—— 2* 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur— von 8 Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 dihr offen. 3 2. Lesepreis. Bei ückgabe eines geliehenen Buches wird von Iedei Tag 5 f. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe (hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ägt: Lträgt 4„ 4 für woͤchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —xq————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mer. 50 Pf. 2 Ter— Pf. 3 49 8„—„ Zurüuckſendung ſelbſt zu ſorgen. tzte, zerriſſene, verlorene und chen mit Kupfern c.) muß der das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ il eines größeren Werkes, ſo iſt en verpflichtet. auf 14 Tage feſtge etzt und wird acht, daß das eiterverleihen indem Diejenigen, welche die⸗ u ſtehen haben. Maſter Humphrey's Wanduhr. Von B o z. Neu aus dem Engliſchen von Dr. Carl Kolb. Mit Federzeichnungen nach G. Cattermole und H. K. Browne. Erſtes Zändchen. 8 Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1842. Maſter Humphrey's Wanduhr. Maſter Humphrey von der Wanduhrſeite ſeines Kaminwinkels. — Der Leſer erwarte nicht, daß ich ihm namhaft mache, wo ich wohne. Im gegenwärtigen Augenblick mag allerdings mein Aufenthalt für Niemand von beſonderer Wichtigkeit ſeyn; wenn ich aber meine Leſer mit fortreiße, wie es hoffentlich der Fall ſeyn wird, wenn ſich zwiſchen ihnen und mir Gefuͤhle traulicher Zuneigung und Achtung entſpinnen ſollten, welche vielleicht manchen Verhältniſſen, wären ſie auch noch ſo leicht mit meinen Erlebniſſen oder Welt⸗ anſchauungen verbunden, Intereſſe zu verleihen im Stande ſind, ſo wäre es wohl möglich, daß eines Tags ſogar meine Wohnung eine Art Zauber für ſie gewänne. In der Vorausſetzung dieſer Möglich⸗ keit möchte ich ihnen daher gleich Anfangs zu ver⸗ ſtehen geben, daß ſie vergeblich darauf rechnen, ihn je zu erfahren. — ⁰ ⁰ ÿ— 6 Ich bin kein ſauertöpfiſcher alter Mann. Freund⸗ los kann ich nie ſeyn, denn ich zähle das ganze menſchliche Geſchlecht zu meiner Verwandtſchaft und ſtehe mit jedem Gliede meiner großen Familie auf gutem Fuße. Ich habe jedoch ſeit vielen Jahren ein einſames, abgeſchiedenes Leben geführt;— welche Wunden ich dadurch zu heilen, welchen Kummer ich zu vergeſſen ſuchte— gleichviel; die Verſicherung möge zureichen, daß mir die Einſamkeit zur Gewohn⸗ heit wurde, und daß ich nicht gerne den Zauber zerſtören möchte, deſſen beruhigender Bann ſo lange mein Herz und meinen Herd gefangen hielt. Ich wohne in einer ehrwürdigen Vorſtadt Lon⸗ don’s, in einem alten Hauſe, welches in vergangenen Tagen der Aufenthalt luſtiger Lebemänner und un⸗ vergleichlicher Damen geweſen, die aber jetzt lange dahin ſind. Es iſt ein ſtilles, ſchattiges Plätzchen mit einem gepflaſterten Hofraum voller Echos, ſo daß ich bisweilen glauben möchte, die leiſen Nach⸗ klänge eines früheren geräuſchvollen Treibens weilten noch hier und die Geiſter längſt erſtorbener Töne begleiteten meine Fußtritte, wenn ich auf und nieder gehe. Dieſe Annahme findet noch darin eine Be⸗ kräftigung, daß in den letzten Jahren der Wiederhall, der meinen Spaziergängen zu folgen pflegt, ſchwächer und unbeſtimmter geworden iſt, als früher; und man träumt ſich in demſelben lieber das Rauſchen eines ſeidenen Gewandes und den leichten Tritt einer an⸗ 7 muthigen Jungfrau, als in dem veränderten Tone das unſichere Auftreten eines gebrechlichen Alten. Wer gerne von prunkenden Gemächern und prachtvollem Möbelwerk liest, wird nur wenig Ge⸗ ſchmack an einer umſtändlichen Beſchreibung meiner einfachen Behauſung finden; aber ſie iſt mir aus demſelben Grunde theuer, welcher ſie für andere un⸗ bedeutend macht. Ihre vom Wurm durchbohrten Thüren, die niederen, mit ſchwerfalligem Gebälke durchzogenen Decken, die getäfelten Wände, die dun⸗ keln Stiegen, die offenen Cabinette, die kleinen Kam⸗ mern, welche durch Wendeltreppen oder ſchmale Stie⸗ gen mit einander in Verbindung ſtehen, die vielen Niſchen, welche kaum größer als Wandſchränke ſind, ſelbſt der Staub und das Düſter— all' dieß hat einen eigenthümlichen Reiz für mich. Motten und Spinnen ſind meine beſtändigen Miethsleute, denn die eine wärmt ſich bei mir in ihren langen Schlaf und die andere webt geſchäftig ihr luftiges Haus, ohne eine Störung zu erleiden. In Sommertagen macht es mir Freude, Betrachtungen darüber anzu⸗ ſtellen, wie viele kleine Staubflügler der Strahl der Sonne und des Lichtes wohl zum erſtenmale aus irgend einer dunkeln Ecke dieſer alten Wände hervor⸗ gelockt hat. Als ich vor vielen Jahren hieherzog, hätten die Nachbarn gar zu gerne wiſſen mögen, wer ich wäre, woher ich käme und warum ich ſo allein lebte. Die Zeit verſtrich jedoch, ohne daß ſie Aufklärung erhalten hatten, und ſo wurde ich denn der Mittelpunkt einer allgemeinen Gährung, welche ſich auf eine halbe Meile in die Nunde, nach einer gewiſſen Richtung hin ſogar auf eine Meile erſtreckte. Verſchiedene Gerüchte kamen über mich in Umlauf. Man machte mich zu einem Spion, einem Ungläubigen, einem Teufelsbanner, einem Kinderdieb, einem Flüchtling, einem katholiſchen Prieſter oder einem Ungeheuer. Die Mütter nahmen ihre Kinder auf den Arm und eilten mit ihnen nach Hauſe, wenn ich vorüber ging, und die Männer ſahen mir grimmig nach, Drohun⸗ gen und Flüche murmelnd. Ich war der Gegenſtand des Argwohns und des Mißtrauens— ja, ich darf wohl ſagen, des offenen Haſſes. Als ſie jedoch im Laufe der Zeit fanden, daß ich Niemanden ein Leides that, ſondern mich, Trotz ihrer unbilligen Behandlung, gerne überall gefällig erwies, ſo wurde ihre Stimmung gegen mich milder. Man ſpähte nicht länger jedem meiner Tritte nach, wie es ſonſt an der Tagesordnung geweſen, und auch die Mütter flüchteten ſich nicht mehr mit ihren Kin⸗ dern, ſondern blieben ſtehen und ſahen mir nach, wenn ich an ihren Thüren vorbei ging. Ich nahm dieß für eine gute Vorbedeutung und harrte geduldig auf beſſere Zeiten. Nach und nach gewann ich auch Freunde unter dieſen anſpruchsloſen Leuten, und ob⸗ gleich ſie noch zu ſchüchtern waren, mich anzureden, ſo wechſelten wir doch beim Begegnen die üblichen Grüße. Bald machten ſich's diejenigen, mit welchen 9 ich einen ſolchen Verkehr eingeleitet hatte, zur Ehren⸗ ſache, zur gewöhnlichen Stunde an ihre Thüren oder Fenſter zu kommen und mir durch ein Kopfnicken oder einen Kratzfuß ihre Aufmerkſamkeit zu beweiſen; auch die Kinder wagten ſich furchtſam in meinen Bereich und eilten verſchüchtert wieder fort, wenn ich ihre Köpfe pätſchelte und ihnen ſagte, ſie ſollen in der Schule fleißig aufmerken. Das kleine Volk wurde jedoch bald zutraulicher. Auch gewann nachgerade der ſteife Gelegenheitsverkehr mit meinen älteren Nachbarn an Herzlichkeit, und ich wurde allmälig ihr Freund und Berather, dem ſie ihre Sorgen und Leiden anvertrauten, da ich hin und wieder, wo es meine kleinen Mittel geſtatteten, auch thätlich an die Hand ging. Und jetzt mache ich nie einen Spazier⸗ gang, ohne daß angenehme Erinnerungen und lächelnde Geſichter des Maſter Humphrey harren. Es war eine Grille von mir, vielleicht um die, Neugierde meiner Nachbarn zu ſteigern und wegen ihres Argwohnes Rache zu nehmen— ich ſage, es war eine Grille von mir, daß ich mir bei meiner Niederlaſſung an dieſem Orte keinen andern Namen als Humphrey beilegte. Bei denen, welche mir übel wollten, hieß ich der garſtige Humphrey; ſobald ich ſie jedoch zu meinen Freunden umgewandelt hatte, war ich ihnen Herr Humphrey oder der alte Herr Humphrey, bis ſich dieſes endlich ſtereotyp in die ein⸗ fache Benennung Maſter Humphrey umwandelte, weil man wußte, daß ſie meinen Ohren die angenehmſte 10 ſey: überhaupt wurde ſie zu zuletzt ſo ganz und gar zu einer Sache, die ſich von ſelbſt verſtand, daß ich oft, wenn ich in dem kleinen Hofraume meinen Mor⸗ genſpaziergang machte, auf der andern Seite der Mauer meinen Barbier— der eine hohe Verehrung gegen mich hegt und um keine Welt meinen Anſprü⸗ chen Abbruch thun würde— von„Maſter Humphrey's“ Geſundheitszuſtand ſprechen und irgend einem Freunde das Weſentliche der Unterhaltung mittheilen höre, die er während des eben beendigten Raſirens mit Maſter Humphrey gehabt hat. Um jedoch die Bekanntſchaft mit meinen Leſern nicht unter falſchen Vorausſetzungen zu eröffnen und ihnen damit Anlaß zu geben, hintendrein Beſchwerde über mich zu führen, weil ich einen Punkt verſchwie⸗ gen, den ich durchaus gleich Anfangs hätte mitthei⸗ len ſollen, ſo mögen ſie erfahren— und es preßt mir ein trübes Lächeln ab, wenn ich denke, daß es eine Zeit gab, wo mir das Bekenntniß ſchmerzlich geworden wäre— daß ich ein mißbildeter, häßlicher, alter Mann bin. Dieſer Umſtand hat mich jedoch nicht zum Men⸗ ſchenfeind gemacht. Nie kränkte mich eine Spottrede oder ein Scherz über meine verkrümmte Geſtalt. Als Kind war ich melancholiſch und ſchüchtern; aber der Grund lag in der zärtlichen Rückſicht, welche man auf mein Unglück nahm und welche mir tief zu Her⸗ zen ging, ſo daß ich ſelbſt in dieſen frühen Tagen in eine wehmüthige Stimmung verſiel. Ich war noch 11 ſehr jung, als meine arme Mutter ſtarb, und doch erinnere ich mich noch, daß ſie mich oft, wenn ich an ihrem Halſe hing, und noch öfter, wenn ich im Zimmer zu ihren Füßen ſpielte, an ihr Herz drückte, in Thränen ausbrach und durch die zärtlichſten und liebevollſten Worte mich zu beruhigen ſuchte. Gott weiß es, ich war damals ein glückliches Kind— glücklich, wenn ich mich an ihre Bruſt ſchmiegte— glücklich, wenn ich mit ihr weinen konnte— glück⸗ lich, ohne zu wiſſen warum? Dieſe Rückerinnerungen haften tief in meiner Seele, als hätten die Anläſſe dazu ganze Jahre um⸗ faßt; ich zählte indeß deren ſehr— ſehr wenige, als erſtere für immer aufhörten, obgleich mir ſchon damals ihre Bedeutung kein Geheimniß mehr war. Ich weiß nicht, ob alle Kinder für kindliche Schönheit und Anmuth, wie auch für eine lebhafte Vorliebe zu derſelben empfänglich ſind: bei mir war es wenigſtens der Fall. Ich kann mich nicht erin⸗ nern, daß ich je darüber nachdachte, ob ich ſie ſelbſt be⸗ ſaß, oder ob ſie mir abgingen; das aber weiß ich noch, daß ich eine unbeſchreibliche Bewunderung da⸗ für unterhielt. Ein kleines Häuflein von Spielka⸗ meraden— ſie müſſen ſchön geweſen ſeyn, denn ich kann mir ſie noch vergegenwärtigen— ſchaarte ſich eines Tages um die Knie meiner Mutter, eifrig das Gemälde einer kindlichen Engelgruppe bewundernd, welches ſie in ihrer Hand hielt. Wem das Gemälde gehörte, ob ich es früher ſchon geſehen, oder wie alle 12 die Kinder zuſammen gekommen, habe ich vergeſſen: es ſchwebt mir nur noch dunkel vor, daß es an meinem Geburtstag geweſen, und etwas lebhafter iſt die Erinnerung, daß wir alle mit einander in einem Garten waren, und zwar an einem Sommertage, denn ich weiß noch ganz gewiß, daß eines der kleinen Mädchen Roſen in ſeinem Gürtel hatte. Es waren viele liebliche Engelsbilder auf dem Gemälde, und ich erinnere mich noch, daß mir der Einfall kam, unter ihnen die Abbilder meiner kleinen Spielge⸗ fährten aufzuſuchen, und als ich für alle Repräſen⸗ tanten gefunden hatte, hielt ich zögernd inne und fragte, welches von den Figürchen wohl mir am meiſten gliche. Ich entſinne mich, daß die Kinder ſich gegenſeitig anſahen, während mein Geſicht er⸗ glühete; dann drängten ſie ſich um mich, küßten mich und ſagten mir, daß ſie alle mich demungeachtet liebten. Als nun der alte Schmerz in dem milden und zärtlichen Auge meiner Mutter auftauchte, über⸗ flog mich zum erſtenmale eine Ahnung der Wahrheit, und ich wußte jetzt, wie ſchmerzlich ſie die Verkrüp⸗ pelung ihres armen Kindes empfand, wenn ſie mei⸗ nen unbeholfenen, linkiſchen Spielen zuſchaute. Spater träumte ich oft davon, und jetzt noch jammert mich der Knabe, als wäre es ein anderer und nicht ich ſelbſt geweſen, wenn ich daran denke, wie oft er aus irgend einer feenhaften Umwandlung zur ungeſtalten Wirklichkeit erwachte und ſich wieder in Schlaf ſchluchzte. 13 Doch reden wir nicht mehr davon,— all' dieſer kindiſche Schmerz gehört der Vergangenheit an. Der Rückblick iſt übrigens nicht ohne Nutzen für mich, da er einigermaßen dazu beiträgt, es zu erklären, warum ich mein Lebenlang den ſeelenloſen Gegenſtänden, welche mein Gemach bevölkern, ſo zugethan war, und wie es kam, daß ich ſie lieber für alte und be⸗ ſtändige Freunde anſah, als für bloße Stühle und Tiſche, die man nach Gutdünken um einiges Geld wieder erſetzen kann. Die erſte und vorzüglichſte unter all' dieſen iſt meine Wanduhr,— meine alte, heitere, geſellige Wanduhr. Wie kann ich je Anderen einen Begriff davon geben, welchen Troſt und welche Behaglichkeit ich ihr ſchon ſeit Jahren verdanke! An ſie knüpfen ſich meine früheſten Erinnerun⸗ gen. Sie hatte ſeit faſt ſechzig Jahren ihren Platz an der Treppe unſeres Hauſes,(mechaniſch nenne ich es immer noch ſo), und ich liebe ſie darum. Aber nicht gerade deßhalb, oder weil ſie ein wunderliches, altes Ding in einem ungeheuern eichenen, mit ſelt⸗ ſamem Schnitzwerk reich verzierten Kaſten iſt, ſchätze ich ſie ſo hoch, ſondern weil ich ſie mir gerne als lebend denke und zu der Annahme geneigt bin, ſie verſtehe mich und erwiedere meine Liebe zu ihr. Und welcher Gegenſtand, der kein Leben beſitzt, vermöchte es ſo ſehr, mich zu erfreuen, als ſie? Welcher andere Gegenſtand ohne Leben,(ich will nicht ſagen, wie wenige mit Leben), hätte ſich mir 14 als einen ſo geduldigen, treuen und unermüdlichen Freund erweiſen können? Wie oft ſaß ich in den langen Winterabenden da. und fand ſo viel Geſellig⸗ keit in ihrer Heimchenſtimme, daß ich dankbar meine Augen von meinem Buche aufſchlug, wann ihr Geſicht, geröthet von der Glut des lodernden Feuers, den ſtarren Ausdruck zu verlieren und mich freundlich anzuſehen ſchien! Wie oft rief mich im Sommerzwielicht ihr einförmiges Flüſtern zu der ru⸗ higen und friedlichen Gegenwart zurück, wenn meine Gedanken ſich in einer melancholiſchen Vergangenheit umgetrieben hatten! Wie oft unterbrach ihre Glocke in der tiefen Stille der Mitternacht das läſtige Schwei⸗ gen und ſchien mir die Verſicherung zu geben, daß die alte Wanduhr noch inſcher als treue Wächterin an meiner Zimmerthüre ſtehe! Mein Sorgenſtuhl, mein Pult, meine alten Möbel, ſogar meine Bücher, — nicht einmal zu den letztern kann ich eine ſolche Liebe faſſen. 5 Sie ſteht in einem traulichen Winkel mitten zwiſchen dem Kamine und einer niedrigen Bogenthüre, die zu meinem Schlafzimmer führt. Ihr Ruf iſt ſo ſehr durch die ganze Nachbarſchaft verbreitet, daß ich oft die Freude habe, zu hören, wie der Wirth oder der Bäcker, bisweilen ſogar der Küſter, meine Haushälterin(von der ich ſeiner Zeit manches zu berichten haben werde) bitten, ihnen genau zu ſagen, welche Zeit Maſter Humphrey's Wanduhr angebe. Mein Barbier, von dem ich bereits geſprochen, möchte —— ſich lieber auf ſie, als auf die Sonne verlaſſen. Doch ſind dieß nicht die einzigen Auszeichnungen, welche ihr zu Theil werden, denn es wurde ihr(mit Freude ſage ich es) noch eine andere erwieſen, welche ſie unzertrennlich nicht nur mit meinen eigenen Erheite⸗ rungen und Betrachtungen, ſondern auch mit denen anderer Leute verbindet, wie man ſogleich hören wird. Ich lebte hier lange Zeit ohne einen Freund oder Bekannten allein. Da ich bei Tag und Nacht, zu allen Stunden und Jahreszeiten in den Straßen der City und den ruhigern Theilen der Gegend um⸗ herzuwandern pflegte, ſo wurde ich mit manchen Geſichtern bekannt, und mein Herz fühlte ſich ſchmerz⸗ lich getäuſcht, wenn ich ſie einmal nicht an ihren gewohnten Plätzen fand. Dieß waren jedoch die einzigen Freunde, die ich kannte, und außer ihnen hatte ich keine. Es traf ſich indeſſen im Laufe der Zeit, daß ich mit einem tauben Herrn eine Bekanntſchaft anknüpfte, welche bis zur Innigkeit und warmen Vertrautheit heranwuchs, obgleich ich bis zu dieſer Stunde noch nicht einmal ſeinen Namen kenne. Ich weiß nicht, war es Laune, was ihn veranlaßte, denſelben zu verhehlen, oder hatte er ſeine Gründe, ſo zu han⸗ deln,— jedenfalls fühle ich, daß er ein Recht hat, eine Erwiederung des Vertrauens, das er in mich geſetzt, zu fordern, und da er es nie verſuchte, mei⸗ nem Geheimniß nachzuforſchen, ſo wollte ich mich auch nie in das ſeinige drängen. Es mag in dieſer gegenſeitigen ſtummen Zuverſicht für uns Beide etwas Schmeichelhaftes und Angenehmes gelegen haben, das vielleicht gleich vom Anfange an unſerer Freund⸗ ſchaft eine beſondere Wärme verlieh,— doch ſey dem, wie ihm wolle, wir wurden Brüder, und doch kenne ich ihn nur als den tauben Herrn. Ich habe geſagt, daß die Abgeſchiedenheit mir zur Gewohnheit geworden. Wenn ich hinzufüge, daß der taube Herr und ich zwei Freunde haben, ſo ſage ich damit nichts, was mit dieſer Erklärung im Wider⸗ ſpruch ſtünde. Ich verbringe jeden Tag viele Stunden in einſamen Studien, habe keine weiteren Freunde oder irgend einen Freundesverkehr, als dieſen, ſehe ſie nur zu beſtimmten Tageszeiten, und gelte, dem ganzen Weſen und Zweck unſerer Verbindung nach, für einen Geiſt, der die Zurückgezogenheit liebt. Wir ſind verſchloſſene Männer, ob deren frühe⸗ ren Schickſalen gewiſſermaßen eine Wolke ſchwebt, deren Feuer aber demungeachtet nicht mit dem Alter verkühlte, deren romantiſcher Geiſt noch nicht ver⸗ braust hat, und welche die Welt lieber als einen angenehmen Traum betrachten, als zu ihrer rauhen Wirklichkeit erwachen mögen. Wir ſind Alchymiſten, welche die Eſſenz der ewigen Jugend aus Staub und Aſche deſtilliren, die ſpröde Wahrheit in tauſend Licht⸗ und Luftgeſtalten aus ihrem tiefſten Quell 17 hervorlocken und eine Krumme Troſt oder ein Kernchen Gutes in dem gewöhnlichſten oder unbeachtetſten Stoffe finden, der durch unſern Schmelztiegel wan⸗ dert. Geiſter vergangener Zeiten, Gebilde der Phan⸗ taſie und die Menſchen der Gegenwart ſind gleicher⸗ maßen Gegenſtände unſeres Suchens; und ungleich dem Forſchungsmaterial der meiſten Philoſophen, können wir verſichern, daß ſie auf unſer Gebot er⸗ ſcheinen. 8 Der taube Herr und ich begannen anfangs unſere Tage mit ſolchen Phantaſiegebilden, und un⸗ ſere Nächte durch den gegenſeitigen Austauſch derſelben zu betrügen. Wir ſind jetzt unſerer vier. In mei⸗ nem Zimmer ſtehen jedoch ſechs alte Stühle, und wir haben uns entſchloſſen, daß die zwei leeren Sitze bei unſern Zuſammenkünften ſtets an den Tiſch ge⸗ ſetzt werden ſollen, um uns daran zu erinnern, daß ſich unſere Geſellſchaft bis zu dieſer Zahl erweitern darf, ſobald wir zwei Menſchen nach unſerem Sinne finden. Wenn einer von uns ſtirbt, wird ſein Stuhl wir alle todt ſind, das Haus geſchloſſen werden und man die leeren Stühle an ihren gewohnten Plätzen laſſen ſolle. Es liegt etwas Augenehmes ſogar in dem Gedanken, daß ſich unſere Schatten vielleicht wie vordem verſammeln und einen geſpenſtigen Ver⸗ kehr unterhalten. Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 2 Wir treffen einmal in der Woche Abends mit dem Glockenſchlag Zehn zuſammen, und wann die Uhr auf Zwei weist, bin ich allein. Soll ich nun erzaͤhlen, wie meine alte Dienerin außer dem Umſtande, daß ſie uns die Zeit anzeigt und durch ihr luſtiges Picken unſere Verhandlungen ermuthigt, unſerer Geſellſchaft auch ihren Namen leiht, indem dieſelbe wegen ihrer Pünktlichkeit und wegen meiner Vorliebe zu dem alten Möbel„Maſter Humphrey's Wanduhr“ getauft wurde? Soll ich nun ſagen, wie in dem Hintergrunde des alten dunkeln Gehäuſes, wo der ſtätige Pendel mit ge⸗ ſunder Thätigkeit hin und her geht, obgleich der Puls des Künſtlers lange ſchon ſtille ſteht, Stöſſe von beſtaubtem Papier zu unſerer Verfügung bereit liegen, damit ſich unſere Unterhaltungen meiner alten Freundin anknüpfen, welche uns die Mittel bieten muß, die Zeit aus dem Herzen der Zeit her⸗ aus zu betrügen? Soll ich— oder kann ich ſagen, mit welchem geheimen Stolz ich dieſes Magazin bei Gelegenheit unſerer nächtlichen Zuſammenkünfte öffne, um ſtets neuen Stoff der Erheiterung aus meiner lieben alten Wanduhr zu holen? Freundin und Genoſſin meiner Einſamkeit! Meine Liebe iſt keine ſelbſtſüchtige. Ich möchte deine Ver⸗ dienſte nicht für mich behalten, ſondern irgend eine freundliche Anknüpfung an dein Bild durch die ganze weite Welt verbreiten; ich möchte, daß die Menſchen — 19 um deinen Namen frohe und kräftige Gedanken knüpfen; ich möchte ſie überzeugen, daß du treu und ehrlich deine Zeit einhältſt; und wie würde es mich freuen, wenn ich erfahren dürfte, daß man in Maſter Humphrey's Wanduhr eine geſunde Engliſche Arbeit erkennt! 2* Der Uhrkaſten. Es iſt meine Abſicht, die Leſer beſtändig von meinem Kaminwinkel aus anzureden, und ich möchte wohl hoffen, daß die Berichte, welche ich von unſern Geſchichten und Verhandlungen, unſern ruhigen Spekulationen und unſern thätigeren Abenteuern gebe, nie unwillkommen wären. Um jedoch nicht gleich anfangs zu weitſchweifig zu werden, indem ich zu lange bei unſerer kleinen Geſellſchaft verweile und die Begeiſterung, womit ich dieſe erſte Seligkeit mei⸗ Lebens betrachte, mit dem geringern Grade von Theilnahme verwechsle, welchen vielleicht diejenigen, welche ich anrede, dafür fühlen werden, ſo habe ich es, wie man geſehen, für paſſend zrächtet, damit abzubrechen. Da ich jedoch innig an meiner alten Freundin hänge, und daher ganz natürlich den Wunſch hege, daß alle ihre Verdienſte nach Würde bekannt werden, ſo fühle ich mich verſucht(allerdings etwas unregel⸗ mäßig und gegen unſere Geſetze), den Kaſten der Wanduhr zu öffnen. Die erſte Papierrolle, welche mir zu Handen kommt, iſt ein Manuſeript des tauben —— 21 Herrn. Ich werde bei nächſter Gelegenheit von ihm ſprechen müſſen, und wie kann ich mich beſſer für dieſe willkommene Aufgabe vorbereiten, als wenn ich ſie durch eine Produktion ſeiner eigenen Feder bevor⸗ worte, welche er eigenhändig der Obhut meiner ehr⸗ lichen Wanduhr anvertraute? Der Titel des Manuſeripts lautet alſo: Einleitung in die Rieſenchronik. Es war einmal zu einer Zeit, das heißt, in unſeren Tagen,— Jahr, Monat und Tag ſind nicht weſentlich— in der City von London ein vermö⸗ gentlicher Bürger, der in ſeiner einzelnen Perſon die der achtbaren Geſellſchaft der Ueberſchuhmacher ver⸗ einigte. Nebſt all' dieſen außerordentlichen Ehren beſaß er auch die wichtige Stelle und den Titel eines Sheriffs, und endlich, um dem Ganzen die Krone aufzuſetzen, ſtand er als der erſte auf der nächſten Er war in der That ein ſehr gewichtiger Bür⸗ ger. Sein Geſicht glich einem umnebelten Vollmond, in den man zwei Löcher für die Augen geſtoßen, eine ſehr reife Birne ſtatt der Naſe vorgeſteckt und einen weiten Spalt ſtatt des Mundes eingeſchnitten hat. Das Maß ſeiner Weſte hing, mit ſeinem Namen ———— verſehen, als außerordentliche Merkwürdigkeit in dem Laden ſeines Schneiders. Sein Athmen war ein ſchweres Schnarchen, und ſeine Stimme tönte ſo dick, als wäre ſie von einem Haufen Federbetten unter⸗ drückt und erſtickt. Er trat auf, wie ein Elephant, und aß und trank, wie— wie nur ein Rathsherr, der er auch war, eſſen und trinken kann. Dieſer würdige Bürger hatte ſich aus ganz ge⸗ ringen Glücksverhältniſſen zu ſeiner hohen Bedeut⸗ ſamkeit empor geſchwungen. Er war ehedem ein ſehr magerer, ſchwindſüchtiger, kleiner Knabe geweſen, der ſich's nicht träumen ließ, einmal eine ſolche Wucht von Fleiſch an ſeinen Knochen, oder ſo viel Geld in ſeinen Taſchen zu tragen, indem er froh genug war, wenn er ſein Mittageſſen an der Thüre eines Bäckers, oder ſeinen Thee am Brunnen holen konnte. All' das hatte er jedoch längſt vergeſſen, wie es ſich für einen Fruchthändler en gros, einen Rathsherrn, einen Gerichtsbeiſitzer, ein Mitglied der achtbaren Ueberſchuhmachergeſellſchaft, einen geweſe⸗ nen Sheriff, vor allem aber für einen Lord⸗Mayor in spe geziemt; nie in ſeinem ganzen Leben vergaß er es übrigens mehr, als am achten November im Jahr ſeiner Erwählung für den großen, goldenen Bürgerſtuhl, dem Tage vor ſeinem großen Gaſtmahl in Guildhall. 4 Deſſelbigen Abends ſaß er zufällig ganz allein im ſeinem Comptoir, überblickte den Speiszettel für den folgenden Tag und verzeichnete ſich für ſein — 23 Privatvergnügen die fetten Kapaunen nach Fünfzigen und die Schildkröten nach hundert Quarten, als er in dieſer einſamen aber vergnüglichen Beſchäftigung durch einen Mann geſtört wurde, der hereintrat und nach ſeinem Befinden fragte, indem er beifügte: „Wenn ich nur halb ſo verändert bin, wie Sie, Sir, ſo werden Sie ſich meiner kaum mehr entſinnen können.“ Der Fremde war nicht am beſten gekleidet, und ſah in keinem Sinne des Wortes wohlgenährt oder reich aus; doch ſprach er mit einer Art beſcheidener Zuverſicht, und zeigte dabei ein ungezwungenes gentle⸗ manartiges Benehmen, worauf doch eigentlich Nie⸗ mand als ein reicher Mann geſetzlichen Anſpruch machen kann. Außerdem unterbrach er aber den guten Bürger in demſelben Augenblick, als er eben dreihundert und zweiundſiebenzig fette Kapaunen zu⸗ ſammengezählt hatte, und gerade die Summe auf die nächſte Colonne übertragen wollte, und um die Sünde zu erſchweren, hatte der gelehrte Syndikus der Stadt London, welcher nur fünf Minuten vorher durch dieſelbe Thüre hinausgegangen war, ſich, ehe er das Zimmer verließ, noch einmal umgedreht und geſagt:„Gute Nacht, Mylord.“ Ja, er hatte wirk⸗ lich„Mylord“ geſagt;— er, ein Mann von Geburt und Erziehung, ein Mitglied der achtbaren Geſell⸗ ſchaft von Middle Temple, ein Rechtsgelehrter, der einen Onkel im Hauſe der Gemeinen und eine Tante faſt (aber nicht ganz) im Hauſe der Lords hatte— denn ſte war die Gattin eines ſchwachen Pairs und ließ ihn ganz nach ihrem Gutdünken ſtimmen; ein ſolcher Mann— dieſer gelehrte Syndikus hatte„Mylord“ geſagt. „Ich will nicht bis morgen warten, um Ihnen Ihren Titel zu geben, Lordmayor,“ ſagte er, indem er ſich lächelnd verbeugte;„Sie ſind Lordmayor de facto, wenn auch nicht de jure. Gute Nacht, My⸗ lord!“ Der neuerwählte Lordmayor dachte eben an dieſes, wandte ſich dem Fremden zu und befahl ihm ſtreng, „ſein Privatcomptoir zu verlaſſen,“ worauf er die dreihundert und zweiundſiebenzig Kapaunen nieder⸗ ſchrieb und in ſeiner Berechnung fortfuhr. „Erinnern Sie ſich nicht“— ſagte der Andere, indem er vorwärts trat—„erinnern Sie ſich nicht des kleinen Ive Toddyhigh?“ Der Portwein floh für einen Augenblick von des Fruchthändlers Naſe als er murmelte: „Ive Toddyhigh? Was iſt's mit Ioe Toddy⸗ high?“ „Ich bin Joe Toddyhigh!“ rief der Beſuch. „Sehen Sie mich an; ſehen Sie mich genau an;— beſſer, beſſer. Sie kennen mich jetzt? Sie kennen den kleinen Joe wieder? Welch eine Freude iſt es für uns Beide, uns gerade an dem Abend vor deiner Erhebung wieder zu ſehen! Gib mir deine Hand, Jack— beide Hände— beide, um alter Zeiten willen.“ *½ — 25 „Sie kneipen mich, Sir. Sie thun mir weh,“ ſagte der neugewählte Lordmayor verdrießlich;„doch laſſen Sie das— wenn Jemand käme, Herr Tod⸗ dyhigh.“ „Herr Toddyhigh?“ erwiederte der Andere mit einem klaglichen Geſichte.. „Ach, ſeyen Sie nicht albern,“ erwiederte der neugewählte Lordmayor, indem er ſich im Kopf kratzte.„Herr Jemine! Ei, ich glaubte Sie wären todt. Was Sie doch für ein wunderlicher Menſch ſind!“ Der Stand der Dinge war in der That aller⸗ liebſt und wohl des Tones von Verdruß und Un⸗ muth würdig, in welchem der Lordmayor ſprach. Ioe Toddyhigh war mit ihm als armer Knabe in Hull geweſen, und hatte oft ſeinen letzten Penny mit ihm getheilt, oder ſeine letzte Brodkruſte an ihn ab⸗ getreten, um ſeinem Mangel abzuhelfen; denn obgleich Ive damals ſelbſt nur ein blutarmer Junge geweſen, ſo war er doch ein ſo treuer und anhänglicher Freund, als man nur je unter Männern von Mitteln einen finden kann. Sie trennten ſich eines Tages, um in verſchiedenen Richtungen ihrem Glücke nachzujagen. Joe ging auf die See, und der nun reiche Bürger bettelte ſich nach London. Sie ſchieden unter vielen Thränen, wie es läppiſche Jungen von ihrem Alter zu machen pflegen, verſprachen ſich ewige Freund⸗ ſchaft und wollten, wenn ſie am Leben blieben, bald gegenſeitig von ſich hören laſſen. So lange der Bürger noch ein Laufjunge war, und ſelbſt in der erſten Zeit ſeiner Lehrjahre, trabte er oft und vielmal nach dem Poſtbureau, um zu fragen, ob kein Brief von dem armen kleinen Ide da ſey, und ging mit Thränen in dem Auge wieder nach Hauſe, wenn er fand, daß keine Nachrichten von ſeinem einzigen Freunde angekommen waren. Die Welt iſt weit und es dauerte lange, bis endlich ein Brief ankam; aber als dieß geſchah, war der Schreiber vergeſſen. Der Brief wurde von dem langen Liegen im Poſtbureau ganz gelb, weil Nie⸗ mand kam, um ihn an ſich zu nehmen: in der Folge zerriß man ihn mit fünfhundert anderen und verkaufte ihn als Makulatur. Und endlich war in einem Au⸗ genblicke, wo man es am wenigſten erwartete, dieſer Joe Toddyhigh wieder zum Vorſchein gekommen, und machte ſeine Bekanntſchaft mit einem großen öffentlichen Charakter geltend, der am nächſten Mor⸗ gen mit dem Premierminiſter von England Witze machen, im Verlauf der nächſten zwölf Monate mit einem einzigen Worte die Tempelſchranke ſchließen und die Durchfahrt ſelbſt dem König verweigern konnte! „Ich weiß in der That nicht, was ich ſagen ſoll, Herr Toddyhigh,“ meinte der neugewählte Lord⸗ mayor;„ich weiß es wirklich nicht. Es kömmt mir ſehr ungelegen. Ich hätte lieber zwanzig Pfund geben wollen— in der That ſehr ungelegen.“ Ein Gedanke kämpfte in ſeinem Geiſte, ſein alter 27 Freund könnte ſich vielleicht zu einer Leidenſchaftlich⸗ keit hinreißen laſſen, die ihm Anlaß geben dürfte, ſelbſt aufzubrauſen. Dieß geſchah jedoch nicht. Joe ſah ihn feſt, aber mit vieler Milde an, ohne die Lip⸗ pen zu öffnen. „Ich werde Ihnen natürlich bezahlen, was ich Ihnen ſchuldig bin,“ ſagte der neugebackene Lord⸗ Mayor, in ſeinem Stuhl hin und herrückend.„Sie haben mir etwas geliehen— ich glaube, es war ein Shilling oder ſonſt eine kleine Münze— als wir uns trennten, und dieſen werde ich Ihnen natürlich mit guten Intereſſen zurückerſtatten. Ich kann Jeder⸗ mann bezahlen und habe es immer gethan. Wenn Sie übermorgen— etwas nach der Dämmerung— ankehren und nach meinem Privatſekretär fragen wollen, ſo werden Sie eine Anweiſung für Sie vor⸗ finden. Ich habe jetzt keine Zeit, mich weiter darüber auszulaſſen, wenn Sie nicht— u er zögerte, denn mit dem begierigen Wunſche, einmal in ſeiner ganzen Glorie in den Augen ſeines früheren Gefährten zu glänzen, paarte ſich die Beſorgniß, das Aeußere deſſelben möchte vielleicht noch ſchäbiger ſeyn, als er bei dem ſchwachen Lichte zu unterſcheiden vermochte— „wenn ſie nicht belieben ſollten, zu dem morgigen Diner zu kommen; ich mache mir nichts daraus, Ihnen dieſes Billet anzubieten, wenn es Ihnen be⸗ liebt, es anzunehmen. Viele würden ihre Ohren darum geben, kann ich Ihnen ſagen.“ 8 Der alte Freund nahm die Karte, ohne ein Wort zu ſprechen, und entfernte ſich auf der Stelle. Sein ſonnverbranntes Geſicht und ſein graues Haar ſchwebte dem Geiſte des Bürgers noch einen Augenblick vor; ſobald derſelbe aber bei dem dreihundert und einund⸗ achtzigſten fetten Kapaunen angelangt war, hatte er ihn ganz und gar vergeſſen. Joe Toddyhigh war nie zuvor in Europa's Hauptſtadt geweſen, und er wanderte in jener Nacht die Straßen auf und ab, erſtaunt über die Menge von Kirchen und anderen öffentlichen Gebäuden, über die Pracht der Kaufläden, über die Reichthümer, die allenthalben aufgehäuft waren, über das blendende Licht, in welchem ſie zur Schau ſtanden, und über das Menſchengewühl, welches, augenſcheinlich gleich⸗ gültig über alle die Wunder, welche es umgaben, hin und her wogte. Aber in allen dieſen langen Straßen und breiten Squaren traf er blos auf Fremde; es gereichte ihm ſogar zur Beruhigung, in eine Neben aſſe einzubiegen, wo er ſeine eigenen Fußtritte auf dem Pflaſter hören konnte. Er ging nach ſeinem Gaſthauſe zurück, dachte unterwegs, Lon⸗ don ſey ein trauriger, öder Ort, und fühlte ſich ge⸗ neigt, das Vorhandenſeyn auch nur eines einzigen treuherzigen Mannes in der ganzen achtbaren Ueber⸗ ſchuhemachergeſellſchaft zu bezweifeln. Endlich legte er ſich zu Bette und träumte, er und der neugewählte Lordmayor wären wieder Knaben. Des andern Tages ging er zu dem Diner, und als in einem Wirbel von Muſik und Lichtſtrahlen „ 29 und in Mitte der glänzendſten Verzierungen, von einer feſtlich geſchmückten Geſellſchaft umringt, ſein früherer Freund, begrüßt von lautem Jubel und Freudenruf, oben in der Halle erſchien, da ſchrie und jubelte er mit den Lauteſten, und für den Augenblick hätte er weinen mögen. Im nächſten aber verwünſchte er ſeine Schwäche gegen einen ſo ganz veränderten und ſelbſtſüchtigen Mann, und er haßte ſogar einen jovial ausſehenden Gentleman, der ihm gegenüber ſaß, und ſich im Stolze ſeines Herzens gleichfalls für einen Ueberſchuhmacher erklärte. Im Verlaufe des Bankets nahm er die Unfreund⸗ lichkeit des reichen Bürgers immer mehr und mehr zu Herzen— nicht etwa aus Neid, ſondern weil er fühlte, daß ein Mann von ſeiner Stellung und ſeinen hatte. Während er in dieſer ſchwermüthigen Stimmung umherſchlenderte, traf er auf eine dunkle, ſteile und ſchmale Treppe, welche er gedankenlos hinanſtieg, und ſo kam er auf eine kleine leere Orcheſtergallerie. Von dieſem hohen Standpunkte aus, der die ganze Halle beherrſchte, unterhielt er ſich damit, daß er auf das Dienſtperſonale hinunterſah, welches träge die Ueberbleibſel des Feſtmahles aufräumte, und mit ſehr empfehlenswerther Beharrlichkeit alle Gläſer und Flaſchen austrank. Seine Aufmerkſamkeit erſchlaffte ünalig und er fiel in einen feſten Schlaf. Als er erwachte, glaubte er, es müſſe mit ſeinen Augen etwas vorgegangen ſeyn; er fand jedoch nach einigem Reiben bald, daß das Mondlicht wirklich durch das öſtliche Fenſter ſtrömte, daß die Lampen erloſchen waren, und daß er ſich allein befand. Er horchte— aber kein fernes Flüſtern in den wieder⸗ hallenden Gängen, nicht einmal das Zuſchlagen einer Thüre unterbrach die tiefe Stille; er taſtete ſich die Treppe hinunter und fand, daß die Thüre des Erd⸗ geſchoßes von außen verſchloſſen war. Jetzt begann er zu begreifen, daß er lange geſchlafen haben mußte, daß man ihn überſehen, und daß er die Nacht über hier in Gewahrſam zu verbleiben hatte. Sein erſtes Gefühl war wohl nicht das behag⸗ lichſte, denn es war ein dunkler, kalter, dumpfigrie⸗ chender Ort— auch etwas zu groß, als daß ſich ein Mann in einer ſolchen Lage darin heimlich füh⸗ len konnte. Als jedoch die Beſtürzung der erſten Ueberraſchung vorüber war, nahm er den Vorfall leicht auf die leichte Achſel und entſchloß ſich, wieder die Treppe hinaufzutappen und ſich's, ſo gut als thunlich, bis zum Morgen auf der Gallerie bequem 31 zu machen. Als er ſich anſchickte dieſes Vorhaben auszuführen, hörte er die Uhren drei ſchlagen. Jede Unterbrechung einer Todtenſtille durch das Schlagen ferner Thurmuhren läßt dieſelbe nur um ſo nachdrücklicher und läſtiger erſcheinen, wenn die Töne verhallt ſind. Er horchte mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit, hoffend, daß irgend eine Uhr, welche hinter ihren Gefährtinnen zurückgeblieben, noch ſchla⸗ gen würde, und ſah dabei die ganze Zeit über in das tiefe Dunkel vor ſich, bis es ihm wie ein ſchwar⸗ zes Gewebe erſchien, in welchem ſich die ringartigen Reflexe ſeiner eigenen Augen in hundertfacher Wie⸗ derholung abmalten. Aber die Glocken hatten für dießmal alle ihre Rufe entſandt, und der Wind⸗ ſtoß, der durch den Platz ſeufzte, ſchien noch kalt und ſchwer von ihrem eiſernen Athem zu ſeyn. Zeit und Umſtände waren dem Nachdenken gün⸗ ſtig. Er verſuchte es, ſeine Gedanken in demſelben Gange zu erhalten, welchen ſie, ſo wenig angenehm er auch ſeyn mochte, den ganzen Tag über genommen hatten, und Betrachtungen darüber anzuſtellen, wie romantiſch er ſich's gedacht, dem alten Freunde noch einmal vor dem Tode die Hand zu drücken, und wie grauſam ſeine lange und ſehnlich gehegte Hoffnung getäuſcht worden. Doch hatte ihn ſein plötzliches Erwachen an einem ſo einſamen Orte in Verwirrung gebracht, und er konnte es nicht hindern, daß ſein Geiſt bei manchen wunderlichen Geſchichten verweilte, in welchen Leute von unzweifelhaftem Muthe, die zu 32 nächtlicher Stunde in Gewölben, Kirchen oder anderen ſchauerlichen Orten eingeſchloſſen wurden, große Höhen erkletterten, um hinauszukommen und vor dem öden Schweigen zu fliehen, obgleich ſie nie zuvor einer wirklichen Gefahr den Rücken zugekehrt hatten. Solche Gedanken weckte in ihm das durch das Fenſter ſtrö⸗ mende Mondlicht, und er kroch die gewundene Treppe wieder hinauf— aber ganz verſtohlen, als fürchte er, gehört zu werden. Er war nicht wenig erſtaunt, als er ſich der Gallerie wieder näherte, Licht in dem Gebäude zu erblicken, noch mehr aber, als er bei ſeinem haſtigen Vortreten und Umherſchauen durchaus nicht gewahren konnte, woher es kam. Aber man denke ſich ſeine Verblüffung bei dem Anblicke, welche ihm dieſes Licht entſchleierte! Die Statuen der beiden Rieſen, Gog und Ma⸗ gog, jede über vierzehn Fuß hoch, welche nach dem großen Brand in London die Nachfolger noch viel älterer und barbariſcherer Figuren geworden waren, und bis auf den heutigen Tag noch in Guildhall ſtehen, zeigten Leben und Bewegung. Dieſe Schutz⸗ geiſter der City hatten ihre Poſtamente verlaſſen und ſaßen nachläſſig auf der Böſchung des großen Fenſters mit den gefärbten Glasſcheiben. Zwiſchen 1 ihnen befand ſich ein altes Faß, das mit Wein ge⸗ füllt zu ſeyn ſchien, denn der jüngere Rieſe hatte es mit ſeiner ungeheuren Hand gefaßt, unterſtützte es mit ſeinem mächtigen Beine und brach in ein jubeln⸗ — — ——— 33 des Gelächter aus, das wie das Rollen des Donners durch die Halle tönte. Joe Toddyhigh bückte ſich inſtinktartig und fühlte, mehr todt als lebendig, ſeine Haare zu Berge ſtehen, während ſeine Kniee zuſammenſchlugen und kalte Tropfen auf ſeiner Stirne perlten. Aber ſogar in dieſem beängſtigenden Augenblicke gewann die Neu⸗ gierde die Oberhand über jedes andere Gefühl, und etwas beruhigt durch die gute Laune der Rieſen und den Umſtand, daß ſie ſeine Anweſenheit nicht zu ahnen ſchienen, kroch er in einen Winkel der Gallerie, drückte ſich möglichſt zuſammen, blickte durch die Ge⸗ länderſtabe und beobachtete die nächtlichen Geſellen auf's Genaueſte. In dieſem Moment erhob der ältere Rieſe, der einen niederwallenden grauen Bart beſaß, die ge⸗ dankenvollen Blicke zu dem Geſichte ſeines Gefä und redete ihn mit ernſter und feierlicher Stimme alſo an: . Erſte Nacht der Rieſenchronik. Gegen ſeinen Gefährten gewandt ältere Rieſe in ernſtem majeſtätiſchem T maßen: „ begann der one folgender⸗ „Magog, ziemt dieſe lärmende Luſtigkeit dem Rieſenwächter dieſer alten Stadt? Iſt es ein an⸗ ſtändiges Benehmen für einen wachſamen Geiſt, über Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 3 34 deſſen körperloſes Haupt ſo viele Jahre dahin ge⸗ ſchwunden, ſo viele Wechſel wie leere Luft hinweg gegangen ſind— deſſen unantaſtbaren Nüſtern der Dunſt von Blut, Verbrechen, Peſt, Grauſamkeit und Entſetzen ſo gewöhnlich wurden, als der Athem dem Sterblichen— unter deſſen Auge die Zeit die Ernte von Jahrhunderten eingeheimst und ſo oft ihre Sichel an den Stolz, die Neigungen, die Hoff⸗ nungen und Sorgen der Menſchen gelegt hat? Ver⸗ giß nicht unſeres Vertrages! Die Nacht ſchwindet hin: Feſtgelag und Muſik haben unſere gewohnten Stunden der Einſamkeit unterbrochen, und der Morgen nahet mit Windeseilen. Ehe wir wieder verſtummen müſſen, erinnere dich unſeres Vertrags.“ Der Rieſe ſprach die letzteren Worte mit mehr Ungeduld, als ſich mit ſeinem Alter und ſeiner Gra⸗ vität vertragen mochte, erhob zu gleicher Zeit eine lange Stange, die er immer in ſeinen Händen trägt, und traf damit ziemlich unſanft den Kopf ſeines Gefährten; in der That war auch der Schlag ſo ernſthaft gemeint, daß der Letztere raſch die Lippen, welche er an das Faß geſetzt, zurückzog und zur Vertheidigung nach ſeinem Schilde und ſeiner Helle⸗ barde griff. Die Aufwallung war jedoch nur augen⸗ blicklich, denn er legte die Waffen eben ſo haſtig, als er ſie aufgenommen hatte, wieder bei Seite und entgegnete: „Du weißſt, mein alter Freund, daß wir, ſeit wir dieſe Geſtalten beſeelen, welche die Londoner (und nicht mit Unrecht) vor Alters den Schutz⸗ geiſtern ihrer City angewieſen, einigermaßen für die Empfindungen, welche dem menſchlichen Geſchlecht angehören, empfänglich geworden ſind. Wenn ich daher weiß, wie der Wein ſchmeckt, ſo bin ich auch empfindlich für Schläge, und ich kann wohl an dem einen, keineswegs aber an dem andern ein Behagen finden. Dein Arm iſt keiner von den leichteſten, Gog; lege alſo deinen guten Stab bei Seite, ſonſt könnte es zu Mißhelligkeiten zwiſchen uns kommen. Friede ſey mit uns.“ „Amen!“ verſetzte der Andere, indem er ſeine Stange in die Fenſterecke lehnte.„Doch warum haſt du eben gelacht?“ „Weil ich an den dachte,“ entgegnete der Rieſe Magog, der während er ſprach, ſeine Hand auf das Faß legte,„welchem dieſer Wein gehörte und der ihn dreißig Jahre lang in einem Keller vor dem Lichte des Tages barg—„bis er gut zum Trinken wäre“, wie er meinte. Er war fünfzig Jahre alt, als er ihn unter ſeinem Hauſe begrub, und doch kam er nie auf den Gedanken, er ſelbſt dürfte wohl nicht mehr trinkgerecht ſeyn, wenn es der Wein würde. Es wundert mich, daß es ihm nie einſiel, ſich nicht gut zum Eſſen“ zu machen; denn es iſt ſeit⸗ dem wenig mehr von ihm übrig geblieben.“ „Die Nacht entſchwindet,“ erwiederte Gog traurig. „Ich weiß es,“ verſetzte ſein Gefährte,„und 3*† — 36 ſehe auch, daß du ungeduldig biſt. Doch ſieh! Durch das öſtliche Fenſter— uns gegenüber, durch welches jeden Morgen die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne unſere rieſigen Häupter vergolden— fallen die Mondsſtrahlen in einem Lichtſtrome auf das Steinpflaſter, welcher durch den kalten Marmor zu dringen und ſich in die alten Gräber hinunter zu verſenken ſcheint. Die Nacht iſt kaum zur Hälfte um und der große, unſerer Hut anheim gegebene Raum liegt in tiefem Schlafe.“ Es trat eine Pauſe in ihrer Unterhaltung ein, während welcher ſie nach dem Mond aufſahen. Der Anblick ihrer großen ſchwarzen Rollaugen erfuͤllte Joe Toddyhigh mit einem ſolchen Entſetzen, daß er kaum zu athmen vermochte. Sie achteten jedoch ſeiner nicht und ſchienen ſich für ganz allein zu halten.— „Unſer Vertrag,“ begann Magog nach einer Weile wieder,„wenn ich ihn recht verſtehe, lautet, daß wir, ſtatt die traurigen Nächte ſchweigend durch⸗ zumachen, uns gegenſeitig mit der Erzählung ver⸗ gangener Erlebniſſe unterhalten wollen: mit Ge⸗ ſchichten aus der Vorzeit, der Gegenwart und der Zukunft; mit Sagen von London und ſeinen derben Bürgern aus den alten, einfachen Zeiten— daß wir jedesmal von Mitternacht an, wenn die Sanct⸗ Paul'sglocke Eins geſchlagen hat und wir uns rühren dürfen, in dieſer Weiſe uns beſprechen und von unſerem Gegenſtande nicht ablaſſen, bis uns der SͤS S=o 37 erſte graue Strahl des Tages die Lippen verſiegelt. Sind wir nicht alſo eins geworden, Bruder?⸗ „Ja,“ antwortete der Rieſe Gog;„dieß iſt Uebereinkunft zwiſchen uns, die wir die City bei Tag im Geiſte, und des Nachts auch kö hüten; und nie h lichkeiten ihre Brunnenröhren luſtiger Wein aus⸗ ſprudeln laſſen, als aus unſeren Lippen der Mähren⸗ ſchatz rinnen ſoll. Von dieſer Stunde an bilden wir die Chronik aller Zeiten. Die hinfälligen Wände umſchließen uns wieder einmal, die Hinterthore ſind geſchloſſen, die Zugbrücke iſt aufgezogen und die unten in ihr enges Bette eingezwängten Waſſer ſchäumen und kämpfen um di ür Jacken und Stäbe zeigen ſich wi ſtecken edle Häupter, auf die träumende hungrigen Hunde necken, in der Luft wittern und unten mit wildem Heulen die Erde aufſcharren. Die Art, der Block, das ner zeigen Spuren friſcher glanz und Muſtikchöre brechen, und trägt verdrießlich die Fluth an dem 38 Verrätherthore abgewaſchen, nach der Pallaſtmauer hin. Doch Verzeihung, Bruder— die Nacht ent⸗ eilt und ich weile in eitlem Gerede.“ Der andere Rieſe ſchien ganz der gleichen Anſicht zu ſeyn, denn während des Wortſchwalls ſeines Mitwächters hatte er ſich mit der Miene komiſchen Unbehagens— oder vielmehr mit einer Miene, die ſich an einem Zwerg oder an einem gewöhnlichen Menſchen höchſt komiſch ausgenommen haben würde, im Kopf gekratzt. Er blinzelte auch, und obgleich es keinen Augenblick zweifelhaft war, daß er zu ſeinem Privatvergnügen geblinzelt hatte, ſo ließ ſich doch unmöglich verkennen, daß er ſein ungeheueres Auge nach der Gallerie hin richtete, wo der Horcher verborgen war. Dieß war jedoch nicht alles, denn er gähnte, und während er dieß that, kam dem entſetzten Joe das populäre Vorurtheil in Erinnerung, welches fabelhafter Weiſe den Rieſen die eigenthüm⸗ liche Kraft beilegt, Engländer heraus zu riechen, wie gut ſie ſich auch verborgen haben mögen. Seine Angſt ſteigerte ſich bis zur Beſin⸗ nungsloſigkeit, und es dauerte eine Weile, bis ſein Seh⸗ und Hörvermögen wieder Dienſte leiſtete. Als er wieder zu ſich kam, fand er, daß der ältere Rieſe den jüngern drängte, die Chronik anzufangen, und daß der Letztere ſich zu entſchuldigen ſuchte, weil die Nacht faſt vorüber und es wohl beſſer ſey, den Gegenſtand auf die nächſte zu verſchieben. Hie⸗ durch überzeugt, daß es demnächſt losgehen werde, —= ½ 39 nahm der Horcher gewaltſam alle ſeine Fähigkeiten zuſammen und hörte deutlich, wie Magog folgender⸗ maßen anhub:— „Im ſechszehnten Jahrhundert und unter der Regierung der Königin Eliſabeth, glorreichen An⸗ denfens(obgleich ihre goldenen Tage traurig mit Blut beſudelt ſind), lebte in der Stadt London ein kecker junger Lehrling, der ſeines Meiſters Tochter liebte. Ohne Zweifel gab es im Bereiche ihrer Mauern viele junge Lehrlinge in der gleichen Lage; ich ſpreche jedoch nur von einem, deſſen Name Hugh Graham war. Dieſer Hugh war in der Lehre bei einem ehr⸗ lichen Bogenmacher, der im Bezirk von Cheype wohnte und im Rufe ſtand, ſehr reich zu ſeyn. Das Gerücht war in jenen Tagen eben ſo untrüglich, als heut zu Tage; doch es traf ſich damals, ſo gut als jetzt, daß es hie und da zufälliger Weiſe Recht hatte. Jedenfalls ſtreifte es ziemlich an die Wahr⸗ heit, wenn es dem alten Bogenmacher ein ſchönes Stück Geld gab. Sein Gewerbe war unter der Regierung Heinrichs VIII., unter dem die engliſche Bogenſchützenkunſt ungemein ermuthigt wurde, ſehr einträglich geweſen, und dem Meiſter gebrach es nicht an Klugheit und Umſicht. In Folge deſſen war Jungfer Alice, ſeine einzige Tochter, die reichſte Erbin in dieſem ganzen, ſehr wohlhabenden Bezirke; und der junge Hugh hatte oft mit Stock und Knüttel bewieſen, daß ſie auch die ſchönſte wäre. Um ihm 40 Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, muß ich ge⸗ ſtehen: ich glaube ſelbſt auch, daß ſie es war. Wenn Hugh das Herz der hübſchen Jungfer Alice dadurch hätte gewinnen können, daß er eine derartige Ueberzeugung den Köpfen des dummen Volkes einprügelte, ſo dürfte er wohl keine Urſache zur Furcht gehabt haben. Aber obgleich die Tochter des Bogenmachers im Geheim lächelte, wenn ſie von den um ihretwillen geübten Heldenthaten hörte, und obgleich ihre kleine Zofe all“ ihr Lächeln(und viel⸗ leicht auch ein ziemliches mehr, als ſich mit der Wahrheit vertrug) an Hugh berichtete, welcher ihre Treue reichlich mit Küſſen und kleiner Münze be⸗ lohnte, ſo machte Letzterer doch durchaus keine Fort⸗ ſchritte in ſeiner Liebe. Er wagte es nicht, Jungfer Alice ſeine Gefühle ohne beſtimmte Ermuthigung zu geſtehen, und dieſe wurde nie von ihr gegeben. Ein Blick ihres dunkeln Auges, wenn ſie an Sommer⸗ abenden nach der Betglocke an der Thure ſaß, wäh⸗ rend er und die benachbarten Lehrlinge ſich mit ſtumpfen Schwertern und Schilden in der Straße übten, brachte Hugh's Blut ſo in's Feuer, daß Keiner vor ihm Stand halten konnte; dann blickte ſte andern aber eben ſo freundlich zu, als ihm, und was konnte ihm eine Kopfbeule nützen, wenn Jungfer Alice dem Beſiegten eben ſo zulächelte, als dem Sieger? Dem ungeachtet ließ Hugh nicht ab, ſondern liebte ſie im Gegentheil immer mehr und mehr. Er 7 n 41 dachte den ganzen Tag nur an ſie, und auch des Nachts erfüllte ihr Bild ſeine Träume. Jedes ihrer Worte, jede ihrer Geberden ſchloß er in der Schatz⸗ kammer ſeines Herzens ein, wie denn auch das letztere gewaltig zu hämmern begann, ſo oft er ihren Fußtritt auf der Treppe oder ihre Stimme in den benachbarten Zimmern hörte. Für ihn war das Haus des alten Bogenmachers von einem Engel bewohnt, der ſeinen Zauber durch die Luft und den Raum hauchte, in welchem er ſich bewegte. Es würde auch Hugh nicht im mindeſten Wunder ge⸗ nommen haben, wenn unter dem Tritte der liebens⸗ würdigen Jungfer Alice Blumen in den binſen⸗ gelegten Hausfluren hervorgeſproßt wären. Nie ſehnte ſich ein Lehrling glühender, ſich in den Augen der Dame ſeines Herzens auszuzeichnen, als Hugh. Bisweilen malte er ſich einen nächtlichen Brand des Hauſes, und wenn dann Alles furchtſam ſich zurückzog, eilte er durch Flammen und Rauch und trug ſte auf den Armen aus den Trümmern. Ein andermal dachte er ſich eine wilde Empörung, einen Haufen wüthender Rebellen, welche die Stadt und insbeſondere das Haus des Bogenmachers ſtürm⸗ ten, bei welcher Gelegenheit er in Jungfer Alice's Vertheidigung unter zahlloſen Wunden an der Thür⸗ ſchwelle fiel. Hätte er nur irgend ein Wunder von Tapferkeit, irgend eine unerhörte Großthat ver⸗ 4 richten und ſte wiſſen laſſen können, daß ſie ihm 42 die Begeiſterung dazu verlieh, er hätte geglaubt, zufrieden ſterben zu können. Hin und wieder pflegte der Bogenmacher und ſeine Tochter um die faſhionable Stunde„ſechs Uhr“ auszugehen, um bei einem würdigen Bürger das Abendeſſen einzunehmen, und bei ſolcher Gelegenheit warf ſich Hugh ſeinen blauen Lehrlingsmantel ſo elegant, als es nur ein Lehrling thun konnte, um, in der Abſicht, die Dame nebſt ihrem Vater mit einer Fackel und ſeinem treuen Stocke nach Hauſe zu geleiten. Dieß waren die köſtlichſten Augenblicke ſeines Lebens. Das Licht vorzuhalten, während Jungfer Alice mit ihren Füßchen den Weg ſuchte, ihre Hand zu berühren, wenn er ihr über ein Loch in der Straße half, oder bisweilen auch die Laſt ihres Armes auf dem ſeinigen zu fühlen— dieß war allerdings eine Seligkeit!— An ſchönen Nächten ging Hugh hintendrein, und ſeine Augen hafteten unabläßig auf der anmu⸗ thigen Geſtalt der Bogenmacherstochter, wenn ſie ſich mit dem alten Manne vor ihm hinbewegte. So gingen ſie durch die engen Straßenwendungen der City, bald unter den überhängenden Giebeln alter hölzerner Häuſer weg, vor denen knarrende Schilde in der Luft tändelten, bald aus irgend einem dun⸗ keln, düſtern Thorwege in's helle Mondlicht hinaus⸗ tretend. Bei ſolchen Gelegenheiten, oder wenn das Brüllen einzelner Nachtſchwärmer ihr Ohr traf, pflegte die Tochter des Bogenmachers ſchüchtern 2 43 rückwärts zu blicken und Hugh zu bitten, näher zu kommen. Wie er dann ſeine Keule umfaßte— wie er ſich ſehnte, einen Kampf mit einem ganzen Dutzend Strolchen einzugehen— nur um Jungfer Alice's willen!— Der alte Bogenmacher pflegte den Cavalieren des Hofes Geld auf Zinſen zu leihen, weßhalb gar mancher reichgekleidete Herr an ſeiner Thüre abſtieg. Man ſah in der That mehr wallende Federn und ſtattliche Zelter vor dem Hauſe des Bogenmachers, und mehr geſtickte Seidenſtoffe und Sammtgewänder in ſeinem dunklen Laden und ſeinem noch dunkleren Privatcabinet, als bei irgend einem Kaufmann in der City. Es könnte ſcheinen, als ob damals die am reichſten ausſehenden Cavaliere eben ſo oft des Geldes am meiſten bedurften, als es heut zu Tage der Fall iſt. Unter dieſen funkelnden Clienten war einer, welcher immer allein kam. Er ritt ſtets ein edles Roß, und da er keinen Diener bei ſich hatte, ſo ſtellte er daſſelbe unter Hugh's Obhut, während er und der Bogenmacher ſich im Hauſe einſchloſſen. Als er ſich einmal in den Sattel ſchwang, ſaß Jungfer Alice an einem oberen Fenſter, und ehe ſie ſich zurückziehen konnte, hatte er bereits ſeine mit Geſchmeide verzierte Mütze abgenommen und die Hand nach ihr geküßt. Hugh ſah ihm nach, wie er die Straße hinunter courbettirte und glühete vor Zorn. Aber wie viel höher wurde das Roth ſeiner 44 Wangen, als er ſeine Augen nach dem Fenſter er⸗ hob und gewahr wurde, daß Alice dem Fremden gleichfalls nachſah. Seine Beſuche wiederholten ſich oft und immer öfter; er trug jedesmal einen ſchmuckeren Anzug, und ſtets war an dem kleinen Fenſter Jungfer Alice zu ſchauen. Endlich floh ſie an einem unglücklichen Tage aus der Heimath. Es hatte ſie einen ſchweren Kampf gekoſtet, denn alle Geſchenke ihres alten Vaters lagen zerſtreut in ihrem Gemache umher, als ob ſie ſich einzeln von denſelben getrennt hätte, und als ob ſie wüßte, daß eine Zeit kommen müßte, wann dieſe Beweiſe ſeiner Liebe ihr Herz brechen würden.— Und doch war ſie fort.— Sie ließ einen Brief zurück, in welchem ſie ihren armen Vater Hugh's Sorgfalt an's Herz legte und den Wunſch ausdrückte, er möchte glücklicher ſeyn, als er je mit ihr hätte ſeyn können, denn er verdiene die Liebe eines beſſeren und reineren Herzens, als ſie ihm eines hätte ſchenken können. Sie habe nicht den Muth(ſchrieb ſie), den alten Mann um Ver⸗ zeihung zu bitten, aber ſie flehe zu Gott, daß er ihn ſegnen möge— und ſo endete der Brief mit einem Klecks auf dem Papier, wo ihre Thränen hin⸗ gefallen waren. Anfangs entbrannte der Zorn des alten Mannes, und er brachte die Klage über das ihm zugefügte Unrecht bis an den Thron der Königin; er hörte jedoch am Hofe, daß hier nichts gut zu machen wäre, 45 denn ſeine Tochter ſey in's Ausland geflüchtet wor⸗ den. Dieß ſtellte ſich auch ſpäter als wahr heraus, denn nach mehreren Jahren langte aus Frankreich ein Brief von ihrer Hand an. Er war mit zittern⸗ der Schrift und faſt unleſerlich geſchrieben, und man konnte nichts weiter herausbringen, als daß ſie oft an die Heimath und an ihr altes, liebes, trauliches Gemach denke— daß ihr geträumt hätte, ihr Vater ſey, ohne ſie zu ſegnen, hingeſchieden,— und daß ihr Herz brechen wolle. Der arme, alte Bogenmacher ſchwand ſichtlich dahin; Hugh durfte ihn nie verlaſſen, denn er wußte jetzt, daß Letzterer ſeine Tochter geliebt hatte, und dieß war noch das einzige Kettenglied, welches ihn an die Erde knüpfte. Endlich brach auch dieſes, und er ſtarb, indem er ſeinem alten Lehrling ſein Geſchäft und ſeinen ganzen Reichthum hinterließ, zugleich aber auch ihm auf dem Sterbebette die feierliche Aufgabe machte, ſein Kind zu rächen, wenn ihm je der Elende, der ihr Unglück verſchuldet, in den Weg träte. Seit Alice geflohen, wußten die Stechbahn, die Felder, der Fechtboden und die Sommerabendbeluſti⸗ gungen nichts mehr von Hugh. Sein Lebensmuth war erſtorben. Er hob ſich zu hoher Auszeichnung und Achtung unter den Bürgern, aber man ſah ihn ſelten lächeln, und nie miſchte er ſich in ihre Be⸗ luſtigungen und Gelage. Seine Tapferkeit, Men⸗ ſchenfreundlichkeit und Edelherzigkeit machten ihn bei Allen beliebt. Aber auch Mitleid zollten ihm die⸗ 46 jenigen, welche ſeine Geſchichte kannten, und dieſer waren ſo viele, daß, wenn er allein in der Dunkel⸗ heit durch die Straßen ſchritt, ſelbſt der rohe Pöbel die Mützen lüpfte und ihm ſeine Achtung, gemiſcht mit einer rauhen Miene von Theilnahme, zollte. In einer Mainacht— es war ihr Geburtstag, und ſeit ihrer Flucht waren zwanzig Jahre verfloſſen — ſaß Hugh Graham in dem Zimmer, das ſie in den Jahren ſeiner Jugend geheiligt hatte. Seine Haare waren ergraut, obgleich er noch in der vollen Kraft des Lebens ſtand. Gedanken an die Vergangen⸗ heit hatten ihn ſeit einigen Stunden beſchäftigt, und das Gemach war allmählig ganz dunkel geworden, als er durch ein lautes Pochen an der Hausthüre aus ſeinen Träumen geweckt wurde. Er eilte hinunter, und als er öffnete, ſah er bei dem Lichte einer Lampe, welche er unterwegs auf⸗ gegriffen hatte, eine weibliche Geſtalt durch die Thüre dringen. Sie huſchte raſch an ihm vorbei und ſchwebte die Treppe hinauf. Er ſah umher, ob Verfolger in der Nähe wären; er konnte jedoch keines— nicht eines einzigen— gewahr werden. Er war anfangs geneigt, das Ganze für ein Gebilde ſeines eigenen Gehirns zu halten, als ihm plötzlich eine unbeſtimmte Ahnung der Wahrheit die Seele durchzuckte. Er verriegelte die Thüre und eilte verwirrt zurück. Ja, da war ſie— hier, in dem Gemach, welches er verlaſſen hatte,— hier in ihrer alten, unſchuldigen, glücklichen Heimath, aber ——— — — 47 ſo verändert, daß Niemand, als er, eine Spur deſſen, was ſie geweſen, an ihr entdecken konnte— hier auf ihren Knieen,— die Hände voll Schaam und bit⸗ teren Seelenkampfes vor ihrem glühenden Geſicht zuſammengeſchlagen! „Mein Gott! mein Gott!“ rief ſie,„laß mich jetzt ſterben! Obgleich ich Tod, Kummer und Schande über dieſes Dach gebracht habe, ſo laß mich doch um Deiner ewigen Barmherzigkeit willen in der Hei⸗ math ſterben.“ Keine Thräne glänzte damals auf ihrem Ant⸗ litze, aber ſie zitterte und warf ſcheue Blicke in dem Gemach umher. Alles ſtand noch an der alten Stelle. Ihr Bette ſah aus, als ob ſie es erſt dieſen Morgen verlaſſen hätte. Der Anblick dieſer bekannten Gegenſtände bekundete, wie theuer man ihr Andenken gehalten, und das Verderben, das ſie über ſich ſelbſt gebracht, war mehr, als die beſſere Natur des Weibes, welche ſie hergeführt hatte, ertragen konnte. Sie ſank weinend zur Erde. Hauſe eine Wohnung eingeräumt habe. Auch ſprach man davon, er habe auf ihr Vermögen verzichtet, damit ſie es zu mildthätigen Handlungen verwenden möge; deßgleichen habe er gelobt, ihr Schutz in ihrer Abgeſchiedenheit zu verleihen, ohne wieder ſehen zu wollen. Dieſe 48 Gerüchte brachten alle tugendhaften Weiber und Töch⸗ ter des Bezirks in Feuer und Flammen, beſonders, als ſie dadurch eine Beſtätigung zu erhalten ſchienen, daß Meiſter Graham gleich neben an eine Wohnung bezog. Die Achtung, in welcher er ſtand, verhinderte jedoch weitere Nachfragen, und da das Haus des Bogenmachers verſchloſſen blieb und Niemand zum Vorſchein kam, wenn öffentliche Schaugepränge und Feſtlichkeiten umzogen, Niemand aus dem Hauſe auf den Spaziergängen umherſchlenderte oder in den Läden neumodiſche Stoffe einkaufte, ſo kamen alle Damen von Bildung darin überein, daß hier kein Frauenzimmer wohnen könne. Das Gerede über dieſe Angelegenheit hatte kaum aufgehört, als die Verwunderung der ganzen guten männlichen und weiblichen Bürgerſchaft ausſchließlich durch eine königliche Proclamation hingenommen und aufgeſaugt wurde, kraft welcher Ihre Majeſtät die Gewohnheit, ſpaniſche Stoßdegen von ungebührlicher Länge als eine großthueriſche und renomiſtiſche Sitte, welche nur auf Blutvergießen und öffentliche Unord⸗ nung abziele, ſtrenge gerügt und der Befehl ertheilt wurde, daß an einem beſtimmten, nahmhaft gemach⸗ ten Tage gewiſſe würdige Bürger ſich nach den Stadt⸗ thoren begeben und daſelbſt öffentlich alle Rappiere der Einlaß begehrenden Perſonen, welche das Nor⸗ mallängenmaß von drei Fußen nur um einen Viertels⸗ zoll überſtiegen, abbrechen ſollten. Königliche Proclamationen nehmen gewöhnlich 49 ihren Gang, mag ſich das Volk verwundern, ſo viel es auch will. An dem beſtimmten Tage bezogen zwei Bürger von gutem Ruf ihre Poſten an jedem der Thore, unterſtützt durch eine Abtheilung der Stadtwache, um dem Willen der Königin Kraft zu geben und diejenigen Rebellen, welche geneigt ſeyn ſollten, Widerſtand zu leiſten, zu verhaften. Einige trugen das ſtatutenmäßige Maß und die geeigneten Inſtrumente bei ſich, um alle ungeſetzlichen Degen⸗ klingen auf die vorgeſchriebene Länge zu verkürzen. Zu Vollzug dieſes Erlaſſes wurde Meiſter Graham nebſt einem andern Bürger zu Ludgate auf dem Hügel vor der St. Paulskirche aufgeſtellt. Es ſammelte ſich eine ziemliche Maſſe Volks an dieſer Stelle, denn außer den Beamten, welche der Proclamation Nachdruck geben ſollten, war auch ein buntes Gemiſch von Zuſchauern aus verſchiedenen Stän⸗ den zugegen, welche von Zeit zu Zeit, je nach Befund der Umſtände, ein Gejubel oder Geſchrei erhoben. Ein geputzter junger Höfling war der erſte, der ſich näherte: er zog eine Waffe von blankem Stahl, die in der Sonne glänzte und funkelte, aus der Scheide, und händigte ſie mit der gewählteſten Miene dem Beamten ein, welcher dieſelbe, da ſie genau drei Fuß maß, mit einer Verbeugung zurückgab. Sodann lüpfte der Cavalier ſeinen Hut, rief„Gott erhalte die Königin,“ und ritt unter dem Beifallgeſchrei der Menge durch das Thor ein. Dann kam ein anderer — ein noch beſſerer Höfling— der eine nur zwei Boz XI. Humphrey's Wanduhr. 4 50 Fuß lange Klinge hatte, worüber der Pöbel, ſehr zum Aerger ſeiner Gnaden, lachte. Sofort kam ein Dritter, ein braver alter Officier von der Armee, mit einem Degen umgürtet, der wenigſtens anderthalb Fuß über Ihrer Majeſtät Belieben maß. Die Meiſten der Zuſchauer(beſonders die Schwertfeger und Meſ⸗ ſerſchmiede) erhoben nun ein großes Gejubel und lachten herzlich über die Procedur, welche jetzt ſtatt⸗ finden ſollte; aber ſie täuſchten ſich, denn der alte Krieger ſchnallte ganz kaltblütig ſeinen Degen ab, befahl ſeinem Diener, denſelben wieder nach Hauſe zu tragen, und ritt zur großen Entrüſtung aller Schauluſtigen unbewaffnet durch das Thor. Letztere machten ſich jedoch einigermaßen dadurch Luft, daß ſie über einen hohen, renomiſtiſchen Burſchen mit einer ungeheuner langen Waffe, der beim Anblick der Vorbereitungen ſtehen blieb und nach kurzer Ueberlegung wieder um⸗ kehrte, ein Geſchrei erhoben. Aber obgleich es bereits hoher Mittag war, ſo hatte man doch noch keinen V Degen zum Zerbrechen bekommen, und alle Cavaliere zu von einigem Rang oder vornehmem Ausſehen nahmen G ihren Weg nach dem St. Paulskirchhof. Während dieſer Vorgänge war Meiſter Grahan B ſeitwärts ſtehen geblieben, indem er ſich nur auf die ſeine Obliegenheit beſchränkte und auf alles Andere wenig acht gab; jetzt trat er vor, als er einen reich err gekleideten Herrn zu Fuß, von einem einzigen Dienen begleitet, den Hügel heraufkommen ſah. rie Sobald ſich der Mann näherte, hörte die Meng; trei ———————— 51 ſehr zu lärmen auf und erwartete in großer Spannung ein den Ankömmling. Meiſter Graham ſtand allein im nee, Thorwege, und da der Fremde langſam auf ihn zu⸗ halb kam, ſo hatte es ganz den Anſchein, als ob ſie Angeſicht iſten gegen Angeſicht einander gegenübertreten wollten. Der Neſ⸗ Edelmann(denn ein ſolcher mochte er dem Aeußeren und nach ſeyn) hatte eine hochmüthige und geringſchätzige tatt⸗ Miene angenommen, um damit die geringe Achtung alte an den Tag zu legen, welche er gegen die Bürger fahl hegte. Der Bürger dagegen bewahrte die entſchloſſene gen, Haltung eines Mannes, der ſich nicht einſchüchtern igen läßt und ſich wenig um einen andern Adel, als den ſich des innern Werthes und des ritterlichen Sinnes inen kümmert. Vielleicht ahneten beide Theile dieſe gegen⸗ euer ſeitigen Gefühle, denn ihre Blicke gewannen, als ſie ngen ſich näher kamen, einen ernſteren Ausdruck. um⸗„Euren Degen, würdiger Sir.“ reits In demſelben Augenblick, inen Worte ſprach, fuhr er zuſammen, liert zurück und legte die Hand an ſei pmen Gürtel. „Ihr ſeyd der Mann, deſſen Pferd ich vor des ham Bogenmachers Thüre zu halten pflegte? Ihr ſeyd auf dieſer Mann? Sprecht?“. als Graham dieſe trat einige Schritte nen Dolch in dem dere„Aus dem Wege, du Hund von einem Lehrling!“ reich erwiederte der Andere. iener„Ihr ſeyd es, ich kenne Euch nur zu gut!“ rief Graham.„Niemand, dem ſein Leben lieb iſt, keng trete zwiſchen uns Beide.“ 4* Mit dieſen Worten zog er ſeinen Dolch und ſtürzte auf den Fremden los. 1 Dieſer hatte um der Unterſuchung willen, noch ehe ein Wort gewechſelt wurde, ſeine Waffe aus der Scheide gezogen. Er führte einen Stoß auf ſeinen Feind, aber der Dolch, welchen Graham in ſeiner Linken hielt, hatte, wie es damals üblich war, ein breites Blatt, womit derartige Stöſſe parirt werden konnten, und ſo wurde die Degenſpitze bei Seite ge⸗ drängt. Jetzt waren ſie dicht an einander. Der Dolch fiel klirrend zur Erde, und Graham, der den Händen ſeines Gegners den Degen entwand, ſenkte die Spitze deſſelben in ſein Herz. Als er die Waffe wieder herauszog, brach ſie entzwei und ein Stück blieb in der Leiche des Mannes ſtecken. All' dieß geſchah ſo ſchnell, daß die Umſtehen⸗ den erſtaunt zuſahen, ohne daß ſie einen Verſuch machten, ſich in's Mittel zu legen; der Mann lag jedoch kaum am Boden, als ein furchtbares Geſchrei die Luft zerriß. Der Diener ſtürzte durch das Thor und rief, ſein Herr, ein Edelmann, ſey von einem Bürger angegriffen und erſchlagen worden. Die Nachricht flog raſch von Munde zu Munde; die St. Paul's Cathedrale, jeder gewöhnliche Buchladen, jede Tabagie in der Nähe des Kirchhofs ſchütteten einen Strom von Cavalieren ſammt ihrem Gefolge aus, die ſich zu einer dichten tumultuariſchen Maſſe vereinigten und ſich mit dem Schwerte in der Fauſt nach der Stelle Bahn brachen. und och der nen ner ein den ge⸗ Der den ukte affe tück en⸗ uch lag rei hor em Die die een, ten lge aſſe uſt 53 Mit gleichem Ungeſtüm und ſich gegenſeitig durch lautes Geſchrei und Getobe anſpornend, mach⸗ ten die Bürger und das gemeine Volk die Streitſache zu der ihrigen, umkreisten hundert Mann hoch den Meiſter Graham und drängten ihn von dem Thore fort. Umſonſt ſchwang er das zerbrochene Schwert über ſeinem Haupte, umſonſt rief er, daß er an der Schwelle von London für den Frieden der geheilig⸗ ten Heimath ſterben wolle. Sie trugen ihn fort und hielten ihn immer ſo in der Mitte, daß ihn Niemand angreifen konnte, wobei ſie ſich den Weg nach der City mit den Waffen erkämpften. Das Geklirr von Schwertern, das Gebrauſe der Stimmen, der Staub, die Hitze, das Gedränge, das Niedertreten von Men⸗ waren fürchterlich. Die am Saume eines jeden Haufen Befindlichen, welche ihre Waffen erfolgreich brauchen konnten, fochten verzweifelt, während die Inneren, toll vor gereizter Wuth, über den Häup⸗ tern ihrer Vordermänner weg ihre Wehren brauch⸗ ten und ihre eigenen Kameraden damit niederſchlu⸗ gen. Wo immer das zerbrochene Schwert ſich uͤber den Köpfen des Volkshaufens ſehen ließ, dahin ver⸗ ſuchten die Cavaliere einen neuen Angriff, der jedes⸗ mal durch ein plötzliches Klaffen in dem Gedränge, 54 indem man die Leute mit den Füßen niedertrat, be⸗ zeichnet wurde; aber kaum war eine ſolche Oeffnung entſtanden, als die Fluth wieder darüber weg fegte, und abermals drang der Volkshaufen vorwärts: eine verwirrte Maſſe von Schwertern, Keulen, zerknickten Federn, Bruchſtücke von reichen Mänteln und Wäm⸗ ſern und zornige, blutige Geſichter— alles in unent⸗ wirrbarer Unordnung untereinander gemiſcht. Die Abſicht des Volkes war, Meiſter Graham zu zwingen, daß er ſich nach ſeiner Wohnung flüchten und ſich daſelbſt vertheidigen ſolle, bis die Behörden ins Mittel treten, oder ſie ſelbſt zu Unterhandlungen Zeit gewinnen könnten. Geſchah es indeß aus Un⸗ wiſſenheit oder in der Verwirrung des Augenblicks — kurz, ſie hielten vor ſeiner alten Wohnung, welche feſt verſchloſſeen war. Man verlor einige Zeit mit dem Aufſchlagen der Thüre und damit, daß man ihn nach dem Hauſe hin drängte. Während dieß geſchah, hatten ſich ungefähr ein paar Dutzend von der an⸗ dern Partei in das Gewühl geworfen, und da ſie gleichzeitig mit ihm die Thüre erreichten, ſo ſchnitten ſie ihn von ſeinen Vertheidigern ab. „So wahr mir der Himmel helfe, ich werde Niemanden in einer ſo gerechten Sache den Rücken kehren!“ rief Graham mit einer Stimme, welche endlich gehört werden konnte, und wandte ſich mit dieſen Worten nach ſeinen Gegnern um.„Am aller⸗ wenigſten will ich aber dieſe Schwelle verlaſſen, welche dieſe Verödung Menſchen eueres Gleichen ver⸗ dankt. Ich gebe und will keine Schonung! Los!“ Sie hielten für einen Augenblick verlegen inne; aber in demſelben Augenblick traf ein Schuß von unſichtbarer Hand, augenſcheinlich von einer Perſon abgefeuert, welche ſich Zutritt zu einem der gegen⸗ über ſtehenden Häuſer verſchafft hatte, Graham in's Gehirn, und er fiel todt nieder. Ein ſchwaches Weh⸗ klagen tönte durch die Luft— Viele aus dem Ge⸗ tümmel ſchrieen, ſie hätten einen Geiſt an dem kleinen Fenſter in des Bogenmachers Haus vorübergleiten ſehen. Eine Todtenſtille folgte. Nach einer kleinen Weile legten etliche glühende und erhitzte Männer in dem Gedränge ihre Waffen nieder und brachten leiſe die Leiche in das Haus. Andere trennten ſich von dem Haufen und entfernten ſich zu Zweien oder Dreien, wieder andere flüſterten in Gruppen mit einander, und noch ehe eine zahlreiche Wache heran kam, um die Straße zu ſäubern, war ſie faſt leer. Diejenigen, welche Meiſter Graham die Treppe hinauf nach einem Bette brachten, erſchracken nicht wenig, als ſie ein Weib mit zuſammengeſchlagenen Händen unter dem Fenſter liegen ſahen. Nachdem ſie es umſonſt verſucht hatten, ſie in's Leben zu ru⸗ fen, legten ſie dieſelbe in der Nähe des Bürgers nie⸗ der, der noch immer mit ſeiner Rechten das erſte und letzte Schwert, das an dieſem Tage zu Lud Gate zerbrochen wurde, umfaßt hielt.“ ——— 56 Der Rieſe ſprach dieſe Schlußworte in großer Eile, und in einem Nu war das ſeltſame Licht, wel⸗ ches die Halle beleuchtet hatte, verſchwunden. Joe Toddyhigh blickte unwillkürlich nach dem öſtlichen Fenſter und gewahrte daſelbſt den erſten bleichen Strahl des Morgens. Dann ſah er wieder nach dem andern Fenſter, wo die Rieſen geſeſſen hatten. Es war leer. Auch das Weinfaß war fort, und er konnte in der Dunkelheit nur ſo viel erkennen, daß die zwei großen Figuren ſtumm und regungslos auf ihren Poſtamenten ſtanden. Nachdem er ſich die Augen zerrieben und eine volle halbe Stunde verwundert hatte, während wel⸗ cher Zeit der Morgen mit ſchnellen Schritten heran⸗ gekommen war, gab er der Schläfrigkeit, welche ihn überwältigte, nach, und er ſiel in einen erfriſchenden Schlummer. Als er wieder erwachte, war es heller Tag. Das Gebäude ſtand offen, und Arbeiter waren eifrig beſchäftigt, die Spuren des Feſtgelages vom geſtrigen Abend wegzuräumen. Er ſtahl ſich leiſe die kleine Treppe hinunter und gab ſich das Anſehen irgend eines frühen Müßig⸗ gängers, der von der Straße hereingekommen war, indem er ſich zu den Poſtamenten begab und ab⸗ wechſelnd deren Figuren mit großer Aufmerkſamkeit betrachtete. Die Züge derſelben ließen ihm keinen Zweifel mehr: er erinnerte ſich genau des Ausdrucks, welchen ſie bei verſchiedenen Stellen der Unterhal⸗ tung gezeigt hatten, und erkannte in jedem Zug, in 57 jeder Linie die Rieſen der entwichenen Nacht. Ueber⸗ zeugt, daß hier von keiner eingebildeten Viſion die Rede ſeyn könne, ſondern daß er alles mit ſeinen eigenen Sinnen gehört und geſehen hatte, ging er mit dem feſten Entſchluſſe fort, ſich am nächſten Abend auf jede Gefahr hin abermals in Guildhall zu verbergen. Auch nahm er ſich vor, den ganzen Tag über zu ſchlafen, um recht wach und achtſam ſeyn und namentlich die Figuren in dem Augenblicke beobachten zu können, wo ſie beſeelt würden und wieder in ihren früheren Zuſtand zurückſänken, denn er machte ſich ernſtliche Vorwürfe, daß er auf das Letztere nicht ſchon bei der entſchwundenen Gelegen⸗ heit beſſer geachtet hatte. ·Q—˖····[ Correſpondenz. — An Maſter Humphrey. „Sir, 5 Ehe Sie in dem Bericht über Ihre Freunde und über das, was Sie bei Ihren Zuſammen⸗ künften thun und ſprechen, fortfahren, mögen Sie mich entſchuldigen, wenn ich auf die Erwählung für einen der leeren Stühle in Ihrem alten Zim⸗ mer Anſpruch mache. Weiſen Sie mich nicht ohne reifliche Erwägung zurück, denn Sie werden es 58 hintendrein bereuen— ja, bei meinem Leben, Sie werden es bereuen. „Ich ſchließe dieſem Schreiben meine Karte bei. Ich habe mich noch nie meines Namens ge⸗ ſchämt und werde es auch nie. Ich gelte allge⸗ mein als ein verteufelt gentlemanmäßiger Kerl und mache dieſem Charakter Ehre. Wenn Sie Belege dafür wünſchen, ſo erkundigen Sie ſich bei den Mitgliedern unſeres Clubbs. Fragen Sie Jeden, der dahin kömmt, um ſeine Briefe zu ſchreiben, welcher Art meine Unterhaltung iſt, Fragen Sie ihn, ob er wohl glaubt, daß meine Stimme für Ihren tauben Freund paſſen wird, wenn er über⸗ haupt noch etwas hören kann. Fragen Sie die Bedienten, was ſie von mir halten. Es iſt keiner unter den Schurken, der nicht bei dem bloßen Hören meines Namens zitterte. Dieß erinnert mich indeß— ſprechen Sie nicht ſo viel von Ihrer Haushälterin; es iſt ein gemeiner Gegenſtand— verdammt gemein. „Ich will Ihnen etwas ſagen, Sir. Wenn Sie mir Ihre Stimme für einen Ihrer leeren Stühle geben, ſo werden Sie einen Mann in Ih⸗ reer Geſellſchaft haben, der einen Schatz von gentle⸗ maniſcher Bildung beſitzt, ob welchem Sie erſtau⸗ nen werden. Ich kann Ihnen etliche Anekdoten über einige ſchöne Frauen von Stand mittheilen — Frauen aus den höchſten Cirkeln der Geſell⸗ ſchaft. Ich kenne den Namen eines Jeden, der in NSSNKKRKEg 59 den letzten fünfundzwanzig Jahren eine Ehrenſache hatte. Ich kenne die Einzelnheiten eines jeden Haders und Streites, die in dieſer Zeit bei Wett⸗ rennen, am Spieltiſch oder ſonſt wo ſtattgefunden haben. Ich heiße nur die Chronik der Gentilität. Sie dürfen ſich daher für ſehr glücklich ſchätzen— bei meiner Seele, Sie können ſich zu meiner Er⸗ werbung gratuliren, obgleich ich ſelbſt es ſage. „Es iſt ein ungemein guter Gedanke von Ihnen, daß Sie Niemand wiſſen laſſen, wo Sie wohnen. Ich habe es gleichfalls verſucht, aber man hat ſich immer ſo viel um mich gekümmert, daß man mich bald auffand. Ihr tauber Freund iſt ein ſchlauer Burſche, daß er ſo geheim mit ſeinem Namen thut. Ich habe auch dieß verſucht, es hat mir aber immer fehlgeſchlagen. Ich werde mir's zur Ehre rechnen, ſeine Bekanntſchaft zu machen— ſagen Sie ihm dieß, nebſt meinen Complimenten. „Sie müſſen in Ihrer Kindheit ein ſchnurri⸗ ges Käuzlein geweſen ſeyn— verdammt ſchnurrig. Was Sie in Ihrem erſten Blatte nicht Wunder⸗ liches über das Gemälde geſchrieben haben— zwar Proſa, aber verteufelt gentlemanmäßig erzählt. Bei derartigen Stellen könnten Sie mich nebſt einem Zuge aus dem Leben mit großem Erfolg einführen— fühlen Sie das nicht? „Ich erwarte mit Spannung Ihr nächſtes Blatt, um zu erfahren, ob Ihre Freunde in Ihrem 60 Hauſe und auf Ihre Unkoſten leben, was, wie ich durchaus nicht zweifle, der Fall ſeyn wird. Trügt mich dieſe Vorausſetzung nicht, ſo kenne ich einen prächtigen Kerl(einen ausgezeichneten Geſellſchaf⸗ ter), der ſtolz darauf ſeyn würde, ſich Ihrem Kreiſe anzuſchließen. Vor einigen Jahren ſekundirte er vielen Preiskämpfern und machte einmal auch aus Liebhaberei einen Handel auf eigene Fauſt ab; ſeitdem hat er mehrere Poſtwagen kutſchirt, etliche⸗ male alle Lampen auf der rechten Seite der Or⸗ fordſtraße zerſchlagen, ſechsmal alle Klingelgriffe in Bloomsbury⸗Square abgeriſſen und außerdem an mehreren ſehr frequentirten Straßenkreuzungen das Gas abgedreht. Was das Gentlemaniſche an⸗ belangt, hat er nicht ſeines Gleichen, und ich darf wohl ſagen, daß er nächſt mir am beſten für Ihre Zwecke paßt. Ihrer Antwort entgegen ſehend zeichne ich mich 2c.:ꝛc.