2 Leihbibliother 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — on vo Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Aeſebedingungen. 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Mültothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ —, den an enommen.. 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſfelben entſprchende Summe I hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſ d — wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſl beträgt: 4 5. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorg 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfer Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer pun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ³eMae eMeeewee — 3— 4— „„ 2, 4„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſend 4 — —— Humphrey’s Wanduhr. Von B o z. Neu aus dem Engliſchen von Dr. Carl Kolb. Mit Federzeichnungen nach G. Cattermole und H. K. Browne. Zweites Zändchen. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1842. Der Raritätenladen. Achtzehntes Kapitel. Die„luſtigen Sandbuben“ hieß ein kleines Straßenwirthshaus von ziemlichem Alter, mit einem auf der andern Seite des Weges an ſeinem Pfoſten pendelnden und knarrenden Schild, drei Sandbuben darſtellend, die ihre Luſtigkeit durch eben ſo viele Bier⸗ krüge und Beutel mit Goldſtücken noch ſteigerten. Die Reiſenden hatten den Tag über manche Merkmale wahr⸗ genommen, daß ſie der Stadt, wo das Wettrennen ab⸗ gehalten werden ſollte, näher und näher kamen— zum Beiſpiel Zigeunerlager, mit Spielbuden ſammt Zu⸗ gehör, beladene Karren, Leute, die alles nur Er⸗ denkliche vorzuzeigen hatten, und dergleichen, weßhalb Herr Codlin alles beſetzt zu finden fürchtete. Dieſe Furcht nahm zu, jemehr ſich die Entfernung zwiſchen ihm und dem Wirthshauſe minderte; er beſchleunigte daher ſeine Schritte, trotz der Bürde, die er zu tragen hatte, und hielt einen tüchtigen Trab ein, bis er 6 die Schwelle erreichte. Hier hatte er die Freude, zu entdecken, das ſeine Furcht ungegründet war, denn der Wirth lehnte träge gegen den Thürpfoſten und ſah dem Regen zu, welcher inzwiſchen ſchwer nieder⸗ zuſtürzen angefangen hatte, während kein Klingeln der geborſtenen Glocke, kein jubelnder Lärm, kein geräuſchvoller Chorus auf eine Geſellſchaft im Hauſe hinwies. „Ganz allein?“ fragte Herr Codlin, indem er ſeine Laſt niederſetzte und ſeine Stirne abwiſchte. „Noch ganz allein,“ antwortete der Wirth, den Himmel anſehend,„aber wir werden hoffentlich heute noch mehr Geſellſchaft kriegen. Da, ihr Buben, trage einer dieſen Puppenkaſten in die Scheune. Machen Sie, daß Sie in's Trockene kommen, Tom. Sobald es zu regnen anfing, ließ ich Feuer anmachen, und wir haben jetzt eine prächtige Flamme in der Küche, kann ich Ihnen ſagen.“ Herr Codlin folgte bereitwillig und fand bald, daß der Wirth ſeine Vorkehrungen nicht ohne guten Grund gelobt hatte. Ein gewaltiges Feuer praſſelte auf dem Herde und ziſchte luſtig nach dem weiten Kamin auf— ein Ton, welchen das Sprudeln und Schmoren eines großen eiſernen Keſſels auf eine vergnügliche Weiſe erhöhen half. Ein tiefer, röthlicher Schein erhellte den Raum, und als der Wirth in dem Feuer ſtörte, daß die Funken luſtig aufhüpften und in die Höhe flogen — als er den Deckel von dem eiſernen Topfe nahm, aus dem ein wohlriechender Duft hervorkam, während —— rA 2—— rA der ſprudelnde Ton immer dumpfer und reicher wurde, und ein fetter Dampf wie ein köſtlicher Nebel ihre Häupter umhüllte,— als der Wirth dieß that, da fühlte ſich Herrn Codlins Herz gerührt; er ſetzte ſich in dem Kaminwinkel nieder und lächelte. Herr Cod⸗ lin ſaß alſo lächelnd in dem Kaminwinkel und be⸗ äugelte den Wirth, als dieſer mit ſchelmiſchem Blick den Deckel in der Hand hielt, und, als ſey es unum⸗ gänglich nothwendig in der Kocherei, den belebenden Duft entſtrömen ließ, um die Naſenlöcher ſeines Gaſtes zu kitzeln. Der Wiederſchein des Feuers fiel auf das kahle Haupt des Wirthes, auf ſeine blinzelnde Augen, auf ſeinen wäſſernden Mund, auf ſein finniges Geſicht und auf ſeine ganze runde, ſette Geſtalt. Herr Codlin zog den Rockärmel über ſeine Lippen. und ſagte mit murmelnder Stimme: „Was iſt's denn?“ „Ein Ragout von Kuttelflecken,“ ſagte der Wirth, mit den Lippen ſchmatzend,„und Kuhfüßen,“ aber⸗ mal ſchmatzend,„und Speck,“ noch einmal ſchmatzend, „und Beefſteaks,“ zum viertenmal ſchmatzend,„und Erbſen, Blumenkohl, neue Kartoffeln und Spar⸗ geln, das ſich alles zu einer köſtlichen Brühe zuſam⸗ menkocht.“ Nachdem er bei dieſem Höhenpunkte angelangt war, ſchmatzte er eine ziemliche Weile mit den Lippen, ſog mit einem langen Athem den ihn umſchwebenden Wohlgeruch ein, und ſetzte mit der Miene eines 8 Mannes, deſſen Erdenmühen vorüber ſind, den Deckel wieder auf. „Wann iſt es fertig?“ fragte Herr Codlin mit ſchwacher Stimme. „Es wird präciſe,“ antwortete der Wirth auf die Uhr ſehend— und ſogar das fette, weiße Ziffer⸗ blatt der Uhr erglühete, ganz ſo ausſehend, wie eine Uhr für luſtige Sandbuben—„es wird präciſe zwei⸗ undzwanzig Minuten vor eilf Uhr gar ſeyn.“ „Dann,“ ſagte Herr Codlin,„bringen Sie mir eine Pinte warmen Biers und laſſen Sie Niemand etwas hereinbringen, wäre es auch nur ſo viel als ein Stück Zwieback, bis die Zeit kömmt.“ Dieſem entſchiedenen und männlichen Verfahren ſeinen Beifall zunickend, entfernte ſich der Wirth, um das Bier zu holen, kam ſchnell damit wieder zu⸗ rück und ſchickte ſich an, daſſelbe in einem kleinen verzinnten Gefäße zu wärmen, das trichterartig ge⸗ formt war, um es an Stellen, wo das Feuer am lebhafteſten brannte, recht tief in die Glut ſtecken zu können. Dieß war bald geſchehen, und er händigte das Getränk Herrn Codlin mit jenem rahmartigen Schaum auf der Oberfläche ein, welcher zu den glücklichen Eigenſchaften eines heißgemachten Malztrankes gehört. Durch dieſes beruhigende Getränk ſehr befänftigt, gedachte Herr Codlin jetzt ſeiner Gefährten, indem er unſerem Gaſtwirth„zu den Sandbuben“ ihre Ankunft als ein Ereigniß ankündigte, dem man in Kürze ent⸗ gegenſehen dürfe. Der Regen raſſelte gegen die Fenſter und ſchoß in Strömen nieder, und Herrn Codlins außer⸗ ordentliche liebevolle Stimmung ging ſogar ſo weit, daß er mehr als einmal ſeine ernſtliche Hoffnung ausdrückte, ſie würden doch nicht ſo thöricht ſeyn, ſich durchnäſſen zu laſſen. Endlich kamen ſie an, getränkt vom Regen und in einem ganz elendiglichen Zuſtande, obgleich Short das Kind ſo gut als mög⸗ lich mit den Schößen ſeines Rocks geſchützt hatte. und ſie alle vor Eile faſt athemlos waren. Ihre Schritte wurden kaum auf der Landſtraße gehört, als der Wirth, der an dem Außenthore ängſtlich ihrer An⸗ kunft entgegen geſehen hatte, in die Küche ſtürmte und den Deckel abnahm. Die Wirkung war elektriſch. Sie kamen alle mit lächelnden Geſichtern, obſchon das Waſſer von ihren Kleidern auf den Boden träu⸗ felte, und Shorts erſte Bemerkung lautete:„welch ein köſtlicher Geruch!“ Es war nicht ſonderlich ſchwer, an der Seite eines luſtiges Feuers und in einem hellen Gelaſſe des Regens und Schmutzes zu vergeſſen. Sie wur⸗ den mit Pantoffeln und ſo vielen trockenen Kleidern, als das Haus ober ihre Bündel liefern konnten, ver⸗ ſehen, und dann kauerten ſie ſich, wie Herr Codlin bereits gethan hatte, in den warmen Kaminwinkel, wo ſie bald der kürzlichen Unluſt vergaßen, oder ſich derſelben nur noch erinnerten, um die Behaglichkeit des gegenwärtigen Augenblicks zu erhöhen. Nelly und der alte Mann hatten noch nicht lang ihre Sitze eingenommen, als ſie nach der Ermüdung des Tages 10 und überwältigt von der behaglichen Wärme in Schlaf verfielen. „Wer ſind dieſe?“ flüſterte der Wirth. Short ſchüttelte den Kopf und entgegnete, das möchte er ſelber auch wiſſen. „Wiſſen's auch Sie nicht?“ fragte der Wirth, ſich an Herrn Codlin wendend. „Nein,“ verſetzte dieſer.„Vermuthlich nicht viel Rechtes.“ „Harmloſe Menſchen, zuverläſſig,“ ſagte Short. „Ich will Ihnen was ſagen— es fällt in die Augen, daß es mit dem Kopfe des alten Mannes nicht recht richtig iſt— „Wenn Ihr keine beſſere Neuigkeit wißt, als dieſe,“ brummte Herr Codlin, nach der Uhr ſehend, „ſo wäre es beſſer, Ihr ließet uns an's Nachteſſen denken, ſtatt uns mit ſolchem Gerede zu inecom⸗ modiren.“ „So laßt mich doch ausreden,“ entgegnete ſein Gefährte.„Ich ſehe außerdem deutlich, daß ſie an dieſe Lebensweiſe nicht gewöhnt ſind. Niemand ſoll mir weis machen, daß dieſes hübſche Kind ſonſt ſchon in der Welt herumgeſtrichen iſt, wie ſie es in den zwei oder drei letzten Tagen gethan hat. Ich weiß das beſſer.“ „Gut; aber wer hat denn das Gegentheil be⸗ haupten wollen?“ brummte Herr Codlin, indem er abermals nach der Uhr und von da aus nach dem Keſſel ſah. n 11 „Könnt Ihr nicht an etwas denken, was beſſer für die gegenwärtigen Umſtände paßt, als daß Ihr Sätze aufſtellt und ihnen hintendrein widerſprecht?“ „Nun, ſo wünſchte ich, daß Euch Jemand Euer Nachteſſen gäbe,“ entgegnete Short,„denn es wird doch kein Auskommens mit Euch ſeyn, bis Ihr's habt. Iſt’s Euch nicht aufgefallen, wie es den alten Mann nur drängte, weiter fortzukommen— immer weiter fort— immer weiter fort. Habt Ihr das nicht geſehen?“ „Hum! Und was weiter?“ murmelte Thomas Codlin. „Weiter nichts,“ erwiederte Short,„als daß er vor ſeinen Freunden Reißaus genommen hat. Merkt Euch, was ich Euch ſage— er hat vor ſeinen Freun⸗ den Reißaus genommen und die Liebe dieſes zarten jungen Weſens gegen ihn benützt, um ſie zu über⸗ reden, daß ſie ihn als Führerin und Reiſegefährtin begleite— wohin? weiß er ſo wenig, als der Mann im Mond. Aber ich will ein Wörtlein dreinſprechen.“ „Was, Ihr wolltet ein Wörtlein dreinſprechen?“ rief Herr Codlin, indem er abermals nach der Uhr ſah und mit einer Art wahnſinniger Wuth mit beiden Händen die Haare niederkämmte— ob wegen der Bemerkung ſeines Gefährten oder wegen des lang⸗ ſamen Ganges der Zeit, war ſchwer zu entſcheiden. „Was iſt doch das für eine Welt in der wir leben!“ „Ja,“ wiederholte Short langſam und mit Nach⸗ druck;„ich will mich um die Sache annehmen. Ich bin kein Burſche, der ruhig zuſehen kann, wie dieſes ſchöne Kind in ſchlimme Hände fällt und unter Leute geräth, für welche ſie eben ſo wenig paßt, als dieſe an die Kameradſchaft mit Engeln gewöhnt ſind. Wenn ſie daher die Abſicht blicken laſſen, ſich von unſerer Geſellſchaft zu trennen, ſo werde ich Maß⸗ regeln treffen, ſie zurückzuhalten und ſie ihren Freunden zurückzugeben, welche zuverläſſig jetzt ihre Troſtloſig⸗ keit an jeder Straßenecke Londons angeklebt haben.“ „Short,“ ſagte Herr Codlin, der bis jetzt, den Kopf auf ſeine Hände und die Ellbogen auf die Kniee geſtemmt, ungeduldig hin und her gerutſcht war und hin und wieder mit dem Fuß auf den Boden geſtampft hatte, jetzt aber haſtig aufblickte;„es iſt möglich, daß ein ungewöhnlich guter Sinn in Euren Worten liegt. Wenn's aber ſo iſt, und man eine Belohnung auf ihre Beiſchaffung ausgeſetzt hätte, ſo vergeßt nicht, Short, daß wir in allen Stücken Com⸗ pagnons ſind!“ Der andere Compagnon hatte nur noch Zeit, Herrn Codlin auf dieſe Erinnerung eine kurze Bejahung zuzunicken, denn in demſelben Augenblicke erwachte das Kind. Sie waren während der voran⸗ gehenden leiſen Unterhaltung nahe an einander ge⸗ rückt, trennten ſich aber jetzt haſtig und machten den etwas ungeſchickten Verſuch, einige gelegentliche Be⸗ merkungen in ihrem gewöhnlichen Tone vorzubringen, als ſich von außen Fußtritte vernehmen ließen und eine neue Geſellſchaft eintrat. Dieſe Geſellſchaft beſtand aus nichts Anderem, als aus vier abſcheulichen Hunden, die, einer hinter dem andern, hereintappten— voraus ein alter, krumm⸗ beinigter Köter von beſonders traurigem Ausſehen, welcher, als der letzte ſeines Gefolges, in der Stube war, Halt machte, ſich auf ſeinen Hinterbeinen auf⸗ richtete und ſeine Gefährten beſchaute, worauf dieſe ſich alsbald gleichfalls in einer ernſten und melan⸗ choliſchen Reihe auf die Hinterbeine ſtellten. Dieß war jedoch nicht die einzige Merkwürdigkeit an dieſen Hunden, denn jeder trug ein Fräckchen von irgend einer grellen Farbe, das mit ſchmutzigen Flittern verziert war, und einer derſelben hatte eine Mütze auf dem Kopf, welche ſehr ſorgfältig unter dem Kinn zuſammengebunden, zur Zeit aber gegen ſeine Naſe heruntergefallen war und eines ſeiner Augen voll⸗ ſtändig verdunkelte; fügt man noch bei, daß die hellen Röcke durch und durch naß und durch den Regen entfärbt waren, während ihre Träger ganz von Schmutz überzogen ſchienen, ſo kann man ſich viel⸗ leicht einen kleinen Begriff von dem ungewöhnlichen Auftreten der neuen Gäſte in den luſtigen Sandbuben machen. Aber weder Short, noch der Wirth, noch Tho⸗ mas Codlin waren auch nur im Mindeſten über⸗ raſcht, denn ſie bemerkten bloß, es wären Jerry’'s Hunde, und Jerry werde wohl bald nachkommen. Die Hunde blieben in dieſer Weiſe ſtehen, geduldig blinzelnd, ſchnappend und unabläſſig nach dem kochen⸗ 14 den Topf ſehend, bis Jerry ſelbſt erſchien, worauf ſich alle mit einemmale wieder auf die Vorderbeine niederließen und auf ganz natürliche Weiſe in der Küche umherſpazierten. Man muß übrigens geſtehen, daß dieſe Haltung nicht ſonderlich zu ihrer Verſchö⸗ nerung beitrug, da ihre perſönlichen Schwänze und die ihrer Fräcke— beide in ihrer Weiſe Kapital⸗ dinger— nicht recht zuſammenpaſſen wollten. Jerry, der Beſitzer dieſer tanzenden Hunde, war ein hoher Mann mit ſchwarzem Backenbart und einem Sammtrock; er ſchien mit dem Wirthe und ſeinen Gäſten ſehr gut bekannt zu ſeyn, und begrüßte ſie mit großer Herzlichkeit. Dann entledigte er ſich einer Drehorgel, welche er auf einen Stuhl ſtellte, ohne jedoch eine kleine Peitſche aus der Hand zu legen, womit er ſeine Comödiantenbande im Reſpect erhielt, trat ſofort an's Feuer um ſich zu trocknen, und miſchte ſich in die Unterhaltung. „Eure Leute reiſen wohl gewöhnlich nicht im Coſtüme, oder?“ fragte Short, indem er auf den Anzug der Hunde deutete.„Wenigſtens wäre es eine koſtſpielige Methode.“ „Nein,“ verſetzte Jerry,„das iſt nicht üblich bei uns. Aber wir haben heute ein wenig unterwegs geſpielt, und beim Pferderennen treten wir in einer neuen Garderobe auf, weßhalb ich es nicht der Mühe werth hielt, wegen des Auskleidens Halt zu machen. Leg dich, Pedro!“ Dieß galt dem Hunde mit der Mütze, der, als 15 ein neues Mitglied der Geſellſchaft, noch nicht ganz in ſeine Obliegenheiten eingeweiht war, ſondern das unverdunkelte Auge ängſtlich auf ſeinen Gebieter heftete und ſich alle Augenblicke, ohne daß ein Grund dazu vorhanden war, auf die Hinterfüße ſetzte, um gleich wieder auf die vorderen niederzufallen. „Ich habe hier ein Thier,“ ſagte Jerry, indem er ſeine Hand in die geräumige Rocktaſche ſteckte und in eine Ecke hinunterlangte, als ſuche er eine kleine Orange, einen Apfel oder ſonſt einen derartigen Artikel,„ein Thier, von dem Ihr, glaube ich, auch Einiges zu erzählen wißt, Short?“ „Wirklich?“ rief Short.„So laßt einmal ſehen.“ „Hier iſt es,“ entgegnete Jerry, indem er ein Dachshündchen aus der Taſche hervorzog.„Der ſpielte einmal Euern Toby— oder nicht.“ In einigen Verſtonen des großen Polichinell⸗ Drama's kömmt— als moderne Neuerung— ein kleiner Hund vor, welcher das Privateigenthum jenes Helden iſt, und immer Toby heißt. Dieſer Toby iſt in ſeiner Jugend einem andern Herrn geſtohlen und betrüglicherweiſe an den vertrauensvollen Hanswurſt verkauft worden, der, weil in ihm ſelber kein Arges iſt, nicht entfernt ahnet, daß ſich etwas der Art bei Andern finden könnte; aber Toby, der ſich noch ſtets dankbar ſeines alten Meiſters erinnert und es ver⸗ ſchmäht, irgend einem neuen Beſchützer anzuhängen, weigert ſich nicht nur, auf Meiſter Polichinells Ge⸗ 16 heiß eine Pfeife zu rauchen, ſondern faßt denſelben, um ſeine alte Treue noch kräftiger an den Tag zu legen, bei der Naſe und ſchüttelt ihm dieſelbe mit großem Ungeſtüm, über welchen Beweis von Hunde⸗ anhänglichkeit die Zuſchauer tief gerührt werden. Dieß war die Rolle, in welcher der fragliche kleine Dachs vordem aufgetreten war, und wenn darüber noch ein Zweifel hätte obwalten können, ſo wäre derſelbe bald durch das Betragen des Thiers beſeitigt worden: denn er legte bei Shorts Anblick nicht nur die deutlichſten Zeichen einer Wiedererkennung an den Tag, ſondern bellte auch, ſobald er der flachen Schachtel gewahrte, ſo wüthend auf die Pappendeckel⸗ naſe, die er innen wußte, los, daß ſich ſein Herr genöthigt ſah, ihn zu packen und zur großen Be⸗ ruhigung der ganzen Geſellſchaft, wieder in die Taſche zu ſtecken. Der Wirth beſchäftigte ſich nun mit dem Decken des Tiſches, wobei ihm Herr Codlin dienſtfertig Handreichung that, indem er ſein Meſſer und ſeine Gabel an den beſten Platz legte und ſich hinter dem⸗ ſelben aufpflanzte. Als Alles bereit war, nahm der Wirth den Deckel zum Letztenmal ab, und jetzt ſtrömte in der That ein ſo köſtlicher Vorſchmack des Nacht⸗ eſſens aus, daß der Gaſtgeber ſicherlich an ſeinem eigenen Herde geopfert worden wäre, wenn er Miene gemacht hätte, den Deckel wieder aufzuſetzen oder die Mahlzeit noch länger zu verzögern. Etwas der Art fiel ihm jedoch nicht entfernt bei, 17 denn er half im Gegentheil einem rüſtigen Dienſt⸗ mädchen den Inhalt des Keſſels in eine große Schüſſel gießen— ein Verfahren, welches die Hunde, abge⸗ härtet gegen unterſchiedliche heiße Tropfen, die auf ihre Naſen ſpritzten, mit fürchterlicher Gier beobach⸗ teten. Endlich wurde die Schüſſel auf den Tiſch ge⸗ hoben, und da die Bierkrüge bereits zuvor aufgeſtellt waren, ſo wagte es die keine Nell, ein Gebet zu ſpre⸗ chen, und das Nachteſſen begann. Als es ſo weit gekommen war, ſtanden die armen Hunde, zum Ueberraſchen geſchickt, auf ihren Hinterbeinen. Das Kind, welches Mitleid mit den Thieren hatte, wollte ihnen einige Biſſen zuwerfen, ehe ſie noch, ſo hungrig ſie auch war, ſelbſt etwas gekoſtet hatte, aber der Herr legte ſich in's Mittel. „Nicht doch, meine Liebe, nicht doch; kein Atom von einer andern Hand als von der meinigen, wenn ich bitten darf. Dieſer Hund,“ ſagte Jerry mit einer ſchrecklichen Stimme, indem er mit der Hand auf den alten Führer der Bande deutete,„hat heute einen halben Penny verloren. Er kriegt kein Nacht⸗ eſſen.“ Das unglückliche Geſchöpf warf ſich ſogleich auf ſeine Vorderfüße nieder, wedelte mit dem Schwanze und ſah flehend zu ſeinem Gebieter auf. „Du mußſt beſſer Acht geben, Bürſchlein,“ ſagte Jerry, kaltblütig nach dem Stuhle gehend, wo er die Drehorgel hingeſtellt hatte, und den Handgriff ein⸗ ſetzend.„Komm her. Jetzt, Bürſchlein, ſpielſt du Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 2 18 uns während des Eſſens auf und unterſtehſt dich nicht, aufzuhören.“ Der Hund begann unmittelbar eine höchſt kläg⸗ liche Muſik abzuwalzen. Sein Herr nahm, nachdem er die Peitſche genommen hatte, ſeinen Sitz wieder ein, und rief den andern, die auf ſeinen Befehl eine Reihe bildeten und aufrecht, wie ein Glied Soldaten, daſtanden. „Nun meine Herren,“ ſagte Jerry, mit einem ſcharfen Blick auf die Thiere.„Der Hund, deſſen Name aufgernfen wird, darf freſſen. Die Hunde, deren Namen ich nicht rufe, verhalten ſich ruhig. Carlo!“ Das glückliche Individuum, deſſen Name gerufen worden war, ſchnappte den ihm zugeworfenen Biſſen auf, aber Keiner der andern rührte auch nur eine Muskel. In dieſer Weiſe wurden ſie gefüttert, ganz wie es ihr Herr für paſſend erachtete. Inzwiſchen walzte der in Ungnade gefallene Hund aus Leibeskräften an der Orgel, bisweilen in raſchem, bisweilen in lang⸗ ſamerem Tempo, aber nie auch nur für einen Augen⸗ blick ablaſſend. Wenn mit den Meſſern und Gabeln ſtark geraſſelt wurde, oder einer ſeiner Kameraden ein ungewöhnlich großes Stück Speck erhielt, begleitete er die Muſik mit einem kurzen Geheul, hielt aber augenblicklich wieder inne, ſobald ſein Herr nach ihm umſah, und machte ſich mit erhöhter Emſigkeit zum hundertſtenmal an das alte Geleier. 19 Der NRaritätenladen. Neunzehntes Kapitel. Das Nachteſſen war noch nicht vorüber, als in den luſtigen Sandbuben noch zwei weitere Rei⸗ ſende anlangten, welche nach demſelben Hafen ſteuerten, wie die Uebrigen, und nach einem Marſch von etlichen Stunden im Regen ganz glänzend und triefend herein kamen. Der Eine davon war der Eigenthümer eines Rieſen und einer kleinen Dame ohne Arme und Beine, die in einem Korbwägelchen weiter geſchafft worden war; der Andere, ein ſchweig⸗ ſamer Herr, der ſich durch Kartenkünſte ſeinen Un⸗ terhalt gewann und den natürlichen Ausdruck ſeines Geſichtes dadurch etwas derangirt hatte, daß er kleine bleierne Vierecke in ſeine Augen ſteckte und durch den Mund wieder zum Vorſchein brachte, was gleichfalls zu den Fertigkeiten ſeines Gewerbes gehörte. Der erſte dieſer neuen Ankömmlinge hieß Vuffin; den andern nannte man, wahrſcheinlich als luſtige Satyre auf ſeine Häßlichkeit, Sweet William.* Der Wirth ſputete ſich nach Kräften, um für ihre * Der ſüße Wilhelm. 2* Bequemlichkeit zu ſorgen, und in kurzer Zeit hatten’s die beiden Herren vollkommen behaglich. „Was macht der Rieſe?“ fragte Short, als ſie alle rauchend um das Feuer ſaßen. „Er iſt etwas ſchwach auf den Beinen,“ verſetzte Herr Vuffin.„Ich fürchte, er fängt an, mit den Knien einzuknicken.“ „Das iſt eine ſchlimme Ausſicht,“ ſagte Short. „Ach! Freilich ſchlimm,“ entgegnete Vuffin, mit einem Seufzer das Feuer betrachtend.„Wenn ein Rieſe nicht mehr feſt auf ſeinen Beinen ſteht, ſo kümmert ſich das Publikum nicht mehr um ihn, als um einen faulen Kohlſtrunk.“ 3„Und was wird dann aus den alten Rieſen?“ fragte Short, nach kurzem Nachſinnen die Rede wieder aufnehmend. „Sie kommen dann gewöhnlich zu ganzen Cara⸗ vanen, wo ſie die Zwerge bedienen müſſen,“ erwie⸗ derte Herr Vuffin. „Ihr Unterhalt muß etwas hoch zu ſtehen kommen, wenn man ſie nicht mehr zeigen kann, he?“ bemerkte Short, den andern bedenklich anſehend. „Jedenfalls iſt's doch beſſer ſo, als wenn man ſie dem Kirchſpiel zuwieſe oder auf den Straßen umherlaufen ließe,“ ſagte Herr Vuffin.„Wird ein Rieſe einmal gewöhnlich, ſo iſt mit Rieſen nichts mehr zu machen. Betrachten wir einmal die höl⸗ zernen Beine. Wenn es nur einen einzigen Stelzfuß gäbe, ſo müßte er ein wahrer Schatz ſeyn.“ in 21 „Allerdings,“ bemerkte der Wirth und Short zumal,„das iſt ſehr wahr.“ „Wollte man aber,“ fuhr Herr Vuffin fort, „wollte man aber ein Stück von Shakeſpeare von lauter Stelzbeinen ſpielen laſſen, ſo würde es, glaube ich, keine ſechs Pence eintragen.“ „Das glaube ich ſelber auch,“ entgegnete Short, welchem der Wirth beipflichtete. „Ihr ſeht alſo daraus deutlich,“ ſprach Herr Vuffin, in argumentirender Weiſe ſeine Pfeife ſchwingend,„daß es politiſch iſt, die verbrauchten Rieſen bei den Caravanen zu erhalten, wo ſie ihr Leben lang Koſt und Wohnung umſonſt haben und im Allgemeinen ſehr froh ſind, da bleiben zu dürfen. Es war einmal ein Rieſe— ein ſchwarzer— wel⸗ cher vor etlichen Jahren ſeine Caravane verließ und Kutſchenanſchlagszettel in London umhertrug, wo⸗ durch er natürlich ſo gewöhnlich wurde, wie ein Straßenkehrer. Er ſtarb. Ich will keine Anſpie⸗ lung auf irgend Jemand in's Beſondere machen,“ ſagte Herr Vuffin, feierlich umherblickend,„aber er hat das Gewerbe verdorben;— und er ſtarb.“ Der Wirth athmete tief auf und ſah auf den Eigenthümer der Hunde, welcher mit dem Kopfe nickte und verdrießlich ſagte, er erinnere ſich des Falles. „Das will ich doch meinen, Jerry,“ entgegnete Herr Vufſin bedeutungsvoll.„Ich weiß, daß Ihr Euch daran erinnert, Jerry, und die allgemeine Anſicht war, daß ihm Recht geſchehen iſt. Nun, ich entſinne mich noch der Zeit, wo der alte Maun⸗ ders drei und zwanzig Korbwägelchen hatte— ich weiß noch gut, wie der alte Maunders in ſeiner Hütte auf den Spät⸗Feldern zur Winterszeit, wenn die Saiſon vorüber war, jeden Tag acht männliche und weibliche Zwerge am Tiſche ſitzen hatte, welche von acht alten Rieſen in grünen Röcken, rothen, kurzen Hoſen, blauen Baumwollenſtrümpfen und hohen Schuhen bedient wurden: und da war ein Zwerg darunter, dem mit dem Alter auch die Bosheit angeflogen war, und wenn ihm ſein Rieſe nicht ſchnell genug aufwartete, ſo pflegte er ihm Steck⸗ nadeln in die Beine zu ſtecken, weil er nicht höher hinauf reichen konnte. Das iſt Thatſache, denn Maunders hat's mir ſelbſt erzählt.“ „Was fängt man mit den Zwergen an, wenn ſie alt werden?“ fragte der Wirth. „Je älter ein Zwerg iſt, deſto mehr ſteigt er im Werthe,“ verſetzte Herr Vuffin.„Ein graukopfiger Zwerg mit recht vielen Runzeln iſt über allen Ver⸗ dacht erhaben. Aber ein Rieſe, der ſchwach auf den Beinen iſt und nicht aufrecht ſtehen kann?— zu einer Caravane mit ihm, aber ihn ja nie ge⸗ zeigt, ihn ja nie gezeigt, mag man Einem auch noch ſo viel dafür anbieten!“ Während Herr Vuffin und ſeine zwei Freunde ihre Pfeifen rauchten und ſich die Zeit durch der⸗ artige Geſpräche kürzten, ſaß der ſchweigſame Gentle⸗ 23 man in einer warmen Ecke und verſchluckte, oder ſchien, der Uebung halber, ein Dutzend Halbpence zu verſchlucken, balancirte eine Feder auf ſeiner Naſe und probirte andere derartige Kunſtſtücke, ohne auf die Geſellſchaft die mindeſte Rückſicht zu nehmen, welche ihrerſeits ihn gleichfalls völlig unbeachtet ließ. Endlich vermochte das müde Kind ſeinen Großvater, ſich zu entfernen, und ſie verließen die Geſellſchaft, welche noch immer um das Feuer ſaß, während die Hunde, in beſcheidener Entfernung, feſt ſchliefen. Nachdem Nell dem alten Manne gute Nacht geſagt hatte, begab ſie ſich in ihr armſeliges Dach⸗ kämmerchen; ſie hatte jedoch kaum die Thüre ge⸗ ſchloſſen, als ganz leiſe an dieſelbe gepocht wurde. Sie öffnete ſogleich wieder und war ein wenig er⸗ ſtaunt, als ſie des Herrn Thomas Codlin anſichtig wurde, den ſie unten, allem Anſchein nach, in feſtem Schlafe verlaſſen hatte. „Was gibt es denn?“ fragte das Kind. „Nichts Beſonderes, meine Liebe,“ verſetzte Herr Codlin.„Ich bin euer Freund. Vielleicht habt Ihr euch das nicht ſo gedacht, aber ich bin euer Freund— nicht er.“ „Wen meint Ihr mit dieſem Er?“ fragte das Kind. „Short, meine Liebe. Ich will dir was ſagen,“ fuhr Codlin fort;„er hat zwar eine Manier an ſich, die vielleicht geeignet iſt, Euch zu gefallen; dem ungeachtet bin aber doch nur ich der eigentliche fragte das Kind unſchuldig. 24 offenherzige Mann. Mein Aeußeres ſieht vielleicht nicht darnach aus, aber du darfſt dich darauf ver⸗ laſſen, daß ich es bin.“ Das Kind begann unruhig zu werden, denn ſie glaubte, das Bier habe an Herrn Codlin ſeine Wirkung gethan, und die Folge davon ſey ſeine gegenwärtige Selbſtanpreiſung. „Short iſt kein übler Mann und ſcheint es gut zu meinen,“ nahm der Miſanthrop wieder auf;„aber er übermacht es. Das iſt nun freilich nicht meine Sache.“ Freilich, wenn in Herrn Codlin's gewöhnlichem Benehmen ein Fehler war, ſo beſtand dieſer gewiß nicht in einer übertriebenen Freundlichkeit gegen ſeine Umgebung, da er es im Gegentheil liebte, gar nichts dergleichen an ſich merken zu laſſen. Das Kind war übrigens verblüfft, und wußte nicht, was es ſagen ſollte. 3 „Laßt euch rathen,“ fuhr Codlin fort;„fragt mich nicht, warum, aber laßt euch rathen. So lange ihr mit uns reist, ſo haltet euch ſo nahe als möglich an mich. Laßt's euch nicht einfallen, uns zu verlaſſen— um keinen Preis— ſondern haltet euch immer an mich und ſagt, daß ich euer Freund bin. Willſt du dir das merken, meine Liebe, und willſt du immer ſagen, daß ich es geweſen ſey, der euch freundlich berieth?“ „Aber wo— und wann ſoll ich ſo ſagen?“ eicht ver⸗ denn eine eine gut ber eine dem viß gen gar das das agt So als ns tet nd nd er 2„ 25 „Oh, nicht an irgend einem beſondern Ort,“ verſetzte Codlin, der durch dieſe Frage etwas außer Faſſung gebracht zu ſeyn ſchien;„es iſt mir nur viel daran gelegen, daß ihr ſo von mir denkt und mir Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laßt. Ihr könnt gar nicht glauben, was ich für ein Intereſſe an euch nehme. Warum erzählteſt du mir nicht eure kleine Ge⸗ ſchichte— ich meine die deinige und die des alten Herrn? Ich kann euch beſſer rathen, als irgend Jemand, und intereſſire mich ſo ſehr für euch— oh, viel mehr als Short. Ich glaube gar, ſie brechen jetzt unten auf; du brauchſt natürlich Short nichts von dem zu ſagen, was wir da mit einander geplaudert haben. Gott behüte dich! Vergiß nicht, daß Codlin, nicht Short, der Freund iſt. Short iſt zwar, ſo weit er geht, nicht übel, aber der eigentliche, wahre Freund iſt Codlin, nicht Short.“ Nachdem Thomas Codlin dieſe Verſicherungen noch mit einer Anzahl wohlwollender und beſchützender Blicke ausgeſtattet und dabei in ſeinem Benehmen eine große Wärme an den Tag gelegt hatte, ſtahl er ſich auf den Zehenſpitzen fort und ließ das Kind in einem Zuſtande der äußerſten Ueberraſchung zurück. Sie dachte noch immer über dieſes ſonder⸗ bare Benehmen nach, als die gebrechlichen Treppen unter den Fußtritten der anderen Wanderer erknarr⸗ ten, welche ſich zu Bette begaben. Kaum war dieß vorüber und der Schall der Tritte verklungen, als 26 einer der nächtlichen Gäſte wieder umkehrte und nach einigem Zögern und Raſcheln auf der Flur, als wiſſe er nicht recht, an welcher Thüre er klopfen ſolle, an Nell's Thüre pochte. „Nun?“ fragte das Kind von innen. „Ich bin es— Short“— rief eine Stimme durch das Schlüſſelloch.„Ich wollte nur ſagen, daß wir morgen mit dem Früheſten fort ſeyn müſſen, meine Liebe, denn wenn wir den Hunden und dem Hexenmeiſter keinen Vorſprung abgewinnen, ſo wer⸗ den die Dörfer keinen Penny werth ſeyn. Ihr ſeyd gewiß auch zeitig auf den Beinen und geht mit uns? Ich will euch rufen.“ Das Kind gab eine bejahende Antwort und er⸗ wiederte eine„gute Nacht,“ worauf ſie ihn hinweg⸗ ſchleichen hörte. Sie fühlte über die Beſorgtheit dieſer Leute einige Unruhe, die noch durch den Um⸗ ſtand erhöht wurde, daß Nell ſich ihres Fluſterns in der Küche und der leichten Verwirrung erinnerte, welches ſie bei ihrem Erwachen an den Tag gelegt hatten; auch war ſie nicht ganz frei von dem Ver⸗ dachte, daß ſie hier gerade nicht auf die paſſendſte Reiſegeſellſchaft geſtoßen wären. Dieſe Unruhe kam jedoch ihrer Muͤdigkeit gegenüber nicht in Betracht, und ſie vergaß derſelben bald in ihrem Schlummer. Short erfüllte mit dem früheſten Morgen ſein Verſprechen, klopfte leiſe an die Thüre des Mäd⸗ chens und bat ſie, gleich aufzuſtehen, da der Hunde⸗ eigenthümer noch ſchnarche; wenn ſie keine Zeit ver⸗ nach als opfen mme agen, iſſen, dem wer⸗ ſeyd ins? 27 lören, ſo könnten ſie ſowohl dieſem, als dem Heren⸗ meiſter, der eben jetzt im Schlafe rede und nach dem, was man hören könne, in ſeinen Träumen einen Eſel balancire, einen hübſchen Vorſprung ab⸗ gewinnen. Sie ſprang ohne Zögerung aus ihrem Bette und weckte den alten Mann mit ſolcher Eile, daß ſie eben ſo bald, als Short ſelbſt, reiſefertig waren— zur unausſprechlichen Zufriedenheit und Beruhigung dieſes letzteren Herrn. Nach einem ſehr unregelmäßigen und übereilten Frühſtück, deſſen Stapelwaaren aus Speck, Brod und Bier beſtanden, verabſchiedeten ſie ſich von dem Wirthe und verließen die Thüre der luſtigen Sand⸗ buben. Der Morgen war ſchön und warm, der Boden nach dem letzten Regen für die Füße abge⸗ kühlt, die Hecken prunkten in einem heiterern Grün, die Luft war klar, und alles ſtrotzte von Friſche und Geſundheit. Unter ſo belebenden Einflüſſen ging es vergnüglich genug vorwärts. Sie waren noch nicht ſehr weit gekommen, als das Kind abermals durch das veränderte Benehmen des Herrn Thomas Codlin beunruhigt wurde, der, ſtatt wie früher, verdrießlich ſich weiter zu ſchleppen, fortwährend in ihrer unmittelbaren Nähe blieb und ihr, ſo oft er ſie anſehen konnte, ohne daß es ſein Gefährte bemerkte, durch gewiſſe Geſichtsverzerrungen und Rucke mit dem Kopfe zu verſtehen gab, dem Short nicht zu trauen, ſondern alles Vertrauen für Codlin aufzubewahren. Er ließ es jedoch nicht bloß 28 bei Blicken und Geberden bewenden, denn wenn ſie und ihr Großvater an der Seite des vorgenannten Short's gingen und dieſer kleine Mann mit ſeiner gewohnten Lebhaftigkeit über verſchiedene gleichgültige Gegenſtände ſprach, ſo legte Thomas Codlin ſeine Eiferſucht und ſeinen Argwohn dadurch an den Tag, daß er ihr auf den Ferſen folgte und hin und wieder ihren Knöcheln mit den Beinen des Polichinellkaſtens eine plötzliche und ſchmerzliche Ermahnung gab. Ein ſolches Benehmen machte natürlich das Kind noch aufmerkſamer und argwöhniſcher, und ſie bemerkte bald, daß Herr Codlin, ſo oft vor einem Dorfwirthshauſe oder an einem andern Platze Halt gemacht wurde, um eine Vorſtellung zu geben, im Laufe ſeiner Verrichtungen kein Auge von ihr und dem alten Manne verwandte, oder mit dem Anſcheine großer Freundſchaft und Rückſicht den Letzteren ein⸗ lud, ſich auf ſeinen Arm zu lehnen, wobei er ihn nicht wieder los ließ, bis das Spiel vorüber war und die Reiſe auf's Neue anging. Selbſt Short ſchien ſich in dieſer Hinſicht zu verändern und ſeiner Gutmüthigkeit etwas von dem Wunſche beizumiſchen, ſie in ſicherem Gewahrſam zu halten. Dieß erhöhte den Argwohn der Kleinen und machte ſie noch ängſtlicher und unruhiger. Mittlerweile näherten ſie ſich der Stadt, wo am nächſten Tage das Pferderennen beginnen ſollte, immer mehr und mehr. Sie kamen an zahlloſen Gruppen von Zigeunern und anderen Wanderern vorbei, welche aus einb wah ihre Pfe! ſich auf dem Stre ware ſand Rau ten Stre oder Spi ſigen zu d und Leint und hüllte Wolk hinter reicht in der als 2 von 9 un ſie nnten ſeiner ültige ſeine Tag, dieder ſtens das d ſie inem Halt im und eine ein⸗ iicht die in keit rem ohn und aus jedem Kreuz⸗ und Nebenwege in die Landſtraße einbogen, und verſenkten ſich allmälig in einen wahren Volksſtrom, in welchem Einige an der Seite ihrer bedeckten Karren einher gingen, Andere auf Pferden oder Eſeln ritten oder ſolche Thiere vor ſich hertrieben, und wieder Andere mit ſchweren Laſten auf den Rücken ſich weiter ſchleppten— Alle aber dem gleichen Ziele zu. Die Wirthshäuſer an der Straße, welche früher ſo leer und ſtille geweſen waren, als die in entfernteren Landestheilen, ent⸗ ſandten nun ein lärmendes Gejubel und Maſſen von Rauchwolken, und aus den neblichten Fenſtern ſchau⸗ ten Haufen von breiten, rothen Geſichtern auf die Straße hinunter. Auf jedem Stückchen einer Haide oder eines Gemeindegrunds trieb irgend ein kleiner Spieler ſein lärmendes Gewerbe und ſchrie die müſ⸗ ſigen Vorübergehenden an, zu halten und ihr Glück zu verſuchen; das Gedränge wurde immer dichter und geräuſchvoller; vergoldete Pfefferkuchen ſetzten in Leinwandzelten ihre Herrlichkeit dem Staube aus; und oft jagte eine vierſpännige Equipage vorüber, hüllte alle Wanderer in die von ihr aufgewühlte Wolke und ließ ſie, betäubt und geblendet, weit hinter ſich. Es dunkelte bereits, ehe ſie die Stadt er⸗ reichten, und die letzten paar Meilen waren ihnen in der That ſehr lang geworden. Man ſah nichts als Tumult und Verwirrung; die Straßen waren von Menſchenmaſſen erfüllt— darunter viele Fremde, wie aus den Blicken, die ſie um ſich warfen, zu erhellen ſchien,— die Kirchthurmglocken ließen ihr lärmendes Geläute ertönen, und Flaggen wehten von den Fenſtern und Hausgiebeln. In den Höfen großer Gaſthäuſer flogen Kellner, gegenſeitig an einander anprallend, hin und her, Pferdehufe klapperten auf dem unebenen Pflaſter, Kutſchentritte ſielen raſſelnd nieder, und krankmachende Düfte aus den vielen Kuchen betäubten mit ihrem ſchweren, lauwarmen Athem die Sinne. In den kleineren Wirthshäuſern quieckten die Fiedeln mit aller Macht zu dem Takte ſtolpernder Füße; be⸗ trunkene Männer, den Refrain ihres Liedes ver⸗ geſſend, vereinigten ſich zu einem ſinnloſen Geheul, welches das Klingeln der ſchwachen Glocke ertränkte und ſie zu einer wahren Wuth nach dem Brannt⸗ wein entflammte; vagabundirende Gruppen verſam⸗ melten ſich um die Thüren, um die herumziehende Tänzerin ihre Sprünge machen zu ſehen und ihr eigenes Geſchrei mit den Tönen der ſchrillen Stock⸗ pfeife und der betäubenden Trommel zu vereinigen. Ueber dieſen Schauplatz des Wahnſinnes führte das Kind, erſchreckt und zurückgeſtoßen durch alles, was ſie ſah, den verwirrten, alten Mann, indem ſte ſich feſt an ihren Führer anklammerte, zitternd vor Angſt, ſie könnte in dem Gedränge von ihm getrennt werden und ihren Weg allein ſuchen müſſen. Sie beſchleunigten ihre Schritte, um dem Getöſe und dem wüſten Treiben zu entkommen, und langten zu ihr hten ner, her, ſter, ende rem den mit be⸗ ver⸗ eul, inkte unt⸗ am⸗ ende ihr tock⸗ en. hrte lles, dem ernd ihm ſſen. töſe gten 31 endlich in der Stadt an, von wo aus ſie ſich nach der Rennbahn begaben. Dieſe beſtand aus einer offenen Haide, welche eine volle Meile hinter der Stadt auf einer Anhöhe lag. Auch hier waren viele Leute, und zwar nicht von der begünſtigtſten oder beſt bekleideten Sorte, welche geſchäftig Zelte ausſpannten, Pfähle in den Grund ſchlugen, mit ſtaubigen Füßen hin und her eilten und manchen Fluch vor ſich hin murmelten— müde Kinder krabbelten auf Strohhaufen zwiſchen Karrenrädern und weinten ſich in den Schlaf— magere, müde Pferde und Eſel, kaum erſt von ihrer Laſt befreit, grasten unter den Männern und Weibern, den Töpfen und Keſſeln, den halb ange⸗ zündeten Feuern und den Kerzenſtümpchen, die in der Luft verflackerten— doch cfür all dieß hatte das Kind kein Auge, denn es empfand blos das glück⸗ liche Gefühl, der Stadt entkommen zu ſeyn, und athmete wieder freier. Nach einem ſpärlichen Abend⸗ eſſen, deſſen Koſten ihren kleinen Vorrath ſo weit herunter gebracht hatten, daß ſie nur noch ein paar Halbpence beſaß, womit ſie am andern Morgen ein Frühſtück kaufen konnte, legte ſie ſich neben dem alten Mann in einer Zeltecke zur Ruhe und ſchlief ein, trotz der geſchäftigen Vorbereitungen, welche die ganze Nacht durch rund um ſie getroffen wurden. Und nun war die Zeit gekommen, wo ſie ihr Brod betteln mußte. Bald nach Sonnenaufgang ſtahl ſie ſich aus dem Zelte, ſtreifte auf den nahen Feldern umher und pflückte einige wilde Roſen und andere beſcheidene Blumen, die ſie in kleine Sträuße zu binden und den Damen anzubieten gedachte, wenn ſie in ihren Caroſſen angefahren kämen. Ihre Ge⸗ danken waren während dieſer Beſchäftigung nicht laß. Als ſie zurückkam und ſich in einer Ecke des Zeltes an der Seite des alten Mannes niederſetzte, um, während die zwei Männer in einer andern Ecke ſchla⸗ fend lagen, ihre Blumen zu binden, zupfte ſie ihn am Aermel, blickte leicht nach den Schläfern hin und ſagte mit leiſer Stimme: „Großvater, ſehen Sie nicht auf die Leute, von welchen ich ſpreche, und laſſen Sie ſich's nicht an⸗ merken, daß ich von etwas Anderem als von meiner Beſchäftigung rede. Was haben Sie mir geſagt, ehe wir das alte Haus verließen? Sagten Sie nicht, man würde Sie für wahnſinnig erklären und uns trennen, wenn man wüßte, was wir im Schilde führten?“ Der alte Mann wandte ſich mit der Geberde wirren Entſetzens an ſie; Nell beſchwichtigte ihn je⸗ doch durch einen Blick und bat ihn, einige Blumen zu halten, während ſie dieſelben zuſammen bände; dann brachte ſie ihre Lippen ſeinem Ohr näher und ſagte: „Ich erinnere mich noch wohl dieſer Worte. Sie brauchen nicht zu ſprechen, lieber Großvater.— Ich entſinne mich derſelben noch ganz gut, und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ich Sie je vergeſſen werde, Groß⸗ ind uße enn He⸗ aß. tes im, la⸗ ihn und von an⸗ ner agt, Sie und ilde erde je⸗ men nde; und Sie Ich nicht voß⸗ 33 vater. Dieſe Männer beargwöhnen uns, als hätten wir heimlich unſere Freunde verlaſſen, und hegen die Abſicht, uns vor irgend einen Herrn zu führen, der uns in Gewahrſam nehmen laſſen und uns zurück⸗ ſenden ſoll. Wenn Ihre Hand ſo zittert, ſo können wir ihrer nie los werden; aber wenn Sie nur jetzt ruhig bleiben, ſo wird ſich's leicht ausführen laſſen.“ „Aber wie?“ murmelte der alte Mann.„Liebe Nelly, wie? Sie werden mich in einen ſteinernen Kerker ſperren— dunkel und kalt, und mich mit Ketten an die Mauer ſchließen, Nell— mich mit Peitſchen geißeln, und dich nie wieder vor mich laſſen!“ „Sie zittern ſchon wieder,“ ſagte das Kind. „Halten Sie ſich nur den ganzen Tag über dicht an mich. Kehren Sie ſich nicht an dieſe Männer; ſehen Sie nicht auf ſie, ſondern nur auf mich. Ich werde Gelegenheit finden, mich wegzuſtehlen; und wann ich dieß thue, ſo vergeſſen Sie nicht, mir zu folgen, ohne ſich im mindeſten aufzuhalten, oder auch nur ein Wort zu ſprechen. Bſt! Genug für jetzt.“ „Holla! Was— du biſt ſchon auf, meine Liebe?“ begann Herr Codlin, indem er gähnend den Kopf in die Höhe richtete. Als er dann bemerkte, daß ſein Gefährte noch ſchlief, fügte er in ernſtem Flüſtern bei:„vergiß nicht, Codlin iſt der Freund— nicht Short.“ „Ich binde einige Sträuße,“ verſetzte das Kind, „und will ſehen, ob ich ſie nicht während der drei Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 3 Tage des Pferderennens verkaufen kann. Wollt Ihr nicht auch einen? Als Geſchenk meine ich.“ Herr Codlin wollte aufſtehen, um den Strauß in Empfang zu nehmen, aber das Kind eilte auf ihn zu und gab ihm denſelben in die Hand. Er ſteckte ihn mit einer Miene, die für einen Miſanthropen recht wohl⸗ gefällig war, in ein Knopfloch, ſchielte triumphirend auf den nichtsahnenden Short hin, und murmelte als er ſich wieder niederlegte: „Tom Codlin iſt der Freund, bei Gott!“ Mit dem Anbruch des Morgens gewannen die Zelte eine heiterere und glänzendere Außenſeite, und lange Reihen von Wagen rollten ſanft über den Raſen. Menſehen, welche die ganze Nacht durch in Kitteln und Ledergamaſchen umher gelungert hatten, kamen in ſeidenen Weſten und Federhüten als Gauk⸗ ler oder Quackſerlber zum Vorſchein, verſahen in prächtigen Livreen das Geſchäft der höflichen Die⸗ ner in den Spielbuden, oder traten in der Tracht ſtämmiger, wohlhabender Bauern auf, um Andere in die Hände falſcher Spieler zu liefern. Schwarz⸗ augige Zigeunermädchen mit bunten Tüchern um den Kopf eilten umher, um wahrzuſagen, und blaſſe, ausgemergelte Weiber mit ſchwindſüchtigen Geſichtern folgten den Bauchrednern und Taſchenſpielern auf dem Fuße, mit gierigen Augen die ſechs Pence zäh⸗ lend, noch ehe ſie verdeient waren. Kinder, ſo viel man deren in den Schra nken halten konnte, packte man ſammt allen ihren Merkmalen von Unreinlich⸗ —,——-—-D—]] ͤ dA 8 Ihr trauß f ihn e ihn vohl⸗ irend melte keit und Armuth unter die Eſel, Karren und Pferde; und diejenigen, welche man nicht in dieſer Weiſe unterbringen konnte, eilten aller Orten umher, kro⸗ chen den Leuten zwiſchen die Beine, zwiſchen den Wagenrädern durch und kamen unbeſchädigt zwiſchen den Hufen der Roſſe wieder zum Vorſchein. Die tanzenden Hunde, die Stelzen, die kleine Dame nebſt dem großen Manne, und alle die übrigen Lockmittel mit einer Unzahl von Drehorgeln und zahlloſen Muſi⸗ kantenbanden tauchten aus den Löchern und Winkeln auf, in denen ſie die Nacht zugebracht hatten, und ſtolzirten keck in der Sonne. Längs der von Menſchen überfüllten Rennbahn hin führte Short ſeine Geſellſchaft, wobei er aus Leibeskräften in ſeine Meſſingtrompete ſtieß und mit der Stimme des Polichinell's lärmte; ihm folgte Thomas Codlin, wie gewöhnlich mit dem Puppen⸗ kaſten auf dem Rücken, und verwandte kein Auge von Nelly und ihrem Großvater, welche den Nach⸗ trab bildeten. Das Kind trug ſein Körbchen mit Blumen an dem Arme und hielt hin und wieder mit beſcheidenen und ſchüchternen Blicken an, um ſie vor irgend einer prunkenden Caroſſe anzubieten. Aber ach! es waren viele kühnere Bettler da— Zigeu⸗ nerinnen, welche Männer verſprachen, und andere Adepten ihres Gewerbes; und obgleich einige Damen mit ſanftem Lächeln die Köpfe ſchüttelten und andere den Herrn an ihrer Seite zuriefen, ſie möchten das hübſche Geſichtchen betrachten, ſo ließen ſie doch das 3* * hübſche Geſichtchen gehen, ohne daran zu denken, daß es müde oder hungrig ausſehe. Nur eine einzige Dame ſchien das Kind zu ver⸗ ſtehen; ſie ſaß allein in einem ſchönen Wagen, und ſchien von zwei jungen Männern in eleganten Klei⸗ dern, die eben ausgeſtiegen waren und in einiger Entfernung laut plauderten und lachten, ganz ver⸗ geſſen worden zu ſeyn. In ihrer Nähe befanden ſich viele Damen, aber ſie hatten ihr den Rücken ge⸗ kehrt, ſahen in eine andere Richtung oder warfen den zwei jungen Männern freundliche Blicke nach, ohne ſich um die Einzelne zu bekümmern. Sie winkte einer Zigeunerin, welche ihr durchaus wahrſagen wollte, ſich zu entfernen, indem ſie bemerkte, man habe ihr ſchon auf einige Jahre hinein prophezeit, rief das Kind zu ſich, nahm ſeine Blumen, drückte ihm Geld in die zitternde Hand und hieß es nach Hauſe gehen und um Gotteswillen zu Hauſe bleiben. Oftmals gingen ſie dieſe langen Reihen auf und ab, und ſahen alles, nur nicht die Pferde und das Rennen. Als die Glocke das Zeichen gab, die Bahn zu räumen, kehrten ſie zurück, um zwiſchen den Kar⸗ ren und Eſeln auszuruhen, indem ſie erſt wieder zum Vorſchein kamen, als die größte Hitze vorüber war. Oftmals zeigte ſich auch Polichinell im vollen Glanze ſeines Humors; aber die ganze Zeit über haftete Thomas Codlin’'s Auge auf ihnen, ſo daß an ein unbemerktes Entkommen nicht zu denken war. End⸗ lich, ſpät am Tage, pflanzte Herr Codlin den Pup⸗ * 37 penkaſten an einem geeigneten Orte auf, und die Zuſchauer waren bald überſelig. Das Kind, welches mit dem alten Manne dicht hinter dem tragbaren Schauſpielhauſe ſaß, machte ſich eben ſeine Gedanken über die Wunderlichkeit, daß Pferde, die ſo ſchöne anſtändige Geſchöpfe wären, aus allen Leuten, die ihnen nachzögen, Vagabunden zu machen ſchienen, als ein lautes Gelächter über einen extemporirten Witz des Herrn Short, welcher auf die Umſtände des Tages Bezug hatte, ſie aus ihren Betrachtungen weckte und Anlaß gab, daß ſie umher ſchaute. Wenn ſie je unbeachtet entkommen konnten, ſo war dieß der gelegenſte Augenblick dazu. Short ließ die Pritſchen kräftig ſpielen und ſchlug in der Wuth des Kampfes ſeine Schauſpieler nach den Couliſſen der Bühne zurück; die Leute ſahen mit lachenden Ge⸗ ſichtern zu; und Herr Codlin verzog ſeine Züge zu einem gräulichen Lächeln, als ſein unſtetes Auge be⸗ merkte, wie die Hände in die Weſtentaſchen fuhren und heimlich nach Sirpenceſtücken taſteten. Wenn ſie je unbemerkt entweichen konnten, ſo war dieß der Augenblick dazu. Sie benützten ihn und flohen. Sie bahnten ſich einen Weg durch die Buden, die Wagen und das Menſchengedränge, ohne auch nur ein⸗ mal anzuhalten, um zurück zu ſehen. Die Glocke läutete und die Bahn war geräumt, als ſie eben bei den Seilen anlangten; aber ſie huſchten darüber weg, ohne ſich an das Geſchrei und den Lärm zu kehren. womit ſie wegen dieſes Einbruchs in das Heiligthum verfolgt wurden, eilten an dem Rande des Hügels weiter und kamen endlich in das freie Feld. Der Naritätenladen. Zwanzigſtes Kapitel. Tag für Tag, ſo oft Kit von einem neuen Ver⸗ ſuche, ſich eine Beſchäftigung zu verſchaffen, heim⸗ kehrte, erhob er ſeine Augen zu dem Fenſter des Stübchens, welches er Nelly ſo angelegentlich empfoh⸗ len hatte, und hoffte irgend ein Merkmal ihrer An⸗ weſenheit wahrzunehmen. Sein ſehnlicher Wunſch, in Vereinigung mit der Verſicherung, die er von Quilp erhalten hatte, erfüllte ihn mit dem Glauben, ſie werde noch kommen, um das demüthige Obdach, welches er ihr angeboten, in Anſpruch zu nehmen, und aus der todten Hoffnung des einen Tages ent⸗ ſproßte eine neue für den morgigen. „Ich glaube gewiß, daß ſie morgen kommen— was meint Ihr, Mutter?“ ſagte Kit mit einem Seuf⸗ zer, indem er ermattet ſeinen Hut niederlegte.„Sie hum gels 39 ſind ſchon eine Woche fort und können doch gewiß nicht länger als acht Tage ausbleiben— oder?“ Die Mutter ſchüttelte den Kopf und erinnerte ihn, wie oft er ſchon bereits vergeblich gehofft habe. „Was das anbelangt,“ entgegnete Kit,„ſo habt Ihr freilich Recht, und Ihr ſprecht verſtändig genug, wie es immer bei Euch der Fall iſt, Mutter. Dem⸗ ungeachtet meine ich aber, eine Woche ſey lange ge⸗ nug für ſie, um draußen herum zu ſchweifen; müßt Ihr das nicht ſelber auch ſagen?“ „Lange genug, Kit, und ſogar länger als ge⸗ nug: aber ſie kommen vielleicht deßhalb doch nicht zurück.“ Kit war einen Augenblick geneigt, ſich über die⸗ ſen Widerſpruch zu ärgern, obgleich er ſelbſt auch ſchon darauf verfallen war und die Richtigkeit deſſel⸗ ben anerkennen mußte. Es war jedoch nur eine momentane Regung, und der verdrießliche Blick wan⸗ delte ſich in einen freundlichen um, noch ehe er in der Stube auf und ab gegangen war. „Aber was kann wohl nach Eurer Meinung aus ihnen geworden ſeyn, Mutter? Ihr glaubt doch nicht, daß ſie etwa auf's Meer gegangen ſind?“ „Wenigſtens gewiß nicht, um Matroſen zu wer⸗ den,“ entgegnete die Mutter mit einem Lächeln.„Aber ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß ſie ſich in's Ausland begeben haben.“ „O Mutter, redet nicht ſo,“ rief Kit mit einer Jammermiene. 40 .„Ich fürchte, daß es ſo iſt, und daß ich das Wahre getroffen habe,“ erwiederte ſie.„Alle Nach⸗ barn ſind derſelben Meinung. Und Einige wollen ſogar wiſſen, daß man ſie an Bord eines Schiffes geſehen hat; ſie nennen ſogar den Namen des Platzes, wo ſie zur See gingen— er iſt aber ſo ſchwer auszuſprechen, daß ich ihn nicht behalten konnte, mein Lieber.“ „Ich glaub's nicht,“ ſagte Kit,—„kein Wort davon. Ein Haufe müßiger Klatſchbaſen— wie ſollten die es wiſſen können.“ „Sie ſind vielleicht auf der falſchen Fährte,“ verſetzte die Mutter;„ich kann da nichts ſagen, ob⸗ gleich ich es nicht für ganz unmöglich halte, daß ſie Recht haben. Es geht das Gerede, daß der alte Herr etwas Geld zurückgelegt hat, von dem Niemand was wußte, nicht einmal jener kleine, häßliche Mann, von dem du mir erzählteſt— wie heißt er doch? — Quilp; und daß er und Miß Nell fortgegangen ſind, um auswärts zu leben, wo man ihnen nichts nehmen kann und ſie von Niemand beunruhigt wer⸗ den. Dieß darf Einem doch nicht ſo ganz unwahr⸗ ſcheinlich vorkommen— oder?“ Kit kratzte ſich traurig am Kopfe und mußte, wohl oder übel, die Wahrſcheinlichkeit zugeben; dann kletterte er nach dem alten Nagel hinauf, nahm den Käſicht herunter und ſchickte ſich an, denſel⸗ ben zu reinigen und den Vogel zu füttern. Bei dieſer Beſchäftigung kehrten auch ſeine h das Nach⸗ vollen hjiffes des chwer mein Wort wie rte, 41 ob⸗ ß ſie alte nand ann, och? igen chts ver⸗ ahr⸗ ßte, ann hm ſel⸗ rn. ine 41 Gedanken zu dem kleinen alten Herrn zurück, der ihm den Shilling gegeben hatte, und es fiel ihm plötzlich bei, daß heute der Tag— ja ſogar jetzt faſt die Stunde ſey, zu welcher er, dem Geheiße des kleinen, alten Herrn zu Folge, ſich wieder an dem Hauſe des Notars einfinden ſollte. Er hängte den Käſicht eilig wieder an ſeinen Nagel, erklärte ſeiner Mutter haſtig den Grund ſeines Ausgangs und ſetzte ſich in vollem Galopp nach dem beſtimmten Orte in Bewegung. Es waren ein paar Minuten über die Zeit, als er die von ſeiner Wohnung ziemlich entlegene Stelle erreichte, aber zum guten Glück war der kleine, alte Herr noch nicht angekommen; wenigſtens war die einſpännige Chaiſe nicht zu ſehen, und eben ſo wenig ließ ſich denken, daß er in einer ſo kurzen Zeit an⸗ gelangt und wieder abgefahren wäre. Sehr beruhigt durch die Ueberzeugung, daß er nicht zu ſpät komme, lehnte ſich Kit gegen einen Lampenpfoſten, um ſich zu verſchnaufen, und erwartete die Ankunft des Pony und ſeiner Ladung. In der That ſtand es auch nicht lange an, bis der Pony um die Straßenecke trabte, wobei er ſo ſtörrig ausſah, als ein Pony nur ausſehen kann, und ſeine Füße ſo gewählt ſetzte, als ſuche er die reinſten Stellen auf, um ja keinen Huf ſchmutzig zu machen oder ſich ungebührlich zu übereilen. Hinter dem Pony ſaß der kleine alte Herr, und neben dem 42 38 8 alten Herrn die alte Dame, welche einen ähnlichen Blumenſtrauß wie das letztemal bei ſich hatte. Der alte Herr, die alte Dame, der Pony und die Chaiſe kamen in vollkommener Eintracht die Straße herauf, bis der Pony etwa ein halb Dutzend Häuſer unter der Wohnung des Notars Halt machte, indem er, durch das Meſſingſchild unter dem Thür⸗ klopfer eines Schneiders getäuſcht, durch ſein ver⸗ ſtocktes Schweigen die Verſicherung ausdrückte, daß dieß das gewünſchte Haus ſey. „Der Tauſend, Bürſchchen, willſt du die Güte haben, vorwärts zu gehen? Dieß iſt nicht der Ort,“ ſagte der alte Herr. Der Pony ſah mit großer Aufmerkſamkeit auf den Stöpſel eines Waſſerhahns, der in der Nähe war und ſchien in deſſen Betrachtung ganz vertieft zu ſeyn. „Ach Herr Je! Welch ein garſtiger Klepper!“ rief die alte dame.„Hat er jetzt doch ſo lange gut gethan und ſich bisher ſo ordentlich aufgeführt! Ich ſchäme mich ſeiner. In der That, ich weiß nicht, was wir mit ihm anfangen ſollen.“ Nachdem ſich der Pony über die Natur und Eigenſchaften des Hahnenſtöpſels hinreichend orien⸗ tirt hatte, ſah er in die Luft nach ſeinen alten Feinden, den Fliegen; und da ihn in dieſem Au⸗ genblick zufällig eine am Ohr kizelte, ſo ſchüttelte er den Kopf und peitſchte ſich mit ſeinem Schwanze, worauf er ſich in Gedanken zu vertiefen, aber ganz bel nlichen y und ht die utzend nachte, Thür⸗ ver⸗ daß Güte Ort,“ t auf Nähe rtieft len Au⸗ telte nze, ganz 43 behaglich und geſammelt zu ſeyn ſchien. Der alte Herr erſchöpfte ſeine ganze Beredſamkeit, ohne jedoch einen Erfolg zu erzielen, und ſtieg daher ab, um den Gaul am Zaume weiter zu führen; dieſer aber, viel⸗ leicht weil er hierin eine hinreichende Erlaubniß zu finden glaubte, vielleicht aber auch, weil er zufälliger Weiſe das andere Meſſingſchild zu Geſicht bekommen hatte, wenn er es nicht gar etwa aus Trotz that, galoppirte mit der alten Dame vorwärts und machte an dem rechten Hauſe Halt, indem er es dem alten Herrn überließ, keuchend hintendrein zu kommen. Jetzt zeigte ſich Kit neben dem Kopf des Pony und langte lächelnd an ſeinen Hut. „Ei der Tauſend,“ rief der alte Herr,„der Junge iſt hier! Siehſt du, meine Liebe?“ „Ich habe ja geſagt, daß ich hier ſeyn würde, Sir,“ entgegnete Kit, indem er den Hals des Klep⸗ pers ſtreichelte.„Ich hoffe, Sie haben eine ange⸗ nehme Fahrt gehabt, Sir. Es iſt ein gar netter, kleiner Pony.“ „Meine Liebe,“ ſagte der alte Herr,„das iſt ein ungewöhnlicher Junge; ein guter Junge darf ich ſagen.“ „Ohne Zweifel,“ entgegnete die alte Dame;„ein ſehr guter Junge, und gewiß auch ein guter Sohn.“ Kit bedankte ſich für dieſe gute Meinung da⸗ durch, daß er abermals nach ſeinem Hute griff und ganz roth wurde. Der alte Herr half ſodann der alten Dame aus der Chaiſe und warf dem Knaben 44 * ein beifälliges Lächeln zu, worauf ſie ſich in das Haus begaben, im Gehen aber noch immer von ihm ſprachen, was Kit nothwendig merken mußte. Un⸗ mittelbar darauf trat auch Herr Witherden, der den Blumenſtrauß fleißig beroch, an's Fenſter und ſah nach ihm, und dann that Herr Abel ein Gleiches, und dann kamen der alte Herr und die Dame und blickten nach ihm, und dann traten alle heran und ſchauten gemeinſchaftlich nach Kit, welcher darüber ſehr in Verlegenheit kam, obgleich er that, als ob er es durchaus nicht bemerke, und daher den Pony nur um ſo fleißiger ſtreichelte— eine Freiheit, welche ſich der Pony gnädigſt gefallen ließ. Die Geſichter waren kaum einige Augenblicke von dem Fenſter verſchwunden, als Herr Chuckſter in ſeinem Amtskleid und den Hut gerade ſo auf dem Kopf hängend, wie er ihm von dem Nagel darauf gefallen war, auf die Trottoirs herauskam und dem Knaben ſagte, daß man innen mit ihm ſprechen wolle, weßhalb er ihm auftrug, hineinzugehen; er werde inzwiſchen auf die Chaiſe Acht haben. Bei Gelegenheit dieſer Aufforderung bemerkte Herr Chuck⸗ ſter, der Henker ſolle ihn holen, wenn er klar dar⸗ über werden könne, ob er(Kit) ein„köſtlicher Ein⸗ faltspinſel“ oder ein„köſtlicher Schelm“ ſey; er deu⸗ tete jedoch durch ein mißtrauiſches Kopfſchütteln an, daß er ſich eher der letzten Anſicht zuwende. Kit betrat in großer Angſt das Bureau, denn er war nicht gewohnt, mit fremden Damen und Her⸗ 8 45 ren zu verkehren, und die Blechkapſeln nebſt den Bündeln beſtäubten Papiers hatten in ſeinen Augen ein ehrwürdiges und Ehrfurcht einflößendes Aus⸗ ſehen. Auch war Herr Witherden ein gar rühriger Gentleman, der ſehr laut und ſehr ſchnell ſprach, und Aller Augen hafteten auf ihm, während er doch ſo gar ſchäbicht ausſah. „Nun Junge,“ ſagte Herr Witherden,„du biſt gekommen, um deinen Shilling abzuverdienen;— oder vielleicht, um einen andern zu holen, he?“ „Nein, gewiß nicht, Sir,“ verſetzte Kit, indem er ſeinen Muth zuſammen nahm und aufſah.„Ich habe nicht entfernt an ſo etwas gedacht.“ „Der Vater noch am Leben?“ fragte der Notar. „Todt, Sir.“ „Die Mutter noch am Leben?“ „Ja„ Sir.“ „Wieder verheirathet— he?“ Kit erwiederte nicht ohne einige Entrüſtung, daß ſie eine Wittwe mit drei Kindern ſey, und was ihre Wiederverehelichung betreffe, ſo würde der Gentleman nicht an ſo etwas denken, wenn er ſie kennte. Auf dieſe Antwort begrub Herr Witherden ſeine Naſe abermals in den Blumen und flüſterte hinter dem Strauße dem alten Herrn zu, er glaube, der Junge ſey ſo ehrlich, als ein Junge ſeyn müſſe. „Nun,“ ſagte Herr Garland, nachdem noch einige weitere Fragen geſtellt worden waren,„ich habe nicht im Sinne, dir noch etwas zu geben—“ 46 „Ich danke Ihnen, Sir,“ verſetzte Kit: und es war ihm vollkommen Ernſt damit, denn dieſe An⸗ kündigung ſchien ihn des Verdachtes, auf welchen der Notar angeſpielt hatte, zu entheben. „— Aber,“ nahm der alte Herr wieder auf, „vielleicht möchte ich etwas Weiteres über dich er⸗ fahren. Sage mir daher, wo du wohnſt, damit ich es in meinem Taſchenbuch aufzeichnen kann.“ Kit nannte ſeine Wohnung und der alte Herr notirte dieſelbe mit dem Bleiſtift. Dieß war kaum geſchehen, als ſich ein großer Lärm auf der Straße erhob; die alte Dame eilte an das Fenſter und rief, daß der Pony durchgegangen ſey, worauf Kit dem Gaule nacheilte, um ihn zurückzubringen, und die Uebrigen folgten. Vermuthlich hatte Herr Chuckſter mit den Händen in den Taſchen dageſtanden, dem Pony unbekümmert zugeſchaut und ihm vielleicht gelegentlich durch Er⸗ mahnungen, als da ſind:„bleib ſtehen,“„ſey ruhig,“ „oha“ und dergleichen beleidigt— Kränkungen, die ein Pony von Ehrgefühl nicht ertragen kann. Der Klepper hatte daher, uneingeſchüchtert von Rückſichten der Pflicht oder des Gehorſams und ohne die min⸗ deſte Furcht vor menſchlichen Augen, endlich Reißaus genommen und raſſelte in dieſem Augenblicke die Straße hinunter, während Herr Chuckſter, ohne Hut und die Feder hinter dem Ohr, hinten an der Chaiſe hing und dieſelbe, zur unausſprechlichen Verwunderung aller Zuſchauer, vergeblich in eine andere Richtung ief, dem die den nert Er⸗ ig,“ die zu zerren bemüht war. Aber ſelbſt im Durchgehen war der Pony ein eigenſinniger Burſche, denn er war noch nicht ſehr weit gekommen, als er plötzlich Halt machte, und ehe man noch Hand anlegen konnte, begann er faſt ebenſo raſch rückwärts zu gehen, als er vorwärts gegangen war. 3 Eine Folge davon war, daß Herr Chuckſter auf eine höchſt unrühmliche Weiſe nach ſeinem Bureau zurückgeſchoben und geſtoßen wurde, woſelbſt er dann auch nach ſeiner Niederlage in einem Zuſtande großer Erſchöpfung anlangte. Die alte Dame ſetzte ſich nun auf ihren Platz und Herr Abel, den ſie zu holen gekommen waren, auf den ſeinigen. Der alte Herr machte dem Pony Vorſtellungen über ſein außerordentlich unſchickliches Betragen, entſchuldigte das Thier auf's Beſte gegen Herrn Chuckſter und nahm dann gleichfalls ſeinen Platz ein. Sobald alles dieß in Ordnung war, fuhren ſie ab, dem Notar und ſeinem Schreiber ein Lebewohl zuwinkend und mehr als einmal Kit freundlich zu⸗ nickend, der ihnen auf der Straße nachſah. Der Naritätenladen. Einundzwanzigſtes Kapitel. Kit entfernte ſich und vergaß ſehr bald den Pony, die Chaiſe, die kleine alte Dame, den kleinen alten Herrn und den kleinen jungen Herrn obendrein, indem er an weiter nichts dachte, als was aus ſeinem vorma⸗ ligen Herrn und der lieblichen Enkelin deſſelben, welche der Hauptgegenſtand aller ſeiner Betrachtungen war, geworden ſey. Während er ſo über alle nur erdenk⸗ lichen Gründe für ihr Nichterſcheinen nachſann und ſich ſelbſt überredete, daß ſie bald zurückkommen müß⸗ ten, lenkte er ſeine Schritte der Heimath zu, um das Geſchäft, in welchem er durch die plößlliche Erinnerung an ſeinen Vertrag unterbrochen worden war, zu beendigen, dann auf's Neue fortzueilen und noch einmal ſein Glück für den Tag zu verſuchen. Als er an die Ecke des Hofes kam, auf dem er wohnte— ſiehe, da war der Pony wieder! Ja, da war er— und ſah noch ſtörriger aus als je; und allein in der Chaiſe, auf jede Bewegung des Gaules eifrig Acht habend, ſaß Herr Abel, der bei einem zufälligen Erheben ſeiner Augen Kit vorbeigehen ſah und demſelben zunickte, als ob er ſich hätte den Kopf abnicken wollen. ſtand theil, 49 Kit wunderte ſich, den Pony wieder zu ſehen, und noch obendrein ſo nahe bei ſeiner Wohnung; es fiel ihm jedoch nicht bei, zu welchem Zwecke der Pony wohl da ſeyn möchte, oder wo die alte Dame und der alte Herr hingekommen wären, bis er auf die Klinke ſeiner Thüre drückte und er, nachdem er in die Stube getreten war, dieſelben in eifriger Unter⸗ haltung mit ſeiner Mutter daſitzen ſah. Ob dieſem unerwarteten Anblick zog er ſeinen Hut ab und machte in einiger Verwirrung ſeine beſte Verbeugung. „Wir ſind vor dir hier, Chriſtoph, wie du ſtehſt,“ ſagte Herr Garland lächelnd. „Ja, Sir,“ ſagte Kit; und während er dieß ſagte, blickte er auf ſeine Mutter, gleichſam als Frage, was dieſer Beſuch zu bedeuten habe. „Der Herr iſt ſo gütig geweſen, mein Lieber,“ verſetzte ſie als Erwiederung auf dieſen ſtummen Auf⸗ ruf,„mich zu fragen, ob du an einem guten Platz, oder überhaupt an einem Platze ſeyeſt, und als ich dieß verneinte, war er ſo gütig, zu ſagen, daß—„ „Daß wir einen guten Jungen in unſerem Hauſe haben möchten,“ fielen der alte Herr und die Dame zumal ein,„und daß wir vielleicht daran denken wollen, wenn wir alles ſo finden, wie wir wünſchen, daß es ſeyn möchte.“ Mit dieſem Darandenken meinten ſie offenbar, ſie wollten daran denken, Kit zu dingen— ein Um⸗ ſtand, der ihn ſogleich die Beſorgniſſe ſeiner Mutter theilen ließ, und ihn in große Verwirrung verſetzte; Boz XII. Humphrey's Wanduhr. 4 50 denn das kleine alte Paar war ſehr methodiſch und vorſichtig, und fragte nach ſo vielem, daß er zu fürchten anfing, es ſey da keine Möglichkeit des Er⸗ folges abzuſehen. „Ihr ſeht, meine gute Frau,“ ſagte Herr Gar⸗ land zu Kit's Mutter,„daß es nöthig iſt, ſehr vor⸗ ſichtig und bedachtſam in ſolchen Dingen zu ſeyn, denn unſere Familie beſteht nur aus drei ruhigen, regelmäßigen Leutchen, und es wäre ſchlimm, wenn wir einen Mißgriff machten und etwas ganz Anderes fänden, als was wir hofften oder erwarteten.“ Kit's Mutter entgegnete hierauf, es ſey gewiß wahr und ganz recht und ganz paſſend, und der Himmel verhüte, daß ſie erſchräcke, oder Urſache hätte, vor was immer für einer Nachfrage über ihren Charakter oder den ihres Sohnes zu erſchrecken, der gewiß ein ſehr guter Sohn ſey, obgleich ſie es als ſeine Mutter nicht ſagen ſollte; in dieſer Hinſicht ge⸗ traue ſie ſich übrigens zu ſagen, daß er ſeinem Vater nacharte, der nicht nur ein guter Sohn gegen ſeine Mutter, ſondern auch der beſte Gatte und Vater geweſen ſey, und Kit könne und werde dieß bekräftigen, und daſſelbe würden auch der kleine Jakob und das Wickel⸗ kind thun, wenn ſie alt genug wären, was jedoch unglücklicher Weiſe nicht der Fall ſey, obgleich ihnen ihre Jugend um deßwillen zu ſtatten komme, daß ſie nicht wüßten, welchen Verluſt ſie erlitten hätten; und ſo haspelte Kit's Mutter eine lange Geſchichte ab, indem ſie hin und wieder ihre Augen mit der vor⸗ eyn, gen, denn eres wiß der ätte, hren der als ge⸗ gater ſeine veſen und ickel⸗ doch hnen z ſi tten; jichte t der 51 Schürze abwiſchte und den Kopf des kleinen Jakobs pätſchelte, welcher die Wiege in Bewegung ſetzte und aus Leibeskräften die fremde Dame und den fremden Herrn anſtierte. Sobald Kit's Mutter ausgeſprochen hatte, fiel alsbald die alte Dame ein und erklärte, ſie zweifle nicht im geringſten, daß Frau Nubbles eine ſehr an⸗ ſtändige und reſpectable Perſon ſey, ſonſt würde ſie ſich nicht in dieſer Weiſe ausgedrückt haben; auch verdienten gewiß das Ausſehen der Kinder und die Reinlichkeit des Hauſes großes Lob und gereichten ihr ſehr zur Ehre, worauf Kit's Mutter einen Knix machte und etwas getröſtet wurde. Die gute Frau erging ſich nun in einem langen und ausführlichen Bericht über Kit's Leben und Geſchichte von der früheſten Periode an bis auf die gegenwörtige Zeit herunter, wobei ſie es nicht unterließ, ſeines miraku⸗ löſen Sturzes aus dem Fenſter der Hinterſtube, als er noch ein ganz kleines Kind war, oder ſeiner Leiden während der rothen Flecken zu erwähnen, was durch correcte Nachahmung der kläglichen Weiſe illuſtrirte, in welcher er Tag und Nacht um Brodwaſſer rief oder die Mutter mit den Worten tröſtete, ſie ſolle nicht weinen, da er bald beſſer ſeyn werde. Zum Be⸗ weiſe dieſer Angaben berief ſie ſich auf Frau Green, die bei dem Käſekäufler um die Ecke zur Miethe wohnte, und auf unterſchiedliche andere Damen und Herrn in verſchiedenen Theilen von England und Wales (auch auf einen gewiſſen Herrn Brown, der jetzt 4* 5² Corporal in Oſtindien ſeyn mußte und ſich daher mit ganz geringer Mühe auffinden ließ), zu deren perſönlicher Kenntniß die Thatſachen gelangt waren. Nach Beendigung dieſer Erzählung ſtellte Herr Gar⸗ land an Kit noch einige Fragen hiinſichtlich ſeiner Befähigung und ſeiner Kenntniſſe im Allgemeinen, während Frau Garland ihre Aufmerkſamkeit auf die kleineren Kinder richtete und ſich von Kit's Mutter gewiſſe merkwürdige Umſtände, welche die Geburt eines Jeden begleitet hatten, erzählen ließ; ſie berichtete ſodann gewiſſe andere merkwürdige Umſtände, welche die Geburt ihres eigenen Sohnes, des Herrn Abels begleitet hatten, woraus erhellte, daß ſowohl Kit's Mutter als ſie ſelbſt mit ganz abſonderlichen Gefahren zu kämpfen gehabt hatten— mehr als alle andere Frauen, welchen Alters oder Standes ſie auch ge⸗ weſen ſeyn mochten. Endlich wurde auch nach der Beſchaffenheit und Ausdehnung von Kit's Garderobe gefragt und zur Erweiterung derſelben ein kleiner Vor⸗ ſchuß hergegeben, worauf man den Knaben förmlich mit einem Jahreseinkommen von ſechs Pfunden, nebſt Verköſtigung und Wohnung bei Herrn und Frau Gar⸗ land in Abel⸗Cottage zu Finchley in Dienſte nahm. Es dürfte ſchwer ſeyn, zu ermitteln, welche Partie am meiſten mit dieſer Uebereinkunft zufrieden war, deren Abſchluß von beiden Seiten nur durch freundliche Blicke und heiteres Lächeln begrüßt wurde. Herr Garland ſetzte feſt, daß Kit übermorgen früh an ſeinem neuen Beſtimmungsorte eintreffen ſollte, 53 und nun verabſchiedete ſich das kleine alte Paar, nachdem es zuvor den kleinen Jakob und das Wiegen⸗ kind je mit einer blanken halben Krone beſchenkt hatte, und der neue Diener begleitete ſie die Straße hinauf, hielt, während ſie die Sitze einnahmen, den hartnäckigen Pony beim Zaum und ſah ihnen mit erleichtertem Herzen nach, als ſie dahinfuhren. „Nun, Mutter,“ ſagte Kit, indem er in das Haus zuruck eilte,„ich denke, mein Glück macht ſich jetzt.“ „Man ſollte es allerdings meinen,“ verſetzte ſeine Mutter.„Sechs Pfund im Jahr! Wer hätte das geglaubt?“ „Ah!“ ſagte Kit, der es verſuchte, jene Gra⸗ vität anzunehmen, welche der Gedanke an eine ſolche Summe forderte, wider Willen aber ſein Geſtcht zu einem entzückten Grinſen verzog.„Es iſt ein Ver⸗ mögen!“ Nach dieſen Worten holte Kit tief Athem, ſenkte ſeine Hand tief in die Taſchen, als ob in jeder der⸗ ſelben wenigſtens ein Jahreslohn ſich befände und blickte auf ſeine Mutter, als ſchaue er durch ſie hin⸗ durch auf eine unabſehbare Perſpective von Gold⸗ ſtücken. „So Gott will, können wir nun an Sonntagen eine rechte Dame aus Euch machen, Mutter. Der Jakob ſoll in die Schule gehen, und das Wiegenkind ſoll mir ein rechtes Kind werden, und das Stübchen oben, wie mir dieſes ausſehen ſoll! Sechs Pfund jährlich!“ „Hem!“ krächzte eine fremde Stimme.„Was iſt's da mit ſechs Pfund jährlich? Was wollt Ihr mit ſechs Pfunden jährlich?“ Und während die Stimme dieſe Frage ſtellte, ſpazierte Daniel Quilp, mit Richard Swiveller an der Ferſe, in die Stube. „Wer ſagte, er ſolle ſechs Pfund jährlich haben?“ fragte Quilp, indem er ſcharf umherſchaute.„Hat es der alte Mann, oder hat es die kleine Nelly ge⸗ ſagt? Und wofür ſoll er es haben? Und wo ſind fie— he?“ Die gute Frau erſchrak üͤber das plötzliche Auftreten dieſes unbekannten Cabinetsſtückes von Häßlichkeit ſo ſehr, daß ſie haſtig den kleinen Nubbles aus der Wiege nahm und ſich mit demſelben in die hinterſte Ecke retirirte, während der kleine Jakob, der mit auf die Kniee ge⸗ legten Händen auf ſeinem Schemel ſaß, Herrn Quilp in einer Art von Behexung anſtierte und die ganze Zeit über mit aller Macht ſchrie. Richard Swiveller muſterte die Familie flüchtig über Herrn Quilps Kopf weg, und Quilp ſelbſt, der die Hände in ſeinen Taſchen ſtecken hatte, lächelte mit ausgeſuchter Luſt über die Bewegung, welche er veranlaßt hatte. „Sie brauchen nicht zu erſchrecken, Frau,“ ſagte Quilp nach einer Pauſe.„Ihr Sohn kennt mich; ich freſſe keine Kinder und kann ſie überhaupt nicht leiden. Demungeachtet wird's aber gut ſeyn, dieſem 5⁵ jungen Schreier das Maul zu ſtopfen, damit er mich nicht in Verſuchung führt, ihm etwas Unangenehmes anzuthun. Holla, Bürſchlein! willſt du ruhig ſeyn?“ Der kleine Jakob hemmte den Lauf zweier Thrä⸗ nen, die er aus ſeinen Augen drückte, und blieb in ſtummem Entſetzen ſitzen. „Wenn du mir wieder losbrichſt, du Spitzbube,“ fuhr Quilp fort, indem er ihn ſtrenger anſah,„ſo will ich dir Geſichter ſchneiden, daß du in Gichter verfällſt— ja, das will ich. Jetzt aber ein Wört⸗ chen mit dir, Musjeh; warum biſt du nicht ver⸗ ſprochenermaßen gekommen?“ „Weßhalb hätte ich kommen ſollen?“ entgegnete Kit.„Ich habe mit Euch nichts zu ſchaffen, eben⸗ ſowenig als Ihr mit mir.“ „Wohlan Frau,“ ſagte Quilp, indem er ſich raſch von Kit ab und an ſeine Mutter wandte;„wann kam oder ſchickte ſein alter Herr zum letztenmal hie⸗ her? Iſt er noch hier? Und wenn nicht, wo iſt er hingegangen?“ „Er iſt gar nicht hier geweſen,“ verſetzte ſie. „Ich wollte, wir wüßten, wo ſie hin ſind, denn es würde dann meinem Sohn viel leichter um's Herz ſeyn, und mir deßgleichen. Wenn Sie der Herr Quilp ſind, ſo ſollte ich meinen, daß Sie es am beſten wiſſen, und ich hab' ihm dieß erſt heute noch geſagt.“ „Hum!“ murmelte Quilp mit der Miene der Täuſchung, da ihm ihre Worte glaubwürdig erſchei⸗ nen mußten.„Und haben Sie dieſem Herrn hier das Nämliche zu ſagen?“ „Wenn der Herr die gleiche Frage an mich zu richten hat, ſo kann ich ihm nichts Anderes ſagen, Sir, ſo ſehr ich auch um unſerer ſelbſt willen das Gegentheil wünſchte,“ lautete die Antwort. Quilp blickte auf Richard Swiveller und be⸗ merkte, da er dieſen auf der Schwelle getroffen, ſo habe er angenommen, daß er wohl hieher gekommen ſey, um Erkundigungen über die Flüchtlinge einzu⸗ ziehen; er vermuthe, daß er hierin Recht habe. „Ja,“ ſagte Dick,„dieß war der Zweck meines gegenwärtigen Ganges. Ich hielt es für einen mög⸗ lichen Fall— aber laßt uns die Todtenglocke der Einbildung läuten. Ich will damit anfangen.“ „Sie ſcheinen ſich in Ihrer Hoffnung getäuſcht zu haben,“ bemerkte Quilp. „Ein Fehlſchuß, Sir, ein Fehlſchuß— weiter nichts,“ entgegnete Dick.„Ich habe mich in eine Speculation eingelaſſen, die mir fehlgeſchlagen iſt; und ein Weſen von holder, glänzender Schönheit wird als Opfer dargebracht auf Chegg's Altar. Das iſt Alles, Sir.