Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2149 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 4. Wer 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſuin Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. p V „ „ — — Ausgewählte Novellen-Bibliothek.. Neunzehnter Band. Bavid Kopperfield, der Jüngere. Von Charles Dickens. Zehnter Theil. Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1850. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erfahrungen und Beobachtungen David Kopperſield's des Jüngeren. Von Charles Dickens. Zehnter Theil. —— Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1850. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erkahrungen und Beobachtungen David Kopperfield's des Jüngeren. Zehnter Theil. — Achtundfünfzigſtes Kapitel. Abweſenheit. Es war eine lange und finſtere Nacht, die ſich nun auf mich herabſenkte, heimgeſucht von den Geiſtern ſo mancher Hoffnungen, ſo mancher lieben Erinnerungen, ſo mancher Verirrungen und ſo mancher zu nichts mehr helfenden Kümmerniſſe und Gedanken voll Reue über die Vergangenheit. Ich ging weg von England, indem ich ſelbſt in dieſem Augenblicke noch nicht wußte, wie groß der Stoß war, den ich auszuhalten hatte. Ich verließ Alle, die mir theuer waren, und ging weg und meinte, ich habe es überſtanden, und es ſei vorbei. Wie ein Mann auf einem Schlachtfelde eine tödtliche Verletzung erhalten und doch kaum wiſſen kann, daß er überhaupt getroffen iſt, ſo hatte auch ich, als ich allein gelaſſen war mit mei⸗ nem unerfahrenen Herzen, keinen Begriff von der Wunde, mit welcher ich zu ringen hatte. Das Bewußtſein davon wurde mir zu Theil, aber nicht plötzlich, ſondern nach und nach und gleichſam“ tropfenweiſe. Das Gefühl der Verlaſſenheit, mit dem 1* David Kopperfield. ich abreiſte, vertiefte und erweiterte ſich ſtündlich. Zuerſt war es die ſchwerlaſtende Empfindung eines Verluſtes 4 und eines Schmerzes, worin ich wenig andere Dinge 4 zu unterſcheiden vermochte. Stufenweiſe, jedoch kaum merklich, verwandelte ſich dieſe Empfindung in ein hoff⸗ nungsloſes Bewußtſein von Allem, was ich verloren hatte— Liebe, Freundſchaft, Theilnahme; von Allem, was mir zerſtoben war— mein erſtes Vertrauen, meine erſte Zuneigung, das ganze Luftſchloß meines Lebens; von Allem, was mir geblieben war— eine Trümmer⸗ ſtätte öd und wüſt, weitgeſtreckt rings um mich, un⸗ unterbrochen bis an den dunkeln Geſichtskreis. Wenn in meinen Kummer ſich Selbſtſucht miſchte, ſo wußte ich dies nicht. Ich trauerte um mein kindi⸗ ſches Weibchen, die ſo jung aus ihrer Blüthenwelt hinweggenommen war. Ich trauerte um ihn, welcher 5 die Liebe und Bewunderung von Tauſenden hätte ge⸗ winnen können, wie er die meine gewonnen hatte vor langen Jahren. Ich trauerte um das gebrochene Herz, welches Ruhe gefunden in der ſtürmiſchen See, und um die wandernden Bewohner der einfachen Häuslich⸗ keit, wo ich dereinſt, als ich noch ein Kind war, den Nachtwind hatte rauſchen hören. Zuletzt war ich in einen ſo tiefen Trübſinn ver⸗ ſunken, daß ich keine Hoffnung hegte, je wieder her⸗ auszukommen. Ich ſchweifte von Ort zu Ort und ſchleppte meine Bürde mit mir herum. Ich fühlte ihre Laſt jetzt, und ich beugte mich unter ihr, und ich ſagte in meinem Herzen, daß es darin nimmer wieder hell werden würde. Als dieſer verzweifelte Zuſtand am Schlimmſten war, meinte ich ſterben zu müſſen. Manchmal kam mir der Gedanke, daß ich gern in der Heimat ſterben möchte, — — David Kopperfield.. 5 und ich wandte mich ſogar auf meiner Straße um, damit ich bald dorthin gelangte. Zu andern Zeiten wieder entfernte ich mich weiter und zog von Stadt zu Stadt, ich weiß nicht, welchem Etwas nach und von welchem Etwas hinweg. Ich bin nicht im Stande, alle die qualvollen Pha⸗ ſen des Trübſinns eine nach der andern zu ſchildern, welche ich durchlebte. Es giebt gewiſſe Träume, welche nur unvollkommen und in allgemeinen Andeutungen beſchrieben werden konnen, und wenn ich mich zwinge, einen Rückblick auf dieſe Zeit meines Lebens zu thun, iſt mir's, als ob ich mir ſolch einen Traum ins Ge⸗ dächtniß zurückriefe. Ich ſehe mich an den Sehens⸗ würdigkeiten fremder Städte, Paläſte, Dome, Tempel, an Gemälden, Burgen, Grabmälern, der Phantaſie vor⸗ ſchwebenden Straßen derſelben— den alten Wohnſtät⸗ ten der Geſchichte und der Dichtkunſt— vorüberſchreiten, wie dies etwa ein Träumender thun würde, überallhin meine ſchmerzliche Laſt mit mir ſchleppend und mir kaum der Gegenſtände bewußt, wenn ſie vor mir entſchwan⸗ den. Theilnahmloſigkeit an Allem, ausgenommen meine dumpfhinbrütende Trauer, war der Charakter der Nacht, die auf mein unerfahrenes Herz gefallen. Laſſe man mich von derſelben und von ihrem langen, düſtern, unſeligen Traume— wie ich, Dank dem Himmel! zu⸗ letzt that— aufblicken zur Morgendämmerung! Viele Monate reiſte ich mit dieſer ewig dunkelnden Wolke auf meiner Seele durch die Welt. Gewiſſe mir unerklärliche Gründe, welche mich abhielten, heimzukeh⸗ ren— Gründe, die ſich in mir damals zu deutlicherem Ausdrucke emporrangen— trieben mich weiter auf mei⸗ ner Pilgerfahrt. Manchmal war ich ruhelos fortgewan⸗ dert von Ort zu Ort, manchmal wieder hatte ich mich David Kopperfield. lange an einer Stelle aufgehalten. Ich hatte keinen Zweck gehabt und nirgendwo eine Seele, die mich ge⸗ tröſtet hätte. Ich war in der Schweiz. Ich war aus Italien gekommen über einen der großen Alpenpäſſe, und war ſeitdem mit einem Führer auf den Seitenpfaden der Berge gewandert. Ob dieſe furchtbaren Einöden zu meinem Herzen geſprochen hatten, wußte ich nicht. Ich hatte Erhabenheit und Staunenswürdigkeit gefunden in den grauſigen Felsgipfeln und Abgründen, in den brül⸗ lenden Sturzwaſſern und den Wüſten von Eis und Schnee, aber bis jetzt hatten ſie mich noch nichts An⸗ deres gelehrt. Ich kam eines Abends vor Sonnenuntergang in ein Thal hinab, wo ich Nachtquartier machen wollte. Während ich auf dem gewundenen Pfade an der Seite des Berges, von dem ich es in der Ferne drunten glän⸗ zen ſah, in daſſelbe hinabſtieg, zog ein gewiſſes mildes Gefühl, erweckt durch ſeinen Frieden, leiſe in meine Bruſt ein. Ich erinnere mich, ein Mal ſtehen geblie⸗ ben zu ſein, die Bruſt mit einer Art Gram erfüllt, welcher nicht durchaus erdrückend, nicht ganz verzweif⸗ lungsvoll war. Ich erinnere mich, beinahe der Hoff⸗ nung Raum gegeben zu haben, daß eine Aenderung zum Beſſern in mir noch möglich ſei. Ich kam in das Thal, als die Abendſonne auf die entfernten Schneegipfel ſchien, welche es gleich ewigen Wolken einſchloſſen. Der Fuß der Berge, welche die Vertiefung bildeten, in der das kleine Dorf lag, war mit reichem Grün bedeckt, und hoch über dieſem mil⸗ dern Pflanzenwuchs ragten Forſten von dunklen Föhren, welche die winterliche Schneefläche keilartig durchſpalteten und ſich den Lawinen entgegenſtemmten. Ueber dieſen — David Kopperfield. 7 thürmte ſich Grat auf Grat ſchroffer Wände, grauer Fels, glänzendes Eis und glatte grünende Weideplätze, in welche alle mehr oder minder der die Gipfel krö⸗ nende Schnee hereinragte. Hier und da an der Seite des Berges hingetüpfelt, jedes winzige Tüpfelchen eine Menſchenheimat, befanden ſich einſame hölzerne Hütten, die im Vergleich mit den hochgethürmten Berggipfeln ſo zwergenhaft waren, daß ſie ſelbſt zum Spielzeuge zu klein erſchienen. Das war ſelbſt mit dem zuſammen⸗ gedrängten Dörfchen im Thale der Fall ſammt ſeiner hölzernen Brücke über den Bach, wo das Waſſer über Felstrümmer ſich drängte und unter den Bäumen fort⸗ rauſchte. In der ſtillen Luft ließ ſich ein Geräuſch wie ferner Geſang hören, die Stimmen von Hirten; aber als eine helle Abendwolke an der Seite des Berges dahinſchwebte, hätte ich beinahe geglaubt, es käme von dort und ſei überirdiſche Muſik. Da auf einmal in dieſer heitern Scene ſprach die große Mutter Natur zu mir und beſänftigte mich und hieß mich mein müdes Haupt ins Gras niederlegen und weinen, während ich noch nicht geweint hatte, ſeit Dora geſtorben war. Ich hatte nur ein paar Minuten vorher ein Pack Briefe gefunden, welche mich erwarteten, und ich ſchlen⸗ derte aus dem Dorfe, ſie zu leſen, während mein Abend⸗ eſſen zubereitet wurde. Andere Briefpackete hatten mich verfehlt, und ich hatte lange Zeit keinen bekommen. Mehr als ein paar Zeilchen, um anzuzeigen, daß ich geſund und an dem oder jenem Orte eingetroffen ſei, hatte ich nicht Stärke und Ausdauer genug gehabt, nach Hauſe zu ſchreiben. Das Packet war in meiner Hand. Ich öffnete es und las die Handſchrift von Agnes. Sie war glücklich und machte ſich nützlich, und es David Kopperfield. ging ihr wohl, wie ſie gehofft hatte. Das war Alles, was ſie mir von ſich ſelbſt erzählte. Der Reſt bezog ſich auf mich. Sie gab mir keinen Rath, ſte legte mir keine Pflicht ans Herz; ſie ſagte mir blos in der ihr eignen eindringlichen Wiſ was ſie zuverſichtlich von mir hoffe. Sie wüßte(ſagte ſie), wie bei ſolch einer Natur, als die meine, Trübſal zum Guten ausſchlagen müſſe. Sie wüßte, wie Heimſuchung und Seelenſchmerz ſie nur er⸗ heben und kräftigen würden. Sie wäre überzeugt, daß ich für jedes Ziel in mir durch den Kummer, der mir auferlegt worden, einen beharrlichern und höhern An⸗ trieb gewinnen wuͤrde. Sie, welche ſich meines Ruh⸗ mes ſo freue und ſo ſehr ſeine Vermehrung wünſche, wüßte recht gut, daß ich weiter arbeiten werde. Sie wüßte, daß in mir der Kummer keine Schwäche ſein könnte, ſondern Stärke ſein müßte. Wie das, was ich in meiner Kinderzeit erduldet, an ſeinem Theil beige⸗ tragen habe, mich zu dem zu machen, was ich ſei, ſo würden größere Unglücksfälle mich weiter ſtählen, noch beſſer zu werden, als ich ſchon ſei, und das, was ſie mich gelehrt, würde ich Andern lehren. Sie befehle mich Gott, welcher meinen unſchuldigen Liebling zu ſei⸗ nem Frieden habe eingehen heißen, und ſie folge mir allezeit mit ihrer ſchweſterlichen Liebe, und wäre ſtets an meiner Seite, möchte ich hingehen, wohin ich wollte, und ſtolz auf das, was ich gethan, ſei ſie doch noch unendlich ſtolzer auf das, was mir noch zu vollbringen beſchieden wäre. Ich ſteckte den Brief in meine Bruſttaſche und über⸗ legte mir, was ich noch vor einer Stunde geweſen ſei. Als ich hörte, wie die Stimmen verhallten, und ſah, wie die ſtille Abendwolke ſich verdunkelte und alle Far⸗ David Kopperfield. 9 benpracht des Thals verblich und der goldige Schnee auf den Berggipfeln ein ferner Theil des blaſſen Nachthim⸗ mels wurde, und ich doch fühlte, wie die Nacht von meiner Seele wich und all ihre Schatten verſchwanden, da gab es keinen Namen für die Liebe, mit der ich ſie umfaßte, ſie, die mir von jetzt an theurer war als je. Ich las ihren Brief vielmals. Ich ſchrieb an ſie, ehe ich einſchlief. Ich ſagte ihr, daß ich ihrer Hülfe ſehr bedürftig geweſen ſei; daß ich ohne ſie nicht ſei und nimmer geweſen ſei, wofür ſie mich hielte; daß ſie mich aber mit dem Willen erfüllte, dies zu werden, und daß ich den Verſuch machen wolle. Ich machte den Verſuch. Noch drei Monate, und ein Jahr war verfloſſen ſeit dem Beginne meines Kum⸗ mers. Ich nahm mir vor, bis zum Ablauf dieſer drei Monate keinen Entſchluß zu faſſen, aber den Verſuch zu machen. Ich lebte in dieſem Thale und ſeiner Um⸗ gebung die ganze Zeit über. Als die drei Monate vorbei waren, beſchloß ich noch einige Zeit vom Hauſe wegzubleiben; mich für jetzt in der Schweiz niederzulaſſen, die mir in der Erinnerung an jenen Abend theuer wurde; meine Feder wieder aufzunehmen und wieder zu arbeiten. Folgſam hielt ich mich an das, wohin Agnes mich gewieſen; ich ſuchte in der Natur, und nie ſuchte ich vergeblich, und ich öffnete mein Herz menſchlicher Theil⸗ nahme, vor der ich in der letzten Zeit zurückgeſchrocken war. Es dauerte nicht lange, ſo hatte ich in dem Thale ſchier ſo viele Freunde als in Yarmouth, und als ich es, ehe der Winter hereinbrach, verließ, um mich nach Genf zu begeben, und im Frühlinge zurückkam, hatten ihre herzlichen Grüße einen heimatlichen Klang, obwohl ſie mir nicht in engliſchen Worten zugerufen wurden. David Kopperfield. Ich arbeitete früh und ſpät, mit Ausdauer und Fleiß. Ich ſchrieb eine Geſchichte mit einem Vorwurfe, welcher meiner Erfahrung nicht fern lag, und ſchickte ſie an Traddles, der ſie mir unter ſehr günſtigen Bedin⸗ gungen unterbrachte, und die Nachrichten von meinem wachſenden Rufe fingen an, mich durch Reiſende zu er⸗ reichen, mit denen ich zufällig zuſammentraf. Nach einiger Ruhe und erfolgtem Wechſel in meinem Zuſtande begann ich in meiner alten Weiſe an einer neuen Dich⸗ tung zu arbeiten, welche mich ſehr in Anſpruch nahm. Als ich mit der Durchführung dieſer Aufgabe fortſchritt, fühlte ich das mehr und mehr und nahm meine äußerſte Energie zuſammen, etwas Gutes zu Stande zu bringen. Dies war meine dritte Dichtung. Sie war noch nicht halb geſchrieben, als ich in einer Pauſe, wo ich aus⸗ ruhte, an die Heimkehr dachte. Lange Zeit war ich, obwohl mit Ausdauer ſtudi⸗ rend und arbeitend, gewohnt geweſen, mir angeſtrengte Bewegung zu machen. Meine Geſundheit, als ich Eng⸗ land verließ, ernſtlich angegriffen, war völlig wieder hergeſtellt. Ich hatte viel geſehen. Ich war in vielen Ländern geweſen, und ich hoffe, daß mein Vorrath von Wiſſen vermehrt worden war. Ich habe mir jetzt Alles zurückgerufen, was meiner Anſicht nach hier zurückzurufen war von dieſer Zeit der Abweſenheit— Alles, einen Punkt ausgenommen. Ich habe bisher mit dieſem Punkte zurückgehalten, nicht in der Abſicht, irgend einen meiner Gedanken zu unter⸗ drücken; denn, wie ich bereits anderswo geſagt habe, dieſe Erzählung iſt mein niedergeſchriebenes Gedächtniß. Ich habe gewünſcht, die geheimſte Strömung meines Gemüths für ſich und bis zuletzt zu bewahren. Ich gehe jetzt darauf ein. David Kopperfield. 11 Ich kann nicht ſo vollſtändig in das Heiligthum meines eignen Herzens eindringen, um zu wiſſen, wenn ich zu denken begann, daß ich die früheſten und glän⸗ zendſten Hoffnungen deſſelben hätte auf Agnes ſetzen können. Ich kann nicht ſagen, in welchem Stadium meines Schmerzes dieſer Gedanke ſich mit der Ueberle⸗ gung verband, daß ich in meiner unüberlegſamen Kna⸗ benzeit den Schatz ihrer Liebe weggeworfen habe. Ich glaube, es iſt möglich, daß ich dieſen entfernten Gedanken flüſtern gehört habe bei dem frühern unglücklichen Ver⸗ luſte oder Mangel an etwas nie zu Verwirklichendem, den ich gefühlt hatte. Aber der Gedanke kam in meine Seele als ein neuer Vorwurf und eine neue Reue, wie ich ſo traurig und einſam in der Welt gelaſſen war. Wenn ich zu dieſer Zeit viel mit ihr zuſammenge⸗ weſen wäre, würde ich in der Schwäche, die ſich aus meinem troſtloſen Zuſtande ergab, dies verrathen haben. Dies fürchtete ich auch dunkel, als ich zuerſt den An⸗ trieb fühlte, mich von England zu entfernen. Ich hätte es nicht ertragen können, auch nur den kleinſten Theil ihrer ſchweſterlichen Neigung zu verlieren; und doch würde ich, wofern ich mich verrathen hätte, ein gezwungenes Verhalten hervorgerufen haben, welches zwiſchen uns bisher eine unbekannte Sache war. Ich konnte nicht vergeſſen, daß das Gefühl, mit dem ſie mich jetzt betrachtete, aus meiner eignen freien Wahl und Haltung hervorgewachſen war; daß wenn ſie mich je mit einer andern Liebe geliebt hatte— und ich dachte manchmal, es habe eine Zeit gegeben, wo ſie dies ge⸗ than haben könnte— ich ſie weggeworfen hatte. Es half jetzt nichts, daß ich mich gewöhnt hatte, ſie mir in der Zeit, wo wir Beide bloße Kinder geweſen, als ein Weſen zu denken, welches weit entfernt war von David Kopperfield. meinen wilden Phantaſten. Ich hatte meine leidenſchaft⸗ liche Zärtlichkeit einem andern Gegenſtande zugewendet, und was ich hätte thun können, hatte ich nicht gethan, und was Agnes mir war, dazu hatten ich und ihr eig⸗ nes edles Herz ſie gemacht. Beim Beginn der Veränderung, die ſich nach und nach aus mir herausarbeitete, wo ich verſuchte, mich beſſer verſtehen zu lernen und ein beſſerer Menſch zu werden, erblickte ich jenſeit einer unendlichen Probezeit eine Periode, wo ich möglicherweiſe hoffen konnte, den in der Vergangenheit gethanen Mißgriff wieder gut zu machen und ſo geſegnet zu ſein, daß ich ſie heirathen dürfte. Aber im weitern Verlaufe verblich dieſe ſchat⸗ tenhafte Ausſicht und ſchied von mir. Wenn ſie mich damals geliebt hatte, mußte ſie mir um ſo heiliger ſein in der Erinnerung an das Vertrauen, das ich in ſie geſetzt, an ihre Kenntniß meines irrenden Herzens, an das Opfer, das es ihr gekoſtet haben mußte, mir Freun⸗ din und Schweſter zu ſein, und an den Sieg, den ſie gewonnen hatte. Wenn ſie mich aber nie geliebt hatte, konnte ich da glauben, daß ſie mich jetzt lieben werde? Ich hatte ſtets meine Schwäche im Vergleiche mit ihrer Beſtändigkeit und Seelenſtärke gefühlt und fühlte ſte jetzt mehr und mehr. Was ich auch ihr und ſie mir geweſen ſein konnte, wenn ich ihrer würdiger geweſen wäre vor langen Jahren, ich war es jetzt nicht, und ſte war es nicht. Dieſe Zeit war vorüber. Ich hatte ſie vorbeigehen laſſen und ſie verdientermaßen verloren. Daß ich in dieſen Kämpfen viel litt, daß ſie mich mit einem Gefühle des Unglücks erfüllten und mir Ge⸗ wiſſensbiſſe verurſachten, und daß ich doch fortwährend empfand, wie es von mir durch Recht und Chre ge⸗ fordert war, daß ich mit Beſchämung den Gedanken —— — David Kopperfield. 13 von mir fern hielte, mich dem lieben Mädchen bei dem Verwelken meiner Hoffnungen zuzuwenden, von dem ich mich, als ſie glänzend und friſch waren, abgewendet hatte— eine Anſicht von der Sache, welche an der Wurzel jedwedes ſie betreffenden Gedankens war— iſt Alles gleich wahr. Ich beſtrebte mich jetzt nicht, es vor mir ſelbſt zu verbergen, daß ich ſie liebe, daß ich ihr ergeben ſei; aber ich brachte mir die Gewißheit heim, daß es jetzt zu ſpät ſei, und daß unſere lange beſte⸗ hende Beziehung zu einander nicht geſtört werden dürfe. Ich hatte lange und oft daran gedacht, wie meine Dora mir angedeutet hatte, was ſich in jenen Jahren hätte begeben können, welche beſtimmt waren, uns nicht zu pruͤfen. Ich hatte erwägt, wie die Dinge, die ſich nie ereignen, in ihren Wirkungen für uns oft ebenſo ſehr Wirklichkeiten ſind, als die, welche ſtattgefunden haben. Gerade die Jahre, von denen ſie ſprach, waren jetzt Wirklichkeiten für meine Beſſerung und würden es eines Tages, wenn auch vielleicht ein wenig ſpäter, ge⸗ weſen ſein, obſchon wir geſchieden waren, als unſere Thorheit noch ſehr jung war. Ich verſuchte das, was zwiſchen mir und Agnes hütte ſein koͤnnen, in ein Mit⸗ tel zu verwandeln, das mich ſelbſtverleugnender, ent⸗ ſchloſſener, klarer über mich, meine Mängel und Irr⸗ thümer machen ſollte. So, durch den Gedanken, daß es hätte ſein können, gelangte ich zu der Ueberzeugung, daß es nie ſein könnte. Der Art waren mit ihrem plötzlichen Emportauchen und ihren unbeſtändigen Bewegungen die triebſandartigen Zuſtände meiner Seele von der Zeit meiner Abreiſe von England an bis zur Zeit meiner Heimkehr, drei Jahre ſpäter. Drei Jahre waren verfloſſen ſeit dem Abſegeln des Auswandererſchiffs, als ich zu derſelben Zeit gegen 14 David Kopperfield. Sonnenuntergang und an demſelben Orte auf dem Ver⸗ decke des Packetbootes ſtand, welches mich heimgebracht hatte, und hinabſchaute auf das roſtge Waſſer, wo ich das Bild jenes Schiffes abgeſpiegelt geſehen hatte. Drei Jahre. Lange nach der Zeit, die ſie in ſich begreifen, kurz nach ihrem Verlaufe. Und die Heimat war mir ſehr theuer, und Agnes gleichfalls— aber ſie war nicht mein— ſie ſollte nie mein werden. Sie hätte es ſein können, aber das war vorbei! — Neunundfünfzigſtes Kapitel. Rückkehr. Ich landete in London an einem winterlichen Herbſt⸗ abende. Es war dunkel und regneriſch, und ich bekam in einer Minute mehr Nebel und Koth zu Geſicht, als ich ein ganzes Jahr lang geſehen. Ich ging vom Zollhauſe bis zum Monumente, ehe ich eine Kutſche fand, und obgleich ſelbſt die Häuſerfronten, welche in die geſchwol⸗ lenen Rinnſteine blickten, mir alte Freunde waren, konnte ich doch nicht umhin, zuzugeſtehen, daß ſie recht ver⸗ räucherte Freunde waren. Ich habe oft bemerkt— und das hat vermuthlich auch jeder Andere gethan— daß, wenn man einmal weggeht von einem wohlbekannten Orte, dies das Sig⸗ nal zu Veränderungen in demſelben zu ſein ſcheint. Als ich aus dem Kutſchenfenſter ſah und bemerkte, daß ein altes Haus auf dem Fiſh Street Hill, welches ein Jahr⸗ hundert unberührt von Anſtreichern, Zimmerleuten und Maurern geſtanden hatte, in meiner Abweſenheit nie⸗ dergeriſſen worden war, und daß eine benachbarte Straße voll altehrwürdiger Ungeſundheit und Unbequemlichkeit David Kopperfield. geebnet und erweitert wurde, erwartete ich beinahe, St. Pauls Kathedrale älter ausſehend zu finden. Auf einige Veränderungen in den Verhältniſſen mei⸗ ner Freunde war ich vorbereitet. Meine Tante hatte ſich lange ſchon wieder in Dover niedergelaſſen, und Traddles hatte gleich im erſten Halbjahre nach meiner Abreiſe angefangen, ein wenig Praxis an der Barre zu bekommen. Er hatte jetzt eine Wohnung in Grays Inn und hatte mir in ſeinen letzten Briefen erzählt, daß er nicht ohne Hoffnung ſei, bald mit dem herzigſten Mädchen in der Welt vereinigt zu ſein. Sie erwarteten mich um die Weihnachtszeit nach Hauſe, hatten aber keine Ahnung, daß ich ſo bald zu⸗ rückkehren werde. Ich hatte ſie abſichtlich auf falſche Fährte geleitet, damit ich das Vergnügen hätte, ſie zu überraſchen. Und doch war ich verkehrt genug, Ver⸗ druß und Täuſchung meiner Erwartungen zu fühlen, daß mich kein Willkommen empfing, und ich allein und ſchweigſam durch die nebligen Straßen raſſelte. Die wohlbekannten Läden indeß mit ihren heitern Lichtern thaten etwas für mich, und als ich an der Thür des Kaffeehauſes in Grays Inn abſtieg, hatte ich meine gute Laune wiedergefunden. Ich rief mir zum erſten Male jene ſo ſehr verſchiedene Zeit zurück, wo ich im Goldenen Kreuze abgeſtiegen war, und erinnerte mich der Veränderungen, die ſeitdem vorgekommen waren; aber das war ja natürlich. „Wiſſen Sie, wo Herr Traddles im Inn wohnt?“ fragte ich den Kellner, als ich mich am Feuer des Gaſt⸗ zimmers wärmte. „Holborn Court, mein Herr. Nummer zwei.“ „Herr Traddles' Ruf unter den Advocaten iſt, glaub ich, im Steigen begriffen, nicht wahr?