“ Maſter Humphrey meldet dieſem Herrn, daß ſeinem Geſuche weder für ihn ſelbſt, noch für ſeinen Freund entſprochen werden kann. 46 1 en 61 Kaſter Humphrey von der Wanduhrfeite ſeines Kaminwinkels. Meine alte Gefährtin ſagt mir, es ſey Mitter⸗ nacht. Das Feuer ſcheint helle und praſſelt ſo laut und luſtig, als habe es ſeine Freude daran, zu bren⸗ nen. Die heitere Grille auf dem Herde,(mein beſtändiger Gaſt), dieſe röthliche Flamme, meine Wanduhr und ich ſcheinen die Welt unter ſich zu theilen und die einzigen wachen Weſen zu ſeyn. Der eben noch hochgehende, brauſende Wind iſt dahinge⸗ ſtorben und murmelt nur noch heiſer in ſeinem Schlafe. Ich liebe alle Jahreszeiten der Reihe nach und bin vielleicht geneigt, die gegenwärtige für die beſte zu halten; doch Vergangenheit oder Zukunft,— vor⸗ zugsweiſe liebte ich immer dieſe friedliche Nachtzeit, wann lang begrabene Gedanken, begünſtigt durch die Dunkelheit und das Schweigen, ſich aus ihren Grä⸗ bern ſtehlen und um die Schauplätze entſchwundenen Glückes und vergangener Hoffnungen ſchweben. wer kann ſich wundern, daß der Menſch einen unbe⸗ ſtimmten Glauben an Erzählungen von körperloſen Geiſtern hegt, welche durch einſt theure Plätze wan⸗ dern, wenn er ſelbſt, kaum weniger als ſie von ſeiner alten Welt getrennt, beharrlich bei entſchwun⸗ denen Gefühlen und vergangenen Zeiten weilt, und der Geiſt ſeines früheren Ichs die Plätze und Men⸗ ſchen umſchwebt, die in früheren Tagen ſein Herz erwärmten? In dieſer ruhigen Stunde geſchieht es, daß ich in dem Hauſe einkehre, wo ich geboren wurde, und die Gemächer durchwandle, welche die Schauplätze meiner Kinder⸗, Knaben⸗ und Jüng⸗ lingsjahre waren; daß ich umherſchweife bei meinen begrabenen Schätzen(obgleich ſie nicht in Gold oder Silber beſtehen), und um meinen Verluſt traure; daß ich die Aſche der erlöſchten Feuer wieder beſuche und mich ſtillſchweigend neben den alten Bettſtätten wieder aufſtelle. Wenn mein Geiſt, nachdem mein Körper dem Staube anheimgefallen, je wieder zurück⸗ gleiten ſollte zu dieſem Gemach, ſo folgt er nur dem Zuge, den er ſo oft zu Lebzeiten des alten Mannes genommen, und fügt den Gegenſtänden ſeiner Be⸗ trachtung nur einen weitern Wechſel bei. Bei all' meinen müßigen Gedanken finde ich eine kräftige Unterſtützung in verſchiedenen Sagen, die mit meinem ehrwürdigen Hauſe in Verbindung ſtehen; ſie ſind im Munde der Nachbarn und ſo zahlreich, daß es hier kaum einen Schrank oder einen Winkel gibt, der nicht ſeine eigene Schauergeſchichte hätte. Als ich zuerſt auf den Gedanken kam, hier meine Wohnung zu nehmen, wurde mir verſichert, daß es vom Dache bis zum Keller ſpucke, und ich glaube, die üble Meinung, welche meine Nachbarn 5 ehemals von mir unterhielten, hatte beſonders darin 63 ihren Grund, daß ich in der erſten Nacht nach mei⸗ nem Einzuge nicht in Stücke zerriſſen, oder minde⸗ ſtens vor Entſetzen wahnſinnig wurde: denn ohne Zweifel hätte ich in jedem dieſer beiden Fälle auf dem kürzeſten Wege den höchſten Gipfel der Popula⸗ rität erreicht. Doch abgeſehen von allen Mährchen und Ge⸗ rüchten,— wer harmonirt ſo ſehr mit allen meinen n und Träumereien, als mein lieber, tauber Freund? und wie oft habe ich Urſache, den Tag zu ſegnen, der uns Beide zuſammenführte? Es thut mir in der Seele wohl, daß es von allen Tagen im Jahre gerade der Chriſtabend ſeyn mußte, mit dem wir von Kindheit auf immer etwas Freundliches, Herzliches und Wackeres verknüpfen. Ich war ausgegangen, um mich an dem Glücke Anderer und an den kleinen Zeichen von Feſtlichkeit und Luſt zu freuen, deren die Straßen und Häuſer an dieſem Tage ſo viel bieten, und hatte dabei be⸗ reits einige Stunden verloren. Auf einmal machte ich Halt i „um mir eine heitere Geſellſchaft zu betrach⸗ ten, welche zu Fuß nach ihrem durch den Schnee eilt„ und wandte mich elche wohlbehalten vor dem willkommenen Hauſe abgeſetzt ich verwundert, wie ib, geduldig hintendrein trabend, ſelbſt der Sorgen für ihre Feſt⸗ 64 tagskleider vergaß, wenn ſie mit dem Kinde ſchäckerte, welches über des Vaters Schultern weg jubelte und lachte; ein andermal unterhielt ich mich mit irgend einer vorübergehenden Scene von Galanterie oder Courmacherei, und freute mich in dem Glauben, daß für dieſen Abend wenigſtens die halbe Welt der Ar⸗ men froh war. Als die Nacht einbrach, ſtreifte ich noch immer durch die Straßen, denn ich fühlte Geſelligkeit in den glänzenden Feuern, die ihren warmen Wider⸗ ſtrahl auf die Fenſter warfen, an denen ich vorbei⸗ ging, und vergaß ganz meiner Einſamkeit, indem ich mir das frohſinnige Treiben, welches überall vorherrſchte, vergegenwärtigte. Endlich blieb ich zufällig vor einem Wirthshauſe ſtehen, an deſſen Fenſter ich einen Speiſezettel ſtecken ſah, und dieß machte mich neu⸗ gierig, zu erfahren, welche Art von Leuten allein im Gaſthofe ſpeisten. Ich glaube, einſame Leute ſind, ohne es ſelbſt zu wiſſen, gewöhnt, die Einſamkeit als ihr ausſchließ⸗ liches Vorrecht zu betrachten. Ich hatte eine lange, lange Reihe von Jahren dieſen großen Feſttag allein in meinem Zimmer zugebracht, und ihn nie für etwas anderes, als für einen allgemeinen Freuden⸗ tag betrachtet. Nur einen Haufen Gefangener und Bettler nahm ich, und zwar mit kummervollem Her⸗ zen, davon aus; aber dieß waren nicht die Leute, für welche Wirthshausthüren offen ſtehen. Waren wohl Gäſte drinnen, oder diente der Speiſezettel als * 6⁵ 4 bloße Förmlichkeit? Ohne Zweifel bloße Förm⸗ lichkeit. Ich ſuchte mich zu dem letztern zu bereden und ging weg; aber ehe ich noch wenige Schritte gekom⸗ men war, blieb ich ſtehen und ſah zurück. Es lag ſo etwas Verführeriſches in der Lampe über der Thüre, daß ich nicht widerſtehen konnte. Ich begann zu fürchten, es möchten viele Gäſte da ſeyn,— junge Leute, vielleicht im Kampfe mit der Welt, Menſchen, die wildfremd an dieſem großen Orte waren, deren Freunde in weiter Entfernung wohnten, und deren Mittel zu gering waren, um zu denſelben reiſen zu können. Dieſe Vermuthung erzeugte in meinem Innern viele trübe Bilder, die ich nicht mit nach Hauſe tragen wollte, weßhalb ich es vorzog, keck der Wirklichkeit entgegen zu treten. Ich kehrte daher um und ging hinein. Ich war halb erfreut, , nur eine einzige Perſon in dem Speiſezimmer zu finden,— erfreut Haare faſt weiß waren. Ich machte zwar bei meinem Eintreten und Platznehmen mehr rade nöthig war, weil ich hoffte, ſeine Aufmerkſamkeit auf mich ziehen und ihn ſodann 66 dern ließ denſelben auf ſeiner Hand ruhen, und hatte ſich bei ſeinem halb beendigten Mahle in Nachdenken verloren. Ich ließ mir etwas geben, um dadurch Anlaß zu erhalten, in dem Zimmer zu bleiben,(ich hatte früh geſpeist, weil meine Haushälterin auf den Abend von einer guten Freundin zu einem Feſtmahle einge⸗ laden war), und ſetzte mich an eine Stelle, wo ich meine Beobachtungen anſtellen konnte, ohne dem Fremden läſtig zu fallen. Nach einer Weile blickte er auf. Er bemerkte, daß Jemand eingetreten war, konnte aber nur ſehr wenig von mir ſehen, da ich im Schatten und er im Lichte ſaß. Er war traurig und gedankenvoll, und ſo hütete ich mich, ihn durch eine Anſprache zu ſtören. Ich möͤchte gerne glauben, daß es etwas Beſſe⸗ res als Neugierde war, was meine Aufmerkſamkeit anzog und mich gewaltig zu dieſem Herrn hintrieb, denn nie ſah ich ein ſo geduldiges und freundliches Geſicht. Er hätte ſollen von Freunden umgeben ſeyn, und doch ſaß er hier— niedergeſchlagen und allein, wo doch alle Menſchen die ihrigen um ſich verſammelt hatten. So oft er aus ſeiner Träumerei erwachte, verſank er wieder in dieſelbe, und es war klar,— was auch immer der Gegenſtand ſeiner Gedanken ſeyn mochte, ſie waren ſchwermüthiger Art und wollten ſich nicht niederkämpfen laſſen. Er war nicht an die Einſamkeit gewöhnt. Ich gewann bald dieſe Ueberzeugung, denn ich weiß aus Væo==— 67 eigener Erfahrung, daß andern Falls ſein Benehmen hätte verſchieden ſeyn müſſen, weil er dann gewiß wenigſtens einiges Intereſſe an der Ankunft eines Fremden genommen haben würde. Auch entging es mir nicht, daß er keinen Appetit hatte, denn er ver⸗ ſuchte vergeblich, zu eſſen, ſchob von Zeit zu Zeit den Teller bei Seite und ſank dann in ſeine frühere Haltung zurück. Seein Geiſt weilte, wie ich mir dachte, bei frü⸗ heren Weihnachtsabenden. Viele davon tauchten nach einander auf, nicht mit einer weiten Kluft zwi⸗ ſchen jedem, ſondern in einer ununterbrochenen Rei⸗ henfolge, wie die Tage einer Woche. Er mochte es wohl ganz anders finden, das erſtemal(denn es war für mich eine ausgemachte Sache, daß es das erſte⸗ mal ſeyn mußte,) in einem ſtillen, leeren Zimmer zu ſitzen, ohne ſich um eine Seele kümmern zu können. Ich konnte mich nicht entbrechen, ihm in Gedanken durch Reihen angenehmer Geſichter zu folgen, und dann mit ihm nach dieſem trübſeligen Ort mit ſeinem Miſtelzweig, der in den Dünſten der Gaslampe hin⸗ welkte, und ſeinen Stechpalmäſten, die bereits durch einen Samum von Dämpfen des Geſottenen und Gebratenen ganz ausgetrocknet waren, zurückzukehren. Sogar der Kellner war in ſeiner Heimath auf Be⸗ ſuch, und ſein Amtsverweſer, ein armer, magerer, ausgehungerter Mann, hielt Weihnachten im Wammſe. Ich nahm immer größeres Intereſſe an meinem Freunde. Seine Mahlzeit war vorbei; die Flaſche 5 † 68 Wein, welche man ihm vorgeſetzt hatte, blieb lange unberührt ſtehen, bis er endlich mit bebender Hand ein Glas füllte und es an ſeine Lippen brachte. Irgend ein zarter Wunſch, dem er ſonſt an dieſem Tage Worte zu leihen pflegte, oder irgend ein theu⸗ rer Name, dem er einen Toaſt zu bringen gewöhnt war, zitterte einen Augenblick auf denſelben. Er ſtellte das Glas raſch nieder,— erhyb es noch ein⸗ mal,— ſtellte es wieder hin,— drückte die Hand vor ſein Geſicht,— ja— und Thränen ſtahlen ſich ihm die Wangen herunter, deß bin ich gewiß. Ohne mich mit einer Ueberlegung aufzuhalten, ob ich recht thue oder nicht, ging ich durch das Zimmer, ſetzte mich an ſeiner Seite nieder und legte leiſe meine Hand auf meinen Arm. „Mein Freund,“ begann ich,„Verzeihung, wenn ich Sie bitte, von den Lippen eines alten Mannes Troſt und Zuſpruch anzunehmen. Seyen Sie ver⸗ ſichert, daß ich Ihnen nichts vorzupredigen gedenke, was ich nicht durch Erfahrung erprobt habe. Wel⸗ cher Kummer Sie auch drücken möge, laſſen Sie den Muth nicht ſinken,— ich bitte, ſeyen Sie guten Muths.“ „Ich ſehe,“ verſetzte er,„daß es Ihnen Ernſt i*ſt, und bin feſt überzeugt, daß Sie es gut meinen; aber— u Ich nickte mit dem Kopfe, um ihm dadurch anzudeuten, daß ich wohl wiſſe, was er ſagen wolle, denn ich hatte bereits aus einem gewiſſen ge⸗ ange Hand chte. eſem heu⸗ öhnt Er ein⸗ and ſich ten, das egte 69 ſpannten Ausdrucke ſeines Geſichtes und aus der Aufmerkſamkeit, womit er mich während meiner Worte beobachtete, entnommen, daß ſein Gehörſinn mangelhaft war. „Es ſollte eine Art Freimaurerei zwiſchen uns be⸗ ſtehen,“ ſagte ich, indem ich von ihm auf mich deutete, um ihm meine Worte verſtändlicher zu machen,— „wenn auch nicht um unſerer grauen Haare, ſo doch um unſeres Mißgeſchickes willen. Sie ſehen, daß ich nur ein armer Krüppel bin.“ Ich habe mich bei meinem Leiden, ſeit dem ſchwe⸗ ren Augenblicke, da es mir zuerſt in's Bewußtſeyn kam, nie ſo glücklich gefühlt, als in jener Stunde, in welcher er mit einem Lächeln, das ſeitdem freund⸗ lich meinen Lebenspfad erleuchtet, meine Hand ergriff und wir ſo Seite an Seite beiſammen ſaßen. So nahm meine Freundſchaft mit dem tauben, alten Herrn ihren Anfang, und wann ward je der leichte und unbedeutende Dienſt eines zur rechten Zeit geſprochenen freundlichen Wortes mit ſolcher Liebe und Anhänglichkeit vergolten, als wie er ſte mir erwieſen hat? Er brachte ein aus Pergamentblättern beſtehen⸗ des Büchlein nebſt einem Bleiſtift zum Vorſchein, um uns bei dem Beginne unſerer Bekanntſchaft gegen⸗ ſeitig den Verkehr zu erleichtern, und ich entſinne mich noch recht wohl, wie ungeſchickt und verlegen ich mich benahm, wenn ich meinen Antheil an dem Geſpräch niederſchrieb, während er mit der 3 70 größten Leichtigkeit das, was ich ſagen wollte, errieth, noch ehe ich es zur Hälfte aufgezeichnet hatte. Er theilte mir mit bebender Stimme mit, daß er nicht gewöhnt ſey, dieſen Tag allein zuzubringen, ſondern daß er ſonſt immer einen kleinen feſtlichen Zirkel um ſich verſammelt gehabt hätte; und als er bemerkte, daß ich auf ſeinen Anzug blickte, ob er etwa Trauer⸗ kleider trüge, fügte er haſtig bei: dieß ſey es nicht, denn wenn es wäre, ſo glaube er, er würde es leichter ertragen können. Von jener Zeit an bis auf dieſen Augenblick haben wir den Gegenſtand nicht wieder berührt. Wir ſind zwar ſeitdem bei jeder Wiederkehr deſſelben Jahrestags beiſammen geweſen, und obgleich wir uns nach der Mahlzeit Hand in Hand zuzutrin⸗ ken pflegen und mit freundlicher Geſchwätzigkeit jeden Umſtand unſeres erſten Zuſammentreffens zurückrufen, ſo vermeiden wir doch dieſen einen Punkt, als be⸗ ſtünde darüber eine Uebereinkunft zwiſchen uns. Inzwiſchen haben wir nicht unterlaſſen, unſere gegenſeitige Freundſchaft und Achtung zu kräftigen, und es entſpann ſich unter uns eine ſo innige An⸗ hänglichkeit, daß ich zuverſichtlich glaube, der Tod wird ſte nur auf eine kleine Weile unterbrechen, um ſie in einem andern Daſeyn ungeſtört fortdauern zu laſſen. Ich weiß kaum, wie es mit unſerem Verkehre zugeht, aber er hat längſt aufgehört, für mich taub zu ſeyn. Er iſt häufig der Genoſſe meiner Spazier⸗ gänge, und ſelbſt in den überfüllteſten Straßen be⸗ antwortet er mir den unbedeutendſten Blick; die —— ieth, Er nicht dern um rkte, uer⸗ enn hter eſen eder kehr eich rin⸗ den fen, be⸗ ſere gen, An⸗ Tod um zu hre nub er⸗ be⸗ die 71 geringſte Geberde, als könnte er meine Gedanken leſen. Aus der ungeheuern Zahl von Gegenſtänden, welche in raſcher Reihenfolge vor unſeren Augen vorbeigleiten, wählen wir häufig einen und denſelben für unſere Beobachtungen und Bemerkungen aus, und wenn ſich einer dieſer kleinen Zufälle ereignet, ſo ſtrahlt wenigſtens für eine halbe Stunde ein Zug von Freude über ſein Antlitz, den ich nicht zu be⸗ ſchreiben vermag. Das häuſige Einkehren in ſeinem Innern hat ihn zu einem tiefen Denker gemacht, und durch ſeine leb⸗ hafte Einbildungskraft wird es ihm leicht, ſeltſame Ideen zu erfaſſen und anzuſpinnen,— ein Umſtand, durch den er für unſere kleine geſchloſſene Geſellſchaft unſchätzbar wird und unſere beiden Freunde oft in großes Erſtaunen verſetzt. Weſentliche Unterſtützung verleiht ihm hiebei eine große Pfeife, die, ſeiner Verſicherung zufolge, vordem das Eigenthum eines deutſchen Stu⸗ denten war. Mag dem nun ſeyn, wie ihm wolle, — jedenfalls hat ſie ein ſehr alterthümliches und geheimnißvolles Ausſehen, und ihr Umfang iſt ſo bedeutend, daß er vierthalb Stunden braucht, um ſie auszurauchen. Ich habe Grund, zu glauben, daß mein Barbier, der die Hauptautorität eines Häufleins von Klatſchbrüdern i*ſt, welche ſich jeden Abend hart neben uns in dem Laden eines kleinen Tabakshändlers verſammeln, von dieſer Pfeife und den auf den Kopf geſchnitzten wunderlichen Figuren Anekdoten erzählte, ob denen allen Rauchern der 72 Nachbarſchaft die Haare zu Berge ſtanden, und ich weiß, daß meine Haushälterin, obgleich ſie das ge⸗ nannte Rauchinſtrument in hohen Ehren hält, doch hinſichtlich deſſelben ein gewiſſes unheimliches, aber⸗ gläubiſches Gefühl nicht unterdrücken kann, vermöge deſſen ſie nur ungerne nach Eintritt der Dunkelheit allein mit demſelben im Zimmer bleiben würde. Welchen Kummer auch mein tauber Freund ver⸗ lebt haben, welcher Schmerz noch in irgend einem geheimen Winkel ſeines Herzens weilen mag,— jetzt iſt er ein heiteres, gefälliges, glüuckliches Weſen. Unglück kann auf einen ſolchen Mann nur gute Wirkungen üben, und wenn ich den Spuren deſſel⸗ ben in ſeinem edeln Weſen und ſeiner ernſten Ge⸗ müthlichkeit folge, ſo kann ich um ſo weniger über die Heimſuchungen murren, die mir ſelbſt widerfahren ſind. Hinſichtlich der Pfeife habe ich mir eine eigene Thevrie erdacht; ich kann mich nämlich des Gedan⸗ kens nicht erwehren, daß ſie einigermaßen mit dem Anlaſſe, der uns zuſammenführte, in Verbindung ſteht, denn ich erinnere mich, daß es geraume Zeit anſtund, ehe er überhaupt nur von ihr ſprach; als er es aber that, geſchah es mit vieler Zurückhaltung und in einer wehmüuͤthigen Stimmung, und dann währte es wieder eine ziemliche Weile, bis er ſie wieder zum Vorſchein brachte. Neugierde macht mir übri⸗ gens hinſichtlich dieſes Punktes nichts zu ſchaffen, denn ich weiß, daß die Pfeife zu ſeiner Ruhe und ſeinem Seelenfrieden beiträgt, und eines weiteren 73 Grundes bedarf es nicht, um ihr meine höchſte Gunſt zu Theil werden zu laſſen. So verhält ſich's mit dem tauben Herrn. Ich kann jetzt ſeine Geſtalt hervorrufen, wie ſie, in be⸗ ſcheidenes Grau gekleidet, in der Kaminecke ſitzt. Wenn er den Rauch aus ſeiner Lieblingspfeife pafft, wirft er mir einen Blick zu, übervoll von Herzlichkeit und Freundſchaft, und erzählt mir mit frohem Lä⸗ cheln die freundlichſten und gemüthlichſten Dinge; dann erhebt er die Augen zu meiner Wanduhr, die eben im Begriffe iſt, zu ſchlagen, blickt von ihr auf mich zurück und ſcheint ſein Herz zwiſchen mir und ihr zu theilen. Was mich anbelangt, ſo iſt es nicht zu viel behauptet, wenn ich ſage, daß ich mich gerne von einem meiner armen Glieder trennen wollte, wenn er nur die Stimme der alten Uhr hören könnte. Von unſern zwei Freunden war der erſte ſein Leben lang einer jener bequemen, wunderlichen Müßig⸗ gänger, von denen die Welt zu ſagen pflegt, ſie ſeyen Niemands Feinde, als ihre eigenen. Für einen Be⸗ ruf erzogen, der nicht für ihn paßte, und in der Ausſicht auf ein Vermögen herangewachſen, das er nie erbte, hatte er alle Wechſelfälle durchgemacht, deren ein ſolches Daſeyn fähig iſt. Er war nebſt ſeinem jüngeren Bruder(da ſie ſchon als Kinder ihre Eltern verloren hatten), von einem reichen Ver⸗ wandten erzogen worden, welcher ſie an den Gedan⸗ ken gewöhnte, daß ſie ſich dereinſt in ſeine Habe theilen dürften; aber zu träge, um dem Vetter den 74 Hof zu machen, und zu ehrlich, um ihm zu ſchmeicheln, verlor der ältere Bruder allmälig immer mehr und mehr die Gunſt des launenvollen alten Mannes, und der jüngere, welcher nicht verſäumte, von der Gelegen⸗ heit Vortheil zu ziehen, triumphirt jetzt in dem Be⸗ ſitze eines ungeheuren Reichthums. Sein Triumph beſteht indeß darin, daß er ſeine Schätze in erbärm⸗ licher Abgeſchiebenheit hütet und wahrſcheinlich bei der Ausgabe eines jeden Shillings einen größeren Schmerz fühlt, als ſein Bruder je über den Verluſt der ganzen Erbſchaft empfand. Jack Redburn— er war ſchon in der Kinder⸗ ſchule, wo man jedes andere Kind mit Maſter und ſeinem Zunamen titulirt, ‚Jack Redburn“, und blieb es ſein ganzes Leben lang, ſonſt wäre er wohl ein reicher Mann geworden— Jack Redburn iſt ſeit den letzten acht Jahren mein Hausgenoſſe. Er ver⸗ ſieht die Stelle meines Bibliothekars, meines Sekretärs, meines Hausmeiſters, meines erſten Miniſters— kurz er iſt der Director aller meiner Angelegenheiten und der Generalinſpector meines Haushalts. Er iſt etwas muſtkaliſch, ſchriftſtellert ein wenig, hat etwas von einem Schauſpieler, malt ein Bischen, iſt kein übler Zimmermann und ein vortrefflicher Gärt⸗ ner, da er ſein ganzes Leben über ein wundervolles Geſchick für Alles beſaß, was ihn nichts nützte. Er hat Kinder ſehr gerne und iſt der beſte und freund⸗ lichſte Krankenwärter, den man nur immer finden kann. Er hat mit allen Abſtufungen der Geſellſchaft 4 75 verkehrt und das Leben in ſeiner äußerſten Bedrückung geſehen; doch gab es nie einen weniger ſelbſtſüchtigen, einen gefühlvolleren, enthuſiaſtiſcheren und argloſeren Menſchen, und ich darf ſagen, wenn auch nicht Viele weniger Gutes gethan haben, als er, ſo gibt es doch auch nicht viele, die weniger Uebles in der Welt anſtifteten. Ich weiß nicht, welche Laune der Natur ſolche wunderliche Abweichungen erzeugen mag; ſo viel aber weiß ich, daß ſie nicht ſelten ſind, und daß der König dieſer ganzen Race Jack Redburn iſt. Ich wäre nicht wenig verlegen, wenn man ſein Alter von mir zu wiſſen verlangte. Seine Geſund⸗ heit iſt keine von den beſten; auch ſticht das Haar, welches ſein Geſicht beſchattet, ſtark in's Eiſengraue und gibt ihm ein ziemlich abgelebtes Aeußere. Dem⸗ ungeachtet aber betrachten wir ihn als einen ganz jungen Burſchen, und wenn ein jugendlicher Geiſt, der die rauheſte Berührung mit der Welt überlebt hat, ſeinem Beſitzer einen Anſpruch auf dieſes Prädicat verleiht, ſo iſt Jack Redburn ſogar ein Kind zu nennen. Die einzigen Störungen ſeiner ſorgloſen Heiterkeit ſind regneriſche Sonntage, an denen er gerne ungemein religiös und feierlich wird, oder allen⸗ falls ein Abend, wenn er auf ſeiner Flöte eine beſon⸗ ders ſchwermüthige Weiſe geblaſen hat. Bei letzt⸗ genannten Anläſſen hat er eine gewiſſe Vorliebe für's Geheimnißvolle oder Schreckliche. Als einen Beweis von der Gewalt dieſer Stimmung verweiſe ich meine Leſer auf die dem Uhrkaſten entnommene Erzählung, 76 welche auf den nächſten Blättern folgt. Er brachte ſie mir erſt kürzlich in der Mitternachtſtunde und theilte mir mit, der Hauptſtoff ſey einem Traume entnommen, welchen er in der letzten Nacht gehabt habe. Seine Wohnung beſteht aus zwei freundlichen, nach dem Garten hinausſehenden Zimmern, und es gehört zu ſeinen Hauptvergnügungen, das Möbel⸗ werk derſelben zu ordnen und wieder zu ordnen, ſo daß es ſchon alle nur erdenkliche Stellungswechſel hat durchmachen müſſen. Während der ganzen Zeit ſeines Hierſeyns hat er, glaube ich, keine zwei Nächte mit dem Kopfe an derſelben Stelle geſchlafen, und ſo oft er eine Aenderung vornimmt, iſt es auch gleich wieder zu Ende mit derſelben. Meine Haus⸗ hälterin wollte im Anfang faſt närriſch werden über dieſe unabläſſigen Wechſel; doch fand ſie ſich allmälig darein und harmonirt nunmehr ſo gut mit ihrem Hausgenoſſen, daß ſie ſich oft ganz ernſthaft darüber berathen, welche Schlußveränderung zunächſt vorge⸗ nommen werden ſolle. Wie immer jedoch dieſe Vor⸗ kehrungen ſeyn mögen— ſtets ſind ſie ein Muſter von Nettigkeit, und jeder der vielen mit ſeinen man⸗ nigfaltigen Beſchäftigungen in Verbindung ſtehenden Gegenſtände findet ſich an einem eigenen ganz paſſen⸗ den Plätzchen. Bis vor zwei oder drei Jahren war er einem gelegentlichen Anfalle unterworfen, der ihn gewöhnlich bei dem ſchönſten Wetter heimſuchte und in Folge deſſen er ſich mit beſonderer Sorgfalt kleidete; 77 er ging dann unter dem Vorwande eines Spazier⸗ ganges aus und kam mehrere Tage nicht wieder zum Vorſchein. Dieſe Anfälle von Unordnung machten endlich immer längere und längere Intermiſſionen, bis ſie endlich ganz und gar ausblieben, und nun geht er ſelten aus, als etwa an einem ſchönen Som⸗ merabend, wo er ein wenig im Freien herumſtreicht. Ob er noch immer in dieſer Hinſicht ſeiner Beharr⸗ lichkeit nicht recht traut und ſich deßhalb ſcheut, einen ordentlichen Rock zu tragen, weiß ich nicht; aber wir ſehen ihn ſelten in einem andern Obergewand, als in einem alten geſpenſterartig ausſehenden Haus⸗ kleid mit unverhältnißmäßig großen Taſchen, welche ſtets mit einer ganzen Sammlung von Naritäten gefüllt ſind, die er aufliest, wo er ihrer habhaft werden kann. Was unſerem Freunde theuer iſt, ſteht auch unſerem Herzen nahe, und ſo trifft es ſich, daß der Vierte unter uns Herr Owen Miles iſt— ein ſehr würdiger Mann, der Jack mit viel Liebe behandelte, ehe der Letztere durch einen Zufall mir und meinem tauben Freunde in den Weg geführt wurde, was ich bei einer ſpäteren Gelegenheit erzählen werde. Herr Miles war vordem ein reicher Kaufmann; als ihm jedoch der Tod ſeiner Gattin einen herben Schlag verſetzte, zog er ſich vom Geſchäft zurück und wählte ein ruhiges, anſpruchsloſes Leben. Er i*ſt ein ausge⸗ zeichneter Mann von durchaus gediegenem Charakter, obgleich nicht von der ſchnellſten Faſſungsgabe; auch 78 hegt er einige unterhaltliche Vortheile, deren Ent⸗ faltung wir jedoch hier nicht vorgreifen wollen. Er hat vor uns eine hohe Achtung, aber den Jack Red⸗ burn betrachtet er als eine Art angenehmes Wunder, dem er ſich vertraulich zu nähern wagt. Er glaubt nicht nur, daß nie ein Menſch lebte, der ſo viel zu leiſten im Stande war, ſondern daß auch Keiner Alles ſo geſchickt zu thun vermochte, als Jack, und lenkt nie meine Aufmerkſamkeit auf irgend etwas von ſeinem ſinnreichen Thun und Treiben, ohne mich an den Ellbogen zu ſtoßen und mir in's Ohr zu flüſtern—„Wenn er es nur zu ſeinem Gewerbe gemacht hätte, Sir— wenn er es nur zu ſeinem Gewerbe gemacht hätte!“— Sie ſind unzertrennliche Gefährten. Man könnte faſt glauben, Jack ſey nicht im Stande, etwas ohne Herrn Miles zu thun, obgleich dieſer ihm nie Bei⸗ hilfe leiſtet. Er mag leſen, ſchreiben, malen, zim⸗ mern, im Garten arbeiten, Flöte ſpielen oder was immer treiben, ſo iſt Herr Miles an ſeiner Seite, bis an'’s Kinn in ſeinen blauen Rock geknöpft und mit einem Geſichte voll ungläubigen Entzückens zuſehend, als könne er dem Zeugniß ſeiner eigenen Sinne nicht trauen und als habe er ſein Bedenken, ob Jemand anders, als im Traume, ſo geſchickt ſeyn könne. Dieß ſind meine Freunde; ich habe jetzt ſoivol ſie, als mich ſelbſt eingeführt. —— Der Uhrkaſten. Ein Bekenntniß aus der Zeit Carls II., in einem Gefängniß aufgefunden. — Ich hatte eine Lieutenantsſtelle in der Armee Seiner Majeſtät und diente auswärts in den Feld⸗ zügen von 1677 und 1678. Nach Abſchluß des Tractats von Nimwegen kehrte ich heim, quittirte den Dienſt und zog mich nach einem kleinen Landgut, einige Meilen öſtlich von London, zurück, das kürz⸗ lich durch eine Erbſchaft meiner Frau an mich ge⸗ kommen war. Dieß iſt die letzte Nacht, welche ich zu leben habe, und ſo will ich denn die nackte Wahrheit ohne alle Bemäntelung niederſchreiben. Ich war nie ein braver Mann und hatte von Kindheit an einen ver⸗ ſchloſſenen, grämlichen und mißtrauiſchen Charakter. Ich ſpreche von mir wie von einem aus der Welt 80 Geſchiedenen, denn während ich bereits mein Grab gegraben und getragen in das ſchwarze Buch des Bald nach meiner mein einziger Bruder v befallen. Dieſer Umſt gar keinen Kummer, getreten, hatten wir nur ſehr wenig mit einander verkehrt. Er war offenherzig, edelmüthig, ſchöner als ich, gebildeter und allgemein beliebt. welche im Ausland meine B ſie Freunde von ihm waren, zu mir, und gewöhnlich ſagt erſten Beſprechung, ſie kö wie es möglich ſey, dieß ſchreibe, iſt mein Name ein⸗ Todes. Ankunft in Engl. Diejenigen, ekanntſchaft ſuchten, weil hielten ſich ſelten lange en ſie ſchon nach der nnen gar nicht begreifen, daß zwei Brüder dem Weſen und dem Aeußern nach ſo gar keine Aehnlichkeit mit einander hätten. Es war meine Gewohnheit, ſie ſelbſt auf dieſes Zugeſtändniß zu führen, denn ich wußte, welche Vergleichungen zwiſchen uns angeſtellt werden mußten, und da der Neid an meinem Herzen zehrte, ſo ſuchte ich ihn vor mir ſelbſt zu rechtfertigen. Wir hatten zwei Schweſtern geheirathet. Dieſes weitere Band zwiſchen uns(wofür es wohl mancher betrachten möchte) diente jedoch nur dazu, uns noch mehr zu entfremden. Seine Gattin kannte mich wohl. Nie kämpfte ich in ihrer Gegenwart mit einer geheimen Eiferſucht oder einem Grolle, ohne daß es dieſe Frau eben ſo gut als ich wußte; bei ſolchen Gelegenheiten erhob ich nie meine Augen ohne zu 81 finden, daß die ihrigen auf mich geheftet waren, und ſelbſt wenn ich zur Erde oder in eine andere Rich⸗ tung blickte, ſo fühlte ich, daß ſie mich durchſchaute. Es gereichte mir zu einem unausſprechlichen Troſte, wenn wir mit einander zanken konnten, und noch größer war meine Beruhigung, als ich im Auslande hörte, daß ſie geſtorben ſey. Es kömmt mir jetzt vor, als hätte uns damals ſchon eine finſtere und ſchreckliche Vorahnung von dem vorgeſchwebt, was dereinſt kommen ſollte. Ich fürchtete mich vor ihr; ſie umſpuckte mich; ihr ſtarrer und feſter Blick tritt ſelbſt jetzt noch wie ein ſchwerer Traum in mein Gedächtniß und macht mir das Blut in den Adern gerinnen. Sie ſtarb, kurz nachdem ſie einem Kinde— einem Knaben— das Leben gegeben hatte. Als mein Bru⸗ der ſah, daß er ſich keine Hoffnung mehr zur Wieder⸗ geneſung machen durfte, ließ er mein Weib an ſein Krankenbette rufen, und vertraute den verwaisten Sohn, welcher damals vier Jahre alt war, ihrem Schutze. Er hinterließ ihm ſeine ganze Habe und traf die teſtamentariſche Verfügung, daß dieſelbe, falls das Kind ſtürbe, als Lohn für ihre Liebe und Sorgfalt an meine Gattin übergehen ſollte. Er wechſelte einige brüderliche Worte mit mir, beklagte unſere lange Trennung und ſank erſchöpft in einen Schlummer, aus dem er nicht wieder erwachte. Wir beſaßen keine Kinder. Die Schweſtern hatten ſich ſehr geliebt, und da meine Frau vorhin Voz. XI. Humphrey's Wanduhr. 6 8² ſchon faſt Mutterſtelle an dem Knaben vertreten hatte, ſo wurde er ihr jetzt ſo theuer, wie ein eigener Sohn. Das Kind war ihr zärtlich zugethan, aber zugleich war er auch das treue Abbild der Mutter in ſeinem Geiſte und ſeinen Zügen, und er traute mir nie. Ich kann kaum die Zeit angeben, in welcher mir dieſes Gefühl erſtmals zum Bewußtſeyn kam, aber ich fing bald an, unruhig zu werden, wenn der Knabe zugegen war. So oft ich aus irgend einer finſteren Träumerei erwachte, fand ich, daß ſeine Augen auf mir hafteten— nicht etwa in kindiſcher Ver⸗ wunderung, ſondern ganz mit demſelben Ausdrucke, wie ich es ſo oft an ſeiner Mutter bemerkt hatte. Gewiß— es war kein Spiel meiner Einbildungs⸗ kraft, wie es vielleicht die große Aehnlichkeit der Ge⸗ ſichtszüge hätte herbeiführen können. Ich konnte nie auf den Knaben hinunterſehen. Er fürchtete mich; aber zugleich ſchien ihn auch ſein Inſtinkt zu lehren, mich zu verachten, und ſelbſt wenn er ſich vor meinen Blicken zurückzog— was er oft that, wenn wir allein waren, um näher bei der Thüre zu ſeyn— hafteten ſeine leuchtenden Augen auf mir. Vielleicht verberge ich die Wahrheit vor mit ſelbſt, aber ich glaube nicht, daß ich damals ſchon daran dachte, ihm ein Leides zu thun. Vielleicht kam mir der Gedanke, wie gut uns ſein Erbe zu ſtatten kom⸗ men könnte, und ich wünſchte deßhalb, daß er todt ſeyn möchte; aber ich glaube nicht, daß ich daran dachte, ſeinen Tod zu verſchulden. Auch kam mir ein ſolcher +—/n—B—-— 83 Gedanke nicht auf einmal, ſondern ganz allmälig, anfangs nur ganz unbeſtimmt und in weiter Ferne⸗ wie man etwa an ein Erdbeben oder an den jüngſten Tag denkt— dann immer näher, deutlicher, minder ſchreckhaft und weniger unwahrſcheinlich— endlich wurde er zu einem Theil, was ſage ich Theil— nein, zur Summe und zum Weſen meines ganzen täglichen Sinnens und Trachtens, da dabei nur noch die Mittel und die Sicherung meiner Perſon in Betracht kamen; denn ob die That geſchehen ſollte, oder nicht— das war nimmer die Frage. Mit ſolchen Gefühlen in meinem Innern konnte ich es nie ertragen, wenn das Kind bemerkte, daß ich es anſah, und doch ſtand ich unter dem Einfluſſe eines Bannes, der es mir zu einer Art Lieblingsgeſchäft machte, ſeine ſchwächliche, hinfällige Geſtalt zu be⸗ trachten und dabei zu denken, wie leicht ſich die Sache abmachen laſſe. Bisweilen ſtahl ich mich die Treppe hinauf, um ihn im Schlaf zu beobachten; gewöhnlich aber eilte ich in den Garten, dem Fenſter des Zim⸗ mers nahe, in welchem er ſeine kleinen Aufgaben lernte; und wenn er ſo auf einem Schemel neben meiner Frau daſaß, konnte ich ſtundenlang hinter einem Baum ſtehen und nach ihm hinſtarren— auf⸗ fahren wie ein ſchuldbewußter Verbrecher(der ich auch war) bei jedem Rauſchen eines Blattes, aber doch wieder zurückſchlüpfen, um hinzuſeheu und wie⸗ der aufzufahren. Hart an unſerem Landhauſe, aber dem Auge 6* 84 und— bei etwas lebhaftem Winde— auch dem Ohre entzogen, befand ſich ein tiefes Waſſerbecken. Ich brachte Tage damit zu, um mit einem Taſchen⸗ meſſer das rohe Modell eines Bootes zu ſchnitzen; und als es fertig war, legte ich es dem Knaben in den Weg. Dann verkroch ich mich in einen Schlupf⸗ winkel, an dem er vorbei mußte, wenn er ſich allein davon ſtahl, um dieſes Spielzeug ſchwimmen zu laſſen, und lauerte auf ſein Kommen. Er kam jedoch weder an dieſem noch dem nächſten Tage, obgleich ich von Mittag bis zum Einbruch der Nacht wartete. Ich war ſicher, ihn in meinem Garne zu haben, denn ich hatte ihn von dem Tande plaudern hören und wußte, daß er denſelben in ſeiner kindiſchen Freude Nachts ſogar mit in's Bett nahm. Ich fühlte weder Ermattung noch Schläfrigkeit, ſondern wartete ge⸗ duldig, bis er endlich am dritten Tage an mir vor⸗ beikam und freudig dahineilte. Sein ſeidenes Haar wallte im Winde und er ſang— Gott ſey mir gnä⸗ dig!— er ſang ein heiteres Liedchen, obgleich er kaum die Worte auszuſprechen wußte. Ich ſchlich hintendrein, unter dem Gebüſche, das den Platz umgab, weiter kriechend, und nur die Teufel können wiſſen, mit welchem Entſetzen ich, ein erwachſener Mann, den Fußtritten des Kindes folgte, als es ſich dem Rande des Waſſers näherte. Ich war dicht hinter ihm, auf die Kniee niedergekauert, und ſtreckte eben meine Hand aus, um ihn hinein⸗ — — 222 8⁵ zuſtoßen, als er meinen Schatten im Waſſer ſah und ſich umwandte. Seiner Mutter Geiſt blickte aus ſeinen Augen. Die Sonne brach eben hinter einer Wolke hervor: ſie leuchtete aus dem klaren Himmel, der glänzenden Erde, der Spiegelfläche des Waſſers und den fun⸗ kelnden Regentropfen auf den Blättern. Augen von allen Seiten! Das ganze, große All des Lichtes war anweſend, um Zeuge der Unthat zu ſeyn. Ich weiß nicht, was er ſagte: er ſtammte aus einem kühnen und männlichen Blute, und obgleich er nur ein Kind war, ſo kroch und winſelte er doch nicht vor mir. Ich hörte ihn ſchreien, daß er es verſuchen wolle, mich zu lieben— er ſagte nicht, daß er mich wirklich liebe— und dann ſah ich ihn nach dem Hauſe zurückeilen. Das nächſte, was ich erblickte, war das bloße Schwert in meiner Hand und der todte Knabe zu meinen Füßen, hie und da mit Blut be⸗ fleckt, aber ſonſt nicht anders, als wie ich ihn im Schlafe geſehen hatte— ſogar in derſelben Lage, die Wange auf ſeiner kleinen Hand ruhend. Ich nahm ihn auf meine Arme und legte ihn — jetzt, da er todt war, ganz ſanft— in einen Buſch. Mein Weib war an dieſem Tage nicht zu Hauſe und ſollte erſt am andern Tag zurück kom⸗ men. Das Fenſter unſeres Schlafgemachs— das einzige Schlafzimmer auf dieſer Seite des Hauſes, lag nur einige Fuß über der Erde und ich beſchloß, des Nachts hinaus zu ſteigen und die Leiche im Gar⸗ 86 ten zu begraben. Es fiel mir nicht bei, daß mein Plan verfehlt war, denn ich kam nicht auf den Ge⸗ danken, daß man das Waſſer durchſuchen und nichts finden würde, und daß dann das Geld unnütz liegen bleiben mußte, weil ich nicht umhin konnte, die An⸗ ſicht zu unterſtützen, der Knabe ſey verloren oder geſtohlen. Alle meine Gedanken waren wirr unter einander geworfen und hatten nur die alles Andere überwiegende Nothwendigkeit im Auge, meine That zu verbergen. Was ich empfand, als man kam, um mir zu ſagen, daß das Kind vermißt werde, als ich nach allen Richtungen Nachforſchungen anſtellen ließ, als ich bei der Rückkehr eines jeden Spähers zitterte und nach Luft ſchnappte— das vermag keine Zunge auszuſprechen, kein ſterbliches Gehirn zu faſſen. Ich begrub ihn in jener Nacht. Als ich die Zweige auseinander bog und in das dunkle Gebüſch ſchaute, da leuchtete ein Glühwurm wie der ſichtbare Geiſt Gottes über dem erſchlagenen Kinde. Ich ſah in das Grab hinab, in welches ich den Knaben gelegt hatte und noch immer flimmerte er auf ſeiner Bruſt — ein Feuerauge, das zum Himmel rief, als fordere es Zeugniß von den Sternen, die mir zugeſchaut. Ich ſah nun der Ankunft meines Weibes ent⸗ gegen, der ich die Nachricht mittheilen und die ich mit der Hoffnung tröſten mußte, der Knabe werde ſich wohl wieder auffinden laſſen. Ich that es— mit der Miene der Biederkeit, wie ich glaube, denn 87 auf mich fiel kein Verdacht. Nachdem dieß geſchehen war, ſetzte ich mich den ganzen Tag an das Fenſter des Schlafgemachs und bewachte den Ort, wo das furcht⸗ bare Geheimniß verborgen lag. Es war ein friſch aufgegrabenes Bodenſtück, das neu mit Raſen belegt werden ſollte: ich hatte es gewählt, um nicht durch die Spuren des Spatens die Aufmerkſamkeit rege zu machen. Die Leute, welche den Raſen legten, mußten mich für toll ge⸗ halten haben, denn ich rief ihnen ohne Unterlaß zu, ihr Werk zu beeilen, begab mich ſelbſt an Ort und Stelle und arbeitete an ihrer Seite, trat die Raſenſchichte mit meinen Füßen nieder und trieb ſie mit wahnſin⸗ niger Haſt an. Sie hatten ihr Werk noch vor dem Eintritt der Nacht beendigt und jetzt hielt ich mich beziehungsweiſe für ſicher. Ich ſchlief— nicht wie Menſchen, die erfriſcht und heiter wieder aufwachen— ſondern ich verfiel in meinem Schlafe aus wirren, dunkeln Träumen, als würde ich niedergehetzt, in Viſionen, die mir Blutflecken im Graſe zeigten, und aus der Erde tauchte bald eine Hand, bald ein Fuß, endlich gar der Kopf auf. So oft es ſo weit kam, wachte ich jedesmal auf und ſtahl mich nach dem Fenſter, um mich zu überzeugen, daß es nur ein Traum war. Dann ſchlüpfte ich wieder in's Bett, und ſo brachte ich die Nacht zu, voll Angſt und Entſetzen, indem ich wohl zwanzigmal aufſtand und mich wieder nie⸗ derlegte, um ſtets auf's Neue den früheren Traum 88 zu träumen— ein weit ſchlimmerer Zuſtand, als wenn ich gewacht hätte, denn jedes dieſer Geſichte faßte den Schrecken einer ganzen Nacht in ſich. Ein⸗ mal war es mir, als ſey das Kind noch am Leben und als hätte ich's nie verſucht, es zu tödten. Das Erwachen aus dieſem Traume war das Fürchter⸗ lichſte von Allem. Am nächſten Tage ſaß ich wieder am Fenſter, ohne meine Augen von dem Grabe zu verwenden, das, obgleich es mit Gras bedeckt war— doch hin⸗ ſichtlich ſeiner Geſtalt, ſeines Umfangs, ſeiner Tiefe, ſeiner zäckigen Seiten und alles Uebrigen ſo offen, wie im Lichte des Tages, vor mir lag. Als ein Diener darüber ging, war es mir, als müßte er ein⸗ ſinken, und als er die Stelle verlaſſen, ſah ich hin, um mich zu überzeugen, ob ſeine Füße nicht die Kanten niedergetreten hätten. Wenn ſich ein Vogel dort niederließ, ſo entſetzte ich mich, fürchtend, er möchte durch irgend einen ſchrecklichen. Zufall das Werkzeug der Entdeckung werden; wenn ein Luſtzug darüber hinſäuſelte, ſo flüſterte er mir zu:„Mörder!“ Kein Anblick, kein Schall, wie gewöhnlich und unbe⸗ deutend ſie auch ſeyn mochten— konnte ſich kund thun, ohne mich mit Schrecken zu erfüllen. Und in dieſem Zuſtande unabläßigen Wachens brachte ich drei Tage zu. Am vierten erhielt ich Beſuch von einem Manne, der mit mir im Auslande gedient hatte, begleitet von einem andern Officier, den ich früher nie geſehen. 89 Ich fühlte, daß ich unfähig war, den Platz aus dem Auge zu laſſen. Es war ein Sommerabend und ich befahl meinen Leuten, einen Tiſch nebſt einer Flaſche Wein in den Garten zu bringen. Dann ſetzte ich mich mit meinem Stuhle auf das Grab, überzeugt, daß jetzt Niemand ohne mein Vorwiſſen hier Nachforſchungen anſtellen könnte, und verſuchte, zu trinken und zu ſprechen. Sie ſprachen ihre Hoffnung aus, daß meine Gattin wohl ſey— daß ſie nicht ihr Zimmer hüten müſſe— daß ſie dieſelbe nicht verſcheucht hätten. Was konnte ich thun, als ihnen mit ſtotternder Zunge von dem Kinde erzählen? Der mir unbe⸗ kannte Officier war ein in ſich gekehrter Mann und heftete, während ich redete, ſeine Blicke fortwährend auf den Boden. Selbſt dieß erſchreckte mich! Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, er ſehe etwas, was ihn die Wahrheit argwöhnen laſſe. Ich fragte ihn haſtig, ob er vermuthe, daß— und hielt inne.„Daß das Kind ermordet wurde?“ entgegnete er mit einem wilden Blicke auf mich.„O nein; was könnte man wohl durch den Mord eines armen Kindes gewinnen?“ Ich hätte ihm ſagen können, was man durch eine ſolche That gewinnen kann— Niemand beſſer, als ich; aber ich ſchwieg und ſchau⸗ derte wie ein Fieber. Da ſie meine Bewegung irrig deuteten, ſo gaben ſie ſich Mühe, mich durch die Hoffnung aufzuheitern, daß der Knabe gewiß wieder gefunden werde— ein 90 großer Troſt für mich! Auf einmal hörte ich ein dumpfes Geheul und unmittelbar darauf ſprangen zwei große Hunde über die Mauer und wiederholten das früher vernommene Bellen im Garten. „Bluthunde!“ riefen meine Gäſte. Was brauchte man mir dieß zu ſagen? Ich hatte in meinem Leben kein Thier von dieſer Race geſehen, aber ich wußte, daß es ſolche waren und weßhalb ſie herkamen. Ich faßte die Seitenlehnen meines Stuhles, ohne mich zu rühren oder zu ſprechen. „Es iſt eine ächte Zucht,“ ſagte der Mann, den ich im Ausland kennen gelernt hatte.„Wahrſchein⸗ lich ſind ſie zur Uebung heraus gelaſſen worden und ihrem Hüter entſprungen.“ 4 Beide Freunde wandten ſich um und ſahen den Hunden zu, welche mit ihren Naſen raſtlos an dem Boden ſchnupperten, kreuz und quer umher ſprangen, ſich dabei wie toll geberdeten, von Zeit zu Zeit die Köpfe in die Höhe reckten und auf's Neue zu heulen begannen, dann aber wieder die Nüſtern nach der Erde ſenkten und ernſtlich umher ſpürten. Jetzt be⸗ gannen ſie weit eifriger, als je, am Boden zu ſchnup⸗ pern, und obgleich ſie noch immer ſehr unſtät waren, ſo beſchrieben ſie doch keine ſo weiten Kreiſe mehr, ſondern hielten ſich an eine begränztere Stelle, indem ſie den Umfang zwiſchen mir und ihnen immer mehr und mehr verminderten. Endlich kamen ſie dicht an den großen Stuhl, auf welchem ich ſaß, heran, erhoben auf's Neue ihr u— 8ð8 91 fürchterliches Geheul und verſuchten es, die Quer⸗ hölzer weg zu reißen, durch welche ſie von dem Bo⸗ den unter dem Stuhle getrennt wurden. Ich ent⸗ nahm aus den Geſichtern meiner Gäſte, wie ich ausſah. 1 „Sie wittern Beute,“ ſagten Beide zugleich. „Sie wittern keine Beute,“ rief ich. „Um's Himmelswillen, ſteht auf,“ ſagte der Eine, den ich kannte, ſehr ernſt;„ſie reißen Euch ſonſt in Stücke.“ „Sie ſollen mir Glied für Glied vom Leibe reißen, ehe ich dieſe Selle verlaſſe!“ rief ich.„Hat man Hunde dazu, um Menſchen zu einem ſchmach⸗ vollen Tode zu hetzen? Schlagt ſie nieder! Haut ſie in Stücke!“ „Hier iſt irgend ein ſchlimmes Geheimniß!“ ſagte der mir unbekannte Officier, indem er ſeinen Degen zog.„In König Karl's Namen, ſteht mir bei, dieſen Mann feſt zu nehmen.“ Beide ergriffen mich jetzt und drängten mich fort, obgleich ich wie ein Toller kämpfte, zerrte und um mich biß. Nach einem heftigen Widerſtand nah⸗ men ſie mich ruhig in ihre Mitte, und dann— mein Gott! Ich ſah die wüthenden Hunde den Raſen auf⸗ reißen und die Erde wie Waſſer in die Luft werfen. Was ſoll ich noch weiter ſagen? Daß ich auf meine Kniee niederfiel, mit klappernden Zähnen die Wahrheit bekannte und um Gnade flehte. Daß ich ſeitdem geläugnet habe und jetzt auf's Neue bekenne. 9² Daß ich wegen der That vor Gericht geſtellt, ſchul⸗ dig erfunden und verurtheilt wurde. Daß ich nicht den Muth habe, dem richterlichen Spruch zuvor zu kommen, und eben ſo wenig, ſeiner Vollſtreckung männlich entgegen zu ſehen. Daß mir kein Mitleid, kein Troſt, keine Hoffnung, kein Freund geblieben iſt. Daß mein Weib zu ihrem Glücke vorderhand die Fähigkeit verloren hat, mein und ihr Elend zu er⸗ kennen. Daß ich allein bin in den ſteinernen Wän⸗ den meines Kerkers mit meinem böſen Geiſte, und daß ich morgen ſterben ſoll! — Maſter Humphrey's perſönliche Abenteuer. Das Raritätenrabinet. Gewöhnlich wähle ich den Abend zu meinen Spaziergängen. Im Sommer verlaſſe ich oft früh Morgens mein Haus und ſtreife den ganzen Tag über auf Feldern und Feldwegen umher, ja, ich komme ſogar Tage und Wochen lang nicht wieder heim; wenn ich aber nicht auf dem Lande bin, ſo gehe ich ſelten vor dem Eintritt der Dunkelheit aus, obgleich ich, dem Himmel ſey Dank, das Licht liebe und mich ſo gut als irgend ein lebendes Weſen freue, wenn es ſeine Strahlen luſtig über die Erde er⸗ gießt. Dieß wurde mir, ehe ich mich's verſah, zur Ge⸗ wohnheit, ſowohl weil es meiner Gebrechlichkeit zu ſtatten kömmt, als weil es mir beſſer Gelegenheit gibt, Betrachtungen über die Charaktere und Be⸗ ſchäftigungen derjenigen anzuſtellen, welche die Straße füllen. Das grelle Licht und das Getümmel des hohen Mittags find für ein ſo müßiges Treiben wie 94 das meinige nicht geeignet, und ein Blick auf die vorübergehenden Geſichter im Lichte einer Straßen⸗ lampe oder eines Ladenfenſters entſpricht meinem Zwecke oft weit beſſer, als die volle Entfaltung der⸗ ſelben im hellen Scheine des Tages; ja, um die Wahrheit zu geſtehen— die Nacht iſt in dieſer Hin⸗ ſicht freundlicher, als der Tag, welcher nur zu oft ohne Umſtände und Bedenken ein Luftſchloß im Au⸗ genblicke der Vollendung zerſtört. Dieſes beſtändige Ab⸗ und Zugehen, dieſe nie endende Rührigkeit, dieſe unabläßigen Fußtritte, welche das rauhe Steinpflaſter glätten— iſt es nicht ein Wunder, wie die Bewohner enger Straßen es nur mit anhören können? Denke man ſich einen Kran⸗ ken zum Beiſpiel in Sanct Martins Hof, wie er in Mitte ſeiner Schmerzen und ſeiner Ermattung auf die Fußtritte horcht und ſich(als wäre es ein ihm auferlegtes Geſchäft) abquält, den Tritt des Kindes von dem des Mannes, den Holzſchuh des Bettlers von dem Stiefel des Stutzers, das Schlen⸗ dern des Müßiggängers von dem Auftreten des thä⸗ tigen Arbeiters, den trägen Fuß eines Auswürflings von dem raſchen Schritte des vergnügungsſüchtigen Lebemanns zu unterſcheiden— denke man ſich das Geſumme und den Lärm, welche ſtets ſein Ohr be⸗ läſtigen, und den Strom des Lebens, der ſich ohne Unterlaß dahin wälzt und fort und fort ſich ſogar durch ſeine ruheloſen Träume ergießt, als ſey er verdammt, todt, aber mit fortlebendem Bewußtſeyn, auf einem geräuſchvollen Kirchhof zu liegen, ohne die Hoffnung zu haben, in den nächſten Jahrhunder⸗ ten zur Ruhe zu kommen. Dann das hin und her wogende Gedränge auf den Brücken(wenigſtens auf denjenigen, wo kein Zoll bezahlt wird), auf denen Viele an ſchönen Aben⸗ den Halt machen und ſorglos nach dem Waſſer hinunter ſehen— mit irgend einem unbeſtimmten Begriffe, daß es zwiſchen grünen Ufern hinfließe, welche allmälig weiter und weiter werden, bis es ſich endlich mit dem großen weiten Meere vereinigt — wo einige ſtille ſtehen, um unter ihrer ſchweren Laſt auszuruhen und, wenn ſie über die Böſchung hin⸗ unter ſehen, denken, es müſſe ein ungetrübtes Glück ſeyn, in jener trägen Barke ſein Leben durch rauchen, ſchlendern und auf der heißen, getheerten Leinwand in der Sonne ſchlafen zu dürfen— und wo einige von einer ganz andern Claſſe, mit weit ſchwereren Laſten, als die der vorigen, inne halten, und ſich erinnern, wie ſie in früheren Zeiten gehört oder ge⸗ leſen haben, das Ertrinken ſey kein harter Tod und jedenfalls die leichteſte und beſte Art, dem Leben ein Ende zu machen. Dann der Covent⸗Garden⸗Markt im Frühling oder Sommer, wenn der Duft würziger Blumen die Luft erfüllt, welcher ſogar die unbequemen Dünſte der letzten Nachtſchwärmerei überwältigt und die ſchwärzliche Droſſel, deren Käſicht die ganze Nacht 96 vor dem Fenſter eines Dachſtübchens hing, halb toll vor Freude macht! Armer Vogel! Einziges Nach⸗ barweſen, welches wenigſtens einigermaßen verwandt iſt mit den anderen kleinen Gefangenen, den Blumen, die zum Theil, welk geworden in den heißen Händen trunkener Käufer, bereits auf den Straßen liegen, während andere, geſotten von der engen Berührung mit dem Gedränge, der Zeit harren, wann ſie, mit Waſſer begoſſen, wieder neu aufleben können, um einer nüchterneren Geſellſchaft Freude zu machen und die alten Kaufmannsdiener, welche auf ihrem Ge⸗ ſchäftswege vorüber gehen, in Verwunderung zu ſetzen, was wohl ihre Bruſt mit Viſionen von Landleben erfüllt haben möge. Es iſt übrigens vorderhand nicht mein Zweck, mich allzuweit über meine Spaziergänge zu verbrei⸗ ten; denn ich habe im Sinne, ein Abenteuer zu er⸗ zählen, auf das ich je zuweilen zurückkommen muß. Es iſt das Ergebniß einer dieſer Streifzüge, weßhalb ich mich veranlaßt ſah, derſelben gewiſſermaßen als einer Einleitung zu erwähnen. Eines Abends ging ich in der City umher und ſpazierte, wie gewöhnlich, langſam weiter, über viele Dinge nachdenkend, als ich durch eine Frage ange⸗ halten wurde, die zwar kaum mein Ohr erreichte, aber doch an mich gerichtet zu ſeyn ſchien: der Ton der Stimme war ſo weich und ſanft, daß ſie einen gar angenehmen Eindruck äuf mich machte. Ich — 4 ien ch 97 wandte mich raſch um und bemerkte an meiner Seite ein hübſches kleines Mädchen, welches mich bat, ihr den Weg nach einer gewiſſen Straße in ziemlicher Entfernung— ja, ſogar in einem ganz andern Stadttheile— anzugeben. „Kind, das iſt ein langer Weg von hier aus,“ ſagte ich. „Ich weiß das, Sir,“ verſetzte ſie ſchüchtern. „Ich fürchte, es iſt ein ſehr langer Weg, denn ich komme dieſen Abend von dort her.“ „Allein?“ fragte ich etwas überraſcht. „O ja; der Weg macht mir nichts aus; aber jetzt bin ich ein wenig in Angſt, denn ich habe die Richtung verloren.“ „Und was veranlaßt dich, mich zu fragen? Angenommen, ich gäbe dir eine falſche Weiſung?“ „Ich bin überzeugt, daß Sie dieß nicht thun werden,“ erwiederte das kleine Geſchöpf.„Sie ſind ſchon ein ſehr alter Herr und gehen ſelbſt ſo langſam.“ Ich kann nicht beſchreiben, welchen Eindruck dieſe Berufung und die Energie, womit ſie gemacht wurde, auf mich übte: denn eine Thräne ſtand in dem klaren Auge des Kindes und ihre leichte Geſtalt zitterte, als ſie mir in's Geſicht ſah. „Komm,“ ſagte ich;„ich will dich hinführen.“ Sie legte ihre Hand ſo vertrauensvoll in die meinige, als ob ſie mich von der Wiege an gekannt 4 Boz. XI. Humphrey’s Wanduhr. 7 hätte, und ſo gingen wir mit einander weiter. Das kleine Weſen richtete ſeinen Schritt nach dem meini⸗ gen und ſchien eher mich zu leiten und für mich Sorge zu tragen, als unter meinem Schutze zu ſtehen. Ich bemerkte, daß ſie hin und wieder verſtohlen einen neugierigen Blick nach meinem Geſichte warf, als ſuche ſie ſich zu überzeugen, daß ich ſie nicht täuſche, und dieſe Blicke, die noch obendrein ſehr ſcharf und ſpähend waren, ſchienen ihre Zuverſicht mehr und mehr zu erhöhen. Was mich anbelangt, ſo war meine Neugierde und mein Intereſſe wenigſtens denen des Kindes gleich, denn ein Kind war ſie ſicherlich, obgleich ich es aus dem, was ich aus ihr zu machen wußte, für wahr⸗ ſcheinlich hielt, daß auch noch die kleine, zarte Geſtalt ihrem Aeußeren etwas eigenthümlich Jugendliches ver⸗ lieh. Sie war zwar ziemlich dürftig, aber doch nett und reinlich gekleidet, und keine Spur deutete auf Armuth oder Verwahrloſung. „Wer hat dich denn allein einen ſo weiten Weg geſchickt?“ fragte ich. „Jemand, der ſehr gütig gegen mich iſt, Sir.“ „Und was wurde dir für ein Geſchäft aufge⸗ tragen?“. „Das darf ich nicht ſagen,“ erwiederte das Kind mit Feſtigkeit. Es lag etwas in der Weiſe dieſer Entgegnung, was mich veranlaßte, das kleine Weſen mit einem . 99 unwillkürlichen Ausdruck der Ueberraſchung anzuſehen, denn ich wunderte mich, was für ein Auftrag es wohl ſeyn mochte, der ſie auf eine ſolche Frage vor⸗ bereitet hatte. Ihr ſchneller Blick ſchien meine Ge⸗ danken zu leſen, denn als er dem meinigen begegnete, fügte ſie bei, es liege nichts Unrechtes in dem, was ſie gethan habe, aber es ſey ein großes Geheimniß — ein Geheimniß, von dem ſie ſelbſt nicht einmal etwas wiſſe. Sie ſprach dieß ohne irgend einen Ausdruck von Verſchmitztheit oder Argliſt, ſondern mit einer un⸗ verdächtigen Freimüthigkeit, welche das Gepräge der Wahrheit an der Stirne trug. Sie ging, wie früher, neben mir her und wurde im Verlaufe unſeres Spazier⸗ ganges immer zutraulicher. Wir führten unterwegs ein heiteres Geſpräch, aber ſie ſagte nichts Weiteres von ihrer Heimath, als daß wir einen ganz neuen Weg gingen, wobei ſie fragte, ob es ein kürzerer wäre. Während unſeres Ganges beſchäftigte ſich mein Geiſt mit hundert verſchiedenen Löſungen dieſes Räth⸗ ſels, welche ich jedoch alle wieder verwarf. Uebrigens ſchämte ich mich, von der Freimüthigkeit und dem dankbaren Gefühle des Kindes Vortheil zu ziehen, um meine Neugierde zu befriedigen. Ich liebe ſolch kleines Volk, und es iſt nichts Geringes, wenn ſie, die ſo friſch aus der Hand Gottes kommen, uns ſieben. Da ihr Vertrauen mir gleich von Anfang A 7*½ 100 an Freude gemacht hatte, ſo beſchloß ich, es zu ver⸗ dienen und der Natur Ehre zu machen, welche die Kleine veranlaßt hatte, auf mich zu bauen. Es war indeß kein Grund vorhanden, warum ich es vermeiden ſollte, die Perſon zu ſehen, welche unüberlegter Weiſe das Mädchen allein und bei Nacht ſo weit wegſchicken konnte, und da es wohl kommen mochte, daß ſie in der Nähe ihrer Wohnung mich verabſchiedete und mich der Gelegenheit dazu beraubte, ſo wählte ich, mit Umgehung der beſuchteſten Straßen, die verwinkelteren, in Folge deß ſie erſt wußte, wo ſte war, als wir in der gewünſchten anlangten. Sie ſchlug freudig ihre Hände zuſammen, eilte mir eine Strecke voraus und blieb vor einer Thüre ſtehen, ohne jedoch früher zu klopfen, als bis ich ihr nach⸗ gekommen war. Ein Theil dieſer Thüre beſtand aus Glasſcheiben, die durch keinen Laden geſchützt waren. Ich bemerkte dieß anfangs nicht, denn es war innen ſehr dunkel und ſtill, und ich ſah etwas ängſtlich(bei dem Kinde war es der gleiche Fall) einer Antwort auf unſer Klopfen entgegen. Als ſſie ihr Pochen einige Male wiederholt hatte, vernahm ich ein Geräuſch, wie wenn ſich Jemand innen bewege, und endlich blinkte ein ſchwaches Licht durch die Glasſcheiben, in deſſen Scheine— es kam nämlich ſehr langſam näher, da der Träger deſſelben ſich durch viele umherliegende Gegenſtände durcharbeiten mußte— ich ſowohl die 3 —9———,—-— 101 ſich nähernde Perſon, als den Ort, durch welchen dieſelbe kam, beobachten konnte. 2 Es war ein kleiner alter Mann mit langen grauen Haaren, deſſen Geſicht und Geſtalt ich deut⸗ lich unterſcheiden konnte, da er das Licht über dem Haupte emporhielt und im Näherkommen vor ſich nieder ſah. Obgleich er durch das Alter ſehr ver⸗ ändert ſeyn mochte, ſo glaubte ich doch in ſeinem ſchmalen und ſchlanken Aeußeren etwas von der zar⸗ ten Form zu bemerken, die mir an dem Kinde auf⸗ gefallen war. Die glänzenden blauen Augen waren ſicherlich dieſelben, aber ſein Antlitz zeigte ſo tiefe Furchen und Spuren von Kummer, daß hier alll Aehnlichkeit aufhörte. Das Local, durch welches er ſich ganz gemächlich ſeinen Weg bahnte, war einer jener Aufbewahrungsorte alter, merkwürdiger Gegenſtände, welche ſich in die verborgenſten Winkel dieſer Stadt zu verkriechen und ihre dumpfigen Schätze mißtrauiſch und eiferſüchtig vor dem Auge der Oeffentlichkeit zu verſtecken ſcheinen. Reihen von Panzern ſtanden da und dort, wie Ge⸗ ſpenſter in Waffenrüſtungen, fantaſtiſches Schnitzwerk aus Mönchsklöſtern, roſtige Waffen aller Art, ver⸗ zerrte Figuren aus Porcellan, Holz, Eiſen und Elfen⸗ bein, Tapeten und ſeltſames Möbelwerk, wie es einem nur Träume vorzuführen im Stande ſind. Das ſchmächtige Aeußere des kleinen Mannes ſtimmte wunderbar mit dem Oete zuſammen; es war, als hätte er unter alten Kirchen, Gräbern und verlaſſenen Häuſern umhergewühlt und alle ſeine Seltenheiten eigenhändig zuſammen geleſen. In der ganzen Samm⸗ lung war nichts, was nicht zu ihm gepaßt hätte, nichts, was aͤlter oder abgenützter ausſah, als er ſelbſt. Während er den Schlüſſel im Schloß umdrehte, betrachtete er mich mit einigem Erſtaunen, wel⸗ ches keineswegs gemindert wurde, als er von mir auf meine kleine Begleitung blickte. Die Thüre ging auf; das Kind redete ihn als Großvater an und erzählte ihm die kurze Geſchichte unſerer Be⸗ kanntſchaft. „Ei du mein Gott, Kind,“ ſagte der alte Mann, indem er das Mädchen auf den Kopf pätſchelte,„wie konnteſt du nur deinen Weg verfehlen? Wie, wenn ich dich verloren hätte, Nell?“ „Ich würde meinen Weg wohl zu Ihnen zurück gefunden haben, Großvater,“ verſetzte das Kind be⸗ herzt.„Haben Sie um mich keine Sorge.“ Dceer alte Mann küßte ſie, wandte ſich dann an mich und bat mich, einzutreten, was ich auch that. Die Thüre wurde zugemacht und abgeſchloſſen. Der Alte ging mit dem Lichte voran und führte mich über den Platz, den ich bereits von außen geſehen hatte, nach einem kleinen Hinterzimmer, in welchem eine andere Thüre die Verbindung mit einer Art von Kabinet vermittelte; in dieſem ſtand ein Bettchen, worin um ſeiner Kleinheit und Nettigkeit willen eine 103 Fee hätte ſchlafen können. Das Kind nahm ein Licht, huſchte in das kleine Gemach und ließ den alten Mann bei mir allein. „Sie werden wohl müde ſeyn, Sir,“ ſagte er, indem er einen Stuhl an das Feuer rückte.„Wie kann ich Ihnen meinen Dank bezeugen?“ „Wenn Sie ein andermal für Ihre Enkelin mehr Sorge tragen, mein guter Freund,“ verſetzte ich. „Mehr Sorge tragen?“ entgegnete der alte Mann mit ſchriller Stimme.„Mehr Sorge tragen für Nelly? Wer hätte wohl je ein Kind mehr ge⸗ liebt, als ich Nell liebe?“ Er ſprach dieß mit ſo augenfälligem Erſtaunen, daß ich in der Verwirrung nicht wußte, was ich ihm antworten ſollte, um ſo mehr, da ſich mit der Schwäche und Unſtätigkeit in ſeinem Weſen Spuren tiefer und ängſtlicher Gedanken paarten, welche mich überzeugten, daß er ſich nicht, wie ich anfangs glau⸗ ben zu müſſen vermeinte, in einem Zuſtande von kindiſcher Altersſchwäche befand. „Ich glaube nicht, daß Sie die geeignete Rück⸗ ſicht—“ begann ich. „Wie, nicht die geeignete Rückſicht?“ unterbrach mich der alte Mann.„Ich ſollte nicht die nöthige Rückſicht auf ſie nehmen? Ach, wie wenig kennen Sie die Wahrheit. Kleine Nelly, kleine Nelly!“ Es wäre Niemand möglich, möchte nun ſeine Redeform ſeyn, welche ſie wollte, mehr Innigkeit aus⸗ zudrücken, als in dieſen vier letzten Worten des Rari⸗ tätenkrämers lag. Ich wartete, bis er fortfahren würde, aber er ſtützte ſein Kinn auf die Hand, ſchüttelte einige Male den Kopf und heftete ſeine Augen auf das Feuer. Während wir ſo ſchweigend daſaßen, that ſich die Thüre des Kabinetts auf und das Kind kehrte zurück: ihr lichtbraunes Haar hing los um ihren Nacken, und die Glut ihres Geſichts bekundete, wie ſehr ſie ſich beeilt hatte, um wieder zurückzukommen. Sie ſchickte ſich nun an, ein Nachteſſen zu bereiten, und während dieß geſchah, bemerkte ich, daß der alte Mann die Gelegenheit wahrnahm, mich ſchärfer, als er bisher gethan hatte, in’s Auge zu faſſen. Ich war überraſcht, als ich ſah, daß dieſe ganze Zeit über Alles durch das Kind gethan wurde, und daß außer uns keine weiteren Perſonen in dem Hauſe zu ſeyn ſchienen. Sobald ſie einen Augenblick das Zim⸗ mer verließ, benutzte ich den Anlaß, über dieſen Punkt einen Wink fallen zu laſſen, worauf der alte Mann erwiederte, es gebe nur wenige erwachſene Perſonen, welche ſo zuverläßig und ſorgſam ſeyen, wie ſie. „Es thut mir immer weh,“ bemerkte ich, etwas gereizt durch ſeine anſcheinende Selbſtſucht,„es thut mir immer weh, wenn ich ſehe, daß man Kinder in die Mühen des Lebens einführt, die kaum dem Leitbande entwachſen ſind. Es beeinträchtigt ihre Zutraulichkeit und Einfalt— zwei der ſchönſten Eigen⸗ ſchaften, die ihnen der Himmel geſchenkt hat, und 10⁵ legt ihnen einen Theil unſerer Sorgen auf, ehe ſie im Stande ſind, auf unſere Freuden einzugehen.“ „Es wird keine der ihrigen ſchmälern,“ erwiederte der alte Mann mit einem feſten Blicke auf mich; „die Quellen ſind zu tief. Außerdem, die Kinder des Armen wiſſen nur wenig von Vergnügen. Selbſt die wohlfeilſten Freuden der Kindheit müſſen gekauft und bezahlt werden.“ „Aber— ich bitte um Verzeihung, daß ich ſo ſpreche— Sie ſind doch gewiß nicht ſo gar arm?“ — ſagte ich. „Sie iſt nicht mein Kind, Sir,“ verſetzte der alte Mann.„Ihre Mutter war arm, und ſie war es gleichfalls. Ich habe nichts übrig— nicht einen Penny— obgleich ich lebe, wie Sie ſehen,— aber—“ er legte dabei ſeine Hand auf meinen Arm und beugte ſich flüſternd vorwärts—„ſie ſoll eines Tages reich und eine vornehme Dame werden. Denken Sie nicht ſchlimm von mir, weil ich mich ihrer Beihülfe be⸗ diene. Sie ſehen, daß ſie es gerne thut, und es würde ihr das Herz brechen, wenn ſie wüßte, daß ich mir durch Andere das thun ließe, was ihre kleinen Hände zu leiſten vermögen. Ich keine Rückſicht auf ſie nehmen!“— er rief dieß plötzlich in einem klagen⸗ den Tone.„Ach, Gott weiß, daß dieſes Kind der einzige Gedanke und Zweck meines Lebens iſt; und dennoch läßt er es mir nie glücken— nein, nie.“ Nach dieſer Wendung kam der Gegenſtand unſeres Geſprächs zurück, und der alte Mann winkte mir, 106 näher an den Tiſch zu rücken, indem er zugleich ab⸗ brach und fortan ſchwieg. Wir hatten kaum unſer Mahl begonnen, als ſich ein Klopfen an derſelben Thüre, durch welche ich hereingekommen war, vernehmen ließ, und Nelly brach in ein herzliches Lachen aus, welches ich nicht ungerne hörte, denn es war ſo kindlich und voll Heiterkeit; dann ſagte ſie, es wäre ohne Zweifel der liebe alte Kit, welcher endlich zurückkäme. „Närriſche Nell,“ ſagte der alte Mann, indem er mit ihren Haaren ſpielte.„Sie lacht immer über den armen Kit.“ Das Kind lachte abermals und noch herzlicher als zuvor, und ich konnte mich nicht enthalten, aus reiner Sympathie mitzulächeln. Der kleine alte Mann ergriff ein Licht und entfernte ſich, um die Thüre zu öffnen. Als er zurückkam, folgte ihm Kit auf der Ferſe. Kit war ein ſtutzköpfiger, lätſchbeiniger, linkiſcher Burſche mit einem ungewöhnlich weiten Munde, ſehr rothen Backen, aufgeſtülpter Naſe und gewiß dem komiſchſten Geſichtsausdrucke, den ich je geſehen hatte. Als er ſah, daß ein Fremder zugegen war, machte er an der Thüre Halt, drillte in der Hand einen ganz runden, alten Hut, ohne die Spur von einer Krämpe, ruhte in beſtändigem Wechſel bald auf dem einen, bald auf dem andern ſeiner Beine, und ſah von der Schwelle aus mit dem merkwürdigſten Schielblicke, der mir jemals vorkam, in die Stube. Von dieſem Augen⸗ ṕ 107 blicke an erwachte in meinem Innern ein dankbares Gefühl gegen dieſen Jungen, denn es war mir klar, daß er das Luſtſpiel in dem Leben des Kindes bildete. „Ein langer Weg, Kit— nicht wahr?“ ſagte der kleine alte Mann. „Ei freilich, es war eine ziemliche Strecke, Herr,“ entgegnete Kit. „Haſt du das Haus leicht aufgefunden?“ „Je nun, nicht allzuleicht, Herr,“ verſetzte Kit. „Du wirſt natürlich mit einem hungrigen Magen zurückkommen?“ „Ei freilich, es iſt mir faſt, als ob es ſo wäre,“ lautete die Antwort. Der Junge hatte eine merkwürdige Art an ſich, beim Sprechen ſeitwärts zu ſtehen und den Kopf über die Achſel vorwärts zu ſchieben, als ob er ohne dieſe begleitende Geſtikulation nicht zum Gebrauch ſeiner Stimme kommen könne. Ich glaube, er würde überall Heiterkeit veranlaßt haben, aber die ungemeine Freude des Kindes über dieſe Wunderlichkeit, und der Troſt, welcher darin lag, daß an einem Orte, welcher ſo wenig für die Kleine zu paſſen ſchien, doch etwas aufgefunden werden konnte, was ihre Heiterkeit er⸗ regte, waren ganz unwiderſtehlich. Als einen wich⸗ tigen Punkt darf man es auch betrachten, daß Kit ſelbſt ſich durch die Stimmung, welche er veranlaßte, geſchmeichelt fühlte, denn nach mehreren fruchtloſen Bemühungen, ſeinen Ernſt zu bewahren, brach er in ein ſchallendes Gelächter aus, wobei er den Mund 108 von einem Ohre bis zum andern verzog, während ſeine Augen faſt ganz zu verſchwinden drohten. Der alte Mann war wieder in ſeine frühere Zerſtreutheit zurückgeſunken, und achtete auf Nichts, was vorging. Ich bemerkte jedoch, daß des Kindes leuchtende Augen, als ſein Lachen vorüber war, von Thränen verdunkelt wurden, hervorgerufen aus der Fülle des Herzens, mit der ſie den ungeſchlachten Liebling nach der kleinen Angſt des Abends bewill⸗ kommnete. Was Kit ſelbſt anbelangt(deſſen Ge⸗ lächter die ganze Zeit über von der Art war, daß es ſich nicht leicht von einem Schreien unterſcheiden ließ), ſo trug er ein großes Stück Brod und Fleiſch, nebſt einem Kruge Bier, in einen Winkel und ſchickte ſich an, über ſein Mahl mit der Gier eines Wolfes zu verfügen. „Ah,“ ſagte der alte Mann mit einem Seufzer, indem er ſich gegen mich kehrte, als ob ich ihn eben erſt angeredet hätte,„Sie wiſſen nicht, was Sie ſagen, wenn Sie behaupten, daß ich keine Rückſicht auf ſie nehme.“ „Sie müſſen kein ſo großes Gewicht auf eine Bemerkung legen, die nur in einer oberflächlichen Anſicht ihren Grund hatte, mein Freund,“ entgeg⸗ nete ich. „Nein,“ verſetzte der alte Mann gedankenvoll, „nein. Komm hieher, Nell.“ Das Mäͤdchen verließ eilig ihren Sitz und ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals. 109 „Liebe ich dich, Nell?“ ſprach er.„Sage— liebe ich dich, Nell, oder liebe ich dich nicht?“ Das Kind antwortete blos durch Liebkoſungen und legte das Köpfchen an ſeine Bruſt. „Warum ſchluchzeſt du?“ ſagte der Großvater, indem er ſie näher an ſich zog und auf mich blickte. „Iſt's vielleicht, weil du weißſt, daß ich dich liebe, und weil du es nicht gern haſt, daß ich es durch meine Frage zu bezweifeln ſcheine? Nun, nun— dann laß uns ſagen, daß ich dich innig liebe.“ „O gewiß, gewiß, das thun Sie,“ verſetzte das Kind mit großem Eifer.„Kit kann es bezeugen.“ Kit, welcher in Verſorgung ſeines Brodes und Fleiſches bei jedem Mundvoll mit der Kaltblütigkeit eines Taſchenſpielers zwei Drittheile ſeines Meſſers verſchluckte, hielt bei dieſer Berufung in ſeinen Ope⸗ rationen inne und ſchrie:„Niemand iſt ein ſolcher Narr, es in Abrede zu ziehen,“ worauf er ſich für eine weitere Unterhaltung dadurch unfähig machte, daß er ſich mit einer gewaltigen Butterſchnitte, welche er auf einmal hineinſchob, den Mund ſtopfte. „Sie iſt jetzt arm,— ſagte der alte Mann, in⸗ dem er das Kind auf die Wange klopfte;„aber ich wiederhole es, die Zeit wird kommen, wo ſie reich ſeyn wird. Es ſteht freilich lange an, aber ſie kann unmöglich ausbleiben. Iſt ſie ja doch für Andere gekommen, die nichts thun, als ſchwelgen und ſchlemmen. Wann wird ſie für mich kommen?, 110 „Ich bin ganz glücklich ſo, wie ich bin, Groß⸗ vater,“ ſagte das Kind. „Bst, bst!“ verſetzte der alte Mann,„du ver⸗ ſtehſt es nicht— wie könnteſt du es verſtehen?“ Dann murmelte er wieder zwiſchen den Zähnen:„die Zeit muß kommen— gewiß, ſie kann nicht aus⸗ bleiben. Nur um ſo beſſer, wenn es ſpäter eintrifft.“ Dann ſeufzte er, und fiel in ſeinen früheren gedankenvollen Zuſtand zurück, wobei er das Kind noch immer zwiſchen ſeinen Knieen hielt und für die ganze Umgebung unempfindlich zu ſeyn ſchien. Inzwiſchen war die Zeit vorgerückt, ſo daß nur noch wenige Minuten bis Mitternacht fehlten. Als ich aufſtand, um mich zu entfernen, erwachte er wieder aus ſeinen Träumen. „Noch einen Augenblick, Sir,“ ſagte er.„Was ſoll das, Kit— faſt Mitternacht, und du noch hier? Geh' nach Hauſe, geh' nach Hauſe, und ſey Morgen zur Zeit da, denn es gibt Arbeit. Gute Nacht! Gib ihm gute Nacht, Nell, und laß ihn gehen.“ „Gute Nacht, Kit,“ ſagte die Kleine, und ihre Augen blitzten von Luſt und Freundlichkeit. „Gute Nacht, Miß Nell,“ erwiederte der Junge. „Und bedanke dich bei dieſem Herrn,“ fiel der alte Mann ein;„denn ohne ſeine Sorgfalt wäre mir heute Nacht mein kleines Mädchen verloren gegangen.“ „Nein, nein, Herr,“ verſetzte Ki„das iſt nichis, das iſt nichts.“ 111 „Was willſt du damit ſagen?“ entgegnete der alte Mann. „Ich würde ſie aufgefunden haben, Herr,“ ant⸗ wortete Kit;„ich würde ſie aufgefunden haben. Ich wollte wetten, daß ich ſie auffände, wenn ſie noch über dem Boden wäre; ja, das wollte ich, und ſo ſchnell als irgend Einer, Herr. Ha, ha, ha!“ Kit's Mund öffnete ſich auf's Neue, während ſich ſeine Augen verſteckten, und wie ein Stentor lachend zog er ſich rücklings nach der Thüre zurück, wo er laut hinausbrüllte. Sobald der Junge aus dem Zimmer war, zögerte er nicht länger, das Haus zu verlaſſen. Als nach ſeiner Entfernung das Kind den Tiſch abräumte, ſagte der alte Mann: 4 „Ich kann Ihnen wohl nicht genug danken für das, was Sie dieſen Abend an mir gethan haben; aber mein demüthiger Dank kommt aus dem Grunde meines Herzens, und auch bei ihr iſt es der Fall, obgleich der ihrige mehr werth iſt, als der meinige. Es thäte mir leid, wenn Sie mit dem Glauben fort⸗ gingen, ich wüßte Ihre Güte nicht zu ſchätzen oder vernachläßigte das Mädchen— nein, ein ſolcher Vorwurf kann mich ſicher nicht treffen.“ „Nach dem, was ich geſehen,“ verſetzte ich,„bin ich vollkommen überzeugt davon. Aber“— fügte ich bei—„ich möchte noch etwas fragen.“ „Und das wäre, Sir?“ erwiederte der alte Mann. 112 „Dieſes zarte Mädchen mit ſo viel Schoͤnheit und Verſtand“— fuhr ich fort—„hat ſie Niemand, der für ſie Sorge trägt, als Sie? Hat ſie keinen andern Gefährten oder Berather?“ „Nein,“ entgegnete er, ängſtlich mir in's Geſicht blickend;„nein, auch bedarf ſie keines andern.“ „Aber fürchten Sie nicht,“ ſagte ich,„daß Sie ſich in einer ſo zarten Aufgabe verſehen könnten? Ich bin überzeugt, daß Ihre Abſicht gut iſt, aber wiſſen Sie auch ganz gewiß, daß Sie einer derartigen Verpflichtung gewachſen ſind. Ich bin ein alter Mann, wie Sie, und fühle die Sorge eines alten Mannes um das, was jung und vielverſprechend iſt. Glauben Sie nicht, daß das, was ich heute Nacht von Ihnen und dieſem kleinen Weſen geſehen habe, mir ein Intereſſe einflößen muß, welches nicht ganz frei von ſchmerzlichen Empfindungen iſt?“ „Sir,“ verſetzte der alte Mann nach einem augenblicklichen Schweigen,„ich habe kein Recht, mich durch Ihre Worte gekränkt zu fühlen. Es iſt wahr, daß ich in vielen Beziehungen das Kind bin, während ſie die Erwachſene iſt— Sie haben das bereits ſelbſt geſehen. Aber wachend oder ſchlafend, bei Tag oder Nacht, in geſunden oder kranken Tagen iſt ſie der einzige Gegenſtand meiner Sorge— und wenn Sie wüßten, welcher Sorge, ſo würden Sie mich ſicherlich mit ganz andern Augen betrachten. Ach, es iſt ein mühſames Leben für einen alten Mann— ja, ein ſehr, ſehr mühſames Leben; doch — 113 es gilt, ein großes Ziel zu erringen, und das iſt es, was ich nie aus dem Auge verliere. Als ich bemerkte, daß er in einem Zuſtande von großer Aufregung und Ungeduld war, ſo wandte ich mich um, in der Abſicht, meinen Ueberrock an⸗ zuziehen, welchen ich am Eingange des Zimmers abgelegt hatte,— entſchloſſen, kein Wort mehr darüber zu verlieren. Ich war jedoch nicht wenig überraſcht, als ich das Kind geduldig, mit einem Mantel auf dem Arm und einem Hut und Stock in den Händen, an der Thüre ſtehen ſah. „Dieß gehört nicht mir, meine Liebe,“ ſagte ich. „Nein,“ verſetzte das Kind ruhig;„es gehört dem Großvater.“ „Aber er wird doch nicht heute Nacht noch ausgehen?“ „O ja, das wird er,“ ſagte das Kind mit einem Lächeln. „Und was wird aus dir, mein artiges Kind?“ „Aus mir? Ich bleibe natürlich hier. Es geſchieht immer ſo.“ 3 Ich blickte erſtaunt auf den alten Mann; aber er war mit dem Ordnen ſeines Anzugs beſchäftigt, oder that wenigſtens dergleichen. Von ihm ſah ich wieder auf die leichte, zarte Geſtalt des Kindes zurück. Allein!— an dieſem düſteren Orte die ganze lange, traurige Nacht! Sie ſchien mein Erſtaunen nicht zu bemerken, ſondern half heiter dem alten Manne den Mantel Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 8„ anlegen, und nahm, als er fertig war, ein Licht, um uns vorzuleuchten. Als ſie bemerkte, daß wir nicht folgten, wie ſie erwartet hatte, ſah ſie mit einem Lächeln zurück und harrte unſerer. Das Ge⸗ ſicht des alten Mannes zeigte deutlich, daß er meine Zögerung verſtand, aber er deutete mir blos durch eine Neigung des Kopfes an, daß ich voranſpazieren möchte und blieb ſtumm. Ich hatte keine andere Wahl, als zu willfahren. Als wir die Thüre erreichten, ſtellte das Kind den Leuchter nieder, ſchickte ſich an, ſich von uns zu verabſchieden und erhob ihr Köpfchen, um mich zu kuͤſſen. Dann eilte ſie auf den alten Mann zu, der ſie umarmte und Gottes Segen auf ſie herab⸗ wünſchte. „Schlaf wohl, Nell,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme.„Mögen die Engel an deinem Bette wachen. Vergiß dein Gebet nicht, meine Liebe.“ „Nein, gewiß nicht,“ antwortete das Kind mit Wärme;„ich fühle mich ſo glücklich darauf.“ „Recht ſo; ich weiß, daß es ſo iſt und ſo ſeyn muß,“ entgegnete der alte Mann.„Gott ſegne dich tauſendmal. Morgen früh werde ich wieder zurück⸗ kommen.“ „Sie brauchen nicht zweimal zu läuten,“ erwie⸗ derte das Kind.„Die Klingel wird mich wecken, ſelbſt wenn ich mitten im Träumen bin.“ Mit dieſen Worten trennten ſie ſich. Das Kind öffnete die Thüre, welche jetzt durch einen Laden ge⸗ F —9ß;— 115 ſchützt war(ich hatte gehört, wie der Junge, ehe er das Haus verließ, denſelben vorgelegt hatte) und nach einem weitern Lebewohl, deſſen hellen und klaren Ton ich mir ſeitdem zu tauſendmalen vergegen⸗ wärtigt habe, harrte ſie, bis wir hinausgegangen waren. Der alte Mann blieb einen Augenblick ſtehen, während ſie von innen leiſe die Thüre ver⸗ ſchloß und verriegelte, und ſobald dieß zu ſeiner Zufriedenheit geſchehen war, ging er langſam weiter. An der Straßenecke machte er Halt, betrachtete mich mit einem unruhigen Geſichte und ſagte, unſere Wege ſeyen ſehr verſchieden, weßhalb er hier Abſchied nehmen müſſe. Ich hatte noch manches auf dem Herzen, aber er eilte mit einer Behendigkeit weiter, die ich von einem Manne ſeines Aeußeren nicht er⸗ wartet hätte. Ich konnte ſehen, daß er noch zwei oder dreimal zurückblickte, als wolle er ſich über⸗ zeugen, ob ich ihm noch immer nachſchaue, vielleicht aber auch, um ſich zu vergewiſſern, daß ich ihm nicht in der Entfernung folge. Die Dunkelheit der Nacht begünſtigte ſein Verſchwinden und ſeine Ge⸗ ſtalt war mir bald aus dem Auge. Ich blieb an der Stelle ſtehen, wo er von mir geſchieden, ohne eigentlich zu wiſſen, warum ich es that. Gedankenvoll blickte ich in die Straße, die wir eben verlaſſen hatten, und nach einer Weile lenkte ich meine Schritte dahin zurück. Ich ging einigemale an dem Hauſe auf und ab, machte Halt 8* 116 und horchte an der Thüre; alles war dunkel und ſtill wie ein Grab. Demungeachtet weilte ich noch und konnte mich nicht losreißen, indem ich mir alles mögliche Un⸗ gemach vergegenwärtigte, welches dem Kinde wider⸗ fahren könnte. Ich dachte an Feuer, Räuber, ſogar an Mord, und es war mir, als müßte etwas Arges folgen, wenn ich der Stelle den Rücken kehrte. Jedes Schließen einer Thüre oder eines Fenſters brachte mich auf's Neue vor die Behauſung des Raritäten⸗ krämers. Ich ging über den Weg und ſah an dem Gebäude hinauf, um mich zu überzeugen, daß der Ton nicht von dorther gekommen ſey. Nein— da war alles ſchwarz, kalt und leblos, wie zuvor. Nur wenige Spätlinge waren noch unterwegs; die Straße war traurig und unheimlich und gehörte ſo ziemlich mir allein an. Etliche Perſonen, die aus einem Theater zurückkamen, eilten an mir vor⸗ bei, und hin und wieder trat ich etwas bei Seite, um irgend einem lärmenden, nach Hauſe wankenden Trunkenbold aus dem Wege zu gehen; doch kamen dieſe Unterbrechungen ſelten vor und hörten bald ganz und gar auf: die Glocken ſchlugen Eins. Noch immer ging ich auf und ab, jeden Augenblick im Begriffe, mich zu entfernen, aber ſtets wieder mein Vorhaben aufgebend, indem ich mich durch einen neuen Vorwand beſchwichtigte. Je mehr ich über die Worte des alten Mannes, ſeine Blicke und ſein ganzes Benehmen nachdachte, 117 deſto weniger konnte ich mir alles, was ich gehört und geſehen hatte, erklären. Eine unheimliche Ahnung beſchlich mich, daß ſeine nächtliche Abweſenheit nichts Gutes erzwecke. Nur die Unſchuld des Kindes hatte mich in die Thatſache eingeweiht, und obgleich der alte Mann zugegen war und mein unverhehltes Erſtaunen bemerkte, ſo hatte er doch den Schleier des Geheimniſſes über die Sache geworfen und kein Wort der Erklärung geſprochen. Dieſe Betrachtungen riefen mir natürlich ſein abgezehrtes Geſicht, ſein unſtätes Benehmen und ſeine fortwährend ängſtlichen Blicke lebhafter als je in's Gedächtniß. Seine Liebe zu dem Kinde konnte ſich möglicher Weiſe wohl mit einer Büberei der ſchlimmſten Art vertragen; ſelbſt dieſe Liebe war an ſich ſelbſt ein ungemeiner Wider⸗ ſpruch— wie hätte er ſie ſonſt ſo verlaſſen können? Ich war einmal aufgelegt, Schlimmes von ihm zu auch nicht an die Auf⸗ richtigkeit ſeiner Liebe glauben. Und doch konnte ich erinnerte, was zwiſchen uns vorgefallen war— wenn ich mir den T Namen rief. „Ich bleibe natürlich hier,“ hatte das Kind als Antwort auf meine Frage geſagt;„es geſchieht immer ſo.“ Was konnte ihn des Nachts aus dem Hauſe führen— und noch obendrein jede Nacht? Ich rief mir all' die wunderlichen Sagen in's Ge⸗ dächtniß, die ich je von finſtern und geheimen 118 Thaten gehört hatte, welche in großen Städten be⸗ gangen und eine lange Reihe von Jahren nicht entdeckt worden waren. So fantaſtiſch auch viele dieſer Ge⸗ ſchichten waren, ſo konnte ich doch nicht eine finden, welche eine Aehnlichkeit mit dem gegenwärtigen Falle gehabt hätte, und das Ganze wurde mir nur um ſo räthſelhafter, je mehr ich mich um einen Aufſchluß abmühte. Mit ſolchen und einer Menge ähnlicher Gedanken beſchäftigt, fuhr ich fort, zwei lange Stunden in der Straße auf und ab zu gehen. Endlich begann ein ſchwerer Regen niederzufallen, und von Ermattung überwältigt, obgleich mein Intereſſe ungemindert blieb, miethete ich die nächſte Kutſche, um mich nach Hauſe bringen zu laſſen. Ein luſtiges Feuer praſſelte auf dem Herde, die Lampe brannte hell, meine Uhr empfing mich mit ihrem alten, traulichen Bewillkommungsgruße; alles war ruhig, warm, be⸗ haglich und in einem erfreulichen Gegenſatze zu dem unheimlichen Dunkel, das ich eben verlaſſen hatte. Doch die ganze Nacht über, im Wachen und Schlafen, kehrten ſtets dieſelben Gedanken wieder zurück und die gleichen Bilder beſchäftigten mein Gehirn. Immer ſtanden die alten, finſtern, düſtern Stuben— die Reihe von Harniſchen mit ihrem geſpenſtig⸗ſtummen Ausſehen— die ſchielenden Ge⸗ ſichter, die mich aus dem Holze und Steine an⸗ grinsten— der Staub, der Moder und der Wurm, welcher in dem Holze lebt— vor meinen Augen, n, 419 und allein in Mitte all' dieſes Gerümpels, dieſes Verfalls und dieſer häßlichen Alterthümer das ſchöne Kind in ſeinem ſanften Schlummer, durch ſeine lichten und ſonnigen Träume lächelnd. Correſpondenz. Maſter Humphrey wurde mit dem folgenden Brief beehrt, der auf ſehr ſtark duftendes Papier geſchrieben und mit hellblauem Lack geſiegelt war; die Deviſe des Siegels beſtand aus zwei ſehr fetten Tauben, welche ſich ſchnäbeln. Er beginnt mit keiner der üblichen Formen, ſondern lautet buch⸗ ſtäblich, wie folgt: Bath, Mittwoch Nachts. Himmel! Zu welcher Unbeſonnenheit laß ich mich verlocken! Dieſe ſtotternden Zeilen n an einen Landfremden zu richten — und noch obendrein an einen Fremden, der dem feindlichen Geſchlecht ange⸗ hört!— Und doch ſtürze ich mich in den Abgrund ohne die Macht einer Selbſtaufraffung(entſchuldigen Sie dieſes neugeſchaffene Wort) vor dem gährenden Schlunde, der ſich vor mir aufthut. Ja, ich ſchreibe an einen Mann; doch laſſen Sie mich gar nicht daran denken— ſchon in dem Gedauken liegt Wahnſinn. Sie werden meine Ge⸗ fühle verſtehen? O ja! Gewiß, Sie werden es— und werden ſie auch achten, nicht mit Gering⸗ ſchätzung behandeln— nicht wahr? 120 Ich will ruhig ſeyn. Jenes Porträt— lächelnd, wie es einſt mir zulächelte— jener Stock, ſich ſchwingend, wie ich ihn(was weiß ich, wie oft) in ſeiner Hand ſich ſchwingen ſah— jene Beine, die ſo oft durch meine nächtlichen Träume glitten und nie anhielten, um zu ſprechen— jenes vollkommen gentlemäniſche, obgleich treuloſe, Original— könnte ich mißverſtanden werden? O nein, nein. Ich will noch ruhiger ſeyn; ich möchte ſo ruhig ſeyn, wie Särge. Sie haben den Brief eines Mannes veröffentlicht, deſſen Bild Sie beifügten, aber deſſen Name(und warum) nicht genannt iſt. 3 Soll ich dieſen Namen hauchen? Iſt es— doch warum fragen, wenn mir mein Herz ſo laut und wahr zuruft, daß er es iſt. Ich möchte ihm ſeinen Verrath nicht zum Vor⸗ wurf machen, ich möchte ihn nicht an die Zeiten erinnern, wo er mir die beredteſten Gelübde zuſchwur und ein kleines Geldanlehen bei mir machte— und doch, ich möchte ihn ſehen— ihn ſehen, ſagte ich? — Ihn— ach! ſo iſt die Natur des Weibes. Den wie der Dichter ſo ſchön ſagt— doch Sie haben meine Gefühle bereits errathen. Sind ſie nicht ſüß? O ja!