine Thränen frei entſtrömen ließ,„nicht hienieden endet die Gerechtigkeit des Himmels. Was iſt ſie in Vergleichung mit der Welt, aus der dieſer junge Geiſt ſo früh entwichen iſt? Bedenkt dieß und ſagt, ob Einer von uns ihn zurückrufen würde, wenn er es durch einen einzigen, wohl überlegten Wunſch, in feierlichen Ausdrücken über dieſem Todtenbette ausge⸗ ſprochen, geſchehen könnte. 382 Der Naritätenladen. Zweiundſtebzigſtes Kapitel. Als ſie mit dem Anbruch des Morgens ruhiger über den Gegenſtand ihres Schmerzes ſprechen konn⸗ ten, hörten ſie, wie ſie ihr Leben beſchloſſen. Sie war zwei Tage todt geweſen. Sobald man denken konnte, daß ihr Ende nicht mehr ferne ſey, verſammelte ſich alles um ſie. Sie war bald nach Tagesanbruch geſtorben. Man hatte ihr in der erſten Hälfte der Nacht vorgeleſen und mit ihr geſprochen; im Verlaufe der Stunden war ſie jedoch in Schlaf verſunken. Aus den leiſen Worten, die die Schlum⸗ mernde flüſterte, ließ ſich entnehmen, daß ſie von ihren Wanderungen mit dem alten Manne träumte — aber nicht von jenen Schauplätzen des Leidens, ſondern von jenen, wo ſie Hülfe und freundliche Be⸗ handlung gefunden, denn ſie ſagte oft mit großer Wärme:„Gott vergelt's euch!“ Wachend hatte ſie nur ein einzigesmal irre ge⸗ redet: ſie ſagte nämlich, ſie höre eine wunderliebliche Muſik in der Luft. Gott mag das wiſſen— viel⸗ leicht iſt das wahr geweſen. Als ſie endlich nach einem ſehr ruhigen Schlaf die Augen wieder öffnete, bat ſie ihre Freunde noch um einen Kuß. Man willfahrte ihr. Dann wandte 383 ſie ſich mit einem Engelslächeln auf ihrem Geſichte — ſie hatten, wie ſie ſagten, ein folches nie zuvor geſehen und wollten es nie vergeſſen— an den alten Mann und ſchlang ihre beiden Arme um ſeinen Nacken. Sie wußten nicht gleich, daß ſie todt war. Sie hatte ſehr oft von den zwei Schweſtern ge⸗ redet, die ſie wie theure Freundinnen betrachtete. Sie wünſchte, ſie hätte ihnen ſagen können, wie oft ihre Gedanken bei ihnen geweilt und wie oft ſie ihnen gefolgt ſey, wenn ſie Abends an dem Flußufer ſpa⸗ zieren gingen. In der letzten Zeit hatte ſie oft davon geſprochen, ſie möchte wohl den armen Kit wieder ſehen. Sie wünſchte, daß Jemand da wäre, um Kit von ihr aus zu grüßen. Und ſelbſt damals noch dachte ſie nie an ihn, oder ſprach nie von ihm, ohne etwas von ihrem alten, klaren, heiteren Lachen. Im Uebrigen hatte ſie nie gemurrt oder ſich beklagt, ſondern mit ruhigem Geiſte und in ganz un⸗ veränderter Weiſe— nur daß ſie mit jedem Tage ernſter wurde und ſich immer dankbarer gegen ihre Umgebung erwies— war ſie dahin geſchwunden, wie das Licht eines Sommerabends. Der Knabe, welcher ihr kleiner Freund geweſen war, kam faſt ſo bald, als es Tag war, mit einem Sträußchen welker Blumen und bat, man möchte es auf ihre Bruſt legen. Er war es, der in der letzten Nacht an's Fenſter gekommen war und mit dem Todtengräber geſprochen hatte. Auch fand man im Schnee Spuren kleiner Füße, weil er in der 8 * 384 Nähe des Gemaches, wo ſie lag, gewartet hatte, ehe er zu Bett ging. Dem Anſcheine nach meinte er, man habe ſie dort allein gelaſſen, und dieſen Gedan⸗ ken konnte er nicht ertragen. Er erzählte wieder von ſeinem Traume, nämlich daß ſie wieder geneſen ſey, ganz wie ſonſt. Er bat angelegentlichſt, man möchte ihm erlauben, ſie zu ſehen, wobei er verſprach, daß er ſich ganz ſtille verhalten wolle; man habe nicht nöthig, zu beſorgen, daß er ſich fürchte, denn er ſey den ganzen Tag allein bei ſeinem Bruder geweſen, als er todt war, und habe ſich glücklich gefühlt, ihm ſo nahe ſeyn zu können. Man ließ ihn gewähren; und in der That, er hielt Wort— in ſeiner kindli⸗ chen Weiſe eine ernſtliche Lehre für ſie alle. Bis dahin hatte der alte Mann kein Wort ge⸗ ſprochen— ausgenommen zu ihr— oder ſich von dem Bette entfernt. Aber als er ihren kleinen Lieb⸗ ling ſah, fühlte er ſich in einer Weiſe ergriffen, wie man ihn noch nie geſehen hatte, und er gab durch Zeichen zu verſtehen, daß er näher kommen möchte. Dann deutete er nach dem Bette und brach in Thrä⸗ nen aus. Die Umſtehenden wußten, daß ihm der Anblick des Kindes wohl gethan hatte, weßhalb ſie Beide allein bei einander ließen. Der Knabe beruhigte ihn mit ſeinem unſchuldi⸗ gen Geplauder von ihr und vermochte es über ihn, daß er ein wenig ruhete, ausging, kurz faſt alles that, was er von ihm verlangte. Und als der Tag kam, an dem ihre ſterblichen Reſte für immer den 385 Augen entrückt werden ſollten, führte ihn der Kleine weg, daß er nicht wiſſen möchte, wann ſie fortgenom⸗ men würde. Sie wollten friſche Blätter und Beere ſammeln für ihr Bett. Es war Sonntag— ein heiterer, klarer Winternachmittag— und als ſie durch das Dorf gingen, wichen ihnen die in der Straße Wandelnden aus, um ihnen Platz zu machen, und gruͤßten ſie in ſtummer Wehmuth. Einige nahmen den alten Mann freundlich bei der Hand, andere blie⸗ ben mit unbedecktem Haupte ſtehen, während er vor⸗ bei wankte, und viele riefen ihm ein„Gott helfe ihm!“ nach. „Nachbarin,“ ſagte der alte Mann, als er an der Thüre, wo die Mutter ſeines Führers wohnte, Halt machte,„wie kömmt es, daß heute faſt alle Leute ſchwarz gehen? Ich habe faſt bei Jedem ein Trauerband oder ein Stück ſchwarzen Flors geſehen.“ „Sie wiſſe es nicht,“ ſagte die Frau. „Ei, Ihr ſelbſt— Ihr tragt ja auch Trauerfarbe!“ rief er.„Die Fenſter ſind geſchloſſen, was ſonſt nie bei Tage der Fall iſt. Was ſoll das heißen?“ Abermals ſagte die Frau, daß ſie es nicht wiſſe. „Wir müſſen umkehren,“ ſagte der alte Mann haſtig.