“ fragte ich. David Kopperfield. 17 „Na, ſehen Sie, mein Herr,“ erwiederte der Kell⸗ ner,„wahrſcheinlich iſt das der Fall, aber ich weiß Ihnen nichts davon.“ Dieſer Kellner, welcher ein magerer Mann in mitt⸗ leren Jahren war, ſah ſich um Beiſtand bei einem Kell⸗ ner von größerer Autorität um— einem ſtämmigen, gewaltigen alten Manne mit einem Doppelkinn, in ſchwarzen Kniehoſen und Strümpfen, der aus einem Orte, gleich dem Betſtuhle eines Kirchendieners am Ende des Gaſtzimmers herauskam, wo er einer Geldſchachtel, einem Adreßbuche, einem Geſetzbuche und andern Büchern und Papieren Geſellſchaft leiſtete. „Herr Traddles,“ ſagte der magere Keller;„Num⸗ mer zwei in unſerm Hofe.“ Der gewaltige Kellner winkte ihn weg und wendete ſich mit würdiger Miene zu mir. „Ich erkundigte mich eben,“ verſetzte ich,„ob Herr Traddles in Nummer zwei in Ihrem Hofe nicht ſich eines ſteigenden Rufes unter den Advocaten zu erfreuen habe.“ „Hab' in meinem Leben ſeinen Namen nicht gehört,“ ſagte der Kellner mit voller ſchnarrender Stimme. Ich fühlte mich ſehr aufgelegt, Traddles' Ruf zu vertheidigen. „Er iſt ſicherlich ein junger Mann?“ bemerkte der gewichtige Kellner, indem er ſeine Augen ernſten Blickes auf mich heftete.„Wie lange iſt er im Inn geweſen?“ „Nicht über drei Jahre,“ antwortete ich. Der Kellner, der meiner Vermuthung nach ſo ein vierzig Jahre in ſeinem Kirchendienerſtuhle gelebt hatte, konnte auf einen ſo unbedeutenden Gegenſtand nicht wei⸗ ter eingehen. Er fragte mich, was ich zu eſſen haben wollte. David Kopperfield. X. 2 18 David Kopperfield. Ich fühlte, daß ich wieder in England war, und war wahrhaftig ganz niedergeſchlagen wegen Traddles. Es ſchien keine Hoffnung für ihn. Mit ſchwacher Stimme verlangte ich ein wenig Fiſch und ein Cotelet, ſtellte mich dann an das Feuer und ſann nach über ſeine Un⸗ bekanntheit. Als ich dem Oberkellner mit den Augen folgte, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß der Gar⸗ ten, in welchem er allmählig zu der Blume erblüht war, die er war, ein Ort ſei, wo es ſchwer ſei, in die Höhe zu kommen. Er hatte ſolch eine vorſchrifts⸗ mäßige, ſteifhalſige, altherkömmliche, feierliche, ältliche Miene. Ich ſah mich im Zimmer um, deſſen ſand⸗ beſtreute Diele ohne Zweifel genau in derſelben Weiſe mit Sand beſtreut geweſen war, als der Oberkellner ein Knabe geweſen— wenn er überhaupt jemals einer geweſen war, was mir unwahrſcheinlich vorkam. Und ich blickte auf die glänzenden Tiſche, wo ich mich in den ſtillen Tiefen alten Mahagonys abgeſpiegelt ſah; und auf die Lampen, ſo blank geputzt und gereinigt, daß kein Unthätchen daran war; und auf die behag⸗ lichen grünen Vorhänge mit ihren Stangen von gedieg⸗ nem Meſſing, welche die Zimmerabtheilung ſchmuck um⸗ faßten; und auf die beiden großen Kohlenfeuer, die luſtig brannten; und auf die Reihen von Weinkrügen, dickbauchig ſich ſpreizend, als ob ſie von dem Bewußtſein geſchwollen wären, daß unten ganze große Fäſſer theuren alten Portweins lagerten; ich überblickte dieſe verſchiedenen Dinge, und es wollte mir bedünken, daß es ebenſo ſchwierig ſein müßte, England mit Sturm zu nehmen, wie ſeine Rechtsgelehrſamkeit. Ich ging in mein Schlaf⸗ zimmer hinauf, um meine naſſen Kleider mit trockenen zu vertauſchen, und die ungeheure Ausdehnung dieſes David Kopperfield. 19 alten, an den Wänden getäfelten Gemachs(welches ſich, wie ich mich entſinne, über dem Bogengange befand, der ins Inn führte) und die ſtämmige Unermeßlichkeit der vierpfoſtigen Bettſtelle, und das unbändig würdige Ausſehen der Kommode, Alles ſchien ſich zu vereinigen zu einem ſtreng gerunzelten Blick auf das Fortkommen von Traddles oder überhaupt auf jeden ſolchen verwe⸗ genen jungen Menſchen. Ich kam wieder hinunter zu meinem Mittagseſſen, und ſelbſt die langſam ſich ent⸗ wickelnde, behagliche Weiſe des Mahles und das ſchweig⸗ ſame Weſen des Ortes— welcher, da die großen Fe⸗ rien noch nicht vorüber waren, leer von Gäſten war— ſprachen zu mir beredt von der Verwegenheit Traddles' und ſeinen geringen Hoffnungen, ſich in den nächſtfol⸗ genden zwanzig Jahren ſeinen Unterhalt zu verdienen. Ich hatte nichts Aehnliches geſehen, ſeit ich wegge⸗ gangen war, und es ſchlug meine Hoffnungen für Tradd⸗ les vollſtändig nieder. Der Oberkellner hatte an mir genug gehabt. Er kam mir nicht mehr zu nahe, ſon⸗ dern widmete ſich einem alten Herrn in langen Gama⸗ ſchen, dem eine Pinte ganz beſonders guten Portweins wie von ſelbſt aus dem Keller entgegenzukommen ſchien; denn er beſtellte ſie nicht. Der Unterkellner belehrte mich in einem Geflüſter, daß dieſer alte Herr ein ehe⸗ maliger Notar ſei, der im Square wohne und unbän⸗ dig viel Geld habe, welches er, wie man erwarte, der Tochter ſeiner Aufwärterin hinterlaſſen werde; ebenſo, daß das Gerücht ginge, er hätte in einem Bureau ein Silberſervice, ganz blau angelaufen vom Daliegen, ob⸗ ſchon ſterbliche Augen in ſeiner Wohnung nie mehr als einen Löffel und eine Gabel erblickt hätten. Jetzt gab ich Traddles ganz für verloren und kam in meinem Innern zum Abſchluß, daß er keine Hoffnung habe. 2*⅔ 20 David Kopperfield. Trotzdem ſehr begierig, den lieben alten Jungen bald zu ſehen, vollendete ich meine Mahlzeit in einer Weiſe, durchaus nicht darauf berechnet, mich in der Achtung des Oberkellners zu erheben, und rannte zur Hinterthür hinaus. Nummer zwei im Hofe war bald erreicht, und da mich eine Schrift auf der Thürpfoſte belehrte, daß Mr. Traddles eine Reihe Zimmer im oberſten Stockwerke innehabe, ſtieg ich die Treppe hin⸗ auf. Eine wunderliche alte Treppe war es, auf jedem Abſatze matt erleuchtet durch einen dickköpfigen kleinen Oeldocht, der in einem kleinen Kerker von ſchmutzigem Glaſe dahinſchmachtete. Während ich hinaufſtolperte, meinte ich ein heiteres Lachen erſchallen zu hören, und zwar nicht das Lachen eines Advocaten oder Sachwalters, oder Advocaten⸗ oder Sachwalterſchreibers, ſondern das Gelächter von zwei oder drei fröhlichen Mädchen. Da es ſich indeſſen be⸗ gab, daß ich, während ich ſtehen blieb, um zu horchen, meinen Fuß in ein Loch ſtellte, wo die Ehrenwerthe Geſellſchaft von Grays Inn eine Planke fehlen gelaſſen hatte, ſo fiel ich mit einigem Getöſe nieder, und als ich wieder auf die Beine kam, war Allees ſtill. Indem ich mich nun auf der Reiſe bergauf bedacht⸗ ſamer weiter fingerte, fing mein Herz heftig an zu klopfen, als ich die äußere Thür offen fand, auf welche ich„Mr. Traddles“ gemalt fand. Ich klopfte. Ein beträchtliches Rutſchen und Raſcheln mit den Füßen folgte hierauf drinnen, aber weiter nichts. Ich klopfte deshalb nochmals. Ein kleiner pfiffig ausſehender Junge, halb Lauf⸗ burſche und halb Schreiber, welcher ſehr außer Athem war, aber mich anſah, als ob er mich auffordere, das geſetzlich nachzuweiſen, präſentirte ſich. „Iſt Herr Traddles drinn?“ ſagte ich. David Kopperfield. 21 „Ja, mein Herr, aber er iſt beſchäftigt.“ „Ich wünſche ihn zu ſprechen.“ Nachdem er mich einen Augenblick geprüft, entſchloß der ſcharfäugige Junge ſich, mich hineinzulaſſen, und indem er zu dieſem Zwecke die Thür weiter öffnete, ließ er mich zuerſt in ein kleines enges Vorhaus und dann in ein kleines Wohnzimmer ein, wo ich meinen alten Freund(der ebenfalls außer Athem war) erblickte, wie er an einem Tiſche ſaß und ſich über Papiere bückte. „Guter Gott!“ ſchrie Traddles aufblickend.„'s iſt Kopperfield!“ und augenblicklich ſtürzte er in meine Arme, welche ihn feſt umſchloſſen. „Alles wohl, mein lieber Traddles?“ „Alles iſt wohlauf, mein lieber, lieber Kopperfield, und nichts als gute Neuigkeiten!“ Wir weinten Beide vor Freuden. „Mein lieber Junge,“ ſagte Traddles, indem er ſich ſein Haar vor Entzücken in die Höhe ſtrich, was ſchier eine unnöthige Operation war,„mein liebſter Kopperfield, mein lange verlorener und höchſt willkom⸗ mener Freund, wie froh bin ich, Dich zu ſehen! Wie braun Du geworden biſt! Wie froh ich bin! Bei meiner Seele und Ehre, nie hab' ich ſolch einen Jubel⸗ tag erlebt, mein geliebter Kopperfield, niemals!“ Ich war gleichfalls nicht im Stande, meine Ge⸗ fühle auszudrücken. Ich war zuerſt ganz unfähig zu ſprechen.. „Mein lieber Junge!“ ſagte Traddles.„Und ſo berühmt geworden! Mein ruhmreicher Kopperfield! Gott ſteh mir bei, wenn biſt Du gekommen, wo biſt Du hergekommen, was haſt Du angegeben während der Zeit?“ Bei keinem der Dinge, die er ſagte, auf Antwort 22 David Kopperfield. wartend, ſchürte Traddles, der mich in einen Lehnſtuhl am Feuer gedrückt hatte, dieſe ganze Zeit über haſtig mit einer Hand das Feuer und zog mit der andern an meinem Halstuche, indem er wahrſcheinlich an der ſonder⸗ baren Täuſchung litt, es ſei ein Ueberrock. Ohne den Feuerhaken hinzulegen, ſchloß er mich jetzt wieder in die Arme und ich ihn, und indem wir Beide lachten und uns Beide die Augen wiſchten, ſetzten wir uns nieder und ſchüttelten uns über dem Herde die Hände. „Denken zu müſſen,“ verſetzte Traddles,„daß Du ſo wenig ſpäter heimkommſt, wie Du wirklich gekom⸗ men biſt, mein lieber alter Junge, und nicht zur Trauung!“ „Zu welcher Trauung, mein lieber Traddles!“ „Gnädiger Himmel!“ ſchrie Traddles, indem er die Augen in ſeiner alten Weiſe aufriß.„Haſt Du denn meinen letzten Brief nicht bekommen?“ „Sicherlich nicht, wenn er ſich auf irgend eine Trauung bezog.“ „Ei nun, mein lieber Kopperfield,“ ſagte Traddles, ſich das Haar mit beiden Händen in die Höhe ſtrei⸗ chend und dann die Hände auf meine Knie ſtützend, „ich bin verheirathet!“ „Verheirathet!“ ſchrie ich entzückt. „Gott ſteh mir bei, freilich!“ ſagte Traddles,— „durch Sr. Ehrwürden Herrn Horace,— mit Sophien — unten in Devonſhire. Ei, mein lieber Junge, ſie ſteckt jetzt hinter dem Fenſtervorhange. Guck her!“ Zu meinem größten Erſtaunen kam das herzigſte Mädchen in der Welt in dieſem Augenblicke lachend und erröthend aus ihrem Verſteck hervor. Und ein heitere⸗ res, liebenswürdigeres, ehrlicheres, glücklicheres, fröhli⸗ cheres junges Weibchen hat, glaub' ich(und mußte ich David Kopperfield. 23 ihr auf der Stelle ſagen), die Welt noch nicht geſehen. Ich küßte ſie, wie ſich das für einen alten Bekannten ſchickte, und wünſchte ihnen von ganzem Herzen Glück. „Mein Gott,“ ſagte Traddles,„was für ein ent⸗ zückendes Wiederſehen das iſt. Du biſt mir aber über alle Maßen braun geworden, mein lieber Kopperfield. Gott ſteh mir bei, wie glücklich ich bin!“ „So geht es auch mir,“ erwiederte ich. „Und wahrhaftig auch mir!“ ſagte die erröthende und lachende Sophie. „Wir ſind Alle ſo glücklich, als nur möglich,“ fuhr Traddles fort.„Selbſt die Mädchen ſind glücklich. Mein Gott, ich geſtehe, daß ich ſie ganz vergeſſen habe!“ „Vergeſſen?“ fragte ich. „Die Mädchen,“ ſagte Traddles.„Die Schweſtern Sophiens. Sie halten ſich bei uns auf. Sie ſind ge⸗ kommen, um ſich einmal London zu beſehen. Die Sache iſt aber die, als— warſt Du's etwa, der auf der Treppe ſtolperte?“ „Ja wohl,“ verſetzte ich lachend. „Gut alſo, wie Du die Treppe heraufſtolperteſt,“ fuhr Traddles fort,„balgte ich mich mit den Mädels. Und um es genau zu ſagen, wir ſpielten Mietzekatze im Winkel. Da ſich das aber in Weſtminſter Hall nicht gut macht, und da es ſich für einen Mann von unſerer Profeſſion nicht hübſch ausnehmen möchte, falls es von einem Clienten bemerkt würde, ſo zogen ſie ſich zurück. Und jetzt zweifle ich nicht, daß ſie— lauſchen,“ ſagte Traddles, indem er auf die Thür eines andern Zimmers blickte. „Ich bedaure,“ ſagte ich, von Neuem lachend,„zu ſolch einer Zerſtreuung der Geſellſchaft Gelegenheit ge⸗ geben zu haben.“ 24 David Kopperfield. „Auf mein Wort,“ erwiederte Traddles, höchlichſt entzückt,„wenn Du geſehen hätteſt, wie ſie, nachdem Du geklopft hatteſt, davonliefen und wieder zurückge⸗ ſchoſſen kamen, um die Kämme aufzuleſen, welche ſie aus den Haaren verloren hatten, und in der tollſten Weiſe fortfuhren, zu ſpektakeln, Du würdeſt das nicht geſagt haben. Meine Liebſte, willſt Du wohl die Mäd⸗ chen holen?“ Sophie trippelte weg, und wir hörten, wie ſie im anſtoßenden Zimmer mit einer Salve von Gelächter empfangen wurde. „Klingt das nicht wahrhaft muſikaliſch, mein lieber Kopperfield?“ ſagte Traddles.„Sehr angenehm zu hören. Es erheitert ordentlich dieſe alten Stuben. Für einen unglückſeligen Kerl von einem Junggeſellen, der ſein ganzes Leben lang allein gelebt hat, wie Du weißt, iſt es ſchier köſtlich.'s iſt bezaubernd. Die armen Dingerchen, ſie haben in Sophien einen großen Verluſt gehabt, die, wie ich Dir verſichern kann, Kopperfield, das herzigſte Mädchen iſt und immer war!— Und es thut mir über die Maßen wohl, ſie in ſo guter Laune zu finden. Der Umgang mit Mädchen iſt eine wahr⸗ haft entzückende Sache, Kopperfield.'s gehört ſich nicht für meine Profeſſion, aber ˙s iſt wahrhaft entzückend.“ Indem ich bemerkte, daß er ein wenig ſtotterte, und begriff, daß er in ſeiner Herzensgüte befürchtete, mir durch das, was er geſagt, irgendwie Schmerz verurſacht zu haben, drückte ich ihm meine Beiſtimmung mit einer Herzlichkeit aus, die ihn augenſcheinlich beruhigte und ihm ſehr wohl that. „Aber dann,“ fuhr Traddles fort,„ſind unſere häuslichen Einrichtungen, die Wahrheit zu geſtehen, über⸗ haupt und alleſammt völlig ungehörig für einen von David Kopperfield. 25 meiner Profeſſion, mein lieber Kopperfield. Selbſt daß Sophie hier iſt, ſchickt ſich für einen von der Profeſ⸗ ſion nicht. Und wir haben keinen andern Wohnort. Wir haben uns in einem offnen Kahne in die See ge⸗ wagt, ſind aber vollkommen vorbereitet, ihm pariren zu lehren. Und Sophie iſt ein außerordentlich guter Steuermann. Du wirſt ſtaunen, wie dieſe Mädels weg⸗ geſtaut ſind. Ich weiß wahrhaftig ſelbſt kaum, wie ſie's eingerichtet hat.“ „Sind viele von den jungen Damen bei Euch?“ erkundigte ich mich. „Die Aelteſte, die Schönheit, iſt hier,“ ſagte Tradd⸗ les mit leiſer vertraulicher Stimme.„Karoline. Und Sarah iſt hier— die, deren ich gegen Dich als der⸗ jenigen erwähnte, die am Rückgrathe litte. Unermeß⸗ lich viel beſſer! Und die beiden Jüngſten, die Sophie aufzog, ſind bei uns. Und Louiſe iſt hier.“ „Wirklich!“ ſchrie ich. „Ja wohl,“ verſetzte Traddles.„Nun beſteht die ganze Paſtete— ich meine die Stuben— aus blos drei Zimmern, aber Sophie richtet es für die Mädchen in der bewundernswürdigſten Weiſe ein, und ſie ſchla⸗ fen ſo bequem, wie nur möglich. Drei in der Stube da,“ ſagte Traddles mit dem Finger hinzeigend.„Zwei in der dort.“ Ich konnte nicht umhin, mich umzublicken und zu ſuchen, wo Mr. und Mrs. Traddles dann noch ein Un⸗ terkommen fänden. Traddles verſtand mich. „Schon gut,“ ſagte Traddles;„wir ſind, wie ich eben bemerkte, vorbereitet, das Ding pariren zu lehren, und ſo improviſirten wir letzte Woche ein Bett hier auf der Diele. Aber es iſt ein Stübchen auf dem Dache— ein ſehr nettes Stübchen, wenn Du da oben biſt— 26 David Kopperfield. welches Sophie, um mich zu überraſchen, ſelbſt aus⸗ tapezirt hat, und das iſt gegenwärtig unſere Stube.'s iſt ein koſtbares kleines ſchelmiſches Plätzchen. Man hat Dir ordentlich'ne Ausſicht von da.“ „Und ſo biſt Du denn endlich glücklicher Ehemann geworden, mein lieber Traddles!“ ſagte ich.„Ach, wie mich das freut!“ „Danke Dir, mein lieber Kopperfield,“ erwiederte Traddles, indem wir uns abermals die Hände ſchüttel⸗ ten.„Ja, ich bin ſo glücklich, wie es nur möglich iſt. Da iſt Dein alter Freund, wie Du ſtehſt,“ fuhr er fort, indem er triumphirend nach dem Blumentopf und Stande hinnickte,„und dort iſt der Tiſch mit der Marmorplatte. Alle die andern Möbeln ſind, wie Du bemerkſt, einfach und nützlich. Und was das Silber⸗ zeug betrifft, Gott ſteh' mir bei, davon haben wir nicht ſo viel, als ein Theelöffel ausmacht!“ „Wird Alles noch verdient werden!“ ſagte ich fröhlich. „Ganz richtig,“ entgegnete Traddles,„Alles noch zu verdienen. Natürlich haben wir etwas, daß wie Theelöffel ausſieht, weil wir unſern Thee umrühren. Aber ſie ſind von Britannia⸗Metall.“ „Das Silber wird freilich glänzender ſein, wenn es kommt,“ ſagte ich. „Ganz daſſelbe, was wir ſagen!“ ſchrie Traddles. „Siehſt Du, mein lieber Kopperfield“— hier verfiel er wieder in den leiſen vertraulichen Ton—„nachdem ich meine Beweisführung in dem Rechtsſtreit Jipes ver- sus Wigzell vorgetragen hatte, was mir bei der Fa⸗ cultät viel Anerkennung eintrug, ging ich hinunter nach Devonſhire und hatte eine ernſthafte Privatbeſprechung mit Sr. Ehrwürden Herrn Horace. Ich ſtützte mich David Kopperfield. 27 auf die Thatſache, daß Sophie, welche, wie ich Dir ver⸗ ſichern kann, Kopperfield, das herzigſte Mädchen iſt!—“ „Bin überzeugt, daß ſie das iſt,“ ſagte ich. „Ja wahrhaftig, das iſt ſie!“ fuhr Traddles fort. „Aber ich fürchte, daß ich von meinem Gegenſtande abkomme. Erwähnte ich Sr. Ehrwürden, Herrn Horace?“ „Du ſagteſt, daß Du Dich auf die Thatſache ge⸗ ſtützt hätteſt—“ „Richtig! Auf die Thatſache, daß Sophie und ich lange Zeit verlobt wären, und daß Sophie mit der Er⸗ laubniß ihrer Aeltern mehr als zufrieden ſei, mich in meinen— na kurz,“ ſagte Traddles mit ſeinem alten offenherzigen Lächeln,„mich in unſern gegenwärtigen Britannia⸗Metall⸗Verhältniſſen zu nehmen. Sehr wohl. Ich ſchlug dann Sr. Ehrwürden, Herrn Horace— wel⸗ cher ein höͤchſt ausgezeichneter Geiſtlicher iſt, Kopper⸗ field, und Biſchof ſein oder wenigſtens genug haben ſollte, um ohne große Einſchränkung leben zu können— vor, daß, wenn ich ſo weit den Berg hinauf wäre, daß ich, wollen ſagen, zweihundertfünfzig Pfund jährlich hätte, und ziemlich klare Ausſicht fände, das oder noch was Beſſeres für immer zu haben, und außerdem im Stande wäre, ein Plätzchen wie dieſes zu möbliren, Sophie und ich dann und in dieſem Falle vereinigt werden ſollten. Ich nahm mir die Freiheit, ihm vorzuſtellen, wie wir uns eine gute Reihe Jahre geduldigt hätten, und wie der Umſtand, daß Sophie zu Hauſe außerordentlich wohl zu brauchen ſei, bei ihren liebenden Aeltern ihrer Ver⸗ ſorgung fürs Leben nicht entgegenſtehen dürfte. Siehſt Du das nicht ein?“ „Freilich durfte ihr das nicht entgegenſtehen,“ ſagte ich. „Ich freue mich, daß Du der Anſicht biſt,“ fuhr Traddles ſort,„weil ich, ohne Sr. Ehrwürden, Herrn 28 David Kopperfield. Horace, deshalb anklagen zu wollen, wirklich denke, daß Aeltern und Brüder und ſo fort in ſolchen Fällen manch⸗ mal ein Bischen ſelbſtſüchtig ſind. Nun alſo! Ich ſetzte ihm auch auseinander, wie es mein ernſtlicher Wunſch ſei, der Familie nützlich zu ſein, und wie ich, ſofern mir's gut gehen und ihm— ich beziehe mich auf Sr. Ehrwürden, Herrn Horace— „SIch verſtehe,“ ſagte ich. „— oder Madame Crewler etwas paſſiren ſollte— es die Erfüllung meines liebſten Wunſches ſein werde, den Mädchen ein Vater zu ſein. Er entgegnete in der bewundernswürdigſten Weiſe, über die Maßen ſchmei⸗ chelhaft für mich, und übernahm es, die Einwilligung von Madame Crewler in dieſes Arrangement zu erlan⸗ gen. Sie hatten darüber mit ihr eine fürchterlich böſe Zeit. Es ſtieg ihr aus den Beinen in die Bruſt und dann in den Kopf— „Was ſtieg ihr da hinein?“ fragte ich. „Ihr Kummer,“ erwiederte Traddles mit ernſthaf⸗ ter Miene.„Ihre Empfindungen überhaupt. Wie ich bei einer frühern Gelegenheit erwähnte, iſt ſie eine ſehr vortreffliche Frau, hat aber den Gebrauch ihrer Beine verloren. Was auch vorkommen mag, ſie zu erſchrecken, alle Mal wirft ſich's auf ihre Beine; aber bei dieſer Gelegenheit zog ſich's in die Bruſt herauf und dann in den Kopf und ging ihr in der beängſtigendſten Weiſe durch ihr ganzes Nervenſyſtem. Indeß brachten ſie ſie durch unabläſſige liebevolle Abwartung durch, und wir wurden geſtern vor ſechs Wochen getraut. Du haſt kei⸗ nen Begriff, als was für ein Ungeheuer ich mir vor⸗ kam, Kopperfield, als ich die ganze Familie heulen und ſchreien und nach allen Richtungen hin in Ohnmacht fallen ſah. Madame Crewler konnte mich nicht ſehen, David Kopperfield. 29 ehe wir abreiſten— konnte mir's nicht vergeben, daß ich ſie ihres Kindes beraubte— aber ſie iſt ein gutes Geſchöpf und hat es ſeitdem gethan. Ich bekam erſt dieſen Morgen einen entzückenden Brief von ihr.“ „Und kurz, mein lieber Freund,“ ſagte ich,„Du fühlſt Dich ſo ſelig, als Du Dich zu fühlen verdienſt!“ „Oh! Das iſt Deine Eingenommenheit für mich, die das ſagt!“ lachte Traddles.„Aber ich bin wirk⸗ lich in höchſt beneidenswerthen Verhältniſſen. Ich ar⸗ beite tüchtig und ſtudire die Geſetze mit wahrer Uner⸗ ſättlichkeit. Ich ſtehe jeden Morgen um fünf auf und mache mir nichts draus. Ich verſtecke die Mädchen den Tag über und mache mich des Abends mit ihnen luſtig. Und ich kann Dir verſichern, daß ich von ganzem Her⸗ zen bedauere, daß ſie den Dienſtag nach Hauſe gehen, welches der erſte Tag des Michaelishalbjahrs iſt. Aber hier,“ ſagte Traddles, mit ſeinem vertraulichen Tone abbrechend und laut ſprechend,„ſind die Mädchen ſelbſt. Herr Kopperſield, Fräulein Crewler, Fräulein Sarah, Fräulein Louiſe— Margarethe und Lucie!“ Sie waren ein wahrer Roſenſtrauß, ſo geſund und friſch ſahen ſie aus. Sie waren alleſammt hübſch, und Miß Caroline war ſogar ſehr hübſch; aber in Sophiens hellen Blicken lag ein ſo liebevolles, fröͤhliches, behag⸗ lich-häusliches Etwas, welches beſſer als das war und mir die Verſicherung gab, daß mein Freund eine gute Wahl getroffen habe. Wir Alle ſaßen um das Feuer herum, während der pfiffige Junge, welcher, wie ich jetzt errieth, durch Herausthun der Papiere und Acten⸗ ſtücke außer Athem gerathen war, ſie wieder abräumte und das Theegeſchirr aufſetzte. Hierauf entfernte er ſich für die Nacht, indem er die äußere Thür mit einem Plauz hinter uns zuſchloß. Als Mrs. Traddles, wel⸗ 30 David Kopperfield. cher die reinſte Luſt und Behaglichkeit aus ihren Haus⸗ mütterchensaugen leuchteten, den Thee bereitet hatte, machte ſie ruhig die geröſteten Brotſchnitten zurecht, während ſie im Winkel am Feuer ſaß. Sie hätte Agnes geſehen, erzählte ſie mir, während ſie die Brotſchnitten röſtete.„Tom“ hätte ſie auf einen Hochzeitsausflug nach Kent hinuntergeführt, und dort hätte ſie auch meine Tante geſehen, und alle Beide, meine Tante und Agnes, befänden ſich wohl, und ſie hätten Alle von nichts als von mir geſprochen.„Tom“ hätte mich nie aus dem Sinne verloren, dächte ſie, die ganze Zeit über, ſeit ich weggeweſen ſei.