—— e Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur —— von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cdution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— . . SS ee auf1 Monat: I Nr— W 1 W ö 2 W 6—„.„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.„ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4* 3 Nachtſeiten der Geſellſchaft. B 4 Eine Gallerie merkwürdiger Verbrechen und Rechtsfülle. Herausgegeben von Dr. A. Diezmann, Dr. W. Jordan und Dr. L. Meyer. —— Sſ ——— Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. — —— Veit Fraſer. Schluß.) Einige Stunden früher, als der Mond ſchon untergegangen war und das Morgenroth noch hinter den Bergen verweilte, ſtiegen in der nur durch wenige Sterne am wolkigen Himmel erhellten Nacht vier in Mäntel gehüllte Männer an das Ufer aus dem Kahn, deſſen Führer, unwillig über die Fahrt zu ungewohnter Zeit, bei der erhaltenen reichlichen Gabe, das mürriſche, verſchlafene Geſicht in heitere Falten legend, den unbekannten Herren gute Verrichtung wünſchte.„Die iſt auch wahrlich zu wünſchen,“ ſagte der Eine mit gedämpfter Stimme und eilte den Schloßberg hinauf, trotz der Finſterniß ſeinen Fuß ohne ſonderliches Zaudern in die hie und da ausgehauenen Stufen des Fußſteiges ſetzend, gleich Einem, der wohl früher ſchon dieſen Weg gemacht. Zwei Andere folgten ihm mit noch größerer Leichtigkeit, der Vierte aber zog den Fahr⸗ weg vor und kam auch auf dieſem langſam genug vorwärts, ob er gleich dem Anſchein nach der Jüngſte von Allen war, der ſchlan⸗ ken Geſtalt zufolge und der weichen Stimme, mit welcher er unter⸗ weilen einen kleinen bald deutſchen, bald franzöſiſchen Fluch aus⸗ ſtieß und endlich einen der beiden Nachfolgenden aufforderte, ihm auf dem ſteilen Wege zu helfen, welches denn auch ſogleich mit Merkmalen der Achtung und Sorgfalt geſchah. Doch ſagte er im Steigen merklich hinkend zu ſeinem Begleiter:„Ich denke, guter Freund, dieſer verdammte Jakobsleitermarſch wird wohl Eure Cur 1* 4 5 zunichte machen.“ Auf der kleinen Ebene oben angelangt, welche den Markt und zugleich den Vorplatz des Schloſſes bildete, eilten ſie über dieſelbe hinweg, dem letztern zu. Dies lag vor ihnen mit ſeinen düſtern Thürmen und öden Höfen in dichter Dunkelheit, nur durch die Fenſter des ehemaligen Bankettſaales ſchimmerte der Schein einiger Lampen, und Schatten bewegten ſich hin und her, wie von Leuten, die ein Gemach in Bereitſchaft ſetzen. „Parbleu! eine luſtige Behauſung;“ ſagte der hinkende junge Mann;„es ſcheint ganz ſo, als wenn auf dem verwünſchten Berge auch ein verwünſchtes Schloß läge, und in jenem Saale dort treiben, nach den Kehrbeſen und Stangen zu ſchließen, deren Schatten ich gewahre, die böſen Geiſter ihr Weſen, welche in Abweſenheit des Gebieters dieſen anmuthigen Steinhaufen in Beſitz genommen.“ „Ihr möget ſo Unrecht nicht haben,“ verſetzte der Erſte der kleinen Reiſegeſellſchaft und eilte der Pforte zu, der einzig gang⸗ baren nämlich, der, welche zur Capelle führte. Sie ward auch alsbald aufgethan, und es er Leuchte ein kleiner alter Mann; in ſeinem hagern Geſicht malte ſich eine Art von Freude, und auf ſeinen Lippen ſchien eine An⸗ rede zu liegen, aber beide wurden ſichtbar durch die Scheu zurück⸗ gehalten, die ihm der ſtrenge Blick und die ſtolze Haltung deſſen einflößten, dem ſie galten. Auch ſchien er wohlgethan zu haben dungen keinen Raum zu geben, nach, in welchem Jener, ohne die erwidern, fragte: mand von mir?“ „Das hab' ich gethan,“ war des Alten unterwürfige Antwort, „und leider wird es der Augenſchein zeigen; ich bitte daher im Voraus um huldreichen Pardon.“ „Schon gut,“ unterbrach ihn Jener.„Jetzt löſchet nur Eure ſchien mit einer ſeinen etwaigen Empfin⸗ dem kurzen, gebietenden Tone demüthige Bewillkommnung zu „Habt Ihr meinen Befehl erfüllt, weiß Nie⸗ — — 8 0 ———— Leuchte aus, Schloßverwalter. Und dann vorwärts, immer vor⸗ wärts.“ Man gelangte durch einige ganz dunkle und unbewohnte Höfe bis zu dem neuen Pavillon; bei dem Anblick deſſelben ſprach der Jüngſte der Vier:„Nun, das ſieht doch einer menſchlichen Woh⸗ nung ähnlich und nicht einem Aufenthalte der Käuze, Fleder⸗ mäuſe und Geſpenſter, wie, mit Verlaub, die andern Theile die⸗ ſer ehrwürdigen, hochreichsgräflichen Burg.“ „O,“ wagte der Schloßverwalter zu ſagen,„ſonſt war auch das Innere ſo ſchön, als das Aeußere, jetzt aber, mein guter Herr, mit wem ich auch die Ehre habe zu ſprechen, werdet Ihr Euch ſehr getäuſcht ſehen.“ „Das glaube ich,“ fiel der Erſte bitter und herriſch ein.„Es ſcheint, man hat hier trefflich gewirthſchaftet. Weiß Er jedoch, daß Er in meinem Beiſein nicht zu ſprechen hat, Er werde denn gefragt. Bei meiner Ehre, es wird an Fragen nicht fehlen; gut für Ihn, wenn es Ihm an Antwort nicht mangelt. Aufgethan, damit wir doch die Herrlichkeit ſehen.“— Der Hausbeamte ge⸗ horchte tief aufſeufzend, als wie ein Bedauern einer verſchwundenen Hoffnung, er ſchloß mit zitternder Hand eine Nebenthüre des Pavillons auf, und die vier Reiſenden traten ein. Doch that an der Außenſeite des ſtattlichen Gebäudes nichts die Anweſenheit der neuen Bewohner kund; ſtill und öde lag es wie ſeit langer Zeit, das Portal blieb verriegelt und die Laden der Spiegelfenſter wurden nicht geöffnet. Nur durch zwei derſel⸗ ben aus einem Hinterzimmer, nach einer dichten Baumanlage im Garten zu gelegen, ſchimmerte Licht. Der Anblick, den dieſes Gemach darbot, war in der That ſelt⸗ ſam genug. Es war groß, hoch und in edlen und gefälligen Verhältniſſen gebaut, köſtliche Spiegel reichten von dem vergolde⸗ ten Geſims bis zu den Kaminen herab, in deren einem ein Feuer brannte, in gebirgiger Gegend in einer kühlen Nacht des Spät⸗ 6 ſommers wohl zu ertragen. Der Plafond war reich vergoldet und gemalt, Tapeten von Lyoner Seidenſtoffen bedeckten die Wände, der reinlich gefegte und gebohnte Fußboden war von ſchöner ein⸗ gelegter Arbeit; das war es aber auch Alles. Von der Decke hing ein dichtes ſeidnes Geflecht herab, einſt beſtimmt, den Kronleuch⸗ ter zu tragen, nun aber müßig; nur die vergoldeten Stäbe über den Fenſtern zeigten vom vergangenen Daſein der Vorhänge, und keine jener unzählbaren Zierathen, in einem Prunkgemach der da⸗ maligen Zeit unentbehrlich, war zu ſehen. Das Geräth, augen⸗ ſcheinlich in der Eile zuſammengeſucht, ſchimmerte weder im Glanze der Neuheit, noch der Neumodigkeit, auch zeichnete es ſich nicht durch überflüſſige Anzahl aus, denn es beſtand in nichts als fünf oder ſechs Stühlen, dem Etzeugniſſe eines wahrſcheinlich längſt dahingeſchiedenen Künſtlers, mit hohen, wohlgeſchnitzten, aber wandelbaren Füßen und mit Ueberzügen, deren vor geraumer Zeit köſtlicher Stoff verblichen und zerriſſen war, oder nothdürftig ge⸗ flickt. Zu dieſen Herrlichkeiten der Rumpelkammer ſtimmte vor⸗ trefflich ein nicht großes, unſicher ſtehendes Tiſchlein, für vier Perſonen gedeckt, zwar mit reinlichem doch grobem Zwillich, aber bei Tellern, Meſſern und Gabeln erſetzte abgeſcheuertes Zinn ein edleres Metall, und zum Ueberfluſſe ſteckten die gelben Wachskerzen, welche alle dieſe Pracht ſichtbar machten, auf zwei verſchiedenen Leuchtern, deren eine von Holz, von Blei der andere. Derjenige unter den vier Männern, von deſſen Sanftmuth und heiterer Laune der Leſer bis jetzt wahrſcheinlich nicht den vortheil⸗ hafteſten Begriff erhalten hat, wendete ſich beim Hintritt zu dem Jüngern und ſprach halb lachend und halb verdrießlich:„Wahr⸗ lich, der Empfang, den ich Euch in meinem Reſidenzſchloſſe bereitet habe, iſt glänzend, das müßt Ihr geſtehen, und auf eine würdige Art vergelte ich die Gaſtfreundſchaft, mit welcher Euer Herr Oheim mich beehrte.“ „Hm,“ ſprach der Andere fröhlich.„Das iſt mir nicht etwas 7 ſo Neues, dergleichen hab' ich oft genug in Schlöſſern geſehen, wo die Krvaten gehauſ't hatten vor mir. Im Kriege wie im Frieden, und kaum ſind wir ja noch des drei Tage alten Friedens froh geworden.“ „Es iſt mir erfreulich, daß Ihr das ſo wohl aufnehmt,“ ent⸗ gegnete der Andere;„ich kann es nicht ſo ganz erträglich finden. Da es nun aber einmal ſo iſt, ſo macht es Euch bequem, ſo gut Ihr vermögt, mein tapferer Herr Oberſtwachtmeiſter. Auch Ihr,“ wendete er ſich zu den andern Beiden;„wir ſind ja hier in einem geplünderten Schloſſe, da nimmt man es nicht ſo genau. Auch müſſen wir wohl für den Reſt der Nacht Alle mit dieſem Zimmer vorlieb nehmen und mit dem anſtoßenden Schlafgemach. Ich hoffe doch,“ ſprach er zu dem Verwalter, und ſein Blick wurde wieder finſter und ſein Ton rauh,„ich hoffe, daß in dieſer wohl⸗ unterhaltenen Hofſtatt ſich einige Matratzen vorgefunden haben für mich und meine Begleiter?“— Der alte Mann verbeugte ſich ſchweigend. Die Reiſenden warfen darauf ihre Reitermäntel von ſich, und ihre Enthüllung verſtattet nun, ſie näher zu beſchauen. Der Eine, welcher ſich gehabte, als ſei er hier zu Hauſe, war ein hochgewachſener, wohlgebildeter Mann von etwa achtundzwan⸗ zig Jahren. Sein Anſehen war etwas ernſt, doch ſchien die Falte, die jetzt ſeine Stirn furchte, nicht einheimiſch an dieſer Stelle, und ſeinem unwillig aufgeworfenen Munde das Lächeln nicht fremd, ſein Antlitz, gebräunt von der Luft und Sonne, war jetzt nur regelmäßig, vielleicht aber anziehend in andern Augenblicken; ſein Weſen, jetzt rauh und herriſch, trug das bleibende Gepräge der Vornehmheit, ſeine Sprache und Geberde hielt die Mitte zwiſchen höſiſcher Zierlichkeit und der Ungebundenheit des Soldaten. Er war ein ſolcher, und obſchon er keinen Küraß trug, war ſein mit breiten goldnen Treſſen beſetztes Kollet das eines Küraſſiers; die gold und ſchwarzgemiſchte Feldbinde des Kaiſers umgab ſeine Hüf⸗ ten, und die Farben deſſelben zierten den großen zweigekrämpten, reichbefiederten Hut. Auf ſeiner Bruſt trug er das ſchwarze Kreuz des deutſchen Ordens, ob er gleich die Gelübde deſſelben noch nicht abgelegt, an ſeiner Seite einen gewichtigen Reiterpallaſch, neben ihm den goldnen Schlüſſel der Kämmerer, und ſchwere Stiefeln an den Füßen. Nicht ganz ſo martialiſch war das Ausſehen des blutjungen Oberſtwachtmeiſters; er war mehr aufgeſchoßt als kräftig gewachſen, ſein von blondem Haar reichlich beſchattetes Geſicht glänzte noch im Roth und Weiß der Jugend wie ſein Auge in ihrer Fröhlich⸗ keit; er glich Einem, den noch kein Uebel getroffen und der auch für die Zukunft eben keines befürchtet, als höchſtens die Lang⸗ weile. Doch war ſeine Heiterkeit nicht geiſtlos, ſeine Redſeligkeit nicht inhaltsleer, kurz, was er noch nicht war, ſchien er werden zu können, ein wackerer Held und eine Zierde ſeines Standes. Seiner Verwundung wegen trug er eine leichtere Fußbekleidung, ſein Koller hatte etwas weniger Treſſen, als der des Andern, ihm mangelte das ſchwarze Kreuz und der Kammerherrenſchlüſſel, aber dafür glänzte an ſeiner linken Seite ein in Silber geſtickter Stern. Der Dritte, ebenfalls ein kaiſerlicher Küraſſier, hatte keine andere Auszeichnung, als eine ſchmale ſilberne Borte am Kragen des Wamſes; er war in vollem ſoldatiſchen Anzug mit Harniſch und Kartuſche. Im Alter ſtand er zwiſchen den beiden Erſten; er war ein rüſtiger Burſch und mochte es bewieſen haben, einer tüchtigen Schmarre nach zu urtheilen, die ihm über die Stirn lief. Sein Benehmen war das eines Soldaten in Gegenwart ſei⸗ ner Offiziere, aber nicht die Ehrerbietung allein, auch eine gewiſſe Traurigkeit ſchien des jungen Kriegsmanns froher Laune einen Zügel anzulegen.— Der Vierte endlich, im ſchlichten Bürgerkleide, mit dem Bindzeug in der Buſentaſche, ſtellt uns eine Geſtalt dar, dem Leſer ſchon bekannt, und wir hoffen, befreundet. Der hohe Offizier warf ſtirnrunzelnd einen unzufriednen Blick um ſich her und ſagte dann:„Dies Gemach iſt mir nicht fremd 9 ſeit alter Zeit, und doch erkenne ich in demſelben nichts wieder, als höchſtens die vier Wände. Aus welcher Trödelbude hat man dieſen Plunder herbeigeholt für das Zimmer des Herrn?“ „Gnädigſter Herr,“ antwortete furchtſam der Greis,„daher kommt es nicht, es kommt aus meiner geringen Wohnung und iſt das Beſte, was ich Eurer Erlaucht anbieten konnte. Dieſe Sachen waren wohl ſchön zu ihrer Zeit,“ fuhr er fort, ſich unwill⸗ kürlich der Redſeligkeit des Alters überlaſſend,„als der hochſelige Herr Vater ſie mir verehrte, aber freilich der lange Gebrauch, und wenn man außer Stand iſt, das Alte mit Neuem zu erſetzen.“ „Wohin,“ unterbrach ihn Graf Raymund,„wohin ſind die zierlichen Geräthſchaften, die ſonſt hier waren?“ „In des Herrn Schöſſers Verſchluß,“ ſagte der Alte. „Und die reichen Vorhänge, mir minder werth durch ihren Stoff, als durch ihre Stickerei von meiner Mutter Hand?“ „Der geſtrenge Herr Schöſſer hat ſie abnehmen laſſen, ich weiß nicht zu welchem Behuf.“ „Sieht es im ganzen Schloſſe ſo aus und vorzüglich in dieſem Pavillon?“ „Im alten Schloſſe ſind zwar einige Geräthſchaften zum Ge⸗ brauch in der Gerichtsſtube, in der Kanzlei und der Rentkammer, der Pavillon aber iſt gänzlich ausgeräumt auf des Herrn Schöſſers Befehl.“ Der Landesherr ging, ſeinen Zorn gewaltſam niederdrückend, einige Male auf und nieder, dann ſprach er zu dem Oberſtwacht⸗ meiſter:„Das iſt in der That ein angenehmer Aufenthalt, doch verzaget nur nicht, ehe Eure Wunde Euch geſtattet, dies Haus zu verlaſſen, ſoll es ſchon anders darin werden.“ „Aber theurer Vetter und Oberſt,“ verſetzte dieſer guter Laune, „wenn ich heil werden ſoll bei Euch, ſo müſſet Ihr mich der Hungereur nicht unterwerfen, welche nicht einmal Meiſter Wahrmann L. 2 10 für nöthig gehalten. Hier iſt Eſſen, drum dächte ich, wir äßen erſt etwas und regierten nachher.“ Lachend und in gefälligem Tone ſagte der Graf:„Nun, ſo nehmt denn Platz an dieſer herrlichen Tafel— und auch Ihr, Chirurg und Wachtmeiſter, ich weiß, der Prinz erlaubt es.“ Dieſer antwortete halb ſcherzend, halb ceremoniös:„In Gegen⸗ wart ſeines Regimentschefs hat der Oberſtwachtmeiſter nichts zu erlauben. Aber ſehr gern hier wie am Lagerfeuer ſpeiſe ich mit dem braven Wachtmeiſter Seld, deſſen Pallaſch verhindert hat, daß der verdammte Dragoner vom Regimente Méstre de camp meinen Kopf nicht ſo übel zurichtete, als mein Bein, und mit dem tüchtigen Wundarzt Wahrmann, der es ſo übel und böſe wieder zurecht gebracht hat.“ Die Vier ſetzten ſich zu Tiſche, aber der Anblick deſſelben regte den Unmuth des Grafen von Neuem auf. Die leutſelige Weiſe, mit der er mit ſeinen Untergebenen geringern Ranges umging, ließ glauben, daß Strenge und Rauhheit nicht ſtehende Haupt⸗ züge ſeines Charakters waren; wenn er aber dieſe in ihrer gan⸗ zen Fülle gegen den alten Diener zeigte, ſo iſt ein wenig üble Laune wohl dem Herrn nicht zu verargen, der in ſein Land zu⸗ rückkehrt, mit der Ueberzeugung, daſelbſt Unheil und Mißbrauch vorzufinden, und mit dem unangenehmen Bewußtſein, dieſe durch lange Abweſenheit ſelbſt veranlaßt zu haben, dem, welcher das glänzende Haus ſeiner Ahnen zum erſten Male als deſſen Gebieter betritt und es im Zuſtand der höchſten Vernachläſſigung antrifft, dem Wirth eines erlauchten und befreundeten Gaſtes, welchem er gerade nur ſo viel Bequemlichkeit darbieten kann, als ein mittel⸗ mäßiges Feldlazareth gewährt; er ſagte alſo mit ſcharfem Tone zu dem Alten:„Iſt dies das Silbergeſchirr, welches mein Bru⸗ der, der ſelige regierende Herr, hinterlaſſen?“ „Behüte!“ verneinte der Beamte, empfindlich für die Ehre des Hauſes, dem er ſo lange diente;„Seine hochſelige Erlaucht 11 1 beſaß einen reichen Schatz an goldenem und ſilbernem Geräthe, ſeit langer Zeit vererbt von Geſchlecht zu Geſchlecht.“ o„Und auf mich iſt davon nichts gekommen?“ fragte der Graf „ heftig.„Wo iſt es?“ „In der Silberkammer, glaub' ich,“ verſetzte der Greis immer ängſtlicher;„der Herr Schöſſer hat den Schlüſſel dazu.“ „Laſſet es doch ſein für heute,“ bat Prinz Ludwig, dem der 3 alte Diener leid that,„ iſt das Geſchirr auch freilich zu ſchlecht . für einen kaiſerlichen Oberſten und unmittelbaren Reichsgrafen, b ſo iſt es doch gut genug für ſeinen Major und einen appanagir⸗ ten Prinzen, der ſchwerlich berechnen kann, wie viele ſilberne * Löffel auf jeden der zehn Enkel eines nachgebornen Bruders kom⸗ men werden. Auch iſt der Inhalt beſſer als die Schale,“ ſetzte 3 er hinzu, demſelben tapfer zuſprechend und dem Niedergeſchlagenen . freundlich winkend;„Eure Frau muß eine treffliche Köchin ſein, alter Herr.“— Man ſah, daß dem Eingeſchüchterten Worte und * Geberde des leutſeligen Jünglings wohl thaten und er verbeugte ſich dankbar. Weislich hatte die Frau Kaſtellanin, ohne Namen und Rang h ihrer erlauchten Gäſte zu kennen, Alles gethan, was ihre be⸗ ch ſchränkten Kräfte vermochten, und ihnen etwas Beſſeres aufgetiſcht, 8 als jenen alten Puter, deſſen Zähigkeit beinahe den Sieg über t die Zähigkeit ihres Lebens davongetragen hätte. t, Die Ermüdung eines ſcharfen Rittes und die friſche Luft wir⸗ er ken eben ſowohl auf einen acht und zwanzigjährigen, ſich ſehr l⸗ wohl befindenden Oberſten und regierenden Herrn, als auf den ne Sohn eines Bauern, der in ſeinem Regimente in Reihe und u⸗ Glied reitet. Der Graf folgte dem Beiſpiele des Prinzen und ward etwas erheitert durch deſſelben fortwährende gute Laune. re Um die des Wirthes gleichfalls ein wenig zu verbeſſern, lobte er cht das Gewächs einheimiſcher Berge, das in irdenen Krügen auf 2* 12 dem Tiſche ſtand, und der Andere verſetzte mit einer Art Regen⸗ tenſtolz:„Er iſt nicht ſchlecht, doch ſo trinkt ihn in dieſer Graf⸗ ſchaft jeder meiner Bauern. Ihr werdet heute überhaupt nicht viel beſſer bewirthet werden, als ein ſolcher. Nur um Eins kann ich unſere Mahlzeit ein wenig ſtatthafter machen. Meine Ahnen hielten viel auf einen guten Keller, mein Bruder aber war kein Trinker und nicht ſonderlich gaſtfrei. Iſt Euch ein Becher edeln Rebenſaftes gefällig, wenn Euer Arzt es erlaubt?“— Der Prinz warf einen verſtohlnen Blick auf den Hausverwalter, ſah ſprechende Beſtürzung auf ſeinem Angeſicht und erwiderte, ſich in die Lippen beißend:„Freund Wahrmann wird es ſchon geſtatten, wenn nur ſonſt kein Hinderniß da iſt.“—„So geht denn,“ befahl der Graf, „und bringet von dem Tokayer des Großvaters; ein ſolcher Trank wird meinem fürſtlichen Gaſt auch aus irdenen Bechern behagen.“ Der Diener aber ging nicht; er ſtand eine Weile betreten und ſagte dann kleinlaut;„Ich kann des gnädigſten Herrn Befehl nicht nachkommen.“ „Wie ſo?“ fragte dieſer raſch, obſchon nicht ſo zornig als früher:„Ich fürchte doch nicht, daß die Viceherren dieſes Schloſſes in wenigen Jahren ausgetrunken haben, was in beinahe einem Jahrhundert zuſammengebracht worden?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Alte;„ich gewiß nicht, glaube es mir Ihro Erlaucht. Seit dem Tode des alten Keller⸗ meiſters hat der geſtrenge Herr Schöſſer die Weinkeller in ſeine Obhut genommen.“ Da brach der Prinz in ein lautes und unaufhaltbares Geläch⸗ ter aus, der Graf zog die Augenbrauen ein wenig und ſagte trocken:„Es freut mich, Eure Durchlaucht ſo fröhlichen Humors zu ſehen.“ „Ach verzeihe mir, mein hochgebietender Oberſt und reichs⸗ gräfliche Erlaucht,“ rief Ludwig noch immer lachend,„aber wahr⸗ lich, man hört hier den Namen dieſes Schöſſers ſo oft, als den gte rs ⸗ hr⸗ en 13 des Marquis von Carabas im geſtiefelten Kater der Frau Gräfin von Aulnoy.“ „Gewiß,“ antwortete Raymund noch finſterer,„gewiß, man hört ihn nur zu oft, auch wird die Reihe an ihn kommen. Doch ſcheint es, als habe das Beiſpiel von oben abwärts gewirkt. Laßt uns mit dem beginnen, was uns zuerſt aufſtößt.“ Der Prinz, dem, wie jedem Gaſte, ein unmuthiger Wirth kein angenehmer Anblick war, ſtand auf vom Tiſche und wendete ſich zu Wahrmann, der nebſt dem Wachtmeiſter, welcher beinahe nichts zu ſich genommen, ſeinem Beiſpiel folgte, ihm zuflüſternd: „Ich wette, jetzt wird mein Vetter mir eine Lection im Re⸗ gieren geben, an welcher mir jedoch wenig gelegen, da es ſehr unwahrſcheinlich iſt, daß ich ſie jemals in Ausübung bringe.“ „Ich fürchte,“ ſagte der Wundarzt bedeutend,„noch ernſtere Lectionen werden folgen, dieſe iſt nur eine Vorbereitung, und der ſie leider bezahlt, ein wackrer Mann.“ „Sprech Er,“ herrſchte der Reichsgraf dem Alten zu:„Wie oft mag es in dieſem Hauſe, ſeitdem Er deſſen unnützer Knecht iſt, ſich ereignet haben, daß dem Gebieter deſſelben auf jeglichen Befehl eine Ausflucht zur Erwiderung wird?“ Thränen traten bei dem harten Ausdruck in die Augen des Alten und er entgegnete außer Faſſung:„Niemals, ſo wahr Gott lebt, niemals, und Eure Erlaucht ſind der Erſte, dem das paſſirt. Aber kann ich denn dafür? War es nicht Höchſtdero Be⸗ fehl, des gnädigſten Herrn Ankunft Niemand zu vermelden bei höchſter Ungnade, ſelbſt nicht dem Herrn Schöſſer?“ „Immer dieſer verhaßte Name!“ rief Raymund und ſchlug im aufwallenden Zorne ſo heftig auf den Tiſch, daß die Krüge gegen einander klirrten:„Es iſt nicht nöthig, ihm fremde Schuld aufzubürden, er hat genug zu tragen an der eigenen. Er iſt mein Schöſſer und Landpfleger, wer iſt Er aber in dieſer Burg, Er?“ 14 Es war, als läge in dieſen Worten, ſo rauh ſie geſprochen wurden, etwas Beruhigendes für den Alten, denn er ſprach ge⸗ faßter:„Der Verwalter dieſes hochreichsgräflichen Schloſſes bin ich, ein langjähriger treuer Diener Eurer Erlaucht, Dero Herrn Vaters und Großvaters, und wenn ich ein unnützer Knecht bin, ſo iſt es erſt ſeit funfzehn Jahren.“— Etwas verwundert über dieſe Feſtigkeit und die Bezeichnung ſeines Regierungsantrittes, und in weniger hartem Tone ſagte der Graf:„Der Schloßver⸗ walter ſeid Ihr alſo, und ich meine, dieſem gebührt die beſondere Aufſicht über das Schloß und was es enthält, nicht dem erſten Juſtizbeamten der Grafſchaft. Ihr ſeid ein alter Mann, d'rum will ich nicht ſtreng mit Euch rechten, aber ſeine Pflicht zu ver⸗ nachläffigen, ſteht übel an bei grauem Haar.“ Mit wachſendem Muth erwiderte Jener:„Eben als ich meine Pflicht vernachläſſigte, hab' ich ſie erfüllt, denn ich that nach mei⸗ nes Landesherrn Befehl.“ „Mein Befehl? Wunderlich genug. War es mein Befehl, daß der Verwalter meines Hauſes es plündern ließe und veröden, ſo daß, wenn ich hereintrete mit einem erlauchten Gaſt, es ihm gleich einer Bettlerherberge erſcheine?“ „Eurer Erlaucht Befehl, geſchrieben und beſiegelt mit eigner hoher Hand und Wappen, war, den Schöſſer als des Landesherrn Stellvertreter anzuſehn und demſelben zu gehorchen, wie ihm ſelbſt.“ Prinz Ludwig's etwas ſcharfe Zunge liſpelte:„Aha, ich merke nun, wer eigentlich die Lection bekommen wird.“ „Weiter!“ ſprach der Reichsgraf, nachdenklich werdend und ſogar in einiger Verlegenheit. „Es ſchmerzte mich freilich wohl,“ fuhr der Greis betonend fort,„als mir das Amt der Schlüſſel abgenommen ward durch den, welchen mein gnädigſter Graf mit ſeiner Gewalt bekleidete, und ein unnützer Knecht zu werden, wo ich ſo manches Jahr ein 15 thätiger geweſen; aber nicht mir allein ging es ſo, allen alten Dienern des Hauſes, denn wir waren ja an des Herrn Schöſſers Befehle gewieſen. So that auch ich, was die Andern thaten, und gleichſam unſere eigenen Geſpenſter im öden Schloſſe, all⸗ jährlich einmal citirt in den Bankettſaal, um an der Tafel, da wir ſonſt mit Freuden unſern Dienſt verrichteten, nun mit ſchwe⸗ rem Herzen des Landesherrn Geburtstag zu feiern, an welchem der Herr Schöſſer der Welt zeigen will, daß er die, die ſo lange und länger noch als er in gräflichen Dienſten ſtehen, verſäume und verachte, wie es doch das ganze Jahr über geſchieht.“ Die Wolken auf Graf Raymund's Stirn wurden immer dichter; der Alte glaubte, ſich zu frei herausgelaſſen zu haben, und fuhr ſcheuer fort:„Konnt' ich aber das Haus verlaſſen, in dem ich jung worden, in dem meine Vorfahren den erlauchten Grafen ſo lange gedient, und ich nun in dem jetzt regierenden Herrn dem vierten? Ich kenne nicht viel von der Welt außer den Ringmauern dieſes Schloſſes, ſollte ich nun in meinen alten Tagen da weg⸗ ziehen, wo Alles mich an eine alte gute Zeit erinnert? Auch das kümmerliche Gnadenbrot ſchmeckt dem Greis beſſer da, wo er ſein Gutes genoſſen. Vierundſechszig war ich ſchon, als der hochſelige Herr das Zeitliche geſegnet, und ſeitdem iſt es über funfzehn Jahre.“ „Kümmerliches Gnadenbrot im achtzigſten Jahre des Lebens und beinahe eben ſo viel des Dienſtes?“ rief der Oberſt heftig ergriffen.„Alſo habt auch Ihr Euch über den Schöſſer zu be⸗ klagen?“ „Ich klage nicht,“ antwortete der Verwalter ängſtlich.„Er war ja über uns zum Herrn geſetzt, und längſt ſchon dachte ich keinen Andern mehr zu haben, und ſo wie ich, denken in der Grafſchaft noch Viele.“ Die Härte des Vorwurfs, der unwillkürlich den Lippen des Greiſes entſchlüpft war, traf Raymund gewaltſam; er zuckte raſch 16 und zornig empor und ſtampfte mit dem Fuße, einen flammenden Blick um ſich werfend. Der Alte erſchrak und ſagte noch ängſtlicher:„Ich klage ja Niemand an; was ich geſagt, geſchah nur, um mich zu ercuſiren, daß ich meiner Obliegenheit ſo ſchlecht nachgekommen bin; auch bin ich ja zufrieden, denn ich tauge wenig mehr, und bitte nur um eine einzige Gnade: Eure Erlaucht wollen dem geſtrengen Herrn Schöſſer nicht wiſſen laſſen, was ich geredet, denn wenn Höchſtderſelbe wieder nach Wien reiſet, muß ich mit meiner be⸗ jahrten Frau doch noch das Schloß meiden.“ Der Graf wandte ſich und that einige Schritte, doch das Auge des Prinzen vermeidend, obgleich derſelbe, ernſter geworden, es aus Zartgefühl zu Boden ſenkte; dann ſprach er, als wolle er einen Theil ſeiner Unzufriedenheit mit ſich auf einen Andern über⸗ tragen, im Tone des Vorwurfs zu Wahrmann:„Ihr habt mir nicht Alles geſagt, Chirurg.“ „Ich habe,“ antwortete dieſer,„ich habe mich ſtreng an den Befehl Eurer Erlaucht gehalten, nur den offenbaren Eingriff in Recht und Geſetz Euch vorlegend; wußte ich doch, das ſillere. Unrecht würde dem Scharfblick des gegenwärtigen Herrn nicht ent⸗ gehen, und für ſolches iſt wohl dieſer wackere Greis ein gültigerer Zeuge, als ein fremder und viel jüngerer Mann.“ Rahmund trat an den Tiſch, füllte zwei irdene Becher, reichte den einen dem Schloßverwalter und ſprach:„Eure Geſchirre find ſchlecht, Alter, aber Euer Wein iſt gut. Die Zeiten ſind hier, glaub ich, auch ſchlecht, ſtoßet denn mit mir an auf beſſere Zeiten.“ Der Alte ſah verwundert und beſtürzt in das Angeſicht des Herrn, da er aber auf demſelben dem hellen Sonnenſchein der Milde begegnete, das Gewölk des Unmuths durchbrechend, wollte er reden, doch die Stimme verſagte ihm, er nahm mit zitternder Hand den Becher, hob das Auge empor und leerte ihn haſtig. Und während der regierende Herr und ſein Diener tranken, ſang 17 der Prinz leiſe vor ſich hin:„ou peut-on étre mieux, qu'au sein de sa famille.— Ich fürchte, Freund Wundarzt, kaiſerliche Majeſtit ſind um einen Generalfeldwachtmeiſter ärmer.“ „Auf beſſere Zeiten,“ wiederholte Graf Raymund mit ſtarker Stimme.„Und ſie ſollen nicht vorübergehen. Ich reiſe vor der Hand nicht nach Wien, ich bleibe hier, wenn,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„wenn ſich ein anderer Tiſch und andere Stühle für mich finden— und auch für Euch, denn dieſe müſſen in die Rumpel⸗ kammer.“ „Darf ich denn,“ ſtammelte der Greis,„darf ich denn alſo— mich ſo recht von Herzen freuen?“ „Du darfſt, Alter,“ ſagte Raymund ſo ſanft und freundlich, als er vorher rauh und finſter geweſen.„Würd' ich mich doch auch freuen, wenn nicht——“ hier verdüſterte ſich ſeine Miene wieder ein wenig und er brach ab. Da warf ſich der graue Diener zu den Füßen ſeines Herrn nieder und umſchlang ſeine Kniee und rief:„So ſei mir denn dieſer Tag geſegnet, und auch Andere werden ihn ſegnen, ja die ganze Grafſchaft mit mir.“ Als ihn der Graf nun aufhob, umfaßte er die Hand deſſelben und bedeckte ſie mit Küſſen und jauchzte:„Jetzt, jetzt ſehe ich Euch wieder vor mir, wie Ihr auf meinem Knie ſaßet und Euch von mir erzählen ließet, Mährchen und Fabeln, und dazu lachtet, denn Ihr waret immer munterer als der hochſelige Bruder, der, obſchon gar wacker und ehrenwerth, doch von Kindheit auf ein gar ernſthafter Herr war. Da iſt es mir nun— verzeihet dem alten Kopf, der in der Runde geht mit mir— da iſt es, als dürfte ich Euch wieder erzählen, eben wie damals, aber keine Mährchen und Fabeln, denn Ihr ſeid nun groß und mein gnädig⸗ ſter Landesherr. Aber,“ ſetzte er hinzu, abermals von der Scheu befangen, die des Grafen ſtattlich ſtolzes Weſen ihm eingeflößt hatte,„aber das ſchickt ſich wohl nun nicht mehr. Zürne nur 18 Eure Erlaucht dem alten Knaben nicht, den die Freude verwirrt macht.“ Raymund erwiderte ernſt:„Leider hab' ich ſchon genug gehört, was nur allzu wahr ſein mag, und weit entfernt, Euch zu zür⸗ nen, Schloßverwalter, werde ich Eures Berichts über manche Dinge bedürfen.“ Dieſer ſtand eine Weile nachſinnend, dann ſagte er langſam: „O, es wäre gar Vielerlei, aber mein altes Gehirn kann es nicht ſo recht faſſen, und ich würde es ſchlecht vorbringen, auch finden ſich dazu wohl geſchicktere Leute, die nun den Mund aufthun werden, den man ihnen verſchloſſen hat ſo lange. Aber Eins, Eins brennt mir auf der Seele, es betrifft ein Menſchenleben, das dieſer Tag des Heils, beſtimmt, es zu beendigen, vielleicht rettet!“ „Ein Menſchenleben, ſagt Ihr?“ verſetzte der Landesherr noch ernſter;„da iſt es meine Pflicht, es Euch zu befehlen, daß Ihr ſprechet, und die Eure, mir ungeſäumt zu gehorchen.“ Darauf ſprach der Alte eifrig:„Nun ja, ich gehorche; hat es mir doch Der befohlen, der hier zu befehlen hat einzig und allein. Mag es auch der Schöſſer erfahren, ich mache mir nichts daraus, hab' ich doch meinen Herrn wieder, meinen wahren, eigentlichen Herrn. Hat Ihro Erlaucht etwas von dem Freiſaſſen Veit Fraſer vernommen und ſeinem Proceß? Aber wohl ſchwerlich.“ „Und doch hab' ich davon vernommen,“ antwortete Graf Ray⸗ mund nicht ohne einige Beſchämung;„er iſt der Zauberei angeklagt.“ „Ja,“ war die ſchnelle Antwort,„ja, angeklagt iſt er der Zauberei, und derſelben auch geſtändig, wie ſie ſprechen;— aber man hat hier ſo Manchen angeklagt und überführt— und doch—— da war der Freiſaſſe Paul Seld zum Beiſpiel(hier klirrte der Pallaſch des Wachtmeiſters in der das Gefäß umſpannenden Hand), er war ein Mann, dem Niemand Böſes nachſagte— und er iſt todt, und ſeiner armen Wittwe, obſchon ſie in der Frohnfeſte ſitzt, 49 hat der liebe Gott den Wahnſinn zugeſchickt, damit ſie nicht vor Leid vergehe über den Mann und die verſchollenen Kinder.“— Aus der Ecke des Zimmers ertönte ein leiſes Schluchzen, wie ge⸗ waltſam ſich aus widerſtrebender Soldatenbruſt ringend. Der Reichsgraf legte die Hand an die Stirn und ſprach mit dumpfer Stimme:„Weiter.“ „Nun,“ fuhr der greiſe Berichterſtatter fort,„den Fraſer nannte auch Alles im Dorfe einen guten Nachbar und gottes⸗ fürchtigen, wohlthätigen Mann, der Niemandem ein Leid zugefügt, und doch iſt er eines Bündniſſes mit dem Satan bezüchtigt und das Urtheil iſt geſprochen, und obwohl, wie man ſagt, nicht ein⸗ mal das löbliche Juſtizamt einig geweſen, ob er ſchuldig oder nicht, hat der Wille des Einen für Alle gegolten, und er wird doch heute Morgen juſtifieirt.“ „Heute Morgen?“ riefen zugleich der Graf, der Prinz und Wahrmann, und die beiden Letztern traten näher. Der Schloßverwalter beſtätigte:„Wie ich geſagt, meine gnä⸗ digſten Herren; heute in der ſiebenten Morgenſtunde. Schon be⸗ ginnt das Gericht ſich zu verſammeln, und wenn Eure Gnade——“ „Um Gotteswillen!“ rief Wahrmann außer ſich,„welche Eile des Haſſes und nichtswürdiger Rachſucht!— Gnädigſter Graf—“ „In der ſiebenten Morgenſtunde, und das Gericht verſammelt ſich ſchon?“ unterbrach ihn Graf Raymund und ſah nach ſeiner Uhr;„die fünfte iſt noch nicht zu Ende, und es iſt leicht mög⸗ lich, daß dieſer kleine Zwiſchenraum zum großen Unterſchied werde. Was meint Ihr, mon Prince? Man iſt hier nicht ſaumſelig und macht mit dem Leben eines Menſchen wenig mehr Umſtände, als wir noch vor kurzer Zeit in Schlacht oder Scharmützel. Doch däucht mich, iſt das etwas verſchieden von einander, und die Herren von der Feder ſollten länger um ſich ſchauen, bevor ſie ſich derſelben gleich des Schwertes bedienen. Ich hätte Luſt, ein⸗ mal ſtatt zu Pferde vor meinem Regiment, oder im Kreiſe der 20 ſchönen Damen in Wien, zu Gericht zu ſitzen, und vor allen Dingen die böſen Geiſter, welche ihr Weſen hier treiben, zu bannen, ſie heißen nun wie ſie wollen.— Geh', Alter, und ſieh' nach, wie weit es iſt mit dieſem hochpreislichen Gericht. Doch ſchweig von meinem Hierſein, ich befehl' es Dir an.“ Als der Kaſtellan das Zimmer verlaſſen hatte, trat der junge Küraſſier vor, legte die Hand an den Helm und ſprach:„Mein hochgebietender Oberſt und Herr, ich bitte——“ „Ihr habt Recht, braver Wachtmeiſter,“ fiel dieſer ein,„die ältere Unbill geht der neuern voran. Es war wohl meine Abſicht, mich hier nicht unmittelbar in das Treiben der Juſtiz zu miſchen, da dies aber, wie ich wahrnehme, ohnedies ſchlecht genug geht, iſt daran ſchwerlich etwas zu verderben.“ „Wann verdürbe auch die Ausübung des heiligen Gnaden⸗ rechts etwas?“ fragte Wahrmann. „Saget das nicht,“ verſetzte der Graf mit der ihm eigenthüm⸗ lichen Würde;„die Gnade eines Herrſchers, klein oder groß, iſt der Thau, der zwar die Saat gedeihen macht, aber auch dem Unkraut Wachsthum verleiht. Hier iſt jedoch der Fall anders. Ich habe niemals viel von Herenproceſſen und dergleichen gehalten; manchen verſtändigen und für fromm geachteten Mann habe ich ſehen den Kopf darüber ſchütteln und lächeln, und ich will nicht, daß man darüber lächle, was in meinem Lande vorgeht.“ „Uebrigens,“ fiel Prinz Ludwig ein,„wäre es auch für ſeine hölliſche Majeſtät, als einen großen Herrn, unſchicklich, daß er ſich um ſolche Misöre bekümmere, und Mäuſe giebt es wohl ohnehin genug in dieſer höchſt ehrwürdigen Burg, um ohne des Teufels Bemühen die ganze Umgegend im Nothfall damit zu verſehen.“ „Was Euch betrifft, Seld,“ wendete der Graf ſich zu dieſem, „ſo bin ich es dem wackern Reiter des Kaiſers ſchuldig, daß er ſeine Mutter in kürzeſter Zeit umarme, und iſt das Andenken 21 deſſen, den ein Ehrenmann Vater nennt, wirklich zur Ungebühr befleckt, ſo wird, ſo wahr ich Oberſt eines tüchtigen Küraſſierregi⸗ ments bin, die Schande auf den zurückfallen, der es gethan.“ „Nun, Freund Schloßverwalter,“ redete er den Zurückkommen⸗ den an,„wie ſteht es mit der Juſtiz?“ „Das Gericht iſt beiſammen,“ erwiderte dieſer, ſich ehrerbietig neigend,„und eben wird der Beklagte vorgeführt.“ „Nur der oberſte Richter fehlt noch,“ ſprach Raymund;„er wird aber erſcheinen. Zuvor indeß liegt etwas Anderes mir ob. In welchem Gewahrſam befindet ſich des Freiſaſſen Wittwe? Den Mann kann ich ihr nicht wiedergeben, doch führ' ich den Sohn ihr zu.“ „Den Sohn?“ fragte der Verwalter verwundert.„Ja, meiner Treu', das iſt ja der tüchtige junge Burſche, der lieber mit der Schweſter Haus und Hof und Land verließ, als ſie. Vergebt, Herr Wachtmeiſter, oder was Ihr ſeid, aus Euch iſt ein ganzer Mann geworden, und Ihr ſtehet nicht niedrig in des Kaiſers Dienſt. Was wird das die gute Mutter tröſten; der Grafſchaft kommt der Vater zurück, und der Mutter der Sohn. Ja, ja, das iſt ein Tag, der wohl manchen Verrückten geſcheit machen wird und manchen Geſcheiten verrückt.“ Der Graf ſagte nach einigem Beſinnen:„Ich fürchte, meine Abweſenheit hat viel Böſes veranlaßt; es iſt daher billig, daß, wo es gutmachen gilt, ich gegenwärtig ſei in Perſon. Die Zeit drängt, drum eilet, Kaſtellan, einen der Diener in aller Stille zu wecken, daß er mich führe.“ Da ſtand der Greis wieder unſchlüſſig, wie bei den frühern Befehlen, und ſchaute zu Boden; der fürſtliche Oberſtwachtmeiſter aber rief vorlaut:„Was gilt es, auch das lebendige Inventarium hat der geſtrenge Herr Schöſſer im Verſchluß?“ „Das nun wohl nicht, Durchlauchtigſter,“ verſetzte der ehrliche Alte,„aber ich möchte gern meinen Herrn ſelbſt begleiten bei ſei⸗ 22 nem erſten ſegensreichen Gange auf eigenem Grund und Bobden. Laſſet mich Euch führen, gnädigſter Graf, weil Ihr hier doch nicht Beſcheid wißt; laſſet mich rufen: Thuet euch auf, ihr Pfor⸗ ten, damit der Geſegnete des Herrn einziehe,— weil Euch doch Niemand hier kennt.“ Etwas erröthend, beſchied ihn Raymund:„Ich nehme Eure Begleitung an. Und nun bonne nuit, mon Prince, legt Euch ſchlafen, und morgen denke ich Euch die Honneurs des Hauſes beſſer zu machen.“ „Mit nichten, bonne nuit, mon Comte,“ verſetzte Ludwig in ſeiner gewohnten ſcherzhaften Weiſe;„ich gehe nicht zu Bette, ſondern mit Euch, Geſegneter des Herrn, obſchon der Grund und Boden in Eurem Schloßhof gar holprig und voller Gerülle iſt. Ich meinte vorhin, Ihr könntet noch ein wenig warten mit dem Regieren, nun aber kommt es mir vor, als ſei es hohe Zeit, daß Ihr damit anfangt, und ich will dabei ſein, um zu ſehen, ob es Euch eben ſo wohl anſteht, als das Commando an der Spitze Eures Regiments. Auch iſt es wohl meine Schuldigkeit,“ ſetzte er hinzu, die Hand freundlich auf des Wachtmeiſters Achſel legend,„daß ich der Mutter desjenigen, der mein junges, und der Welt, hoff' ich, ganz unentbehrliches Leben mit ſeinem Arme gerettet hat, den meinigen gebührend präſentire, um ſie aus dem Kerker zu führen.“ Geleitet von dem Greiſe, der, eine Blendlaterne in der Hand, ihnen ſtolz und freudig voranſchritt, gingen die höchſten, hohen, wackern und ehrbaren Perſonen durch die noch dämmernden Höfe der Frohnfeſte zu, außerhalb der Ringmauer des Schloſſes, aber unfern gelegen. Die Begleitung des Kaſtellans war nicht überflüſſig. Der Frohn befand ſich ſchon im Gerichtsſaale, und ſeine Frau, deren Gemüth in der langen Ausübung eines traurigen Gewerbes eben ſo verſauert, als das ſeine verſteinert war, verweigerte, aus dem 23 Morgenſchlafe geweckt, in höchſt übler Laune und keifendem Tone die Oeffnung der Pforte. Da flüſterte die bekannnte Stimme des Alten durch das Schlüſſelloch ihr einen Namen zu, und er that dieſelbe Wirkung, als der, welchen einſt El Bondocani, der Räu⸗ berhauptmann, auf die nämliche Weiſe dem Polizeimeiſter von Bagdad zuraunte*). Es ließ ſich drinn ein Schrei der Beſtürzung uus zahnloſen Kiefern vernehmen(denn die biſſigſten Frauen ver⸗ lieren gewöhnlich am früheſten die Zähne), dann drehte ſich die Pforte in ihren kreiſchenden Angeln, gleichſam widerwillig, wie die Pförtnerin. Die drei Küraſſiere eilten bei ihr vorüber, der Wachtmeiſter voran, denn hier gab die Natur, die Ceremonie bei Seite drängend, dem Sohne den Vortritt, Wahrmann aber fand für gut, ſich der Schließerin als Wegweiſer zu verſichern, ſtatt ihr zu erlauben, daß, wie ſie wohl gern gethan, ſie erſt ihrem Ehegemahl die ſeltſame Neuigkeit zutrage und ſodann den ge⸗ ſammten Einwohnern des Burgfleckens. Der junge Menſch eilte zu dem ärmlichen Strohlager, auf welchem ſeine Mutter in Ketten lag, neben ſich einen Krug Waſ⸗ ſers, denn darauf hatte ſich des Schöſſers obrigkeitliche und des Baders gerühmte ärztliche Fürſorge beſchränkt; er hob ſie empor und ſchloß ſie in ſeine Arme. Auch erkannte ſie ihn alsbald mehr an der Sprache und ſeinen Liebkoſungen, als an des kaiſerlichen Reiters umgewandelter Geſtalt. Die Erſcheinung des rüſtigen, ehrenhaften Sohnes warf Licht nicht nur in die Nacht ihres Ker⸗ kers, ſondern auch in die Dämmerung ihres Geiſtes, und ihr Herz that ſich der tröſtlichen Kunde auf, die der wiedergeſchenkte Sohn ihr von der nicht verlornen Tochter brachte. Es war keine Tolle, die ſich bald darauf zu den Füßen des Grafen warf; höchſtens etwas überſpannt war die Weiſe, in der Seinen eigentlichen, des Kalifen Harun al Raſchid. S. Blaue Bibliothek. 24 ſie ſagte:„Dreimal gebenedeit ſei Gott und die Schaar ſeiner Heiligen, daß ſie uns dieſen Tag ſchauen ließen, der Licht bringt in die Gemächer des Jammers, daß ihre Bewohner ſich erfreuen und Molche und Schlangen ſich verkriechen. Bisher waren die Todten glücklich zu preiſen, nun aber werden es auch die Leben⸗ den ſein, denn das Reich des Unrechts iſt vorüber.“ Der Reichsgraf, für welchen jede ausſchweifende Freudenbezei⸗ gung über ſeine Ankunft einen ſtillen Vorwurf enthielt, befahl der Frau des Frohns, die Gefangene der Feſſeln zu entledigen, und Alle verließen den Kerker, die glückliche Mutter geführt von dem Sohn und dem Prinzen, welcher dabei beharrte, ihr ſeinen Arm zu leihen. Der Rückweg war nicht ſo ſchnell zurückgelegt, die Schwäche der Wittwe nöthigte ihre geduldigen Führer zum öfteren Ausru⸗ hen. Dies fand auch ſtatt in dem langen, dunkeln Gange des Erdgeſchoſſes. Während Prinz Ludwig hier der Kraftloſen ein goldenes Flacon vorhielt und ſeine ſorgfältige Hand ihre Schläfe mit einem Theile ſeines Inhaltes rieb, vernahm der Graf und Wahrmann jenſeit einer kleinen niedrigen Eiſenthür einen lang⸗ gedehnten Ton, dem Wimmern eines Sterbenden gleichend, und wie hervorkommend aus unterirdiſcher Tiefe.„Was iſt das?“ fragte Raymund das Weib des Kerkermeiſters. Dieſe ſagte, das Behältniß ſei nichts als ein Stall, worin ſich dermalen nur drei Kälblein befänden zum Schlachten beſtimmt, und man ſtand im Begriffe, weiter zu gehen. Da richtete die Wittwe ſich empor, zurückkommend aus ihrer Ohnmacht, und ſprach nachdrücklich und langſam:„Glaubet ihr nicht; fort und fort begegnet hier Lug und Trug dem Ohre des Herrn, und nur ſein Auge mag die Wahrheit ergründen. Nicht was Jene ſpricht, wird es ſehen, ſondern drei unſchuldige Lämmer, die das Meſſer der Bosheit ge⸗ troffen und der Stachel der giftigen Schlange, und das Blut ſtrömet dahin in roſenfarbenen Wellen und ſchreiet um Rache!“ 25 Aufmerkſam geworden, befahl der Graf zu öffnen; zwar ſuchte die Schließerin noch Ausflüchte, innerlich ihre Schwatzhaftigkeit, oder vielmehr ihre ſchadenfrohe Qualgier verwünſchend, welche ſie vermocht hatte, der, wie ſie meinte, für immer Eingeſperrten die betrübende Nachricht mitzutheilen, aber der drohende Ton des Gebieters und Wahrmann's kräftiger Armdruck überzeugten ſie von der Nothwendigkeit des Gehorchens und ſie unterwarf ſich derſel⸗ ben widerſtrebend und in ſich hineinmurmelnd:„Nun, wenn ſolche vornehme, gnädigſte Herren ſich durchaus mit Zaubererbrut abge⸗ ben wollen und Herengeſchmeiß, ſo mögen ſie es denn haben.“ „Schatz,“ ſagte der Prinz,„das mag Dich nicht Wunder nehmen, da wir doch Deine Bekanntſchaft gemacht.“ Die Worte des Weibes hatten in Petrus Wahrmann die ſchlimmſte Ahnung erregt; er flog den Andern voraus auf die hinabführenden Stufen, aber kaum hatte er die dritte erreicht, ſo hörten ſie ihn einen Schrei des Entſetzens ausſtoßen, mit welchem er vollends hinunterſprang auf den Boden. Auch war es ein ſchauderhafter Anblick, der ſich den Nachkom⸗ menden darbot in der trüben Dämmerung, welche der völlig an⸗ gebrochene Tag durch eine vergitterte Oeffnung in das unterirdiſche Behältniß warf. In der Mitte deſſelben ſtand ein kupferner Keſſel, zum vierten Theile beinahe angefüllt mit blutigem Waſſer, und aus der purpurnen Fluth tauchten zwei lilienweiße Kinder⸗ häupter empor, beide mit halbgeöffnetem Munde, das Eine mit gebrochenen, das Andere mit brechenden Augen. Neben dem Keſſel auf dem ſteinernen Pflaſter lag eine lebloſe weibliche Geſtalt. Das Lächeln im Antlitz des Prinzen wich vor der Erſtarrung des Grauens, und ſein ſonſt ſo lebhafter Blick haftete glanzlos an dem entſetzlichen Schauſpiel; der Wachtmeiſter vergaß für einen Augenblick, ſeine Mutter zu ſtützen, dieſe aber hielt ſich aufrecht und ſprach, eine Hand ausſtreckend, in feierlich klagendem Ton: „So hat, wie ich es geſehen, es ſich denn erfüllt im Hauſe des 11. 26 Fraſer: die Schlange hat die Unſchuld zu Tode geſtochen, nach deren Blut ihr gelüſtete, das Röslein iſt verblichen vor der Bos⸗ heit verderblichem Hauch, und obſchon der Garten wieder grüne und blühe, nimmer vergeht die purpurfarbene Spur. Doch Eins iſt gut, der Tag der Rache iſt da, der Rache!“—— „Nicht über mich,“— ſtöhnte der Reichsgraf, deſſen Entſetzen das der Andern überſtieg,—„Richter im Himmel, nicht über mich dies Blut. Zürnet mir nicht, meine Ahnen, daß Euer Haus zur Mördergrube geworden, fluche mir nicht, mein Volk, denn ich wußte nicht, daß ich Dich ſolchen Händen überantwortet; bei⸗ den will ich genug thun, Euren Unglimpf rächend und Deine OQual!— Aber jetzt“— ſetzte er, ſich faſſend, hinzu,—„iſt vor Allem auf Rettung zu denken.“ Petrus, der Wundarzt, war ſchon mit derſelben beſchäftigt. Als er ſich ſchnell überzeugt, daß Marie nur von tiefer Ohnmacht befangen ſei, gehorchte er der dringendern Pflicht, zu den Kindern eilend. Georg athmete noch ſchwach, die kleine Margareth aber war ſchon hinübergegangen in das Himmelreich, das ihr beſchie⸗ den war und nach dem ſie ſich geſehnet. Schnell war des Chi⸗ rurgen Bindzeug erſchöpft, die Adern des Knaben zu ſchließen, und das Mangelnde erſetzten die Spitzenkrauſen des Prinzen und des Grafen und das Ordensband des Erſtern, der neben dem Bleichen kniete und den Reſt ſeiner Phiole anwandte, um ihn zu beleben. Während dieſer Bemühung vergaß man aber der Frau des Schließers; ſie entſchlüpfte und war es, durch welche der Schöſſer die Kunde erhielt, die ihn ſo plötzlich aus dem Gerichtsſaal entfernte. Die bevorſtehende Hinrichtung hatte, außer den Bewohnern des Burgfleckens, noch viele Schauluſtige aus der Umgegend her⸗ beigezogen, und Kopf an Kopf ſtand die Menge auf dem Markt⸗ platz. Zwar waren unter derſelben nicht Wenige, welche den ich ⸗ ne ns en er nn ei⸗ ne t. ht rn ie⸗ i⸗ n, nd n es er al 27 Delinquenten ihren Wohlthäter genannt hatten und auch noch ſo nennen konnten, wenn ſie gewollt hätten; noch Mehrere zweifelten nicht im Mindeſten an ſeiner Unſchuld, doch auch dieſe, ſich mit ſich ſelbſt durch ein kurzes Bedauern abfindend, harrten nichts deſto weniget ungeduldig eines Schauſpieles, welches als ſolches über⸗ all und immer dem Pöbel gefällt. So waren denn die Blicke von mehr als zweitauſend Augen auf die kleine Kapellenpforte gerichtet, aus welcher man jeden Augenblick den Verurtheilten heraustreten zu ſehen hoffte, im weißen Sterbegewande mit ſchwar⸗ zen Bändern beſetzt, welches, obſchon Jeglicher es für ſich ſelbſt verbittet, doch im Allgemeinen fur ſehr wohlkleidend gehalten wird. Dieſes wichtigen Grundes zur Aufmerkſamkeit ungeachtet, ward dieſelbe durch eine anderweitige hier höchſt ſeltene Erſcheinung abgewendet. Es nahte ſich nämlich auf dem ſteilen Wege des Schloßbergs ein Haufen Reiter, wohl an dreißig Mann ſtark, ihm folgten mehrere Wagen mit glänzenden Wappenſchildern be⸗ deckt, und zuletzt einige anſehnliche Männer an der Spitze einer Anzahl von Reitknechten, Roſſe der edelſten Gattung neben den ihren an der Hand führend. Noch hatte die große Neuigkeit des Tages die Mauern des Schloſſes nicht überſchritten, Niemand ahnete demnach, es ſei das Gefolge des Grafen, das eben auf allen am jenſeitigen Ufer aufzutreibenden Fähren gelandet, und man war noch zweifelhaft, ob dieſe Erſcheinung dem erſt ſeit Kurzem beendigten Kriege, oder dem noch ſehr jungen Frieden zu danfen ſei, als auf der entgegengeſetzten Seite ſich ein neues, wo möglich noch räthſelhafteres Schauſpiel darbot. Die finſtere Pforte der Eiſenfrohnfeſte, die Pforte, welcher der Meinung der Einheimiſchen nach dieſelbe Inſchrift gebührt hätte, welche Dante dem Thore der Hölle zueignet, that ſich weit auf, und ein ſeltſam zuſammengeſetzter Zug trat aus derſelben hervor unter die ſcheu ausweichende Menge. Vier Männer trugen eine Bahre, auf welcher zwei Kinderge⸗ * 28 ſtalten ruhten, die eine ſchon ſtarr und überhaucht mit der bläu⸗ lichen Farbe des Todes, die andere ſchneebleich, aber die Finger der über der Bruſt gefalteten Hände leiſe bewegend und die halb⸗ geſchloſſenen Augenlieder. Hinterdrein ſchritt der Allen wohlbe⸗ kannte Schloßverwalter, ſorgſam Acht habend auf die Tritte der vor ihm gehenden Träger, und doch mituntet einen freudigen triumphirenden Blick rechts und links werfend. Nach dieſem kam ein junger Soldat von gutem Anſehn und ein Anderer von nicht ſchlechterem, mit einem blitzenden Stern auf der Bruſt, und Beibe führten eine alte Frau, bei deren Anblick Hinz dem Kunz, und Hanne der Petronella in die Seiten ſtieß, flüſternd:„Wie iſt mir denn, iſt das nicht die Tolle vom Kirchhofe?