“ Der Zwerg betrachtete Richard mit einem ſar⸗ kaſtiſchen Lächeln, was jedoch von Herrn Swipveller, der mit einem Freunde ein etwas kräftiges Morgen⸗ mahl eingenommen hatte, nicht bemerkt wurde, denn er fuhr fort, ſein Schickſal mit trauervollen und ver⸗ zweifelten Blicken zu beklagen. Quilp ſah deutlich, 57 daß dieſem Beſuche und der ungewöhnlichen Nieder⸗ geſchlagenheit des jungen Mannes irgend ein Ge⸗ heimniß zu Grunde liegen müſſe, und in der Hoff⸗ nung, es möchte ſeiner Schadenfreude Mittel an die Hand geben, entſchloß er ſich, es herauszuwühlen. Sobald er hierüber mit ſich eins geworden war, legte er ſo viel Ehrlichkeit in ſein Geſicht, als daſſelbe aus⸗ zudrücken vermochte, und ſagte dann im Tone des herzlichſten Mitgefühls zu Herrn Swiveller: „Ich bin ſelbſt getäuſcht, jedoch bloß aus freund⸗ ſchaftlichen Gefühlen für ſie; ohne Zweifel haben Sie aber reellere Gründe, Privatgründe, um deren willen die Täuſchung Sie ſchwerer trifft als mich?“ „Ei, freilich iſt dieß der Fall,“ verſetzte Dick ärgerlich. „Das thut mir leid, auf Ehre, das thut mir ſehr leid. Auch ich fühle mich ſehr niedergeſchlagen. Nun wir aber einmal Unglücksgefährten ſind, wollen wir nicht auch Gefährten ſeyn auf dem ſicherſten Wege, es zu vergeſſen? Wenn Sie eben kein beſonderes Geſchäft haben, das Sie in eine andere Richtung führt,“ drängte Quilp, indem er ihn am Aermel zupfte, und aus den Augenwinkeln ſchlau nach ſeinem Geſichte hinauf ſchielte,„ſo kenne ich ein Haus an der Waſſerſeite, wo der edelſte Schiedam— unter uns geſagt, er ſoll geſchmuggelt ſeyn— den die ganze Welt aufweiſen kann, zu ſinden iſt. Der Wirth kennt mich. Es iſt ein Sommerhäuschen dort mit der Ausſicht über den Fluß, wo wir uns mit einem Glas 58 dieſes köſtlichen Branntweins und einem Pfeifchen des beſten Tabaks— ich weiß nämlich, wo welcher von der rarſten Qualität zu finden iſt— erlaben und vollkommen ſo behaglich und glücklich ſeyn können, als es unter den Umſtänden möglicherweiſe angeht. Oder ſind Sie vielleicht in einer Weiſe verſagt, daß Sie unmittelbar eine andere Richtung einſchlagen müſſen, Herr Swiveller— wie?“ Bei dieſen Worten des Zwergs milderten ſich Dicks Züge zu einem wohlgefälligen Lächeln, und die Falten ſeiner Stirne entſchwanden allmälig. Nach dem Schluſſe derſelben ſah Dick in derſelben ſchlauen Weiſe auf Quilp hinab, in welcher Quilp an ihm hinauf ſah, und es blieb nun nichts weiter zu thun übrig, als nach dem fraglichen Hauſe aufzubrechen. Dieß geſchah denn auch geraden Weges. Sobald ſie der Stube den Rücken gekehrt hatten, ſchaute der kleine Jakob wieder auf und fuhr mit ſeinem Geſchrei an derſelben Stelle fort, wo es Quilp zum Gefrieren gebracht hatte. Das Sommerhäuschen, von dem Herr Quilp geſprochen hatte, war eine rohe Bretterhütte, verfault und nackt anzuſehen, welche gegen den Schlamm des Fluſſes überhing und in denſelben hinunterzugleiten drohte. Die Schenke, zu welcher es gehörte, war ein baufälliges Gebäude, durch Ratten unterwühlt und unterminirt, welches nur durch große hölzerne, gegen die Wände geſtemmte Balken aufrecht erhalten wurde— Stützen, die ſo lange Dienſte geleiſtet 59 hatten, bis ſie mit ihrer Laſt mürbe und hinfällig geworden waren; und in windigen Nächten konnte man es knarren und knacken hören, als ob das ganze Neſt über den Haufen zu fallen gedächte. Das Haus ſtand— wenn man anders von einem ſo alten und gebrechlichen Gegenſtand dieſen Ausdruck gebrauchen kann— auf einem Stück unbebauten Grundes, ge⸗ ſchwärzt von dem ungeſunden Rauche der Fabrik⸗ ſchornſteine und wiederhallend von dem Geklapper eiſerner Räder und dem Rauſchen aufgewühlten Waſſers. Die innere Bequemlichkeit rechtfertigte in vollem Maaße das, was das Aeußere verſprochen hatte. Die Stuben waren feucht und niedrig, die klebrigen Wände von Spalten und Löchern durch⸗ bohrt, die vermürbten Fußböden eingeſunken und ſogar die Stützbalken von ihren Plätzen gewichen, den furchtſamen Fremdling warnend, daß er nicht näher trete. Zu dieſem einladenden Orte führte Herr Quilp Richard Swiveller, indem er denſelben unter⸗ wegs erſuchte, doch ja die Schönheiten der Um⸗ gebung nicht unbeachtet zu laſſen, und bald ſtand auf dem Tiſche des Sommerhäuschens, wo man viele Galgen und Anfangsbuchſtaben tief eingeſchnitten ſehen konnte, ein Tönnchen voll des angeprieſenen Branntweins. Herr Quilp ließ ihn mit der Gewandt⸗ heit eines alten Praktikers in die Gläſer ab, miſchte ihn mit einem Drittheil Waſſer und ſchob Herrn Richard Swiveller ſeinen Antheil zu, worauf er ſeine 60 Pfeife an dem Kerzenſtümpchen einer ſehr alten und zerſchlagenen Laterne anzündete, ſich auf einen Sitz niederließ und luſtig darauf losdampfte. „Iſt er gut?“ fragte Quilp als Richard Swi⸗ veller mit den Lippen ſchmatzte;„iſt er ſtark und feurig? Macht er Sie blinzeln? Wirkt er? Treibt er das Waſſer in die Augen und verſetzt er den Athem — thut er das?“ „Ob er es thut?“ rief Dick, indem er einen Theil von dem Inhalt ſeines Glaſes weggoß und es mit Waſſer auffüllte; nei, Menſch, Sie wollen mir doch nicht ſagen, daß Sie ein ſolches Feuer hinunter⸗ ſchütten können?“ „Nein,“ entgegnete Quilp,„ich ſchütt's nicht hinunter! Schauen Sie einmal her— noch ein⸗ mal— und abermal! Ja wohl da, nicht hinunter⸗ ſchütten.“ Bei dieſen Worten zapfte Daniel Quilp dreimal ab und trank drei kleine Gläſer voll ungemiſchten Geiſtes, worauf er mit einer ſchrecklichen Grimaſſe ſeiner Pfeife zuſprach und den verſchluckten Rauch in dichten Wolken durch die Naſe blies. Nachdem er dieſes Kunſtſtuck gezeigt, brachte er ſich wieder in ſeine frühere Lage und lachte aus Leibeskräften. „Bringen Sie einen Toaſt aus!“ rief Quilp, indem er gar gewandt und taktmäßig mit Fauſt und Ellbogen abwechſelnd auf den Tiſch trommelte.„Ein Frauenzimmer! Eine Schönheit! Laſſen Sie uns auf das Wohl einer Schönheit trinken und unſere Gläſer 61 bis auf den letzten Tropfen leeren. Ihr Name— wie?“ „Wenn Sie einen Namen haben wollen,“ ver⸗ ſetzte Dick,„ſo ſey es Sophie Wackles.“ „Sophie Wackles?“ kreiſchte der Zwerg.„Miß Sophia Wackles iſt alſo die zukünftige Frau Richard Swiveller— die zukünftige— ha! ha! ha!“ „Ach,“ entgegnete Dick;„ſo hätten Sie allen⸗ falls vor ein paar Wochen ſagen können, aber jetzt geht's nicht mehr, mein verehrter Gaisbart. Sie opfert ſich auf dem Tabernackel des Cheggs—“ „Vergiften Sie Cheggs; ſchneiden Sie Cheggs die Ohren ab,“ erwiederte Quilp.„Ich will nichts mehr von Cheggs hören. Ihr Name ſoll Swiveller ſeyn und ſonſt keiner. Ich trinke noch einmal auf ihre Geſundheit, auf die Geſundheit ihres Vaters, ihrer Mutter und aller ihrer Schweſtern und Brüder— und aller Wackleſen— aller Wackleſen in einem Glas! Hinunter damit, bis auf die Nagelprobe!“ „Nun,“ ſagte Richard Swiveller, der, als er das Glas an ſeine Lippen führen wollte, plötzlich in dieſer Bewegung inne hielt und faſt erſtarrt den Zwerg anſah, wie derſelbe mit Armen und Beinen umherfuchtelte.„Sie ſind ein luſtiger Burſche, aber von allen luſtigen Burſchen, die ich je geſehen, oder von denen ich je gehört, haben Sie die ſonderbarſten und außerordentlichſten Manieren an ſich— ja, bei meinem Leben, das haben Sie.“ 3 Die unumwundene Erklärung trug eher dazu bei, die Excentrieität des Herrn Quilp zu vermehren, als ſie zu zügeln, und Richard Swiveller— erſtaunt über die renomiſtiſche Laune des Männchens und um der Geſellſchaft willen dem Trunke nicht wenig zu⸗ ſprechend— begann unmerklich geſelliger und zu⸗ traulicher zu werden, ſo daß er endlich, unter Herrn Quilp's umſichtiger Behandlung, im höchſten Grade mittheilſam wurde. Einmal in dieſer Stimmung war es für Daniel Quilp, der jetzt, ſo oft er in Verlegenheit war, ſein Stichwort kannte, beziehuugs⸗ weiſe ein leichtes Geſchäft, ſich bald in den Beſitz aller Einzelnheiten des Plans zu verſetzen, welcher zwiſchen dem leichtſinnigen Dick und ſeinem intri⸗ kanten Freunde abgekartet worden war. „Halt!“ ſagte Quilp.„Sie haben den rechten Weg eingeſchlagen. Sie haben es nicht übel vor. Es kann und ſoll durchgeführt werden. Da haben Sie meine Hand darauf; ich bin von dieſer Minute an ihr Freund.“ „Wie? Glauben Sie denn es ſey noch eine Möglichkeit vorhanden?“ fragte Dick, von dieſer Er⸗ muthigung überraſcht. „Möglichkeit?“ wiederholte der Zwerg.„Sagen Sie Gewißheit! Sophie Wackles mag eine Cheggs, oder was ihr ſonſt anſteht, werden, aber kein Swi⸗ veller. O, Sie Glücksvogel! Er iſt reicher als ein Jude, und Sie werden ein gemachter Mann ſeyn. Ich ſehe in Ihnen nichts mehr, als Nelly's Gatten, der ſich in Gold und Silber wälzt. Ich will Ihnen ren, unt um zu⸗ zu⸗ errn rade ung r in igs⸗ efitz cher tri⸗ hten vor. ben nute eine Er⸗ gen ggs, wi⸗ ein yn. ten, nen 63 dazu helfen. Es ſoll geſchehen— erinnern Sie Sich an meine Worte, es ſoll geſchehen.“ „Aber wie?“ fragte Dick. „Wir haben Zeit genug dazu,“ antwortete der Zwerg,„und es ſoll geſchehen. Wir wollen uns ſetzen und die Sache von Anfang an noch einmal durchmachen. Ich entferne mich auf einen Augen⸗ blick; füllen Sie inzwiſchen Ihr Glas— ich bin gleich, auf der Stelle wieder da.“ Nach dieſen haſtig geſprochenen Worten begab ſich Daniel Quilp nach einer eingeriſſenen Kegelbahn hinter dem Wirthshauſe, warf ſich daſelbſt recht eigentlich auf den Boden, jubelte laut hinaus und kugelte in nicht zu bewältigendem Entzücken umher. „Das iſt ein Spaß!“ rief er,„ein Spaß, deſſen Ausführung ganz in meine Hand gegeben iſt— alles erfunden und eingeleitet, daß er nur noch genoſſen zu werden braucht. War es nicht dieſer plattköpfige Wicht, der mir kürzlich die Knochen ſo zerwetterte? War es nicht ſein Freund und Mitverſchworener, Herr Trent, der einmal auf Frau Qullp ſeine Augen warf und mit ihr Liebesblicke zu wechſeln verſuchte? Es iſt ja etwas Köſtliches, wenn ſie zwei oder drei Jahre an dieſem preiswürdigen Plane laboriren und am Ende finden, daß ſie es mit einem Bettler zu thun gehabt haben, und daß einer von ihnen für ſeine ganze Lebenszeit gebunden iſt— ha! ha! ha! Er ſoll Nell heirathen. Er ſoll ſie haben, und wenn dann der Knoten gehörig feſt gebunden iſt, ſo will ich der Erſte ſeyn, der ihnen ſagt, was ſie gewonnen und was ſie mir dabei zu verdanken haben. Das gibt eine Ge⸗ legenheit alte Rechnungen auszugleichen, und die Zeit wird kommen, wo ich ſie erinnern kann, welch ein Kapitalfreund ich war, und wie ich ihnen zu einer Erbin verholfen habe. Ha! ha! ha!“ In der Höhe ſeiner Verzückung wäre Herrn Quilp beinahe ein unangenehmes Intermezzo begegnet, denn da das vorgenannte Manöver in der Nähe einer alten Hundehütte vorfiel, ſo ſtürzte mit einemmale ein großer, ungeſtümer Hund heraus, der den Zwerg mit einem mißliebigen Gruß bewillkommnet haben würde, wenn ſeine Kette nicht ſo gar kurz geweſen wäre. Dieſen günſtigen Umſtand übrigens benützend, blieb Herr Quilp in vollkommener Sicherheit auf ſeinem Rücken liegen, höhnte den Hund mit gräß⸗ lichen Fratzen, und triumphirte über deſſen Unfähig⸗ keit, nur einen Zoll vorzurücken, obgleich beide nur um ein paar Fuß von einander getrennt waren. „Warum kömmſt du nicht, um mich zu beißen? Warum kömmſt du nicht um mich in Stücke zu zer⸗ reißen, du Memme?“ ſagte Quilp, indem er durch Ziſchen das Thier faſt bis zur Wuth reizte.„Gelt du fürchteſt dich, du armſeliger Poltron; du weißt wohl, daß du dich fürchteſt.“ Der Hund riß und zerrte an der Kette, während ihm die Augen faſt aus dem Kopf ſprangen und ſein Bellen in ein wüthendes Geheul überging. Aber der Zwerg lag da und ſchnippte gegen ihn, unter ——,—y—— 65 andern herausfordernden und verächtlichen Geberden, die Finger. Als ſich Herr Quilp von ſeiner Luſt hinreichend erholt hatte, ſtand er auf und führte, ge⸗ nau außerhalb des Bereichs der Kette, mit in die Seite geſtemmten Armen, einen koboldartigen Tanz um die Hütte aus, wodurch der Hund nur noch toller wurde. So ſeinen Geiſt in eine heitere Stimmung ver⸗ ſetzend, kehrte er zu ſeinem nichts ahnenden Gefähr⸗ ten zurück, welcher eben mit ungemeiner Gravität der Fluth zuſchaute und ſich in der ſchönen Ausſicht auf das Gold und Silber, wovon Herr Quilp ge⸗ ſprochen hatte, erlabte. Der Naritätenladen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Der Reſt dieſes Tages und der ganze darauf folgende waren eine geſchäftige Zeit für die Familie Nubbles, da ihr alles, was mit Kit's Ausſtattung und Abreiſe in Verbindung ſtand, eben ſo wichtig erſchien, als hätte er einen Entdeckungszug in das Innere von Afrika, oder eine Reiſe um die Welt an⸗ treten ſollen. Schwerlich gab es wohl je eine Truhe, die innerhalb vierundzwanzig Stunden ſo oft ge⸗ Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 5 öffnet und geſchloſſen wurde, als diejenige, welche Kit's Garderobe und ſonſtige Bedürfniſſe enthielt; und gewiß gab es nie ein derartiges Möbel, welches zwei kleinen Augen eine ſolche reiche Fundgrube von Kleidern enthüllte, als es bei dieſem gewaltigen Schrein mit ſeinen drei Hemden nebſt einer entſprechenden Anzahl von Strümpfen und Taſchentüchern, dem erſtaunten Geſichtsorgan dem kleinen Jakob gegen⸗ über, der Fall war. Endlich wurde ſie zum Kärr⸗ ner gebracht, in deſſen Hauſe zu Finchley Kit am andern Tage dieſelbe finden ſollte; und als die Truhe fort war, blieben nur noch zwei Fragen zur Beant⸗ wortung übrig: erſtlich, ob der Kärrner dieſelbe nicht unterwegs verlieren oder vielleicht unehrlicher Weiſe vorgeben würde, daß er ſie verloren hätte, und zwei⸗ tens, ob Kit's Mutter es auch gehörig verſtünde, wie ſie in der Abweſenheit ihres Sohnes für ſich ſelbſt Sorge tragen ſollte. 1 „Ich halte es kaum für wahrſcheinlich, daß er ihn wirklich verlieren könnte, aber ohne Zweifel ſind Kärrner einer großen Verſuchung ausgeſetzt, den Verluſt von Effekten vorzugeben,“ ſagte Frau Nubbles beſorglich, als der erſtere dieſer Punkte zur Sprache kam. „Durchaus kein Zweifel,“ entgegnete Kit mit einer ernſten Miene;„in der That, Mutter, ich glaube, es war nicht recht, die Truhe ſich ſelbſt zu überlaſſen. Ich fürchte, es hätte Jemand mitgehen ſollen.“ 67 „Jetzt läßt ſich's nicht mehr ändern,“ verſetzte die Mutter;„aber es war thöricht und unrecht. Man ſollte die Leute nie in Verſuchung führen.“ Kit beſchloß in ſeinem Innern, in Zukunft nie einen Kärrner anders als mit einem leeren Koffer zu verſuchen, und nachdem er hierüber chriſtlich mit ſich in's Reine gekommen war, wandte er ſeine Gedanken der zweiten Frage zu. „Ihr müßt aber den Muth nicht ſinken laſſen, Mutter, und Euch nicht für verlaſſen betrachten, weil ich nicht zu Hauſe bin. Gewiß, ich werde Euch ſehr oft beſuchen können, wenn ich in die Stadt komme; dann ſchreibe ich Euch auch bisweilen einen Brief, und wenn das Vierteljahr um i*ſt, kann ich natürlich auch einen Feiertag kriegen. Ich will dann ſehen, ob wir den kleinen Jakob nicht mit in die Comödie neh⸗ men und ihm zeigen können, was man unter einer Auſter verſteht.“ „Ich hoffe zwar nicht, daß es eine Sünde iſt, wenn man in die Comödie geht; aber ich fürchte es faſt,“ ſagte Frau Nubbles. „Ich weiß es, wer Euch ſo etwas in den Kopf geſetzt hat, Mutter,“ entgegnete ihr Sohn troſtlos. „Das kömmt wieder von Klein⸗Bethel her. Ich ſage Euch aber, Mutter, und bitte Euch darum, geht nicht regelmäßig dort hin, denn wenn ich ſehen müßte, wie Euer heiteres Geſicht, das die Heimath immer ſo lieblich machte, ſich in ein grämliches umgewan⸗ delt häͤtte, und daß der kleine Bruder dazu erzogen 5* 68 würde, gleichfalls ein grämliches Geſicht zu machen und ſich ſelbſt(Gott ſegne das arme Herz) einen jungen Sünder und ein Kind des Teufels zu nennen (was eigentlich den todten Vater im Grabe beſchimpfen heißt)— wenn ich ſo etwas erleben und mitanſehen muͤßte, daß mir der kleine Jakob kopfhängeriſch würde, ſo thäte ich mir das ſo zu Herzen nehmen, daß ich hinginge und Soldat würde und abſichtlich meinen Kopf gegen die erſte Kanonenkugel hinhielte, die ich meines Weges kommen ſehen thäte.“ „Oh Kit, rede mir doch nicht ſo.“ „Ja, ſo würde ich's machen, Mutter; und wenn Ihr nicht wollt, daß es mir ganz elend und unbe⸗ haglich zu Muthe ſeyn ſoll, ſo behaltet dieſe Maſche auf Eurer Haube, die Ihr in der letzten Woche halb und halb abzutrennen im Sinne hattet. Könnt Ihr glauben, daß etwas Unrechtes daran iſt, wenn man ſo heiter ausſteht und ſo heiter iſt, als es unſere Armuth geſtattet? Sehe ich in der Weiſe, wie ich geſchaffen bin, etwas, was mich auffordert, ein ſchnüf⸗ felnder, feierlicher, flüſternder Burſche zu ſeyn, um⸗ herzukriechen, als ob ich nicht anders könnte, und nur in einem widerlichen Näſeln zu ſprechen? Im Gegen⸗ theil— ſehe ich nicht allenthalben Gründe, es nicht zu thun? Da höre man nur! Ha! ha! ha! Iſt es nicht eben ſo gut, als ſpazieren gehen, und der Ge⸗ ſundheit nicht ebenſo zuträglich? Ha! ha! ha! Iſt es nicht eben ſo natürlich, als wenn das Schaf —— 69 blöckt, das Schwein grunzt, das Pferd wiehert, der Vogel ſingt? Iſt's nicht eben ſo, Mutter? Ha! ha! ha!“ Es lag etwas Anſteckendes in Kit's Lachen, denn ſeine Mutter, welche ganz ernſthaft ausgeſehen hatte, verzog anfangs ihr Geſicht zu einem Lächeln, dann aber ſtimmte ſie kräftig ein, was Kit veranlaßte, zu ſagen, er wiſſe wohl, daß es natürlich und daher nur um ſo mehr zu belachen wäre. Da die Heiterkeit Kit's und ſeiner Mutter eine ſehr lärmende war, ſo wachte der Wiegen⸗Nubbles auf, der, als er bemerkte, daß es luſtig und angenehm zuging, in den Armen ſeiner Mutter alsbald ſehr kräftig hinauszuſchlagen und zu lachen anfing. Dieſe neue Beleuchtung ſeiner Argumentation kitzelte Kit ſo ſehr, daß er gänzlich erſchöpft in ſeinen Stuhl zurückſank, auf das Kind deutete, ſeine Seiten klopfte und dann wieder auf's Neue losbrach. Nachdem er ſich etlichemal wieder erholt und eben ſo oft einen Rückfall erlitten hatte, wiſchte er ſeine Augen, ſprach das Tiſchgebet, und hielt mit den Seinen ein luſtiges Mahl, ſo ſpärlich daſſelbe auch beſtellt ſeyn mochte. Unter mehr Küſſen, Umarmungen und Thränen, als es viele junge Herrn, welche auf Reiſen gehen und eine mit Vorräthen reich ausgeſtattete Heimath hinter ſich laſſen, für möglich halten würden(wenn es anders der Mühe werth i*ſt, einer ſo unbedeuten⸗ den Sache zu erwähnen), verließ Kit am folgenden Tage zu früher Morgenſtunde das Haus, um den Weg nach Finchley anzutreten, und in ſeinem Aeußern ſprach ſich hinreichend viel Stolz aus, um von Stunde an Klein⸗Bethel zu einem Ercommunikationsakte zu veranlaſſen, falls er je ein Mitglied dieſer trübſeligen Gemeinde geweſen wäre. Wenn Jemand neugierig ſeyn ſollte, zu erfah⸗ ren, wie Kit gekleidet war, ſo möge hier kürzlich be⸗ merkt ſeyn, daß er keine Livree, ſondern einen pfeffer⸗ und ſalzfarbigen Rock, eine canariengelbe Weſte und eiſengraue Beinkleider trug. Außer dieſen Herrlich⸗ keiten zeigte er ſich auch noch in dem Glanze eines neuen Stiefelpaars und eines außerordentlich ſteifen, wachsleinwandenen Hutes, der, wo man auch mit den Knöcheln anſchlagen mochte, wie eine Trommel tönte. Und in dieſem Anzuge begab er ſich auf den Weg nach Abel⸗Cottage, ziemlich verwundert darüber, daß er ſo wenig Aufmerkſamkeit erregte, welchen Umſtand er übrigens der Gefühlloſigkeit Derjenigen, welche früh aufſtehen, zuſchrieb. Ohne auf ſeinem Wege einem merkwürdigeren Abenteuer zu begegnen, als daß er auf einen Jungen mit einem randloſen Hute— dem leibhaftigen Ge⸗ genſtand zu ſeinem alten— traf, mit welchem er ſeine letzten ſechs Pence theilte, kam Kit im Laufe der Zeit vor das Haus des Kärrners, wo er— zur ewigen Ehre der menſchlichen Natur ſey es geſagt, ſeine Truhe wohlbehalten vorfand. Nachdem ihm das Weib dieſes mackelloſen Mannes die nö⸗ thigen Weiſungen zu Herrn Garlands Wohnung ε̃ 8— 71 gegeben hatte, nahm er die Truhe auf ſeine Schulter und begab ſich unmittelbar nach dem Orte ſeiner Beſtimmung. Abel⸗Cottage war ein ſchönes, kleines Landhaus mit einem Strohdach und kleinen Thürmchen an den Giebelenden, während einige der Fenſter mit farbigen Glasſcheiben, faſt ſo groß wie Taſchentücher, verſehen waren. An dem Hauſe war ein kleiner Stall, gerade groß genug für den Pony, nebſt einem kleinen dar⸗ über liegenden Stübchen, welches ganz für Kit’s Größe zu paſſen ſchien. An den Fenſtern flatterten weiße Vorhänge und hingen Käſichte, ſo blank, als wären ſie aus lauterem Golde, in welchen die Vögel ſangen; an jeder Seite des Wegs und um die Thuͤre herum zogen ſich Reihen von Pflanzen; und der Garten prunkte von Blumen in ſchönſter Blüte, die nach allen Seiten ihre ſüßen Düfte ent⸗ ſandten und durch ihr buntes Farbenſpiel bezauberten. Alles in und außer dem Hauſe ſchien das non plus ultra von Reinlichkeit und Ordnung zu ſeyn. Im Garten war nirgends ein Hälmchen Unkraut zu ſehen, und nach einigen niedlichen Gartengeräthſchaften, einem Korb und einem Paar Handſchuhen zu ſchließen, die in einem der Gänge lagen, mußte der alte Herr Garland an demſelbigen Morgen ſchon an der Arbeit geweſen ſeyn. Kit blickte umher, wunderte ſich, ſah wieder herum, und wiederholte dieſes ziemlich oft, ehe er es über ſich gewann, ſeinem Kopfe eine andere Richtung 72 zu geben und an der Klingel zu ziehen. Aber auch nach dem Klingeln fehlte es ihm durchaus nicht an Zeit, auf's Neue umherzuſchauen, denn Niemand kam zum Vorſchein, und nachdem er zwei oder dreimal geläutet hatte, ſetzte er ſich auf ſeine Truhe und wartete. Er wiederholte ſein Klingeln zu verſchiedenen Malen, ohne daß Jemand heraus kam. Endlich aber, als er ſich auf ſeiner Truhe in Gedanken an Nieſenſchlöſſer, mit ihren Haupthaaren an Pfähle gefeſſelte Prinzeſſinen, aus den Thoren hervorſtürzende Drachen und andere derartige Vorfallenheiten erging — eine Stimmung, die in den Mährchenbüchern jungen Leuten von niederem Range bei ihrem erſten Beſuch in fremden Häuſern ſo gewöhnlich iſt— that ſich die Thüre leiſe auf, und ein kleines, ſehr ge⸗ wandtes, beſcheidenes und ſittſames, aber auch ſehr hübſches Dienſtmädchen kam daraus zum Vorſchein. „Vermuthlich ſind Sie Chriſtoph, Sir,“ ſagte das Dienſtmädchen. Kit ſtand von ſeiner Truhe auf und bejahte dieſe Frage. „Ich fürchte, daß Sie oft haben läuten müſſen,“ entgegnete ſie;„aber wir konnten Sie nicht hören, weil wir den Pony einfangen mußten.“ Kit war etwas verwundert darüber, was ſie wohl damit ſagen wollte; da er aber nicht unter der Thüre ſtehen bleiben und Fragen ſtellen wollte, ſo warf er ſeine Truhe wieder auf die Schulter und 73 folgte dem Maͤdchen in die Halle, wo er durch eine Hinterthüre des Herrn Garland anſichtig wurde, wie er den Klepper im Triumph den Garten herauf führte, nachdem dieſer eigenſinnige Pony(wie Kit ſpäter erfuhr) die Familie volle ſteben Viertelſtunden um ein kleines Gehäge im Hintergrund herumge⸗ narrt hatte.— Der alte Herr empfing unſern jungen Freund ſehr gütig, und das Gleiche that auch die alte Dame, deren vorläufige gute Meinung von ihm noch ſehr durch den Umſtand erhöht wurde, daß er ſeine Stie⸗ fel ſo lange auf dem Strohboden abwiſchte, bis ſeine Sohlen faſt zu brennen anfingen. Er wurde ſofort in das Wohnzimmer genommen, damit er in ſeinen neuen Kleidern beaugenſcheinigt werden könnte. Nach⸗ dem dieß zu verſchiedenen Malen geſchehen war und 88 er durch ſein Aeußeres unbegränzte Zufriedenheit ein⸗ 3 geflößt hatte, wurde er in den Stall(wo ihn der Pony mit ungemeiner Gefälligkeit empfing) und von da nach dem bereits bemerkten kleinen Stübchen ge⸗ führt, welches ſehr reinlich und gemächlich war. Von dort aus ging es in den Garten, wo ihm der alte Herr ſagte, er wolle ihn in die Gärtnerei einleiten, und außerdem noch beifügte, was für große Dinge er vorhabe, um Kit's Lage behaglich und glücklich zu machen, ſo bald er fände, daß ſeine Be⸗ mühungen nicht an einen Unwürdigen verſchwendet wären. All dieſe Güte erkannte Kit mit verſchiede⸗ nen Aeußerungen ſeiner Dankbarkeit und ſo vielen Berührungen ſeines neuen Hutes, daß der Rand deſſelben beträchtlich nothlitt. Nachdem der alte Herr alles, was er an Verſprechungen und Rathſchlägen zu ſagen wußte, geſagt, und Kit dafür gebührender⸗ maßen mit Verſicherungen und Erkenntlichkeitsbezeu⸗ gungen gedankt hatte, wurde Letzterer abermals der alten Dame überantwortet, welche dem kleinen Dienſt⸗ mädchen(ihr Name war Barbara) rief und daſſelbe beauftragte, den neuen Ankömmling mit hinunter zu nehmen und ihm nach ſeinem weiten Gange Speiſe und Trank zu reichen. Kit begab ſich alſo die Treppe hinunter, und im Erdgeſchoße traf er auf eine Küche, wie er ſie höch⸗ ſtens an einem Spielwaarenladenfenſter geſehen hatte, denn alles war darin ſo blank, ſo glänzend und ſo accurat geordnet, wie Barbara ſelbſt. Und in dieſer Küche ſetzte ſich Kit an einem Tiſche, ſo weiß wie ein Tafeltuch, nieder, um kaltes Fleiſch zu eſſen, Dünnbier zu trinken und ſein Beſtecke um ſo unge⸗ ſchickter handzuhaben, weil eine unbekannte Barbara zugegen war, die ihm zuſah. Es hatte übrigens nicht ſehr den Anſchein, als ob etwas ſo gar merkwürdig Schreckliches an dieſer Barbara wäre, denn ſie hatte ein ſehr ruhiges Leben geführt, erröthete ſehr viel, und war eben ſo verle⸗ gen und ungewiß, was ſie ſagen oder thun ſollte, als es Kit nur immer ſeyn konnte. Nachdem er eine Weile dageſeſſen und dem Ticken der bedächtigen Uhr zugehorcht hatte, wagte er es, einen neugierigen 7⁵ Blick nach dem Anrichttiſch zu werfen, und dort lagen Barbara's kleines, mit einem Schiebdeckel verſehenes Arbeitskäſtchen, in welchem ſie ihre Fadenknäuel auf⸗ bewahrte, Barbara's Gebetbuch, Barbara's Pſalter und Barbara's Bibel. Barbara's kleiner Spiegel hing in guter Beleuchtung neben dem Fenſter, und Barbara's Hut befand ſich an einem Nagel hinter der Thüre. Von all dieſen ſtummen Zeichen und Merkmalen ihrer Gegenwart blickte er natürlich auf Barbara ſelbſt, welche ſo ſtumm da ſaß, als die ge⸗ nannten Gegenſtände, und in einer Schüſſel Erbſen auskrüllte; und als Kit eben nach ihren Wimpern aufſah und— ganz in der Einfalt ſeines Herzens — hätte wiſſen mögen, von welcher Farbe ihre Haare wären— da trug es ſich ungeſchickter Weiſe zu, daß Barbara eben ihren Kopf ein wenig erhoben hatte, um nach ihm zu ſehen; und nun wandten ſich beide Augenpaare haſtig wieder ab, indem ſich Kit uͤber ſeinen Teller und Barbara über ihre Erbſenſchoten beugte— Jedes ungemein verwirrt, weil es von dem Andern ertappt worden war. Der Naritätenladen. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Als Herr Richard Swiveller aus der Wildniß (denn ſo hieß Herrn Quilp's auserleſenes Schlupf⸗ winkelchen) ſeiner Heimath zuſteuerte— freilich in einer etwas krummen und korkzieherartigen Weiſe, nebſt vielem Anprallen und Stolpern, bei welchen Gelegenheiten er plötzlich Halt machte und um ſich ſtierte, dann aber eben ſo plötzlich um ein paar Schritte vorwärts ſtürzte, um wieder Halt zu machen und den Kopf zu ſchütteln— lauter Bewegungen, die ruckweiſe und ohne Vorbedacht geſchahen:— als Herr Richard Swiveller ſeiner Heimath in der eben genannten Weiſe zuſteuerte, welche von Uebelgeſinnten als ein Symbol der Trunkenheit betrachtet wird, ohne daß ſolche Perſonen jenen Zuſtand tiefer Weis⸗ heit und Betrachtung darin zu erkennen vermögen, deſſen ſich doch die handelnde Perſon ſo innig bewußt iſt— begann er an die Möglichkeit zu denken, daß eer ſein Vertrauen am unrechten Orte angebracht habe, und daß der Zwerg doch nicht gerade die Per⸗ ſon ſey, welcher man ein ſo zartes und wichtiges Geheimniß eröffnen durfte. Und durch dieſen quälen⸗ den Gedanken in einen Zuſtand verlockt, welchen die ———. ldniß lupf⸗ h in Zeiſe, lchen ſich paar chen die als eben nten vird, zeis⸗ gen, vußt daß kacht Per⸗ iges llen⸗ die 77 genannte böswillige Menſchenclaſſe den des trunkenen Elends nennen würde, überkam Herrn Swiveller die Anwandlung, ſeinen Hut auf den Boden zu werfen, worauf er zu ächzen anfing und laut ausrief, er ſey eine unglückliche Waiſe, und wenn er nicht eine un⸗ glückliche Waiſe wäre, ſo hätten die Dinge unmöglich ſo weit kommen können. „In meinem früheſten Alter als ein hilfloſes Kind von meinen Aeltern zurückgelaſſen,“ ſagte Herr Swiveller, ſein hartes Geſchick beweinend,„in meiner zarteſten Lebensperiode in die Welt hinaus geſtoßen und der Discretion eines trügeriſchen Zwerges preis⸗ gegeben, der ſich nun wundern kann über meine Schwäche! Ihr ſeht da eine unglückliche Waiſe— ja,“ fügte Herr Swiveller bei, indem er ſeine Stimme zu ihrer höchſten Höhe ſteigerte und ſchläfrig umher⸗ blickte,„eine unglückliche Waiſe!“ „Nun,“ entgegnete Jemand hart nebenan,„ſo will ich Ihr Vater ſeyn.“ Herr Swiveller ſchwang ſich hin und her, um das Gleichgewicht zu bewahren, und in dem Nebel, der ihn zu umgeben ſchien, bemerkte er endlich zwei trübe zwinkernde Augen, die ſich, wie er ſpäter ent⸗ deckte, in der Nähe eines Mundes und einer Naſe befanden. Dann gab er ſeinen Blicken jene Rich⸗ tung, welche in der Regel von dem Geſicht eines Mannes zu deſſen Beinen führt— eine Procedur, welche ihn gewahren ließ, daß dieſem Geſichte auch ein Körper angeheftet war; und bei ſorgfältigerer Betrachtung überzeugte er ſich, daß die Perſon Herr Quilp war, welcher in der That die ganze Zeit über ſeinen Gefährten begleitet hatte, obgleich es dem Letzteren wie in einem Hochlichte vorkam, er habe den gedachten Ehrenmann eine oder zwei Meilen weiter oben verlaſſen. „Du haſt eine Waiſe betrogen, Menſch,“ ſagte Herr Swiveller feierlich. „Ich? Ich will Ihnen ja ein zweiter Vater ſeyn,“ verſetzte Quilp. „Sie mein Vater, Sir?“ entgegnete Dick.„Bei mir iſt alles richtig, Sir, und ich muß daher bitten, daß man mich allein läßt— augenblicklich, Sir.“ „Was Sie nicht für ein ſpaßhafter Geſelle ſind!“ rief Quilp. „Geht, Sir,“ erwiederte Dick, indem er ſich gegen einen Abweichſtein lehnte und mit ſeiner Hand winkte.„Geh, du Betrüger, geh! Vielleicht wirſt einſtens du erwachen aus deinem Wonnetraume zu dem Weh, das dir der Waiſe Flüche thun vermachen. Wollt Ihr machen, daß Ihr ſortkommt, Musjeh?“ Da der Zwerg von dieſer Beſchwörung keine Notiz nahm, ſo rückte Herr Swiveller vor, in der Abſicht, ihm die verdiente Züchtigung angedeihen zu kaſſen. Er vergaß jedoch dieſes Vorhabens, oder änderte wenigſtens ſeinen Sinn, ehe er Quilp nahe genug war, um daſſelbe in Thätlichkeiten übergehen laſſen zu können, und ergriff jetzt deſſen Hand, ſchwur ihm ewige Freundſchaft zu und erklärte mit einer derr iber dem habe ilen agte ater „Bei tten, . nd!“ ſich dHand wirſt e zu chen. eh?“ keine der n zu oder nahe gehen zwur einer 79 liebenswürdigen Freimüthigkeit, daß ſie von Stund an in allem, das perſönliche Aeußere ausgenommen, Brüder wären. Dann erzählte er noch einmal ſein ganzes Geheimniß und wurde bei dieſer Gelegenheit ſehr pathetiſch hinſichtlich der Miß Wackles, welche, wie Herrn Quilp zu verſtehen gegeben wurde, die einzige Veranlaſſung einer allenfallſigen Zuſammen⸗ hangsloſigkeit wäre, die ſich vielleicht zur Zeit in ſeinen Worten bemerken ließe und ausſchließlich der Kraft ſeiner Leidenſchaft, keineswegs aber dem roſtgen Weine oder einem andern geiſtigen Getränke zuzuſchreiben wäre. Und dann gingen ſie, brüderlich die Arme verſchlungen, mit einander weiter. „Ich bin ſo ſcharf,“ ſagte Quilp beim Scheiden zu ſeinem Gefährten,„ſo ſcharf, und ſo ſchlau, als eine Wieſel. zu mir; verſichern Sie ihn, obgleich ich fürchte, daß er n (warum? weiß ich nicht, den entgegnete Dick.„Dieſes Glü iſt ſo gar weit abgelegen.“ „Sie können ſi Ihrer Priſe machen, bie Merken Sie ſich das.“ 80— „Meinen Sie wirklich?“ fragte Dick. „Freilich; und was noch beſſer iſt, ich bin meiner Sache gewiß,“ erwiederte der Zwerg.„Sie werden Trent zu mir bringen. Sagen Sie ihm, ich ſey ſein Freund und der Ihrige— warum ſollte ich's nicht ſeyn?“ „Es iſt natürlich kein Grund vorhanden, warum Sie's nicht ſeyn ſollten,“ verſetzte Dick;„vielleicht aber recht viele für das Gegentheil— wenigſtens läge nichts Sonderbares in Ihrem Wunſche, mein Freund zu ſeyn, wenn Sie ein ſchöner Geiſt wären; aber Sie wiſſen ja ſelbſt, daß dieß bei Ihnen nicht der Fall iſt.“ „Ich kein ſchöner Geiſt?“ rief Quilp. „Zum Teufel— nein, Sir,“ erwiederte Dick. „Ein Mann von Ihrem Aeußern kann es nie ſeyn. Wenn Sie überhaupt ein Geiſt ſind, ſo ſind Sie ein böſer. Schöne Geiſter,“ fügte Dick bei, indem er ſich in die Bruſt warf,„ſehen ganz anders aus, darauf können Sie ſchwören, Sir.“ Quilp blickte auf ſeinen freimüthigen Freund mit einem aus Liſt und Aerger gemiſchten Ausdrucke und erklärte, indem er ſich zu gleicher Zeit die Hände rieb, Herr Swiveller ſey ein ungewöhnlicher Cha⸗ rakter, der ſeine wärmſte Hochachtung beſäße. Unter ſolchen Aeußerungen trennten ſie ſich, Herr Swiveller, um auf dem nächſten Wege nach Hauſe zu gehen und ſeinen Rauſch auszuſchlafen, und Quilp⸗ um über die gemachte Entdeckung nachzudenken und 81 in der Ausſicht auf das reiche Feld von Genuß und Wiedervergeltung, das ſich vor ſeinen Augen aufthat, zu jubiliren. Nicht ohne große Unluſt und einiges Bedenken verfügte ſich am andern Morgen Herr Swiveller, deſſen Kopf noch von dem Dämpfen des renommirten Schiedams eingenommen war, zu der Wohnung ſeines Freundes Trent, einem Dachſtübch hen in einem alten eſpenſtigen Wirthshauſe, und ruckte allmäli mit 9 g hshauſ g dem, was geſtern zwiſchen ihm und Quilp ſtattge⸗ funden hatte, heraus. Auch wurde dieſe Erzählung von Seite ſeines Freundes nicht ohne große Ueber⸗ raſchung und ernſtliches Meditiren über Quilp's wahr⸗ ſcheinliche Gründe hingenommen, wie denn auch Trent nicht verfehlte, Dick Swiveller's Thorheit bitter zu rügen. „Ich will nichts zu meiner Entſchuldigung ſagen, Fritz,“ ſagte der reuige Richard;„aber der Kerl hat eine ſo eigene Weiſe an ſich und iſt ein ſo ver⸗ ſchlagener Schuft, daß er mich zuerſt auf den Ge⸗ danken brachte, was denn eigentlich Schlimmes daran ſey, wenn ich es ihm ſagte, und während ich noch hierüber nachſann, zapfte er mich ab. Wenn du ihn hätteſt trinken und rauchen ſehen, wie es bei mir der Fall war, ſo würdeſt du gleichfalls nichts vor ihm zurückbehalten haben. Du mußſt wiſſen, daß er ein Salamander iſt— ja, das iſt er.“ Ohne ſich auf die Frage einzulaſſen, ob Sala⸗ mander auch nothwendig gute und zuver läßige Agen⸗ Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 6 8² ten wären, oder ob es in der Natur der Sache liege, daß ein feuerfeſter Mann um dieſes Umſtandes willen auch Zutrauen verdiene, warf ſich Friedrich Trent in einen Stuhl, begrub den Kopf in ſeine Hände und mühete ſich, die Gründe zu erforſchen, welche Quilp veranlaßt haben mochten, ſich in Richard Swivellers Vertrauen einzuſchleichen; denn daß es dem Erſteren um einen Aufſchluß zu thun war, welchen Dick nicht freiwillig gegeben haben würde, ließ ſich deutlich aus dem Umſtande entnehmen, daß Quilp Herrn Swivellers Geſellſchaft aufgeſucht und denſelben weggelockt hatte. Der Zwerg war ihm zweimal begegnet, und zwar jedesmal bei Gelegenheit von Dick's Bemühun⸗ gen, über die Flüchtlinge Nachricht einzuziehen. Dieß reichte vielleicht zu, Argwohn in der Bruſt eines von Natur ſo eiferſüchtigen und mißtrauiſchen Weſens zu erwecken, mochte daſſelbe zuvor auch noch ſo wenig Bekümmerniß um das Schickſal der Entwichenen an den Tag gelegt haben, und möglicherweiſe durfte auch noch die Neugierde, welche durch Dick's unvorſichtiges Benehmen veranlaßt wurde, mit in Betracht kommen. Da er aber jetzt den Entwurf der beiden Freunde kannte— was mochte ihn veranlaſſen, denſelben zu unterſtützen? Dieſe Frage war ſchwieriger zu löſen:— da ſich jedoch Spitzbuben gewöhnlich dadurch überbieten, daß ſie ihre eigenen Entwürfe den andern unterſchieben, ſo lag der Gedanke nahe, daß zwiſchen Quilp und dem alten Manne Streitigkeiten obwal⸗ —, S—-9 ‿2 83 keten, die in ihrem geheimen Verkehr die Grundlage haben und vielleicht mit dem plötzlichen Verſchwinden des Letzteren in Verbindung ſtehen mochten. Eine ſolche Sachlage konnte wohl den Zwerg zur Rache dieſer bekanntlich fürchtete und haßte. Da Friedrich Schweſter auch nur die min⸗ men, ſein Project wegen der eifrig betrieb, ſo ſchien ihm nichts wahrſcheinlicher, als daß in den gedachten Motiven die Haupttriebfeder zu Quilps Handlungs⸗ uben, der Zwerg ermuntere ſie aus ſelbſtſüchtigen Abſichten, weil ihm nämlich ihre Plane gelegen wären, kam er leicht ſo weit, ſeine Mitwirkung in der Sache für redlich und auf⸗ richtig zu nehmen. Zudem war nicht zu verkennen, daß von einer ſolchen Seite aus mächtige und werth⸗ volle Beihülfe zu erwarten ſtünde, weßhalb Trent beſchloß, Quilp's Einladung anzunehmen und ihn noch dieſen Abend zu beſuchen: derſelbe ſollte ſodann, wenn ſich aus ſeinen Worten eine Beſtätigung der Vorausſetzungen entnehmen ließe, an ihrem Plane mitarbeiten, ohne jedoch einen Theil an dem Gewinne zu haben. Nachdem ſich der edle Br in dieſer Weiſe überlegt und gefommen war, theilte er das uder die Sachlage zu einem Entſchluſſe „ was ihm paſſend 6* dünkte, Herrn Swiveller, der ſich ſogar mit noch weniger zufrieden gegeben haben würde, mit, ließ ihm einen Tag Zeit, ſich von ſeinem geſtrigen Sala⸗ mandern zu erholen, und begleitete ihn am Abend nach Herrn Quilp's Wohnung. Herr Quilp war ungemein erfreut, die beiden Freunde bei ſich zu ſehen, oder ſchien es wenigſtens zu ſeyn; auch benahm er ſich ſchrecklich höflich gegen Frau Quilp und Frau Jiniwin, obgleich er einen ſehr ſcharfen Blick auf ſein Weib warf, um den Eindruck zu beobachten, welchen das Wiedererkennen des jungen Trent auf ſie übte. Frau Quilp bekun⸗ dete ebenſowenig als ihre Mutter irgend eine ſchmerz⸗ liche oder angenehme Erregung bei dem Anblicke des jungen Mannes; da aber das Auge ihres Gatten ſie dermaßen einſchüchterte und verwirrte, daß ſie durch⸗ aus nicht wußte, was ſie thun ſollte, oder was von ihr verlangt wurde, ſo ermangelte Herr Quilp nicht, ihre Verlegenheit der von ihm geträumten Urſache beizumeſſen, und während er über ſeinen Scharfblick entzückt war, raste er im Geheim vor Eiferſucht. Demungeachtet ließ ſich aber Herr Quilp durch⸗ aus nichts anmerken, denn er war im Gegentheil die Leutſeligkeit und Geſprächigkeit ſelbſt, und präſi⸗ dirte bei der Rumflaſche mit außerordentlicher Offen⸗ herzigkeit. „Laſſen Sie mich einmal ſehen,“ ſagte Quilp. „Es muß um die zwei Jahre herum ſeyn, daß wir zum erſtenmale mit einander bekannt wurden?“ u—— u 85 „Nahe an drei, glaube ich,“ verſetzte Trent. „Nahe an drei?“ rief Quilp.„Wie ſchnell doch die Zeit entflieht! Kömmt es dir auch ſchon ſo lange vor, Frau Quilp?⸗ „Ja, ich glaube, es ſind volle drei Jahre, Quilp,“ lautete die unglückliche Antwort. „Aha, Madame,“ dachte Quilp;„Sie haben ſich ſeitdem wohl recht abgehärmt— nicht wahr? Ganz gut, Madame.“ „Kömmt es mir doch faſt wie geſtern vor, als Sie in der Mary Anne nach Demerara fuhren,“ fügte Herr Quilp laut bei;„ich verſichere Sie— erſt wie geſtern. Nun, ich liebe ein Bischen Wild⸗ heit. Ich war ſelbſt einmal ein Wildfang.“ Herr Quilp begleitete dieſes Zu einem ſo entſetzlichen Blinzeln, welches von alten loſen Streichen und lockeren Liebesabenteuern Kunde geben ſollte, daß ſich Frau Jiniwin höchlich darüber leiſe zu bemerken, lange aufſchieben, bis ſeine Frau nicht im Zimmer wäre, für welchen Act der Kühnheit und Inſubordination Herr Quilp ſie anfangs in einer Weiſe anſtierte, daß ſie ganz außer Faſſung gerieth, worauf er mit großer Förmlichkeit ihre Geſundheit trank. „Ich dachte mir's wohl, daß Sie ſchnell wieder zurückkommen würden, Herr Fritz— ich dachte mir's immer,“ ſagte Quilp, ſein Glas niederſetzend.„Und geſtändniß mit 86 als die Mary Anne mit Ihnen am Bord wieder zurückkehrte, ſtatt einen Brief mitzunehmen, welcher von der Zerknirſchung Ihres Herzens und von dem Glücke Ihrer neuen Lage ſprechen ſollte— ja, ja, ich amüſirte mich damals; ich amüſirte mich außer⸗ ordentlich. Ha! ha! ha!“ Der junge Mann lächelte, aber nicht als ob das Thema das angenehmſte wäre, welches für ſeine Unter⸗ haltung hätte ausgewählt werden können; und gerade aus dieſem Grunde fuhr Herr Quilp damit fort. „Nein, ich laſſe mir's nicht nehmen,“ ſagte er; nein reicher Verwandter, der zwei junge, von ihm abhängige Leute hat— gleichviel, ob Brüder oder Schweſtern, oder Bruder und Schweſter— thut Unrecht, wenn er ſeine Liebe ausſchließlich dem einen zuwendet und das andere verſtößt.“ Der junge Mann machte eine ungeduldige Be⸗ wegung, aber Quilp machte ſo ruhig fort, als ob ſich's um irgend eine ganz abſtracte Frage handle, bei welcher Niemand von den Anweſenden perſönlich betheiligt wäre. „Es iſt allerdings wahr,“ ſagte Quilp,„daß Ihr Großvater wiederholte Vergebung, Undankbarkeit, Schlemmerei, Verſchwendung und dergleichen Dinge gegen Sie geltend machte; ich bedeutete ihm aber, daß dieß ganz gewöhnliche Fehler wären.„Aber er iſt ein Schurke,⸗ ſagte er.—„Angenommen, es wäre der Fall,⸗ ſagte ich, natürlich nur um der Argumentation willen, ‚viele junge Edelleute und 87 vieder Gentlemen ſind auch Schurken!’ Aber er wollte ſich elcher nicht überzeugen laſſen.“ dem„Das nimmt mich in der That ſehr Wunder, la, Herr Quilp,“ verſetzte der junge Mann ſarkaſtiſch. ußer⸗„Nun, mir ging's damals nicht anders,“ ent⸗ gegnete Quilp;„aber er war immer ſtarrköpfig. das Wir ſtanden in freundſchaftlichen Beziehungen, aber nter⸗ er erwies ſich immer eigenſinnig und querköpfig. Die kade kleine Nell iſt ein hübſches Mädchen, ein bezaubern⸗ 1 des Mädchen, aber Sie ſind ihr Bruder, Herr Fried⸗ er; rich. Sie ſind im Grunde doch ihr Bruder, wie ihm Sie ihm dieß auch bei Ihrer letzten Zuſammenkunft oder zu verſtehen gegeben haben. Dieſe Thatſache kann thut er nicht ändern.“ een„Er würde es, wenn er es könnte! Die Peſt ge⸗ über ihn für dieſe, wie auch für ſeine übrigen wohl⸗ ob wollenden Geſinnungen gegen mich!“ rief der junge dle, Mann ungeduldig.„Aber wozu das jetzt? Laſſen ich Sie es daher in's Teufels Namen beruhen.“ „Zugegeben,“ entgegnete Quilp;„von meiner aß Seite bereitwillig zugegeben. Was hat mich doch eit, auch drauf gebracht? Richtig, Herr Friedrich— ge ſehen Sie, ich wollte Ihnen nur zeigen, daß ich mich er, immer als Ihren Freund erwieſen habe. Sie wuß⸗ er ten freilich wenig, wer Ihnen Feind, oder wer ihr es Freund war— oder wußten Sie es? Sie hielten er mich für ihren Gegner, und als Folge davon iſt nd eine Kälte zwiſchen uns eingetreten; aber die Schuld lag ganz an Ihnen— durchaus nur an Ihnen. Geben wir uns wieder die Hände, Herr Friedrich.“ Mit faſt in die Schultern verſtecktem Kopfe und einem grauenhaften Grinſen, das ſein Geſicht über⸗ flog, ſtand der Zwerg auf und ſtreckte ſeinen kurzen Arm über den Tiſch. Nach einem augenblicklichen Zögern ſtreckte der junge Mann den ſeinigen gleich⸗ falls aus, und Quilp packte ſeine Finger ſo feſt, daß vorübergehend der Strom des Blutes darin er⸗ ſtarrte; dann drückte er die andere Hand auf ſeine Lippen, runzelte gegen den nichtsahnenden Richard die Stirne, ließ dann Trent los und fetzte ſich nieder. Dieſe Geberde war für Trent nicht verloren, weil er daraus entnahm, daß der Zwerg ihre gegen⸗ ſeitige Verbindung wohl zu würdigen wußte und den Charakter ſeines Freundes vollkommen durchſchaute, denn Dick Swiveller ſollte ja nur ein Werkzeug in ſeinen Händen ſeyn und von ſeinen Planen nicht weiter erfahren, als er ihm mitzutheilen für paſſend erachtete. Es iſt etwas Schönes darum, Anerkennung zu finden, und wäre es auch nur um der Schurkerei willen. Dieſe ſtumme Huldigung, welche ſeinen überlegenen Fähigkeiten gezollt wurde, in Vereini⸗ gung mit dem Gefühle einer Obmacht, womit des Zwergs raſche Auffaſſungsgabe ihn bereits ausgeſtat⸗ tet hatte, ſtimmte den jungen Mann günſtig gegen dieſen ehrenwerthen Kobold und bewog ihn, von ſeiner Beihülfe Nutzen zu ziehen. 2—/„. —— A G◻ K 89 Quilp's Rolle forderte es jetzt, ſo ſchnell als thunlich den Gegenſtand der Unterhaltung zu wechſeln, damit Richard Swiveller in ſeiner Kopflofigkeit nicht etwas enthülle, was die Weiber nicht zu wiſſen brauchten, weßhalb er eine Partie Cribbage zu Vieren vorſchlug. Die Spielcompagnonſchaft wurde aus⸗ geſchieden, und es traf ſich, daß Frau Quilp mit Friedrich Trent und Dick mit Quilp zuſammen kam. So ſehr Frau Jiniwin auch eine Freundin von Karten⸗ ſpiel war, ſo ſchloß ſie doch ihr Schwiegerſohn von aller Theilnahme gänzlich aus, indem er ihr das Geſchäft zuwies, von Zeit zu Zeit aus der Flaſche die Gläſer aufzufüllen; dabei ließ ſie von nun an Herr Quilp keinen Augenblick aus dem Geſichte, damit ſie nicht allenfalls nebenzu ſich ſelbſt bediene wodurch er die unglückliche alte Rumflaſche ebenſo zugethan war, f eine doppelte und höchſt ſinn⸗ reiche Weiſe empfindlich quälte. Kunſtgriffe anzuwenden, ſondern e Unterlaß durch Blicke, Stirnerun r mußte auch ohne nzeln und Fußtritte 90 unter dem Tiſche Richard Swiveller corrigiren, der, ganz verblüfft über die Geſchwindigkeit, womit ſeine Karten gezählt wurden und die Stifte auf dem Brette hinunterwanderten, ſich nicht entbrechen konnte, bis⸗ weilen ſeine Ueberraſchung und ſeinen Unglauben auszudrücken. Außerdem war Frau Quilp die Spiel⸗ theilhaberin des jungen Trent, und für jeden Blick, der zwiſchen ihnen gewechſelt wurde, für jedes Wort, das ſie ſprachen, und für jede Karte, die ſie aus⸗ ſpielten, hatte der Zwerg Augen und Ohren. Er kümmerte ſich nicht nur um das, was über dem Tiſch vorging, ſondern auch um die Zeichen, die möglicher⸗ weiſe unter demſelben gewechſelt werden konnten, und legte daher alle Arten von Fallſtricken, um dieſelben zu entdecken, indem er namentlich öfters ſeine Frau auf die Zehe trat, um zu ſehen, ob ſie ſchrie oder ſich ruhig verhielt, in welch letzterem Fall es ihm natürlich ganz klar geweſen ſeyn würde, daß Trent ſchon vorher ſie auf die Zehen getreten hatte. Obgleich nun von allen Seiten in Anſpruch ge⸗ nommen, verwandte er doch das eine Auge nie von der alten Dame, und wenn ſie auch noch ſo verſtohlen einem benachbarten Glaſe den Theelöffel näherte (was oft geſchah, um nur einige Tropfen des ſüßen Inhalts für ſich abzufangen), ſo ſtörte ſie Quilp's Hand im Augenblicke des Triumph's durch ein Anſtoßen gegen den Löffel, und Quilp's höhnende Stimme bat ſie, ihre koſtbare Geſundheit in Acht zu nehmen. Und in keiner dieſer vielen Obliegenheiten erlahmte 91— oder verfehlte ſich Quilp vom Anfange an bis zum letzten Augenblicke. Das Spiel dauerte lange fort und der Flaſche wurde kräftig zugeſprochen, bis endlich Herr Quilp ſeine Dame erinnerte, daß es Zeit ſey, ſich zur Ruhe zu begeben. Die unterwürfige Gattin gehorchte, und die entrüſtete Mutter folgte ihr, während Herr Swi⸗ veller bald einſchlummerte. Der Zwerg winkte ſeinem noch wachenden Gefährten nach dem andern Ende des Gemachs, und hielt mit ihm eine kurze, leiſe Zwieſprache. „Es wird gut ſeyn, unſerem Freunde nicht mehr, als unumgänglich nöthig iſt, mitzutheilen,“ ſagte Herr Quilp, gegen den ſchlummernden Freund eine Fratze ſchneidend.„Gilt es zwiſchen uns, Fritz? Soll er wirklich die kleine roſige Nell heirathen?“ „Sie haben natürlich bei Stellung dieſer Frage ihre eigenen Zwecke im Auge?“ entgegnete der Andere. „Natürlich habe ich dieß, mein beſter Herr Fritz,“ ſagte Quilp und grinste, als er bedachte, wie wenig der Andere ſeinen wahren Zweck verrieth. „'s iſt vielleicht Rache— vielleicht Grille. Ich habe Einfluß, die Sache zu unterſtützen oder ſie zu ver⸗ hindern, Herr Fritz. Welchen Weg ſoll ich ein⸗ ſchlagen? Es ſind zwei Waagſchalen da, und ich handle nur für eine.“ „So werfen Sie Ihren Einfluß in die meinige,“ erwiederte Trent. „Es iſt geſchehen, Herr Fritz,“ verſetzte Quilp, 9² indem er ſeine geballte Hand ausſtreckte und ſie öff⸗ nete, als laſſe er daraus ein Gewicht niederfallen. „Er liegt von Stunde an in ihrer Schaale und gibt ihr den Ausſchlag, Herr Fritz. Vergeſſen Sie das nicht.“ „Wo ſind ſie hin?“ fragte Trent. Quilp ſchüttelte den Kopf und ſagte, dieſer Punkt bleibe noch zu ermitteln, was aber wahrſchein⸗ lich keine Schwierigkeiten veranlaſſen werde; ſey man einmal ſo weit im Reinen, ſo könne man die vor⸗ läufigen Schritte einleiten. Er wolle den alten Mann beſuchen, oder auch Richard Swiveller könne dieß thun und durch Zurſchauſtellung einer tiefen Beſorg⸗ niß um ſeinetwillen, indem er ihn zugleich anflehe, ſich eine würdige Heimath zu wählen, auf das Kind einen ſolchen Eindruck machen, daß ſie ſich ſeiner mit Dankbarkeit und Wohlwollen erinnere. Habe Dick es einmal ſo weit gebracht, meinte Quilp, ſo ſey es ein Leichtes, ſie in einem oder zwei Jährchen zu gewinnen, denn ſie halte den alten Mann für arm, da er mit vielen andern Geizhälſen die eifer⸗ ſüchtige Politik theile, gegen ſeine Umgebung ſich arm zu ſtellen. „Er hat in der letzten Zeit dieſen Kunſtgriff oft genug gegen mich in Anwendung gebracht,“ ſagte Trent. „Oh! Und auch gegen mich!“ verſetzte der Zwerg.„Iſt das nicht noch merkwürdiger, da ich doch weiß, wie reich er wirklich iſt?“ »——— ibt 93 „Sie ſollten es, meine ich, wiſſen können,“ ent⸗ gegnete Trent. „Das denke ich ſelber auch,“ erwiederte der Zwerg; und hierin wenigſtens ſprach er die Wahrheit. Sie flüſterten noch eine Weile und kehrten dann nach dem Tiſche zurück, worauf der junge Mann Richard Swiveller weckte und ihm eröffnete, daß ſie aufbrechen müßten. Dieß war Dick, welcher augen⸗ blicklich auf den Beinen war, eine willkommene Neuigkeit. Nachdem noch einige Worte im Vertrauen über den wahrſcheinlichen Erfolg gewechſelt waren, wünſchten ſie dem grinſenden Quilp gute Nacht. Als ſie auf die Straße traten, ſchlich ſich Quilp an das Fenſter, um zu horchen. Trent erging ſich eben in Lobſprüchen über Frau Quilp, und beide konnten ſich nicht genug wundern, durch welche Hexerei ſie ſo weit gebracht worden wäre, einen ſo ungeſtalteten Wicht zu heirathen. Der Zwerg ſah den ſich entfernenden Schatten mit einer noch grim⸗ migeren Geſichtsverzerrung nach und ſchlich ſich leiſe in der Dunkelbeit zu Bette. Bei Ausbrütung ihres Planes dachte weder Trent noch Quilp auch nur mit einem einzigen Gedanken an das Glück oder Unglück der armen unſchuldigen Nell. Auch wäre es in der That ein Wunder geweſen, wenn der ſorgloſe Wüſtling, der Beiden als Zielſcheibe dienen mußte, ſich durch irgend eine ſolche Rückſicht hätte beunruhigen laſſen, denn 8 94 die hohe Meinung von ſeinen eigenen Verdienſten ließ ihm das Project eher in einem lobenswerthen als in einem andern Licht erſcheinen, und wenn er je von einem ſo ungewohnten Gaſt, als das Nach⸗ denken war, heimgeſucht worden wäre, ſo würde er — da er nur roh in Befriedigung ſeiner Begierden war— ſein Gewiſſen mit dem Vorwand beſchwichtigt haben, daß er ja nicht im Sinne habe, ſein Weib zu ſchlagen oder umzubringen, und daher nach allem Geſagten und Geſchehenen durchſchnittlich einen ganz erträglichen Ehemann abgeben dürfte. Der Naritätenladen. 1 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Der alte Mann und das Kind wagten es erſt, Halt zu machen und am Rande eines kleinen Waldes auszuruhen, nachdem ſie ganz erſchöpft waren und nicht länger den Schritt beizubehalten vermochten, in welchem ſie von der Rennbahn geflohen waren. Hier konnten ſie, obgleich die Bahn ihren Blicken entſchwunden war, noch ganz ſchwach den Lärm fer⸗ nen Geſchrei's, das Summen der Stimmen und das 95⁵ Wirbeln der Trommeln unterſcheiden. Als das Kind die Anhöhe hinanklomm, die zwiſchen ihnen und dem Orte, welchen ſie verlaſſen hatten, lag, konnte es ſogar noch die flatternden Fahnen und die weißen Zeltſpitzen erkennen; aber Niemand näherte ſich ihnen, und ihr Ruheort war ſtill und einſam. Es währte einige Zeit, ehe Nelly ihren zitternden Gefährten zu beſchwichtigen oder ihn nur in den Zuſtand einer mäßigen Ruhe zu bringen vermochte. Seine verwirrte Einbildungskraft ließ ihn Maſſen von Perſonen ſchauen, die ſich unter dem Schutz des Gebüſches gegen ſie herſtahlen, in jedem Graben lauerten und aus den Zweigen eines jeden raſchelnden Baumes herausſahen. Auch ängſtigte ihn die Furcht, man wolle ihn als Gefangenen nach irgend einem düſteren Orte führen, wo Feſſeln und Peitſchen ſeiner harrten, und was noch ſchlimmer als alles war, wo Nelly ihn nur durch eiſerne Schranken und Gitter in der Mauer ſehen konnte. Dieſe ſchreckenhaften Vorſtellungen gingen dem Kinde zu Herzen. Tren⸗ nung von ihrem Großvater war das größte Uebel, das ſie zu fürchten hatte, und da es ihr zur Zeit war, als würden ſie, wo ſie auch hingingen, nieder⸗ gehetzt, ohne wo anders, als in Schlupfwinkeln Sicherheit zu finden, ſo zagte ihr Herz und der Muth entſank ihr. Bei einem ſo jungen Geſchöpfe, welches mit Scenen, wie ſie kürzlich durchlebt worden, ſo wenig vertraut war, darf eine ſolche Muthloſigkeit nicht auffallen. Doch ſchließt die Natur oft kühne und edle Herzen in einen ſchwachen Buſen ein— am öfteſten aber, Gott ſey Dank, in die Bruſt des weiblichen Geſchlechtes— und ſobald ſich die Kleine, die ihr thränenvolles Auge auf den alten Mann warf, ſeiner Schwäche, ſeiner Hülfloſigkeit und des troſt⸗ loſen Zuſtandes erinnerte, falls ſie ihm entriſſen würde— da ſchwoll ihr das Herz im Innern, und auf's Neue ſtählte Kraft und Muth ihre Seele. „Wir ſind jetzt ganz ſicher und haben gewiß nichts mehr zu fürchten, lieber Großvater,“ ſagte ſie. „Nichts zu fürchten?“ entgegnete der alte Mann. „Nichts zu fürchten, wenn man dich von mir reißt? Nichts zu fürchten, wenn man uns trennt? Ach, Niieemand iſt mir treu— nein, Niemand! Nicht einmal Nell!“ „Oh! Sprechen Sie nicht ſo,“ verſetzte das Kind,„denn wenn Jemand treu und aufrichtig an Ihnen hängt, ſo iſt dieß bei mir der Fall. Ich bin überzeugt, daß Sie dieß ſelber auch recht gut wiſſen.“ „Aber wie kannſt du dann,“ fuhr der alte Mann fort, indem er ſcheu umherblickte,„wie kannſt du dann auf den Gedanken kommen, daß wir ſicher ſeyen, wenn man von allen Seiten nach mir ſpäht, wenn man hieher kommt, und wenn man uns nach⸗ ſchleicht, ſogar während wir hier reden?“ „Aus dem einfachen Grunde, weil ich überzeugt bin, daß wir nicht verfolgt werden,“ ſagte das Kind. „Urtheilen Sie nur ſelbſt, lieber Großvater, blicken 97 Sie umher und überzeugen Sie Sich, wie ſtill und ruhig alles iſt. Wir ſind allein mit einander und können hin wo wir wollen. Nicht ſicher? Könnte ich mich ruhig fühlen, oder würde ich mich überhaupt ruhig fühlen, wenn Sie von einer Gefahr bedroht wären?“ „Du haſt Recht, du haſt Recht,“ antwortete er, indem er ihr die Hand drückte, aber noch immer ängſtlich umherſchaute.„Was war das für ein Ton?“ „Ein Vogel iſt in das Gehölz geflogen,“ ſagte das Kind,„und wollte uns den Weg zeigen. Er⸗ innern Sie Sich noch, daß wir ſagten, wir wollten in Wäldern, Feldern und an den Flüſſen hin ſpazieren gehen, und wie glücklich wir dann ſeyn würden— erinnern Sie Sich deſſen? Und doch ſitzen wir jetzt traurig beiſammen und verlieren die Zeit, während die Sonne über unſern Häuptern ſcheint und alles froh und glücklich iſt. Sehen Sie nur, welch ein lieblicher Pfad! Und da iſt der Vogel— der nämliche Vogel — jetzt fliegt er zu einem andern Baume und bleibt, um zu ſingen. Kommen Sie!“ Als ſie von dem Boden aufſtanden und den ſchattigen Pfad einſchlugen, welcher durch den Wald führte, ſprang ihm Nell voraus und drückte ihre leichten Fußſtapfen in das Moos, welches ſich elaſtiſch unter dem unbedeutenden Druck wieder erhob und, dem Athem auf dem Spiegel gleich, bald keine Spur mehr ſehen lies; und ſo lockte ſie den alten Mann mit vielen Rückblicken und heiteren Winken vorwärts, indem ſie das eine Mal behutſam auf einen einſamen Boz. XII. Humphrey's Wanduhr 7 Vogel aufmerkſam machte, der von einem ihren Weg kreuzenden Zweige herunterzwitſcherte, das andere Mal ſtehen blieb, um auf die ſrohen Lieder zu hören, welche die Stille unterbrachen, oder die Sonnen⸗ ſtrahlen zu beobachten, wie ſie durch die Blätter zitterten und unter den von Epheu umzogenen Stäm⸗ men kräftiger alter Bäume ſich hinſtehlend, lange Licht⸗ pfade öffneten. Als ſie ſo, die Zweige auf ihrem Wege zurückbiegend, weiter kamen, ſchlich ſich allmälig die Heiterkeit, welche die Kleine anfangs nur angenommen hatte, allen Ernſtes in Nelly's Bruſt; der alte Mann warf nicht länger furchtſame Blicke hinter ſich, ſon⸗ dern fühlte ſich leicht und wohlgemuth, und je tiefer ſie in die grünen Schatten eindrangen, deſto mehr fühlten ſie, daß hier der ruhige Geiſt Gottes wal⸗ tete und ſie mit ſeinem Frieden umzog. Endlich wurde der Pfad lichter und weniger verwickelt; ſie gelangten an die Gränze des Gehölzes und von da aus auf die Landſtraße. Nachdem ſie eine kleine Strecke auf derſelben fortgegangen waren, kamen ſie an einen Feldweg, welcher zu beiden Seiten ſo von Bäumen beſchattet wurde, daß die Kronen oben zuſammenſtießen und den Pfad über⸗ wölbten. Ein zerbrochener Wegweiſer verkündigte ihnen, daß dieſer Weg nach einem drei Meilen ent⸗ legenen Dorfe führe, und dorthin beſchloſſen ſie, ihre Schritte zu lenken. Die Meilen kamen ihnen ſo lang vor, daß ſie einige Mal glaubten, ſie wären verirrt. Endlich 99 aber ging es, zu ihrer großen Freude, eine ſteile Hohlgaſſe hinab, auf deren überhängenden Seiten die Fußpfade hinführten, und die Häuſergruppen des Dorfes wechſelten gar freundlich mit dem waldigen Grün des Thales.. Es war nur ein ſehr kleiner Ort. Die männ⸗ liche Jugend ſpielte im Freien Ball, und da die anderen Leute zuſahen, ſo wanderten unſere beiden Pilger auf und ab, ungewiß, wen ſie um ein be⸗ ſcheidenes Nachtquartier anſprechen ſollten. Nur ein einziger alter Mann befand ſich in dem kleinen Garten vor ſeiner Hütte, und dieſem näherten ſie ſich ſchüchtern, denn er war der Schulmeiſter, und auf ein weißes Brett über ſeinem Fenſter war mit ſchwarzen Buchſtaben das Wort„Schule“ geſchrieben. Der Mann ſah blaß, ſchlicht und mager aus, ſaß in der kleinen Vorhalle ſeiner Thüre unter ſeinen Blumen und Bienenſtöcken und rauchte ſeine Pfeife. „Rede ihn an, meine Liebe,“ flüſterte der alte Mann. „Ich getraue mich kaum, ihn zu ſtören,“ ver⸗ ſetzte das Mädchen furchtſam.„Er ſcheint uns nicht zu ſehen. Wenn wir noch ein wenig warten, ſo blickt er vielleicht in unſere Richtung.“ Sie warteten, aber der Schulmeiſter ſah ſich nicht nach ihnen um, ſondern blieb ſtumm und ge⸗ dankenvoll in ſeiner kleinen Vorhalle ſitzen. Er hatte ein gutmüthiges Geſicht, und ſein einfacher, alter, ſchwarzer Anzug ließ ihn nur noch blaſſer und 7* magerer erſcheinen. Auch kam es ihnen vor, als umgäbe ihn und ſein Haus das Gepräge der Ein⸗ ſamkeit, was aber vielleicht nur darin ſeinen Grund hatte, weil ſich die andern Leute in geſelliger Heiter⸗ keit auf dem Raſen umhertrieben, und er der ein⸗ zige, einſame Mann im ganzen Orte zu ſeyn ſchien. Sie waren ſehr müde, und das Kind hätte wohl Kühnheit genug gehabt, ſogar einen Schul⸗ meiſter anzureden, wenn ſich nicht in ſeinem Beneh⸗ men Etwas ausgeſprochen haben würde, was auf Unruhe oder Kummer hinzudeuten ſchien. Während ſie ſo in kleiner Entfernung zögernd daſtanden, be⸗ merkten ſie, daß er minutenlange in ein finſteres Brüten zu verſinken ſchien; dann legte er ſeine Pfeife weg, that ein paar Schritte in ſeinen Garten, näherte ſich der Thüre und ſah nach dem Raſen hinaus; dann griff er mit einem Seufzer wieder nach ſeiner Pfeife und ſetzte ſich, wie früͤher, gedankenvoll nieder. Da ſonſt Niemand erſchien und es bereits dunkel wurde, ſo faßte Nell endlich Muth und wagte es, als ſich der Schulmeiſter eben geſetzt und ſeine Pfeife wieder aufgenommen hatte, mit ihrem Großvater an der Hand, näher zu kommen. Das leichte Geräuſch, veranlaßt durch die Bewegung der Klinke an der Gartenthüre, erregte ſeine Aufmerkſamkeit. Er ſah freundlich nach ihnen um, ſchien aber jemand Anders erwartet zu haben, denn er ſchüttelte leicht den Kopf. Nell machte einen Knix und ſagte ihm, ſie N ⏑⏑ u ⸗ ◻ ð◻&f᷑ ☛ ☛ 8 ⏑— N n 101 wären arme Reiſende und ſuchten eine Nachtherberge, die ſie gerne bezahlen wollten, ſo weit es ihre Mittel geſtatteten. Der Schulmeiſter ſah ſie, wäh⸗ rend ſte ſprach, ernſt an, legte dann ſeine Pfeife bei Seite und ſtand ſogleich auf. „Wenn Sie uns einen Ort empfehlen wollten, Sir,“ ſagte das Kind,„ſo würden wir es mit großem Danke anerkennen.“ „Ihr kommt wohl ſchon weit her?“ entgegnete der Schulmeiſter. „Oh, ſehr weit, Sir,“ antwortete das Kind. „Du biſt noch ziemlich jung zum Reiſen, mein Kind,“ ſagte er, indem er ſeine Hand ſanft auf ihren Kopf legte.„Ihre Enkelin, Freund?“ „Ja,“ rief der alte Mann,„und die Stütze und der Troſt meines Lebens.“ „Kommt herein,“ ſagte der Schulmeiſter. Ohne weitere Einleitung führte er ſie in ſeine kleine Schulſtube, welche zugleich die Stelle des Wohnzimmers und der Küche vertrat, und ſagte ihnen, ſie wären bis morgen unter ſeinem Dache willkommen. Ehe ſie noch ihren Dank abſtatten konnten, breitete er ein grobes, weißes Tuch über den Tiſch und legte Meſſer und Teller auf; dann brachte er etwas Brod und kaltes Fleiſch nebſt einem Krug Bier hervor, und forderte ſeine Gäſte auf, zu eſſen und zu trinken. Nell ſah ſich, während ſie ihren Sitz einnahm, in der Stube um. Die Ausſtattung derſelben beſtand aus ein paar Bänken, eingekerbt, zerſchnitten und über und über mit Tinte beſudelt, einem kleinen tannenen Pulte auf vier Füßen, an welchem ohne Zweifel der Schulmeiſter ſaß, einigen mit Eſels⸗ ohren verſehenen Büchern auf einem hohen Geſimſe, und außerdem noch aus einem bunten Gemiſche von Kreiſeln, Bällen, Papierdrachen, Angelruthen, Mar⸗ beln, halbverzehrten Aepfeln und ſonſtigem confis⸗ eirten Eigenthum der müſſiggängeriſchen Knirpſe. An ein paar Haken in der Mauer prangten in all' ihrem Schrecken der Stock und das Lineal, und neben denſelben ruhte auf einem eigenen, kleinen Geſimſe die aus alten Zeitungen gefertigte und mit einem Paar großer Oblaten verzierte Eſelskappe. Der Hauptſchmuck der Wände beſtand jedoch aus ſchön geſchriebenen Sprüchen und wohl ausgearbei⸗ teten Rechnungsexrempeln in einfacher Addition und Multiplication, augenſcheinlich durch dieſelbe Hand ausgeführt, welche allenthalben herum angeklebt waren — zu einem doppelten Zwecke, wie es ſchien: ein⸗ mal nämlich, um ein Zeugniß von der Vortreff⸗ lichkeit der Schule aufzuſtellen, und dann, um einen lobenswerthen Ehrgeiz in den Herzen der Schüler zu entzünden. „Ja,“ ſagte der alte Schulmeiſter, als er be⸗ merkte, daß dieſe letzteren Specima Nell's Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zogen,„das iſt eine ſchöne Schrift, meine Liebe.“ & An 9 103 „Sehr ſchön, Sir,“ verſetzte das Kind beſchei⸗ den;„iſt es die Ihrige?“ „Die meinige?“ entgegnete er, indem er die Brille herauszog und aufſetzte, um die Triumphe, ſo theuer ſeinem Herzen, beſſer betrachten zu können. „Nein, ich kann in meinen alten Tagen nicht mehr ſo ſchreiben. Das kömmt alles von Einer Hand— und zwar von einer kleinen Hand, nicht ſo alt als die deinige, aber demungeachtet eine recht geſchickte Hand.“ Da der Schulmeiſter, während er ſo ſprack, einen kleinen Dintenklecks auf einer der genannten Schriften wahrnahm, ſo nahm er ein Federmeſſer, trat an die Wand und radirte denſelben ſorgfältig aus. Sobald er damit fertig war, trat er langſam vor dem Blatte zurück und betrachtete es mit be⸗ wundernder Miene, wie man etwa ein ſchönes Ge⸗ mälde zu betrachten pflegt; aber doch lag dabei eine gewiſſe Trauer in ſeiner Stimme und in ſeinem Benehmen, welche das Kind rührte, obgleich es die Veranlaſſung dazu nicht kannte.. „Allerdings eine kleine Hand,“ ſagte der arme Schulmeiſter,„und weit über ſeinen Cameraden ſte⸗ hend, ſowohl was Lernen, als was Spielen anbe⸗ langt. Wie mochte er nur auch dazu kommen, mich ſo zu lieben? Daß ich ihn liebe, iſt kein Wunder, aber daß er mich liebt—“ Der Schulmeiſter hielt inne und nahm ſeine Brille herunter, um ſie abzuwiſchen, als ob ſie trübe geworden wäre. „Ich hoffe, es iſt doch nichts Unangenehmes vorgefallen, Sir?“ fragte Nell beſorgt. „Nicht viel, meine Liebe,“ verſetzte der Schul⸗ meiſter.„Ich hoffe, ihn heute Abend auf dem Raſen zu ſehen. Er war immer der Vorderſte unter ihnen. Aber er wird morgen dort ſeyn.“ „Iſt er krank geweſen?“ fragte das Kind, mit dem raſchen Mitgefühl eines Kindes. „Nicht ſehr. Es heißt, der liebe Knabe habe geſtern irre geredet, und man ſagt, er habe es auch vorgeſtern gethan. Doch das kömmt gewöhnlich bei derartigen Krankheiten vor; es iſt kein böſes Zeichen — durchaus kein böſes Zeichen.“ Nell ſchwieg. Der Schulmeiſter ging nach der Thüre und ſah ſehnſüchtig hinaus. Die Schatten der Nacht zogen herauf und alles war ſtille. „Ich weiß, er würde zu mir kommen, wenn er ſich nur auf Jemands Arm lehnen könnte,“ ſagte er, in das Zimmer zurückkehrend.„Er kam immer in den Garten, um mir gute Nacht zu ſagen. Aber vielleicht hat ſeine Krankheit eben erſt eine günſtige Wendung genommen, und nun iſt es zu ſpät für ihn, herauszukommen, denn es iſt bereits feucht und neblig. Jedenfalls iſt es viel beſſer, wenn er heute zu Hauſe bleibt.“ Der Schulmeiſter zündete eine Kerze an, machte den Fenſterladen zu und ſchloß die Thüre. Dann n t 10⁵5 blieb er eine Weile ſtumm ſitzen, bis er endlich ſeinen Hut vom Nagel nahm und ſagte, er wolle hingehen und ſich ſelbſt überzeugen, wenn Nelly aufbliebe, bis er zurückkomme. Das Kind erklärte ſich bereit und der Schulmeiſter ging aus. Sie ſaß eine halbe Stunde, oder auch mehr, da, und fühlte ſich gar fremd und einſam an dieſem Orte, denn ſie hatte den alten Mann bewogen, zu Bette zu gehen, und man hörte nichts als das Picken der alten Wanduhr und das Pfeifen des Windes unter den Bäumen. Als der Schulmeiſter wieder zurückkehrte, ſetzte er ſich in den Kaminwinkel und verhielt ſich daſelbſt eine geraume Weile ſchweigend. Endlich wandte er ſich an das Mädchen und verſetzte mit weicher Stimme, er hoffe, ſie werde heute Nacht in ihrem Gebete auch eines kranken Kindes ge⸗ denken. „Es gilt meinem Lieblingsſchüler!“ ſagte der arme Schulmeiſter, ſeine Pfeife rauchend, welche er anzuzünden vergeſſen hatte, und mit wehmüthigen Blicken an den Wänden herumſehend.„Es iſt eine kleine Hand, die all' dieß geſchrieben hat, und nun ſoll ſie unter Krankheit dahin ſchwinden. Es iſt eine ſehr, ſehr kleine Hand!“ Der Naritätenladen. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Nach einer geſunden Nachtruhe in einer Kammer unter dem Strohdach, in welcher der Todtengräber einige Jahre gewohnt zu haben ſchien, bis er in der letzten Zeit ein Weib nahm und eine eigene Hütte bezog, ſtand das Kind am frühen Morgen auf und begab ſich nach dem Gemache, wo es den Abend vorher geſpeist hatte. Da der Schulmeiſter gleichfalls ſchon aus den Federn und ausgegangen war, ſo gab ſie ſich Mühe, die Stube nett und gemächlich aufzuräumen, und kaum war ſie mit ihren Vorkehrungen zu Stande gekommen, als ihr freund⸗ licher Wirth zurückkehrte. Er dankte ihr zu wiederholten Malen und ſagte, die alte Frau, welche gewöhnlich derartige Dienſte für ihn verrichte, warte dem kleinen Schüler ab, von dem er geſtern geſprochen habe. Das Kind fragte, wie es ihm gehe, und drückte die Hoffnung aus, daß er ſich beſſer befinde. „Nein,“ verſetzte der Schulmeiſter, bekümmert den Kopf ſchüttelnd,„nicht beſſer, es heißt ſogar, er befinde ſich übler.“ „Das thut mir recht leid, Sir,“ entgegnete das Kind. als es wäre. 107 Der arme Schulmeiſter ſchien ſich über die aufrichtige Theilnahme des Mädchens zu freuen, aber doch auch wieder unruhig darüber zu werden, denn er fügte haſtig bei, ängſtliche Leute vergrößerten oft ein Uebel und nähmen es gerne für gefährlicher, „Ich für meinen Theil,“ fügte er in ſeiner ruhigen, geduldigen Weiſe bei,„hoffe, daß es nicht ſo iſt, wie man ſagt. Ich glaube nicht, daß es ſchlimmer mit ihm geworden ſeyn kann.“ Nelly fragte, ob ſie ihm nicht das Frühſtück bereiten ſolle, und da ihr Großvater inzwiſchen herunter gekommen war, ſo nahmen alle Drei daſſelbe gemeinſchaftlich ein. Während ihrer kleinen Mahlzeit machte der Hauswirth die Bemerkung, daß der alte Mann ſehr ermüdet zu ſeyn ſcheine und offenbar noch der Ruhe behürfe. „Wenn Sie eine lange Reiſe vorhaben,“ ſagte er,„und es dabei nicht auf Einen Tag ankömmt, ſo ſind Sie willkommen, wenn Sie noch eine Nacht hier zubringen wollen. Es wuͤrde mich in der That recht freuen, wenn Sie es ſo einrichten könnten, mein Freund.“ Er bemerkte, daß der alte Mann auf Nell ſah und angenſcheinlich unſchlüßig war, ob er das Anerbieten ablehnen oder annehmen ſolle, weßhalb er fortfuhr: „Auch wird es mich freuen, Ihre junge Be⸗ gleiterin noch einen Tag bei mir zu beherbergen. 8 108 Sie können damit einem einzelnen Manne eine Wohlthat erweiſen und zu gleicher Zeit auch ſelbſt der Ruhe pflegen. Hat es aber mit Ihrer Reiſe Eile, ſo wünſche ich Ihnen eine glückliche Beendigung derſelben; auch will ich euch eine kleine Strecke be⸗ gleiten, ehe die Schule anfängt.“ „Was ſollen wir thun, Nell?“ fragte der alte Mann unentſchloſſen;„ſage, was ſollen wir thun, meine Liebe?“ Es koſtete keine große Ueberredung, das Kind zu der Antwort zu veranlaſſen, daß ſie beſſer thun würden, die Einladung anzunehmen und zu bleiben. Nell fühlte ſich glücklich, dem freundlichen Schul⸗ meiſter ihre Dankbarkeit durch Verrichtung jener häuslichen Obliegenheiten, deren ſeine kleine Hütte bedurfte, bezeugen zu können. Sobald ſie damit fertig war, nahm ſie etwas Nähzeug aus ihrem Körbchen und ſetzte ſich auf den Stuhl bei dem Fenſter, wo Jasmin und Gaisblatt ihre zarten Zweige in einander verſchlangen und, in das Fenſter hereinrankend, das Gemach mit ihrem köſtlichen Dufte erfüllten. Ihr Großvater ſaß außen in der Sonne, athmete den Wohlgeruch der Blüthen und ſah müßig den Wolken nach, wie ſie vor dem leichten Sommerwinde dahinſchwammen. Nachdem der Schulmeiſter die zwei Bänke in gehöriger Ordnung aufgeſtellt hatte, ſetzte er ſich hinter ſein Pult und traf noch andere Vorbereitungen für die Schule, ſo daß Nell fürchtete, ſie möchte im 109 Wege ſeyn, und ſich daher zu ihrem kleinen Schlaf⸗ kämmerchen zurückziehen wollte. Er gab dieß ubri⸗ gens nicht zu, und da ihm ihre Gegenwart ange⸗ nehm zu ſeyn ſchien, ſo blieb ſie mit ihrer Arbeit da. „Haben Sie viele Schüler, Sir?“ fragte ſie. Der arme Schulmeiſter ſchüttelte ſeinen Kopf und ſagte, daß ſie kaum die zwei Bänke füllten. „Lernen die Anderen auch ordentlich, Sir?“ fragte das Kind mit einem Blick nach den Trophäen an der Wand. „Es ſind gute Jungen,“ antwortete der Schul⸗ meiſter,„ganz wackere Jungen, meine Liebe; aber ſie werden nie ſo etwas zu leiſten im Stande ſeyn.“ Während der Schulmeiſter ſo ſprach, zeigte ſich ein weißkopfiger Knabe mit ſonnverbranntem Geſicht an der Thüre, machte dabei einen bäuriſchen Kratz⸗ fuß, kam herein und ſetzte ſich auf eine der Bänke. Der weißkopfige Knabe legte ſodann ein offenes, mit erſtaunlich viel Eſelsohren verſehenes Buch auf ſeine Kniee, ſteckte die Hände in ſeine Taſchen und be⸗ gann die Marbeln, womit ſie angefüllt waren, zu zählen, wobei er in dem Ausdrucke ſeines Geſichtes eine merkwürdige Fähigkeit an den Tag legte, ſeinen Geiſt total von den Buchſtaben, auf welche ſeine Augen geheftet waren, abzuziehen. Bald nachher kam ein anderer weißkopfiger Junge angeſtiegen, dem ſofort ein rothhaariger Burſche folgte, dann erſchie⸗ nen wieder zwei weitere Weißköpfe, und dann einer 110 mit Flachshaaren, und ſo ging es fort, bis die Bänke von einem Dutzend oder etwas mehr Jungen beſetzt waren, zwei Reihen Köpfe von allen Farben, die graue ausgenommen, und die Repräſentanten verſchiedener Altersclaſſen von vier bis vierzehn Jahren oder darüber, dem Auge darbietend. Die Beine der Jüngſten ſtanden, wenn ſie auf der Bank ſaßen, um ein ahnſehnliches von dem Fußboden ab, wäh⸗ rend der Aelteſte, ein plumper, gutmüthiger, läppi⸗ ſcher Junge, etwa um einen halben Kopf größer als der Schulmeiſter war. An der Vorderſeite der erſten Bank— dem Ehrenpoſten der Schule— war der leere Platz des kleinen kranken Schülers, und vorn an dem Rechen, an welchem die mit Mützen und Hüten verſehenen Zöglinge ihre Kopfbedeckungen aufzuhängen pflegten, befand ſich gleichfalls ein leerer Nagel. Kein Junge wagte es, das Heiligthum des Platzes oder Nagels zu verletzen, aber Mancher blickte von den leeren Stellen auf den Schulmeiſter und flüſterte dann hin⸗ ter der vorgehaltenen Hand mit ſeinem Nachbar. Dann begannen die leiſen Buchſtabirübungen, die Selbſtüberhörungen auswendig gelernter Lectionen, die halblauten Scherze, die heimlichen Spiele und das ganze lärmende Treiben einer Schule; und in⸗ mitten des Getöſes ſaß der arme Schulmeiſter, ein treues Bild der Demuth und Einfalt, indem er es ver⸗ geblich verſuchte, ſeinen Geiſt den Obliegenheiten des Tages zuzuwenden und ſeinen kleinen Freund zu —= d o—,,,.