„Tom“ war die Autorität für alles Mögliche.„Tom“ war augen⸗ ſcheinlich das Idol ihres Lebens, das durch keine Be⸗ wegung auf ſeinem Fußgeſtell erſchüttert werden konnte, an das ſie allezeit glaubte, dem ſie ſtets huldigte mit der ganzen Treue ihres Herzens, mochte kommen, was da wollte. Die Achtung, mit welcher Beide, ſowohl ſie als Traddles, der„Schönheit“ ſich unterordneten, gefiel mir ſehr. Ich wüßte nicht, daß ich es für ſehr ver⸗ nünftig gehalten hätte, aber ich hielt es für ſehr er⸗ götzlich und für einen weſentlichen Theil ihres Charak⸗ ters. Wenn Traddles überhaupt je einen Augenblick die Theelöffel vermißte, welche noch erobert werden ſoll⸗ ten, ſo that er's ohne Zweifel, wenn er der„Schön⸗ heit“ ihren Thee reichte. Wenn ſeine ſanfte Frau irgendwie ſich gegen irgend Jemand etwas hätte anma⸗ ßen können, ſo habe ich hinreichenden Grund, zu glau⸗ ben, daß ſie es nur auf den Grund hin zu thun im Stande geweſen wäre, weil ſie die Schweſter der„Schön⸗ heit“ war. Ein paar leiſe Andeutungen eines ziemlich ſchnippiſchen und launenhaften Benehmens, die ich an David Kopperfield. 31 der„Schönheit“ bemerkte, wurden von Traddles und ſeiner Frau, wie man deutlich ſah, als ihr Geburts⸗ recht und ihr von der Natur verliehen betrachtet. Wenn ſie als eine Bienenkönigin geboren worden wäre und die Beiden als Arbeitsbienen, ſie hätten ſich nicht bereit⸗ williger drein ergeben können. Aber ihre Gutherzigkeit, mit welcher ſie ſich ſelbſt vergaßen, bezauberte mich. Ihr Stolz auf dieſe Mäd⸗ chen und die Bereitwilligkeit, mit der ſie ſich allen ihren Wunderlichkeiten unterwarfen, war das erquicklichſte kleine Zeugniß für ihren eignen Werth, das ich zu ſehen hätte wünſchen können. Wenn Traddles im Laufe dieſes Abends ein Mal als„mein Allerliebſter“ angeredet und erſucht wurde, dies und das herzubringen, oder dies und das wegzutragen, oder dies und das aufzuheben, oder dies und das hinzulegen, oder dies und das zu holen, ſo wurde er ſo von einer oder der andern ſeiner Schwä⸗ gerinnen mindeſtens zwölf Mal in der Stunde angere⸗ det. Ebenſowenig konnten ſie irgend etwas ohne So⸗ phien thun. Das Haar von irgend Einer fiel herun⸗ ter, und Niemand als Sophie konnte es wieder auf⸗ ſtecken. Irgend Eine hatte vergeſſen, wie die oder jene Melodie ging, und Niemand als Sophie konnte dieſe Melodie richtig ſummen. Irgend Eine wünſchte zu wiſſen, wie der oder jener Name in Devonſhire hieß, und nur Sophie wußte ihn. Irgend etwas mußte nach Hauſe geſchrieben werden, und Sophien allein konnte man vertrauen, daß ſie vor dem Frühſtück am Morgen ſchrei⸗ ben werde. Irgend Eines verſah ſich mit einer Häkel⸗ arbeit und ließ eine Maſche fallen, und keine als So⸗ phie war im Stande, der Fehlenden den richtigen Weg anzuweiſen. Sie waren vollkommene Herrinnen des Platzes, und Sophie und Traddles warteten ihnen auf. 32 David Kopperfield. Von wie vielen Kindern Sophie in ihrer Zeit hätte die Wärterin abgeben können, kann ich mir nicht vor⸗ ſtellen, aber ſie ſchien berühmt zu ſein wegen ihrer Kenntniß jedweden Liedes, welches je einem Kinde in engliſcher Zunge vorgeſungen worden war, und ſie ſang Dutzende auf Beſtellung mit der klarſten Stimme in der Welt, eins nach dem andern(wobei jede Schweſter den Wunſch nach einer andern Melodie ausſprach und die „Schönheit“ zuletzt gewöhnlich einfiel), ſo daß ich ganz bezaubert war. Das Beſte von Allem war, daß alle Schweſtern bei allen ihren Forderungen doch eine große Liebe und Achtung vor Sophien ſowohl als vor Tradd⸗ les an den Tag legten. Ich bin ſicher, als ich mich verabſchiedete und Traddles herauskam, um mit mir bis an das Kaffeehaus zu gehen, meinte ich niemals einen widerſpänſtig ſteifſtehenden Kopf voll Haare, oder irgend einen andern Kopf in einem ſolchen Hagel von Küſſen herumkollern geſehen zu haben. Alles zuſammengenommen war es ein Schauſpiel, auf dem ich nicht umhin konnte, meine Gedanken noch lange Zeit ruhen zu laſſen, nachdem ich zurückgekehrt war und Traddles gute Nacht gewünſcht hatte. Wenn ich in meiner Wohnung im oberſten Stockwerke dieſes ver⸗ witterten Grays Inn tauſend Roſen blühen geſehen hätte, ſie würden ihm keine auch nur halb ſo heitere Phyſiog⸗ nomie verliehen haben. Die Idee von dieſen Mädchen von Devonſhire unter den trockenen Rechtsgelehrten und Advocaten⸗Canzleien, und von dem Thee und den ge⸗ röſteten Brotſchnitten und Kinderliedern in dieſer iſegrim⸗ migen Atmoſphäre von Bimſteinpulver und Pergament, Actenheftband, ſtaubigen Oblaten, Tintenflaſchen, Stem⸗ pelbogen, Wechſelformularen, Acten, Verordnungen und Declarationen und Koſtenberechnungen kam mir gerade David Kopperfield. 33 ſo lieblich phantaſtiſch vor, als ob ich geträumt hätte, die berühmte Familie des Sultans ſei in das Verzeich⸗ niß der Sachwalter aufgenommen worden und habe den redenden Vogel, den ſingenden Baum und das goldene Waſſer mit in Grays Inn Hall gebracht. Endlich fand ich, daß ich von Traddles für die Nacht Abſchied ge⸗ nommen hatte und in das Kaffeehaus zurückgekommen war mit einem großen Wechſel in der Verzweiflung, die ich ſeinetwegen gefühlt. Ich begann zu denken, er werde fortkommen trotz aller Oberkellner in England. Ich zog mir einen Stuhl vor eines der Feuer im Gaſtzimmer, um mit Muße über ihn nachzudenken, und ſo verfiel ich von der Betrachtung ſeines Glücks all⸗ mählig in ein Hinſtarren auf die zukunftverkündenden Gebilde in den glühenden Kohlen, und als ſie einbra⸗ chen und ihre Geſtalt wechſelten, in Nachdenken über die Wechſelfälle und Trennungen, welche mein Leben bezeichneten. Ich hatte kein Kohlenfeuer geſehen ſeit ich vor drei Jahren England verlaſſen, obſchon ich man⸗ ches Holzfeuer beobachtet hatte, wie es in ſchieferige Aſche zerbröckelte und ſich mit dem federigen Haufen auf dem Herde vermiſchte, was mir in meiner Niedergeſchla⸗ genheit nicht unpaſſend meine eignen todten Hoffnungen abbildete. Ich vermochte jetzt an die Vergangenheit zu denken, mit Ernſt, aber ohne Bitterkeit, und konnte der Zu⸗ kunft mit kühnem Muthe ins Geſicht ſchauen. Ein häuslicher Herd in ſeinem beſten Sinne war für mich nicht mehr da. Sie, der ich eine innigere Liebe hätte einflößen können, hatte ich gelehrt, mir blos Schweſter zu ſein. Sie würde heirathen, dachte ich, und Andere haben, die Anſprüche auf ihre Zärtlichkeit machten, und wenn ſie dies thäte, würde ſie nie die Liebe zu ihr er⸗ David Kopperfield. X. 3 34 David Kopperfield. fahren, die in meinem Herzen aufgekeimt war. Es ge⸗ ſchah mir Recht, daß ich die Buße bezahlen mußte für meine unüberlegte Leidenſchaft. Ich erntete, was ich geſäet hatte. Ich dachte eben: hatte ich wirklich mein Herz hierzu gewöhnt, und konnte ich es entſchloſſen ertragen und ruhig den Ort in ihrem Hauſe behaupten, den ſie in dem meinen behauptet— da entdeckte ich plötzlich, daß meine Augen auf einem Geſichte ruhten, welches ſich in ſeiner Verbindung mit meinen Erinnerungen aus früher Zeit vielleicht aus dem Feuer erhoben hatte. Der kleine Mr. Chillip, der Doctor, dem ich für ſeine guten Dienſte ſchon im erſten Kapitel dieſer Ge⸗ ſchichte verſchuldet ward, ſaß, eine Zeitung leſend, im Schatten einer mir gegenüber befindlichen Ecke. Er war während der Zeit an Jahren ziemlich vorgerückt; da er indeß ein ſanftes, ſchwächliches, ruhiges Männchen war, war er vom Alter nur ſo leicht berührt worden, daß mir's vorkam, als ſähe er in dieſem Augenblicke gerade ſo aus, wie er ausgeſehen haben möchte, als er in un⸗ ſerer Stube ſaß und auf meine Geburt wartete. Mr. Chillip hatte Blunderſtone vor ſechs oder ſie⸗ ben Jahren verlaſſen, und ich hatte ihn ſeitdem nie geſehen. Er ſaß gelaſſen da und genoß die Zeitung, den kleinen Kopf auf die Seite geneigt und ein Glas warmen Negus von Sherry neben ſeinem Ellbogen. Er war ſo ungemein nachgiebigen Ausſehens, daß er ſich ſelbſt bei der Zeitung zu entſchuldigen ſchien, daß er ſich die Freiheit genommen, ſie zu leſen. Ich ging hin, wo er ſaß, und ſagte:„Wie geht es Ihnen, Herr Chillip?“ Er war ſehr aus dem Häuschen durch dieſe uner⸗ wartete Anrede von einem Fremden und erwiederte in David Kopperfield. 35 ſeiner langſamen Weiſe:„Ich danke Ihnen, mein Herr, Sie ſind ſehr freundlich. Dank' Ihnen, mein Herr. Ich hoffe, auch Sie befinden ſich wohl.“ „Sie erinnern ſich meiner wohl nicht mehr?“ fragte ich. „Ci nun, mein Herr,“ entgegnete Mr. Chillip, in⸗ dem er ſehr ängſtlich lächelte und den Kopf ſchüttelte, dabei mich aber betrachtete,„ich habe ſo eine Art Ein⸗ druck, als ob etwas in Ihren Zügen mir wohl bekannt wäre, mein Herr; aber ich könnte wirklich nicht mit Gewißheit behaupten, daß ich Ihren Namen wiſſe.“ „Und doch wußten Sie ihn längſt, ehe ich ſelbſt ihn wußte,“ erwiederte ich. „Ei gar, wirklich, mein Herr?“ ſagte Mr. Chil⸗ lip.„Iſt es möglich, daß ich die Ehre hatte, mein Herr, meine Dienſte zu leiſten als—“ „Ja,“ antwortete ich. „J der Tauſend!“ ſchrie Mr. Chillip.„Aber ohne Zweifel haben Sie ſich ſeitdem ſehr verändert, mein Herr?“ „Höchſt wahrſcheinlich,“ ſagte ich. „Nun denn,“ mein Herr,“ bemerkte Mr. Chillip, „ich hoffe, Sie werden mich entſchuldigen, wenn ich gezwungen bin, Sie zu erſuchen, mir gefälligſt Ihren Namen zu ſagen.“ Als ich ihm meinen Namen ſagte, war er wirklich bewegt. Er ſchüttelte mir ſogar die Hand— was ihm heftige Anſtrengung koſtete, da ſein gewöhnliches Verfahren dabei das war, daß er zögernd ein lau⸗ warmes Ding, ähnlich einer Fiſchkelle, ein oder ein paar Zoll von ſeiner Hüfte hervorgleiten ließ und die größte Aengſtlichkeit verrieth, wenn irgend Jemand daſſelbe ergriff. Selbſt jetzt ſteckte er ſeine Hand in die 3* 3 — 36 David Kopperfield. Rocktaſche, ſobald er ſie nur aus der meinen zu befreien vermochte, und ſchien einen Stein vom Herzen losge⸗ worden zu ſein, als er ſie wieder in Sicherheit gebracht hatte. „Ei der Tauſend!“ ſagte Mr. Chillip, indem er mich, den Kopf auf die Seite gelegt, betrachtete.„So iſt's wirklich Herr Kopperfield, wirklich? Na, mein Herr, ich meine, daß ich Sie erkannt haben würde, wenn ich mir die Freiheit genommen hätte, Sie genauer anzuſehen.'s waltet eine große Aehnlichkeit zwiſchen Ihnen und Ihrem ſeligen Vater ob, mein Herr.“ „Ich war nie ſo glücklich, meinen Vater zu ſehen,“ bemerkte ich. „Sehr wahr, mein Herr,“ ſagte Mr. Chillip in einem tröſtenden Tone.„Und das war auf alle Fälle höchlichſt zu beklagen! Wir ſind unten in unſerm Lan⸗ destheile,“ verſetzte Mr. Chillip, abermals langſam das Haupt ſchüttelnd,„nicht unbekannt mit dem Rufe, den Sie ſich erworben haben. Es muß bei Ihnen eine große Aufregung der Nerven hier ſtattfinden,“ dabei tippte er ſich mit dem Zeigefinger an die Stirn;„Sie müſſen finden, mein Herr, daß es eine ſehr angreifende Beſchäftigung iſt.“ „In welchem Theile des Landes wohnen Sie denn jetzt?“ fragte ich, mich neben ihn ſetzend. „Ich habe mich jetzt ein paar Meilen von Bury St. Edmunds niedergelaſſen, mein Herr,“ antwortete Mr. Chillip.„Madame Chillip erbte nach dem Teſta⸗ mente ihres Vaters ein kleines Eigenthum in dieſer Gegend, und da kaufte ich mir eine Praxis dort, in der es mir, wie Sie ſich freuen werden zu hören, wohl geht. Meine Tochter wächſt jetzt zu einer langen Per⸗ ſon in die Höhe, mein Herr,“ fuhr er mit einem an⸗ David Kopperfield. 37 dern leiſen Kopfſchütteln fort.„Ihre Mutter ließ erſt letzte Woche zwei Stufen in ihren Unterröcken aus. Sehen Sie, ſo vergeht die Zeit, mein Herr.“ Als das kleine Männchen ſein jetzt leeres Glas, wie er dieſe Bemerkung machte, an die Lippen ſetzte, ſchlug ich ihm vor, es nochmals füllen zu laſſen, wo ich ihm mit einem andern Geſellſchaft leiſten wollte. „Na, mein Herr,“ erwiederte er in ſeiner lang⸗ ſamen Weiſe,„'s iſt eigentlich mehr, als ich gewohnt bin, aber ich kann mir das Vergnügen Ihrer Unter⸗ haltung nicht verſagen. Es kommt mir vor, als wär's erſt geſtern geweſen, daß ich die Ehre hatte, Sie bei den Maſern zu behandeln. Sie kamen prächtig durch, mein Herr.“ Ich dankte für das Compliment und beſtellte den Negus, welcher bald gebracht wurde. „Eine ganz ungewöhnliche Abſchweifung von der Regel,“ ſagte Mr. Chillip, das Glas umrührend,„aber ich kann einer ſo außerordentlichen Gelegenheit nicht wi⸗ derſtehen. Sie haben keine Familie, mein Herr?“ Ich ſchüttelte den Kopf. „Es war mir bekannt, mein Herr, daß Sie einen Verluſt hatten vor einiger Zeit,“ verſetzte Mr. Chillip. „Ich hörte es von der Schweſter Ihres Stiefvaters. Ein ſehr entſchiedener Charakter das, mein Herr.“ „Ei ja wohl,“ ſagte ich.„Entſchieden genug. Wo ſahen Sie ſie, Herr Chillip?“ „Iſt Ihnen nicht bekannt, mein Herr,“ entgegnete Mr. Chillip mit ſeinem ruhigſten Lächeln,„daß Ihr Stiefvater wieder ein Nachbar von mir iſt?“ „Nein,“ ſagte ich. „Ja wohl iſt er es,“ erwiederte Mr. Chillip.„Hei⸗ rathete eine junge Dame aus der Gegend mit einem ſehr 38 David Kopperfield. hübſchen Bischen Vermögen, das arme Ding!,— Und dieſe Gehirnthätigkeit, mein Herr? Finden Sie nicht, daß es Sie angreift?“ ſagte Mr. Chillip, indem er mich wie ein ſtaunendes Rothkehlchen anſah. Ich beantwortete dieſe Frage mit einer bloßen Hand⸗ bewegung und kam auf die Murdſtone's zurück. Ich wußte, daß er wieder geheirathet. „Behandeln Sie die Familie?“ fragte ich. „Nicht als regelmäßiger Hausarzt. Ich bin aber manchmal gerufen worden,“ erwiederte er;„ſtarke phre⸗ nologiſche Entwickelung des Organs der Feſtigkeit in Herrn Murdſtone und ſeiner Schweſter, mein Herr.“ Ich antwortete mit einem ſo ausdrucksvollen Blicke, daß Mr. Chillip dadurch und durch den Negus zugleich den Muth bekam, ſeinen Kopf ein paar Mal ein wenig zu ſchütteln und gedankenvoll auszurufen: „Ach, mein Gott! Wir erinnern uns der alten Zeit, Herr Kopperfteld!“ „Und Bruder und Schweſter verfolgen ihren alten Weg, nicht wahr?“ fragte ich. „Na, mein Herr,“ entgegnete Mr. Chillip,„ein Arzt, der ſo viel in Familien kommt, ſollte eigentlich weder Augen noch Ohren für etwas Anderes als ſeine Profeſſion haben. Dennoch aber muß ich ſagen, mein Herr, daß ſie ſehr ſtrenge Grundſätze haben, ſowohl für dieſes Leben, als für das folgende.“ „Das folgende wird geordnet werden ohne große Rückſicht auf ſie, glaub' ich,“ erwiederte ich.„Was thun ſie in dieſem Punkte?“ Mr. Chillip ſchüttelte den Kopf, rührte ſeinen Ne⸗ gus um und ſchlürfte davon. „Sie war ein liebenswürdiges Frauenzimmer, mein Herr,“ bemerkte er in ſeiner kläglichen Weiſe. David Kopperfield. 39 „Die jetzige Madame Murdſtone?“ „Wahrhaftig, mein Herr, ein ſehr liebenswürdiges Frauenzimmer,“ ſagte Mr. Chillip,„ſo liebenswerth wahrlich, als man möglicherweiſe nur ſein kann. Die Anſicht meiner Frau iſt, daß ihr Herz ſeit ihrer Hei⸗ rath völlig gebrochen iſt, und daß ſie an vollkommenem Tiefſinn leidet. Und die Damen,“ bemerkte Mr. Chillip ſchüchtern,„ſind große Beobachterinnen, mein Herr.“ „Ich vermuthe, ſie ſollte unterworfen und nach ih⸗ rer verabſcheuenswerthen Facon geknickt und eingerichtet werden; der Himmel helfe ihr!“ ſagte ich.„Und ſie haben ſie geknickt und eingerichtet.“ „Na, mein Herr, ich kann Ihnen verſichern, zuerſt gab's heftige Auftritte,“ entgegnete Mr. Chillip,„jetzt aber iſt ſie ein wahrer Schatten. Ich denke nicht, daß man es als zu weitgehend betrachten könnte, wenn ich zu Ihnen, mein Herr, im Vertrauen ſagte, daß, ſeit die Schweſter zu Hülfe kam, Bruder und Schweſter ſie zwiſchen ſich beinahe auf einen Zuſtand gänzlicher Geiſtesſchwäche herabgebracht haben.“ Ich ſagte ihm, daß ich das recht gern glauben könnte. „Ich ſtehe nicht an,“ fuhr Mr. Chillip fort, in⸗ dem er ſich mit einem abermaligen Nippen vom Negus ſtärkte,„Ihnen unter vier Augen zu ſagen, mein Herr, daß ihre Mutter darüber ſtarb— oder daß Tyrannei, Gram und Quälerei Madame Murdſtone beinahe gei⸗ ſtesſchwach gemacht haben. Sie war ein lebhaftes jun⸗ ges Frauenzimmer vor ihrer Verheirathung, aber ihr finſtres Weſen und ihre Strenge zerſtörten ſie. Sie gehen mit ihr jetzt mehr wie Gefangenwärter, als wie ein Gatte und eine Schwägerin um. Das war's, was Madame Chillip erſt letzte Woche mir bemerkte. Und 40 David Kopperfield. ich verſichere Ihnen, Herr, die Damen ſind große Beob⸗ achterinnen. Madame Chillip ſelbſt iſt eine ſehr ſcharfe Beobachterin.“ „Stellt er ſich in ſeinem finſtern Wahne immer⸗ noch, als ob er(ich ſchäme mich, das Wort in dieſer Verbindung zu brauchen) fromm wäre?“ erkundigte ich mich. „Sie nehmen mir, mein Herr,“ ſagte Mr. Chillip, deſſen Augenlider von dem ungewohnten Reizmittel, dem er ſich hingab, ganz roth wurden,„eine von den aller⸗ ſchlagendſten Bemerkungen der Madame Chillip von der Zunge. Madame Chillip nämlich,“ fuhr er in der ruhigſten und langſamſten Weiſe fort,„elektriſtrte mich ordentlich, indem ſie mir zeigte, wie Herr Murdſtone ein Bild von ſich aufſtellt und es das göttliche Weſen nennt. Ich verſichere Ihnen, Sie hätten mich mit der Fahne einer Feder platt auf den Rücken ſtoßen können, mein Herr, als Madame Chillip das ſagte. Die Da⸗ men ſind ſcharfe Beobachterinnen.“ „Das liegt klar auf der Hand,“ verſetzte ich zu ſeiner größten Wonne. „Ich freue mich ſehr, ſolch eine Beſtätigung meiner Anſicht zu erhalten, mein Herr,“ fuhr er fort.„Es geſchieht nicht oft, daß ich eine außerhalb der Medicin liegende Meinung abzugeben wage, das verſichere ich Ihnen. Herr Murdſtone hält manchmal öffentliche Vor⸗ träge, und man ſagt— oder kurz, Madame Chillip ſagt,— daß je finſterer der Tyrann in der letzten Zeit geweſen iſt, deſto toller iſt ſeine Lehre.“ „Ich glaube, daß Madame Chillip damit vollkom⸗ men recht hat,“ erwiederte ich. „Ja, Madame Chillip geht ſogar ſo weit, daß ſie ſagt,“ fuhr der ſchüchternſte der kleinen Männer ſehr 5 3 David Kopperfield. 41 ermuthigt fort,„daß das, was ſolche Leute ihre Re⸗ ligion nennen, nur ein Abzugskanal für ihre ſchlechte Laune und ihren Hochmuth iſt. Und wiſſen Sie wohl, mein Herr,“ ſagte er, ſein Haupt ſanft auf die eine Seite legend,„daß ich geſtehen muß, wie ich durchaus nicht im Stande bin, für Herrn und Fräulein Murd⸗ ſtone einen Anhalt im Neuen Teſtamente zu finden.“ „Ich meinestheils habe auch nichts gefunden,“ ſagte ich. „Indeß,“ ſagte Mr. Chillip,„ſind ſie ſehr gehaßt, und da ſie gleich bei der Hand ſind, Jedermann, der ſie nicht leiden kann, zu verdammen, ſo giebt's in un⸗ ſerer Gegend eine hübſche Menge Verdammungsurtheile. Jedoch ſind ſie, wie Madame Chillip ſagt, mein Herr, einer fortwährenden Beſtrafung unterworfen; denn ſie ſind nach innen gekehrt und angewieſen, an ihren eig⸗ nen Herzen zu nagen, und dieſe ihre eignen Herzen ſind ein ſehr ſchlechtes Futter. Nun aber, mein Herr, was Ihr Gehirn anbetrifft— wenn Sie mich entſchul⸗ digen wollen, daß ich darauf zurückkomme. Sagen Sie mir doch, ſetzen Sie es nicht zu großer Anſtrengung aus, mein Herr?“ Ich fand es bei der Angeſtrengtheit und Aufregung von Mr. Chillips eignem Gehirne durch ſein Negus⸗ trinken nicht ſchwer, ſeine Aufmerkſamkeit von dieſem Thema auf ſeine eignen Angelegenheiten zu lenken, hin⸗ ſichtlich deren er die nächſte halbe Stunde ganz geſprä⸗ chig war und mir unter andern Erklärungen zu ver⸗ ſtehen gab, daß er damals im Grays Inn Kaffeehauſe war, um ſein amtliches Gutachten vor einer Commiſ⸗ ſion abzugeben in Betreff des Gemüthszuſtandes eines Kranken, welcher durch Ausſchweifungen im Trinken ver⸗ rückt geworden war. — 42 David Kopperfield. „Und ich verſichere Ihnen, mein Herr,“ ſagte er, „ich bin außergewöhnlich nervenſchwach bei ſolchen Ge⸗ legenheiten. Ich konnte mir nicht helfen, was man ſo duſelig nennt, zu ſein. Es wollte mich ganz aus dem Häuschen bringen. Wiſſen Sie wohl, daß es einige Zeit dauerte, ehe ich mich von dem Benehmen jener ſchreckbaren Dame in der Nacht Ihrer Geburt zu erho⸗ len vermochte, Herr Kopperfield?“ Ich erzählte ihm, daß ich eben im Begriffe ſtünde, zeitig am Morgen zu meiner Tante, dem Popanz jener Nacht, abzureiſen, und daß ſie eine der liebreichſten und trefflicſten Frauen ſei, wie er vollkommen einſehen würde, wenn er ſie beſſer kennte. Die bloße Erwäh⸗ nung oder Möglichkeit aber, daß er ſie je wieder zu Geſicht bekommen würde, ſchien ihn zu entſetzen. Er erwiederte mit einem ſchwachen Lächeln und bleichem Geſichte:„Ei, iſt ſie das wirklich? Alſo wirklich?“ und rief faſt ſogleich darnach nach einem Lichte und ging zu Bette, als ob er anderswo nicht ganz ſicher ſei. Er taumelte nicht gerade unter der Einwirkung des Negus; aber ich ſollte denken, daß ſein ruhiger kleiner Puls drei oder vier Schläge mehr in der Mi⸗ nute gethan haben muß, als er ſeit jener großen Nacht gethan, wo meine Tante in ihrer Erwartung ſo ge⸗ täuſcht wurde, und wo ſie mit ihrer Haube nach ihm ſchlug. Durch und durch ermüdet ging ich um Mitternacht ebenfalls zu Bett, verbrachte den nächſten Tag in der Poſtkutſche nach Dover, ſtürzte geſund und wohlbe⸗ halten in meiner Tante altes Zimmer, während ſie(die jetzt eine Brille trug) beim Thee ſaß, und wurde von ihr, Mr. Dick und der lieben alten Peggotty, die jetzt als Hausverwalterin wirkte, mit offnen Armen und — SgSu— David Kopperfield. 43 Freudenthränen empfangen. Meine Tante ergötzte ſich, als wir gefaßter zu ſprechen begannen, an meinem Bericht von meinem Zuſammentreffen mit Mr. Chillip, und daß er ſich ihrer mit ſolcher Furcht erinnere, mäch⸗ tig, und ſowohl ſie als Peggotty hatten viel zu ſagen vom zweiten Gatten meiner Mutter und„jenem mör⸗ deriſchen Weibsbilde von einer Schweſter“— hinſicht⸗ lich deren meiner Anſicht nach meine Tante durch keine Pein oder Strafe hätte vermocht werden können, ihr einen Taufnamen oder Eigennamen oder irgend eine andere Bezeichnung zu Theil werden zu laſſen. Sechszigſtes Kapitel. Agnes. Als meine Tante und ich allein gelaſſen waren, unterhielten wir uns bis tief in die Nacht hinein. Wie die Auswanderer nie anders als wohlgemuth und hoffnungsvoll nach Hauſe ſchrieben; wie Mr. Micawber ſogar verſchiedene kleine Summen Geldes auf Grund jener„pekuniären Verpflichtungen“, hinſichtlich deren er eine ſo geſchäftsmänniſche Miene angenommen und ſie wie zwiſchen Mann und Mann abgeſchloſſen hatte, zu— rückgeſendet; wie Janette, nachdem ſie in den Dienſt meiner Tante zurückgekehrt, als dieſe wieder nach Do⸗ ver kam, ihrer Verzichtleiſung auf die Männerwelt dadurch nachgelebt hatte, daß ſie eine Ehe mit einem wohlhäbigen Gaſtwirthe einging, und wie meine Tante ihr Siegel unter denſelben großen Grundſatz gedrückt hatte, indem ſie die Braut anſtiftete und ihr Vorſchub leiſtete und der Trauungsceremonie mit ihrer Gegen⸗ wart die Krone aufſetzte, waren einige von unſern The⸗ mas, die mir jedoch bereits mehr oder minder durch die Briefe bekannt waren, die ich gehabt hatte. Mr. Dick David Kopperfield. 