— h Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oltmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sunme interlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Von dieſem Standpunkt iſt es höchſt intereſſant und ergebnißreich, merkwürdige Verbrechen zu betrachten. Nicht als verdamnungswürdige, unbegreifliche Sünder ſoll man diejenigen anſehen, welche die hergebrachte Ordnung ge⸗ - waltſam zerreißen, ſondern als die bedauernswerthen Opfer, welche die menſchliche Natur verkehrten Verhältniſſen dar⸗ bringt. Auch das Verbrechen hat ein gewiſſes Recht, weil der Egvismus berechtigt iſt, und nur dies iſt die intereſſante Seite bedeutender Criminalgeſchichten, daß wir in ihnen einen Geiſt erblicken, der es nicht auszuhalten vermochte innerhalb der geſetzlichen Schranken und der im tragiſchen Ringen gegen die Tradition eine ſtaunenswerthe Kraft ent⸗ wickelt, bis er endlich von ihr zermalmt wird. So Man⸗ ches, was heute ein Verbrechen iſt, wird von der Zukunft zu einer Heldenthat umgeſtempelt! Denn das Verbrechen iſt ja eine Dialektik des Geſetzes. Dies, glaube ich, wird genügen, Titel und Abſicht dieſer Sammlung zu verdeutlichen. W. Jordan. . Seite 3 Die Marquiſe von Ganges..... 1 Blas El Guerrillero„..... 103 Die Marquiſe von Ganges. Gegen das Ende des Jahres 1657 hielt ein ſehr einfacher Wagen gegen acht Uhr des Abends an der Thür eines Hauſes in der Straße . Hautefeuille, wo ſchon zwei andere hielten. Ein Lakai ſtieg ſo⸗ gleich herab, um den Schlag zu öffnen, aber eine ſanfte, obgleich etwas zitternde Stimme hielt ihn mit den Worten auf: — Warte, ich will erſt ſehen, ob es hier iſt. Und ſogleich kam ein Kopf, der in ein ſchwarzſeidnes Mäntelchen ſo ſehtn gehüllt war, daß man ſeine Züge unmöglich ſehen konnte, aus einem der Wagenfenſter, ſah in die Höhe und ſuchte an der Fagade des Hauſes ein Zeichen, das die Ungewißheit heben könne. Die un⸗ bekannte Dame ſchien mit ihrer Nachforſchung zufrieden, denn ſie wandte ſich zu ihrer Gefährtin und ſagte:„Hier iſt es, da iſt das Schild.“. In Folge dieſer erlangten Gewißheit wurde der Schlag geöff⸗ net, die beiden Frauen ſtiegen heraus, und nachdem ſie von Neuem die Augen auf eine Tafel gerichtet hatten, die vben unter den Fenſtern des zweiten Stockwerks ſechs bis acht Fuß lang und zwei Fuß hoch angebracht war und auf welcher die Worte ſtanden: Madame Voiſin, Hebamme, ſchlüpften ſie behend in einen Gang, zu dem dit Thüre nur angelehnt und der gerade hell genug war, da⸗ mit die eintretenden oder herauskommenden Perſonen die ſchmale und gewundene Treppe finden konnten, welche von der Hausſtur bis ins fünfte Stockwerk führte. 2 Doch die beiden Unbekannten, von denen die Eine einen viel höheren Rang als die Andere einzunehmen ſchien, hielten ſich nicht, wie man hätte glauben können, an der Thüre auf, welche der Tafel entſprach, die ihnen zum Führer gedient, ſondern ſtiegen noch eine Treppe höher. Oben angelangt, nden ſie einen ſeltſam gekleideten Zwerg, der, als er die beiden Frauen heraufkommen ſah, ihnen ein Stäb⸗ chen entgegen ſtreckte, als wollte er ſie verhindern, weiter zu gehen, und ſie fragte, was ſie wollten. — Den Geiſt befragen, antwortete die Dame mit der ſanften zitternden Stimme. — Tretet ein und wartet, antwortete der Zwerg, indem er einen Teppich aufhob und ſie in ein Vorzimmer eintreten ließ. Die beiden Frauen folgten den erhaltenen Weiſungen und war⸗ teten faſt eine halbe Stunde, ohne irgend etwas zu ſehen oder zu hören; endlich öffnete ſich eine Tapetenthüre, und eine Stimme rief;„Tretet ein,“ und die beiden Frauen wurden in ein zweites, 3 ſchwarzbehangenes Zimmer geführt, das nur von einer, von der Decke herabhängenden Lampe mit drei Flammen erleuchtet wurde. Die Thür ſchloß ſich hinter ihnen, und die Rathſuchenden befanden ſich der Sybille gegenüber. Das war eine Frau von 25 bis 26 Jahren, welche, den Be⸗ mühungen anderer Frauen entgegengeſetzt, ſichtbar ſich ein höheres Alter zu geben ſuchte; ſie war ſchwarz gekleidet, ihre Haare hin⸗ gen in Flechten herab, Hals, Arme und Füße waren nackt, der Gürtel, der