“— Darauf folgte ein junger Mann in bürgerlicher Kleidung, der ein ohn⸗ mächtig Mädchen in den Armen trug, und neben dieſem ging noch Einer, noch jungen, aber finſtern und zornigen Anſehens, deſſen unter den wogenden Federn des Hutes flammend hervorblickendes Auge nur dann milder drein ſah, wenn es ſich auf das Mädchen richtete, deſſen ſchlaffes Haupt er mit einer Hand ſtützte. Einige Schritte waren die Bezeichneten ſo durch die gaffende Menge ge⸗ gangen, da wendete ſich der Beſternte zu dem Finſterblickenden und ſprach;„Es iſt nun wohl Zeit, ſich das Incognito abzu⸗ thun, denn da ſind Leute, die es fortan unnütz machen und un⸗ möglich.“ Und einige Augenblicke darauf ſtob die Menge auseinander, denn der finſter drein Schauende rief dem näher kommenden Rei⸗ tertrupp mit gewaltiger Stimme zu:„Trab, Marſch!“ und die Küraſſiere im Trabe zertheilten in ihrem Trabe ohne Mühe und Vorſicht das Volk, und abermals erklang es aus demſelben Munde: „Halt, Front!“ und der Trupp machte Halt und Front. Auf einen Wink des Nämlichen ſprengten zwei Reitknechte mit eben ſo viel Handpferden heran, und der Bekreuzte und der Beſternte ſchwangen ſich in den Sattel, nachdem ein Zeichen des Erſten 29 dem jungen Küraſſier die Erlaubniß ertheilt, bei der Frau zu bleiben, die ſeiner Unterſtützung bedurfte. Während die entfern⸗ tere Menge dies Schauſpiel verwundert anſtaunte, war den näher am Schloſſe Stehenden ſchon Kunde über die Hauptperſonen des⸗ ſelben geworden; ein erſt leiſes, dann lautes„Vivat!“ ließ ſich vernehmen, das lange verſchloſſene Hauptthor that ſich auf, und die Tragbahren in ſeinem Gefolge, mit gerunzelter Stirn und tief in die Augen gedrücktem Federhut, hielt der regierende Herr über die wankende und krachende Zugbrücke ſeinen feierlichen, aber langſamen und traurigen Einzug in die Burg ſeiner Väter. In demſelben Augenblick ſchritten zwei Männer dem neuen Povillon zu, der Eine kurz und dick, in Alongeperrücke und ge⸗ ſticktem Staatsrock, der Andere hoch und breitſchulterig, mit blat⸗ ternarbigem Geſicht und in der etwas vernachläſſigten Tracht eines Stutzers damaliger Zeit; der Erſte nahte ſich dem Zuge mit ge⸗ zogenem Hute, gekrümmtem Rücken und devoter Freundlichkeit, aber als er ſich dem Landesherrn näherte, that das Pferd deſſel⸗ ben einen ſo gewaltigen Satz, daß er betreten zurückfuhr und noch nicht ganz wieder zur Faſſung gekommen war, als der Graf und ſeine Begleiter im offenſtehenden Portal des Palaſtes ver⸗ ſchwanden. Bleich und mit wankenden Knieen und ſchüttelndem Kopfe ſchlich mit dem Sohne, der ſeine Beſtürzung mit einer Art re⸗ nommiſtiſcher Frechheit ſchlecht genug zu verdecken ſuchte, der Schöſſer dem Vorgemach zu. Hier ward ihm aber der Beſcheid, Seine Erlaucht ſei nicht zu ſprechen, und als er darauf den Vor⸗ ſatz äußerte, eine gelegene Zeit in ſeinem Hauſe abzuwarten, wurde ihm verſichert, dies ſei um ſo weniger thunlich, als daſſelbe auf landesherrlichen Befehl ſchon mit Wache beſetzt ſei, weswegen er denn wohl thun würde, eines Anderweitigen in einſtweiliger Ver⸗ wahrung zu warten. Etwa zwei Stunden ſpäter ſaß der regierende Graf in dem 30 zur Gerichtsſtube umgewandelten Bankettſaal, in dem bequemſten Lehnſtuhl, der ſich in dem ganzen ausgeleerten Schloſſe befand, in dem nämlichen, den der Schöſſer an der Oberſtelle der Seſ⸗ ſionstafel einzunehmen pflegte. Vor ihm lag eine ungeheure Maſſe Acten, welche er mit wenigem Glück durchzublättern ver⸗ ſucht hatte, und ihm gegenüber ſtanden die beiden rechtsgelehrten Beiſitzer des Juſtizamts. „Es ſcheint,“ ſprach Graf Raymund, der jetzt, Zorn und Rührung beſeitigend, Ton und Weſen des Herrſchers angenom⸗ men hatte,„es ſcheint, als ob Eure Anſichten ſehr verſchieden ſeien, Ihr Herren Licentiaten. Und doch liegt mir daran, die Meinung rechtsverſtändiger Männer in dieſer Sache zu vernehmen, welche ich bei meiner Ankunft mir ſelbſt vorbehalten, um nach der mir angebornen Gewalt Recht zu ertheilen oder Gnade.“ „Allerdings,“ antwortete der zweite Schöppe,„ſtehet Eurer Erlaucht das jus ex gratia absolvendi zu, und ſolch Vorrecht iſt eines der herrlichſten regierender Häupter; allein ſchwerlich möchte ſelbiges hier anwendbar ſein, dieweil die gräuliche Schuld des Inculpaten nur allzu ſehr erwieſen iſt durch die Procedur, welche hochreichsgräfliches Judicium vorgenommen nach denen Praeceptis der hochnothpeinlichen Halsgerichtsordnung Kaiſers Caroli Quinti und des mallei maleficarum.“ „Was iſt das, der malleus maleficarum?“ wandte ſich Ray⸗ mund zum älteſten Schöppen. „Das iſt,“ verſetzte der Zweite,„zu Eurer Erlaucht gnädig⸗ ſtem Befehl———“ „Mein Befehl iſt,“ unterbrach ihn der Graf herriſch:„daß Niemand antworte, den ich nicht frage. Was iſt das für ein Ding, das, wenn ich nicht irre zu deutſch„Hammer der Hexen oder Zauberer“ überſetzt werden muß?“ Der uns bekannte alte Mann erwiderte kurz und einfach: 5 „Es iſt ein Statut, ausgegeben von zweien Dominikanern im funfzehnten Jahrhundert.“ „Wir ſtehen am Ende des ſiebenzehnten,“ lächelte Raymund, „und der Orden des heiligen Dominikus hat ſogar jenſeits der Pyrenäen ein wenig von ſeinem Credit verloren. Aber Euer College erwähnt der Verordnungen Kaiſer Karls des Fünften, und obwohl er ein Spanier war, ſind ſie im römiſchen Reiche noch gültig.“ Wie vorher ſagte der Alte:„Sothaner Coden verwirft ganz und gar das hier ſtattgehabte Verfahren.“ „Das iſt ſehr ſchlimm,“ war die Antwort des Regierenden, „wenn ein Geſetzbuch billigt und das andere verwirft. Da ich denn von Gottes Gnaden und durch meine Geburt und ange⸗ ſtammtes Recht Herr und oberſter Richter in dieſer Grafſchaft bin, ſo gedenke ich, weil die Normae ſich widerſprechen, in dieſer hoch⸗ nothpeinlichen Sache ſelbſt abzuurtheilen nach Wiſſen und Ge⸗ wiſſen, und frage Euch auf das Eurige: iſt Veit Fraſer ſchuldig oder nicht?“ Der zweite Schöppe bereitete ſich zu reden, der Graf aber be⸗ fahl:„Am Aelteſten iſt die Reihe.“ Dieſer, etwas eingeſchüchtert, wie denn Raymund's Weſen nicht ſelten dieſe Wirkung hervorbrachte, erwiderte:„Ich wage es, Inquisitum für unſchuldig zu halten, und berufe mich zum Beleg auf meine denen Acten beiliegende Proteſtativn, wenn Eure Erlaucht ſolche eines Blickes gewürdigt haben.“ Der Landesherr hatte wirklich, und nicht zur Ungebühr, von dem ganzen Artenſtoß dieſe Proteſtation allein mit Aufmerkſamkeit durchgeleſen, er antwortete daher gnädig:„Ich kenne ſie, doch ziemt es ſich, die Gegenargumente zu hören.“— Der Befreun⸗ dete des Schöſſers wollte ſprechen, aber Raymund wandte ſich geringſchätzig von ihm dem Prinzen zu, der eben in allem Glanze eines militäriſchen Stutzers damaliger Zeit eintrat. 5 32 „Es freut mich, Eure Durchlaucht ſo wohl ausgeruht zu ſehen,“ ſagte er, ſich wenig erhebend und auf einen nebenſtehenden Seſſel deutend. Ludwig aber ging zu einem Spiegel, muſterte ſelbſtge⸗ fällig Geſtalt und Anzug und ſagte flüchtig: „Ausgeruht? Keinesweges. Während Eure Erlaucht hier Staatsangelegenheiten im Großen trieben, habe ich mich als ein guter Oberſtwachtmeiſter mit dem Einzelnen beſchäftigt und neben⸗ her den Gehülfen des Wundarztes geſpielt, auch ſogar den Feld⸗ pater, dem Wahrmann zur Hand gehend in ſeiner Sorge für den Leib und in tröſtlichem Zuſpruch dem Kapellan, welcher beiläufig wohl nicht der Schlimmſte, aber doch auch nicht der Klügſte Eures hieſigen Schloßperſonales ſein mag und ſich lange Zeit ſperrte, dem abtrünnigen Genoſſen des Teufels und ſeinen Sprößlingen geiſtlichen Beiſtand zukommen zu laſſen. Und doch bedurften die guten Leute Beiſtand; das arme Kind wohl nicht mehr, aber der Knabe für den Leib, für den Geiſt der Vater, und das junge Mädchen für einen und den andern.“ „So iſt ſie wieder zur Beſinnung gekommen?“ fragte der Graf mit Theilnahme. „Vor Kurzem,“ war die Antwort.„ Ihr wiſſet, Oberſt, ich bin eben nicht ſentimental, aber etwas rührend war es doch. Das Erwachen der armen Dirne war nicht das fröhlichſte; ſie brach alsbald in Schluchzen aus und, als ſie den Tod der kleinen Schweſter erfuhr, in die heſtigſten Vorwürfe gegen ſich ſelbſt. Ich ſtieß nun zwar dem ehrwürdigen Herrn in die Seite, damit er ſeine Worte anbringe, der hatte aber keinen rechten Trieb zur Sache, und was er ſprach, lautete eher einer Bußpredigt gleich, als einer Troſtrede. Das fand ich denn etwas unzeitig und nahm ſelbſt das Wort, und während Wahrmann ſich mit dem Vater beſchäftigte, ſprach ich der Tochter zu, ſo gut ich konnte, von Vertrauen auf Gott, von Ergebenheit in ſeinen Willen und von dem Troſte, den die Unſchuld im Glücke gewährt. Kurz, ich über⸗ 33 traf mich ſelbſt; ſie aber hörte und ſah nicht auf den ſeltſamen Prediger, ſondern nur auf ihren Vater allein, erhob ſich plötzlich, wankte zu ihm hin und umſchlang ſeine Kniee. Als er aber den Kopf von ihr hinwegwandte, ja ſie wohl gar ein wenig zurück⸗ ſtieß, da rief ſie in wahrhaftig herzzerreißenden Tönen:„Ihr ſtoßet mich von Euch, Ihr haſſet mich, denn durch mich iſt Elend und Tod über unſer Haus gekommen; aber fluchet mir nicht, denn das könnte ich nicht tragen, mein lieber, lieber Vater!“ Dem konnte er nun nicht widerſtehen und ſagte:„Einen Vater nenneſt Du mich? Ach wohl hab' ich Liebe verdient von Dir, mehr als Du meineſt. Auch biſt Du mein theures Kind, ja theuer, mag ich ſagen, denn Du haſt mich viel gekvſtet. Fluchen ſollte ich Dir? Womit hätteſt Du wohl meinen Fluch verdienet? Nein, zwiefach lieben ich will um Deinetwillen und der kleinen ſeligen Margarethe, und wenn Georg mir auch entriſſen wird, dreifach, und immer mehr, jemehr ich für Dich dahingegeben.“ „Georg wird nicht ſterben, Vater!“ rief das Mädchen im Ton krampfhafter Angſt.„Nicht, Meiſter Wahrmann, er wird nicht?“ „Er wird leben mit Gottes Hülfe,“ verſetzte unſer tüchtiger Chirurg mit der Beſtimmtheit, die den beſten Troſt giebt.— Da mochte wohl ein wenig Freude mildernd zu der Betrübniß treten, denn Vater und Tochter umhalſten ſich und vergoſſen erleichternde Thränen. Ich ſage Euch, mon Cousin, dergleichen Worte lauten in der einfachen Sprache dieſer Leute ergreifender, als die groß⸗ mächtigen Phraſen des Artabanus auf dem Theater. Ueberhaupt denk' ich, ſo ſpricht kein Herenmeiſter zu ſeiner Brut, und,“ ſetzte er mit einem verächtlichen Blick auf die beiden Magiſtratsperſonen hinzu,„wer ihnen dergleichen anmuthige Namen gegeben, iſt dem Beelzebub näher als ſie verwandt, kann man ihn auch ſonſt keinen Herenmeiſter nennen.“ „Ihr habt Recht, mein fürſtlicher Vetter,“ antwortete Ray⸗ 34 mund, gleichfalls die Rechtsgelehrten anſehend;„es ſcheint mir beinahe, als ob dieſe Leute unſchuldig ſein könnten, welches nun, da die Meinungen verſchieden ſind, zu erörtern ſteht.“ „Es ſcheint?“ rief Ludwig in vollem Eifer.„Unſchuldig ſein können? Verſchiedene Meinung? Ich denke, da giebt's nur Eine, und die iſt ſonnenklar.“ Ein ernſter Blick Raymund's ließ den Prinzen inne halten und er fragte:„Da Eure Durchlaucht und Liebden ſo vielen Antheil an der Sache nimmt, wird Sie mir auch wohl ſagen können, ob Vater und Tochter im Stande ſind, bei der feierlichen Handlung zu erſcheinen, mit welcher ich in wenig Stunden mein landes⸗ herrlich Regiment zu beginnen gedenke.“ „Ich ſollte es meinen,“ war die Antwort;„die Dirne, welche, en passant ſei es geſagt, ſo artig iſt, daß ich Eures Aetuarius Geſchmack billigen muß, wenn auch nicht ſeine ſeltſamen Liebes⸗ proben——“ Der Graf, dem die Heiterkeit ſeines Oberſtwachtmeiſters nicht ganz paſſend für den Augenblick dünkte, unterbrach ihn trocken: „Die Dirne iſt bis jetzt, wie ich ſehe, nur unvollkommen in die Sache verwickelt, und auf die Vernehmung des Veit Fraſer kommt es hauptſächlich an. Nicht ſo, Ihr Herren Licentiaten?“ Beide verbeugten ſich ſchweigend, der Prinz aber ſagte:„Der Vater war ſehr niedergeſchlagen und dachte wohl an nichts, als an ſein ermordetes Kind, aber er iſt andern Sinnes geworden, denn vielleicht jetzt noch ſteht meines wackern Lebensretters etwas eurioſe Frau Mama vor ihm und predigt in einem Athem, der Tag der Vergeltung ſei da, ſo daß er, glaub' ich, entſchloſſen iſt, ihn nicht zu verſäumen.“ „Auf ſeinen Entſchluß kommt es nicht an, ſondern auf den meinen,“ entgegnete der Reichsgraf mit Hoheit,„und dieſer iſt, gegenwärtige Rechtsſache noch einmal durchzugehen und zu ent⸗ ſcheiden aus landesherrlicher Machtvollkommenheit. Die Vergel⸗ tung wird nicht ausbleiben, wie es ſich trifft, und dem Scheiter⸗ haufen der nicht entgehen, der ihn verſchuldet.“ „Ich hoffe,“ murmelte Ludwig in ſich ſelbſt hinein,„ich hoffe, auch dem Galgen nicht der, der ihn verdient.“ Er ſchaute bei dieſen Worten abermals nicht ſonderlich huld⸗ reich auf die Juriſten. Dem Grafen war Blick und Wort nicht entgangen und er fiel ein:„Wir ſind hier beſchäftigt, das zu erörtern. Gefällt es Eurer Durchlaucht, dabei gegenwärtig zu ſein, ſo kann ich Euch hier einen Stuhl anbieten, den Stuhl, glaube ich, eines wackern Mannes. Es iſt der Reihe nach wohl der Eure,“ ſchaltete er mit einer freundlichen Geberde gegen den älteſten Schöppen ein,„er iſt alſo beſſer, als der meine, in welchem ich mich etwas unbehaglich fühle, und ich hoffe, Ihr, mein Prinz, werdet auf dem Euren die Ruhe finden, welche bei ſolcher Veranlaſſung wünſchenswerth iſt.“ Prinz Ludwig begriff ſeinen Vetter vollkommen, er ließ ſich ehrbar nieder auf den bezeichneten Seſſel und unterbrach von nun an die Verhandlung nicht mehr, die der Reichsgraf in folgender Art fortſetzte:„Ich habe denn, nach meiner erklärten Abſicht, vor⸗ liegenden Rechtshandel mit eigenen Augen nochmalig zu unter⸗ ſuchen, beide wohlachtbare Schöppen meines Juſtizamtes und der Rechte Licentiaten anhero beſcheiden laſſen, ihre diverſen Meinungen zu vernehmen, damit mein unwidektuflicher landesherrlicher Spruch, für welchen ich Niemand verantwortlich bin, als Gott und kaiſer⸗ licher Majeſtät(bei Nennung dieſer Namen erhob ſich der Graf und entblößte das Haupt, und die Anweſenden thaten ihm nach), „als mit dem Geſetz übereinſtimmend, es auch mit meiner Pflicht und Gewiſſen ſein möge. Ihr, Schöppe und Licentiat, waret im Begriff, gegen Eures Collegen Proteſtation zu argumentiren, ich befehle Euch demnach, daß Ihr unumwunden Eure Opinion und Gutachten mittheilet.“ Der zweite Juriſt hatte, des Grafen ſtrenger Kälte ungeachtet, 36 —— wahrgenvmmen, die Sache ſtehe nicht ſehr zu Gunſten ſeines Pa⸗ trons, und alsbald beſchloſſen, ſich allgemach zurückzuziehen; da⸗ mit dies aber mit guter Art geſchehe, antwortete er:„ Solche Proteſtation meines verehrten und hochachtbaren Herrn Collegen wird allererſt entkräftet durch Ineulpati eigene Confession.“ „Ich ſehe aber,“ warf Raymund ein,„in beſagter Schrift, daß ſolch Bekenntniß nicht zu vollgültigem Beweiſe dienen kann, in Ermangelung Anderer, von deren Ausmittelung ich keine ge⸗ hörige Spur finde.“ „Und doch,“ verſetzte der Rabuliſt, in Vertheidigung einer böſen Sache ſich Schritt vor Schritt zurückziehend,„und doch ſind, wie Acta beſagen, ſolche Beweiſe vorhanden.“ „Und welche?“ fragte der Herr;„ſie ſind mir entgangen, und ich fordere Eure Rechtsgelahrtheit auf, daß ſie mir helfe, ſie aus⸗ findig zu machen.“ „Die Ausſage der Zeugen——“ „Mich däucht, von wenigem Belang ſei die Ausſage unwiſſen⸗ der Bauern in einer Sache, von welcher ſie keine Kenntniſſe haben, wie hier, wo, däucht mir, die Rede iſt von phyſikaliſchen Expe⸗ rimenten. Ihr ſeid ein Jurisconsultus, Herr Licentiat, würdet Ihr wohl denſelben Zeugen, auf welche Ihr Euch beruft, Recht geben, wenn ſie behaupteten, manch' Doecument, von Eurer Hand geſchrieben, ſei ein Werk des leidigen Teufels, weil es ihnen unverſtändlich und vielleicht noch klügern Leuten?“ Hier mußte der Graf unbewußt irgend eine wunde Stelle be⸗ rührt haben, denn der Schöppe verwirrte ſich ſichtbar und fügte beinah' nur mechaniſch hinzu:„Ferner und ſchließlich das Be⸗ nehmen des Delinquenten. Eure Erlaucht geruhen, in denen Acten nachzuleſen, wie derſelbe bei einer Frage erröthet, bei der andern geſtockt und ſich überhaupt als ein unverbeſſerlicher Böſe⸗ wicht und Zauberer bewieſen.“ Der Blick des Grafen begegnete dem des Prinzen, der feuer⸗ 37 roth ward vor Zorn; auch Raymund's Wange färbte ſich höher, aber er ſagte in dem einmal angenommenen Charakter oberherr⸗ licher Ruhe:„Wohl dem, der noch erröthet und ſtockt bei geeig⸗ netem Anlaß; ich liebe weder eherne Stirnen, noch eherne Zungen. Indeß, glaub' ich, iſt jetzt der Zweck dieſer Consultation erfüllt. Ihr, älteſter Schöppe, haltet dafür, daß dem Veit Fraſer Unrecht geſchehen?“ „So iſt mein Glaube,“ antwortete der Greis, die Hand auf die Bruſt legend. „Und Ihr behauptet das Gegentheil?“ „Das Jus hat ihn condemniret nach gebräuchlicher Procedur.“ „Wohl,“ entſchied der Graf.„Ihr werdet Euch Beide dem⸗ nach bereiten, der Eine die Legalität dieſer Procedur zu verthei⸗ digen, der Andere ſeinen Einſpruch. Ihr tretet demnach in der von Uns ſelbſt präſidirten Session auf, als Anwalt unſers Juſtiz⸗ amts, Ihr aber zur Vertretung des, was Eure Protestation zu Gunſten des Inquiſiten anführt.— Hierauf zog er die Klingelſchnur. „Geruhe Eure Erlaucht zu bemerken,“ wandte ſchüchtern der jüngere Sohn der Themis ein,„daß ſolcher modus procedendi nicht allerdings durch den Gebrauch begründet, noch durch die cvmpe⸗ tenten Codices——“ „Es iſt mein Befehl,“ ſprach der Graf kalt, aber mit tiefer, gewaltiger Stimme, und auf die eintretenden Diener zeigend; „wie auch, daß Ihr Beide dieſen Leuten folget, die Euch an einen Ort bringen werden, wo Ihr mein weiteres Gebot erwartet. Der Beklagte iſt verhaftet auf eine Denunciation; meine Gerichts⸗ behörde iſt jetzt gleichſam denunciret; ſo iſt es denn billig, daß ihr daſſelbe geſchehr. Ihr werdet übrigens Euch nicht beklagen, wenn Euch betrifft, was meinem Schöſſer und meinem Actuarius geſchehen.“ Leichten Herzens ging der alte Mann in das kurze Gewahr⸗ ſam, ſein Grfährte aber ſagte zu ſich ſelbſt:„Alſo gefangen iſt 6 38 der Herr Schöſſer? Ei, das ſind böſe Aspecten. Defendiren ſoll ich Euch, Herr Gevatter und Patron? Ich denke, wenn Ihr Euch ſelbſt nicht eifriger defendiret, als ich es thun werde, ſo ſteht es mit Euch nicht zum Beſten.“ Die Verwunderung und Neugier im Burgflecken waren groß, man kann indeß, obgleich genug Urſache dazu vorhanden, nicht ſagen, daß die Freude eben ſo groß geweſen wäre. Es war nun wohl ruchbar geworden, der Reichsgraf ſei zurück, und Niemand Anderes, als der hochgewachſene Herr mit den vielen Federn auf dem Hute, dem goldbeſetzten Kollet und ſchwarzem Ordenskreuz, den man aus der Frohnfeſte kommen ſehen; aber ſeine herriſche Stimme, ſein finſteres Geſicht und die Gleichgültigkeit, mit der er eine zahlreiche Verſammlung ſeiner Unterthanen betrachtet oder vielmehr nicht betrachtet hatte, flößte nicht viel Hoffnung für die Zukunft ein. Uebrigens hatte das Eintreffen des Landesherrn ſeine Getreuen um ein Schauſpiel gebracht. Ein gräflicher Stallmeiſter, zu Pferde aus dem Schloſſe kommend, hatte ſie bedeutet, ſie könn⸗ ten immerhin auseinander gehen, denn auf Seiner Erlaucht Be⸗ fehl ſei die vorgehabte Execution bis auf Weiteres verſchoben, kurz, der Einzug des Regierenden war ſo wenig für die Regierten, als für ihn ſelbſt, ein joyeuse entrée, und würde es noch weni⸗ ger geweſen ſein, hätte man nicht einen Trupp Wache bemerkt, die des Schöſſers Haus beſetzt, und den Geheimſchreiber des Gra⸗ fen, der mit einigen andern Perſonen zur Verſiegelung der Zim⸗ mer ſchritt, ein Geheimniß, welches durch die troſtloſe Jungfer Sabine ſchnell genug zum öffentlichen ward. Der Gegenſtand dieſes für das Publikum troſtreichen Ereig⸗ niſſes ſuchte indeß Faſſung zu gewinnen, und es gelang ihm auch ſo ziemlich. Das Zimmer, in dem er ſich mit ſeinem Sohne be⸗ fand, war kein Gefängniß, ſondern ein ſchöner Saal, in welchem die fürſtliche Mutter des jetzt regierenden Herrn ehemals Beſuche zu empfangen pflegte, und mangelte es hier und da an einiger —,— 39 Bequemlichkeit, ſo durfte ſich darüber Der nicht beklagen, welcher ſie ſelbſt beſeitigt hatte. Viertelſtunde auf Viertelſtunde verging, und mit jeder wuchs der Muth des auf- und niederwandelnden Schöſſers, welcher endlich verſuchte, ihn ſeinem Sohne mitzuthei⸗ len, dem es, im Widerſpruch mit ſeiner gewohnten, zuverſichtlichen und hochfahrenden Weiſe, gänzlich daran gebrach, und welchem nicht ein einziger der ihm ſonſt ſo geläufigen Kernſprüche renom⸗ miſtiſcher Stoa zu Gebote ſtand. Auch dann noch behielt er guten Muth, als der erwähnte Ge⸗ heimſchreiber in Begleitung des Schloßverwalters erſchien, mit der Aufforderung, dieſem die Schlüſſel zu den ehemals ſeiner Aufſicht anvertrauten Vorräthen zu übergeben. Obwohl er ſich eher des Himmels Einfall, als des Reichsgrafen Zurückkunft verſehen hätte, war er ſich doch bewußt, als Verwalter des landesherrlichen Be⸗ ſitzthums nichts gethan zu haben, was er im Nothfalle nicht recht⸗ fertigen oder wenigſtens beſchönigen konnte, und was mehr war, er war ſich bewußt, im Beſitz einer Kaſſe zu ſein, von welcher ein zu rechter Zeit aufgevpferter Theil, unter dem Namen eines mit weiſer Sparſamkeit zurückgelegten Nothpfennigs, dem ver⸗ ſchwenderiſchen, aus dem Felde zurückkehrenden, wahrſcheinlich geldbedürftigen Gnädigſten gewiß beſänftigen würde. Dieſer Rückhalt, unſtreitig einer der zuverläſſigſten in der ei⸗ viliſirten Welt, ließ ihn auch, obſchon ein wenig mühſam, die Antwort verſchmerzen, welche ihm der Secretär auf ſeine Bitte, dem Herrn vorgeſtellt zu werden, ertheilte, und die dahin lautete, er müſſe ſich noch zwei bis drei Stunden gedulden, und auf ſeine Frage, warum man ihn hier zurückhalte, ein kurzer Beſcheid, nicht allein ihn träfe dies, ſondern es ſei der landesherrliche Befehl, Jeden in das Schloß zu laſſen, Niemand aber hinaus. Als ſie ſich darauf wieder allein befanden, und Monſieur Stephan ſehr bedenklich als Möglichkeit erwähnte, was ſich wirk⸗ lich zugetragen, der Beſetzung ihres Hauſes und der Verſiegelung 40 ihrer Papiere, antwortete er:„Meinſt Du, daß ein junger Herr vom Stande ſich heut zu Tage in ſolche Weitläufigkeiten einläßt? IMlustrissimus braucht Geld, das liegt am Tage; er ſoll es ha⸗ ben, und wenn er es haben wird, werden wir das Vergnügen Seiner hohen Gegenwart nicht lange mehr genießen.“ „Mir ſcheint jedoch,“ warf der Sohn ein,„daß die Weiſe, in der er, wie Ihr meint, Euch Rechnung abfordert, nicht die ge⸗ wöhnliche ſei.“ „Sie ſei welche ſie wolle,“ war die Antwort,„wenn nur die Rechnung ſelbſt gut geheißen wird, und daß dies geſchieht, dafür laſſe mich der Herr Actuarius ſorgen. Zweifelsohne iſt die Ma⸗ nier nicht gerade die allerhuldreichſte, aber pflegten wir denn an⸗ ders zu thun? Zudem weißt Du, Sohn Stephan, daß es heute nicht das erſte Mal iſt, daß ich mich in ſolcher Crisi befinde. Schon bei ſeinem Bruder war es der Fall, und es hat ſich doch gefunden. Nun, er iſt ihm ähnlicher geworden, als ich meinte und mir lieb iſt, aber finden wird es ſich wiederum.“ „Ja, er iſt ihm ſehr ähnlich,“ verſetzte Stephan mit beklom⸗ menem Athemzuge;„ich hab' es bemerft, als ich ihn im Schloß⸗ hofe ſah, aber wie damals findet es ſich wohl ſchwerlich.“ Nach einer Pauſe ſetzte er hinzu;„Und gerade während des Fraſerſchen Proceſſes. Immer mahnte ich den Papa zur Eile, der incidentia wegen; da iſt nun eines, und ich meine, eines der ſchlimmſten.“ „Man iſt ein Genie,“ erklärte der Vater,„ermangelt aber noch der Praxi und Erfahrung. Haben wir nicht procediret in der Form Rechtens? Nicht wenigſtens ſo, daß es wirklich allen Ober⸗ ſten und wirklichen Kämmerern kaiſerlicher Majeſtät ſchwer werden möchte, uns auf dem falſchen Pferde zu ertappen? Gerade dieſer Proceß iſt es, der uns ſalviret. Ein Spielzeug iſt er, das man dem Erlauchten hinwirft, damit er Anderes darüber vergeſſe. Man zerrt ein wenig daran, daß die Luſt größer wird; hat er ſie ge⸗ büßt und ein Bischen regiert, ſo wirft er es von ſelbſt wieder 41 hin, oder thut ſich höchſtens eine Güte mit dem, was allen dieſen Herren ſchmeichelt, mit dem Recht der Begnadigung. Sodann ſetzt die Erlaucht ſich in die Karoſſe, ſich einbildend, Vater des Vaterlandes zu ſein, und fährt nach Wien zur Cour, zum Ball und zur Aſſemblée, Veit Fraſer aber bleibt hier und wir auch. Gebe Er Acht, der Gnädigſte wird mich baldigſt beſcheiden.“ Monſieur Stephan ſchüttelte ungläubig den Kopf, und all⸗ mälig begann der Alte, ihn auch zu ſchütteln, denn die Viertel⸗ ſtunden wurden zu Stunden, und er ward nicht beſchieden. Als es aber geſchah, war es in einer ganz unerwarteten Weiſe. Das Auge des Herrn leiht den Verrichtungen im Hauſe ein raſcheres Leben, zumal wenn dieſer Herr ſich ankündigt wie Graf Raymund. Prachtgeräth aller Art, zur Ausſchmückung der Zim⸗ mer, auch ſogar zu einer feierlichen Handlung erforderlich, deſſen Daſein bisher ganz unbekannt, oder doch wenigſtens vergeſſen ge⸗ weſen, fand ſich mit ungeahneter Schnelligkeit herbei, und kaum vergingen drei Stunden, ſo war die ehemalige Ritterhalle in einen landesherrlichen Audienz⸗ und Gerichtsſaal umgewandelt. Vorhänge von ſchwerem Stoff wallten von den hohen Spitzbogenfenſtern hernieder und warfen einen röthlichen Schimmer auf die Rüſtun⸗ gen, Schilde und Helme, die kunſtreich geordnet, ſeit Jahrhunder⸗ ten die Zierde des Saales, und nur in aller Eile von Staub und Spinnweben geſäubert waren ſammtene Teppiche bedeckten eine lange, quergeſtellte Tafel und die Bruſtlehne der Gallerie, die ſich oberwärts am Gewölbe hinzog; am Ende der Halle zeigte ſich unter dem lehnsherrlichen Baldachin, mit dem an Schilder⸗ und Helmkleinodien überreichen gräflichen Wappen, ein auf zwei niedrigen Stufen ſtehender Seſſel, von anderen gleichfalls vergol⸗ deten umgeben, und wieder andere, weniger geſchmückte, umring⸗ ten die Tafel, auf welcher die, trotz der Tageshelle zur Feierlich⸗ keit der Handlung gehörigen, gelben Wachskerzen brannten, aber diesmal auf ſilbernen Armleuchtern von köſtlicher Arbeit und grv⸗ 11. 42 ßem Gewicht, welche die Honoratiores des Orts mehrmals bei den Gaſtmahlen des Schöſſers bewundert zu haben, eingedenk wa⸗ ren. Seitwärts in einiger Entfernung befanden ſich einige Feld⸗ ſtühle und weiter vorwärts unfern des großen Tiſches ein kleine⸗ rer, wie jener, mit Schreibezeug und Papier verſehen. Längs an den Wänden ſtanden die Veteranen der kleinen gräflichen Armee, die, dem Contingent nicht mehr folgend, die Stelle der Burg⸗ wacht verſahen, mit zitternden, alterſchwachen Häuptern, altmodi⸗ ſchen Röcken und ſeit Jahren wiederum zum erſten Male geputz⸗ ten Hellebarden. Ein anderer kriegeriſcher Trupp in der Nähe des Baldachins fiel glänzender in das Auge, zum Theil mit ſchim⸗ mernden Küraſſen und Blechhauben angethan, zum Theil in der nicht ganz ſo vortheilhaften Tracht damaliger Infanterie, oder im grünen Koller der Schützen; es war das Contingent, welches den Reichsgrafen in die Heimath begleitet hatte, und mehrere Rei⸗ ter des unter ſeinem Befehl ſtehenden kaiſerlichen Regiments, meiſt Landeskinder und an ihrer Spitze der Wachtmeiſter Seld. Noch war Niemandem der Zutritt in den Saal verſtattet worden, als der bewaffneten Macht; jetzt aber ertönte ein Trompetenſtoß, und die Flügelthüren thaten ſich auf. Unter dem Vortritt des ſtattlich herausgeputzten, mit dem Stabe, dem Zeichen ſeines lange beeinträchtigten Amtes, ſtolz einherſchreitenden Schloßverwalters und mehrerer reichgekleideten Offizianten und Diener aus dem nachgekommenen Gefolge, erſchien der Graf, an der Seite des Prinzen, welchem er mit gaſtlicher Höflichkeit die rechte Hand gelaſſen. Wohl funfzehn bis zwanzig Männer folgten ihnen, an Degen und Federhut fuͤr Edelleute zu erkennen, welche theils Af⸗ terlehne von dem Reichsgrafen trugen, theils zu ihm in anderer Beziehung ſtehend, theils auch herbeigekommen, den reichen und, wie es hieß, prachtliebenden und verſchwenderiſchen Nachbar zu begrüßen und durch ſolche Aufmerkſamkeit erwünſchte Einladun⸗ gen zur Jagd, zu Gaſtmählern und Feſten vorzubereiten. 43 Raymund war in voller kriegeriſcher Tracht, mit dem Küraß angethan, über welchem das Zeichen des deutſchen Ordens herab⸗ hing, doch ſtatt des Helms bedeckte der goldbetreßte, mit Federn geſchmückte Oberſtenhut ſein Haupt, auch trug er als Inhaber des ſogenannten halben Kreuzes(vor Ablegung der Gelübde) nicht den weißen Ordensmantel, ſondern einen kurzen, nach ſpaniſchem Schnitte, von ſchwarzem Sammet, mit köſtlichem Grauwerk, Vair, verbrämt, dem Hermelin an Würde zunächſt ſtehend, deſſen Ge⸗ brauch das damals ſtreng unterſcheidende Herkommen den unmittel— baren Grafen und Dynaſten vorbehielt. Beim Thronſeſſel ange⸗ langt, ließ er nach einer tiefen Verbeugung gegen den Prinzen und einer andern minder tiefen gegen ſeine Gäſte, ſich auf dem⸗ ſelben nieder; dem Erſten einen neben ihm ſtehenden Armſtuhl anweiſend, den Andern die übrigen ſich auszeichnenden Seſſel. Drauf, als man insgeſammt Platz genommen hatte, dankte er in wohlgeſetzter Rede dem durchlauchtigen und denen hoch- und wohlgebornen Freiherren und Herren für die Güte, Zeugen ſeines Ehrentages ſein zu wollen, den nur des Kaiſers Dienſt und die ſchweren, Gott Lob! vergangenen Kriegsläufte ſo lange verzögert hätten, ſprach zu großer Zufriedenheit des ehrbaren Landadels von ſeiner Abſicht, länger in der Burg ſeiner Vorvordern und in der Mitte ſeiner vielgeliebten Unterthanen zu verweilen, bat um gute Nachbarſchaft und verhieß, ſolche ſeinerſeit zu halten, kurz, die Anmuth ſeiner Rede löſte nach und nach den Zwang, den ſein ernſtes und gebietendes Ausſehen und ſeine höfiſche Abgeſchliffen⸗ heit den mitunter ziemlich einfachen Junkern aufgelegt hatten. Die Munterkeit Prinz Ludwigs trug auch dazu bei und war um ſo erfreulicher, als derſelbe, obgleich jüngſter Sohn des jüngſten Sohnes eines nachgebornen Bruders, in der That einem der erſten deutſchen Fürſtenhäuſer angehörte, und der Familienorden deſſelben, welcher ihn ſchmückte, am damals noch ziemlich ſternleeren Him⸗ 4* 44 mel vornehmer Welt eine viel ungewöhnlichere Erſcheinung war, als heut' zu Tage. So fing man denn, des Ceremoniellen der Umgebung unge⸗ achtet, an, ſich ziemlich gut in einander zu finden, als ſich die Scene plötzlich anders änderte beim Eintritt des Thürſtehers, welcher die Behörden des Landes und Ortes anſagte, gekommen, um ſeiner Erlaucht ihren unterthänigſten Reſpect zu bezeigen. Die ſchnell ſich verdunkelnde Miene Raymunds, die Art, mit welcher er den abgelegten Hut aufſetzte, deutete an, jetzt beginne das ernſte Schauſpiel landesherrlicher Repräſentativn. An der Spitze der Eintretenden befand ſich der Schöſſer, als oberſter Vorſteher aller Zweige der Verwaltung, als gräflicher Statthalter und Premierminiſter. Auch ſchien ihm das Bewußt⸗ ſein ſeiner Wichtigkeit guten Muth zu verleihen, und er nahete ſich feſten Schrittes. So Mancher unter den adelichen Zuſchauern nannte, beſonders wenn kein Vornehmerer zugegen war, ihn ſei⸗ nen Freund und Special, ja wohl gar mitunter ſeinen Gönner; Mancher wollte ihm im Vorübergehen zunicken, doch wenn er vorher einen Blick auf den Grafen geworfen, bemerkte er alsbald die immer dichtern Wolken, die ſich auf ſeiner Stirn anhäuften, und die Blitze, die aus ſeinen Augen ſchoſſen, dem ſich Nähernden ſchwerlich Gutes bedeutend. Von Allen hatte ſie Stephan zuerſt wahrgenommen, und die Wirkung, die ſie auf ihn hervorbrachten, war ſeltſam; er konnte den ſtarren Blick nicht abwenden von der ehrfurchtgebietenden Geſtalt, und doch ſchien ihr Anblick ihn je mehr und mehr zu erſchüttern, denn gleich einem Träumenden bewegte er ſich vorwärts. Endlich gewahrte auch der Schöſſer das bedrohliche Anſehen des Herrn, er erinnerte aus langverfloſſener Zeit ſich eines Augenblickes, wo er vor einer dieſer ganz ähnlichen Geſtalt geſtanden und dieſe eben ſo bedrohlich auf ihn herab⸗ geſehen; ſeine Dreiſtigkeit begann zu wanken, er blieb ſtehen, ver⸗ beugte ſich tief und ſprach etwas von dem gewünſchten Heile, das 45 ihm widerfahre, an der Spitze treuer, meiſt langjähriger Diener den gnädigſten Herrn zu bewillkommnen, er der älteſte und treueſte von allen. Die Augen der Verſammlung waren auf Rahmund gerichtet, jedes Ohr lauſchte ſeiner Entgegnung; er ertheilte ſie in folgenden kurzen und nachdrücklichen Worten:„Daß Er meinem Hauſe viele Jahre gedient, weiß ich, auch geziemt es ſich darauf Rückſicht zu nehmen, jedoch in zwiefacher Weiſe. Lange Pflichttreue iſt allerdings des Dieners ſchönſtes Lob und der Dankbarkeit des Gebieters werth, langes Unrecht jedoch gilt nicht für eine Minute Recht, und der Lauf der Jahre vergrößert die Laſt der Verant⸗ wortung. Es wird ſich entſcheiden, in welcher Art ich meines Schöſſers lange Dienſtzeit betrachten ſoll, ob während derſelben aufgehäufte Schuld meine Gerechtigkeit aufruhen wird, oder ob meine Gnade dieſer Treue gebührt, welche jedoch einer andern Beſtätigung bedarf, als aus ſeinem eigenen Munde.“ Bei dieſen Donnerworten trat der Schöſſer erbleichend zurück unter die ihm bereits ſcheu ausweichenden Begleiter, und eine Todtenſtille herrſchte im Saale, als Raymund zu den Uebrigen ſprach:„Auch Ihr kommet unſtreitig mich Eurer Treue und Er⸗ gebenheit zu verſichern. Ich trage keinen Zweifel an derſelben, meine Juſtizbeamten, Magiſtratsperſonen und Einnehmer, doch wird die Rechenſchaft, welche Ihr, ein Jeglicher was ſeine Ob⸗ liegenheit betrifft, abzulegen habt, mich von der Wahrheit Eurer Verſicherung alleinig überzeugen und beſtimmen, ob ich Euch ein ſtrenger Richter ſein ſoll, oder ein gnädiger Herr, in jedem Falle aber, für jetzt und immer, werd' ich ſelbſt entſcheiden und un⸗ mittelbar.“ Ein Wink deutete ihnen an, die Bewillkommnungsaudienz ſei beendet, es war aber kein Wink der Entlaſſung. Sie blieben alſo ſtehen, die Meiſten beſtürzt, verlegen und vor der abzulegen⸗ den Rechenſchaft bangend, einige Wenige erheitert durch die Hoff⸗ 46 nung auf beſſere Zeiten, die Erſten entſchloſſen, was ſie drückte, ſo viel als möglich auf den augenſcheinlich geſtürzten Günſtling zu werfen, Alle aber ihn mit Abſichtlichkeit vermeidend. „Nachdem,“ begann Raymund feierlich,„nachdem es dem grundgütigen Gott gefallen, die lange verderblich wüthende Kriegs⸗ flamme zu löſchen und Jeglichen zurückzuweiſen an ſeinen früheren Beruf, alſo bin auch ich zurückgekehrt in das Schloß meiner Ahnen, um fortan in ſolchem ſelbſt auf Recht und Ordnung zu ſehen, wie es einem Hausherrn und deutſchen Reichsſtand gebühret. Und als ſolcher bin ich denn auch geſonnen, das Vergangene zu belohnen oder zu beſtrafen, je nachdem es ſich eignet. Dennoch gebühret mir nicht, zu allererſt zu forſchen, was mir ſelbſt Gutes zugefügt worden oder Schlimmes, was meinen Unterthanen wider⸗ fahren, hat billig den Vorrang, auf daß ſie ſich der Rückkehr des Gebieters erfreuen. Die erſte Pflicht deſſelben gegen ſie iſt Ge⸗ rechtigkeit, ſie iſt das heilige Band, welches dann die Gnade aus⸗ ſchmücken mag, und verantwortlich iſt er ihnen dafür, für ſich ſelbſt und für die, welche ſie gehandhabt oder mißbraucht haben in ſeinem Namen. Der Knecht, welcher die Hand diebiſch in die Truhe des Herrn ſteckt, thut groß Uebel, doch thut er es ihm allein, der aber das heilige Schwert der Gerechtigkeit zum Scheer⸗ meſſer der anvertrauten Heerde entwürdigt, deß Vergehen iſt zehn⸗ fach, denn er mordet das Vertrauen des Volkes zum Regenten; Jener ſchädigt ihn an ſeinem Beſitzthum, dieſer aber an ſeiner Ehre und macht ſeinen Namen zum Fluche des Landes. „Bevor ich alſo mein Auge auf das gewendet, was in meinem Hauſe ſich zugetragen hat, hab' ich unterſuchen wollen, was ſich im Lande ereignet; ehe ich die Rechnungen meiner Verwalter durch⸗ ſehe, will ich ſie abſchließen mit Pflicht und Gewiſſen, und als⸗ bald, dazu haben mich reifliche Gründe bewogen. Ein Rechtsfall hat ſich ereignet, den Meiſten vermuthlich bekannt, doch Wenigen mit allen ſeinen Umſtänden; dieſe Umſtände nun veranlaſſen mich⸗ ihn noch einmal durchzugehen in eigener Perſon, obwohl mit Zu⸗ ziehung rechtsgelahrter Männer. Es iſt dies alſo eine offene, landesherrliche Gerichtsſitzung, zu welcher ich Euch als Zeugen hiermit einlade, Durchlauchtiger und hochwohlgeborne Herren, werthe Nachbarn und Gäſte. Er, Schöſſer, an Seine Stelle; nehmet Eure Plätze ein in hergebrachter Ordnung, Ihr Herren Licentiaten und Schöppen.“ Man gehorchte unverzüglich, aber niemals hat wohl eine Ge⸗ richtsverſammlung mit verlegenern Geſichtern um die grünbehan⸗ gene Tafel geſeſſen. Der Schöſſer, vernichtet von der rauhen und geringſchätzigen Behandlung, die dem übermüthigen Manne in Gegenwart ſo vieler Zeugen widerfahren war, von Menſchen, auf die er meiſt ſelbſt, als von ihm abhängig, mit Verachtung und Stolz herabzuſehen pflegte, nahm maſchinenmäßig die Ober⸗ ſtelle an dem Tiſche ein, aber als ſein Blick über denſelben hin⸗ glitt, war er ſonderbar genug, obſchon der am meiſten Betheiligte, gerade der Erſte, deſſen Faſſung wiederkehrte. Bei dem gewohn⸗ ten Anblick traten auch gewohnte Gedanken in ihm hervor, er er⸗ innerte ſich ſeiner genauen Bekanntſchaft mit den Buchſtaben des Geſetzes und ſeiner rabuliſtiſchen Fertigkeit, es zu deuten; von der Verſiegelung ſeines Hauſes gar nicht, und von dem Vorgange in der Frohnfeſte nur unvollkommen unterrichtet, wußte er nicht, wie weit der Landesherr mit der Sache bekannt ſei. War er auch in nur allzu vielen Dingen vom Wege des Rechtes abge⸗ wichen, ſo zweifelte er nicht, in den unzähligen Windungen des⸗ ſelben eine beſchönigende außufinden, kurz, hatte er auch manche triftige Urſache, durch des Reichsgrafen Ankunft beſtürzt zu ſein, auf dem Felde der Juſtiz fürchtete er den Kriegs- und Hofmann nicht, und hätte er nur erſt den Sinn davon getroffen, ſo werde, meinte er, ein goldener Palmzweig ihm ſchon einen ehrenvollen Frieden ſichern. Man ſieht, der Landpfleger der Grafſchaft war ein Heros in ſeinem Fache. 48 Nicht ganz ſo bewährte ſich ſein ehemaliger treuer Schild⸗ knappe, der zweite Schöppe und Lieentiat; er ſah vor ſich nieder, überlegend, wie er ſich bei der Aufforderung benehmen ſolle, der er entgegenſah, und ſein Entſchluß ſchien gefaßt, denn zum erſten Male kehrte er den Blick abwärts von der Sonne, welcher er ſich Jahre lang zugedreht, und zum erſten Mal richtete er an ſeinen ältern Collegen die leiſen Worte höflicher Vertraulichkeit, die die an der Seſſionstafel ſich Niederlaſſenden einander flüchtig zu⸗ raunten. Die übrigen Beiſitzer wünſchten ſich insgeſammt nach Hauſe und den Grafen— auf das glänzendſte Hoffeſt nach Wien, denn ſie fühlten, es ſei kein Lob, was ſie hier erwartete, und ob⸗ ſchon Mancher unter ihnen ſich, wenn es Niemand hörte, über das hierländiſche Weſen gar heftig herausgelaſſen, ſo fällt doch gewöhnlichen Menſchen das Außergewöhnliche immer unbequem, auch wenn ſie es für das Beſſere erkennen. Stephan endlich, der Actuarius, nahm ſeine Stelle an dem kleinen Tiſche ein, alſo mit dem Geſichte nach dem Thronſeſſel gekehrt, deſſen Inhaber er bald wie in Geiſtesabweſenheit anſtarrte, bald plötzlich die Augen niederſchlagend, aus denſelben verlieren zu wollen ſchien. Die obrigkeitlichen Perſonen anderer Ortſchaften, die Haus- und Rentbeamten blieben im Hintergrunde ſtehen, ein jeder völlig ge⸗ neigt, wenn, wie es ſchien, das Zünglein der Waage zum Nach⸗ theile des Schöſſers entſcheiden würde, noch ein Gewicht hinzu⸗ zufügen. Da that ſich die Thüre des Saales abermals auf und von Gerichtsdienern umgeben, doch ungefeſſelt, erſchien Veit Fraſer, geſtützt auf ſeine Tochter Marie. „Es iſt ein Herenproceß, meine Herren, welchem Ihr bei⸗ wohnt,“ ſprach Graf Raymund mit kaum unterdrückter Bitterkeit zu ſeinen Gäſten,„und den Angeklagten ſehet Ihr vor Euch.“ Ein dumpfer Ausdruck des Mitleids entfuhr Allen, die den Beſchuldigten früher gekannt. Der und Jener, welcher ihn wohl 49 ohne ſonderliche Rührung hätte zum Holzſtoß wandern ſehen, konnte ſich des Eindrucks nicht erwehren, welchen ſein Anblick in dieſer glänzenden und feierlichen Umgebung machte. Er war be⸗ reits angethan mit dem Sterbekleide, das ſchlotternd um ſeine abgemagerten Glieder hing, welche, verrenkt durch die Folter, ihre Dienſte verſagten. Leiden des Körpers und der Seele hatten tiefe Furchen in die Wangen und Stirne des rüſtigen Vierzigers gegraben; das abgeſchnittene Haar war nur kümmerlich wieder gewachſen, und ſchneeweiße Stoppeln erſetzten das dunkle füllreiche Haar; ſeine Augen waren entzündet von häufig vergoſſenen Thrä⸗ nen, von feuchter Kerkerluft und zuſammengezogen von der lang entbehrten Helle des Tages, und der Mund, der ſonſt ein Lächeln hatte für Jedermann, oder ein fröhliches, biederes Wort, zuckte jetzt krampfhaft vor Schwäche und Schmerz. Auch Marien hatte die letzte Zeit ſehr verändert; mit der leb⸗ haften Geberde des ſorgloſen Landmädchens war auch ihre Wan⸗ genröthe gewichen. Zwar war ſie in der Tracht ihres Standes, aber das entfeſſelte Haar fiel in langen Locken um das bleiche Geſicht, das Unglück hatte demſelben ein ernſteres und edleres Gepräge verliehen, und wenn auch noch eine liebliche, war ſie doch nicht mehr eine heitere Erſcheinung. Den Beiden folgte eine bejahrte Frau, beinahe nur in Lum⸗ pen gehüllt, aber demohngeachtet ging, auf einen ermunternden Wink ſeines Oberſten, der junge ſtattliche Wachtmeiſter auf ſie zu und leitete ſie mit ehrerbietiger Sorgfalt zu einem der abſeit⸗ ſtehenden Feldſeſſel, von denen der begleitende Geheimſchreiber dem Veit Fraſer und ſeiner Tochter die beiden andern anwies. Hinter ihnen folgten acht Livreebediente des Grafen, vier von ihnen große Packete, vier andere aber etwas von länglicher Form tragend und von nicht geringem Umfange, mit einer Decke von ſchwarzem Boh verhüllt. Sie brachten es leiſe und langſam ſchreitend in die Nähe des Baldachins, wo ſie, es eben ſo ge⸗ 50 räuſchlos niederſetzend, bei dem räthſelhaften Gegenſtande ver⸗ weilten. Den Beſchluß endlich machte Meiſter Kollmuth, der Bader, welcher mit einem von Furcht und Schrecken verzerrten Geſicht ſich darſtellte, und nicht freiwillig, allem Vermuthen nach, denn einige Zuſchauer, deren eine Menge bald das untere Ende des Saales durch die weit geöffneten Flügelthüren anfüllte und die Gallerie in ſeiner Höhe, wollten bemerkt haben, wie zwei oder drei den Dorfäseulap begleitende Küraſſiere ihn mit gelinden Fuß⸗ ſtößen weiter beförderten. Der Schöſſer warf einen finſtern, zweifelnden Blick auf alle dieſe Erſcheinungen. Das hatte er nicht erwartet, er hatte nicht geglaubt, daß der Graf die Sache bis zur Nothwendigkeit der Entſcheidung treiben werde, die nun ſchwerlich ausbleiben konnte; aber doch ließ er den Muth nicht völlig ſinken, hatte er doch Cu⸗ jaz und Bartholus zu Stützen und Paulus Crillandus, und Kaiſer Karls Halsgerichtsordnung und den geprieſenen Herenhammer, und was noch mehr war, die Fertigkeit, aus Jedem gerade das herauszufinden, was zu ſeiner Rechtfertigung nicht nur, ſondern auch zu ſeinem Siege taugte, ja, zu einem deſto glänzendern Siege, je mehr Gegner auftraten. „Dieſe Frau, ſagt man mir,“ beantwortete der Reichsgraf die fragenden Blicke ſeiner Gäſte,„war einſt die Frau eines wackern und begüterten Mannes, ſie iſt die Mutter eines der wackerſten Reiter im Heere des Kaiſers. Aber freilich,“ fuhr er mit ſteigender Schärfe fort,„beſaß der Freiſaſſe Seld außer einer blühenden Tochter,“ hier heftete ſich ein drohender Blick auf den Actuarius, deſſen vielerprobte Frechheit vor ihm hinwegſchwand, „und einem tüchtigen Sohn noch eine Wieſe, welche vor Olims Zeiten meinen Vorvordern zuſtändig geweſen ſein ſoll; das durf⸗ ten denn meine treuen Diener nicht dulden, in ihrer löblichen Sorgfalt für landesherrlich Recht und Beſitzthum, von welcher 51 ich bereits mehrere Beweiſe wahrgenommen, er mußte die Wieſe nicht nur, auch ſein Hab und Gut mußte er verlieren, und da er ein wenig mißmuthig darüber ward, in den Thurm einziehen, Andern zum warnenden Beiſpiel, und daſelbſt ſterben auf faulem Stroh, ihm ſelbſt zu gebührender Strafe. Der Reitersmann, der ſein Blut verſpritzt zum Schutze der Heimath, mußte, dahin zurücktehrend, die Mutter da finden, wo der Vater geendet, in Bettlerlumpen gehüllt und angefochten von Wahnwitz. Nicht wahr, geehrte Herren, das iſt eine prompte und ſtrenge Juſtiz? Wir hoffen, ſie in andern Fällen eben ſo zu befinden. Das,“ ſagte er, auf jenen verhüllten Gegenſtand zeigend,„iſt ein Beleg dafür, ſonſt nur eine wahre Kleinigkeit, ein Meiſterſtück jenes Mannes dort, der, wie es ſcheint, uns nur ungern ſeine Gegen⸗ wart gönnt.“ So ſehr auch Graf Raymund ſich beſtrebt hatte, die nöthige Faſſung zu bewahren, ſo war der Sinn ſeiner Worte, oder ihr Ton vielmehr, ſo unzweideutig, der tiefe Zorn ſeines Innern that ſich ſo ſehr kund, daß Niemand auch nur mit einer Geberde antwortete, daß Niemand, außer dem Schöſſer ſelbſt, daran zwei⸗ felte, dieſer ſei ein verlurner Mann, und Aller bemächtigte ſich eine hohe Spannung, als der Herr mit gewaltiger Stimme rief: „Wohlan, Ihr Richter und Schöppen meines Juſtizamtes, zur Verhandlung!“ Sie ſollten mit Vorleſung der hauptſächlichſten Actenſtücke be⸗ ginnen, und Stephan erhob ſich, um ſeiner Pflicht Genüge zu leiſten, es fiel ihm aber unmöglich, vor der Geſtalt des Grafen, ihm gegenüber, ſchwanden ihm die Schriftzüge auf dem Papier, es entfiel ſeiner Hand und kraftlos ſank er wieder zurück auf den Seſſel. „Dem Aetuarius iſt nicht wohl,“ ſagte der Graf kalt zu denen, die ihm beiſpringen wollten,„doch wird ihm ſchon wieder beſſer, man laſſe ihn ungeſtört wo er iſt, denn ſeiner Gegenwart bedür⸗ 52 fen wir noch. Herr Secretär, laſſet einſtweilen Euren Gehülfen ſeine Stelle vertreten.“ Dies geſchah, und die Vorleſung begann. Sie brachte eine gemiſchte Wirkung hervor, denn obgleich Manches in den Ver⸗ handlungen im Widerſtreit mit der Vernunft ſchien, ſo war man damaliger Zeit doch nicht eben verwundert, dieſe nicht beſonders einig mit der Form Rechtens zu finden, und dieſe hatte der kun⸗ dige Vorſteher des Gerichtes ſo wohl anzubringen und zu benutzen gewußt, daß viele der Anweſenden, für welche das Daſein der Zauberer und Unholden noch ein Glaubensartikel war, zweifelhaft wurden und den ſtillen, bleichen Veit nicht mehr mitleidig, ſon⸗ dern mitunter ſogar mit Abſcheu anblickten. Der Schöſſer nahm dieſe Wirkung wahr, er bemerkte auch das nachdenkliche Schweigen des Landesherrn, deſſen heftige Erregung ernſtem Sinnen Platz gemacht zu haben ſchien, und er lächelte ſtill triumphirend in ſich hinein. Was bedurfte denn der erfahrene Rechtsgelehrte mehr, als alle dieſe vornehmen Unwiſſenden zweifeln zu ſehen, um gewiß zu ſein, er werde ſie überzeugen? Nun traf die Reihe indeß den Einſpruch des älteſten Schöppen. Sie war kurz, bündig und verſtändlich, und wandelte einiger⸗ maßen die Stimmung der Zuhörer um, ſelbſt der Schöſſer geſtand ſich insgeheim, dieſe Schrift, welche, wie wir wiſſen, ihm unbe⸗ kannt geblieben, ſei gründlich verfaßt, doch, wie dem Unrecht immer gegen das Recht, ſtanden ihm unzählige Waffen zu Gebote, ſie zu widerlegen. „Wie zu erſehen,“ ſprach der Reichsgraf,„hat mein Juſtiz⸗ amt keine Rückſicht genommen auf gegenwärtige Proteſtation ſeines Beiſitzers, denn das Urtheil, welches ſie mißbilligt, findet ſich beſtätigt und annoch in voller rechtsgültiger Kraft.“ „Und das von Rechtswegen, erlauchter Graf und Herr,“ ver⸗ ſetzte der Schöſſer feſt.„Sothane Proteſtativn iſt nichtig in ihren Principiis und abusiv durch die Zeit, da ſie eingelegt worden. 53 Demnach hat denn Judicium einſtimmig dieſelbe rejiciret, und das Urtheil iſt confirmiret geblieben, wie es collegialiter abgefaßt worden in Pleno.“ „Iſt aber,“ nahm der Graf von Neuem das Wort,„mein Juſtizamt bei dieſem Verwerfen beharret? Wie kommt es denn, daß ſolcher Einſpruch des Licentiaten ſich dennoch bei den Acten befindet? Iſt das ſonſt der Gebrauch?“ „Iſt in meiner Abſenz geſchehen,“ antwortete der Landpfleger, „als ich mich beeilte, Eurer Erlaucht meine ſchuldige Devotion zu bezeigen.“ „So haben denn die Mitglieder ſich während derſelben anders beſonnen?“ Da ließ der zweite Schöppe, ungeduldig, ſeine Sinnesän⸗ derung an den Tag zu legen, ſich vernehmen: „Wir konnten nicht umhin, auf die Opinion meines achtbaren Collegen zu reflectiren, als welche wirklich gewiſſermaßen in jure fundiret iſt und von einem erfahrenen Jurisconsulto herrührte und während des wohledlen Herrn Schöſſers Entfernung zeitigem vicepraesidi gegenwärtiger hochreichsgräflicher Gerichtsſtelle.“ „Wahrlich,“ ſagte Raymund beinahe ſpottend,„wahrlich, eine ſeltſame Einſtimmigkeit, welche jedes Mal mit dem Vorſitzenden wechſelt. So iſt auch der Verhaftbefehl, den mein Schöſſer gegen den Proteſtirenden ergehen laſſen, ebenfalls das Werk dieſer Unani⸗ mität, und die Nichtollziehung deſſelben gleichfalls?