45 ward wie gewöhnlich nicht vergeſſen. Meine Tante be⸗ richtete mir, wie er ſich unabläſſig damit beſchäftigt habe, alles Moͤgliche abzuſchreiben, deſſen er nur hab⸗ haft werden konnte, und wie er den Koͤnig Karl bei dieſer ſcheinbaren Beſchäftigung ſtets in achtungsvoller Entfernung gehalten habe; ferner, wie es eine der größ⸗ ten Freuden und Belohnungen ihres Lebens ſei, daß er ſich frei und glücklich befinde, ſtatt von düſterem Zwange umgeben dahinzuſchmachten; endlich, wie(für⸗ wahr ein neuer großer Schluß) Niemand als ſie je in voller Ausdehnung zu erkennen im Stande ſei, was für ein Mann er ſei. „Und nun, Trot,“ ſagte meine Tante, indem ſie mich freundlich auf die Rückſeite meiner Hand klopfte, während wir in unſerer alten Weiſe vor dem Feuer ſaßen,„wann gehſt Du hinüber nach Canterbury?“ „Ich werde ein Pferd miethen und morgen früh hinüberreiten, Tante, ausgenommen, Du wollteſt mit mir gehen.“ „Nein,“ verſetzte meine Tante in ihrer kurzen abge⸗ brochenen Manier.„Ich gedenke zu bleiben, wo ich bin.“ Dann würde ich reiten, ſagte ich. Ich hätte heute nicht durch Canterbury kommen können, ohne mich auf⸗ zuhalten, wenn ich zu irgend jemand Anders als zu ihr auf dem Wege geweſen wäre. Sie freute ſich darüber, antwortete aber doch:„Bſt, Trot! Meine alten Knochen würden bis morgen noch gehalten haben!“ Und dann klopfte ſie mich wieder ſanft auf die Hand, als ich gedankenvoll daſaß und ins Feuer blickte. Gedankenvoll; denn ich hätte nicht wieder hier und Agnes ſo nahe ſein können, ohne daß jene Vorwürfe wieder aufgelebt wären, die mein Gemüth ſo lange 46 David Kopperfield. beſchäftigt hatten. Es mochten gemilderte Vorwürfe ſein, die mich lehrten, was ich zu lernen verfehlt hatte, als mein jugendlicheres Leben noch ganz vor mir lag, aber es waren doch immerhin Vorwürfe.„Oh Trot,“ ſchien ich meine Tante wiederum ſagen zu hören, und ich verſtand ſie beſſer jetzt—„blind, blind, blind!“ Wir verhielten uns Beide mehrere Minuten lang ſchweigend. Als ich meine Augen erhob, fand ich, daß ſte mich feſten Blickes beobachtete. Vielleicht war ſie der Strömung meiner Empfindungen gefolgt; denn ſo willkürlich dieſelbe auch einſt ihren Weg genommen haben mochte, ſchien ſie mir doch jetzt leichter zu verfolgen. „Du wirſt in ihrem Vater einen alten weißkoͤpfigen Mann finden,“ ſagte meine Tante,„obwohl einen in jeder andern Beziehung beſſern Mann— einen dem Guten wiedergewonnenen Mann. Auch wirſt Du nicht ſehen, daß er alle menſchlichen Intereſſen und Freuden und Schmerzen jetzt noch mit ſeinem ärmlichen Zoll⸗ maße abmißt. Glaube mir, Kind, dergleichen Dinge müßten ſehr zuſammenſchrumpfen, ehe ſie in dieſer Weiſe abgemeſſen werden könnten.“— „Allerdings,“ ſagte ich. „Du wirſt dann ſie ſelbſt,“ fuhr meine Tante fort, „ſo gut, ſo ſchön, ſo erſt, ſo uneigennützig finden, als ſie allezeit geweſen iſt. Wenn ich ein höheres Lob wüßte, Trot, ſo würde ich es ihr ertheilen.“ Es gab kein höheres Lob für ſie, keinen größern Tadel für mich. Oh wie hatte ich mich ſo weit vom Rechten verirrt! „Wenn ſie die jungen Mädchen, welche ſte um ſich hat, ſo zieht, daß ſie ihr ähnlich werden,“ verſetzte meine Tante mit einem ſolchen Ernſte, daß ſich ſogar ihre Augen mit Thränen füllten,„weiß der Himmel, David Kopperfield. 47 dann wird ihr Leben wohl angewandt ſein. Nützlich und glücklich, wie ſie an jenem Tage ſagte. Wie könnte ſie anders als nützlich und glücklich ſein!“ „Hat Agnes denn einen—,“ dachte ich eher laut für mich, als daß ich es geſprochen hätte. „Na? Heraus damit. Einen was?“ ſagte meine Tante ſcharf betont. „Irgend einen Liebhaber,“ verſetzte ich. „Ein halb Schock,“ ſchrie meine Tante mit einer Art entrüſteten Stolzes.„Sie hätte zwanzig Mal hei⸗ rathen können, mein Lieber, ſeit Du fort warſt.“ „Ohne Zweifel,“ entgegnete ich.„Ohne Zweifel. Aber hat ſie einen Geliebten, der ihrer werth wäre? Agnes würde keinen andern haben mögen.“ Meine Tante ſaß ein Weilchen nachdenkend da, ihr Knie auf ihre Hand geſtützt. Indem ſie langſam ihre Augen zu den meinen erhob, ſagte ſie: „Ich vermuthe allerdings, ſie hat eine Liebe, Trot.“ „Eine glückliche?“ fragte ich. „Trot,“ erwiederte meine Tante ſehr ernſt,„ich kann's nicht ſagen. Ich habe kein Recht, Dir auch nur ſo viel zu ſagen. Sie hat es mir nie anvertraut, aber ich vermuthe es.“ Sie blickte mich ſo aufmerkſam und ängſtlich an(ich ſah ſie ſogar zittern), daß ich jetzt mehr wie je fühlte, ſie ſei meinem letzten Gedanken gefolgt. Ich rief mir alle die Entſchlüſſe, die ich in den Tagen und Nächten daher gefaßt, und alle die vielfachen Kämpfe meines Herzens ins Gedächtniß zurück. „Wenn es ſo ſein ſoll,“ begann ich,„und ich hoffe, es iſt ſo—“ „Ich meinestheils weiß nicht, daß es ſich ſo ver⸗ hält,“ ſagte meine Tante kurz einfallend.„Du mußt 48 David Kopperfield. Dich nicht durch meine Vermuthungen beherrſchen laſſen. Du mußt ſie geheim halten. Sie ſind vielleicht ſehr ſchwach. Ich habe kein Recht zu ſprechen.“ „Wenn es ſo ſein ſollte,“ wiederholte ich,„wird mir's Agnes ſchon zu rechter Zeit ſelbſt erzählen. Eine Schweſter, der ich ſo viel Vertrauen erwieſen, wird ſich nicht weigern, mir zu vertrauen.“ Meine Tante ließ ihre Augen ſich von den meinen ſo langſam entfernen, wie ſie dieſelben auf mich gewen⸗ det hatte, und bedeckte ſie nachdenklich mit ihrer Hand. Bald darauf legte ſie die andere Hand auf meine Schul⸗ ter, und ſo ſaßen wir Beide da und blickten in die Vergangenheit, ohne noch ein Wort zu ſprechen, bis wir uns für die Nacht trennten. Ich ritt früh am Morgen weg nach dem Schauplatze, wo ich als Schulknabe gelebt. Ich kann nicht ſagen, daß ich in der Hoffnung, mich ſelbſt zu beſiegen, ſo ganz glücklich geweſen wäre, ſelbſt jetzt nicht, wo ich die Ausſicht hatte, ſo bald wieder in ihr Antlitz zu ſchauen. Der mir wohlerinnerliche Weg war bald zurückgelegt, und ich kam in die ſtillen Straßen, wo jeder Stein mir im Gedächtniß war, wie dem Knaben ſeine Schulfibel. Ich ging zu Fuße nach dem alten Hauſe und ging wieder weg, weil mir das Herz zu voll war, um einzutreten. Ich kehrte zurück, und als ich im Vorbeigehen durch das nie⸗ drige Fenſter im Thurmzimmer blickte, wo zuerſt Uriah Heep und ſpäter Mr. Micawber zu ſitzen gewohnt geweſen waren, ſah ich, daß es jetzt eine kleine Wohnſtube und keine Expedition mehr war. Sonſt war das alte ehrſame Haus, was ſeine Reinlichkeit und Ordentlichkeit betraf, noch ganz und gar ſo, wie es geweſen, als ich es zuerſt geſehen hatte. Ich bat die neue Magd, die mich einließ, der Fräulein Wickfield zu ſagen, daß ein Herr, David Kopperfield. 49 der mit Nachrichten von einem entfernten Freunde käme, ihr ſeine Aufwartung zu machen wünſche, und ich wurde die ehrwürdige alte Treppe hinaufgewieſen(wobei man mich vor den Stufen warnte, die ich ſo gut kannte) in das Empfangszimmer, welches ſich nicht verändert hatte. Die Bücher, die ich und Agnes zuſammen ge⸗ leſen hatten, befanden ſich auf ihren Simſen, und das Pult, an dem ich ſo manche Nacht an meinen Aufga⸗ ben gearbeitet hatte, ſtand noch an derſelben alten Ecke des Tiſches. Alle die kleinen Veränderungen, die ſich eingeſchlichen hatten, als die Heeps dort waren, waren wieder abgeändert worden. Aber nur, wie es in der glücklichen Zeit geweſen war. Ich ſtand in einem Fenſter und ſah über die alter⸗ thümliche Straße hinüber auf die gegenüberliegenden Häuſer, mir ins Gedächtniß zurückrufend, wie ich ſie an regneriſchen Nachmittagen beobachtet hatte, als ich zuerſt dorthin kam; und wie ich über die Leute nachzu⸗ grübeln gepflegt, welche an einem der Fenſter erſchie⸗ nen, und ihnen mit meinen Augen Treppe auf, Treppe ab gefolgt war, während Frauen mit Regenſchuhen klappernd über das Pflaſter ſchritten und der düſtere Regen in ſchiefen Strichen herabfiel und aus dem Drachen⸗ maule der Dachrinne goß und in die Straße ſtrömte. Die Empfindung, mit welcher ich die Landſtreicher beobach⸗ tet, wenn ſie an dieſen regneriſchen Abenden um die Dämmerung in die Stadt kamen und, ihre Bündel an den Enden von Stöͤcken über die Schulter gehängt, vor⸗ beihinkten, kam von neuem über mich, gemiſcht wie damals mit dem Geruche feuchten Erdbodens und naſſer Blätter und Stauden, ja mit dem Gefühle, als ob mich ſogar die Lüfte anwehten, welche mich bei jener meiner mühſeligen Wanderung angeweht hatten. David Kopperſield. X. 4 50 David Kopperfield. Das Aufgehen der kleinen Thür in der getäfelten Wand bewirkte, daß ich auffuhr und mich umwendete. Ihre ſchönen heitern Augen begegneten den meinigen, als ſie auf mich zukam. Sie blieb ſtehen und legte ihre Hand auf ihren Buſen, und ich ſchloß ſie in meine Arme. „Agnes! Mein liebes Mädchen! Ich bin Dir ge⸗ wiß zu plötzlich gekommen.“ „Nein, nein. Ich bin nur ſo gluͤcklich, Dich zu ſehen, Trotwood.“ „Theure Agnes, welch Glück iſt es für mich, Dich endlich wiederzuſehen!“ Ich drückte ſie an mein Herz, und ein Weilchen verhielten wir uns Beide ſchweigend. Dann ſetzten wir uns Seite an Seite nieder, und ihr engelgleiches Ge⸗ ſicht war mir mit dem Willkommen zugekehrt, von dem ich wachend und ſchlafend Jahre lang geträumt hatte. Sie war ſo treuherzig, ſie war ſo ſchön, ſie war ſo gut— ich ſchuldete ihr ſo viel Dankbarkeit, ſie war mir ſo theuer, daß ich keinen Ausdruck finden konnte für das, was ich empfand. Ich verſuchte, ihr Gottes Segen zu wünſchen, verſuchte, ihr zu danken, verſuchte, ihr zu ſagen(wie ich ſo oft in meinen Briefen gethan), was für einen Einfluß ſie auf mich habe, aber alle meine Anſtrengungen waren vergeblich. Meine Liebe und Wonne waren ſtumm. Mit der ihr eignen holden Ruhe beſchwichtigte ſie meine Aufregung, führte ſie mich in die Zeit unſerer Trennung zurück, ſprach ſie zu mir von Emilien, die ſie insgeheim viele Male beſucht hatte, ſprach ſie zu mir zärtlich von Dora's Grabe. Mit dem nie irrenden In⸗ ſtinkte ihres edeln Herzens berührte ſie die Saiten meiner Erinnerung ſo ſanft und harmoniſch, daß niemals eine David Kopperfield. 51 in mir einen Mißton hervorrief. Ich vermochte auf die traurige ferne Muſik zu lauſchen und wünſchte vor nichts zurückzuſchrecken, was ſie wach rief. Wie hätte ich das auch können, wo ſich mit dem Allen ihr theures Weſen und Ich verband, der beſſere Engel meines Lebens? „Und Du, Agnes,“ verſetzte ich nach einer Weile. „Erzähle mir von Dir; Du haſt mir kaum einmal in dieſer langen Zeit etwas von Deinem Leben und Be⸗ finden mitgetheilt.“ „Was ſollte ich Dir auch erzählen?“ antwortete ſie mit ihrem ſtrahlenden Lächeln.„Papa iſt wohl. Du ſiehſt uns hier ruhig in unſerer eignen Häuslichkeit; unſere Bedrängniß iſt vorüber, unſer häuslicher Herd iſt uns wiedergegeben, und wenn Du das weißt, lieber Trotwood, weißt Du Alles.“ „Alles, Agnes?“ fragte ich. Sie ſah mich an, und ein Zug der Verwunderung flog über ihr Geſicht. „Giebt es nichts weiter, Schweſter?“ ſagte ich. Ihre Farbe, welche eben erſt von den Wangen ge⸗ wichen war, kam wieder und wich abermals. Sie lächelte, mir war's, wie in ſtiller Betrübniß, und ſchüttelte den Kopf. Ich hatte ſie auf das zu führen geſucht, was meine Tante angedeutet hatte; denn wie ſcharf der Schmerz auch ſein mochte, den das Anhören ſolch eines Geſtändniſſes mir verurſachen mußte, ſo mußte ich doch mein Herz leh⸗ ren, das Rechte zu thun, und meine Pflicht gegen ſie erfüllen. Ich ſah indeſſen, daß ſie ſich unbehaglich fühlte, und ſo ließ ich es ſein. „Du haſt viel zu thun, liebe Agnes?“ „Mit meiner Schule?“ fragte ſie, mit all ihrer hellſtrahlenden Gefaßtheit. — 4*½ 52 David Kopperfield. „Ja. Nicht wahr, es iſt recht mühſam?“ „Die Arbeit iſt ſo angenehm,“ erwiederte ſie,„daß es kaum dankbar von mir iſt, ſie bei dem Namen zu nennen.“ „Nichts Gutes wird Dir ſchwer,“ ſagte ich. Ihre Farbe kam und wich abermals, und aber⸗ mals ſah ich, als ſie den Kopf neigte, daſſelbe traurige Lächeln. „Du wirſt doch warten und Papa ſehen wollen,“ verſetzte Agnes fröhlich,„und den Tag bei uns zu⸗ bringen? Vielleicht wirſt Du auch in Deinem alten Stübchen ſchlafen? Wir nennen es ſtets das Deine.“ Ich konnte das nicht, da ich verſprochen, die Nacht zu meiner Tante zurückzureiten; aber ich erklärte, mit Freuden den Tag dort zubringen zu wollen. „Ich muß ein Weilchen gefangen bleiben,“ ſagte Agnes;„aber hier ſind die alten Bücher, Trotwood, und die Muſik von ehedem.“ „Selbſt die Blumen von ehedem ſind hier,“ ent⸗ gegnete ich, mich umſehend,„oder doch die alten Arten wie einſt.“ „Ich habe ein Vergnügen daran gefunden,“ erwie⸗ derte Agnes lächelnd,„während Du wegwarſt, Alles ſo zu halten, wie es zu ſein pflegte, als wir Kinder waren. Denn ich glaube, wir waren damals ſehr glücklich.“ „Der Himmel weiß, daß wir's waren!“ rief ich. „Und jede Kleinigkeit, die mich an meinen Bruder erinnerte,“ ſagte Agnes, ihre treuherzigen Augen auf mich gerichtet,„iſt mir eine willkommene Geſellſchaft geweſen. Selbſt dies hier,“ dabei zeigte ſie mir das Körbchen, welches mit Schlüſſeln gefüllt, ihr noch immer an der Seite hing,„ſcheint eine alte Melodie zu klingeln.“ David Kopperfield. 53 Sie lächelte wieder und ging durch die Thür hin⸗ aus, durch welche ſie gekommen war. Es war meine Pflicht, dieſe ſchweſterliche Neigung mit frommer Sorgfalt mir zu bewahren. Es war Al⸗ les, was mir geblieben war, und es war ein Schatz. Wenn ich einmal die Grundfeſten des geheiligten Ver⸗ trauens und der Gewöhntheit an mich, kraft deren es mir gegeben war, erſchütterte, war es verloren und konnte nie wieder erlangt werden. Ich ſtellte mir das ſtets vor Augen. Je mehr ich ſie liebte, deſto mehr machte ich mir's zum Geſetz, dies nie zu vergeſſen. Ich wandelte durch die Straßen, und da ich mei⸗ nen alten Gegner, den Fleiſcher, erblickte— der jetzt ein Conſtabler war und ſeinen Stab in ſeinem Laden aufgehängt hatte— ging ich hinunter, um nach dem Orte zu ſehen, wo ich mich mit ihm geſchlagen hatte, und dachte dort über Miß Shepherd und die älteſte Miß Larkins nach und über alle die eiteln Liebesgeſchich⸗ ten und Neigungen und Abneigungen dieſer Zeit. Nichts ſchien dieſe Zeit überlebt zu haben, als Agnes, und ſte, die ſtets ein Stern über mir geweſen, ſtrahlte jetzt heller und höher. Als ich zurückkehrte, war Mr. Wickfield von einem Garten, den er eine oder ein paar Meilen von der Stadt beſaß, und wo er ſich faſt alle Tage beſchäftigte, heim⸗ gekommen. Ich fand ihn, wie meine Tante mir ihn beſchrieben hatte. Wir ſetzten uns zu Tiſche nieder mit einem halben Dutzend kleiner Mädchen, und er ſchien nur noch der Schatten von ſeinem ſchönen Bilde an der Wand. Die Ruhe und der Friede, welche ſich an dieſes ſtille Zimmer wie von Alters her in meinem Gedächtniſſe knüpften, walteten wieder in demſelben. Als das Eſſen —QCQO—Q—CQOCQC—QCQOCQCO,ůęñ.ðQ——QOQOQOLůQů⸗ñ-—ꝭO—Bꝛñꝛ&Yõñ— —õõWeͤͤyh——————————C—CO,O——:r ⏑O⏑O⏑§’UUO:BOAꝗõr—⸗—⸗—xxx:õõ——— 54 David Kopperfield. vorbei war, ſo gingen wir, da Mr. Wickfield keinen Wein nahm und ich keinen wünſchte, ins obere Stock, wo Agnes und ihre kleinen Pflegebefohlenen ſangen und ſpielten und arbeiteten. Nach dem Thee verließen uns die Kinder, und wir Drei ſaßen bei einander und ſpra⸗ chen von vergangenen Tagen. „Meine Rolle in denſelben,“ ſagte Mr. Wickfield, indem er ſein weißes Haupt ſchüttelte,„giebt mir viel Anlaß zur Reue— zu tiefer Reue und tiefer Zerknir⸗ ſchung, Trotwood, wie Sie recht wohl wiſſen. Aber ich würde die Zeit doch nicht ausſtreichen, wenn es in meiner Macht ſtünde.“ Ich vermochte das recht gern zu glauben, wenn ich einen Blick auf das Antlitz neben ihm warf. „Ich würde mit ihr,“ fuhr er fort,„eine Geduld und Hingebung und Treue und Kindesliebe ausſtreichen, die ich nicht vergeſſen darf, nein, nicht einmal, um mich ſelbſt zu vergeſſen!“ „Ich verſtehe Sie, Herr Wickfield,“ ſagte ich mild. „Ich fühle— ich habe allezeit hohe Verehrung davor gefühlt.“ „Aber Niemand weiß, ſelbſt Sie nicht,“ erwiederte er,„wie viel ſie gethan, wie viel ſie geduldet, wie hart ſie gekämpft hat. Meine theure Agnes!“ Sie hatte ihre Hand flehentlich auf ſeinen Arm gelegt, ihn um Schweigen zu bitten, und war ſehr, ſehr bleich. „Nun gut, gut!“ ſagte er, indem er, wie ich ſah, einen Schmerz, den ſie in Verbindung mit dem, was meine Tante mir erzählt, ertragen oder noch zu ertra⸗ gen hatte, mit einem Seufzer unerwähnt ließ.„Nun, Trotwood, ich habe Ihnen nie von ihrer Mutter er⸗ zählt; hat Ihnen jemand Anders einmal von ihr geſagt?“ David Kopperfield. 55 „Niemals, Herr Wickfield.“ „Es iſt nicht viel obſchon es viel Leiden mit ſich führte. Sie heirathete mich gegen den Willen ihres Vaters, und er verſtieß ſie. Sie bat ihn, ihr zu ver⸗ geben, ehe meine Agnes auf die Welt kam. Er war ein ſehr harter Mann, und ihre Mutter war ſchon lange zuvor geſtorben. Er wies ſie zurück. Er brach ihr das Herz.“ Agnes lehnte ſich auf ſeine Schulter und legte leiſe ihren Arm um ſeinen Hals. „Sie hatte ein liebevolles und ſanſtes Herz,“ ſagte er,„und es war gebrochen. Ich kannte ſeine zarte Natur ſehr wohl. Niemand könnte ſie kennen, wenn ich's nicht konnte. Sie liebte mich zärtlich, war aber nie glücklich. Sie litt ſtets im Stillen an dieſer Trau⸗ rigkeit, und da ſie um die Zeit, wo ſie zum letzten Male zurückgeſtoßen wurde,— denn es war nicht das erſte Mal— ſchwächlich und niedergeſchlagen war, ſo ſiechte ſie dahin und ſtarb. Sie hinterließ mir Agnes, zwei Wochen alt, und das graue Haar, mit dem Sie mich, wie Sie ſich erinnern, ſchon antrafen, als Sie zuerſt hierher kamen.“ Er küßte Agnes auf ihre Wange. „Meine Liebe zu meinem theuren Kinde war eine krankhafte Liebe, aber mein ganzes Gemüth war da⸗ mals krank. Ich ſage davon nichts mehr. Ich will nicht von mir ſelbſt ſprechen, Trotwood, ſondern von ihrer Mutter und von ihr. Wenn ich Ihnen irgend einen Aufſchluß gebe über das, was ich bin oder ge⸗ weſen bin, ſo weiß ich, daß Sie ſich zurechtfinden wer⸗ den darin. Was Agnes iſt, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen. Ich habe ſtets etwas von der Geſchichte ihrer armen Mutter in ihrem Charakter geleſen, und ſo er⸗ 56 David Kopperfield. zähle ich's Ihnen heute Abend, wo wir Drei wieder zuſammen ſind nach ſolchen großen Veränderungen. Ich habe jetzt Alles erzählt.“ Sein gebeugtes Haupt und ihr engelgleiches Ange⸗ ſicht voll kindliches Mitgefühl erhielten durch das, was er geſagt, eine noch rührendere Bedeutung, als ſie vor⸗ her gehabt hatten. Wenn ich etwas bedurft hätte, mir dieſe Nacht unſerer Wiedervereinigung dabei zu merken, ſo würde ich es hierin gefunden haben. Agnes erhob ſich von der Seite ihres Vaters und ſpielte, leiſe zu ihrem Piano gehend, eine der alten Melodieen, denen er an dieſem Orte oft gelauſcht hatte. „Haſt Du die Abſicht, wieder wegzugehen?“ fragte mich Agnes, als ich dabei ſtand. „Was ſagt meine Schweſter dazu?“ „Ich hoffe, Du haſt dieſe Abſicht nicht.“ „Dann hab ich keine ſolche Abſicht, Agnes.“ „Ich meine, Du ſollteſt auch nicht, Trotwood, da Du mich einmal fragſt,“ ſagte ſie ſanft.„Dein wachſender Ruf und Erfolg ſteigert Deine Macht, Gutes zu thun; und wenn auch ich meinen Bruder entbehren könnte,“ hier ließ ſie ihre Augen auf mir ruhen,„ſo könnte es doch vielleicht die Zeit nicht.“ „Was ich bin, dazu haſt Du mich gemacht, Agnes. Du ſollteſt das am Beſten wiſſen.“ „Ich Dich dazu gemacht, Trotwood?“ „Ja, Agnes, mein theures Mädchen!“ rief ich, mich über ſie beugend.„Ich verſuchte Dir, als wir heute früh zuſammen waren, etwas zu erzählen, was mir in den Gedanken gelegen hat, ſeit Dora ſtarb. Du ent⸗ ſinnſt Dich, als Du zu mir in unſere kleine Stube her⸗ unterkamſt— gen Himmel zeigend, Agnes.“ David Kopperfield. 57 „Oh Trotwood,“ entgegnete ſie mit thränenerfüll⸗ ten Augen.„So liebreich, ſo offenherzig und ſo jung! Kann ich das je vergeſſen?“ „Wie Du damals warſt, meine Schweſter, ſo, hab' ich ſeither oft gedacht, biſt Du immer gegen mich ge⸗ weſen. Immer gen Himmel zeigend, immer mich zu etwas Beſſerem führend, immer mich zu höheren Din⸗ gen leitend.“ Sie ſchüttelte blos ihr Haupt, durch ihre Thränen ſah ich daſſelbe traurige Lächeln von vorhin. „Und ich bin Dir dafür ſo dankbar, Agnes, und ſo verpflichtet, daß es keinen Namen für die Liebe giebt, die mein Herz für Dich fühlt. Ich möchte, daß Du wüßteſt, weiß aber nicht, wie ich Dir's ſagen ſoll, daß ich mein ganzes Leben lang zu Dir emporſchauen und von Dir geleitet ſein will, wie ich von Dir geleitet wurde durch die Dunkelheit, welche vorüber iſt. Was auch geſchehen mag, was für Veränderungen ſich auch zwiſchen uns ereignen mögen, immer werde ich auf Dich ſehen und Dich lieben, wie ich Dich jetzt liebe und ſtets geliebt habe. Du wirſt allezeit mein Troſt und meine Zuflucht ſein, wie Du das ſtets geweſen biſt. Bis ich ſterbe, meine theuerſte Schweſter, werde ich Dich ſtets vor mir ſehen, gen Himmel zeigend.“ Sie legte ihre Hand in die meine und ſagte mir, ſie ſei ſtolz auf mich und auf das, was ich geſagt habe, obſchon ich ſie weit über ihren Werth gelobt habe. Dann fuhr ſie fort, leiſe zu ſpielen, aber ohne ihre Augen von mir zu entfernen. „Weißt Du wohl, Agnes,“ ſagte ich,„daß das, was ich heute Abend gehört habe, ſonderbarer Weiſe ein Theil des Gefühls zu ſein ſcheint, mit dem ich Dich betrachtete, als ich Dich zum erſten Male ſah— mit 58 David Kopperfield. dem ich neben Dir ſaß in unſerer unerfahrenen Schul⸗ zeit?“ „Du wußteſt, ich hatte keine Mutter,“ erwiederte ſie lächelnd,„und warſt mir deshalb freundlich zuge⸗ than.“ „Mehr als das, Agnes. Ich wußte, faſt als ob ich dieſe Geſchichte gekannt hätte, daß es eine unerklär⸗ liche Sanftmuth und Milde gab, die Dich umfloß; ein Etwas, welches an einem Andern vielleicht wie Trau⸗ rigkeit hätte erſcheinen können(was es, wie ich jetzt begreife, auch in der That war), aber nicht ſo an Dir erſchien.“ Sie ſpielte leiſe weiter, indem ſie mich noch immer anblickte. „Wirſt Du lachen, daß ich ſolchen Träumen nach⸗ hänge, Agnes?