— Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ð„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dieſe Nacht um 1 Uhr erhielt ich die Nachricht, daß zwiſchen Herrn Henri von Faverne und Herrn Olivier d'Hornoy ein Duell ſtatt finden ſolle und der Letztere mich bitten laſſe, ſie auf den Ort des Stelldicheins zu begleiten. Ich begab mich präeis 3 Uhr in ſeine Wohnung. Um 6 Uhr befanden wir uns in der Allee des Jagdhäuschens, dem Ort der Zuſammenkunft. Um ein Viertel auf ſieben Uhr fiel Herr Heinrich von Faverne von einem Degenſtich getroffen nieder. Ich eilte ſogleich zu ihm, während Olivier und ſeine Zeugen wie⸗ der ihren Wagen beſtiegen und nach Paris zurückfuhren. Der Ver⸗ wundete war ohnmächtig. Die Unterſuchung der Wunde ergab in der That, daß ſie, wenn auch nicht tödtlich, doch ſehr gefährlich war. Die dreieckige Spitze des Degens war in der rechten Seite eingedrungen und auf der linken Seite mehrere Zoll weit herausgekommen. Ich wandte ſogleich einen Aderlaß an. Ich hatte dem Kutſcher geſagt, bei der Rückkehr die Avenue von Nruilly und der eliſäiſchen Felder einzuſchlagen, erſtens weil dieſer Weg der kürzere war und dann, weil der Wagen hier fortdauernd 13. 1 bo auf ebner ungepflaſterter Erde fortrollen konnte und daher dem Ver⸗ wundeten weniger Schmerzen machte. Als wir in der Nähe des Triumphbogens ankamen, gab Herr von Faverne einige Lebenszeichen; ſeine Hand bewegte ſich, ſchien die Stelle eines heftigen Schmerzes zu ſuchen und drückte ſich auf die Bruſt. Zwei oder drei erſtickte Seufzer, die das Blut aus ſeiner doppel⸗ ten Wunde ſtrömen ließen, entſchlüpften ſeinem Munde. Endlich öff⸗ nete er die Augen, blickte ſeine beiden Zeugen an, heftete dann ſeinen Blick auf mich, erkannte mich und murmelte mit einiger An⸗ ſtrengung: „Ach, Sie ſind es, Doctor? Ich bitte Sie, verlaſſen Sie mich nicht; ich fühle mich ſehr ſchlecht.“ Nach dieſen Worten ſchloß er, erſchöpft von der Anſtrengung, ſeine Augen wieder und ein leichter röthlicher Schaum befeuchtete ſeine Lippen. Ich nahm daraus ab, daß ſeine Lunge verletzt ſei. „Sein Sie ruhig, ſagte ich ihm; Sie ſind zwar ſchwer verwun⸗ det, aber die Wunde iſt nicht tödtlich.“ Er antwortete mir nicht, öffnete die Augen nicht, aber ich fühlte, daß er mir ſchwach die Hand drückte, mit der ich ſeinen Puls befühlte. So lange der Wagen auf der Erde hinrollte, ging Alles gut; aber als wir an den Revolutionsplatz kamen, mußte der Kutſcher das Pflaſter nehmen und die Stöße des Wagens ſchienen dem Kranken Schmerzen zu machen, daß ich ſeine Sckundanten fragte, ob Einer von ihnen nicht in der Nähe wohne, um dem Verwundeten den Weg zu erſparen, der ihm noch bis zur Straße Taitbout übrig blieb. Doch bei dieſer Frage, die Herr von Faverne trotz ſeiner ſchein⸗ baren Bewußtloſigkeit hörte, rief er: „Nein, nein! In meine Wohnung.“ Ueberzeugt, daß die Gemüthsunruhe die Wunde nur gefährlicher 3 machen müſſe, gab ich jetzt meine erſte Idee auf und ließ den Kuiſcher ſeinen Weg fortſetzen. Nach zehn angſtvollen Minuten, während denen ich bei jedem Stoß das Geſicht des Verwundeten ſich ſchmerzlich zuſammen ziehen ſah, kamen wir in der Straße Taitbout Nr. 11 an. Herr von Faverne bewohnte das erſte Stockwerk. Einer der Serundanten ſtieg hinauf, die Diener zu rufen, damit fie uns beim Hinauftragen ihres Herrn behülflich ſein ſollten. Zwei Lakaien in glänzender, reich galonnirter Livrée kamen herab. Ich bin gewohnt, die Menſchen nicht blos nach ſich ſelbſt, ſon⸗ dern auch nach ihren Umgebungen zu beurtheilen. Ich beobachtete alſo dieſe beiden Diener. Keiner von Beiden zeigte für den Verwun⸗ deten das geringſte Intereſſe. Es war klar, daß ſie erſt ſeit kurzem im Dienſte des Herrn von Faverne waren, und daß der Dienſt ihnen für ihren Herrn keine Theilnahme eingeflößt hatte. Wir durchſchritten eine Reihe von Zimmern, die mir reich möb⸗ lirt ſchienen, doch konnte ich ſie nicht genauer muſtern. Endlich kamen wir in ein Schlafzimmer; das Bett war noch ungemacht, wie es der Beſitzer verlaſſen hatte. An der Tapete über dem Kopfkiſſen hingen im Bereich des Armes zwei Piſtolen und ein türkiſcher Dolch. Wir, die beiden Diener und ich, legten den Verwundeten auf das Bett, denn die Secundanten waren, weil ſie ihre Gegenwart als nutzlos betrachteten, ſchon hinweggegangen. Als ich ſah, daß die Wunde nicht mehr blutete, legte ich einen Verband an. Als dies geſchehen war, gab der Verwundete den Dienern einen Wink, ſich zu entfernen, und wir blieben allein. Ungeachtet der geringen Theilnahme, die ich bis jetzt für Herrn von Faverne empfunden, ungeachtet des Widerwillens, der mich ſogar 1* für ihn erfaßt hatte, dauerie mich doch die einſame Lage, in der ich ihn ſah. Ich blickte um mich, heftete beſonders mein Auge auf die Thüre, in der Erwartung, es ſollte ſich irgend Jemand zeigen, aber meine Hoffnung ward nicht erfüllt. Demungeachtet konnte ich nicht länger bei ihm bleiben, mein Beruf rief mich an andere Orte. Es war halb acht Uhr und um acht Uhr ſollte ich in der Charits ſein. „Haben Sie Niemand zu Ihrer Pflege? fragte ich ihn. — Niemand! antwortete er mit dumpfer Stimme. — Sie haben keinen Vater, keine Mutter, keine Verwandte? — Niemand. — Keine Geliebte?“ Er iie ſeufzend den Kopf und ſchien den Namen Louiſe zu murmeln, aber dieſer Name war ſo undeutlich, daß ich zweifelhaft blieb. „Aber ſo kann ich Sie nicht laſſen, nahm ich wieder das Wort. — Schicken Sie mir eine Krankenwärterin, ſtammelte der Ver⸗ wundete, und ſagen Sie ihr, daß ich ſie gut bezahlen will.“ Ich ſtand auf, um zu gehen. „Sie gehen ſchon? fragte er. — Ich muß, entgegnete ich; ich habe meine Kranken. Wenn ſie reich wären, hätte ich vielleicht das Recht ſie warten zu laſſen, aber es ſind Arme, ich muß pünktlich ſein. — Sie kommen aber noch im Laufe des Tages wieder, nicht wahr? — Ja, wenn Sie es wünſchen. — Gewiß, Doctor! Und ſo bald als möglich, nicht wahr? — So bald als möglich. — Sie verſprechen es mir — Ich verſpreche es. —,— ——————————— — So gehen Sie.“ Ich that zwei Schritte gegen die Thür; der Verwundete machte eine Bewegung, als wolle er mich zurückhalten und den Mund öffnen. „Was wünſchen Sie?“ fragte ich ihn. Er ließ ſeinen Kopf auf ſein Kiſſen zurückſinken, ohne mir zu antworten. Ich näherte mich ihm. „Sprechen Sie, fuhr ich fort, und wenn es in meiner Macht ſteht, Ihnen irgend einen Dienſt zu leiſten, ſo werde ich es thun.“ Er ſchien einen Entſchluß zu faſſen. „Sie haben mir geſagt, meine Wunde ſei nicht tödtlich. — Das habe ich geſagt. — Können Sie mir dafür ſtehen? — Ich glaube es; doch wenn Sie irgend eine Anordnung zu treffen haben.... — Das heißt, nicht wahr? es wäre möglich, ich könne plötzlich ſterben?“ Er wurde bläſſer, als er geweſen, und ein kalter Schweiß perlte an den Spitzen ſeiner Haare. „Ich habe Ihnen geſagt, daß die Wunde nicht tödtlich, zugleich aber, daß ſie ſehr gefährlich ſei. — Mein Herr, ich kann Vertrauen in Ihr Wort haben, nicht wahr? — Man darf von denen nichts verlangen, an denen manzweifelt. — Nein, nein, ich zweifle nicht an Ihnen. Hier, fügte er hinzu, indem er mir einen Schlüſſel reichte, den er von einer Kette los machte, die um ſeinen Hals hing. Oeffnen Sie mit dieſem Schlüſſel jenen Seeretair.“ Ich that, was er verlangte. Er ſtützte ſich auf ſeinen Ellbogen. Alles, was noch von Leben in ihm war, hatte ſich in ſeinen Augen concentrirt. „In jenem Schubfach rechts ſehen Sie ein Portefeuille? ſagte er. — Hier iſt es. — Es enthält Familienpapiere, die nur für mich Wichtigkeit haben. Doetor, ſchwören Sie mir, wenn ich ſterben ſollte, dieſes Portefeuille ins Feuer zu werfen.. — Ich verſpreche es. — Ohne den Inhalt der Papiere zu unterſuchen. — Es iſt ja verſchloſſen. — O, das Schloß eines Portefeuille iſt leicht zu öffnen.“ Ich legte das Portefeuille zurück, wo ich es gefunden. Obgleich ſein Wort eine Beſchimpfung war, ſo flößte ſie mir doch mehr Ekel als Zorn ein. Der Kranke ſah, daß er mich verletzt hatte. „Verzeihung, ſagte er, tauſend Mal Verzeihung. Der Aufenthalt in den Colonien hat mich mißtrauiſch gemacht. Dort weiß man nie, mit wem man ſpricht. Verzeihen Sie mir; nehmen Sie das Porte⸗ feuille wieder und verſprechen Sie mir, es zu verbrennen, wenn ich ſterben ſollte. — Zum zweiten Mal, ich verſpreche es. — Dank. — Iſt das Alles? — Befinden ſich nicht in demſelben Fache mehrere Banknoten? — Ja, zwei zu tauſend und drei zu fünfhundert Franes. — Haben Sie die Gefälligkeit, ſie ner zu geben, Doctor.“ Ich nahm die fünf Banknoten und reichte ſie ihm hin. Er zer⸗ drückte ſie in ſeiner Hand, machte aus ihnen eine runde Kugel und verbarg ſie unter ſein Kopfkiſſen. „Dank, ſagte er, erſchöpft von der Anſtrengung, die er gemacht hatte.“ Dann ließ er ſich auf ſein Kopftiſſen hinſinken und murmelte: Ach, Doctor, ich glaube, ich ſterbe!... Doetor, retten Sie 7 mich und die fünf Banknoten, das Doppelte, das Dreifache, wenn es ſein muß, gehören Ihnen. Ach!“. Ich ging zu ihm, er lag von neuem in einer Ohnmacht. Ich klingelte einem Diener, während ich den Verwundeten an ein Fläſchchen mit flüchtigem Salz riechen ließ. Nach einigen Augenblicken fühlte ich an der Bewegung ſeines Pulſes, daß er wieder zu ſich kam. „Nein, murmelte er; für dies Mal iſt es noch nicht!“ Dann öffnete er die Augen, blickte zu mir auf und ſagte:„Dank, Doctor, daß Sie mich nicht verlaſſen haben. — Doch jetzt, nahm ich das Wort, jetzt muß ich gehen. — Ja, aber Sie kommen bald wieder. — Um Mittag bin ich wieder bei Ihnen. — Und glauben Sie, daß bis dahin Gefahr wäre? — Ich glaube es nicht. Wenn das Eiſen ein edleres Organ ver⸗ letzt hätte, wären Sie jetzt ſchon todt. — Und Sie ſchicken mir eine Wärterin? — Sogleich. Bis dahin wird Ihr Diener bei Ihnen bleiben können. — Gewiß, ſagte der Lakai; ich kann bei dem Herrn bleiben. — Nein, nein! rief der Verwundete. Geht zu Eurem Kamera⸗ den! geht, ich wünſche zu ſchlafen und wäret Ihr hier, würdet Ihr mich hindern.“ Der Diener ging. „Es iſt nicht klug, alleibzu bleiben, ſagte ich zu ihm. — Iſt es nicht noch unkluger, nahm er das Wort, einen Schur⸗ ken bei mir zu haben, der mich ermorden kann, um mich zu beſteh⸗ len? Das Loch iſt gemacht, man kann das Herz finden, das mein Gegner verfehlt hat.“ Ich erſchrak vor der Idee, die dieſen Menſchen erfaßt hatte. Was war mit ihm geſchehen, daß ſolche Gedanken ihn heimſuchten? 8 „Nein, fügte er hinzu, nein, im Gegentheil, ſchließen Sie mich ein, nehmen Sie den Schlüſſel an ſich, geben Sie ihn der Wärterin und empfehlen Sie ihr, mich weder Tag noch Nacht zu verlaſſen. Es iſt eine ehrliche Frau, nicht wahr? — Ich ſtehe für ſie. — Wohlan, gehen Sie! Auf Wiederſehen... zu Mittag! — Zu Mittag!“ Ich ging und befolgte ſeine Anweiſungen. Ich ſchloß ihn ein. „Zwei Mal herum! ſchrie er. Zwei Mal!“ Ich drehte den Schlüſſel noch ein Mal herum. „Dank!“ ſagte er mit ſchwacher Stimme. Ich entfernte mich. „Euer Herr will ſchlafen! ſagte ich zu den Dienern, die im Vorzimmer lachten, und da er fürchtet, Ihr möchtet ungerufen zu ihm eintreten, hat er mir den Schlüſſel für die Wärterin übergeben, die ich herſchicken werde.“ Die Diener ſahen ſich mit einem ſonderbaren Blicke an, antwor⸗ teten aber nichts. 2 Der Kranke. Ich ging. Fünf Minuten ſpäter war ich bei einer trefflichen Kran⸗ kenpflegerin, der ich meine Inſtruktionen gab und die ſogleich in die Wohnung des Herrn Heinrich von Faverne ſich auf den Weg machte. Am Mittag kam ich wieder, wie ich verſprochen hatte. Er ſchlief noch. Einen Augenblick war ich Willens, meine Krankenbeſuche fort⸗ zuſetzen und ſpäter wieder zu kommen; doch er hatte der Wärterin ſo dringend empfohlen, mich, wenn ich käme, zu bitten, ſein Erwa⸗ chen zu erwarten, daß ich mich in den Salon ſetzte, auf die Gefahr ——. 9 hin, eine halbe Stunde von der für einen Arzt immer ſehr koſtbaren Zeit zu verlieren. Ich benutzte dieſe Zeit, einen Blick um mich her zuwerfen und wo möglich durch den Anblick der äußern Gegenſtände mir eine be⸗ ſtimmte Anſicht von dieſem Menſchen vollends zu bilden. Beim erſten Anblick boten alle dieſe Gegenſtände das Bild voll⸗ ſtändiger Eleganz; erſt wenn man das Gemach genauer betrachtete, erkannte man die Geſchmackloſigkeit, die Allem zum Grunde lag. Die Teppiche waren von hellen Farben und gehörten zu den ſchönſten, die aus den Magazinen von Sallandrouze hervorgegangen waren; ſie ſtimmten aber nicht zu der Farbe der Tapeten und der Meublen. Ueberall herrſchte das Gold vor; die Verzierungen der Thüren und der Decke waren vergoldet, goldne Franzen hingen an den Vor⸗ hängen und die Tapeten verſchwanden unter der Menge vergoldeter Rahmen, welche die Wände bedeckten, doch ſie enthielten Kupferſtiche zu 20 Franes oder ſchlechte Kopien von Meiſterwerken, die man wahrſcheinlich dem unwiſſenden Käufer für Originale verkauft hatte. Vier Etageren erhoben ſich in den vier Ecken des Salons, aber miiten unter einigen ziemlich koſtbaren chineſiſchen Spielereien machte ſich elfenbeinernes Schnitzwerk von Dieppe und modernes Porcellan von ſo grober Arbeit breit, daß ſie nicht einmal den Glauben auf⸗ kommen ließen, ſie hätten ſich als die Seltſamkeiten ſächſiſcher Fabrik hier eingeſchlichen. Die Stutzuhr und der Candelaber waren in demſelben Geſchmack und ein mit prächtig eingebundenen Büchern beladener Tiſch vervoll⸗ ſtändigte das Ganze, indem er den ziemlich gemeinen Geſchmack in der Lectüre des Herrn des Hauſes verrieth. Alles war neu und ſchien höchſtens ſeit drei oder vier Monaten gekauft zu ſein. Ich war mit dieſer Unterſuchung eben fertig, die mir nichts Neues gelehrt, wohl aber mich in der Meinung beſtätigt hatte, daß ich mich bei irgend einem vor Kurzem reich Gewordenen befinde, deſſen Ge⸗ ſchmack mangelhaft und dem es gelungen wäre, wohl den äußern Schein, nicht aber die Wirklichkeit eines eleganten Lebens um ſich zu vereinigen, als die Wärterin kam und mir ſagte, daß der Verwun⸗ dete aufgewacht ſei. Ich ging ſogleich aus dem Salon in das Schlafzimmer. Da wurde meine Aufmerkſamkeit ganz von dem Kranken in Anſpruch ge⸗ nommen. Beim erſten Blick bemerkte ich, daß ſein Zuſtand ſich nicht verſchlimmert habe, im Gegentheil die Symptome fortfuhren, ſich günſtig zu zeigen. Ich beruhigte ihn alſo, denn ſeine Beſorgniſſe waren noch immer dieſelben und das Fieber, das ihn ergriffen, ſteigerte ſie zu einer Schwäche, die an einem Manne peinlich zu ſehen war. Wie hatte dieſer ſchwache Menſch den Muth finden können, einen Mann zu inſultiren, wie Olivier, der ſeiner Uebung in der Fechtkunſt wegen bekannt war, noch mehr, wie hatte er beim Dulll ſich ſo betragen können, wie er es gethan? Es war ein Geheimniß, deſſen Grund entweder eine höchſt ſchlaue Berechnung oder ein ungemeſſener Zorn ſein nußte. Doch, dachte ich, das würde ſich für mich eines Tages ſton aufklären; wenig Geheimniſſe bleiben dem Arzte für immer verborgen. Weniger beſorgt um ſeinen Zuſtand, konnte ich jetzt ſeine Perſon beobachten. Sie war, wie ſeine Wohnung, ein Gemiſch von Ano⸗ malien. Alles was die Kunſt an ihm hatte ariſtveratiſch machen können, war bis zu einem gewiſſen Grade elegant und vornehm; ſein ſand⸗ gelbes Haar war nach der Mode geſchnitten, ſein dünner Backenbart modiſch geordnet. Aber die Hand, die er mir reichte, damit ich den Puls befühlen könne, war gemein; die Pflege, die er ihr erſt ſeit kurzer Zeit ge⸗ 44 widmet, hatte die angeborne Plumpheit nicht verbeſſern können; ſeine Nägel waren ſchlecht beſchnitten, benagt, gemein; und an ſeinem Bette zeigten die Stiefeln, die er an dieſem Morgen noch getragen, daß ſein Fuß, wie ſeine Hand, von ganz plebejiſchem Urſprung ſei. Wie ich ſchon ſagte, der Verwundete hatte das Fieber und doch hatte dieſes Fieber, obgleich es ziemlich heftig war, ſeinen Augen kaum einigen Ausdruck geben können; ſie ruhten, wie ich bemerkte, faſt nie feſt auf einem Menſchen oder einer Sache, dagegen war ſein Wort von außerordentlicher Lebendigkeit und Beweglichkeit. „Ach, da ſind Sie ja, lieber Doctor, ſagte er mir. Nun, Sie ſehen, ich bin noch nicht todt und Sie ſind ein großer Prophet; aber bin ich außer Gefahr, Doctor? Der verfluchte Degenſtich! Er war trefflich gerichtet. Er thut wohl in ſeinem Leben nichts weiter als fechten, dieſer Haudegen und Verläumder, der ſchändliche Olivier? — Verzeihung, mein Herr, ſagte ich zu ihm, ihn unterbrechend; ich bin der Arzt und Freund des Herrn von Hornoy. Ihn habe ich zum Duell begleitet, nicht Sie. Ich kenne Sie erſt ſeit dieſem Mor⸗ gen, und ihn ſeit zehn Jahren. Sie begreifen alſo, wenn Sie fort⸗ fahren auf dieſe Weiſe von ihm zu reden, ſo würde ich genöthigt ſein, Sie zu bitten, ſich an einen meiner Collegen zu wenden. — Wie, Doctor, rief der Verwundete, Sie wollten mich in dem Zuſtande, in dem ich bin, verlaſſen? Das wäre abſcheulich. Und Sie bedenken nicht, daß Sie wenig Patienten finden werden, die Sie bezahlen wie ich. — Mein Herr— — O ja, ich weiß, Ihr ſpielt alle die Uneigennützigen; und wenn es am Ende, wie man zu ſagen pflegt, zum Treffen kommt, ſo wißt Ihr Eure Rechnungen recht gut zu machen. — Es iſt möglich, mein Herr, daß dieſer Vorwurf auf einige meiner Collegen anwendbar iſt; doch was mich betrifft, werde ich Ihnen beweiſen, daß die Habgier, die Sie meinen Collegen vorwer⸗ fen, nicht mein herrſchender Fehler iſt, indem ich meine Beſuche nicht über den durchaus nothwendigen Zeitraum hinaus verlängere. — Ei, Doctor, ſind Sie böſe? — Nein, ich antworte nur auf das, was Sie mir ſagen. — Sie müſſen auf das, was ich ſage, nicht zu ſehr achten. Sie wiſſen ja, wir Edelleute ſagen manches übereilte Wort, ohne es böſe zu meinen. Verzeihen Sie mir alſo.“ Er reichte mir die Hand. Ich verbeugte mich. „Ich habe bereits Ihren Puls befühlt, ſagte ich, er iſt ſo gut, wie er nur ſein kann. — Ei, ei, antwortete er mir, Sie tragen es mir immer noch nach, daß ich Böſes von Herrn Olivier geſagt habe? Er iſt Ihr Freund, ich hatte Unrecht; aber es iſt ja ganz natürlich, daß ich erzürnt gegen ihn bin, wenn ich auch den Stich nicht beachte, den er mir gegeben. — Und den Sie auf eine Weiſe bei ihm ſuchten, daß er es Ihnen nicht verweigern konnte, antwortete ich. Geſtehen Sie es nur. — Nun ja, ich habe ihn inſultirt; aber ich wollte mich mit ihm ſchlagen und wenn man manche Leute zum Duell bringen will, muß man ſie ordentlich inſultiren.... Verzeihung, Doctor, wollten Sie wohl die Gefälligkeit haben zu klingeln?“ Ich zog die Flingelſchnur, ein Diener trat ein. „Hat man ſich von Seiten des Herrn von Marartin nach meinem Befinden erkundigt? fragte der Kranke. — Nein, Herr Baron, antwortete der Lakai. — Das iſt ſonderbar!“ murmelte der Kranke, ſichtbar verletzt über dieſen Mangel an Theilnahme. Es trat ein Stillſchweigen ein, während deſſen ich eine Bewe⸗ gung machte, um meinen Rohrſtock zu ergreifen. „Sie wiſſen, was mir Ihr Freund Olivier gethan hat? begann mein Patient endlich wieder. 13 — Nein, ich habe nur von einigen Worten gehört, die er von Ihnen im Clubb geſagt habe. Iſt es nicht ſo? — Er hat mir eine herrliche Partie zerſchlagen, oder vielmehr zerſchlagen wollen; ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, ſchön wie die Liebe und fünfzigtauſend Livres Renten, weiter nichts. — Und wie hat er dieſe Partie Ihnen vereiteln können? — Durch ſeine Verläumdungen, Doctor. Er ſagte, er kenne Niemanden meines Namens in Guadaloupe, und doch beſitzt mein Vater, der Graf von Faverne, daſelbſt ein Gebiet von zwei Stunden im Umfang, eine herrliche Plantage mit dreihundert Schwarzen.. Doch ich habe an Herrn von Malpas, den Gouverneur, zristu und in acht Wochen werden die Papiere da ſein. Dann wird man ſehen, wer von uns Beiden gelogen hat. — Olivier kann ſich geirrt haben, mein Herr, gelogen hat er nicht. — Und doch iſt er die Urſache, daß derjenige, der mein Schwie⸗ gervater werden ſollte, ſich nicht nach meinem Befinden erkundigen läßt. Sehen Sie wohl? — Er weiß vielleicht nicht, daß Sie ſich geſchlagen haben. — Er weiß es recht gut, denn ich habe es ihm geſtern geſagt. — Sie haben es ihm geſagt? — Ja wohl. Als er mir das wiederſagte, was Herr Olivier über mich geäußert hatte, ſagte ich ihm:— Ach, iſt es ſo? Nun, noch dieſen Abend werde ich Händel mit dieſem trefflichen Herrn Olivier ſuchen und man wird ſehen, ob ich Furcht habe.“ Jetzt begann ich den en icklichen Muth meines Kranken zu begreifen. Es war ein Kapital, das hundert Procent einbringen ſollte. Ein Duell konnte ihm eine hübſche Frau und fünfzigtauſend Livres Renten verſchaffen und er hatte ſich geſchlagen. Ich ſtand auf. „Wann ſehe ich Sie wieder, Doctor? fragte er. — Morgen werde ich den Verband abnehmen, entgegnete ich. — Doctor, wenn man in Ihrer Gegenwart von dem Dulll ſpricht, ſo werden Sie hoffentlich ſagen, daß ich mich gut gehalten habe. — Ich werde ſagen, was ich geſehen habe, mein Herr. — Der ſchändliche Olivier! murmelte der Verwundete. Ich hätte hunderttauſend Franes geben mögen, um ihn auf dem Flecke zu ermorden. — Wenn Sie reich genug ſind, um mit hunderttauſend Franes den Tod eines Menſchen zu bezahlen, antwortete ich, ſo kann Sie der Verluſt einer Partie nicht ſehr ſchmerzen, die nur fünßzigtauſend Franes Renten zu Ihrem Vermögen hinzufügte. — Ja, aber dieſe Partie gab mir einen feſten Stand, ſie erlaubte mir, die gewagten Speculationen aufzugeben, übrigens iſt ein junger Mann, der in ariſtokratiſchen Neigungen aufgewachſen iſt, niemals reich genug. Ich ſpielte daher an der Börſe. Es iſt wahr, ich hatte Glück, vorigen Monat habe ich mehr als dreißigtauſend Franes gewonnen. — Ich wünſche Ihnen Glück dazu, mein Herr, Morgen auf Wiederſehen. — Warten Sie doch... ich glaube, es hat geklingelt. S — Man kommt? — Ja.“ Ein Diener trat ein. Zum erſten Mal ſah ich die Augen des Ba⸗ rons ſich feſt auf einen Menſchen richten. „Nun?.... fragte er, ohne dem Diener Zeit zum Antworten zu geben. — Herr Baron, ſagte der Diener, der Herr Graf von Macartin läßt ſich nach Ihrem Befinden erkundigen. — Perſönlich? — Nein, er ſchickt ſeinen Kammerdiener. — Ah! ſagte der Kranke, und was habt Ihr geantwortet? — Der Herr Baron ſei ſchwer verwundet, aber der Doctor ſtehe für ſein Leben. — Iſt das wahr, Doctor? Stehen Sie für mein Leben? — Ja doch, tauſendmal ja! erwiederte ich; wenn Sie nicht ſelbſt die Cur ſtören. — O, was das betrifft, ſo ſein Sie ruhig. Sagen Sie mir, Doctor, da der Herr Graf von Macartin ſich nach meinem Befinden erkundigen läßt, ſo beweißt das doch wohl, daß er den Reden des Herrn Olivier nicht glaubt. — Ohne Zweifel. — Nun denn, heilen Sie mich ſchnell und Sie ſollen bei meiner Hochzeit ſein. — Ich werde mein Möglichſtes thun, um dieſes Ziel zu er⸗ reichen.“ Ich grüßte ihn und ging. 3. Eine Banknote von fünfhundert Franes. Als ich von ihm war, athmete ich freier. Seltſam! dieſer Menſch flößte mir einen Widerwillen ein, den ich nicht begreifen konnte und der dem Ekel glich, den man beim Anblick einer Spinne oder einer Kröte empfindet; ich eilte, ihn außer Gefahr zu ſehen, um jede Be⸗ ziehung mit ihm außzuheben. Am andern Morgen kam ich wieder, wie ich verſprochen hatte; mit der Wunde ging es vortrefflich. Die durch Degenſtiche bewirkten Wunden haben das Eigenthüm⸗ liche, entweder auf der Stelle zu tödten oder ſchnell zu heilen. Die Wunde des Herrn von Faverne verſprach eine ſchnelle Hei⸗ 16 lung, und in der That ſchon nach Verlauf von acht Tagen befand er ſich außer Gefahr. Meinem Verſprechen gemäß, das ich ihm gemacht hatte, ſagte ich ihm jetzt, daß ich von morgen an nicht mehr kommen würde, weil mein Beſuch völlig nutzlos wäre. Er ſuchte mich zwar zu bewe⸗ gen, wieder zu kommen; doch mein Entſchluß ſtand feſt und ich gab nicht nach. „Auf jeden Fall, begann endlich der Geneſende, werden Sie mir es nicht abſchlagen, mir ſelbſt das Portefeuille zurückzubringen, das ich Ihnen übergeben habe. Es iſt von zu großem Werth, um es einem Domeſtiken anzuvertrauen, und ich rechne auf dieſen letzten Beweis Ihrer Gefälligkeit.“ Ich verſprach es. Am andern Morgen brachte ich in der That das Portefeuille. Herr von Faverne ließ mich an ſein Bett niederſetzen und während er mit ihm ſpielte, öffnete er es. Es konnte ungefähr ein ſechzig Bank⸗ noten enthalten, die Meiſten zu tauſend Franes. Der Baron nahm zwei oder drei heraus und amüſirte ſich, ſie in der Hand zuſammen zu drücken. Ich ſtand auf. 6 „Doctor, begann er endlich. Setzt Sie nicht etwas eben ſo in Erſtaunen als mich. — Was? fragte ich. — Den Muth zu haben, falſche Bankbillets zu machen. — Das wundert mich, denm es iſt eine ſchändliche, feige Hand⸗ lung. — Schändlich vielleicht, doch feig nicht. Wiſſen Sie wohl, daß eine ſehr feſte Hand dazu gehört, die Worte zu ſchreiben: Das Ge⸗ ſetz beſtraft den Fälſcher mit dem Tode., — Ja, gewiß, aber das Verbrechen hat ſeinen Muth für ſich., Der, welcher einen Menſchen im Gebüſch erwartet, um ihn zu er⸗ morden, hat faſt eben ſo viel Muth, als der Soldat, welcher eine 17 Schanze erſtürmt und eine Batterie erobert; das hindert aber doch nicht, daß man dem Einen Ehrenzeichen giebt, den Andern auf das Schaffot ſchickt. — Zum Schaffot.... Ich begreife wohl, daß man einen Mön der aufs Schaffot ſchickt, aber ſind Sie nicht auch der Meinung, Doector? Einen Menſch zu guillotiniren, weil er Banknoten nachge⸗ macht hat, iſt ſehr grauſam.“ Der Baron ſagte dieſe Worte mit ſo ſeltſam bewegter Stimme, mit einer ſo ſichtbaren Veränderung ſeiner Miene, daß ich darüber betroffen wurde. „Sie haben Recht, ſagte ich, auch weiß ich von guter Quelle, daß man damit umgeht, dieſe Strafe zu mildern und ſie in Galeeren⸗ ſtrafe umzuwandeln. — Wiſſen Sie das gewiß, Doctor? rief der Kranke lebhaft. Wiſſen Sie das gewiß? Sie wiſſen es? — Ich habe es von demjenigen ſelbſt gehört, von dem der An— trag ausgehen wird. — Vom König. Ach ja, es iſt wahr, Sie ſind ja Leibarzt des Königs. Ah, der König hak es alſo geſagt? Und wann wird dieſer Antrag geſtellt werden? — Das weiß ich nicht. — Theilen Sie mir es mit, Doetor, wenn Sie es erfahren; ich bitte Sie. Es intereſſirt mich. — Es intereſſirt Sie? fragte ich erſtaunt. — Ja wohl. Muß es nicht jeden Freund der Menſchheit intereſ⸗ ſiren, zu erfahren, daß ein zu hartes Geſetz abgeſchafft wird? — Es wird nicht abgeſchafft, mein Herr; die Galeeren werden nur an die Stelle der Todesſtrafe treten. Scheint Ihnen das eine ſo große Beſſerung im Schickſal der Schuldigen? — Nein, gewiß nicht! erwiederte der Baron verlegen; man könnte ſogar ſagen, es ſei ſchlimmer. Doch es bleiben ihnen Leben 13. 2 und Hoffnung; das Bagno iſt nur ein Gefängniß, und es giebt kein Gefängniß, aus dem man nicht am Ende entkommen könnte.“ Der Menſch flößte mir immer mehr Widerwillen ein. Ich machte eine Bewegung zu gehen. „Nun, Doctor, Sie verlaſſen mich ſchon? ſagte der Baron, ver⸗ legen einige Banknoten in ſeiner Hand zuſammen rollend mit der ſichtbaren Abſicht, ſie in meine Hand gleiten zu laſſen. — Ja wohl, entgegnete ich, wieder einen Schritt zurücktretend. Sind Sie nicht geheilt, mein Herr? Wozu könnte ich Ihnen jetzt noch helfen? — Rechnen Sie das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft für nichts? — Unglücklicher Weiſe, mein Herr, haben wir Aerzte wenig Zeit, uns dieſes Vergnügen zu verſchaffen, ſo begehrenswerth es auch ſei. Unſere Geſellſchaft iſt die Krankheit, und ſobald wir ſie aus einem Hauſe vertrieben haben, müſſen wir hinter ihr her, um ſie in einem andern aufzujagen. Daher, Herr Baron, erlauben Sie mir, mich von Ihnen zu beurlauben. — Aber werde ich denn nicht das Vergnügen haben, Sie wieder zu ſehen? — Ich zweifle, mein Herr. Sie beſuchen die vornehme Welt, ich bin dort ſehr ſelten zu finden. Meine Stunden ſind gezählt und jede hat ihre Beſtimmuug. — Aber, wenn ich wieder krank würde? — O das iſt etwas anderes, mein Herr. — Alſo in dieſem Falle könnte ich wieder auf Sie zählen? — Vollkommen. — Doctor, Ihr Wort. — Ich brauche es Ihnen nicht zu geben, da i2 dann nichts thue, als meine Pflicht erfülle. — Gleichviel! geben Sie mir es immer. — Wohlan, mein Herr, ich gebe es Ihnen.“ — 19 Der Baron reichte mir von Neuem die Hand; da ich aber ver⸗ muthete, dieſe Hand halte noch immer jene erwähnten Banknoten, ſo nahm ich den Schein an, die freundſchaftliche Geberde nicht zu be⸗ merken, mit der er von mir Abſchied nahm und entfernte mich. Am folgenden Tage erhielt ich unter Couvert und mit der Karte des Herrn Baron Heinrich von Faverne, eine Banknote von tauſend und eine von fünfhundert Franes. Ich antwortete ſogleich. Herr Baron. „Wenn Sie gewartet hätten, bis ich Ihnen meine Rechnung ſchickte, ſo würden Sie geſehen haben, daß ich mein ſchwaches Ver⸗ dienſt nicht ſo hoch anſchlage, als Sie die Güte gehabt haben, es zu thun. Ich bin gewohnt, ſelbſt den Preis meiner Beſuche feſtzuſetzen und um Ihre Großmuth zu beruhigen, ſo ſage ich Ihnen, daß ich ſie bei Ihnen am höchſten anſchlage, das heißt, zu zwanzig Franken. Ich habe die Ehre gehabt, Sie zehn Mal zu beſuchen. Das macht alſo zweihundert Franken, die Sie mir ſchuldig ſind. Sie haben mir fünfzehnhundert Franken geſchickt und erhalten daher dreizehnhundert zurück.“ Ich habe die Ehre zu ſein c.. „Fabien.“ Ich behielt demnach das Billet von fünfhundert Franken und ſchickte dem Baron von Faverne die Banknote zu tauſend Franken und dreihundert Franken in Silber zurück. Darauf legte ich die Banknote in ein Portefeuille, wo ſich ungefähr ein Dutzend anderer Banknoten von demſelben Betrage befanden. Am folgenden Tage hatte ich einige Einkäufe bei einem Juwelen⸗ händler zu machen. Sie betrugen zweitauſend Franken. Ich bezahlte mit vier Banfnoten zu je fünfhundert Franken. Acht Tage nachher kam der Juwelier in Begleitung von zwei Polizeiagenten zu mir. 2* Eine der vier Banknoten, die ich ihm gegeben hatte, war bei der Bank, wo er eine Bezahlung zu machen hatte, als falſch erkannt worden. Man hatte ihn gefragt, von wem er die Banknoten erhalten. Er hatte mich genannt und man kam, bei mir Nachforſchungen ein⸗ zuholen. Da ich dieſe vier Banknoten aus einem Portefeuille genommen, wo, wie ich ſchon geſagt habe, ſich noch ein Dutzend anderer befan⸗ den und dieſe Banknoten von verſchiedenen Seiten mir zugekommen waren, ſo war es mir unmöglich, den Gerichten eine nähere Nach⸗ weiſung zu geben. Nur erklaͤrte ich mich bereit, weil ich meinen Juwelier als einen vollkommen rechtlichen Mann kannte, die fünfhundert Franken aus⸗ zuwechſeln, wenn mir jene Banknote gebracht würde. Man entgeg⸗ nete mir, es ſei nicht gewöhnlich, denn die Bank bezahle alle Noten, die man ihr bringe, wenn ſie auch falſch erkannt würden. Vollkommen gereinigt von dem Verdacht, wiſſentlich eine falſche Banknote verbreitet zu haben, entfernte ſich der Juwelier aus meiner Wohnung. Nach einigen neuen Fragen gingen auch die beiden Poli⸗ zeibeamten und ich hörte nicht mehr von dieſer ſchmutzigen Geſchichte ſprechen. 4 Der Schleier hebt ſich. Drei Monate waren vergangen, als ich eines Morgens unter meinen Briefen folgendes kleine Billet fand: Lieber Doctor. „Ich bin wirklich ſehr krank und bedarf im Ernſt Ihrer ganzen ter zen Wiſſenſchaft. Beſuchen Sie mich alſo heute gefälligſt, wenn Sie mir nicht mehr grollen. Ihr ganz ergebener „Heinrich, Baron von Faverne.“ Rue Taitbout, Nr. 11. Dieſer Brief, der, wenn ich ihn wörtlich wiedergeben wollte, mit einigen orthographiſchen Fehlern geſchmückt wäre, beſtätigte meine ſchon vorher gefaßte Meinung, daß mein Patient eine ſehr vernach⸗ läſſigte Erziehung genoſſen hatte; doch wenn er, wie er ſagte, in Guadeloupe geboren war, ſo konnte der Umſtand nicht ſehr auffallen. Man weiß im Allgemeinen, wie ſehr die Erzichung der Coloniſten vernachläſſigt wird. Auf der andern Seite aber beſaß der Baron von Faverne weder die kleinen Hände und Füße, noch den ſchlanken, anmuthigen Wuchs, noch das reizende Organ der Menſchen aus den Tropenländern und mir war es unumſtößlich gewiß, daß ich es mit irgend einem Men⸗ ſchen aus der Provinz zu thun hätte, den der Aufenthalt in der Hauptſtadt etwas abgeſchliffen hatte. Doch da er wirklich krank ſein konnte, ſo beſuchte ich ihn. Ich kam und ward in ein kleines mit violett und vrangefarbigen Damaſttapeten ausgeſchlagenes Boudoir geführt, das zu meiner gro⸗ ßen Verwunderung in einem weit beſſeren Geſchmack ausgeſchmückt war, als die übrigen Gemächer. Er ſaß halb liegend auf einem Sopha, in einer ſichtbar ſtudirten Stellung, bekleidet mit ſeidnen Unterkleidern und einem Schlafrock von ſchreienden Farben. Zwiſchen ſeinen dicken Fingern ſpielte er mit einem hübſchen kleinen Flacon von Blakman oder Benvenuto Eellini. „Ach, das iſt ſehr gütig und freundlich von Ihnen, daß Sie mich beſuchen, Doctor! ſagte er, indem er ſich halb erhob und mir ein Zeichen machte, mich zu ſetzen.— Uebrigens habe ich nicht gelo⸗ gen, ich leide entſetzlich. — Was fehlt Ihnen denn? fragte ich ihn. Wäre es noch von Ihrer Wunde? — Nein, Gott ſei Dank! Man ſieht von ihr jetzt faſt gar nichts mehr, als wäre es der Biß eines Blutegels geweſen. Nein, Doctor.. ich weiß nicht... wenn ich nicht fürchtete, Sie könnten mich ausla⸗ chen, ſo würde ich ſagen, ich glaube Vapeurs zu haben.“ Ich lächelte. „Ja, nicht wahr? fuhr er fort, das iſt eine Krankheit, die Sie ausſchließlich Ihren ſchönen Patientinnen erlauben; aber demunge⸗ achtet iſt es nicht weniger wahr, daß ich ſehr leide und zwar ohne ſagen zu können, woran ich leide oder worin meine Schmerzen be⸗ ſtehen. — Teufel, das wird gefährlich. Sollte es Hypochondrie ſein? — Was ſagen Sie da, Doctor?“ Ich wiederholte das Wort, bemerkte aber, daß es dem Verſtänd⸗ niß des Baron von Faverne keinen Sinn darbot. Ich ergriff jetzt ſeine Hand und legte zwei Finger auf die Pulsader. Sein Puls ſchlug in der That aufgeregt und krampfhaft. Während ich die Schläge des Pulſes zählte, klingelte es. Der Baron ſprang auf und ſein Puls ward fieberhaft. „Was haben Sie? fragte ich. — Nichts, ſagte er, aber es iſt ſtärker als ich. Wenn ich die Klingel höre, ſchrecke ich zuſammen; und dann, nicht wahr, ich bin ganz blaß geworden?... Ach, Doctor, ich ſage Ihnen, ich bin ſehr krank.“ In der That war der Baron leichenblaß. Ich fing an zu glauben, daß er nicht übertreibe und in Wahrheit krank ſei; nur war ich über⸗ zeugt, daß dieſe körperliche Reizbarkeit eine moraliſche Urſache habe. Ich blickte ihn feſt an. Er ſchlug die Augen nieder und auf die Bläſſe, die ſo eben ſein Geſicht bedeckt hatte, folgte eine tiefe Röthe. „Ja, ſagte ich, es iſt mir ganz klar, Sie leiden. W 23 — Nicht wahr, Doctor? rief er. Ja, ja! Ich habe ſchon zwei Ihrer Collegen bei mir geſehen; denn Sie waren ſo ſonderbar gegen mich, daß ich es nicht wagte, Sie holen zu laſſen. Die Schwachköpfe fingen an zu lachen, als ich ihnen ſagte, daß ich Nervenzufälle hätte. — Sie ſind krank, erwiederte ich; aber der Grund Ihrer Krank⸗ heit liegt nicht in Ihrer körperlichen Organiſation; es iſt Ihr Ge⸗ müthszuſtand, eine ſchwere geiſtige Unruhe, die Ihnen die Schmer⸗ zen verurſacht.“ Er erſchrak. „Und was für eine Unruhe ſoll ich haben? fragte er.„Im Ge⸗ gentheil, Alles geht aufs Beſte. Meine Verheirathung... Sie wiſſen, daß ich Ihnen ſchon davon erzählte? meine Verheirathung mit Fräu⸗ lein von Macartin, die Ihr Herr Olivier faſt vereitelt hätte.... — Ja, nun? — Nun, ſie wird in vierzehn Tagen ſtattfinden. Das erſte Auf⸗ gebot iſt ſchon geſchehen... Der Herr hat für ſeine verwegenen Re⸗ den gehörig gebüßt und hat ſich bei mir entſchuldigen müſſen. — Wie das? — Germain, ſagte der Baron zu ſeinem Diener, gieb mir das Portefeuille dort auf dem Kaminſims.“ Der Diener gehorchte. Der Baron nahm das Portefeuille und öffnete es. „Schen Sie, ſagte er mit einem leiſen Zittern der Stimme, hier iſt mein Geburtsſchein. Geboren zu Pointe à Pitre, wie Sie ſehen; ferner hier iſt das Zeugniß des Herrn von Malpas, welches verſichert, daß mein Vater einer der erſten und reichſten Grundbeſitzer auf Gua⸗ deloupe iſt. Dieſe Papiere ſind dem Herrn Olivier vorgelegt worden und da er die Unterſchrift des Gouverneurs kennt, ſo iſt er genöthigt geweſen, zu geſtehen, daß dieſe Unterſchrift wirklich die ſeinige ſei.“ Während der Baron mir dieſe Papiere zeigte, nahm ſeine ner⸗ vöſe Aufregung immer zu. — 2 4 „Sie leiden noch immer? ſagte ich zu ihm. — Warum ſoll ich mich nicht in einem aufgeregten Zuſtand be⸗ finden? entgegnete er. Man verfolgt mich, ſtellt mir nach, Verläum⸗ dung folgt mir auf dem Fuße. Ich weiß nicht, ob man mich nicht heute oder morgen eines Verbrechens anflagt. Ach ja, Doctor, ja, Sie haben Recht, fuhr der Baron fort, mir iſt ſehr, ſehr ſchlecht. — Nun, nun, Sie müſſen ruhiger werden. — Ruhiger werden! Das iſt leicht geſagt. Zum Henker, könnte ich ruhig werden, ſo wäre ich auch geheilt. Sehen Sie, es giebt Augenblicke, wo meine Nerven angeſpannt ſind zum Zerreißen, wo meine Zähne ſich krampfhaft zuſammenſchließen, als ſollten ſie zer⸗ brechen, wo es vor meinen Ohren brauſt, als wenn alle Glocken † von Notre Dame dicht neben mir zuſammenſchlügen. Dann iſt es mir, als müßte ich wahnſinnig werden. Doctor, welcher Tod iſt der ſchmerzloſeſte? — Warum? — Zuweilen kommt mir die Luſt, mich umzubringen. — Gehen Sie doch! — Doctor, man ſagt, wenn man ſich mit Blauſäure vergifte, ſo ſei es in einem Augenblicke geſchehen. — Es iſt wirklich der ſchnellſte Tod, den man kennt. — Doctor, Sie ſollten mir doch auf jeden Fall ein Fläſchchen mit Blauſäure zurecht machen. — Sie ſind toll. — Sehen Sie, ich würde Ihnen dafür geben, was Sie haben wollten, tauſend Thaler, ſechstauſend Franes, zehntauſend Franes, wenn Sie mir verſichern, daß man ſchmerzlos daran ſtirbt.“ Ich ſtand auf. „Was wollen Sie? ſagte er, mich zurückhaltend. — Ich bedaure, mein Herr, daß Sie mir unaufhörlich Dinge ſagen, die nicht allein meine Beſuche abkürzen, ſondern auch jede fernere Verbindung mit Ihnen mir faſt unmöglich machen. — Nein, nein, bleiben Sie, ich bitte Sic. Sehen Sie denn nicht, daß ich das Fieber habe und daß ich nur im Fieber ſo ſpreche?“ Er klingelte. Derſelbe Diener trat wieder ein. „Germain, ſagte der Baron, ich habe Durſt. Bring mir etwas zu trinken. — Was wünſchen der Herr Baron? Sie genießen wohl etwas mit mir, nicht wahr? — Nein, ich danke durchaus, antwortete ich. — Gleichviel, fuhr er fort, bring zwei Gläſer und eine Flaſche Rum.“* Germain ging und kehrte einige Augenblicke nachher mit den ver⸗ langten Gegenſtänden zurück; nur ſetzte es mich in Verwunderung, daß die Gläſer keine Likörgläschen, ſondern große Weingläſer waren. Der Baron füllte ſie Beide, aber ſeine Hand zitterte dabei ſo heftig, daß wenigſtens ein eben ſo großer Theil der Flüſſigkeit auf den Präſentirteller fiel, als die Gläſer erhielten. „Koſten Sie, ſagte er, es iſt trefflicher Rum, den ich ſelbſt von Guadeloupe mitgebracht habe, wo ich, wie Herr Olivier von Hornoy behauptet, nie geweſen ſein ſoll. — Ich danke Ihnen, ich trinke nie Rum. Er ergriff nun die beiden Gläſer. „Wie! ſagte ich, Sie wollen das trinken? — Ja wohl. — Aber wenn Sie ein ſolches Leben fortſetzen, ſo verbrennen Sie bei lebendigem Leibe. — Meinen Sie wirklich, daß man ſich durch vieles Rumtrinken tödten kann? — Nein, aber man kann ſich eine Darmentzündung zuziehen, an ————————— 26 der man an einem ſchönen Morgen ſtirbt, nachdem man fünf oder ſechs Jahre gräßliche Schmerzen erduldet hat.“ Er ſetzte das Glas wieder nieder und ließ ſeinen Kopf auf die Bruſt, ſeine Hände auf die Knie ſinken. „Alſo, Doctor, murmelte er wieder mit einem Seußzer, Sie er⸗ kennen es an, daß ich ſehr krank bin? — Ich ſage ja nicht, daß Sie krank ſind, ich ſage nur, daß Sie vielleicht ſehr leiden. — Iſt das nicht daſſelbe? — Nein. — Und was rathen Sie mir nun? Für jedes Leid muß die Arz⸗ neikunde ein Mittel haben; ſonſt lohnte es ja nicht der Mühe, die Aerzie ſo theuer zu bezahlen. — Das geht nicht auf mich, denke ich, was Sie da ſagen? ant⸗ wortete ich lachend. — O nein, erwiederte er, Sis ſind ein Muſter in allen Stücken.“ Er nahm das Glas Rum und trank es, ohne zu wiſſen, was er that. Ich hielt ihn nicht zurück, denn ich wollte ſchen, welche Wir⸗ kung dieſer brennende Trank auf ihn hervorbringen würde. Er ſchien faſt gar nichts davon zu empfinden; man hätte glauben können, er hätte ein Glas Waſſer hinuntergegoſſen. Ich ſchloß da⸗ her aus dieſem Umſtande, daß dieſer Menſch ſchon oft Betäubung im Genuß hitziger Getränke geſucht haben müſſe. Und wirklich ſchien er auch nach einigen Augenblicken wieder neue Kraft zu gewinnen. „Wahrhaftig! ſagte er, das Schweigen unterbrechend und ſei⸗ nen eigenen Gedanken antwortend, wahrhaftig, ich bin ein großer Narr, mich ſo zu quälen. Ei, ich bin jung, ich bin reich, ich ge— nieße das Leben und das mag dauern, ſo lange es kann.“ Er nahm das zweite Glas, und ſtürzte es wie das erſte hinter. „Alſo, Doctor, ſagte er, Sie haben keinen Rath für mich? M NV 27 — Doch, doch! ich rathe Ihnen, Vertrauen zu mir zu haben und mir zu ſagen, was Sie quält. — Sie glauben alſo noch immer, daß ich etwas habe, was ich nicht zu ſagen wage? — Ich behaupte, Sie haben irgend ein Geheimniß, das Sie in ſich verſchließen. — Iſt es wichtig? fragte er mit einem gezwungenen Lächeln. — Entſetzlich.“ Er wurde bleich und ergriff mechaniſch den Hals der Flaſche, um ſich ein drittes Glas Rum einzuſchenken. Ich hielt ihn zurück. „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, nahm ich das Wort, daß Sie ſich auf dieſe Weiſe umbringen.“ Er trat zurück und lehnte den Kopf an die Wand. „Ja, Doctor, Sie ſind ein ausgezeichneter Mann! Ja, Sie haben das Alles gleich errathen, während die Andern nichts als Feuer geſehen haben! Ja, ich habe ein Geheimniß und, wie Sie ſagen, ein furchtbares Geheimniß, das ich ſtets gewünſcht habe, Je⸗ mandem anvertrauen zu können und das ich Ihnen ſazen würde, wenn Sie, wie die Beichtäter, das Gelübde des Schweigens abgelegt hät⸗ ten; aber bedenken Sie ſelbſt, wenn dieſes Geheimniß ſchon jetzt mich ſo heftig quält, wo ich die Ueberzeugung habe, es ganz allein zu kennen, welche Höllenpein würde ich ausſtehen, wenn ich das Be⸗ wußtſein hätte, daß es noch ein Anderer mit mir theilte.“ Ich ſtand auf. „Mein Herr, ſagte ich ihm, ich habe kein Geſtändniß von Ihnen verlangt, ich habe mich nicht in Ihr Vertrauen einſchleichen wollen. Sie haben mich als Arzt rufen laſſen und ich habe Ihnen geſagt, daß die Arzneikunſt nichts mit Ihrem Zuſtande zu ſchaffen hat. Behalten Sie denn Ihr Geheimniß, wie es Ihnen beliebt, mag dieſes Geheimniß auf Ihrem Herzen oder auf Ihrem Gewiſſen laſten. Leben Sie wohl, Herr Baron.“ ————— Und der Baron ließ mich gehen, ohne mir zu antworten, ohne eine Bewegung zu machen mich zurückzuhalten, ohne mich zurückzu⸗ rufen. Als ich in der Thür mich umwandte, um ſie zuzumachen, ſah ich, daß er zum dritten Mal die Hand nach der Rumflaſche aus⸗ ſtreckte, ſeiner einzigen Tröſterin. 5. Ein furchtbares Geſtändniß. Ich ſetzte meine Krankenbeſuche fort, konnte aber trotz meinem Streben den Gedanken an das, was ich geſehen und gehört hatte, nicht vertreiben, während ich zu gleicher Zeit für dieſen Unglücklichen den inſtinktmäßigen inneren Widerwillen bewahrte, von dem ich ſchon geſprochen habe. Ich begann jenes phyſiſche Mitleid, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, zu empfinden, das der zum Leiden beſtimmte Menſch für jedes leidende Weſen fühlt. Ich ſpeiſte außer dem Hauſe und da ein Theil des Abends einigen Beſuchen gewidmet war, ſo kehrte ich erſt nach Mitternacht in meine Wohnung zurück. Man ſagte mir, ein junger Mann ſei gekommen, um meinen Rath einzuholen, und erwarte mich ſeit einer Stunde in meinem Ca— binette. Ich fragte nach ſeinem Namen; er hatte ihn nicht nennen wollen. Ich trat in mein Zimmer und erkannte Herrn von Faverne. Er war bleicher und aufgeregter als am Morgen. Ein Buch, in dem er zu leſen verſucht hatte, lag aufgeſchlagen auf dem Schreib⸗ tiſch. Es war Orfila's Abhandlung über die Gifte. „Nun, ſagte ich zu ihm, Sie fühlen ſich alſo ſchlechter? — Ja, antwortete er mir, ſehr ſchlecht. Es iſt für mich ein eniſetzliches Ereigniß eingetreten, ein gräßliches Abenteuer und ich 29 bin hergelaufen, es Ihnen zu erzählen.... Sehen Sie, Doctor, ſeit ich in Paris bin, ſeit ich das Leben führe, das Sie kennen, ſind Sie der einzige Menſch, der mir ein vollkommenes Vertrauen einge⸗ flößt hat, und ſo ſehen Sie mich herbeigelaufen, um Sie, nicht um ein Mittel gegen die Schmerzen zu bitten, die mich peinigen; Sie haben mir geſagt, es giebt keines und ich ſelbſt, während ich Sie zu mir rufen ließ, wußte wohl, daß es keines dagegen gebe; aber um einen Rath. — Ein guter Rath iſt noch weit ſchwieriger zu geben, als ein Recept, mein Herr, und ich geſtehe Ihnen offenherzig, daß ich nur ſelten einen ertheile. Erſtens fragt man im Allgemeinen nur des⸗ halb um Rath, um ſich in dem bereits genommenen Entſchluß zu be⸗ ſtärken, oder wenn man über das, was man thun ſoll, noch unent⸗ ſchieden iſt und dem gegebenen Rathe folgt, ſo geſchieht es nur, um ſpäter das Recht zu haben, dem Rathgeber ſagen zu können:„Das iſt Deine Schuld.“ — Es iſt etwas Wahres an dem, was Sie da ſagen, Doctor; aber eben ſo wie ich glaube, daß ein Arzt nicht das Recht hat, ein Recept zu verweigern, eben ſo glaube ich auch nicht, daß ein Menſch das Recht habe, einen Rath zu verweigern. — Sie haben Recht; auch weigere ich mich nicht, Ihnen einen Rath zu geben, Sie würden mir nur viel Vergnügen machen, wenn Sie ihn nicht befolgten.“ Ich ſetzte mich darauf zu ihm; aber ſtatt mir zu antworten, ließ er ſeinen Kopf in die Hände ſinken, und ſaß wie verſunken in ſeinen eignen Gedanken da. — Nun? fragte ich nach einigen Augenblicken des Schweigens. — Nun, antwortete er mir, ich bin verloren, das ſehe ich aus dem Allen deutlich genug.“ Es lag in dieſen Worten ein Ton der Wahrheit und Ueberzeugung, daß ich erſchrak. * „Verloren, Sie? und wie denn? fragte ich. — Ja wohl, ſie wird mich verfolgen, ſie wird Jedermann ſagen, wer ich bin... ſie wird auf allen Straßen meinen Namen ausſchreien. — Wer denn — Nnn ſie, ſie! — Sie? Wer ſie? — Marie. — Wer iſt das, Marie? — Ach, es iſt wahr, Sie wiſſen ja nichts. Eine kleine Närrin, eine Dirne, mit der ich die Güte gehabt habe, mich etwas abzugeben, und wobei ich den dummen Streich beging, ſie zur Mutter zu machen. — Nun, wenn es eins jener Weiber iſt, die man mit Geld ab⸗ findet, Sie ind ja reich. — Ja, erwiederte er; aber unglücklicher Weiſe gehört ſie nicht zu dieſen Weibern; es iſt ein Mädchen vom Dorfe, ein armes Mäd⸗ chen, ein ugendheßtes Mädchen. — Sie nannten ſie ſo eben eine Dirne. — Ich hatte Unrecht, lieber Doetor, ich hatte Unrecht. Der Zorn gab mir dieſe Worte ein, oder vielmehr, ja ich muß es nur geſtehen, es war die Furcht. — Kann denn dieſes Weib auf ſo unglückliche Weiſe auf Sie ein⸗ wirken? — Sie kann meine Verheirathung mit Fräulein von Macartin hindern. — Wie? — Indem ſie meinen Namen nennt und ſagt, wer ich bin. — Sie heißen alſo nicht von Faverne? — Nein. — Sie ſind nicht Baron? — Nein. — Sie ſind nicht in Guadeloupe geboren? 31 — Nein. Das Alles, ſchen Sie, war nur ein Mährchen. — Dann hatte Olivier Recht? — Ja. — Aber wie konnte denn Herr von Malpas, der Gouverneur von Guadeloupe, das Alles bezeugen? — Still! ſagte der Baron, mir heftig die Hand drückend, das iſt ein anderes Geheimniß, das Geheimniß, das mich umbringt, Sie wiſſen.... Wir ſaßen einen Augenblick einander ſtumm gegenüber. „Alſo dieſe Frau, dieſe Marie, haben Sie wieder geſehen? — Heute, Doetor, heute, dieſen Abend! Sie hat ihr Dorf ver⸗ laſſen, ſie iſt nach Paris gekommen und hat es ſo lange getrieben, bis ſie mich entdeckt hat und dieſen Abend iſt ſie, ohne zu ſagen, wer ſie ſei, mit ihrem Kinde in meine Wohnung gekommen. — Und Sie, was haben Sie gethan? — Ich habe geſagt, nahm Herr von Faverne das Wort, ich kenne ſie nicht und ließ ſie von meinen Leuten zum Hauſe hinaus werfen.“ Ich ſchob unwillkührlich meinen Stuhl von ihm zurück. „Das haben Sie gethan? Sie haben Ihr Kind verläugnet? Sie haben ſeine Mutter von Ihren Dienern fortjagen laſſen? — Was ſollte ich thun? — O, das iſt gräßlich! — Ich weiß es wohl.“ Und wir verſanken Beide wieder in Schweigen. Nach einem Augenblicke ſtand ich auf. „Und was kann ich bei dem Allen thun? fragte ich. — Sehen Sie nicht, daß mein Gewiſſen mich peinigt? — Ich ſehe nur, daß Sie ſich fürchten. — Nun, Doctor.. ich wünſchte, Sie könnten ſie ſehen, dieſe Frau. — Ja, Sie. Erweiſen Sie mir die Gefälligkeit, ſie zu ſchen. — Und wo finde ich ſie? — Einen Augenblick nachher, als ich ſie hatte fortjagen laſſen, zog ich den Vorhang meines Fenſters ein wenig zurück und ſah ſie mit ihrem Kinde auf einem Eckſteine ſitzen. — Und Sie glauben, ſie iſt noch dort? — Ja. — Sie haben ſie alſo wiedergeſehen? — Nein; ich ging zu einer Hinterthür hinweg und lief zu Ihnen. — Uud warum gingen Sie nicht zur Hauptthür hinaus und war⸗ um nahmen Sie nicht Ihren Wagen? — Ich fürchtete, ſie möchte ſich unter die Pferde werfen.“ Ich ſchauderte. „Was ſoll ich aber bei dem Allen thun? Wozu kann ich Ihnen nützen? — Doctor, erweiſen Sie mir einen Dienſt. Sehen Sie ſie; bringen Sie die Sache mit ihr in Ordnung, damit ſie mit ihrem Kinde nach Trouville zurückkehre. Ich gebe ihr, was ſie verlangt, zehntauſend Franes, zwanzigtauſend Francs, fünfzigtauſend Franes. — Wenn ſie es ausſchlägt... wenn ſie es ausſchlägt.. nun dann . werden wir ja ſehen.“ Der Baron ſprach dieſe letzten Worte mit einem ſo unheimlichen Ton aus, daß ich für die arme Frau zitterte. „Schon gut, mein Herr, antwortete ich, ich werde ſie ſehen. — Und Sie werden ſie bewegen.... daß ſie fortgeht? — Dafür kann ich nicht einſtehen. Alles, was ich Ihnen zu verſprechen vermag, iſt, ihr die Sprache der Vernunft hören zu laſ⸗ ſen, ihr den Abſtand zu zeigen, der ſie von Ihnen trennt. — Den Abſtand? 7 e — n m 33 — Ja. — Sie vergeſſen, daß ich geſtanden habe, ich ſei kein Baron. Ich bin ein Bauer, mein Herr, nichts weiter als ein Bauer, der ſich durch ſeinen.... Verſtand über ſeinen Stand emporgeſchwungen hat. Doch ſtill davon, ich beſchwöre Sie. Sie begreifen, wenn Herr von Macartin wüßte, ich ſei nur ein Bauer, ſo würde er mir ſeine Tochter nicht geben. — Sie legen alſo großen Werth auf dieſe Verbindung? — Ich habe Ihnen ſchon geſagt, es iſt das einzige Mittel, die gewagte Sperulation einzuſtellen, die ich mich gezwungen ſehe zu unternehmen. — Ich werde das junge Mädchen ſehen. — Heute Abend? — Heute Abend noch. Wo finde ich ſie? — Dort, wo ich ſie geſehen habe. — Auf dem Eckſteine? — Ja. — Sie iſt noch dort, glauben Sie? — Ich bin deſſen gewiß. — So gehen wir.“ Er ſtand lebhaft auf, eilte nach der Thür und ich folgte ihm. Wir gingen. Ich wohnte kaum fünfhundert Schritt von ihm entfernt. Als wir an die Ecke der Straße Taitbout und der du Helder kamen, blieb er ſtehen, zeigte mir mit dem Finger einen formloſen Gegenſtand, den man in der Dunkelheit kaum ſehen konnte und ſagte: „Dort! dort! — Was iſt da? — Sie. — Das junge Mädchen? — Ja. Ich, ich will von der Rue du Helder in mein Haus ge⸗ 13. 