„Wir müſſen ſehen, was das iſt.“ „Nein, nein!“ rief das Kind, ihn zurückhaltend. „Erinnern Sie ſich, was Sie verſprochen haben. Wir müſſen nach der alten grünen Hecke gehen, wo ſſie Boz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 25 & 386 und ich ſo oft waren, und wo Sie uns mehr als einmal trafen, wie wir Guirlanden für den Garten machten. Wir müſſen nicht umkehren!“ „Wo iſt ſie jetzt?“ fragte der alte Mann.„Sage mir das!“ „Wiſſen Sie das nicht?“ entgegnete das Kind. „Haben wir ſie nicht eben verlaſſen.“ „Richtig. Richtig. Wir haben ſie eben ver⸗ laſſen.“. Er drückte die Hand auf ſeine Stirne, blickte aus⸗ druckelos umher, und ging, wie von einem plötzlichen Gedanken getrieben, über den Weg, um in das Haus des Todtengräbers zu treten. Dieſer ſaß nebſt ſeinem tauben Gehülfen vor dem Feuer. Als ſie ſahen, wer kam, ſtanden beide auf. Das Kind gab ihnen haſtig ein Zeichen mit der Hand. Es war nur die Bewegung eines Augenblicks, aber dieſe und das Ausſehen des alten Mannes reich⸗ ten vollkommen zu. „Habt ihr— habt ihr heute Jemand zu begra⸗ ben?“ fragte er haſtig. „Nein, nein! Wen ſollten wir zu begraben haben, Sir?“ verſetzte der Todtengräber. „Ja, freilich! Ich ſage mit euch, wen ſolltet ihr?“ „Es iſt heute Feiertag für uns, guter Sir,“ ent⸗ gegnete der Todtengräber mild.„Wir haben heute keine Arbeit.“ ls ge 387 „Nun, ſo will ich mit dir gehen, wohin du willſt,“ ſagte der alte Mann, ſich an das Kind wen⸗ dend.„Es iſt aber doch wahr, was ihr mir ſagt? Ihr wollt mich nicht täuſchen? Ich habe mich ſehr verändert, ſogar in der kurzen Zeit, daß wir uns zum letztenmal ſahen.“ „Geh deines Weges mit ihm, Kleiner,“ entgeg⸗ nete der Todtengräber,„und der Himmel möge euch Beide geleiten.“ „Ich bin ganz bereit,“ ſagte der alte Mann de⸗ müthig.„Komm, Knabe, komm!“ Und ſo ließ er ſich wegführen. Und nun erhob die Glocke— die Glocke, welche ſie ſo oft bei Tag und bei Nacht mit ſo feierlicher Freude gehört hatte, als wäre ſie faſt eine lebende Stimme— ihr unerbittliches Geläute über ſie, die ſo jung, ſo ſchön und ſo gut war. Welkes Alter und kräftiges Leben, blühende Jugend und hülfloſe Kind⸗ heit ſtrömten heran— auf Krücken, im Stolze der Kraft und Geſundheit, in der hoffnungsvollſten Blüte, in dem vollen Morgenroth des Lebens, um ſich nach ihrem Grabe zu begeben. Da waren alte Männer mit trüben Blicken und ſchwächer werdenden Sinnen — Großmütter, die alt geheißen hätten, wenn ſie ſchon vor zehn Jahren geſtorben wären— der Taube, Blinde, Lahme, der Zitternde, der Lebendigtode in jeder Geſtalt und Form, um das Zuwerfen dieſes frühen Grabes mit anzuſehen. Was war der Tod, 25*† 388 den es einſchließen ſollte, gegen den, welcher noch immer darüber hinkriechen und hinſchleichen konnte? Man trug ſie jetzt über die gedrängt volle Straße, ſo rein, wie der neu gefallene Schnee, der ſie be⸗ deckte, und deſſen Erdendaſeyn eben ſo flüchtig gewe⸗ ſen. Sie ging noch einmal durch die Pforte, wo ſie geſeſſen hatte, als des Himmels Gnade ſie zu dieſem friedlichen Ort geführt, und die alte Kirche nahm ſie in ihren ruhigen Schatten auf. Man brachte ſie nach einer alten Niſche, wo ſie oft und vielmals ſinnend geſeſſen, und legte die Bürde ſanft auf das Steinpflaſter nieder. Das Licht ſtrömte durch die farbigen Fenſtergläſer— ein Fenſter, wo Sommers ſtets die Zweige der Bäume raſſelten und Vögel den ganzen Tag ſüße Lieder ſangen. Mit jedem Lufthauch, der die von der Sonne beſchienenen Aeſte bewegte, mußte ein zitterndes, wechſelndes Licht auf ihr Grab fallen, Erde zu Erde, Aſche zu Aſche, Staub zu Staub. Manche jugendliche Hand ließ einen kleinen Kranz in das Grab fallen, und man⸗ ches erſtickte Schluchzen wurde gehört. Einige— und ihrer waren nicht wenige— knieten nieder. Alle waren aufrichtig und wahr in ihrem Schmerz. Als dieſer letzte Dienſt vollbracht war, traten die Leidtragenden bei Seite und die Dorfbewohner drängten ſich um das Grab, um noch einmal hinunter⸗ zuſehen, ehe der Stein darüber gelegt wurde. Der eine erinnerte ſich, wie oft er ſie an derſelben Stelle ————-——-.— ——&—+½ „&n Aa— 389 hatte ſitzen ſehen, wie das Buch ihrem Schooß ent⸗ fallen war, und wie ſie mit gedankenvoller Miene gen Himmel blickte. Ein anderer erzählte, wie ſehr er ſich immer habe wundern müſſen, daß ein ſo zartes Weſen ſo kühn ſeyn könnte: ſie habe ſich nie gefürchtet, Nachts allein in die Kirche zu gehen, ſon⸗ dern ſey ſogar gerne dort geblieben, wenn alles ruhig geweſen; ja ſelbſt den Thurm habe ſie erklommen, ohne ein anderes Licht, als die Strahlen des Mondes, welche ſich durch die Luftöffnungen der dicken alten Mauer ſtahlen. Unter den Aelteſten verbreitete ſich ein Geflüſter, ſie habe Engel geſehen und mit ihnen verkehrt; und manche mochten wohl dieſem Gerüchte Glauben beimeſſen, wenn ſie ſich erinnerten, wie ſie ausgeſehen und geſprochen hatte, und wie ſie ſo bald heimgegangen war. Sie traten in kleineren Gruppen an das Grab, ſchauten hinunter, machten wieder an⸗ dern Platz, und entfernten ſich flüſternd zu Dreien oder Vieren, bis endlich nur noch der Todtengräber und die trauernden Freunde in der Kirche waren. Sie ſahen das Gewölbe ſchließen und den Stein darüber legen. Dann, als das Düſter des Abends herannahte und kein Ton die heilige Stille des Ortes ſtörte— als der ſilberne Mond ſein Licht auf Gräber, Monumente, Pfeiler, Mauern und Bogen, vor allem aber(wie es ihnen vorkam) auf ihr ruhiges Grab warf— in jener ruhigen Stunde, wo die ganze Natur und das innere