“ „Ich habe darauf angetragen,“ ſagte der Schöſſer feſt, wie vorher,„weil die nachfolgenden Aeußerungen des Herrn Licentiati juris, einer Gerichtsperſon unangemeſſen, freigeiſteriſchen und ſo⸗ gar aufwiegelnden Inhalts erfunden worden, inmaßen ich denn mich bewogen gefunden, ſie zu urgiren zur Ehre Gottes und des gnädigſten Landesherrn, welche ſelbige gleichermaßen verletzten.“ „Meine Ehre,“ entgegnete Raymund ſtolz,„wäre ſie auch in der That verletzt worden, bedarf Eurer Vertheidigung nicht, und 54 Gottes Ehre noch viel weniger.— Doch dies iſt ein Nebenum⸗ ſtand, die Hauptſache iſt, die Gründe zu erörtern, welche für und wider Urtheil und Proteſtation ſtattfinden. Ihr denn, mein Schöppe, habt Eure Meinung zu vertheidigen, mein Schöſſer aber die Sen⸗ tenz, die er verfaßt.“ „Nicht ich habe ſie verfaßt,“ war die beſtimmte Antwort deſſel⸗ ben,„ſondern, wie ich bereits zu ſagen die Ehre gehabt, das preisliche Judicium collegialiter und in Pleno.“ „So wird einer der Beiſitzer wohl das Wort führen für ſol⸗ chen collegialiſchen Beſchluß. Euer Name, Meiſter Licentiat und zweiter Schöppe, folgt unmittelbar nach dem Eures Vorgeſetzten, Ihr ſeid der Rechte kundig gleich ihm und werdet aus ſolchen die Beweggründe herleiten können, welche Euch und Eure Colle⸗ gen zum Beitritt zu ſolcher Entſcheidung vermocht. Es mangelt Euch ohnedem nicht an Eloquenz, und obſchon im jus nicht be⸗ wandert, hören wir Controverſen nicht ungern, wäre auch die Sache nicht wichtig genug, die Erläuterung zweier erfahrenen Juriſten zu verdienen.“ So empfänglich auch der, an welchen dieſe Art Lobes gerichtet war, für daſſelbe ſein mochte, ſo hütete er ſich doch ſehr, in dieſen Fällen ſeiner Eitelkeit Gehör zu geben; er verbeugte ſich tief und erwiderte mit einem leiſen Anfluge von Hohn, dem alten Gönner geltend:„Obgleich Eure Erlaucht ſothane Eigenſchaften gnädigſt bei mir präſumiren, ſo bekenne ich doch, in beiden unſerm wohl⸗ edlen Vorgeſetzten dergeſtalt nachzuſtehen, daß ich mich gemeiniglich ſeiner Opinivn beiſtimmend angeſchloſſen, wie denn vornehmlich auch in gegenwärtigem hochnothpeinlichen Proeeſſe geſchehen. Wage demnach nicht, dem Herrn Präſes in Erläuterung und Verthei⸗ digung dabei befolgter Rechtsgrundſätze vorzugreifen, als welche derſelbe vor allen Andern reiflichſt bei ſich ſelber erwogen, und bei ſeiner exquiſiten Jurisprudenz auch des Gründlichſten zu vertreten im Stande.“ 55 Der Graf entgegnete:„Doch waret Ihr noch vor wenig Stunden geſonnen, dies ſelbſt zu thun, gleichſam in dieſem Falle den Proeurator und Syndicus unſers Juſtizamtes vorſtellend.“ Mit der ganzen kaltblütigen Frechheit eines alten Stiefſohnes der Themis verſetzte Jener:„Ja vor einigen Stunden zu höchſtem Befehl, ſeitdem habe ich jedoch des Weitern über die Sache reflec⸗ tiret und meine Meinung hat ſich geändert.“ Es erging demnach eine Aufforderung an die übrigen Schöppen, ob keiner ſich geneigt oder befugt fühle, den von ihm beglaubigten und unterzeichneten Spruch zu vertreten; alle aber verwahrten ſich höchlich dagegen, ſprechend, ſie ſeien unſtudirte Männer und als ſolche fort und fort der Meinung ihrer rechtsgelahrten Collegen gefolgt. Einige wagten ſogar, ihren Zweifel an der Gerechtigkeit der Sentenz auszuſprechen und ihre Reue, Theil an dem zu neh⸗ men, was ſie nimmer gebilligt. „Da, wie es ſcheint,“ war Raymunds Befehl,„Niemand eine Meinung behaupten will, die in ſehr kurzer Zeit einen ſelt⸗ ſamen Wechſel erlitten, ſo wird mein Schöſſer dies ſelbſt thun müſſen, inſofern er bei derſelben beharrt.“ „Ich beharre bei derſelben,“ ſprach der alte Juriſt mit feſter und lauter Stimme,„als begründet auf die Codices und das Herkommen. Der Menſch kann irren, das Recht iſt untrüglich, denn es ſtammet von Gott, und die Zeit hat es beſtätigt und ſanctivniret, darum mag der Richter, welcher ſelbigem treu geblie⸗ ben, darauf getroſt beharren. Ich verlaſſe daher auf meines gnã⸗ digſten Herrn Befehl den Platz, welchen ich gleichfalls nach dem⸗ ſelben lange Zeit eingenommen, und führe, wie einſt als Advocat die Rechtsſachen des hochreichsgräflichen Hauſes vor andern Ge⸗ richtsſtellen, jetzt an der Tafel, wo ich dreißig Jahre präſidiret, nicht meine Sache, ſondern die Sache des Geſetzes.“ Dieſe Rede, ſtark und kühn und von einem bejahrten Manne geſprochen, war nicht wirkungslos; die Meinungen der Zuhörer 56 theilten ſich abermals, der Graf aber ſagte kurz und trocken: „Das Recht iſt untrüglich, der Menſch kann irren, und nur wenn er wiſſentlich von jenem abweicht, verfällt er der Ahndung, um ſo mehr aber und gewiſſer, je beſſer er kannte, wovon er ſich ent⸗ fernt. Dreißig Jahre hat mein Schöſſer und Licentiat an dieſer Tafel geſeſſen, um ſo williger wird er vor der Hand meinem Ge⸗ heimſchreiber ſeine Stelle einräumen. Doetor beider Rechte und kaiſerlicher Notar, meine werthen Gäſte und Ihr Schöppen,“ ſetzte er vorſtellend hinzu,„der einſtweilen die Vices des vacanten Praesidium vertreten wird.“ Dieſe vieldeutigen Worte lauteten in den Ohren der Anweſen⸗ den ziemlich gleich einer förmlichen Abſetzung des in Ungnade Gefallenen. Die Schöppen und vorzüglich der zweite unter ihnen, verbeugten ſich vor dem ſich ſetzenden jungen Mann, in dem ſie in Voraus den künftigen Obern verehrten, nur der Schöſſer ſah mit gleichgültigem Blick auf ihn, gleich als ſei er überzeugt, der Eindringling werde ihm in wenigen Minuten den Platz räumen. Des Sohnes renommiſtiſche Verworrenheit verflog gemeiniglich mit dem Rauſch und weilte höchſtens noch auf der Zunge, aber der Vater trug im Herzen den Muth eines grauen Knechtes der Sünde. Die Erörterungen, die wir im Einzelnen übergehen, nahmen ihren Anfang und wurden von beiden Seiten wacker geführt, von der des älteſten Schöppen mit Gründlichkeit und Gefühl, von ſeinem Gegner mit Geſchicklichkeit und großem Aufwand juriſti⸗ ſcher Eloquenz in ſcheinbar unumſtößlicher Schlußfolge. Während Jener ſich auf die frühere Lebensweiſe Veit Fraſer's ſtützte, auf die Achtung, in der er geſtanden, fragend, ob man wohl meinen könne, daß das Wirken des Teufels ſich ſo wohl⸗ thätig äußere, als das des Beklagten es geweſen, berief ſich der Andere auf den Bodinus und ähnliche Scribenten, welche darge⸗ than, daß der Teufel ſeinen Knechten gar wohl den Heiligenſchein 37 zu bewahren wiſſe, bis ihre Zeit um, gar freigebige Almoſen⸗ ſpender und fleißige Kirchenbeſucher, welches Letztere Inculpatus nicht einmal geweſen, ſeien als Zauberer und Herenmeiſter erkannt und verbrannt worden, und in jure gelte ein Beweis für mehr, als hundert halbe Beweiſe wider.„Was hilft,“ rief er mit Pa⸗ thos aus,„ein ganzes Leben voll ſcheinbarer Gottesfurcht und Rechtlichkeit, ſo eine halbe Stunde die abſcheuliche Wahrheit auf⸗ deckt, die ſo lange verborgen lag unter heuchleriſchem Truge?“ „Der wohledle Schöſſer meint ohne Zweifel,“ antwortete der Schöppe ruhig,„jene halbe Stunde am Tage des Schutzpatrons im Wirthshauſe, wo zuerſt ein Verdacht Wurzel gewann, deſſen man früher höchſtens im Scherze hörte oder im Munde unver⸗ ſtändiger Leute?“ „Und was ſollte ich anders meinen? Haben ſich doch daſelbſt Dinge begeben, die jeden frommen Chriſten mit Schauder erfül⸗ len und nur ein freigeiſteriſcher Sinn natürlichen oder ſonſt an⸗ dern Urſachen zuſchreiben kann, als der Einwirkung des leidigen Teufels, welcher dabei zum Schrecken der Gläubigen ſelbſt zuge⸗ gen geweſen oder gar in Perſon?“ Einige der Zuſchauer bekreuzten ſich bei dieſen Worten, und der Criminaliſt, dies wahrnehmend, fuhr mit größerer Sicherheit fort:„Als meine höchſtſeligen und gnädigſten Herren mich als ih⸗ ren Juſtizamtmann und Schöſſer betrauten, habe ich geſchworen, göttlichen und menſchlichen Rechtes wahrzunehmen in hieſiger Grafſchaft, und bei ſolchem Eide werde ich beharren, ſo auch mein graues Haar darüber mit Kummer in die Grube fahren ſollte.“ „Was dieſen Artikel betrifft,“ warf der Licentiat ein,„trage ich darauf an, ein wohlachtbares Judicium wolle die Ausſage In- quisiti berückſichtigen.“ „Allerdings,“ ließ der junge Doctor, der bisher die Acten durchgeſehen, ſich beſcheiden vernehmen,„allerdings beruft Veit 1. 5 58 Fraſer ſich mehrmals auf die von ihm, zu dem, was er einen Scherz nennt, gebrauchten Werkzeuge. Wie kommt es, wenn ich fragen darf, daß ſelbige einem verehrlichen Juſtizamt nicht vorge⸗ legt worden, um für oder wider den Inculpaten zu beweiſen? Ja, wie kommt es, daß, da er doch behauptet, ſelbige müßten die Ungefährlichkeit berührter Kunſtſtücke darthun, ſich auch nicht die mindeſte Spur der Nachforſchung findet?“ Der Schöſſer ſagte nach einigem Befinnen mit einem giftigen Blick auf den unwillkommenen Stellvertreter:„Sind abhanden gekommen, wohlgelahrter Herr Doetor juris utriusque, und ſol⸗ ches graviret die Anklage um Vieles, ſintemalen dieſelben Niemand abſeit geſchafft hat, als der böſe Feind, als welcher ſich wohl hütet, ſeine hölliſchen Arcana und Gaukelwerk bekannt werden zu laſſen.“ Dies Argument galt mehr denn Einem in der Verſammlung für unwiderleglich, der Graf aber, welcher, ſeitdem ſein Geheim⸗ ſchreiber die Oberſtelle eingenoinmen, nur einen ſtillſchweigenden Zuhörer abgegeben hatte, warf einen bedeutenden Blick auf den Prinzen, den dieſer eben ſo erwiderte. Nach einer Pauſe ſagte der Doctor eben ſo beſcheiden aber nachdrücklicher:„Es iſt möglich, daß der Feind ſolches gethan, doch hindert dies nicht, daß es die Procedur verwickle. Seid Ihr nicht auch der Meinung, Herr College und achtbare Schöppen,“ wandte er ſich höflich zu dieſen,„daß ein corpus delieti, wie man beſagte Inſtrumente wohl nennen kann, und welches, nach der Ausſage der Zeugen, ſelbſt noch vorhanden geweſen, als Be⸗ weis ebenſowohl für als wider einen Beſchuldigten dienen kann, und in ſeiner Ermangelung ſolcher Beweis unvollkommen bleibt, falls ihn nicht anderweitige vollgültig erſetzen?“ Der Rechtsgelehrte pflichtete mit lauter Stimme und unum⸗ wunden bei, keinem der Uebrigen kam ein Widerſpruch in den Sinn. „Dergleichen Beweiſe ſind da,“ erklärte dietatoriſch der Anwalt 59 ſeiner eigenen Sache.„Wozu nützt das corpus dilicti, wenn ſolche ſprechen, welche nach reiftichem Erwägen, nach dem Gut⸗ achten eines zweiten Schöppenſtuhls, ja der Facultät ſelbſt, welche man gebührend conſultiret hat, für genügend erfunden worden?“ „Und dieſe Beweiſe ſind, mit Euer Edlen Wohlnehmen?“ „Es iſt meines gnädigſten Herrn Wille, daß ich Euch antworte, Herr Doctor, ſo werdet Ihr vermuthlich wiſſen, daß des Beklag⸗ ten eignes Geſtändniß keiner der geringern iſt.“ Hier unterbrach ihn Fraſer's Vertheidiger mit lauter und be⸗ wegter Stimme:„Ich könnte ſagen, daß das Geſetz anders ſpricht, doch werfe die hochanſehnliche Verſammlung einen Blick auf die⸗ ſen Unglücklichen, der zwar dem Tode hoffentlich entronnen, doch kaum mehr dem Leben angehört, und ſie wird nicht zweifeln, durch welche Mittel man dies Geſtändniß gewonnen. An und für ſich iſt es nicht zureichend, wie viel weniger aber, wenn die Tortur es erpreßte?“ „Quod nego!“ ſprach der Schöſſer mit ſcharfem Tone.„Es iſt zureichend, wenn andere data es unterſtützen. Solche finden ſich in den Protveollen. Fraſer hat bei einer Frage geſtockt, bei einer andern iſt er erröthet, und hat ſich, der Meinung geſamm⸗ ten preislichen Judicii zufolge, als ein unverbeſſerlicher Böſewicht erwieſen.“ Ein Augenblick tiefer Stille folgte dieſer Erklärung, aber plötz⸗ lich erhob ſich der Reichsgraf vom Thronſeſſel und rief mit flam⸗ mendem Blick und donnernder Stimme:„O, wollte Gott, Man⸗ cher könnte noch erröthen und ſtocken, er wäre dann kein unver⸗ beſſerlicher Böſewicht. Viel Heilloſes hat ſich zugetragen in mei⸗ nem Erbe öffentlich und insgeheim; mehr weiß ich davon, als man glaubt, ich weiß Alles! Wird, Schöſſer, Eure eherne Stirn nicht erröthen, Eure fertige Zunge nicht ſtocken, wenn ich Euch und jenen Buben, Euren Sohn, als Urheber deſſelben an⸗ klage, ich, Euer Herr?“ 5* 60 Der Schöſſer fühlte, jetzt ſei der Augenblick, den ganzen Trotz gekränkter Unſchuld und Pflichttreue an den Tag zu legen, und er bereitete ſich es zu thun, aber plötzlich verſagte ihm die Sprache, ſein Angeſicht färbte ſich dunkelroth, denn ſein Auge war auf ſei⸗ nen Sohn gefallen, der eben beide Arme krampfhaft, wie abweh⸗ rend gegen den Landesherrn ausſtreckte, einige leiſe Worte durch die blauen Lippen murmelte und drauf ſich wandte, wie um zu flichen, aber halb beſinnungslos in den Armen der ihn aufhal⸗ tenden Bewaffneten blieb. „Er iſt erröthet,“ rief Prinz Ludwig, ſich und die Umgebung vergeſſend,„er hat geſtockt, ſo iſt er denn ſchuldig nach ſeinem eigenen Wort!“ Von der Seite aber erklang es in ſeltſamem gellenden Tone: „Hörſt Du es, gemordeter Mann, hörſt Du es, unglücklicher, verfolgter Vater gemordeter Kinder? Die Schuld ſpricht aus ſtummem Munde und ruft ſelbſt den Tag der Vergeltung herbei.“ Die Augen der beſtürzten Verſammlung wendeten ſich nach der Wittwe des Freiſaſſen, welche aufgeſtanden war und mit der aus⸗ geſtreckten Hand gleichſam beſchwörend auf Stephan deutete und auf ſeinen Vater. Ein dumpfes Gemurmel lief durch den Saal, und erſt als es verklungen war, nahm der Geheimſchreiber wieder das Wort: „Aus dem Vorgange, deſſen Zeugen ein hochanſehnliches Au- ditorium und ein löblich reichsgräfliches Juſtizamt geweſen, erhel⸗ let, ohne weitere Folgerungen ziehen zu wollen, ſattſam, daß dergleichen indicia als Stocken und Erröthen keinesweges genü⸗ gend und überweiſend genannt werden dürfen. Es beliebe dem⸗ nach dem wohledlen Herrn Schöſſer, anzuführen, was er etwa Weiteres von wegen Ueberführung des gegenwärtigen Veit Fraſer und Aufrechthaltung der gegen ihn erlaſſenen Sentenz zum Tode durch das Feuer ſachdienlich erachtet.“ Aber der Schöſſer antwortete nicht; immerfort war ſein Blick . 61 auf Stephan gerichtet, auf den verzogenen und ungerathenen Lieb⸗ ling ſeines harten Herzens, das jetzt wirklich die Nähe des Ver⸗ geltungsengels zu ahnen begann, herbeigerufen durch die beraubte Wittwe des durch ihn Gemordeten. Da naheten auf einen Wink des Grafen die vier Diener, welche die Packete gebracht hatten, dem Gerichtstiſch und der erſte von ihnen ſprach zu dem Vorſitzenden, den Korb enthüllend; „Hier iſt, was Ihr, Herr Doctor, bei der Verſiegelung im Hauſe des Schöſſers mir zur Verwahrung gegeben, wohl gepackt und unangerührt. Bei dem Sohne hingegen fand ſich nur ein Ge⸗ ringes von Papieren, die jedoch dem Uebrigen beigefügt worden.“ Man ſchritt zur Durchſicht. Das Erſte, was man fand, wa⸗ ren große Convolute herrſchaftlicher Rechnungen, die jedoch auf Raymund's Befehl zurückgelegt wurden. Beim weitern Suchen aber ſtieß man auf ein großes Packet, nach dem Zeugniß der Schöppen mit ihres Vorgeſetzten Petſchaft verſiegelt, und deſſen Aufſchrift von ſeiner Hand lautete: In Sachen Veit Fraſer's. Noch ſtand der Schöſſer vertieft in den Anblick des auch ihm räthſelhaften Zuſtandes, in welchem ſein Sohn ſich befand, und der die Augen Aller, vornehmlich aber des Grafen, auf ſich zog; aber als jene Aufſchrift geleſen wurde, drang ihr Schall doch zu ſeinem betäubten Ohr, und er zuckte zuſammen, wie es Veit nicht gethan, als er ſein Todesurtheil anhörte. Da ſprach Graf Raymund, immer noch den ſinnenden und forſchenden Blick auf Stephan geheftet, der, wieder zur Beſinnung gekommen, trotz alles Aufbietens gewohnter Frechheit denſelben nicht ertragen konnte, leiſe und ernſt zu dem Prinzen:„Es war Euer Rath, mein fürſtlicher Vetter, auf den ich jene Worte ſprach. Es daucht mich beinahe, ſie ſind verhängnißvoller geweſen, und der Himmel hat Euch zum Werkzeug ſeiner Vergeltung erkohren.“ „Mon Cousin, Ihr werdet mich ſtolz machen,“ antwortete Lud⸗ wig eben ſo leiſe.„Nimmer hätt' ich geglaubt, daß der Himmel 62 mich mit ſeinen beſondern Aufträgen beehrte. Allzu ſehr darf ich mich indeß nicht rühmen, das Gewiſſen dieſes grauen Schurken getroffen zu haben, denn ich meine, es hat wenig Flecke, wo es heil wäre.“ „Das iſt es nicht,“ ſprach Rahmund darauf, kopfſchüttelnd und noch ernſter.„Mir iſt, als verhülle dieſer Berg von gehei⸗ men Miſſethaten irgend ein Ungeheuer ſeltſamer Art, und als nähme ich ſchon unbeſtimmt ſeine gräulichen Umriſſe wahr. Be⸗ trachtet einmal aufmerkſam dieſen Vater und dieſen Sohn, wie gemahnen ſie Euch?“ „Nun,“ verſetzte Jener leicht hin,„wenn ich ſo ſagen ſoll, wie Dieb und Mörder.“ „Es könnte ſein, Ihr hättet in Beiden Recht,“ entgegnete Raymund nachdrücklich, dann wendete er ſich zum Gericht mit den Worten:„Es ſcheinet, als ſolle die Thätigkeit meines Juſtiz⸗ amtes noch anderweitig in Anſpruch genommen werden: ich for⸗ dere daſſelbe demnach auf, vorliegende Sache zum Schluſſe zu bringen, der fortan wohl kein ſonderlich Hinderniß erleidet.“ „Veit Fraſer,“ rief der Vorſitzende dieſen auf,„es ſcheint ſich ein neuer Umſtand in Eurer Sache ereignen zu wollen, welcher die Prüfung Judicii erfordert und Eure Gegenwart; tretet denn heran zur Tafel des löblichen Schöppenſtuhls.“ Fraſer erhob ſich mit Mühe und gehorchte, auf Mariens Arm gelehnt, langſam der erhaltenen Weiſung. Das Packet oder Bündel vielmehr ward mit den nöthigen Formalitäten geöffnet, und mehreres ſeltſame und unſcheinbare Ge— räth kam, nachdem die oberſte Hülle, ein gewöhnlicher Getreide⸗ ſack, hinweggethan, zum Vorſchein. Langſam hob der Doetor der Rechte eines nach dem andern empor und zeigte es dem Angeklagten, ihn fragend, ob er es für ſein Eigenthum erkenne? Als dieſer es ſo freudig bejahete, als ſein tiefer Kummer es 8———— —— 63 geſtattete und ſeine zerrüttete körperliche Kraft, forderte Jener die vier Diener auf, zu bezeugen, wo ſie unter ſeiner Anführung dieſe Dinge gefunden? „In einer eiſernen verſchloſſenen Truhe,“ lautete die Antwort, „im Geheimzimmer des Schöſſers.“ Dieſer ſtand finſter da und trotzig, ſich mit krampfhafter An⸗ ſtrengung aufrechthaltend; er vergalt mit grimmigen Blicken die, welche die Verſammlung auf ihn warf, und ſprach mit feſter, ſchneidender Stimme:„Wohl hab' ich dieſe Inſtrumente des Satans allen Blicken verborgen, damit nicht Aergerniß komme durch ſie.“ „Auch den Herren Collegen?“ fragte der junge Rechtsgelehrte. „Ich bitte ſelbige, mir zu ſagen, ob dieſe Objecte dem achtbaren Judicio vorgelegt worden ſind?“ Ein einſtimmig„Nein“ ertönte zum Beſcheid. Da erhob ſich der Schöſſer, welcher kaum mehr an ſeine Ret⸗ tungsloſigkeit zweifeln konnte, noch einmal in übermüthigem Hohn: „Eben hab' ich ja dem Herrn Doctor juris deelariret, wie ich es für angemeſſen hielte, dergleichen Dinge vor Augen der Ignoran⸗ ten zu bringen.“ Dieſe gröbliche Aeußerung empörte, vielleicht um ihrer Wahr⸗ heit willen, die ſämmtliche Gerichtstafel, und mit einmüthigem Beifall ward der Antrag des älteſten Schöppen aufgenommen, die einzelne Unterſuchung des corpus delicti begehrend, denn Jeder wollte die ſchnöde Bezüchtigung widerlegen. Der zweite Licentiat, am eifrigſten von Allen, ſprach beim erſten Stück, das vorgewieſen wurde, mit einer Kennermiene: „Ein ganz bekanntes Inſtrument der experimentirenden Natur⸗ kunde, eine mit Pech beſtrichene Holzplatte, welche, mit dem Fuchs⸗ ſchwanz geſtrichen, elektriſche Wirkungen hervorbringt.“ „Darin kann man dem Herrn Licentiaten auf's Wort glauben,“ ſagte der Prinz halblaut,„denn was das Streichen mit dem Fuchsſchwanz anbetrifft, iſt er, däucht mich, bewandert.“ 6⁴ „Dies iſt eine luftleere Röhre,“ ſagte ein Anderer, ſeines Ge⸗ werbes ein Glaſer,„die ich ſelbſt mit eigenen Händen verfertigt.“ „Dies eine Leidener Flaſche,“ ein Dritter. „Ein Carteſtaniſches Teufelchen,“ ſchaltete mit gelehrter Miene ein wohlgenährter Landedelmann ein, welcher vor Zeiten einmal in Straßburg geweſen.„Das iſt, hol' mich der Teufel, von allen Teufeln der unſchuldigſte.“ „Dieſer Sack iſt in der Mitte durchnäht,“ ſprach ein ehrlicher Freiſaſſe,„wie meines Bedünkens Nachbar Fraſer es angegeben in ſeiner Ausſage.“ „Und dies,“ ſprach Marie traurig,„iſt die Zauberlaterne, mit welcher der arme Vater uns beluſtigte in den langen Winteraben⸗ den, und die uns ſo viel Freude machte. Ach wir wußten nicht,“ ſetzte ſie weinend hinzu,„daß ſie uns ſo viel Thränen koſten würde und meiner Geſchwiſter unſchuldig Blut!“ „Und hier,“ ſagte endlich der Doctor, eine lange und ſchmale Glasplatte hervorziehend,„iſt auch der Theophrastus Paracel- sus, oder das Fratzenbild vielmehr, das eines Zeugen Bosheit dem Aberglauben und der Unverſchämtheit als das Konterfei des hölliſchen Feindes oder ſeine eigene Perſon dargeſtellt. Euren Namen leſe ich hier, Johannes Kollmuth, Bader des Orts,“ ſprach ſtreng zu dieſem der Richter,„wie auch unter dem chirur⸗ giſchen Visum repertum, das zum Teufelszeichen erklärt, was ein anderer Arzt und Chirurg mit mehrerem Fug ein Muttermaal nannte. Sprecht, erkennt Ihr das Bild für das nämliche, das Ihr an der Wand im Wirthshauſe erblicktet?“ „Der Menſch kann irren,“ ſprach, wie vorhin ſein Gönner, Meiſter Johannes, mit klappernden Zähnen.„Hab' ich doch den Errorem gemein mit dem wohlweiſen Herrn Poctori Medicinae und Leibarzt. Das Bild, ja nun das Bild hier, ſcheint mir aller⸗ dings der Teufelsphyſiognomie questionis ähnlich zu ſein. Aber, 65 wie geſagt, errare humanum, wie die Lateiner ſprechen, zu deutſch: irren iſt menſchlich.“ „Wiſſet Ihr auch,“ fuhr der Vorſteher fort,„den Schluß des Sprichworts; er heißt: im Irrthum beharren iſt teufliſch. Das Visum repertum mag löbliches Judicium, als nicht befugt, gegen Ignoranz zu verfahren, dem Doetor und Euch vergeben. Doch mit Eurer Zeugenausſage iſt es ein Anderes. Kennt Ihr,“ ſprach er jetzt raſch und ſcharf, eine blecherne Schale hervorziehend, „kennt Ihr dies? Doch wohl, denn Euer Name iſt darauf einge⸗ graben.“ Der Bader verſuchte zu leugnen, aber mehrere Schöppen und Andere, Meiſter Kollmuth's Bartkunden, erkannten den Gegenſtand alsbald für das Becken deſſelben. „Es fand ſich unter dem andern Geräthe,“ ſprach der Richter weiter,„mit welchem Ihr, Ihr ſelbſt, nach der Ausſage der Haushälterin des Herrn Schöſſers, in jener Nacht mit Eurem Dienſtknaben zu dieſem gekommen. Meinet ein preislicher Schöp⸗ penſtuhl, daß ſolcher Gegenſtand, mit jener Ausſage verbunden, eine ſtarke Präſumption bilde gegen anweſenden Zeugen?“ „Praesumptio falsi major,“ beſtätigte der Licentiat, und die andern Beiſitzer ſagten:„Solches verdächtiget allerdings das ge⸗ gebene Zeugniß.“ „Der Irrthum,“ nahm der fremde Rechtsmann wieder das Wort,„der Irrthum an und für ſich ſelbſt, gehört nicht zur Com⸗ petenz des Gerichtshofes, aber wenn er bis zu Beſchwörung einer unſichern Ausſage geht, ja, wie es hier ſcheint, bis zum wiſſent⸗ lichen Meineid, dann nimmt die Gerechtigkeit Kenntniß von ihm.“ Auf ſeinen Wink bemächtigte ſich des Zitternden die Wache. Der Doetor fuhr fort:„Aus denen in den Acten befindlichen Angaben und der Unterſuchung vorliegender Gegenſtände erhellet denn, daß mit Hülfe derſelben und ohne Beiſtand des Teufels Veit Fraſer Alles verrichten können, was zum peinlichen Verfah⸗ 66 ren gegen ihn Veranlaſſung gegeben. Es ſteht uns daher wohl zu, Ihr Herren, daß wir den proteſtirenden Herrn Collegen zum Antrag ermächtigen auf ein Conelusum.“ „Und brauche ich denn noch darauf anzutragen bei einem er⸗ leuchteten Gericht?“ ſprach dieſer freudig.„Welch' anderen Spruch könnte es wohl fällen, als Vernichtung des Spruchs, Schadenerſatz für Veit Fraſer und ſeine Wiederherſtellung in Hab' und Gut und Ehre?“ Und rings um die Tafel ſchallte es wie aus einem Munde: „Unſchuldig!“ „So gehe denn, Gerechtfertigter,“ ſprach Raymund mit Würde. „Gehe von hier, ein lebend Denkmal, daß Gvott die Unſchuld an den Tag zu bringen wiſſe. Ich glaube, noch heut' wird uns ein Beweis, er thut das Nämliche mit verborgener Schuld.“ Aber Veit ging nicht, Marie und er neigten ſich wohl ehr⸗ furchtsvoll und dankbar vor dem Gebieter; aber Veit ſtand, er drückte die geballte Fauſt auf ſein Herz und richtete einen auffor⸗ dernden Blick auf den Grafen, zugleich erhob ſich auch die Wittwe des Freiſaſſen und trat ihm zur Seite, mit Ingrimm und Hohn auf den gedemüthigten Peiniger ſchauend. Der Doetor ſchickte ſich an, ſeinen Platz zu verlaſſen nach geendigter Sitzung, allein der Reichsgraf ſagte„Nicht ſo, mein Oberjuſtizmann und wohlbetrauter Rath, denn ſolches iſt gegen⸗ wärtiger Doetor der Rechte, wird an der Stelle verweilen, welche er zweifelsohne beſſer verwaltet, als ſein Vorgänger es gethan.“ Da überwand das Gefühl öffentlicher Beſchämung und noch mehr des ſeiner Habſucht ſo empfindlichen Verluſtes den ſtarren Trotz des bisherigen Viceregenten, und die Gewißheit der Nieder⸗ lage verwandelte ihn ſchnell in das Gegentheil, in kriechende De⸗ muth:„Mein gnädigſter Graf und Landesherr,“ ſtammelte er mit gebogenen Knieen,„ſollte ich mir auch das höchſte Mißfallen zu⸗ gezogen haben, durch allzu ſtrengen Eifer vielleicht irregeleitet, ſo . 67 darf der doch wohl auf Nachſicht hoffen, welchen Euer Herr Va⸗ ter und Bruder höchſtſelig ihres Vertrauens gewürdigt haben, ein ſo vieljähriger pflichtgetreuer Diener Eures hochgräflichen Hauſes.“ Was lange Zeit gedauert oder ſich an einer Stelle befunden hat, erhält, und nicht mit Unrecht, ſchon darum einen gewiſſen Werth in den Augen vieler Menſchen; zwar lag das Unrecht des alten Mannes offenbar da vor den Augen der Verſammlung, aber die meiſten der Gäſte, welche ihn früher gekannt in ſeinem geborgten Glanz und von ſeinem Deſpotismus nicht gelitten hat⸗ ten, meinten, eine Entlaſſung in Ungnaden ſei, wo nicht eine angemeſſeue Beſtrafung für ihn ſelbſt, doch für die Milde eines jungen, ſein Amt eben antretenden Regenten. Dieſer aber rief mit drohendem Blick und tönender Stimme: „Er wagt es, hört, Ihr hochwohlgebornen Herren, er wagt es, ſich noch auf die Länge ſeiner Dienſtzeit zu berufen und auf ſeine Pflichttreue! Beide ſollen berückſichtiget werden, ich ſchwöre es bei dem allmächtigen Gott. Jede Woche, jeder Tag dieſer langen Reihe von Jahren ſoll geprüft werden und jeder Beweis ſeiner Pflichttreue ſorgfältig erwogen. Stände mein verſtorbener Bruder an dieſer Stelle, würde vielleicht ſein Mund, den ein jäher Tod zu gelegener Zeit für Manchen verſchloß, Worte ſprechen, die die meinen an Gewicht übertreffen; aber ich bin hier, um zugleich zu vergelten, was an ihm gefrevelt worden und an mir!“ Hier wandten ſich alle Blicke auf Stephan, der jetzt zum dritten Male bei Erwähnung deſſelben Namens die deutlichſten Merkmale einer unüberwindlichen und ſeltſamen Angſt von ſich gab, und jener alte Edelmann flüſterte ſeinen Nachbarn zu:„Iſt es doch, als habe der Schöſſersſohn, der damals, wie Ihr Euch erinnern werdet, plötzlich hinwegmußte aus dem Schloß, nicht im beſten Vernehmen mit dem ſeligen Herrn geſtanden. Wenn das iſt, ſo wundert es mich nicht, wenn er vor unſerm Gaſtgeber ſcheu ſich geberdet; ſieht er doch jenem ähnlich wie ein Ei dem andern, zu⸗ 68 mal wenn er zornig und finſter ausſah, welches oft genug ge⸗ ſchah.“ „Art läßt nicht von Art,“ verſetzte der Andere;„die Her⸗ ren dieſes Schloſſes waren von jeher als ſtrenge Gebieter be⸗ kannt.“ Der Erſte erklärte:„Ei, meinethalben mag er das Geſindel kuranzen, das ſeine Bauern ſchund für den eigenen Seckel, ſeinen Wein austrank und ſich gegen unſer Einen geberdete, wie ſeines Gleichen, auch noch gar übermüthig that mit dem geſtohlenen Mammon.“ Auch Raymund war nicht entgangen, was dies Nebengeſpräch veranlaßte, und langſamer fuhr er fort:„Alles jedoch zu ſeiner Zeit; was ſich auch ergeben möge, die Klage der Unterthanen geht vor der Beſchwerde des Herrn. Hier ſteht die Wittwe Eines, der gefallen iſt durch den ſchlimmſten aller Morde, durch den Juſtizmord; ihre verweinten Augen heiſchen Genugthuung; ſie ſoll ihr werden. Hier ſtehen noch Viele, mit älterer und neuerer Beſchwerde; ſie ſollen ſie anbringen vor mir und meinem Gericht, und ihnen wird das Recht fortan nicht mehr, wie bis jetzt, ent⸗ ſtehen. Vor Allen aber ſehet Ihr den, welchem heut' eine augen⸗ ſcheinliche Fügung des Himmels dem martervollſten, unverſchul⸗ deten Tode entriſſen; glaubt irgend Einer, daß ſeine Freiſprechung die Unbill ſühne, die er erlitten? Er iſt wieder eingeſetzt in ſein Eigenthum, aber den wertheſten Theil derſelben, den er unwieder⸗ bringlich verloren, giebt ihm kein Spruch des Gerichts zurück. Schadenerſatz hat man ihm zuerkannt; nun, ich glaube zu wiſſen, welchen Erſatz er verlangt, und derſelbe ſoll ihm werden. Ver⸗ weilet auf Euren Sitzen, Ihr Richter, noch iſt das Gericht nicht geſchloſſen; ein neues heget über den, welchen ich anklage vor Euch, ich, nicht als Gebieter dieſes Hauſes, ſondern als Herr dieſes Landes von Gott beſtellt, den ich anklage als Peiniger ſeiner Bewohner, als Schänder meiner gräftichen Ehre!“ 69 Dieſen Worten folgte eine tiefe Stille, nur von den dumpfen Tönen unterbrochen, welche durch die bläulichen, zuſammengezo⸗ genen Lippen des Schoſſers drangen, ungewiß, ob durch Jammer erpreßt, oder durch Wuth. „Was verdient,“ hob der Reichsgraf wiederum mit gewalt⸗ ſamer Faſſung an,„was verdient der Mann, welcher, bekleidet von allzu vertrauenden Gebietern mit den erſten ihrer Gerechtſame, mit Ausübung der Gerechtigkeit und mit der Gnade, die Waage jener fälſchte mit jüdiſcher Hand und ihr Schwert zur Sichel um⸗ ſchuf, fremde Aernten für die eigene Tenne zu ſammeln, der, die erquickende Quelle der letzten mißgünſtig verſtopfend, für ſich allein ihre Tropfen bewahrte, ſie allen Andern entziehend, ſo daß ſie einander frugen:„Unſere verſtorbenen Gebieter hatten doch einen Sohn und Bruder; wie kommt es, daß wir keinen Herrn haben, als ihn, der kein Herz zu uns trägt?“ Ja, Ihr hattet einen Herrn, und er trug ein Herz zu Euch, doch—— Aber nicht von mir.— Was denn— es iſt an der Zeit, daß offenbar werde, wofür Schlauheit und gefürchtete Willkür die Augen der Nichtkundigen verblendete— was verdient der Richter, der ſein geheiligt Amt mißbraucht zur Befriedigung des Geizes und der Rachſucht; der darum, weil ſein wüſter Sohn vergeblich um eine ehrbare Dirne geworben, den Vater derſelben mit den Netzen der Argliſt umſtellt, der, um eines Nichtswürdigen roher Begier ge⸗ nug zu thun und der eigenen Gier nach Schätzen, das letzte grau⸗ ſamſte Mittel anwendet, die Tortur, und da er nun dem Unglück⸗ lichen ſtatt der gehofften Schätze ein erlogenes Erkenntniß erpreßt, in der Wuth der getäuſchten Erwartung auf dieſes Bekenntniſſes Grund, nicht in verfehltem Eifer, nicht aus Irrthum, ſondern überzeugt von der Unſchuld des Beklagten, durch Beweiſe, von ihm ſelbſt mit Hülfe ſeiner Söldner unterſchlagen, ſein Opfer zum Tode ſchickt, zum peinvollen Tode in den Flammen?“ Ein allgemeiner Ausruf des Abſcheu's ließ ſich vernehmen, der 70 zweite Licentiat aber, ſeinen jüngſt eingeſchlagenen Weg verfolgend, ſprach zuerſt:„Das Geſetz erkennt für ſolche Prävarication einer obrigkeitlichen Perſon, wie ſie hier aus der Verheimlichung des corporis delieti hervorgeht und die Entkräftung der Anzeige In- culpati bewirkt hat, ingleichen aus der Luſomirung des Haupt⸗ zeugen, auf Entſetzung von Ehren, Würden und bürgerlichen Rechten, auf Brandmarkung und Landesverweiſung oder Gefäng⸗ niß, vom lebenslänglichen bis zum zehnjährigen herab, welches Minimum jedoch hier der hinzutretenden aggravirenden Umſtände wegen kaum angenommen werden dürfte.“ Ein Baſiliskenblick des Schöſſers vergalt dem abtrünnigen Freunde ſein Votum, der gräfliche Rath und der erſte Schöppe beſtätigten es, die betreffenden Stellen des Geſetzbuches anziehend, die andern Beiſitzer hielten ihr ſtets bereites Jawort nicht zurück, ja, der ehrliche Freiſaß wagte, zu bemerken, Judicium dürfe um ſo weniger hier Milde für Recht walten laſſen, als es eigene Unbill zu ahnden habe an dem ehemaligen Vorſteher, welcher bei dieſem Anlaß, und wohl öfter noch, ehrliche Männer zum Unrecht verleitet und beinahe eine ſchwere Verantwortlichkeit vor Gott und Menſchen auf ſie gewälzt hätte. „Dem Vvrliegenden nach,“ nahm der jetzige Vorſteher das Wort,„und nach dem Buchſtaben des Geſetzes kann Judicium nicht anders erkennen, als auf lebenswierige Haft, empfiehlt aber den Verurtheilten, weil das beabſichtigte Verbrechen unausgeführt geblieben, landesherrlicher Gnade.“ „Gnade dem, der ihrer würdig iſt,“ ſprach Raymund mit eherner Stimme,„ Gerechtigkeit nur für den Verbrecher. Die verſuchte Miſſethat iſt nicht vollbracht worden, ſagt mein Gericht, eine andere aber iſt es, noch heilloſer, wo möglich, als jene, und ſie darf nicht ungeſühnt bleiben, damit ihr Fluch nicht dies Haus belaſte auf ewige Zeiten! Den Vater hatte er dem Tode geweiht,“ fuhr er fort, Wahrmann, der unfern von ihm ſtand, 71 winkend,„doch war das der nimmerſatten Bosheit nicht genug, ſie dürſtete nach dem Blute der Kinder!“ Die Hülle flog hinweg von dem länglichen Geſtell und mit erſtarrendem Grauen ſahen Alle Margarethens Leichnam auf der Bahre, ſchneebleich, mit den Spuren geronnenen Blutes an den Oeffnungen der zerriſſenen Adern. „Der Vater iſt gerettet,“ tönte des Grafen Stimme abermals durch das Schweigen,„aber hier liegt ſein Töchterlein, und ſein Sohn ringt draußen mit dem Tode, gemordet durch den Stell⸗ vertreter ſeines Herrn, gemeuchelmordet durch die Klaue jenes elenden, dort ſich krümmenden Wurms!“ Der älteſte Schöppe lehnte, als erſt gegen den ehemaligen Schöſſer aufgetretene Partei, es ab, ſein Votum zu geben, der zweite war indeß um ſo bereitwilliger dazu.„Sintemalen,“ ſprach er,„ſintemalen ſolches durch vorſeiende Umſtände genugſam er⸗ wieſene Factum ſich perfecte oder wirklich vollbracht befindet, es auch nach dem, was ausgemittelt worden, ohne einigen Rechts⸗ grund verübt, alſo zweifelsohne als ein crimen capitale oder Halsverbrechen ordinis majoris im höhern Grade zu betrachten iſt, als dürfte auch meines Erachtens, nebſt Beibehaltung der übrigen erpiatvriſchen oder verbüßenden Artikel die eigentliche Strafe aus lebenswieriger Haft in den Tod durch das Schwert nebſt Flechtung auf das Rad zu commoviren ſein, als der geſetzlichen Pön für abſichtlich veranlaßten, doch nicht ſelbſt begangenen Todt⸗ ſchlag. Was nun den eigentlichen Thäter ſelbſt anbelangt, ſtelle ich einem preislichen Judicio anheim, ob nicht die Subordination gegen ſeinen Vorgeſetzten in ſothaner Sache für ihn militi-, ſeine Straffälligkeit aber mitigire, bin jedoch des Erachtens, daß, da berührter Johannes Kollmuth, von denen in dieſer Rechtsſache vorgefallenen Abnormitäten unterrichtet, auch Theilnehmer derſelben geweſen, mit hier bei vorliegender Mordthat nicht als blindes Werkzeug der Obedienz gehandelt, oben angezogene Subordination 72 ihn keineswegs freiſprechen, ſondern die für einen abſichtlichen Todtſchläger feſtgeſetzte Pön des Rades von unten herauf, höch⸗ ſtens in den gleichfallſigen Tod durch das Schwert et caeteri ermildern dürfe.“ „Der Herr Collega haben nach dem Buchſtaben des Geſetzes opinirt und nach deſſen Geiſt,“ beſtätigte der oberſte Richter, und rings um die Tafel tönte es:„Den Tod durch das Schwert!“ und dieſelben Worte entflohen unwillkürlich den Lippen manches Zuhörers. Da knirſchte Johannes Kollmuth mit den Zähnen und erhob mit verzerrtem Angeſicht die geballten Fäuſte gegen den Schöſſer, dieſer aber richtete die Augen auf ihn, in welche die ganze Gluth übergegangen ſchien, die ſonſt in dem jetzt leichenfahlen Angeſicht brannte, und ſprach höhniſch:„ Gefällt Euch der Kuppelpelz, Meiſter Bader? Fluch Dir, Elender, der Du meines Sohnes Thorheit unterſtützteſt und mich durch treuloſe Einflüſterungen verleiteteſt zu ſchlimmer und unbedachter That!“ „Ei ſeht doch,“ rief kreiſchend Meiſter Johannes,„wie ſchön es Euch läßt, mir Reprochen, auf deutſch Vorwürfe, zu machen und mir zu fluchen! Ich bin demnach Schuld, daß Monsieur Stephan ein Taugenichts iſt, und wenn ich ihm ſagte, dieſe Dirne hat ein rund Geſicht, und von jener, ſie hat muntere Augen, ſo war es fürwahr ein hinreichender Grund, daß er ſie verderbte, und wenn er nicht konnte, doch wenigſtens ihr ganzes Geſchlecht.* Wenn ich Euch, geſtrenger Herr Schöſſer, wie Ihr ſagt, zuflü⸗ ſterte, Veit Fraſer ſei ein wohlhabender Mann, ſo folgte ganz natürlich daraus, daß Ihr ſein Hab' und Gut an Euch reißen und ihn noch dazu verbrennen laſſen mußtet, damit er nicht ſpräche und Ihr in Reſpect bliebet in der Grafſchaft. Das iſt das Un⸗ glück, wenn ein ehrlicher Mann, um in der Welt fortzukommen, ₰ mit heilloſen Wichten Gemeinſchaft machen muß und ſich vor ih⸗ nen ſchmiegen und bücken um kargen Lohn, um des Henkers 73 Lohn, leider Gottes; aber das tröſtet mich,“ ſetzte er mit einer Art hämiſcher Freude hinzu,„daß ich ihn empfange in ſchlechter, aber doch vornehmer Geſellſchaft. Nichts für ungut, Nachbar Fraſer, Ihr ſagtet ja immer, ich verſtände nichts, als in Men⸗ ſchenfleiſch zu ſchneiden und Blut zu laſſen; Ihr ſeht ja, das verſteh' ich wirklich aus dem Fundamente. Nun, gebt Euch zu⸗ frieden, Ihr ſeht, meine Mühwaltung wird überall honorirt, an mir und den Schurken, auf deren Geheiß ich ſie übernahm.“ Veit begnügte ſich, ihm einen finſtern, verächtlichen Blick zu⸗ zuwerfen; Stephan aber, aus langer Betäubung erwachend, wollte, mit dem dumpfen Ausruf;„Nichtswürdiger!“ ſich auf ihn wer⸗ fen. Die umgebenden Wächter vereitelten jedoch alsbald dies Beſtreben, Johannes aber ſagte mit grimmigem Lachen: „Oho, nicht ſo vehement, wohledler Herr Actuarius. Er meint wohl, Er habe groß Recht, weil Seine Sentenz noch nicht geſprochen worden? Nur ein Bißchen Patienz, auch an Ihn wird die Reihe ſchon kommen. Allergnädigſter Herr Reichsgraf und allererlauchteſter Landesherr, wie auch höchſtpreisliches Judicium! Allerhöchſt- und Höchſtderoſelben haben zwar mich elenden Mann in Ungnade angeſehen und mein nichtsnutzig Leben allzu leicht in der preislichen Waagſchale zu befinden geruhet, jedennoch bitte ich um kurze Friſt, delai und prorogationem der wider mich ausge⸗ ſprochenen Sentenz, indem ich ſolche zu benutzen nicht ermangeln werde, von dem ehrbaren Herrn Schöſſer und deſſen ſauberen Sohn allerhand curiosa mitzutheilen, welche ſelbſt nach dem be⸗ reits an das Licht des Tages Gekommenen annoch befremdlich er⸗ funden werden dürften. Ja, dieſelben ſind von einer Gattung, genere und espèce, daß, inſofern die allerhöchſte und höchſte Clemenz mir an meiner Pön zugutſchriebe, was der ihrigen hin⸗ zugefügt werden dürfte, ich leichtlich frei ausgehen könnte, wie ein Vöglein in der Luft.“ „Das Wort der Wahrheit iſt aus dem Munde der Lüge ge⸗ 41. 6 7⁴ gangen,“ rief die Wittwe des Freiſaſſen mit lauter, gellender Stimme.„Laſſet, Ihr von Gott eingeſetzter Oberherr dieſes Lan⸗ des, und Ihr, ſeine beſtallten Richter, laſſet das Licht Eurer Weisheit tief hinab in den Schacht der Ungerechtigkeit und Bos⸗ heit. Noch habt Ihr erſt ſeine Oberfläche erkannt, leuchtet tief hinab bis auf den Grund, denn drunten liegt das Geheime. Es iſt kein Teufel, deſſen Aeußeres nicht minder ſchwarz wäre, als was im Innern verborgen!“ Und viele Menſchen nahten ſich der Gerichtstafel, Bewohner der Grafſchaft jedes Alters und Geſchlechts, um gegen den Schöſ⸗ ſer zu klagen und gegen ſeinen Sohn, und mehrere Beamten, um Zeugniß wider ſie abzulegen, und ein dumpfes Gemurmel erhob ſich, wie das der Meereswellen, wenn ſie ſich erheben in ihrem Zorn, den beſchädigten Damm zu durchbrechen; der Reichs⸗ graf aber winkte und ſprach nach dem ſchnell wiederkehrenden Schweigen: „Euch Allen ſoll Recht widerfahren, Allen, und auch mir⸗ 3 Zu viel wäre aber,“ ſetzte er mit düſterm Lächeln hinzu,„zu viel wäre die Unterſuchung ſo langen pflichtgetreuen Dienſtes für das Geſchäft eines Tages. Mich verlanget, meine Gäſte und die Ab⸗ geordneten meines Landes willkommen zu heißen im bis jetzt ent⸗ weihten väterlichen Schloß, das hoffentlich nun wieder zur alten Würde gelangen ſoll und zum alten Glanz. So werden denn die drei Bezüchtigten einſtweilen in enge Gewahrſam gebracht und das Gericht aufgehoben bis morgen.“ Dieſer Spruch lautete erfreulich in den Ohren der adelichen Gäſte, denn er glich einer Aufforderung zur Mittagstafel, und man bereitete ſich, ihm zu folgen, als Prinz Ludwig im Tone der Ver⸗ wunderung ſagte: „Noch einen Augenblick, mein erlauchter Vetter, daß ich Et⸗ was beſichtige, was mir gewiſſermaßen anzugehn ſcheint, ob ich zwar hier dergleichen ſchwerlich vermuthet, zu finden.“ 75 „Ganz nach Eurem Belieben, mein Prinz,“ erwiderte der Graf verbindlich,„meine andern Gäſte werden entſchuldigen, wenn Seiner Durchlaucht Begehr ſie auch ein wenig verſäumt.“ „Ich ſehe auf dieſem Packet,“ ſagte Ludwig, auf ein ſolches zeigend, das auf dem Gerichtstiſche lag,„das Wappen meines Hauſes und wäre wohl begierig, zu wiſſen, auf welche Weiſe ein ſolches und zumal uneröffnet, ſich im Privatarchiv des Erſchöſſers befindet. Darf ich Euch bitten, Herr Rath? Der Herr Graf er⸗ laubt wohl.“ Auf ein Zeichen des Letztern überreichte der junge Rechtsge⸗ lehrte dem Prinzen das Packet, mittlerweile die Diener befragend, wo dieſer Gegenſtand ſich vorgefunden.„Nicht bei dem Vater,“ antworteten dieſe,„in der Kammer des Sohnes, wo ſonſt wenig von Papieren zu ſehen, lag es unter einem Haufen alten Gerül⸗ les von zerbrochenen Hirſchfängern, verroſteten eiſernen Sporen, unbrauchbar gewordenen, ſcharf beſchlagenen Knüppelſtöcken und anderm dergleichen Plunder, welchen wir jedoch, als gewiſſerma⸗ ßen zur Waffengeräthſchaft gehörig, gleichfalls mit anhero ge⸗ nommen.“ Der Prinz hatte nach einer ftagenden Verbeugung gegen den Landesherrn das Bündel geöffnet und ſprach einige Zeit drrauf nicht ohne Beftemdung:„Lauter unentſiegelte Briefe und die Aufſchrift von der Hand meines Herrn Vetters, des Kurfürſten.“ In einem Anfall ſeiner gewohnten Laune ſetzte er hinzu:„Sie können nicht unwichtig ſein, denn nur in höchſt dringenden Fäl⸗ len ſetzt mein durchlauchtigſter Oheim à la mode de Betragne ſeine höchſteigene Feder in Bewegung. Laßt ſehn: An Seine Durchlaucht und Liebden, Karl den Vierten, Herzog in Lothrin⸗ gen, zu Nancy.— Hm, deren Liebden ſind doch ſchon geraume Zeit todt, und der jetzige Herzog ſchreibt ſich von Wien aus, nicht von Nanch, Karl den Fünften. An Seine hochwürdigſte Durch⸗ laucht den Kurfürſten zu Cöln, Herzog zu Baiern. An unſern 6* ———— F 76 hochgeborenen, beſonders lieben Grafen von Montecueuli, Ercel⸗ lenz, kaiſerlichen und des Reichs Generalfeldmarſchall.— Aber mein Gott, der Montecueuli iſt ja ſchon lange todt.— An den erlauchten und hochgebornen des Heiligen römiſchen Reichs Gra⸗ fen, Altgrafen und regierenden Herrn zu.. Der iſt an Euch, Vetter, oder vielmehr, der vergelbten Tinte nach, an Euren Herrn Vater oder Bruder wohlſelig.— Hier iſt noch eine vffene Beilage: Demnach von uns gnädigſt Euch, anbefohlener Maßen, gegenwärtig Packet allererſt bei Eurer Ankunft zu Nanch oder wo Ihr ſonſt des Herzogs zu Lothringen, unſers freundlich geliebten Vettern Durchlaucht antreffen möget, zu eröffnen, als erſehet Ihr daſelbſt aus gegenwärtiger geheimer Weiſung, welche wir Euch, außer der bereits empfangenen, allgemeinen Inſtruction zu erthei⸗ len geruhen, daß Ihr nach genommener Rückſprache mit beſagter Durchlaucht und Liebden, nicht allein die Euch in Wechſeln mit⸗ gegebenen Gelder, nachdem Ihr ſolche escomptiren laſſen, im Ein⸗ verſtändniß mit Höchſtdenenſelben employiren, durch ſichere Eilbo⸗ ten aber nicht allein die beiliegenden Briefe an ihre Beſtimmung abfertigen und nach empfangener Reſolution darüber mit höchſt⸗ beſagtem Herzoge conferiren, ſondern auch,“(hier ward des Prin⸗ zen Stimme unverſtändlicher)„Marquis von Louvvis, Marſchall von Turenne, des Cardinals von Fürſtenberg Eminenz.— Ihro königliche Hoheit Madame, Fliſabeth Charlotte, Herzogin von Orleans„ Mit Erlaubniß, mein theurer Herr Graf, dieſes Reſeript taugt ſo wenig zur öffentlichen Vorleſung als unter das Gerülle eines Taugenichts von Actuarius. Wir leſen es hernach zuſammen.— Gegeben zu.. den zwanzigſten Auguſti, im Jahr des Heils 16... Das Schreiben iſt 15 Jahre alt und ſein datum wie ſein Inhalt erinnert an eine ſehr unglücksvolle Zeit, deren ich ſelbſt kaum noch gedenke, aber deren Folgen mich zu einem armen Ritter gemacht haben.— Manu propria... An unſern Wohlgeborenen Lieben und Getreuen, unſern hochbe⸗ 77 trauten wirklichen Geheimden Rath, Freiherrn von Greiffenfels.— Sonderbar genug ſind ſo wichtige, ſeit ſo vielen Jahren ſchmerz⸗ lich vermißte Papiere unter den alten Sporen und Hirſchfängern des werthen Herrn zu treffen, der ſich eben geberdet, als ſitze ihm einer oder die andern im Leibe. Sehr wichtig, verſichere ich Euch, werther Graf und Oberſt, und deren Auffindung, ſo ſon⸗ derbar ſie iſt, dürfte mir bei meinem Oheim nicht nur einen huldreichen Dank eintragen, ſondern ein fürſtlich Gratial noch dazu, deſſen ich eben nicht wenig benöthigt.“ Die Aufmerkſamkeit der Anweſenden war zu ſehr durch des Prinzen abgebrochene Worte und durch das lebendige Mienenſpiel des jungen Fürſten angezogen worden, als daß Jemand ſonderlich auf den Zuſtand gänzlicher Vernichtung hätte merken ſollen, in welchem des Schöſſers Sohn ſich befand, und an die ſeltſame Eil, mit welcher Veit Fraſer, trotz ſeiner Schwäche, an Mariens ihn vergeblich zurückhaltenden Arm, vorwärts gegen die Tafel drang, an der er ſich krampfhaft feſthielt, kein Auge vom Prinzen ver⸗ wendend, als wolle er nicht eines ſeiner Worte entbehren. „Iſt das,“ fragte der Edelmann, der ſchon mehrmals geſpro⸗ chen,„iſt das nicht vielleicht der Freiherr von Greiffenfels, vor⸗ mals Miniſter am kurfürſtlichen Hofe, der eine ungeheure, ihm anvertraute Summe veruntreut und mit wichtigen Papieren zu den Franzoſen übergegangen iſt, alſo daß man meint, er ſei gewiſſer⸗ maßen Schuld an dem Unheil, welches unſer liebes Rheinufer damals betroffen?“ Veit ſchüttelte heftig und wie in unwilliger Verneinung den Kopf, Ludwig aber ſprach:„Allerdings iſt dies kurfürſtliche Schrei⸗ ben allem Anſehen nach an denſelben Freiherrn von Greiffenfels gerichtet, über den, herbeigeführt durch das Unglück, welches man vermeiden wollen und gleich darauf hereinbrach, durch den ſchmerz⸗ lichen Verluſt eines mit vieler Aufopferung zuſammengebrachten Opfers und falſche oder irrige Berichte über den Verſchwundenen, 78 das harte Urtheil des Stranges im Bilde und der öffentlichen Ent⸗ ehrung ausgeſprochen worden. Doch iſt man jetzt anderer Mei⸗ nung über den Freiherrn. Es wäre bei der angewandten Sorg⸗ falt ſelbſt in Frankreich einem Flüchtling von ſolcher Bedeutung unmöglich geweſen, die Spuren ſeines längeren oder kürzeren Auf⸗ enthalts dergeſtalt zu vernichten, daß man während des bald nach⸗ her eintretenden Friedens ſie nicht hätte auffinden können, noch mehr aber ſpricht der Umſtand für ihn, daß keiner der Wechſel, welche er erhalten, zahlbar gemacht, und daher die Summe wenig⸗ ſtens unverloren geblieben. Auch iſt jenes Urtheil längſt aufge⸗ hoben, eine Vergeltung, die freilich weder dem unſchuldig Be⸗ ſchimpften, noch dem Bewußtſein meines Oheims genügt.“ „Alſo,“ hob plötzlich mit zitternder Stimme Veit Fraſer an, „alſo, mein durchlauchtigſter und gnädigſter Herr, die Sentenz iſt aufgehoben gegen den Geheimen Rath, Freiherrn von Greif⸗ fenfels, und die Schmach abgethan von ſeinem edlen Namen?“ Freundlich, aber ein wenig verwundert, antwortete der junge Fürſt:„Es iſt, wie ich geſagt habe, mein lieber vom Tode Er⸗ ſtandener, wenn Du denn ſo viel Theil daran nimmſt, es iſt ſo⸗ gar noch beſſer, denn jene Sentenz iſt niemals vollſtreckt worden. Das Unglück des Landes vergönnte nicht ſo viel Zeit, um auf dem Wege des Rechtes die Wirkung dem allzu raſchen Willen eines Fürſten folgen zu laſſen, der darauf geraume Zeit ſelbſt ein Ver⸗ bannter war. Bei ſeiner Rückkehr hatte man bereits die erwähn⸗ ten Nachrichten erhalten,“ ſetzte er hinzu, mehr an die Verſamm⸗ lung gewendet,„und oft hab' ich, damals noch ein Knabe, ſeit⸗ dem gehört, mein Oheim bedauere nur, daß kein Erbe vorhanden ſei, auf den er das Beſitzthum eines uralten Ritterhauſes über⸗ tragen könne und ſeine irrig angefochtene Ehre. Auch bin ich unfehlbar dem Kurfürſten willkommen mit dieſem ſeltſamen Fund, der unſtreitig Aufſchluß giebt über des Freiherrn völliger Schuldloſigkeit und das Unglück, das, welches es auch ſei, ihn unfehlbar betroffen.“ „Ja wohl hat ihn ein Unglück betroffen,“ rief Fraſer mit einem ſonderbaren Gemiſch von Schmerz und von Freude.