“ „Nein.“ „Oder wenn ich Dir ſage, daß ich wirklich glaube, ich fühlte ſchon damals, Du könnteſt trotz aller entmu⸗ thigenden Verhältniſſe treue Liebe fühlen und bis zum Tode nicht aufhören, ſo zu ſein?— Wirſt Du über ſolch einen Traum lachen?“ „Oh nein! Oh nein!“ Für einen Augenblick ging ein wehmüthiger Schat⸗ ten über ihr Geſicht, aber ſchon während des Stoßes, den dies mir gab, war er verſchwunden, und ſie ſpielte weiter und ſah mich an mit dem ihr eignen ruhig mil⸗ den Lächeln. Als ich zurück ritt in der einſamen Nacht und der Wind an mir vorüberging wie ein ruheloſes Gedächt⸗ niß, dachte ich daran und fürchtete, ſie ſei nicht glück⸗ lich. Ich meinestheils war nicht glücklich, aber inſofern hatte ich, getreu meinem Entſchluſſe, mein Siegel auf die David Kopperfield. 59 Vergangenheit gedrückt, und indem ich mir ſie mit auf⸗ wärts zeigendem Finger vorſtellte, dachte ich mir ſie, als ob ſie nach jenem Himmelsraume über mir wieſe, wo ich ſie in der geheimnißvollen Zukunft noch lieben werde mit einer auf Erden unbekannten Liebe und ihr erzählen könne, was für einen Kampf ich in meinem Innern durchgemacht habe, als ich ſie hienieden geliebt. Einundſechszigſtes Kapitel. Man zeigt mir zwei intereſſante Reumüthige. Eine Zeit lang— auf alle Fälle aber bis mein Buch vollendet ſei, welches das Werk mehrerer Monate ſein würde— ſchlug ich meine Wohnung im Hauſe meiner Tante zu Dover auf, und dort, an dem Fenſter ſitzend, von welchem ich einſt, als dieſes Dach mir zu⸗ erſt Zuflucht gewährte, hinaus nach dem Mond auf der See geblickt, verfolgte ich ruhig meine Aufgabe. Indem ich meiner Abſicht treu bleibe, mich auf meine eignen Schöpfungen nur dann zu beziehen, wenn ihr Verlauf ſich mit dem Weiterſchreiten meiner Ge⸗ ſchichte verknüpfen ſollte, gehe ich nicht ein auf die . Beſtrebungen, die Wonnen, die Befürchtungen und die Triumphe, die meine Kunſt mit ſich brachte. Daß ich mich ihr aufrichtig widmete und alle meiner Seele zu Gebote ſtehende Energie auf ihre Zwecke verwendete, habe ich bereits geſagt. Wenn die Bücher, die ich ge⸗ ſchrieben habe, irgend einen Werth haben, ſo werden ſie das Uebrige errathen laſſen. Wo nicht, ſo habe ich vergeblich geſchrieben, und das Uebrige wird für Nie⸗ mand von Intereſſe ſein.. David Kopperfield. 61 Gelegentlich ging ich nach London, mich in dem Leben, das dort ſchwärmte, zu verlieren oder mich mit Traddles über irgend einen geſchäftlichen Punkt zu be⸗ rathen. Er hatte für mich in meiner Abweſenheit mit dem geſündeſten Urtheile geſorgt, und ich fand meine weltlichen Angelegenheiten in trefflichem Stande. Als mein Bekanntwerden mir eine ungeheure Maſſe Briefe von Leuten zu bringen anfing, die ich nicht kannte— meiſt über nichts und außerordentlich ſchwer zu beant⸗ worten— kam ich mit Traddles überein, meinen Na⸗ men an ſeine Thür malen zu laſſen. Dort lieferten die dienſteifrigen Briefträger dieſes Bezirks Bündel von Briefen für mich ab, und dort arbeitete ich mich von Zeit zu Zeit durch dieſelben hindurch, gleich einem Staatsſecretair des Innern ohne Gehalt. Unter dieſen Briefen gab es dann und wann nicht ſelten einen ſehr verbindlichen Vorſchlag von einem der zahlreichen Winkeladvocaten, die allezeit um die Com⸗ mons herumlungern, man wünſche unter meinem Namen zu praktieiren(wenn ich die noch übrigen nöthigen Schritte thun wollte, ein Proctor zu werden) und werde mir ſo und ſo viel Procent vom Gewinne zah⸗ len. Aber ich lehnte dieſe Anerbietungen ab, da ich wußte, daß es ſolcher verſteckter Praktikanten bereits in Hülle und Fülle gebe, und die Commons ſchon für vollkommen ſchlecht genug hielt, ohne daß ich etwas dazu thäte, ſie noch ſchlechter zu machen. Die Mädchen waren heimgegangen, als mein Name an Traddles' Thür zu ſtrahlen begann, und der pfiffige Junge ſah den ganzen Tag aus, als ob er nie etwas von Sophien gehört hätte, die, in einem Hinterſtübchen eingeſchloſſen, von ihrer Arbeit auf ein verräuchertes Streiſchen Garten mit einem Brunnen hinabſah. Dort 62 David Kopperfield. aber fand ich in ihr ſtets dieſelbe heitere Hausfrau, die oft, wenn kein fremder Fuß die Treppe heraufkam, ihre Balladen aus Devonſhire ſummte und den pfiffigen Jungen in ſeinem Expeditions⸗Cloſet ganz betäubte. Ich wunderte mich zuerſt, warum ich Sophie ſo oft in ein Copirbuch ſchreibend beträfe, und warum ſie es, wenn ich erſchien, ſtets zuſchlug und haſtig in den Tiſchkaſten ſchob. Aber das Geheimniß kam bald heraus. Eines Tages nahm Traddles, welcher gerade durch das praſſelnde Graupelwetter vom Gerichte nach Hauſe gekommen war, ein Papier aus ſeinem Pulte und fragte mich, was ich von dieſer Handſchrift hielte. „Ach bitte, nein, Tom!“ ſchrie Sophie, die ihm ſeine Hausſchuhe vor dem Ofenfeuer wärmte. „Meine Liebe,“ erwiederte Traddles in froher Stim⸗ mung,„warum denn nicht? Was ſagſt Du zu dieſer Handſchrift, Kopperfield?“ „' ſteht außerordentlich geſetzmäßig und formgerecht aus,“ ſagte ich.„Ich glaube nicht, daß iche je eine ſolche ſteife Hand geſehen habe.“ „Nicht wie eine Damenhand, nicht wahr nicht?“ fragte Traddles. „Wie eine Damenhand!“ wiederholte ich.„Den Teufel auch wie'ne Damenhand.“ Traddles brach in ein Lachen der Entzückung aus und eröffnete mir, daß es Sophiens Handſchrift ſei; daß Sophie behauptet und erklärt habe, er würde bald einen Abſchreiber bedürfen, und ſie wollte dieſen Copiſten ma⸗ chen; daß ſie ſich dieſe Handſchrift nach einem Muſter angewöhnt habe, und daß ſie— ich weiß nicht, wie viele Blätter in der Stunde fertig machen könnte. So⸗ phie war ſehr verlegen, als mir alles dieſes mitgetheilt wurde, und meinte, wenn„Tom“ zum Richter ernannt — David Kopperfield. 63 wäre, würde er nicht ſo ſchnell bei der Hand ſein, es zu proclamiren; was von„Tom“ verneint wurde, in⸗ dem er behauptete, er werde ſtets und unter allen Um⸗ ſtänden ſtolz darauf ſein. „Was für eine durch und durch gute und liebens⸗ würdige Frau ſie doch iſt, mein lieber Traddles!“ ſagte ich lachend, als ſie weggegangen war. „Mein lieber Kopperfield,“ entgegnete Traddles, „ſie iſt in jedweder Hinſicht das herzigſte Mädchen. Die Art und Weiſe, in der ſie hier waltet, ihre Pünkt⸗ lichkeit, Kenntniß vom Hausweſen, Sparſamkeit und Ordnung, ihre Heiterkeit, Kopperfield!“ „Du haſt in der That Urſache, ſie zu loben!“ er⸗ wiederte ich.„Du biſt ein glücklicher Menſch. Ich glaube, daß Ihr Euch ſelbſt und Jedes das Andere zu einem Paar der glücklichſten Menſchen in der Welt macht.“ „Ja wahrhaftig, wir ſind zwei der glücklichſten Menſchen,“ antwortete Traddles.„Ich gebe das auf alle Fälle zu. Bei meiner Seele, wenn ich ſie bei Kerzenlichte aufſtehen ſehe an dieſen finſtern Morgen, wie ſie geſchäftig das Nöthige für den Tag ordnet, auf den Markt geht, ehe die Schreiber ins Inn kom⸗ men, ſich aus keinem Wetter etwas macht, aus den einfachſten Dingen vortreffliche Schmäuschen herausdüf⸗ telt, Puddings und Paſteten macht, Alles am rechten Orte hat, ſelbſt immer ſo ſchmuck und zierlich, die Nacht mit mir aufſitzt, wenn es auch noch ſo ſpät iſt, allezeit ſanftmüthig und anſpornend, und Alles das für mich, ſo kann ich's wahrhaftig manchmal nicht glauben, Kop⸗ perfield.“ Er war ſelbſt gegen die Pantoffeln zärtlich, die ſie gewärmt hatte, als er ſie anzog, und ſtreckte ſeine Füße ſeelenfroh auf das Kamingitter. 64 David Kopperfield. „Ich kann's wahrhaftig manchmal nicht glauben,“ ſagte Traddles.„Dann unſere Vergnügungen! Mein Gott, ſie ſind mit keinen Koſten verbunden, aber ſie ſind ganz wundervoll. Wenn wir hier zu Hauſe ſind und die Außenthür zuſchließen und dieſe Vorhänge— die ſie gemacht hat— herunterlaſſen, wo könnten wir's behaglicher haben? Wenn's ſchön iſt und wir einen Abendſpaziergang machen, ſo fließen die Straßen vor Freuden für uns über. Wir ſehen in die ſtrahlenden Schaufenſter der Juwelierläden, und ich zeige Sophien, welche von den diamantäugigen Schlangen, die ſich auf weißatlaßnen Hügeln zuſammengeringelt haben, ich ihr geben würde, wenn ich's im Stande wäre; und So⸗ phie zeigt mir, welche von den goldenen Uhren, die mit Gehäuſen umgeben nnd mit Juwelen beſetzt und mit einem kunſtreichen Werke und allerhand hübſchen Din⸗ gen verſehen ſind, ſie für mich kaufen würde, wenn ſie es im Stande wäre; und wir ſuchen uns die Löffel und Gabeln und Fiſchkellen und Buttermeſſer und Zucker⸗ zangen aus, die wir vorziehen würden, wenn wir Beide es im Stande wären, und wir gehen Dir wahrhaftig weg, als ob wir ſie gekauft hätten. Dann, wenn wir über die Plätze und großen Straßen ſchlendern und ein Haus ſehen, das zu vermiethen iſt, blicken wir manchmal an demſelben hinauf und ſagen, wie wär's mit dem da, wenn ich zum Richter ernannt würde? Und wir ver⸗ theilen uns den Raum dann in Gedanken, dieſe Zimmer für die Mädchen, dieſe für uns, und ſo fort; bis wir zu unſerer Zufriedenheit dahin übereinkommen, daß es ſich damit machen oder nicht machen werde, wie es nun gerade die Umſtände mit ſich bringen. Zu Zeiten ge⸗ hen wir zum halben Preiſe ins Parterre des Theaters — deſſen bloßer Geruch meiner Meinung nach ſchon David Kopperfield. 65 das Geld werth iſt— und doch ergötzen wir uns von ganzer Seele an dem Stücke, von dem Sophie jedes Ster⸗ benswörtchen für wahr hält, und ebenſo ich. Auf dem Nachhauſewege kaufen wir uns dann ein Bischen von etwas Leckerem in einer Garküche oder ein Stück Hum⸗ mer beim Fiſchhändler und bringens hierher und richten einen prächtigen Abendſchmaus aus, wobei wir von dem ſchwatzen, was wir geſehen haben. Nun aber weißt Du, Kopperfield, daß wir, wenn ich Lordkanzler wäre, das nicht thun könnten!“ „Möoͤchteſt Du ſein, was Du wollteſt, mein lieber Traddles,“ dachte ich,„immer wirſt Du etwas thun, was erfreulich und liebenswürdig wäre!— Und beiläu⸗ fig,“ ſagte ich laut,„ich vermuthe, daß Du jetzt keine Gerippe mehr zeichneſt.“ „Nun in der That,“ erwiederte Traddles lachend und erröthend,„ich kann's doch nicht ganz leugnen, daß ich's thue, mein lieber Kopperfield. Denn als ich neu⸗ lich auf einer der letzten Bankreihen in Kings⸗Bench ſaß und'ne Feder in der Hand hatte, fiel mir's ein, den Verſuch zu machen, in wiefern ich die Geſchicklich⸗ keit mir bewahrt hätte. Und ich fürchte, auf dem Rande des Pultes befindet ſich ein Gerippe— mit einer Per⸗ rücke.“ Nachdem wir Beide herzlich gelacht hatten, be⸗ gann Traddles ein neues Geſpräch, indem er ins Feuer blickte und in ſeiner verzeihenden Weiſe ſagte:„Alter Creakle!“ „Ich habe einen Brief von dieſem alten Schurken hier,“ verſetzte ich; denn nie war ich weniger geneigt, ihm die Art, in der er Traddles zuſammengeprügelt hatte, zu vergeben, als wenn ich Traddles ſo bereit ſah, ihm für ſeine Perſon zu verzeihen. David Kopperfield. X. 5 66 David Kopperfield. „Von Creakle, dem Schulmeiſter?“ ſchrie Traddles. „Nein, was Du nicht ſagſt!“ „Unter den Perſonen, welche durch meinen ſteigen⸗ den Ruf und Wohlſtand zu mir hingezogen werden,“ ſagte ich, meine Briefe überblickend,„und welche ent⸗ decken, daß ſie mir ſtets zugethan geweſen ſind, iſt die⸗ ſer ſelbige Creakle. Er iſt jetzt kein Schulmeiſter mehr, Traddles. Er hat ſich von dem Geſchäfte zurückgezogen. Er iſt eine obrigkeitliche Perſon in Middleſer.“ Ich dachte, Traddles würde erſtaunt ſein, das zu hören, aber er war durchaus nicht verwundert. „Wie kommſt Du auf die Vermuthung, daß er eine obrigkeitliche Perſon in Middleſer iſt?“ fragte ich ihn. „Oh mein Gott!“ entgegnete Traddles,„es würde ſehr ſchwer ſein, dieſe Frage zu beantworten. Vielleicht ſtimmte er für Jemand, oder borgte Jemand Geld, oder kaufte etwas von Jemandem, oder verpflichtete in ande⸗ rer Weiſe Jemanden, oder ließ ſich mit Jemandem in Wechſelreitereien ein, welcher Jemanden kannte, der den Lieutenant der Grafſchaft dahin brachte, ihn in die Com⸗ miſſion zu ernennen.“ „Bei der Commiſſion iſt er auf alle Fälle,“ ſagte ich.„Und er ſchreibt hier an mich, er werde ſich freuen, mir das einzig wahre Syſtem der Gefängnißdisciplin, den einzigen unwandelbaren Weg, aufrichtige und blei⸗ bende Bekehrte und Reuige zu machen, zu zeigen, der, wie Du weißt, in einſamer Haft beſteht. Was ſagſt Du dazu?“ „Zu dem Syſteme?“ erkundigte ſich Traddles mit ernſtem Blicke. „Nein. Sondern, daß ich ſein Anerbieten ange⸗ nommen habe, und daß Du mit mir gehſt.“ „Ich habe nichts dagegen,“ erwiederte Traddles. David Kopperfield. 67 „Dann werde ich ſchreiben und ihm das ſagen. Du entſinnſt Dich vermuthlich(ganz zu geſchweigen der Be⸗ handlung, die wir von ihm erfuhren) wie dieſer ſelbe Creakle ſeinen Sohn aus dem Hauſe ſtieß, und was er für ein Leben mit ſeiner Frau und Tochter führte?“ „Vollkommen,“ entgegnete Traddles. „Und doch, wenn Du ſeinen Brief lieſeſt, wirſt Du finden, daß er der zärtlichſte Mann von der Welt ge⸗ gen Gefangene iſt, die des geſammten Index von Schand⸗ thaten überführt ſind,“ ſagte ich,„obſchon ich nicht finden kann, daß ſeine Zärtlichkeit ſich auf irgend eine andere Klaſſe geſchaffener Weſen erſtreckt.“ Traddles zuckte die Achſeln und war durchaus nicht verwundert. Ich hatte das von ihm nicht erwartet und war meinestheils ſelbſt nicht verwundert, indem meiner Beobachtung ähnliche praktiſche Satiren eben nicht ſpärlich vorgekommen waren. Wir machten aus, wenn wir unſern Beſuch abſtatten wollten, und ich ſchrieb in Folge deſſen dieſen Abend an Mr. Creakle. Am beſtimmten Tage— ich glaube, es war der nächſte Tag, doch iſt das gleichgültig— begaben wir, Traddles und ich, uns nach dem Gefängniſſe, wo Mr. Creakle Gewalt hatte. Es war ein ungeheures und feſtes Gebäude, mit unermeßlichen Koſten errichtet. Ich konnte mich, als wir uns der Pforte näherten, des Gedankens nicht enthalten, was für ein Aufſehen es im Lande gemacht haben würde, wenn irgend ein getäuſch⸗ ter Mann ſich erboten hätte, die Hälfte von dem Gelde, das es gekoſtet hatte, auf die Errichtung einer Gewerb⸗ ſchule für junge, oder eines Zufluchtsorts für verdiente alte Leute zu verwenden. G In einer Erpedition, welche ſich im Parterre des Thurms von Babel hätte befinden können, ſo maſſiv 5* 68 David Kopperfield. war ſie conſtruirt, wurden wir unſerm ehemaligen Schul⸗ meiſter vorgeſtellt, welcher zu einer Gruppe, beſtehend aus zwei oder drei der geſchäftigeren Magiſtratsperſo⸗ nen und einigen Beſuchern, die ſie mit ſich gebracht, gehörte. Er empfing mich wie ein Mann, der in ver⸗ gangenen Jahren mein Gemüth gebildet und mich alle⸗ zeit zärtlich geliebt hatte. Als ich Traddles vorſtellte, drückte Mr. Creakle in ähnlicher Weiſe, obwohl in ge⸗ ringerem Grade ſich dahin aus, daß er ſtets der Füh⸗ rer, der Lehrer der Lebensweisheit und der Freund von Traddles geweſen ſei. Unſer verehrungswürdiger Lehrer war um Vieles älter, und ſein Aeußeres hatte ſich nicht zu ſeinen Gunſten verändert. Sein Geſicht war ſo fuchs⸗ feuerroth wie immer, ſeine Augen ſo klein und noch tiefer liegend. Das dünne, naß ausſehende graue Haar, mit dem ich mich ſeiner erinnerte, war faſt ganz weg, und die dicken Adern auf ſeinem kahlen Schädel ſahen ſich darum nicht angenehmer an. Nach einer Unterhaltung unter dieſen Herren, nach der ich hätte vermuthen ſollen, daß man ſein Augen⸗ merk von Rechtswegen auf nichts in der Welt richten ſollte, als auf das größte, mit allen möglichen Koſten zu beſchaffende Wohlbefinden von Gefangenen, und daß nichts auf der weiten Erde zu thun ſei außerhalb der Gefängnißthüren, begannen wir unſere Beſichtigung. Da es gerade Eſſenszeit war, ſo gingen wir zuerſt in die große Küche, wo man eben daran war, mit der Re⸗ gelmäßigkeit und Genauigkeit eines Uhrwerks das Mit⸗ tagsmahl jedes Gefangenen abgeſondert hinzuſtellen, um ihm in ſeine Zelle gereicht zu werden. Ich ſagte zu Traddles beiſeit, daß ich mich wunderte, ob es wohl Jemandem eingefallen wäre, daß ein ſchreiender Wider⸗ ſpruch zwiſchen dieſen überreichlichen Mahlzeiten von aus⸗ David Kopperfield. 69 gewählter Güte und dem Mittagseſſen, ich wollte nicht ſagen von Armen, aber von Soldaten, Matroſen, Tage⸗ löhnern, der großen Maſſe der ehrenwerthen arbeiten⸗ den Gemeindeglieder obwalte, von denen nicht Einer von Fünfhundert jemals auch nur halb ſo gut äße. Aber ich erfuhr, daß das„Syſtem“ Wohlleben erfor⸗ derte, und, um in Kurzem das Syſtem ein für alle Mal abzuthun, fand ich, daß in dieſem Kapitel wie in allen andern das„Syſtem“ allen Zweifeln ein Ende ſetzte und alle Anomalien ausgliche. Niemand ſchien ſich's auch nur im Mindeſten beikommen zu laſſen, daß außer dem Soyſtem noch ein anderes Syſtem in Betracht zu ziehen ſein könne. Als wir durch einen der prächtigen Gänge ſchritten, erkundigte ich mich bei Mr. Creakle und meinen Freun⸗ den, was man für die Hauptvorzüge dieſes allbeherr⸗ ſchenden und Alles niederreitenden Syſtems hielte. Ich fand, daß dieſelben in der völligen Vereinſamung der Gefangenen— ſo daß Niemand, der dort in Haft war, etwas von einem Andern wußte— und in der Hin⸗ führung der Gefangenen auf einen heilſamen Seelenzu⸗ ſtand beſtünden, der zu aufrichtiger Zerknirrſchung und Reue leite. Nun fiel es mir auf, als wir die Individuen in ihren Zellen zu beſuchen und die Gänge, wo dieſe Zel⸗ len waren, zu durchſchreiten, und uns die Art, in wel⸗ cher man in die Kapelle ging und dergleichen mehr er⸗ klären zu laſſen anfingen, daß es ſehr wahrſcheinlich war, daß die Gefangenen ziemlich viel von einander wußten, und daß ſie ein ziemlich vollendetes Syſtem, mit einander zu verkehren, durchführten. Daß dies wirklich der Fall iſt in der Zeit, wo ich ſchreibe, glaube ich bewieſen zu haben; da es aber eine offenkundige 70 David Kopperfield. Blasphemie gegen das Syſtem geweſen wäre, ſolch einen Zweifel damals anzudeuten, ſo ſah ich mich ſo fleißig, als ich nur konnte, nach der Reue und Buße um. Und auch hier wieder ſtieß ich auf ſchwere Ver⸗ dachtsgründe. Ich fand in der Art des Bußethuns eine ebenſo hervorſtechende Mode, wie ich ſie draußen an den Formen der Röcke und Weſten in den Ladenfen⸗ ſtern der Schneider verlaſſen hatte. Ich fand eine un⸗ geheure Menge von Sündenbekenntniſſen, die ſich in ihren Charakterzügen ſehr wenig unterſchieden und(was mir über die Maßen verdächtig vorkam) ſelbſt in den Worten große Aehnlichkeit hatten. Ich fand eine große Menge Füchſe, welche ganze Weinberge voll unerreich⸗ barer Trauben nicht zu mögen vorgaben, aber ich fand nur ſehr wenige Füchſe, denen ich getraut hätte, wenn ich mir ſie im Bereich eines Büſchels Trauben dachte. Vor Allem aber fand ich, daß die Leute, welche ihr Bekenntniß am offenſten ablegten, die Gegenſtände der größten Theilnahme waren, und daß ihr Hochmuth, ihre Eitelkeit, ihr Mangel an Begeiſterung für irgend etwas, und ihre Luſt am Betrug(welche viele von ihnen in einer ſchier unglaublichen Ausdehnung beſaßen, wie ihre Geſchichten zeigten) alle zu dieſen Sünden⸗ bekenntniſſen paßten und ihnen alle zu Gute gerechnet wurden. Indeſſen hörte ich zu ſo oft wiederholten Malen im Laufe unſeres Ab⸗ und Zugehens von einer gewiſſen Nummer Siebenundzwanzig reden, welche der Liebling war und wirklich ein Muſtergefangener zu ſein ſchien, daß ich mich entſchloß, mein Urtheil aufzuſchieben, bis ich Nummer Siebenundzwanzig geſehen habe. Achtund⸗ zwanzig, vernahm ich, war ebenfalls ein ganz beſon⸗ ders heller Stern, aber es war ſein Mißgeſchick, daß — David Kopperfield. 71 ſeine Glorie durch den außerordentlichen Strahlenglanz von Nummer Siebenundzwanzig ein wenig verdunkelt wurde. Ich hörte ſo viel von Nummer Siebenundzwan⸗ zig, von ſeinen frommen Ermahnungen an Jedermann in ſeiner Umgebung und von den wunderſchönen Brie⸗ fen, die er fortwährend an ſeine Mutter ſchriebe(die er auf ſehr böſem Wege zu erachten ſcheine), daß ich ganz ungeduldig war, ihn zu ſehen. Ich mußte meine Ungeduld einige Zeit zurückdrän⸗ gen, da Siebenundzwanzig für einen Schlußeffect reſer⸗ virt war. Doch zuletzt kamen wir an die Thür ſeiner Zelle, und Mr. Creakle, der durch ein kleines Loch in derſelben gukte, meldete uns im Zuſtande der größten Verwunderung, daß er in einem Geſangbuche läſe. Augenblicklich fuhren ſolch eine Menge Köpfe herzu, Nummer Siebenundzwanzig ſein Geſangbuch leſen zu ſehen, daß das kleine Loch ſechs oder ſieben Köpfe tief blockirt war. Um dieſer Unbequemlichkeit abzuhelfen und uns Gelegenheit zu geben, mit Siebenundzwanzig in all ſeiner Herzensreinheit zu converſiren, gab Mr. Creakle Befehl, die Thür der Zelle zu öffnen und Sie⸗ benundzwanzig einzuladen, in den Gang herauszukom⸗ men. Dies geſchah, und wen ſahen ich und Traddles da zu unſerer Verwunderung in dieſer bekehrten Num⸗ mer Siebenundzwanzig?— Niemand Anders, als Uriah Heep! Er erkannte uns auf der Stelle und ſagte, als er herauskam, mit der alten Verrenkung zu einer Ver⸗ beugung: „Wie geht es Ihnen, Herr Kopperfield? Was machen Sie, Herr Traddles?“ Dieſe Erkennungsſeene rief allgemeine Verwunde⸗ rung unter der Geſellſchaft hervor. Ich dachte beinahe, 72 David Kopperfield. daß alle Welt erſtaunt war, wie er nicht ſtolz ſei und von uns Notiz nähme. „Nun, Siebenundzwanzig,“ ſagte Mr. Creakle, ihn mit wehmüthig bewunderndem Blicke betrachtend,„wie befinden Sie ſich heute?“ „Ich bin ſehr demüthig, mein Herr!“ erwiederte Uriah. „Das ſind Sie allezeit, Siebenundzwanzig,“ ſagte Mr. Creakle. Hier fragte ein anderer Herr mit außerordentlicher Angſt und Haſt: „Sind Sie ganz bequem verſorgt hier?“ „Ja, ich danke Ihnen, mein Herr!“ antwortete Uriah Heep, nach dieſer Richtung hinblickend.„Bei Weitem bequemer hier, als ich's außen hatte. Ich ſehe meine Thorheiten jetzt ein, mein Herr. Das iſt's, was mir's hier ſo bequem macht.“ Mehrere Herren waren ſehr gerührt, und ein drit⸗ ter Fragſteller, welcher ſich vordrängte, erkundigte ſich mit tiefſtem Gefühle: „Wie finden Sie das Rindfleiſch?“ „Danke Ihnen, mein Herr,“ erwiederte Uriah, nach der Richtung ſchauend, wo dieſe neue Stimme herkam, „es war geſtern zäher, als ich es gewünſcht hätte, aber es iſt meine Pflicht, zu dulden. Ich habe Thorheiten begangen, meine Herren,“ hier ſah er ſich mit einem milden Lächeln im Kreiſe um,„und ich muß die Fol⸗ gen ohne Murren dulden.“ Ein Gemurmel theils der Genugthuung über den himmliſchen Gnadenſtand der Seele von Siebenund⸗ zwanzig, theils der Entrüſtung über den Hausverwal⸗ ter, der ihm Urſache zur Klage gegeben(was von Mr. Creakle auf der Stelle notirt wurde), ging durch die —e David Kopperfield. 