3 hen. Sie wiſſen, es hat einen doppelten Eingang.... Gehen Sie zu ihr. — Ich werde es thun.— — Warten Sie. Noch um eine letzte Gefälligkeit muß ich Sie bitten.... Ich glaube, ich werde verrückt.... mir ſchwindelt.... Alles dreht ſich um mich herum.... Ihren Arm, Dyetor! führen Sie mich bis an die kleine Thüre. — Gern! Ich ergriff ſeinen Arm. Er ſchwankie wirklich wie ein trunkener Menſch. Ich führte ihn bis zu der Thüre. „Dank, Doctor, ich danke. Ich werde Ihnen ſehr dankbar ſein, ich ſchwöre es Ihnen; und wären Sie einer jener Menſchen, die ſich ihre geleiſteten Dienſte bezahlen laſſen, ich würde Ihnen für dieſen bezahlen, was Sie verlangen könnten. Gut, da ſind wir ja. Nicht wahr, morgen kommen Sie und bringen mir Antwort? Ich würde gern zu Ihnen gehen, aber am Tage wage ich nicht auszugehen, ich fürchte ihr wieder zu begegnen. — Ich werde zu Ihnen kommen. — Leben Sie wohl, Doctor.“ Er ſchellte. Man öffnete. „Noch eins, ſagte ich, ihn zurückhaltend. Wie heißt dieſe Frau? — Marie Granger. — Gut.... Auf Wiederſehen.“ Er ging ins Haus und ich ſchritt die Rue du Helder in die Höhe, um in die Rue Taitbout zu kommen. Als ich die Ecke der beiden Straßen erreichte, hörte ich dort, wo ich das Weib ſchon ſitzen ge⸗ ſehen, ein Geräuſch und ſah eine ziemlich große Menge Menſchen ſich daſelbſt hin- und herbewegen. Ich eilte hin. Eine vorbeigehende Patrouille hatte die Unglückliche bemerkt, und da ſie, auf die Frage, was ſie noch um zwei Uhr des Morgens auf * — — der Straße mache, keine Antwort hatte geben wollen, führte die Pa⸗ trouille ſie nach der Wache. Die arme Frau ſchritt mitten unter der Nationalgarde mit ihrem Kinde auf dem Arme hin. Dieſes weinte, aber ſie vergoß keine Thräne, äußerte nicht eine Klage. Ich näherte mich ſogleich dem Führer der Patrouille und ſagte ihm: „Verzeihung, mein Herr, ich kenne dieſe Frau.“ Sie erhob lebhaft den Kopf und ſah mich an. „Er iſt es nicht! ſagte ſie, und ließ ihren Kopf niederſinken. — Sie kennen dieſes Weib, mein Herr?fragte mich der Korporal. — Ja. Sie heißt Marie Granger, ſie iſt aus dem Dorfe Trouville. — Das iſt mein Name, das iſt der Name meines Dorfes! Wer ſind Sie, mein Herr? um Gottes Willen, wer ſind Sie? — Ich bin der Doetor Fabien und komme von ihm. — Von Gabriel? — Ja. — O dann, meine Herren, laſſen Sie mich gehen, ich bitte Sie, laſſen Sie mich gehen. — Sie ſind wirklich der Doctor Fabien? fragte mich jetzt der Füh⸗ rer der Patrouille. — Hier iſt meine Karte, mein Herr. — Und Sie haften für dieſes Weib? — Ich hafte dafür. — Dann, mein Herr, können Sie ſie mit ſich nehmen. — Ich danke.“ — Ich bot dem armen Mädchen den Arm, doch ſie zeigte mir mit einer Gebährde das Kind, das ſie tragen mußte und ſagte: Ich folge Ihnen, mein Herr; wo gehen wir hin? — In meine Wohnung.“ Zehn Minuten nachher war ſie in meinem Kabinete und ſaß auf 3 demſelben Plat eine halbe Stunde zuvor der angebliche Baron von Faverne geſeſſen hatte. Das Kind lag in einer Bergére ünd ſchlief im Nebenzimmer. Es herrſchte ein langes Schweigen zwiſchen uns. Sie unterbrach es zuerſt. „Nun, mein Herr, ſagte ſie, was ſoll ich Ihnen erzählen?, — Alles, von dem Sie glauben, liebe Frau, daß ich es wiſſen müſſe. Bemerken Sie wohl, daß ich Sie nicht frage, ich warte; bis Sie ſprechen. Das iſt Alles. — Ach, mein Herr, was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt ſehr trau⸗ rig und doch hat es kein Intereſſe für Sie. — Jeder geiſtige und körperliche Schmerz gehört in meine Sphäre; daher fürchten Sie nicht, mir den Ihrigen zu vertrauen, wenn Sie glauben, daß ich ihn mildern könne. — Ach, ihn mildern kann nur er! antwortete die arme Frau. — Nun, da er mir den Auftrag gegeben hat, Sie zu ſehen, ſo iſt ja noch nicht jede Hoffnung verloren. — So hören Sie mich denn. Doch bedenken Sie wohl, indem Sie mich anhören, daß ich nur eine arme Bäuerin bin. — Sie ſagen mir es und ich glaube Ihnen; doch Ihrer Sprache nach könnte man Sie aus einem höheren Stand halten. — Ich bin die Tochter des Schulmeiſters in dem Dorfe, wo ich geboren ward; das mag Ihnen Alles erklären. Ich habe alſg eine ſcheinbare Erziehung erhalten, das heißt, ich kann etwas beſſer leſen und ſchreiben als die andern Bauermädchen es zu Stande bringen, das iſt aber auch Alles. — Dann ſind Sie aus demſelben Orte wie Gabriel? — Ja, ich bin nur vier oder fünf Jahre jünger als er. So weit ich denken kann, ſehe ich ihn mit einigen zwanzig andern Dorf⸗ jungen, die zu meinem Vater kamen, am Ende einer langen Tafel ſitzen, die mit Namen und Zeichnungen ganz zerſchnitten war, welche o 37 die Schüler, denen mein Vater leſen, ſchreiben und rechnen lehrte, mit ihren Federmeſſern darauf eingruben. Er war der Sohn eines tüchtigen Hüfners, deſſen Ehrlichkeit zum Spüchwort geworden war. — Sein Vater lebt alſo noch? — Ja, mein Herr. — Aber er hat ſeinen Sohn nicht mehr geſehen? — Er weiß nicht, wo er iſt und glaubt, er ſei nach Guadeloupe abgereiſt. Doch warten Sie nur, es wird Alles noch kommen, wie es die Reihe trifft. Verzeihen Sie mir nur meine Weitſchweifigkeit. Aber ich muß Ihnen ja Alles ausführlich erzählen, damit Sie uns Beide richtig beurtheilen. Gabriel war, wenn auch groß und lang für ſein Alter, doch ſchwächlich und kränklich, daher wurde er ſelbſt von Knaben, die jünger waren, als er, bedroht und ließ ſich einſchüchtern. Ich er— innere mich noch recht gut, daß er mit den andern Knaben nicht fort⸗ zugehen wagte, zur Zeit wenn die Schulſtunden geſchloſſen waren, und die Schüler zu ihren Aeltern zurückkehrten. Faſt immer fand ihn mein Vater auf der Treppe ſitzen, wohin er ſich, aus Furcht vor Schlägen geflüchtet hatte, und wo man ihn nicht mehr zu ſuchen wagte. Dann fragte ihn mein Vater, was er hier wolle, und der arme Gabriel antwortete ihm weinend, er fürchte ſich, man möge ihn ſchlagen; worauf mein Vater mich rief und dem armen Flüchtling zur Begleitung mitgab. Unter meinem Schutze kam er ungeneckt und mit heiler Haut nach Hauſe, denn in meiner, der Tochter des Schul⸗ meiſters, Gegenwart, wagte ihn Niemand anzurühren. Die Folge davon war, daß Gabriel eine große Zuneigung zu mir zu faſſen ſchien, und daß wir uns nach und nach gewöhnten, bei ein⸗ ander zu ſein. Freilich von ſeiner Seite war dieſe Zuneigung Egois⸗ mus, von der meinigen nur Mitleid. Gabriel lernte ſehr ſchwer leſen und rechnenz hatte aber für's Schreiben eine außerordentliche Anlage. Nicht allein beſaß er an und für ſich ſelbſt eine ausgezeichnet ſchöne Handſchrift, ſondern er hatte auch die ſeltſame Geſchicklichkeit, die Handſchriften ſeiner Kameraden nachzuahmen und zwar auf eine Weiſe, daß der Verfaſſer ſelbſt das Original nicht unterſcheiden konnte, wenn die Copie daneben lag. Die Kinder lachten und freuten ſich über dieſes ſonderbare Talent, mein Vater aber ſchüttelte traurig den Kopf und ſagte oft: „Gabriel, glaube mir, thue das nicht... Das nimmt ein trau⸗ riges Ende.“ — Ei, Herr Granger, ſagte Gabriel, wie ſollte das ein trauriges Ende nehmen? Ich werde Schreiblehrer, ſtatt daß ich hinter den Pflug trete, weiter iſt es nichts. — Schreiblehrer brauchen wir auf dem Dorfe nicht, antwortete mein Vater. — Je nun, ſo gehe ich mit meiner Kunſt nach Paris,“ erwie⸗ derte Gabriel. Auch ich ſah nicht ein, welches Unglück dabei ſein könne, die Handſchrift Anderer nachzuahmen, im Gegentheil dieſes Talent, das bei Gabriel täglich neue Fortſchritte machte, ergötzte mich ſehr. Gabriel begnügte ſich nämlich nicht blos damit, Handſchriften nachzuahmen, er ahmte Alles nach, was ihm unter die Hände kam. Ein Kupferſtich war ihm zugekommen und mit wunderbarer Ge⸗ duld hatte er Linie für Linie mit ſolcher Genauigkeit nachgezeichnet, daß, wäre nicht die Größe des Papiers und die Farbe der Tinte ge⸗ weſen, es Jedem, der die Copie neben dem Original ſah, ſchwer ge— worden wäre, zu ſagen, welches das Werk der Feder und welches das des Grabſtichels ſei. Sein guter Vater, der in dieſer Zeichnung nur das ſah, was ſie wirklich war, nämlich ein Meiſterſtück, ließ ſie vom Glaſer des Dorfes unter Rahmen bringen und zeigte ſie Jeder⸗ mann. Auch der Maire und ſein Adjunkt kamen, ſie zu ſehen, und beim Weggehen ſagte der Maire zu dem Letztern: 39 „Der Burſche hat ein ganzes Vermögen in ſeinen Fingern!“ Gabriel hörte dieſe Worte. Mein Vater hatte Gabriel Alles gelehrt, was er ihn lehren konnte und dieſer kehrte auf den Hof ſeines Vaters zurück. Da er der Aelteſte von drei Kindern und Thomas nicht reich war, mußte er anfangen zu arbeiten; aber die Feldarbeit war ihm unerträglich. Ganz den Gewohnheiten der Bauern enigegengeſetzt, hätte Ga⸗ briel gewünſcht, ſpät zu Bett gehen und ſpät aufſtehen zu dürfen. Sein höchſtes Vergnügen war, bis Mitternacht aufzubleiben und mit ſeiner Feder alle Arten verzierter Buchſtaben, Zeichnungen und Nach⸗ ahmungen zu machen; daher war denn auch der Winter ſeine liebſte Zeit und die Nachtwachen ſeine Feſtſtunden. Auf der andern Seite machte ſeine Abneigung gegen die land⸗ wirthſchaftlichen Arbeiten die Verzweiflung ſeines Vaters. Thomas Lambert war nicht reich genug, um einen unnützen Mund bei ſich zu behalten. Er hatte geglaubt, Gabriel werde ihm einen Ackerknecht erſparen. Er ſah zu ſeinem großen Mißvergnügen, daß er ſich ge⸗ täuſcht hatte. 6. Abreiſe nach Paris. Glücklicher oder unglücklicher Weiſe machte eines Tages der Maire, der Gabriel vorausgeſagt hatte, daß ſein Vermögen in ſeinen Händen liege, ſeinem Vater einen Beſuch und ſchlug ihm vor, Ga⸗ briel als ſeinen Schreiber anzunehmen mit einem Gehalt von hundert und fünfzig Franes des Jahres und freiem Tiſch. Gabriel nahm dieſen Antrag wie einen Glückswurf auf; Vater Thomas aber ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Wohin ſoll Dich das führen, Burſche?“ 40 Beide aber wieſen das Anerbieten des Mairen nicht ab und Ga⸗ briel verließ für immer den Pflug für die Feder. Wir waren gute Freunde geblieben; Gabriel ſchien ſogar Liebe für mich zu haben; was mich betrifft, ich liebte ihn von ganzem Herzen. Alle Abende gingen wir, wie es auf den Dörfern Sitte iſt, mit einander bald am Ufer des Meeres, bald längs des Truque ſpatzieren. Niemand fand darin etwas Unrechtes, wir waren Beide arm, wir paßten alſo vollkommen zu einander. Gabriel's Gemüth ſchien aber von einer innern Unruhe getrieben zu werden. Dieſe Unruhe war ſein Verlangen nach Paris zu kommen. Er hegte die Ueberzeugung, daß er, wenn er nach Paris käme, dort ſein Glück machen könnte. Paris war alſo für uns der Punkt, um den ſich jedes Geſpräch drehte. Paris war die Zauberſtadt, welche uns Beiden die Pforte des Reichthums und des Glücks öffnen ſollte. Ich ließ mich von dem Verlangen, das ihn verzehrte, mit fortreißen und wiederholte eben⸗ falls mein:„Ach ja! Paris! Paris!“ In unſern Träumen von der Zukunft hatten wir unſer beiderſei⸗ tiges Leben ſo feſt in einander verſchlungen, daß ich mich ſchon im Voraus als Gabriels Frau anſah, obgleich wir noch kein Wort von Heirath zwiſchen uns gewechſelt hatten, obgleich er mir, ich muß es geſtehen, nie ein Verſprechen gegeben. Die Zeit verſtrich. Gabriel, der ſich jetzt ungeſtört ſeiner Lieb⸗ lingsbeſchäftigung hingeben konnte, ſchrieb den ganzen Tag, und hielt die Regiſtranten der Mairie in einer trefflichen Ordnung. Der Maire war entzückt, einen ſolchen Schreiber zu haben. Da kam die Zeit der Wahlen herbei. Einer der Deputirten, der ſich auf die Liſte hatte ſetzen laſſen, war ſchon auf ſeiner Rundreiſe. Er kam nach Trouville. Gabriel war das Wunder des Dorfs. Man zeigte ihm die Regiſter der Mairie und am Abend wurde ihm Gabriel vorgeſtellt. Fihee 41 Der Candidat hatte ein Umlaufsſchreiben aufgeſetzt, aber es war keine Druckerei in größerer Nähe als in Havre. Wenn er das Mani⸗ feſt dorthin ſchickte, ſo verlor er drei bis vier Tage. Aber die Verthei⸗ lung des Manifeſtes war dringend nothwendig, da der Candidat eine größere Oppoſition gefunden, als er erwartet hatte. Gabriel ſchlug ihm vor, bis zum folgenden Tage fünfzig Ab⸗ ſchriften zu machen. Der Deputirte verſprach ihm hundert Thaler, wenn er dieſe funfzig Abſchriften in vierundzwanzig Stunden liefern könne. Gabriel verſprach es, und brachte ſtatt fünfzig Abſchriften, ſiebenzig. Der Candidat war hoch erfreut und gab ihm ſtatt dreihundert, fünfhundert Franken, und verſprach ihm, ihn einem reichen Banquier in Paris zu empfehlen, der, auf ſeine Empfehlung, ihn wahrſchein⸗ lich als Seeretair annehmen würde. Trunken vor Freude kam Gabriel am Abend zu mir gelaufen. „Marie, rief er, Marie, wir ſind gereitet! In vier Wochen komme ich nach Paris. Ich erhalte eine gute Stelle, dann ſchreibe ich Dir und Du kommſt zu mir.“ Ich dachte gar nicht daran, zu fragen, ob ich ſeine Frau werden ſollte, ſo fern lag mir der Gedanke, daß Gabriel mich täuſchen könne. Ich fragte ihn nur, wie ich ſein Verſprechen verſtehen ſolle, das mir noch ein Räthſel war. Er erzählte mir Alles, ſprach von dem reichen Banquier und zeigte mir ein bedrucktes Papier. „Was iſt das für ein Papier? fragte ich. — Eine Banknote von fünfhundert Franes, antwortete er. — Wie? rief ich; dieſes Blättchen Papier iſt fünfhundert Fran⸗ ken werth? — Ja, ſagte Gabriel, und wenn wir nur zwanzig ſolcher Blätt⸗ chen hätten, ſo wären wir reich. — Das wäre zehntauſend Franken!“ erwiederte ich. 42 Während dieſer Zeit verſchlang Gabriel das Papier mit den Augen. „Woran denkſt Du, Gabriel? fragte ich ihn. — Ich denke, ſagte er, es wäre nicht ſchwerer, ein ſolches Billet nachzumachen, als einen Kupferſtich. — Ja, aber.. entgegnete ich, das wäre ein Verbrechen? — Siech her! ſagte Gabriel. Und er zeigte mir die Worte unter der Banknote: „Das Geſetz beſtraft den Fälſcher mit dem Tode!“ — Ach, ohnedem, rief er, ſollten wir bald zehn, zwanzig, ja fünfzig davon haben. — Gabriel! entgegnete ich ſchaudernd, was ſprichſt Du da? — Nichts, Marie, ich ſcherze.“ Er ſteckte die Banknote in die Taſche. Acht Tage nachher fanden die Wahlen ſtatt. Trotz der Umlaufs⸗ ſchreiben wurde der Candidat nicht gewählt. Nachdem er durchgefal⸗ len war, ging Gabriel zu ihm, um ihn an ſein Verſprechen zu erin⸗ nern, aber er war ſchon abgereiſt. Gabriel kehrte in Verzweiflung zurück. Aller Wahrſcheinlichkeit nach mußte der in ſeiner Hoffnung getäuſchte Deputirte das Verſpre⸗ chen vergeſſen, das er dem armen Schreiber der Mairie gegeben hatte. Plötzlich ſchien ein Gedanke in ſeinem Geiſte aufzuſteigen. Er hielt ihn lächelnd feſt, dann ſagte er nach einem augenblicklichen Nachdenken: „Glücklicherweiſe habe ich das Original jenes einfältigen Circu⸗ lars behalten!“ Er zeigte mir dieſes Original, das von der Hand des Candidaten geſchrieben und unterzeichnet war. „Und was willſt Du mit dieſem Original beginnen? fragte ich ihn. — Ach, lieber Gott! Nichts, gar nichts! antwortete Gabriel. —— — 43 Das Papier kann mich blos bei Gelegenheit wieder in ſein Gedächt⸗ niß zurückrufen.“ Dann ſprach er nicht mehr mit mir von dieſem Papier. Er ſchien vergeſſen zu haben, daß es je ein Umlaufsſchreiben gegeben habe. Acht Tage nachher kam der Maire zu Thomas Lambert mit einem Brief in der Hand. Der Brief war von dem Candidaten, den die Wahl nicht getroffen hatte. Gegen alle Erwartung hatte er ſein Verſprechen gehalten und ſchrieb dem Maire, daß er bei einem der erſten Banquiers in Paris eine Stelle als Commis für Gabriel gefunden habe. Man verlangte nur, daß er ein Vierteljahr zur Probe arbeiten ſolle. Das war ein nothwendiges Opfer von Zeit und Geld, dann ſollte Gabriel einen Gehalt von achtzehnhundert Franken erhalten. Gabriel eilte zu mir, um mir dieſe Nachricht mitzutheilen; aber während ſie ihn mit Freude erfüllte, betrübte ſie mich tief. Zuweilen, von Gabriel's Träumen aufgeregt, hatte auch ich mich nach Paris geſehnt, wie erz für mich aber war Paris nur ein Mittel, den Mann nicht zu verlaſſen, den ich liebte. Mein ganzer Ehrgeiz beſchränkte ſich darauf, Gabriel's Frau zu werden, und das ſchien mir weit ſicherer in der demüthigen und monotonen Eriſtenz im Dorfe, als in der rauſchenden, lärmenden Hauptſtadt. Bei dieſer Nachricht brach ich alſo in Thränen aus. Gabriel warf ſich mir zu Füßen und ſuchte mich durch ſeine Ver⸗ ſprechungen und Betheurungen zu beruhigen; aber eine geheime ent⸗ ſetzliche Ahnung ſagte mir, daß für mich Alles aus ſei. Gabriel's Abreiſe war beſchloſſen. Thomas Lambert war zu einem kleinen Opfer gern bereit. Der Maire lieh ihm, natürlich gegen hy⸗ pothekariſche Sicherheit, fünfhundert Franes, und da Niemand von der Freigebigkeit des Candidaten etwas wußte, ſo befand ſich Gabriel im Beſitz einer Summe von tauſend Francs. Alle unſere Bekannten hatten beſtimmt, daß er noch denſelben 44 Abend nach Pont-l'Eveque abgehen ſollte, von wo ihn ein Wagen nach Rouen bringen würde; doch unter uns Beiden war verabredet worden, daß er einen Umweg machen und zurückkehren ſollte, um die Nacht bei mir zuzubringen. Ich ſollte für dieſen Zweck das Fenſter meiner Stube offen laſſen. Es war das erſte Mal, daß ich ihn auf dieſe Weiſe empfing und ich hoffte, während dieſer letzten Zuſammenkunft gegen ihn und gegen mein Herz eben ſo ſtark zu ſein, als ich es bisher geweſen war. Ach, ich täuſchte mich! Ohne dieſe Nacht wäre ich nur unglücklich geweſen, durch dieſe Nacht war ich verloren. Mit Anbruch des Tages verließ mich Gabriel; wir mußten uns trennen. Ich führte ihn durch die Gartenthür fort, welche nach dem Meere hinausging. Dort erneuerte er mir alle ſeine Verſprechungen, dort ſchwur er mir von Neuem, daß er nie eine andere Frau haben wollte als mich, und wiegte dadurch wenigſtens meine Beſorgniſſe ein, wenn er auch meine Vorwürfe nicht zum Schweigen bringen konnte. Wir trennten uns. An der Ecke einer Mauer verlor ich ihn aus dem Geſicht; aber ich lief weiter, um ihn noch einmal zu ſehen, und erblickte ihn in der That, wie er eiligen Schritts den Fußſteig ver⸗ folgte, der nach der Landſtraße führte. In dieſer Schnelligkeit ſchien mir etwas zu liegen, was ſeltſam mit meinem Schmerz contraſtirte. Ich rief ihn mit einem Schrei. Er wandte ſich um, winkte mir mit ſeinem Schnupftuch ein Lebewohl zu und ſetzte ſeinen Weg fort. Als er ſein Schnupftuch herauszog, ließ er, ohne es zu bemerken, ein Papier aus ſeiner Taſche fallen. Ich rief ihn, er ſetzte ſeinen Weg fort, wahr cheinlich aus Furcht, er möchte ſich weicheren Gefüh⸗ len hingeben. Ich lief ihm nach. Ich kam an den Ort, wo das Papier auf die Erde gefallen war und hob es auf. Es war eine Banknote von fünfhundert Franken, doch auf anderem Papier als das, welches ich geſehen hatte. Jetzt ſammelte ich alle meine Kräfte und rief Gabriel noch einmal. Er wandte ſich um, ſah, wie ich das Papier in die Höhe hielt, blieb ſtehen, ſuchte in ſeinen Taſchen, und da er wahrſcheinlich bemerkte, daß er etwas verloren hatte, kam er im Laufe wieder zu mir zurück. „Sieh! ſagte ich, Du hatteſt das verloren und ich bin ſehr glück⸗ lich, daß ich Dich noch einmal umarmen kann. — Ach, ſagte er lachend, ich komme auch nur Deinetwegen zu⸗ rück, liebe Marie, denn die Banknote hat keinen Werth. — Wie? ſie hat keinen Werth? — Nein, das Papier iſt dem hier nicht gleich.“ Und er nahm die andere Banfnote aus ſeiner Taſche. „Nun, was iſt das denn für eine Banknote? fragte ich dagegen. — Eine Banknote, die ich zum Spaß nachgemacht habe, ſagte er, die aber nichts gilt. Du ſiehſt alſo, liebe Marie, daß ich nur Deinetwegen wieder umkehre.“ Und um mir einen überzeugenden Beweis von der Wahrheit ſei⸗ ner Worte zu geben, zerriß er die Banknote in kleine Stücke und überließ die Stücke dem Winde. Dann wiederholte er noch einmal ſeine Verſprechungen und Betheuerungen, und da die Zeit drängte und er fühlte, ich habe nicht die Kraft mich aufrecht zu halten, ſetzte er mich an den Rand eines Grabens nieder, gab mir noch einen Kuß und ging. Ich folgte ihm mit den Augen, die Arme nach ihm ausgeſtreckt, ſo lange ich ihn ſehen konnte; dann, als die Windung des Weges mir ſeinen Anblick entzog, verbarg ich mein Geſicht in meine Hände und fing an zu weinen. Ich weiß nicht, wie lange ich ſo meinem Schmerze nachhing. Ich erwachte aus meinem faſt bewußtloſen Zuſtande bei einem Geräuſche, das ich in meiner Nähe hörte. Dieſes Geräuſch wurde von einem kleinen Mädchen aus dem Dorfe bewirkt, das die Schafe weiden ließ 46 und mich mit Erſtaunen betrachtete, weil ſie meine Unbeweglichkeit nicht begriff. Ich hob den Kopf in die Höhe. „Ach, Ihr ſeid es, Jungfer Marie? ſagte ſie. Warum weint Ihr denn?“ Ich trocknete meine Augen und verſuchte zu lächeln. Dann raffte ich die Stückchen Papier auf, die er von ſich geworfen hatte, um in dem, was er zuletzt berührt, mir ein Andenken an ihn zu gewinnen und ſchlug endlich langſam den Weg nach meines Vaters Hauſe ein, da ich bedachte, dieſer könnte aufſtehen und über meine Abweſenheit ſich beunruhigen. Kaum hatte ich zwanzig Schritte gemacht, ſo hörte ich hinter mir rufen. Ich wandte mich um, und ſah die kleine Schäferin mir nach⸗ gelaufen kommen. Ich wartete. „Was willſt Du, liebes Kind? fragte ich ſie. — Jungfer Marie, ſagte ſie, ich ſah, daß Ihr alle die kleinen Papierſchnitzel auflaſet; hier iſt noch eins, das Ihr vergeſſen habt.“ Ich ſah den Papierſtreifen an, den mir das Kind hinhielt. Es war wirklich ein Theil der von Gabriel ſo geſchickt nachgemachten Banknote. Ich nahm ihn aus den Händen des Kindes und betrachtete es genauer. Ein ſeltſamer Zufall wollte, daß es gerade der Theil der Banknote war, auf welchem die verhängnißvolle Drohung zu leſen war: „Das Geſetz beſtraft den Fälſcher mit dem Tode.“ Ich ſchauderte, ohne zu wiſſen, woher mir das Grauen kam, das ſich meiner inſtinktartig bemächtigte. An dieſen Worten allein hätte man vielleicht bemerken können, daß die Banknote nachgemacht war. Es war ſichtbar, daß Gabriel's Hand gezittert hatte, als er ſie nie⸗ derſchrieb, oder vielmehr nachzeichnete. Alle andere Papierſtücke ließ ich fallen und behielt nur dieſes, und kam in meine Wohnung zurück, ohne daß mein Vater es bemerkte. Aber als ich das Zimmer betrat, wo ich mit Gabriel die Nacht zuge⸗ 47 bracht hatte, da erwachten alle meine Qualen wieder. So lange er da geweſen, hatte mich das Vertrauen, das ich in ihn ſetzte, getra⸗ gen, jetzt war er fern und jetzt traten eine Menge einzelner Züge, welche dieſes Vertrauen ſchwächen mußten, vor mein Gedächtniß, daß ich mich mit meinem Fehltritt wahrhaft allein fühlte. 6 Die Beichte. Acht Tage vergingen, ohne daß ich eine Nachricht von Gabriel erhielt, endlich brachte mir der Morgen des achten Tages einen Brief von ihm. Er war in Paris eingetroffen, war, wie er ſagte, bei ſei⸗ nem Banguier aufgenommen und wohnte einſtweilen in einem kleinen Hotel der Rue des Vieur-Auguſtins. Dann kam eine Beſchreibung von Paris und des Eindrucks, den die Hauptſtadt auf ihn hervorge⸗ bracht habe. Er war freudeirunken. Eine Nachſchrift verkündigte mir, daß ich in einem Vierteljahr ſein Glück theilen ſollte. Statt mich zu beruhigen, betrübte mich dieſer Brief ſehr und zwar ohne daß ich begreifen konnte, warum. Ich fühlte, daß ein Ungluͤck über meinem Haupte ſchwebe und bereit ſei, auf mich einzuſtürmen. Doch antwortete ich ihm, als theile ich ſeine Freude; ich nahm den Schein an, als glaubte ich an dieſe Zukunft, die er mir verſprach, und die, wie eine innere Stimme mir ſagte, nicht für mich gemacht war. Vierzehn Tage ſpäter erhielt ich einen zweiten Brief. Dieſer fand mich in Thränen. Ach, wenn Gabriel ſein Verſprechen gegen mich nicht hielt, ſo war ich ein entehrtes Mädchen. In acht Monaten ſollte ich Mutter werden. Ich ſchwankte einige Zeit unentſchloſſen, ob ich dieſe Nachricht Gabriel mittheilen ſollte doch ich hatte nur ihn auf der Welt, dem ich mich vertrauen konnte; übrigens iraf ihn auch die Hälfte meiner Schuld und wenn mich irgend Jemand unterſtützen mußte, ſo war es nur billig, daß er es ſei. Ich antwortete ihm alſo, daß er ſo viel als möglich den Augen⸗ blick unſerer Vereinigung beſchleunigen ſollte, und ſagte ihm, in Zukunft würden ſeine Anſtrengungen nicht allein unſer Glück, ſon⸗ dern auch das unſeres Kindes zum Zweck haben. Ich erwartete mit umgehender Poſt einen Brief zu erhalten, oder vielmehr, kaum hatte ich dieſen Brief abgeſchickt, ſo zitterte ich, keine Antwort darauf zu empfangen; denn, wie ich ſchon geſagt habe, eine dunkle Ahnung rief mir fortdauernd zu, für mich ſei Alles aus. Und wirklich, Gabriel antwortete nicht mir, ſondern ſeinem Va⸗ ter. Er verkündigte ihm, der Banquier, bei dem er angeſtellt ſei, hätte große Geſchäftsverbindungen in Guadeloupe, und da er in ihm eine höhere Einſicht als bei ſeinen Kameraden im Comptvir gefunden, ſo habe er ihm den Auftrag gegeben, dieſe Angelegenheiten zu ordnen, mit dem Verſprechen, ihm bei ſeiner Rückkehr einen Antheil an ſeinem Geſchäfte zu geben. Er müſſe, fuhr er in ſeinem Briefe weiter fort, daher noch denſelben Tag nach den Antillen abreiſen und könne die Zeit ſeiner Rückkehr nicht beſtimmen. Zu gleicher Zeit ſchickte er ſei— nem Vater von dem Gelde, das der Banquier ihm zur Reiſe gegeben, die fünfhundert Franken zurück, die er für ihn entlehnt hatte. Dieſe Summe beſtand in einer Banknote. Eine Nachſchrift ſagte ferner ſeinem Vater, daß er, da er keine Zeit hätte, mir zu ſchreiben, ihn bäte, mir dieſe Nachricht mitzutheilen. Man kann leicht begreifen, dieſer Schlag war fürchterlich; doch da ich nie umgehend von Gabriel einen Brief bekommen hatte, ſo wußte ich nicht, wie viel Tage ein Brief brauche, um nach Paris zu kommen, und folglich wie lange es dauere, bis eine Antwort einge⸗ hen könne. Ich hatte daher noch immer eine Hoffnung, daß der Brief 49 an ſeinen Vater wohl geſchrieben worden ſei, che er den meinigen erhalten hätte. Unter irgend einem Vorwand ging ich zum Maire und bat ihn um nähere Nachweiſungen über dieſen Punkt. Als ich zu ihm trat, hielt er die Banknote in der Hand, die ihm Vater Thomas eben ge⸗ geben hatte. „Nun, Marie, ſagte er, als er mich ſah, Dein Liebhaber ſcheint auf dem Wege zu ſeinem Glücke zu ſein.“ Ich antwortete nur dadurch, daß ich in Thränen ausbrach. „Ei was! begann er wieder; iſt Dir's ſo leid, daß Gabriel reich wird? Ich habe es ſteis geſagt, daß der Burſche ſein Glück in den Fingern hat. — Ach, Herr, antwortete ich, Ihr verkennt ganz meine Geſin⸗ nung. Ich werde immer dem Himmel danken für jedes Glück, das er dem Gabriel ſchickt; ich fürchte nur, mitten in ſeinem Glücke wird er mich vergeſſen. —Ja, das iſt ein Punkt, arme Marie, ſagte der Maire, für den ich nicht ſtehen möchte; und wenn ich Dir einen Rath geben ſollte, ſiehſt Du, ſo wäre es der, dem Gabriel, wenn ſich die Gele⸗ genheit finden ſollte, zuvorzukommen. Du biſt ein arbeitſames, or⸗ dentliches Mädchen, gegen das man nichts hat aufbringen können, trotz Deiner Vertraulichkeit mit Gabriel. Nun meiner Treu! den erſten hübſchen Burſchen, der ſich als ſeinen Stellvertreter melden möchte, würde ich annehmen. Und denke dir, erſt geſtern ſprach Andreas Morin, der Fiſcher, Du kennſt ihn, mit mir davon. — Herr Maire, enigegnete ich, ihn unterbrechend, ich werde Gabriel's Frau oder ich bleibe ledig. Wir haben Gelübde ausge⸗ tauſcht, die er vergeſſen kann, die ich aber nie vergeſſen werde. — Ja, ja, ſagte er, ich kenne das. So geht Ihr alle zu Grunde, Ihr armen unglücklichen Mädchen. Doch mache, was Duwillſt, liebes 13. 4 50 Kind, ich habe keine Macht über Dich. Aber wenn ich Dein Vater wäre, da wüßte ich wohl, was ich thäte.“ Ich erhielt von ihm die gewünſchten Nachweiſungen und kehrte in meine Wohnung zurück, die verſtrichene Zeit berechnend. Gabriel hatte ſeinem Vater geſchrieben, nachdem er meinen Brief erhalten hatte. Vergebens wartete ich auf den folgenden Tag, auf die nächſten Tage, eine ganze Woche, einen ganzen Monat... ich erhielt keine Nachricht von Gabriel. Anfangs hatte mich noch eine Hoffnung getragen. Ich ſchmei⸗ chelte mir, er würde mir von dem Hafen, wo er ſich einſchiffen ſollte, ſchreiben, da er in Paris keine Zeit dazu gehabt hätte, oder, wenn er mir nicht von dem Hafen aus ſchriebe, ſo würde er mir wenigſtens von Guadeloupe aus ſchreiben. Ich verſchaffte mir eine Landkarte und fragte einen unſerer Fi⸗ ſcher, der mehrere Reiſen nach Amerika mitgemacht hatte, welches der Weg wäre, den die Schiffe verfolgten, um nach Guadelvupe zu kommen. Er zog mir eine lange Linie mit Bleiſtift und ich hatte wenigſtens den einen Troſt, zu wiſſen, welchen Weg Gabriel ging, indem er ſich von mir entfernte. Erſt nach Ablauf eines Vierteljahres konnte ich Nachrichten von ihm erhalten. Ich wartete mit ziemlicher Ruhe während dieſes Zeit⸗ raumes, aber nichts kam und ich blieb in dieſem Halbdunkel, das man Zweifel nennt und das tauſend Mal ſchlimmer iſt als die Nacht. Doch die Zeit verging. Alle Empfindungen, welche uns das Da⸗ ſein eines Weſens verkündigen, das ſich von unſerm Weſen bildet, ließen ſich in meinem Innern fühlen, Empfindungen, die im gewöhn⸗ lichen Laufe des Lebens, wenn das Daſein dieſes Weſens durch die Formen der Geſellſchaft geheiligt iſt, gewiß köſtlich ſind, die aber ſchmerzlich, bitter, entſetzlich find, wenn jedes Erbeben an den Feh⸗ ler erinnert und das Unglück verkündet. ℳ 31 Ich war ſeit ſechs Monaten ſchwanger. Bisher hatte ich glücklich meinen Zuſtand vor Aller Augen verborgen gehalten; aber jetzt ver⸗ folgte mich der furchtbare Gedanke, daß ich vielleicht durch ferneres Einſchnüren meines Leibes das Leben meines Kindes gefährden könnte. Oſtern nahte. Das iſt bekanntlich in unſern Dörfern die Zeit allgemeiner Frömmigkeit. Ein junges Mädchen, das zu Oſtern nicht zur Beichte und zum Abendmahl ginge, würde allen ihren Bekannten ein Gegenſtand des Abſcheues ſein. Ich war zu ſehr von religiöſen Gefühlen erfüllt, als daß ich mich hätte ſollen dem Beichtſtuhl nähern, ohne ein vollſtändiges Bekenntniß meines Fehlers abzulegen; und doch ſah ich dieſen Zeitpunkt der Beichte mit einer gewiſſen Freude, wenn auch mit einiger Furcht gemiſcht, herannahen. Der Grund dieſer freudigen Bewegung lag wohl darin, daß unſer Pfarrer zu jenen ehrenwerthen Prieſtern gehörte, die um ſo nachſich⸗ tiger gegen die Fehler Anderer ſind, je weniger ſie eigene Sünden ſich vorzuwerfen und abzubüßen haben. Unſer Pfarrer war ein ehrwürdiger Greis mit weißen Haaren und einem Geſichte, das den Ausdruck himmliſcher Ruhe trug, ſo daß der Schwache, der Unglückliche oder Strafbare beim erſten An⸗ blick fühlte, er werde an ihm eine Stütze finden. Ich war daher im Voraus entſchloſſen, ihm Alles zu ſagen und mich von ſeinem Rathe leiten zu laſſen. Am Tage zuvor, wo alle junge Mädchen bei ihm zur Beichte gingen, begab ich mich in ſeine Wohnung. Mit großem Herzklopfen, ich geſtehe es gern, legte ich die Hand an den Klingelzug am Prie⸗ ſterhauſe. Ich hatte die Nacht abgewartet, damit mich Niemand zum Pfarrer ſollte gehen ſehen, den ich übrigens zu anderer Zeit ganz offen zwei oder drei Mal die Woche beſucht hatte. An der Schwelle ſank mir der Muth und ich war genöthigt, mich an die Mauer anzu⸗ lehnen, um nicht zu fallen. 4* — Doch fand ich meine Kräfte wieder und zog die Klingel mit einem heftigen, verzweifelten Griffe. Die alte Magd kam ſogleich, um zu öffnen. Wie ich erwartet, war der Pfarrer allein in einem kleinen Zimmer, wo er beim Schein einer Lampe ſein Brevier las. Ich folgte der alten Katharine, die mir die Thüre öffnete und mich anmeldete. Der Pfarrer erhob den Kopf. Sein ehrwürdiges heiteres Geſicht war vom Lichte überfloſſen und ich begriff, daß es in der Welt für gewiſſe unwiderrufliche Unglücksfälle doch einen Troſt giebt, der, ſein Unglück ſolchen Männern anzuvertrauen. Aber ich blieb an der Thür ſtehen und wagte nicht, weiter zu gehen. „Schon gut, Katharine, ſagte der Pfarrer, laß uns allein; und wenn Jemand nach mir fragen ſollte... — So ſage ich, der Herr Pfarrer ſind nicht zu Hauſe, antwor⸗ tete die alte Frau. — Nein, entgegnete der Pfarrer, man darf nicht lügen, gute Katharine. Du magſt ſagen, ich ſei beſchäftigt. — Gut, Herr Pfarrer,“ ſagte Katharine, indem ſie hinausging und die Thür hinter ſich zu machte. Ich blieb unbeweglich ſtehen, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Der Pfarrer ſuchte mich mit den Augen in der Dunkelheit, in welcher der beſchränkte Kreis der Lampe mich gelaſſen hatte; denn, als er mich bemerkt hatte, ſtreckte er nach mir die Hand aus und ſagte: „Komm her, meine Tochter.... ich habe Dich erwartet.“ Ich that zwei Schritte, ergriff ſeine Hand und fiel auf die Knie. „Sie haben mich erwartet, wein Vater? fragte ich, Sie wiſſen alſo, was mich zu Ihnen führt? — Ach, ich kann es mir wohl denken! antwortete der würdige Prieſter. — O, mein Vater! mein Vater! ich bin ſehr ſtrafbar! rief ich, in lautes Schluchzen ausbrechend. — Sage l lieber armes Kind, antwortete der Pfarrer, ſage lie⸗ ber, Du ſeiſt ſehr unglücklich. Aber, mein Vater, vielleicht wiſſen Sie doch nicht Alles; denn wie hätten Sie es auch errathen können? Höre mich, liebes Kind, ich will es Dir ſagen, erwiederte der Prieſter. Das wird Dir wenigſtens das Geſtändniß erſparen und ſelbſt mir gegenüber, möchte Dir dieſes Geſtändniß peinlich den, nicht wahr?„ — O, ich fühle jetzt, daß ich Ihnen Alles ſagen kann“ Sind Sie nicht der Diener des Gottes, der Alles wei Nun wohl, mein Kind, ſo ſprich, ſagte der Prieſter, ſprich, ih por höre. — Mein Vater! rief ich, mein Vater!“... Die Sprache erſtarb mir auf den Lippen, ich hatte mir zu viel Kraft zugetraut, ich konnte nicht weiter ſprechen. „Ich habe das Alles vermuthet, begann der Pfarrer wieder, ſchon am Tage der Abreiſe Gabriel's. An jenem Tage habe ich Dich geſehen, armes Kind, ohne daß Du mich bemerkteſt. — Ich war in der Nacht zu einem Sterbenden gerufen worden, um ſeine Beichte zu hören und kehrte um vier Uhr des Morgens zu⸗ rück. Da begegnete ich Gabriel, von dem Jedermann glaubte, er ſei ſchon am Abend zuvor fortgegangen. Als er mich ſah, verſteckte er ſich hinter eine Hecke und ich that, als ſähe ich ihn nicht, hundert Schritte weiter hin fand ich am Rande eines n ein junges Mädchen ſitzen, den Kopf in die Hände geſtützt. J Ich erkannte Dich, aber Du hobſt den Kopf nicht auf. — Ich hörte Sie nicht, mein Vater, antworteie ich; ich war ganz in den Schmerz verſunken, von ihm get zu ſein. — Ich ging alſo vorüber. Anfangs hatte ich Luſt, ſtehen zu —————————— bleiben und mit Dir zu ſprechen. Aber der Gedanke hielt mich zurück, Du könnteſt mich gehört haben, hoffteſt Dich aber, wie Gabriel zu verbergen. Ich ſetzte alſo meinen Weg fort. Als ich um die Ecke der Mauer an Deines Vaters Garten bog, ſah ich, daß die Thür offen war und jetzt begriff ich Alles. Gabriel, den Jedermann abgereiſt glaubte, hatte die Nacht bei Dir zugebracht. — Ach! ach! mein Vater! rief ich, das iſt unglücklicher Weiſe wahr. 5 — Dann hörteſt Du auf, zu mir in das Pfarrhaus zu kommen, wie Du gewohnt warſt und ich ſagte mir: Das arme Kind kommt nicht, weil ſie fürchtet, in mir einen ſtrengen Richter in. doch ich werde ſie an dem Tage wieder ſehen, wo ſie Verzeihüng nöthig hat.“ Mein Schluchzen verdoppelte ſich. „Nun, fuhr der Pfarrer fort, was kann ich für Dich thun? Laß ſehen, mein armes Kind. — Mein Vater, ſagte ich, ich möchte wiſſen, ob Gabriel wirk⸗ lich abgereiſt oder ob er noch in Paris iſt. — Wie, Du zweifelſt?... — Mein Vater, ein furchtbarer Gedanke iſt in mir aufgeſtiegen. Gabriel hat vielleicht nur deshalb von ſeiner Abreiſe geſchrieben, um ſich von mir loszumachen. — Und was kann Dich auf dieſe Vermuthung bringen? fragte der Prieſter. — Erſtens ſein Stillſchweigen. Mochte er ſo eilig bei ſeiner Ab⸗ reiſe ſein, wie er wollte, ſo viel Zeit hätte er immer gefunden, um mir einige Worte zu ſchreiben, wenn auch nicht von Paris aus, doch wenigſtens von dem Orte, wo er ſich eingeſchifft hatte, oder nach ſeiner Ankunft auf den Inſeln. Mußte er mir nicht Nachricht von ſich geben? Weiß er nicht, daß ein Brief von ihm mir neues Leben giebt, und ſeinem Kinde?“ * Cr Sr Der Pfarrer ſeußzte. „Ja, ja, murmelte er, der Menſch iſt im Allgemeinen Egoiſt und ich will Niemand verläumden, aber Gabriel, Gabriel!... Ar⸗ mes Kind, ich habe immer mit großem Schmerz auf Deine große Liebe für dieſen Menſchen geſehen. — Was kann es helfen, mein Vater! wir wurden zuſammen erzogen, wir haben uns nie von einander getrennt. Konnte es anders ſein? Ich glaubte, das Leben würde ſo fortgehen, wie es angefangen hatte. — Alſo Du meinſt, Du möchteſt gern wiſſen.« — Ob Gabriel wirklich von Paris abgereiſt iſt. — Das iſt leicht, und ich glaube ſein Vater... Höre, Kind, erlaubſt Du mir, ſeinem Vater Alles zu ſagen? — Ich habe mein Leben und meine Ehre in Ihre Hände gegeben, mein Vater, erwiederte ich, thun Sie damit, was Sie wollen. — Grwarte mich, liebe Tochter, ſagte der Prieſter, ich gehe zu Thomas Lambert.“ Der Pfarrer ging. Ich blieb auf meinen Knieen liegen, wie bis⸗ her, meinen Kopf auf den Arm des Lehnſtuhls gelehnt, ohne zu weinen, ohne zu beten, verloren in meinen Gedanken. Nach Verlauf einer Viertelſtunde öffnete ſich die Thür wieder, ich hörte Schritte, die ſich mir näherten und eine Stimme, die mir ſagte: 3 „Stehe auf, meine Tochter, und komm in meine Arme.“ Die Stimme gehörte Thomas Lambert. Ich erhob den Kopf. und ſah mich Gabriel's Vater gegenüber. Es war ein Mann zwiſchen fünfundvierzig bis achtundvierzig Jahren, bekannt wegen ſeiner Rechtſchaffenheit, einer jener Männer, die nur Etwas kennen, die Erfüllung eines gegebenen Wortes. „Mein Sohn hat Dir nie geſagt, daß er Dich heirathen wolle, Marie? fragte er mich. Komm, antworte mir, wie Du vor Gott antworten würdeſt. 56 — Schet ſelbſt! antwortete ich und übergab ihm Gabriel's Brief, worin er mir verſprach, daß ich in drei Monaten zu ihm kom⸗ men ſolle und wo er mich ſeine Frau nannte. — Und in der Ueberzeugung, daß er Dein Mann werden würde, haſt Du Dich ihm hingegeben? — Ach, ich habe mich ihm hingegeben, weil er forigehen ſollte und weil ich ihn liebte, antwortete ich. — Gut geantwortet, ſagte der Prieſter, ſeinen Kopf zum Zeichen des Beifalls ſchüttelnd, gut geantwortet, meine Tochter. — Ja, Sie haben Recht, Herr Pfarrer, enigegnete Thomas, gut geantwortet. Marie, begann er nach einer Pauſe, Du biſt meine Tochter, und dein Kind, iſt mein Kind. In acht Tagen werden wir wiſſen, wo Gabriel iſt. — Wie das? fragte ich. — Seit langer Zeit hatte ich die Abſicht, eine Reiſe nach Paris zu machen, um gewiſſe Angelegenheiten mit meinem Grundherrn per⸗ ſönlich zu ordnen. Ich werde morgen abreiſen. Ich werde zu dem Banquier gehen, und wo auch Gabriel ſein mag, werde ich ihm im Namen meiner väterlichen Macht ſchreiben und ihn auffordern, Dir ſein Wort zu halten. 2 — Gut, ſagte der Pfarrer, gut, Thomas; und ich will dem Eurigen einen Brief beifügen, in welchem ich zu ihm im Namen der Religion ſprechen werde.“ Ich dankte Beiden, wie Hagar dem Engel mag gedankt haben, der ihr die Quelle zeigte, wo ſie den Durſt ihres Kindes löſchen konnte. Dann entfernte ich mich und der Pfarrer begleitete mich. „Auf morgen! ſagte er zu mir. — O mein Vater, antworteie ich, ich darf alſo mich wieder in der Kirche mit meinen Gefährtinnen zeigen? — Und für wen bewahrte denn die Kirche ihre Tröſtungen, ent⸗ gegnete der Prieſter, wenn nicht für die Unglücklichen? Komm, mein 57 Kind, komm mit Vertrauen. Du biſt weder eine Magdalene, noch die Chebrecherin, und Gott hat ihnen Beiden vergeben.“ Am folgenden Tage beichtete ich und empfing Abſolution. Den Tag darauf, am Tage der Oſtern nahm ich mit meinen Bekannten das heilige Abendmahl. 8. Fortſetzung der Beichte. Gleich am folgenden Morgen war Thomas Lambert, wie er es vorausgeſagt hatte, nach Paris gereiſt. Acht Tage vergingen, wäh⸗ rend welcher ich jeden Morgen zum Pfarrer ging, um zu ſehen, ob er keine Nachrichten vom Vater Thomas erhalten hätte. Aber kein Brief kam in dieſen acht Tagen an. Am Abend des erſten Sonntags nach Oſtern ſah ich gegen ſieben Uhr die alte Katharine zu mir kommen. Sie lud mich von Seiten ihres Herrn ein, zu ihm zu kommen. Zitternd ſtand ich auf und folgte ihr eilend, doch hatte ich nicht den Muth, den Raum, der das meines Vaters vom Pfarrhauſe trennte, zurückzulegen, ohne ſie z fragen. Sie ſagte mir, Vater Thomas ſei ſo eben von Paris gekommen. Ich beſaß nicht die Kraft weiter zu fragen. Ich trat in das Zimmer des Pfarrers. Beide ſaßen in dem kleinen wo ich bereits den Auftritt gehabt hatte, den ich eben erzählte. Der Pfi war niedergeſchla⸗ gen, der Vater Thomas düſter und ernſt. Ich blieb an der Thür ſtehen; ich fühlte, daß meine Sache entſchieden und verloren war. „Muth, liebes Kind, begann der Pfarrer, da iſt Thomas. Er bringt uns böſe Nachrichten. — Gabriel liebt mich nicht mehr? rief ich. — Man weiß nicht, was aus Gabriel geworden iſt, entgegnete der Pfarrer. — Wie ſo? rief ich. Iſt das Schiff, das ihn trug, unterge⸗ gangen? Iſt Gabriel todt? — Wollte der Himmel! ſagte ſein Vater. Wäre doch das ganze Mährchen, das er uns erzählt hat, wahr! — Welches Mährchen? fragte ich entſetzt; denn ich fing an, Alles wie durch einen Schleier zu ſehen. — Ja, ſagte der Vater. Ich war bei dem Bankier; der Ban⸗ kier hat nicht gewußt, was ich bei ihm wollte; er hat nie einen Commis gehabt, der Gabriel Lambert hieß, er hat keine Geſchäfte in Guadeloupe. — O mein Gott! rief ich; aber dann hättet Ihr zu dem gehen ſollen, der ihm die Stelle verſchaffte, zu dem Candidaten, Ihr wißt ja.... — Ich war bei ihm, antwortete der Vater. — Nun? — Nun, er hat nie weder an meinen Sohn noch an mich ge⸗ ſchrieben. — Aber der Brief? — Den Brief? ich hatte ihn bei mir und zeigte ihn ihm. Er hat wirklich ſeine Handſchrift erkannt, aber mir verſichert, daß er ihn nie geſchrieben hätte.“ Ich ließ den Kopf auf meine Bruſt ſinken, Thomas Lambert fuhr fort: „Von da ging ich in die Rue des Vieur-Auguſtins, in das Hotel de Veniſe. Nun? fragte ich, habt Ihr dort eine Spur ſeines Aufenthalts gefunden? — Er iſt ſechs Wochen im Hotel geblieben, dann hat er ſeine Rechnung bezahlt und man weiß nicht, was aus ihm geworden iſt. — O Gott! rief ich, was ſoll das Alles heißen? — Das heißt, murmelte Thomas Lambert, daß der Unglück⸗ 59 lichſte von uns Beiden, mein unglückliches Kind, wahrſcheinlich ich bin. — Ihr wißt alſo durchaus nicht, was aus ihm geworden iſt? — Ich weiß es nicht. — Doch, meinte der Pfarrer, vielleicht hätte Euch die Polizei auf die Spur bringen können.... — Ich habe auch daran gedacht, murmelte Thomas Lambert, aber ich fürchtete auf der Polizei zu viel zu erfahren.“ Wir ſchauderten alle drei, doch ich beſonders. „Und jetzt, was ſollen wir nun thun? fragte der Pfarrer. — Warten, antwortete Thomas Lambert. — Aber ſie, entgegnete der Pfarrer auf mich deutend, ſie kann ja uicht warten. — Das iſt wahr, ſagte Thomas Lambert, ſie mag zu mir kom⸗ men und bei mir wohnen; iſt ſie nicht meine Tochter? — Ja, aber ſie iſt die Frau Eures Sohnes nicht und in einem Vierteljahre iſt ſie entehrt. — Und mein Vater! rief ich, mein Vater! er ſtirbt, wenn er das hört! — Man ſtirbt nicht vor Kummer, ſagte Thomas Lambert, es ſchmerzt nur ſehr und es iſt unnütz, dem armen Mann Schmerzen zu bereiten. Unter irgend einem Vorwande mag Marie vier Wochen bei meiner Schweſter zubringen, die in Caen wohnt und ihr Vater wird vondem, was zwiſchen der Zeit geſchieht, nichts erfahren.“ Alles geſchah, wie es verabredet war. Ich hielt mich vier Wo⸗ chen bei der Schweſter von Thomas Lambert auf und während dieſer Zeit gab ich dem unglücklichen Kinde das Leben, das dort in jenem Lehnſtuhle ſchläft. Mein Vater wußte noch immer nicht, was mir begegnet war, und man bewahrte mir mein Geheimniß ſo gut, daß alle Leute im Dorfe eben ſo wenig etwas davon erfuhren als er. So waren fünf bis ſechs Monate verſtrichen, ohne daß ich etwas 60 gehört hätte. Endlich aber verbreitete ſich eines Morgens das Ge⸗ rücht, daß der Maire von Paris gekommen ſei, und daß er auf dieſer Reiſe Lambert geſehen habe. Man erzählte in Bezug auf dieſes Begegnen ſo ſonderbare Dinge, daß man an der Wahrheit der ganzen Erzählung zweifeln mußte. Ich ging zu Thomas Lambert, um mich bei ihm zu erkundigen, was wohl an dieſen Gerüchten, die bis zu mir gedrungen waren, Wahres ſein könnte; aber kaum hatte ich mich funfzig Schritte vom Hauſe meines Vaters entfernt, als ich dem Herrn Maire ſelbſt begegnete. „Nun liebes Kind, redete er mich an, jetzt wundert's mich nicht mehr, daß Dein Liebhaber Dir nicht mehr geſchrieben hat. Es ſcheint, er iſt ein reicher Mann geworden. — Ei, lieber Gott, wie denn das? fragte ich. — Wie? das weiß ich nicht; aber ſo viel iſt gewiß, als ich von Courbevoie zurückkam, wo ich bei meinem Schwiegerſohne gegeſſen hatte, begegnete mir ein ſchöner Herr zu Pferde, ein Elegant, ein Dandy, wie ſie da unten ſagen, mit einem Diener, ebenfalls zu Pferde, und rathe, wer das war? — Wie ſoll ich denn das rathen? — Nun, es war Meiſter Gabriel. Ich erkannte ihn, und legte mich halb aus meinem Cabriolet heraus, um ihn anzurufen, doch wahrſcheinlich hatte auch er mich erkannt, denn ehe ich noch Zeit hatte, ſeinen Namen auszuſprechen, gab er ſeinem Pferde die Spo⸗ ren und galoppirte davon. — O, Ihr werdet Euch geirrt haben, antwortete ich. — Ich glaubte es, wie Du, ſagte er, aber der Zufall wollte, daß ich des Abends in die Oper ging, natürlich ins Parterre. Ich bin ein Bauer und alſo iſt das Parterre für mich gut genug; aber er, der jetzt, wie es ſcheint, ein vornehmer Herr geworden iſt, ſaß in einer der vornehmſten Logen und noch dazu in einer der ſchönſten, zwiſchen zwei Säulen, ſchwatzte und ſcharmutzirte mit den Damen, 61 und im Knopfloch hatte er eine Camelie, ſo groß wie mein Hand⸗ teller. — Unmöglich, unmöglich! erwiederte ich. — Es iſt doch ſo, ſagte der Maire. Doch ich zweifelte auch und wollte reinen Wein haben. Im Zwiſchenacte ging ich hinaus und ſtellte mich in die Nähe der Loge. Bald ging die Thüre auf und unſer Stutzer ging bei mir vorüber. „Gabriel! rief ich halbleiſe. Er kehrte ſich ſchnell um und be⸗ merkte mich. Da wurde er roth wie ein Scharlach und ſtürzte die Treppe mit ſolcher Schnelligkeit hinab, daß er faſt eine Dame und einen Herrn umgeworfen hätte, die ihm entgegen kamen. Ich folgte ihm; aber als ich in die untere Säulenhalle kam, ſah ich, wie er eben in einen ſehr eleganten Wagen ſtieg, ein Livreediener den Schlag hinter ihm zumachte und der Wagen im Galopp davon flog. — Aber, wie ſollte er denn einen Wagen und Livréediener ha⸗ ben? fragte ich. Ihr werdet Euch geirrt haben, gewiß es war Ga⸗ briel nicht. — Ich ſage Dir, ich habe ihn geſehen, wie ich Dich ſehe und bin feſt überzeugt, daß er es war. Ich muß ihn doch wohl kennen, da ich ihn drei Jahre lang als Schreiber bei mir gehabt habe. — Habt Ihr das auch Andern als mir geſagt, Herr Maire? fragte ich. — Zum Henker, ich habe es jedem geſagt, der mich hören wollte. Er hat mich nicht zum Schweigen aufgefordert, da er mir nicht die Ehre gönnte, mich wieder zu erkennen. — Aber ſein Vater! ſagte ich halb leiſe. — Ei nun, ſein Vater kann darüber nur froh ſein. Was be⸗ weiſt das weiter? Daß ſein Sohn reich geworden iſt.“ Ein Seufzer rang ſich aus meiner Bruſt heraus und ich ſetzte meinen Weg zum Hauſe des Thomas Lambert fort. Ich fand ihn an einem Tiſche ſitzend, den Kopf in beide Hände 62 geſtützt. Er hörte nicht, daß ich die Thüre öffnete, er hörte nicht, wie ich zu ihm trat. Ich legte die Hand auf ſeine Schulter; er er— ſchrak und wandte ſich um. „Nun? ſagte er, weißt Du es auch ſchon? — Der Maire hat mir eben erzählt, daß er Gabriel zu Pferde und in der Oper geſehen hat; doch vielleicht hat er ſich getäuſcht. — Wie ſoll er ſich denn täuſchen? kennt er ihn nicht eben ſo gut wie wir? O nein, das Alles iſt die lautere Wahrheit, gewiß. — Wenn er reich geworden iſt, antwortete ich ſchüchtern, ſo müſſen wir ihm Glück wünſchen; er wird wenigſtens glücklich ſein. — Reich geworden! rief Vater Thomas; und wie meinſt Du denn, daß er reich geworden wäre? Giebt es ehrliche Mittel, um in anderthalb Jahren reich zu werden? Und ein Menſch, der auf ehr⸗ liche Weiſe reich geworden iſt, wird der ſeine Landsleute vergeſſen, ſeinem Vater ſeine Eriſtenz verbergen, die Verſprechungen vergeſſen, die er ſeiner Braut gegeben hat? — O, ſagte ich, was mich betrifft, ſo begreift Ihr wohl, wenn er ſo ſehr reich iſt, ſo bin ich ſeiner wohl nicht mehr würdig. — Marie, Marie! ſagte der Vater, den Kopf ſchüttelnd, ich fürchte weit mehr, daß er Deiner nicht mehr würdig iſt.“ Und er ging zu dem kleinen Rahmen, welcher die Federzeichnung enthielt, die Gabriel früher gemacht hatte, zerbrach ihn, zerdrückte die Zeichnung in den Händen und warf ſie ins Feuer. Ich ließ ihn gewähren, ohne ihn zurückzuhalten, denn ich dachte an jenes Frag⸗ ment einer Banknote, das das kleine Schäfermädchen am Morgen ſeiner Abreiſe aufgeleſen, das ich ſorgſam aufbewahrt hatte und wor⸗ auf die Worte ſtanden: Das Geſetz beſtraft den Fälſcher mit dem Tode. „Was wollen wir machen? fragte ich. — Wir müſſen ihn ins Verderben rennen laſſen, wenn es nicht bereits geſchehen iſt. 63 — Hört, begann ich wieder, verſchafft mir von meinem Vater die Erlaubniß, wieder auf vierzehn Tage Eure Schweſter zu beſuchen. — Und dann? — Und dann will auch ich nach Paris gehen.“ Er ſchüttelte den Kopf und murmelte zwiſchen den Zähnen: „Unnütze Reiſen, glaube mir, unnütze Reiſen. — Vielleicht. — Wenn mir noch irgend eine Hoffnung bliebe, glaubſt Du, ich wäre nicht ſchon fort? Uebrigens wiſſen wir ja ſeine W zohnung nicht; wie ſollen wir ihn auffinden, ohne uns bei der Polizei nach ihm zu erkundigen? Und wenn wir uns dort erkundigen, wer weiß, was geſchieht! — Ich weiß ein Mittel, antwortete ich. — Ihn außzufinden? — Ja. — So gehe denn! Vielleicht hat Dir der liebe Goit den Gedan⸗ ken eingegeben. Brauchſt Du etwas? — Ich brauche nur die Erlaubniß meines Vaters. Weiter nichts. Noch denſelben Tag wurde die Erlaubniß verlangt und erhalten, obgleich mit größerer Schwierigkeit als das erſte Mal. Seit einiger Zeit war mein Vater kränklich und ich ſelbſt fühlte, daß die Zeit ſchlecht gewählt ſei, ihn zu verlaſſen; doch mich trieb ein gewiſſes Etwas fort, das ſtärker war als mein Wille. 