„Dir aber ſei Dank, o mein barmherziger Gott, der mir Heil wider⸗ fahren laſſen an dieſem Tag des Todes und der namenloſen Pein. Dank Euch, mein durchlauchtigſter Prinz, Ihr waret mir der Engel des Herrn, der die Lippen des Stummen entſiegelt. Ich bin meines Eides entbunden, des Eides, der ſchwer auf mir laſtete manches Jahr, den ich nicht gebrochen um den höchſten Preis!“ „Was iſt Dir, Veit?“ fragte Raymund gütig.„Was willſt Du ſagen mit ſolch räthſelhaften Worten? Setze Dich und ruhe, die Qual der vergangenen Tage und des heutigen hat Dich zu gewaltſam ergriffen.“ „Nicht ſitzen will ich,“ rief Veit mit aller ihm noch übrigen Kraft,„ich will aufrecht ſtehen und laut reden, daß alle Welt es hört. Ich, ich bin es, der Aufſchluß geben kann über das Schick⸗ ſal des Freiherrn, denn ich war ſein Diener und Reiſebegleiter und zugegen bei ſeiner Ermordung!“ „Ermordung?“ widerhallte es im Saale. „Ja,“ ſagte Fraſer erſchöpft,„ich war zugegen, und mich verſchonte der Tod, damit ein edles Reis an mir emporranke und einſt herrlich erblühe zu Glück und zu Ehre, aber zween edle Häupter warf er in den Staub durch die verruchte Hand eines Mörders.“ „Zween edle Häupter, und wo und wann?“ fragte im er⸗ ſtickten Ton des Entſetzens der Reichsgraf. „Es wird,“ ſagte Veit langſam und deutlich,„es wird heut' wohl funfzehn Jahre ſein, und geſchah am Saume des wenige Stunden von hier entfernt gelegenen Grenzwaldes.“ „Erſchreckt durch das ſeltſame Zuſammentreffen, blickten die Gegenwärtigen ſich verſtohlen an, die Wittwe aber rief durch die Stille:„Ich ſpüre, daß es hell wird in der Tiefe des Schachtes. Freut Euch, ihr Guten, erzittert, ihr Boshaften, denn es wird Tag!“ Der Schöſſer, welcher, als der Verhaftbefehl gegen ihn aus⸗ geſprochen, ebenfalls von der Wache umringt worden war, befand ſich unfern von ſeinem Sohne, ihm gegenüber; er ſah in ſeinen Augen den Ausdruck ſtarrer Verzweiflung, auf ſeinen zuſammen⸗ gezogenen Lippen ſchien der Schreckensruf zu ſchweben: Fallet über mich, ihr Berge; ihr Hügel, bedecket mich! da erfaßte des Vaters hartes Herz die Ahnung des höchſten Unheils, und wie er zuſammenbrach unter ihrer ehernen Hand, brach auch ſeine Geſtalt zuſammen und er ſtand vor ſeinen Richtern, ein Bild des größten menſchlichen Elends, des unglücklichen Laſters. Des Reichsgrafen Stimme ertönte dumpf und gebieteriſch: „Stephan N**, wie kamen dieſe Doeumente in Deinen Gewahrſam?“ Der antwortete mit halbwahnwitzigem Lächeln und ähnlicher Frechheit:„Als ob ich das wüßte? Niemals hab' ich mir viel mit Papieren zu ſchaffen gemacht, es ſei denn zu Fidibus oder Jagdpatronen.“ „Habt Ihr,“ fragte der Rath ſeinen Vorgänger,„habt Ihr Wiſſenſchaft von denſelben und denen damit zuſammenhängenden Umſtänden?— Ihr ſeid zu lange ſelbſt Richter geweſen, um die Wichtigkeit dieſer Frage nicht zu begreifen, und die Nothwendig⸗ keit ihrer aufrichtigen Beantwortung.“ „Ja,“ fügte der Licentiatus juris hinzu,„und vor Gericht Stehender kennet auch nur allzu wohl die Mittel, welche demſelben zu Gebote ſtehen, verſtockte Läugner zum Geſtändniß zu bringen. Erpreſſen ſie,“ ſetzte er hämiſch hinzu,„doch die Lüge, geſchweige denn die Wahrheit.“ „Sobald eines Verbrechers körperliches oder geiſtiges Leiden den Grad ſeiner Verſchuldung erreicht, mag es beſonders bei feſter Gemüthsart ſelbſt in der tiefſten Entwürdigung eine Art von Würde verleihen; der Schöſſer erwiderte erſt zu dem Rathe gewendet: „Ich kenne Beides, darum möge meine Verneinung Glauben bei Euch finden.— Auch die Mittel kenne ich, von denen Ihr redet, 8¹ Herr Schöppe,“ ſagte er darauf,„haben wir ſie doch oft genug angewendet im Verein, und nimmer waret Ihr dagegen. Wiſſet jedoch, die Pein, die ich jetzt fühle, überſteigt jene Mittel weit, und ſie iſt ſo groß, daß ſie mich kaum empfinden läßt, daß auch Leute Eurer Art gegen mich ihre Stimme erheben, die ich ſonſt nur in ganz anderer Weiſe vernahm.“ Der zweite Schöppe hatte eine Erwiderung auf der Zunge, Raymund aber gebot Stillſchweigen und forderte Veit Fraſer auf, fortzufahren in ſeinem Bericht. Dieſer hatte ſich, überwunden von ſeiner Kraftloſigkeit, auf einem dargebotenen Stuhle niedergelaſſen, und neben ihm ſtand wieder mit leicht gerötheten Wangen und einem leiſen Lächeln, das die für das Erfreuende empfängliche Jugend der Wehmuth abge⸗ wann, ihn mit einer Hand umfaſſend, Marie. Er gehorchte dem Grafen in folgenden Worten:„Die Reiſe meines Gebieters, des Freiherrn, ſollte ein Geheimniß bleiben, ſelbſt am kurfürſtlichen Hofe. Er nahm nur einen Diener mit ſich und wählte dazu mich, welcher als Sohn des Gärtners auf Schloß Greiffenfels ihm bekannt und ergeben war von Kindheit auf. Er reiſte unter fremdem Namen, wir waren zu Pferde, und unſer Weg ging auf Seitenpfaden gegen Nanch. Aber wir hatten die lothringiſche Grenze noch nicht erreicht, als uns die Nachricht entgegenkam, die franzöſiſchen Truppen hätten den Herzog aber⸗ mals aus ſeiner Hauptſtadt vertrieben; er verſuche jetzt, ſich mit einem mäßigen Reiterhaufen, der ihm gefolgt, der Armee des Kaiſers anzuſchließen, doch wußte man nicht, welche Richtung er genommen. Den Herrn Geheimde Rath ſetzte ſolches in große Verlegenheit, denn es war ihm ſehr daran gelegen, ſich ſeiner Aufträge zu entledigen, welche, nach der Art unſerer Reiſe und mancher Aeußerung, die ihm in der Unruhe entfiel, wohl ſehr wichtig ſein mochten. Er ſuchte an einen ſichern Ort zu gelangen, von welchem aus ſolches geſchehen könne, und entſchied ſich für 82 dieſe Grafſchaft, als für den nächſten. Auch hatte mein hochſeli⸗ ger Herr wohl noch andere Gründe für ſolche Wahl; ganz in der Nachbarſchaft war ein Frauenſtift, wohin er nach dem frühzeitigen Tode der Freifrau ſein noch nicht zweijähriges Fräulein zur erſten Auferziehung gegeben. Man befürchtete ſchon damals einen Ein⸗ fall der Franzoſen, auch war die Gegend ſonſt unruhig der vielen Durchmärſche wegen, alſo daß die Domina, wie ſie ihm auch geſchrieben, mit ihren Conventualinnen das Stift verlaſſen wollte, um ſich nach Mainz zu begeben oder in ſonſt eine befeſtigte Stadt. Da wollte der Herr Vater denn bei der Gelegenheit das kleine Fräulein dort hinwegſenden nach Schloß Greiffenfels. Auch war unter den Sendſchreiben, welche er mit ſich führte, eines, wohl daſſelbe, das Sie hier vorgsfunden, an den damals regierenden Grafen gerichtet, Seiner Erlaucht Bruder hochſelig. Ferner ge⸗ dachte er daſelbſt ein Capital zu heben, welches er deſſen Herrn Vater dargeliehen, fünfunddreißigtauſend Gulden, wie wir nach⸗ her wiſſend worden, und das er damals wohl gebrauchen konnte in den ungewiſſen Zeitläuften und der den kurfürſtlichen Landen insbeſondere drohenden Gefahr. Er ſendete mich alſo, im Wirths⸗ hauſe eines Dorfes zurückbleibend, nach der reichsgräflichen Burg, wo wir gegenwärtig ſind, um ihn insgeheim anzumelden, es ward mir aber zum Beſcheid gegeben, der Graf befände ſich, wie er oft zu thun pflege, im Forſte, um dem Waidwerk obzuliegen, und hauſe derzeit in einem Jagdſchlößlein mit wenigen Dienern. Als ich dem Herrn Geheimden Rath dieſe Nachricht brachte, begaben wir uns auf den Weg dahin. Zwar ſprach man davon, im Walde ſei es nicht geheuer, aber mein Gebieter war ein rüſtiger Herr, ich damals noch ein junger Kerl, wir waren wohlberitten und gut bewaffnet und nahmen es allenfalls auf mit Dreien oder Vieren; auch meinte der Freiherr, die Anweſenheit des Grafen werde das Waldgeſindel wohl im Zaume halten. Auch kamen wir unangefochten zum Jagdſchloß. Daſelbſt war es jedoch nicht ſo 83 einſam, als wir erwartet hatten; ſchon von weitem hörten wir den Schall der Jagdhörner, dann auch das Geklingel der Becher und ſahen alle Fenſter erleuchtet. Eine zahlreiche Menge benach⸗ barter Edelleute hatte ſich eingefunden zu einem großen dreitägigen Treiben. Der Geheimde Rath, unmuthig darüber, befahl mir, ſeine Ankunft im Stillen dem Grafen zu wiſſen zu thun, und alsbald kam auch der erlauchte Herr heraus, ihn zu empfangen. Er lud den meinigen auf das Höflichſte herein, und als dieſer von der Nothwendigkeit ſprach, daß er unerkannt bleibe, erbot er ſich, ſeine Gäſte zu verabſchieden, denn allerdings ſei das kleine Haus zu überfüllt, um den Freiherrn im Verborgenen bewirthen zu können; auch ſeien unter den Fremden Einige, denen nicht ſonderlich zu trauen.“ „Ja wohl,“ fiel hier der beleibte Landedelmann ein,„ich war auch alldort, und es befanden ſich da Zwei oder Drei, die es mit dem Fürſtenberger hielten und mit den Franzoſen.“ „Wie nun,“ fuhr Fraſer fort,„der Freiherr ſolches höchlichſt verbat, des Aufſehens wegen, kamen ſie überein, mein Herr ſolle in der Nähe bleiben, ſie würden ſich täglich zuſammenfinden zu beſtimmter Stunde und an einem beſtimmten Orte, nach dreien Tagen aber, wenn das Treiben vorüber, ſolle er dem Grafen ein willkommener und wohlverborgener Gaſt ſein. Man ſprach, da⸗ mit der Herr des Hauſes nicht zu lange ausbleibe, nur kurz von Geſchäften, des Capitals ward erwähnt, und der Reichsgraf war zur Zahlung am andern Tage bereit, aber das Packet mit Briefen wollte er nicht annehmen, meinend, es ſei einſtweilen in beſſerer Hand, als in der ſeinigen bei dem Tumult und in der Nähe neugieriger Späher. Wenn ſie allein ſein würden, wäre beſſere Zeit, von Staatsangelegenheiten zu ſprechen, welche er mit aller Bereitwilligkeit wahrnehmen wolle zur Zufriedenheit des durch⸗ lauchtigſten Kurfürſten und ſeines Abgeſandten, des Freiherrn. Auch trafen des andern Tages die beiden Herren auf die ver— 84⁴ abredete Weiſe zuſammen, und der meinige erhielt die fünfund⸗ dreißigtauſend Floren in Goldſtücken, welche dem Grafen am ſelbigen Tage ſein Caſſirer oder Rentmeiſter vom Schloß überbracht.“ „Ich erinnere mich deſſen wie heute,“ bemerkte jener Edelmann. „Als wir beim Frühmahl ſaßen, erſchien der Schöſſer, der näm⸗ liche, welcher hier vor uns ſteht. Er ging mit dem hochſeligen Herrn in ſein Cloſet, wo Goldſtücke aufgezählt worden, deren Klang man im anſtoßenden Saale gar deutlich vernahm.“ „Was iſt Euch von der Sache bewußt?“ fragte der Rath den Erwähnten. Dieſer antwortete:„Der Poſten muß ſich in meinen Rechnungs⸗ büchern finden, fünfunddreißigtauſend Gulden rheiniſcher Währung in vollwichtigen Carolins, eingetragen für des Miniſters Freiherrn von Greiffenfels Ercellenz, und gelöſcht zween Tage vor dem Hintritt des hochſeligen Herrn. Auch war ich es allerdings ſelbſt, welcher dieſes Geld nach dem Jagdſchloß überbrachte.“ Auf Begehr des Richters ſprach Fraſer weiter:„Noch ſelbigen Tages ritt ich auf Befehl meines Herrn nach der Stadt N**s, dieſe Summe in die Hände eines ihm bekannten Notars niederzu⸗ legen, doch ſo, als käme ich aus der kurfürſtlichen Reſidenz und mit dem Beſcheide, ſie ſo lange an ſich zu halten, bis ſie durch ein eigenhändiges Schreiben des Freiherrn, durch mich überbracht, abgeholt werde, oder von ihm in Perſon. Mein Geſchäft war bald abgethan, und des zweiten Tages gegen Mittag kam ich mit meinem Empfangſchein zurück aus der zehn Meilen entfernten Stadt. Als es Abend wurde, verließen wir unſer Wirthshaus zu Pferde, um uns an den Platz des Stelldicheins zu begeben. Es ſollte dies die letzte der verſtohlenen Zuſammenkünfte im Forſte ſein. Die meiſten Gäſte waren ſchon fort, die andern ſtanden im Begriff, das Jagdſchloß zu verlaſſen, und mit einbrechender Nacht wollte der Reichsgraf meinen Herrn dahinführen, um ab⸗ zuthun, was abzuthun war. Es ſollte jedoch anders kommen, als die beiden Herren mein⸗ ten. Um unter vier Augen von ſolch' wichtigen Dingen zu ſprechen und ungeſtört zu bleiben, befahl mir der Herr Geheimde Rath, bis es ganz dunkel werde an einer lichten Stelle des Waldes zu warten, und nahe ſich jemand Fremdes, ſie zu benachrichtigen. Als es nun ſchon dämmernd geworden, hörte ich plötzlich durch das Dickicht ein Schreien und einen Schuß. Ich lief herzu und ſah das trübſeligſte Schauſpiel meines Lebens. Der Herr von Greiffenfels lag mit zerſchmettertem Haupte am Boden, ſchon todt, wie es ſchien, und zween Kerle, wüſten Anſehens, knieeten über ihn gebeugt und durchſuchten ſeine blutbefleckten Kleider. Der Graf rang nicht weit davon mit einem Andern, einem noch jungen, rüſtigen Menſchen, wie es ſchien, mit verkapptem Geſicht. Ich leugne nicht, daß ich, erſchreckt wie ich war, einen Augenblick an den Boden angewutzelt ſtand. Es war, als wäre es allein auf meinen Herrn abgeſehen geweſen, denn der Verkappte, obſchon mit Degen und Piſtolen bewaffnet, ſchien ihn nur niederwerfen und dann mit Hülfe der Andern ihn mit den Stricken binden zu wollen, welche am Boden lagen. Da gelang es, noch eh' ich herankam— denn ich war wohl auf dreißig Schritte entfernt und viel Geſtrüpp zwiſchen mir und der Mordſcene— es gelang Seiner Erlaucht, dem Räuber die Larve vom Geſicht zu reißen, und plötzlich riefen ſie, wie entſetzt, eine einzige Sylbe aus, die wie „Sta“ klang, wie„Sto“ oder„Steh,“ aber ſie konnten das Wort nicht zu Ende bringen, denn der Räuber krallte ihm um den Hals und ſchrie— nimmer werde ich die Worte vergeſſen— „Du haſt mich erkannt, nun ſo helfe Dir Gott!“ und damit warf ein Piſtolenſchuß durch die Bruſt den Reichsgrafen danieder. Jetzt ſtürzte ich herbei mit geſchwungenem Säbel; denn wie das Schickſal recht vft die Böſewichter begünſtigt, hatt ich die Piſto⸗ len in den Halftern gelaſſen. Ungewiß, wo zuerſt zu helfen ſei und wo noch, führte mich mein Herz zu dem Freiherrn, und ich 86 verſetzte einem der Mörder einen Hieb, der, glaub' ich, gut genug traf, um ihn von Galgen und Rad zu befreien. Gleich darauf aber erhielt ich einen Schlag auf das Hinterhaupt, es ward mir ſchwarz vor den Augen und ich fiel bewußtlos nieder. Ziemlich lange mag ich ſo gelegen haben, denn es war Nacht, als mich der Schmerz meiner Wunde erweckte und ich mich auf⸗ raffte und mühſam in das Gebüſch ſchleppte, wo mich die Ohn⸗ macht wiederum überfiel. Eine Zeit darauf hörte ich ein leiſes, nicht fern von mir gehaltenes Geſpräch. Ich ſchlug die Augen auf, der Mond ſchien und ich ſah den Leichnam des Grafen nicht mehr, wohl aber den meines Herrn und des Räubers, den ich erſchlagen. Beim erſten ſtanden zwei Geſtalten, die eine ziemlich groß und rüſtig, die andere hager und klein. „Es iſt Alles umſonſt,“ ſprach der Erſte, vermuthlich des Reichsgrafen Mörder, ganz leiſe und dumpf,„das Geld iſt fort und Ihr habt mich umſonſt bemüht.“—„Nicht ganz,“ erwiderte der Andere.„Dieſer Kopf,“ er zeigte dabei auf meinen Herrn, „fällt bei dem Miniſter ziemlich ſchwer ins Gewicht.“—„Gut für Euch,“ lautete es wieder,„aber für mich wenig werth, und wahrlich, nicht ſo viel, als ich deshalb gethan. Iſt dieſer denn aber wirklich auch todt?“ „Mortuus est,“ ſagte der Andere, drauf ſprach er noch ein Paar ausländiſche Worte und ſetzte hinzu.„Er iſt todt, laſſet Euch das von einem Practico verſichern. Aber die Papiere?“ „Beim hölliſchen Feinde ſind ſie, der ſie geholt wie das Geld. Aber möchten ſie immerhin dortbleiben, wäre nur das letzte ge⸗ funden.“—„Freilich ein großer Verluſt,“ jammerte der Hagere, „wie ſoll ich mich ausweiſen bei meinen vornehmen Obern über meine pflichtſchuldige und treugehorſamſte That?“ Der Beſcheid lautete:„Weiſet Euch aus wie Ihr wollt, ich habe ſo wenig Theil daran, als Ihr an der That, während wel⸗ cher Ihr zweihundert Schritte davon im Gebüſche geſteckt.“— 87 „Welches ich mir höchlich Dank weiß,“ verſicherte Jener,„denn zu dergleichen bin ich nicht gemacht. Das Amt eines Spürhun⸗ des liegt mir ob, und das hab' ich treulich verſehen, der Packer waret Ihr und meine tüchtigen Geſellen; suum euique, Jedem das Seine. Wo ſind ſie denn aber hingekommen die wackern Ge⸗ ſellen?“ „Dem Einen,“ ſprach der Jüngere,„iſt das Garaus gemacht worden durch einen Diener oder Reitknecht, dem ich es aber tüch⸗ tig wieder gegeben mit meinem eiſenbeſchlagenen Stock— ich hatte mich,“ murmelte er vor ſich hin,„ich hatte mich ver⸗ ſchoſſen.“ „Ja ich habe, wenn ich nicht irre, einen zweimaligen Knall gehört, und es galt doch nur Einem,“ ſagte wieder der Aeltere, und bekam mit ſpöttiſchem Lachen die Antwort:„Ja wohl hat das Haſenherz nur gehört, was die Andern gethan; ſeid jedoch verſichert, beide Schüſſe waren nothwendig.“ „Und der Zweite,“ fragte wieder der Kleinere,„der Elſaſſer, der luſtige Burſch, der meinen Kaſten trug?“ „Der wird nicht mehr luſtig ſein und bald ſelbſt in einem Kaſten getragen werden, ich hab' ihn dahingeſchickt, wo ganz an⸗ dere Leute ihm vorangingen. Er plauderte gern, das lieb' ich aber nicht, drum hab' ich ihm Schweigen auferlegt bis zum jüng⸗ ſten Tage.“ Hier unterbrach die Freiſaſſenwittwe Veit Fraſer's Bericht, mit hohler Stimme und die Augen auf Stephan gewendet, ſpre⸗ chend:„Du irreſt, auch vor dem jüngſten Tage öffnet Gottes Wille der Todten Mund und ſie zeugen gegen geheime Unthat.“ Fraſer ſprach weiter:„Der Andere ſagte drauf:„„Hum, es iſt doch Schade um ihn,““ drauf aber rieb er ſich, wie es mir vor⸗ kam, ganz vergnügt die Hände und meinte:„Ihr habt doch ſo übel nicht gethan, es iſt immer ein Theil weniger, und das iſt nicht zu verachten, zumal da der Fang ſo gering ausgefallen.“ 88 „Auch das war nothwendig geworden, er mußte ſterben; wer einmal zu viel gethan, darf ein wenig mehr nicht ſcheuen. Was aber den Fang anbelangt, überlaſſe ich ihn Euch ganz, ich will keinen Theil daran nehmen, höret Ihr? Am Beſten wird es ſein, mich ganz aus dem Spiele zu laſſen, denn ich habe weder mit einem Miniſter noch Marſchall zu thun.“ „Wie Ihr wollt,“ willigte der Andere ein, wie es ſchien, ſehr zufrieden.„Auch iſt ein Zweites nothwendig, daß Ihr Euch un⸗ verzüglich aus dem Staube macht.“ „Unverzüglich, das halte ich ſelber für das Räthlichſte.“ „Und,“ fuhr der Andere fort,„daß Ihr Euch hier nicht blicken laſſet, bis Gras über die Sache gewachſen. Für jetzt helft mir den Leichnam des Dieners ſuchen, daß wir ihn hinwegſchlep⸗ pen mit dem des Herrn, in die Schlucht beim Buchengrund, wo ſchon der Elſaſſer liegt.“ Ihr könnet mir glauben, Erlauchter Reichsgraf und gnädige Herren, daß ich bei dieſen Worten auf den Reſt vom Leben ver⸗ zichtete, welchen mir der Knüppelſchlag übrig ließ, doch Gott, der den Tod ſo vornehmer und ehrenwerther Herren zugelaſſen, in ſeiner unerforſchlichen Fügung, hielt die Hand über mich gerin⸗ gen Mann. Der kleine Hagere ſprach ängſtlich:„Laſſet ihn doch, wo er iſt, und thuet morgen was nothwendig iſt; Niemand weiß von der Fremden Anweſenheit und Niemand vermißt ſie.“ „Sie wohl nicht,“ ſprach der Jüngere in ſich hinein und dann:„Nein, nein, es darf hier keine Spur von dem Geſchehe⸗ nen bleiben.“ „Aber,“ ſtellte ihm Jener ferner vor,„wird der Graf nichts vernommen haben von dem Schießen und Lärm, und kann ſeine Dienerſchaft uns nicht jeden Augenblick hier finden?“ „Darüber traget keine Sorge, die Lakaien und Büchſenſpanner ſind nach der Abfahrt der Gäſte zurück in das Reſidenzſchloß, der alte Kammerdiener iſt ſchlecht zu Fuß und er ſchläft jetzt feſt und 89 ruhig. Der Graf aber,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„nun der ſchläft auch ruhig und feſt und weiß nichts von Allem, was hier geſchehen. Doch meine ich ſelbſt, daß ich nicht im Stande bin, die Beiden hinwegzuſchaffen, Euer Elſaſſer hat ſich verzwei⸗ felt gewehrt, er hat mich ſchwer in den Arm getroffen und das verlorne Blut ſchwächt mich bereits. Verbindet mich denn in der Eile ein wenig und dann eilt, daß Ihr fortkommt.“ „Dieſe Worte,“ bemerkte der Rath,„deuten, wie meine Her⸗ ren Collegen eingeſtändig ſein werden, auf genaue Bekanntſchaft des Thäters mit der Gelegenheit des Jagdſchloſſes und dem reichs⸗ gräflichen Dienſtperſonal.“ Als die Beiſitzer ſich bejahend geäußert hatten, ſprach Veit auf Verlangen weiter: „Ein Mehreres weiß ich nicht zu ſagen; überdem war die Nacht verſtrichen und die Dämmerung brach an, der friſche Mor⸗ genwind traf auf meine Wunde, und ich verlor wieder die Be⸗ ſinnung, doch war mir, als hörte ich vorher ein Läuten wie von Meßglöckchen und ein fernes Singen durch den Wald. Daß ich bei ſo ſchwerer Verletzung und wiederholt zuſtoßender Ohnmacht, ob ich gleich der Perſonen mich nicht genau erinnern kann und des Tons ihrer Stimme, doch das, was ſie ſagten, ſo genau ge⸗ merkt, daß ich es meinem gnädigſten Herrn und dem hochachtbaren Gericht zu wiederholen vermag, ſcheint mir Gottes wunderbarliche Schickung.“ „Auch mir ſcheinet es ſo,“ ſagte Graf Raymund ernſt.„Mein Bruder ward am andern Morgen gefunden, ſchlafend, wie der Böſewicht ſprach, den langen Todesſchlaf. Doch hab' ich bis dieſen Augenblick nichts von den Briefſchaften gehört, die doch wohl in ſeiner Verwahrung waren, da die Mörder, wie aus Veit Ausſage hervorgeht, ſie vergeblich bei dem Freiherrn ge⸗ ucht.“ „Das ſtellt ſich dar, Vetter, mit Eurer Erlaubniß,“ erinnerte 11. 7 90 der Prinz.„Der, welcher ſo genau um den Schlaf Eures hoch⸗ ſeligen Herrn Bruders gewußt, hat ſie wahrſcheinlich noch einmal geſucht nach des Kumpans Hinwegſcheiden, und wie ſich darſtellt, auch gefunden.“ „Als ich wieder zu mir ſelbſt kam,“ ſetzte Fraſer ſeinen Be⸗ richt fort,„war es ſchon völlig Tag, aber rings um mich nichts von Todten und Lebendigen zu ſehen, vom Erſchlagenen und dem Mörder. Ich wankte empor und ſchlich hinweg aus dieſer Ge⸗ gend des Schreckens, und hinter mir drein ſchallte das Gerücht von des Reichsgrafen Ermordung, des Herrn Geheimde Raths aber erwähnte Niemand. Ich bin nur einfacher Mann, gnädig⸗ ſter Herr und verehrtes Gericht, damals war ich auch noch uner⸗ fahrener, und mein Kopf ſchwach von der erhaltenen Verletzung, ich traute mich nicht, von meiner Wiſſenſchaft des Geſchehenen zu ſprechen, fürchtend, ich möchte wohl gar für den Thäter angeſehen werden, oder doch in ſchwere Unterſuchung gerathen. Zum Glück wohnte in einem nicht weit entfernten Dorfe ein Schwager von mir; zu dieſem ſchleppte ich mich und lag da geraume Zeit krank, denn viele Knochenſplitter gingen aus der mit dem Knüppel ge⸗ ſchlagenen Wunde.“ „Allerdings,“ ſagte der Rath,„ſcheint dieſe Narbe weniger auf ein Stigma des Teuſels zu deuten, als auf einen Schlag mit ſtumpfem Wertzeuge, dem bei dem Herrn Actuarius vorge⸗ fundenen Ziegenhainer ähnlich.“ „Was,“ rief der Landesherr mit flammendem Blick,„was be⸗ darf es des Zeugniſſes mehr, um den Mörder meines Bruders zu erkennen, es ſei denn dieſes zitternden Schurken ſünderbleiches Geſicht?“ Der Vorſteher des Schöppenſtuhls ſetzte hinzu:„In der That ſind die zuſammentretenden Umſtände geeignet, gegen Euch, Ste⸗ phan geheißen, eine ſchwere Anklage zu bilden. Es wird Euch nicht leicht fallen, ſelbige zu entkräften; Judicium hält ſich daher befugt, Euch zu ermahnen, daß Ihr die Wahrheit geſteht.“ 91 „In Güte oder in Gewalt, nicht ſo?“ ſchaltete Prinz Ludwig ein.„Mich däucht, bei dem Monſieur Stephan würde die Folter beſſer angewendet, als bei dieſem unglücklichen Mann.“ Stephan bot alle ſeine Kräfte und Frechheit auf zu den ab⸗ gebrochenen, mit einer Art Lachen hervorgeſtoßenen Worten:„Wo iſt der Beweis gegen mich? Wer kann mir etwas anhaben? War ich doch zu jener Zeit krank auf der Univerſität.“ „Mein erlauchter und gnädigſter Landesherr und preisliches Judicium,“ begann der Schöſſer in zaghaftem und ſchwankendem Tone, der gegen ſeinen frühern, ja auch gegen den, welchen er während dieſes Vorganges mühſam behauptet hatte, ſo abſtand, daß es nicht ſchwer war, die Zermalmung ſeines Gemüths zu er⸗ kennen,„es ſei mir vergönnt, an dieſer Stelle, wo ich ſo lange gewaltet, noch einmal geltend zu machen, was mir an Kenntniß der Jurisprudenz verliehen, geziemlich bittend, es möge dieſem Hartbezüchtigten geſtattet ſein, ſein Alibi zu beweiſen. Als jenes höchſtbetrübte Ereigniß ſich zutrug, hat mein Sohn die Hochſchule nicht verlaſſen— ſo viel ich weiß.“ „So viel Ihr wißt, und das wünſch' ich um Euretwillen,“ entgegnete der Richter nicht ohne einige Bewegung.„Der Be⸗ weis des Alibi iſt unſtreitig Jedermann geſtattet und von großem Belang, doch muß er deutlich geführt werden bei ſo gewichtigen Anzeichen der Schuld.“ „Er hat gelogen!“ ſchrie die Wittwe mit gellender Stimme dazwiſchen.„Gelogen hat er, und das will ich beweiſen. An dem Tage,“ fuhr ſie etwas ruhiger fort,„da der hochſelige Herr des Todes verblich, machte ich mich lange vor Anbruch des Tages auf den Weg durch den Wald, um mich der Wallfahrt zuzuge⸗ ſellen, die unfern am Jagdſchloß vorbei nach Marigzell ziehen ſollte. Es war noch ganz dunkel, da ſah ich durch das Dickicht neben dem Wege eine Mannsgeſtalt gehn, langſam, wie Jemand, der etwas Schweres zieht, auch hörte ich es hinter ihm im Laube 7* 92 raſcheln. Die Finſterniß hinderte mich, ihn zu erkennen, und er ging weiter, ohne daß ich mich weiter um ihn bekümmerte, denn ich war auf frommen Berufspfade und meinte, das Böſe, falls etwas davon da ſei, könne mir nichts anhaben. Eine Weile drauf kam er aber zurück, derſelbe, wie ich meinte; der Mond war auf⸗ gegangen, ich ſah ſein Geſicht und es war des Schöſſers Sohn, Monſieur Stephan. Da ich ihn nicht daheim glaubte, wunderte ich mich ein wenig und redete ihn an. Er antwortete mir nicht, ſondern verdoppelte den Schritt. Aber erkannt hab' ich ihn, deut⸗ lich erkannt, darauf ſchwör ich einen leiblichen Eid. Und ſo ge⸗ nau hab' ich ihn geſehn, daß ich bemerkte, daß er einen gewalti⸗ gen Stock trug, wie der auf dem Gerichtstiſche dort, und ſein rechter Aermel dunkle Flecken hatte, wie von Blut. Ich achtete nicht weiter darauf, denn nicht blos die Bosheit wandelt im Fin⸗ ſtern, auch ich war ja nächtlicher Zeit im Walde und in gottſeli⸗ ger Abſicht, und damals wußte ich noch nicht, daß dieſer auf kei⸗ nem Wege gehet als auf böſem. Ich ſetzte meinen Weg fort und traf auf den Spießgeſellen, der ihm wohl damals auch geholfen, wie nachher bei der ſchmählichen That an meinem Mann, meinen Kindern und mir. Da ſteht er vor dem hochweiſen Gericht, es iſt der Gregorius Kollmuth. Ich hatte ihn ſchon öfter geſehen, denn ehe er ſich hier niederließ, durchwanderte er von Zeit zu Zeit die Grafſchaft mit Kräutern und Salben, die ihm ein kernhafter elſaſſer Burſch im Arzneikaſten nachtrug. Ich fragte ihn denn, ob er des Schöſſers Sohn nicht auch begegnet, er aber wollte nichts davon wiſſen, und ich, wie geſagt, achtete nicht weiter darauf und ging zu den Wallfahrtern. Die ſagten mir, man habe eben im Walde einen todten oder ſterbenden fremden Mann gefunden, und etliche von ihnen hätten ihn auf einer Bahre von Zweigen nach dem Spitale der barmherzigen Brüder gebracht. Das fiel mir nun wohl auf, und noch mehr, als ich von dem plötzlichen Tode unſers Landesherrn hörte, und als ich nach ſechs Tagen von Ma⸗ 93 riazell zurückkam, ging ich zu der Schlucht am Buchengrunde, wohin ich die Mannsgeſtalt gehend geſehen, und ſchaute hinein. Da ſah ich halb unter Buſchwerk verſteckt einen ſchon modernden Leichnam, und öfter bin ich hingegangen ſeitdem, und noch liegt das Geripp da, und der Todte wird plaudern vor dem Gericht, wie er zu mir geplaudert hat, und nicht ſchweigen bis zum jüng⸗ ſten Tage, nach des Mörders ruchloſem Wort.“ „Hochverehrliches Judicium,“ ſprach der immer heftiger zit⸗ ternde Schöſſer,„ich verhoffe, man wird dieſem Geſchwätz einer Wahnwitzigen keinen fidem zukommen laſſen und meinen Sohn darauf hin der Theilnahme an den döſen Praktiken eines Vaga⸗ bunden und ſchlechten Subjeets beſchuldigen, welcher ſein und mein Vertrauen nur allzu oft und ſchnöde gemißbraucht. Gebet der Wahrheit die Ehre, Dorfbader, iſt mein Sohn in jener Nacht mit Euch zuſammengeweſen, wie dieſes Weibes Rede andeuten kann, zuſammengehalten mit dem Bericht des Freiſaſſen Fraſer, von Haß und Rache dictirt? Doch Ihr habt es ſchon damals ver⸗ neint gegen die verwittibte Seld und werdet es daher hoffentlich wieder verneinen.“ Da antwortete der Dorfbarbier in ſchneidendem Tone:„Hoffet das nicht von dem Vagabunden und ſchlechten Subject, der zu ſeinen Praktiken nicht noch die Schelmſtreiche des würdigen Mon⸗ ſieur geſchrieben ſehen will, deſſen Vertrauen er, leider Gottes, nur zu lange Zeit ſchon beſaß. Ich für meine geringe Perſon bin nicht mente captus, zu deutſch: verrückt, und es mag daher mein testimonium fidem verdienen. Weil gegenwärtiger Herr Schöſſer ſammt ſeinem ſaubern Progenitus mich nicht nur in al⸗ lerlei detrimentum, malheur, sventura und Unglück gebracht, ſondern mich auch noch inſultiret und beſchimpft, ſo gebe ich denn hiermit vor hochpreislichem Judicio und Monseigneur, dem gnä⸗ digſten Grafen, der Wahrheit die Ehre. Präſenter Monſieur Stephan, eines verehrten Schöppenſtuhls Er⸗Actuarius, iſt es und 94⁴ kein Anderer, mit welchem ich mich zuſammengefunden bei jenem Leichnam, an deſſen ſchmähliger Ermordung ich indeſſen ſo wenig Theil gehabt als Wiſſenſchaft von dem Frevel, begangen am höchſt⸗ ſeligen Herrn, welchen ſelbiger mir, daß er ihn vollbracht, hart⸗ näckig verborgen, wie ſogar des ehrbaren Meiſters Fraſer's Aus⸗ ſage darthut, die übrigens ihre völlige Richtigkeit hat, auch wie ich damals ſeinen Worten glaubte, als ich lange darauf ſolch höchſtſchändliche Miſſethat erfuhr, ſie nimmer auf ſein Conto ge⸗ ſchrieben, ſonſt hätte ich mich wohl gehütet, mit ſolchem Nebulone und Erzböſewicht in Connerion zu ſtehen, wie es sequente tem- pore zu meinem großen Schimpf und Schaden der Fall war.“ „Du wagſt, ſo zu ſprechen, Auswurf der Menſchheit?“ ſchrie Stephan in krampfhafter Wuth; dann rief er den Schergen zu: „Dieſen greift, den Hochverräther und Kundſchafter der Franzoſen, den Brandſtifter; er iſt es, der die Lunte an Eure Häuſer gelegt hat, und wenn auch nicht ſein niedriger Name, leben ſeine Tha⸗ ten doch im Fluche der Pfalz.“ „Nur immer zu,“ unterbrach ihn Jener höhniſch,„habt Ihr doch ohnedem mich genug maltraitirt und übel behandelt. Warum ſaget Ihr nicht, auch, daß ich es war, der Euch die Reiſe des Freiherrn von Greiffenfels verrieth, freilich nicht um ihn todtzu⸗ ſchlagen in unnützem Blutdurſt, ſondern um ſein Geld zu neh⸗ men, was denn freilich nichts geworden, und ſeine Briefſchaften, die Ihr verzettelt habt, an denen hohen Perſonen viel gelegen war, in burſchikoſer Nachläſſigkeit oder in der ſchlimmen und ma⸗ liciöſen Abſicht, mich meines ſauer verdienten Recompens verluſtig zu machen. Nun weiß ich wohl, was ich damals in meiner Un⸗ ſchuld nicht begriff, warum Ihr ſelbigen nicht mit mir theilen wolltet, der ſchnöden Mordthat nämlich wegen, die Ihr begangen an Eurem gnädigſten Herrn und Landesvater, an dem meine Seele ſo rein iſt, wie die eines neugeborenen Kindleins; nun empfangt Ihr dafür den Recompens, und ich mag ihn gleichfalls ———————————— 95 nicht mit Euch theilen. Erlauchteſter und gnädigſter Reichsgraf und venerables Judicium, ich bin perſuadiret und lebe der Ueber⸗ zeugung, Ihr werdet einen Abſtand gelten laſſen zwiſchen einem armen Mann, der obligiret iſt, ſein Brot durch Induſtrie zu er⸗ werben, und einem Banditen und Raubmörder.“ Ein Abſtand iſt allerdings vorhanden,“ ſchaltete der Prinz ein,„doch mein' ich, nicht größer als vom Galgen zum Rade.“ „An dem Erſten will ich dieſen Schurken ſehen,“ brüllte Ste⸗ phan,„und ſollte es auch vom Zweiten herab ſein! Er, er iſt es, der mich verführt und in Elend und Verbrechen geſtürzt hat.“ „Ich gebe,“ ſprach der Chirurg,„ ich gebe einem verehrten Gericht zu bedenken, ob an gegenwärtigem Maleſicanten jemals ſonderlich viel zu verführen geweſen ſei? Wo reich und arm zu⸗ ſammen eines ſcabreuſen und mißlichen Weges ſchreiten, präſu⸗ miret man billig jedes Mal, der Erſte ſei der Verführer.“ „Haſt Du, Bube,“ rief der Sohn des Schöſſers wüthend, „haſt Du nicht fort und fort angehetzt gegen dieſe Marie Fraſer, an der ich nur ein flüchtig Gefallen fand und darauf wohl ver⸗ geſſen hätte, und gegen ihren Vater zu der heillos unſinnigen That, die Alles herbeizog?“ „Die Strafe,“ unterbrach ihn die Wittwe Seld,„die nicht ausbleibt, ob auch der Uebertreter trotzig thut und ſich mit eher⸗ ner Mauer umringt wähnt, wie ſein Gewiſſen es iſt.“ „Auch,“ fuhr Jener fort gegen den Bader zu ſchreien,„auch was dieſem Weibe geſchehen und den Ihrigen und zwanzig Ande⸗ ren noch, iſt Dein Werk, Verruchter; wo ein Gelüſten in mir aufſtieg, fand es in Dir einen willigen, feilen, nichtswürdigen Helfer; wie Du mich fort und fort auf der Bahn begleiteteſt, die mich nun zu Tod und Untergang führt, biſt Du auch der gewe⸗ ſen, der mich zuerſt auf dieſelbe gezerrt. Jene That, zu der Noth⸗ wendigkeit mich riß, ſie wäre nicht geſchehen ohne die Einflüſte⸗ rung des ſpionirenden Schurken, den der Eigennutz antrieb, den 96 Freiherrn von Greiffenfels zu ermorden, und deſſen Zaghaftigkeit meines Armes bedurfte.“ Der Schöſſer rief bei dieſem Geſtändniß im Tone des höchſten Jammers, der ein ſtarres Gemüth bricht:„O, mein Sohn, mein Sohn!“ Der Bader aber ſagte kalt undgiftig:„Verderben? Wer wollte denn den Herrn Geheimde Rath Seiner kurfürſtlichen Durch⸗ laucht verderben? Nicht um ſeine Perſon war es zu thun, nur um ſeine Depeſchen, und ich that nur als Politicus. Eigennutz? Wahrlich ein ſchöner Dank dafür, daß man bedacht war, einem lüderlichen Studioſo zu einem Stück Geld zu verhelfen. Was kann ich für das Weitere? Nimmer hab' ich Euch gerathen, einen vornehmen Miniſter zu ermorden und gar Euren von Gott einge⸗ ſetzten Herrn. Euch dienſtbar geweſen bin ich. Und mußte ich es denn nicht ſein? Habt Ihr mich denn nicht um mein Salarium gebracht und dazu um mein Brot, alſo daß ich, ſtatt erſteres zu pereipiren, mit Stockſchlägen hinweggejagt wurde von der fran⸗ zöſiſchen Armee, in Ermanglung der Doeumente, welche nach Gottes weiſer Gerechtigkeit und Eurer unbegreiflichen Dummheit ietzt Eure Miſſethat ans Licht bringen und Euch zum Henker? Ein williger Diener bin ich Euch geweſen, o ja, was muß man nicht thun, um honett durch die Welt zu kommen, aber auch ein miſerabel recompenſirter Diener war ich. Immer hattet Ihr Luſt zu irgend einem Schelmſtück und Euer Vater zu fremdem Eigen⸗ thum. Da war ich denn gut genug, die Kaſtanien aus dem Feuer zu langen, aber dann prosit, der Chirurgus Jvohannes Kollmuth ging trocknen Mundes davon, der Herr Actuarius nähm das Plaiſir für ſich, der geſtrenge Herr Schöſſer das Geld. Und weil es nun einmal ſo kommt, daß meine Qualitäten nicht zum aller⸗ beſten honorirt werden ſollen, ſo gereicht es mir einigermaßen zur Conſolation, die Meriten meiner wohlgebornen Gönner und Herren gebührend recognoseciret zu ſehen.“ NM Dies Gezänk zweier Böſewichter, des Raubmörders frecher. Ingrimm, des feigen Spions kalte Verworfenheit machten einen empörenden Eindruck auf die Verſammlung. Graf Raymund zog die Stirn in Falten, und der vorſitzende Rath winkte den Scher⸗ gen, die Uebelthäter in Empfang zu nehmen, aber Stephan ent⸗ riß ſich noch einmal ihren nach ihm greifenden Armen und rief: „Noch ein Wort! Einer iſt hier, deſſen Stimme ich rufen ge⸗ hört:„„Mein Sohn, mein Sohn!““ Nun ja, es iſt mein Vater, der Schöſſer, und da ziemt es ſich wohl, daß der Sohn von dem Vater, der Maleſicant vor der Gerichtsperſon Zeugniß von den Thaten ablege, die er unter den Augen deſſelben begangen. Nun ja, Herr Vater, ich habe mir allerlei Nichtwürdiges zu Schul⸗ den kommen laſſen, das aber iſt Euch bekannt und mit Eurer Billigung geſchehen; ich war verhaßt bei allen Einwohnern der Grafſchaft, doch auch Euch verabſcheuten ſie; ſie freuen ſich mei⸗ ner Schmach, wie ſie über Euren Fall jubiliren; ein herbes Früchtlein war ich für ſie, doch kann auch die ſüße Traube auf dem Dornſtrauche wachſen; Verderbniß und Zwietracht brachte ich in die Häuſer, Ihr triebet den Wohlſtand aus denſelben und die bittre Armuth hinein, doch das Alles wiſſet Ihr; nun höret, was Ihr nicht wiſſet. Durch thörichte Nachgiebigkeit unfähig geworden, meine Gelüſte zu zügeln, durch Euer Beiſpiel angewieſen, von Recht und Geſetz nichts zu achten als die Form, und thunlich, was nur nicht offenbar die Ahndung auffordert, ſchicktet Ihr mich auf die Univerſität. Damals durch Euer Treiben den Argwohn des Reichsgrafen auf Euch ziehend, ſtockten die reichen Quellen des Nefas, die das bodenloſe Faß Eurer Gier und meiner Ver⸗ ſchwendungsſucht füllten, Euer Geiz verſagte mir das, was ver⸗ dammenswerthe Nachſicht mir unentbehrlich gemacht, ich verſank in Schulden und Mangel und gab in einem Augenblick der Be⸗ drängniß der Aufforderung dieſes Schurken Gehör, dem Geheimde Rath ſeine Briefſchaften zu nehmen und die Summe, welche, wie 98 ich erfuhr, für ihn beſtimmt, Ihr des Tages zuvor nach dem Jagdhauſe gebracht. Alles iſt wahr, was er geſagt, ſo wahr als ſeine eigene Nichtswürdigkeit, Alles, was dies Weib angezeigt und der Freiſaſſe Fraſer. Kurz und gut gelebt, iſt mein Wahl⸗ ſpruch; ich mag die Armuth und Schande nicht theilen, die Euch erwarten, drum will ich geſtehen. Ja, ich bin es, der den Frei⸗ herrn ermordet und den Grafen drauf, der mich erkannt hatte; ich bin es, der jene Papiere, welche ich fruchtlos bei dem Mini⸗ ſter geſucht, und von deren Auffinden ich nachtheilige Folgen be⸗ fürchtete, aus dem blutenden, ſchon erkaltenden Buſen des Reichs⸗ grafen zog, der von mir an den Ort getragen worden, wo man am Morgen drauf ihn fand; ich bin es, der, durch Euch an Nachläſſigkeit gewöhnt, ſie drauf, ihrer nicht achtend, unter altes Gerüll warf, und, damit Alles vollſtändig ſei, mein Ziegenhainer ſchlug die Wunde, deren Merkmal Eure rabuliſtiſche Bosheit, die Dummheit Eurer Collegen und ihre Scheu vor dem Tyrannen für ein Stigma des böſen Feindes erklärte. Nicht dieſen einfäl⸗ tigen Bauer, andere edelgeborne, wohlweiſe Leute hat er als ſeine Eigne gezeichnet, und bald wird er ſein Recht an ihnen geltend machen. Wenn nun der Tag dazu da iſt, ſo werdet Ihr, Herr Vater, den Sohn am Ziele des Weges erblicken, auf dem Ihr ſelbſt ihn ſorgfältig geleitet. Ein hoher Standpunkt iſt es und luftig, der Seſſel eine zierlich durchbrochene Scheibe, aber doch wird es mich noch freuen, von ihm herab Meiſter Kollmuth rechts am Galgen zu ſehen, links Euch, Herr Vater, am Schandpfahl, und wie ſchon einmal geſchehen, werd' ich zu dem von Euch Schä⸗ chern, der rechts hängt, ſagen: Heut' Abend ſind wir im Para⸗ dieſe zuſammen!“ Der Unwille der Anweſenden ſtieg immer höher, während Ste⸗ phan ſprach, er erreichte den höchſten Grad bei den letzten Worten der Läſterung, aber plötzlich wendeten ſich die Blicke auf den Schöſſer. Er hatte während der ihn ſelbſt und den Vater ankla⸗ genden Rede des Sohnes wie vernichtet geſtanden, jetzt aber ſchlug er die zitternden Hände vor das bleichgelbe Angeſicht, ließ ſie dann allmälig herabſinken, blickte mit verdrehten Augen zum Himmel und ſprach in Tönen, die, dumpf und hölzern klingend, ſich aus. ſeinem Innern hervordrängten:„Herr Gott, Deine Strafe iſt gerecht, aber ſchwer, ſie wird dem, der Niemand geliebt als Einen, durch ihn. Ja, ich bin ein ungerechter und ſchuldbeladener Mann, mein gnädigſter Graf und Herr, hier iſt zur Buße mein graues Haupt, das es nicht mit Ehren geworden, aber wollet auch Ihr, meine Herren und Mitbürger, wollet Eurem Haß und Verachtung auch ein wenig Mitleid beifügen; bin ich auch der Gegenſtand Eures Abſcheues, ſo bin ich doch der elendeſte Vater, mein Blut hat mir reichlich vergolten, was ich an dem Euren geſündigt.“ „Ja,“ ſprach die Wittwe Seld mit begeiſtertem Tone,„die Gerechtigkeit Gottes hat geſiegt. Durch den Frevel iſt der Frevel an den Tag gekommen, das Blut dieſes unſchuldigen Kindes ſchrie um Rache, und der es vergoſſen, büßt es durch das Blut des eigenen Sohnes.“ Dieſe Worte, obgleich von einer geringen und nicht ganz mit Unrecht im Rufe der Geiſteszerrüttung ſtehenden Frau geſprochen, waren jedoch von ſo tiefer und eindringlicher Wahrheit, daß augen⸗ blicklich eine ernſte Stille im Saale herrſchte. Sie ward unterbrochen durch den Klageruf des Schöſſers: „So iſt es, ſie hat wahr geredet, und wie ich geſündigt, bin ich geſtraft!“ Seine Stimme brach, ſeine Kniee wankten, und die unſteten Hände ſtreckten ſich aus wie nach einer Stütze. Der erſte Schöppe bot ihm mitleidig einen Stuhl, der zweite Licentiatus juris ſprach etwas von der Unſtatthaftigkeit, dem beklagten, überführten und eingeſtändigen Uebertreter einen Platz vor der hochanſehnlichen, durch ihn ſchimpfirten Gerichtstafel zu gönnen, der Vorſitzende aber winkte Jenem Beifall, dieſem ſein Mißfallen zu, auch Graf 100 Raymund äußerte keinen Tadel, und ſein Blick auf den Hartge⸗ züchtigten war weniger finſter und ſtreng. „Mein theurer Oberſt und Vetter,“ ſagte Prinz Ludwig halb⸗ laut zu ſeinem Verwandten,„Euer ehrwürdig Reſidenzſchloß kam mir gleich im Anfange etwas unheimlich vor, jetzt aber um ein Beträchtliches mehr. Iſt es mir doch, als höre ich durch dieſen Saal die Flügel der Nemeſis rauſchen. Um Alles in der Welt möchte ich hier kein Unrecht thun, ich würde fürchten, die Strafe folge mir auf dem Fuße, bis ich ſo daſäße wie der dort auf ſei⸗ nem Stuhl, erdrückt von dem Gewicht ſeiner Unthat nicht nur, ſondern auch der Folgen, die ſie auf ihn gehäuft.“ „Ich meine, Prinz,“ war Rahmunds Antwort,„die Nemeſis iſt überall, ob ſie gleich nicht überall ſo fühlbar ſich merken läßt als hier, und nirgend mag es rathſam ſein, Unrecht zu thun, erlaubte dies nur die menſchliche Gebrechlichkeit, welche indeß, was hier geſchehen, weit überſteigt.“ Dann wandte er ſich zu den Anweſenden und ſprach mit Nach⸗ druck und Würde: „Meine geehrten und anſehnlichen Nachbarn und Herren, und Ihr, meine Unterthanen und Freunde, als ich nach langer Ent⸗ fernung durch die Klagen, die zu mir gelangt, herbeigerufen, in der Heimath erſchien, hielt ich für nothwendig und pflichtgemäß, mein Regiment mit einem Act der Gerechtigkeit zu beginnen. So that ich denn auch, aber eine höhere Hand griff aus den Wolken; wo die Gerechtigkeit des Allſehenden waltet, ſchweigt die menſch⸗ liche Gerechtigkeit und beugt ſich in Ehrfurcht. Lange hat hier das Unrecht gehauſt in verſchiedener Geſtalt, vom Empörenden der Gemeinheit bis zum Furchtbaren des ungeheueren Verbrechens; jenes lag unvollkommen zu Tage, dieſes in tiefem Schachte ver⸗ borgen. Da thut der Frevel, auf das Haupt eines Unſchuldigen gewälzt, die Decke verborgener Unthat hinweg, der Tod eines ſchuldloſen Mägdleins enthüllt die lange unentdeckt gebliebene That, 101 die meinem Bruder und Vorgänger das Leben geraubt, und eines ehrenwerthen Mannes Schickſal, welches Jahre hindurch der Welt ein Räthſel geblieben. Wahrlich, das iſt Gottes Urtheil, mir aber liegt es ob, ſelbiges zu vollziehen. Auch ſoll das Unrecht abgethan werden von dieſer Burg meiner Ahnen, und das Blut, das den Boden dieſer Grafſchaft befleckt, hinweggewaſchen werden durch Blut; zuvor ſteht uns jedoch etwas Anderes zu. Zwar ſehen wir Veit Fraſer nicht mehr als angeklagt vor uns, doch als ge⸗ wichtigen Zeugen; laſſen wir ihn ſeine Ausſage vollenden; wie die Schuld klar dargethan iſt, möge auch die Unſchuld ſich rein ausſprechen, damit dieſe ſeltſame und betrübte Begebenh vor unſern Augen als ein Ganzes erſcheine.“ „Wenig,“ begann Veit auf den erhaltenen Wink,„wenig hab' ich nur noch zu berichten. Wunderliches und Trauriges, auch Erfreuliches mag ich ſagen, obſchon“(hier blickte er auf Gretchens blaſſen, blutigen Leichnam)„obſchon wenig, ja die Einzige nur noch für mich erfreulich iſt auf der Welt.“ Er faßte bei den letz⸗ ten Worten Marien in das Auge und ſchwieg eine Weile, wie in ſtarker Bewegung, dann fuhr er fort: „Mancherlei hatt' ich, während meiner langſamen Geneſung, von den feindſeligen Gerüchten gehört, die über den Herrn Ge⸗ heimde Rath in Umlauf gekommen waren, wiewohl mein Schwa⸗ ger ſie mir, um mich zu ſchonen, ſo viel als möglich verbarg; als ich nun aber völlig geſund war, vertraute er mir ſelbſt, der Freiherr von Greiffenfels ſei am Hofe ſeines Herrn für einen Verräther an ihm und Feind des heiligen römiſchen Reichs deut⸗ ſcher Nation erklärt, welcher durch Beſtechung verleitet, mit wich⸗ tigen Depeſchen zu den Franzoſen übergegangen, er ſei ſeiner Aemter und Würden und ſeines Adels verluſtig erklärt und ſein Wappen zerbrochen. Da litt es mich nicht länger mehr und ich machte mich auf nach der kurfürſtlichen Hauptſtadt, ob mein Zeug⸗ niß, das eines geringen Mannes, aber wahrhaft und eines Augen⸗ 102 zeugen der entſetzlichen Begebenheit, meines geliebten Herrn An⸗ denken nicht reinigen könne. „Zwar wieder hergeſtellt, war ich doch noch ſchwach, auch hatt' ich kein Geld, und das wenige, was mein Schwager, ſelbſt arm, mir mitgeben konnte, reichte nicht hin; ich ſprach alſo hier und da die Gaſtfreiheit bemittelter Landleute an und auch der Klöſter. So gelangte ich denn eines Tages in das Spital der barmherzigen Brüder, unfern vom Frauenſtift Mariazell, wo das wunderthätige Muttergottesbild ſteht. Ich ward recht wohl aufgenommen, wie denn dies die frommen Väter an Vielen thaten in jener heilloſen Zeit der Franzoſenverwüſtung; man reichte mir Speiſe und Trank und auch eine kühlende Salbe für meine Wunde, die erſt ver⸗ harſcht, mich noch mitunter brannte. „Der dienende Bruder, ein geſprächiger, leutſeliger Mann, be⸗ merkte, ſolche möge von einem Schlage mit ſtumpfem Eiſen her⸗ rühren und ich ſie eher bei einer Schlägerei erhalten haben, oder einem räuberiſchen Anfall, als in der Schlacht. Ein Wort gab das andere, ich redete, doch nicht ausführlich und ohne Zeit und Ort zu nennen, von jener Mordſcene im Walde, von der ich überhaupt ſelten ſprach und ungern, zumal auf der Reiſe und in der Nähe des Platzes, wo ich von allen den gräulichen Dingen, die dabei ſtattgefunden, vornehmlich von des gnädigſten Reichs⸗ grafen Ermordung, noch immer Verdruß für den wandernden Fremdling befürchtete. Dann kam die Rede auf meine Verhält⸗ niſſe und Heimath; ich hielt damit weniger zurück, nannte die letztere ganz vffen und ſagte auch, ich ſei Diener eines vornehmen Cavaliers geweſen, von dem mich ein großes Unglück getrennt; doch verſchwieg ich abermals des Freiherrn von Greiffenfels Namen. So ſprachen wir, bis er ſagte, er müſſe in die obern Zellen zu den Kranken hinaufgehen. Er kam aber bald zurück und forderte mich auf, ihm zu folgen, ein ſchwer kranker Fremder ſei dort in einer beſonderen Zelle, der, als er von mir mit ihm geredet, P 103 dringend begehrt habe, daß ich komme. Vor der Thüre des klei⸗ nen Gemachs aber hielt er an und ſagte, ich ſollte nicht zu raſch eintreten, auch nicht zu laut ſprechen und mich überhaupt hüten, etwas zu thun, was dem Kranken Gemüthsbewegung verurſachen könne. Er leide an einer ſchweren Kopfverletzung, weit ſchwerer als die meinige; bewußtlos hätten ihn einige Wallfahrter nach dem Spital gebracht aus dem nahen Grenzwalde der Grafſchaft, wo ſie ihn gefunden, lange habe er hier ſo ohne Empfindung und Sprache gelegen, bis, als die letzte wiedergekehrt, man ein Irre⸗ reden bemerkt; ſein Gehirn habe gelitten. Er ſei hierauf trepa⸗ nirt worden, und die Sache auch ſcheinbar gut von Statten ge⸗ gangen, ſo daß die wirren Augenblicke immer mehr und zuletzt ganz ausgeblieben; in dieſem Zuſtande befinde er ſich noch, er rede vernünftig, aber wie Einer, dem es Mühe macht, ſeine Ge⸗ danken zuſammenzufaſſen. Einen Rückfall habe er gehabt, als ihm einſt ein Durchreiſender irgend eine Neuigkeit mitgetheilt aus der Stadt, die ich meine Heimath genannt; er bäte mich alſo, wenn es möglich ſei, davon nicht zu reden, überhaupt wäre es wohl mit ſeinen jetzigen lichten Augenblicken wie mit dem letzten Aufflackern einer verlöſchenden Lampe und lange werde es mit dem Kranken nicht dauern. „Da ging mir freilich ein Licht auf, aber wenn auch erfreulich in einer Art, doch wieder betrübend. „Ich hatte mich nicht geirrt, denn als ich in die Zelle trat mit leiſem Schritt und verhaltenem Athem, lag vor mir auf einem reinen, aber ärmlichen Spitalbett der Geheimde Rath, Freiherr von Greiffenfels. „Er war ſehr blaß und abgefallen, und der dienende Bruder hatte wohl Recht, denn in ſeinem Angeſicht ſchien bereits der Tod ſeinen Wohnplatz aufgeſchlagen zu haben, um die Beute feſtzu⸗ halten, welche ihm damals auf kurze Zeit entrann. Auch dauerte es ziemlich lange, ehe er meine Anweſenheit gewahr ward, als 104 dies aber endlich geſchah, zeigte er zu meinem Erſtaunen ſich gar nicht verwundert über meine Gegenwart; er reichte mir die Hand und ſagte:„„Guten Tag, Veit Fraſer!