73 Geſellſchaft. Als es ſich gelegt, ſtand Siebenundzwanzig unter uns, als ob er ſich als der wichtigſte und ſehens⸗ würdigſte Gegenſtand in einem höchſt ſehenswürdigen Muſeum fühlte. Damit wir, die Neulinge, auf einmal über und über mit Licht überfluthet würden, wurde Be⸗ fehl gegeben, Nummer Achtundzwanzig herauszulaſſen. Ich war bereits ſo erſtaunt, daß ich nur eine Art gelaſſener Verwunderung kundgab, als Mr. Littimer, in einem guten Buche leſend, herauswandelte. „Nun, Achtundzwanzig,“ ſagte ein Herr mit einer Brille, der bis jetzt noch nicht geſprochen hatte,„mein guter Mann, Sie klagten letzte Woche über den Cacao. Wie iſt er ſeitdem geweſen?“ „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ verſetzte Mr. Lit⸗ timer,„er iſt beſſer gemacht worden. Wenn ich mir die Freiheit nehmen dürfte, mein Herr, dies zu ſagen, ſo glaube ich nicht, daß die Milch, mit der er gekocht wird, ganz echt iſt; aber ich weiß wohl, mein Herr, daß man in London die Milch ſehr verfälſcht, und daß es ſchwer iſt, dieſen Artikel in reinem Zuſtande zu erhalten.“ 3 Es kam mir vor, als ob der Herr mit der Brille ſeine Achtundzwanzig als Paradepferd gegen Mr. Creakle's Siebenundzwanzig ritt; denn Jeder von ihnen nahm ſich ſeines beſondern Mannes an. „Welcher Art iſt Ihr Gemüthszuſtand, Achtund⸗ zwanzig?“ ſagte der Fragſteller mit der Brille. „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ entgegnete Mr. Littimer.„Ich ſehe meine Thorheiten jetzt ein, mein Herr. Ich bin ſehr beſorgt, wenn ich jetzt an die Sünden meiner früheren Genoſſen denke, mein Herr; aber ich hoffe zuverſichtlich, ſie werden ihnen vergeben werden.“ 74 David Kopperfield. „Sie ſelbſt aber fühlen ſich ganz glücklich,“ verſetzte der Fragſteller, indem er ihm aufmunternd zunickte. „Bin Ihnen ſehr verbunden, mein Herr,“ erwie⸗ derte Mr. Littimer.„Vollkommen glücklich!“ „Liegt Ihnen jetzt noch irgend etwas auf dem Her⸗ zen?“ ſagte der Fragſteller.„Wenn es der Fall iſt, ſagen Sie es, Achtundzwanzig.“ „Mein Herr,“ antwortete Mr. Littimer, ohne auf⸗ zublicken,„wenn meine Augen mich nicht getäuſcht ha⸗ ben, ſo iſt ein Herr gegenwärtig, der in meinem frü⸗ heren Leben mit mir bekannt war. Es kann dieſem Herrn vielleicht von Nutzen ſein, zu erfahren, daß ich meine vergangenen Thorheiten alleſammt dem Umſtande beimeſſe, daß ich ein gedankenloſes Leben mit jungen Leuten gelebt und mir geſtattet habe, mich von ihnen zu Schwachheiten verleiten zu laſſen, denen zu wider⸗ 1 ſtehen ich nicht die Kraft beſaß. Ich hoffe, mein Herr, daß ſich dieſer Herr dadurch gewarnt ſein laſſen und mir meine Freiheit nicht übelnehmen wird.'s iſt zu ſeinem Guten. Ich bin mir meiner vergangenen Thor⸗ heiten bewußt. Ich hoffe, er wird Reue fühlen über alle die Miſſethat und Sünde, an der er Theil ge⸗ nommen.“ Ich beobachtete, daß mehrere Herren ihre Augen mit einer Hand beſchatteten, als ob ſie eben in die Kirche getreten wären. „Das macht Ihnen Ehre, Achtundzwanzig,“ ent⸗ gegnete der Fragſteller.„Ich konnte das von Ihnen erwarten. Giebt es noch etwas Anderes?“ „Mein Herr,“ verſetzte Mr. Littimer, leiſe die Augenbrauen in die Höhe ziehend, aber ohne die Au⸗ gen zu heben,„es war da ein junges Frauenzimmer, welche auf liederliche Wege gerieth, die ich zu retten David Kopperfield. 75 verſuchte, es aber nicht im Stande war. Ich bitte jenen Herrn, wenn es in ſeiner Macht ſteht, dieſes junge Frauenzimmer, wenn er ſo gut ſein will, von mir zu benachrichtigen, daß ich ihr ihre ſchlechte Auf⸗ führung gegen mich vergebe, und ſie aufrufe, zu be⸗ reuen.“ „Ich zweifle nicht, Achtundzwanzig,“ erwiederte der Fragſteller,„daß der Herr, auf den Sie ſich beziehen, innig fühlt— wie wir das ja alle fühlen müſſen— was Sie ſo ſehr paſſend geſagt haben. Wir wollen Sie aber nicht länger abhalten.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagte Mr. Littimer. „Meine Herren, ich wünſche Ihnen einen guten Tag und hoffe, daß Sie und Ihre Familien alle Ihre Gott⸗ loſigkeit einſehen und ſich beſſern werden.“ Hiermit zog Nummer Achtundzwanzig, nachdem zwi⸗ ſchen ihm und Uriah ein Blick gewechſelt worden, als ob ſie ſich durch irgend ein Communicationsmittel ſchon einigermaßen mit einander bekannt gemacht hätten, zu⸗ rück; und als ſeine Thür hinter ihm geſchloſſen worden, ging ein Gemurmel durch die Gruppe, daß er ein höchſt reſpectabler Mann und ein wunderſchönes Exemplar ſei. „Nun, Siebenundzwanzig,“ ſagte Mr. Creakle, indem er jetzt freien Spielraum hatte, mit ſeinem Manne zu paradiren,„giebt's irgend etwas, das Jemand für Sie thun könnte? Wenn dies der Fall iſt, ſo nennen Sie es.“ „Ich würde demüthig bitten, mein Herr,“ erwie⸗ derte Uriah, indem er ſeinen niederträchtigen Kopf ſchlen⸗ kerte,„mir Erlaubniß zu ertheilen, daß ich wieder an Mutter ſchreibe.“ „Das ſoll Ihnen beſtimmt gewährt werden,“ ſagte Mr. Creakle. 76 David Kopperfield. „Danke Ihnen, mein Herr. Ich bin in Angſt we⸗ gen Mutter. Ich fürchte, ſie iſt nicht ganz geſund.“ Irgend Eines fragte unvorſichtig, inwiefern nicht. Aber ſogleich ließ ſich ein ärgerliches„Bſt!“ vernehmen. „Nicht geſund an ihrer unſterblichen Seele,“ ent— gegnete Uriah, ſich nach der Richtung hin verrenkend, von wo die Stimme gekommen.„Ich wünſchte, Mut⸗ ter könnte in meinen Gemüthszuſtand verſetzt werden. Nie würde ich in meinen gegenwärtigen Gemüthszu⸗ ſtand gelangt ſein, wenn ich nicht hierher gebracht wor⸗ den wäre. Ich wollte, Mutter wäre hierher gekommen. Es würde für Jedermann beſſer ſein, feſtgenommen und hierhergebracht worden zu ſein.“ Dieſer Ausſpruch befriedigte grenzenlos— ja be— friedigte, glaube ich, mehr, als irgend etwas, das bis⸗ her vorgekommen war. „Ehe ich hierher kam,“ ſagte Uriah, indem er uns einen verſteckten tückiſchen Blick zuwarf, als ob er, wenn er könnte, die Außenwelt, zu der er gehörte, vernich⸗ ten würde,„war ich Thorheiten ergeben; aber jetzt bin ich mir meiner Thorheiten bewußt. Draußen giebt es eine Menge Sünden. Mutter hat auch ihr Theil Sünde. Ueberall— ausgenommen hier— iſt nichts als Sünde.“ „Sie ſind wohl völlig verändert?“ ſagte Mr. Creakle. „Oh ja wohl, oh freilich, mein Herr!“ ſchrie die⸗ ſer hoffnungsvolle bereuende Sünder. „Sie würden wohl nicht wieder in die Sünde zu⸗ rückfallen, wenn Sie in die Welt hinausgingen?“ fragte Jemand anders. „Oh ganz ſicherlich nicht, mein Herr!“ „Nun denn!“ verſetzte Mr. Creakle,„das iſt ſehr befriedigend. Sie haben Herrn Kopperfield angeredet, David Kopperfield. 77 Siebenundzwanzig. Wünſchen Sie ihm noch irgend was Weiteres zu ſagen?“ „Sie kannten mich lange Zeit, ehe ich hierher kam und geändert ward, Herr Kopperfield,“ ſagte Uriah, mich anblickend, und nie, ſelbſt auf ſeinem Geſichte nicht, ſah ich einen ſchurkiſcheren Blick.„Sie kannten mich, als ich, trotz meiner Thorheiten, demüthig war unter Denen, welche ſtolz waren, und mild unter Denen, welche heftig waren— Sie ſelbſt waren heftig gegen mich, Herr Kopperfield. Einmal gaben Sie mir einen Schlag ins Geſicht, wiſſen Sie?“ Allgemeines Bedauern. Mehrere entrüſtete Blicke wurden mir zugeworfen. „Aber ich vergebe Ihnen, Herr Kopperfield,“ ſagte Uriah, indem er ſeine zum Vergeben geneigte Natur zum Gegenſtande eines höchſt gottloſen und entſetzlichen Vergleichs machte, den ich nicht wiederholen will.„Ich vergebe Jedermann. Es würde ſich übel für mich ſchicken, einen Haß in mir zu tragen. Ich vergebe Ihnen auf⸗ richtig und von ganzem Herzen, und ich hoffe, Sie werden Ihre Leidenſchaften in Zukunft darnieder halten. Ich hoffe, Herr W. wird in ſich gehen und Fräu⸗ lein W. und alle dieſe ſündige Rotte. Sie ſind mit Trübſal heimgeſucht worden, und ich hoffe, es wird Ihnen das gut ſein; aber noch beſſer wär' es, Sie wä⸗ ren hierher gekommen. Für Herrn W. und ebenſo für Fräulein W. würde es beſſer geweſen ſein, wenn ſie hierher gekommen wären. Der beſte Wunſch, den ich Ihnen, Herr Kopperfield, und Ihnen insgeſammt, meine Herren, zurufen kann, iſt der, daß Sie feſtgenommen und hierher gebracht werden kͤnnten. Wenn ich an meine vergangenen Thorheiten und an meinen gegen⸗ wärtigen Gemüthszuſtand denke, bin ich überzeugt, es 78 David Kopperfield. würde für Sie das Beſte ſein. Ich bemitleide Alle, welche nicht hierher gebracht worden ſind!“ Er ſchlich in ſeine Zelle zurück, umgeben von einem kleinen ſein Lob preiſenden Chorus, und Traddles ſo⸗ wohl wie ich fühlten uns ſehr erleichtert, als er wieder eingeſchloſſen war. Es war in dieſer Reue ein ſo charakteriſtiſcher Zug, daß ich mich faſt verſucht fand, zu fragen, was dieſe beiden Leute nur verbrochen hätten, daß ſie überhaupt dort wären. Das ſchien das letzte Ding zu ſein, wor⸗ über ſie etwas zu ſagen hatten. Ich wendete mich an einen der beiden Stockmeiſter, welche, wie ich aus gewiſſen verhaltenen Anzeichen in ihren Geſichtern ſchloß, ziemlich gut wußten, was dieſer ganze Spektakel werth war. „Wiſſen Sie wohl,“ fragte ich, als wir den Gang entlang ſchritten,„welcher Schurkenſtreich die letzte Thorheit von Nummer Siebenundzwanzig war?“ Die Antwort lautete, es ſei eine Sache mit der Bank geweſen. „Ein Betrug an der Bank von England?“ fragte ich. „Ja, mein Herr. Betrug, Fälſchung und Verſchwö⸗ rung. Er und etliche Andere. Er ſtiftete die Andern an. Es war ein tief angelegtes Complott um eine große Summe. Urtheil: Deportation auf Lebenszeit. Sie⸗ benundzwanzig war der pfiffigſte Vogel unter der Bande und hätte ſich bei einem Haar aus der Schlinge gezo⸗ gen, aber's ging nicht ganz. Die Bank hatte gerade noch Zeit genug, ihm Salz auf den Schwanz zu ſtreuen — aber mit knapper Noth.“ „Wiſſen Sie, was Achtundzwanzig verbrochen hat?“ „Achtundzwanzig,“ entgegnete mein Berichterſtatter, indem er fortwährend in leiſem Tone ſprach, und als wir den Gang entlang ſchritten, über ſeine Schulter David Kopperfield. 79 blickte, um ſich zu vergewiſſern, daß er nicht in einer ſo ungehörigen Bezugnahme auf dieſe Unbefleckten von Creakle und den Andern gehört werde;„Achtundzwan⸗ zig(ebenfalls zur Deportation verdonnert) kriegte'ne Stelle und bemauſte ſeinen jungen Herrn um eine Summe von zweihundertfünfzig Pfund in Geld und Koſtbarkei⸗ ten die Nacht vorher, ehe ſie abreiſen wollten.“ Ich. beſinne mich auf ſeinen Fall ganz beſonders genau da⸗ her, daß er von einem Zwerge erwiſcht wurde.“ „Von was für einem Dinge?“ „Von einem kleinen Frauenzimmer. Ich habe ihren Namen vergeſſen.“ „Doch nicht Mowcher?“ „Richtig, das war der Name! Er war der Ver⸗ folgung entgangen und ſtand im Begriffe, in einer fläch⸗ ſenen Perrücke und mit einem dergleichen Backenbart und ſo vollkommen entſtellt, wie Sie's Ihr Lebtage nicht geſehen haben, nach Amerika zu gehen, als das kleine Weibſen, wie ſie in Southampton iſt, ihm be⸗ gegnet, als er die Straße daher kommt— ihn mit ihrem ſcharfen Auge den Augenblick herausfindet— ihm zwiſchen die Beine läuft, um ihn umzuſchmeißen— und ſich an ihm feſtklammert wie der grimmige Tod.“ „Vortreffliche Mamſell Mowcher!“ rief ich aus. „Sie würden das geſagt haben, wenn Sie ſie, wie ich, bei ſeinem Verhör auf einem Stuhle in der Zeu⸗ genabtheilung hätten ſtehen ſehen,“ verſetzte mein Freund. „Er ſchlug ſie, daß ihr das Geſicht aufſprang und trat ſie in der unbarmherzigſten Weiſe, wie ſie ihn packte; aber ſie ließ nicht eher los, als bis er unter Schloß und Riegel war. Sie hatte ſich ſo feſt an ihn an⸗ geklammert, daß die Beamten gezwungen waren, ſie alle Beide miteinander feſtzunehmen. Sie gab ihre 80 David Kopperfield. Ausſage in der klarſten Weiſe ab und wurde höchlichſt belobt von der Richterbank, und von dem Publicum unter Lebehochrufen nach Hauſe gebracht. Sie ſagte vor Gericht, daß ſie ihn(auf Grund deſſen, was ſie in Betreff ſeiner wiſſe) gefangen haben würde, und wenn ſie auch nur eine Hand gehabt hätte und er ſo ſtark wie Simſon geweſen wäre. Und ich glaube, ſie würde es gethan haben.“ Ich glaubte das auch und zollte der Miß Mowcher die größte Hochachtung dafür. Wir hatten nun Alles geſehen, was dort zu ſehen war. Es würde vergeblich geweſen ſein, ſolch einem Manne, wie dem dienſteifrigen Mr. Creakle, vorzuſtel⸗ len, daß Siebenundzwanzig und Achtundzwanzig voll⸗ kommen die Alten und durchaus unverändert wären; daß ſie genau das, was ſie damals waren, ſtets gewe⸗ ſen ſeien; daß die heuchleriſchen Schufte gerade die rech⸗ ten Subjecte wären, eine ſolche Beichte an ſolch einem Orte abzulegen; daß ſie den Marktpreis derſelben, zahl⸗ bar in den unmittelbaren guten Dienſten, die ſie ihnen thun würde, wenn ſie aus der Heimat weggeſchafft wür⸗ den, zum Mindeſten ſo gut wußten wie wir; mit Einem Worte, daß es durch und durch ein verfaultes, hohles, ſchmerzliche Gedanken wachrufendes Stück Geſchäft war. Wir überließen ſie ihrem Syſteme und ſich ſelbſt und gingen verwundert nach Hauſe. „'s iſt vielleicht gut, Traddles,“ ſagte ich,„wenn man ein nichtsnutziges Steckenpferd tüchtig reitet; denn um ſo eher wird es dann todtgeritten.“ „Das hofſ' ich,“ entgegnete Traddles. Zweiundſechszigſtes Kapitel. Ein Licht ſtrahlt auf meinen Weg. Das Jahr kam allmählig bis zur Weihnachtszeit, und ich war über zwei Monate zu Hauſe geweſen. Ich ſah Agnes öfters. Wie laut auch die allgemeine Stimme war, indem ſie mir Aufmunterung zu Theil werden ließ, und wie glühend auch die Empfindungen und Beſtre⸗ bungen waren, zu denen ſie mich erhob, doch hörte ich ihren leiſeſten Lobſpruch, wenn ich nichts Anderes hörte. Zuletzt ritt ich einmal und manchmal öfterer die Woche hinüber und verbrachte den Abend dort. Ich ritt gemeiniglich des Nachts zurück; denn das alte un⸗ ſelige Gefühl umſchwebte mich jetzt allezeit— höchſt wehmüthig, wenn ich ſie verließ— und ich war lieber auf und aus, als daß ich in peinvoller Schlafloſigkeit oder jammervollen Träumen in der Vergangenheit her⸗ umirrte. Ich verbrachte mit dieſen Ritten den längſten Theil vieler wüſten traurigen Nächte, wobei in mir während des Weges die Gedanken wieder auflebten, die mich während meiner langen Abweſenheit beſchäftigt hatten. David Kopperfield. X. 6 82 David Kopperfield. Oder wenn ich ſagen wollte, daß ich vielmehr den Echos jener Gedanken lauſchte, würde ich die Wahrheit beſſer ausdrücken. Sie ſprachen zu mir aus der Ferne. Ich hatte ſie in eine Entfernung verpflanzt und meinen unausweichlichen Platz eingenommen. Wenn ich Agnes vorlas, was ich ſchrieb, wenn ich ihr lauſchendes Ge⸗ ſicht ſah, ſie zum Lächeln oder zu Thränen bewegte und ihre herzliche Stimme ſo ernſthaft über die ſchatten⸗ haften Ereigniſſe der eingebildeten Welt ſprechen hörte, in der ich lebte, dachte ich, was für ein Loos das meine hätte ſein können— dachte aber nur in der Weiſe daran, wie ich nach meiner Verheirathung mit Dora gedacht hatte, von welcher Art ich mir meine Frau wünſchen könnte. Mein Pflichtgefühl gegen Agnes, die mich mit einer Liebe umfaßte, welche ich, wenn ich ſie in Unruhe ver⸗ wandelte, höchſt ſelbſtſüchtig und übel behandelte und nie wieder herſtellen konnte; meine gereifte Ueberzeugung, daß ich, der ich mir mein eignes Schickſal zugezogen und der ich gewonnen hatte, worauf ich ſo haſtig meinen Sinn geſtellt, kein Recht zu murren hätte, ſondern dulden müſſe, begriff in ſich, was ich fühlte und was ich ge⸗ lernt hatte. Aber ich liebte ſie, und jetzt ward es mir ſogar ein Troſt, unbeſtimmt einen Tag in der Ferne leuchten zu ſehen, wo ich, ohne Tadel auf mich zu laden, es geſtehen könnte; wo alles Dies vorüber ſein, wo ich im Stande ſein würde zu ſagen:„Agnes, ſo war es, als ich heimkam, und nun bin ich alt, und nie ſeitdem habe ich geliebt!“ Sie zeigte mir auch nicht ein einziges Mal eine Veränderung in ſich ſelbſt. Was ſie ſtets gegen mich geweſen, war ſie noch— völlig unverändert. Zwiſchen meiner Tante und mir hatte in dieſer Beziehung ſeit der Nacht meiner Rückkehr ein Etwas David Kopperfield. 83 ſich geltend gemacht, was ich keinen Zwang und auch kein Vermeiden des Gegenſtandes, ſondern mehr ein ſtillſcweigendes Verſtehen, daß wir Beide daran dach⸗ ten, aber unſere Gedanken nicht in Worte kleideten, nennen kann. Wenn wir nach unſerer alten Gewohn⸗ heit des Abends vor dem Feuer ſaßen, verfielen wir oft in dieſen Gedankengang und zwar ſo natürlich und ſo bewußt, daß wir Beide daſſelbe dächten, als ob wir es ohne Rückhalt ausſprächen. Aber wir bewahrten ein ununterbrochenes Stillſchweigen. Ich glaubte, daß ſie meine Gedanken jenen Abend geleſen oder doch zum Theil geleſen habe, und daß ſie vollkommen begriffe, wes⸗ halb ich den meinen keinen deutlicheren Ausdruck gäbe. Als dieſe Weihnachtszeit herangekommen war und Agnes mir nichts Neues anvertraut hatte, fing ein Zweifel— ob ſie wohl jene Einſicht in den wahren Zuſtand meines Herzens haben könnte, der ſie aus Furcht, mir Schmerz zu machen, abhielte— mir ſchwer auf der Seele zu laſten an. Wenn das ſo war, ſo war mein Opfer nichts, meine einfachſte Verpflichtung gegen ſie unerfüllt, und ich beging ſtündlich jedwede Hand⸗ lung, vor der ich zurückgeſchrocken war. Ich beſchloß dies über allen Zweifel zu ordnen— wenn ſolch eine Schranke zwiſchen uns exiſtirte, ſie mit entſchloſſener Hand niederzubrechen. Es war— o, welchen bleibenden Grund habe ich, mich deſſen zu erinnern!— ein kalter rauher Winter⸗ tag. Es war einige Stunden vorher Schnee gefallen, und er lag nicht tief, aber hart gefroren auf dem Bo⸗ den. Draußen auf der See vor meinem Fenſter blies der Wind ungeſtüm von Norden her. Ich hatte daran gedacht und war über jene ungeheuren öden Schnee⸗ berge in der Schweiz, die jetzt keinem menſchlichen Fuße 6* 84 David Kopperfield. zugänglich waren, geſchweift und hatte nachgegrübelt, was einſamer ſei, jene menſchenleeren Gegenden oder der öde Ocean. „Wirſt Du heut hinüberreiten?“ ſagte meine Tante, den Kopf zur Thür hereinſteckend. „Ja,“ verſetzte ich,„ich werde nach Canterbury hinübergehen.'s iſt ein guter Tag zu einem Ritte.“ „Ich hoffe, daß Dein Pferd auch ſo denkt,“ ſagte meine Tante,„aber gegenwärtig läßt es Kopf und Ohren hängen dort vor der Thür, wo es daſteht, als ob es meinte, ſein Stall wäre vorzuziehen.“ Meine Tante, habe ich zu bemerken, geſtattete mei⸗ nem Pferde über den verbotenen Grund und Boden zu gehen, obwohl ſich ihre Anſichten hinſichtlich der Eſel nicht im Mindeſten gemildert hatten. „Das Pferd wird bald friſch genug ſein!“ ſagte ich. „Der Ritt wird auf alle Fälle ſeinem Herrn gut thun,“ bemerkte meine Tante mit einem Blicke auf die auf meinem Tiſche liegenden Papiere.„Ach, Kind, Du verbringſt eine gute Menge Stunden hier! Nie hätte ich gedacht, wenn ich Bücher las, was es für Arbeit koſtete, ſie zu ſchreiben.“ „'s iſt manchmal Arbeit genug, ſie zu leſen,“ er⸗ wiederte ich.„Was das Schreiben betrifft, ſo hat das ſeinen eignen Zauber, Tante.“ „Ach, ich ſehe!“ ſagte meine Tante.„Ehrgeiz, Luſt am Lobe, Theilnahme und vieles Andere, glaub' ich? Na mach nur fort.“ „Wiſſen Sie etwas mehr, Tante,“ fragte ich, gefaßt vor ihr ſtehend; ſie hatte mich auf die Schulter geklopft und ſich in meinen Stuhl geſetzt,„wiſſen Sie noch etwas Näheres von jener Neigung, die Agnes hat?“ David Kopperfield. 85 Sie ſah empor, mir ins Geſicht ein Weilchen, ehe ſie antwortete:„Ich glaube ja, Trot.“ „Sind Sie überzeugt, daß Ihre Anſicht eine rich⸗ tige iſt?“ fragte ich. „Ich denke, ja, Trot.“ Sie blickte mich ſo unverwandt an, und zwar mit einer Art Zweifel oder Mitleid oder Zurückhalten mit ihrer Liebe, daß es für mich eines angeſtrengteren Zu⸗ ſammennehmens bedurfte, um ihr ein vollkommen hei⸗ teres Geſicht zu zeigen. „Und was noch mehr ſagen will, Trot—“ ſagte meine Tante. „Ja!“ „Ich denke, Agnes wird bald heirathen.“ „Gott ſegne ſie!“ rief ich heiter. „Gott ſegne ſte!“ ſagte meine Tante,„und ihren Mann ebenfalls!“ Ich ſprach das nach, trennte mich von meiner Tante, ſchritt leichtfüßig die Treppe hinab, ſtieg auf und ritt fort. Ich hatte jetzt noch mehr Grund zu thun, wozu ich mich entſchloſſen hatte. Wie gut entfinne ich mich des winterlichen Rittes! Die gefrornen Eisklümpchen, welche durch den Wind von den Grashalmen abgeſtreift und mir über's Geſicht ge⸗ fegt worden waren; das harte Geklapper der Hufe des Pferdes, welches eine Melodie auf den Erdboden ſchlug; das ſtarr gefrorne Ackerland; die Schneewehe, welche leiſe in die Kreidegrube hineinwirbelte, als der Wind ſie aufwühlte; das dampfende Zugvieh mit dem Wagen voll altes Heu, welches, um Athem zu ſchöpfen, auf dem Gipfel der Anhöhe ſtill hielt und muſtkaliſch ſeine Glöcklein ſchüttelte; die weißbeſchneiten Abhänge und wellenförmigen Erhöhungen des Dünenlandes, die gegen 86 David Kopperfield. den dunkeln Himmel lagen, als ob ſie auf eine unge⸗ heure Schiefertafel gezeichnet wären! Ich fand Agnes allein. Die kleinen Mädchen wa⸗ ren jetzt heimgegangen, und ſie war allein und las am Kamin. Als ſie mich hereinkommen ſah, legte ſie ihr Buch hin, und nachdem ſie mich wie gewöhnlich bewill⸗ kommt hatte, nahm ſie ihr Arbeitskörbchen und ſetzte ſich in eines der altmodiſchen Fenſter. Ich ſetzte mich neben ſie auf den Fenſterſitz, und wir ſprachen von dem, woran ich jetzt arbeitete und wenn es fertig ſein werde, und von den Fortſchritten, die ich ſeit meinem letzten Beſuche gemacht. Agnes war ſehr heiter und ſagte lachend voraus, ich werde bald ſo be⸗ rühmt werden, daß man zu mir gar nicht mehr über dergleichen Gegenſtände ſprechen dürfe. „So halte ich mich denn in jetziger Zeit dazu, wie Du ſiehſt,“ ſagte Agnes,„und ſpreche mit Dir, ſo lange ich darf.“ Als ich ihr in das ſchöne, auf ihns Arbeit gerich⸗ tete Antlitz ſchaute, erhob ſie ihre milden, klaren Augen und ſah, daß ich ſie anblickte. „Du biſt mir heute ja recht gedankenvoll, Trot⸗ wood?“ „Agnes, ſoll ich Dir ſagen, weshalb? Ich kam, um Dir's zu ſagen.“ Sie legte ihre Arbeit bei Seite, wie ſie zu thun gewohnt war, wenn wir etwas ernſtlich beſprachen, und widmete mir ihre ganze Aufmerkſamkeit. „Meine liebe Agnes, zweifelſt Du, daß ich aufrich⸗ tig und wahr gegen Dich bin?“ „Nein!“ antwortete ſie mit einem verwunderten Blicke. David Kopperfield. 87 „Zweifelſt Du, daß ich noch bin, was ich ſtets ge⸗ gen Dich geweſen?