— Es war in dieſer Stadt(geheiligt durch die Erinnerung), wo ich ihn zuerſt traf, und gewiß, wenn das Glück der Sterblichen irgendwo aufge⸗ zeichnet wird, ſo müſſen jene Whiſtpartieen mit ihren drei und ſechs Pencen für den Point auf 121 Tafeln himmliſchen Erzes prangen. Er hatte immer einen Honeur, nicht ſelten auch zwei. An jenem verhängnißvollen Abend ſtanden wir auf Acht. Er erhob ſeine Augen(leuchtend von verführeriſcher Süßigkeit) zu meinem bewegten Antlitz.„Können Sie!“ ſagte er mit einem vielſagenden Ausdruck, Ich fühlte den zarten Druck ſeines Fußes auf dem meinigen; unſere Hühneraugen klopften im Einklange. „Können Sie?“ ſagte er wieder, und jeder Zug ſeines ausdrucksvollen Geſichtes fügte die Worte bei: „mir widerſtehen?“ Ich flüſterte:„Nein,“ und ſank in Ohnmacht. Es hieß, als ich wieder zu mir kam, das Wetter ſey Schuld daran. Ich ſagte, es ſey die Muscatnuß im Glühwein. Wie wenig ehreten ſie die Wahrheit! Wie wenig erriethen ſie den tiefen, geheimnißvollen Sinn jener Frage! Er beſuchte mich des andern Morgens auf ſeinen Knieen— ich will damit nicht gerade ſagen, daß er in dieſer Stellung vor meine Hausthüre kam, ſondern daß er ſich auf dieſe Glieder niederließ, ſobald ſich der Diener entfernt hatte. Er brachte einige Verſe in ſeinem Hut, die er ſelbſt gemacht zu haben vorgab— ich habe ſie übrigens ſeitdem im Milton gefunden; deßgleichen auch ein kleines Fläſchchen, mit„Opium“ überſchrieben, eine Piſtole und einen Stockdegen. Er zog den letzteren, entkorkte das erſtere und ſpannte den Hahn des Mordgewehrs. Er war gekommen, wie er ſagte, um zu ſiegen, oder zu ſterben. Er 122 ſtarb nicht. Er entrang mir ein Geſtändniß meiner Liebe und ſchoß die Piſtole durch ein Hinterfenſter ab, als Einleitung zu einem kleinen Mahle, das er mit mir einnahm. Treuloſer, unbeſtändiger Mann! Wie viele Menſchenalter ſcheinen mir entſchwunden zu ſeyn, ſeit er ſich auf eine unerklärliche, verrätheriſche Weiſe unſichtbar machte! Könnte ich ihm doch bei⸗ des vergeben, dieß und den geborgten Gewinn, den er mir in der nächſten Woche wieder zu erſtatten verſprach! Könnte ich ihn mit den Füßen von mir ſtoßen, wenn er ſich mir reuig und mit einem Heirathsantrage näherte. Würde der ſchmeichelnde Zauberer noch immer ſeine magiſchen Ketten um mich weben, oder würde ich ſie alle zerreißen und mich kalt abwenden? Ich wage es nicht einmal bei dem Gedanken daran, auf meine Schwäche zu bauen.— Mein Gehirn kreist wieder. Sie kennen ſeine Adreſſe, ſeine Beſchäftigung, ſeine Lebensweiſe und ſind vielleicht der Vertraute ſeiner geheimſten Ge⸗ danken. Ihr Charakter iſt leutſelig und menſchen⸗ freundlich— theilen Sie mir Alles mit, was Sie wiſſen— Alles; beſonders aber die Straße und die Nummer des Hauſes, wo er wohnt. Die Poſt geht ab, der Briefſammler ſchellt— gib, o Himmel, daß es nicht die Todtenglocke ſey der Liebe und der Hoffnung von Belinda. 123 P.§. Entſchuldigen Sie das Irrereden einer ſchlechten Feder und eines verſtörten Geiſtes. Adreſſe bei der Poſt. Der Briefſammler, ungeduldig über den Verzug, ſchellt fürchterlich in der Hausflur. P. P. S. Ich muß mein Schreiben nochmal öffnen, um zu ſagen, daß der Briefſammler fort⸗ gegangen iſt und daß Sie daſſelbe daher erſt mit der nächſten Poſt erwarten dürfen. Wundern Sie ſich daher nicht, wenn Sie es nicht erhalten. Maſter Humphrey fühlt ſich nicht ermächtigt, ſeiner ſchönen Correſpondentin die Adreſſe des frag⸗ lichen Gentlemens mitzutheilen, veröffentlicht aber hier ihren Brief als einen Aufruf an ſeine Treue und ſeine Galanterie. Ein Beſuch bei Maſter Humphrey. Wenn ich in einer gedankenvollen Stimmung bin, ſo gelingt es mir nicht ſelten, den Gang ſchmerzlicher Betrachtungen dadurch abzulenken, daß ich eine Menge fantaſtiſcher Ideen, welche mit den Gegenſtänden meiner Umgebung in Verbindung ſtehen, heraufbeſchwöre und bei den Scenen und Zügen verweile, welche ſie mir an die Hand geben. Durch dieſe Gewohnheit wurde ich veranlaßt, jedem Zimmer in meinem Hauſe, jedem alten von der Wand herabſtarrenden Porträt irgend eine be⸗ ſondere Bedeutung beizulegen. So beredete ich mich, daß eine ſtattliche Dame, welche über dem Kamin⸗ geſims meines Schlafgemachs hängt und ſich in ihrer ſtarren Beſcheidenheit ganz ſchrecklich ausnimmt, eine frühere Beſitzerin dieſes Hauſes vorſtelle. Unten in dem Hofraum beſindet ſich ein ungemein häßliches, ſteinernes Geſicht, das ich irgendwie— ich fürchte, aus einer Art von Eiferſucht— mit ihrem Gatten 125 in Verbindung bringe. Ueber meinem Studirzimmer liegt ein kleines Gemach, durch deſſen Fenſtergitter der Epheu hereinrankt: dahin verſetze ich ihre Tochter, ein liebenswürdiges Mädchen von achtzehn oder neunzehn Jahren, gehorſam in jeder Beziehung, eine einzige ausgenommen— nämlich ihre treue Zuneigung zu einem jungen Gentleman eine Treppe weiter oben, deſſen Großmutter, welche nach einem unbenützten Waſchhaus im Garten verwieſen wurde, in Folge eines alten Familienzwiſtes die unverſöhn⸗ liche Feindin ihrer Liebe iſt. Mit ſolchen Materia⸗ lien ausgeſtattet, arbeite ich manches kleine Drama aus, deſſen Hauptverdienſt darin beſteht, daß ich es ganz nach Belieben zu einem glücklichen Ende bringen kann. Ich habe manches der Art zur Hand, ſo daß ich beinahe glaube, wenn ich eines Abends nach Hauſe zurückkäme und fände einen barſchen, alten Kerl aus dem vorletzten Jahrhundert gemächlich in meinem Sorgenſtuhle ſitzen, vor ihm ein liebeſieches Dämchen, welche in dem vergeblichen Verſuch, ſein altes Herz zu erweichen, ihren weißen Arm auf meine Uhr lehnte— ich würde meine Ueberraſchung nur dahin ausdrücken, daß ſie mich ſo lange warten ließen und mich nicht ſchon früher mit einem Beſuch beehrten. In einer ſolchen Stimmung befand ich mich, als ich geſtern morgen unter dem Schatten eines Lieblingsbaumes in meinem Garten ſaß, ſchwelgend in dem Blütenprunke um mich her und voll Hoff⸗ 126 nung und Freude, welche dieſe ſchönſte Zeit des Frühjahrs in mir weckte. Da wurden meine Be⸗ trachtungen plötzlich durch die unverhoffte Erſcheinung meines Barbiers unterbrochen, welcher ſich am Ende der Allee zeigte und mit ſo haſtigen Schritten auf mich zukam, daß ich wohl ſehen konnte, er habe etwas Wichtiges auf dem Herzen. Mein Barbier iſt zu allen Zeiten ein munteres, geſchäftiges, rühriges Männchen— denn er iſt, ſo zu ſagen, pauspackig am ganzen Leibe, ohne deßhalb gerade plump oder ungelenkig zu ſeyn— aber geſtern war ſeine Beweglichkeit ſo ungewöhnlich, daß ich nicht wenig dadurch überraſcht wurde. Auch ent⸗ ging es mir bei ſeinem Näherkommen nicht, daß ſeine Augen auf eine ganz außerordentliche Weiſe blinzelten, daß ſeine kleine rothe Naſe in ungewöhn⸗ licher Glut ſtrahlte, daß jeder Zug ſeines runden, glänzenden Geſichts zu einem Ausdruck vergnügten Staunens verzogen war und daß ſeine ganze Phy⸗ ſiognomie vor Luſt leuchtete. Noch mehr erſtaunte ich aber, als ich ſah, daß meine Haushälterin, trotz ihrer gewöhnlichen Geſetztheit und der Würde, welcher ſie nichts zu vergeben pflegt, um eine Ecke nach dem Ende der Allee ſchaute und lächelnde Winke wechſelte mit dem Barbier, welcher aus dieſem Grunde auch zu wiederholten Malen über die Achſel zurückblickte. Ich konnte mir nicht denken, wozu dieſes Vorſpiel dienen ſollte, wenn es nicht allenfalls die Ankün⸗ —ę— 2 Dq———— 127 digung erzweckte, daß ſie ſich dieſen Morgen gehei⸗ rathet hätten. Ich fühlte mich daher etwas getäuſcht, als end⸗ lich herauskam, daß ein Herr im Hauſe ſey, der mich zu ſprechen wünſche. „Und wer iſt es?“ fragte ich. Der Barbier machte ein noch verſchmitzteres Geſicht, als zuvor, und erwiederte, der Herr habe ſeinen Namen nicht ſagen wollen, wünſche aber, mich zu beſuchen. Ich ſann einen Augenblick nach und machte mir Gedanken, wer wohl dieſer Beſuch ſeyn könnte, bei welcher Gelegenheit ich gewahr wurde, daß das Geberdenſpiel mit der entfernt ſtehenden Haushälterin fortwährte. „Nun,“ ſagte ich,„ſo laſſen Sie den Herrn hereinkommen.“ Hiemit ſchienen alle Hoffnungen des Barbiers erfüllt zu ſeyn, denn er wandte ſich ſchnell um und eilte fort. Nun iſt aber mein Geſicht für die Ferne nicht beſonders gut, und als der Herr in die Alle eintrat, wußte ich nicht recht zu unterſcheiden, ob es ein Fremder, oder ein Bekannter war. Es ſchien ein ältlicher Mann zu ſeyn; aber er kam auf die luſtigſte Weiſe von der Welt herangetrippelt, der Garten⸗ walze und den Beeträndern mit unnachahmlicher Geſchicklichkeit ausweichend, wabei er ſich durch die Blumentöpfe ſeinen Weg ſuchte und mit unaus⸗ 128 ſprechlich guter Laune lächelte. Ehe er noch die Allee halb herauf gekommen war, fing er an, mich zu becomplimentiren; dann dachte ich, ich müßte ihn kennen; aber als er mit dem Hute in der Hand mir näher kam und vie Sonne ſein kahles Haupt, ſein freundliches Geſicht, ſeine glänzende Brille, ſeine rehfarbigen Beinkleider und ſeine ſchwarzen Gamaſchen beleuchtete— da erwarmte mein Herz gegen ihn und ich fühlte die feſte Ueber⸗ zeugung in mir, daß es Herr Pickwick ſey. „Mein lieber Herr,“ ſagte dieſer Ehrenmann, als ich aufſtand, um ihn zu bewillkommnen,„ich bitte, bleiben Sie doch ſitzen; bitte recht ſehr. Um meinet⸗ willen dürfen Sie nicht aufſtehen— durchaus nicht.“ Mit dieſen Worten drückte mich Herr Pickwick freundlich auf meinen Stuhl nieder, ergriff meine Hand und ſchüttelte ſie zu wiederholtenmalen mit einer eigentlich hinreißenden Wärme. Ich verſuchte, in meiner Bewillkommnung einiges von der Herzlichkeit und Freude auszudrücken, welche ſein Anblick in mir weckte, und bat ihn, an meiner Seite Platz zu neh⸗ men. Dieſe ganze Zeit über hatte er meine Hand bald fahren laſſen, bald wieder ergriffen, und mich durch ſeine Brille mit einem ſo ſtrahlenden Geſichte betrachtet, wie ich nie zuvor eines geſehen. „Sie haben mich gleich erkannt?“ ſagte Herr Pickwick.„Welche Freude macht mir der Gedanke, daß ſie mich gleich erkannten!“ N2 S8ð 129 Ich bemerkte ihm, ich hätte ſeine Abenteuer oft geleſen und ſeine Züge wären mir aus den ver⸗ öffentlichten Bildern nicht fremd. Da ich außerdem die Gelegenheit für äſend hielt, ſo bezeugte ich ihm auch mein Beileid über die verſchiedenen Schmäh⸗ ſchriften auf ſeinen Charakter, welche durch die Preſſe zur Oeffentlichkeit gekommen waren. Herr Pickwick ſchüttelte den Kopf und machte für einen Augenblick ein ſehr entrüſtetes Geſicht; dann lächelte er aber gleich wieder und fügte bei, ich werde ohne Zweifel Cervantes' Einleitung in den zweiten Theil des Don Quirote kennen, in welcher ganz ſeine Anſichten über den Gegenſtand ausgedrückt ſeyen. „Aber nimmt Sie's nicht Wunder, wie ich Sie aufgefunden habe?“ fuhr Herr Pickwick fort. „Ich will mich nie darüber wundern und, mit Ihrem Wohlnehmen, es auch nie wiſſen,“ verſetzte ich gleichfalls lächelnd.„Es iſt für mich genug, daß mir dieſe Freude zu Theil wurde, und ich habe nicht das mindeſte Verlangen, zu erfahren, welchen Mitteln ich ſie verdanke.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ entgegnete Herr Pickwick, indem er mir abermals die Hand drückte.„Sie ſind ganz ſo, wie ich Sie erwartete. Aber was glauben Sie wohl, aus welchem Grunde ich Sie aufgeſucht habe, mein lieber Herr? Was halten Sie von dem Zwecke meines Hieherkommens?“ Herr Pickwick ſtellte dieſe Frage, als wäre er Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 9 feſt überzeugt, es ſey eine moraliſche Unmöglichkeit, auf irgend eine Weiſe den tiefen Zweck ſeines Beſu⸗ ches zu ahnen, und als liege derſelbe ganz außer dem menſchlichen Geſichtskreiſe. Ich that daher, obgleich ich denſelben mit Freude vorausſah, als könne ich ihn durchaus nicht errathen, und ſchüttelte nach kurzem Beſinnen, wie ein Mann, der die Lö⸗ ſung eines Räthſels aufgibt, den Kopf. „Was würden Sie ſagen,“ fuhr Herr Pickwick fort, indem er den Zeigefinger ſeiner linken Hand auf meinen Rockärmel legte und mich mit zurückgeworfe⸗ nem Kopfe etwas von der Seite anſahe,„was wür⸗ den Sie ſagen, wenn ich zugeſtände, daß ich nach Durchleſung Ihres Berichts über Sie und Ihre kleine Geſellſchaft hergekemmen bin, um mich demüthig als Bewerber für einen jener leeren Stühle vorzuſtellen?“ „Ich würde ſagen,“ erwiederte ich,„daß ich nur einen einzigen Umſtand kenne, welcher mir jene kleine Geſellſchaft noch theurer machen würde, und dieß wäre der Beitritt meines alten Freundes,— denn Sie müſſen mir geſtatten, Sie ſo zu nennen, — meines alten Freundes, des Herrn Pickwick-"“ Bei dieſer Antwort ſchmolz jeder Zug von Herrn Pickwick's Geſicht in einen Alles durchdringenden Ausdruck von Freude zuſammen. Nachdem er mir herzlich beide Hände zumal geſchüttelt hatte, klopfte er mich ſanft auf den Rücken, und dann— ich konnte mir wohl erklären warum— erröthete er bis über — 131 die Augen und ſprach, mit einem großen Ernſt in ſeinen Mienen, die Hoffnung aus, daß er mir nicht weh gethan habe. Wäre es auch der Fall geweſen, ſo würde ich mir doch lieber hundertmal einen ſolchen Händedruck haben gefallen laſſen, als daß ich dieß zugeſtanden hätte; ſo aber wurde es mir nicht ſchwer, den Ge⸗ genſtand der Unterhaltung zu ändern und auf eine Frage überzugehen, die mir ſchon zwanzigmal auf den Lippen geſchwebt hatte. „Sie haben mir aber noch nichts von Sam Weller erzählt?“ begann ich. „Ah, Sam,“ verſetzte Herr Pickwick;„er iſt noch immer der alte,— ſtets dieſelbe treue und zuver⸗ läßige Seele, die er ſtets geweſen. Was kann ich viel weiter von Sam ſagen, mein lieber Herr, als daß er jeden Tag meines Lebens für mein Glück und meine Gemächlichkeit unentzehrlicher wird?“ „Und der alte Herr Weller?“ fuhr ich fort. „Der alte Herr Weller,“ entgegnete Herr Pick⸗ wick,„iſt in keiner Hinſicht anders geworden als Sam, es müßte nur ſeyn, daß er in der jüngſten Zeit etwas eingebildeter und vielleicht auch hin und wieder etwas geſchwätziger wurde. Er bringt jetzt einen guten Theil ſeiner Zeit in unſerer Nachbarſchaft zu, und hat ſich ſo ſehr zu einem Theile meiner Leibwache gemacht, daß ich fürchte, wenn ich an Wanduhrnächten um Zulaſſung Sam's zu einem Sitz 9* in ihrer Küche bitte(vorausgeſetzt, daß Ihre drei Freunde mich für würdig halten, einen der Stühle auszufüllen) oft auch Herrn Weller mit einſchließen zu müſſen.“ Ich erklärte mich gerne bereit, ſowohl Sam als ſeinem Vater zu allen Stunden und Tageszeiten freien Zutritt in meinem Hauſe zu geſtatten, und nachdem dieſer Punkt bereinigt war, gingen wir auf eine lange Unterhaltung über, die auf beiden Seiten mit ſo wenig Zurückhaltung geführt wurde, als wären wir von Jugend auf die innigſten Freunde geweſen; ich gewann daraus auch die tröſtliche Ueberzeugung, daß die Schwungkraft von Herrn Pickwicks Geiſt, wie überhaupt auch alle ſeine bekannten liebenswür⸗ digen Charakterzüge, durchaus in nichts verloren hatten. Da er von der Einwilligung meiner Freunde als von einem Umſtande geſprochen hatte, der noch nicht mit Beſtimmtheit anzunehmen ſey, ſo verſicherte ich ihm wiederholt, daß man ſein Anſinnen gewiß mit der größten Freude aufnehmen würde, und bat ihn mehreremale um die Erlaubniß, ihn Jack Red⸗ burn und Herrn Miles, welche in der Nähe waren, ohne weitere Ceremonie vorſtellen zu dürfen. Auf einen ſolchen Vorſchlag wollte jedoch Herrn Pickwick's Zartgefühl durchaus nicht eingehen, denn er beſtand darauf, ſeine Wahl müſſe zuvor förmlich debattirt werden, und ſo lange dieß nicht geſchehen ſey, könne er nicht daran denken, ſich weiter aufzu⸗ 133 dringen. Alles, was ich von ihm erlangen konnte, beſtand in einem Verſprechen, daß er am nächſten Zuſammenkunftsabend erſcheinen und mir das Ver⸗ gnügen verſchaffen wolle, ihn unmittelbar nach ſeiner Erwählung vorzuſtellen. Nachdem mir Herr Pickwick unter vielem Errö⸗ then eine kleine Rolle Papier, welche er ſeine„Be⸗ fähigung“ nannte, in die Hand geſteckt hatte, ſtellte er mehrere Fragen hinſichtlich meiner Freunde und namentlich hinſichtlich des Jack Redburn an mich, den er wiederholt einen„charmanten“ Burſchen nannte, und den er, wie ich ſehen konnte, ſehr in Affection genommen hatte. Sobald ich ihm über dieſe Punkte befriedigende Auskunft ertheilt hatte, nahm ich ihn mit auf mein Zimmer, damit er ſich mit der alten Stube, welche das Lokal für unſere Zuſammenkünfte abgab, bekannt machen möge. „Dieß iſt alſo“— begann Herr Pickwick, ſtehen bleibend—„dieß iſt alſo die Wanduhr? Du lieber Himmel! Dieß iſt alſo wirklich die alte Wanduhr?“ Ich meinte, er werde gar nicht mehr von ihr loskommen können. Nachdem er ſich ihr ganz ſachte genähert und mit ſo viel Reſpekt und ſo vielen lä⸗ chelnden Blicken, als wäre ſie ein lebendes Weſen, die Hand auf ſie gelegt hatte, ſchickte er ſich an, ſie in jeder nur möglichen Richtung zu betrachten, indem er bald auf einen Stuhl ſtieg, um ſie von oben beſichtigen zu können, bald ſich auf die Kniee niederließ, um ihr Untergeſtell zu unterſuchen, bald 134 die Seiten beſchaute, ſo daß ſeine Brille faſt den Kaſten berührte, und bald zwiſchen ihr und der Wand durch⸗ zuſehen verſuchte, um ſich auch von ihrer Rückwand eine Vorſtellung machen zu können. Dann trat er einen oder zwei Schritte zurück, um den Weiſer gehen zu ſehen, worauf er aber gleich wieder näher kam unnd den Kopf an eine Seite hielt, damit er den Pendel picken höre. Auch unterließ er es nicht, alle Augenblicke nach mir zu ſchauen, wobei er in einer ſo gemüthlichen Zufriedenheit mit dem Kopfe nickte, daß ich ſie unmöglich zu beſchreiben vermag. Seine Bewunderung beſchränkte ſich jedoch nicht auf die Wanduhr allein, ſondern dehnte ſich auf jeden Gegenſtand in der Stube aus, wie er ſich denn auch, nachdem er jeden derſelben einzeln gemuſtert hatte, nach einander auf jeden der ſechs Stühle ſetzte, um zu verſuchen, wie ſich's darauf ſitzen laſſe: und all⸗ dieß geſchah in einer ſo gemüthlichen Laune, wie ich es nie geſehen, und die Glückſeligkeit ſeines Innern leuchtete von ſeiner glänzenden Glatze an bis auf den letzten Gamaſchenknopf hinunter. Es wäre mir ſehr angenehm geweſen, und würde mir gewiß auch zur Quelle des größten Vergnügens geworden ſeyn, wenn er den gan⸗ zen Tag bei mir zugebracht hätte; allein mein Liebling, die Uhr, erinnerte ihn durch ihre Schläge, daß er ſich verabſchieden müſſe. Ich konnte es nicht unterlaſſen, ihm noch einmal zu ſagen, wie ſehr mich ſein Beſuch erfreut hätte, und auf dem ganzen Wege im rn uf in⸗ ein ge, ege 13⁵ die Treppe hinunter ſchüttelten wir uns ohne Unter⸗ laß die Hände. Wir waren nicht ſo bald in der Halle angelangt, als meine Haushälterin aus ihrem Kämmerchen ſchlüpfte(ſte hatte, wie ich bemerkte, ihr Kleid und ihre Haube gewechſelt) und Herrn Pickwick mit ihrem freundlichſten Lächeln und ihren beſten Knixen be⸗ grüßte, während der Barbier, welcher that, als ver⸗ ließe er eben zufällig das Haus, ihm eine Unzahl von Verbeugungen machte. Auf die Knixe der Haushälterin verbeugte ſich Herr Pickwick mit der größten Höflichkeit, und ſo oft er ſich verbeugte, knixte die Haushälterin abermal: es iſt gewiß nicht zu viel behauptet, wenn ich ſage, daß ſich Herr Pickwick gegen die Haushälterin und den Barbier mit unge⸗ minderter Leutſeligkeit wenigſtens fünfzigmal hin und her drehte und Verbeugungen machte. Ich begleitete ihn zur Hausthüre. Eben fuhr ein Omnibus um die Straßenecke, welchen Herr Pickwick anrief und ihm mit außerordentlicher Be⸗ hendigkeit nacheilte. Als er ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, wandte er ſich um, und da er ſah, wie ich ihm noch immer nachblickte und mit der Hand zuwinkte, machte er Halt, augenſcheinlich unſchlüſ⸗ ſig, ob er nicht zurückkommen und mir abermals die Hand geben ſolle. Der Omnibusconducteur ſchrie ihm zu, und Herr Pickwick fing wieder an zu laufen: dann ſah er abermals nach mir um und eilte wieder eine kleine Strecke zurück. Ein wiederholter Ruf des 136 Omnibusmannes veranlaßte ihn, aufs neue ſeine Richtung zu ändern. Nach etlichem ſolchem Hin⸗ und Herſchwanken brachte der Conducteur die Frage dadurch ins Reine, daß er Herrn Pickwick am Arm ergriff und in den Wagen ſchob; aber das Letzte, was er that, beſtand darin, daß er das Fenſter hinabließ und, während er weiter fuhr, mit dem Hute mir zuwinkte. Ich öffnete ohne Zögern das Päckchen, welches er mir zurückgelaſſen hatte; es enthielt Folgendes: Herrn Pickwick's Erzählung. Erſtes Kapitel. Vor einer Reihe von Jahren lebte der alte John Podgers in der Stadt Windſor, wo er geboren wor⸗ den war und im Laufe der Zeit ganz gut und gemächlich der Erde heimgegeben wurde. Man darf mir's glauben, daß in den Zeiten Königs Jakob I. Windſor eine ſehr nette, wunderliche, alte Stadt war; deßgleichen war aber auch John Podgers ein ganz netter, wunderlicher, alter Kauz, wie man mir kecklich nachſagen darf. Er und Windſor paßten daher prächtig für einander, wie ſie ſich auch ſelten— wäre es auch nur für einen halben Tag— von einander trennten. John Podgers war breit, unterſetzt, holländiſch gebaut, von nicht ſonderlicher Höhe, aund ein ſehr ſtarker Eſſer, wie es bei Leuten von ſeiner Figur häufig der Fall iſt. Da er auch gerne viel ſchlief, 137 ſo theilte er ſeine Zeit recht hübſch zwiſchen den bei⸗ den letztgenannten Unterhaltungen, indem er jedesmal einſchlummerte, wenn er geſpeist hatte, und ſobald ſein Schläfchen vorbei war, wieder nach dem Teller griff— Beſchäftigungen, in deren Folge er immer beleibter und mit jedem Tage ſchläfriger wurde. In der That pflegte man auch von ihm zu ſagen, daß er, wenn er vor dem Mittageſſen auf der Sonnen⸗ ſeite der Straße auf- und abſchlenderte(was er bei ſchönem Wetter nie unterließ) ſich ſeines geſundeſten Schlafes erfreute, obgleich viele Leute dieß für eine Fabel hielten: denn ſie hatten ihn an Markttagen mehreremale den fetten Ochſen nachſchauen ſehen, und achtbare, glaubwürdige Perſonen wollen wiſſen, daß er bei dem Anblicke kicherte und mit großem Ver⸗ gnügen:„lebendiges Rindfleiſch, lebendiges Rind⸗ fleiſch!“ vor ſich hinſprach. In Folge dieſes Zeug⸗ niſſes geſchah es, daß die weiſeſten Leute in Windſor (natürlich von der Ortsobrigkeit an gerechnet) der Meinung waren, John Podgers ſey ein Mann von gutem und geſundem Verſtande— vielleicht nicht gerade aufgeweckt, ſondern eher etwas träge und ſchlagflüſſig, aber doch ein Mann von ſoliden Grund⸗ ſätzen, in dem weit mehr lag, als er gerade zur Schau tragen mochte. Dieſe Meinung fand noch eine Be⸗ ſtätigung in der äußerſt würdevollen Weiſe, womit er ſeinen Kopf ſchüttelte und dabei ſeinem Doppel⸗ kinn eine gewiſſe pendelförmige Bewegung beibrachte; mit einem Worte, er galt für Einen von Denjenigen, 138 welche, wenn ſie in die Themſe fallen, dieſelbe nicht durch unnöthige Anſtrengungen bemühen, ſondern als Männer von Gewicht geradenwegs auf den Grund ſinken und deßhalb die Achtung aller Guten ver⸗ dienen. Da er in der Lage war, ſich's wohl ſeyn zu laſſen, durch kein keifendes Weib beunruhigt wurde, ſich eines guten Appetits erfreute, der, da er ihn befriedigen konnte, für ihn eine Luſt und keine Un⸗ bequemlichkeit war, und eine Fertigkeit im Schlafen be⸗ ſaß, um die man ihn wohl ſehr beneiden durfte, ſintema⸗ len kein Grund vorhanden war, warum er hätte wach bleiben ſollen— ſo kann man ſich leicht denken, daß John Podgers ein glücklicher Mann war. Aber der Anſchein iſt oft trügeriſch, ſelbſt wenn man es am wenigſten glauben ſollte, und auch hier traf es zu, daß der genannte Ehrenmann, ungeachtet ſeines wohl⸗ gemäſteten Aeußeren, in Folge einer beharrlichen Be⸗ ſorgniß, welche ihm Tag und Nacht zuſetzte, ſehr unruhig im Geiſte war und ſich außerordentlich un- behaglich fühlte. Es iſt bekannt, daß es in jenen Zeiten unter⸗ ſchiedliche ſchlimme alte Weiber gab, welche unter dem Namen„Hexen“ großes Unweſen im Lande trie⸗ ben und ehrlichen Chriſtenmenſchen mancherlei argen Schabernack anthaten; ſie ſtachen ihnen Steck⸗ und Nähnadeln in den Leib, wenn ſie ſich deſſen am wenigſten verſahen, und ließen ſie, die Füße aufwärts in die Luft gekehrt, einherſpazieren— zum großen 139 cht Schrecken ihrer Weiber und Familien, welche natür⸗ als lich nicht wenig erſchraken, wenn der Hausherr uner⸗ nd wartet heim kam und mit den Ferſen an die Thüre er⸗ klopfte, während er ſein Haar mit dem Kratzeiſen auskämmte. Dieß gehörte zu ihren gewöhnlichſten zu Streichen; aber jeden Tag ſpielten ſie noch hundert de, andere, gegen die ſich eben ſo viel einwenden ließ, da hn ſie außerdem höchſt unanſtändig waren. Daraus folgte In⸗ nothwendig, daß man allen alten Weibern Rache be⸗ ſchwur, und nicht einmal der König(wie man doch na⸗ hätte erwarten ſollen) erwies dieſen Geſchöpfen Mit⸗ ach leid, denn mit höͤchſt eigener, allergnädigſter Hand aß übergab er ſie mittelſt eines allergnädigſten Dekrets der dem ewigen Zorne und verfügte allergnädigſte Mittel am zu deren Verfolgung und Vertilgung, kraft wel⸗ zu, chher kaum ein Tag verging, ohne daß wenig⸗ hl⸗ ſtens Eine Hexe in irgend einem Theile ſeiner Be⸗ Be⸗ ſitzungen allergnädigſt gehängt, ertränkt oder geröſtet ehr wurde. Demungeachtet waren die Zeitungen voll un⸗ von ſeltſamen und ſchrecklichen Neuigkeiten über Hexen und ihre unglücklichen Opfer aus dem Norden, Sü⸗ ter⸗ den, Oſten und Weſten, und das Haar des Publikums iter ſtand zu Berge, daß es ihm faſt den Hut vom Kopf rie⸗ drückte, und die Geſichter erbleichten vor Schrecken gen und Entſetzen. und Man darf es glauben, daß die kleine Stadt am Windſor der allgemeinen Anſteckung nicht entging. irts Die Einwohner ſotten eine Hexe am Geburtstage ßen des Königs und ſchickten eine Flaſche der Fleiſch⸗ 140 brühe an den Hof, indem ſie zugleich in einer pflicht⸗ ſchuldigen Adreſſe ihre Ergebenheit ausdrückten. Der König war etwas entſetzt über das Geſchenk, welches er gar andächtig dem Erzbiſchof von Cantherbury verehrte, und erwiederte die Adreſſe mit einem Gegen⸗ ſchreiben, worin er goldene Regeln für Entdeckung der Hexen ertheilte und ein großes Gewicht auf ge⸗ wiſſe ſchützende Zauber, zumal auf Hufeiſen legte. Die Bürgerſchaft ſchickte ſich alsbald an, Hufeiſen über jeder Hausthüre feſtzunageln, und viele ängſt⸗ liche Eltern gaben ihre Kinder bei Hufſchmieden in die Lehre, damit ihnen nichts angethan werden könne, in Folge deß dieſes Gewerbe allgemein zu hohen Ehren kam. 3 Mitten in dieſem unruhigen Treiben aß und ſchlief John Podgers wie gewöhnlich; man bemerkte jedoch, daß er weit öfter als ſonſt den Kopf ſchüttelte, und daß er viel weniger den Ochſen, deſto mehr aber den alten Weibern nachſah. Er hatte ein kleines Geſims in ſeiner Wohnſtube, auf dem in einer Reihe, welche ſich jede Woche vergrößerte, die ganze Hexen⸗ literatur jener Zeit ſtand; er ſammelte ſich gelehrte Kenntniſſe hinſichtlich der Zauberei und des Exorcis⸗ mus, gab Winke über verdächtige Weiber auf Beſen⸗ ſtielen, die er von ſeinem Kammerfenſter aus Nachts hatte durch die Luft reiten ſehen, und war in beſtändiger Angſt verhexrt zu werden. Da er fort⸗ während über dieſer einzigen Idee brütete, welche, da keine andere Zugang fand, ſich ſeiner ganz und gar bemächtigte, ſo war endlich Furcht vor Hexen — 141 die ausſchließliche Leidenſchaft ſeines Lebens. Er, der bisher nie gewußt hatte, was ein Traum iſt, begann nun, ſo oft er in Schlaf verfiel, Geſichte von Hexen zu haben, und wenn er wachte, ſchwebten ſie gleichfalls ohne Unterlaß vor ſeiner Einbildungskraft; er hatte daher weder im Schlafe noch im Wachen auch nur einen Augenblick Ruhe. Er fing an, auf der Land⸗ ſtraße Hexenfallen auszuſtellen, und man ſah ihn oft ſtundenlang an einer Ecke auf der Lauer liegen, um die Wirkung derſelben abzupaſſen. Die Con⸗ ſtruktion dieſer Maſchinen war ſehr einfach,— ſie gewöhnlich aus zwei kreuzweiſe übereinande ge⸗ legten Strohhalmen, oder aus dem Bruchſtücke eines Bibeleinbandes, mit einer Meſſerſpitze voll Salz darauf, beſtanden; demungeachtet konnten ſie aber nicht trügen, und wenn zufällig ein altes Weib darüͤber ſtolperte(was nicht ſelten geſchah, da er für ſeine Vorkehrungen einen unebenen, ſteinigen Platz gewählt hatte), ſo fuhr John aus ſeinem Schlummer auf, ſtürzte über ſie her und umklammerte ihren Hals, bis Beiſtand anlangte, worauf die Gefangene auf der Stelle weggeführt und erſäuft wurde. Dem Umſtande, daß er beharrlich auf alte Damen Acht hatte und in dieſer ſummariſchen Weiſe mit ihnen verfuhr, verdankte er den Ruf eines großen politiſchen Charakters, und da er bei ſeinen Verfolgungen, allenfalls mit Aus⸗ nahme eines zerkratzten Geſichtes, zu keinem weiteren Schaden kam, ſo entſtand daraus mit der Zeit die ganz natürliche Anſicht, daß er zauberfeſt ſey. Es gab nur eine einzige Perſon, welche John Podgers' hohe Befähigungen einigermaßen in Zweifel zu ziehen geneigt war, und dieſe Perſon war Nie⸗ mand anders als ſein eigener Neffe, ein wilder, un⸗ ſteter Burſche von zwanzig Jahren, der in ſeines Onkels Hauſe erzogen worden war und noch in demſelben wohnte— das heißt, wenn er ſich zu Hauſe befand, was übrigens nicht ſo oft der Fall war, als es hätte ſeyn können. Da er ſeine Schule nicht vernachläſſigt hatte, ſo mußte er jede neue Brochüre über ein ſeltſames und ſchreckliches Ereigniß, das John Podgers gekauft hatte, laut vorleſen; und dieß geſchah immer Abends in der kleinen Vorhalle vor dem Hauſe, in welcher ſich die Nachbarn ſchaaren⸗ weiſe verſammelten, um die grauſige Kunde zu hören, — denn die Leute lieben es, ſich einſchüchtern zu laſſen, um ſo mehr, wenn es umſonſt und auf an⸗ derer Leute Koſten geſchehen kann. An einem ſchönen Sommerabend war an dem genannten Platze eine Menſchengruppe verſammelt, und horchte aufmerkſam auf Will Marks(dieß war der Name des Neffen), als derſelbe, die Mütze ganz ſchief auf die Seite gedrückt, den Arm ſchlau um die Hüfte eines neben ihm ſitzenden hübſchen Mäd⸗ chens geſchlungen, und das Geſicht zu einem komiſchen Ausdruck, welcher den höchſten Ernſt vorſtellen ſollte, verzogen— mit Gott weiß wie vielen eigenen Aus⸗ ſchmückungen— eine ſchauderhafte Geſchichte vorlas, wie ein Gentleman in Northamptonſhire behext und — ᷣ——- 143 gewaltſam von dem Teufel beſeſſen wurde, welcher nun recht hübſch ſein Teufelsſpiel mit dem genannten Herren trieb. John Podgers, in einer hohen, zucker⸗ hutförmigen Kopfbedeckung und einem kurzen Mantel, nahm die gegenüberſtehende Bank ein und betrachtete die Zuhörerſchaft mit einem gar erbaulich anzuſehen⸗ den Blicke, in welchem ſich Stolz und Entſetzen miſchten, während die Umſtehenden den Mund auf⸗ riſſen und die Köpfe vorwärts ſtreckten, zitternd auf⸗ horchten und in höchſter Spannung noch ſchrecklicheren Dingen entgegenſahen. Bisweilen hielt Will einen Augenblick inne, um ſich ſein verwundertes Auditorium zu betrachten, worauf er mit einem noch komiſcheren Geſichtsausdrucke als früher, indem er ſich zugleich behaglich zurechtſetzte und die vorerwähnte junge Dame an ſich drückte, irgend ein neues, alles Frühere über⸗ treffendes Wunder vom Stapel laufen ließ. denen Strahlen auf die kleine Geſellſchaft, welche, ganz von ihrer gegenwärtigen Beſchäftigung in An⸗ ſpruch genommen, weder auf die einbrechende Nacht, noch auf die Herrlichkeit achtete, womit der Tag zur Neige ging, als die Hufſchläge eines Pferdes, welches ſich in raſchem Trabe näherte, das Schweigen der 144 zügelte und fragte, wo ein gewiſſer John Podgers wohne. „Hier!“ rief ein Dutzend Stimmen, während Dutzend Finger auf den beleibten John deuteten, der ſich noch immer in dem Strome des Entſetzens aus der eben geleſenen Flugſchrift badete. Der Reiter gab einem der Umſtehenden ſeine Zügel, ſtieg ab, und trat, den Hut in der Hand, in großer Haſt auf John zu. „Woher kommt Ihr?“ fragte John. „Von Kingſton, Meiſter John.“ „Und weßhalb?“ „Wegen einer äußerſt dringlichen Angelegenheit.“ „Welcher Beſchaffenheit?“ „Hexerei.“ „Herxerei!“ Jedermann ſchaute entſetzt auf den athemloſen Boten, und der athemloſe Bote betrachtete gleichfalls voll Entſetzen Jedermann— Will Marks aus⸗ genommen, der, als er ſich unbemerkt ſah, nicht nur die junge Dame abermals an ſich zog, ſondern ihr auch zwei Küſſe aufdruckte. Sicherlich mußte er ſelbſt behert ſeyn, ſonſt würde er es wohl nicht gethan haben— und die junge Dame gleichfalls, weil ſie es ſonſt unmöglich hätte dulden können. „Hexerei?“ rief Will, um den Ton ſeines letz⸗ ten Kuſſes zu maskiren, der allerdings etwas laut geſchallt hatte. Der Bote wandte ſich gegen ihn, wiederholte mit einem finſtern Stirnrunzeln und feierlicher als zuvor n 145 das zuletzt genannte Wort und entledigte ſich ſodann ſeines Auftrags, welcher kürzlich darin beſtand: Die Leute von Kingſton waren in den letzten paar Nächten durch grauſenvolle Gelage erſchreckt worden, welche eine Hexenzunft ungefähr eine Meile von der Stadt unter dem Galgen abgehalten hatte, — eine Thatſache, welche von Wanderern, die zu⸗ fälligerweiſe auf Gehörweite an dem Orte vorbei gekommen waren, bezeugt und zu Protokoll angegeben wurde. Der Ton ihrer Stimme bei ihren wilden Orgien war von vielen Perſonen deutlich gehört wor⸗ den. Starker Verdacht ruht auf drei alten Weibern, und den Vorgängen zu Folge war feierlich Rath geſchlagen und das Ergebniß erzielt worden, um die Identität der Hexen nachzuweiſen, ſey es nothwendig, daß eine einzelne Perſon ganz allein an Ort und Stelle wache. Nun hatte aber Niemand den Muth, ſich dieſem Wagniß zu unterziehen, und der Bote war daher ausdrücklich abgeſchickt worden, John Podgers zu bitten, in der nächſten Nacht das Abenteuer zu beſtehen, denn man wiſſe von ihm, daß er ein gefeietes Leben habe und feſt ſey gegen jeden unheiligen Zauber. John nahm dieſe Mittheilung mit vieler Faſſung auf und erklärte in kurzen Worten, daß es ihm en unausſprechliches Vergnügen gewähren würde, der Bewohnern von Kingſton einen ſo kleinen Dienſt zu leiſten, wenn er nicht die unglückliche Gewohnhei hätte, allemal gleich einzuſchlafen; er habe dieß nie Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 10 146 mehr als bei dem gegenwärtigen Anlaſſe bedauert, aber bei ſo bewandten Umſtänden könne natürlich von ſeiner Beihülfe nicht die Rede ſeyn. Indeſſen, fuhr er fort, ſey ein Gentleman gegenwärtig(er ſah dabei einen langen Hufſchmied ſehr feſt an), der, da er ſein ganzes Leben der Fertigung von Hufeiſen ge⸗ widmet habe, gegen jeden Einfluß von Hexerei ge⸗ ſtählt ſeyn müſſe, und er zweifle nicht, daß derſelbe, ein wegen ſeines Muthes und ſeiner Gutmüthigkeit bekannter Mann, ſich dem Auftrage bereitwillig unter⸗ ziehen werde. Der Hufſchmied dankte höflich für dieſe gute Meinung, welche er ſtets zu verdienen ſich Mühe geben wollte, fügte übrigens, hinſichtlich der gegenwärtigen ungelegenen Begebenheit bei, er dürfe gar nicht daran denken, ſich mit der Sache zu be⸗ faſſen, da ſein Ausziehen in einer ſolchen Abſicht ſicherlich ſeinem Weibe, der er, wie männiglich be⸗ kannt, zärtlich zugethan ſey, augenblicklichen Tod bringen würde. Dieſe Liebe war nun freilich, wenn man der öffentlichen Stimme Glauben beimeſſen durfte, etwas verdächtig, denn es ging die Rede, daß der Hufſchmied ſeine Frau etwas ſtärker zu klopfen pflegte, als es bei zärtlichen Gatten gewöhnlich der Fall iſt; demungeachtet aber zollten alle anweſenden Ehe⸗ männer ſeinem Entſchluſſe den entſchiedenſten Beifall, indem ſie ſammt und ſonders erklärten, ſie wollten zu Hauſe bleiben um für die Vertheidigung ihrer geſetz⸗ lichen Ehehälfte zu ſterben, wenn es nöthig wäre— was aber zum Glück nicht der Fall war. 147 Sobald ſich dieſer Erguß von Begeiſterung gelegt hatte, begannen ſte, wie aus einem gemein⸗ ſchaftlichen Antriebe, auf Will Marks zu ſehen, der, die Mütze weiter als je auf die Seite gedrückt, daſaß und den Vorgängen zuſchaute. Man hatte zwar nie öffentlich von ihm gehört, daß er ſich ungläubig über Hexerei geäußert hätte, aber man wußte, daß er hin und wieder auf Unkoſten derſelben Witze ge⸗ macht, woraus ſich auf ſeine Freigeiſterei ſchließen ließ, und daß er bei mehreren Anläſſen ſich vor den Leuten dahin geäußer thatte, er betrachte einen Beſen⸗ ſtiel als ein gar unpaſſendes Reitpferd, das ſich ins⸗ beſondere mit den Würden des weiblichen Charakters durchaus nicht vertrage; auch erinnerte man ſich mancher anderer freien Bemerkungen, welche er über denſelben Gegenſtand, zu großer Beluſtigung ſeiner wilden Gefährten, preisgegeben hatte. Während ſie ſo Will anſahen, begannen ſie unter ſich zu flüſtern und zu murmeln, bis endlich einer der Männer rief: „Warum wendet Ihr Euch nicht an Will Marks?“ Das Gleiche hatten alle bereits vorher im Sinne gehabt, weßhalb ſie das Wort erfaßten und im Ein⸗ klange riefen: „Ja, warum wendet Ihr Euch nicht an Will?“ „Dem iſt's eine Kleinigkeit,“ ſagte der Huf⸗ ſchmied. 10 ¾ 148 „Freilich, freilich,“ fügte eine andere Stimme aus dem Haufen bei. „Ihr wißt ja, er glaubt nicht daran,“ ſpottete ein kleiner Mann mit einem gelben Geſicht, einer höhnenden Naſe und einem Kinn, welches er zwiſchen dem Arme eines langen Mannes, der vor ihm ſtand, durchſchob. „Außerdem,“ ſprach ein Herr mit einem rothen Geſichte und einer heiſeren Stimme,„iſt er ein ledi⸗ ger Menſch.“ „Ja, das iſt's eben!“ ſagte der Hufſchmied. Und alle verheiratheten Männer murmelten,„ja, das ſey es eben, und ſie wünſchten nur, ſelbſt ledig zu ſeyn; ſie wollten ihm dann zeigen, was Muth ſey— und zwar bälder als bald.“ Der Bote warf einen bittenden Blick auf Will Marks. „Es wird eine feuchte Nacht ſeyn, Freund, und meine graue Mähre iſt nach dem geſtrigen Tagewerk müde—“. Nun erhob ſich ein allgemeines Gekicher. „Aber,“ nahm Will wieder auf, indem er lächelnd um ſich ſchaute,„wenn Niemand Anders beſſere An⸗ ſprüche geltend macht, etwas für die Ehre der Stadt zu thun, ſo bin ich Euer Mann, und ſollte ich den Marſch zu Fuß machen. In fünf Minuten bin ich im Sattel, wenn ich nicht allenfalls irgend einen Ehrenmann hier um den Ruhm dieſes Abenteuers bringe, was ich um alle Welt nicht thun möchte.“ 149 Nun erhob ſich aber eine doppelte Schwierig⸗ keit, denn Will's Entſchluß wurde nicht nur durch John Podgers mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Worten, deren freilich nicht viel waren, ſondern auch durch den ganzen Thränenvorrath der jungen Dame, den man allerdings einen ſehr reichlichen nennen konnte, bekämpft. Will ließ ſich jedoch nicht abbrin⸗ gen, ſondern parirte die Einwürfe ſeines Onkels mit einem Scherze und beſchwatzte die junge Dame mit drei leiſen kurzen Worten zu einem Lächeln. So⸗ bald es klar war, daß er es ſich in den Kopf geſetzt hatte, zu gehen, bot ihm John Podgers einige Talismane der erſten Sorte aus ſeiner eigenen Taſche an, welche er mit gebührender Achtung abzulehnen für gut hielt, und die junge Dame gab ihm einen Kuß, welchen er gleichfalls wieder zurückgab. „Ihr ſeht, was es für eine wichtige Sache um den Eheſtand iſt,“ ſagte Will,„und wie behutſam und bedächtig ſich dieſe Ehemänner benehmen. Es iſt keiner unter ihnen, deſſen Seele nicht darnach ſchmachtete, mir dieſes Abenteuer vor der Naſe weg⸗ zunehmen, und doch hält ein kräftiges Pflichtgefühl ſie alle zurück. Die Hausväter dieſer einzigen klei⸗ nen Stadt ſind ein wahres Muſter für die ganze Welt; und deßgleichen müſſen es auch die Haus⸗ frauen ſeyn, ſonſt würden ſie ſich nicht der Hälfte des Einfluſſes rühmen können, den ſte üben. Er wartete keine Erwiederung dieſer ſarkaſtiſchen Bemerkung ab, ſondern ſchnippte mit den Fingern 150 4 und zog ſich in das Haus zurück, von wo aus er ſich in den Stall begab, während Einige ſich beſchäf⸗ tigten, dem Boten Erfriſchungen zu reichen, und An⸗ dere ſein Pferd mit Futter verſahen. In weniger als der anberaumten Zeit kehrte Will auf einem andern Wege zurück: er hatte einen guten Mantel über ſeinem Arm hängen, ein gutes Schwert an ſeine Seite gegürtet und führte ein gutes Pferd an der Hand, das für die Reiſe gezäumt war. „Nun,“ ſagte Will, indem er mit einem Sprunge im Sattel ſaß,„auf und davon! Beſteigt Euer feuriges Thier, Freund, und kommt mit. Gute Nacht!“ Er küßte die Hand gegen das Mädchen, nickte ſeinem ſchläfrigen Onkel zu, ſchwang gegen die Uebri⸗ gen ſeine Mütze— und hurrah, hopp, hopp ging's weiter, als ob alle Hexen Englands in den Beinen ihrer Pferde ſtäcken. In einer Minute waren ſie den Blicken entſchwunden. Die zurückbleibenden Männer ſchüttelten bedenk⸗ lich die Köpfe, ſtrichen ſich das Kinn und ſchüttelten abermals ihre weiſen Häupter. Der Hufſchmied ſagte, Will Marks ſey gewiß ein guter Reiter, und Niemand könne behaupten, daß er dieß je in Abrede gezogen habe, aber er ſey vorſchnell, ſchrecklich vor⸗ ſchnell, und man könne nicht wiſſen, zu was füur einem Ende dieß noch führen werde— warum ging er denn? Das war es, was er eigentlich wiſſen wollte. Er wünſchte dem jungen Menſchen nichts 151 Uebles, aber warum ging er? Alle echveten dieſe Worte und ſchüttelten auf's Neue ihre Köpfe, worauf ſie John Podgers gute Nacht wünſchten und ſich nach Hauſe in ihre Betten verfügten. Die Bewohner von Kingſton lagen ſchon in ihrem erſten Schlafe, als Will Marks und ſein Füh⸗ rer durch die Stadt und vor die Thüre eines Hauſes ſprengten, wo unterſchiedliche bedeutende Würden⸗ träger verſammelt waren und ängſtlich der Ankunft des berühmten Podgers entgegen ſahen. Sie waren allerdings in ihrer Erwartung ein wenig getäuſcht, als ſtatt ſeiner ein heiterer, junger Mann vorſprach; doch machten ſie die beſte Miene zur Sache, und verſahen ihn mit ausführliche Inſtruktionen, wie er ſich hinter dem Galgen verbergen, die Hexen belauſchen und nach einer gewiſſen Zeit hervorbrechen ſolle, um kräftig unter ihnen herum zu fuchteln, damit man die verdächtigen Perſonen am andern Tag blutend und völlig überwieſen in ihren Betten abfaſſen könne. Sie gaben ihm noch außerdem eine Menge heilſame Nathſchläge und— was Will noch mehr zuſagte— ein gutes Nachteſſen. Indeſſen wies die Uhr ſtark auf Mitternacht, und ſofort machte man ſich auf den Weg, um ihm die Stelle zu zeigen, wo er ſeine ſchauerliche Nachtwache halten ſollte. Die Nacht war finſter geworden und der Him⸗ mel brütete Unheil. Man hörte das Rollen fernen Donners und der Wind ſauste grauſig durch die Bäume. Die Würdenträger der Stadt hielten ſich 15² ſo nahe an Will, daß ſie faſt bei jedem Tritte ihm auf die Zehen traten, gegen ſeine Knöchel ſtolperten oder an ſeine Ferſen anſtießen, und außer dieſen Unannehmlichkeiten klapperten ihnen die Zähne ſo kräftig vor Furcht, daß unſer Freund glaubte, er werde von einer Caſtagnetten⸗Trauermuſik begleitet. Endlich machten ſie vor dem Eingange eines öden, einſamen Ortes Halt, zeigten auf einen ſchwar⸗ zen Gegenſtand in einiger Entfernung und fragten Will, ob er das dort ſehe. „Ja,“ antwortete er.„Was weiter?“ Sie theilten ihm in abgebrochenen Worten mit, daß dieß der Galgen ſey, wo er zu wachen habe, wünſchten ihm außerordentlich freundlich gute Nacht und eilten ſo ſchnell zurück, als ſte ihre Füße tragen konnten. Will ging kühn auf den Galgen zu, und als er unten anlangte und in die Höhe ſah, bemerkte er, gewiß zu ſeiner großen Beruhigung, daß er leer war und daß nichts von dem Balken herunter bau⸗ melte, als einige eiſerne Ketten, welche, kläglich ächzend, im Winde hin und her pendelten. Nachdem er ſeinen Standort nach allen Seiten beſichtigt hatte, entſchloß er ſich, ſeine Stellung ſo zu wählen, daß er mit dem Geſichte gegen die Stadt ſchaute, einmal, weil ihm dadurch der Wind in den Rücken kam, und dann, weil ein allenfallſiger Streich oder eine Ueberrumpelung am eheſten von dieſer Seite zu er⸗ warten ſtand. So ſeine Vorſichtsmaßregeln treffend, — — oder etwas darüber wurde 153 hüllte er ſich auf eine Art in ſeinen Mantel, daß der Griff ſeines Schwertes frei blieb, um gleich be⸗ nützt werden zu können, lehnte ſich gegen den Balken des Galgens, wobei er ſeine Mütze nicht ganz ſo ſchief wie früher auf den Kopf drückte, und nahm ſeine Stellung für die Nacht ein. Herrn Pickwick's Erzählung. weites Kapitel. Wir haben Will Marks verlaſſen, wie er mit der Stadt zugekehrtem Geſichte unter dem Galgen lehnte und mit ſcharfem Auge, welches die Finſterniß zu durchdringen und alles, was ſich ihm nähern mochte, eheſtens zu erſchauen ſuchte, die Entfernung durchſpähte. Aber alles war ruhig, und außer dem Heulen des Windes, wenn er ſtoßweiſe über die Haide fegte, und dem Klirren der Ketten, die ſich über ſeinem Haupte bewegten, unterbrach kein Laut die öde Stille der Nacht. Nach einer halben Stunde dieſe Eintönigkeit unſerem Will beengender, als das wüthendſte Getümmel ge⸗ weſen ſeyn würde, und er wünſchte ſich ſehnſüchtig irgend einen Gegner, mit dem er ſich hätte meſſen können, wäre es auch nur, um ſich zu erwärmen. 4 154 Um die Wahrheit zu ſagen— der Wind war ſchnei⸗ dend und ſchien einem Manne, deſſen vom raſchen Reiten erhitztes Blut für die Kälte beſonders em⸗ pfindlich war, bis in's Mark zu ſchneiden. Will war ein wagehalſiger Burſche und kümmerte ſich keinen Deut um harte Stöſſe oder ſcharfe Klingen; er konnte es jedoch nicht über ſich gewinnen, ſich Bewegung zu machen, oder umher zu gehen, denn er machte ſich alle Augenblicke auf einen plötzlichen An⸗ griff gefaßt, und für einen ſolchen Fall war es ein tröſtlicher Gedanke, den Rücken gedeckt zu haben, wäre es auch nur durch den Galgen. Er theilte nicht ſonderlich den Aberglauben ſeiner Zeit, aber das, was davon in ihm haftete, diente nicht beſonders dazu, ihm die Zeit zu kürzen oder ſeine Lage leidli⸗ cher zu machen. Er erinnerte ſich der Sage, daß Hexen in der Geiſterſtunde ſich auf Kirchhöfen, unter Galgen und an ähnlichen unheimlichen Orten ein⸗ fänden, um das blutige Alräunchen zu pflücken, oder das Fleiſch von den Knochen der Todten zu kratzen, als ausgeſuchte Ingredienzien für ihre Zaubermi⸗ ſchungen, oder daß ſie ſich bei Nacht an einſame Plätze ſtählen, mit ihren Fingernägeln die Gräber aufſcharr⸗ ten, oder ſich vor ihrem Luftritt mit einer köſtlichen Pomade aus dem Fette kürzlich gekochter Kinder ſalbten. Dieſe und viele andere fabelhafte Erzählun⸗ gen von nicht viel angenehmerer Beſchaffenheit, welche alle auf ſeinen gegenwärtigen Zuſtand irgend einen Bezug hatten, beſchäftigten in raſcher Reihenfolge 15⁵ Will Marks⸗ Gehirn, und indem ſie dem Argwohn und der Wachſamkeit, welche ſeine Lage mit ſich führte, eine unbeſtimmte Furcht beimiſchten, machten ſie die Stimmung des nächtlichen Wächters zu einer ziemlich unbehaglichen. Auch begann, wie vorauszu⸗ ſehen geweſen, der Regen in ſchweren Strömen nie⸗ derzufallen, und da er vor dem Winde wie ein dicker Nebel hertrieb, ſo verdunkelte er auch noch die weni⸗ gen Gegenſtände, welche früher noch unvollkommen ſichtbar geweſen waren. „Sieh!“ ſchrie jetzt eine Stimme.„Gütiger Him⸗ mel, er iſt herunter gefallen und ſteht aufrecht da!“ Der Sprecher war dicht hinter ihm— die Stimme tönte faſt vor ſeinem Ohre. Will warf ſeinen Mantel ab, zog ſein Schwert, machte eine raſche Wendung und faßte ein Weib am Arme, wel⸗ ches mit einem furchtbaren Angſtſchrei zurückfuhr und, ſich ſträubend, in die Kniee ſank. Ein anderes Weib, gleich der Ergriffenen im Trauergewande, ſtand wie in die Erde gewurzelt da und ſah ihm mit ſo wirren, funkelnden Augen in's Geſicht, daß er ſich ganz darüber entſetzte. „Sagt,“ rief Will, als ſie ſich eine Zeit lang ſo gegenüber geſtanden hatten,„wer ſeyd ihr?“ „Sagt, wer Ihr ſeyd,“ entgegnete das Weib, „daß ihr ſelbſt dieſen häßlichen Ruheplatz der Todten ſtört und den Galgen ſeiner geehrten Laſt beraubt? Wo iſt die Leiche?“ 156 Er blickte verwundert und erſchrocken von der Fragerin auf die Andere, deren Arm er umfaßt hielt. „Wo iſt die Leiche?“ wiederholte die Erſtere noch feſter als zuvor.„Ihr tragt keine Livrée, welche Euch als einen Miethling der Regierung bezeichnet. Ihr ſeyd keiner unſerer Freunde, ſonſt würde ich Euch kennen, denn die Freunde von unſeres Gleichen ſind gering an der Zahl. Wer ſeyd Ihr alſo und warum finden wir Euch hier?“ „Ich bin kein Feind der Unglücklichen und Hülf⸗ loſen,“ verſetzte Will.„Gehört ihr unter dieſe Zahl? euer Ausſehen ſcheint es wenigſtens anzudeuten.“ „Wir gehören darunter,“ lautete die Antwort. „Seyd ihhr es, die unter dem Schutze der Nacht hieher kommen, um hier zu weinen und zu weh⸗ klagen?“ fuhr Will fort. „Es iſt ſo,“ entgegnete das Weib und deutete, während ſie ſo ſprach, auf ihre Begleiterin;„ſie trauert um einen Gatten und ich um einen Bruder. Selbſt das blutige Geſetz, das mit ſeiner Rache nicht einmal die Todten verſchont, erklärt dieß für kein Verbrechen: und wenn es auch wäre, was würde es uns kümmern— uns, die wir nichts mehr davon zu fürchten, oder zu hoffen haben.“ Will blickte auf die zwei Weiber und konnte nur mit Mühe unterſcheiden, daß die eine, mit wel⸗ cher er geſprochen, viel älter, die andere aber ein junges Geſchöpf von ſchwächlichem Körperbau war. Todtenbläſſe lagerte auf ihren Geſichtern; ihre Klei⸗ 157 der waren durchnäßt und abgetragen, ihr loſes Haar flog im Winde, und ſie ſelbſt waren von Gram und Elend niedergedrückt; ihr ganzes Aeußere verrieth niedergedrückte, unglückliche, verlorene Weſen. Ein Anblick, ſo verſchieden von dem, welchem er zu be⸗ gegnen erwartet hatte, rührte ihn im Innerſten der Seele, und jeder andere Gedanke, als der des Mit⸗ leids mit ihrer bedauerungswürdigen Lage, war ver⸗ ſchwunden. „Ich bin nur ein rauher, derber Freiſaſſe,“ er⸗ wiederte Will,„und warum ich hier bin, läßt ſich in kurzen Worten ſagen. Man hat euch des Nachts in der Entfernung gehört, und ich ſtehe hier, um auf Hexen oder Geiſter zu paſſen. Ich erwartete ein Abenteuer und war auf alles gefaßt. Wenn ich euch übrigens in Etwas helfen oder beiſtehen kann, ſo ſagt es, und bei dem Worte eines Mannes, auf deſſen Verſchwiegenheit und Zuverläßigkeit ihr bauen dürft, ich will euch beiſtehen bis in den Tod.“ „Wie kömmt es, daß dieſer Galgen leer iſt?" fragte die ältere der beiden Weibsperſonen. „Ich ſchwöre es Euch,“ erwiederte Will,„daß ich ſo wenig davon weiß, als Ihr. So viel iſt mir übrigens bekannt, daß er bereits vor etwa einer Stunde, als ich hieher kam, eben ſo war, wie er jetzt iſt. Wenn dieß, wie ich aus Eurer Frage ent⸗ nehme, geſtern Abend nicht der Fall war, ſo bin ich überzeugt, daß hier im Geheimen etwas vorgegangen iſt, wovon die Leute in der Stadt dort keine Kunde 158 haben. Beſinnt Euch daher, ob Ihr keine Freunde habt oder ob er, an dem das Geſetz ſein Schlimm⸗ ſtes gethan, nicht mit Leuten in Verbindung ſtand, welche vielleicht ſeine Ueberreſte abgenommen haben, um dieſelben zu beerdigen. Die Weiber ſprachen mit einander, und Will trat etliche Schritte zurück, um ihr leiſes Ge⸗ ſpräch nicht zu ſtören. Er konnte ſie ächzen und ſchluchzen hören und ſah, daß ſie in vergeblichem Schmerz die Hände rangen. Aus dem, was ſie ſprachen, wußte er nur wenig zu machen, doch konnte er aus einigen Worten ſo viel entnehmen, daß er mit ſeiner Muthmaßung ziemlich die Wahrheit ge⸗ troffen, und daß ſie nicht nur zu wiſſen glaubten, wer die Leiche entfernt, ſondern auch wohin man ſie ge⸗ bracht hatte. Nachdem ſie lange mit einander gere⸗ det, wandten ſie ſich wieder nach Will um. Dieß⸗ mal ergriff die Jüngere von den beiden Frauen das Wort. „Ihr habt uns Eure Hülfe angeboten?“ 6 Idr4 „Und Euer Wort zum Pfande gegeben, das Ihr jetzt nicht zurück zu nehmen gedenkt?“ „Ja; ſo ferne man mir in der Sache mit Com⸗ ploten und Verſchwörungen auf Armslänge vom Leibe bleibt.“ „So folgt uns, Freund.“ Will, der inzwiſchen wieder ſeine ganze Faſſung gewonnen hatte, ließ ſich nicht zweimal auffordern, —— n—m— ◻☛ d 159 ſondern folgte den beiden Weibern, das gezogene Schwert in der Hand und den Mantel in einer Weiſe um ſeinen linken Arm gewickelt, daß er ihm als eine Art von Schild diente, ohne ſeine freie Bewegung zu hem⸗ men. Sie gingen ſchweigend eine volle Meile weit, durch Dick und Dünn, durch Wind und Regen. Endlich gelangten ſie zu einem dunkeln Feldwege, wo unter der Obhut eines Mannes drei geſattelte Pferde ſtanden, welche unter einigen Bäumen Schutz gegen das Unwetter gefunden hatten. Der Mann wies, nach einem kurzen Flüſtern mit den Frauen⸗ zimmern, Will eines der Thiere(augenſcheinlich ſein eigenes) an, und ſobald dieſer ſah, daß ſeine Begleiterinnen in den Sattel ſtiegen, ſaß er gleich⸗ falls auf. Sie hielten ni Trabe weiter, bis ſie in der Nähe von langten. Vor einem großen, ſtiegen ſie ab, über⸗ gaben ihre Pferde einem Mann, der bereits ihrer wartete, traten durch eine Seitenthüre ein und gin⸗ gen einige enge, knarrende Treppen hinauf, nach einem kleinen getäfelten Zimmer, wo Will allein ge⸗ laſſen wurde. Er war noch nicht ſehr lange hier, als ſich die Thüre leiſe aufthat und ein Cavalier eintrat, deſſen Geſicht durch eine ſchwarze Maske be⸗ deckt war. Will war auf der Hut und muſterte dieſe Ge⸗ ſtalt vom Kopf bis zu den Füßen. Das Aeußere 160 derſelben bekundete einen Mann von ziemlich vor⸗ gerücktem Alter, obgleich ſeine Haltung noch feſt und ſtattlich war. Er trug ein reiches und koſtbares Gewand; aber es war ſo beſchmutzt und in Unord⸗ nung, daß man darin kaum einen jener prunkenden Anzüge erkennen konnte, welche der verſchwenderiſche Geſchmack und die Mode Leuten von Rang und Stand vorſchrieb. Seine Stiefel waren mit Spor⸗ nen verſehen; auch zeigte er eben ſo viele Merkmale der ſchlechten Wege, als Will ſelbſt. All' dieß be⸗ merkte er, während die Augen hinter der Maske ihn mit gleicher Aufmerkſamkeit betrachteten. Als die gegenſeitige Muſterung eine Weile gedauert hatte, unterbrach der Cavalier das Schweigen. „Du biſt jung und kühn, und möchteſt wohl gerne reicher werden, als du biſt?“ „Mit den beiden erſtgenannten Punkten hat es ſeine Richtigkeit,“ verſetzte Will;„an das Letztere habe ich jedoch kaum gedacht, obgleich ich nichts da⸗ gegen einzuwenden habe. Angenommen alſo, ich möchte gerne reicher werden, als ich bin— was weiter?“ „Der Weg dazu liegt jetzt vor dir,“ entgegnete die Maske. „Zeigt ihn.“ „Zuerſt muß ich dir mittheilen, daß du dieſe Nacht hieher gebracht wurdeſt, um nicht zu bald den Leuten, welche dich auf jene Wache geſtellt haben, Bericht erſtatten zu können.“ 2 161 „Ich dachte mir das ſchon auf dem Wege,“ ſagte Will;„doch ich bin kein Plauderer— gewiß nicht.“ „Gut,“ erwiederte die Maske.„Jetzt höre. Der⸗ jenige, welcher mit der Beerdigung jener Leiche, von welcher du vermutheteſt, ſie ſey in der letzten Nacht abgenommen worden, beauftragt wurde, hat uns in unſerer Noth verlaſſen.“ Will nickte mit dem Kopfe und machte ſich in ſeinem Innern Gedanken, wenn die Maske es ver⸗ ſuchen wollte, ihm einen Streich zu ſpielen, ſo dürfte das erſte Schnürloch auf der linken Seite ſeines Wammſes, von den Vorderknöpfen an gerechnet, ein ganz paſſender Ort ſeyn, um hübſch hinein ſtechen zu können. „Du biſt einmal hier und der Fall iſt ein ver⸗ zweifelter. Ich ſchlage dir die Ausführung des Geſchäfts vor. Führe die Leiche, die hier in dieſem Hauſe eingeſargt iſt, morgen Abend auf eine Weiſe, welche ich dir bezeichnen werde, nach der Kirche von Sanct Dunſtan in London, und du ſollſt einen reichen Lohn für deinen Dienſt erhalten. Du wirſt fragen, um weſſen Leiche es ſich handelt? Suche es nicht zu erfahren. Ich rathe dir wohlmeinend, ver⸗ lange es nicht zu wiſſen. Auf jedem Mvor, auf jeder Haide ſind Verbrecher in Ketten aufgehangen. Du magſt mit Andern glauben, daß es ein ſolcher war; nach mehr brauchſt du nicht zu fragen. Die Mordthaten der Staatspolitik, ihre Opfer, oder ihre Boz XI. Humphrey's Wanduhr. 11 162 Rächer bleiben für deines Gleichen am beſten un⸗ bekannt.“ „Das Geheimniß, welches dieſen Dienſt um⸗ gibt,“ ſagte Will,„bekundet, wie ſehr er mit Gefahr verbunden iſt. Welche Belohnung iſt da⸗ durch zu gewinnen?“ „Hundert Goldſtücke,“ verſetzte der Cavalier. „Die Gefahr iſt für einen Mann, den man nicht als den Freund einer gefallenen Sache kennt, nicht groß, und daher auch von einem beſondern Wagniß keine Rede. Entſchließe dich daher, und die Belohnung ſoll dir nicht entgehen.“ „Wenn ich mich aber weigerte?“ ſprach Will. „So ziehe in Gottes Namen ruhig von dannen,“ erwiederte die Maske in einem melancholiſchen Tone, „und bewahre unſer Geheimniß; denn du darfſt nicht vergeſſen, daß Diejenigen, welche dich hieher brachten, von Schmerz und Kummer gebeugte Weiber waren, und daß man dich frei von dannen ließ, ob⸗ gleich es nur eines Wortes bedurfte, dir das Leben zu nehmen, ohne daß ein Hahn darnach gekräht hätte.“ Die Männer waren damals weit bereitwilliger, auf verzweifelte Abenteuer einzugehen, als heut zu Tage. In dem gegenwärtigen Falle war die Ver⸗ ſuchung groß, und ſelbſt wenn eine Entdeckung folgte, ſo konnte die Strafe nicht ſehr ſtrenge ſeyn, da Will einer loyalen Familie angehörte und ſein Onkel in einem guten Rufe ſtand; auch ließ ſich leicht eine — 163 annehmbare Fabel erſinnen, womit er die ÄArt, wie er in den Beſttz der Leiche gekommen, erklären, und ſeine völlige Unkenntniß der Perſon, welche er weiter ſchaffte, darthun konnte. Der Cavalier theilte ihm mit, daß zu dem genannten Zwecke ein bedeckter Karren bereit ſtehe, daß man die Zeit ſeines Auf⸗ bruches in einer Weiſe beſtimmen könne, welche es möglich mache, Cambridge in der Dunkelheit zu erreichen und den Weg durch die City bei Nacht fortzuſetzen, daß an dem Ziele ſeiner Fahrt Leute bereit wären, um den Sarg ohne Zögerung in einer Gruft zu beſtatten, und daß er vorwitzige Nachfrager auf der Straße leicht durch die Angabe zurückſchrecken könne, er führe die Leiche eines an der Peſt Ge⸗ ſtorbenen zu ihrem Beerdigungsort: mit einem Worte, er gab ihm lauter Gründe für die Wahrſcheinlichkeit des Erfolges, keinen aber für die Möglichkeit eines Mißlingens an. Nach einer Weile ſtellte ſich auch ein anderer Herr ein, welcher wie der erſte maskirt war und den bereits mitgetheilten Argumenten noch weitere beifügte; die unglückliche Gattin des Hinge⸗ richteten unterſtützte die ruhigen Vorſtellungen der Männer durch Thränen und Bitten, und ſo ließ ſich am Ende Will durch ſein Mitleid und ſeine Gut⸗ müthigkeit, durch ſeine Liebe zum Wunderbaren, durch eine ſchadenfrohe Vorahnung des Schreckens der Bewohner von Kingſton, wenn ſie ihn am an⸗ dern Tag vermißten, und endlich durch die Ausſicht auf Gewinn veranlaſſen, ſich der Aufgabe zu unter⸗ 11 ¾ 164 ziehen und ſeine ganze Thatkraft einer erfolgreichen Durchführung zu weihen. Am folgenden Abend, als es bereits ganz dunkel war, hallte das hohle Echo der alten Londonbrücke das Geholper des Karrens wieder, welcher die unſerm Will Marks anvertraute unheimliche Bürde führte. Hinreichend verkleidet, um durch ſeinen Anzug keine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, ging Will neben dem Kopfe des Pferdes her, ſo unbekümmert, als ein Mann nur ſeyn konnte, welcher, trotz ſeiner Kühnheit und Zuverſichtlichkeit, fühlte, daß er jetzt auf dem gefährlichſten Punkte ſeines Unternehmens angelangt wäre. Es war Acht Uhr. Nach Neun Uhr konnte ſich Niemand ohne Lebensgefahr auf den Straßen blicken laſſen, und ſelbſt zu dieſer Stunde waren Raub und Mord keine ungewöhnlichen Ereigniſſe. Die Läden auf der Brücke waren geſchloſſen; die niedrigen hölzernen Bogen, welche den Weg kreuzten, glichen eben ſo vielen dunkeln Löchern, in welchen übelge⸗ ſiunte Kerle in Gruppen zu dreien und vieren lauerten; Einige paßten an die Mauer gelehnt, An⸗ dere ſchlichen in den Thorwegen umher, aus welchen ſie ihre ungekämmten Köpfe und ihre finſteren Augen hervorſteckten; wieder Andere gingen in der Straße hin und her und ſtießen ohne Unterlaß ſowohl gegen das Pferd, als gegen den Mann an, um einen Streit herbei zu führen, während etliche Weitere hinwegſchlichen und durch ein leiſes Pfeifen ihre Cameraden herbeiriefen. Einmal vernahm ſogar Will während dieſer kurzen Wanderung den Lärm von Händeln und das Klirren von Schwertern hinter ſich; da er aber die City und ihre Straßen kannte, ſo ließ er ſich dadurch nicht ſtören und wandte kaum ſeinen Kopf um. Der Regen der vorigen Nacht hatte die unge⸗ pflaſterten Straßen in einen vollkommenen Moraſt verwandelt, woran auch die Waſſergüſſe aus den Giebelrinnen nebſt dem Schmutze und dem Kehricht aus den Häuſern keinen geringen Antheil hatten. Da der letztere Unrath liegen blieb, um in der dicken und ſchweren Luft zu verweſen, ſo erzeugte er einen unerträglichen Geſtank, zu welchem noch jeder Hof und jeder Winkel das Seinige beitrug. Selbſt die Hauptſtraßen mit ihren vorſpringenden und wanken⸗ den Stockwerken, welche die Ausſicht nach dem Himmel faſt ganz verſperrten, glichen an vielen Stellen mehr ungeheuren Schornſteinen, als offenen Wegen. Hin und wieder brannten an den Ecken große Feuer, um die Fortpflanzung der Peſt zu verhindern, an wel⸗ cher, wie die Sage ging, kürzlich einige Bürger geſtorben waren; und wenige, welche das ihnen in dieſer Weiſe gebotene Licht benützten, um einen Augenblick umher zu ſchauen, wären wohl geneigt geweſen, das Vorhandenſeyn dieſer Krankheit zu bezweifeln, oder ſich über die Möglichkeit einer ſo ſchrecklichen Heimſuchung zu verwundern. 2 Doch waren es nicht gerade dieſe Scenen, und nicht einmal der tiefe Schmutz des Weges, was Will Marks' Fortſchritten das Haupthinderniß in den Weg legten, ſondern Geier und Raben(die einzigen Straßenreiniger der City) ſuchten Nahrung, und da ſie witterten, was er führte, ſo folgten ſie dem Karren, flatterten auf ihn nieder und gaben zu erkennen, daß ſie Kunde hatten von ſeiner Laſt und wie gierig ſie auf die Beute waren. Hin und wieder ſah man in der Ferne eine Feuersbrunſt, wovon die ärmlichen Holz⸗ und Gypswohnungen wild verzehrt wurden, und tobende Banden zogen dahin, nach dem Raube lechzend und wie losgelaſſene Teufel brüllend, indem ſie alles niederſchlugen, was in ihren Bereich kam. Man traf auf einzelne Menſchen, welche ſich vor den Böſewichtern flüchteten, während ihnen Letztere mit bloßen Schwertern nachſetzten und wie eine Koppel blutdürſtiger Hunde auf ſie Jagd machten; da ſah man betrunkene, tollkühne Räuber aus ihren Löchern kriechen und über die offene Straße wanken, wo Niemand ſie zu beläſtigen wagte; dort kehrten vagabundirende Diener von dem Bärengarten zurück, wo den Tag über eine große Hatz ſtattgefunden hatte, und zogen ihre zerriſſenen und blutenden Rüden hinter ſich her, oder ließen ſie an dem Wege ſterben und verfaulen. Das Auge traf auf nichts, als auf Grauſamkeit, Gewaltthat und Unordnung. Will Marks wurde oft von dieſen Nachtſchwär⸗ mern angehalten, denen er nicht ſelten nur mit —— —— 167 knapper Noth entrann. Bald wollte ſich ein vier⸗ ſchrötiger Raufbold auf den Karren ſetzen, indem er verlangte, nach ſeinem eigenen Hauſe gefahren zu werden, und bald kamen etliche Kerle heran, welche ihm unter Bedrohung ſeines Lebens befahlen, ihnen zu zeigen, was er hier fortſchaffe. Einmal begegnete ihm die Stadtwache, welche die Runde über ſeinen Weg führte, und da ſie mit ſeiner Er⸗ zählung nicht zufrieden war, ſo verhörte ſie ihn ſtreng und rächte ſich an ihm durch etliche Rippen⸗ ſtöſſe für die üble Behandlung, welche ſie denſelben Abend von anderen Seiten erhalten hatte. Alle dieſe Angriffe mußten zurückgewieſen werden, was ihm bald durch gute, bald durch böſe Worte, bis⸗ weilen aber auch durch tüchtige Hiebe gelang; denn Will war nicht der Mann, der ſich, nachdem er einmal ſo weit gekommen war, anhalten oder zum Umkehren zwingen ließ, und obgleich es mit ſeiner Fahrt nur langſam ging, ſo kam er doch die Fleet⸗ ſtraße hinab und gelangte endlich zu der Kirche. Wie ihm zuvor angedeutet worden, war alles in Bereitſchaft. Sobald er Halt machte, wurde der Sarg durch vier Männer abgenommen, welche ſo plötzlich zum Vorſchein kamen, daß ſie aus der Erde hervor⸗ geſchoſſen zu ſeyn ſchienen. Ein Fünfter ſtieg auf den Karren und fuhr ſchnell von dannen, indem er Will kaum ſo viel Zeit ließ, ein kleines Bündel an ſich zu nehmen, das diejenigen ſeiner Kleider enthielt, welche er bei Gelegenheit ſeiner Maskerade abgelegt 168 hatte. Will hat weder den Karren, noch den Mann je wieder geſehen. Er folgte der Leiche in die Kirche, und es war gut, daß er damit keine Zeit verlor, denn die Thüre wurde unmittelbar hinter ihm abgeſchloſſen. In der Kirche befand ſich kein weiteres Licht, als das, wel⸗ ches von ein paar Fackeln in den Händen zweier Männer ausſtrömte, die, in Mäntel gehüllt, an dem Rande der Gruft ſtanden. Auf Jeden derſelben ſtützte ſich eine weibliche Geſtalt, und Alles beob⸗ achtete ein tiefes Schweigen. Unter dieſer düſtern und feierlichen Beleuchtung, bei welcher es Will vorkam, als ſey das Licht ſelbſt die Leiche und die düſterblickenden Bogen ihr Grab, ſenkten ſte mit unbedeckten Häuptern den Sarg in die Gruft und verſchloſſen dieſelbe. Einer der Fackel⸗ träger wandte ſich ſodann an Will und hielt ihm einen Beutel mit Gold entgegen. Der Letztere fühlte augenblicklich in ſeinem Innern, daß dieß dieſelben Augen wären, welche er unter der Maske geſehen hatte.— „Nimm das,“ ſprach der Cavalier mit dumpfer Stimme,„und ſey glücklich. Obgleich dieß eine ſchleunige Beerdigung war und kein Prieſter das Werk einſegnete, ſo wirſt du doch nicht weniger Frieden haben, weil du ſeine Gebeine an der Seite ſeiner kleinen Kinder niederlegteſt. Sey behutſam, ſowohl um deiner ſelbſt, als um unſerer willen, und Gott geleite dich.“ 1 4 8 169 „Der Segen einer verwittweten Mutter auf dein Haupt, wackerer Junge!“ rief die jüngere Dame unter Thränen;„der Segen einer Unglücklichen, der keine Hoffnung mehr bleibt, und die ihre Ruhe erſt in dieſem Grabe wieder finden wird!“ Will blieb mit dem Beutel in der Hand ſtehen und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er ihn wieder zurückgeben, denn, obgleich ein ge⸗ dankenloſer Burſche, war ſein Charakter doch edel und großmüthig. Die beiden Herren löſchten jedoch ihre Fackeln aus und riethen ihm, ſich zu entfernen, da ihre gemeinſchaftliche Sicherheit durch eine längere Zögerung gefährdet würde; zugleich hörte man die Fußtritte der ſich Entfernenden durch die Kirche ſchallen. Er wandte ſich daher nach der Stelle, durch welche er eingetreten war, und durch einen matten Strahl in der Entfernung erkennend, daß die Thüre wieder etwas geöffnet war, tappte er in dieſer Richtung fort und gelangte auf die Straße. Inzwiſchen war die Ortsobrigkeit von Kingſton die ganze verwichene Nacht wach geblieben. Hin und wieder war es ihnen, als würden ſchauerliche Angſtrufe durch den Wind zu ihren Ohren getragen, wobei ſie ſich gegenſeitig zublinzelten, näher an das Feuer rückten und die Geſundheit der einſamen Schildwache tranken, auf welche ein anweſender Geiſtlicher wegen ihres Leichtſinns und jugendlichen Uebermuths gar nicht gut zu ſprechen war. Zwei oder drei der Ernſteſten in der Geſellſchaft, welche 170 ſich etwas in theologicis umgeſehen hatten, legten ihm die Frage vor, ob ein ſolcher Charakter nicht zu armſelig für den Einzelkampf mit dem Teufel be⸗ waffnet ſey, und ob er ſelbſt nicht einen kräftigeren Gegner abgegeben haben würde; aber der geiſt⸗ liche Herr verwies ihnen ſcharf die Anmaßung, ſolche Fragen an ihn zu ſtellen, und zeigte deut⸗ lich, daß ein paſſenderer Kämpe als Will kaum hätte aufgefunden werden können, nicht nur weil er ein Kind des Satans ſey und daher wahrſcheinlich durch das Auftreten ſeines eigenen Vaters nicht ſonderlich beunruhigt werde, ſondern auch, weil Satan ſich in einer ſolchen Geſellſchaft nicht geniren und wohl kein Bedenken tragen würde, ſo kräftig auszuſchlagen, wie er es ganz gewiß vor prieſterlichen Augen nie wagen dürfte, unter deren Einfluß er ja bekannter⸗ maßen ganz zahm und degenmäßig werde. „Als jedoch der nächſte Morgen und mit ihm kein Will Marks kam, als ſich ferner eine ſtarke Abthei⸗ lung(ſtark genug, um am hellen Tage ein ſolches Wagniß beſtehen zu können) an Ort und Stelle begab und fand, daß Will fort und der Galgen leer war— da wurde die Sache in der That ſehr ernſt⸗ lich. Der Tag verging, ohne daß Nachricht einlief; die Nacht verſchwand gleichfalls, ohne Kunde zu bringen— und der Vorgaug wurde noch ſchrecklicher. Mit einem Worte, die ganze Umgegend arbeitete ſich zu einer ſo behaglichen Höhe von Unheimlichkeit und Entſetzen hinan, daß es eine große Frage bleibt, e——-—.. 171 ob man ſich nicht allgemein unangenehm getäuſcht fühlte, als Will am zweiten Morgen wieder zum Vorſchein kam.— Wie dem übrigens ſeyn mag, Will kam ſehr ruhig und gefaßt zurück, und ſchien ſich nicht viel um Jemand anders als um den alten John Podgers zu kümmern, der, als man nach ihm ſchickte, auf dem Rathhaus zu Windſor ſaß, in bedächtigen Reden ſeine Meinung zum Beſten gab und zwiſchen hinein ſein Schläfchen hielt. Sobald Will ſeinen Onkel umarmt und von ſeinem Wohlbefinden ſich überzeugt hatte, ſtieg er auf einen Tiſch und erzählte dem großen Haufen ſeine Geſchichte. Und gewiß, es hätte der unverſtändigſte Haufen ſeyn müſſen, welcher je zuſammengelaufen, wenn er durch die vorgetragene Geſchichte auch nur im min⸗ deſten enttäuſcht worden wäre; denn außer der Be⸗ ſchreibung des Hexentanzes bis auf die geringſte Bewegung der Beine, welche Will mittelſt eines Beſenſtieles pantomimiſch auf dem Tiſche anſchaulich machte, erzählte er auch, wie ſie den Gehängten in einem Kupferkeſſel entführt und ihn ſelbſt ſo behert hätten, daß er ganz vom Bewußtſeyn kam, bis er ſich, wenigſtens zehn Meilen von der Stelle, unter einer Hecke fand, von wo aus er, wie ſie ihn ſähen, geradenwegs wieder zurückgekehrt ſey. Die Geſchichte fand ſo allgemeinen Beifall, daß ſie bald nachher durch einen Expreſſen nach London an den großen Hexenaufſpürer ſeiner Zeit, den himmelgebornen Hop⸗ 172 kins überbracht wurde, welcher dieſelbe, nachdem er Will noch beſonders über einzelne Punkte genau in's Verhör genommen, für die außerordentlichſte und glaubwürdigſte Hexengeſchichte, von welcher man je gehört hatte, erklärte. Unter dieſem Titel wurde ſie auch bei den„Dreibibeln“ auf der Londonbrücke in klein Quart, nebſt der Anſicht des Hexenkeſſels nach einer Originalzeichnung und einem Porträt des geiſtlichen Herrn, wie er beim Feuer ſitzt, veröffentlicht. Hinſichtlich Eines Punkts nahm ſich jedoch Will ſehr in Acht, nämlich in der Beſchreibung der von ihm geſehenen Hexen, welche er als drei unmögliche alte Weiber ſchilderte, wie ſie nie ihres Gleichen hatten, noch haben werden. So rettete er das Leben der verdächtigen Perſonen und aller übrigen alten Frauen, welche wegen Identitätsnachweiſung vor ihn geſchleppt wurden. Dieſer Umſtand machte John Podgers viel Kum⸗ mer und Sorge, bis er zufälligerweiſe eines Tages ſeiner Haushälterin nachſah und die Entdeckung machte, daß ſie augenſcheinlich an einem Rhevmatismus litt, weßhalb er Anſtalt traf, daß ſie als eine unzweifel⸗ hafte Hexe verbrannt wurde. Für dieſes Verdienſt um das Staatswohl erhielt er unmittelbar die Ritter⸗ würde, und nannte ſich von dieſer Zeit an Sir John Podgers. Will Marks fand nie den Schlüſſel zu dem Ge⸗ heimniſſe, bei welchem er mitgewirkt hatte, und eben ſowenig eine Inſchriſt in der Kirche, welche er nach⸗ Freunden vorzutrag 173 her oft beſuchte. Auch die vorſichtigen Fragen, welche er wagen durfte, führten zu keinem Aufſchluſſe. Da er ſeine Thätigkeit bei der Sache nicht veröffentlichen durfte, ſo ſah er ſich auch genöthigt, mit ſeinem Gelde ſparſam und behutſam umzugehen. Im Laufe der Zeit heirathete er die bereits erwähnte junge Dame(wir haben ihren Namen nirgends aufgezeich⸗ net gefunden), mit welcher er ein geſegnetes und glückliches Leben führte. Viele Jahre nach dieſem Abenteuer pflegte er ihr in ſtürmiſchen Nächten zu ſagen, es liege ein großer Troſt für ihn in dem Ge⸗ danken, daß jene Gebeine, wem immer ſie angehört haben mochten, nicht in den wildbewegten Lüften bleichten, fondern neben dem Staube derjenigen, welche dem unglücklichen Opfer im Leben theuer ge⸗ weſen, im ruhigen Grabe moderten. Weitere Nachrichten über Maſter Hum- phrey's Zeſuch. — Da ich über Herrn Pickwicks Geſuch und über das Kompliment, welches er mir dadurch gemacht hatte, ſehr erfreut war, ſo wird man ſich leicht den⸗ ken können, daß ich nicht bis zum nächſten Ver⸗ ſammlungsabende zuwartete, um daſſelbe meinen drei een, welche dann auch einſtimmig 174 für ſeine Aufnahme in unſere Geſellſchaft votirten. Wir alle ſahen mit einiger Ungeduld dem Zeitpunkte entgegen, welcher ihn bei uns einreihen ſollte, und ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn nicht Jack Red⸗ burn und meine Wenigkeit bei weitem die Unge⸗ duldigſten von unſerer Sippſchaft geweſen wären. Endlich kam der erſehnte Abend, und einige Minuten nach Zehn hörten wir Herrn Pickwick an die Hausthüre klopfen. Er wurde in eines der untern Zimmer geführt, und ich ergriff ſogleich meinen Krückenſtock, um ihn die Treppe herauf zu geleiten, damit er mit allen Ehren und Förmlichkeiten ein⸗ geführt werde. „Herr Pickwick,“ ſagte ich, als ich in das Zim⸗ mer trat,„ich bin recht erfreut, Sie zu ſehen— um ſo mehr, weil ich hoffen darf, daß dieß nur der erſte einer langen Reihe von Beſuchen in dieſem Hauſe iſt und der Anfang einer innigen und dauern⸗ den Freundſchaft ſeyn wird.“ 1 Herr Pickwick gab mit der ihm eigenthümlichen Herzlichkeit und Freimüthigkeit eine paſſende Er⸗ wiederung und blickte lächelnd auf zwei Perſonen hinter der Thüre, welche ich anfangs nicht bemerkt hatte, auf den erſten Blick aber als Herrn Samuel Weller und ſeinen Vater erkennen konnte. Trotz des warmen Abends ſtack der ältere Herr Wel⸗ ler in einem weiten Ueberrock, während ſein Kinn mit ei⸗ nem dichten, bunten Halstuch verhüllt war— ſo wie ſich gewöhnlich Poſtkutſcher in Aktivität zu tragen pflegen. 175 Er ſah ſehr roſig und beleibt aus— letzteres war beſonders bei ſeinen Beinen der Fall, welche ſich, wie es ſchien, nicht ohne Schwierigkeit hatten in ſeine Stulpſtiefeln zwängen laſſen. Er hielt ſeinen breitrandigen Hut unter dem linken Arm und berührte mit dem Zeigfinger ſeiner rechten Hand zu wiederholten Malen die Stirne, um mir damit ſeine Achtung zu bezeugen. „Es freut mich ſehr, Sie bei ſo guter Geſund⸗ heit zu ſehen, Herr Weller,“ ſagte ich. „Danke gar ſchön, Sir,“ verſetzte Herr Weller; „die Achſe iſt noch nicht gebrochen. Es geht ſo fort in leidlichem Trab— nicht zu ſchnell muel, Sir, von dem ſie a buch geleſen haben werden“— fügte Herr Weller bei, ſeinen Erſtgebornen vorſtellend. Ich begrüßte Sam ſehr freundlich, aber noch ehe derſelbe das Wort nehmen konnte, fiel ſein Vater bereits wieder ein. „Samuel Weller, Sir,“ ſagte der alte Herr, „hat für mich den alten Titel„Großvater⸗ beſorgt, welcher in unſerer Familie lan dem jungen Tony, wie er, ſeiner eine Pfeife rauchte.“ 176 „So ſeyd doch ruhig,“ verſetzte Sam.„Ich habe in meinem ganzen Leben keine ſolche alte Elſter geſehen.“ „Dieſer Tony iſt aber der begabteſte Junge“— fuhr Herr Weller fort, ohne den Verweis ſeines Sohnes zu beachten,„der begabteſte Junge, der mir Tag meines Lebens vorgekommen iſt. Unter all' den charmanten Kindern, von denen ich je erzählen hörte, einſchließlich derer, welche von den Roſtbrüſtchen zu⸗ gedeckt wurden, nachdem ſie mit Brombeeren einen Selbſtmord begangen, gab es nie eines, das man dem kleinen Tony an die Seite ſtellen könnte. Der Junge ſpielt immer mit einer Halbmaßkanne. Es iſt eine Freude, ihm zuzuſehen, wie er auf der Hausthürſtaffel ſitzt und thut, als ob er trinke, nach⸗ her einen tiefen Athem holt, einen Span als Tabaks⸗ pfeife in den Mund ſteckt und ſagt: ‚jetzt bin ich Großvater;«— das mit anzuſehen, und noch oben⸗ drein bei einem zweijährigen Buben, das iſt mehr, als die beſte Komödie, die je geſchrieben wurde. „Jetzt bin ich Großvater!: Er würde kein Schoppen⸗ glas nehmen, und wenn man es ihm ſchenken wollte, ſondern er greift nach dem Halbmaßkrug und ſagt: „Jetzt bin ich Großvater!““ Herr Weller war von dieſem Gemälde ſo hin⸗ geriſſen, daß ihn urplötzlich ein höchſt beunruhigender Huſtenanfall überkam, welcher gewiß ein bedenkliches Ende genommen haben würde, wenn ſich nicht Sam's Schnelligkeit und Gewandheit in's Mittel gelegt hätte; —,,,,y, 8 177 dieſer packte nämlich das Halstuch ſeines Vaters feſt unter dem Kinn, ſchüttelte ihn kräftig hin und her und verſetzte ihm etliche geſunde Stöſſe auf den Nacken. In Folge diefer ſeltſamen Behandlungsweiſe kam Herr Weller endlich wieder zu ſich, obgleich er ſich noch geraume Zeit ſehr erſchöpft fühlte, und die Purpurröthe ſeines Geſichtes nicht gleich wieder weichen wollte. 5 „Es wird jetzt genug ſeyn, Sam,“ ſagte Herr Pickwick, der gleichfalls etwas beun „Ja wohl wird's genug ſeyn, Sir!“ rief Sam mit einem vorwurfsvollen Blicke auf ſeinen Vater. „Es wird nächſter Tage genug ſeyn, und dann wird er wünſchen, es wäre nicht. Hat man je einen ſo un⸗ vorſichtigen alten Narren geſehen?— Lacht ſich da vor anſtändigen Leuten in Convulſtou den Boden, als hätte er ſeinen eigenen Teppich mit⸗ In der That ſah man jetzt Herrn Weller, deſſen Geiſt noch immer bei ſeinem frühreifen Enkel weilte, den Kopf hin und her ſchütteln, während ein L einem Erdbeben ähnlich, unter der Oberfläche ar⸗ 178 Dieſe Erſchütterung legte ſich jedoch allmälig, und nach drei oder vier argen Rückfällen wiſchte er ſich mit den Rockärmeln die Augen, worauf er mit leid⸗ licher Faſſung um ſich ſchaute. „Ehe ſich der Herr Principal entfernt,“ ſagte Herr Weller,„handelt ſich's noch um einen Punkt, wegen deſſen Sam eine Frage ſtellen muß. Weil aber dieſe Frage die Unterhaltung hier unterbricht, ſo erlauben mir vielleicht die Herren, mich zurückzuziehen.“ „Weßhalb wollt Ihr denn fortgehen?“ fragte Sam, indem er ſeinen Vater am Rockflügel faßte. „Habe ich doch nie einen pflichtvergeſſeneren Menſchen geſehen, als dich, Samuel,“ entgegnete Herr Weller.