Gefühl ein ergreifendes Zeug⸗ niß von der Unſterblichkeit ablegt, wo irdiſche Hoff⸗ 390 nungen und Sorgen in den Staub niederſinken— gingen ſie mit ruhigen Schritten und ergebungsvollem Herzen von hinnen und ließen das Kind allein mit Gott. Ol es iſt ſchwer, die Lehre zu Gemüth zu ziehen, welche ſolche Todesfälle geben. Aber möge Niemand ſie zurückweiſen, denn es iſt eine Lehre, die wir alle lernen müſſen— eine gewaltige, allgemeine Wahrheit. Wenn der Tod die Unſchuld und Tugend niederſtreckt, ſo erblühen aus jeder gebrechlichen Ge⸗ ſtalt, aus der er den ſehnenden Geiſt befreit, hundert Tugenden im Gewande der Barmherzigkeit, der Mildthätigkeit und der Liebe, die durch die Welt wandeln und ſie ſegnen. Aus jeder Thräne, die der bekümmerte Sterbliche auf ſolchen grünen Gräbern vergießt, wird etwas Gutes geboren, ein edleres Weſen erzeugt. Unter dem Fußtritte des Todesengels ſproſſen neue Schöpfungen, die ſeiner Gewalt Hohn ſprechen, und ſein dunkler Pfad wird ein Weg voll himmliſchen Lichtes. Es war ſpät, als der alte Mann nach Hauſe kam. Der Knabe hatte ihn, unter irgend einem Vorwand, auf dem Rückwege nach ſeiner eigenen Wohnung geführt, und von dem langen Spaziergange wie auch von dem unausgeſetzten Mangel an Ruhe erſchöpft, war der Greis neben dem Herde in einen tiefen Schlaf verſunken. Da er ſo gar ermattet war, hütete man ſich wohl, ihn zu wecken. ————— 6—4*—4yy,n— 8———s 391 Der Schlummer hielt ihn geraume Zeit geſeſſelt, und als er endlich erwachte, ſandte der Mond ſeine Strah⸗ len durch das Fenſter. Der jüngere Bruder, den ſeine lange Abweſen⸗ heit beunruhigte, ſtand wartend an der Thüre, als der alte Mann mit ſeinem kleinen Führer des Weges daher kam. Er ging ihm entgegen, nöthigte den Greis mit ſanfter Gewalt, ſich auf ſeinen Arm zu ſtützen, und führte ihn mit langſamen bebenden Schrit⸗ ten nach Hauſe. Er begab ſich ſogleich nach ihrer Kammer. Als er nicht fand, was er dort ge⸗ laſſen hatte, kehrte er mit beſtürzten Blicken nach dem Zimmer zurück, wo ſich die übrigen Freunde befan⸗ den. Von hier aus eilte er in die Wohnung des Schulmeiſters und rief ihren Namen. Sie folgten ihm auf der Ferſe, und nachdem er lange vergeblich geſucht hatte, brachten ſie ihn wieder zurück. Mit allen Ueberredungsworten, welche Mitleid und Liebe eingeben konnten, bewogen ſie ihn, ſich zu ihnen zu ſetzen und zu hören, was ſie ihm mitzutheilen hätten. Sie gaben ſich alle Mühe, durch kleine Kunſt⸗ griffe auf das, was kommen mußte, vorzubereiten, weilten mit manchen glühenden Worten bei dem glücklichen Looſe, das ihr zugefallen war, und ſagten ihm endlich die Wahrheit. In demſelben Augen⸗ blicke, als ſie über ihre Lippen glitt, ſtürzte er wie ein Erſchlagener in ihrer Mitte zu Boden. Viele Stunden lang harrten ſie vergeblich ſeines 392 Wiederauflebens; doch der Gram iſt ſtark, und er kam endlich zu ſich. Wenn es Jemand gibt, der nie die Lehre erfuhr, welche dem Tode folgt— die traurige Verödung— das Gefühl der Verlaſſenheit, welches ſich auch des kräftigſten Gemüthes bewältigt, wenn aller Enden und Orten ein theures Familienglied vermißt wird— die Verbindung zwiſchen unbelebten und ſeelenloſen Dingen mit dem Gegenſtand der Erinnerung, wo jeder Hausgott ein Monument wird und jedes Zim⸗ mer ein Grab— wenn es Jemand gibt, der dieß nicht kennt und an ſich ſelbſt erfahren hat, ſo wird er ſich kaum einen Begriff machen können, wie viele Tage der alte Mann unter dumpfen Träumereien ſich abzehrte, überall umherwanderte, als ſuche er etwas, und keine Ruhe finden konnte. Die Reſte von Denkkraft und Gedächtniß, die ihm übrig geblieben, waren ausſchließlich ihr ge⸗ weiht. Er wußte nichts, oder ſchien ſich nicht darum zu kümmern, etwas von ſeinem Bruder zu wiſſen. Gegen jeden Liebesbeweis, gegen jede Aufmerkſam⸗ keit blieb er theilnahmlos. Wenn man mit ihm über dieſen oder jenen Gegenſtand ſprach— den einen ausgenommen— ſo konnte er wohl eine Weile ge⸗ duldig zuhören, dann aber entfernte er ſich, und fing wieder an zu ſuchen.. Aber es war unmöglich, dieſen einen Gegen⸗ ſtand, der ſeine und die Seelen aller beſchäftigte, zu 2————',,-d— dDò—́-d. u — 2ðu ey 393 berühren. Todt! Er konnte das Wort nicht hören oder ertragen. Die leichteſte Hindeutung darauf be⸗ wirkte bei ihm einen Anfall, wie der war, von dem wir geſprochen haben. Niemand wußte, mit welcher Hoffnung er ſich trug; aber daß er irgend eine Hoff⸗ nung unterhielt, ſie wieder zu finden— eine ſchwache ſchattenhafte Hoffnung, von Tag zu Tag ſich weiter hinausſchiebend und von Tag zu Tag mehr an ſeinem Herzen zehrend— das war allen deutlich. Sie gedachten, ihn von dem Schauplatz ſeines Kummers zu entfernen und den Verſuch zu machen, ob ein Ortswechſel ihn nicht zu heben oder aufzu⸗ heitern im Stande wäre. Sein Bruder erholte ſich bei geſchickten Aerzten Raths, welche kamen und ihn ſahen. Einige davon blieben, ſprachen mit ihm, wenn er ſprechen wollte, und beobachteten ihn, wenn er einſam und ſchweigend auf und ab ging. Brächte man ihn wohin man wollte, meinten ſie, er würde immer hierher zurückzukehren verſuchen. Sein Geiſt könnte ſich nicht von dieſem Orte trennen. Wenn man ihn in ſtrengen Gewahrſam nähme und ihn auf's Sorgfältigſte bewachte, ſo würde man ihn zwar als einen Gefangenen feſthalten können, aber es ſtünde zu erwarten, daß er alles verſuche, um zu entkommen, und dann würde er ſicherlich nach dieſem Orte zu⸗ rückkehren oder auf der Straße ſterben. Der Knabe, dem er Anfangs Folge geleiſtet, hatte jetzt keinen