9 Das Sträußermädchen Drei Tage darauf reiſte ich ab. Mein Vater glaubte, ich ging nach Caen, nur Thomas Lambert und der Pfarrer wußten, daß ich nach Paris ging. Ich kam durch das Dorf, wo mein Kind war, 64⁴ und ich nahm es mit mir. Ich thörichtes Mädchen. Ich bedachte nicht, daß ich allein ſchon zu viel war! Am zweiten Tage darauf, kam ich nach Paris. Ich ſuchte die Straße des Vieur⸗Auguſtins auf und das Hotel de L Beniſe. Es war das einzige Gaſthaus, deſſen Namen ich kannte. Hier war er abge⸗ ſtiegen, hierher hatte ich ihm geſchrieben. Hier erkundigte ich mich nach ihm. Man erinnerte ſich ſeiner vollkommen. Er hatte immer eingeſchloſſen in ſeinem Zimmer gelebt und unaufhörlich an einem Kupferſtiche gearbeitet, man wußte nicht, woran. Man erinnerte ſich auch noch ſehr wohl, daß, einige Zeit nach ſeinem Abzuge aus dem Hotel, ein Mann von ungefähr funf⸗ zig Jahren, dem Aeußern nach ein Bauer, gekommen ſei und die⸗ ſelbe Frage wie ich ihnen vorgelegt habe. Ich erkundigte mich, wo die Oper ſei. Man bezeichnete mir den Weg, den ich nehmen müſſe und ich betrat zum erſten Mal die Straßen von Paris. Der Plan, den ich mir ausgedacht hatte, war folgender. Gabriel beſuchte die Oper; ich wollte vor dem Opernhauſe alle Wagen er⸗ warten, die hier halten würden. Wenn Gabriel aus einem derſel— ben ſtieg, mußte ich ihn gewiß erkennen, dann wollte ich den Diener nach ſeiner Adreſſe fragen und den folgenden Tag an ihn ſchreiben, und ihm ſagen, daß ich in Paris ſei und ihn bitten, ihn ſehen zu dürfen. Noch an demſelben Abend, wo ich angekommen war, brachte ich meinen Plan in Ausführung. Am Dienstag ſind es acht Tage ge⸗ weſen. Ich wußte nicht, daß nur Montags, Donnerſtags und Sonnabends Oper iſt. Ich merkte daher vergeblich auf die Oeffnung des Hauſes. Ich fragte nach der Urſache dieſer Einſamkeit und Dunkelheit und erfuhr, daß erſt am nächſten Tage wieder eine Vorſtellung ſein würde. Ich kehrte in mein Hotel zurück und blieb daſelbſt den ganzen fol⸗ genden Tag allein mit meinem Kinde. Ich hatte es ſo ſelten geſehen, daß ich ganz glücklich über meine Einſamkeit war. Unbekannt, wie ich in Paris war, wagte ich wenigſtens hier, Mutter zu ſein. Der Abend kam und ich ging von neuem aus. Ich glaubte, ich könne unter der Vorhalle warten, aber die Stadtdiener erlaubten mir es nicht. Ich ſah mehrere andere Frauen frei umhergehen; und fragte, warum ihnen erlaubt wäre, was mir verſagt ſei. Man ſagte mir, das ſeien Sträußermädchen. Mitten unter dieſem Streite waren mehrere Wagen angekommen, aber ich konnte die nicht ſehen, die herausſtiegen. Vielleicht war Gabriel darunter. Es war ein verlorener Abend, ich mußte noch zwei Tage warten. Ich ergab mich darein und kehrte mit einem neuen Plan in mein Hotel zurück nämlich, am zweiten Tage darauf wollte ich ein Bouquet in jede Hand nehmen und mich für ein Sträußer⸗ mädchen ausgeben. Ich kaufte Blumen, machte meine zwei Bouquets daraus und ſtellte mich auf meinen Poſten. Diesmahl ließ man mich frei her⸗ umgehen. Ich näherte mich jedem Wagen, der ankam und betrach⸗ tete aufmerkſam die Perſonen, die herausſtiegen. Es war faſt neun Uhr und Jedermann ſchien bereits angekommen zu ſein, als noch ein Wagen vorfuhr und in meiner Nähe anhielt. Durch die Oeffnung des Wagenſchlags glaubte ich Gabriel zu erkennen. Mein ganzer Körper zitterte ſo heftig, daß ich mich gegen einen Eckſtein lehnte, um nicht zu fallen. Der Diener öffnete den Schlag. Ein junger Mann, der Gabriel ähnlich ſah, ſtieg heraus. Ich machte einen Schritt gegen ihn, fühlte aber, daß ich in Gefahr ſei, auf das Pflaſter niederzufinken. „Um welche Zeit? fragte der Kutſcher. — Halb zwölf Uhr! ſagte er, ſchnell die Stufen aufſteigend. Und er verſchwand in der Vorhalle, während der Wagen im Galopp davonjagte. 13. 5 66 Es war ſein Geſicht, ſeine Stimme; aber wie konnte dieſer junge elegante Mann mit dem vornehmen Weſen der arme Gabriel ſein? Die Metamorphoſe ſchien ganz unmöglich. Und doch erkannte ich an der Aufregung, die ich empfand, daß es kein Anderer ſein konnte als er. Ich wartete. Es ſchlug halb zwölf Uhr. Die Menge fing an, die Oper zu verlaſſen, jetzt fuhren auch die Wagen einer nach dem andern vor. Eine Gruppe, die aus einem Manne von ungefähr funfzig Jah⸗ ren, einem jungen Manne und zwei Damen beſtand, näherte ſich einem der Wagen. Der junge Mann war Gabriel, er gab der äl⸗ tern der beiden Damen den Arm; die Jüngere ſchien mir ſehr reizend. Doch er ſtieg nicht mit ihnen in den Wagen. Er begleitete ſie nur bis an den Wagentritt, grüßte ſie darauf, trat einige Schritte zurück und wartete auf den Stufen bis ſein Wagen herankam. Ich hatte alſo volle Zeit, ihn zu betrachten und behielt keinen Zweifel mehr, daß er es war. Er gab lebhafte Zeichen der Unge⸗ duld und als der Kutſcher vorfuhr, ſchalt er ihn, daß er ihn habe fünf Minuten warten laſſen. War das wirklich der demüthige, ſchüchterne Gabriel, das Kind, das ich gegen andere Kinder beſchützt hatte? „Wohin befehlen der Herr Baron, fragte der Lakai, indem er die Wagenthür zudrückte. — Nach Hauſe, ſagte Gabriel. 5 Der Wagen rollte ſogleich davon, erreichte den Boulevard und wandte ſich rechts. Ich kehrte in mein Hotel zurück, ohne zu wiſſen, ob ich wachte oder träumte undzuweilen mir wirklich einbildend, was ich geſehen, ſei nur ein Traum. Am zweiten Tage darauf wiederholte ſich dieſelbe Sache; doch diesmal wartete ich die Abfahrt des Wagens nicht am Opernhauſe, ſondern an der Ecke der Straße Lepelletier ab. Der Wagen kam ei⸗ 67 nige Minuten vor Mitternacht an mir vorbei; er rollte einige Zeit den Boulevard entlang, und bog dann in die zweite Straße zu mei⸗ ner Rechten ein. Ich ging bis zu dieſer Straße, um zu wiſſen, wel⸗ chen Namen ſie führte. Es war die Straße Taitbout. Zwei Tage ſpäter wartete ich an der Ecke der Straße Taitbout. Auf dieſe Weiſe dachte ich, ſollte es mir gelingen den Ort zu bemerken, wo der Wa⸗ gen anhielt. Und wirklich, der Wagen fuhr in das Haus Nr. 11. ein, ein ſicheres Zeichen, daß er daſelbſt wohne. Ich kam an das Haus in dem Augenblicke, wo der Portier die beiden Thorflügel verſchloß. „Was wollt Ihr? fragte er. — Iſt es nicht hier, fragte ich mit einer Stimme, der ich verge⸗ bens verſuchte einen feſtern Ton zu geben, iſt es nicht hier, wo Herr Gabriel Lambert wohnt? — Gabriel Lambert? wiederholte der Portier, ich kenne den Herrn nicht. Kein Menſch in dieſem Hauſe heißt ſo. — Aber der Herr, der eben herein kam, wie nennen Sie ihn denn? — Welcher Herr? — Der, dem jener Wagen gehört. — Den nenne ich Baron Heinrich von Faverne und nicht Gabriel Lambert; wenn Ihr das wiſſen wolltet, ſchönes Kind, ſo ſeid Ihr jetzt zufrieden geſtellt.“ Und er machte mir die Thür vor der Naſe zu. Ich kehrte in mein Hotel zurück, ungewiß, was ich thun ſollte. Es war gewiß Gabriel, daran konnte ich nicht mehr zweifeln, aber Gabriel war reich gewor⸗ den, verhehlte ſeinen wahren Namen und deshalb mußte ihm mein Beſuch doppelt unangenehm ſein. Ich ſchrieb ihm. Auf der Adreſſe bemerkte ich: An Herrn Baron Heinrich von Faverne abzugeben an Herrn Gabriel Ich 68 bat ihn um eine Unterredung und unterzeichnete mich: Marie Granger. Am folgenden Tage ſchickte ich den Brief durch einen Boten fort und befahl dieſem auf Antwort zu warten. Der Gommiſſionär kam bald zurück mit den Worten, der Baron ſei nicht zu Hauſe. Am nächſten Tage ging ich ſelbſt hin. Wahr⸗ ſcheinlich war ich an der Thür conſignirt, denn die Diener ſagten mir, der Herr Baron ſei nicht ſichtbar. Am dritten Tag kam ich wieder. Die Diener ſagten mir, der Herr Baron hätte geſagt, er kenne mich nicht, und hätte ihnen verbo⸗ ten, mich ins Haus zu laſſen. Da nahm ich denn mein Kind in den Arm und ſetzte mich auf den Stein dem Hauſe gegenüber. Ich war entſchloſſen daſelbſt zu bleiben, bis er heraus kommen würde. Ich blieb den ganzen Tag daſelbſt, dann kam die Nacht. Um zwei Uhr Morgens ging eine Patrouille vorbei und fragte mich, wer ich wäre und was ich machte. Ich antwortete, ich wartete. Da befahl mir der Führer der Pa⸗ trouille, ihm zu folgen. Ich gehorchte, ohne zu wiſſen wohin er mich bringen wollte. Dann kamen Sie und nahmen ſich meiner an. Und ſo wiſſen Sie denn jetzt Alles, mein Herr. Sie kamen von ihm abgeſchickt, ich habe keine andere Stütze als Sie in Paris. Sie ſcheinen mir gut. Was ſoll ich thun? Sprechen Sie, rathen Sie mir. 4 — Dieſen Abend kann ich Ihnen nichts ſagen, antwortete ich, aber morgen früh werde ich ihn ſehen. — Und haben Sie einige Hoffnung für mich, mein Herr? fragte Marie Granger. — Ja, entgegnete ich, ich hoffe, er wird Sie nicht ſehen wollen. — O, Gott! was wollen Sie damit ſagen? — Ich will damit ſagen, liebes Kind, daß es beſſer iſt, die arme Marie Granger als die Baronin Faverne zu ſein, glauben Sie mir. — Ach, ſo glauben Sie alſo wie ich, daß er..., — Ich glaube, er iſt ein nichtswürdiger Menſch und ich bin ziemlich ſicher, mich darüber nicht zu täuſchen. — O, mein Kind, mein Kind!“ rief die arme Mutter, indem ſie ſich vor dem Lehnſtuhl auf die Knie warf, auf welchen ihr Kind ſchlummerte und es mit beiden Armen umſchlang, als wenn ſie es gegen die Zukunft hätte beſchützen wollen, die ihm bevorſtand.“ Es war zu ſpät, als daß ſie in ihr Gaſthaus auf der Straße des Vieur⸗Auguſtins zurückkehren konnte. Ich rief daher meine Haus⸗ hälterin, und übergab ſie und ihr Kind in deren Hände. Dann ſchickte ich einen meiner Diener an die Beſitzerin des Hotel de Veniſe ab, und ließ ihr ſagen, Mademviſelle Marie Granger habe beim Doetor Fabien geſpeiſt, ſei unwohl geworden und werde erſt den fol⸗ genden Morgen zurück kommen. 10. Die Kataſtrophe. Am folgenden Morgen, oder vielmehr noch an demſelben Tage trat mein Kammerdiener des Morgens um 7 Uhr in mein Schlaf⸗ zimmer. „Herr Doctor, ſagte er, ein Diener des Herrn Baron von Fa⸗ verne iſt da und wartet ſchon ſeit einer halben Stunde, aber da der err Doetor erſt um drei Uhr ſich zur Ruh gelegt haben, wollte ich Sie nicht wecken. Ich hätte noch länger gewartet, wenn nicht ein zweiter, dringender als der erſte gekommen wäre. — Nun und was wollen dieſe beiden Leute? — Sie melden Ihnen von Seiten ihres Herrn, daß dieſer den Herrn Doctor erwartet. Es ſcheint der Herr Baron iſt ſehr krank und hat ſich dieſe Nacht gar nicht niedergelegt. — Sage ihnen, ich würde ſogleich kommen.“ Wirklich warf ich mich eilig in die Kleider und lief zu dem Baron. Wie die Diener geſagt hatten, war er nicht zu Bett gegangen, ſon⸗ dern hatte ſich ganz angekleidet aufs Beit geworfen. Ich fand ihn alſo mit Stiefeln und Beinkleider, eingehüllt in einen großen Schlaf⸗ rock von Damaſt. Sein Rock und ſeine Weſte hingen über einem Stuhl und in dem Gemache zeigte Alles die Unordnung einer ſchlaf⸗ los und aufgeregt zugebrachten Nacht. „Ach, Doctor, ſind Sie es? ſagte er, als ich in ſein Zimmer trat. Man laſſe uns allein; ich will von Niemand geſtört werden.“ Und mit einem Zeichen der Hand ſchickte er den Diener fort, der mich eingeführt hatte. „Verzeihen Sie mir, ſagte ich zu ihm, daß ich nicht früher ge⸗ kommen bin. Mein Kammerdiener hat mich nicht wecken wollen, da ich erſt um drei Uhr des Morgens mich zur Ruhe gelegt hatte. — Ich muß Sie um Entſchuldigung bitten. Ich langweile Sie, Doctor, ich ermüde Sie, und bei Ihnen iſt das Alles um ſo peinli⸗ cher, da man nicht weiß, wie man Sie für Ihre Mühen entſchädigen ſoll. Aber Sie ſehen, daß ich wirklich leide, nicht wahr? Sie werden Mitleid mit mir haben.“ Ich ſah ihn an. Es war wirklich ſchwer, ein beſtürzteres Geſicht zu ſehen, als das ſeinige. Er erregte mein Mitleid. „Ja, ſagte ich, Sie leiden und ich begreife recht gut, daß das Leben für Sie eine Qual iſt. — Wahrlich, Doctor, ich ſchwöre es Ihnen, alle dieſe Waffen, die Sie hier ſehen, Piſtolen und Dolch, habe ich ſchon zwei oder drei Mal auf die Bruſt oder an die Stirn gedrückt. Aber was kann ich dafür(ſetzte er mit leiſer Stimme und einem abſcheulichen Lächeln hinzu) ich bin ein feiger Menſch, ich fürchte den Tod. Können Sie das wohl glauben, Doctor? Sie haben mich bei jenem Duell geſehen und können Sie glauben, daß ich Furcht vor dem Tode habe? S — Beim erſten Anblick habe ich erkannt, daß Sie keinen morali⸗ ſchen Muth haben, Herr. — Wie, Doctor, das wagen Sie mir zu ſagen, mir ins Geſicht... — Ich ſage, Ihr Muth kommt aus dem Blute, das heißt, Sie haben nur Muth, wenn Ihnen das Blut zu Kopf ſteigt. Ich ſage Ihnen ferner, daß Sie keine Entſchloſſenheit haben und der Beweis dafür iſt, daß Sie zwar zehn Mal Luſt gehabt haben ſich zu tödten, wie Sie ſagen, und Waffen aller Art Ihnen zur Verfügung ſtanden, und mich doch um Gift gebeten haben.“ Er ſeufzte, ſank auf einen Lehnſtuhl und ſchwieg. „Aber, ſagte ich nach einer Pauſe, Sie haben mich wohl nicht kommen laſſen, um Ihnen eine Vorleſung über den phyſiſchen und moraliſchen, biliöſen oder ſanguiniſchen Muth zu halten, ſondern um von ihr zu ſprechen? — Ja, ja, Sie haben Recht. Wir wollten von ihr ſprechen. Sie haben Sie geſehen, nicht wahr? — Ja. — Nun, und was ſagen Sie mir? — Ich ſage, es iſt ein treffliches Weib, ein Mädchen von dem edelſten Charakter. — Ja, aber damit wird ſie mich doch ins Verderben ſtürzen, denn ſie wird von nichts hören wollen, nicht wahr? Sie ſchlägt jede Ausgleichung mit Geld aus, will, daß ich ſie heirathe oder ſchreit auf allen Straßen aus, wer ich bin und vielleicht ſogar was ich bin. — Ich darf Ihnen nicht verbergen, daß ſie in dieſer Abſicht nach Paris gekommen iſt. — Und hätte ſich dieſe jetzt geändert? Doctor, wäre es Ihnen gelungen, ſie anderer Anſicht zu machen? — Ich habe ihr wenigſtens geſagt, daß ich der Meinung ſei, es wäre beſſer, Marie Granger zu ſein, als Frau von Faverne. 72 — Was wollen Sie damit ſagen, Doktor? Soll das heißen... 2 — Ich will damit ſagen, Herr Lambert, erwiederte ich kalt, daß, ſollte ich zwiſchen dem geſchehenen Unglück der Marie Granger und dem Unglück, was dem Fräulein von Macartin bevorſteht, wählen, ich das Unglück des armen Mädchens vorziehen würde, das ihrem Kinde keinen Namen zu geben hat. — Ach ja, ja, Doctor, Sie haben Recht, mein Name iſt nicht der glücklichſte. Doch, ſagen Sie mir, lebt mein Vater noch immer? — Er lebt. — Gott ſei gelobt! Ich habe ſeit länger als fünf Vierteljahren keine Nachricht von ihm erhalten. — Er iſt in Paris geweſen, um Sie zu ſuchen, als er erfahren, daß Sie nicht nach Guadeloupe gereiſt ſeien. — Großer Gott!.... Und was hat er in Paris erfahren? — Er hat erfahren, daß Sie nie bei dem Banquier geweſen ſeien und daß der Brief, den er von Ihrem angeblichen Gönner er⸗ halten, nie von ihm geſchrieben worden iſ Der Unglückliche ſtieß einen Seufzer aus, der wie Aechzen klang und bedeckte ſeine Augen mit den Händen. „Er weiß das! er weiß das! murmelte er nach einem augen⸗ blicklichen Stillſchweigen Doch was läßt ſich dagegen ſagen! Der Brief war erdichtet, das iſt wahr, aber das that Niemand Unrecht. Ich wollte nach Paris kommen, ich wäre verrückt geworden, wenn es mir nicht gelungen wäre. Ich wendete dieſes Mittel an, weil es das einzige war, hätten Sie an meiner Stelle nicht eben ſo gehan⸗ delt, Doctor? — Iſt dieſe Frage Ihr wirklicher Ernſt, Herr? fragte ich ihn feſt anblickend. — Doctor, Sie ſind der unbeugſamſte Mann, den ich kenne, nahm der Baron das Wort, während er aufſtand und mit großen Schritten im Zimmer auf und abging. Sie haben mir nichts als 73 harte Worte geſagt, und doch, ich weiß nicht, wie es kommt, ſind Sie der einzige Menſch, auf den ich unbeſchränktes Vertrauen habe. Wenn ein Anderer nur von der Hälfte deſſen, was Sie wiſſen, eine Ahnung hätte... ich brächte ihn um.“ Er näherte ſich bei dieſen Worten einem an der Wand hängenden Piſtole und legte die Hand auf den Griff mit einer Wildheit im Blick, die eher einem wilden Thiere zu gehören ſchien, als einem Menſchen. In demſelben Augenblicke trat ein Diener herein. „Was giebt's? fragte der Baron heftig. — Der Herr Baron verzeihen, daß ich Sie gegen Ihren Befehl unterbreche. Vor einem Vierteljahr haben der Herr Baron Ihren Beſtand an Pferden erneuert und draußen ſteht ein Menſch, der die Rechnung bringt. — Wie viel beträgt ſie? fragte der Baron. — Viertauſend Franken. — Gut! erwiederte der Baron, trat zu ſeinem Seecretair und nahm aus dem Portefeuille, das er früher mir zum Aufheben gegeben hatte, vier Banknoten zu je tauſend Franken. Da, hier ſind ſie, bringe mir die Rechnung.“ Dieſe Handlung, aus einem Portefeuille Banknoten nehmen und ſie den Diener hinreichen, war ganz einfach; doch der Baron voll⸗ führte ſie mit ſichtbarer Zögerung und ſein gewöhnlich blaſſes Geſicht ward todtenbleich, als er mit beſorgtem Blick dem Diener nachſah, der die Banfnoten forttrug. Einen Augenblick lang herr chte unter uns Beiden ein düſteres Stillſchweigen, während deſſen der Baron einige Mal ſeine Lippen bewegte, als wenn er ſprechen wolle; doch jedesmal erſtarben ihm die Worte auf den Lippen. Der Diener öffnete die Thür von Neuem. „Nun? was giebt's noch? fragte der Baron mit lebhafter Un⸗ geduld. 7⁴ — Der Menſch wünſcht mit dem Herrn Baron einen Augenblick zu ſprechen. — Er hat mir nichts zu ſagen, rief der Baron. Er hat ſein Geld und mag gehen!“ Die fragliche Perſon erſchien jetzt hinter dem Diener und ſchlich ſich in das Zimmer ein. „Verzeihen Sie, Herr Baron, ſagte er, verzeihen Sie, Sie irren ſich, ich habe doch mit Ihnen zu ſprechen.“ Dann ſtürzte er mit einem Sprung auf den Baron los und faßte ihn am Kragen. „Ich muß Dir ſagen, daß Du ein Fälſcher biſt, rief er, und daß ich Dich im Namen des Geſetzes verhafte!“ Der Baron ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und ſein Geſicht wurde aſchenfarbig. „Zu Hülfe! ſtöhnte er, zu Hülfe, Doctor! Joſeph, rufe meine Leute, zu Hülfe! zu Hülfe! — Herbei! rief der angebliche Kaſſenbeamte mit ſtarker Stimme jetzt auch ſeiner Seits, herbei, ihr Leute!“ Sogleich öffnete ſich eine andere Thür und zwei Männer ſtürzten in das Zimmer des Barons. Es waren zwei Agenten der Sicher⸗ heitspolizei. „Wer ſeid Ihr? ſchrie der Baron ſich wehrend, wer ſeid Ihr? Was wollt Ihr von mir? — Herr Baron, ich bin V*?“, ſagte der falſche Kaſſenbeamte und Sie ſind gefaßt. Machen Sie keinen Lärm, kein Aufſehen und folgen Sie uns geduldig.“ Der Name, den dieſer Menſch ausſprach, war ſo bekannt, daß ich unwillkürlich erſchrack und zitterte. „Euch folgen? ſagte der Baron, fortdauernd ſich wehrend, Euch folgen? und wohin? —— —— — Nun, zum Henker! dahin, wohin man ſolche Leute wie Sie ſind bringt. Sie werden doch nicht erſt lange fragen; Sie wiſſen es gewiß ſchon längſt, ich bin es überzeugt. Nach der Polizei! — Nie! ſchrie der Gefangene, nie! riß ſich mit gewaltiger An⸗ ſtrengung von den beiden Männern los, die ihn hielten, ſprang nach ſeinem Bette und ergriff den türkiſchen Dolch. In demſelben Augenblicke zog der Mann, der ſich V?* genannt hatte, ſchnell wie der Blitz zwei Piſtolen aus der Taſche und legte auf den Baron an. Doch er hatte die Abſicht deſſelben falſch ausgelegt... er kehrte die Waffe gegen ſich ſelbſt. Die beiden Polizeidiener wollten ſich auf ihn ſtürzen und ſie ihm entreißen. „Nicht nöthig, ſagte V'ss, nicht nöthig! Seid ganz ruhig, er wird ſich nicht umbringen! Ich kenne die Herren Fälſcher von langer Zeit her, dieſe Burſche haben eine große Achtung für ihre Perſon. Nun, liebſter Freund, nur vorwärts! fuhr er fort, die Arme kreu⸗ zend und dem Unglücklichen völlige Freiheit laſſend, ſich zu erdolchen. Geniren Sie ſich nicht! Stechen Sie zu!“ Der Baron ſchien demjenigen, der ihm eine ſo ſeltſame Ausfor⸗ derung gegeben hatte, Lügen ſtrafen zu wollen. Er zückte ſchnell den Dolch gegen ſeine Bruſt, brachte ſich mehrere Stiche bei und ſank ſchreiend zu Boden. Sein Hemd färbte ſich mit Blut. „Da ſehen Sie! ſagte ich, zum Baron eilend; der Unglückliche hat ſich ermordet. — Ermordet? ſagte V's* lachend. O, ſo albern iſt er nicht. Machen Sie nur das Hemd auf, Doctor. — Doctor? fragte ich verwundert. — Ja wohl, Doctor, antwortete V**s, ich kenne Sie recht gut! Sie ſind der Doctor Fabien. Oeffnen Sie nur das Hemd, und wenn Sie eine einzige Wunde finden, die tiefer geht als vier bis fünf Linien, ſo will ich mich an ſeiner Stelle guillotiniren laſſen.“ 76 Ich hatte immer noch Zweifel, denn der Unglückliche war wirklich ohnmächtig und bewegungslos. Ich öffnete das Hemd und unterſuchte die Wunde. Es waren ſechs an der Zahl; doch wie es V*s? vor⸗ ausgeſagt hatte, wahre Nadelſtiche. Ich trat voll Abſcheu zurück. „Nun? fragte V*ss, bin ich ein guter Prophet, Herr Doctor? Jetzt, Ihr Kinder, fuhr er zu ſeinen Begleitern fort, bindet ihm die Hände, ſonſt macht er den ganzen Weg ſeine Caprivlen. — Nein, nein, Ihr Herren, rief Gabriel, den dieſe Drohung aus ſeiner Ohnmacht erweckt hatte; nein, bringt mich in einen Wa⸗ gen und ich werde kein Wort ſagen, keinen Verſuch zur Flucht ma⸗ chen, ich gebe Euch mein Ehrenwort. — Hört Ihr wohl, er giebt ſein Ehrenwort! Das iſt doch ein Troſt. Wie viel mag wohl das Ehrenwort des Herrn Barons werth ſein? he?“ Die beiden Polizeidiener fingen an zu lachen und traten mit ihren Handſchellen dem Baron näher. Der Anblick wurde mir unerträglich. Ich wollte mich entfernen. Doch der Baron klammerte ſich krampfhaft an meine Hand an und beſchwor mich, ihn in ſeinem Unglück nicht zu verlaſſen. „Aber was kann ich Ihnen helfen? fragte ich. Ich habe keinen Einfluß auf dieſe Herren. — Doch, doch, Herr Doctor, Sie haben ihn. Täuſchen Sie ſich nicht! ſagte er halb leiſe. Ein ehrlicher Mann hat immer Einfluß auf dieſe Leute. Sagen Sie ihnen, Sie wollten mich bis auf die Polizei begleiten, und Sie werden ſchen, daß ſie mir einen Wagen erlauben und mich nicht binden.“ Ein Gefühl tiefen Mitleids beengte meine Bruſt und überwog meinen Abſcheu. „Herr V'ss, ſagte ich zu dem Führer der Polizeidiener, der Unglückliche bittet mich zu ſeinen Gunſten einzuſchreiten. Er iſt in —— dem ganzen Viertel bekannt, er hatte Zutritt in vornehmen Kreiſen.. ich bitte Sie, erſparen Sie ihm unnütze Demüthigungen. — Herr Fabien, antwortete V'** mit ausgezeichneter Höflichkeit, einem Mann wie Ihnen kann ich nichts abſchlagen. Ich habe gehört, daß der Menſch Sie gebeten hat, ihn bis zur Polizei zu begleiten. Wenn Sie dazu willens ſind, ſo ſetze ich mich mit Ihnen in den Wagen und verfahre mit meinem Gefangenen milder, als er es eigentlich fordern darf. — Herr Doctor, ich bitte Sie! ſagte der Baron. — Nun wohl, es ſei! entgegnete ich, ich will meine Rolle bis zu Ende ſpielen. Herr V's*, haben Sie die Gefälligkeit, einen Wagen holen zu laſſen.“ Es geſchah, wie ich es wünſchte. Während einer der beiden Po⸗ lizeidiener nach einen Wagen ging, trat V'* zu dem Secretair, um die nöthigen Nachforſchungen über die Thätigkeit des Banknotenver⸗ fälſchers anzuſtellen. Gabriel machte eine Bewegung, als wollte er ihn daran hindern. „O, laſſen Sie ſich deshalb nicht ſtören, mein Herr Baron, ſagte V**s, den Arm nach ihn ausſtreckend. Was wir darin finden können, thut eigentlich zur Sache nichts. Wir haben bereits wenig⸗ ſtens hundert Stück, die aus Ihrer Fabrik hervorgegangen ſind.“ Der Gefangene ſank auf ſeinen Stuhl zurück und V*ss ſchritt zur Unterſuchung. „Oho, ich kenne dieſe Seeretaire! ſagte er, als er ihn genauer betrachtet hatte. Zuerſt die ſichtbaren Schubfächer, dann zu den ge⸗ heimen.“ Und er unterſuchte alle Fächer, fand aber, außer dem Porte⸗ feuille, von dem ich ſchon geſprochen habe, nichts als Briefe. Ga⸗ briel folgte mit den Augen allen ſeinen Bewegungen und wurde ab⸗ wechſelnd roth und blaß. Ich bewunderte die Gewandtheit dieſes Menſchen. Der Seeretair enthielt vier verſchiedene geheime Schubfä⸗ 78 cher; und es entging ihm nicht allein kein einziges, ſondern er ent⸗ deckte den Mechanismus auch ſogleich, ohne lange zu ſuchen, auf den erſten Blick. Was ſoll ich das widerliche Bild noch weiter ausmalen. V'** fand gegen hundert Banknoten in den verborgenen Fächern und Ga⸗ briel ward nach dem traurigen Ort ſeiner Beſtimmung gebracht. Ehe er von mir ging, bat er mich, Marien von der Löſung ſeines Schick⸗ ſals nichts wiſſen zu laſſen. Ich ſuchte ſeinen Willen zu erfüllen uud es gelang mir, ſie zu bewegen, Paris am andern Morgen zu ver⸗ laſſen. Sie that als ahne ſie nichts, doch fürchte ich faſt, ihr Herz ſagte ihr mehr, als ich ihr wiſſen laſſen wollte. Die Feuersbrunst. Des Pächter Bagley's Wirthſchaftsgebäude zu Barnholme ſtan⸗ den in Flammen. Wer ſie angeſteckt habe, wann und auf welche Weiſe der Brand⸗ ſtifter einen ſo gut bewachten Hof angezündet habe, einen Hof, der nie ganz verlaſſen war, mit einer Maſſe von Arbeitern verſehen und von dem das wachſame Auge des umſichtigen Beſitzers ſelten fern war, brachte die einfältigen Köpfe der Bewohner von Barnholme in keine geringe Verlegenheit. Doch, mochte es gethan haben, wer es wollte, die Thatſache ſelbſt blieb unbeſchreibbar; dagegen konnte Niemand etwas ſagen. Die Flammen ſchlugen aus den Häuſern heraus und zwar zum vierten Male. Die Beſtürzung des Beſitzers war zwar groß, ließ ihn aber die erforderlichen Maßregeln nicht vergeſſen, die der Drang des Augenblicks bedingte. Er gab ruhig ſeine Befehle und kam im Ganzen noch ziemlich glücklich davon. Eine bedeutende Menge von Feldfrüchten waren verbrannt und ein werthvolles Geſpann Pferde gingen dabei zu Grunde, aber das Wohnhaus und der Getreidehof wurde gerettet. Wie ruhig und ſtill, wie ergeben auch, dem Anſchein nach, Pachter Bagley war, ſo verzehrte ihn doch die quälendſte Unruhe. Es war klar, er hatte einen Feind, einen thätigen, rückſichtsloſen, unverſöhnlichen Feind und wenn er Ruhe haben wollte, mußte er ihn entdecken und unſchädlich machen. Sein ganzes Leben war verändert. 80⁰ Mißtrauen, Argwohn und Feindſeligkeit gegen ſeine Mitmenſchen mußte ſich ſeiner bemächtigen. Bisher war er ein glücklicher Mann geweſen; ſein gutes Geſchick hatte ihn mit einem ſehr nachſichtigen Gutsherrn begünſtigt; er beſaß nicht einen einzigen Acker ſchlechtes Land; weder Dürre noch Mißwachs hatte ſeine Felder heimgeſucht; doch dieſes Glück hatte auf ſein Herz den gewöhnlichen Einfluß geübt — es hatte ihn ſtumpf gemacht gegen den Kummer oder die Leiden ſeiner Nebenmenſchen. „O, dummes Zeug mit dem Gefühle!“ war ſein gewöhnlicher Ausdruck in Bezug auf Diejenigen, welche von ihm abhingen. Ver⸗ geblich war jeder Verſuch, dieſen wohlhabenden Manne die Wahr⸗ heit zu lehren, daß Freundlichkeit in Sprache oder Benehmen dem Tagelöhner angenehm ſein könne.„Dummes Zeug mit dem Gefühl! Ich möchte wohl wiſſen, was ein armer Mann damit thun ſollte? ſein Gefühl liegt in ſeinem Kartoffelfeld und Schweineſtall. Wenn ſeine Kartoffeln gerathen und ſeine Schweine bald fett werden, mag er Gott danken; ſeine Gefühle aber muß er einſtecken.“ Eben ſo ſeltſam war ſeine Anſicht von der Arbeit, er war feſt überzeugt, daß die Alten und Arbeitsunfähigen nutzloſe Glieder der Geſellſchaft ſeien, eine Laſt für die ehrliche Arbeit des Landmannes und daß ſie keinen Anſpruch auf Rückſicht oder Schutz von dem arbeitenden Theile der Gemeinde hätten, als den, welchen ihnen die ſentimentale Narr⸗ heit der Journaliſten gäbe. Er hielt beſondere Stücke auf den Bibel⸗ vers— wozu iſt die Bibel nicht nütze!— Wer nicht arbeiten will, darf auch nicht eſſen. Und kraft dieſes Verſes war ihm der gebrech⸗ liche Mann, das vom Alter heimgeſuchte Weib, das blödſinnige Kind ein Auswurf der Geſellſchaft, und Gerechtigkeit wie Politik rieth, ſie ſich vom Halſe zu ſchaffen. Und doch war Pachter Bagley von ſeinen Standesgenoſſen ge⸗ ſucht und ſeine Anſichten wurden in den meiſten Fällen mit ſichtbarer Achtung aufgenommen. Niemand verſtand beſſer ein Ackerland zum beſtmöglichen Vortheil zu benutzen. Niemand hatte ein beſſeres Ur⸗ theil bei Vieheinkäufen. Niemand kannte die Markipreiſe beſſer und Niemand verſtand es beſſer, einem ſchwankenden Käufer zuzureden und zum Kauf zu bewegen. Er war ein Grundpfeiler der Agricultur⸗ intereſſen. Lord N. N. befragte ihn jedesmal über den Vermögens⸗ ſtand eines neu aufzunehmenden Pächters. Der herrſchaftliche Ver⸗ walter zog privatim bei ihm Erkundigungen ein über die Ernte eines im Rückſtand gebliebenen Pächters. Sir Thomas B. bat ihn, ſein Wieſenland zu beſichtigen und ihm zu ſagen, wie viel er davon ziehen könne und der Geſchäftsträger der jungen Erbin kam zu ihm und fragte ihn im Vertrauen, ob er für ſeine Mündel die Pfandverſchrei⸗ bung auf ein benachbartes Grundſtück annehmen könne, deſſen Be⸗ ſitzer dringend Geld brauche. Doch bei aller ſeiner Geſchäftskenntniß und bei aller ſeiner natürlichen Klugheit konnte Bagley in dieſem Falle die Löſung des Räthſels nicht finden. Große Belohnungen wurden ausgeboten, Nachforſchungen, öffentlich und insgeheim, ſorg⸗ ſam angeſtellt; doch ohne Zweck. Niemand hatte einen Fremden um die Getreideſchober herumſchleichen ſchen; die Arbeit auf dem Hofe war fortgegangen wie gewöhnlich, bis zur Stunde des Feuers und alle Knechte verſicherten einſtimmig, daß kein Fremder in dem Hof— raume geſehen worden ſei. Jetzt miſchten ſich die benachbarten Land⸗ beſitzer ein und auf ihr Verlangen wurde die Londoner Polizei nach Barnholme berufen. Der Schluß, zu dem dieſe letztere gelangte, war ſeltſam genug. Sie ſagten dem erſtaunten Mr. Bagley, daß der Verdacht, das Feuer ſei durch einen Fremden angelegt, abgeſchmackt wäre, Alles zeige dagegen, daß der Brandſtifter im Hauſe geweſen ſein müſſe. Gegen dieſen Ausſpruch lehnte ſich Mr. Bagley kräftig auf. „Das glaube ich nun und nimmermehr, antwortete er mit einem bedeutungsvollen Stirnrunzeln. Das möchte ich doch wohl wiſſen! Welcher Knecht in meinem Dienſte könnte von einer That nur 13. 82 träumen, geſchweige ſie ausführen? Geſchwätz! einfältiges Gerede! dummes Zeug!“ Bald bot ſich die Gelegenheit ihm dar, ſeine Anſicht genauer zu überlegen. Acht Tage darauf war zum fünften Mal Feuerlärm und wieder auf Mr. Bagley's Hofe; nur daß jetzt jede Anſtrengung un⸗ nütz war, das verzehrende Element in ſeinem Fortſchritte zu hemmen. Es brannte ſechs Stunden lang, und Wohnhaus, Getreideſchober, Scheunen, Ställe, Alles war eine Maſſe: Rauch oder Trümmer. Mr. Bagley war ein heimathloſer, faſt ruinirter Mann. Ein Witzbold hat geſagt, daß ein Unglück in einem Dorfe der Provinz ein unbeſchreibliches Glück für die Einwohner ſei; es rühre die ſtagnirende Oberfläche ihres Daſeins auf und zwinge ihren abge⸗ ſtandenen Verſtand, neue Eindrücke von Menſchen und Gegenſtänden um ſich her aufzunehmen. Wie richtig auch die Bemerkung des Sa⸗ tirikers ſein mag— und ſie hat wirklich viel Wahres in ſich, wenn auch vermiſcht mit einer großen Doſis Schalkheit— ſie hatte auf die guten Leute in Abbotsbury keine Anwendung. Dieſe betrachteten alle die Vernichtung von Mr. Bagley's Eigenthum als ein perſönliches Un⸗ glück und erhoben ſich mit empfehlenswerther Einſtimmigkeit, den Thäter zu entdecken. Bei genauerer Nachfrage erfuhr man gelegent⸗ lich, daß jedesmal, wenn Feuer bei Mr. Bagley ausbrach, mochie es nun ſpät oder zeitig am Abend geſchehen, ein altes Pferd, Na⸗ mens Chirrup und ein blinder Finke, Namens Swell, aus den Gebäuden entfernt waren. Die mit der Unterſuchung beauftragten Perſonen legten kein beſonderes Gewicht auf dieſe Umſtände, nannten ſie völlig unbedeutend und weigerten ſich, dieſe Punkte genauer zu unterſuchen. Nicht ſo ein junger, angehender Advokat, der, von N F 83 einer Verſicherungsanſtalt, bei dieſen Vorgängen betheiligt war. Er legte großes Gewicht auf dieſen Zufall und erkundigte ſich in der Stille, wer den Vogel fütterte und das alte Pferd beſorgte. Da fand er denn, daß Zacharias Theaks, ein halb blödſinniger Knecht auf dem Hofe, eine arme Waiſe, der nur ſeiner phyſiſchen Stärke und der fröhlichen Laune wegen, mit welcher er jede Arbeit übernahm, auf dem Hofe geduldet war, als Eigenthümer Swell's und als be⸗ ſonderer Beſchützer Chirrup's galt und von dieſem Augenblicke an wandte der junge Rechtsgelehrte alle ſeine Kraft auf, zu beweiſen, daß dieſer arme blödſinnige Burſche von dem Feuer gewußt haben müſſe, wenn er nicht vielleicht ſelbſt der Brandſtifter ſei. Nie ſchien ein Schluß unwahrſcheinlicher. Daß Theaks, welcher kaum zwei Gedanken zu haben ſchien, der von Jugend auf im Pacht⸗ hofe gelebt hatte, ohne Freunde war und mit ſeinem täglichen Unter⸗ halt nur von Mr. Bagley's guter Meinung abhing, daß er der An⸗ ſtifter oder der Vollführer eines Verbrechens geweſen ſein ſollte, das für ſeinen Brodherrn ſo furchtbare Folgen hatte, war eine ganz na⸗ turwidrige und verſtandloſe Anſicht. In Keenwitt's, des Rechtsge⸗ lehrten Gehirn, hatte ſie aber feſten Sitz gefaßt, und während er ſich abmüht, Beweiſe für ſeine Anſicht außzufinden, wollen wir in die Vergangenheit blicken und ſehen, ob ſie nicht den Schlüſſel für die Gegenwart enthält. Das Dunkel eines Sommerabends verbreitete ſich über Holme Farm. An der roh gearbeiteten Thür ſteht ein junger Menſch in blü⸗ hender Jugend, mit zornigem Auge, ihm gegenüber aber kann man in bloßem Kopfe einen magern, ſchlecht gekleideten Ackersmann ſehen, von mittlerem Alter, deſſen angſtvolles Geſicht mit ſeinen bittenden Worien und ſeiner demüthigen Stellung a „Ich habe nichts weiter zu ſagen, Tom, ſagte der junge Mann (er war augenſcheinlich der Brodherr des vom Kummer niederge⸗ drückten Weſens, das ſich faſt zu ſeinen Füßen wand.) Der Scha⸗ den iſt durch Deine Dummheit geſchehen und Du, kein Anderer, mußt ihn wieder gut machen. — Sir, die Spuren waren ſehr alt, erwiederte der Andere, faſt gar nicht mehr zu ſehen, glauben Sie mir, und Jamper iſt ſo un⸗ geſtüm und widerſpenſtig im Geſchirr, daß Niemand ihn halten kann, wenn er ſeine Launen hat. — Halten kann! geſtehe nur gleich, Burſche, Du warſt betrun⸗ ken und ließeſt die Zügel fallen. — Betrunken, Sir? wo hätte ich etwas zum Trinken herkriegen ſollen? Ich habe es nicht in meinem Vermögen, Sir, dazu reicht mein Lohn nicht. — Hoho, auch noch unverſchämt bei Deiner Fahrläſſigkeit! — Nein, Sir, nein, wandte der Andere bittend ein; aber wenn das Blut in Wallung kommt, mißt man die Worte nicht. — Dann ſchweigt man! Du weißt jetzt meine Meinung. Bis morgen Abend muß Alles wieder gut gemacht ſein, Alles! und kein Flickwerk! Ein ander Mal wirſt Du vorſichtiger ſein, ha ha ha! ver⸗ ſtehſt Du mich?“ Der arme Mann blickte jammervoll in ſeines Herrn Geſicht. Kein Wort, keine Gebehrde der Zuſtimmung entſchlüpfte ihm. Nach ei⸗ ner kurzen Pauſe ſagte er mit einer dumpfen, von Thränen erſtickten Stimme, während ſein Auge auf den Geſichtszügen ſeines Brod⸗ herrn weilte, als wolle er die Wirkung der letzten Bitte beobachten: „Sir, meine Frau und mein Kind liegen im Fieber; der Doctor ſagt, der Zacharias werde es wohl nicht überſtehen. — Nun, das iſt Deine Sache, nicht meine. Du willſt doch nicht ſagen, daß Weib und Kind mir gehören, he?““ Ein rauhes, höhniſches Lachen folgte den Worten und der Re⸗ h 85 dende wandie ſich mit dem wohlgefälligen Weſen eines Mannes um, welcher ſich einbildet, etwas recht Witziges geſagt zu haben. „Seid gütig, Sir, ſeid nur ein Mal gütig! bat der betrübie Mann von Neuem. Seit langen Jahren habe ich Euch noch nie um etwas gebeten! laßt Nicol oder Gervis für's Künftige den Jamper fahren. Es iſt ein verſtocktes Thier, ich kann ihn nicht regieren. — Unſinn! — Herr, hört mich nur das eine Mal, nur dies eine Mal. — Nein, Theaks, kein Diener bei mir ſoll ſich ſeine Arbeit nach Belieben wählen. Du beſorgſt den Jamper wie gewöhnlich. — Dann weiß ich wohl, was geſchehen wird, ſagte traurig der Mann. Man wird mich eines Morgens unter den Füßen dieſes Beeſtes finden, kalt und ſteif, mein Gehirn zerſchmettert. — Wenn Du bis dahin bei mir bleiben willſt, wird Dein Dienſt lange dauern, bemerkte Bagley lachend. Quäle Dich mit ſolchen dummen Einbildungen nicht. Jamper mag ausſchlagen wie er will, Dein Gehirn findet er nicht.“ Und mit dieſem höhniſchen Scherz eilte der Herr zu ſeinem wohl⸗ beſtellten Tiſche und der Arbeitsmann ſchlich zu ſeiner armſeligen Hütte. Sein unglückliches Weib ſtarb nicht. Nach einem langen, zwei⸗ felhaften Kampfe mit der Krankheit erſtand ſie von ihrem dürftigen Strohlager, ein ſchwaches, kraftloſes Weib, vom Hunger gequält, aber auch zur leichteſten Arbeit unfähig. Auch das Kind nahm der Tod nicht in Anſpruch. Dürftige Koſt, geringe Stärkung und eine ſehr unregelmäßige ärztliche Pflege waren ſein Antheil, aber Jugend und Mäßigkeit retteten es. Ein anderes Opfer fiel. Eines Morgens im Mai fehlte der ältere Theaks. Man brauchie ihn, weil er einige Schafe von einem benachbarten Jahrmarkte holen ſollte, und Mr. Bagley war wüthend über ſein Ausbleiben. Eine Stunde verſtrich, dann fragte man in ſeiner Hütie nach. Seine 86 Frau verſicherte dem Boten, daß ihr Mann, wie gewöhnlich, bei Ta⸗ gesanbruch ſeine Hütte verlaſſen hätte und ſprach ihre Ueberzeugung aus, daß man ihn emſig in ſeines Herrn Angelegenheiten beſchäftigt finden werde. Dagegen wurden Zweifel erhoben und auf den aus⸗ drücklichen Wunſch des beunruhigten Weibes wurde Zacharias aus⸗ geſchickt, ihn zu ſuchen. Er fand ihn bald. Eine Ahnung, welche der Knabe nicht erklären konnte, führte ihn in den Stall und in Jam⸗ per's Lager fand man zuſammengetreten, im Blute ſchwimmend, faſt ohne daß man die menſchliche Geſtalt wieder erkennen konnte, den unglücklichen Knecht. Derjenige, welcher ihn entdeckte, war ſein eigenes Kind. Niemals erſchien ein Brodherr weniger zu ſeinem Vortheil, als Bagley, während der peinlichen Proceduren, die nothwendig darauf folgten. Die Jury— eine gerichtliche Einſchreitung war nothwen⸗ dig— verlangte einmüthig, daß Jamper erſchoſſen würde, eine Be⸗ dingung, die der Todtenrichter in Ausführung bringen mußte. Er fand den heftigſten Widerſtand bei Mr. Bagley. „Was, ſagte der erzürnte Vormann der Jury, iſt das Opfer eines Menſchenlebens nicht genug? ſoll noch ein anderer Menſch durch die Wuth dieſes boshaften Thieres umkommen? — Es iſt mir nützlich, war des Beſitzers trotzige Antwort. — Halten Sie ſeine Dienſte ſo hoch, um ein Menſchenleben zu wagen? war die Entgegnung. — Wer ſoll mir ihn erſetzen? fragte der Pächter heftig. — Ihr Pferd oder den Arbeiter, von wem ſprechen Sie? ent⸗ gegnete der aufhorchende und erſchrockene Geſchworene. — O, war die Antwort, eine Antwort, die lange und bitter im Gedächtniß blieb, einen Knecht kann ich zu jeder Stunde des Ta⸗ ges wieder haben, ſolch Vieh wächſt auf wie Himbeeren, aber ein Pferd wie Jamper, finde ich in meinem Leben nicht wieder. — Aber ein Menſchenleben, Sir, bedenken Sie, widerrufen 87 Sie Ihre Worte, die zu dieſer Zeit ganz unpaſſend ſind, bemerkte der Geſchworne. — Unpaſſend! was denken Sie? Das Pferd koſtet mich, Alles in Allem, 45 Guineen und's iſt ſchändlich, daß ich es erſchießen ſoll, weil der alberne Theaks ihm zwiſchen die Beine kam.“ Ein Geheul der Erbitterung begrüßte dieſe ſchändlichen Worte und hörte nicht auf, bis Bagley zornig das Gemach verließ. Doch eine Folge dieſes Ausbruchs der öffentlichen Meinung konnte Bagley mit aller ſeiner Härte nicht vermeiden, wie verdroſſen und zornig er ſich auch dazu anſtrengte. Man ſagte ihm von allen Sei⸗ ten, daß, da der Vater in ſeinem Dienſt geſtorben ſei, er die Ver⸗ pflichtung auf ſich habe, ſeinem Sohne Verdienſt zu verſchaffen. „Das dachte ich mir, war die Antwort, der ein zorniger Fluch folgte. Nun, laßt ihn kommen! mein Hof wird jetzt zum Irren⸗ hauſe.“ Armer Zacharias, das war ſeine Einladung zu der Wohnung, die von ſeines Vaters Blute noch feucht war! Spärliche Nahrung, Hohn, Vorwürfe, offene Unzufriedenheit und nicht ſelten Schläge geleiteten ihn durch ſeine tägliche Arbeit. Doch auf ihn machten ſie ſcheinbar wenig oder keinen Eindruck. Von der Stunde an, wo er ſeines Vaters verſtümmelten Leichnam erblickte, ſchien ſeine Vernunft geſtört. Er hatte das kindiſche Lächeln, den leeren Blick, kurz, alle Anzeichen, daß er zu vernünftigen Menſchen nicht zu rechnen ſei. Kein Mitleid heiterte ihn auf. Warum auch? Er hackte nur Holz und ſchleppte Waſſer herbei. Harmlos, ſtumpf, ohne Klage er⸗ füllte er die tägliche Arbeit, die man ihm auferlegte; aber alles Le⸗ ben, alle Heiterkeit, der kühne Geiſt der Jugend war entflohen. Sein Erbe war Mühſal. Nur in einem Punkte war er empfindlich— die unglückliche Lage ſeiner Mutter verſtand er ganz. Die Beſtändigkeit, die Treue und Selbſtverläugnung, mit welcher der arme Blödſinnige für ihre Bedürfniſſe ſorgte, würde dem höchſten Verſtande zur Ehre gereicht haben. Das Beſte von ſeiner Nahrung, ſein ganzer Wo⸗ chenlohn, jedes Trinkgeld, das er zuweilen erhielt, eine hübſche Blume, eine friſche Frucht, Alles wurde auf das Beit ſeiner leiden⸗ den Mutter gebracht. Doch nichts half ihr; ſie wurde völlig hülflos, konnte ſich ohne fremden Beiſtand nicht bewegen, eine Krankenwär⸗ terin war durchaus erforderlich und dieſe ohne eine Bitte an die Ge⸗ meinde nicht zu erhalten. Mit Widerſtreben ward ſie gemacht; aber die Nothwendigkeit war zu unläugbar. Abermals zeigte ſich Mr. Bagley in ſeinem liebenswürdigen Cha⸗ rakter. „Was? ſagte er, als man zur Abſtimmung ſchritt, was? Tom Theak's Wittwe unterſtützen! eine Frau, die in ihrem eigenen Hauſe lebt? Da könnte man mich eher unterſtützen, ich bin es ebenſo be⸗ dürftig wie ſie.“ Man warf ihm ein, das, was er ein Haus nenne, ſei in der That nur eine Lehmhütte, von dem verſtorbenen Manne der armen Frau auf der wüſten Mark mit eignen Händen erbaut, wozu kein Stück Landes gehöre und die kaum Schutz für die Winterſtürme ge⸗ währe. „Sei es wie es ſei, entgegnete Bagley, ſobald die Frau mit Geld unterſtützt wird, nehme ich das Haus für die Gemeinde in An⸗ ſpruch. Es iſt dann unſer.“ Einer der Anweſenben, der freundlicher geſinnt war, erinnerte an den trefflichen Charakter Theaks, er ſei nie der Gemeinde zur Laſt gefallen und der Verſtorbene ſowohl, wie ſeine Frau, hätten ſich ſtets durch Ehrlichkeit und Fleiß ausgezeichnet. „Das arme Weib, ſo ſchloß der Sprecher, ſoll und muß Unter⸗ ſtützung erhalten. Es iſt unmenſchlich, dagegen ſprechen zu wollen. — Sagte ich ſchon, man ſolle ſie nicht unterſtützen? fragte Bag⸗ ley ſpitzig. Gebt ihr Unterſtützung, wenn's Euch gefällt, aber nicht, wo ſie iſt, das Haus verläßt ſie. 89 — In wenig Wochen wird ſie das Leben ganz verlaſſen. War⸗ um ein unglückliches, leidendes Weib quälen? — Warum eine unglückliche, mit Laſten überhäufte Gemeinde quälen? gab Bagley zur Antwort. Unterſtützt ſie meinetwegen, aber heraus muß ſie.“ Die arme Wittwe, die ihr Bett verlaſſen hatte, um die Ent⸗ ſcheidung der verſammelten Herren zu vernehmen, bat, man wolle erbarmend mit ihr umgehen und ſie in ihrem Häuschen ſterben laſſen. Sie wünſche ſo gern ihre Augen da zu ſchließen, wo ſie ſo lange Jahre gelebt habe, in dem Hauſe, das ſie als ihr Eigenthum an⸗ ſähe und ſie, und ihr Mann ohne andern Beiſtand erbaut habe. Sie bat und flehte; Herr Bagley war unerbittlich. Sein Beſchluß lautete alſo. Wenn ſie Unterſtützung von der Ge⸗ meinde bedürfe, ſo ſolle ſie ſie erhalten, aber nicht anders, als in der beſtehenden geſetzmäßigen Form; das Armenhaus ſei der Ort für Leute in ihren Umſtänden. Dort werde ſie jede Pflege und jeden ärzt⸗ lichen Beiſtand erhalten, deſſen ſie bedürfe. Die Hütte aber müſſe der Gemeinde anheimfallen, ſie werde für ſie ſorgen, das ſei ihre Pflicht, und er wolle für die treue Fürſorge ſich verbürgen. Das arme Weib weinte und bat und wurde faſt wahnſinnig, als ſie ſah, daß ihre Worte keinen Eindruck auf die harten Herzen um ſie her machten. In ihrem Schmetz ſagte ſie manche ſcharfe, aber vollkommen wahre Dinge, manches Thörichte, weil es nutzlos und unerheblich war. Die Geduld der Verſammlung wurde erſchöpft und man hieß ſie hinausgehen. Mr. Bagley triumphirte. Die Wittwe Theaks verließ ihre Hütte, worin ſie ihr Peiniger wohl die paar Wochen noch hätte laſſen können, die ihr zu leben blie⸗ ben, ohne dem Geſetze Gewalt anzuthun. Sie bewohnte das Armen⸗ haus etwa 36 Stunden. Am Morgen nach ihrer Ankunft fand man ſie todt in ihrem Bette. 90 Die Angſt, welche der arme Blödſinnige während der Zeit aus⸗ ſtand, wo man die Entfernung ſeiner Mutter berieth, beſchloß und ausführte, war ſichtbar genug. Er machte wie gewöhnlich ſeine Ar⸗ beit und ſchwieg wie gewöhnlich. Gegen Niemand äußerte er eine Klage; bei Niemand ſuchte er Hülfe; aber tiefe, ſchmerzliche und oft wie⸗ derkehrende Seufzer bezeugten den Kampf, den er beſtand, und von dem Mahle, das er zu andern Zeiten begierig verſchlang, wandte er ſich jetzt mit Ekel ab. Sein Brodherr bemerkte den Wechſel und fragte ihn darüber. „Was fehlt Zacharias? kommt die Eſſenszeit zu ſchnell, oder iſt das Eſſen ſelbſt nicht nach Deinem Geſchmack? — Das Herz mag nicht eſſen, war des Blödſinnigen Antwort. — Zum Teufel mit dem Kerl! er hat mehr Gefühl als ich dachte. Aber es iſt ganz an ſeiner unrechten Stelle, ſeine Pflicht iſt, nur für ſeinen Herrn zu fühlen.“ Ein trefflicher Schluß. Für Andere war Zacharias Betragen am unerklärlichſten, als er die Nachricht von ſeiner Mutter Tode erhielt. Sobald der erſte Stoß vorüber war, wurde er ſehr heiter. Auf eine ſehr ſeltſame und für ſeine Umgebung ganz unbegreifliche Weiſe ſchien ſein Gemüth erho⸗ ben, gekräftigt und völlig befriedigt zu ſein. Die Seufzer hörten auf; ſein Geſicht erheiterte ſich und er aß wie gewöhnlich. „Verdammt, ſagte Mr. Bagley, er hat gar kein Gefühl, be⸗ kümmert ſich um ſeine todte Mutter nicht mehr als ich.“ Drei Wochen nach dieſem Vorfall brach das erſte Feuer auf dem Pachthofe aus, zehn Tage nachher das letzte. Zacharias ward in das Gefängniß geworfen, der Mordbrennerei verdächtig, und erwar⸗ tete von den bevorſtehenden Aſſiſen ſein Urtheil. Sie ſollten ſchon in vierzehn Tagen zuſammentreten, und ſo blieb mir wenig Gelegenheit übrig, eine Einſicht in des Gefangenen Seelenzuſtand zu gewinnen. Doch wäre der Zeitraum auch länger geweſen, ich würde wahrſchein⸗ 91 lich kein beſſeres Verſtändniß gewonnen haben, denn nie ſah ich einen Menſchen, der die Anſtrengungen vollſtändiger vereitelte, ſeine in⸗ neren Gedanken kennen zu lernen. Er hörte ruhig und mit Theil⸗ nahme auf den religiöſen Unterricht, den man ihm gewährte, gab nichts zu und läugnete nichts, aber wenn man auf ſeinen angeblichen Antheil an der Feuersbrunſt zu reden kam, entgegnete er: „Ich habe keinen Vater und keine Mutter mehr, keine Heimath und keine Freunde, ich muß eſſen und ich muß trinken, warum ſollte ich denn das einzige Dach zerſtören, das mir auf Erden Schutz ver⸗ leiht?“ Die Aſſiſen wurden eröffnet, ſein Fall vorgenommen und der öffentliche Ankläger wandte Alles auf, ihn zum Geſtändniß zu brin⸗ gen. Die Vorunterſuchung war ſorgfältig geführt worden, Bag⸗ ley's Advokat erhob ſorgfältig alle Anzeigen, und Bagley ſelbſt ſaß neben ihm, um ihm auch die kleinſten Umſtände ins Gedächtniß zu rufen. Er erklärte die Lage der Getreideſchober, ihre Nähe bei dem Hauſe, den engen gewundenen Pfad, der dazu führte. Es war faſt unmöglich für irgend Jemand, zu den Getreideſchobern zu gelangen, ohne dicht an dem Hauſe vorbeizugehen und alſo von den Bewohnern geſehen zu werden. Daraus ſchloß man denn, daß die fraglichen Brandſtiftungen nicht von einem Fremden, ſondern von einer mit der Gelegenheit wohlbekannten Perſon geſchehen ſeien. Daß aber dieſe Perſon Zacharias ſei, verſprach der Advokat des Klägers be⸗ ſtimmt und unwiderleglich nachzuweiſen. Beſonderes Gewicht legte er auf des Gefangenen Anhänglichkeit an das alte Pferd und den blinden Finken; er habe ſie täglich gefüt⸗ tert und die kunſtvolle Weiſe, in welcher der Vogel ſowohl, als das Pferd jedes Mal einige Stunden vor dem Ausbruche des Feuers aus dem Hofraume entfernt worden ſeien, zeige eine Mitwiſſenſchaft des Gefangenen, wenn nicht ſeine perſönliche Theilnahme. Dazu kam noch, daß man auf dem Bodenraume, wo der Gefangene ſchlief, in einer geſchickt ausgeweiteten Spalte einige brennbare Materialien gefunden hatte, welche, wie man ſich überzeugte, ſich bei der ge⸗ ringſten Reibung entzündeten. Auf dieſe Umſtände gründete man den Verdacht, der noch durch eine andere Thatſache ſehr verſtärkt. wurde. Zwei glaubwürdige Zeugen hatten nämlich eidlich ausge⸗ ſagt, ſie hätten am Abend nach dem letzten Feuer, als das Dach des Wohnhauſes einbrach und die völlige Zerſtörung der geſamm⸗ ten Wirthſchaftsgebäude unvermeidlich ward, Zacharias mit freudi⸗ gem Ausdruck ausrufen hören: „Endlich quitt!“ Alle dieſe Punkte wurden durch mehr oder weniger ſchlagende Beweiſe erhärtet. Der Advokat des Klägers ſtand darauf auf, verneigte ſich und ſagte:„Dies iſt der Fall;“ der Richter aber rief Zacharias zu ſeiner Vertheidigung auf. Dieſer bat auf die linkiſchſte, blödſinnigſte Weiſe, die ein Menſch nur haben kann, den Richter, ſeinen Herrn zurückzurufen, ihn wieder Platz auf der Zeugenbank nehmen zu laſſen und ihm folgende Fragen vorzulegen. Ob er(der Gefangene) ihm nicht ſtets als ehrlicher, treuer Die⸗ ner gedient habe? Ob er ihm je im Hauſe, Felde oder Hofe Anlaß zum Argwohn gegeben? Und ob er je eine drohende oder läſternde Sprache gegen ſeinen Herrn gebraucht habe, die Behandlung mochte ſein wie ſie wollte? Auf alle dieſe Fragen erfolgte die für Zacharias zufriedenſtellendſte Antwort, worauf dieſer mit unbeſchreiblichen Verrenkungen und demſelben dummen, gedankenloſen Lächeln erwiederte: Pachter Bag⸗ ley's Hof ſei ſeine Heimath; er habe nie Zank mit ſeinem Herrn ge⸗ habt, ihm ſein ganzes Leben lang kein böſes Wort geſagt, er wiſſe nicht, wo er anders unterkommen ſolle, und dann blickte er auf die Geſchwornen mit einem gutmüthigen Lächeln und fragte, ob es wohl wahrſcheinlich ſei, daß er das Haus niederbrenne, wo er ſein Brod bekäme? Das ſei Alles, was er zu ſagen habe. —— 93 Der vorſitzende Richter, der ihn während ſeines Vortrags ſcharf beobachtet hatte, fragte ihn, ob er leſen, ſchreiben oder das Vater⸗ unſer herſagen könne; und erhielt auf alle dieſe Fragen eine vernei⸗ nende Antwort. Auf die Frage, ob er gar kein Gebet könne, erwie⸗ derte Zacharias ja und ſagte ſchnell, als würde er von Dampf ge⸗ trieben, den apoſtoliſchen Glauben her. Der Richter ſah ſehr un⸗ willig aus und begann den Gang des Prozeſſes zuſammenzufaſſen. Das war eine herrliche Gelegenheit für ihn, der Geiſtlichkeit eine Vorleſung zu halten. Er war als Diſſenter erzogen und hatte nie⸗ mals für einen beſondern Freund der Hochkirche gegolten. Jede ſich darbietende Gelegenheit, die Geiſtlichen derſelben zu tadeln, ergriff er mit Begierde und ließ alſo auch dieſe nicht vorübergehen. Er ſprach mit großem Ernſt von dem traurigen Schauſpiel, das vor ihren Augen läge, hob die dringende Nothwendigkeit hervor, alle Klaſſen der bürgerlichen Geſellſchaft zu unterrichten und zu bilden, und ſprach ſeine Beſorgniß aus, daß dieſe Pflicht von der Geiſtlich⸗ keit nur zu ſehr vernachläſſigt werde.„ Lehrt das Volk, das war ſein Tert. In dieſer Homilie geſchah freilich der ſo oft vergeſſenen Wahrheit keine Erwähnung, daß, um den Armen zufrieden zu ſtellen, er eben ſowohl genährt, als unter⸗ richtet werden muß, und daß es zum Glück eines Volkes nicht weni⸗ ger gehört, daß ſich Alle warm kleiden und ſatt eſſen können, als ihren Geiſt zu bilden. Dieſe Rückſichten, die leider ſehr irdiſch ſind, vergaß der gute Richter, er ſchwebte hoch über ihnen. Ja, ſeine Lord⸗ ſchaft war von ihren Gedanken ſo eingenommen, daß es ein Mal ſchien, als müſſe er den Brand beim Pächter Bagley dem Clerus zuſchreiben, weil er das Volk nicht unterrichten wolle. Dieſe Worte ſprach er freilich nicht aus, wandte ſich aber an die Beweisführung und ſtellte ſie völlig zu Gunſten des Gefangenen dar. Er ſagte mehr als ein Mal den Geſchwornen, ob ſie auf ſo ein dürftiges Zeugniß hin einen Menſchen ſchuldig finden wollten, der gleich dem vor ihnen 94 ſtehenden Gefangenen ſo ſichtbar Mangel an gehöriger Geiſtesbil⸗ dung litte.