„Haſt du mir nicht feierlich verſprochen und ſo zu ſagen das Gelübde gethan, wegen meiner die bewußte Frage zu ſtellen?“ „Nun, ich will Euch gerne zu Willen ſeyn,“ erwiederte Sam,„aber nicht, wenn Ihr in dieſer Weiſe Reißaus nehmt, wie es der Ochſe machte, als er ſich umdrehte und ſich eine heftige Bemerkung gegen die Treiber erlaubte, welche ihn in das Schlacht⸗ haus hinein peitſchen wollten. Die Sache iſt die, Sir,“ ſagte Sam zu mir;„er möchte einige Aus⸗ kunft hinſichtlich der Dame haben, welche hier Haus⸗ hälterin iſt.“ „Wie muß ich das verſtehen?“ „Ei, Sir,“ verſetzte Sam mit einem Grinſen, „er möchte wiſſen, ob ſie—“ „Mit einem Worte,“ ſiel der alte Weller ent⸗ —4ä 179 ſchieden ein, während ihm der kalte Schweiß auf der Stirne ſtand,„ob die alte Weibsperſon eine Wittib iſt oder nicht.“ Herr Pickwick lachte herzlich, und ich that deß⸗ gleichen, während ich ihm eben ſo entſchieden ver⸗ ſicherte, daß meine Haushälterin eine Jungfer ſey. „So; jetzt könnt Ihr Euch zufrieden geben,“ rief Sam.„Ihr hört's jetzt ſelbſt, daß ſie eine Jungfer iſt.“ „Eine was?“ verſetzte ſein Vater mit tiefer Geringſchätzung. „Eine Jungfer,“ entgegnete Sam. Herr Weller heftete eine Weile ſeinen Blick feſt auf ſeinen Sohn und ſprach ſodann: „Das iſt all eins, ob ſie Späſſe macht oder nicht; ich ſcheere mich wenig darum. Was ich wiſſen wollte, iſt einfach das, ob ſie dem Wittwenſtande angehört, oder nicht?“ „Was wollt Ihr mit Eurem Späſſemachen ſa⸗ gen?“ fragte Sam, ganz entſetzt über die Dunkelheit in den Worten ſeines Vaters. „Kümmere dich nicht darum, Samuel,“ erwie⸗ derte Herr Weller ernſt.„Späſſe können gut ſeyn, können aber auch ſehr ſchlecht ſeyn, und ein Weibs⸗ bild wird darum nicht beſſer oder ſchlechter, wenn ſie welche machen kann; das hat aber durchaus nichts mit den Wittiben zu ſchaffen.“ „Ei der Tauſend,“ ſagte Sam;„würde es wohl Jemand glauben, daß es einem Manne von ſeinem 12* 180 Alter alſo im Kopf ſpucken könnte, um Jungfern und Spaßmacher für ein und daſſelbe zu halten?“* „' iſt kein Strohhalm Unterſchied zwiſchen ihnen,“ entgegnete Herr Weller.„Dein Vater iſt nicht ſo viele Jahre auf den Landſtraßen herumge⸗ fahren, um nicht, was das anbelangt, ſeine Mutter⸗ ſprache zu kennen, Sammy.“ Um die weitere Erörterung dieſer etymologiſchen Frage abzubrechen, über die der alte Herr ganz mit ſich einig zu ſeyn ſchien, wurde ihm zu wiederholten⸗ malen bedeutet, daß die Haushälterin nie verheira⸗ thet geweſen wäre. Er drückte hierüber ſeine große Zufriedenheit aus, bat um Entſchuldigung wegen ſeiner Freiheit und bemerkte, er ſey vor nicht gar langer Zeit durch eine Wittwe ſehr in Schrecken ge⸗ ſetzt worden, in Folge deſſen ſeine natürliche Schüch⸗ ternheit ſehr zugenommen habe. „Es war auf der Eiſenbahn,“ ſagte Herr Wel⸗ ler mit ſtarkem Nachdruck;„ich ging mit dem Dampf⸗ wagen nach Birmingham hinunter und wurde in einen engen Raum mit einer lebendigen Wittib ein⸗ geſchloſſeen. Wir waren allein— das heißt die Wittwe und ich; und ich glaube, es war nur, weil wir allein waren und kein Geiſtlicher im Fuhrwerk, * Ein in der Ueberſetzung nicht zu gebendes Mißverſtändniß, beruhend in dem ähnlichen Klang der engliſchen Worte Spinster und punster, von denen das erſtere Jungfer, das andere einen Spaßmacher bedeutet. — 181 daß mich die Wittib nicht heirathete, ehe wir die Halbwegsſtation erreicht hatten. Wenn ich daran denke, wie ſie zu ſchreien anfing, als wir in die dun⸗ keln Tunnels hinein fuhren— wie ſie ohnmächtig wurde und ſich an mir feſtklammerte— und wie ich's verſuchte, das Thürchen aufzuſtoßen, das aber ſo feſt verſchloſſen war, um an kein Entkommen den⸗ ken zu laſſen— ach, das war eine ſchreckliche, eine ſchaudervolle Zeit!“ Dieſer Rückblick überwältigte Herrn Weller ganz und gar, daß er nicht eher, als bis er etlichemale ſeine Stirne abgewiſcht hatte, auf die Frage, was er von den Eiſenbahnverbindungen halte, zu ant⸗ worten vermochte, obgleich aus der Entgegnung, welche er endlich gab, zu erhellen ſchien, daß er hin⸗ ſichtlich dieſes Gegenſtandes ſehr entſchiedene Anſich⸗ ten hegte. „Ich bin der Meinung,“ ſagte Herr Weller, „daß die Eiſenbahn unconſtitutionell iſt und eine Schmarotzerpflanze, die auf Koſten wohl erworbener Privilegien fett wird. Ich möchte doch auch gerne wiſſen, zu welchem Ende einmal der alte Carter* für unſere Freiheiten aufgeſtanden iſt und ſeine Sache durchgefochten hat— ja, ich möchte wiſſen, was er ſagen würde, wenn er noch am Leben wäre, und ſehen müßte, daß man ehrliche Engländer mit Wit⸗ * Herr Weller meint die Magna Charta, welche er für eine Perſon hält. 182 tiben oder aller Welt gegen ihren Willen zuſammen ſperrt. Was ein alter Carter geſagt haben würde, das kann ein alter Kutſcher auch ſagen, und ich be⸗ haupte, daß in dieſer einzigen Hinſicht ſchon ein Dampfwagen ein Eindringling iſt. Was dann die Bequemlichkeit anbelangt— wie kann von einer ſolchen die Rede ſeyn, wenn man ſo in einem Arm⸗ ſtuhl ſitzt und die Ziegelwände oder Miſthaufen an⸗ ſieht, ohne vor einem Wirthshaus abſteigen zu kön⸗ nen, ohne ein Glas Bier zu Geſicht zu bekommen, und ohne eines Schlagbaumes oder überhaupt eines Wechſels(ſey es nun der Pferde oder eines ſonſtigen) anſichtig zu werden; man kömmt da, wenn man überhaupt hinkömmt, immer zu einem Platze, der gerade wie der letzte ausſteht, mit derſelben Policei⸗ mannſchaft, welche umherſteht, dieſelbe verwünſchte, klingelnde, alte Kuhglocke, dieſelben unglücklichen Leute hinter den Schranken, welche eingelaſſen werden wollen— alles daſſelbe, den Namen ausgenommen, der, wie der letzte, mit den gleichen Farben, und den gleichen großen Buchſtaben aufgemalt iſt. Wie kann man mit Ehre und Würde reiſen ohne einen Kut⸗ ſcher, und was iſt ſo eine Eiſenbahn für einen Kut⸗ ſcher oder Conducteur, wenn er einmal genöthigt iſt, darauf zu fahren, anders, als Spott und Schande? Und was die Geſchwindigkeit anbelangt— was glauben Sie wohl, mit welcher Geſchwindigkeit ich, Tony Weller, eine Kutſche vorwärts bringen wollte, wenn man mir fünfmal hunderttauſend Pfund für ———— ————— 183 die Meile voraus bezahlte? Und dann dieſe Dampf⸗ maſchine— ſo ein garſtiges, ſchnaufendes, knarren⸗ des, keuchendes, rauchendes, lärmendes Ungeheuer, immer außer Athem, mit einem glänzenden, grün und goldenen Rücken, wie ein häßlicher Käfer unter dem Gasmikroſcop— ein Ding, das des Nachts immer glühende rothe Kohlen und den Tag über einen ſchwarzen Rauch ausſtößt! Meiner Meinung nach muß das Beeſt ſchrecklich empfindlich ſeyn, denn wenn etwas im Weg liegt, auf welches es ſtößt, ſo geht ein fürchterlicher Lärm an, welcher zu ſagen ſcheint,„jetzt ſind zweihundert und vierzig Paſſagiere in der größtmöglichen Lebensgefahr, denn alle die Zwei⸗ hundert und vierzig fangen einmüthig zu ſchreien an.““ Ich begann jetzt nachgerade zu fürchten, daß meine Freunde durch meine länger verzögerte Abwe⸗ ſenheit ungeduldig werden möchten, weßhalb ich Herrn Pickwick bat, mich die Treppe hinauf zu begleiten. Die beiden Herren Weller überließ ich der Obhut der Haushälterin und ſchärfte ihr ein, ſie mit aller möglichen Gaſtlichkeit zu bewirthen. Die Wanduhr. Während wir die Treppe hinan gingen, ſetzte Herr Pickwick ſeine Brille auf, welche er bisher in der Hand gehalten hatte, rückte ſein Halstuch zu⸗ recht, ſtrich ſeine Weſte nieder und traf noch viele andere derartige kleine Vorbereitungen, wie man ge⸗ wöhnlich zu thun pflegt, wenn man zum erſtenmal mit Fremden in Berührung kommen ſoll, auf die man gerne einen angenehmen Eindruck machen möchte. Als er ſah, daß ich lächelte, lächelte er gleichfalls und ſagt, wenn er, ehe er ſein Haus verlaſſen, daran gedacht hätte, ſo würde er ſich zuverläßig in Schu⸗ hen und ſeidenen Strümpfen präſentirt haben. „Gewiß, mein lieber Herr,“ ſagte er mit großem Ernſte,„ich würde meine Gamaſchen bei Seite gelegt haben, um der Geſellſchaft meine Achtung zu be⸗ zeugen.“ „Sie dürfen ſich überzeugt halten,“ entgegnete ich,„daß dieß allgemeines Bedauern veranlaßt haben würde, denn wir alle ſind dieſen Gamaſchen ſehr zu⸗ gethan.“ „Was Sie da ſagen?“ rief Herr Pickwick mit augenſcheinlichem Vergnügen.„Glauben Sie, daß man ſich um meine Gamaſchen kümmert? Meinen Sie's wirklich im Ernſt, wenn Sie ſagen, daß man die Gamaſchen für ein nothwendiges Accidens meines Ich's betrachtet.“ „Zuverläßig,“ entgegnete ich. „Ei der Tauſend,“ ſagte Herr Pickwick,„das iſt einer der angenehmſten und erfreulichſten Um⸗ ſtände, die mir je hätten begegnen können.“ Ich würde dieſe kurze Unterhaltung nicht nieder⸗ geſchrieben haben, wenn ſie nicht Licht auf eine kleine Schwäche in Herrn Pickwick's Charakter würfe, die mir bisher nicht bekannt geweſen war: er that ſich nämlich im Geheim viel auf ſeine Beine zu gut. Die Art, in welcher er ſich ausſprach, und der Blick, den er auf ſeine Enganliegenden warf, überzeugten mich, daß Herr Pickwick mit einer ziemlich unſchul⸗ digen Eitelkeit hinſichtlich ſeiner Beine begabt war. „Doch hier ſind unſere Freunde,“ ſagte ich, in⸗ dem ich die Thüre öffnete und ſeinen Arm in den meinigen nahm;„ſie mögen für ſich ſelber ſprechen. Meine Herrn, ich ſtelle Ihnen Herrn Pickwick vor.“ Herr Pickwick und ich müſſen in dieſem Augen⸗ blick einen lebhaften Gegenſatz gebildet haben:— ich ruhig auf meine Krücke gelehnt, mit etwas ab⸗ gehärmter und geduldiger Miene, er, meinen Arm 186 umfaſſend, mit der beweglichſten Höflichkeit ſich nach allen Richtungen verbeugend, und einen Ausdruck im Geſicht, deſſen muntere Heiterkeit und gute Laune keine Gränzen kannte. Der Unterſchied zwiſchen uns muß um ſo auffallender geweſen ſeyn, als wir uns dem Tiſch näherten und der liebenswürdige alte Herr, der ſeinen lebhaften Tritt meinem armſeligen Hinken anpaßte, ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen der ſorgfäl⸗ tigſten Rückſicht auf meine Gebrechlichkeit und dem Anſcheine, als bemerke er dieſelbe gar nicht, theilte. Ich ſtellte ihm der Reihe nach meine Freunde vor— zuerſt den tauben Herrn, welchen er mit großem Intereſſe betrachtete und mit vieler Freund⸗ lichkeit und Herzlichkeit anredete. Er hatte zur Zeit augenſcheinlich eine unbeſtimmte Idee, mein Freund müſſe, da er taub ſey, nothwendig auch ſtumm ſeyn; denn als der letztere die Lippen öffnete, um das Vergnügen auszudrücken, welches ihm die Bekannt⸗ ſchaft mit einem Manne gewähre, von dem er ſo viel vernommen hatte, wurde Herr Pickwick ſo ungemein verblüfft, daß ich nothwendig das Wort nehmen mußte, um ihm zu Hülfe zu kommen. Seeiin Zuſammentreffen mit Jack Redburn war ein ſehenswerther Zug. Herr Pickwick lächelte, drückte ihm die Hand, betrachtete ihn durch ſeine Brille, dann unter derſelben und endlich über derſelben weg, nickte beifällig mit dem Kopf und winkte ſodann mir zu, als wolle er ſagen:„ganz ſo habe ich mir den Mann gedacht; Sie haben vollkommen Recht.“ End⸗ 187 lich wandte er ſich an Jack und ſagte ihm einige herzliche Worte, worauf er ſeine früheren Proceduren mit einer unvergleichlichen Lebhaftigkeit mehreremale wiederholte. Was Jack anbelangt, ſo freute er ſich eben ſo ſehr über Herrn Pickwick, als Herr Pickwick nur immer von ihm entzückt ſeyn konnte. Seit die Welt ſteht, haben wohl nie zwei Leute bei ihrer allererſten Begegnung ſo warme und enthuſiaſtiſche Begrüßungen gewechſelt. Es war erbaulich, den Unterſchied zwiſchen die⸗ ſem Zuſammentreffen, und dem, welches jetzt zwiſchen Herrn Pickwick und Herrn Miles erfolgte, mit anzu⸗ ſehen. Offenbar betrachtete der Letztere das neue Mitglied als eine Art von Nebenbuhler in Jack Red⸗ burn's Liebe, und außerdem hatte er mir mehr als einmal im Geheim angedeutet, er glaube, obſchon er nicht bezweifle, daß Herr Pickwick ein ſehr würdiger Mann ſey, manche ſeiner Abenteuer wären doch nicht ganz paſſend für einen Mann von ſeinen Jahren und ſeinem Ernſte. Außer dieſen Gründen zum Mißtrauen hatte auch noch die feſte Idee in ihm Wurzel gefaßt, das Geſetz könne nie Jemanden Un⸗ recht thun; er nahm daher an, daß Herr Pickwick ganz gebührendermaßen für den Bruch eines Ver⸗ ſprechens gegenüber einer unbeſchützten Frau an ſeinem Beutel und Frieden Schaden genommen habe, und ließ ſich dem zu Folge nicht ausreden, ihn mit einigem Argwohn zu betrachten. Aus ſolchen Vor⸗ derſätzen folgte natürlich eine ziemlich kalte und förm⸗ 1 188 liche Begrüßung, welche Herr Pickwick mit dem gleichen Anſtand und derſelben ungemeinen Höflich⸗ keit, die ihm von der andern Seite geboten wurde, erwiederte. In der That nahm er eine Miene voll majeſtätiſchen Trotzes an, ſo daß ich fürchtete, es möchte zu irgend einer feierlichen Proteſtation oder Erklärung kommen, weßhalb ich ihn ohne alle Zöge⸗ rung nach ſeinem Stuhle geleitete. Dieſer Hauptſtreich gelang auch vollkommen. Sobald Herr Pickwick in ſeinem Seſſel ſaß, betrach⸗ tete er uns alle mit ungemein wohlwollenden Blicken, und ein Anfall von Lächeln überkam ihn, welcher volle zehn Minuten andauerte. Sein Intereſſe an unſeren Ceremonien war unbegränzt. Sie waren allerdings nicht ſehr zahlreich und complicirt, und ihre Schilderung läßt ſich in ſehr wenige Worte zu⸗ ſammen faſſen. Da unſeren Verhandlungen bereits zu verſchiedenenmalen und unter verſchiedenen For⸗ men durch Darſtellungen in dieſen Blättern mehr oder weniger vorgegriffen wurde und auch ferner vorgegriffen werden muß, ſo bedürfen ſie keiner de⸗ tailirten Auseinanderſetzung. Das Erſte, was bei unſern Verſammlungen ge⸗ ſchieht, beſteht darin, daß wir uns gegenſeitig die Hand reichen und uns mit freundlichen und frohen Blicken begrüßen. In Anbetracht deſſen, daß wir bei unſeren Zuſammenkünften nicht blos die Förde⸗ rung unſeres eigenen Glückes, ſondern auch einen Beitrag zum allgemeinen Beſten zum Zwecke haben, — 189 würde die Miene der Schlaffheit oder Gleichgültigkeit an irgend einem Mitgliede unſerer Geſellſchaft von den Uebrigen als Hochverrath betrachtet werden. Wir haben es zwar noch nie mit einem Verbrechen dieſer Art zu thun gehabt, aber wenn es einmal vorfiele, ſo würde der Uebelthäter einen ſchlimmen Stand bekommen. Sobald die Begrüßung vorüber iſt, wird das ehrwürdige Stück Alterthum, das unſerer Geſellſchaft den Namen leiht, unter achtungsvollem Schweigen aufgezogen. Dieſe Ceremonie vollſtreckt Maſter Humphrey ſtets perſönlich,(in Clubbsangelegenheiten möge mir geſtattet ſeyn, den hiſtoriſchen Styl anzu⸗ wenden und in der dritten Perſon von mir zu ſpre⸗ chen), welcher zu dieſem Ende, mit einem großen Schlüſſel bewaffnet, auf einen Stuhl ſteigt. Während dieß geſchieht, hat Jack Redburn unter Herrn Miles Obhut ſich an das fernſte Ende des Zimmers zu begeben, denn er iſt dafür bekannt, daß er gewiſſe vermeſſene und unheilige Gedanken hinſichtlich der Wanduhr unterhält, wie er denn auch ſchon ſo weit gegangen iſt, zu be⸗ haupten, er glaube das Werk verbeſſern zu können, wenn er es für einen oder zwei Tage herausnehmen dürfe. Wir verzeihen ihm ſeine Anmaßung aus Rückſicht für ſeine guten Abſichten, und halten ihn nur in dieſer reſpektvollen Entfernung(eine Strafe, auf welcher jedesmal ſtrenge beſtanden wird), damit er nicht in ſeinem glühenden Verbeſſerungseifer durch irgend eine geheime Beſchädigung des Gegenſtands 190 unſerer Achtung in ſeinen zarteſten Theilen uns alle in Schrecken und Beſtürzung verſetze. Dieſe Maasregel machte Herrn Pickwick unge⸗ mein viel Vergnügen und ſchien wo möglich ſeine Meinung zu Gunſten Jack Redburn noch zu er⸗ hohen. Die nächſte Ceremonie beſteht im Aufſchließen des Uhrkaſtens, zu welchem Maſter Humphrey gleich⸗ falls den Schlüſſel hat. Man nimmt ſodann ſo viele Papiere, als für die dermalige Abendunterhaltung nöthig werden dürften, heraus und legt in dem Hin⸗ tergrunde deſſelben diejenigen Beiträge nieder, welche ſeit unſerer letzten Zuſammenkunft neu beige⸗ ſchafft wurden. Dieß geſchieht immer mit einer eigenthümlichen Feierlichkeit. Iſt dieß geſchehen, ſo ſtopft und zündet der alte Herr ſeine Pfeife an, und wir nehmen an dem mehrerwähnten Tiſche Platz, wobei Maſter Humphrey die Stelle des Präſidenten (wenn anders von einem Präſidenten die Rede ſeyn kann, wo alle auf dem gleichen ſocialen Fuße ſtehen) und unſer Freund Jack die des Secretärs verſieht. Da die Einleitungen nunmehr geſchloſſen ſind, ſo beginnt jetzt die Unterhaltung, wie ſie eben durch die Gelegenheit herbeigeführt wird, oder es folgt unmit⸗ telbar eine unſerer Vorleſungen. In letzterem Falle wird das auserleſene Manuſcript Maſter Humphrey zugewieſen, welcher es ſorgfältig auf dem Tiſche glättet und, des leichteren Umſchlagens wegen, jedes Blatt mit einem Eſelsohr verſieht; Jack Redburn „— 191 putzt die Lampe mit einer kleinen Maſchine von ſeiner eigenen Erfindung, ſo daß ſie gewöhnlich erliſcht; Herr Miles ſieht demungeachtet ſehr beifällig zu; der taube Herr zieht ſeinen Stuhl näher, um nach Be⸗ lieben den Worten auf dem Papiere oder auf Maſter Humphrey’s Lippen folgen zu können, und Maſter Humphrey ſelbſt blickt gar wohlgefällig umher, ſieht nach ſeiner alten Wanduhr und beginnt laut zu leſen. Herrn Pickwick's Geſicht während der Vorleſung ſeiner Erzählung würde die Aufmerkſamkeit des ſtumpf⸗ ſinnigſten Menſchen, der da lebet, auf ſich gezogen haben. Die ſelbſtgefällige Bewegung ſeines Kopfes und Zeigefingers, womit er ſachte den Takt ſchlug und, in Gedanken interpunktirend, den Vortrag des Vorleſers verbeſſerte, das Lächeln, welches bei jeder ſcherzhaften Stelle ſeine Züge überflog, nebſt dem verſchmitzten Blicke, den er umhergleiten ließ, um die Wirkung derſelben zu beobachten, die Ruhe, wo⸗ mit er die Augen ſchloß und zuhorchte, wenn eine kleine Beſchreibung kam, der wechſelnde Ausdruck, womit er pantomimiſch den Dialog begleitete, ſeine Noth, damit ja dem tauben Herrn nichts von dem Ganzen entgehe, und ſeine außerordentliche Sorglich⸗ keit, dem Vorleſer nachzuhelfen, wenn er bei einem Worte des Mannſcripts ſtockte oder ein falſches ſub⸗ ſtituirte— all' dieſes war gleich bemerkenswerth. Und als er endlich nach einem langen, vergeblichen Bemühen, ſich dem tauben Herrn durch das Finger⸗ 192 alphabet verſtändlich zu machen, in welchem er Worte conſtruirte, die weder in einer civiliſirten, noch in einer wilden Sprache vorkommen, eine Schiefertafel ergriff und mit großen Buchſtaben— je ein Wort auf die Zeile— die Frage niederſchrieb:„Wie— hat's— Ihnen— gefallen?“— ich ſage, als er dieß that und die Schreibtafel in der Erwartung einer Antwort über den Tiſch reichte, und zwar mit einem Geſichte, das in Folge ſeiner Spannung nur noch heller leuchtete— da milderten ſich auch die Züge des Herrn Miles, und er konnte ſich nicht ent⸗ brechen, das neue Glied der Geſellſchaft für den Augenblick mit Intereſſe und Wohlwollen zu be⸗ trachten. „Es iſt mir beigefallen,“ ſagte der taube Herr, der Herrn Pickwick und alle übrigen mit ſtummer Zufriedenheit beobachtet hatte,„es iſt mir beigefal⸗ len,“ ſagte der taube Herr, indem er ſeine Pfeife aus dem Munde nahm,„daß es jetzt an der Zeit iſt, auch unſern einzigen noch leeren Stuhl auszu⸗ füllen.“ Da ſchon früher der leere Stuhl zu einem Ge⸗ genſtand der Erörterung geworden war, ſo liehen wir dieſer Bemerkung ein bereitwilliges Ohr und ſahen unſern Freund fragend an. „Ich bin überzeugt,“ fuhr er fort,„daß Herr Pickwick mit irgend Jemand bekannt ſeyn muß, der für uns eine vortheilhafte Erwerbung wäre, indem er wohl wiſſen wird, welcher Art der Mann ſeyn 193 ſoll, deſſen wir bedürfen. Ich bitte, weiter keine Zeit zu verlieren und dieſe Frage in's Reine zu bringen. Habe ich Recht, Herr Pickwick?“ Herr Pickwick war eben im Begriffe, eine münd⸗ liche Antwort zu geben; als er ſich aber des Gebre⸗ chens unſeres Freundes erinnerte, ſo ſubſtituirte er für dieſelbe ein etwa fünfzigmal wiederholtes Kopf⸗ nicken. Dann nahm er die Schiefertafel, malte ein gigantiſches„Ja“ darauf, reichte ſie über den Tiſch, ſah uns alle unter Händereiben der Reihe nach an und betheuerte, daß er und der taube Herr ſich ge⸗ genſeitig ſchon ganz verſtünden. „Die Perſon, die ich im Sinne habe,“ fuhr Herr Pickwick fort,„und die ich ohne die mir zu Theil gewordene Aufforderung nicht zu nennen gewagt haben würde, iſt ein ganz eigener, alter Mann. Er heißt Bamber.“ „Bamber?“ entgegnete Jack.„Ich muß dieſen Namen ſonſtwo ſchon gehört haben.“ „Wohl möglich,“ erwiederte Herr Pickwick,„daß Sie ſich ſeiner aus meinen Abenteuern— ich ver⸗ ſtehe darunter die nachgelaſſenen Papiere unſeres alten Clubbs— erinnern, obgleich dort ſeiner nur gelegentlich gedacht wird; wenn ich nicht irre, ſo tritt er nur ein einzigesmal auf.“ „Es iſt ſo,“ verſetzte Jack.„Laßt einmal ſehen. Er iſt derſelbe, welcher ſich ſo lebhaft für alte, moderige Kammern und die Grays⸗Inns intereſſirte; er erzählt einige Anekdoten über dieſes ſein Lieblings⸗ Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 13 194 thema— und auch eine wunderliche Geiſtergeſchichte. Iſt's nicht dieſer?“ „Ganz recht. Nun,“ ſagte Herr Pickwick, indem er ſeine Stimme zu einem geheimnißvollen, vertrau⸗ lichen Flüſtern ermäßigte,„er iſt eine höchſt außeror⸗ dentliche und merkwürdige Perſon— lebt, ſpricht und ſieht aus, wie irgend ein fremdartiger Geiſt, deſſen Luſt darin beſteht, in alten Gebäuden ſein Weſen zu treiben; auch iſt er von dem oben berühr⸗ ten Gegenſtande auf eine Weiſe hingenommen, die man eigentlich wunderbar nennen muß. Als ich mich in das Privatleben zurückzog, ſuchte ich ihn auf, und ich verſichere Sie, je mehr ich von ihm ſehe, einen deſto lebhaftern Eindruck macht ſein ſeltſames und träumeriſches Weſen auf mich.“ „Wo wohnt er?“ fragte ich. „Er wohnt“— verſetzte Herr Pickwick—„an einem jener unheimlichen, einfamen, alten Orte, welche mit ſeinen Gedanken und Geſchichten in un⸗ abläßiger Verbindung ſtehen— und zwar ganz allein; ja, hin und wieder ſchließt er ſich ſogar mehrere Wochen lang ein, ohne nur einen Augenblick zum Vorſchein zu kommen. In dieſer ſtaubigen Abge⸗ ſchiedenheit brütet er über den Phantaſiebildern, in welchen er ſchon ſeit Jahren den einzigen Genuß findet, und wenn er auch wieder unter die Leute kömmt oder irgend Jemand ihn beſucht, ſo laſſen ſie ſich doch nicht aus ſeinem Gehirne verdrängen, ſon⸗ dern bleiben ſein Lieblingsthema. Ich darf, glaube 195 ich, ſagen, daß er es über ſich gewonnen hat, gegen mich Achtung zu hegen und meinen Beſuchen nicht ungerne entgegen zu ſehen— Gefühle, die er, wie ich überzeugt bin, auch auf Maſter Humphrey's Wanduhr ausdehnen würde, wenn man ihn veran⸗ laſſen könnte, unſere Geſellſchaft einmal zu beſuchen. Ich muß jedoch noch bemerken, daß er, als ein wunder⸗ licher, in ſich gekehrter Träumer, wohl in, aber nicht von der Welt iſt und ebenſowenig mit Jemanden hier, als mit Jemanden auf irgend einem andern Theile der Erde Aehnlichkeit hat.“ Herr Miles nahm dieſen Bericht über den neu⸗ vorgeſchlagenen Genoſſen mit etwas ſcheelem Geſichte auf; er murmelte vor ſich hin, daß er vielleicht verrückt ſey, und erkundigte ſich ſodann nach ſeinen Vermögensumſtänden. „Ich habe ihn nie darum gefragt,“ antwortete Herr Pickwick. 3 „Sie könnten es aber demungeachtet wiſſen, Sir,“ entgegnete Herr Miles mit ſcharfer Betonung. „Das wäre allerdings möglich,“ erwiederte Herr Pickwick eben ſo ſpitzig,„iſt aber nicht der Fall. In der That“— fügte er, in ſeine gewohnte Milde zurückfallend, bei,—„es ſteht mir kein Urtheil dar⸗ über zu. Er lebt ärmlich, aber dieß ſcheint mit ſeinem Charakter im Einklang zu ſeyn. Ich habe ihn nie von ſeinen Verhältniſſen ſprechen hören und traf nie mit Jemanden zuſammen, der auch nur den mindeſten 13* Aufſchluß darüber hätte geben können. Jedenfalls habe ich Alles geſagt, was ich von ihm weiß, und es bleibt jetzt Ihnen, meine Herren, überlaſſen, ob Sie wünſchen, ihn näher kennen zu lernen, oder ob Sie an dem Mitgetheilten bereits genug haben.“ Wir waren einſtimmig der Anſicht, daß wir ſuchen wollten, mehr von ihm zu erfahren. Herr Miles ſagte zwar gleichfalls:„Ja— o gewiß— er möchte wohl noch etwas weiter von dem Herrn kennen lernen— habe durchaus kein Recht, ſich dem allgemeinen Wunſche entgegen zu ſtemmen“ und dergleichen, ſchüt⸗ telte aber demungeachtet bedenklich den Kopf und räuſperte ſich etlichemale mit ganz beſonderer Bedeut⸗ ſamkeit, weßhalb, gewiſſermaßen um den alten Herrn zufrieden zu ſtellen, beſchloſſen wurde, Herr Pickwick ſolle mich bei Gelegenheit eines Abendbeſuches mit zu dem Gegenſtand der Debatte nehmen, zu welchem Ende auch ſogleich die nöthige Verabredung getroffen wurde. Es verſtand ſich dabei, daß die Sache mei⸗ ner Verantwortlichkeit überwieſen und es mir anheim⸗ gegeben wurde, ihn zum Beitritt einzuladen oder nicht, je nachdem ich es für gut fände. Sobald dieſe wichtige Frage bereinigt war, kehrten wir wieder zu dem Uhrkaſten zurück, wohin uns wahrſcheinlich der Leſer ſchon vorangeeilt iſt, und der Inhalt deſſelben nebſt der ſich daran knüpfenden Unterhaltung ließ uns den Reſt der Zeit raſch entſchwinden. Als wir aufbrachen, nahm mich Herr Pickwick bei Seite, um mir zu ſagen, daß er den Abend auf eine höchſt lls , aun—n S ð 197 angenehme und ergötzliche Weiſe verbracht habe. Nach dieſer Mittheilung führte er mit der Miene des tiefſten Geheimniſſes Jack Redburn in eine andere Ecke, um ihm das Gleiche zu eröffnen, und dann wiederholte er dieſes Manöver mit dem tauben Herrn, um ihm unter Beihülfe der Schiefertafel eine ähnliche Verſicherung zu geben. Es war beluſtigend, den innern Widerſtreit mit anzuſehen, ob er ſeine Ver⸗ traulichkeit auch auf Herrn Miles ausdehnen, oder ob er denſelben mit würdevoller Zurückhaltung be⸗ handeln ſolle. Ein Halbdutzendmal ging er mit freund⸗ licher Miene auf ihn zu, und ebenſo oft trat er, ohne ein Wort zu ſprechen, wieder zurück. Endlich, als er ſich ganz nahe an dem Ohre dieſes Herrn befand und im Begriffe war, ihm etwas Angenehmes und Verſöhnliches zuzuflüſtern, wandte Herr Miles zufäͤllig plötzlich den Kopf um, worauf Herr Pickwick wegeilte und mit einigem Ungeſtüm ſprach: „Gute Nacht, Sir— ich wollte Ihnen gute Nacht ſagen, Sir— weiter nichts.“ Damit machte er eine Verbeugung und verließ ihn. „Nun, Sam?“ ſagte Herr Pickwick, als er unten anlangte. „Alles in Ordnung, Sir,“ verſetzte Herr Weller senior.„Halten Sie jetzt nur. Zuerſt den rechten Arm— jetzt den Linken— jetzt eine kräftige Convul⸗ ſion, und der Ueberrock iſt auf dem Leibe, Sir.“ Herr Pickwick handelte nach dieſen Anweiſungen, und da er noch weiter von Sam Beiſtand erhielt, 198 welcher auf der einen Seite des Kragens zupfte, während der ältere Herr Weller auf der anderen, nur um ein Namhaftes ſtärker, das gleiche Manöver vornahm, ſo ſtack er bald in ſeinem Gewande. Herr Weller senior brachte ſofort eine große Stalllaterne zum Vorſchein, welche er bei ſeiner Ankunft ſorg⸗ fältig in einem Stubenwinkel aufbewahrt hatte, und fragte Herrn Pickwick, ob er wünſche, daß jetzt die Lampe angezündet werde. „Ich denke nicht, daß es dieſe Nacht nöthig iſt,“ verſetzte Herr Pickwick. „Dann wollen wir ſie“— entgegnete Herr Weller—„mit dem Wohlnehmen dieſer Dame bis auf's nächſtemal hier laſſen. Dieſe Laterne hier, Mamſell,“ ſagte Herr Weller, indem er den beſpro⸗ chenen Gegenſtand der Haushälterin einhändigte, „gehörte einmal dem berühmten Bill Blinder, der jetzt unter dem Graſe liegt, wie es uns allen ſeiner Zeit ergehen wird. Dieſer Bill, Mamſell, war der Stallknecht, der die zwei wohlbekannten Schecken verſorgte, welche als Handgäule in dem Briſtoler Eilwagen zogen und nach keiner andern Weiſe gehen wollten, als nach dem Liedchen:„Ein ſüdlicher Wind und ein wolkiger Himmel,“ weßhalb daſſelbe immer von dem Conducteur aufgeſpielt werden mußte, wenn ſie im Strange waren. Eines Nachmittags wurde es ihm ganz ſchlecht, er konnte nichts mehr vertrae⸗ gen und ſeine Beine wollten wochenlang nicht mehr gehen; da ſagte er zu ſeinem Adjunkten, ‚Matey,,⸗ 199 ſagte er, ‚ich denke, ich fahre mit der letzen Poſt, denn meine Füße laufen auf wie Feuereimer. Be⸗ rede mich nicht eines andern,“ ſagte er, ‚ich weiß es ſelbſt am Beſten. Sieh' daher zu, daß man mich nicht unterbricht,“ ſagte er, ‚denn ich habe ein Bis⸗ chen Geld erſpart und will jetzt in den Stall gehen, um mein Teſtament zu machen.“— Ich will dafür ſorgen, daß du nicht geſtört wirſt, ſagt der Adjunkt, zaber du brauchſt nur den Kopf aufrecht zu halten und die Ohren ein Bischen zu ſchütteln, ſo biſt du noch für die nächſten zwanzig Jahre gut.⸗ Bill Blinder gibt keine Antwort, ſondern geht in den Stall, legt ſich bald nachher zwiſchen die zwei Sche⸗ cken und ſtirbt, nachdem er zuvor außen auf den Deckel der Habertruhe geſchrieben hat: ‚Dieß iſt William Blinder's letzter Wille und Te⸗ ſtament.⸗ Man war natürlich ſehr erſtaunt darüber, und nachdem man in der Streu, in der Raufen und wo weiß ich alles nachgeſehen, öffnet man die Haber⸗ truhe und findet, daß er ſeinen letzten Willen mit Kreide auf die innere Seite des Deckels geſchrieben hatte. Der Deckel mußte daher aus ſeinen Klampen genommen und zur Beſtätigung nach Doctors Com⸗ mons geſchickt werden; und in Folge deſſelbigen In⸗ ſtruments ſiel dieſe Laterne an„Tony Weller— ein Umſtand, der ihr einen großen Werth in meinen Augen gibt, Mamſell, und ich werde es Ihnen Dank wiſſen, wenn Sie ſo gut ſeyn wollen, dieſelbe beſonders in Obacht zu nehmen.“ 200 Die Haushälterin verſprach huldreich, den Ge⸗ genſtand von Herrn Weller's Sorglichkeit ſo gut als möglich zu verwahren, und Herr Pickwick nahm mit lachendem Geſichte Abſchied. Die Leibgarde folgte Seite an Seite: der alte Herr Weller von den Stie⸗ feln bis an'’s Kinn eingewickelt und eingeknöpft, wäh⸗ rend Sam, die Hände in den Taſchen und den Hut halb auf dem Kopfe, auf dem Heimwege ſeinem Vater Vorſtellungen über ſeine ungemeine Geſchwätzig⸗ keit machte. 4 Ich war, als ich die Treppen hinaufgehen wollte, nicht wenig überraſcht, zu ſo ſpaͤter Stunde in der Hausflur dem Barbier zu begegnen, da ſich ſein Beſuch gewöhnlich nur auf eine halbe Stunde des Morgens beſchränkt. Aber Jack Redburn, der — wie es ſcheint, inſtinktartig— alles, was im Hauſe vorgeht, ausfindet, theilte mir mit großer Freude mit, es habe ſich heute Abend in der Küche, als Nachahmung der unſrigen, eine Geſellſchaft unter dem Titel:„Herrn Wellers Taſchenuhr“ gebildet, von welcher der Barbier ein Mitglied ſey; auch ſtehe er mir dafür, daß er Mittel. finden werde, mich mit dem Verlauf ihrer Verhandlungen bekannt zu machen, was ich ihn, ſowohl um meiner ſelbſt, als um meiner Leſer willen, ja nicht zu verabſäumen bat. —-— —*8— Der Naritätenladen. Zweites Kapitel. Nachdem ich faſt eine Woche lang das Gefühl bekämpft hatte, welches mich antrieb, den Ort wieder zu beſuchen, welchen ich unter den bereits mitgetheil⸗ ten Umſtänden verlaſſen hatte, gab ich endlich dem⸗ ſelben nach. Ich beſchloß jedoch, dießmal mich im Lichte des Tages zu zeigen, und lenkte daher meine Schritte in den erſten Stunden des Nach⸗ mittags in jene Gegend. Ich ging an dem Hauſe vorbei und mehrere⸗ male in der Straße auf und ab, mit jener Art von Zögern, welche bei Leuten gewöhnlich iſt, die einen jedenfalls unerwarteten, wo nicht gar unangenehmen Beſuch vorhaben. Da jedoch die Ladenthüre ge⸗ ſchloſeen war und ich von den Leuten im Innern nicht erkannt zu werden glaubte, wenn ich fortführe, 202 vor dem Hauſe auf und abzugehen, ſo überwand ich meine Unſchlüſſigkeit und befand mich bald in dem Magazine des Raritätenkrämers. Der alte Mann ſtand mit noch einer Perſon im Hintergrunde, und beide ſchienen in einem lebhaften Wortwechſel begriffen geweſen zu ſeyn, denn ihre zu⸗ vor ſehr lauten Stimmen ſchwiegen plötzlich bei meinem Eintritt, während der alte Mann haſtig auf mich zukam und in einem bebenden Tone ſagte, es freue ihn ſehr, daß ich gekommen ſey. „Sie haben uns in einem kritiſchen Augenblicke unterbrochen,“ fuhr er fort, indem er auf den Mann deutete, welcher ſich in dem Laden befand.„Jener Menſch wird mich dieſer Tage noch umbringen. Er würde es ſchon längſt gethan haben, wenn er den Muth dazu gehabt hätte.“ „Pah! Sie würden mir mit einem Eide das Leben nehmen, wenn Sie könnten,“ entgegnete der Andere mit einem ſtechenden Zornblicke auf mich,„wir Alle kennen das!“ „Ich glaube faſt, daß ich es könnte,“ rief der alte Mann, indem er ſich kraftlos nach ihm umwandte. „Wenn Eide, Gebete oder Worte mich von dir erlöſen könnten, ſo ſollte es gewiß geſchehen. Ich wäre deiner ledig und getröſtet, wenn du todt wäreſt.“ „Ich weiß es,“ verſetzte der Andere.„Und habe ich es nicht voraus geſagt? Aber weder Eide, ——— G½ 203 noch Gebete, noch Worte werden mich tödtenz ich bleibe daher am Leben und habe im Sinne, fortzu⸗ leben!“ „Und ſeine Mutter ſtarb!“ rief der alte Mann, leidenſchaftlich die Hände zuſammenſchlagend und nach oben blickend.„Iſt das die Gerechtigkeit des Himmels?“ Der Andere ſtand nachläſſig mit dem Fuße auf einem Stuhl und betrachtete den Alten mit einem verächtlichen Hohnlächeln. Er war ein junger Mann von einundzwanzig Jahren oder darüber, wohlgebildet und ſogar ſchön, obgleich der Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes nichts weniger als anſprach, ſondern im Gegen⸗ theil um der liederlichen und unverſchämten Miene willen— Züge, die ſich auch außerdem in ſeinem ganzen Benehmen und ſogar in ſeiner Kleidung aus⸗ drückten— abſtoßend wirkte. „Gerechtigkeit oder nicht,“ erwiederte der junge Burſche;„ich bin hier und werde hier bleiben, bis es mir gut dünkt, zu gehen, es müßte denn ſeyn, daß Sie Leute herbeiriefen, um mich hinauswerfen zu laſſen— und das thun Sie nicht, wie ich wohl weiß. Ich ſage Ihnen noch einmal, daß ich meine Schweſter ſehen will.“ „Deine Schweſter?“ verſetzte der alte Mann mit Bitterkeit. 4 „Je nun, Sie können die Verwandtſchaſt nicht 204 ändern,“ entgegnete der Andere;„denn wenn Sie's könnten, ſo würden Sie es längſt gethan haben. Ich will meine Schweſter ſehen, die Sie hier ein⸗ geſperrt halten, und deren Gemüth Sie mit Ihren ſchlauen Geheimniſſen und Ihrer angeblichen Liebe für ſie vergiften, während ſie ſich auf Ihr Geheiß zu Tod arbeiten muß, damit Sie jede Woche etliche ſchäbige Shillinge dem Gelde beifügen können, wel⸗ ches Sie ohnehin kaum zu zählen im Stande find. Ich beſtehe darauf, ſie zu ſehen, und werde meinen Willen durchzuſetzen wiſſen.“ „Ein feiner Moraliſt, um von vergifteten Ge⸗ müthern zu ſprechen! Ein hoher Geiſt, der über ſchäbige Shillinge ſpottet!“ rief der alte Mann, ſich von ihm ab an mich wendend.„Ein Elender, Sir, der jeden Anſpruch nicht nur an diejenigen, welche das Unglück haben, durch die Bande des Bluts mit ihm verbunden zu ſeyn, ſondern an die ganze menſch⸗ liche Geſellſchaft, welche nichts von ihm als ſeine Unthaten kennt, verwirkt hat. Noch obendrein ein Lügner,“ fügte er mit leiſerer Stimme bei, indem er mir näher rückte,„der recht wohl weiß, wie theuer ſie mir iſt, demungeachtet aber mich ſogar in dieſem Punkte zu verwunden ſucht, und nur um der An⸗ weſenheit eines Fremden willen.“ „Ich mache mir nichts aus Fremden, Groß⸗ vater,“ ſagte der junge Burſche, welcher die letzten Worte aufgefangen hatte,„wie ſie auch hoffentlich 205 ſich nicht um mich kümmern werden; denn ſie können nichts beſſeres thun, als für ihre eigenen Angelegenheiten ſorgen, und mich den meinigen überlaſſen. Draußen harrt einer meiner Freunde, und da es den Anſchein hat, als ob ich noch einige Zeit warten müſſe, ſo will ich ihn, mit Ihrer Erlaubniß, hereinrufen.“ Mit dieſen Worten trat er an die Thüre, ſah die Straße hinab und winkte mehrere Male einer uns unſichtbaren Perſon, welche— den ungeduldigen Geberden zufolge, womit die Winke begleitet wurden — einer ziemlichen Ueberredung zu bedürfen ſchien, um näher zu kommen. Endlich ſchenkerte von der andern Seite des Weges herüber— unter dem ab⸗ genützten Vorwande, als gehe ſie nur zufällig vorüber — eine Geſtalt, die man einen wahren Ausbund von ſchmutziger Eleganz nennen konnte; unter vielem Stirnenrunzeln und Kopfſchütteln, wodurch ſie ihre Abneigung gegen die Benützung einer ſolchen Einla⸗ dung zu erkennen gab, kam ſie endlich heran und trat in den Laden. „So. Dieß iſt Dick Swiveller,“ ſagte der junge Burſche, indem er ſeinen Freund hereinzog. „Setz' dich, Swiveller.“ „Iſt's aber auch dem alten Manne recht?“ ent⸗ gegnete Herr Swiveller leiſe. „Setz' dich,“ wiederholte ſein Kamerad. Herr Swiveller willfahrte und bemerkte, indem 8 206 er mit einem verſöhnenden Lächeln um ſich blickte, daß die letzte Woche eine ſchöne Woche für die Enten geweſen wäre, und die gegenwärtige eine ſchöne für den S aub ſey; ferner berichtete er, daß er, während er an der Straßenecke gewartet, ein Schwein mit einem Strohwiſche im Maul habe aus einem Tabaks⸗ laden herauskommen ſehen, aus welchem Umſtande er prophezeite, daß bald wieder eine ſchöne Woche für die Enten kommen werde, denn nothwendig müſſe es demnächſt regnen. Sodann erſah er die Ge⸗ legenheit, ſich wegen der Nachläſſigkeit, die allenfalls in ſeinem Anzug bemerklich ſeyn dürfte, zu entſchul⸗ digen, weil er„die letzte Nacht zu ſehr die Sonne in den Augen gehabt habe“— ein Ausdruck, womit er ſeinen Zuhörern auf die zarteſte Weiſe von der Welt andeuten wollte, daß er ſchwer betrunken ge⸗ weſen ſey. „Doch,“ fuhr Herr Swiveller mit einem Seufzer fort—„was will das heißen, ſo lange das Feuer der Seele ſeinen Zündſtoff von dem Kerzenlichte der Geſelligkeit erhält, und der Fittig der Freundſchaft nie eine Feder verliert? Was will das heißen, ſo lange der Geiſt ſich erweitert unter dem Einfluſſe des roſtgen Weines und der gegenwärtige Augenblick der am mindeſten glückliche unſeres Daſeyns iſt!“ „Du brauchſt hier keine Präſidentenrolle zu ſpielen,“ ſagte ſein Freund halb bei Seite. „Fritz!“ rief Herr Swiveller, mit dem Finger 207 ſeine Naſe berührend,„ein Wort iſt für den Weiſen zureichend. Wir können ohne Reichthümer gut und glücklich ſeyn, Fritz. Du brauchſt keine Sylbe mehr zu reden. Ich kenne mein Stichwort— es heißt Schlauheit. Nur noch ein Wort in's Ohr, Fritz— iſt der alte Mann freundlich?“ „Kümmere dich nicht darum,“ verſetzte ſein Freund. „Abermals recht, ganz recht,“ ſagte Herr Swi⸗ veller.„Es gilt Vorſicht, und vorſichtig wollen wir auch handeln.“ Mit dieſen Worten blinzelte er, als ſey er im Beſitz irgend eines tiefen Geheimniſſes; dann ſchlug er die Arme zuſammen, lehnte ſich in dem Stuhle zurück und ſah mit großer Gravität an die Decke. Dem Vorgange zufolge hätte man nicht ohne ſcheinbaren Grund muthmaßen können, Herr Swi⸗ veller habe ſich noch immer nicht ganz von den Wir⸗ kungen des von ihm angedeuteten mächtigen Sonnen⸗ lichtes erholt; wäre aber auch ein ſolcher Verdacht nicht durch ſeine Sprache veranlaßt worden, ſo wür⸗ den jedenfalls ſeine in die Höhe ſtehenden, borſtigen Haare, die trüben Augen und das gelbe Geſicht kräf⸗ tiges Zeugniß gegen ihn abgelegt haben. Sein An⸗ zug war, wie er ſelbſt angedeutet hatte, nicht in der ſchönſten Ordnung, ſondern ſah im Gegentheil ganz ſo aus, als wäre der Eigenthümer damit im Bette 208 gelegen. Er beſtand aus einem braunen Fracke mit vielen Meſſingknöpfen vorn und nur einen einzigen hinten, einem hellfarbigen gewürfelten Halstuche, einer Plaidweſte, ſchmutzigen, weißen Beinkleidern und einem ſehr vermürbten Hut, deſſen Hinterſeite er nach vorn gekehrt hatte, um ein Loch in der Krämpe zu verbergen. Die Bruſt ſeines Frackes war außen mit einer Taſche verziert, aus welcher der reinſte Zipfel eines ſehr großen und arg mitgenommenen Schnupftuchs herausſah; ſeine ſchmutzigen Man⸗ ſchetten waren ſo weit als möglich hervorgezogen und Oſtentations halber über die Aermelaufſchläge zurück⸗ geſchlagen; er hatte keine Handſchuhe und trug ein gelbes ſpaniſches Rohr mit einer Hand als Knopf, welche eine ſchwarze Kugel umſpannte, und an deren kleinem Finger ſich eine Art Ring befand. Mit ſol⸗ chen perſönlichen Vorzügen ausgeſtattet, wozu ſich noch ein ſtarker Geruch nach Tabak und eine ſehr ſchmierige Außenſeite geſellte, lehnte ſich Herr Swi⸗ veller, die Augen an die Decke geheftet, in ſeinem Stuhle zurück, wobei er gelegentlich ſeine Stimme zu der nöthigen Höhe ſteigerte, weil er die Geſell⸗ ſchaft mit einigen Tacten einer ungemein gräßlichen Arie erfreuen zu müſſen glaubte, dann aber wieder, in der Mitte einer Note abbrechend, in ſein früheres Schweigen verſank. 1 Der alte Mann ſetzte ſich in einen Stuhl und ſah mit gefalteten Händen bald auf ſeinen Enkel, bald auf deſſen ſeltſamen Gefährten, als fühle er ſich — 209 außer Stand und aller Mittel beraubt, ſich ihrer zu erwehren, weßhalb er ſie nach Belieben ſchalten und walten laſſen müſſe. Der junge Mann lehnte ſich in der Nähe ſeines Freundes an einen Tiſch, augen⸗ ſcheinlich gleichgültig gegen Alles, was vorgegangen war; und ich— da ich die Schwierigkeit einer Ver⸗ mittelung fühlte, obgleich mich der alte Mann durch Worte und Blicke dazu aufgefordert hatte— that ſo gut wie möglich, als betrachte ich die zum Verkauf ausgeſtellten Waaren, ohne mich viel um die An⸗ weſenden zu kümmern. Das Schweigen war nicht von langer Dauer, denn nachdem uns Herr Swiveller mit unterſchied⸗ lichen melodiſchen Verſicherungen, daß ſein Herz im Hochland ſey, und daß er nur ſeines arabiſchen Roſſes bedürfe, um Thaten der Tapferkeit und des treuen Gehorſams zu vollbringen, begünſtigt hatte, ließ er die Augen von der Decke herabgleiten und geruhte wieder zur ſchlichten Proſa zurückzukehren. 3 „Fritz,“ ſagte Herr Swiveller, und hielt wieder inne, als ob ihm der Gedanke eben erſt gekommen ſey, worauf er in demſelben hörbaren Flüſtern, deſſen er ſich vorhin bedient hatte, fortfuhr:„iſt der alte Mann freundlich?“ „Was geht es dich an?“ erwiederte ſein Freund verdrießlich. „Nichts; aber ich möchte es doch wiſſen,“ ver⸗ ſetzte Dick. Boz. XI. Humphrey's Wanduhr.* 14 „Es hat natürlich einen großen Werth für dich. Was kümmert's mich, ob er's iſt oder nicht?“ 3 Durch dieſe Antwort, wie es ſchien, ermuthigt, auf eine mehr allgemeine Unterhaltung einzugehen, hub es Herr Swiveller darauf ab, unſere Aufmerk⸗ ſamkeit zu feſſeln. Er begann mit der Bemerkung, obgleich Soda⸗ waſſer an und für ſich etwas Gutes ſey, ſo liege es doch ſehr kalt im Magen, wenn man es nicht mit Ingwer oder durch den Zuſatz von Branntwein würze, welch letzteren Artikel namentlich er in allen Fällen vorziehe, wenn dabei nicht der Koſtenpunkt in Betracht komme. Da es Niemand wagte, dieſe Sätze zu be⸗ ſtreiten, ſo fuhr er fort, zu bemerken, daß der Ge⸗ ruch des Tabakrauchs am allerlängſten dem menſch⸗ lichen Haare anhänge, und daß die jungen Gentle⸗ men zu Weſtminſter und Eton, wenn ſie es verſuchten, den Geruch gerauchter Cigarren durch das Speiſen großer Quantitäten von Aepfeln vor ihren beſorgten Freunden zu verbergen, gewöhnlich in Folge der ge⸗ nannten merkwürdigen Eigenſchaft ihrer Köpfe ent⸗ deckt würden; er kam ſofort zu dem Schluſſe, die Royal⸗Society würde ſich in der That als eine große Wohlthäterin des Menſchengeſchlechts erweiſen, wenn ſie dieſem Umſtande ihre Aufmerkſamkeit zuwenden und im Bereich der Wiſſenſchaft die Mittel aufzu⸗ finden ſuchen würde, derartigen unangenehmen Ent⸗ deckungen vorzubeugen. Da dieſe Anſichten ſo un⸗ umſtößlich waren, als die früher ausgeſprochenen, 211 ſo ſchickte er ſich an, uns zu belehren, daß der Ja⸗ maikarum, obgleich ohne Frage ein ſehr geiſtvolles und wohlſchmeckendes Getränk, doch den Nachtheil habe, einem den andern Morgen noch auf der Zunge zu liegen; und da auch dieſen Punkt Niemand zu beanſtanden wagte, ſo ſtieg ſein Selbſtvertrauen, und er wurde mit jedem Augenblicke mittheilſamer und geſprächiger. „Es iſt ein Teufelding, meine Herrn,“ ſagte Herr Swiveller,„wenn Verwandte gegenſeitig mit einander zerfallen. Der Fittig der Freundſchaft ſollte nie eine Feder verlieren, und der Fittig der Ver⸗ wandtſchaft ſollte nie beſchnitten werden, ſondern immer heiter ausgeſpannt ſeyn. Warum mögen auch Enkel und Großvater mit wechſelſeitiger Heftig⸗ keit an einander auffahren, wo doch alles Segen und Eintracht ſeyn könnte? Warum ſich nicht die Hände reichen und vergeſſen?“ „Halt dein Maul,“ ſagte ſein Freund. „Mein Herr, ich muß bitten, daß der Präſident nicht unterbrochen wird,“ verſetzte Herr Swiveller. „Meine Herrn, wie ſteht nun die Sache bei dem gegenwärtigen Anlaſſe? Hier iſt ein jovialer alter Großvater— ich ſage dieß mit der größten Achtung — und hier ein wilder junger Enkel. Der joviale alte Großvater ſagt zu dem wilden jungen Enkel: „Ich habe dich genährt und erzogen, Fritz; ich habe dich in die Lage geſetzt, daß du dich im Leben fort⸗ 14*† 212 bringen kannſt; du haſt ein wenig hinausgeſchlagen, wie es junge Leute oft thun, und dir bleibt keine weitere Ausſicht, ja, nicht einmal der Schatten einer halben Ausſicht.⸗— Der wilde junge Enkel gibt auf dieß eine Antwort und ſagt: ,Sie ſind ſo reich, als man ſeyn kann; Sie haben meinetwegen keine ungewöhnlichen Koſten gehabt; Sie ſparen Haufen Geldes für meine kleine Schweſter, die mit Ihnen heimlich und verſtohlen, ſo zu ſagen ſchlupfwinkelartig lebt, ohne daß ſie irgend eine Freude hatte— warum können Sie nicht auch Ihrem erwachſenen Berwand⸗ ten mit einer Kleinigkeit beiſpringen? Der joviale alte Großvater erwiedert hierauf nicht nur, daß er es ablehnt, mit jener angenehmen Bereitwilligkeit, die bei einem Herrn in ſeiner Lebensſtufe ſtets ſo erfreulich und wohlthuend iſt, auszublechen, ſondern meint ſogar, der Teufel müßte ihn plagen, wenn er's thäte, theilt Unnamen aus und hält bei jeder Zu⸗ ſammenkunft moraliſche Vorleſungen. Die Frage liegt daher auf platter Hand, iſt es nicht Jammerſchade, daß ein ſolcher Zuſtand fortdauern ſoll, und wäre es nicht viel beſſer für den alten Herrn, mit einer an⸗ ſehnlichen Partie Spieße auszurücken, um alles recht und eben zu machen?“ Nach dieſer Rede, welche mit vielem Geſtikuliren und Händefuchteln vorgetragen worden war, ſteckte Herr Swiveller plötzlich den Knopf ſeines Rohres in den Mund, als ob er ſich ſelbſt hindern wolle, —— —— 213 den Effect ſeines Vortrags auch nur durch ein ein⸗ ziges weiteres Wort zu ſchwächen. „Ach, daß ſich Gott erbarmen möge— warum hetzeſt und verfolgeſt du mich?“ ſagte der alte Mann zu ſeinem Enkel.„Warum bringſt du mir auch noch deine liederliche Kameradſchaft hieher? Wie oft muß ich dir noch ſagen, daß mein Leben eine Kette von Sorgen und Entbehrungen iſt, und daß ich arm bin?“ „Wie oft muß ich Ihnen ſagen, daß ich das beſſer weiß?“ erwiederte der Andere. „Du haſt deine eigene Bahn gewählt,“ ſagte der alte Mann.„Folge ihr meinetwegen; aber mich und Nell laß arbeiten und thätig ſeyn.“ „Nell muß bald groß ſeyn,“ entgegnete der Andere;„und die Lehren, welche Sie ihr geben, werden ſie veranlaſſen, ihres Bruders zu vergeſſen, wenn er ſich nicht zuweilen zeigt.“ „Hüte dich,“ verſetzte der alte Mann mit fun⸗ kelnden Augen,„daß ſie deiner nicht vergißt, wo du ihr ſchärfſtes Gedächtniß brauchen könnteſt. Sieh dich vor, daß du nicht eines Tages baarfuß durch die Straßen ziehſt, wenn ſie in ihrer eigenen Equi⸗ page einherfährt.“ „Sie meinen, wenn ſie Ihr Geld hat?“ erwie⸗ derte der Andere.„Wie ſchön doch ſeine Worte zu dem armen Manne paſſen!“ 214 „Und doch,“ ſprach der alte Mann, indem er den Ton ſeiner Stimme in der Weiſe eines laut Denkenden dämpfte—„wie arm ſind wir nicht, und was für ein Leben iſt das unſrige! Es gilt einem zarten Kinde, das nie irgend Jemand ein Leides that, und demungeachtet will es nicht gehen. Doch nur Geduld, Geduld! Die Hoffnung wird nicht zu Schan⸗ den werden laſſen.“ Dieſe Worte wurden zu leiſe geſprochen, als daß ſte die Ohren der jungen Männer hätten erreichen können. Herr Swiveller glaubte augenſcheinlich, ſie bezögen ſich auf einen innern Kampf— eine Folge des mächtigen Eindrucks ſeiner Rede, denn er ſtieß ſeinen Freund mit dem Rohr an und flüſterte ihm ſeine Ueberzeugung zu,„die Riegel gelöst“ zu haben, wofür er übrigens auch ſeinen Antheil an dem Er⸗ trage erwarte. Als er aber nach einer Weile ſeinen Irrthum entdeckte, ſchien er etwas ſchläfrig und un⸗ muthig zu werden, und er hatte bereits zu wieder⸗ holten Malen darauf hingedeutet, wie er es für paſſend halte, ſich zu entfernen, als die Thüre auf⸗ ging und das Kind ſelbſt hereintrat. N— Aun Der Naritätenladen. Drittes Kapitel. Dicht hinter dem Kinde erſchien ein ältlicher Mann mit merkwürdig harten Zügen, einem abſtoßenden Aeußern und von ſo kleiner Geſtalt, daß man ihn wohl für einen Zwerg betrachten konnte, obgleich Kopf und Geſicht ſelbſt für den Körper eines Rieſen noch groß genug geweſen wäre. Seine ſchlauen ſchwarzen Augen rollten verſchmitzt umher; Mund und Kinn ſtarrten von den Stoppeln eines rauhen, harten und ſtacheligen Bartes, und ſeine Geſichtsfarbe konnte man weder rein noch geſund nennen. Was aber den grotesken Ausdruck ſeines Geſichtes noch erhöhte, war ein unheimliches Lächeln, welches— augenſcheinlich das bloße Ergebniß der Gewohnheit — durchaus mit keinem heitern und behaglichen Ge⸗ fühle in Verbindung ſtand und ihm ganz das Aus⸗ ſehen eines keuchenden Hundes gab, indem es die mißfarbigen Paar Fanger, welche noch in ſeinem Munde ſtaken, zur Schau ſtellte. Sein Anzug be⸗ ſtand aus einem großen Hute mit hoher Krone, ab⸗ getragenen ſchwarzen Kleidern, einem Paar ſehr 216 umfangreicher Schuhe und einem ſchmutzigen weißen Halstuche, das bereits hinreichend zerknüllt war, um den größten Theil des ſcharf hervortretenden Gurgel⸗ knopfes ſichtbar werden zu laſſen. Die vorhandenen Haare waren ſchwärzlich⸗grau, kurz abgeſchnitten und gegen die Schläfe herein geſtrichen, während ſie gegen die Ohren als zottige Franſe überhingen. Seine ſchmutzigen Hände hatten eine rauhe, grobe Haut, und die langen, krummen Fingernaͤgel eine gelbe Farbe. Ich hatte hinreichend Zeit, aller dieſer Einzeln⸗ heiten gewahr zu werden, denn ſie waren, ſelbſt für einen flüchtigen Beobachter, augenfällig genug, und es verging eine geraume Weile, ehe das Schweigen von irgend einer Seite unterbrochen wurde. Die Kleine trat ſchüchtern auf ihren Bruder zu und legte ihre Hand in die ſeinige, während der Zwerg(wenn wir ihn ſo nennen dürfen) mit ſcharfem Blicke alle Anweſenden muſterte, und der Naritätenkrämer, welcher augenſcheinlich dieſen ungeſchlachten Beſuch nicht erwartet hatte, verwirrt und verlegen zu ſeyn ſchien. „Ah!“ ſagte der Zwerg, nachdem er mit über die Augen gehaltener Hand den jungen Mann auf⸗ merkſam betrachtet hatte,„das ſollte alſo Ihr Enkel ſeyn, Nachbar?“ „Sagen Sie lieber, er ſollte es nicht ſeyn,“ verſetzte der alte Mann.„Aber leider iſt er es.“ ——— 1 —y— — 217 „Und dieſer?“ fuhr der Zwerg fort, indem er auf Dick Swiveller zeigte. „Ein Freund von ihm, und hier ein eben ſo willkommener Gaſt, als er ſelbſt,“ antwortete der alte Mann. „Und der?“ fragte der Zwerg weiter, indem e ſich umdrehte und auf mich deutete. „Ein Herr, der ſo gütig war, Nell nach Hauſe zu führen, als ſie letzthin auf dem Rückweg von Ihrem Hauſe verirrte.“ Der kleine Mann wandte ſich nach dem Kinde um, als wolle er mit ihr ſchmälen oder ſeine Ver⸗ wunderung über ihre Ungeſchicklichkeit ausdrücken; da ſie jedoch mit dem jungen Manne ſprach, ſo ſchwieg er und beugte den Kopf vor, um zuzu⸗ horchen. 8 „Nun, Nelly,“ ſagte der junge Menſch laut, „man lehrt dich wohl, mich zu haſſen, nicht wahr?“ „Nein, nein— pfui, ſchäme dich. O nein!“ rief das Kind. „Oder mich zu lieben vielleicht?“ fuhr der Bruder mit einem Hohnlachen fort. „Keines von beiden,“ entgegnete ſie.„Man ſpricht nie von dir. Gewiß, es geſchieht nie.“ „Darauf wollte ich ſchwören,“ ſagte er, indem er einen bittern Blick nach ſeinem Großvater ſchießen 218 ließ.„Ja, darauf wollte ich ſchwören, Nell. Ich will dir hier auf's Wort glauben.“ „Aber ich liebe dich innig, Fritz,“ erwiederte das Kind. „Kein Zweifel!“ „O gewiß, und ich will es immer thun,“ wie⸗ derholte das Kind mit großer Bewegung.„Aber ach, wenn du nur aufhören wollteſt, ihn zu kränken und ihn unglücklich zu machen, ſo könnte ich dich noch mehr lieben.“ „Ich ſehe!“ ſagte der junge Mann, beugte ſich unbekümmert über das Kind nieder und ſchob es, nachdem er es geküßt hatte, von ſich.—„So— jetzt kannſt du gehen; du haſt deine Lection aufge⸗ ſagt. Du brauchſt nicht zu wimmern. Wenn du weiter nichts weißt, ſo kommen wir gut genug aus einander.“ Dann ſchwieg er und folgte ihm mit den Augen, bis es ſein kleines Zimmer erreicht und die Thüre hinter ſich abgeſchloſſen hatte, worauf er ſich an den Zwerg wandte und abgebrochen begann: „Hören Sie, Herr—“ „Meinen Sie mich?“ entgegnete der Zwerg. „Quilp iſt mein Name. Sie können ihn leicht be⸗ halten, da er nicht lang iſt— Daniel Quilp.“ „So hören Sie denn, Herr Quilp,“ fuhr der Andere fort,„Sie haben einigen Einfluß auf meinen Großvater hier.“ „Einigen,“ entgegnete Herr Quilp mit Nachdruck. 2 5—— 2 219 „Und wiſſen wohl ein wenig von ſeinen Ge⸗ heimniſſen?“ „Ein wenig,“ erwiederte Quilp eben ſo trocken. „So mag er durch Sie ein für allemal er⸗ fahren, daß ich an dieſem Orte, ſo lange Nell hier iſt, ein und ausgehen will, ſo oft es mir beliebt, und daß er zuerſt ſie entfernen muß, wenn er meiner los werden will. Was habe ich gethan, daß man mich zu einem Popanz macht und mich ſcheut und fürchtet, als ob ich die Peſt hätte? Er wird Ihnen ſagen, daß mir das Gemüth fehle und daß ich mich um Nell, wegen ihrer ſelbſt, eben ſo wenig, als um ihn kümmere. Doch ſey's d'rum. Ich leide nun eben einmal an der Grille, ab und zuzugehen, um ſie wenigſtens an mein Vorhandenſeyn zu er⸗ innern. Ich will ſie ſehen, ſo oft es mir beliebt — darauf habe ich es jetzt abgeſehen. Ich kam heute her, um meine Abſicht durchzuſetzen, und will noch fünfzigmal zu dem gleichen Zwecke und ſtets mit demſelben Erfolg wieder kommen. Ich ſagte, daß ich nicht von der Stelle gehe, ohne mein Vor⸗ haben erreicht zu haben. Das iſt jetzt geſchehen und mein Beſuch zu Ende. Komm, Dick.“ „Halt!“ rief Herr Swiveller, als ſich ſein Kamerad der Thüre zuwandte;„Sir!“ „Gehorſamer Diener, Sir,“ verſetzte Herr Quilp, an den dieſes einſylbige Wort gerichtet war.— „Ehe ich dieſen heiteren und feſtlichen Schau⸗ 220 platz, dieſe Hallen voll blendenden Lichtes mit dem Rücken anſehe, Sir,“ ſagte Herr Swiveller,„will ich mit Dero Wohlnehmen mir eine kleine Bemer⸗ kung erlauben. Ich kam heute in der Meinung hieher, daß der alte Mann freundlich ſey.“ „Weiter, Sir,“ ſprach Daniel Quilp; denn der Redner hatte plötzlich Halt gemacht. „Inſpirirt von dieſem Gedanken und den da⸗ durch geweckten Gefühlen, Sir, und zugleich als wechſelſeittger Freund empfindend, daß Quälen, Hetzen und Rennomiren nicht geeignet iſt, die Seelen zu erweitern und die geſellige Harmonie der ſtreiten⸗ den Parteien zu fördern, nahm ich es auf mich, einen Weg anzudeuten, welcher einzig und allein in dem gegenwärtigen Falle eingeſchlagen werden kann. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen eine halbe Sylbe in’s Ohr zu flüſtern, Sir?“ Ohne die nachgeſuchte Erlaubniß abzuwarten, trat Herr Swiveller auf den Zwerg zu, lehnte ſich auf ſeine Schulter, beugte ſich zu ſeinem Ohr herunter und ſagte mit einer Stimme, welche allen Anweſenden vollkommen vernehmlich war: „Das Loſungswort für den alten Mann heißt — Blechen.“ „Wie?“ fragte Quilp. „Heißt Blechen, Sir, Blechen,“ wiederholte Herr Sweviller, auf ſeine Taſche klopfend. Der Zwerg nickte. Herr Swiveller zog ſich zurück und nickte gleichfalls, trat abermals einen 221 Schritt nach der Thüre und nickte nochmals, und ſo fort, bis er endlich die Thüre erreicht hatte, wo er durch einen kräftigen Huſtenſtoß die Aufmerkſamkeit des Zwerges auf ſich zu lenken und eine Gelegenheit zu gewinnen ſuchte, durch eine ſtumme Pantomime ſein Vertrauen an den Tag zu legen und die unver⸗ brüchlichſte Zufriedenheit einzuſchärfen. Nachdem er dieſes ernſte Gebehrdenſpiel, welches zu geeigneter Erläuterung ſeiner Ideen nöthig geweſen, beendigt hatte, folgte er den Fußtapfen ſeines Freundes und verſchwand. „Hum!“ ſagte der Zwerg mit ſaurer Miene und einem Achſelzucken,„das iſt ja eine ganz liebe Verwandtſchaft. Gott ſey Dank! ich will von keiner etwas wiſſen. Und auch Sie hätten's nicht nöthig,“ fügte er gegen den alten Mann bei,„wenn Sie nicht ſo ſchwach wären, wie ein Rohr, und faſt eben ſo unverſtändig.“ „Und was ſollte ich denn eigentlich thun?“ ver⸗ ſetzte dieſer in einer Art hilfloſer Verzweiflung. Es i*ſt leicht, zu ſchwatzen und Einen zu verhöhnen. Was hätte ich thun ſollen?“ „Das Nämliche, was ich in Ihrem Falle ge⸗ than haben würde,“ entgegnete der Zwerg. „Ohne Zweifel etwas Gewaltſames?“ „Errathen,“ erwiederte der kleine Mann, höch⸗ lich über dieſes Compliment vergnügt(denn als ein ſolches betrachtete er es augenfällig), indem er wie ein Teufel grinste und zugleich ſeine ſchmutzigen 222 Hände rieb. Fragen Sie die Frau Quilp, die hübſche Frau Quilp, die gehorſame, ſchüchterne, liebevolle Frau Quilp. Doch das erinnert mich— ich habe ſie allein zu Hauſe gelaſſen, ſie wird be⸗ ſorgt ſeyn und keinen Angenblick Ruhe haben, bis ich wieder daheim bin. Ich weiß, es geht ihr immer ſo, wenn ich meine Wohnung verlaſſe, ob⸗ gleich ſie es nicht zu geſtehen wagt, wenn ich ſie nicht ſelbſt dazu veranlaſſe und ſie auffordere, frei heraus zu ſprechen, da ich ihr nicht zürnen wolle. Ach, die Frau Quillp iſt eine gar wohlgezogene Frau!“ 3 Das kleine Ungethüm ſah mit ſeinem monſtröſen Kopfe auf dem verkrüppelten Rumpfe ganz entſetzlich aus, während es die Ballen ſeiner Hände langſam auf einander hin und her drehte— es lag ſogar in dieſer unbedeutenden Bewegung etwas Phantaſtiſches — und, die buſchigen Brauen ſenkend und das ſpitzige Kinn in die Luft ſchiebend, mit einem heim⸗ lichen Blick des Entzückens, um welchen ihn ein Kobold hätte beneiden können, in die Höhe ſchaute. „Da,“ fuhr er fort, indem er die Hand in ſeine Bruſttaſche ſteckte und, während er ſprach, den alten Mann bei Seite nahm;„ich habe es, aus Furcht vor einem Unfall, ſelbſt mitgebracht; denn es iſt Gold, und dürfte daher für Nell's Beutel etwas zu ſchwer und zu groß ſeyn. Man ſollte ſie übrigens doch hin und wieder an ſolche Laſten ge⸗ 223 wöhnen, Nachbar, denn ſie wird ſchwer daran zu ſchleppen haben, wenn Sie einmal todt ſind.“ „Gebe es Gott— ich hoffe ſo,“ ſagte der alte Mann mit einer Begleitung, die faſt wie ein Seufzer klang. 8 „Hoffe ſo?“ wiederholte der Zwerg, indem er dicht an das Ohr des Alten trat.„Nachbar, ich wollte, ich wüßte, auf welchen guten Hypotheken all' dieſe Vorräthe angelegt ſind. Aber Sie ſind ein verſchwiegener Mann und wiſſen Ihr Geheimniß zu bewahren.“ „Mein Geheimniß?“ rief der Andere mit einem hohlen Blicke.„Ja, Sie haben Recht— ich— ich — bewahre es ſorgfältig— ſehr ſorgfältig.“ Er ſagte nicht weiter, ſondern nahm das Geld und entfernte ſich mit langſamen, unſicheren Tritten, während er mit der Miene der Ermattung und Troſtloſigkeit die Hand auf die Stirne drückte. Der Zwerg ſah ihm mit ſcharfen Blicken nach, als er in das kleine Hinterſtübchen ging und das eben Erhal⸗ tene in eine eiſerne Schatulle über dem Kamingeſims verſchloß. Nachdem er ſinnend eine Weile auf und ab gegangen war, traf er Vorkehrungen, ſich zu entfernen, indem er zugleich bemerkte, wenn er nicht ſehr eile, werde Frau Quilp bei ſeiner Nach⸗ hauſekunft gewiß Krämpfe kriegen. „Ich will daher,“ fügte er bei,„mein Geſicht heimwärts drehen, Nachbar. Einen ſchönen Gruß an Nelly, und ich hoffe, ſie werde ihren Weg nicht 224 wieder verlieren, obgleich ich dieſem Umſtande eine unerwartete Ehre verdanke.“ Unter dieſen Worten verbeugte er ſich mit einem Schielblicke gegen mich und ging ſeines Weges, wo⸗ bei er mit ſeinem Falkenauge jeden, auch den unbe⸗ deutendſten Gegenſtand, welchen es erreichen konnte, zu erfaſſen ſchien. Ich hatte ſchon zu wiederholten Malen im Sinne gehabt, mich gleichfalls zu entfernen; aber der alte Mann hatte immer etwas einzuwenden, und bat mich, zu bleiben. Da er, als wir allein waren, ſeine Bitten erneuerte und unter vielem Dank auf den früheren Anlaß unſeres Zuſammentreffens zurück⸗ kam, ſo gab ich bereitwillig ſeinem Zureden nach und nahm Platz, indem ich that, als intereſſirten mich einige wunderliche Miniaturbilder und ein Paar alte Medaillen, welche er mir vorlegte. Es bedurfte keines ſonderlichen Drängens, um mich zum Bleiben zu veranlaſſen, denn wenn meine Neugierde ſchon bei Gelegenheit meines erſten Beſuches erregt wor⸗ den war, ſo diente gewiß der zweite nicht dazu, ſie zu vermindern. Nell war wieder in's Zimmer getreten und hatte ſich an der Seite des alten Mannes zu einer weiblichen Arbeit niedergeſetzt. Es war lieblich, die friſchen Blumen im Gemache, und den Lieblings⸗ vogel, deſſen kleiner Käſicht mit einem Zweig be⸗ ſchattet war, zu ſehen, und die jugendliche Friſche zu athmen, welche das öde, alte Haus zu durch⸗ 8—— .— 225 dringen und das Kind zu umſchweben ſchien. Weni⸗ ger angenehm, aber doch auch intereſſant, war es, den Blick von der Schönheit und Anmuth des Mäͤdchens auf die gebeugte Geſtalt, das abgehärmte Geſicht und das abgemattete Aeußere des alten Mannes zu richten. Was mußte aus dieſem ein⸗ ſamen, kleinen Weſen werden, wenn er ſchwächer und immer ſchwächer wurde? Er war zwar nur ein armſeliger Beſchützer; aber wenn er ſtarb— was mußte denn ihr Loos ſeyn? Der alte Mann ſchien faſt auf meine Gedanken zu antworten, als er ſeine Hand auf die ihrige legte und ſprach: „Ich will den Muth nicht länger ſinken laſſen, Nell,“ ſagte er.„Es muß dir noch ein ſchönes Glück vorbehalten ſeyn— ich wünſche es nicht für mich, ſondern um deinetwillen. Es muß ja ohne⸗ hin ſo viel Elend auf dein unſchuldiges Haupt fallen, daß ich nicht anders glauben kann, als es wird ſicherlich am Ende noch kommen, wenn ma es nur verſucht.“ 3 Sie ſah heiter zu ſeinem Geſichte auf, ohne eine Antwort zu geben. „Wenn ich,“— fuhr er fort—„wenn ich an die vielen Jahre denke,— viel für dein kurzes Leben,— die du allein bei mit zugebracht haſt, an dein einförmiges Daſeyn, ohne Gefährten deines Alters für deine kindiſchen Spiele zu beſitzen, an die Abgeſchiedenheit, in welcher du wurdeſt, was du Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 15 226 biſt, und in der du faſt von dem ganzen Menſchen⸗ geſchlecht getrennt lebteſt, einen einzigen alten Mann ausgenommen— ach, dann fürchte ich bisweilen, nicht an dir gehandelt zu haben, wie ich hätte thun ſollen, Nell.“ „Großvater!“ rief das Kind mit ungeheucheltem Erſtaunen. „Nicht abſichtlich— nein, nein,“ ſagte er.„Ich habe immer der Zeit entgegen geſehen, welche dich in den Stand ſetzen würde, mit den Froheſten und Schönſten umzugehen und unter den Beſten deinen Platz einzunehmen. Aber ich harre noch immer, Nell— ich harre noch immer; und wenn ich ge⸗ nöthigt wäre, dich zu verlaſſen— wie habe ich dich inzwiſchen für die Kämpfe der Welt vorbereitet? Der arme Vogel dort wäre eben ſo gut im Stande, ſich in ihr Gewühl zu ſtürzen und ſich ihrer Gnade anheim zu geben.— Horch! Ich höre Kit draußen. Geh' zu ihm, Nell, geh' zu ihm.“ Sie ſtand auf und wollte forteilen; dann aber machte ſte Halt, kehrte wieder um und ſchlang die Arme um den Hals des alten Mannes, worauf ſie ihn los ließ und abermals wegeilte— dießmal aber ſchneller, um ihre fallenden Thränen zu verbergen. „Ein Wort in's Ohr, Sir,“ begann der Alte mit einem raſchen Flſtern.„Was Sie mir letzthin ſagten, hat mich unruhig gemacht, und ich kann blos zur Entſchuldigung vorbringen, daß ich Alles in der beſten Abſicht that— daß es jetzt zu ſpät 227 iſt, es zu ändern, ſelbſt wenn ich könnte(obgleich dieß nicht der Fall iſt), und daß ich doch noch zu triumphiren hoffe. Alles geſchieht nur um ihret⸗ willen. Ich ſelbſt habe die Bitterkeit der Armuth getragen und möchte ihr die Leiden erſparen, welche der Mangel mit ſich führt. Ich möchte ſie von dem Elende verſchont wiſſen, das ihrer Mutter, meiner lieben Tochter, ein frühes Grab bereitete. Ich möchte ſie zurücklaſſen— nicht mit Hilfsquellen, die leicht erſchöpft und verſchleudert ſind, ſondern mit ſolchen, welche ſie für immer gegen die Möglichkeit des Mangels ſchützen. Sie verſtehen mich, Sir? Sie ſoll ſich nicht mit einer Kleinigkeit begnügen müſſen, ſondern ein Vermögen—— Bst! Ich kann weder jetzt, noch zu einer andern Zeit mehr ſagen,— und da kömmt ſie ſchon wieder.“ Der Cifer, womit er mir dieß in's Ohr flüſterte, die zitternde Hand, mit der er meinen Arm um⸗ faßte, die ſtarren, hervorgequollenen Augen, welche er auf mich richtete, die wilde Heftigkeit und Auf⸗ geregtheit ſeines Benehmens— Allees dieſes erfüllte mich mit Staunen. Was ich noch gehört und ge⸗ ſehen, zum Theile auch von ihm ſelbſt erfahren hatte, führte mich auf die Annahme, daß er ein reicher Mann ſey. Ich konnte mir ſeinen Charakter nicht anders denken, als den eines jener elenden Geſchöpfe, welche, nachdem ſie den Gelderwerb zu ihrem einzigen Lebenszweck gemacht und es ſo weit gebracht haben, große Reichthümer aufzuhäufen, be⸗ 15*† 228 ſtändig durch die Furcht vor Verarmung gequält werden und ohne Unterlaß von Verluſten und Ruin träumen. Manches von dem, was mir in ſeinen Worten unverſtändlich geblieben, ließ ſich recht gut mit dieſer Annahme vereinigen, und endlich zweifelte ich nicht im geringſten mehr, daß ich es hier mit einem derartigen Unglücklichen zu thun habe. Dieſe Anſicht war nicht das Ergebniß einer haſtigen Erwägung, wozu ich in der That vor der Hand keine Gelegenheit hatte, denn das Kind kam jetzt wieder zurück und ſchickte ſich an, Kit Unter⸗ richt im Schreiben zu ertheilen, was wochentlich zweimal, und zwar regelmäßig an dieſem Abend, zu geſchehen ſchien,— gewiß zur großen Freude und Erbauung des Schülers ſowohl, als der Lehrerin. Zu berichten, wie lange es anſtund, bis es ihm ſeine Beſcheidenheit zuließ, in Gegenwart eines unbe⸗ kannten Herren ſich im Wohnzimmer zu ſetzen— wie er, als er ſaß, ſeine Rockärmel zurückſchlug, die Ellenbogen ſpreitzte, das Geſicht faſt in eine gleiche Tiefe mit dem Schreibebuch brachte und fürchterlich über den Linien wegſchielte— wie er vom erſten Augenblicke an, als er die Feder in der Hand hatte, allenthalben umherkleckste und ſich bis zu den Haarwurzeln hinauf mit Tinte beſudelte— wie er, wenn ihm zufällig ein Buchſtabe gelang, dieſen gleich wieder mit dem Arme auslöſchte, weil er ſich für eine andere derartige Malerei vorbereitete — wie bei jedem neuen Fehlzuge das Kind in ein ————— — nu— 229 heiteres Lachen ausbrach, das von einem noch laute⸗ ren, nicht weniger herzlichen aus dem Munde Kit's begleitet wurde— und wie trotz dem weder in ihr der zarte Wunſch, zu lehren, noch in ihm das eifrige Verlangen, zu lernen, erſchlaffte:— all' dieſe Ein⸗ zelnheiten zu berichten, würde ohne Zweifel mehr Raum und Zeit wegnehmen, als ſie verdienen. Es wird hinreichend ſeyn, zu ſagen, daß der Unterricht gegeben wurde— daß der Abend verging und die Nacht einbrach— daß der alte Mann wieder un⸗ ruhig und ungeduldig wurde— daß er zu derſelben Stunde, wie letzthin, das Haus verließ— und daß das Kind wieder einmal allein in den düſteren Mauern blieb. Und nun ich dieſe Geſchichte perſönlich ſo weit begleitet und die Haupthelden dem Leſer vorgeſtellt habe, werde ich, im Intereſſe der Erzählung, für die Zukunft meine Wenigkeit aus dem Spiele laſſen, da fortan diejenigen, welchen wichtige und bedeutende Rollen übertragen ſind, für ſich ſelbſt ſprechen und handeln ſollen. Der Raritätenladen. Viertes Kapitel. Herr und Frau Quilp wohnten auf dem Tower⸗ hill, und in ihrem Bauer auf dem Towerhill ver⸗ blieb Frau Quilp, um die Abweſenheit ihres Herrn zu beklagen, als er ſie um des Geſchäftes willen, von dem der Leſer Zeuge war, verlaſſen hatte. Man konnte kaum ſagen, welches Gewerbe Herr Quilp eigentlich trieb und welchem Berufe er an⸗ gehörte, denn ſein Treiben war gar zu mannigfach und ſeine Geſchäfte zahllos. Er ſammelte Intereſſen von ganzen Colonien ſchmutziger Straßen und Gäßchen auf der Waſſerſeite, ſchoß den Matroſen und Unter⸗ officieren der Handelsſchiffe Geld vor, betheiligte ſich bei den Spekulationen verſchiedener Steuermänner auf Oſtindienfahrern, rauchte ſeine geſchmuggelten Cigarren recht eigentlich unter der Naſe des Zoll⸗ hauſes, und machte faſt jeden Tag Beſtellungen auf der Börſe mit Leuten in Glanzhüten und runden Wämſern.* Auf der Surrey⸗Seite des Fluſſes lag * Kleidung der Gerichtsdiener. 231 ein kleiner, von Ratten bevölkerter, trauriger Hof, welcher„Quilp's⸗Kai“ hieß, mit einem kleinen hölzernen Comptoir, das ganz ſchief in dem Staube ſtack, als wäre es aus den Wolken gefallen und in den Boden gepflügt worden; ferner ſah man dort etliche Bruch⸗ ſtücke von roſtigen Anfern, mehrere große Eiſenringe, einige Haufen vermoderten Holzes und zwei oder drei Stöſſe alten, zerdrückten und zerbrochenen Kupfer⸗ blechs. Auf dem Quilp's⸗Kai war Daniel Quilp ein Schiffszerſtörer, was er jedoch, dem äußeren Anſchein zu Folge, nur in einem äußerſt kleinen Maß⸗ ſtab ſeyn konnte, es müßte denn ſeyn, daß er ſeine Schiffe ſehr klein zerbrach; auch bot der Ort keinen außerordentlichen Anblick von Leben oder Thätigkeit dar, denn das einzige menſchliche Weſen daſelbſt be⸗ „ſtand aus einem amphibiſchen Knaben in Segeltuch, deſſen Beſchäftigung nur darin wechſelte, daß er, wenn die Fluth aus war, von einem der Haufen aus Steine in den Schlamm warf, bei hohem Waſſerſtand aber mit den Handen in der Taſche umherlungerte und gedankenlos der Bewegung und dem Rauſchen des Stromes zuſah. Die Wohnung des Zwergs auf dem Tower Hill umfaßte, außer den nöthigen Gelaſſen für ihn ſelbſt und für Frau Hill. ein kleines Schlafgemach für die Mutter dieſer Dame, welche bei dem Paare wohnte und mit Daniel in beharrlichem Kriege lebte, ob⸗ gleich ſie ſich vor demſelben nicht wenig fürchtete. In der That brachte es das häßliche Geſchöpf durch 232 ein oder das andere Mittel— gleichviel, ob durch ſeine Häßlichkeit, ſeine Wildheit oder ſeine natürliche Schlauheit— ſo weit, die meiſten von Denjenigen, mit welchen er in tägliche Berührung kam, mit einer nicht geringen Scheu vor ſeinem Zorne zu erfüllen. Ueber Niemand hatte er aber ein ſo vollſtändiges Ueber⸗ gewicht, als über Frau Quilp ſelbſt— ein hübſches, kleines, ſanftes, blauäugiges Weibchen, welches ſich in Folge einer jener ſonderbaren Bethörungen, wo⸗ von die Beiſpiele keineswegs ſelten ſind, mit dem Zwerge ehelich verbunden hatte und nun jeden Tag ſeines Lebens für ſeine Thorheit eine ſchwere prak⸗ tiſche Buße übte. Wir haben bereits geſagt, daß Frau Quilp in ihrem Bauer ſchmachtete. In dieſem Bauer ſaß ſie, aber nicht allein, denn außer der alten Dame, ihrer Mutter, deren bereits Erwähnung geſchah, waren auch ein halb Dutzend Damen aus der Nachbarſchaft zugegen, die in Folge eines ſeltſamen Zufalls(und wohl auch in Folge eines kleinen Einverſtändniſſes unter ſich ſelbſt) gerade zur Theezeit nach einander in’s Haus geſchlüpft waren. Eine günſtigere Gele⸗ genheit zur Unterhaltung konnte ſich nicht leicht fin⸗ den, und da das Zimmer ein kühler, ſchattiger, be⸗ haglicher Ort war, mit einigen Blumentöpfen am offenen Fenſter, welche den Staub ausſchloſſen und gar lieblich zwiſchen dem Theetiſch innen und dem alten Tower außen ſtanden, ſo durfte es Einen nicht Wunder nehmen, daß die Damen eine Neigung ver⸗ K— SS;;: NU 233 ſpürten, zu bleiben und zu ſchwatzen, beſonders wenn man dabei die gelegentlichen Lockungsmittel, friſche Butter, neugebackenes Brod, Garnelen und Brun⸗ nenkreſſe mit in Rechnung nahm. Da nun die Damen unter ſolchen Umſtänden beiſammen waren, ſo war es ſehr natürlich, daß das Geſpräch auf den Hang der Männer führte, das ſchwaͤchere Geſchlecht zu tyranniſiren, woraus für das ſchwächere Geſchlecht die Verpflichtung erwachſe, einer ſolchen Tyrannei Widerſtand zu leiſten und ſeine Rechte und Würde zu behaupen. Es war näm⸗ lich aus vier Gründen natürlich: erſtlich, weil Frau Quilp ein junges Weib war und notoriſch unter der Herrſchaft ihres Gatten ſtand, weßhalb ſie zur Re⸗ bellion aufgehetzt werden mußte; zweitens weil Frau Quilp's Mutter wegen ihres zänkiſchen Charakters und wegen ihres Hanges, dem männlichen Anſehen Widerſtand zu leiſten, rühmlichſt bekannt war; drit⸗ tens, weil jede von den Nachbarinnen an ihrer Per⸗ ſon zeigen wollte, wie ſehr ſie in dieſer Hinſicht über den gewöhnlichen Schlag ihres Geſchlechtes erhaben ſey; und viertens, weil die Geſellſchaft gewöhnt war, bei der tagtäglichen Unterhaltung gegenſeitig paarweiſe ſich zu verläſtern, und da ſie nun alle in enger Freund⸗ ſchaft verſammelt waren, ſo wußten ſie nichts beſſeres zu thun, als den gemeinſamen Feind anzugreifen. Durch ſolche Rückſichten veranlaßt, eröffnete eine wohlbeleibte Dame die Verhandlungen, indem ſie mit —— 234 der Miene großer Beſorgtheit und Theilnahme die Frage ſtellte, wie ſich Herr Quilp befinde, worauf Herrn Quilp's Schwiegermutter in einem ſcharfen Tone erwiederte:. „O, er iſt wohl genug— er befand ſich nie beſſer— Unkraut verdirbt nicht.“ Alle Damen ſeufzten ſodann im Einklang, ſchüt⸗ telten ernſt die Köpfe und ſahen auf Frau Quilp wie auf eine Märtyrerin. „Ach!“ meinte die Sprecherin,„wenn Sie ihr nur ein Bischen mit Ihrem Rathe an die Hand gingen, Frau Jiniwin“— wir haͤtten bemerken ſollen, daß Frau Quilp früher eine Miß Jiniwin war— „Niemand weiß beſſer als Sie, Madame, was wir Weiber uns ſelbſt ſchuldig ſind.“ „Sie haben in der That Recht, Madame,“ ver⸗ ſetzte Frau Jiniwin;„als mein armer Mann, Ihr lieber Vater, noch am Leben war— wenn der je ein böſes Wort gegen mich gewagt hätte, ich hätte ihm——“ Die gute alte Dame beendigte ihren Satz nicht, ſondern drehte einer Garnele mit einer Rachſucht den Kopf ab, welche pantomimiſch darſtellen ſollte, was ſie mit dem unterdrückten Worte meinte. In dieſem Sinne wurde es augenſcheinlich von der An⸗ dern verſtanden, welche alsbald beifällig erwiederte: „Sie gehen ganz in meine Gefühle ein, Ma⸗ dame, denn ich würde ganz das Gleiche thun.“ „Sie haben jedoch keinen Anlaß, ſo zu handeln,“ ſprach Frau Jiniwin.„Es iſt ein Glück für Sie, daß Sie ebenſowenig Grund dazu haben, als es bei mir der Fall war.“ „Es wird's auch kein Weib nöthig haben, wenn ſie nur ſich ſelbſt treu bleibt,“ entgegnete die wohl⸗ beleibte Dame. „Hörſt du das, Betſy?“ ſagte Frau Iiniwin im Tone der Warnung.„Wie oft ſchon habe ich dir das Gleiche geſagt und faſt kniefällig dir darüber Vorſtellungen gemacht!“ Die arme Frau Quilp, welche in einem Zuſtande von Hülfloſigkeit von einem bedauernden Geſichte nach dem andern geſehen hatte, erröthete, lächelte und ſchüttelte zweifelnd den Kopf. Dieß war das Signal zu einem allgemeinen Ausbruch, welcher mit einem dumpfen Murmeln begann und allmälig in einen großen Lärmen überging, wobei Alle zumal ſprachen und Alle ihre Meinung dahin abgaben, ſie wäre eine junge Frau, die kein Recht hätte, ihre Anſich⸗ ten gegen die Erfahrungen Derjenigen zu vertheidigen, welche die Sache weit beſſer verſtänden; es ſey nicht ſchön von ihr, daß ſie ſich nicht von Leuten rathen laſſen wolle, die nur ihr eigenes Beſtes beabſichtigten; ein ſolches Benehmen habe neben dem ſchreiendſten Undank feil; wenn ſie nicht ſich ſelbſt achten wolle, ſo ſolle ſie doch der Achtung anderer Frauen nichts vergeben, welche alle durch ihre Nachgiebigkeit 236 compromittirt würden, und wenn ſie keine Achtung vor andern Frauen habe, ſo werde wohl die Zeit nicht ferne ſeyn, wo man auch ſie nicht mehr achten werde, was man dann natürlich— ſo viel könne man ihr ſagen— nur mit Bedauern anſehen werde. Nachdem dieſe Ermahnungen ertheilt waren, übten die Damen einen noch mächtigeren Angriff, als dieß bisher der Fall geweſen, auf den gemiſchten Thee, das neugebackene Brod, die friſche Butter, die Garnelen und die Brunnenkreſſe, und erklärten, ihre Betrübniß über die Zukunft der Frau Quilp wäre ſo groß, daß ſie es kaum über ſich gewinnen könnten, einen Biſſen hinunter zu bringen. „Das läßt ſich Alles leicht reden,“ ſagte Frau Ouilp mit großer Einfalt;„aber wenn ich morgen ſtürbe, ſo könnte Quilp jede heirathen, die er wollte; ja, ich weiß, das könnte er.“ Ein allgemeiner Schrei der Entrüſtung folgte dieſer Erklärung.„Heirathen, wen er wollte! Sie möchten ſehen, ob er nur daran denken wollte, eine von ihnen zu heirathen; ſie möchten ſehen, ob er nur die leichteſte Annäherung zu einer ſolchen Keckheit ſich erlaubte.“ Eine der Damen l(eine Wittwe) war feſt überzeugt, ſie würde ihn erdolchen, wenn er ſich etwas der Art merken ließe. „Schon gut,“ fuhr Frau Quilp mit einem Kopfnicken fort;„wie ich eben ſagte, ſo hat man leicht reden; aber ich wiederhole es, daß ich weiß— ver —,— 237 daß ich überzeugt bin— Quilp hat, wenn er will, eine ſolche Weiſe an ſich, daß die ſchönſte Frau hier ihm nicht wiederſtehen könnte, wenn er ihr ſeine Liebe erklären wollte, vorausgeſetzt, daß ich todt und ſie frei wäre. Die Gäſte warfen ſich bei dieſer Bemerkung in die Bruſt, als wollten ſie ſagen:„ich weiß, du meinſt mich. Aber er ſoll's nur einmal verſuchen, weiter ſage ich nichts.“ Und doch waren alle aus irgend einem geheimen Grunde auf die Wittwe böſe, und jede Dame flüſterte ihrer Nachbarin in's Ohr, es ſey augenſcheinlich, daß die genannte Wittwe ſich für die gemeinte Perſon halte, und daß ſie ein verächtliches Weibsbild ſey. „Meine Mutter weiß,“ fügte Frau Quilp bei, „daß ich mit meinen Worten vollkommen Recht habe, denn ſie hat's mir oft ſelbſt geſagt, ehe ich ihn hei⸗ rathete. Iſt's nicht ſo, Mutter?