Einfluß mehr auf ihn. Bisweilen ließ er allerdings das Kind an ſeiner Seite gehen, oder er nahm wohl auch ſo viel Notiz von ſeiner Anweſenheit, daß er ihm die Hand reichte, ſich nieder⸗ beugte um ſeine Wangen zu küſſen, oder es auf den Kopf pätſchelte. Ein andermal aber konnte er es bitten— allerdings nicht unfreundlich— fortzu⸗ gehen, und war nicht zu bewegen, es in ſeiner Nähe zu dulden. Doch, ob er allein war, ob er ſeinen kleinen Freund zur Seite hatte, oder ob er ſich in Geſellſchaft derjenigen befand, die keine Koſten, kein Opfer geſcheut hätten, um ihm Troſt und Seelen⸗ ruhe zu erkaufen, wenn es möglich geweſen wäre— er blieb ſtets derſelbe— ohne Sorge, ohne Liebe für etwas im Leben— ein Mann mit gebrochenem Herzen. Endlich fanden ſie eines Tages, daß er frühe aufgeſtanden war, und, mit dem Reiſeſack auf dem Rücken, den Stab in ſeiner Hand und ihren Stroh⸗ hut nebſt einem kleinen Körbchen, mit Dingen ange⸗ füllt, die ſie bei ſich zu führen pflegte, am Arme, ſich entfernt hatte. Sie ſchickten ſich bereits an, weit und breit Nachforſchungen anzuſtellen, als ein er⸗ ſchreckter Schulknabe hereinkam, der ihn einen Augen⸗ blick zuvor in der Kirche hatte ſitzen ſehen— auf ihrem Grabe, ſagte er. Sie eilten dahin, traten leiſe durch die Thüre ein und erblickten ihn dort in der Haltung eines ge⸗ duldig Wartenden. Ohne ihn vor der Hand zu ſtö⸗ ren zu wollen, begnügten ſie ſich damit, ihn den 2— 8— o&A&½ G— u— N 395 ganzen Tag über zu bewachen. Als es dunkel ge⸗ worden war, ſtand er auf, begab ſich nach Haus und ging zu Bette, wobei er vor ſich hin murmelte:„ſie wird morgen kommen!“ 4 Des andern Tages war er wieder dort, von Sonnenaufgang bis Nachts; und dann legte er ſich wieder zu Bette und ſagte:„ſie wird morgen kommen!“ Und von nun an wartete er jeden Tag und den ganzen Tag, neben ihrem Grabe ſitzend, auf ſie. Wie viele Bilder von neuen Reiſen über liebliche Gründe, von Ruheplätzen unter dem freien, weiten Himmelszelte, von Streifzügen durch Felder und Wäl⸗ der auf ſelten betretenen Pfaden— wie viele Töne dieſer Einen, wohl bekannten Stimme— wie viele Erſcheinungen der Geſtalt, des flackernden Kleides, der Locken, die ſo fröhlich in dem Winde wallten— wie viele Geſichte von dem, was geweſen war und was, wie er hoffte, wieder kommen ſollte— kreuzten hier, in der alten, düſtern, ſchweigenden Kirche durch ſeine Seele! Er ſagte ihnen nie etwas von ſeinen Träumereien, oder wohin er ging. Er ſaß Nachts neben ihnen, und ſie konnten ſehen, mit welcher ge⸗ heimen Luſt er über die Flucht nachdachte, die er und ſie ergreifen würden, ehe die Nacht wieder käme; und noch immer konnten ſie ihn betend flüſtern hören: „o! laß ſie doch morgen kommen!“ Das letztemal war es an einem ſchönen Früh⸗ lingstage. Er blieb über ſeine gewohnte Stunde aus und als ſie hingingen, um ihn zu ſuchen, fanden ſie ihn todt auf dem Steine liegen. Man begrub ihn an der Seite derjenigen, welche er ſo innig geliebt— in derſelben Kirche, wo ſie ſo oft Hand in Hand geweilt, mit einander gebetet und geträumt hatten. Das Kind und der Greis ſchlafen Seite an Seite. Der Naritätenladen. Schluß-Kapitel. Der magiſche Knäuel, welcher in ſeinem Weiter⸗ rollen die Erzähler bis hierher geführt hat, ermäßigt nun ſeine Schnelligkeit und hält inne. Er liegt an ſeinem Ziele und unſere Geſchichte hat ihr Ende er⸗ reicht. Es bleibt uns jetzt nur noch übrig, die Haupt⸗ perſonen des kleinen Häufleins zu entlaſſen, welches uns auf dem Wege Geſelſſchaft geleiſtet hat, und die Reiſe zu ſchließen. Zuvörderſt nehmen der geſchmeidige Sampſon Braß und Miß Sally, Arm in Arm, unſere höfliche Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch. Herr Sampſon wurde, wie wir bereits gehört haben, von dem Friedensrichter, bei Gelegenheit ſei⸗ nes dortigen Beſuches, zurückgehalten, und da der letztere ihn ſo angelegentlich drängte, ſeinen Aufent⸗ halt zu verlängern, daß er das Geſuch in keiner Weiſe ablehnen konnte, ſo verblieb er eine geraume Zeit unter deſſen Schutz, während welcher Zeit ſein Wirth ihm eine ſo außerordentlich große Aufmerkſamkeit erwies, daß er für die Geſellſchaft ganz verloren war und nicht einmal Geſundheits halber ſpazieren gehen mochte, es ſey denn in einem kleinen gepflaſterten Hofe. In der That wußten auch diejenigen, welche mit ihm zu verkehren hatten, ſein beſcheidenes und die Einſamkeit liebendes Temperament ſo ſehr zu würdigen, und wollten ſich ſeiner Geſellſchaft ſo we⸗ nig berauben laſſen, daß ſie eine Art freundlicher Bürgſchaft von zwei wohlhabenden Hausbeſitzern im Betrage von je 1500 Pfund verlangten, ehe ſie ihm geſtatten wollten, ihr wirthliches Dach zu verlaſſen— wahrſcheinlich weil ſie bezweifelten, daß er anderwei⸗ tig zurückkehren würde, wenn ſie ihn einmal los ge⸗ laſſen hätten. Herr Braß, der gerne auf dieſen Scherz einging und ihn bereitwillig bis auf die Spitze trieb, ſuchte in ſeiner weiten Bekanntſchaft ein paar Freunde, deren vereinte Beſitzungen einige Halbpence weniger als fünfzehn Pence betrugen und bot ſie als Bürgen an— denn„Bürgſchaft“ lautete die joviale Looſung von beiden Seiten. Es gab ein(uſtiges Wortgefecht, in Folge deſſen die genannten zwei Her⸗ ren verworfen worden, und ſo ließ ſich's Herr Braß gefallen, da zu bleiben, und blieb auch da, bis ein Clubb auserleſſener Spaßvögel, die große Jury ge⸗ nannt, welche in die Poſſe mit eingeweiht waren, ihn vor zwölf andere Schälke forderten und wegen Mein⸗ — 8—— 8— △ 2 ☛ 180 399 eids und Betrugs anklagten. Dieſe