“ „Nein,“ antwortete ſie wie zuvor. „Erinnerſt Du Dich, wie ich, als ich nach Hauſe zurückkehrte, Dir zu ſagen verſuchte, wie viel Dankbar⸗ keit ich Dir ſchulde, theuerſte Agnes, und wie ſehr ich Dich liebe?“ „Ich erinnere mich deſſen ſehr wohl,“ erwiederte ſie ſanft. „Du haſt ein Geheimniß,“ ſagte ich,„laß mich es theilen, Agnes.“ Sie ſchlug ihre Augen nieder und erbebte. „Ich könnte kaum ungewiß darüber ſein, ſelbſt wenn ich es— aber von andern Lippen als den Deinen, Agnes, was mir ſonderbar vorkommt— nicht gehört hätte, daß es Jemand giebt, dem Du das Kleinod Dei⸗ ner Liebe geſchenkt haſt. Schließe mich nicht aus von einer Angelegenheit, welche ſo ſehr mit Deinem Glücke zuſammenhängt. Wenn Du mir vertrauen kannſt, wie Du ſagſt, daß Du dies kannſt, und wie ich weiß, daß Du es darfſt, ſo laß mich in dieſer Angelegen⸗ heit vor allen Andern Deinen Freund, Deinen Bruder ſein!“ Sie ſtand mit einem flehenden, ja faſt vorwurfs⸗ vollen Blicke aus dem Fenſter auf, und indem ſie durch das Zimmer eilte, als wüßte ſie nicht, wohin, ſchlug ſie die Hände vor ihr Geſicht und brach in ſolche Thrä⸗ nen aus, daß es mir durch's Herz ſchnitt. Und doch erweckten ſie etwas in mir, welches mei⸗ nem Herzen eine Verheißung brachte. Ohne daß ich gewußt hätte, warum, verbanden ſich dieſe Thränen mit dem Gedanken an das ſtill traurige Lächeln, wel⸗ ches in meiner Erinnerung ſo feſt ſtand, und ließen 88 David Kopperfield. mich mehr vor Hoffnung, als vor Furcht oder Kummer erbeben. „Agnes! Schweſter! Theuerſte Agnes! Was hab' ich gethan?!“ „Laß mich fortgehen, Trotwood. Ich bin— ich bin nicht ich ſelbſt. Ich werde bald mit Dir ſprechen— ein ander Mal. Ich werde Dir ſchreiben. Sprich jetzt nicht mehr zu mir. Bitte, bitte!“ Ich ſuchte mich zu entſinnen, was ſie geſagt hatte, als ich zu ihr in jener Nacht dereinſt davon geſprochen, daß ihre Liebe keine Gegenliebe bedürfe. Es ſchien eine ganze Welt, was ich in einem Augenblicke zu durch⸗ ſuchen hatte. „Agnes, ich kann es nicht aushalten, Dich ſo zu ſehen und denken zu müſſen, daß ich die Urſache gewe⸗ ſen bin. Mein theuerſtes Mädchen, die Du mir theu⸗ rer biſt, als irgend etwas auf der Welt, wenn Du Dich unglücklich fühlſt, laß mich Dein Unglück theilen. Wenn Du Hülfe oder Rath bedarfſt, laß mich den Verſuch machen, ihn Dir zu geben. Wenn Du wirklich eine Laſt auf dem Herzen haſt, laß mich verſuchen, ſie Dir zu erleichtern. Für wen lebe ich jetzt, Agnes, wenn es nicht für Dich iſt?“ „Oh ſchone mein! Ich bin nicht ich ſelbſt! Ein ander Mal!“ war Alles, was ich unterſcheiden konnte. War es ein Irrthum aus Selbſtſucht, der mich von der Wahrheit abführte? Oder öffnete ſich, als ſich mir einmal die Hoffnung erſchloß, meinen Blicken etwas, woran ich nicht zu denken gewagt hätte? „Ich muß mehr ſagen. Ich kann nicht zugeben, daß Du mich ſo verläſſeſt! Um des Himmels willen, Agnes, laß uns einander nach dieſen vielen Jahren und Allem, was mit ihnen gekommen und verſchwunden iſt, David Kopperſield. 89 nicht mißverſtehen! Ich muß offen ſprechen. Wenn Du irgend einen Gedanken, ſei er auch noch ſo unbe⸗ ſtimmt, hegſt, daß ich das Glück, das Du Jemand ver⸗ leihen wirſt, beneiden, daß ich mich nicht beſcheiden könnte, vor einem Dir theurern Beſchützer, den Du Dir erwählt, zurückzutreten, daß ich nicht vermöchte, von dem Orte aus, wohin ich dann verwieſen ſein würde, ein zufriedener Zeuge Deines Wohlergehens zu ſein, weiſ ihn von Dir; denn ich verdiene das nicht. Ich habe nicht ganz umſonſt geduldet. Du biſt nicht ganz umſonſt meine Lehrerin geweſen. In dem, was ich für Dich empfinde, iſt nichts von Selbſtſucht.“ Sie war jetzt ſtill. Kurze Zeit darauf wendete ſie ihr bleiches Geſicht mir zu und ſagte mit gedämpfter Stimme, die ihr dann und wann verſagte, aber ſehr klar war: „Ich bin es Deiner reinen Freundſchaft ſchuldig, Trotwood— welche ich in der That nicht bezweifle— Dir zu ſagen, daß— daß Du Dich irrſt. Ich kann nicht mehr thun. Wenn ich manchmal, im Laufe der Jahre, Hülfe und Rath bedurft habe, ſo ſind ſie mir geworden. Wenn ich manchmal unglücklich geweſen bin, ſo iſt dies Gefühl vorübergegangen. Wenn ich je eine Laſt auf dem Herzen gehabt habe, ſo iſt ſie mir erleich⸗ tert worden. Wenn ich irgend ein Geheimniß habe, ſo— ſo iſt es— kein neues, und nicht— was Du vermutheſt. Ich kann es nicht offenbaren oder mit Dir theilen. Es iſt lange mein geweſen und muß mein bleiben.“ „Agnes! Halt! Einen Augenblick!“ Sie war im Begriffe wegzugehen, aber ich hielt ſie zurück. Ich ſchlang meinen Arm um ihre Taille.„Im Laufe der Jahre! Kein neues Geheimniß!“ Neue Ge⸗ 90 David Kopperfield. danken und Hoffnungen wirbelten durch mein Gemüth, und alle Farben des Lebens wurden zu andern. „Theuerſte Agnes! Du, die ich ſo hoch achte und verehre— die ich mit ſolcher Hingebung liebe! Als ich heute hierher kam, meinte ich nicht, daß irgend etwas mir dieſes Geſtändniß abringen könnte. Ich dachte, ich würde es unſer ganzes Leben lang bei mir behalten können, bis wir alt wären. Aber, Agnes, ich habe jetzt eine neuaufgegangene Hoffnung, daß ich Dich viel⸗ leicht einmal anders als Schweſter— weit verſchieden von Schweſter— nennen darf.“ Ihre Thränen ſielen ſchnell hintereinander, aber ſie waren nicht gleich denen, die ſie zuletzt vergoſſen, und ich ſah meine Hoffnung in ihnen ſtrahlen. „Agnes, ſtets meine Führerin und beſte Tröſterin! Wenn Du mehr an Dich und weniger an mich gedacht hätteſt, als wir zuſammen aufwuchſen, ſo würde, glaub' ich, meine gedankenloſe Phantaſie ſich nie von Dir ver⸗ irrt haben. Aber Du warſt um ſo Vieles beſſer als ich, und mir bei jedweder meiner knabenhaften Hoff⸗ nungen und Enttäuſchungen zur Seite, daß es mir zur zweiten Natur wurde, Dir zu vertrauen und auf Dich mich in Allem zu verlaſſen, wodurch das vorherige und größere Gefühl der Liebe, die ich jetzt für Dich empfinde, auf eine Zeit lang in den Hintergrund ge⸗ drängt wurde.“ Sie weinte noch immer, aber nicht traurig, ſondern vor Freude. Und ich hielt ſie in meinen Armen, wie noch nie, und wie ich es nie für möglich gehalten hätte. „Als ich Dora liebte,— zärtlich, wie Du weißt, Agnes—“ 3 „Ja,“ rief ſie innig.„Ich freue mich, daß ich das weiß.“ —— David Kopperfield. 91 „Als ich ſie liebte— ſo würde meine Liebe mich ſelbſt dann nicht vollkommen glücklich gemacht haben, ohne Deine Theilnahme. Ich erfreute mich dieſer Theil⸗ nahme, und mein Glück ward vollkommen. Und als ich ſie verlor, Agnes, was würde ich ohne Dich noch jetzt ſein!“— Und nun verſuchte ich ihr den Kampf zu ſchildern, den ich durchgemacht, und den Entſchluß, zu dem ich ge⸗ kommen. Ich verſuchte es, ihr mein Herz vor Augen zu legen, getreulich und ganz. Ich verſuchte, ihr zu zeigen, wie ich gehofft, ich ſei zu einer beſſern Erkennt⸗ niß meiner Selbſt und ihrer gelangt; wie ich mich dem unterzogen, was jene beſſere Erkenntniß mit ſich geführt habe, und wie ich in meiner Treue eben erſt dieſen Tag hierauf gekommen ſei. Wenn ſie mich ſo liebe(ſagte ich), daß ſie mich zu ihrem Gatten nehmen könnte, ſo könnte ſie das thun nicht meines Verdienſtes halber, ausgenommen die treue Liebe, die ich zu ihr hegte, und der Schmerz, in welchem dieſe zu dem gereift, was ſie wäre, und dies ſei die Urſache, weshalb ich es offen⸗ bare. Und, oh Angnes, ſelbſt aus Deinen treuen Au⸗ gen ſchaute in dieſer ſelben Zeit der Geiſt meines kin⸗ diſchen Weibchens auf mich herab und ſagte, ſo ſei es recht, und gewann mir durch Dich die zärtlichſten Erin⸗ nerungen an das Blümchen ab, welches in ſeiner Blüthe verwelkt war. „Ich bin ſo glücklich, Trotwood— mein Herz iſt ſo übervoll— aber ich habe noch etwas auf dem Her⸗ zen, was ich ſagen muß.“ „Was denn, Theuerſte?“ Sie legte ihre weichen, zarten Hände auf meine Schul⸗ tern und ſah mir ruhig ins Geſicht. „Weißt Du ſchon, was es iſt?“ David Kopperfield. „Ich wage nicht nachzudenken, was es iſt. Sag' mir's, meine Liebe.“ „Ich habe Dich all mein Lebtage geliebt!“ Oh wie glücklich, wie überaus glücklich waren wir! Unſere Thränen galten nicht den Trübſalen(wo ihre um ſo viel größer als meine waren), durch welche wir dahin gekommen, das zu ſein, was wir waren, ſondern unſerm Entzücken, dies zu ſein und nie wieder getrennt zu werden! Wir gingen an jenem Winterabende zuſammen in den Feldern ſpazieren, und der heilige Frieden in un⸗ ſerm Innern ſchien ſich der froſtigen Luft mitgetheilt zu haben. Die frühen Sterne begannen zu erglänzen, wäh⸗ rend wir lauſchten, und indem wir zu ihnen aufblick⸗ ten, dankten wir unſerm Gott, daß er uns zu dieſer Seelenruhe geleitet. vre Es war faſt Eſſenszeit am nächſten Tage, als wir vor meiner Tante erſchienen. Sie war oben in meiner Studirſtube, welche für mich bereit und in Ordnung zu halten ihr Stolz war. Wir trafen ſie, die Brille auf der Naſe, vor dem Feuer ſitzend. „Ach du meine Güte!“ ſagte meine Tante, indem ſie durch die Dämmerung nach uns ſchaute,„wer iſt das, die Du da heim bringſt?“ David Kopperfield. 93 „Agnes,“ verſetzte ich. Da wir übereingekommen waren, zuerſt nichts zu ſagen, war meine Tante nicht wenig in ihrer Erwar⸗ tung getäuſcht. Sie warf einen hoffnungsvollen Blick auf mich, als ich ſagte„Agnes“; als ſie aber fand, daß ich wie gewöhnlich ausſah, nahm ſie verzweifelt ihre Brille ab und rieb ſich die Naſe damit. Sie grüßte Agnes demohngeachtet herzlich, und bald ſaßen wir unten im erleuchteten Wohnzimmer bei Tiſche. Meine Tante ſetzte zwei oder drei Mal ihre Brille auf, um mich nochmals in Augenſchein zu nehmen, nahm ſie aber ebenſo oft getäuſcht wieder ab und rieb ihre Naſe damit, was denn Mr. Dick ſehr außer Faſſung brachte, welcher wußte, daß dies ein übles Symptom ſei. „Beiläufig, Tante,“ ſagte ich nach Tiſche,„ich habe mit Agnes über das geſprochen, was Du mir erzählteſt.“ „Damit, Trot,“ erwiederte meine Tante, ſcharlach⸗ roth werdend,„haſt Du Unrecht gethan und Dein Ver⸗ ſprechen gebrochen.“ „Du biſt doch hoffentlich nicht böſe, Tante? Ich bin überzeugt, Du wirſt es nicht ſein, wenn Du er⸗ fährſt, daß Agnes keine unglückliche Liebe hat.“ „Dummes Zeug und Unſinn!“ rief meine Tante aus. Da meine Tante verdrießlich zu ſein ſchien, ſo hielt ich es für's Beſte, die Urſache ihres Verdruſſes kurz abzuſchneiden. Ich führte Agnes an meinem Arme an die Lehne ihres Stuhles und wir beugten uns Beide zu ihr hinüber. Meine Tante ſchlug ein einziges Mal die Hände zuſammen, that einen einzigen Blick durch ihre Brille und verfiel ſogleich in hyſteriſche Zufälle, und zwar zum erſten und einzigen Male, ſo lange ich ſie kenne. Dieſe hyſteriſchen Zufälle riefen Peggotty herbei⸗ 94 David Kopperfield. In dem Augenblicke, wo meine Tante wieder hergeſtellt war, lief ſie auf Peggotty zu, hieß ſie ein einfältiges altes Geſchöpf und druͤckte ſie mit aller Macht an ſich. Hierauf drückte ſie Mr. Dick an ſich(welcher ſich hoch geehrt fühlte, aber ſehr erſtaunt war) und hierauf ſagte ſie ihnen, weshalb. Da waren wir denn alle⸗ ſammt glücklich. Ich konnte nicht entdecken, ob meine Tante bei ihrer letzten kurzen Unterhaltung mit mir blos auf einen from⸗ men Betrug verfallen war, oder ſich wirklich über mei⸗ nen Gemüthszuſtand täuſchte. Es wäre vollkommen genug, ſagte ſie, daß ſie mir erzählt habe, Agnes werde ſich bald verheirathen, und daß ich jetzt beſſer wie irgend eines wüßte, wie wahr dies ſei. Wir wurden innerhalb der nächſten vierzehn Tage getraut. Traddles und Sophie und der Doctor ſowie Mrs. Strong waren die einzigen Gäſte bei unſerer ſtil⸗ len Hochzeitsfeier. Wir verließen ſie voll Freude und fuhren zuſammen weg. In meine Arme geſchloſſen hielt ich jetzt die Quelle jedes würdigen Strebens, das ich jemals gehabt hatte; das Centrum meiner Selbſt, den Kreis meines Lebens, meine Einzige, meine Gattin, zu der ich eine Liebe fühlte, welche auf Felſen gegrün⸗ det war. „Liebſter Mann,“ ſagte Agnes.„ZJetzt, wo ich Dich bei dieſem Namen nennen darf, habe ich Dir noch etwas zu ſagen.“ „Laß mich's hören, meine Liebe.“ „Es ſtammt aus der Nacht her, wo Dora ſtarb. Sie ſandte Dich nach mir.“ „Ja wohl, das that ſie.“ „Sie ſagte mir, ſie hinterließe mir etwas. Kannſt Du Dir denken, was es war?“ David Kopperfield. 95 Ich glaubte, daß ich das könnte. Ich zog meine Gattin, die mich ſchon ſo lange geliebt, näher an mich. „Sie ſagte mir, daß ſie mir eine letzte Bitte ans Herz legte und mir einen letzten Auftrag hinterließe.“ „Und der war?—“ „Daß nur ich dieſen leeren Platz einnehmen wollte.“ Und Agnes legte ihre Hand auf meine Bruſt und weinte, und ich weinte mit ihr, obwohl wir ſo glück⸗ lich waren. Dreiundſechszigſtes Kapitel. Ein Beſuch. Was ich mir mitzutheilen vorgeſetzt, iſt faſt voll⸗ endet, aber in meinem Gedächtniſſe iſt noch ein Ereigniß von Bedeutung, auf dem es oft mit Wonne die Ge⸗ danken ruhen läßt, und ohne welches ein Faden in dem Gewebe, das ich geſponnen, ein abperiſſenes Ende ha⸗ ben würde. Ich war zu größerem Rufe und Vermögen gelangt, mein häusliches Glück war vollkommen, ich war zehn glückliche Jahre verheirathet. Agnes und ich ſaßen eines Abends im Frühjahr in unſerm Hauſe in London beim Feuer, und drei unſerer Kinder ſpielten im Zimmer, als man mir meldete, ein Fremder wünſche mich zu ſprechen. Er war gefragt worden, ob er in Geſchäftsange⸗ legenheiten käme, und hatte mit Nein geantwortet; er ſei gekommen, um das Vergnügen zu haben, mich zu ſehen, und habe einen langen Weg gemacht. Es wäre ein alter Mann, ſagte mein Dienſtmädchen, der wie ein Bauer ausſähe. David Kopperſield. 97 Da dies den Kindern geheimnißvoll klang und au⸗ ßerdem dem Anfange einer Lieblingsgeſchichte glich, die Agnes ihnen zu erzählen pflegte, wo eine böſe alte Fee in einem Mantel eintrat, welche Jedermann haßte, ſo rief es einige Aengſtlichkeit hervor. Einer unſerer Kna⸗ ben legte ſeinen Kopf in den Schooß ſeiner Mutter, um ſicher vor Unheil zu ſein, und die kleine Agnes (unſer älteſtes Kind) ließ ihre Puppe in ihrem Stuhle, um an ihrer Statt zu figuriren, und ſteckte ihr Köpf⸗ chen voll goldner Locken zwiſchen den Fenſtervorhängen hervor, um zu ſehen, was zunächſt paſſirte. „Heißen Sie ihn hier hereinkommen,“ ſagte ich. Bald darauf erſchien, in dem dunkeln Vorhauſe, als er eintrat, ſtillſtehend, ein hagerer, grauköpfiger alter Mann. Die kleine Agnes, angelockt von ſeinem Geſichtsausdruck, war auf ihn zugelaufen, um ihn herein⸗ zubringen; und ich hatte ſein Geſicht noch nicht deutlich geſehen, als meine Frau auffuhr und mir mit freudig aufgeregter Stimme zurief, daß es Mr. Peggotty ſei. Es war Mr. Peggotty. Ein alter Mann jetzt, aber in einem rothwangigen, tüchtigen, kräftigen Alter. Als unſere erſte freudige Aufregung vorüber war und er am Feuer ſaß, die Kinder auf ſeinen Knieen, und die Gluth auf ſein Geſicht ſchien, erſchien er mir ſo kraftvoll und robuſt und überhaupt ſo ſchön, als ich je einen alten Mann geſehen hatte. „Musje Davchen,“ ſagte er, und der alte Name in dem alten Tone geſprochen ſiel mir ſo natürlich ins Ohr,„Musje Davchen,'s iſt'ne frohe Stunde, daß ich Sie noch einmal zu ſehen kriege, und mit Ihrem guten treuen Weibe zur Seite!“ „Ja wahrlich eine frohe Stunde, alter Freund!“ rief ich. David Kopperfield. X. 7 98 David Kopperfield. „Und dieſe hübſchen Kinderchen hier!“ ſagte Mr. Peggotty.„Auch dieſe Blümchen hier zu ſehen! Ei, Musje Davchen, Sie waren erſt ſo groß, wie das Kleinſte von dieſen, als ich Sie das erſte Mal ſah! Als Emil⸗ chen nicht größer war und unſer armer Junge eben erſt'n Junge war.“ „Die Zeit hat mich mehr verändert, als ſie Sie verändert hat, ſeitdem,“ verſetzte ich.„Aber laſſen wir dieſe lieben kleinen Schlingel zu Bett gehen, und da kein Haus in England als dieſes Sie aufnehmen darf, ſo ſagen Sie mir, wohin wir nach Ihrem Gepäck ſchicken ſollen(möchte wiſſen, ob der alte blaue Sack dabei iſt, der ſo weit mitging) und dann wollen wir über einem Glaſe von Yarmouther Grog die Nachrichten aus zehn Jahren mit einander beſprechen.“ „Sind Sie allein?“ fragte Agnes. „Ja, Madame,“ antwortete er, ihr die Hand küſ⸗ ſend,„ganz allein.“ Wir ließen ihn ſich neben uns ſetzen und wußten nicht, wie wir unſere Freude über ſeine Ankunft aus⸗ drücken ſollten, und als ich auf ſeine alte, wohlbekannte Stimme zu lauſchen begann, hätte ich mir einbilden können, daß er noch immer ſeine lange Reiſe fortſetze, um ſeine geliebte Nichte zu ſuchen. „'s iſt'ne fürchterliche Menge Waſſer,“ ſagte Mr. Peggotty,„über die man weg muß, und ich kann blos vier Wochen bleiben. Aber Waſſer, beſonders wenn's ſalzig iſt, iſt mein natürliches Element, und die Freunde ſind einem theuer, und ſo kam ich hieher heuer. Das iſt'n Vers,“ ſagte Mr. Peggotty, verwundert über dieſe Entdeckung,„obwohl ich nicht die Abſicht hatte, welche zu machen.“ David Kopperfield. 99 „Wollen Sie denn ſobald wieder zurück, dieſe vie⸗ len tauſend Meilen?“ fragte Agnes. „Ja, Madame,“ entgegnete er.„Ich verſprach's Emil⸗ chen, ehe ich weggehen that. Sehen Sie, ich werde im Laufe der Jahre nicht jünger, und wenn ich nicht jetzt hergefahren wäre, würde ich's höchſt wahrſcheinlich nie nicht gethan haben. Und's hat mich ſtets am Herzen gelegen, daß ich noch'mal herkommen und Musje Dav⸗ chen und Sie ſelber, ſein holdes, blühendes Frauchen als glückliche verheirathete Leutchen ſehen müßte, ehe ich zu alt würde.“ Er ſah uns an, als ob ſich ſeine Augen an uns nicht ſattſchauen könnten. Agnes ſchob lächelnd einige wirre Locken ſeines grauen Haares zurück, damit er uns beſſer ſehen möchte. „Und nun erzählen Sie uns,“ ſagte ich,„Alles, was Ihre Schickſale betrifft.“ „Unſere Schickſale, Musje Davchen,“ entgegnete er, „ſind balde erzählt. Wir ſind nirgends hingekommen, wo es uns nicht wohlgegangen wäre. Es ging uns immer gut. Wir haben gearbeitet, wie ſich's gehört, und's mag ſein, daß wir zuerſt'n Biſſel auszuſtehen hatten, aber's iſt uns immer gut gegangen. Mocht' es nun die Schafzucht, oder mocht' es die Rindvieh⸗ zucht, mocht es das Eine oder das Andere ſein, wir haben immer Glück gehabt. Wir ſind immer von dro⸗ ben geſegnet worden,“ ſagte Mr. Peggotty, ehrfurchts⸗ voll den Kopf neigend,„und wir haben nichts gethan, was uns nicht zum Guten ausgeſchlagen wäre. Das heißt Alles in Allem gerechnet. Wenn nicht geſtern, ei nun, ſo doch heute. Wenn nicht heute, ei nun, ſo doch morgen.“ 3 „Und Emilie?“ fragten Agnes und ich zugleich. 7* 100 David Kopperfield. „Emilie,“ ſagte er;„nachdem Sie ſie verlaſſen hatten, Madame— und nie hörte ich ſie ihr Gebet ſprechen des Nachts, auf der andern Seite von der Se⸗ geltuchwand, nachdem wir uns im Buſche niedergelaſſen hatten, wo ich nicht Ihren Namen gehört hätte— und nachdem ſie und ich Musje Davchen aus dem Geſichte verloren hatten, bei jenem glänzenden Sonnenunter⸗ gange— war ſie ſo niedergeſchlagen, daß, wenn ſie damals gewußt hätte, was Musje Davchen ſo gütig und vorſorglich uns vorenthalten hat, ſie ſich meiner Meinung nach zu Tode gehärmt hätte. Aber da wa⸗ ren etliche arme Leute an Bord, die krank waren, und die that ſie pflegen; und da waren auch Kinder bei unſerer Geſellſchaft, und ſie pflegte auch die, und ſo hatte ſie Beſchäftigung und fand Gelegenheit, Gutes zu thun, und das half ihr.“ „Wenn war's, wo ſie zuerſt davon hörte?“ fragte ich. „Ich hielt es vor ihr verborgen, nachdem ich's ge⸗ hört hatte,“ ſagte Mr. Peggotty,„beinahe ein ganzes Jahr. Wir wohnten damals an einem einſamen Orte, aber unter den allerſchönſten Bäumen, und Roſen wuch⸗ ſen über unſer Haus weg bis'nauf ans Dach. Nun kam eines Tages, wo ich bei dem Bearbeiten des Lan⸗ des war, ein Reiſender aus unſerm alten Norfolk oder Suffolk in England(ich beſinne mich nicht recht mehr, welches es war) und natürlich nahmen wir ihn in un⸗ ſer Haus und gaben ihm zu eſſen und zu trinken und zeigten ihm, daß er uns willkommen wäre. Wir Alle thun das in der ganzen Colonie. Er hatte eine alte Zeitung bei ſich und noch'ne andere Beſchreibung von dem Sturm. Das iſt's, woher ſie's wußte. Wie ich Abends zu Hauſe kam, da fand ich, daß ſie's wiſſen that.“ 4 David Kopperfield. 101 Die Stimme verſagte ihm, als er dieſe Worte ſprach, und der Ernſt, deſſen ich mich ſo wohl erinnerte, über⸗ zog ſein Geſicht. „Bewirkte es eine große Veränderung in ihr?“ fragten wir. „Ei ja wohl, auf lange, lange Zeit!“ antwortete er mit Kopfſchütteln,„wo nicht bis auf dieſe Stunde. Aber ich denke, die Einſamkeit hat ihr gut gethan. Und ſie hatte viel zu ſchaffen mit Abwarten des Hühnerviehs und dergleichen und wartete es auch gut ab und kam durch. Ich möchte wiſſen,“ ſagte er gedankenvoll,„wenn Sie meine Emilchen jetzt ſehen thäten, Musje Davchen, ob Sie ſie wohl wiedererkennen würden?“ „Iſt ſie ſo verändert?“ erkundigte ich mich. „Ich weiß nicht. Ich ſehe ſie alle Tage und weiß es nicht; aber manchmal hab' ich ſo gedacht. Eine dünne Geſtalt,“ ſagte Mr. Peggotty, ins Feuer blickend,„eher abgezehrt zu nennen; ſanfte, traurige blaue Augen; ein feines, zartes Geſicht, einen ſchönen Kopf, der ein Bis⸗ chen geſenkt iſt; eine ruhige Stimme und Art— faſt ſchüchtern. Das iſt Emilchen!“ Wir beobachteten ihn ſchweigend, als er ſo da ſaß und immernoch ins Feuer blickte. „Manche denken,“ fuhr er fort,„daß ſie'ne un⸗ glückliche Liebe gehabt hat; Manche, daß der Tod ihre Heirath verhindert hat. Niemand weiß, wie es iſt. Sie hätte recht wohl heirathen können, wer weiß wie viele Male; aber, Oheim, ſagte ſie zu mich, das iſt auf immer vorbei. Heiter, wenn ſie mit mich zuſammen iſt, in ſich zurückgezogen, wenn andere Leute dabei ſind, froh, wenn ſie auch noch ſo weit gehen muß, um einem Kinde etwas zu lernen oder einen Kranken abzuwarten, oder wenn ſie einem jungen Mädchen bei ihrer Hoch⸗ 102 David Kopperfield. zeit'nen Gefallen thun kann(und ſie hat Vielen da— bei geholfen, aber nie ſelber einer beigewohnt), voll zärtliche Liebe gegen ihren Onkel, geduldig, von Jung und Alt gern geſehen, aufgeſucht von Allen, die irgend⸗ wie in Noth ſind— das iſt Emilchen!“ Er fuhr mit der Hand über ſein Geſicht und ſah mit einem halbunterdrückten Seufzer vom Feuer auf. „Iſt Martha noch bei Ihnen?