—(„Er iſt nicht ſo dumm, wie er ausſieht,“ murmelte Bagley hörbar.)— Die Geſchwornen ſahen ſehr erhitzt, hungrig und müde aus, entfernten ſich auf einige Augenblicke und erklärten dann durch ihren Vormann den Angeklagten für unſchuldig. Mr. Bagley ſah bleich und erſchrocken aus. Zacharias verbeugte ſich plump gegen die Richter und verſchwand. Seine Erklärung über den ganzen Prozeß lautete zweideutig genug.„Ich hoffe, mein Herr iſt wohl zufrieden: ich bin es.“ Mehrere Monate nachher wurde ich von den Pflichten eines Ge⸗ fängnißpredigers entbunden und unternahm eine Reiſe nach Paris und beſuchte von da aus Saint⸗Cloud. Während eines Morgen⸗ ſpazierganges vor dem Frühſtück wurde ich von einem Reitknecht ein⸗ geholt, der in etwas auffälliger Livrée ein köſtliches Jagdpferd aus⸗ führte. Die Verhältniſſe des Thieres ſtanden in ſo vollkommener Symmetrie mit einander, ſeine ganze Haltung war ſo edel, daß, wäh⸗ rend es an mir hin und her geführt wurde, ich ſtehen blieb, um es länger und bequemer betrachten zu können. Der Reitknecht ſchien ſtolz auf ſein Pferd zu ſein und über die Bewunderung erfreut, die es erregte. Neugier bewog mich, ihn anzureden und nach dem Namen ſeines Herrn zu fragen. Der Reitknecht erſchrack über den Ton meiner Stimme, ſah mich einige Augenblicke ſtarr an und eilte dann, ſicht⸗ bar verlegen und erſchrocken, davon. „Nun, dachte ich, wenn wir jemals zuvor uns geſehen haben, ſo muß der Burſche wohl Gründe haben, mein Geſicht zu ver⸗ meiden.“ 95 Da ich meinen Zweck nicht aufgeben wollte, wandte ich mich mit derſelben Frage an einen ehrwürdig ausſehenden Mann, der in der Nähe herumſchlenderte und nach ſeinem Anzuge zu urtheilen, das ancien rögime zu begünſtigen ſchien. Der alte Herr ſah mich verdrüßlich an und antwortete kurz: „Der Reitknecht gehört, wie ich wenigſtens aus ſeiner Kleidung ſchließe, dem Sohne und Erben Iſcharioth des Zweiten.“ Ich war verlegener als je, und bat mit gehöriger Demuth um nähere Erklärung. „Wenn Sie die Schrift geleſen haben, war die mit merklicher Bitterkeit hervorgeſtoßene Antwort, ſo müſſen Sie wiſſen, daß Iſcharioth der Erſte ſeinen Herrn und Meiſter verrieth; Iſcharioth der Zweite folgte ſeinen Fußtapfen. Es wäre unklug, mein Herr, gegen einen gänzlich Fremden mich weiter auszuſprechen.“ Darauf folgte eine Verbeugung, ein Zucken mit den Schultern, eine Grimaſſe, und der alte Herr verdoppelte ſeine Schritte und ſetzte ſeine Reiſe weiter fort. „Und das iſt Frankreich! dachte ich. Was für ein eigenthümlich angenehmes, höfliches, mittheilendes Volk!“ Während ich noch ziemlich verdrüßlich da ſtand, trat ein Arbeiter zu mir, griff an ſeine Mütze und ſagte mit großer Freundlichkeit: „Der Herr ſcheint in Verlegenheit, kann ich ihm dienen?“ Ich wiederholte meine Frage. „Dieſe Leute, war die Antwort, ſtehen im Dienſt des Herzogs von Orleans. Der Reitknecht iſt, ſeinem Geſichte nach, wahrſchein⸗ lich ein Engländer; deſto beſſer für ihn! Louis Philipp und die ganze regierende Familie— ein bitterer Hohn zeigte ſeine tiefe Ver⸗ ehrung für die Dynaſtie— ſind ganz beſonders für das engliſche Volk eingenommen.“ Mein Aufenthalt in Saint-Cloud ging zu Ende und unter den drängenden Gedanken, die ein fremdes Land in uns erregt, war das 96 Jagdpferd, der Reitknecht und der Karliſt vergeſſen, als ich am letzten Morgen meines Aufenthalts dem Jagdzuge des franzöſiſchen Thron⸗ erben begegnete. Zwei ſeiner jüngern Brüder, die Herzöge von Aumale und Montpenſier, begleiteten ihn. Die Gruppe bot einen herrlichen Anblick dar. Hinter ihnen auf einem muthigen Pferde, das er mit vollendetem Geſchick regierte, ritt der engliſche Reitknecht. Zwei Treiber aus der Grafſchaft York, in dunkelgrünen Jacken, ſtan⸗ den ein wenig bei Seite und kritiſirten ihn. Ich lauſchte,— warum oder weßhalb, kann ich kaum ſagen,— aber ich lauſchte. „Der Junge ſitzt feſt im Sattel. Nicht, Tom, ſagte der Eine. — Kein Franzoſe auf der Erde kann ihm dieſen Sitz lehren, er⸗ wiederte der Andere. — Sehr recht, mein Herr, rief ein Dritter, der unaufgefordert ſich in das Geſpräch miſchte, Cary iſt ein geborner Engländer. Der Herzog hält große Stücke auf ihn und thut Recht daran! Im Stall iſt er ausgezeichnet. Er liebt die Pferde, obgleich er es nicht thun ſollte, wenn man bedenkt, daß ſein eigener Vater von einem er⸗ ſchlagen wurde. — Wie ſo? — Das Thier war ſtörriſch und ſchlug ihn im Stall nieder und trampelte ihn dann todt. Ich habe es ein Dutzend Mal von Cary erzählen hören. — Aus welcher Grafſchaft kam er? fragte ich ſo gleichgültig als möglich. — Ich kann's nicht ſagen; doch mag er gedient haben wo er will, er hatte einen grauſamen Herrn, grauſam gegen ihn und grauſam gegen eine kranke, bettlägerige Mutter, die er hatte. Das arme Weib wurde von dem Herrn ein Paar Tage vor ihrem Tode aus ihrer Hütte getrieben. Doch er bekam am Ende auch ſeinen Kummer und Cary erlebte es noch bei ihm; ſeine Kornſtände fingen Feuer und das ergriff die Scheune und das Wohnhaus, ſo daß er endlich erfuhr, was es heißt, ohne Haus und Heimath in die Welt hinausgetrieben zu werden, wie er es mit Cary's bettlä⸗ geriger Mutter gemacht hatte. Es gefiel ihm eben auch nicht! Ihr ſolltet Cary dieſe Geſchichte erzählen hören. Man hört ihm gern zu, denn die Geſchichte giebt den Habſüchtigen und Grauſamen eine geſunde Warnung.“ Ich eilte nach Hauſe. Wer Cary war, wo das Feuer ausgebrochen war, und warum, konnte ich jetzt vermuthen; ich denke, der Leſer auch. 13. 5 Louis Mandrin. Es iſt ſchon oft geſagt worden, daß unter dem ſogenannten Auswurf der Geſellſchaft, unter denjenigen Männern, welche als Geächtete und Heimathloſe daſtehen und der geordneten Geſell⸗ ſchaft den Krieg erklärt haben, ſich oft die bedeutendſten Charaktere zei⸗ gen und es bedauern laſſen, daß ſie in der Ordnung dieſer Welt keine beſſere Stelle finden konnten, um die mächtigen Fähigkeiten, mit denen ſie begabt waren, zum Nutzen der Geſellſchaft anzuwen⸗ den, ſtatt daß ſie dieſelben zum Dienſt ihrer rohen Leidenſchaften und zum Schaden ihrer Mitmenſchen gebrauchten. Einen der be⸗ deutendſten Belege zu dieſer Wahrheit giebt der obengenannte Gau⸗ ner, Schmuggler und Räuber. Er war im Jahre 1744 zu St. Etienne in der Dauphins ge⸗ boren. Sein Vater, früher ein Taglöhner, fand es mit der Zeit bequemer, auf Koſten Anderer zu leben; ſtahl anfangs und ſchloß ſich ſpäter einer Falſchmünzerbande an, die aber von der Maréchauſſée entdeckt und auseinandergejagt wurde. Auf der Flucht wurde Louis Vater erſchoſſen. Louis Mandrin blieb bei der Bande, fühlte ſich aber in dem untergeordneten Verhältniß, in dem er hier ſtand, gedrückt und beengt, und glaubte im Dienſte der Waffen eine beſſere Gelegenheit zu finden, ſeinen unbegrenzten Ehrgeiz zu befriedigen. Beim aus⸗ brechenden Kriege ließ er ſich anwerben und erwarb ſich bald die Gunſt ſeines Hauptmannes. Doch auch in dieſem neuen Verhältniß — 99 fand er die geſuchte Befriedigung nicht. Er konnte ſich mit der ſtren⸗ gen Disciplin nicht verſöhnen, noch weniger behagte ihm der gänz⸗ liche Mangel an Ausſicht auf Beförderung, und ſo entfloh er mit zwei andern Kameraden. Sein Hauptmann ließ ihn ruhig ziehen und ein neues Leben begann für Louis Mandrin. Ungefähr zwanzig Jahr alt, wählte er eine Felſenhöhle an der Küſte von St. André zum Schlupfwinkel und betrieb hier, Anfangs allein, ſpäter mit 10— 42 andern Ausreißern ſein früheres Falſchmünzergewerbe. Klugheit, Geiſtesgegenwart, unerſchrockener Muth, hinreißende Beredtſamkeit und beiſpielloſes Glück in ſeinen Unternehmungen ketteten ſeine Ge⸗ noſſen mit ſo feſten Banden an ihn, daß ſie ihm blinden Gehorſam ſchwuren und leiſteten. In der Nacht ward gemünzt, am Tage blieb der größte Theil der Bande verſteckt, nur Mandrin zog keck durch Dörfer und Städte, auf Jahrmärkte und Meſſen, um ſein falſches Geld in Umlauf zu brin⸗ gen; aber mit kluger Vorſicht vermied er ſtets die einheimiſchen Ver⸗ käufer und ſetzte ſein Geld nur bei fremden ab, wobei ſein Geiſt un⸗ erſchöpflich war, immer neue Verkleidungen zu erfinden, unter wel⸗ chen er ſeinen Verkehr bewerkſtelligte. Wenn er dann mit ſeinen Waaren nach Haus zurückkehrte, wur⸗ den dieſelben von einem erfahrenen Mitgliede geſchätzt, durch Ver⸗ traute wieder abgeſetzt und das gewonnene Geld unter der Bande vertheilt, wo natürlich Mandrin den größten Antheil erhielt. Unter dieſen Beſchäftigungen waren drei Jahre hingegangen, als Mandrin durch ſeinen Bruder die Nachricht erhielt, daß ſein ehema⸗ liger Hauptmann aus dem Felde zurückgekehrt ſei und ihm befehlen laſſe, ſich unverweilt bei der Compagnie wieder zu ſtellen, wenn er nicht die Strenge des Geſetzes auf ſich ziehen wolle. Dieſe Drohung verſetzte Mandrin in die furchtbarſte Wuth und er ſchwor dem Hauptmann blutige Rache. Durch ſeine Spione er⸗ fuhr er in Kurzem, daß der Hauptmann auf einer an der Küſte vorbeikommen werde und lauerte ihm mit ſcharf geladenen Piſtolen am Wege auf. Bald zeigte ſich der Hauptmann in der Ferne; Man⸗ drin eilt ihm entgegen, bittet demüthig um Schonung und bietet eine namhafte Summe für ſeinen Abſchied an. Der Hauptmann läßt ſich bewegen und ſchlägt auf des Falſchmünzers Vorſchlag den Weg nach einem kleinen Hauſe in der Nähe ein, wo die Mutter deſſelben wohnen und wo†Alles in Richtigkeit gebracht werden ſoll. Doch kaum iſt der nichts ahnende Hauptmann in einen Hohlweg eingeritten, ſo ſchießt Mandrin ihn und ſeinen Bedienten nieder, läßt die Leichen einſcharren und ſetzt ruhig ſeinen Weg fort. Der doppelte Mord blieb unbekannt. Auf ſeinen Streifereien ſah der Falſchmünzer zufällig die jüngſte Tochter eines Gutsbeſitzers und fühlte ſich von ihrer Schönheit er⸗ griffen. Klug wußte er ſich ein Zuſammentreffen mit ihr zu verſchaf⸗ fen, ward aber mit Stolz zurückgewieſen, Briefe und Geſchenke, die er ihr ſchickte, hatten daſſelbe Schickſal. Seine Leidenſchaft wuchs durch dieſen Widerſtand in einem furchtbaren Grade. Er wurde theilnamlos für alle ſeine Geſchäfte und ſeine Bande ſah mit Schrek⸗ ken, wie wenig ſie ohne ihn zu beſtehen fähig war. Einer ſeiner Leute, Roquirol, ſchlug ſich endlich ins Mittel, entlockte ihm ſein Geheimniß und erbot ſich, ihm zum Beſitz ſeiner Angebeteten zu ver⸗ helfen. Mandrin kannte ſich vor Freude nicht, als er dieſes Verſpre⸗ chen hörte und gelobte ſeinem Getreuen dagegen, Alles zu thun, was er nur wünſchen könnte. Roquirol giebt ihm jetzt den Rath, ſich bei dem Mädchen für einen reichen Edelmann auszugeben, und ſiehe, das Mittel ſchlug an. Er fand weit beſſere Aufnahme als früher; das Mädchen ließ ſich ſogar zu einer Zuſammenkunft bewegen und raubte ihm nicht jede Hoffnung eines glücklichen Erfolgs. WInzwiſchen zog ſich ein Ungewitter über der Bande zuſammen. Eines ihrer Mitglieder war vom Gewiſſen gerührt worden und entflohen. 101 Der treue Roquirol ließ ſchnell alle Münzgeräthſchaften und den ganzen Münzvorrath entfernen und warnte Mandrin auf ſeiner Huth zu ſein. Der reuige Verbrecher hatte ſeine Anzeige bei den Behörden gemacht und dieſe eine Partie Landreiter ausgeſchickt, um die Bande zu fangen. Lärmend, am hellen lichten Tage, zogen die Häſcher heran, umringten die Höhle und glaubten ſich ihres Fanges ganz ſicher. Aber die Höhle war leer, nur Schmelzöfen und Blaſebälge waren zu ſehen und die getäuſchten Landreiter gaben ſich nicht die Mühe, den Schlupfwinkel gehörig zu durchſuchen, wo ſie hinter einem großen Steine zwei von der Bande, die von Roquirol nicht benachrichtigt worden waren, ruhig ſchlummernd, gefunden haben würden. Das anhaltende Geräuſch weckte die Schläfer auf eine ſehr unan⸗ genehme Weiſe, und mit bangem Zittern ſahen ſie ihrem Schickſal entgegen, beſonders als ſie vernahmen, daß die Häſcher auf den Rath eines Kameraden beſchloſſen, in einem Winkel der Höhle die Ankunft der Bande abzuwarten. Die Nacht verging, ohne daß ſich Jemand zeigte, und am andern Morgen kehrten die Diener des Ge⸗ richts unverrichteter Sache nach Haus zurück. Aber die Höhle war kein Schlupfwinkel mehr, es mußte ein an⸗ derer aufgeſucht werden, und nach langem Suchen fand man endlich wieder ein paſſendes Lokal am Abhange eines waldbewachſenen Ber⸗ ges. Das kleine Lager ward mit einem Graben umzogen, mit Pfäh⸗ len verſchanzt und ein unterirdiſcher Gang angelegt, um im Fall eines Ueberfalles Mittel zur Flucht zu haben. Doch dieſes Verſteck wollte je länger je mehr dem Führer der Geſellſchaft nicht gefallen. Er hatte ſeine Augen auf ein gegenüber⸗ liegendes Schloß gerichtet, das einem kürzlich verſtorbenen Advokaten gehörte; er hatte es beſucht und war mit der feſten Lage des Schloſ⸗ ſes, das mit Thürmen und unterirdiſchen Gräben wohl verſehen Wr, vollkommen zufrieden; nur wußte er nicht, wie er in ſeinen Beſitz 102 kommen ſollte. Roquirol wußte auch hier Rath, indem er vorſchlug, den Geſpenſterglauben der Umgegend zu benutzen. Der Plan ſchien ausführbar und Roquirol erhielt den Auftrag dazu. Nachdem er unter einer Verkleidung das ganze Schloß genau unterſucht hatte, ſchlich er ſich gegen Abend mit mehreren ſeiner Leute unter mancherlei Geſtalten ein und vertheilte ſie auf ihre ein⸗ zelnen Poſten. Die junge Wittwe des Advokaten war in ihrem Zimmer allein. Ihr Schmerz um den Verſtorbenen war nicht ſehr groß geweſen, ihre Thränen ſchon getrocknet; ſie ſang ein heiteres Lied zur Laute. In der Küche lachte und ſcherzte das Geſinde— der Verſtorbene war vergeſſen. Plötzlich erhob ſich im Zimmer des Advokaten ein Lärm, als ſeien alle Geiſter der Hölle losgelaſſen; Tiſche und Stühle wurden lebendig, die Bücher flogen umher, klirrend zerſprangen alle Fen⸗ ſterſcheiben und man hörte ein Jammergeheul wie das eines Gefol— terten. Die Wittwe entfloh in Todesangſt aus ihrem Zimmer nach der Küche. Auf allen Seiten erneuerte ſich der Höllenſpektakel. Gräß⸗ liche Zeterſtimmen ſtritten ſich um des Advokaten Seele, von allen Seiten ſchlugen Feuerwirbel auf und klirrend näherten ſich ſchlep⸗ pende Schritte der Küchenthür, die ſich öffnete und ein Geſpenſt erblicken ließ, von Teufeln mit Fackeln in den Händen umgeben. Roquirol hatte ein mit rothen Flammen bemaltes Leichentuch über⸗ geworfen und ließ einige ſeiner Leute mit Ketten nachfolgen. Alle Anweſende in der Küche ſanken entweder beſinnungslos nieder oder verkrochen ſich vor dem gräßlichen Spuk, der weiter und weiter nach allen Gemächern zog und endlich unter fürchterlichem Krachen verſchwand. Noch in derſelben Nacht verließ die Wittwe mit allen ihren Die⸗ netz das Schloß und begab ſich zunächſt in den Pachthof, Mandrin aber wandte ſich zum Schloſſe. Um die Nachbarſchaft in Schrecken —ee —— 103 zu erhalten, ließ er einige Raketen ſteigen und ſeine Leute mit hochge⸗ ſchwungenen Fackeln und mit gewaltigen Ketten klirrend vor dem Schloß⸗ thore in tollen Sprüngen eine große Runde tanzen. Am Tage ſtand ein Bär als Wächter an der Pforte, der Jeden, welcher einzudringen verſuchte, zu Boden ſchlug; des Nachts wiederholten die Falſchmün⸗ zer, unter gräßlichen Teufelslarven verſteckt, ihre ſchauerlichen Tänze. Nach wenigen Tagen getraute ſich kein Menſch mehr in die Nähe des Geiſterſchloſſes und jetzt ließ Mandrin das vordere Schloßthor verſchließen, ein kleines Hinterpförtchen aber mit großer Sorgfalt bewachen. Die Münze ward in den untern Räumen und Kellerge⸗ wölben mit größerer Bequemlichkeit und in größerem Umfange wieder eingerichtet; Schmelzöfen angelegt, Prägſtöcke in Bewegung geſetzt und ungeheure Summen gemünzt. Mandrin wußte wohl, daß wenn er ſicher bleiben wolle, ſeine nächſte umgegend im Umkreis von meh⸗ reren Meilen nichts von ſeinem Treiben ahnen dürfe. Daher ward hier kein falſches Geld ausgegeben, dieſes aber auf hundert verſchie⸗ denen, ſehr ſinnreich erfundenen Wegen faſt durch ganz Frankreich verbreitet. In Mandrin's Geſellſchaft herrſchte die ſtrengſte Ordnung. Des Nachts ward emſig gearbeitet, am Tage ſchlief man oder ſchmaußte, zechte oder ſpielte. Ein Theil der Mannſchaft bewachte das Schloß, ein anderer den Schatz, und dieſe einzelnen Abtheilungen wurden von Zeit zu Zeit abgelöſt. Vier Mitglieder der Bande trieben auf deren Rechnung einen vortheilhaften Pferdehandel, den ſie bis an die ſpaniſche Grenze hin ausdehnten. Des Nachts wurden die einge⸗ kauften Pferde in die Schloßſtälle gebracht; des Nachts auf die Roß⸗ und Jahrmärkte abgeführt. Andere handelten Contrebande aller Art ein und ſetzten ſie wieder ab; der Ertrag ward unter die Bande ver⸗ theilt, der Hauptmann aber erhielt den Löwenantheil. So gelangen Mandrin's Pläne immer ſchöner; in Kurzem ſah er ſich im Beſitz eines bedeutenden Vermögens und glaubte nun ſeine 104 Bewerbungen um die ſchöne Iſaura, ſo hieß die junge Dame, deren Bekanntſchaft er gemacht hatte, mit Eifer wieder beginnen zu können. In glänzendem Aufzuge ritt er mit ſeinem reich gallonirten Bedienten nach dem Edelſitze und ward von dem Fräulein auf das Zärtlichſte empfangen. Bei wiederholtem Beſuche klagte ihm die Geliebte, wie eiferſüch⸗ tig ihre Schweſter auf ihr Glück ſei und wie ſie ihr durch dieſe Quä⸗ lerei das Leben faſt unerträglich machte. Jetzt beſchloß Roquirol, dem Mandrin ſeine Liebesabenteuer ge⸗ treulich mittheilte, ihn als ein Edelmann ſeiner Bekanntſchaft zu be⸗ gleiten und bei Iſaurens Schweſter ſein Glück zu verſuchen. Er gefiel. Beide kehrten mehrmals zu den Damen zurück, wagten ſich endlich bis zu Vermählungsanträgen, und die beiden Fräulein wären faſt die Beute eines Mörder- und Falſchmünzerpaares geworden, wenn nicht glücklicher Weiſe ein für die beiden Falſchmünzer ſehr un⸗ angenehmes Intermezzo dies Unglück von ihnen abgewendet hätte. Schon längſt wagte ſich Niemand mehr in die Nähe des Spuk⸗ ſchloſſes; Einige, die ſich unglücklicher Weiſe dahin verirrt hatten, waren ſpurlos verſchwunden. Da traf es ſich eines Tages, daß ein junger Officier auf ſeiner Reiſe nach Grenoble in dieſe Gegend kam und dieſe Spukgeſchichten hörte. Sie regten in ihm die Luſt an, einen Gang mit dieſen Geiſtern zu verſuchen, und er begab ſich, ohne auf die Abmahnungen der furchtſamen Bewohner des Ortes zu hören, mit einem Grenadier nach dem Schloſſe. Er klopfte mächtig an das Schloßthor, während der Grenadier durch eine Ritze blickt, entſetzt zurückſpringt und ausruft: ich ſehe einen Bären! „Bah! enigegnete der Officier, Bären giebts in der Hölle nicht!“ Der Bär öffnet das kleine Thürchen des Schloßthors und grinzt heraus; der Officier jagt ihm eine Kugel durch den Kopf und dringt mit dem Ausrufe:„Laß ſehen, ob noch mehrere drinnen ſind,“ ein. — 105 Mandrin war gerde abweſend; Roquirol aber, von dem Vorfall benachrichtigt, ließ ſeine Leute ſich ſchrecklich vermummen, während die beiden Soldaten die Thüren einſchlugen. Auf drei von ihnen, die ſich am Ende eines Ganges zeigten, ſchoß der Ofſicier. Alles zerſtob. In den Zimmern, welche die beiden unerſchrockenen Männer be⸗ traten, krochen große Schlangen und anderes giftiges Gewürm am Boden. Zufällig trat der Grenadier auf eine der Schlangen und fand ſie äußerſt künſtlich aus Pappe verfertigt, bemalt und mit Spring⸗ federn verſehen. Jetzt haſchten er und der Officier deren mehrere und beſahen ſich, in der Hoffnung, intereſſantere Entdeckungen zu machen, das Gemach auf das Genaueſte. Roquirol, der ſie durch einen Ver⸗ ſteck beobachtet hatte, war Anfangs entſchloſſen geweſen, die läſtigen Gäſte für immer ſtumm zu machen, änderte aber bei genauerer Ueber⸗ legung ſeinen Plan, da er beſorgen mußte, ein in der Nähe liegen⸗ des Regiment möchte die Beiden blutig rächen. Plötzlich trat er un⸗ verſehens in Begleitung eines Mitglieds der Bande, mit entblößtem Degen in das Zimmer, ſchien beim Anblicke des Officiers einen Au⸗ genblick zu ſtutzen und ſagte dann: „Ich glaubte nicht, auf meiner Geſpenſterjagd in dieſem Schloſſe Menſchen mit Fleiſch und Bein zu treffen. Ich verfolge ein Unthier, das ich wohl ſchon zehnmal mit dieſer meiner guten Klinge durchſto⸗ chen habe. — und ich, erwiederte der Officier, focht gegen die Dinger hier (auf das pappene Gethier zeigend) wie Don Quirote mit den Wind⸗ mühlen. Doch iſt mir die Spiegelfechterei kein Räthſel mehr.“ In demſelben Augenblick fuhren ſämmtliche Schlangen und andere Thiere, auch die, welche jener und der Grenadier wieder auf den Boden gelegt hatten, wieder in ihre unſichtbaren Behälter zurück. Roquirol ſtellte ſich ganz beſtürzt. „Dies hölliſche Gezücht ſtellt ſich todt, rief er, lebt aber augen⸗ blicklich wieder auf. Zertritt, durchbohrt man ſie, ſo ſtürzen ſie ohne 106 Lebenszeichen zu Boden, richten ſich aber bald wieder auf und ver⸗ ſchwinden mit Blitzesſchnelle. Im Hofe draußen legte ich auf einen Bären an. Der aber brüllte mir entgegen, es hätte ſchon ein Wa⸗ gehals auf ihn geſchoſſen; er rathe mir, ſo lieb mir mein Leben ſei, keinen zweiten Schuß zu thun. Laßt uns die Beſtie doch einmal an⸗ ſehen.“ Alle drei gingen hinaus. Der Bär ließ ſich nicht zu nahe kom⸗ men, ſtellte ſich mit furchtbarem Geheul auf die Hinterfüße, ſprang, als man ſich ihm nähern wollte, in einen nahen Thurm und warf die Thüre zu. Roquirol hatte nämlich einen zweiten in die Bärenhaut geſteckt, da der erſte zu gut getroffen war und ſpielte ſeine Rolle gegen die neu⸗ gierigen Fremden ſo gut, daß er ſie am Ende einſchüchterte. Als es zu dunkeln begann, nahm er wohl wahr, daß Beiden die Luſt vergan⸗ gen ſei, mit den Geſpenſtern ferner anzubinden und er begleitete ſie höflich zum Schloßberge hinab, wobei er nicht unterließ, ihnen eine Maſſe von Spukgeſchichten zu erzählen. Als der Officier in die Herberge des Dorfes zurückgekommen war, erzählte er, was ihm begegnet ſei, und wie er ſich dabei benommen habe. Sein Zweifel an die Wirklichkeit der Geſpenſter war ihm zurückgekom⸗ men, ſobald er ſich wieder unter Menſchen befand; das Stück von einer Schlange, das der Grenadier mitgenommen hatte, beſtärkte ihn noch mehr in dieſer ſeiner Anſicht und er ſuchte auch die Bewoh⸗ ner des Dorfes zu gewinnen, indem er ihnen ſeine Trophäen zeigte. Doch damit richtete er wenig aus; der Geſpenſterglaube war zu alt und eingewurzelt; Niemand ſchenkte ſeiner Erzählung Glauben; und als vollends einer der Bande, den Roquirol zur Kundſchaft ins Dorf geſchickt hatte, jene Trophäen mit einigen Stücken faulen Holzes ver⸗ tauſchte und dieſe am Morgen vorgefunden wurden, lachte man die beiden Helden tüchtig aus. Am folgenden Tage kehrte Mandrin von ſeiner Reiſe zurück. Als „ — 107 er das Abenteuer erfuhr, wurde er ſehr nachdenklich und fürchtete, bald genöthigt zu ſein, dieſen angenehmen Aufenthalt zu verlaſſen. Die Grfüllung ſeiner Ahnungen ließ nicht lange auf ſich warten. Auf einem Jahrmarkte in der Nähe von Lyon hatte einer ſeiner Leute Lebensmittel, Leinwand und Schafe eingekauft. Voller Freude über den guten Handel warf der Verkäufer einen Thaler in die Luft. Er zerbrach in Stücken. Ein zweiter, der jetzt zur Probe in die Luft geworfen wurde, hatte daſſelbe Schickſal. Man unterſuchte das Geld und fand es falſch. Der Gauner wurde verfolgt, entkam aber durch die Schnelligkeit ſeines Pferdes. Zu gleicher Zeit verbreitete ſich das Gerücht, daß im Park hinter dem Schloſſe zuweilen weidende Pferde geſehen würden. Das gab zu manchen Vermuthungen Veranlaſſung und als die Abenteuer des Officiers ruchbar wurden, entſtand bei den Freunden der Wittwe des Advokaten die Vermuthung, das Schloß könne wohl von Falſchmün⸗ zern und Schmugglern bewohnt werden, dte den Geſpenſterſpuk nur als Maske vornähmen. Der Gedanke war einer nähern Unterſuchung werth und plötzlich rückte eine Schaar von vierzig Bauern und Sol⸗ daten, von entſchloſſenen Männern geführt, gegen das Schloß heran. Mandrin ließ bei ihrem Anrücken alle ſeine Schätze in einen Kel⸗ ler bringen, auf deſſen Vertheidigung er ſich zu beſchränken beſchloß. Die ganze Vande war daſelbſt, zum verzweiflungsvollſten Kampfe gerüſtet, verſammelt. Das Schloß war öde und leer, kein Bär, keine Schlangen, keine Ge⸗ ſpenſter zu ſehen. Die Unterſuchenden zerſtreuten ſich durch die Zim⸗ mer, Höfe und Keller und einiges Federvieh und köſtlicher Wein war die ganze Entdeckung, die man machtr. Bald erkannte man auch den Zufluchtsort der Vande. Ein er⸗ fahrener Officier, der den Trupp der Geiſterbeſchwörer anführte, lei⸗ tete den Angriff. Das Schloßthor und die hintere Schloßpforte wurde von Reitern beſetzt; im Park Soldaten und Bauern vertheilt, die 108 Uebrigen ſtürmten den Keller. Mandrin empfing ſie mit der ver⸗ zweifeltſten Tapferkeit und trieb den Feind zurück; doch der Offieier ließ aus alten Tapeten Säcke verfertigen, mit Erde füllen und ſie vor den Stürmenden aufſtellen. Nach dreiſtündigem Gefecht gelang es endlich die Thür zu durchbrechen und in den Keller einzudringen. Doch wer beſchreibt ihre Ueberraſchung, als ſie den Raum leer fanden. Das achtzig Fuß lange und achtzehn Fuß breite Gewölbe ward von Fackeln tageshell beleuchtet; doch von Menſchen und Schä⸗ tzen war jede Spur verſchwunden. Der Boden von geſchlagenem Thon, ſo wie die Decke waren unverſehrt; die Seitenwände, die um das Nachſinken der Erde zu verhüten, von ſtarken Pfählen geſtützt wurden, zeigten nirgends nur auch die geringſte Spalte. Der Officier ließ an mehreren ihm verdächtigen Stellen einſchlagen, von den Bau⸗ ern den ganzen Schloßberg umkreiſen, ohne ein Reſultatzu gewinnen. Endlich unterſuchte er die Seitenwände des Gewölbes und ließ alle Palliſaden ausheben. Fünf bis ſechs derſelben waren einen Schuh in der Erde durchgeſchnitten und vermittelſt eines Zapfens genau wieder zuſammengefügt. Die Erde umher ſchien friſcher und lockerer. Hier mußte der Ausweg ſein. Der Anführer ließ von Neuem Wein unter die Bauern und Soldaten vertheilen und forderte ſie dann auf, wie⸗ der an die Arbeit zu gehen. In der That hatte ſich Mandrin mit ſeinen Leuten auf dieſem Wege in ein tiefer liegendes Gewölbe zurückgezogen, das von jenem Keller ungefähr hundert Fuß entfernt war, und hinter der den Eingang be⸗ deckenden Erde eine Trommel und ein Glas Waſſer aufgeſtellt. Jeder Schlag der Arbeitenden draußen erſchütterte das Waſſer und die Trom⸗ mel erklang. Mandrin ſah, daß ſeine Feinde immer näher kamen, und da der Widerſtand bei der Entſchloſſenheit und den Schutzwehren der Belagerer keine Hoffnung mehr bot, ſo ſuchte er nur noch Zeit zu gewinnen, ließ die Stützen jenes Ganges einreißen und die Erde ufammenſtürzen, um den Feind ſo lange als möglich aufzuhalten. 3 zen, 8 glich außß 109 Die ausgeſandten Kundſchafter brachten die Botſchaft, daß alle Ausgänge beſetzt und der ganze Berg umringt ſei. Jetzt blieb nur noch eine einzige Rettung übrig. Gerade über dem Gewölbe ſtand eine ungeheure Eiche, durch deren vom Waſſer ausgewaſchene Wur⸗ zeln das Tageslicht herunterfiel. Mandrin befahl der ganzen Bande, nur das Koſtbarſte ihrer Habſeligkeiten mitzunehmen, damit ſie deſto leichter durch die Oeffnung hinaus kommen könnten. Einer nach dem Andern ſtieg hinauf und als ſie alle verſammelt waren, überfielen ſie plötzlich die größtentheils umherſchnarchenden Bauern, warfen die noch Wache haltenden nieder und entflohen pfeil— ſchnell ins Dickicht. Auf dieſe Nachricht ließ der Officier nur wenige ſeiner Leute bei den Schanzgräbern und ſetzte mit den übrigen den Flüchtlingen nach. Seine Verfolgung führte aber zu keinem Reſultat; Mandrin kannte die Schlupfwinkel der Gegend ſo genau, daß kein einziger ſeiner Begleiter in die Hände der Nachſetzenden gerieth, die nach einer mühſeligen Nacht und nach einem noch mühſeligeren Tage ermüdet die Verfolgung einſtellen mußten. Auch die Schatzgräberei brachte wenig erfreuliche Reſultate. Als man bis zum zweiten Ge⸗ wölbe vorgedrungen war, hatte man nur Leinwand, Mobilien, Le⸗ bensmittel und einiges falſches Geld gefunden. Eine ganze Compagnie Landreiter ward zum Streifen ausgeſandt, alle Verdächtige angehalten, der ganze Küſtenſtrich eifrig durchſucht; und ſo fand man denn nach einigen Tagen zwei Vagabunden, die in Grenoble auf der Folter bekannten zu Mandrin's Bande gehört zu haben und zugleich alle erforderlichen Nachweiſungen über die einzelnen Mitglieder derſelben gaben. Sobald ſich der Hauptmann der Schmugglerbande gerettet ſah, eilte er zu ſeiner geliebten Iſaura, um in ihren Armen die Tage der Gefahr zu vergeſſen. Aber ſein Name war inzwiſchen bekannt gewor⸗ den und ein Bauer, der ihn perſönlich kannte, zeigte ſeinen Aufent⸗ haltsort an. Die Landreiter lauerten ihm in einem benachbarten 110 Hauſe auf und fielen im Augenblick über ihn her, als er mit dem Fräu⸗ lein aus dem Schloſſe trat. Wer beſchreibt die Beſtürzung des Mäd⸗ chens! Da die Landreiter bürgerliche Kleidung trugen, ſo glaubte Iſaura anfangs, es ſeien perſönliche Feinde ihres Geliebten und rief ihre Leute zu ſeiner Hülfe herbei. Da zeigte aber der Anführer der Landreiter den Verhaftsbefehl vor und nannte den wahren Namen des angeblichen Edelmanns. Iſaura ſank bewußtlos nieder und begab ſich noch an demſelben Tage, ihre Schmach zu verbergen, in ein nahes Kloſter. Auch Mandrin war von dieſem ſchnellen Wechſel ſeines Schickſals ganz betäubt und ließ ſich widerſtandslos feſſeln und fortführen. Erſt als die Kerkerthüren ſich hinter ihm ſchloſſen, erwachte er zum vollen Bewußtſein ſeiner Lage; er gerieth in eine wahre Raſerei, ſprang wüthend in dem engen Gemach hin und her, zerriß mit übermenſch⸗ licher Gewalt ſeine Ketten, ward aber von den herbeieilenden Wäch⸗ tern übermannt, in einen feſteren Kerker gebracht und mit ſ chwereren Ketten belegt. Das dunkle, feuchte Loch, das ihm jetzt zum Kerker diente, die dürftige Koſt, die man ihm reichte und die Verzweiflung, die an ihm nagte, warfen ihn in eine ernſtliche Krankheit. Er ward in den Krankenſaal gebracht, wo er durch eine Unbeſonnenheit des Wärters erfuhr, daß der Arzt den Gerichten gerathen habe, da ſein gefährli⸗ cher Krankheitszuſtand ihm leicht das Leben koſten könne, möchte man ſeinen Proreß beſchleunigen. Dieſe Ausſicht auf ein baldiges ſchmäh⸗ liches Ende rief eine unerwartete Reaction in ſeinem Körper hervor und er wurde plötzlich wie durch ein Wunder geſund. Indeß hatten ſich die Gerüchte über ihn vervielfältigt, ſein Schick⸗ ſal und ſein früheres kühnes Leben hatten ihm manche Theilnahme erworben; er erhielt von vielen Perſonen Beſuche im Krankenzimmer. Namentlich beſuchten ihn zwei frommen Damen ziemlich oft, die ſeine Seele dem Himmel retten wollten. Dem ſchlauen Mann entging der 111 günſtige Eindruck nicht, den er auf die frommen Schweſtern gemacht hatte; er ſtellte ſich ungebehrdiger als er war, wollte von keinem re⸗ ligiöſen Zuſpruch, von keinem Geiſtlichen etwas wiſſen; zeigte aber auch von Zeit zu Zeit eine weichere Stimmung und beklagte ſich dann bitter über ſeine unmenſchliche Behandlung. Die frommen Seelen fühlten ſich davon tief empört und ſetzten die ganze Stadt in Bewegung, um durch milderes Verfahren und gelin⸗ dere Gefangenſchaft den armen Sünder zu bekehren. Der Criminal⸗ richter gab endlich den vereinten Bitten nach; Mandrin erhielt endlich einen beſſern Kerker und zeigte ſich dadurch ſo gerührt, daß er die de⸗ müthigſte Bußfertigkeit annahm und nach einem Beichtwater verlangte. Der alte Capuziner, den man ihm zuſchickte, konnte die Reue des Verbrechers nicht genug rühmen, und die frommen Seclen der Siadt feierten einen gottſeligen Triumph. Mandrin ließ aber ſeine verbeſſerte Lage nicht unbenutzt. Er wußte ſich mit den übrigen Gefangenen in Verbindung zu ſetzen und verabredete mit ihnen eine gemeinſchaftliche Flucht. Sobald dies ge⸗ ſchehen war, bat er ſeine frommen Gönnerinnen, ihm durch ihren Einfluß auszuwirken, ſich noch einmal mit ſeinen Mitgefangenen zu letzen, um als bußfertiger Chriſt ſie durch ſein Beiſpiel und durch ſeine Ermahnungen ebenfalls auf den Weg des Heils zu führen. Dieſe Erlaubniß, die man durch die obere Behörde nicht zu er⸗ halten fürchtete, erhielt man durch Geld und gute Worte vom Kerker⸗ meiſter, dem man die ſtrengſte Verſchwiegenheit gelobte und der ſich zur größern Sicherheit, die Theilnahme am Feſite ausbedung. Mondrin ſprach mit der Salbung und dem Feuereifer eines Apo⸗ ſtels; ſelbſt der Kerkermeiſter konnte ſeiner Rührung nicht widerſtehen und weinte wie ein Kind; die Andern folgten ihm, wenigſtens dem Scheine nach. Dabei ward viel getrunken und namentlich dem Ker⸗ kermeiſter ſo zugeſetzt, daß er bald beſinnungslos vom Stuhle tau⸗ melte. Der erwünſchte Augenblick war da. Mandrin nahm ſeinen Mitgefangenen die Ketten ab, raubte dem Kerkermeiſter die Schlüſſel, ſchloß dieſen in ſein Gefängniß ein, und zog mit ſeinen Genoſſen triumphirend durch die Stadt. Spät am andern Morgen brachte der Bediente des Hauptmanns der Landreiter ſeinem Herrn ein Schlüſſelbund, das man ihm durch das vffene Fenſter in die Stube geworfen hatte. Der Officier er⸗ kannte ſogleich dieſe Schlüſſel und vermuthete, was geſchehen ſei. Er ließ ſchleunig die Flüchtlinge verfolgen; der Kerkermeiſter ward eingeſperrt und für die Zukunft jeder fromme Beſuch bei den Gefan⸗ genen unterſagt. Mandrin war in Sicherheit, aber auch entblößt von Allem, was zum Leben gehörte. Vergeblich ſuchte er unter einem Baume nach einer Geldſumme, die er dort vergraben hatte; Andere hatten die Voögel ſchon ausgenommen. Er erfuhr von einem ſeiner Bande, daß die Bauern der Umgegend vor Kurzem einen Schatz gehoben und un⸗ ter ſich getheilt hätten und ſchwor den Räubern Rache. Doch vor der Hand mußte er ſie aufſchieben, da es nicht gerathen ſchien, ſie ſchon jetzt gegen ſich zu erbittern. Während dem hatten ſeine Leute eine bequeme Felſenhöhle aufge⸗ funden, die ſie ihm zum fernern Aufenthalte vorſchlugen. Mandrin hatte für das unterirdiſche Treiben keinen Sinn und lehnte den Vor⸗ ſchlag ab; dagegen überfiel er eine benachbarte Einſiedelei, ließ dem Mönche zwar das Leben, zwang ihn aber, die Kutte herzugeben und einen ſeiner Bande in ſeinen frommen Bußübungen zu unter⸗ richten, um dadurch die Bauern der Umgegend in Contribution zu ſetzen. Bald fanden ſich neue Genoſſen zu ihm, und in Kurzem war ſeine Bande auf 38 Mann geſtiegen. Die Einſiedelei ward zum Hauptquartier beſtimmt, eine Höhle in einem nicht fern gelegenen Berge durch einen unterirdiſchen Gang mit ihr in Verbindung ge⸗ 113 bracht und dieſer mit mehreren Auswegen verſchen; ein Retiungs⸗ weg wurde unter der Erde ſogar bis ans Ende des Thals geführt. Jetzt begann das Falſchmünzen von Neuem und Mandrin lebte herrlich und in Freuden. Aber auch hier ſchien der Verrath ſie zu bedrohen. Ein Bauer⸗ mädchen, das ein verirrtes Schaf aufſuchte, kam zufällig an einen der Eingänge der Höhle. Ein dumpfes Schlagen und Pochen erregte ihre Aufmerkſamkeit, ſie horchte einige Augenblicke ängſtlich auf und wollte eben, vom Grauen der Furcht gejagt, entfliehen, als Mandrin aus der Höhle tritt, ſeine Gefahr wahrnimmt, ſie in die Höhle ſchleppt und dort mit eigener Hand ermordet. Doch Mandrin's frühere Thätigkeit war gebrochen; ſeiner Lebens⸗ weiſe ward er überdrüſſig und häufig zog er unter verſchiedenen Ver⸗ kleidungen auf Abenteuer aus. Sein Beiſpiel verlockte auch ſeine Bande zur Unthätigkeit und zum müßigen Wohlleben. Mehrere von ihnen wagten ſich häufig in die nahen Dörfer, betranken ſich und fin⸗ gen Händel an. Da ſie in der Umgegend nicht bekannt waren, ſpürte man ihnen nach und entdeckte endlich ihren Aufenthalt. Die Landreiter von Grenoble, Valence und den übrigen Nachbar⸗ ſtädten wurden heimlich aufgeboten; und in größter Stille und Vorſicht rückten die Männer des Geſetzes gegen die Einſiedelei heran und um⸗ ſtellten den Berg. Das Innere der Einſiedelei war leer; erſt nach langem Suchen entdeckte man den nach der großen Höhle im Berge führenden unterirdiſchen Gang. Das rettete die Bande. Was ſie nicht fortſchleppen konnte, ward verbrannt, der Thalweg führte ſie glücklich aus den Händen ihrer Verfolger. In einem unterirdiſchen Loche fand man den alten Einſiedler faſt ohne Lebenszeichen; die Bande hatte ihn ſeit mehreren Tagen vergeſ⸗ ſen und keine Nahrung gebracht. Der alte Mann erzählte getreulich, was ſeit ſeiner Gefangenſchaft bei der Bande vorgefallen, namentlich auch den Mord an der jungen Bäuerin. 13. 8 11⁴ Als die Landreiter die Verbrecher entflohen ſahen, ward nur eine Wache an die Ausgangsthür geſtellt, die Uebrigen ſetzten den Ent⸗ flohenen nach. In allen benachbarten Dörfern erſchallten die Sturm⸗ glocken; überall ſuchte man der Verbrecher habhaft zu werden. Man⸗ drin, der ſich nicht bei der Bande befunden hatte, war eben auf dem Heimwege. Die große Bewegung unter dem Landvolke, das Tönen der Glocken weiſſagte ihm einen neuen Unglücksfall und bald erfuhr er von den Bauern, was eigentlich vorgehe. Unter dem Vorwand, die Flüchtlinge aufzuſuchen, jagte er mit verhängtem Zügel von dan⸗ nen und eilte, ſeine Leute zu erreichen. Von dem Aufruhr der ganzen Gegend in der Flucht aufgehalten, hatte Roquirol, ſein Lieutenant, ſich in kurzer Entfernung von ſei⸗ nem frühern Aufenthaltsorte aufgeſtellt und gedachte Gewalt mit Ge⸗ walt zu vertreiben. Er hielt es für leicht, die Landreiter und die Bauern auseinander zu treiben; Mandrin aber, der die Gefahr beſſer einſah, traf ſogleich die kräftigſten Vertheidigungsanſtalten, ließ Bäume umhauen, ihre Zweige ineinander verflechten und ermahnte ſeine Leute zur kräftigſten Gegenwehr. Der Anführer der Landreiter, derſelbe Officier, der ſchon das Schloß des Advokaten erſtürmt hatte, eilte, die Anſtalten der Räuber unwirkſam zu machen. Er befahl den Bauern, eine Menge Reiß⸗ bündel zu fertigen und ſie beim Anrücken anzuzünden und vorſich her zu werfen. Ein heftiger Wind trieb den Belagerten Rauch und Flam⸗ men ins Geſicht, ihr Verhan ſelbſt faßte Feuer, und da Mandrin keine Luſt hatte, lebendig zu verbrennen, verließ er ſeine Stellung, und rückte mit ſeinen im Quarrse aufgeſtellten Leuten dem Feinde entge⸗ gen. Das Gefecht war hartnäckig und anhaltend; am Ende aber entſchied es ſich zum Nachtheil der Räuber, von denen die meiſten todt oder verwundet auf dem Platze blieben, die übrigen entflohen, doch nur wenige entrannen den nachſetzenden Reitern. Mandrin ſelbſt mit ſieben ſeiner Genoſſen ward gefangen. 115 Sein Proteß dauerte nicht lange. Stolz und herriſch im Kerker wie an der Spitze ſeiner Bande, bat er, als das Todesurtheil aus⸗ geſprochen war, nur um die einzige Gnade, nicht auf einem Karren zum Richtplatz geführt zu werden. Man gewährte ſie ihm, knebelte aber zur Vorſicht die Arme ſcharf zuſammen. Beim Anblick des Schaffots ſchien Simſon's Geiſt über den Ver⸗ brecher zu kommen; im Nu waren ſeine Bande zerriſſen, Beichtvater, Henker und Häſcher zu Boden geſchlagen. Die erſchrockene Volks⸗ maſſe gab ihm Raum, er jagte davon, erreichte das Stadtthor und verſchwand in den nächſten Bergen. Vergebens ſetzte man ihm nach; ſeine Brüder und Kameraden wurden hingerichtet. Noch mehrmals entging der kühne Räuber den drohendſten Ge⸗ fahren, brach, gefangen genommen, aus den feſteſten Banden und Ker⸗ kern und kam auf dieſe Weiſe glücklich bis an die Grenze von Sa⸗ voyen, wo er einige Mitglieder ſeiner frühern Bande wiederfand und mit ihnen und andern neu angeworbenen Mitgliedern das Schmugg⸗ lerhandwerk trieb. Fünf Zollbediente, die ihm nachſpürten, fielen unter ſeiner Hand, und um ſein Geſchäft beſſer treiben zu können, kleidete er ſich und ſeine Leute in ihre Uniformen. Am folgenden Morgen hinterbrachte ihm einer ſeiner Kundſchafter, daß ein Beamter der nächſten Zollbrigade geäußert habe, er bedaure, nicht bei jenem Vorfall geweſen zu ſein; er habe mit Mandrin ſchon fertig werden wollen. Noch in derſelben Nacht ward an des Zollbeamten Thür heftig gepocht und eine rauhe Stimme frug:„Womit kann Mandrin Dir dienen?“ Der Beamte war vor Schrecken keiner Sylbe mächtig, öff⸗ nete auf die Drohung, ſein Haus zu ſtürmen, die Thür und mußte mit ſeiner Frau zuſehen, wie Mandrin's Leute ihm alles raubten, was er beſaß. Durch dieſe Vorfälle nahm Mandrin's Bande in kurzer Zeit an Zahl ſchnell zu, doch war er in ſeiner Wahl ſchr vorſichtig und nahm 8 nur ſolche auf, die durch ihre frühern Thaten ſich jede Hoffnung auf Begnadigung geraubt hatten. Sein Schmuggelhandel erſtieg eine ungeheure Höhe. Ganz Languedve und die Dauphiné waren mit verbotenen Waren erfüllt; die Generalpächter verloren bedeutende Summen; der Handel war gelähmt. Es war natürlich, daß man jetzt mehr und mehr zur Steuerung dieſer Unordnungen ſich verei⸗ nigte. Aber Mandrin hätte ſicher vor allen dieſen Nachſtellungen ſein können, wenn er nicht das Landvolk gegen ſich aufgebracht hätte. Wer ihm auf der Straße aufſtieß, ward mit den Waffen in der Hand gezwungen, von ſeiner eingeſchmuggelten Waare zu kaufen; ſelbſt die Generalpächter konnten ſich dieſem gewaltthätigen Anfinnen nicht ent⸗ ziehen. So ließ er am 13. Juni 1734 mehrere Ballen Tabak auf Maul⸗ thiere laden und zu dem Zollaufſeher der Stadt Rhodez bringen. Er ſelbſt mit 32 Mann begleitete die Waare, trat allein ins Haus, ließ den Aufſcher rufen und bot dem vor Angſt halbtodten Mann den Ta⸗ bak zu ſehr niedrigem Preiſe an, mit dem Verſprechen, er werde künftig nur bei ihm ſeine Waare abſetzen. Vergeblich weigerte ſich der Aufſeher, wollte er ſein Leben retten, mußte er zahlen, und ju⸗ belnd zog die Bande wieder ab. Ein gleiches Schickſal erfuhr der Zollaufſcher in Meude. Mandrin beſchloß jetzt, mit ſeiner ganzen Bande in die Schweiz und nach Savoyen zu gehen, dort Contrebande in Maſſe aufzukaufen und ſie gewaltthätig den Zollaufſehern zu verkaufen. Als er mit ſeiner, an Zahl noch vermehrten Bande aus der Schweiz zurückkehrte, zogen ihm mehrere Zollbrigaden in der Franchecomté mit bewaffneter Hand entgegen. Sie wurden geſchlagen und ſeine Waaren bei den Zollaufſehern abgeſetzt. Von Neuem zog er nach Savoyen und kehrte nach einiger Zeit mit mächtigen Waarenballen nach Frankreich zurück, o die Zollaufſeher von Crapone, Briſonde und Montbri⸗ ſon die gezwungenen Käufer wurden. Dieſes Treiben wurde endlich ſo gefährlich, daß das Miniſterium beſchloß, mit Heeresmacht dem Unweſen ein Ende zu machen. Meh⸗ rere Regimenter Huſaren, Dragoner und leichte Infanterie zogen ge⸗ gen Mandrin und ſeine Bande aus, die ſich beim Dorfe Grenand ver⸗ ſchanzt hatte und hier eine ſo vortheilhafte Stellung einnahm, daß die königlichen Truppen ſich begnügen mußten, ſie von allen Seiten einzuſchließen, um ſie endlich auszuhungern. Das nöthigte Mandrin, eine förmliche Schlacht anzunehmen. Wie ein geübter General hatte er ſeine Leute vertheilt, trieb die königlichen Truppen wiederholt in Unordnung zurück, ſah ſich aber nach langem, verzweiflungsvollem Kampfe, der den Königlichen viele tapfere Officiere und Soldaten koſtete, in die Flucht geſchlagen. Nach dieſem Unglück ſchien ſein Glück von ihm gewichen. Von Dorf zu Dorf mit wenigen ſeiner Getreuen fliehend, ward er endlich durch den Verrath eines ſeiner Leute im Schlafe überfallen, gekne⸗ velt und nach Valence geführt, wo er am 26. Mai des Jahres 1755 ohne prahlenden Trotz, aber furchtlos das Blutgerüſt beſtieg. Inhalt des dreizehnten Theils. Gabriel Lambert Die Feuersbrunſt Louis Mandrin. Seite 79 6 Nachtſeiten der Geſellſchaft. Eine Gallerie merkwürdiger Verbrechen udRechtsfälle. Herausgegeben von Dr. A. Diezmann, Pr. W. Jordan und Dr. L. Meyer. Vierzehnter Theil. Leipzig, 1845. Druck und Verlag von Otto Wigand. Schuldig oder Bichtschuldig? In Eckelsheim, ſieben Stunden von Mainz, fand ſich in der Mitte des März 1810 ein Jude, David Borig, bei einem ſeiner Glaubensgenoſſen, Jacob Krämer, ein und bezog bei demſelben eine Wohnung, in der Abſicht, das Oſterfeſt zu halten. Dieſer Borig war aus Alſenz gebürtig und in dem Jahre 1780 nach Amerika gezogen, wo er ſich zu Philadelphia unter dem Namen John Deves niederließ, eine namhafte Summe Geldes erwarb und ſein eigenes Haus erbaute. Im Jahr 1803 war er jedoch nach Deutſchland zurückgekehrt, hatte aber, ganz gegen die ſonſtige Weiſe ſeines Volkes, in unbefangenem, argloſen Vertrauen das von Ame⸗ rika zurückgebrachte Geld durch mancherlei Kunſtgriffe und an ihm verübte liſtige Streiche nach und nach eingebüßt, bis ihm nur noch einige hundert Gulden in Gold blieben, welche er unabläſſig bei Tag und Nacht um den Leib auf dem Hemde trug. Während ſeines Aufenthaltes in Eckelsheim lernte Borig mehrere Einwohner des Ortes kennen, unter Andern den Schneider Georg Carl Friedrich B... und einen gewiſſen Joſeph Anton Grode, der ein wahrer Tauſendkünſtler, Schuſter, Schneider, Schreiner, Tün⸗ cher, Büchſenſchäfter war und noch manche andere Gewerbe trieb. Borig war durch ſeine Verluſte nicht klüger geworden; er erzählte, wer es hören wollte, wie viel Geld er bei ſich trage, und hatte auch mit Grode, der in dem Krämer'ſchen Hauſe eine Stube ausweiß te, ſich zutraulich unterhalten, ihn von ſeinem Schatze und endlich 4 auch geſagt, er ſei in Niederhilbersheim geweſen bei einem aus Amerika zurückgekommenen Mann, Namens Finkenauer, der die Abſicht habe, nach Oſtern wieder nach Amerika zurückzureiſen, und mit dem er gemeinſchaftlich die Reiſe nach Amerika antreten wolle. Der Befragte habe aber vorläufig erklärt, er könne jetzt noch nicht fortkommen. Am 7. April 1810, Nachmittags 4 Uhr, am Vorabend des Sonntags vor dem Palmſonntage, kam eine Botenfrau in die Krä⸗ mer'ſche Wohnung zu Eckelsheim mit einem an Borig gerichteten Briefe. Da das moſaiſche Ceremonialgeſetz den Juden verbietet, einen Brief am Sabbath zu erbrechen, ſo ließ Borig ſelbigen von einem eben anweſenden Chriſten öffnen und ſich vorleſen. Dieſer Brief lautete wörtlich alſo: Hilbersheim, den 7. April 1810. Lieber Borig! Ich muß Ihm die Nachricht machen, daß heute ein Kamerad hieher kommen iſt, der mit mir nach Amerika reiſen wollt; da ich aber nicht geſonnen bin, dieſes Jahr fortzureiſen, ſo ſagte ich: In Eckelsheim wäre Einer, der auch bis die Oſtern fortwolle, ſo iſt er hier geblieben bis morgen. Dieſer nimmt aber noch Zwei mit ins Land, ſo müßt Ihr aber bis morgen früh um acht Uhr hier ſein, denn dieſer nimmt aber auch viel Geld mit, dann könnt Ihr auch Zehrung bekommen. Liebſter Borig, verſäume es nicht, dies iſt ein ſehr Bekannter von mir. Komm nur bis morgen acht Uhr hieher. J. P. Finkenauer. Borig ſagte darauf der Botenfrau, ſie möchte demjenigen, der ſie geſchickt habe, melden, er werde nicht gerade um acht, wohl aber um zehn Uhr in Niederhilbersheim ſein. Am folgenden Morgen, Sonntag drn 8. April, geht der Jude, vertrauend auf die empfangene Zuſchrift, zwiſchen fünf und ſechs Uhr Morgens von Krämer fort, um zu der verſprochenen Stunde bei — Finkenauer einzutreffen. Mit ſich nimmt er ſeine von ihm unzer⸗ trennliche Geldkatze und einen Sack, um für die bevorſtehenden Oſtern Matzenmehl zu kaufen. An demſelben Morgen begegnet der vom Dorfe Gumbsheim nach Eckelsheim gehende Adjunct Janſon zwiſchen ſieben und acht Uhr dem Juden, der in der Schenke von Gumbsheim ein Glas Branntwein trinkt und dann ſeinen Weg nach St. Johann und Niederhilbersheim fortſetzt. Zwiſchen Badenheim und Gumbsheim wird der Jude Borig noch von einem Landmann und ſeiner Frau geſehen, die von ihm nach dem Wege nach St. Jo⸗ hann befragt werden. Das war das letzte Mal, wo der unglückliche Jude lebendig geſehen wurde. Am folgenden Tage kehrte Borig gegen ſein Verſprechen zu ſeinen Wirthsleuten in Eckelsheim nicht zurück. Es verſtrichen vier weitere Tage, ſelbſt der Sabbath, wo den Juden das Reiſen unterſagt iſt, ohne daß Borig etwas von ſich hören läßt. Jetzt ward ſein Haus⸗ wirth Krämer um ihn beſorgt und ließ ſich durch einen Boten bei Finkenauern nach ihm erkundigen, der jedoch erklärt, er habe an Borig nicht geſchrieben und demſelben ſeit jenem erſten früheren Be⸗ ſuche nicht mehr geſehen. Auf dem Rückwege kehrte der Bote im Wirthshaus zum Stern in Sprendlingen ein und erfuhr dort vom Wirth, daß am vorigen Sonnabend Nachmittags zwei Männer gekommen ſeien, von denen der eine einen Brief geſchrieben und ihn durch eine Weibsperſon nach Eckelsheim an David Borig im Krämer'ſchen Hauſe abgeſendet habe. Dieſe Nachricht beſtärkte in mehreren Eckelsheimern den Verdacht, der Jude ſei durch jenen Brief in eine Falle gelockt und ermordet worden. Die Beſchreibung der fraglichen beiden Männer, nach ihrer Tracht und ihrem ganzen Benehmen, ließen auf Grode und B... ſchließen. Mehrere Eckelsheimer Bewohner zerſtreuten ſich in der Sprendlinger Gemarkung, um den Leichnam wo möglich aufzufinden. Ihr Bemühen war aber vergeblich und nach fruchtloſem Suchen gin⸗ 6 gen ſie in das erwähnte Wirthshaus zum Stern, um ſich zu erholen. Während ſie hier ihre Vermuthungen austauſchten über Borig's Verſchwinden, trat auch der Leinweber Chriſtoph Rößler mit Gro⸗ dens Schweſter, Catharine, ſeiner Geliebten, ein. Die Eckelsheimer brachen ihr Geſpräch ſogleich ab, glaubten aber zu bemerken, daß das Paar über ihren Anblick ſehr erſchrocken ſei. An demſelben Abend befanden ſich mehrere Leute aus Eckelsheim bei B. der ſeit dem Montag, die ganze Woche über, zu Hauſe geblieben war und ſprachen ebenfalls über Borig's räthſelhaftes Ver⸗ ſchwinden. Da trat Catharine Grode ein und rief den B... hinaus. Bald nach ſeiner Zurückkunft entfernten ſich die Anweſenden; vor'm Schlafengehen aber brachte der lahme Schneider(B... hinkte auf dem rechten Fußc) ſeiner Hauswirthin ihren achtjährigen Sohn, der bei ihm im Beit zu ſchlafen pflegte, und war am Morgen mit Grode verſchwunden. Jetzt begann man die Nachforſchungen nach dem vermißten Juden lebhafter und fand endlich zwiſchen Gumbsheim und St. Johann, in einem Wäldchen, in der Nähe des Weges, an einer Stelle„Im See“ genannt, die lederne Kappe, die der Jude bei ſeinem Aufbruch von Eckelsheim getragen, und einen ſeiner Schuhe; alle Nachfor⸗ ſchungen nach dem Leichnam blieben fruchtlos. Erſt am Charfreitag, zwölf Tage nach Borig's Verſchwinden, fand die Behörde eine wahr⸗ ſcheinliche Spur zur Entdeckung der Leiche. Ein Mann nämlich äu⸗ ßerte, am Abend eben des Sonntags, an welchem Borig verſchwun⸗ den, habe er Grode um zehn Uhr hinter ſeinem, Grode's väterlichem Backhauſe, mit einer kleinen Leiter geſehen und auf ſein Befragen die Antwort erhalten:„er wolle einſteigen; ſeine Leute hätten ihm wahrſcheinlich die Thür verſchloſſen.