“ Dieſe Frage brachte die achtbare Dame in eine ziemlich kitzliche Lage, denn ſie hatte allerdings bei der Verehlichung ihrer Tochter eine ſehr thätige Rolle geſpielt, und außerdem vertrug es ſich nicht mit der Ehre der Familie, dem Gedanken Vorſchub zu leiſten, als ob Jungfer Jiniwin einen Mann geheirathet habe, den ſonſt Niemand nehmen wollte. Auf der andern Seite mußte eine Uebertreibung der ge⸗ winnenden Eigenſchaften ihres Schwiegerſohnes den Grund zur Empörung ſchwächen, für deren Unter⸗ ſtützung doch zur Zeit alle ihre Kräfte thätig waren. 238 Von dieſen ſich widerſprechenden Rückſichten geleitet, gab Frau Jiniwin Herrn Quilp's Liebenswürdigkeit zu, beſtritt jedoch ſein Recht, zu herrſchen, und brachte vermittelſt eines zur gehörigen Zeit angebrachten Com⸗ pliments an die wohlbeleibte Dame die Unterhaltung zu dem Punkte zurück, von wo ſie ausgegangen war. „Oh, Frau George hat in der That etwas ſehr Verſtändiges und Paſſendes geſagt,“ rief die alte Dame.„Wenn die Weiber nur ſich ſelbſt getreu ſind;— aber leider kann man das auf Betſy nicht anwenden— es iſt Sünd und Schande.“ „Ehe ich mir von einem Mann ſo befehlen ließe, wie Quilp ihr befiehlt,“ ſagte Frau George, „ehe ich mich vor ihm ſo fürchtete, wie ſie es thut, würde ich— ja, ich würde mich ſelbſt umbringen, und ihm zuerſt einen Brief ſchreiben, um ihm zu ſagen, daß er Schuld daran ſey.“. Dieſe Bemerkung erhielt allgemeines Lob und lauten Beifall, worauf eine andere Dame(aus den Minories) das Wort ergriff: „Herr Quilp mag ein ſehr hübſcher Mann ſeyn,“ ſagte dieſe Dame,„und ich glaube, man darf es um ſo weniger in Zweifel ziehen, weil Frau Quilp und Frau Jiniwin es ſagen; denn wer ſollte das beſſer wiſſen können, als ſie. Aber doch iſt er nicht ganz das, was— man einen ſchönen Mann nennt, und eben ſo wenig kann man ihn ganz einen jungen nennen, was allenfalls, wenn irgend etwas, eine kleine Entſchuldigung für ihn ſeyn dürfte, während 239 ſeine Frau jung, hübſch und— was hier im Grunde doch vorzugsweiſe in Betracht kömmt— eine Frau iſt.“ Die letztere Clauſel, welche mit beſonderem Pathos vorgetragen wurde, veranlaßte ein allgemeines Gemurmel von Seiten der Zuhörerſchaft, wodurch die Dame zu der Bemerkung ermuthigt wurde: wenn ein ſolcher Mann unartig und unvernünftig gegen ein ſolches Weib iſt, dann— „Wenn er es iſt?“ ſiel die Mutter ein, indem ſie ihre Theetaſſe niederſetzte und als Vorbereitung zu einer feierlichen Erklärung die Brodkrummen von ihrem Schoße bürſtete,„wenn er es iſt? Er iſt der größte Tyrann, denn ſie darf nicht einmal ihre Seele ihr Eigenthum nennen: er macht ſie mit einem Wort, ſogar mit einem Winke zittern, er ängſtigt ſie zu Tod, und ſie hat nicht einmal den Muth, ihm ein einziges Wort zurückzugeben, nein, nicht einmal ein Wort.“. Obgleich dieſe Thatſachen allen Theegäſten bekannt und in den letzten zwölf Monaten bei jeder Kaffeeviſite abgehandelt und erſchöpft worden waren, ſo fingen doch unmittelbar nach dieſer officiellen Mittheilung Alle auf einmal an, zu ſprechen und unter ſich an Heftigkeit und Zungengeläufigkeit zu wetteifern. Frau George bemerkte, die Leute ſprächen davon, die Leute hätten ihr dieß ſchon früher geſagt, Frau Simmons, welche hin und wieder in's Haus komme, habe ihr's ſchon zwanzig Mal geſagt, ſie aber habe immer er⸗ 240 wiedert:„nein, Henriette Simmons, wenn ich es nicht mit eigenen Augen ſehe und mit eigenen Ohren höre, ſo werde ich es nie glauben.“ Frau Simons bekräftigte dieſes Zeugniß und fügte ſür ſich ſelber noch nach⸗ drückliche Beweiſe bei. Die Dame aus den Minories erzählte ein erfolgreiches Verfahren, das ſie gegen ihren eigenen Gatten eingeſchlagen hatte; er habe einen Monat nach der Hochzeit unzweideutige Symptome eines Tigers von ſich gegeben, ſey aber unter An⸗ wendung dieſer Mittel in ein vollkommenes Lamm umgewandelt worden. Eine andere Dame berich⸗ tete ihren eigenen perſönlichen Kampf und endlichen Triumph, in deſſen Verlauf ſie es für nöthig erfunden hatte, ihre Mutter und ihre zwei Tanten herbeizu⸗ rufen, um ſechs Wochen unabläſſig Tag und Nacht bei ihnen zu weinen. Eine Dritte, welche in ihrer allgemeinen Verwirrung keine andern Zuhörer bekom⸗ men konnte, heftete ſich an ein junges, noch unver⸗ heirathetes Frauenzimmer, welches zufällig zugegen war, und beſchwor ſie, wenn ihr der Friede ihrer Seele und ihr Glück lieb ſey, dieſe feierliche Gelegen⸗ heit zu benützen, an Frau Quilp's Schwäche ein Beiſpiel zu nehmen, und von Stund an alle ihre Gedanken darauf zu richten, den rebelliſchen Geiſt der Männer zu zähmen und zu unterjochen. Der Lärm war auf der höchſten Höhe und die Halfte der Geſellſchaft hatte ihre Stimmen zu einem förmlichen Geſchrei erhoben, um die Stimmen der andern Hälfte zu erſticken, als man plötzlich bemerkte, wie Frau 241 Jiniwin erblaßte und heimlich ihren Zeigefinger ſchüt⸗ telte, um die Anweſenden zum Stillſchweigen zu er⸗ mahnen. Erſt jetzt gewahrte man, daß Danlel Quilp, die Urſache und der Gegenſtand dieſes ganzen Ge⸗ ſchrei's, im Zimmer ſtand, umherſchaute und mit tiefer Aufmerkſamkeit zuhörte. „Nur fortgemacht, meine Damen, nur fortge⸗ macht,“ ſagte Daniel.„Liebe Frau, ſey ſo gut, die Damen zu bitten, daß ſie beim Nachteſſen bleiben und ein paar Auſtern nebſt etwas Leichtem und den Gaumen Neitzenden mit uns verzehren.“ „Ich— ich— habe ſte nicht zum Thee gebeten, Quilp,“ ſtammelte ſeine Frau.„Es iſt ein reiner Zufall.“. „Um ſo beſſer, liebe Frau; ſolche zufällige Parthien ſind immer die angenehmſten,“ ſagte der Zwerg, und rieb dabei ſeine Hände ſo kräftig, daß es ſchien, als wolle er aus dem Schmutz, von dem ſie überzogen waren, kleine Patronen für Schlüſſel⸗ büchſen fabriciren.„Was? Sie werden doch nicht gehen wollen, meine Damen; nein, Sie werden doch nicht ſchon gehen wollen? Seine ſchönen Feindinnen ſchüttelten leicht ihre Köpfe, während ſie ihre Hüte und Halstücher ſuchten, und überließen den ganzen Wortkampf Frau Jiniwin, die, in ihrer feindſeligen Stellung ertappt, einen ſchwachen Verſuch machen wollte, in der Rolle zu bleiben. „Und warum ſollten ſie nicht beim Nachteſſen Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 16 242 bleiben, Quilp, wenn meine Tochter Luſt hat, ſie einzuladen?“ ſagte die alte Dame. „Begreiflich,“ verſetzte Daniel,„warum ſollten ſie's nicht?“ „Es liegt doch hoffentlich nichs Unrechtes oder unſchickliches in einem Nachteſſen?“ ſagte Frau Jiniwin. 3 „Gewiß nicht,“ erwiederte der Zwerg.„Warum ſollte es auch? Auch nichts Ungeſundes, wenn nicht eiwas Hummernſalat oder Seegarnelen dabei ſind, was, wie ich höre, etwas ſchwer im Magen liegen ſoll.“* „Und es wäre Ihnen nicht lieb, daß Ihre Frau durch dieſes oder ſonſt etwas unwohl würde— nicht wahr?“ ſagte Frau Jiniwin. „Nicht um zwanzig Welten,“ verſetzte der Zwerg mit einem Grinſen.„Ja, nicht einmal um zwanzig Schwiegermütter zumal— und welch ein Segen würden nicht dieſe ſeyn?“ „Meine Tochter iſt jedenfalls Ihre Gattin, Herr Quilp,“ ſagte die alte Dame mit einem Kichern, das ironiſch gemeint war und andeuten ſollte, daß es wohl nöthig ſey, ihn an die Thatſache zu erinnern; „Ihre angetraute Gattin.“ „Daran iſt kein Zweifel. Das iſt ſie,“ bemerkte der Zwerg. „Und hat daher hoffentlich ein Recht, zu han⸗ deln, wie es ihr beliebt, Quilp,“ ſagte die alte Dame zitternd— zum Theil vor Zorn, zum Theil aus ge⸗ 243 geheimer Furcht vor ihrem koboldartigen Schwieger⸗ ſohn. „Sie hoffen, daß ſie es hat?“ entgegnete er. „Wie? Sie wiſſen alſo nicht, daß ſie es hat? Sie wiſſen alſo nicht, daß ſie es hat, Frau Jiniwin?“ „Ich weiß, daß ſie es haben ſollte, Quilp, und würde es haben, wenn ſie wie ich dächte.“ „Und warum denkſt du nicht, wie deine Mutter, meine Liebe?“ ſagte der Zwerg, indem er ſich um⸗ und an ſeine Frau wandte.„Warum ahmſt du nicht immer deine Mutter nach, meine Liebe? Sie iſt eine Zierde ihres Geſchlechts— ich zweifle nicht, daß dein Vater jeden Tag ſeines Lebens ſo ſprach.“ „Ihr Vater war eine geſegneie Creatur, Quilp, und zwanzigtauſendmal ſo viel werth, als gewiſſe Leute,“ verſetzte Frau Jiniwin,„ja, hundertzwanzig⸗ tauſend millionenmal.“ „Ich haͤtte ihn doch auch kennen mögen,“ be⸗ merkte der Zwerg.„Ohne Zweifel war er damals eine geſegnete Creatur, aber ich bin überzeugt, daß er es jetzt noch mehr iſt. Es war eine glückliche Erlöſung. Ich glaube, er hat lange leiden müſſen?“ Die alte Dame öffnete den Mund, aber es wollte nichts herauskommen. Quilp fuhr mit dem gleichen boshaften Blicke und der gleichen ſarkaſtiſchen Höf⸗ lichkeit fort: „Sie ſehen übel aus, Frau Jiniwin; ich weiß, Sie haben ſich zu ſehr erhitzt, im Sprechen vielleicht, 16* 244 denn das iſt Ihre Schwäche. Gehen Sie zu Bette, gehen Sie zu Bette.“ „Ich werde gehen, wenn es mir beliebt, Quilp, und nicht früher.“ „So belieben Sie, jetzt zu gehen Belieben Sie, jetzt zu gehen,“ ſagte der Zwerg. Die alte Frau warf ihm einen zornigen Blick zu, zog ſich aber zurück, als er näher trat, flüchtete ſich und ließ ſich's gefallen, daß er die Thüre hinter ihr ſchloß und ſie von den Gäſten abſperrte, welche ſich indeſſen die Treppe hinunter drängten. Sobald der kleine Mann allein mit ſeinem Weibe war, die zit⸗ ternd, mit niedergeſchlagenen Augen, in einer Ecke ſaß, trat er vor ſie hin, ſchlug die Arme zuſammen und ſah ſie, ohne zu ſprechen, eine Weile feſt an. „Frau Quilp,“ ſagte er endlich. „Ja, Quilp,“ entgegnete ſie demüthig. Statt den Gegenſtand, den er im Sinne hatte, zu verfolgen, ſchlug Quilp ſeine Arme abermals zu⸗ ſammen und ſah ſie noch ernſter als zuvor an, wäh⸗ rend ſie ihren Blick abwandte und zur Erde ſenkte. „Frau Quilp.“ 4 „Ja, Quilp.“ „Wenn du je wieder auf dieſe Hexen hörſt, ſo werde ich dich beißen.“ Nach dieſer lakoniſchen Drohung, welche mit einem Knurren begleitet wurde, die verrieth, wie be⸗ ſonders ernſtlich es der kleine Mann meinte, befahl ihr Herr Quilp den Theetiſch zu räumen und den —— 245⁵ Rum zu bringen. Sobald ihm das geiſtige Getränk in einer großen Futteralflaſche, welche urſprünglich aus irgend einem Schiffsſchranke kam, gereicht wurde, ver⸗ langte er kaltes Waſſer und die Cigarrenbüchſe; und ſo vorgeſehen, ſetzte er ſich in einen Armſtuhl, indem er ſeinen großen Kopf gegen die hintere Lehne drückte und ſeine kleinen Beine auf den Tiſch pflanzte. „Nun, Frau Quilp,“ ſagte er,„ich befinde mich jetzt in einer Rauchlaune und werde wahrſcheinlich die ganze Nacht durch dämpfen. Du wirſt daher gefälligſt ſitzen bleiben, wo du biſt, für den Fall, daß ich etwas von dir brauchen ſollte.“ Seein Weib antwortete nur mit der gewöhnlichen Erwiederung,„ja, Quilp,“ und der kleine Herr zün⸗ dete ſeine erſte Cigarre an und miſchte ſein erſtes Glas Grog. Die Sonne ging unter und die Sterne blinkten am Himmel; der Tower wandelte ſeine eigen⸗ thümliche Farbe in eine graue und dann in eine ſchwarze um; das Zimmer wurde vollkommen dun⸗ kel und das Ende der Cigarre tief feuerroth; aber noch immer rauchte und trank Herr Quilp in der⸗ ſelben Stellung fort und ſtierte gleichgültig durch das Fenſter, ſtets das nämliche, hundeartige Lächeln auf ſeinem Geſichte, indem es ſich nur, wenn Frau Quilp eine unfreiwillige Bewegung der Unruhe oder der Ermüdung machte, in ein entzücktes Grinſen um⸗ wandelte. —— Herrn Weller's Taſchenuhr. Es ſcheint, daß die Haushälterin, bei Gelegen⸗ heit ihres erſten Zuſammentreſſens mit den beiden Herrn Weller, kaum bei ihnen allein gelaſſen war, als ſie Herrn Slithers, den Barbier, zum Beiſtand aufforderte, welcher, ihres Winkes gewärtig, in der Küche gelauert hatte; ſie führte ihn unter manchem Lächeln und mit vieler Süßigkeit als einen Mann ein, welcher ſie bei der großen Verantwortlichkeit, ihre ausgezeichneten Gäſte zu unterhalten, unterſtützen werde. „In der That,“ ſagte ſie,„ich würde mich ohne Herrn Slithers in einer ſehr kritiſchen Lage be⸗ finden.“ „Es iſt kein Grund zu was immer für einer Kritik vorhanden, Mamſell,“ verſetzte Herr Weller mit ungemeiner Höflichkeit;„ich wüßte nicht, in wie ferne. Eine Dame,“ fügte der alte Herr bei, indem er mit der Miene eines Mannes um ſich ſah, der —,— 247 einen unangreifbaren Satz aufſtellt,„eine Dame kann nicht kritiſch ſeyn. Die Natur hat da ſchon andere Vorkehrungen getroffen.“ Die Haushälterin neigte den Kopf und lächelte noch ſüßer. Der Barbier, welcher in einem Zuſtande großer Aengſtlichkeit um Herrn Weller und Sam herumgetänzelt hatte, um den beſtmöglichen Eindruck zu machen, rieb ſich die Hände und rief:„hört, hört! ſehr wahr meine Herrn,“ worauf Sam ſich umdrehte und ihn einige Sekunden lang, ohne etwas zu reden, feſten Blickes betrachtete. „Ich habe“— begann Sam, indem er fort⸗ fuhr, den erröthenden Barbier mit einer nachſinnen⸗ den Miene zu ſiriren—„ich habe nur einen Einzi⸗ gen von Ihrem Gewerbe gekannt— aber dieſer war ein ganzes Dutzend werth und ſeinem Berufe mit ganzer Seele ergeben.“ „Gehörte er in die Zunft der Raſirer, oder in die der Haarſchneider und Haarkräusler, Sir?“ fragte Herr Slithers. „Er übte beides,“ verſetzte Sam;„ein leichtes Meſſer gehörte zu ſeiner Natur und das Haarſchnei⸗ den und Kräuſeln war ſein Stolz und ſein Ruhm. Sein Gewerbe war ſeine einzige Freude. Er gab all ſein Geld für Bären aus, ſteckte ſich noch außer⸗ dem wegen derſelben in Schulden, und da brummten ſie den ganzen, langen Tag in dem Vorderkeller drunten und fletſchten umſonſt die Zähne, während das Fett ihrer Verwandten und Freunde in dem 248 Laden oben töpfchenweiſe verkauft wurde und die Fenſter des Erdgeſchoßes mit deren Köpfen geziert waren— der Vermehrung ihres ſchrecklichen Leid⸗ weſens gar nicht zu gedenken, wenn ſie auf den Tro⸗ toirs außen immer einen Mann mit dem Portrait eines in den letzten Zügen liegenden Bären auf und ab gehen ſehen mußten, unter dem mit großen Buch⸗ ſtaben geſchrieben ſtand, daß geſtern bei Jinkinſon abermals ein ſchönes Thier geſchlachtet worden ſey. Wie dem aber auch ſeyn mochte— ſie waren ein⸗ mal da, und auch Jinkinſon war da, bis er einmal an einem innerlichen Gebreſte übel erkrankte, den Gebrauch ſeiner Beine verlor und das Bette hüten mußte, wo er eine lange, lange Zeit lag. Aber ſelbſt jetzt verließ ihn der Stolz auf ſein Gewerbe ſo we⸗ nig, daß der Doctor bei jeder Verſchlimmerung, wenn er die Treppe herunterkam, zu ſagen pflegte:„Jin⸗ kinſon iſt dieſen Morgen ſehr übel; wir müſſen die Bären ein wenig rumoren laſſen;e und man durfte ſich darauf verlaſſen, daß Jinkinſon, wenn man alle⸗ mal die Bären aufjagte, daß ſie zu heulen anfingen, die Augen öffnete und mit dem Rufe: ‚„das ſind die Bären!e wieder neu auflebte, mochte es ihm vorher auch noch ſo ſchlecht ſeyn.“ „Erſtaunlich!“ rief der Barbier. „Nicht im Geringſten,“ ſagte Sam;„es war pure, reine Menſchennatur. Eines Tages ſagt der Doctor zufällig: ‚ich werde, wie gewöhnlich, morgen früh anſprechen;e da faßt ihn Iinkinſon bei der 249 Hand und ſagt, ‚Doctor, wollen Sie mir einen einzigen Gefallen erweiſen?“—„Recht gerne, Jinkin⸗ ſon, ſagt der Doctor.— ‚Dann, Herr Doctor,“ ſagt Jinkinſon, ‚kommen Sie einmal unraſirt, damit ich Ihnen den Bart abnehmen kann.⸗—„s iſt ein Wort,“ ſagt der Doctor.— ‚Gott ſegne Sie dafür,“ ſagt Jinkinſon. Des andern Tages kömmt der Doc⸗ tor, und nachdem er ganz geſchickt und regelmäßig raſirt iſt, ſagt er: ‚Jinkinſon,“ ſagt er, ‚es iſt augen⸗ ſcheinlich, daß Ihnen dieſes gut thut. ‚Nun,⸗ ſagt er,„da iſt auch ein Kutſcher bei mir, der hat einen Bart, daß Ihnen das Herz aufgehen wird, Ihr Ge⸗ ſchäft daran zu verrichten; und obgleich der Bediente,“ ſagt er, ‚nicht ſo ſehr bebartet iſt, ſo hat er doch den Backenbart ſo weit hereingezogen, daß ein Raſir⸗ meſſer daran eine chriſtliche Wohlthat wäre. Wenn die nun abwechſelnd auf den Wagen Acht haben, ſo lang er unten ſteht,“ ſagt er, ‚was ſollte Sie hin⸗ dern, Beide an demſelben Tage, ſo gut wie mich, zu ſcheeren. Sie haben ſechs Kinder,“ ſagt er, ‚was hindert Sie daran, alle ihre Köpfe zu ſcheeren und ſie zu raſiren? Sie haben zwei Gehülfen in dem Laden drunten; was kann Sie hindern, ihnen die Haare zu ſchneiden und zu kräuſeln, ſo oft es Ihnen beliebt? Thun Sie dieß,“ ſagt er, ‚„und Sie werden wieder ein ganzer Mann werden.⸗ Jinkinſon drückte dem Doctor die Hand und begann noch an demſel⸗ ben Tage. Er legte ſeine Scheeren und Meſſer auf das Bett, und ſo oft er fühlte, daß es ihm übler 250 wurde, wandte er ſich an eines der Kinder, welche mit Köpfen, ſo rein wie holländiſche Käſe, im Kauſe herumliefen, und raſirte ſie abermals. Eines Tages kömmt ein Advokat, um ſein Teſtament außzuſetzen. Während er damit beſchäftigt iſt, es niederzuſchrei⸗ ben, zwickt ihm Jinkinſon heimlich mit einer großen Scheere die Haare. ‚Was iſt denn das für ein klappendes Geräuſch,“ ſagt der Advokat alle Augen⸗ blicke;„es klingt ja, als ob man Jemand das Haar ſchnitte?— ‚Sehr möglich, daß man irgend Je⸗ manden das Haar ſchneidet,“ ſagt der arme Jinkin⸗ ſon, indem er die Scheere verbirgt und ganz unſchul⸗ dig drein ſieht. Endlich findet der Advokat, daß er ganz kahl geſchoren iſt. Jinkinſon wurde auf dieſe Weiſe noch lange am Leben erhalten; aber eines Tages, nachdem er allen ſeinen Kindern, Einem nach dem Andern, den Schädel glatt abgeſchoren hat, gibt er Jedem einen Kuß auf die Glatze; dann läßt er die zwei Gehülfen kommen, und nachdem ſie auf das Eleganteſte friſirt ſind, ſagt er: er möchte ein⸗ mal die Stimme des fetteſten Bären hören— ein Wunſch, dem natürlich ſogleich willfahrt wurde; dann ſagt er, er ſühle ſich ſehr glücklich im Ge⸗ müth und wünſche, allein zu ſeyn; und dann ſtirbt er, nachdem er ſich vorher ſelbſt das Haar geſchnit⸗ ten und mitten auf der Stirne eine flache Locke ge⸗ dreht hat.“ Dieſe Anekdote übte eine außerordentliche Wir⸗ kung, nicht nur auf Herrn Slithers, ſondern auch 251 auf die Haushälterin, welche ſo ängſtlich bemüht war, zu gefallen und gefällig zu ſeyn, daß Herr Weller in einer Weiſe, die einige Unruhe verrieth, ſeinem Sohne die Frage in das Ohr flüſterte, ob er nicht„zu weit“ gegangen ſey. „Was meint Ihr mit Enrem,zu weite,“ fragte Sam. „In dem kleinen Compliment, was das Kri⸗ tiſche bei den Frauenzimmern anbelangt,“ verſetzte ſein Vater. „Ihr werdet doch nicht meinen, daß ſie ſich deßhalb in Euch verliebt hat?“ entgegnete Sam. „Es haben ſich ſchon unwahrſcheinlichere Dinge zugetragen, mein Junge,“ erwiederte Herr Weller in einem heiſeren Flüſtern;„ich trage immer Sorge wegen einer unabſichtlichen Eroberung. Wenn ich nur wüßte, wie ich mich ſelbſt häßlich und unangenehm machen könnte, ſo würde ich es viel lieber thun, als in einem ſo perpendirlichen Schrecken leben zu müſſen.“ Herr Weller hatte vor der Hand keine weitere Gelegenheit, bei den Beſorgniſſen zu verweilen, welche ſeinen Geiſt bedrängten, denn die unmittelbare Ver⸗ anlaſſung ſeiner Furcht führte jetzt die drei Herren die Treppe hinunter und entſchuldigte ſich, daß ſie denſelben jetzt die Kuche anweiſe; ſie ziehe jedoch dieſelbe Bequemlichkeits halber ihrem eigenen kleinen Zimmer vor, da man dort beſſer rauchen könne und in der unmittelbaren Nähe des Bierkellers ſey. Die bereits getroffenen Vorkehrungen bewieſen hinreichend, daß dieſe Entſchuldigung keine bloße Redensart war, 252 denn auf dem tannenen Tiſche befand ſich ein tüch⸗ tiger Bierkrug nebſt Gläſern, zu beiden Seiten mit reinen Pfeifen und einem gehörigen Vorrath für den alten Herrn und ſeinen Sohn garnirt, während auf einer daneben befindlichen Anrichttafel eine gute Quantität kaltes Fleiſch und andere Eßwaaren lagen. Bei dem Anblick dieſer Zurüſtungen ſchwankte Herr Weller anfangs zwiſchen ſeiner Luſt zur Hei⸗ terkeit und ſeinen Bedenklichkeiten, ob man dieß nicht als eben ſo viele Beweiſe einer bereits gemachten Eroberung zu betrachten habe; er gab jedoch bald ſeinem natürlichen Antriebe nach und ſetzte ſich mit ungemein vergnügtem Geſichte an den Tiſch. „Was das Einſaugen dieſes würzigen Krautes betrifft, Mamſell,“ ſagte Herr Weller, indem er eine Pfeife aufnahm und ſie wieder hin legte,„ſo kann in Gegenwart einer Dame nicht davon die Rede ſeyn. Samuel, totale Abſtinenz, wenn ich dir gut zu Rathe bin.“ „Aber ich liebe den Tabakrauch ungemein,“ verſetzte die Haushälterin. „Nein,“ ſagte Herr Weller;„nein.“ „Sie dürfen mir auf's Wort glauben,“ verſetzte die Haushälterin.„Herr Slithers weiß, daß ich die Wahrheit rede.“ Herr Weller huſtete, und ungeachtet der Barbier die Angabe beſtätigte, ſo ſagte er doch abermals nein, aber weit ſchwächer als zuvor. Die Haus⸗ hälterin zündete ein Stück Papier an und beſtand —— 253 darauf, mit eigenen ſchönen Händen die Pfeife an⸗ zubrennen; Herr Weller gab nach. Die Pfeife war angezündet; Herr Weller that einen langen Zug, und da er ſich auf der That ertappte, wie er eben der Haushälterin zulächelte, ſo that er plötzlich ſeinen Zügen Zwang an und ſah ganz ernſthaft auf die Kerze, feſt entſchloſſen, weder ſelbſt eine Eroberung zu machen, noch Eroberungsgedanken bei Andern zu ermuthigen. Aus dieſer eiſenfeſten Richtung ſeines Gemüths wurde er durch die Stimme ſeines Sohnes gerüttelt. „Ich glaube nicht,“ ſagte Sam, der mit großer Ruhe und Behaglichkeit rauchte,„daß es— falls die Dame nichts dagegen hat— weit gefehlt wäre, wenn wir dem Beiſpiele unſerer Herren droben folg⸗ ten und gleichfalls einen Clubb errichteten. Er—„ Sam deutete dabei mit der Pfeifenſpitze auf ſeinen Erzeuger—„kann der Präſident ſeyn.“ Die Haushäͤlterin erklärte freundlich, daß ſie eben auch den gleichen Gedanken gehabt hätte, und der Barbier wollte das Nämliche gedacht haben. Herr Weller ſagte nichts, ſondern legte, wie in einem Anfluge von Begeiſterung— ſeine Pfeife nieder, und begann folgendes Mansver: Er machte die drei untern Knöpfe ſeiner Weſte auf, hielt einen Augenblick inne, um ſich des leichteren Reſpirationsganges, welcher dieſem Prozeſſe folgte, zu erfreuen, legte gewaltſame Hand an ſeine Uhr⸗ kette und zog langſam und nicht ohne außerordentliche 254 Anſtrengung, eine große, doppelgehäuſige, ſilberne Uhr heraus, welcher das Taſchenfutter in einer Weiſe folgte, daß ſie nicht ohne große Mühe und erſtaunliche Geſichtsröthe von demſelben los gemacht werden konnte. Nachdem er endlich damit zu Stande gekommen, nahm er das äußere Gehäuſe ab und zog die Uhr mit einem Schluüͤſſel von entſprechender Größe auf, worauf er ſie wieder in's Gehäuſe that, an das Ohr hielt, um ſich zu überzeugen, daß ſie noch gehe, und dann damit ein halb Dutzend mal auf den Tiſch klopfte, um ihre Verrichtung zu regeln.— „Dieß,“ ſagte Herr Weller, indem er ſie, das Zifferblatt aufwärts, auf den Tiſch legte,„ſoll der Titel und das Sinnbild unſerer Geſellſchaft ſeyn. Sammy, rücke jene paar Stühle herbei, daß ſie die leeren vorſtellen. Meine Damen und Herren! Herrn Weller's Taſchenuhr iſt aufgezogen und im Gange. Zur Tagesordnung!“ Um dieſe Proklamation zu bekräftigen, bediente ſich Herr Weller der Uhr in der Weiſe eines Präſi⸗ dentenhammers, wobei er mit großem Stolze be⸗ merkte, daß es ihr nichts ſchade, ſintemal im Ge⸗ gentheil das Zubodenfallen und Erſchütterungen aller Art die Vortrefflichkeit des Werks weſentlich erhöhten und den Regulator unterſtützten. Zum Beweiſe hämmerte er eine geraume Zeit auf dem Tiſche fort, und gab ſodann die Erklärung ab, daß der Clubb förmlich conſtituirt ſey. 25 4 „Daß du mir ja nicht den Präſidenten ver⸗ höhnſt, Samuel,“ ſagte Herr Weller zu ſeinem Sohne;„ſonſt laſſe ich dich in den Keller ſperren, und dann gerathen wir vielleicht in etwas, was die Amerikaner eine fixe und die Engländer eine Privi⸗ legienfrage nennen.“ Nach dieſer freundlichen Ermahnung ließ ſich der Präſident mit großer Würde auf ſeinen Stuhl nieder und forderte Herrn Samuel auf, eine Anek⸗ dote zu erzählen. „Ich habe es bereits gethan,“ ſagte Sam. „Ganz recht; ſo erzähle eine andere,“ erwie⸗n derte der Praſident. „Wir haben eben erſt von den Barbierern ge⸗ ſprochen, Sir,“ ſagte Sam zu Herrn Slithers.„Um bei dieſem fruchtbaren Thema zu verweilen, will ich Ihnen in ſehr wenigen Worten eine kleine roman⸗ tiſche Geſchichte von einem andern Barbier erzählen, die Sie vielleicht noch nie gehört haben.“ „Samuel!“ fiel ihm Herr Weller in's Wort, in⸗ dem er abermals ſeine Uhr in eine kräftige Berührung mit dem Tiſche brachte,„richte deine Bemerkungen an den Praſidenten, und nicht an Privatindividuen!“ „Und wenn ich um's Wort bitten darf,“ ſagte der Barbier mit ſanfter Stimme, indem er mit einem verſöhnenden Lächeln um ſich blickte, während er ſich über den Tiſch beugte, auf dem er die Knöchel ſeiner linken Hand ruhen ließ,„wenn ich um’s Wort bitten darf, ſo möchte ich bemerken, daß„Barbier“ 256 1 nicht gerade der Ausdruck iſt, welcher angenehm und wohlthuend auf unſere Gefühle wirkt. Sie mögen mich verbeſſern, Sir, wenn ich Unrecht habe. Aber ich glaube, es gibt in dem Wörterbuch ſo ein Wort wie ‚Haarkräusler“.“ „Wohl; aber geſetzt, es war kein Haarkräus⸗ ler?“ bemerkte Sam. „Ei, ſo mußt du varlamentariſch ſeyn, und ihn um ſo mehr einen Haarkräusler nennen,“ ver⸗ ſetzte ſein Vater.„Gerade wie an einem anderen Orte jeder Schindelmän ein Ehrenwerther iſt, kann man hier jeden Barbier einen Haarkräusler nennen. Wenn du die Reden in der Zeitung lieſit und ſiehſt, daß ein Schindelmän zu einem anderen ſagt, ‚„das ehrenwerthe Mitglied, wenn er mir erlauben will, ihn ſo zu nennen', ſo wirſt du doch verſtehen, daß damit gemeint iſt, ‚wenn er mir erlauben will, der angenehmen und allgemeinen Einbildung beizu⸗ pflichten.“ Es iſt eine gewöhnliche, durch Geſchichte und Erfahrung beſtätigte Anſicht, daß große Männer ſich mit den Verhältniſſen, in welchen ſie ſich be⸗ finden, erheben. Herr Weller zeigte ſeine Fähigkeit als Präſident in ſo kräftigem Lichte, daß Sam in Folge eines Grinſens der Ueberraſchung, welche ſeine geiſtige Thätigkeit gefeſſelt hielt und ſich end⸗ lich in einem langen, eintönigen Pfeifen Luft machte, geraume Zeit nicht zu ſprechen vermochte. Ja, der alte Herr ſchien ſich ſogar ſelbſt in Erſtaunen verſetzt 257 zu haben, und zwar in nicht geringem Grade, wie ſich aus dem lange fortgeſetzten Kichern entnehmen ließ, welchem er ſich hingab, nachdem er jene licht⸗ vollen Bemerkungen zu Tage gefördert hatte. „Nun zu meiner Geſchichte,“ ſagte Sam.„Es war einmal ein junger Haarkräusler, welcher einen ſehr hübſchen, kleinen Laden mit vier Wachsköpfen am Fenſter, nämlich zwei Schindelmän und zwei Damen, eröffnete— die Schindelmän mit blauen Punkten ſtatt des Bartes, ſehr großen Backenbärten, verwegenen Haartouren, ungemein hellen Augen und erſtaunlich ſchönen, rothen Naſenlöchern;— die Damen mit auf die Seite gedrehten Köpfen, den rechten Zei⸗ gefinger auf den Lippen, und mit ſehr ſchön entwickelten Formen, in welch' letzterer Hinſicht ſie den Vortheil vor den Schindelmän hatten, da dieſen nur ſehr kleine Schultern zugeſtanden waren, unter denen es etwas ſchnell in eine Phantaſiedrapirung überging. Er hatte auch viele Haar⸗ und Zahnbürſten in den Fenſtern aufgeſteckt, nette Glasſchränke auf dem Zahltiſch, ein mit Leinwand ausgelegtes Zimmer zum Haarſchneiden eine Treppe hoch, und eine Wägmaſchine rechts von der Thüre im Laden. Aber der vorzüglichſte Anziehungsgegenſtand und die Haupt⸗ zierde waren die Wachsköpfe, wegen welcher der junge Haarkräusler alle Augenblicke auf die Straße hinaus lief, um ſie anzuſehen, und wieder hinein ging, um etwas daran zu machen und ſie zu polieren. Mit einem Worte, er war ſo ſtolz darauf, daß er Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 17 258 ſich am Sonntag immer ganz unglücklich und krank fühlte, weil er denken mußte, daß ſie jetzt hinter dem Laden ſtanden, weßhalb er auch den Montag kaum erwarten konnte. Einer von dieſen Köpfen war vorzugsweiſe ſein Liebling, und wenn ihn Jemand von ſeiner Bekanntſchaft fragte, warum er nicht heirathe— was nämlich die jungen Damen be⸗ ſonders oft thaten— ſo pflegte er zu ſagen: ich will mich nie in die Bande des Ehſtandes begeben, bis ich ein junges Frauenzimmer treffe, welches meine Idee von dem ſchönſten Wachskopf mit dem lichten Haare realiſirt. Danne, ſagte er, ‚will ich vor den Altar treten.: Alle jungen Damen von ſeiner Bekanntſchaft, welche ſchwarzes Haar hatten, ſagten ihm, dieß wäre eine große Sünde, und er bete ein Götzenbild an; aber diejenigen, deren Haar nur eine entfernte Aehnlichkeit mit dem des Wachskopfes hatten, errötheten bis über die Ohren, und man ſah es ihnen an, daß ſie ihn für einen recht hübſchen jungen Mann hielten.“ „Samuel,“ ſiel ihm Herr Weller ernſt in's Wort,„da ein Glied dieſer Geſellſchaft dem zarten Geſchlechte, von dem eben die Rede iſt, angehört, ſo muß ich bitten, daß du keine Reflexionen machſt.“ „Und was hätte ich denn für eine gemacht?“ fragte Sam. „Zur Ordnung, Sir!“ erwiederte Herr Weller mit ernſter Würde. Dann fiel der Präſident wieder — — in den Vater zurück und fügte in ſeinem gewöhn⸗ lichen Tone bei:„Fahr fort, Samuel.“ Sam wechſelte ein Lächeln mit der Haushälterin und erzählte weiter: „Der junge Haarkräusler hatte ſich ſchon über ſechs Monate an ſolche Erklärungen gewöhnt, als er einer jungen Dame begegnete, welche ein leibhaftes Conterfey von dem ſchönſten Wachskopfe war.„Jetzt iſt alles im Reinene, ſagte er, ‚ich bin gefangen!: Die junge Dame war nicht nur ein Conterfey von dem ſchönſten Wachskopf, ſondern auch ſehr romantiſch, was der junge Haarkräusler gleichfalls war, und er ſagte: ‚o!' ſagt er,„hier iſt eine Gemeinſchaft der Gefühle, hier iſt ein Einklang der Seelen!’ ſagt er, ‚hier iſt eine Wechſelwirkung der Geſinnungen!’ Die junge Dame ſagte natürlich nicht viel, drückte ſich aber ſehr angenehm aus, und bald nachher beſuchte ſie ihn mit einem gemeinſchaftlichen Freunde. Der Haar⸗ kräusler eilt ihr entgegen, aber ſobald ſie die Wachs⸗ köpfe ſieht, wechſelt ſie die Farbe und fängt an, heftig zu zittern.„Sehen Sie einmal auf, meine Liebe,“ ſagt der Haarkräusler, ‚betrachten Sie Ihr Bild in meinem Fenſter; aber noch viel deutlicher iſt's in meinem Herzen!— ‚Mein Bild?“ ſagt ſie. „Ja, das Ihrige,“ verſetzt der Haarkräusler.— ‚Aber weſſen Bild iſt jenes? ſagt ſie und deutet auf einen von den Schindelmän—„Niemands, meine Liebe,“ ſagt er;„es iſt nur eine Idee.“— ‚Eine Idee?“ ruft ſie; zes iſt ein Porträt. Ich fühle es, es iſt ein 17* 260 Porträt, und jenes edle Geſicht muß bei'm Militär ſeyn! Was höre ich?e ſagt er und fährt ſich in ſeine Locken.— ‚William Gibbs,“ ſagt ſie mit gro⸗ ßer Feſtigkeit, ‚nichts weiter von der Sache. Ich achte ſie als Freund,« ſagt ſie, ‚aber mein Herz gehört jener männlichen Stirne.—„Meine Hoff⸗ nungen ſind geknickt, ſagt der Haarkräusler, ‚und ich bemerke darin die Hand des Schickſals. Adieu!“ Mit dieſen Worten eilt er in den Laden, zerbricht mit einem Schlage ſeines Kräuſeleiſens dem Wachs⸗ kopf die Naſe, ſchmelzt ihn am Feuer zuſammen, und ſeitdem hat er nie wieder gelächelt.“ 4 „Aber die junge Dame?“ fragte die Haushäl⸗ terin. „Je nun,“ ſagte Sam,„als ſie fand, daß das Schickſal einen Groll auf ſie hatte, und ſie deßhalb mit aller Welt Händel anfing, ſo lächelte auch ſie nicht wieder, ſondern las viel Gedichte und ſchwand dahin — aber nur ganz langſam, denn ſiee iſt noch nicht todt. Aber es müſſen viele Gedichte nothwendig ge⸗ weſen ſeyn, um den Haarkräusler umzubringen; und einige Leute ſagten nachher, der Grog ſey eigentlich daran ſchuld geweſen, daß er überfahren wurde. Vielleicht war's ein Bischen von Beidem, was ſich. bei ihm zuſammen gemiſcht hat.“ b Der Barbier erklärte, Herr Weller habe eine der intereſſanteſten Geſchichten erzählt, die ihm je zu Ohren gekommen ſeyen: eine Anſicht, welcher die Haushälterin vollkommen beipflichtete. A— N— — ᷣ „Sind Sie verheirathet, Sir?“ fragte Sam. Der Barbier erwiederte, daß er nicht die Ehre habe. „Vermuthlich werden Sie aber doch noch in den Eheſtand treten?“ ſagte Sam. „Je nun,“ entgegnete der Barbier, indem er ſich ſchmunzelnd die Hände rieb, nich weiß nicht, ich halte es nicht für ſehr wahrſcheinlich.“ „Das iſt ein ſchlimmes Zeichen,“ erwiederte Sam.„Wenn Sie geſagt hätten, daß Sie es dieſer Tage zu thun gedächten, ſo würde ich Sie für einen geretteten Mann betrachten. Sie ſind in einer ſehr bedenklichen Lage.“ „Jedenfalls bin ich mir keiner Gefahr bewußt, 84 verſetzte der Barbier. „So ging mir's gerade auch, Sir,“ ſagte der ältere Herr Weller, das Wort ergreifend;„dieß wa⸗ ren ganz meine Symptome. Und zweimal bin ich auf dieſe Weiſe gefangen worden. Halten Sie Ihre Augen offen, oder Sie ſind verloren.“ Es lag etwas ſo gar Feierliches in dieſer Er⸗ mahnung, ſowohl vermöge des Gegenſtandes und der Form, als auch vermöge der Weiſe, womit Herr Weller das Auge noch immer auf das argwohnloſe Opfer geheftet hielt, daß eine Weile Niemand zu ſprechen wagte; und ſo hätte es wohl noch länger fortdauern können, wenn der Haushälterin nicht zu⸗ fälligerweiſe ein Seufzer entſchlüpft waͤre, welcher die Aufmerkſamkeit des alten Herrn erregte und zu 262 der galanten Frage Anlaß gab,„ob denn irgend ein beſonderer Schmerz in dieſem kleinen Herzen wohne?“ „Ach du mein Himmel, Herr Weller!“ rief die Haushälterin lachend. „Nicht? aber doch etwas, was es in Thätigkeit ſetzt?“ fuhr der alte Herr fort.„Iſt es immer ver⸗ härtet— immer gegen das Glück menſchlicher Ge⸗ ſchöpfe eingenommen geweſen? Wie— was ſagen Sie?“ Bei dieſer für das Erröthen und die Verlegen⸗ heit der Haushälterin ſo bedenklichen Wendung machte ſie auf einmal die Bemerkung, daß es an Bier fehle, weßhalb ſie ſich nach dem Keller zurückzog, um welches zu holen; und der Barbier folgte ihr, da er ſich's nicht nehmen laſſen wollte, ihr das Licht zu halten. Herr Weller ſah ihr mit einem ſehr wohlgefälligen und ihm mit einem ſehr geringſchätzigen Blicke nach, worauf er ſeine Augen langſam durch die Küche gleiten ließ, bis ſie endlich auf ſeinem Sohne haften blieben. „Sammy, ich traue dieſem Barbier nicht,“ ſagte Herr Weller. „Weßwegen?“ fragte Sam,„was hat er mit Euch zu ſchaffen? Ihr ſeyd mir ein feiner Mann; erſt thut Ihr, als ob Ihr Wunder was fuürchtetet, und dann geht Ihr hin, macht Complimente und redet von Herzen und Schmerzen.“ Die Hindeutung auf ſeine Galanterie ſchien Herrn Weller höchlich zu entzücken, denn ſeine Ant⸗ 263 wort erſtickte in einem unterdrückten Lachen, welches ihm Thränen ins Auge brachte. „Habe ich denn von Herzen und Schmerzen ge⸗ ſprochen, Sammy? habe ich das wirklich gethan, wie?“ „Ob Ihr es gethan habt? Natürlich habt Ihr es gethan.“ „Sie iſt daraus nicht klüger geworden, Sammy. 's iſt nichts Unrechtes darin— keine Gefahr, Sammy. Es gilt ja nur einen Spaß; ſie ſchien aber doch eine Freude daran zu haben— nicht wahr? Natürlich hatte ſie eine Freude daran— es liegt ganz in der Natur— ganz in der Natur.“ „Jetzt bildet er ſich gar etwas darauf ein,“ rief Sam, indem er in die Heiterkeit ſeines Vaters ein⸗ ſtimmte;„er iſt in der That eitel darauf.“ „Bst,“ erwiederte Herr Weller, ſein Geſicht in ernſtere Falten legend,„ſie kommen zurück; das kleine Herz kommt zurück. Aber merke dir noch einmal meine Worte und vergiß nicht, daß dein Vater es vorausgeſagt hat, wenn er dein Gedächtniß darauf zurückbringen will. Samuel, ich traue dieſem ſpitz⸗ bübiſchen Barbier nicht.“ 264 Der Naritätenladen. Fünftes Kapitel. Ob ſich Herr Quilp während dieſer Zeit einige Augenblicke für ſeinen Schlummer erſah, oder ob er die ganze lange Nacht unabläſſig wachend da ſaß, können wir nicht mit Beſtimmtheit angeben: ſo viel iſt übrigens gewiß, daß er ſeine Cigarre immer brennend erhielt und jede neue an der Aſche der faſt verbrauchten anzündete, ohne ſich der Beihülfe eines Lichtes zu bedienen. Auch ſchien ihn das Schlagen der Thurmuhren, Stunde um Stunde, durchaus nicht mit irgend einem Gefühle von Schläfrigkeit oder einem natürlichen Verlangen nach Ruhe zu er⸗ füllen, da es im Gegentheil eher ſeine Wachſamkeit vermehrte, wie ſich, ſo oft die Schläge das Fort⸗ ſchreiten der Nacht verkündigten, aus dem unterdrück⸗ ten Kichern und einer Bewegung ſeiner Achſeln— einem herzlichen, aber dabei ſchlauen und verſtoh⸗ lenen Lachen nicht unähnlich— entnehmen ließ. Endlich brach der Tag an und traf die arme Frau Quilp, ſchaudernd in der Kälte des Frühmor⸗ gens und erſchöpft von Ermüdung und Schlafloſigkeit, geduldig auf ihrem Stuhle, wo ſie hin und wieder, in ſtummem Aufruf an das Mitleid und die Gnade ihres Gebieters, die Augen aufſchlug und den Zwerg — — 265 gelegentlich durch ein leiſes Huſten erinnerte, daß ſie noch immer auf Vergebung harre, und daß ihre Buße jetzt gewiß lange genug gedauert habe. Aber ihr gnomenartiger Gatte rauchte noch immer ſeine Cigarre und trank ſeinen Num, ohne ihrer zu achten, und erſt als die Sonne ſchon geraume Zeit aufge⸗ gangen war und bereits das lärmende Treiben der Stadt auf den Straßen gehört wurde, ließ er ſich herab, von ihrer Anweſenheit durch Worte oder Zeichen Notiz zu nehmen. Vielleicht hätte er es auch jetzt noch nicht gethan, wenn ſich nicht gewiſſe ungeduldige Schläge an der Thüre hätten vernehmen laſſen, welche zu bekunden ſchienen, daß ſich an der Außenſeite derſelben etliche ziemlich harte Knöchel abarbeiteten. „Ach du mein Himmel!“ begann er, indem er mit einem boshaften Grinſen im Zimmer umher⸗ blickte;„es iſt Tag, öffne die Thüre, meine ſüße Frau Quilp.“ Das gehorſame Weib ſchob den Riegel zurück und ihre Frau Mutter trat in's Zimmer. Frau IJiniwin ſtürmte mit großem Ungeſtüm herein, denn in der Vorausſetzung, daß ihr Schwie⸗ gerſohn noch im Bette wäre, hatte ſie die Abſicht, ihren Gefühlen in kräftigen Scheltworten über ſein Benehmen und ſeinen Charakter Luft zu machen. Als ſie jedoch ſah, daß er auf und angekleidet war, und daß er allem Anſcheine nach das Zimmer ſeit geſtern Abend, wo ſie ihm weichen mußte, nicht 266 verlaſſen hatte, hielt ſie in einiger Verlegenheit inne. Nichts entging dem Habichtsauge des häßlichen, kleinen Mannes, der vollkommen begriff, was in der Seele der alten Dame vorging, und in der Fülle ſeiner Herzensfreude nur noch häßlicher wurde, als er ihr mit triumphirendem Hohnlächeln einen guten Morgen wünſchte. „Ei, Betſy,“ ſagte die alte Frau,„du biſt doch nicht— du willſt doch nicht ſagen, daß du—“ „Die ganze Nacht aufgeblieben biſt?“ ergänzte Quilp dieſen Satz.„Ja das will ſte.“ „Die ganze Nacht?“ rief Frau Jiniwin. „Ja, die ganze Nacht. Iſt die gute alte Dame taub?“ entgegnete Quilp halb lächelnd, halb die Stirne runzelnd.„Wer kann ſagen, Mann und Weib ſeyen eine ſchlechte Geſellſchaft? Ha, ha! Wie ſchnell uns die Zeit entſchwand!“ „Sie ſind ein Unthier!“ rief Frau Jiniwin. „Pah, pah!“ verſetzte Quilp, der ſie begreifli⸗ cherweiſe abſichtlich mißverſtand,„Sie müſſen ſie nicht ſchelten. Sie wiſſen ja, daß ſie jetzt verheira⸗ thet iſt; und obgleich ſie die Zeit betrog und mich von meinem Bette abhielt, ſo müſſen Sie doch nicht ſo zärtlich um mich bekümmert ſeyn, um mit ihr deßhalb zu grollen. Nichtsdeſtoweniger möge Sie der Himmel dafür ſegnen, liebe alte Dame. Auf Ihre Geſundheit!“ „Ich bin Ihnen ſehr verbunden,“ entgegnete —, p⸗ 267 die alte Frau, welche durch eine gewiſſe Unruhe in ihren Händen ein heftiges Verlangen verrieth, ihre Matronenfauſt mit ihrem Schwiegerſohne in Berüh⸗ rung zu bringen.„O, ich bin Ihnen recht ſehr verbunden.“ „Die dankbare Seele!“ rief der Zwerg.„Frau Quilp!“ „Ja, Quilp,“ verſetzte die ſchüchterne Dul⸗ derin. „Hilf deiner Mutter das Frühſtück beſorgen, Frau Quilp. Ich muß dieſen Morgen auf das Kai — je früher, deſto beſſer; alſo ſpute dich.“ Frau Jiniwin machte eine ſchwache rebelliſche Demonſtration, indem ſie ſich auf einen Stuhl in der Nähe der Thüre ſetzte und die Arme über ein⸗ ander ſchlug, als wäre ſie feſt entſchloſſen, durchaus keine Hand anzulegen. Aber einige Flüſterworte von ihrer Tochter und die freundliche Anfrage ihres Schwie⸗ gerſohnes, ob ſie ſich unwohl fühle, mit einer An⸗ deutung, daß in dem nächſten Gemache hinreichend kalt Waſſer ſey, vertilgte plötzlich dieſe Symptome, und ſie ging mit verdroßenem Fleiße an die vorge⸗ ſchriebene Arbeit. Während ſie ſo beſchäftigt waren, verfügte ſich Herr Quilp in das anſtoßende Zimmer, ſchlug ſeinen Rockkragen zurück und ſchickte ſich an, ſein Geſicht mit einem feuchten Handtuche von ſehr ungeſundem Ausſehen zu ſchmieren, wodurch übrigens ſeine Haut⸗ farbe nur noch wolkiger wurde. Aber auch während 268 dieſer Arbeit verließ ihn ſeine Vorſicht und ſein Spüreifer nicht, denn mit einem eben ſo ſcharfen und ſchlauen Geſichte als ſonſt unterbrach er zu wie⸗ derholtenmalen dieſen kurzen Prozeß und behorchte ein Geſpräch in dem nächſten Zimmer, zu dem viel⸗ leicht er ſelbſt das Thema abgeben mußte. „Ah!“ ſagte er nach kurzer, angeſtrengter Auf⸗ merkſamkeit;„dachte ich mir's doch gleich, es ſey nicht das Handtuch über meinen Ohren. Ich bin alſo ein kleiner, buckligter Schuft und ein Ungeheuer. Bin ich das wirklich, Frau Jiniwin? Schön!“ Das Vergnügen über dieſe Entdeckung rief wieder das alte, hundeähnliche Lächeln in voller Kraft hervor. Sodann ſchüttelte er ſich ganz hundeartig und begab ſich zu den Damen. Herr Quilp trat jetzt vor einen Spiegel und war eben mit dem Anlegen ſeines Halstuchs beſchäf⸗ tigt, als Frau Iiniwin, welche zufällig hinter ihm ſtand, dem innern Drange nicht widerſtehen konnte, die Fauſt gegen ihren tyranniſchen Schwiegerſohn zu ſchütteln. Die Bewegung war nur eine augen⸗ blickliche, aber als ſie dieſelbe ausführte und mit einem drohenden Blicke begleitete, begegnete ſie in dem Spiegel ſeinem Auge, welches ſie gerade auf der That ertappte. Derſelbe Blick auf den Spiegel führte ihr aber auch den Refler eines ſchrecklichen, grotesk verzogenen Geſichts mit herausgeſtreckter Zunge zu, und in dem nächſten Augenblicke fragte ſie der Zwerg, der ſich mit einer vollkommen ruhigen und gefälligen Miene umwandte, im Tone großer Zärtlichkeit: „Wie iſt's Ihnen jetzt, mein lieber alter Schatz?“ So unbedeutend und lächerlich auch dieſer Vor⸗ fall war, ſo nahm ſich Herr Quilp doch dabei wie ein kleiner Teufel aus, und das verſchmitzte und durch⸗ triebene Geſicht des Zwerges ſchüchterte die alte Frau ſo ſehr ein, daß ſie kein Wort hervorbringen konnte, und ſich durchaus nicht ſträubte, als derſelbe ſie mit außer⸗ ordentlicher Höflichkeit nach dem Frühſtücktiſch führte. Hier verminderte er keineswegs den Eindruck, den er eben hervorgebracht hatte, denn er ſpeiste die harten Eier ſammt der Schaale, verzehrte gigantiſche See⸗ garnelen mit Kopf und Schwanz, kaute zugleich mit außerordentlicher Gier Tabak und Brunnenkreſſe, trank kochendheißen Thee, ohne zu blinzeln, biß in ſeine Gabel und in ſeinen Löffel, daß ſie krumm wurden, und verrichtete— mit einem Worte— ſo viele entſetzliche und ungewöhnliche Heldenthaten, daß die Weiber faſt ihren Verſtand darüber verloren und zu zweifeln begannen, ob er wirklich ein menſchliches Weſen ſey. Nachdem Herr Quilp endlich dieſe und noch viele andere Manöver, welche gleichfalls zu ſei⸗ nem Syſtem gehörten, durchgemacht hatte, verließ er die Frauen in einer ſehr gehorſamen und demüthigen Gemüthsſtimmung und begab ſich an das Themſe⸗ ufer, wo er ein Boot nahm, um nach dem Kai, welches ſeinen Namen führte, zu fahren. 270 Es war eben Fluthzeit, als Daniel Quilp ſich in das Fährboot ſetzte, um nach dem entgegengeſetz⸗ ten Ufer zu gelangen. Eine ganze Flotte von Bar⸗ ken kam läſſig herbei, die einen mit der Seite, die andern mit dem Schnabel und wieder andere mit dem Stern voran; ſie ſtießen querköpfig, eigenſinnig und hartnäckig gegen die größeren Fahrzeuge an, kamen unter die Buge der Dampfboote, trieben in alle Arten von Winkeln und Ecken, wo ſie nichts zu thun hatten, und wurden von allen Seiten, wie eben ſo viele Wallnußſchalen, zuſammengequetſcht, während jede mit ihrem Paar langer Ruder in dem Waſſer plätſcherte und kämpfte, einem ermatteten Fiſche gleich, der ſich nicht aus dem ſeichten Waſſer zu helfen weiß. In einigen der vor Anker liegenden Schiffe waren alle Hände mit dem Aufſchießen der Taue, mit dem Ausbreiten der Segel, um ſie zu trocknen, oder mit dem Einnehmen und Ausladen der Kargos beſchäftigt; in andern war kein Zeichen des Lebens ſichtbar, einige Matroſenjungen und vielleicht einen bellenden Hund ausgenommen, der auf dem Deck hin und her lief, oder an den Planken hinauf klet⸗ terte, um über Bord ſehen und deſto lauter die Aus⸗ ſicht anbellen zu können. Durch den Wald von Maſten kam langſam ein großes Dampſſchiff herun⸗ ter, peitſchte mit ſeinen ſchweren Ruderſchaufeln in kurzen, ungeduldigen Streichen das Waſſer, als ob es ihm an Raum zum Athmen gebreche, und bewegte ſeinen ungehenern Rumpf wie ein Seeungeheuer un⸗ ter den Elritzen der Themſe vorwärts. Zu beiden Seiten ſchwammen lange, ſchwarze Reihen von Koh⸗ lenſchiffen, und durch dieſelben drängten ſich Fahr⸗ zeuge mit in der Sonne glänzenden Segeln, welche ſich langſam aus dem Hafen heraus arheiteten, während der Lärm an Bord aus hundert Richtungen wieder⸗ hallte. Das Waſſer und alles darauf war in rühri⸗ ger Bewegung, tanzend, wogend und Blaſen aufwer⸗ fend, während der alte graue Tower, die Gebäude⸗ reihe am Ufer und die dazwiſchen aufſchießenden Kirchthürme kalt herunter ſahen und ihre thätige, unruhige Nachbarin zu verachten ſchienen. Daniel Quilp, dem ein ſchöner Morgen höchſtens in ſo fern angenehm war, weil er ihm die Mühe erſparte, einen Regenſchirm bei ſich zu führen, ließ ſich neben dem Kai an's Land ſetzen und begab ſich dahin durch eine enge Gaſſe, die den amphibiſchen Charakter ihrer Bewohner theilte, indem ihre Zuſammenſetzung aus reichlichem Schmutz und vielem Waſſer beſtand. An dem Orte ſeiner Beſtimmung angelangt, war der erſte Gegenſtand, der ihm in's Auge ſiel, ein Paar ſehr unvollkommen beſchuhter Füße, die mit den Sohlen in der Luft ſchwebten. Dieſe merkwürdige Erſcheinung hing mit einem Knaben zuſammen, der von etwas excentriſchem Geiſte war und eine natür⸗ liche Vorliebe für Gauklerkunſtſtücke beſaß, weßhalb er ſich jetzt auf den Kopf geſtellt hatte, um die Aus⸗ ſicht nach dem Fluſſe in einer ſo ungewöhnlichen Poſition zu genießen. Er wurde jedoch ſchleunigſt 272 durch den Ton von ſeines Meiſters Stimme auf die Beine gebracht, und ſobald ſein Kopf wieder die ge⸗ hörige Lage einnahm, klopfte Herr Quilp tüchtig auf denſelben los. „Nun, ſo laßt mich doch gehen,“ ſagte der Junge, indem er Quilp's Hand abwechſelnd mit den Ellenbogen parirte.„Wenn Ihr nicht aufhört, ſo ſollt Ihr etwas kriegen, was Euch nicht anſteht. Das ſage ich Euch.“ „Du Galgenvogel,“ knurrte Quilp;„ich will dich peitſchen mit eiſernen Ruthen, ich will dich zer⸗ kratzen mit roſtigen Nägeln, ich will dir die Augen ausbohren, wenn du nicht augenblicklich ſtill biſt— ja, das will ich.“ Mit dieſen Drohungen ballte er abermals die Hand, kriegte den Knaben gewandt unter dem Ellen⸗ bogen zu faſſen, packte ihn ſodann, trotz der ſchlauen Seitenwendungen deſſelben, am Kopf, und verſetzte ihm drei oder vier kräftige Stöße. Nachdem er auf dieſe Weiſe ſeine Abſicht durchgeführt hatte, ließ er ihn los. „Kommt mir nur noch einmal ſo,“ ſagte der Knabe, indem er den Kopf ſchüttelte und ſich zurück⸗ zog, für den ſchlimmſten Fall aber ſeine Ellenbogen bereit hielt;„dann—“ „Sey ruhig, du Schlingel,“ entgegnete Quilp. „Es geſchieht dir nichts mehr, denn du haſt gerade ſo viel, als ich dir zugedacht habe. Da, nimm den Schlüſſel.“ „Warum bindet Ihr nicht mit Leuten von Eurer 273 Größe an?“ ſagte der Junge, ſehr langſam näher kommend. „Wo gibt es Einen von meiner Größe, du Hund?“ entgegnete Quilp.„Nimm den Schlüſſel, oder ich ſchlage dir damit das Gehirn ein.“ In der That gab er ihm auch während dieſer Worte einen kräftigen Schlag mit dem Handgriff.„So, jetzt öffne das Comptoir.“ Der Knabe befolgte verdrießlich den Befehl und murmelte anfangs Verwünſchungen zwiſchen den Zähnen, was er jedoch bald unterließ, als er beim Umblicken bemerkte, daß Quilp ihm feſten Blickes nachſah. Wir müſſen hier bemerken, daß zwiſchen dieſem Knaben und dem Zwerg eine ſonderbare Art von wechſelſeitiger Zu⸗ neigung ſtattfand; wie ſie übrigens entſtand, oder wie ſie auf der einen Seite durch Drohungen und Schläge, auf der andern durch Trotz und Widerſpruch genährt wurde, gehört nicht zur Sache. Quilp hätte ſich gewiß von Niemand als von dem Knaben eine Wi⸗ derrede gefallen laſſen, und eben ſo gewiß würde der Knabe von keinem Andern, als von Quilp, ſo viele Püffe hingenommen haben, ſo fern es nämlich in ſeiner Macht ſtund, nach Gutdünken davonzu⸗ laufen. „Nun,“ ſagte Quilp, in das hölzerne Comptoir⸗ haus tretend,„gib mir jetzt auf den Kai Acht. Aber wenn du dich wieder auf den Kopf ſtellſt, ſo ſchlage ich dir einen deiner Füße ab.“ Der Junge gab keine Antwort; aber ſobald ſich Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 18 274 Quilp eingeſchloſſen hatte, ſtellte er ſich vor der Thüre auf den Kopf, ſpazierte ſodann auf den Hän⸗ den rückwärts und ruhte wieder auf dem Kopf aus, worauf er ſich auf die entgegengeſetzte Seite wandte und dort ſeine Kunſtleiſtungen wiederholte. Das Comptoirhaus hatte zwar vier Seiten, aber er ver⸗ mied abſichtlich die eine, wo das Fenſter war, denn es dünkte ihm nicht unwahrſcheinlich, daß Quilp durch daſſelbe herausſehe. Dieß war eine ſehr kluge Vorſichtsmaßregel, denn der Zwerg, welcher den Charakter ſeines jungen Aufſehers kannte, lag in der That unfern dem Schiebfenſter auf der Lauer, nachdem er ſich zuvor mit einer großen Holzlatte be⸗ waffnet hatte, welche, da ſie ſehr rauh, gezackt und mit zerbrochenen eiſernen Nägeln beſchlagen war, leicht eine ſchlimme Verletzung hätte veranlaſſen können. Das Comptoir war eine ſchmutzige, kleine Bude, in welcher ſich nichts befand, als ein alter, ſchad⸗ hafter Schreibtiſch, zwei Schreibeböcke, ein Hutſtän⸗ der, ein alter Kalender, ein Tintenfaß ohne Tinte, der Stumpf einer einzigen Feder, und eine Achttag⸗ uhr, die aber wenigſtens ſeit achtzehn Jahren nicht mehr ging und aus deren Minutenzeiger man einen Zahnſtocher gemacht hatte. Daniel Quilp drückte ſeinen Hut in die Stirne, kletterte auf den oben flachen Schreibtiſch und ſtreckte ſich nach ſeiner gan⸗ zen Kürze aus, worauf er ſich mit der Behaglichkeit eines alten Praktikers zum Schlafen anſchickte und ohne Zweifel ſich für die Entbehrung der letzten — *— — 275 Nacht durch einen langen und geſunden Schlummer ſchadlos zu halten gedachte. Geſund mochte nun dieſer wohl geweſen ſeyn, aber man konnte ihn keineswegs einen langen nennen, denn der Zwerg hatte kaum eine Viertelſtunde ausge⸗ ruht, als der Junge die Thüre öffnete und den Kopf, der ganz wie ein Bund umgehechelten Werges aus⸗ ſah, hereinſtreckte. Quilp hatte nur einen leichten Schlaf und fuhr daher augenblicklich auf. „Es will Jemand zu Euch,“ ſagte der Knabe. „Wer?“ „Ich weiß nicht.“ „So frage!“ entgegnete Quilp, indem er die vorerwähnte Latte ergriff und ſie mit ſolcher Ge⸗ wandheit nach dem Jungen warf, daß derſelbe gut that, ſich unſichtbar zu machen, ehe ſie den Ort er⸗ reichte, wo er geſtanden hatte.„Willſt du fragen, du Galgenſtrick?“ Da es dem Jungen nicht ſonderlich darum zu thun war, ſich wieder in den Bereich ſolcher Wurfge⸗ ſchoße zu wagen, ſo ſandte er klüglicher Weiſe den Anlaß der Unterbrechung hinein, welcher ſich jetzt an der Thüre zeigte. „Was, Nelly?“ rief Quilp. „Ja,“— ſagte die Kleine und zögerte, ob ſie eintreten oder ſich zurückziehen ſollte; denn der eben erwachte Zwerg war mit ſeinen verwirrten Haaren, die nach allen Richtungen hinaus ſtanden, und dem gelben Schnupftuch, welches er über den Kopf gelegt 18* 276 hatte, wahrhaft fürchterlich anzuſchauen.„Nur ich bin’s, Sir.“ „So komm herein,“ verſetzte Quilp, ohne den Schreibtiſch zu verlaſſen.„Komm herein! Halt! Sieh einmal in den Hof hinaus und gib Acht, ob dort nicht ein Junge auf dem Kopf ſteht.“ „Nein, Sir,“ entgegnete Nell.„Er ſteht auf ſeinen Füßen.“ „Haſt du auch recht geſehen?“ fragte Quilp. „Schon gut. So komm herein und ſchließe die Thüre. Was bringſt du mir für einen Auftrag, Nelly?“ Das Kind überreichte ihm einen Brief, und Herr Quilp, ohne ſeine Lage weiter zu ändern, als daß er ſich etwas mehr auf die Seite drehte und ſein Kinn auf die Hand ſtützte, ſchickte ſich an, den Inhalt zu durchleſen. Der Naritätenladen. Sechstes Kapitel. Die kleine Nell ſtand ſchüchtern bei Seite und erhob die Augen zu dem Geſichte des Herrn Quilp, als er den Brief durchlas; ihre Blicke zeigten übri⸗ gens deutlich, daß ſie eine große Neigung verſpürte, 277 Aber das ungeſchlachte Aeußere und die groteske Hal⸗ tung des kleinen Mannes zu lachen, obgleich ſie ihm nicht traute und ſich vor ihm fürchtete. Demunge⸗ achtet ließ ſich aber auch an dem Kinde ein peinli⸗ ches Bangen wegen einer Antwort bemerken, von welcher ſie zu wiſſen ſchien, daß ſie ungünſtig oder betrübend ausfallen könne. Natürlich ſtanden dieſe Gefühle in einem ſtrengen Widerſtreit mit dem ur⸗ ſprünglichen Eindrucke, den der Gnom auf ſie ge⸗ macht hatte, und zügelten denſelben weit wirkſamer, als es ihr wohl aus eigenen Kräften möglich gewe⸗ ſen wäre. Herrn Quilps Verwirrung— und zwar eine Verwirrung in nicht geringem Grade— als Folge des Briefinhaltes, war augenfällig. Noch ehe er über die zwei oder drei erſten Zeilen weggekommen war, begann er die Augen weit aufzureißen und die Stirne in ſchreckliche Falten zu legen; die zunächſt folgenden paar Linien veranlaßten ihn, ſich auf eine ungemein häßliche Weiße den Kopf zu kratzen, und als er bei dem Schluſſe anlangte, bekundete er ſein Erſtaunen und ſeinen Unwillen durch ein langes, umheimliches Pfeifen. Nachdem er das Papier gefaltet und neben ſich niedergelegt hatte, nagte er mit ungemeiner Ge⸗ fräßigkeit an den Nägeln ſeiner zehn Finger; dann nahm er es haſtig wieder auf und las es noch ein⸗ mal. Dieſe Wiederholung war allem Anſcheine nach eben ſo unbefriedigend, als die erſte Einſichtnahme, und verſetzte ihn in ein tiefes Träumen, aus dem er 278 nur zu einem neuen Angriff auf ſeine Nägel und A. einem langen Glotzen auf das Kind erwachte, wel⸗ ches mit zur Erde geſenkten Blicken ſeines Gegen⸗ auftrages harrte. „Holla da,“ rief er endlich mit einer Stimme und ſo plötzlich, daß das Kind zuſammenfuhr, als ob ein Gewehr neben ſeinem Ohre abgefeuert worden wäre.„Nelly!“ „Ja, Sir.“ „Weißſt, was in dieſem Briefe ſteht, Nell?“ „Nein, Sir!“ „Iſt's auch gewiß, ganz gewiß, ganz ſicher, bei deiner Seele?“ „Ganz gewiß, Sir.“ „Kannſt du ſagen, ich will auf der Stelle ſter⸗ ben, wenn ich es weiß— wie?“ ſagte der Zwerg. „In der That, ich weiß es nicht,“ verſetzte das Kind. „Gut!“ murmelte Quilp, als er ihren ernſten Blick bemerkte.„Ich glaube dir's. Hum! bereits fort? In vierundzwanzig Stunden fort? Was zum Teufel hat er damit angefangen? Dahinter ſteckt ein Geheimniß!“ Dieſe Betrachtung veranlaßte ein neues Kratzen im Kopf und ein abermaliges Beißen an den Nä⸗ geln. Während er übrigens ſo beſchäftigt war, mil⸗ derten ſich ſeine Züge allmälig zu dem, was bei ihm ein heiteres Lächeln war, bei jedem Andern aber ein gräßliches Schmerzensgrinſen hätte genannt werden 279 koͤnnen; und als die Kleine wieder aufblickte, be⸗ merkte ſie, daß er ſie mit außerordentlicher Gunſt und großem Wohlgefallen betrachtete. „Du ſiehſt heute recht hübſch aus, Nelly— be⸗ zaubernd hübſch. Biſt du müde, Nelly?“ „Nein, Sir. Ich möchte nur bald wieder nach Hauſe, denn er wird bekümmert ſeyn, ſo lange ich fort bin.“ „Es hat keine Eile, kleine Nell, im Geringſten keine Eile,“ ſagte Quilp.„Wie würde es dir gefal⸗ len, wenn du meine Nummer Zwei wäreſt, Nelly?“ „Wenn ich was wäre, Sir?“ „Meine Nummer Zwei, meine Zweite, meine Frau Quilp,“ verſetzte der Zwerg. Das Kind ſah ängſtlich umher, ſchien ihn aber nicht zu verſtehen, worauf Herr Quilp, als er dieß wahrnahm, ſich beeilte, ſeine Meinung deutlicher aus⸗ zudrücken. „Ob du nämlich Frau Quilp, die Zweite, ſeyn möchteſt, wenn Frau Quilp, die Erſte, todt iſt, ſüße Nell,“ ſagte Quilp, mit den Augen blinzelnd und das Mädchen mit gekrümmten Zeigefingern an ſich lockend,„meine Frau, mein kleines, kirſchwangiges, rothlippiges Weibchen. Angenommen, daß Frau Quilp noch fünf Jahre lebt, oder nur vier, ſo wirſt du im Alter gerade recht für mich ſeyn. Ha! ha! Sey nur ein gutes Mädchen, Nelly— ein recht gu⸗ tes Madchen, und du wirſt ſehen, ob du es nicht 280 eines Tages ſo weit bringſt, Frau Quilp von Tower⸗ hill zu werden.“ Statt indeß durch dieſe angenehme Ausſicht ge⸗ hoben und gereizt zu werden, bebte Nell im Gegen⸗ theil erſchrocken vor ihm zurück und fing heftig an zu zittern. Herr Quilp aber— ſey es, weil es für ihn ein Hochgenuß war, Jemandem Angſt einzujagen, oder weil er ſich darin geftel, an den Tod von Frau Quilp, Nummer Eins, und an die Erhebung von Frau Quilp, Nummer Zwei, zu ihrem Titel und Poſten zu denken, oder weil er beſchloſſen hatte, aus beſonderen Gründen gerade jetzt angenehm und guter Laune zu ſeyn— lachte nur und that, als ob er ihrer Unruhe gar nicht gewahr werde. „Du mußſt mit mir nach Towerhill gehen und die jetzige Frau Quilp beſuchen, und zwar gleich,“ ſagte der Zwerg.„Sie hat dich ſehr gerne, Nell, obgleich lange nicht ſo gerne, als ich dich habe. Du wirſt nach meiner Wohnung gehen, Nell.“ „Ich muß aber in der That wieder heim,“ ent⸗ gegnete das Kind.„Er ſagte mir, ich ſolle ſogleich wieder nach Hauſe gehen, wenn ich die Antwort habe.“ „Die haſt du aber nicht, Nelly,“ erwiederte der Zwerg,„und wirſt ſie nicht haben und kannſt ſie nicht haben, bis ich zu Hauſe geweſen bin. Du ſiehſt alſo, daß du mit mir gehen mußſt, wenn du deinen Auftrag gehörig ausrichten willſt. Gib mir meinen — 281 Hut, meine Liebe, und wir können auf der Stelle aufbrechen.“ Nach dieſen Worten wälzte ſich Herr Quilp all⸗ mälig den Schreibtiſch herunter, bis ſeine kurzen Beine den Boden berührten; dann trat er aus dem Comptoir auf den Kai hinaus, wo ihm zuerſt der Knabe, welcher auf dem Kopfe geſtanden hatte, und ein anderer junger Gentleman, ungefähr von der gleichen Größe in die Augen ſielen, die in dichter Umarmung mit einander in dem Schmutze herum⸗ kugelten und ſich in gegenſeitiger Herzlichkeit tüchtige Püffe verſetzten. „Es iſt Kit!“ rief Nelly, indem ſie ihre Hände zuſammenſchlug;„der arme Kit, welcher mich her⸗ begleitete! Ach, ich bitte, Herr Quilp, wehren Sie ihnen doch.“ „Ich will ihnen wehren,“ rief Quilp, ſchlüpfte in das kleine Comptoir zurück und kam mit einem tüchtigen Knüttel wieder heraus;„ich will ihnen wehren. Nun, meine Jungen, jetzt geht erſt der Tanz an. Ich will's mit euch beiden aufnehmen; ja, mit euch beiden zumal!“ Mit dieſer Herausforderung ſchwang der Zwerg ſeinen Knüttel, tanzte um die Kämpfenden herum, trat auf ſie, hüpfte in einer Art wahnſinniger Wuth über ſie weg und ſchlug ganz verzweifelt bald auf den einen, bald auf den andern los, wobei er immer auf ihre Köpfe zielte und ſo kräftige Hiebe austheilte, wie ſie nur dieſer leibhaftige kleine Wilde auszu⸗ 282 theilen vermochte. Da ſich die beiden kriegführenden Parteien auf keine ſo heiße Arbeit gefaßt gemacht hatten, ſo wurde ihr Muth plötzlich abgekühlt, denn ſie ſprangen auf ihre Beine und riefen um Pardon. „Ich will euch zu Brei zuſammenſchlagen, ihr Galgenſtricke,“ ſagte Quilp, der ſich vergeblich be⸗ mühte, einem derſelben nahe zu kommen, um ihm noch einen Abſchiedshieb verſetzen zu können.„Ich will euch zuſammenwettern, bis ihr ausſeht wie ein Kupferkeſſel; ich will eure Geſichter bearbeiten, bis ſich kein Profil mehr an euch erkennen läßt— ja, das will ich.“ „Ich ſage Euch, laßt Euren Prügel fallen, oder es geht Euch übel,“ entgegnete ihm der Equilibriſt, der immer um ihn herumdüſſelte und die Gelegen⸗ heit erſpähte, auf ihn einzufallen,„wollt Ihr Euren Prügel fallen laſſen?“ „Komm nur ein Bischen näher und ich will ihn auf deinen Schädel fallen laſſen, du Hund,“ rief Quilp mit funkelnden Augen;„ein wenig näher— noch näher.“ Der Junge lehnte jedoch dieſe Einladung ab, bis ſein Herr weniger auf der Hut zu ſeyn ſchien, worauf er heranſtürzte, die Waffe erfaßte und ſie Quilp's Händen zu entringen ſuchte. Der Letziere, welcher die Kraft eines Löwen beſaß, konnte den Prügel mit Leichtigkeit ſo lange feſthalten, bis der Junge ſeine außerſte Kraft daran verſuchte; dann aber ließ er ihn plötzlich los, und der Knabe tau⸗ — 283 melte nun rückwärts, ſo daß er mit Macht auf den Kopf ſtürzte. Der Erfolg dieſes Manövers kitzelte Herrn Quilp über alle Maßen, und er lachte und ſtampfte auf den Boden, als ob dieß ein köſtlicher Spaß wäre. „Schon gut,“ ſagte der Junge, indem er mit dem Kopfe nickte und denſelben zu gleicher Zeit rieb; „gebt Acht, ob ich je wieder mit Einem anbinde, wenn er ſagt, Ihr wäret ein häßlicherer Zwerg als man je irgendwo einen für einen Penny ſehen könne.“ „Du willſt damit doch nicht ſagen, daß ich es nicht ſey, du Schlingel?“ verſetzte Quilp. „Nein!“ entgegnete der Knabe. „Weßhalb fängſt du dann auf meinem Kai Hän⸗ del au, du Hallunke?“ ſagte Quilp. „Weil er ſo ſagte,“ erwiederte der Junge, auf Kit deutend,„nicht weil Ihr's nicht ſeyd.“ „Warum hat er auch geſagt,“ rief Kit,„daß Miß Nelly häßlich ſey, und daß ſie und mein Herr alles thun müßten, was ſein Meiſter haben wolle? Warum hat er das geſagt?“ „Er ſagte es, weil er ein Narr iſt, und du ſagteſt ſo, weil du ein ſehr weiſer und geſcheiter Junge biſt— faſt zu geſcheit, um lange zu leben, wenn du nicht ſehr auf dich Acht gibſt, Kit,“ ver⸗ ſetzte Quilp mit großer Zuthunlichkeit in ſeiner Miene, aber mit noch mehr ſtiller Bosheit um Mund und Augen.„Da find ſechs Pence für dich, Kit. Halte 284 es immer mit der Wahrheit. Zu allen Zeiten, Kit, halte es mit der Wahrheit. Schließ das Comptoir ab, du Wicht, und bring mir den Schlüſſel.“ Der andere Junge, an den dieſer Befehl gerichtet war, vollzog den Auftrag und wurde für ſein ritterliches Benehmen im Intereſſe ſeines Meiſters durch einen tüchtigen Naſenſtüber mit dem Schlüſſel belohnt, welcher ihm das Waſſer in die Augen brachte. Dann ſtieg Herr Quilp mit dem Kinde und mit Kit in ein Boot, und der Knabe rächte ſich da⸗ durch, daß er waͤhrend der ganzen Zeit der Ueber⸗ fahrt an dem äußerſten Rande des Kais auf ſeinem Kopfe tanzte. Frau Quilp war allein zu Hauſe und hatte ſich, die Rückkehr ihres Gebieters nicht ſo bald er⸗ wartend, eben einem erfriſchenden Schlummer hin⸗ geben wollen, als der Schall ſeiner Fußtritte ſie wieder aufſtörte; ſie hatte kaum Zeit, einiges Nähzeug zur Hand zu nehmen, als er bereits, von dem Kinde begleitet, in's Zimmer trat, während Kit in der Haus⸗ flur warten mußte. „Hier iſt Nelly Trent, liebe Frau Quilp,“ be⸗ gann ihr Gatte.„Ein Glas Wein, meine Liebe, und etwas Zwieback, denn ſie hat weit gehen müſſen. Sie wird dir Geſellſchaft leiſten, meine Seele, bis ich einen Brief geſchrieben habe.“ Frau Quilp ſah zitternd zu ihrem Gatten auf, um zu erfahren, was dieſe ungewöhnliche Höflichkeit zu bedeuten habe, und dem Winke, welchen er ihr 285 ertheilte, gehorſam, folgte ſie ihm in das nächſte Gemach. „Merke wohl auf, was ich dir ſage,“ flüſterte Quilp.„Sieh zu, ob du etwas von ihr über ihren Großvater herausbringen kannſt— was ſie treiben, wie ſie leben, oder was er ihr ſagt. Ich habe meine Gründe, es wo möglich zu ermitteln. Ihr Weiber ſprecht freier untereinander, als ihr es gegen uns thut, und du haſt eine ſo weiche und ſanfte Manier an dir, durch welche ſie ſich wohl wird gewinnen laſſen. Hörſt du?“ „Ja, Quilp.“ „So geh!— Nun, was gibt's noch?“ „Lieber Quilp,“ ſtotterte ſein Weib,„ich habe das Kind gerne— wenn du es einrichten könnteſt, ohne daß ich ſie täuſchen muß——„ Der Zwerg murmelte einen ſchrecklichen Fluch und blickke umher, als ſuche er irgend eine Waffe, um ſeinem ungehorſamen Weibe die verdiente Züch⸗ tigung angedeihen zu laſſen. Das unterwürfige kleine Weſen bat ihn daher, nicht böſe zu ſeyn, und ver⸗ ſprach ihm, zu thun, wie er befohlen hatte. „Hörſt du mich?“ flüſterte Quilp, indem er ſie in den Arm kniff.„Nage dich wie ein Wurm in ihre Geheimniſſe ein; ich weiß, daß du es kannſt. Vergiß nicht, daß ich zuhorche. Wenn du nicht ſcharf genug biſt, werde ich mit der Thüre knarren, und wehe dir, wenn ich viel knarren muß. Geh!“ Frau Quilp entfernte ſich befohlener Maßen, 286 und ihr liebenswürdiger Gatte, der ſich hinter der etwas geöffneten Thüre verbarg und ſein Ohr an dieſelbe legte, begann mit großer Aufmerkſamkeit und Schlauheit zu horchen. Die arme Frau Quilp dagegen überlegte, wie ſie anfangen und welche Fragen ſie ſtellen ſollte; und erſt, als die Thüre in ſehr dringlicher Weiſe knarrte und ſie ermahnte, ohne Weiteres an's Werk zu gehen, ließ ſie ihre Stimme vernehmen. „Du biſt in der letzten Zeit recht oft bei Herrn Quilp ab und zugegangen, meine Liebe.“ „Ich habe es auch ſchon hundertmal zu Groß⸗ vater geſagt,“ verſetzte Nell unſchuldig. „Und was ſagte er darauf?“ „Er ſeufzte nur, ließ den Kopf ſinken, und ſchien ſo traurig und betrübt, daß Sie gewiß hätten weinen müſſen, wenn Sie's mit angeſehen haben würden; gewiß, Sie hätten ſich deſſen eben ſo wenig ent⸗ brechen können, als ich. Wie aber dieſe Thüre knarrt!“ „Sie knarrt oft ſo,“ entgegnete Quilp mit einem unruhigen Blicke nach derſelben.„Aber dein Großvater— er war doch ſonſt nicht ſo gedruckt?“ „O, nein!“ ſagte das Kind haſtig.„Es war ſonſt ganz anders. Wir waren früher ſo glücklich und er ſo heiter und zufrieden. Sie können ſich keinen Begriff machen, welch eine traurige Verände⸗ rung ſeitdem mit uns vorgegangen iſt.“ „Es thut mir leid, ſehr leid, dich ſo ſprechen 287 zu hören, meine Liebe,“ ſagte Frau Quilp. Und ſie ſprach die Wahrheit. „Ich danke Ihnen,“ erwiederte das Kind, indem es ihre Wange küßte;„Sie ſind immer ſo freundlich gegen mich, und es iſt eine Freude mit Ihnen zu reden. Ich kann mit Niemand von ihm ſprechen, als mit dem armen Kit. Zwar bin ich immer noch ſehr glücklich, und ich ſollte mich vielleicht noch glück⸗ licher fühlen, als ich es thue; aber Sie können ſich nicht denken, wie es mich manchmal ſchmerzt, ihn ſo verändert zu ſehen.“ „Es wird wieder anders kommen, Nelly,“ ſagte Frau Quilp.„Er wird wieder werden, wie er früher war.“ „Ach, wenn es nur einmal Gottes Wille wäre!“ erwiederte das Kind, und Thränen entſtrömten ſeinen Augen;„aber es iſt ſchon lange her, ſeit er anfing— ich glaube, ich ſah die Thüre ſich bewegen!“ „Das kömmt vom Winde,“ verſetzte Frau Quilp mit tonloſer Stimme.„Seit er anfing—?“ „So gedankenvoll und niedergeſchlagen zu ſeyn, und zu vergeſſen, wie wir ſonſt die langen Abende zu⸗ gebracht hatten,“ fuhr das Kind fort.„Ich las ihm an dem Kamine vor, und er hörte zu, und wenn ich inne hielt und wir zu ſprechen begannen, ſo erzählte er mir von meiner Mutter, und wie ſie, als ſie noch ein kleines Kind war, gerade ſo ausge⸗ ſehen und geſprochen habe, wie ich. Dann pflegte er mich auf ſein Knie zu nehmen, und verſuchte, mir 288 begreiflich zu machen, daß ſie nicht in ihrem Grabe liege, ſondern in ein ſchönes Land, jenſeits des Fir⸗ maments, geflohen ſey, wo man nimmer ſtirbt und nimmer alt wird;— wir waren damals ſehr glücklich.“ „Nelly! Nelly!“ ſagte die arme Frau;„ich kann es nicht mit anſehen, daß ein ſo junges Ge⸗ ſchöpf ſo betrübt ſeyn ſollte. Ich bitte dich, weine nicht.“ „Es geſchieht ſehr ſelten,“ verſetzte Nell;„aber ich habe es ſo lange an mich gehalten— und ich bin nicht ganz wohl, glaube ich, denn die Thränen kommen mir in die Augen, ohne daß ich es zu unter⸗ drücken vermöchte. Ich mache mir nichts daraus, Ihnen von meinem Schmerz zu erzählen, denn ich weiß, daß Sie nichts davon weiter ſagen werden.“ Frau Quilp wandte den Kopf ab und gab keine Antwort. „Dann,“ ſprach das Kind weiter,„gingen wir auch oft in den Feldern und unter den grünen Bäu⸗ men ſpazieren; wenn wir dann nach Hauſe kamen, gefiel's uns nur um ſo beſſer, weil wir müde waren, und wir ſagten, es ſey ein glücklicher Ort. Er iſt zwar dunkel und etwas langweilig; aber wir pflegten zu ſagen: ‚was kümmert es uns? denn wir denken dann nur um ſo lieber an unſern letzten Spaziergang und ſehen mit um ſo größerer Freude unſerem nächſten entgegen.“ Aber jetzt hat es mit dem Spazierengehen ein Ende, und obgleich es noch das naͤmliche Haus, 289 i*ſt, ſo iſt es doch viel dunkler und düſterer geworden, als es früher war.“ Sie hielt inne; aber obgleich die Thüre mehr als einmal knarrte, ſo beharrte doch Frau Quilp in ihrem Schweigen. „Sie dürfen aber nicht glauben,“ ſagte das Kind ernſt,„als ob der Großvater weniger freund⸗ lich gegen mich wäre als ſonſt, denn er liebt mich im Gegentheil mit jedem Tage mehr und wird mit jedem Tage gutiger und zärtlicher gegen mich. Sie können ſich gar nicht denken, wie gerne er mich hat.“ „Ich bin überzeugt, daß er dich zärtlich liebt,“ verſetzte Frau Quilp. „O, gewiß, gewiß thut er das!“ rief Nell;„ſo zärtlich, als ich ihn liebe. Aber die Hauptveränderung habe ich Ihnen noch nicht erzählt; Sie dürfen übrigens gegen keinen Menſchen davon athmen. Er hat keinen Schlaf und keine Ruhe, als etwa den Tag über ein Weilchen in ſeinem Lehnſtuhl, denn jede Nacht und faſt die ganze Nacht iſt er nicht zu Hauſe.“ „Nellv!“ „Bst!“ ſagte das Kind, den Finger auf die Lippen legend und umherſehend.„Wenn er morgens nach Hauſe fömmt, was gewöhnlich kaum vor Tages⸗ anbruch geſchieht, ſo öffne ich ihm die Thüre. Hente kam er gar ſpät— es war ſchon ganz helle. Ich ſah, daß ſein Geſicht todtenblaß, ſeine Augen mit Blut unterronnen waren, und daß ſeine Beine im Gehen zitterten. Als ich mich wieder zu Bette gelegt Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 19 290 hatte, hörte ich ihn ſtöhnen. Ich ſtand auf und eilte zu ihm; da hörte ich ihn, ehe er wußte, daß ich in ſeiner Nähe war, ſagen, er könne ein ſolches Leben nicht länger ertragen, und wenn es nicht um des Kindes willen wäre, ſo möchte er lieber ſterben. Was ſoll ich thun? Ach, was ſoll ich thun?“ Die Quellen ihres Herzens waren geöffnet. Die Kleine, überwältigt von dem Gewicht ihres Kummers und ihrer Beſorgniſſe, ergriffen von der Offenheit, die ſie hier zum erſtenmal gezeigt hatte, und im Gefühle, daß ihre kleine Erzählung mit Theilnahme aufge⸗ nommen worden war, verbarg ihr Geſicht in den Armen ihrer hilfloſen Freundin und brach in einen Strom von Thränen aus. Ein paar Augenblicke ſpäter trat Herr Quilp in das Gemach und drückte ſeine ungemeine Ueber⸗ raſchung aus, ſie in dieſem Zuſtande zu finden; er that es auch ſehr natürlich und mit einem wun⸗ derbaren Effekte, denn Verſtellung war ihm durch lange Uebung zur zweiten Natur geworden, und er fühlte ſich auf einem ſolchen Boden ganz heimiſch. „Sie iſt müde, wie du ſiehſt, liebe Frau,“ ſagte der Zwerg, indem er ſeiner Gattin mit einem graͤß⸗ lichen Schielen zu verſtehen gab, daß ſie auf ſeine Weiſe eingehen ſolle.„Es iſt ein langer Weg von ihrem Hauſe nach dem Kai; dann wurde ſie auch durch ein Paar ſich balgende Schufte erſchreckt, und 291 außerdem fürchtete ſie ſich auch vor dem Waſſer. All dieß iſt zu viel für ſie geweſen. Arme Nell!“ Herr Quilp wandte unabſichtlich das beſte Mittel an, um ſeinen jungen Gaſt wieder zu ſich zu bringen, indem er demſelben den Kopf pätſchelte. Ein ſolches Verfahren von irgend einer andern Hand dürfte kaum einen merklichen Erfolg hervorgebracht haben; aber das Kind bebte ſo raſch vor ſeiner Berührung zurück und fühlte ſich unwillkürlich ſo ſehr gedrungen, aus ſeiner Nähe zu kommen, daß ſie plötzlich aufſtand und erklärte, ſie ſey bereit nach Hauſe zurückzukehren. „Du würdeſt aber beſſer thun, zu bleiben und mit Frau Quilp und mir ein Mittageſſen einzunehmen,“ ſagte der Zwerg. „Ich bin bereits ſchon zu lange aus geweſen, Sir,“ verſetzte Nell, die Augen trocknend. „Gut,“ entgegnete Herr Quilp;„wenn du durch⸗ aus fort willſt, ſo muß man dir deinen Willen laſſen, Nelly. Hier iſt die Antwort. Ich ſage ihm darin nur, daß ich ihn morgen oder vielleicht übermorgen beſuchen werde, und daß ich ſeinen kleinen Auftrag heute nicht beſorgen kann. Gehab dich wohl, Nelly. He da, Bürſchchen, gib Acht auf ſie— hörſt du?“ Kit, welcher nach dieſer Aufforderung herzu kam, würdigte eine ſo unnöthige Einſchärfung keiner Ant⸗ wort, ſondern ſtierte Quilp mit drohender Geberde an, als betrachte er ihn für die Urſache von Nelly's Thränen, und fühlte ſich mehr als halb geneigt, auf 19* 292 den bloßen Verdacht hin dieſe Sünde an ihm zu rächen; dann wandte er ſich um und folgte ſeiner jungen Lehrerin, die ſich inzwiſchen von Frau Quilp verabſchiedet und das Zimmer verlaſſen hatte. „Du biſt ja eine ganz prächtige Verhörerin, nicht wahr, Frau Quilp,“ brach der Zwerg gegen ſeine Gattin los, ſobald ſie allein waren. „Was konnte ich weiter thun?“ verſetzte die arme Frau ſanft. „Was du weiter thun koanteſt?“ höhnte Quilp. „Häͤtteſt du nicht vielleicht etwas weniger thun kön⸗ nen? Konnteſt du nicht thun, was du zu thun hatteſt, ohne in deiner Lieblingsrolle als Krokodill aufzutreten, du Here?“ „Ich bin ſehr bekümmert um das Kind, Quilp,“ ſagte die Frau;„gewiß habe ich genug gethan. Ich habe ſie veranlaßt, mir ihr Geheimniß mitzutheilen, als ſie glaubte, daß wir allein wären; und du warſt in der Nähe. Gott verzeih mir's!“ „Du haſt ſie veranlaßt? Da haſt du natürlich recht viel gethan!“ entgegnete Quilp.„Habe ich dir nicht geſagt, du ſolleſt mich nicht zu oft mit der Thüre knarren laſſen? Ein Glück für dich, daß ihre Worte mir den nöthigen Schluſſel gaben, denn wäre das nicht, ſo hätteſt du mir's entgelten ſollen— das kann ich dir ſagen.“ Da Frau Quilp hievon vollkommen überzeugt war, ſo gab ſie keine Antwort. Ihr Gatte fügte mit einem Frohlocken bei: 293 „Du magſt es übrigens deinen glücklichen Ster⸗ nen danken— denſelben Sternen, welche dich zur Frau Quilp gemacht haben— du magſt es ihnen danken, daß ich dem alten Herrn auf der Fährte bin, und daß mir ein neues Licht aufgegangen iſt. Ich will daher nichts mehr von der Sache hören, weder jetzt, noch ein andermal; auch brauchſt du nichts beſonders Properes für's Mittageſſen zu bereiten, denn ich werde nicht miteſſen.“ Mit dieſen Worten ſetzte Herr Quilp ſeinen Hut auf und entfernte ſich, während Frau Quilp, über die Maßen betrübt bei der Erinnerung an die Rolle, welche ſie eben geſpielt hatte, ſich in ihre Kammer einſchloß, den Kopf mit ihren Bettüchern verhüllte und bitterlicher ihren Fehler beweinte, als viele weniger weichherzige Perſonen über ein weit größeres Ver⸗ gehen getrauert haben würden, denn in den meiſten Fällen iſt das Gewiſſen ein gar elaſtiſcher und bieg⸗ ſamer Artikel, der ſich ziemlich ſtrecken und den ver⸗ ſchiedenſten Verhältniſſen anpaſſen läßt. Manche Leute bringen es durch eine kluge Behandlung, indem ſie denſelben Stück für Stück, wie ein Flanellleibchen bei warmem Wetter ablegen, mit ber Zeit ſogar ſo weit, daß ſie ſich deſſen ganz und gar entledigen, während andere dieſes Gewand nach Belieben an⸗ und ablegen können; begreiflich iſt auch dieſe Art von Accomodation, als die behaglichſte, am meiſten an der Tagesordnung. 3 nnn* Der Naritätenladen. Siebentes Kapitel. „Fritz,“ ſagte Herr Swiveller,„erinnere dich an das einſt ſo beliebte Lied:„Verſcheuchet jetzt die Grillene; fache die erlöſchende Flamme der Heiterkeit mit dem Fittich der Freundſchaft an und laß den roſigen Wein herumgehen.“ Herrn Swivellers Appartements befanden ſich in der Nähe von Drury⸗Lane und hatten, außer dieſer bequemen Lage, auch noch den Vortheil, über einem Tabaksladen zu liegen, ſo daß der Miethsmann in den Stand geſetzt war, ſich gleich auf der Treppe draußen eine Priſe zu holen, wodurch ihm der Auf⸗ wand und die Mühe, eine Schnupftabaksdoſe zu führen, erſpart blieb. In dieſen Appartements war es, wo Herr Swiveller die gedachten Ausdrücke des Troſtes und der Ermunterung bei ſeinem verzagenden Freunde in Anwendung brachte; und, es iſt wohl nicht un⸗ intereſſant oder unpaſſend, zu bemerken, daß ſogar dieſe kurzen Redeſätze in einem doppelten Sinne Herrn Swivellers figuͤrlichen und poetiſchen Charakter be⸗ zeichneten, da in Wahrheit der roſige Wein durch ein Glas kalten Grogs repräſentirt wurde, den man ge⸗ legentlich aus einer Flaſche und einem Kruge auf dem Tiſche ergänzte, und der in Ermanglung zweier QOCꝭC—COQCQC—᷑—C————Q——— — 295 Gläſer von einer Hand zur andern ging, wie man wohl ohne Erröthen zugeſtehen darf, ſintemal ein ſolcher Umſtand einer Junggeſellenwirthſchaft(denn die des Herrn Swiveller war eine ſolche) nicht zum Vorwurf gereichen kann. In Folge einer gleich an⸗ genehmen Fiction wurde ſeines einzigen Zimmers immer in der Mehrzahl gedacht. Zur Zeit der Er⸗ ledigung deſſelben hatte es der Tabakskrämer in ſeinem Fenſter als„Appartements“ für einen einzelnen Herrn bezeichnet, und Herr Swiveller, an dem dieſer Wink nicht verloren ging, ermangelte nie, davon als von ſeinen Zimmern, ſeinen Gelaſſen und dergleichen zu reden, und ſomit den Zuhörern Begriſſe von einem unbegränzten Raum beizubringen, wobei es ihrer Einbildungskraft überlaſſen blieb, nach Gefallen durch Reihen hoher Hallen zu wandern. In dieſem Flug der Phantaſie wurde Herr Swi⸗ weller durch ein täuſchendes Möbelſtück unterſtützt, welches in der That eine Bettſtatt, dem äußern An⸗ ſcheine nach aber ein Bücherſchrank war und eine ſo augenfällige Stellung in ſeinem Gemach ein⸗ nahm, daß es allem Verdacht Hohn zu ſprechen und die Unterſuchung herauszufordern ſchien. Auch unter⸗ liegt es keinem Zweifel, daß Herr Swiveller bei Tag in dem feſten Glauben ſtand, dieſes geheimnißvolle Ornament ſey nichts anderes als ein Bücherſchrank, und dabei die Augen gegen das Bett verſchloß, feſt entſchloſſen, das Vorhandenſeyn von Lacken in Ab⸗ rede zu ziehen und die Kiſſen ganz aus ſeinen Ge⸗ 296 danken zu verbannen. Kein Wort über ſeinen wahren Zweck, keine Hindeutung auf ſeinen nächtlichen Dienſt, keine Anſpielung auf ſeine beſondern Eigenthümlich⸗ keiten waren je zwiſchen ihm und ſeinen intimſten Freun⸗ den gewechſelt worden. Unbedingter Glaube an die Täuſchung war der erſte Artikel ſeines Credo's; um Herrn Swivellers Freund zu ſeyn, mußte man alle Umſtandsbeweiſe, alle Vernunft, alle Beobachtung und alle Erfahrung verwerfen, und ſich einem blinden Glauben an den Bücherſchrank hingeben. Es war eine Lieblingsſchwäche, welche er hegte und pflegte. „Fritz,“ ſagte Herr Swiveller, als er fand, daß ſeine frühere Beſchwörung keine Wirkung hervorge⸗ bracht hatte,„laß den Roſigen kreiſen.