ͤͤ 111 vergeſſen. Das Langweilige ſeines Amtes erinnerte ihn jedoch nur um ſo ſtärker an den fleißigen Schüler, und man konnte deutlich ſehen, daß ſeine Gedanken nicht bei ſeinen Zöglingen waren. Aber Niemand bemerkte dieß ſchneller, als die müßigſten Jungen, welche, durch die Ungeſtraftheit ermuthigt, immer lauter und kecker wurden, unter den Augen des Lehrers„Gerade oder Ungerade“ ſpielten, öffentlich und ohne einen Verweis zu er⸗ halten, Aepfel ſpeisten, rückhaltslos aus Spaß oder Bosheit ſich gegenſeitig kneipten und ihre Auto⸗ graphen ſogar in die Beine des Pultes ſchnitten. Der verblüffte Schüler von dem Eſelsplätzchen, wel⸗ cher daneben ſtand, um ſeine Aufgabe auswendig herzuſagen, ſuchte nicht mehr an der Zimmerdecke die vergeſſenen Worte, Seite des Schulmeiſters auf das aufgeſchlagene Buch; der Spaßvogel der kleinen Bande blinzelte u gegen den kleinſten Ju auch nur durch ein vor in ſein Sinnen zurückverſank, ging es auf's Neue los, und zehnmal lauter als zuvor. Oh! wie einige von dieſen müßigen Jungen ſich aus dem Schulſtaube hinausſehnten, und wie ſte nach der offenen Thüre und dem Fenſter blickten, als hätten ſie halbwegs Luſt, gewaltſam auszureißen, in die Wälder zu eilen und fortan eigentliche Wilde zu ſeyn! Welche rebelliſche Gedanken an den kühlen Fluß und irgend einen ſchattigen Badeplatz unter den ihre Zweige in's Waſſer ſenkenden Weiden mochten wohl jenen ſtämmigen Jungen quälen und drängen, der mit offenem und ſo weit als möglich zurückgeſchlagenem Hemdkragen daſaß, das erhitzte Geſicht mit einem ABC⸗Buch fächelte und lieber ein Wallfiſch, ein Froſch, eine Fliege oder überhaupt alles geweſen wäre, nur nicht ein Knabe, der an einem ſolchen heißen, ſengenden Tage in der Schule ſchwitzen mußte! Welche Hitze! Fragt jenen Knaben dort, deſſen in der Nähe der Thüre befindlicher Sitz ihm Gelegenheit gab, in den Garten hinauszuſchlüpfen und ſeine Kameraden zum Wahnſinn zu treiben, in⸗ dem ſie zuſehen müſſen, wie er ſein Geſicht in den Brunnentrog taucht und dann im Graſe umherkugelt, fragt ihn, ob es je einen Tag gab, 85 dieſen, wo ſelbſt die Bienen tief in die Blumenkelche tauchten und darin blieben, als hätten ſie den feſten Entſchluß gefaßt, ſich vom Geſchäft zurückzuziehen und die Honigfabrikation aufzugeben. Der Tag war ganz dazu geſchaffen, träge zu ſeyn, auf dem Rücken im 113 grünen Graſe zu liegen und das Firmament anzu⸗ ſtarren, bis man von der Helle gezwungen wurde, die Augen zu ſchließen und einzuſchlafen. Und war dieß wohl eine Zeit, um über muffigen Buchern zu brüten?— und noch obendrein in einer düſtern Stube, die ſogar von der Sonne vernachläſſigt wurde!— Abſcheulich! Nell ſaß mit ihrer Arbeit beſchäftigt am Fenſter, achtete aber dabei aufmerkſam auf Alles, was vor⸗ ging, obgleich ſie ſich bisweilen vor den lärmenden Buben ein wenig fürchtete. Nach dem Leſen kam es an's Schreiben, und da kein anderes Pult, als das des Lehrers da war, ſo ſetzten ſich die Jungen der Reihe nach an demſelben nieder und druckten ihre Trudenfüße, während der Schulmeiſter umherſpazierte. Dieß war eine ruhigere Zeit; denn er kam immer herzu, ſah dem Schreiber über die Schulter und machte ihn ſanft darauf aufmerkſam, wie der und der Buchſtabe in der Schrift an der Wand gezogen ſey, lobte da den Haarſtrich und dort den Schatten⸗ ſtrich, und hieß den Schüler ſich dieſelbe zum Muſter nehmen. Hin und wieder hielt er auch inne und ſagte ſeinen Zöglingen, was das kranke Kind geſtern Abend geſprochen und wie es ſich geſehnt habe, wieder einmal unter ihnen zu ſeyn; kurz der arme Schul⸗ meiſter betruß ſich ſo zart und liebevoll, daß die Knaben eigentliche Gewiſſensbiſſe über ihre früheren Quälereien zu empfinden ſchienen und ſich vollkommen ruhig verhielten, keine Aepfel aßen, keine Namen Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 8 einſchnitten, ſich nicht zwickten und keine Grimaſſen machten— volle zwei Minuten lang. „Ich denke, Kinder,“ ſagte der Schulmeiſter, als die Glocke Zwölf ſchlug,„ich will euch dieſen Nach⸗ mittag eine Extravakanz geben.“ Auf dieſe Nachricht erhoben die Knaben unter der Anführung des langen Jungen ein lautes Jubel⸗ geſchrei, während deſſen man den Schulmeiſter wohl ſprechen ſah aber nicht hörte. Als er jedoch ſeine Hand aufhob, zum Zeichen ſeines Wunſches, daß ſie ſich ſtille verhalten ſollten, beobachteten ſie ſo viel Rückſicht, aufzuhören, ſobald derjenige unter ihnen, welcher den beſten Blaſebalg beſaß, außer Athem war. „Ihr müßt mir aber vorerſt verſprechen,“ fuhr der Schulmeiſter fort,„daß ihr nicht lärmen, oder wenigſtens, wenn ihr dieß im Sinne habt, hinaus⸗ gehen wollt— ich meine vor das Dorf hinaus. Gewiß werdet ihr euern alten Schul⸗ und Spiel⸗ kameraden nicht beunruhigen wollen.“ Es folgte ein allgemeines— und wohl ein ſehr aufrichtiges, denn es waren ja nur Kinder— Ge⸗ murmel der Verneinung, und der lange Junge, der es vielleicht ſo ehrlich als irgend Einer unter ihnen meinte, rief alle Anweſenden zu Zeugen auf, daß er nur ganz leiſe geſchrieen habe. „Ich bitte euch daher, meine lieben Kinder,“ ſagte der Schulmeiſter,„vergeßt nicht, was ich von Qeuch verlangt habe und thut es mir zu Gefallen. — ſen 115 Seyd ſo fröhlich, als ihr ſeyn könnt, aber erinnert euch, daß ihr mit Geſundheit geſegnet ſeyd. Gott behüte euch alle!“ „Danke, Sir,“ und„Gott befohlen, Sir,“ klang es zu öfterenmalen aus einem Dutzend Kehlen, und die Knaben entfernten ſich ſehr langſam und leiſe. Aber da ſchien die Sonne, und da ſangen die Vögel, wie ſie dieß nur an halben und ganzen Va⸗ kanztagen thun; da winkten die Bäume allen unbe⸗ ſchäftigten Jungen zu, hinanzuklimmen und unter ihren laubigen Zweigen zu niſten; das Heu bat ſie, zu kommen und es in der reinen Luft auszuſtreuen; die grünen Saatfelder nickten ſanft gegen Wald und Strom hin; der anmuthige Grund, noch lieblicher wiederſtrahlend unter ſeinen lichten und ſchattigen Tinten, verlockte zu Sprüngen und Sätzen, und zu langen Spaziergängen— Gott weiß wohin. Dieß war mehr, als ein Knabe ertragen konnte, und mit freudigem Jubel enteilte die ganze Bande und tum⸗ melte ſich lärmend und lachend umher. „Das iſt Natur, Gott ſey Dank!“ ſagte der arme Schulmeiſter, als er ihnen nachblickte.„Es freut mich recht, daß ſie ſich nicht an meine Worte kehrten.“ „Es iſt jedoch ſchwer, es Jedermann recht zu machen, wie die meiſten von uns wohl entdeckt haben werden, ohne für dieſen Erfahrungsſatz der Moral jener bekannten Fabel zu bedürfen, und im Laufe des Nachmittags machten mehrere Mütter und Tanten 8* von Zöglingen ihren Beſuch, um über das Verfahren des Schulmeiſters ihre gänzliche Mißbilligung aus⸗ zudrücken. Einige beſchränkten ſich auf Andeutungen, indem ſie etwa höflich fragten, welch ein rothgedruckter Tag oder welches Heiligenfeſt denn im Kalender ſtehe; Andere— und dieſe gehörten zu den tiefen Dorfpolitikern— folgerten, es ſey eine Geringachtung des Throns, ein Schimpf für Kirche und Staat, und ſchmecke nach revolutionären Principien, bei einem geringeren Anlaſſe als bei dem Geburtstag des Mo⸗ narchen, einen halben Vakanztag zu geben; aber die Mehrzahl drückte ihr Mißfallen unverholener und mit Berückſichtigung perſönlicher Gründe aus, indem ſie meinte, eine ſolche Verkürzung des Unterrichts ſey nichts anderes, als ein Akt offenen Raubs und Betrugs; und eine alte Dame ſtürzte, als ſie fand, daß nichts den friedliebenden Schulmeiſter zu reizen oder zu entflammen vermochte, aus ſeinem Hauſe hinaus, und ſprach über ihn vor ſeinem Fenſter mit einer andern Dame, ſich dahin erklärend, er müſſe ſich natürlich für dieſen halben Vakanztag einen Abzug von ſeinem Wochengehalt gefallen laſſen, oder er habe eben ſo natürlich eine Concurrenz zu gewärtigen; es ſey kein Mangel an müßigen Schluckern in der Nachbarſchaft(hier erhob die alte Dame ihre Stimme) und einige Schlucker, die ſogar zu faul wären, um Schulmeiſter zu ſeyn, dürften wohl bald finden, daß ihnen andere Schlucker über die Köpfe wüchſen; ſie wolle daher genan auf dieſelbe Acht haben und 117 ihnen ſcharf auf die Finger ſehen. Aber alle dieſe Verhöhnungen und Kränkungen waren nicht im Stande, auch nur eine Sylbe aus dem demüthigen Schulmeiſter herauszulocken, der an Nells Seite ſaß — etwas niedergeſchlagen vielleicht, aber ganz ſtill und ohne ſich zu beklagen. Gegen Abend humpelte ein altes Weib ſo ſchnell, als ſie konnte, den Garten herauf, und ſagte zu dem Schulmeiſter, den ſie an der Thüre traf, er ſolle gleich zu Frau Weſt kommen, und er werde wohl am Beſten thun, wenn er gleich vorauseile. Er wollte eben mit Nell einen Spaziergang machen; nun aber ſputete er ſich, ohne die Hand ſeines kleinen Gaſtes loszulaſſen, von hinnen, und überließ es der Botin, nach Belieben nachzukommen. Sie hielten an der Thüre eines Bauernhauſes, an welcher der Schulmeiſter ſanft mit dem Finger pochte. Sie wurde ohne Zeitverluſt geöffnet. Beide traten nun in eine Stube, wo ſich eine kleine Weiber⸗ gruppe um eine Frau verſammelt hatte, die älter als die übrigen war und unter Weinen und Schluchzen bitterlich die Hände rang. „Ach, Frau,“ ſagte der Schulmeiſter, indem er ſich dem Stuhle näherte, auf welchem die bekümmerte Alte ſaß,„ſteht es denn wirklich ſo übel?“ „Es geht ſchnell mit ihm,“ rief die alte Frau; „mein Enkel liegt im Sterben— und Ihr ſeyd rein daran ſchuld. Ihr hättet ihn nicht mehr ſehen ſollen, wenn er es nicht ſo ernſtlich verlangt hätte, 118 Das iſt jetzt die Frucht von ſeinem Lernen. Ach, Himmel, Himmel, Himmel, was kann ich thun!“ „Redet nicht ſo, daß mir eine Schuld dabei zur Laſt falle,“ entgegnete der ſanfte Schulmeiſter.„Doch Ihr beleidigt mich nicht, Frau— nein, nein. Ihr ſeyd in einer großen Betrübniß und meint es nicht ſo ſchlimm mit Euern Worten— gewiß es kann nicht ſeyn.“ „Ja, ich meine es ſo,“ erwiederte die alte Frau; „ich meine alles ſo, wie ich es geſagt habe. Hätte er nicht aus Furcht vor Euch immer hinter ſeinen Büchern geſeſſen— ich weiß gewiß, er wäre jetzt wohl und heiter.“ Der Schulmeiſter ließ ſeine Blicke über die an⸗ dern Weiber gleiten, als bäte er Eine oder die An⸗ dere davon, ein freundliches Wort für ihn zu ſpre⸗ chen; aber ſie ſchüttelten ihre Köpfe und flüſterten ſich gegenſeitig zu, ſie hätten nie geglaubt, daß viel Gutes beim Lernen herauskomme, und da liege jetzt der Beweis zur Hand. Ohne ein Wort zu erwie⸗ dern, oder ihre Härte durch einen Blick zu rügen, folgte er der alten Frau, welche ihn geholt hatte und jetzt gleichfalls hereingekommen war, in ein anderes Gemach, wo ſein jugendlicher Freund halb angekleidet auf einem Bette ausgeſtreckt lag. Es war ein ſehr junger Knabe— eigentlich ein kleines Kind. Die Haare hingen ihm in Locken um das Geſicht und ſeine Augen leuchteten— aber es war ein Blick vom Himmel, nicht von der Erde. Der Schulmeiſter —. 119 ſetzte ſich an ſeiner Seite nieder, beugte ſich über das Kiſſen und flüſterte ſeinen Namen. Der Knabe fuhr auf, ſtrich ſich mit der Hand über das Geſicht, ſchlang ſeine abgezehrten Arme um den Hals des Lehrers und rief, daß er ſein einziger gütiger Freund ſey. „Ich hoffe, daß ich es immer war. Gott weiß es, daß ich es wenigſtens ſeyn wollte,“ ſagte der arme Schulmeiſter. „Wer iſt das?“ fragte der Knabe, als er Nell bemerkte.„Ich ſcheue mich, ſie zu küſſen, weil ſie ſonſt auch krank werden könnte. Bittet ſie, daß ſie mir ihre Hand reiche.“ Nelly kam ſchluchzend näher und ergriff die kleine ſchlaffe Hand. Nach einer Weile machte ſich der kranke Knabe wieder los und legte ſich ſanft nieder. „Erinnerſt du dich noch des Gartens, Harry,“ flüſterte der Schulmeiſter, um den Knaben zu ſich zu bringen, da ein Zuſtand von Betäubung ſich ſeiner zu bemächtigen ſchien,„und wie lieblich es dort in den Abendſtunden war? Du mußt machen, daß du ihn bald wieder beſuchen kannſt, denn ich glaube, ſo⸗ gar die Blumen haben dich vermißt und ſind nicht mehr ſo heiter, als ſie ſonſt zu ſeyn pflegten. Du kömmſt doch bald— nicht wahr?“ Der Knabe lächelte matt— ſo gar, gar matt— und legte ſeine Hand auf das graue Haupt ſeines Freundes. Auch ſeine Lippen bewegten ſich, aber 120 es kam keine Stimme hervor— nein, nicht ein Laut. In dem nun folgenden Schweigen drang das Summen ferner Stimmen, von leichten Abendlüften getragen, durch das offene Fenſter. „Was iſt das?“ fragte das Kind, die Augen öffnend. „Die Knaben ſpielen auf dem Raſen.“ Der Kleine nahm ein Taſchentuch von ſeinem Kiſſen und machte den Verſuch, es über ſeinem Haupte zu ſchwingen; aber der ſchwache Arm ſank kraftlos nieder. „Soll ich es thun?“ fragte der Schulmeiſter. „Ja, ſeyd ſo gut, aber an dem Fenſter,“ lautete die matte Antwort.„Bindet es an das Gitter. Vielleicht ſehen es Einige von dort aus. Sie denken vielleicht an mich und ſchauen in dieſe Richtung.“ Er erhob den Kopf und blickte von dem flattern⸗ den Signal auf ſein müßiges Rackett, das neben der Schiefertafel, dem Buche und ſonſtigem Eigenthum des Knaben auf einem in der Kammer ſtehenden Tiſche lag. Dann legte er ſich abermals ſachte nie⸗ der und fragte, ob das kleine Mädchen noch d da wäre, denn er konnte ſie nicht ſehen. Nell trat vor und drückte die Hand des Kranken, welche auf der Bettdecke lag. Die zwei alten Freunde und Gefährten, denn das waren ſie, obgleich der Eine ein Mann der Andere ein Kind war— hielten ſich gegenſeitig in langer Umarmung feſt; dann 121 wandte der kleine Schüler ſein Geſicht gegen die Wand und ſchlief ein. Der arme Schulmeiſter blieb auf derſelben Stelle ſitzen, hielt die kleine kalte Hand in der ſeinigen und wärmte ſie. Es war nur die Hand eines todten Kindes. Er fühlte dieß; und doch wärmte er ſie noch immer und konnte ſie nicht weglegen. Der Naritätenladen. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Mit faſt gebrochenem Herzen verließen Nell und der Schulmeiſter das Sterbebette und kehrten nach der Hütte des Letztern zurück. Aber mitten in ihrem Gram und ihren Thränen war das Mädchen ſorg⸗ fältig bemüht, die wahre Urſache derſelben vor dem alten Manne geheim zu halten, denn der todte Knabe war ein Enkel geweſen und hinterließ nur eine einzige betagte Verwandte, um über ſeinen frühen Heim⸗ gang zu trauern. Sie ſchlich ſich ſobald als möglich nach ihrem Lager, und als ſie allein war, machte ſie dem Kummer, der ihre Bruſt belaſtete, durch Thränen Luft. Die trau⸗ rige Scene, deren Zeuge ſie geweſen, war jedoch nicht * ohne Lehre für ſie, und forderte ſie zur Zufriedenheit und Dankbarkeit auf— zur Zufriedenheit mit einem Schickſale, welches ihr Geſundheit und Freiheit ge⸗ laſſen hatte, und zur Dankbarkeit, daß ſie dem einzigen Verwandten und Freund, den ſie liebte, erhalten blieb und daß ſie in einer ſo ſchönen Welt leben und ſich regen durfte, während viele junge Geſchöpfe— ſo jung und hoffnungsvoll als ſie ſelber— geknickt und den Gräbern heimgegeben wurden. Wie mancher Raſen des alten Kirchhofs, auf dem ſie kürzlich hin und hergegangen war, grünte über den Gräbern von Kindern! Und obgleich ſie noch ganz wie ein Kind dachte und vielleicht nicht hinreichend überlegte, zu welchem ſchönen und glücklichen Daſeyn Diejenigen geboren ſind, welche jung ſterben, und wie ſie der Tod des Schmerzes überhebt, Andere um ſich her ſterben zu ſehen, die wohl manche kräftige Liebe ihrer Herzen mit in's Grab nehmen und im Laufe eines langen Lebens oftmals die Bitterkeit des Todes ſchmecken mußten, ſo dachte ſie doch weiſe genug, eine einfache, nahe liegende Moral aus dem zu ſchöpfen, was ſie dieſen Abend geſehen hatte, und ſie tief in ihrem Herzen zu bewahren. Ihre Träume zeigten ihr den kleinen Schüler— nicht eingeſargt und begraben, ſondern unter Engel weeilend, mit einem glücklichen Lächeln auf ſeinem Ant⸗ litze. Die Sonne goß ihre erheiternden Strahlen in das Gemach und weckte ſie; und nun blieb es ihr noch vorbehalten, von dem armen Schulmeiſter 41 „ —— 123 Abſchied zu nehmen und wieder einmal den Wander⸗ ſtab zu ergreifen. Als ſie reiſefertig waren, hatte die Schule bereits angefangen. In der düſtern Stube war es wieder ſo geräuſchvoll wie geſtern— ein wenig mäßiger und leichter vielleicht, aber, wenn es war, jedenfalls nur ſehr wenig. Der Schulmeiſter ſtand von ſeinem Pulte auf und begleitete ſie bis zur Gartenthüre. Mit zitternder, widerſtrebender Hand bot ihm Nelly das Geld an, welches die Dame beim Wett⸗ rennen ihr für die Blumen gegeben hatte: ſie ſtam⸗ melte ihren Dank und erröthete, als ſie es hinhielt, denn die Summe kam ihr gar zu unbedeutend vor. Er verlangte jedoch, daß ſie es wieder einſtecke, beugte ſich nieder, um ihre Wange zu küſſen, und kehrte in das Haus zurück.. Sie waren kaum ein halbes Dutzend Schritte gegangen, als er ſchon wieder an der Gartenthüre erſchien; der alte Mann kehrte zurück, um ihm noch einmal die Hand zu drücken, und die Kleine that das Gleiche. „Glück und Segen begleite Euch!“ ſagte der arme Schulmeiſter.„Ich bin jetzt ein ganz einſamer Mann. Wenn Ihr je wieder dieſes Weges kommt, ſo vergeßt die kleine Dorfſchule nicht.“ „Wir werden ſie nie vergeſſen, Sir,“ verſetzte Nell,„und werden uns ſtets mit Dankbarkeit der uns hier zu Theil gewordenen Güte erinnern.“ „Ich habe ſchon ſehr oft von Kinderlippen ſolche 4 Worte vernommen,“ ſagte der Schulmeiſter, indem er in gedankenvollem Lächeln den Kopf ſchüttelte— „aber ſie wurden immer bald vergeſſen. Ein junger Freund ſchenkte mir ſeine Liebe, er war um ſo beſſer, weil er jung war— aber das iſt jetzt vorüber— Gott behüte euch!“ Sie ſagten ihm zu wiederholtenmalen Lebewohl und entfernten ſich langſam, indem ſie oft noch zu⸗ rückſchauten, bis ſie ihn nicht mehr ſehen konnten. Endlich hatten ſie das Dorf weit hinter ſich und ſelbſt der Rauch über den Bäumen war ihren Blicken ent⸗ ſchwunden. Sie ſchleppten ſich jetzt raſcheren Schrittes weiter, entſchloſſen, der Landſtraße zu folgen, wohin immer dieſelbe führen mochte. Aber Landſtraßen dehnen ſich oft ſehr, ſehr lange. Diejenige, welche ſie verfolgten, führte— mit Aus⸗ nahme einiger unbeträchtlichen Häuſergruppen, an denen ſie, ohne anzuhalten, vorbeizogen, und eines einſamen Wirthshauſes am Wege, wo ſie etwas Brod und Käſe genoſſen— nirgends hin; es war ſchon ſpät am Nachmittag— aber noch immer lag ſie weit vor ihnen da, dieſelben öden, langweiligen Wendungen, wie den ganzen Tag über. Es blieb ihnen jedoch keine andere Wahl, als weiter zu gehen, was ſie denn auch, freilich mit langſameren Schritten, thaten, da ſie ſehr müde und erſchöpft waren. Der Nachmittag war in einen ſchönen Abend übergegangen, als ſie an einem Punkte anlangten, wo der Weg eine ſcharfe Wendung machte und quer über ein Gemeindegut führte. Am Rande deſſelben und dicht an dem Gehäge, welches dieſen Grund von den bebauten Feldern trennte, hatte ein Cara⸗ vanenwagen Halt gemacht, in deſſen unmittelbarer Nähe ſie ſich, der genannten Lage wegen, ſo plötzlich befanden, daß ſie ihm nicht ausweichen konnten, auch wenn ſie gewollt hätten. Es war kein ſchäbigter, ſchmutziger, ſtaubiger Karren, ſondern ein hübſches, kleines Haus auf feſtonartigen Vorhängen vor den Fenſtern und Schalouſien, deren grüne Grund⸗ nicht armſelig von einem einzelnen Eſel oder einem ausgehungerten Gaule gezogen, denn ein paar ſehr gut genährte Pferde ſtanden daneben ausgeſpannt und weideten das ſtaubige Gras ab; ebenſo wenig war es eine Zigeunercaravane, denn an der offenen Thüre, die ſich eines blanken Meſſingklopfers erfreuen durfte, ſaß eine chriſtliche Dame, wohlbeleibt und behaglich anzuſehen, welche einen großen, mit Schlei⸗ fen überladenen Hut trug. Und daß die Caravane gehörig mit Vorräthen verſehen war, erhellte aus der Beſchäftigung der Dame— einer ſehr vergnüg⸗ lichen und erfriſchenden nämlich, da ſie eben Thee trank. Das Theezeug mit Einſchluß einer Flaſche von ziemlich verdächtigem Charafter und einem Schin⸗ fen lag auf einer, mit einem Kellertuch bedeckten — 126 Crommel; und da ſaß, wie an dem bequemſten runden Tiſche auf der ganzen Welt, dieſe wandernde Dame, ihren Thee trinkend und ſich an der Ausſicht erlabend. Da die Caravanendame in dieſem Augenblicke zufälligerweiſe ihre Taſſe, welche, um mit dem ganzen Aeußeren der Dame im Einklange zu ſtehen, eine ſehr große Taſſe war, an die Lippen führte und ihre Augen, voll Hochgenuſſes über den duftenden Thee, der vielleicht einer kleinen Beimiſchung aus der verdächtigen Flaſche nicht entbehrte(wir ſtellen übrigens hier nur eine Vermuthung, keineswegs eine beſtimmte Thatſache auf) gen Himmel richtete— wir ſagen, da die Dame eben in dieſer angenehmen Weiſe beſchäftigt war, ſo bemerkte ſie unſere Reiſen⸗ den bei ihrer erſten Annäherung nicht. Erſt, als ſie im Begriffe war, die Taſſe niederzuſetzen und nach der Anſtrengung, welche die Verfügung über deren Inhalt nöthig gemacht hatte, einen tiefen Athem zu ſchöpfen, gewahrte die Caravanendame eines alten Mannes und eines jungen Kindes, die langſam an ihr vorbeikamen und ihrem Treiben mit Augen voll beſcheidener, aber hungriger Bewunderung zuſahen. „He!“ rief die Caravanendame, indem ſie die Krummen aus ihrem Schooße ſchaufelte und dieſelben verſchluckte, ehe ſie ihre Lippen abwiſchte.„Ja, die werden's wiſſen.— Wer gewann beim Wettrennen die Platte, Kind?“ „Wie, Madame?“ fragte Nell. „Ich frage, wer bei dem Wettrennen die Platte S==2 127 8 gewann, Kind?— Die ſilberne Platte, bei dem Nennen am zweiten Tag?“ „Am zweiten Tag, Madame?“ „Am zweiten Tag. Freilich, am zweiten Tag,“ wiederholte die Dame mit ungeduldiger Geberde. „Kannſt du nicht ſagen, wer die Platte gewann, wenn du höflich darum gefragt wirſt?“ „Ich weiß es nicht, Madame.“ „Du weißt es nicht?“ entgegnete die Caravanen⸗ dame.„Ci, ihr wart ja dort. Ich ſah euch mit meinen eigenen Augen.“ Nell erſchrack, als ſie dieß hörte, denn ſie fürchtete, die Dame möchte mit der Firma Short und Codlin genauer bekannt ſeyn. Was übrigens jetzt folgte, diente dazu, ſie wieder zu beruhigen. „Und mit großem Bedauern habe ich wahrge⸗ nommen,“ fügte die Caravanendame bei,„wie ihr euch mit einem Polichinell umtriebt— einem armſeligen, gemeinen Wicht, auf den die Leute nur mit Verach⸗ tung blicken ſollten.“. „Es geſchah nicht aus freier Wahl,“ verfetzte das Kind.„Wir wußten keinen Weg, und die zwei Männer waren ſo freundlich, uns mit ſich reiſen zu laſſen. Sind— find ſie Ihnen bekannt, Madame?“ „Ob ſie mir bekannt ſind, Kind?“ rief die Ca⸗ ravanendame faſt entſetzt.„Ob mir dieſe Menſchen bekannt ſind? Doch du biſt jung und unerfahren, und dieß mag deine Frage entſchuldigen. Sehe ich denn wie eine Perſon aus, die mit ſolchen Leuten bekannt iſt? Sieht die Caravane aus, als ob ſie mit denſelben zu ſchaffen hätte?“ „Nein, Madame, nein,“ entgegnete das Kind, das einen argen Verſtoß begangen zu haben fürchtete. „Ich bitte um Verzeihung.“ Dieſe wurde auch alsbald gewährt, obgleich die Dame noch immer finſter und übel gelaunt ob einer ſo herabwürdigenden Vermuthung zu ſeyn ſchien. Nelly erzählte ihr ſodann, daß ſie das Pferderennen am erſten Tage verlaſſen hätten und nun auf dieſem Wege nach der Stadt reiſen wollten, wo ſie zu über⸗ nachten gedächten. Da ſich das Geſicht der wohlbe⸗ leibten Dame wieder aufzuklären begann, ſo wagte ſie es, zu fragen, wie weit es noch bis dahin wäre. Die Antwort erfolgte erſt, nachdem die Dame um⸗ ſtändlich auseinander geſetzt hatte, ſie ſey am erſten Tag in einem Gig zu dem Wettrennen gekommen, rein um des Vergnügens willen, da ihre Anweſenheit daſelbſt durchaus keine Beziehung zu Geſchäfts⸗ oder Erwerbsangelegenheiten gehabt habe, und lautete dahin, daß es noch acht Meilen bis zur Stadt ſey. Dieſe entmuthigende Nachricht wirkte etwas nie⸗ derſchlagend auf das Kind, welches ſich kaum einer Thräne erwehren konnte, als es die immer dunkler werdende Straße hinabſah. Der alte Mann ließ keinen andern Klagelaut, als einen ſchweren Seufzer vernehmen, indem er ſich dabei auf ſeinen Wander⸗ ſtab ſtützte und vergebens das Ende des ſtaubigen Weges zu erſpähen verſuchte, 1 3 129 Die Caravanendame wollte eben ihr Theeſervice zuſammenpacken und den extemporirten Tiſch abräu⸗ men; wie ſie aber des Kindes ängſtliches Benehmen bemerkte, zögerte ſie und hielt inne. Das Kind ver⸗ beugte ſich, dankte für die Auskunft, gab dem alten Manne die Hand, und hatte ſich bereits etliche und fünfzig Schritte entfernt, als ihr die Caravanendame nachrief, ſie möchte wieder umkehren. „Komm näher— noch näher,“ ſagte ſie, indem ſie ihr winkte, die Wagentreppe heraufzukommen. „Biſt du hungrig, Kind?“ „Nicht ſehr, aber wir ſind müde und es iſt— es iſt noch ſo weit—“ „Nun, hungrig oder nicht— in keinem Fall wird dir etwas Thee ſchaden,“ entgegnete die neue Bekannte.„Vermuthlich werden Sie auch nichts dagegen haben, alter Herr?“ Der Großvater zog demüthig ſeinen Hut ab und dankte. Die Caravanendame hieß ihn nun gleichfalls die Treppe heraufkommen; aber da ſich die Trommel als ein ſehr unpaſſender Tiſch für Zwei erwies, ſo ſtiegen ſie wieder hinunter und ſetzten ſich auf das Gras, während die Dame das Theezeug, Butter und Brod, den Schinken, kurz alles hinunter bot, woran ſie ſich ſelber gelezt hatte, die Flaſche ausge⸗ nommen, welche bereits gelegentlich in ihre Taſche geſchlüpft war. „Stelle es neben die Hinterräder, Kind: das iſt der beſte Platz;“ ſagte ihre Freundin, die Zurüſtun⸗ Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 9 130 gen von oben herab beaufſichtigend.„Gib den Theetopf herauf, daß ich noch etwas heißes Waſſer und eine Priſe friſchen Thee's hineinthun kann; ihr mögt dann eſſen und trinken, ſo viel ihr könnt, und braucht nichts zu ſparen— das iſt alles, was ich verlange.“ Sie hätten vielleicht den Wunſch der Dame er⸗ füllt, wenn er auch nicht ſo freimüthig oder wohl auch gar nicht ausgedrückt worden wäre; da aber dieſes Geheiß ſie jeden Schattens von Schüchternheit oder Bedenken entband, ſo ſprachen ſie dem Mahle kräftig zu, und lezten ſich aufs Köſtlichſte. Während ſie ſo beſchäftigt waren, ſtieg die Ca⸗ ravanendame herunter und ging mit gemeſſenen Schrit⸗ ten, die Hände auf dem Rücken zuſammengeſchlagen und gar ſtattlich mit ihrem Hute wackelnd, auf und ab, wobei ſie von Zeit zu Zeit mit der Miene ruhi⸗ gen Entzückens den Wagen betrachtete und eine beſondere Freude an den rothen Feldern und dem Meſſingklopfer zu haben ſchien. Nachdem ſie ſich eine Weile dieſe gemächliche Motion erlaubt hatte, ſetzte ſte ſich auf die Treppe und rief:„George“, worauf ein Mann in einem Fuhrmannskittel zum Vorſchein kam: er hatte bisher in einer Hecke geſteckt, ſo daß er Alles, was vorging, beobachten konnte, ohne ſelbſt geſehen zu werden, und als er jetzt die verhüllenden Zweige zurückbog, zeigte er ſich in einer ſiittzenden Stellung, auf ſeinen Knieen eine Schüſſel mmit Gebäck und einen ſteinernen Maaßkrug, in den Händen aber ein Meſſer und eine Gabel haltend. 8 „Ja, Madame—“ ſagte Georg. „Wie habt Ihr die kalte Paſtete gefunden, George?“ „Sie war nicht übel, Madame.“ „Und das Bier?“ fuhr die Caravanendame mit einer Miene fort, als intereſſire ſie ſich mehr für dieſe, als für die erſtere Frage;„geht es an, George?“ „Es iſt ein Bischen flauer, als es ſeyn ſollte,“ entgegnete George;„man kann’s aber wohl trinken.“ Um ſeine Gebieterin in dieſer Hinſicht zu beru⸗ higen, that er einen Schluck, welcher einen Schoppen oder etwas darüber betragen mochte, ſchmatzte mit den Lippen, zwinkerte mit den Augen und nickte mit dem Kopfe. Und nun griff er, zweifelsohne in der gleich freundlichen Abſicht, zu dem Meſſer und der Gabel, als einer praktiſchen Verſicherung, daß das Bier nicht übel auf ſeinen Appetit gewirkt hatte. Die Caravanendame ſah ihm eine Weile beifällig zu und ſprach ſodann: „Seyd Ihr bald fertig?“ „Beinahe, Madame.“ Und in der That, nachdem er die Schüſſel rund⸗ um mit ſeinem Meſſer ausgekratzt und die auserle⸗ ſenſten braunen Biſſen ſeinem Munde zugeführt, außer⸗ dem auch dem ſteinernen Krug mit einem ſo ſcienti⸗ viſchen Schlucke zugeſprochen hatte, daß ſich der Kopf des Ehrenmannes allmälig und faſt unbemerk⸗ lich immer weiter und weiter nach hinten ſenkte, bis 9** ſeine ganze Figur der Länge nach ausgeſtreckt auf dem Boden lag— nachdem, wie geſagt, all' dieß geſchehen war, erklärte er ſich für fertig und kam aus ſeinem Ver⸗ ſtecke hervor. „Ich hoffe, Ihr habt Euch nicht übereilt, George,“ ſagte ſeine Gebieterin, welche für ſeine letzte Anſtrengung große Sympathie zu haben ſchien. „Wenn Sie meinen,“ entgegnete ihr Begleiter, der ſich weislich für jeden möglichen günſtigen Fall einen Rückhalt wahren wollte,„ſo müſſen wir's eben das nächſte Mal wieder reinbringen; das iſt Alles.“ „Wir haben doch keine ſchwere Ladung, George?“ „So ſprechen die Frauenzimmer immer,“ ver⸗ ſetzte der Mann, indem er weit umherſchaute, als wolle er die Natur im Allgemeinen zur Zeugſchaft gegen ſolche ungeheure Anmuthungen aufrufen.„Wenn man eine Frau kutſchieren ſieht, ſo kann man immer bemerken, daß ſie ihre Peitſche keinen Augenblick ruhen läßt; ein Pferd kann ihr nie geſchwind genug gehen. Wenn ein Vieh einmal ſeine gehörige Laſt hat, ſo iſt eine Frauensperſon nie zu überzeugen, daß es nicht noch ein Uebriges thun könne. Nun, was ſoll's dermalen?“ „Würden dieſe zwei Reiſenden den Pferden viel ausmachen, wenn wir ſie mitnähmen?“ fragte ſeine Gebieterin, ohne ſich mit einer Entgegnung auf dieſe philoſophiſche Unterſuchung abzugeben, und deutete dabei auf Nell und den alten Mann, die ſich mit 7 133 kläglichen Mienen anſchickten, ihre Reiſe zu Fuße fortzuſetzen. „Freilich machen ſie etwas aus,“ erwiederte Georg verdrießlich. „Aber ich meine, ob ſte viel ausmachen wür⸗ den?“ wiederholte die Herrin.„Sie können nicht ſonderlich ſchwer ſeyn.“ „Das Gewicht dieſes Paars, Madame,“ verſetzte George, indem er die Beiden mit dem Blicke eines Mannes betrachtete, der eine Laſt auf ein Loth hin zu ſchätzen weiß,„macht eine Kleinigkeit weniger, als das des Oliver Cromwell.“ Nell war ganz erſtaunt, daß der Mann ſo genau mit dem Gewicht einer Perſon bekannt war, der, wie ſie aus Büchern geleſen, ſo lange vor ihrer Zeit gelebt hatte; ſie vergaß jedoch bald dieſes Gegen⸗ ſtands in der Freude über die Nachricht, daß ſie in dem Wagen mitfahren dürften, und dankte der Dame mit ungeheuchelter Herzlichkeit. Mit großer Bereit⸗ willigkeit und Behendigkeit half ſie das Theezeug und die andern Sachen, welche umherlagen, aufräu⸗ men, und ſobald die Pferde eingeſchirrt waren, ſtieg Klappern, Knarren und Krachen weiter, wobei der glänzende Meſſingklopfer, deſſen ſich ſonſt Niemand bediente, während des ſchwerfälligen Fortholperns aus eigenem Antrieb einen unabläſſigen Doppel⸗ ſchlag applicirte. Der Naritätenladen. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Als ſie eine kurze Strecke langſam weiter ge⸗ reist waren, wagte es Nell, ſich verſtohlen in dem Wagen umzuſehen und ihn genauer zu betrachten. Die eine Hälfte deſſelben, wo zur Zeit die behagliche Eigenthümerin Platz genommen hatte, war mit Tep⸗ pichen belegt und an dem äußerſten Ende ſo abge⸗ theilt, daß ſie eine Art Schlafgemach, nach Weiſe der Kojen auf einem Schiffe, bildete, welches, wie die kleinen Fenſter, mit ſchönen weißen Vorhängen be⸗ ſchattet war und gemächlich genug ausſah, obgleich es als ein unerklärliches Geheimniß erſcheinen mochte, durch welche Art gymnaſtiſcher Uebung es der Cara⸗ vanendame je möglich wurde, hineinzukommen. Die andere Hälfte diente als Kuͤche und war mit einem Ofen ausgeſtattet, deſſen Kamin durch das Dach ging; auch enthielt ſie einen Speiſeſchrank, mehrere 2 3 rns el⸗ ge⸗ em en. lche ep⸗ ge⸗ eiſe die be⸗ eich öte, ra⸗ Die em ach ere — Truhen, einen großen Krug mit Waſſer, Kochgeräth⸗ ſchaften und einige Töpferwaaren. Die letzteren Utenſilien hingen an den Wänden, welche in der für die Caravanendame beſtimmten Abtheilung mit einigen heitereren und leichtereren Ornamenten, zum Beiſpiel einem Triangel und einem Paar ſehr abgegriffener Tambourinen verziert waren. Die Dame ſelber ſaß in vollem Stolze und in aller Poeſie dieſer muſtkaliſchen Inſtrumente an dem einen Fenſter, während die kleine Nell und ihr Groß⸗ vater in der ganzen Demuth des Keſſels und der Pfannen an dem andern ihren Platz hatte; und mittlerweile holperte, die immer dunkler werdende Ausſicht nur ſehr langſam kürzend, der Wagen weiter. Anfangs ſprachen unſere zwei Wanderer wenig und nur in flüſternden Lauten; als ſie aber allmälig mit dem Orte vertrauter wurden, wagten ſie es mit größerer Freimüthigkeit ſich zu unterhalten, denn ſie ſprachen nun von der Gegend, durch welche ſie fuhren, und den verſchiedenen Gegenſtänden, welche ſich ihren Augen darboten, bis der alte Mann einſchlief. Als die Caravanendame dieß bemerkte, lud ſie Nell ein, heranzukommen und an ihrer Seite Platz zu nehmen. „Nun, Kind,“ ſagte ſie,„wie gefällt dir dieſe Art zu reiſen?“ Nell verſetzte, daß ſie dieſelbe in der That für ſehr angenehm halte, und die Dame pflichtete ihr für den Fall bei, daß die Leute noch gehörig Lebens⸗ geiſter beſäßen.„Sie, für ihre Perſon,“ ſagte ſie, „wäre in dieſer Beziehung mit einer Herabgeſtimmt⸗ heit heimgeſucht, welche ein unaufhörliches Reiz⸗ mittel fordere“, obgleich ſie ſich nicht darüber auszu⸗ drücken beliebte, ob das genannte Reizmittel aus der verdächtigen Flaſche, deren wir bereits erwähnt haben, oder aus anderen Quellen flöße. „Das iſt das Glück von euch jungen Leuten,“ fuhr ſie fort;„ihr wißt nicht, was eine Abſpannung der Gefühle iſt. Auch habt ihr ſtets einen guten Appetit— und was liegt nicht hierin für ein Troſt?“ Nell dachte, ſie könnte zuweilen ihres Appetits recht bequem entbehren, und meinte auch außerdem, es ſey in der äußern Erſcheinung der Dame oder in ihrer Art Thee zu trinken, Nichts zu finden, was zu der Folgerung berechtige, daß ihr natürlicher Geſchmack für Speiſe und Trank beſonders nothge⸗ litten habe. Sie nickte jedoch pflichtſchuldigſt zu den Worten der Dame eine ſtumme Bejahung und wartete, bis ſie fortfahren würde. Statt aber zu ſprechen, ſah ſite das Kind ge⸗ raume Zeit ſchweigend an, ſtand dann auf und holte aus einem Winkel eine ſehr lange und ellen⸗ breite Rolle Leinwand, welche ſie auf den Boden legte und mit dem Fuße ausbreitete, bis ſie faſt von einem Ende des Wagens bis zum andern reichte. „Da, mein Kind,“ ſagte ſie,„lies mir dieſes.„ Nell trat an das Ende der Rolle und las laut die mit ſchwarzen Rieſenbuchſtaben gemalte In⸗ ſchrift: „Jarley's Wachsfigurencabinet.“ „Lies es noch einmal,“ ſagte die Dame ſelbſt⸗ gefällig. „Jarley's Wachsfigurencabinet,“ wiederholte Nell. „Das bin ich,“ ſagte die Dame.„Ich bin Madame Jarley.“ 1 Während die Caravanendame Nelly einen ermuthigenden Blick zuwarf, welcher ihr die Ver⸗ ſicherung geben ſollte, daß ſie, obgleich ſie in der Gegenwart der eigentlichen Madame Jarley ſtehe, doch nicht ganz überwältigt und niedergedrückt zu ſeyn brauche, entfaltete ſie eine andere Rolle mit der Inſchrift:„Einhundert Figuren in voller Lebens⸗ größe,“ und dann wieder eine, auf welcher geſchrie⸗ ben war:„Die ſtaunenerregende Sammlung von wirk⸗ lichen Wachsfiguren, die einzige in der Welt,“ und dann mehrere kleinere Rollen mit Inſchriften, wie:„Wird eben innen gezeigt“—„Die ächte und einzige Jarley“—„Jarley's unvergleichliche Sammlung“ —„Jarley iſt das Entzücken des hohen Adels und des verehrlichen Publikums“—„Die königliche Familie gehört zu Jarley's Gönnern.“ Nachdem ſie dieſe Wunderthiere von Placaten dem erſtaunten Kindegezeigt hatte, brachte ſte Specimina von geringerer Brut, in der Geſtalt von Handzetteln zum Vorſchein, 138 .Ql deren Inhalt zum Theil in die Form von Parodien auf Volkslieder gebracht war, zum Beiſpiel:„Glaube mir, denn Jarley's ſind ſo ſelten“—„Ich ſchaute deine Pracht in meinen Jugendjahren“—„Ueber's Meer zu Jarley“,— während andere, um jedem Geſchmack zuzuſagen, in ſcherzender Weiſe als Parodie auf das beliebte Liedchen:„Oh, hätt' ich einen Eſel,“ abgefaßt waren; eines derſelben fing folgendermaßen an: „Hört irgendwo ich einen Eſel ſchrei’n: „Geht nicht in Jarley's Cabinet hinein’; Glaubt ihr, ich achtet ſein? O nein, o nein! Derum lauft zu Jarley's.“ Außer dieſen kamen noch mehrere Compoſitionen in Proſa, als zum Beiſpiel: Angebliche Dialoge zwiſchen dem Kaiſer von China und einer Auſter, oder dem Erzbiſchof von Canterbury und einem Diſſenter über die Kirchenſteuer, die aber alle zu dem gleichen Schlußſatz führten, nämlich, daß der Leſer zu Jarley eilen ſolle, und daß Kinder und Dienſtboten nur die Hälfte bezahlen. Nachdem Madame Jarley alle dieſe Belege für ihre wichtige Stellung in der Geſellſchaft vorgezeigt hatte, um auf ihre Gefährtin den gehörigen Eindruck zu machen, rollte ſie dieſelben wieder zuſammen, ver⸗ wahrte ſie ſorgfältig, ſetzte ſich nieder und warf einen triumphirenden Blick auf das Kind. „Jetzt darfſt du aber nie mehr mit ſchmutzigen Polichinellen Cameradſchaft machen,“ ſagte Madame Jarley. — —— „Ich habe noch nie ein Wachsfigurencabinet geſehen, Madame,“ entgegnete Nelly.„Iſt es poſ⸗ ſterlicher, als der Polichinell?“ „Poſſierlicher?“ rief Madame Jarley mit ſchriller Stimme.„Es iſt ganz und gar nicht poſſierlich.“ „Oh!“ erwiederte Nell mit aller möglichen Demuth. „Es iſt durchaus nicht poſſierlich,“ wiederholte Madame Jarley.„Es iſt ruhig und— wie heißt doch nur das Wort— kritiſch? Nein— claſſiſch? Ja, das iſt's, es iſt ruhig und elaſſiſch. Kein ge⸗ meines Klopfen und Prügeln, keine Poſſenreiſſerei und Krakelerei, wie bei deinen unvergleichlichen Polichinellen, ſondern ſtets daſſelbe, mit der nie wechſelnden Miene von Kaltblütigkeit und Anſtand— und ſo ganz Leben, daß du, wenn die Wachsfiguren ſprächen und umhergingen, kaum einen Unterſchied merkteſt. Ich will zwar nicht ſo weit gehen, um zu ſagen, daß ich Wachsfiguren, ganz dem Leben gleich, geſehen habe; das aber kann ich mit Beſtimmtheit behaupten, daß mir ſchon lebende Menſchen vorge⸗ kommen ſind, die ganz wie Wachsfiguren ausſahen.“ „Sind ſie hier, Madame?“ fragte Nell, deren Neugierde durch die Beſchreibung geweckt war. „Wen meinſt du, Kind?“ „Die Wachsfiguren, Madame.“ „Barmherziger Himmel! Kind, was fällt dir ein— wie könnte eine ſolche Sammlung hier ſeyn, wo du alles ſehen kannſt, ausgenommen das Innere 140 von einem kleinen Speiſeſchrank und einigen Koffern? Sie ſind in den andern Wagen nach den Cabinets⸗ zimmern vorausgegangen, wo ſie übermorgen aus⸗ geſtellt werden. Du gehſt nach derſelben Stadt und wirſt ſie hoffentlich auch ſehen. Ich finde es ganz natürlich, daß du geſpannt darauf biſt, und zweifle nicht, daß du kommen wirſt. Gewiß, du könnteſt nicht wegbleiben, und wenn du es auch noch ſo ſehr verſuchteſt.“ „Ich werde mich, glaube ich, nicht in der Stadt aufhalten, Madame,“ ſagte das Kind. „Nicht dort?“ rief Madame Jarley.„Und wo wollt ihr denn hin?“ „Ich— ich weiß es ſelber nicht genau. Wir ſind noch unſchlüſſig.“ „Du willſt damit doch nicht ſagen, daß ihr im Lande herumreist, ohne zu wiſſen wohin?“ ſagte die Caravanendame.„Seyd ihr nicht wunderliche Leute! In welcher Branche arbeitet ihr? Du kamſt mir bei dem Pferderennen vor, als ob du gar nicht in deinem Element und nur zufällig dort wäreſt.“ „Wir waren auch nur zufällig dort,“ entgegnete Nell, verwirrt über dieſe verfängliche Frage.„Wir ſind arme Leute und wandern eben ſo umher. Wir haben nichts zu thun— wir hätten—“ „Du ſetzeſt mich immer mehr und mehr in Er⸗ ſtaunen,“ erwiederte Madame Jarley, nachdem ſie eine Weile eben ſo ſtumm, als eine ihrer Figuren, dageſeſſen hatte.„Was ſeyd ihr denn eigentlich? Doch nicht Bettler?“ „In der That, Madame, ich weiß nicht, was wir anders ſind,“ verſetzte das Kind. „Ei du mein Himmel!“ rief die Caravanen⸗ dame;„ſo etwas habe ich doch in meinem Leben nicht gehört! Wer hätte auch das gedacht?“ Nach dieſem Ausruf folgte eine ſo lange, ſtumme Pauſe, daß Nell fürchtete, die Dame halte es für eine Verletzung ihrer Würde, die durch nichts mehr gut gemacht werden könne, daß ſie ſich hatte be⸗ wegen laſſen, ſo arme Leute mit ihrem Schutz und ihrer Unterhaltung zu beglücken. Dieſe Beſorgniß wurde auch ziemlich durch den Ton beſtätigt, worin ihre bisherige Wohlthäterin endlich das Schweigen unterbrach. „Und doch kannſt du leſen,“ ſagte ſie.„Vermuthlich auch ſchreiben— es ſollte mich nicht wundern.“ „Ja, Madame,“ verſetzte das Kind, welches durch dieſes Bekenntniß neuen Anſtoß zu geben fürchtete. „Nun, und was das nicht hübſch iſt,“ ent⸗ gegnete Madame Jarley.„Ich kann's nicht!“ Nell entgegnete ein„das wäre“ in einem Tone, der vielleicht andeuten mochte, daß ſie ſich mit Grund wundere, wie die ächte und einzige Jarley, das Entzücken des hohen Adels und des verehrlichen Publikums und das beſondere Schooßkind der könig⸗ lichen Familie, mit ſolchen allgemeinen Fertigkeiten unbekannt ſeyn ſollte, vielleicht aber auch, daß ſie annahm, eine ſo große Dame könne kaum einer ſo ordinären Kunſt benöthigt ſeyn. In welchem Sinne aber auch Madame Jarley dieſe Antwort nehmen mochte,— keines Falls gab ſie zur Zeit Anlaß zu weiteren Fragen oder ſonſtigen Bemerkungen, denn die Beſitzerin des Wachsfigurencabinets verfiel in ein gedankenvolles Schweigen und verblieb ſo lang in dieſem Zuſtand, daß Nell an das andere Fenſter zu ihrem Großvater ſich zurückzog, der inzwiſchen erwacht war.. Endlich ſchüttelte die Caravanendame ihre contemplative Stimmung wieder ab und rief den Fuhrmann an ihr Fenſter, mit dem ſie ſich lange flüſternd beſprach, als ob ſie hinſichtlich eines wich⸗ tigen Punktes ſeinen Rath einhole und dabei das pro und coantra eifrig erwäge. Als endlich dieſe Rückſprache ein Ende genommen hatte, zog ſie den Kopf wieder zurück und winkte Nell, heranzu⸗ kommen. „Und der alte Herr auch,“ ſagte Madame Jarley,„denn ich habe ein Wörtchen mit ihm zu ſprechen. Wünſchten Sie wohl eine gute Stelle für ihre Enkelin? Wenn das der Fall iſt, ſo kann ich Gelegenheit dazu verſchaffen. Was ſagen Sie dazu?“ „Ich kann ſie nicht verlaſſen,“ antwortete der alte Mann.„Wir können uns nicht trennen. Was würde aus mir werden ohne ſie?“ „Ich dächte, wenn je Einer, ſo wären Sie alt genng, für ſich ſelber zu ſorgen,“ enigegnete Madame Jarley in ſcharfem Tone. „Ach nein,“ ſagte das Kind mit angelegentlichem Flüſtern;„ich fürchte, er wird es nie wieder können. Bitte, reden Sie nicht hart mit ihm. Wir ſind Ihnen ſehr zu Danke verpflichtet,“ fügte ſie laut bei,„aber Keines von uns kann ſich von dem An⸗ dern trennen, und wenn alle Reichthümer der Welt zwiſchen uns getheilt würden.“ Madame Jarley war etwas verblüfft über dieſe Aufnahme ihres Vorſchlags und blickte den alten Mann, welcher Nell's Hand zärtlich in der ſeinigen hielt, in einer Weiſe an, als könnte ſie recht wohl ſeiner oder überhaupt ſeines irdiſchen Daſeyns entbehren. Nach einer bedrückenden Pauſe ſteckte ſie abermals den Kopf zum Fenſter hinaus und hielt mit dem Kutſcher eine weitere Zwieſprache über den gleichen Punkt, obgleich ſie jetzt nicht ſobald einig zu werden ſchienen, als vorhin; endlich kam es aber doch zu einer Entſcheidung, und ſie redete auf's Neue den Großvater an. „Wenn Sie wirklich geneigt ſind, ein Geſchäft zu übernehmen,“ ſagte Madame Jarley,„ſo gibt es eine Menge für Sie zu thun; Sie können die Figuren ausſtäuben helfen, die Billets abnehmen und ſo weiter. Ihre Enkelin würde ſich dazu qualifiziren, der Geſellſchaft das Cabinet zu zeigen; ſie würde das bald loskriegen und hat überhaupt eine Weiſe an ſich, die den Leuten nicht unangenehm ſeyn dürfte, obgleich ſie nach mir auftritt, denn ich war ſtets gewohnt, meine Gäſte ſelbſt herumzuführen, was ich auch jetzt noch thun ſollte, wenn meine Lebensgeiſter nicht abſolut einer kleinen Ruhe bedürften. Bedenken Sie ſich wohl, es iſt kein gewöhnliches Anerbieten,“ ſagte die Dame, ganz in den Ton verfallend, womit ſie ihr Publikum anzureden pflegte;„es iſt Jarley's Wachsfigurencabinet— das nicht zu vergeſſen! Die Verrichtung iſt ganz leicht und anſtändig. Die Ge⸗ ſellſchaft auserleſen und die Vorſtellung findet in Verſammlungsſälen, Rathhäuſern, großen Gaſthofs⸗ gelaſſen oder Auctionsgallerien ſtatt. Wohl zu merken, bei Jarley's gibt es kein Vagabondiren auf offener Straße; auch findet ſich, nicht zu vergeſſen, bei Jarley's weder bemalte Leinwand noch Sägemehl. Jede durch die Zettel verheißene Erwartung wird im höchſten Grade gerechtfertigt, und das Ganze macht einen Effekt von imponirendem Glanz, der bisher in dieſem Königreiche nicht ſeines Gleichen hatte. Bemerken Sie, daß der Eintrittspreis nur ſechs Pence beträgt und daß ſich eine ſolche Gelegenheit vielleicht nie wieder finden wird.“ Sobald Madame Jarley dieſe ſublime Höhe erreicht hatte, ſtieg ſie wieder zu den Einzelnheiten des gemeinen Lebens herunter, indem ſie bemerkte, hinſichtlich des Gehaltes könne ſie ſich zu keiner be⸗ ſtimmten Summe verpflichten, bis ſie ſich hinreichend von Nell's Fähigkeiten überzeugt und die Art, wie 8 228 145 ſich dieſelbe ihrer Obliegenheiten entledige, ſorgfältig beobachtet habe; ſte mache ſich jedoch anheiſchig, das Mädchen und den Großvater zu verköſtigen und für ihre Wohnung zu ſorgen; auch gebe ſie noch außer⸗ dem ihr Wort, daß die Koſt ſtets in guter Qua⸗ lität und in reichlicher Quantität vorhanden ſeyn ſolle.— Während Nell und ihr Großvater mit einander zu Rathe gingen, ſpazierte Madame Jarley, die Hände auf den Rücken gelegt, mit ungemeiner Würde und Selbſtſchätzung in dem Wagen auf und ab, wie ſie es nach dem Theetrinken auf der ſchlechten Erde ge⸗ than hatte. Jedenfalls iſt dieß kein ſo geringfügiger Umſtand und verdient recht wohl der Erwähnung, wenn man bedenkt, daß der Wagen die ganze Zeit über in einer ſehr unruhigen Bewegung war, und daß unter ſolchen Umſtänden nur eine Perſon von großer, natürlicher Stattlichkeit und erworbener Grazie das Stolpern vermeiden konnte. „Nun, Kind,“ rief Madame Jarley, Halt machend, ſobald Nelly ſich zu ihr wandte. „Wir find Ihnen ſehr verpflichtet, Madame, und nehmen dankbar ihr Anerbieten an.“ „Und es ſoll dich gewiß nie reuen,“ entgegnete Madame Jarley;„davon bin ich überzeugt. Nun aber die Sache abgemacht iſt, wollen wir einen Biſſen zu Mittag ſpeiſen.“ Der Wagen holperte inzwiſchen fort, als ob er auch Doppelbier getrunken hätte und ſchläfrig wäre, Boz XII. Humphrey's Wanduhr. 10 146 bis er endlich das Straßenpflaſter einer Stadt er⸗ reichte, wo kein Menſch ſich mehr ſehen ließ und Alles eine tiefe Ruhe bekundete, denn es war jetzt faſt Mitternacht und die Einwohnerſchaft ſammt und ſonders in ihren Betten. Da es zu ſpät war, um nach dem Ausſtellungslocale zu gehen, ſo bogen ſie nach einem Stück unbebauten Grundes ein, welches gerade innerhalb des alten Stadtthores lag, und ſchlugen daſelbſt ihr Nachtquartier auf— hart neben einem andern Wagen, welcher, trotz dem, daß er auf der geſetzlichen Tafel den großen Namen Jarley trug und außerdem die Wachsfiguren, den Stolz des Landes, von Ort zu Ort führen mußte, von einem niedrigdenkenden Steueramte als„gemeiner Fracht⸗ wagen“, bezeichnet und ſogar numerirt— ſieben tauſend und etliche hundert— worden war, als ob ſeine koſtbare Laſt aus eitel Mehl oder Kohlen beſtände! Da dieſe mißhandelte Equipage leer war(ſie hatte nämlich ihren Inhalt bereits an das Aus⸗ ſtellungslocal abgeliefert, und wartete hier nur, bis ihre Dienſte wieder in Anſpruch genommen wurden), ſo erhielt der alte Mann die Weiſung, dort ſeine Schlafſtelle einzurichten, und in ſeinen hölzernen Wänden beſorgte ihm Nell ein ſo gutes Bette, als dieß bei den vorhandenen Materialien möglich war. Sie ſelbſt ſollte in Madame Jarley's eigenem Reiſe⸗ wagen ſchlafen— zum ausdrücklichen Zeichen der — p——-——, —= 2—— — 147 Gunſt und des Vertrauens, worin ſie bei⸗ jener Dame ſtand. Sie hatte ihren Großvater verlaſſen und wollte eben zu dem andern Wagen zurückkehren, als ſie ſich durch die liebliche Kühle der Nacht verſuchen ließ, noch ein wenig in der freien Luft zu verweilen. Der Mond ſchien auf das alte Stadtthor nieder, den niedrigen Bogendurchgang ganz im Dunkeln laſſend, und mit einem gewiſſen Gefühl von Neu⸗ gierde und Furcht, näherte ſie ſich langſam dem⸗ ſelben, blieb ſtehen und wunderte ſich, wie finſter, grauenhaft, alt und kalt es darin ausſah. Es war eine leere Niſche vorhanden, aus der vielleicht vor Jahrhunderten irgend eine Statue heruntergefallen oder weggeführt worden war, und Nell machte ſich eben ihre Gedanken, auf was für wun⸗ derliche Leute dieſelbe, als ſie noch oben geſtanden hatte, herabgeſehen haben mochte, wie ſie vielleicht Zeuge mancher ſchweren Kämpfe hatte ſeyn müſſen, und wie viele Mordthaten möglicher Weiſe an dieſem ſtummen Orte geſchehen waren, als plötzlich aus dem ſchwarzen Schatten des Bogens eine männliche Geſtalt auftauchte. Sie erkannte dieſelbe augenblicklich— wer hätte auch nicht im Nu den häßlichen, mißge⸗ ſtalteten Quilp erkennen ſollen? Die Straße war ſo ſchmal und die Schatten der Häuſer auf der einen Seite ſo tief, daß er aus der Erde geſtiegen zu ſeyn ſchien. Aber da war er! Nell ſchlüpfte in einen dunkeln Winkel und ſah ihn 10*† hart an ihr vorbeigehen. Er hatte einen Stock in der Hand, und als er aus dem Dunkel des Durch⸗ gangs herauskam, lehnte er ſich auf denſelben, ſah zurück— wie es ſchien, genau nach der Stelle, wo das Mädchen ſtand— und winkte. Ihr?— Oh, nein, Gott ſey Dank, nicht ihr; denn als ſie in Todtesängſten daſtand und nicht wußte, ob ſie um Hilfe rufen, oder aus ihrem Verſtecke entfliehen ſollte, tauchte, ehe er noch näher kommen konnte, langſam eine andere Geſtalt aus dem Bogen auf, nämlich die eines Knaben, welcher auf ſeinem Rücken einen Pack trug. „Geſchwinder, Schlingel!“ rief Quilp, indem er an dem alten Thore hinaufblickte und im Mond⸗ lichte wie irgend ein monſtröſes Bild ausſah, das aus der Niſche herabgekommen war und nun nach ſeinem alten Hauſe zurückſchaute.„Geſchwinder!“ „Es iſt eine ſchrecklich ſchwere Laſt, Sir,“ ent⸗ ſchuldigte ſich der junge Menſch.„Wenn man dieß berückſichtigt, ſo bin ich ſehr ſchnell gegangen.“ „So, du biſt alſo ſchnell gegangen?“ entgegnete Quilp;„du kriechſt ja, du ſchleichſt, du legſt einen Weg zurück, wie ein Wurm, du Galgenſtrick. Da tönen jetzt die Glocken— halb Ein Uhr.“ Er hielt inne, um zu horchen, wandte ſich dann ſo plötzlich und wüthend an den Jungen, daß der⸗ ſelbe zuſammenfuhr, und fragte, um welche Stunde die Londoner Kutſche an der Straßenecke vorbeikomme. Der Junge antwortete um Ein Uhr. e 149 „So komm denn,“ ſagte Quilp,„oder es wird zu ſpät. Schneller— hörſt du?— ſchneller!“ Der Junge ſputete ſich aus Leibeskräften, und Quilp ging voran, wobei er ſich beſtändig drohend umwandte und ſeinen Begleiter zu größerer Eile drängte. Nell wagte es nicht, ſich zu rühren, bis ſie nichts mehr von den Beiden ſehen und hören konnte, und dann eilte ſie nach dem Orte zurück, wo ſie ihren Großvater verlaſſen hatte; denn es war ihr, als ob ſchon die Nähe des Zwerges ihn mit Schrecken und Unruhe erfüllt haben müßte. Er ſchlief jedoch feſt, und ſo zog ſie ſich leiſe wieder zuruͤck. Während ſie ſich nach ihrem Nachtlager begab, beſchloß ſie, des Vorfalles nicht zu erwähnen; denn was immer auch der Grund von des Zwerges An⸗ weſenheit ſeyn mochte(und ſie fürchtete, er habe nach ihnen geſpäht), ſo erhellte doch aus ſeiner Frage nach der Londonerkutſche, daß er auf dem Heimwege be⸗ griffen ſey, und da er an dieſem Orte bereits gewe⸗ ſen, ſo ließ ſich mit Fug annehmen, daß ſie jetzt hier weit eher, als an jedem andern Orte vor ſeinen Nachforſchungen geſichert waren. Dieſe Betrachtun⸗ gen vermochten jedoch nicht, ihre eigene Unruhe zu verſcheuchen, denn ſie war zu ſehr erſchrocken, um ſich ſo leicht wieder faſſen zu können; und es war ihr, als würde ſie von einer ganzen Legion Quilpen umſchwärmt, und als wäre ſogar die Luft voll davon. Das Entzücken des hohen Adels und des ver⸗ ehrlichen Publikums und das gehegte Schooßkind der 150 königlichen Familie war inzwiſchen durch irgend einen nur ihr bekannten Selbſtverkleinerungsprozeß in ihr Reiſebette gelangt, wo ſie friedlich ſchnarchte, wäh⸗ rend der große Hut, ſorgfältig auf der Trommel nie⸗ dergelegt, ſeine Herrlichkeit in dem trüben Lichte einer Lampe entfaltete, die von der Decke herabhing. Nelly's Bett war bereits auf dem Boden ausgebrei⸗ tet, und es gewährte ihr eine große Beruhigung, als ſie unmittelbar nach ihrem Eintritt die Treppe weg⸗ nehmen hörte und daher der Ueberzeugung leben durfte, daß jeder unmittelbare Verkehr zwiſchen außen befindlichen Perſonen und dem Meſſingklopfer durch dieſe Vorkehrung wirkſam abgeſchnitten war. Außer⸗ dem bekundeten gewiſſe Kehllaute, welche von Zeit zu Zeit durch den Boden des Wagens heraufkamen, und das Raſſeln von Stroh in derſelben Richtung, daß der Fuhrmann auf der Erde unter dem beweg⸗ lichen Hauſe ſein Lager aufgeſchlagen hatte, wo⸗ durch gleichfalls ihr Gefühl von Sicherheit erhöht wurde. Aber ungeachtet eines ſolchen Schutzes wurde doch ihr Schlaf die ganze Nacht über durch häufiges ſchreckhaftes Auffahren unterbrochen; denn Quilp zog ſich durch ihre unruhigen Träume und erſchien irgendwie in Verbindung mit dem Wachsfigurencabi⸗ net, bald ſelbſt als Wachsfigur, bald als Madame Jarley und Wachsſigur zugleich, oder als er ſelbſt, als Madame Jarley, als Wachsſigur und als Dreh⸗ orgel, alles in einem, und doch wieder keines von 151 allem ganz. Endlich gegen Anbruch des Tages kam jener tiefe Schlaf über ſie, welcher gewöhnlich der Ermattung und dem Nachtwachen folgt und der nur das Bewußtſeyn eines überwältigenden und unwider⸗ ſtehlichen Genuſſes mit ſich führt. Der Naritätenladen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der Schlaf lag ſo lange auf den Augenlidern der Kleinen, daß bei ihrem Erwachen Madame Jar⸗ ley bereits in ihrem großen Hute prunkte und ſehr rührig mit Zurüſtungen zum Frühſtück beſchäftigt war. Sie nahm Nell's Entſchuldigungen wegen ihrer Verſpätung mit vollkommen guter Laune hin und ſagte, ſie würde ſie nicht geweckt haben und wenn ſie bis zum Nachmittag geſchlafen hätte. „Weil es dir gut thut,“ fügte die Caravanen⸗ dame bei.„Wenn du müde biſt, ſo ſchlafe ſo lange, als du immer kannſt, um deiner Ermattung loszu⸗ werden. Das iſt ein neuer Segen deines Alters— du kannſt ſo gar geſund ſchlafen.“ „Haben Sie eine ſchlimme Nacht gehabt, Ma⸗ dame?“ fragte Nell. 152 „Ich habe ſelten eine andere, Kind,“ verſetzte Madame Jarley mit der Miene einer Leidensſchwe⸗ ſter.„Es nimmt mich oft Wunder, wie ich es nur ertragen kann.“ Nell erinnerte ſich des Schnarchens, welches durch den Spalt in der Wagenwand, hinter der die Eigenthümerin des Wachsſigurencabinets ihr Nacht⸗ lager aufgeſchlagen hatte, hervorgedrungen war, und dachte daher beinahe, es müſſe der Dame wohl im Traume ſo vorgekommen ſeyn, daß ſie nicht ſchlafen könne. Demungeachtet aber drückte ſie blos ihr großes Bedauern aus, einen ſo ſchlimmen Bericht über ihren Geſundheitszuſtand hören zu müſſen, und bald nachher ſetzte ſie ſich mit ihrem Großvater und Madame Jarley zum Frühſtück nieder. Sobald dieſes beendigt war, half Nelly die Taſſen ſpülen, ſtellte ſie an die geeigneten Plätze und verrichtete alle der⸗ artigen häuslichen Obliegenheiten, während ſich Ma⸗ dame Jarley in einen ausnehmend glänzenden Shawl hüllte, um einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. „Der Wagen mit den Kaſten wird bald nach⸗ folgen,“ ſagte Madame Jarley,„und dann wird's beſſer ſeyn, Kind, wenn du mit demſelben kömmſt. Ich muß, ſehr gegen meinen Willen, den Gang zu Fuß machen, aber die Leute erwarten es von mir, und öffentliche Charaktere dürfen in ſolchen Angele⸗ genheiten nicht frei über ſich verfügen. Wie ſehe ich aus, Kind?“ 153 Nell gab eine befriedigende Antwort, und Ma⸗ dame Jarley, nachdem ſie zuvor eine große Menge Stecknadeln an verſchiedenen Theilen ihres Körpers herumgeſteckt und unterſchiedliche verunglückte Ver⸗ ſuche gemacht hatte, ihren Rücken vollſtändig zu be⸗ ſehen, war endlich mit ihrem Aeußeren zufrieden und ging majeſtätiſch von hinnen. Der Wagen folgte in einer geringen Entfernung. Während er ſo durch die Straßen holperte, blickte Nell zum Fenſter hinaus, denn ſie wollte doch auch ſehen, an was für einem Orte ſie war, obſchon ſie zugleich in beſtändiger Furcht ſchwebte, bei jeder Wendung Quilp's gefürchtetem Geſichte zu begegnen. Es war eine hübſche, große Stadt, mit einem offenen viereckigen Platze, über den ſie eben langſam hin⸗ fuhren, und in deſſen Mitte ſich das Rathhaus mit ſeinem Glockenthurm und einem Wetterhahn befand. Da gab es Häuſer von Stein, Häuſer aus rothen und Häuſer aus gelben Ziegeln, Häuſer aus Latten und Mörtel und Häuſer von Holz, viele derſelben ſehr alt, mit verwitterten, in das Gebälk geſchnittenen Geſichtern, die auf die Straße herunter ſahen. Die letzteren Gebäude hatten ſehr kleine, blinzelnde Fenſter und niedrig gewölbte Thüren, und in etlichen der ſchmaleren Wege hingen ſie ganz gegen das Pflaſter über. Die Straßen waren ſehr reinlich, ſehr ſonnigt, ſehr leer und ſehr langweilig. Ein paar Pflaſter⸗ treter lungerten um die zwei Wirthshäuſer, den leeren Marktplatz und die Ladenthüren, und einige alte Leute ſchlummerten vor der Hofmauer des Armen⸗ hauſes in Stühlen; aber kaum einer der Vorbei⸗ gehenden ſchien bei ſeinem Gange einen beſondern Zweck im Auge zu haben, und wenn dieß zufällig einmal der Fall war, ſo hallten ſeine Fußtritte auf dem heißen, glänzenden Pflaſter noch minutenlang nach. Nichts ſchien hier vorwärts zu kommen, als die Uhren, und auch dieſe hatten ſo ſchwerfällige Ziffer⸗ blätter, ſo ſchläfrige, träge Weiſer und ſo ſchnarrende Stimmen, daß ſie ſicherlich auch zu langſam gingen. Sogar die Hunde ſchliefen ſammt und ſonders. Und die Fliegen, trunken von dem feuchten Zucker in des Gewürzkrämers Laden, vergaßen ihrer Flügel und Behendigkeit, und ließen ſich in ſtaubigten Fenſter⸗ ecken zu Tode backen. Der Wagen rumpelte mit einem höchſt unge⸗ wöhnlichen Geräuſch vorwärts und machte endlich vor dem Aufſtellungslokale Halt, wo Nell in Mitte einer bewundernden Kindergruppe ausſtieg, denn die kleinen Knirpſe hielten ſie augenſcheinlich für ein wichtiges Stück der Raritätenſammlung, und waren des feſten Glaubens, ihr Großvater ſey eine das Leben treu nachbildende Wachsſigur. Die Kiſten wurden mit aller gebührenden Eile herausgenommen, abgeladen und in's Haus gebracht, um von Frau Jarley aufgeſchloſſen zu werden, die mit George und einem andern Mann in ſammtnen Kniehoſen, deſſen Kopf durch einen mit Schlagbaumſcheinen befleckten Hut geziert war, bereit ſtand, um über ihren In⸗ ————— —— D —— 155 halt(rothen Guirlanden und Tapetenornamenten) in einer Weiſe zu verfügen, daß ſich das Lokal am vortheilhafteſten ausnahm. Alles ging ohne Zögerung an die Arbeit und war ſehr geſchäftig. Da die ſtaunenerregende Samm⸗ lung noch durch Tücher verhüllt war, um jede Ver⸗ unreinigung durch den neidiſchen Staub ferne zu halten, ſo erwies ſich Nell bei Ausſchmückung des Saales ſehr rührig, und auch ihr Großvater leiſtete gute Dienſte. Die zwei Männer waren an das Ge⸗ ſchäft bereits gewöhnt und förderten daſſelbe in kur⸗ zer Zeit ſehr, während Madame Jarley aus einer leinenen Taſche, wie ſie die Zolleinnehmer zu tragen pflegen, die mit zinnernen Knöpfen verſehenen Tape⸗ ziernägel herauslangte und ihre Gehülfen zu erneuer⸗ ter Thätigkeit anſpornte. Während alles rührig durcheinander ging, blickte, ein länglichter Gentleman mit einer Hakennaſe und ſchwarzem Haar unter freundlichem Lächeln zur Thüre herein; derſelbe trug einen militäriſchen, an den Aermeln ſehr kurzen und engen Ueberrock, der ſeiner Zeit mit Schnüren und Borten verziert geweſen, nun aber aller Garnirung elendiglich baar und ganz fadenſcheinig war, ein Paar alte, graue Pantalons, welche knapp an ſeinen Beinen anſchloſſen, und ein Paar Tanzſchuhe in dem Winter ihres Daſeyns. Da Madame Jarley mit dem Rücken gegen ihn ſtand, ſo ſchüttelte der militäriſche Herr ſeinen Vor⸗ derfinger, zum Zeichen, daß ihre Myrmidonen ſeine 156 Anweſenheit nicht verrathen ſollten; dann ſtahl er ſich dicht hinter ſie, tippte auf ihren Nacken und rief ſcherzend: „Puh!“ „Was, Herr Slum?“ rief die Eigenthümerin des Wachsfigurencabinets.„Herr Je, wer hätte auch gedacht, Sie hier zu ſehen?“ „Auf Seel' und Ehre,“ verſetzte Herr Slum, „das iſt eine gute Bemerkung. Auf Seel' und Ehre, das iſt eine weiſe Bemerkung. Wer hätte es auch gedacht? George, mein treuer Burſche, wie geht's Euch?“ George nahm dieſe Begrüßung mit ſauertöpfi⸗ ſcher Gleichgültigkeit hin, und während er luſtig fort⸗ hämmerte, bemerkte er nur, was das anbelange, ſo befinde er ſich wohl genug. „Ich kam hieher,“ ſagte der militäriſche Herr, an Madame Jarley gewandt—„auf Seel' und Ehre, ich weiß ſelbſt kaum, weßwegen ich herkam. Ich wäre in Verlegenheit, wenn ich mich darüber ausſprechen müßte— ja, das wäre ich, bei Gott. Ich brauchte ein Bischen Inſpiration, ein Bischen Auffriſchnng, ein Bischen Ideenwechſel und—— Auf Seel' und Ehre,“ fuhr der militäriſche Gentle⸗ man, ſich plötzlich unterbrechend, fort, indem er ſich in dem Saale umſah,„was für ein verteufeltes, elaſſiſches Ding das iſt! Bei Gott, es iſt ganz minervianiſch!“ 157 „Es wird ſich gut genug ausnehmen, wenn es ganz beendigt iſt,“ bemerkte Madame Jarley. „Gut genug?“ verſetzte Herr Slum.„Werden Sie mir glauben, daß es das Entzücken meines Le⸗ beus iſt, in die Poeſie gepfuſcht zu haben, wenn ich bedenke, daß ich meine Feder an dieſem bezaubernden Thema verſuchte? Apropos— keine Aufträge? Gibt es keine Kleinigkeit, die ich für Sie beſorgen könnte?“ „Es kömmt ſo gar hoch zu ſtehen, Sir,“ entgeg⸗ nete Madame Jarley,„und ich glaube in der That nicht, daß es viel Nutzen bringt.“ „Bſt! Nicht doch, nein!“ erwiederte Herr Slum, ſeine Hand erhebend.„Keine Poſſen. Ich will nichts davon hören. Sagen Sie nicht, es bringe keinen Nutzen. Sagen Sie nicht ſo. Ich weiß das beſſer!“ „Aber ich bin nun einmal dieſer Anſicht,“ ſagte Madame Jarley. „Ha, ha!“ rief Herr Slum,„Sie geben ſchon weich, Sie kommen ſchon herunter. Fragen Sie die Parfümeurs, fragen Sie die Schuhwichſefabrikanten, fragen Sie die Hutmacher, fragen Sie die alten Lotteriecollecteure— fragen Sie Alle ſammt und ſonders, was meine Poeſie für ſie gethan hat, und denken Sie an mich, Jeder wird Slum's Namen ſegnen. Wenn er ein ehrlicher Mann iſt, ſo erhebt er ſeine Augen zum Himmel und ſegnet den Namen „Slum“— merken Sie ſich das. Sie kennen wohl die Weſtminſter⸗Abtei?“ „Oh, gewiß!“ „Dann, auf Seel' und Ehre, Madame, werden Sie in einer gewiſſen Ecke jenes trübſeligen Coloſſes, der Poetenwinkel genannt, etliche viel kleinere Namen finden, als den des Slum,“ entgegnete der Gentle⸗ man, indem er ſich ausdrucksvoll an die Stirne tippte, um damit anzudeuten, daß keine geringe Quan⸗ tität von Gehirn dahinter ſtecke.„Ich habe bereits eine Kleinigkeit da,“ fuhr Herr Slum fort, indem er ſeinen Hut abnahm, der voll Papierſchnipfeln war, „eine Kleinigkeit, hingeworfen in der Gluth des Au⸗ genblickes, und ich darf wohl ſagen, daß ſie genau das iſt, was Sie brauchen, um dieſen Ort in's Feuer zu jagen. Es iſt ein Acroſtichon— die erſten Verſe⸗ buchſtaben geben zwar den Namen„Warrene, aber die Idee läßt ſich ändern und iſt eine poſitive Inſpira⸗ tion für Jarley. Nehmen Sie das Acroſtichon.“ „Vermuthlich iſt es ſehr theuer?“ fragte Ma⸗ dame Jarley. „Fünf Shillinge,“ verſetzte Herr Slum, indem er ſich ſeines Bleiſtiftes als Zahnſtocher bediente. „Wohlfeiler als jede Proſa.“ „Ich könnte nicht mehr als drei geben,“ ent⸗ gegnete Madame Jarley. „— Und ſechs Pence,“ erwiederte Slum.„Ma⸗ chen Sie drei Shillinge und ſechs Pence.“ Madame Jarley war gegen das gewinnende Benehmen des Poeten nicht geſtählt genug, und Herr Slum notirte den Auftrag in einem kleinen Taſchen⸗ ——,— e— 159 buche zu drei Shillingen und ſechs Pencen. Dann entfernte er ſich, um das Acroſtichon zu ändern, nachdem er zuvor einen ſehr zärtlichen Abſchied von ſeiner Gönnerin genommen und in möglichſter Bälde mit einer ſchönen, druckfertigen Copie zurückzukehren verſprochen hatte. Da ſeine Anweſenheit die Zurüſtungen weder förderte noch hemmte, ſo war man inzwiſchen damit weit vorgeſchritten, ſo daß man kurz nach ſeiner Entfernung dieſelben als beendigt betrachten konnte. Sobald die Feſtons mit möglichſtem Geſchmack aus⸗ geſteckt waren, wurde die ſtaunenerregende Samm⸗ lung enthüllt, und nun ſah man auf einer zwei Fuß über dem Boden erhabenen Plateform, die in dem ganzen Saale herumlief und von dem rohen Publi⸗ kum durch bruſthohe, carmoiſtnrothe Stricke getrennt war, unterſchiedliche ſprechende Bilder von berühmten Charakteren, einzeln und in Gruppen, die in die Flittertrachten verſchiedener Zonen und Zeiten geklei⸗ det waren und mehr oder weniger ſchwach auf ihren Beinen ſtanden; ihre Augen waren weit offen, ihre Naſenlöcher aufgeblaſen, die Muskeln ihrer Arme und Beine ſehr ſtark entwickelt, und alle ihre Ge⸗ ſichter drückten große Ueberraſchung aus. Die Herrn hatten alle eine ſehr hohe Bruſt und ſehr blaue Bärte, und die Damen waren lauter Mirakelgeſtal⸗ ten; und Herren ſowohl als Damen ſahen ſehr auf⸗ merkſam nirgends hin und ſtierten mit außerordent⸗ lichem Ernſte in's Blaue. 160 Sobald ſich Nelly's erſtes Entzücken über dieſen glorreichen Anblick gelegt hatte, befahl Madame Jar⸗ ley, daß Alle, das Kind ausgenommen, den Saal verlaſſen ſollten; dann ließ ſie ſich in der Mitte des Saals auf einen Armſtuhl nieder, inveſtirte unſere junge Freundin förmlich mit einer Weidenruthe, die ſie ſelbſt lange beim Erklären der Charaktere benützt hatte, und gab ſich viele Müſhe, ſie in ihre Obliegen⸗ heiten einzuführen. 1 „Das,“ ſagte Madame Jarley in dem Erklä⸗ rungstone, als Nelly eine Figur an dem Anfange der Plateform berührte,„iſt ein unglückliches Ehren⸗ fräulein aus den Zeiten der Königin Eliſabeth, die an einem Stich in den Finger ſtarb, weil ſie am Sonntag gearbeitet hatte. Bemerken Sie das Blut, das von ihrem Finger träufelt; auch die mit einem goldenen Oehr verſehene Nadel, mit welcher ſie an der Arbeit ſitzt, iſt aus dieſer Periode.“ Nell wiederholte alles dieß zwei⸗ oder dreimal, deutete zu gehöriger Zeit auf den Finger und die Nadel, und ging dann zu der nächſten Figur über. „Dieß, meine Herrn und Damen,“ ſagte Ma⸗ dame Jarley,„iſt Jaſper Packlemerton, abſcheulichen Andenkens, der vierzehn Weiber gefreit und geheira⸗ thet und ſie alle umgebracht hat, indem er ihnen die Fußſohlen kitzelte, während ſie im Bewußtſeyn der Unſchuld und Tugend ſchliefen. Als er auf das Schaffot gebracht und gefragt wurde, ob ihm ſeine Verbrechen leih thäten, ſo erwiederte er, ja, es thue — 161 ihm leid, daß er ſie ſo leicht habe davon kommen laſſen, und er hoffe, alle chriſtlichen Ehemänner würden ihm dieſe Sünde vergeben. Dieß mag allen jungen Da⸗ men als eine Lehre dienen, in der Wahl ihrer Ga⸗ lane vorſichtig zu ſeyn. Bemerken Sie, daß ſeine Finger gekrümmt ſind, als wolle er eben kitzeln, und daß ſein Geſicht jenes Blinzeln zeigt, mit welchem er ſeine barbariſchen Mordthaten beging.“ Als Nell Packlemerton's ganze Geſchichte wußte und ohne Stottern herſagen konnte, ging Madame Jarley über auf den fetten Mann und dann auf den dünnen Mann, den langen Mann, den kurzen Mann, die alte Dame, welche nach hundert und zweiunddreißig mitgemachten Tanztouren ſtarb, den wilden Wald⸗ knaben, das Weib, welches vierzehn Familien mit eingemachten Wallnüſſen vergiftete, und andere hiſto⸗ riſche Charaktere, oder intereſſante, aber mißleitete Perſonen. Und Nell profitirte ſo viel von dieſem Unter⸗ richt und konnte ſich alles ſo gut merken, daß ſie nach ein paar Stunden die Geſchichte eines jeden Individuums der Sammlung kannte, und daher voll⸗ kommen im Stande war, den Zuſchauern die nöthigen Aufklärungen zu geben. Mabame Jarley war nicht laß, ihre Bewunde⸗ rung über dieſes glückliche Reſultat auszudrücken, und führte nun ihre junge Freundin und Schülerin zur Inſpection der übrigen Arrangements im Hauſe, kraft welcher der Eingang bereits in einen Boz XII. Humphrey's Wanduhr. 11 162 Hain von grünem Wollenzeug, an dem die bereits geſehenen Inſchriften(Herrn Slum's Produktionen) hingen, umgewandelt war; an dem vordern Ende deſſelben ſtand ein ſchön verzierter Tiſch für Madame Jarley ſelbſt, an welchem ſie präſidiren und das Geld einnehmen ſollte, und in der Nähe befanden ſich Seine Majeſtät, König Georg III., Herr Grimaldi als Clown, Maria Königin von Schottland, ein unbekannter Herr in Quäckertracht und Herr Pitt, der ein correctes Modell der Bill für Einführung der Fenſterſteuer in der Hand hielt. Auch vor dem Hauſe waren die Zurüſtungen keineswegs vernachläßigt, denn eine Nonne von hoher perſönlicher Anziehungskraft zählte ihre Paternoſterperlen auf dem kleinen Portikus über der Thüre, und ein Räuber mit möglichſt ſchwarzen Haaren und der möglichſt hellen Geſichtsfarbe machte, in demſelben Augenblick das Miniaturbild einer Dame betrachtend, auf einem Karren die Runde durch die Stadt. Jetzt galt es nur noch, Herrn Slum's Poeſien mit Umſicht zu vertheilen. Die pathetiſcheren Er⸗ gießungen mußten in alle Privathäuſer und Kauf⸗ läden ihren Weg finden, während die Parodie„Hört' irgendwo ich einen Eſel ſchrei'n“ auf die Kneipen beſchränkt bleiben und nur unter den Advokaten⸗ ſchreibern und Wildfängen des Platzes cirkuliren ſollte. Sobald dieß beſorgt war und Mabdame Jarley die Penſionsinſtitute in eigener Perſon beſucht hatte(es war zu dieſem Ende ausſchließlich ein Zettel gedruckt 163 worden, welcher ſonnenklar darthat, daß Wachs⸗ ſiguren den Geiſt verfeinerten, den Geſchmack aus⸗ bildeten und die Sphäre des menſchlichen Wiſſens erweiterten), ſetzte ſich dieſe unermüdliche Dame zum Mittageſſen nieder und trank aus der verdächtigen Flaſche auf eine glückliche Campagne. Der Naritätenladen. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Madame Jarlei hatte ohne Frage einen erfin⸗ deriſchen Geiſt. Inmitten der verſchiedenen Kunſt⸗ griffe, um Beſuche für die Ausſtellung anzulocken, blieb die kleine Nell nicht vergeſſen. Der leichte Karren, auf welchem der Räuber gewöhnlich ſeine Spazierfahrt durch die Stadt machte, war heiter mit Flaggen und Fahnen verziert, und der Räuber ſtand darin, wie immer das Miniaturbild ſeiner Geliebten betrachtend, während Nell, mit künſtlichen Blumen geſchmückt, an ſeiner Seite ſaß; und in dieſem cere⸗ moniöſen Aufzuge fuhr ſie jeden Morgen durch die Stadt, unter Trommeln und Trompetenklang die Zettel aus einem Körbchen vertheilend. Die Schön⸗ 11*† 164 heit des Kindes, gepaart mit ihrer zarten und ſchüch⸗ ternen Haltung, erregte an dem Orte kein kleines Aufſehen. Der Räuber, welcher bisher die Quelle des ausſchließlichen Intereſſes für die Straßen ge⸗ weſen war, wurde zu einem Gegenſtande von bloß ſecundärer Bedeutung, der nur dadurch Wichtigkeit erhielt, daß er einen Theil der Ausſtellung bildete, für welche das Mädchen der kräftigſte Magnet war. Erwachſene Leute begannen ſich für die helläugige Kleine zu intereſſiren; und etliche Dutzend Knaben verzweifelten in Liebesſchmachten, ihre Gefühle durch Packete von Nüſſen und Aepfeln an den Tag legend, welche ſie beſtändig mit einer kleinen Adreſſe an der Thüre des Wachsfigurencabinet's niederlegten. Dieſer wünſchenswerthe Eindruck ging an Ma⸗ dame Jarley nicht verloren, welche bald, damit Nell nicht zu wohlfeil werde, den Räuber wieder allein ausſchickte und die Erſtere in ihrem Ausſtellungsſaale behielt, wo ſie alle halbe Stunden die Figuren zur großen Zufriedenheit des bewundernden Publikums erklärte. Und dieſes Publikum war durchaus kein Geringes, denn es umfaßte auch eine große Menge junger Damen aus den Erziehungsinſtituten, deren Gunſt ſich zu verſchafeen Madame Jarley alle Mühe aufgeboten hatte, indem ſie das Geſicht und das Coſtüme des Herrn Grimaldi als Clown ſo weit veränderte, daß er den Herrn Lindley Murray in einer Attitüde dar⸗ ſtellte, wie er eben ſeine engliſche Grammatik abfaßt, —yÿ— ——— u — 165 und eine Mörderin von großem Renomee in Miſtreß Hannah More umwandelte. Miß Monflathers, die an der Spitze der Hauptanſtalt dieſer guten Stadt ſtand, hatte die Aehnlichkeit der beiden Abbilder an⸗ erkannt und ſich herabgelaſſen, mit acht auserwählten jungen Damen die Ausſtellung privatim zu beſuchen und über die außerordentliche Correctheit der Nach⸗ bildungen ganz außer ſich zu ſeyn. Herr Pitt in einer Nachtmütze, einem Schlafrock und ohne Stiefel, ſtellte mit außerordentlicher Genauigkeit den Dichter Cowper dar; und die Königin Maria von Schottland war in einem Männeranzuge, in einer ſchwarzen Perücke und einem weißen Hemdkragen ein ſo vollendetes Ebenbild des Lord Byron, daß die jungen Damen bei dem Anblick laut aufſchrieen. Miß Monfaathers tadelte jedoch dieſen Enthuſiasmus und benützte die Gelegenheit, Madame Jarley einen Verweis zu ertheilen, daß ſie bei ihrer Sammlung keine ſtrengere Auswahl treffe, indem ſie bemerkte, ſeine Lordſchaft habe gewiſſe freie Anſichten gehegt, welche ſich mit der Ehre eines Wachsfigurencabinets nicht vertrügen, und noch einiges über Dechant und Kapitel beifügte, was Madame Jarley nicht verſtand. Obgleich Nell von ihren Obliegenheiten hin⸗ reichend in Anſpruch genommen wurde, ſo fand ſie doch in der Beſitzerin des Wachsfigurencabinets eine ſehr freundliche und rückſichtsvolle Frau, der es nicht blos um ihre eigene Gemächlichkeit zu thun war, ſondern die auch wünſchte, daß ſich ihre ganze Um⸗ 166 gebung behaglich fühle; und wir bemerken nebenbei, daß das letztere ſogar bei Perſonen, die an viel ſchöneren Orten als in Caravanen leben, eine weit ſeltenere und ungewöhnlichere Erſcheinung iſt, als das erſtere, und keineswegs als deſſen nothwen⸗ dige Folge betrachtet werden kann. Die Popularität unſerer jungen Freundin brachte ihr von den Be⸗ ſuchern des Cabinets unterſchiedliche kleine Gaben ein, von welchen ihre Gönnerin nie einen Abtrag ver⸗ langte, und da ihr Großvater gleichfalls gut behandelt und als brauchbar erfunden wurde, ſo hatte ſie keine Urſache, die Uebernahme ihres neuen Geſchäftes zu bereuen, welches ihr auch nur durch die Rückerinne⸗ rung an Quilp und durch die Furcht getrübt wurde, er möchte wieder zurückkehren und ihnen eines Tags plötzlich in den Weg treten. Quilp war in der That ein perpetuirlicher Alp für die Kleine, denn ſein häßliches Geſicht und ſeine verkrümmte Geſtalt ſchwebten ihr unabläſſig vor der Seele. Um der größeren Sicherheit willen ſchlief ſie in dem Saale, wo die Wachsfiguren ſtanden, obgleich ſie ſelbſt hier, wenn ſie ihr Nachtlager auſfſuchte, ſich der quälendſten Beklemmung nicht erwehren konnte, indem ſie ſich in einem oder dem andern jener todten⸗ gleichen Geſichter eine Aehnlichkeit mit dem Zwerg vorſtellte, und dieſe Einbildung wurde bisweilen ſo übermächtig, daß ſie faſt glaubte, er habe die Figur entfernt und ſich in ihre Kleider geſteckt. Dann waren es ihrer ſo viele mit großen Glasaugen— ——— NW———— ◻—₰— ⏑ᷣ⏑ 167 und wie ſie ſo, eine hinter der andern, um ihr Bett herſtanden, da ſahen ſie alle lebenden Weſen ſo ähn⸗ lich, und doch wieder ſo unähnlich in ihrem grauen⸗ haften, ſtarren Schweigen, daß ſie um der Figuren ſelbſt willen ſich entſetzte und oft dalag, die dunkeln Geſtalten betrachtend, bis ſie es nicht mehr länger auszuhalten vermochte, ſondern aufſtehen und Licht machen, oder an das offene Fenſter ſitzen mußte, um wenigſtens in den glänzenden Sternen Geſellſchaft zu finden. Zu ſolchen Zeiten kam ihr oft das alte Haus und das Fenſter, an dem ſie allein zu ſitzen pflegte, in das Gedächtniß; und dann dachte ſie auch wohl an den armen Kit und an alle ſeine Freundlichkeit, bis ihr die Thränen in die Augen traten und ein ſanftes Lächeln ſich mit ihrer Wehmuth miſchte. In ſolchen Stunden nächtlichen Schweigens kehr⸗ ten ihre Gedanken oft und ängſtlich zu ihrem Groß⸗ vater zurück, und ſie hätte wohl wiſſen mögen, in wie weit er ſich ihres früheren Lebens erinnere und ob er je den Wechſel ihrer Lage und ihrer kürzlichen Hülfloſigkeit in vollem Umfange gefühlt habe. Wäh⸗ rend ihres Wanderzugs hatte ſie ſelten hieran ge⸗ dacht, aber jetzt konnte ſie ſich der Betrachtung nicht erwehren, was wohl aus ihnen werden mußte, wenn er krank wurde oder ihr ſelbſt die Kräfte verſagten. Er war ſehr geduldig und willig, fühlte ſich glücklich in der Ausführung jedes kleinen Geſchäftes und war froh, daß er ſich nützlich machen konnte; aber ſtets blieb er in demſelben theilnahmloſen Zuſtande, ohne daß 168 es den Auſchein hatte, als ob es je beſſer mit ihm werden würde— kurz, er war ein bloßes Kind— ein armes, gedankenloſes, an nichts theilnehmendes Weſen — ein harmloſer, thörichter alter Mann, in dem nur die zärtliche Liebe und Aufmerkſamkeit für ſeine En⸗ kelin lebte,— empfänglich für angenehme und ſchmerz⸗ liche Eindruͤcke, aber ſonſt todt für Alles. Dieſe Ueberzeugung war ſehr ſchmerzlich für ſie, und es erfüllte ſie mit Trauer, ſehen zu müſſen, wie er zu⸗ weilen müſſig neben ihr ſaß, lächelnd und ihr zu⸗ nickend, wenn ſie ſich umſah, oder wenn er irgend ein kleines Kind liebkoste und auf⸗ und abführte, was er oft ſtundenlang zu thun pflegte, verwirrt durch die einfachen Fragen des kleinen Gefährten, und doch ſo geduldig in ſeiner Schwäche, deren er ſich beinahe bewußt zu ſeyn ſchien, denn er demüthigte ſich ſogar vor dem Geiſte eines Kindes— dieß mit anſehen zu müſſen erfüllte ſte mit ſolcher Trauer, daß ſie oft in Thränen ausbrach, ſich in irgend einen Winkel zurückzog und auf die Kniee niederfiel, um für ſeine Wiederherſtellung zu beten. Aber ihr bitterſter Schmerz beſtand nicht gerade in dieſem Anblick, denn er war dann wenigſtens zu⸗ frieden und ruhig— auch nicht in ihren einſamen Betrachtungen über ſeinen veränderten Zuſtand, ob⸗ gleich ſie eine ſchwere Heimſuchung für ein ſo junges Herz war. Es ſollten noch weit tiefere und ſchwerere Leiden kommen. 1 Eines Abends, nachdem ſie nichts mehr zu thun hatten, ging Nell mit ihrem Großvater ſpazieren. Sie hatten mehrere Tage lang das Haus nicht mehr verlaſſen konnen, und da das Wetter warm war, ſo ſtreiften ſie weit umher. Vor der Stadt draußen ſchlugen ſie einen Fußpfad ein, der durch liebliche Felder führte, in der Hoffnung, er werde wieder in die Straße einbiegen, welche ſie verlaſſen hatten, und ihnen auf dieſem Wege die Heimkehr möglich machen. Er machte jedoch einen viel weitern Bogen, als ſie vorausgeſetzt hatten, weßhalb ſie ſich verlocken ließen, bis Sonnenuntergang weiter zu gehen, und da ſie um dieſe Zeit den Weg, welchen ſie ſuchten, gefunden hatten, ſa machten ſie Halt, um auszuruhen. Der Himmel hatte ſich allmälig umwölkt und war nun ſchwarz und drohend, die Richtung aus⸗ genommen, wo die ſcheidende Sonne in voller Glorie Maſſen von Gold und glühendem Feuer aufthürmte, deſſen glimmende Aſche hie und da durch den ſchwarzen Schleier brach und ihren röthlichten Schein auf die Erde hinunter warf. Der Wind begann in hohlem Gemurmel zu ſtöhnen, als die Sonne hinunterging, um den heitern Tag anderswo hinzutragen, und an ihre Stelle traten Schaaren finſterer Wolken, die mit Blitz und Donner drohten. Bereits fielen große Regentropfen, und das vorwärts ſegelnde Wetterge⸗ wölke zog andere Maſſen in den Raum, den ſie eben verlaſſen hatten, und verbreitete ſich über das ganze Firmament. Man hörte das dumpfe Rollen fernen Donners, dann zuckten Blitzſtrahlen auf, und endlich . 170 ſchien das Düſter einer Stunde ſich in einen Augen⸗ blick zuſammengeballt zu haben. Da die beiden Spaziergänger Anſtand nahmen, unter einem Baum oder einer Hecke Schutz zu ſuchen, ſo eilten ſie auf der Landſtraße fort, in der Hoffnung, ein Haus zu finden, das ihnen ein Obdach böte gegen das Gewitter, welches jetzt mit Macht losbrach und in jedem Augenblicke an Ungeſtüm zunahm. Durch⸗ näßt von den Regengüſſen, betäubt durch den ohr⸗ zerreißenden Donner, und verwirrt durch das Leuchten der zackichten Blitze, wären ſie wahrſcheinlich an einem einzeln ſtehenden Hauſe vorüber gegangen, ohne deſſen zu gewahren, wenn nicht ein an der Thüre ſtehender Mann ihnen zugerufen hätte, daß ſie eintreten ſollten. „Eure Ohren ſollten jedenfalls beſſer ſeyn, als die anderer Leute, wenn ihr Euch ſo wenig aus der Gefahr macht, durch den Blitz geblendet zu werden,“ ſagte er, indem er von der Thüre zurücktrat und bei dem Aufzucken eines neuen Blitzſtrahls mit der Hanb die Augen beſchattete. 8 „Warum wollt Ihr vorbeigehen, he?“ fügte er bei, als er die Thüre zugemacht hatte und über die Hausflur nach einem Hinterzimmer voranging. „Wir ſahen das Haus nicht, bis wir Sie rufen hörten,“ verſetzte Nell. „Nimmt mich nicht Wunder,“ entgegnete der alte Mann,„zumal bei einem ſolchen Blitzen. Nun, Ihr werdet gut thun, an das Feuer zu treten und Euch ein wenig zu trocknen. Braucht Ihr etwas, — —2— 171 ſo könnt ihr ja rufen. Und wenn Ihr nichts braucht, ſo dürft ihr keinen Anſtand nehmen, es zu ſagen. Dieß hier iſt ein Wirthshaus, weiter nichts. „Der tapfere Soldate ſteht bei der ganzen Gegend in gutem Anſehen.“ „Heißt dieß Haus ‚der tapfere Soldat“, Sir?“ fragte Nell. „Ich hätte geglaubt, Jedermann wüßte dieß,“ erwiederte der Wirth.„Wo kommt ihr her, wenn ihr ‚den tapfern Soldaten⸗ nicht ſo gut kennt, als euern Catechismus? Dieß iſt der tapfere Soldat von James Groves— Jem Groves— der ehrliche Jem Groves, ein Mann von unbeflecktem, moraliſchem Charakter und Beſitzer von einer guten, trockenen Kegelbahn. Hat Jemand etwas gegen Jem Groves zu ſagen, ſo ſoll er es Jem Groves ins Geſicht ſagen, und Jem Groves kann ihn jedenfalls mit einem Kunden bedienen, auf den man unter allen Umſtänden vierzig Pfund gegen vier wetten darf. Mit dieſen Worten klopfte ſich der Sprecher auf die Weſte, um damit anzudeuten, daß er der ſo hoch geprieſene Jem Groves ſey, borte dann wiſſenſchaft⸗ lich auf ein Porträt des Jem Groves los, welches ſeinerſeits aus einem ſchwarzen Rahmen über dem Kamingeſims auf die Geſellſchaft im Allgemeinen herunterborte, und trank ſchließlich, ein halbvolles Glas Grog an ſeine Lippen ſetzend, Jem Groves Geſundheit. Da der Abend ſchwül war, ſo war ein großer Schirm als Barriere gegen die Hitze des Feuers durch die Stube gezogen. Es ſchien, als ob Je⸗ mand auf der andern Seite dieſes Schirmes über Herrn Groves' Bravour Zweifel geäußert und da⸗ durch Anlaß zu dieſen egoiſtiſchen Ergießungen gege⸗ ben hätte, denn Herr Groves' bekräftigte ſeine Heraus⸗ forderung, indem er mit ſeinen Knöcheln kräftig gegen die ſpaniſche Wand ſchlug und ſodann inne hielt, als erwarte er von der andern Seite eine Antwort. „Es gibt nicht viele Leute,“ ſagte Herr Groves, als die Antwort ausblieb,„die es wagen dürften, Jem Groves unter ſeinem eigenen Dache in den Weg zu treten. Ich kenne nur einen einzigen Mann, der die Kraft dazu hat, und der noch obendrein keine hundert Meilen von hier entfernt iſt. Aber er iſt ein ganzes Dutzend werth, und er mag daher von mir ſagen, was er will— das weiß er.“ Als Erwiederung auf die ſchmeichelhafte Anrede ertönte eine ſehr rauhe und heiſere Stimme, welche Herrn Groves befahl,„ſein Maul zu halten und ein Licht anzuzünden.“ Zugleich bemerkte auch die⸗ ſelbe Stimme, der genannte Herr„habe gar nicht nöthig, ſeinen Athem mit Renommiren zu erſchöpfen, denn die meiſten Leute wüßten recht wohl, aus wel⸗ chem Teige er gebacken ſey.“ „Nell, ſie— ſie ſpielen Karten,“ flüſterte der alte Mann, der ſich plötzlich für alles intereſſirte. „Hörſt du es nicht?“ „Sorge für Licht,“ fuhr die Stimme fort;„es iſt ſo dunkel, daß man nur mit knapper Noth die xn xn . 173 Augen auf den Karten unterſcheiden kann; und ſchließe, ſo ſchnell du kannſt, den Laden— willſt du? Dein Bier wird vermuthlich wegen des Donner⸗ wetters auch ſchlechter werden.— Gewonnen! Sieben Shillinge und ſechs Pence an mich, alter Iſaac. Herüber damit!“ „Hörſt du, Nell— hörſt du ſie?“ flüſterte der alte Mann abermals, und zwar noch angelegentlicher, als er das Geld auf dem Tiſche klingen hörte. „Hab' ich doch nicht erlebt ein ſolches Unwetter,“ ſagte eine ſcharfe, ſchrille und höchſt unangenehme Stimme, als ein fürchterliches Donnergekrache ver⸗ hallt war,„ſeit der Nacht, wo der alte Luke Withers dreizehn Mal hinter einander gewann auf dem Rothen. Wir haben geſagt alle, daß in ihm ſteckt des Teufels Glück und ſein eigenes; und's iſt geweſen eine Art Nacht für den Teufel zum Ausgehen und Maſſe⸗ matten zu machen, und ich denke, er hat ihm ge⸗ ſchaut über die Schulter, nur hat man ihn nicht können ſehen.“ „Ah!“ entgegnete die rauhe Stimme;„trotz allen Gewinnes des alten Luke durch Dick und Dünn in den letzten Jahren, erinnere ich mich doch noch der Zeit, wo ihm das Glück übel genug mitſpielte. Er konnte nie einen Würfelbecher oder eine Karte in die Hand nehmen, ohne gerupft, geplündert und rein ausgezogen zu werden.“ 4 „Hörſt du, was er ſagt, Nell?“ flüſterte der alte Mann,—„hörſt du das, Nell?“ 174 Das Kind ſah mit Staunen und Beſtürzung das ganze Aeußere des Großvaters, das eine volle Umwandelung erlitten hatte. Sein Geſicht glühte vor Begier, ſeine Augen leuchteten, ſeine Zähne waren auf einander gepreßt, ſein Athem ging kurz und ſchwer, und ſeine Hand, die er auf ihren Arm gelegt hatte, zitterte ſo heftig, daß Nelly unter ihrem Drucke zuſammenbebte. „Du biſt mein Zeuge,“ flüſterte er, zum Himmel ſehend,„daß ich immer ſo ſagte, daß ich es wußte, davon träumte, dieſe Wahrheit fühlte und daß es ſo ſeyn muß! Wie viel Geld haben wir, Nell? Nun, ich habe ja geſtern Geld bei dir geſehen. Wie viel. Geld haben wir? Gib es her.“ „Nein, nein, laſſen Sie mich's behalten, Groß⸗ vater,“ ſagte das Kind erſchrocken.„Wir wollen fortgehen von hier. Kehren wir uns nicht an den Regen. Bitte, laſſen Sie uns gehen.“ „Gib es her, ſage ich,“ entgegnete der alte Mann ungeſtüm.„B'ſt, b'ſt, du mußt nicht weinen, Nell. Wenn ich dich hart angelaſſen habe, meine Liebe, ſo hab' ich's nicht ſo bös gemeint. Es ge⸗ ſchieht zu deinem Beſten. Ich habe dir Unrecht ge⸗ than, Nell, aber es ſoll noch gut gemacht werden; ja, ich will es wieder gut machen. Wo iſt das Geld?“ „Nehmen Sie mir's nicht,“ verſetzte das Kind; „bitte, nehmen Sie mir es nicht, lieber Großvater. Um unſerer Beider willen, laſſen Sie mich's be⸗ ——23———„ — 175 halten, oder laſſen Sie mich's wegwerfen— es liegt beſſer auf der Straße, als daß Sie es jetzt nehmen. Kommen Sie, laſſen Sie uns gehen.“ „Gib mir das Geld,“ entgegnete der alte Mann; „ich muß es haben. So— ſo— du biſt meine gute Nell. Ich will's eines Tages wieder gut machen, Kind. Fürchte nicht— ich will’'s wieder gut machen!“ Sie zog ein Beutelchen aus ihrer Taſche. Er griff mit derſelben ſtürmiſchen Ungeduld darnach, welche ſich bereits in ſeinen Worten ausgeſprochen hatte, und eilte auf die andere Seite des Schirms. Es war unmöglich, ihn zurückzuhalten, und das Kind folgte ihm zitternd auf der Ferſe.. Der Wirth hatte ein Licht auf den Tiſch ge⸗ ſtellt und war eben damit beſchäftigt, den Fenſter⸗ vorhang niederzulaſſen. Die Perſonen, welche man ſprechen gehört hatte, waren zwei Männer, zwiſchen denen ein Spiel Karten und einiges Silbergeld lag, während die geſpielten Partien mit Kreide an der ſpaniſchen Wand aufgezeichnet waren. Der Mann mit rauher Stimme war ein gedunſener Kerl von mittleren Jahren, mit ſtarkem, ſchwarzem Ohren⸗ barte, breiten Backen, einem groben, weiten Mund und einem Stierhalſe, den er ziemlich offen zur Schau trug, da ſein Hemdkragen nur durch eine loſe, ſtrickartige rothe Halsbinde zuſammengehalten wurde. Er hatte einen bräunlich weißen Hut auf, und neben ihm lehnte ein dicker Knotenſtock. Der Andere, welchen ſein Camerad Iſaae genannt hatte, war eine etwas ſchmächtige Figur, gebeugt und hochſchulterig, mit einem unheimlichen Geſichte und einem höchſt bösartigen und ſchuftigen Schielen. „Nun, alter Herr,“ ſagte Iſaac, ſich umſehend, „kennen Sie Einen von uns? Dieſe Seite des Schirms iſt privat, Sir.“ „Ich hoffe, doch Niemand zu beleidigen?“ ver⸗ ſetzte der alte Mann. „Mein Seel, Sir, freilich iſt's eine Beleidigung,“ entgegnete der Andere, dem Alten in's Wort fallend, „wenn man ſich eindringt bei ein paar Herrn, die für ſich ſind beſchäftigt.“ „Wenigſtens war es nicht meine Abſicht,“ ent⸗ ſchuldigte der alte Mann;„ich meinte, daß—“ „Aber Sie haben kein Recht zu meinen, Sir,“ entgegnete der Andere.„Was zum Teufel hat ein Mann von Ihrem Lebensalter zu ſchaffen mit Meinen?“ „Nun, du Polterer,“ ſagte der ſtämmige Mann, der jetzt zum erſtenmal von ſeinen Karten aufſah, „kannſt du ihn nicht ausreden laſſen?“ Der Wirth, welcher augenſcheinlich den Ent⸗ ſchluß gefaßt hatte, neutral zu bleiben, bis er wußte, für welche Partei ſich der ſtämmige Mann erklärte, pflichtete jetzt bei und meinte: „Ha, natürlich— könnt Ihr ihn nicht ausreden laſſen, Iſaac?“ „Ob ich ihn kann laſſen ausreden?“ höhnte 2 177 Iſaac, indem er mit ſeiner ſchrillen Stimme ſo gut als möglich die Töne des Wirths nachahmte.„Ja, ich kann ihn ausreden laſſen, Jemmy Groves.“ „Wohlan denn, ſo thut es— wollt Ihr?“ ſagte der Wirth. Herrn Liſt's Schielen nahm einen bedeutungs⸗ vollen Charakter an, der mit einer Verlängerung dieſes Streites zu drohen ſchien, als ſein Camerad, der den alten Mann ſcharf beobachtet hatte, in Zeiten Einſprache that. „Wer weiß,“ ſagte er mit einem verſchmitzten Blicke„aber vielleicht wollte der alte Herr nur höſtich anfragen, ob er nicht die Ehre haben könne, eine Partie mit uns zu machen?“ „Ja, das wollte ich,“ rief der alte Mann; „und das will ich auch jetzt noch.“ „Dacht' ich's ja,“ entgegnete der vorige Sprecher. „Nun, wer weiß: aber der Herr wird ſich wohl denken können, daß wir nicht umſonſt ſpielen wollen, und erſucht uns daher höflich, mit ihm um Geld zu A ſpielen?“ 1 Der alte Mann antwortete nur damit, daß er 2 in der bebenden Hand das kleine Beutelchen ſchüttelte und es dann auf den Tiſch warf; und nun griff er . nach den Karten mit der Gier eines Geizhalſes, z wenn er nach Gold langt. 7„Ah! in der That—“ ſagte Iſaac;„wenn der Herr das wollte, ſo bitte ich den Herrn um Ver⸗ 4 zeihung. Iſt dieß des Herrn Beutelchen? Ein ſehr 4 Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 12 178 nettes, kleines Beutelchen. Vielleicht etwas leicht,“ fügte Iſaac bei, indem er es in die Luft warf und gewandt wieder auffing.„Aber doch wird's zu⸗ reichen, einen Herrn zu unterhalten für eine halbe Stunde oder ſo was.“ „Wir wollen eine Partie zu Vieren machen und den Groves beiziehen,“ ſagte der ſtämmige Mann. „Komm, Jemmy.“ Der Wirth, der ſich in einer Weiſe benahm, als ſey er an ſolche kleine Partien gewöhnt, näherte ſich dem Tiſche und nahm Platz. Das Kind zog jedoch in wahrer Todesangſt ſeinen Großvater bei Seite und flehte ihn ſelbſt jetzt noch an, mit fortzugehen. „Kommen Sie, und wir können ſo glücklich ſeyn,“ ſagte das Kind. „Wir wollen glücklich ſeyn,“ verſetzte der alte Mann haſtig.„Laß mich gehen, Nell. Der Weg zum Glück liegt in den Karten und in dem Würfel⸗ becher. Wir müſſen uns von kleinen Gewinnen zu großen erheben. Hier wird's nur wenig zu ge⸗ winnen geben, aber das Größere kömmt mit der Zeit nach. Ich werde nur mein Eigenthum zurück⸗ gewinnen— und zwar einzig für dich, mein Herz.“ „Gott ſteh' uns bei!“ rief das Kind.„Ach, welch' ein hartes Geſchick mußte uns hieher führen!“ „Bst!“ entgegnete der alte Mann, indem er ſeine Hand auf den Mund des Mädchens legte; „das Glück läßt ſich nicht ſchelten. Wir dürfen ihm 179 keinen Vorwurf machen, ſonſt ſcheut es uns— ſo viel habe ich ſchon ausfindig gemacht.“ „Nun, Herr,“ ſagte der ſtämmige Mann;„wenn Sie nicht ſelbſt kommen wollen, ſo geben Sie uns wenigſtens die Karten— wollen Sie?“ „Ich komme ſchon,“ rief der alte Mann.„Setz' dich, Nell; ſetz dich nieder und ſieh' zu. Sey guten Muths, es iſt alles für dich— alles— jeder Penny. Ich ſage es ihnen nicht; nein, nein, ſonſt würden ſie nicht ſpielen— ſie würden das Glück fürchten, das mir eine ſolche Sache geben muß. Betrachte ſie nur. Sieh, wer ſie ſind, und wer du biſt. Wer kann da zweifeln, daß wir gewinnen müſſen?“ „Der Herr hat ſich beſonnen eines Beſſern, und kommt nicht,“ ſagte Iſaac, indem er that, als wollte er von dem Tiſche aufſtehen.„Es thut mir leid, wenn ſich der Herr hat einſchüchtern laſſen— natürlich, wer nichts wagt, gewinnt nichts — aber der Herr muß es wiſſen am beſten.“ „Nun, ich bin bereit. Ihr Alle ſeyd langſam geweſen, nur ich nicht,“ verſetzte der alte Mann. „Ich möchte doch auch wiſſen, wer geſpannter auf den Anfang wäre, als ich.“ Mit dieſen Worten zog er einen Stuhl an den Tiſch, die andern Drei ſchloſſen ſich zu gleicher Zeit an, und das Spiel begann. Nell ſaß daneben und ſchaute mit geaͤngſtigtem Herzen zu. Ohne auf den Lauf des Glückes zu 12 x 180 achten und nur die verzweifelte Leidenſchaft, die ſich ihres Großvaters bemächtigt hatte, in's Auge faſſend, waren ihr Gewinn oder Verluſt ganz gleichviel. Das eine Mal über einen kurzen Triumph froh⸗ lockend, das andere Mal durch ein Fehlſchlagen nie⸗ dergedrückt, ſaß er da— ſo verwirrt und ruhelos, ſo fieberig und voll ängſtlicher Spannung, ſo furcht⸗ bar haſtig, ſo gierig auf die armſeligen Einſütze, daß ſie es faſt leichter ertragen haben würde, ihn todt zu ſehen. Und doch war ſie die unſchuldige Urſache dieſer ganzen Folter, und er, der mit einem ſo wüthenden Durſt nach Gewinn ſpielte, wie ihn der unerſättlichſte Spieler nie empfunden, hatte nicht einen einzigen ſelbſtſüchtigen Gedanken! Dagegen waren die andern Drei— Schurken und Spieler von Gewerbe— trotz ihrer geſpannten Aufmerkſamkeit auf das Spiel, ſo kaltblütig und ruhig, als ob der Inbegriff aller Tugenden in ihrer Bruſt wohnte. Hin und wieder blickte einer derſelben auf, um dem Andern zuzulächeln, das matte Kerzenlicht zu ſchneuzen, nach dem Blitz zu ſchauen, wenn ſein Leuchten durch das ofſene Fenſter und die flatternden Vorhänge ſchoß, oder allenfalls auf einen beſonders heftigen Donnerſchlag zu horchen, und zwar in einer Weiſe, als ſey er ärgerlich über dieſe Störung der Unterhaltung. Sonſt aber ſaßen ſie da mit einer ruhigen Gleichgültigkeit gegen Alles, ihre Karten ausgenommen, dem Anſchein nach vollkommene Phi⸗ loſophen, und eben ſo wenig Leidenſchaftlichkeit oder 181 Aufregung an den Tag legend, als wären ſie aus Stein gehauen. Das Gewitter hatte volle drei Stunden getobt; der Blitz war ſchwächer und ſeltener geworden; der Donner, der früher gerade über ihren Häuptern zu rollen und zu krachen ſchien, hatte ſich allmälig in einen tiefen, heiſeren, entfernten Ton verloren; und noch immer ging das Spiel fort, und noch immer blieb das geängſtigte Kind vergeſſen. Der Naritätenladen. Dreißigſtes Kapitel. Endlich nahm das Spiel ein Ende und Herr Iſaac Liſt ſtand als der einzig Gewinnende auf. Sein Camerad und der Wirth trugen ihre Verluſte mit der Seelengröße von Spielern von Profeſſion, und Iſaac ſackte ſeinen Gewinn mit der Miene eines Mannes ein, der ſich's längſt vorgenommen hatte, zu gewinnen, und über die erlangten Vortheile weder überraſcht noch erfreut war. Nell's Beutelchen war erſchöpft; aber obgleich es leer an der Seite ihres Großvaters lag, und die 182 andern Spieler bereits vom Tiſche aufgeſtanden waren, ſo ſaß der alte Mann doch noch brütend über ſeinen Karten, vertheilte ſie wie früher, und ſchlug ſie dann auf, um zu ſehen, was Jeder er⸗ halten haben würde, wenn ſie noch fortſpielten. Er hatte für nichts als für dieſe Beſchäftigung Sinn, als das Kind ſich ihm näherte, die Hand auf ſeine Schulter legte und ihm ſagte, daß es faſt Mitternacht ſey. „Da ſiehſt du den Fluch der Armuth, Nell,“ ſagte er, indem er auf die Häufchen wies, die er auf dem Tiſche vertheilt hatte.„Wenn ich nur ein Bis⸗ chen länger hätte fortmachen können— nur ein klein Bischen länger, ſo würde ſich das Glück auf meine Seite gewendet haben. Ja, das iſt ſo klar, als die Bilder auf den Karten— ſieh' hier— und da— und wieder da.“ „Ach, legen Sie's weg,“ drängte das Kind. „Suchen Sie, es zu vergeſſen.“ „Es zu vergeſſen ſuchen?“ entgegnete er, ſein hageres Geſicht zu dem ihrigen erhebend und ſie mit einem unglaubigen Stieren anſehend.„Es zu ver⸗ geſſen? Wie könnten wir je reich werden, wenn ich der Karten vergäße?“ Das Kind konnte nichts, als den Kopf ſchütteln. „Nein, nein, Nell,“ fuhr der alte Mann fort, indem er ſie auf die Wange klopfte;„die dürfen nicht vergeſſen werden. Wir müſſen den heutigen Verluſt ſo bald als möglich gut zu machen ſuchen. 183 Geduld— Geduld— und dir ſoll noch dein Recht widerfahren. Heute Verluſt, morgen Gewinn— und nichts kann gewonnen werden, ohne Angſt und Sorge— nichts. Komm, ich bin bereit.“ „Wißt Ihr auch, was es an der Zeit iſt?“ fragte Herr Groves, der mit ſeinen Freunden rauchte. „Zwölf Uhr vorbei—* —„und eine regneriſche Nacht,“ fügte der ſtämmige Mann bei. „Der tapfere Soldat bei James Groves. Gute Betten. Wohlfeile Herberge für Menſchen und Vieh,“ ſagte Herr Groves, ſein Wirthsſchild citirend.„Halb Ein Uhr.“ „Es iſt ſehr ſpät,“ entgegnete das Kind unruhig. „Ich wollte, wir wären früher gegangen. Was wird man von uns denken? Vor zwei Uhr können wir kaum zurück ſeyn. Was würde es koſten, Sir, wenn wir hier blieben?“ „Zwei gute Betten: einen Shilling und ſechs Pence; Nachteſſen und Bier: einen Shilling. To⸗ talſumme zwei Shillinge und ſechs Pence,“ ant⸗ wortete der tapfere Soldat. Nell hatte noch das in ihrem Kleid eingenähte Goldſtück; ſie dachte an die ſpäte Stunde, an Ma⸗ dame Jarley's ſchläfrige Gewohnheiten, an den Schrecken, den man zuverläßig der guten Dame einjagen würde, wenn man ſie mitten in der Nacht herausklopfen wollte— und da ſie anderer Seits überlegte, daß ſie, wenn ſie an Ort und Stelle 184 blieben, am Morgen früh aufſtehen und, noch ehe ihre Beſchützerin erwachte, nach Hauſe kommen könnten, wo dann die Heftigkeit des Gewitters, von dem ſie überraſcht worden, als guter Entſchuldigungs⸗ grund diente, ſo entſchloß ſie ſich nach langem Zögern, zu bleiben. Sie nahm daher ihren Groß⸗ vater bei Seite und ſagte ihm, daß ſie noch genug habe, um die Koſten des Uebernachtens zu beſtreiten, weßhalb ſie ihm vorſchlage, vor der Hand nicht aufzubrechen. „Wenn ich nur vorhin das Geld gehabt hätte — wenn ich's nur um ein paar Minuten früher gewußt hätte,“ murmelte der alte Mann. „Wir wollen uns entſchließen, hier zu bleiben, wenn's Ihnen recht iſt,“ ſagte Nell, ſich haſtig an den Wirth wendend. „Ich halte es auch für das Klügſte,“ verſetzte Herr Groves.„Ihr ſollt ſogleich euer Nachteſſen haben.“ Demgemäß brachte Herr Groves, nachdem er ſeine Pfeife ausgeraucht, die Aſche ausgeklopft und ſeinen Dampfapparat ſorgfältig, mit dem Kopfe nach unten, in eine Herdecke geſtellt hatte, Brod, Käſe und Bier herein, deren Vortrefflichkeit er höch⸗ lich lobte, und hieß nun ſeine Gaͤſte darüber her⸗ fallen und thun, als ob ſie zu Hauſe wären. Nell und ihr Großvater aßen nur wenig, denn Beide hingen ihren Gedanken nach, und die andern Herren, — — 185 für deren Conſtitutionen Bier eine zu ſchwache und milde Flüſſigkeit war, tröſteten ſich mit Branntwein und Tabak. Da Großvater und Enkelin mit dem früheſten Morgen das Haus verlaſſen wollten, ſo war Nell ängſtlich beſorgt, das Nachtlager zu bezahlen, ehe ſie zu Bette gingen. Sie fühlte jedoch die Noth⸗ wendigkeit, ihren kleinen Schatz vor ihrem Ver⸗ wandten zu verbergen, weßhalb ſie das Goldſtück heimlich aus ſeinem Verſteck hervorholte und eine Gelegenheit erſah, dem Wirth zu folgen, als er das Zimmer verließ; ſie gab ihm daſſelbe in dem kleinen Schenkſtübchen, um es wechſeln zu laſſen. „Wollen Sie ſo gut ſeyn, mir darauf heraus⸗ zugeben?“ ſagte das Kind. Herr James Groves war augenſcheinlich über⸗ raſcht; er betrachtete das Geld, ließ es klingen, ſah dann auf das Kind und wieder auf das Geld, als hätte er Luſt zu fragen, wie ſie dazu gekommen wäre. Da jedoch das Geld gut war und in ſeinem Hauſe gewechſelt werden ſollte, ſo dachte er wahr⸗ ſcheinlich wie ein verſtändiger Wirth, daß ihn das nichts angehe. Für alle Fälle zählte er alſo den Ueberſchuß ab und händigte ihr denſelben ein. Als das Kind nach dem Zimmer zurückkehrte, wo ſte den Abend zugebracht hatten, war es ihr, als ſähe ſie eben eine Geſtalt zur Thüre hineingleiten. Es war nichts als ein langer, finſterer Oehrn zwiſchen dieſer Thüre und dem Orte, wo ſie das Geld hatte 186 wechſeln laſſen, und da ſie gewiß wußte, daß Nie⸗ mand, ſo lange ſie dort geſtanden, ein⸗ oder aus⸗ gegangen war, ſo kam ihr der Gedanke, ſie ſey be⸗ lauert worden. Aber von wem? Im Zimmer fand ſie Nie⸗ manden, als die Gäſte von vorhin. Der ſtämmige Kerl lag auf zwei Stühlen und hatte den Kopf auf ſeine Hand geſtützt, und der ſchielende Mann ruhte in einer ähnlichen Haltung an der andern Seite des Tiſches. Zwiſchen beiden ſaß ihr Großvater, der den Gewinnenden mit einer Art hungriger Bewun⸗ derung anſah und an deſſen Worten hing, als wäre der Sprecher irgend ein höheres Weſen. Sie war für einen Augenblick verblüfft und ſah umher, ob ſie nicht ſonſt noch Jemanden wahrnehmen könne. Nein. Dann fragte ſie leiſe ihren Großvater, ob während ihrer Abweſenheit Jemand das Zimmer verlaſſen hätte. „Nein,“ ſagte er;„Niemand.“ Es mußte alſo ein Trugbild ihrer Einbildungs⸗ kraft geweſen ſeyn; und doch war es ſeltſam, daß ſie ſich, ohne durch frühere Gedanken darauf ge⸗ leitet zu ſeyn, dieſe Geſtalt ſo deutlich hatte vor⸗ ſtellen können. Sie dachte noch immer verwundert darüber nach, als ein Mädchen hereinkam, um ihr nach ihrer Schlafſtätte zu leuchten. Der alte Mann verabſchiedete ſich zu gleicher Zeit von der Geſellſchaft, und ſie gingen die Treppe hinauf. Es war ein großes, weitläufiges Haus, mit * d 1 „. 1 e 1 d 187 öden Gängen und weiten Treppen, die in dem Flimmerſchein der Lichter nur noch trübſeliger aus⸗ ſahen. Sie ließ ihren Großvater in ſeinem Gemache und folgte dem Mädchen nach einer andern Kammer an dem Ende eines Ganges, zu dem man mittelſt eines halben Dutzends brüchiger Stufen hinanſteigen mußte. Dieſe war für ſie hergerichtet. Das Dienſt⸗ mädchen plauderte eine Weile mit ihr und klagte ſeine Noth. Sie hatte keinen guten Platz, wie ſie ſagte, denn der Lohn war gering und die Arbeit hart. In vierzehn Tagen wollte ſie wandern; das Kind könne ſie vermuthlich nicht anderswohin em⸗ pfehlen? Sie halte es in der That für ſchwer, nach ihrem hierortigen Aufenthalte eine andere Stelle zu kriegen, denn das Haus ſtehe in einem ſehr zwei⸗ deutigen Rufe: es werde hier viel zu viel Karten geſpielt und dergleichen. Sie müßte ſehr im Irr⸗ thum ſeyn, wenn Einige von den Leuten, welche am öfteſten hieher kämen, ganz ſo ehrlich wären, als ſie ſeyn könnten, aber ſie möchte es um Alles in der Welt nicht geſagt haben; dann kamen noch einige unbeſtimmte Hindeutungen auf einen ver⸗ ſchmähten Liebhaber, der gedroht hatte, Soldat zu werden— ein ſchließliches Verſprechen, mit dem früheſten Morgen an der Thür zu klopfen— und endlich„gute Nacht.“ Nelly fühlte ſich, als ſie allein war, durchaus nicht behaglich. Sie konnte ſich der Gedanken an die Geſtalt, welche ſich in dem untern Oehrn fort⸗ 188 geſtohlen hatte, nicht erwehren, und die Ausſagen des Mädchens waren nicht geeignet, ſie zu beruhigen. Die Männer hatten eine gar ſchlimme Außenſeite— ſie lebten vielleicht von Beraubung und Ermordung der Wanderer. Wer konnte das wiſſen? Sie ſuchte dieſe Befürchtungen durch Gründe niederzukämpfen, oder vergaß ihrer wenigſtens für eine kleine Weile; aber dann befiel ſie eine Angſt wegen der Folgen, die aus den Erlebniſſen dieſer Nacht erwachſen konnten. Die alte Leidenſchaft war wieder in der Bruſt ihres Großvaters geweckt, und nur der Himmel wußte, zu welchen weiteren Verirrun⸗ gen ſie führen konnte. Welche Beſorgniſſe mochte bereits ihre Abweſenheit veranlaßt haben? Vielleicht waren ſchon jetzt Leute ausgeſchickt, um ſie aufzu⸗ ſuchen. Hatten ſie am Morgen Verzeihung zu er⸗ warten, oder mußten ſie ſich auf's Neue auf den Straßen herumtreiben? Oh, warum waren ſie doch an dieſem fremden Orte geblieben! Unter allen Um⸗ ſtänden würde es beſſer geweſen ſeyn, wenn ſie nach Hauſe gegangen wären. Endlich, aber nur allmälig machte der Schlaf ſeine Rechte geltend— ein unter⸗ brochener, ängſtlicher Schlaf, durch Träume beun⸗ ruhigt, in welchen ſie von hohen Thürmen herunter⸗ fiel und dann mit entſetztem Auffahren erwachte. Darauf folgte ein tieferer Schlummer— und dann —— Was? jene Geſtalt in der Kammer! Eine Geſtalt war da! Ja, Nell hatte die Blende aufgezogen, damit beim Grauen des Tages gleich das —,— gS 2e—,— 189 Licht einfalle, und da, zwiſchen dem Fuße des Bettes und dem dunkeln Fenſterrahmen, kroch es und ſchlich es— leiſe ſich weiter tappend, und um das Bette herum. Sie hatte keine Stimme zu einem Hilferuf, keine Kraft ſich zu bewegen, ſondern ſie blieb ſtill liegen und ſah zu. Es kam näher— immer näher, ſtill und verſtohlen, bis zu den Häupten des Bettes. Der Athem war ihrem Kiſſen ſo nahe, daß ſie ſich in daſſelbe zurückdrückte, um den taſtenden Händen ihr Geſicht zu entziehen. Es ſtahl ſich wieder nach dem Fenſter zurück, dann wendete es den Kopf gegen ſie. Die dunkle Geſtalt war nur ein Fleck auf dem helleren Dunkel der Kammer, aber Nell ſah das Umwenden des Kopfes; ſie fühlte und wußte, wie die Augen dort herſahen und wie jene Ohren horch⸗ ten. Es blieb dort, regungslos wie ſie ſelber— das Geſicht immer ihr zugekehrt; endlich beſchäftigten ſich die Hände mit etwas, und ſie hörte das Klingeln von Geld. Dann kam es wieder, ſo ſtumm und verſtohlen wie früher, heran, legte die Kleider wieder neben das Bett, ließ ſich auf Hände und Kniee nieder und kroch fort. Wie langſam es ſich zu bewegen und auf dem Boden fortzuſchleichen ſchien— jetzt, da ſie nur hören und nicht mehr ſehen konnte! Endlich erreichte es die Thüre und ſtand auf ſeine Füße. Die Treppen knarrten unter ſeinen leiſen Tritten, und fort war es. Der erſte Gedanke des Kindes war, dem entſetzlichen 190 Alleinſeyn in dieſem Gemache zu entfliehen— Je⸗ mand um ſich zu haben— nicht ganz auf ſich ſelbſt beſchränkt zu ſeyn— und dann würde wohl die Fähigkeit zum Sprechen wieder kommen. Ohne zu wiſſen, wie ſie weiter kam, erreichte ſie die Thüre. Aber da war der ſchreckliche Schatten wieder, der unten an der Treppe hielt. Sie konnte nicht daran vorbei; es hätte ſich vielleicht in der Dunkelheit thun laſſen, ohne daß ſie hätte ergriffen werden können, aber das Blut gerann ihr bei dieſem Gedanken. Die Geſtalt ſtand ganz bewegungslos; daſſelbe war auch bei ihr der Fall— nicht aus Kühnheit, ſondern aus Nothwendigkeit— denn in das Zimmer zurückzukehren wäre kaum weniger ſchrecklich geweſen, als weiter zu gehen. Der Regen ſchoß draußen raſch und wüthend nieder, und ſchüttete in klatſchenden Strömen von dem Strohdache. Ein Sommerinſekt, das nicht in's Freie entkommen konnte, flog blind hin und her, ſtieß gegen Wände und Decke an, und erfüllte den ſtillen Platz mit ſeinem Geſumme. Die Geſtalt bewegte ſich wieder. Das Kind that unwillkürlich daſſelbe. Einmal in ihres Großvaters Gemache, und ſie wäre ſicher. Die Geſtalt ſchlich den Gang entlang, bis ſie vor dieſelbe Thüre kam, welche Nell ſo glühend zu erreichen verlangte. In ihrer Todesangſt über die Nähe dieſes unheimlichen Weſens wäre ſie faſt vor⸗ wärts geeilt, um in die Kammer zu ſtürzen und ſie 191 hinter ſich zuzuſchlagen, als die Geſtalt abermals Halt machte. Plötzlich tauchte ein Gedanke in ihr auf— wie wenn es dort hinein ginge und eine Abſicht auf das Leben des alten Mannes hätte? Eine Ohnmachts⸗ ſchwäche wandelte ſie an. Es war ſo. Es ging hinein. Innen war Licht. Die Geſtalt war jetzt in der Kammer, und ſie— noch ſtumm, ganz ſtumm, und faſt ſinnlos— ſtand da und ſah zu. Die Thüre war halb offen. Ohne zu wiſſen, was ſie thun ſollte, ſondern nur in der Abſicht, ihn zu retten, oder ſich mit ihm tödten zu laſſen, ſchwankte ſie vorwärts und ſah hinein. Aber welch ein An⸗ blick begegnete hier ihren Augen? Auf dem Bette hatte noch Niemand gelegen; es war glatt und leer. Und an einem Tiſche ſaß der alte Mann ſelbſt, das einzige lebende Weſen in dem Gemache, ſein blaſſes Geſicht zuſammengekniffen und zugeſpitzt durch die Gier, welche ſeinen Augen einen unnatürlichen Glanz verlieh— ja, da ſaß er, und zählte das Geld, deſſen ſie durch ſeine Hände beraubt worden war. 192 Der Naritätenladen. Einunddreißigſtes Kapitel. Mit weit wankenderen und unſicheren Schritten, als jene geweſen, womit ſich Nell dem Gemache genähert hatte, trat ſie von der Thüre weg und tappte nach ihrem Kämmerchen zurück. Der Schrecken, den ſie eben erſt ausgeſtanden, war nichts gegen den, welcher ſich jetzt ihrer bemächtigte. Kein frem⸗ der Räuber, kein verrätheriſcher Wirth, der ſich bei Beraubung ſeiner Gäſte betheiligte, oder an ihre Betten ſchlich, um ſie in ihrem Schlaf zu ermorden, kein nächtlicher Dieb(wie ſchrecklich und entſetzlich auch ſolche Erſcheinungen geweſen wären), hätte in ihrer Seele nur die Hälfte des Grauſens erwecken können, welches ſie empfand, als ſie ihren ſtummen Beſuch erkannte. Der grauköpfige alte Mann, der wie ein Geſpenſt in ihre Kammer ſchlüpfte, das Gewerbe eines Diebes trieb, während er ſie im Schlafe wähnte, dann ſeine Beute davon trug und mit jenem unheimlichen Entzücken, wovon ſie Zeuge gewe⸗ ſen, dieſelbe betrachtete— nein, es war ſchlimmer, un⸗ ermeßlich ſchlimmer, und der Gedanke daran für den Augenblick viel ſchrecklicher, als Alles, was ihr die wildeſte Phantaſie hätte vormalen können! Wenn er zu⸗ rückkehrte! Es war kein Schloß oder Riegel an der ————— Thüre, und wenn er, in der Meinung, er habe noch etwas Geld zurückgelaſſen, wieher zurückkehrte, um es nachzuholen— ein unbeſtimmtes Entſetzen und Grauſen haftete ſchon an dem Gedanken, er könnte wieder mit demſelben verſtohlenen Tritte hereinſchlei⸗ chen: und wenn er dann ſein Geſicht dem leeren Bette zuwandte, während ſie ſich dicht vor ſeinen Füßen zuſammenkauerte, um ſeine Berührung zu vermeiden— nein, es war nicht auszuhalten! Sie ſetzte ſich nieder und lauſchte. Horch! Ein Fußtritt auf der Treppe, und nun das langſame Aufgehen der Thüre. Es war zwar nur Einbildung, aber eine Einbildung, die alle Schrecken der Wirklichkeit in ſich vereinigte— oder vielmehr, es war noch ſchlimmer, denn in der Wirklichkeit hätte es mit dem Kommen und Gehen ein Ende gehabt, aber dieſes marternde Phantaſtebild tauchte immer von Neuem auf und wollte ſich durchaus nicht verſcheuchen laſſen. Das Gefühl, welches das Kind bedrückte, war das eines düſtern und unbeſtimmten Entſetzens. Sie hatte keine Furcht vor dem lieben, alten Großvater, deſſen zärtliche Zuneigung zu ihr eine ſolche Geiſtes⸗ verwirrung veranlaßt hatte; aber der Mann, den ſie in jener Nacht geſehen hatte, hingeriſſen von den Wechſelfällen des Spiels, in ihr Kämmerchen herein⸗ ſchleichend und das Geld bei dem Flackerſcheine des Lichtes zählend, erſchien ihr als ein ganz anderes Weſen in ſeiner Geſtalt, als ein monſtröſes Zerrbild Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 13 ſeines Aeußern, als eine Erſcheinung, vor der ſie zurückbebte, und vor der ſie ſich nur um ſo mehr fürchtete, da ſie ihm ſo ähnlich war und mit ihr ſelbſt in ſo naher Verbindung ſtand. Sie konnte kaum anders, als durch den Gedanken, ihn verloren zu haben, ihren theuern Gefährten mit dieſem alten Manne in Verbindung bringen, der ihm ſo ähnlich, und doch wieder ſo unähnlich war. Sie hatte geweint, als ſie ihn ſo düſter und theilnahmlos geſehen hatte; wie viel Urſache aber hatte ſie nicht jetzt, zu weinen! Die Kleine ſaß da, wachend und über dem Vor⸗ falle brütend, bis das Schreckensbild in ihrem Geiſte ſo düſter und entſetzlich wurde, daß es ihr vorkam, als würde ſie eine Erleichterung fühlen, wenn ſie die Stimme des alten Mannes hörte, oder ihn auch nur in ſeinem Schlafe ſähe, hoffend, es würden dadurch einige der Beſorgniſſe verſchwinden, welche ſich an ſein Bild hefteten. Sie ſtahl ſich wieder die Treppe hinunter und in den Gang. Die Thüre war noch immer halb offen, wie ſie dieſelbe verlaſſen hatte, und das Licht brannte noch immer wie zuvor. 1 Sie hatte ihre eigene Kerze in der Hand und wollte, wenn ſie ihn wachend fände, ſagen, ſie ſey unwohl und könne nicht ſchlafen, weßhalb ſie herge⸗ kommen ſey, um nachzuſehen, ob er noch Licht habe. Als ſie in das Gemach blickte, bemerkte ſie, daß er ruhig auf ſeinem Bette lag, und ſo faßte ſie denn Muth, einzutreten. Er ſchlief feſt: keine Leidenſchaft in ſeinem Ge⸗ ſichte— weder Habſucht, noch Beklommenheit oder wilde Gier; Alles ſanft, ruhig und im Frieden. Dieß war nicht der Spieler, nicht der Schatten aus ihrem Kämmerchen; dieß war nicht einmal der ab⸗ gehärmte und kummergebeugte Mann, deſſen Antlitz ſie ſo oft im Grauen des Morgens geſchaut hatte— es war ihr lieber alter Freund, ihr harmloſer Reiſe⸗ gefährte, ihr guter freundlicher Großvater. Sie fürchtete ſich nicht, als ſie ſeine ſchlummern⸗ den Züge betrachtete, aber ein tiefer, ſchwerer Kummer lag auf ihrer Seele, und ſie fand Erleichterung in ihren Thränen. „Gott beſchütze ihn!“ ſagte Nell, indem ſie ſich ſanft über ihn beugte und ſeine ruhige Wange küßte. „Ich ſehe jetzt nur zu gut, daß man uns trennen würde, wenn man uns auffände, und daß man ihn ausſchlöße von dem Licht der Sonne und des Him⸗ mels. Er hat Niemand als mich, um ihm zu helfen. Gott beſchütze uns Beide!“ Sie zündete ihre Kerze an, zog ſich ſo ſchwei⸗ gend, als ſie gekommen war, wieder nach ihrem Kämmerchen zurück, und blieb daſelbſt den ganzen Reſt dieſer langen, langen, unglücklichen Nacht auf ihrem Lager ſitzen. Endlich erblaßte ihr ſchwaches Kerzenlicht in dem auftauchenden Morgen, und ſie ſchlief ein, wurde aber ſchnell wieder von dem Mädchen geweckt, welches ſie nach ihrem Bette geführt hatte. Sobald ſie an⸗ 13*† 196 gekleidet war, ſchickte ſie ſich an, zu ihrem Großvater hinunterzugehen; zuerſt aber unterſuchte ſie ihre Taſche und fand, daß ihr Geld alles fort und auch nicht ein Sechspenceſtück⸗ zurückgeblieben war. Der alte Mann war bald zum Aufbruch bereit, und in wenigen Augenblicken befanden ſie ſich auf ihrem Wege. Es kam Nell vor, als vermeide der Großvater ihr Auge, und als ſcheine er zu erwarten, daß ſie ihm Etwas von ihrem Verluſte ſage. Sie fühlte, daß ſie dieß thun mußte, ſonſt hätte er die Wahrheit ahnen können. „Großvater,“ ſagte ſie bebend, nachdem ſie etwa eine Meile ſchweigend gegangen waren,„glauben Sie, daß in jenem Hauſe dort ehrliche Leute ſind?“ „Warum?“ entgegegnete der alte Mann zitternd. „Warum ſollte ich ſie nicht für ehrlich halten?— ſie haben ehrlich geſpielt.“ „Ich will Ihnen ſagen, warum ich frage,“ verſetzte Nell.„Ich habe in der letzten Nacht einiges Geld verloren, und zuverläßig aus meiner Schlaf⸗ kammer. Wenn es nicht Jemand im Scherz wegge⸗ nommen hat— nur im Scherz, lieber Großvater, worüber ich natürlich herzlich lachen würde, wenn ich es wüßte—“ „Wer wird euch Geld im Scherz wegnehmen?“ erwiederte der alte Mann haſtig.„Diejenigen, welche Geld wegnehmen, nehmen es, um es zu behalten. Da kann von keinem Scherze die Rede ſeyn.“ „Dann iſt es aus meinem Gemache geſtohlen 197 worden, lieber Großvater,“ ſagte Nell, deren letzte Hoffnung durch die Art, in welcher ihr Gefährte dieſe Antwort gab, zerſtört wurde. „Aber haſt du nicht noch mehr?“ fragte der alte Mann;„nicht noch ſonſt irgendwo Etwas? wurde Alles genommen— jeder Heller— gar Nichts übrig geblieben?“ „Nichts,“ verſetzte das Kind. „Wir müſſen kriegen,“ ſagte der alte Mann; „wir müſſen erwerben, Nell, erſparen, zuſammen⸗ ſcharren, dazu kommen, ſey es auf was immer für eine Weiſe. Kehre dich nicht an dieſen Verluſt. Sage Niemand etwas davon und wir kriegen es vielleicht wieder. Frage nicht, wie?— wir kriegen es vielleicht wieder, und wohl noch ein Anſehnliches mehr;— aber du mußt es Niemand ſagen, damit uns keine Ungelegenheit daraus erwachſe. Man hat es dir alſo aus deiner Kammer genommen?“ fuhr er im Tone des Mitleids fort, der ſehr gegen die geheimnißvolle Verſchmitztheit abſtach, mit der er bisher geſprochen hatte.„Arme Nell„arme kleine Nell.“ Das Kind ließ das Köpfchen hängen und weinte. Der mitleidige Ton, in welchem er geſprochen hatte, war gewiß aufrichtig— daran zweifelte Nell nicht im Geringſten; und es trug nicht wenig dazu bei, ihren Kummer nur um ſo ſchmerzlicher zu machen, daß ſie wußte, es ſey um ihretwillen geſchehen. „Rede gegen keinen Menſchen, als gegen mich, ein Wort mehr davon,“ ſprach der alte Mann. „Nein, nicht einmal gegen mich,“ fügte er haſtig bei,„denn es führt ja doch zu Nichts. Alle bishe⸗ rigen Verluſte ſind keine Thräne aus deinen Augen werth, mein Herz. Warum ſollten ſie's auch, da ſte ſich wieder zurückgewinnen laſſen?“ „So mag es denn verloren ſeyn,“ ſagte das Kind aufſehend.„So mag es denn ein für allemal verloren ſeyn! Und ich möchte nicht wieder eine Thräne darum vergießen, wenn auch jeder Pence tauſend Pfund geweſen wäre.“ „Nun, nun,“ verſetzte der alte Mann, eine un⸗ geſtüme Antwort unterdrückend, die ihm eben über die Lippen gleiten wollte,„ſie verſteht es nicht beſſer.- Ich ſollte dankbar dafür ſeyn.“ „Aber hören Sie mich an,“ ſagte das Kind angelegentlich.„Wollen Sie mich anhören?“ „Ja, ja, ich will hören,“ entgegnete der alte Mann, ohne jedoch zu ihr aufzublicken.„Eine hübſche Stimme. Sie hat immer einen ſüßen Klang für mich— gerade ſo, wie die ihrer Mutter; armes Kind!“ „So laſſen Sie ſich bereden— oh, ſo laſſen Sie ſich bereden,“ ſagte das Kind,„nie mehr an Gewinne oder Verluſte zu denken, und kein anderes Glück zu verſuchen, als dasjenige, welches wir ge⸗ meinſchaftlich verfolgen.“ „Wir verfolgen dieſes Ziel gemeinſchaftlich,“ .☛ ☛— erwiederte ihr Großvater, der noch immer nicht auf⸗ zublicken wagte und mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen ſchien.„Weſſen Bild heiligt das Spiel?“ „Sind wir denn ſchlimmer daran geweſen,“ nahm das Kind wieder auf,„ſeit Sie ſolcher Sorgen vergeſſen hatten und wir gemeinſchaftlich in die Welt hinauszogen? Haben wir uns nicht froher und glücklicher gefühlt ohne ein Dach zum Schutze für unſere Häupter, als es je in jenem unſeligen Hauſe der Fall war, wo Sie an nichts Anderes denken konnten?“ „Sie hat Recht,“ murmelte der alte Mann in dem früheren Tone.„Es darf mich zwar nicht ab⸗ wendig machen, aber ſie hat Recht— kein Zweifel daran.“ „Erinnern Sie ſich nur, was wir geweſen ſind ſeit jenem ſchönen Morgen, als wir demſel⸗ ben für immer den Rücken wandten„“ ſagte Nell. „Vergeſſen Sie ja nicht, was wir waren, ſeit wir all jenes Elend abſtreiften— welche friedliche Tage und ruhige Nächte wir verlebten— wie heiter uns die Zeit verſtrich— und wie glücklich wir uns fühl⸗ ten. Wenn wir müde und hungrig waren, gebrach es uns nicht an Erfriſchung, und wir ſchliefen dafür nur um ſo geſunder. Bedenken ſie nur, welche ſchöne Dinge wir geſehen und wie zufrieden wir gelebt haben. Und was war Schuld an dieſem ſegens⸗ vollen Wechſel?“ Er unterbrach ſie mit einer Bewegung ſeiner Hand und verlangte, ſie ſolle jetzt nicht mehr ſpre⸗ chen, denn er ſey mit Etwas beſchäftigt. Nach einer Weile küßte er ſie auf ihre Wange, wobei er ihr immer noch Stillſchweigen auferlegte, in die Ferne hinaus ſchauend, und bisweilen Halt machte, um mit gerunzelter Stirne auf die Erde zu ſehen, als gäbe er ſich Mühe, ſeine wirren Gedanken zu ſam⸗ meln. Einmal erblickte ſie Thränen in ſeinen Augen. Nachdem er es eine Weile alſo getrieben, nahm er wie ſonſt, ohne eine Spur der kürzlichen Heftigkeit und Aufregung, ihre Hand in die ſeinige, und ſo verſank er in allmäligen und unmerklichen Abſtufun⸗ gen in ſeine gewohnte ruhige Weiſe zurück, ganz ſich der Leitung des Kindes überlaſſend. Als ſie wieder in Mitte der ſtaunenerregenden Figurenſammlung anlangten, fanden ſie, wie ſich's Nell gedacht hatte, daß Madame Jarley noch nicht. aufgeſtanden war. Die gute Frau war allerdings über ihr Ausbleiben unruhig geworden und hatte bis um eilf Uhr auf ſie gewartet, dann aber ſich zu Bette begeben, in der Ueberzeugung, ſie ſeyen wahr⸗ ſcheinlich in großer Entfernung von dem Gewitter überfallen worden und hätten das nächſte Obdach geſucht, weßhalb ſie vor dem Morgen nicht zurück⸗ kehren würden. Nell ging alsbald mit großer Em⸗ ſigkeit an die Ausſchmückung und Zurüſtung des Saales und hatte noch überdieß die Freude, ihr Ge⸗ ſchäft beendigt und noch obendrein ſich ſelbſt ange⸗ kleidet zu haben, ehe der Liebling der königlichen Familie zum Frühſtück herunter kam. ⸗ —„ ͤ 88— S 8u= 8&— N N ⸗ 201 „Wir haben,“ ſagte Madame Jarley nach ein⸗ genommenem Morgenimbiß,„während unſerer An⸗ weſenheit nicht mehr als acht von Miß Monflathers jungen Damen hier gehabt, und es ſind doch deren ſechsundzwanzig in der Penſion, wie ich von der Köchin erfuhr, als ich ihr bei Ueberreichung eines Freibillets ein paar Fragen vorlegte. Wir müſſen ſie mit einem Päckchen neuer Zettel ködern, und du wirſt ſie hin⸗ tragen, meine Liebe, und ſehen, was ſie für eine Wirkung üben.“ Da dieſer Auftrag von außerordentlicher Bedeut⸗ ſamkeit war, ſo rückte Madame Jarley eigenhändig Nell's Hut zurecht und erklärte ſodann, ſie ſehe jetzt wirklich ganz hübſch aus und mache dem Cabinet Ehre; dabei ertheilte ſie ihr viele Einſchärfungen und gewiſſe unerläßliche Anweiſungen über die Straßen rechts, welche ſie einzuſchlagen, und über die Straßen links, welche ſie zu vermeiden habe, und dann ent⸗ ließ ſie das Mädchen. MNNitt ſolchen Inſtructionen verſehen wurde es Nell nicht ſchwer, Miß Monflathers Dameninſtitut aufzufinden. Dieſes war ein großes Haus mit einer hohen Mauer, und hatte eine große Gartenthüre mit einer großen Meſſingplatte und einem kleinen Gitter, durch welches Miß Monflathers’ Zofe jeden Beſuch beaugenſcheinigte, ehe ſie denſelben einließ: denn Nichts, was die Geſtalt eines Mannes trug— nein, nicht einmal der Milchmann— durfte ohne ſpeeielle Erlaubniß dieſes Thor paſſiren. Selbſt der 20²2 Steuereinnehmer, ein ſtämmiger Mann, welcher eine Brille und einen breitkrämpigen Hut trug, mußte die Steuer durch das Gitter in Empfang nehmen. Miß Monflathers Thor trotzte dem ganzen Männergeſchlechte hartnäckiger, als Thore von Dia⸗ mant und Erz. Selbſt der Fleiſcher reſpectirte es als ein unverletzliches Geheimniß und hörte auf zu pfeifen, wenn er die Klingel zog. Als ſich Nell dieſer ehrfurchtgebietenden Thüre näherte, drehte ſich dieſelbe langſam in ihren knarrenden Angeln, und hervor aus dem Hintergrunde des feierlichen Haines kam eine lange Reihe von jungen Damen, je zwei und zwei, die Alle offene Bücher und zum Theil auch Sonnenſchirme in den Händen hatten. Den Schluß dieſer prunkvollen Proceſſion machte Miß Monſaathers, die ebenfalls einen lila⸗ ſeidenen Sonnenſchirm trug, und als Adjutanten zwei Lehrerinnen zur Seite hatte, welche ſich trotz des Lächelns auf ihren Lippen gegenſeitig auf's Bit⸗ terſte anfeindeten. Verwirrt durch die neugierigen Blicke und das Geflüſter der Mädchen ſtand Nell mit niedergeſchla⸗ genen Augen da und ließ die Proceſſion an ſich vor⸗ beiziehen, bis Miß Monflathers, welche den Nachtrab bildete, herankam. Jetzt knirte ſie und bot der Dame ihr kleines Päckchen an, worauf Miß Monflathers, nach⸗ dem ſie daſſelbe in Empfang genommen hatte, die Reihe Halt machen ließ. — 203 „Du biſt das Kind aus dem Wachsfigurencabi⸗ net, nicht wahr?“ fragte Miß Monflathers. „Ja, Madame,“ verſetzte Nell, hoch erröthend, denn die jungen Damen hatten ſich um ſie geſammelt und ſie bildete den Mittelpunkt, auf den aller Augen gerichtet waren. „Und glaubſt du nicht, du müßeſt ein ſehr ver⸗ derbtes kleines Kind ſeyn,“ ſagte Miß Monflathers, welche ſich in einer etwas zweideutigen Stimmung befand und nie gerne eine Gelegenheit vorbei ließ, den zarten Gemüthern der jungen Damen moraliſche Wahrheiten einzuprägen,„da du ſonſt unmöglich ein Wachsfigurencabinetskind ſeyn könnteſt?“ Da die arme Nell ihre Lage nie in dieſem Lichte betrachtet hatte und alſo auch nicht wußte, was ſie ſagen ſollte, ſo blieb ſie ſtumm und erröthete nur noch höher, als zuvor. „Weißt du nicht,“ fuhr Miß Monflathers fort, „daß dieß ſehr nichtsnutzig, unweiblich und eine Ver⸗ kehrung derjenigen Eigenſchaften iſt, die uns weiſe und gnädig verliehen wurden, um die erpanſiven Kräfte durch das Medium der Kultur aus ihrem Schlummer zu wecken?“ Die zwei Hilfslehrerinnen murmelten ihren ach⸗ tungsvollen Beifall uber dieſen Ausfall und ſahen auf Nell, als wollten ſie ſagen, daß Miß Monflathers in der That ſehr ſcharf gezielt habe. Dann lächelten ſie und blickten auf Miß Monflathers, bei welcher Gelegenheit ſich ihre Augen begegneten, und dann 204 warfen ſie ſich Blicke zu, welche deutlich bekundeten, daß jede ſich ſelbſt als Miß Monflathers regelmäßige Lächlerin betrachte, weßhalb die andere kein Recht zum Lächeln habe und in dieſem Actus ſich jedenfalls eine Anmaßung und Unverſchämtheit zu Schulden kommen laſſe. „Fühlſt du nicht, wie keinnütze es von dir iſt,“ nahm Miß Monflathers wieder auf,„ein Wachs⸗ figurencabinetkind zu ſeyn, da du das ſtolze Bewußt⸗ ſeyn haben könnteſt, nach dem Umfang deiner kind⸗ lichen Kräfte die Manufacturen deines Vaterlandes zu unterſtützen, deinen Geiſt durch die beharrliche Betrachtung der Dampfmaſchine zu veredeln und ein behagliches und unabhängiges Auskommen von zwei Shillingen neun Pencen, bis zu drei Shillingen wochentlich zu verdienen? Weißt du nicht, daß du nur um ſo glücklicher ſeyn würdeſt, je angeſtrengter du arbeiten müßteſt?“ „Was macht die kleine——⸗ murmelte eine der Lehrerinnen als Citat aus Doctor Watts. „Wie?“ fragte Miß Monflathers ſich raſch um⸗ wendend.„Wer hat das geſagt?“ Natürlich denuncirte jetzt die Lehrerin, welche nichts geſagt hatte, ihre Nebenbuhlerin, welcher Miß Monſlathers mit Stirnrunzeln Schweigen befahl— eine Rüge, worüber die angeberiſche Lehrerin vor Freude faſt außer ſich gerieth. „Die kleine emſige Biene,“ ſagte Miß Monfla⸗ — 205 thers, indem ſie ſich in die Bruſt warf,„iſt nur auf die Kinder der Vornehmen anwendbar. „In Büchern, Arbeit, frohem Spiel“ paßt vortrefflich auf dieſelben, und unter Arbeit iſt hier Malen auf Sammt, Muſternähen und Stickerei verſtanden. In ſolchen Fällen aber,“ fuhr ſie, mit ihrem Sonnenſchirm auf Nell deutend, fort,„und überhaupt bei allen Kindern armer Leute ſollte die Leſeart ſo lauten: „In Arbeit, Arbeit, Arbeit viel, Laß hingehn meiner Jugend Stunden, Damit an jeden Tages Ziel Mein Wirken löblich werd' erfunden.“ Ein dumpfes Beifallgeſumme erhob ſich nicht nur aus dem Munde der zwei Lehrerinnen, ſondern auch unter der Geſammtzahl der Zöglinge, welche alle über dieſes Improviſiren in ſo ſublimem Styl von Seite der Miß Monflathers gleichmäßig erſtaunt waren; denn obgleich ſie längſt in dem Rufe einer guten Politikerin ſtand, ſo hatte ſie ſich doch nie zuvor als Originaldichterin gezeigt. Zufällig wurde jetzt entdeckt, daß Nell weinte, und Aller Augen wandten ſich ihr auf's Neue zu. In der That ſtanden ihr Thränen in den Au⸗ gen, und als ſie ihr Taſchentuch herauszog, um die⸗ ſelben abzuwiſchen, entſank es zufällig ihren Händen. Ehe ſie ſich aber bücken konnte, um es wieder auf⸗ zunehmen, ſprang ein Mädchen von ungefähr fünf⸗ zehn oder ſechszehn Jahren, das etwas ſeitwärts von 206 den Uebrigen geſtanden hatte, als ob es nicht eigent⸗ lich zu denſelben gehöre, herzu und gab es ihr in die Hand. Sie wollte ſich eben wieder ſchüchtern zurückziehen, als ſte die Directrice der Anſtalt ſtehen bleiben hieß. „Ich weiß, das hat Miß Edwards gethan,“ ſagte Miß Monflathers in beſtimmtem Tone.„Ge⸗ wiß, Niemand anders war es, als Miß Edwards.“ Es war Miß Edwards, und Jedermann ſagte, es wäre Miß Edwards, und Miß Edwards ſelbſt zog es auch nicht in Abrede. „Iſt es nicht höchſt merkwürdig, Miß Edwards,“ fuhr Miß Monflathers fort, indem ſie ihren Sonnen⸗ ſchirm niederließ, um die Verbrecherin deſto ſtrenger in Augenſchein nehmen zu können,„daß Sie eine ſolche Vorliebe gegen die niederen Claſſen unterhal⸗ ten, welche Sie immer auf ihre Seite hinüberzieht? Oder vielmehr, iſt es nicht ganz außerordentlich, daß Alles, was ich ſage und thue, nicht im Stande iſt, Ihnen Neigungen abzugewöhnen, welche Ihnen Ihre urſprüngliche Stellung im Leben unglücklicher Weiſe zur zweiten Natur gemacht hat, Sie außerordentlich gemein geſinntes Mädchen?“ „Ich habe doch in der That nichts Böſes beab⸗ ſichtigt, Ma'am,“ entgegnete eine ſanfte Stimme. „Es war weiter nichts, als die Eingebung des Au⸗ genblicks.“ „Eingebung?“ wiederholte Miß Monflathers verächtlich.„Es nimmt mich Wunder, wie Sie zu der Anmaßung kommen, gegen mich von Eingebun⸗ ——,— 207 gen zu ſprechen“— beide Lehrerinnen nickten ihren Beifall—„ich bin ganz erſtaunt“— beide Lehre⸗ rinnen waren es gleichfalls—„ich glaube, es iſt auch eine Eingebung, welche Sie veranlaßt, für jede gemeine und niedrige Perſon, die Ihnen in den Weg kommt, Partei zu nehmen“— die beiden Lehrerin⸗ nen glaubten daſſelbe. „Ich muß Ihnen aber kund thun, Miß Edwards,“ fuhr die Vorſteherin mit erhöhter Strenge fort,„daß es Ihnen nicht geſtattet iſt und— wäre es auch nur um des Beiſpieles und um der Ehre der Anſtalt willen— nicht geſtattet ſeyn kann, daher auch nicht geſtattet werden ſoll, Ihren Vorgeſetzten in dieſer derben Weiſe Trotz zu bieten. Wenn Sie keinen Grund haben, einen gebührenden Stolz gegen Wachs⸗ figurencabinetkinder zu empfinden, ſo ſind doch junge Damen hier, bei welchen dieß der Fall iſt, und Sie müſſen ſich nach dieſen jungen Damen richten oder das Inſtitut verlaſſen, Miß Edwards.“ Miß Edwards war ein armes, mutterloſes Mäd⸗ chen und befand ſich in der Anſtalt, wo ſie Unterricht erhielt, für Nichts— Andere lehrte, was ſie gelernt hatte, für Nichts— verköſtigt und beherbergt wurde, für Nichts— und in den Augen aller In⸗ ſaſſen des Hauſes für unendlich weniger galt, als für Nichts. Die Dienſtboten fühlten ihre Ueberlegenheit, denn ſie wurden beſſer behandelt, konnten nach Gut⸗ dünken kommen und gehen und genoßen einer weit achtbareren Stellung. Die Lehrerinnen ſtanden ohne⸗ hin unendlich höher, denn ſie hatten ſeiner Zeit ihre Penſionsgelder bezahlt und wurden jetzt ſelbſt bezahlt. Die Zöglinge kümmerten ſich wenig um eine Gefährtin, die Nichts hatte— keine großartigen Geſchichten von ihrer Heimath— keine Freunde, die mit Poſtpferden anfuhren und von der Vorſteherin mit aller Ergebenheit und einem mit Wein und Kuchen beſetzten Tiſch empfangen wurden — keine unterwürfige Dienerin, welche ſie zur Zeit der Ferien nach Hauſe begleitete— durchaus nichts Gentiles, wovon ſie ſprechen oder was ſie zur Schau ſtellen konnte. Warum war aber Miß Monflathers immer gereizt und ärgerlich über die arme Schülerin — wie mochte das kommen? Je nun, die prunkvollſte Feder auf Miß Mon⸗ flathers Hut und der größte Stolz von Miß Mon⸗ flathers Anſtalt war die Tochter eines Baronets— die wirkliche leibhaftige Tochter eines wirklichen leib⸗ haftigen Baronets— die in Folge irgend einer außerordentlichen Verkehrtheit der Naturgeſetze nicht nur ein ſehr plattes Geſicht, ſondern auch einen ſehr platten Verſtand beſaß, während die arme Schülerin ſowohl mit einem hellen Geiſt, als auch mit einem hübſchen Geſichte und Aeußeren ausgeſtattet war. Es ſcheint unglaublich. Da war denn Miß Ed⸗ wards, welche nur eine kleine, längſt verbrauchte Prämie eingezahlt hatte, und jeden Tag die Baronets⸗ tochter ausſtach und übertraf, während Letztere doch alle Ertralehrgegenſtände lernte(oder doch wenig⸗ ſtens Unterricht darin erhielt), und eine Halbjahrs⸗ — 209 rechnung in dem Betrage von zwei jungen Damen der Anſtalt auflaufen ließ, der Ehre und des Rufes gar nicht zu gedenken, welche dem Inſtitute durch einen ſolchen Zögling erwuchſen. Daher und von ihrer Abhängigkeit ſtammte Miß Monſlathers Widerwillen gegen Miß Edwards; deßhalb behandelte ſie dieſelbe ſo verächtlich, deßhalb ſchmälte ſie ohne Unterlaß gegen die Arme, und deßhalb fiel ſie buchſtäblich über dieſelbe in der angedeuteten böswilligen Weiſe her, obgleich ſie ſich nur ein wenig Mitleid gegen die kleine Nell hatte zu Schulden kommen laſſen. „Sie werden heute nicht ſpazieren gehen, Miß Edwards,“ ſagte Miß Monflathers.„Haben Sie die Güte, ſich auf Ihr Zimmer zu begeben und das⸗ ſelbe nicht ohne Erlaubniß zu verlaſſen.“ Das arme Mädchen eilte fort, wurde aber plötz⸗ lich durch einen unterdrückten Ausruf der Miß Mon⸗ ſlathers wieder zum Stehen gebracht. „Sie iſt an mir vorbeigegangen, ohne mir das Compliment zu machen!“ rief die Vorſteherin, ihre Augen zum Himmel erhebend.„In der That, ſie ging an mir vorbei, ohne dergleichen zu thun, als ob ich anweſend wäre!“ Das Mädchen wandte ſich um und verbeugte ſich. Nell konnte ſehen, daß ſie ihre dunkeln Augen zu dem Geſichte ihrer Vorgeſetzten erhob und daß der Ausdruck derſelben wie auch ihre ganze Haltung eine ſtumme, aber höchſt rührende Appellation gegen dieſe unedle Behandlung an den Tag legte. Miß Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 14 210 Monflathers ſchüttelte jedoch nur den Kopf zur Er⸗ wiederung und das große Thor ſchloß ſich hinter einem übervollen Herzen. „Was dich anbelangt, du gottloſes Kind,“ ſagte Miß Monflathers zu Nell,„ſo kannſt du deiner Ge⸗ bieterin ſagen, wenn ſie ſich unterfängt, dich noch einmal herzuſchicken, ſo werde ich an die Behörden ſchreiben, daß ſie in den Stock geſpannt wird oder im weißen Hemde Kirchenbuße thun muß. Und du magſt dich darauf verlaſſen, daß du in der Tretmühle ſpazieren gehen darfſt, wenn du wieder herkömmſt.“ Die Proceſſion zog zwei und zwei, mit Büchern und Sonnenſchirmen, vorbei, und Miß Monflathers rief, um ihre aufgeregten Gefühle zu beſänftigen, die Tochter des Baronets zum Spaziergang an ihre Seite, die beiden Lehrerinnen entlaſſend, die, ſtatt Blicke der Theilnahme zu äußern, nur gelächelt hat⸗ ten, indem ſie denſelben auftrug, den Nachtrab zu bilden, und es ihnen dabei überließ, ſich ein Bischen mehr zu haſſen, weil ſie jetzt mit einander gehen mußten. — —————— —-·——--————,—— Der Naritätenladen. — Zweiunddreißigſtes Kapitel. Madame Jarley’s Zorn, als ſie hörte, man habe ſie mit dem Schimpf des Stocks und des Sün⸗ derhemdes bedroht, überſtieg alle Beſchreibung. Die ächte und einzige Jarley als öffentliches Schauſpiel dem Spotte der Kinder und dem Hohn der Büttel ausgeſetzt! Das Entzücken eines hohen Adels und verehrungswürdigen Publikums, ihres Hutes beraubt, um den ſie eine Lordmajorin beneidet haben würde, und angethan mit einem weißen Hemd, als ein Bild der Schmach und Erniedrigung! Und Miß Monfla⸗ thers, dieſe kecke Perſon, welche ſich unterfangen konnte, auch nur in der düſterſten und weiteſten Ferne ihrer Phantaſie ein ſo entwürdigendes Gemälde her⸗ aufzubeſchwören!—„Ich wäre faſt geneigt“— rief Madame Jarley, beinahe berſtend vor Wuth und Aerger uüber ihre Ohnmacht, ſich zu rächen,„eine Atheiſtin zu werden, wenn ich nur daran denke.“ Statt aber dieſen Weg zur Wiedervergeltung einzu⸗ ſchlagen, kam Madame Jarley bald auf andere Ge⸗ danken, denn ſie brachte die verdächtige Flaſche zum Vorſchein, ließ Gläſer auf ihre Lieblingstrommel ſtellen, warf ſich in einen Stuhl hinter derſelben und rief ihre Satelliten um ſich her, denen ſie zu wie⸗ 14* 3 1 4 derholten Malen Wort für Wort die erlittene Schmach mittheilte. Sobald dieß geſchehen war, bat ſie die⸗ ſelben in einer Art von tiefer Verzweiflung, zu trin⸗ ken; dann lachte, dann weinte ſie, dann half ſie ſich ſelbſt zu einem kleinen Schlucke, dann lachte und weinte ſie wieder, und ſprach dann abermals der Herzſtärkung zu, und ſo machte die würdige Dame fort, während allmälig die heitere Stimmung immer mehr und mehr zu⸗, und das Weinen mehr und mehr abnahm, bis ſie endlich nicht mehr genug über Miß Monflathers lachen konnte, welche ſich in ihrem Auge aus dem Gegenſtand bitteren Aergers in den einer lächerlichen Abgeſchmacktheit umgewandelt hatte. „SIch möchte doch wiſſen, wer von uns am beſten dabei wegkäme,“ ſprach Madame Jarley,„ſie oder ich. Am Ende iſt es doch nur eitles Geſalbader, und wenn ſie von mir im Stock ſpricht, je nun, ſo kann ich auch von ihr im Stock ſprechen, was, beim Lichte betrachtet, noch um ein Anſehnliches ſpaßhafter iſt. Ach Gott, was ſteckt im Grunde dahinter?“ Nachdem ſich Madame Jarley in dieſe tröſtliche Stimmung hineingearbeitet hatte(gewiſſe kurze Ge⸗ legenheitsbemerkungen des philoſophiſchen George thaten dabei auch das Ihrige), tröſtete ſie Nell mit vielen freundlichen Worten und erbat ſich's von ihr zu Gefallen, ſie ſolle, ſo oft ſie an Miß Monflathers denke, ihr ganzes Leben nichts Anderes thun, als ſie aus⸗ lachen. So endete Madame Jarley's Zorn, über den ſie 4 —. „ 213 die Sonne nicht untergehen ließ. Nell's Beſorgniſſe lagen jedoch tiefer, und die Störung, welche ihr Frohſinn erlitten hatte, war nicht ſo leicht zu be⸗ ſeitigen. Wie ſie befürchtet hatte, ſtahl ſich ihr Großvater dieſen Abend fort, und kam nicht wieder zurück, bis die Nacht faſt um war. So müde und erſchöpft ſie auch an Geiſt und Körper war, ſo blieb ſie doch allein auf und zählte die Minuten, bis er zurück⸗ kehrte— ohne einen Heller Geld, niedergedrückt und elend, aber doch noch immer glühend ſeiner Bethö⸗ rung ergeben. „Schaffe mir Geld,“ ſagte er wild, ehe er ſich zu Bette begab.„Ich muß Geld haben, Nell. Es ſoll dir eines Tages mit reichlichen Intereſſen zurück⸗ erſtattet werden; aber alles Geld, was unter deine Hände kommt, muß mein werden— nicht um meinet⸗ willen, ſondern zu deinem Vortheil. Vergiß nicht, Nell, zu deinem Vortheil!“ Was konnte die Kleine mit der entſetzlichen Ver⸗ zweiflung, die auf ihrer Seele lag, anders thun, als ihm jeden Pfenning, der ihr in die Hände kam, zu geben, damit er ſich nicht verſucht fühlen möchte, ihre Wohlthäterin zu beſtehlen? Wenn ſie die Wahrheit ſagte(dachte ſie), ſo wurde er als ein Wahnſinniger behandelt; wenn ſie ihn nicht mit Geld verſah, ſo ſuchte er ſelbſt Wege, welches beizuſchaffen. Und doch nährte ſie durch Nachgeben nur das Feuer, das in ihm brannte, und ſteigerte ſeine Krankheit zur völli⸗ gen Unheilbarkeit. Durch ſolche Gedanken verwirrt, durch das Gewicht des Kummers, den ſie Niemand mittheilen konnte, zu Boden gedrückt, während der Abweſenheit des alten Mannes von tauſend Beſorg⸗ niſſen gequält und eben ſo geängſtigt durch ſein Blei⸗ ben, wie durch ſeine Rückkehr— wich die Farbe von ihrer Wange, der Glanz aus ihrem Auge, und ihr Herz war ſchwer und beklommen. Alle ihre alten Befürchtungen kehrten, mit neuen Schrecken und Zweifeln vermehrt, wieder zurück, wichen den Tag über nicht aus ihrer Seele, umſchwebten des Nachts ihren Pfühl und beunruhigten ihre Träume. Es war natürlich, daß in Mitte ſolcher Beküm⸗ merniß ihre Gedanken oft wieder zu der zarten jun⸗ gen Dame zurückkehrten, welche ſie zwar nur flüchtig geſehen hatte, deren Theilnahme jedoch, obgleich nur in einer einzigen, unbedeutenden, kurzen Handlung ausgedrückt, mit einem Nachdrucke in ihrem Gedächt⸗ niſſe haftete, als hätte ſie ein jahrelanges Wohlwollen genoſſen. Sie dachte oft, um wie viel leichter es ihr um's Herz ſeyn würde, wenn ſie eine ſolche Freun⸗ din hätte, der ſie ihren Kummer mittheilen könnte, und wie glücklich ſie wäre, wenn ſie nur jene Stimme hören könnte. Dann wünſchte ſie aber auch, ſie möchte in etwas beſſeren Verhältniſſen ſtehen und nicht ganz ſo arm und gering ſeyn, um ohne Furcht vor Zurückweiſung eine Anſprache wagen zu können; denn ſie fühlte einen unermeßlichen Abſtand zwiſchen rrt, ſich und ihr und hatte keine Hoffnung, daß die junge and Dame je wieder ihrer gedächte. der Die Schulen hatten jetzt ihre Ferien, und die rg⸗ jungen Damen waren nach Hauſe entlaſſen worden. lei⸗ Der Sage nach glänzte Miß Monflathers in Lon⸗ von don und richtete in den Herzen der Herren von mitt⸗ ihr lerem Alter Verheerungen an; aber Niemand ſagte lten etwas von Miß Edwards. War ſie nach Hauſe ge⸗ und gangen, hatte ſie überhaupt eine Heimath, die ſie Tag beſuchen konnte, oder befand ſie ſich noch in der chts Schule?— Nichts ließ ſich verlauten. Eines Abends aber, als Nell von einem einſamen Spaziergang äm⸗ zurückkehrte, kam ſie zufällig an dem Wirthshauſe jun⸗ 6 vorbei, wo die Poſtkutſchen Halt machten; es fuhr chtig eben eine ſolche an, und da war das ſchöne Mäd⸗ uur chen, deſſen ſie ſich ſo gut erinnerte, und drangte ſich lung vorwärts, um ein junges Kind zu umarmen, dem ächt. man von dem Kutſchendache herunter half. vllen Nun, das war ihre kleine Schweſter, viel jünger r e als Nell, welche ſie, wie ſie nachher erzählte, in fünf eun⸗ Jahren nicht geſehen hatte, und das Schweſterlein ante, kam jetzt zu einem kurzen Beſuch, der von Seite der imme jungen Dame nur durch das lange, fortgeſetzte, ſe ängſtliche Zurathehalten ihrer armſeligen Mittel mög⸗ und lich geworden war. Der armen Nell wollte das Gurcht Herz brechen, als ſie dieſes Wiederſehen mitanſah. men Sie gingen ein wenig ſeitwärts von dem Menſchen⸗ iſchen haufen, der ſich um die Kutſche verſammelt hatte, ſielen einander um den Hals und weinten und ſchluchz⸗ 216 ten vor Freude. Ihre ſchlichte, einfache Kleidung, die Entfernung, aus welcher das Kind allein gekom⸗ men war, ihre entzückte Aufregung und ihre ſtrö⸗ menden Thränen erzählten an ſich ſchon ihre ganze Geſchichte. Nach einer Weile wurden ſie ruhiger und gin⸗ gen fort, nicht Hand in Hand, ſondern feſt in einan⸗ der verſchlungen. „Biſt du auch gewiß glücklich, Schweſter?“ fragte das Kind, als ſie an der Stelle, wo Nell ſtand, vorbeigingen. „Jetzt ganz glücklich,“ antwortete ſie. „Aber immer?“ fuhr das Kind fort.„Ach, Schweſter, warum wendeſt du dein Geſicht ab?“ Nell konnte ſich nicht entbrechen, ihnen in eini⸗ ger Entfernung zu folgen. Sie gingen nach dem Hauſe einer alten Krankenwärterin, wo die ältere Schweſter ein Schlafkämmerchen für das Kind ge⸗ miethet hatte. „Ich werde jeden Morgen mit dem Früheſten zu dir kommen,“ ſagte ſie,„und dann können wir den ganzen Tag beiſammen ſeyn.“ „Aber warum nicht auch des Nachts? Liebe Schweſter, würde man dir denn deßhalb böſe werden?