““ als käme ich, wie es tagtäglich auf der Reiſe geſchah, ihm zu melden, die Pferde wären geſattelt. Nach und nach ward er indeß lebhaft, allzu lebhaft ſogar, da die Rede auf die letztvergangenen Dinge kam, auf ſeine und meine Verwundung und den Vorgang, bei dem wir ſie erhalten. Guter Gott, mag man denn auch von gleichgültigen Dingen ſprechen und in ruhigem Tone, nach ſolchen Begebenhei⸗ ten, wie wir ſie erlebt? Als, wie nicht gut zu vermeiden war, die Rede auf die Ermordung des Reichsgrafen kam, ward ſein Blick unſicher, ſeine Rede verwirrte ſich, und es war aus der⸗ ſelben abzunehmen, daß er ſich in der Befangenheit ſeiner Sinne die Schuld am Tode des beſagten Herrn beimaß. Ich ging alſo ſchnell davon ab, wir kamen aber auf etwas Anderes, das, nach des dienenden Bruders Ausſage, ihm eben ſo empfindlich war. Nachdem ich ihm erzählt hatte, wie ich länger als ein halb Jahr krank gelegen und nun ſo ziemlich alles Nothwendigen ermangle, fragte er, wo ich jetzt hingedächte, und der Wahrheit getreu, nannte ich ihm die Hauptſtadt. Darauf ward er plötzlich heftig und ſprach;„„Thue das nicht, Veit, nicht dahin gehe, denn Du möchteſt allda manchen Verdruß und Umſtändlichkeit erfahren. Du weißt nicht, was ſich in der Reſidenz, in Bezug auf mich, zu⸗ getragen. Bleib alſo bei mir, lange wird es nicht dauern, denn ich bin ſterbend, was mir auch der Pater Medicus und die Wärter ſagen mögen, mehr mit dem Munde, als mit dem Geſicht. Zwar bin ich jetzt arm und liege, ein unbekannter Kranker, in einem Spital, doch hat in meinem großen Ungemach mir der gütige Gott noch ſo viel gelaſſen, daß ich einen treuen Diener belohnen kann, und ob ich gleich ein Miniſter geweſen und was man einen Vornehmen nennt, ſo bin ich doch nicht undankbar, wie größere Herren es gegen den find, welcher ihnen auch treu gedient.““ „Da ging mir das Herz über und ich ſagte, nur gar zu wohl wüßte ich, was am kurfürſtlichen Hofe, ihn betreffend, geſchehen, und darum eben halte ich es für meine Pflicht, ihn zu verlaſſen, ſo gern ich ihn auch in ſeiner Krankheit warten und pflegen wollte; vielleicht verlieche Gott meinem Mund die Kraft, die Wahrheit darzuthun und die Bosheit ſeiner Feinde zu nichte zu machen; dann wäre das Vorläufige geſchehen, und ſeine Wiederkunft würde das Uebrige thun, denn Gott könne und werde auch ihm vom Krankenlager emporhelfen, wie er an mir unbedeutenden Menſchen gethan. „Da ſchüttelte er das wunde Haupt mit ſolcher Heftigkeit, daß es ihm ſchmerzen mußte, und ſprach:„„Dem iſt nicht ſo, Veit, glaube es nicht. Ja, wenn ich mich ſelbſt zeigen könnte, ſo wäre es vielleicht möglich, daß ich trotz dem Vorurtheil des jähzornigen Kurfürſten, trotz meiner Gegner Beſtreben, mich einſtmals recht⸗ fertigen könnte nach langer Unterſuchung und Haft; jedoch es mangelt mir der hauptſächlichſte Beweis meiner Unſchuld, jene Briefſchaften und die Antworten darauf, und die Folgen, welche ſie verhüten ſollten, ſind hereingebrochen, und der Fürſt nicht nur, auch das Volk klagt mich des Elendes an, welches das Land heimgeſucht. Doch würde ich, dies Alles nicht ſcheuend, der Be⸗ ſchuldigung entgegentreten, aber ich werde nicht mehr dieſes Lager verlaſſen, es ſei denn, um es mit einem andern auf dem Kirch⸗ hofe dieſes Spitals zu vertauſchen. Was kannſt Du aber, armer Veit, der Du keinen andern Beweis aufſtellen kannſt, als eine Erzählung, der Niemand Glauben beimeſſen will? Auf des Reichs⸗ grafen Ermordung magſt Du Dich nicht berufen, denn Du weißt, daß mein Beſuch bei ihm zufällig und dem Hofe unbekannt warz auch hier wußte Keiner davon und Keiner kann ihn beglaubigen, als der Todte, deſſen Mund verſtummt iſt. Und für wen willſt Du denn zeugen? Auch für einen Todten? Denn das werde ich ſein, ehe Du die Hauptſtadt erreichſt, und Dich wird man bei n. 8 106 Seite ſchaffen als einen unnützen Schreier und Querulanten, welcher ſich unterſteht, den ehrbaren Herren dort den Beſitz meiner Würde und Güter zu verkümmern.““ „Ich verſuchte noch einige Einwendungen, aber waren ſie, wie bei einem ungelehrten Diener wohl vorauszuſetzen iſt, nicht triftig genug, war es bei ihm die Hartnäckigkeit, mit welcher ein an Leib und Seele Verletzter einen einmal gefaßten Gedanken verfolgt; er befahl mir, zu ſchweigen, richtete ſich, ſo ſchwach er war, hoch im Bette auf und ſagte mit feierlicher Stimme:„„Gottes Hand hat Dich hergeführt, Veit Fraſer, mir einen ſanften Tod zu ge⸗ währen, nicht durch Deine Pflege und Wartung, an welcher es die ehrwürdigen Väter nicht mangeln laſſen, ſondern in anderer Weiſe. Du erinnerſt Dich jener Summe in Gold, die ich vom Reichsgrafen erhalten und Du dem Notar übergabſt, daß er ſie nur mir ſelbſt ausantworte, oder dem Ueberbringer meiner eigen⸗ händigen Vollmacht und ſeines Empfangſcheins, eine Vorſicht, die ich nur zufällig brauchte, aber gleichſam von einer Ahnung geleitet, die das Geſchehene bewährt hat. Du kennſt auch die Kloſterſchule, in der meine Tochter ſich befindet; noch ſind die Nonnen daſelbſt und ſie auch. Ich ernenne Dich alſo zum Pflege⸗ vater meines Kindes, zu ſeinem Vormunde und Verwalter des geringen Reſtes ſeines Erbtheils.““ „Ich erſchrak und ſtellte ihm vor, wie ich ein einfältiger, un⸗ wiſſender Menſch ſei, ein geringer Gärtner, welcher mehr Stau⸗ den und Blumen aufzuziehen tauge, keineswegs aber dergleichen hochfreiherrliches Pflänzlein, er aber unterbrach mich mit den Worten:„„Vornehme und gelehrte Leute ſind vft untreue Freunde und gewiſſenloſe Bewahrer anvertrauten Gutes, das hat mich insbeſondere die Erfahrung gelehrt. Du aber, mein Gärtner⸗ burſch, biſt mir ein treuer Freund, ja der einzige, den ich jetzt habe in der weiten Welt. Drum will ich Dir mein verwaiſtes Roſenknösplein anvertrauen und Du mußt es mir zuſagen und — 2 107 auch eine Bedingung dabei beſchwören, wenn Du willſt, daß ich ruhig im Grabe liegen ſoll.““ „Gegen ſolche Aufforderung war nun freilich nichts einzuwen⸗ den, und ich that, wie der Herr Geheimde Rath verlangte. Da ſchien er etwas beruhigt und fuhr fort:„„So höre mich denn. Lange lag ich hier in einem ſchlafähnlichen Zuſtande, nur durch wilde Träume und dumpfen Schmerz am Kopf unterbrochen, von der Gegenwart wußte ich nichts, noch weniger von der Vergangen⸗ heit. Als aber die Operativn vorüber war, welche, wie ich nach⸗ her hörte, man mit mir vorgenommen, kehrte mir nach und nach das Bewußtſein wieder, ich begriff, wo ich war, ich gedachte des Geſchehenen und auch der Zukunft und hoffte recht zuverſichtlich auf dieſelbe. Da kam ein Fremder, der in der Hauptſtadt ge⸗ weſen, und erzählte, der Freiherr von Greiffenfels ſei des Hoch⸗ verraths ſchuldig erkannt und der Flucht zu den Feinden, ſein Name ſei gebrandmarkt, in Contumaz das Todesurtheil über ihn ausgeſprochen und ſein Vermögen eingezogen. Da ergriff mich bitterer Unmuth gegen den Fürſten, welcher den Mann, der ihm, wie deſſen Vorvordern den ſeinigen, von Jugend auf und untade⸗ lig gedient, auf den Schein hin verdammte und die höchſte Schmach auf ihn lud, gegen die, von denen ich den Meiſten Gefälligkeiten erzeigt, auch weſentlich Gutes, und die jetzt kein Wort fanden zur Vertheidigung des abweſenden Beſchuldigten, ja wohl gegen ihn auftraten, um ihres Theils an der Beute nicht verluſtig zu gehen. Ich ſchwur, der beſchimpfte Name Greiffenfels ſolle in Vergeſſenheit verſenkt bleiben, bis er wieder zu völligen Ehren gelangen könne. So habe ich ihn denn auch hier Niemandem genannt, und ſelbſt dem Prior bin ich ein niederrheiniſcher, von Räubern geplünderter und verwundeter Kaufmann. Doch hatte mich das Gehörte tief ergriffen, die Erregung war für den kaum Geneſenden zu heftig, ich fiel in meinen vorigen Zuſtand zurück, und als ich abermals aus demſelben erwachte, fühlte ich, für mich * 108 ſei keine Hoffnung mehr und auch keine Furcht. Aber auch meine Tochter, der einzige Sprößling des alten nun verunehrten Ge⸗ ſchlechts, ſoll nicht Gefahr laufen, daß man ſie beſchimpfe oder der kleinen Habe beraube, die das Ungefähr ihr gerettet; ſie ſoll bei dem Kurfürſten nicht um Gnade betteln, wo ihr Genugthuung zukommt, ja ſie ſoll nicht einmal als Gabe annehmen, was ihr Eigenthum iſt nach göttlichem und menſchlichem Recht. So iſt mein väterlicher Wille. Schwöre mir denn, Veit Fraſer, ſie als Dein Kind zu erziehen, und Niemandem, auch ihr ſelbſt nicht, ihre Herkunft zu entdecken, bis die Schmach von derſelben abge⸗ than, bis der Name Greiffenfels gänzlich gerechtfertigt iſt vor Gott, der Welt, dem Kurfürſten und dem geſammten römiſchen Reich deutſcher Nation. Solches aber mag nicht im ganzen Um⸗ fange geſchehen, bis die Brieſſchaften wieder aufgefunden ſind, deren Verluſt die Ufer des Rheines mit Jammer bedeckt hat und ihren Vater mit Schande; geſchähe es aber ſpät, geſchähe es nie⸗ mals, immerhin, ſie wird immer glücklicher als Kind eines ehr⸗ baren und wohlhabenden Landmannes ſein, denn als Tochter eines ehrlos gemachten Freiherrn und vermeinten Verräthers.“““ Während Veit Fraſer ſo ſprach, ward die Aufmerkſamkeit der Zuhörer immer größer, und bei den letzten Worten lenkten ſich die Blicke von ihm ab, theils auf ſeine Tochter, theils auf Ste⸗ phan, deſſen Schuld mit jedem Augenblicke ungeheuerer zu werden ſchien, theils auf ſeinen nichtswürdigen Genoſſen. Veit ſprach weiter:„Nachdem ſolches denn beſchloſſen und ver⸗ abredet war, und von mir mit leiblichem Eide beſchwoten, fertigte, obſchon nicht ohne Anſtrengung, der Herr Geheimde Rath mit eigener Hand Alles aus, was zur Ablieferung der fünfunddreißig⸗ tauſend Gulden und des Fräuleins an mich erforderlich war, dann entdeckte er dem Prior ſeinen Namen, um der Zukunft ſeiner Tochter willen, jedoch unter dem heiligen Siegel der Verſchwie⸗ genheit. Ich war nun Willens, ſein Gebot zu vollziehen, aber — — 109 wie der dienende Bruder geſagt hatte, das auflodernde Lämpchen verlöſchte bald, und zwei Tage darauf trugen die Brüder ihn hin⸗ aus auf den Spittelkirchhof, wo nun in einem niedrigen Grabe, mit fremdem Namen bezeichnet, der Reichsfreiherr von Greiffen⸗ fels ruht.“ „Unglücklich Schickſal dieſes Mannes,“ unterbrach der Graf bewegt die allgemeine Stille,„ und bei meinem Wort, ſo große Unthat auch der Mord iſt, den dieſer Elende an ſeinem Landes⸗ herrn und Wohlthäter begangen, ſo laſtet nicht minder ſchwer auf ihm der Frevel, welcher dem Freiherrn nicht nur das Leben, ſondern auch die Ehre geraubt.“ Prinz Ludwig ſagte:„Ich werde ein unwillkommener Bote bei meinem Oheim ſein, ihm die traurigen Folgen einer frühern Un⸗ gerechtigkeit verkündigend, ohne daß ich die Möglichkeit zeigen könnte, ſie zu vergüten. Oder,“ ſetzte er mit einem fragenden Blick, auf Veit gerichtet, hinzu,„ wäre wirklich eine ſolche Mög⸗ lichkeit vorhanden, wie es mich beinahe bedünkt?“ „Der Notarius,“ vollendete Fraſer ſeine Ausſage,„war ein Ehrenmann und lieferte mir, nachdem er meines Herrn eigene Handſchrift und in mir den Ueberbringer des Geldes erkannt, ohne Weigern die Summe aus, welche er der Confiscation vorenthal⸗ ten. Auch im Kloſter machte man wenig Schwierigkeit; die Toch⸗ ter eines gewaltigen Miniſters war für die guten geiſtlichen Frauen ein köſtlicher Schatz, des Geächteten und, wie ſie meinten, gänz⸗ lich zu Grunde Gerichteten anderthalbjährig Kind ward ihnen all⸗ mälig zur Laſt, beſonders da ſie wegen des Koſtgeldes Sorge trugen, welches freilich für das arme Gotteshaus in damaliger bedrängter Zeit kein geringer Gegenſtand war. Ich erhielt alſo Fräulein und Geld und wandte mich hierher, wo ich in der Nähe des Orts, wo das Entſetzliche vorging, in der Folge der Zeit am leichteſten Aufklärung über den Vollbringer der That und das Schickſal jener Briefſchaften zu erhalten hoffte, an welchen, nach 1¹⁰ des Herrn Geheimde Raths Willen, das Schickſal ſeiner Tochter hing. Ich habe ihm unverbrüchlich Wort gehalten, das bezeugt mir mein Gewiſſen, dem Todten, kann ich wohl ſagen, bis zum Tode. Die Beſcheinigungen, die, auf ſeine Bitte, der Prior der barmherzigen Brüder mir theils ertheilte, theils von den Obrig⸗ keiten verſchaffte, waren, ohne nähere Erwähnung des Geſchehenen zu thun, hinreichend, mir zur Niederlaſſung in hieſiger Grafſchaft zu verhelfen und zu Treibung eines nahrhaften Gewerbes, ſo wie auch, was ich im Kloſter, das Fräulein betreffend, erhielt, genugſam ſeine Herkunft darthut.— Die Hand Gottes,“ ſagte er nach einer Pauſe gerührt,„die Hand Gottes, die ſich mit ei⸗ nem Opfer begnügte, dem armen Kinde, meinem Gretchen, hat dieſe Belege geſchützt in großer Fährlichkeit; ſie ſind im Garten meines Hauſes vergraben, und wenn, wie Seine hochfürſtliche Durchlaucht ſagt, der gnädigſte Kurfürſt Belieben trägt, gut zu machen, was er früher verſehen, ſo kann ich ihm gar wohl dazu helfen, dafern es nur geſchehen mag, ohne daß ich meinen Eid verletze.“ „Längſt,“ rief der lebhafte Prinz,„längſt iſt ja die eine Be⸗ dingung erfüllt; mein durchlauchtigſter Oheim hat ſein Unrecht erkannt, er iſt ein frommer und rechtlicher Herr, und was ich von ſeinem Wunſche möglicher Vergütung geſagt, hab' ich aus ſeinem eigenen Munde. Säumet denn nicht, wackerer Veit, die letzte Hülle von dem Geheimniſſe zu ziehen, das wir Alle ſchon erra⸗ then, und das uns gleichſam ganz lebendig und mit recht ſchönen Augen anſchaut.“ Wirklich erriethen die Meiſten, was auch dem Leſer ſich nun vermuthlich enthüllt; Alle, auch Graf Raymund, in deſſen Ge⸗ müth die ſtrengen und bittern Empfindungen andern ſanfterer Art gewichen ſchienen, hefteten das Auge auf Marien, die neben ih⸗ rem Vater ſtand mit geſenktem Blick, hochathmender Bruſt und geröthetem Antlitz, in welchem ſich freudige Wehmuth ausſprach, 11¹¹ doch nicht ohne Beimiſchung von Schmerz. In den Zügen aller Zuſchauer war freudige Theilnahme zu leſen, nur in denen des Wundarztes Peter Wahrmann nicht; Theilnahme drückten ſie wohl aus, doch keine freudige, und eine Wolke beſchattete ſein ſonſt ſo wackeres, offenfreundliches Geſicht. Veit ſah eine Weile vor ſich hin, dann ſchaute er auf, in ſei⸗ nem von der Folterqual ermatteten Auge blickte ein hellerer Strahl und er ſagte mit ſchwankender Stimme:„So ſei es denn, iſt doch auch die zweite Bedingung erfüllt, ſind doch die Briefſchaften da, an deren Abweſenheit der Hochſelige mein Schweigen band. Uum hohen Preis hab' ich ſie eingetauſcht, doch will ich mich nun des eingelöſten Pfandes erfreuen, meine Laſt von mir wälzend, die mich lange gedrückt. Ja, es iſt, wie Ihr meint, meine gnä⸗ digen Herren; die Jungfrau, welche neben mir ſteht, iſt nicht Marie Fraſer, des Freiſaſſen Tochter, Marie, Freifräulein von Greiffenfels iſt ſie, ſo wahr mir Gvott helfe und ſein heiliges Wort.“ Ein einſtimmiges Rufen des Beifalls ſchien den Sitz des Blut⸗ gerichts in einen Schauplatz der Freude zu verwandeln und über⸗ täubte die Anmerkung, vom Licentiaten beider Rechte gemacht: eine ſolche in Hinſicht auf den Statum der Perſon und auf pecu⸗ niäre Vortheile ſo wichtige Angabe bedürfe doch vor gänzlicher Annahme ſattſamer Legitimativn, und ſei ſelbige, bis ſolche er⸗ folgt, für null und nichtig zu achten. Marie aber ſagte unter Thränen: „So iſt es denn wahr, was ich nimmer glauben wollte, ob ich es ſchon manchmal geahnet aus dem Vorzug, den Ihr mir vor Euern beſſern Kindern gabt, vor Euren eigenen Kindern, ſo iſt es denn wahr, ich bin nicht Eure Tochter? Wie dann, mein Vater, immer mein Vater, wie darf, wie kann ich Euch vergel⸗ ten, was Ihr für mich gethan und für mich verloren? Ach, mein Gretchen, armes Gretchen,“ ſetzte ſie lauter weinend hinzu,„Du 112 hatteſt die fremde Schweſter ſo lieb und ſie iſt doch wohl Schuld an Deinem Tode.“ „Verloren iſt verloren,“ ſagte Veit mit männlicher Wehmuth, „aber für das, was der Herr uns gelaſſen, ſei ſein Name gelobt! Auch Ihr, mein gnädiges Fräulein,“(hier wollte er ſich erheben, Marie aber hielt ihn umfangend zurückh„auch Ihr habt viel ver⸗ loren, danket denn, wie ich, dem Himmel für das, was er Euch wiedergeſchenkt. Aber von Dank gegen mich ſprechet nicht, noch von Vergeltung, vergebt mir nur, was ich gegen Euch gefehlt, zumal in der letzten Zeit. Mit Zagen ſah ich den Augenblick herankommen, wo Ihr mein Haus, das Eurige vielmehr, verlaſſen müßtet, um Euch in den Stand der Ehe zu begeben. Eines Bauern Tochter ſolltet Ihr ſein, wollte Seine Exrcellenz der Herr Geheimde Rath, von der Gattin eines Bauern hatte er nichts geſagt, und hätte er auch, es wäre mir ſchwer angegangen. Da kam der Sohn des Schöſſers und ich dachte einen Augenblick, er wäre doch mehr als ein Landmann und ſchicke ſich daher beſſer für Euch. Dann dachte ich auch wieder anders, und Gott ſei Dank, daß ich es that, denn der arge Monſieur Stephan war nicht blos für das Freifräulein zu ſchlecht, ſondern auch für die fromme und ehrbare Marie Fraſer. Daher kam denn mein wunderlich Weſen in der Sache, das ſie vielleicht noch ſchlimmer gemacht und Euch befremdet haben mag, aber Ihr mögt ein wenig Ungeſchick dem geringen Mann nicht verargen, welchem Euer Herr Vater hoch⸗ ſelig eine Laſt aufgelegt, die ihm zu ſchwer war.“ „Gewiß,“ rief das Fräulein,„eine drückende Laſt und nur allzu hoch iſt Euch ihr Tragen gekommen.“ Sie erblickte hier Georg, der noch bleich und kraftlos, aber erfreut, daß, wie er wohl bemerkte, Alles gut ging für Vater und Schweſter, ſeine Wärter gebeten hatte, ihn zu ihnen zu füh⸗ ren; ſie umſchloß den vor Schwäche, Freude und Traurigkeit wei⸗ nenden Knaben und ſprach liebkoſend zu ihm:„Hilf mir, Görg, ————— 113 mein liebes Brüderlein, den Vater tröſten, wir wollen ihn lieb haben, ſo lieb, daß er Gretchen nicht zu ſehr vermiſſe.“ Der ſeltene und raſche Wechſel von Schrecken, Mitleid, Un⸗ willen, Abſcheu, Freude und Rührung, welche dieſer ganze Auf⸗ tritt hintereinanderfolgend herbeibringen mußte, verfehlte ſeine Wirkung nicht, und in manchem männlichen, ſelten oder nie wei⸗ nenden Auge glänzte eine Thräne. Auch der Prinz krocknete eine ſolche, dann aber ſprang er auf von ſeinem Stuhle und näherte ſich mit ritterlichem Anſtande Marien. „Mein Fräulein,“ ſagte er ehrerbietig,„Ihr wißt, ich bin ein Mitglied des Hauſes, deſſen Haupt an Eurem Herrn Vater Un⸗ recht begangen; der Billigung des Kurfürſten, meines Oheims, gewiß, bitte ich, Ihr wollet mir geſtatten, daß ich es ſei, der Euch zuerſt in die Vorrechte eines Ranges wieder einführt, deſſen we⸗ ſentliche Vorzüge Ihr von ihm ſelbſt zurückerhalten werdet. Dies iſt nicht Eure Stelle. Erlaubt mir daher Eure Hand, daß ich Euch zu einer andern geleite. Ich ſehe hier keine, die Eurer würdiger wäre, als die meinige; es gefalle Euch alſo, ſie anzu⸗ nehmen und mich als Euren dienenden Cavalier.“— Als er ſah⸗ daß Marie zögerte, ſetzte er hinzu:„Ich habe ſolches gethan ohne Einwilligung des Haus⸗ und Landesherrn, aber ich bin überzeugt, der Graf, mein Vetter, iſt weit entfernt, ſie zu verweigern.“ „Der Herr dieſes Landes und Hauſes,“ ließ Raymund, der ihm gefolgt war, ſich vernehmen,„ſchätzt ſich glücklich, in demſel⸗ ben die Tochter eines uralten edlen Geſchlechts und höchſt ehren⸗ werthen Mannes willkommen zu heißen.“ Aber Marie antwortete, noch immer die Hand Veit Fraſer's haltend, der innige Freude an der Auszeichnung zu haben ſchien, die ſeinem Pflegkinde widerfuhr, und den kleinen Georg umfaſ— ſend; ſie ſprach beſcheiden, aber doch ſchon mit dem Anſtand ei⸗ nes Fräuleins:„Wollet entſchuldigen, durchlauchtiger Prinz und erlauchter Graf, aber hier iſt in der That meine Stelle. Wo 11⁴ könnte ſie auch anders ſein, als zwiſchen Vater und Bruder, zwiſchen dem, der ſo unendliche Treue an mir bewieſen und die⸗ ſem Knaben, der ſein junges Leben, ich muß ſo ſagen, für mich beinahe dahingab, denen die Tochter, die Schweſter zu erſetzen mir obliegt.“ „Siehſt Du, Marie, daß ich ein Mann von Wort bin?“ fiel der kleine Görg ein, ſeiner Ermattung ungeachtet ſeinen kecken prahleriſchen Ton annehmend und die Fäuſte ballend gegen Ste⸗ phan und den Bader.„Hatt' ich nicht geſagt, ich wollte das Leben dranſetzen, Dich gegen dieſe argen Wichte zu vertheidigen? Nun,“ ſetzte er ſchwächer hinzu, und ſeine gehobenen Hände ſan⸗ ken herab,„vertheidigt hab' ich Dich wohl nicht, aber der Wille war doch gut.“ „Gehet immer, mein gnädiges Fräulein,“ ſagte Fraſer.„Die Zeit des Irrthums iſt nun vorüber, und Jeder tritt an ſeinen Platz. Tretet auch Ihr an den Eurigen, das zu ſehen, iſt ja mein Lohn, der einzige, den ich um Euch verdient habe;'s iſt ſonſt nicht der Rede werth, was ich gethan, und wahrlich nichts Gro⸗ ßes, ein Pflegekind aufzuziehen von deſſelben Vermögen, und die eigenen,“ hier unterbrach er ſich ſeufzend,„das eigene Kind dazu. Bin ich aber auch nur ein einfältiger Pflegevater geweſen, ſo war ich doch ein getreuer Haushalter; dreiſt mag ich Euch Rechnung ablegen und dereinſt meinem hochſeligen Herrn; wie es auch dem durchlauchtigſten Kurfürſten gefalle, zu thun, ſo ſeid Ihr nicht 6 arm, denn die Fünfunddreißigtauſend noch da, und auch nicht wenig Erſpartes darüber.“ „Meinet Ihr, edle Herren,“ fragte Narie mit Würde,„ein Platz am Throne nicht nur, auf dem Throne ſelbſt würde mich freuen, ſo lange man dieſen Mann auf der Bank der Angeklag⸗ ten ſieht?“ „Das Fräulein hat Recht,“ ſprach Graf Raymund,„was. hier begangen wird, iſt ein Act der Gerechtigkeit, und es ziemt 1¹⁵ ſich, derſelben zu pflegen, che man den Vorzügen Rückſicht ge⸗ währt, welche das Glück und die Geburt ertheilen und deren das Fräulein von Greiffenfels nicht bedarf, um, wo ſie auch ſei, an einem ausgezeichneten Platze zu ſtehen.“ „Meine Herren und Freunde, es iſt dies ein wichtiger Tag, manch' Verborgenes hat er ans Licht gebracht, doch hat die gütige Vorſicht gewollt, daß neben dem Gräßlichen und Empörenden auch Erfreuliches und Rührendes ſich gezeigt. Zu richterlichem Ernſt und züchtigender Strenge ſeh' ich mich aufgefordert, wie Ihr Alle, aber auch zu menſchlicher Freude und dem Wunſch, zu belohnen. So gehet denn in Frieden, Ihr Angefochtenen, gehet in Ehren, Ihr Geſchmähten, und möge das Gefühl Eures Werths und die allgemeine Theilnahme Euch tröſten für das, was Ihr verloren, was Niemand, was kein Regent Euch erſetzen kann. Der Erſatz aber, der in meiner Macht ſteht, Ihr Alle, die Ihr beeinträchtigt ſeid, ſoll Euch werden, und vollſtändige Genugthuung. Fort denn mit denen, die das Maß des Frevels erſchöpft haben, offen⸗ bar und im Geheimen, der verdienten Strafe zu warten! Sie wird Euch treffen mit ihrem ganzen Gewicht, denn wenn im Richter auch die Leidenſchaft ſchweigt, ſo wendet bei Eurem Gott und Menſchen verhaßten Anblick die Gnade ſich ab. Euch Beiden, die an der Menſchheit geſündigt, ſpricht ſie ſelbſt das Urtheil, und ſie wird verſöhnt durch Euer Blut; dieſem ungetreuen Haushalter aber, dieſem ungerechten Richter, ſpreche es des Geſetzes von ihm frech gehandhabte Form, und ehe es ihn verdammt, kehre der Raub, ſorgfältig ausgemittelt, zu den Beraubten zurück; der Er⸗ ſatz des Mangelnden gebührt dem, welcher einen Unwürdigen an ſeine Stelle geſetzt.— Euch,“ wendete er ſich mit Nachdruck ſprechend gegen die Tafel der Schöppen,„Euch, den Pflegern der Gerechtigkeit in dieſer Grafſchaft, ſei, was Ihr geſehen und ge⸗ hört, ein warnendes Beiſpiel. Gedenket, daß das Unrecht, und verhülle es ſich auch in die Geſtalt des Rechts und bliebe es auch 116 Jahre lang verborgen, endlich an das Licht gezogen wird und zur Rechenſchaft. Und wenn auch nicht immer, wie hier, Gottes Finger ſichtbarlich waltet, ſo wägt der oberſte Richter doch Eure That und Gedanken, und Ihr ſeid ihm verantwortlich, der Menſchheit und mir. Ich aber bin es Euch, meine Unterthanen und lieben Freunde, und will es bleiben, denn nimmer ſcheid' ich, nimmer ſcheidet der Landesvater von Euch!“ „Brav, mein Oberſt und Vetter,“ ſagte der ſeiner muntern Laune ſich wieder hingebende Prinz,„das wird trefflich ſein für Euer Reich und für die kaiſerliche Armee auch, in der es Avance⸗ ment giebt und ein jüngerer Sohn von guter Familie es auch noch zum Oberſten bringen kann, wenn die Majoratsherren, wie es ſich gebührt, fein nach Hauſe gehen.“ Laute Ausbrüche der Freude beantworteten die tröſtliche Ver⸗ heißung des Reichsgrafen. Dieſer hob die Sitzung auf und die Verſammlung trennte ſich, um zu Hauſe das Geſchehene zu be⸗ ſprechen und ihre Hoffnungen einer beſſern Zukunft, die adelichen Gäſte, um bei dem ſehr verzögerten Mittagsmahl an der lange ungaſtlichen Tafel des gräflichen Nachbars ihn hoch leben zu laſſen und durch die Zahl der geleerten Becher ihm eine ziemliche Reihe von Jahren einer glücklichen Regierung wohlwollend zu bezeichnen. Der Prinz bot abermals Marien die Hand, ſie hinwegzuführen, und abermals trat er zurück, denn ſie lieh die ihrige unterſtützend dem wankenden Veit. Da begnügte ſich der gutmüthige Fürſten⸗ ſohn mit dem kleinen Georg, den er ſorglich auf ſeinen Armen hinaustrug bis an den Wagen, der den Freiſaſſen in ſein Monden lang verödetes Haus zurückbringen ſollte. Seit langer Zeit zum erſten Male mit heiterm Geſicht und geſetzt ruhigem Weſen ſchritt die Wittwe an der Seite ihres Sohnes, des jungen Wachtmeiſters, aus dem Saal, dem Hauſe des Schöſſers zu, des Räubers ihres Eigenthums, welches man der Beraubten indeß zum Aufenthalt angewieſen, und mit ihnen ging, ernſtheiter, aber wortkarger = ————— 117 ——— und weniger munter als ſonſt, Wahrmann, der wackere Sie⸗ benbürger. Wohl hatte Graf Raymund dem Fräulein von Greiffenfels einige Gemächer im weitläufigen Schloſſe angeboten, aber als ſie ſchweigend auf den leidenden und ermatteten Veit wies, nahm er, ſich verbeugend und billigend, die Einladung zurück. Jene aber, die an die drei Männer der Sünde ergangen, wurde nothgedrun⸗ gen befolgt. Mit rohem Trotz ging Stephan, mit giftig lächeln⸗ dem Ingrimm der Bader nach den Kerkern der Eiſenfrohnfeſte, welche noch jüngſt unſchuldigere Opfer der Gerechtigkeit verwahr⸗ ten, der Schöſſer aber wankte hinterdrein in ſolcher Zerrüttung des Geiſtes, daß er die Verwünſchungen nicht hörte, die ihm von allen Seiten nachtönten, und den pöbelhaften Hohn nicht wahr⸗ nahm, mit welchem der Frohn, einſt der Sklave ſeines deſpoti⸗ ſchen Willens, den ehemaligen Gebieter empfing. Am andern Tage ermangelte Prinz Ludwig, der im Geiſte eines echten Paladins ſich für einen gebornen Ausgleicher des Un⸗ rechts anſah, nicht, Fräulein Marien im Hauſe des Freiſaſſen heimzuſuchen, und Graf Raymund verfehlte nicht, ihn zu beglei⸗ ten, denn es war ja hier noch eine landesherrliche Verrichtung abzuthun, weshalb auch der Rath und die beiden rechtskundigen Schöppen ſich in ſeinem Gefolge befanden. Die Belege über des Fräuleins Herkunft wurden an dem Orte gefunden, welchen der an ſeinen Lehnſtuhl gefeſſelte Freiſaß den Gerichtsperſonen bezeich⸗ nete, und ſtreng von ihnen geprüft; ſie erzeigten ſich gültig, und ſelbſt der zweite Licentiat räumte ein, es bedürfe nichts, als ſolche in loco verificiren zu laſſen, um präſente, bisher Marie Fraſer benannte Jungfrau für die cheleibliche, hoch- und wohlgeborene Tochter weiland Seiner Ercellenz, des Geheimden Raths, Frei⸗ herrn von Greiffenfels, zu agnoſeiren; eine letzte Bedingniß, welche ſehr kurze Zeit darauf durch des Prinzen thätiges Bemühen er⸗ füllt ward. 118 So einſtimmig man nun über dieſen Gegenſtand auch befrie⸗ digt war, kam doch ein anderer in Anregung, bei welchem man ſich nicht ſo einig bezeigte. Trotz ſeiner Krankheit und Schwäche hatte Veit Fraſer die vormundſchaftliche Rechnung, die er immer mit der größten Pünktlichkeit gehalten, in Bereitſchaft gelegt und begehrte, Mariens Bitten ohngeachtet, dieſelben nebſt ihren Be⸗ legen und ihrem Ergebniß dem löblichen Gericht im Beiſein des Reichsgrafen zu übergeben, erklärend, eines Landmädchens und ſeines Pflegekindes Vormund zu ſein, habe er ſich verpflichtet und mit Gottes Hülfe auch wohl vermocht, das Fräulein des Herrn Geheimden Raths aber bedürfe eines andern, Gelahrten. In dieſer Rechnung zwar fand ſich nicht der Anlaß zur er⸗ wähnten Uneinigkeit, denn der richtigſte Sinn hatte ſie geführt und die regſamſte Geſchäftigkeit, mit der Unſicht eines zwar nicht hochgebildeten, aber tüchtigen Verſtandes gepaart, das Ergebniß zu unerwarteter Bedeutendheit gebracht; aber als ſeine Mündel ihn bat, vor wie nach Herr ihres Beſitzthums zu ſein, verweigerte er dies geradezu, und als der Prinz von dem Reichthum des Ge⸗ ſchlechts der Greiffenfels ſprach, welchen ſein Oheim der recht⸗ mäßigen Beſitzerin unweigerlich überantworten werde, da ſagte er ganz trocken, wenn der Kurfürſt es für Schuldigkeit halte, frem⸗ des Eigenthum zurückzuerſtatten, ſo habe er dieſelbe Meinung, denn wenn ſchon nur ein Bauer und kein durchlauchtigſter Herr, ſei er doch auch ein ehrlicher Mann, und als Marie fortfuhr, mit Thränen und Bitten in ihn zu dringen, ereiferte er ſich und ſprach, das Fräulein könne die Verpflichtung nicht löſen, die er gegen ihren Vater eingegangen mit einem leiblichen Eide, ſie habe überhaupt gar nichts zu verfügen, noch zu verſchenken, denn ſie ſei nicht volljährig, und um ſo mehr müſſe er drauf dringen, daß ihr ein anderer Vormund geſetzt werde, damit dergleichen weiter nicht vorfiele. Da die beiden Licentiaten nicht umhin konnten, in rechtlicher 11¹9 Hinſicht dieſen Antrag zu billigen, genehmigte ihn Graf Raymund und übertrug die Vormundſchaft dem Rath, und erſt auf den Antrag des Letztern, durch die Vorſtellungen aller Gegenwärtigen unterſtützt, willigte Veit Fraſer ein, ſein Gehöft, das unbezwei⸗ felte Ergebniß eigener Betriebſamkeit und klugen Erſparens, in Nutznießung zu empfangen, jedoch einſtweilen nur und ſich die Entſcheidung des künftigen Gemahls ſeiner ehemaligen Pflege⸗ tochter vorbehaltend. Bald langte die Entſcheidung des Kurfürſten an, welcher das Fräulein von Greiffenfels in alle Beſitzthümer und Rechte ihrer Ahnen einſetzte und ſie an ſeinen Hof einlud, um perſönlich ihr zu vergüten, was einſt gethan zu haben, der fürſtliche Greis, wie er ſchrieb, ſchon lange bereut. Als Marie dieſe Botſchaft erhielt, ſaß ſie am Lager des langſam geneſenden Veit, und wie damals im Gerichtsſaale, antwortete ſie:„ Ich danke dem durchlauchtigſten Herrn für ſolche Huld, aber hier iſt meine Stelle als Wärterin und Tochter desjenigen, dem ich mehr zu danken habe, als Ver⸗ gütung angethanen Unrechts, deſſen, der das Erbe meines Vaters mir erhielt um einen ſehr hohen Preis und auch ſein Leben da⸗ hingegeben hätte, es zu erhalten. Saget ſeiner kurfürſtlichen Durchlauchtigkeit, es zieme mir nicht, dieſe Stelle zu verlaſſen, ſo lange mein Vater und Wohlthäter mich an derſelben vermiſſen würde.“ Als aber Veit's Kräfte nach und nach wiederkehrten und ſeine Thätigkeit in der Haus⸗ und Landwirthſchaft, an welcher er ihr Theil zu nehmen durchaus nicht mehr geſtattete, als er ihr drin⸗ gend anlag, doch endlich den Kreis zu betreten, für den ſie ge⸗ boren ſei, da begann ſie zu fühlen, hier ſei doch fortan nicht ihre Stelle für immerdar und an derſelben könne ſie ſich nicht aneignen, was ihr noch mangle, um an der andern würdig zu erſcheinen; ſie gehorchte alſo des Kurfürſten nochmaliger Auffor⸗ derung und begab ſich in die Hauptſtadt, doch nicht an den Hof. 120 Als ſie aber nach langer Zurückgezogenheit an demſelben erſchien, war ihr von Marien Fraſer nur das noch geblieben, was auch das Freifräulein von Greiffenfels verlieblichen mußte, und man geſtand ſich, daß der Zweiten durch die Erſte kein Eintrag ge⸗ ſchehen ſei. Mit väterlichem Wohlwollen empfing ſie der bejahrte Regent und mit einer Art von brüderlicher Zuneigung Prinz Lud⸗ wig, der von ſeinem Regimente eingetroffen war, deſſen Oberſt er wirklich geworden. Der Hof folgte dem Beiſpiel der regieren⸗ den Familie, und bald bewegte Marie ſich in den glänzenden Sälen ſo munter und unbefangen, als einſt auf dem ländlichen Tanzplatz unter der Ulme. Auch Graf Raymund kam nach der kurfürſtlichen Reſidenz; nach und nach wiederholte er ſeine Beſuche öfter, und man fing an zu glauben, ſie ſeien nicht ohne Bezug auf das Fräulein, von dem Einfluß unterrichtet, den er auf ihr Schickſal gehabt. Es war an einem Abende des Vorfrühlings, als er mit Prinz Ludwig, der ihn begleitet hatte, Mariens Zimmer verließ. Beim Scheiden ſprach das erröthende Fräulein zu ihm:„Meine Dank⸗ barkeit hattet Ihr längſt erworben, Herr Graf, und da Ihr nun mehr fordert, kann ſie es Euch nicht weigern und ſie will es auch nicht. Aber,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„aber Ihr wißt die Be⸗ dingung.“ Wenige Tage darauf hielt ein glänzender Wagen an Veit Fra⸗ ſer's Meierhof, und als er ein wenig verwundert heraustrat, nach dem Zuſpruch zu ſehen, ſchlang Fräulein Marie die Arme, ihn freudig begrüßend, um ihn. Zwar verſchüchterte der Prunk ihres Standes und ihre erhöhete Anmuth im Anfang den Landmann, als aber Görg herzukam und nach dem erſten Erſtaunen über die ſchöne Schweſter ſie treuherzig und derb bewillkommte, als ſie darauf den Knaben umfaßte und ihn ihr liebes Brüderlein hieß, als ſie ſo ganz die ehemalige Marie war, da ging dem wackern Veit das Herz auf, und nicht eine Stunde verging, ſo ſaßen die „— — 121 Drei ſo traulich beiſammen als in früherer Zeit, nur ſchmiegte Gretchen nicht mehr den kleinen Kopf ſchmeichelnd an die Schweſter. Noch währte der Auftritt des fröhlichen, des gerührten Wie⸗ derſehens, da öffnete ſich die Thür und der Reichsgraf trat ein vom Prinzen begleitet. Etwas beſtürzt über dieſen Zuwachs an vornehmem Beſuch⸗ erhob ſich der Freiſaß und ging dem Landes⸗ herrn ehrerbietig entgegen; der aber ſprach:„Nicht einen feierli⸗ chen, aber einen freundlichen Empfang wünſcht der, welcher bit⸗ tend kommt, und ich habe eine Bitte an Euch.“ Drauf ſetzte er mit leutſeliger Würde und nicht ohne Bewegung hinzu:„Vater Fraſer, ich werbe um Eure Tochter Marie, wollet Ihr ſie mir geben zur ehelichen Hausfrau?“ Der ehrliche Veit ſtand ſtumm und mit gefaltenen Händen, und Thränen drangen in ſeine Augen und hemmten ſeine Sprache, Raymund aber fuhr fort:„ So begehrt es meine geliebte Dame, denn ohne des Vaters Einwilligung gedenkt ſie nicht, ihre Hand zu vergeben.“ „Gewiß,“ ſagte das Fräulein ſanft weinend,„gewiß darf ich es nicht; bin ich denn nicht mehr Eure Tochter Marie, ſeid Ihr nicht mehr mein Liebvater?“ Da machte Fraſer's gepreßte Bruſt ſich in einem lauten Aus⸗ rufe Luft:„Gott,“ rief er aus,„Gott, Du haſt geſehn, was ich geduldet habe, ſieh' nun auch, daß ich belohnt bin. Ja, mein Fräulein, ich habe Vaterſtelle an Euch vertreten in einer ſchweren Zeit, ich will es nun auch thun, da es mich ſo hoch ehrt und erfreut. Gehe denn hin, mein gutes und dankbares Kind, des Lohnes zu genießen, deſſen Du ſo würdig warſt, wie Eine, und deſſen Du würdig geblieben. Und weil ſie es denn ſo will, ſo gebe ich ſie Euch, erlauchter und gnädigſter Herr, Euch, der Ihr Eurem bedrängten Volk als ein Engel erſchienen ſeid, ich gebe Euch einen zweiten Engel. Möget Ihr Beide ſegenreich walten, 1 9 122 mögen unter Eurem Regiment keine Thränen fließen, wie dieſe— meine letzten.“ „Laſſet ſie auch fein die letzten ſein,“ ermahnte ihn der Prinz halb weichmüthig, halb munter;„ fröhlich müſſen wir Alle ſein, denn heut' iſt Verlobung und übermorgen die Hochzeit.“ „Ja,“ ſagte Görg, nach ſeiner Gewohnheit dreiſt herzutretend, „luſtig müſſen wir ſein, da meine Schweſter eine Reichsgräfin geworden, was doch beſſer iſt als Frau Aetuariuſſin, ja als Frau Schöſſerin, glaub' ich ſogar; auch iſt der gnädigſte Herr eine ganz andere Perſon als der widerwärtige Monſieur Stephan. Aber da dem nun ſo iſt, ſo denk ich, kann auch aus mir noch etwas werden, und ich meine, Herr Prinz, Ihr macht mich zum Ofſizier. Wenn die Franzoſen wiederkommen und wir Beide ſind da, ſchlagen wir ſie alle zum Lande hinaus.“ „Topp,“ antwortete Ludwig,„Du wirſt mit der Zeit Offizier, und dann gilt es freilich, zu ſchlagen, gleich viel ob Türken oder Franzoſen.“ „Dann muß die Schweſter für des Bruders Ausſtattung ſor⸗ gen,“ erinnerte der Graf;„ſie giebt als ſolche dem Sohn, was der Vater früher verweigert, und möge das Erbtheil des Unglücks ihm zum Glücke gedeihen. Nicht wahr, Ihr ſagt jetzt nicht nein, mein Vater? Iſt das doch die Entſcheidung des künftigen Gemahls.“ Die Vermählung ward am zweiten Tag gefeiert. Veit Fraſer geleitete als Brautvater die Gräfin zum Altare. Der Proceß des Practicus und Dorfbaders wie auch Spions, Johannes Kollmuth, war am erſten entſchieden; er beſchloß ihn ſelbſt durch eine chirurgiſche Operation an ſeiner eigenen Kehle, und ſein Blut floß auf der nämlichen Stelle, wo er einſt das Blut Margarethens Fraſer vergoſſen. Länger dauerte die Unter⸗ ſuchung gegen den Schöſſer, und erſt nach dem, als ſein zuſam⸗ mengeraubtes Gut zu den rechtmäßigen Eigenthümern zurückge⸗ kehrt war, beſtrafte ihn ewige Landesverweiſung. Als er, Hohn 123 ————— und Mißhandlungen fürchtend, bei Nacht den Ort verließ, wo er unumſchränkt und tyranniſch geherrſcht hatte, und ſein ſcheuer Fuß an jener Stelle vorübereilte, wo er Veit Fraſer's und der jetzigen Reichsgräfin Scheiterhaufen aufrichten ließ, beſchien der Mond den ſchon modernden Leichnam ſeines Sohnes auf dem Rade. Lange blüh'te das gräfliche Geſchlecht in angeſtammter reichs⸗ ſtändiſcher Würde, bis dieſe endlich vor Kurzem ſich unter dem Mantel des mediatiſirten Fürſten verlor. Petrus Wahrmann fand den Erſatz getäuſchter Hoffnung in der zurückgekehrten Tochter der Wittwe Seld, deren Sohn im Kriegsdienſt emporſtieg. Veit Fra⸗ ſer lebte noch lange ſeinen Blumen und Erperimenten, die jetzt Niemand mehr bedenklich fand, und Georg, dem Prinz Ludwig, ſpäterhin ein berühmter Feldherr, Wort hielt, und Marie immer Schweſter blieb, erwarb in Ungarn im Türkenkriege die Schwa⸗ pron und den Adel, und im erſten ſchleſiſchen Kriege führte er ein Regiment. S n d e Inhalt des neunten, zehnten und elften Theils. Veit Fraſer. 8 = — ₰ S S — S — — — — S S 8 — — 2 S — — 5 Nachtſeiten der Geſellſchaft. Eine Gallerie merkwürdiger Berbrechen und Rechtsfülle. „ Herausgegeben von Dr. A. Diezmann, Dr. W. Jordan und Dr. L. Meyer. Zwölfter Theil. Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. Der Präutigam von Zarna. N Eines Abends im Monat März ritt ein Reiter von gutem An⸗ ſehen, deſſen ſchlanke Geſtalt in einen weiten Mantel gehüllt war, einen Hügel in der Grafſchaft Tipperary hinauf. Auf dem Hügel angekommen, hielt er ſein Pferd an, um es ein wenig verſchnau⸗ fen zu laſſen, und ſah in die weite Ebene hinab, die, mit dichten Nebeln erfüllt, ſich vor ihm ausdehnte. Als er um ſich blickte, bemerkte er einen Mann, der, ſeitdem er die Stadt Ballymore verlaſſen, d. h. auf einem Wege von acht iriſchen Meilen, hart⸗ näckig ihm gefolgt war. Oft hatte dieſer mit ihm ein Geſpräch anzufangen verſucht, ſtets hatte er, ſei es aus ariſtokratiſchem Stolz, oder weil der Zuſtand Irlands zu dieſer Zeit ihm Zurück⸗ haltung gegen einen Fremden gebot, dieſen Verſuch vereitelt. Denn außer den Parteien der Harrigs und Commins, welche das Land beunruhigten, ſuchte auch eine geheimnißvolle Bande unter der Anführung eines gewiſſen Capitän Rock die Pachthöfe und Schlöſſer der Edeln mit Feuer und Schwert heim und überließ ſich den entſetzlichſten Ausſchweifungen. Die Rockiten oder, wie man ſie gewöhnlich nannte, die Whiteboys(weiße Jungen) fanden bei den iriſchen Bauern geheime Sympathien, da ſie nur den Reichen und Vornehmen, namentlich den Anhängern der anglika⸗ niſchen Kirche, den Krieg erklärten. Ihre Unternehmungen, die nur bei Nacht Statt hatten, waren mit dem größten Geheimniß bedeckt. Die Sonne beleuchtete die Scenen des Mordes und der 1* 4 Plünderung, Thaten der Rache, zuweilen der Gerechtigkeit, aber die Urheber dieſer Ereigniſſe blieben unſichtbar, und Strafloſigkeit und eine Art wilder Patriotismus, die gewöhnliche Folge, wenn Tyrannei ein Volk als ein beſiegtes behandelt, ermuthigten ſie zu immer größern Verbrechen. Dieſe Umſtände bewogen wohl den Reiter zu ſeiner Vorſicht, die übrigens auch ohnedies durch das Aeußere des Mannes, der ihm ſo unverdroſſen folgte, hinreichend gerechtfertigt erſchien. Es war ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, mitt⸗ lerer Statur, kräftigem Gliederbau, breiter Bruſt und kurzem, muskulöſem Hals; ſeine Züge waren rauh, ſein Mund, der wilde Leidenſchaft ankündigte, gab ihm einen eigenthümlichen Ausdruck von Gemeinheit, die nur die offene Stirn, der Glanz ſeiner Augen und ihre ungewöhnliche Lebhaftigkeit in etwas milderten. Der leere rechte Aermel ſeiner Jacke zeigte, daß ihm der rechte Arm fehlte, aber in ſeiner linken Hand trug er einen ungeheuren Kno⸗ tenſtock, deſſen dickes Ende mit Blei ausgegoſſen und gewöhnlich Wattle genannt ward. Die mörderiſche Waffe war von den Behörden verboten zu tragen und vermehrte noch das Verdächtige ſeines Weſens. Uebrigens war er wie die Bauern ſeines Landes gekleidet, trug eine Mütze von Fuchspelz, um welche verſchiedene Inſtrumente zum Fiſchen gewickelt waren, und trabte barfuß leicht neben dem Reiter her. Der Reiter firirte ſeinen ſeltſamen Begleiter mit einem durch⸗ dringenden Blick, der ihn trotz ſeiner Keckheit etwas aus der Faſ⸗ ſung brachte. Höflich berührte er den Rand ſeiner Mütze mit der Hand und ſagte: „Mit Gunſt, Geſtrenger, ich weiß, wohin Ihr Euch begebt, und bin ſehr erfreut, Euch den Weg zeigen zu können!“ „Ho, ho!“ rief der Reiter, indem er ſein Pferd in Schritt brachte,„und woher weißt Du, wohin ich gehe? Wer hat Dir das geſagt?“ ℳ—— — — ℳ—— — 5 „Hm, das war nicht ſchwer! Sah ich nicht Eure Geſtrengen heute Morgen in Ballymore mit dem Hochwürdigen Pater Mick ſchwatzen und lachen? War das nicht ein Zeichen, daß Ihr ihn heute Abend wiederfinden würdet, wenn Ihr gern bei einer iriſchen Hochzeit ſeid? Und dachte ich denn nicht bei mir ſelbſt, daß Ihr zur Hochzeit von Hugh dem Lawlor kommen würdet? Pater Mick iſt dort und das halbe Kirchſpiel... Sceht nur,“ fuhr er fort, ohne ſich um den Eindruck zu kümmern, den ſeine Erklärung her⸗ vorbrachte,„ſeht nur, da unten liegt es— zwei Meilen noch— Ihr könnt den Rauch ſehen, der aus dem Hauſe von Davy Nugent aufſteigt. Hugh der Lawlor heirathet Miß Ellen, und die Jungen von Eliogarthy ſind froh, daß er wieder zurück iſt.“ „Und,“ fragte der Reiter mit einem Blick, der bis in die innerſten Gedanken zu dringen ſchien,„haben die Jungen von Eliogarthy alle ſolche Stöckchen in der Hand, wie Du, um die Rückkehr ihres Freundes zu feiern?“ Der Irländer ſchwang ſeinen Knotenſtock mit verzerrtem Lachen um ſeinen Kopf. „Was ſoll ich im Lande ohne meinen Wattle? Bin ich nicht ein Harrig und komme unter die Commins? Doch da jetzt Mei⸗ ſter Hugh zurückgekommen iſt und eine Tochter der Commins hei⸗ rathen wird, ſo haben wir eine Art Frieden, denke ich... Gebt mir den Zügel, Eure Geſtrengen, ich will das Thier führen, daß es die Steine vermeidet, von denen der Weg voll iſt.“ „Laß den Zügel los, Freund, ich danke. Aber ſag' mir, welch' wichtiges Geſchäft hat die Grafſchaft ſo lange der Gegenwart Meiſter Hughs beraubt?“ „'s iſt ein ſchönes Thier, Euer Geſtrengen.“ „Du hörſt nicht gut, Lieber. Ich frage, weshalb war der, den Du Meiſter Hugh nennſt, aus dem Lande gegangen?“ Der Irländer nahm eine einfältige Miene an, warfverſtohlen einen argwöhniſchen Blick auf den Fragenden und ſchwieg einen Augenblick. „Viſcha!“ rief er endlich,„das weiß ich ſelbſt nicht recht. Man ſagt viel darüber. Hugh und Miß Ellen liebten ſich von Klein auf, aber ſie war eine Commins, er ein Harrig, und die Familien lebten im Krieg. Nun, Hugh hatte weder Vater noch Mutter mehr, er war ſein eigener Herr, beſaß ſchöne Güter, und nichts hinderte ihn nach Barna zu gehen. Dort wohnt Davy Nugent. Hugh iſt auch gelehrt, er hat in Trinity College ſtudirt und Miß Ellen war ſterblich in ihn verliebt. Sie ſah ihn oft ohne Wiſſen ihrer Familie des Abends, bis ihr Bruder, Tom Nugent, ſie endlich überraſchte. Das machte einen furchtbaren Lärm. Der Lawlor wollte ſich friedlich entfernen, aber Tom war mit einem Degenſtock bewaffnet. Er warf Hugh vor, zu der Bande des Capitän Rock zu gehören und des Nachts mit den Whiteboys herumzuziehen.. Nehmt Euch in Acht, Geſtrenger, das Pferd wird unruhig.. Na, na, nurruhig!... Wollt Ihr mir den Zügel geben?“ Das Pferd, vielleicht unabſichtlich vom Sporn getroffen, war wild aufgeſprungen. Doch der Reiter dankte wieder und der Ir⸗ länder fuhr fort: „Nun, was vorging, weiß man nicht, aber Tom Nugent fand man von ſeinem eigenen Degen durchbohrt. Lange zweifelte man an ſeinem Aufkommen, die Heilung war ſchwer und lang⸗ wierig. Der Lawlor war aus dem Lande gegangen. Mrs. Nugent, in der Verzweiflung, drohte ihrer Tochter mit ihrem Fluche, wenn ſie noch an ihn dächte. Eine andere recht gute Partie fand ſich, aber ſie zerſchlug ſich bald wieder. Am Ende ſtarb die gute Frau, und Miß Ellen zehrte ſich langſam ab und wäre ihr bald nach⸗ gefolgt, ſo daß Vater und Bruder, die ſie nicht ſo hinſterben ſehen konnten, ihr verziehen. Dazwiſchen ſtarb auch Tom an der Ver⸗ zehrung oder ſeinen Wunden. Ellen war allein da, den alten Davy Nugent zu pflegen. Jetzt kam auch der Lawlor wieder nach Barna, und Eure Geſtrengen und ich, ſo Gott will, wollen in dieſer geſegneten Nacht bei der Hochzeit ſein.“ 7 Der Reiter hatte ſchweigend zugehört. „Und die Harrigs,“ fing er nach einer Weile wieder an,„was ſagen die zu der Hochzeit? Steht Hugh immer noch mit ihnen gut?“ Ein wilder Ausdruck von Haß überflog bei dieſer Frage das Geſicht des Irländers; ſeine Augen flammten furchtbar auf; doch da er ſich beobachtet ſah, faßte er ſich ſchnell wieder und entgegnete: „O, er ſteht noch recht gut mit ihnen. Man behauptet ja, daß Hugh im Laufen und im Steinwerfen und andern Dingen in der Grafſchaft ſeines Gleichen nicht hat... Doch ließen ſich wohl noch Leute finden, die ihm gleich kommen und nicht ſo ſtolz ſind... Aber, Herr, Herr, wie ſtrömt das Volk von allen Seiten nach Barna!“ Die Reiſenden waren während dieſes Geſprächs in die Ebene herabgekommen. Barna lag vor ihnen auf einem kleinen Hügel, und von allen Seiten ſah man Menſchen in dem verſchiedenſten Aufzug dahinziehen. Pächter zu Pferde, vor ſich ihre achtbaren Ehehälften, junge Leute von jener zweifelhaften Claſſe, die man in Irland Halfſirs nennt, weil ſie zwiſchen Gentleman und Bauer mitten inne ſtehen, in ihren phantaſtiſchen grünen oder blauen Röcken, Bürger aus den benachbarten Städten, Frauen und Mädchen in feſtlichem Aufzug auf Wagen einherfahrend, und unter ihnen zwei oder drei Paar Brocoghs oder blinde Bettler, welche die Luft mit ihrem heulenden Geſang erfüllten. Der Irländer ſchien alle Welt zu kennen und grüßte Alle, wie er hinſchritt, aber die Meiſten gaben ihm den Gruß kalt zurück, und dichter hüllte ſich der Reiter in ſeinen Mantel. Ein Fußſteig, von Schwarzdorn- und Hollunderhecken einge⸗ ſchloſſen, führte die Reiſenden an ein großes Thor, dem Eingang zu dem Brauthauſe. Es war ein großes, unregelmäßiges Ge⸗ bäude, das urſprünglich nur aus einem Stockwerk beſtand, dem aber ſpäter noch ein zweites und ein Schieferdach zugefügt worden war. Einige Mauervorſprünge vor den Fenſtern waren mit Blumen 8 beſäet, und an der Thür rankte ſich Geißblatt auf und zeigte, daß Frauenhand beſchäftigt war, dem düſtern Gebäude einige Anmuth zu verleihen. Wie alle iriſchen Pachthöfe, bildeten Scheunen, Ställe und das Wohnhaus die drei Winkel eines Vierecks, deſſen innerer Raum und die vierte Seite ein großer gepflaſterter Hof einnahm, auf deſſen einer Seite die Ackergeräthe aufgehäuft waren, um Raum zum Tanz zu haben. Lautſchallendes Lachen und Jauch— zen, vermiſcht mit den Tönen der Muſik, begrüßte die Eintreten⸗ den. Die Gäſte der niedern Claſſe hatten ſchon an den Tiſchen Platz genommen, die für ſie in den Seitengebäuden aufgeſtellt waren, in den Hauptgebäuden waren die angeſehenern Hochzeits⸗ gäſte, und obgleich der Reiter weder von Davy Nugent, noch von ſeiner Tochter gekannt war, wurde er doch ehrenvoll empfan⸗ gen, da er unter den Auſpicien des ehrwürdigen Pater Mick kam, und in ein kleines Seitenzimmer geführt, wo die vertrauten Freunde des Hauſes waren. Hier trat ihm der Held des Feſtes entgegen, um ihm ſeine Braut vorzuſtellen. Nur wenige Worte wurden zwiſchen ihm und dem Lawlor gewechſelt, aber einige heimlich ge⸗ wechſelte Blicke und das dienſteifrige Betragen Hugh's hätten einem Bevbachter wohl ſagen können, daß ſie einander nicht fremd waren. Tom Buſh, der barfüßige Begleiter des Fremden, war in der Menge der Harrigs verſchwunden. Unter den Anweſenden zeichneten ſich vor Allen drei Perſonen aus, der Fremde, der Lawlor und Miß Ellen Nugent. Der Erſtere bemühte ſich zwar ſichtbar, ſich den Uebrigen gleichzuſtellen, aber in ſeinem Blick, ſeinem Gang und ſeiner Stimme lag Etwas, das zeigte, er ſei des Befehlens gewohnt, und ſeine feinen, an⸗ genehmen Manieren kündigten den Mann von höherm Stande an. Auch Hugh war von vortheilhaftem Aeußern, man hätte ſein jugendliches Geſicht, in welchem Kraft und Würde ſich ausſprachen, ſchön nennen können, wenn nicht ein unheimlicher Ausdruck von Wildheit und eine ſeltſame Unruhe, die ihn vft vergeſſen ließ, 9 was um ihn vorging, den guten Eindruck ſeiner Perſönlichkeit verwiſcht hätte. Nur die anmuthige Geſtalt Ellens konnte ihn aus ſeiner düſtern Zerſtreutheit wecken; wenn ſie ihm nahe war, oder ihre liebliche Stimme ſein Ohr traf, war er nur der leidenſchaft⸗ liche Liebhaber, ſeine ganze Seele ſchien dann in ſeinen Augen zu liegen. Auch war Miß Ellen wohl ſolcher Leidenſchaft werth. Ihr ſchönes blondes Haar, ihr blaues Auge voll tiefer Melancholie, ihre weiche weiße Haut, ihr zarter ſchlanker Wuchs gaben ihrem ganzen Weſen einen Ausdruck, der weniger einer Sterblichen ge⸗ hörte, als einem aus dem Himmel verbannten Engel, der nach ſeiner Heimath ſich ſehnt. Mit der innigſten Liebe hing ſie an Hugh und war nur ruhig, wenn er bei ihr war; hatte er ſich einen Augenblick entfernt, ſo ergriff ſie eine heftige Angſt, als wäre er Gefahren ausgeſetzt, die nur ihre Gegenwart beſchwören könnte. Mit der Ankunft des Dr. O'Dvizzle wurde das Zeichen zur Mahlzeit gegeben. Pater Mick ſagte ein Tiſchgebet her. Eine augenblickliche tiefe Stille erfolgte unter der Menge, wurde aber bald von dem Geräuſch der Teller und Löffel unterbrochen, welche die Gäſte eifrig handhabten, und je weiter das Mahl fortſchritt, deſto mehr nahm der Tumult der Gäſte vor und in dem Hauſe, das ſchrillende Geheul der Bettler, welche den Hof belagerten, zu, ſo daß endlich Davy Nugent einem ſeiner Diener den Auf⸗ trag gab, das Haus von dieſen beſchwerlichen Gäſten zu befreien. Ellen aber bat, man möchte keine Gewalt gegen ſie anwenden, indem ſie ängſtlich hinzufügte, ſie habe Tom Buſh unter den Gäſten bemerkt und fürchte, die Rückkehr dieſes Vagabunden möge ein Unglück herbeiführen. Wohl wollte der Vater nichts von ſolchen Ahnungen wiſſen und ſpottete über die Beſorgniſſe ſeiner Tochter, doch gab er ihren Bitten nach. Der Fremde aber fragte, wer dieſer Tom Buſh ſei, und erfuhr, daß es ein Findling ſei, der den Namen des Orts trage, wo er gefunden worden. 