“ Der junge Trent ſchob ihm das Glas mit einer ungeduldigen Geberde hin und verfiel wieder in ſeine trübſinnige Haltung, aus welcher er wider Willen geweckt worden war. „Ich will dir ein kleines Gefühl beibringen, Fritz,“ fuhr ſein Freund fort, indem er die⸗Miſchung umrührte,„wie es für die Gelegenheit paßt. Wir haben im Mai——“. „Pah!“ unterbrach ihn der Andere.„Du bringſt mich um mit deinem Plappern. Freilich Du kannſt unter allen Umſtänden heiter ſeyn.“ „Je nun, mein verehrter Herr Trent,“ entgeg⸗ nete Dick,„es gibt ein Sprüchwort über das Heiter⸗ ſeyn und Weiſeſeyn. Manche Leute ſind heiter ohne Weisheit, und andere ſind weiſe, oder glauben es 297 wenigſtens zu ſeyn, ohne heiter ſeyn zu können. Ich gehöre zu der erſten Sorte. Wenn das Sprüchwort wahr iſt, ſo ſcheint es mir geeigneter, es mit der Hälfte, als mit gar nichts zu halten; jedenfalls bin ich lieber heiter und nicht weiſe, als ſo ein Kerl wie du, der keines von Beiden iſt.“ „Poſſen!“ murmelte ſein Freund verdrießlich. „Ci, meinetwegen,“ ſagte Herr Swiveller.„Frei⸗ lich glaube ich, daß man in feinen Zirkeln etwas der Art nicht zu einem Gentleman in ſeinen eigenen Appartements zu ſagen pflegt; doch gleich viel. Mach, daß du nach Hauſe kommſt.“ Indem Herr Swiveller dieſer Entgegnung eine Bemerkung beifügte, des Inhalts, daß ſein Freund in einer etwas„impertinenten“ Stimmung zu ſeyn ſcheine, machte er dem Roſigen den Garaus und ver⸗ half ſich zu einem andern Glas voll der glelchen 1 Miſchung, mit welchem er, nachdem er es mit großem Wohlbehagen gekoſtet hatte, einer eingebildeten Ge⸗ ſellſchaft einen Toaſt vorſchlug. „Meine Herrn, ich trinke mit Ihrem Wohlneh⸗ men auf das gute Glück der alten Familie Swiveller und auf die Geſundheit des Herrn Richard insbeſondere — des Herrn Richard, meine Herrn,“ fügte Dick mit großem Nachdruck aus,„der all' ſein Geld für ſeine Freunde ausgibt und durch den liebenswürdigen Ausdruck„Poſſene dafür belohnt wird. Hört! hört!“ „Dick!“ ſagte der Andere, zu ſeinem Sitze zurück⸗ kehrend,„willſt du nur einige Minuten deinen Ernſt 298 zuſammennehmen, wenn ich dir einen Weg zeige, wie du mit ſehr wenig Mühe dein Glück machen kannſt?“ „Du haſt mir ſchon ſo viele gezeigt,“ erwiederte Dick,„und nie iſt weiter dabei herausgekommen, als eine leere Taſche—“ „Du wirſt von dieſem anders ſprechen, noch ehe eine allzulange Zeit darüber vergeht,“ ſagte ſein Gefährte, indem er den Stuhl näher an den Tiſch zog.„Du haſt meine Schweſter Nell geſehen.“ „Was willſt du mit dieſer?“ verſetzte Dick. „Sie hat ein artiges Geſicht, nicht wahr?“ „Ei, gewiß,“ entgegnete Dick.„Ich muß ihr nachrühmen, daß keine beſonders ſtarke Familien⸗ ähnlichkeit zwiſchen dir und ihr obwaltet!“ „Hat ſie ein hübſches Geſicht?“ wiederholte ſein Freund ungeduldig. „Ja,“ ſagte Dick,„ſie hat ein hübſches Geſicht, — ein ſehr hübſches Geſicht. Doch, was willſt du damit?“ „Laß dir ſagen,“ erwiederte ſein Freund,„es iſt augenfällig, daß der alte Mann und ich bis an unſer Lebensende Todfeinde bleiben werden und daß ich nichts von ihm zu erwarten habe. Vermuthlich ſiehſt du das ein?“ „Eine Fledermaus könnte das beim Sonnen⸗ ſchein ſehen,“ ſagte Dick. „Eben ſo klar iſt, daß das Geld, welches der alte Filz— mögen ihn die Würmer freſſen— mir 299 nach ſeinem Tode zur Hälfte in Ausſicht ſtellte, ganz an ſie fallen wird— iſt's nicht ſo?“ „Ich möchte es faſt glauben,“ entgegnete Dick, „wenn nicht die Art, wie ich ihm den Fall zu Ge⸗ müth führte, einen Eindruck auf ihn gemacht hat, was recht wohl möglich wäre. Ich hab's ihm kräftig hingeſagt, Fritz. Da iſt ein ‚jovialer, alter Groß⸗ vater’— das war ſtark, ſollte ich meinen— ſehr freundlich und natürlich. Iſt's dir nicht auch ſo vorgekommen?“ „Es iſt ihm nicht ſo vorgekommen,“ erwiederte der Andere,„und deßhalb bedarf's keiner weitern Worte darüber. Aber gib einmal Acht. Nell iſt nächſtens vierzehn.“ „Ein hübſches Mädchen für ihr Alter, aber klein,“ bemerkte Nichard Swiveller als Parentheſe. „Wenn ich fortmachen ſoll, ſo verhalte dich nur eine einzige Minute ruhig,“ verſetzte Trent, ärgerlich über das geringe Intereſſe, welches der Andere an der Unterhaltung zu haben ſchien,„ich komme jetzt zu der Hauptſache.“ „Das iſt mir lieb,“ ſagte Dick. „Das Maädchen hat ein tiefes Gefühl, und ver⸗ möge ihrer Erziehung und ihres Alters dürfte ſie ſich leicht leiten und überreden laſſen. Wenn ich ſie unter die Hand bekomme, ſo ſtehe ich dafür, daß ein klein wenig ſchmeicheln und drohen ſie für meinen Willen gefügig macht. Um übrigens zur Sache zu fommen, (denn die Vortheile meines Planes aufzählen zu 300 wollen, würde eine Woche erfordern)— was hindert dich, ſie zu heirathen?“ Richard Swiveller, welcher über den Rand ſeines Glaſes weg geſehen hatte, während ſein Gefährte mit großem Nachdruck und Ernſt die eben aufgeführten Bemerkungen an ihn richtete, hatte kaum dieſe Worte gehört, als er die größte Beſtürzung an den Tag legte, und nur mit Mühe ein einſilbiges:„was!“ hervorzubringen vermochte. „Ich ſage dir, was hindert dich,“ wiederholte der Andere mit einer Feſtigkeit, von deren Wirkung auf ſeinen Gefährten er aus langer Erfahrnng über⸗ zeugt war,„was hindert dich, ſie zu heirathen?“ „Und ſie iſt nächſtens ‚vierzehn“?“ rief Dick. „Ich meine es nicht ſo, daß du ſie jetzt heirathen ſollſt,“— verſetzte der Bruder ärgerlich;„ſage, in zwei, drei, höchſtens vier Jahren. Sieht der alte Mann aus, als ob er noch lange leben könnte?“ „Er ſieht nicht darnach aus,“ ſagte Dick kopf⸗ ſchüttelnd—„aber dieſe alten Leute, es iſt ihnen nicht zu trauen, Fritz. Ich habe in Dorſetſhire drunten eine Tante, welche ſchon ſterben wollte, als ich acht Jahre alt war: ſie hat aber noch immer nicht Wort gehalten. Sie machen's einem ſo ſchwer, ſind ſo grundſatzlos, ſo boshaft— wenn nicht Apo⸗ plexie in der Familie iſt, Fritz, ſo kann man nicht auf ſie zählen, und dann täuſchen ſie einen ebenſo oft, als ſie es nicht thun.“ „So betrachte die Frage von der ſchlimmſten 301 Seite,“ ſagte Trent eben ſo feſt als früher, ohne das Auge von ſeinem Freunde zu verwenden. Angenom⸗ men, er bliebe am Leben—“ „Allerdings,“ entgegnete Dick.„Da ſteckt der Knoten— „Ich ſage,“ nahm ſein Freund wieder auf,„an⸗ genommen, er bliebe am Leben, und ich überredete, oder— wenn das Wort paſſender klingt— zwänge Nell zu einer geheimen Heirath mit Dir. Was glaubſt du wohl, daß dabei herauskommen würde?“ „Eine Familie und ein Jahreseinkommen aus Nichts, um ſie davon zu erhalten,“ ſagte Richard nach einigem Nachſinnen. „Ich ſage dir,“ entgegnete der Andere mit ver⸗ mehrtem Ernſte, welcher, mochte er nun wahr oder angenommen ſeyn, auf ſeinen Gefährten den gleichen Eindruck übte,„daß er nur für ſie lebt, daß all' ſein Wirken und Sinnen nur auf ſie gerichtet iſt, und daß er ſie eben ſo wenig wegen eines ungehor⸗ ſamen Schrittes enterben würde, als es denkbar iſt, daß er mich wegen irgend eines Aktes von Ge⸗ horſam oder Tugend, deſſen ich mich möglicher Weiſe ſchuldig machen könnte, wieder zu Gnaden aufnimmt. Nein, er könnte es nicht thun. Du oder jeder andere Mann, ſoferne er nur Augen im Kopf hat, fann das ſehen, wenn er ſie nicht ab⸗ ſichtlich zuſchließt.“ 8 30² „Es ſcheint allerdings unwahrſcheinlich,“ ſagte Dick nachſinnend. „Es ſcheint nicht nur ſo, ſondern es iſt's,“ er⸗ klärte ſein Freund.„Wenn du ihm noch dazu einen gelegentlichen Anlaß gibſt, dir zu verzeihen, ſey es allenfalls ein unverſöhnlicher Bruch, oder eine Todfeindſchaft zwiſchen dir und mir— ich meine dieß natürlich nur angeblich— ſo wird ſich's ſchnell genug machen. Was Nell anbelangt— ein ohne Unterlaß herabfallender Tropfen hölt am Ende einen Stein aus, und du weißſt, daß du auf mich bauen kannſt, ſo weit ſie dabei betheiligt iſt. Mag er alſo am Leben bleiben oder ſterben, was liegt viel daran? Du wirſt der einzige Erbe der Schätze dieſes reichen, alten Filzes; ich und du thun uns davon giütlich, und du erhältſt noch obendrein ein ſchönes, junges Weib in den Kauf.“ „SHoffentlich hat es aber doch mit dem Reich⸗ thum ſeine Richtigkeit?“ ſagte Dick. „Hoffentlich? Haſt du nicht gehört, was er bei unſerem letzten Beſuche hat fallen laſſen? Ei, was willſt du denn nächſtens noch bezweifeln, Dick?“ Es wäre zu ermüdend, dem Geſpräch der bei⸗ den Ehrenmänner durch alle ſeine künſtlichen Win⸗ dungen zu folgen, oder die allmäligen Angriffe zu detailiren, durch welche Richard Swiveller's Herz gewonnen wurde. Es reicht zu, zu ſagen, daß Eitelkeit, Eigennutz, Armuth und alle die Rückſichten, 303. welche bei einem Verſchwender in Betracht kommen, ihn veranlaßten, bereitwillig auf den Vorſchlag ein⸗ zugehen, und daß, wo alle andern Reizmittel fehlten, die habituelle Gleichgiltigkeit ſeines Charakters in's Mittel trat und das Gewicht auf derſelben Seite vermehren half. Zu dieſen Beweggründen kam noch, daß die völlige Oberherrſchaft, welche ſein Freund ſeit langer Zeit über ihn zu üben gewöhnt war— eine Oberherrſchaft, welche anfangs auf Koſten des Beutels und der Ausſichten Dick's empfindlich ge⸗ handhabt wurde, aber noch immer ohne die min⸗ deſte Erſchlaffung beſtand, obgleich Dick für alle Laſter ſeines Freundes büßen mußte und in zehn Fällen neunmal als der abſichtliche Verführer be⸗ trachtet wurde, wo er in der That doch nichts weiter, als das gedankenloſe, leichtſinnige Werkzeug des Andern war. Die Beweggründe auf der andern Seite lagen etwas tiefer, als diejenigen, welche Richard Swi⸗ veller im Auge hatte oder verſtand; da wir jedoch dieſe ihrer eigenen Entwickelung überlaſſen müſſen, ſo bedürfen ſie zur Zeit keiner weitern Beleuchtung. Der Vertrag wurde in der angenehmſten Weiſe ab⸗ geſchloſſen, und Herr Swiveller wollte eben in blu⸗ menreichen Wendungen auseinander ſetzen, daß er gerade nicht allzuviel gegen die Vermählung mit einer Perſon einzuwenden habe, welche die Hülle und Fülle mit Geld und ſonſtigen beweglichen Glücksgütern ausgeſtattet ſey, ſoferne ſie veranlaßt 5 2 304 werden könne, ihn zu nehmen, als er in dem Erguſſe ſeiner Rede durch ein Klopfen an der Thüre und die darauf folgende Nothwendigkeit des Hereinrufens unterbrochen wurde. Die Thüre ging auf, es kam aber nichts herein, als ein ſeifenſchaumiger Arm und ein ſtarker Tabaks⸗ geruch. Der Tabaksrauch kam aus dem Laden un⸗ ten, und der ſeifige Arm gehörte dem Körper eines Dienſtmaͤdchens an, die hin und wieder die Treppe reinigte und denſelben eben erſt aus einer Waſchbrühe gezogen hatte, um einen Brief in Empfang zu nehmen, den ſie nun in ihrer Hand hielt, wobei ſie, mit der ihrer Claſſe eigenthuͤmlichen, raſchen Auffaſſungsgabe für Zunamen, laut verkundigte, daß er für Herrn Schnüſſeler gehöre. Dick ſah etwas blaß und verblüfft aus, als er die Adreſſe betrachtete, und wurde es noch mehr, als er den Inhalt las; ſodann bemerkte er, dieß ſey eine von den Unbequemlichkeiten, wenn man einer Dame zu Hof reite, und man habe leicht ſchwatzen, wie ſie eben gethan hätten; im gegen⸗ waͤrtigen Falle habe er ſie aber ganz vergeſſen. „Sie? Wen?“ fragte Trent. „Sophie Wackles,“ antwortete Dick. „Wer iſt das?“. „Sie iſt ganz, wie meine Phantaſie ſie malte, weiter nichts,“ ſagte Herr Swiveliter, indem er dem „Noſigene mit einem langen Schlucke zuſprach und 30⁵ ernſt auf ſeinen Freund blickte.„Sie iſt liebens⸗ würdig, ſie iſt göttlich. Du kennſt ſie.“ „Ich entſinne mich,“ bemerkte ſein Gefährte gleichgültig.„Was iſt's mit ihr?“ „Je nun,“ erwiederte Dick,„zwiſchen Sophie Wackles und dem unbedeutenden Individuum, wel⸗ ches jetzt die Ehre hat, dich anzureden, haben ſich warme und zärtliche Gefühle entſponnen— Gefühle der ehrhafteſten und begeiſtertſten Art. Die Göttin Diana, wenn ſie laut zur Jagd ruft, iſt nicht eigen⸗ thümlicher in ihrem Benehmen, als Sophie Wackles, das kann ich dir ſagen.“ „Soll ich glauben, daß deinen Worten et⸗ was Wahres zum Grunde liegt?“ fragte ſein Freund.„Willſt du damit ſagen, daß ein wirk⸗ liches Liebesverhältniß zwiſchen euch beſteht?“ „Ein Liebesverhältniß? Ja. Verſprechen? Nein,“ ſagte Dick.„Es kann kein Prozeß wegen Treubruch eingeleitet werden, das iſt mein Troſt. Ich habe mich nie durch Briefe compromittirt, Fritz.“ „Und was ſoll dieſer Brief?“ „Eine Erinnerung für heute Abend, Fritz— eine kleine Partie von Zwanzig, macht zuſammen Zweihundert leichte, fantaſtiſche Zehen, vorausgeſetzt, daß alle Herren und Damen mit der gebührenden Anzahl verſehen ſind. Ich muß hingehen, wäre es auch nur, um den Anfang damit zu machen, den Handel abzubrechen— ich will es thun, ſey unbe⸗ Boz XI. Humphrey's Wanduhr. 20 * 306 kümmert. Uebrigens möchte ich wiſſen, ob ſie das Schreiben ſelbſt abgab. Wenn ſie dieß that, ohne zu ahnen, daß ihrem Glücke ein Niegel vorgeſchoben wurde, ſo iſt es rührend, Fritz.“ Zu Löſung dieſer Frage rief Herr Swiveller das Dienſtmädchen, und überzeugte ſich, daß Miß Sophie Wackles in der That den Brief eigenhändig abgegeben hatte, daß ſie, ohne Zweifel Anſtands halber, in Begleitung einer jüngeren Miß Wackles gekommen war, und daß ſie, als ſie hörte, Herr Swiveller ſey zu Haus, über die Aufforderung, die Treppe hinauf zu ſpazieren, außerordentlich erſchrack, und die Erklärung abgab, daß ſie lieber ſterben wollte. Herr Swiveller hörte dieſen Bericht mit einem Grade von Bewunderung, der ſich mit dem eben entworfenen Projekte nicht ſonderlich vertragen wollte; aber ſein Freund legte nur wenig Werth auf ſein hieher bezügliches Benehmen, wahrſcheinlich weil er wußte, daß er hinreichenden Einfluß beſaß, um Richard Swiveller's Schritte in dieſer, wie in jeder andern Sache, zu leiten, ſobald es ihm nöthig dünkte, zu Förderung ſeiner eigenen Zwecke von ſei⸗ ner Macht Gebrauch zu machen. Der Naritätenladen. Achtes Kapitel. — Sobald das Geſchäft abgemacht war, erinnerte ſich Herr Swiveller in ſeinem Innern, daß es bald Mittageſſenszeit ſey, und damit ſeine Geſundheit nicht durch ein längeres Faſten gefährdet werde, ſandte er in das nächſte Speiſehaus den Auftrag, daß man ihm ſogleich gekochtes Ochſenfleiſch und Gemüſe für zwei Perſonen ſchicken möchte. Das Speiſehaus, welches ſeinen Kunden aus Erfahrung kannte, weigerte ſich jedoch, dieſer Aufforderung zu entſprechen, und ſchickte die ungeſchliffene Antwort zurück, wenn Herr Swiveller Ochſenfleiſch bedürfte, ſo wäre er vielleicht ſo gefällig, ſelbſt an Ort und Stelle zu kommen, um es dort zu ſpeiſen; als Tiſchgebet möge er aber den Betrag einer gewiſſen kleinen Rechnung, welche ſchon ſeit lange auf der Tafel ſtehe, mitbringen. Nicht im mindeſten durch dieſe Zurückweiſung eingeſchüchtert, ſondern vielmehr mit geſchärftem Witz und Appetit, ſandte Herr Swi⸗ veller denſelben Boten nach einem andern entlegeneren Speiſehauſe, und ließ dazu ſagen, der Gentleman ſchicke nicht nur wegen des großen Rufs, in welchem das dortige Ochſenfleiſch ſtehe, ſo weit, ſondern auch wegen der außerordentlichen Zähigkeit des Fleiſches bei 20* 1 308 dem hartnäckigen Garkoch, welche daſſelbe zu einer ganz ungenießbaren Koſt für einen Gentleman, ja ſogar für Jedermann, mache. Der gute Eindruck dieſes politiſchen Verfahrens ließ ſich aus der ſchleu⸗ nigen Ankunft einer kleinen, wunderlich aus Tellern und Deckeln conſtruirten, zinnernen Pyramide ent⸗ nehmen, bei welcher die Platte für das Ochſenfleiſch die Baſis, und eine ſchäumende Halbmaaßkanne die Spitze bildete. Als das Gebäude in ſeine einzelnen Beſtandtheile zerlegt wurde, fanden ſich alle Requi⸗ ſiten und Nereſſaires zu einem kräftigen Mahl, wel⸗ chem Herr Swiveller und ſein Freund mit großem Appetit und Behagen zuſprachen. „Möge der gegenwärtige Augenblick der ſchlech⸗ teſte in unſerem Leben ſeyn,“ ſagte Dick, indem er ſeine Gabel in eine große, rothe Kartoffel ſteckte. „Ich habe es gern, wenn man dieſes Gewächs mit der Schale ſchickt, denn es iſt eine Luſt, eine Kartoffel aus ihrem Geburtselement(wenn ich mich ſo aus⸗ drücken darf) zu ziehen— ein Genuß, der dem Reichen und Mächtigen fremd iſt. Ach! Der Menſch braucht wenig nur hienieden, Und braucht das Wenige nicht lang.* Welch' ein wahres Wort!— wenn man näm⸗ lich geſpeist hat.“ „Ich hoffe, der Garkoch wird ſich gleichfalls mit Wenigem begnügen, und dieſes Wenige lange nicht * Goldſmith. ͤ— 12 — RüN— „—6 Hl 309 brauchen;“ verſetzte ſein Gefährte.„Vermuthlich biſt du nicht mit den Mitteln verſehen, das Eſſen zu bezahlen?“ „Ich gehe gleich nachher an dem Hauſe vorbei, und will dann einſprechen,“ ſagte Dick mit einem bedeutungsvollen Blinzeln.„Der Kellner kann nichts mehr machen. Die Speiſen ſind verzehrt, Fritz, und damit hat's ein Ende.“ In der That ſchien auch der Kellner dieſe heil⸗ ſame Wahrheit zu fühlen, denn als er zurückkehrte, um die leeren Schüſſeln und Teller zu holen, ent⸗ faltete er auf Herrn Swiveller's mit würdevoller Unbekümmertheit vorgetragene Mittheilung, er wolle demnächſt die Sache im Vorbeigehen in's Reine bringen, einige Geiſtesverwirrung, und murmelte etliche Bemerkungen über„Bezahlung bei Ablieferung,“ „nichts auf Borg,“ und andere unangenehme Gegen⸗ ſtände, mußte ſich aber zuletzt mit der Frage zufrie⸗ den geben, zu welcher Stunde der Herr wahrſchein⸗ lich einſprechen würde, damit er um den Weg ſeyn könne, weil er perſönlich für das Rindfleiſch, das Gemüſe und ſo weiter verantwortlich ſey. Nachdem Herr Swiveller mit größter Pünktlichkeit im Geiſte ſeine Beſchäftigungen ausgerechnet hatte, verſetzte er, er wolle zwiſchen zwei Minuten vor und ſieben Minuten nach Sechs hinkommen. Der Kellner entfernte ſich mit dieſem gebrechlichen Troſte, und Richard Swiveller nahm nun ein ſchmieriges Notizbuch aus ſeiner Taſche, um einen Eintrag in daſſelbe zu machen. 310 „Geſchieht das zur Erinnerung, falls du dein Verſprechen vergeſſen ſollteſt?“ fragte Trent höhniſch. „Nicht gerade deßhalb, Fritz,“ antwortete der nicht zu ſtörende Nichard, indem er mit geſchäftiger Miene zu ſchreiben fortfuhr; ich notire mir nur in dieſem Buche die Namen der Straßen, die ich nicht paſſiren kann, ſo lange die Läden offen ſind. Das heutige Mittageſſen ſchließt Long⸗Acre. In Great Queen Street kaufte ich mir in der letzten Woche ein Paar Stiefel und ſchloß mir dadurch gleichfalls den Durchgang. Jetzt bleibt mir nur noch eine Gaſſe zum Strand offen, und dieſe werde ich mir heute Abend mit ein Paar Handſchuhen verſperren müſſen. Die Wege ſchließen ſich nach allen Rich⸗ tungen ſo ſchnell, daß ich in Monatsfriſt drei oder vier Meilen über die Stadt hinausgehen muß, um über die Straße zu kommen, wenn meine Tante keine Wechſel ſchickt.“ „Sie werden am Ende doch nicht ganz aus⸗ bleiben?“ fragte Trent. „Je nun, ich hoffe nicht,“ erwiederte Herr Swiveller;„aber es braucht durchſchnittlich ſechs Briefe, um ſie zu erweichen, und gegenwärtig habe ich es ſchon bis auf acht gebracht, ohne daß ſie die geringſte Wirkung übten. Morgen früh werde ich ihr aber wieder ſchreiben. Ich habe im Sinne, das Schreiben tüchtig zu verkleckſen und etwas Waſſer aus der Pfefferbüchſe darauf träufeln zu laſſen, da⸗ mit es reuig ausſieht.„Ich bin in einer ſolchen & & 311 Gemüthsſtimmung, daß ich kaum weiß, was ich ſchreibe:— Klecks— ‚wenn Sie ſehen könnten, wie ich in dieſem Augenblicke Thränen über meine frü⸗ here üble Aufführung vergieße:— Pfefferbüchſe— ‚meine Hand zittert, wenn ich denke— Klecks. Wenn das keine Wirkung thut, ſo iſt Alles vorbei.“ Da Herr Swiveller inzwiſchen ſeinen Eintrag beendigt hatte, ſo ſteckte er, in vollkommen gravi⸗ tätiſcher und ernſter Stimmung, das Bleiſtift wieder in ſeine kleine Scheide und machte das Buch zu. Sein Freund entdeckte, daß er jetzt einen Ausgang machen mußte, und ſo blieb Richard Swiveller allein, in Geſellſchaft mit dem roſigen Weine und ſeinen Betrachtungen über Miß Sophie Wackles. „Das iſt etwas plötzlich,“ ſagte Dick, mit der Miene unendlicher Weisheit den Kopf ſchüttelnd, während er— ſeiner Gewohnheit gemäß— Verſe⸗ brocken mit einer Eile abhaſpelte, als ob ſie bloße Proſa wären;„wenn das Herz des Mannes Furcht bedrückt, verſchwindet der Nebel, ſobald er Miß Wackles erblickt: ſie iſt ein ſehr hübſches Mädchen. Sie gleicht der rothen Roſe, im Juni neu erblüht; ſie gleicht dem ſüßem Liede, von Harmonie durch⸗ glüht— das iſt nicht zu läugnen. Es iſt in der That ſehr plötzlich. Ich habe zwar nicht nöthig, wegen Fritzens kleiner Schweſter gleich kalt zu wer⸗ den, aber es iſt doch beſſer, nicht zu weit zu gehen. Wenn ich zu erkalten anfange, ſo muß es mit einem Male gehen, das ſehe ich wohl ein, ſonſt 312 riskire ich einen Prozeß wegen Treubruchs— das iſt Ein Grund. Ferner könnte Sophie einen andern Mann kriegen— das iſt ein zweiter; und endlich wäre es möglich— nein, das iſt nicht zu fürchten, aber jedenfalls werde ich gut thun, den Sicheren zu ſpielen.“ Die nicht ausgedrückte Betrachtung beſtand in der Möglichkeit, die Richard Swiveller ſogar vor ſich ſelbſt zu verbergen ſuchte, gegen Miß Wackles' Reize nicht ſtark genug zu ſeyn und in einem un⸗ bewachten Augenblicke ſein Schickſal an das ihrige ketten zu können, wodurch ihm natürlich die Macht genommen wurde, den merkwürdigen Plan, auf welchen er ſich ſo bereitwillig eingelaſſen hatte, zu fördern. Aus all' dieſen Gründen kam er zu dem Entſchluſſe, ohne Verzug mit Miß Wackles Streit anzufangen, und er beſann ſich auf einen Vorwand, den er auf eine grundloſe Eiferſucht ſtützen wollte. Sobald er über dieſen wichtigen Punkt mit ſich in's Reine gekommen war, ließ er gar gemüthlich das Glas kreiſen, das heißt von ſeiner rechten Hand zur linken, und ſo wieder zurück, um ſeine Rolle mit deſto größerer Umſicht ſpielen zu können; dann machte er einige kleine Verbeſſerungen in ſeiner Toilette und lenkte ſeine Tritte nach dem Orte, wel⸗ cher durch den ſchönen Gegenſtand ſeiner Betrach⸗ tungen geheiligt wurde. Der Ort war Chelſea, denn dort wohnte Miß Sophie Wackles mit ihrer verwittweten Mutter und 313 zwei Schweſtern, mit welchen ſie gemeinſchaftlich eine ſehr kleine Tagſchule für ſehr kleine junge Damen hielt— ein Umſtand, welcher der Nachbar⸗ ſchaft mittelſt eines ovalen Bretts über dem Vorder⸗ fenſter des erſten Stockes angekündigt wurde, auf dem mit zierlichen Schnörkeln das Wort„Damen⸗ ſeminar“ zu leſen war; einen weiteren Beleg dafür gab auch die Thatſache, daß man Morgens zwiſchen halb zehn und zehn Uhr hin und wieder eine ein⸗ zelne junge Dame von ſehr zarten Jahren mit den Zehenſpitzen auf dem Kratzeiſen ſtehen ſah, wo ſie, das Buchſtabirbuch unter dem Arme, vergebliche Anſtrengungen machte, den Thürklopfer zu erreichen. Die verſchiedenen Lehrgegenſtände dieſes Inſtituts waren alſo vertheilt: Engliſche Sprachlehre, Styl⸗ übungen, Geographie und die Anwendung der Eiſen⸗ kugeln, um die Arme zu kräftigen— Miß Meliſſa Wackles; Schreiben, Rechnen, Tanzen, Muſik und allgemeine Bezauberungskunſt— Miß Sophie Wackles; Nähen, Wäſchezeichnen und Muſterſticken — Miß Jane Wackles; körperliche Züchtigungen, Faſten, nebſt anderen Torturen und Schreckmitteln — Frau Wackles. Miß Meliſſa Wackles war die älteſte Tochter, Miß Sophie die zweite und Miß Jane die jüngſte. Miß Meliſſa mochte fünf und dreißig Sommer oder etwas darüber zählen und neigte ſich bereits gegen den Herbſt ihres Lebens; Miß Sophie war ein friſches, heiteres, ſtämmiges Mädchen von zwanzig, und Miß Jane hatte kaum ſechzehn erreicht. Frau Wackles war eine ausgezeich⸗ nete, aber etwas giftige alte Dame von ſechzig. Nach dieſem Damenſeminar alſo eilte Richard Swiveller mit gefährlichen Planen für den Frieden der ſchönen Sophia, welche, in jungfräuliches Weiß gekleidet und nur mit einer einzigen ſich erſchließen⸗ den Roſe verziert, ihn in Mitte ſehr eleganter, um nicht zu ſagen brillanter Vorbereitungen empfing. Dieſe beſtanden in Ausſchmückung des Zimmers mit den kleinen Blumentöpfen, welche ſich ſtets außen auf dem Fenſterſims befanden, wenn ſie nicht etwa der Wind in den Hof hinunter wehte, in dem ge⸗ wählten Anzug der Tagſchülerinnen, welchen der Zutritt zu der Feſtlichkeit gnädigſt geſtattet worden war, in dem ungewöhnlichen Lockenbau der Miß Jane Wackles, die den ganzen vorhergehenden Tag ihre Haare auf Streifen von einem gelben Comödienzettel gewickelt getragen hatte, und in der feierlichen Höflich⸗ keit und der ſtattlichen Gelehrſamkeit der alten Dame und ihrer älteſten Tochter, welche Herrn Swiveller zwar als ungewöhnlich auffielen, aber keinen weiteren Eindruck auf ihn machten. Die Wahrheit iſt— und da man für ſeinen Geſchmack keine Rechenſchaft zu geben hat, wäre er ſelbſt ein ſo ſonderbarer, wie der hierortige, ſo kön⸗ nen wir deſſelben erwähnen, ohne uns dem Vorwurf einer eigenſinnigen und boshaften Erfindung auszu⸗ ſetzen— die Wahrheit iſt, daß weder Frau Wackles, noch ihre alteſte Tochter je die Bewerbungen des ——— Herrn Swiveller ſehr begünſtigten, da ſie im Gegen⸗ theil gewöhnt waren, ſeiner nur leichthin als eines „luſtigen, jungen Mannes“ zu erwähnen, dabei aber jedesmal zu ſeufzen und bedenklich den Kopf zu ſchüt⸗ teln. Da Herrn Swiveller's Benehmen gegen Miß Sophie von jener unbeſtimmten und hinhaltenden Art war, welche man gewöhnlich als das Merkmal keiner entſchiedenen Heirathsabſicht betrachtet, ſo be⸗ gann im Laufe der Zeit ſogar die junge Dame es für höchſt wünſchenswerth zu halten, daß der Sache auf eine oder die andere Weiſe ein Ende gemacht werde. Sie hatte deßhalb endlich eingewilligt, gegen Richard Swiveller einen in ſie verliebten Markt⸗ gärtner auszuſpielen, von dem ſie wußte, daß er mit ſeinen Anträgen bereit ſeyn würde, ſobald er die geringſte Ermuthigung erhielte. Aus der gleichen Quelle— die gegenwärtige Gelegenheit war nämlich abſichtlich zu dieſem Zwecke veranſtaltet worden— ſtammte auch ihre große Beſorgtheit um Richard Swiveller's Anweſenheit, wodurch ſie veranlaßt wurde, das Billet, welches wir haben überreichen ſehen, perſönlich abzugeben. „Wenn er überhaupt Ausſichten oder Mittel hat, eine Frau anſtändig zu erhalten,“ ſagte Frau Wackles zu ihrer älteſten Tochter,„ſo muß er jetzt damit gegen uns herausrücken, oder nie.“ „Wenn ihm wirklich an mir gelegen iſt,“ dachte Miß Sophia,„ſo muß er ſich dieſen Abend gegen mich erklären.“ 316 Da Herr Swiveller von all' dieſen Gedanken, Worten und Werken nichts wußte, ſo kümmerte er ſich auch nicht im mindeſten darum, ſondern über⸗ legte noch immer in ſeinem Geiſte, wie er es wohl am beſten angreifen könne, eiferſüchtig zu werden. Er wünſchte eben, daß Sophie zu dieſem Ende nur etwas weniger ſchön, oder daß ſie ihre Schweſter ſeyn möchte, was ebenſo gut zu ſeinem Plane ge⸗ paßt hätte, als die Geſellſchaft ankam, und darun⸗ ter der Marktgärtner, deſſen Name Cheggs war. Herr Cheggs kam jedoch nicht allein oder ohne Bei⸗ ſtand, denn er hatte klüglicherweiſe ſeine Schweſter, Miß Cheggs, mitgebracht, welche geradezu auf Miß Sophia zuging, ihre beiden Hände ergriff, ſie auf beide Wangen küßte und in hörbarem Flüſtern die Sorge ausdrückte, daß ſie doch nicht zu früh kämen. „Zu früh? nein,“ verſetzte Miß Sophia. „Ach meine Liebe,“ verſetzte Miß Cheggs in dem gleichen Flüſtern,„ich bin ſo geplagt und ge⸗ quält worden, daß wenig gefehlt hätte, wir wären ſchon heute Nachmittag um vier Uhr hier geweſen. Alick war ſogar ungeduldig zu kommen! Können Sie's wohl glauben, daß er ſchon vor dem Mittag⸗ eſſen vollſtändig im Wichs war, alle Augenblicke auf die Uhr ſah und ohne Unterlaß an mir drängte? Das iſt ganz Ihre Schuld, Sie böſes Ding.“ Miß Sophia erröthete, und Herr Cheggs, der in Damengeſellſchaft etwas blöde war, erröthete gleich⸗ falls, und Miß Sophia's Mutter und Schweſtern, 317 um Herrn Cheggs zu verhindern, noch mehr zu er⸗ röthen, überhäuften ihn mit Höflichkeiten und Auf⸗ merkſamkeiten, und ließen Richard Swiveller für ſich ſelbſt ſorgen. Jetzt hatte er auf einmal, was er brauchte— nämlich einen guten Grund und Vor⸗ wand, ſich zornig zu ſtellen; da er aber dieſen Grund und Vorwand nur ſuchen wollte und nicht in Wirk⸗ lichkeit zu finden hoffte, ſo wurde Richard Swiveller allen Ernſtes zornig und wunderte ſich, was zum Teufel dieſer Cheggs mit ſeiner Unverſchämtheit wolle. Demungeachtet hatte aber Herr Swiveller Miß Sophia's Hand für die erſte Quadrille(denn Walzer und dergleichen waren, als zu gemein, gänzlich pro⸗ ſcribirt), und ſo gewann er einen Vortheil über ſeinen Nebenbuhler, der verzweifelnd in einer Ecke ſaß und der glorreichen Geſtalt der jungen Dame nachblickte, als ſie ſich durch das Labyrinth des Tanzes be⸗ wegte. Auch war dieß nicht der einzige Vorſprung, welchen Herr Swiveller dem Marktgärtner abgewann; denn entſchloſſen, der Familie zu zeigen, was für einen Mann ſie ſo geringſchätzig behandelten, und vielleicht auch von ſeinen kürzlichen Libationen begei⸗ ſtert, entwickelte er ſolche Großthaten von Agilität und ſolche Wendungen und Wirbel, daß die ganze Geſellſchaft in Erſtaunen gerieth, inſonderheit aber ein ſehr langer Gentleman, der mit einer ſehr kleinen Schülerin tanzte und, ganz bezaubert von Ueber⸗ 318 raſchung und Verwunderung, geradezu ſtehen blieb. Selbſt Frau Wackles vergaß für den Augenblick, drei kleine, junge Damen, welche eine Neigung zu allzu⸗ großer Heiterkeit entwickelten, auszuſchmählen, und konnte ſich des aufſteigenden Gedankens nicht erweh⸗ ren, daß es in der That ein Stolz für eine Familie ſeyn würde, einen ſolchen Tänzer unter ihre Glieder zu zählen.. In dieſer bedeutungsvollen Criſis erwies ſich Miß Cheggs als eine fehr brauchbare und thatkräf⸗ tige Verbündete, denn ſie ließ es nicht dabei bewen⸗ den, durch ein verächtliches Lächeln ihre Gering⸗ ſchätzung gegen Herrn Swiveller's Vorzüge an den Tag zu legen, ſondern benützte auch jede Gelegenheit, Miß Sophia Ausdrücke des Bedauerns und Mitleids in’s Ohr zu flüſtern, daß ſie durch eine ſo lächerliche Perſon gequält werde, indem ſie zugleich erklärte, es ſey ihr Todesangſt, ob Alick in der Fülle ſeines Zorns nicht über ihn herfallen und ihn durchprügeln werde; dann bat ſie Miß Sophia, zu bemerken, wie die Augen des genannten Alick vor Wuth und Liebe glühten— Leidenſchaften, welche— wie wir gele⸗ gentlich andeuten müſſen— zu viel für ſeine Augen waren und ſich deßhalb auch in ſeiner Naſe ausdrück⸗ ten, indem ſie dieſelbe mit einer Purpurglut über⸗ goßen. „Sie müſſen auch mit Miß Cheggs tanzen,“ ſagte Sophia zu Richard Swiveller; nachdem ſie ſelbſt zweimal mit Herrn Cheggs getanzt und ſeine — — 319 Bewerbungen ſehr augenfällig ermuntert hatte.„Sie iſt ein ſo artiges Mädchen, und ihr Bruder iſt vol⸗ lends gar zum Entzücken.“ „So? Zum Entzücken iſt er?“ murmelte Dick. „Auch ganz entzückt, könnte man meinen, wenigſtens der Art nach, in welcher er hieher ſieht.“ Hier ſteckte Miß Jane, welche vorläufig zu die⸗ ſem Zwecke inſtruirt worden war, ihre vielen Locken dazwiſchen und flüſterte ihrer Schweſter zu, ſie ſolle nur Acht haben, wie eiferſüchtig Herr Cheggs wäre. „Eiferſüchtig? Nun, das ſieht ſeiner Unver⸗ ſchämtheit gleich,“ ſagte Richard Swiveller. „Seiner Unverſchämtheit, Herr Swiveller?“ entgegnete Miß Jane, ihren Kopf ſchüttelnd.„Neh⸗ men Sie ſich in Acht, daß er's nicht höͤrt, Sir; Sie könnten es ſonſt bereuen.“ „Ach, ich bitte dich, Jane—“ erwiederte Miß Sophia. „Pah!“ verſetzte ihre Schweſter.„Warum ſollte Herr Cheggs nicht eiferſüchtig ſeyn dürfen, wenn es ihm beliebt? Gewiß, ſo etwas fehlte noch. Herr Cheggs hat eben ſo gut ein Recht, eiferſüchtig zu ſeyn, als Jemand anders, und vielleicht bald noch ein beſſeres, wenn es nicht etwa jetzt ſchon der Fall iſt. Du mußſt das am beſten wiſſen, Sophia!“ Obgleich dieß ein zwiſchen Miß Sophia und ihrer Schweſter abgekarteter Handel war, welchem die humanen Abſichten und der Zweck zu Grunde lagen, Herrn Swiveller zu einer ſchleunigen Erklärung zu 320. veranlaſſen, ſo verfehlte er doch durchaus ſeiner Wir⸗ kung; denn da Miß Jane eine von jenen jungen Damen war, welche in Zeiten ſchnippiſch und keifend zu werden anfangen, ſo ſpielte ſie ihre Rolle mit einer ſo übermäßigen Wichtigthuerei, daß ſich Herr Swiveller grollend zurückzog, ſeine Geliebte Herrn Cheggs überließ und den genannten Gentleman mit herausforderndem Trotze betrachtete, welcher von die⸗ ſem mit einem Blicke der Entrüſtung erwiedert wurde. „Haben Sie etwas zu mir geſagt, Sir?“ fragte Herr Cheggs, ihm in einen Winkel folgend.„Haben Sie die Güte zu lächeln, Sir, damit kein Verdacht auf uns falle. Haben Sie etwas zu mir geſagt, Sir?“ Herr Swiveller blickte mit einem hochmüthigen Lächeln nach Herrn Cheggs Zehen, erhob dann ſeine Augen von da nach ſeinen Knöcheln, von da zu ſei⸗ nem Schienbein, von da zu ſeinem Kniee, und ſo ganz allmälig weiter, wobei er ſich immer an deſſen rechte Hälfte hielt, bis er bei der Weſte anlangte; nun ließ er die Blicke von Knopf zu Knopf bis zum Kinhne gleiten, wanderte geradeaus über die Mitte ſeiner Naſe, bis er endlich bei den Augen anlangte, und ſprach zum Schluſſe ganz abgebrochen: „Nein, Sir.“ „Hem!“ räuſperte ſich Herr Cheggs über ſeine Schultern blickend;„haben Sie die Gewogenheit, 321 abermals zu lächeln. Vielleicht wünſchen Sie mir etwas zu ſagen, Sir?“ „Nein, Sir; es kam mir keinen Augenblick zu Sinne.“ „Vielleicht haben Sie mir jetzt nichts zu ſagen, Sir?“ fuhr Herr Cheggs ſtolz fort, Bei dieſen Worten verließen Richard Swiveller's Augen Herrn Cheggs' Geſicht, indem ſie von der Mitte ſeiner Naſe auf ſeine Weſte und über ſein rechtes Bein hinabſpazierten, bis ſie abermals die Fußſpitzen erreichten, wo ſie eine geraume Weile haften blieben; dann machten ſie eine Querwande⸗ rung, ſtiegen an dem andern Beine in die Höhe und näherten ſich von dort aus, wie zuvor, wieder der Weſte; als ſie endlich auf's Neue bei den Augen an⸗ gelangt waren, ſagte er: „Nein, Sir, gewiß nicht.“ „Wirklich— nicht, Sir?“ entgegnete Herr Cheggs.„Freut mich, dieß zu hören. Vermuthlich wiſſen Sie, wo ich zu finden bin, Sir, falls ſie mir etwas zu ſagen haben ſollten?“ „Ich werde es leicht erfragen können, Sir, wenn'’s mir darum zu thun iſt.“ „So haben wir uns, glaube ich, nichts mehr zu communiciren, Sir?“ „Nichts mehr, Sir.“ Hiemit ſchloß die furchtbare Zwieſprache, indem ſich die Betheiligten wechſelſeitig zornige Blicke zu⸗ warfen. Herr Cheggs beeilte ſich, Miß Sophia Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 21 8 3 322 ſeine Hand zu reichen, und Herr Swiveller ſetzte ſich, höchſt übel gelaunt, in einen Winkel. Hart neben dieſem Winkel ſaßen Frau Wackles und die ältere Miß Wackles, um dem Tanze zuzuſe⸗ hen; und den genannten Damen fügte ſich gelegent⸗ lich Miß Cheggs bei, wenn ihr Tänzer gerade bei einer andern Figur des Tanzes beſchäftigt war, wobei ſie es nicht unterließ, eine oder die andere Bemer⸗ kung fallen zu laſſen, welche Galle und Wermuth für Richards Seele waren. Sehr aufrecht und un⸗ behaglich auf ein paar harten Stühlen ſitzend, befan⸗ den ſich in der Nähe zwei der Tagsſchülerinnen, welche nach den Augen von Madame und Miß Wackles um Ermuthigung aufblickten; und wenn Miß Wackles lächelte, und wenn Frau Wackles lä⸗ chelte, ſo ſuchten die zwei kleinen Mädchen auf den Stühlen durch ein entſprechendes Lächeln ihre Gunſt zu erſchmeicheln, worauf in dankbarer Anerkennung dieſer Aufmerkſamkeit die alte Dame ſie urplöͤtzlich durch einen Zornblick niederſchmetterte und die Be⸗ merkung beifügte, wenn ſie ſich wieder einer ſolchen Unverſchämtheit ſchuldig machten, ſo ſollten ſie unter Geleite nach Hauſe geſchickt werden. Dieſe Drohung veranlaßte eine der jungen Damen, welche von ſehr ſchwacher und eingeſchüchterter Gemüthsart war, Thränen zu vergießen, für welches Verbrechen Beide auf der Stelle mit einer ſo ſchrecklichen Pünktlichkeit fortgeſchafft wurden, daß ſich ein paniſches Entſetzen der Seelen aller Zöglinge bemächtigte. „Ich habe allerhand Neuigkeiten für Sie,“ ſagte Miß Cheggs, welche abermals herankam.„Alick hat Sophia ſolche Dinge geſagt, auf mein Wort, Sie wiſſen, daß der Handel ganz ernſthaft iſt— das kann man leicht ſehen.“ „Was hat er ihr geſagt, meine Liebe?“ fragte Frau Wackles. „Alles nur Erdenkliche,“ verſetzte Miß Cheggs. „Sie können gar nicht glauben, wie er ſich ausge⸗ ſprochen hat.“ Richard Swiveller hielt es für räthlich, nicht weiter zuzuhören, ſondern benützte eine Pauſe im Tanze und die Annäherung des Herrn Cheggs, um der alten Dame ſein Compliment zu machen, worauf er mit der ausgeſuchteſten Miene der größten Gleich⸗ gültigkeit nach der Thüre ſtolzierte, auf dem Wege an Miß Jane Wackles vorbeikommend, welche in der vollen Glorie ihrer Locken ſich von einem gebrechli⸗ chen alten Herrn, welcher in dem gleichen Hauſe wohnte, den Hof machen ließ(eine gute Uebung, wo nichts Beſſeres zu haben war). In der Nähe der Thüre ſaß Miß Sophia, noch ganz verwirrt und außer ſich durch die Aufmerkſamkeiten des Herrn Cheggs; und an ihrer Seite machte Richard Swi⸗ veller einen Augenblick Halt, um ſich zu verab⸗ ſchieden. „Mein Boot iſt auf dem Strande, meine Bark' iſt auf der See, und eh' ich ſtoß' vom Lande, ſag' 21* 4 ich dir noch Adieu,“ murmelte Dick, ſie düſter an⸗ blickend. „Sie wollen ſchon gehen?“ ſagte Miß Sophia, der das Herz ſank ob dem Erfolge ihrer Kriegsliſt, obgleich ſie eine leichte Gleichgültigkeit affectirte. „Ob ich gehen will?“ wiederholte Dick bitter. „Ja, ich will gehen. Was weiter?“ „Nichts, als daß es noch ſehr bald iſt,“ ſagte Miß Sophia;„aber Sie ſind natürlich Ihr eigener Herr.“ „Hätt' ich mich nur auch zur eigenen Herrin* gemacht,“ verſetzte Dick,„eh' ich entfernt nur an Dich gedacht. Sophie, ich glaubte an Deine Treue, und fühlte als Gott mich in dieſem Wahn; jetzt aber folgt die bittere Reue:— ſo ſchön und doch auf ſo falſcher Bahn!“ Miß Sophie biß ſich auf die Lippen und that, als ob ſie mit großem Intereſſe Herrn Cheggs nach⸗ ſähe, der in der Entfernung ein Glas Limonade hinunterſtürzte. „Ich kam hieher,“ fuhr Dick fort, indem er ſeiner eigentlichen Abſicht faſt ganz vergaß, ⸗mit er⸗ weitertem Buſen, einem vollen Herzen, und meine Gefühle waren von entſprechender Art. Jetzt entferne ich mich aber mit Empfindungen, die man wohl faſſen, aber nicht beſchreiben kann— Empfindungen, * Ein Wprtſſpiel mit dem engliſchen Mistress, was Herrin und Geliebte bedeutet. welche mir die troſtloſe Wahrheit vor Augen führen, daß meine zärtlichſten Neigungen dieſen Abend den Todesſtoß erlitten haben.“ „Ich begreife in der That nicht, was Sie mei⸗ nen, Herr Swiveller,“ entgegnete Miß Sophia mit geſenktem Blicke.„Ich bedaure ſehr, wenn——“ „Bedauern, Fräulein?“ ſiel ihr Dick in's Wort. „Bedauern im Beſitze eines Cheggs? Doch ich wünſche Ihnen recht gute Nacht und ſchließe mit der kleinen Bemerkung, daß in dem gegenwärtigen Au⸗ genblick eine junge Dame für mich heranwächst, welche nicht nur große perſönliche Reize, ſondern auch einen großen Reichthum beſitzt, und die ihren nächſten Verwandten gebeten hat, um meine Hand nachzuſuchen, wozu ich denn auch aus Achtung für einige Glieder ihrer Familie meine Einwilligung gab. Es iſt ein angenehmer Umſtand, welcher auch Sie freuen wird, daß ein junges und liebliches Mädchen ausdrücklich um meinetwillen zum Weibe heranwächst und für mich aufbewahrt bleibt. Ich glaubte, Ihnen dieß mittheilen zu müſſen, und habe jetzt nur noch um Entſchuldigung zu bitten, daß ich ſo lange ihre Aufmerkſamkeit mißbrauchte. Gute Nacht.“ „Aus all' dieſem entſpringt doch wenigſtens ein Gutes,“ ſagte Richard Swiveller zu ſich ſelbſt, als er zu Hauſe anlangte und ſich mit der Lichtſcheere über die Kerze beugte, um das Licht auszulöſchen, „nämlich, daß ich jetzt mit Leib und Seele, mit Hals und Zehen auf Fritzens Plan hinſichtlich der kleinen Nelly 326 eingehen kann. Gewiß wird er ſich recht freuen, mich ſo kräftig in der Sache zu finden. Morgen ſoll er Alles erfahren, und in der Zwiſchenzeit will ich's, da es ſchon ziemlich ſpät iſt, verſuchen, dem balſamiſchen Schlafe einige Liebesblicke abzugewinnen.“ Der„Balſamiſche“ kam faſt eben ſo bald, als um ihn geworben wurde. In etlichen Minuten war Swiveller feſt eingeſchlafen und träumte, daß Nelly Trent ſein Weib geworden und er in den Beſitz ihres Vermögens gekommen ſey; ſein erſter Machtakt ſey aber geweſen, den Marktgarten des Herrn Cheggs zu verwüſten und ihn zu einem Ziegelfelde umzu⸗ wandeln. Maſter Humphrey von der Wanduhrſeite ⸗ ſeines Kaminwinkels. Zwei oder drei Abende nach der Conſtituirung von Herrn Weller's Taſchenuhr glaubte ich, bei Ge⸗ legenheit eines Spaziergangs im Garten, in einiger Entfernung Herrn Wellers Stimme zu hören. Ich hielt einigemale inne, um deſto achtſamer horchen zu können, und fand ſodann, daß die Töne aus dem kleinen Zimmer meiner Haushälterin kamen, welches an der Hinterſeite des Gebäudes liegt. Ich nahm damals keine weitere Notiz von dem Gegenſtande, aber er bildete am andern Morgen das Thema eines Geſprächs zwiſchen mir und meinem Freund Jack Redbourn, bei welcher Gelegenheit ich fand, daß ich mich in der Thatſache nicht getäuſcht hatte! Jack berichtete mir die nachſtehenden Einzelnheiten, und da er an dem Erzählen derſelben ein beſonderes Vergnügen zu finden ſchien, ſo bat ich ihn, in Zukunft 328 ſolche häusliche Scenen und Begebniſſe, falls ſie ſei⸗ ner Laune entſprächen, ausführlich niederzuſchrei⸗ ben, damit ſie in ſeiner eigenen Manier veröffentlicht werden könnten. Ich muß übrigens geſtehen, daß mich hiezu auch der geheime Wunſch veranlaßte, etwas von ſeinem und von Herrn Pickwick's Treiben zu erfahren, weil ich wußte, daß dieſe beiden Ehren⸗ männer beharrlich bei einander ſteckten. An dem genannten Abende war das Zimmer der Haushälterin mit beſonderer Sorgfalt arrangirt und die Haushälterin ſelbſt ungewöhnlich herausge⸗ putzt. Die Zurüſtungen beſchränkten ſich jedoch nicht auf bloße Schaudemonſtrationen, denn es war auch für drei Perſonen Thee bereitet, nebſt einem kleinen Vorrath von Conſituren, eingemachten Früchten und ſüßen Kuchen, welche jedenfalls etwas ganz Unge⸗ wöhnliches verkündigten. Miß Benton(dieß iſt näm⸗ lich der Name meiner Haushälterin) befand ſich gleichfalls in einem Zuſtande großer Spannung, denn ſie ging oft nach der Hausthüre und ſah ängſt⸗ lich die Straße hinunter, und mehr als einmal be⸗ merkte ſie gegen das Dienſtmädchen, ſie erwarte Ge⸗ ſellſchaft und hoffe, daß doch nichts Unangenehmes vorgefallen ſey, weil ſie ſo lange zögere. Ein beſcheidenes Klingeln beſchwichtigte endlich alle Beſorgniſſe; Miß Benton eilte jetzt nach ihrem Zimmer, wo ſie ſich einſchloß, um den Schein der Ueberraſchung, der ſo weſentlich zum höflichen 329 Empfang von Gäſten gehört, zu wahren, und er⸗ wartete mit lächelndem Geſichte ihre Ankunft. „Guten Abend, Mamſell,“ ſagte der alte Herr Weller, indem er nach einem vorläufigen Klopfen zu der Thüre herein ſah;„ich fürchte, wir kommen etwas nach der Zeit, Mamſell, aber der kleine Balg iſt voll Bosheit und hat in allen Winkeln und an allen Ecken ſeine Beine ſo fleißig gebraucht, daß er, wenn er nicht bald damit abbricht, mir das Herz brechen wird, und dann braucht er nicht weiter, als an der Schrift auf ſeines Großvaters Grabſtein das Buch⸗ ſtabiren zu lernen.“ Mit dieſen pathetiſchen Worten, welche an einen vor der Thüre befindlichen, ungefähr zwei Fuß hohen Gegenſtand gerichtet waren, führte Herr Weller einen kleinen Jungen mit ein paar ſtämmigen Beinen her⸗ ein, welcher ausſah, als ob ihn nichts niederſchlagen könnte. Der junge Herr beſaß außerdem ein ſehr rundes Geſicht, das dem des Herrn Weller auffallend ähnelte, und einen ſtämmigen Körper, gleichfalls von ſeines Großvaters Bauart, und pflanzte ſich nun⸗ mehr, die kleinen Beine weit geſpreizt, auf, als wären ſie ſchon ganz daran gewöhnt, Stulpenſtiefel zu tragen, wobei er, in Nachahmung ſeines Groß⸗ vaters, mit ſeinem unſchuldigen Auge der Haushälte⸗ rin förmlich zublinzelte. „Das iſt ein nichtsnutziger Junge, Manmſell,“ ſagte Herr Weller in ein heftiges Lachen ausbrechend, „das iſt ein unmoraliſcher Tony. Hat man je zuvor 330 erlebt, daß ein kleiner Knirps von vier Jahren und acht Monaten einer fremden Dame zugeblinzelt hätte?“ Eben ſo wenig durch dieſe Bemerkung, als durch die frühere Berufung an ſeine Gefühle gerührt, ſchwang der junge Herr Weller ein kleines Modell von einer Kutſcherspeitſche, das er in der Hand hatte, in die Luft und redete die Haushälterin mit einem ſchrillen„Hüoh⸗Hü!“ an, indem er die Frage bei⸗ fügte, ob ſie„die Straße hinunter fahren“ wolle. Bei dieſer glücklichen Anwendung einer Lektion, die man ihn von dem Wickelbande an gelehrt hatte, konnte Herr Weller ſeine Gefühle nicht länger zurück⸗ halten, ſondern ſchenkte ihm auf der Stelle zwei Pence. „Es iſt umſonſt, es zu läugnen, Manſell,“ ſagte Herr Weller,„aber dieſer Junge da iſt ganz nach dem Herzen ſeines Großvaters und ſticht alle Jungen aus, die je geweſen ſind, oder ſeyn werden. Gleichwohl muß ich aber ſagen, Mamſell,“ fügte Herr Weller bei, indem er es verſuchte, gravitätiſch auf ſeinen Liebling hinunter zu ſehen,„es war ſehr unrecht von ihm, daß er auf dem Herwege über alle Pfoſten hinüber wollte, und noch obendrein ſehr grauſam, daß er ſeinen armen Großvater zwang, ihm mit gekreuzten Beinen darüber weg zu helfen. Nicht einen einzigen ſolchen verwünſchten Poſten konnte er unpaſſirt laſſen, Mamſell, und oben in der Gaſſe ſind ihrer ſiebenundvierzig, alle in einer Reihe und ganz nahe bei einander.“ 331 Herr Weller, deſſen Gefühle in beharrlichem Widerſtreit mit dem Stolze auf die Talente ſeines Enkels, dem Bewußtſeyn ſeiner eigenen Verantwort⸗ lichkeit und der Wichtigkeit, ihm moraliſche Lehren einzuprägen, ſtanden, brach jetzt in ein lautes Lachen aus, welches er jedoch ſchnell wieder zuͤgelte, indem er mit ſtrengem Tone bemerkte, daß kleine Jungen, welche ſich durch ihre Großväter über Pfoſten hin⸗ weg helfen ließen, um keinen Preis in den Himmel kämen. Inzwiſchen hatte die Haushälterin Thee einge⸗ ſchenkt und den kleinen Tony, welcher auf einem Stuhle neben ihr ſaß und ſich mit den Augen ſo ziem⸗ lich in gleicher Höhe mit dem Tiſch befand, mit ver⸗ ſchiedenen Leckerbiſſen verſehen, an denen er ſich un⸗ gemein erlabte. Sodann pätſchelte ihn die gute Dame, welche das Kind ungeachtet ihrer Liebkoſungen zu fürchten ſchien, und erklärte, daß er der hübſcheſte Junge ſey, welchen ſie geſehen habe. „Je nun, Mamſell,“ ſagte Herr Weller,„ich glaube nicht, daß Sie viele dergleichen zu ſehen krie⸗ gen werden— das muß wahr ſeyn. Aber, wenn mir mein Sohn Samuel nur den Willen thäte, Mamſell, und ihn diſpenſirte von ſeinem— darf ich es wagen, das Wort auszuſprechen?“ „Was für ein Wort, Herr Weller?“ fragte die Haushälterin mit einem leichten Erröthen. „Von ſeinem Unterrock, Mamſell,“ entgegnete der Ehrenmann, indem er die Hand auf die Kleider 332 ſeines Enkels legte.„Wenn mein Sohn Samuel ihn nur hievon dispenſiren würde, ſo würden Sie in ſeinem Aeußeren eine Veränderung entdecken, wie keine Einbildungskraft ſie malen kann.“ „Was ſollte aber das Kind ſtatt deſſen tragen, Herr Weller?“ ſagte die Haushälterin. „Ich habe meinem Sohn Samuel immer und alleweil offerirt,“ verſetzt der alte Herr,„ich wolle ihn auf eigene Koſten mit einem Anzug verſehen, der etwas Rechtes aus ihm machen und ſeinen Geiſt von früheſter Jugend an für ein Gewerbe vorberei⸗ ten würde, dem ſich, wie ich hoffe, die Familie der Wellers zu allen Zeiten weihen thut. Tony, mein Junge, ſage der Dame, von was für Kleidern der Großvater geſprochen hat, die dein Vater dich tra⸗ gen laſſen ſoll.“ „Einen kleinen weißen Hut und eine kleine bunte Weſte und kleine Kniebänder und kleine Stul⸗ penſtiefel und einen kleinen grünen Rock, mit kleinen hellen Knöpfen und einem Sammetkragen,“ erwie⸗ derte Tony mit großer Geläufigkeit und ohne zu ſtocken. „Das iſt das Coſtüme, Mamſell,“ ſagte Herr Weller mit einem ſtolzen Blick auf die Haushälterin. „Er ſoll einmal ein ſolches Modell auf dem Leib tragen, und Sie werden ſagen, daß er ein Engel iſt.“ Die Haushälterin mochte wohl denken, der junge Tony möchte ſo eher wie der Engel von Islington als wie ein anderer dieſes Namens ausſehen; vielleicht war ſie 333 aber auch verlegen, ſich in ihren vorgefaßten Ideen geſtört zu finden, da Engel in der Regel nicht mit Stulpenſtiefeln und bunten Weſten abgebildet werden. Sie huſtete daher bedenklich und blieb die Antwort ſchuldig. „Wie viele Brüder und Schweſtern haſt du, mein Lieber?“ fragte ſie nach einer kurzen Pauſe. „Einen Bruder und gar keine Schweſter,“ ver⸗ ſetzte Tony.„Er heißt Sam, wie mein Vater. Kennſt du meinen Vater?“ „O ja, ich kenne ihn,“ ſagte die Haushälterin herablaſſend. „Hat dich mein Vater gerne?“ fuhr Tony fort. „Ich hoffe ſo,“ entgegnete die Haushälterin lächelnd. Tony beſann ſich einen Augenblick und fragte dann: „Hat dich mein Großvater auch gerne?“ Dieſe Frage dürfte vielleicht als ſehr leicht zu beantworten erſcheinen, aber ſtatt aller Erwiederung lächelte die Haushälterin in großer Verwirrung und ſagte, Kinder ſtellten oft ſo verfängliche Fragen, daß nichts in der Welt ſchwerer ſey, als mit ihnen zu reden. Dem gemäß übernahm alſo Herr Weller in Perſon die Beantwortung und ſagte, daß er die Dame ſehr gerne habe; aber die Haushälterin bat ihn, er möchte doch dem Kinde keine ſolche Dinge in den Kopf ſetzen, und Herr Weller ſchüttelte ſeinen eigenen, während die Dame in eine andere Richtung ſchaute. Herr 334 Weller ſchien dabei nicht wenig durch die Beſorgniß beunruhigt zu ſeyn, daß die Eroberung im Fort⸗ ſchreiten begriffen ſey, und vielleicht war es dieſem Umſtande zuzuſchreiben, daß er den Gegenſtand der Unterhaltung wechſelte. „Es iſt ſehr übel von kleinen Jungen, ſich über ihre Großväter luſtig zu machen— nicht wahr, Mamſell?“ ſagte Herr Weller, indem er ſchalkhaft den Kopf ſchüttelte, bis Tony an ihm hinauf ſah, was ihn veranlaßte, die Miene der tiefſten Niederge⸗ ſchlagenheit und Bekümmerniß anzunehmen. „Allerdings ſehr traurig!“ pflichtete die Haus⸗ hälterin bei;„aber ich hoffe, kein kleiner Junge thut ſo etwas!“ „Es gibt ſo einen jungen Türken, Mamſell,“ ſagte Herr Weller;„der ſieht einmal ſeinen Groß⸗ vater ein Bischen benebelt, weil er den Geburtstag eines Freundes mitgefeiert hat, und da geht er hin, wankt und wackelt im Haus herum, und will die Leute glauben machen, daß er der alte Herr ſey.“ „Das iſt ja ganz herzbrechend!“ rief die Haus⸗ hälterin. „Ja, Mamſell,“ fuhr Herr Weller fort,„und ehe der junge Strick das thut, zerklopft er ſich ſeine kleine Naſe, um ſie roth zu machen, conterfeit dann einen Schluckſen und ſagt:„bei mir iſt Alles in Ordnung!’ ſagt er; ‚noch ein anderes Lied!“ Ha, ha!„Noch ein Lied!“ ſagt er. Ha, ha!“ In ſeinem überſchwänglichen Entzücken vergaß — ——* 33⁵ Herr Weller ſeiner moraliſchen Verantwortlichkeit ganz und gar, bis der kleine Tony mit ſeinen Bei⸗ nen an die Stuhlfüße trommelte und mit einem über⸗ mäßigen Lachen ausrief:„das war ich, das war ich,“ worauf der Großvater in Folge einer kräftigen An⸗ ſtrengung ungemein feierlich wurde. „Nein, Tony, nicht du,“ ſagte Herr Weller. „Ich hoffe nicht, daß du es warſt, Tony. Es muß der nichtsnutzige kleine Galgenſtrick geweſen ſeyn, der bisweilen aus dem leeren Schilderhäuschen um die Ecke kommt— derſelbe kleine Spitzbube, der einmal auf den Tiſch vor den Spiegel ſtand und that, als ob er ſich mit dem Auſternmeſſer rafire.“ „Er hat ſich doch hoffentlich nicht beſchädigt?“ bemerkte die Haushälterin. „Nicht doch, Mamſell,“ ſagte Herr Weller ſtolz. „Gott ſegne ihr gutes Herz, Sie dürfen jenem Jun⸗ gen kecklich eine Dampfmaſchine anvertrauen, ſo ge⸗ ſcheidt iſt er.“ Der alte Herr erinnerte ſich jedoch plötzlich und konnte es auch wahrnehmen, daß Tony das Compli⸗ ment wohl verſtand und zu ſchätzen wußte, weßhalb er mit einem ſchweren Seufzer bemerkte, daß es „herzbrechend— ganz herzbrechend“ wäre. „O, es iſt ein böſer Bube,“ ſagte Herr Weller, nein bitterböſer Bube, der aus dem Schilderhäus⸗ chen: macht er nicht einen Lärm und Rumor im Hinterhof, führt hölzerne Pferde zur Tränke und füttert ſie mit Gras, wirft beſtändig ſeinen kleinen 336 Bruder aus dem Schubkarren und jagt ſeine Mut⸗ ter in demſelben Augenblick in Todesängſten, wo ſie die Vermehrung ſeines Glücks mit einem weiteren Spielgefährten beabſichtigt! Ja, es iſt ein grund⸗ böſer Burſche; geht er einmal gar ſo weit, eine pa⸗ pierne Brille aufzuſetzen, die ihm ſein Vater machen mußte, und ſpaziert im Garten auf und ab, die Hände auf dem Rücken, um Herrn Pickwick nachzu⸗ machen— aber Tony thut ſo was nicht, o nein!“ „O nein!“ echvete Tony. „Da iſt er zu geſcheidt dazu,“ ſagte Herr Wel⸗ ler;„er weiß, daß, wenn er ſolche Schelmenſtreiche üben wollte, kein Menſch ihn lieben würde, und daß 4 beſonders ſein Großvater ihn nicht mehr anſehen thäte; aus dieſen Gründen iſt Tony immer gut.“ „Immer gut,“ wiederholte Tony. Und ſo fort nahm ihn ſein Großvater auf die Kniee und küßte ihn, indem er zugleich unter vielem Nicken und Blinzeln verſtohlen mit dem Daumen nach dem Kopfe des Kindes deutete, damit die Haushälterin, welche ſonſt durch die bewunderungswürdige Weiſe, womit Herr Weller ſeinen Charakter aufrecht erhielt, getäuſcht werden konnte, nicht glauben möchte, es ſey von einem andern jungen Gentleman die Rede geweſen, denn es war ihm darum zu thun, ihr begreiflich zu machen, der Schilderhausjunge ſey nur ein imaginä⸗ res Geſchöpf, ein Abbild des jungen Tony ſelber, das zu ſeiner Beſſerung und Belehrung erfunden wurde. 337 Herr Weller beſchränkte ſich nicht auf eine bloße Beſchreibung der Fähigkeiten ſeines Enkels, ſondern veranlaßte ihn auch nach dem Thee durch etliche Schenkungen von Pencen und Halbpencen, eingebil⸗ dete Pfeifen zu rauchen, imaginäres Bier aus wirk⸗ lichen Krügen zu trinken, ſeinen Großvater ohne Rückhalt nachzumachen, und beſonders die Trunken⸗ heitsſcene darzuſtellen, welche den alten Herrn in Ekſtaſe und die Haushälterin in Staunen verſetzte. Herrn Weller's Stolz war jedoch durch dieſe Zur⸗ ſchauſtellung noch nicht befriedigt, denn nachdem er ſich verabſchiedete, nahm er das Kind wie ein merk⸗ würdiges, ſeltenes Wunderthier zuerſt mit zu dem Barbier und dann mit zu dem Tabakskrämer, wo⸗ ſelbſt es ſeine Vorſtellungen mit ungemeiner Wirkung vor einem beifallklatſchenden und entzückten Audito⸗ rium preisgab. Um halb zehn Uhr ſah man Herrn Weller, das Kind auf der Schulter, nach Hauſe gehen, und die Leute wollten wiſſen, daß um dieſe Zeit der kleine Tony ziemlich betrunken war. —— . Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 22 Der Naritätenladen. Neuntes Kapitel. Das Kind hatte in ſeiner Offenheit gegen Frau Quilp nur mit ſchwachen Farben das Trübe und Sorgenvolle ſeiner Gedanken, oder die ſchwere Wolke geſchildert, welche über ſeiner Heimat hing und ihre düſteren Schatten auf deren Herd warf. Außerdem war ſehr ſchwierig, einer Perſon, die nicht ganz genau mit ſeiner Lebensweiſe bekannt war, einen entſprechen⸗ den Begriff von ſeiner trübſeligen Einſamkeit beizu⸗ bringen, um ſo mehr, da eine beſtändige Furcht, den Mann, welchen ſie ſo zärtlich liebte, bloßzuſtellen oder zu kränken, der Kleinen ſelbſt mitten in dem Er⸗ guſſe ihres überſtrömenden Herzens einen gewiſſen Zwang auferlegte und ſie jede Anſpielung auf die Haupturſache ihrer Beängſtigung und Betrübniß ver⸗ meiden ließ. In der That waren es auch nicht die gleich⸗ förmigen Tage ohne„Wechſel und ohne alle erhei⸗ ternde Geſellſchaft, nicht die trüben, traurigen Abende, 339 oder die einſamen, langen Nächte, nicht der Mangel an allen jenen kleinen und unſchuldigen Freuden, bei denen kindliche Herzen ſchneller ſchlagen, nicht der Umſtand, daß ſie nichts von ihrer Kindheit kannte, als die Schwäche und die Empfindlichkeit deſſel⸗ ben— was Nell ſolche Thränen entrang. Den alten Mann zu ſehen, der unter dem Drucke eines geheimen Kummers faſt erlag, Zeuge zu ſeyn von ſeinem ſchwankenden und unſtäten Zuſtande, bisweilen von der ſchrecklichen Furcht beängſtigt zu werden, daß es mit ſeinem Verſtande nicht richtig ſey, und in ſeinen Worten und Blicken den Dämmerſchein eines troſtloſen Wahnſinns erkennen zu müſſen; Tag für Tag zu wachen, zu harren und zu lauſchen auf eine Beſtätigung dieſer Dinge, und zu wiſſen und zu fühlen, daß ſie, was auch kommen mochte, allein, ohne Hülfe, ohne Rath, ohne Theilnahme in der Welt wären— dieß waren Gründe genug zu Kummer und Gedrücktheit, um auch auf einer älteren Bruſt, der vielleicht noch obendrein viele Quellen der Erhei⸗ terung zu Gebot ſtanden, ſchwer zu laſten; welchen Druck mußten ſie aber auf die Seele eines jungen Kindes üben, dem ſie immer gegenwärtig waren, und das nur eine ſolche Umgebung kannte, welche die Gedanken daran in raſtloſer Thätigkeit erhielt! Und doch kam Nell dem alten Manne immer als dieſelbe vor. Wenn er ſeinen Geiſt nur einen Augenblick von dem Geſpenſte loswinden konnte, das fortwährend in ihm hauste und brütete, ſo ſtand 22* ſeine junge Gefährtin mit demſelben Lächeln, denſelben ernſten Worten, derſelben Heiterkeit, derſelben Liebe und Sorgfalt vor ihm, welche, tief in ſeiner Seele Wurzel faſſend, ſein ganzes Leben über ihm gegen⸗ wärtig geweſen zu ſeyn ſchienen. Und ſo lebte er dahin, zufrieden, in dem Buche ihres Herzens von der Seite an zu leſen, die ihm zuerſt aufgeſchlagen worden, ohne eine Ahnung zu haben, was die andern Blätter enthalten mochten, und ſtets ſich ſelbſt bere⸗ dend, daß wenigſtens das Kind glücklich ſey. Sie war es einſt geweſen. Sie war ſingend durch die düſtern Zimmer gegangen, mit heiterem und leichtem Schritte hatte ſie ſich unter den ſtau⸗ bigen Schätzen derſelben bewegt, ſie älter gemacht durch ihr junges Leben, und ernſtlicher und gräm⸗ licher durch ihre leichtherzige und frohſinnige Gegen⸗ wart. Aber jetzt waren die Gemächer kalt und ſchwer⸗ müthig, und wenn ſie ihr eigenes, kleines Stübchen verließ, um die ſchleppenden Stunden zu ertödten,— wenn ſie ſich dann in einem derſelben niederſetzte, ſo blieb ſie da, ſtill und regungslos, wie ihre ſeelen⸗ loſen Bewohner, und hatte nicht den Muth, das vom langen Schweigen heiſere Echo mit ihrer Stimme zu wecken. In einem dieſer Gemächer befand ſich ein Fenſter nach der Straße hinaus, wo man das Kind manchen langen Abend und oft tief bis in die Nacht hinein allein und gedankenvoll ſitzen ſehen konnte. Man iſt nie ſo ängſtlich, als wenn man wacht und harrt, und — 341 zu ſolchen Stunden bedrängten oft Schaaren trau⸗ riger Bilder ihren Geiſt. Sie pflegte, ſobald es dunkel wurde, dort ihre Stellung zu nehmen und die Leute zu beobachten, wie ſie die Straße auf⸗ und niedergingen, oder an den Fenſtern der gegenüberliegenden Häuſer erſchienen; dann hätte ſie wohl wiſſen mögen, ob jene Zimmer auch ſo einſam wären als das ihrige, und ob die Leute daſelbſt auch eine Geſellſchaft darin fänden, ſie hier ſitzen zu ſehen, wie es bei ihr der Fall war, wenn ſie nur Jemanden den Kopf heraus und wieder hineinſtecken ſah. Auf einem der Dächer befand ſich eine ungleichförmige Reihe von Schornſteinen, die ihr bei dem oftmaligen Hinſehen wie garſtige Geſichter vorkamen, welche finſter nach ihr herblickten und das Gemach zu durchſpähen ſuchten; es war ihr dann lieb, wenn es zu dunkel wurde, um ſie unterſcheiden zu können, obgleich ihr zugleich auf die Ankunft des Mannes bange war, der die Straßenlampen an⸗ zündete, weil es nun außen ſo ſpät und in ihrem Zimmer ſo gar langweilig ausſah. Sie konnte dann ihren Kopf zurückziehen, um im Zimmer umher⸗ zublicken und ſich zu überzeugen, daß alles an ſeinem Orte ſtand und nichts ſich bewegt hatte; und wenn ſie wieder nach der Straße hinunter ſchaute, ſah ſie vielleicht einen Mann mit einem Sarg auf dem Rücken vorbeigehen und etliche Andere ihm ſchweigend nach einem Hauſe folgen, wo irgend ein Todter lag. Dieß machte ſie ſchaudern und erregte in ihr Gedanken 342 an ähnliche Dinge, bis ihr auf's Neue das veränderte Geſicht und Weſen des alten Mannes nebſt einer anderen Reihe von Sorgen und Befürchtungen vor die Seele traten. Wenn er ſtürbe— wenn er von einer plötzlichen Krankheit befallen würde und lebend nie wieder nach Hauſe kehrte— wenn er einmal des Nachts heim käme und ſie wie gewöhnlich küßte und ſegnete, und ſie in's Bett ginge, einſchliefe, viel⸗ leicht von etwas Angenehmem träumte und in ihrem Schlummer lächelte— wenn er dann ſich ſelbſt tödtete, und ſein Blut ränne und ränne auf dem Boden fort bis zu der Thüre ihres Kämmerchens!— Dieſe Gedanken waren zu ſchrecklich, um dabei zu verweilen, und wieder nahm ſie dann ihre Zuflucht zu der Straße, die jetzt weit leerer, dunkler und ſtiller war, als zuvor. Die Läden wurden bald ge⸗ ſchloſſen, und die Lichter begannen aus den oberen Fenſtern zu blinken, da die Nachbarn jetzt zu Bette gingen. Allmälig wurden auch dieſe matter und verſchwanden, oder machten hie und da einem trüben Nachtlichte Platz, welches die ganze Nacht durch bren⸗ nen ſollte. Nur Ein Laden, in nicht großer Entfernung, gehörte noch zu den Spätlingen und goß ſeinen röthlichen Schein über das Pflaſter; es ſah dort hell und geſellig aus. Aber nach einer kurzen Weile wurde auch dieſer geſchloſſen; das Licht erloſch, und Alles war düſter und ruhig, mit Aus⸗ nahme einzelner Fußtritte, die auf dem Pflaſter ſchallten, oder eines Nachbars, der ſpäter als gewohn⸗ 343 lich zurückkam und kräftig an ſeine Hausthüre pochte, um die ſchlafenden Inſaßen zu wecken. Wenn die Nacht ſo weit vorgerückt war— in der letzten Zeit geſchah es ſelten früher— ſchloß das Kind das Fenſter, ſtahl ſich leiſe die Treppe hinab und machte ſich unterwegs Gedanken, wie ſie erſchrecken würde, wenn eines jener häßlichen Ge⸗ ſichte, welche ſich ſo oft in ihre Träume miſchten, ihr begegnen und ſich ihr durch irgend ein ſeltſa⸗ mes von ihnen ausſtrahlendes Licht ſichtbar machen würden. Aber dieſe Furcht verſchwand vor einem hellen Lampenlichte und dem wohlbekannten Anblick ihres eigenen Kämmerleins. Nachdem ſie glühend und unter vielen Thränengüſſen für den alten Mann, für die Wiederherſtellung ſeiner Seelenruhe und für die Wiederkehr des Glückes, deſſen ſie ſich früher erfreut, gebetet hatte, legte ſie ihr Haupt auf das Kiſſen und ſchluchzte ſich in den Schlaf, fuhr aber oft noch vor Tagesanbruch auf, um auf die Klingel zu hören und das geträumte Pochen zu beantworten, welches ihren Schlummer geſtört hatte. In einer Nacht, der dritten nach Nelly's Beſuch bei Frau Quilp, ſagte der alte Mann, der ſich den ganzen Tag ſchwach und unwohl gefühlt hatte, er werde heute nicht ausgehen. Die Augen des Kin⸗ des funkelten bei dieſer Nachricht, aber ihre Freude wich ſchnell wieder, als ſie ſein krankes und kummer⸗ gebeugtes Geſicht betrachtete. „Zwei Tage,“ ſagte er,„zwei ganze volle Tage 344 ſind vergangen, und noch iſt keine Antwort da. Was hat er dir geſagt, Nell?“— „Genau das, was ich Ihnen ſchon mitgetheilt habe, lieber Großvater; gewiß nicht weiter.“ „Richtig,“ verſetzte der alte Mann mit matter Stimme.„Ja. Aber ſage es mir noch einmal. Mein Verſtand verwirrt ſich. Was ſagte er dir? Weiter nichts, als daß er mich morgen oder über⸗ morgen beſuchen wolle? Das ſtand in ſeinem Billet.“ „Weiter nicht,“ ſagte das Kind.„Soll ich morgen wieder hingehen, lieber Großvater? Sehr früh? Ich werde vor dem Frühſtück dort und wieder zurück ſeyn.“ Der alte Mann ſchüttelte den Kopf, ſeufzte kläg⸗ lich und zog ſie an ſich. „Es wird von keinem Nutzen ſeyn, meine Liebe; von keinem zeitlichen Nutzen. Wenn er mich aber in dieſem Augenblick verläßt, Nell— wenn er mich jetzt verläßt, wo ich, mit ſeinem Beiſtande, belohnt werden ſoll für all die Zeit und das Geld, das ich verloren, und für all die Seelenqual, deren Centner⸗ gewicht mich zu einem Schatten gemacht hat— dann bin ich zu Grunde gerichtet, und was noch ſchlimmer, weit ſchlimmer als dieß iſt— ich habe auch dich zu Grunde gerichtet, für die ich alles auf's Spiel ſetzte. Wenn wir Bettler ſind—!“ „Was iſt es dann, wenn wir es ſind?“ ſagte das Kind kühn.„Mögen wir auch Bettler ſeyn, wenn wir nur glücklich ſind.“ ——C—C—⸗—⸗—⸗—⸗—⸗—⸗—⸗—x—x—x—x—xxxℳ 345 „Bettler— und glücklich!“ entgegnete der alte Mann.„Armes Kind!“ „Lieber Großvater,“ rief das Mädchen mit einem Feuer, das in ihrem glühenden Geſichte, ihrer zittern⸗ den Stimme und in ihrer Geberde wiederſtrahlte, „ich bin, glaube ich, hierin kein Kind; aber ſelbſt wenn ich es bin— ach, laſſen Sie ſich erflehen, wir wollen lieber betteln, lieber auf offener Straße oder auf freiem Felde arbeiten, um einen ſpärlichen Lebens⸗ unterhalt zu verdienen, als ſo wie bisher fortleben.“ „Nelly! u ſagte der alte Mann. „Ja, ja, es iſt viel beſſer, als ein Leben wie jetzt das unſrige,“ wiederholte das Kind noch ernſter als zuvor.„Wenn Sie Kummer drückt, ſo laſſen Sie mich den Grund wiſſen und ich will ihn tragen helfen. Wenn Sie dahinſchwinden und jeden Tag blaſſer und ſchwächer werden, ſo will ich Ihre Pflege⸗ rin ſeyn und es verſuchen, Sie zu tröſten. Wenn Sie arm ſind, ſo wollen wir mit einander arm ſeyn; aber laſſen Sie mich bei Ihnen bleiben— laſſen Sie mich bei Ihnen bleiben, denn wenn ich einen ſolchen Wechſel mit anſehen muß, ohne zu wiſſen warum, ſo bricht mir das Herz und ich ſterbe. Lieber Groß⸗ vater, wir wollen dieſen traurigen Ort morgen ver⸗ laſſen und uns von Thüre zu Thüre weiter betteln.“ Der alte Mann bedeckte das Geſicht mit ſeinen Händen und verbarg es in dem Kiſſen des Ruhe⸗ bettes, auf welchem er lag. „Mögen wir immerhin Bettler ſeyn!“ ſagte das Kind, indem es den Arm um ſeinen Nacken ſchlang. „Ich habe keine Furcht, daß wir nicht genug haben werden, um zu leben; denn gewiß, das wird nicht der Fall ſeyn. Wir wollen auf's Land gehen, im freien Felde und unter Bäumen ſchlafen, und nie wieder an Geld oder an ſonſt Etwas denken, was Sie traurig machen kann, ſondern Nachts die Ruhe genießen, Tags die Sonne und die freie Luft im Ge⸗ ſichte haben und Gott gemeinſchaftlich dafür danken. Wir wollen nie mehr einen Fuß in dunkle Gemächer und melancholiſche Häuſer ſetzen, ſondern auf⸗ und abwandern, wo immer es uns gefällt, und wenn Sie müde ſind, ſo wählen Sie Sich den angenehm⸗ ſten Ort, den wir finden können, zur Ruhe aus, während ich hingehe, um für uns Beide zu betteln.“ Die Stimme des Kindes verlor ſich in ein Schluch⸗ zen, während ſie das Haupt auf den Nacken des alten Mannes niederſinken ließ— aber ſie weinte nicht allein. Dieß waren keine Worte für andere Ohren, und ebenſowenig war es ein Schauſpiel für andere Augen. Und doch waren andere Augen und Ohren zugegen, welche gierig alles, was vorging, einſogen, und was noch mehr als alles war— dieſe Ohren und Augen gehörten keiner geringeren Perſon, als Herrn Daniel Quilp an, der in dem Augenblicke, als das Kind zum erſtenmal an die Seite des alten Mannes getreten, unbemerkt in's Zimmer gekommen war und ſich— ohne Zweifel aus Beweggründen 347 der reinſten Delikateſſe— klüglich enthalten hatte, das Geſpräch zu unterbrechen, indem er nur mit ſeinem gewohnten Grinſen den Zuſchauer ſpielte. Da jedoch das Stehen eine beſchwerliche Haltung für einen bereits vom Gehen ermüdeten Menſchen iſt und außerdem der Zwerg zu jenem Leuteſchlag gehörte, der ſich allenthalben gleich zu Hauſe findet, ſo erfaßte ſein Auge bald einen Stuhl, auf den er mit ungemeiner Behendigkeit hüpfte, dabei ſich der Lehne als des Sitzes und des Polſters als eines Schemels bedienend, und ſetzte ſich auf dieſe Weiſe in den Stand, mit deſto größerer Bequemlichkeit zuhören und zuſehen zu können— eine Lage, welche zu gleicher Zeit ſeinem Geſchmacke entſprach, etwas Phantaſtiſches und Affen⸗ artiges zu treiben, den er bei allen thunlichen Ge⸗ legenheiten in Anwendung brachte. Da ſaß er alſo, das eine Bein nachläſſig über das andere geſchlagen, das Kinn auf die Fläche ſeiner Hand geſtützt, den Kopf ein wenig zur Seite gedreht und die häßlichen Züge zu einer lieblichen Fratze verzerrt. Und dieſe Stellung war es, in welcher ihn endlich der alte Mann zu ſeinem unbegrenzten Erſtaunen erblickte, als im Ver⸗ laufe des Geſpräches ſeine Blicke die Richtung nach dieſer Seite einſchlugen. Die Kleine ſtieß einen unterdrückten Schreckens⸗ ruf aus, als ſie die liebenswürdige Geſtalt erblickte. In ihrer erſten Ueberraſchung wußten weder ſie noch der alte Mann, was ſie ſagen ſollten, und halb die Wirklichkeit dieſer Erſcheinung bezweifelnd, ſahen ſie mit beklommenem Herzen nach ihr auf. Nicht im mindeſten durch dieſe Aufnahme in Verlegenheit ge⸗ ſetzt, behielt Daniel Quilp dieſe Haltung bei, indem er dem Paare nur zwei oder dreimal herablaſſend zunickte. Endlich ſprach der alte Mann ſeinen Namen aus und fragte ihn, wie er hieher komme. „Durch die Thüre,“ ſagte Quilp, indem er mit dem Daumen über ſeine Schulter deutete.„Ich bin nicht ganz ſo klein, um durch Schlüſſellöcher kriechen zu können, obgleich ich wollte, daß ich es wäre. Ich habe etwas Beſonderes mit Ihnen zu ſprechen — und zwar im Geheim, es darf Niemand anweſend ſeyn, Nachbar. Gott befohlen, kleine Nelly.“ Nell ſah den alten Mann an, welcher ihr winkte, ſich zu entfernen, und ſie auf die Wange küßte. „Ah!“ ſagte der Zwerg, mit den Lippen ſchmatzend, „was das für ein prächtiger Kuß war— gerade auf die roſige Stelle. Welch ein kapitaler Kuß!“ Dieſe Bemerkung trug keineswegs dazu bei, Nelly's Entfernung zu verzögern. Quilp ſah ihr mit einem bewundernden Schielen nach, und als ſie die Thüre geſchloſſen hatte, begann er, dem alten Manne wegen ihrer Reize Complimente zu machen. „So eine friſche, erblühende, beſcheidene, kleine Knoſpe, Nachbar,“ fuhr Quilp fort, ſein kleines Bein ſtreichelnd und bedeutend mit den Augen blin⸗ zelnd;„ſo eine kuppelige, roſige, koſige, kleine Nell!“ Der alte Mann antwortete mit einem erzwunge⸗ nen Lächeln und kämpfte augenſcheiulich mit einem 349 Gefühl der peinlichſten Ungeduld. Dieß kam Quilp ſehr gelegen, da er eine Luſt darin fand, ihn, oder überhaupt Jeden, den er konnte, zu quälen. „Sie iſt“— fuhr Quilp langſam fort, indem er that, als ſey er von dem Gegenſtand ganz hin⸗ genommen— p„ſie iſt ſo klein, ſo feſt gebaut, ſo ſchön modellirt, ſo hübſch, hat ſo zarte blaue Adern, eine ſo durchſcheinende Haut, ſo kleine Füße und ſo gewinnende Manieren;— aber Gott helfe mir— Sie ſind nervenſchwach. Ei, Nachbar, was gibt's? ich ſchwöre Ihnen,“ fügte der Zwerg bei, indem er mit einer langſamen Sorgfalt, welche ſehr verſchieden von der Raſchheit war, womit er früher ungehört hinan geklettert war, von dem Stuhle herunter ſtieg und ſich wie andere Leute darauf niederſetzte,„ich ſchwöre Ihnen, daß ich nie gedacht hätte, altes Blut könne noch ſo ſchnell fließen und ſo heiß ſeyn. Ich meinte, es ſey träge in ſeinem Lauf und kühl, ganz kühl. Gewiß ſollte es auch ſo ſeyn. Das Ihrige kann ſich nicht in der gehörigen Ordnung befinden.“ „Ich glaube das ſelbſt auch,“ ſtöhnte der alte Mann, die Hände an ſeinen Kopf legend.„Es brennt hier ein Fieber, und bisweilen auch etwas, dem ich keinen Namen zu geben wage.“ Der Zwerg ſprach kein Wort, ſondern beobachtete den Alten, wie er eine Weile im Zimmer auf und ab ging und dann wieder zu ſeinem Sitze zurück⸗ kehrte. Hier blieb er, den Kopf auf die Bruſt nieder⸗ gebeugt, bis er ihn endlich wieder erhob und die Frage ſtellte: „Noch einmal, und ein fuͤr allemal— haben Sie mir Geld gebracht?“ „Nein,“ antwortete Quilp. „Dann,“ rief der alte Mann, indem er ver⸗ zweifelnd die Hände rang und gen Himmel blickte, „dann ſind wir Beide, das Kind und ich, verloren!“ „Nachbar,“ ſagte Quilp, indem er ihm einen ſtrengen Blick zuwarf und zwei oder drei Mal mit der Hand auf den Tiſch ſchlug, um deſſen unſtäte Gedanken auf ſich zu ziehen,„wir wollen offen mit einander reden und ein ehrlicheres Spiel mit einander ſpielen, als zur Zeit, wo Sie alle Karten hatten und ich nichts als die Rückſeite davon ſehen konnte. Sie haben jetzt kein Geheimniß mehr vor mir.“ Der alte Mann ſah zitternd auf. „Das nimmt Sie Wunder?“ fuhr Qullp fort. „Nun, ich ſollte das begreiflich finden. Ich ſage Ihnen noch einmal, Sie haben jetzt kein Geheimniß mehr vor mir— nein, nicht eines. Ich weiß nun, daß alle jene Geldſummen, alle jene Anlehen, Vor⸗ ſchüſſe und Unterſtützungen, welche Sie von mir er⸗ halten haben, ihren Weg zum— ſoll ich das Wort nennen?“ „Sey's drum!“ rief der alte Mann;„ſagen Sie es, wenn Sie wollen.“ „Zum Spieltiſche eingeſchlagen haben,“ ergänzte Quilp.„Das war Ihr nächtliches Treiben; das war — 351 Ihr koſtbarer Plan, ſich zu bereichern; das war die geheime, zuverläßige Quelle, aus denen Schätze fließen ſollten, und die mein Geld verſchlungen haben würden, wenn ich der Narr geweſen wäre, für den Sie mich hielten. So ſah es alſo mit ihrer unerſchöpf⸗ lichen Goldmine— mit Ihrem Eldorado aus, hä?“ „Ja,“ rief der alte Mann, ſich mit funkelnden Augen gegen ihn wendend;„das war es, das iſt es und wird es bleiben, bis ich ſterbe!“ „Daß ich mich auch ſo verblenden laſſen konnte“ — ſagte Quilp, ihm einen Blick der Verachtung zuwerfend—„von einem bloßen, ſchwachköpfigen Spieler!“ „Ich bin kein Spieler,“ entgegnete der alte Mann ungeſtüm.„Ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ich nie um eigenen Gewinnes oder um der Liebe zum Spiele willen ſpielte, und daß ich mir bei jedem Einſatz den Namen jener Waiſe zuflüſterte und den Himmel anrief, das Wagniß zu ſegnen, was er aber niemals that. Was für Leute hat er be⸗ günſtigt? Wer waren die, mit welchen ich ſpielte? Menſchen, welche von Raub, Verworfenheit und Schwelgerei lebten, die ihr Gold in ſchlimmen Thaten und in Verbreitung des Laſters und der Sünde ver⸗ geudeten! Ihnen hätte ich abgewonnen, und der Gewinn wäre bis auf den letzten Heller einem jungen, engelreinen Kind zugefloſſen, deſſen Leben er verfüßt und glücklich gemacht haben würde. Was konnte er ihnen bringen? Weiter Nichts, als die Mittel zu 3⁵² Verworfenheit, Niederträchtigkeit und Elend. Wer hätte in einer ſolchen Sache nicht hoffen ſollen? Sagen Sie mir, wer würde da nicht wie ich gehofft haben?“ „Wann haben Sie zuerſt dieſe tolle Laufbahn begonnen?“ fragte Quilp, deſſen Hang zum Hohn für einen Augenblick durch den Kummer und das Ungeſtüm des alten Mannes zum Schweigen gebracht wurde. „Wann ich zuerſt begann?“ verſetzte er, mit der Hand über die Stirne fahrend.„Wann war es doch? Hätte es wohl zu einer andern Zeit geſchehen können, als wo ich zu denken begann, wie wenig ich erſpart hatte, wie lange es anſtehen müßte, bis ich überhaupt nur etwas erſparte, wie kurz mir meine Tage noch zugemeſſen wären und wie ich ſie der unfreundlichen Gnade der Welt überlaſſen müßte, ohne in einem hinreichenden Beſitz zu ſeyn, um die Sorgen, welche der Armuth harren, von ihr fern zu halten. Damals begann ich, daran zu denken.“ „Nachdem Sie alſo zum erſtenmal zu mir kamen, um ihren köſtlichen Enkel auf die See packen zu laſ⸗ ſen?“ ſagte Quilp. „Kurz nachher,“ entgegnete der alte Mann⸗ „Ich trug mich lange Zeit damit, und Monate lang war es der allnächtliche Gegenſtand meiner Träume. Dann erſt fing ich an. Ich fand kein Vergnügen daran und erwartete auch keines. Was hat es mir je anders gebracht, als ſorgenvolle Tage, ſchlafloſe — 353 Nächte, den Verluſt der Geſundheit und des Seelen⸗ friedens, und den Gewinn von Gebrechlichkeit und Kummer!“ „Sie verloren zuerſt ihr erſpartes Geld und dann kamen Sie zu mir. Während ich glaubte, Sie machten Ihr Glück(wie Sie mir weis machten), machten Sie Sich zum Bettler— hä? Ei du mein Himmel! Und ſo kömmt es, daß ich jede Sicherheit, die Sie zuſammenbringen können, in Handen habe, nebſt einer Verſchreibung auf den Verkauf des— des ganzen Waarenlagers und Eigenthums,“ ſagte Quilp, indem er aufſtand und um ſich ſchaute, als wolle er ſich überzeugen, daß nichts weggekommen ſey.„Aber haben Sie nie gewonnen?“ „Nie!“ ſtöhnte der alte Mann.„Nie auch meinen Verluſt zurückgewonnen!“ „Ich meinte,“ höhnte der Zwerg,„wenn man lang genug ſpiele, ſo müſſe man endlich ſicher ge⸗ winnen, oder im ſchlimmſten Fall ohne Verluſt davon kommen.“ „So iſt es auch,“ rief der alte Mann, ſich plötzlich aus ſeinem Zuſtand von Verzweiflung auf⸗ raffend und in die ungeſtümſte Verzweiflung über⸗ gehend,„ſo iſt es auch. Ich habe das von Anfang an gefühlt, ich wußte es immer, ich habe es mit an⸗ geſehen, und nie fühlte ich mich auch nur halb ſo ſtark, als in dem gegenwärtigen Augenblicke. Quilp, es hat mir drei Nächte von dem Gewinn der näm⸗ lichen großen Summe geträumt. Ich konnte vorher Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 23 354 nie ſo träumen, obgleich ich es oft verſuchte. Ver⸗ laſſen Sie mich jetzt nicht, da mir dieſes Glück in Ausſicht ſteht. Ich kann zu Niemand Anders meine Zuflucht nehmen; helfen Sie mir mit etwas aus, laſſen Sie mich dieſe einzige, letzte Hoffnung ver⸗ ſuchen!“ Der Zwerg zuckte ſeine Achſeln und ſchüttelte den Kopf. „Quilp, guter, edelmüthiger Quilp,“ fuhr der Alte fort, indem er mit zitternden Händen einige Papierſtreifen aus der Taſche zog und den Arm des Zwerges faßte.„Sehen Sie einmal her, betrachten Sie dieſe Ziffern, das Reſultat langer Berechnung und einer ſchweren, ſchmerzlichen Erfahrung. Ich muß gewinnen; ich bedarf nur einmal noch einer kleinen Unterſtützung— weniger Pfunde— nur vierzig Pfund, lieber Quilp.“ „Der letzte Vorſchuß betrug ſiebenzig,“ erwiederte der Zwerg,„und dieſe gingen in einer Nacht darauf.