“ Zwei andere Zeugen ſagten aus, ſie ſeien B... an dem Morgen, wo Borig verſchwunden, mit einem Rechen begegnet und auf ihre Fragen, was er mit dem Rechen wolle, hätten ſie die Erklärung erhalten, er müſſe noch ein Stückchen gelbe Rüben unterrechen. Dieſe beiden Zeugenausſagen führten auf die Vermuthung, daß der ermordete Leichnam wahrſcheinlich mit der Leiter von der Mordſtätte weg an einen andern Ort getragen und in der Eckelsheimer Gemarkung ſelbſt, vielleicht ſogar gerade in jenem Acker, den B... im Taglohn ſeines Hauswirths Müller gegen Ende des verfloſſenen Märzmonats umgearbeitet habe, verſcharrt ſein möge. Die Vermuthung beſtätigte ſich wirklich. Auf dem Acker, der eine halbe Stunde von Eckelsheim und eine Viertelſtunde von der Straße nach Gumbsheim gelegen iſt, verrieth die abweichende Farbe einer überrechten Stelle den Nachforſchenden, was ſie ſuchten. Ein Bauer ſtieß mit einem Ladſtock in die lockere Erde und traf in einer Tiefe von drei bis vier Fuß auf eine Leiche, die ſofort ausgegraben wurde, und in welcher viele der anweſenden Eckelsheimer den vermißten Da⸗ vid Borig erkannten. Der Leichnam war mit emem brauntuchenen groben Wams, einer dunkelbraunen Manſcheſterweſte, gelbledernen Pantalons und weißwollenen Strümpfen bekleidet; ein Schuh und die Kappe fehl⸗ ten. Der linke Vorderarm war dicht über der Hand, in der Größe einer ſtarken Baumnuß durchſchoſſen und derſelbe Schuß hatte auch die linke Vorderſeite des Wamſes, ohne jedoch den Körper ſelbſt zu verletzen, durchlöchert. An der rechten Seite der Bruſt, in der Ge⸗ gend der ſiebenten wahren und der drei erſten falſchen Ribben, fan⸗ den ſich vier, von einem Schuſſe herrührende, theils durch Nr. 0 Schrote, theils durch gehacktes Blei erzeugte und von hinten nach vorn in die Bruſthöhle gedrungene Wunden von eckiger Form, das linke Auge war eingedrückt und die Hände ganz aufgeſchunden. An dem Leichnam fanden ſich Borig's Päſſe, der Kaufbrief über ſein Haus in Philadelphia und zugleich auch jener Brief, durch den der Jude in den Tod gelockt worden war. Die Geldkatze war verſchwun⸗ den, doch hatten die Mörder in der Eile und Angſt den Leichnam 8 nicht genauer unterſucht, denn in einer der Hoſentaſchen fand ſich ein lederner Beutel mit 16 Gulden 17 ½ Kreuzer, 4 ſilbernen Hemd⸗ knöpfen und einer ſilbernen Uhrkette, woran ein goldenes Medaillon befeſtigt war. Die Aerzte erklärten bei der am folgenden Tage ſtattfindenden Leichenobduction, die Abweſenheit aller Verweſungsſpuren an dem gefundenen Leichnam, faſt vierzehn Tage nach dem Tode, ſei eine Folge der geſunden Säfte des Ermordeten, und ſeiner Verſcharrung gleich am Tage des Mordes, wodurch er dem Einfluß der Temperatur entzogen worden ſei. Die Schußwunde an der rechten Seite, welche die Lunge, Leber und Gallenblaſe verletzt hatte, wurde für unbe⸗ dingt tödtlich erkannt; das eingedrückte linke Auge ſei wahrſcheinlich eine Folge des Todeskampfes, eben ſo die aufgeſchundenen Hände; weitere Spuren verübter Gewaltthätigkeiten an dem Leichnam erga⸗ ben ſich nicht. Die Gerichte durchſuchten jetzt die Wohnungen der flüchtig ge⸗ wordenen Grode und B..., und fanden in der Wohnung des Er⸗ ſteren unter dem Dache ein Piſtol, das ebenfalls mit Nr. 0. Schrot und gehackten Stücken Blei geladen war. Schon früher hatte man ein eben ſo geladenes Jagdgewehr in Grode's Wohnung entdeckt, das aber von einem Eckelsheimer Burſchen reelamirt wurde, der es dem Grode angeblich zum Putzen anvertraut hatte. Die Mörder hatten das Gewehr wahrſcheinlich um deswillen zurückgeſtellt und Piſtolen gewählt, da die letztern leichter zu verbergen ſind. Gleich nach Entdeckung der Leiche war der Liebhaber der Grode'⸗ ſchen Schweſter, Chriſtoph Rößler, der mit den beiden Flüchtlingen viel verkehrt hatte, ebenfalls entwichen, trieb ſich mehrere Tage in der Irre herum, wo er in Scheunen und Ställen übernachtete, ſtellte ſich aber endlich freiwillig dem Maire von Imbach und ward ver⸗ haftet. Die Unterſuchung ergab ungefähr Folgendes: 1 9 Grode und B.. hatten ſeit mehreren Jahren faſt ununterbrochen ein Schmugglergewerbe betrieben, das ſich in der letzten Zeit nicht ganz ſo gewinnreich gezeigt hatte, als früher. Eben damals, als der unglückliche Jude mit allzugroßer Vertraulichkeit Beiden den Beſitz einer namhaften Geldſumme, den Ort, wo er ſie zu bewahren pflegte und die Abſicht, gleich nach gefeierten Oſtern mit Finkenauer die Rückreiſe nach Amerika anzutreten, mitgetheilt hatte, befanden ſich beide Schmuggler in großer Verlegenheit, indem ihnen eine Partie Waaren, die ſie mit geliehenem Gelde gekauft hatten, weggenommen worden war. Sie waren völlig entblößt von Gelde, und in dieſer Noth ſcheint bei ihnen der Gedanke gereift zu ſein, den Juden durch eine falſche Zuſchrift Finkenauer's, deſſen veränderten Entſchluß ſie ebenfalls kannten, auf den Weg nach Niederhilbersheim zu verlocken und ihn daſelbſt zu ermorden und zu berauben. Die Einſamkeit der Straßen am Sonntagsmorgen ſchien zu der That am geeignetſten und deshalb forderte der Brief den Juden auch auf, ſchon ſehr zeitig an jenem Morgen bei Finkenauer einzutreffen. Darauf weiſen mehrere Umſtände hin. Am Morgen des Sonnabend (7. April) ſoll, nach der Behauptung einiger Leute, B... in einem Kramladen zu Eckelsheim für einen Kreuzer Papier gekauft haben. Am Nachmittag deſſelben Tages kehren im Wirthshaus zum Stern in Sprendlingen zwei Männer ein, verlangen eine Flaſche Wein und ſetzen ſich an einem der Tiſche zuſammen nieder. Auf die Frage der Wirthin:„Woher des Weges?“ entgegnen ſie,„von Gabsheim,“ und verlangen jetzt Dinte und Feder. Der Eine von ihnen, mit blauem Wams, blauen Hoſen und runder, lederner Kappe(wie ſich Grode gewöhnlich trug), zieht Papier aus der Taſche und ſchreibt einen Brief. Die Wirthin ſah hierauf, daß der andere der beiden Gäſte, in grauem Wams, grauen Hoſen und einer Kappe in Form eines Hutes, der auch hinkte, den Brief überlas und dann— nach den früheren Zeugenausſagen— der Hinkende in grauer Tracht 2 14. 10 allein, nach den Ausſagen bei den Aſſiſen Beide— eine am Wirths⸗ hauſe vorübergehende Frau hereinriefen und gemeinſchaftlich ihr gegen ein Botenlohn von 18 Kreuzern auftrugen, einen Brief an einen fremden Juden im Krämer'ſchen Hauſe zu Eckelsheim abzuge⸗ ben und auf die Antwort des Juden zu warten. Um vier Uhr deſſel⸗ ben Nachmittags verließen darauf dieſe beiden Männer das Wirths⸗ haus zum Stern. Nach der Zeugenausſage der Botin begegneten ihr darauf die Beiden auf dem Rückwege. Der in blauer Kleidung fragt ſie, ob ſie den Brief richtig beſtellt habe; worauf ſie bejahend antwortet und hinzufügt, der Jude habe ihr geſagt, er werde morgen, Sonntags, ſpäteſtens um zehn Uhr in Niederhilbersheim eintreffen und der Fra⸗ gende habe lachend dann geäußert:„Den Juden haben wir recht geutzt!“ An demſelben Sonnabend kehrten B... und Grode nicht in ihre Wohnung zurück; kehren abrr ſchon am Morgen um fünf Uhr des verhängnißvollen Sonntags bei dem Wirthe Cetto, in dem vom Wege, welchen der Jude zu nehmen hatte, ſeitwärts gelegenen Orte Wöllſtein ein. Bald darauf geſellt ſich ein Dritter zu ihnen, nach der Beſchreibung, Chriſtoph Rößler. Nach der Perſonalbeſchreibung verlangt Grode einen halben Schoppen Branntwein, holt dann Semmeln und alle Drei verzehrten mit einander die Semmeln und den Branntwein. Nach einer halben Stunde brachen ſie auf, Grode aber bleibt die ſechs Kreuzer für den Branntwein ſchuldig und ver⸗ ſpricht fie den folgenden Tag zu berichtigen. Neugierig ſchaute der Wirth den durch ſeinen Garten gehenden Gäſten nach und ſah, daß ſie nicht den Weg nach Eckelsheim, welches Rößler als ſeinen Wohn⸗ ort bezeichnet hatte, ſondern den nach Sprendlingen und Gauböckel⸗ heim einſchlugen, welcher auf die Straße von Eckelsheim nach dem vier Stunden davon entfernten Niederhilbersheim führt, an der ſich das Wäldchen,„Im See! genannt, befindet. Auf dem Wege von Gumbsheim nach Eckelsheim ſah der Adjunct Janſon an demſelben Morgen zwiſchen ſieben und acht Uhr drei Männer, von denen einer am Boden lag, und die Jemand zu erwar⸗ ten ſchienen. Als ſie gewahr wurden, daß Jemand ſie beobachte, entfernten ſich zwei von ihnen, während der am Boden liegende zurückblieb. Nach Rößlers Ausſage war dieſer Dritte B..., der ſich durch ſein lahmes Bein zu verrathen fürchtete. Als Janſon näher nach Eckelsheim kam, begegnete er auch dem nach Gumbsheim zu⸗ wandernden Juden. An eben demſelben Morgen zwiſchen acht und neun Uhr ging der Landmann Konrad Görtz mit ſeiner Frau von Badenheim nach Gumbsheim, und begegnete da, wo der Weg von Wöllſtein nach Gauböckelheim den von Eckelsheim über Gumbsheim nach St. Johann führenden durchkreuzt, bei einem Hölzchen, an einer Stelle„Zu den drei Steinen“ genannt, zwei Männern, von denen der eine, in welchem die Ehefrau Görtz Grode erkannte, ihr im raſchen Vorbeigehen einige Scherzworte zurief, der andere, ihr unbekannte aber, ein blaues Wams und weißleinene Hoſen trug, wie Rößler an jenem Tage gekleidet war. Weiterhin, nach Gumbsheim zu, trafen die Eheleute Görtz auch den Juden, den an jener Stelle, wo die vorangegangenen Beiden dem genannten Ehepaar begegnet waren und wo man ſpäter ſeine Kappe und einen ſeiner Schuhe fand, der Tod erwartete. B... ward von den Eheleuten Görtz damals nicht geſehen. Rößler erklärte es dadurch, daß der Fehlende zur Be⸗ friedigung eines Naturbedürfniſſes zurückgeblieben ſei, ſich aber ſpä⸗ ter an einer Brücke wieder bei ihnen eingefunden habe. Ueber die Ereigniſſe jenes Unglücksmorgens ſagte Rößler noch Folgendes aus: Grode habe ihn an dieſem Sonntag früh um vier Uhr abgerufen Rößler nahm Theil an ihrem Schmugglergeſchäft), um ankommende Waaren mit erwarten zu helfen. Vor Eckelsheim hätten ſie den lahmen Schneider B... gefunden, ſeien dann alle Drei nach Gumbsheim weiter gegangen„hätten Felde eine Weile gewartet, worauf dann Grode vorgeſchlagen habe, nach Wöll⸗ ſtein zu dem Krämer und Wirth Cetto zu gehen, um ihn zu fragen, ob er von den zu erwartenden Waaren welche zu nehmen geſonnen ſei. Während Rößler und Grode dorthin gegangen, ſei B... etwas zurückgeblieben, ihnen aber bald nachgekommen. Als ſie bei Cetto den Branntwein getrunken, wären ſie auf die Stelle am Gumbsheimer Wege, wo ſie ſchon früher gewartet, zurückgekehrt und wären dort abermals ſtehen geblieben. B... habe ſich auf den Boden gelegt, doch wiſſe er, Rößler, nicht, ob ſolches das erſte oder das zweite Mal geſchehen ſei. Nach geraumer Zeit ſei er, Rößler, mit Grode auf dem Wege nach Badenheim weiter fortgegangen, wo ihnen allein die Eheleute Görtz begegnet wären. Erſt an der Brücke, wo B... ſich wieder bei ihm eingefunden, habe ihm Grode geſagt: Der Amerikaner komme dieſen Weg, ſie wollten ihm ſein Geld abneh⸗ men.“ Da habe er, Rößler, entgegnet:„Er gebe ſich nicht mit Stehlen ab!“ und ſei ſogleich von den Beiden hinweg auf den Weg nach Gumbsheim und Eckelsheim zurückgegangen. Hier hätte er den Juden auf dem Wege nach St. Johann eine Anhöhe herabkommen ſehen, ſei aber zu entfernt geweſen, um zu bemerken, was die beiden Andern mit ihm angefangen hätten. Einen Schuß habe er nicht ge⸗ hört, auch bei jenen Beiden keine Piſtolen geſehen, die ſie aber in den Taſchen ihrer Jacken leicht hätten verbergen können. Zum Beweis ſeiner Unſchuld berief ſich Rößler darauf, daß er ſchon um neun Uhr wieder in Eckelsheim geweſen ſei, was durch eine Zeugin erhärtet wurde, die ausſagte, ſie habe ihn von Schweiß triefend zurückkommen ſchen; ferner habe er Grode erſt in der Mittagsſtunde wieder geſehen, der ihn ausgelacht und höhnend gefragt habe:„Ob er etwa nicht glaube, daß ſie ihre Waaren bekommen hätten?“ Zwiſchen neun und zehn Uhr an jenem Morgen finden ſich Grode und B... in Flonheim, wo der Erſtere, der wenige Stunden zuvor nicht ſechs Kreuzer bezahlen kann, in zwei Kramläden vergebens Gold Sbeechide⸗ 13 zum Auswechſeln anbieten und beim dortigen Einnehmer Schneider einen öſterreichiſchen Ducaten ſich wechſeln läßt. Mehrere Zeugen wollen auch Rößler in Flonheim damals geſehen haben; dieſer aber läugnet hartnäckig in allen ſeinen Verhören dieſen Umſtand. Zur Mittagszeit kam B... in ſeine Wohnung zurück, berührte aber das ihm von ſeiner Wirthin vorgeſetzte Eſſen faſt gar nicht, ging, obgleich er ſehr müde ſchien, wieder aus und kehrte erſt in der Dämmerung zurück. Mehrere Eckelsheimer, die ſich am Abend in B... s Wohnung eingefunden hatten, gingen auf des ebenfalls an⸗ weſenden Rößler's Ermahnung: B... wolle ſich ſchlafen legen, nach Hauſe und ließen Letztern allein zurück. An demſelben Abend um zehn Uhr wurde Grode bei ſeinem väterlichen Backhauſe mit einer Leiter geſehen und ſuchte dies, wie ſchon erwähnt, durch eine ſehr einfältige Ausflucht zu erklären. Am folgenden Morgen ließ ſich B... gegen ſeine Gewohnheit von ſeiner Wirthin Kaffee zubereiten und wurde ſpäter mit einem Rechen geſehen. Alle dieſe Umſtände, die Perſonalbeſchreibungen der Männer, die von mehreren Zeugen an dem fraglichen Sonntag und am Sonn⸗ abend vorher, theils in der Nähe der muthmaßlichen Mordſtelle, theils in den nahe dabei liegenden Wirthshäuſern geſehen worden waren, das Erſchrecken von Grode's Schweſter, als ſie mit Rößled im Stern zu Sprendlingen mehrere Eckelsheimer erblickt; die heim⸗ liche Mittheilung, die das Mädchen noch an demſelben Abend dem B. macht; das Verſchwinden deſſelben, nachdem er vor Schlafen⸗ gehen ſeiner Hauswirthin ihren Knaben, ſeinen bisherigen Betige⸗ noſſen, zurückgegeben hat; endlich die Entweichung Rößlers, ſeine Rückkehr und gerichtliche Ausſage— Alles wieß darauf hin, daß Grode und B... die Mörder des Juden Borig ſeien. Der Prozeß ward demnach gegen dieſe beiden Männer in contumacium, gegen Rößler aber contradietoriſch eingeleitet, und von dem damaligen in Mainz beſtehenden Specialgerichtshof am 20. Derember 1810 ein 14 urtheil gefällt, wonach Grode und B... in contumaciam zum Tode verurtheilt, Rößler aber freigeſprochen wurde. Der Letztere ſtarb 1826 in Eckelsheim; von den beiden Flüchtlingen aber, Grode und B..., fand ſich keine Spur. Erſt nach achtzehn Jahren erfuhr man die ſpäteren Schickſale des lahmen Schneiders B... Er hatte ſich Anfangs mit Grode eine Zeit lang flüchtig herumgetrieben, dann aber und zwar noch im Jahre des Mords und ſeiner Verurtheilung, 1810, in dem an der Bergſtraße gelegenen Orte B. unter dem Namen Friedrich niedergelaſſen. Sein Betragen im neuen Wohnſitze war nach dem Zeugniß der Ortsbehör⸗ den und der Einwohner muſterhaft zu nennen. Er hatte ſich daſelbſt verheirathet, war Vater von drei Kindern, und nährte ſich als Fruchthändler, Schneider und Barbier ſehr anſtändig, als ihn im Jahre 1828 mehrere zufällig in B. anweſende Eckelsheimer erkannten und mit ihm ſprachen, doch aus Menſchlichkeit ihn nicht angaben. In demſelben Jahre kommt ein anderer Mann aus Eckelsheim eines Pferdehandels wegen nach B., ſieht den lahmen Schneider, der einen Leichenzug begleitet, und erfennt ihn ebenfalls, beſonders an ſeinem lahmen Fuße. Das Gerücht von dem jetzigen Aufenthalt des zum Tode verur⸗ theilten Verbrechers, das ſeit dem zweiten Zuſammentreffen ſich immer weiter ausbreitet, kommt auch den Behörden zu Ohren, die ihn am 2. Auguſt verhaften und nach Darmſtadt bringen laſſen. Da die durch die peinliche Gerichtsverordnung feſtgeſetzte zwanzig⸗ jährige Verjährungsfriſt noch nicht abgelaufen war, ſo ſtand das Contumacialurtheil noch in voller Kraft und die Anklagekammer des Darmſtädter Obergerichts verwieß den Angeklagten vor die Aſſiſen, wo er auch am 3. Detember 1828 erſchien. B... 6 Aeußeres und ſeine ganze Haltung ſprach ſehr zu ſeinen Gunſten; der jetzt 33jährige, mit klarem Verſtande, unzerſtörbarer Ruhe und Geiſtesgegenwart ausgeſtattete Mann erſchien als ein noch rüſtiger, wohlhabender Bewohner eines kleinen Orts, den man bei ſeinem offenen und treuherzigen Geſichte die gräßliche That, deren er beſchuldigt wurde, kaum zutrauen konnte. Der Staatsanwalt entwickelte vor den Geſchwornen die Anklage im Allgemeinen und ſchloß daran die bereits mitgetheilten Hauptmo⸗ mente, welche auf die Schuld des Angeklagten deuteten. Die Anklage wieß beſonders auf folgende Momente, die von den Geſchwornen zu entſcheiden ſeien; 1) Freiwillige Tödtung des David Borig; 2) Vor⸗ bedacht durch das Schreiben und Beſtellen des hinterliſtigen Briefes; 3) Auflauern am Weg, den der zu Ermordende herkommen mußte; 4) Raub des von Borig in ſeiner Geldkatze bei ſich geführten Goldes. Aber die Anklage war ſehr ſchwer wieder zu führen; viele von den Zeugen, welche 1840 abgehört worden, waren entweder ver⸗ ſtorben oder nicht mehr aufzufinden; dagegen erhielten die Zeugniſſe über ſeine Sittlichkeit und ſeinen bisherigen Lebenswandel, die der Angeklagte theils von der Ortsbehörde, theils von vielen Einwohnern ſeines letzten Wohnorts herbeibrachte, ein bedeutendes Gewicht, und man konnte im Voraus beſtimmen, daß die jetzige Procedur, ſelbſt bei dem beſten Willen der Anklagezeugen, zu keinem erſchöpfenden Ergebniß führen werde. Mehrere der frühern Anklagezeugen geriethen mit ihren damaligen Ausſagen in Widerſpruch und vermochten nach achtzehn Jahren den Angeklagten nicht mehr mit voller Beſtimmtheit anzuerkennen. Krämer, der Hauswirth des Ermordeten, konnte nur die dem Mord vorausgegangenen Thatſachen beurkunden und hatte B... nicht geſchen. Die Wirthin zum Stern in Sprendlingen er⸗ zählte den Vorgang des Briefſchreibens und des Beſtellens der Bo⸗ tenfrau ganz wie er den Leſern bereits bekannt iſt; ihre Beſ chreibung von B.'s damaliger Tracht und das Merkmal des Hinkens waren ſehr bezeichnend, nur ſeine Perſon konnte die Zeugin jetzt nicht mehr beſtimmt anerkennen. Derſelbe Fall trat bei der Botenfrau ein. Uebrigens hatten nach ihrer Ausſage beide damals im Stern Anwe⸗ 16 ſende über die Beſtellung des Briefes mit ihr geſprochen, bei der Aniwort des Juden unterwegs Beide gelacht; wer ihr das Boten⸗ lohn bezahlt, wußte die Zeugin jetzt nicht mehr zu ſagen. Der Wirth Cetto von Wöllſtein erzählte den ganzen Vorgang am Sonntag Morgen in ſeinem Hauſe völlig übereinſtimmend mit ſeiner frühern Ausſage und erkannte den Angeklagten mit größter Beſtimmtheit. Die Eheleute Görtz konnten nichts gegen den Angeklagten ausſa⸗ gen, da ſie ihn nicht geſehen hatten, als ſie auf ihrem Wege mit Grode und Rößler zuſammentrafen. Die übrigen Zeugen ſagten über B...'s Benehmen nach Borig's Verſchwinden in ſeinem Hauſe, über ſeine Flucht, über ſein Antref⸗ fen mit einem Rechen am Montag Morgen, über das Verwechſeln des Goldes in Florheim und das Aufheben der Leiche aus. Nach Abhörung dieſer Zeugen trug der Staatsanwalt auf Verle⸗ ſung der früheren Ausſagen der jetzt nicht mehr herbeizuſchaffenden Zeugen, ſo wie der Verhöre des früher mitangeklagien Rößler an. Der Vertheidiger widerſetzte ſich dieſem Antrag, ward aber vom Aſſiſenhof zurückgewieſen. Der Angeklagte räumte ſeinen vertrauten Verkehr mit Grode und den gemeinſchaftlichen Betrieb des Schmuggelhandels ein; gab auch zu, mit Grode geflohen und bis zu ſeiner Riederlaſſung in B. mit demſelben zuſammengeweſen zu ſein, weil er die traurigen Folgen des ihn der Mitwirkung an Borig's Mord ungerechterweiſe beſchuldi⸗ genden Gerüchts gefürchtet habe. Er geſtand am Nachmittag des 7. April mit Grode im Stern zu Sprendlingen geweſen zu ſein; wollte aber vom eigentlichen Inhalt des von Grode geſchriebenen Briefes nichts wiſſen. Er ſei, während Grode geſchrieben, eingenickt, habe den Brief nicht überleſen und ſich mit Grode's Vorgeben begnügt, daß dieſer an ſeinen Vater geſchrieben habe. Alle und jede Theil⸗ nahme an der Beſtellung der Botenfrau nach Eckelsheim läugnete — — 17 B.. unbedingt, eben ſo den Ankauf des Papiers am Sonnabend, das von der Botenfrau bekundete gemeinſchaftliche Lachen auf die Frage, ob ſie den Brief beſtellt habe, und Grode's Aeußerung: „Den Juden haben wir recht geutzt!“ Auf gleiche Weiſe wollte B... in der Frühe des Sonntags Morgens mit Grode nicht beim Wirthe Cetto in Wöllſtein geweſen ſein, obgleich dieſer ihm ſeine Anweſen⸗ heit in's Geſicht behauptete. Er gab vor, er ſei an jenem Morgen in Armsheim geweſen und könne alſo vom Adjuncten Janſon auf dem Wege von Eckelsheim nach Gumbsheim in Geſellſchaft von Grode und Rößler, nicht am Boden liegend geſehen worden ſein; auch ſeine Anweſenheit in Flonheim, wo Grode ſich Gold wechſeln ließ, ſtellte er in Abrede. Er räumte zwar ein, am Montag Morgen nach Borig's Verſchwinden mit einem Rechen einem der Zeugen be⸗ gegnet zu ſein; läugnete aber, dieſem geſagt zu haben, er wolle ein Stückchen gelbe Rüben unterrechen und meinte, er habe jenes Feld⸗ geräth zum Laubrechen gebraucht. Nach dieſen Verhören reſumirte der Staatsanwalt den Thatbe⸗ ſtand von Neuem, und bewies die unbeſtreitbare Theilnahme B. s an dem mit Vorbedacht gegen den Juden David Borig verübten Raubmord. Der Vertheidiger begann mit einer vortheilhaften Schilderung des unſträflichen Lebenswandels des Angeklagten während der zu⸗ nächſt verfloſſenen achtzehn Jahre in ſeinem neuen Wohnort, und ſtellte die Behauptung auf, daß er eines Raubmords gar nicht fähig ſei. Er warf die Möglichkeit hin, daß der Jude ein Opfer der Räu⸗ berbanden geworden ſein könnte, welche in jener Zeit die Rheinge⸗ genden unſicher gemacht hätten. Es ſei ja gar nicht erwieſen, daß der Jude gerade am Sonntag, den 8. April, ermordet worden ſei, da man ſeine verſcharrte Leiche erſt zwölf Tage nachher, am 20. April, aufgefunden hätte. Dann ſetzte der Vertheidiger den Geſchwornen auseinander, wie weniges Gewicht die höchſt ſummariſchen Contu⸗ 18 macialproceduren und Erkenniniſſe hätten; entwickelte ſehr einleuch⸗ tend und zweckgemäß die Herbeiführung der früheren Ausſagen und prüfte die Abweichungen und Widerſprüche in den Ausſagen der jetzt erſchienenen Zeugen mit ihren früheren Depoſitionen; prüfte dann die Geſtändniſſe des Angeklagten ſelbſt, verglich ſie mit den vor achtzehn Jahren geführten Verhören und meinte:„Wenn man durchaus annehmen wolle, daß der Jude von zwei Individuen ge⸗ mordet worden und von der Mordſtätte weg auf einer Leiter nach dem Acker geſchleppt worden ſei, wo der verſcharrte Leichnam ſich vorge⸗ funden habe, ſo ſei außer Grode nicht B., ſondern Rößler dieſer Zweite geweſen. Die in der Vertheidigung vorgebrachten Beweiſe für B... s Alibi, an dem fraglichen Sonntagsmorgen, waren ſehr einleuch⸗ tend; die Flucht ſeines Clienten erklärte der Vertheidiger durch deſſen, auch dem Unſchuldigen, ſo peinliche Beſorgniſſe vor Verhaftung und jeder Criminalproredur, und ſchloß mit einer ſehr energiſchen Ent⸗ wickelung der Trüglichkeit aller Indieien, beſonders in Bezug auf einen ſeit nunmehr achtzehn Jahren in ſeinem neuen Wohnorte als durchaus untadelhaft, redlich und ſelbſt muſterhaft von der Ortsbe⸗ hörde wie von ſeinen Mitbürgern bekundeten Familienvater. Der wegen Unpäßlichkeit des Präſidenten fungirende Viceprä⸗ ſident, Herr Merkel, ſtellte alle Hauptmomente der Anklage und der Vertheidigung kurz zuſammen und übergab den Geſchwornen fol⸗ gende zwei Fragen zur Entſcheidung: 1) Iſt der Angeklagte ſchuldig, am Morgen des 18. April 1840 den David Borig auf dem Wege zwiſchen Sprendlingen, Gumbsheim und St. Johann freiwillig, mit Vorbedacht und Auflauern, durch Piſtolenſchüſſe getödtet und beraubt zu haben? 2) Oder iſt der Angeklagte der Theilnahme an jenem Verbrechen dadurch ſchuldig, daß er die Mittel zur Ausführung herbeigeſchafft und wiſſentlich die Urheber in den Handlungen, die fie bereiteten, erleichterte und unterſtützte? ¹ * Nach kurzer Berathung antworteten die Geſchwornen durch den Mund ihres Sprechers auf beide Fragen verneinend und der Angeklagte ward vom Aſſiſenhof freigeſprochen und ſofort in Freiheit geſetzt. Das Todtengericht. Im Jahre 1793 wurde die Bevölkerung einer kleinen Stadt in einer der weſtlichen Grafſchaften Englands in eine anßerordentliche Aufregung verſetzt. In dem Gaſthof zur Krone, dem vornehmſten der Stadt, ſollte an dem Leichnam eines Fremden, deſſen Namen Niemand kannte und der in der Wohnung einer Perſon gefunden wor⸗ den war, welche erſt ſeit Kurzem das Städtchen bewohnte, das Tod⸗ tengericht gehalten werden. Das große Wirthszimmer in der Krone konnte die Menge kaum faſſen, die ſich hineindrängte und der Con⸗ ſtabler des Orts hatte nicht geringe Mühe, Raum für den Todtenrich⸗ ter und die Geſchwornen zu erhalten. Auf einem ſchwerfällig gearbei⸗ zeien Tiſche lag der Leichnam des Verſtorbenen, auf den Aller Augen Zerichtet waren; denn in jenen Tagen und in den von der Hauptſtadt entferntern Provinzen unterſuchten die Geſchwornen nicht blos den Leichnam, um ihn dann zu verlaſſen und in einem andern Zimmer die Frage über die Urſache ſeines Todes zu entſcheiden. Nein; der Verſtorbene lag leicht verhüllt unter den Falten eines Tuches während ihres ganzen Geſchäftes vor ihnen. Vielmal während des Morgens war das Tuch erhoben worden, um die Neugier der Liebhaber des Grauens zu befriedigen; doch jetzt waren die Geſchwor⸗ nen endlich angekommen und hatten, nach Begrüßung ihrer Bekannten in dem Zimmer, ihre Plätze an dem Tiſche eingenommen. Es waren meiſtens Gewerbtreibende der Stadt oder Pächter aus der Umgegend, nur zwei oder drei nahmen eine höhere Stellung in der Geſellſchaft — 21 ein. Einer dieſer letzteren war ein alter Mann, der, wenn er gewollt hätte, gewiß ſeines hohen Alters wegen die Erlaubniß erhalten hätte, ſich von den Pflichten eines Geſchwornen und andern Gemeindeämtern loszumachen; doch ſeine Jugend war in foridauernder Beſchäftigung hingefloſſen und als er, der ſechzigjährige Greis, ſich aus einem gro⸗ ßen Handelsgeſchäfte in Liverpvol zurückzog, ſo fand er in den Bür⸗ gerpflichten ſeiner Geburtsſtadt eine angenchme Beſchäftigung. Er war der Vormann der großen Jury bei den Aſſiſen; zwei Mal ſchon hatte er das Amt eines Armenaufſehers erfüllt und war noch jetzt Kirchenvorſteher. Obgleich ſeine Alterſchwäche in der letzten Zeit vie⸗ len ſeiner Freunde aufgefallen war, ſo wollte er ſich doch nicht von den öffentlichen Pflichten frei machen, wie läſtig ſie ihm auch waren. Die Geſchwornen warteten noch auf die Ankunft des Todtenrich⸗ ters(coroner). Endlich verſtummte das laute Flüſtern der Menge und das heimliche Geſpräch der Geſchwornen, denn dieſer Beamte trat, vom Wirth geführt, in das Zimmer Mr. Green machte ſich ſogleich mit vieler Wichtigkeit und Geſchäftigkeit an ſein Amt; den Geſchwornen ward der Eid vorgeleſen und das Tuch vom Leichnam weggezogen. Die Erſtern reihten ſich um den iſch und vor ihnen lag ein Leichnam, deſſen bläulich ſchwarze Flecken ihn als ein Opfer der Cholera zu bezeichnen ſchienen; hie und da zeigten ſich einige dunklere Flecken, als wenn die Auflöſung bereits ihr Werk begonnen hätte; aber das Fleiſch war feſt und elaſtiſch beim Druck, nur das Geſicht und der Kopf waren furchtbar geſchwollen und zeigten kaum mehr einen menſchlichen Anblick. Mr. Parr, der alte Mann, von dem wir eben geſprochen haben, war einer der Wenigen, welche den Leichnam bis jetzt noch nicht geſehen hatten. Daß ein ſtarkes Gift den Tod des Fremden verurſacht habe, konnte nicht bezweifelt wer⸗ den; und als man dies Mr. Parr mitgetheilt, hatte er vor des odtenrichters Ankunft einen eigenthümlichen Vergiftungsfall erzählt, F der bei einer Todienſchau vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren zu 22 ſeiner Kenntniß gekommen war, wo das Gift auf eine damals in England noch neue Weiſe, wie ſie ſeiner Meinung nach, noch jetzt unbefannt ſei, angewendet worden war. Damals hatte ein junger Menſch ſie zur Vernichtung ſeines Herrn gebraucht, wie man ver⸗ muthete, belehrt von einem Matroſen, der einem Sklavenſchiff von Liverpool gehörte. Schon mehrmals war der ehrenwerthe Kaufmann zur Todienſchan berufen worden; aber jetzt ſtand er bleich und zitternd, nicht wie ein an ſolchen Anblick gewöhnter Mann zu den Füßen des Verſtorbenen. Man ſah keine Spur des Selbſtmordes hier, kein Zeichen der bluti⸗ gen Hand des Mörders. Wenn der Tod durch den Einfluß des Gif⸗ tes herbeigeführt worden war, ſo hatte der alte Mann ſchon Entſetz⸗ licheres geſehen als die an dem Leichname bemerkbaren blauen Flecken. Aber die Farbe dieſes Körpers, dieſe aufgeſchwollenen Geſichtszüge erinnerten an die Todtenſchau, von der er erſt kurz vorher geſprochen hatte. Die Vergangenheit ſchien plötzlich vor ihm wieder aufzuleben; er hätte faſt glauben können, daß er wieder auf den Leichnam eines Mannes blickte, den er im Leben geliebt hatte. Ein Gefühl der Schwäche kam über ihn und er würde ohnmächtig hingeſunken ſein, wäre er nicht von mehreren Geſchwornen unterſtützt worden, die zu ſeinem Beiſtand herbeieilten. Unter den Ausrufungen:„Der arme alte Mr. Parr!— Der arme alte Herr!— führt ihn aus dem Zimmer!— Löst ſein Hals⸗ tuch, ihm wird ſchwach!“— und andern Ausrufungen des Mitge⸗ fühls und der Beihülfe ward der Greis aus dem Gemach gebracht, und Mr. Green bemerkte mit übler Lanne: alte Männer wären nicht beſſer als alte Weiber und ſollten die öffentlichen Geſchäfte aufgeben. Als wolle er ihm widerſprechen, kehrte Mr. Parr, noch ehe ein Stell⸗ vertreter gewählt werden konnte, zurück. Er ſah ſehr bleich aus und ſein Schritt war ſchwankend; aber er ging bis an den Tiſch, eniſchul⸗ 23 digte ſich wegen der durch ihn verurſachten Störung und erklärte ſich kräftig genug, ſeine Rolle bei der Todtenſchau ferner zu übernehmen. Der erſte Zeuge, der aufgerufen wurde, war eine ältliche Frau, die ſich Sarah Hodge nannte und für die Dienerin des Mr. Morton ausgab, in deſſen Hauſe der Todte gefunden worden war. Die Zeu⸗ gin erklärte, ſeit ſechs Monaten bei ihrem Herrn geweſen zu ſein, der, ein Mann von Vermögen, in kurzer Entfernung von der Stadt ein ſtilles Leben führte und außer ihr nur noch einen Diener, Namens Ja⸗ mes, habe, deſſen andern Namen ſie nicht kenne. Ihr Herr ſei ſehr kränklich und ſcheine, wie ſie äußerte, etwas verſtört im Geiſte; ſie habe ihn nur ſelten geſehen, denn ihre Schuldigkeit ſei nur geweſen, das Haus in Ordnung zu halten und das Amt einer Köchin zu üben, während James Mr. Morton bedient und in einem Nebenzimmer bei ihm geſchlafen habe, um ſtets für ſeinen Ruf bereit zu ſein. An dem Morgen vor der Nacht, wo der Leichnam des Verſtorbenen auf dem Flur gefunden wurde, habe ihr James geſagt, er hätte die Erlaub⸗ niß erhalten, ſeine Freunde zu beſuchen, die er nur ein Mal geſehen hätte, ſeitdem er mit ſeinem Herrn von den Reiſen zurückgekehrt wäre. Die Zeugin hatte ihn natürlich gefragt, wie Mr. Morton ohne ihn fertig werden könne und James geantwortet, ſein Herr habe ihm ver⸗ ſichert, er befinde ſich beſſer und könnte ihn ſchon für einige Tage ent⸗ behren. Er hatte ferner bemerkt, ſie müſſe jetzt Mr. Morton's Bett machen und neben der Haushaltung ihn bedienen. Die Zeugin war gegen Abend mit einem Auftrag ausgeſchickt wor⸗ den, und als ſie bei ihrer Rückkehr in das Wohnzimmer trat, ſah ſie ihren Herrn, der ihr ſagte, James ſei fortgegangen und er brauche ſie dieſen Abend nicht mehr, da er zu Bett gehen wolle. Gegen zwölf Uhr des Nachts, oder auch ſpäter am Morgen des folgenden Tages war die Zeugin durch das Geſchrei des Mr. Morton aufgeweckt wor⸗ den. In der Meinung, er ſei plötzlich krank geworden, lief ſie zu ſeinem Beiſtand herbei, fand aber das Ankleidezimmer verſchloſſen 24⁴ Ihr Herr ſprach laut in dem Schlafzimmer, welches hinter dem An⸗ kleidezimmer lag. Er bat um Gnade und ſtieß dann und wann das Wort Mord heraus, doch nicht als einen Hülferuf. Endlich war Alles ſtill geworden und die Zeugin, ein Weib von kräftigem Körper, fuhr fort, an die Thür zu klopfen, ohne jedoch eingelaſſen zu werden. Eben als ſie ſich entſchloſſen hatte, ihren näch⸗ ſten Nachbar, einen Pachter, der ungefähr zweihundert Schritte da⸗ von wohnte, zur Hülfe herbeizurufen, trat ihr Herr aus dem Zimmer „bleich wie ein Geiſt.“ Ohne eine Sylbe zu ſprechen, winkte er ſie hinein, verſchloß dann die Thür und ſagte, auf ſie zutretend:„Ehe Ihr in das andere Zimmer geht, muß ich Euch ſagen, daß ich, ſeit Ihr zu Bett gegangen ſeid, einen Beſuch gehabt habe.“ Bei dieſen Worten war die angenommene Ruhe in ſeinem Geſicht verſchwunden und die Zeugin erklärte, ſeine Augen hätten furchtbar gerollt und er hätte entſetzlich mit den Zähnen geknirſcht. „Dieſer Beſuch iſt krank geworden, iſt geſtorben— hat ſich ſelbſt vergiftet!“ Nach der Ausſage der Zeugin ſei ihr Herr immer heftiger gewor⸗ den und habe viel von Ermordeten geſprochen, die nicht in ihren Grä⸗ bern blieben, von Brüdern, die ihre Brüder erſchlügen. In der Ueberzeugung, daß Mr. Morton von Sinnen ſei und was er ſpräche, nur eine Folge ſeiner aufgeregten Phantaſie wäre, bat ſie ihn, zu Bett zu gehen. „Nein, nein, ich nicht! rief er. Geht und drückt dem Leichnam die Augen zu.“ Damit faßte er der Zeugin Hand und drückte ſie krampfhaft. Be⸗ ſtürzt über dieſen Vorgang, von Neugier getrieben und mit dem Wunſche, ſich zu überzeugen, ob ihr Herr nur an einer Verſtandes⸗ zerſtörung litte, trat ſie in das Schlafzimmer und fand hier den Ver⸗ ſtorbenen auf dem Bette Mr. Mortons ausgeſtreckt. Der Leichnam ſchien eben erſt verſtorben zu ſein, nur die Kinnlade klaffte weit auf, 25 die Augen waren halb geſchloſſen, Arme und Füße waren geſtreckt, die ganze Geſtalt vollkommen nackt. Die Zeugin erklärte, dieſer un⸗ erwartete Anblick habe ſie ſo erſchreckt, daß ſie aus dem Zimmer ge⸗ ſtürzt ſei; Mr. Morton habe verſucht, ſie aufzuhalten, ſeine Hand ſei aber ſchwach geweſen und es ſei ihr gelungen, aus dem Hauſe zu kommen. Im nächſten Pachthofe habe ſie ihre Geſchichte erzählt und vor Tagesanbruch ſei Mr. Morton, des Mords verdächtig verhaftet worden. Auf die Frage, ob die Zeugin in dem Verſtorbenen den Diener James erkenne, der das Haus am Abend vor Auffinden des Leichnams verlaſſen haben ſolle, erklärte ſie, die Geſichtszüge ſeien ſo geſchwol⸗ len, daß ſie unter ſolchen Umſtänden ſelbſt ihren Vater nicht erkennen würde; doch James habe einen Schnurbart getragen, während das Geſicht des Todten durchaus keinen Bart zeige. Sie glaube auch wirklich nicht, daß es der Diener ſei, der wahrſcheinlich in wenigen Tagen zurückkommen werde, ſobald der ihm vergönnte Urlaub abge⸗ laufen wäre, er habe ſtets im beſten Einverſtändniß mit ſeinem Herrn gelebt und ſei, wie ſie glaube, ſchon ſeit vielen Jahren bei ihm. Es fand ſich, daß mehrere Kleidungsſtücke in James Zimmer fehlten und die Zeugin meinte, er habe ſie wohl ſelbſt mitgenommen; während in ihres Herrn Zimmer ſich keine Kleider vorfanden, die dem Todten ge⸗ hört haben konnten. So ſchloß die erſte Zeugenausſage und die Aufmerkſamkeit, mit welcher ſie von den Geſchwornen und der umſtehenden Menge ange⸗ hört wurde, war ſo groß, daß man die ſeltſame und tieſe Theil⸗ nahme, mit welcher Mr, Parr jedem Worte des Weibes folgte, ganz überſah. Während ſein Kinn auf ſeinen Händen ruhte, die auf den goldnen Knopf ſeines Rohrſtocks ſich ſtützten, waren ſeine Augen un⸗ abläſſig an das Geſicht der Zeugin gefeſſelt, bis ſie mit Sprechen auf⸗ hörte. Dann ächzte er hörbar, ſchüttelte den Kopf, lehnte ſich in ſei⸗ 1. 3 26 nen Stuhl zurück und ſagte langſam und in faſt leiſem Tone:„Das geht über meinen Begriff!“ Mr. Greene ſah auf den alten Geſchwornen hin und bemerkte zu einigen der jüngeren Männer in ſeiner Nähe höhniſch, alte Leute ſollten wiſſen, wenn ſie nicht mehr brauchbar ſeien, und rief dann den Pächter herbei, den Sarah Hodge in ihrer Ausſage erwähnt hatte. Dieſer konnte nichts weiter ſagen, als daß der Leichnam auf dem Bett gefunden und beim Durchſuchen des Gemachs keine Kleidung hätte entdeckt werden können, die dem Verſtorbenen gehören möchte. Endlich wurde auch der Conſtabler, welcher Mr. Morton verhaftet hatte, vereidet und ſagte aus, daß ſein Gefangener von dem Augen⸗ blick an, wo die Klage gegen ihn erhoben worden ſei, den Tod des Fremden in ſeinem Hauſe herbeigeführt oder unterſtützt zu haben, ſich weigere, irgend eine Antwort zu geben. Aus den Ausſagen der beiden letzten Zeugen ging hervor, daß die Haltung des Angeklagten kalt, ſtolz und geſammelt ſei, entweder aus dem tiefen Gefühl ſeiner Un⸗ ſchuld, oder weil er auf das Schlimmſte gefaßt war; nur die Haus⸗ hälterin Sarah hatte ihn aufgeregt geſehen. Jetzt war die Zeit gekommen, wo auch Mr. Morton gehört wer⸗ den mußte. Kaum waren zehn Stunden ſeit ſeiner Verhaftung ver⸗ floſſen. Er befand ſich unter der Aufſicht von zwei Conſtablern in einem Nebenzimmer, aus dem er jetzt herbeigerufen wurde. Jedes Auge war nach der geöffneten Thür gerichtet und ſo groß war die Be⸗ wegung, daß mehrere der Geſchwornen aufſtanden, obgleich Mr. Greene in befehlendem Tone ihnen zurief:„Bleibt ſitzen, Ihr Her⸗ ren, keine Verwirrung! Cotſtabler, bringt die Leute zur Ruhe, oder ich muß das Zimmer räumen laſſen“ Mr. Parr hatte ſeine frühere Stellung wieder eingenommen, ſein ehrwürdiger Kopf ruhte auf ſei⸗ nem Stocke, der unter dem krampfhaften Drucke ſeiner Hände zitterte, als der Gefangene eintrat. Mr. Morton war in tiefe Trauer geklei⸗ det, mit einer faſt ängſtlichen Sorge für Nettigkeit. Seine faſt grie⸗ W W chiſchen Geſichtszüge hätten ſchön genannt werden können, wenn ſie nicht zu mager geweſen wären. Sein Kopf war ziemlich kahl, ſeine Stirn niedrig und viereckig gebildet. Das ganze Aeußere des Gefan⸗ genen war der Art, daß, wenn er auch nicht unter ſo außerordentli⸗ chen Umſtänden aufgetreten wäre, er die Aufmerkſamkeit auch des oberflächlichen Beobachters erregt haben müßte. Der Todtenrichter fragte ihn, ob er irgend etwas zur Erklärung des gegenwärtigen Falles mitzutheilen hätte. Aber das Auge des An⸗ geklagten begegnete dem durchdringenden Blicke des Mr. Greene nicht: es hatte einen Augenblick lang auf dem leinenen Tuche geruht, wel⸗ ches den Leichnam verbarg und der langgezogene Athemzug, der die⸗ ſem Blicke folgte, zeigte deutlich, welche Erleichterung Mr. Morton fühle, des peinlichen Anblicks überhoben zu ſein. Wieder blickte er um ſich; der Todtenrichter ſprach; der Gefangene hörte ihn nicht. Mr. Parr hatte ſich von ſeinem Sitze erhoben; der alte Mann zit⸗ terte an allen Gliedern. Sein Blick ſtarrte auf den angeblichen Mör⸗ der— ihre Augen begegneten ſich. Mr. Greene folgte der Richtung von Mr. Morton's wilden Blicken; doch da Scharfſinn gerade nicht zu ſeinen Eigenſchaften gehörte, ſo ſah er nichts Beſonderes darin. Mr. Parr war in Ohnmacht geſunken und das glaubte er, habe die Aufmerkſamkeit des Gefangenen erregt. „Das dachte ich mir wohl! rief er aus. Es iſt zu ſchlecht, die Geſchäfte auf dieſe Weiſe zu unterbrechen. Wie ſehr ich auch Mr. Parr im Privatleben achte, ſo ſoll doch dies das letzte Mal ſein, wo ich ihn zur Jurh aufrufen laſſe. Er iſt zu alt dazu.“ Dann wandte er ſich an den Angeklagten, der, was er auch bei dem Anblick des Geſchworenen fühlen mochte, ſcheinbar ſeine Ruhe wiedergewonnen hatte, denn ſeine großen dunkeln Augen weilten ruhig auf dem Sprecher, und ſagte:„Wir ſind bereit, jede Erklärung an⸗ zuhören, die Sie Ihrerſeits in Bezug auf dieſen Gegenſtand zu geben haben; doch, fuhr er zu den Geſchwornen fort, während Mr. Morton ſich verbeugte, es wird vor Allem nothwendig ſein, den Leichnam einer ärzilichen Unterſuchung zu unterwerfen. Daher hätte die Todtenſchau jedenfalls aufgeſchoben werden müſſen, wenn auch dieſe Unterbrechung nicht eingetreten wäre. Auf morgen, Ihr Herren, zu derſelben Stunde, wenn es gefällig iſt. Der Gefangene muß na⸗ türlich unter Bewachung bleiben, es ſteht ihm aber frei, mit ſeinen Freunden zu verkehren, da ſie in Bezug auf den Todesfall nicht Zeu⸗ gen ſind.“ Somit war die Todtenſchau vertagt und Mr. Morton wurde in ein höheres Zimmer des Gaſthofs geführt, deſſen Thür ein Conſtab⸗ ler ſtreng bewachte, und konnte über die Ereigniſſe der letzt verfloſſe⸗ nen zwölf Stunden ſich ungeſtört mit ſeinem Herzen berathen. Mr. Parr war inzwiſchen nach ſeiner Wohnung zurückgebracht worden. Er war ſchon längſt ein Wittwer; doch bei ihm wohnten ein Neffe und eine Nichte, die ihn wie Sohn und Tochter pflegten. Sein zweites Uebelbefinden war gleich dem erſten nur ein Anfall von Ohnmacht und gegen Abend fühlte er ſich völlig wiederhergeſtellt. Auch ſeine Geiſteskraft ſchien ſich wiedergefunden zu haben, und er ſprach ſeine Abſicht aus, den Gefangenen im Gaſthof zur Krone zu beſuchen. Als ſein Neffe ihm vorſtellte, daß es wohl unklug ſein möchte, von Neuem eine Aufregung zu ſuchen, die ſein ſchwacher Körper nicht ertragen könne, entgegnete der alte Mann: „Ich bin entſchloſſen zu gehen. Mr. Greene hat, wie ich höre, meinen Namen aus der Liſte der Geſchwornen geſtrichen und ich darf alſo nicht mehr bei dieſem außerordentlichen Fall erſcheinen; aber ich habe beſondere Gründe, mich dafür zu intereſſiren. Du brauchſt das, was ich jetzt ſage, nicht weiter zu erwähnen. Später werde ich dar⸗ über mich ausführlicher ausſprechen; doch che ich ſchlafe, muß ich mit ihm geſprochen haben, den man den Mörder jenes Leichnams nennt.“ Mr. Parr ſchauderte, als er dieſe Worte redete und ſein Neffe, re, arf ich as, ar⸗ ich ms 29 der ihn durch fernern Widerſtand zu kränken fürchtete, gab nach und ſorgfältig eingehüllt von ſeiner Nichte, ging der alte Herr nach der Krone, die in der nächſten Straße gelegen war. Mr. Parr hatte ein Billet für den Gefangenen geſchrieben, ließ dies demſelben übergeben und erhielt bald darauf die Antwort, Mr. Morton wolle ihn ſehen. „Sie ſind der Einzige, den er mit Ausnahme ſeiner Wächter und Derjenigen, die er nicht zurückweiſen konnte, zu ſich läßt, ſagte der Wirth des Gaſthofes. Mr. Vellum, dem Advokaten, der ſich ihm als Vertheidiger antrug, ließ er ſagen, er brauche keinen Vertheidiger. Dann kam auch Sarah Hodge, ſeine Haushälterin, die bei ruhiger ueberlegung es ſehr bereute, daß ſie ihren Herrn eines Mordes ange⸗ klagt habe, da er doch, wie ſie ſagt, ſo gutmüthig ſei, daß er keine Fliege beläſtigt. Sarah wollte ihn um Verzeihung bitten; Mr. Mor⸗ ton aber ließ ihr durch einen Conſtabler ſagen, er könne ſie nicht ſe⸗ hen, doch ſolle ſie deshalb ohne ihren Lohn nicht bleiben. Es iſt ein freigebiger Herr; den beiden Leute, die ihn bewachen müſſen, hat er erlaubt, ſich auf ſeine Koſten geben zu laſſen, was ſie wollen. Ich glaube gar nicht, daß er den Mann vergiftet hat.“ So ſagte der Wirth, in deſſen Meinung dieſe Freigebigkeit für das Beſte ſeines Hauſes eine ſichtbare Veränderung hervorgebracht hatte, während er den alten Herrn nach dem Zimmer des Gefangenen führte, wo er ihn der Sorge eines Conſtablers überließ, der ihm die Thür öffnete. „Sie ſind willkommen, ſagte Mr. Morton, nachdem er einen Augenblick lang das Geſicht ſeines Beſuchers ſchweigend angeblickt hatte. Er winkte dann mit ſeiner Hand dem Conſtabler, der für Mr. Parr einen Stuhl ſetzte und ſich zurückzog. — Sie erinnern ſich alſo meiner? erwiderte der Geſchworne. Vielleicht ſahen Sie mich dieſen Morgen und erwarteten, daß ich Sie aufſuchen — Ich ſah Sie, erinnerie mich Ihrer und fühlte, daß Sie zu mir kommen würden, rief der Gefangene mit einem dumpfen Tone. Es giebt Zeichen einer erzürnten und rächenden Vorſchung, die man nicht vergeſſen kann, oder manche furchtbare Warnungwrüde verloren ſein. Brauche ich Ihnen zu ſagen, daß das Gegenwärtige eines der⸗ ſelben iſt? — Sie haben mir viel zu ſagen, antwortete Mr. Parr, wenn ich verſtehen ſoll, was ich dieſen Morgen erblickte. Ich denke jetzt mit Zittern daran; ein Ereigniß, das vor einem Vierteljahrhundert ge⸗ ſchah, ſchien von Neuem vor meinen Augen außzuleben; mir ſchien es, als blickt ich wieder auf den Leichnam eines Freundes und Ihres Bruders. Ich verſuchte, es nur für eine Viſion zu halten, für ein Spiel der Phantaſie, in welche der Geiſt zuweilen verfällt, ſobald wir uns einbilden, daß wir ſchon früher Theilnchmer an dem uns umgebenden Schauſpiel geweſen ſind. Ich kehrte nach dem Zimmer zurück, das ich verlaſſen hatte; das Tuch war wieder über den Leich⸗ nam gedeckt— ich konnte mich getäuſcht haben— aber ich ſah Sie, verändert und doch noch immer... — Eine lebendige Verdammniß! unterbrach ihn der Gefangene. Sie haben ein Recht, von der Sache unterrichtet zu werden— war⸗ um? können Sie vielleicht errathen.“ Mit einer Ruhe, die Herrn Parr, welcher den Sturm nicht ah⸗ nen konnte, der in der Bruſt des unglücklichen Mannes wüthete, faſt entſetzte, ſtand er jetzt von ſeinem Sitze auf, den er bei dem Ein⸗ tritt ſeines Beſuchers nicht verlaſſen hatte und ſetzte eine Flaſche Wein und Gläſer auf den Tiſch, warf ſich dann wieder in den Stuhl, und blickte feſt auf den alten Geſchwornen, der ihm ſtaunend zugeſehen hatte und endlich ſagte: „Ich bedarf keiner Erfriſchung, Mr. Morton, wenn Sie ſich ſo jetzt nennen laſſen. Ich dürſte nur nach der Kunde, wie der heutige —— 3¹ Anblick mit dem frühern in Verbindung kommt, wo Sie einen andern und mir vertrautern Namen trugen. — Was kümmert mich Dein Durſt! rief rauh der Gefangene, während ein häßliches Lächeln auf einen Augenblick über ſein abgema⸗ gertes Geſicht hinwegglitt. Ich kann trinken! Ja, heute kommt der Becher nicht aus der Hand des Todten, heute kann ich den Wein bis auf den letzten Tropfen ausſchlürfen und brauche nicht zu fürchten, daß ſich die Schaale von Neuem füllt und die bläulichen Lippen des Ermordeten ſie leeren.“ Morton goß Wein in ein großes Glas und trank ihn aus. Als er das Glas wieder auf den Tiſch ſetzte, hatte ſein Geſicht den Strahl unnatürlicher Heiterkeit verloren, der es ſo ſeltſam erleuchtet hatte. „Sie können mir ſicher Beſcheid thun, bemerkte er, während er beſondern Nachdruck auf das Wort„ſicher“ legte. Mr. Parr ver⸗ neigte ſich, doch ehe er antworten konnte, fuhr der Gefangene fort: Sie kamen nicht hierher, um mir Complimente zu machen. Trinken Sie, oder trinken Sie nicht, wie es Ihnen gefällt. Der Himmel iſt gnädig, ich kann trinken.“ Als er dieſes letzte Wort ſagte, kam Mr. Parr, obgleich völlig vorbereitet auf das ſeltſame Geſpräch, das er möglicher Weiſe finden würde, auf den Gedanken, er hätte ſich vielleicht in die Gewalt eines Wahnſinnigen begeben. Doch ſchon der nächſte Augenblick beruhigte ihn darüber, als er ſah, wie Mr. Morion mit beiden Händen ſeinen Kopf faßte, als wollte er den wilden Zug der Gedanken hemmen und ausrief: „Vergeben Sie mir, lieber Herr! ich will ruhiger ſein, ich will Ihnen Alles ſagen, was Sie zu erfahren wünſchen, nur nicht jetzt. Beunruhigen Sie ſich nicht, wenn ich Seltſames ſpreche; es iſt nicht Wahnſinn, nur der furchtbare Kampf meiner Gefühle. Ich werde Ihnen vielleicht kaum glaubliche Dinge ſagen, aber zweifeln Sie nicht daran. Was ſahen Sie dieſen Morgen? Was liegt jetzt in dem Zim⸗ 32 mer unter uns? Fürchten Sie nichts von mir. Morgen will ich mich der Juſtiz übergeben. Wird Ihnen das genügen? Jetzt verlaſſen Sie mich. Ehe ich ſterbe, will ich eine Erzählung des Grauſens in Ihre Hände niederlegen, die Sie erſt nach meinem Tode leſen dürfen. Sie werden Sie vielleicht Hirngeſpinſt des Wahnſinns nennen; aber für mich iſt Alles nur zu wahr geweſen.“ Der Gefangene wurde plötzlich ſtill, barg ſein Geſicht in ſeine Hände und legte ſeinen Kopf auf den Tiſch. Mr. Parr begann wie⸗ der mit ihm zu ſprechen und drückte ſeinen Wunſch aus, nicht für ſeinen Feind angeſehen zu werden, ſondern als ein Freund, der, was auch ſeine Schuld ſein möge, ihm gerne dienen wolle. Mr. MWorton antwortete nur mit einem krampfhaften Lachen, winkte un⸗ geduldig mit der Hand, ſah aber nicht mehr auf und ſein Beſucher war gezwungen, aus Mitgefühl für das unglück, das er nicht mil⸗ dern konnte, das Zimmer zu verlaſſen. Am folgenden Tage befand ſich Mr. Parr zu unwohl, um ſelbſt nur als ein Zuſchauer bei der Todtenſchau gegenwärtig zu ſein, aber ſein Neffe brachte ihm die Nachricht, daß Mr. Morton ſich als Mörder des Verſtorbenen angegeben hätte, ohne jedoch erklären zu wollen, wer ſein Opfer ſei, oder was die Urſache ſeines Verbrechens geweſen. Wundärzte hatten den Leichnam unterſucht und im Gyhirn und in den Eingeweiden die Wirkungen eines ſtarken Giftes wahrge⸗ nommen, doch konnten ſämmtliche Aerzte, zwanzig Meilen in der Runde der Stadt, die eigentliche Beſchaffenheit dieſes Giftes nicht angeben. Der Diener James war noch nicht zurück, die ihm be⸗ ſtimmte Urlaubszeit aber auch noch nicht abgelaufen. Da die Todten⸗ ſchau keine weitere Aufklärung geben konnte, ſo wurde ſie geſchloſſen und Mr. Morton in das Grafſchaftsgefängniß gebracht, um daſelbſt den Prozeß für den Mord einer unbekannten Perſon zu erwarten. Der Zufall wollte, daß bei dieſer ganzen Vorunterſuchung kein Juriſt gegenwärtig war, da die Orisbehörde in Angelegenheiten des 33 Städichens ſich in London befanden und der einzige wirkliche Richter in der Umgegend gefährlich krank lag. Ehe Mr. Morton in das Grafſchaftsgefängniß abgeliefert wurde, beſtimmte er, daß man den Leichnam des Gemordeten bei Fackellicht auf die pomphafteſte Weiſe begraben ſolle, indem er die Koſten dafür auf ſein Vermögen anwies, und dieſes ſeltene Schauſpiel ſammelte eine Maſſe von Zuſchauern auf dem Kirchhofe von H., wie es noch nie zuvor geſchehen. Die Neugier war auf das Höchſte geſpannt, zu entdecken, wer der Verſtorbene ſei und ob er lebend oder todt in Mr. Mortons Haus gebracht worden wäre. Inzwiſchen war die Zeit ab⸗ gelaufen, in welcher, nach der Ausſage der Haushälterin, der Diener James Urlaub erhalten hatte; aber er kehrte nicht zurück, obgleich man durch Bekanntmachung in den Journalen und durch Anſchläge in der umliegenden Gegend ihn aufforderte, ſich zu ſtellen. Dem Zeugniß von Sarah Hodge zuwider, daß der Verſtorbene ihrem Hausgenoſſen vielfach unähnlich ſei, glaubten und behaupteten nicht wenige von den alten Weibern der Stadt, daß James der Gemordete ſei, nur wußten ſie ſich nicht zu erklären, warum der Mörder ſo viel Mühe angewendet habe, ihn unkenntlich zu machen. Andere Müßig⸗ gänger meinten, James habe ſeinem Herrn bei dem Morde wohl geholfen und halte ſich deswegen verſteckt. Endlich kam die Zeit der Aſſiſen heran. Der Tag zum Verhör des Mr. Morton war beſtimmt und man glaubte, der ſeltſame Ver⸗ brecher werde ein volles Bekenntniß ablegen. Sein Betragen im Gefängniß hatte ſich durch die tiefſte Melancholie ausgezeichnet. Mit Ausnahme des Arztes und des Caplans hatte er faſt mit Niemandem verkehrt. Der erſtere dieſer beiden Beamten meinte, der Gefangene welke immer mehr dem Grabe zu, und wenn ihn auch das Geſetz frei ſpreche, ſo werde er doch bald dem Tode verfallen; auch der Letztere, der Seelenarzt, fand ſeine Bemühungen nicht beſſer belohnt. Mr. Morton behandelte ihn ſehr höflich, weigerte ſich aber fortwährend, an den Religionsübungen Theil zu nehmen und vermied jede Erwäh⸗ nung ſeines Verbrechens, ſei es nun zur Rechtfertigung oder zur Reue. Der alte Mr. Parr, der ſorgſam Alles was er von dem Ange⸗ klagten wußte, in ſeinem Buſen verſchloſſen hielt, reiſte nach der Stadt, wo die Aſſiſen gehalten wurden, um bei der Hand zu ſein, wenn Mr. Morton ſich an ſein ihm gegebenes Verſprechen erinnern, oder ſeine Gegenwart verlangen ſollte. Er hatte dem Gefangenen geſchrieben und ſah ſich ſehr enttäuſcht, als er keine Antwort erhielt. Endlich kam der zum Verhör beſtimmte Tag heran. Als man um ſieben Uhr des Morgens in die Zelle trat, fand man Mr. Morton todt in ſeinem Bette. Der Gefangene war von dem beſchränkten Urtheil der Menſchen zu dem furchtbaren Gericht einer unſichtbaren Welt hin⸗ übergegangen. Niemals ſah ſich die öffentliche Neugier ſo vollkommen getäuſcht. Der Tag des Gerichts war gekommen, aber der Angeklagte war todt wie ſein angebliches Opfer, und nahm ſein Geheimniß ins Grab mit ſich. Es war gegen Mittag deſſelben Tages, der durch dieſes Ereigniß ſo merkwürdig geworden war, als Mr. Parr, in Begriff nach H. zurückzukehren, den Beſuch des Caplans der Gefan⸗ genen erhielt. Mr. Morton lhatte ſein Verſprechen gegen den alten Kaufmann nicht vergeſſen, und das ſeltſame Document, das wir jetzt unſern Leſern vorlegen, den Händen des ehrwürdigen Geiſtlichen übergeben. „Richard Merville, jetzt genannt Morton, dem Herrn Charles Parr, früher Kaufmann in Liverpool. „Ich weiß nicht, warum ich bei der Enthüllungmeines unnatürlichen Verbrechens und ſeiner furchtbaren Folgen eine Befriedigung fühlen ſollte, wenn nichtvielleicht aus demſ elben Grunde, dermich, wennich mich recht erinnere, zu dem Verſprechen bewog, das ich Ihnen gegeben habe, als wir einander zuletztbegegneten— begegneten nach einer langen Reihe von Jahren, nachdem meine Laufbahn faſt vollendet war, als wenn der Himmel wollte, daß ein ſo furchtbares Gericht nicht unbekannt bleiben ſoll Ich fühle, meine Zeit iſt faſt abgelaufen, dieſer Puls ſchlägt nur noch ſchwach in dem letzten Aufflackern des Daſeins. Laſſen Sie mich denn mit einem Male das Geſchwür meiner Seele enthüllen. Ihnen brauche ich nicht zu ſagen, wer ich war, als Sie mich in Liverpool kennen lernten und vielleicht meine glückliche Lage beneideten. Mein Vater war reich und ich fand eine Nachſicht, wie wenige Söhne ſie kennen lernten. Wagen, Pferde, Geld, Alles ſtand zu meinem Be⸗ fehle bereit; aber ich verſchleuderte es, ich genoß es nicht. In meinem Herzen lebte eine brennende Unzufriedenheit; mein Zwillingsbruder, er, der nur wenige Minuten vor mir geboren worden war, ward von meinem Vater in dem Stolz ſeines Herzens zu ſeinem Haupterben ernannt. Wir waren ſeine einzigen Kinder, denn unſere Geburt hatte unſrer Mutter das Leben gekoſtet. O wäre ſie doch geſtorben, ehe ſie uns empfangen hatte! Daß für mich reichlich geſorgt werde, daran zweifelte ich nicht, aber es genügte mir nicht. Ein geſchäftiger Dämon ſchien immer wie mit der Stimme meines eigenen Herzens mir zuzuflüſtern:„Die Tage der Trauer um meinen Vater ſind nahe, dann will ich meinen Bruder erſchlagen!