ihrerſeits erklärten ihn in gar witziger Laune für ſchuldig— ja, und ſelbſt das Volk ging auf den Spaß ein; denn als Herr Braß in einer Miethkutſche nach dem Gebäude fuhr, in welchem die genannten Schälke verſammelt waren, begrüßte es ihn mit faulen Eiern, todten Katzen, und that ſogar dergleichen, als wolle es ihn in Stücke reißen, was das Komiſche der Sache ungemein erhöhte und ihn ohne Zweifel einen noch größeren Geſchmack daran finden ließ. Um den launigen Faden noch weiter zu ſpinnen, machte Herr Braß geltend, daß er ſich aus eigenem Antrieb in's Gefängniß geſtellt und beſchuldigt habe, weil ihm Sicherheit und Begnadigung verſprochen worden— ein Grund, der ihm Anſpruch ertheile auf die Milde, welche das Geſetz auf vertrauensvolle Seelen ausdehne, denen alſo mitgeſpielt worden ſey. Nach einer feierlichen Prüfung wurde dieſer Punkt (nebſt einigen andern techniſcher Natur, deren humo⸗ riſtiſche Wunderlichkeit ſchwer zu übertreiben ſein dürfte) den Richtern zur Entſcheidung anheim ge⸗ geben und Sampſon in der Zwiſchenzeit nach ſeinem früheren Quartiere zurückgebracht. Endlich erledigte man einige der genannten Punkte zu Sampſons Gun⸗ ſten, andere gegen ihn, und das Reſultat war, daß er die Erlaubniß erhielt, unter gewiſſen unbedeutenden Beſchränkungen fortan das Mutterland mit ſeiner Ge⸗ genwart zu beglücken, ſtatt aufgefordert zu werden, für eine Weile nach fremden Ländern eine Reiſe zu machen. Dieſe Beſchränkungen beſtanden darin, daß er für eine beſtimmte Friſt von Jahren in einem ge⸗ räumigen Hauſe wohnen ſollte, wo verſchiedene andere Gentlemen auf öffentliche Koſten Logis und Atzung erhielten: man trug dort eine anſtändige graue Uni⸗ form mit gelben Aufſchlägen, und außerordentlich kurz geſchnittene Haare, wobei man hauptſächlich von Haferſchleim und leichten Suppen lebte. Auch wurde von ihm verlangt, daß er als geſunde Leibesübung beharrlich eine endloſe Treppenflucht hinanſteige, bei welcher Gelegenheit ſeine Beine, damit ſie, an eine ſolche Anſtrengung nicht gewöhnt, nicht gar zu ſehr entkräftet werden möchten, über jedem Knöchel ein Amulet oder einen Talisman von Eiſen tragen ſollten. Nach Bereinigung dieſer Einleitungen wurde er eines Abends nach ſeinem neuen Wohnſitze gebracht und erfreute ſich dabei, in Gemeinſchaft mit neun andern Herrn und zwei Damen, des Vorrechts, in einem von ſeiner Majeſtät Wagen agh dieſer Reſidenz fahren zu dürfen. Nebſt dieſen unbedentenden Bußen wurde ſein Name aus der Advokatenliſte geſtrichen— ein Um⸗ ſtand, den man in letzterer Zeit immer für einen höchſt entehrenden, und für einen Beleg von ganz beſonderer Schuftigkeit hält, was auch wohl der Fall. ſeyn mag, da ſo viele unwürdige Namen ungefährdet unter ihren beſſern Nachbarn ſtehen bleiben. Ueber Sally Braß gingen verſchiedene wider⸗ ſprechende Gerüchte. Einige wollten zuverläſſig wiſſen, 401 daß ſie in Männerkleidern nach dem Arſenal gegangen und ein weiblicher Matroſe geworden. Andere flüſter⸗ ten, ſie habe ſich als Gemeiner bei dem dritten Regi⸗ ment der Garde zu Fuß anwerben laſſen, und ſey dienſtthuend und in Uniform geſehen worden— näͤm⸗ lich eines Abends auf ihre Muskete gelehnt, wie ſie in Saint James aus einem Schilderhauſe heraus⸗ ſah. Es war manches ſolches Gerede im Umlauf, aber nach Abfluß von etwa fünf Jahren(während welcher Zeit Niemand beſtimmt nachweiſen konnte, ſie geſehen zu haben) ſtellte ſich als Wahrheit heraus, daß man mehr als einmal bemerkt hatte, wie in dem Dunkel der innerſten Winkel von Saint Giles ein paar elende Geſtalten umherſchlichen und wankenden Tritts, ſchaudernd in ſich gekauert, über die Straßen ſchlichen, um in den Goſſen wegge⸗ worfene Speiſereſte und Fleiſchabfälle aufzuſuchen. Man ſah dieſe Schatten nur in kalten und düſtern Nächten, wo die ſchrecklichen Geſpenſter, die zu an⸗ derer Zeit in den ſchmutzigen Verſtecken Londons, in Bogenwegen, dunkeln Gewölben und Kellern ver⸗ borgen liegen, auf die Straßen zu kriechen wagen — die verkörperten Geiſter von Krankheit, Laſter und Hunger. Leute, die es wiſſen konnten, raunten ſich zu, daß dieß Sampſon und ſeine Schweſter Sally ſeyen. Sie ſollen bis auf den heutigen Tag in der⸗ ſelben ekelhaften Verkleidung hin und wieder in Nächten von der genannten Beſchreibung dicht an den Ellenbogen erſchreckter Spaziergänger vorbeiſchleichen. Voz. XIII. Humphrey's Wanduhr. 26 Als man nach Verfluß einiger Tage Quilp's Leiche auffand, wurde unweit der Stelle, wo ſie an's Land geſpült worden, eine Todtenſchau gehalten. Die allgemeine Annahme ging dahin, daß er ſich ſelbſt entleibt habe, und da dieß durch alle Umſtände ſeines Todes bekräftigt zu werden ſchien, ſo that auch die Jury den gleichen Ausſpruch. Sie ſollte daher mit einem Pfahl durchs Herz, inmitten eines einſamen Kreuzweges begraben werden. Nachher ging das Gerücht, dieſe ſchreckliche und barbariſche Ceremonie ſey nicht vollzogen, ſondern die Ueberreſte ſeinem Diener Tom Scott übergeben worden. Doch auch hier theilten ſich die Anſichten, denn einige meinten, Tom habe ſie um Mitternacht ausgegraben und nach einem Orte gebracht, der ihm von der Wittwe angedeutet worden. Wahr⸗ ſcheinlich haben dieſe beiden differirenden Geſchichts⸗ erzählungen in der einfachen Thatſache, daß Tom bei der Todtenſchau Thränen vergoß— denn dieß war wirklich der Fall, ſo außerordentlich es auch er⸗ ſcheinen mag— ihren Grund. Außerdem legte er auch eine ſtarke Neigung, ſich an der Jury zu ver⸗ greifen, an den Tag und da man ihn zurück⸗ hielt und aus dem Gerichtszimmer hinausführte, ſo verdunkelte er deſſen einziges Fenſter dadurch, daß er ſich vor dem Geſimſe auf den Kopf ſtellte, bis er durch einen vorſichtigen Büttel geſchickt wieder auf die Beine gebracht wurde. Nach dem Tode ſeines Gebieters in die Welt 403 hinausgewieſen, entſchloß er ſich, auf Kopf und Hän⸗ den durch dieſelbe zu gehen, welchem gemäß er ſich für Geld als Gaukler ſehen ließ. Da er jedoch in ſeiner engliſchen Abkunft ein unüberſteigliches Hinder⸗ niß fand, das dem günſtigen Fortgange ſeines Ge⸗ ſchäfts im Wege ſtand(obgleich eine ſolche Kunſt ſehr beliebt iſt und in hohem Ruhme ſteht), ſo nahm er den Namen eines mit Gypsfiguren handelnden italieniſchen Knabens an, mit dem er bekannt geworden war, und nachher gaukelte er mit außer ordentlichem Erfolg und vor einem gedrängten Publikum. Die kleine Frau Quilp vergab ſich nie die einzige Täuſchung, die ſo ſchwer auf ihrem Gewiſſen lag, und konnte nie daran denken oder davon ſprechen ohne bittere Thränen. Ihr Gatte hatte keine Ver⸗ wandte, und ſie war reich. Wenn er ein Teſtament hinterlaſſen haben würde, ſo wäre ſie wahrſcheinlich eine Bettlerin geweſen. Das erſtemal hatte ſie auf den Rath ihrer Mutter geheirathet, das zweitemal berieth ſie ſich mit Niemand, als mit ſich ſelbſt. Ihre Wahl fiel auf einen leidlich hübſchen jungen Burſchen, und da er als einleitende Bedingung feſtſetzte, daß Frau Jiniwin außer dem Hauſe wohnen mußte, ſo lebten ſie nach der Hochzeit mit einander, ohne ſich mehr zu zanken, als es im Durchſchnitt üblich iſt, und führten von dem Gelde des Zwergs ein glückliches Leben. Herr und Madame Garland und Herr Abel lebten wie ſonſt fort(eine einzige Veränderung in 26 K ihrem Hausweſen ausgenommen, die ſogleich zur Sprache kommen wird), und im Verlaufe der Zeit aſſocirte ſich der letztere mit ſeinem Freunde, dem Notar, bei welcher Gelegenheit es ein Gaſtmahl, einen Ball, und überhaupt eine Maſſe ähnlichen üppigen Aufwands gab. Zu dieſem Balle wurde dann auch die verſchämteſte junge Dame, die je zu finden iſt, eingeladen; und da trug es ſich zu, daß ſich Herr Abel in ſie verliebte. Wie dieß zuging, oder wie ſie es merkten, oder welches von beiden zuerſt dem andern dieſe wichtige Entdeckung mittheilte, weiß Niemand. Nur ſo viel iſt gewiß, daß ſie ſich in der Folge heiratheten; und ebenſo gewiß iſt, daß ſie die Glücklichſten unter den Glücklichen waren; und mit nicht minderer Sicherheit können wir behaupten, daß ſie es zu ſeyn verdienten. Mit Freuden ſchreiben wir nieder, daß ein Nachwuchs zu der Familie kamßz denn die Fortpflanzung der Herzensgüte und Menſchen⸗ freundlichkeit iſt keine kleine Zugabe zu der Ariſtokratie der Natur, und ein nicht unbedeutender Gegenſtand der Freude für das Menſchengeſchlecht im Allgemeinen. Der Pony bewahrte ſich die Unabhängigkeit ſeines Charakters bis zum letzten Augenblicke ſeines Lebens, welches ſo ungewöhnlich lang war, daß man ihn in der That für den Altvater aller Pony's halten konnte. Er trabte oft zwiſchen der Wohnung des Herrn Garland und ſeines Sohnes mit dem Phaeton hin und her, und da die alten und jungen Leute häufig beiſammen waren, ſo hatte er in dem neuen —*⏑——— 40⁵ Etabliſſement ſeinen eigenen Stall, den er gewöhnlich mit überraſchender Würde betrat. Er ließ ſich herab, mit den Kindern zu ſpielen, ſo bald ſie alt genug wur⸗ den, um ſeine Freundſchaft zu cultiviren, und ſprang mit ihnen wie ein Hündchen auf dem kleinen Anger hin und her. Aber obgleich er ſich viel vergab und ihnen kleine Freiheiten, als Liebkoſungen, das Betrachten ſeiner Hufe oder das Hängen an ſeinen Schwanz er⸗ laubte, ſo geſtattete er doch keinem, ſeinen Rücken zu beſteigen oder ihn in den Wagen zu ſpannen, und zeigte hiemit, daß ſelbſt ihre Vertraulichkeiten Grenzen haben muͤßten, und daß es Punkte zwiſchen ihnen gäbe, die weit zu ernſt wären, um damit zu ſpielen. Auch in ſeinem ſpätern Leben war er nicht un⸗ zugänglich gegen warme Zuneigung, denn als der gute Bachelor nach dem Hinſcheiden des alten Geiſt⸗ lichen bei Herrn Garland wohnte, faßte er eine große Freundſchaft für ihn, und ließ ſich es gutmüthig gefallen, ſeinem Zügel ohne das mindeſte Wider⸗ ſtreben zu folgen. Zwei oder drei Jahre vor ſeinem Tode arbeitete er nicht mehr, ſondern lebte nur noch im Vollauf, und ſeine letzte Handlung beſtand darin, daß er, wie ein choleriſcher alter Herr, ſeinem Doctor einen Huftritt gab. Herr Swiveller genaß ſehr langſam von ſeiner Krankheit, und als er in den Genuß ſeiner Leib⸗ rente trat, kaufte er der Marquiſin einen hübſchen Anzug und ſchickte ſie in die Schule, um ſein Ge⸗ lübde zu löſen, das er auf dem Krankenbette gethan hatte. Nachdem er ſich lange über einen ihrer wür⸗ digen Namen beſonnen hatte, entſchied er ſich für die Benennung„Sophronia Sphynr,“ weil derſelbe eben ſo wohlklingend als gentil wäre, und außerdem auf etwas Geheimnißvolles hindeutete. Unter dieſem Titel begab ſich die Marquiſin unter Thränen in die Schule ſeiner Wahl, aus der ſie, da ſie ihre Mitſchülerinnen bald überholte, noch vor Ablauf vieler Vierteljahre in eine höhere verpflanzt wurde. Wir laſſen jedoch Herrn Swiveller nur Gerechtigkeit wiederfahren, wenn wir ſagen, daß er, trotz der Unkoſten ihrer Erziehung, die ihn für ein halb⸗ dutzend Jahre in ſehr knappen Verhältniſſen hielten, nie in ſeinem Eifer erlahmte, und immer einen hin⸗ reichenden Lohn in den Berichten fand, die er mit großer Gravität über ihre Fortſchritte anhörte, ſo oft er der Vorſteherin