“ 4„Ich weiß es,“ verſetzte der alte Mann;„aber damals hatte ich das allerſchlechteſte Glück und die Zeit war noch nicht gekommen. Quilp, bedenken Sie, bedenken Sie doch,“ rief der alte Mann mit einem Zittern, daß die Papiere in ſeiner Hand rauſchten, als würden ſie vom Winde hin und her gejagt— „jenes verwaiste Kind. Wenn ich allein wäre, ſo wollte ich mit Freuden ſterben— vielleicht würde ich ſogar einer Beſtimmung vorgreifen, die ſo ungleich vertheilt iſt, indem ſie den Stolzen und Glücklichen 3⁵⁵ in der Fülle ſeiner Kraft ereilt und den Bedürftigen, den Elenden und Jeden, der in ſeiner Verzweiflung um ſie wirbt, vermeidet. Aber was ich gethan habe, i*ſt für ſie geſchehen. Helfen Sie mir, ich beſchwöre Sie, um ihretwillen— nicht um meiner, blos um ihretwillen!“ „Ich bedaure, daß ich in der Stadt ein Geſchäft habe,“ ſagte Quilp, mit vollkommener Ruhe auf ſeine Uhr ſehend,„ſonſt würde es mich ſehr gefreut haben, noch eine halbe Stunde bei Ihnen zu ver⸗ weilen, bis Sie ruhiger geworden wären— gewiß, ſehr gefreut.“ „Nein, Quilp, guter Quilp,“ keuchte der alte Mann, indem er den Zwerg an den Rockſchöſſen faßte,„wir haben mehr als einmal mit einander die Geſchichte ihrer armen Mutter beſprochen. Die Furcht vor ihrer Verarmung iſt vielleicht dadurch in mir geweckt worden. Behandeln Sie mich nicht ſo hart und nehmen Sie noch das mit in Rechnung. Sie haben viel an mir gewonnen. Oh, leihen Sie mir das Geld für dieſe einzige, letzte Hoffnung!“ „Ich könnte es in der That nicht thun,“ ent⸗ gegnete Quilp mit ungewöhnlicher Höflichkeit; ndoch will ich Ihnen was ſagen— und das iſt ein Um⸗ ſtand, den man ſich wohl merken darf, da er zeigt, wie auch der Scharfſichtigſte bisweilen irren kann— ich ließ mich durch die ärmliche Lebensweiſe täu⸗ ſchen, die Sie— allein mit Nelly— führten.“ „Alles dieß geſchah, um Geld zu erſparen und 23* — das Glück verſuchen zu können, damit ihr Triumph nachher um ſo großer ſey,“ rief der alte Mann. „Ja, ja, ich begreife das jetzt wohl,“ ſagte Quilp; nich wollte jedoch ſagen, daß ich mich täuſchen ließ durch ihre filzige Lebensweiſe, durch den Ruf, deſſen Sie unter Solchen genoßen, welche Sie als reich kannten, und durch Ihre wiederholten Verſicherungen, Sie könnten aus meinen Vorſchüſſen das mir bezahlte Intereſſe drei und vierfach ziehen; ja, ich würde ihnen ſogar jetzt noch das, was Sie brauchten, auf Ihre einfache Handſchrift hin, vorge⸗ ſchoſſen haben, obgleich ich Grund hatte, die Sache für nicht ganz geheuer zu halten, wenn ich nicht ganz unerwartet mit Ihrer geheimen Lebensweiſe bekannt geworden wäre.“ „Wer iſt es,“ erwiederte der alte Mann,„der Ihnen, ungeachtet aller meiner Vorſicht, dieß ſagte. Nennen Sie mir den Namen— die Perſon.“ Der ſchlaue Zwerg überlegte, daß das Ver⸗ rathen des Kindes zu einer Enthüllung des Kunſt⸗ griffes, den er angewendet hatte, führen dürfte, und da nichts dabei zu gewinnen war, ſo hielt er es für gut, ihn geheim zu halten. Er zögerte deßhalb eine Weile und ſagte: „Nun, wer glauben Sie wohl?“ „Es war Kit— es muß der Junge geweſen ſeyn. Er machte den Spion und Sie ſpielten mit ihm unter der Decke,“ entgegnete der alte Mann. „Wie, konnten Sie doch gleich auf ihn verfallen?“ 357 verſetzte der Zwerg im Tone des Mitleids,„ja, es war Kit, der arme Kit!“ Nach dieſen Worten nickte er freundlich mit dem Kopf und verabſchiedete ſich; ſobald er aber die Hausthür ein wenig hinter ſich hatte, blieb er ſtehen und grinste mit außerordentlichem Vergnügen. „Der arme Kit!“ murmelte Quilp.„Ich glaube, es war Kit, welcher ſagte, ich ſey ein häß⸗ licherer Zwerg, als man irgendwo für einen Penny einen ſehen könne— ha, ha, ha! der arme Kit!“ Und dann ging er ſeines Weges, noch immer ſtill vor ſich hin kichernd. Der Naritätenladen. Zehntes Kapitel. Daniel Quilp hatte das Haus des alten Mannes weder unbemerkt betreten, noch verlaſſen. In dem Schatten eines gegenüberliegenden Bogenweges, wel⸗ cher zu einem der vielen, von der Hauptſtraße ab⸗ beugenden Durchgänge führte, lungerte Jemand, der mit dem anbrechenden Zwielicht dort Poſto gefaßt hatte und noch immer mit unermüdlicher Geduld ausharrte; er lehnte in der Weiſe eines Menſchen, 358 der Zeit zu warten hat und zu ſehr daran gewöhnt iſt, um ſich nicht ganz reſignirt darein zu ergeben, an der Mauer, und änderte wohl eine Stunde kaum das Mindeſte in ſeiner Haltung. „ Der geduldige Müſſiggänger zog eben ſo wenig die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden auf ſich, als er ſelbſt auf ſie Acht gab. Seine Augen waren ohne Unterlaß auf einen Gegenſtand gerichtet— nämlich auf das Fenſter, an welchem das Kind zu ſitzen pflegee. Wenn er ſie einen Augenblick ab⸗ wandte, ſo geſchah es nur, um nach der Uhr eines benachbarten Ladens zu ſehen, worauf er ſie jedoch wieder mit größerem Ernſte und erhöhter Auf⸗ merkſamkeit in die alte Richtung gleiten ließ. Wir haben bereits bemerkt, daß die genannte Perſon in ihrem Schlupfwinkel durchaus keine Müdigkeit zu erkennen gab, und dieß dauerte auch die ganze Zeit ſeines Wartens über. Als jedoch die Nacht vorrückte, zeigte er einige Beſorgniß und Ueberraſchung, indem er häufiger auf die Uhr, und weniger hoffnungsvoll, als zuvor, nach dem Fenſter ſchaute. Endlich wurde die Uhr durch ein paar neidiſche Läden ſeinen Blicken entzogen; dann verkündeten die Kirchthurmglocken Eilf, dann ein Viertel auf Zwölf, und nun ſchien ſich ihm die Ueberzeugung aufzudringen, daß es zu nichts führen würde, länger zu harren. Daß dieſe Ueberzeugung eine unwillkommene, und daß er noch immer nicht ſehr geneigt war, 359 ihr nachzugeben, dieß erhellte aus ſeinem Wider⸗ ſtreben, den Ort zu verlaſſen, aus den trägen Schritten, mit denen er oft von dannen ging, ſtets aber über die Achſel nach demſelben Fenſter ſchaute, und aus der Eile, mit der er eben ſo oft wieder zurückkehrte, wenn ein eingebildetes Geräuſch, oder das wechſelnde und unvollkommene Licht ihn auf den Glauben brachte, es ſey leiſe geöffnet worden. Endlich gab er die Hoffnung für dieſe Nacht auf, fing plötzlich zu rennen an, als ob er ſich mit Ge⸗ walt losmachen wollte, und jagte in größter Eile davon, ohne auch nur ein einziges Mal einen Rück⸗ blick zu wagen, damit er nicht abermals umſonſt verſucht werden möchte. Ohne in ſeiner Eile abzulaſſen, oder auch nur inne zu halten, um Athem zu ſchöpfen, ſchlüpfte dieſes geheimnißvolle Individuum durch viele Straßen und Gäßchen, bis es endlich auf einem gepflaſterten, in's Geviert gebauten Hofe, anlangte, wo es ſeine Schritte zu einem gewöhnlichen Gange ermäßigte. Vor einem kleinen Hauſe, aus deſſen Fenſter noch Licht ſchien, machte es Halt, drückte auf die Thür⸗ klinge und trat ein. „Gott ſteh' uns bei!“ rief eine Frau, raſch ſich umwendend;„wer iſt das? Ha! biſt du's, Kit?“ „Ja, Mutter, ich bin's.“ „Aber wie müde du ausſiehſt, mein Lieber.“ „Der alte Herr iſt heute Abend nicht ausge⸗ 360 gangen,“ ſagte Kit;„und ſie hat ſich die ganze Zeit über nicht am Fenſter blicken laſſen.“ So ſprechend, ſetzte er ſich mit trauriger und mißvergnügter Miene am Feuer nieder. Das Ge⸗ mach, worin Kit in einer ſolcher Stimmung Platz nahm, war ein ungemein ärmlicher und einfacher Ort, obgleich er, trotz dem, jenes behagliche Aus⸗ ſehen bot, welches, wenn ein ſolcher Ort anders nicht unter aller Beſchreibung ſchlecht iſt, Reinlich⸗ keit und Ordnung ſtets in einem gewiſſen Grade mittheilen. Auf eine ſo ſpäte Stunde auch die Schwarz⸗ wälderuhr deutete, ſo war die alte Frau noch immer emſig mit Bügeln beſchäftigt; ein junges Kind lag in einer Wiege ſchlafend neben dem Herde, und ein anderes, ein ſtämmiger Knabe von zwei oder drei Jahren, wachte noch hellauf in ſeinem engen Schlafhäubchen auf dem Kopf und einem für ſeinen Körper viel zu kleinen Nachtkittelchen auf dem Leibe, und ſaß aufrecht in einem Wäſchkorb, mit ſeinen großen, runden Augen über den Rand wegguckend und ganz ſo ausſehend, als habe er gar nicht im Sinne, wieder einzuſchlafen— ein Umſtand, welcher ſeinen Verwandten und Freunden eine erfreuliche Ausſicht eröffnete, da der Knabe bereits wegen ſeiner Abneigung, der natürlichen Ruhe zu genießen, aus dem Bette hatte genommen werden müſſen. Es war eine etwas wunderlich ausſehende Familie— Kit, ſeine Mutter und die Kinder, denn alle waren ſich ſprechend ähnlich. 361 Kit war aufgelegt, übellaunig zu ſeyn, wie es oft den Beſten von uns zu gehen pflegt— aber er ſah auf das jüngſte Kind, welches ſich eines ge⸗ ſunden Schlafes erfreute, und von dieſem auf ſeinen andern Bruder in dem Wäſchekorb, dann auf ſeine Mutter, welche ſich, ohne zu klagen, ſeit dem frühen Morgen abgearbeitet hatte, und ſo dachte er, es dürfte wohl beſſer und freundlicher von ihm ſeyn, wenn er gut gelannt wäre. Er ſetzte daher die Wiege mit dem Fuß in Gang, ſchnitt dem Rebellen im Wäſchekorb eine Fratze, was ihn, augenblicklich in den beſten Humor verſetzte, und faßte den männ⸗ lichen Entſchluß, redſelig zu ſeyn und ſich ange⸗ nehm zu machen. „Ach, Mutter,“ ſagte Kit, indem er ſein Schnappmeſſer herauszog und über ein großes Stück Brod und Fleiſch herfiel, das ſchon ſeit einer Stunde für ihn bereit war,„was Ihr doch für eine Mutter ſeyd! Ich ſtehe dafür, daß es nicht viele Solche gibt.“ „Hoffentlich gibt es ihrer noch viel beſſere, Kit,“ verſetzte Frau Nubbles;„das iſt ſo, oder ſollte doch ſo ſeyn, nach dem, was der Pfarrer in der Kapelle ſagt. u „Der wird viel davon wiſſen,“ entgegnete Kit verächtlich.„Wir wollen warten, bis er eine Wittwe iſt und arbeiten muß wie Ihr, und ſo wenig kriegt, und ſo viel thut, und eben ſo wenig den Muth ver⸗ liert, und dann will ich ihn fragen, wie viel Uhr 36² es iſt, und ihm glauben, daß er's auf eine halbe Sekunde hin trifft.“ „Laß das,“ ſagte Frau Nubbles, um das Thema abzubrechen.„Dein Bier ſteht unten bei der Kaminplatte, Kit.“ „Richtig,“ verſetzte der Sohn, indem er den Porterkrug hervorholte.„Auf meine Liebe zu Euch, Mutter! Und auch des Pfarrers Geſundheit, wenn Ihr ſo wollt! Ich habe keinen Groll auf ihn— gewiß nicht.“ 3 „Haſt du nicht eben geſagt, daß dein Herr die⸗ ſen Abend nicht ausgegangen ſey?“ fragte Frau Nubbles. „Ja,“ antwortete Kit;„ſchlimm genug.“ „Mich deucht, du ſollteſt lieber ſagen, um ſo beſſer,“ entgegnete ſeine Mutter,„weil nun Miß Nelly nicht allein ſeyn muß.“ „Ach, darauf habe ich vergeſſen,“ ſagte Kit. „Ich ſagte,„ſchlimm genug,“ weil ich ſeit acht Uhr unabläſſig harrte und nichts von ihr zu ſehen kriegte.“ „Ich möchte wohl wiſſen, was ſie ſagte,“ rief ſeine Mutter, indem ſie in ihrer Arbeit inne hielt und umher ſchaute,„ſobald ſie wüßte, daß du jede Nacht, wenn ſie, das arme Ding— allein an jenem Fenſter ſitzt, auf der offenen Straße Schild⸗ wache ſtehſt, aus Furcht, es möchte ihr ein Leids 36³ geſchehen, und daß du, wie müde du auch ſeyn magſt, nicht von der Stelle weichſt oder heim nach deinem Bette gehſt, bis du glaubſt, daß ſie wohl⸗ behalten in dem ihrigen liegt.“ „Kümmert Euch nicht darum, was ſie ſagen würde,“ erwiederte Kit, mit einem Anflug von Er⸗ röthen auf ſeinem ungeſchlachten Geſichte;„ſie wird es nie erfahren, und daher auch nie etwas ſagen.“ Frau Nubbles bügelte ſchweigend einige Mi⸗ nuten fort, begab ſich dann wegen eines andern Eiſens nach dem Kamin und blickte verſtohlen auf Kit, während ſie es auf einem Brette abrieb und mit einem Lappen abſtäubte, ohne jedoch etwas zu ſagen, bis ſie wieder zu ihrem Tiſche zurückgekehrt war; nun hielt ſie das Eiſen in einer beunruhigend kleinen Entfernung gegen ihre Wangen, um ſeine Temperatur zu erproben, blickte lächelnd umher und bemerkte: „Ich weiß, was gewiſſe Leute ſagen würden, Kit—“ „Poſſen,“ fiel ihr Kit in's Wort, der voll⸗ kommen begriff, was nun folgen ſollte. „Nein, aber ſie würden’'s in der That thun. Ge⸗ wiſſe Leute würden ſagen, du ſeyſt in ſie verliebt; ich weiß, das würden ſie.“ Kit antwortete hierauf nur durch ein verſchäm⸗ tes:„ach, Mutter, geht mir weg,“ und bildete unterſchiedliche wunderliche Figuren mit ſeinen Armen und Beinen, von ſympathetiſchen Verdre⸗ hungen ſeines Geſichtes begleitet. Da ihm aber dieſe Mittel die geſuchte Erleichterung nicht boten, ſo biß er von dem Brod und Fleiſch einen unge⸗ heuren Mund voll ab, und that einen raſchen Zug aus der Porterkanne, durch welche künſtliche Beihülfe er ſich beinahe erſtickte und eine Abſchweifung von dem Gegenſtand erwirkte. „Aber ernſthaft geſprochen, Kit,“ ſagte die Mutter, nach einer Weile das Thema von Neuem aufnehmend,„denn natürlich war es eben erſt nur ein Scherz von mir: es iſt ſehr gut und verſtändig von dir, und es ſieht dir gleich, ſo zu handeln, daß du es Niemand wiſſen läßeſt, obgleich ich hoffe, daß ſie es eines Tags erfahren wird; denn ich bin überzeugt, ſie würde dir ſehr dankbar dafür ſeyn und es wohl zu ſchätzen wiſſen. Es iſt grauſam, das liebe Kind ſo eingeſperrt zu halten, und ich wundere mich nicht mehr, daß der alte Herr es vor dir geheim halten will.“ „Was fällt Euch ein?“ entgegnete Kit;„er glaubt nicht, daß es grauſam iſt, und beabſichtigt auch nichts Solches, denn ſonſt würde er es gewiß nicht thun— ich ſchätze wohl, Mutter, er würde es nicht thun für alles Gold und Silber in der Welt. Nein, nein, er thäte es nicht. Ich kenne ihn beſſer, als ſo.“ „Aber weßhalb thut er's denn, und warum hält er ſie ſo von dir abgeſchloſſen?“ fragte Frau Nubbles. „Ich weiß es nicht,“ antwortete ihr Sohn. 365 „Wenn er es nicht verſucht hätte, ſo gar geheim damit vor mir zu thun, ſo würde ich es wohl nie ausfindig gemacht haben; aber eben der Umſtand, daß er mich Abends los zu werden ſuchte und mich immer viel früher fortſchickte, als er ſonſt zu thun pflegte, machte mich erſt begierig, zu erfahren, was vorging. Horch! was iſt das?“ „Es iſt nur Jemand draußen.“ „Es kömmt Jemand herüber—“ ſagte Kit horchend—„und noch obendrein ſehr ſchnell. Er kann doch nicht ausgegangen ſeyn, nachdem ich fort war, und ſollte vielleicht das Haus Feuer gefangen haben, Mutter?“ Der Knabe blieb einen Augenblick ſtehen, im eigentlichen Sinne aller Bewegungsfähigkeit beraubt bei der Befürchtung, die er herauf beſchworen hatte. Die Fußtritte kamen näher, die Thüre wurde mit haſtiger Hand aufgeriſſen, und das Kind ſelbſt, blaß und athemlos, nur eilig in etliche ungeordnete Klei⸗ der gehüllt, ſtürzte in die Stube. „Es iſt Miß Nelly! Was gibt es?“ riefen Mutter und Sohn zugleich. „Ich darf mich keinen Augenblick aufhalten,“ entgegnete ſte.„Der Großvater iſt ſehr übel ge⸗ worden; ich fand ihn in einem Anfall auf der Hausflur—„, „Ich will zu einem Doctor laufen—“ ſagte Kit, nach ſeinem krempenloſen Hut greifend.„Ich bin im Augenblick dort, ich will— 366 „Nein, nein,“ rief Nell; nes iſt ſchon einer da, man braucht dich nicht; aber du— du— mußt nie wieder in unſere Nähe kommen!“ „Was?“ rief Kit. „Nie wieder,“ verſetzte das Kind.„Frage mich nicht, warum, denn ich weiß es ſelbſt nicht. Ich bitte, frage mich nicht, warum! Bitte, laß dir's nicht zu Herzen gehen— und ſey nicht böſe über mich, denn ich bin in der That nicht Schuld daran!“ Kit ſah ſie mit weit aufgeſperrten Augen an und öffnete und ſchloß zu oft wiederholten Malen ſeinen Mund, ohne jedoch ein Wort hervorbringen zu können. „Er klagt und tobt über dich,“ ſagte das Kind. „Ich weiß nicht, was du gethan haſt, aber ich hoffe, es iſt nichts ſehr Böſes.“ „Ich gethan?“ brüllte Kit. „Er ruft, du ſeyſt die Urſache ſeines ganzen Unglücks,“ erwiederte das Kind mit thränenvollen Augen;„er ſchrie und zetterte über dich, und man ſagt, du dürfteſt ihm nicht in die Nähe kommen, ſonſt würde es ſein Tod ſeyn. Du mußſt daher nie wieder zu uns zurückkehren. Ich kam, um es dir zu ſagen, denn ich meinte, es wäre beſſer, wenn ich käme, als wenn es ein ganz Fremder thäte. O Kit, was haſt du gethan? Du, auf den ich ſo viel hielt, und der faſt mein einziger Freund war!“ Der unglückliche Kit blickte immer ſtarrer und ſtarrer auf ſeine junge Gebieterin, und ſeine Augen 367 wurden immer weiter und weiter; aber er blieb vollkommen ſtumm und regungslos. „Ich habe ihm ſein Wochengeld gebracht,“ fuhr das Kind, gegen die Frau gewandt, fort,„und— und— ein Bischen darüber, denn er war immer gut und freundlich gegen mich. Ich hoffe, er wird es bereuen und anderswo ſich gut aufführen, und wird ſich dieß nicht allzuviel zu Herzen nehmen. Es thut mir ſehr leid, daß ich mich ſo von ihm ver⸗ abſchieden muß, aber da läßt ſich nichts ändern, es muß geſchehen— gute Nacht!“ Mit entſtrömenden Thränen und am ganzen Leibe vor Aufregung zitternd— eine Folge der kürz⸗ lich erlebten Scene, des ausgeſtandenen Schreckens, des eben vollzogenen Auftrags und tauſend anderer ſchmerzlichen und ergreifenden Gefühle, eilte das zarte Kind nach der Thüre und entſchwand ſo ſchnell wieder, als es gekommen war. Die arme Frau, welche keine Urſache hatte, ihrem Sohne zu mißtrauen, ſondern im Gegentheil jeden Grund, auf ſeine Ehrlichkeit und Wahrheits⸗ liebe zu bauen, wurde doch etwas bedenklich, weil er kein einziges Wort zu ſeiner Vertheidigung vorge⸗ bracht hatte. Unbeſtimmte Gedanken an Liebelei, Schelmerei, Dieberei, und der Argwohn, daß ſeine nächtliche Abweſenheit vom Hauſe, für welche er einen ſo ſeltſamen Vorwand angegeben hatte, möchte in irgend einem unrechtmäßigen Beginnen ſeinen Grund haben, bedrängten ihr Gehirn, ſo daß ſie 368 ſich ſcheute, ihn zu fragen. Sie rückte händeringend auf dem Stuhle hin und her und weinte bitterlich; Kit jedoch machte keinen Verſuch, ſie zu tröſten, und blieb ganz verwirrt. Der Kleine in der Wiege wachte auf und weinte, der Knabe in dem Wäſche⸗ korb purzelte rückwärts heraus, und der Korb fiel über ihn, ſo daß nichts mehr von ihm geſehen wurde, die Mutter weinte laut und rutſchte noch ſchneller hin und her, aber der Lärm und Tumult machte auf Kit durchaus keinen Eindruck: er ver⸗ harrte in einem Zuſtand vollkommener Betäubung. Der Naritätenladen. Eilftes Kapitel. Ruhe und Einſamkeit ſollten nicht länger unun⸗ terbrochen weilen unter dem Dache, welches das Kind beſchützte. Des andern Morgens lag der alte Mann in einem heftigen Fieber, mit Delirien beglei⸗ tet, und unter dem Einfluſſe dieſer Krankheit dahin⸗ ſchwindend, ſchwebte er viele Wochen in größter Lebensgefahr. Man wachte wohl an ſeinem Bette, aber es war das Wachen von Fremden, die ein habgieriges Gewerbe daraus machten, und in den n⸗ as lte ei⸗ in⸗ ter tte, ein den 369 freien Stunden, welche ihnen der Dienſt bei dem kranken Manne ließ, ſich mit einer ſchauerlichen Zechgenoſſenſchaft zuſammenſetzten, aßen, tranken und ſich luſtig machten: denn Krankheit und Tod waren ihre gewöhnlichen Hausgöttinnen. Aber ungeachtet des Lärmens und des Gedränges einer ſolchen Zeit fühlte die Kleine ſich mehr als je allein: allein im Geiſte, allein in ihrer Anhänglichkeit an den, der auf ſeinem heißen Krankenlager ſich verzehrte, allein in ihrem unverſtellten Kummer und in ihrer uner⸗ kauften Theilnahme. Tag um Tag, Nacht um Nacht befand ſie ſich an dem Kiſſen des bewußtloſen Leiden⸗ den, ſtets jedem ſeiner Bedürfniſſe zuvorkommend und horchend auf die Wiederholungen ihres Namens und der Ausdrücke der Angſt und der Beſorgniſſe für ſie, welche immer in ſeinen Fieberphantaſteen die Haupt⸗ rolle ſpielten. Das Haus war nicht länger das ihrige. Selbſt die elende Krankenkammer ſchien ihnen nur als ein unſicheres Lehen, das von Herrn Quilp's Gunſt ab⸗ hing, überlaſſen zu ſeyn. Die Krankheit des alten Mannes hatte noch nicht lange gedauert, als er von dem Hauſe und allem Zugehöre, kraft gewiſſer dazu befähigenden, geſetzlichen Eigenſchaften, welche nur Wenige verſtanden und Niemand beanſtanden mochte, förmlich Beſitz nahm. Sobald dieſer Schritt unter dem Beiſtande eines Advokaten, welchen der Zwerg zu dieſem wichtigen Zwecke beigezogen hatte, geſchehen war, begann derſelbe ſich mit ſeinem Gefährten in Boz XI. Humphrey's Wanduhr. 24 370 2 dem Hauſe einzurichten, um ſeine Rechte gegen alle Nachkommenden zu behaupten, und dann ſchickte er ſich an, in ſeinen Quartieren ſich's nacj ſeiner Weiſe behaglich zu machen. Herr Quilp quartierte ſich zu dieſem Ende in der hintern Wohnſtube ein, nachdem er zuvor dem Naritätenkram durch Schließung des Ladens auf die wirkſamſte Weiſe ein Ende gemacht hatte. Unter dem alten Möbelwerk ſuchte er den ſchönſten und bequemſten Stuhl, der ſich auffinden ließ, zu ſeinem eigenen Gebrauche aus, wäͤhrend er ſehr rückſichts⸗ voll einen beſonders garſtigen und unbequemen zu Nutz und Frommen ſeines Freundes wählte und beide in das genannte Gemach bringen ließ, wo er mit großer Stattlichkeit ſeinen Sitz aufſchlug. Das Zim⸗ mer war ziemlich entfernt von der Kammer des alten Mannes, aber Herr Quilp hielt es für klug, als Vorſichtsmaßregel gegen Fieberanſteckung und als heilſame Räucherung nicht nur ſelbſt ohne Unterlaß Tabak zu rauchen, ſondern auch darauf zu beſtehen, daß ſein Rechtsfreund das Gleiche that. Außerdem ſchickte er auch einen Expreſſen nach dem Kai, um den gaukelnden Jungen herbeizuholen, welcher denn auch in aller Eile ankam und den Befehl erhielt, auf einem andern Stuhle in der Nähe der Thüre Platz zu nehmen, unaufhörlich aus einer von dem Zwerge zu dieſem Ende gekauften, großen Pfeife zu rauchen und ſich ja nicht zu unterſtehen, dieſelbe unter was immer für einem Vorwande auch nur — ⁰— 371 eine Minute aus dem Munde zu nehmen. Nachdem dieſe Vorkehrungen getroffen waren, ſah Herr Quilp mit kichernder Zufriedenheit umher und meinte, das nenne er einmal Comfort. Der Rechtsgelehrte, deſſen melodiſcher Name Braß lautete, hätte es wohl auch, zwei Vorbehalte abgerechnet, Comfort nennen können; der eine beſtand nämlich darin, daß er unter keinen Umſtänden behag⸗ lich in ſeinem Stuhle ſitzen konnte, weil derſelbe ſehr hart, eckig, ſchlüpfrig und ſchief war, der andere, daß der Tabakrauch ihm ſtets große Uebelkeit machte und er ihn daher von Grund ſeiner Seele aus nicht leiden konnte. Da er aber mit Haut und Haaren eine Creatur des Herrn Quilp war und tauſend Gründe hatte, deſſen Gunſt zu erhalten, ſo verſuchte er es, zu lächeln, und nickte, wohl oder übel, ſo beifällig, als er es zu thun vermochte. Dieſer Braß war ein Anwalt von nicht ſoönder⸗ lich gutem Rufe aus Bevis Marks in der City von London— ein hoher, magerer Mann mit einer Naſe wie eine Warze, einer hervorragenden Stirne Kin⸗ geſunkenen Augen und tiefrothen Haaren. Er ttug einen langen, ſchwarzen Ueberrock, der bis auf ſeine Knöcheln reichte, kurze, ſchwarze Beinkleider, hohe Schuhe und bläulicht graue, baumwollene Strümpfe. Er hatte ein kriechendes Weſen an ſich, abey eine ſehr rauhe Stimme, und ſein einſchmeichelndſtes Lächeln war ſo ungemein abſtoßend, daß man, wenn man einmal ſeine Geſellſchaft haben mußte, ihn lieber 24* übel gelaunt und im Zorne geſehen hätte, als in ſeinen complaiſanten Stimmungen.— Quilp ſah auf ſeinen Rechtsfreund, und als er bemerkte, wie er in ſeinem Pfeifenſieber ſehr viel blinzelte, wie er ſchauderte, wenn er ſich hin und wieder eines recht vollen Qualmes nicht zu erwehren vermochte, und wie er ohne Unterlaß mit dem Ta⸗ ſchentuch den Rauch von ſich weg fächelte, ſo war er ganz außer ſich vor Freude und rieb ſich entzückt die Hände. „Rauche wacker drauf los, du Galgenſtrick,“ ſagte Quilp zu dem Jungen;„ſtopfe dir deine Pfeife nochmals und rauche ſie ſchnell aus; hinunter bis zu dem letzten Zug, ſonſt brenne ich eine Siegelwachs⸗ ſtange an und reibe ſie dir glühend auf die Zunge.“ Zum Glück war der Junge ſtahlhart und würde einen kleinen Kalkofen ausgeraucht haben, wenn ihn Jemand damit traktirt hätte; er murmelte daher nur einige Trotzreden gegen ſeinen Meiſter und that, wie ihm befohlen worden. „Iſt es nicht gut, Braß? iſt es nicht hübſch? iſt es nicht würzig? fühlen Sie ſich nicht wie der Großtürke?“ fragte Quilp. Herr Braß dachte in ſeinem Innern, der Groß⸗ türke dürfte dann in dieſem Falle keineswegs ſehr zu beneiden ſeyn, ſagte aber nur, es wäre famos, und er zweifle nicht, daß es ihm ganz wie dieſem Poten⸗ taten zu Muthe ſey. „Dieß iſt die beſte Weiſe, das Fieber abzuhal⸗ A 373 ten,“ meinte Quilp,„oder überhaupt jede Calamität des Lebens zu verſcheuchen. So lange wir hier weilen, wollen wir keinen Augenblick davon ablaſſen — rauch' zu, du Hund, oder du ſollſt mir an der Pfeife erſticken.“ 8 „Werden wir lange hier bleiben, Herr Quilp?“ fragte ſein Rechtsfreund, als der Zwerg ſeinem Jun⸗ gen dieſe letzte höfliche Ermahnung ertheilt hatte. „Wir müſſen, glaube ich, aushalten, bis der alte Herr, welcher eine Treppe weiter oben liegt, todt iſt,“ antwortete Quilp. „Hä, hä, hä!“ lachte Herr Braß,„oh! ſehr gut!“ „Rauchen Sie nur zu!“ rief Quilp.„Nicht inne gehalten! Man kann auch während dem Rau⸗ chen ſprechen. Verlieren Sie keine Zeit.“ „Hä, hä, häl!“ greinte Braß halb ohnmächtig, indem er die verhaßte Pfeife wieder in den Mund ſteckte;„aber wenn er wieder auffommt, Herr Quilp?⸗ „Dann bleiben wir ſo lange, und nicht länger,“ entgegnete der Zwerg. „Wie freundlich es von Ihnen iſt, Sir, ſo lange zu warten!“ ſagte Braß.„Manche Leute, Sir, würden die Waaren verkauft oder fortgeſchafft haben — ach du mein Gott, in demſelben Augenblicke, wo es ihnen das Geſetz erlaubt hätte. Manche Leute würden ganz von Kieſelſtein und Granit geweſen ſeyn. Manche Leute, Sir, würden—⸗ 374 „Manche Leute würden ſich das Geplapper eines ſolchen Papagei's, wie Sie ſind, erſpart haben,“ fiel ihm der Zwerg in's Wort. „Hä, hä, hä!“ lachte Braß.„Wie Sie doch ſo witzig ſind!“ Jetzt ſiel die rauchende Schildwache an der Thüre ein und brummte, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen: „Da kömmt das Mädel herunter.“ „Wer ſagſt du, du Hund?“ ſagte Quilp. „Das Mädel,“ entgegnete der Junge;„ſeyd Ihr taub?“ „O,“ ſagte Quilp, indem er mit ſo viel Be⸗ hagen den Athem an ſich zog, als ob er Suppe zu. ſich näͤhme,„wir Beide wollen das gleich mit ein⸗ ander abgemacht haben; es gibt ſo etwas wie Riſſe und Beulen für dich, mein lieber junger Freund. Aha, Nelly! Wie geht's ihm gegenwärtig, mein Diamantenpüppchen?“ „Er iſt ſehr ſchlimm,“ verſetzte das Kind weinend. „Was das für eine hübſche kleine Nell iſt!“ rief Quilp. „O, ſchön, in der That ſchön,“ ſagte Braß. „Ganz bezaubernd!“ „Will ſie ſich ein wenig auf Quilp's Kniee ſetzen?“ ſagte der Zwerg, in einem beſchwatzenden Tone, wie er meinte,„oder geht ſie in ihr kleines Bettchen da drinnen— was will die arme Nell jetzt thun?“ 375 „Was für eine merkwürdige, angenehme Manier er hat, mit Kindern umzugehen!“ murmelte Braß, als ob er dieſe Bemerkung im Vertrauen der Zim⸗ merdecke mittheilen wollte;„auf mein Wort, es iſt ein wahrer Schmaus, ihm zuzuhören.“ „Ich will mich überhaupt nicht aufhalten,“ ſtotterte Nell.„Ich wollte nur Einiges aus dieſem Zimmer holen, und dann will— will— ich nie mehr herunterkommen.“ „Und ein ſehr hübſches, kleines Stübchen iſt es!“ ſagte der Zwerg, dem Kinde nachſchauend, als es hineingetreten war.„Ganz wie eine Laube. Weißſt du's auch gewiß, daß du keinen Gebrauch mehr davon machen wirſt? Weißſt du es auch gewiß, daß du nicht wieder zurückkömmſt, Nelly?“ „Nein,“ erwiederte das Kind, indem ſie mit den wenigen Kleidungsſtücken forteilte, welche ſie zu holen gekommen war;„nie wieder, nie wieder!“ „Sie iſt ſehr empfindlich,“ ſagte Quilp, ihr nach⸗ blickend,„ſehr empfindlich; und das iſt Schade. Die Bettſtatt hat ſo ziemlich meine Größe. Ich denke, ich werde es zu meinem Stübchen machen.“ Da Herr Braß dieſen Gedanken ermuthigte, wie er es bei jedem andern gemacht haben würde, der aus derſelben Quelle floß, ſo ging der Zwerg hinein, um einmal eine Probe zu machen, legte ſich, mit der Pfeife im Munde, rücklings auf das Bett und ſchlug, gewaltige Rauchwolken von ſich ſtoßend, mit den Beinen um ſich. Herr Braß lobte dieſe Attitüde 376 ungemein, und da das Bett weich und behaglich war, ſo kam Herr Quilp zu dem Entſchluſſe, es einmal als Schlafſtätte bei Nacht, und dann als eine Art Divan bei Tage zu benützen, und um es auf einmal zu dem letzteren Zweck einzuweihen, blieb er, wo er war, und rauchte ſeine Pfeife aus. Der Rechtsge⸗ lehrte war inzwiſchen etwas ſchwindelig und ideenver⸗ wirrt geworden(denn dieß war eine der Wirkungen des Tabakrauchens auf ſein Nervenſyſtem), weßhalb er die Gelegenheit wahrnahm, ein wenig in die friſche Luft zu ſchleichen, wo er ſich im Verlaufe der Zeit hinreichend erholte, um mit einem leidlich gefaßten Geſichte wieder zurückkehren zu können. Er wurde jedoch bald wieder durch den boshaften Zwerg ver⸗ anlaßt, ſich einen Rückfall an den Hals zu rauchen, und in dieſem Zuſtande ſtolperte er auf ein Canapee, wo er bis zum Morgen ſchlief. Dieß waren Herrn Quilp's erſte Heldenthaten nach Beſitznahme ſeines neuen Eigenthums. Er wurde nun einige Tage durch Geſchäfte verhindert, beſondere Tücken auszuüben, da ſeine erſte Zeit faſt ganz mit Aufnahme eines ausführlichen Inventariums der vorhandenen Güter(was unter dem Beiſtande des Herrn Braß geſchah) in Anſpruch genommen wurde, und dann mußte er auch einige andere Geſchäftsgänge machen, welche ihn glücklicherweiſe immerhin ein paar Stun⸗ den fern hielten. Da übrigens ſein Geiz und ſeine Vorſicht jetzt vollkommen wach waren, ſo blieb er nie eine Nacht aus dem Hauſe, und ſeine Ungeduld, — 377 daß die Krankheit des alten Mannes einmal zu einem Ende(ſey zu einem guten oder böſen) führen möchte, ſteigerte ſich immer mehr und mehr, ſo daß er der⸗ ſelben bald durch ein unverholenes Murren und Ausbrüche des Unwillens Luft zu machen begann. Nell bebte ſchuͤchtern zurück, ſo oft der Zwerg ein Geſpräch mit ihr anfangen wollte, und flüchtete ſich vor dem bloßen Tone ſeiner Stimme; aber auch das Lächeln des Advokaten war ihr nicht weniger ſchrecklich, als Quilp's Fratze. Sie lebte fortwährend in einer ſolchen Angſt und Beſorgniß, wenn ſie ſich außen blicken ließ, auf der Treppe oder in den Haus⸗ fluren einem oder dem andern dieſer Unholde zu be⸗ gegnen, daß ſie ſelten anders als bis in ſpäter Nacht die Kammer ihres Großvaters verließ, wo das Schwei⸗ gen ihr den Muth gab, ſich hinaus zu wagen und in irgend einem leeren Zimmer die reine Luft ein⸗ zuathmen. In einer Nacht hatte ſie ſich an ihr gewöhnli⸗ ches Fenſter geſtohlen und hing daſelbſt ihrem tiefen Kummer nach, weil der alte Mann einen gar ſchlimmen Tag gehabt hatte, als es ihr auf einmal vorkam, ſie höre ihren Namen von einer Stimme auf der Straße ausſprechen, und wie ſie hinunter ſchaute, erkannte ſie Kit, deſſen Bemühen, ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, ſie aus ihren trüben Gedanken geweckt hatte. „Miß Nell!“ ſagte der Knabe mit leiſer Stimme. „Ja,“ verſetzte die Kleine, zweifelhaft, ob ſie 378 ſich mit dem muthmaßlich Schuldigen in einen Ver⸗ kehr einlaſſen ſollte; ſie fühlte aber noch immer eine Zuneigung zu ihrem alten Liebling und fügte da⸗ her bei: „Was willſt du?“ „Ich wollte nach langer Zeit nur wieder ein Wort zu Ihnen ſagen,“ entgegnete der Knabe,„aber die Leute unten haben mich fortgetrieben und woll⸗ ten nicht zugeben, daß ich Sie ſehe. Sie glauben doch nicht— ich hoffe, Sie können unmöglich glau⸗ ben— daß ich verdiene, ſo verſtoßen zu werden, wie man mich verſtoßen hat. Oder glauben Sie es, Miß?“ „Ich muß es glauben,“ erwiederte das Kind. „Warum würde ſonſt mein Großvater ſo zornig über dich geweſen ſeyn?“ „Ich weiß das nicht,“ antwortete Kit; 3„aber ich weiß gewiß, daß ich es weder um ihn, noch um Sie verdient habe. So viel kann ich mit treuem und redlichem Gewiſſen behaupten. Und dann von der Thüre fortgetrieben zu werden, da ich blos kam, um zu fragen, wie es dem alten Herrn gehe—!“ „Man hat mir das nie geſagt,“ verſetzte das Kind.„Ich habe in der That nichts davon erfahren, und hätte um alles in der Welt nicht haben mögen, daß man dich ſo behandelt.“ „Ich danke Ihnen, Miß,“ entgegnete Kit;„es iſt mir ein Troſt, Sie ſo ſprechen zu hören. Ich 379 habe ſtets geſagt, ich könne es unmöglich glauben, daß es auf Ihre Veranlaſſung geſchehe.“ „Da haſt du recht gehabt!“ ſagte das Kind eifrig. G „Miß Nell,“ rief der Junge, indem er unter das Fenſter trat, in leiſerem Tone,„es ſind neue 3 Herren unten. Das iſt eine Veränderung für Sie.“ 5„O, freilich,“ verſetzte das Kind. 3„Und wird es auch für ihn ſeyn, wenn es beſſer — mit ihm geht,“ ſagte der Knabe auf das Kranken⸗ zimmer deutend. „— Wenn es je beſſer mit ihm geht,“ fügte 4 das Kind bei, unfähig ihre Thränen zurück zu halten. „O, es wird, es wird,“ ſagte Kit;„ich bin . überzeugt, es wird. Sie müſſen nicht ſo niederge⸗ 5 ſchlagen ſeyn, Miß Nell. Thun Sie's nicht, ich bitte.“ er Dieſe wenigen und rauhen Worte der Ermuthi⸗ m gung und des Troſtes verfehlten nicht, das Kind m zu rühren und ihm für den Augenblick noch mehr 'n Thränen abzupreſſen. n,„Er wird gewiß beſſer werden,“ ſagte der Knabe ängſtlich,„wenn Sie ſich nicht zu ſehr der Troſtloſig⸗ as keit hingeben und am Ende ſelbſt krank werden, was n,. ſeinen Zuſtand natürlich verſchlimmern und ſelbſt in e, der Wiedergeneſung zurückwerfen muß. Aber wenn er ſich erholt, ſo reden Sie ein gutes Wort, reden ks Sie ein freundliches Wort für mich, Miß Nell.“ ſch„Man ſagt mir, ich dürfe vor langer, langer 380 Zeit nicht einmal deinen Namen vor ihm nennen,“ entgegnete das Kind;„ich darf es daher nicht wa⸗ gen, ſelbſt wenn ich wünſchte— und was könnte dir mein Vorwort nützen, Kit? Wir werden ſehr arm ſeyn. Wir werden kaum Brod zu eſſen haben.“ „Nicht um wieder angenommen zu werden, bitte ich Sie um dieſe Gunſt,“ erwiederte der Knabe; nich dachte gar nicht an Koſt und Lohn, als ich ſo lange harrte, in der Hoffnung, Sie zu ſehen. Glauben Sie ja nicht, daß ich in einer ſolchen Zeit der Be⸗ drängniß herkam, um von ſolchen Dingen zu ſprechen.“ Das Kind ſah dankbar und freundlich nach ihm herunter, erwartete aber, daß er weiter ſprechen werde. „Nein, es geſchah nicht deßhalb,“ fuhr Kit ſtockend fort,„ſondern wegen etwas ganz Anderem. Ich weiß wohl, daß ich nicht viel Verſtand habe, aber wenn er dahin gebracht werden könnte, zu glau⸗ ben, daß ich ihm getreu gedient habe, daß ich that, was ich konnte, ohne je eine böſe Abſicht zu haben, vielleicht würde er es nicht—“ Hier ſtotterte Kit ſo lange, daß das Kind ihn bat, ſich frei auszuſprechen, und zwar raſch, denn es ſey ſchon ſpät und daher Zeit, das Fenſter zu ſchließen. „Vielleicht würde er es nicht für eine allzugroße Keckheit halten, wenn ich ſage— wohlan denn, wenn ich ſage— rief Kit, plötzlich ermuthigt.„Dieſe Heimath iſt für Sie und für ihn verloren. Meine Mutter und ich haben freilich nur eine ſehr arm⸗ 381 ſelige, aber ſie iſt doch beſſer als dieſe mit all dem Volk hier— und warum nicht dahin gehen, bis er Zeit gefunden hat, ſich umzuſehen und eine beſſere auszuſuchen?“ Das Kind antwortete nicht. Kit aber, ſobald er ſich ſeines Vorſchlags entledigt hatte, fand jetzt ſeine Zunge gelöst und ſprach mit ſeiner größten Be⸗ redſamkeit zu Gunſten deſſelben. „Sie denken wohl,“ fuhr er fort,„daß ſie ſehr klein und unbequem iſt? Das mag wohl ſeyn, aber ſie iſt ſehr reinlich. Vielleicht meinen Sie, es ſey dort zu geräuſchvoll, aber es gibt keinen ruhigeren Hof, als den unſrigen, in der ganzen Stadt. Wegen der Kinder dürfen Sie keine Sorge tragen; der Kleine weint faſt nie, und der andere iſt ſehr gut— außer⸗ dem will ich ſie ſchon im Zaume halten, gewiß, ſie ſollen Ihnen wenig läſtig werden. Verſuchen Sie's, Miß Nell, verſuchen Sie's. Das kleine Vorderzim⸗ mer eine Stiege hoch iſt ſehr angenehm. Sie kön⸗ nen ein Stück von der Kirchthurmuhr durch die Schornſteine ſehen und faſt die Stunde ableſen. Die Mutter ſagt, es würde ganz für Sie paſſen; ja, und das würde es auch, und ſie kann Ihnen Beiden ab⸗ warten, während ich den Ausläufer mache. Um Geld iſt's uns nicht zu thun, behüte Gott— Sie werden doch ſo etwas nicht denken. Wollen Sie's bei ihm probiren, Miß Nell? Sagen Sie nur, Sie woollen es bei ihm probiren. Verſuchen Sie es, den alten Herrn zu bewegen, daß er kömmt, und fragen 382 Sie ihn zuerſt, was ich gethan habe— wollen Sie mir auch das nicht verſprechen, Miß Nell?“ Ehe das Kind auf dieſe dringende Anſprache antworten konnte, öffnete ſich die Hausthüre, worauf der Kopf des Herrn Braß in einer Schlafmütze zum Vorſchein kam und eine ſauertöpfiſche Stimme fragte, wer da ſey. Kit machte ſich augenblicklich von hin⸗ nen, und Nell entfernte ſich von dem Fenſter, nach⸗ dem ſie es leiſe geſchloſſen hatte. Ehe Herr Braß Zeit hatte, ſeine Frage zu wie⸗ derholen, tauchte auch Herr Quilp, gleichfalls mit einer Nachtmütze verſchönert, aus derſelben Thüre auf, ſah ſorgfältig in der Straße hin und her, und betrachtete ſich alle Fenſter des gegenüber liegenden Hauſes. Da ſeinen Blicken nichts aufſtieß, ſo kehrte er alsbald mit ſeinem Rechtsfreunde in das Haus zurück, und be⸗ theuerte(wie das Kind von dem Treppengeländer aus hörte), daß eine Verſchwörung und ein Com⸗ plott gegen ihn los ſey, daß er Gefahr laufe, von einer Jaunerbande, die zu allen Tageszeiten um das Haus ſchleiche, beraubt und geplündert zu werden, und daß er keinen Augenblick länger zögern wolle, ſein hierortiges Eigenthum zu veräußern und unter ſein eigenes friedliches Dach zurückzukehren. Nach⸗ dem er dieſe und noch viele andere Drohungen ähn⸗ lichen Inhalts hervor gebrummt hatte, kugelte er ſich wieder in des Kindes kleinem Bette zuſammen und Nell ſchlich leiſe die Treppe hinauf. Es lag in der Natur der Sache, daß die kurze b 383 und unbeendigte Zwieſprache mit Kit einen tiefen Eindruck auf ihren Geiſt machte, und ſogar auf die Träume dieſer Nacht, und für eine lange, lange Zeit auch auf ihre Gedanken einen weſentlichen Einfluß übte. Umgeben von gefühlloſen Glaͤubigern und ge⸗ dungenen Krankenwärtern, ohne in ihrer äußerſten Angſt und Betrübniß ſelbſt bei den Weibern, mit welchen ſie in Berührung kam, auf eine Spur von Rückſicht oder Theilnahme zu treffen, darf es nicht überraſchen, wenn das gefühlvolle Herz des Kindes bis in's Innerſte gerührt wurde durch die Ergüſſe einer einzigen, freundlichen und edlen Seele, wie un⸗ förmlich auch der Tempel war, in welchem dieſelbe weilte. Dem Himmel ſey Dank, daß die Tempel ſolcher Seelen nicht von Menſchenhänden gebaut wer⸗ den, und daß ihnen vielleicht armſelige Lumpen eine weit würdigere Zierde ſind, als Purpur und feine Leinwand. Der Naritätenladen. Bwölftes Kapitel. Endlich war die Criſis der Krankheit des alten Mannes vorüber, und er begann ſich zu beſſern. 384 Nur ganz langſam und allmälig kehrte ſein Bewußt⸗ ſeyn zurück, aber ſein Geiſt war geſchwächt und ſeine Functionen beeinträchtigt. Er war geduldig und ruhig, ſaß oft lange Zeit brütend, aber nicht ver⸗ zweifelnd da, unterhielt ſich leicht. mit Allem, und wenn es auch nur ein Sonnenſtrahl an der Wand oder an der Zimmerdecke war, klagte nicht über die langen Tage oder die ſchleppenden Nächte, und ſchien überhaupt alles Maß für die Zeit und jeden Sinn für Kummer und Ermüdung verloren zu haben. Er konnte ſtundenlang mit Nell's kleiner Hand in der ſeinigen da ſitzen, mit ihren Fingern ſpielen und bisweilen inne halten, um ihr Haar zu ſtreicheln oder ihre Stirne zu küſſen; und wenn er ſah, daß Thränen in ihren Augen glänzten, ſo ſah er viel⸗ leicht erſtaunt nach der Urſache umher und vergaß dann im Akte des Zuſchauens wieder ſeine Ver⸗ wunderung. Das Kind und er fuhren aus: der alte Mann in Kiſſen eingehüllt und das Kind an ſeiner Seite. Sie ſaßen Hand in Hand, wie gewöhnlich. Der Lärm und das Getümmel der Straßen thaten an⸗ fangs ſeinem Gehirn weh, aber er war weder über⸗ raſcht, noch neugierig, weder erfreut, noch unmuthig. Das Mädchen fragte ihn, ob er ſich an dieſes oder jenes erinnere?„O ja,“ ſagte er,„ganz wohl— warum nicht?“ bisweilen wandte er den Kopf um, und ſah ernſten Blickes und mit ausgeſtrecktem Halſe irgend einem Fremden in dem Gedraͤnge nach, bis 4 er ſeinen Blicken entſchwand; wenn man ihn aber agte, warum er dieß thue, ſo antwortete er kein Wort. Eines Tages ſaß er in ſeinem Armſtuhle und Nell auf einem Schemel an ſeiner Seite, als ein Mann vor der Thüre fragte, ob er eintreten könne. „Ja,“ ſagte er, ohne alle Erregung, v„er wiſſe wohl, daß es Quilp ſey; Quilp ſey Herr im Hauſe und dürfe natürlich hereinkommen.“ Und ſo geſchah es. „Es freut mich, Sie endlich wieder wohl zu ſehen,“ ſagte der Zwerg, indem er ihm gegenüber Platz nahm.„Sind Sie jetzt wieder ganz erſtarkt?“ „Ja,“ ſagte der alte Mann ſchwach,„ja.“ „Sie wiſſen, Nachbar, daß ich Sie nicht drän⸗ gen will,“ fuhr der Zwerg mit verſtärkter Stimme fort, denn die Sinne des alten Mannes hatten Noth gelitten;„aber je bälder Sie Ihre weitern Verfügun⸗ gen treffen können, deſto beſſer iſt's.“ „Gewiß,“ ſagte der alte Mann,„deſto beſſer für alle Theile.“ „Sie begreifen,“ ſprach Quilp nach einer kurzen Pauſe,„daß dieſes Haus ſehr unbehaglich, ja eigent⸗ lich unbewohnbar ſeyn wird, wenn ſein Inhalt ein⸗ mal fortgeſchafft iſt.“ „Sie haben Recht,“ entgegnete der alte Mann. „Und auch die arme Nell, was wollte ſie thun?“ „Richtig,“ entgegnete der Zwerg, mit dem Kopfe nickend;„das iſt ſehr gut bemerkt. Sie wollen alſo Ihre Maßregeln treffen, Nachbar?“ 4 Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 25 386 „Das ſoll gewiß geſchehen,“ erwiederte der alte Mann.„Wir werden nicht hier bleiben.“ „So dachte ich auch,“ ſagte der Zwerg,„ich habe das Anweſen verkauft: es galt nicht ganz ſo viel, als es hätte ſollen, doch ging es noch an— es ging noch an. Heute iſt's Dienſtag. Wann ſoll das Mobiliar fortgeſchafft werden? Es hat keine Eile— wollen wir ſagen dieſen Nachmittag?“ „Am Freitag Morgen,“ verſetzte der alte Mann. „Sehr gut,“ ſagte der Zwerg,„ſey es ſo. Aber ich muß Ihnen bedeuten, Nachbar, daß es nicht über dieſen Tag hinaus geſchoben werden darf— unter keiner Bedingung.“ „Gut,“ entgegnete der alte Mann,„ich will's nicht vergeſſen.“ Herr Quilp ſchien etwas verblüfft über die ſonder⸗ bare ſeelenloſe Weiſe, womit all dieß geſprochen wurde; da jedoch der alte Mann mit dem Kopfe nickte und ſein „am Freitag Morgen. Ich will's nicht vergeſſen,, wiederholte, ſo hatte er keinen Grund, bei dem Gegen⸗ ſtand länger zu verweilen, ſondern er verabſchiedete ſich freundlich, unter manchen Ausdrücken ſeiner Geneigt. heit und vielen Complimenten über das merkwürdig gute Ausſehen ſeines Freundes; dann ging er die Treppe hinunter, um Herrn Braß mitzutheilen, was er ausgerichtet hatte. Den ganzen Tag über, wie auch den darauf folgenden, verblieb der alte Mann in demſelben Zu. ſtande. Er wanderte in dem Hauſe auf und ab und 387 4 in den Zimmern hin und her, als ſchwebe ihm der unbeſtimmte Gedanke vor, ihnen Lebewohl ſagen zu müſſen; aber er ſpielte weder direkt noch indirekt auf die Unterredung des Morgens, noch auf die Noth⸗ wendigkeit an, ein anderes Obdach aufzuſuchen. Eine 1 wirre Idee mochte ihm vorſchweben, daß die Kleine verlaſſen ſey und der Hülfe bedürfe, denn er zog ſie oft an ſeine Bruſt und munterte ſie auf, guten Mu⸗ thes zu ſeyn, indem er ihr ſagte, daß ſie einander nie verlaſſen wollten; aber er ſchien außer Stande, ſeine wahre Lage deutlich zu erkennen, und blieb ſtets das gleichgültige, empfindungsloſe Weſen, welches körperliche und geiſtige Leiden aus ihm gemacht hatten. Wir nennen dieß einen Zuſtand der Kindheit; es liegt jedoch derſelbe armſelige, hohle Spott darin, wie wenn man den Tod mit dem Schlafe vergleicht. z Wo ſind in den blöden Augen faſelnder Greiſe das lachende Licht und das Leben der Kindheit, der Froh⸗ ſinn, welcher keinen Zügel kennt, die Offenheit, die von keinem Froſt erſtarrt, die Hoffnung, welche nie verwelkte, die Freuden, die nicht in der Blüthe dahin ſchwinden? Wo iſt in den ſcharfen Linien des ſtar⸗ ren, unheimlichen Todes die ruhige Schönheit des Schlummers, welche von dem Frieden entſchwunde⸗ ner, wacher Stunden und von den zarten Liebeshoff⸗ nungen für die kommenden erzählt? Legt den Tod und den Schlaf, Seite an Seite, neben einander und ſagt, worin die Verwandtſchaft der beiden liege! Laßt 3 25 X das Kind und den kindiſchen Greis mit einander ziehen, und erröthet ob dem Stolze, der unſern alten glücklichen Zuſtand verläſtert und ſeinen Namen einem häßlichen Zerrbild verleiht. Donnerſtag kam, und mit dem alten Manne war noch nichts anders geworden. Erſt Abends trat ein Wechſel ein, als er und das Kind ſchweigend beiſam⸗ men ſaßen. In einem kleinen, öden Hofe unter ſeinem Fen⸗ ſter war ein Baum— grün und blühend genug für einen ſolchen Platz— und da der Wind in ſeinen Blättern rauſchte, ſo warf er einen zitternden Schat⸗ ten auf die weiße Wand. Der alte Mann ſah den Schatten zu, wie ſie auf dem erleuchteten Raume bebten, bis die Sonne unterging, und als die Nacht einbrach und der Mond langſam in die Höhe ſtieg, ſaß er noch immer an derſelben Stelle. Für einen Mann, der ſich ſo lange auf einem ruheloſen Lager herumgeworfen hatte, waren ſelbſt dieſe wenigen grünen Blätter und dieſes ruhige Licht, obgleich es zwiſchen Schornſteinen und Hausgiebeln ſchmachtete, liebliche Dinge. Sie führten die Bilder von entlegenen traulichen Orten, von Ruhe und Friede vor das geiſtige Auge. Es war dem Kinde mehr als einmal, er ſey gerührt und habe es deßhalb vermieden, zu ſprechen. Aber jetzt vergoß er Thränen— Thränen, deren Anblick ihr eigenes Herzweh erleichterten, und mit 389 einer Geberde, als wollte er auf die Kniee nieder⸗ fallen, bat er ſie, ihm zu vergeben. „Was ſoll ich Ihnen vergeben?“ fragte Nell, indem ſie der beabſichtigten Bewegung zuvor kam. „Ach, Großvater, was hätte ich Ihnen zu vergeben?“ „Deine ganze Vergangenheit, deine ganze Zu⸗ kunft, Nell, und alles, was in jenem ſchweren Traume geſchah,“ entgegnete der alte Mann.. „Sprechen Sie nicht ſo,“ ſagte das Kind.„Ich bitte, thun Sie's nicht. Reden wir lieber von etwas Anderem.“ „Ja, ja, das wollen wir,“ erwiederte er.„Und es ſoll das ſeyn, wovon wir vor langer Zeit ge⸗ ſprochen haben— vor vielen Monaten— ſind es Monate, oder Wochen oder Tage? Wie iſt es Nell?“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte das Kind. „Es kam mir heute wieder in's Gedächtniß, es beſchlich mich eben wieder, ſeit wir hier zuſammen⸗ ſitzen. Gott ſegne dich dafür, Nell.“ „Für was, lieber Großvater?“ „Für das, was du ſagteſt, als wir zu Bettlern wurden, Nell. Wir wollen leiſe ſprechen. Bst! Wenn ſie da unten unſer Vorhaben wüßten, ſo wür⸗ den ſie ſchreien, ich ſey toll, und würden dich von mir nehmen. Wir wollen keinen Tag mehr hier bleiben. Wir wollen fort— weit fort von hier.“ „Ja, wir wollen gehen,“ ſagte das Kind ernſt. „Wir wollen dieſen Ort meiden und nie mehr zu⸗ 390 rückkehren, oder an ihn denken. Lieber baarfuß durch die Welt wandern, als länger hier weilen!“ „Ja, das wollen wir,“ entgegnete der alte Mann. „Wir wollen zu Fuß durch Felder und Wälder ziehen, an den Ufern der Flüſſe hinwandern, und uns in Gottes Obhut geben an den Orten, wo Er wohnt. Es iſt weit beſſer, des Nachts ſich unter jenem freien Himmel niederzulegen und ſeine Pracht zu bewundern, als in dieſen engen Räumen zu ruhen, welche ſtets voll von Sorge und bedrückenden Träumen ſind. Du und ich, Nell, wir beide können noch froh und glück⸗ lich ſeyn und dieſer Zeit vergeſſen lernen, als wäre ſie nie geweſen.“ „Wir wollen glücklich ſeyn,“ rief das Kind. „Hier können wir es nimmer.“ „Nein, wir können es nimmer— nie wieder— das iſt wahr geſprochen,“ erwiederte der alte Mann. „Wir wollen uns morgen früh fortſtehlen— in aller Frühe und leiſe, daß man uns weder ſieht, noch hört — und wollen keine Spur zurücklaſſen, auf der man uns folgen könnte. Arme Nell, deine Wangen ſind blaß und deine Augen trübe, vom Wachen und Wei⸗ nen— vom Wachen und Weinen für mich— ich weiß es— für mich; aber du wirſt wieder wohl und auch fröhlich werden, wenn wir weit weg ſind. Mor⸗ gen Früh, meine Liebe, wenden wir dieſem Schau⸗ platz der Sorge unſern Rücken zu, und ſind ſo frei und ſo glücklich, wie die Vögel des Waldes.“ Und dann faltete der alte Mann ſeine Hände 391 über dem Haupte der Kleinen, und ſagte in kurzen abgebrochenen Worten, daß ſie von nun an in der Welt auf und abwandern, und nie mehr ſich trennen wollten, bis der Tod ſie trennte. Das Herz des Kindes ſchlug hoch vor Hoffnung und Zuverſicht. Es kam ihr kein Gedanke an Hunger oder Kälte, Durſt oder Leiden. Sie ſah in Allem nur eine Rückkehr der einfachen Freuden, welche ſie vordem genoſſen, eine Erlöſung aus der düſtern Ein⸗ ſamkeit, worin ſie gelebt, eine Flucht vor den herz⸗ loſen Leuten, von denen ſie in der letzten Zeit ihrer Prüfung umgeben geweſen, die Wiederherſtellung der Geſundheit und des Friedens ihres Großvaters, und ein Leben voll ruhigen Glückes. Die heitere Sonne, der liebliche Strom, grünende Auen und heitere Som⸗ mertage ſchwebten ihr im ſchönſten Lichte vor, und auch nicht ein dunkler Flecken entſtellte das lichtvolle Gemälde. Der alte Mann hatte einige Stunden geſund in ſeinem Bette geſchlafen, und ſie war noch immer emſig mit Vorbereitungen zu ihrer Flucht beſchäftigt. Da gab es einige Kleidungsſtücke für ſich und ihn hervorzuſuchen, alte Gewänder, wie ſie für die vorkom⸗ mende Lage paßten, zum Anziehen hinzulegen, und außerdem hielt ſte auch einen Stab bereit, um ſeine ſchwachen Tritte zu unterſtützen. Dieß war übrigens nicht ihr einziges Geſchäft, denn ſie mußte nun auch noch zum letztenmale die alten Gemächer beſuchen. Und wie ganz anders war der Abſchied von 392 ihnen, als ſie jemals erwartet oder ſich ſelbſt ſo oft ausgemalt hatte. Wie hätte ſie je daran denken können, ihnen ein triumphirendes Lebewohl zu ſagen, ſo lange die Erinnerung an die vielen Stunden, die ſie in demſelben zugebracht hatte, in ihrem ſchwel⸗ lenden Buſen empor ſtieg und ſie die Grauſam⸗ keit eines ſolchen Wunſches fühlen ließ, ſo einſam und traurig auch viele dieſer Stunden geweſen ſeyn mochten! Sie ſetzte ſich an dem Fenſter nieder, wo ſie ſo viele Abende— viel düſterere als den gegen⸗ wärtigen— zugebracht hatte, und jeder hoffnungs⸗ volle oder frohe Gedanke, der an dieſem Orte in ihr aufgeſtiegen war, trat ihr lebhaft in die Seele, für einen Augenblick all die öden und traurigen Neben⸗ umſtände verwiſchend. Und dann ihr Kämmerchen, wo ſie ſo oft in nächtlichem Gebete geknieet— betend um die Zeit, deren Morgenroth ſie jetzt aufdämmern zu ſehen hoffte— das Kämmerchen, wo ſie ſo friedlich ge⸗ ſchlafen und ſo ſchöne Träume geträumt hatte— es war hart, ſich nicht noch einmal darin umſehen zu können und es ohne einen freundlichen Blick, ohne eine dankbare Thräne verlaſſen zu müſſen. Es waren noch einige Kleinigkeiten dort— arme, werthloſe Dinge— die ſie wohl gerne hätte mitnehmen mögen, aber das war unmöglich. Dieß erinnerte ſie an ihren Vogel, ihren armen Vogel, der noch dort hing. Sie weinte bitterlich um den Verluſt dieſes kleinen Geſchöpfes— bis ihr der 393 Gedanke kam— ſie wußte ſelbſt nicht, wie oder warum ſie darauf verſiel— daß er wohl auf irgend eine Weiſe in Kit's Hände fallen dürfte, der ihn um ihretwillen pflegen und vielleicht glauben würde, ſie habe ihn in der Hoffnung zurückgelaſſen, daß er als eine Verſicherung ihrer Dankbarkeit gegen ihn in ſeinen Beſitz kommen werde. Sie beruhigte und tröſtete ſich mit dieſem Gedanken und legte ſich mit einem leichteren Herzen zu Bette. Aus vielen Träumen, in welchen ſie durch lichte und ſonnige Orte ſtreifte, durch die ſich aber ſtets irgend ein unbeſtimmter, ihr unerreichbarer Gegen⸗ ſtand zog, erwachte ſie, um zu finden, daß es noch Nacht war, und daß die Sterne hell am Firmamente funkelten. Endlich begann der Morgen aufzudämmern, und die Sterne wurden blaß und trübe. Sobald ſie ſich davon überzeugt hatte, ſtand ſie auf und kleidete ſich an für ihre Wanderſchaft. Der alte Mann ſchlief noch, und da ſie ihn nicht ſtören wollte, ſo überließ ſie ihn ſeinem Schlum⸗ mer, bis die Sonne aufging. Es drängte ihn, das Haus ohne den mindeſten Zeitverluſt zu verlaſſen, und ſo war er bald reiſefertig. Das Kind nahm ihn bei der Hand, und ſie gingen mit leichten und vorſichtigen Schritten die Treppe hinunter, zitternd, ſo oft ein Brett knarrte, und oft inne haltend, um zu horchen. Der alte Mann hatte eine Art von Reiſeſack vergeſſen, der die leichte Bürde barg, welche er zu tragen hatte, 394 und die paar Schritte zurück, um ihn zu holen, ſchie⸗ nen ihm eine endloſe Zögerung. Endlich gelangten ſie in die Flur des Erdge⸗ ſchoßes, wo das Schnarchen des Herrn Quilp und ſeines Rechtsfreundes weit ſchrecklicher als das Ge⸗ brüll von Löwen in ihren Ohren klang. Es war ſchwer, die verroſteten Riegel ohne Geräuſch zurück⸗ zuſchieben; als dieß aber geſchehen war, fanden ſie, daß die Thüre abgeſchloſſen und— was noch ſchlim⸗ mer— der Schlüſſel abgezogen war. Jetzt erinnerte ſich das Kind das Erſtemal, von einer der Wärterinnen gehört zu haben, daß Quilp des Nachts ſtets beide Hausthüren zuſchließe und die Schlüſſel auf dem Tiſche ſeines Schlafzimmers liegen habe. Nicht ohne Furcht und Zittern ſtreifte Nell ihre Schuhe ab, ſchlüpfte durch das Raritätenmagazin, wo Herr Braß— das häßlichſte Stück Waare im ganzen Cabinete— auf einer Matraze lag, und trat in ihr Kämmerchen. Hier blieb ſie einige Augenblicke ſtehen— wie hingebannt vor Entſetzen über den Anblick des Herrn OQuilp, der ſo weit aus dem Bette heraushing, daß er faſt auf dem Kopfe zu ſtehen ſchien. Während er, ſey es wegen der Unbequemlichkeit dieſer Lage, oder in Folge einer ſeiner lieblichen Gewohnheiten, mit weit offenem Munde ſchnarchte und gurgelte, wobei das Weiße(oder vielmehr das ſchmutzige Gelb) ſeiner Augen deutlich ſichtbar war. Sie hatte indeß weder Zeit noch Luſt, nachzuforſchen, ob ihm etwas 395 fehlte, ſondern ſetzte ſich, nachdem ſie ſich haſtig im Zimmer umgeſehen, in den Beſitz des Schlüſſels, eilte an dem hingeſtreckten Herrn Braß vorbei und langte wieder wohlbehalten bei dem alten Manne an. Sie öffneten jetzt ohne Geräuſch die Thüre, und als ſie ſich auf der Straße befanden, blieben ſie ſtehen. „Welchen Weg?“ fragte das Kind. Der alte Mann ſah unentſchloſſen und hilflos zuerſt auf ſie, dann rechts und links, dann wieder auf ſie und ſchüttelte den Kopf. Es war augen⸗ ſcheinlich, daß die Kleine hinfort ſeine Führerin und Leiterin ſeyn mußte. Sie fühlte dieß, hatte aber keine Zweifel und Bedenken, ſondern legte ihre Hand in die ſeinige und führte ihn ſanft weiter. Es war der Morgen eines Junitags— ein tief⸗ blauer Himmel, von keiner Wolke getrübt, und prun⸗ kend im glänzendſten Lichte. Auf der Straße waren nur wenige Menſchen zu ſehen; die Häuſer und Lä⸗ den hatten ſich noch nicht geöffnet, und die geſunde Morgenluft wehte wie der Hauch von Engeln uber die ſchlafende Stadt. Der alte Mann und das Kind wandelten durch das heitere Schweigen, von Hoffnung und Freude gehoben. Sie waren wieder einmal mit⸗ einander allein; alles war glänzend und friſch; nichts erinnerte ſie anders als durch den Gegenſatz an die frühere Eintönigkeit und den Zwang, den ſie verlaſſen hatten; Kirchen und Kirchthürme, ſonſt ſo düſter und finſter blickend, leuchteten und blendeten in 396 der Sonne; ſelbſt der niedrigſte Winkel freute ſich des Lichtes, und der Himmel in ſeinem tiefen Blau goß ſein gefälliges Lächeln über alles unter ihm. Die zwei armen Abenteurer verließen die Stadt, während ſie noch ſchlummerte, und zogen weiter, ohne zu wiſſen wohin. Der Naritätenladen. Dreizehntes Kapitel. Daniel Quilp von Towerhill und Samſon Braß von Bevis⸗Marks in der City von London, Gentle⸗ man und einer aus Ihrer Majeſtät Anwälten von Kings⸗Bench und Common⸗Pleas zu Weſtminſter, zu⸗ gleich auch Advocat bei dem hohen Kanzleigerichtshof, ſchliefen bewußtlos und ohne etwas Arges zu ahnen, bis ein Klopfen an der Hausthüre, welches ſich oft wiederholte und von einem beſcheidenen, einzelnen Schlage allmälig ſich zu einer vollkommenen Batterie, alle Augenblicke in langen Salven abgefeuert, ſteigerte, genannten Daniel Quilp veranlaßte, ſich in eine horizontale Lage emporzuarbeiten und die Zimmer⸗ decke mit einer ſchläfrigen Gleichgültigkeit anzuſtieren, welche bekundete, daß er den Lärm hörte und etwas 397 verwundert darüber war, ohne daß er ſich übrigens die Mühe nehmen mochte, der Sache eine weitere Aufmerkſamkeit zu widmen. Da jedoch das Klopfen, ſtatt ſich nach der Schläfrigkeit des Zwerges zu bequemen, immer zu⸗ nahm und aufdringlicher wurde, als wollte es gegen ſein Wiedereinſchlafen, nachdem er einmal ſeine Augen geöffnet hatte, ernſtliche Gegenvorſtellungen machen, ſo begann Daniel Quilp allmälig die Möglichkeit zu begreifen, daß Jemand an der Thüre wäre; außer⸗ dem ſiel es ihm auch nachgerade ein, daß es Freitag Morgen ſey, und daß er Frau Quilp befohlen hatte, ihm in aller Frühe ihre Aufwartung zu machen. 3 Herr Braß war, nach vielem Recken und Drehen, in den ſonderbarſten Haltungen und nach oftmaligem Verzerren ſeines Geſichtes und ſeiner Augen zu einem Ausdrucke, ähnlich dem, welcher durch das Eſſen von unreifen Stachelbeeren veranlaßt wird, gleichfalls auf⸗ gewacht, und da er bemerkte, daß Herr Quilp ſich in ſeine Werktagkleider warf, ſo beeilte er ſich, ein Aehn⸗ liches zu thun, wobei er übrigens ſeine Schuhe vor den Strümpfen anzog, ſeine Beine in die Rockärmel ſteckte, und noch viele ſolche kleine Toilettenmißgriffe be⸗ ging, wie ſie nicht ſelten bei denjenigen vorkommen, die ſich haſtig ankleiden wollen und unter der Aufregung eines plötzlich unterbrochenen Schlafes leiden. Während der Advokat ſo beſchäftigt war, taſtete der Zwerg unter dem Tiſch herum und murmelte 398 verzweifelte Verwünſchungen über ſich ſelbſt, über das ganze menſchliche Geſchlecht im Allgemeinen und alle ſeelenloſe Gegenſtände obendrein, wodurch ſich Herr Braß zu der Frage veranlaſſen ließ:„was es gäbe.“ „Der Schlüſſel,“ ſagte der Zwerg mit einem malitiöſen Blicke nach dem Rechtsgelehrten,„der Thür⸗ ſchlüſeel,— das iſt's, was es gibt. Wiſſen Sie nichts davon?“ „Wie ſollte ich auch etwas davon wiſſen, Sir?“ entgegnete Herr Braß. „Wie ſollten Sie?—“ wiederholte Quilp mit einem Hohnlachen.„Sie ſind mir ein ſauberer Rechtsgelehrter— he! Ein Dummkopf ſeyd Ihr!“ Ohne dem Zwerg in ſeiner gegenwärtigen üblen Laune Vorſtellungen machen zu wollen, daß das Ver⸗ ſchleudern eines Schlüſſels durch eine andere Perſon kaum irgendwie mit ſeiner Geſetzeskunde in Verbin⸗ dung ſtehe, bemerkte Herr Braß nur ganz demüthig, daß man ihn wahrſcheinlich abzuziehen vergeſſen habe, und daß er ohne Zweifel zur Zeit in ſeinem urſprüng⸗ lichen Schlüſſelloch ſtecke. Obgleich Herr Quilp ſtark von dem Gegentheil überzeugt war, weil er ſich erinnerte, ihn ſorgfältig abgezogen zu haben, ſo ließ er ſich doch heran, eine ſolche Möglichkeit zuzugeben, und ging daher brum⸗ mend nach der Thüre, wo er ihn auch wirklich fand. In dem Augenblicke, als Herr Quilp ſeine Hand auf das Schloß legte und mit großem Erſtaunen ſah, daß die Riegel zurückgeſchoben waren, begann 399 das Klopfen auf's Neue mit höchſt empörender Ge⸗ waltthätigkeit, und das Tageslicht, welches durch das Schlüſſelloch ſchien, wurde von außen durch ein menſchliches Auge abgehalten. Der Zwerg war un⸗ gemein üblen Humors, und da er nur einer Perſon bedurfte, um ihn gegen dieſelbe losbrechen zu laſſen, ſo entſchloß er ſich, plötzlich hinauszuſtürzen und Frau Quilp für die Aufmerkſamkeit, womit ſie einen ſo abſcheulichen Lärm machte, höflich zu begrüßen. In dieſer Abſicht ſchloß er ganz ſtill und ſachte das Schloß auf, öffnete raſch die Thüre und ſtürmte nach der Perſon außerhalb derſelben hinaus, welche eben den Klopfer zu einer neuen Mahnung erhoben hatte; auf dieſe nun rannte der Zwerg Köpflings zu, wobei er Hände und Füße zumal ausſtreckte und in der Ueberfülle ſeiner Wuth in die Luft biß. Aber weit gefehlt, auf Jemanden zu ſtoßen, der, ohne Widerſtand zu leiſten, ſeine Gnade anflehte, fand ſich Herr Quilp nicht ſobald in den Armen des Individuums, welches er für ſein Weib gehalten hatte, als er von zwei kräftigen Hieben auf den Kopf, und zwei weiteren von dergleichen Qualität auf die Bruſt becomplimentirt wurde; und als er ſeinen An⸗ greifer packte, regnete ein ſolcher Schauer von Rippen⸗ ſtößen auf ſeine Perſon, daß ſich der Ehrenmann hinreichend überzeugen konnte, er befinde ſich in ſehr geſchickten und ſtarken Händen. Ohne ſich jedoch durch dieſe Begrüßung einſchüchtern zu laſſen, hängte er ſich dicht an ſeinen Gegner, und hämmerte ſo herzhaft 400 um ſich, daß es wenigſtens etliche Minuten anſtund, bis der Andere ſich ſeiner erwehrt hatte. Dann, und nicht früher, fand ſich Herr Daniel Quilp über und über roth und zerrauft mitten in der Straße liegen, während Herr Richard Swiveller eine Art von Tanz um ihn aufführte und zu wiſſen begehrte:„ob er noch mehr verlange.“ „Es iſt noch ein hinreichender Vorrath in dem⸗ ſelben Laden,“ fügte Herr Swiveller bei, der abwech⸗ ſelnd in einer drohenden Attitüde bald näher rückte, bald ſich zurückzog;„ein großes und ausgedehntes Waarenlager ſtets zur Hand— Landbeſtellungen, ſchnell und pünktlich realiſtrt— wollen Sie noch ein Bischen weiter haben, Sir?— Sie brauchen ſich nicht zu bedenken, es zuzugeſtehen.“ „Ich meinte, es wäre Jemand anders,“ verſetzte Quilp, die Schultern reibend.„Warum ſagten Sie nicht, wer ſie wären.“ „Warum ſagten Sie nicht, wer Sie ſind?“ entgegnete Dick.„Was brauchen Sie da wie ein Toll⸗ häusler herauszuſtürzen?“ „Sie waren es alſo, der— der gepocht hat— iſt es ſo?“ ſagte der Zwerg, indem er ſich mit einem kurzen Aechzen auf die Beine warf. „Ja, ich war es,“ erwiederte Dick.„Jene Dame hat angefangen, als ich kam; aber ſie klopfte zu ſanft, und ſo habe ich ſie abgelöst.“ Bei dieſen Worten deutete er auf Frau Quilp, die zitternd in einiger Entfernung ſtand. ————U“ 401 „Hum!“ keuchte der Zwerg, einen Zornblick auf ſein Weib werfend,„ich dachte mir's wohl, daß es ihre Schuld ſey. Und Sie, Sir— wiſſen Sie nicht, daß ein Kranker hier iſt, weil Sie klopfen, als ob Sie die Thüre entzwei ſchlagen wollten.“ „Hol mich der Henker!“ antwortete Dick,„eben darum that ich's. Ich glaubte ſogar, es ſey ein Todter hier.“ 8. „Vermuthlich haben Sie einen Zweck bei Ihrem Beſuch,“ ſagte Quilp.„Was wünſchen Sie?“ „Ich will mich nach dem Beſinden des alten Herrn erkundigen,“ verſetzte Swiveller,„und möchte von Nell ſelbſt darüber Auskunft haben, mit welcher ich auch gerne ein Bischen plauderte. Ich bin ein Freund der Familie, Sir— wenigſtens der Freund Eines aus der Familie, was ebenſoviel beſagen will.“ „Da würden Sie gut thun, hereinzukommen,“ ſagte der Zwerg.„Spazieren Sie voran, Sir, ſpa⸗ zieren Sie nur zu. Iſt's gefällig, Frau Quilp? — Nach Ihnen, Madame.“ Frau Quilp zögerte, aber Herr Quilp beſtand darauf. Es war jedoch kein Höflichkeitsſtreit und nichts weniger als eine bloße Förmlichkeit, denn ſie wußte ſehr gut, daß ihr Gatte ſie nur voran⸗ gehen laſſen wollte, um eine günſtige Gelegenheit zu gewinnen, ſie etliche Mal in die Arme zu kneipen, was ſelten ohne Spuren ſeiner Finger in ſchwarzen und blauen Farben ablief. Herr Swiveller, welcher von dieſem Geheimniß nichts wußte, war ein wenig Boz. Xl. Humphrey's Wanduhr. 26 402 überraſcht, als er einen unterdrückten Schrei hörte und beim Rückblicken Frau Quilp ihm mit einem plötzlichen Zucken folgen ſah; er achtete jedoch nicht auf dieſe Erſcheinungen und vergaß ſie bald wieder. „Jetzt gehſt du, wenn's gefällig iſt, in Nell's Zimmer hinauf, Frau Quilp, und ſagſt ihr, daß man ſie zu ſprechen wünſcht,“ ſagte der Zwerg, als ſie in dem Laden anlangten. „Es ſcheint, Sie thun hier wie zu Hauſe,“ meinte Dick, der nichts von Herrn Quilp's Berechti⸗ gungen wußte. „Ich bin zu Hauſe, junger Herr,“ entgegnete der Zwerg. Dick überlegte eben, was der Andere wohl mit dieſen Worten ſagen wollte, und noch mehr, was die Anweſenheit des Herrn Braß zu bedeuten haben möchte, als Frau Quilp eilig die Treppe herunter kam und erklärte, daß die Zimmer oben leer wären. „Leer, du Närrin!“ ſagte der Zwerg. „Ich verſichere dich, Quilp,“ entgegnete ſein bebendes Weib,„daß ich in allen Gemächern war und keine Seele darin gefunden habe.“ „Und das wird wohl das Geheimniß mit dem Schlüſſel erklären,“ rief Herr Braß, nachdrücklich ſeine Hände zuſammenſchlagend. Quilp warf zuerſt dieſem, dann ſeinem Weibe, und endlich Richard Swiveller einen Zornblick zu; da ihm aber all' dieß zu keiner Aufklärung verhalf, ſo eilte er die Treppe hinauf und kehrte bald wieder 403 zurück, um die von ſeinem Weibe gemachte Angabe zu beſtätigen. „Das iſt eine wunderliche Weiſe, ſich zu ent⸗ fernen,“ ſagte er, Swiveller anſehend;„gewiß ſehr auffallend, nichts davon einem ſo nahen und innigen Freunde, wie ich bin, mitzutheilen! Doch, er wird mir ohne Zweifel ſchreiben, oder durch Nelly an mich ſchreiben laſſen— ja, ja, ſo wird's ſeyn. Nelly hat mich ſehr gerne. Die hübſche Nell!“ Herr Swiveller ſtand erſtaunt und mit offenem Munde da. Quilp blickte verſtohlen nach ihm hin und wandte ſich an Herrn Braß, gegen den er mit affectirter Gleichgültigkeit bemerkte, daß dieß kein Grund ſey, mit der Fortſchaffung der Güter zu zögern. „Wir wußten ja,“ fügte er bei,„daß ſie heute gehen würden, und dachten uns ihre Entfernung nur nicht ſo frühe oder ſo ruhig. Doch ſie werden ihre Gründe haben, ſie werden ihre Gründe haben.“ „Und wo ſind ſie denn in's Teufels Namen hin?“ fragte der verwunderte Dick. Quilp ſchüttelte den Kopf und warf die Lippen in einer Weiſe auf, welche andeuten ſollte, daß er es recht wohl wiſſe aber nicht ſagen dürfe. „Und was“— fuhr Dick fort, indem er auf die Verwirrung in dem Laden ſchaute—„was wollen Sie mit dem Fortſchaffen der Güter ſagen?“ „Daß ich ſie gekauft habe, Sir,“ entgegnete Quilp.„He? und was weiter?“ „So hat alſo der ſchlaue alte Fuchs ſeine Habe 26* 404 zuſammengerafft und iſt fort, zu leben in ruhiger Hütte an einem lieblichen Ort, wo er kann erſteigen die Höh', um zu ſchauen die wechſelnde See?“ ſagte Dick in großer Verblüffung. „Und hält dabei den Ort ſeiner Zurückgezogenheit ſo geheim, damit er nicht ſo oft von ſeinen zärtlichen Enkeln und deren ergebenen Freunden beſucht werde, he?“ fügte der Zwerg mit hartem Händereiben bei; „ich will nichts ſagen, aber iſt das nicht Ihre Mei⸗ nung, Sir?“ Richard Swiveller war ganz entſetzt über dieſen unerwarteten Wechſel der Verhältniſſe, welcher das Project, in dem er eine ſo bedeutſame Rolle ſpielen ſollte, durchaus zu vernichten drohte und ſeine Aus⸗ ſichten im Keime zu erſticken ſchien. Da er erſt geſtern Nacht ſpät durch Frederick Trent Nachricht von des alten Mannes Krankheit erhalten hatte, ſo wollte er alsbald eine Condolenz⸗Viſite abſtatten und nach Nell fragen, ausgerüſtet mit der erſten Abſchlags⸗ zahlung jener langen Reihe von Liebeszaubern, welche endlich ihr Herz in Brand ſtecken ſollten. Und jetzt, nachdem er über alle möglichen Manieren einer graziöſen und gewinnenden Annäherung nachgedacht hatte und über die ſchreckliche Wiedervergeltung mit ſich zu Rathe gegangen war, welche er langſam gegen Sophia Wackles ſpielen laſſen wollte— jetzt waren Nelly und der alte Mann ſammt all' dem vielen Gelde fort, weggeſchmolzen, ausgewandert, er wußte nicht wohin— ganz, als hätten ſie den Plan vorausge⸗ wußt und ſich entſchloſſen, ihn im Beginn, noch ehe ein Schritt geſchehen war, zu vereiteln. Daniel Quilp war in dem Innerſten ſeines Herzens über dieſe Flucht ebenſo überraſcht als beun⸗ ruhigt. Es war ſeinem ſcharfen Ange nicht ent⸗ gangen, daß einige unentbehrliche Kleidungsſtücke mit den Flüchtlingen abhanden gekommen waren, und da er den ſchwachen Geiſteszuſtand des alten Mannes kannte, ſo war er nicht wenig verwundert, wie er es wohl angefangen haben mochte, um die Einwilligung des Kindes ſo leicht zu erlangen. Man würde Herrn Quilp großes Unrecht thun, wenn man glauben wollte, daß ihn irgend eine uneigennützige Beſorgniß für die Beiden gequält hätte, denn ſeine Unruhe entſprang nur aus der Vermuthung, der alte Mann habe wohl noch einen geheimen Geldvorrath, von welchem er nichts geahnet, beſeſſen, und ſchon der Gedanke, daß derſelbe ſeinen Geiergriffen entwiſcht ſey, erfüllte ihn mit Verdruß und Selbſtvorwürfen. In dieſer Gemüthsſtimmung gewährte es ihm einigen Troſt, als er fand, daß Richard Swiveller, zwar unter ganz verſchiedenen Verhältniſſen, aber augenſcheinlich durch dieſelbe Urſache gereizt und getäuſcht war.„Es kann gar nicht fehlen,“ dachte der Zwerg,„daß er wegen ſeines Freundes her kam, um dem alten Manne durch Schmeichelworte oder Schreckmittel ein kleines Bruchſtück von jenem Reich⸗ thum zu entlocken, welchen er, ihrer Anſicht zu Folge, im Ueberfluſſe beſitzt. Es gewährte ihm daher eine * 406 Erleichterung, Swivellers Herz mit einem Gemälde der Schätze zu quälen, welche der alte Mann zu⸗ ſammengeſcharrt, und ſeine Tücke an ihm zu üben, indem er ihm vorſtellte, daß unter ſo bewandten Um⸗ ſtänden keine Zudringlichkeit mehr etwas fruchten könnte. „Nun,“ ſagte Dick, mit einem albernen Geſichte, „da wird's, denke ich, nicht viel nützen, wenn ich länger hier bleibe.“ „Nicht das Geringſte,“ verſetzte der Zwerg. „Wollen Sie ihnen aber bedeuten, daß ich ſie beſuchen wollte?“ entgegnete Dick. Herr Quilp nickte und ſagte, er werde es gewiß thun, ſobald er ſie wieder ſehe. „Und ſagen Sie ihnen,“ fügte Herr Swiveller bei,„ſagen Sie ihnen, Sir, daß ich hergetragen wurde auf den Schwingen der Eintracht, daß ich kam mit dem Rechen der Freundſchaft, zu entfernen die Saat wechſelſeitiger Gewaltthätigkeit und Herzensgehäſſigkeit, und an ihrer Stelle zu pflanzen die Keime geſelliger Harmonie. Wollen Sie die Güte haben, ſich mit dieſem Auftrage zu bemühen, Sir?“ „Gewiß!“ entgegnete Quilp. „Wollen Sie auch gefälligſt dieß noch beifügen, Sir,“ ſagte Dick, indem er eine ſehr kleine, zer⸗ knitterte Karte zum Vorſchein brachte, mit dem Be⸗ merken,„daß dieß meine Adreſſe iſt und daß ich jeden Morgen zu Hauſe zu treffen bin. Zwei deut⸗ liche Schläge, Sir, werden im Nu die Dienerſchaft 407 herbei rufen. Meine beſonderen Freunde, Sir, ſind gewohnt, bei Eröffuung der Thüre zu nießen, um mir dadurch anzudeuten, daß ſie meine Freunde ſind und keine eigennützigen Motive haben, wenn ſie fragen, ob ich zu Hauſe ſey. Ich bitte um Ver⸗ zeihung— wollen Sie mir erlauben, die Karte noch einmal anzuſehen?“ „O, in all' Weg,“ erwiederte Quilp. „Durch einen leichten und nicht unnatürlichen Irrthum, Sir,“ ſagte Dick, indem er ſtatt ihrer eine andere aushändigte,„überreichte ich Ihnen die Ein⸗ trittskarte zu einem auserleſenen, geſelligen Zirkel, genannt ‚die glorioſen Appollerse, bei dem ich die Ehre habe, perpetuirlicher Großmeiſter zu ſeyn. Das iſt das eigentliche Dokument, Sir. Guten Morgen.“ Quilp bot ihm guten Tag; der perpetuirliche Großmeiſter der glorioſen Apollers lüpfte ſeinen Hut zu Ehren der Frau Quilp, ließ ihn nachläſſig wieder auf die Seite ſeines Kopfes fallen und verſchwand mit einer Schwenkung der Hand. Inzwiſchen waren unterſchiedliche Geräthe zur Fortſchaffung der Güter angelangt, und einige baum⸗ ſtarke Männer in Schmeerkappen, balancirten Kaſten⸗ ſchubladen und andern derartigen Kleinigkeiten auf ihren Köpfen, Heldenthaten der Muskelkraft verrichtend, wobei ſich übrigens ihre Geſichtsfarbe bedeutend er⸗ höhte. Um in Geſchäftigkeit nicht zurückzubleiben, ging Herr Quilp gleichfalls mit überraſchender Energie ans Werk: er fuhr umher und trieb die Leute an 408 wie ein böſer Geiſt, trug Frau Quilp alle Arten ſchwieriger und unausführbarer Geſchäfte auf, ſchleppte mit geringer Mühe große Laſten auf und nieder, ver⸗ ſetzte dem Jungen von dem Kai, ſo oft er in deſſen Nähe kommen konnte, einen Tritt und incommodirte mit ſeinen Laſten durch viele ſchlaue Stöße die Schul⸗ tern des Herrn Braß, welcher auf der Thürſtaffel ſtand, um alle Anfragen neugieriger Nachbarn zu beantworten— eine Aufgabe, die ganz in ſein De⸗ partement gehörte. Die Anweſenheit und das Bei⸗ ſpiel des Zwergs brachte eine ſolche Rührigkeit in das verwendete Perſonale, daß das Haus in wenigen Stunden bis auf etliche Matten, leere Porterkrüge und zerſtreute Strohhalme völlig geräumt war. Wie ein afrikaniſcher Häuptling auf einer dieſer Matten ſitzend, regalirte ſich eben der Zwerg in dem Beſuchszimmer mit Brod, Käſe und Bier, als er, ohne daß er ſich's anſehen ließ, bemerkte, daß ein Knabe durch die Außenthüre herein ſchielte. In der Ueberzeugung, daß es Kit ſey, obgleich er wenig mehr als ſeine Naſe ſah, rief ihm Herr Qiulp mit Namen, worauf Kit hereinkam, und fragte, was er wünſche. „Komm daher, Bürſchlein,“ ſagte der Zwerg. „Nun, dein alter Herr und deine junge Gebieterin ſind alſo fort.“ „Wohin?“ entgegnete Kit umherſchauend. „Du willſt mir damit doch nicht weiß machen, — 409 als ob du's nicht wüßteſt?“ antwortete Quilp in ſcharfem Tone.„Wohin ſind ſte— he?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Kit. „Pah,“ erwiederte Quilp,„komm mir nicht auf dieſe Weiſe. Willſt du mich etwa bereden, du wiſſeſt nicht, daß ſie ſich dieſen Morgen mit Tagesgrauen fortſtahlen?“ „Nein,“ ſagte der Knabe in augenſcheinlicher Ueberraſchung. „Du leugneſt alſo?“ rief Quilp.„Weiß ich nicht, daß du letzthin des Nachts immer wie ein Dieb um das Haus herum geſchlichen biſt? Hat man dir's damals nicht geſagt?“ „Nein,“ verſetzte der Knabe. „Wirklich nicht?“ ſagte Quilp.„Was hat man dir denn geſagt und von was habt ihr geſprochen?“ Kit, der keinen beſondern Grund hatte, die Sache jetzt noch geheim zu halten, erzählte, in welcher Abſicht er damals gekommen und welchen Vorſchlag er gemacht hatte. „O,“ ſagte der Zwerg nach einer kurzen Er⸗ wägung,„dann denke ich wohl, daß ſie noch zu dir kommen werden.“ „Glauben Sie das wirklich?“ rief Kit mit Eifer. „Nun, ich denke wohl,“ entgegnetete der Zwerg. „Wenn's aber geſchieht, ſo laß mich's wiſſen, hörſt du? Laß mich's wiſſen und du ſollſt etwas von mir bekommen! Ich moͤchte ihnen gerne einen Liebesdienſt 410 erweiſen, und das iſt doch unmöglich, wenn ich's nicht weiß. Du hörſt, was ich ſage?“ Kit hätte ihm vielleicht eine Antwort gegeben, die den Ohren des reizbaren Fragers nicht ſehr an⸗ genehm geweſen ſeyn dürfte, wenn nicht plötzlich der Junge von dem Kai, der in dem Zimmer um⸗ her ſchlich, um etwas zu finden, was zufälligerweiſe liegen geblieben ſeyn mochte, plötzlich ausgerufen hätte: „Da iſt ein Vogel. Was ſoll man mit dem anfangen?“ „Dreh' ihm den Hals um,“ verſetzte Quilp. „O nein, thut das nicht,“ ſagte Kit, vortretend. „Gebt ihn mir.“ za Natürlich— ſonſt nichts!“ rief der andere Junge.„Ich frage dich nur, ob du den Käſicht gehm laſſen willſt, damit ich ihm den Hals umdrehen kann. Willſt du? Er hat geſagt, ich ſoll's thun. Willſt du den Käſicht los laſſen?“ „Gebt ihn her, gebt ihn mir, ihr Hunde,“ ſchrie Quilp.„Balgt euch darum, ihr Galgenſtricke, oder ich drehe ihm ſelbſt den Hals um.“ Ohne weitern Zuſpruch fielen die zwei Jungen mit Zähnen und Nägeln über einander her, während Quilp, der mit der einen Hand den Käſicht in die Höhe hielt und mit der andern in einer Art von Verzückung ſein Meſſer durch die Dielen ſtieß, ſie durch Geſchrei und Hohnworte zu einem noch hef⸗ tigeren Kampfe anſpornte. Sie waren ſich ſo ziemlich — 411 gleich und waͤlzten ſich umher, Schläge austauſchend, die keines Wegs ein Kinderſpiel waren, bis ſich end⸗ lich Kit ſeines Gegners durch einen wohlgeführten Stoß nach deſſen Bruſt entledigte, worauf er hurtig aufſprang, Quilp den Käficht aus der Hand riß und mit ſeinem Preiſe davon eilte. Er hielt nicht inne, bis er zu Hauſe anlangte, wo ſein blutunterronnenes Geſicht große Beſtürzung verurſachte und das aͤltere Kiud veranlaßte, zetterlich zu heulen. „Barmherziger Himmel! Kit, was gibt es? Was haſt du gethan?“ rief Frau Nubbles. „Kehrt Euch nicht daran, Mutter,“ antwortete ihr Sohn, indem er ſich das Geſicht mit dem Hand⸗ tuch hinter der Thüre abtrocknete.„Ich bin auicht verletzt, tragt wegen meiner keine Sor e. Es iſt weiter nichts, als daß ich mich wegen ein Vogebge⸗ balgt und ihn gewonnen habe. So hör' doch mit deinem Schreien auf, kleiner Jakob. Hab' ich doch Tag meines Lebens keinen ſo böſen Buben geſehen!“ „Du haſt dich um einen Vogel gebalgt?“ rief ſeine Mutter. „Ja, um einen Vogel; hier iſt er— Miß Nelly's Vogel, Mutter, dem Sie den Hals um⸗ drehen wollten. Aber ich habe Ihnen dafür gethan— ha, ha, ha! Sie ſollten ihm nicht den Hals um⸗ drehen, eh' ſie's mir gethan hatten, nein, nein. 's ging nicht, Mutter,'s ging durchaus nicht, ha, ha, ha!“ * Als Kit, mit ſeinem geſchwollenen und mit Beulen verſehenen Geſichte aus dem Handtuch heraus⸗ ſehend, ſo herzlich lachte, fing auch der kleine Jakob zu lachen an; und dann lachte ſeine Mutter gleich⸗ falls, und der jüngſte Nubbles krähte und ſtampfte aus Leibeskräften, und dann lachten Alle im Ein⸗ klang, zum Theil uͤber Kit's Sieg, zum Theil, weil ſie ſich gegenſeitig liebten. Als ſie endlich aufhörten, zeigte Kit das Vögelchen den Kindern als eine große und koſtbare Rarität(es war nur ein armer Hänf⸗ ling), ſah ſich an der Wand nach einem alten Nagel um, und als er einen ſolchen gefunden hatte, machte er ſich aus Tiſch und Stuhl ein Gerüſte, um ihn unter großem Jubel herauszuziehen. „Laßt mich ſehen, laßt mich ſehen,“ ſagte der Knabe;„ich denke, ich will ihn in das Fenſter alt hängen, weil's dort heller und freundlicher iſt und au er den Himmel ſehen kann, wenn er recht in die Höhe guckt. Er ſingt auch recht hübſch, kann ich Re euch ſagen.“. zu Das Gerüſt wurde daher abermals aufgeſchlagen, eig und Kit, der, mit dem Schüreiſen ſtatt eines Hammers zw. bewaffnet, hinanklomm, ſchlug den Nagel ein und hängte, uin zum unermeßlichen Entzücken der ganzen Familie, den de Käſicht auf. Nachdem noch eine geraume Zeit daran zu⸗ gerückt und gedreht worden, und Kit nach dem gun Kamin zurück gegangen war, um das Thierchen von ihre dort aus zu bewundern, wurde die Vorkehrung für 5 vollkommen erklärt. 