“ Warum mochten wohl an jenem Abend die Au⸗ gen der kleinen Nell ebenſo thränenfeucht ſeyn, als die der beiden Schweſtern? Warum war ſie ſo mit Dank erfüllt für dieſes Wiederſehen, und warum 217 fühlte ſie ſich ſo ſchmerzlich bewegt bei dem Gedan⸗ ken, daß ſie ſich in Bälde wieder trennen müßten? Wir wollen nicht glauben, daß irgend eine ſelbſtſüch⸗ tige Beziehung zu ihren eigenen Prüfungen— ſo unwillkürlich ſich eine ſolche hätte einſchleichen kön⸗ nen— dieſe Theilnahme erweckte, ſondern lieber Gott danken, daß die unſchuldigen Freuden Anderer einen kräftigen Eindruck auf uns üben können und daß wir, trotz unſerer gefallenen Natur, doch einen Quell reiner Empfindung beſitzen, der dem Himmel wohl⸗ gefällig ſeyn muß! Im heiteren Glühen des Morgens, noch öfter aber beim ſanften Lichte des Abends folgte Nell den Beiden auf ihren Spaziergängen und Streifzügen nach, aber nur in einiger Entfernung, aus Achtung für den kurzen und glücklichen Verkehr der zwei Schweſtern, welcher es ihr nicht geſtattete, näher zu treten und ein Wort des Dankes zu ſagen, ſo gerne ſie es auch gethan hätte; ſie machte Halt, wenn ſie Halt machten, ſetzte ſich auf das Gras, wenn ſie ſich niederließen, ſtand auf, wenn ſie weiter gingen, und fühlte eine geſellige Luſt darin, in ihrer Nähe zu ſeyn. Abends gingen ſie gewöhnlich an den Ufern ſpazieren. Dort befand ſich auch jedesmal Nell, ohne daß man ihrer wahrnahm, an ſie dachte, oder ſie beachtete; es war ihr aber, als ob ſie ihre Freundin⸗ nen wären, als ſtünde ſie mit ihnen in einem inni⸗ gen und traulichen Verkehr und als laſtete das Ge⸗ wicht, das ſie bedrückte, minder ſchwer auf ihr; ihr 218 Kummer ſchien gegenſeitig in einander zu verfließen und wechſelſeitiger Troſt daraus zu erwachſen. Es war vielleicht nur ein Trugbild der Phantaſie, der kindiſchen Phantaſie eines jungen und einſamen We⸗ ſens; aber Abend für Abend verging und noch immer ſchlenderten die Schweſtern über dieſelben Stellen, und noch immer folgte ihnen die Kleine mit einem milder geſtimmten und erleichterten Herzen. Sie erſchrack nicht wenig, als ſie eines Abends nach Hauſe zurückkehrte und daſelbſt erfuhr, Madame Jarley habe eine Ankündigung vorbereiten laſſen, des Inhalts: daß die ſtaunenerregende Sammlung nur noch einen Tag in ihren gegenwärtigen Quartieren verbleiben werde. In Vollziehung dieſer Drohung (denn alle Ankündigungen, welche irgendwie mit einer öffentlichen Beluſtigung in Verbindung ſtehen, ſind bekanntermaßen pünktlich und unwiderruflich) hatte man alſo für den nächſten Tag den Schluß der ſtaunenerregenden Wachsfigurenſammlung zu gewär⸗ tigen. „Werden wir dann alsbald dieſen Platz verlaſſen, Madame?“ fragte Nell. „Sieh her, Kind,“ entgegnete Madame Jarley, „dieß wird dich belehren.“ Und mit dieſen Worten brachte Madame Jarley eine andere Ankündigung zum Vorſchein, in welcher dem Publikum zu wiſſen gethan wurde, daß in Folge zahlreicher Nachfragen im Hauſe, und weil ſo viele Schauluſtige hatten abgewieſen werden müſſen, die ——;—— 219 Ausſtellung noch eine Woche länger hier verbleibe und am nächſten Tage wieder geöffnet werde. „Denn da die Schulen geſchloſſen und die gewöhnlichen Zuſchauer müde ſind,“ fuhr Madame Jarley fort,„ſo müſſen wir uns jetzt an den großen Haufen wenden, der einer beſondern Beitze bedarf.“ Am Mittage des folgenden Tages nahm Ma⸗ dame Jarley ihren Sitz hinter dem ſchön verzierten Tiſche, umgeben von den ausgezeichneten, obener⸗ wähnten Figuren und befahl, die Thüren zum Ein⸗ laß eines umſichtigen und erleuchteten Publikums zu öffnen. Aber die Operationen des folgenden Tages waren keineswegs von ſehr erfolgreichem Charakter, da der große Haufe zwar für Madame Jarley's Perſon und ihre wächſernen Satelliten, inſoferne dieſelben umſonſt zu ſehen waren, ein lebhaftes In⸗ tereſſe an den Tag legte, aber durch kein Reizmittel ſich bewegen ließ, ſechs Pence für den Mann zu zahlen. Allerdings belagerten viele Leute den Ein⸗ gang, um die darin ausgeſtellten Figuren zu begaf⸗ fen, und blieben mit großer Beharrlichkeit ſtundenlang daſelbſt, um die Zettel zu leſen; und obgleich dieſe Zuſchauerſchaft wohlwollend genug war, ihren Freun⸗ den zu empfehlen, die Ausſtellung in gleicher Weiſe zu begünſtigen, bis der Thorweg die halbe Stadtbe⸗ völkerung faßte, um unmittelbar darauf von der an⸗ dern Hälfte abgelöst zu werden, ſo wollte doch der Schatz durchaus nicht reicher, oder überhaupt die Ausſicht für die Anſtalt ermuthigender werden. 220 In dieſem bedrückten Zuſtande des claſſiſchen Marktes verſuchte Madame Jarley einige außeror⸗ dentliche Mittel, um den Geſchmack des Volkes zu reizen und ſeine Neugierde anzulocken. Eine gewiſſe Maſchinerie in dem Leib der Nonne auf dem Blei⸗ dache über der Thuͤre wurde ausgeſtäubt und in Bewegung geſetzt⸗ ſo daß die Figur den ganzen Tag lang paralytiſch den Kopf ſchüttelte, zur großen Be⸗ wunderung eines betrunkenen, aber ſehr proteſtanti⸗ ſchen Barbiers über der Straße, welcher die genannte paralytiſche Bewegung als einen Ausdruck der ernie⸗ drigenden Wirkung betrachtete, die der Ceremonien⸗ dienſt der römiſchen Kirche auf den menſchlichen Geiſt übte— ein Thema, das er mit großer Beredſamkeit und Moral abhandelte. Die beiden Fuhrleute des Etabliſſements gingen beharrlich in verſchiedenen Ver⸗ kleidungen durch die Thüren des Ausſtellungsſaales aus und ein und betheuerten, der Anblick ſey ſein Geld werth, mehr als Alles, was ſie je in ihrem Leben geſehen hätten, bei welcher Gelegenheit ſie die Umſtehenden mit Thränen in den Augen beſchworen, eine ſo köſtliche Beluſtigung ja nicht zu verſäumen. Madame Jarley ſaß hinter dem Zahltiſche, von Mit⸗ tag bis in die Nacht hinein mit den Silbermünzen klimpernd, und forderte die Menge feierlichſt auf, zu bedenken, daß der Eintrittspreis blos ſechs Pence ſey und daß die ganze Sammlung unwiderruflich heute über acht Tage aufbrechen werde, um bei —, ‚— — —— ð—— A- —,— — 221 allen gekrönten Häuptern Europa's ihre Runde zu machen. „Kommt in Zeiten, kommt in Zeiten, kommt in Zeiten,“ rief Madame Jarley jedesmal am Schluſſe einer ſolchen Anrede.„Bedenkt, es iſt Jarley's ſtau⸗ nenerregende Sammlung von mehr als hundert Wachs⸗ figuren— die einzige Sammlung in der ganzen Welt. In allen andern findet man nur Trug und Täuſchung. Kommt in Zeiten, kommt in Zeiten, kommt in Zeiten!“ Der Naritätenladen. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Der Gang unſerer Erzählung fordert, daß wir uns jetzt mit einigen Einzelnheiten im Betreffe der häuslichen Einrichtungen des Herrn Sampſon Braß bekannt machen, und da ſich für dieſen Zweck kaum eine paſſendere Stelle als die gegenwärtige finden wird, ſo nimmt der Erzähler den freundlichen Leſer bei der Hand, macht mit demſelben eine Luftfahrt, und zwar weit ſchneller, als je Don Cleophas Lean⸗ dro Perez Zambullo in der Geſellſchaft ſeines Ver⸗ trauten die gleiche angenehme Region durchſchnitt, 222 und läßt ſich mit ihm auf dem Pflaſter von Bevis⸗ Marks nieder. Die unerſchrockenen Luftſchiffer landen vor einem kleinen finſteren Hauſe, ehedem die Reſidenz des Herrn Sampſon Braß. Am Wohnzimmerfenſter dieſer kleinen Wohnung, welches ſo nahe an dem Trottoir liegt, daß der an der Mauer gehende Fußgänger das trübe Glas mit ſei⸗ nem Rockärmel abbürſtet— was ihrem Schmutze recht wohl zu ſtatten kömmt— an dieſem Wohn⸗ zimmerfenſter hing in den Tagen von Herrn Samp⸗ ſon Braßens dortigem Wirken ein ſchlaffer, zerknüll⸗ ter, in der Sonne verſchoſſener, grüner Vorhang, der durch den langen Dienſt ſo fadenſcheinig gewor⸗ den war, daß er keineswegs die Ausſicht nach der kleinen, dunkeln Stube hinderte, ſondern im Gegen⸗ theil ein günſtiges Medium bot, durch welches man ſie ganz genau betrachten konnte. Es war aber nicht viel zum ſehen da. Ein lahmer Tiſch, auf dem etliche Bündel gelben und vom langen Tragen in der Taſche zerfetzten Papiers zur Schau ausgeſtellt lagen, ein paar Schreibeböcke, die ſich an den Seiten die⸗ ſes gebrechlichen Möbelſtückes gegenüber ſtanden, ein verrätheriſcher, alter Stuhl bei dem Kamine, deſſen dürre Arme manchen Clienten umfaßt und mitge⸗ holfen hatten, ihn auszudrücken, eine auf dem Vor⸗ kauf erſtandene Perückenſchachtel, jetzt die Niederlage für Vollmachtsformularien, Erklärungen und andere kleine geſetzliche Inſtrumente, wie letztere vordem der —— —— 223 einzige Inhalt des Kopfes waren, zu welchem die der Schachtel angehörige Perücke gehörte, zwei oder drei Bücher über die juriſtiſche Praxis, ein Tinten⸗ faß, eine Sandbüchſe, ein abgenützter Herdbeſen, ein zu Fetzen getretener Teppich, der noch immer mit der Zähigkeit der Verzweiflung an ſeinen Stiften feſt hielt— dieß, nebſt dem gelben Wandgetäfel, der rauchbraunen Decke, dem Staub und den Spinn⸗ geweben, gehörte unter die augenfälligſten Decora⸗ tionen in dem Amtszimmer des Herrn Sampſon Braß. Dieß war jedoch bloßes Stillleben und von keiner größeren Wichtigkeit, als die Tafel mit den Worten„Braß, Advokat“ über der Thüre und der Zettel mit der Meldung„der erſte Stock iſt an einen ledigen Herrn zu vermiethen,“ welcher von dem Thür⸗ klopfer herunterhing. Das Geſchäftslokal enthielt nämlich auch noch zwei Exemplare der beſeelten Na⸗ tur, welche mehr in den Gang unſerer Geſchichte eingreifen, weßhalb ſie auch an denſelben ein lebhaf⸗ teres Intereſſe nehmen und ſie mit beſonderer Sorg⸗ falt behandeln muß. Das eine davon war Herr Braß ſelbſt, welcher bereits in dieſen Blättern ſeine Aufwartung gemacht hat. Das andere verſah die Dienſte ſeines Schrei⸗ bers, ſeines Gehülfen, ſeiner Haushälterin, ſeines Secretärs, ſeines vertraulichen Mitverſchwörers, ſeines Rathgebers, ſeines Intriguanten, ſeines Rechnungen⸗ mehrers und war keine geringere Perſon, als Miß Braß, eine Art juriſtiſcher Amazone, von der der geneigte Leſer wohl eine kurze Beſchreibung wünſchen wird. Miß Sally Braß war damals eine Dame von Fünfundvierzigen oder darüber, eine hohe, knöcherne Geſtalt von entſchloſſener Haltung, die, wenn ſie auch die ſanfteren Regungen der Liebe zurückſcheuchte und das Heer der Bewunderer ferne hielt, jedenfalls in dem Innern derjenigen Männer, welche das Glück hatten, ihr nahe zu kommen, ein Gefühl erweckte, welches dem einer ehrfurchtsvollen Scheu verwandt war. Ihr Geſicht hatte eine ſprechende Aehnlichkeit mit dem ihres Bruders Sampſon— ja, die Aehn⸗ lichkeit zwiſchen Beiden war ſo groß, daß es für den älteſten Freund der Familie ſchwer gefallen ſeyn würde, Sampſon von Sally zu unterſcheiden, falls es ſich mit der jungfräulichen Beſcheidenheit und der zarten Weiblichkeit der Letzteren vertragen haben würde, in einer heiteren Laune die Kleider ihres Bruders anzuziehen und ſich neben ihm niederzu⸗ ſetzen, um ſo mehr, da ſich auf der Oberlippe der Dame gewiſſe röthliche Andeutungen befanden, welche man, wenn der Einbildungskraft durch die Verände⸗ rung der Kleidung nachgeholfen worden wäre, irr⸗ thümlicherweiſe recht wohl für einen Bart hätte hal⸗ ten können. Aller Wahrſcheinlichkeit nach waren aber dieſe nichts weiter, als die Augenwimpern an dem unrechten Platze, da die Augen der Miß Braß ſolcher natürlichen Ungehörigkeiten durchaus entbehr⸗ ten. Die Geſichtsfarbe des Fräuleins war blaß— eigentlich etwas ſchmutzig gelb— erhielt aber einen angenehmen Ton durch die geſunde Glut, welche die äußerſte Spitze der lachenden Naſe bedeckte. Ihre Stimme war außerordentlich eindringlich, tief, reich, und ließ ſich nicht leicht wieder vergeſſen, wenn man ſie einmal gehört hatte. Ihr gewöhnlicher Anzug beſtand aus einem grünen Kleide, deſſen Farbe der des Fenſtervorhanges nicht unähnlich war, ſchloß dicht an ihrem Leibe an und endigte oben am Halſe, wo es hinten mittelſt eines eigenthümlich großen und maſſiven Knopfes ſchloß. Zweifelsohne im Gefühle, daß ſchlichte Einfachheit die Seele der Eleganz ſey, trug Miß Braß weder eine Halskrauſe, noch ein Tuch, das auf ihrem Kopfe ausgenommen, welcher ſtets mit einer braunen Gazeſchärpe verziert war— eine Verſchönerung, welche viele Aehnlichkeit mit den Flügeln des fabelhaften Vampirs hatte und, ganz nachläßig in die erſte beſte Form verſchlungen, einen leichten und anmuthigen Kopfputz bildete. So viel von der äußern Perſönlichkeit der Dame Braß. Die innere Sphäre anbelangend war ihr Geiſt ſtark und kräftig, denn von früher Jugend auf hatte ſie ſich mit ungewöhnlichem Eifer dem Studium des Rechts geweiht, ohne jedoch ihre Spekulationen an deſſen Adlerfittige, die ſo ſelten ſind, wegzuwerfen, daß ſie es vorzog, es achtſam durch alle die ſchlüpfri⸗ gen Aalwindungen zu verfolgen, in welchen es ge⸗ meiniglich ſeinen Gang nimmt. Auch hatte ſie ſich, Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 15 . nicht, wie viele Leute von großem Verſtand, auf die Theorie beſchränkt, oder gar da Halt gemacht, wo der praktiſche Nutzen anfängt, denn ſie konnte in dicker und zarter Schrift abſchreiben, mit der größten Genauigkeit gedruckte Formularien ausfüllen und, mit einem Worte, jeder gewöhnlichen Obliegenheit eines Bureau's vorſtehen, bis auf's Federſchneiden und Rauhreiben des Pergaments hinaus. Es iſt kaum zu begreifen, wie ſie, trotz dieſer vereinten An⸗ ziehungskräfte, noch immer Miß Braß bleiben konnte; aber mochte ſie nun ſtahlhart gegen das ganze Ge⸗ ſchlecht der Männer ſeyn, oder vielleicht ihre Freier durch ihre Rechtskunde eingeſchüchtert und abge⸗ ſchreckt haben, da ſie, mit einer ſolchen Eigenſchaft ausgeſtattet, gar bald mit jenen beſondern Statuten zur Hand ſeyn konnte, welche man gewöhnlich die Akte gegen den Treubruch nennt— ſo viel iſt ge⸗ wiß, daß ſie ſich noch in dem Stande des Cölibats befand und täglich den alten Schreibebock, ihrem Bruder Sampſon gegenüber, einnahm. Und mit gleicher Zuverläſſigkeit können wir nebenbei verſichern, daß zwiſchen dieſen beiden Böcken bereits viele Leute auf den Strand gelaufen waren. Eines Morgens ſaß Herr Sampſon Braß auf ſeinem Stuhl und copirte irgend eine Prozeßſchrift, wobei er boshafter Weiſe ſeine Feder tief in das Papier eindrückte, als ſchreibe er unmittelbar auf dem Herzen der Partei, gegen welche ſie gerichtet war; und Miß Sally Braß ſaß auf ihrem Bocke, eine ———-ͤ neue Feder zu Ausfertigung einer kleinen Rechnung — ihrer Lieblingsbeſchäftigung— zuzurichten; und ſo ſaßen ſie eine Weile ſchweigend da, bis Miß Braß die Stille unterbrach. „Biſt du bald fertig, Sammy?“ fragte die ge⸗ nannte Dame; denn ihre zarten weiblichen Lippen wandelten das harte Sampſon in Sammy um, wie ſie auch überhaupt alles zu mildern pflegten. „Nein,“ entgegnete der Bruder.„Aber es wäre alles bereits abgethan, wenn du mir zur rechten Zeit geholfen hätteſt.“ „Oh, ja, natürlich,“ rief Miß Sally;„du be⸗ darfſt meiner Hülfe, nicht wahr?— Und noch obendrein du, der immer einen Schreiber halten will!“ „Will ich mir etwa einen Schreiber aus Muth⸗ willen oder zu meinem eigenen Vergnügen halten, du aufhetzender Schuft?“ ſagte Herr Braß, indem er ſeine Feder in den Mund ſteckte und ſeiner Schwe⸗ ſter boshaft zugrinste.„Warum höhnſt du mich, daß ich einen Schreiber halten will?“ Die Thatſache, daß Herr Braß eine Dame einen Schuft nannte, darf weder Verwunderung noch Ueber⸗ raſchung erregen, denn er war ſo gewöhnt, ſie in der Eigenſchaft eines Mannes um ſich zu haben, daß es bei ihm allmälig Brauch wurde, mit ihr zu ſprechen, als ob ſie wirklich ein Mann wäre. Und dieſes Gefühl war ſo vollkommen wechſelſeitig, daß Herr Braß nicht nur oft die mehrberührte 15*† Dame einen Schuft nannte, oder auch dem Schuft zuweilen ein Adjectivum vorſetzte, ſondern daß auch Miß Braß dieß als eine ſich von ſelbſt verſtehende Sache betrachtete, indem ſie ſich eben ſo wenig da⸗ durch anfechten ließ, als wenn ſich eine andere Dame einen Engel nennen hört. „Warum höhnſt du mich jetzt, daß ich einen Schreiber halten will, nachdem wir doch geſtern Abend ganze drei Stunden darüber geſprochen haben?“ wiederholte Herr Braß, indem er abermals, mit der Feder im Munde, grinste, wie die Helmfigur in dem Wappen irgend eines Adeligen oder eines ſonſtigen Mannes von Stande.„Iſt es meine Schuld?“ „Ich weiß weiter nichts,“ verſetzte Miß Sally mit einem trockenen Lächeln, denn es war ihr ein Hochgenuß, ihren Bruder reizen zu können,„als daß du beſſer thun würdeſt, dein Geſchäft aufzugeben, dich aus der Advokatenliſte ſtreichen zu laſſen und ſobald als möglich dich ſelbſt in Beſchlag zu begeben, wenn jeder deiner Clienten uns ſollte zwingen kön⸗ nen, einen Schreiber zu halten, mögen wir nun einen brauchen oder nicht.“ „Haben wir einen zweiten Clienten, wie ihn?“ entgegnete Braß.„Haben wir einen zweiten Clien⸗ ten, wie ihn?— Nun, willſt du mir das beant⸗ worten?“ „Du meinſt einen Clienten mit einem ſolchen Geſicht?“ erwiederte ſeine Schweſter. „Mit einem ſolchen Geſicht!“ höhnte Sampſon Braß, indem er das Contobuch herüber langte und raſch deſſen Blätter umſchlug.„Sieh her— ſieh her — Daniel Quilp, Esquire— Daniel Quilp, Esquire — Daniel Quilp, Esquire— durch das ganze Buch. Soll ich nun all Dieß verlieren, oder einen Schrei⸗ ber nehmen, den er empfiehlt und von dem er ſagt: ‚das iſt ein Mann für Sie⸗— he?“ Miß Sally würdigte ihn keiner Antwort, ſon⸗ dern lächelte abermals und machte in ihrer Arbeit fort. „Aber ich weiß, was dir im Kopfe herumgeht,“ nahm Braß nach einem kurzen Schweigen wieder auf.„Du fürchteſt, nicht mehr die Hand ſo im Geſchäfte haben zu können, wie du's bisher gewohnt warſt. Meinſt du, ich durchſchaue das nicht?“ „Nun, ich denke, das Geſchäft würde ohne mich keine ſonderliche Sprünge machen,“ entgegnete ſeine Schweſter ruhig.„Sey kein Narr und reize mich nicht, Sammy, ſondern überlege, was du thuſt, und thue es.“ Sampſon Braß, der in ſeinem Herzen eine große Furcht vor ſeiner Schweſter hatte, beugte ſich verdrießlich uͤber ſeine Akten und hörte zu, während ſie fortfuhr: „Wenn ich entſchloſſen wäre, daß kein Schreiber kommen ſollte, ſo dürfte mir natürlich keiner in's Haus. Du weißſt dieß recht gut und haſt daher nicht nöthig, ſolchen Unſinn zu reden.“ Herr Braß nahm dieſe Bemerkung mit erhöhe⸗ ter Sanftmuth auf und murmelte blos vor ſich hin, er ſey kein Freund von ſolchen Späſſen und Miß Sally würde ‚ein viel beſſerer Kerl' ſeyn, wenn ſie es unterließe, ihn aufzubringen. Auf dieſes Com⸗ pliment verſetzte Miß Sally, ſie finde nun einmal Geſchmack an einer ſolchen Beluſtigung und habe nicht Luſt, ſich dieſen Genuß zu verſagen. Da Herr Braß nicht geneigt ſchien, den Gegenſtand weiter zu verfolgen, ſo beſchleunigten Beide den Lauf ihrer Fe⸗ dern, und die Unterhaltung hatte ein Ende. Während ſie ſo beſchäftigt waren, wurde das Fenſter plötzlich verdunkelt, als ob eine Perſon dicht vor demſelben ſtünde. Herr Braß und Miß Sally ſahen auf, um ſich hinſichtlich der Urſache Gewißheit zu verſchaffen, worauf von außen raſch das Schieb⸗ fenſter herabgelaſſen wurde und Quilp ſeinen Kopf hereinſteckte. „Holla!“ ſagte er, indem er ſich an dem Fenſter⸗ ſims auf die Zehen ſtellte und in die Stube herunter⸗ ſah.„Iſt Jemand zu Hauſe? Iſt etwas von der Teufelswaare hier? Koſtet's ein Prämium, wenn man des Herrn Braß anſichtig werden will— he?“ „Ha, ha, ha!“ lachte der Advokat in affectirter Begeiſterung.„Ah, ſehr gut, Sir! In der That ſehr gut! Ganz ungewöhnlich! Du mein Himmel, was er für einen Humor hat!“ „Iſt das meine Sally?“ krächzte der Zwerg, indem er die ſchöne Miß Braß beäugelte.„Iſt es die Gerechtigkeit mit der Binde vor den Augen, ohne — — das Schwert und die Waage? Iſt es der ſtarke Arm des Geſetzes? Iſt es die Jungfrau von Bevis?“ „Welch ein bewunderungswürdiges Strömen des Witzes!“ rief Braß.„Auf mein Wort, es iſt ganz außerordentlich.“ „Die Thüre aufgemacht,“ ſagte Quilp.„Ich habe ihn hier. Das iſt ein Schreiber für Sie, Braß; das iſt eine rare Erwerbung, ein wahres Trumpfaß. Geſchwind die Thüre aufgemacht, oder wenn ein anderer Advokat in der Nähe iſt und zu⸗ fällig aus dem Fenſter ſieht, ſo wird er ihn vor Ihren Augen wegſchnappen— ja, das wird er.“ Wahrſcheinlich würde der Verluſt dieſes Phönir unter den Schreibern ſelbſt an einem Nebenbuhler in der Rechtspraris das Herz des Herrn Braß nicht gebrochen haben; demungeachtet aber affectirte er eine große Behendigkeit, indem er raſch von ſeinem Sitze aufſtand, nach der Thüre eilte und mit ſeinem Clienten zurückkehrte, welcher keine geringere Perſon als Herrn Richard Swiveller einführte. „Da iſt ſie,“ ſagte Quilp, an der Thüre ſtehen bleibend, indem er ſeine Augbrauen runzelte und Miß Sally anblickte;„da iſt das Weib, welches ich hätte heirathen ſollen— da iſt die ſchöne Sarah— da iſt das Frauenzimmer, welches alle Zauber ſeines Geſchlechtes in ſich vereinigt und keine ſeiner Schwä⸗ chen theilt. Oh, Sally, Sally!“ 4 Auf dieſe verliebte Anrede antwortete Miß Braß nur mit: „Alfanzereien!“ „Hartherzig, wie das Metall, von dem ſie ihren Namen hat,“ ſagte Quilp.„Warum ändert ſie ihn nicht— warum ſchmelzt ſie das Erz* nicht ein und nimmt einen andern Namen an?“ „Bleiben Sie mir mit ihrem Unfinn vom Halſe, Herr Quilp,“ entgegnete Miß Sally mit einem häß⸗ lichen Lächeln.„Es wundert mich, daß Sie ſich nicht vor einem fremden jungen Manne ſchämen.“ „Der fremde junge Mann,“ ſagte Quilp, indem er Dick Swiveller vorführte,„iſt ſelbſt zu empfäng⸗ lich, um mich nicht zu verſtehen. Dieß iſt Dick Swiveller, mein guter Freund, ein Gentleman von guten Ausſichten, der ſich durch jugendliche Unbeſon⸗ nenheit ein wenig in Verlegenheit gebracht hat und ſich nun begnügt, für eine Weile die niedrige Stellung eines Schreibers auszufüllen— niedrig zwar, aber doch hier ſehr beneidenswerth. Welch eine köſtliche Atmoſphäre!“ Wenn Herr Quilp figürlich ſprach und mit ſei⸗ nen Worten andeuten wollte, die Luft, welche Miß Sally athmete, ſey verſüßt und köſtlich gemacht durch dieſes liebenswürdige Weſen, ſo mochte er ohne Zwei⸗ fel ſeine guten Gründe dafür haben. Wenn er aber das Annehmliche der hierortigen Atmoſphäre im buch⸗ ſtäblichen Sinne meinte, ſo hatte er jedenfalls einen eigenthümlichen Geſchmack, denn ſie roch dumpf und * Braß= Erz. 1 —·—— 1 233 erdig, war außerdem mit den Düften des Trödelmarkts in Duke’s Place und Houndsditch geſchwängert und hatte entſchieden die Würze von Ratten und Mäuſen nebſt einem Anflug von Moderigkeit. Vieklleicht mochte auch Herr Swiveller einige Zweifel über deren entzückende Reinheit hegen, denn er ſchnüffelte ein paarmal und ſah ungläubig zu dem grinſenden Zwerge auf. „Herr Swiveller,“ ſagte Quilp,„verſteht ſich recht gut auf jenen Zweig der Agrikultur, der von dem Säen des wilden Habers* handelt, Miß Sally, und erwägt klüglich, daß ein halber Laib Brod beſſer iſt, als gar keines. Ebenſo weislich meint er auch, es ſey doch wenigſtens etwas, nicht geradezu verhun⸗ gern zu müſſen, und deßhalb nimmt er das Aner⸗ bieten Ihres Bruders an. Braß, Herr Swiveller, iſt Ihr Mann.“ „Ich bin ſehr erfreut darüber, Sir„“ verſetzte Herr Braß,„in der That ſehr erfreut. Herr Swi⸗ veller darf ſich Glück wünſchen, Sie zum Freund zu haben. Sie dürfen ſtolz darauf ſeyn, Sir, ſich der Freundſchaft des Herrn Quilp rühmen zu können.“ Dick murmelte etwas von: er brauche keinen Freund, der ihm die Flaſche reiche, und ließ auch ſeine Lieblingsanſpielung auf die Schwinge der Freund⸗ ſchaft, die nie eine Feder verliert, fallen; aber ſeine geiſtigen Fähigkeiten ſchienen ganz von dem Anblick * Wilden Haber ſäen= tolle Streiche machen. 234 der Miß Sally Braß in Anſpruch genommen zu ſeyn, denn er ſtierte dieſelbe mit leeren Augen und mit einer Jammermiene an, worüber der achtſame Zwerg über die Maßen entzückt war. Was die gött⸗ liche Miß Sally ſelbſt anbelangte, ſo rieb ſie in der Weiſe von Geſchäftsleuten ihre Hände und ging einigemal, die Feder hinter dem Ohre, in dem Amts⸗ lokale auf und ab. „Vermuthlich wird Herr Swiveller ſeinen Dienſt gleich antreten können?“ fragte der Zwerg ſich raſch an ſeinen Rechtsfreund wendend.„Es iſt Montag Morgen.“ „Sogleich, wenn's gefällig iſt, Sir— in all⸗ weg,“ entgegnete Braß. „Miß Sally wird ihn in die Geſetzeskunde ein⸗ führen, in das entzückende Studium des Rechts,“ fuhr Quilp fort;„ſie wird ſein Führer, ſein Freund, ſein Blackſtone, ſein Coke über Littleton, ſein ‚junger Advokaten beſter Geleitsmann’ ſeyn.“ „Er iſt ausnehmend beredt,“ ſagte Braß mit der Miene eines in Gedanken vergnügten Mannes, indem er, die Hände in ſeinen Rocktaſchen, nach den Dächern der gegenüberſtehenden Häuſer blickte;„er iſt ganz Redefluß. In der That ſehr ſchön.“ „In Miß Sally's Geſellſchaft und in Betrach⸗ tung der poetiſchen Herrlichkeit des Rechtes,“ ſprach Quilp weiter,„werden ihm die Tage wie Minuten entſchwinden. Jene entzückenden Schöpfungen der Dichter John Doe und Richard Roe werden ihm, — 235 wenn ihm zum erſtenmal ihr Morgenroth aufgeht, eine neue Welt zur Bereicherung ſeines Geiſtes und Veredelung ſeines Herzens öffnen.“ „O prächtig, prächtig! In der That prächtig!“ rief Braß.„Es iſt ein Hochgenuß, ihn zu hören!“ „Wo ſoll Herr Swiveller Platz nehmen?“ fragte Quilp, indem er ſich in der Stube umſah. „Ci, wir kaufen noch einen andern Bock,“ ent⸗ gegnete Braß.„Wir haben nie an die Aufnahme eines Gentlemans in unſerem Hauſe gedacht, Sir, bis Sie ſo gütig waren, uns darauf aufmerkſam zu machen, und unſere häuslichen Bequemlichkeiten ſind nicht ſehr umfaſſend. Wir wollen im Vorkaufe nach einem Bock ſehen. Wenn übrigens Herr Swiveller in der Zwiſchenzeit meinen Platz einnehmen und ſeine Hand an einer Reinſchrift dieſes Executionsge⸗ ſuchs erproben will, da ich wohl den ganzen Morgen außer Hauſe ſeyn werde——"⸗ „Sie gehen mit mir,“ ſagte Quilp.„Ich habe ein paar Wörtchen über Geſchäftsſachen mit Ihnen zu ſprechen. Haben Sie übrige Zeit?“ „Ob ich übrige Zeit zu einem Gange mit Ihnen habe? Sie ſcherzen, Sir, Sie ſcherzen mit mir,“ verſetzte der Rechtsgelehrte, indem er ſeinen Hut zur Hand nahm.„Ich ſtehe zu Dienſten, ganz zu Dienſten. Meine Zeit müßte in der That ſehr in Anſpruch genommen ſeyn, wenn ſie mir nicht ge⸗ ſtattete, einen Spaziergang mit ihnen zu machen. 236 Nicht Jedem wird es ſo gut, Sir, ſich an Herrn Quilp's Unterhaltung belehren zu können.“ Der Zwerg warf einen ſarcaſtiſchen Blick auf ſeinen eiſenſtirnigen Freund und drehte ſich mit einem kurzen trockenen Huſten auf ſeinem Abſatze, um Miß Sally Adieu zu ſagen. Nach einem ſehr galanten Abſchiede von ſeiner, und einem ſehr kal⸗ ten, abgemeſſenen von ihrer⸗Seite, nickte er Dick Swiveller zu und entfernte ſich ſodann mit dem Sachwalter. Dick trat in einem Zuſtande völliger Betäubung an das Schreibpult und ſtierte die ſchöne Sally aus Leibeskräften an, als wäre ſie irgend ein merkwürdiges Wunderthier, deſſen Gleichen niemals gelebt hatte. Sobald der Zwerg auf der Straße anlangte, trat er abermals an den Fenſterſims und ſah einen Augen⸗ blick mit grinſendem Geſichte in das Bureau hinunter, wie man etwa in einen Käſicht hineinzuſchauen pflegt. Dick blickte nach ihm auf, ohne jedoch ein Zeichen des Erkennens an den Tag zu legen; und lange, nachdem Quilp verſchwunden war, ſtand er noch immer wie feſtgewurzelt an der Stelle und betrach⸗ tete Miß Sally Braß, ohne etwas Anderes zu ſehen, oder an etwas Anderes zu denken. Da Miß Braß ſich inzwiſchen in ihre Koſten⸗ zettel vertieft hatte, ſo nahm ſie durchaus keine weitere Notiz von Dick, ſondern kratzte mit geräuſch⸗ voller Feder fort, in ſichtbarem Entzücken die Zahlen ankerbend und wie eine Dampfmaſchiene arbeitend. — j— —:— 237 Da ſtand nun Dick, in einem Zuſtande ſtumpffin⸗ niger Verwirrung, bald das grüne Kleid, bald den braunen Kopfputz, bald das Antlitz, bald die raſche Feder der Dame betrachtend und nicht wenig verwundert, wie er in die Geſellſchaft dieſes ſelt⸗ ſamen Ungeheuers gekommen, oder ob nicht Alles nur ein Traum ſey, aus dem er ſo gerne erwacht wäre. Endlich entſandte er einen tiefen Seufzer und begann langſam ſeinen Rock auszuziehen. Herr Swiveller zog alſo ſeinen Rock aus und legte ihn mit großer Sorgfalt zuſammen, ohne ſeine Augen von Miß Sally zu verwenden; dann ſchlüpfte er in eine blaue Jacke mit einer doppelten Reihe von vergoldeten Knöpfen, die er urſprünglich zu Waſſerfahrten beſtimmt, dieſen Morgen aber als Arbeitskleid mit ſich genommen hatte, und noch im⸗ mer die Blicke auf die Dame geheftet, ließ er ſich ſchweigend auf den Schreibebock des Herrn Braß nieder. Dann erlitt er einen Rückfall und wurde abermals beſinnungslos, wobei er ſein Kinn auf die Hand ſtützte und die Augen ſo weit aufriß, daß es ganz unzweifelhaft zu ſeyn ſchien, er werde ſie nie wieder zumachen können. Dick ſah ſo lange hin, bis er nichts mehr ſehen konnte, ſenkte dann ſeine Augen von dem ſchönen Gegenſtand ſeines Erſtaunens zu den Blättern, welche er copiren ſollte, tauchte die Feder in das Dintenfaß und begann endlich zu ſchreiben. Er hatte jedoch noch kein halbes Dutzend Worte ge⸗ 238 ſchrieben, als er, hinüberlangend, um die Feder auf's Neue einzutauchen, zufällig die Blicke wieder erhob— und da war der unerträgliche braune Kopfputz— da war das grüne Kleid— mit einem Worte, da war Miß Sally Braß, in alle ihre Zauber gehüllt und noch ſchrecklicher als je an⸗ zuſehen. Dieß ereignete ſich ſo oft, daß Swiveller all⸗ mälig zu fühlen begann, wie ihn ſonderbare Ein⸗ flüſſe beſchlichen— ſchauerliche Begierden, dieſe Sally Braß zu vernichten— geheimnißvolle Ge⸗ lüſte, ihr den Kopfputz herunter zu ſchlagen und zu verſuchen, wie ſie ohne denſelben ausſähe. Es lag ein ſehr großes Lineal auf dem Tiſch— ein großes, ſchwarzes, glänzendes Lineal. Herr Swi⸗ veller fing an, ſich damit dieſe Naſe zu reiben. Aus dem Reiben der Naſe mit dem Lineal folgte ein ganz leichter und natürlicher Uebergang; er wog nämlich daſſelbe in ſeiner Hand und ſchwang es ge⸗ legenheitlich in der Weiſe eines Tomahawk. Bei einigen dieſer Schwenkungen kam es Miß Sally's Kopf ganz nahe; die zerriſſenen Enden ihres Kopf⸗ putzes flatterten in dem dadurch erzeugten Luftzuge; nur noch einen Zoll näher, und der große, braune Knoten lag auf der Erde; aber noch immer arbeitete die nichts ahnende Jungfrau fort, ohne die Augen zu erheben. Hierin lag nun ein großer Troſt. Es war doch etwas Gutes, ſtörrig und verdrießlich fortzu⸗ 239 ſchreiben, bis die Geduld entſchwand, dann das Lineal zu ergreifen und es um den braunen Kopf⸗ putz ſauſen zu laſſen, mit der Ueberzeugung, ihn nach Gutdünken herunterſchlagen zu können. Es war ferner etwas Gutes, es zurückziehen und emſig die Naſe damit reiben zu können, wenn zu ver⸗ muthen ſtand, daß Miß Sally aufblicken würde, ſo⸗ bald ſich's aber fand, daß die Dame fortwährend in ihrer Antheilloſigkeit verharrte, zur Schadlos⸗ haltung es noch ſtärker zu ſchwingen. Durch dieſe Mittel beruhigte Herr Swiveller die Aufregung ſei⸗ ner Gefühle, bis die Anwendung des Lineals we⸗ niger ungeſtüm und häufig wurde und er eben ſo viele Halbdutzend auf einander folgende Zeilen ſchrei⸗ ben konnte, ohne zu dem genannten Inſtrumente ſeine Zuflucht nehmen zu müſſen— was jedenfalls als ein großer Sieg zu betrachten war. Der Naritätenladen. Vierunddreißigſtes Kapitel. Im Laufe der Zeit, d. h. nach einigen Stun⸗ den fleißiger Arbeit, kam Miß Braß mit ihrer Auf⸗ gabe zu Ende und verkündigte dieſe Thatſache durch 240 das Abwiſchen ihrer Feder an dem grünen Kleide, worauf ſie aus einer kleinen, runden, zinnernen Büchſe, die ſie in ihrer Taſche führte, eine Priſe nahm. Sobald ſie dieſe beſcheidene Erfriſchung eingenommen hatte, ſtand ſie von ihrem Bocke auf, knüpfte ihre Papiere mit rothem Zwirn zu einem förmlichen Packet zuſammen, nahm es unter den Arm und verließ das Bureau. Herr Swiveller war kaum aufgeſprungen, um die Ausführung eines wilden Tanzes zu unter⸗ nehmen, als er in der Fülle ſeiner Freude über das nunmehrige Alleinſeyn durch das Aufgehen der Thüre und das Wiedererſcheinen von Miß Sally's Kopf unterbrochen wurde. „ Ich gehe aus,“ ſagte Miß Braß. „Sehr gut, Ma'am,“ verſetzte Dick.„Und beeilen Sie ſich um meinetwillen ja nicht, wieder zurückzukommen,“ fügte er innerlich bei. „Wenn Jemand in Geſchäftsſachen kommt, ſo übernehmen Sie die Aufträge und ſagen Sie, daß der Herr, welcher die Sache beſorge, nicht zu Hauſe ſey— wollen Sie?“ ſprach Miß Braß. „Ja, Ma'am,“ entgegnete Dick. „Ich werde nicht ſehr lange aus ſeyn,“ ſagte Miß Braß im Abgehen. „Thut mir leid, dieß zu vernehmen,“ erwiederte Dick, als ſie die Thüre geſchloſſen hatte.„Ich hoffe, Sie finden eine unerwartete Abhaltung, Ma'am. Wenn Sie's machen können, daß Sie 8S d Sͤ— 8 241 leide, überfahren werden, Ma'am— natürlich ohne ernſt⸗ rnen hafte Folgen— ſo iſt's um ſo beſſer.“ Priſe Nachdem ſich Herr Swiveller dieſer Ergüſſe hung ſeiner wohlwollenden Meinung mit ungemeiner Gra⸗ auf, vität entledigt hatte, ſetzte er ſich in den Clienten⸗ inem ſtuhl, um Betrachtungen anzuſtellen; dann ging er den etliche Mal in dem Zimmer auf und ab und ließ ſich wieder in den Armſtuhl nieder. um„So bin ich alſo Braßens Schreiber, wie?“ ater⸗ ſagte Dick.„Braßens Schreiber und der Schreiber über von Braßens Schweſter, der Schreiber eines weib⸗ der lichen Drachen? Sehr gut, ſehr gut! Was kömmt lly's wohl zunächſt? Werde ich wohl bald ein Verur⸗ theilter in einem Filzhute und in einem grauen Anzuge ſeyn, wie ich mit meiner Nummer, ſauber Und auf meine Uniform geſtickt, auf einem Werftenhof eder umhertrotte und den Hoſenbandorden an meinen Beinen trage, ein gedrehtes Schnupftuch darunter, ſo daß es mir die Knöchel nicht wund reibe? Wird's daß zu dieſem kommen? Wird es angehen, oder iſt es nuſe vielleicht zu gentil? Ganz nach Belieben, du haſt natürlich die Wahl.“ Da Herr Swiveller ſo ganz allein war, ſo gte darf man wohl annehmen, daß er mit ſolchen Be⸗ merkungen ſein Schickſal oder ſeine Beſtimmung an⸗ erte redete, denn es iſt, wie wir aus Vorgängen wiſſen, Ich eine Gewohnheit der Helden, ihr Loos ſehr bitter ng, und ironiſch zu verhöhnen, ſobald ſie ſich in einer Sie mißliebigen Lage befinden. Dieß wird um ſo wahr⸗ Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 16 242 ſcheinlicher durch den Umſtand, daß Herr Swiveller ſeine Worte an die Decke der Stube richtete, wo der gewöhnlichen Annahme zu Folge derartige kör⸗ perloſe Perſonagen ihre Behauſung haben— die Schaubühne ausgenommen, wo ſie in dem Herzen des großen Kronleuchters ſitzen. 3 „Quilp bietet mir dieſen Platz an, den er, wie er ſagt, mir zuſichern kann,“ nahm Dick nach einem gedankenvollen Schweigen wieder auf, indem er die Einzelnheiten ſeiner Lage, eine nach der andern, an ſeinen Fingern abzählt.„Fritz, auf den ich ge⸗ ſchworen haben würde, daß er von einer ſolchen Sache nichts hören wolle, unterſtützt Quilp zu mei⸗ nem größten Erſtaunen und drängt mich gleichfalls, ſie anzunehmen— Bedenken, Nummer 1. Meine Tante auf dem Lande hält ihre Zuſchüſſe zurück und macht mir die zärtliche Mittheilung, daß ſie ein neues Teſtament aufgeſetzt und mich darin ausge⸗ laſſen habe— Bedenken, Nummer 2. Kein Geld; kein Credit; keine Unterſtützung von Fritz, der mit einem Male geſetzt zu werden ſcheint; Aufkündigung des alten Quartiers— Bedenken, drei, vier, fünf und ſechs. Unter einer ſolchen Anhäufung von Be⸗ denklichkeiten kann ein Mann nicht als frei handelnd betrachtet werden. Niemand ſchlägt ſich ſelbſt zu Boden, und wenn das Geſchick Einen zu Boden ſchlägt, ſo muß ihm das Geſchick auch wieder auf⸗ helfen. Jedenfalls freut es mich, daß das meinige ſich all' dieß zu Schulden kommen ließ, und ihm eller wo kör⸗ die rzen wie inem die ,an ge⸗ lchen mei⸗ alls, deine und ein isge⸗ Held; mit gung fünf Be⸗ delnd ſt zu Zoden auf⸗ einige ihm 243 zum Trotze will ich ſo unbekümmert ſeyn, als ich kann, und mir's hier ſo gut machen, als ob ich zu Hauſe wäre. So packe dich denn von hinnen, mein Verehrteſtes,“ fuhr Herr Swiveller fort, indem er mit einem bezeichnenden Kopfnicken von der Decke Abſchied nahm,„und laß ſehen, wer von uns bei⸗ den zuerſt müde wird.“ Indem Herr Swiveller die Urſache ſeines Sturzes mit dieſen— ohne Zweifel ſehr tiefen Betrachtungen, welche in der That gewiſſen Syſtemen der Moral⸗ philoſophie nicht ganz fremd ſind, entließ, ſchüttelte nahm die heitere Leichtigkeit eines unverantwortlichen Schreibers an. das Fenſter und g ein Bierjunge ſeinen Tragkorb nie⸗ Pinte milden Porters uf der Stelle aus und in der Abſicht, einem künftigen 16*† lehnte nachläſſig hinaus, bis zufälli vorbeikam, welchem er befahl, derzuſetzen und ihm mit einer aufzuwarten. Dieſe trank er a bezahlte ſie pünktlich, Creditſyſtem Bahn zu brechen und ohne Zeitverluſt eine dahin abzielende Verbindung einzuleiten. Dann kamen drei oder vier kleine Jungen mit juridiſchen Aufträgen von drei oder vier Advokaten aus der Rangelaſſe des Herrn Braß, und Herr Swiveller empfing und entließ ſie mit einer ſolchen Amtsmiene und einem ſo correcten und leicht in die Sachen eingehenden Geſchäftstakte, wie ſich unter äͤhnlichen Umſtänden etwa ein Clown in der Poſſe ſeiner Auf⸗ gabe entledigt haben würde. Sobald dieß abgethan war, beſtieg er abermals ſeinen Bock und übte ſeine Hand, indem er mit Feder und Dinte Carricaturen von Miß Braß entwarf und die ganze Zeit über luſtig vor ſich hin pfiff. Er war noch in dieſer Unterhaltung begriffen, als eine Kutſche in der Nähe der Thüre Halt machte und unmittelbar darauf ſich ein lauter Doppelſchlag vernehmen ließ. Herr Swiveller hatte damit nichts zu ſchaffen, da die Perſon nicht an der Bureauklingel zog, und ſetzte daher in gleicher Ruhe ſeinen Zeitvertreib fort, obgleich es ihm vorkam, als ob ſonſt Niemand im Hauſe wohne. Dieß war jedoch ein Irrthum; denn nachdem das Klopfen mit erhöhter Ungeduld wiederholt wor⸗ den war, ging die Thüre auf und ein ſchwerfälliger Tritt ſtampfte die Treppe hinauf in das obere Zimmer. Herr Swiveller machte eben ſeine Betrachtungen, ob dieß wohl eine zweite Miß Braß ſeyn möchte— eine Zwillingsſchweſter des Drachen— als ſich das Pochen von ein paar Fingergelenken an der Bureau⸗ thüre vernehmen ließ. „Herein!“ rief Dick.„Was braucht es da vieler Ceremonien? Das Geſchäft wird freilich etwas ver⸗ wickelt werden, wenn ich ein Ziemliches weiter Kunden bekomme. Herein!“ „Oh, Sie ſind allzugütig,“ verſetzte eine kleine Stimme ſehr tief unten im Thorwege.„Wollen Sie nicht kommen und das Logis zeigen?“ Dick lehnte ſich uͤber den Tiſch und entdeckte ein kleines, ſchlappſchuhiges Mädchen mit einer ſehr ſchmutzigen Schürze und einem Geifertüchlein, wo⸗ durch die ganze Figur, mit Ausnahme des Geſichts und der Füße, verhüllt wurde. Sie hätte eben ſo gut in einem Violinfutteral ſtecken können. „Zum Henker, wo biſt du?“ rief Dick. Es erfolgte keine weitere Antwort, als: „Oh, wollen Sie nicht gefälligſt kommen und das Logis zeigen.“ Kaum hatte wohl je ein Kind in Blick und Benehmen ſo viel Altkluges an den Tag gelegt. Die Kleine mußte von der Wiege an zum Arbeiten angehalten worden ſeyn und ſchien ſich vor Dick eben ſo fürchten, als Dick über ſie erſtaunt war. „Ich habe nichts mit dem Logis zu ſchaffen,“ entgegnete Dick.„Sage nur, man ſoll wieder vorſprechen.“ „Oh, wollen Sie doch gefälligſt kommen und das Logis zeigen,“ ſagte das Mädchen.„Es macht achtzehn Shillinge die Woche, nebſt Geſchirr und Weißzeug. Stiefel⸗ und Kleiderputzen geht extra, und die Heizung im Winter beträgt acht Pence für den Tag.“ „Aber warum zeigſt du's nicht ſelbſt? Du ſcheinſt doch alles zu wiſſen,“ verſetzte Dick. „Miß Sally ſagte, das ginge nicht an, weil die Leute glauben würden, die Bedienung wäre nicht gut, wenn ſie ſähen, wie klein ich bin.“ „Wohl, aber ſie werden nachher ſehen, wie klein du biſt— oder nicht?“ entgegnete Dick. „Ja! doch dann haben ſie jedenfalls ſchon vier⸗ zehn Tage einbeſtanden,“ erwiederte das Kind mit einem verſchmitzten Blicke;„und die Leute ziehen nicht gerne aus, wenn ſie einmal feſt ſitzen.“ „Das iſt mir einmal ein ſonderbares Ding,“ murmelte Dick, aufſtehend.„Und was ſtellſt du denn eigentlich vor— etwa die Köchin?“ „Ja, ich verſehe die einfache Kocherei,“ verſetzte das Kind.„Ich bin aber auch zugleich Stubenmagd und verrichte alle Arbeiten im Hauſe.“ „Und vermuthlich verrichten Braß, der Drache und ich den ſchmutzigſten Theil davon,“ dachte Dick. Vielleicht hätte er, da er in einer bedenklichen und zaudernden Stimmung war, noch mehr gedacht, aber das Mädchen drängte ihn abermals, ihrem Geſuche zu willfahren, und gewiſſe geheimnißvolle, polternde Töne vor der Thüre und auf dem Treppen⸗ hauſe verriethen, daß der Miether ungeduldig ſey. ————-„ 247 Richard Swiveller ſteckte daher eine Feder hinter jedes Ohr und eine dritte in den Mund, zum Zeichen ſeiner Bedeutſamkeit und ſeines Geſchäfts⸗ eifers, worauf er forteilte, um mit dem ledigen Herrn zu verhandeln. Er war ein wenig überraſcht, als er bemerkte, daß die polternden Töne von dem Koffer des ledigen Herrn herrührten, der die Treppe hinaufgebracht wurde, und da derſelbe faſt zweimal ſo breit als das Treppenhaus und überhaupt außerordentlich ſchwer war, ſo war es, trotz der vereinten Bemü⸗ hungen des ledigen Herrn und des Kutſchers, nicht leicht, ihn hinanzuſchaffen. Aber da waren ſie, jeder an die Wand geklemmt, und ſchoben und zogen aus Leibeskräften, und brachten den Koffer dicht und feſt in alle Arten von unmöglichen Winkeln, ſo daß von einem daran Vorbeigehen durchaus keine Rede ſeyn konnte. Aus dieſem erklecklichen Grunde folgte Herr Swiveller langſam hinten nach, indem er auf jeder Stufe feierlich Proteſt einlegte gegen dieſe Erſtür⸗ mung von ſeines Principals Wohnung. Auf dieſe Vorſtellungen antwortete der ledige Herr mit keiner Sylbe, und als der Koffer endlich in die Schlafſtube gebracht war, ſetzte er ſich auf denſelben nieder, um den kahlen Kopf und das Geſicht mit einem Schnupftuche abzuwiſchen. Der Grund davon ließ ſich leicht einſehen, denn es war ſehr warm, und abgeſehen von der Anſtrengung, welche die Heraufſchaffung des Koffers erforderte, 248 ſtack der Herr dicht in Winterkleider eingemummt, obgleich das Thermometer jeden Tag einundachtzig Grade Fahrenheit im Schatten zeigte. „Ich glaube, Sir,“ begann Richard Swiveller, indem er die Feder aus dem Munde nahm,„daß Sie dieſe Gelaſſe einzuſehen wünſchen? Sie ſind äußerſt angenehm, Sir, bieten eine prächtige Aus⸗ ſicht über— über den Weg und ſind kaum ſechzig Schritte von— von der Straßenecke. Ganz in der Nachbarſchaft gibt es außerordentlich milden Porter, Sir, und die zufälligen Vortheile ſind ganz außer⸗ ordentlich.“ „Wie viel beträgt die Miethe?“ fragte der ledige Herr. „Ein Pfund wöchentlich,“ verſetzte Dick, den Preis erhöhend. „Ich will ſie nehmen.“ „Stiefel⸗ und Kleiderputzen geht ertra,“ ſagte Dick; und die Heizung im Winter macht——“ „Vollkommen von mir zugeſtanden,“ unterbrach ihn der ledige Herr. „Vor zwei Wochen kann nicht gekündigt werden,“ fuhr Dick fort.„Sind die— „Zwei Wochen?“ rief der ledige Herr verdrieß⸗ lich, indem er den angehenden Schreiber vom Kopf bis zur Zehe betrachtete.„Sagen Sie, zwei Jahre. Ich werde zwei Jahre hier bleiben. Da ſind zehn Pfund Draufgeld. Der Handel iſt geſchloſſen.“ 249 „Je nun, Sie ſehen,“ ſagte Dick,„mein Name iſt nicht Braß und——“ „Wer ſagte denn ſo? Mein Name iſt auch nicht Braß. Was weiter?“ „So heißt nämlich der Hausinhaber,“ entgegnete Dick. „Das freut mich,“ verſetzte der ledige Herr. „Es iſt ein guter Name für einen Advokaten. Kut⸗ ſcher, Ihr könnt gehen— ja, Ihr könnt gehen.“ Herr Swiveller war ſo verwirrt über das barſche Benehmen des ledigen Herrn, daß er ſtehen blieb und ihn faſt ebenſo feſt ins Auge faßte, als er dieß bei Miß Sally gethan hatte. Der ledige Herr ließ ſich jedoch hiedurch nicht im geringſten anfechten, ſondern fuhr mit der größten Ruhe fort, das Tuch abzubinden, welches um ſeinen Hals geſchlungen war, worauf er ſeine Stiefeln auszog. Befreit von dieſen Beſchwerlichkeiten ſchickte er ſich an, auch die übrigen Kleider abzulegen, welche er Stück für Stück zuſam⸗ menfaltete und der Reihe nach auf dem Koffer ord⸗ nete. Dann ließ er die Schalouſien herab, entrollte die Fenſtervorhänge, zog ſeine Uhr auf und begab ſich ganz gemächlich und methodiſch zu Bette. „Nehmen ſie den Zettel herunter,“ waren ſeine Abſchiedsworte, als er noch einmal zwiſchen den Gardinen hervorſah,„und laſſen Sie Niemand zu mir, bis ich die Klingel ziehe.“— Nach dieſen Worten ſchloſſen ſich die Gardinen — 8 — 8 8 250 wieder, und er fing unmittelbar darauf zu ſchnar⸗ chen an. „Das iſt eine höchſt merkwürdige und überna⸗ türliche Sorte von einem Hauſe,“ ſagte Herr Swi⸗ veller, als er mit dem Zettel in der Hand wieder in das Bureau zurückkehrte.„Weibliche Drachen in dem Geſchäfte, die ſich wie Gentlemen von Fach benehmen; drei Fuß hohe Köchinnen, die geheimniß⸗ voll aus der Erde auftauchen; Fremde, die herein⸗ kommen und ohne Licenz oder Erlaubniß am hellen Tage zu Bette gehen! Wenn er einer von den wunderlichen Kerlen ſeyn ſollte, von denen man hin und wieder hört, daß ſte zwei Jahre hinter einander fortſchlafen, ſo werde ich mich in einer angenehmen Lage befinden. Doch— ˙s iſt mein Geſchick, und ich hoffe, es ſteht Braß ſo an. Wenigſtens ſollte es mir leid thun, wenn es nicht der Fall wäre. In kei⸗ nem Falle geht es mich etwas an— ich habe nicht im Geringſten etwas damit zu ſchaffen.“ Der Naritätenladen. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Als Herr Braß wieder nach Hauſe kam, nahm er den Bericht ſeines Schreibers mit großem Wohl⸗ hm hl 251 gefallen und viel Zufriedenheit auf, beſonders ange⸗ legentlich ſich nach der Zehnpfundnote erkundigend, die ſeine gute Laune beträchtlich erhöhte, da ſie ſich bei genauer Prüfung als ein guter und geſetzlicher Schein der Bank von England auswies. In der That überſtrömte er auch ſo ſehr von Freigebigkeit und Herablaſſung, daß er in der Ueberfülle ſeines Herzens Herrn Swiveller einlud, in jener fernen und unbeſtimmten Periode, welche man gewöhnlich mit dem Titel„der nächſten Tage“ zu belegen pflegt, eine Bowle Punſch mit ihm zu leeren; dabei machte er ihm viele ſchöne Complimente über ſeine unge⸗ wöhnliche Geſchäftstüchtigkeit, die er am erſten Tage ſeiner Dienſtzeit ſo offenkundig an den Tag gelegt hatte. Es gehörte zu den Grundſätzen des Herrn Braß, daß die Gewohnheit, mit Complimenten auszuzahlen, die Zunge eines Menſchen ohne weitere Unkoſten eingeölt erhalte, und da ein ſolches nützliches Glied bei einem Rechtsgelehren nie in ſeinen Angeln einroſten darf, ſondern im Gegentheil immer glatt und geläufig ſeyn muß, ſo verſäumte er ſelten eine Gelegenheit, daſſelbe durch ſchöne Reden und wohllautende Ausdrücke in Uebung zu erhalten. Dieß war ihm auch ſo zur Gewohnheit geworden, daß ſich, wenn man auch nicht gerade ſagen konnte, er habe ſeine Zunge an ſeinen Fingerſpitzen, doch mit Sicherheit behaupten ließ, ſie befinde ſich bei ihm überall, nur nicht in 252 ſeinem Geſichte. Wir haben nämlich bereits geſehen, daß ſein Charakter etwas rauh und zurückſtoßend war, folglich ſich nicht ſo leicht einölen ließ, und ſo umnach⸗ tete daſſelbe Finſter alle ſeine glatten Reden— einem jener natürlichen Leuchtthürme gleich, welche den See⸗ fahrer gegen die Untiefen und Brandungen der Welt oder die gefährliche Meerenge der Jurisprudenz ver⸗ warnen und ihn ermahnen, nach einem weniger trü⸗ geriſchen Hafen zu ſpähen und ſein Glück anderswo zu verſuchen.— Während Herr Braß abwechſelnd ſeinen Schreiber mit Complimenten überſchüttete und die Zehnpfund⸗ note beäugelte, zeigte Miß Sally keine beſondere Aufregung— jedenfalls keine von angenehmer Art. Ihre Vorliebe für die juriſtiſche Praxis brachte es nämlich mit ſich, ihre Gedanken kleinen Gewinnen und Mauſereien zuzuwenden und ihre natürliche Weisheit dadurch zu wetzen und zu ſchärfen, weßhalb ſie es etwas mißliebig aufnahm, daß der ledige Herr das Logis ſo leicht und ſchnell erhalten hatte, denn ſie argumentirte, da er einmal ſo ſehr darauf ver⸗ ſeſſen war, ſo hätte man ihm wenigſtens das Dop⸗ pelte oder das Dreifache des gewöhnlichen Preiſes abnehmen können, und Herr Swiveller hätte genau in demſelben Verhältniſſe, in welchem der Herr vor⸗ wärts drängte, zurückhalten ſollen. Aber weder die gute Meinung des Herrn Braß, noch die Unzufrie⸗ denheit von Miß Sally machten irgend einen Ein⸗ druck auf unſern Ehrenmann, der die Verantwort⸗ 253 lichkeit für dieſe und alle ſpäteren Handlungen ſeinem unglücklichen Geſchicke zur Laſt legte und daher ganz reſignirt und getröſtet war— völlig gefaßt auf das Schlimmſte und mit philoſophiſcher Gleichgültigkeit gegen das Beſte.— „Guten Morgen, Herr Richard,“ ſagte Herr Braß zu Herrn Swiveller am dritten Tag ſeiner Schreiberſchaft.„Sally hat in Whitechapel einen alten Schreibebock für Sie aufgetrieben— ſie iſt ein durch⸗ triebener Kerl, was das Handeln anbelangt, kann ich Ihnen ſagen, Herr Richard. Sie werden finden, daß es ein Sitz erſter Claſſe iſt, Sir— mein Wort darauf.“ „Dem Anſehen nach freilich etwas gebrechlich,“ verſetzte Dick. „Seyen Sie verſichert, daß ſich's erſtaunlich gut darauf ſitzen läßt,“ entgegnete Herr Braß.„Er wurde in offener Straße gerade dem Hoſpital gegen⸗ über gekauft, und da er vielleicht einen Monat oder zwei dort geſtanden hat, ſo iſt er etwas ſtaubig und von der Sonne gebräunt. Das iſt alles.“ „Hoffentlich ſteckt doch kein Fieber oder etwas der Art in ihm,“ ſagte Dick, indem er ſich mißver⸗ gnügt zwiſchen Herrn Sampſon und der keuſchen Sally niederſetzte.„Eines ſeiner Beine iſt länger, als die anderen.“ „Dann nehmen wir ein Stückchen davon ab, Sir, und kriegen dadurch Holz in den Kauf,“ erwie⸗ derte Braß.„Ha, ha, ha! Wir kriegen daburch 254 Holz in den Kauf, Sir, und das iſt ein weiterer Vortheil, wenn meine Schweſter für uns auf den Markt geht. Miß Braß, Herr Richard iſt der——“ „Willſt du doch einmal ruhig ſeyn,“ unterbrach ihn der ſchöne Gegenſtand dieſer Bemerkungen, von den Papieren aufſehend.„Wie ſoll ich denn arbei⸗ ten, wenn du an einem fort plapperſt?“ „Was du doch für ein unzuverläßiger Kunde biſt,“ entgegnete der Rechtsgelehrte.„Das einemal nichts als plaudern, das anderemal nichts als arbei⸗ ten. Man kann nie wiſſen, in welcher Stimmung man dich findet.“ „Jetzt bin ich in der Stimmung zu arbeiten,“ ſagte Miß Sally,„muß daher bitten, mich nicht zu ſtören. Und halte ihn nicht von ſeinem Geſchäft ab,“ fügte Miß Sally bei, indem ſie mit ihrer Feder auf Richard deutete.„Ich wette, er thut ohnehin nicht mehr, als er eben muß.“ Herr Braß war augenſcheinlich ſehr geneigt, eine zornige Erwiederung zu geben, ließ ſich aber durch Rückſichten der Klugheit oder der Furcht ab⸗ ſchrecken, da er nur etwas von Beläſtigung und Landläufer murmelte, ohne jedoch dieſe Ausdrücke mit irgend einem Individuum in Verbindung zu bringen, ſintemal er ihrer nur in Beziehung auf einige abſtracte Ideen, die ihm eben zu Sinne kamen, erwähnte. Sie ſchrieben nun eine lange Zeit in tiefem Schweigen fort— in einem ſo langweiligen Schweigen, daß Herr Swiveller, der Aufregung 25⁵ haben mußte, mehreremale einnickte und bereits mit geſchloſſenen Augen mehrere wunderliche Worte in unbekannten Schriftzügen geſchrieben hatte, als Miß Sally endlich die Eintönigkeit des Geſchäftslebens dadurch unterbrach, daß ſie ihre kleine zinnerne Doſe herauszog, eine geräuſchvolle Priſe nahm, und ſo⸗ dann ihre Meinung dahin ausdrückte, daß Herr Richard Swiveller daran Schuld ſey. „An was Schuld, Ma'am?“ fragte Richard. „Wiſſen Sie nicht,“ entgegnete Miß Braß,„daß der Miethsmann noch nicht auf iſt, und daß er nichts von ſich hat ſehen und hören laſſen, ſeit er geſtern Nachmittag zu Bette ging.“ „Nun, Ma'am,“ ſagte Dick,„er wird doch ſeine zehn Pfund ruhig und in Frieden ausſchlafen dürfen, wenn es ihm beliebt.“ „Ach! ich fange an zu glauben, daß er nie wieder erwachen wird,“ bemerkte Miß Sally. „Es iſt ein ſehr merkwürdiger Umſtand,“ be⸗ merkte Braß, indem er ſeine Feder niederlegte;„in der That ſehr merkwürdig. Herr Richard, Sie wer⸗ den ſich erinnern, wenn man dieſen Herrn an dem Bettpfoſten erhängt finden, oder wenn ein anderes Unglück hereinbrechen ſollte— Sie werden ſich erin⸗ nern, daß dieſe Zehnpfundnote Ihnen als Abſchlags⸗ zahlung an einer zweijährigen Hausmiethe übergeben wurde? Vergeſſen Sie es nicht; es iſt vielleicht beſſer, Sir, wenn Sie ſich's notiren, falls Sie Zeug⸗ niß darüber ablegen müßten.“ 1 2⁵6 Herr Swiveller nahm einen großen Foliobogen, und begann mit ungemein gravitätiſchem Geſichte eine ſehr kleine Bemerkung in die Ecke zu ſchreiben. „Wir können nie zu vorſichtig ſeyn,“ ſagte Herr Braß.„Es gibt viel Schlechtigkeit in der Welt, ja, viel Schlechtigkeit. Sagte der Herr vielleicht— doch das thut jetzt nichts zur Sache, Sir; beendigen Sie zuvor dieſes kleine Memoran⸗ dum.“ 3 Dick that, wie ihm geheißen wurde, und hän⸗ digte es Herrn Braß ein, der von ſeinem Schreib⸗ bocke aufgeſtanden war und jetzt in dem Bureau auf⸗ und abſpazierte. „Ah, das iſt das Memorandum?“ ſagte Braß indem er das Document mit den Augen überflog, „ſehr gut. Nun, Herr Richard, ſagte der Herr ſonſt noch etwas?“ „Nein.“ „Wiſſen Sie auch ganz gewiß, Herr Richard,“ ſprach Braß feierlich,„daß der Herr nichts Weiteres ſagte?“ „Zum Henker, keine Sylbe,“ verſetzte Dick. „Beſinnen Sie ſich noch einmal,“ fuhr Braß fort.„Es iſt meine Pflicht, Sir, in der Stellung⸗ in welcher ich mich befinde, und als ein achtbares Glied des Advokatenſtandes, des erſten Standes in dieſem Lande, Sir, oder in was immer für einem andern Lande, oder in irgend einem der Planeten, die des Nachts über uns ſcheinen und muthmaßlicher⸗ — —— ———-». 2⁵5⁷ weiſe bewohnt ſind— es iſt meine Pflicht, Sir, als ein achtbares Mitglied dieſes Standes, Ihnen in einer ſo delikaten und wichtigen Angelegenheit keine Suggeſtivfragen vorzulegen. Sagte der Herr, wel⸗ chen Sie geſtern Nachmittag in den erſten Stock einführten und einen Koffer von Werth— einen Koffer von Werth— mit ſich brachte, noch etwas Weiteres, als was hier in dieſem Memorandum niedergeſchrieben iſt?“ „Pah, ſey kein Narr,“ ſagte Miß Sally. Dick ſah zuerſt ſie, dann Herrn Braß, und endlich abermals Miß Sally an, und ſagte noch immer: „Nein.“ „Puh, puh! Hol's der Henker, Herr Richard, wie einfältig Sie ſind!“ rief Braß, das Geſicht zu einem Lächeln verziehend.„Sagte er denn nichts von ſeinem Eigenthum?— So!“ „Das iſt die rechte Weiſe, zu fragen,“ ſagte Miß Sally, ihrem Bruder zunickend. „Sagte er nicht zum Beiſpiel,“ fügte Herr Braß in einem behaglichen, beſchwatzenden Tone bei —„wohl gemerkt, ich will nicht behaupten, daß er ſo ſagte; ich frage Sie nur, um Ihrem Gedächtniß nachzuhelfen— ſagte er nicht zum Beiſpiel, daß er fremd in London ſey— daß er durchaus nicht Luſt habe oder im Stande ſey, Nachweiſungen über ſich zu geben— daß er fühle, wir hätten ein Recht zur Nachfrage— und daß er, im Falle ihm je etwas Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 17 258 widerführe, ausdrücklich verlange, ſein auf meinem Beſitzthume befindliches Eigenthum ſolle als das meinige betrachtet werden, als kleine Entſchädigung für die Unruhe und Unannehmlichkeit, die mir er⸗ wachſen könnte— mit einem Wort,“ fügte Herr Braß noch zutraulicher und einſchmeichelnder bei, „haben Sie keinen Grund abgeſehen, ihn in meinem Namen unter dieſen Bedingungen als Miethsmann aufzunehmen?“ „Gewiß nicht,“ verſetzte Dick. „Wohlan denn, Herr Richard,“ ſagte Braß, indem er ihm einen finſtern und vorwurfsvollen Blick zuſchießen ließ,„ſo iſt es meine Meinung, daß Sie ſich in Ihrem Beruf vergriffen haben und daß Sie nie einen Advokaten abgeben werden.“ „Nein, und wenn er tauſend Jahre lebte,“ fügte Miß Sally bei. Bruder und Schweſter nahmen ſofort eine ge⸗ räuſchvolle Priſe Schnupftabak aus der kleinen zin⸗ nernen Doſe und verſanken in ein düſteres Nach⸗ denken. Weiter fiel nichts mehr vor bis zu Herrn Swi⸗ vellers Mittageſſensſtunde, nämlich der dritten des Nachmittags, die ſich für ihn mit dem langſamen Zei⸗ tenlauf von drei Wochen zu nahen ſchien. Mit dem erſten Glockenſchlage verſchwand der neue Schreiber, und mit dem letzten der fünften Stunde erſchien er wieder in dem Bureau, das jetzt, wie durch Zauberei, 3 — 259 durch die würzigen Düfte von Grog und Zitronen⸗ ſchaale erfüllt wurde. „Herr Richard,“ ſagte Braß,„der Mann iſt noch nicht aufgeſtanden. Nichts kann ihn wecken, Sir. Was iſt wohl zu thun?“ „Ich würde ihn ſein Schläfchen ausſchlafen laſſen,“ verſetzte Dick. „Ausſchlafen?“ rief Braß.„Zum Henker, er hat jetzt ſchon ſechsundzwanzig Stunden geſchlafen. Wir haben Truhen und Commoden über ſeinem Kopfe gerückt, wir haben an die Hausthüre geklopft, wir haben das Dienſtmädchen mehremal die Treppe hinunter geworfen(ſie iſt leicht und hat keinen ſon⸗ derlichen Schaden genommen), aber nichts vermag ihn zu erwecken.“ 1 „Vielleicht geht's mit einer Leiter,“ rieth Dick; „man kann zu den Fenſtern des erſten Stocks hinan⸗ ſteigen——“ „Aber dann iſt eine Thüre dazwiſchen, und außerdem brächte es die Nachbarſchaft auf die Beine,“ entgegnete Braß. „Wie wäre es, wenn man durch die Fallthüre auf das Dach des Hauſes ſtiege und ſich durch den Schornſtein hinunter ließe?“ meinte Dick. „Das wäre ein vortrefflicher Plan,“ ſagte Braß, „wenn Jemand—“ und dabei ſah er Herrn Swi⸗ veller ſehr feſt an—„wenn Jemand ſo gütig, ſo freundlich und ſo großmüthig ſeyn wollte, es zu 17*† ,–.– 260 unternehmen. Ich wette, es iſt durchaus nicht ſo un⸗ angenehm, als man ſich's vorſtellt.“ Dick hatte dieſen Rath ertheilt, in der Meinung, die Ausführung deſſelben dürfte in Miß Sally's Departement fallen. Da er alſo nichts weiter ſagte und den Wink ganz unbeachtet ließ, ſo machte Herr Braß den Vorſchlag, ſie ſollten mit einander die Treppe hinauf gehen und noch eine letzte Anſtrengung machen, den Schläfer durch einige weniger gewaltſame Mittel zu wecken, und wenn dieß fehlſchlüge, ſo müß⸗ ten entſchieden kräftigere Maßregeln folgen. Herr Swiveller pflichtete bei, bewaffnete ſich mit ſeinem Schreibebock und dem großen Lineal und verfügte ſich mit ſeinem Brodherrn zu dem Schauplatze der Handlung, wo Miß Braß bereits aus Leibeskräften mit einer Tiſchklingel läutete, ohne jedoch die min⸗ deſte Wirkung auf den geheimnißvollen Miethsmann hervorbringen zu können. „Da ſind ſeine Stiefel, Herr Richard,“ ſagte Braß. „Jedenfalls ein paar ungemein hartnäckig aus⸗ ſehende Gegenſtände,“ verſetzte Richard Swiveller. Und in der That war es ein ſo plumpes und ſchwerfälliges Paar Stiefel, wie man ſie nur ſehen konnte— ſo feſt auf den Boden gepflanzt, als ob ihres Eigenthümers Beine und Füße darin ſtäcken und ſcheinbar mit ihren breiten Sohlen und plumpen Zehen ihren Standort mit Gewalt in Beſitz be⸗ haltend. 261 „Ich kann nichts, als den Bettvorhang ſehen,“ ſagte Braß, das Auge an das Schlüſſelloch der Thüre legend.„Iſt es ein ſtarker Mann, Herr Richard?“ „Sehr,“ antwortete Dick. „Es wäre ein außerordentlich unangenehmer Um⸗ ſtand, wenn er plötzlich hercusſtürzte,“ ſagte Braß. „Haltet die Treppe frei. Ich würde ihm natürlich mehr als gewachſen ſeyn, aber ich bin der Hausherr, und die Geſetze der Gaſtfreundſchaft müſſen reſpectirt werden.— Holla da! holla, holla, holla!“ Während Herr Braß, ſein Auge neugierig in das Schlüſſelloch bohrend, dieſe Töne vernehmen ließ, um die Aufmerkſamkeit des Miethmanns zu er⸗ regen, und während Miß Braß von der Tiſchklingel fleißigen Gebrauch machte, ſchob Herr Swiveller ſei⸗ nen Schreibebock neben der Thüre dicht an die Wand, ſtieg auf denſelben und blieb bolzgerade darauf ſtehen, ſo daß der Miethsmann, wenn er einen Ausfall machte, wahrſcheinlich in ſeiner erſten Wuth an ihm vorbeiſchießen mußte; und nun eröffnete er mit dem Lineal ein ungeſtümes Bombardement gegen die obe⸗ ren Planken der Thüre. Im ſtolzen Selbſtgefühle über ſeinen Scharfſinn und auf die Kraft ſeiner Stellung vertrauend, welche er nach der Weiſe der⸗ jenigen kühnen Individuen gewählt hatte, die an ſehr beſuchten Abenden das Parterre und die Gallerie⸗ thüren der Theater öffnen, ließ Herr Swiveller einen ſolchen Schauer von Stößen herabregnen, daß der 262 Lärm der Klingel ganz erſtickt wurde und die kleine Dienſtmagd, welche auf der Treppe oben ſtand, um bei eheſter Gelegenheit flüchtig werden zu können, die Ohren zuhalten mußte, um nicht für ihre Lebenszeit taub zu werden. Auf einmal klappte das Schloß von innen und die Thüre flog mit Ungeſtüm auf. Die kleine Magd flüchtete ſich nach dem Kohlenkeller, Miß Sally ſchlüpfte in ihr Schlafgemach, und Herr Braß, der ſich nicht gerade durch perſönlichen Muth auszeich⸗ nete, eilte auf die Straße; als er jedoch fand, daß ihm Niemand mit einem Schüreiſen oder einer an⸗ dern gefährlichen Waffe folgte, ſo ſteckte er die Hände in die Taſchen und ging mit einemmal ganz langſam einher, indem er vor ſich hinpfiff. Mittlerweile drückte ſich Herr Swiveller, der noch immer auf ſeinem Bocke ſtand, ſo platt als möglich an die Wand und ſah, nicht ganz unbefan⸗ gen, auf den ledigen Herrn hinunter, der ſich brum⸗ mend und auf eine entſetzliche Weiſe fluchend an der Thüre zeigte, ſeine Stiefel in der Hand, welche er aus Spekulation die Treppe hinunter ſchleudern zu wollen ſchien. Dieſer Gedanke kam jedoch nicht zur Ausführung, und als er ſich, noch immer Rache ſchnaubend gegen ſein Zimmer umwandte, begegneten ſeine Blicke denen des achtſamen Richard. „Haben Sie dieſen ſchrecklichen Lärm gemacht,“ fragte der ledige Herr. „Ich habe dazu geholfen,“ antwortete Dick, kein 263 Auge von dem Andern verwendend und das Lineal leicht in ſeiner Rechten ſchwingend, zum Zeichen, was der ledige Herr zu gewarten habe, wenn er Gewalt verſuche.. „Wie können Sie ſich unterſtehen— he?“ fragte der Miethsmann. Dick antwortete hierauf nur durch die Frage, ob der Miethmann es mit dem Benehmen und der Aufführung eines Gentlemans verträglich halte, ſechs⸗ undzwanzig Stunden an einemfort zu ſchlafen, und ob die Ruhe einer liebenswürdigen und tugendhaften Familie denn gar nichts in der Waagſchaale aus⸗ mache. „Gilt denn meine Ruhe nichts?“ entgegnete der ledige Herr. „Ich frage, ob ihre Ruhe nichts gelte?“ erwie⸗ derte Dick.„Es iſt nicht meine Abſicht, zu drohen, Sir— in der That, Drohungen ſind geſetzlich ver⸗ boten, und man kann dafür in Strafe verfallen— aber wenn Sie's je wieder ſo machen, ſo nehmen Sie ſich in Acht, daß nicht der Todtenſchauer über Sie kömmt und Sie an einem Kreuzwege begraben werden, ehe Sie wieder aufwachen. Wir haben uns halb zu todt geängſtigt, weil wir Sie für geſtorben hielten,“ fügte Dick bei, indem er ſachte auf den Boden herunter rutſchte,„und das Kurze und Lange davon iſt, daß wir ledige Herren nicht in dieſes Haus kommen und für zwei Gentlemen ſchlafen laſſen kön⸗ nen, ohne daß ein Extra dafür bezahlt wird.“ 264 „Wirklich?“ rief der Miethsmann. „Ja, Sir, allerdings,“ entgegnete Dick, indem er ſich ſeinem Geſchicke fügte und ſagte, was ihm eben in den Mund kam; neine ſolche Quantität Schlaf iſt nie aus einem Bett und aus einer Bett⸗ ſtatt herausgekommen; und wenn Sie in dieſer Weiſe ſchlafen wollen, ſo müſſen Sie für ein Zimmer mit zwei Betten bezahlen.“ Statt durch dieſe Bemerkungen in noch größeren Zorn zu gerathen, verzog der Miethsmann ſein Ge⸗ ſicht zu einem breiten Grinſen und ſah Herrn Swi⸗ veller mit zwinkernden Augen an. Er war ein brau⸗ ner, ſonnverbrannter Mann, und ſchien noch brauner und ſonnverbrannter zu ſeyn, weil er eine weiße Nacht⸗ mütze aufhatte. Jedenfalls war er aber in manchem Betracht ein choleriſcher Burſche, weßhalb es Herrn Swiveller zu großem Troſte gereichte, ihn in ſo guter Laune zu finden, und um ihn in derſelben zu erhal⸗ ten, lächelte er gleichfalls. Deer Miethsmann hatte in ſeinem Aerger über die ungehobelten Weckverſuche die Nachtmütze auf die eine Seite ſeines kahlen Hauptes geſchoben. Dieß gab ihm ein etwas liederliches, excentriſches Ausſehen, ob dem ſich Herr Swiveller, der jetzt Zeit zu Beobach⸗ tungen fand, ausnehmend ergötzte. Um jedoch den ledigen Herrn günſtig für ſich zu ſtimmen, drückte er ſeine Hoffnung aus, er werde wohl jetzt aufblei⸗ ben und etwas der Art nicht wieder thun. „Komm her, du unverſchämter Schuft,“ lautete —-—- die Antwort des Miethsmanns, als er wieder in ſein Gemach trat. Herr Swiveller folgte ihm und ließ den Bock außen, ohne ſich jedoch, für den Fall einer Ueber⸗ rumpelung, des Lineals zu begeben. Er wünſchte ſich auch einigermaßen Glück zu dieſer klugen Vorſichts⸗ maßregel, als der ledige Herr ohne weitere Erklärung die Thüre doppelt abſchloß. „Können Sie etwas trinken?“ war die nächſte Frage. Herr Swiveller antwortete, er habe zwar erſt kürzlich die Qualen des Durſtes geſtillt, es ſey aber immer noch etwas übrig für einen„beſcheidenen Löſcher,“ ſobald ſich Material vorfinden laſſe. Ohne weitere Gegenrede nahm nun der Miethsmann aus ſeinem großen Koffer eine Art von Tempel, der wie polirtes Silber glänzte und ſtellte ihn bedächtig auf den Tiſch. Herr Swiveller nahm großen Antheil an dieſen Vorkehrungen und beobachtete den Miethsmann auf's Genaueſte. Dieſer legte in eine kleine Kammer ſeines Tempels ein Ei, in eine andere etwas Kaffee, in eine dritte ein feſtes Stückchen rohen Rindfleiſches aus einer netten Zinnbüchſe, und in eine vierte goß er etwas Waſſer. Dann machte er unter Beihülfe eines Phosphorfeuerzeugs und einiger Schwefelhölzer Licht, und brachte daſſelbe an eine Weingeiſtlampe, welche ihren Platz unterhalb des Tempels gefunden hatte; dann legte er auf die kleinen Kammern Deckel auf, öffnete ſie wieder, und dann war durch irgend 266 eine wundervolle, unſichtbare Thätigkeit das Beefſteak gar, das Ei geſotten, der Kaffee auf's Genaueſte zu⸗ bereitet und das Frühſtück fertig. „Heißes Waſſer—“ ſagte der Miethsmann, indem er daſſelbe Herrn Swiveller mit einer Ruhe hinüber reichte, als hätte er ein gewöhnliches Küchen⸗ feuer vor ſich—„außerordentlicher Rum— Zucker — und ein Reiſeglas— miſchen Sie ſelbſt, miſchen Sie ſelbſt und beeilen Sie ſich.“ Dick gehorchte, obgleich ſeine Augen die ganze Zeit über ohne Unterlaß zwiſchen dem Tempel auf dem Tiſch, der ein Tauſendkünſtler zu ſeyn ſchien und dem großen Koffer, in welchem ſich augenſchein⸗ lich alles nur Erdenkliche befand, hin und her wan⸗ derte. Der Miethsmann nahm ſein Frühſtück wie ein Mann ein, der gewöhnt iſt, ſolche Mirakel zu wirken, und ſich keine Gedanken darüber macht. „Der Hausbeſitzer iſt ein Rechtsgelehrter, nicht wahr?“ ſagte der Miethsmann. Dick nickte. Der Rum war bewunderungswürdig. „Und die Weibsperſon im Hauſe— wer iſt die?“ „Ein Drache,“ lautete Dick’s Antwort. Der ledige Herr äußerte keine Ueberraſchung, vielleicht weil ihm derartige Dinge ſchon auf ſeinen Reiſen vorgekommen waren, vielleicht auch weil er ein lediger Herr war, ſondern fragte blos: „Weib oder Schweſter?“ „Schweſter,“ ſagte Dick. //— —.,. 267 f„Um ſo beſſer,“ entgegnete der ledige Herr;„ſo — kann er ihrer los werden, wenn es ihm gut dünkt.“ „Ich will ganz nach meinem Gefallen leben, . junger Mann,“ fügte er nach einer kurzen Pauſe bei, 3„zu Bette gehen, wenn es mir beliebt, aufſtehen, . wenn es mir beliebt, heimkommen, wenn es mir be⸗ r liebt, ausgehen, wenn es mir beliebt— ohne daß man mir Fragen vorlegen oder mich mit Spionen umringen darf. In letzterem Betracht ſind Dienſt⸗ e boten des Teufels. Es iſt nur ein einziger hier?“ //— „Und zwar ein ſehr kleiner,“ verſetzte Dick. „Ein ſehr kleiner?“ wiederholte der Mieths⸗ mann.„Nun, der Platz wird für mich paſſen— nicht wahr?“ Dick antwortete mit„ja.“ u„Vermuthlich Preller?“ ſagte der Miethsmann. Dick nickte zuſtimmend und trank ſein Glas aus. ht„Theilen Sie ihnen meine Willensmeinung mit,“ ſagte der ledige Herr aufſtehend.„Wenn ſie mich be⸗ g. unruhigen, ſo verlieren ſie einen guten Miethsmann. iſt Iſt ihnen einmal ſo viel bekannt, ſo wiſſen ſie genug. Verſuchen ſie's, mehr zu erfahren, ſo nehm ich dieß als Aufkündigung. Es iſt am beſten, die Sache g, 4 gleich in's Reine zu ſtellen. Guten Tag.“ en„Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte Dick, ſeine Bewegung nach der Thüre, welche der Miethsmann eben öffnen wollte, unterbrechend.„Wenn ihm, der dich verehrt, der Namen hinterbliebe—“ „Was wollen Sie damit ſagen“— 268 „Der Name,“ verſetzte Dick—„der Name hinterbliebe— falls Briefe oder Päcke—“ „Ich erhalte nie welche,“ entgegnete der Mieths⸗ mann. „Oder im Falle, daß Beſuche kommen wollten.“ „Ich nehme nie Beſuche an.“ „Wenn jedoch ein Mißverſtändniß daraus ent⸗ ſteht, daß wir keinen Namen kennen, Sir, ſo dür⸗ fen Sie es nicht mir zur Laſt legen,“ fügte Dick bei, indem er noch immer zögerte.—„Oh, ſchmäht den Barden nicht—“ „Ich ſchmähe Niemand,“ rief der Miethsmann mit einer ſolchen Gereiztheit, daß ſich Dick in einem Nu auf der Treppe befand und die Thüre zwiſchen Beiden abgeſchloſſen war. Herr Braß und Miß Sally lauſchten ganz in der Nähe und waren in der That nur durch Herrn Swiveller's plötzliche Verbannung von dem Schlüſſel⸗ loch verſcheucht worden. Trotz aller Anſtrengung hatten ſie aber, in Folge eines Streites um den Vorrang, kein Wort vernehmen können, da derſelbe, obgleich durch die Nothwendigkeit von Püffen, Knif⸗ fen und ſonſtige ruhige Pantomimen in Schranken gehalten, die ganze Zeit über gedauert hatte; und ſo eilten ſie jetzt in das Bureau hinunter, um einen ausführlichen Bericht über die Vorfallenheiten zu hören. Dieſen gab auch Herr Swiveller— ganz der Wahrheit gemäß, was die Wünſche und den Charak⸗ —— t 2 e d n t k k e n SBrESSSUAe = 2 —— 269 ter des ledigen Herrn betraf, und in einigen poetiſchen Ausſchmückungen hinſichtlich des großen Koffers, den er auf eine Art ſchilderte, welche mehr um des Feuers der Phantaſie, als um der ſtrengen Treue willen merkwürdig war; denn er erklärte unter vielen kräf⸗ tigen Bethenerungen, daß er Muſter von allen Arten köſtlicher Speiſen und Getränke, welche der Zeit be⸗ kannt wären, enthalte, und daß er namentlich in einer gewiſſen Selbſtthätigkeit alles ſervire, was man wünſche— vermuthlich durch ein Uhrwerk. Auch deutete er an, daß der Kochapparat das Lendenſtück eines fetten Ochſen von ungefähr ſechs Pfund avoir du poise in zwei und einer Viertelminute briete, wie er ſelbſt mit eigenen Augen angeſehen und mit eigener Zunge geſchmeckt habe; ferner habe er ſich perſönlich überzeugt, obgleich er nicht wiſſe, wie es zugehe, daß das Waſſer auf einen bloßen Wink des ledigen Herrn kochte und ſprudelte; aus welchen Thatſachen Herr Swiveller vermuthen wollte, daß der Miethsmann ein großer Zauberer oder Chemiker, vielleicht auch beides ſey, deſſen Aufenthalt unter die⸗ ſem Dache nicht ermangeln könne, eines Tages dem Namen Braß große Ehre und Auszeichnung zu ver⸗ leihen und der Geſchichte von Bevis Mark neues Intereſſe zu geben. Ein Punkt war jedoch vorhanden, hinſichtlich deſſen Herr Swiveller es nicht für nöthig erachtete, ſich weiter zu verbreiten, nämlich das wahre Sach⸗ verhalten mit dem beſcheidenen Löſcher, welcher in 270 Folge ſeiner eindringlichen Kraft und vielleicht auch, weil er dem mäßigen Getränke, welchem Dick bei Tiſch zugeſprochen hatte, gefolgt war, einige Fieber⸗ bewegungen veranlaßte und daher die Nothwendigkeit herbeiführte, im Laufe des Abends zwei oder drei weitere beſcheidene Löſcher in dem Wirthshauſe zu holen. Der Naritätenladen. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Da der ledige Herr nach einem Aufenthalte von einigen Wochen in ſeiner Wohnung noch immer nicht geneigt war, durch Worte oder Geberden mit Herrn Braß und ſeiner Schweſter in Verbindung zu treten, ſondern unabänderlich Richard Swiveller zum Kanal ſeiner Mittheilungen wählte; und da er ſich ferner in jeder Hinſicht als einen höchſt wünſchenswerthen Hausgenoſſen erwies, ſintemal er alles zum Voraus bezahlte, ſehr wenig Störung veranlaßte, keinen Lärm machte und früh nach Hauſe kam,— ſo erhob ſich Herr Nichard Swiveller unmerklich zu einer bedeut⸗ ſamen Stellung in der Familie, indem man ihn als einen Mann betrachtete, der Einfluß auf dieſen ge⸗ ——— u— ——— 271 heimnißvollen Miether hatte und mit demſelben über Gut und Böſe verhandeln konnte, wenn Niemand Anders ſich ſeiner Perſon nahen durfte. Um jedoch die Wahrheit zu ſagen— ſelbſt Herrn Swivellers Zutritt zu dem ledigen Herrn war von ſehr abgemeſſener Art und erhielt eine gar ge⸗ ringe Ermuthigung. Da er jedoch nie von ſeiner ein⸗ ſylbigen Unterhaltung mit dem Unbekannten zurück⸗ kehrte, ohne ſich auf Ausdrücke zu beziehen, als da waren:„Swiveller, ich weiß, daß ich mich auf Sie verlaſſen kann“—„ich nehme keinen Anſtand, zu ſa⸗ gen, Swiveller, daß ich große Achtung vor Ihnen hege“—„Swiveller, Sie ſind mein Freund, und ich bin überzeugt, daß Sie mir zur Seite ſtehen werden,“ und ſo noch viele andere kurze Redensarten in ähnlicher familiärer und vertraulicher Weiſe, welche der ledige Herr gegen ihn geäußert haben und die den gewöhnlichen Gegenſtand ihres Geſprächs bilden ſollten, ſo beanſtandeten Herr Braß und Miß Sally keinen Augenblick die Ausdehnung ſeines Einfluſſes, ſondern ſchenkten ihm den vollſtändigſten und unbe⸗ dingteſten Glauben.. Aber ganz geſondert und unabhängig von dieſer Quelle ſeiner Beliebtheit, ſprudelte für Herrn Swi⸗ veller noch eine andere, von welcher ſich hoffen ließ, daß ſie gleich dauernd werde und ſeine Lage beträcht⸗ lich erleichtern könne. Er hatte nämlich Gnade in den Augen von Miß Sally Braß gefunden. Mögen nicht leichtſin⸗ 272 nige Spötter über weiblichen Zauber ihre Ohren ſpitzen, um eine neue Liebesgeſchichte zu hören, die ihnen doch nur Anlaß zum Scherze geben würde; denn wie ſehr auch Miß Braß geſchaffen war, um geliebt zu werden, ſo hatte ſie doch durchaus nichts Sentimentales an ſich. Dieſer liebenswürdigen Jung⸗ frau, die ſich von früheſter Jugend an die Schöße der Jurisprudenz geklammert, unter Beihülfe derſel⸗ ben ihr erſtes Laufen gelernt und ſie ſeitdem nicht wieder losgelaſſen hatte, war das Leben in einer Art juriſtiſcher Kindheit hingeſchwunden. Als zartes Kind hatte ſie ſich durch ihr ungewöhnliches Talent aus⸗ gezeichnet, den Gang und die Geberden des Gerichts⸗ dieners nachzuäffen, in welcher Rolle ſie auch gelernt hatte, ihre kleinen Spielgefährten auf die Schultern zu klopfen und dieſelben nach einem imaginären Schuldthurme zu führen: dieß that ſie denn auch mit einer Correctheit der Nachahmung, welche bei allen Zeugen ihren Leiſtungen Staunen und Luſt erregte und nur durch die exquiſite Weiſe übertroffen wurde, mit der ſie in ihrer Puppenſtube Execution einlegte und ein genaues Inventar der Stühle und Tiſche aufnahm. Dieſe unſchuldigen Spiele hatten natürlich den Lebensabend ihres verwittweten Vaters, eines exemplariſchen Herrn, der von ſeinen Freunden wegen ſeines außerordentlichen Scharfſinns nur„das alte Füchschen“ genannt wurde, beſänftigt und er⸗ heitert; er ermuthigte dieſelben nach Kräften, und ſeine Hauptſorge, als es mit ihm dem Houndsditch⸗ —-—„ 273 Kirchhofe immer näher ging, beſtand nur darin, daß er ſeiner Tochter kein Advokatenpatent auswirken und ſte in die Liſte eintragen laſſen konnte. Voll dieſes zärtlichen und rührenden Schmerzes hatte er ſie feierlichſt als eine unſchätzbare Gehilfin ſeinem Sohne Sampſon anempfohlen; und ſeit dem Ableben des alten Herrn bis zu der Periode, von welcher unſere Geſchichte handelt, war Miß Sally Braß die Stütze und der Pfeiler des Geſchäfts. Da ſich die Dame von Kindheit an nur dieſem einzigen Dichten und Trachten geweiht hatte, ſo fällt es in die Augen, daß ſie von der Welt wenig mehr, als ihre Beziehungen zu dem Geſetze kannte und daß von einem mit einer ſo hohen Geiſtesrichtung begabten Frauenzimmer eine Erfahrung in jenen ſanfteren und edleren Künſten, worin ſich das weib⸗ liche Geſchlecht gewöhnlich auszeichnet, kaum zu er⸗ warten war. Miß Sally's Vorzüge waren alle von männlicher und ſtreng juriſtiſcher Art. Sie begannen und endigten mit der Praxis eines Anwalts, und die Dame befand ſich daher, ſo zu ſagen, in einem Zu⸗ ſtande juriſtiſcher Unſchuld. Das Recht war ihre Amme geweſen, und ſofern man ſchiefe Beine und ähnliche phyſiſche Deformitäten der Kinder für die Folge ſchlechter Pflege hält, ſo konnte man nur der Amme von Miß Sally Braß einen Vorwurf machen, wenn ſich in einer ſo ſchönen Seele irgend eine mo⸗ raliſche Schiefe oder Verkrümmung vorfand. Dieſe Dame alſo war es, auf welche Herr Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 418 8 274 Swiveller den lebensfriſchen Eindruck eines niege⸗ habten Traumes übte, wenn er das Bureau mit ſeinen Liederſtrophen und ſeiner Jovialität erheiterte, mit Tintenfäſſern und Oblatenſchachteln Taſchenſpieler⸗ künſte ausführte, mit einer Hand drei Orangen auffing, die Schreibeböcke auf dem Kinn und Feder⸗ meſſer auf der Naſe balancirte, und ohne Unterlaß hundert andere Großthaten einer ähnlichen Kunſt⸗ fertigkeit ausführte; denn mit ſolchen Erholungen ertödtete Richard, wenn Herr Braß abweſend war, die Langeweile ſeiner Gefangenſchaft. Dieſe geſelligen Eigenſchaften, welche Miß Sally ganz zufällig ent⸗ deckte, übten allmälig einen ſolchen Eindruck auf ſie, daß ſie Herrn Swiveller oft zu bitten pflegte, er möchte ein wenig ausruhen und thun als ob ſie nicht zugegen wäre, was ſich Herr Swiveller natürlich nicht zweimal ſagen ließ. Und ſo entſpann ſich zwi⸗ ſchen ihnen eine Freundſchaft. Herr Swiveller ge⸗ wann es bald über ſich, ſie in der Weiſe ihres Bru⸗ ders Sampſon zu betrachten, nämlich ſo, wie er einen Collegen betrachtet haben würde. Er weihte ſie in das Geheimniß ein, um Obſt, Ingwerbier, gebratene Kartoffeln, oder auch um einen beſcheidenen Löſcher Karten zu ſpielen, und Miß Braß nahm keinen An⸗ ſtaud, die Spielprämien mitzugenießen. Oft wußte er ſie auch zu bereden, daß ſie zu dem ihrigen auch noch ſeinen eigenen Schreibereiantheil übernahm, und bis⸗ weilen belohnte er ſie dafür mit einem kräftigen Schlag auf den Rücken, wobei er betheuerte, ſie ſey ein ver⸗ 275 teufelt guter Kerl, ein jovialer Kauz und dergleichen, — Complimente, welche Miß Sally in der beſten Laune und mit vollkommener Zufriedenheit entgegen⸗ nahm. Nur ein Umſtand lag ſchwer auf Richards Her⸗ zen, nämlich, daß die kleine Dienſtmagd ſich fort⸗ während in den Eingeweiden der Erde unter Bevis Marks umtrieb und nie auf die Oberfläche kam, als wenn der ledige Herr klingelte, nach Beſorgung ihres Auftrags aber ſtets gleich wieder verſchwand. Sie ging nie aus, kam nie in das Bureau, hatte nie ein reines Geſicht, nahm nie ihre grobe Schürze ab, ſah nie aus dem Fenſter, ſtand nie unter der Hausthüre, um friſche Luft einzuathmen, und hatte nie Ruhe, oder was immer für eine Erholung. Niemand be⸗ ſuchte ſie, Niemand ſprach mit ihr und Niemand kümmerte ſich um ſie. Herr Braß hatte einmal ge⸗ ſagt, er glaube ſie ſey„ein Kind der Liebe“(was alles Andere, nur nicht ein geliebtes Kind, beſagen will) und dieß war die ganze Auskunft, welche Richard Swiveller zu erlangen wußte. „Es führt zu nichts, wenn ich den Drachen darüber befrage,“ dachte Dick, als er eines Tages daſaß und ſich in die Züge von Miß Sally Braß vertiefte;„dann wenn ich in dieſer Hinſicht Fragen ſtellte, ſo wäre es vermuthlich mit unſerem guten Einvernehmen zu Ende. Ich möchte übrigens wiſſen, ob ſie wirklich aus dem Drachengeſchlecht iſt, oder ob ſie nicht vielmehr beziehungsweiſe zu der Race 18 276 der Meerjungfern gehört. Jedenfalls hat ſie ein etwas ſchuppigtes Ausſehen. Aber Meerjungfern be⸗ trachten ſich gerne im Spiegel, was bei ihr nicht zu⸗ trifft; auch pflegen ſie ſich häufig die Haare zu kämmen, was bei ihr wieder nicht der Fall iſt. Nein, ſie iſt ein Drache.“ „Wohin wollen Sie, alter Burſche,“ ſagte Dick laut, als Miß Sally ihre Feder wie gewöhnlich an dem grünen Kleide abwiſchte und von ihrem Sitze aufſtand. „Zum Mittageſſen,“ antwortete der Drache. „Zum Mittageſſen,“ dachte Dick.„Das iſt ein anderer Umſtand. Ich glaube nicht, daß die kleine Dienſtmagd je etwas zu eſſen kriegt.“ „Sammy kömmt nicht nach Hauſe,“ ſagte Miß Braß.„Bleiben Sie, bis ich wieder zurückkomme. Ich werde nicht lange fort ſeyn.“ Dick nickte und verfolgte mit den Augen Miß Braß bis zur Thüre, mit den Ohren aber bis zu dem kleinen Hinterſtübchen, wo ſie und ihr Bruder ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegten. „Nun,“ ſagte Dick, indem er, die Hände in ſeinen Taſchen, auf und ab ging,„ich würde etwas geben— vorausgeſetzt, daß ich etwas hätte— wenn ich wüßte wie man jenes Kind behandelt und wo es ſich auf⸗ halten muß. Meine Mutter muß eine ſehr neugie⸗ rige Frau geweſen ſeyn, und ohne Zweifel habe ich irgendwo ein Fragezeichen als Muttermahl. Ich unterdrücke mein Gefühl, doch du biſt meiner Aeng⸗ ————-—„—, 30 A e—,— 1 △—‿ N N 277 ſten Quelle— auf mein Wort,“ fügte Herr Swi⸗ veller bei, indem er ſich ſelbſt unterbrach und gedan⸗ kenvoll in den Clientenſtuhl ſank;„ich möchte wiſſen, wie man ſie behandelt!“ Nachdem ſich Herr Swiveller eine Weile ſo er⸗ gangen hatte, öffnete er ſachte die Bureauthüre, in der Abſicht, nach einem Glaſe milden Porters über die Straße hinüber zu ſchlüpfen. In dieſem Augen⸗ blick gewahrte er noch einen Zipfel von Miß Sally's Kopfputze, welche eben die Küchentreppe hinunterglitt. „Und beim Jupiter!“ dachte Dick,„ſie geht hin, um der Magd Nahrung zu reichen. Jetzt oder nie!“ Er blickte zuerſt über dem Geländer weg, bis der Kopfputz unten in der Dunkelheit verſchwunden war, tappte ſich dann hinab und gelangte an die Thüre einer Hinterküche, in welche Miß Braß, eine kalte Hammelskeule in der Hand, eben eingetreten war. Es war ein ſehr dunkler, erbärmlicher Ort, ſehr niedrig, ſehr feucht und die Wände durch tau⸗ ſend Riſſe und Flecken entſtellt. Das Waſſer rann aus einem lecken Faſſe und eine ausgehungerte Katze leckte die Tropfen mit der krankhaften Gier des Ver⸗ ſchmachtens auf. Der weite Roſt war ſo dicht zu⸗ ſammengedreht und geſchraubt, daß nur ein kleines, dünnes Butterbrödchen von Feuer darauf Platz hatte. Alles war verſchloſſen; der Kohlenkeller, die Lichter⸗ kiſte, die Salzlade, der Fleiſchſchrank— überall ein Marderſchloß. Es war nicht ſo viel da, daß ein 278 Käfer davon hätte frühſtücken können. Der ver⸗ zwickte und magere Anblick des Ortes hätte ein Chamäleon getödtet; denn beim erſten Mundvoll würde es gemerkt haben, daß die Luft nicht als Speiſe dienen könne, und in Verzweiflung hätte es ſeinen Geiſt aufgeben müſſen.— Die kleine Dienſt⸗ magd ſtand unterwürfig vor Miß Sally und ließ den Kopf hängen. „Biſt du da?“ ſprach Miß Sally. „Ja, Ma'am,“ antwortete die Kleine mit ſchwa⸗ cher Stimme. „Geh weiter weg von der Hammelskeule, denn ich kenne dich wohl darum, daß du ſie bemauſen wür⸗ deſt,“ ſagte Miß Sally. Das Mädchen zog ſich in einen Winkel zurück, während Miß Braß einen Schlüſſel aus der Taſche holte, den Speiſeſchrank öffnete und einen trübſeligen Haufen kalter Kartoffeln hervorlangte, die ſo eßbar wie Flußkieſel ausſahen. Dieſe ſtellte ſie der kleinen Magd hin und befahl ihr, ſich dazu niederzuſetzen; dann ergriff ſie ein großes Vorlegmeſſer und machte gewaltige Anſtalten es an der eutſprechenden Gabel zu wetzen. „Siehſt du dieß?“ fragte Miß Braß, die nach dieſer großartigen Einleitung ungefähr zwei Quadrat⸗ zolle von der Hammelskeule abſchnitt, und dem Mäd⸗ chen das winzige Stückchen an der Spitze der Gabel hinhielt. Das kleine Mädchen betrachtete den Rieſenbrocken 279 mit ſo gierigen Augen, als ob ſie jede Faſer daran zählen wollte, und antwortete: „Ja.“¹ Dann brauchſt aber nicht immer hinzugehen und zu ſagen, daß du hier kein Fleiſch erhielteſt,“ ent⸗ gegnete Miß Sally.„Da, iß es auf.“ Dieß war bald geſchehen. „Nun, willſt du etwa noch mehr?“ fragte Miß Sally. Das hungrige Geſchöpf hauchte als Erwiederung ein mattes„Nein.“ Augenſcheinlich handelte es ſich dabei um eine hergebrachte Förmlichkeit. „Du haſt einmal Fleiſch erhalten,“ ſagte Miß Braß, indem ſie die Thatſache reſumirte;„du haſt ſo viel bekommen, als du eſſen konnteſt; man hat dich gefragt, ob du mehr wolleſt, und du haſt mit „nein’ geantwortet; du brauchſt alſo nicht immer hin⸗ zugehen und zu ſagen, man halte dich ſpärlich: merke dir das.“ Nach dieſen Worten nahm Miß Sally das Fleiſch weg, ſchloß es in den Schrank, trat dann an die Seite des kleinen Dienſtmädchens und ſah dem⸗ ſelben zu, wie es über die Kartoffeln verfügte. . Es war augszſcheinlich, daß irgend ein außer⸗ ordentlicher Aerger in Miß Sally's zarter Bruſt ſchaffen mußte, und daß dieſer ſie veranlaßte, ohne die mindeſte augenfällige Urſache das Kind mit der Meſſerklinge bald auf die Hand, bald auf den Kopf, bald auf den Rücken zu klopfen, als ob ſte es ganz 280 unmöglich fände, dem armen Geſchöpfe ſo nahe zu ſtehen, ohne ihm einige leichte Püffe zu verſetzen. Noch größer war aber die Ueberraſchung, als Herr Swiveller ſah, wie ſein weiblicher Collega, nachdem er langſam der Thüre zugegangen, als wolle er die Küche verlaſſen und könne es doch nicht recht über ſich gewinnen, plötzlich wieder vorwärts ſtürzte, über die kleine Dienſtmagd herſtel und ihr mit geballter Fauſt einige tüchtige Schläge verſetzte. Die arme Dulderin ſchrie, aber mit ſo gedämpfter Stimme, als fürchte ſie ſich, ihre Stimme zu erheben, und endlich ſtieg Miß Sally, nachdem ſie ſich an einer Priſe Schnupftabak gelezt hatte, die Treppe hinauf, als Richard eben wohlbehalten wieder in dem Bureau angelangt war. Der Naritätenladen. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Der ledige Herr hatte unter anderen Eigen⸗ thümlichkeiten— und er beſaß deren einen ſo reich⸗ lichen Vorrath, daß er mit jedem Tage ein neues Pröbchen zu liefern vermochte— eine ganz außer⸗ ordentliche und merkwürdige Vorliebe für die Lei⸗ N N RN G RN 281 ſtungen des Polichinell. Wenn die Stimme dieſes Helden aus noch ſo großer Entfernung Bevis Marks erreichte, ſo konnte der ledige Herr, wenn er auch ſchon im Bette lag und ſchlief, aufſpringen, in ſeine Kleider ſchlüpfen und in vollem Galopp der Stelle zueilen, von wo er alsbald an der Spitze einer langen Proceſſion von Gaſſenjungen, welche das Theater und deſſen Eigenthümer umringten, zurückkehrte. Die Schaubühne wurde dann geradezu vor dem Hauſe des Herrn Braß aufgeſtellt; der ledige Herr pflanzte ſich in ein Fenſter des erſten Stocks, und die Dar⸗ ſtellung begann mit der ganzen aufregenden Beglei⸗ tung von Pfeife, Trommel und Gejubel— zur un⸗ ausſprechlichen Beſtürzung aller nüchternen Geſchäfts⸗ leute in jenem ruhigen Stadttheile. Man hätte erwarten mögen, daß nach Beendigung des Stücks ſowohl Schauſpieler als Auditorium ſich zerſtreuten; aber der Epilog war eben ſo ſchlimm, als das Spiel, denn kaum war der Teufel todt, als der ledige Herr den Puppenlenker nebſt ſeinem Aſſocié auf ſein Zim⸗ mer einlud, wo er ſie mit gebranntem Waſſer aus ſeinem Privatvorrath regalirte und lange Unter⸗ redungen mit ihnen hielt, deren Inhalt kein menſch⸗ liches Weſen zu ergründen vermochte. Das Geheim⸗ niß dieſer Verhandlungen war jedoch von keiner ſonderlichen Wichtigkeit, und es reicht zu, wenn wir mittheilen, daß während ihres Verlaufs die Maſſe ſich noch immer um das Haus drängte, daß die Gaſſenjungen die Trommel mit ihren Fäuſten bear⸗ 282 beiteten und mit ihren zarten Stimmen die des Po⸗ lichinell nachahmten, daß das Bureaufenſter durch platt angedrückte Naſen verdunkelt und das Schlüſſel⸗ loch der Hausthüre durch Augen erhellt wurde, und daß jedesmal, ſo oft ſich der ledige Herr oder einer ſeiner Gäſte an den oberen Fenſtern blicken oder auch nur das Ende ihrer Naſen ſichtbar werden ließen, ein ungeheures Verwünſchungsgebrüll von Seite des ausgeſchloſſenen Haufens erſcholl, der fort⸗ während heulte, zetterte und ſich durchaus nicht be⸗ ruhigen ließ, bis ihm die Schauſpieler verabfolgt wurden, welche er ſodann nach einem andern Orte begleitete. Mit einem Worte, es iſt hinreichend zu wiſſen, daß Bevis Marks durch dieſe Volksbewegungen revolutionirt wurde und daß Friede und Ruhe aus ſeinen Gränzen wichen. Niemand erboste ſich mehr über ſolche Scenen, als Herr Sampſon Braß, obgleich er es, da er in keinem Falle einen ſo einträglichen Hausgenoſſen ver⸗ lieren mochte, für klug hielt, den Schimpf, welchen ihm ſein Miethsmann anthat, mit deſſen Gelde ein⸗ zuſtreichen und das Publikum, das ſich um ſeine Thüre ſammelte, durch die ihm zugänglichen, unvoll⸗ kommenen Vergeltungsverſuche zu ärgern. Dieſe be⸗ ſchränkten ſich darauf, aus unſichtbaren Rinnen ſchmutziges Waſſer auf die Köpfe niederträufeln zu laſſen, ſie vom Dache des Hauſes aus mit Bruch⸗ ſtücken von Ziegel und Mörtel zu beſchießen und die Miethkutſcher zu beſtechen, plötzlich um die Ecke zu 283 fahren und ſich kopfüber unter den Haufen zu ſtürzen. Einigen Gedankenloſen dürfte es vielleicht im erſten Au⸗ genblicke auffallen, daß Herr Braß, als ein Mann des Rechtes, die Partei oder die Parteien nicht wegen Stö⸗ rung der Ruhe gerichtlich belangte; ſie werden aber vielleicht ſo gefällig ſeyn, ſich zu erinnern, daß Aerzte ſelten ihre eigenen Recepte einnehmen, und Geiſtliche nicht immer leben, wie ſie predigen; in gleicher Weiſe ſcheuen ſich auch die Advokaten, ſich um ihrer ſelbſt willen mit dem Rechte zu befaſſen, denn ſie wiſſen wohl, daß es ein ſcharfes Inſtrument iſt, unſicher in der Anwendung, koſtſpielig in ſeinen Wir⸗ kungen und ausgezeichneter durch ſeine Fähigkeit, überhaupt zu barbieren, als durch die Kunſt, ſtets die rechte Perſon zu barbieren. „Der Tauſend,“ ſagte Herr Braß eines Nach⸗ mittags;„ſchon zwei Tage ohne Polichinell! Ich hoffe, er hat endlich genug daran bekommen.“ „Warum hoffſt du das?“ verſetzte Miß Sally. „Was ſchadet er einem denn?“ „Nun, du biſt mir ein feiner Kerl!“ rief Braß, indem er verzweifelt die Feder niederlegte.„Ein Plagegeiſt biſt du!“⸗ „Nun, was ſchadet er wohl?“ wiederholte Sally. „Was er ſchadet?“ rief Braß.„Iſt es nicht Schaden genug, dieſes beſtändige Gejubel und Ge⸗ brüll gerade unter der Naſe zu haben, ſo daß man nichts arbeiten kann, und vor Verdruß mit den Zäh⸗ nen knirſchen möchte. Iſt es nicht Schaden genug, —— 4— 284 geblendet und erdrückt zu werden und des Königs Landſtraße durch einen Haufen tobender Schreier verſperrt zu ſehen, die Kehlen von— von—“ „Erz* haben müſſen,“ ergänzte Herr Swiveller. „Ja, von Erz,“ ſagte der Advokat, indem er nach ſeinem Schreiber hinblickte, um ſich zu über⸗ zeugen, daß er das Wort in voller Unſchuld und ohne bösartige Abſicht vorgeſchlagen habe.„Iſt das kein Schaden?“ Der Rechtsgelehrte unterbrach ſich plötzlich in ſeinem Eifer, horchte einen Augenblick, und da er die wohlbekannte Stimme vernahm, ſo ſtützte er den Kopf auf ſeine Hand, erhob die Augen nach der Zimmerdecke und murmelte ſchwach: „Da iſt wieder Einer!“ In demſelben Augenblicke öffnete ſich das Fenſter des ledigen Herrn. „Da iſt wieder Einer,“ wiederholte Braß;„und wenn ich einen Wagen nebſt vier Vollblutpferden haben könnte, die auf Bevis⸗Marks hereinſtürmten, wo der Haufen am dickſten iſt, ſo wollte ich mich's ohne Murren achtzehn Pence koſten laſſen.“ Das ferne Quiecken wurde aufs neue gehört. Die Thüre des ledigen Herrn wurde geöffnet. Er eilte ungeſtüm die Treppe hinunter auf die Straße und ohne Hut nach der Stelle, wo die Stimme her⸗ * Brass, Erz, Unverſchämtheit. — AE—— 62 285 kam, ohne Zweifel in der Abſicht, ſich die Dienſte der Fremden unverzüglich zu ſichern. „Ich möchte nur wiſſen, welcher Familie er an⸗ gehört,“ murmelte Sampſon, indem er Acten in ſeine Taſchen ſtopfte.„Wenn ſie nur ſo eine hübſche, kleine Commiſſion de lunatico nach dem Gray's Inn Kaffeehauſe beſcheiden und mir das Geſchäft übertragen wollte, ſo würde ich mich immerhin zu⸗ frieden geben, das Logis eine Weile leer ſtehen zu ſehen.“ Nach dieſen Worten klopfte ſich Herr Braß ſei⸗ nen Hut über die Augen, als wolle er ſie gegen den Anblick dieſer fürchterlichen Geſellſchaft ſichern, ſtürzte aus dem Hauſe und eilte von hinnen. Herr Swiveller war ein entſchiedener Freund von ſolchen Kunſtproduktionen, aus dem einfachen Grunde, weil nach dem Polichinell ſehen, oder über⸗ haupt aus dem Fenſter ſehen, beſſer war, als arbeiten, und da er aus demſelben Grunde ſich einige Muͤhe gegeben hatte, bei ſeinem weiblichen Collegen ein Gefühl für deren Schönheiten und mannigfaltige Ver⸗ dienſte zu wecken, ſo erhoben ſich er und Miß Sally wie aus Einem Antriebe, und nahmen ihre Stellung an dem Fenſter. Auf dem Geſimſe deſſelben, als auf einem Ehrenpoſten, hatten ſich's indeß bereits unter⸗ ſchiedliche junge Damen und Herren, die mit dem trocke⸗ nen Geſchäfte des Kinderwartens beſchäftigt waren und ihre Gegenwart nebſt der ihrer jungen Schütz⸗ linge bei derartigen Anläſſen für eine unerläßliche Ehrenſache betrachteten, ſo bequem gemacht, als es die Umſtände geſtatten wollten. Da das Glas trüb war, ſo riß Herr Swiveller, in Folge der freundlichen Gebräuche, die ſich zwiſchen ihnen entwickelt hatten, das braune Tuch von Miß Sally's Kopf und ſtäubte damit ſorgfältig die Schei⸗ ben ab. Als es wieder zurückgegeben und von der ſchönen Trägerin ſich auf's Neue angepaßt war(ſie that dieß mit vollkommener Ruhe und Gleichmüthig⸗ keit), kam der Miethsmann mit dem Puppenkaſten, den Puppenſpielern und einer Maſſe von Zuſchauern angeſtiegen. Der Figurenlenker verſchwand mit aller Haſt hinter den Vorhängen, und ſein Aſſocié, der ſich neben dem Theater aufſtellte, betrachtete das Auditorium mit einem merkwürdigen Ausdrucke von Melancholie, welcher noch merkwürdiger wurde, als er auf jenem zarten, muſikaliſchen Inſtrumente, das man volksthümlich eine Röhrenpfeife zu nennen pflegt, die Melodie zu einem ländlichen Tanze hauchte, ohne daß ſich dabei die Trauerphyſiognomie der obern Geſichtstheile verlor, obgleic=h Mund und Kinn noth⸗ wendigerweiſe in lebhaften Krämpfen begriffen waren. Das Drama ging zu Ende, die Zuſchauer wie gewöhnlich bis zum Schluſſe in der gehörigen Span⸗ nung erhaltend. Die Senſation, welche ſich in großen Verſammlungen erzeugt, wenn ſie aus einem Zuſtande athemloſer Aufmerkſamkeit erlöst ſind und die Leute wieder frei ſprechen und ſich bewegen dürfen, war noch in voller Thätigkeit, als der Miethsmann, wie vie 287 gewöhnlich, die Männer auf ſein Zimmer einlud. „Ihr Beide,“ rief er von ſeinem Fenſter herunter; denn nur der wirkliche Puppenſpieler, ein kleiner, fetter Mann ſchickte ſich an, der Aufforderung Folge zu leiſten.„Ich muß mit euch ſprechen. Kommt Beide herauf.“ „So kommt denn, Tommy,“ ſagte der kleine Mann. 1 „Bin kein Freund vom Sprechen,“ verſetzte der Andere.„Sagt ihm das. Für was ſoll ich da hin⸗ gehen und plaudern?“ „Seht Ihr nicht, daß der Herr eine Flaſche und Gläſer aufgetiſcht hat?“ entgegnete der kleine Mann. „Und hättet Ihr dieß nicht gleich anfangs ſagen können?“ erwiederte der Andere mit plötzlicher Behen⸗ digkeit.„Nun, auf was wartet Ihr noch? Soll der Herr einen ganzen Tag auf uns warten? Habt Ihr denn gar keine Manieren?“ Nach dieſer Vorſtellung ſchob ſich der melancho⸗ liſche Mann, der kein anderer, als Thomas Codlin war, an ſeinem Freunde und Gewerbsgenoſſen, dem Herrn Harry, ſonſt auch Short oder Trotters ge⸗ nannt, vorbei, und eilte nach dem Zimmer des ledi⸗ gen Herrn voran. 4 „Nun, ihr Männer,“ begann der ledige Herr; „ihr habt eure Sache ſehr gut gemacht. Mit was kann ich euch aufwarten? Sagt dem kleinen Mann da hinten, er ſolle die Thüre zumachen.“ 288 „Könnt Ihr nicht die Thüre zumachen?“ ſagte Herr Codlin, indem er ſich grämlich an ſeinen Freund wandte.„Ihr hättet, denke ich, wiſſen können, daß der Herr die Thüre geſchloſſen haben will, ohne daß man es Euch ſagen muß.“ Herr Short gehorchte, indem er zugleich vor ſich hin murmelte, ſein Freund ſcheine in ungewöhn⸗ lich munterer Laune zu ſeyn, und er hoffe nur, daß keine Milchkammer in der Nähe ſey, da ſeine Stim⸗ mung leicht deren Inhalt verderben könnte. Der Herr deutete auf ein paar Stühle und gab den Beiden durch ein nachdrückliches Kopfnicken zu verſtehen, er erwarte, daß ſie Platz nähmen. Die Herren Codlin und Short ſahen ſich eine Weile mit beträchtlicher Bedenklichkeit und Unſchlüſſigkeit an und ließen ſich endlich nieder— jeder auf die äußerſte Kante des ihm angewieſenen Stuhls— ohne ihre Hüte wegzulegen, während der ledige Herr aus einer Flaſche, die auf dem Tiſche neben ihm ſtand, ein paar Gläſer füllte und ſie in gebührender Form prä⸗ ſentirte. „Die Sonne hat euch Beiden ziemlich zugeſetzt,“ ſagte ihr Wirth.„Seyd ihr auf der Reiſe geweſen?“ Herrn Short's Antwort beſtand aus einem be⸗ jahenden Kopfnicken und einem Lächeln. Herr Codlin bekräftigte dieß gleichfalls durch ein Nicken und einen kurzen Seufzer, als ob er die Laſt des Tempels noch immer auf ſeinen Schultern fühlte. 1 d b 289 „Vermuthlich auf Meſſen, Preisrennen und Jahrmärkten?“ fuhr der ledige Herr fort. „Ja, Sir,“ verſetzte Short.„Faſt über den ganzen Weſten von England.“ „Ich habe ſchon mit Männern eueres Gewer⸗ bes aus dem Norden, Oſten und Süden geſpro⸗ chen,“ entgegnete ihr Wirth etwas haſtig,„aber nie iſt mir früher einer aus dem Weſten vorge⸗ kommen.“ „Unſere gewöhnlichen Sommerreiſen gehen nach dem Weſten,“ ſagte Short;„ja, ſo iſt’'s. Wir nehmen, was öſtlich von London liegt, im Frühling und im Winter, und den Weſten von England im Sommer. Es gab im Weſten drunten manchen har⸗ ten Tagmarſch im Regen und Schmutz, ohne daß wir einen Penny verdienten.“ „Laßt mich Euer Glas wieder füllen.“ „Sehr verbunden, Sir; ich denke, ich will mir's gefallen laſſen,“ ſagte Herr Codlin, plötzlich das ſeinige hinſtreckend und Short's Glas bei Seite drückend.„Ich bin der Leidende, Sir, mag man auf der Reiſe ſeyn, oder zu Hauſe bleiben. In der Stadt, oder auf dem Lande, bei naſſem oder trocke⸗ nem, bei heißem oder kaltem Wetter iſt Tom Codlin der Leidende. Aber Tom Cohlin iſt nicht der Mann, darüber zu klagen. O nein, Short mag ſich bekla⸗ gen, aber wenn Codlin nur ein Wörtchen murrt— ach du mein Himmel, dann nieder mit ihm, dann augenblicklich nieder mit ihm! Er iſt nicht in der Boz XII. Humphrey's Wanduhr. 19 Lage, zu murren— das erleidet gar keinen An⸗ ſtand.“ „Codlin iſt kein unnützer Menſch,“ bemerkte Short mit einem ſchalkhaften Blicke,„aber er hat nicht immer ſeine Augen offen. Er ſchläft bisweilen ein, müſſen Sie wiſſen. Erinnert Ihr Euch noch an das letzte Wettrennen, Tommy?“ „Wollt Ihr nie von Euren Kränkungen ablaſ⸗ ſen?“ verſetzte Codlin.„Es iſt natürlich ſehr möglich, daß ich geſchlafen habe, während fünf Shillinge und zehn Pence in einem Rundgange geſammelt wurden— nicht wahr? Ich habe auf mein Geſchäft geachtet, und konnte meine Augen nicht auf zwanzig Orte richten, wie ein Pfauhahn— ebenſowenig, als Ihr es könnt. Wenn ich nicht ſcharf genug bin für einen alten Mann und ein junges Kind, ſo ſeyd Ihr es auch nicht, weßhalb Ihr mir's nicht immer vorzu⸗ werfen braucht, denn die Kappe paßt ebenſogut auf Euern Kopf, als auf den meinigen.“ „Nun, wir könnten den Gegenſtand fallen laſſen, Tom,“ ſagte Short.„Ich darf wohl annehmen, daß ſich der Herr da nicht beſonders daran erbauen wird.“ „Dann hättet Ihr ihn gar nicht zur Sprache bringen ſollen,“ entgegnete Herr Codlin;„und ich bitte den Herrn Euretwegen um Verzeihung, denn Ihr ſeyd ein ſchwindeliger Burſche, der ſich ſelber gerne ſprechen hört und ſich wenig darum kümmert, von was er ſpricht, wenn ihm nur das Maul geht.“ 291 Bei dem Anfange dieſes Streites hatte der Wirth vollkommen ruhig dageſeſſen, indem er zuerſt den einen, dann den andern ſeiner Gäſte anſah, als laure er nur auf irgend eine Gelegenheit, eine wei⸗ tere Frage zu ſtellen, oder auf diejenige zurückzu⸗ kommen, von welcher das Geſpräch abgeſchweift hatte. Aber von dem Augenblicke an, da Herrn Codlin Schläfrigkeit zum Vorwurf gemacht wurde, hatte der ledige Herr ein größeres Intereſſe an der Unterhaltung genommen, welche jetzt ſehr lebhaft geführt wurde. „Ihr ſeyd die zwei Männer, die ich brauche,“ ſagte er,„die zwei Männer, welche ich geſucht, und nach welchen ich geſpähet habe. Wo iſt jener alte Mann und das Kind, von denen ihr ſprecht?“ „Sir,“ entgegnete Short ſtockend, indem er auf ſeinen Freund blickte. „Der alte Mann und ſeine Enkelin, die mit euch reisten— wo ſind ſie? Ich verſichere euch, es verlohnt ſich wohl der Zeit, davon zu ſprechen— weit mehr, als ihr glauben mögt. Sie verließen euch, ſagt ihr, bei jenem Pferderennen, ſo viel ich entnehmen kann. Man hat ihre Spur bis zu dieſem Platze verfolgt und dieſelbe dort verloren. Habt ihr keinen Schlüſſel— könnt ihr mir keinen Schlüſſel zu ihrer Wiederauffindung an die Hand geben?“ „Sagte ich nicht immer, Thomas,“ rief Short, indem er ſich mit einem Blicke der Verwunderung an ſeinen Freund wandte, nich ſey überzeugt, daß 19* nach den beiden Wanderern Nachfrage geſchehen würde?“ „Ihr hättet das geſagt?“ entgegnete Codlin. „Sagte ich Euch nicht immer, jenes geſegnete Kind ſey das intereſſanteſte, das mir je vorkam? Sagte ich nicht immer, daß ich die Kleine liebe und ganz in ſie vernarrt ſey? Das hübſche Geſchöpflein, ich meine ſie noch zu hören.„Codlin iſt mein Freund,“ ſagte ſie, und Thränen der Dankbarkeit rieſelten ihr aus den kleinen Augen;„Codlin iſt mein Freund,“ ſagte ſie—„nicht Short. Short iſt wohl ein recht guter Mann,“ ſagte ſie, ‚und ich habe nichts gegen Short; ich darf wohl ſagen, daß er es gut meint, aber Codlin,“ ſagte ſie,„hat die Gefühle, die ich liebe, obgleich er vielleicht nicht darnach ausſieht.““ Dieſe Worte mit großer Bewegung wiederholend, rieb ſich Herr Codlin die Wurzel ſeiner Naſe mit dem Rockärmel, ſchuttelte traurig den Kopf hin und her, und überließ es dem ledigen Herrn, zu entneh⸗ men, daß von dem Moment an, wo er ſeinen lieben, jungen Schützling aus den Augen verloren hatte, der Frieden und das Glück ſeiner Seele entwichen ſeyen. 4 „Guter Gott!“ ſagte der ledige Herr, in dem Zimmer auf⸗ und abſchreitend,„ſo habe ich endlich dieſe Männer nur gefunden, um die Entdeckung zu machen, daß ſie mir weder Nachricht geben, noch Beiſtand leiſten können. Es wäre beſſer geweſen, ich hätte von Tag zu Tag in der Hoffnung fortge⸗ beſen, rtge⸗ lebt und ſie nie getroffen, als daß ich jetzt meine Erwartungen alſo vernichtet ſehen muß!“ „Halten Sie einen Augenblick,“ ſagte Short. „Ein Mann, Namens Jerry— Ihr kennt Jerry, Thomas?“— „Oh, redet mir nicht von Jerry,“ entgegnete Herr Codlin.„Wie kann ich mich auch nur eine Priſe Schnupftabak um Jerry kümmern, wenn ich an das kleine Herzkäferlein denke!„Codlin iſt mein Freund, ſagte ſie; ‚der liebe, gute, freundliche Coh⸗ lin, wie er immer auf mein Vergnügen bedacht iſt! Ich habe nichts gegen Short einzuwenden,“ ſagte ſie, ‚aber mit Codlin ſtimme ich zuſammen.’ Einmal“— fügte dieſer Ehrenmann nachdenkend bei—„nannte ſie mich Vater Codlin. Ich meinte, das Herz müſſe mir zerſpringen!“ „Ein Mann, Namens Jerry, Sir,“ ſagte Short, indem er ſich von ſeinem ſelbſtſüchtigen Col⸗ legen an ſeinen neuen Bekannten wandte,„der eine Geſellſchaft tanzender Hunde unterhält, ſagte mir gelegentlich, er habe den alten Herrn in Compagnie mit einem wandernden Wachsfigurencabinet geſehen, deſſen Eigenthümerin ihm unbekannt war. Da ſie uns einmal entwiſchten und nichts bei der Sache herausgekommen war, ſo traf ich keine Maßregeln, und fragte auch nicht weiter darnach, um ſo weniger, da er den alten Herrn ganz im Lande drunten geſe⸗ hen hatte.— Aber wenn Sie wollen, ſo kann ich's ja nachholen.“ „Iſt der Mann in der Stadt?“ fragte der un⸗ geduldige ledige Herr.„Sprecht raſcher.“ „Nein, aber er wird morgen kommen; er wohnt in unſerem Wirthshauſe,“ verſetzte Herr Short eilig. „Dann bringt ihn her,“ entgegnete der ledige Herr.„Da iſt ein Goldſtück für Jeden von euch. Wenn ich durch eure Vermittelung dieſe Leute aus⸗ findig machen kann, ſo iſt es nur das Vorſpiel zu weiteren zwanzigen. Kommt morgen zu mir, und behaltet die Sache für euch— obgleich ich kaum nöthig habe, euch dieß einzuſchärfen, da ihr es ſchon um eurer ſelbſt willen thun werdet. Nun, gebt mir eure Adreſſe und zieht eures Weges.“ Die Adreſſe wurde gegeben, die zwei Männer entfernten ſich, der Volkshaufen zog mit ihnen ab, und der ledige Herr ſpazierte in ungewöhnlicher Aufregung zwei ſterbenslange Stunden in ſeinem Zimmer auf und ab, unmittelbar über den verwun⸗ derten Häuptern von Herrn Swiveller und Miß Sally Braß⸗ — 295 Der Naritätenladen. Achtunddreißigſtes Kapitel. Kit— denn wir haben jetzt nicht nur hin⸗ reichend Zeit, ſeine weitern Schickſale zu ver⸗ folgen, ſondern der nothwendige Gang dieſer Abenteuer ſchiegt ſich auch ſo ſehr unſerer Bequem⸗ lichkeit und Neigung an, daß er ſtets diejenige Richtung nehmen muß, welche uns als die wün⸗ ſchenswertheſte erſcheint— Kit wurde, während der in den letzten fünfzehn Kapiteln verhandelten Ereig⸗ niſſen, allmälig vertrauter mit Herrn und Madame Garland, Herrn Abel, dem Pony und Barbara, ſo daß er ſie nachgerade ſammt und ſonders als Freunde und Abel Cottage Finchley als ſeine eigentliche Heimath betrachten lernte. Halt!— die Worte ſind geſchrieben und mögen daher ſo in die Welt gehen; wenn ſie aber zu der Vermuthung Anlaß geben ſollten, Kit habe von dem reichbeſetzten Tiſch und der gemächlichen Wohnung ſeines neuen Aufenthalts geringſchätzig auf die dürftige Koſt und das arme Ammeublement ſeiner früheren Wohnung herunterzuſehen angefangen, ſo begehen ſie eine Ungerechtigkeit gegen den guten Jungen und thun ihre Pflicht ſchlecht. Wer gedachte der in der Heimath Zurückgebliebenen— obgleich ſie 296 nur eine Mutter und zwei Kinder waren— fleißiger als Kit? Welcher ſich brüſtende Vater erzählte je in der Fülle ſeiner Herzensfreude von ſeinem Wunderkinde ſolche Heldenthaten, als Kit, ohne zu ermüden, in den Abendſtunden der Jungfer Barbara von dem kleinen Jacob mitzutheilen wußte! Gab es wohl je eine ſolche Mutter, als Kit's Mutter in der Dar⸗ ſtellung ihres Sohnes war? Oder lag je eine ſolche Behaglichkeit in der Armuth, als dieß in Kit's Familie der Fall war, wenn man anders aus ſeiner glühenden Schilderung einen Schluß ziehen durfte? Möge denn hier auch die Bemerkung ein Plätz⸗ chen finden, daß, wenn je häusliche Anhänglichkeit und Liebe etwas Herzerhebendes ſind, dieß beſonders bei den Armen der Fall iſt. Die Bande, welche den Reichen und Stolzen an die Heimath ketten, mögen auf Erden geſchmiedet ſeyn, aber diejenigen, welche den Armen an ſeinen niedrigen Herd feſſeln, ſind von ächtem Metalle und tragen den Stempel des Himmels. Der Abkömmling eines hohen Hauſes mag wohl die ererbten Hallen und Ländereien als einen Theil ſeiner ſelbſt betrachten, als Trophäen ſeiner Geburt und ſeiner Macht; ſeine Vorliebe dafür iſt die Vorliebe des Stolzes und des Reich⸗ thums; aber die Anhänglichkeit des Armen an ſeine armſelige Hütte, die vordem ein Fremder beſeſſen und die vielleicht morgen wieder einem Fremden an⸗ heimfällt, hat eine weit ehrwürdigere Wurzel und holt ihre Nahrung aus einem reinen Boden. Seine 297 Laren ſind von Fleiſch und Blut, mit keiner Bei⸗ miſchung von Silber, Gold oder koſtbaren Steinen; er hat kein Eigenthum, als das Lieben ſeines Her⸗ zens, und wenn dieſes ihm ſeine kahlen Hausfluren und Wände theuer macht, trotz der Lumpen, der Mühe des Tages und des ſpärlichen Mahles, ſo herrſcht ein Wiederſtrahl von dem Urquell des Seyns in ſeinem Innern, und ſeine armſelige Hütte wird zu einem Prachtpalaſte! Oh! wenn doch diejenigen, die das Geſchick der Völker lenken, deſſen eingedenk ſeyn wollten— wenn ſie doch im Gedächtniß behielten, wie ſchwer es den ganz Armen wird, in ihren Herzen jene Liebe zur Heimath zu erzeugen, aus der alle häuslichen Tugenden ſtammen, wenn ſie in dichten, ſchmutzigen Maſſen beiſammen leben, wo geſelliger Anſtand ver⸗ loren geht, oder vielmehr nie gefunden wird,— wenn ſie nur einmal ablenkten von den weiten Straßen und großen Häuſern, und ſich bemühen wollten, die elenden Hütten und Gaſſen zu verbeſſern, wo nur die Armuth wandeln mag! Dann würde manches niedrige Dach gerader gen Himmel zei⸗ gen, als der höchſte Kirchthum, der jetzt ſein ſtolzes Haupt über einem Gewühl von Schuld, Ver⸗ brechen und ſchrecklichen Krankheiten erhebt, um ſie durch den Gegenſatz zu verhöhnen. Jeden Tag predigen das Armenbeſchäftigungshaus, das Hoſpital und das Gefängniß dieſe Wahrheit mit hohler Stimme, und haben ſie ſchon ſeit Jahren gepredigt. 298 Es iſt keine geringfügige Angelegenheit, kein Schrei des arbeitenden Pöbels, keine bloße Frage über Volkswohl und Volksbehaglichkeit, die an Donnerſtag⸗ abenden ausgepfiffen werden kann. Die Liebe zum Vaterlande hat in der Liebe zur Heimath ihren Grund, und welche ſind in der Stunde der Noth die beſten und treueſten Potrioten— Diejenigen, welche das Land verehren, weil ſeine Wälder, ſeine Ströme, ſein Boden und ſeine Produkte ihr Eigen⸗ thum ſind? oder Diejenigen, welche ihr Vaterland lieben, ohne daß ſie einen Fußbreit Grundes in dem ganzen weiten Gebiete ihr eigen nennen können? Für Kit waren ſolche Fragen ein unbekannter Boden, aber er wußte, daß ſeine alte Heimath ein ſehr armer Ort war, mit dem ſich die neue durch⸗ aus nicht vergleichen ließ, und doch ſah er beſtändig mit dankbarer Freude und zärtlicher Beſorgtheit auf dieſelbe zurück, und oft ſchrieb er vierſchrötig zu⸗ ſammengelegte Briefe an ſeine Mutter, unter An⸗ ſchluß eines Shilling, eines Achtzehnpenceſtücks, oder ſonſtiger kleiner Geſchenke, zu welchen ihn Herrn Abel's Freigebigkeit befähigte. Hin und wieder, wenn er gerade in der Nachbarſchaft war, fand er Muße, bei den Seinigen anzuſprechen, und groß war dann die Freude und der Stolz von Kit's Mutter, und außerordentlich geräuſchvoll die Luſt des kleinen Jakobs und des anderen Brüderleins, und herzlich die Glückwünſche des ganzes Hofes, wo man mit verwundertem Ohre auf die Berichte über ——₰,„— + 8 8+— G 8— — — NKN= — er 299 Abel Cottage horchte und doch nie genug von ſeinen Wundern und von ſeiner Herrlichkeit hören konnte. Obgleich Kit bei der alten Dame, dem alten Herrn, Herrn Abel und Barbara in hohen Gnaden ſtand, ſo iſt doch gewiß, daß kein Glied der Familie eine ſo ausgezeichnete Vorliebe für ihn an den Tag legte, als der eigenſinnige Pony, der, obgleich er ſonſt der ſtörrigſte und eingebildetſte Pony auf der Welt war, in ſeinen Händen zum demüthigſten und lenkſamſten Thiere wurde. Es iſt zwar wahr, daß er genau in dem Verhältniſſe, als er ſich von Kit leiten ließ, ungeberdiger gegen jeden andern Men⸗ ſchen wurde, als ſey er feſt entſchloſſen, ſeinen Freund auf jede Gefahr hin in der Familie zu er⸗ halten, und daß er ſelbſt, unter dem Zügel ſeines Lieblings, zur großen Nervenaufregung der alten Dame, bisweilen ganz merkwürdige Sprünge und Cabriolen ausführte. Da jedoch Kit ſolche Manöver immer als den Erguß froher Laune oder als die Art und Weiſe darſtellte, worin das Thier ſeine Anhänglichkeit an ſeine Herrſchaft kund gäbe, ſo ließ ſich Madame Garland ſelbſt zu dieſem Glauben bereden und befeſtigte ſich endlich ſo ſehr darin, daß ſie ſich, wenn der Pony einmal in einer ſolchen Anwandlung die Chaiſe umwarf, zufrieden darein ergab, weil er es ja in der beſten Abſicht von der Welt gethan hatte. Kit ſchwang ſich in kurzer Zeit nicht nur zu einem wahren Wunder in allen Stallangelegenheiten — 300 empor, ſondern bildete ſich bald auch zu einem ganz leidlichen Gärtner, einem gewandten Burſchen im Hauſe und einem unentbehrlichen Diener des Herrn Abels, der ihm mit jedem Tage einen neuen Beweis ſeines Zutrauens und ſeiner Gewogenheit gab. Auch Herr Witherden, der Notar, war freundlich gegen ihn geſinnt, und ſogar Herr Chuckſter ließ ſich bis⸗ weilen herab, ihm leicht mit dem Kopfe zuzunicken, ihn mit jener eigenthümlichen Form näherer Be⸗ kanntſchaft zu beehren, welche man mit dem Aus⸗ druck„einen Eſel bohren“ belegt, oder ihm durch eine andere gleich ſcherzhafte Begrüßung ſeine Gönnerſchaft zu erkennen zu geben. Eines Morgens fuhr Kit, wie es häufig zu geſchehen pflegte, ſeinen jungen Herrn nach dem Hauſe des Notars, und war eben im Begriffe, den Pony nach einem nahegelegenen Lohnſtalle zu treiben, als derſelbe Herr Chuckſter aus der Bureauthüre auftauchte und„O-o-o-o-o-oha!“ rief, wobei er lange auf dem o verweilte, um dem Herzen des Pony einen ergreifenden Schrecken einzujagen und einen Beleg von der Oberherrſchaft des Menſchen über die untergeordneten Thiere zu geben. „Halt, du Schliffel,“ rief Herr Chuckſter, indem er ſich an Kit wandte.„Man braucht dich drinnen.“ „Es ſollte mich wundern, wenn Herr Abel etwas vergeſſen hätte,“ ſagte Kit im Abſteigen. „Nur keine langen Gegenreden, du Naſeweis,“ entgegnete Herr Chuckſter.„Geh' hinein und ſieh“ 301 ſelbſt zu. O-o— oha! Willſt du? Wenn der Pony mein gehörte, wollte ich ihm ſchon ſeinen Starr⸗ kopf brechen.“ „Haben Sie die Güte, nur recht ſachte mit ihm umzugehen,“ ſagte Kit,„Sie könnten ihn ſonſt etwas ſchwierig finden. Wenn’s gefällig iſt, ſo würden Sie beſſer thun, ihn nicht an den Ohren zu zerren. Ich weiß, ſo etwas ſagt ihm nicht zu.“ Herr Chuckſter würdigte dieſe Vorſtellung keiner weitern Antwort, als daß er Kit mit einer ſtolzen und abgemeſſenen Miene einen„jungen Burſchen“ nannte und ihn erſuchte, ſich zu packen und in möglichſter Eile wieder herauszukommen. Der „junge Burſche“ willfahrte, und Herr Chuckſter, der ſeine Hände in die Taſchen ſteckte, verſuchte es, auszuſehen, als ob er ſich um den Pony gar nicht zu kümmern brauche und nur zufällig außen herum⸗ ſchlendere. Kit kratzte ſeine Schuhe außen ſorgfältig ab (denn er hatte ſeine Achtung vor den Aktenbündeln und Blechkapſeln noch nicht verloren), und pochte an die Bureauthüre, welche alsbald von dem Notar in Perſon geöffnet wurde. 4 „Ohl nur herein, Chriſtoph,“ ſagte Herr Wi⸗ therden. „Iſt dieß der Junge?“ fragte ein ältlicher, aber wohlbeleibter Herr, der im Zimmer war. „Dieß iſt der Junge,“ ſagte Herr Witherden. „Er traf an meiner Hausthüre mit meinem Clienten⸗ dem Herrn Garland, zuſammen, Sir. Ich habe Grund, anzunehmen, daß er ein guter Junge iſt, Sir, und daß Sie ihm auf's Wort glauben dürfen. Erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Garland, ſeinen jungen Gebieter, vorzuſtellen— ein immatrikulirter Zögling und ſehr intimer Freund von mir. Ein ſehr intimer Freund von mir, Sir,“ wiederholte der Notar, indem er ſein ſeidenes Tuch aus der Taſche zog und ſich damit das Geſicht fächelte. „Ihr Diener, Sir,“ ſagte der fremde Herr. „Jedenfalls der Ihrige, Sir,“ verſetzte Herr Abel ſanft.„Sie wünſchten Chriſtoph zu ſprechen, Sir?“ „Ja. Habe ich Ihre Erlaubniß?“ „Oh, gewiß.“ „Mein Anliegen iſt kein Geheimniß— oder wie ich vielmehr ſagen ſollte— braucht hier kein Ge⸗ heimniß zu ſeyn,“ ſagte der Fremde, als er bemerkte, daß Herr Abel und der Notar ſich entfernen wollten. „Es bezieht ſich auf einen Raritätenhändler, bei dem er in Dienſte ſtand und für den ich ein angelegent⸗ liches und warmes Intereſſe hege. Ich bin eine lange Reihe von Jahren in dieſem Lande ein Fremder geweſen, meine Herren, und wenn ich einen Verſtoß gegen die üblichen Förmlichkeiten begehe, ſo hoffe ich auf Vergebung.“ „Iſt keine Vergebung nöthig, Sir;— durchaus nicht,“ verſetzte der Notar; und Herr Abel ſagte deßgleichen. „Ich habe in der Gegend, wo ſein alter Herr — 303 lebte, Nachforſchungen angeſtellt und daraus ent⸗ nommen, daß er von dieſem Jungen bedient wurde. Ich ſuchte das Haus ſeiner Mutter auf und wurde von derſelben hieher gewieſen, weil dieſer Ort der nächſte ſey, wo ich ihn wahrſcheinlich finden könne. Dieß iſt der Grund meines Morgenbeſuchs.“ „Ich freue mich jeden Anlaſſes, Sir,“ entgeg⸗ nete der Notar,„der mir die Ehre Ihrer Bekannt⸗ ſchaft verſchafft.“ „Sir,“ erwiederte der Fremde,„Sie ſprechen wie ein reiner Weltmann und ich halte Sie für etwas Beſſeres. Wenn ich daher bitten darf, ſo fallen Sie nicht aus ihrem wahren Charakter, in⸗ dem Sie mich mit nichtsſagenden Complimenten be⸗ wirthen.“ „Hem!“ huſtete der Notar.„Sie ſprechen ge⸗ rade aus, Sir.“ „Und handle auch gerade,“ verſetzte der Fremde. „Möglich, daß meine lange Abweſenheit und mein Mangel an Erfahrung mich zu einer unrichtigen Fol⸗ gerung führten, aber ich bin der Anſicht, daß, wenn Leute, die gerade herausſprechen, in dieſem Theile der Welt ſchon ſelten ſind, ſolche, die geradeaus handeln, als noch größere Raritäten gelten können. Wenn meine Sprache Sie beleidigt haben ſollte, Sir, ſo hoffe ich, daß meine Handlungsweiſe den Fehler wieder gut machen wird.“ Herr Witherden ſchien über die Art, wie der ältliche Herr den Dialog führte, etwas verblüfft zu 304 ſeyn, und Kit ſtierte denſelben mit offenmundigem Erſtaunen an, neugierig, welche Sprache er mit ihm führen würde, da er ſchon mit dem Notar ſo frei und ungezwungen umging. Er wurde in dieſer Hinſicht bald befriedigt, denn der Herr wandte ſich jetzt, zwar ohne Barſchheit, aber doch mit einer Reizbarkeit und Haſt, die in ſeinem Charakter zu liegen ſchien, an ihn und ſagte: „Wenn du glaubſt, mein Junge, ich ſtelle dieſe Nachforſchungen in einer andern Abſicht an, als um Denjenigen, welchen ich ſuche, zu dienen und ſie wieder zurückzuführen, ſo thuſt du mir das größte Unrecht und täuſcheſt dich ſelbſt. Ich bitte dich alſo, laß dich nicht von einer irrigen Vorſtellung be⸗ herrſchen und vertraue meiner Verſicherung.“ „Die Sache iſt nämlich die,“ fügte er bei, in⸗ dem er ſich abermals an den Notar und ſeinen Zög⸗ ling wandte,„daß ich mich in einer ſo peinlichen und unerwarteten Lage befinde. Ich kam nach dieſer Stadt mit einem Lieblingswunſche im Herzen, und dachte nie, daß ſeiner Erfüllung Hinderniſſe und Schwierigkeiten in den Weg treten könnten. Aber jetzt finde ich mich plötzlich in Ausführung meines Planes durch ein Geheimniß angehalten, das ich nicht durchdringen kann. Was ich auch verſuchen mochte, diente nur dazu, es noch dunkler und verwirrter zu machen, und ich ſcheue mich, meine Nachforſchungen öffentlich zu betreiben, damit nicht diejenigen, welchen ich ängſtlich folge, noch weiter 30⁵ vor mir fliehen; es ſoll Sie nicht reuen, mir Beiſtand geleiſtet zu haben, wenn Sie es können. Oh, gewiß, Sie würden mir gerne jeden ihnen möglichen Beiſtand leiſten und keinen Augenblick damit zögern, wenn Sie wüßten, wie ſehr ich deſſelben benöthigt bin und welche Laſt Sie mir von dem Herzen nehmen.“ Es war eine Einfalt in dieſem Vertrauen, welche einen raſchen Anklang in der Bruſt des gut⸗ müthigen Notar fand. Er erwiederte daher in demſelben Geiſte, daß der Fremde mit ſeinem An⸗ liegen vor die rechten Leute gekommen ſey, und daß er ſelbſt ſich zu jedem in ſeinen Kräften liegenden Dienſt bereit finden laſſe. Kit wurde ſofort in's Verhör genommen und von dem unbekannten Herrn hinſichtlich ſeines alten Meiſters und des Kindes, namentlich was ihre zurückgezogene Lebensweiſe betraf, auf's genaueſte befragt. Die nächtlichen Ausgänge des alten Mannes, bei denen das Kind allein ſeyn mußte, ſeine Krank⸗ heit und Wiedergeneſung, Quilp's Beſitznahme von dem Hauſe und ihr plötzliches Verſchwinden— bil⸗ deten lauter Gegenſtände für eine Reihe von Fragen und Antworten. Endlich theilte Kit dem Herrn mit, das Anweſen ſey jetzt zu vermiethen und ein Brett an der Thüre verweiſe alle Nachfragenden an Herrn Sampſon Braß, Advokat zu Bevis Marks, von dem ſich vielleicht weitere Einzelnheiten erfahren ließen. Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 20 306 „Nicht durch Anfragen,“ ſagte der Herr, den Kopf ſchüttelnd.„Ich wohne dort.“ „Wie, Sie wohnen bei Braß, dem Advokaten?“ rief Herr Witherden in einiger Ueberraſchung, denn er kannte den fraglichen Gentleman aus ſeinem Ge⸗ ſchäftsverkehr. „Ja,“ lautete die Antwort.„Ich habe mich neulich bei ihm einquartirt, hauptſächlich, weil mir jenes Brett zu Geſicht gekommen war. Ich mache mir wenig daraus, wo ich wohne, und ich hegte eine verzweifelte Hoffnung, es möchte mir dort zu⸗ fällig eine Auskunft in den Weg kommen, die ich anderswo nicht erreichen könnte. Ja, ich wohne bei Braß;— Sie meinen vermuthlich, deſto mehr Schande für mich?“ „Das iſt blos Sache der Meinung,“ ſagte der Notar, die Achſeln zuckend.„Man betrachtet ihn als einen ziemlich zweifelhaften Charakter.“ „Zweifelhaft?“ wiederholte der Andere.„Es freut mich, zu hören, daß da noch Jemand zweifeln kann, denn ich meinte, man müſſe hierüber längſt durchaus in's Klare gekommen ſeyn⸗ Wollen Sie mir aber erlauben, ein paar Worte mit Ihnen im Vertrauen zu ſprechen?“ Da Herr Witherden einwilligte, ſo begaben ſie ſich in ein Nebencabinet und blieben daſelbſt etwa eine Viertelſtunde in eifrigem Geſpräch, worauf ſie wieder in das Bureau zurückkehrten. Der Fremde hatte ſeinen Hut in Herrn Witherden's Zimmer —,—— den 1 20 enn Ge⸗ 307 gelaſſen und ſchien ſich in dieſer kurzen Zeit mit dem Letzteren auf einen ganz freundſchaftlichen Fuß ge⸗ ſtellt zu haben.— „Ich will dich nicht länger zurückhalten,“ ſagte er, indem er, mit einem Blicke auf den Notar, Kit eine Krone in die Hand drückte.„Du ſollſt weiter von mir hören. Aber merke wohl, du ſagſt keinem Menſchen etwas von dem Vorgefallenen, als deiner Herrſchaft.“ b „Aber die Mutter, Sir, würde ſich freuen, wenn—“ ſtotterte Kit. „Nun, über was freuen?“ „Wenn ſie etwas erführe— das heißt, wenn es keinen Schaden bringt— von Miß Nell.“ „Wirklich? Wohlan denn, ſo magſt du ihr's ſagen, wenn ſie ein Geheimniß bewahren kann. Aber merke dir's, kein Wort von Allem zu ſonſt Jemanden. Vergiß das nicht. Sey behutſam.“ „Ich will mich in Acht nehmen, Sir,“ entgeg⸗ nete Kitt.„Danke, Sir, und guten Morgen. Nun traf es ſich aber, daß der Herr in ſeiner Beſorgniß, es Kit recht nachdrücklich ans Herz zu legen, daß er von dem zwiſchen ihnen Vorgefallenen nichts ausplaudere, dem Jungen zur Thüre hinaus⸗ folgte, um die Vorſichtsmaßregeln noch einmal ein⸗ zuſchärfen; und ferner traf ſich's, daß in demſelben Momente die Augen des Herrn Richard Swiyeller dieſer Richtung zugewandt waren, ſo daß er ſeines 3 20* 308 geheimnißvollen Freundes und Kits zumal anſichtig wurde. Es war reiner Zufall, und es ging dabei fol⸗ gendermaßen her. Herr Chuͤckſter, als ein Gentle⸗ man von kultivirtem Geſchmack und verfeinertem Geiſte, gehörte mit zu der Loge der glorioſen Apol⸗ lers, von denen Herr Swiveller beſtändiger Groß⸗ meiſter war. Herr Swiveller geht eben in Beſtellung eines Braßiſchen Auftrags durch die Straßen und ſieht Einen ſeiner glorioſen Brüderſchaft aufmerkſam auf einen Pony blicken, weßhalb er über den Weg herüberkömmt, um jene brüderliche Begrüßung abzu⸗ geben, womit beſtändige Großmeiſter kraft ihres Amtes verbunden ſind, ihre Schüler zu erfreuen und zu er⸗ muthigen. Er hatte ihm kaum ſeinen Segen ertheilt und ſich dann in einer allgemeinen Bemerkung über den gegenwärtigen Stand und die Ausſichten des Wetters ausgeſprochen, als er ſeine Augen erhob und den ledigen Herrn von Bevis Marks in ernſtem Ge⸗ ſpräch mit Chriſtoph Nubbles erblickte. „Holla!“ ſagte Dick,„was iſt das?“ „Er beſuchte dieſen Morgen meinen Principal,“ verſetzte Herr Chuckſter;„außerdem weiß ich nicht weiter von ihm, als daß er ohne Zweifel von Adam abſtammt.“ „Sie kennen aber doch wenigſtens ſeinen Na⸗ men?“ entgegnete Dick. Herrn Chuckſters Erwiederung klang in einer Erhebung der Stimme, die eines glorioſen Apollers —+H₰——— — e 309. wurdig war, und lautete dahin, daß er„ewig in der Hölle brennen wolle,“ wenn er es wiſſe. „Alles, was ich weiß, mein theurer Logenbruder,“ fügte Herr Chuckſter bei, indem er mit den Fingern durch die Haare ſtrich,„beſteht darin, daß er Urſache iſt, warum ich zwanzig Minuten hier ſtehen muß, und dafür haſſe ich ihn mit einem tödtlichen und unſterblichen Haſſe; ja, und ich würde ihn verfolgen, bis an die Gränzen der Ewigkeit, wenn ich Zeit dazu hätte.“ Während ſie ſich in dieſer Weiſe miteinander unterhielten, trat der Gegenſtand ihres Geſprächs, der Herrn Richard Swiveller nicht zu erkennen ſchien, wieder in das Haus, und Kit kam zu ihnen herunter. Dieſem legte Herr Swiveller, obſchon mit keinem beſſern Erfolge, die gleiche Frage vor. „Er iſt ein ganz artiger Herr, Sir,“ ſagte Kit; „und weiter weiß ich nicht von ihm.“ Herr Chuckſter gerieth in Wuth über dieſe Ant⸗ wort, und ohne ſeine Bemerkung auf irgend einen ſpeciellen Fall anzuwenden, erwähnte er der allge⸗ meinen Wahrheit, daß es paſſend wäre, Schliffeln den Schädel einzuſchlagen und ihre Naſen zu be⸗ ſtübern. Ohne ſeine Beiſtimmung zu dieſer Anſicht auszudrücken, fragte Herr Swiveller nach einem kurzen Nachdenken, welchen Weg Kit führe; und als ihm dieß mitgetheilt war, erklärte er, er müſſe auch in dieſe Richtung und werde ſich für verpflichtet halten, wenn Kit ihn aufſitzen laſſe. Kit hätte nun gar 310 gerne dieſe angebotene Ehre abgelehnt, aber da Herr Swiveller ſich bereits des Sitzes an ſeiner Seite be⸗ mächtigt hatte, ſo wäre dieß auf keine andere Weiſe als durch ein gewaltſames Herauswerfen angegangen, und deßhalb fuhr er raſch weiter— in der That ſo raſch, daß er den Abſchied zwiſchen Chuckſter und ſeinem Großmeiſter kurz abſchnitt und Veranlaſſung gab, daß der erſtere Herr in Folge einer Quetſchung durch den ungeduldigen Pony einige Unbequemlichkeit an ſeinen Hühneraugen erlitt. Da der Klepper das Stehen ſatt hatte und Herr Swiveller ſo gütig war, ihn durch ein ſchrilles Pfeifen und unterſchiedliche ermunternde Ausrufe noch mehr zu ſpornen, ſo raſſelte die Chaiſe mit einer ſolchen Raſchheit dahin, daß von einem Geſpräche keine Rede ſeyn konnte, zumalen, da der Pony, durch Herrn Swivellers Ermahnungen ins Feuer geſetzt, eine beſondere Vorliebe für Lampenpfoſten und Karren⸗ räder entwickelte, deßgleichen aber auch ein großes Verlangen an den Tag legte, auf den Trottoirs zu gehen und ſich an Ziegelmauern zu reiben. Herr Swiveller fand demnach nicht eher Zeit zu ſprechen, bis ſie vor dem Stall anlangten und die Chaiſe aus einem ſehr kleinen Thorweg herausgewunden war, in welchen ſie der Pony, wahrſcheinlich in der Mei⸗ nung, daß er ſie nach ſeinem gewöhnlichen Stalle mitnehmen könne, hineingezerrt hatte. „s iſt harte Arbeit,“ ſagte Richard.„Was ſagt Ihr zu einem Glas Bier?“ 311 Kit lehnte Anfangs die Einladung ab, ließ ſich jedoch bald bereden, und ſo begaben ſie ſich gemein⸗ ſchaftlich nach dem Schenkverſchlag eines benachbarten Wirthshauſes. „Wir wollen unſeres Freundes, Wie⸗ heißt-er- doch, Geſundheit trinken,“ ſagte Dick, indem er den blanken, ſchäumenden Krug in die Höhe hielt;— „Ihr wißt, ich meine den, mit welchem Ihr dieſen Morgen geſprochen habt. Ich kenne ihn— ein guter Kerl, aber excentriſch— ſehr excentriſch. Die Geſundheit des Herrn Wie-heißt-er-doch!“ Kit that auf dieſen Toaſt Beſcheid. „Er wohnt in meinem Hauſe,“ fuhr Dick fort; „wenigſtens in dem Hauſe der Firma, bei welcher ich als eine Art von— von geſchäftsführendem Aſſocié betheiligt bin;— ein ſchwieriger Kerl, wenn man etwas von ihm herauskriegen will. Aber wir haben ihn gerne— wir haben ihn gerne.“ „Ich muß jetzt gehen, Sir, wenn Sie erlauben,“ ſagte Kit, indem er ſich entfernen wollte. „Beeilt Euch nicht ſo, Chriſtoph,“ verſetzte ſein Gönner.„Wir wollen Eurer Mutter Geſundheit trinken.“ „Ich danke Ihnen, Sir.“ „Eine ausgezeichnete Frau, dieſe eure Mutter, Chriſtoph,“ ſagte Herr Swiveller.„Wer kam, vom Fall mich aufzuheben, und küſſend neu mich zu beleben? Meine Mutter. Eine prächtige Frau. Er 312 iſt ein freigebiger Mann! Wir müſſen ihn dahin bringen, daß er etwas für Eure Mutter thut. Kennt er ſie, Chriſtoph?“ Kit ſchüttelte mit einem verſchmitzten Blicke auf den Frageſteller ſeinen Kopf, dankte für das Genoſſene und machte ſich davon, ehe noch ein weiteres Wort gewechſelt werden konnte. „Hum!“ ſagte Herr Swiveller nachdenkend. „Das iſt ſonderbar. Nichts als Geheimniſſe, die mit dem Braß'ſchen Hauſe in Verbindung ſtehen! Ich will's übrigens für mich behalten. Bisher hat Je⸗ dermann und alle Welt ſich in mein Vertrauen ge⸗ theilt, aber nun, glaube ich, will ich ſelber auch ein Geſchäftsmann werden. Sonderbar— ſehr ſon⸗ derbar.“ Nachdem Herr Swiveller mit ungemein weiſer Miene eine Weile tief nachgedacht hatte, ließ er ſich noch einiges Bier ſchmecken, rief dann einen kleinen Jungen, der ihm zugeſehen hatte, herbei, goß die letzten paar Tropfen als Libation auf den Boden und hieß ihn das leere Gefäß nebſt ſeinem Compli⸗ ment in den Schenkverſchlag tragen, wobei er ihm vor allen Dingen einſchärfte, ein nüchternes und mäßiges Leben zu führen und ſich aller berauſchen⸗ den und aufregenden Flüſſigkeiten zu enthalten. Nach⸗ dem der beſtändige Großmeiſter der glorioſen Apol⸗ lers dem Knaben für ſeine Mühe dieſen moraliſchen Rath ertheilt hatte(der, wie er ſich weislich aus⸗ 313 drückte, weit beſſer als ein Halbpence ſey), ſteckte er ſeine Hände in die Taſchen und ſchlenderte weiter, im Gehen noch immer Erwägungen anſtellend. Der Raritätenladen. Neununddreißigſtes Kapitel. Obgleich Kit den ganzen Tag bis auf den Abend auf Herrn Abel warten mußte, ſo hielt er ſich doch von dem Hauſe ſeiner Mutter fern, feſt entſchloſſen, auch nicht durch die leichteſte Annäherung der Wonne des folgenden Morgens vorzugreifen, ſondern ſie in ihrem vollen Ungeſtüm herankommen zu laſſen; denn dieſer Morgen war die große und langerſehnte Epoche ſeines Lebens— morgen endete ſein erſtes Quartal— der Tag, wo er zum erſtenmal den vier⸗ ten Theil ſeines Jahrgehalts von ſechs Pfunden in der ungeheuren Summe von Dreißig Shillin⸗ gen einnahm. Morgen wollte er einen halben Va⸗ canztag machen, den er einem Wirbel von Vergnügen zu weihen gedachte, bei welcher Gelegenheit der kleine Jakob ein Schauſpiel mit anſehen und lernen ſollte, was man unter einer Auſter verſtünde. 314 Alle Arten von Zufällen vereinigten ſich zu Gun⸗ ſten dieſer feſtlichen Gelegenheit; denn nicht nur hatten Herr und Madame Garland ihm bereits zum Voraus bedeutet, daß ſie ihm an dieſer großen Summe keinen Abzug machen würden für ſeine Ausrüſtung, ſondern daß ſie ihm dieſelbe ungeſchmälert in ihrer ganzen gigantiſchen Größe auszahlen wollten; nicht nur hatte der unbekannte Herr ſeinen Vorrath durch die Summe von fünf Shillingen vermehrt, die ihm eigentlich von Gott zugeführt worden, und die an ſich ſchon ein Vermögen waren; nicht nur waren dieſe Dinge gekommen, ohne daß Jemand hätte darauf rechnen oder in ſeinen wildeſten Träumen darauf hoffen können:— ſondern es war auch Barbara's Quartal— Barbara's Quartal an demſelben Tage — und Barbara erhielt ſo gut als Kit einen halben Tag Urlaub, und Barbara's Mutter ſollte mit von der Partie ſeyn und bei Kits Mutter Thee trinken, um ihre Bekanntſchaft zu machen. So viel iſt gewiß, daß Kit an jenem Morgen mit dem Früheſten aus ſeinem Fenſter ſah, um zu ſehen, nach welcher Richtung die Wolken flögen, und ohne Zweifel würde auch Barbara an dem ihrigen geſtanden haben, wenn ſie nicht bis tief in die Nacht hinein aufgeblieben wäre, um kleine Mouſſelinſtücke zu ſtärken, zu bügeln, zu fälten und ſie an nächſte Stücke anzuſetzen, damit ſie für den Putz des andern Tages ein großartiges Ganze geben möchten. Dem⸗ ungeachtet waren aber Beide ſehr früh auf, hatten —,————,—9]9 — z eo NH dA 315 wenig Appetit zum Frühſtück und noch weniger zum Mittageſſen, und waren in einem Zuſtande von großer Aufregung, als Barbara's Mutter mit ganz erſtaun⸗ lichen Berichten über die Schönheit des Wetters vor den Thoren, demungeachtet aber mit einem ſehr großen Regenſchirm anlangte, denn Leute, wie Barbara's Mutter, machen ſelten ohne ein ſolches Möbel Feier⸗ tag— eine Aufregung, die ſich noch ſteigerte, als ſie durch das Klingeln aufgefordert wurden, die Treppe hinaufzugehen und ihren Vierteljahrsgehalt in Gold und Silber einzuſtreichen. Nun, war es nicht recht freundlich von Herrn Garland, als er ſagte:„Chriſtoph, da iſt dein Geld, du haſt es wohl verdientz“ und war es nicht ſehr gütig von Madame Garland, als ſie ſagte:„Barbara, da hat ſie das ihrige, und ich bin ſehr wohl mit ihr zufrieden;“ und unterzeichnete Kit nicht die Quittung mit kühnen Zügen, und zitterte nicht Barbara an allen Gliedern, als ſie ihren Namen unterſchrieb; und war es nicht ſchön, mit anzuſehen, wie Madame Garland Barbara's Mutter ein Glas Wein ein⸗ ſchenkte; und ſprach nicht Barbara's Mutter groß⸗ artig, als ſie ſagte:„Gottes Segen über Sie, Ma⸗ dame, Sie ſind eine gute Dame, und über Sie, Sir, Sie ſind ein guter Herr; und dir, Barbara, meine Liebe, und auch Ihnen, Herr Chriſtoph; und trank ſie nicht ſo lange an ihrem Glas, als wäre es ein ganzer Humpen geweſen; und ſah ſie nicht ganz anſtändig aus, wie ſie ſo mit ihren Handſchuhen 316 daſtand; und war nicht ein Gelächter und Geplauder unter ihnen, als ſie alle die Gegenſtände auf dem Kutſchendach betrachteten; und bemitleideten ſie nicht alle diejenigen Leute, die keinen Feiertag hatten! Aber erſt Kits Mutter— würde nicht Jeder⸗ mann geglaubt haben, ſie ſtamme aus einem guten Hauſe und ſey ihr ganzes Leben lang eine Dame geweſen? Da war ſie im vollen Empfangsputz, und ein Theezeug war zur Schau ausgeſtellt, welches das Herz eines Porcellainladens hätte erwärmen können; und der kleine Jakob und das kleinſte Brüderlein befanden ſich in einem ſolchen Zuſtande von Voll⸗ kommenheit, daß ihre Kleider ſo gut wie neu aus⸗ ſahen, obgleich ſie, weiß der Himmel, alt genug waren. Sagte nicht Kits Mutter, ehe ſie noch fünf Minuten Platz genommen hatte, Barbara's Mutter wäre eine Frau, ganz wie ſie dieſelbe erwartet, und ſagte nicht Barbara's Mutter, Kits Mutter wäre auf und nieder ſo, wie ſie ſich dieſelbe vorgeſtellt habe, und machte nicht Kits Mutter Barbara's Mutter wegen Bar⸗ bara Complimente, und becomplimentirte nicht Bar⸗ bara's Mutter Kits Mutter wegen Kit, und war nicht Barbara ſelbſt ganz bezaubert von dem kleinen Jakob, und konnte je ein Kind ſo lieb ſeyn, wenn es wollte, als eben er, und mußte man nicht ſeine Herzensfreude an ihm haben? „Auch ſind wir beide Wittwen,“ ſagte Bar⸗ bara's Mutter.„Wir müſſen dazu geboren ſeyn, mit einander bekannt zu werden.“ —„— „ 317 „Ich zweifle ganz und gar nicht daran,“ ent⸗ gegnete Frau Nubbles.„Und wie Schade iſt es, daß wir uns nicht ſchon früher kennen lernten!“ „Demungeachtet aber iſt es, wie Sie wiſſen, eine mächtige Freude,“ ſagte Barbara's Mutter, „wenn man ſo durch einen Sohn und eine Tochter zuſammengebracht wird; dieß hält uns ganz ſchadlos — oder nicht?⸗ Dieſem pflichtete Kits Mutter aus vollem Herzen bei. Sie verfolgten jetzt die Sachlage rückwärts von den Wirkungen zu den Urſachen, und ſo kamen ſie ganz natürlich auf ihre verſtorbenen Männer, über deren Leben, Abſterben und Begräbniß ſie Vergleichun⸗ gen anſtellten und dabei verſchiedene Umſtände fanden, die nicht wundervoller hätten zuſammenpaſſen können. So war zum Beiſpiel Barbara's Vater genau vier Jahre und zehn Monate älter als Kits Vater ge⸗ weſen, der Eine war an einem Mittwoch, der Andere an einem Donnerſtag geſtorben,— Beide hatten einen ſchönen Bau und ein merkwürdig gutes Aus⸗ ſehen gehabt, und ſo traf noch manches Andere in ganz außerordentlicher Weiſe zu. Da dieſe Rück⸗ erinnerungen wohl geeignet waren, einen Schatten auf die Freuden des Feiertags zu werfen, ſo lenkte Kit die Unterhaltung auf allgemeinere Gegenſtände, und ſie waren bald wieder ſo heiter und lebhaft, als zuvor. Unter Anderem erzählte auch Kit von ſeinem früheren Dienſte und von Nells außerordentlicher Schönheit, von welcher er Barbara ſchon zu tauſend 318 Malen unterhalten hatte; aber der letztgenannte Um⸗ ſtand ſprach Kits Zuhörer lange nicht in dem Umfange an, als er erwartet hatte, und ſelbſt ſeine Mutter ſagte(indem ſie zu gleicher Zeit zufällig auf Bar⸗ bara blickte), daß ohne Zweifel Miß Nell ſehr hübſch, demungeachtet aber ein Kind ſey, und daß es noch viele Frauenzimmer gebe, die ebenſo hübſch wären; und Barbara bemerkte ſanft, ſie meine dieß ſelber auch und habe ſich nie des Gedankens erwehren können, Herr Chriſtoph müſſe im Irrthum ſeyn— worüber ſich Kit höchlich verwunderte und gar nicht begreifen konnte, was ſie für einen Grund haben möge, ſeine Worte zu bezweifeln. Außerdem be⸗ merkte Barbara's Mutter, es komme bei jungen Leuten ganz gewöhnlich vor, daß ſie im vierzehnten oder fünfzehnten Jahre umſchlügen und ganz gewöhn⸗ lich würden, wenn ſie zuvor auch noch ſo hübſch ge⸗ weſen wären— eine Wahrheit, die ſie mit vielen eindringlichen Beiſpielen und namentlich dem eines Architekten von guten Ausſichten belegte, der Bar⸗ bara beſondere Aufmerkſamkeit erwieſen, von dem aber Barbara nichts habe wiſſen wollen, was ſie faſt bedauern zu müſſen glaube, obgleich im Grunde doch alles ſeinen beſten Weg gehe. Kit ſagte, er ſey der⸗ ſelben Anſicht, und meinte es gewiß ganz ehrlich; dabei wunderte er ſich aber, was Barbara auf ein⸗ mal ſo ſchweigſam gemacht habe, und warum ihn ſeine Mutter mit einer Miene anſähe, als ob er nicht hätte ſo ſprechen ſollen. —+ 9 319 Wie dem übrigens ſeyn mochte, es war jetzt hohe Zeit, an das Theater zu denken, für welches große Shawl⸗ und Hutvorbereitungen nöthig waren, der paar Schnupftücher voll Orangen und Aepfel gar nicht zu gedenken, deren Zuſammenknüpfen eine ſchöne Zeit wegnahm, weil die Früchte einige Neigung an den Tag legten, aus den Zipfeln zu rollen. Endlich war Alles bereit und die Geſellſchaft machte ſich raſch auf den Weg. Kits Mutter trug das jüngſte Nubbleslein, welches ſchrecklich aufgeweckt war, und Kit führte mit der einen Hand den kleinen Jakob, während er mit der andern Barbara geleitete— ein Stand der Dinge, welche die hintendrein kommenden zwei Mütter zu der Erklärung veranlaßte, ſie ſähen aus, als ob ſie einer Familie angehörten, worüber Barbara erröthete und zu der Mutter ſagte, ſie möchte nicht ſo ſprechen. Aber Kit ſagte ihr, ſie ſolle ſich nicht an ſolche Worte kehren; und in der That hätte ſie auch keine Urſache dazu gehabt, wenn ſie gewußt hätte, wie weit entfernt Kits Gedanken von Courmacherei waren. Arme Barbara! Endlich gelangten ſie zu dem Theater— näm⸗ lich zu Aſtley's; und ein paar Minuten, nachdem ſie die noch nicht geöffnete Thüre erreicht hatten, war der kleine Jakob platt gedrückt und das kleinſte Brü⸗ derlein mit unterſchiedlichen Stößen heimgeſucht wor⸗ den; der Regenſchirm von Barbara's Mutter hatte eine Wanderung von etlichen Ellen gemacht, und war über anderer Leute Schultern wieder zu ihr 320 zurückgekommen, und Kit hatte einen Mann mit dem Aepfelſchnupftuch auf den Kopf geſchlagen, weil er an ſeiner Mutter mit unnöthigem Ungeſtüm ca⸗ rambolirte— mit einem Worte, Alles war in großem Aufruhr. Als ſie jedoch erſt an der Kaſſe vorbei waren und mit den Billeten in der Hand ſich vor⸗ wärts kämpften, als gälte es ihr Leben, namentlich aber, als ſie in dem Theater waren und auf Plätzen ſaßen, die nicht hätten beſſer ſeyn können, wenn man ſie ausgeleſen und vorher beſtellt haben würde— da kam ihnen Alles als ein ſolcher Capitalſpaß vor, daß ſie um keine Welt etwas davon hätten miſſen mögen. Du mein Himmel, wie es doch in dieſem Aſtleytheater ausſah! Die Malereien, die Ver⸗ goldung, die Spiegel, der unbeſtimmte Geruch nach Pferden, welcher die kommenden Wunder ahnen ließ, der Vorhang, der ſo großartige Geheimniſſe ver⸗ hüllte, das ſchöne weiße Sägemehl unten im Cirkus, die Leute, die ſich zu ihren Plätzen drängten, die Geiger, welche, während ſie ihre Inſtrumente ſtimm⸗ ten, ſo unbekümmert umherſahen, als machten ſie ſich durchaus nichts aus dem Anfang des Spiels, und als wüßten ſie ſchon alles vorher auswendig! Welch' ein Glanz, der alle Anweſenden überſtrahlte, als die lange, klare, prächtige Lichterreihe auf⸗ tauchte, und welche fieberiſche Aufregung, als die kleine Klingel ertönte, als die Muſik allen Ernſtes mit Paukengetöne und zarten Paſſagen für die —, ——2—— ᷣ& 321 Triangel begann! Wohl konnte Barbara's Mutter zu Kit's Mutter ſagen, daß die Gallerie der beſte Platz zum Zuſchauen ſey, und eben ſo begreiflich war ihre Verwunderung, daß man ihn nicht viel theurer, als die Logen, bezahlen mußte. Und Bar⸗ bara war ſo über die Maßen entzückt, daß ſie nicht wußte, ob ſie lachen oder weinen ſollte. Und erſt das Spiel ſelbſt! Die Pferde, welche der kleine Jakob anfangs für lebendig hielt, und die Herren und Damen, von deren Wirklichkeit er ſich durchaus nicht überzeugen laſſen wollte, da er nie etwas dergleichen geſehen oder gehört hatte— das Schießen, bei dem Barbara blinzeln mußte— die verlorene Dame, welche ihr Thränen auspreßte— der Tyrann, der ſie zittern machte— der Mann, der mit dem Kammermädchen der Dame ein Lied ſang und den Chor tanzte, worüber ſie lachen mußte— der Pony, welcher auf die Hinterbeine trat, als er den Mörder ſah, und um keinen Preis wieder auf allen Vieren ſpazieren wollte, bis der⸗ ſelbe in Haft genommen war— der Rüpel, welcher ſich ſolche Vertraulichkeiten gegen den Herrn Sol⸗ daten in Stiefeln erlaubte— die Dame, welche uͤber neunundzwanzig Bänder ſprang und doch wohlbe⸗ halten auf dem Rücken des Pferdes anlangte— Alles war entzückend, prachtvoll und überraſchend. Der kleine Jakob klatſchte, bis er keine Hand mehr rühren konnte; Kit ſchrie an dem Schluſſe von allem und jedem— ſelbſt an dem des dreiaktigen Boz XII. Humphrey's Wanduhr. 21 322 Stückes—„an⸗kor,“ und Barbara's Mutter klopfte in ihrer Verzückung mit dem Regenſchirm auf den Boden, bis die Spitze faſt abgeklopft war. In Mitte aller dieſer Zauber ſchienen jedoch Barbara's Gedanken noch immer bei dem zu weilen, was Kit beim Thee geſagt hatte, und als ſie das Theater verließen, fragte ſie ihn mit zimpferlicher Empfindlichkeit, ob Miß Nell wohl ſo ſchön wäre, als die Dame, welche über die Bänder geſprungen ſey. „So ſchön als ſie?“ ſagte Kit.„Zweimal ſo ſchön.“ „Ach, Chriſtoph! Gewiß, ſie war das ſchönſte Frauenzimmer, welches es jemals gegeben hat,“ verſetzte Barbara. „Poſſen!“ erwiederte Kit.„Ich will nicht läug⸗ nen, daß ſie hübſch genug war; aber man muß be⸗ denken, wie ſie gekleidet und geſchminkt war, und was das für einen Unterſchied macht. Da gefallen Sie mir weit beſſer, Barbara.“ „Ach, Chriſtoph!“ ſagte Barbara, die Augen niederſchlagend. „Jedenfalls,“ entgegnete Kit,—„und auch Ihre Mutter.“ Arme Barbara! Was war indeß all' dieſes— ſogar all' dieſes — gegen die außerordentliche Verſchwendung, die nun folgte, als Kit mit einer Kühnheit, wie wenn er dort zu Hauſe wäre, in einen Auſternladen trat und— ohne den Zahltiſch, oder den Mann hinter 323 demſelben eines Blickes zu würdigen— ſeine Ge⸗ ſellſchaft in eine Loge— in eine Privatloge führte, die mit rothen Vorhängen, einem weißen Tiſchtuch und einem Eſſig⸗ und Oelfläſchengeſtell ausgeſtattet war, und einem wilden, backenbärtigen Gentleman, der den Kellner ſpielte, und ihn, nämlich den Chri⸗ ſtoph Nubbles,„Sir“ titulirte, drei Dutzend ſeiner größten Auſtern— aber geſchwinde— bringen hieß. Ja, Kit ſagte zu dieſem Herrn, er ſolle geſchwind machen, und dieß war nicht nur geſagt, ſondern es geſchah auch, denn derſelbe kam ſogleich mit den neueſten Broden, der friſcheſten Butter und den größten Auſtern, die man je geſehen, wieder zurück. Dann ſagte Kit zu dieſem Herrn:„eine Kanne Bier— eben ſo“— und der Herr, ſtatt zu erwie⸗ dern:„Sir, ſprechen Sie mit mir in einem ſolchen Tone?