10 Sich ſelbſt und dem Elend überlaſſen, das den Armen Irlands umgiebt, war er mit allen Laſtern aufgewachſen, die ſeine Lage früh zeitigte. In einem Gefecht zwiſchen den Harrigs und Com⸗ mins hatte er den Arm verloren; doch wohl erfahren in der Jagd und Fiſcherei, lebte er ſorglos hin, von Vielen gefürchtet. Seine Erwähnung gab Gelegenheit, auch von den Rockiten zu ſprechen, und der Lawlor äußerte ſich heftig gegen dieſe geheimen Zuſam⸗ menkünfte, als plötzlich ſein Auge den Blick des Fremden traf und er mitten in einem Satze ſtehen blieb, ſeinen Kopf hängen ließ und ſchwieg. Das Geräuſch des Mahls und der Wein, der reichlich die Tafel umkreiſte, ließen Wenige dieſen ſeltſamen Vor⸗ fall bemerken. Die Pfeifen des Dudelſacks blieſen lebhafter zum Tanz, den die Bettler im Hofe aufführten, und mehrere Gäſte waren zum Fenſter getreten, ihnen zuzuſehen. In den Kreis der Bettler ſtellte man verkehrt einen großen hölzernen Napf, und auf ihm begann Tom Buſh, nachdem er die Verſammlung höflich begrüßt hatte, zu den Tönen des Dudel⸗ ſacks einen Tanz, in dem er ſeinen Wattle um den Kopf ſchwang und Sorge trug, nicht darüber hinauszugehen. Dieſer Tanz wurde von den Bauern für ſehr künſtlich gehalten, und Tom führte ihn mit einer Geſchicklichkeit aus, die ihm den Beifall aller Zuſchauer gewann. Auf Befehl des Lawlor wurde ihm ein großes Glas Punſch gebracht, mit dem er ſich dem Fenſter näherte, um zu danken und die Lobſprüche einzuärnten. „Glück und Wohlergehen erfteue Euer Geſtrengen,“ agte er, „und beſonders Euch, Meiſter Hugh und Miß Ellen!— Die heilige Jungfrau beſchütze Eure Tage und laſſe Euer Glück dauern bis zu Eurem Lebensende!“ Mit dieſen Worten wollte er das Glas leeren, als ein Stein es in ſeinen Händen zerbrach. Bei dem Anblick des Butes, das von ſeiner Hand floß, ergriff der Irländer ſeinen Stock und ſchlug blind wüthend in die ihn umgebende Menge. Die erſte Perſon, „ — ————————— —— 11 die er traf, war Min Carrel, der vertraute Diener Davy Nu⸗ gent's und von der Partei der Commins ſehr geachtet. Ein allgemeiner Tumult erfolgte. Vergeblich wollten mehrere anweſende Häupter der beiden Parteien die Wüthenden trennen, welche das Steinpflaſter im Hofe aufriſſen und ſich damit warfen, bis endlich Davy Nugent mit einer ungeheuern Hetzpeitſche, mit der er ohne Unterſchied die Kämpfenden traf, ſie auseinandertrieb Auch Hugh hatte in den Tumult der Kämpfenden ſich ſtürzen wollen, aber Ellen hatte ihn feſtgehalten, obgleich er ihr verſicherte, daß er nur den Streit ſtillen wolle. Jetzt ließ ſie ihn frei, und ſogleich wandte er ſich an Tom Buſh, der eben wieder zu ſich gekommen war, mit heftigen Vor⸗ würfen, als den Urheber des Streits, und hieß ihn ſogleich den Hof verlaſſen. Mit einem unverſtändlichen Murren entfernte ſich dieſer, als er aber in einiger Entfernung vom Hauſe war, wandte er ſich wieder um, zeigte dem Lawlor mit dem Finger einen hohen Aſt an der Ulme vor dem Hauſe, und drohend ſeine Fauſt ſchüt⸗ telnd, verſchwand er in dem Dunkel der Nacht, während dumpfes Rollen die Annäherung eines Gewitters verkündigte. Nur wenig Perſonen waren Zeugen dieſes Vorfalls, unter ihnen der Reiter, der ſich leiſe mit Hugh beſprach, während er von der Geſellſchaft weg nach dem Hofthore zuging, wo eine alte Frau zuſammengekauert ſaß, deren Augen im Dunkeln wie die einer Katze leuchteten. Sie hörte die Worte des Lawlor. Unter den Gäſten hatte die blutige Seene keine weitere Unruhe zurückgelaſſen, Mehrere derſelben hatten ſich wieder zur Tafel ge⸗ ſetzt, und als Hugh, zwar etwas bleicher als gewöhnlich, doch ruhig und lächelnd ſeinen Platz neben Ellen einnahm und einen Becher ſeiner Braut zu Ehren leerte, wurde ihm mit lautem Zu⸗ ruf Beſcheid gethan. Während dem hatte der Pater Mick den Saal verlaſſen, und nach einer Weile erſchien ſein Küſter in der Thür und begrüßte Davy Nugent mit einer tiefen WVrbeugung. 12 Ellen erröthete und erblaßte wechſelsweiſe, der Lawlor aber erhob ſich, ergriff ihre Hand und führte ſie mit ſanfter Gewalt mit ſich fort, die Gäſte folgten paarweiſe ihnen nach der Kapelle, wo die heilige Handlung vollzogen ward, und als nach ihrer Beendigung der Lawlor ſeine ſchöne Braut umarmte und einen Kuß auf ihre Lippen drückte, welchem Beiſpiel alle Gäſte nach altem Gebrauch folgten, fielen mit betäubendem Lärm die Violinen und Dudelſäcke ein, und der Tanz wurde eröffnet. Draußen aber brach ein furchtbares Ungewitter aus, der Regen floß in Strömen herab, Blitze und Donner folgten in ſchnellen Schlägen und der Sturm heulte mit fürchterlicher Heftigkeit. Vier Meilen von Barna lag die Wohnung des Major Walker, der ſich hier mit ſeiner Familie zurückgezogen hatte und eine be⸗ deutende Stelle unter den Magiſtratsperſonen der Grafſchaft ein⸗ nahm. Erſt ſeit einigen Jahren hatte er ſich an dieſer romanti⸗ ſchen Stelle angebaut, und die noch nicht herangewachſenen Bäume gaben dem Hofe ein trauriges, nacktes Anſehen. In dem Wohnzimmer des Hauſes war die Familie verſammelt. Zwei Lampen brannten auf einem mit Büchern und Kupferſtichen bedeckten Tiſche, auf dem Pianoforte zeigte ein aufgeſchlagenes Muſikſtück, daß es vor Kurzem gebraucht worden ſei und nur vor der ernſten Stimme des Sturmes verſtummt wäre. Ein anderer Tiſch war mit dem Theegeſchirr, und was dazu gehört, verſehen. „William,“ fragte der Major einen ſeiner beiden Söhne, „haſt Du nachgeſehen, ob die Fenſter und Thüren feſt verrammelt ſind?“ „Ja, Vater, ſie haben die Kugeln des Capitän Rock ausge⸗ halten, ſie werden wohl auch dem Sturm widerſtehen.“ „Ich hoffe es, doch muß man ſich gegen Beide vorſehen.“ „Gegen Beide!“ wiederholte Herr Craven, der mit ſeiner Gattin dem Major einen Beſuch abgeſtattet hatte. 13 Die Frauen wechſelten unruhige Blicke. „Mein Gott, welch' eine fürchterliche Nacht für die Hochzeit Ellen Nugent's!“ begann Miß Walker, ein anmuthiges Mädchen von ſiebzehn Jahren;„die halbe Grafſchaft ſoll dazu geladen ſein.“ „Wir haben keine ähnliche Nacht gehabt,“ bemerkte William, „ſeit jener, in welcher die Brücke von Garry Voe eingeriſſen wurde und der Poſtillon Fogarthy ertrank.“ „Es war um ihn nicht Schade,“ erwiderte ſein Bruder;„er ſtand im Bunde mit allem Geſindel und ſoll ſtark bei dem Morde des armen Milo Byrne betheiligt geweſen ſein.“ „Ein Mord?“ fragte Mrs. Craven. „Ja,“ ſagte der Major,„ein gräßlicher Mord. Der unglück⸗ liche Byrne lebte einige Meilen von hier in guten Umſtänden, war Katholik, von Jedermann geachtet, und war ſo beliebt im Lande, daß er behauptete, er habe noch nie nöthig gehabt, ſeine Thür zu verrammeln. Denn kein Bettler gehe ohne Almoſen, kein Hülfsbedürftiger ohne Rath und Hülfe von ihm, und doch.... Eines Abends, im October, gegen 8 Uhr, wo er an ſeinem Ka— min ſaß„ „Vater, hörſt Du nichts?“ unterbrach ihn Miß Walker zitternd. In dem Augenblicke erſchütterte ein furchtbarer Windſtoß das Haus und erfüllte die Luft mit pfeifendem Geheul. „Es iſt nichts, mein Kind, beruhige Dich,“ ſagte der Major. „Alſo, Byrne ſaß am Kamin, als ſich plötzlich ſeine Thür öffnete und mehrere bewaffnete Männer eintraten, die ihr Geſicht mit Krapp beſchmiert hatten. Sie grüßten den alten Mann ernſt und achtungsvoll und baten ihn, mit ihnen hinauszugehen, da ſie ihm etwas zu ſagen hätten. Er erhob ſich und folgte ihnen, während zwei Männer die Thür bewachten. Nach einigen Augenblicken voll tödtlicher Angſt hört der Sohn Byrne's die klagende Stimme ſeines Vaters, die mit ihm zu ſprechen verlangt. Ein Schuß folgt und dann tiefes Schweigen; eilig entfernen ſich die Wächter, 12. 2 14 und als die Familie zum Haus hinauseilt, ſehen ſie den blutigen, lebloſen Leichnam Byrne's mitten im Hofe liegen.“ „Und die Urſache dieſer entſetzlichen That?“ fragte Herr Craven. „Die Urſache? Sie iſt neu in den Annalen des Verbrechens. Die Mörder ſagten einigen Bauern, die ſie auf dem Rückweg vom Pachthofe trafen, ſie hätten keine perſönliche Klage gegen Milo Byrne, hätten ihn geehrt und geachtet, durch ſeinen Tod würden aber die Ländereien von Will Redmond, der ſie mißhandle, und deſſen Pächter Byrne geweſen, unbeſtellt bleiben, und ſo ſie an Redmond gerächt werden.“ „Das iſt entſetzlich!“ rief Mrs. Craven. „Und wurden die Verbrecher beſtraft?“ „Man hat ſie noch nicht entdecken können,“ entgegnete Major Walker. Ein heftiger Donnerſchlag, gewaltiger als die vorigen, er⸗ ſchütterte das Haus in ſeinen Grundfeſten, und während die An⸗ weſenden betäubt und ſchweigend einander gegenüber ſaßen, hörte man deutlich ein heftiges Pochen an dem Hausthore. Alle erſchraken, und die Frauen drängten ſich näher an den Major, welcher eine Klingel zog und dem eintretenden Diener ſagte, daß des Nachts das Thor nicht geöffnet werde. Nach kurzer Zeit wurde der Schlag an die Thür wiederholt und bald folgten mehrere mit ſteigender Heftigkeit. Man hörte, wie der Diener durch die verſchloſſene Thür mit dem Klopfenden ſprach und ihn abzuweiſen ſuchte; der Einlaß Begehrende ließ ſich nicht irre machen und erneuerte mit ſtürmender Gewalt ſeine Bitte, und endlich brachte Bryan, der Diener, ein zuſammengerolltes Papier, das der Fremde durch eine Spalte hereingeſchoben hatte, mit den Worten, er müſſe den Major noch in dieſer Nacht ſprechen, denn er wolle von ihm eine alte Schuld eincaſſiren, die auf dem Papier verzeichnet ſei.“ Als der Major das Blatt entfaltete, gab er ſogleich Befehl, 15 daß der Menſch mit Vorſicht eingelaſſen werde, da er ihn noth⸗ wendig ſprechen müſſe, vertheilte die männlichen Bewohner des Hauſes mit geladenen Gewehren ſo, daß jeder feindliche Angriff zurückgewieſen werden konnte, und begab ſich ſelbſt zum Hausthor mit Bryan, um es zu öffnen. Wie groß war ihr Erſtaunen, als Tom Buſh hereintrat. „Nun, Gott ſei mit uns,“ rief Bryan,„es iſt nur Tom Buſh, aber der Teufel wäre mir eben ſo lieb!“ „Jack Bryan,“ entgegnete der Landſtreicher,„haltet Eure Zunge im Zaum, ſonſt geſchieht Euch noch ein Unglück!“ Und zugleich zog er aus ſeiner Weſte ein langes Meſſer, wäh⸗ rend ſeine zornſprühenden Augen, ſeine verzerrten Geſichtszüge ihm das Anſehen eines böſen Geiſtes gaben, und Bryan wohlbe⸗ dacht einige Schritte zurückwich. Der Major führte ihn in die Bibliothek und befahl ſeinem Diener in der Nähe zu bleiben, daß er ihn rufen könne, ſetzte ſich dann ſo, daß ſeine Lampe das Geſicht des ſeltſamen Beſuchs beleuchtete und begann endlich: „Nun, wir ſind allein. Tretet näher, was habt Ihr mir zu ſagen?“ Buſh aber blieb an der Thüre und hütete ſich, in den Kreis des Lichtes zu treten. „Ihr habt mir eine Proelamation der Regierung geſchickt, welche Demjenigen 400 Pfund Sterling verſpricht, der den Mör⸗ der Milo Byrne's in ihre Gewalt bringt,“ fing der Major wieder an.„Was habt Ihr mir deshalb zu ſagen?“ „Ja wohl, Euer Geſtrengen,“ entgegnete der Landſtreicher, „bin ich nicht ohne Abſicht hierher gekommen.. Seh Ihr Tinte und Feder, Major?“ „Sprecht nur, ich werde aufzeichnen, was Ihr ſagt, doch müßt Ihr Euer Geſtändniß morgen vor Gericht wiederholen.“ „Dieſe Nacht oder nie! Arrah! Schwört mir auf das heilige 16 Buch, den, welchen ich als Mörder Byrne's nennen will, noch vor Mitternacht zu arretiren; oder ich will verdammt ſein, wenn ich ein Wort ſage, Ihr könnt mich eher zerreißen laſſen.“ „Sprecht! Ich ſchwöre es!“ „So ſchreibt, Geſtrenger. Ihr wißt, daß es im Lande Com⸗ mins und Harrigs giebt, die ein ewiger Haß trennt... Wenig⸗ ſtens werden Manche,“ und er ſah den leeren Aermel ſeiner Jacke an,„es nicht vergeſſen... Doch giebt es auch Whiteboys, wie man ſie nennt, oder die Bande des Copitän Rock...“ „Kommt zur Sache!“ „Schreibt nur, Herr!... Die Whiteboys ſind mit einem furchtbaren Schwur unter ſich verbunden, ſich gegenſeitig gegen die Geſetze und ihre Agenten zu helfen, denn wer rächte ſonſt das arme Irland an den Reichen und Unterdrückern? Der Capitän kennt alle Fußſteige der Grafſchaft und die Nächte des Winters ſind lang.“ „Ihr gehört ja wohl auch zu der Bande, denn ich denke, Ihr waret bei den letzten Aſſiſen.“ „Ja, ja, Herr, aber die Beweiſe mangelten, und der Capi⸗ tän verließ mich nicht. Wenn Andere mich wie einen Hund hinaus werfen, der Capitän weiß, was ich werth bin. Doch ich kenne ihn nicht, denn er zeigt ſich nur den Führern, aber er kennt mich. Ob ich zu den Whiteboys gehöre? Und wenn auch— verſpricht mir das Papier da nicht Gnade?“ „Noch einmal, kommt zur Sache, es wird ſpät. Sprecht von Milo Byrne.“ „Wohl, Eure Geſtrengen! Milo Byrne war freilich der Pächter eines Mannes, von dem die Whiteboys wollten, er ſolle künftig keinen Pächter finden können; aber Milo Byrne ſuchte auch die Hand eines Mädchens, die ein Anderer unter uns mehr als das Heil ſeiner Seele liebte. Milo Byrne war reich und ſeine Werbung ward angenommen. Man beſchloß, ihm den Befehl zu⸗ 12 kommen zu laſſen, auf die Pachtung und ſeinen Heirathsplan zu verzichten. Ich war einer von der Commiſſion. Unweit vom Hauſe kam ein vermummter Mann zu uns, der kein Wort ſprach, den ich aber wohl erkannte, denn es war nicht das erſte Mal, daß ich ihm folgte. Die Nacht war finſter, der Wind ſtrich ſeufzend durch die Bäume... Wir ſchritten ſchweigend vorwärts— das Uebrige wißt Ihr!“ „Aber der Name des Mannes!“ „Viſcha! ſagt mir noch einmal, daß das Papier nicht lügt, und daß es Allen Gnade verſpricht, die in jener Nacht aus waren, ausgenommen dem Mörder. Bei dem Heil Eurer Seele, iſt das wahr?“ „Wahr, ich betheure es.“ „Nun, wir traten in die Pachtwohnung. Milo Byrne folgte uns in den Hof, wir umringten ihn, zwangen ihn niederzuknien und verlangten von ihm das Verſprechen, der Pachtung und der Heirath zu entſagen. Aber Milo Byrne war nicht leicht zu er⸗ ſchrecken; er widerſtand und behauptete, ſeine Ehre ſei verpfändet. Der geheimnißvolle Führer, der zu uns gekommen, ſprach kein Wort, aber ſeine Hand ballte ſich krampfhaft, ſein Leib zitterte vor Zorn. Er ergriff ein Piſtol. Jetzt ſah der Pächter, daß er ſterben müſſe, und bat laut, er wolle noch einmal ſeinem Kinde Lebewohl ſagen. Die ihn hielten, ließen ihn etwas los; er ſtand auf, that einige Schritte und fiet todt zur Erde, denn die Kugel hatte ihm die Bruſt durchbohrt. Als wir uns nach dem umſahen, der ihn ermordet hatte, war er verſchwunden.“ „Sein Name! Sagt ſeinen Namen!“ „Ach!“ ſprach der Landſtreicher mit dumpfer Stimme und ſchlug heftig mit der Hand auf den Tiſch, um ſich ſelbſt aufzu⸗ regen.„Der Name dieſes Mannes, den ich haſſe ſeiner Geſchick⸗ lichkeit, ſeines Muthes, ſeines Stolzes, ſeines Reichthums und ſeines Ruhms wegen... der Name dieſes Harrig, der ſich mit 18 der verachteten Partei verbindet... der Name dieſes Whiteboy, der ſeinen Bruder mißhandelt und verachtet... der Name dieſes Ir⸗ länders, der bald mit den Tyrannen gemeinſame Sache machen wird— es iſt— es iſt Hugh der Lawlor, der Bräutigam von Barna.“ Ein heftiger Klingelzug erſchallte im Hauſe und der Major befahl ſeinem Diener, Pferde zu ſatteln, denn er wolle mit ſeinem Sohn Karl in die Caſerne von Capparus. Während dies beim Major Walker vorging, nahm das Feſt bei Davy Nugent ſeinen gewöhnlichen Gang. Aus allen Fenſtern ſtrahlte helles Licht in die dunkle Nacht hinaus, und der Jubel der Tanzenden, das Schmettern der Muſikanten ließen von dem entſetzlichen Unwetter, das draußen die Nacht durchtobte, die Gäſte nichts hören.“ Von Tanz ermüdet und von der großen Hitze des Saales er⸗ ſchöpft, lehnte Miß Ellen in einem Fenſter und hörte freundlich dem leiſen Flüſtern des Lawlors zu. „Ellen,“ ſagte er,„meine Liebe, ruhe ein wenig hier bei mir! Laß mich Dich betrachten— wie biſt Du ſchön, meine Ellen!— Wer hätte es vor zwei Jahren ſagen ſollen, daß ich noch ſo glück⸗ üch ſein würde?“ „Laß die Vergangenheit, Lieber,“ entgegnete Ellen.„Wir haben viel gelitten. Mußten wir uns nicht verbergen, wenn wir uns ſprechen wollten, wie Straßenräuber? Du warſt wild und heftig gegen Jedermann.“ „Gegen Jeden, Ellen?“ „Außer mit mir, Hugh. Nie biſt Du böſe mit Deiner Ellen geweſen. Und doch— einmal, als Du nach langer Abweſenheit wieder zu mir kamſt und ich Dich fragte, was Dich ſo lange fern gehalten hätte, ob es nicht vielleicht der Mord Milo Byrne's ge⸗ weſen, wie ich ſcherzend fragte, da ergriffſt Du mich beim Kopf, 19 Deine Augen ſchienen mich durchbohren zu wollen, und Du ſagteſt— Gott! Hugh, was haſt Du? Du thuſt mir weh, Hugh! O, mein Arm!“ „Still! was ſagte ich damals?“ „Ich weiß nicht, Hugh, wahrhaftig ich habe es vergeſſen.“ „Was ſagte ich da? Sprich, ich beſchwöre Dich im Namen Gottes!“ „Nichts, faſt nichts! eine Thorheit— Du wollteſt zwanzig Morde begehen, ehe Du auf mich verzichteſt.. Doch jetzt, Lie⸗ ber, iſt die Furcht vorbei, daß ich eines Andern werde!“ Und Ellen zwang ſich zu lächeln, obgleich ein geheimes Ent⸗ ſetzen ſie ergriff. „O, Ellen, vergieb meiner Heftigkeit! Du ſiehſt die Leiden⸗ ſchaft, mit der ich Dich liebe. Du biſt mein Leben!— O wenn Du wüßteſt... Schwöre mir, was auch kommen mag, mich nicht zu vergeſſen!“ „Du machſt mir Angſt, Lieber! Deine Reden ſind manchmal ſo ſonderbar. Nicht wahr, Hugh, Du zwingſt Dich aus Liebe zu mir, ruhiger zu ſein. Noch dieſen Abend— Dein Betragen gegen den Menſchen, von dem man glaubt, er gehöre zu den White⸗ boys. Wenn Du nicht bei mir biſt, erfaſſen mich tauſend Be⸗ ſorgniſſe und Ahnungen...“ Der Lawlor hörte ſchweigend ſeiner ſchönen Gefährtin zu.— Plötzlich erſchrak er, öffnete ein Fenſter und beugte ſich hinaus; zugleich trat Jemand zu ihnen hinter den Vorhang, es war der Reiter, und Hugh auf die Schulter klopfend, ſagte er mit leiſer Stimme: „Hugh, Nancy hat die Rothröcke geſehen; wir haben keine Minute zu verlieren.“ Mit dieſen Worten ſprang er, ohne eine Antwort zu erwarten, durch das Fenſter und verſchwand unter den Bäumen im Garten. Der Lawlor preßte Ellen krampfhaft an ſeine Bruſt. 20 „Ellen, Ellen!“ flüſterte er leiſe,„bei dem Heil Deiner Seele; erinnere Dich Deines Schwurs!“ Und ehe Ellen aus ihrem Erſtaunen zu ſich kam, war er ſei⸗ nem Gefährten gefolgt und in der Nacht verſchwunden. In dem Augenblicke trat aber der Major Walker an der Spitze einer Abtheilung Soldaten in den Saal. Ellen ſank bewußtlos nieder. Wochen und Monate vergingen. Hugh, der Lawlor, der Ge⸗ ächtete, als Mörder vom Geſetz Verfolgte, war verſchwunden. Ellen war in unheilbaren Kummer verfallen und welkte langſam dem Grabe zu. Der Name Hugh's kam nie über ihre Lippen, und doch war er ihr einziger Gedanke. Die Whiteboys ſetzten ungeſtört ihre nächtlichen Räubereien fort, und trotz der Wach⸗ ſamkeit des Major Walker und Tom Buſh's konnten ſie nie über⸗ raſcht werden. Spivne umlagerten das Haus des Davy Nugent, denn man glaubte, Hugh werde der Verſuchung nicht widerſtehen können, ſein junges Weib zu ſehen. Bis jetzt war jede Mühe umſonſt geweſen. An einem Sommerabend ſaß Ellen vor dem vffenen Fenſter ihres Zimmers. Ihre vom Fieber tief eingeſunkenen Augen ruh⸗ ten mit trübem Blick auf dem Baumgarten, der das Haus um⸗ gab und den die einbrechende Nacht umhüllte. Sie dachte an ihn, den ſie nicht nennen und doch nicht vergeſſen konnte. Ihn ein⸗ mal zu ſehen! nur einmal vor ihrem Tode! Sie zitterte vor Furcht und Freude bei dieſem Gedanken. Ein leiſes Geräuſch erweckte ſie aus ihrem Traume. Sie wandte den Kopf— Hugh ſtand wenige Schritte vor ihr. Sie wollte ſchreien, der Gedanke an ſeine Gefahr erſtickte den Laut. Zitternd machte ſie ein Zeichen, daß er ſich entfernen ſollte; doch Jener näherte ſich ihr. „Ellen,“ ſagte er,„meine Ellen, höre mich!“ 21 „Um Gottes Willen! Fort! fort!“ rief ſie.„Weißt Du nicht, daß das Haus Tag und Nacht bewacht iſt?“ „Ich weiß es, aber was gilt mir das Leben fern von Dir? Mögen es die Rothröcke nehmen, wenn ich nicht bei Dir ſein kann!“ „Unglücklicher, was haſt Du gethan? Du, den ich achtete, an den ich glaubte.“ „Schmähe mich, ſchmähe mich, wie Du willſt, nur laſſ' mich eine Stunde bei Dir ſein. Was ich gethan? Konnte ich anders handeln, da Du mir entriſſen werden ſollteſt? Dich verlieren! Nimmermehr!“ Während Hugh ſprach, ſah ihn Ellen an; der Zorn wich ſanf⸗ tem Mitleid und dem Glück, ſo geliebt zu ſein. Der Lawlor hatte ihre Hand ergriffen, ſeine glühenden Augen ſuchten die ihri— gen, er drängte ſich näher an das Haus und ſchwang ſich aufs Fenſter, das einige Fuß vom Boden erhöht war. Ellen wider⸗ ſtand nur ſchwach. Tiefe Nacht lag um ſie her. Da hörte ſie durch die Stille der Nacht ein fernes dumpfes Geräuſch. Hugh ſprang ins Fenſter, das ſich hinter ihm ſchloß, und das Haus Davy Nugent's war finſter und ſtill. Jenes Geräuſch gehörte einem heranziehenden Trupp Soldaten, welche unter der Anführung von Tom Buſh ſich vorſichtig Barna näherten. Eine ſeltſame Angſt bewegte dieſen Landſtreicher, daß man ihn vor dem Dorfe zurücklaſſen mußte, wo er, Verwün⸗ ſchungen murmelnd, bald von der Menge Whisky, die er getrun⸗ ken, in einen betäubenden Schlaf fiel. Wenig Schritte von dem Hofe bemerkten die Conſtables halb verborgen unter Geſträuchen eine menſchliche Geſtalt, in ſich zu⸗ ſammengekrümmt, unbeweglich ſitzen. Der Führer der Truppe ſtieg vom Pferde, ging auf ſie los und rief ihr zu: „Wer ſeid Ihr, und was macht Ihr hier zu dieſer Stunde?“ „Viſcha! Wer ſoll ich ſein, als die alte Nanch, die alte Wahrſagerin? Und was ſoll ich machen an dieſem geſegneten Abend, als trockene Zweige ſammeln und ein wenig Gras für meine Kuh?“ Und mit dieſen Worten öffnete ſie ihre Schürze, in der Gras und trockenes Holz zu ſehen war. „Wie lange biſt Du hier?“ fragte der Mann. „Eine ziemliche Zeit, Herr, wohl anderthalb Stunden.“ „Sahſt Du nicht einen Fremden vorbeigehen?“ „Einen Fremden! O ja, er ging nach Barna.“ „Kannteſt Du ihn? Was war es für ein Mann?“ „Ich weiß, nach wem Ihr auszieht,“ ſagte das alte Weib nach einem augenblicklichen Stillſchweigen.„Was gebt Ihr mir, wenn ich Alles ſage?“ „Du ſollſt gut belohnt werden, doch ſprich! Jede Secunde iſt ein Pfund Sterling werth.“ „Viſcha! Zwanzig Pfund auf die 400, das iſt nicht zu viel, denke ich.“ „Zwanzig Pfund! Du ſollſt ſie haben. Er war es alſo?“ „Sagte ich zwanzig? Legt noch fünf zu, fünf Sovereigns.“ „Fünfundzwanzig! Gut! Doch ſprich, oder ich gehe.“ „Sachte, ſachte, lieber Herr, werdet nicht ungeduldig... Ich habe den geſehen, den Ihr ſucht.. Den Lawlor... Ich ſah ihn unter den Fenſtern von Ellen Nugent... Er ſtieg in ihr Zimmer, es ſchlug eben zehn Uhr!“ „Zehn! Zum Teufel! Da iſt er längſt fort.“ „Wenigſtens nicht auf dieſem Wege. Verſprecht mir dreißig Guineen und ich ſage Euch, ob er noch da iſt.“ „Dreißig Teufel lieber!... Aber was machen? Ein Irrthum könnte verderblich werden... Und wie willſt Du Dein Verſprechen halten, Nancy?“ „Viſcha! Ich klopfe an der Thür und verlange etwas für einen Kranken. Man wird mir ſchon öffnen. Und wenn Miß Ellen, das arme Kind! nicht ſelbſt kommt, dann hat ſie ſich in ihr 23 Zimmer eingeſchloſſen, und ſoll ich nicht wiſſen können, was das bedeutet?“ „Und dann?“ „Dann komme ich heraus, gebe Euch ein Zeichen und Ihr legt Hand an den Mann. Aber ich muß dreißig Guineen haben. Für weniger kann ich meine Seele nicht verkaufen.“ „Es ſei. Jetzt geh'! Verliere keine Zeit.“ Der Conſtable vertheilte ſchweigend ſeine Leute, das alte Weib trat an das Haus, klopfte und ward nach einem Verhör einge⸗ laſſen. Das Haus blieb ſtill und finſter, wie vorher. Zehn Minuten verſtrichen in ſchweigender Erwartung; da öffnete ſich die Thür von Neuem, die alte Nanch trat heraus, deutete mit den Händen ſchweigend nach dem Hauſe, daß der Lawlor darinnen ſei, und verſchwand unter den Bäumen des Gartens. Die Häſcher eilten in das Haus, und ohne Davy Nugent zu beachten, den ihr Klopfen aus dem Bette geſcheucht hatte, eilte der Führer nach Ellen's Zimmer. Es war von Innen verſchloſſen. Man ſchlug die Thür ein und fand Ellen allein auf die Lehne eines Stuhles geſtützt; aber der Lawlor war verſchwunden, ſtatt ſeiner ſahen ſie die alte Nancy. Tom Buſh ſchlief noch immer unter dem Baume, als ihn ein heftiger Schmerz aufweckte. Er ſtarrte wild um ſich und ſah ſich von ſchwarzen Männern umgeben, die ihn knebelten und in eiligem Laufe mit ſich fortſchleppten. Er ließ Alles geduldig mit ſich ge⸗ ſchehen. Der Lauf ging über Berge und Abgründe nach den Sümpfen zu, die, von tauſend Fußſteigen durchkreuzt, die genaue Ortskenntniß ſeiner Begleiter erforderten, um die Richtung nicht zu verlieren. Zuweilen war der Boden ſo locker, daß er unter ihren Fußtritten ſchwankte. Endlich kamen ſie an einen Ort, der von Rohr, Weiden und Sumpfpflanzen umgeben war. Ein Torf⸗ feuer brannte in der Mitte, um das einige Leute ſaßen und in dem zweifelhaften Lichte, das vom Rauche halb erſtickt war, ge⸗ ſpenſtiſch ſich bewegten. Buſh erkannte den gewöhnlichen Ver⸗ ſammlungsplatz der Rockiten. Mit Entſetzen ſah er, daß ſein Leben verfallen ſei; doch ging er ſeinem Schickſal nicht ohne Muth entgegen. Die Männer bildeten einen Kreis um ihn, das Verhör begann und war ſchnell entſchieden, denn die That ſeines Verraths war Allen bekannt. Er ward, wie Viele von ihm, verurtheilt, in die Sümpfe verſenkt zu werden. Als das Urtheil geſprochen war, näherte ſich ihm das Haupt der Geſellſchaft und zeigte ihm das Geſicht deſſen, den er nur in dieſem Augenblick erkennen ſollte und deſſen Stimme er ſchon früher gehört zu haben glaubte. Er irrte nicht, es war der Reiter und der Capitän Rock. Die Vorbereitungen zur Hinrichtung waren ſchnell getroffen. Ein Bret wurde nach dem Sumpfe hingelegt, und der Verurtheilte, einen Knebel im Munde, an Händen und Füßen gebunden, darauf hingelegt und nach dem Orte ſeines Todes hingeſchoben, worauf man es hinter ihm zurückzog. Vergeblich ſtrebte er, dem gräßli⸗ chen Geſchick zu entgehen, mit fürchterlichen Anſtrengungen ſuchte er ſeine Bande zu zerreißen. Dumpfes Geheul entquoll ſeiner Bruſt, das Blut floß über ſeinen Körper— umſonſt! Seine An⸗ ſtrengungen beſchleunigten ſeinen Fall und führten ihn einem lang⸗ ſamen Tode entgegen. Denn er fiel in einen Ort, wo der Schlamm zähe war und die Schwere ſeines Körpers nur langſam ihm ſein Grab grub. In wenigen Augenblicken begann der untere Theil ſeines Körpers zu ſinken. Der Capitän und ſeine Leute waren verſchwunden, und der anbrechende Tag beleuchtete ſeine fürchter⸗ liche Todesangſt. Kurze Zeit darauf erſchien der Lawlor auf einem jener Kreuz⸗ wege. Der Kopf von Buſh war noch ſichtbar und der Schlamm floß in ſeinen halboffenen Mund. Seine Augen, gleich glühenden Kohlen, ſchoſſen einen fürchterlichen Blick auf Hugh, vor dem dieſer ſein Geſicht verhüllte. Als Hugh wieder aufſah, war der Verbrecher verſchwunden, und eine grünliche Maſſe zeigte allein den Ort, wo er verſunken war; bald war auch dieſes Zeichen ver⸗ ſchwunden, und das Moor war ruhig und ſchweigend wie zuvor. Ellen war ſeitdem ſichtbar hingewelkt. Vergeblich bewachte mon das Haus Tag und Nacht; vft glaubte man in der Dunkel⸗ heit eine menſchliche Geſtalt davor zu bemerken, man konnte ſie nicht ergreifen. Endlich endete der Tod die Leiden der Unglücklichen. Sie ſtarb in den Armen ihres Vaters. Ihr letzter Hauch galt dem, dem ſie ihr Leben geweiht hatte. Der alte Davy Nugent geleitete den Leichnam derjenigen, welche ihm die Augen hätte ſchließen ſollen, zur letzten Ruheſtätte. Nancy verweilte am Grabe den ganzen Tag. Als die Schatten der Nacht herabſtiegen und ſie Jich zurückgezogen hatte, ſtieg der Lawlor über die Mauer des Kirchhofs. Abgezehrt, gealtert von Gram und Gewiſſensbiſſen, warf er ſich über das Grab hin der von ihm ſo heiß geliebten Frau... Am andern Morgen, als Nancy wieder kam, um zu erfahren, was aus ihrem Schützling geworden, und ihn zur Flucht zu ermahnen, fand ſie ihn ausgeſtreckt am Grabe liegen, das Geſicht gegen die Erde gekehrt— er ſchien zu ſchlafen. Sie berührte ihn— er war todt. Dr. Meyev. Georg Zarrington. Georg Barrington, deſſen Verbrechen mit Recht ſeine Zeitgenoſſen in Erſtaunen verſetzt hatten, war von Geburt aus ein Irländer. Den Namen Barrington hatte er indeſſen blos angenommen, denn ſein Vater hieß Heinrich Waldron, und ſeine Mutter war eine geborne Naiſch, machte Putz und verrichtete gelegentlich auch Heb⸗ ammendienſte. Unſer Held war im Jahre 1755 zu Maynooth in der Graf⸗ ſchaft Kildare geboren. Seine Aeltern, welche ihres Fleißes, ihrer Redlichkeit und ſonſtigen guten Betragens wegen in gutem Rufe ſtanden, waren durch einen Proceß, den ſie mit reicheren Ver⸗ wandten wegen Erbſchaft führten, ſehr heruntergekommen. Die⸗ ſen ihren ſchlimmen Vermögensumſtänden iſt die Vernachläſſigung der Erziehung ihres Sohnes zuzuſchreiben; ſie verwehrten es ſei⸗ nem Talente, das ſich frühe zeigte, die zu deſſen Entfaltung noth⸗ wendige Anleitung und Richtung geben zu laſſen. Trotz dieſer Hinderniſſe lernte er ſchon mit zartem Alter auf ihre Koſten das Leſenzund Schreiben, und durch die Güte eines benachbarten Arz⸗ tes erhielt er Unterricht in den Anfangsgründen der Arithmetik, Geographie und engliſchen Grammatik. Nur kurze Zeit genoß dieſer, unter einem unglücklichen Sterne geborne, Jüngling den Schutz eines hohen irländiſchen Geiſtlichen, denn die Heftigkeit ſeiner Leidenſchaften, welche den Umfang ſeiner Talente gleichkamen, verleitete ihn zu einer That, die ihm um die 27 Gunſt ſeines Patrons für immer brachte und in ihren Folgen ſein Verderben veranlaßte. Als er nämlich ungefähr ein halbes Jahr in der lateiniſchen Schule zu Dublin, wohin ihn ſein Wohlthäter geſandt hatte, geweſen war, gerieth er unglücklicher Weiſe mit einem Schüler, der viel älter, größer und ſtärker als er war, in Streit, der in eine Schlägerei ausartete, in welcher der junge Waldron bedeutend den Kürzeren zog. Um ſich zu rächen, ſtach er mit dem Federmeſſer nach ſeinem Gegner und hätte ihn zuverläſſig getödtet, wenn er nicht noch zur rechten Zeit daran verhindert worden wäre. Die Wunden waren nicht ſo ge⸗ fährlich, als daß die Thatſachen zur gerichtlichen Unterſuchung ge⸗ zogen werden konnten, allein er wurde von Seiten der Schule mit gehöriger Strenge gezüchtigt. Dies erbitterte den ſtörriſchen und rachſüchtigen jungen Menſchen ſo ſehr, daß er den Entſchluß faßte, aus der Schule, von ſeiner Familie, ſeinen Freunden fort⸗ zulaufen, wodurch er jede Ausſicht, die er hatte, und alle die ſchönen Hoffnungen zerſtörte, welche man auf ſeine Talente ge⸗ baut hatte, wenn ſie dereinſt durch die Zeit gereift und durch Studien ausgebildet ſein würden. Er hatte ſeinen Plan zur Flucht kaum entworfen, als er ihn auch ausführte; vorher fand er jedoch Gelegenheit, dem erſten Lehrer der Schule zwölf Guineen und der Schweſter deſſelben eine goldene Repetiruhr zu ſiehlen. Mit dieſer Beute, einigen Hemden und Strümpfen entfloh er um die Mitte einer ſtillen ſchönen Mainacht des Jahres 1771, ging die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag und kam ſpät am Abend deſſalben, ohne irgend einen Unfall, und größtentheils ohne ausgeruht oder gegeſſen zu haben, zu Drogheda an. Der erſte ſichere Platz, an welchem der junge Waldron anzu⸗ halten für gut fand, war eine geringe Schenke zu Drogheda, wo ſich eben auch eine wandernde Schauſpielertruppe befand. Dies gab Gelegenheit zu einer Bekanntſchaft, welche zwar eilig ge⸗ 28 ſchloſſen, aber doch mehrere Jahre hindurch aus Wahl und Nei⸗ gung gepflegt und gehegt wurde. Ein gewiſſer John Priee, der Director dieſer Truppe, wurde bald der Vertraute, dann der einzige Rathgeber des jungen Flücht⸗ lings, welcher mit der ganzen Unbeſonnenheit der Jugend ſeinem neuen Freunde ſeine ganze Geſchichte erzählte. Auf ſeinen Rath vertauſchte der unglückliche Jüngling ſeinen väterlichen Namen mit dem Namen Barrington, trat in die Truppe und ſpielte ſchon in vier Tagen den Jaffier im„geretteten Venedig“, und zwar ohne Suuffleur, in einer Scheune der Vorſtädte von Drogheda. Obſchon die Aufnahme, die ihm zu Theil wurde, einem Ge⸗ müthe wie dem ſeinigen ſchmeicheln mußte, ſahen doch er und Price ein, daß es nicht räthlich ſei, ſo nahe an dem Schauplatz ſeines kürzlich verübten Diebſtahls öffentlich aufzutreten. Es wurde daher beſchloſſen, daß die ganze Geſellſchaft nach dem nörd⸗ lichen Irland aufbrechen und nicht eher, als bis ſie ſechzig bis achtzig(engliſche) Meilen von Dublin entfernt wäre, für längere Zeit Halt machen ſolle. Um ſo viele Menſchen mit ihrem Ge⸗ päcke in Bewegung zu ſetzen, muß man Geld haben, und dazu war Barrington's Hülfe unerläßlich. Man wandte ſich an ihn, er willigte gerne ein und gab die geſtohlene Uhr her, welche zum Beſten der wandernden Komödianten verkauft wurde. So wie die nöthigen Fonds herbeigeſchafft waren, ſetzten ſich dieſe Söhne des Thespis nach Londonderry in Bewegung, wo ſie zum erſten Male zu ſpielen geſonnen waren. Da ſie langſam reiſten, brauchten ſie beträchtliche Zeit, und während dieſer ent⸗ deckten die erfahrneren Schauſpielerinnen bald, daß Barrington einen tiefen Eindruck auf das Herz der Miß Egerton, welche am Abend ſeines erſten Auftretens die Belvidera geſpielt hatte, ge⸗ macht habe. Dieſes arme Mädchen war die Tochter eines wohl⸗ habenden Kaufmanns zu Coventry. Sie war jung, ſchön, ſanft und gebildet, aber nur ohne Freunde und Verwandte, und obſchon 29 ſie ſo wie die übrigen an das Unglück gewöhnt war, fehlte es ihr doch an jener Erfahrung, welche erſt eine lange Reihe widriger Ereigniſſe giebt. Im ſechzehnten Jahre ihres Alters war ſie von einem Lieutenant der Marineſoldaten verführt worden, mit wel⸗ chem ſie aus dem Hauſe ihres Vaters nach Dublin floh, wo er ſie nach weniger als drei Monaten der Armuth, Schande und Verzweiflung überließ. Da ſie in ihrer Einfalt und Unſchuld von einem der ver⸗ ſchmitzteſten und ſchändlichſten Sterblichen betrogen worden war, blieb ihr in ihrer äußerſten Noth nichts übrig, als Price's Vor⸗ ſchlag, in ſeine Truppe zu treten, anzunehmen. Sie war nicht lange erſt bei derſelben, als ſie Barrington ſah, in welchen ſie ſich, da ſie von zärtlicher Conſtitution war, etwas ſchnell verliebte. Zum Ruhme unſeres Abenteurers war jedoch ſeine Neigung nicht von jener brutalen Art, wie ſie gewöhnlich bei Jünglingen, welche den Pfad der Tugend und Redlichkeit verlaſſen haben, vorkömmt. So unerfahren er auch war, bemerkte er doch den Herzenszuſtand der Miß Egerton und erwiderte ihre Liebe mit der größten Auf⸗ merkſamkeit. Bald darauf war Price wieder in Geldverlegenheit, und um ſich daraus zu retten, machte er dem unglücklichen Barrington be⸗ merklich, daß es einem Mann von ſeiner Gewandtheit und ſeinem Aeußeren leicht fallen müſſe, ſich an den öffentlichen Orten, wo ſich die Kaufleute zu verſammeln pflegten einzufinden und ihre Taſchen zu beſtehlen, beſonders da die Meſſe die Gelegenheit dazu vervielfache. Dieſer Plan gefiel unſerem jungen Abenteurer, und er führte ihn ſchon am nächſten Tage mit Hülfe ſeines Vertrauten Price mit ſolchem Glück aus, daß ſie am Abend an 40 Guineen und 150 Pfund in Banknoten erbeutet hatten; die letzteren be⸗ ſchloſſen ſie, unter keiner Bedingung in dem Theile des König⸗ reiches, wo ſie ſich eben befanden, auszugeben. Dieſe Vorſicht war um ſo nothwendiger, da mehrere Herren beſtohlen worden 12. 3 waren, und wegen der Seltenheit der Taſchendieberei in dieſem Londtheile ſo freche Thaten das größte Aufſehen machten. Der Lärm mochte aber noch ſo groß ſein, ſo fiel doch weder auf Bar⸗ rington noch ſeinen Helfershelfer auch nur der geringſte Verdacht. Indeſſen beſchloſſen ſie doch, die Grafſchaft Derry zu verlaſſen und nie wieder dahin zurückzukehren, wo Barrington das regel⸗ mäßige Gewerbe eines Taſchendiebes im Jahre 1771, wenig älter als ſechzehn Jahre, begonnen hatte. Nach vierzehn Tagen langte dieſe elende Komödiantenbande zu Ballyſhannon in der Grafſchaft Donegal an. Hier brachte Barrington und die Truppe regelmäßig alle Sonnabende und Sonntage zu, und in der Woche machte er mit Price, ſo vft ſich die Gelegenheit dazu darbot, den Taſchendieb. Dieſes Gewerbe, ob⸗ ſchon es mit Schande und Gefahr verbunden war, fand er ein⸗ träglicher als die Schauſpielerkunſt, in welcher ſich die Hoffnun⸗ gen, die man bei ſeinem erſten Auftreten zu Drogheda geweckt und genährt hatte, keineswegs für ihn verwirklichten. Endlich verließ er die Geſellſchaft ſeines Freundes Price und ging von Ballyſhannon mit ſeiner getreuen Egerton nach dem ſüdlichen Irland. Er hatte jedoch das Unglück, daß ſeine Ge⸗ liebte im Fluſſe Boyne beim Ueberfahren entweder durch Unge⸗ ſchicklichkeit oder ſtrafbare Nachläſſigkeit des Fährmanns ertrank. So ſehr Barrington auch Miß Egerton liebte, befand er ſich doch, obſchon er einige Zeit untröſtlich war, nicht in dem Alter, wo Eindrücke der Art lange dauern, ſondern er eilte nach Limerick, wo er ſeinen alten Spießgeſellen Price zu finden hoffte. Hier erfuhr er, daß Price nach Cork gegangen ſei, und folgte ihm da⸗ hin nach. In dieſer Stadt traf er ihn, gleich nachdem er durch die Thore getreten war, und Beide kamen überein, nicht länger Schauſpieler zu bleiben, was ihnen um ſo leichter fiel, da die Truppe, zu der ſie gehört hatten, ſich inzwiſchen aufgelöſt hatte. Ferner kamen ſie überein, daß Barrington die Rolle eines jungen 31 Herrn aus einer hohen und reichen Familie, und Price ſeinen Bedienten machen ſolle. Um dieſen hoffnungsreichen Plan aus⸗ zuführen, ſchafften ſie Pferde an, und Herr und Diener zogen im Sommer 1772 nach dem ſüdlichen Irland, wo die Wettrenner ihnen ein reiches Aerntefeld verſprachen. Da die irländiſchen Edelleute wenig oder nichts von Taſchen⸗ diebereien wußten, wurden ſie aus Mangel an der gehörigen Vorſicht eine um ſo leichtere Beute Barrington's und ſeines Spießgeſellen, ſo daß ſie ſich im Beginn des Winters mit nahe 1000 Pfund nach Cork zurückzogen, wo ſie bis zum nächſten Früh⸗ ling zu bleiben für gut fanden. Hier beſchloß Barrington zum erſten Male, das zu werden, was man einen Gentleman Pickpocket(vor⸗ nehmer Taſchendieb) nennt, zu werden, und affectirte Ton und Benehmen eines Mannes vom Stande. In dieſer verzweifelten Laufbahn des Laſters und Verbrechens war es das Schickſal Price's, des Lehrmeiſters Barrington's, zuerſt entdeckt zu werden, als er die Taſchen eines vornehmen Mannes beſtahl. Er wurde vor Gericht geſtellt, ſchuldig befunden und zu ſiebenjähriger Deportation nach Amerika verurtheilt. Darüber, wie natürlich, beſtürzt, verwandelte Barrington ſein ſämmtliches bewegliches Habe in Geld und ritt ſpornſtreichs nach Dublin. In der Hauptſtadt lebte er ſehr zurückgezogen und wagte ſich nur in den finſterſten Abenden auf die Zugänge zu den Schau⸗ ſpielhäuſern, wo er gelegentlich einige Guineen, oder eine Uhr ſtahl. Mit einem ſo einförmigen Leben unzufrieden, ſchiffte er ſich im Frühling auf der Yacht Dorſet, welche im Begriffe ſtand, den Herzog von Leinſter nach Parkgate zu führen, ein und betrat nach einer Woche zum erſten Male in ſeinem Leben engliſchen Grund und Boden. Außer Sir Alerander Schomberg, der die Yacht commandirte, befanden ſich auf derſelben noch drei andere Perſonen von 3* 32 mit welchen Barrington eine Bekanntſchaft ſchloß, die einen ent⸗ ſcheidenden Einfluß auf die lange Aufeinanderfolge ſeiner nach⸗ herigen Frevelthaten hatte. Beſonders war ein junger Capitän die vorzüglichſte, wenn gleich vollkommen unſchuldige Urſache des Glückes, welches Barrington in ſeinen nachherigen Diebereien hatte. Es bedurfte kaum des Scharfblickes, den Barrington ſchon damals ſicher beſaß, um den Charakter dieſes jungen Gehtleman zu erkennen und die günſtigen Folgen einzuſehen, welche die ver⸗ traute Bekanntſchaft mit einem jungen Manne ſeines Ranges, Vermögens und Charakters für ihn haben konnte. Durch ſchmutzige Habſucht getrieben, bot Barrington alle Künſte der Einſchmeiche⸗ lung, deren vollendeter Meiſter er war, auf, um ſich die Gunſt des jungen Mannes zu erwerben, was ihm auch auf das vollkom⸗ menſte gelang. Barrington gab vor, daß er aus einer adeligen Familie Irlands ſtamme und nach London gehe, um die Rechte zu ſtudiren, aber weniger aus Liebe zu dieſem Beruf, den ſein großes Vermögen ihn nicht nothwendig mache, als um den Rän ken einer böſen Stiefmutter zu entgehen. Die Geſchichte fand ungetheilten Glauben, und Capitän H. n ſagte, er würde es ſich zum Vergnügen machen, einen jungen Mann von Barrington's Bildung, Herkommen und Ver⸗ mögen bei ſeinen Bekannten des Middle Temple's*) einzuführen. Auch verabredeten Beide, in Geſellſchaft nach London zu reiſen. Sie nahmen zu Parkgate Poſt, reiſten über Cheſter, Nantwich, Coventry, in welcher Stadt ſie drei Tage blieben, und ſtiegen nach einer Woche in dem Bath⸗Kaffeehauſe in Piccadilly ab, wo der Capitän ſchon bei ſeinen früheren Beſuchen in der Hauptſtadt eingekehrt war, und das ſie zu ihrem Hauptquartier für den Reſt des Sommers zu machen beabſichtigten. —— 5) Eine Rechtsſchule zu London. 33 Die koſtſpielige Weiſe, auf welcher er mit Capitän H.. n und den Herren, mit denen ihn dieſer bekannt gemacht hatte und die alle junge, reiche Männer waren, lebte, erſchöpfte Barring⸗ ton's Caſſe nach einem Monate ſo, daß ihm nur noch zwanzig Guineen blieben, eine für einen Menſchen, der aufzutreten gewohnt war, wie er, höchſt unbeträchtliche Summe. Er beſchloß daher, ſich auf irgend eine oder die andere Weiſe Geld zu verſchaffen. Als er eines Abends darüber nachſann, trat der Capitän mit einigen Freunden in ſein Gemach und ſchlug ihm vor, ſie nach Ranelagh zu begleiten und da den Abend zuzubringen. Barrington willigte ohne Zögern ein, und ſie beſtellten Kutſchen, um nach jenem be⸗ rühmten Vergnügungsorte zu fahren. Hier gewahrte er ſeine beiden andern Reiſegefährten, denen er nur eine leichte Verneigung machte. Eine Viertelſtunde ſpäter ſah er den Herzog von Leinſter mit zwei Damen und Sir William Draper, Ritter des Bathordens, in ein Geſpräch vertieft, verließ die Geſellſchaft, mit der er gekommen war, und trat in ihre Nähe. Er fand Gelegenheit, dem Herzoge achtzig Pfund, Sir William fünf und dreißig Guineen und einer der Damen ihre goldene Uhr zu ſtehlen, mit welcher Beute er zu ſeiner Geſellſchaft zurücktehrte, gleich als ob gar nichts geſchehen wäre. Allein ſein böſes Schickſal wollte, daß ihn doch Jemand beob⸗ achtet hatte, und zwar eine von den anderen Perſonen, welche in der Yacht mit aus Irland herübergekommen waren, ſeiner Pro⸗ feſſion nach gleichfalls ein Gauner und Taſchendieb. Dieſer ſchritt ohne Ceremonie auf ihn zu, ſagte ihm, was er geſehen, und drohte, ihn anzugeben, wenn er nicht mit ihm theilte. Bar⸗ rington wählte das geringere der beiden Uebel, verließ unter dem Vorwande eines plötzlichen Unwohlſeins den Saal und ging mit ſeinem neuen Bekannten nach der Schenke zum goldenen Kreuz, wo ſie theilten. Der Fremde begnügte ſich mit der goldenen Uhr und einer Note von zehn Pfund und ließ das übrige Geld Bar⸗ 34 rington, wahrſcheinlich denkend, daß dieſer mehr gewagt habe, um es zu erhalten. Herr James(ſo nannte ſich dieſer neue Mitſchuldige Barring⸗ ton's) beſtand, um die Bekanntſchaft zu knüpfen, darauf, daß Barrington mit ihm zu Nacht eſſe. Andrerſeits ſah Barrington ein, daß James, der London genau kannte, ihm behülflich ſein konnte, die Efferten, die er ſtahl, in Geld umzuſetzen. Sie be⸗ ſchloſſen daher, Taſchendieberei als ein gemeinſames Geſchäft zu betreiben. Sie kamen überein, ſich den nächſten Tag in einer Taverne im Strand zu treffen, um ihren künftigen Operationsplan zu re⸗ guliren. Hierauf kehrte Barrington in ſeine Wohnung in dem Bath⸗Kaffechauſe zurück, wohin inzwiſchen zu ſeinem Glück weder Capitän H. n, noch ein anderer ſeiner Freunde von Ranelagh zurückgekommen waren. Am andern Morgen ſagte er zu Capitän H.en beim Früh⸗ ſtück, daß er auf ſeiner Heimkehr am vorigen Abend einen Ver⸗ wandten, Sir Fitzwilliam Barrington getroffen habe, mit dem er durchaus zu Mittag ſpeiſen müſſe, daß er daher dem vorgeſchla⸗ genen Gaſtmahl in der Thatched⸗Houſe-Taverne nicht beiwohnen könne, es aber ſo einrichten werde, um ihn und ſeine Freunde Abends zu treffen und mit ihnen zu ſoupiren. Der Capitän glaubte dieſe Angabe, und ſie entſchuldigte es in ſeinen Augen hinreichend, daß er der früher mit ihm getroffenen Verabredung untreu wurde. Später begab ſich Barrington in die Kron- und Ankertaverne, wo James bereits ſeiner wartete. Nachdem abgedeckt worden war, und die Bedienten ſich entfernt hatten, gingen die beiden würdi⸗ gen Herren zu Geſchäften über. Sie kamen überein, daß die Beute, die Jeder machen würde, zwiſchen ihnen gleich getheilt werden ſolle; auch ſollten bei dem Verkauf von Juwelen und ianderen Artkeln ſtets Beide gegenwärtig ſein, um jedem Verdachte 35 einer Uebervortheilung vorzubeugen. So erhielt Barrington auch, was er innigſt gewünſcht hatte, Bekanntſchaft mit einem Diebes⸗ hehler. So verabredeten ſie ferner, daß, ſo lange Capitän H.n ſich in der Stadt befände, ſie nicht beiſammen geſehen werden ſollten, und daß Herr James ſeinen lange bei Seite gelegten Stand als Geiſtlicher wieder vorſchieben ſolle. Nachdem dieſe wichtigen Bedingungen ſtipulirt worden waren, beſchloſſen dieſe ſyſtematiſchen Diebe, wöchentlich zweimal, Dienſtags und Freitags, und wenn möglich, nie zweimal an demſelben Orte zuſammen zu kommen, dann ihre Geſchäfte zu reguliren. Nachdem ſie als das nächſte Rendezvous die Teufelstaverne im Tempelbar beſtimmt hatten, verfügte ſich Barrington nach der Thatched⸗Houſe⸗Taverne, wo er den Capitän mit einer zahlreichen Geſellſchaft fand. Ob⸗ ſchon Alle ziemlich benebelt waren, kannten ihn doch die meiſten, und da ſie ihn als den betrachteten, als welchen Capitän H.n ihn ihnen vorſtellte, nämlich als einen Mann von Stand und Vermögen, empfingen ſie ihn mit der größten Herzlichkeit. So wie die Rechnung bezahlt war, es mithin kein Hinderniß zu einer ſchleunigen Entfernung mehr gab, begann er ſeine Operativn. Da indeſſen die Beute mehr in Uhren und Juwelen als in baarem Gelde beſtand, ſah ſich Barrington gezwungen, ſchon am nächſten Morgen James aufzuſuchen, der ihn zu einem Diebeshehler brachte, welcher die geſtohlenen Effecten kaufte. Darauf ſchritten ſie zur erſten Theilung mit einer ſolchen Freude, als hätten ſie einen erlaubten und regelmäßigen Gewinn gemacht. Barrington's Aeußere ſprach ſo ſehr zu ſeinen Gunſten, daß man ihn wegen dieſer Diebereien nie in Verdacht hatte, und ob, ſchon er ſie über zwei Jahre trieb, erweiterte er, weit entfernt. entdeckt zu werden, vielmehr den Kreis ſeiner Bekanntſchaften⸗ Mit einigen oberflächlichen Eigenſchaften zu glaͤnzen verſehen und doch jedem Ehrgefühle fremd, beſuchte er die berühmteſten Cur⸗ örter, namentlich Brighton, das noch lange nicht den Glanz er⸗ 36 reicht hatte, den es ſpäter bekam. Hier gelang es ihm, ſich bei dem verſtorbenen Herzog von Ancaſter und anderen hohen Per⸗ ſonen in Gunſt zu ſetzen, welche ihn alle als einen jungen talenwollen Mann von edler Geburt und großem Vermögen be⸗ trachteten. Unter anderen ſeltſamen Bekanntſchaften hatte er auch die eines gewiſſen Low gemacht, den er ſo wie ſeinen Freund James zuweilen benutzte, um die geſtohlenen Effecten zu verkaufen. Dieſe neue Verbindung machte ihm James überflüſſig, welcher, da er einiges Gewiſſen hatte, die Bekanntſchaft gerne löſte, nach dem Continente ging und dort ſein Leben in einem Kloſter reu⸗ müthig beſchloß, denn er war Katholik. Barrington's Verwegen⸗ heit nahm immer zu, und da er Low's Bekanntſchaft kurz an dem Tag im Januar, der als der Geburtstag der Königin gefeiert wurde, gemacht hatte, beſchloſſen ſie, daß auch der Letztere als Geiſtlicher bei der Hofgalla erſcheinen ſollte, und daß ſie da nicht nur Taſchendieberei treiben, ſondern auch, was bei weitem uner⸗ hörter war, es verſuchen ſollten, die diamantenen Orden einiger der Ritter des Hoſenbandes, der Diſtel und des Bathordens ab⸗ zuſchneiden. Dies gelang ihnen weit über ihre Erwartung, denn Barrington bemächtigte ſich des Diamantordens eines Lords und kam damit unbeargwohnt aus dem Palaſte. Da ſie nicht wagen konnten, einen ſolchen Gegenſtand in London zu verkaufen, thaten ſie dies an einen Juden, der zweimal des Jahres aus Holland herüberzukommen und geſtohlene Juwelen zu erhandeln pflegte. Der berühmte ruſſiſche Fürſt Orloff beſuchte England im Winter 1775 zum erſten Male. Dieſer Cavalier hatte von der Kaiſerin von Rußland unter andern eine goldene mit Brillanten beſetzte Doſe zum Geſchenk erhalten, deren Werth man auf nicht weniger als auf 30,000 Pfund Sterling ſchätzte. Barrington wurde nach einer ſolchen Beute lüſtern, und es gelang ihm wirk⸗ lich, ſie im Conventgarden Theater dem Fürſten zu ſtehlen. Der — 31 Verdacht des Fürſten fiel jedoch ſogleich auf Barrington, der von ihm beim Kragen gefaßt wurde, worauf dieſer ſie ihm wieder in die Hand ſteckte. Nichtsdeſtoweniger wurde Barrington zum nicht geringen Erſtaunen aller Umſtehenden feſtgenommen und an fol⸗ gender Mittwoche im Polizeiamte von Bow⸗Street verhört. Vor dem Richter Sir John Fielding gab ſich Barrington als einen Irländer aus einer guten und wohlhabenden Familie aus. Er ſagte, er habe ſich dem ärztlichen Berufe gewidmet und ſei nach England gekommen, um den Kreis ſeiner Bekanntſchaften zu erweitern. Er vergoß ſo viel Thränen und ſtellte ſich ſo ſehr mehr als einen Unglücklichen, denn als einen Verbrecher dar, daß Fürſt Orloff großmüthig auf jede gerichtliche Verfolgung verzichtete, worauf er mit der ernſten Ermahnung, ſein Leben zu beſſern, entlaſſen wurde. Dies brachte keine Wirkung auf ihn hervor, er war zu weit gegangen, um zurück zu können; in den Zeitungen wurde er als Dieb und Betrüger ſignaliſirt, und Alle mieden und verließen ihn, ſelbſt die, welche ihn bisher gehalten und ſeinen Umgang als den eines Gentleman von ungewöhnlichen Geiſtesgaben geſucht hatten. Einmal befand er ſich in dem Vorſaale des Hauſes der Lords, wo eine intereſſante Rechtsſache verhandelt wurde, er mithin bei dem Zuſammenfluſſe von vornehmen Leuten reiche Beute zu machen hoffen konnte. Zum Unglück für ſeine Pläne erkannte ihn ein Herr und wandte ſich an den Stellvertreter des Thürſtehers mit dem ſchwarzen Stabe, welcher ihn ſchimpflich hinausweiſen ließ. Da Barrington den Namen des Herrn, auf deſſen Veranlaſ⸗ ſung es geſchehen war, erfuhr, war er ſo unvorſichtig, ihn zu bedrohen, worauf dieſer ſich bei den Friedensrichtern beklagte, die ihm auflegten, Bürgſchaft für ſein ruhiges Benehmen zu ſtellen. Sein Credit war ſo ſehr geſunken, daß von allen ſeinen zahlrei⸗ chen Bekanntſchaften Niemand für ihn bürgen wollte, worauf er einige Zeit in dem Zuchthauſe von Tothill-Fields ſchmachten 38 mußte. Nachdem er ſeine Freiheit wieder erhalten hatte, kehrte er zu ſeinem alten Gewerbe zurück und wurde nach drei Monaten ertappt, gerade wie er die Taſchen eines Weibes von geringem Stande im Drurylane Theater beſtehlen wollte.