“ Und ſie kamen. Henry Merville war nur wenig flüchtige Monate im Beſitz eines fürſtlichen Vermögens, dann ſtarb er durch Gift. Ich war der Ver⸗ gifter. Alter Mann, Sie waren bei der Todtenſchau. Ja, Sie waren einer von denen, welche gegen einen unſchuldigen Buben, einen Knaben, den mein Bruder aus Erbarmen bei ſich aufgenom⸗ men hatte, das Urtheil fällten„eines Mordes mit Vorbedacht.“ Ich hatte das hölliſche Pulver in des Knaben Koffer geſtreut, ich beſchwor die übertriebenen Gerüchte, die ich von den zornigen Auftritten zwi⸗ ſchen meinen beiden Opfern erzählte. Ich wußte, daß der arme Knecht vor Zeugen geſagt hatte, er wolle mit ſeinem Herrn abrech⸗ nen. Deshalb führte ich ſeine Verurtheilung herbei. Er ward gehängt und ich— ich war über Verdacht erhaben. „Doch eine goldene Wiege bringt dem Gewiſſen keinen Schlaf. Reichthum war mein undAlles, was Reichthum geben kann. Freunde drängten ſich um mich her; aber ich ſaß in dem Zimmer, wo ich meinem Bruder mit einer vergifteten Schaale Beſcheid gethan hatte, ihm, der mit mir in demſelben Schooße gelegen, deſſen Bett ich theilte, ſelbſt bis über das Kindheitsalter hinaus, der mich über Alles liebte, nur daß er mein Glück über das ſeinige ſetzte. Dieſen edeln, dieſen vertrauenden Bruder hatte ich gemordet! Wie konnte ich auf die Tafel blicken, wo die That geſchehen war? Ich verkaufte Alles, was ich in Liverpvol beſaß, und ging auf das Feſtland. Damals verloren Sie mich aus den Augen. O wie oft hatte ich die Lobſprüche des zärtlichen Bruders gehört, der nicht glücklich konnte ſein an dem Orte, der ihn an ſeinen Verluſt erinnerte! Er erinnerte mich an mein Verbrechen, an mein unnatürliches Verbrechen! Ich verließ England, und da Frankreich damals unſern Landsleuten offen ſtand, ſo ſtürzte ich mich in die Zerſtreuungen der franzöſiſchen Hauptſtadt. Ich miethete ein Schloß in kurzer Entfernung von Paris. Glänzend waren die Salons des engliſchen Fremden. Die Jugend, die unbe⸗ fleckte Herzensreinheit, geiſtige Bildung miſchte ſich daſelbſt mit Wüſtlingen, Herz und Geſetzloſen, aber Allen war das Vergnügen die Aufgabe des Lebens. Die unſchuld ſah keine Befleckung in der Berührung und der Verworfene erkannte mit Luſt die Beute, auf die er ſich ſtürzen könnte. Ich lebte in einer fortdauernden Aufregung und che noch ein Jahr ſeit meines Bruders Tode verfloſſen war, hatte ich, wenn auch noch nicht vergeſſen, wie er ſtarb, doch mein Gewiſ⸗ ſen im Taumel der Vergnügungen eingeſchläfert. Auch die Liebe, mit allem Wahnſinn der Leidenſchaft, hatte von mir Beſitz genom⸗ men— was konnte das Gewiſſen mir ſein, mir, der noch ein Mal dieſelbe Schuld übernommen hätte, um nur ein Lächeln von Mathil⸗ den zu gewinnen. Sie ſaß neben mir bei dem Bankett. Es war die Stunde, wo das Lärmen der Luſt ſchwieg, wo das Getümmel ver⸗ 37 ſchwunden war, nur wenige Auserwählte waren zurückgeblieben. Entzückende Muſik ſchmeichelte dem Ohr; die ſeidenen Vorhänge wogten in der kühlen Nachtluft; und der Mond ſchaute auf unſere Freude und bleichte das Lampenlicht, welches unſere nächtlichen Freuden beleuchtete, als wollte er ſein Recht behaupten, die Stunde der Leidenſchaft zu beherrſchen.„Jetzt, Mathilde, rief ich, hat Deine Lippe die Schaale berührt und ich habe von ihrem Rande das ſüße Gift Deines Anblicks getrunken!“ „Gift! Das Wort erweckte ein Echv— woher es kam, wußte ich nicht. Niemand hörte es, als ich ſelbſt, denn Mathilde lächelte; ihre Hand war bereit, den Becher zu empfangen, aber ſie zog ſich zurück, entſetzt von meinem wahnſinnigen Blick und ſah furchtſam um ſich her. Ach, in dieſem Augenblick wogte ein Sturm von Ge⸗ danken in meinem Gehirn. Es war der Jahrestag von meines Bru⸗ ders Tod. Es war die Stunde, wo ich ihn ſeinem Mörder zum letz⸗ ten Male zutrinken ſah! Ehe Mathilde, die keine Urſache zur Furcht ſah, ſich umgewandt hatte, mich für meinen Scherz zu ſchelten, hatte eine Hand die Schaale ergriffen. Mein Bruder ſtand neben mir, bekleidet, wie ich ihn zuletzt geſchen hatte. Er blickte in dem Saal umher, ſetzte den Becher auf der Tafel nieder und heftete ſeine Augen auf mich. Dann ſchritt er langſam zwiſchen uns hindurch. Ich ſank ohnmächtig von meinem Seſſel. Als ich wieder zu mir kam, ſah ich mich von meinen Dienern umringt. Waren meine Gäſte alle entflohen? Nein! Ich ſah mich in meinem gewöhnlichen Schlaf⸗ gemach. „Achtlos gegen ihren Ruf mußte Mathilde bei mir geblieben ſein, und für ſie hatte man das Staatszimmer meines Hauſes zurecht ge⸗ macht. Es war Morgen— ich wollte ſie bei ihrer Tvilette beſuchen. Der Wahnſinn, in dem ich die Nacht zugebracht hatie, konnte mich noch nicht verlaſſen haben, denn kaum war mir dieſer Gedanke ge⸗ kommen, als er mich eilig in Beſitz nahm. Ich ließ mich von meinem Diener ankleiden und beſtand darauf, daß er Frau von B. melde, ich wolle ihr meinen Beſuch machen. Vergeblich widerſetzte ſich mein Diener; ich hörte nicht auf das, was er ſagte und che er mich ver⸗ hindern konnte, drang ich in das Zimmer, riß die Vorhänge des Beites auf und ſah, nicht Mathilden, ſondern den Leichnam meines Bruders! Daß ich nicht in unwiderruflichen Wahnſinn ſank, iſt ſtets für mich ein Wunder geweſen; doch mein Geiſt widerſtand dem Anſtoß und nach einer Weile drängte mich die Furcht vor der dro⸗ henden Gefahr, den Leichnam bei Seite zu ſchaffen. Ich behauptete, nicht zu wiſſen, wie er in mein Bett komme, und ließ ihn während der Nacht ohne große Ceremonie in die heilige Erde einer benach⸗ barten verfallenen Abtei begraben. Durch eine eilige Flucht nach Italien entging ich den Nachforſchungen der Behörden und die letz⸗ teren Jahre der Regierung Ludwigs W. waren durch ſeine willkürli⸗ chen Maaßregeln zu aufgeregt, als daß das Publikum lange bei Privatangelegenheiten hätte verweilen ſollen, wie ſeltſam ſie auch waren. „Im nächſten Jahre lebte ich in einem Dorfe am Fuß des Ve⸗ ſuvs. Ich war durch Italien gewandert und fürchtete jetzt, der Jah⸗ restag meines Verbrechens möchte wieder durch die Erſcheinung mei⸗ nes Bruders bezeichnet werden. Ich ſuchte daher einen Schauplatz der Versdung. Der Vulkan hatte vor Kurzem einen Ausbruch gehabt und Weinberge, Dörfer und Heerden waren zerſtört, ſo daß, wenn das Uebel mich erreichte, es in der Mitte von denen geſchehen mußte, die im Schrecken für ihr eigenes Leben und ihre eigene Habe die Handlung eines Fremden nicht beachten würden. Die Nacht kam. Ich hatte ſie ausgewählt, um die Empörung der Natur in der Nähe zu ſehen und ſtieg mit einem Führer nach dem Krater empor. Der Vulkan hatte ſeine Kraft erſchöpft, nur ein Lavaſtrom rollte, gleich einem Fluß der Hölle, in die Ebene hinab gegen einen Kaſtanienwald zu. Die mächtigen Bäume erlagen dem Flammenſtrome. Wir waren 39 ihm zu nahe gekommen und die Hitze und die ſchwarze Schwefelaſche, die von Zeit zu Zeit auf uns herniederfiel, mahnte uns zum Rückug. „Unſer Weg ging über Flächen von Bimsſtein und lockere Aſche; die Gluth des Veſuvs ſchien meine Kehle vertrocknet zu haben. Ich wandte mich zu meinem Führer und bat ihn um einen Trunk. Er reichte mir die Flaſche und ich ſetzte ſie an die Lippen. Barmherziger Himmel! eine kalte Hand empfing ſie von mir! mein Bruder ſtand vor mir; die Korbflaſche war an ſeiner Lippe. Ich ſtieß einen wilden Schrei aus. Der Führer blickte ſich um. Die Viſion war verſchwun⸗ den und der Wein miſchte ſich mit dem Staube. Der Mann murmelte einen Fluch über meine Sorgloſigkeit. Wir hatten noch mehr als eine Meile zu gehen. Als wir das Dorf erreichten, hörten wir, daß der Leichnam eines Fremden auf meinem Bette gefunden worden ſei. Ich ſah abermals meinen vergifteten Bruder. Die Bewohner des Dorfes ſtaunten, doch ich entging jetzt wenigſtens dem Verdachte des Mordes, denn bei ihnen beſtand eine Sage von einem ſogenannten Teufelsleichnam, der, wie vft auch beerdigt, immer von Neuem das Grab wieder verließ; aber ich ſah auch, daß ſie es für ein böſes Zeichen betrachteten, daß die Heimſuchung gerade auf mich gefallen ſei. „Um das Volk zu beruhigen, bezahlte ich eine große Summe für eine religiöſe Prozeſſion und auf den Rath der Prieſter ward der un⸗ natürliche Leichnam vom Feuer verzehrt und ſeine mit Weihwaſſer beſprengte Aſche in das Meer geworfen. „Jetzt wenigſtens werde ich Ruhe haben! rief ich aus. Der Leichnam, der nur noch im Schlamm des Oceans exiſtirt, kann nicht mehr ſichtbar werden.“ So dachte ich; aber durch jede Stadt des Continents folgte mir mein Quälgeiſt. Ich bin wiederholt des Mor⸗ des verdächtig verhaftet worden, und entging oft nur mit Mühe der Verurtheilung. Ich ward verurtheilt und erkaufte mein Leben mit Gold. Ich ſah Andere in denſelben Verdacht verwickelt durch den Fluch, den ich auf ſie gebracht hatte, aber die beſondere Fürſorge 40 der Vorſehung ſchien ſie aus ihren Verlegenheiten zu retten und be⸗ ſchützte ſelbſt mich. „Immer noch war mein Herz gegen mein Verbrechen verhärtet. Die furchtbaren Jahrestage prachte ich auf dem Meere zu. In der Stille meiner Kajüte empfing ich meinen Beſucher; ſetzte den Becher an meine Lippen, ſah nach der Hand, die ihn empfangen ſollte— und ſie war ſtets da. Ich fragte die Erſcheinung in meinem Wahnſinn, was ſie von mir verlange; aber ſie blieb ſtumm und verſchwand nach einem Augenblick von meiner Seite, den kalten, ſtarren, nackten Leichnam auf meinem Bette zurücklaſſend. Darauf vorbereitet, warf ich den Zudringlichen in die Wellen, während ich zu mir ſelbſt ſagte: „Jetzt kann ich wieder in die Welt gehen, für ein kurzes Jahr iſt meine Prüfung vorüber. Die Zeit verging, ich war immer unglück⸗ lich, ohne ein freundliches Band auf der Erde. Wem konnte ich die Laſt eines ſolchen Fluches, eines ſolchen Geheimniſſes aufladen wol⸗ len? Ich hatte nie einen Freund, denn mein dumpfes Hinbrüten ſtieß meine Mitmenſchen von mir zurück. „Seltſam iſt der Wechſel des menſchlichen Herzens! Ich weiß nicht, wie die Reue kam, doch ein Jahrestag trat endlich ein, wo ich mit zerknirſchtem Herzen meine Heimſuchung empfing. Ich betete, ich beſchwor ihn, daß dieſes Gericht von mir gehen ſolle, aber er ſprach nicht. Demungeachtet hoffte ich, meine Reue ſolle mir Früchte brin⸗ gen und ich zum letzten Male den ruheloſen Leichnam zu beerdigen haben. Aber das nächſte Jahr zeigte mir die Trüglichkeit ſolcher Hoff⸗ nungen, jedes Jahr kehrte die Erſcheinung wieder. Ich ward faſt wahnſinnig über das gräßliche Geſchick, das ſich alſo an mich klam⸗ merte. Ich vermied die Geſellſchaft und müde der Scenen, die mein Elend geſehen hatte, verließ ich Europa. „Ich ſchweifte durch ferne fremde Länder. Vor Kurzem noch war ich in Arabien. Die letzten Strahlen der Wüſten⸗Sonne waren im Sandmeer erloſchen. Die Caravane, der ich mich angeſchloſſen hatte, hielt für die Nacht bei einer Quelle. Ich hätte Tonnen Goldes für einen Trunk geben mögen, aber ich wagte es nicht, zu Vieler Augen waren auf mich gerichtet. Die Muhamedaner rauchten ihre langen Pfeifen ſchweigend und einer nach dem andern ſank in Schlaf zurück; ſelbſt die Hüter ſchlummerten, am Boden ſitzend, ihre Speere feſt in der Hand haltend. Demungeachtet wagte ich nicht zu trinken. Es war faſt Mitternacht. Einer dieſer Schlafenden konnte erwachen, wäh⸗ rend das köſtliche Waſſer an meinen Lippen war. Meines Bruders Schatten kam gewiß und der Leichnam mußte in meinem Zelte gefun⸗ den werden. Endlich konnte ich den brennenden Durſt nicht länger ertragen. Ich näherte mich der Quelle, ſchöpfte und trank. Die Schaale wurde von mir genommen und unter meinem Zelte machte ich in dem lockern Sande ein Grab, in das ich den ewigen Zeugen meines Verbrechens verſenkte. „Meine Geſundheit war jetzt gebrochen, mein Körper kraftlos, wie Sie geſehen haben, und die Sehnſucht, mein Leben in meinem Geburtslande zu beendigen, führte mich nach England zurück. Wan⸗ dernd von Ort zu Ort, kam ich nach H. und miethete die Wohnung, in der ich zum letzten Mal meinen Bruder ſah. Es war ein einſames Haus, vollig paſſend für mich, um darin zu ſterben. Ich bewohnte es ſeit ſechs Monaten, als der Tag meines Geſchickes anbrach. Es bleibt mir nur wenig noch hinzuzufügen. Ich war ſehr unwohl, aber hätte ich auch vor Durſt umkommen ſollen, ich wollte nicht trinken. In der Bewußtloſigkeit des Fiebers muß ich aber danach verlangt haben, denn als das Bewußtſein wiederkehrte, nahm mein Bruder mir die Schaale aus der Hand. Das Uebrige wiſſen Sie. Ich habe dieſe Blätter zu verſchiedenen Zeiten geſchrieben. Sie können unzu⸗ ſammenhängend erſcheinen, aber halten Sie ſie nicht für die Träume eines Wahnſinnigen. Auf morgen iſt mein Verhör angeſetzt, aber ich fühle, daß ich nicht ferner dem Blick der neugierigen Menge blosge⸗ ſtellt werden ſoll. In dieſer Ueberzeugung habe 6 Ihnen die Ge⸗ 1.. 42 ſchichte meines Verbrechens und ſeiner Vergeltung enthüllt. Leben Sie wohl!“ So endigte dieſer Bericht, in welchem die wilden Phantaſien eines Wahnſinnigen ſeltſam mit der Erinnerung der Schuld vermiſcht waren. Daß die Verbrechen, welche den Unglücklichen in Wahnſinn geſtürzt hatten, mit der Vergiftung ſeines Bruders begonnen, daran konnte kein Zweifel ſein; doch von ſeiner ſpätern Laufbahn war er der einzige Berichterſtatter. Der alte Mr. Parr glaubte bis zu ſeinem Tode feſt an den übernatürlichen Theil ſeiner Geſchichte, aber unter Denen, welche der alte Herr in ſein Vertrauen zog, befanden ſich auch ruhigere Leute, die daran nicht wenig zweifelten. Der Diener James kam niemals wieder zum Vorſchein, und man hielt es für wahrſcheinlich, daß Mr. Morton, der, wie man geſehen haben wird, jede Erwähnung dieſes Menſchen in ſeiner Erzählung vermied, ihn mit demſelben Gifte ermordete, mit dem er ſein erſtes Verbrechen beging, und da er mit wahnſinniger Heftigkeit ſich ſeines Werkes freute, kann er wohl jedes Mal den Leichnam ſeines Opfers ſelbſt nach dem Tode ſo vorgerichtet haben, um die Rolle in dem entſetzli⸗ chen Drama eines Brudermordes zu ſpielen. So geringen Glauben dieſe Vermuthungen wegen Mangel jeden Beweiſes auch haben mö⸗ gen, ſo waren ſie doch der einzige Verſuch, den man machte, das Geheimniß dieſer Todtenſchau zu erklären. Der Lodte bei St. Anna's Rapelle. 4 Die Nachſuchung. Auf der Spitze einer Anhöhe, welche die Grenzen einer waldigen Gebirgsgegend im ſüdlichen Deutſchland bildet, ſteht eine kleine Kapelle, der heiligen Anna gewidmet, die nur ſelten von vorüberge⸗ henden Bauern, oder an den Feſttagen der Heiligen von frommen Betern beſucht wird. Früh am Morgen des 26. Auguſt 1846 ſtieg ein Bauer aus einem etwas entfernt gelegenen Dorfe den ſchmalen Fußpfad hinan, der zu der Kapelle führt. Sein kleiner Sohn, der ihn begleitete, lief vor ihm her. Als er der Kapelle nahe kam, lief ihm das Kind mit athemloſer Haſt entgegen, und drängte ihn in Tö⸗ nen des Entſetzens, ſeinen Schritt zu beſchleunigen. Der alte Mann eilte beſtürzt vorwärts und ſein erſter Blick, als er den ebenen Grund der Kapelle erreichte, fiel auf einen Leichnam. In Blut gebadet und bis auf das Hemd der Kleider beraubt, nur den untern Theil des Körpers mit langen, weiten, hellfarbigen Hoſen und Stiefeln mit Sporen bedeckt, lag auf den Stufen der Kapelle der Körper eines wohlgebildeten jungen Mannes; ſeine rechte Hand ruhte auf der Bruſt und an ſeinem Finger glänzte ein ſchwerer, goldener Sie⸗ gelring. Der Bauer ſchickte ſogleich den Knaben in das nächſte Dorf, um die Entdeckung kund zu machen, während er dem Leichnam blieb. Es kam ihm ſonderbar vor, daß ſo wenig Blut in der Nähe des Leichnams gefunden ward. Wenn ein Mord ſtattgefunden hatte, war dies gewiß nicht der Ort, wo er verübt worden war. Die Spur von Fußtritten, die, wenn auch augenſcheinlich künſtlich verwiſcht, immer noch ſichtbar war, deutete ſeitwärts in den Wald, über welchen in einiger Entfernung ſich ein ſchroffer, hoher Felſen erhob, der Raubſtein genannt, auf deſſen Gipfel die Trümmer eines alten Gebäudes noch immer zu ſchen waren, von welchem die Volksſage manch grauenvolles Mährchen zu erzählen wußte. Die Richtung, welche die Unterſuchung nothwendig nehmen mußte, war völlig zu⸗ reichend, den Bauer von fernerer Nachforſchung abzuhalten, und bald erſchien auch der Friedensrichter und der Wundatzt des Dorfes, begleitet von einem zahlreichen Schwarm Neugieriger, welche ſtets bei ſolchen Gelegenheiten gegenwärtig ſind. Der Leichnam, an welchem leichte Spuren beginnender Fäulniß bereits ſichtbar waren, wurde unterſucht. Unter dem Hemde fand man eine vielfarbige Binde, augenſcheinlich das Bruchſtück eines Frauenſhawls, ſorgfältig um die Bruſt gewunden. Darunter und an der linken Bruſt lag ein zweites Stück Zeug, das durch das er⸗ ſtarrte Blut feſt an dem Leibe hing und eine breite, tiefe Wunde bedeckte, die in das Herz eindrang und augenſcheinlich mit einem ſcharfen, zweiſchneidigen Inſtrument, vielleicht einem Meſſer, her⸗ vorgebracht war. Die Section des Leichnams führte zu dem Schluß, daß der Tod nach reichlichen Libationen wahrſcheinlich in äußerſter Trunkenheit ſtattgefunden habe. Während man mit der Unterſuchung noch fortfuhr, kehrte einer der Zuſchauer, welcher den Fußtritten in der Richtung des Raubſteines gefolgt war, zurück, und ſagte dem Richter, das Verbrechen ſei ohne Zweifel in dem verfallenen Gebäude am Gipfel des Felſens verübt worden. Der Richter, der Arzt und die Zuſchauer eilten ſogleich nach dem Ort, wo auch wirklich viel⸗ fache Merkmale die Richtigkeit der Vermuthung andeuteten. Blut — 45 bedeckte den Boden und war an den Mauern herumgeſprengt, noch lagen die Reſte eines vor Kurzem geſchehenen Mahles herum: Brod⸗ rinden, Obſtſchalen und eine zerbrochene Weinflaſche, in welcher ſich einige Tropfen eines ſüßen und ſchweren Weines noch fanden. Die Spuren der Fußtritte, welche von der Kapelle nach der Ruine führten, waren undeutlich, aber in der entgegengeſetzten Richtung von der Ruine gegen die Straße nach Hilgenberg zu, waren ſie deut⸗ lich zu erkennen. Nicht weit von dem Gebäude fand ſich ein anderes Stück deſſelben buntfarbigen ſeidenen Shawls, der um den Leich⸗ nam gewunden war, und tiefer in dem Gebüſch fand ſich, an einem niedrigen Aſte aufgehängt, ein langer Frauenhandſchuh von däni⸗ ſchem Leder, ganz neu und fein gearbeitet, aber mit einigen dunkeln Flecken, in welchen der Arzt Blut erkannte. Nach und nach wurden die Fußtapfen undeutlicher und verloren ſich endlich auf der Chauſſee nach Hilgenberg. In der Hoffnung, eine Erkennung herbeizuführen, gab man den Leichnam den herbeidringenden Neugierigen ungehindert zur Schau; doch führte das zu keinem Reſultat, und gegen Abend wurde der Ver⸗ ſtorbene zu ſeinem letzten Ruheplatz geführt, auf den Kirchhof des benachbarten Dorfes Hoffſtede. Am nächſten Morgen jedoch erſchien der Wirth einer kleinen Waldherberge, die nicht weit entfernt war, vor dem Richter, und ſagte aus, er habe den Todten am Abend, che man ihn in den Sarg gelegt hätte, geſehen, und in ihm einen Frem⸗ den erkannt, welcher die Nacht vor dem 24. Auguſt in ſeinem Hauſe gewohnt und es an jenem Morgen früh verlaſſen habe. Mit ſeinem Namen, ſeinem Range, ſeinem frühern Aufenthalt und ſeiner Be⸗ ſtimmung war er unbekannt. Seiner eigenen Vermuthung nach, die jedoch auf nichts weiter beruhte, als daß der Verſtorbene Stiefeln und Sporen trug, ſollte dieſer ein Officier eines der Corps ſein, die in der Gegend cantonirten. Als man weiter in ihn drang, den Anzug des Fremden zu beſchreiben und andere Merkmale, die er an ihm 46 wahrgenommen habe, erwähnte der Wirth eine goldene Uhr mit gol⸗ dener Kette und Schlüſſel, ein rothes Taſchenbuch, eine grünſeidene Doppelbörſe, welche er dem Wirth vor dem Schlafengehen übergeben und von ihm am nächſten Morgen zurückempfangen habe, und zwei Ringe, von denen der eine ein Siegelring, der andere ein ſchmaler Reif war. Man zeigte ihm den Siegelring, den man an dem Finger des Verſtorbenen gefunden, und er erkannte ihn ſogleich als den, welchen ſein Gaſt getragen habe. Eine Zeit lang ergaben ſich keine weitern Spuren, ſowohl in Bezug auf die Perſon des Opfers, als rückſichtlich der Urſache ſeines Todes, obgleich der Oberprocurator des Criminalgerichts, welches damals in Hainburg beſtand, unermüblich in ſeinen Nachforſchungen war. Im Monat November jedoch erhielt das Tribunal von dem Polizeipräſidenten des Departements K. eine Mittheilung, daß ein gewiſſer Herr von Breiſach, angeblich aus der Provinz B. gebürtig, der ſeit einiger Zeit in K. ſich aufgehalten, und häufig kleine Reiſen von mehreren Tagen in die Gebirge gemacht habe, gegen Ende des Auguſt verſchwunden und nicht wieder zurückgekehrt ſei. Beunruhigt über ſeine Abweſenheit, habe ſeine Haushälterin ſich an die Polizei gewendet, die jetzt das Gericht von Hainburg zur weitern Nachfor⸗ ſchung aufforderte. Die Haushälterin wurde nach Hainburg berufen, und nach ihrer Ausſage hatte man wenig Grund zu zweifeln, daß der Verſtorbene und von Breiſach eine und dieſelbe Perſon ſei. Sie war von einem invaliden Soldaten begleitet, der ſeit einiger Zeit in Breiſach's Dienſten geſtanden hatte und ſogleich die Stiefeln erkannte, da ſie häufig durch ſeine Hände gegangen waren⸗ Beide beſchrieben die goldene Uhr und die beiden Ringe, von welchen der Wirth ge⸗ ſprochen hatte, und obgleich ſie den Siegelring nicht genau wieder erkannten, ſo glaubten ſie doch, es ſei derſelbe, den ihr Herr getra⸗ gen habe; den andern beſchrieben ſie als ganz einfach, wie einen Trauring. Nw—— 47 Die Bemerkungen, die ſie und Andere über Breiſach's Leben machten, waren keineswegs günſtig. Er hatte ein zurückgezogenes, aber wie es ſchien wenig ehrenvolles Leben in K. geführt. Das Ge⸗ rücht ſprach von einer Verbindung mit einer Schauſpielerin jenes Theaters; einer Verbindung, die einige Zeit vor ſeinem Verſchwinden plötzlich abgebrochen worden war; die Schauſpielerin ſpäter die Stadt verlaſſen— wohin, war unbekannt. So vielverſprechend auch dieſe Aufklärungen beim Anblick waren, ſo beförderten ſie doch weſentlich die gerichtliche Unterſuchung nicht. Wer war dieſer Herr von Breifach? Der Name war in der Gegend ganz unbekannt, er fand ſich in keinem Adelslerikon; das Wappen auf dem Siegelring, obgleich Vielen gezeigt, wurde von Niemand erkannt; Name und Wappen konnten die reine Erfindung eines Abenteurers ſein. Ein glücklicher Zufall entfernte jedoch die Schwierigkeiten, welche ſich der richterlichen Unterſuchung entgegenſetzten. In einer Privat⸗ geſellſchaft wurde der Name Breiſach in Gegenwart eines alten Di⸗ plomaten erwähnt, der ſeiner heraldiſchen Kenntniſſe wegen als aus⸗ gezeichnet bekannt war, und dieſer bemerkte, es möge wohl ein Irr⸗ thum in dem Schreiben des Namens obwalten, er kenne eine adelige Familie von Preuſſach und beſitze ſogar ihr Wappen. Dieſe Bemer⸗ kung wurde den mit der Unterſuchung beauſtragten richterlichen Per⸗ ſonen mitgetheilt, welche den Fremden aufforderten, ihnen das Wappen der adeligen Familie zu zeigen, von der er geſprochen habe⸗ Es ſtimmte auf das Genaueſte mit dem überein, welches f dem Siegelring eingegraben war. Ein Zweig dieſer Familie war in der Provinz B. anſſſih⸗ dem angeblichen Geburtsort der Perſon, welche gegen Ende Auguſt aus K. verſchwunden war. Der Oberprocurator ſetzte ſich ſogleich mit der Regierung dieſer Provinz in Verbindung, und erhielt kurze Zeit darauf eine ſchriftliche ——————— 48 Antwort von einem gewiſſen Ferdinand von Preuſſach, welcher ſich den zweiten Sohn des alten Baron Anſelm von Preuſſach nannte, den Beſitzer eines Majoratsgutes in jener Gegend. Der älteſte Sohn Hermann ſei ungefähr vor zwei Jahren auf Reiſen gegangen und ſeit langer Zeit kenne die Familie ſeinen Aufenthalt nicht. „Alles, fuhr Ferdinand von Preuſſach fort, Alles deutet darauf hin, daß der Verſtorbene mein Bruder Hermann iſt. Unſerer Familie liegt viel daran, Gewißheit zu erhalten. Ich bin der nächſte Erbe für die Güter unſeres Hauſes, denn mein Bruder hinterläßt nur eine Tochter, die Frucht einer kurzen Ehe. Ich werde mich perſönlich vor Gericht ſtellen und jede Nachricht geben, die auf dieſes traurige Er⸗ eigniß einiges Licht zu werfen vermag.“ Im Januar 1817 erſchien Ferdinand in Hainburg, las die Do⸗ cumente, welche das Reſultat der bereits begonnenen Nachfopſchungen enthielten, und ſprach ohne Zögern ſeine Ueberzeugung aus, daß der Todte ſein Bruder geweſen ſei. Er bat den Gerichtshof, ihm eine Beſtätigung von Hermanns Tode auszuſtellen, damit er bei ſeines Vaters Tode, der, wie er mit Schmerz denken müſſe, nicht lange auf ſich warten laſſen werde, ſogleich ſeinen Nachlaß antreten könne. Man bemerkte ihm jedoch, daß man zwar nicht zweifeln könne an der Wahrheit ſeines Zeugniſſes, daß aber die Ausſage eines einzigen Zeugen, beſonders wenn dieſer Derjenige ſei, der bei der Feſtſtellung des Todes am meiſten betheiligt wäre, nicht hinreiche, ein amtliches Todtenzeugniß zu rechtfertigen. Man rieth ihm, ſeine Angelegenheit den Händen eines Advokaten in Hainburg zu übergeben, um, im Fall daß man dem Thäter auf die Spur komme, als Kläger ſein Intereſſe bei dem Criminalverfahren in Obacht zu nehmen. Ferdinand ging auf dieſen Rath ein, und wählte zu ſeinem An⸗ walt den Advokaten Senkenberg, einen ſehr geſchickten und thätigen Mann, deſſen ausgebreitete Bekanntſchaft in der Gegend ihn beſon⸗ ders fähig machte, das Intereſſe ſeines Clienten zu befördern. Die 49 Wichtigkeit der ihm übertragenen Aufgabe und der Rang ſeines Clien⸗ ten konnten nur den Eifer des Advokaten erhöhen. Mochte es nun Zufall oder die größere Thätigkeit eines perſönlich dabei Betheiligten ſein, gewiß iſt es, daß ſeit dem Erſcheinen Ferdi⸗ nands auf mehreren Punkten ſich ein Licht zeigte, das ohne die Thä⸗ tigkeit ſeines Advokaten wenn nicht ganz unentdeckt geblieben, doch wenigſtens für die Unterſuchung keine weſentliche Beförderung gehabt hätte. Ferdinand begab ſich zunächſt nach K., dem letzten Aufenthalt ſeines Bruders. Nach einiger Zögerung wurden die Effecten des Verſtorbenen von dem Orte entfernt, wo ſie verſiegelt worden waren, und ihm gezeigt. Eifrig unterſuchte er jedes Papier, das ſeines Bru⸗ ders Schickſal aufflären konnte. Unter Anderm fiel ein Blatt Papier in Geſtalt eines Briefes in ſeine Hand; die Adreſſe war abgeriſſen, aber der Inhalt in franzöſiſcher Sprache und mit ſehr zierlicher Hand geſchrieben, ſchien von Bedeutung. Wir geben es wörtlich wieder mit aller ſeiner charakteriſtiſchen Orthographie. „Je vous accorde cette entrevue pourvu qu'elle soye decisive. „Vos mennaces ne pourrant jamais m'épouvanter, je saurais me „delendre moyennant les armes lesquelles me preteront TFhonneur „et la vertue. Voici ma dernière. La corespondance segrete ne „peut se continuer. „Bl. cc 21. ill. Preuſſach überſchickte dieſes Doeument dem Oberprocurator mit der Bemerkung, daß es nach ſeiner Anſicht mit der Unterſuchung in genauer Verbindung ſtehe. „Das Gericht, bemerkte er, ſei bisher immer von dem Gedanken eines Raubmordes ausgegangen. Das ſei ſein Glaube nicht. Alle die Umſtände, die für dieſen zu ſprechen ſchienen, ſeien nur das Re⸗ ſultat künſtlicher Erfindung, um die Wahrheit zu verhehlen. Die 50 Hand, die den Stoß geführt, gehöre nach ſeiner Ueberzeugung einem Weibe. Mehrere Stellen in dem Protokoll der Todtenſchau ſprächen von einer Frau, die in der Umgegend der Kapelle zu jener Zeit ge⸗ ſehen worden ſei; Stücke eines Shawls ſeien um den Leichnam ge⸗ wunden, ein weiblicher Handſchuh in der Nähe gefunden worden; die Handſchrift des Briefes vom 214. Juli ſei entſchieden die eines Weibes; er ſpreche von einer entſcheidenden Zuſammenkunft; die Zuſammenkunft habe bei der Kapelle ſtattgefunden, nur zu eniſchei⸗ dend für den Verſtorbenen. „Ich möchte nicht gern einen Unſchuldigen in Verdacht bringen, fuhr er fort; aber ich kann nicht verſchweigen, womit Niemand ſo wohl bekannt ſein kann, als ich. Sinnliche und zügelloſe Leidenſchaft war ein hervortretender Charakterzug bei meinem ſonſt ſchätzbaren Bruder. Sie war die Urſache der Trennung bald nach ſeiner Verhei⸗ rathung; ſeine ſpätern Ereeſſe, wenn er ohne Aufſicht war, brachten ihn in Verlegenheiten, die mehr als ein Mal mit einem tragiſchen Schluſſe drohten. In K. erzählt das Gerücht von ſeiner Verbindung mit einer Operntänzerin, welche faſt zu derſelben Zeit von dort ver⸗ ſchwunden iſt. Der Punkt in Bezug auf die Gegenwart einer Frau in der Nähe der Mordſeene ſollte genau unterſucht werden.“ Der Oberproeurator ſtaunte über die Richtigkeit einiger dieſer Bemerkungen. Die Unterſuchung über die von Ferdinand angedeute⸗ ten Punkte wurde von Neuem aufgenommen und ergab folgende Reſultate: Der 24. Auguſt, der Tag, an deſſen Morgen der Ver⸗ ſtorbene die Waldherberge verlaſſen hatte, war der Geburtstag einer der regierenden Fürſtinnen und war in den benachbarten Dörfern feſtlich begangen worden. Ein junger Menſch von zwanzig Jahren, aber von ſchwachem Verſtande, der am Vormittag den nach dem Raubſteine hinauffüh⸗ renden Fußpfad erſtiegen hatte, um Holz für das Freudenfeuer im Dorfe zu fällen, hatte einen Mann und eine Frau in einiger Entfer⸗ nung vor ſich in dem Walde geſehen, den Mann in dem Anzuge eines Jägers, die Frau in einem geſtreiften Kleide mit Strohhut und Sonnenſchirm. Die Farben konnte er nicht beſchreiben. Sie ver⸗ ſchwanden in dem Gehölz, und er ſah ſie nur noch ein Mal wieder, dicht am Raubſtein, hinter deſſen hervorſpringenden Felswänden ſie ſchnell verſchwanden. Die Ausſage des Badhalters in Schlingen, einem kleinen Dorfe, das faſt an die letzten Häuſer des Bades Hilgenberg ſtößt, war noch genauer und wichtiger. Gegen Mittag trat eine Dame, fein gekleidet, hoch und ſchlank gewachſen, mit einem angenehmen, aber bleichen und abgematteten Geſicht und mit dunklem, in Locken herabfallendem Haar in das Haus und bat den Badchalter, ihr eine Wunde an der rechten Hand, auf die ſie das Schnupftuch gedrückt hielt, zu verbin⸗ den. Der Badehalter reinigte und verband die Wunde, die breit, aber nicht tief war und augenſcheinlich von einem ſcharfen Inſtru⸗ mente herrührte, und ſeine Frau gab der Fremden auf ihre Bitte ein reines Schnupftuch. Die Dame drückte ihm einen Dukaten in die Hand und entfernte ſich eilig. An der Gartenpforte wurde ſie von einem alten Manne, in der Tracht eines Waldhüters empfangen, in deſſen Geſellſchaft ſie den Weg nach Hilgenberg einſchlug. Ein Nachbar, der hinter der Hecke ſeines Gartens das Zuſam⸗ mentreffen der Dame und ihres Führers mit angeſehen hatte, che ſie des Badehalters Haus betreten, ſagte, ſie habe unter einem Strom von Thränen die größte Angſt und Beſtürzung ausgedrückt, worauf er deutlich gehört hätte, wie der alte Waldhüter geſprochen: „Goit im Himmel, ſein Sie ruhig. Die Thränen bringen ihn nicht wieder in's Leben zurück. Bei mir ſind Sie ſicher. Ich bin ſtumm— ſtumm wie das Grab!““ Der Anzug der Dame war, ſo weit ſie ſich erinnerten, ein grün⸗ ſeidnes Kleid, ein Strohhut mit Blumen und ein hellfarbiger ſeide⸗ ner Sonnenſchirm. 52 Preuſſach war mit dem Reſultat dieſer Nachforſchung ſehr zu⸗ frieden. „Es wird bald Licht werden, ſagte er zu Senkenberg. Der Hondſchuh iſt ein bedeutender Beweis. Es iſt klar, die verwundete Dame hat ihn verloren. Er gehörte an die rechte Hand. Wir haben den Handſchuh, wir werden bald die Hand bekommen.“ Der eifrige Senkenberg ſetzte von Neuem die Polizei in Bewe⸗ gung. Er verſchaffte ſich eine Beſchreibung von der verdächtigen Operntänzerin, welche, wie es gewöhnlich der Fall iſt, ziemlich gut auf die von dem Badehalter und ſeiner Frau gegebenen Beſchreibung paßte. Endlich war er ſo glücklich, auch ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Aber die Vermuthungen Preuſſach's ſollten ſich hier nicht realiſiren. Die Operntänzerin konnte ein unzweifelhaftes Alibi nach⸗ weiſen. Ihre Päſſe und Certifieate waren vollkommen in Ordnung und ſie bewies, daß ſie K. in der Mitte Juli verlaſſen habe und nie wieder in deſſen Nähe geweſen ſei. Der Handſchuh, den ſie im Laufe der Unterſuchung anziehen mußte, war viel zu klein für ihre Hand und nur mit Mühe konnte man ihn wieder abziehen, ohne ihn zu zerreißen. Aber hierbei kam ein anderer Umſtand zur Kenntniß, welcher zeigte, daß die Unter⸗ ſuchung nicht mit ſolcher Genauigkeit geführt worden ſei, um nicht noch mehr entdecken zu können. Bei dem Abzichen von der Hand der Tänzerin wurde die innere Seite herausgewendet und dicht am Aermel enideckte man einen auf das Leder gedruckten Namen— Wilh. r. He, die zwiſchenliegenden Buchſtaben waren unlesbar. Die Aufmerkſamkeit war jetzt natürlich auf die Entdeckung der Perſon gerichtet, deren Name in den Handſchuh gedruckt war. Es konnte der der Eigenthümerin, aber auch der des Handſchuhmachers ſein; doch ſelbſt in dieſem letztern Falle konnte er zu ferneren Ent⸗ deckungen führen. Deshalb übergab man den Handſchuh einem ge⸗ wandten Polizeiagenten, um bei den Verkäufern ſolcher Artikel wei⸗ tere Nachforſchungen über den Namen anzuſtellen. Unterdeſſen trat ein ſonderbarer Umſtand ein. Das Feſt der hei⸗ ligen Anna näherte ſich und der Pfarrer von Hoffſtede war nach ſeiner Gewohnheit hinaufgegangen, um aus der kleinen Kapelle die Gaben zu entfernen, welche im verwichenen Jahre in die Armenbüchſe nie⸗ dergelegt worden waren. Er fand in ihr eine unerwartete Vermeh⸗ rung: eine grüne Börſe, dumpfig und feucht, als wenn ſie ſchon längere Zeit darin gelegen hätte, wohlgefüllt mit Silber- und Gold⸗ ſtücken. An der Börſe war ein Stück Papier befeſtigt, auf welchem mit Bleiſtift und mit einer augenſcheinlich verſtellten Hand, mit lan⸗ gen, verzogenen Buchſtaben die Worte ſtanden:„Gebt dem Todten ein chriſtlich⸗katholiſches Begräbniß. Gott wird es Euch vergelten.“ Der Geiſtliche machte die Behörden mit dem Umſtande bekannt; dieſe erinnerten ſich an die Ausſage des Wirths in Bezug auf die dem Gaſt gehörende Börſe, er ward wieder herbeigerufen und erklärte, die ihm vorgelegte Börſe gleiche außerordentlich der, welche der Fremde getragen. „Gleich Anfangs, bemerkte Preuſſach, als man ihm dieſen neuen Umſtand mittheilte, erkannte ich, daß hier kein Raub ſtattgefunden; ein Räuber hätte Gold und Silber nicht weggeworfen. Eine andere Leidenſchaft, Eiferſucht vielleicht, oder Rache für getäuſchte Liebe leitete des Mörders Hand; Reue folgte der That; dieſelbe Hand, welche den Stoß führte, bemühte ſich jetzt, für das Opfer ein chriſt⸗ liches Begräbniß zu erlangen und dieſe Zeilen wurden wahrſcheinlich in der Hoffnung geſchrieben, man werde ſie zu gleicher Zeit mit dem Leichnam finden.“ Inzwiſchen hatte Preuſſach Briefe von Hauſe erhalten, die ihn nöthigten, die weitere Unterſuchung Senkenberg's Hand zu überlaſ⸗ ſen. Es war jetzt dringend nöthig geworden, entſcheidende Schritte in Bezug auf die bürgerlichen Folgen von Hermanns Tod zu thun, 54 denn der alte Baron ſank ſichtbar dem Grabe zu. Man rieth Ferdi⸗ nand, ſich perſönlich in die Hauptſtadt zu begeben, wo es ihm durch ſeinen perſönlichen Einfluß bei der höchſten Staatsgewalt vielleicht gelingen könnte, die Hinderniſſe zu entfernen, die einer förmlichen gerichtlichen Anerkenntniß von Hermanns Tode noch entgegenſtanden und bei dem Provinzialgerichtshof unüberſteiglich waren. In dieſem Punkte wenigſtens konnte er auf den Beiſtand der Verwandten von Hermanns Gattin rechnen, wie wenig auch ſonſt ein freundliches Verhältniß zwiſchen beiden Familien herrſchte; denn nach Anerken⸗ nung von Hermanns Tod trat ſeine Witiwe in den Genuß einer Jahresrente von dem Majoratsgute, die bedeutend höher war, als die Unterſtützung, die ſie ſeit ihrer Scheidung von ihrem Gatten erhielt. Der Gedanke eines erneuerten Verkehrs mit einer Familie, mit welcher er ſeit der vor jetzt drei Jahren eingetretenen Trennung jede Verbindung aufgegeben hatte, war ihm aber nichts weniger als an⸗ genehm. Seine Schwägerin hatte er nie leiden mögen, und die jinſtere Hartnäckigkeit ihres Vaters, des Oberſten Siegfeld, welcher fort⸗ dauernd jeden Verſuch Hermanns, eine Ausſöhnung mit ſeiner Gat⸗ tin herbeizuführen, zurückgewieſen, hatte den Stolz des Hauſes Preuſſach ſchwer verwundet. Es blieb ihm aber keine andere Wahl, und im Auguſt 1817 reiſte er nach der Hauptſtadt ab. Bald nach ſeiner Ankunft begab er ſich in die Wohnung des Oberſten Siegfeld. Albertine, die Wittwe, war nicht zu Hauſe; der Empfang bei dem Oberſt und ſeiner Gattin war Anfangs äußerſt kalt. Doch die Nach⸗ richt, die er brachte, bewirkte ſogleich eine Veränderung. Der ehren⸗ hafte Charakter des Oberſten und das tiefe Gefühl ſeiner Gaitin ließen ſie die traurige Nachricht mit jenem Mitgefühl aufnehmen, welches in edlen Gemüthern jede feindliche Geſinnung überwältigt. Der Oberſt erklärte ſich bereit, ſo weit es ihm möglich, den Wunſch Ferdinands zu befördern; und Preuſſach wollte eben ſich beurlauben, 3„ als Albertinens Wagen am Hauſe vorfuhr. Die Mutter hatte eben noch Zeit, ihn zu bitten, Albertinen nicht ſogleich mit dem Tode ihres Gatten bekannt zu machen, ſie verſprach, ſobald ſie mit ihr allein ſei, ihr die Nachricht beizubringen. Albertine trat ein. Sie blieb einen Augenblick beim Anblick Fer⸗ dinands ſtehen, der achtungsvoll auf ſie zutrat, um ſie zu begrüßen; dann, als ob ſie ihn plötzlich wieder erkenne, ward ſie tödtlich bleich, wankte, und ohne ein Wort der Begrüßung eilte ſie in das Votzim⸗ mer zurück. Ihre Mutter folgte ihr. Preuſſach fühlte ſich bei dieſem offenen und unzweideutigen Zeichen des Widerwillens tief verletzt; denn wenn er auch in ſeinem eigenen Hetzen dieſelbe Geſinnung mit ihr theilte, ſo glaubte er doch, ſie hätte ſie nicht ſo offen ausſprechen ſollen. Stumm und verlegen ſtand er vor dem alten Mann. Der Oberſt eilte, ihn aus der unangenehmen Lage zu befreien, ſchüttelte ſeine Hand, als wolle er ihm einen Wink geben, ſich zu entfernen und ſagte:„Wir werden uns noch oft ſehen; laſſen Sie uns, was uns obliegt, als Männer ruhig und bedachtſam thun.“ Er legte einen ſeltſamen Nachdruck auf die Worte„als Männer“ und „ruhig“, als wenn er ſelbſt bedaure, daß Ferdinand ein Zeuge dieſes neuen Ausbruchs weiblicher Reizbarkeit geweſen ſei. Drei Tage nachher gab der Oberſt den Beſuch zurück; doch die Nachricht, die er brachte, war keineswegs erfreulich. In Bezug auf die Nachfolge in den Preuſſachſchen Majoratsgütern ſtanden nur zwei Wege offen; entweder eine formelle richterliche Beſtätigung von Hermanns Tod, auf genaue geſetzliche Beweiſe gegründet, oder die gewöhnliche Editaleitativn des Verſtorbenen, wodurch dieſer nach Verfluß einer beſtimmten Periode geſetzlich für todt gehalten wurde. Das Letztere erforderte nothwendig einen Zeitraum von mehreren Jahren, und brachte, wenn der alte Baron in der Zwiſchenzeit ſtarb, die Güter unter Segueſtration, was natürlich der Familie höchſt unangenehm geweſen wäre. Der Oberſt hatte, in Rückſicht auf die Intereſſen ſeiner Tochter, all ſeinen Einfluß bei Hofe angewandt, um ein kürzeres Verfahren zu erhalten, ſah aber wenig Hoffnung, daß der Fürſt, der in ſolchen Angelegenheiten ſich ſtreng an das Herkommen hielt, dem Lauf der Geſetze in dieſem beſondern Falle Eintrag thun werde. Aus dem Geſpräch des Oberſten erſah Preuſſach ferner, daß Albertine mit dem Tode ihres Gatten bekannt gemacht und tiefer da⸗ von ergriffen ſei, als ihr Vater zugeben zu wollen ſchien. Im Lauf der langweiligen Audienzen bei den Miniſtern, welche die Angelegenheit verlangte, hatte Preuſſach Gelegenheit, mehr als ein Mal mit Albertinen zuſammen zu treffen. Sie trug Wittwen⸗ trauer, ein Zeichen der Achtung für das Gedächtniß ihres verſtorbe⸗ nen Gatten, wofür er ihr nur dankbar ſein mußte. Trotz des tief gewurzelten Widerwillens, den er ſür ſeine Schwägerin fühlte, konnte er doch nicht umhin, die Schönheit ihres Geſichts und ihrer Geſtalt, die in aller Friſche der Jugend blühte und von den Trauer⸗ kleidern noch mehr hervorgehoben wurde, die Anmuth ihrer Bewe⸗ gungen, die Sanftheit ihres Betragens anzuerkennen, wenn ſie auch gegen ihn ſelbſt ſehr zurückhaltend und förmlich war. Im September erhielt er einen Brief von Senkenberg.„Ich habe Ihnen eine ſeltſame Neuigkeit mitzutheilen, ſchrieb der Advokat. Zu unſerm wohlbekannten Handſchuh hat ſich der zweite hinzugefunden. Er gleicht dem blutbefleckten wie ein Zwillingskind dem andern; der Stempel iſt derſelbe, aber nur lesbarer ausgedrückt. Der Name heißt Tieffe. Man hält ihn allgemein für den Namen des Handſchuhma⸗ chers; er hat aber zu einer Entdeckung geführt, die ich Ihnen kürz⸗ lich mittheilen will. „Der Polizeiagent zeigte im Lauf ſeiner Nachforſchungen unſern Handſchuh auch einer hieſigen Modehändlerin, Madame Lar; eine ihrer Kunden, Madame Zeltwach, die den Handſchuh bei ihr geſehen und die Urſache erfahren hatte, warum die Polizei deshalb Nachfrage halte, nahm ihn auf und unterſuchte ihn. Im Lauf des Geſprächs muß Madame Lar meinen Namen genannt haben, denn zwei oder drei Tage ſpäter kam Madame Zeltwach zu mir, und überreichte mir den andern Handſchuh von der linken Hand. Wie es ſcheint, kennt ſie die Familie des proteſtantiſchen Predigers in Blumenrode, drei Stunden von hier. Bei dem kürzlichen Beſuch daſelbſt und im Lauf eines geheimen Rathes unter den jungen Damen über Putzangelegen⸗ heiten, zog die zweite Tochter des Predigers aus einem Schubfach zufällig dieſen linken Handſchuh, der Veranlaſſung zu einigen Scher⸗ zen über den Namen Wilhelmine Tieffe gab. Der Name fiel Madame Zeltwach auf und erinnerte ſie an den Vorfall bei Madame Lar, wo man ihr den rechten Handſchuh gezeigt hatte. 4 „Seitdem hat ſie des Pfarrers Tochter gefragt, wie ſie dazu ge⸗ kommen wäre. Dieſe behauptet, ſie habe ihn von dem Kammermäd⸗ chen einer Dame erhalten, die im vorigen Sommer bei der freiherr⸗ lichen Familie in der Nachbarſchaft zu Beſuch geweſen ſei. „Das geſchah geſtern. Heute kam der Geiſtliche— er heißt Rauch— mit ſeiner Tochter Adelaide zu mir. Sie waren Beide ſehr beſorgt über den Gedanken, man möchte ſie in dem Verdacht haben, auf eine unrechtliche Weiſe in den Beſitz des unglücklichen 1 Handſchuh gefommen zu ſein. Ich bat das Mädchen, mir genau zu ſagen, wie ſie ihn erhalten hätte. „Sie erzählte mir mit großer Einfachheit, ſie hätte ihn von einer dritten Perſon. Eine junge Wittwe aus der Hauptſtadt, eine 1 Madame Süßfeld, ſei lange auf Beſuch in dem Hauſe des Baron Kettler geweſen; Adelaide, die ſich gern mit Muſik beſchäftige, habe von Zeit zu Zeit mit der Dame geſpielt und mit ihrem Kam⸗ mermädchen eine Bekanntſchaft angeknüpft. Bei Madame Süßfelds Abreiſe habe Adelaide dem Kammermädchen beim Einpacken gehol⸗ fen; in einer kleinen Pappſchachtel ſei unter andern Kleinigkeiten auch dieſer einzelne neue Handſchuh geweſen, das Kammer⸗ 14. 58 mädchen nicht für werth gefunden habe, mit ſich zu nehmen, da der andere fehle. Adelaide, über die feine Arbeit entzückt, habe ihn genommen und ſcherzend geſagt, ſie wolle ihn als eine Erinne⸗ rung behalten und das auch gethan. „Ich bin geneigt, die Geſchichte zu glauben, theils weil Ma⸗ demviſelle Rauch ein Mädchen von ehrenwerthem Charakter iſt, theils weil mehrere Umſtände mich glauben laſſen, daß Ihr un⸗ glücklicher Bruder mit Blumenrode in Verbindung ſtand. „Der franzöſiſche Brief, der zu K. gefunden wurde, war, wie Sie ſich erinnern werden, mit den Buchſtaben B. L. und einem A. unterzeichnet. Seltſam genug heißt das Kammermädchen, wel⸗ chem der Handſchuh gehörte, Agathe Roger. Ein A. und ein franzöſiſcher Name. Man beſchreibt ſie mir als ſchlank und hochgewachſen. Adelaide iſt keines von beiden. Von der Dame habe ich nichts weiter erfahren können, als daß ſie eine junge Witiwe von vornehmer Familie ſei, die am Hofe ſich aufhalte. „Sie haben oft bei dieſer traurigen Nachforſchung einen Scharfſinn gezeigt, den ich bereitwillig anerkenne; Sie ſind genau mit den Lebensumſtänden Ihres Bruders bekannt, die ich nur un⸗ vollkommen kenne. Vielleicht finden Sie einen Aufſchluß, wo mir die Verbindungsglieder abgehen.“ Preuſſach legte gleichgültig den Brief nieder.„Sonderbar, ſagte er bei ſich ſelbſt, daß der umſichtige Senkenberg ein ſolches Gewicht auf dieſe Enideckung legt. Wenn der Name nur die Be⸗ zeichnung der Firma iſt, wie viele Hundert ſolcher Handſchuhe, von denen jeder dem andern genau gleicht, müſſen nicht jetzt ſchyn in Umlauf ſein. Ich werde ihm das ſchreiben, ſobald ich dem Oberſten, in Bezug auf dieſe langweilige Erbſchaftsfrage, meinen letzten Beſuch gemacht habe.“ —-+— 5— e—— 59 2. Der Verdacht. Als Ferdinand dieſen Beſuch machte, fand er Albertinens Mutter allein. Das Geſpräch fiel auf Hermanns Tod und auf die Entdeckung des Leichnams, wovon ſie jetzt zuerſt die näheren Umſtände erfuhr. „So iſt denn Ihr Bruder, ſagte ſie, dort begraben, wo er ſein trauriges Ende fand? — So iſt es. Er ruht auf dem Kirchhofe des Dorfes Hoffſtede, nicht weit von Hilgenberg. — Hilgenberg! Wenn Albertine dies hätte ahnen können! Wie nahe war ſie damals dem Schauplatz dieſer gräßlichen That! — Wie? Ihre Tochter war damals in Hilgenberg? — Sie war auf Beſuch bei der Familie des BaronKettler in Blu⸗ menrode, von wo ſie Hilgenberg oft beſuchte. — Blumenrode!“ wiederholte Preuſſach gedankenvoll. Ein Ge⸗ danke ſtieg in ſeinem Geiſte auf, dem er nur widerſtrebend Zugang gab.„Albertine!— Ein drittes A!— und diesmal vielleicht das rechte.“ Er ſah, daß ſeine Befangenheit die Aufmerkſamkeit der Dame er⸗ regte und entfernte ſich, ſobald er es ſchicklich thun konnte. Er kehrte nach ſeiner Wohnung zurück, las Senkenberg's Brief noch einmal und immer heller wurde es in ihm. Das Billet vom. Juli, der Handſchuh gehörten Albertinen. Sie war die verwundete Dame in dem Badehauſe; ihr Aeußeres entſprach hinreichend der von den Zeugen gegebenen Beſchreibung. Madame Süßfeld— eine junge Wittwe— auch das ließ eine Erklärung zu. Die geſchiedene Gattin mochte es vorziehen, bei Fremden als Verwittwete aufzutre⸗ ten; der Name konnte nicht recht verſtanden ſein, wie es bereits der Fall geweſen war mit dem des Hauptopfers in dieſer Siegfeld war der wahre Name. In der erſten Heftigkeit des Unwillens gegen die Familie Preuſſach hatte der Oberſt, wie Ferdinand wohl wußte, von ſeiner Tochter verlangt, ihren Familiennamen wieder anzuneh⸗ men; und obgleich er keine förmliche Trennung der Ehe herbeiführen konnte, weil beide Ehegatten katholiſch waren, ſo trug doch Alber⸗ tine, ſelbſt in den Privateirkeln der Hauptſtadt den Namen Madame Siegfeld. Jetzt erklärte ſich der ſeltſame Empfang, der ihm geworden war. Es war Furcht vor Entdeckung, das Gefühl der bewußten Schuld, welches ihre Geiſtesgegenwart überwältigte. Sobald der Verdacht einmal in ſeinem Geiſte Wurzel gefaßt hatte, überlegte er Tag und Nacht, wie er die Beweiſe ſo zuſammenſtellen könnte, um die Behörden zu vermögen, gegen dieſe ſeine Schwägerin als eine Mitſchuldige bei der Ermordung ihres Gatten zu verfahren. Das Kammermädchen Agathe Roger hatte er früher gekannt; aber ſie hatte die Familie Siegfeld verlaſſen und er beſorgte Alberti⸗ nens Verdacht zu erregen, wenn er nach ihrem gegenwärtigen Auf⸗ enthalt zu forſchen wage. Endlich beſchloß er noch eine Unterredung mit Albertinen zu hal⸗ ten, in der Hoffnung, dieſes Geſpräch könne Dinge hervorbringen, die zu ſeiner Abſicht ihm behülflich wären. Er fand beide Damen zu Hauſe und brachte ſogleich das Geſpräch auf die ſchwebende Unterſu⸗ chung in Bezug auf die Umſtände und die Urheber von Hermanns Tod. Albertine hörte mit ſichtbarer Theilnahme, aber vhne Verlegen⸗ heit zu. Plötzlich wandite ſich Preuſſach an ſeine Schwägerin. „Sie kennen wohl die Familie des Baron Kettler auf Blumen⸗ rode?“ Albertine antwortete bejahend. „So ſind Sie wohl auch mit der Tochter des proteſtantiſchen Pre⸗ digers daſelbſt bekannt? — Der Prediger hat mehrere Töchter. 61 — Ich meine die zweite, Namens Adelaide. — Ich kenne ſie wohl. Was iſt mit ihr?“ Preuſſach zögerte, er war in einiger Verlegenheit. Heimlich wünſchte er wirklich jenen Scharfblick zu beſitzen, den ihm Senken⸗ berg zugeſchrieben hatte. Er fühlte, wie ſchwer es ſei, ſeinen Weg zu finden, doch er beſchloß, etwas zu wagen. „Ich wünſchte, begann er nach einer Pauſe wieder, etwas Nä⸗ heres von dem Mädchen zu erfahren. Sie iſt auf eine eigenthümliche Weiſe in die Unterſuchung verwickelt. Die Polizei hat entdeckt.. — Um Gottes Willen, was? rief Albertine aus. Das arme, unglückliche Mädchen! Sie iſt unſchuldig, ganz unſchuldig!