“ entgegnete nur:„Kanne Bier, Sir? Ja, Sir,“ und entfernte ſich, ſie zu holen; dann ſtellte er ſie auf den Tiſch in einen kleinen Blechunterſatz, wie ihn auf der Straße die Hunde der blinden Männer im Maul zu tragen pflegen, um die Halb⸗ pence einzuſammeln; und als er weg war, erklärten ihn ſowohl Kit's Mutter, als Barbara's Mutter, für einen der gewichsteſten und angenehmſten jungen Männer, die ſie je geſehen hätten. Dann ging es allen Ernſtes über das Mahl her; und da war Barbara, die thörichte Barbara, welche erklärte, ſie könne nicht mehr als zwei Auſtern eſſen, und ſich mehr nöthigen ließ, als man wohl 21* * glauben würde, bis ſie vier verſpeiste, obgleich ſich's ihre Mutter und Kit's Mutter ganz wohl ſeyn ließen, und aßen und lachten, und ſich ſo luſtig machten, daß Kit ſeine Herzensfreude daran hatte und in kräftiger Sympathie mitlachte und mitaß. Aber das größte Wunder des Abends war der kleine Jakob, der Auſtern verzehrte, als wäre er zu die⸗ ſem Geſchäft geboren und erzogen worden, des Pfeffers und Eſſigs ſich mit einer Umſicht bediente, die über ſeine Jahre ging, und nachher mit den Schaalen eine Grotte auf den Tiſch baute. Und dann war auch das kleinſte Brüderchen da, das den ganzen Abend kein Auge geſchloſſen, ſondern ächt wie Gold ausgehalten hatte, ſtets verſuchend, eine große Orange in den Mund zu zwängen, und auf⸗ merkſam die Lichter des Kronleuchters betrachtend— da ſaß es in dem Schooße ſeiner Mutter, ſtarrte die Gaslichter an, ohne zu blinzeln, und machte mit einer Auſterſchaale ſo kräftige Eindrücke in ſein ſanf⸗ tes Geſicht, daß ein Herz von Eiſen es hätte lieben müſſen. Kurz, es gab nie ein behaglicheres Abend⸗ eſſen, und als Kit gar zum Schluſſe ein Glas von etwas Warmem befahl und, ehe er es die Runde machen ließ, Herrn und Madame Garland's Ge⸗ ſundheit ausbrachte— da gab es auf der ganzen Welt keine ſechs ſeligeren Leute. Aber alles Glück nimmt ein Ende— weßhalb man ſich auch ſeiner Wiederkehr ſo ſehr freut— und da es nun ſchon ziemlich ſpät war, ſo kam man ,——,—— 1J 325 überein, daß es Zeit ſey, die Geſichter heimwärts zu kehren. Man begleitete Barbara und Barbara's Mutter nach der Wohnung einer Bekannten, wo ſie die Nacht zubringen wollten, und. nachdem ſie dort wohlbehalten untergebracht waren, nahmen Kit und ſeine Mutter Abſchied von ihnen. Zuvor wurde indeß noch verabredet, daß Kit und Barbara am Morgen zeitig ſich in Finchley einſtellen ſollten, wo⸗ bei man gelegentlich große Entwürfe für die Be⸗ luſtigungen des nächſten Quartaltages machte. Dann nahm Kit den kleinen Jakob auf ſeinen Rücken, gab ſeiner Mutter den Arm und dem kleinſten Brüder⸗ lein einen Kuß, und ſo trabten ſie luſtig der Heimath zu. Der Naritätenladen. Vierzigſtes Kapitel. Mit jenem unbeſtimmten Gefühle von Reue, welches der Morgen nach einem Feiertag zu wecken pflegt, ſtand Kit mit der Sonne auf und begab ſich nach dem Orte, wo er Barbara und ihre Mutter treffen ſollte— etwas erſchüttert in ſeinem Glauben an die Beluſtigungen des letzten Abends durch den 1 326 nüchternen Anblick des Tages und die Rückkehr zu den Werktagsobliegenheiten ſeines Dienſtes. Um Niemand von der kleinen Familie, die von ihren ungewöhnlichen Strapazen ausruhte, zu wecken, ließ Kit ſein Geld auf dem Kaminſims, die Aufmerk⸗ ſamkeit ſeiner Mutter mit einer Kreideinſchrift auf dieſe Thatſache lenkend, in welcher er ihr mittheilte, daß ſie von ihrem dankbaren Sohne herrühre, und ging mit etwas ſchwererem Herzen, als ſich dieß von ſeinen Taſchen ſagen ließ, obgleich keine be⸗ ſonders namhafte Bedrückung darauf laſtete, ſeines Weges. Ach, dieſe Feiertage! Warum hinterlaſſen ſie uns immer etwas Reue? Warum können wir ſie in unſerem Gedächtniß nicht um eine oder zwei Wochen zurückſchieben, ſo daß ſie mit einem Male in der geeigneten Entfernung ſtehen, in welcher man ſie entweder mit ruhiger Gleichgültigkeit, oder mit dem angenehmen Gefühle der Rückerinnerung be⸗ trachten kann? Warum kleben ſie an uns, wie die Nachwehen des geſtern genoſſenen Weines mit ihrem Kopfweh, ihrer Schlaffheit und ihren guten Vor⸗ ſätzen für die Zukunft, welche das ewige Pflaſter eines großen, unterirdiſchen Reiches bilden und gewöhn⸗ lich nicht länger als bis zum Mittageſſen dauern? Wen wird es Wunder nehmen, daß Barbara Kopfweh hatte, oder daß Barbara's Mutter eine Neigung zu übler Laune verrieth, daß ſie Aſtley's Theater unter ſeinem wahren Werthe anſchlug, und —— zu Um ren ließ erk⸗ auf ilte, und dieß be⸗ ines ſie ſie zwei Nale man mit be⸗ die yrem Vor⸗ aſter öhn⸗ 12 bara eine ley's und 327 daß ſie meinte, der Rüpel wäre älter, als ſie geſtern Abend geglaubt habe? Kit wenigſtens wunderte ſich nicht darüber. Er hatte bereits eine trübe Ahnung, daß die unbeſtändigen Helden jenes blendenden Traum⸗ geſichts ihm geſtern ſchon ſo vorgekommen wären und ihm dieſen Abend, den nächſten, ja auf Wochen und Monate hinein, in demſelben Lichte erſcheinen müßten, obſchon er nicht dort ſeyn würde. Dieß iſt der Unterſchied zwiſchen geſtern und heute. Wir Alle gehen in das Theater, oder kommen heraus. Wie dem übrigens ſeyn mag, auch die Sonne iſt nur ſchwach bei ihrem Aufgehen und ſammelt ſich erſt Muth und Kraft im Laufe des Tages. Allmälig fingen ſie an, ſich der Gegenſtände in einem erfreu⸗ licheren Lichte zu erinnern, bis ſie endlich unter Plau⸗ dern und Lachen in ſo guter Laune zu Finchley an⸗ langten, daß Barbara's Mutter erklärte, ſie habe ſich nie heiterer und weniger ermüdet gefühlt, als eben jetzt, und Kit ſagte das gleiche. Barbara war auf dem ganzen Wege ſehr ſchweigſam geweſen, aber auch ſie drückte ſich in ähnlicher Weiſe aus. Die arme kleine Barbara! Sie war ſehr ſtill. Sie kamen in ſo guter Zeit nach Hauſe, daß Kit bereits den Pony geſtriegelt und ihn wie ein Rennpferd herausgeputzt hatte, ehe noch Herr Gar⸗ land zum Frühſtück herunter kam— welch' pünkt⸗ liches und fleißiges Betragen, das die alte Dame, der alte Herr und Herr Abel höchlich belobten. Zu ſeiner gewohnten Stunde(oder vielmehr zu ſeiner 328 gewohnten Minute und Secunde, denn Herr Abel war die Pünktlichkeit ſelber) ging der junge Herr aus, um auf die Londonkutſche zu treffen, und Kit begab ſich mit dem alten Herrn in den Garten, um daſelbſt zu arbeiten. Dieß war für Kit nicht gerade die unange⸗ nehmſte Beſchäftigung, denn an ſchönen Tagen konnte man es eigentlich eine Familienpartie nennen. Man hatte die alte Dame in der Nähe, die mit ihrem Arbeitskörbchen an einem Tiſche ſaß; der alte Herr ſchaufelte, handhabte ſeine Gartenſcheere, oder ging Kit mit großer Emſigkeit bei ſeiner Arbeit an die Hand, und der Klepper ſah aus ſeinem Stalle in wohlgefälliger Beſchaulichkeit dem Ganzen zu. Heute ſollten die Rebſtöcke zugerichtet werden, weßhalb Kit die Mitte einer kurzen Leiter beſtieg und zu ſchneiden und zu hämmern begann, während der alte Herr, mit großem Intereſſe an dem Fortgange der Arbeit, die Nägel und Baſtbänder hinaufreichte, deren man gerade benöthigt war. Die alte Dame und der Klepper ſahen, wie gewöhnlich, zu. „Nun, Chriſtoph,“ ſagte Herr Garland,„du haſt dir alſo einen neuen Freund gemacht, he?“ „Bitt' um Verzeihung, Sir?“ entgegnete Kit, von der Leiter herunterſehend. „Du haſt dir, wie ich von Abel höre, in dem Bureau des Notars einen neuen Freund gemacht,“ ſagte der alte Herr. 3 —= 329 „Ach— ja, Sir, ja. Er hat ſich ſehr frei⸗ gebig gegen mich benommen, Sir.“ „Freut mich, das zu hören,“ entgegnete der alte Herr mit einem Lächeln.„Aber er iſt geneigt, noch mehr für dich zu thun, Chriſtoph.“— „In der That, Sir? Das iſt ſehr ſchön von ihm; aber gewiß, ich bedarf deſſen nicht,“ ſagte Kit, indem er kräftig auf einen ſtörrigen Nagel los⸗ hämmerte. „Es iſt ihm ſehr darum zu thun,“ fuhr der alte Herr fort,„dich in ſeinem eigenen Dienſt zu haben.— Nimn dich in Acht, ſonſt wirſt du herunter⸗ fallen und Schaden nehmen.“ „Mich in ſeinem Dienſt zu haben?“ rief Kit, der jetzt in ſeiner Arbeit inne hielt und ſich wie ein geſchickter Equilibriſt auf der Leiter umdrehte.„Ei, Sir, ich glaube nicht, daß er im Ernſt ſo etwas ſagen kann.“ „Oh, freilich, freilich iſt's ihm Ernſt,“ ſagte Herr Garland.„Er hat es zu Abel geſagt.“ „Hab' ich doch nie ſo etwas gehört!“ murmelte Kit, indem er mit einer kläglichen Miene ſeinen Herrn und ſeine Gebieterin anblickte.„Nein, das nimmt mich in der That Wunder.“ „Du ſiehſt ein, Chriſtoph, daß dieß ein Punkt von Wichtigkeit für dich iſt, und den du in dieſem Lichte auffaſſen mußt. Der Herr iſt im Stande, dir mehr Geld zu geben, als ich— zwar hoffe ich nicht, daß er dir, ſo weit es die Verhältniſſe des Herrn 330 und Dieners geſtatten, mehr Güte und Vertrauen ſchenken kann; aber gewiß, Chriſtoph, er iſt in der Lage, dich beſſer zu bezahlen.“ „Das mag wohl ſeyn, aber, Sir—“ erwie⸗ derte Kit. „Halt noch einen Augenblick,“ ſiel ihm Herr Garland in's Wort.„Das iſt noch nicht alles. Dem Vernehmen nach warſt du ein ſehr treuer Diener gegen deine alte Herrſchaft, und ſollte der Herr dieſe wieder auffinden, was er mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln zu bewerkſtelligen ſucht, ſo zweifle ich nicht, daß du in ſeinem Dienſte deine Belohnung erhalten wirſt. Außerdem,“ fügte der alte Herr mit noch größerem Nachdrucke bei,„außer⸗ dem wirſt du die Freude haben, wieder in Verbin⸗ dung mit denen zu kommen, an denen du mit ſo großer und uneigennütziger Treue zu hängen ſcheinſt. Du mußt all' dieß bedenken, Chriſtoph, und nicht raſch oder voreilig in deinen Entſchließungen ſeyn.“ Kit empfand einen augenblicklichen Stich durch’s Herz, als dieſes letztere Argument ſeine Gedanken durchkreuzte und die Verwirklichung aller ſeiner Hoff⸗ nungen und Wünſche heraufbeſchwor, obgleich ſein Entſchluß bereits gefaßt war. Es war jedoch nur vorübergehend, denn unmittelbar darauf gab er die feſte Antwort, der Herr müſſe ſich nach jemand Anders umſehen und hätte, ſeiner Anſicht nach, dieß gleich anfangs thun ſollen. „Er hat kein Recht zu glauben, daß ich mich uen der vie⸗ derr les. euer der ihm icht, eine der ßer⸗ bin⸗ ſo inſt. iicht 1.“ ch's aken off⸗ ſein nur die and dieß nich 331 verführen laſſe, zu ihm zu gehen, Sir,“ fügte Kit bei, und wandte ſich wieder um, nachdem er eine halbe Minute gehämmert hatte.„Meint er, ich ſey ein Narr?“ „Er könnte es vielleicht meinen, Chriſtoph, wenn du ſein Anerbieten ausſchlägſt,“ ſagte Herr Garland mit Ernſt. „So mag er's,“ verſetzte Kit.„Was kümmert's mich, was er von mir denkt. Warum ſollte ich mich um ſeine Gedanken kümmern, da ich weiß, daß ich ein Narr ſeyn müßte, und noch ſchlimmer als ein Narr, Sir, wenn ich um ſeiner oder ſonſt Jemands willen die gütigſte Herrſchaft, die es je gab oder geben kann, verlaſſen wollte— eine Herr⸗ ſchaft, die mich als einen ganz armen und hungrigen Jungen von der Straße wegnahm— in der That ärmer und hungriger, als Sie ſich's vielleicht je gedacht haben, Sir. Wenn Miß Nell wieder zurück⸗ käme, Ma'am,“ fügte Kit plötzlich gegen ſeine Ge⸗ bieterin bei,„dann wäre es freilich etwas Anderes, und wenn ſie meiner bedürfen ſollte, ſo möchte ich wohl hin und wieder bitten, daß Sie mich für ſie arbeiten ließen, wenn ich hier mit Allem fertig bin. Aber wenn ſie auch wieder zurückkömmt, ſo ſehe ich jetzt wohl ein, daß ſie ſo reich ſeyn wird, wie der alte Herr es immer vorausſagte, und wie ſollte eine reiche Dame meiner bedürfen? Nein, nein,“ ſagte Kit mit bekümmertem Kopfſchütteln,„ſie wird mich nie mehr brauchen und, Gott ſegne ſie, ich hoffe 332 es auch, obgleich ich ſie gerne noch einmal ſehen möchte.“ Mit dieſen Worten trieb Kit einen Nagel in die Wand— tief, viel tiefer, als nöthig war— und ſobald dieß geſchehen, drehte er ſich wieder um. „Da iſt der Pony, Sir,“ fuhr Kit fort.„Nun, Ma'am, er weiß ganz gut, daß ich von ihm ſpreche, und wird deßhalb gleich zu wiehern anfangen— aber würde er wohl jemand Anders ſich nahekommen laſſen, als mich, Ma'am? Und der Garten, Sir, und Herr Abel, Ma'am. Würde Herr Abel mich wohl entbehren können, Sir, oder gibt es Jemand, der beſſer auf den Garten Acht hätte, Ma'am? Es würde meiner Mutter das Herz brechen, Sir, und ſelbſt der kleine Jakob hätte Verſtand genug, ſich die Augen auszuweinen, Ma'am, wenn er dächte, Herr Abel wünſche ſich ſo bald von mir zu trennen, da er doch erſt kürzlich zu mir ſagte, er hoffe, wir wür⸗ den noch manches kommende Jahr mit einander aus⸗ halten— Wir können nicht ſagen, wie lange Kit noch auf der Leiter geſtanden und abwechſelnd ſeinen Herrn und ſeine Gebieterin, wobei er ſich regelmäßig an die unrechte Perſon wandte, angeredet haben würde, wenn nicht in dieſem Augenblick Barbara mit der Nachricht gekommen wäre, ein Bote aus dem Bureau des Notars habe ein Billet gebracht, welches ſie, mit dem Ausdrucke der Ueberraſchung über Kits red⸗ neriſche Stellung, ihrem Herrn einhändigte. ——, 333 „Ah“ ſagte der alte Herr, nachdem er es geleſen hatte,„ſage ſie dem Boten, er ſolle hieher kommen.“ Barbara trippelte fort, um zu thun, wie ihr geheißen wurde, worauf ſich der alte Herr mit der Bemerkung an Kit wandte, ſie wollten nicht weiter über dieſen Gegenſtand ſprechen, denn Kit könne ſich nicht unlieber von ihnen trennen, als ſie ihn un⸗ gerne entlaſſen würden— eine Erklärung, welcher die alte Dame ſehr gnädig beipflichtete. „Gleichwohl können wir es nicht verweigern, Chriſtoph,“ fügte Herr Garland bei, indem er auf das Billet in ſeiner Hand blickte,„dich je zuweilen, wenn es dir nämlich recht iſt, an den Herrn abzu⸗ treten, wenn er dich für eine Stunde oder ſo etwas, meinetwegen auch auf einen Tag, borgen wollte.— Ah! da iſt ja der junge Herr. Wie geht's Ihnen, Sir?“ Dieſer Gruß war an Herrn Chuckſter gerichtet, welcher mit ganz auf die Seite gedrücktem Hute und fliegendem Haare einherſtolzirt kam. „Ich hoffe, Sie wohl zu ſehen, Sir,“ entgeg⸗ nete dieſer Gentleman.„Und auch Sie, Ma'am. Ein prächtiges Gartenhäuschen das, Sir. Jedenfalls eine köſtliche Landſchaft.“ „Sie wollen Kit mit ſich nehmen, wie ich finde?“ bemerkte Herr Garland. „Ich habe zu dieſem Zweck ein Cabriolet bei mir,“ verſetzte der Schreiber.„Einen ganz ſtattli⸗ 334 chen Grauſchimmel im Geſchirr, Sir, wenn Sie ein Kenner von Pferdefleiſch ſind.“ Herr Garland lehnte die Inſpection des ſtattli⸗ chen Grauſchimmels unter dem Vorwande, daß er ſich auf derartige Gegenſtände nicht verſtehe, ab, und lud Herrn Chuckſter ein, an einem kleinen Lunch Theil zu nehmen, wozu beſagter Gentleman bereit⸗ willig Ja ſagte. Es wurde daher ſchleunigſt kaltes Fleiſch nebſt Ale und Wein zu ſeiner Erfriſchung beigeſchafft. Bei dieſem Mahle bot Herr Chuckſter alle ſeine Kräfte auf, um ſeinen Wirth ſammt Gemahlin zu bezaubern und ihnen eine Ueberzeugung von der gei⸗ ſtigen Ueberlegenheit Derjenigen beizubringen, welche in der Stadt wohnen. Zu dieſem Ende brachte er das Geſpräch auf die Chronique ſcandaleuſe des Tages, in welcher er, nach dem gerechten Urtheil ſeiner Freunde, vorzugsweiſe beſchlagen war. So war er im Stande, ausführlich die Einzelnheiten des Streits zwiſchen dem Marquis von Mizzler und dem Lord Bobby zu erzählen, welcher urſprünglich durch eine Flaſche Champagner, keineswegs aber durch eine Taubenpaſtete, wie die Zeitungen irriger Weiſe meldeten, veranlaßt worden war; auch hatte Lord Bobby nicht zu dem Marquis von Mizzler geſagt: „Mizzler, Einer von uns Beiden ſagt eine Lüge, ich aber gewiß nicht,“ wie unrichtiger Weiſe von einigen Autoritäten ausgeſprengt worden, ſondern:„Mizzler, Sie wiſſen, wo ich zu finden bin, und, Gott ver⸗ 33⁵ damme mich, Sir, ſuchen Sie mich, wenn Sie mich brauchen“— wodurch natürlich die intereſſante Frage ein ganz anderes Geſicht bekam und in einem ſehr verſchiedenen Lichte erſchien. Ferner gab er den ge⸗ naueſten Beſcheid über das Einkommen, welches der Herzog von Thigsberry der Violetta Stetta von der italieniſchen Oper zugeſichert habe; auch ſey das⸗ ſelbe vierteljährig zahlbar und nicht halbjährig, wie man im Publikum wiſſen wolle, und es ſchließe nicht auch die Juwelen, die Parfümerien, den Puder für fünf Laquaien und die täglichen zwei Paar Glacé⸗ handſchuhe für einen Pagen ein(wie man ſich grauen⸗ haft belüge), ſondern alles dieß gehe noch ertra. Sofort bat Herr Chuckſter die alte Dame und den alten Herrn, ſich durch dieſen wichtigen Punkt nicht weiter beunruhigen zu laſſen, denn ſie dürften ſich vollkommen überzeugt halten, daß ſeine Angaben durchaus richtig wären, worauf er auf das Theater⸗ geklatſch und auf die Neuigkeiten vom Hofe überging; und ſo haſpelte er eine brillante und bezaubernde Unterhaltung ab, welche er allein und ohne ſonſtigen Beiſtand, wohl drei Viertelſtunden fortführte. „Da aber jetzt meine Mähre Athem genug ge⸗ ſchöpft haben wird,“ ſchloß Herr Chuckſter, indem er in einer gar anmuthigen Weiſe aufſtand,„ſo fürchte ich, daß ich mein Bündel ſchnüren muß.“ Weder Herr noch Madame Garland hatten etwas gegen ſein Sichlosreißen einzuwenden(ohne Zweifel, weil ſie fühlten, daß ein ſolcher Mann in * 336 ſeinem Wirkungskreiſe nicht gut entbehrt werden könne), weßhalb ſich Herr Chuckſter und Kit bald darauf auf ihrem Wege nach der Stadt befanden. Kit ſaß auf dem Bocke neben dem Kutſcher und Herr Chuckſter in einſamer Herrlichkeit innen im Cabrio⸗ let, indem er zu jedem der Vorderfenſter einen ſeiner Stiefel hinausſtreckte. Als ſie das Haus des Notars erreicht hatten, wurde Kit in das Bureau gewieſen, wo ihm Herr Abel ſagte, er ſolle Platz nehmen und warten, denn der Herr, welcher ſeiner bedürfe, ſey ausgegangen und werde vielleicht nicht ſo ſchnell wieder zurück⸗ kommen. Dieſe Vermuthung erwahrte ſich auch voll⸗ kommen, denn Kit hatte ſein Mittageſſen und ſeinen Thee eingenommen, hatte all die leichteren Sachen in der Prozeßliſte und dem Poſtroutenverzeichniß geleſen, und war ziemlich oft eingenickt, ehe der be⸗ ſprochene Herr anlangte; und als dieß endlich der Fall war, geſchah es in der größten Eile. Er ſchloß ſich eine Zeitlang mit Herrn Wither⸗ den ein, und dann wurde auch Herr Abel herbeige⸗ rufen, um an der Conferenz Theil zu nehmen, bis endlich auch Kit, der ſich nicht genug wundern konnte, was er eigentlich hier ſolle, eine Aufforderung er⸗ hielt, ſich dem Kleeblatte anzuſchließen. „Chriſtoph,“ ſagte der fremde Herr, als Kit in's Zimmer trat,„ich habe deinen alten Herrn und deine junge Gebieterin gefunden.“ „Nein, Sir! haben Sie das wirklich?“ ent⸗ —— — —— 337 gegnete Kit, und ſeine Augen leuchteten vor Ent⸗ zücken,„wo ſind ſie, Sir? Wie geht's ihnen, Sir? Sind ſie in der Nähe?“ „Nicht doch, ſondern weit weg von hier,“ er⸗ wiederte der fremde Herr mit Kopfſchütteln.„Aber ich reiſe dieſen Abend ab, um ſie zurückzubringen, und ich wünſchte, daß du mit mir gingeſt.“ „Ich, Sir?“ rief Kit voll freudigen Erſtaunens. „Der Ort,“ ſagte der fremde Herr, gedankenvoll ſich an den Notar wendend,„der mir von dem Mann mit den Hunden angegeben wurde, iſt— wie weit von hier— ſechzig Meilen?“ „Zwiſchen ſechzig und ſiebenzig.“ „Hum! Wenn wir die ganze Nacht durch mit der Poſt reiſen, ſo werden wir morgen Vormittag in guter Zeit anlangen. Nun iſt aber die einzige Frage, da ſie mich nicht kennen werden und das Kind, dem Gott ſeinen Seegen ſchenken möge, glau⸗ ben dürfte, ein Fremder verfolge ſeinen Großvater mit ſchlimmen Abſichten auf ſeine Freiheit,— kann ich zu Verbürgung meiner freundlichen Abſichten. etwas Beſſeres thun, als dieſen Jungen mitnehren, den ſie Beide kennen und deſſen Sie ſich ſogleich er⸗ innern werden?“ „Gewiß nicht,“ verſetzte der Notar.„Chriſtoph muß auf alle Fälle mit.“ „Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ ſagte Kit, der dieſem Geſpräche mit langem Geſichte zugehört hatte, Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 22 „aber wenn Sie dieſe Abſicht erreichen wollen, ſo fürchte ich, daß ich mehr hinderlich als förderlich ſeyn werde.— Was Miß Nell anbelangt, Sir, ſo kennt mich dieſe freilich, und ich bin überzeugt, daß ſie mir trauen würde! aber der alte Herr— ich weiß nicht warum, meine Herrn, und auch ſonſt Niemand weiß es— konnte mich ſeit ſeinem Krankſeyn nicht vor Augen ſehen, und Miß Nell hat ſelbſt zu mir ge⸗ ſagt, ich ſolle ihm nie wieder nahe kommen, oder mich vor ihm blicken laſſen. Ich fürchte, ich würde Alles verderben, was Sie thun könnten, wenn ich mitginge. Freilich thäte ich's um's Leben gern, aber es wird beſſer ſeyn, wenn Sie mich nicht mitnehmen, Sir.“ „Eine neue Schwierigkeit!“ rief der ledige Herr ungeſtüm.„War je ein Menſch ſo eingeengt, als ich? Gibt es Niemand Anders, der ſie kennt, Nie⸗ mand Anders, zu dem ſie Vertrauen hätten? Ihr Leben war freilich ſehr abgeſchieden, aber gibt es denn gar keinen Menſchen, der mir zu meinem Zwecke verhelfen könnte?“ „Kennſt du Niemand, Chriſtoph?“ fragte der Notar. „Niemand, Sir,“ verſetzte Kit.—„Doch halt! ja, meine Mutter.“ „Iſt ſie ihnen bekannt?“ fragte der ledige Herr. „Ob ſie ihnen bekannt iſt, Sir? Ei, ſte ging immer ab und zu. Man behandelte ſie ſo freund⸗ lich, als mich. Du lieber Himmel, Sir, ſie hat immer gehofft, ſie würden zurück in ihr Haus kommen.“ ———,—— ————,——————+——— ————,— 339 „Dann wo zum Teufel iſt das Weib?“ rief der fremde Herr ungeduldig, indem er nach ſeinem Hute langte.„Warum iſt ſie nicht hier? Warum iſt dieſes Weib immer aus dem Weg, wenn man ihrer am meiſten benöthigt iſt?“ Mit einem Worte, der ledige Herr war eben im Begriffe, aus dem Bureau zu ſtürzen, feſt gewillt, gewaltſame Hand an Kit's Mutter zu legen, ſie in eine Poſtchaiſe zu zwingen und mit ihr in die Welt hinaus zu fahren, als dieſe neue Art von Entführung nicht ohne einige Schwierigkeit, durch die vereinten Anſtren⸗ gungen des Notars und des Herrn Abel verhindert wurde, welche ihn durch ihre Vorſtellungen zurück⸗ hielten und ihn beredeten, Kit über die Wahrſchein⸗ lichkeit ihrer Fähigkeit und ihres Willens, ſo plötzlich eine derartige Reiſe zu unternehmen, auszuholen. Dieß veranlaßte einige Bedenken von Seite Kit's, einige ungeſtüme Demonſtrationen von Seite des ledi⸗ gen Herrn, und viele Beſchwichtigungsverſuche von Seite des Notars und des Herrn Abel. Das Er⸗ gebniß der Verhandlung war, daß Kit, nach ſorg⸗ fältiger Erwägung aller Umſtände, im Namen ſeiner Mutter verſprach, daß ſie innerhalb zwei Stunden von jetzt an bereit ſeyn würde, die Reiſe anzutreten, wobei er ſich anheiſchig machte, ſie nach Ablauf dieſer Friſt vollkommen reiſefertig hieher zu bringen. Nachdem Kit dieſe etwas kühne Zuſicherung, die 22* nicht ſonderlich leicht zu erfüllen war, gegeben hatte, eilte er unverzüglich von hinnen und traf Maßregeln, ſein Wort zu löſen. Der Raritätenladen. Einundvierzigſtes Kapitel. Kit eilte durch die überfüllten Straßen, brach ſich mit dem Ellenbogen Bahn durch die Menge, huſchte über die dröhnenden Fahrſtraßen, ſchlüpfte durch Gäßchen und Winkel und hielt keinen Augen⸗ blick inne, bis er in die Nähe des Raritätenladens kam, wo er ſtehen blieb— theils aus Gewohnheit, theils um Athem zu ſchöpfen. Es war ein trüber Herbſtabend und es däuchte ihm, als habe der alte Ort nie ſo unheimlich aus⸗ geſehen, als in dieſer trübſeligen Dämmerung. Die zerbrochenen Scheiben, die roſtigen, in ihren Rahmen klappernden Schiebfenſter, das öde Haus, einer ſinſtern Barriere ähnlich, welche die grellen Lichter und die Rührigkeit der Straße in zwei lange Zeilen theilte, kalt, duſter und leer in der Mitte ſtehend— all dieſes gewährte einen unfreundlichen Anblick, ſchmerz⸗ lich gemiſcht mit den hochfliegenden Hoffnungen, welche der Knabe auf die vormaligen Bewohner geſetzt, wäh⸗ 341 rend doch ſtatt ihrer nur Täuſchung und Unglück eingetroffen hatte. Kit hätte gerne ein hübſches, praſſelndes Feuer in den leeren Kaminen, flimmernde Lichter in den Fenſtern, geſchäftig ab und zugehende Leute und die Unterhaltung heiterer Stimmen in jenen Räumen gehabt— kurz etwas, was mit den neuen Hoffnungen, die ſich in ihm regten, in Ver⸗ bindung ſtand. Er hatte nicht erwartet, daß das Haus anders ausſehen würde(wußte er ja, daß es nicht ſeyn konnte), wie er aber ſo in Mitte ſchwung⸗ hafter Gedanken und Fernſichten herankam, da wurde denn doch der Strom derſelben gehemmt und durch einen wehmüthigen Schatten verdüſtert. Zum Glück war jedoch Kit nicht gelehrt oder contemplativ genug, um ſich durch die Vorboten eines weit entfernten Uebels beunruhigen zu laſſen, und da er keine geiſtige Brille trug, welche in dieſer Be⸗ ziehung ſeiner Sehkraft nachhelfen konnte, ſo erblickte er weiter nichts, als das öde Haus, das zu ſeinen früheren Gedanken in einen unbehaglichen Gegenſatz trat. Ohne ſich deutlich bewußt zu ſeyn, warum, wünſchte er faſt, dieſe Straße vermieden zu haben, und ſo eilte er wieder vorwärts, die kurze Zögerung durch raſchere Schritte einbringend. „Aber wenn ſie jetzt nicht zu Hauſe iſt,“ dachte Kit, als er ſich der ärmlichen Wohnung ſeiner Mutter näherte,„und wenn ich ſie nicht finden kann? Nun, da würde der ungeduldige Herr ſchön an mir auffahren. Richtig— da iſt kein Licht und die Thüre verſchloſſen. Gott verzeihe mir, daß ich ſo ſage, aber wenn jenes Klein⸗Bethel daran Schuld iſt, ſo wollte ich, daß Klein⸗Bethel beim— weiter weg wäre,“ ſagte Kit, plötzlich ſich unterbrechend, indem er zugleich an die Thüre pochte. Ein wiederholtes Pochen veranlaßte keine Antwort aus dem Innern des Hauſes; dagegen ſah eine Frau über der Straße drüben aus dem Fenſter und fragte, wer zu Frau Nubbles wolle. „Ich,“ antwortete Kit.„Sie iſt vermuthlich in — in Klein⸗Bethel?“ Der Name dieſes ihm an⸗ ſtößigen Conventikels glitt nur mit Widerſtreben über ſeine Lippen und war mit einem verächtlichen Nach⸗ drucke begleitet. Die Nachbarin nickte bejahend. „Dann bitte ich, mir zu ſagen, wo es iſt,“ fuhr Kit fort,„denn es handelt ſich um eine dringliche Sache, und ich müßte ſie herausholen, ſelbſt wenn ſie auf der Kanzel ſtünde.“ Es war nicht ſonderlich leicht, eine Weiſung nach dem fraglichen Pferche beizuſchaffen, da Niemand aus der Nachbarſchaft zu der dortigen Heerde gehörte und nur Wenige etwas Weiteres davon, als nur den Na⸗ men kannten. Endlich ertheilte eine Nachbarin von Frau Nubbles, welche die Letztere ein oder zweimal zu der Kapelle begleitet hatte, nachdem zuvor der Andacht ein behagliches Täßchen Thee vorangeſchickt worden war, die nöthige Auskunft, und Kit hatte dieſelbe kaum gehört, als er auch ſogleich dahin auf⸗ 343 brach. Klein⸗Bethel hätte können näher liegen und auf geraderem Wege zugänglich ſeyn, obgleich in dieſem Falle der ehrwürdige Gentleman, welcher der Gemeinde vorſtand, ſeiner Lieblingsanſpielung auf die krummen Wege, auf denen man zu ihm gelangte, verluſtig geworden und ſo außer Stand geſetzt wor⸗ den wäre, die Kapelle mit dem Paradies zu verglei⸗ chen, im Gegenſatze zu der Pfarrkirche, zu der die breite Straße führte. Kit fand ſich endlich, nicht ohne einige Mühe, zuxecht, machte an der Thüre Halt, um Athem zu holen und mit dem gebührenden Anſtand zu erſcheinen und trat in die Kapelle. Der Name war in einer Hinſicht nicht unpaſſend gewählt, denn es war in der That ein ungemein klei⸗ nes Bethel— ein Bethel von den kleinſten Dimen⸗ ſionen— mit einer kleinen Anzahl kleiner Kirchen⸗ ſtühle und einer kleinen Kanzel, auf welcher ein klei⸗ ner Herr(von Profeſſion ein Schuhmacher, dem Be⸗ rufe nach aber ein Diener des Wortes) mit durch⸗ aus nicht kleiner Stimme eine ganz und gar nicht kleine Predigt hielt, wenn man nämlich aus dem Zuſtand ſeines Auditoriums auf den Umfang der⸗ ſelben ſchließen durfte, das im Ganzen allerdings nur klein war, aber eine noch kleinere Anzahl von Hörern umfaßte, da bei weitem die Mehrzahl ſchlum⸗ merte. Unter den Letzteren war Kit's Mutter, welche es durchaus nicht leicht gefunden hatte, nach den Anſtrengungen der letzten Nacht die Augen offen zu erhalten, und da ihre Neigung, dieſelben zu ſchließen, durch die Argumente des Predigers einen kräftigen Beiſtand erhielt, ſo hatte ſie der ſie übermannenden Schlaftrunkenheit nachgegeben und war eingenickt, obgleich nicht in einem Grade, daß ſie nicht von Zeit zu Zeit ein leichtes und faſt unhörbares Stöhnen, gleich als Anerkennung der Sätze des Redners, hätte er⸗ gehen laſſen können. Der jüngſte Nubbles ſchlief in ihren Armen ſo feſt, als ſie ſelber, und der kleine Jacob, den ſeine Jugend hinderte, in dieſer verlän⸗ gerten geiſtigen Speiſung auch nur etwas halb ſo Intereſſantes als Auſtern zu erkennen, war abwech⸗ ſelnd in tiefem Schlafe und in hellem Wachen, je nachdem die Neigung zum Schlummern oder die Furcht, perſönlich in der Predigt erwähnt zu werden, die Oberhand über ihn gewann. „Nun, hier wäre ich einmal,“ dachte Kit, indem er in den nächſten ſeiner Mutter gegenüberſtehenden, leeren Stuhl der andern Seite des Mittelganges ſchlüpfte;„aber wie ſoll ich an ſie kommen, oder ſie bereden, daß ſie hinausgeht? Ich könnte eben ſo gut zwanzig Meilen weit ſeyn. Sie wird nicht er⸗ wachen, bis Alles vorüber iſt. Und da ſchlägt die Uhr ſchon wieder! Wenn er nur eine Minute auf⸗ hören wollte, oder wenn man zu ſingen anfänge!“ Hiezu hatte es aber für die nächſten paar Stun⸗ den keine Ausſicht. Der Prediger fuhr fort, her⸗ zuſagen, von was für Stücken er ſie überzeugen wolle, ehe er ſeine Rede ſchließe, und es war klar, 3 daß es wenigſtens die genannte Friſt währen mußte, wenn er auch nur die Hälfte von dem hielt, was er verſprach, und die andere Hälfte vergaß. Kit ließ in ſeiner Unruhe und Verzweiflung die Augen in der Kapelle umhergleiten, und als ſie zu⸗ fällig auf einen kleinen Sitz vor dem Pulte des Küſters fielen, konnte er kaum ſeinen Sinnen trauen, welche ihm— Quilp zeigten!— Er rieb ſich die Augen zwei oder dreimal, aber ſie beſtanden darauf, Quilp ſey dort. Und ſo war es auch in der That; er ſaß da, die Hände auf die Kniee geſtützt und den Hut dazwiſchen auf einer klei⸗ nen hölzernen Unterlage, das gewohnte Grinſen auf ſeinem ſchmutzigen Geſichte und die Blicke an die Decke geheftet. Jedenfalls ſah er nicht auf Kit oder ſeine Mutter, und ſchien überhaupt nichts von ihrer Anweſenheit zu ahnen; demungeachtet aber konnte ſich Kit des augenblicklichen Gefühls nicht erwehren, die Aufmerkſamkeit des vorſchmitzten kleinen Teufels ſey auf Niemand Anders als auf ſie Beide geheftet. So erſtaunt er aber auch über das Erſcheinen des Zwergs unter den Klein⸗Betheliten war, und ob⸗ gleich er ſich der Beſorgniß nicht erwehren konnte, ſie ſey der Vorbote irgend eines Unheils oder einer Widerwärtigkeit, ſo mußte er doch ſeine Verwunde⸗ rung unterdrücken und zu thätigeren Maßregeln ſeine Influcht nehmen, um ſeine Mutter fortzubringen, denn der Abend kam heran und die Sache wurde ernſthaft. Sobald daher der kleine Jacob das nächſte⸗ 346 mal erwachte, ſchickte ſich Kit an, deſſen unſtäte Blicke auf ſich zu lenken, was eben nicht ſehr ſchwierig war, da ein einziges Nieſen hinreichte; dann bedeu⸗ tete er ihm durch Zeichen, die Mutter zu wecken. Unglücklicher Weiſe lehnte jedoch in demſelben Au⸗ genblicke der Prediger bei Gelegenheit der nachdrück⸗ lichen Auseinanderſetzung eines Hauptpunktes ſeiner Rede ſo weit über das Kanzelpult, daß nur wenig mehr, als die Beine ſich innen befanden; und wäh⸗ rend er, mit der linken ſich feſt haltend, heftige Geſti⸗ kulationen mit ſeiner rechten Hand machte, ſtierte er, oder ſchien er gerade in die Augen des kleinen Ja⸗ cobs zu ſtieren und demſelben durch Blicke ſowohl, als Haltung zu drohen. Es war daher dem Knaben, daß der Prediger, ſobald er ſelbſt nur einen Muskel rührte, im buchſtäblichen, nicht im figürlichen Sinne, über ihn herfallen würde. In dieſem ſchreckli⸗ chen Zuſtande der Dinge, verwirrt durch Kit's plötz⸗ liche Erſcheinung und behext durch die Augen des Predigers, blieb der unglückliche Jacob bolzgerade ſitzen, keiner Bewegung fähig, ſehr zum Weinen ge⸗ neigt, ohne daß er es übrigens wagte, und das Stieren des Paſtors erwiedernd, bis die kleinen Au⸗ gen aus ihren Höhlen zu ſpringen drohten. „Es bleibt mir keine andere Wahl, als es öffent⸗ lich zu thun,“ dachte Kit. Sofort trat er leiſe aus ſeinem Stuhl in den ſeiner Mutter und packte, wie Herr Swiveller geſagt haben würde, wenn er anweſend geweſen wäre, * 347 den jüngſten Nubbles, ohne ein Wort zu ſprechen, am Kragen. „Bſt, Mutter!“ flüſterte Kit.„Kommt mit mir, ich habe Euch etwas zu ſagen. „Wo bin ich?“ ſagte Madame Nubbles. „In dieſem geſegneten Klein⸗Bethel,“ entgegnete ihr Sohn verdrießlich. „In der That geſegnet!“ rief Frau Nubbles das Wort auffaſſend.„Ach, Chriſtoph, wie bin ich dieſen Abend erbaut worden!“ „Ja, ja, ich weiß es,“ entgegnete Kit haſtig, „aber kommt nur mit, Mutter; Jedermann ſieht auf uns. Macht keinen Lärm— laßt Jacob nicht zurück — ſo iſt's recht.“ „Halt, Satan! halt!“ rief der Prediger, als Kit abzog.. „Der Herr ſagt, du ſollſt bleiben,“ flüſterte ſeine Mutter. „Bleib, Satan, bleib!“ brüllte der Prediger abermals.„Verſuche das Weib nicht, das ſein Ohr zu dir neiget, ſondern höre die Stimme Deſſen, der da rufet. Er hat ein Lamm aus der Hürde!“ rief der Prediger, die Stimme noch mehr erhebend und auf den kleinſten Nubbles deutend.„Er führt ein Lamm, ein köſtliches Lamm von hinnen! Er geht umher, wie ein Wolf zur Nachtzeit und verlocket die unſchuldigen Lämmlein.“ 348 Kit war der gutmüthigſte Burſche von der Welt, aber in Anbetracht dieſer ſcharfen Sprache und etwas aufgeregt durch die Umſtände, in denen er ſich be⸗ fand, drehte er ſich, den Kleinen auf dem Arme, gegen die Kanzel um und erwiederte laut: „Nein, das thue ich nicht. Es iſt mein Bruder!“ „Es iſt mein Bruder!“ rief der Prediger. „Ihr lügt!“ rief Kit entrüſtet.„Wie könnt Ihr ſo etwas ſagen?— Und nur keine Scheltworte, wenn ich bitten darf; was habe ich denn Unrechtes gethan? Ihr könnt Euch darauf verlaſſen, daß ich nicht ge⸗ kommen wäre, um ſie wegzuholen, und ich wollte es ganz ruhig thun, aber Ihr ließt mich nicht. Seyd jetzt ſo gut, und ſchimpft meinetwegen Satan und ſeinesgleichen, ſo lang Ihr wollt, Sir, aber mich laßt gefälligſt ungeſchoren.“ Mit dieſen Worten marſchirte Kit aus der Ka⸗ pelle, ſeine Mutter und den kleinen Jacob auf der Ferſe, und trat mit einer unbeſtimmten Erinnerung ins Freie, als ob die Leute erwacht wären und er⸗ ſtaunt ausgeſehen hätten; Quilp aber ſey, trotz der Unterbrechung, in ſeiner alten Haltung verblieben und habe die Augen nicht von der Decke verwandt, oder überhaupt nur dergleichen gethan, als ob er die mindeſte Notiz nähme von dem, was da vorge⸗ gangen war. „Ach Kit,“ ſagte ſeine Mutter, indem ſie das Schnupftuch vor ihre Augen hielt, was haſt du ge⸗ than! Ich kann nie, nie wieder hieher kommen!“ ˖,— — ˖,— — 349 „Das freut mich, Mutter. Was war in dem Bischen Vergnügen von geſtern Abend Arges, daß Ihr nöthig habt, heute ſo niedergeſchlagen und bekümmert zu ſeyn?„Aber ſo macht Ihr's. Wenn Ihr ein⸗ mal vergnügt und glücklich ſeyd, ſo kommt Ihr hie⸗ her und ſprecht mit dieſem Kerl da, daß Ihr es bereutet. Ihr ſolltet Euch ſchämen, Mutter, möcht ich ſagen.“ „Bst, Lieber!“ verſetzte Frau Nubbles.„Doch ich weiß wohl, daß du's nicht ſo meinſt, wie du ſprichſt, ſonſt wäre dieß ein ſündhaftes Gerede.“ „Ob ich's nicht ſo meine? Freilich meine ich's ſo!“ entgegnete Kit.„Ich glaube nicht, Mutter, daß eine unſchuldige Freude und ein heiterer Sinn im Himmel für größere Sünden angeſehen werden, als Hemdkrägen, und daß dieſe Kunden da ſich gleich klug und verſtändig benehmen, wenn ſie die Einen herunterſtimmen, als wenn ſie auf die Andern ſchimpfen — das iſt mein Glaube. Doch ich will nichts mehr davon ſagen, wenn Ihr mir verſprechen wollt, nicht zu weinen, das iſt Alles. Ihr könnt auch den Kleinen nehmen, der leichter iſt, und mir den Jacob geben; und im Gehen(was wir aber raſch thun müſſen), will ich Euch meine Neuigkeit mittheilen, über die Ihr Euch ein Bischen verwundern werdet, kann ich Euch ſagen. So— jetzt iſt's recht. Nun ſeht Ihr doch wieder aus, als ob Ihr Klein⸗Bethel in Eurem Leben nie erblickt hättet, und ich hoffe, Ihr werdet's auch nie wieder. Da habt Ihr das Kind, und du, klei⸗ 350 ner Jacob, ſteige auf meinen Rücken und halte dich feſt um meinen Hals; und wenn wieder ein Klein⸗ Bethelpfarrer dich oder deinen Bruder ein köſtliches Lamm nennt, ſo ſage ihm, er habe da in zwölf Monaten das wahrſte Wort geſprochen, und wenn er ſich ſelber ein Bischen mehr vom Lamm und etwas weniger von der Münzenſauce beilegte, das heißt, wenn er nicht ganz ſo ſcharf und ſauer wäre, ſo würde er mir um ſo beſſer gefallen. So mußt du mit ihm ſprechen, Jacob.“ In ſolcher Weiſe, halb ernſt, halb ſcherzhaft den ganzen Weg über ſprechend, ſchritt Kit rüſtig voran und erheiterte ſeine Mutter, die Kinder und ſich ſelbſt durch ein ganz einfaches Verfahren— nämlich durch den feſten Entſchluß, guter Laune zu ſeyn. Dann berichtete er auch, was in des Notars Hauſe vorgefallen war, und warum er ſich in das Heiligthum von Klein⸗Bethel eingedrängt hatte. Seine Mutter war nicht wenig entſetzt, als ſie vernahm, was von ihr verlangt wurde, und verfiel auf einmal auf einen Haufen verwirrter Vorſtellun⸗ gen, unter denen die vorherrſchendſte war, es ſey eine große Ehre, in einer Poſtchaiſe zu fahren, aber auch eine moraliſche Unmöglichkeit, die Kinder zurück⸗ zulaſſen. Den letztern Einwurf und noch viele an⸗ dere— zum Beiſpiel, daß gewiſſe Anzugsartikel in der Wäſche wären, und daß andere ſich in der Garderobe der Frau Nubbles gar nicht vorfänden, wurden durch Kit beſeitigt, indem er jedem derſelben entgegenhielt, 351 was es für eine Freude und eine Luſt ſey, Nell wieder aufzufinden und ſie im Triumph zurückzu⸗ bringen. „Aber es ſind nur noch zehn Minuten, Mutter,“ ſagte Kit, als ſie die Heimath erreicht hatten.„Da iſt eine Schachtel. Werft hinein, was Ihr braucht, daß wir gleich fort können.“ Zu ſagen, wie Kit aller Arten Zeug, an deren Nutzen nicht entfernt zu denken war, in die Schach⸗ tel haſpelte, und wie er Alles außen ließ, was man möglicherweiſe brauchen konnte; wie eine Nachbarin beredet wurde, zu kommen und bei den Kindern zu bleiben, und wie die Kinder anfangs erbärmlich ſchrieen und dann herzlich lachten, als man ihnen alle Arten unmöglicher und unerhörter Spielſachen verſprach; wie Kit's Mutter nicht aufhören wollte, ſie zu küſſen, und wie Kit es nicht über ſich gewin⸗ nen konnte, ſich deßhalb zu ärgern— alles dieſes aufzuzählen, würde mehr Raum und Zeit wegneh⸗ men, als wir übrig haben. Mit Umgehung aller dieſer Dinge möge es daher genügen, wenn wir an⸗ deuten, daß ein paar Minuten nach den verſprochenen zwei Stunden Kit und ſeine Mutter an der Thüre des Notars anlangten, wo bereits eine Poſtchaiſe harrte. „Ei der Tauſend, da ſind gar vier Pferde!“ rief Kit, ganz außer ſich über die Vorbereitungen. „Nun, mit Euch fängt's ordentlich an, Mutter! Da 3⁵² iſt ſie, Sir. Dieß iſt meine Mutter. Sie ſteht ganz zu Dienſten, Sir.“ „Recht ſo,“ entgegnete der Herr.„Nur unbe⸗ kümmert, Ma'am; es ſoll für Sie alle Sorge ge⸗ tragen werden. Wo iſt der Koffer mit den neuen Kleidern und ſonſtigen Erforderniſſen für die Flücht⸗ linge?“ „Hier,“ ſagte der Notar.„Hinein damit, Chri⸗ ſtoph.“ „So, das wäre geſchehen, Sir,“ erwiederte Kit. „Alles bereit jetzt, Sir.“ „So kommen Sie,“ ſagte der ledige Herr. Mit dieſen Worten reichte er Kit's Mutter den Arm, half ihr mit aller Höflichkeit in den Wagen und nahm an ihrer Seite Platz. Die Tritte gingen hinauf, die Thüre wurde zu⸗ geſchlagen, die Räder drehten ſich und davon raſſelte es, während Kit's Mutter weit aus dem Fenſter herausſah, ein feuchtes Taſchentuch wehen ließ und noch viele Grüße an den kleinen Jacob und den jüngſten Nubbles rief, wovon natürlich Niemand ein Wort verſtand. Kit blieb in der Mitte der Straße ſtehen und ſah mit thränenfeuchtem Auge dem Wagen nach— nicht wegen der Abreiſe, ſondern wegen der Rückkehr und ihren Folgen. „Sie gingen zu Fuße fort,“ dachte er,„und Niemand war da, um ihnen ein freundliches Wort zum Abſchieh zu ſagen; jetzt aber werden ſie mit 822 353 vier Pferden zurückkommen, im Geleite eines reichen Herrn, der ihr Freund iſt, und all' ihr Drangfal iſt nun vorüber! Sie wird vergeſſen, daß ſie mich ſchreiben lehrte—“ Außer dieſem mochte Kit wohl noch manches Andere denken, denn er ſtand noch lange, nachdem die Chaiſe verſchwunden war, da, betrachtete die Reihen flimmernder Lampen, und kehrte nicht eher in das Haus zurück, bis der Notar und Herr Abel, die ſo lange außen geblieben waren, als ſich noch etwas von dem Raſſeln der Räder vernehmen ließ, ſich zu wiederholtenmalen verwunderten, was ihn wohl möglicherweiſe abhalten könnte. Der Naritätenladen. Bweiundvierzigſtes Kapitel. Es iſt nun an der Zeit, daß wir Kit eine Weile mit ſeinen Gedanken und Erwartungen allein laſſen und die Erlebniſſe der kleinen Nell weiter verfolgen. Wir nehmen zu dieſem Ende den Faden der Erzäh⸗ lung dort wieder auf, wo wir ihn in einem früheren Kapitel unterbrochen haben. Auf einer jener Abendwanderungen, wo ſie den zwei Schweſtern in demüthiger Entfernung folgte, Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 23 354 indem ſie in ihrer Sympathie mit denſelben und in ihrer Ueberzeugung, daß die Prüfungen der beiden Mädchen mit ihrer eigenen Geiſteseinſamkeit in eini⸗ ger Verwandtſchaft ſtehen müßten, einen Troſt fühlte, der ihr ſolche Zeitabſchnitte zu Augenblicken entzück⸗ ten Genuſſes umſchuf, obgleich die ſanfte Wonne, welcher ſie ſich dabei hingab, von jener Art war, welche in Thränen lebt und ſtirbt— auf einer jener Wanderungen, zu der ruhigen Stunde der Dämme⸗ rung, wo der Himmel, die Erde, die Luft, das ge⸗ kräuſelte Waſſer und der Ton ferner Glocken Ver⸗ wandtſchaftsrechte mit den Gefühlen des einſamen Mädchens anſprachen und ihr beruhigende Gedanken einhauchten, keineswegs aber ſolche, wie ſie die Kin⸗ derwelt mit ihren harmloſen Freuden kennt— auf einem jener Spaziergänge, in welchen ſie allein Luſt und Erleichterung von ihrer Sorge empfand, war das Licht in der Dunkelheit hingeſtorben, der Abend zur Nacht geworden, und noch immer weilte das junge Weſen in der Finſterniß. Fühlte ſie ja Geſel⸗ ligkeit in der heitern Stille der Natur, während Zungenlärm und blendendes Kerzenlicht eine wahre Verödung für ſie geweſen wären! Die Schweſtern hatten ſich bereits nach Hauſe begeben, und ſie war allein. Sie erhob ihre Augen zu den glänzenden Sternen, die ſo mild von den weiten Welten der Luft herunterſchauten, und wäh⸗ rend ſie ſo hinſah, fand ſie, wie immer neue Sterne vor ihren Blicken auftauchten, fort und fort, bis I — 3⁵⁵ das ganze unermeßliche Firmament von glänzenden Sphären funkelte, die ſich immer höher und höher in dem unermeßlichen Raum erhoben, unendlich an Zahl, wie in ihrem wandelloſen und unverbrüchli⸗ chen Daſeyn. Sie beugte ſich über den ruhigen Strom, und ſah ſie in derſelben majeſtätiſchen Ord⸗ nung erglänzen, wie ſie damals durch die angeſchwell⸗ ten Waſſer der Taube Noah's erſchienen ſeyn mochten, als die Spitzen der Berge und das todte Menſchen⸗ geſchlecht um Millionen Klafter weiter unten lagen. Die Kleine ſaß ſchweigend unter einem Baume, kaum ſich zu athmen getrauend in der Stille der Nacht und der ſie begleitenden Wunder. Zeit und Ort waren ganz für Betrachtungen geeignet, und ſie dachte in ſtiller Hoffnung— oder vielleicht beſſer, in ſtiller Ergebung— an die Vergangenheit, die Ge⸗ genwart und das, was ihr wohl noch bevorſtehen mochte. Zwiſchen ſie und den alten Mann hatte ſich allmälig eine Scheidewand gelegt, die ſchwerer, als jeder frühere Kummer, zu tragen war. Jeden Abend und oft auch des Nachts war er abweſend, ohne daß er Jemand bei ſich gehabt hätte; und obgleich ſie wohl wußte, wohin er ging und welche Gründe ihn fortführten— nur zu wohl, denn ſie erſah es aus den beharrlichen Eingriffen in ihre ſpärlich beſtellte Börſe und aus ſeinen hohlen Blicken— ſo wich er doch jeder Nachfrage aus, beobachtete eine ſtarre Verſchloſſenheit und ſcheute ſogar ihre Gegenwart. Sie ſaß da und erging ſich in kummervollen 23* 356 Gedanken über dieſen Wechſel, gewiſſermaßen ihre ganze Umgebung mit denſelben in Verbindung brin⸗ gend, als eine ferne Kirchthurmuhr Neun ſchlug. Mit dem erſten Glockenſchlag trat ſie den Heimweg an und wandte ſich gedankenvoll der Stadt zu. Sie war bei einer kleinen hölzernen Brücke an⸗ gelangt, die über den Strom nach einer über dem Wege liegenden Wieſe führte, als ſie plötzlich ein röthliches Licht bemerkte, und beim genauern Hin⸗ ſehen konnte ſie unterſcheiden, daß es von einem Zigeunerlager herzukommen ſchien, deſſen Mannſchaft an einer Ecke unfern des Weges ein Feuer angemacht zu haben ſchien, um das ſie herumſaß oder lag. Da ſie zu arm war, um ſich vor Zigeunern fürchten zu müſſen, ſo änderte ſie ihre Richtung nicht, was auch in der That nicht ohne großen Umweg möglich geweſen wäre, ſondern geradeaus gehend, beſchleunigte ſie nur ihre Schritte. Eine Regung ſchüchterner Neugierde veranlaßte ſie, als ſie ſich dem Orte näherte, nach dem Feuer hinzuſehen. Zwiſchen dem Feuer und ihr ſtand eine Geſtalt, deren Umriſſe ſo ſcharf gegen das Licht ab⸗ ſtachen, daß ſie plötzlich Halt machte. Dann nahm ſte aber ihren Weg wieder auf, als wäre ſie inzwi⸗ ſchen mit ſich zu Rathe gegangen und zu dem Schluſſe gekommen, daß es nicht ſo ſeyn könne, oder als hätte ſie ſich überzeugt, daß es nicht die Perſon ſey, für welche ſie die Geſtalt gehalten hatte. In dem⸗ ſelben Augenblicke jedoch nahm das Geſpräch am 3⁵7 Feuer, von was es auch gehandelt haben mochte, wieder ſeinen Fortgang, und die Töne einer ſprechen⸗ den Stimme— ſie konnte die Worte nicht unter⸗ ſcheiden— klangen ihr ſo bekannt, wie ihre eigenen. Sie wandte ſich um und blickte zurück. Die Perſon, welche zuvor geſeſſen hatte, ſtand jetzt da, gegen einen Stock vorgebeugt, auf dem ihre Hände ruhten. Die Haltung war ihr nicht weniger bekannt, als vorhin die Stimme. Es war ihr Großvater. Ihr erſter Gedanke war, ihm zu rufen— ihr zweiter, ſie möchte doch auch wiſſen, wer ſeine Ge⸗ fährten ſeyen, und welch ein Beweggrund ſie zuſam⸗ mengeführt habe. Eine unbeſtimmte, trübe Ahnung ſtieg in ihr auf, und einem innern Antriebe folgend, näherte ſie ſich der Stelle, ohne jedoch über das offene Feld zu gehen, indem ſie blos an dem Gehege herankroch. Auf dieſe Weiſe näherte ſie ſich dem Feuer bis auf einige Fuße und machte dann unter einigen jun⸗ gen Bäumen Halt, von wo aus ſie Alles ſehen und hören konnte, ohne Gefahr zu laufen, bemerkt zu werden. Es waren keine Weiber und Kinder da, wie ſie es bei Gelegenheit ihrer Wanderſchaft bei andern Zigeunerlagern geſehen hatte, ſondern nur ein einzi⸗ ger Zigeuner— ein ſchlanker, athletiſch gebauter Mann, der mit gekreuzten Armen in einiger Entfer⸗ nung an einem Baume lehnte und unter ſeinen ſchwarzen Augenwimpern weg bald auf das Feuer bald auf drei andere anweſende Männer ſchaute, ihr Geſpräch mit achtſamem, aber halbverhehltem Inter⸗ eſſe belauſchend. Zu dieſen letzteren gehörte ihr Groß⸗ vater. In den anderen erkannte ſie die Männer, welche in jener verhängnißvollen Gewitternacht im Wirthshauſe Karte ſpielten— den ſogenannten Iſaak Liſt und ſeinen mürriſchen Gefährten. Eines jener niedrigen, gewölbten Zigeunerzelte, die bei dieſem Volke üblich ſind, befand ſich ganz in der Nähe, war aber leer, oder ſchien wenigſtens leer zu ſeyn. „Ihr wollt alſo gehen?“ ſagte der beleibte Mann, der von dem Boden aus, wo er ganz ge⸗ mächlich ausgeſtreckt lag, zu ihrem Großvater auf⸗ ſah.„Vor einem Augenblicke noch hattet Ihr's ja gewaltig eilig. So geht, wenn Ihr wollt; Ihr ſeyd hoffentlich Euer eigener Herr.“ „ Jagt ihn nicht in Harniſch,“ entgegnete Iſaak Liſt, der auf der andern Seite des Feuers wie ein Froſch dahockte und ſich in einer Weiſe aufgeſchraubt hatte, daß er über Alles wegſchielen zu können ſchien; „er hat's nicht gemeint ſo böſe.“ „Ihr macht mich arm, plündert mich aus und treibt noch obendrein euern Spott mit mir,“ ſagte der alte Mann, indem er ſich von dem Einen an den Andern wandte.„Ich werde noch wahnſinnig unter euch.“ Die gänzliche Schwäche und Unſchlüſſigkeit des grauhaarigen Kindes bildete einen lebhaften Contraſt mit den ſcharfen und verſchmitzten Blicken Derjenigen, —,———— ———— — — 1—„ed— 180 359 in deren Händen er ſich befand, und ſchnitten der kleinen Horcherin tief in's Herz. Demungeachtet that ſie ſich aber Zwang an, um auf Alles, was vorging, achten, und auf jeden Blick, auf jedes Wort merken zu können. „Zum Teufel mit Euch, was wollt Ihr damit ſagen?“ rief der ſtämmige Mann, indem er ſich ein wenig auf den Ellenbogen aufrichtete.„Euch arm machen? Ihr würdet uns arm machen, wenn Ihr könntet— oder etwa nicht? Aber ſo machen's dieſe winſelnden, ſtümperhaften und erbärmlichen Spieler! Wenn einer verliert, ſo hält er ſich für einen Mär⸗ tyrer; ich habe aber nie gefunden, daß ſie, wenn ſie gewinnen, einen andern Verlierenden in dem gleichen Lichte betrachten. Und was das Ausplündern anbe⸗ langt!“ rief der Kerl, indem er ſeine Stimme erhob —„Gott verdamme mich, was wollt Ihr mit einer ſo ungentlemaniſchen Sprache, als der Ausdruck „Ausplündern’ iſt, ſagen— he?“ Der Sprecher legte ſich wieder der vollen Länge nach nieder und ſtampfte ein paarmal kurz und un⸗ willig mit den Füßen, dadurch gleichſam einen wei⸗ teren Ausdruck ſeiner unbegränzten Entrüſtung an den Tag legend. Es war augenſcheinlich, daß er den Eiſenfreſſer, und ſein Freund den Friedensſtifter ſpielte, unſtreitig zu irgend einem beſondern Zwecke — oder vielmehr, es hätte jedem Andern, nur nicht dem ſchwachen, alten Manne in die Augen fallen müſſen, denn es beſtand ein offener Blickeswechſel 360 zwiſchen den Beiden und dem Zigeuner, der dem Spaſſe ſeinen Beifall zugrinste, bis man ſeine weißen Zähne ſehen konnte. Der alte Mann ſtand eine kleine Weile hülflos unter ihnen und ſagte dann zu ſeinem Gegner: „Ihr habt eben ſelbſt erſt vom Ausplündern geſprochen, wie ihr wißt. Ihr müßt nicht ſo unge⸗ ſtüm gegen mich ſeyn. Ihr war't es— oder war't Ihr's nicht?“ „Nichts von Ausplündern in der gegenwärtigen Geſellſchaft! Es herrſcht Ehrenhaftigkeit unter— unter Gentlemen, Sir,“ entgegnete der Andere, der, wie es ſchien, nahe daran geweſen war, ſeinen Satz etwas ungeſchickt mit„Schelmen“ zu ſchließen. „Behandelt ihn nicht hart, Jowl,“ ſagte Iſaak Liſt.„Es thut ihm leid, wenn er hat Anſtoß ge⸗ geben. Nun, macht weiter mit dem, was Ihr ſagen wolltet— macht weiter.“ „Ich bin ein gutmüthiges, weichherziges, altes Lamm,“ rief Herr Jowl,„daß ich in meinen Jahren ſo daſitze und Rath ertheile, während ich doch weiß, daß er nicht angenommen wird, und ich nur noch den Schimpf für meine Mühe habe. Aber ſo hab' ich's mein Lebenlang gehalten. Die Erfahrung iſt nie im Stande geweſen, mein warmes Herz zu erkälten.“ „Ich ſage Euch, es thut ihm ſehr leid, oder etwa nicht?“ ſtellte Iſaak Liſt vor;„und er wünſcht, daß Ihr fortfahrt.“ 361 „Wünſcht er das wirklich?“ verſetzte der Andere. „Ach,“ ſtöhnte der alte Mann, indem er ſich niederließ und hin und herrückte.„Fortgemacht, fortgemacht! Es iſt umſonſt, ſich dagegen zu weh⸗ ren; ich kann's nicht. Macht weiter.“ „Wohlan denn,“ entgegnete Jowl,„ſo will ich fortfahren, wo ich ſtehen geblieben bin, als Ihr Euch ſo raſch auf die Beine half't. Wenn Ihr überzeugt ſeyd, daß Euer Glück einen Wendepunkt nehmen muß, wie dieß auch gewiß der Fall iſt, und Ihr findet, daß ihr nicht Mittel genug habt, fort zu halten(da liegt eigentlich der Haſe im Pfeffer, denn Ihr wißt ja ſelbſt, daß Ihr nie Geld genug habt, um lange genug auszudauern), ſo verhelft Euch zu dem, was Euch abſichtlich in den Weg gelegt zu ſeyn ſcheint. Borgt es, ſage ich, und wenn Ihr in eine Lage darnach kommt, ſo zahlt Ihr es wieder heim.“ „Natürlich,“ fiel Iſaak Liſt ein;„wenn die gute Dame, welche das Wachsſigurencabinet hält, Geld hat und es beim Zubettegehen in eine Blechkapſel thut, ohne daß ſie verſchließt die Thüre, weil ſie ſich fürchtet vor'm Feuer, ſo ſcheint es zu ſeyn ein ganz leichtes Ding— möcht' ſagen, eigentlich ein Wink der Vorſehung— wenn ich nicht wär' ſo religiös erzogen.“ „Ihr ſeht, Iſaak,“ ſagte ſein Freund, indem er immer eifriger wurde und ſich näher an den alten Mann machte, zugleich aber auch dem Zigeuner 362 zuwinkte, ſich nicht darein zu legen;„Ihr ſeht, Iſaak, Fremde gehen zu jeder Stunde des Tages aus und ein. Nichts würde wahrſcheinlicher ſeyn, als daß ſich einer dieſer Fremden unter dem Bett der guten Frau verſteckt oder ſich in dem Schrank eingeſchloſſen hat. Von Argwohn wäre keine Rede, oder er müßte ohne Zweifel das Ziel weit verfehlen. Ich würde ihm Revanche geben bis auf den letzten Heller, den er gebracht hat, wie groß auch der Betrag ſeyn möchte.“ 3 „Aber könntet Ihr's auch?“ entgegnete Iſaak Liſt.„Iſt Eure Bank auch ſtark genug?“ „Stark genug?“ erwiederte der Andere mit der Miene der Verachtung.„Da, Musje, langt mir einmal die Büchſe aus dem Stroh heraus.“ Die letzten Worte galten dem Zigeuner, der auf allen Vieren in das niedrige Zelt kroch und nach vielem Umherſtören und Raſſeln, mit einer Geldbüchſe zurückkehrte, welche Jowl mit einem Schlüſſel, den er auf ſeinem Leibe trug, öffnete. „Seht Ihr dieß?“ fragte er, indem er das Geld in ſeine Hand leerte und es wie Waſſertropfen durch ſeine Finger in die Büchſe zurückfallen ließ.„Hört Ihr es? Kennt Ihr den Klang des Goldes? Da, ſtellt es wieder zurück— und ſprecht mir nicht wie⸗ der von Banken, Iſaak, bis ihr ſelbſt einmal eine aufthun könnt.“ Iſaak Liſt betheuerte, ſcheinbar mit großer Un⸗ terwürfigkeit, daß er nie den Credit eines Herrn von 363 ſo allbekannter Ehrenhaftigkeit, wie Herr Jowl einer wäre, bezweifelt habe; ſein Wunſch, daß die Büchſe hervorgebracht werden möchte, ſey auch keineswegs in ſeinen Zweifeln begründet geweſen, da er durch⸗ aus keine hege, ſondern er habe ſich nur an dem Anblick eines ſolchen Reichthums laben wollen; Mancher möge vielleicht meinen, daß dieß ein ſehr unweſentliches und träumeriſches Vergnügen ſey, für einen Mann aber in ſeinen Umſtänden werde es die Quelle außerordentlichen Vergnügens, welches nur durch dasjenige übertroffen werden könnte, wenn er es wohlbehalten in ſeinen eigenen Taſchen hätte. Obgleich Herr Liſt und Herr Jowl nur unter ſich ſprachen, ſo war es doch merkwürdig, daß Beide kein Auge von dem alten Mann verwandten, der, die Blicke auf das Feuer geheftet, brütend daſaß, aber doch allem, was ſie ſprachen, eifrig zuhorchte, wie man leicht aus einer gewiſſen unwillkürlichen Bewegung ſeines Kopfes, oder einem jeweiligen krampfhaften Zucken ſeines Geſichtes entnehmen konnte. „Mein Rath,“ ſagte Jowl, indem er ſich mit unbekümmerter Miene wieder niederlegte,„iſt einfach; und daß ich ihn gegeben habe, iſt Thatſache. Ich handle als ein Freund. Warum ſollte ich auch einem Manne zu den Mitteln verhelfen, womit er mir vielleicht meine ganze Habe abgewinnt, wenn ich ihn nicht als meinen Freund betrachtete? Ich muß freilich ſagen, daß es eine Narrheit iſt, ſo auf 364 das Beſte anderer Leute bedacht zu ſeyn; aber's iſt einmal mein Charakter und ich kann's nicht ändern. Macht mir darum keinen Vorwurf, Iſaak Liſt.“ „Ich Euch machen einen Vorwurf?“ verſetzte die angeredete Perſon.„Nicht um die ganze Welt, Herr Jowl. Ich wollte nur, ich könnt's ſo weit bringen, zu ſeyn ſo freigebig wie Ihr. Auch ſagt Ihr da richtig, er könnt's ja zurückbezahlen, wenn er ge⸗ winnt; und wenn er verliert—“ „Man braucht dieß durchaus nicht in Rechnung zu ziehen,“ entgegnete Jowl.„Aber angenommen, es wäre der Fall(obgleich es ganz unwahrſcheinlich iſt, wenn ich mich anders auf das Umſchlagen in Glücksſpielen verſtehe)— ei, iſt's dann nicht beſſer, anderer Leute Geld zu verlieren, als ſein eigenes? Will's doch meinen.“ „Ah!“ rief Iſaak Liſt ganz entzückt;„welche Luſt, zu gewinnen! Welch' ein Genuß, das Geld zu ſtreifen vom Tiſch— die ſchönen, blanken, gelben Vögel— zu fahren damit in die Taſche! Was iſtes für eine Köſtlichkeit, zu haben endlich den Triumph, und zu denken, daß man nicht hat gekehrt um, ſondern daß man ihm ging entgegen auf dem halben Wege! Der— doch Ihr wollt nicht daran, alter Herr?“ „Ich will's thun,“ ſagte der alte Mann, der jetzt aufgeſtanden war und etliche Schritte wegeilte, aber eben ſo raſch wieder umkehrte.„Es ſoll mein ſeyn— jeder Penny.“ 's iſt dern. 9 te die Herr ngen, r da ge⸗ nung men, nlich n in eſſer, nes? elche Geld lben Was den ehrt dem ran, der ilte, nein 365 „Wohl, das iſt brav,“ rief Iſaak, indem er aufſprang und ihn auf die Schulter klopfte;„und ich reſpektire Euch dafür, daß in Euch iſt noch geblieben ſo viel junges Blut. Ha, ha, ha! Joe Jowl be⸗ reut's halbwegs, daß er Euch hat gerathen. Jetzt iſt das Lachen auf unſerer Seite. Ha, ha, ha!“ „Er gibt mir Revanche, vergeßt's nicht,“ ſagte der alte Mann, indem er mit der runzligten Hand auf Jowl deutete;„erinnert Euch— er ſetzt Stück auf Stück, bis hinunter auf das letzte in der Büchſe, mögen es ihrer viel oder wenige ſeyn. Erinnert Euch deſſen!“ „Ich bin Zeuge,“ entgegnete Iſaak.„Ich will ſehen, daß es geht ehrlich her.“ „Ich habe mein Wort gegeben,“ ſagte Jowl mit erkünſteltem Streben,„und muß es alſo halten. Wann ſoll dieſer Handel ausgeglichen werden? Ich wünſchte, es wäre vorbei. Heute Nacht?“ „Ich muß zuerſt das Geld haben,“ erwiederte der alte Mann;„und das ſoll morgen der Fall ſeyn.“ „Warum nicht in dieſer Nacht noch?“ drängte Jowl. „Es iſt ſchon ſpät und ich würde erhitzt und verwirrt ſeyn,“ ſagte der alte Mann.„Es muß mit aller Gelaſſenheit geſchehen. Nein, morgen Nacht.“ „So ſey's denn Morgen,“ entgegnete Jowl. „Schafft einen Tropfen Stärkung herbei. Glück dem beſten Manne! Eingeſchenkt!“ 366 Der Zigeuner brachte drei zinnerne Becher her⸗ bei und füllte ſie bis an den Rand mit Branntwein. Der alte Mann wandte ſich ſeitwärts um und mur⸗ melte etwas vor ſich hin, ehe er trank. Der Hor⸗ cherin klang ihr eigener Name in's Ohr, gepaart mit einem ſo glühenden Wunſch, daß es ihr däuchte, als hauche er denſelben in einer Todesnoth des Gebetes. „Gott ſey uns gnädig!“ rief das Kind in ſei⸗ nem Innern,„und helfe uns durch dieſe Prüfungs⸗ ſtunde! Was ſoll ich thun, um ihn zu retten?“ Der Reſt des Geſprächs wurde mit gedämpf⸗ terer Stimme und in gedrängter Faſſung geführt, da es ſich blos noch um die Ausführung des Planes und um die beſten Vorſichtsmaßregeln handelte, den Verdacht abzuwehren. Der alte Mann ſchüttelte ſodann ſeinen Verſuchern die Hände und entfernte ſich. Sie blickten der langſam dahingehenden, ge⸗ beugten Geſtalt nach, und ſo oft er den Kopf wandte, um zurückzuſchauen, was ſehr oft geſchah, ſo winkten ſie ihm mit den Händen, oder riefen ihm eine kurze Ermuthigung zu. Erſt als er ſich allmälig bis zu einem bloßen dunkeln Punkte auf der fernen Landſtraße verkleinert hatte, wandten ſie ſich wieder zu einander und wagten es, laut hinaus zu lachen. „So!“ ſagte Jowl, indem er ſich die Hände am Feuer wärmte;„das wäre endlich abgethan. Er brauchte mehr Ueberredung, als ich erwartet hatte. Es iſt ſchon drei Wochen, ſeit wir ihm dieß zum her⸗ wein. mur⸗ Hor⸗ paart ichte, des i ſei⸗ ngs⸗ 1 mpf⸗ ührt, anes den ttelte ſich. ge⸗ Kopf hah, ihm nälig rnen ieder en. ände Er atte. zum 367 erſtenmal in den Kopf ſetzten. Was meint Ihr wohl, daß er bringen wird?“ „Mag er bringen, was er will,'s wird halbirt zwiſchen uns,“ verſetzte Iſaak Liſt. Der Andere winkte mit dem Kopfe. „Wir müſſen raſche Arbeit mit ihm machen,“ ſagte er,„und dann ſeine Bekanntſchaft kurz ab⸗ ſchneiden, ſonſt könnte Verdacht auf uns fallen. Scharf ſeyn iſt hier die Loſung.“ Liſt und der Zigeuner ſtimmten bei. Sobald ſich alle drei hinreichend über die Bethörung ihres Opfers beluſtigt hatten, ließen ſie den Gegenſtand, als zur Genüge erörtert, fallen, und begannen in einem Kauderwelſch mit einander zu ſprechen, von dem Nell nichts verſtand: Da jedoch die Unter⸗ haltung ſich um Angelegenheiten zu drehen ſchien, für welche ſich das edle Kleeblatt lebhaft intereſſirte, ſo hielt die Kleine dieß für die geeignetſte Zeit, um unbeachtet zu entkommen, weßhalb ſie langſam und mit vorſichtigen Schritten in dem Schatten des Ge⸗ häges weiter ſchlich, oder durch daſſelbe und über die ausgetrockneten Gräben ſich einen Weg bahnte, bis ſie an einer Stelle, die außer dem Geſichtskreiſe der Jauner lag, in die Straße einbiegen konnte. Dann floh ſie, blutend und zerfleiſcht von den Dor⸗ nen des Geſträuchs, aber noch zerriſſener im Herzen, ſo ſchnell ſie konnte, nach Hauſe, und warf ſich in einem Zuſtande halben Wahnſinns auf ihr Lager. Der erſte Gedanke, der in ihrer Seele auf⸗ 368 tauchte, war Flucht— augenblickliche Flucht! Sie wollte ihn hinwegſchleppen von dieſem Orte und lieber auf der Landſtraße hungerſterben, als ihn abermal ſolchen Verſuchungen auszuſetzen. Dann erinnerte ſie ſich, daß das Verbrechen erſt in der nächſten Nacht begangen werden ſollte, weßhalb ſie wohl noch Zeit hatte, ihre weiteren Schritte zu be⸗ denken und zu erwägen. Freilich kam aber auch die fürchterlichſte Angſt über ſie, er möchte die Unthat ſchon in dieſem Augenblicke ausführen, und mit Schrecken glaubte ſie Entſetzensrufe zu hören, die das Schweigen der Nacht unterbrachen. Fürchterliche Gedanken bedrängten ſie, zu was er verſucht werden könnte, wenn er auf der That ertappt würde und nur mit einem Weibe zu kämpfen hätte. Sie konnte dieſe Folter nicht ertragen, ſondern ſtahl ſich nach dem Zimmer, wo das Geld aufbewahrt war, öffnete die Thüre und ſah hinein. Gott ſey Dank! Er war nicht da und die Frau lag in tiefem Schlafe. Sie kehrte nach ihrem Kämmerlein zurück und verſuchte, ob ſie nicht ruhen könne. Aber wer hätte ſchlafen koͤnnen— ſchlafen! Wer hätte ruhig liegen bleiben können, wenn ſolche Schrecken die Seele durchwühlten! Sie wurden mehr und mehr fürchterlich. Halb angekleidet und mit wirren Haaren floh ſie an das Bette des alten Mannes, umfaßte ſeine Hände und weckte ihn aus ſeinem Schlafe. „Wer iſt da?“ ſchrie er, im Bette auffahrend ge 369 und die Blicke auf das geſpenſterbleiche Geſicht des Kindes heftend. „Ich habe einen ſchrecklichen Traum gehabt,“ rief das Kind mit einem Nachdrucke, den nur das höchſte Entſetzen ihr einflößen konnte—„einen ſchrecklichen, fürchterlichen Traum. Ich träumte ihn ſchon früher einmal. Es war mir, als ob grauhaarige Männer, wie. Sie, des Nachts in die Zimmer ſchlichen und die Schläfer ihres Goldes beraubten. Auf, auf!“ Der alte Mann zitterte an jedem Gliede und faltete die Hände wie zum Gebet. „Nicht zu mir,“ ſagte das Kind,„nicht zu mir — nein, zum Himmel, daß er uns vor ſolchen Thaten bewahre. Dieſer Traum iſt nur zu natür⸗ lich. Ich kann nicht ſchlafen, ich kann nicht hier bleiben, ich kann Sie nicht allein unter dem Dache laſſen, wo mich ſolche Träume beſchleichen. Auf! Wir müſſen fliehen!“ Er blickte ſie an, als ob ſie ein Geſpenſt wäre — ſie hätte auch— trotz des Ausſehens, daß ſie noch von der Erde hatte— eines ſeyn können— und zitterte immer heftiger. „Es iſt keine Zeit zu verlieren; ich will keine Minute verlieren!“ fuhr das Kind fort.„Auf! Und hinweg mit mir!“ „In der Nacht?“ murmelte der alte Mann. „Ja, in der Nacht,“ verſetzte das Kind.„Mor⸗ gen Nacht wird es zu ſpät ſeyn. Der Traum wird Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 24 370 dann wieder da ſeyn. Nichts, als die Flucht, kann uns retten. Auf!“ Der alte Mann, dem der kalte Angſtſchweiß von der Stirne thauete, ſtand von ſeinem Bette auf, beugte ſich vor Nell nieder, als wäre ſie ein Him⸗ melsbote, geſandt, ihn nach ihrem Belieben zu lei⸗ ten, und ſchickte ſich an, ihr zu folgen. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn fort. Als ſie an der Thüre des Zimmers vorbeikamen, das er zu berauben gedacht hatte, ſchauderte ſie und blickte nach ſeinem Geſichte auf. Wie weiß dieſes Geſicht war, und welch' ein Blick, der daraus dem ihrigen begegnete! Sie nahm ihn nach ihrer eigenen Kam⸗ mer, und ohne ſeine Hand freizulaſſen, als ſcheute ſie ſich, ihn auch nur auf einen Augenblick zu ver⸗ lieren, raffte ſie ihr kleines Beſitzthum zuſammen, worauf ſie das Körbchen an ihren Arm hing. Der alte Mann nahm ſein Felleiſen aus ihren Händen und ſtreifte es über ſeine Schulter— auch den Stab, den ſie bei Seite geſchafft hatte— und dann führte ſie ihn fort. Ihre zitternden Füße eilten raſch durch die ge⸗ raden Straßen und durch die ſchmalen, gekrümmten Vorſtädte. Dann müheten ſie ſich mit eilenden Schritten den ſteilen Berg hinan, deſſen Krone das altergraue Schloß bildete, ohne auch nur ein einziges Mal zurückzublicken. Als ſie den verfallenen Wänden näher kamen, ging der Mond eben in ſeiner milden Glorie auf, kann hweiß auf, Him⸗ t lei⸗ nahm e an er zu bickte eſicht rigen Kam⸗ heute ver⸗ men, Der inden den dann e ge⸗ mten enden das ziges men, auf, 371 und von den ehrwürdigen mit Epheu, Moos und wallendem Gras geſäumten Ruinen blickte Nell auf die ſchlummernde Stadt hinunter, tief in die Schat⸗ ten des Thales, auf den fernhin ziehenden Strom mit ſeinem gewundenen Lichtpfad, und auf die ent⸗ legenen Hügel. Bei dieſem Anblicke druckte ſie die Hand, welche ſie noch immer umfaßt hielt, weniger feſt, und, in Thränen ausbrechend, warf ſie ſich dem alten Manne um den Hals. Der Raritätenladen. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Sobald Nell's augenblickliche Schwächeanwand⸗ lung vorüber war, raffte ſie ſich abermal zu dem Entſchluſſe auf, der ihr bisher Kraft verliehen hatte, indem ſie ſich mühte, ſtets den Gedanken vor Augen zu behalten, daß ſie vor Schmach und Verbrechen flöhen, und daß die Rettung ihres Großvaters nur von ihrer Feſtigkeit abhinge, obgleich ihr kein freundliches Wort der Berathung, keine hülfreiche Hand Beiſtand bot; ſie drängte ihn daher vorwärts, ohne auch nur ein einziges Mal wieder zurück⸗ zuſchauen. 24*† 372 genwart irgend eines höhern Weſens in ihr anzu⸗ kennen ſchien, tauchte in der Seele der Kleinen ein neues Gefühl auf, das ihre Seele erhob und der⸗ ſelben eine Thatkraft und eine Zuverſicht einhauchte, welche ſie nie zuvor gekannt hatte. Es beſtand keine getheilte Verantwortlichkeit mehr, denn die ganze Laſt zweier Leben ruhte nun auf ihren Schultern, und fortan mußte ſie für beide denken und handeln. „Ich habe ihn gerettet,“ ſagte ſie zu ſich ſelber. „In allen Gefahren, in allem Ungemach will ich deß eingedenk ſeyn.“ Während er ſo, unterwürfig und beſchämt, ſich vor ihr zu beugen und voll ſcheuer Furcht die Ge⸗ Zu jeder andern Zeit hätte das Bewußtſeyn, die Freundin, welche ihnen ſo viel Liebe erzeigt, ohne ein Wort der Rechtfertigung verlaſſen zu haben— der Gedanke, daß der Vorwurf des Verraths und Undanks auf ſie fallen mußte— und ſogar die Trennung von beiden Schweſtern— ihr Herz mit Kummer und Reue erfüllt. Aber nun entſchwanden alle andern Rückſichten in der neuen Rathloſigkeit und in den Aengſten ihres wirren Wanderlebens; und ſelbſt das Verzweiflungsvolle ihrer Lage erhob und ermunterte ſie. Das zarte, in dem fahlen Mondlicht noch blei⸗ cher erſcheinende Antlitz, auf dem, trotz der ge⸗ winnenden Anmuth und Lieblichkeit der Jugend, die Züge gedankenvoller Sorge nicht zu verkennen waren, das leuchtende Auge, der geiſtvolle Kopf, die zu⸗ ſam feſte ſtalt fälli erzä der einern einer den kenn ſenkt mehr dämt edle die 2 verſc wiede mam entſa Ufer nicht ſchlur lichen Drue ließ ſchlie , ſich e Ge⸗ anzu⸗ en ein der⸗ uchte, keine ganze ltern, deln. elber. h deß , die ohne n— und die mit inden igkeit hens; rhob. blei⸗ ge⸗ die ren, zu⸗ 373 ſammengepreßten Lippen, die auf hohen Muth und feſte Entſchloſſenheit deuteten, und die ätheriſche Ge⸗ ſtalt, ſo feſt in ihrer Haltung und doch ſo gar hin⸗ fällig, erzählten ihre ſtumme Geſchichte; aber ſie erzählten dieſe nur dem vorbeirauſchenden Winde, der das Geheimniß vielleicht nur zu dem Pfühle einer Mutter trug und ihr Träume vorführte von einer Kindheit, die in ihrer Blüthe dahinwelkt und den Schlaf ſchläft, aus dem man kein Erwachen kennt. Die Nacht nahm ihren raſchen Gang, der Mond ſenkte ſich hinter den Horizont, die Sterne erblaßten mehr und mehr, und ein Morgen, kalt wie ſie, dämmerte langſam herauf. Dann erhob ſich das edle Geſtirn des Tages über die fernen Berge, trieb die Nebel in geſpenſtigen Geſtalten vor ſich her und verſcheuchte deren Schatten von der Erde, bis es wieder dunkel wurde. Sobald ſie höher am Fir⸗ mamente ſtand und ihre heiteren Strahlen Wärme entſandten, legten ſich die beiden Wanderer an dem Ufer eines Fluſſes nieder, um zu ſchlafen. Aber Nell ließ den Arm des alten Mannes nicht los, und lange, nachdem er ſchoa einge⸗ ſchlummert war, bewachte ſie ihn noch mit unermüd⸗ lichen Blicken. Doch auch ſie ermattete endlich; der Druck ihrer Hand ließ nach, wurde erneuert, und ließ wieder nach, bis ſie Beide, Seite an Seite, ſchliefen. Ein wirres Getöſe von Stimmen, das ſich in 374 Nell’s Träume miſchte, weckte ſie. Ein Mann von ſehr ungeſchlachtem und rauhem Aeußern ſtand neben ihnen, und zwei ſeiner Gefährten ſchauten aus einem langen, ſchwerfälligen Boot herüber, das während ihres Schlummers ganz an's Ufer herangefahren war. Das Boot hatte weder Ruder noch Segel, ſondern befand ſich in dem Schlepptau von zwei Pferden, die eben auf dem Leinpfad ausruhten, wäh⸗ rend die Stricke ſchlaff im Waſſer hingen. „Holla!“ rief der Mann barſch.„Was gibt's da— he?“ „Wir haben hier nur geſchlafen, Herr,“ ent⸗ gegnete Nell.„Wir ſind die ganze Nacht durch ge⸗ wandert.“ „Ein curioſes Paar Reiſender, um eine ganze Nacht durch zu gehen,“ bemerkte der Mann, der ſie zuerſt angeredet hatte.„Der Eine iſt ein Bischen zu alt für eine ſolche Arbeit, und die Andere ein Bischen zu jung. Wo wollt ihr hin?“ Nell ſtotterte und deutete auf Gerathewohl nach Weſten, worauf der Mann fragte, ob ſie eine gewiſſe Stadt meine, welche er nannte. Nell antwortete, um weiteren Fragen auszuweichen, mit Ja. „Und woher kommt ihr?“ lautete die nächſte Frage. Da dieſe Frage leichter zu beantworten war, ſo nannte Nell den Namen des Dorfes, in welchem ihr Freund, der Schulmeiſter, wohnte, weil ſie meinte, er würde den Männern wahrſcheinlich unbekannt ſey fül mi 375 ſeyn und daher zu keiner weiteren Nachforſchung führen. „Ich glaubte, es habe euch Jemand beraubt und mißhandelt,“ ſagte der Mann,„das iſt Alles. Gu⸗ ten Tag.“ Seinen Gruß erwiedernd und in ſeiner Entfer⸗ nung große Erleichterung fühlend, ſah ihm Nell nach, als er eines der Pferde beſtieg und das Boot weiter ging. Es war noch nicht weit gekommen, als es wieder Halt machte, und ſie bemerkte, daß die Männer ihr winkten.. „Habt ihr mir gerufen?“ fragte Nell, indem ſie auf dieſelben zueilte. „Wenn du willſt, kannſt du mit uns fahren,“ verſetzte einer der Männer in dem Boote.„Wir gehen nach demſelben Platze.“ Nell zögerte einen Augenblick; da ſie aber immer wieder der bange Gedanke durchbebte, die Männer, welche ſie bei ihrem Großvater geſehen hatte, möch⸗ ten ſie in ihrer Beutegier verfolgen und, indem ſie ihren Einfluß über ihn geltend machten, ihre Be⸗ mühungen vereiteln, ſo entſchloß ſie ſich, das Aner⸗ bieten um ſo eher anzunehmen, da dieſelben mit dem Eintritte in's Boot nothwendig ihre Spur verlieren mußten. Die Männer fuhren an's Ufer, und ehe ſi noch Zeit zu weiterer Ueberlegung hatte, befand ſie ſich mit ihrem Großvater an Bord und glitt langſam den Strom hinab. 