— Er wurde ſchuldig erkannt und zu drei Jahren harter Arbeit auf den Ge⸗ fangenſchiffen von Woolwich verurtheilt.— Dies geſchah im Jahre 1777. Eine plötzliche Entfernung von einer gemächlichen Lage an einen Ort, wo er jedes Lebensgenuſſes beraubt war, mußte auf ihn eine tiefe Wirkung hervorbringen. Ihn ermüdete nicht nur die harte Arbeit, an die er nicht gewöhnt war, ſondern auch das ſchaamloſe und gottesläſterliche Benehmen ſeiner Mitgefangenen. Die körperlichen und geiſtigen Leiden Barringtons entgingen den Oberaufſehern der Gefangenſchiffe, den Herren Erskine und Dun⸗ can Campbell keineswegs, welche in Betracht ſeines guten Be⸗ tragens ſeine Freilaſſung erwirkten, nachdem er ein Jahr lang auf den Gefangenſchiffen von Woolwich gelitten hatte. Nichts konnte jedoch eine bleibende Reue in Barrington's Ge⸗ müth hervorbringen, vielmehr trieb er abermals ſein voriges Schandgewerbe. Er wurde abermals ergriffen, als er in der Kirche zum heiligen Grabe ſtehlen wollte, und diesmal zu fünf Jahren harter Arbeit auf den Gefangenſchiffen verurtheilt. Bei Gelegenheit der diesfälligen Proceßverhandlungen wurde man zuerſt auf Barrington's Rednertalente aufmerkfam. Er ſuchte auf eine ſehr geſchickte Weiſe das Mitleid der Zuhörer zu erregen; da aber ſeine Schuld zu vffen am Tage lag, half es nichts, und er mußte zum zweiten Male auf die Gefangenſchiffe. Seine Lage wurde ihm hier ſo unerträglich, daß er nach mehreren vergeblichen Verſuchen, zu entfliehen, auf den Einfall gerieth, ſich das Leben zu nehmen. Er nahm eine Gelegenheit wehr und ſtach ſich mit einem Federmeſſer, ſo daß man ihn dabei ſehen konnte. Die Wunde wurde langſam geheilt, und er ſiechte in 39 einem kläglichen Zuſtande hin, bis zu ſeinem Glücke ein vorneh⸗ mer Herr die Gefangenſchiffe beſuchte. Dieſer wurde durch das elende Ausſehen Barrington's ſo ge⸗ gerührt, daß er von der Regierung Barrington's Freilaſſung unter der Bedingung erwirkte, daß er das Königreich verlaſſe. Bar⸗ rington willigte mit Freuden ein und erhielt von ſeinem Wohl⸗ thäter eine Summe Geldes, um nach Irland zu reiſen, wo er fortwährend behauptete, Verwandte von Einfluß und Vermögen zu beſitzen. Er blieb in London nicht länger, als nöthig war, um die Reiſevorbereitungen zu treffen, ſetzte ſich auf die Poſt⸗ kutſche von Cheſter und langte nach acht Tagen in Dublin an. Sein Ruf war ihm aber dahin vvrausgegangen, und man beobach⸗ tete ihn ſo genau, daß er gar bald entdeckt wurde, wie er eben einem irländiſchen Pair ſeine Uhr und ſein Geld ſtehlen wollte. Zwar wurde er diesmal aus Mangel an Beweiſen losgeſpro⸗ chen, er ſah aber doch ein, daß künftig in Dublin nichts mehr für ihn zu thun ſein würde. Er beſchloß daher, Irland zu ver⸗ laſſen, und ging nach Edinburg, wo er zuverſichtlich hoffte, ſeine Diebereien mit größerer Sicherheit fortſetzen zu können als in Dublin oder London. Er erfuhr jedoch bald, daß er ſich in ſeiner Meinung von den Schotten arg getäuſcht habe; denn er wurde in der ſchottiſchen Hauptſtadt, wo die Polizei wachſamer und ſtrenger iſt als in den meiſten anderen Theilen des brittiſchen Reiches, bald ſcharf beob⸗ achtet. Er hielt es daher für räthlich, Edinburg, wo ſeine Aernte ſpärlich ausgefallen war, zu verlaſſen. Entſchloſſen, nach London zurückzukehren, nahm er ſeinen Weg über Cheſter, und da hier gerade Meſſe war, ſoll er an 600 Pfund Sterling erbeutet haben und damit glücklich entkommen ſein. Er war ſo verblendet, daß er, trotz der nun vermehrten Ge⸗ fahr ſeines öffentlichen Erſcheinens in London, weil er dadurch die Bedingung ſeiner Entlaſſung von den Verbrecherſchiffen brach, 40 doch die Theater, das Opernhaus, das Pantheon mit ziemlichem Glücke beſuchte. Indeſſen war er nun ſchon viel zu berüchtigt, um lange ſicher zu ſein; man ſchöpfte Verdacht, beobachtete ihn ſcharf, nahm ihn gefangen und ſendete ihn nach Newgate. Auch diesmal mußte er aus Mangel an zureichenden Beweiſen losgeſprochen werden, allein unerwartet trat Herr Duncan Camp⸗ bell auf und begehrte ſeine fernere Feſthaltung, weil er die Be⸗ dingung gebrochen hatte, unter welcher Seine Majeſtät ihm die Strafe auf den Gefangenſchiffen nachgelaſſen hatte. Die Folge davon war, daß er die Zeit, die er noch hätte auf den Schiffen bleiben müſſen, zu Newgate in Haft blieb. Nach Verlauf der gehörigen Zeit wurde er freigelaſſen und kehrte, wie gewöhnlich, auch ſogleich wieder zu ſeinem früheren Gewerbe zurück. Er war indeſſen nun vorſichtiger, und da er ſich mit ſo gewandten Schel⸗ men, wie er ſelbſt war, verbündet hatte, konnte er nicht ſo leicht entdeckt werden. Er lebte ziemlich lange ein Leben der Qual und Unruhe unter den verworfenſten Menſchen der Hauptſtadt; endlich aber ſah man, wie er die Taſchen eines Herrn Le Maſurier im Drurylane Theater beſtehlen wollte, und verhaftete ihn. Er wurde dem Conſtable Blandy übergeben, der ihn entweder aus Nachläſſigkeit oder Be⸗ ſtechung entwiſchen ließ. Er wurde hierauf geächtet, aber zwei Jahre lang mißlangen alle Verſuche, ihn zu entdecken. Während die Richter ihn ächteten und die Conſtabeln auf ihn fahndeten, durchreiſte er in verſchiedenen Verkleidungen und Cha⸗ rafteren die nördlichen Theile des Königreiches. Er beſuchte die großen Städte dieſer Gegenden bald als Marktſchreier, bald als Geiſtlicher, bald mit einem Ruulettiſche, bald als Reiſediener eines Hauſes von Birmingham oder Mancheſter. Trotz aller ſeiner Vorſichtsmaßregeln wurde er doch zuweilen erfannt, beſonders einmal in Lincolnſhire; allein Niemand be⸗ läſtigte ihn, bis er zu Neweaſtle⸗upon-Tyne wegen Taſchendieberei 41 in Verdacht gerieth, als ein Geächteter erkannt, nach London ge⸗ ſendet und in Newgate eingekerkert wurde. Hier kam er in ſo kläglichen Umſtänden an, daß einige ſeiner Freunde eine Sub⸗ ſeription zu ſeinen Gunſten eröffneten und 100 Guineen zuſam⸗ men brachten, welche ihn in den Stand ſetzten, einen Anwalt an⸗ zunehmen und die Aufhebung der gegen ihn ausgeſprochenen Acht zu erwirken. Hierauf wurde er wegen ſeines urſprünglichen Vergehens, des Diebesverſuches an Herrn Le Maſurier vor Gericht geſtellt, aber wegen Abweſenheit eines weſentlichen Zeugen freigeſprochen. Kaum war er frei, ſo eilte er nach Irland und zog mit einem gewiſſen Hubert, der in London wegen eines an dem Herzog von York verübten Betruges wohlbekannt war, herum. Zu Dublin wurde Hubert ergriffen, wie er einem Herrn die Taſchen beſtahl und das geſtohlene Gut Barrington reichte, der mit genauer Noth nach England entkam. Hier irrte er einige Zeit umher, bevor er ſich nach England wagte, wo er, kaum angekommen, auch ſchon feſt— genommen wurde, weil er Herrn Henry Have Townſend Eſq. eine goldene Uhr ſammt Siegel und Kette geſtohlen hatte. Wegen dieſes Verbrechens wurde er am 15. September 1790 vor Gericht geſtellt und entfaltete bei dieſer Gelegenheit alle die Talente, die man ihm allgemein zutraute. Trotz ſeiner langen und vortrefflichen Rede wurde er doch ſchuldig erkannt und zu ſiebenjähriger Deportation verurtheilt. Während der Ueberfahrt nach Port Jackſon leiſtete Barrington einen weſentlichen Dienſt, indem er hauptſächlich beitrug, eine im Schiffe entſtandene Meuterei zu ſtillen. Der Capitän erwies ſich dankbar dafür, und als ſie das Cap der guten Hoffnung erreich⸗ ten, erhielt er für ſeinen Eifer und ſeine Thätigkeit 100 Pfund ausgezahlt. Nach ſeiner Ankunft zu Port Jackſon wurde Barrington, da er an den Gouverneur empfohlen war, zu Tamgabbe zuerſt Unter⸗ wächter, dann erſter Wächter, in welchen Poſten er ſich ſo trefflich und geſchickt benahm, daß der Gouverneur beſchloß, ſeine Straf⸗ zeit zu verkürzen. Er erhielt daher ſeinen Freibrief und bekam zu gleicher Zeit dreißig Morgen Landes zu Paramatta. Er wurde zum Oberaufſeher der Sträflinge ernannt, und obſchon er nicht nach England zurückkehren durfte, erhielt er doch alle Privilegien eines freien Mannes, Anſiedlers und öffentlichen Beamten, in welcher Eigenſchaft ſein Eifer und Fleiß nicht nur über allen Verdacht erhaben blieben, ſondern auch von ſeinen Obern gehörig gewürdigt wurden. Hier entſchloß ſich Barrington, die Notizen, die er auf der Reiſe geſammelt, zu revidiren und die Plätze, die er auf derſelben berührt hatte, genauer zu beſchreiben. Dadurch kam ein ſehr be⸗ lehrendes und unterhaltendes Werk zu Stande. Außerdem verfaßte er eine vollſtändige Geſchichte des Landes ſelbſt von ſeiner erſten Entdeckung an, mit Inbegriff eines Be⸗ richtes über die Ureinwohner, ihre Sitten und Gebräuche, be⸗ gleitet von einer Beſchreibung der Fortſchritte und Einrichtungen der Kolonie von ihrer Gründung an bis auf ſeine Zeit. Er behielt das Amt, welches ihm der Gouverneur anvertraut hatte, bis zu ſeinem Tode, welchen er ſich durch unausgeſetzte Er⸗ füllung ſeiner Pflichten im Jahre 1811 zuzog. Capitän James Zind. Hind's Vater war ein Sattler, fleißig in ſeiner Arbeit, ein luſtiger Geſellſchafter und ein guter Chriſt. Er ſtammte aus Chipping Norton in der Grafſchaft Orford, wo auch James(Ja⸗ kob) geboren wurde. Da unſer Held der einzige Sohn war, ſo erhielt er eine gute Erziehung und beſuchte bis zum funfzehnten Jahre ſeines Alters die Schule. Hierauf kam er als Lehrling zu einem Fleiſcher des Ortes und blieb bei dieſem zwei Jahre. Als er den Dienſt ſeines bis⸗ herigen Herrn verließ, bat er ſeine Mutter um Geld, um bis London reiſen zu können, und beklagte ſich bitter über die zänki⸗ ſche und ſtörriſche Gemüthsart des Fleiſchers. Die gutmüthige Frau konnte den Bitten ihres Sohnes nicht widerſtehen, gab ihm drei Pfund und trennte ſich von ihm mit ſchwerem Herzen, nach⸗ dem ſie den mütterlichen Segen über ſein Haupt geſprochen hatte. In der Hauptſtadt fand er gar bald an den Freuden, die ſie darbot, Geſchmack. Die Flaſche und eine Dirne, an die er ſich hing, nahmen den größten Theil ſeiner Zeit in Anſpruch. Un⸗ glücklicher Weiſe wurde er eines Abends in Geſellſchaft einer Freudendirne, welche kurz zuvor einen Herrn beſtohlen hatte, ge⸗ funden und mit ihr bis zum Morgen eingeſperrt. Da keine Be⸗ weiſe gegen ihn vorlagen, ließ man ihn wieder frei, ſeine ſchöne Gefährtin aber mußte nach Newgate wandern. 44 Bald nach dieſem Vorfalle wurde Capitän Hind mit einem gewiſſen Allan, einem berüchtigten Straßenräuber bekannt. Wäh⸗ rend ſie mit einander zechten, gefielen ſie ſich gegenſeitig ſo ſehr, daß ſie gemeinſchaftliche Sache zu machen beſchloſſen.. Nachdem alle Verabredungen und Vorbereitungen getroffen waren, zogen ſie auf Beute aus. Auf der Heerſtraße trafen ſie einen Herrn, der mit einem einzigen Diener reiſte. Da Hind noch unerfahren war, wünſchte Allan eine Probe ſeines Muthes und ſeiner Gewandtheit zu ſehen; er blieb daher zurück, während Hind kühn auf die Reiſenden losritt, ihnen funfzehn Pfund abnahm, aber ein Pfund wieder erſtattete, um die Koſten ihrer Heimreiſe beſtreiten zu können. Dies that er mit ſolchem Anſtande, daß der Beraubte ſchwur, daß ihm kein Haar auf dem Haupt gekrümmt werden würde, wenn er je in ſeine Gewalt fallen ſollte. Um dieſe Zeit wurde Karl I. hingerichtet. Capitän Hind faßte einen ſolchen Haß gegen Alle, welche ſich mit dem Blute ihres Souveräns befleckt hatten, daß er begierig jede Gelegenheit ergriff, an ihnen Rache zu üben. Bald nachher trafen Allan und Hind Oliver Cromwell, der von Huntingdon nach London fuhr. Sie griffen die Kutſche an, da aber Oliver von ſieben Dienern beglei⸗ tet war, wurde Allan gefangen und Hind entkam mit genauer Noth. Der unglückliche Allan wurde vor Gericht geſtellt und mußte ſeine Verwegenheit mit dem Leben büßen. Dies brachte jedoch auf Hind keine andere Wirkung hervor, als daß es ihn bei ſeinen künftigen Unternehmungen vorſichtiger machte. Hind war ſo ſcharf geritten, um Cromwell's Gefolge zu ent⸗ rinnen, daß er ſein Pferd tödten mußte, und da er kein Geld hatte, um ein anderes zu kaufen, ſah er ſich gezwungen, ſein Glück zu Fuße zu verſuchen, bis die Gelegenheit käme, ſich wieder eines zu verſchaffen. Es dauerte nicht lange, ſo ſah er ein Pferd, in deſſen Halftern zwei Piſtolen ſtaken, an einer Hecke angebunden. Er blickte umher und gewahrte jenſeits der Hecke den Eigenthümer. 6 Sogleich rief er aus:„Dies iſt mein Pferd!“ und ſchwang ſich in den Sattel. Der Fremde rief, daß das Pferd ſein Eigen⸗ thum wäre.„Sir,“ ſagte Hind,„ſchätzen Sie ſich glücklich, daß ich Ihnen das Geld, das Sie bei ſich haben, laſſe, um ein ande⸗ res Pferd zu kaufen, und ich rathe Ihnen, dies bald zu thun, ſonſt möchte es Ihnen ſchlimmer gehen, wenn ich Sie wieder treffe.“ Mit dieſen Worten ritt er auf und davon. Einen andern Beweis der Erfindungsgabe Hind's, um ſich ein Pferd zu verſchaffen, wenn er eines bedurfte, liefert folgende Ge⸗ ſchichte. Als er wieder einmal in die Nothwendigkeit verſetzt wurde, den Straßenräuber zu Fuß zu machen, miethete er, deſſen überdrüſſig, eine elende Mähre und machte ſich auf den Weg. Er wurde von einem Herrn überholt, der ein ſchönes Roß ritt und einen Mantelſack hinter ſich hatte. Sie knüpften mit einander ein Geſpräch an, und Hind ergoß ſich in Lobeserhebungen über das ſchöne Thier des Fremden, worauf dieſer deſſen Eigenſchaften her⸗ zuzählen begann. An der Straße befand ſich eine Mauer, und der Fremde ſagte, daß er mit ſeinem Pferde über ſie ſetzen könne. Hind wettete eine Flaſche Wein dagegen, was der Fremde annahm und dann über die Mauer ſetzte. Capitän Hind erklärte ſich für beſiegt, bat aber den Eigenthümer des ſchönen Roſſes, es ihm auch verſuchen zu laſſen. Der Letztere willigte ein, ſo wie aber der Capitän im Sattel ſaß, gab er dem Pferde die Sporen, ſprengte davon und ließ dem Geprellten zum Erſatze das elende Thier, das er gemiethet hatte. Ein anderes Mal begegnete Hind dem Königsmörder Hugh Peters auf der Straße und gebot ihm, ſeine Börſe herzugeben⸗ Hugh, dem es keineswegs an Selbſtvertrauen fehlte, begann Hind mit Terten aus der Schrift zu bekämpfen und ſagte: „Es ſteht geſchrieben, du ſollſt nicht ſtehlen, und Salomo der Weiſe ſprach: Beraube den Armen nicht, denn er iſt arm.“ Hind wollte in derſelben Manier antworten und ſtrengte da⸗ 12. 4 ℳ% 5 46 her ſein Gedächtniß an, um ſich einiger Schriftterte zu erinnern, die er einſt in der Schule gelernt hatte. „Fürwahr,“ ſagte Hind,„wenn Du das Wort Gottes ſo ver⸗ ſtündeſt, wie Du weißt, daß es verſtanden werden muß, würdeſt Du den Worten des Propheten:„„Sie binden ihre Könige und ſchlagen ihre Edlen in Feſſeln,““ keinen ſo abſcheulichen und ruchloſen Sinn untergelegt haben. Haſt Du nicht durch dieſe Worte, elender Heuchler, die Leiden Deines königlichen Herrn, den Deine verfluchte republikaniſche Partei vor den Thoren ſeines eigenen Palaſtes ungerecht gemordet hat, zu erſchweren geſucht?“ Hugh Peters begann dieſe That zu rechtfertigen und führte zu ſeiner Vertheidigung andere Schriftterte an. „Laß Dich in keinen Wortſtreit mit Leuten meiner Art ein,“ verſetzte Hind,„denn Salomo ſpricht: Verachte einen Dieb nicht! Liefere ohne weiteres Gerede ſogleich Dein Geld aus, oder ich ſende Dich augenblicklich aus dieſer Welt zu Deinem Herrn und Meiſter, dem Teufel!“ Dieſe Drohung jagte dem alten Presby⸗ terianer einen ſolchen Schreck ein, daß er ihm dreißig Goldſtücke gab und davon ritt. Hind war aber nicht Willens, einen ſo bitteren Feind der kö⸗ niglichen Sache ſo leichten Kaufes zu entlaſſen. Er ritt ihm da⸗ her in vollem Gallop nach, holte ihn ein und ſprach zu ihm: „Eben beſinne ich mich, Herr, und bin überzeugt, daß Dich die⸗ ſes Unglück betroffen hat, weil Du den Worten der Schrift un⸗ gehorſam warſt, welche ausdrücklich ſagt:„„Nimm Dir weder Gold, noch Silber, noch Kupfer auf die Reiſe mit!““ Du aber haſt, wie ich nun gar wohl weiß, eine ziemlich anſtändige Menge Goldes zu Dir geſteckt. Da es in meiner Macht ſteht, Dich zu zwingen, ein anderes Gebot der Schrift zu erfüllen, ſo will ich die günſtige Gelegenheit nicht unbenutzt vorüber gehen laſſen. Ich bitte Dich daher, gieb mir Deinen Mantel.“ Peters war ſo verdutzt, daß er nicht die mindeſten Einwendungen machte, noch 47 ahnte, worauf Hind es eigentlich abgeſehen habe. Indeſſen ließ ihn dieſer nicht lange in Ungewißheit, ſondern fuhr fort:„Du weißt, daß unſer Erlöſer geboten hat:„„Du ſollſt einem Manne, der Dir den Mantel S hat, auch den Rock nicht verſa⸗ gen!““ Ich hoffe, daß Du weder gegen ein ſo ausdrückliches Gebot handeln, noch ſagen wirſt, Du habeſt es vergeſſen, da ich es Dir in das Gedächtniß zurückrufe.“ Der alte Puritaner weigerte ſich einige Zeit, ſich zu entkleiden, Hind aber bedeutete ihm, daß ihm dieſes Zögern nichts helfen könne, denn er müſſe durchaus den ausdrücklichen Worten der Schrift gehorchen. Da gab er denn endlich auch den Rock hin, und Hind ritt davon. Als Hugh am folgenden Sonntag die Kanzel beſtieg, wollte er gegen Stehlen und Rauben losziehen, und wählte zum Tert: „Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie ſoll ich ihn wieder an⸗ ziehen?“ Da rief ein einfältiger, aber gerader Mann, der anwe⸗ ſend war und erfahren hatte, wie Hugh von dem Räuber behan⸗ delt worden war:„Auf mein Wort, Herr, das kann Euch Nie⸗ mand beantworten, es wäre denn, daß ſich Capitän Hind hier befände.“ Dieſe Antwort auf Hugh's Frage aus der Schrift er⸗ regte ein ſo allgemeines und ſchallendes Gelächter, daß der Pfar⸗ rer erröthete und von der Kanzel herabſtieg, ohne ſeine Predigt zu halten. Wie wir ſchon erwähnt haben, nährte Hind den glühendſten Haß gegen Alle, die an der Hinrichtung des Königs Schuld hat⸗ ten, und es traf ſich auch oft, daß dieſe Menſchen in ſeine Ge⸗ walt ſielen. So begegnete ihm eines Tages der Präſident Brad⸗ ſaw, der das Todesurtheil des Königs geſprochen hatte, zu Wa⸗ gen zwiſchen Sherbvumen und Shaftesbury. Hind ritt an den Kutſchenſchlag und verlangte Bradſaw's Baarſchaft, dieſer glaubte, daß ſein bloſer Name den Räuber in Schreck ſetzen würde, und nannte dieſen.„Meinetwegen,“ rief Hind,„ich fürchte weder Dich, noch irgend einen andern nigsmbtderiſchen Schurken. Ich 4* — 8 48 habe jetzt ſo viele Gewalt über Dich, als Du vor kurzem über den König hatteſt, und würde Gott und dem Lande einen Dienſt erweiſen, wenn ich von ihm denſelben Gebrauch machte, wie Du gethan: aber lebe, Schurke, um von Deinen Gewiſſensbiſſen ge⸗ quält zu werden, bis die Gerechtigkeit ihre Eiſenhand auf Deine Schultern legt und Dich auf eine Art ſtraft, wie ſie ein ſolches Ungeheuer verdient, das unwürdig iſt, durch andere Hände als die des Henkers, oder auf einem anderen Platz als zu Tyburn zu ſterben. Wenn ich aber auch Dein Leben, als das eines Königs⸗ mörders ſchone, ſollſt Du doch, wenn Du mir nicht ſogleich Dein Geld giebſt, Deiner Hartnäckigkeit wegen ſterben!“ Bradſaw ſah nun ein, daß er ſich in einer anderen Lage be⸗ finde, wie damals, als er in Weſtminſter zu Gerichte ſaß und die ganze, unermeßliche Partei der Revolutivn zum Rückhalte hatte. Schreck bemächtigte ſich ſeiner Seele und gab ſich in ſei⸗ nen Mienen kund. Mit zitternder Hand griff er in die Taſche, zog etwa vierzig Schilling in Silber hervor und überreichte ſie dem Capitän; dieſer ſchwur jedoch, daß er ihn zur Stelle durch das Herz ſchießen würde, wenn er ihm nicht ſogleich eine andere Münzſorte geben würde. Um ſein Leben zu retten, holte Brad⸗ ſaw hervor, was er nebſt ſich ſelbſt am meiſten liebte, und reichte dem Capitän eine Börſe voll Goldmünzen. Obſchon Hind das Gold hatte, war er doch damit nicht zu⸗ frieden, ſondern nahm ſich vor, den Präſidenten noch länger zu quälen, und hielt auf jenes folgende Lobrede: „Dies, Sir, iſt das Metall, welches mein Herz für immer gewonnen hat. O köſtliches Gold! Ich bewundere und bete Dich eben ſo ſehr an, als nur immer Bradſaw, Prynne, oder die an⸗ deren Schurken deſſelben Gelichters, welche ſeinetwegen den Erlö⸗ ſer, wenn er jetzt auf der Erde wandelte, zum zweiten Male ver⸗ kaufen würden. Dies iſt die unvergleichliche Arzenei, welche die republikaniſchen Aerzte das wunderwirkende Pflaſter nennen; es iſt 49 in ſeiner Wirkung wahrhaft katholiſch(allgemein) und hat etwas von dem Jeſuitenpulver an ſich, nur iſt es wirkſamer. Die Tu⸗ genden deſſelben ſind ſeltſam und mannigfaltig; es macht die Ge⸗ rechtigkeit taub und blind; wäſcht die ſchwärzeſten Flecken des Hochverrathes ſo ſchnell hinweg, wie die ſpaniſche Seife gewöhn⸗ liche Flecken; es ändert die Conſtitution eines Menſchen in zwei bis drei Tagen mehr, als die Eingießung von friſchem Blut in fünf Jahren vermag. Es iſt ein großes Gegengift und hilft beſonders denjenigen, welche die blutigen Grundſätze der Revolu⸗ tion befolgten; es erhöht und ſchärft die Sehkraft auf eine wun⸗ derbare Weiſe und bewirkt, daß Verräther in den ſchwärzeſten uebelthätern nichts als fleckenloſe Unſchuld ſehen; es iſt eine mächtige Herzſtärkung für eine hinkende Sache, erſticket Factionen und Spaltungen eben ſo gewiß, als Ratten durch Arſenik vernich⸗ tet werden; mit einem Worte, es macht Thoren zu Weiſen, Weiſe zu Thoren, und Beide zu Schelmen. Selbſt die Farbe dieſes koſt⸗ baren Balſams iſt ſchön und blendend. Wenn es auf eine geeig⸗ nete Weiſe in die hohle Hand applicirt wird, das heißt mit An⸗ ſtand und in gehöriger Doſis, ſo vollbringt es alle die obgenannten Curen und noch viele andere, die zu zahlreich ſind, um hier auf⸗ gezählt zu werden.“ Nachdem der Capitän dieſen Panegyrikus auf das ſchimmernde Metall gehalten hatte, zog er ſeine Piſtolen abermals und ſprach zu dem Präſidenten:„Du und Deine hölliſchen Genoſſen haben ſeit langer Zeit die Bahn des Blutes und der Ruchloſigkeit unter dem falſchen Vorgeben betreten, daß Eifer im Dienſte des Herrn der Heerſchaaren Euch allein leite. Wie lange Ihr auf dieſer Bahn noch wandeln möget, weiß Gott allein. Was mich betrifft, will ich jetzt die Deinige im buchſtäblichen Sinne des Wortes hemmen.“ Mit dieſen Worten ſchoß er die Pferde, die vor die Kutſche geſpannt waren, todt und ließ Bradſaw über die em⸗ pfangene Lehre nach Muße nachdenken. 50 Hind's nächſtes Abenteuer trug ſich mit einer Geſellſchaft Da⸗ men zu, die er in einer Kutſche auf dem Wege zwiſchen Peters⸗ field und Portsmouth traf. Er redete ſie artig an und that ihnen zu wiſſen, daß er derBeſchützer des ſchönen Geſchlechtes ſei, und nur um die Gunſt einer hartherzigen Geliebten zu gewinnen, das Land durchreiſe.„Doch, meine Damen,“ fügte er hinzu, „ich bin gezwungen, um Unterſtützung zu bitten, da ich nichts beſitze, um mein Abenteuer zu Ende zu bringen.“ Die jungen Damen, welche viele Romane geleſen hatten, konnten nicht umhin zu glauben, ſie hätten irgend einen Don Quirote oder Amadis von Gallien getroffen, der ſie nach Weiſe der irrenden Ritter⸗ ſchaft anredete.„Herr Ritter,“ ſagte eine der aufgeweckteſten, „wir beklagen Eure Lage herzlich, und es ſchmerzt uns ſehr, Euch nicht helfen zu können, doch wir haben nichts bei uns, als ein heiliges Depoſitum, welches die Geſetze Eures Ordens zu verletzen verbieten.“ Der Capitän freute ſich ſehr, ſo muntere Damen getroffen zu haben, und hätte ſie gerne ungekränkt weiter ziehen laſſen, wenn ſeine Noth in dieſem Augenblicke nur nicht gar zu groß geweſen wäre.„Darf ich Euch bitten, ſchöne Damen, mir zu ſagen, worin dieſes heilige Depoſitum beſtehe, damit ich es, wie es die Geſetze der Ritterſchaft mit ſich bringen, bis zu mei⸗ nem letzten Athemzuge vertheidigen kann?“ Die Dame, welche zuerſt geſprochen hatte, theilte ihm mit, daß dieſes Depoſitum in 3000 Pfund Sterling beſtehe und die Mitgift einer aus der Geſell⸗ ſchaft ſei, welche ſie dem Ritter bringe, der durch vergangene Dienſte ihre Neigung gewonnen habe.„Meldet dem Ritter mei⸗ nen demüthigen Gruß,“ antwortete er,„und geruht ihm zu ſa⸗ gen, daß ich Capitän Hind heiße; daß ich durch die Noth ge⸗ zwungen bin, einen Theil deſſen zu borgen, wovon ich um ſeinet⸗ willen wünſchte, daß es zweimal ſo viel wäre; daß ich ferner verſpreche, dieſe Summe zur Vertheidigung gekränkter Liebender und zur Unterſtützung derjenigen zu verwenden, welche ſich zur 51 fahrenden Ritterſchaft bekennen.“ Bei dem Namen Capitän Hind erſchraken die Schönen ſichtlich, denn derſelbe war in ganz Eng⸗ land zur Genüge bekannt. Er bat ſie jedoch, alle Furcht abzule⸗ gen, da er ihnen nicht das mindeſte Leid zufügen werde und von den 3000 Pfund nur 1000 verlange. Die letztere Summe wurde ihm ſogleich gegeben, worauf unſer Abenteurer allen gute Reiſe und der Braut viele glückliche Tage wünſchte. Die Folgen dieſer erzwungenen Anleihe von Seiten des Capi⸗ täns waren für die Braut nicht ſehr erfreulich. Ihr Bräutigam weigerte ſich, ihr die Hand zu reichen, bevor ihr Vater das an der Mitgift Fehlende erſetzt hätte. Theils aus Abſcheu gegen eine ſo ſchmutzige Habſucht, theils auch weil er ſeine Gelder erſchöpft hatte, weigerte ſich der Vater, dies zu thun. Der Bräutigam er⸗ füllte ſeine Verbindlichkeit des fehlenden Geldes wegen nicht, und die arme Braut ſtarb an gebrochenem Herzen. Hind geſtand ſpä⸗ ter häufig, daß ihm dieſe Geſchichte ſehr nahe gehe, und daß er von dem größten Abſcheu gegen das ehrloſe Betragen des nieder⸗ trächtigen Bräutigams erfüllt ſei. Die Thaten Hind's waren ſo zahlreich geworden und hatten ihn ſo bekannt gemacht, daß er ſich gezwungen ſah, ſich zu ver⸗ bergen. Während dieſer Ferienzeit kam er ſo herunter, daß er ſelbſt ſein Pferd verkaufen mußte, um leben zu können. Von der Noth getrieben, faßte er oft den Entſchluß, ſich auf die Straße zu wagen, allein er war zu bekannt in dieſem Landestheile und unterließ es, um ſein Leben nicht auf das Spiel zu ſetzen. Das Schickſal hatte jedoch mit der Lage des Capitäns Mitleid und ſchickte ihm eine Beute zu. Er erfuhr nämlich, daß ein Arzt aus der Nachbarſchaft über Land geritten war, um ein bedeutendes Honorar für eine Cur, die er bewirkt hatte, einzucaſſiren. Der Capitän bewohnte damals ein kleines Haus, das an einer Ge⸗ meindewieſe ſtand, über welche der Dyctor auf ſeinem Rückwege mußte. Hind wartete lange ungeduldig auf ſeine Ankunft, lief 52 dem Arzt, als er ihn erblickte, entgegen und bat ihn flehentlich, in ſein Haus zu kommen, denn ſeine Frau ſei plötzlich ſchwer er⸗ krankt und müſſe ohne ärztliche Hülfe zuverläſſig ſterben; auch wolle er ihn für ſeine Mühewaltung gut bezahlen. Von Mitleid gerührt, ſtieg der gute Doctor ab, folgte ihm in das Haus und verſicherte ihm, daß er mit Freuden Alles, was in ſeinen Kräften ſtünde, thun würde, um ſeine Frau zu heilen. Er wies den Arzt die Treppe hinauf, kaum waren ſie jedoch in das Gemach getreten, als er den Doctor mit einer Piſtole bedrohte, ihm zu gleicher Zeit ſeine leere Börſe zeigte und ſagte: „Dies iſt meine Frau, und ſie hat ſich ſo lange unwohl be⸗ funden, daß gar nichts mehr in ihr iſt. Ich weiß, Doctor, daß Sie ein ſouveränes Heilmittel gegen dieſe Krankheit in Ihrer Taſche haben, und wenn Sie es nicht ſogleich anwenden, ſoll eine artige Kugel den Weg durch ihren Leib finden.“ Der Arzt hätte gerne auf das gehoffte Honorar verzichtet, wenn er dadurch von der Zudringlichkeit ſeines Patienten erlöſt worden wäre, allein es bedurfte nur einer geringen Kenntniß der Symp⸗ tome ſeiner Krankheit, um ihn zu überzeugen, daß nichts übrig bleibe, als zu gehorchen, er erleichterte daher ſeine Börſe um die vierzig Guineen, die ſich darin befanden, und heilte damit die kranke Gattin unſeres Helden. Hind ſagte dann zu dem Doetor, daß er ihm Alles, was ſich im Hauſe befinde, überlaſſe, um ſich für ſeinen Verluſt ſchadlos zu halten. Mit dieſen Worten ſchloß er die Thüre hinter dem Doctor, beſtieg deſſen Pferd und ſuchte in einer anderen Grafſchaft ſein Heil, da dieſe für ihn zu ge⸗ fährlich geworden war. Hind iſt oft wegen ſeiner Großmuth gegen die Armen geprie⸗ ſen worden, und folgende Geſchichte liefert den Beweis, daß er dieſe Tugend übte. Einſt war er ganz geldlos und hatte lange auf der Straße geharrt, ohne ſeinen leeren Beutel wieder füllen zu können. Endlich trabte ein alter Mann langſam auf einem 33 Eſel daher. Er ritt zu ihm heran und fragte ihn ganz artig, wohin ſein Weg ginge. „Auf den Markt von Wantage,“ antwortete der alte Mann, „um mir eine Kuh zu kaufen, damit ich Milch für meine Kinder habe.“ „Wie viele Kinder habt Ihr denn?“ „Zehn,“ ſagte der alte Mann. „Und wie viel denkt Ihr für eine Kuh zu geben?“ fragte Hind. „Ich habe nur vierzig Schilling, und die habe ich mir ſeit zwei Jahren mühſam zuſammengeſpart.“ Hind's Herz blutete, aber da er ſich ſelbſt in der höchſten Noth befand, ſo verfiel er auf einen Ausweg, um ſowohl ſich ſelbſt als dem alten Manne zu nützen. „Freund,“ ſagte er,„das Geld, das Ihr habt, bedarf ich ſchlechterdings ſelbſt, doch darum ſollen Eure Kinder nicht um ihre Milch kommen. Ich heiße Hind, und wenn Ihr mir Eure vierzig Schilling ruhig geben und nach acht Tagen um dieſe Stunde wieder hier ſein wollet, ſo verſpreche ich, die Summe zu verdoppeln.“ Der alte Mann gab zögernd ſein Geld her, und Hind ſchärfte ihm ein, binnen dieſer Zeit von der ganzen Sache nicht das Mindeſte zu erwähnen. Wirklich ſtellte ſich der Bauer am feſtge⸗ ſetzten Tage ein und empfing ſo viel, als hinreichte, zwei Kühe zu kaufen, und noch zwanzig Schilling mehr, um die beſten auf dem Markte zu erhalten. Obſchon Hind das Straßenräuberhandwerk lange trieb, hatte er doch jedes Blutvergießen ſorgſam vermieden, und folgender Mord iſt der einzige, den er beging, wenigſtens wurde er nie eines zweiten beſchuldigt. Er hatte eines Morgens mehrere Räubereien verübt und unter Anderen auch dem berühmten republikaniſchen Heerführer Obriſt Harriſon über 70 Pfund Sterling abge⸗ nommen. Da die Puritaner Hind's Todfeinde waren, ſchlug der 5 4 Obriſt gewaltigen Lärm, und der Capitän wurde verfolgt, bevor er noch eine Ahnung davon hatte. Endlich bekam er in einer Schenke Wind und beeilte ſich, aus einer für ihn ſo gefährlichen Gegend fortzukommen. Unter ſolchen Umſtänden war er gegen jede Perſon, die er auf der Straße traf, mißtrauiſch. Er hatte eben einen Ort erreicht, welcher Knowl Hill hieß, da kam der Diener eines Mannes, der weit voraus war, in vollem Gallop nachgeſprengt. Hind ſtand in der Meinung, es wäre einer ſeiner Verfolger, wandte ſich um und ſchoß ihn durch den Kopf, ſo daß der Unglückliche zur Stelle todt zu Boden ftützte. Das Glück war dem Capitän diesmal günſtig und er entkam. Nach Enthauptung Karl's I. blieben die Schotten königlich ge— ſinnt, riefen ſeinen Sohn Karl II. aus und beſchloſſen, ſein Recht gegen den Uſurpator zu vertheidigen. Plötzlich erſchienen ſie mit Heeresmacht, brachen in England ein und rückten bis Woreeſter vor. Schaaren von Engländern ſtrömten dem königlichen Heere zu, darunter auch Capitän Hind, der loyal aus Grundſatz und tapfer von Natur aus war. Cromwell wurde von dem Parla⸗ mente geſendet, um die Royaliſten auf ihrem Marſche aufzuhal⸗ ten. Die beiden Heere trafen zu Woreeſter aufeinander, und es erfolgte eine verzweifelte und blutige Schlacht. Das Heer des Königs wurde zerſprengt. Capitän Hind war ſo glücklich, zu ent⸗ kommen, floh nach London und lebte da äußerſt zurückgezogen. Es dauerte nicht lange, ſo wurde er von einem ſeiner vertrauteſten Freunde verrathen. Nach den Geſetzen des Landes verdienten ſeine Handlungen ohne Zweifel den Tod, aber das Gemüth ſchau⸗ dert doch vor Verrath durch einen vertrauten Freund voll Abſcheu zurück.. Hind wurde vor den Sprecher des Hauſes der Gemeinen ge⸗ führt, nach langem Verhör in den Kerker von Newgate geſchafft und mit Ketten beladen; auch durfte ohne beſondere Erlaubniß Niemand mit ihm ſprechen. Vor Gericht wurde er zwar ver⸗ ſchiedener Verbrechen beſchuldigt, allein es konnte keines, worauf der Tod ſtand, gegen ihn bewieſen werden. Einige Zeit nachher wurde er jedoch unter ſtarker Bedeckung nach Reading, vor den Richter Warburton gebracht, des Mordes an George Symſon bei Knowl Hill angeklagt und überführt. Es war zur ſelben Zeit ein Generalpardon für alle bis dahin verübten Verbrechen er⸗ laſſen worden, und er hoffte, in denſelben eingeſchloſſen zu wer⸗ den. Auf einen Geheimenrathsbefehl wurde er jedoch unter ſtarker Bedeckung in das Gefängniß von Woreeſter geſchafft, wegen Hochverrath verurtheilt und am 24. September 1652 im 34. Jahre ſeines Alters gehangen und geviertheilt. Sein Kopf wurde über der Brücke über Severn, und die übrigen Theile über den Thoren der Stadt aufgeſteckt. Den Kopf nahmen Freunde insgeheim ab und begruben ihn, die anderen Theile ſeiner Leiche blieben jedoch, bis Wind und Wetter ſie zerſtörten. In ſeinen letzten Augen⸗ blicken erklärte er, daß er ſeine vorzüglichſten Raubthaten an der republikaniſchen Partei verübt habe, und daß ihn nichts ſo ſehr ſchmerze, als nicht lange genug zu leben, um ſeinen königlichen Gebieter wieder auf dem Thron ſeiner Väter eingeſetzt zu ſehen. Sein Schickſal erregte bei Vielen Mitleid, ein Dichter jener Zeit beſang ihn ſogar und verglich ihn, in keineswegs ſchlechten Ver⸗ ſen, mit Cäſar, ja ſtellte ihn ſogar über dieſen größten aller Im⸗ peratoren. Jack Sheperd. Der Vater des berüchtigten Jack(Johann) Sheperd war ein ehrbarer Zimmermeiſter in Spitalfields, dem nichts ſo ſehr am Herzen lag, als ſeine Kinder auf der Bahn der Redlichkeit, Mä⸗ ßigkeit und Frömmigkeit zu erziehen. Sie lieferten jedoch den traurigen Beweis, daß das Beiſpiel des tugendhafteſten Wandels und die ſorgfältigſte Erziehung nicht immer den erwarteten Ein⸗ fluß auf das Betragen der Kinder ausüben. Zwei ſeiner Söhne ergaben ſich der Nichtswürdigkeit und verfielen der ſtrafenden Hand der Gerechtigkeit. Nach ſeines Vaters Tode kam der junge Sheperd zu einem Rohrſtuhlverfertiger in die Lehre. Sein Lehrherr behandelte ihn gütig, und es ging ihm wohl; leider ſtarb derſelbe aber, und Jack kam zu einem anderen, der ihm eine ſolche Härte empfinden ließ, daß er davon lief. Lehrherren ſollten ſich ſehr in Acht nehmen, ihre Untergebenen nicht zu ſtrenge zu behandeln, denn dieſe Härte war ohne Zweifel die Urſache des Verderbens Sheperd's und der Uebel, die er der bürgerlichen Geſellſchaft zufügte. Kurz darnach fing er nämlich ſeine Raubthaten an, und ſtatt ſeines früheren nüchternen Wandels, zechte er nun den ganzen Tag und brachte alle ſeine Nächte in lüderlichen Häuſern zu. Die Geſchichte dieſes unglücklichen Mannes iſt ein Beiſpiel mehr, daß die Geſellſchaft ausſchweifender Dirnen Männer nur zu oft zu Verbrechen verleitet, denen ſie ſonſt fremd geblieben 57 wären. Seine erſte Liebſchaft hatte er mit einer gewiſſen Eliſa⸗ beth Livn, einer Perſon von merkwürdigem Wuchs und ſeltener Körperſtärke. Nachdem er ſich von ihr wieder getrennt hatte, ge⸗ ſellte er ſich zu einer anderen Frauensperſon, die ihn zu allen Arten von Diebereien verleitete, um ihren ausſchweifenden Wandel beſſer fortſetzen zu können. Eines Tages ſagte er ihr, daß er ihr ſeine letzte Krone gege⸗ ben habe, worauf ſie ihn anſtiftete, den Laden eines reichen Pfand⸗ leihers zu plündern. Sheperd verließ ſie um ein Uhr des Mor⸗ gens und kehrte bald mit Effecten im Werthe von 22 Pfund zurück. Es bedarf keiner Erwähnung, daß das würdige Paar nicht lange am Erlös aus der Beute zehrte. Sheperd's erſte Geliebte wurde wegen einiger Mauſereien in das Arbeitshaus von St. Giles gebracht. Jack beſuchte ſie, ſprengte die Thür ein, prügelte den Kerkermeiſter und ſetzte Beß (Eliſabeth) Lion in Freiheit. Es iſt kaum nöthig, hinzuzufügen, daß dieſe That ihm bei anderen Frauensperſonen der Art hohen Ruf erwarb und zu verwegeneren Raubunternehmungen auf⸗ ſtachelte. um dieſe Zeit verſah Jack ſeinen Bruder mit etwas Geld, damit er ſich für das ehrenvolle Handwerk, das er ſelbſt trieb, equipiren könne; auch brachen ſie mit einander in das Haus eines Leinwandhändlers und ſtahlen Güter im Werthe von 50 Pfund. Der jüngere Bruder war indeſſen, als Neuling, in dem Verkauf der geſtohlenen Effecten zu unvorſichtig, ſo daß er entdeckt und verhaftet wurde und auch gleich ſeinen Bruder und einige der Raubgenoſſen deſſelben angab. Jack Sheperd wurde ergriffen und zu weiterem Verhör in ein Gefängniß gebracht. Er prach jedoch aus, beging noch denſelben Abend eine Raubthat und ſchwur, ſich an ſeinem Bruder Tom wegen ſeines unedelmü⸗ thigen Benehmens zu rächen. Als Jack in Genoſſenſchaft mit einem gewiſſen Benſon eines 58 Tages einem Herrn ſeine Uhr ſtehlen wollte, wurde er ergriffen und in das neue Gefangenhaus gebracht. Die erſte Perſon, die er hier erblickte, war ſeine geweſene Geliebte Beß Lion, welche wegen eines ähnlichen Vergehens hierher geſchafft worden war. Nachdem ſie umſonſt alle ihre Liſt aufgeboten hatten, brachen ſie mit Gewalt aus und verfügten ſich zur Stelle in ihre alte Woh⸗ nung. Hier blieb er eine Zeit lang verborgen, endlich aber nahm er von ſeiner Freundin Abſchied und verbündete ſich mit einem gewiſſen Grace, um abermals unfreiwillige Contributionen zu er⸗ heben. Dieſe beiden Schurken machten die Bekanntſchaft eines gewiſſen Lamb, der Lehrjunge bei Herrn Carter war, und verlei⸗ teten ihn, ſie in das Haus ſeines Gebieters einzulaſſen, von wo ſie eine beträchtliche Menge werthvoller Effecten raubten. Sheperd und Grace veruneinigten ſich jedoch bei der Theilung der Beute und verriethen einander, worauf Grace und Lamb verhaftet wur⸗ den. Das Unglück des armen Lamb, der blos aus thörichter Verblendung gehandelt hatte, erregte das Mitleid einiger einfluß⸗ reicher Perſonen, welchen es gelang, für ihn die Verwandlung der Todesſtrafe in Deportation zu erlangen. Sheperd und ſeine Raubgenoſſen pflegten, um geraubte Effec⸗ ten verkaufen zu laſſen, ſich eines gewiſſen Fields zu bedienen, da er aber zuweilen etwas zögerte, mietheten ſie ſelbſt ein Magazin und legten darin die Güter, die ſie geſtohlen hatten, nieder. Field, den es verdroß, daß er ſein gewinnreiches Geſchäft verlor, lag ihnen unter dem Vorwande, daß er Auftrag habe, gewiſſe Effecten einzukaufen, ſo lange in den Ohren, bis ſie ihm ihr Vorrathshaus zeigten. Obſchon Fields zwar zu feige war, um einen Menſchen kühn zu berauben, ſtahl er doch aus dem Ma⸗ gazin Alles, was ſich darin befand. Später beraubte Sheperd einen gewiſſen Kneebone, wurde ent⸗ deckt und bei den nächſtfolgenden Aſſiſen vor Gericht geſtellt. Er ſtellte ſich einfältig, ja faſt blödſinnig, und führte zu ſeiner 59 Vertheidigung blos an, daß Jonathan Wild den Hehler eines Theiles der geraubten Güter gemacht habe und daher eben ſo gut Strafe verdiene, als er. Indeſſen wurde er doch zum Tode verurtheilt, und benahm ſich auch nun mehr wie ein unwiſſender, dummer Menſch, als wie ein Mann, den die Natur geſchaffen hatte, ſich in jeder Beſchäftigung, die er ergriff, auszuzeichnen. Während er aber in dem Kerker ſaß, wo die zum Tode Ver⸗ urtheilten aufbewahrt wurden, beredete er einen gewiſſen Fowls, der gleichfalls zur Hinrichtung verurtheilt worden war, ihn zu den eiſernen Zacken über der Thüre, die in das Gebäude führt, zu heben. Durch Hülfe eines großen ſtarken Weibes und ein paar anderer Leute wurden Kopf und Schultern durchgezwängt, worauf auch der übrige Theil folgte; dann ließen ſie ihn nieder, führten ihn, ohne daß die Schließer etwas ahnten, fort, ſetzten ihn in eine Miethkutſche, und er befand ſich in Sicherheit, lange bevor man im Kerker auch nur das Mindeſte wußte, daß er ent⸗ kommen wäre. Kaum athmete aber Jack wieder Luft der Freiheit, ſo kehrte er auch zu ſeinem früheren Gewerbe zurück. Er verbündete ſich mit einem gewiſſen Page, einem Fleiſcher, und zog mit ihm auf Raub aus. Sie gingen zu dem Laden eines Uhrmachers, zerbrachen auf verwegene Weiſe eines der Fenſter und haſchten drei Uhren, be⸗ vor der Junge, der ſich im Gewölbe befand, Lärm machen konnte. Bei dieſer Gelegenheit hatte Jack auch die unerhörte Dreiſtigkeit, an dem Gefängniſſe, wo er erſt vor ſo kurzer Zeit entſprungen war, vorüber zu gehen. Da ſich Sheperd jedoch weder verbergen, noch ſeine Räuber⸗ unternehmungen aufgeben wollte, wurde er bald ergriffen, nach Newgate gebracht, in das ſogenannte Steinzimmer geſperrt, mit Ketten beladen und an dem Boden feſtgeſchloſſen. Als er allein war, öffnete er mit einem krummen Nagel das Schloß, das ihm an dem Boden feſthielt, brach aus dem Kamin zwei Steine los, 60 gelangte in das rothe Zimmer, wo Niemand war, ſprengte eine Thüre, ging in die Capelle, brach aus der Thüre eine Eiſenſpitze los, öffnete damit eine andere Thüre, ſtieg auf das Dach, erreichte von da mittelſt ſeines Leintuches das Bodenfenſter eines Hauſes nebenan und kam glücklich auf die Straße. Was dieſe unglaubliche That noch merkwürdigrr macht, iſt, daß er während der ganzen Zeit ſeine Eiſen an hatte. Erſt als er ſich befreit hatte, ging er in ein Feld, ſchlug ſie ſich ab und beraubte, erſtaunenswerth zu erzählen! noch denſelben Abend das Haus eines Pfandleihers, fand unter anderen einen ſchönen ſchwar⸗ zen Anzug, kleidete ſich in denſelben und trug die übrigen Effec⸗ ten zu zwei Freundinnen. Hierauf ſuchte er ſeine Gefährten in ihren Schlupfwinkeln auf und zechte in einem Branntweinladen, wo ein Knabe ihn erkannte und ſogleich davon lief, um die Anzeige zu machen. Er wurde daher faſt unmittelbar nach ſeiner Befreiung feſtgenommen und unter Begleitung einer ungeheuren Volksmenge, die ſich verſam⸗ melt hatte, um einen ſo außerordentlichen Menſchen zu ſehen, nach Newgate zurückgeführt. Er war indeſſen ſo betrunken, daß er in dieſem Augenblicke ſich ſeiner traurigen Lage nicht einmal bewußt zu ſein ſchien. Um ein abermaliges Entkommen zu ver⸗ hindern, ließ man ihn von nun an faſt nie allein und machte ſich für dieſe Mühe durch einen Theil der milden Gaben bezahlt, die von den Neugierigen einkamen, die herbeiſtrömten, um einen ſo ſeltenen Menſchen zu ſehen und zu ſprechen. Er war der Gegenſtand des allgemeinen Geſpräches, und nicht nur Leute aus dem niedern Volk, ſondern aus den höchſten Claſ⸗ ſen der Geſellſchaft beſuchten ihn. Er erzählte ſeine Abenteuer auf die ſpaßhafteſte Weiſe und bot ſein ganzes, niedrig⸗komiſches Talent auf, um die ihn Beſuchenden zu beluſtigen und ihnen Geld zu entlocken. So brachte dieſer Unglückliche ſeine letzten Tage auf eine Weiſe hin, welche ſein Gemüth von ernſten Gedanken 61 und dem ſchrecklichen Schickſal, das ihm bevorſtand, ablenkte. Auch hoffte er, daß die ausgezeichneten Perſonen, welche ihn be⸗ ſuchten und ſein Schickſal bemitleideten, ſeine Begnadigung er⸗ wirken würden; es geſchah aber nicht. Er wurde vor den Gerichtshof der Kingsbench im November 1724 gebracht, bewieſen, daß er derſelbe Jack Sheperd ſei, gegen den das Todesurtheil bereits geſprochen worden, und in Folge deſſen der Tag ſeiner Hinrichtung beſtimmt. Seine Luſt zum Le⸗ ben, ſo wie ſein Glaube an ſeine Geſchicklichkeit waren ſo groß, daß er ſich ein Meſſer verſchaffte, um die Stricke des Karrens, auf welchem er nach Tyburn geführt werden ſollte, durchzuſchnei⸗ den, in der Hoffnung, unter der Menge zu entkommen. Dieſes Meſſer wurde ihm jedoch, wenn auch mit vieler Schwierigkeit, durch Gewalt abgenommen. Als letztes Mittel bat er einen Freund, dem er alles Geld, das er von den Beſuchenden erübrigt hatte, gab, ſeinen Körper ſo ſchnell als möglich von dem Galgen wegzubringen, in ein warmes Bett zu legen, ihm zur Ader zu laſſen und alle möglichen Mittel anzuwenden, um ihn wieder in das Leben zu rufen. Sollte das nicht helfen, ſo ſchärfte er ihm ein, ſeine Leiche anſtändig zu begraben und das Geld armen Mutter zu geben. Er wurde auf einem Karren, gefeſſelt, nach der Richtſtätte geführt, benahm ſich ſehr ernſt, bekannte einige der ihm zur Laſt gelegten Raubthaten und läugnete andere. Seine Gewandtheit und die vielen Abenteuer, die er beſtanden hatte, verfehlten nicht, das Intereſſe des Publikums mächtig in Anſpruch zu nehmen. Lebrun. Die