“ Sie zitterte, während ſie dieſe Worte ausſprach; alles Blut war aus ihrer Wange gewichen. Ihre Mutter eilte in Ihre Nähe, indem ſie glaubte, ſie werde in Ohnmacht fallen. Mit einer ungewöhnli⸗ chen Anſtrengung gewann ſie ihre Ruhe wieder. „O, Mutter! rief ſie. Iſt es möglich? Ich muß fort, ich kann die Unglückliche retten!“ Ihre Mutter ſchellte; eine Dienerin trat ein. Albertine ward nach ihrem Zimmer gebracht. In dieſem Augenblick kam der Oberſt. Er blieb ſchweigend Ferdinand gegenüber ſtehen. „Wieder eine Scene! murmelte er für ſich ſelbſt. — Sie werden mich tadeln, Oberſt, ſagte Preuſſach, ſeine Hand faſſend; aber beim Himmel... — Nein, ich tadle Sie nicht; aber Sie kennen nicht die reizbaren Nerven der Frauen. Nur Eins bitte ich von Ihnen, vermeiden Sie ſolche Scenen, ſo lange Sie noch hier weilen— wir haben ſchon genug gehabt. — Genug, gewiß! erwiderte Preuſſach. Ich beurlaube mich, Oberſt. Ich bedaure, daß ich Ihnen ſo viel Pein verurſachen muß, ich bedaure es mehr, als Sie glauben können.“ 62 Er entfernte ſich; doch in der Haupiſtadt konnte er nicht länger bleiben. „Was brauchen wir weiteres Zeugniß? ſagte er bei ſich ſelbſt. Albertine will Adelaidens Unſchuld beweiſen; wer kann das unter⸗ nehmen, als Derjenige, der den wahren Urheber des Verbrechens kennt?“ Er ſchrieb an Senkenberg.„Sie rühmten meinen Scharfblick, weil ich von einem Frauenhandſchuh auf die Gegenwart einer Frauen⸗ hand ſchloß. Sie fanden den zweiten Handſchuh, ich habe die Hand gefunden, die dazu paßt. Halten Sie mit jedem fernern Verfahren gegen die Tochter des Predigers inne; vermeiden Sie alle fernern Siörungen in Blumenrode. Längſtens in acht Tagen bin ich bei Ihnen.“ Bei reiferer Ueberlegung fand es Preuſſach wünſchenswerth, zu erfahren, welchen Entſchluß Albertine gefaßt hätte, er war daher ſehr angenehm überraſcht, als ſie ihm ſagen ließ, ſie wünſche ihn vor ſeiner Abreiſe noch einmal zu ſchen. Sie empfing ihn mit großer Ruhe; und drang ernſtlich in ihn, ihr zu ſagen, wodurch Adelaide in Verdacht gekommen ſei. Preuſſach wich geſchickt der gewünſchten Erklärung aus, bis er erſt erfahren hatte, wieviel ſie von dem Stande der gerichtlichen Unterſuchung wiſſe. Als er ihre gänzliche Unwiſſen⸗ heit bemerkte, ſprach er in dunkeln, zweifelhaften Ausdrücken, ſagte ihr, ſein Advokat ſchriebe ihm nichts Beſtimmtes über dieſen Gegen⸗ ſtand; er wiſſe nur ſoviel, daß ſchwerer Verdacht auf dem Mäd⸗ chen ruhe. Sogleich gab Albertine ihren Entſchluß zu erkennen, perſönlich nach Hainburg zu gehen, um die unglückliche Adelaide zu retten. Sie meinte, ihr Zeugniß und das der Familie Kettler werde hinreichend ſein, jeden Verdacht zu entfernen. Eine ſchriftliche Vermittlung, welche ihre Mutter Anfangs vorgeſchlagen, hielt ſie für unzureichend ⸗ te n⸗ ich ie nd 9 nd und da ihre Mutter mit ihr derſelben Meinung geworden war, ſo hatte ſie ſich entſchloſſen, ſie zu begleiten. Preuſſach ermuthigte die Damen in ihrem Entſchluß. Nichts fonnte beſſer mit ſeinem Plan zuſammenſtimmen. Einmal in dem Be⸗ reich des Unterſuchungsgerichts, konnte Albertine leichter erreicht wer⸗ den, als unter dem Schutze des väterlichen Hauſes. In den Provin⸗ zen galt ferner das franzöſiſche Geſetz, während in der Hauptſtadt noch immer die alten deutſchen Formen üblich waren. Er bot alle ſeine Kräfte auf; rieth Albertinen, ſich gleich an den Oberproeurator zu wenden und ſich zu jeder Erklärung bereitwillig zu zeigen, die ſie ge⸗ ben könne. Der Oberſt theilte ihm endlich das Reſultat ſeiner Verwendung bei Hofe mit, in Bezug auf die Erbſchaftsfrage. Man war bereit, die Frage, ob Hermanns Tod in ſo weit feſtgeſtellt ſei, um Fer⸗ dinand bei ſeines Vaters Tode die Nachfolge in dem Majorat zu öff⸗ nen, der Entſcheidung des Appellationsgerichts in K. zu überlaſſen, als dem höchſten Gericht der Provinz, in welcher Hermann zuletzt gewohnt habe; gegen die Entſcheidung dieſes Gerichtshofes wolle der Fürſt nicht einſchreiten. Bei dieſem Stand der Sachen hielt es Ferdinand in ſeiner ge⸗ wöhnlichen Klugheit für rathſam, ſich ſelbſt an Ort und Stelle zu begeben. Er reiſte über Hainburg, wo er eine Zuſammenkunft mit Senkenberg hatte, der nicht wenig erſtaunte über ſeine mündlichen Mittheilungen. Ferdinand bat ihn, ihm gleich zu ſchreiben, ſobald etwas ſeiner Aufmerkſamkeit Würdiges eintreten ſollte und eilte nach K. Bald nach ſeiner Ankunft daſelbſt erhielt er folgenden Brief von Senkenberg. „Ich habe einige Umſtände von einer Magd in Blumenrode er⸗ fahren, welche mit den Ausſagen des Bauernburſchen, des Bade⸗ halters und ſeiner Frau in Verbindung zu ſtehen ſcheinen. Die Leute erinnern ſich, daß der 24. Auguſt ein Sonnabend war. An dieſem Tage hielten die Adelsfamilien in der Nachbarſchaft gewöhnlich ihre Wochengeſellſchaft in Hilgenberg; an jenem Tage war die Familie Kettler nicht dabei, wohl aber Madame Siegfeld. Sie war in Ge⸗ ſellſchaft der Gräfin Koß und deren Tochter gekommen. Mein Zeuge hatte ſie begleitet. In Hilgenberg war Madame Siegfeld zeitig am Vormittag von ihrer Geſellſchaft abgerufen worden und hatte ſich erſt gegen Abend bei ihr wieder eingefunden. Was geſchah während dieſen Stunden der Abweſenheit? Die Familien in Blumenrode und Langſitz konnten viel ſagen; aber wollen ſie? „Wenn Sie den Gedanken haben, perſönlich auf dieſer Seite Ihre Nachforſchungen zu betreiben, ſo erlauben Sie mir die Bemer⸗ kung, daß Sie wahrſcheinlich bei Kettlers keine günſtige Aufnahme ſinden werden. Wie Andere, argwöhnen ſie bis jetzt noch nicht, daß der angebliche ermordete Officier der Gemahl ihres Gaſtes war. Aber der Name Preuſſach iſt ihnen nicht unbekannt und wahr⸗ ſcheinlich aus den Verichten Ihrer Schwägerin in einem ſehr nach⸗ theiligen Lichte ihnen dargeſtellt. Das verlangt Vorſicht. In Lang⸗ ſitz haben Sie beſſere Ausſichten. Das Gut ſteht zum Verkauf; ſchon haben viele Kaufluſtige es beſucht; das iſt ſchon an ſich ſelbſt eine hinreichende Einführung. Wenn Sie Zutritt erhalten, ſo erkundigen Sie ſich ganz genau nach jenem ereignißvollen Sonnabend. Wenn die Geſchichte mit der Wunde wahr iſt, ſo kann ſie den Damen nicht entgangen ſein; wenigſtens werden Sie erfahren, ob Madame Sieg⸗ feld an jenem Tage gekleidet war, wie die Frau des Badehalters es beſchreibt; Frauen haben ein gutes Gedächtniß in ſolchen Sachen. Notiren Sie ſorgfältig die geringfügigſten Umſtände.“ So weit der Advokat. Sehen wir jetzt, wie ſein Client dieſe Winke benutzte. Wie Senkenberg vorausgeſehen hatte, war ſein Empfang in Blu⸗ menrode ſo kalt, daß er ſich ſogleich überzeugte, hier ſei keine Zeit, die gewünſchten Nachforſchungen anzuſtellen. In Langſitz war es ganz anders. Die Gräfin war entzückt über die Bewunderung, welche Baron von Preuſſach für ihr Gut ausſprach; der Pfarrer des Dor⸗ fes, der eine Art Geſchäftsführer der Gräfin vorſtellte, ließ ſich von ſeinem anmuthigen Betragen gewinnen und lud ihn ein, einige Tage in der Pfarrwohnung zu verweilen, um mit Muße alle Vorzüge des Gutes unterſuchen zu können. Bald war er ein täglicher Gaſt im Schloſſe. Die alte Gräfin war geſchwätzig, ihre drei Töchter, Aure⸗ lie, Mathilde und Eliſabeth, voll Leben, Heiterkeit und Witz. Ferdinand, ein Mann von Welt und Geſchmack, wußte bald das Geſpräch auf die Nachbarn in Blumenrode, auf deren Gaſt, Madame Siegfeld, und den Beſuch in Hilgenberg zu bringen. „Es war während des Vormittags, ſagten die Damen, daß Madame Siegfeld aus dem Zimmer in Hilgenberg gerufen wurde und von einem Mädchen in Bauerntracht einen Brief erhielt, den ſie der Gräfin zum Durchleſen überreichte. Es war eine Einladung von einer alten Bekannten; einer polniſchen oder ruſſiſchen Dame, Madame Seehauſen, wie ſie ſich deutlich erinnerten, die ſie dringend bat, ſie heute noch in Hilgenberg zu beſuchen. Die Gräfin rieth ihr, zu ge⸗ hen; Albertine bat, mit dem Eſſen nicht auf ſie zu warten, und nahm eilig ihren Hut und ihr Umſchlagetuch. — Und den Sonnenſchirmwahrſcheinlich? ſagte Preuſſach lächelnd. — Natürlich, war die Antwort. Die Entfernung war beträcht⸗ lich; denn Madame Seehauſens Billet war aus dem obern Theil der Stadt datirt. Das Mädchen begleitete ſie. „Es war faſt dunkel und die Lichter brannten bereits in dem Zim⸗ mer, als ſie zurückkehrte. Sie ſchien erhitzt, aufgeregt; ihre Augen zeigten Spuren von Thränen und als ihre Freunde ſie theilnehmend befragten, gab ſie ihnen eine rührende Schilderung des Unglücks ihrer Freundin und was ſie ſelbſt bei der Erzählung gelitten habe.“ Preuſſach bemerkte, daß die Damen den Gedanken gefaßt hatten, ſeine außerordentliche Neugier, die geringſten Umſtände über Madame Siegfeld zu ſammeln, habe ihren Grund in einem zärtlichen Inter⸗ eſſe, das er vielleicht für die Dame fühle; denn ſie lächelten bei der umſtändlichkeit ſeiner Fragen, als wenn ſie den Beweggrund erkannt hätten, der ſie dictire. Er glaubte alſo die Rolle eines Inquiſitors noch kühner ſpielen zu können.„Aber ihr Anzug... erinnern Sie ſich, von welcher Farbe er war?““ Sie zögerten, ſie waren nicht gewiß, aber er war von Seide. „Vielleicht, wenn er eine Vermuthung wagen dürfe, war es grüne Seide?“ Die Damen lächelten. Die Gräfin erinnerte ſich, bei Madame Siegfeld ein grünſeidenes Kleid bemerkt zu haben, wußte aber nicht, ob ſie es an jenem Tage getragen habe. „O nein, ſagte Aurelie, an jenem Tage nicht. Ich weiß, ſie hatte ein Kleid mit kurzen Aermeln, ſie trug ja lange Handſchuh. Preuſſach hörte mit ſteigender Aufmerkſamkeit zu. „Ja wohl, ja wohl, riefen die Damen im Chore lachend. Das war ja der Tag, wo ſie einen ſo ſonderbaren Tauſch machte.“ Preuſſach hatte Mühe, unter der Maske des Scherzes ſeine in⸗ nere Aufregung zu verbergen. „Wenn mir ein Blick in dieſes Geheimniß vergönnt werden könnte, ſagte er mit einer höflichen Verbeugung zu Aurelien; dieſe langen Handſchuh ſcheinen mit einer angenehmen Rückerinnerung ver⸗ bunden. — Sie irren, erwiderte Aurelie, eine bloße Kleinigkeit... nur eine von den Toilettenlaunen Ihrer ſchönen Freundin. — Nun, bemerkte die Gräfin, erzähle die Geſchichte wie ſie war. Baron Preuſſach darf hier keine Räthſel hören. — Es war eines ſchönen Sommermorgens, begann Aurelie in ſcherzhaftem Ernſt, als Mama mit zwei ihrer Töchter— Eliſabeth war nicht mit dabei— in Blumenrode vorfuhr, um Albertine nach Hilgenberg mitzunehmen. Kettlers hatten eine Abhaltung und konnten 67 bei der Reunion nicht ſein. Wir kamen etwas ſpät, ſtiegen daher nicht aus, ſondern warteten im Wagen auf unſere Protegse. Endlich kam ſie, von ihrem Kammermädchen begleitet, und ſtieg in den Wa⸗ gen, während das Mädchen neben den Kutſcher ſich ſetzte. Compli⸗ mente wurden ausgetauſcht und die Pferde ſetzten ſich in Bewegung, als Albertine unglücklicher Weiſe aus dem Wagenfenſter einen ihrer langen weißen Handſchuh fallen ließ. Ach, er fiel in Schmutz und war völlig unbrauchbar. „Man mußte für einen Erſatz ſorgen. Ihr Mädchen eilte ins Haus zurück und brachte ein anderes Paar, aber von däniſchem Leder. „Madame Siegfeld war ſehr unzufrieden, denn ſie hatte ihren Sinn auf weiße Handſchuh gerichtet. Vor der Hand war jedoch nicht zu helfen und die däniſchen Handſchuh, die neu und zierlich waren, wurden angenommen. Am Abend, als ſie von ihrer nordiſchen Freun⸗ din zurückkehrte, fiel mein erſter Blick zufällig anf ihre Handſchuh. Sie trug wieder weiße. Meine Mutter und ich ſagten nichts. Die rührende Erzählung von dem Unglück ihrer Freundin hatte uns trüb geſtimmt. Aber Mathilde, die bei ihrer Rückkehr nicht im Zimmer geweſen war, trat zu ihr und ſah ſie lächelnd an.„Warum ſiehſt Du mich ſo an? fragte Albertine etwas verlegen.„Ich bewundere Deine Ausdauer; da Du den Tag mit weißen Handſchuhen begannſt, ſo biſt Du entſchloſſen, ihn auch damit zu beendigen.“„Ach, rief Madame Siegfeld, Ausdauer hat damit nichts zu thun; in der Haſt, mit der ich von meiner Freundin Abſchied nahm, verwechſelte ich die Handſchuh. Dieſe hier gehören einem jungen Mädchen, ihrer Be⸗ gleiterin; ich habe meinen Irrthum erſt bemerkt, als es zu ſpät war.“ — Ich konnte nicht umhin, fügte Mathilde hinzu, zu denken, ſie müſſe ſehr zerſtreut geweſen ſein, denn das dritte Handſchuhpaar war nichts weniger als eine verbeſſerte Auflage der andern; ſie waren von ſehr grobem Stoff, weit und ſchlecht gemacht.“ Preuſſach deutete auf die Geſchichte mit der Wunde in der Hand; aber hier erhielt er eine entſchieden verneinende Antwort, mit der ſich zugleich ein Ausdruck der Ueberraſchung und des Staunens verband. Daß Madame Siegfeld hätte verwundet ſein ſollen, wollte Niemand glauben.„Es müßte denn, ſagte Mathilde ſchlau, eine unſichtbare — im Herzen geweſen ſein.“ Preuſſach ging nicht weiter; er hatte genug erfahren, mehr als er hatte hoffen können. Als er ſich von Langſitz beurlaubte, ſprach die Gräfin die Hoffnung aus, in einer ſpätern Zeit ihre Bekanntſchaft zu erneuern; die Hoffnung erfüllte ſich früher, als ſie erwartete oder wünſchte. Bei ſeiner Durchreiſe durch Hilgenberg auf dem Wege nach K., ſtellte er die ſorgfältigſten Nachforſchungen nach Madame Seehauſen an; doch ohne Erfolg. Der Name war völlig unbekannt in Hilgen⸗ berg. Er theilte das Reſultat ſeiner Nachforſchungen Senkenberg mit, welcher glaubte, es ſei nun Zeit, gegen die Verdächtige ein Criminal⸗ verfahren einzuleiten. Er verfaßte eine umſtändliche Denkſchrift, in welcher er alle die Umſtände zuſammenſtellte, welche Frau von Preuſ⸗ ſach wenigſtens einer ſtrafbaren Theilnahme an dem Morde ihres Gat⸗ ten zu beſchuldigen ſchienen; deutete auf ihre bevorſtehende Ankunft in Hainburg und forderte die Behörden auf, ſobald als ſie erſcheinen würde, auf dem gewöhnlichen Wege ihr Verhör zu veranlaſſen, wie bei einer eines Verbrechens beſchuldigten Perſon. Zu gleicher Zeit, wo Senkenberg dieſe Denkſchrift dem Oberprocurator vorlegte, trat auch Ferdinand als Kläger auf. Er trug kein Bedenken, das Verbrechen, deſſen er ſeine Schwägerin im Ganzen oder nur zum Theil beſchuldigte, als eine Folge der finanziellen Ver⸗ legenheit, die aus ihrer verſchwenderiſchen Lebensart in der Haupt⸗ ſtadt hervorgegangen ſei und der Begier darzuſtellen, ſchneller in den Beſitz des Witthums zu gelangen, das ihr nach dem Tode ihres Gat⸗ ten von dem Majoratsgute zufiel. Ein Witthum jedoch, das jetzt wie⸗ der an ihn zurückfallen müſſe, wenn ihre Theilnahme an dem Morde erwieſen werden könne, weshalb er als Privatkläger bei dieſem Pro⸗ ceß beſonders auftrete. Mochte nun der Oberproeurator geneigt ſein oder nicht, auf Sen⸗ kenbergs Verlangen einzugehen, die Umſtände, die in dieſer Zeit ein⸗ traten, nöthigten ihn auch wider ſeinen Willen die Klage aufzuneh⸗ men. Albertine war in Hainburg angekommen und hatte ſich, Preuſ⸗ ſachs Anweiſungen zufolge, ſogleich ſchriftlich an den Oberprocurator gewandt und ihn gebeten, ihr eine Zuſammenkunft mit demjenigen Mitgliede des Gerichts zu gewähren, das mit der Nachforſchung über ihres Gatten Tod beauftragt ſei. Man habe ihr geſagt, fügte ſie hin⸗ zu, daß der Verdacht auf eine Perſon gefallen ſei, die ſie ſelbſt zu rechtfertigen ſich verbunden und fähig halte. Dieſe letzte Andeutung war dem Oberproeurator natürlich unver⸗ ſtändlich, da gegen die Tochter des Geiſtlichen kein Verfahren eingelei⸗ tet war. Er übergab jedoch das Schreiben dem Richter, der die Un⸗ terſuchung führte und befahl ihm, die Verfaſſerin weiter, als blos über den fraglichen Punkt zu verhören. Der Richter blickte in den Brief; die Handſchrift ſchien ihm bekannt; er verglich ſie mit der des 21. Juli und fand eine große Aehnlichkeit zwiſchen beiden. Er legte beide urtheilsfähigen Männern vor und fügte auch das in dem Armen⸗ kaſten gefundene Blatt Papier hinzu. In Bezug auf das Letzte ſpra⸗ chen ſie keine entſchiedene Meinung aus; die Züge waren enſſtellt; die beiden andern aber hielten ſie für das Werk einer und derſelben Hand. Einige Tage ſpäter trat Albertine in Begleitung ihrer Mutter vor den Inſtructionsrichter in K. Der Richter leitete das Geſpräch ſo, daß Albertine veranlaßt 70 war, näher auf ihren Aufenthalt während des letzten Sommers in dieſer Gegend einzugehen; er forſchte unter dem Vorwand einer blo⸗ ßen legalen Förmlichkeit nach dem Namen der Perſonen, mit denen ſie damals umgegangen ſei, und verweilte namentlich, obgleich dem Anſchein nach ohne beſondere Abſicht, bei ihrem Beſuche in Hilgen⸗ berg. Albertinens Antworten waren deutlich, kurz und vorſichtig; ſie zeigten den Eniſchluß, auf die Fragen nicht mehr zu antworten, als unumgänglich nothwendig ſei. Das Geſpräch hatte einige Zeit gedauert, als Albertinens Blick zufällig auf einem Schreiber ruhte, der, in einiger Entfernung ſitzend, eifrig jede ihrer Bewegungen beobachtete und jedes Wort, das ſie ſprach, dem Papier übergab. Sie fragte, ob ihre Ausſage hier niedergeſchrieben werde. Der Richter antwortete bejahend. „Dann bin ich mißverſtanden worden, ſagte ſie. Ich bat nicht um ein richterliches Verhör, ſondern um ein Privaigeſpräch mit dem Richter über eine Angelegenheit, die zu zart iſt, um einem Briefe an⸗ vertraut oder zum Gegenſtand einer förmlichen und öffentlichen Unter⸗ ſuchung zu werden. — Ihre Ausſage mußten wir niederſchreiben laſſen, antwortete der Richter höflich, aber entſchieden; doch ſoll das Niedergeſchriebene Ihnen vorgeleſen werden.“ Eine Pauſe trat ein. „Ich vermuthe, nahm Albertine endlich wieder das Wort, daß man mich in Bezug auf die Nothwendigkeit meiner hieſigen Gegen⸗ wart getäuſcht hat. Ich weiß nichts von dem Gange Ihres Verfah⸗ rens; doch Perſonen, die ſich als damit vertraut bekannten, ſprachen von einem Verdacht, der auf ein unſchuldiges und ſchutzloſes Weſen gefallen ſei, das zu beſchützen ich für meine Schuldigkeit hielt. Ich finde, das iſt nicht der Fall und bin daher der Meinung, daß meine Gegenwart in Zukunft entbehrt werden kann.“ Der Richter war in Verlegenheit. Er fühlte die Schwierigkeit, das Verhör fortzuſetzen, ohne ſein Ziel offen darzuſtellen. Als einen Umweg nahm er jedoch Albertinens letzte Worte auf und fragte: „Wer iſt die Perſon, von der Sie ſprechen?“ Albertine zögerte und blickte auf ihre Mutter. „Wir haben nichts zu verheimlichen, erwiderte dieſe, Baron Ferdinand von Preuſſach theilte uns die Nachricht mit, daß eine Ma⸗ demviſelle Rauch, die Tochter des Geiſtlichen in Blumenrode, in Verdacht ſtehe. Die Gründe des Verdachts kennen wir nicht. — Iſt es ſo? fragte der Richter zu Albertinen gewendet. Ihre Abſicht iſt, Demviſelle Rauch vom Verdacht zu befreien? — Das war der Fall, antwortete Albertine, wenn Verdacht wirklich vorhanden ſein ſollte, deſſen Möglichkeit ich aber nicht be⸗ greifen kann. — Was haben Sie für Gründe, es für unmöglich anzuſehen? — Ich weiß, daß Demoiſelle Rauch meinen verſtorbenen Gatten nicht kannte, nie geſehen hat. — Wie ſo? Wann ſahen Sie Ihren verſtorbenen Gatten zum letzten Mal?“ Albertine ſchien anfangs etwas überraſcht, dann antwortete ſie ruhig und mit Würde: „Nach meiner Eltern Willen ſollte ich den Baron von Preuſ⸗ ſach nach unſerer Trennung weder ſehen noch ſprechen. — Und Sie haben ihrem Willen ohne Ausnahme gehorcht? — Ausnahmen hätten ſie allein erlauben können und für mein Betragen fühle ich mich nur ihnen verantwortlich.“ Die Mutter erhob ſich und bat, die Unterredung jetzt zu endigen. Was Albertine zu ſagen hätte, ſei bereits geſagt; dieſes Zeugniß könne die Familie in Blumenrode beſtätigen; wären weitere Erklä⸗ rungen von ihrer Tochter nothwendig, ſo könnten dieſe ſpäter gege⸗ 72 ben werden, da ſie noch einige Tage in der Nähe bleiben wollten, ehe ſie nach der Hauptſtadt zurückgingen. Der Richter ſah ſich genöthigt, vor der Hand ſich damit zufrie⸗ den zu erklären und die Damen entfernten ſich, nachdem er ihnen ge⸗ ſagt hatte, ihre Gegenwart werde zwei Tage ſpäter noch einmal noth⸗ wendig ſein. Der Richter wollte vor Allem ſehen, ob die Frau des Badehalters in Albertinen die Dame wiedererkenne, die am 24. Au⸗ guſt in Schlingen erſchienen ſei, und in dieſem Fall einen Befehl zu ihrer Verhaftung dann geben. Am dem beſtimmten Tage erſchien Albertine in Begleitung ihrer Mutter wieder. Man bat ſie, in ein Nebenzimmer zu treten; ſie ſchienen überraſcht, gehorchten aber ohne weitere Bemerkungen, als man ihnen ſagte, daß dies der gewöhnliche Lauf ſei. Die Krankheit des gewöhnlichen Richters hatte ein jüngeres Mit⸗ glied des Gerichtshofes mit dem Verhör beauftragt und dieſer junge Mann war mit allem Eifer der Jugend entſchloſſen, Alles zu einer Entſcheidung zu bringen. Nach einigen unbedeutenden Fragen kam er auf die Ereigniſſe des 24. Auguſt. Er erwähnte die verſchiedenen Um⸗ ſtände, die ihr Gedächtniß an jenen Tag wieder erinnern konnten: den Sonnabend, den Tag der Wochenaſſemblée in Hilgenberg, den Geburtstag der regierenden Fürſtin. Albertine erinnerte ſich deſſen vollkommen; ſie ſagte aus, daß ſie damals zum letzten Male in Hil⸗ genberg geweſen ſei. Darauf verlangte man von ihr eine genaue An⸗ gabe, wie ſie dieſen Tag vom Morgen bis zum Abend zugebracht habe. Albertine ſchwieg. Die Frage wurde wiederholt. Sie ſchwieg noch immer, wurde mehr und mehr unruhig und aufgeregt. Der Richter drang in ſie und erwähnte, daß die Gräfin Koß und ihre Töchter bereits vernommen worden ſeien. Albertine erblaßte. „Was ſoll das? fragte ſie mit ſchwankender Stimme. Was hat die Vernehmung der Gräfin mit mir zu thun? — Die Gräfin, fuhr der Richter fort, behauptet, Sie hätten tten 73 zeitig ihre Geſellſchaft verlaſſen und wären erſt am Abend zurückge⸗ kehrt. Wo waren Sie in der Zwiſchenzeit? — Ich verſtehe den Zweck dieſer Fragen nicht. — Der Richter fragt kraft ſeines Amtes. Er erwariet eine Ant⸗ wort, Sie ſind verbunden, ſie zu Ihrer eigenen Rechtfertigung zu geben. — Rechtfertigung! rief Albertine, indem ſie von ihrem Seſſel aufſprang. Gegen welche Anklage? Wer iſt mein Ankläger? — Von Anklage iſt nicht die Rede, erwiderte der Richter, aber ich verlange eine Antwort. Im Namen des Königs— Wo waren Sie in der Zwiſchenzeit?“ Mit ernſter Würde ſtand Albertine vor dem Richter. „Sie rufen mich in des Königs Namen auf. Für dieſen König vergoß mein Vater ſein Blut, ſtarben meine Brüder den Tod der Helden! Auch ich kenne meine Pflicht gegen den König. Ich bin mei⸗ nen natürlichen Beſchützern entriſſen worden; ich werde mit Fragen beſtürmt, deren Zweck ich nicht begreife, die ich nicht beantworten kann. Ich mag keine Antworten erfinden, das wäre meiner unwür⸗ dig, aber ich kann ſchweigen und will es. Forthin iſt mein Mund ge⸗ ſchloſſen. Niemand auf Erden ſoll ihm das Siegel nehmen. Handeln Sie, wie Sie müſſen, das iſt mein letztes Wort.“ Sie ſank auf ihren Stuhl und brach in Thränen aus. Alle fer⸗ neren Fragen des Richters waren vergebens. Er war genöthigt, ſich damit zu begnügen, was ſie bereits geſagt hatte, und ging dann in das Nebenzimmer, wo die Frau des Badehalters und der Bauern⸗ burſche ſich aufhielten; der Badehalter ſelbſt war im Frühjahr ge⸗ ſtorben. Der Burſche konnte in Albertinen die Perſon, die er geſehen hatte, nicht wiedererkennen; aber die Frau, welche durch die Glas⸗ thür das ſtürmiſche Geſpräch zwiſchen Albertine und dem Richter mit angeſehen, antwortete ohne Zögern: „Ja, das iſt die Dame! bei einem ſo ſchönen Geſchöpf kann 14. 6 7⁴ man ſich nicht täuſchen; Gang, Haltung, Stimme, Alles trifft zuſammen.“ Man ſtellte ſie der Angeklagten gegenüber. Albertine ſaß noch immer in tiefem Nachdenken auf dem Platze, wo der Richter ſie ver⸗ laſſen hatte. Beim Eintritt deſſelben mit der Zeugin erhob ſie den Kopf; aber ihr Blick ruhte mit der Kälte eines Fremden auf dem Ge⸗ ſicht der alten Frau. „Dieſe Frau, begann der Richter, ſagt aus, ſie habe Sie an dem fraglichen Tage in ihrem Hauſe in Schlingen mit einer Wunde in der Hand geſehen, welche ihr Mann verband.“ Albertine legte ihren Kopf wieder nieder; kein Wort kam über ihre Lippen, aber ihre Thränen floſſen unaufhörlich. Selbſt die Zeu⸗ gin wurde von ihrem Schmerz ergriffen; ſie weinte mit, blieb aber bei ihrer Ausſage. So endigte das Verhör. Jetzt hatte der junge Richter noch eine peinliche Pflicht zu erfüllen; er mußte der Mutter ſagen, daß ihre Tochter ſie nicht begleiten könne. Man kann ſich denken, mit welchen Gefühlen ſie dieſe entſetzliche Nach⸗ richt aufnahm. Sie wollte fragen, die Worte ſtarben auf ihren Lip⸗ pen, und bewußtlos ward ſie nach ihrem Wagen gebracht. Der Richter erwartete eine noch lebhaftere Scene, wenn er Al⸗ bertinen ihre Verhaftung anzeigen würde; er täuſchte ſich; er fand ſie in einem Zuſtand von Ruhe, die er nicht begreifen konnte. Sie hörte die Nachricht von ihrer Verhaftung ohne Aufregung an, und als ſie erfuhr, daß ihre Mutter nach Hauſe gebracht worden ſei, ſagte ſie mit Ergebung:„Es iſt beſſer ſo. Gott wird ihr Kraft ge⸗ ben, den Schlag zu ertragen.“ Der Verhaft geſchah mit aller Rückſicht, die das Geſchlecht und der Rang der Angeklagten verlangte; man erlaubte ihr jede Be⸗ quemlichkeit, den Gebrauch von Büchern und Muſik, nur wurde je⸗ der Beſuch ihr unterſagt und ſelbſt für ihre Mutter keine Ausnahme geſtattet. 75 Eh' noch das gerichtliche Verfahren begann, hielt der Richter es für nothwendig, nach der Wunde zu forſchen, von der die Zeugin geſprochen hatte. Albertine mußte ihre Hand von Wundärzten unter⸗ ſuchen laſſen. Mit einem tiefen Gefühl verwundeten Stolzes, aber ohne Zögerung fügte ſie ſich. Die Meinungen waren getheilt. Ein Wundarzt konnte keine Spur einer Wunde entdecken; ein anderer war der Meinung, durch den Handteller laufe eine ſchwache Linie, die eher dem Gefühl als dem Geſicht bemerkbar ſei, und wohl die Spur einer von einem ſcharfen Inſtrumente bewirkten Wunde ſein könnte; der dritte war der Meinung des erſten; er konnte nichts ſehen und fühlen. Jetzt blieb dem Gerichtshofe zur Vervollſtändigung der Vorunter⸗ ſuchung noch ein Schritt übrig, nämlich, die Familie des Baron Kettler, die jetzt nach Blumenrode zurückgekehrt war, zu befragen. Erſt jetzt erfuhr der Baron und ſeine Familie, in welchem nahen Verhäliniß der Todte von St. Anna's Kapelle mit ihrem frühern Gaſte geſtanden; ſie gehorchten der richterlichen Aufforderung nur ungern, aber der Baron erkannte ſeine Schuldigkeit zu ſehr, als daß er ſich geweigert haben ſollte, irgend eine der ihm vorzulegenden Fragen zu beantworten. Von der Wunde hatte Niemand gehört. Sie erinnerten ſich wohl, daß Madame Siegfeld, oder vielmehr Frau von Preuſſach während ihres Aufenthalts bei ihnen eine kurze Zeit unwohl geweſen und meh⸗ rere Tage in ihrem Zimmer geblieben ſei; auch der Hausarzt erin⸗ nerte ſich an dieſe Kränklichkeit der Dame, hielt ſie aber nicht für krank, ſondern nur für nervenſchwach und unaufgelegt. Wichtig waren die Mittheilungen der älteſten Tochter Hedwig. Frau von Preuſſach hatte Blumenrode Anfang Septembers verlaſſen, obgleich ſie erſt Willens geweſen war, bis zum October zu bleiben. Briefe von Hauſe, ſagte ſie, verlangten ihre Abreiſe. Einige Zeit nachher ſchrieb Hedwig an ſie und erzählte ihr i andern Tages⸗ 76 neuigkeiten auch, daß man einen Officier in den Gebirgen beraubt und ermordet gefunden habe. Dieſe Nachricht ſchien Frau von Preuſ⸗ ſach ſehr intereſſirt zu haben, denn in mehr als einem ihrer Briefe kam ſie darauf zurück. In einem kam folgende Stelle vor: „So iſt in Deiner ſchönen Nachbarſchaft Raub und Mord nicht unbekannt? Der unglückliche Officier! ich hoffe, es iſt nicht einer von Deinen Bewunderern aus Frankreich. Schreib mir wieder, wenn Du mehr davon hörſt. Vergiß es nicht.“ In einem andern vom Januar 1817 fand ſich folgende Nach⸗ ſchrift: „Haſt Du nichts weiter von dem Mord im Gebirge gehört?“ In einem Muſikheft, das ſie zurückgelaſſen, fand ſich ein Streif⸗ chen Papier, welches der Anfang zu einem Briefe zu ſein ſchien, deſ⸗ ſen Inhalt ſehr ſonderbar war. „Ich ehre die Beweggründe, von denen Ihre Warnung kommt; aber mein Entſchluß iſt gefaßt. Ich will ihn ſehen. Angelegenheiten, auf denen der Friede meines Lebens beruht, müſſen zu einer Entſchei⸗ dung gebracht werden. A.. kennt mich. Er weiß, daß in entſchei⸗ denden Augenblicken die Schwäche meines Geſchlechts...“ Hier war der Brief abgebrochen. Auf andern Theilen des Papiers ſtanden einige unzuſammenhängende Worte, wie man ſie ſchreibt, um die Feder zu probiren. Der Brief war unwiderſtreitbar von der jetzt wohlbekannten Hand der Frau von Preuſſach. Er wurde ihr vorgelegt und ſchien einen gro⸗ ßen Eindruck auf ſie zu machen; aber ſie beharrte im Schweigen. Jetzt wurden die Acten dem oberſten Gerichtshof eingeſchickt, um zu entſcheiden, ob hinreichender Grund vorhanden ſei, die Ange⸗ klagte vor die Aſſiſen zu bringen, oder ob zuvor noch andere Punkte erforſcht werden müßten. Die Entſcheidung dieſes Gerichtshofes zeugte von der Vorſicht, Unparteilichkeit und Gerechtigkeitsliebe deſſelben. So dringend auch die 77 Verdachtsgründe erſchienen, hielt er ſich doch nicht für ſtark genug, um ein Criminalverfahren zu rechtfertigen, bis einige Punkte noch näher erleuchtet ſeien. Zuerſt verlangte er, das Criminalgericht ſolle über den früheren Character und das Temperament des verſtorbenen Baron von Preuſſach genauere Nachrichten einziehen; ferner unter⸗ ſuchen, in wie weit die Angabe Ferdinands begründet ſei, daß die Angeklagte ihrer Vermögensumſtände halber ein Intereſſe gehabt habe, ihres Gatten Tod zu veranlaſſen; drittens die Geſinnungen und das Betragen ergründen, das ſie gewöhnlich gegen ihren Gatten ge⸗ zeigt habe, und viertens, alle ihr gehörenden Papiere in ihres Va⸗ ters Wohnung ſogleich in Beſitz nehmen. Zum Schluß befahl der oberſte Gerichtshof, jede fernere Einmiſchung in das Gerichtsverfah⸗ ren von Seiten des Privatklägers, die ſchon zu weit gegangen ſei, ſofort aufhören zu laſſen. Das Criminalgericht ſuchte die Papiere auf eine Weiſe zu erhal⸗ ten, daß der Oberſt mit dem Zweck dieſes Verfahrens und mit der Anklage, die auf ſeiner Tochter laſtete, unbekannt blieb. Man ſagte ihm, die Papiere wären für den Civilproeeß nothwendig, in den die Wittwe ihres Jahrgehalts wegen von dem Majoratsgut verwickelt ſei. Demungeachtet blieb ein undeutliches Gefühl von Angſt und Furcht in dem Gemüth des alten Mannes zurück, das durch die ver⸗ längerte Abweſenheit ſeiner Frau und Tochter noch erhöht wurde. Er ſchrieb in den dringendſten Ausdrücken an ſeine Frau, ihre Rückkehr nicht länger aufzuſchieben, wenn ſie ihn noch lebend zu ſehen wün⸗ ſche. Die unglückliche Mutter wußte anfangs, ſchwankend zwiſchen ihrer Pflicht für ihren Gatten und ihre Tochter, nicht, was ſie thun ſollte. Endlich ſiegte die Liebe der Gattin, und ſie beſchloß, wenig⸗ ſtens für eine Zeit ihre Tochter zu verlaſſen. Durch die Güte, oder vielleicht auch aus Politik der Richter er⸗ hielt die Tochter Erlaubniß, ihre Mutter noch ein Mal in der Woh⸗ nung derſelben zu ſehen. Die Unterredung ſchien ſehr aufgeregt gewe⸗ 78 ſen zu ſein, wenn man dem Bericht eines Zeugen trauen durfte, der zufällig vom Nebenzimmer aus das Geſpräch mit angehört hatte. Es wurde in franzöſiſcher Sprache geführt; aber der Zeuge, ein der Polizei nicht ganz unbekannter Privatlehrer, verlor, mit dieſer Sprache vollkommen vertraut, kein Wort. Nach ſeiner Ausſage hatte die Mutter der Tochter zugerufen: „Unglückliches Mädchen, du biſt Hermanns Tod nicht fremd?“ Worauf die Letztere unter lautem Schluchzen geantwortet hatte: „Mutter, Gott weiß, was geſchehen iſt. Ich kann nicht ſprechen; ich mag in Elend umkommen, aber ich will ſchweigen.“ Als die arme Mutter zu ihrem Gatten zurückkehrte, erwartete ſie noch ein harter Strauß; ſie ſollte ihrem Gatten die fortdauernde Abweſenheit ihrer Tochter erklären. Sie fand nichts Beſſeres, als ihn in dem Glauben zu beſtätigen, daß dieſe Abweſenheit nur in der Nothwendigkeit begründet ſei, bei dem Civilverfahren gegenwärtig zu ſein, von dem ihr Wittthum abhinge. Der Commiſſair, welchem der Auftrag geworden war, die Pa⸗ piere und Privateffecten der Angeklagten in Beſchlag zu nehmen, hatte bei ſeiner Aufgabe einen ſehr nützlichen Beiſtand in dem frühe⸗ ren Kammermädchen Agathe Roger gefunden, die bald nach ihrer Rückkehr von Blumenrode den früheren Hauslehrer der Siegfeld'ſchen Familie geheirathet hatte, welcher jetzt Rector einer Schule in einer nicht weit von der Hauptſtadt entfernten kleinen Stadt war. Das Käſtchen, welches die Briefe enthielt, verſchloß auch noch einige Juwelen und andere koſtbare Gegenſtände Albertinens. In einer Ecke lag ein verſiegeltes Paket; es ward geöffnet und man fand eine goldene Uhr, mit Schlüſſel und Petſchaft, und einen Trauring. „Ach, rief die Frau des Rectors bei dieſem Anblick, das iſt Baron Hermanns Uhr und ſein Trauring. Die Uhr war ein Hoch⸗ zeitsgeſchenk von ſeiner Frau. Wahrſcheinlich hat er ſie ihr nach der Scheidung zurückgeſchickt.“ W 8 79 Von den Briefen warf keiner ein neues Licht auf den Gegenſtand der Unterſuchung. Doch ging aus einer Correſpondenz mit andern Parteien hervor, daß ihr mehr als ein Mal nach ihrer Scheidung Heirathsanträge gemacht worden ſeien, was ſelbſt dem forſchenden Blicke Ferdinands von Preuſſach entgangen war. Auf der andern Seite lauteten die zahlreichen Zeugniſſe, ſowohl öffentliche als private, über Albertinens Charakter und Betragen ſehr günſtig. Man beſchrieb ſie als Stolz und Würde mit Herablaſſung und Wohlwollen vereinigend; ihre großen natürlichen Anlagen waren durch ſorgfältige Kunſt gepflegt und entwickelt; ihren Eltern zeigte ſie die zärtlichſte Liebe und Gehorſam, der Erziehung ihrer Tochter hatte ſie die ſorgfältigſte Aufmerkſamkeit gewidmet. Nur einen Fehler ſchien man ihr allgemein zuzugeſtehen: ihre außerordentliche Neigung für Putz und koſtbare Vergnügungen; und der geheime Bericht der Polizei der Hauptſtadt, der ſonſt ſehr günſtig war, ſagte in dieſer Hinſicht:„Wir müſſen der Wahrheit gemäß behaupten, daß die Baronin von Preuſſach in der Leitung ihrer Angelegenheiten nicht die gehörige Ordnung beobachtet hat; von Zeit zu Zeit ſind Klagen gegen ſie für große, ſchon lange ſchuldige Summen eingelaufen, und ſie iſt ſogar mit gerichtlichem Verfahren bedroht worden.“ Unter den zahlreichen Rechnungen für Putz⸗ und Modewaaren, die unter ihren Papieren gefunden wurden, trugen mehrere den Na⸗ men von Wilhelmine Tieffe, und die Frau des Rectors ſagte, es ſei dies der Name einer angeſehenen Modehändlerin in der Haupt⸗ ſtadt, bei welcher Albertine viel gekauft hätte. Die Ausſagen der Rectorsfrau waren wichtiger als alle, die bis jetzt zur Kenntniß der Behörden gekommen waren, und lauteten unge⸗ fähr folgendermaßen: „Ich kenne die Barvnin von Preuſſach von ihrer Kindheit her, denn ich wurde als Waiſe in das Haus aufgenommen und war als Kind der Spielkamerad von ihr und ihren Brüdern. Sie erhielt eine 80 gute und glänzende Erziehung, denn ihre Mutter beſtimmte ſie von vorn herein für den Hof, wo ſie, ſechzehn Jahre alt, zuerſt auftrat. „Jedermann bewunderte ſie, und ſie verdiente es auch, denn ſie war ſchön wie ein Engel. In dieſer Zeit kam Baron Hermann von Preuſſach, der mit den jungen Siegfeld's gedient hatte, in die Hauptſtadt. Er war ein ſchöner Mann, ein trefflicher Reiter, ein guter Tänzer, und wurde bald ein Verehrer meines Fräuleins, die zunächſt durch ſeine ſchöne Tenorſtimme und ſeine Neigung für Muſik auf ihn aufmerkſam gemacht wurde. Die Muſik wurde bald das geheime Band, das ſie vereinigte; und der Baron, der Erbe reicher Majoratsgüter, war keine ſchlechte Partie, beſonders da das Fräulein kein Vermögen beſaß. Die Hochzeit ward bald vollzogen und der Baron verließ, ſehr zum Verdruß des Schwiegervaters, den Kriegsdienſt, um ſich der Verwaltung ſeiner Güter zu widmen. „Die Braut war damals noch nicht ſiebzehn Jahr, der Bräuti⸗ gam ungefähr ſechsundzwanzig. Während des Sommers lebten ſie auf einem Preuſſach'ſchen Gute, was Hermanns Eltern ihnen ein⸗ geräumt hatten. Sie ſchlug mir vor, ſie zu begleiten, da ſie an meine Geſellſchaft und an meinen Rath bei Toilettengeheimniſſen gewöhnt war; und ich begleitete ſie. „Anfangs lebte das junge Paar ſehr glücklich. Der alte Baron Preuſſach und ſeine Frau waren über die Schwiegertochter entzückt; die Töchter, zwei alte Jungfern, die einſt Schönheiten geweſen waren, ſchienen es zu ſein; der jüngere Bruder, Baron Ferdinand, war damals auf der Univerſität. „Das einzige Unglück war, daß die junge Baronin, der Lieb⸗ ling des Hofes und der Hauptſtadt, zwar am Landleben Gefallen fand, weil ſie es von der poetiſchen Seite anſah, aber nicht die ge⸗ ringſte Neigung zur Wirthſchaftlichkeit hatte, keinen Begriff von der Störung und dem Unglück, welches Mangel an Sparſamkeit in ſeinem Gefolge mit ſich führt. Ihre Einkünfte hätten bei kluger An⸗ 8¹ ordnung zu einem ſehr anſtändigen Leben hingereicht, aber die fort⸗ dauernden Beſuche und koſtbaren Vergnügungen führten bald Ver⸗ legenheiten herbei. Anfangs half die alte Baronin aus; ſie hatte ein beträchtliches Privatvermögen, und Hermann war ihr Schoßkind. Wie man ſich denken kann, ſahen das die Andern, beſonders Baron Ferdinand von Preuſſach, der ſich beſſer auf Geldſachen verſtand, nicht ſehr gern. Er und ſeine Schweſtern hatten nur ihr mütterliches Vermögen, während Hermann Majoratserbe war, und es konnte ihnen nicht gleichgültig ſein, dieſes Capital durch dieſelbe Perſon vermindert zu ſehen, die ſchon ſo ſehr vom Glück begünſtigt war. Das war die erſte Quelle der Uneinigkeit, welche durch die fortdau⸗ ernde Verſchwendung der Baronin immer neue Nahrung erhielt. In der That, ſie beſaß eine Garderobe, die manche Fürſtin ihr beneidet haben würde. „Das Uebel nahm zu, als ein Sohn, Alfred, und ein Jahr ſpäter die kleine Conſtance geboren wurde. Die Kinder mußten eine franzöſiſche Amme haben. Jedes Jahr wurde die Haupiſtadt beſucht, dort eine koſtbare Wohnung gemiethet, und im Voraus ſchon auf die künftigen Einnahmen des Majorats Schulden gemacht. „Doch das junge Ehepaar lebte im vollkommenſten Einverſtänd⸗ niß. Herrmann vertheidigte ſeine Frau und zankte mit ſeinem Bruder und ſeinen Schweſtern; die Eltern waren neutral, oder fanden Alles recht, was ihr geliebter Hermann that. „Doch ach, der Friede des jungen Paares erhielt jetzt einen erſten Stoß und zwar durch die Schuld des Gatten. Der Himmel weiß, wie es kam, denn er liebte ſeine Frau und ſie ſtand in der ſchönſten Blüthe jugendlicher Schönheit; da entdeckte ſie ihn in einer ſchmachvollen Intrigue, um ſo ſchmachvoller, da ſeine Mitſchuldige eine von ihren Dienerinnen war. Im Bewußtſein ihrer eigenen Ta⸗ delloſigkeit war Frau von Preuſſach nicht geneigt, dieſen Schimpf nachgiebig zu tragen, wie es manche Frauen gethan haben würden. 82 Sie ſuchte ſogleich mit ihren Kindern Schutz in ihrem väterlichen Hauſe; ein Schritt, der die Preuſſach'ſche Familie ſehr beſtürzt machte. Hermann und ſeine Mutter thaten Alles, um eine Verſöh⸗ nung herbeizuführen; die alte Liebe und die Furcht, ihren Sohn zu verlieren, unterſtützten ihre Bemühungen bei der jungen Frau. Sie verzieh ihrem Gatten, der unter den heftigſten Betheuerungen, in Zukunft nur für ſie zu leben, ſein reuiges Bekenntniß wiederholte. „Aber ach, der Entſchluß, wenn auch ernſtlich gemeint, war von kurzer Dauer. Der kleine Alfred ſtarb; ſeine Mutter, wie man ſich denken konnte, wurde von dieſem, ihrem erſten Verluſt, tief ergriffen. Ihre Nachtwachen für das geliebte Kind hatten ſie erſchöpft, nach dem Begräbniß fiel ſie in ein hitziges Fieber, und bei ihrer theilweiſen Geneſung verordnete der Arzt, ſie ſolle, um ſich voll— kommen wieder zu kräftigen, ein Bad beſuchen. „Ihr Gemahl konnte uns nicht begleiten; denn ſein Bruder war auf Reiſen, ſein Vater altersſchwach und hinfällig. Ihre Mutter und ich waren ihre Begleiterinnen. „Ein böſer Geiſt, glaub' ich, muß in unſerer Abweſenheit über Baron Hermann gekommen ſein. Das unglückliche Verhältniß, das er abgeſchworen, wurde wieder aufgenommen und zwar ſo öffentlich, daß es ſelbſt zu den Ohren der Baronin kam. Ihr Entſchluß war ſogleich gefaßt; wir kehrten nicht mehr in das Schloß zurück, ſondern gingen vom Bade direct nach ihres Vaters Haus. Diesmal wurde auf keine Entgegnung, auf keine Bitten von Seiten der Preuſſach'ſchen Familie gehört; die förmliche Trennung ward nachgeſucht, ſoweit unſere Kirche, denn Beide waren Katholiken, es erlauben wollte. Der Oberſt verwendete all ſeinen Einfluß; das Urtheil war bald geſprochen und lautete höchſt ungünſtig für den ſchuldigen Theil. Die geſchiedene Gattin durfte ihre Tochter bei ſich behalten und erhielt eine bedeutende Jahresrente. „Die finanziellen Folgen der Trennung würden den ſorgloſen —— — 83 und leidenſchaftlichen Hermann nur wenig berührt haben, aber der Verluſt ſeines Weibes, die Trennung von ſeinem Kinde, griff tief in ſein Herz. Er ſcheute keine Anſtrengungen, eine Verſöhnung wieder herbeizuführen, und vielleicht würde das junge Weib nach⸗ gegeben haben, denn ihr Herz hing, glaube ich, noch immer an ihrem Gatten; aber der Oberſt war unerbittlich. Er verbot ſtreng jeden mündlichen oder ſchriftlichen Verkehr zwiſchen ihnen, und die Tochter ehrte und achtete ihren Vater zu ſehr, um ihm nicht zu gehorchen, was es ihr auch koſten mochte. So blieb es. Wir hörten von Preuſſach's nichts mehr; Madame Siegfeld, ſo nannte ſie ſich jetzt, war zwar in anderer Hinſicht offen gegen mich, er⸗ wähnte aber nie ihres Gatten Namen. Ich hörte nur zufällig von andern Seiten, daß Hermann nach einem völligen Bruch mit ſeiner Familie das Land verlaſſen und gelobt habe, nie wieder zu kehren, bis er die Güter ſeine eigenen nennen könne; und dann ſollten Diejenigen zittern, die zwiſchen ihm und ſeiner Gattin ſtänden. Seine Mutter war inzwiſchen geſtorben, Hermann ſprach ſeinen Antheil an ihrem Vermögen an und erhielt ihn, und damit hat er ſeine Reiſe, Niemand wußte wohin, angetreten. „Madame Siegfeld wohnte mit der kleinen Conſtanze im Hauſe ihres Vaters, mit Ausnahme von wenigen Monaten, die ſie im Sommer 1816 bei der Familie des Baron Kettler in Blumenrode zubrachte. Ich begleitete ſie dahin, wurde aber in Blumenrode krank, war daher in der letzten Zeit wenig um ſie, und begleitete ſie auch auf ihrer Rücktehr nicht, da meine Krankheit bis zu Anfang October aushielt. „Ich weiß, daß meine Herrin nach der Scheidung mehrere glän— zende Heirathsanträge erhielt. So lange Herrmann lebte, war das, unſern Geſetzen zu Folge, unmöglich; doch laſſen ſich ſolche Schwie⸗ rigkeiten zuweilen überwinden; und ich habe Grund zu glauben, daß Winke ſolcher Art von einem proteſtantiſchen Edelmann unſerer Be⸗ 84⁴ kanniſchaft gegeben wurden, deſſen Namen ich jedoch nicht nennen kann. Wie meine Gebieterin darüber dachte, weiß ich nicht; wenn ſie den Gedanken nährte, ſo ſprach ſie ſich wohl nur gegen ihre ver⸗ trauteſten Freunde aus. Gewiß iſt es aber, daß der Oberſt, ein ſehr religiöſer Mann, ganz dagegen war. „Nach meiner Rückkehr von Blumenrode blieb ich noch bis zu Weihnachten im Dienſt meiner Gebieterin; dann heirathete ich mei⸗ nen gegenwärtigen Mann, der die Rectorſtelle in ſeiner Geburtsſtadt erhalten hatte. Seit meiner Verheirathung habe ich die Familie Siegfeld nur ein oder zwei Mal geſehen, meine junge Gebieterin war ſtets freundlich und gütig gegen mich. „Ich geſtehe, fuhr ſie fort in Beantwortung einiger Fragen über Frau von Preuſſach's Temperament, ich geſtehe, daß ſie in hohem Grade heftig und jähzornig iſt. Im Zorn iſt ſie zu Erceſſen fähig, die ihr treffliches Herz in ruhigern Augenblicken wieder beklagt.“ und ſie führte verſchiedene Beiſpiele an, in welchen dieſe Heftig⸗ keit des Temperaments ſich in ſehr unziemlichen Handlungen gegen die Zeugin und gegen ihren Gatten geäußert hatte. Der Appellationshof hatte die Auffindung von zwei Perſonen verlangt, deren Ausſage in Bezug auf die Unterſuchung noch wün⸗ ſchenswerth ſei: Das Mädchen nämlich, welches Frau von Preuſſach von der Geſellſchaft zu Madame Sechauſen geführt, und der alte Waldhüter, der als der Begleiter der verwundeten Dame im Bade von Schlingen geſehen worden war. Der Waldhüter konnte nicht aufgefunden werden; das Mädchen aber wurde endlich durch die thätige Vermittelung der Polizei entdeckt. Sie ſtand jetzt im Dienſt eines Kaufmanns in der Marktſtadt Woll⸗ heim, nicht weit von K. Sie ſagte folgendermaßen aus.„Ich diente zwei Jahre lang bei einem Schuhmacher in Hilgenberg. Der vordere Theil ſeines Hauſes wurde 1846 von einer Madam Veitel aus Wollheim gemiethet, um — die Zimmer wieder an Badegäſte zu vermiethen. Doch lange Zeit erhielt ſie keine Miether. Eines Tages, es war gegen Anfang Auguſt, ſchickte Madame Veitel zu mir und fragte, ob ich eine Botſchaft für ſie übernehmen wollte. Ich zog mich an und ging hinauf in ihr Zimmer. Ich fand einen jungen Herrn bei ihr, gegen den ſie ſehr höſtich war. Sie gab mir einen verſiegelten Brief, den ich in das Geſellſchaftszimmer tragen und perſönlich einer Dame übergeben ſollte, die ich dort finden würde und deren Namen man mir nannte. Den Namen habe ich vergeſſen und wenn er mir auch genannt würde, könnte ich ihn nicht wieder erkennen. In den Zimmern war viel Ge⸗ ſellſchaft, alte und junge Perſonen. Ich fragte nach meiner Adreſſe und wurde an eine Dame gewieſen, die ich nach ihrem Aeußern für unverheirathet gehalten haben würde. Sie las den Brief, wechſelte einige Worte mit ihrer Geſellſchaft, und bereitete ſich dann mich zu begleiten. Madame Veitel hatte mir geſagt, ich ſolle ihr den Weg zeigen. Sie ließ mich vorausgehen und folgte ſo ſchnell, daß wir bald unſern Beſtimmungsort erreichten. Kaum wurde ein Wort während unſers Ganges geſprochen. Madame Veitel empfing ſie an ihrer Thür, dankte mir und entließ mich. Was ſpäter geſchah, weiß ich nicht. Den Herrn habe ich nie wieder geſchen. Meine Frau er⸗ zählte mir hernach, daß eine Dame und ein Herr durch den Garten und nach den Bergen zugegangen ſeien; ob es die Perſonen waren, die ich erwähnt habe, kann ich nicht ſagen. „Den Anzug der Dame konnte ich nicht bemerken, da ich vor ihr herging. Ich erinnere mich aber, daß ſie ein ſchönes Geſicht hatte, in vollem Staate war und ihre Perſon, im Verhältniß zu ihrer Größe, außerordentlich ſchlank war. Von ihrer Kleidung kann ich mich an nichts mehr erinnern, außer daß ſie mehrere Farben hatte; welche, kann ich jetzt nicht mehr ſagen; ſie trug einen Strohhut mit Blumen.. „Der Herr war, wie ich ſchon ſagte, auch jung, hoch gewach⸗ 86 ſen, ſchlank und von gebräuntem Geſicht. Er trug einen kurzen grü⸗ nen Rock und enge Lederbeinkleider, kurze Stiefeln darüber und Sporen.“ Sie wies das Haus in Hilgenberg nach, welches Madame Vei⸗ tel, die ſeitdem geſtorben war, bewohnt hatte. Der Schuhmacher und ſeine Frau konnten ſich jetzt auf den Herrn und die Dame, die durch den Garten gegangen waren, nicht mehr beſinnen, wußten aber gewiß, daß keine Madame Seehauſen jemals in ihrem Hauſe gewohnt habe. So ſchloß ſich die Nachunterſuchung und ward an das Apella⸗ tionsgericht zur Entſcheidung eingeſendet. Dieſe ließ nicht lange auf ſich warten. Sie befahl, das Crimi⸗ nalverfahren gegen die Beklagte ſofort einzuleiten bei den nächſten Aſſiſen in Hainburg. Der Gefangenen wurde ein Advokat beigeord⸗ net, was aber unnöthig war, da ein alter, erfahrener Juriſt, ein Freund der Familie Siegfeld und angeſehen beim Caſſationshof, ſich als der von ihr beſtellte Vertheidiger nannte. Er erhielt Einſicht in die jetzt ſehr weitläufig gewordenen Acten, und trat mit ſeiner Clientin in nähere Berührung. Die Folge wird aber lehren, daß ſie ſich gegen ihren Rechtsfreund eben ſo wenig ausſprach, als gegen ihre Richter. 3. Das Gericht. Die Aſſiſen traten zuſammen und der Preuſſach ſche Prozeß ſtand auf der Liſte vben an. Das Intereſſe des Gegenſtandes, die perſön⸗ lichen Reize der Angeklagten, die Menge und der Rang der erwarte⸗ ten Zeugen, Alles vereinigte ſich, dieſem Prozeß eine beſondere — 87 Wichtigkeit zu geben und eine außerordentliche Menge von Zuſchauern herbeizulocken. Das Amt eines Präſidenten war von einem der älteſten Richter des Appellationshofes, das des öffentlichen Anklägers von einem der ausgezeichnetſten Mitglieder des Advokatenſtandes der Provinz, dem Generalprocurator Schomberg, übernommen worden. Die Sitzungen wurden am 1. Juli 1818 eröffnet. Um acht Uhr Morgens wurden die Galerien dem Publikum geöffnet, und in einer Viertelſtunde waren ſie bis zum Erdrücken gefüllt. Unter den Zuſchauern waren viele Damen. Gegen neun Uhr ließ der Präſident die Angeklagte einführen. Aller Augen waren auf die Thür gerichtet, durch die ſie eintreten ſollte. Albertine erſchien, von ihrem Vertheidiger geführt, und ſetzte ſich auf den für ſie beſtimmten Platz. Schön war ſie, obgleich die Roſen von ihren Wangen verſchwun⸗ den waren und einer marmornen Bläſſe Platz gemacht hatten; denn noch immer trugen ihre Züge einen edlen Ausdruck, ihr Blick war ſtolz und würdig. Ihre Kleidung war eben ſo einfach als paſſend; ein ſchwarzſeidenes Kleid, Hut und Schleier von derſelben Farbe, und ihr einziger Schmuck eine dünne goldene Kette, an welcher ihre Uhr hing. Der günſtige Eindruck, den ihre Erſcheinung auf das Publikum machte, war ſichtbar. Neben ihr ſaß ihr Civilkläger, Ferdinand von Preuſſach, eben⸗ falls der Gegenſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit, obgleich ſichtbar von weniger günſtiger Art. Seine wohlgeformten Züge verriethen eine peinliche Ruheloſigkeit, welche im Lauf des Verfahrens zuweilen faſt bis zur Entſtellung ſtieg. Die Zeugen ſaßen im allgemeinen Schweigen da, mit niedergeſchlagenen Augen; viele von den Damen ſchwammen in Thränen. 88 Der Präſident, ein Mann von impoſantem Aeußern, redete die Angeklagte an. Sie ſtand auf und beantwortete die gewöhnlichen Fragen über Namen, Stand und Wohnort mit leiſer, kaum hörba⸗ rer Stimme. Die Geſchwornen wurden darauf eingeführt und ver⸗ eidet und endlich die Anklageacte vorgeleſen, welche lang und um⸗ ſtändlich die Angeklagte als Mitſchuldige an dem Morde ihres Gatten darſtellte; ihr Vertheidiger läugnete dies, und das Zeugenverhör begann. Es waren gegen vierzig Zeugen, wir übergehen aber ihre Aus⸗ ſagen, da wir ſie dem Weſentlichen nach bereits angeführt haben. Diejenigen Punkte, in welchen ſie von dem gegebenen Thatbeſtand abwichen, ergeben ſich aus der Vertheidigung von ſelbſt. Beim Schluß der Zeugenausſagen, welche das Gericht zwei Tage aufgehalten hatten, und in deren Lauf mehrere heftige Debatten über manche ſtreitige Fragen vorgefallen waren, fragte der Präſident die Gefangene, ob ſie noch ein Zeugniß anzuführen habe; in dieſem Falle werde man die nothwendige Zeit ihr gönnen. Ein kurzes und ernſtes Geſpräch fand flüſternd zwiſchen der Dame und ihrem Vertheidiger ſtatt. Der Letztere ſchien ihr einen Rath zu geben, den ſie ablehnte, denn ſie ſchüttelte traurig aber entſchieden den Kopf. Endlich wandte ſich der Advokat an das Gericht. „Meine Clientin lehnt es ab, irgend einen neuen Zeugener⸗ beizuführen. Sie will das Reſultat erwarten wie es ſteht.