413 „Und nun, Mutter,“ ſagte der Knabe,„ehe ich ausruhe, will ich noch einmal fort, und ſehen, ob ich nicht ein Pferd zu halten kriege; dann kann ich etwas Hanfſamen kaufen, und vielleicht einen guten Biſſen für Euch obendrein.“ Der Naritätenladen. Vierzehntes Kapitel.. O— Da es Kit ſehr leicht war, ſich zu bereden, das alte Haus liege auf ſeinem Wege, mochte dieſer auch hinführen, wo er wollte, ſo machte er den Ver⸗ ſuch, es für eine gebieteriſche und unangenehme Nothwendigkeit zu halten, noch einmal daran vorbei zu ſpazieren, ganz, als fühle er durchaus keinen eigenen Antrieb, welchem nachzugeben er ſich ge⸗ zwungen ſähe. Es iſt keine ungewöhnliche Erſchei⸗ nung, daß ſogar Leute von weit beſſerer Erziehung, als diejenige war, welcher ſich Chriſtoph Nubbles zu erfreuen hatte, in zweifelhaften Fällen ihre Nei⸗ gungen als ein Muß betrachten und ſich viel auf ihre Selbſtverlängnung zu Gute thun, durch die ſie eigentlich doch nur ſich ſelbſt etwas Angenehmes be⸗ reitet haben. 8 414 Dießmal war keine Vorſicht nöthig, auch hatte er durchaus nicht zu fürchten, Daniel Quilp's Jungen Revanche geben zu müſſen. Der Ort war ganz verlaſſen und ſah ſo ſtaubig und ſchmutzig aus, als ob er ſich ſchon ſeit Monaten in dieſem verödeten Zuſtande befände. Ein roſtiges Vorlegſchloß hing an der Thüre, die Enden mißfarbiger Blenden und Vorhänge flatterten traurig gegen die halboffenen oberen Fenſter, und die gekrümmten Löcher, welche in die unteren Läden geſchnitten waren, ließen nur das finſtere Schwarz des Innenraums durchſchauen. Eine von den Fenſterſcheiben, die er ſo oft bewacht hatte, war in der rohen Eile des Morgens zer⸗ brochen worden, und das Gemach ſah jetzt trübſeliger und verödeter aus, als alle übrigen. Ein Haufe müßiggängeriſcher kleiner Knirpſe hatte die Thürſtaffel in Beſitz genommen, und einige ſpielten mit dem Thürklopfer, auf deſſen Töne ſie mit entzückter Furcht horchten, wenn ſie ſo hohl durch das leere Haus wiederhallten, während andere ſich um das Schlüſſel⸗ loch ſchaarten und halb im Scherz, halb im Ernſt nach dem„Geiſt“ ſahen, den das Düſter einer Stunde und das Geheimniß, welches die letzten Bewohner umhüllte, bereits in der fruchtbaren Einbildungskraft der Nachbarn geſchaffen hatte. In Mitte der Geſchäftigkeit und Rührigkeit der Straße allein ſtehend, ſah das Haus wie ein Bild kalter Verwüſtung aus; und Kit, welcher ſich wohl noch des luſtigen Feuers erinnerte, das an Winterabenden 415 dort zu brennen pflegte, und auch das heitere Lachen, von dem das kleine Gemach wiederhallte, friſch im Gedächtniß hatte, wandte ſich wehmüthig ab. Um dem armen Kit Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß hier ausdrücklich bemerkt werden, daß ſein Charakter durchaus keine ſentimentale Rich⸗ tung beſaß— ein Beiwort, das er vielleicht in ſeinem ganzen Leben nie gehört hatte. Er war nur ein weichherziger, dankbarer Junge, der nichts Gentiles oder Abgeſchliffenes an ſich hatte: ſtatt da⸗ her ſeinen Schmerz nach Hauſe zu tragen, die Kin⸗ der zu plagen und ſeine Mutter zu mißhandeln(denn unſere gebildeten jungen Herrchen lieben es, wenn es ihnen nicht ganz nach Wunſche geht, ihre ganze Umgebung gleichfalls unglücklich zu machen), ver⸗ ſuchte es die gemeine Seele, den Gedanken, wo möglich, eine heitere Richtung zu geben. Himmel, welche Unzahl von Gentlemen, die hin und her ritten— und wie wenige, die ihre Pferde halten laſſen wollten! Ein guter Stadtſpeculant oder ein Nationalöconom aus dem Parlament hätte, bis auf einen Bruchtheil hin, aus den Maſſen von Reitern auf den Straßen berechnen können, welche Geldſummen im Laufe eines Jahres zu London nur durch Pferdehalten verdient würden. Und ohne Zweifel müßte damals auch ein erkleckliches Geld gefallen ſeyn, wenn nur der zwanzigſte Theil der Herren, welche nicht mit Reitknechten verſehen waren, Anlaß gehabt hätten, abzuſteigen. Dieß war jedoch 416 nicht der Fall— und oft iſt es ein ſo übler Umſtand, wie der gegenwärtige, der die ſcharfſinnigſten Be⸗ rechnungen zu Schanden macht. Kit ging umher, bald mit raſchen, bald mit langſamen Schritten, das einemal zögernd, wenn ein Reiter ſein Pferd langſamer traben ließ und umherſah, ein andermal in vollem Galopp eine Nebengaſſe hinauf, wenn er wahrnahm, daß in der Entfernung Jemand langſam auf der Schatten⸗ ſeite des Weges fortritt und alle Augenblicke an irgend einer Thüre abſteigen zu wollen ſchien. Aber Einer zog nach dem Andern weiter, und noch immer wollte ſich kein Penny verdienen laſſen. „Ich moͤchte doch wiſſen,“ dachte der Knabe,„ob nicht einer dieſer Herren, um mich eine Kleinigkeit verdienen zu laſſen, abſichtlich halten und ſo der⸗ gleichen thun würde, als hätte er irgendwo einen Beſuch zu machen, wenn ihm bekannt wäre, daß bei uns zu Haus nichts im Schranke iſt.“ Völlig ermattet vom Pflaſtertreten— der oft wiederholten Täuſchungen gar nicht zu gedenken— hatte er ſich eben auf eine Thürtreppe geſetzt, um ein wenig auszuruhen, als eine kleine, raſſelnde, vierräderige Chaiſe mit einem ziemlich ſtörrig aus⸗ ſehenden, rauhhaarigen Pony, der von einem klei⸗ nen, fetten, alten Herrn mit einem gefällligen Ge⸗ ſichte getrieben wurde, auf ihn zukam. Neben dem kleinen alten Herrn ſaß eine kleine alte Dame von eben ſo beleibtem und gefälligem Ausſehen, 2— N= S g ———. — 417 und der Pony ging ganz ſeinen eigenen Schritt, ohne ſich viel an ſeinen Treiber oder die Equipage überhaupt zu kehren. Wollte der alte Herr durch Schüt⸗ teln der Zügel eine Vorſtellung machen, ſo ant⸗ wortete der Pony durch ein Schütteln des Kopfes, und es war klar, daß das Höchſte, wozu ſich der Pony verſtehen wollte, darin beſtand, in ſeinem eigenen Schritt allenfalls die Straße, welche der alte Herr ausdrücklich paſſiren wollte, hinanzu⸗ gehen; es ſchien jedoch ein gegenſeitiges Einver⸗ nehmen darüber Statt zu finden, daß es in der Manier des Gaules geſchehen mußte, wenn es überhaupt geſchehen ſollte. Als ſie an der genannten Thürtreppe vorbei kamen, blickte Kit ſo ſehnſüchtig auf das gefährliche kleine Fuhrwerk, daß der alte Herr ihn wiederum anſah, worauf Kit aufſtand und die Hand an den Hut legte. Der alte Herr deutete ſofort dem Pony ſeine Abſicht an, Halt zu machen— ein Vorſchlag, welchem der Pony(der ſelten gegen dieſen Theil ſeiner Obliegenheit etwas einzuwenden hatte) gnädig ſeine Zuſtimmung ertheilte. „Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ ſagte Kit. „Vielleicht wollen Sie halten, und da möchte ich nur fragen, ob Sie Jemand brauchen, der auf Ihr Pferd Acht hat?“ „Erſt in der nächſten Straße,“ entgegnete der Herr.„Wenn du aber nachkommen willſt, ſo ſoll dir dieſe Verrichtung übertragen werden.“ Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 27 418 Kit dankte und ging mit Freuden hinter der Chaiſe her. Der Pony jagte auf eine ſcharfe Ecke zu, um den Lampenpfoſten auf der entgegengeſetzten Seite der Straße zu inſpiciren, und verfügte ſich ſodann in einer Tangente nach dem Lampenpfoſten auf der andern Seite. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß Form und Material bei beiden gleich waren, machte er Halt, augenſcheinlich ganz in Be⸗ trachtungen vertieft. „Willſt du weiter gehen, Bürſch'chen,“ rief der alte Herr gravitätiſch,„oder ſollen wir hier warten, bis es zu ſpät wird für unſer Geſchäft?“ Der Pony blieb unbeweglich. „O du Taugenichts von einem Klepper,“ ſagte die alte Dame.„Pfui über dich! Ich ſchäme mich deines Betragens.“ Der Pony ſchien durch dieſe Appellation an ſein Ehrgefühl gerührt zu werden, denn er trottelte alsbald weiter, obgleich in einer ſehr verdrießlichen Weiſe, und hielt nicht früher, bis er an einer Thüre anlangte, auf deſſen Meſſingſchild die Worte „Witherden, Notar“ zu leſen waren. Hier ſtieg der alte Herr ab, half der alten Dame heraus und zog dann unter dem Sitze einen Blumenſtrauß hervor, der an Geſtalt und Größe einer um⸗ fangreichen Wärmeflaſche mit kurzem Handgriffe ziemlich ähnlich war. Dieſen nahm die alte Dame mit würdevoller und ſtattlicher Miene mit 1 & 8 ⏑ ⏑——— — in’s Haus, und der alte Herr, der einen Klumpfuß hatte, folgte ihr auf der Ferſe nach. Sie begaben ſich, wie man aus dem Tone ihrer Stimmen entnehmen konnte, in das Vorderzimmer, welches eine Art Geſchäftsbureau zu ſeyn ſchien. Der Tag war ſehr warm, die Straße eine ruhige, und da die Fenſter weit offen ſtanden, ſo konnte man durch die venetianiſchen Blenden leicht hören, was in dem Innern vorging. Zuerſt gab es viel Händeſchütteln und Fuß⸗ ſcharren, worauf die Ueberreichung des Blumen⸗ ſtraußes folgte, denn eine Stimme, welche der Zu⸗ hörer für die des Herrn Notars Witherden hielt, rief zu wiederholten Malen:„oh, köſtlich!“—„in der That, ein herrlicher Wohlgeruch!“ und eine Naſe, welche gleichfalls das Eigenthum des genann⸗ ten Herrn ſeyn mochte, ſaugte hörbar mit ungemein vergnügtem Schnüffeln den Duft ein. „Ich brachte ihn der gegenwärtigen Gelegenheit zu Ehren mit, Sir,“ ſagte die alte Dame. „Ah, in der That eine Gelegenheit, Ma'am; eine Gelegenheit, die ich mir zur Ehre rechne, Ma'am, zur großen Ehre,“ verſetzte Herr Witherden, der Notar. Ich habe ſchon manchen Gentleman bei mir eingeſchrieben, Ma'am; ja, ſchon manchen. Einige davon wälzen ſich jetzt in Reichthümern, ohne ihres alten Freundes zu gedenken, Ma'am; andere beſuchen mich heutigen Tages noch und ſagen mir: 27*¾ 420 „Herr Witherden, die vergnügteſten Stunden meines Lebens habe ich in Ihrem Bureau zugebracht— ja, Sir, ſogar auf dieſem nämlichen Schreibebock,“— aber nicht Einer war unter ihrer Zahl, Ma'am, ſo ſehr ich ihnen auch zugethan war, dem ich eine ſo glänzende Zukunft vorausſagen könnte, als ich Ihrem einzigen Sohne prophezeihe.“ „Ach du mein Himmel!“ ſagte die alte Dame. „Gewiß, Sie können nicht glauben, wie glücklich Sie uns durch dieſe Verſicherung machen.“ „Ich ſage Ihnen, Ma'am,“ entgegnete Herr Witherden,„was ich als ehrlicher Mann denke, der, wie der Dichter ſagt, das edelſte Werk Gottes iſt. Ich bin hier— wie mit Pope ganz einer Meinung, Ma'am. Die Alpen auf der einen und der Kolibri auf der andern Seite ſind— als Gebilde der All⸗ macht betrachtet— Nichts gegen einen ehrlichen Mann — oder eine ehrliche Frau— ja, auch gegen eine ehrliche Frau.“ „Alles, was Herr Witherden von mir ſagen kann,“ bemerkte eine kleine, ruhige Stimme,„kann ich gewiß mit Zinſen auch von ihm ſagen.“ „Es iſt ein glücklicher Umſtand— ein wahrhaft glücklicher Umſtand,“ ſagte der Notar,„daß dieß ge⸗ rade an ſeinem achtundzwanzigſten Geburtstag zutrifft, und ich hoffe, daß ich es zu ſchätzen weiß. Sicher⸗ lich, mein lieber Herr Garland, dürfen wir uns gegenſeitig zu dieſem Glück weiſſagenden Umſtande gratuliren.“ Der alte Herr entgegnete, er fühle ſich über⸗ zeugt, daß ſie es dürften. Dann ſchien wieder ein Händeſchütteln ſtattzufinden, und als dieß vorüber war, ſagte der alte Herr, er ſollte es zwar nicht ſagen, aber er glaube, nie habe ein Sohn ſeinen Eltern mehr zur Freude gelebt, als Abel Garland den ſeinigen. „Wir, ſeine Mutter und ich, haben uns erſt ſpät im Leben geheirathet, Sir, nachdem wir lange genug auf günſtige Glücksverhältniſſe gewartet— wir kamen bereits nicht mehr jung zuſammen: und trotz dem doch noch mit einem Kinde geſegnet werden — nun, das iſt doch gewiß eine Quelle großen Glücks für uns Beide, Sir.“ 65 „Begreiflich— das unterliegt gar keinem Zwei⸗ fel,“ verſetzte der Notar mit ſympathiſirender Stimme; „und die Betrachtung ſolcher Fügungen läßt mich mein Geſchick beklagen, das mich zu einem Hageſtolz beſtimmt hat. Ich kannte einmal eine junge Dame, Sir, die Tochter eines Handlungshauſes von größter Reſpectabilität— doch das iſt eine Schwäche. Chuck⸗ ſter, bringen Sie Herrn Abels Lehrcontract herein.“ „Sie ſehen, Herr Witherden,“ ſagte die alte Dame,„daß Abel nicht wie der große Haufe anderer junger Leute aufgewachſen iſt. Er hatte immer eine Freude an unſerer Geſellſchaft und war immer bei uns. Abel iſt nie von dem Elternhaus abweſend geweſen— keinen Tag; nicht wahr, mein Lieber?“ „Nie, mein Schatz,“ entgegnete der alte Herr, 422 ausgenommen damals, als er Sonnabends mit Herrn Tomkinley, einem Lehrer an der Schule, welche er beſuchte, nach Margate ging und am Montag wieder zurückkam; aber du erinnerſt dich noch, meine Liebe, daß es ihm ſehr übel bekam; er war ganz aus der Ordnung.“ „Begreiflich; er war ſo etwas nicht gewohnt,“ erwiederte die alte Dame,„und ſo konnte er es na⸗ türlich nicht ertragen. Außerdem hatte er dort keine Freude, weil wir ihm fehlten und er deßhalb mit Niemand plaudern oder ſich erheitern konnte.“ „Ja, das war es,“ ſiel dieſelbe kleine, ruhige Stimme ein, die ſchon einmal geſprochen hatte.„Ich war ganz in der Fremde, Mutter, ganz vereinzelt; und wenn ich dabei dachte, daß das Waſſer zwiſchen uns läge— oh, ich will nie vergeſſen, was ich bei dem Gedanken fühlte, durch die See* von Ihnen getrennt zu ſeyn. „Sehr natürlich unter dieſen Umſtänden,“ be⸗ merkte der Notar.„Herrn Abels Gefühle machen ſeinem Herzen Ehre, und auch dem Ihrigen, Ma'am, und dem ſeines Vaters— überhaupt der ganzen menſchlichen Natur. Nun erſt kann ich genau den Strom verfolgen, der ſich durch ſein ganzes ruhiges und beſcheidenes Weſen hinzieht.— Ich bin jetzt, wie Sie bemerken, im Begriffe, unter Herrn Chluckſter's Zeugſchaft den Lehrbrief mit meinem Namen zu un⸗ * Herr Abel Garland meint damit nur die Themſe. 4²³ terzeichnen; indem ich nun meine Finger auf dieſe ausgezackte, blaue Oblate lege, ſehe ich mich genö⸗ thigt, mit deutlicher und beſtimmter Stimme— er⸗ ſchrecken Sie nicht, Ma'am, es iſt blos eine geſetzliche Form— zu erklären, daß ich dieß thue mit beſtem Wiſſen und Willen. Herr Abel wird ſeinen Namen der andern Oblate gegenüberſetzen und die gleichen cabaliſtiſchen Worte wiederholen, womit das Geſchäft abgethan iſt. Ha, ha, ha! Sie ſehen, wie leicht ſolche Dinge gehen.“ Es folgte nun ein kurzes Schweigen, während deſſen Herr Abel wahrſcheinlich die vorgeſchriebene Form durchmachte; dann erneuerte ſich das Hände⸗ ſchütteln und Fußſcharren, und bald nachher hörte man das Klingen von Weingläſern nebſt großer Redſeligkeit von allen Seiten. Nach ungefähr einer Viertelſtunde zeigte ſich Herr Chuckſter(mit der Feder hinter dem Ohre und einem weinrothen Geſichte) an der Thüre, ließ ſich herab, Kit mit dem ſcherzhaften Titel„junger Schlingel“ anzureden, und eröffnete ihm, daß der Beſuch jetzt herauskäme. Und ſo war es auch. Herr Witherden, ein kleiner, pausbackiger, munterer, pumphafter Mann mit einer friſchen Geſichtsfarbe, führte die alte Dame ungemein höflich am Arme, während Vater und Sohn Hand in Hand folgten. Herr Abel, der ein wunderliches, altmodiſches Weſen an ſich hatte, ſah faſt ſo alt aus, wie ſein Vater, und war dem⸗ ſelben in Geſicht und Haltung zum Sprechen ähnlich, 424 obgleich ihm einiges von ſeiner Fülle, Rundung und Heiterkeit abging, an deren letztere Stelle eine ſcheue Zurückhaltung getreten war. In jeder andern Hin⸗ ſicht aber, namentlich auch in der Zierlichkeit des Anzuges, und ſelbſt den Klumpfuß nicht ausgenom⸗ men, konnke man ihn das treue Conterfey des alten Herrn nennen. Sobald die alte Dame unter Beihülfe des Soh⸗ nes wohlbehalten auf ihrem Platze ſaß und ihren Mantel nebſt einem kleinen Korb, der einen unerläß⸗ lichen Theil ihrer Equipage bildete, untergebracht hatte, ſtieg Herr Abel auf einen kleinen Bock, der augenſcheinlich nur um ſeiner Bequemlichkeit willen hinten angebracht worden war, und lächelte allen Anweſenden der Reihe nach zu, indem er bei ſeiner Mutter anfing und mit dem Pony aufhörte. Man hatte viele Mühe, um den Klepper ſo weit zu bringen, daß er den Kopf in die Höhe hielt und den Zügel feſt machen ließ. Endlich kam man jedoch auch hiemit zu Stande, und der alte Herr, der ſich inzwiſchen geſetzt und das Leitſeil zur Hand genommen hatte, ſteckte jetzt die Hand in ſeine Taſche, um ein Sivrpenceſtück für Kit hervorzuholen. Aber weder er, noch die alte Dame, noch Herr Abel, noch der Notar, noch Herr Chuckſter beſaß ein ſolches, und doch ſchien dem alten Herrn ein Shilling zu viel; da indeß kein Laden in der Straße war, wo man hiätte wechſeln laſſen können, ſo erhielt der Knabe den ganzen Shilling. „Da,“ ſagte er ſcherzend;„ich komme nächſten Montag um dieſelbe Zeit wieder hieher. Du kannſt dann auf mich warten, Junge, um ihn vollends ab⸗ zuverdienen.“ „Ich danke, Sir,“ verſetzte Kit.„Ich werde gewiß hier ſeyn.“ „Er meinte es ganz im Ernſte, und doch lachten Alle herzlich über ſeine Worte, insbeſondere Herr Chuckſter, welcher laut hinausbrüllte, und an dem Spaſſe erſtaunlichen Geſchmack zu finden ſchien. Da der Pony, in der Vorahnung, daß es nach Hauſe gehe, oder mit dem feſten Entſchluſſe, keinen andern Weg einzuſchlagen(was ſo ziemlich auf das Gleiche herauskam) ziemlich wacker darauf los trabte, ſo hatte Kit keine Zeit, ſich zu rechtfertigen, und ging daher ſeines Weges. Er verwendete ſeinen Schatz auf Einkäufe, von denen er wußte, daß ſie zu Hauſe am liebſten geſehen würden, ohne dabei den Hanf⸗ ſamen für den wundervollen Vogel zu vergeſſen, und eilte dann, ſo ſchnell er konnte, zurück, durch das gute Glück ſeiner Geſchäftswanderung ſo ſehr begei⸗ ſtert, daß er mehr als halb hoffte, Nell und der alte Mann wären bereits vor ihm daſelbſt ange⸗ langt. 3 426 Der Naritätenladen. Fünßzhntes Kapitel. — Oft noch, während ſie am Morgen ihrer Flucht durch die ſchweigenden Straßen der Stadt wanderten, zitterte das Kind unter dem gemiſchten Gefühle von Hoffnung und Furcht, wenn ihre rege Phantaſie in irgend einer fernen Geſtalt, die ſie ungeachtet des klaren Himmels nur undeutlich zu unterſcheiden ver⸗ mochte, eine Aehnlichkeit mit dem ehrlichen Kit zu erkennen glaubte. Aber obgleich ſie ihm gerne die Hand gereicht und ihren Dank für das, was er bei der letzten Begegnung zu ihr geſagt, gegen ihn aus⸗ gedrückt haben würde, ſo war es ihr doch immer ein Troſt, wenn ſie beim Näherkommen ſah, daß ſie ſich getäuſcht hatte; denn abgeſehen von der Furcht vor den Folgen, welche ein ſolcher Anblick auf ihren Reiſegefährten hätte hervorbringen können, fühlte ſte auch, daß jetzt ein Abſchied, und vor Allem ein Abſchied von Dem, der ſich ſo treu und erge⸗ ben gegen ſie erwieſen, mehr war, als ſie ertra⸗ gen konnte. Es war genug, ſtumme Dinge zuruͤck⸗ zulaſſen— Gegenſtände, die ſowohl gegen ihre Liebe, als gegen ihren Schmerz unempfindlich waren. Ein Abſchied aber von ihrem einzigen anderen Freunde bei dem Beginne ihrer abenteuerlichen Wanderung würde ihr in der That das Herz gebrochen haben. 7 427 Wie kömmt es doch, daß wir ein Lebewohl im Geiſte weit beſſer ertragen können, als ein perſönli⸗ ches, und daß wir, trotz des Muthes zur Trennung, nicht die Kraft haben, die Scheideworte auszuſpre⸗ chen? Am Vorabende langwieriger Reiſen, oder einer Abweſenheit von vielen Jahren trennen ſich Freunde, die ſich zärtlich lieben, mit dem gewöhnlichen Blicke und dem herkömmlichen Händedrucke, zugleich noch eine Schlußzuſammenkunft für den Morgen verabre⸗ dend, während doch Jeder recht wohl weiß, daß es nur eine arme Finte iſt, um ſich den Schmerz des Lebewohls zu erſparen, und daß die nochmalige Be⸗ gegnung nicht ſtattfinden wird. Sind denn Möglich⸗ keiten ſchwerer zu ertragen, als die Gewißheit? Wir ſcheuen uns nicht, an das Sterbelager unſerer Freunde zu treten, und von Einem derſelben nicht ausdrücklich Abſchied genommen zu haben, verbittert Einem oft den ganzen Reſt des Lebens, obgleich man ſich mit aller Liebe und Zärtlichkeit von ihm getrennt hatte. Die Stadt prunkte heiter im Glanze des Mor⸗ gens; Plätze, welche die Nacht über häßlich und ver⸗ dächtig anzuſehen geweſen, trugen jetzt ein freundliches Lächeln zur Schau, und glitzernde Sonnenſtrahlen, die in den Kammerfenſtern tanzten und durch die Läden und Vorhänge vor den Augen der Schläfer zitterten, goßen Licht ſogar in die Träume, und ver⸗ ſcheuchten die Schatten der Nacht. Vögel, in ihren dumpfigten Käſichten dicht verhüllt, fühlten, daß es 428 Morgen war, und flatterten unruhig in ihren kleinen Behauſungen umher; helläugige Mäuschen krochen in ihre winzigen Wohnungen zurück und neſtelten ſich ſcheu zuſammen; die geleckte Hauskatze, ihrer Beute vergeſſend, ſaß blinzelnd in den Strahlen der Sonne, die durch Schlüſſelloch und Thürritzen drangen, und ſehnte ſich, verſtohlen hin und her zu rennen, oder ſich in der Sonne zu wärmen. Die edleren, auf Ställe angewieſenen Thiere ſtanden regungslos hinter ihren Raufen und ſahen mit Augen, in denen alte Wälder leuchteten, auf die wehenden, vom Lichte ver⸗ goldeten, blätterreichen Zweige vor dem kleinen Fen⸗ ſter, traten dann ungeduldig in die Spuren, welche ihr gefangener Huf geſchlagen, hielten wieder inne und ſahen abermals hin. Menſchen in ihren Kerkern ſtreckten krampfhaft ihre kalten Gliedmaßen und ver⸗ wünſchten den Stein, welchen kein heiterer Himmel erwärmen konnte. Die zur Nachtzeit ſchlafenden Blu⸗ men öffneten ihre zarten Augen und wandten ſich dem Tage zu. Das Licht, die Seele der Schöpfung, war allenthalben, und alle Dinge erkannten ſeine Macht an. Die beiden Pilger drückten ſich oft gegenſeitig die Hände, wechſelten ein Lächeln, oder warfen ſich einen freudigen Blick zu und ſetzten ſchweigend ihren Weg fort. So hell und heiter auch der Tag war, ſo lag doch etwas Feierliches in den langen, verödeten Straßen, aus denen, wie aus ſeelenloſen Körpern, der gewohnte Ausdruck und Charakter gewichen war, 429 ohne etwas Anderes zurückzulaſſen, als jene todte, einförmige Ruhe, in welcher ſich Alle glichen. Es war überall ſo ſtill um dieſe frühe Stunde, daß die wenigen blaſſen Leute, welchen ſie begegneten, eben ſo wenig für die Scene zu paſſen ſchienen, als die dahinſiechende Lampe, welche hin und wieder noch brannte, ſich ohnmächtig und kraftlos gegenüber der vollen Sonnenglorie erwies. Ehe ſie noch ſehr weit in das Labyrinth der Menſchenwohnungen eingedrungen waren, welches zwiſchen ihnen und den Vorſtädten lag, begann dieſer Anblick dahin zu ſchmelzen und Lärm und rühriges Treiben an ſeine Stelle zu treten. Einzelne vorbeiraſſelnde Karren und Kutſchen unterbrachen zuerſt den Zauber; dann kamen Andere und wieder Andere— zuletzt eine rührige Maſſe. Anfangs war es ein Wunder, einen Krämerladen offen zu ſehen, aber bald gehörte es zu den Seltenheiten, wenn man einen geſchloſſenen fand; dann ſtieg der Rauch langſam aus den Schornſteinen auf, und Schiebe⸗ fenſter wurden zurückgezogen, um die Luft einzu⸗ laſſen; die Thüren gingen auf, und Dienſtmädchen, die ſchläfrig in alle Richtungen, nur nicht nach ihrem Beſen, ſahen, kehrten ſchwarze Staubwolken in die Augen der ſich zurückziehenden Vorübergehenden, oder horchten troſtlos den Milchmädchen zu, welche von den Jahrmärkten auf dem Lande erzählten, oder von Wagen in den Gehägen nebſt ihren Leinwandplanen und allem Möglichen ſprachen, natürlich die galanten 43³⁰ Bauernburſche nicht ausgenommen,— lauter Dinge, welche ihnen die nächſtkommende Stunde bringen ſollte. Als ſie dieſen Theil der Stadt hinter ſich hatten, kamen ſie an die Orte des kaufmänniſchen Verkehrs und des Großhandels, wo viele Leute in Thätigkeit und die Geſchäfte bereits in vollem Gange waren. Der alte Mann ſah mit entſetztem und verwirrtem Blicke um ſich, denn dieß waren Plätze, die er nicht ſchauen mochte; er drückte ſeinen Finger auf die Lippen, zog das Kind durch enge Höfe und ge⸗ wundene Nebenwege mit ſich fort und ſchien nicht eher ruhig werden zu können bis all' dieß weit hinter ihm lag, wobei er oft zurückſchaute und vor ſich hin murmelte, Verderben und Selbſtmord laure hier auf jeder Straße, um ihn zu verfolgen, ſobald ſie ihn ausgewittert hätten, weßhalb ſie nicht ge⸗ ſchwind genug fliehen könnten. Als ſie dieſen Stadttheil zurückgelegt hatten, kamen ſie zu vereinzelten Häuſergruppen, wo die ſchlechten Wohnungen, nach Stuben abgetheilt, und die mit Lumpen und Papier verklebten Fenſter, von der volkreichen Armuth, die hier ihr Unterkommen hatte, Zeugniß ablegte. Die Läden wieſen nur ſolche Waaren auf, welche der Dürftige kaufen konnte, und Käufer wie Verkäufer ſuchten ſich in der gleichen Weiſe zu übervortheilen. Da waren elende Straßen, wo entſchwundener Wohlſtand auf ſparſamem Raume mit den aus dem Schiffbruche -———— ⏑⏑——— ⏑— 431 geretteten Mitteln ſeinen letzten ſchwachen Stand zu behaupten ſuchte; aber Steuerbeamte und Gläubiger kamen hieher, wie an andere Orte, und die Armuth, die noch ſchwach ankämpfte, war kaum weniger un⸗ fläthig und augenfällig, als diejenige, welche ſchon längſt allen Widerſtand aufgegeben hatte. Dieß war ein weiter, weiter Strich— denn das niedrige Feldlagergefolge des Reichthums ſteckt ſeine Zelten auf Meilen in die Runde auf— aber ſein Charakter blieb ſich immer gleich. Feuchte, ver⸗ faulende Häuſer, manche zu vermiethen, manche noch auszubauen, viele erſt halb gebaut und ſchon wieder vermodernd— Wohnungen, wo man ſchwer ſagen konnte, ob der Vermiether oder der Miether mehr zu bedauern war— Kinder, dürftig genährt und gekleidet, die auf jeder Straße herumlungerten und ſich im Staube wälzten— ſcheltende Mütter, die unter lärmenden Drohungen mit ihren Holz⸗ ſchuhen das Pflaſter ſtampften— ſchäbige Väter, mit glanzloſen Blicken an das Geſchäft eilend, welches ihnen das„tägliche Brod“ und nicht weiter ein⸗ brachte— Mangweiber, Wäſcherinnen, Schuhflicker, Schneider, Lichterzieher, die in Stuben und Küchen, Hinterräumen und Dachkammern(bisweilen all' dieß unter demſelben Dache) ihr Gewerbe trieben— Zie⸗ gelfelder, an Gärten gränzend, die mit alten Faß⸗ dauben oder bei einem Brande geſtohlenen, halb verkohlten Balken verzäunt waren— Wälle von Seegras, Neſſeln, Schilf und Auſterſchaalen, in 43²2 wilder Verwirrung aufgehäuft— kleine Diſſenter⸗ kapellen für den Unterricht, denen es nicht fehlen konnte, mittelſt des nahe genug liegenden Elends der Erde und unter Beiſtand der mit einigem über⸗ flüſſigem Reichthume in Fülle erbauten neuen Kirchen den Weg nach dem Himmel zu zeigen.— Endlich wurden dieſe Straßen immer dünner und dünner beſäet, bis nur noch kleine Gartenſtücke an den Weg gränzten, in denen ſich hin und wieder ein ungeſchminkt aus altem Gebälk oder den Bruch⸗ ſtücken eines Bootes gebautes Sommerhaus befand, grün angelaufen, wie die zähen Kohlſtrünke, die umherwuchſen, und an den Fugen grottenartig mit giftigen Pilzen und an einander klebenden Schnecken verziert. Dann folgten zu zwei und zwei naſeweiſe Landhäuschen, vorne mit einem Bodenſtück verſehen, das in eckige, mit ſteifen Buchseinfaſſungen und da⸗ zwiſchen liegenden engen Wegen ausgeſtattete Beete ab⸗ getheilt war, ohne daß ſich je ein Fußtritt dahin verirrte, um den Kies rauh zu machen. Dann kam das Wirthshaus, friſch grün und weiß gemalt, mit Theegärten und einer Kugelbahn, welches ſeinen alten Nachbar durch den Pferdetrog, vor welchem die Wagen hielten, höhnte; dann Felder, und dann einige Häuſer von ziemlicher Größe mit Höfen, einige ſogar mit einem Vorhauſe, wo ein Portier mit ſeinem Weibe wohnte. Dann kam ein Schlag⸗ baum; dann wieder Felder mit Bäumen und Heu⸗ ſchobern; dann ein Hügel, auf deſſen Spitze der ——— 0 8—— —,n———— d— ͦ— — 43³ Wanderer Halt machen und— zurückſehen kann, nach dem alten Saint Paulsthurme, wie er durch den Rauch kaum ſichtbar wird, während an ſchönen Tagen ſein Kreuz über der Wolke wegſieht und in der Sonne gleiſt: wenn er dann ſeine Blicke auf das Babel wirft, aus welchem die Cathedrale auftaucht, und deſſen Spuren hinab bis zu den äußerſten Vor⸗ poſten der herandringenden Armee von Ziegelſteinen und Mörtel verfolgt, die beinahe zu ſeinen Füßen liegen— dann mag er endlich fühlen, daß er Lon⸗ don's ledig geworden iſt. In der Nähe eines ſolchen Ortes und in einem angenehmen Felde ließen ſich der alte Mann und ſeine kleine Führerin(wenn von führen die Rede ſeyn kann, wo man nicht weiß, wohin man gehen will) nieder, um auszuruhen. Sie hatte die Vor⸗ ſicht beobachtet, ihren Korb mit einigen Stückchen Fleiſch und Brod zu verſehen, und hier hielten ſie ein frugales Frühſtück. Die Friſche des Tages, der Geſang der Vögel, die Schönheit des wallenden Graſes, das tiefe Grün der Blätter, die wilden Blumen und die tauſend herrlichen Düfte und Töne, welche in der Luft ſchwamen— erhebende Genüſſe für die Meiſten von uns, beſonders aber für die Mehrzahl derjenigen, welche im Strudel oder in der Einſamkeit großer Städte, wie in dem Eimer eines Menſchenbrunnens, leben— ſenkten ſich in ihre Herzen und machten ihre Seelen freudig. Das Kind hatte an dieſem Boz XI. Humphrey's Wanduhr. 28 434 Morgen ſchon einmal ſein kunſtloſes Gebet geſprochen, vielleicht mit mehr Ernſt, als es je zuvor geſchehen war; aber im Gefühle des Zaubers der Gegenwart erhob es ſich abermals zu ihren Lippen. Der alte Mann nahm ſeinen Hut ab— er hatte kein Ge⸗ dächtniß für die Worte— aber er ſagte ſein Amen dazu, und meinte, daß ſie ſehr gut wären. Auf einem Geſimſe ihrer vormaligen Heimat hatte ein alter Abdruck von„des Pilgers Reiſe“* mit ſonderbaren Bildern, gelegen, ob dem ſie oft ganze Abende zugebracht hatte und dabei gerne hätte wiſſen mögen, ob jedes Wort darin wahr wäre und wo wohl die fernen Gegenden mit ihren ſelt⸗ ſamen Namen liegen möchten. Als ſie jetzt auf den verlaſſenen Ort zurück blickte, kam ihr eine Stelle des Buches wieder lebhaft in's Gedächtniß. „Lieber Großvater,“ ſagte ſie,„es iſt mir faſt, als wären wir Beide jener Chriſtian, und legten auf dieſem Graſe alle jene Sorgen und Mühen, die wir mitgebracht haben, nieder, um ſie nicht mehr auf⸗ zunehmen, nur daß dieſer Ort viel hübſcher und beſſer ausſieht, als der eigentliche, wenn nämlich der im Buche getroffen iſt.“ „Nein— wir wollen nie wieder zurückkehren— nie wieder zurückkehren,“ verſetzte der alte Mann, gegen die Stadt hinwinkend.„Du und ich, wir * Von Bunyan. — beide haben uns jetzt losgemacht, Nell. Sie ſollen uns nicht mehr zurücklocken.“ „Sind Sie müde?“ fragte das Kind.„Fühlen Sie ſich auch gewiß nicht unwohl von dem langen Gehen?“ „Ich werde mich nie wieder unwohl fühlen, nun wir einmal fort ſind,“ war ſeine Antwort.„Wir müſſen uns rühren— wir müſſen noch weiter fort — noch viel, viel weiter fort. Wir ſind noch zu nahe, um zu halten und auszuruhen, komme!“ Auf dem Felde befand ſich ein Weiher mit klarem Waſſer, in welchem die Kleine Hände und Geſicht wuſch und ihre Füße abkühlte, ehe ſie weiter gingen. Sie wollte haben, daß ſich der alte Mann gleichfalls auf dieſe Weiſe erfriſchte; ſie veranlaßte ihn daher, ſich auf's Gras zu ſetzen, goß Waſſer mit den Händen über ihn und trocknete ihn ſodann mit ihrem einfachen Anzuge. „Ich ſelbſt kann nichts für mich thun, meine Liebe,“ ſagte der Großvater.„Ich weiß nicht, wie es kommt: ich konnte es einmal, aber dieſe Zeit iſt vorbei. Verlaß mich nicht, Nell— ſage mir, daß du mich nicht verlaſſen willſt. Ich habe dich immer geliebt, gewiß, ich liebte dich immer. Wenn ich auch dich noch verliere, mein Herz, ſo muß ich ſterben!“ Er legte ſeinen Kopf auf ihre Schulter und ſtöhnte kläglich. Es gab eine Zeit, und zwar kaum noch vor ein paar Tagen, wo das Kind es nicht 28* 436 vermocht hätte, ſeiner Thränen zu wehren, ſondern mit ihm geweint haben würde. Jetzt aber beruhigte ſte ihn mit ſanften und zäértlichen Worten, lächelte über ſeinen Einfall, daß ſie ſich je trennen könnten, und neckte ihn deßhalb mit heiteren Scherzreden. Er wurde bald wieder ruhig und verfiel in Schlaf, ſich ſelbſt leiſe zuſingend, wie ein kleines Kind. Er erwachte neugeſtärkt und Beide nahmen ihre Wan⸗ derung wieder auf. Der Weg war lieblich: er führte durch ſchöne Auen und Fruchtfelder, ob denen hoch am klaren, blauen Himmel ſich die Lerche wiegte und ihr frohes Liedchen trillerte. Die Luft führte ihnen die Düfte zu, welche ſie unterwegs gefunden, und die Bienen, getragen von ihrem würzigen Odem, ſummien in ſchläfrigem Behagen, als ſie vorüberſchwammen. Sie befanden ſich nun in dem offenen Lande; Häuſer gab es nicht viele, und auch dieſe ſtanden in langen, oft meilenweiten Zwiſchenräumen. Hin und wieder trafen ſie auf eine Gruppe armſeliger Hütten, deren offene Thüren zum Theil durch eine Bank, oder ein niedriges Brett verlegt waren, um die herumkrabbelnden Kinder von der Straße abzu⸗ halten, während man andere geſchloſſen hatte, weil die ganze Familie auf dem Felde arbeitete. Dieſes war oft der Anfang eines kleinen Dorfes, hinter denen man in einiger Entfernung auch die Werk⸗ ſtätte eines Wagners, oder die Eſſe eines Hufſchmieds traf; dann kam vielleicht eine blühende Meierei, wo ſchläferige Kühe in dem Hof herumlagen, wäh⸗ 43³⁷ rend Pferde über die niedrige Mauer ſahen und, als wollten ſie über ihre Freiheit triumphiren, davon rannten, wenn Roſſe in ihren Geſchirren des Weges kamen. Auch träge Schweine waren da, die den Boden nach leckerer Koſt durchwühlten und ihr monotones Grunzen ausſtießen, wenn ſie umher⸗ ſchnupperten, oder ſich bei ihrem Suchen gegenſeitig in's Gehäge kamen; fette Tauben ſchwirrten um das Dach, oder putzten ſich auf den Traufen; und Enten und Gänſe, die ſich für gar anmuthig halten moch⸗ ten, watſchelten tölpiſch an dem Rande des Weihers hin oder ſchwammen hurtig über deſſen Oberfläche. Hinter der Meierei kam das kleine Gaſthaus, die unbedeutendere Bierſchenke und der Laden des Krämers; dann die Wohnungen des Advokaten und des Pfarrers, bei deren gefürchteten Namen die Bierſchenke zitterte; dann ſchaute die Kirche beſcheiden aus einer Gruppe von Bäumen heraus, dann kamen noch einige Bauernhütten, dann der Triller und der Pfandſtall, und nicht ſelten ganz am Wege ein tiefer, ſtaubiger Brunnen— nach dieſem zu beiden Seiten die eingehägten Felder, und endlich wieder die offene Landſtraße. Sie gingen den ganzen Tag fort und ſchliefen die Nacht über in einem kleinen Bauernhauſe, wo Betten für Reiſende zu vermiethen waren. Am an⸗ dern Morgen waren ſie zeitig wieder auf den Beinen, und obgleich ſie anfangs noch ſehr ermüdet waren, ſo erholten ſie ſich doch bald und ſchritten rüſtig weiter. Sie machten oft Halt, um auszuruhen, aber immer nur eine kleine Weile, worauf ſie wieder auf⸗ brachen, obſchon ſie am Morgen nur eine geringe Erfriſchung zu ſich genommen hatten. Es war bei⸗ nahe fünf Uhr des Nachmittags, als ſie ſich aber⸗ mals einem Haufen von Arbeiterhütten näherten. Das Kind ſah ſehnſüchtig jede an, zweifelhaft, in welcher ſte ſich ein kurzes Ruheplätzchen erbitten und einen Trunk Milch kaufen wollte. Es wurde ihr nicht leicht, zu einem Entſchluſſe zu kommen, denn ſie war ſchüchtern und fürchtete eine Zurückweiſung. Hier weinte ein Kind und dort keifte eine Frau; in der einen waren ihr die Leute zu arm, in der andern waren ihrer zu viele. Endlich machte ſie vor einem Hauſe Halt, wo die Familie um einen Tiſch herum ſaß— ſie that es hauptſächlich deßhalb, weil ein alter Mann in einem Polſterſtuhle neben dem Heerd ſaß; ſie dachte ihn als einen Großvater, und hoffte, er werde auch für den ihrigen Mitgefühl haben. Außerdem waren der Bauer und ſein Weib da, mit drei jungen, kräftigen Kindern, braun wie Beeren. Ihrer Bitte wurde unverzüglich willfahrt. Der älteſte Knabe eilte hinaus, um etwas Milch zu holen, der zweite ſchleppte zwei Schemel an die Thüre, und der jüngſte klammerte ſich an das Gewand ſeiner ——„————.,—+—— ——,——, ₰23 439 Mutter und ſah durch die ſonnverbrannten Finger auf die Fremdlinge. „Grüß Euch Gott, Meiſter,“ ſagte der alte Hüt⸗ tenbewohner mit dünner, pfeifender Stimme.„Geht die Reiſe weit?“ „Ja, Herr; wir haben einen langen Weg zu machen,“ verſetzte das Kind, denn ihr Großvater hatte ſich an ſie gewendet. „Von London?“ fragte der alte Mann. Das Kind bejahte dieſe Frage. Ah! Er war oft in London geweſen— hatte ſeiner Zeit nicht ſelten mit Wagen dahin müſſen. Seit zweiunddreißig Jahren hatte er es aber nicht wieder geſehen, und er wollte gehört haben, daß ſeitdem Vieles anders geworden ſey. Wohl möglich! War ja ſeitdem auch mit ihm Vieles anders geworden! Zwei⸗ unddreißig Jahre ſind eine lange Zeit, meinte er, und vierundachtzig ein hohes Alter, obgleich er von Leuten erzählen konnte, die faſt hundert erlebt hatten und lange nicht ſo rüſtig waren, als er— nein, nicht entfernt. „Setzt Euch da in den Lehnſtuhl, Meiſter,“ ſagte der alte Mann, indem er mit ſeinem Stock auf den gepflaſterten Boden ſtieß und dieſes Mansver recht kräftig auszuführen verſuchte.„Nehmt eine Priſe aus dieſer Doſe; ich ſchnupfe zwar nicht viel, denn der Tabak iſt theuer; aber ich finde, daß er mich manch⸗ mal aufweckt, und Ihr ſeyd nur ein Junge gegen mich. Ich könnte jetzt einen Sohn haben, der faſt 440 ſo alt wäre, als Ihr, wenn er noch lebte, aber ſie nahmen ihn zum Soldaten weg— er kam freilich wieder heim, aber nur mit einem einzigen, armſeli⸗ gen Bein. Er hat immer geſagt, er wolle bei der Sonnnenuhr begraben werden, an der er ſo gerne hinan kletterte, als er noch ein Kind war— ja, ſo ſagte der arme Junge, und ſeine Worte ſind wahr geworden— Ihr könnt von hier aus den Platz ſehen; wir haben ſeitdem den Raſen immer in gutem Stand erhalten. Er ſchüttelte den Kopf, ſah mit thränenfeuchten Augen ſeine Tochter an und ſagte, ſie brauche nicht zu fürchten, daß er weiter davon ſpreche; er wolle Niemand beunruhigen, und wenn er dieß durch ſeine Worte gethan habe, ſo könne er nichts weiter thun, als um Verzeihung bitten. Jetzt langte die Milch an; die Kleine brachte ihr Körbchen hervor, wählte die beſten Biſſen für ihren Großvater aus, und ſo hielten ſie eine erfri⸗ ſchende Mahlzeit. Die Möbel der Stube waren na⸗ türlich ſehr ländlich— ein paar rauhe Stühle und ein Tiſch, ein Wandſchrank mit ſeinem kleinen Vor⸗ rath von Töpfergeſchirr und Steingut, eine Thee⸗ kanne, auf welcher eine Dame in ſchreiend rothem Kleide mit einem ſehr blauen Sonnenſchirm ſpa⸗ zieren ging, ein paar gewöhnliche, colorirte Bibel⸗ bilder in Rahmen an der Wand und dem Ka⸗ min, ein alter, zwergartiger Kleiderſchrank und eine Achttaguhr mit einigen blanken Pfannen und einem 441 Keſſel— hieraus beſtand der ganze Vorrath. Aber alles war nett und reinlich, und als ſich das Kind umſah, fühlte es eine ſo behagliche und zufriedene Ruhe, wie ſie ſich derſelben lange nicht mehr erfreut hatte. „Wie weit iſt's bis zu einer Stadt oder einem Dorfe?“ fragte ſie den Hauswirth. „Man ſpricht da von guten fünf Meilen, meine Gute,“ lautete die Antwort.„Aber ihr wollt doch nicht dieſen Abend noch hingehen?“ „Ja, ja, Nell,“ ſagte der alte Mann haſtig, indem er durch Zeichen in ſie drang.„Wir müſſen weiter, weiter, mein Kind— immer weiter, und wenn wir bis Mitternacht gehen müßten.“ „Wir haben eine gute Scheuer in der Nähe, Meiſter,“ entgegnete der Bauer;„auch können Rei⸗ ſende in dem Wirthshaus„Pflug und Eggee ein Un⸗ terkommen finden. Ihr müßt entſchuldigen, aber ihr ſcheint mir ein Bischen müd, und wenn es euch nicht ſehr daran gelegen iſt, fortzukommen—“ „Ja, ja, es iſt uns ſehr daran gelegen,“ erwie⸗ derte der alte Mann ärgerlich.„Mache, daß wir weiter kommen, liebe Nell; ich bitte, beeile dich.“ „Wir müſſen in der That fort,“ ſagte das Kind, dem Drängen des Großvaters nachgebend.„Wir danken Euch recht ſehr, aber wir dürfen nicht ſo bald Halt machen. Ich bin bereit, Großvater.“ Die Frau hatte jedoch an dem Gange der jun⸗ 442 gen Pilgerin bemerkt, daß einer ihrer kleinen Füße Blaſen hatte, und da ſie ein Weib und zugleich Mutter war, ſo wollte ſie die arme Nell nicht ziehen laſſen, bis ſie die Stelle gewaſchen und irgend ein einfaches Hausmittel darauf angewendet hatte, was ſie ſo ſorgfältig und mit ſo zarter Hand vollführte (obgleich dieſelbe rauh und hart von der Arbeit war), daß das Kind in der Ueberfülle ihres Herzens nicht mehr, als ein glühendes„Gott lohne es Euch!“ auszuſprechen vermochte; auch konnte ſie nicht zu⸗ rückſehen, oder auch nur Worte finden, bis ſie die Hütte weit hinter ſich hatten. Als ſie ſich jetzt um⸗ wandte, ſah ſie, wie die ganze Familie, ſelbſt den alten Großvater nicht ausgenommen, auf dem Wege ſtand und ihnen nachſah; und ſo verabſchiedeten ſie ſich unter vielen Handſchwenkungen und grüßendem Zunicken— aber auch nicht ohne Thränen, wenig⸗ ſtens von einer Seite. Sie hatten ſich— freilich langſam und be⸗ ſchwerlicher, als es bisher der Fall geweſen— un⸗ gefähr eine Stunde oder etwas darüber weiter ge⸗ plackt, als ſie hinter ſich Rädergeraſſel vernahmen, und ein Rückblick belehrte ſie, daß ihnen ein leerer Karren raſch nachkam. Als er bei ihnen anlangte, ließ der Treiber ſein Pferd Halt machen und ſah Nelly ernſt an. „Habt ihr in einer Hütte dort ausgeruht?“ fragte er. „Ja, Sir,“ verſetzte das Kind. „Ah! Man hat mir dort geſagt, ich ſolle mich nach euch umſehen,“ verſetzte der Mann.„Ich fahre den gleichen Weg. Gebt mir Eure Hand. Hinauf mit Euch, Meiſter.“ Dieß war eine große Erleichterung, denn ſie waren ſehr müde und konnten ſich kaum weiter ſchlep⸗ 443 pen. Der Karren erſchien ihnen daher trotz ſeines Stoßens als eine üppige Equipage und die Fahrt ſelbſt als der köſtlichſte Genuß von der Welt. Nell hatte ſich kaum in eine Ecke niedergeſetzt, als ſie in Schlaf verfiel— das erſtemal an dieſem Tage. Sie wurde durch das Anhalten des Karrens ge⸗ weckt, der eben im Begriff war, in einen Seitenweg einzubiegen. Der Kärner ſtieg freundlich aus, um ihr herunter zu helfen, deutete auf einige Bäume in kurzer Entferung von ihnen und ſagte, daß dort die Stadt läge; ſie würden übrigens gut thun, den Pfad einzuſchlagen, der durch den Kirchhof führe und den ſie nicht verfehlen könnten. Demgemäß lenkten ſie ihre müden Schritte der angedeuteten Stelle zu. Der Naritätenladen. Sechzehntes Kapitel. Die Sonne ging eben unter, als ſie an das Gehägethürchen kamen, von welchem aus der Fuß⸗ pfad ſeinen Anfang nahm; und wie der Regen gleich⸗ mäßig auf Gerechte und Ungerechte fällt, ſo goß ſie ihre warmen Strahlen ſelbſt auf die Ruhe⸗ plätze des Todes und hieß ſie ſich getröſten, bis ſie morgen wieder aufgehen würde. Die Kirche war alt und grau, und der Epheu umzog Wände und Portal. Die Monumente vermeidend, kroch er um 444 die Grabhügel, unter denen arme, geringe Menſchen ſchliefen und wand ihnen die erſten Kränze, die ſie je errungen, aber Kränze, die weniger dem Verwelken unterworfen ſind und in ihrer Art weit länger dauern, als die in Stein und Marmor eingegrabenen, welche in pomphaften Ausdrücken von Tugenden ſprechen, die viele Jahre demüthig verborgen und erſt zuletzt von den Teſtamentsvollſtreckern und den tief betrüb⸗ ten Erben an's Licht gefördert worden waren. Das Pferd des Geiſtlichen, mit plumpem, ſchwer⸗ fälligem Tritt unter den Gräbern umher ſtolpernd, wei⸗ dete das Gras ab und holte ſich in dieſer Weiſe ortho⸗ doren Troſt von den todten Pfarrkindern, indem es den Text des letzten Sonntags bethätigte, daß Fleiſch nichts weiter als welkes Gras ſey; ein magerer Eſel, der ſich gleichfalls an einer ſolchen Terxterklärung verſucht hatte, ohne dazu qualificirt und ordinirt zu ſeyn, ſpitzte ſeine Ohren in einem hart neben anliegenden, leeren Pfandſtalle, und ſah mit hungri⸗ gen Augen auf ſeinen prieſterlichen Nachbar. Der alte Mann und das Kind verließen den Kiesweg und gingen unter den Gräbern weiter; denn dort war der Grund weich und that ihren ermüdeten Füßen nicht ſo wehe. Als ſie in die Nähe der Kirche kamen, hörten ſie Stimmen, und alsbald wurden ſie auch Derjenigen, welche geſprochen hatten, an⸗ ſichtig. Es waren zwei Männer, die nachläßig im Graſe ſaßen und ſo emſig beſchäftigt waren, daß ſie an⸗ fangs die Ankömmlinge gar nicht bemerkten. Man konnte leicht errathen, daß ſie zu der Claſſe reiſender Puppenſpieler oder der Darſteller von Polichinell⸗ poſſen gehörten, denn auf einem Grabſtein hinter ihnen ſaß die Figur jenes Helden ſelbſt, mit gekreuz⸗ ten Beinen, während deſſen Naſe und Kinn ſo ge⸗ krümmt und ſein Geſicht ſo ſtrahlend als gewöhnlich 445 war. Nie hatte ſich wohl ſein unverwüſtlicher Cha⸗ rakter ſchlagender entwickelt, denn er behielt das ge⸗ wohnte, gleichförmige Lächeln bei, ungeachtet ſein Körper in einer höchſt unbehaglichen Stellung, loſe, ſchlotterig und formlos, niederbaumelte, während ſeine lange, zugeſpitzte Mütze unverhältnißmäßig gegen ſeine außerordentlich leichten Beine vorwärts balan⸗ cirend, jeden Augenblick herabzuſtürzen und den ganzen Körper nachzuziehen drohte. Zum Theil vor den Füßen der beiden Männer auf dem Boden umher liegend, zum Theil in einer langen, flachen Schachtel durcheinander geworfen, waren die übrigen Perſonen des Drama's zu erken⸗ nen. Das Weib des Helden und ein Kind, das Steckenpferd, der Doctor, der ausländiſche Herr, der aus Unbekanntſchaft mit der Sprache ſeine Ideen nicht anders, als durch das dreimal ſehr beſtimmt hervorgeſtoßene Wort„Schallabalah“ auszudrücken vermag, der radikale Nachbar, der um keinen Preis zugeben will, daß ein Zinnglöckchen eine Orgel iſt, der Henker und der Teufel— alles war hier zuge⸗ gen. Die Eigenthümer dieſer Puppen waren augen⸗ ſcheinlich an dieſen Ort gekommen, um einige Repa⸗ rationen in ihrem Bühnenarrangement vorzunehmen, denn Einer derſelben war beſchäftigt, einen kleinen Galgen mit Zwirn zuſammen zu binden, während der Andere auf dem Kopfe des radikalen Nachbars, welchem eine Glatze geſchlagen worden war, unter Beihülfe eines kleinen Hammers und etlicher Stifte, eine ſchwarze Perücke befeſtigte. Sie ſchlugen erſt ihre Augen auf, als ſich der alte Mann und ſeine Begleiterin dicht hinter ihnen befanden, hielten in ihrer Arbeit inne, und erwieder⸗ ten deren neugierige Blicke. Einer davon, ohne Zweifel der eigentliche Puppenſpieler, war ein kleiner Mann mit einem heiteren Geſichte, blinzelndem Auge 446 und rother Naſe, und ſchien, ohne es ſelbſt zu wiſſen, einiges von dem Charakter ſeines Helden angenom⸗ men zu haben. Der Andere— der, welcher das Geld einſammelte, ſah bedachtſamer und vorſichtiger aus, was vielleicht ebenfalls nothwendig mit ſeinem Geſchäfte zuſammen hing. Der heitere Mann war der erſte, welcher die Fremden mit einem Kopfnicken begrüßte, und als er den Augen des alten Mannes folgte, bemerkte er, vermuthlich habe derſelbe nie vorher einen Polichinell außerhalb der Bühne geſehen.(Wir deuten gelegentlich an, daß Polichinell mit der Spitze ſeiner Mütze auf eine ungemein pathetiſche Grabſchrift zu deuten und darüber aus dem Grunde ſeines Herzens zu lachen ſchien.) „Warum kommt ihr zu einer ſolchen Verrich⸗ tung hieher?“ fragte der alte Mann, indem er ſich neben den Beiden niederließ und mit ungemeinem Vergnügen die Puppen betrachtete. „Je nun, ſeht Ihr,“ verſetzte der kleine Mann, „wir geben dieſen Abend in dem Wirthshauſe dort eine Vorſtellung, und da würde es nicht angehen, die Leute zuſehen zu laſſen, wie unſere Geſellſchaft geflickt wird.“ „Nicht?“ rief der alte Mann, indem er Nell durch Zeichen bedeutete, daß ſie zuhören ſolle,„warum nicht, he? Warum nicht?“ „Weil es alle Täuſchung zerſtören und das In⸗ tereſſe aufheben wuüͤrde— oder meint Ihr nicht?“ entgegnete der kleine Mann.„Würdet Ihr Euch um den Lordkanzler nur eines halben Penny Werths bekümmern, wenn Ihr ihn privatim und ohne ſeine Perücke geſehen hättet? Gewiß nicht.“ „Gut!“ ſagte der alte Mann, indem er es wagte, eine der Puppen zu berühren, und dann mit — —— —. einem ſchrillen Lachen die Hand zurückzog.„Ihr wollt ſie alſo heute Abend zeigen— nicht wahr?“ „Das iſt unſere Abſicht, Herr,“ erwiederte der Andere;„und wenn ich mich in Tommy Codlin nicht ſehr täuſche, ſo berechnet er in dieſer Minute den Verluſt, den wir durch Eure Ueberraſchung erleiden. Doch— nur guten Muths, Tommy, er kann nicht bedeutend ſeyn.“ Der kleine Mann begleitete die letzteren Worte mit einem Blinzeln, womit er ſein Gutachten über den Stand der Finanzen unſerer Reiſenden aus⸗ drückte. Herr Codlin, der ein ſauertöpfiſches und brum⸗ mendes Weſen an ſich hatte, nahm jetzt den Polichi⸗ nell von dem Grabſteine, warf ihn in die Schachtel und ſagte: „Ich mache mir nichts daraus, wenn wir auch einen Farthing verloren haben; aber Ihr ſeyd zu frei. Wenn Ihr ſo vor dem Vorhang ſtündet und die Geſichter des Publikums ſehen würdet, wie es bei mir der Fall iſt, ſo würdet Ihr Euch beſſer auf die menſchliche Natur verſtehen.“ „Oh! Es iſt nicht gut für Euch geweſen, daß Ihr Euch auf dieſe Branche gelegt habt,“ entgegnete ſein Gefährte.„Als Ihr noch den Geiſt in den eigentlichen Jahrmarktcomödien ſpieltet, glaubtet Ihr an Alles— nur nicht an Geiſter; aber nun ſeyd Ihr mißtrauiſch gegen alle Welt. Ich habe nie einen Menſchen ſo ſich ändern ſehen.“ „Gleichviel,“ entgegnete Herr Codlin mit der Miene eines unzufriedenen Philoſophen.„Ich weiß es jetzt beſſer, obgleich ich gerade nicht ſagen kann, daß es mir viele Freude macht.“ Heerr Codlin beugte ſich nur über die Figuren in der Schachtel, einem Manne gleich, welcher ſie 448 kannte und daher verachtete, zog eine hervor und reichte ſte ſeinem Freunde zur Beſichtigung hin: „Seht einmal an, Judy's Kleider ſind ſchon wieder in Fetzen zerfallen. Vermuthlich habt Ihr weder Nadel noch Faden bei Euch?“ Der kleine Mann ſchüttelte ſeinen Kopf und kratzte ſich mit einer Jammermiene im Haare, als er dieſes übeln Zuſtandes einer Hauptperſon anſichtig wurde. Als Nell ihre Verlegenheit wahrnahm, ſagte ſie ſchüchtern: „Ich habe Nadel und Faden in meinem Korbe, Sir. Wollt Ihr mich die Figur ausbeſſern laſſen? Ich glaube, ich kann es hübſcher machen als Ihr.“ Selbſt Codlin hatte nichts gegen ein ſo gelege⸗ nes Anerbieten einzuwenden. Nelly knieete neben der Schachtel nieder und war bald emſig mit ihrer Ar⸗ beit beſchäftigt, die ſie auch zum Wunder ausführte. Während der Arbeit ſah ihr der heitere, kleine Mann mit einem Intereſſe zu, welches ſich keines⸗ wegs zu mindern ſchien, als er von ihr auf ihren hülfloſen Begleiter blickte. Nach geſchehener Verrich⸗ tung dankte er ihr und fragte, wohin ſie reisten. „Ni— nicht mehr weiter dieſen Abend, glaube ich,“ ſagte das Kind mit einem Blicke auf ſeinen Großvater. „Wenn ihr ein gutes Nachtlager braucht,“ be⸗ merkte der Mann,„ſo möchte ich euch zu demſelben Nachtlager rathen, wo wir einquartirt ſind. Dort iſt, dort iſt es, das lange, niedrige, weiße Haus. Man wird ſehr wohlfeil gehalten.“ Der alte Mann wäre, ungeachtet ſeiner Ermü⸗ dung, die ganze Nacht über auf dem Kirchhof ge⸗ blieben, wenn ſeine neuen Bekannten gleichfalls daſelbſt ihr Lager aufgeſchlagen hätten. So aber nahm er dieſen Rath bereitwillig und mit Freuden an, worauf Alle ſich erhoben und mit einander weg⸗ — —— K—9& u — ☛ 449 gingen; er hielt ſich dicht hinter der Schachtel mit den Puppen, von welchen er ganz bezaubert war, der heitere, kleine Mann trug dieſes werthvolle Ge⸗ päck an einem über die Achſel geſchlungenen Riemen, Nelly ging an der Hand ihres Großvaters mit, und Herr Codlin ſchlenderte langſam hintendrein, indem er gelegentlich den Kirchthurm und die benachbarten Bäume mit den nämlichen Blicken beehrte, wie er ſie in ſeiner Stadtpraxis nach den Kinder⸗ und Geſin⸗ deſtubenfenſtern zu werfen pflegte, wenn er ſich nach einem bequemen Platz umſah, wo das Puppenſpiel aufgepflanzt werden konnte, Das Wirthshaus gehörte einem fetten, alten Wirthe und einer Wirthin, welche nichts gegen die Aufnahme ihrer neuen Gäſte einzuwenden hatten, ſondern Nelly's Schönheit lobten und mit einemmale ganz von ihr hingeriſſen waren. In der Küche be⸗ fand ſich, außer den zwei Puppenſpielern, keine wei⸗ tere Geſellſchaft, und das Kind dankte Gott, ein ſo gutes Quartier aufgefunden zu haben. Die Wirthin war ungemein erſtaunt, als ſie hörte, daß ſie den ganzen Weg von London zu Fuß gemacht hätten, und ſchien nicht wenig neugierig hinſichtlich ihrer weitern Beſtimmung zu ſeyn. Das Kind wich ihren Fragen ſo gut als möglich aus, was um ſo leichter anging, da die alte Dame ſelbſt davon abſtand, ſobald ſie bemerkte, daß ihre Nachforſchungen der Kleinen peinlich waren. „Dieſe zwei Herren wünſchen ihr Nachteſſen in einer Stunde einzunehmen,“ ſagte die Wirthin, indem ſie Nell mit in den Schenkverſchlag nahm,„und ihr werdet gut thun, wenn ihr mit ihnen ſpeist. In⸗ zwiſchen ſollſt du etwas bekommen, was dir gut thun wird, denn ſicherlich kannſt du nach einem ſo langen Marſche etwas der Art brauchen. Nun, du brauchſt dich nicht um den alten Herrn zu bekümmern, denn wenn du getrunken haſt, ſoll er auch etwas bekommen.“ Boz. XI. Humphrey's Wanduhr. 29 Da ſich jedoch das Kind durchaus nicht bewegen ließ, ihn allein zu laſſen, oder etwas zu berüh⸗ ren, wovon er nicht den erſten, größten Theil hatte, ſo ſah ſich die alte Dame genöthigt, ihn zuerſt zu bedienen. Sobald ſie ſich in dieſer Weiſe erfriſcht hatten, eilte das ganze Haus nach einem leeren Stall, wo das Puppenſpiel ſtand, und wo bei dem Scheine einiger Talglichter, welche an einem von der Decke herunter hängenden Faßreife ſtacken, die Co⸗ mödie ſofort losgehen ſollte. Und nun nahm Herr Thomas Codlin, der Menſchenfeind, nachdem er ſich auf der Papageno⸗ pfeife in eine völlige Erſchöpfung geblaſen hatte, ſeine Stellung rechts von der gewurfelten Leinwand, welche den Figurenlenker verbarg, und ſchickte ſich mit in die Taſchen geſteckten Händen an, alle Fragen und Bemerkungen des Polichinell zu beantworten und auf eine ganz grauenhafte Weiſe dergleichen zu thun, als wäre er deſſen intimſter Freund, als glaube er an ihn in der vollſten und unbegränzteſten Aus⸗ dehnung und als lebe er der zuverſichtlichſten Ueber⸗ zeugung, daß der Held des Stücks ſich Tag und Nacht einer glorreichen Exiſtenz in dieſem Tempel erfreue und daß derſelbe jeder Zeit und unter allen Um⸗ ſtänden dieſelbe einſichtsvolle und luſtige Perſon ſey, wie ihn die Zuſchauer jetzt erblickten. All' dieß that Herr Codlin mit der Miene eines Mannes, der ſich mit vollſtändiger Reſignation in das Schlimmſte zu ſchicken weiß; und ſein Auge wanderte unter den tref⸗ fendſten Erwiederungen langſam umher, um des Ein⸗ druckes zu gewahren, den ſie auf die Zuhörerſchaft, insbeſondere aber auf den Wirth und die Wirthin machten, was hinſichtlich der Zeche von beſonders wichtigen Folgen ſeyn konnte. In dieſer Hinſicht hatte er jedoch keine gegrün⸗ dete Urſache zur Beſorgniß, denn die ganze Vorſtel⸗ — 451 lung wurde aus Leibeskräften beklatſcht, und es regnete freiwillige Beiträge mit einer Freigebigkeit, welche noch weit nachdrücklicher das allgemeine Ent⸗ zücken bekundete. Niemand lachte lauter und häufiger, als der alte Mann. Von Nell hörte man übrigens nichts, denn das arme Kind war, das Köpfchen auf die Bruſt geſenkt, eingeſchlafen und ſchlummerte zu feſt, als daß ſie durch ſeine Bemühungen, ſie zur Theilnahme an ſeiner Luſt aufzufordern, hätte geweckt werden können. Das Nachteſſen war ſehr gut, aber ſie fühlte ſich zu ermattet, um zu eſſen; doch wollte ſie den alten Mann nicht verlaſſen, bis ſie ihn im Bette wußte und ihn zur guten Nacht geküßt hatte. Er, zum Glück unempfindlich für jede Sorge und Bekümmerniß, ſaß da und horchte mit einem leeren Lächeln und bewundernden Geſichte auf Alles, was ſeine neuen Freunde ſprachen, und erſt als dieſe ſich gähnend nach ihrer Kammer zurückzogen, folgte er dem Kinde die Treppen hinauf. Es war nur ein in zwei Fächer abgetheilter Dachboden, wo ſie ſich zur Ruhe begeben ſollten; demungeachtet freuten ſie ſich aber über ihr Nacht⸗ quartier, da ſie auf kein ſo gutes gerechnet hatten. Der alte Mann fühlte ſich, nachdem er ſich nieder⸗ gelegt hatte, unwohl, und bat Nell, daß ſie kommen und ſich an ſeinem Bette niederſetzen möchte, wie ſie ſo viele Nächte gethan hatte. Sie gehorchte in aller Eile und blieb da, bis er eingeſchlafen war. In dem ihr angewieſenen Fache befand ſich ein kleines Fenſter, kaum größer als ein Mauerriß, und nachdem ſie ihren Großvater verlaſſen hatte, öffnete ſie es, verwundert über das tiefe Schweigen. Der Anblick der alten Kirche und der umherliegenden Gräber in der Mondbeleuchtung, wie auch die dunkeln Bäume, die unter ſich flüſterten— ſtimmten ſie gedankenvoller, als je zuvor. Sie machte das Fenſter wieder zu, 29* 4⁵²2 ſetzte ſich auf ihr Bette und dachte über das Leben nach, das ihnen jetzt bevorſtand. Sie hatte ein wenig Geld, aber es war nur ſehr wenig, und wenn dieſes fort war, ſo mußten ſie zu betteln anfangen. Es war ein Goldſtück darun⸗ ter, und im Falle der Noth konnte es leicht für ſie einen hundertfältigen Werth bekommen. Daher mochte es wohl das Beſte ſeyn, dieſe Münze zu verbergen und nur in einer durchaus verzweifelten Lage Zuflucht dazu zu nehmen, wenn alle andern Hülfsquellen ver⸗ ſiegt waren. Ihr Entſchluß war gefaßt, ſie nähte das Gold⸗ ſtück in ihr Kleid, und da ſie jetzt mit leichterem Herzen zu Bette gehen konnte, ſo fiel ſie ſchnell in einen tiefen Schlaf. Der Naritätenladen. Siebenzehntes Kapitel. Ein zweiter heiterer Tag ſchien durch das kleine Fenſter und weckte das Kind, um mit deſſen ihm verwandten Augen Cameradſchaft zu machen. Bei dem Anblick des fremden Gemachs und der unge⸗ wohnten Umgebung raffte ſich Nell unruhig auf und wunderte ſich, wie ſie aus dem traulichen Kämmer⸗ chen, in welchem ſie letzte Nacht eingeſchlafen zu ſeyn glaubte, fort und hieher gebracht worden ſey. Aber ein zweiter Blick rief ihr die jüngſt erlebten Begebenhei⸗ ten wieder ins Gedächtniß, und voll Hoffnung und Vertrauen ſprang ſie aus ihrem Bette. Es war noch früh und da der alte Mann noch in tiefem Schlafe war, ſo ging ſie in den Kirchhof hinunter und fegte mit ihren Fuͤßen den Thau von dem langen Graſe, indem ſie oft über Stellen ging, —— —— 7 453 wo es noch höher wuchs, um nicht auf die Gräber zu treten. Sie fand eine eigenthümliche Art von Ver⸗ gnügen in dem Aufenthalte unter dieſen Häuſern des Todes und las die Aufſchriften auf den Gräbern der guten Menſchen(es lag deren eine große Anzahl hier beſtattet), indem ſie mit zunehmendem Intereſſe von dem einen zum andern wandelte. Es war ein ſehr ruhiger Ort— ganz ſo, wie er ſeyn ſollte— mit Ausnahme der krähenden Doh⸗ len, welche ihre Neſter in den Zweigen einiger hohen Bäume gebaut hatten und hoch oben in der Luft gegenſeitig ſich zuriefen. Zuerſt ließ einer dieſer glatt⸗ geſiederten Vögel, der in der Nähe ſeines rauhen Hauſes ſchwebte, während er ſich im Winde ſchwang und ſchaukelte, ſein heiſeres Geſchrei vernehmen, ganz zufällig, wie es ſchien, und in einem nüchternen Tone, als ob er nur mit ſich ſelbſt ſpräche. Ein anderer antwortete, und der erſte ſchrie abermals, aber lauter als zuvor; dann miſchte ſich ein dritter und ein vierter ins Geſpräch, und jedesmal beharrte der erſte, durch den Widerſpruch gereizt, nur um ſo ſtärker auf ſeiner Behauptung. Nun fielen auch noch andere Stimmen, die bisher geſchwiegen hatten, von den niedrigeren, den höheren, den mittleren, den rechten, den linken und den Wipfelzweigen aus, ein; und noch weitere erſchollen haſtig aus den grauen Kirchthürmchen und den Fenſtern des alten Glocken⸗ ſtuhls und ſchloßen ſich dem allgemeinen Lärm an, welcher ſich bald ſteigerte, bald verminderte, das einemal anſchwoll und dann wieder nachließ, jeden⸗ falls aber in einem fortdauerte. Auch fand während dieſes ganzen geräuſchvollen Wettſtreites ein beſtän⸗ diges Hin⸗ und Herſchiffen, ein Niederlaſſen auf neue Zweige und ein unabläßiger Ortswechſel ſtatt, womit ſie die frühere Ruheloſigkeit derjenigen, welche jetzt ſo ſtill unter Moos und Raſen lagen, und das nutz⸗ 454 loſe Ningen, womit ſie ſich ihr Leben verkümmert hatten, zu verſpotten ſchienen. Nelly erhob ihre Blicke oft zu den Bäumen, von denen aus dieſe Töne kamen, und es dünkte ihr, der Ort werde dadurch noch ruhiger, als er durch ein vollkommenes Schweigen hätte gemacht werden können; ſie trat von einem Grabe zum andern, indem ſie bald Halt machte, um mit ſorgfältiger Hand einen Strauch wieder aufzurichten, welcher ſich von irgend einem grünen Grabhügel, den er verzieren half, los⸗ geriſſen hatte, bald durch eines der niedrigen Gitter⸗ fenſter in die Kirche hinein ſah, wo wurmzerfreſſene Bücher auf den Betpulten lagen und die weißlich⸗ grüne Tuchverkleidung an den Seiten der Kirchen⸗ ſtühle verſporte, das nackte Holz dem Auge preis⸗ gebend. Da waren die Bänke, auf denen die armen, alten Leute ſaßen, abgenützt und gelb, wie ſie ſelber; der rauhe Taufſtein, an dem die Kinder ihre Namen erhielten, der einfache Altar, an dem ſie im ſpäteren Leben niederknieeten, und die flachen, ſchwarzen Ge⸗ ſtelle, die ihre Laſt zum letzten Beſuche nach der kühlen, alten, ſchattigen Kirche trugen. Alles deutete auf langen Gebrauch und ruhigen, allmäligen Ver⸗ fall; ſelbſt das Glockenſeil im Treppenhauſe des Thurms hatte ſich zu einer Franſe aufgelöst und war vor Alter ſchimmelig geworden. Sie betrachtete eben einen beſcheidenen Grabſtein, der von einem jungen dreiundzwanzigjährigen Manne erzählte, welcher vor fünfundfünfzig Jahren geſtorben war, als ſie den Ton eines näher kommenden, wankenden Fußtrittes vernahm, und beim Umblicken bemerkte ſie ein gebrechliches, von der Laſt der Jahre niedergebeugtes Weib, welches zu demſelben Grabe heranhinkte und ſie bat, ihr die Inſchrift auf dem Steine vorzuleſen. Nell willfahrte dieſem Geſuche und die alte Frau dankte ihr, indem ſie beifügte, ſie habe die Worte manches —2 45⁵ lange, lange Jahr auswendig gewußt, jetzt aber könne ſie dieſelben nicht mehr ſehen. „War't Ihr ſeine Mutter?“ fragte das Kind. „Ich war ſein Weib, meine Liebe.“ „Sie das Weib eines jungen Mannes von drei⸗ undzwanzig? Ach ja! Es war ja vor fünfundfünf⸗ zig Jahren.“ „Ihr wundert Euch, daß ich ſo ſpreche?“ be⸗ merkte die alte Frau, indem ſie ihren Kopf ſchüttelte; „Ihr ſeyd aber nicht die Erſte. Aeltere Leute als Ihr haben ſich ſchon früher darüber gewundert. Ja, ich war ſein Weib. Der Tod kann keine größeren Ver⸗ änderungen an uns hervorbringen, als das Leben, meine Liebe.“ „Kommt Ihr oft hieher?“ fragte das Kind. „Im Sommer ſitze ich ſehr oft hier,“ antwortete ſie.„Ehedem kam ich hieher, um zu weinen und zu trauern, aber das iſt jetzt, Gott ſey Dank, lange vorüber!“ „Ich pflücke die Gänſeblümchen ab, die hier wachſen, und nehme ſie mit nach Hauſe,“ fuhr die alte Frau nach einem kurzen Schweigen fort.„Seit fünfundfünfzig Jahren iſt mir keine Blume lieber, als dieſe. Es iſt eine lange Zeit und ich bin inzwi⸗ ſchen ſehr alt geworden.“ Dann wurde ſie geſchwätzig über ein Thema, das wenigſtens für einen Zuhörer, mochte dieſer auch nur ein Kind ſeyn, neu war: ſie erzählte, wie ſie damals geweint, geſtöhnt und zum Himmel gefleht hatte, daß der liebe Gott doch auch ſie abrufen möchte, und wie ſie bei dem erſten Beſuche dieſes Ortes, zu jener Zeit ein junges Geſchöpf, ſtark in Liebe und Gram, gehofft, ihr Herz möchte brechen, wie es auch den Anſchein gehabt. Dieſe Prüfungsſtunden gingen aber vorüber, und obgleich ſie fortfuhr, mit trauervollem Herzen hieher zu kommen, ſo konnte ſie doch dieſe 456 Beſuche ertragen, und ſo milderte ſich ihr Schmerz nach und nach in einer Weiſe, welche ihr denſelben nicht mehr zum Schmerz, ſondern zu einer feierlichen Freude und zu einer Pflicht machte, welche ſie lieben gelernt hatte. Und nun, nach dem Ablauf von fünf⸗ undfünfzig Jahren, ſprach ſie von dem todten Manne, als ob er ihr Sohn oder Enkel geweſen wäre, mit einer gewiſſen Bemitleidung ſeiner Jugend, die aus ihrem eigenen hohen Alter entſprang, und mit be⸗ geiſterter Anpreiſung ſeiner Kraft und ſeiner männ⸗ lichen Schönheit, wenn ſie dieſelbe mit ihrer eigenen Schwäche und Hinfälligkeit verglich; und doch ſprach ſie auch von ihm als ihrem Manne, gedachte ihrer Verbindung mit ihm als einer Zeit, in der ſie nicht war wie jetzt, redete von ihrem Wiederſehen in einer andern Welt, als hätte man ihn erſt geſtern begra⸗ ben, und während ſie ſich von ihrem früheren Selbſt trennte, kam ihr nur noch der Gedanke an das Glück jenes hübſchen Mädchens, das mit ihm geſtorben zu ſeyn ſchien. Das Kind ließ ſie die Blumen ſammeln, welche auf dem Grabe wuchſen, und entfernte ſich gedan⸗ kenvoll. Der alte Mann war inzwiſchen aufgeſtanden und hatte ſich angekleidet. Herr Codlin, noch immer verdammt, die rauhen Wirklichkeiten des Daſeyns zu betrachten, packte die Kerzenſtümpchen, die bei der geſtrigen Vorſtellung übrig geblieben waren, unter ſeine Leinwand, waͤhrend ſein Gefährte die Compli⸗ mente all' der Müßiggänger im Stallhofe entgegen nahm, die es nicht über ſich gewinnen konnten, ſich von Polichinells hohem Geiſte zu trennen, und daher dem Puppenlenker faſt ebenſo viele Bedeutſamkeit beilegten, als jenem vogelfreien Spaßmacher, indem ſie dem Erſteren kaum weniger Liebe erwieſen. So⸗ bald er ſich hinreichend von ſeiner Popularität über⸗ 457 zeugt hatte, kam er zum Fruhſtück herein, bei welchem ſie ſich gemeinſchaftlich niederſetzten. „Und wo geht's heute hin?“ fragte der kleine Mann, ſich an Nelly's Seite niederſetzend. „Das weiß ich ſelber kaum,“ ſagte das Kind; „wir ſind noch unſchlüſſig darüber.“ „Wir gehen zu dem Pferderennen,“ ſagte der kleine Mann.„Wenn Ihr den gleichen Weg zu machen und nichts gegen unſere Geſellſchaft einzu⸗ wenden habt, ſo wollen wir mit einander gehen. Zieht Ihr's aber vor, allein zu reiſen, ſo dürft ihr es kecklich ſagen; Ihr ſollt finden, daß wir Euch nicht beläſtigen wollen.“ „Wir wollen mit Euch gehen,“ entgegnete der alte Mann.„Nell— mit ihnen, mit ihnen.“ Das Kind dachte einen Augenblick nach, und die Betrachtung, daß ſie in Bälde betteln müßte und kaum hoffen dürfte, hiezu einen beſſern Ort zu finden, als wo Beluſtigungen und Feſtſpiele Maſſen von reichen Damen und Herrn verſammelten, bewog ſie, dieſe Männer bis dahin zu begleiten. Sie dankte daher dem kleinen Manne für ſein Anerbieten und ſagte mit einem furchtſamen Blicke auf deſſen Freund, wenn man gegen ihren Anſchluß an die Geſellſchaft bis zur Stadt, wo das Pferderennen abgehalten würde, nichts einzuwenden habe— „Was einzuwenden!“ rief der kleine, alte Mann. „Nun, ſeyd einmal artig, Tommy, und ſagt, es wäre Euch angenehm, wenn ſie uns begleiteten. Ich weiß, es geht Euch da wie mir. Seyd artig, Tommy.“ „Trotters,“ ſagte Herr Codlin, der ſehr langſam ſprach und ſehr gierig aß, eine bei Philoſophen und Miſanthropen nicht ungewöhnliche Erſcheinung;„Ihr ſeyd zu frei.“ 458 „Warum? Was kann es ſchaden?“ fragte der Andere. „In dieſem beſonderen Fall ſchadet's vielleicht nicht,“ verſetzte Herr Codlin;„aber das Princip iſt gefährlich, und Ihr benehmt Euch zu frei, kann ich Euch ſagen.“ „Gut, ſollen ſie mit uns gehen, oder nicht?“ „Je nun, ich habe nichts dagegen,“ ſagte Herr Codlin;„aber hättet Ihr nicht eine Gunſt daraus machen können— wie?“ Der eigentliche Name des kleinen Mannes war Harris, aber allmälig hatte ſich derſelbe in den weniger wohlklingenden„Trotters“(Traber) mit dem erklärenden Beiwort„Short“(kurz) umgewandelt— — eine Benennung, welche der Puppenſpieler einer Eigenſchaft ſeiner Beine zu verdanken hatte. Short Trotters war jedoch ein zu complicirter Name, der nicht recht in einen freundſchaftlichen Dialog paſſen wollte, weßhalb der Träger deſſelben von ſeinen näheren Bekannten entweder„Short“ oder„Trotters“ betitelt wurde, ohne daß man ſich des vollen Short Trotters anders als bei formellen Geſprächen oder bei beſonders ceremoniöſen Anläſſen gegen ihn be⸗ diente. Short alſo, oder Trotters(wie der Leſer lieber will) beantwortete die Zurechtweiſung ſeines Freundes, des Herrn Thomas Codlin, mit einer Scherzrede, welche die Abſicht hatte, ſeiner Unzufriedenheit eine andere Richtung zu geben, und indem er jetzt mit großem Behagen dem kalten Rindfleiſch, dem Thee und dem Butterbrode zuſprach, verfehlte er nicht, ſeine Gefährten anzufeuern, das ſie ein Gleiches thun ſollten. Freilich bedurfte Herr Codlin keiner ſolchen Ueberredung, da er bereits ſo viel zu ſich genommen hatte, als er möglicher Weiſe führen konnte, und daher jetzt ſeinen Erdenkloß mit ſtarkem Bier an⸗ — 459 feuchtete, welchem er mit ſtummem Wohlbehagen in tiefen Zügen zuſetzte, ohne jedoch irgend Jemanden dazu einzuladen— ein Benehmen, wodurch er aber⸗ mals ſeine miſanthropiſche Geiſtesrichtung kräftig an den Tag legte. Nachdem das Frühſtück endlich vorüber war, forderte Herr Codlin die Rechnung, die er ſammt dem Biere auf die ganze Geſellſchaft umlegte(ein Verfahren, das gleichfalls nach Menſchenhaß ſchmeckte, indem er die Geſammtſumme in zwei gleiche Hälften theilte, und die eine Hälfte ſich ſelbſt und ſeinem Freunde, die andere Nelly und ihrem Großvater zuwies). Sobald dieß pflichtlich ausgeglichen und Alles zur Abreiſe bereit war, verabſchiedeten ſie ſich von dem Wirth und von der Wirthin, und traten ihre Wanderſchaft an. Und hier zeigte ſich Herrn Codlin's falſche Stel⸗ lung in der Geſellſchaft und die Wirkung, welche dieſer Umſtand auf ſeinen verwundeten Geiſt übte, im lebhafteſten Lichte; denn während er geſtern Abend von Herrn Polichinell als„Herr Patron“ an⸗ geredet und das Publikum auf dieſe Weiſe zu dem Glauben gebracht wurde, als halte er ſich dieſes Individuum nur zu ſeiner eigenen Beluſtigung, mußte er ſich jetzt peinlich unter der Laſt deſſelben Polichinell⸗ tempels hinſchleppen und denſelben in Perſon an einem ſchwülen Tage und über ſtaubige Wege auf ſeinen Schultern tragen. Statt den Herrn Patron mit einem unabläſſigen Witzfeuer oder durch das luſtige Raſſeln ſeiner Peitſche auf den Köpfen ſeiner Verwandten und Freunde aufzuheitern, lag der ſtrah⸗ lende Polichinell rückenlahm, ſchlaff und ſchlotterig in einer dunkeln Schachtel, die Beine um den Hals geſchlungen und ohne die mindeſte Spur irgend einer ſeiner geſelligen Eigenſchaften. Herr Codlin plackte ſich ſchwerfällig weiter, höch⸗ 460 ſtens hin und wieder mit Short ein paar Worte wechſelnd, hielt bisweilen inne, um auszuruhen, und brummte gelegentlich. Short ging mit der flachen Schachtel, dem in ein Bündel zuſammengebundenen, nicht ſehr umfangreichen Privatgepäcke und einer Meſſingtrompete, die ihm über die Schulter hing, voran; Nell und ihr Großvater wandelten zu ſeiner Rechten und Linken, und Thomas Codlin bildete den Nachtrab. G So oft ſie zu einer Stadt, zu einem Dorfe oder auch nur zu einem Hauſe von gutem Ausſehen kamen, ließ Short ſeine Meſſingtrompete ſchmettern und ſang eine Liedſtrophe in jener heitern Weiſe, die Poli⸗ chinellen und ihren Conſorten eigen iſt. Wenn dann die Leute an die Fenſter eilten, ſchlug Herr Codlin den Tempel auf, warf haſtig die Tuchbekleidung über, um Short darunter zu verbergen, raste ganz wahn⸗ ſinnig auf ſeiner Papagenopfeife und trug eine Arie vor. Dann begann die Vorſtellung in möglichſter Bälde, wobei es Herrn Codlin's Verantwortlichkeit anheim geſtellt war, über die Dauer derſelben zu entſcheiden, und den endlichen Triumph des Helden über den Feind des Menſchengeſchlechts hinauszu⸗ ſchieben oder zu verkürzen, je nachdem er glaubte, daß die Nachleſe von Halbpencen reichlich oder ſpar⸗ ſam ausfallen dürfte. Wenn er dann alles bis auf den letzten Farthing eingeſammelt hatte, nahm er ſeine Laſt wieder auf und die Geſellſchaft verfolgte ihren Weg wieder weiter. Zuweilen verdienten ſie den Brückenzoll oder das Fährgeld durch eine Vorſtellung ab, und einmal ließen ſie auch ihre Helden auf ausdrückliches Ver⸗ langen an einem Schlagbaume aufſpielen, wo der Warter, der ſich in ſeiner Einſamkeit ein Räuſchlein angetrunken hatte, einen Shilling zahlte, um etwas Apartes zu haben. Sie wurden faſt überall gut — n K———+ N—-õ uö—y 46¹1 aufgenommen und verließen ſelten eine Stadt, ohne daß ihnen ein Schwarm zerlumpter und jubelnder Kinder auf der Ferſe folgte, obgleich wir nicht zu bemerken übergehen dürfen, daß an einem kleinen Orte von wohlhabendem Ausſehen ihre Hoffnungen auch einmal zu Schanden gingen: denn ein Lieb⸗ lingscharakter im Spiel, der Goldborten an ſeinem Hute hatte und ein naſeweiſer holzköpfiger Burſche war, wurde als ein Pasquill auf den Büttel betrachtet, weßhalb ſie von den Ortsbehörden zu einem ſchleu⸗ nigen Abzuge gezwungen wurden. 3 Ungeachtet dieſer Unterbrechungen machten ſie doch einen ſchönen Tagmarſch, und der Mond ſchien bereits am Himmel, als ſie noch immer auf der Landſtraße waren. Short vertrieb ſich die Zeit mit Singen und Scherzen, und gewann Allem, was ihm begegnete, die beſte Seite ab, während dagegen Herr Codlin ſein Schickſal nebſt den hohlen Dingen der Erde, insbeſondere aber den Polichinell verfluchte und, mit der Schaubühne auf ſeinem Rücken,— ein Opfer des bitterſten Verdruſſes— weiter hinkte. Sie hatten Halt gemacht, um unter einem Weg⸗ weiſer, wo vier Straßen zuſammentrafen, auszuruhen, und Herr Codlin ließ in ſeinem tiefen Menſchenhaſſe die Vorhänge herunter, hinter welchen er ſich, jedem ſterblichen Auge unſichtbar und die Geſellſchaft ſeiner Mitmenſchen verſchmähend, auf die Erde ſetzte, als auf einmal zwei ungeheure Schatten ſichtbar wurden, welche aus einer Wendung derſelben Straße, auf welcher ſie hergekommen waren, ihrem Raſtorte näher rückten. Das Kind erſchrack anfangs ſehr über den Anblick dieſer hageren Rieſen— denn ſo ſahen ſie aus, als ſie ſich mit ſtolzen Schritten dem Schatten der Bäume näherten— aber Short ſagte ihr, ſie habe nichts zu fürchten, und ließ ſeine Trompete 462 ſchmettern, was durch ein luſtiges Gejubel beant⸗ wortet wurde. 4 „Iſt das nicht die Grinder'ſche Geſellſchaft?“ rief ihnen Herr Short laut entgegen. „Ja,“ erwiederten ein paar ſchrille Stimmen. „So kommt heran,“ ſagte Short.„Laßt Euch ein Bischen beſehen; ich dachte mir's ja, daß ihr's wäret.“ 8. So eingeladen verdoppelte„die Grinder'ſche Ge⸗ ſellſchaft“ ihre Schritte, und ſchloß ſich an unſere Wanderer an. Herrn Grinder's Geſellſchaft beſtand aus einem jungen Gentleman und einer jungen Dame auf Stelzen, wozu noch Herr Grinder ſelbſt kam, der zum Zwecke der Ortsveränderung ſich ſeiner na⸗ türlichen Beine bediente und auf ſeinem Rücken eine Trommel trug. Das Schaucoſtüme der jungen Leute war hochländiſch; da aber die Nacht feucht nud kalt war, ſo trug der junge Gentleman über ſeinem Kilt* einen Reiſekittel, der ihm bis an die Knöchel reichte, und einen Glanzhut. Die junge Dame war gleichfalls in einen alten Pelzmantel eingehüllt und hatte ein Taſchentuch um den Kopf gebunden. Die ſchottiſchen, mit pechſchwarzen Federn verzierten Mützen trug Herr Grinder auf ſeinem Inſtrument. „Zum Pferderennen, wie ich ſehe?“ ſagte Herr Grinder, als er athemlos herankam.„Wir auch. Wie geht's, Short?“ Sofort ſchüttelten ſie ſich ſehr freundſchaftlich die Hände, und die jungen Leute, welche für eine ge⸗ wöhnliche Begrüßung zu hoch waren, ſalutirten Short nach ihrer eigenen Weiſe, indem der junge Gentleman ſeine rechte Stelze erhob und ihn damit auf die Schulter klopfte, die junge Dame aber auf ihrem Tambourin raſſelte. * Die kurze Schürze der Bergſchotten. 463 „Geſchieht das zur Uebung?“ fragte Short, auf die Stelzen deutend. „Nein,“ antwortete Grinder.„Sie müſſen ent⸗ weder darauf gehen oder ſie tragen, und ſie ziehen das erſtere vor, wobei ſie noch die angenehmere Aus⸗ ſicht in den Kauf haben. Welchen Weg ſchlagt Ihr ein? Wir gehen den nächſten.“ „Je nun, die Sache verhält ſich ſo,“ ſagte Short;„wir Fbölkten den längſten einſchlagen, weil wir dann ſo anderthalb Meilen von hier über Nacht bleiben können. Doch drei oder vier Meilen in der Nacht gewonnen, ſind eben ſo viele für Morgen er⸗ ſpart, und wenn ihr noch aushaltet, ſo wird es, huie ich, am beſten ſeyn, wenn wir das Gleiche thun.“ „Wo iſt Euer Compagnon?“ fragte Grinder. „Hier iſt er,“ rief Herr Thomas Codlin, indem er Kopf und Geſicht in das Proſcenium ſeiner Bühne ſteckte und eine Fratze ſchauen ließ, wie man ſie dort nicht oft zu ſehen bekam;„und er will ſeinen Compagnon lieber lebendig geſotten ſehen, als dieſe Nacht noch weiter marſchiren. Weiter hat er nichts zu ſagen.“ „Wohl, aber ſprecht nicht ſolche Dinge in einer Sphäre, die lieblicheren Gegenſtänden geweiht iſt,“ entgegnete Short.„Man muß freundliche Verbin⸗ dungen reſpectiren, Tommy, ſelbſt wenn man übler Laune iſt.“ „Uebel oder gut,“ ſagte Herr Codlin, indem er mit der Hand augha kleine Fußbrett ſchlug, wo Polichinell, wenn ſich plötzlich über das Ebenmaß ſeiner Beine und über ihre Fähigkeit, ſeidene Strümpfe zu tragen, vernimmt, die genannten Gliedmaßen der Bewunderung des Publikums zur Schau ſtellt,„gut oder übel, ich gehe heute nicht mehr weiter als andert⸗ halb Meilen. Ich will nirgends anders hin, als zu 464 den ‚luſtigen Sandbubene. Wollt Ihr mitgehen, ſo kommt; wollt Ihr aber Eurem eigenen Kopfe folgen, ſo thut es und geht ohne mich, wenn Ihr könnt.“ Mit dieſen Worten verſchwand Herr Codlin von der Bühne, erſchien unmittelbar darauf außerhalb des Theaters, nahm es mit einem Ruck auf ſeine Schultern und machte ſich mit höchſt merkwürdiger Behendigkeit von danne—. Da nun von einer weitern iiroverſe keine Rede mehr ſeyn konnte, ſo mußte ſich Short von Herrn Grinder und ſeinen Zöglingen verabſchieden und ſeinem mürriſchen Gefährten folgen. Er ver⸗ weilte noch ein paar Minuten an dem Wegweiſer, um im Mondſcheine dem raſchen Stelzengange und dem langſam hintendrein humpelnden Trommelträger nachzuſehen, that ein paar Stöße in ſeine Trompete als Scheidegruß und ſetzte ſich dann in Galopp, um Herrn Codlin nachzukommen. Zu dieſem Ende gab er Nelly ſeine freie Hand, ſprach ihr Muth zu, da ſie bald an dem Ende der heutigen Wanderung ſeyn würden, kräftigte den alten Mann mit einer ähnlichen Ermunterung, und führte ſie mit raſchem Schritte ihrem Beſtimmungsorte zu, mit dem er jetzt um ſo zufriedener war, da ſich der Mond mit regendrohen⸗ den Wolken überzog.— ——