376 Die Sonne beſtrahlte lieblich den glänzenden Waſſerſpiegel, der zuweilen von Bäumen beſchattet wurde, dann aber auch wieder eine weite Ausſicht über die Gegend bot, wo anmuthige Bäche und wal⸗ dige Hügel das mit Meiereien beſäete, bebaute Land durchſchnitten. Hie und da blickte ein Dorf mit ſei⸗ nem beſcheidenen Kirchthurm, ſeinen Strohdächern und Giebeln aus den Bäumen hervor, und mehr als einmal wurden ſie einer fernen Stadt mit hohen, über den Rauch ſich weghebenden Kirchthürmen und gewaltigen, über die Häuſermaſſe emporragenden Fabrikgebäuden anſichtig, aus deren langſamem Näher⸗ kommen ſie entnehmen konnten, wie ſachte ihre Fahrt ging. Ihr Weg lag großentheils in der Niederung und führte durch offene Felder, wobei nichts, als jene fernen Orte, hin und wieder einige Arbeiter im Freien, oder etliche ihnen zuſchende Lungerer auf den Brücken, unter welchen ſie weg mußten, die Einför⸗ migkeit ihrer trägen Waſſerreiſe unterbrach. Nell fühlte ſich etwas entmuthigt, als gegen Abend an einer Art Kai Halt gemacht wurde, und ſie aus dem Munde einer der Männer erfuhr, ſie würden den Ort ihrer Beſtimmung vor dem nächſten Tage nicht erreichen, weßhalb er ihr rathen wolle, Lebensmittel einzukaufen, wenn ſie nicht damit vor⸗ geſehen ſey. Sie hatte nur noch ein paar Pence gerettet, von denen ſie bereits einige für Brod aus⸗ gegeben hatte, und auch dieſe mußte ſie ſehr zu Rathe halten, da ſie nach einem ganz fremden Orte reiste, der ihnen durchaus keine Hülfsquellen bot. Ein kleines Laibchen Brod und ein Stückchen Käſe war daher alles, was ſie erſchwingen konnte, und mit dieſem begab ſie ſich wieder in's Boot, worauf, nach halbſtündiger Zögerung, während welcher die Männer einen Trunk im Wirthshaus eingenommen hatten, die Reiſe wieder anging. Sie brachten etwas Bier und Branntwein mit in's Bot, und da ſie ſchon vorhin dem Getränke fleißig zugeſprochen hatten, ſo waren ſie in Folge der Fortſetzung ihrer Zecherei bald auf dem beſten Wege, ſtreitſüchtig und betrunken zu werden. Nell vermied daher die finſtere, ſchmutzige, kleine Kajüte, in welche die Beiden ſie und ihren Großvater oft eingeladen hatten, und blieb unter freiem Himmel an der Seite des alten Mannes ſitzen, wobei ſie mit klopfendem Herzen auf das Gezänke ihrer Gaſtfreunde horchte und faſt wünſchte, wohlbehalten wieder am Ufer zu ſeyn, und wenn ſie auch die ganze Nacht durch hätten gehen müſſen. Es waren in der That ein paar rauhhärige, lärmende Burſche, die wenig Umſtände mit einander machten, obgleich ſie ſich gegen ihre Paſſagiere höf⸗ lich genug benahmen. Wenn ſich zum Beiſpiel zwi⸗ ſchen dem Mann am Steuerruder und ſeinem Freund in der Kajüte ein Streit über die Frage erhob, wer zuerſt die Artigkeit beobachtet habe, Nell etwas Bier anzubieten, und wenn dann der Zank zu einem Hand⸗ gemenge führte, in welchem ſie ſich, zu dem unaus⸗ 378 ſprechlichen Entſetzen des Kindes, furchtbar zerdraſchen, ſo ließ doch Keiner ſeinen Unmuth an ihr aus, ſon⸗ dern Jeder begnügte ſich, demſelben gegen ſeinen Widerſacher Luft zu machen, den er, als Beigabe zu den Schlägen, mit einer Menge von Ehrentiteln re⸗ galirte, welche, zum Glück für Nell, in ihr völlig unverſtändlichen Ausdrücken ertheilt wurden. Die Mißhelligkeit wurde endlich dadurch ausgeglichen, daß der Mann in der Kazjüte den andern kopfüber in dieſelbe hinunterſchlug und ſelbſt das Steuer ergriff, ohne dadurch im Mindeſten ſeine Faſſung zu verlie⸗ ren, oder ſeinen Freund aus der Faſſung zu bringen, der, da er von ziemlich kräftiger Conſtitution und an ſolche Kleinigkeiten vollkommen gewöhnt war, mit aufwärtsgekehrten Ferſen, wie er hinuntergefallen war, liegen blieb und nach ein paar Minuten be⸗ haglich zu ſchnarchen anfing. Mittlerweile war es wieder Nacht geworden, und obgleich es die ärmlich gekleidete Nell empfindlich fror, ſo fiel es ihr doch nicht ein, an ihre eigene un⸗ angenehme Lage zu denken, da ſie im Gegentheil eifrig bemüht war, einen Plan für ihren beiderſeiti⸗ gen Unterhalt zu erſinnen. Derſelbe Muth, der ſie in der letzten Nacht beſeelt hatte, hielt ſie auch jetzt aufrecht. Ihr Großvater lag in ruhigem Schlafe an ihrer Seite, und das Verbrechen, zu welchem ihn ſein Wahnſinn hingedrängt hatte, war unterblieben. Welch ein Troſt für ſie! Jeder einzelne Vorfall ihres kur⸗ zen und ereignißvollen Lebens trat ihr während die⸗ 379 ſer langſamen Fahrt vor die Seele. Unbedeutende Begebenheiten, die ihr ſonſt nie zu Sinne gekommen waren; Geſichter, die ſie einmal geſehen und ſeitdem wieder vergeſſen hatte; Worte, auf die ſie zur Zeit, als ſie geſprochen wurden, kaum achtete; vorjährige Scenen, die ſich mit denen von geſtern miſchten und verketteten; Orte, die ſich in der Dunkelheit zu be⸗ kannten umſchufen und bei der Annäherung nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit denſelben hatten; hie und da eine ſonderbare Verwirrung des Geiſtes hin⸗ ſichtlich des Grundes, der ſie hieher geführt, des Ortes, wohin ſie gingen, und der Leute unter denen ſie ſich befand; Phantaſiebilder, die ihr ſo deutlich Fragen und Bemerkungen in's Ohr raunten, daß ſie zuſammenfuhr, ſich umwandte und faſt darauf zu ant⸗ worten verſuchte— kurz, alle die Träumereien und Widerſprüche, welche die gewöhnliche Folge des Wa⸗ chens, der Aufregung und eines raſtloſen Ortwechſels ſind, bedrängten das Kind. Während Nell ſo mit ihren Gedanken beſchäftigt war, trafen ihre Blicke zufällig das Geſicht des Mannes auf dem Verdecke, in welchem der lärmende Grad der Trunkenheit nun dem ſentimentalen Platz machte: er hatte eine kurze Pfeife, die der längeren Dauer wegen mit Zwirn umwickelt war, aus dem Munde genommen und bat ſie, daß ſie ihn mit einem Liede vergnügen möchte. 4 „Sie haben eine ſehr ſchöne Stimme, ein ſehr ſanftes Auge und ein ſehr ſtarkes Gedächtniß,“ begann 380 dieſer Ehrenmann.„Was Stimme und Auge anbe⸗ langt, da bin ich ſelbſt Zeuge. Und hinſichtlich des Gedächtniſſes habe ich einmal ſo meine Meinung. Ich irre mich in ſolchen Dingen nie. Laſſen Sie mich doch geſchwind ein Lied hören.“ „Ich glaube nicht, daß ich eines kann,“ entgeg⸗ nete Nell. „Sie können ſiebenundvierzig Lieder,“ ſagte der Mann mit einer Gravität, die keine Widerrede zu⸗ ließ.„Sie können ſiebenundvierzig Lieder; laſſen Sie mich eines davon hören. Das erſte das beſte. Nur gleich angefangen.“ Da die arme Nell nicht wußte, wie weit es führen konnte, wenn ſie ihren Freund aufbrachte, und ſchon bei dem Gedanken zitterte, ihn zu reizen, ſo ſang ſie ein kleines Liedchen, das ſie in glückliche⸗ ren Tagen gelernt hatte, und welches ſo lieblich in ſeinem Ohre klang, daß er ſie am Schluſſe deſſelben, in der gleichen gebieteriſchen Weiſe, um ein anderes erſuchte; und er war ſo gefällig, einen Chor dazu zu brüllen— gerade in keiner beſondern Tonart, oder mit Worten, aber mit einem ſo erſtaunlichen Nach⸗ druck, daß dadurch für alle ſonſtigen Mängel Erſatz geleiſtet wurde. Der Lärm dieſer Vokalmuſik weckte den andern Mann, der ſich auf das Deck herauf⸗ ſchleppte, ſeinem früheren Gegner die Hand ſchüttelte und hoch und theuer ſchwor, Singen ſey ſein Stolz, ſeine Freude, ſeine Hauptluſt, und er wünſche gar &☛̈.— n29— —= R Q— AQ N8 2g— æ 381 keine beſſere Unterhaltung. Nell ſah ſich daher ge⸗ nöthigt, einer dritten Aufforderung, welche noch ge⸗ bieteriſcher klang, als die beiden frühern, zu will⸗ fahren, und nun bildeten nicht nur die beiden Män⸗ ner, ſondern auch der Reiter auf dem Leinpfade den Chor. Letzterer war durch ſeine Lage gehindert, an den nächtlichen Beluſtigungen ſeiner Freunde nähern Antheil zu nehmen, und brüllte daher, daß es die Lüfte zerriß, als'er ſeine Gefährten brüllen hörte. In dieſer Weiſe erhielt das müde und erſchöpfte Kind ihre Färger die ganze Nacht über in guter Laune, indem ſie mit wenig Unterbrechung dieſelben Lieder wieder und wieder ſang, wobei der Chor ſo mißtönig durch den Wind hinhallte, daß mancher Landmann, der dadurch aus ſeinem geſundeſten Schlafe geweckt wurde, den Kopf unter die Decken ſteckte und vor Angſt am ganzen Leibe zitterte. Endlich graute der Morgen, und mit dem Auf⸗ tauchen des Tages begann es in ſchweren Strömen zu regnen. Da Nell die abſcheulichen Dünſte der Kajüte nicht ertragen konnte, ſo erhielt ſie, zum Dank für ihre Bemühungen, einige Stücke Segel⸗ tuch und getheerte Leinwand, welche hinreichte, ſie ziemlich trocken zu erhalten und auch ihren Groß⸗ vater zu ſchützen. Mit dem Vorrücken des Tages nahm auch der Regen zu. Am NMittag ſchüttete es heftiger und verzweifelter als je, ohne daß es den mindeſten Anſchein eines baldizen Nachlaſſens hatte. 382 Sie näherten ſich immer mehr und mehr dem Orte ihrer Beſtimmung. Das Waſſer war dicker und ſchmutziger geworden; andere Barken, die von der Stadt herkamen, ſchwammen häufig an ihnen vorbei; die mit Kohlaſche beſtreuten Wege und die rothen aus Ziegel gebauten Häuſer deuteten auf die Nähe einer großen Fabrikſtadt, während hin und wieder Straßen und Häuſer nebſt dem Rauche aus fernen Schornſteinen verkündigten, daß ſie ſich bereits in der Vorſtadt befanden. Nun häuften ſich die Dächer; rieſige Gebäude zitterten von dem Arbeiten der Maſchinen und hallten wieder von ihrem dumpfen Getöſe; die langen Kamine ſpieen einen ſchwarzen Rauch aus, der in einer dichten, mißlaunigen Wolke über den Hausgiebeln ſchwebte und die Luft mit ihrem Düſter erfüllte; und endlich das Schlagen der Eiſenhämmer, der geſchäftige Lärm auf den Straßen, der ſich allmälig ſo ſteigerte, bis ſich in dem allge⸗ meinen Gewirre keine beſondern Töne mehr unter⸗ ſcheiden ließen— kurz alles bekundete das Ende ihrer Reiſe. Das Boot landete auf dem Lauer, zu welchem es gehörte. Die Männer waren ſpogleich beſchäftigt. Nell und ihr Großvater warteten lange vergeblich, um ihnen zu danken, oder zu fragen, wohin ſie gehen ſollten; dann kamen ſie durch eine ſchmutzige Gaſſe in eine gedrängtvolle Straße, wo ſie in Mitte des Lärms und des Tumultes unter fortſchüttendem Regen ſtehen blieben— ſo fremd, ſo betroffen und verwirrt, 2——— — Peced— 8—+8=Z=— η‿ꝙ— —̈——— 383 als hätten ſie vor tauſend Jahren gelebt und wären durch ein Wunder vom Tode erweckt und an dieſen Ort gebracht worden. Der Raritätenladen. Vierundvierzigſtes Kapitel. Die Menſchenmaſſen drängten ſich ohne Unter⸗ laß in zwei entgegengeſetzten Strömungen an ihnen vorüber, ohne ſich an ihren Geſchäftsgängen und Speculationen durch das Geräuſch der mit klirrenden Eiſenwaaren geladenen Wagen und Karren, das Ausgleiten von Pferdehufen auf dem feuchten und ſchlüpfrigen Pflaſter, den gegen die Fenſter und Re⸗ genſchirme ſchlagenden Regen, die Ellenbogenſtöße ungeduldiger Vorübergehenden, oder überhaupt den tumultariſchen Lärm der Straße in dieſer Hochfluth ſeiner Rührigkeit ſtören zu laſſen: während unſere zwei armen Wanderer in verwirrter Betäubung und mit trauernden Blicken auf das Treiben der Men⸗ ſchen ſchauten, an denen ſie keinen Theil hatten. Sie fühlten in Mitte dieſes Gewühls eine Einſamkeit, die nur mit dem Durſte eines ſchiffbrüchigen See⸗ 384 manns verglichen werden kann, der, von den Wogen des mächtigen Oceans hin und her geſtoßen, während ſeine glühenden Augen vom Anſtarren des ihn von allen Seiten umgebenden Waſſers faſt geblendet ſind, keinen Tropfen hat, um ſeine lechzende Zunge zu kühlen. Sie ſuchten unter einem niedrigen Bogenwege Schutz gegen den Regen und achteten auf die Ge⸗ ſichter der Vorübergehenden, ob ihnen aus denſelben nicht ein Strahl der Ermuthigung oder Hoffnung entgegen leuchtete. Einige runzelten die Stirne, An⸗ dere lächelten und wieder Andere murmelten vor ſich hin; Einige fochten mit den Händen, als vergegen⸗ wärtigten ſie ſich das Geſpräch, das demnächſt ſtatt⸗ haben ſollte, Andere trugen die verſchmitzten Blicke des Schacher⸗ und Ränkegeiſtes zur Schau; die Ei⸗ nen waren geſpannt und begierig, die Andern lang⸗ ſam und träge; in dieſem Geſichte konnte man Ge⸗ winn, in jenem Verluſt leſen. Wenn man ruhig hier ſtand und die Mienen der Raſchvorbeieilenden betrachtete, ſo war es faſt, als würde man von ihnen in’s Vertrauen gezogen. An betriebſamen Orten, wo Jeder ſeine eigenen Zwecke verfolgt und das Gleiche von jedem Andern vorausſetzt, iſt Allen der Charakter und das Vorhaben, womit ſie ſich tragen, mit deutlichen Buchſtaben auf die Stirne geſchrieben; nur auf öffentlichen Spaziergängen und Beluſti⸗ gungsorten finden ſich Leute, die ſehen und geſehen werden wollen, und hier wiederholt ſich der gleiche 3 385 Ausdruck mit wenig Abänderungen zu hundert Ma⸗ len. Die Werktagsgeſichter kommen der Wahrheit näher und laſſen ſie deutlicher an's Licht treten. In jene Zerſtreuung verſunken, welche eine der⸗ artige Einſamkeit ſtets zu erwecken pflegt, fuhr Nell fort, mit einer neugierigen Verwunderung, welche ſie faſt ihre eigene Lage vergeſſen ließ, auf das vorbei⸗ treibende Gedränge zu achten. Aber Kälte, Näſſe, Hunger, das Bedürfniß der Ruhe und der Mangel irgend eines Ortes, wo ſie das ſchmerzende Haupt hinlegen konnte, führten ihre Gedanken bald wieder auf den Punkt zurück, von dem ſie ausgegangen waren. Niemand war da, der ihrer zu achten ſchien, oder den ſie anzuſprechen wagten. Nach einer Weile verließen ſie den Ort, wo ſie Schutz gegen das Wet⸗ ter gefunden hatten, und miſchten ſich in das Ge⸗ wühl. Der Abend kam heran. Die Menſchenmenge verminderte ſich, aber noch immer gingen ſie auf und nieder— mit dem gleichen Gefühle der Verödung in der Bruſt und eben ſo wenig berückſichtigt von ihrer Umgebung. Die Lichter in den Straßen und Läden ließen ſie ihre Verlaſſenheit nur noch mehr fühlen, denn mit dem Erſcheinen derſelben kam es ihnen vor, als ob auch Nacht und Dunkelheit ſchnel⸗ ler heranrückten. Vor Kälte und Näſſe ſchaudernd, mit erſchöpftem Körper und todtkrankem Herzen, mußte Nell aller ihrer Feſtigkeit und Entſchloſſenheit aufbie⸗ ten, um ſich nur weiter zu ſchleppen. Warum waren ſie auch in dieſe geräuſchvolle Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 25 386 Stadt gekommen, da es doch viele friedliche Orte auf dem Lande gab, wo ihnen wenigſtens Hunger und Durſt minder ſchmerzlich gefallen wäre, als in dieſem ſchmutzigen Treiben? Hier waren ſie nur ein Sandkorn in einer ganzen Wüſte von Elend, deren Anblick ſchon zureichte, ihre Hoffnungsloſigkeit und ihre Leiden zu vermehren. Nell hatte nicht nur mit den ſich häufenden Beſchwerlichkeiten ihrer verlaſſenen Lage zu kämpfen, ſondern auch die Vorwürfe ihres Großvaters zu tra⸗ gen, welcher zu murren anfing, daß er von ſeinem letzten Aufenthalte hinweggeführt worden ſey, und wieder dahin zurückzukehren verlangte. Ohne einen Penny in ihrem Vermögen und keiner wahrſcheinli⸗ chen Hülfe und Unterſtützung entgegenſehend, gingen ſie durch die verödeten Straßen nach dem Lauer zurück in der Hoffnung, das Boot, in welchem ſie gekommen waren, wieder aufzufinden und die Erlaub⸗ niß zu erhalten, am Bord deſſelben ihr Nachtlager aufſchlagen zu dürfen. Aber auch dieſe Ausſicht wurde ihnen vereitelt, denn das Thor war geſchloſſen und einige wilde Hunde, die ſie mit Bellen empfin⸗ gen, nöthigten ſie zum Rückzuge. „Wir müſſen dieſe Nacht unter freiem Himmel ſchlafen, lieber Großvater,“ ſagte das Kind mit ſchwacher Stimme, als ſie ſich wieder umwandten, „und morgen wollen wir uns durch einen ruhigeren Theil des Landes weiter betteln; vielleicht gelingt's uns, irgendwo eine, wenn auch noch ſo geringe Be⸗ ₰ͦ— 82☛— ——2 — ,—— Orte nger s in ein eren und nden ffen, tra⸗ nem und inen inli⸗ ngen auer ſie aub⸗ ager ſicht oſſen fin⸗ imel mit den, eren igt's Be⸗ 387 ſchäftigung zu finden, die uns das tägliche Brod ſchafft.“ „Warum haſt du mich hieher gebracht?“ entgegnete der alte Mann trotzig.„Ich kann dieſe engen, unab⸗ ſehbaren Straßen nicht ertragen. Wir kamen von einem ruhigen Orte; warum zwangſt du mich, ihn zu verlaſſen?“ „Weil ich nicht ſo träumen durfte, wie ich Ihnen ſagte,“ verſetzte das Kind mit einer augenblicklichen Feſtigkeit, die ſich jedoch ſchnell in Thränen auflöste, „und wir müſſen unter armen Leuten leben, ſonſt kömmt es immer wieder. Ich weiß zwar, lieber Großvater, daß Sie alt und ſchwach ſind, aber ſehen Sie mich an. Ich will mich ja gern nicht beklagen, wenn nur Sie ſich zufrieden geben, aber auch ich habe Einiges gelitten.“ „Ach, armes, heimathloſes, umherirrendes, ver⸗ waistes Kind!“ rief der alte Mann, indem er die Hände zuſammenſchlug und, als bemerke er es jetzt erſt ihr von Sorgen bedrücktes Antlitz, den von der Reiſe beſchädigten Anzug und ihre wunden, geſchwol⸗ lenen Füße betrachtete.„Hat alle Qual meiner be⸗ kümmerten Sorge ſie endlich ſo weit gebracht? Was war ich einſt für ein glücklicher Mann, und habe ich Alles, was ich beſaß, darum verlieren müſſen?“ „Wenn wir jetzt auf dem Lande wären,“ ſagte das Kind mit erkünſtelter Heiterkeit, als ſie weiter gingen, um ein Obdach aufzuſuchen,„ſo könnten wir irgend einen guten, alten Baum auffinden, der ſeine 25* 388 grünen Arme über uns ausſtreckte, als liebte er uns, und über uns nickte und rauſchte, als wollte er, daß wir einſchliefen und von ihm träumten, während er wachte. So Gott will, werden wir bald dort ſeyn — morgen oder ſpäteſtens übermorgen— und in⸗ zwiſchen wollen wir denken, lieber Großvater, daß unſer Hieherkommen doch für etwas gut ſeyn mag. In dem Gedränge und Gewühle dieſes Orts verlieren wir uns, und wenn uns ſchlimme Leute verfolgen ſollten, ſo iſt ihrem Spüren ſicher ein Ziel geſteckt. Welcher Troſt liegt nicht ſchon hierin. Und da iſt auch ein tiefer, alter Thorweg— zwar ſehr dunkel, aber trocken und obendrein warm, weil der Wind hier nicht blaſen kann.— Was iſt dieß?“ Die letzten Worte halb entſetzt ausſtoßend, bebte ſie vor einer ſchwarzen Geſtalt zurück, die plötzlich aus einem dunkeln Winkel des Ortes zum Vorſchein kam, in welchem ſie hatten Zuflucht ſuchen wollen, und ſtehen blieb, um ſie zu betrachten. „Sprich noch einmal,“ ſagte die Geſtalt;„kenne ich die Stimme?“ „Nein,“ verſetzte das Kind ſchüchtern;„wir ſind fremd und haben kein Geld, um eine Nachtherberge zu bezahlen, weßhalb wir uns hier zur Ruhe legen wollten.“ Nicht ferne davon befand ſich eine matte Lampe — die einzige an dieſem Platze, welcher eine Art viereckigen Hofs war, aber doch zureichte, um ſeine Aermlichkeit zu zeigen. Dorthin winkte ihnen die ins, daß )er eyn in⸗ daß nag. ren gen eckt. iſt kel, hier bte lich hein len, nne ind rge gen npe Art ine die 389 Geſtalt, indem ſie zugleich in den Lichtkreis trat, als wolle ſie zeigen, daß ſie nicht die Abſicht habe, ſich vor ihnen zu verbergen, oder ihnen einen Vortheil abzugewinnen. 3. Es war ein Mann in ärmlicher von Rauch ge⸗ ſchwärzter Kleidung, welche ihn vielleicht, durch den Contraſt mit der natürlichen Farbe ſeiner Haut, noch bleicher erſcheinen ließ, als er wirklich war, obſchon er von Natur bleich ausſehen mußte, was ſich aus ſeinen hohlen Wangen, ſeinen ſcharfen Zügen, den eingeſunkenen Augen und dem ruhigen, leidensvollen Blicke erkennen ließ. Seine Stimme war hart, aber nicht roh, und obgleich ſein Geſicht, neben den bereits erwähnten Eigenthümlichkeiten, durch einen Büſchel langen, dunkeln Haars beſchattet wurde, ſo hatte doch der Ausdruck deſſelben durchaus nichts Wildes. „Wie kommt ihr auf den Gedanken, hier euer Nachtlager zu ſuchen?“ fragte er.„Oder wie ging es zu,“ fügte er, das Kind aufmerkſamer betrachtend, bei,„daß ihr euch zu dieſer Zeit der Nacht um einen Ruheplatz umſeht?“ „Wir ſind durch unſer Unglück dazu genöthigt,“ antwortete der Großvater. „Wißt Ihr auch,“ ſagte der Mann mit einem noch ernſteren Blicke auf Nell,„wie naß ſie iſt, und daß feuchte Straßen keine geeigneten Orte für ſie ſind?“ „Ach, Gott ſtehe mir bei— ich weiß es wohl,“ entgegnete er.„Aber was kann ich thun?“ Der Mann ſah wieder auf Nell und berührte 390 ſanft ihre Kleider, von denen der Regen in Strömen herunterfloß. „Ich kann euch Wärme geben,“ entgegnete er nach einer Pauſe,„aber ſonſt nichts. Meine Woh⸗ nung iſt zwar in jenem Hauſe,“ er deutete auf den Thorweg, aus dem er hervorgekommen war,„aber jedenfalls iſt ſie dort beſſer und ſicherer aufgehoben, als hier. Das Feuer iſt freilich an einem unſchein⸗ baren Ort, aber ihr könnt die Nacht ruhig neben demſelben verbringen, wenn ihr euch mir anvertraut. Seht ihr jenes rothe Licht?“. Sie erhoben ihre Augen und gewahrten einen düſtern Schein an dem nächtlichen Himmel— den Wiederſchein eines fernen Feuers. „Es iſt nicht weit,“ ſagte der Mann.„Soll ich euch mit hinnehmen? Ihr wolltet auf kalten Zie⸗ geln ſchlafen; ich kann euch ein Bett in warmer Aſche geben— ein beſſeres habe ich nicht.“ Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, als die⸗ jenige, welche er in den Blicken der Beiden leſen konnte, nahm er Nell auf ſeine Arme und forderte den alten Mann auf, ihm zu folgen. Er trug ſie ſorgſam und ſo leicht dahin, als wäre ſie ein kleines Kind, und ging raſchen Fußes durch einen Theil der Stadt, der wohl der ärmſte und ſchlechteſte ſeyn mochte, ohne den überfließenden Goſſen und den rinnenden Dachtraufen auszuwei⸗ chen, indem er, ohne Rückſicht! auf ſolche Be⸗ ſchwerlichkeiten, geradeaus lief. Sie mochten eine 391 men Viertelſtunde in tiefem Schweigen vorwärts geſchritten ſeyn, und hatten den obenerwähnten Schein in den te er finſtern und engen Gaſſen bereits aus dem Geſicht Loh⸗ verloren, als er plötzlich wieder hervorbrach und ſie den entdecken konnten, daß er aus dem hohen Schornſteine aber eines dicht vor ihnen ſtehenden Gebäudes ſtrömte. ben,„Dieß iſt der Ort,“ ſagte er, indem er an der ein⸗ Thüre Halt machte, um Nell niederzuſetzen und ihre eben Hand zu ergreifen.„Fürchtet euch nicht; Niemand raut. wird euch hier ein Leides thun.“ Man mußte viel Vertrauen haben, wenn man inen ſich durch dieſe Verſicherung veranlaſſen wollte, ein⸗ den zutreten, und was unſere Wanderer innen ſahen, war nicht geeignet, die Furcht und die Unruhe zu Soll vermindern. Es war ein großes, hohes, durch eiſerne Zie⸗ Pfeiler unterſtütztes Gebäude, mit großen ſchwarzen mer Oeffnungen in den oberen Theilen der Wände, um der Luft Zutritt zu geſtatten, wo das Getöſe ſchla⸗ die⸗ gender Hämmer, das Brauſen der Oefen, gemengt leſen mit dem Ziſchen des rothglühenden Metalls, das in's derte Waſſer geworfen wurde, und hundert ſonderbar un⸗ heimliche Töne, die man ſonſt nirgends hören konnte, als bis zum Dach hinauf wiederhallten. An dieſem ußes düſtern Orte trieben ſich, Dämonen gleich, Haufen von mſte Menſchen umher, bald heller, bald undeutlicher aus uden Flammen und Rauch auftauchend, geröthet und ge⸗ wei⸗ quält von den hochauflodernden Feuern, ungeheure Be⸗ Werkzeuge ſchwingend, von denen ein einziger Fehl⸗ eine ſchlag den Schädel eines Arbeiters zerſchmettert haben 392 würde, und wie Rieſen arbeitend. Andere lagen, die Geſichter nach dem ſchwarzen Gewölbe aufwärts ge⸗ kehrt, auf Haufen von Kohlen und Aſche, und ſchlie⸗ fen, oder ruhten von ihren Mühen aus. Wieder Andere öffneten die weißglühendeu Ofenthüren und warfen Brennſtoff in die Flammen, welche ziſchend demſelben entgegenfuhren und ihn wie Oel aufleckten. Und noch Andere warfen mit klirrendem Getöſe große Platten glühenden Stahls auf den Boden, der eine unerträgliche Hitze von ſich ſtrahlte und in jenem dunkeln Lichte erglänzte, welches Einem aus den Augen wilder Thiere ſo unheimlich entgegenleuchtet. Durch dieſe verwirrenden Umgebungen und be⸗ täubenden Töne brachte ſie ihr Führer nach einem dunkeln Theile des Gebäudes, wo Tag und Nacht ein Ofen brannte— ſo viel entnahmen ſie wenig⸗ ſtens aus der Bewegung ſeiner Lippen, denn bisher hatten ſie ihn nur ſprechen ſehen, nicht hören können. Der Mann, dem die Wache über das Feuer anver⸗ traut und deſſen Geſchäft jetzt zu Ende war, ließ ſich mit Freuden durch den Beſchützer unſerer armen Wanderer ablöſen, der für Nell einen kleinen Mantel auf einen Aſchenhaufen breitete und ihr zeigte, wo ſie ihre Oberkleider aufhängen und trocknen könnte; dann bedeutete er ihr und dem alten Manne, daß ſie ſich niederlegen und ſchlafen ſollten. Er ſelbſt ſetzte ſich auf eine grobe Matte vor der Thüre des Ofens, ſtützte das Kinn auf ſeine Hände und betrachtete die Flamme, die durch die eiſernen Spalten ſchien, oder 393 ſah der weißen Aſche zu, wie ſie in ihr glühendes, leuchtendes Grab hinunterfiel. Trotz der Härte und Armſeligkeit des Bettes, machte doch die Wärme deſſelben in Verbindung mit der großen Ermüdung, daß der Lärm des Ortes we⸗ niger ungeſtüm auf die Ohren der Kleinen wirkte und dieſelbe bald darauf in den Schlaf lullte. Der alte Mann hatte an ihrer Seite Platz genommen, und, ihren Arm um ſeinen Hals geſchlungen, lag ſie da und träumte. Es war noch Nacht, als ſie erwachte, und ſie wußte nicht, wie lange, oder wie kurz ſie geſchlafen hatte. Sie fand jedoch, daß ſie ſowohl gegen die kalte Luft, die durch das Gebäude ſtreichen mochte, als auch gegen die ſengende Hitze des Ofens durch die Kleider einiger Arbeiter geſchützt war, und als ſie nach ihrem Gönner aufblickte, bemerkte ſie, daß er noch ganz in derſelben Stellung daſaß, unver⸗ wandt auf das Feuer blickend und ſo regungslos, als ob er nicht einmal athme. Sie war noch in einem Zuſtande von Halbſchlummer und ſah die regungsloſe Figur ſo lange an, bis ſie endlich faſt fürchtete, er ſey geſtorben, wie er dort ſaß. Sie ſtand daher leiſe auf, trat ihm näher und wagte es ihm in's Ohr zu flüſtern. Er bewegte ſich, ſah von ihr auf ihre Lager⸗ ſtätte, als wolle er ſich überzeugen, daß ſie es wirk⸗ lich ſey, und ſah ſie dann fragend an. „Ich fürchtete, Ihr wäret unwohl,“ ſagte ſie. 394 „Die andern Männer ſind alle in Bewegung und Ihr ſeyd ſo gar ruhig.“ „Sie überlaſſen mich mir ſelbſt,“ verſetzte er. „Sie kennen meinen Humor, und obgleich ſie mich auslachen, ſo kümmere ich mich wenig darum. Sieh dorthin— das iſt mein Freund.“ „Das Feuer?“ entgegnete das Kind. „Es lebt ſo lange, als ich,“ lautete die Antwort des Mannes.„Wir ſprechen und denken die ganze Nacht miteinander.“ Das Kind ſah ihn haſtig und überraſcht an; aber er hatte ſeinen Augen ihre frühere Richtung wieder gegeben und war wieder, wie vorhin, in Ge⸗ danken vertieft. „Es erſcheint mir wie ein Buch— das einzige Buch, das ich je leſen gelernt habe, und manche alte Geſchichte finde ich darin aufgezeichnet. Es iſt Muſik, denn ich würde ſeine Stimme unter tauſend heraus erkennen, und in ſeinem Brüllen tönen noch viele andere Stimmen mit. Es hat auch ſeine Bil⸗ der. Du weißt nicht, wie viele wunderliche Geſichter und Erſcheinungen ich in den glührothen Kohlen erſchaue. Jenes Feuer dort iſt mein Gedenkbuch und zeigt mir mein ganzes Leben.“ Nell beugte ſich nieder, um ſeine Worte beſſer zu verſtehen, mußte aber zugleich die Glut bemer⸗ ken, die aus ſeinen Augen leuchtete, während er ſprach und brütete. „Ja,“ ſagte er mit einem matten Lächeln,„es — cͤ28SO—/ ò—S und er. mich Sieh wort anze an; ung Ge⸗ zige nche 3 iſt ſend noch Bil⸗ chter hlen und eſſer ner⸗ er 7 es war daſſelbe, als ich, ein ganz kleines Kind, hier herumkroch, bis ich in Schlaf fiel. Damals bewachte es mein Vater.“ „Hattet Ihr keine Mutter?“ fragte das Kind. „Nein, ſie war todt. Weiber haben hier ſchwere Arbeit. Man ſagte mir, ſie habe ſich zu todt gear⸗ beitet, und wie man es mir damals ſagte, ſo hat mir das Feuer hier ſtets daſſelbe erzählt. Es muß wohl wahr ſeyn— ich habe es ſtets geglaubt.“ „Ihr wurdet alſo hier aufgezogen?“ ſagte das Kind. „Sommers und Winters,“ verſetzte er;„anfangs heimlich, und als ſie mich endlich auffanden, ließen ſie mich hier. Das Feuer hat mich alſo gepflegt— daſſelbe Feuer. Es iſt nie ausgegangen.“ „Ihr liebt es wohl?“ fragte das Kind. „Verſteht ſich. Er ſtarb davor. Ich ſah ihn niederfallen— gerade dort, wo jetzt jene Aſche brennt— und ich erinnere mich, daß ich mich wun⸗ derte, warum es ihm nicht helfen wollte.“ „Seyd Ihr ſeitdem immer hier geweſen?“ ent⸗ gegnete das Kind. „Inmer, ſeit ich die Wache übernehmen konnte; aber es gab da einen Zwiſchenraum— einen gar kalten und traurigen Zwiſchenraum. Demungeachtet aber brannte es die ganze Zeit über, und es jauchzte und hüpfte, als ich wieder kam, wie es in unſern Kindertagen zu thun pflegte. Du kannſt dir aus meinem jetzigen Ausſehen denken, was ich für ein Kind war; aber trotz allem Unterſchied zwiſchen uns beiden, war ich doch ein Kind— und als ich dich des Nachts in der Straße ſah, da erinnerte ich mich wie ich war, als er ſtarb, und ich fühlte den Wunſch, dich nach dem alten Feuer zu bringen. Wie du ſo vor demſelben ſchliefeſt, kamen mir alte Zeiten in's Gedächtniß zurück. Du ſollteſt auch jetzt ſchlafen. Lege dich wieder nieder, armes Kind, lege dich wieder nieder.“ Mit dieſen Worten führte er ſie zu ihrem ärm⸗ lichen Lager und bedeckte ſie wieder wie früher mit den Kleidern; dann kehrte er zu ſeinem Sitze zurück, wo er bewegungslos, wie eine Bildſäule, verblieb und nur dann aufſtand, wenn er Brennſtoff nachlegen mußte. Nell ſah ihm noch eine Weile zu, aber bald gewann ihre Schläfrigkeit die Oberhand, und ſie ſchlummerte an dem dunkeln fremden Orte auf einem Aſchenhaufen ſo friedlich, als ob das Gewölbe ein prachtvolles Zimmer und ihr kümmerliches Lager ein Daunenbettengeweſen wäre. Als ſie wieder erwachte, drang der Tag hell durch die oberen Maueröffnungen, und da die ſchräg einfallenden Strahlen nicht über die Mitte des Raumes herunterreichten, ſo ſchienen ſie das Gebäude nur noch düſterer zu machen, als es des Nachts geweſen war. Das Hammergetöſe und der übrige Lärm machten fort, und die unbarm⸗ herzigen Feuer brannten ſo trotzig, als zuvor, denn ſelten brachte hier der Wechſel von Tag und Nacht Ruhe und Stille. uns dich nich ſch, ſo in's fen. der m⸗ mit ück, ind gen ald ſie em ein ein tte, en, ber nen als öſe m⸗ nn cht Der Feuerwächter theilte ſein Frühſtück— ein ſpärliches Mahl, aus Kaffee und rauhem Brod be⸗ ſtehend— mit ſeinen beiden Gäſten und fragte, wohin ſie gingen. Nell ſagte ihm, ſie ſuchten irgend einen fernen Ort auf dem Lande, entlegen vom Gewühl der Städte und anderer Dörfer, und fragte ihn dann mit ſtotternder Stimme, welchen Weg ſie wohl am beſten zu einem ſolchen erwünſchten Ziele einſchlagen könnten. „Ich weiß wenig vom Lande,“ ſagte er, den Kopf ſchüttelnd,„denn Leute wie ich, bringen ihr ganzes Leben vor ihren Ofenthüren zu, und kommen ſelten davon weg, um friſche Luft zu ſchöpfen. Aber es gibt Jenſeits wohl ſolche Plätze.“ „Iſt's weit von hier?“ fragte Nell. „Ach, freilich. Wie könnte in unſerer Nähe etwas grünen und blühen? Der Weg führt auch durch viele, viele Meilen, auf denen lauter ſolche Feuer, wie die unſrigen, brennen— ein ſeltſamer, ſchwarzer Weg, vor dem ihr des Nachts erſchrecken würdet.“ „Wir ſind hier, und müſſen wieder fort,“ ſagte das Kind kühn, denn ſie ſah, daß ihr Großvater mit ängſtlichem Ohre auf die Worte des Feuer⸗ wächters horchte. „Rauhe Leute— Pfade, die nicht für ſo kleine Füße, wie die deinigen, gemacht ſind— ein unheim⸗ licher, erſtorbener Weg— könnteſt du nicht wieder umkehren, mein Kind?“ „Unmöglich,“ rief Nell, indem ſie fortdrängte. 398 „Wenn Ihr uns eine Weiſung geben könnt, ſo thut es. Wo nicht, ſo bitte ich, daß Ihr uns nicht von unſerem Vorhaben abwendig zu machen ſucht. In der That, Ihr kennt die Gefahr nicht, vor welcher wir fliehen, und wie wichtig es für uns iſt, ihr aus⸗ zuweichen— gewiß, Ihr würdet ſonſt nicht verſuchen, uns aufzuhalten.“ „Gott behüte mich, dieß zu wollen, wenn die Sache ſo ſteht!“ rief ihr ungeſchlachter Beſchützer, indem er von Nell haſtig zu ihrem Großvater auf⸗ blickte, der den Kopf hängen ließ und die Augen zur Erde heftete.„Ich will euch von der Thüre aus den Weg ſo gut andeuten, als ich kann. Ich wollte, ich wäre im Stande mehr zu thun.“ Er zeigte ihnen ſodann, welche Richtung ſie einſchlagen mußten, um aus der Stadt zu kommen, und wie ſie ſich weiter zu verhalten hätten. Er weilte ſo lange bei ſeinen Belehrungen, daß ſich das Kind endlich mit heißen Dankesergüſſen und Segens⸗ wünſchen von ihm losriß, ohne ihn ausreden zu laſſen. Aber ehe ſie die Ecke der Gaſſe erreicht hatten, kam ihnen der Mann nachgelaufen, drückte Nell die Hand und ließ etwas darin zurück— es waren zwei alte, abgeſchliffene, rauchbraune Pennyſtücke. Wer weiß, ob ſie nicht herrlicher leuchten in den Augen der Engel, als die goldenen Buchſtaben, welche auf Grabſteinen eingemeißelt ſind? thut von In lcher aus⸗ hen, die tzer, auf⸗ zur aus llte, ſie nen, Er das ens⸗ zu ten, die zwei Wer gen auf 399 Und ſo trennten ſie ſich— das Kind, um den ihrer Obhut anheimgegebenen Greis von Schuld und Schande fortzuführen, der Arbeiter, um ein neues Intereſſe mit dem Orte zu verbinden, wo ſeine Gäſte geſchlafen hatten, und in dem Feuer ſeines Ofens neue Geſchichten zu leſen. Der Naritätenladen. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Auf ihrer ganzen Reiſe hatten ſie nie ſo glühend nach der freien reinen Luft und nach dem offenen Lande verlangt und geſchmachtet, als jetzt. Nein, nicht einmal an jenem denkwürdigen Morgen, als ſie, aus der alten Heimath entweichend, ſich der Gunſt oder Ungunſt einer fremden Welt in die Arme warfen und alle die ſtummen und ſeelenloſen Dinge, welche ſie gekannt und geliebt hatten, hinter ſich ließen— nicht einmal damals hatten ſie ſich ſo nach der fri⸗ ſchen Einſamkeit der Wälder, Berge und Felder ge⸗ ſehnt, als jetzt, wo der Lärm, der Schmutz und der Dunſt dieſer von abgemagertem Elend und ausge⸗ hungerter Verderbtheit überfüllten Fabrikſtadt ſie von allen Seiten beengten und die Flucht unmöglich zu machen ſchienen, ohne der Hoffnung auch nur die leiſeſte Nahrung zu reichen. „Zweimal vierundzwanzig Stunden!“ dachte das Kind.„Er ſagte, zweimal vierundzwanzig Stunden müßten wir unter Scenen wie dieſe zubringen. Ach! wenn wir es erleben, das Land zu erreichen und dieſer ſchrecklichen Orte ledig zu werden— wäre es auch nur um hinzuliegen und zu ſterben— mit wie frohem Herzen wollte ich Gott für eine ſolche Gnade danken!“ Mit ſolchen Gedanken und mit der unbeſtimmten Abſicht, fernerhin an Strömen weiter und über Berge zu wandern, wo nur arme und einfache Leute lebten, und wo ſie ſich ihren Unterhalt durch die Arbeit ihrer Hände in den Pachthöfen erwerben könnten, ohne die Schrecken, vor denen ſie flohen, befürchten zu müſſen — kräftigte ſich Nell zu dieſer letzten Reiſe und ver⸗ folgte kühn ihre Aufgabe, obgleich ihr keine anderen Hilfsmittel zu Gebot ſtanden, als das Geſchenk des armen Mannes, und keine andere Ermuthigung, als die aus ihrem eigenen Herzen und aus der Ueber⸗ zeugung floß, daß ihre Beweggründe recht und gut wären. „Die Wanderung wird heute ſehr langſam gehen lieber Großvater,“ ſagte ſie, als ſie ſich mit Mühe durch die Straßen ſchleppte.„Meine Füße ſind wund und alle meine Glieder ſchmerzen mich, weil ich geſtern ſo ſehr durchnäßt wurde. Ich bemerkte, daß er uns zu die das den ch! und es wie ade nten erge ten, hrer die ſſen ver⸗ ren des als ber⸗ gut hen ühe und tern uns 401 anſah und wohl daran denken mochte, als er ſagte, wie lange unſere Reiſe dauern könnte.“ „Er meinte, es ſey ein trauriger Weg,“ jam⸗ merte ihr Großvater.„Gibt es keinen andern? Willſt du mich denn gerade dieſen führen?“ „Jenſeits liegen Plätze,“ verſetzte das Kind mit Feſtigkeit,„wo wir in Frieden leben können, ohne durch Verſuchungen zum Böſen heimgeſucht zu wer⸗ den. Wir wollen den Weg gehen, der uns ein ſolches Ziel verſpricht und uns nicht davon abwenden, wäre er auch hundermal ſchlimmer, als ihn die Furcht in unſeren Augen erſcheinen läßt. Nicht wahr, lieber Großvater, wir wollen?“ „Ja,“ entgegnete der alte Mann mit beben⸗ der Stimme und zitternden Gliedern.„Ja. Laß uns weiter gehen. Ich bin bereit— ich bin voll⸗ kommen bereit, Nell.“ Die Kleine ſchleppte ſich mit mehr Schwierigkeit vorwärts, als ſie ihren Gefährten merken laſſen wollte, denn heftige Schmerzen durchwühlten ihre Glieder und mehrten ſich bei jeder Anſtrengung. Aber ſie entrangen ihr keinen Klagelaut, nicht einmal einen Blick des Leidens; und obgleich die beiden Wanderer nur ſehr langſam vorwärts kamen, ſo ging es doch weiter, und ſie begannen ſich in ihren Weg zu finden, als ſie im Laufe der Zeit die Stadt hinter ſich ge⸗ wannen. Eine lange Vorſtadt aus rothen Ziegelhäuſern, die zum Theil mit kleinen Flächen Gartengrundes Boz XII. Humphrey's Wanduhr. 26 40² verſehen waren, wo Kohlenſtaub und Fabrikenrauch die verſchrumpfenden Blätter und die dürftigen Schling⸗ pflanzen ſchwärzte, wo die mühſam auftauchende Vegetation unter dem heißen Athem der Oefen und Schlote dahinſiechte und erſtarb, ſo daß der Ort unter ihrem Anblicke nur noch verwitterter und un⸗ geſunder ausſah, als die Stadt ſelbſt— eine lange, flache, unzuſammenhängende Vorſtadt lag endlich in ihrem Rücken, und ſie kamen allmälig in eine unfreundliche Gegend, wo auch nicht ein Grashalm wuchs, wo keine ſproſſende Knospe auf den Frühling deutete, wo nichts Grünes leben konnte, als auf der Oberfläche der faulen Sümpfe, welche, müßig aus⸗ dorrend, hin und wieder neben der ſchwarzen Land⸗ ſtraße lagen. Je weiter ſie in dem Schatten dieſer traurigen Gegend kamen, deſto mehr bemächtigte ſich auch der düſtere, niederdrückende Einfluß deſſelben ihrer Seelen welche er mit unheimlichen Empfindungen erfüllte. Auf jeder Seite, und ſo weit das Auge durch die dichte Luft ſchauen konnte, drängten ſich hohe Schorn⸗ ſteine an einander und zeigten jene endloſe Wieder⸗ holung der gleichen, langweiligen, häßlichen Formen, welche mit ihrem vergiftenden Rauche, der das Licht der Sonne verfinſtert und die melancholiſche Luft erſterben macht, wie Alpe auf der Bruſt laſten. Bei den am Wege liegenden Aſchenhaufen, die nur durch ein paar rauhe Bretter oder verfaulte Wetterdächer geſchützt waren, reckten und krümmten ſich ſeltſame Maſchinen, gleich gemarterten Weſen mit ihren Eiſenketten klir⸗ rend, in ihrem raſchen Kreiſen von Zeit zu Zeit Jammertöne ausſtoßend, als litten ſie unerträgliche Qual, und in ihrem Schmerzenskampfe die Erde zum Erbeben zwingend. Hin und wieder zeigten ſich halbgeſchleifte Häuſer, die gegen die Erde vorhingen, und von Trümmern anderer unterſtützt wurden, welche bereits eingeſtürzt waren— dachlos, ohne Fenſter, geſchwärzt, verödet, aber doch bewohnt. Männer, Weiber und Kinder mit hohlen Blicken und zerlump⸗ ten Kleidern beſchäftigten ſich bei den Maſchinen, nährten die Feuer derſelben, bettelten an dem Wege, oder ſchielten halbnackt aus den thürloſen Häuſern. Dann kamen noch mehr jener ergrimmten Unge⸗ heuer(denn als ſolche mochten ſie wohl in ihrer Wildheit und in ihrem ungezügelten Geberdenſpiel erſcheinen) kreiſchend und immer wieder in denſelben Kreiſen ſich drehend; und immerfort, vorn, hinten, zur Rechten und zur Linken, war dieſelbe endloſe Fernſicht von Ziegelthürmen, unabläſſig ihren ſchwar⸗ zen Qualm ausſpeiend, als Lebende und Lebloſe ver⸗ peſtend, das Licht des Tages ausſchließend, und alle dieſe Schrecken mit einer dichten, ſchwarzen Rauch⸗ wolke umhüllend. Und erſt die Nacht an dieſem fürchterlichen Orte! — Die Nacht, wo der Rauch ſich in Feuer umwan⸗ delte, wo jeder Schlot ſeine Flammen ausſpie, und Orte, die den Tag über als dunkle Gewölbe dage⸗ ſtanden hatten, in rother Glut leuchteten, während 26* 404 Geſtalten in ihren lodernden Rachen hin und her ſchwebten und ſich mit heiſeren Tönen zuriefen;— die Nacht, wo das Getöſe jener ſeltſamen Maſchinen durch die Dunkelheit noch erhöht wurde, wo die Leute in der Nähe derſelben noch wilder und finſterer ausſa⸗ hen, wo Banden unbeſchäftigter Arbeiter die Straßen erfüllten, oder ſich beim Fackellichte um ihre Führer ſchaarten, welche ihnen mit verhängnißvollen Worten von ihren Leiden erzählten und ſie zu ſchrecklichen Rufen und Drohungen aufhetzten, wo wüthende Männer, mit Schwertern und Brandfackeln bewaffnet, ohne auf die Thränen und Bitten der Weiber, welche ſie zurückhalten wollten, zu achten, zu Thaten des Schreckens und der Zerſtörung ſtürzten und, ſtatt Andern Untergang zu bereiten, dem eigenen am ſicher⸗ ſten entgegengingen;— die Nacht, wo Karren vor⸗ überraſſelten, überladen mit rohen Särgen(denn anſteckende Krankheiten und Tod hatten geſchäftig die Ernte des Lebens eingeheimst), wo weinende Wai⸗ ſen und halbwahnſinnige, kreiſchende Weiber den Ihrigen auf ihrem letzten Erdengange folgten;— die Nacht, wo Einige nach Brod, Andere nach Branntwein riefen, um ihre Sorgen zu ertränken, wo Einige mit Thränen, Andere taumelnden Fußes, mit blutunterronnenen Augen und finſterem Brü⸗ ten nach Hauſe gingen;— die Nacht, welche, ungleich der Nacht, die der Himmel zur Erde ſendet, keine Ruhe, keinen Frieden, keine Spur eines geſegneten Schlummers mit ſich brachte— ach, wer kann all' das Entſetzen aufzählen, welches die Nacht dem wan⸗ dernden, jungen Kinde vor Augen führte! Und doch legte ſie ſich nieder, ohne eine andere Decke, als den Himmel über ihr, und ohne irgend eine Furcht für ſich ſelbſt, denn dieſe entſchwand in den heißen Gebeten, die ſie für den armen, alten Mann nach Oben ſandte. Trotz der tiefempfundenen Schwäche und Erſchöpfung blieb ſie doch ſo ruhig und ergebungsvoll, daß ſie nicht an ihre Bedürfniſſe dachte, ſondern nur zu Gott flehte, er möͤchte ſie einen Freund finden laſſen für ihn. Sie verſuchte es, den Weg, den ſie gekommen waren, ſich in's Gedächtniß zurückzurufen und in die Richtung zu blicken, wo das Feuer brannte, bei dem ſie in der letzten Nacht einen Ruheort gefunden. Sie hatte vergeſſen, den armen Mann, ihren Freund, um ſei⸗ nen Namen zu fragen, und wenn ſie in ihren Gebe⸗ ten ſeiner gedachte, ſo ſchien es ihr undankbar, nicht einen Blick nach dem Orte zu wenden, wo er jetzt wachend ſaß. Sie hatten an dieſem Tage blos für einen Penny Brod genoſſen. Es war ſehr wenig, aber ſie vergaß ſelbſt des Hungers in der wunderſamen Ruhe, welche ihre Sinne beſchlich. Mit ſanfteren Gefühlen legte ſie ſich nieder, und mit einem ruhigen Lächeln auf ihrem Antlitze ſchlummerte ſie ein. Es war nicht wie Schlaf— und doch mußte es Schlaf geweſen ſeyn, denn woher ſonſt die ganze Nacht über jene lieblichen Träume von dem kleinen Schüler? Der Morgen kam. Nell fühlte ſich viel ſchwä⸗ cher, es ſchwamm ihr vor den Augen, und auch ihr Gehörſinn war nicht mehr ſo ſcharf wie geſtern. Und doch beklagte ſie ſich nicht— würde ſich vielleicht nicht einmal beklagt haben, wenn auch nicht die Ver⸗ anlaſſung zum Schweigen ihr zur Seite geweſen wäre. Die Hoffnung entſchwand ihr, ſich je aus dieſen verlorenen Orten herauswinden zu können, und eine dunkle Ahnung bemächtigte ſich ihrer, daß ſie ſehr krank, vielleicht zum Tode krank ſey; aber ſie fühlte weder Furcht, noch Beklommenheit. Ein Widerwillen gegen Speiſe, deſſen ſie ſich nicht eher bewußt wurde, als bis ſie ihren letzten Penny für Brod ausgegeben hatte, verhinderte ſie, ſogar an dieſem kärglichen Mahl Theil zu nehmen. Ihr Großvater aß mit Gier, und ſie freute ſich dar⸗ über. Ihr Weg führte ſie über ähnliche Schauplätze, wie geſtern, ohne daß ein Wechſel, oder eine Ver⸗ beſſerung eingetreten wäre. Dieſelbe dicke, kaum athembare Luft, derſelbe verſengte Boden, dieſelbe hoffnungsloſe Ausſicht, die gleiche Noth und Armſe⸗ ligkeit; die Gegenſtände erſchienen ihr trüber, der Lärm geringer, der Weg rauher und unebener, denn ſie ſtolperte hin und wieder, und raffte ſich mit Mühe auf, um ein Fallen zu vermeiden. Armes Kind! die Urſache lag in deinen wankenden Füßen. Gegen Mittag beklagte ſich ihr Großvater bitter⸗ lich über Hunger. Sie näherte ſich einer jener arm⸗ 407 ſeligen Köthen am Wege und klopfte mit ihrer Haud an die Thüre. „Was willſt du hier?“ fragte ein hagerer, elend ausſehender Mann, der die Thüre öffnete. „Erbarmen. Einen Biſſen Brod.“ „Siehſt du dieß?“ entgegnete der Mann mit heiſerer Stimme, indem er nach einem Ballen auf dem Boden deutete.„Das iſt ein todtes Kind. Ich und fünfhundert andere Männer ſind vor drei Mo⸗ naten beſchäftigungslos geworden. Dieß iſt mein drittes todtes Kind und mein letztes. Glaubſt du, ich könne Erbarmen gewähren, oder ich habe einen Biſſen Brod übrig?“ Nell bebte zurück und der Mann ſchloß die Thüre. Durch die Noth gedrängt, klopfte ſie an einer andern in der Nachbarſchaft, die dem leichten Drucke ihrer Hand nachgab und aufflog. Die Köthe ſchien von einem Paar armer Fami⸗ lien bewohnt zu ſeyn, denn zwei Weiber, deren jede von ihren Kindern umgeben war, hatten ſich in die Stube getheilt. In der Mitte ſtand ein ernſter, ſchwarzgekleideter Herr, der augenſcheinlich eben erſt eingetreten war und einen Knaben an der Hand hatte. 2 „Hier, Frau,“ ſagte er,„iſt euer taubſtummer Sohn, und Ihr mögt mir es Dank wiſſen, daß ich ihn Euch zurückbringe. Er wurde dieſen Morgen vor mir des Diebſtahls beſchuldigt, und ich verſichere Euch, daß es jedem andern Knaben übel gegangen 408 feyn würde. Ich hatte jedoch Mitleid mit ſeinen Ge⸗ brechen, und da ich dachte, er habe vielleicht nichts Beſſeres gelernt, ſo nahm ich es über mich, Euch denſelben wieder zuzuführen. Habt in Zukunft mehr Acht auf ihn.“ „Und wollt Ihr mir nicht auch meinen Sohn zurückgeben?“ rief die andere Frau, welche haſtig aufſtand und ſich vor den Fremden hinſtellte.„Wollt Ihr mir nicht auch meinen Sohn wieder zurückge⸗ ben, Sir, der wegen deſſelben Vergehens deportirt wurde?“ „War er auch taubſtumm, Frau?“ fragte der Herr ſtrenge. „War er's etwa nicht, Sir?“ „Ihr wißt das Gegentheil ſelber am beſten.“ „Er war es,“ ſchrie das Weib.„Er war taub, ſtumm und blind gegen alles Gute und Rechte von ſeiner Wiege an. Ihr Knabe ſollte nichts Beſſeres gelernt haben? Wo lernte es der meinige? Wo hätte der meinige etwas Beſſeres lernen können? Wer hätte es ihn lehren, oder wo hätte er es lernen ſollen?“ „Ruhig, Frau,“ verſetzte der Herr.„Euer Sohn war im Beſitz aller ſeiner Sinne.“ „Ja,“ rief die Mutter;„aber eben deßhalb konnte er um ſo leichter zu Abwegen verleitet werden! Wenn man dieſen Jungen ſchont, weil er vielleicht das Recht vom Unrecht nicht zu unterſcheiden weiß, warum that man nicht ein Gleiches bei dem meint gen, den man nie den Unterſchied kennen lehrte? Ihr Herren habt eben ſo gut ein Recht, ihren Knaben zu ſtrafen, dem Gott Sprache und Gehör verſagte, als Ihr den meinigen ſtrafen dürft, den Ihr ſelbſt in der Unwiſſenheit erhalten habt. Wie viele Mädchen und Knaben— ach, und auch Männer und Weiber — die vor Euch gebracht werden, ohne daß Ihr ihnen Mitleid erweist, ſind taub und ſtumm in ihrer Seele, gehen in dieſem Zuſtande unrechte Wege, und wer⸗ den in dieſem Zuſtande geſtraft an Seele und Leib, während Ihr Herren untereinander zankt, ob ſie dieß oder jenes lernen ſollen!— Seyd gerecht, Sir, und gebt mir meinen Sohn zurück.“ „Ihr ſeyd in Verzweiflung,“ ſagte der Herr indem er ſeine Schnupftabaksdoſe herauszog,„und ich bedaure Euch.“ „Ich bin in Verzweiflung,“ entgegnete das Weib,„und Ihr habt mich ſo weit gebracht. Gebt mir meinen Sohn zurück, daß er für dieſe hülfloſen Kinder arbeite. Seyd gerecht, Sir, und gebt mir ihn um Gotteswillen— Ihr habt ja auch dieſem Knaben Gnade widerlaſſen laſſen— gebt mir meinen Sohn zurück!“ Nell hatte genug geſehen und gehört, um ſich zu überzeugen, daß dieß kein Ort war, wo ſie auf ein Almoſen zählen konnte. Sie führte den alten Mann ſachte von der Thüre weg und trat mit ihm auf's Neue die Wanderung an. ————— 410 Mit immer mehr entſchwindender Hoffnung und Kraft, aber ſtets mit der gleichen Entſchloſſenheit, durch kein Wort oder Zeichen ihre Erſchöpfung zu verrathen, ſo lange ſie ſich noch bewegen konnte, zwang ſich Nell, den Reſt jenes harten Tages weiter zu wandern, indem ſie nicht einmal ſo oft als ſonſt Halt machte, um auszuruhen, damit ſie einigermaßen die Langſamkeit ihrer Schritte wieder einbrächte. Der Abend rückte heran, und noch ehe die Nacht einbrach, gelangten ſie, noch immer durch eine gleich unheim⸗ liche Umgebung ziehend, in eine geſchäftige Stadt. In ihrer Ermattung und Geiſtesgedrücktheit waren ihnen die Straßen derſelben unerträglich. Nach⸗ dem ſie an einigen Thüren um Almoſen gebeten und zu⸗ rückgewieſen waren, kamen ſie zu dem Entſchluß, die Stadt ſo ſchnell als möglich wieder zu verlaſſen und den Verſuch zu machen, ob die Bewohner irgend eines einſamen Hauſes nicht mehr Mitleid mit ihrem erſchöpften Zuſtande haben würden. Sie ſchleppten ſich eben durch die letzte Straße, und Nell fühlte, daß ihre entſchwindenden Kräfte unmöglich mehr lange aushalten könnten, als ſie auf einmal eines Fußgängers anſichtig wurden, der — ein Felleiſen auf ſeinem Rücken, zur Stütze einen tüchtigen Stock, und ein Buch, aus welchem er las, in der Hand— die gleiche Richtung mit ihnen ver⸗ folgte. Es war nicht leicht, ihm nachzukommen und ſeine Hülfe anzuflehen, denn er ging ſchnell und hatt Hal betr nun dich Fuf ſchn zuſe bew 411 hatte einen kleinen Vorſprung. Endlich machte er. Halt, um eine Stelle ſeines Buches aufmerkſamer betrachten zu können. Von einem Strahl der Hoff⸗ nung beſeelt eilte Nell ihrem Großvater voraus, trat dicht an den Fremden heran, ohne daß er durch ihre Fußtritte geſtört worden wäre, und begann, in ſchwachen Lauten ſeine Hülfe zu erbitten. Er wandte den Kopf um, Nell ſchlug die Hände zuſammen, ſtieß einen wilden Schrei aus und ſank bewußtlos zu ſeinen Füßen nieder. Der NRaritätenladen. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Es war der arme Schulmeiſter. Niemand an⸗ ders, als der arme Schulmeiſter. Kaum weniger überraſcht und erſchüttert durch den Anblick der Klei⸗ nen, als es dieſe ob der Wiedererkennung geweſen war, ſtand er einen Augenblick ſtumm und ganz verwirrt von dieſer unerwarteten Erſcheinung da, ohne ſich auch nur ſo weit faſſen zu können, daß er ſie vom Boden aufhob. Er ſammelte ſich jedoch bald, warf Buch und Stock weg, ließ ſich an ihrer Seite auf das Knie 41²2 enieder und bemühte ſich, durch alle Mittel, die ihm zu Sinne kamen und zu Gebot ſtanden, ſie wieder zu ſich zu bringen, während ihr Groß⸗ vater unthätig daneben ſtand, die Hände rang und ſie unter vielen zärtlichen Ausrufen anflehte, mit ihm zu ſprechen, wäre es auch nur ein einziges Wort. „Sie iſt ganz erſchöpft,“ ſagte der Schulmeiſter, gegen ihn aufblickend.„Sie haben ihre Kräfte über Gebühr angeſtrengt, Freund.“ „Sie verkümmert aus Noth,“ verſetzte der alte Mann.„Ich habe bis auf dieſen Augenblick nie gedacht, daß ſie ſo gar ſchwach und krank iſt.“ Der Schulmeiſter warf einen halb vorwurfs⸗ vollen, halb mitleidigen Blick auf ihn, nahm Nell auf ſeine Arme, hieß den alten Mann das Körbchen aufheben und ihm folgen, und trug die Beſinnungs⸗ loſe eiligſt von hinnen. In der Nähe befand ſich ein kleines Wirthshaus, nach welchem er, wie es ſchien, eben ſeine Schritte hatte lenken wollen, als er ſo unerwartet eingeholt wurde. Nach dieſem Orte eilte er mit ſeiner ohn⸗ mächtigen Bürde, ſtürmte in die Küche, und indem er den Anweſenden um Gotteswillen zurief, Platz zu machen, ſetzte er Nell auf einen Stuhl neben dem Feuer. Die Wirthshausgäſte, welche bei des Schulmei⸗ ſters Eintreten verwirrt aufſtanden, thaten, was man unter ſolchen Umſtänden gewöhnlich zu thun pflegt: Jedes rief nach ſeiner Lieblingsarznei, welche Niemand brachte. Alles meinte, die Kranke brauche 413 mehr Luft, und doch ſchloß man dieſelbe ſorgfältig aus, indem man ſich rund um den Gegenſtand des Mitleids drängte. Und männiglich wunderte ſich, warum nicht das von Andern geſchah, was Keinem ſelbſt zu thun einfiel. Die Wirthin jedoch, welche behender und rüh⸗ riger war, als alle Uebrigen, und überhaupt bei dem Falle den eigenen Vortheil, der daraus erwachſen konnte, raſch ins Auge faßte, kam bald mit etwas heißem Branntwein und Waſſer beigeſprungen, wäh⸗ rend ihr Dienſtmädchen mit Weineſſig, Hirſchhorn, Riechſalz und andern Belebungsmitteln folgte. Unter gebührender Anwendung ſolcher heilſamer Arznei er⸗ holte ſich Nell ſo weit, um im Stande zu ſeyn, ihr dafür zu danken und die Hand gegen den armen Schulmeiſter auszuſtrecken, der mit ängſtlich beküm⸗ merter Miene neben ihr ſtand. Ohne ſie auch nur ein Wort ſprechen oder ſich weiter rühren zu laſſen, brachten ſie die Weiber alsbald zu Bette, deckten ſie warm zu, hüllten ihre kalten Füße, nachdem ſie dieſel⸗ ben gebadet, in Flanell und ſchickten nach einem Arzte. Der Doctor, ein rothnaſiger Herr, dem ein großes Bündel von Petſchaften unter der gerippten, ſchwarzen Atlasweſte herunterhing, kam in aller Eile an, ſetzte ſich neben dem Bette der armen Nell nie⸗ der, zog ſeine Uhr heraus und fühlte ihr den Puls. Sofort beſah er ihre Zunge, fühlte dann wieder den Puls, und während er dieß that, beäugelte er, wie in tiefem Nachdenken, das halbleere Weinglas. 414 „Ich würde ihr,“— ſprach endlich der Doctor —„hin und wieder einen Theelöffel voll heißen Branntweins mit Waſſer reichen.“ „Ei, gerade ſo haben wir's gemacht, Doctor!“ rief die Wirthin hoch erfreut. „Auch würde ich,“ bemerkte der Doctor, der den Kübel mit warmem Waſſer hatte die Treppe hinuntertragen ſehen,„auch würde ich,“ ſagte der Doctor mit einer Stimme des Orakels,„ihre Füße in warmes Waſſer ſtecken und ſie hernach mit Flanell umwickeln. Ich würde ihr auch,“ fuhr der Doctor mit erhöhter Feierlichkeit fort,„etwas Leichtes zum eſſen geben— den Flügel eines gebratenen Huhns etwa—“ „Ei du mein gütiger Himmel, Sir, es iſt in dieſem Augenblick eins auf dem Küchenfeuer,“ rief die Wirthin. Und ſo war es auch wirklich, denn der Schul⸗ meiſter hatte ein Huhn zurichten laſſen, und es war jetzt bereits ſo weit gediehen, daß der Doctor recht wohl den Duft hatte riechen können, was auch vielleicht der Fall war. „Sie können ihr auch,“ fuhr der Doctor, gra⸗ vitätiſch aufſtehend, fort,„ein Glas mit Zucker verſetzten heißen Portweins geben— wenn ſie Wein trinken mag—“ „Und eine Röſtſchnitte, Sir?“ fragte die Wirthin. „Ja,“ antwortete der Doctor in dem Tone eines ißen ör!“ der eppe der Füße nnell ctor zum ihns t in rief hul⸗ jetzt vohl eicht gra⸗ icker Vein die Mannes, der mit Würde ein Zugeſtändniß macht. „Und eine Roſtſchnitte— von Brod. Aber wollen Sie gefälligſt dafür beſorgt ſeyn, Ma'am, daß ſie wirklich aus Brod beſteht.“ Mit dieſer Einſchärfung, welche in gebührend langſamer und nachdrücklicher Weiſe gegeben wurde, entfernte ſich der Doctor, und Alle im Hauſe be⸗ wunderten ſeine Weisheit, die in ſo genauem Ein⸗ klang mit ihrer eigenen geſtanden hatte. Jedermann ſagte, er wäre in der That ein ſehr geſcheidter Doctor, der ſich vollkommen auf die Conſtitutionen der Leute verſtünde, für welche Annahme wohl auch einiger Grund vorhanden ſeyn mochte. Während das Eſſen zugerüſtet wurde, ſank Nell in einen erfriſchenden Schlaf, aus welchem ſie auf⸗ geweckt wurde, ſobald die Speiſe fertig war. Sie zeigte große Unruhe über die Nachricht, daß ihr Großvater unten ſey, und wollte durchaus nicht von ihm getrennt ſeyn, weßhalb er mit ihr eſſen mußte; und da ſie ſich über dieſen Punkt noch nicht beſchwich⸗ tigen wollte, ſo machte man ihm ſein Bett in ein Nebenkämmerchen, nach welchem er ſich alsbald zu⸗ rückzog. Zum Glück ſtack der Thürſchlüſſel gegen Nell's Stübchen heraus, und ſobald ſich die Wirthin entfernt hatte, drehte das Kind denſelben um und kroch mit dankbarem Herzen wieder in ſein Bette. Der Schulmeiſter ſaß noch eine geraume Zeit, ſeine Pfeife rauchend, bei dem nun verlaſſenen Küchenfeuer, und dachte mit einer Miene voll Seligkeit über den glück⸗ 416 lichen Zufall nach, der ihn in den Stand geſetzt hatte, dem Kinde ſo gelegenen Beiſtand zu leiſten, wobei er auf die möglichſt einfache Weiſe dem Kreuz⸗ und Quer⸗ verhör der Wirthin auswich, welche gar zu gerne alle Einzelnheiten aus Nell's Leben und Geſchichte hätte wiſſen mögen. Freilich war der arme Schul⸗ meiſter ſo offenherzig, und ſo wenig in dem gewöhn⸗ lichen Schleichwege der Welt bewandert, daß ſie unfehlbar in den erſten zehn Minuten ihr Ziel erreicht haben würde, wäre er nicht zufällig mit dem, was ſie zu wiſſen wünſchte, ſelbſt ganz unbe⸗ kannt geweſen, und ſo machte er denn auch dieſen Grund gegen ſie geltend. Die Dame war jedoch mit dieſer Verſicherung, in welcher ſie nur ein ſinnreiches Umgehen ihrer Frage ſah, durchaus nicht zufrieden, und meinte, er werde wohl Gründe für ſeine Schweig⸗ ſamkeit haben; der Himmel aber verhüte, daß der Wunſch in ihr aufkomme, die Angelegenheiten ihrer Kunden auszuſpioniren, da ſie in der That mit ihren eigenen genug zu thun habe und etwas der Art ganz und gar nicht ihre Sache ſey; ſie habe ſich nur eine höfliche Frage erlaubt, und eine ſolche finde gewiß auch immer eine höfliche Antwort; ſie ſey ganz zufrieden geſtellt— habe durchaus kein Beden⸗ ken, obſchon es ihr lieb geweſen wäre, wenn er gleich geſagt hätte, daß er mit nichts herausrücken wolle, weil ſie ſich dann darnach zu achten gewußt hätte; natürlich habe ſie aber durchaus kein Recht, ſich gekränkt zu fühlen, denn er müſſe am beſten — — 417 wiſſen, was er zu thun habe, und ſtehe daher voll⸗ kommen in ſeinem Rechte, wenn er ſage, was ihm gut dünke; Niemand könne ihm dieß auch nur einen Augenblick ſtreitig machen— oh mein Gott, nein! „Ich verſichere Ihnen, meine gute Frau,“ ent⸗ gegnete der ſanfte Schulmeiſter,„daß ich Ihnen die reine Wahrheit geſagt habe— ſo wahr ich ſelig zu werden hoffe, ich habe Ihnen die Wahrheit mitge⸗ theilt.“ 4 „Je nun, ich glaube ja, daß es Ihnen Ernſt iſt,“ erwiederte die Wirthin in der beſten Laune,„und es thut mir ſehr leid, daß ich Sie beläſtigt habe. Doch Sie wiſſen wohl, Neugierde iſt der Fluch un⸗ ſeres Geſchlechtes.“ Der Wirth kratzte ſich im Kopf, als dächte er, dieſer Fluch plage bisweilen das andere Geſchlecht in gleicher Weiſe; er wurde jedoch durch des Schul⸗ meiſters Entgegnung verhindert, eine dahin abzielende Bemerkung fallen zu laſſen, wenn er anders eine ſolche im Sinne hatte. „Sie könnten mich meinetwegen ſechs Stunden in einem Sitze ausfragen, und wenn ich könnte, ſo wollte ich Ihnen gerne geduldig Rede ſtehen, um der Herzensgüte willen, welche Sie dieſen Abend an den Tag gelegt haben,“ ſagte er.„So aber bitte ich eben, daß Sie morgen für ſie Sorge tragen und mich zeitig wiſſen laſſen, wie es ihr geht. Ich werde für alles Zahlung leiſten.“ So kam der Schulmeiſter auf die beſte Weiſe Boz. XII. Humphrey's Wanduhr. 27 418 los, die durch die letztere Andeutung vielleicht um ſo herzlicher wurde, und verfügte ſich nach ſeinem Bette, worauf der Wirth und die Wirthin ein Glei⸗ ches thaten. Des andern Morgens hieß es, Nell ſey beſſer, aber außerordentlich ſchwach, und werde wenigſtens noch einen Tag Ruhe und ſorgfältige Pflege brauchen, ehe ſie ihre Reiſe wieder aufnehmen könne. Der Schulmeiſter freute ſich über dieſe Nach⸗ richt ungemein und meinte, er habe wohl einen Tag übrig, für den Nothfall auch zwei— und könne daher recht gut abwarten. Da man glaubte, die Kranke werde gegen Abend auſſtehen können, ſo⸗ verſprach er, ſie zu einer beſtimmten Stunde auf ihrem Stübchen zu beſuchen, worauf er mit ſeinem Buche ſpazieren ging und erſt zur Zeit des verheiße⸗ nen Beſuchs wieder heim kam. Nell konnte ſich der Thränen nicht enthalten, als ſie allein waren, und auch der ehrliche Schul⸗ meiſter weinte, als er ihr blaſſes Geſicht und ihre abgezehrte Geſtalt ſah, obgleich er ihr zu gleicher Zeit in ſehr nachdrücklicher Sprache zu beweiſen ſuchte, wie thöricht ſie handle, daß ſie ſich ſo von ihren Gefühlen hinreißen laſſe, und wie leicht ſie es vermeiden könnte, wenn ſie nur wollte. „So wohlthuend Ihre Güte auf mich wirkt,“ ſprach das Kind,„ſo macht es mich doch ganz un⸗ glücklich, wenn ich daran denke, daß wir Ihnen zur Laſt fallen ſollen. Wie kann ich Ihnen je genug H H 4¹⁹ danken? Wenn ich Sie nicht ſo weit von Ihrer Heimath getroffen hätte, ſo wäre ich wohl auf der Straße geſtorben, und Er hätte Niemand mehr ge⸗ habt, der für ihn ſorgte.“ „Reden wir nicht mehr von Sterben und Zur⸗ laſtfallen,“ verſetzte der Schulmeiſter,„denn ſeit ihr in meiner Hütte ſchlieft, habe ich mein Glück gemacht.“ „Wirklich?“ rief das Kind freudig. „Ja, ja,“ erwiederte ihr Freund.„Ich bin zum Küſter und Schulmeiſter in einem fernen Dorfe ernannt worden— ſehr weit entlegen von meinem frühern— und erhalte jährlich fünfunddreißig Pfund. Fünfunddreißig Pfund!“ „Oh, wie freut mich dieß,“ ſagte das Kind— „gewiß, gewiß recht ſehr.“ „Ich bin eben auf dem Wege dahin begriffen,“ nahm der Schulmeiſter wieder auf.„Man hat mir ge⸗ ſtattet, mit der Poſtkutſche zu kommen— ich darf für die ganze Reiſe einen Außenſitz auf dem Poſtwagen berechnen. Gott ſey Dank, ſie mäkeln nicht mit mir. Da mir übrigens die Zeit, in welcher ich dort erwartet werde, hinreichend Muße ließ, ſo beſchloß ich, zu Fuß zu gehen. Wie froh macht mich jetzt der Gedanke, daß ich es that.“ „Und wie froh müſſen nicht erſt wir ſeyn!“ „Ja, ja,“ ſagte der Schulmeiſter, indem er ſich unruhig in ſeinem Stuhle hin und her bewegte,„gewiß, das iſt ſehr wahr. Aber ihr, wo geht ihr hin, wo . 27* kommt ihr her, was habt ihr gethan, ſeit ihr mich verlaſſen habt, und was war früher euer Geſchäft? Nun, ſage mir das— ſage mir's. Ich weiß nur ſehr wenig von der Welt, und vielleicht ſeyd ihr beſſer geeignet, mir in ihren Angelegenheiten Rath zu ertheilen, als ich euch zu berathen im Stande bin; aber ich meine es aufrichtig und habe einen Grund(du haſt es wohl nicht vergeſſen), dich zu lieben. Es war mir ſeit jener Zeit, als ob meine Liebe zu dem Geſtorbenen auf dich übergegangen ſey, weil du an der Seite ſeines Bettes ſtandeſt. Wenn dieß,“ fügte er mit einem Blicke zum Himmel bei,„wenn dieß die ſchöne Schöpfung iſt, die ſich aus der Aſche neu erzeugt, ſo laß ihren Frieden mit mir ſeyn, ſo wahr ich es liebevoll und theil⸗ nehmend mit dieſem jungen Kinde meine!“ Das ſchlichte, aufrichtige Wohlwollen des ehr⸗ lichen Schulmeiſters, der theilnahmsvolle Ernſt in ſeiner Sprache und ſeinem Benehmen, und der Stempel der Wahrheit, der jedem ſeiner Worte und Blicke aufgeprägt war, hauchten Nell ein Vertrauen zu ihm ein, welches die hinterliſtigſten Künſte der Ver⸗ ſtellung nie in ihrer Bruſt zu wecken vermocht hätten. Sie ſagte ihm alles— daß ſie keine Freunde oder Ver⸗ wandte hätten— daß ſie mit dem alten Manne ge⸗ flohen wäre, um ihn vor dem Irrenhauſe und all' dem Elend zu retten, welches er fürchtete— daß ſie noch jetzt auf der Flucht begriffen ſey, um ihn ge⸗ gen ſein eigenes Ich zu ſchützen— und daß ſie ein . . 421 Aſyl an irgend einem entlegenen Orte auf dem Lande ſuche, wo er keiner Verſuchung mehr Preis gegeben ſey, und Sorgen, wie ſie kürzlich erlebt, nicht mehr aufkommen könnten. Der Schulmeiſter hörte ihr mit Erſtaunen zu. „Welch' ein Kind!“ dachte er;—„hat dieſes Kind heldenmüthig ausgehalten unter allen Zweifeln und Gefahren, mit Armuth und Leiden gekämpft und keiner andern Stiütze ſich erfreut, als ihrer treuen Liebe und ihres Rechtsgefühls? Und doch iſt die Welt voll von ſolchem Heldenmuth. Sollte ich jetzt erſt lernen müſſen, daß die ſchwerſten Siege diejenigen ſind, welche in keiner Erdenchronik auf⸗ gezeichnet werden und doch jeden Tag ſich zutragen? Und ſollte es mich Wunder nehmen, ein Gleiches in der Geſchichte dieſes Kindes zu hören?“— Was er noch weiter ſagte und dachte, gehört nicht zur Sache. Es wurde beſchloſſen, daß Nell und ihr Großvater ihn nach ſeinem Dorfe begleiten ſollten, und er wollte ſich Mühe geben, irgend eine beſcheidene Beſchäftigung für ſie ausfindig zu machen, bei der ſie beſtehen könnten. „Ich bin überzeugt, daß es gelingen muß,“ rief der Schulmeiſter aus der Fülle ſeines Herzens. „Die Sache iſt zu gut, um fehlſchlagen zu können.“ Sie beſtimmten die Fortſetzung ihrer Reiſe auf den nächſten Abend, da um dieſe Zeit ein Fracht⸗ wagen, welcher eine Strecke weit ihren Weg fuhr, vor dem Wirthshauſe die Pferde wechſelte, und der 4²² Fuhrmann Nell ohne Zweifel gegen eine kleine Be⸗ lohnung mitnahm. Der Handel kam auch richtig in’s Reine und in der gewöhnlichen Zeit rollte der Wagen mit Nell ab, die ein gutes Plätzchen unter dem weicheren Gepäcke gefunden hatte, während ihr Großvater und der Schulmeiſter neben dem Fuhr⸗ mann einhergingen, die beſten Wünſche der Wirthin und der guten Leute im Wirthshaus mit auf den Weg nehmend. Welch' eine beruhigende, üppige, einſchläfernde Reiſemanier, in dem Innern eines ſolchen langſam ſich dahinbewegenden Berges zu liegen und zu hor⸗ chen auf das Klingeln der Pferdeglöckchen, das ge⸗ legentliche Knallen der Fuhrmannspeitſche, das ſanfte Rollen der großen, breiten Räder, das Raſſeln des Wagengeſchirrs, die freundlichen Begrüßungen der auf kleinen, kurzſchrittigen Pferden vorbeitrabenden Reiſenden— und alles dieß ſo angenehm gedämpft durch die darüber geſpannte dicke Decke, die eigens dazu gemacht zu ſeyn ſcheint, um träge darunter zu horchen, bis man einſchläft, ſtets unter dem unbe⸗ ſtimmten, durch das Hin⸗ und Herſchwanken des Kopfes auf dem Kiſſen erzeugten Eindruck, daß es ohne Mühe und Anſtrengung weiter gehe, während man all' dieſen Tönen wie einer Trauermuſik zu⸗ horcht, welche die Sinne einlullt— und das lang⸗ ſame Erwachen, wenn man findet, daß man durch den vorn halboffenen, luftigen Vorhang weit hinaus⸗ ſieht in den kalten, klaren Himmel, mit ſeinen Mi⸗ 4— 4— 4²2³ riaden Sternen, und herab auf die Wagenlaterne, die, dem Irrwiſch der Sümpfe und Moore gleich, an den Seiten der dunklen, grämlichen Bäume hin⸗ tanzt, auf der langen, öden Straße immer und immer höher ſich hebend, bis ſie plötzlich an einer ſcharfen Kante Halt macht, als ob kein Weg mehr da und jenſeits alles Himmel wäre— und das Raſten vor einem Wirthshaus zum Füttern, wo man Einem heraushilft, in eine Stube mit Feuer und Lichtern geht, die Einen blinzeln machen, und auf die anangenehmſte Weiſe erinnert wird, daß die Nacht kalt war, indem man ſich dieſelbe, um die Behaglich⸗ keit zu erhöhen, noch kälter vorſtellt!— Welch' eine köſtliche Reiſe war jene in dem Frachtwagen! Dann das Weiterfahren— anfangs ſo friſch und bald nachher ſo ſchläfrig. Das Erwachen aus einem geſunden Schläfchen, wenn die Poſt vorbei⸗ ſauſt, wie ein Landſtraßencomet, mit flimmernden Laternen, klappernden Huſen und den Gedanken an einen Conducteur hinten, der aufgeſtanden iſt, um ſeine Füße warm zu halten, und an einen Herrn in einer Pelzmütze, der ſeine Augen öffnet und in blöder Verwirrung umherſchaut— das Anhalten an dem Schlagbaum, wo der Wäͤrter ſchon zu Bett iſt, und das Klopfen an dem Häuschen, bis er mit einem durch die Bettdecken erſtickten Schrei aus dem kleinen Stübchen oben, wo das matte Licht brennt, antwortet und dann alsbald, die Nachtmütze auf dem Kopfe, und ſchaudernd, herunterkömmt, um die Barre 424 zurückzuziehen, wobei er alle Frachtwagen hinwünſcht, wo der Pfeffer wächſt, natürlich die bei Tag an⸗ fahrenden ausgenommen. Die ‚ſcharfkalte Zwiſchen⸗ zeit zwiſchen Nacht und Morgen— der ferne Licht⸗ ſtreif, der ſich mehr und mehr erweitert und ver⸗ breitet, vom Grauen in's Weiße, vom Weißen in's Gelbe, vom Gelben in's brennendſte Roth über⸗ gehend— der Tag mit all' ſeiner Rührigkeit und Lebhaftigkeit— Menſchen und Pferde an dem Pflug— Vögel in den Bäumen und Hecken, und Knaben auf den einſamen Feldern, welche ſie mit Klappern wegſcheuchen. Die Ankunft in einer Stadt, geſchäf⸗ tige Leute auf dem Markte, leichte Karren und Chaiſen rund um den Wirthshaushof, vor ihren Thüren ſtehende Krämer, Männer, die den Kauflieb⸗ habern ihre Pferde vorreiten, grunzende Schweine, die in der Entfernung im Koth wühlen, von ihren langen Stricken losreißen, in reinliche Apothekerladen laufen und von den Lehrlingen mit Beſen hinaus⸗ gejagt werden, die Nachtpoſt, welche ihre Pferde wechſelt— mürriſche, erfrorene, häßlich einge⸗ mummte und unzufriedene Paſſagiere, denen der Bart in einer Nacht gewachſen iſt, als ſtünde er ſchon drei Monate— der Kutſcher dagegen friſch, wie aus dem Lädchen, und eigentlich ſchön durch den Gegenſatz:— ſo viel Rührigkeit, ſo viele Dinge in Bewegung, ſo viele Abwechslung in allem— wann gab es je eine ſo vergnügliche Reiſe, als jene Reiſe in dem Frachtwagen? + 0——— 42²5 Bisweilen ging Nell eine oder zwei Meilen zu Fuß und ließ ihren Großvater im Wagen fahren, und hin und wieder vermochte ſie auch den Schul⸗ meiſter, ihren Platz einzunehmen und ein wenig auszuruhen. So ging es denn ganz luſtig weiter, bis ſie in eine große Stadt gelangten, wo der Frachtwagen Halt machte, um zu übernachten. Sie kamen an einer großen Kirche vorbei, und in den Straßen war eine Anzahl von alten Häuſern, die aus einer Art von Lehm oder Mörtel gebaut und nach allen Seiten mit ſchwarzem Gebälk durchkreuzt waren, was ihnen ein merkwürdig alterthümliches Anſehen gab. Auch die Thüren, welche ſehr niedrig waren, bildeten Spitzbogen und hatten zum Theil eigene Portale mit wunderlichen Bänken, auf de⸗ nen die früheren Bewohner an Sommerabenden zu ſitzen pflegten. Die Fenſter beſtanden aus kleinen rautenförmigen Scheibchen und ſchienen auf die Vorübergehenden herabzublinzeln, als ſey ihr Geſicht trübe geworden. Unſere Reiſenden waren ſchon eine geraume Weile aus den Bereich des Rauches und der Ofen gekommen, denn nur hin und wieder trafen ſie noch auf ein einzelnes Fabrikgebäude im freiem Felde, welches den Raum um ſich her wie ein Vulkan ver⸗ ödete. Sobald ſie die Stadt hinter ſich hatten, ka⸗ men ſie wieder in's offene Land und näherten ſich jetzt mehr und mehr dem Orte ihrer Beſtimmung. Dieſer war jedoch keineswegs ſo nahe, daß ſie nicht noch eine zweite Nacht unterwegs hätten zu⸗ bringen müſſen. Freilich wäre dieß nicht ſo ganz nöͤthig geweſen; aber als der Schulmeiſter in die Nähe ſeines Dorfes kam, ſo bemächtigte ſich ſeiner ein ſo beunruhigendes Gefühl ſeiner neuen Küſters⸗ würde, daß er ſeinen Einzug nicht in ſtaubigen Schuhen und Kleidern, die von der Reiſe gelitten hatten, feiern wollte. Es war ein ſchöner, klarer Herbſtmorgen, als ſie auf dem Schauplatze ſeiner Beförderung anlangten; ſie blieben ſtehen, um deſſen Schönheiten zu betrachten! „Sieh'— da iſt die Kirche!“ rief der entzückte Schulmeiſter mit gedämpfter Stimme,„und ich wollte darauf ſchwören, daß jenes alte Gebäude dicht da⸗ neben das Schulhaus iſt. Fünfunddreißig Pfund jährlich an dieſem ſchönen Orte!“ Sie bewunderten alles— das altergraue Por⸗ tal, die mit Steinkreuzen verſehenen Fenſter, die ehr⸗ würdigen Grabſteine, welche den grünen Kirchhof betüpfelten, den alten Thurm, und ſogar den Wetter⸗ hahn; die gebräunten Strohdächer der Hütten und Scheunen, welche zwiſchen den Bäumen hervorſahen, das Flüßchen, das bei der fernen Waſſermühle ſich kräuſelte, und das entlegene, blaue Walleſergebirg. Nach einem ſolchen Orte hatte ſich Nell in den dich⸗ ten, dunkeln, armſeligen Löchern der Fabrikarbeit geſehnt. Auf ihrem Bette von Aſche und mitten unter dem unflätigen Entſetzen, durch welches ſie ſich den Weg bahnen mußte, hatten ſich Traum⸗ 42⁷ bilder von ſolchen Scenen— allerdings ſchoöͤn, aber nicht ſchöner als dieſe ſüße Wirklichkeit— ihrem Geiſte vergegenwärtigt. Freilich ſchienen ſie in trüber, nebligter Entfernung zu entſchwimmen, je ſchwächer die Ausſicht war, ſie je ſchauen zu können; aber je mehr ſie zurücktraten, deſto mehr liebte ſie dieſelben, und deſto mehr ſchmachtete ſie danach. „Ich muß euch auf etliche Minuten irgendwo unterbringen,“ ſagte der Schulmeiſter, der endlich das durch die Freude erzeugte Schweigen brach. „Ihr könnt euch denken, daß ich einen Brief vorzu⸗ zeigen und Nachfragen anzuſtellen habe. Wo ſoll ich euch hinführen? In das kleine Wirthshaus dort?“ „Oh, laſſen Sie uns hier warten,“ verſetzte Nell.„Die Kirchenthüre iſt offen. Wir wollen uns unter das Portal ſetzen, bis Sie wieder zurück⸗ kommen.“ „Nun, der Platz iſt auch gut,“ ſagte der Schul⸗ meiſter, indem er ſie nach demſelben hinführte, dort ſein Felleiſen abwarf und es auf die Steinbank legte.„Verlaßt euch d'rauf, ich komme mit guten Neuigkeiten zurück und werde nicht lange ausſeyn.“ Der glückliche Schulmeiſter zog nun ein paar nagelneue Handſchuhe an, welche er den ganzen Weg über, hübſch mit Papier umwickelt, in der Taſche nachgetragen hatte, und eilte voll Glut und Auf⸗ regung von hinnen. Nell ſah ihm von dem Portale aus nach, bis 428 ihn das Laub der Bäume ihren Blicken verbarg, und dann ging ſie leiſe hinaus auf den alten Kirch⸗ hof— er war ſo feierlich ruhig, daß ihr jedes Rauſchen ihres Kleides auf den gefallenen Blättern, die den Weg überſtreuten und ihre Fußtritte tonlos machten, wie eine Entweichung des hehren Schwei⸗ gens vorkam. Es war ein ſehr alter, geſpenſter⸗ hafter Ort: die Kirche war vor vielen Jahrhunderten gebaut worden und hatte einmal zu einem Kloſter gehört, denn Ruinen von Spitzbogen, Ueberreſte von Vorhallenfenſtern und Bruchſtücke von ge⸗ ſchwärzten Mauern ſtanden noch, während andere Theile des alten Gebäudes, welche zerbröckelt herun⸗ tergefallen waren, ſich mit der Kirchhoferde ver⸗ miſchten und dem üppigen Graſe Nahrung boten, als forderten auch ſie ihren Begräbnißplatz und als ſuchten ſie ihren Staub mit der Aſche von Men⸗ ſchen zu vermengen. Hart neben dieſen Grabſteinen erſtorbener Jahre befanden ſich zwei einen Theil der Ruine bildende Wohnungen, die man in neueren Zeiten bewohnbar zu machen geſucht hatte; ihre Fenſter und eichenen Thüren waren jedoch einge⸗ ſunken, und die Häuſer ſelbſt, öde und leer, eilten ihrem Verfall entgegen. Auf dieſe Wohnungen war die Aufmerkſamkeit der Kleinen ausſchließlich geheftet. Sie wußte nicht, warum? Die Kirche, die Ruinen und die alten Gräber hatten mindeſtens doch gleiche Anſprüche auf die Berückſichtigung eines Fremden, aber von dem 42²9 erſten Augenblicke an, als ſie dieſer paar Hütten anſichtig wurde, konnte ſie auf nichts Anderes mehr achten. Selbſt nachdem ſie um die Kirchhofmauer herumgegangen und wieder zu dem Portale zurück⸗ gekommen war, wo ſie in gedankenvollem Brüten ihren Freund erwartete, wählte ſie ihre Stellung ſo, daß ſie danach hinſehen konnte, und es kam ihr vor, als würden ihre Blicke wie durch einen Zauber an den Ort gefeſſelt. —“— ——