ſeine Monatsviſite machte, bei welcher Gelegenheit er ſelbſt als ein Literat von etwas excentriſchen Gewohnheiten und einem unge⸗ meinen Talent für's Citiren betrachtet wurde. Mit einem Worte, Herr Swiveller ließ die Marquiſin in dieſer Penſion, bis ſie muthmaßlicher⸗ weiſe volle neunzehn Jahre alt, und dabei gut ausſe⸗ hend, geſchickt und heiteren Gemüths war. Und nun erſt fing er ernſtlich an, darüber nachzudenken, was zu⸗ nächſt geſchehen ſollte. Bei einem dieſer periodiſchen Beſuche, während eben die genannte Frage in ſeinem Kopfe aufſtieg, kam die Marquiſe allein zu ihm⸗ herunter, heiterer ausſehend und friſcher als je. 40⁷ Da fiel ihm nun, freilich nicht zum erſtenmale, ein, es dürfte gar nicht ſo übel ſeyn, wenn er ſie hei⸗ rathete. Richard fragte ſie alſo, und was ſie auch geſagt haben mochte— es war nicht Nein. Sie wurden allen Ernſtes die Woche darauf getraut, und Herr Swiveller erhielt dadurch häufig Gelegenheit, in verſchiedenen nachfolgenden Perioden zu bemerken, daß ihm im Grunde doch eine junge Dame aufge⸗ ſpart geblieben ſey. Da bei Hampſtead ein kleines Häuschen zu vermiethen war, in deſſen Garten ſich eine Laube zum Rauchen— ein Gegenſtand des Neides für die ganze civiliſirte Welt— befand, ſo beſchloſſen ſie, ſich dort einzuquartiren, und nach Ablauf der Flitterwochen bezogen ſie die neue Wohnung. In dieſer Einſiedelei beſuchte ſie Herr Chuckſter regelmäßig jeden Sonntag, um daſelbſt ſeinen Tag zuzubringen— gewöhnlich vom Früh⸗ ſtück an, und hier war er die große Zeitung aller Neuigkeiten und Moden. Noch einige Jahre blieb er Kit's Todfeind, und betheuerte, er habe eine beſſere Meinung von ihm gehabt, als man glaubte, er habe die Fünfpfundnote geſtohlen, als zur Zeit ſeiner völlig erwieſenen Unſchuld, inſofern ſeine Schuld doch wenigſtens etwas Kühnes und Kräftiges verrathen haben würde, während das Gegentheil nur ein wei⸗ terer Beweis ſeines kriechenden und verſchmitzten Charakters ſey. Allmälig und ſchließlich kam jedoch eine Verſöhnung zu Stande, und er ging ſogar ſo weit, Kit mit ſeiner Gönnerſchaft zu beehren, als 4 einen Menſchen, der gewiſſermaßen umgewandelt ſey, und daher Vergebung verdiene. Nie aber vergaß oder verzieh er ihm den Umſtand mit dem Shilling, da er der Anſicht war, er hätte genug gethan, wenn er wiedergekommen wäre, um einen andern zu ver⸗ dienen; aber kommen, um eine frühere Gabe abzu⸗ arbeiten— das war ein Flecken auf ſeinem mora⸗ liſchen Charakter, den keine Reue oder Zerknirſchung je abzuwaſchen vermochte. Herr Swiveller, der immer eine gewiſſe Vor⸗ liebe für philoſophiſche Meditationen gehabt hatte, wurde zuweilen in ſeiner Rauchlaube ungemein beſchaulich und pflegte in ſolchen Perioden die geheimnißvolle Frage über Sophronia'’s Abkunft geiſtig zu debattireu. Sophronia hielt ſich für eine Waiſe, aber Herr Swiveller, der verſchiedene kleine Umſtände zuſammenſtellte, meinte oft, Miß Braß müßte hierüber eine beſſere Auskunft ertheilen können; und da ihm ſeine Frau ihre ſonderbare Zuſammen⸗ kunft mit Quilp mitgetheilt hatte, ſo machte er ſich unterſchiedliche Bedenken, ob nicht dieſe Perſon, wenn ſie noch am Leben wäre, gleichfalls das Räthſel zu löſen vermöchte, falls ſie es für gut fände. Dieſe Spekulationen machten ihm jedoch keine Unruhe, denn Sophronia war ihm immer ein ſehr heiteres, zärtliches und fürſorgliches Weib, wie denn auch Dick ſich als ein treuer und häuslicher Gatte erwies— einen gelegentlichen Ausbruch mit Herrn Chuckſter etwa ausgenommen, wobei ſie jedoch ver⸗ 409 ſtändig genug war, ihn eher zu ermuthigen, als ſich ihm entgegenzuſetzen. Und ſie ſpielten viele hundert⸗ tauſend Partien Cribbage mit einander. Auch müſſen wir zu Dicks Ehre beifügen, daß er ſie, trotz ihres Namens Sophronia, vom Anfang bis an's Ende immer Marquiſe titulirte, und daß an jedem wiederkehrendem Jahrestage, an welchem er ſie in ihrem Krankenzimmer gefunden hatte, Herr Chuckſter zum Mittageſſen kam, bei welcher Gele⸗ genheit es großen Jubel abſetzte. Die Spieler Iſaak Liſt und Jowl, mit ihrem treuen Verbündeten, Herrn James Growes, un⸗ tadelichen Andenkens, verfolgten ihr Gewerbe mit wechſelndem Glücke, bis das Fehlſchlagen einer geiſtvollen Unternehmung, die in ihr Fach einſchlug, ſie in alle Weltgegenden zerſtreute und ihre Lauf⸗ bahn durch das plötzliche Eingreifen des langen und ſtarken Armes des Geſetzes ein Ende finden ließ. Dieſe Niederlage hatte ihren Grund in der ungele⸗ genen Entdeckung eines neuen Spießgeſellen— des jungen Friedrich Trent, der in dieſer Weiſe, ohne es zu ahnen, das Werkzeug zu ihrer und ſeiner eigenen Beſtrafung wurde. Was dieſen jungen Mann ſelbſt betrifft, ſo trieb er ſich nur kurze Zeit im Auslande umher, wo er von ſeinem Genie lebte— das heißt, von dem Mißbrauche jeder Fähigkeit, die in ihrer würdigen Anwendung den Menſchen über die Thiere erhebt, in ihrer Verderbtheit ihn aber weit unter dieſelben hinunterſinken läßt. Nicht lange nachher wurde ſein Leichnam von einem Fremden erkannt, der in Paris zufällig jenes Hoſpital beſuchte, wo die Er⸗ trunkenen ausgeſtellt werden, damit ſich ihre Ange⸗ hörigen melden. Die ihn entſtellenden Quetſchungen und Beulen waren muthmaßlich die Folgen eines vorangegangenen Kampfes. Der Fremde behielt je⸗ doch die Thatſache für ſich, bis er nach Hauſe kam, und es erſchien Niemand, der Anſpruch an die Leiche machte, oder ſich um ihn bekümmerte. Der jüngere Bruder, oder der ledige Herr, unter welcher Bezeichnung er uns bekannter iſt, wollte