“ Jetzt erhob ſich der Staatsanwalt mit ſeiner Rede an die Ge⸗ ſchwornen. Wir folgen ihm nicht durch ſeinen langen und in mancher Hinſicht ſehr eindringlichen Commentar über die Zeugenausſagen, ſondern geben nur in der Kürze den Schluß, zu dem er durch ſie ge⸗ kommen war. „Ihm ſei es klar, ſagte er, daß Baron Hermann von Preuſſach ermordet worden ſei, und zwar vermittelſt eines ſcharfen Inſtruments, wahrſcheinlich eines Meſſers. Die Ausſagen der Zeugen hätten 89 unwiderruflich nachgewieſen, daß mehrere zur Zeit der That an dem Orte geweſen ſeien. Die Ermordung könne zwar nicht auf die Stunde beſtimmt werden, ſei aber gewiß am 24. Auguſt geſchehen, wo der Verſtorbene zum letzten Male lebendig geſehen worden ſei. Die Scene des Mordes ſei augenſcheinlich die Ruine auf dem Raubſtein, von wo der Leichnam nach St. Annens Kapelle heruntergetragen worden wäre.“ Er wies darauf den Gedanken eines Raubmords zurück, ſuchte aus den Fragmenten des im Walde und am Leibe des Ermordeten gefundenen ſeidenen Tuches, aus dem Frauenhandſchuh, dem Er⸗ ſcheinen einer verwundeten Dame in Schlingen nachzuweiſen, daß der Mord wenigſtens in Gegenwart einer Frau geſchehen ſei, und bemühte ſich dann, die Behauptung zu begründen, daß dieſe Frau die Baronin von Preuſſach geweſen. In Bezug aber auf den Beweggrund des Verbrechens gab er nicht zu, daß es ein voraus überlegter Plan geweſen, oder daß der Mord aus Geldverlegenheit in Folge ihrer verſchwenderiſchen Lebens⸗ art geſchehen ſei. Er legte beſonderes Gewicht auf den leidenſchaftli⸗ chen Charakter der Angcklagten, wie ihres Gatten. Dieſer habe wahrſcheinlich eine Verſöhnung mit ihr herbeiführen wollen, habe ſie an den Ort des Verbrechens gelockt, ihr vielleicht mit Gewalt⸗ thätigkeit gedroht, ja, im Zuſtand des Rauſches, in dem er unwi⸗ derſtreitbar geweſen, den Drohungen die That folgen laſſen, und aus Selbſtvertheidigung und Erbitterung habe ſie das Meſſer, welches dabei gelegen, ergriffen und in das Herz ihres Gatten geſenkt. Das Auditorium hörte mit tiefer Aufmerkſamkeit der langen Rede des Staatsanwalts zu. Als er ſchloß, waren die Meinungen ſehr getheilt. Der weibliche Theil der Zuhörer war geneigt, die Baronin des Mordes an ihrem Gatten für nicht ſchuldig zu halten, obgleich ſie mit den Umſtänden deſſelben bekannt ſei, der männliche Theil aber ſchloß ſich der Meinung des Staatsanwalts an. Das Betragen der 1. 3 90 Baronin in Hilgenberg, der geheimnißvolle Beſuch bei Madame Veitel, die Worte, die ſie geſprochen haben ſollte, vor Allem ihr Schweigen gegen jede Anklage, ſprachen zu entſchieden gegen ſie, um den Glauben an ihre Unſchuld zuzulaſſen. Jetzt erhob ſich der Vertheidiger der Angeklagten, und eine lautloſe Stille trat ein. Wir übergehen die Einleitung ſeiner Rede und kom⸗ men gleich zum Gegenſtand ſelbſt. „Es iſt ſeltſam, ſagte er, daß der Staatsanwalt die Baſis der ganzen Anklage, daß der Todte von St. Anna's Kapelle Hermann von Preuſſach wirklich geweſen, ohne Beweis annimmt. Wo iſt es erwieſen, daß Hermann wirklich todt, oder ermordet worder ſei? Der Cuvilgerichtshof findet den Beweis ſeines Todes für ungenügend, und weigert ſich, dem Baron Ferdinand von Preuſſach einen Todten⸗ ſchein auszuſtellen. Sollte das Criminalgericht bei einer Angelegen⸗ heit, wo Leben und Tod auf dem Spiele ſteht, mit geringeren Be⸗ weiſen zufrieden ſein, als das Civilgericht bei einer bloßen Eigen⸗ thumsfrage? „Es iſt wahr, in der Nähe der Kapelle ward ein Todter gefun⸗ den, Umſtände ſchienen zu beweiſen, daß dieſe Perſon ein Herr von Breiſach ſei, der, früher in K., in der Nacht vor dem 24. Auguſt in der Waldherberge geſchlafen hatte. Aber wo iſt es erwieſen, daß die⸗ ſer Mann, den man als einen gemeinen Abenteurer beſchreibt, der jede Geſellſchaft vermied, und ein unbekanntes, wenig ehrenvolles Leben führte, der heitere, ſchöne und edle Baron Hermann von Preuſſach war? Keiner, der den Leichnam vor der Beerdigung ſah, kannte den Baron, oder konnte ſeine Identität mit Breiſach beurkun⸗ den. Der Wirth erkannte freilich in dem Todten ſeinen Gaſt von der vorigen Nacht; doch wer dieſer Gaſt war, wußte er nicht. Auf was reducirt ſich nun der Beweis, daß der todte Abenteurer der Baron geweſen ſei? Blos darauf: Der Todte trug einen Siegelring mit dem Preuſſach'ſchen Wappen, von dem man ſagte, er gehöre Hermann. 91 „Gehörte er dem Baron wirklich? ſelbſt das wurde nicht bewie⸗ ſen; denn der einzige Beweis dafür war das verdächtige Zeugniß Ferdinands von Preuſſach, der betheiligten Partei, der auf den Be⸗ weis von Hermanns Tod das Majoratsgut erbt, und deſſen Eifer in dem gegenwärtigen Fall ihm bereits einen wohlverdienten Tadel von den Behörden zugezogen hat. „Doch zugegeben, der Ring gehöre Hermann, folgt daraus, daß der Träger Hermann ſei? Auf wie viele verſchiedene Wege konnte eine andere Perſon in Beſitz eines ihm gehörenden Ringes kommen? er konnte verloren, verkauft, verſchenkt, geſtohlen worden ſein, und an dem Finger des Finders, des Käufers, des Freundes, oder des Diebes gefunden werden; jeder einzelne dieſer Fälle könnte eben ſo gut den Vorfall erklären. „Wie viele Beiſpiele finden wir in den Annalen der Gerichtshöfe, daß Perſonen, die lange verſchwunden waren, die man für todt oder gemordet hielt, nach einer Reihe von Jahren wieder auftreten, zu⸗ weilen gerade noch Zeit genug, um die Unſchuldigen vom Schaffot zu retten, denen man ihren Tod ſchuld gab? Wie lobenswürdig iſt daher die außerordentliche Vorſicht des Geſetzes, einen ſtrengen Be⸗ weis von dem zu verlangen, was die Baſis jeder Anklage erſt bilden muß? Wie furchtbar würde die Verantwortlichkeit ſein, wenn nach einem Verdammungsurtheil gegen die Angceklagte, derſelbe Mann, den man für ermordet hielt, wieder erſcheinen ſollte, aber zu ſpät, um das Opfer einer mißverſtandenen Verfolgung, eines leichtſinnigen, falſchen Urtheils zu retten? „Aber ſetzen wir den Fall, Hermann ſei der Todte an der Kapelle — welcher Beweis bringt die Angeklagte mit ſeinem Tode in Ver⸗ bindung? „Ich beginne mit den Briefen. Ich läugne geradezu, daß es erwieſen iſt, der in franzöſiſcher Sprache geſchriebene Brief vom 214. Juli rühre von meiner Clientin her. Die der Hand⸗ 92 ſchrift iſt unter allen Beweiſen der trügeriſchſte und ungenügendſte; die orthographiſchen Fehler, mit denen der Brief erfüllt iſt, machen die Annahme ganz grundlos, der Brief rühre von einer wohlerzoge⸗ nen Dame her. Daß Hermann ein ausſchweifendes Leben führte, wird ſelbſt vom Staatsanwalt zugegeben. Wie viele ſolcher Billets mag er nicht empfangen haben! Wie ſehr gleichen ſich im Allgemeinen die Handſchriften der Frauen, ſobald ſie in derſelben Schule oder nach demſelben Syſtem erzogen werden! „Um die Angeklagte mit dieſem Briefe in Verbindung zu bringen, nimmt der Staatsanwalt eine von den beiden geſchiedenen Gatten im Geheimen geführte Correſpondenz an; und führt dann den Brief ſelbſt als einen Beweis dieſer Correſpondenz auf. Aber es giebt keinen Beweis, daß dieſer Brief von der Angeklagten geſchrieben worden ſei. Aber der in dem Notenhefte in Blumenrode gefundene Papierſtreif? Hier gebe ich zu, daß es die Handſchrift der Angeklagten iſt; aber es würde ſchwer ſein, irgend eine Achnlichkeit zwiſchen die⸗ ſem Fragment und dem franzöſiſchen Briefe zu entdecken. Der eine iſt deutſch, der andere franzöſiſch geſchrieben. Zwiſchen beiden herrſcht keine Analogie. Sie gleichen ſich aber auch wirklich nicht ein⸗ ander. „Der Staatsanwalt machte eine ſehr gezwungene Auslegung in Bezug auf den Inhalt dieſes Papierſtreifens. Er ſagt, die Worte „A. kennt mich“ bezögen ſich auf Hermann, und kommt zu dieſem Schluß durch Ueberſetzung des Namens Hermann in das franzöſiſche Armand. Aber wozu nur ein franzöſiſcher Name in Mitten eines deutſchen Briefes? Und dann, an wen iſt dieſer Brief geſchrieben? An einen Dritten, der die Schreiberin gewarnt hat. Wer war das? Nach der Theorie des Staatsanwalts hätte er ſollen erklären, wer der Vertraute dieſer geheimen Correſpondenz war; denn konnte nicht dieſer Dritte, der die geheimen Verbindungen zwiſchen dem geſchiede⸗ nen Gatten und ſeiner geſchiedenen Gattin kannte, nach ſeiner „— 93 Theorie, der wirkliche Urheber des Verbrechens ſein, wenn wirklich ein Verbrechen begangen wurde? „Uebrigens iſt dieſes Fragmeni gar kein wirklicher Brief, es iſt ein Theil einer eingebildeten Epiſtel, vielleicht ein Abſchnitt einer Novelle, die man abſchreiben wollte. „Doch eine Reihe von Umſtänden knüpft ſich aneinander, um die Baronin von Preuſſach mit dem Verbrechen zu belaſten. Am 24. Auguſt hat man eine Dame nach dem Raubſtein gehen, ſpäter an demſelben Tage, verwundet in der Hand, zitternd und aufgeregt, in Begleitung eines Waldhüters in Schlingen geſehen; ihre Klei⸗ dung ſoll mit der der Frau von Preuſſach übereinſtimmen, die wäh⸗ rend des ganzen Tages in geheimnißvoller Abweſenheit von ihrer Geſellſchaft in Hilgenberg war; ſie ſoll am Vormittag mit einem Herrn im Hauſe der Madame Veitel eine Zuſammenkunft gehabt ha⸗ ben und ſpäter in ſeiner Begleitung gegen den Raubſtein zu geſehen worden ſein. Dieſe Perſon wird für die Baronin gehalten und die Baronin ſoll bei dem Mord gegenwärtig geweſen ſein. „Daß man eine Frau an dieſem Tage in den Gebirgen geſehen haben kann, und daß die Scene, welche die Frau des Badehalters be⸗ ſchreibt, ſtattgefunden habe, iſt keine Frage. Aber obgleich dieſes Weib Anfangs behauptete, ſie erkenne in Frau von Preuſſach jene Dame wieder, ſo hat ſie doch vor dem Gerichtshofe dieſe Ausſage wieder zurückgenommen. Ihr Haus war dunkel, der ganze Auftritt dauerte, nuch ihrem eigenen Bericht, nur wenige Minuten;kaum ward ein Wort geſprochen, wie konnte ſie denn nach einem Jahre die Perſon wieder erkennen wollen, deren Wunde verbunden worden war? Ihr Mann, der ſie verbunden hatte, iſt todt, von ihm konnte ihr Zeugniß nicht beſtätigt werden. „Iſt es wirklich erwieſen, daß die Kleidung der Baronin von Preuſſach dieſelbe geweſen, welche die Dame mit der Wunde trug? gewiß nicht. Des Badehalters Frau, die einzige Zeugin, die ſich 94⁴ dieſes Umſtandes deutlich erinnerte, meinte, es ſei ein grünſeidenes Kleid geweſen. Die Gräfin Koß und ihre Töchter behaupteten, es ſei nicht grüne Seide geweſen, obgleich der Civilkläger Alles that, um ihrem Gedächtniß nachzuhelfen. Beide Perſonen ſcheinen einen Hut und einen Regenſchirm getragen zu haben von hellen Farben; es wäre ein Wunder geweſen, wenn es im Sommer anders geweſen wäre. „Aber ein Stück Seidenzeug wurde um den Leichnam gefunden, ein anderes fand man an einem Buſche hängen. Man iſt der Mei⸗ nung, dieſes Tuch habe der Frau gehört und ſei von ihr getragen worden, welche die Wunde hatte. Ich nehme es an; es iſt ein Be⸗ weis, daß die Baronin nicht dieſe Perſon war. Eine der Hauptzeu⸗ gen in dem ganzen Prozeß, die Frau des Rectors, ſagt, daß dieſe Theile einen ſo groben und gemeinen Shawl bildeten, ſowohl in Farbe als Gewebe, daß ihn keine Köchin tragen würde. Paßt das zu der Frau von Preuſſach, welche ungeheure Summen für Putzſa⸗ chen ausgiebt, Madame Tieffe begünſtigt, und nur mit Handſchuhen zu Bett geht? „Und das führt mich zu dem Handſchuh. Ein rechter Handſchuh wird in der Nähe des Raubſteins gefunden; er trägt den Stempel der Madame Tieffe. Ein linker Handſchuh mit demſelben Stempel findet ſich im Beſitz der Tochter des Pfarrers, die ihn von dem Kam⸗ mermädchen der Baronin erhalten haben will. Sie müſſen ein Paar ſein: folglich war die Baronin auf dem Gebirge; die Baronin ließ den rechten Handſchuh fallen, der die Blutſpuren zeigt. „Aber weshalb müſſen die Handſchuh ein Paar ſein? Weil ſie in Größe, Stoff und Arbeit einander gleichen? Wie viele tauſend Paare, genau von derſelben Art, müſſen jährlich von einem ſolchen Etabliſſement wie das der Madame Tieffe in Umlauf geſetzt werden? Wer kann behaupten, daß von hundert Paaren gerade dieſer rechte Handſchuh zu jenem linken Handſchuh gehört? Was folgt alſo dar⸗ 95 aus? Höchſtens nur dies: daß irgend eine Kunde der Madame Tieffe einen ihrer Handſchuhe am Raubſtein fallen ließ, und daß die Angeklagte ebenfalls bei Madame Tieffe ihre Einkäufe machte. „Aber wann ward dieſer Handſchuh verloren? Warum am 24. Auguſt? Warum nicht lange zuvor? Warum nicht ſpäter? Ehe man den Handſchuh fand, war eine große Menge, unter ihr viele Frauen, am Raubſtein verſammelt und zerſtreute ſich ſuchend nach allen Richtungen. Wie leicht konnte eine derſelben den fraglichen Handſchuh verloren haben? „Welche Wichtigkeit kann man der von der Gräfin und ihren Töchtern erzählten Geſchichte beimeſſen, daß die Baronin am Morgen mit däniſchen Handſchuhen ausfuhr und am Abend mit weißen zu⸗ rückfehrte? Wenn ſie, wie ſie ſagte, eine Freundin beſuchte und ihr Gefühl aufgeregt war, iſt es ſo unwahrſcheinlich, beſonders da ſie ſie nur im Dunkeln verließ, daß ſie unwillkürlich ihre Handſch vertauſchte und den Irrthum erſt entdeckte, als ſie zu weit entfe war, um zurückzugehen und den Irrthum wieder zu verbeſſern ½ „Aber nach der Annahme des Staatsanwalts kehrte ſie verwundet zurück. Dieſe weißen Handſchuhe verbargen eine Wunde in der Hand. Wer ſah dieſe Wunde, die, nach der Beſchreibung der Frau des Badehalters, ziemlich groß geweſen ſein muß? Ich zweifle, daß auf irgend eine Weiſe eine ſo verbundene Hand in einen Handſchuh, ſelbſt von bedeutender Weite, eingezwängt werden könne. Aber die Familie in Langſitz ſah nichts der Art. Sie lacht über die Vermuthung. Die Familie des Baron Kettler, in deſſen Haus ſie am nächſten Tage zurückkehrte, hörte nie etwas davon. Der Hausarzt wurde nie gebe⸗ ten, ſie zu verbinden. Er ſpricht zwar von einem nervöſen Anfall, aber von keiner Wunde in der Hand. Wenn ſie Handſchuh trug, als er den Puls unterſuchte, ſo geſteht er, daß dies ihre ſtete Gewohnheit war. „Solch eine Wunde, wie die beſchriebene, muß eine Narbe 96 zurückgelaſſen haben. Aber über dieſen Punkt iſt die Zeugenausſage der Angeklagten günſtig. Ein Wundarzt ſpricht zwar zweifelhaft von einer unſichtbaren und, wie er geſteht, faſt unfühlbaren Linie über der Hand, was, mit aller Achtung gegen ihn, ganz einfach eine natürliche geweſen zu ſein ſcheint. Die beiden andern geſtehen auf⸗ richtig, daß ſie keine Spur einer Verwundung ſähen. „So weit ſpricht Alles gegen die Annahme, auf der das ganze Gebäude des Anklägers ruht: daß die verwundete Perſon und die Baronin von Preuſſach eine und dieſelbe ſeien. „Die Anklage gegen die Baronin enthält aber ferner die Vermu⸗ thung, der Mord habe am Vormittag des 24. Auguſt ſtattgefunden. Nur an dieſem Tage war ſie in Hilgenberg. Am 25. kehrte ſie nach Blumenrode zurück. „Doch was beweiſt denn, daß der Mord, wenn ein ſolcher ſtatt⸗ fand, am 24. auch verübt ward? Warum nicht am 25.7 Der ganze Beweis beruht auf der Vermuthung des Arztes, die er den Zeichen beginnender Verweſung entnahm. Der Leichnam ward am Morgen des 26. Auguſt gefunden. Er meint, es müſſe eine beträchtliche Zeit vergangen ſein, ehe der Einfluß der Sonne und der Luft eine ſolche Wirkung hervorgebracht haben könne, der Verſtorbene ſei am Mor⸗ gen des 24. noch lebend geſehen worden, deshalb glaubt er, der Mord müſſe früh an dieſem Tage geſchehen ſein. „„Eine beträchtliche Zeit!“ Wie unbeſtimmt! wie unbefriedi⸗ gend! Als wenn die Zeichen der Verweſung nicht von tauſend Um⸗ ſtänden abhingen, welche jede Berechnung der Zeit unmöglich machen. Ein Regenguß, eine oder zwei Stunden größere Sonnenhitze, Feuch⸗ tigkeit oder Trockenheit der Luft, die frühere Lebensart des Verſtor⸗ benen können die Verweſung beſchleunigen oder verzögern. Wie kann Jemand, der den Verſtorbenen nie zuvor ſah, die Behauptung wagen, wenn der Tod am 23. erfolgte, hätten ſich alle die Symptome, die jetzt vorhanden ſind, nicht auf gleiche Weiſe entwickelt? 97 „Ja, es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß der Mord wenigſtens wäh⸗ rend der Nacht nach dem 24. Auguſt geſchah. Wäre der Leichnam, nach der Annahme des Staatsanwalts, am Vormittag des 24. an die Kapelle gelegt worden, ſo iſt es faſt unmöglich, daß er nicht noch im Laufe deſſelben Tages geſehen worden wäre. Jener Sonnabend war der Geburtstag der Fürſtin, ein Tag, wo der Weg nach der Kapelle von den Bauern aus der Umgegend häufig begangen werden mußte. Es iſt wahrſcheinlich, daß die That damals nicht geſchah; denn der Staatsanwalt ſelbſt nimmt an, der Mord und das Hintra⸗ gen des Leichnams an die Kapelle falle in dieſelbe Zeit. Aber wenn die That nun in der Nacht des 24. geſchah, fällt das ganze Gebäude von Vermuthungen, das ſo geſchickt auf die geheimnißvolle Abweſen⸗ heit der Baronin gebaut iſt, zuſammen. „Und was war denn in ihrem Betragen an jenem Tage, um auf die Vermuthung der Schuld zu führen? Die Anſicht des Staats⸗ anwalts iſt, wie man ſich erinnern muß, ſie ſei an jenem Tage nach Hilgenberg gekommen, in Folge einer vorhergegangenen Verabredung, um die in dem Briefe vom 21. Juli und dem im Notenhefte gefunde⸗ nen Papierſtreifen angedeutete Beſtellung zu halten. „Stimmen die Umſtände mit dieſer Annahme? Es war nur Zu⸗ fall, daß die Familie des Baron Ketiler ſie an jenem Tage nicht nach Hilgenberg begleitete; und wie hätte ſie ſich denn von ihrer Beglei⸗ tung losmachen können? Durch eine angebliche Einladung von einer Freundin, die gar nicht eriſtirte? Diejenigen, die mit ihr innig be⸗ freundet waren, welche ihre Verbindungen kannten, konnten durch ein ſolches Mährchen nicht getäuſcht werden. Der Gedanke an einen abgekarteten Plan dieſer Art wird auch durch ihr Betragen widerlegt. Sie erhält einen Brief von Madame Sechauſen, lieſt ihn, übergiebt ihn der Gräfin und wird von ihr aufgefordert, die Einladung anzu⸗ nehmen. Iſt ein Beweis vorhanden, daß ſie Madame Seehauſen nicht beſuchte? Man ſagt, von einer ſolchen Perſon habe man in 98 Hilgenberg nie gehört. Das kann ſein; es wird nicht geſagt, ſie habe in Hilgenberg gewohnt. Es war eine Fremde; ſie kann durch das Bad, wo ihre Freundin war, durchgereiſt ſein, ſie kann nur einen Tag bei Madame Veitel geblieben ſein. „Ich beſtreite es nicht, daß meine Clientin an jenem Tage in Madame Veitel's Hauſe geweſen ſei. Ich ſage, ſie ging dahin, um die Freundin zu ſehen, die nach ihr verlangte. Der Staatsanwalt behauptet, ſie ſei dahin gegangen, ihren Gatten zu treffen, mit dem ſie ſpäter durch den Garten und dem Gebirge zu ging. Die Dienerin, welche die Botſchaft brachte, ſpricht freilich von einem jungen Manne, den ſie bei Madame Veitel geſehen, und nach des Staatsanwalts Syſtem war das Baron Hermann. Sie ſagt nicht, daß ſie die bei⸗ den Perſonen zuſammen ſah, denn Madame Veitel empfing und entließ ſie an der Thür. „Aber aus ihrer Beſchreibung des Herrn, den ſie ſah, geht deutlich hervor, daß es nicht Hermann war. Der Todte trug, als man ihn fand, lange weite Nankingbeinkleider über die Stiefeln; ſo ward er auch zuletzt von dem Wirth früh am Morgen des 24. geſe⸗ hen. Der junge Mann in Madame Veitel's Haus trug enge Leder⸗ beinkleider mit darüber gezogenen Stiefeln. Wie läßt ſich das verei⸗ nigen? Wenn Hermann am Morgen des 24. ermordet wurde, wann wechſelte er ſeine Kleider, um anders in Hilgenberg zu erſcheinen? Wann und wo wechſelte er abermals ſeinen Anzug zwiſchen ſeinem Beſuch bei Madame Veitel und ſeinem Morde? Der Gedanke, dieſe Perſon ſei Hermann, ein weſentlicher Punkt in dem Syſtem des Staatsanwalts, iſt ganz unhaltbar. „Daß ein Herr und eine Dame Madame Veitel's Haus in der Richtung nach dem Gebirge zu verlaſſen hätten, beruht auf keinem Beweis. Das Mädchen hat ſie nicht geſehen; ſie ſpricht nur nach einem Gerücht, das, wie ſie meint, von ihrer Herrin kam. Ihr Brodherr und ſeine Frau wurden befragt, und ſagten unumwunden, ſie hätten nichts der Art geſehen, und hätten es alſo auch nicht ſagen können. „Die Vorfälle bei Madame Veitel ſtehen in keiner Beziehung mit den Ereigniſſen am Raubſtein. „Aber der Staatsanwalt behauptet, jeder Zweifel werde durch die Thatſache gehoben, daß die Uhr und der Trauring des Verſtor⸗ benen im Beſitz der Angeklagten gefunden worden ſei. Ich gebe zu, daß die Uhr Hermanns Uhr, der Ring Hermanns Trauring iſt. Aber ich frage, wo iſt der Beweis, daß ſie je dem Todten gehörten; wo namentlich der Beweis, daß ſie zur Zeit ſeines Mordes oder um die⸗ ſelbe in ſeinem Beſitz war? Die Haushälterin, die Diener in K., der Wirth in der Waldherberge, Alle ſprechen nur von einer goldenen Uhr, von einem goldenen Ringe, Keiner von ihnen erkannte oder konnte erkennen dieſe Uhr und dieſen Ring. „Der Baron Ferdinand? Er ſah ſeinen Bruder lebend zum letz⸗ ten Male, als dieſer ſich mit meiner Clientin verheirathete. Die Trennung trat ein, während er auf Reiſen war; als er zurückkehrte, war Hermann bereits fortgegangen. Was er beſeſſen, welchen Schmuck er nach jener Zeit getragen haben mochte, kann Baron Fer⸗ dinand unmöglich wiſſen. „Aber wie einfach iſt auch hier die Erklärung? Die Uhr war ein Hochzeitsgeſchenk, der Ring war Hermanns Trauring. Iſt es nicht ein bekannter Gebrauch bei Liebenden und Gatten, die ſich getrennt haben, ſich die Geſchenke zurückzugeben, die ſie in den Tagen der Neigung oder der Vereinigung erhalten hatten? War es nicht natür⸗ lich, daß, als die Trennung ſtattfand, der Gatte ſeiner Gattin dieſe Zeichen der Liebe zurückgab? Das war auch die Anſicht des Kammer⸗ mädchens, die ſie bei ihrem Anblick ausſprach. Auch meine Clientin trug nach der Trennung niemals ihren Trauring. Und warum? Er wurde, wie das Kammermädchen ausſagt, ihrem Gatten zurück⸗ geſchickt. 100 „So läßt der Umſtand, auf welchen der Staatsanwalt ein ſo großes Gewicht legt, die einfachſte Erklärung zu. „Aber wäre es auch bewieſen, daß Albertine von Preuſſach ihren Gatten wirklich kurz vor ſeinem Tode geſehen und geſprochen habe, wird dadurch das Syſtem des Staatsanwalts weſentlich befördert, rückſichtlich einer ſtrafbaren Theilnahme an ihres Gatten Tode von ihrer Seite? Sollten wir ſogar zugeben, daß der unwillkürliche Aus⸗ ruf einer ſchmerzlich erregten Mutter, ausgeſprochen im Augen⸗ blicke des Schmerzes, bei ihr auf einen Verdacht— der Staatsan⸗ walt nennt es eine Ueberzeugung— ſchließen ließen, ihre Tochter ſei dem Tode ihres Gatten nicht fremd, ſo bleibt immer noch zu bewei⸗ ſen, daß dieſes Wiſſen einen ſtrafbaren Charakter trüge. Der Staatsanwalt ſucht dieſen Punkt ſo darzuſtellen, daß ſie ſelbſt die That verübt habe. „Doch mit welchem Beweis unterſtützt er dieſe Anklage? Mit keinem. Er nimmt ein klug geſponnenes Syſtem eines geheimen Briefwechſels, einer verabredeten Zuſammenkunft, eines Mahles unter den Ruinen, einer Trunkenheit von Seiten des Gatten, eines Streites, eines Verſuchs der Gewaltthätigkeit und die bequeme Ent⸗ deckung eines Meſſers, und die Führung eines Stoßes durch die Gattin an, die ſogleich das Herz ihres Gatten trifft!— Und das iſt Alles, buchſtäblich Alles, was im vollen Ernſt als Beweis aufge⸗ ſtellt wird gegen eine Perſon von einem ſo edlen, ſo fleckenloſen Charakter, welcher der Angeklagten überall zuerkannt wird. „Doch nein! Man behauptet, der Beweis beweiſe nicht die That, ſondern nur, daß ſie fähig ſei, die That begangen zu haben. Wo iſt aber dieſer Beweis? „Hat auch eine einzige Handlung in dem Laufe ihres Lebens her⸗ vorgehoben werden können, die zu ſolch einem Schluſſe berechtigt? Irgend eine Handlung der Grauſamkeit, welche ſie als ſorglos gegen das Leben eines Mitgeſchöpfes, als fähig, das ſchwerſte Verbrechen 101 gegen den Mann zu begehen, der in der engſten Beziehung zu ihr ſtand, gegen den Gatten, gegen den Vater ihres geſtorbenen Sohnes, ihrer noch lebenden Tochter darſtellte? Nein! elendes, erbärmliches Geſchwätz über Streitigkeiten mit Dienern, über eine Ohrfeige, die ein anmaßendes Kammermädchen erhielt, über eine heftige Antwort gegen die herriſchen Worte eines maßlos aufgeregten Gatten. Welches menſchliche Weſen könnte dem Verdacht entgehen, eines Mordes fähig zu ſein, wenn Kleinigkeiten wie dieſe, im Ernſt als Beweis einer ſolchen Anklage gelten ſollten? „Nehmen wir aber an, ſie hätte ihren Gatten zu der beſtimmten Zeit getroffen; Andere wären ebenfalls gegenwärtig geweſen(und Alles ſcheint darauf hinzudeuten, daß mehr als Einer bei dieſer Ge⸗ legenheit gegenwärtig war), ein Streit ſei entſtanden, in welchem der Gatte fiel, während die Gattin keinen Theil daran hatte, im Gegentheil als eine hülfloſe Zeugin des entſetzlichen Auftritts dabei ſtand; ihre eigene Sicherheit konnte nur durch den Schwur des Ge⸗ heimniſſes, in Bezug auf die Vorfälle, erkauft werden— ſollte das nicht Alles genügend erklären, wenigſtens eben ſo wahrſcheinlich als die Vermuthung des Staatsanwalts? Selbſt wenn er auf der Wunde beſtände als einer bewieſenen Thatſache, würde ſie nicht eben ſo gut erklärt durch die Vermuthung, daß ſie vergeblich einſchritt, um ihres Gatten Schickſal abzuwenden, und bei dem Ver⸗ ſuch verwundet wurde? Das Verlieren des Handſchuhs, die Scene bei dem Badehalter, ihre Aufregung bei ihrer Rückkehr zur Familie der Gräfin, ihre Verwirrung beim Anblick Ferdinands, die ihr zu⸗ geſchriebenen Worte, ſelbſt ihr hartnäckiges Stillſchweigen, welches der Staatsanwalt ſo freundlich als den Beweis annimmt, der am meiſten gegen ſie ausſagt, Alles läßt aus dieſem Geſichtspunkte die genügendſte Erklärung zu. Dieſes Schweigen kann das Reſultat eines mißverſtandenen Begriffs religiöſer Verbindlichkeit ſein, vielleicht das Reſultat der Dankbarkeit für ihre Erhaltung, die ſie um ſo ſtärker 102 fühlte, nach der ſie um ſo ſtätiger handelte, je reiner und aufrichtiger ihr eigenes Gemüth, je größer ihre Gewiſſenhaftigkeit in Haltung übernommener Verbindlichkeiten war, ſelbſt wenn dieſe gewiſſermaßen ihr abgezwungen wurde.“ Das iſt der nur kurz und unvollſtändig gegebene Inhalt einer zweiſtündigen Rede von Seiten des Vertheidigers. Der Präſident faßte jetzt die einzelnen Punkte zuſammen. Seine Rede war ein Meiſterſtück von Klarheit und Kürze, im höchſten Grade unparteiſch und ungezwungen; doch der Eindruck, den ſie auf das Gemüth des Vertheidigers hervorbrachte, war, daß er im Ganzen der Gefangenen ungünſtig ſei, ſo weit es ſeine eigene mora⸗ liſche Ueberzeugung betraf, obgleich er mit der größten Aufrichtigkeit diejenigen Punkte der Verhandlung hervorhob, wo der Beweis un⸗ genügend oder erzwungen erſchien. Die Geſchwornen hatten Alles, was zu ihrem Geſchäfte nothwendig war, erhalten, und zogen ſich, nach der Ermahnung des Präſidenten, ihr Urtheil ſorgſam abzuwä⸗ gen, zurück. Die Entdeckung. Kaum war der erſte Geſchworne in das Berathungszimmer ein⸗ getreten, in welchem ſie ihr Urtheil fällen ſollten, als bei einem der Eingänge in den Gerichtsſaal ſich ein großes Getümmel erhob. Man hörte Ausrufungen eines Menſchen, der ſich einen Weg durchzubah⸗ nen ſuchte, und deſſen Eintritt entweder von den Beamten des Ge⸗ richts, oder von der Menge Widerſtand erhielt, die, in großer Maſſe zuſammengedrängt, nicht geneigt war, einen neuen Ankömm⸗ ling einzulaſſen. Demungeachtet ſchien der Eniſchluß des Frenden 103 ſich Bahn gemacht zu haben. Man ſah einen wohlgekleideten Mann nach den Schranken vordringen; er erreichte ſie und rief dem Richter faſt athemlos zu:„Im Namen des allmächtigen Gottes verlange ich Gehör; die Angeklagte iſt unſchuldig!“ Aller Augen waren auf den Sprechenden gerichtet. Die Geſchwornen, die eben in das Berathungszimmer treten wollten, ſtanden ſtill. Der Präſident zweifelhaft, ob er nicht ſogleich gegen die unregelmäßige Störung des Verfahrens einſchreiten ſollte, ſah finſter und beſtürzt auf den Eindringenden. Einige alte Damen, die ein großes Intereſſe an dem Proceß genommen hatten, riefen:„Es iſt Hermann! der Ver⸗ theidiger hat wahr geſprochen!“ Die alten Damen täuſchten ſich. Der Fremde war nicht Hermann. Ferdinand blickte ihm kalt und fremd entgegen; er ging an Ferdinand vorüber, ohne ihn zu bemerken. Sein Blick ſuchte nur die Ange⸗ klagte und ſie— ſie erkannte ihn. Bleich und tief erregt ſah ſie ihn näher treten. Sie wandte Alles an, um ihre Ruhe wiederzugewinnen, und flüſterte ihm eilig einige Worte in engliſcher Sprache zu. Nach einiger Ueberlegung ließ der Präſident die Geſchwornen ab⸗ treten und den Gerichtsſaal räumen, ſo daß nur die Angeklagte zu⸗ rückblieb. Er fragte nach dem Namen des Fremden und erhielt zur Antwort: „Marimilian von Nordeck, Officier der Armee vom vierten Hu⸗ ſarenregiment. — Welche Worte flüſterte Ihnen die Angeklagte eben zu? fragte der Präſident. „Gedenken Sie des Eides,“ entgegnete Nordeck. Sie hält ſich durch einen Eid gebunden; aber wenn mir ein kurzes Geſpräch mit ihr erlaubt wird, ſo glaube ich, ſie überzeugen zu können, daß dieſe Verbindlichkeit, wenn eine ſolche eriſtirte, gelöſt iſt. Ich verlange kein Privatgeſpräch. Der Richter mag es mit anhören. — Gnädige Frau, begann Nordeck mit ſchwankender Stimme, 104 der Tod hat die Feſſeln gelöſt, durch die Sie ſich gebunden glaubten. Ihr Vater iſt nicht mehr. Er blickt jetzt aus einer höheren Sphäre auf eine Tochter herab, die nie ſeiner Liebe unwerth war, und die zu dem einzigen leichtſinnigen Schritt, deſſen ſie ſich im Leben ſchuldig machte, durch Mutterliebe bewogen wurde; er ſtarb, ohne zu wiſſen, in welcher peinlichen Lage Sie ſich befanden; er ſtarb in glücklicher Un⸗ wiſſenheit, mit Ergebung und Glauben. Sein letztes Wort war ein Segen für ſeine Tochter. Die Urſache zum Schweigen iſt jetzt zu Ende. Erlauben Sie mir denn, dem Präſidenten, als einem Mann von Ehre und Verſtand, die ganze Wahrheit zu enthüllen.“ Albertine ſah freundlich und dankbar auf ihren Befreier, ant⸗ wortete aber nur mit Schweigen und mit Thränen. Nordeck wandte ſich an den Präſident und begann: „Als unſere Truppen im Jahre 1846 aus Frankreich zurückkehr⸗ ten, wurde ich mit mehrern Schwadronen des vierten Huſarenregi⸗ ments in dieſer Gegend einquartirt. Die Ruhe der Cantonirung be⸗ wog mich zu kleinen Ausflügen in die Umgegend. Wir Officiere wur⸗ den von dem Adel und in den zahlreichen Bädern, wie K., das da⸗ mals ein treffliches Theater hatte, gaſtfreundlich aufgenommen. „In dieſem Theater, wohin ich einen Freund begleitet hatte, traf ich zufällig mit Baron Hermann von Preuſſach zuſammen. Wir hatten in dem Feldzug 1809 mit einander gedient, und ich war ihm manchen Dank ſchuldig geworden. Die Freude, die ich über ſein Wiederbegegnen empfand, wurde aber durch ein peinliches Gefühl verbittert. Er hatte ſich ſehr zu ſeinem Nachtheil verändert. Der ſchöne, edelausſehende Jüngling war frühzeitig alt geworden; ſeine Glieder waren ſteif und ſchwach; ſein Geiſt gedrückt; ſelbſt ſein An⸗ zug trug die Spuren entweder von Nachläſſigkeit oder Armuth. Ich wußte, daß er reich geweſen war, ich hatte gehört, daß er eine glän⸗ zende Heirath gemacht habe, und konnte das Alles mit ſeinem gegen⸗ wärtigen Ausſehen nicht vereinigen. Erſchien meine Gedanken zu er⸗ 105 rathen; doch bei dieſer Gelegenheit hatten wir keine Zeit zur Erklä⸗ rung. „Wir trafen uns aber öfter, und da ſah ich denn, daß er in ſich ſelbſt verfallen war, er lebte in Kreiſen, die unter ſeinem Range waren und die er in beſſeren Augenblicken verachtete. Es gelang mir, ihn in die beſſeren Cirkel unter den Officieren meines Regiments ein⸗ zuführen. „Nach und nach wurde er offener und erzählte mir bruchſtückweiſe die Geſchichte ſeiner Ehe und ſeiner Trennung. Er bekannte reuig ſeine Schuld und erzählte mir ferner, wie er mit ſeiner Familie ge⸗ brochen habe, einige Zeit auf Reiſen gegangen und zurückgekehrt ſei, jetzt aber ſeit einigen Monaten in K. lebe, ohne Zweck und Plan. Eine unglückliche Neigung feſſelte ihn hier noch immer, obgleich er ihrer ſchon müde geworden, an ein Mitglied des Balletchors am Theater. „Der Zufall führte von ſeiner Seite weitere Eröffnungen herbei. Unter andern Bekanntſchaften, die ich und ein Kamerad von mir ge⸗ macht hatten, war die der Familie des Baron Kettler von Blumen⸗ rode, in deſſen Hauſe eine junge Dame auf Beſuch war— Madame Siegfeld. Sie war zu reizend und ſchön, um nicht häufig den Ge⸗ genſtand unſeres Geſprächs auszumachen. Bei einem derſelben war Preuſſach anweſend und die außerordentliche Aufmerkſamkeit, mit welcher er zuhörte, konnte meinem Blicke nicht entgehen. Das nächſte Mal, wo wir allein waren, legte er mir umſtändliche Fragen in Be⸗ zug auf Madame Siegfeld vor. Ich etzählte ihm Alles, was ich wußte, und als ich ſchwieg, ſaß er noch eine Weile nachdenklich da und brach endlich ſein Stillſchweigen. Zu meiner Verwunderung er⸗ fuhr ich, daß Albertine von Siegfeld ſeine geſchiedene Gattin ſei. Er ſprach mit ſolcher Liebe, mit ſolcher Aufregung von ihr, daß er auch mich rührte. Er bekannte mir, daß er ſeit der Trennung in einem Zuſtande moraliſcher Entwürdigung gelebt welche er 14. 106 ſchaudere. Er fühlte, die Möglichkeit einer Beſſerung hänge von einer Wiederverſöhnung mit ſeinem Weibe ab. Er beſchwor mich, als Ver⸗ mittler zwiſchen ihnen aufzutreten, der Ueberbringer ſeiner reuigen Bekenntniſſe an ſeine Gattin zu ſein. Ich ſchrak zurück; ein ſolcher Auſtrag entſetzte mich; ich ſtellte ihm das Thörichte, das Hoffnungs⸗ loſe eines ſolchen Verſuches vor. Damals ließ er davon ab, aber der Verſuch wurde oft erneuert, und ermüdet begann ich Preuſſach zu ver⸗ meiden. Aber ich vermied Blumenrode nicht, und ſeltſam genug glaubte ich zu bemerken, daß mich Albertine mit beſonderer Aufmerkſamkeit anſehe. Ich war nicht eitel genug, dies einer perſönlichen Anziehungs⸗ kraft zuzuſchreiben; aber der Verdacht regte ſich in mir, Hermann habe ohne meine Vermittelung Mittel gefunden, mit ſeiner Gattin in ſchriftlichen Verkehr zu treten und mich als Denjenigen genannt, dem er ſein Geheimniß anvertraut habe. Ich erfuhr ſpäter, daß meine Vermuthung wahr war. „Kurz, Eröffnungen fanden zwiſchen Albertinen und mir ſtatt. Eines Abends, als ich Albertinen auf einem Spaziergang begleitete, ſagte ſie mir, ſie wiſſe, daß ich von ihrer Lage unterrichtet ſei, ſie kenne auch den Auftrag, den Hermann mir gegeben habe; ſie halte mich für einen Mann von Ehre und wolle zu mir Vertrauen faſſenz ſür Hermann gebe ſie nur eine Antwort, ſie werde nie in ſeinen Wunſch einer Wiedervereinigung einſtimmen. Sie habe ihm vergeben, aber der Wille ihres Vaters, dem ſie ſich nie widerſetzen werde, mache alle Gedanken einer Wiedervereinigung hoffnungslos, ſelbſt wenn ihr eigenes Gefühl dafür ſprechen ſollte. Ich gelobte ihr, nie meine Hand zu irgend einem Plane von Seiten Hermanns zu leihen, den ſie nicht billigen könne. „So endete mein erſtes Geſpräch mit Albertinen. Ich iheilte Alles Hermann mit. Er ſchwieg. Die Sache ſchien zu ruhen. Zu meiner neberraſchung undzu meinem Schrecken jedoch entd.ckte ich nicht allein, daß er ſeine Correſpondenz mit Blumenrode fortſetze, ſondern auch 107 von dort Antworten erhielt. Ich tadelte ihn; er umarmte mich und rief tief bewegt:„O, Mar, ſtöre meine Pläne nicht. Ich rechne auf Dich. Albertine traut mir— und Dir! Bald wird Dir Alles klar werden.“ „Mein Erſtaunen war unbeſchreiblich. Ich zweifelte noch immer; ich glaubte, Hermann müſſe mich oder ſich täuſchen. Aber es war ſo, wie er ſagte. Albertine hatte eingewilligt, zwar nicht auf eine Wieder⸗ vereinigung, aber ihn wiederzuſchen. Wie es ſcheint, hatte Hermann ſie auf ihrer ſchwächſten Seite, in ihrer Liebe für ihr Kind angegrif⸗ fen. Er hatte ihr gedroht, er und ſeine Familie könnten und wollten das Kind geſetzlich zurückfordern, wenn ſie ihm die Zuſammenkunft weigere, um die er bat. Wie Albertine bei ihrem klaren Verſtande ſich durch dieſes eitle Vorgeben einſchüchtern laſſen konnte, weiß ich nicht; aber es war ſo. Sie willigte in Hermanns Plan und dieſer war folgender: „Der Landadel der Umgegend hielt eine Wochenaſſemblée in Hil⸗ genberg und Albertine begleitete gewöhnlich die Familie Kettler dahin. Die Geſellſchaften waren zahlreich, Herren und Damen von jedem Alter, und Spaziergänge und Vergnügungen aller Art gaben Jedem, der wollte, Gelegenheit, ſich unbemerkt von den Uebrigen zu trennen. „Es war verabredet, Albertine ſolle durch eine angebliche Bot⸗ ſchaft von einer Freundin, der wir den Namen Madame Seehauſen gaben, abgerufen und an einen beſtimmten Ort geführt werden, wo ich ſie erwarten ſollte. Dieſer Ort war die Wohnung einer achtbaren Dame in Hilgenberg. „Von dieſem Hauſe ſollte ich Albertinen zu einer einſamen Ruine auf dem Gipfel einer benachbarten Höhe führen, die Hermann bei ſeinem Umherſchweifen entdeckt hatte und wo er ſelbſt warten wollte. „Ich konnte bei mir ſelbſt die bedenkliche und ſelbſt die gefährliche Natur dieſes Planes nicht verbergen. Ich hätte ihn gern vereitelt; aber jetzt ſchien auch Albertine die Zuſammenfunft wünſchen. Sie war entſchloſſen, die Frage über das Kind zur Entſcheidung zu brin⸗ gen. Ich mußte mich endlich fügen. Hermann ſelbſt konnte nicht nach Hilgenberg kommen; er war dort bekannt; Albertine durfte in ſeiner Geſellſchaft nicht geſehen werden. Ihn in Blumenrode zu ſehen, war unmöglich, während es kein Aufſehen machen konnte, wenn ſie entwe⸗ der in Hilgenberg, oder in der Umgegend in meiner Geſellſchaft ge⸗ ſehen würde. Kurz, wie gewagt auch der Plan war, er ſchien der einzige ausführbare. „Zu ſeiner Ausführung wurde der 10. Auguſt feſtgeſtellt. Die Unfreundlichkeit des Wetters aber trat dazwiſchen und er wurde auf die nächſte Woche verſchoben. „Ich weiß nicht, wie es kam, aber in dieſer Zwiſchenzeit hatte ich mehr als ein Mal den Gedanken, Hermann habe weder mir, noch Albertinen ſeine eigentlichen Abſichten mitgetheilt. Ich ſagte ihr dies in einem Briefe, erhielt aber keine ſchriftliche Antwort, ſondern er⸗ fuhr nur mündlich von Albertinen, daß ſie am 17. ſich einfinden werde. „Hermann und ich waren auf unſerm Poſten; aber Albertine— ich dankte im Geheimen dem Himmel dafür— Albertine kam nicht. Die Krankheit eines Gliedes der Familie hatte ſie abgehalien. „Hermann ließ ſich nicht abſchrecken; er war gewiß, daß Alber⸗ tine am 24. kommen werde. „Dieſer unglückliche Tag kam heran, der ereignißvollſte, der ſchmerzlichſte meines Lebens. Früh am Morgen— es war Sonn⸗ abend— ritt ich nach Hilgenberg. Als ich im Vorüberreiten meine Augen erhob, ſah ich das verabredete Zeichen, daß Hermann in der Ruine war. Ich eilte nach dem Verſammlungsſaale in Hilgenberg, ſah auf die Beſuchsliſte; ich betete zu Gott, Kettlers möchten wieder abgehalten ſein. Sie waren es, aber Albertine kam, ſie hatte die Familie von Langſitz begleitet. „Jetzt blieb mir keine Wahl mehr. Das Billet wurde abgeſchickt 109 und nach einer Stunde ängſtlicher Erwartung von meiner Seite kam Albertine. „Die ruhige Würde, die Gemeſſenheit, mit welcher dies außer⸗ ordentliche Weib dem ſchwierigen Augenblicke entgegenging, während ich, ein Mann, von einem namenloſen Gefühle des Schreckens mein Herz ergriffen fühlte, überwältigte mich mit Erſtaunen und endlich mit Schaam. Die Zeit war koſtbar; ohne Aufſchub eilten wir durch den Garten und dem Walde zu, deſſen dunkele Schatten uns bald aufnahmen. Von dort ſteigt der Fußpfad, anfangs gemächlich, dann immer ſteiler, zur Ruine empor. Albertine war in ihrem Geſellſchafts⸗ fleide; ſie glitt häufig mit ihren dünnen glatten Schuhen aus, und nur mit aller meiner Kraft konnte ich ſie bei dem Aufſteigen halten und weiterführen. Ihre heldenmüthige Ausdauer jedoch überwand jede Schwierigkeit. „Einige Schritte vor der Ruine kam uns Hermann enigegen. Albertinens Herzſchlug hörbar. Da ſtand er vor ihr, der gebrochene, entwürdigte Mann, vor dem Weibe, das faſt in jungfräulicher Schönheit blühte. Welch' eine Begegnung! Welche Gefühle müſſen in dem reinen, edlen Herzen Albertinens erwacht ſein! Gern möchte ich die ſchmachvolle Thatſache verhehlen, aber ich darf nicht, Her⸗ mann erſchien unnatürlich aufgeregt. Er hatte Wein mit ſich nach der Ruine gebracht— weshalb weiß ich nicht— und es zeigte ſich bald, daß er ſchon bis zumUebermaß davon genoſſen hatte. „Selbſt Albertine, die Anfangs nicht darauf geachtet hatte, konnte gegen Hermanns Verfaſſung nicht lange unempfindlich ſein. In ſei⸗ nem ganzen Benehmen lag etwas Wildes, Rauhes, Empörendes. Ich ſah aus ihren Blicken, daß ſie ihren Schritt bereute, aber es war geſchehen. Ich ſuchte nach Möglichkeit das Geſpräch auf den eigentlichen Punkt zu lenken, in der Hoffnung, die peinliche Zuſam⸗ menkunft um ſo ſchneller zu beendigen, winkie aber dem alten Mann, der Hermanns Führer geweſen war, uns zu begleiten, und ſo betra⸗ ——ne————— 110 ten wir die Ruine. Der Waldhüter konnte unſer Geſpräch nicht ver⸗ ſtehen, denn es wurde franzöſiſch geführt. „Was ſoll ich von dieſem Geſpräche ſagen? Auf der einen Seite wiederholte Hermann foridauernd ſeine Bitten für eine Verſöhnung und Wiedervereinigung, von der ſeine eigene Beſſerung abhängen ſollte; auf der andern Seite ſtand Albertinens unbeugſamer Entſchluß, den Willen ihres Vaters nicht zu übertreten. Beide Theile wurden warm; Hermann ließ Vorwürfe hören. Es entſtand eine Pauſe. Der Tag war heiß geworden. Hermann ließ von ſeinem Führer die Er⸗ friſchungen auspacken. Wir Männer ſprachen ihnen kapfer zu. Alber⸗ tine genoß auf meine Bitte nur wenig, um ihre Kräfte wiederherzu⸗ ſtellen; Hermann nahm, gegen meine Vorſtellungen, in langen Zü⸗ gen den ſtarken, feurigen Wein ein. Seine Bitten an ſeine Frau wurden immer dringender und nahmen endlich den Ton von Drohun⸗ gen an, gegen ſie ſowohl als gegen ihr Kind, Albertine ſtand auf, ſie ſah, es war Zeit zu gehen, ich beobachtete ſie mit angſtvollem Blick. „Hermann bemerkte es und mit einem dämoniſchen Lächeln und wildrollenden Augen rief er:„Ha, Ihr ſeid einverſtanden! Ich durchſchaue Euch!“ „Albertine warf ihm einen Blick des Mitleids und der Verachtung zu.„Herr von Nordeck, ich gehe,“ ſagte ſie. „Da ſchrie Hermann in furchtbarem Ton auf, während ſeine Hand ein breites, zweiſchneidiges Meſſer hielt:„So, Du gehſt? Du gehſt?— Geh denn, verlaß mich, wirf mich zurück in ein Le⸗ ben, das für mich eine Hölle iſt. Leben! Nein, es iſt Tod ſelbſt. Geh, doch ſieh mich erſt ſterben!“ Und er machte eine Bewegung mit dem Meſſer, als wolle er ſich erſtechen. „Was ſpäter geſchah? Ich verſuche vergeblich die Ereigniſſe des nächſten Augenblicks in meinem Gedächtniß zu ordnen. Ich weiß nur, daß mir gedankenlos die Worie entſchlüpften: 11¹ „Hermann, ſchämſt Du Dich nicht, in Gegenwart Deiner edlen Gattin ein ſolches Narrenſpiel zu ſpielen?“ „Dieſer Vorwurf ſchien ihn bis zum Wahnſinn zu entflammen. „Elender! rief er aus, ich wüßte nicht zu ſterben!?“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, ſo lag er blutend zu meinen Füßen, den Griff des Meſſers krampfhaft in ſeiner Hand haltend, die Klinge in ſeine Bruſt geſenkt. Albertine lag neben ihm, ſelbſt blutend und beſinnungslos. „Faſt ohne zu wiſſen, was ich that, hob ich ſie auf. Ihre rechte Hand blutete. In dem Augenblick des tödilichen Streiches war ſie in das Meſſer gefallen, um ſeine Hand aufzuhalten, aber vergeblich. „Der Führer zog das Meſſer aus Hermanns Bruſt— es war zu ſpät. Eine einzige leiſe Bewegung mit dem Kopfe, ein ſchwaches Röcheln in der Kehle, und Hermann war nicht mehr. „Albertine, das ſchwache, zarte Weib, war die Erſte, welche in der peinlichen Lage Beſonnenheit und Ruhe zeigte. Der Verſtor⸗ bene war der Gegenſtand ihrer Sorgfalt. Der Leichnam, ſagte ſie, dürfe nicht hier bleiben, ihr Gatte, der Vater ihrer Kinder, dürfe nicht unbeerdigt liegen gelaſſen werden, er müſſe ein Grab in chriſt⸗ licher Erde finden. „Der Führer brachte den Plan vor, den Leichnam aus der Ruine zu tragen und ihn in die Nähe der Kapelle zu legen, wo man ihn bald entdecken und für den Leichnam eines Menſchen halten würde, der in dem Gebirge beraubt und ermordet ſei; in dieſem Falle würde er auch ein Begräbniß in geweihter Erde erhalten, was ihm verwei⸗ gert werden würde, wenn ſein Selbſtmord bekannt werde. Wir hiel⸗ ten den Plan für ausführbar. Mit Hülfe des Führers nahm ich dem Leichnam ſeine obern Kleider, Börſe, Uhr und Brieftaſche. Die Kleider verbargen wir in einem Loche hinter der Ruine und bedeckten dies ſorgfältig mit Steinen. Die Uhr, die Börſe, den Trauring und die Brieftaſche nahm auf meine Bitte Albertine an ſich. Den Siegel⸗ ring mußten wir an ſeiner Hand laſſen; er ließ ſich ohne Verſtüm⸗ melung des Fingers nicht abzichen. Wir zerriſſen das ſeidene Hals⸗ tuch, welches Hermann trug, und banden es feſt um den Leib, um den Blutſtrom zu hemmen, der noch immer aus der Wunde floß und von dem meine Kleider befleckt waren; dann nahmen wir den Leich⸗ nam auf, trugen ihn aus der Ruine und legten ihn im Graſe vor der Kapelle nieder. „Jetzt war es hohe Zeit, nach Hilgenberg zurückzueilen. Der Führer übernahm es, Albertinen zu einem Wundarzt zu bringen, der ihre Wunde verbinden könne. Ich unterſtützte ſie bei dem Herab⸗ ſteigen. Bitter bereute ſie jetzt, das ihrem Vater gegebene Verſprechen verletzt zu haben.„Aber nie, nie, rief ſie aus, ſoll er ſo unglücklich ſein, zu erfahren, daß ich ſeinen Willen übertreten habe; der Ge⸗ danke eines ſolchen Ungehorſams von Seiten einer geliebten Tochter, würde ſein Tod ſein. Komme, was da will, ja ſollte ich ſelbſt als Mörderin verdächtig vom Arm des Geſetzes verfolgt werden, ich will ſchweigen, ſchweigen bis zum Schaffot, bis zum Grab. „Ich bot vergebens alle meine Berediſamkeit auf, ſie von dieſem unglücklichen Gedanken abzubringen; immer ſtärker hielt Albertine an ihm und wiederholte mir immer von Neuem und in einem Tone, der mir ins Herz ſchnitt, ihre letzte Bitte gegen mich ſei, ſo lange ihr Vater lebe, Niemandem zu ſagen, ſie habe Hermann geſehen. Ich verſprach feierlich, was ſie verlangie und der Führer that, ge⸗ rührt von ihrem Schmerze, mit Thränen im Auge daſſelbe. „Wir waren jetzt am Ausgange des Waldes. Meine Kleider wa⸗ ren mit Blut befleckt; an Albertinens Gewand fanden ſich nur kleine Spuren, die leicht durch die Wunde in ihrer Hand erklärt werden konnten. In dieſem Augenblick endeckte ſie, daß ſie ihren Hand⸗ ſchuh verloren. Wir ſahen ein, wie wichtig es ſei, ihn wieder zu er⸗ halten, und ich erbot mich, wieder hinaufzuſteigen, in der Hoffnung, ſie bald wieder einholen zu können. Ich ſuchte lange und vergeblich; der Handſchuh war nicht zu finden. Als ich wieder auf die Straße kam, war Albertine fort. Sie hatte ihren Weg in Begleitung des Führers fortgeſetzt. In der Dämmerung erreichte ich mein Quartier und ſah ſie nicht mehr, bis ich ſie hier fand. Gvit ſei Dank, daß ich nicht zu ſpät kam!“ — Ja wohl, Gott ſei Dank! ſagie der würdige Präſident. Ich glaube Ihrer Erzählung; ſie trägt den Stempel der Wahrheit an ſich. Aber das Geſetz verlangt ſeine Förmlichkeiten. Die Ausſage des Wald⸗ hüters wird nothwendig ſein, um die Ihrige zu beſtätigen. Wo iſt er? — Ich habe ihn nicht aus den Augen verloren, ſagte Nordeck. Er heißt Florian Krauſe und bewohnt eine kleine Hütte im Dorfe Zellenbach. — Wir werden ihn rufen laſſen. Noch einen andern Umſtand wünſchte ich aufgeklärt. Die Börſe des Verſtorbenen lag nebſt dieſem Papierſtreifen in der Armenbüchſe der Kapelle. Wie ſtimmt das mit Ihrem Plan, den Verſtorbenen für einen Beraubten auszugeben? — Ich kann es nicht erklären, entgegnete Nordeck, während er überraſcht auf das Papier ſah. Albertine muß, einzig mit ihrem Plan beſchäftigt, ihrem Gatten ein chriſtliches Begräbniß zu verſchaf⸗ fen, unſere Anordnungen vergeſſen und die Börſe in die Büchſe ge⸗ ſieckt haben, während ſie in der Kapelle blieb, bis wir den Leichnam entf.rnt hatten.“ Der alte Waldhüter erſchien und ſein Zeugniß beſtätigte vollkom⸗ men die Erzählung Nordecks. Nur ein Punkt kann vielleicht noch einer nähern Erklärung be⸗ dürfen. Wie kam es, daß Nordeck ſo lange von der Haupttheilneh⸗ merin dieſes außerordentlichen Ereigniſſes getrennt war? Wie kam es, daß die Nachricht ihrer Gefahr ihn erſt in den gefährlichſten Augen⸗ blicken erreichte? Das verhielt ſich ſo: Sein Regiment wurde einige Wochen nach 11⁴ dem 24. Auguſt in andere Quartiere verlegt und ſpäter aufgelöſt. Nordeck nahm ſeinen urſprünglichen Beruf als Bergmann wieder auf und zeichnete ſich darin ſo aus, daß er einer Bergbauerpedition, die die Regierung nach Braſilien ſchickte, beigegeben wurde. Die Aus⸗ ſichten, die ihm die neue Welt eröffneten, beſtimmten ihn, ſich ganz dort niederzulaſſen; doch ehe er es that, wollie er ſein Geburtsland wiederſehen und alle ſeine Angelegenheiten ordnen. Als dieſe Geſchäfte beendigt waren, kam ihm die Luſt, noch ein⸗ mal die Gegenden zu ſehen, wo er zur Verheidigung ſeines Vater⸗ landes gefochten hatte. Sein Weg führte ihn durch den Bezirk, wo er der unfreiwillige Zeuge einer ſo ſeltſamen Begebenheit geweſen war. Die Zeitungen verkündigten die Eröffnung der Aſſiſen in Hain⸗ burg und nannten eine Verhandlung, die wahrſcheinlich von beſon⸗ derm Intereſſe ſein werde. Es waren nur die Anfangsbuchſtaben der Parteien angegeben; für ihn war es genug. Er konnte nicht zweifeln, Albertine war die Angeklagte! Ihre dunkle Ahnung hatte ſich furcht⸗ bar erfüllt. Er eilte nach Blumenrode; dort mußte er Alles erfahren. Er er⸗ fuhr Alles, was die Familie mittheilen konnte; es war hinreichend, um ihn von der dringenden Gefahr zu überzeugen. Albertinens Ur⸗ theil ſollte an dieſem Tage geſprochen werden, und man hegte die ſchlimmſten Erwartungen. „Und ihre Eltern? fragte er. Wiſſen ſie davon? Sind ſie hier? — Der Oberſt iſt todt, war die Antwort; er erfuhr nie die Ge⸗ fahr, in welcher Albertine ſchwebte. Die unglückliche Mutter wußte ihm mit bewunderungswürdiger Klugheit bis zuletzt glauben zu ma⸗ chen, Albertine ſei nur in einen unglücklichen Proceß mit Ferdinand von Preuſſach wegen ihres Wittthums verwickelt. Ihre Mutter hat noch nicht gewagt, ihr die Nachricht mitzutheilen, in der Beſorgniß, der Schlag möge zu ſchwer für ſie ſein, in Verbindung mit ihrem Unglück. —— 11⁵ — um Gotteswillen! rief Nordeck, Albertine weiß noch nichts von ihres Vaters Tode? Sie muß es wiſſen und das ſogleich.“ Der Boden ſchien unter ſeinen Füßen zu brennenz er blieb taub gegen jede Frage, die man an ihn richtete.„Nach Hainburg! rief er, nach Hainburg! Jeder Augenblick iſt koſtbar.“ In einem Augenblick war ſein Pferd bereit und in wildem Galopp jagte er nach Hainburg. Man ſagte ihm, der Gerichtshof ſei noch in der Sitzung. Er bahnte ſich einen Weg durch die dichten Maſſen der Zuſchauer, ſah die Geſchwornen fortgehen; ſein Auge ruhte auf der Gefangenen. Das Uebrige weiß der Leſer bereits. Nordeck ward Albertinens Gatte, und nach ihrer Mutter Tode führte er ſie mit ſich nach Braſilien. Inhalt des vierzehnten Theils. Schuldig oder Nichtſchuldig Das Todtengericht Der Todte bei Si. Anna's Knpelle Seite 20 43