Annalen der menſchlichen Gerechtigkeitspflege ſind voll von Beiſpielen, wo der Unſchuldige für die Verbrechen eines Andern leiden muß, indem entweder der Schein, die ſeltſam zuſammen⸗ treffenden Umſtände, oder eine vorgefaßte Meinung des Richters Denjenigen mit Erbitterung verfolgt, der nie an das Verbrechen gedacht hat. Wenn der erſtere Fall die ernſte Erwägung des den⸗ kenden Menſchenfreundes erweckt und dem Richter verdoppelte Vor⸗ ſicht empfiehlt, ſich dem ſogenannten Indicienbeweis allzu leicht zu überlaſſen, ſo iſt der letztere Fall geeignet, jedes Herz mit Schrecken und Entſetzen zu erfüllen; denn wer kann nicht in dieſelben Um⸗ ſtände gerathen, daß in ſeiner Nähe ein Verbrechen begangen wird? wer iſt ſo unſchuldig, daß er nicht beargwohnt werden könnte, und wem muß nicht ein Grauen ankommen bei dem Gedanken, daß der Richter, der der Natur ſeines Standes nach nur zu den ausgezeichnetern Mitgliedern des Menſchengeſchlechts gehören, mit einem völlig vorurtheilsfreien Geiſt begabt ſein ſollte, nicht mehr und nicht weniger als andere Sterbliche den gewöhnlichſten Schwä⸗ chen unterworfen bleibt, wenn gleich er berufen iſt, in den geheim⸗ ſten Falten des menſchlichen Herzens zu leſen? Es ſcheint uns daher nothwendig, immer und immer wieder ſolche Fälle hervor⸗ zuheben, wo der Richter ſich einer ſtrafbaren Nachläſſigkeit in der Führung ſeines Amtes ſchuldig gemacht hat, damit die Richter der Gegenwart von den Fehlern der Vergangenheit belehrt, vorſichtiger 63 in der Ausübung ihrer Pflicht, gewiſſenhafter in der Beobachtung ihrer eigenen Gefühle und ſtrenger gegen ſich ſelbſt werden. Es giebt kein größeres Verbrechen als der Juſtizmord. Der Mörder, welcher in ein Haus einbricht, um ſich das Vermögen ſeines Neben⸗ menſchen anzueignen, der Straßenräuber, der den Reiſenden über⸗ fällt und zu Boden ſchlägt, ſind oft weniger ſtrafbar, denn ſie üben den Mord mehr oder weniger in der Aufregung der Leiden⸗ ſchaft aus, wie verdammlich dieſe auch ſei; der Richter aber, der, trotz aller Anzeigen der Unſchuld eines Angeklagten, darauf beharrt, ihn ſchuldig zu finden, oft nur aus Luſt, das Verbrechen zu ſtrafen, gleichviel an wem, mordet mit vorbedachtem, kaltem Willen und zerrüttet das Gebäude der Geſellſchaft weit mehr als der gewöhn⸗ liche Verbrecher, weil er die Bande der Sicherheit und des Ver⸗ trauens weit wirkſamer auflöſt, als jener. Gegen dieſen kann man hoffen, ſich durch verdoppelte Vorſicht zu bewahren; wer ſchützt uns gegen die Ungerechtigkeit und den verſtockten Eigenſinn des Richters? Folgende Darſtellung mag zeigen, wie begründet dieſe Betrach⸗ tungen ſind. In Paris lebte gegen Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts eine wohlbegüterte Frau, Namens Mazel, welche drei Söhne beſaß, die Herren von Savoniöre, von welchen der eine ſchon verheirathet und beim Parlamente als Rath angeſtellt war. Frau Mazel ſcheint mit ihm in keiner beſondern Einigkeit gelebt zu haben, beſonders ſeit ſie, gegen ſeinen Willen, ſeine Gattin, deren etwas zu freies Leben ihren Unwillen auf ſich gezogen hatte, in ein Kloſter ſperren ließ, von wo zwar Frau von Savoniöre mehrmals entkam, wohin ſie aber auf Antrieb ihrer Schwiegermutter immer wieder mit Gewalt zu⸗ rückgebracht wurde. Uebrigens ſcheint auch Frau Mazel keineswegs ein ganz vorwurfsfreies Leben geführt zu haben. Sie hielt in ihrem Hauſe, das ſie mit ihren Dienern allein bewohnte, wöchent⸗ lich mehrmals eine Spielgeſellſchaft und hatte in der dritten Etage 5* 64⁴ einem Abbé Poulard ein Zimmer eingeräumt, das durch eine ver⸗ deckte Treppe mit ihrem Schlafzimmer in Verbindung ſtand und dadurch Gelegenheit gegeben zu mancher üblen Nachrede. Ihr Haus, das in der Straße des Maſſons, nicht weit von der Sorbonne lag, beſtand aus vier Stockwerken und war auf folgende Weiſe bewohnt. Das erſte Stockwerk beſtand aus einem Saale, gleich beim Eintritt der großen Treppe, der als Vorzimmer diente, und in welchem ein Schrank mit dem Silberzeug ſtand, zu welchem das eine ihrer beiden Kammermädchen den Schlüſſel führte. An dieſem Saale war eine Niſche, wo Lebrun, der Kammerdiener der Frau des Hauſes, ſchlief, wenn er nicht bei ſeiner Frau die Nacht zu⸗ brachte, welche in einer andern Straße wohnte. Außerdem enthielt das erſte Stockwerk noch mehrere andere Gemächer, in denen Frau Mazel Perſonen, welche ſie beſuchten, und die ſchon erwähnte Spielgeſellſchaft empfing, denn man ſpielte bei ihr ſehr hoch. Sie ſelbſt ſchlief im zweiten Stockwerk, in einem Zimmer, das nach dem Hofe hinausging und zu dem man durch zwei andere Gemä⸗ cher kam, von denen das eine, gleich an der Treppe, Tag und Nacht offen blieb; das zweite innere Zimmer wurde, wenn Frau Mazel zu Bett gegangen war, von ihren Dienerinnen verſchloſſen und der Schlüſſel zum Schlafgemach gewöhnlich auf den Kamin des erſten, der zu dieſem auf einen Stuhl in der Nähe der Thüre des zweiten Zimmers niedergelegt. Uebrigens waren an dem Bette der Frau Klingelzüge angebracht, die mit Klingeln an der Thüre des Zimmers der Kammermädchen in Verbindung ſtanden. In dieſem Zimmer waren noch zwei andere Thüren, von denen die eine auf eine kleine verſteckte Treppe, die adere in eine Gar⸗ derobe ging, welche ebenfalls einen Ausgang auf die genannte Treppe hatte. Ueber der Garderobe in dem dritten Stockwerke war das Zim⸗ mer des Abbé Ponlard, ſonſt war die dritte Etage ganz unbewohnt. Im vierten Stockwerke befand ſich die Kammer, wo die beiden Kammermädchen der Frau des Hauſes ſchliefen, und daneben eine andere, in welcher die beiden Lakaien ſchliefen. Außerdem waren große Bodenräume daſelbſt, die nicht verſchloſſen wurden. Die Köchin ſchlief unten in einer Holzkammer, eine alte Frau in der Küche und der Kutſcher im Stalle. Die Kenntniß dieſer Eintheilung des Hauſes iſt höchſt wichtig, weil ſie zur Entdeckung des Verbrechers Gelegenheit geben konnte. Man ſieht daraus, daß es einem Diebe, einem Mörder ſehr leicht wurde, ſich zu jeder Stunde in das Haus einzuſchleichen und ſich in den leeren Zim⸗ mern, oder in den unverſchloſſenen Bodenräumen zu verſtecken. Das Haus war faſt Tag und Nacht offen, während den Spielge⸗ ſellſchaften ging es ſehr lebhaft darin zu, und Lakaien von allen Arten gingen darin ab und zu. An der Spitze des Haushalts ſtand der ſchon genannte Kam⸗ merdiener Lebrun, ein Mann, der bereits ſeit neunundzwanzig Jahren ſich im Hauſe der Frau Mazel befand und von ihr als ſo treu und bewährt erkannt worden war, daß ſie ihm nach und nach ihr ganzes Vertrauen geſchenkt hatte. Er war das Factotum des Hauſes, ecaſſirte ihre Gelder ein und legte ſie in die Geldkiſte, welche ſich in der Garderobe neben ihrem Schlafzimmer befand und mit einem ſehr künſtlichen Schloſſe verſehen war, das nicht Jeder zu öffnen verſtand; er beſorgte die Einkäufe und bereitete die feineren Gerichte, die bei ihren Abendgeſellſchaften ſervirt wurden, und hielt das Ganze in ſo genauer Aufſicht, daß er unter Anderm zuerſt entdeckte, daß ſeine Herrin von einem ihrer Diener beſtohlen worden war. Er wollte ihn gerichtlich verfolgen laſſen, wurde aber von Herrn von Savoniere davon zurückgehalten, der ihm ſagte, ſeine Mutter wünſche das nicht, da ſie doch von ihrem Eigenthum nichts zurückerhalten werde und außerdem die Verhand⸗ lungen mit den Gerichten nicht liebe. Sie entließ den Dieb nur aus ihrem Dienſte. 66 Wie ſtreng rechtlich Lebrun in allen ſeinen übrigen Lebensver⸗ hältniſſen war, möchte auch noch daraus hervorgehen, daß er bei ſeiner Verheirathung es abgelehnt hatte, eine Wohnung in dem Hauſe der Frau Mazel zu beziehen, da er fürchtete, ſeine Kinder möchten an dem Leben in dieſem Hauſe kein gutes Beiſpiel finden. Seitdem waren ſeine Kinder, zwei Töchter, erwachſen; ſie trieben das Geſchäft von Putzmacherinnen und waren darin ſo geſchickt, daß ſie eine ausgebreitete Kundſchaft beſaßen und, wie ihre Aeltern, in allgemeiner Achtung ſtanden. Auch Frau Mazel hatte die beiden Mädchen gern, die ſie zuweilen beſuchten und von ihr ſtets freund⸗ lich aufgenommen wurden. Am erſten Adventsſonntage, den 27. November 1789, beſuchten ſie ſie nach dem Mittagseſſen und wurden von ihr herzlich will— kommen geheißen; ſie bedauerte nur, ſie nicht länger bei ſich ſehen zu können, da ſie im Begriff war, die Vesper zu beſuchen, lud ſie aber ein, zu einer bequemern Stunde wieder zu kommen. Es war das letzte Mal, daß ſie einander ſahen, denn noch in dieſer Nacht wurde Frau Mazel von einem gewaltſamen Tode ereilt. Lebrun, der ſie, wie gewöhnlich, in die Kirche zu den Prämon⸗ ſtratenſern auf der Straße Hautefeuille begleitete, verließ ſie da⸗ ſelbſt und begab ſich nach der Kirche der Jacobiner in der Jacobs⸗ ſtraße, um hier die Vesper zu hören. Nach beendigtem Gottesdienſte ging er mit dem Schloſſermeiſter Lagus zu einem Garkoch Gautier, wo ſie ſich das Mahl einkauften, das ſie gemeinſam genießen wollten. Darauf ging er noch einmal in das Haus ſeiner Ge⸗ bieterin, um ſich zu überzeugen, daß man ſeiner nicht bedürfe, beſuchte ſeine Frau in ihrer Wohnung bei dem College Harecourt und holte gegen 8 Uhr Abends ſeine Gebieterin in der Straße du Bellrie bei Madame Duvai ab, wie ſie es ihm befohlen hatte, worauf er ſich zum Nachteſſen zum Schloſſer Lagus begab. Frau Mazel ſpeiſte, wie gewöhnlich, mit dem Abbé Poulard zu Abend. 67 Dieſer Abbé war durch eine Bulle des Papſtes genöthigt wor⸗ den, aus dem Orden der Jacobiner auszutreten, in dem er zwan⸗ zig Jahre gelebt hatte, um in den Orden der Benediectiner von Cluni einzutreten, wo man ihn aber ſeines ungeordneten Lebens wegen nicht aufnehmen wollte. Ohne die Milde der Frau Mazel, die ihn bei ſich aufnahm und unterſtützte, wäre er in eine ſehr bedenkliche Lage gekommen. Er lebte bereits zwölf Jahre theils in ihrem Hauſe, theils in einer Wohnung, die er in derſelben Straße gemiethet hatte. Mit der Zeit waren Beide zu großer Vertraulichkeit mit einander gekommen, der Abbé betrug ſich wie der Herr des Hauſes, befahl und ſchalt die Diener, als wären es die ſeinigen, und war in dem Teſtament der alten Frau wohl bedacht. um 11 Uhr des Abends ging ſie zu Bett, und ihre beiden Kammermädchen waren noch bei ihr, als Lebrun an der Thüre zur geheimen Treppe kratzte(die Bedienten damaliger Zeit mach⸗ ten ſich auf dieſe Weiſe, nicht durch Anklopfen bemerklich). Frau Mazel fragte, wer da ſei, und eine ihrer Zofen entgegnete ihr, es ſei Lebrun. Dieſer war, als er ſah, daß man ihm hier nicht öffnete, zur Haupttreppe heraufgegangen, und Frau Mazel empfing ihn mit den Worten:„Das iſt eine ſehr gelegene Zeit!“ Sie gab ihm darauf ihre Befehle für den folgenden Tag, wo die Spielgeſellſchaft gewöhnlich zuſammen kam, worauf die Kam⸗ mermädchen die Schlafſtube verſchloſſen, den Schlüſſel an den ge⸗ wohnten Ort legten und ſich entfernten. Lebrun, der zuletzt zur Thüre des erſten Zimmers hinaus ging, zog die Thüre hinter ſich zu. Die Mädchen ſprachen noch einige Zeit mit ihm, erzähl⸗ ten ihm von dem Beſuch ſeiner Töchter bei ihrer Frau, und er erſchien dabei ganz ruhig, wie ein Menſch, der keinen geheimen Gedanken mit ſich herumträgt. Am folgenden Tage, am 28. November, ging er in die Fleiſch⸗ 68 bänke und auf den Gemüſemarkt, wo er einen Buchhändler traf, der mit ihm bekannt war, lange mit ihm ſprach und verſicherte, er habe ſeinen Geiſt ſo ruhig und heiter gefunden wie gewöhnlich. Der Fleiſcher, welcher gewöhnlich das Haus mit ſeinen Waa⸗ ren verſorgte, hat ausgeſagt, daß Lebrun ihn gebeten habe, ſo ſchnell als möglich ihm das Fleiſch zu ſchicken, damit er ſeiner Gebieterin die Bouillon machen könne und ebenfalls verſichert, er habe ihn ganz ruhig und unbefangen gefunden. Noch begegnete Lebrun drei anderen ſeiner Freunde, die ihn bis in ſein Haus begleiteten und von ihm mancherlei Späße erzählten, die er bei dieſer Gelegenheit gemacht habe und von ſeiner Gei⸗ ſtesruhe Zeugniß ablegen konnten. Er beurlaubte ſich endlich von ſeinen Freunden und ging in die Küche, um diejenigen Vorbereitungen zu der Abendtafel zu machen, die er beſonders gut zu machen verſtand und ihm daher überlaſſen waren. Dann gab er den Lakaien Holz, um es in die Zimmer der Frau zu tragen, die ſich, wie er ſelbſt, wunderten, daß ſie noch nicht munter ſei, obgleich es bereits 8 Uhr des Mor⸗ gens war. Man hörte in dem Schlafzimmer noch immer kein Geräuſch, obgleich Frau Mazel gewöhnlich ſchon um 7 Uhr aufſtand. Lebrun ging inzwiſchen zu ſeiner Frau und geſtand ihr ſeine Unruhe über dieſes lange Schlafen ſeiner Gebieterin, auch über⸗ gab er ihr ſieben Louisd'or und einen Goldthaler, da ſie gewöhn⸗ lich ſein Geld im Verſchluß hielt. Er begab ſich darauf in ein Schenkhaus, dem Haus der Frau Mazel gegenüber, und fragte von hier aus einen Lakaien, den er am Fenſter des Vorzimmers be⸗ merkte, ob ſeine Gebieterin erwacht ſei. Er erhielt eine verneinende Antwort. Er ging jetzt in das Haus zurück, wo alle Diener beunruhigt waren, daß ſich ihre Frau noch nicht rege, um ſo mehr, als die Lakaien bei dem Holzhereintragen viel Lärm gemacht hatten. Man klopfte an die Thüre des Schlafzimmers und rief ſie beim Namen, erhielt aber keine Antwort, und Einige muth⸗ 69 maßten, es möchte ſie wohl ein Schlagfluß getroffen haben, da ſie öfters an heftigem Naſenbluten litt. Lebrun ſagte:„Da iſt wohl etwas Schlimmeres im Hintergrunde; es macht mich ſehr unruhig, daß ich heute Nacht die Straßenthüre offen gefunden habe. Man eilte in den Juſtizpalaſt, Herrn von Savonière zu be⸗ nachrichtigen, der ſogleich kam und nach einem Schloſſer ſchickte, um die Thür öffnen zu laſſen. Unterdeß wandte er ſich zu Lebrun und fragte ihn: „Was iſt das, Herr Lebrun? Sollte es ein Schlagfluß ſein?“ Einer der Umſtehenden gab den Rath, einen Wundarzt herbei⸗ zurufen, Lebrun aber entgegnete: „Davon kann keine Rede ſein; es iſt gewiß ſchlimmer; ich vermuthe ein Verbrechen. Ich bin unruhig wegen der Hausthüre, die ich dieſe Nacht offen gefunden habe.“ Der Schloſſer öffnete die Thüre mit Leichtigkeit. Lebrun trat zuerſt ein, eilte an's Bett der Frau Mazel, rief ſie mehrmals beim Namen, dann ſchrie er laut auf und rief:„Ach Gott, Ma⸗ dame iſt ermordet!“ Es iſt unnütz, den Eindruck zu ſchildern, den das entſetzliche Schauſpiel, was ſich den Anweſenden darbot, erregte. Während Lebrun in die Garderobe eilte, das Fenſter öffnete und die Geld⸗ kaſſe unterſuchte, die er anſcheinend unverletzt fand, ließ Herr von Savonidre den Criminalrichter, Herrn Deffihn, holen, brachte bei ihm ſeine Klage an und verlangte, daß der Leichnam ſeiner Mut⸗ ter von Wundärzten unterſucht werde. Dieſe fanden den Körper der Ermordeten mit fünfzig Meſſer⸗ ſtichen bedeckt, ein großer Theil derſelben war an den Händen und Armen, einige im Geſichte und an der Achſel zu ſehen, keiner war, nach der Ausſage der Aerzte, wirklich tödtlich, ſie hatten aber eine große Verblutung herbeigeführt, die den Tod nach ſich gezogen hatte. 70 In dem Bette, das ganz mit Blut erfüllt war, fand man das Stück eines Halstuches mit Spitzen beſetzt und ganz mit Blut befleckt, eine Serviette, die als Mütze gewunden war nach Art derer, welche man beim Ballſpiel gebraucht. Dieſe Serviette, welche ebenfalls blutig war, trug das Zeichen S., wie die des Hauſes. Man erkannte daraus, daß Frau Mazel im Kampfe mit dem Mörder ihm das Stück Halstuch und die Mütze entriſſen habe. In einer ihrer Hände hielt ſie noch ein Büſchel Haare. Uebrigens waren alle Finger durchſchnitten, woraus man ſehen konnte, daß ſie ſich auf das Aeußerſte gewehrt hatte. Die Klingelſchnüre waren ſo zuſammengebunden, daß Frau Mazel ſie nicht hatte erreichen können. Endlich fand man auch in der Aſche des Kamins ein acht bis neun Zoll langes Taſchenmeſſer, deſſen Schildkrotſchale faſt ganz verbrannt war, das aber keine Blutſpur an ſich trug. Der Schlüſſel zu dem Zimmer fand ſich nirgends, eben ſo wenig konnte man an den äußern Thüren Spuren gewaltſamer Erbrechung erkennen; nur bemerkte man an der Hauptthür des Zimmers ein kleines Aſtloch, das verſtopft war, aber ſchon lange in dieſem Zuſtande geweſen zu ſein ſchien. Bei fernerer Unterſuchung öffnete man auch den Schrank in der Garderobe, zu dem der Schlüſſel ſich gewöhnlich unter dem Kopftiſſen des Bettes der Frau Mazel befand. Man fand darin einen Beutel, in den das Spielgeld gelegt wurde, und der gegen 278 Livres in Gold enthielt. Aus dem Schranke nahm man den Schlüſſel zur Geldeaſſe, da das Schloß aber ſehr künſtlich zu öffnen war, gebrauchte man einen Schloſſer dazu, der wenigſtens eine Viertelſtunde Zeit darauf verwandte. In der Caſſe lagen vier Beutel mit Silbergeld, ein jeder 1000 Livres enthaltend, und noch mehrere andere Beutel, in denen verſchiedene Summen waren, unter ihnen befand ſich ein großer Beutel von grüner Seide, der offen und leer war, und ein Käſtchen, welches das ganze Geſchmeide der Frau Mazel, gegen 15,000 Livres an Werth, enthielt. Aus dem Allen ſchien hervorzugehen, daß der Mörder die Abſicht des Stehlens nicht gehabt habe. Als der Criminalrichter die beiden Kammermädchen verhört hatte, wandte er ſich an Lebrun, der ihm umſtändlich erzählte, was er am Tage zuvor gethan. Er geſtand, daß er, nachdem er mit dem Mädchen auf dem Flur geſprochen, in den Vorſaal des erſten Stockwerks hinabgegangen ſei, dort ſich am Kamin gewärmt habe und umnerklich dabei eingeſchlummert ſei. Gegen ein Uhr wäre er erwacht, habe die Hausthür verſchließen wollen und habe ſie angelweit offen gefunden. Er hätte ſie dann zugemacht und den Schlüſſel in ſeine Taſche geſteckt. Man durchſuchte ihn und fand bei ihm den Schlüſſel zu dem Bedientenzimmer und einen Hauptſchlüſſel, der das Schlafzimmer der Frau mit Leichtigkeit öffnete; er war das Hauptindicium gegen ihn. Der Criminalrichter ließ ihn ſogleich verhaften, ſetzte ihm die Serwiettenmütze auf den Kopf, die ihm ziemlich gut zu paſſen ſchien, und ſchickte ihn, nach einer ſehr oberflächlichen Unterſuchung des Bedientenzimmers, die nichts zur Ueberführung des Lebrun an die Hand gab, ins Gefängniß, ſo wie er auch die Gattin Lebrun's verhaften ließ. Bei der fernern Unterſuchung fand man weder an dem Körper Lebrun's, noch an ſeinen Kleidern die geringſte Blutſpur, nicht einmal die leichteſte Schramme an ſeinen Händen. Wohl aber fand ſich auf der verdeckten Treppe ein Strick mit Knoten, der augenſcheinlich als Strickleiter hatte dienen ſollen, ferner auf dem Boden, unter Stroh verſteckt, ein Hemde, das an der Bruſt und an den Aermeln ganz mit Blut bedeckt war; unter dieſem Hemde noch eine männliche Halsbinde, ebenfalls blutig. Als man dieſe Wäſche mit der Lebruns verglich, erkannten die mit der Unterſuchung beauftragten Wäſcherinnen, daß ſie nicht zu ihr gehöre, wohl aber ſagten die Kammermädchen der Frau Mazel aus, daß ſie ſich erinnerten, es früher für den Lakaien Berry 72 gebleicht zu haben, der die Frau Mazel um 1500 Livres beſtoh⸗ len hatte. Ungeachtet dieſes Gegenbeweiſes gegen die Schuld des Ange⸗ lagten, ungeachtet der allgemeinen Stimme, die ſich über ſein vergangenes Leben nur günſtig ausſprach, ungeachtet einer neun⸗ undzwanzigjährigen untadelhaften Dienſtzeit, fuhren die Richter fort, Lebrun als den Schuldigen zu erkennen und, ohne ſich um den ſchon ſo ſehr verdächtigen Berry zu bekümmern, den Unſchul— digen zu verfolgen. Alle Anzeichen ſprachen gegen dieſe Anklage. Erſtens bewieſen die Meſſerſtiche, von denen keiner tief eingedrungen war, daß der Mord von einem ſchwächlichen Menſchen ausgeführt ſein mußte, Lebrun aber war ein kräftiger Mann. Zweitens ward das Meſſer, das man in der Aſche gefunden, nicht als das Eigenthum Lebrun's erkannt. Drittens war die mit Blut beſudelte Wäſche nicht als die Le— brun's erkannt. Demungeachtet lautete gleich das erſte Urtheil, das der Ge⸗ richtshof unter dem 18. Januar 1690 gegen Lebrun erließ: „Daß Lebrun überführt ſei, Theil an dem Morde der Frau „Mazel genommen zu haben, und er ſei deshalb zur öffentlichen „Kirchenbuße und dann zum Tode durch das Rad verurtheilt; „zuvor aber ſolle er der ordentlichen und außerordentlichen Tortur „unterworfen werden, um zum Geſtändniß ſeiner Mitſchuldigen „gebracht zu werden. All' ſein Vermögen ward dem Fiscus con⸗ „fiseirt, nach Abzug von 100 Livres Strafgelder, 8000 Livres „Schadenerſatz für die Herren von Savonière und 100 Livres zur „Stiftung einer Seelenmeſſe für Frau Mazel. Ueberdies ward „Lebrun des von ſeiner Gebieterin ihm teſtamentlich ausgeſetzten „Legats für unwürdig erklärt und er und ſeine Gattin bis auf „weitere Unterſuchung in die Koſten verurtheilt.“ Lebrun wandte gegen dieſes Urtheil das Rechtsmittel der Ap⸗ w pellation ein; doch das Appellationsurtheil beſtätigte das frühere Urtheil in der Hauptſache, und Lebrun ward der Tortur unterwor⸗ fen. Er hielt ſie nicht aus und ſtarb an den erlittenen Martern. Bald nach ſeinem Tode ward der wahre Mörder entdeckt. Am 27. März deſſelben Jahres ward der ehemalige Lakai der Dame Mazel von dem Prévoͤt von Sens verhaftet, ohne daß man er⸗ fährt, warum das nicht früher geſchehen, oder warum es jetzt erſt von der Juſtiz beliebt wurde. Man fand bei ihm eine goldene Uhr, die als das Eigenthum der Frau Mazel erkannt wurde; aber auch jetzt noch will die blinde Juſtiz ihr ſchmachvolles Urtheil recht⸗ fertigen, ſie erklärt Lebrun als Mitſchuldigen Berry's und verur⸗ theilt ihn zum Schadenerſatz ꝛe. Erſt auf dem Schaffot geſteht dieſer Letztere, daß er der allein Schuldige ſei. Seine Ausſage erklärt das Verbrechen auf folgende Weiſe: „Am 23. November,“ erzählt er,„kam ich nach Paris und ſtieg in dem Gaſthofe zum goldenen Wagen ab. Am 25. November ſchlich ich mich gegen Abend in das Haus der Frau Mazel ein, deſſen Hausthür offen ſtand; ich fand Niemand im Hofe und ſtieg auf den kleinen Heuboden neben dem Stalle, wo ich bis zum Sonntag früh 11 Uhr blieb und mich von Brot und Acpfeln nährte, die ich mit mir gebracht hatte. Ich wußte, daß um dieſe Zeit Frau Mazel gewöhnlich ausging, um die Meſſe zu hören. Ich ſtieg daher von dem Boden herab und begab mich in ihr Zimmer, das ich offen fand, da die Kammermädchen es eben in Ordnung gebracht hatten; ich vermuthete das aus dem leichten Staube, der noch im Zimmer war. Ich wollte mich unter das Bett verſtecken, wurde aber daran durch meinen Oberrock verhin⸗ dert. Ich ging daher wieder auf den Heuboden zurück und zog meinen Rock aus; ging dann in Hemdärmeln wieder in das Zimmer, wo ich Niemand fand, und verſteckte mich unter das Bett. Nach⸗ mittags, als Frau Mazel in die Vesper gegangen war, kroch ich unter dem Bette vor, ließ aber meinen Hut daſelbſt, der mich 7⁴ ſehr inevmmodirte, und nahm hinter dem Spiegel eine Serviette weg, die ich mir um den Kopf ſchlang. Während dieſer Zeit verknüpfte ich auch die Klingelſchnur, wärmte mich am Kaminfeuer und blieb daſelbſt ſitzen, bis ich Abends den Wagen in den Hof rollen hörte. Jetzt kroch ich wieder unter das Bett und blieb da⸗ ſelbſt bis Mitternacht. Gegen ein Uhr, als Frau Mazel einge⸗ ſchlafen war, kam ich hervor, doch mußte ſie mein Geräuſch erweckt haben, denn ſie war wach. Ich verlangte Geld von ihr, und als ſie um Hülfe rufen wollte, ſagte ich ihr:„„Madame, wenn Sie ſchreien, ſo ermorde ich Sie.““ Sie achtete nicht darauf, langte nach der Klingelſchnur, und ich warf mich nun auf ſie und gab ihr mehrere Stiche. Sie vertheidigte ſich nicht ſehr, ſondern ſank auf das Bett zurück und verbarg das Geſicht in das Kiſſen. Ich gab ihr darauf noch mehrere Stiche, bis ſie todt war. Hätte ſie nicht geſchrieen, ſo würde ich ſie nicht getödtet haben. Dann zündete ich ein Licht an, nahm unter dem Kopfkiſſen den Schlüſſel zur Geldeaſſe, aus der ich aus einem Beutel gegen 5— 6000 Livres nahm, die ich in einen andern Beutel ſteckte, worin ſich einige Goldſtücke befanden. Darauf verſchloß ich die Caſſe, legte den Schlüſſel in den Schrank, aus dem ich eine goldene Uhr zu mir ſteckte, und legte den Schrankſchlüſſel wieder ins Bett, wie es Frau Mazel gewohnt war. Mein Meſſer warf ich in den Kamin. Was aus meiner Halsbinde geworden iſt, weiß ich nicht, die Mütze ließ ich im Bett, holte meinen Hut unter dem Bett hervor und ging zum Zimmer hinaus. Ich kehrte jetzt auf den Heuboden zurück, wuſch meine Hände mit Urin, zog mein Hemde aus, das ich unter das Stroh verſteckte, zog meinen Rock auf den bloßen Leib und tappte mich dann bis zur Hausthür hin, die ich noch unverſchloſſen fand. Ich ließ ſie offen und eilte in meinen Gaſt⸗ hof zurück, wo ich die Magd aus dem Schlafe wecken mußte, damit ſie mir die Thür öffne, und legte mich zur Ruhe.“ So weit das Geſtändniß des wahren Mörders. — Sobald dies Bekenntniß offenkundig geworden war, ſuchte die Frau Lebrun's zunächſt das Gedächtniß ihres Gatten reinzuwaſchen von der entſetzlichen Anklage, der er unterlegen war, und verklagte dann die Herren von Savonieère als Urſache ſeines Todes, indem ſie nicht allein das teſtamentariſche Legat der Frau Mazel mit den Verzugszinſen reclamirte, ſondern auch einen Schadenerſatz von 50,000 Livres für ihre Kinder und 20,000 Livres für ſich verlangte. Dieſer neue Proceß dauerte bis zum 30. März 1794, wo Frau Lebrun durch Urtheilsſpruch des Parlaments zwar das Legat mit den Verzugszinſen und Ehrenrettung ihres Gatten, doch keine Entſchädigung erhielt. Dr. Meyer. Der Schwur des Paſcha. Die Heilighaltung des Schwures iſt einer der bemerkenswertheſten Züge im Charakter der Türken. Hier ſpricht ſich der Ernſt und die Würde des Muſelmannes am ſtärkſten aus. Gewiß, es giebt unter den Türken, wie überall, Verräther und Schurken, aber Wortbrüchigkeit findet man bei ihnen nicht, wie oft unter den Chriſten. Es geht mit der Loyalität des Türken wie mit der Gaſt⸗ freundſchaft des Arabers, ſie iſt ſprüchwörtlich erblich geworden, ſie wurzelt im Boden und Cultus, und zeigt ſich vorzugsweiſe bei den Feindſchaften, daß ſie über den Schwächen des menſchlichen Herzens erhaben iſt. Hat ein Muſelmann einmal ſeinen Schutz verſprochen, ſo iſt ſein Wort unverbrüchlich, und der Haß und das Intereſſe würden vergeblich ihre Beredtſamkeit aufbieten, um dieſes heilige Band zu löſen; doch auch dann, wenn ein Türke geſchworen hat, ſich zu rächen, ſo kann kein Geſetz, keine Macht in der Welt ihn von der Erfüllung ſeines Willens zurückhalten, oder die Kraft ſeines Schwures mindern. Ein tragiſches Ereigniß, das während meines Aufenthaltes im Orient ſich bei Konſtantinopel zutrug, kann als blutiger Beweis dieſes türkiſchen Nationalzuges dienen. Ich mußte mich von Konſtantinopel nach Salonichi begeben und machte die Reiſe auf türkiſche Art, d. h. zu Pferde unter der Begleitung eines Tataren. Ganz beſondere Fermane empfahlen mich hinreichend an Muſtapha, den Paſcha von Salonichi, einen Mann von vielem Einfluß bei der hohen Pforte und Liebling des Sultans. Ein armeniſcher Bankier in Konſtantinopel hatte mir auch einen Creditbrief für einen ſeiner Landsleute mitgegeben, der gewöhnlich in Mielnik wohnte, einem großen Flecken auf der Straße nach Salonichi. In der Türkei ſind die Wechſel- und Handels⸗ häuſer Monopole der Armenier, und ein Engländer, der lange in der Türkei gelebt hat, bringt eine eben ſo genaue Kenntniß der armeniſchen Sitten nach London, als hätte er Jahre lang in Aſien, zu Erzerum oder an den Ufern des Euphrat gelebt. So wie ich nach Mielnik kam, ließ ich mir das Haus Pascab's, des Armeniers, zeigen. Anfangs wollte er mich nicht annehmen, was mich etwas überraſchte, doch nachdem er meinen Brief geleſen hatte, wurde er zugänglicher und ließ mich hereinführen. Ich fand in Pascal einen Mann von geſetztem Alter, mit einer ernſten, zer⸗ ſtreuten Miene, ziemlich melancholiſch, denn er ließ von Zeit zu Zeit ſchwere Seufzer hören, und ſelbſt im Aeußern herrſchte der Kummer, der ihn im Geheim verzehren mochte, ſo ſichtbar vor, daß ich gleich bei meinem erſten Beſuche überzeugt war, es müſſe ihn ein häusliches Unglück betroffen haben, ſo daß ich ſchon in meiner erſten Unterhaltung mich vielfach wegen der Läſtigkeit meines Beſuchs entſchuldigte. „Du haſt Recht und Unrecht mit Deinen Vermuthungen,“ ſagte mir der Armenier darauf;„meine Familie iſt geſund und wohl, Gott ſei gedankt, aber morgen muß mein Freund ſterben.“ Dieſe Antwort war berechnet, meine Neugierde aufzuregen, und ſogleich legte ich eine ſo lebhafte Theilnahme an dem Unglück ſei⸗ nes Freundes in Worten und Geberden an den Tag, daß er nicht anſtand, mit der größten Ausführlichkeit das Ereigniß zu erzählen, das ihn ſo tief beugte. Im Januar 1838 fanden Kaufleute, die in kurzen Tagereiſen von Mielnik nach Salonichi gingen, in einiger Entfernung von erſterer Stadt die Leichname zweier ermordeter Menſchen, von denen der eine offenbar ein Mann von hohem Stande, der andere ein 78 Tatar geweſen war. Der erſtere war mit einer Piſtolenkugel, die ihm die Bruſt durchbohrt hatte, der treue Tatar aber, wahrſchein⸗ lich in der Vertheidigung ſeines Herrn, mit mehrern Hieben des Yataghan getödtet worden. Ihre Leichen waren völlig entkleidet, man hatte ihnen nur den Fez und das Untergewand gelaſſen; ihre Pferde fand man nicht weit davon, ihres Gepäckes beraubt, in der Ebene. Bei dem Anblick dieſer Leichen hielten die Kaufleute es für beſſer, um den Verdacht des Mordes nicht auf ſich zu laden, ſie nach Mielnik zu bringen und den Mord anzuzeigen. Sie fingen daher die Pferde ein, beluden ſie mit den Leichnamen und kehrten nach Mielnik zurück, wo der Aga ihre Ausſage zu Protvcoll nahm und die Ermordeten in der Hauptmoſchee ausſtellte, um ihre Namen zu entdecken. Nun wollte der Zufall, daß Muſtapha Paſcha denſelben Tag in Mielnik erwartet wurde, und der Aga glaubte, er dürfe vor der Ankunft ſeines Vorgeſetzten keine Nachforſchungen anſtellen, die Mörder zu ergreifen. Sobald Muſtapha in die Thore von Mielnik trat, erfuhr er von der aufgeregten Volksmaſſe die Kunde des entſetzlichen Vorfalls, doch Niemand konnte ihm die Namen nennen, man ſprach nur von den Leichnamen, die den Blicken der Menge in den Hallen der Moſchee ausgeſtellt waren. Muſtapha, erzürnt über dieſe That, wandte ſein Pferd nach dem heiligen Orte, ſtieg ab und trat, von einer ungeheuren Volksmenge um⸗ geben, in das Gebäude.„ Mitten im Tempel ſah man, auf einem Teppich, das Antlitz verhüllt, die Füße nach Oſten gewandt, die beiden Gemordeten; ſie lagen auf dem Rücken, einer gegen den andern. Muſtapha näherte ſich langſam, doch als er ſich auf die Kniee niedergelaſſen hatte, um ihre Züge beſſer zu erkennen, ſtieß er plötzlich einen Schrei des Entſetzens aus, raufte ſich den Bart, warf ſich auf dem Boden des Gebäudes nieder und blieb, die Stirne — ——— gegen die Erde gedrückt, in einem unbeweglichen, lautloſen Schmerz verſunken. Nach einer langen Pauſe, während welcher Niemand ihn zu unterbrechen wagte, erhob er ſich; ſein Geſicht war bleich, doch ſtreng und ruhig, wie wenn die Ruhe eines feſten Entſchluſſes die Heftigkeit des Schmerzes gebrochen hätte. Jetzt beugte er ſich noch einmal über die beiden Gemordeten, ergriff die Hand des ihm zunächſtliegenden Leichnams und rief mit einem Blick zum Himmel: „O Seid Mohammed! als Du beim Uebergange über den Balkan mein Leben gegen die Wuth der Ruſſen beſchützteſt, ſchwor ich, Du ſollteſt mir von jetzt an ein Bruder ſein, und jüngſt gelobte ich bei Allah und ſeinem heiligen Propheten, daß unter meiner Regierung kein Verbrechen ungeſtraft bleiben ſollte! Dieſen Schwur wiederhole ich in Deinem Namen und vor Deinem Leich⸗ nam! Ich werde Deine Mörder bis in die unbekannteſten Gegenden der Erde verfolgen; ich werde ihr Blut tropfenweiſe zur Sühne des Verbrechens vergießen laſſen, ihre Augen ſollen den Geiern zur Speiſe dienen und ihr Fleiſch von den Schakals zerriſſen werden, ihre Gebeine bleichen in den Stürmen des Himmels. Eher ſoll der Sarg meines Vaters entehrt werden, ehe ich meine Gelübde, meine Schwüre vergeſſe! O Seid, v mein Bruder! Du hörſt mich! Du hörſt mich! Ich habe geſprochen!.. Muſtapha warf noch einen letzten Blick auf den Mann, den er ſo ſehr geliebt, und entfernte ſich aus der Moſchee, ohne ein Wort, eine Geberde ferner hinzuzufügen. Seine einzige Sorge war von jetzt an, nichts zu unterlaſſen, um die Spuren der Mörder auf ihrer Flucht aufzufinden, und er verſprach eine Belohnung von 20 Beuteln Jedem, der ihm die erſten Anzeigen über den Ort ihres Aufenthaltes geben könnte. Während dieſer Nachforſchungen hielt er ſich im Hauſe Sereski's, eines reichen Armeniers, auf, wo er gewöhnlich während ſeiner Anweſenheit in Mielnik wohnte, zog ſich in ſeine innerſten Gemächer 6* 80 zurück und überließ ſich drei Tage und drei Nächte lang dem bitterſten Schmerze. Man erfuhr jetzt in der Stadt, daß der Ermordete Seid Moham⸗ med, der innigſte Freund Muſtapha's, geweſen, der als Cuurier von der Pforte nach Salonichi mit Depeſchen und 400,000 Piaſtern öffentlicher Gelder an den Paſcha geſchickt worden war. Seid Mohammed war am Nachmittag in Mielnik angekommen und von einigen Bewohnern im Bade geſehen worden, von wo er ſich in die Moſchee begeben hatte, um ſein Gebet zu verrichten. Nicht ohne Grund vermuthete man, daß er das Opfer einiger albaniſchen Räuber geworden ſei, die ſchon ſeit einiger Zeit die Umgegend unſicher machten, ſo daß, den Lehren des vrientaliſchen Fatalis⸗ mus entgegen, die die Unmöglichkeit behaupten, dem Verhängniſſe zu entgehen, wenig Türken ohne eine ſtarke militäriſche Escorte den gefährlichen Weg nach Salonichi wagten. Nach drei Tagen der Trauer erhielt endlich Sereski, der Arme⸗ nier, Zutritt zu dem Paſcha, der ſich über die Mittel berathſchla⸗ gen zu wollen ſchien, die nöthig wären, die Schuldigen zu er⸗ greifen. Der Armenier theilte zwar allen Schmerz, allen Zorn ſeines Gaſtes, und ſuchte ihn durch Erhebung und Lobpreiſungen der Tugenden Seid's zu tröſten; zugleich aber ſuchte er für ſich ſelbſt den Platz zu gewinnen, den der Verſtorbene in Muſtapha's Vertrauen beſeſſen. Doch ſo bereitwillig der Paſcha war, ſeiner ihm erwieſenen Freundſchaft Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſo wenig wollte er von ſeinem Vorhaben ablaſſen und forderte den Armenier ſelbſt auf, ihm zur Auffindung der Mörder behülf⸗ lich zu ſein. Als die erſten Schritte geſchehen waren, überließ ſich Muſtapha ſeinen trüben Gedanken. In dieſem träumenden, halb wachenden Zuſtande öffnete ſich der perſiſche Teppich, welcher den Eingang des Zimmers verhüllte, und eine kleine feenartige Geſtalt ſchritt furchtlos in die Höhle des verwundeten Löwen, in ihren Händen einen großen Korb mit 81 Blumen tragend, die ein geſtickter Schleier bedeckte. Es war Irene, einzige Tochter Sereskis, deren natürliche Anmuth nicht ohne Ein⸗ fluß auf den Paſcha war. Vor ſechs Jahren, als die Frau des Armeniers Joſhua während der Geburt dieſes Kindes geſtorben, hatte ſich Muſtapha gerade im Hauſe des Armeniers befunden, und dieſer Umſtand trug nicht wenig bei, ſeine Gunſt dem Vater und dem Kinde zu gewinnen. Je mehr das Kind herangewachſen war und an Liebenswürdigkeit und Anmuth gewonnen hatte, je offener hatte ſich des Paſcha's Vorliebe für daſſelbe gezeigt, ſeine häuſigen Be⸗ ſuche in Mielnik kamen zum großen Theil auf Rechnung des Kindes, und oft hatte er dem Vater verſprochen, ſollte je Irene eine Waiſe werden, ſo würde er ſie adoptiren. Bei dem ernſten und trüben Blicke des Paſcha mäßigte das Kind ſeinen leichten Schritt und ſetzte ſich ruhig zu den Füßen Muſtapha's nieder, mit ſeinen Blumen zu ſpielen. Als dieſer aber immer noch kein Zeichen des Lebens gab, berührte ſie die gebräunten, mit glänzenden Ringen geſchmückten Finger des Pa⸗ ſcha und ſagte, indem ſie ihn freundlich anlächelte: „Paſcha, wenn Du ein wenig mit mir lachen willſt, wie Du es immer thuſt, ſo gebe ich Dir meine ſchönſten Roſen.“ „Kind,“ entgegnete Muſtapha mit düſterem Ton,„ich brauche Deine Roſen nicht, denn mein Herz iſt voll Dornen.“ „Dann will ich Dir einen Talisman geben,“ fing Irene wieder an,„der Dir Dein von den Dornen wundes Herz heilen ſoll.“ „Nimm fort die Roſen und den Talisman und laſſ mich! Mein Herz iſt ſchwer, es hört Dich nicht.“ Doch Jrene ließ nicht ab. Mit dem geheimnißvollen, ſchlauen Weſen, das Kinder ſo gern annehmen, die etwas wiſſen und ver⸗ bergen, wickelte ſie den Shawl, der ihr als Gürtel diente, aus⸗ einander und zog aus ſeinen Falten einen goldenen Ring hervor, in den ein Saphir von großem Werth gefaßt war. „Hier,“ rief ſie ſcherzend, und ließ ihm den Edelſtein ſehen, „ſieh'! Lache und ich gebe Dir den Ring.“ Und Muſtapha lachte, aber ſo fürchterlich und ſeine Blicke ſprühten ſo wildes Feuer, als er ihr den Ring entriß, daß Irene entſetzt zurückwich und bittend ihre kleinen Händchen zu ihm aufhob. „Irene, wer hat Dir den Ring gegeben?“ Das Kind ant⸗ wortete nicht.„Sprich.“ „Ich bin bös geweſen,“ rief ſie endlich weinend,„Vater wird ſhelen „Wo haſt Du den Ring her?“ fragte Muſtapha ruhiger. „Vor drei Tagen kam ich des Morgens in das Zimmer, wo Vater ſein Geld und ſeine Juwelen verwahrt, er war bei einem Koffer beſchäftigt, und ich ging hin und wollte⸗die hübſchen Steine betrachten, und als ich mich bückte, um beſſer zu ſehen, ließ der Vater dieſen Ring aus ſeinen Händen rollen; ich hob ihn raſch auf und ſteckte ihn in meinen Buſen, und jetzt wage ich nicht, ihn meinem Vater zurückzugeben, denn er würde ſchelten...“ Der Paſcha beruhigte das Kind, gebot ihm Stillſchweigen gegen ſeinen Vater darüber, daß er den Ring behalte, und ent⸗ ließ es ſcheinbar beruhigt. Doch ſobald er allein war, rief er aus:„Allah Kerim! Gpott iſt groß! Er hat das Kind des Un⸗ gläubigen erwählt, eine Entdeckung und dem Verbrechen Rache zu verſchaffen!— Ja, es iſt der Ring, den ich Seid Mohammed gegeben, als er mir das Leben gerettet hatte.. Hier die Worte, die ich ſelbſt darein graben ließ; es iſt kein Zweifel, es iſt Seid's Ring! Doch wie kommt er in den Beſitz Sereski's?“ Der Paſcha ſchlug dreimal in die Hände und befahl dem Schwarzen, den Armenier zu ihm zu rufen. „Ungläubiger Hund!“ rief Muſtapha, als dieſer eintrat,„wo haſt Du dieſen Ring her?“ Der Armenier war wie vom Blitz getroffen, als er den Saphir in des Paſcha's Händen ſah. Todten⸗ bläſſe überzog ſein Geſicht und ſeine Glieder zitterten convulſiviſch. 83 Doch gewann er ſo viel Faſſung, dem Paſcha ſagen zu können, er habe ihn von einem Albaneſen gekauft. „Wo iſt der Albaneſe?“ fragte Muſtapha wüthend,„nenne mir ihn!“ „Das kann ich nicht, Herr,“ erwiderte Sereski, indem er ſeinen Kopf zur Erde beugte.„Ich kenne ihn nicht.“ „Du lügſt, Hund!“ ſchrie der Paſcha.„Der Ring iſt von Seid Mohammed. Du kennſt die Mörder. Nenne ſie!“ Auf ſein ferneres Weigern wurde der Armenier und ſeine Diener vor den Kadi gebracht, dem der Paſcha die Unterſuchung auftrug, und auf die fernere Weigerung des Mannes, etwas zu geſtehen, erhielt er die Baſtonnade auf die Fußſohlen. Doch er entdeckte nichts und mußte endlich weggebracht werden, als die Schmerzen ihm das Bewußtſein raubten. Auch die Diener Sereski's gaben keine Auskunft unter der gleichen Strafe. Doch als ein alter Jude, der vertraute Diener des Armeniers, endlich an die Reihe kam, wurde er von den erſten Streichen auf die Fußſohlen ſo ergriffen, daß er ſich den Händen der Henker entwand und vor dem Paſcha ſich niederwarf und rief: „Gnade, Gnade, Herr! Ich will Alles ſagen!“. Sogleich wurde er von der Tortur befreit, und er geſtand, daß der Armenier der Mörder ſei. In geringer Entfernung nämlich von Mielnik nach Konſtantinopel zu habe er einen Garten und einen Kiosf. Da er wußte, daß Seid Mohammed mit öffentlichen Geldern Mielnik paſſiren mußte, brachte er wie gewöhnlich die Nacht in ſeinem Kiosk zu, um keinen Verdacht durch ſeine Ab⸗ weſenheit zu erregen. Gegen Morgen weckte er den Juden, und Beide, nachdem ſie ſich als Albaneſen verfleidet und mit Piſtolen und Pataghan bewaffnet hatten, kamen ungeſchen in die Ebene, die ſich von Salonichi nach Mielnik ausdehnt, und verbargen ſich in den Ruinen einer alten Moſchee, deren Brunnen dazu diente, die Pferde der Reiſenden zu tränken, deren Weg hier vorüberführte. 84⁴ Sie hatten ſich noch nicht lange hier aufgeſtellt, als Seid Mohammed und ſein Tatar erſchienen und beim Brunnen abſtiegen. Während dieſer die Pferde tränkte, hatte Mohammed einen Teppich auf die Erde gebreitet und ſich, mit dem Geſicht nach Mekka ge⸗ wandt, auf die Kniee geworfen, um als guter Muſelmann ſein Gebet zu verrichten. In dieſem Augenblicke feuerte Sereski das Piſtol ab, und als der Tatar, von dem Schuß erſchreckt, herbei⸗ eilte, fand er den Reiſenden auf dem Teppich im Todeskampfe, und ehe er noch Zeit hatte, ſich vom Schreck und der Ueberraſchung zu erholen, hatte ihn ſelbſt der Armenier mit ſeinem Yataghan niedergehauen. Während dieſer Vorgänge hatte der Jude die Pferde von den Mantelſäcken befreit, der Armenier hatte die Er⸗ mordeten geplündert, und die ganze Beute wurde in einen Keller unter dem Kiosk in Sicherheit gebracht. Lange vorher, che die Kaufleute nach Mielnik mit den Leichen zurückkehrten, waren der Jude und der Armenier wieder in der Stadt. Auch, geſtand der Jude, ſei das nicht das erſte Mal geweſen, wo der Armenier ſich mit Blut befleckt, obgleich ſeine ſtrengen Sitten und zahlreichen Almoſen von ihm ſtets den Verdacht abgewandt hätten. Solche Heuchelei erſtaunte den Paſcha. Um ſich genau von der Wahrheit der Ausſage zu überzeugen, ließ er ſich von dem Juden nach der Moſchee führen und unterſuchte die Keller des Kiosk, wo er die Piaſter und Edelſteine Seid's und die albaneſi⸗ ſchen Kleider fand, die ſie verhüllten. Vor Abend waren der Paſcha und der Jude wieder in Mielnik zurück. Doch die Strafe des Verbrechens konnte nicht unmittel⸗ bar erfolgen. Eine Reform in der Verwaltung des Reichs, welche dem Sultan Mahmud am meiſten Ehre macht, iſt ohne Zweifel die Verordnung, die dem Paſcha das Criminalrecht nimmt. Es ſind jetzt Criminalgerichte in der Türkei errichtet, die dem Verur⸗ theilten die Appellation geſtatten und das Urtheil des Kadi einer Prüfung unterwerfen. So verging einige Zeit, ehe das Urtheil 8 — vollſtreckt wurde, das den Juden verurtheilte, an der Thür ſeines Herrn gehenkt zu werden, während dieſen der Pfahl erwartete. Die Güter des Armeniers wurden in fünf Theile getheilt, wovon vier Theile der Familie Seid's zufielen, der fünfte Irenen blieb. So wie das Urtheil geſprochen war, verlangte Sereski Gehör beim Paſcha und ſuchte mit Bitten und Thränen ſein Leben zu erhalten, doch Muſtapha blieb unbeweglich, und der Armenier wurde mehr todt als lebendig fortgetragen. Ein heftiges Fieber drohte ſein Leben vor der Strafzeit zu endigen, aber ärztliche Hülfe und die beſorgteſte Pflege friſteten die Tage des Unglücklichen, der völlig wieder hergeſtellt war, als der Tag des Gerichts anbrach. So weit die Erzählung Pascals, des Armeniers. Natürlich blieb ich einen Tag in Mielnck. Früh am Morgen des andern Tages ſtrömte die Menge nach dem Thore von Salonichi und breitete ſich in der Ebene bei den Ruinen der alten Moſchee aus, wo das Urtheil vollzogen werden ſollte. Für den Paſcha und ſein Gefolge war eine Tribune mit Teppichen und Polſtern errichtet worden; ſeine Garde hatte ſich vor ihr aufgeſtellt. Mit düſterem Blicke betrachtete er die Vorbereitungen zur Hin⸗ richtung, und endlich verweilte ſein Auge auf den Ruinen der Moſchee und dem Brunnen, wo Reiſende die Verſe Saadi's des Dichters eingegraben hatten:„Andere, wie ich, haben an dieſer Quelle getrunken, und doch haben ſie ihre Augen im Tode ge⸗ ſchloſſen.“ Sie ſchienen das ſchwere Gefühl noch zu vermehren, das auf ihm zu laſten ſchien, doch gewann er vollkommene Ruhe, als jetzt der Verbrecher herbeigeſchleppt wurde, denn die Angſt vor dem ſchrecklichen Tode, dem er entgegen ging, ſchien Sereski völlig gelähmt zu haben. Ein fernes Getöſe kündigte die Ankunft des Verurtheilten an. Sereski zeigte ſich auf dem Wege von Mielnik, in reiche Feſtklei⸗ der gehüllt, die Hände auf den Rücken gebunden. Seine Augen vermieden mit Entſetzen den Anblick des fürchterlichen Pfahles, 86 und er beugte ſich zur Erde, an der ſein Kopf von Verzweiflung gefeſſelt ſchien. Zwei Leitern zur rechten und linken Seite waren an den Pfahl gelehnt. Schnell entriſſen der Henker und ſeine Gehülfen dem Armenier ſeine Kleider. Ein dumpfes Stillſchwei⸗ gen herrſchte in der Menge, jeder Mund war ſtumm, alle Blicke auf die Gruppe geheftet, welche die Henker und das Opfer bil⸗ deten. Endlich ſahen wir einen Henker ſich nach und nach über die Menge erheben, leicht auf einer der Leitern hinaufſteigen und an der Spitze warten, während ſeine Cameraden auf der andern den unglücklichen Sereski ſo zu ſagen aufhißten. Als er oben angekommen war, reihten ſich die Henker im Kreis um ihn her, ſo daß man nichts mehr von ihm ſah. Einen Augenblick nachher erhoben ſie ihn über ihre Köpfe, und ſogleich tönte der erſte Schrei ſeiner herzzerreißenden Todesangſt jämmerlich durch die Luft. Dar⸗ auf warfen die Henker die Leitern zurück und glitten mit der Schnelligkeit des Gedankens den Pfahl herab einer nach dem an⸗ dern, und von allen Seiten der Ebene konnte die athemloſe Menge die fürchterlichen Convulſionen des unglücklichen Armeniers ſehen. Mein Auge ſuchte das Geſicht des Paſcha's. Er hatte ſeinen Fez über die Augen gezogen, ob vor der Sonne oder aus ande⸗ rem Grunde? Seine Lippen waren geſchloſſen, und mit Ruhe hörte er die Verwünſchungen an, mit denen ihn Sereski über⸗ häufte. In den Windungen ſeines Todesſchmerzes hatte er die Bande geſprengt, die ſeine Hände banden, und er warf ſie wie Windmühlenflügel um ſich herum, während er den Paſcha bedrohte. „Fluch,“ rief er,„Fluch dem Tage, wo ich Dich ſah, Paſcha der Hölle! Fluch der Stunde, wo Du mein Haus betratſt, meinem Kinde, das i verrieth! Fluch Gott, der mich verläßt!.. Ach! Fluch!. Das Röcheln des Todes unterbrach das Wort in ſeinem hei⸗ ßen Munde. „Waſſer, Waſſer!.“ murmelte er endlich mit heiſerer Stimme. — —— 87 Muſtapha wandte ſich zu ſeinem Mundſchenk und ſagte ruhig: „Er trinke, der Unglückliche, und ſterbe.“ Ein einziger Tropfen, der einem Hingerichteten, während er auf dem Pfahl iſt, gereicht wird, gibt ihm augenblicklichen Tod. Auch ſtehen gewöhnlich Wachen um den Pfahl, um ihnen dieſen Gnadenſtoß zu geben, wenn ſolche Verurtheilte vft mehr als zwei Tage auf ihrem Marterholze ſchweben, da vft der Fall eintritt, daß die Spitze des Pfahles kein dem Leben weſentliches Organ verletzt. Man legte eine Leiter an, und der Mundſchenk des Paſchas näherte ſich dem Sterbenden mit einem Glas Eiswaſſer; aber Sereski ſammelte poch einmal alle ſeine Kraft, riß dem Mund⸗ ſchenk den Becher aus der Hand und ſchleuderte ihn gegen den Kopf des Paſcha, indem er heulte:„Ich will nichts von Dir,. Verfluchter!“ Seine Arme ſielen an ſeinen Körper herab, ſein Kopf ſänk in ſeine Achſeln, er wand ſich noch einmal wie eine Schlange um einen Stamm, und mit einem Fluch ging ſeine Seele in den Schvoß der Ewigkeit. Darauf kehrte der Paſcha nach Mielnik zurück, die Menge zerſtreute ſich, und ich eilte in das Haus Pascal's. Vor der Thüre hielt ein arabiſcher Wagen, mit Ochſen beſpannt, eine Menge Volk umgab ihn gaffend. „Wem gehört der Wagen?“ fragte ich, als der Armenier mir entgegentrat. „Der Paſcha läßt Irenen, die er adoptiren will, dem Gelübde gemäß, das er ihrer Mutter gegeben, nach Salonichisbringen. Den Fünftheil ihres väterlichen Vermögens hat er den Armen gegeben, denn er ſelbſt wird ihr eine reiche Mitgift geben. Irene iſt jetzt in meinem Hauſe, da ihres Vaters Haus niedergeriſſen wird.“ „Und wird ſie fürderhin im Hauſe des Paſcha ſein?“ fragte ich. 88 „O zweifelt nicht! Sie trägt nicht die Schuld des Vaters und erfährt wohl nie ſein trauriges Ende. Sie glaubt ihn in Kon⸗ ſtantinopel, und dort wird er wahrſcheinlich für ſie auch ſterben.“ Laute Stimmen von Frauen zeigten Irenens Abreiſe an. Der Armenier eilte ſie zu begrüßen. Am folgenden Tag, als ich Mielnik verließ, ſah ich die Geier beſchäftigt, Sereski's Augen zu verzehren, ſein Kopf allein ſtak auf dem Pfahle, während Scha⸗ kals ſich um ſeinen Leichnam rißen. Und als ich drei Wochen nachher von Salonichi nach Konſtantinopel zurückkehrte, lagen ſeine Gebeine auf dem Feld, und ſein nackter Schädel bleichte an dem Pfahle.— Der Schwur des Paſcha war erfüllt. Dr. Meyer. Inhalt des zwölften Theils. Der Bräutigam von Barna Georg Barrington Capitän James Hind. Jack Sheperd Der Schwur des Paſcha. 8 — S ₰ * — S — S — S 8 — £ 8 3 — 3 8 ——— X