den armen Schulmeiſter aus ſeiner Abgeſchiedenheit ziehen und ihn zu ſeinem Freund und Gefährten machen. Aber der beſcheidene Dorflehrer war zu ſchüchtern, ſich in die geräuſchvolle Welt zu wagen und hatte ſeine Wohnung auf dem alten Kirchhofe liebgewonnen. Ruhig und glücklich in ſeiner Schule, in dem Ort und in der Liebe ihres kleines Freundes, verbrachte er ſeine Tage im Frieden und war in Folge der aufrichtigen Dankbarkeit ſeines Freundes — möge dieſe kurze Andeutung genügen— nicht länger ein armer Schulmeiſter. Dieſer Freund, lediger Herr oder jüngerer Bruder, wie man will, trug in ſeinem Herzen einen ſchweren Gram, aber er machte ihn nicht zu einem Menſchenfeind, oder einen trübſinnigen Einſiedler. Er zog wieder in die Welt und liebte ſeine Ne⸗ enmenſchen. Lange, lange Zeit war es ſein 411 Hauptvergnuügen, die Tritte des alten Mannes und des Kindes, ſo weit ſich dieſe aus der Erzäh⸗ lung entnehmen ließen, zu verfolgen, Halt zu machen, wo ſie gehalten, mitzufühlen, wo ſie ge⸗ litten, und froh zu ſeyn, wo ſie ſich gefreut hatten. Diejenigen, welche freundlich gegen ſie geweſen, entgingen ſeinen Nachforſchungen nicht. Die Schwe⸗ ſtern in der Penſion, welche ſie zu Freundinnen ge⸗ wählt, weil ſie ſelbſt ſo freundlos war— Frau Jarley von dem Wachsſigurencabinet; Codlin, Short, — er fand ſie alle; und man darf verſichert ſeyn, daß der Mann vor dem Ofenfeuer nicht vergeſſen blieb. Sobald Kit's Geſchichte ruchbar wurde, erhob ſich eine Schaar von Freunden für ihn, die ihm vielfältig anboten, für ſeine Zukunft Sorge zu tra⸗ gen. Es kam ihm Anfangs nicht zu Sinne, je Herrn Garlands Dienſt zu verlaſſen; aber nach ernſt⸗ lichen Vorſtellungen und Berathungen von Seite dieſes Herrn begann er an die Möglichkeit zu denken, daß die Folge einen ſolchen Wechſel herbeiführen könnte. Er erhielt mit einer Schnelligkeit, die ihm faſt den Athem benahm, eine gute Stelle, und zwar durch einige von den Herren, welche ihn an dem ihm zur Laſt gelegten Verbrechen für ſchuldig gehalten und dieſer Annahme zu Folge das Verdict gegen ihn ausgeſprochen hatten. Durch dieſelbe wohlwollende Fürſorge wurde ſeine Mutter dem Mangel entriſſen und ganz glücklich gemacht. So wurde denn, wie 1 41² Kit oft ſagte, ſein großes Unglück, die Quelle von all ſeinem nachfolgenden Glücke. Blieb Kit ſein ganzes Leben hindurch ein Jung⸗ geſelle, oder heirathete er? Natürlich heirathete er, und wen hätte er anders zur Frau wählen ſollen, als Barbara? Und was das beſte dabei war, er heirathete ſo bald, daß der kleine Jakob ein Onkel war, ehe ſeine in dieſer Geſchichte bereits erwähnten Waden in Tuchhoſen geſteckt worden waren— ob⸗ gleich wir es nicht ganz das Beſte nennen können, da demzufolge nothwendigermaßen auch das Büblein als Onkel zählte. Das Entzücken von Kit's Mutter und Barbara's Mutter bei dieſer großen Gelegenheit vermag keine Feder zu beſchreiben; und da ſie fan⸗ den, wie gut ſie hier ſowohl, als auch bei allem andern harmonirten, ſo ſchlugen ſie ihre Wohnung bei einander auf und blieben von Stund an ein paar ſehr innige Freundinnen. Und hatte nicht Aſtley's Theater Urſache, ſich Glück zu wünſchen, wenn ſie daſſelbe alle Vierteljahre mit einem Beſuche beehrten— und zwar in dem Parterre— und ſagte nicht Kit's Mutter immer, wenn man die Außen⸗ wände tünchte, daß Kit's letztes Traktement dazu geholfen habe; und hätte ſie nicht gerne wiſſen 4 mögen, was wohl der Direktor denken würde, wenn er wüßte, daß ſie an dem Hauſe vorbeigingen? Als Kit Kinder im Alter von ſechs und ſieben Jahren hatte, war eine Barbara darunter, und zwar eine recht hübſche Barbara. Auch fehlte es 4 nicht an einem genauen fac simile und Ebenbild des kleinen Jakob, wie er in jener fernen Zeit ausſah, als man ihn lehrte, was man unter einer Auſter verſtehe. Natürlich war auch ein Abel da, ein Pathchen von Herrn Garland des gleichen Na⸗ mens; und auch ein Dick, auf den Herr Swiveller große Stücke hielt. Oft ſammelte ſich Abends die kleine Gruppe um ihn und bat ihn, noch einmal die Geſchichte von der guten Miß Nell zu erzählen, die todt war. Kit that dieß auch, und wenn ſie während des Zuhörens weinten, und doch wünſchten, daß es noch nicht aus ſeyn möchte, ſo bedeutete er ihnen, wie ſie in den Himmel eingegangen ſey, gleich allen guten Menſchen; und wie ſie, wenn ſie ihr an Tugenden glichen, ebenfalls hoffen dürften, eines Tages dahin zu kommen, ſie zu ſehen und kennen zu lernen, wie er ſie gekannt hatte, als er noch ein Knabe war. Dann pflegte er ihnen auch zu erzählen, wie arm er geweſen, und wie ſie ihn gelehrt hatte, was er wegen ſeiner Armuth nie hätte lernen können, und wie der alte Mann ſo oft ſagte: „ſie lacht immer über Kit;“ und dabei wiſchten ſie ihre Thränen weg, lachten ſelber, wenn ſie dachten, daß ſie gelacht hatte, und waren wieder ganz heiter. Bisweilen nahm er ſie nach der Straße, wo ſie gewohnt hatte; aber es war durch neue Baulich⸗ keiten alles ſo verändert, daß es ſich durchaus nicht mehr glich. Das alte Haus hatte man längſt nie⸗ dergeriſſen und an ſeiner Stelle eine ſchöne bereite — 414 Straße angelegt. Anfangs zog er mit ſeinem Stock ein Viereck auf den Boden, um ihnen zu zeigen, wo es geſtanden hatte. Bald aber wurde ihm die Stelle ungewiß und er konnte nur ſagen, es ſey da herum geweſen, denn ſolche Veränderungen, 4 meinte er, verwirrten Einen ganz und gar.. So ſind die Veränderungen, welche wenige Jahre mit ſich führen; und ſo entſchwinden die Dinge wie eine Geſchichte, die erzählt iſt. “