“ fragte ich. „Martha,“ erwiederte er,„hat ſich im zweiten Jahre verheirathet, Musje Davchen. Ein junger Mann, Tage⸗ löhner auf'ner Farm, der auf ſeinem Wege zu Markte mit den Erzeugniſſen vom Gute ſeines Herrn bei uns vorüberkam— eine Reiſe von mehr als fünfhundert Meilen hin und zurück— machte ihr das Anerbieten, ſie zur Frau zu nehmen(die Weiber ſind dort ſehr ſel⸗ ten) und dann wollten ſie ſich alle Beide zuſammen im Buſche niederlaſſen. Sie ſprach mit mich, ich ſollte ihm ihre wahre Geſchichte erzählen. Das that ich. Sie heiratheten ſich und leben nun vierhundert Meilen weg von irgend einer Stimme als ihrer eignen und der von die ſingenden Vögel.“ „Und Frau Gummidge?“ fragte ich weiter. Es war ein ergötzlicher Anblick, zu ſehen, welche Wirkung dieſe Frage hatte; denn Mr. Peggotty brach plötzlich in ein brüllendes Gelächter aus und rieb ſich mit den Händen auf ſeinen Schenkeln auf und ab, wie er's in dem nun ſchon lange ſchiffbrüchigen Boote ge⸗ wohnt geweſen, wenn er ſich über etwas freute. „Werden Sie's wohl glauben!“ ſagte er.„Ci der Tauſend, ſie ſogar ſollte Einen heirathen! Und wenn ein Schiffskoch, der Anſiedler werden wollte, Musje Davchen, nicht mit dem Antrage gekommen iſt, die Frau . — David Kopperfield. 103 Gummidge zu heirathen, ſo will ich gleich gegormt ſein — ich kann's nicht ſtärker bekräftigen.“ Nie ſah ich Agnes ſo lachen. Dieſe plötzliche Ek⸗ ſtaſe auf Seiten Mr. Peggotty's war ihr ſo ergötzlich, daß ſie gar nicht aufhören konnte mit Lachen, und je mehr ſie lachte, deſto mehr machte ſie mich lachen, und deſto größer wurde Mr. Peggotty's Ekſtaſe, und deſto mehr rieb er ſeine Schenkel. „Und was ſagte Frau Gummidge dazu?“ fragte ich, als ich ernſt genug dazu war. „Werden Sie mich's glauben,“ erwiederte Mr. Peg⸗ gotty,„daß Frau Gummidge, ſtatt zu ſagen: Danke ſchöne, ſehr verbunden, ich habe keine Luſt, meine Lage zu verändern in meinen Jahren,'nen Waſſerkübel, der dabei ſtehen that, in die Höhe riß und ihn über den Kopf des Schiffskochs ſtülpte, daß er nach Hülfe brüllte und ich hinging und ihn befreite?“ Mr. Peggotty brach in ein gewaltiges Lachgebrüll aus, und wir Beide, ich und Agnes, leiſteten ihm da⸗ bei Geſellſchaft. „Aber das muß ich zu Gunſten des guten Weibes ſagen,“ fuhr er fort, indem er ſich, als wir ganz er⸗ ſchöpft waren, das Geſicht wiſchte,„ſie iſt Alles ge⸗ weſen, was ſie uns zu ſein verſprach, und mehr. Sie iſt das willigſte, treuherzigſte, bravſte und hülfreichſte Frauenzimmer, Musje Davchen, welches je auf Erden athmete. Nie hab' ich ſie auch nur auf'ne einzige Minute einſam und verlaſſen geſehen, nicht einmal, als die ganze Colonie vor uns lag und wir ganz neu drinne waren. Und der Gedanke an den Alten iſt ein Ding, was ihr, wie ich Sie verſichere, nie eingefallen iſt, ſeit ſie England verließ!“ „Nun zum Letzten, aber nicht zum Geringſten, zu 104 David Kopperfield. Herrn Micawber,“ ſagte ich.„Er hat alle Schulden abgezahlt, die er hier gemacht hatte— ſelbſt Traddles' Schuldverſchreibung, Du erinnerſt Dich, meine liebe Agnes— und deshalb können wir's für ausgemacht halten, daß er ſich wohl befindet. Aber was ſind die letzten Nachrichten von ihm?“ Mr. Peggotty ſteckte lächelnd ſeine Hand in ſeine Bruſttaſche und brachte ein flach zuſammengefaltetes Pa⸗ pierpäckchen zum Vorſchein, aus welchem er ſehr ſorg⸗ fältig ein kleines, wunderlich ausſehendes Zeitungsblatt nahm. „Sie müſſen wiſſen, Musje Davchen,“ ſagte er, „daß wir jetzt den Buſch verlaſſen haben und, da wir uns ſo wohl befinden, geradewegs nach Port Middlebay Harbour gezogen ſind, wo ſo ein Ding ſteht, was wir dort'ne Stadt heißen.“ „Herr Micawber war mit Ihnen im Buſche?“ fragte ich. „Ei Herrgott, freilich,“ ſagte Mr. Peggotty,„und mit welchem guten Willen machte er ſich darüber her. Nie in meinem Leben möcht' ich'nen beſſern Mann treffen, der ſich mit ſolchem guten Willen darüber her⸗ machen thäte. Ich habe ſeinen kahlen Kopf in der Sonne ſchwitzen ſehen, Musje Davchen, bis ich beinahe dachte, er würde herunterſchmelzen. Und jetzt iſt er ne Ma⸗ giſtratsperſon.“ „Eine Magiſtratsperſon, ei gar?“ ſagte ich. Mr. Peggotty zeigte auf einen gewiſſen Paragraph in der Zeitung, wo ich aus der„Port Middlebay⸗ Times“ laut Folgendes las: S. ☛„Das öffentliche Gaſtmahl zu Ehren unſeres ausgezeichneten Mitcoloniſten und Mitbürgens, des Herrn David Kopperfield. 105 Wilkins Micawber, Mitgliedes des Magiſtrats für den Diſtrict Port Middlebay, fand geſtern in dem gro⸗ ßen Saale des Hotels ſtatt, welcher bis zum Erſticken gefüllt war. Man ſchätzt die Zahl der Perſonen, welche auf ein Mal mit Eſſen verſorgt werden mußten, auf nicht weniger als ſiebenundvierzig, ungerechnet die Ge⸗ ſellſchaft im Gange und auf der Treppe. Die ſchöͤne, die modiſche und die vornehme Welt von Port Middle⸗ bay ſammelte ſich in Schaaren, um einem Manne ihre Achtung zu erweiſen, der ſo verdientermaßen geſchätzt, ſo hochbegabt und in ſo weiten Kreiſen beliebt iſt. Doctor Mell(Rector der Gelehrtenſchule Salem Houſe zu Port Middlebay) führte den Vorſitz, und zu ſeiner Rechten ſaß der ausgezeichnete Gaſt. Nachdem das Tafel⸗ tuch abgehoben war und man das Non nobis(welches vortrefflich ausgeführt wurde, und worin man unſchwer die glockenreinen Noten jenes begabten Dilettanten Wil⸗ kins Micawber junior erkannte) geſungen hatte, wur⸗ den die üblichen loyalen und patriotiſchen Toaſte noch⸗ mals ausgebracht und mit Begeiſterung aufgenommen. Doctor Mell brachte ſodann in einer Rede voll Gefühl cdie Geſundheit unſeres ausgezeichneten Gaſtes, der Zierde unſerer Stadt», aus. Möge er uns nie ver⸗ laſſen, als um ſich zu verbeſſern, und möge ihm unter uns Alles ſo wohl gelingen, daß es ihm unmöglich wird, ſich anderswo zu verbeſſern. Das Hochrufen, mit dem dieſer Toaſt aufgenommen wurde, läßt ſich nicht beſchreiben. Wieder und immer wieder erhob es ſich und ſank gleich der Welle des Oceans. Endlich ward Alles ſtill, und Herr Wilkins Micawber trat auf, um ſeinen Dank auszuſprechen. Fern ſei es von uns, in dem gegenwärtigen vergleichsweiſe unvoll⸗ kommenen Zuſtande der Hülfsquellen unſeres Etabliſſe⸗ 106 David Kopperfield. ments den Verſuch zu machen, unſerm ausgezeichneten Mitbürger durch die glatt dahinfließenden Perioden ſei⸗ ner ſchön geglätteten und reich ausgeſchmückten Rede zu folgen. Es genüge die Bemerkung, daß dieſelbe ein Meiſterſtück der Beredſamkeit war, und daß jene Stellen, in welchen er genauer ſeine eigne erfolgreiche Laufbahn bis zu ihrer Quelle ſchilderte und den jün⸗ gern Theil ſeiner Zuhörer warnte, jemals pecuniäre Verpflichtungen einzugehen, welche zu liquidiren ſie nicht im Stande ſeien, ſelbſt in das männlichſte Auge unter den Verſammelten eine Thräne brachte. Die übrigen Toaſte galten dem Doctor Mell, der Mrs. Mi⸗ rawber(welche ihren Dank durch eine anmuthige Ver⸗ beugung aus der Seitenthür ausſprach, wo als Zeugen und zugleich als Zierden des wohlthuenden Schauſpiels ein Blumenkranz ſchöner Damen auf Stühlen erhöht war), der Mrs. Ridger Begs(geborne Miß Micaw⸗ ber), der Mrs. Mell, dem Herrn Wilkins Micaw⸗ ber junior(welcher ein convulſiſches Gelächter in der Geſellſchaft hervorrief, indem er humoriſtiſch bemerkte, daß er ſich nicht im Stande ſähe, ſich in einer Rede zu bedanken, es aber mit ihrer Erlaubniß in einem Liede thun wolle), der Familie Micawber, wohl bekannt, wie nicht erſt zu bemerken nöthig, im Mutterlande u. ſ. w. u. ſ. w. Nach Beendigung dieſer Vorgänge wurden die Tiſche wie durch Zauber weggeſchafft, um Raum zum Tanzen zu gewinnen. Unter den Verehrern Terpſichorens, welche ſich ergötzten, bis der Sonnengott ſie zum Gehen mahnte, waren Herr Wilkins Micaw⸗ ber junior und die liebenswerthe und hochgebildete Miß Helena, die vierte Tochter Doctor Mells, beſonders merkwürdig.“ 1 — — „* David Kopperfield. 107 Ich ſah mich eben noch einmal nach dem Namen Doctor Mells um, erfreut, Mr. Mell, der einſt ein armer kärglich bezahlter Unterlehrer bei meiner Magiſt⸗ ratsperſon von Middleſer geweſen, in glücklicheren Ver⸗ hältniſſen zu finden, als Mr. Peggotty auf einen andern Theil der Zeitung zeigte, wo meine Augen auf meinem eignen Namen ruhten und ich Folgendes las: „An Sr. Wohlgeboren, Herrn David Kopperfield. Den berühmten Schriftſteller. Mein lieber Herr! Jahre ſind entſchwunden, ſeit ich Gelegenheit hatte, mit eignen Augen die Lineamente zu ſchauen, welche jetzt der Vorſtellungskraft eines beträchtlichen Theiles der civiliſirten Welt genau bekannt ſind. Aber mein lieber Herr, entfremdet zwar(durch Ge⸗ walt der Umſtände, über die ich keine Macht hatte) dem perſönlichen Umgange mit dem Freunde und Ge⸗ fährten meiner Jugend, bin ich doch nicht unbekannt mit ſeinem rauſchenden Auffluge. Ebenſowenig bin ich, «Ob uns auch trennten Meere breit und toſend (Burns) ausgeſchloſſen geweſen von der Theilnahme an den geiſtigen Genüſſen, die er uns bereitet hat. Ich kann deshalb nicht geſtatten, daß eine Perſon, welche wir beiderſeitig achten und ſchätzen, von dieſem Orte hier abreiſt, ohne dieſe öffentliche Gelegenheit zu ergreifen, Ihnen meinethalben, und ich darf wohl hin⸗ zufügen im Namen der geſammten Einwohnerſchaft von Port Middlebay, für die Genüſſe zu danken, deren Spender Sie ſind. Fahren Sie ſo fort, mein lieber Herr. Sie ſind hier nicht unbekannt, nicht ungeſchätzt. Obwohl cent⸗ 108 David Kopperfield. fernty, ſind wir doch weder a«freundlos», noch«ſchwer⸗ müthig, noch(erlaube ich mir hinzufügen)«langſam. Fahren Sie fort, mein lieber Herr, in Ihrem Adlers⸗ fluge. Die Einwohner von Port Middlebay dürfen wenigſtens hoffen, ihn mit Entzücken, zu ihrer Unter⸗ haltung und zu ihrer Belehrung zu beobachten! Unter den Augen, die von dieſer Gegend des Erd⸗ balls zu Ihnen emporgerichtet ſind, wird allezeit, ſo lange es Licht und Leben hat, erfunden werden das Auge, welches angehört Wilkins Micawber, Magiſtratsmitglied.“ Ich fand bei einem Blicke auf den übrigen Inhalt der Zeitung, daß Mr. Micawber ein fleißiger und ge⸗ ſchätzter Correſpondent dieſes Journals war. In dem⸗ ſelben Blatte war noch ein Brief von ihm, der eine Brücke betraf; außerdem war darin die Anzeige einer Sammlung ähnlicher Briefe von ihm, die in Kurzem in einem hübſchen Bande„beträchtlich vermehrt“ wieder veröffentlicht werden ſollten, und auch der KLeitartikel war, ich müßte denn ſehr irren, von ihm verfaßt. Wir ſprachen viel von Mr. Micawber an vielen andern Abenden, während Mr. Peggotty bei uns blieb. Er wohnte bei uns die ganze Zeit ſeiner Anweſenheit — welche, glaub' ich, etwas weniger als einen Monat dauerte— und ſeine Schweſter, ſowie meine Tante kamen nach London, ihn zu ſehen. Agnes und ich ſchieden von ihm an Bord des Schiffes, als er ab⸗ ſegelte, und wir werden auf Erden nie wieder von ihm ſcheiden. — — David Kopperfield. 109 Bevor er jedoch abreiſte, ging er mit mir nach Yarmouth, um eine kleine Tafel zu ſehen, die ich auf dem dortigen Kirchhofe zum Gedächtniſſe Hams hatte aufſtellen laſſen. Während ich die einfache Inſchrift auf ſeine Bitte für ihn abſchrieb, ſah ich ihn ſich bücken und von dem Grabe eine Hand voll Gras und ein wenig Erde ſammeln. „Für Emilchen!“ ſagte er, als er's in ſeine Bruſttaſche ſteckte.„Ich hab's ihr verſprochen, Musje Davchen.“ * Vierundſechszigſtes Kapitel. Ein letzter Rückblick. Und nun endigt meine Geſchichte, ſofern ich ſie niederſchrieb. Ich ſchaue noch ein Mal— zum letzten Male— zurück, ehe ich dieſe Blätter ſchließe. Ich ſehe mich, Agnes an meiner Seite, die Straße des Lebens entlang wallen. Ich ſehe unſere Kinder und unſere Freunde um uns, und ich höre das Ge⸗ räuſch vieler Stimmen, die mir, während ich meine Reiſe fortſetze, nicht gleichgültig ſind. Was für Geſichter ſind mir die deutlichſten in dem verſchwimmenden Getümmel? Da, dieſe hier, welche ſich mir alle zukehren, wenn ich meinen Gedanken dieſe Frage vorlege. Hier iſt meine Tante, mit einer ſchärferen Brille, eine alte Frau von mehr als achtzig Jahren, aber noch immer gerade und eine Frau. die ganz ſlott ihre ſechs Meilen auf einmal im Winterwetter geht. Allezeit mit ihr zuſammen kommt hier Peggotty, meine gute alte Wärterin, ebenfalls mit einer Brille, indem ſie gewöhnt iſt, des Nachts ſehr nahe an der Lampe ſich mit der Nadel zu beſchäftigen; nie aber ſetzt David Kopperfield. 111 ſie ſich dazu hin ohne ein Endchen Wachslicht, ein Ellen⸗ maß in einem kleinen Gehäuſe und ein Arbeitskäſtchen mit einem Bilde der St. Paulskirche auf dem Deckel. Die Wangen und Arme Peggotty's, in meiner Kinderzeit ſo hart und roth, daß ich mich wunderte, warum es die Vögel nicht vorzögen, ſie anzupicken ſtatt der Aepfel, ſind jetzt runzlig geworden, und ihre Augen, welche die ganze Umgebung in ihrem Geſichte zu verdunkeln pflegten, ſind matter(bſchon ſie noch immer glänzen); aber ihnralther Zeigefinger, bei dem ich einſt an einen Taſchennußknacker denken mußte, iſt noch ganz derſelbe, und wenn ich ſehe, wie mein klein⸗ ſtes Kind ihn erfaßt, wenn es von meiner Tante zu ihr hinwackelt, ſo denke ich an unſere kleine Wohnſtube zu Hauſe, als ich kaum laufen gelernt hatte. Der alte Verdruß meiner Tante über ihre Enttäuſchung durch meine Geburt iſt jetzt gehoben. Sie iſt Pathe einer wirklichen lebendigen Betſey Trotwood, und Dora(die Nächſte der Reihe nach) ſagt, ſie verhätſchele ſie. Es ſperrt und ſpreizt ſich etwas in der Taſche Peg⸗ gotty's. Es iſt nichts Geringeres, als das Krokodil⸗ Buch, welches jetzt in einem ziemlich zerfallenen Zuſtande iſt, indem verſchiedene von den Blättern zerriſſen und zerſtochen ſind, das Peggotty indeſſen den Kindern als koſtbare Reliquie zeigt. Ich finde es ſehr eigenthümlich, mein eignes Kindergeſicht, wie es mich von den Krokodil⸗ geſchichten anſchaut, zu erblicken, und dadurch an meinen alten Bekannten Brooks von Sheffield erinnert zu werden. Unter meinen Knaben ſehe ich während dieſer Som⸗ merferien einen alten Mann rieſige Drachen verfertigen und ihnen dann in die Luft mit einer Wonne nach⸗ blicken, für welche es keine Worte giebt. Er grüßt mich entzückt und flüſtert mir mit öfterem Nicken und Augen⸗ 112 David Kopperfield. zwinkern zu:„Trotwood, Sie werden mit Vergnügen hören, daß ich die Denkſchrift vollenden werde, ſobald ich nichts weiter zu thun habe, und daß Ihre Tante die alleraußerordentlichſte Frau in der Welt iſt.“ Wer iſt dieſe gebeugte Dame, die ſich auf einen Stock ſtützt und mir ein Antlitz zeigt, in welchem ſich noch einige Spuren einſtigen Stolzes und ehemaliger Schön⸗ heit finden, welche matt mit einem kläglichen, ſchwach⸗ ſinnigen, verdrießlichen Irren des Geiſtes kämpfen? Sie iſt in einem Garten, und neben ihr ſteht ein biſſig ausſehendes, dunkelhaariges, verblühtes Frauenzimmer mit einer weißen Schramme auf der Lippe. Wollen mal hören, was ſie ſagen. „Roſa, ich habe den Namen dieſes Herrn vergeſſen.“ Roſa beugt ſich über ſie und ruft ihr zu:„Herr Kopperfield.“ „Freue mich, Sie zu ſehen, mein Herr. Ich be⸗ merke mit Bedauern, daß Sie Trauer tragen. Ich hoffe, die Zeit wird Ihnen gut thun.“ Und ihre ungeduldige Begleiterin zankt auf ſie, ſagt ihr, daß ich keine Trauer trage, heißt ſie mich noch einmal anſehen, verſucht es, ſie zu Vernunft zu bringen. „Sie haben meinen Sohn geſehen,“ ſagt die ältere Dame,„ſind Sie verſöhnt miteinander?“ Ihre Augen feſt auf mich heftend, legt ſie ihre Hand an ihre Stirn und ächzt. Plötzlich ſchreit ſie mit ſchreck⸗ licher Stimme auf:„Roſa, komm zu mir, er iſt todt!“ Roſa kniet zu ihren Füßen und umſchmeichelt ſie bald, bald zankt ſie auf ſie, indem ſie ihr jetzt ingrim⸗ mig ſagt:„Ich hab' ihn lieber gehabt wie Sie!“— jetzt wieder ſie wie ein krankes Kind in Schlaf lullt. So verlaſſe ich ſie, ſo finde ich ſie ſtets, ſo ſchleppen ſie ihr Leben hin von Jahr zu Jahr. David Kopperfield. 113 Was kommt da für ein Schiff von Indien heim⸗ geſegelt, und was iſt das für eine engliſche Dame, die an einen alten ſchottiſchen Kröſus mit großen Klappen von Ohren verheirathet iſt? Kann das Julia Mills ſein? Ja wohl iſt es Julia Mills, launiſch und zimperlich, mit einem ſchwarzen Bedienten, der ihr Karten und Briefe auf einem goldenen Präſentirteller überbringt, und einem kupferfarbigen Frauenzimmer in weißer Leinwand, ein hellfarbenes Tuch um den Kopf gewunden, um ihre Tif⸗ fin in ihrem Ankleidezimmer zu bedienen. Aber Julia führt in dieſen Tagen kein Tagebuch mehr, ſingt nie „Der Liebe Klagelied“ mehr, zankt ſich fortwährend mit dem alten ſchottiſchen Kröſus, welcher eine Art gelber Bär mit einer gegerbten Haut iſt. Julia ſteckt im Gelde bis an den Hals und ſpricht und denkt nichts Anderes. Mir gefiel ſie beſſer in der Wüſte Sahara. Oder vielleicht iſt dieſes die Wüſte Sahara. Denn obwohl Julia ein ſtattliches Haus hat und gewaltige Geſellſchaft bei ſich ſieht und alle Tage verſchwenderiſche Gaſtmähler giebt, ſehe ich kein Hälmchen Grünes um ſie ſprießen und nichts, was zu Frucht oder Blüthe gelangen könnte. Was Julia„Geſellſchaft“ nennt, ſehe ich; unter ihnen Mr. Jack Maldon, der von ſei⸗ nem durch ein erkauftes Patent erlangten Platze höh⸗ niſch über die Hand lächelt, die es ihm verlieh, und zu mir vom Doctop als„ſo bezaubernd altmodiſch“ ſpricht. Aber wenn das Wort Geſellſchaft der Name für ſolche hohle Herren und Damen iſt, Julia, und wenn man als das Erkennungszeichen der dazu Gehörigen Gleichgültigkeit gegen Alles, was die Menſchheit vor⸗ wärts oder rückwärts bringen kann, bezeichnet, ſo glaube ich, wir haben uns in derſelben Wüſte Sahara verwirrt und thäten beſſer, zuzuſehen, wie wir uns herausfänden. David Kopperfield. X. 8 114 David Kopperfield. Und ſiehe da, der Doctor, ſtets unſer guter Freund, fleißig mit ſeinem Wörterbuche(etwa um den Buch⸗ ſtaben D herum) beſchäftigt und glücklich in ſeinem Haus⸗ halte und mit ſeiner Gattin. Ebenſo der Alte Soldat, auf beträchtlich reducirtem Fuße und durchaus nicht mehr ſo einflußreich als in der alten Zeit. Zuletzt komme ich zu meinem lieben alten Freunde Traddles. Er arbeitet in ſeiner Wohnung im Tempel und hat das Ausſehen Jemandes, der ſehr beſchäftigt iſt, und ſeine Haare ſind(wo ſie nicht einer Glatze Platz gemacht haben) durch die ſtete Reibung ſeiner Ad⸗ vocatenperrücke aufſtändiſcher wie je gemacht worden. Sein Tiſch iſt mit dicken Säulen von aufgeſtapelten Papieren bedeckt, und ich ſage, indem ich mich umſehe: „Wenn Sophie jetzt Dein Schreiber wäre, Tradd⸗ les, ſo würde ſie genug zu thun haben.“ „Da kannſt Du Recht haben, mein lieber Kopper⸗ field! Aber es waren doch auch ſchöne Tage damals in Holborn Court. Oder etwa nicht?“ „Du meinſt, damals, wo ſie ſagte, Du würdeſt zum Richter ernannt werden? Aber freilich, damals war's nicht Stadtgeſpräch.“ „Auf jeden Fall werde ich,“ ſagt Traddles,„ſollte ich je einer werden—“ „Tauſend, Du weißt ja, daß Du's wirſt.“ „Nun denn, mein lieber Kopperfield, ſobald ich einer bin, werde ich die Geſchichte erzählen, wie ich ge⸗ ſagt habe.“ Wir gehen fort, Arm in Arm. Ich bin im Be⸗ griffe, bei Traddles an einem Familienſchmäuschen Theil zu nehmen. Es iſt Sophiens Geburtstag, und auf unſerm Wege unterhält ſich Traddles mit mir über das glückliche Fortkommen, deſſen er ſich erfreut hat. ₰ David Kopperfield. 115 „Ich bin Dir wirklich im Stande geweſen, mein lieber Kopperfield, Alles zu thun, was mir beſonders⸗ am Herzen lag. Sr. Chrwürden, Herr Horace, iſt zu der Stelle von vierhundertfünfzig Pfund jährlich aufge⸗ rückt; unſere zwei Jungen erhalten die allerbeſte Erziehung und zeichnen ſich als tüchtige Schüler und gute Burſchen aus; drei von den Mädchen ſind ſehr behaglich verheirathet; drei andere leben bei uns; noch drei andere führen ſeit dem Hinſcheiden der Madame Crewler dem Herrn Horace die Wirthſchaft, und alle miteinander ſind glücklich.“ „Ausgenommen—“ helfe ich ihm ein. „Ausgenommen die Schönheit,“ ſagt Traddles. „Ja. Es war ein rechtes Unglück, daß ſie gerade ſolch einen Strolch heirathen mußte. Aber es war ſo etwas Flottes und Flimmerndes um ihn herum, das ſie berückte. Indeſſen ſeit wir ſie ſicher in unſerm Hauſe haben und ſeiner losgeworden, müſſen wir ſie wieder aufheitern.“ Das Haus, welches Traddles innehat, iſt eines jener ſelben Häuſer— oder es kann wenigſtens ſehr leicht eines geweſen ſein— die er und Sophie dereinſt bei ihren abendlichen Spaziergängen ſich auszuſuchen pflegten. Es iſt ein geräumiges Haus, aber Traddles verwahrt ſeire Papiere in ſeinem Ankleidezimmer und ſeine Stiefan bei ſeinen Papieren, und er und Sophie quetſchen ſich in die Stuben des obern Geſtocks, und laſſen die beſten Schlafzimmer der Schönheit und den übrigen Mädchen. Es iſt kein Raum zu ſparen in dem Hauſe; denn es ſind noch mehr von„den Mädels“ hier (und zwar ſtets in Folge dieſen oder jenen Ereigniſſes hier), als ich zu zählen und zu nennen wüßte. Hier iſt, als wir eintreten, ein ganzer Haufe der⸗ ſelben, und ſie kommen heruntergelaufen und geben Traddles herum zum Abküſſen, bis er ganz außer 116 David Kopperfield. Athem iſt. Hier hat ſich für alle Zeit die arme Schön⸗ heit niedergelaſſen, eine Wittwe mit einem kleinen Mäd⸗ chen; hier bei Tiſche zu Sophiens Geburtstage ſind die drei verheiratheten Mädchen mit ihren drei Männern und einem Bruder des einen Mannes und dem Vetter des andern Mannes, und eines dritten Mannes Schwe⸗ ſter, die mir mit dem Vetter verlobt zu ſein ſcheint. Traddles, derſelbe einfache ungezwungene Burſche, der er allezeit war, ſitzt am Ende des Tiſches wie ein Erz⸗ vater, und Sophie ſtrahlt auf ihn vom oberſten Sitze über eine Tiſchfläche weg, die mit funkelnden Geräthen bedeckt i*ſt, welche ſicherlich nicht von Britannia⸗Metall ſind. Und jetzt, wo ich meinen Wunſch, noch weiter dabei zu verharren, unterdrückend, meine Aufgabe beſchließe, ſchwinden dieſe Geſichter hinweg. Aber ein Antlitz, das gleich einem himmliſchen Lichte auf mich ſtrahlt, bei dem ich alle die andern Gegenſtände ſehe, iſt über ihnen und geht mir über ſie alle. Und dieſes bleibt zurück. Ich wende mein Haupt und ſehe es in ſeiner heiteren Schöne neben mir. Meine Lampe brennt düſter, und ich habe tief in die Nacht hineingeſchrieben, aber das theure Weſen, ohne welches ich nichts wäre, leiſtet mir Geſellſchaft. Oh Agnes, oh meine Seele, ſo möge Dein Antlitz bei mir ſein, wenn ich dereinſt in Wahrheit mein Leben ſchließe; ſo möge ich Dich, wenn die wirklichen Dinge und Perſonen vor mir zergehen wie jetzt die Schatten⸗ gebilde, die ich nun von mir entlaſſe, Dich noch neben mir finden nach droben zeigend! Ende. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. — —=