ihre Taille umſchloß, war mit einem großen Granat⸗ ſtein beſetzt, der in düſterem Feuer leuchtete; in der Hand hielt ſie ein Stäbchen und ſie ſaß auf einer Art Erhöhung, welche einen antiken Dreifuß darſtellte, aus dem ein ſcharfer, durchdrin⸗ gender Geruch aufſtieg; übrigens war ſie ziemlich ſchön, obgleich ihre Züge einen gemeinen Ausdruck hatten, mit Ausnahme jedoch ihrer Augen, die wahrſcheinlich durch irgend einen Tvilettenkunſt⸗ 3 griff außerordentlich groß ſchienen und gleich den Granatſteinen an ihrem Gürtel einen ſeltſamen Glanz hatten. Als die beiden Fremden eintraten, fanden ſie die Wahrſagerin, den Kopf in ihre Hände geſtützt und wie in Gedanken verſunken. Da ſie fürchteten, ihre Ekſtaſe zu unterbrechen, warteten ſie ſchwei⸗ gend, bis es ihr gefallen würde, dieſe Stellung zu verlaſſen. Nach zehn Minuten erhob ſie den Kopf, und als wenn ſie erſt jetzt wahrnähme, daß zwei Perſonen vor ihr ſtänden, fragte ſie: — Was will man wieder? Werde ich nur im Grabe Ruhe haben? — Verzeihung, Madame, ſagte die Unbekannte mit der ſanf⸗ ten Stimme, ich wünſchte zu wiſſen... — Schweig, antwortete die Sybille mit ernſter Stimme, ich mag Deine Angelegenheiten nicht kennen, wende Dich an den Geiſt. Er iſt eiferſüchtig und will nicht, daß man in ſeine Ge⸗ heimniſſe eindringe; ich kann ihn nur für Dich bitten und ihm gehorchen. Bei dieſen Worten ſtieg ſie von ihrem Dreifuß herab, ging in ein Nebenzimmer und kam bald darauf bleicher und verſtörter, als ſie es vorher geweſen war, zurück, in der einen Hand ein brennendes Kohlenbecken, in der andern ein rothes Blatt Papier haltend. In demſelben Augenblick erloſch die Lampe, und das Zim⸗ mer war nur noch von dem Kohlenbecken erleuchtet, deſſen unheim⸗ liches Licht alle Gegenſtände mit einer phantaſtiſchen Färbung be⸗ kleidete, wodurch die beiden Fremden mit ſeltſamer Furcht erfüllt wurden und gern gewünſcht hätten, ſich wieder zurückziehen zu können, wenn es noch Zeit geweſen wäre. Die Wahrſagerin ſetzte das Kohlenbecken mitten in der Stube nieder, reichte das Papier derjenigen Dame, die ſie angeredet hatte, und ſagte: — Schreib' nieder, was Du wiſſen willſt. Dieſe nahm das Papier mit feſterer Hand, als man hätte er⸗ warten ſollen, ſetzte ſich an einen Tiſch und ſchrieb: 1* „Bin ich jung? bin ich ſchön? bin ich Mädchen, Frau oder Wittwe? So viel für die Vergangenheit. „Soll ich mich verheirathen oder wieder verheirathen? Werde ich lange leben oder jung ſterben? Das für die Zukunft.“ Dann ſtreckte ſie die Hand nach der Wahrſagerin aus und fragte: Was ſoll ich damit nun beginnen? — Rolle dieſes Blatt um dieſe Kugel, antwortete, dieſe, indem ſie der Unbekannten eine kleine, weiße Wachskugel gab, beide wer⸗ den vor Deinen Augen von der Flamme verzehrt werden; der Geiſt kennt ſchon Deine Geheimniſſe. In drei Tagen erhältſt Du Antwort. Die Unbekannte that, wie ihr die Zauberin gebot, und dieſe nahm die Kugel mit dem darumgewickelten Papier und warf beides auf die Kohlenpfanne. — Und jetzt iſt Alles geſchehen, wie es ſoll, ſagte die Wahr⸗ ſagerin. Comus! Der Zwerg trat herein.— Führe Madame an ihren Wagen zurück. Die Unbekannte ließ eine Börſe auf dem Tiſche und folgte Comus. Dieſer führte ſie und ihre Begleiterin, die nur eine ver⸗ traute Kammerfrau war, eine Hintertreppe hinab, welche Denje⸗ nigen, die von der Wahrſagerin fortgingen, zum Gebrauch diente. Sie kamen in eine andere Straße als diejenige, von der die bei⸗ den Frauen in das Haus getreten waren; doch der Kutſcher, der dieſen Umſtand ſchon kannte, erwartete ſie an der Hinterthür, ſie brauchte alſo nur einzuſteigen, worauf der Wagen eilig nach der Rue Dauphine hineilte. Drei Tage nachher fand die ſchöne Unbekannte, wie es ihr verſprochen worden war, bei ihrem Erwac hen auf ihrem Nachttiſch einen von unbekannter Hand beſchriebenen Brief mit der Aufſchrift: Der ſchönen Provengalin, welcher folgende Worte enthielt: „Du biſt jung, Du biſt ſchön, Du biſt Wittwe; das für die Gegenwart. 5 „Du wirſt Dich wieder verheirathen, Du wirſt jung und eines gewaltſamen Todes ſterben; das für die Zukunft. „Der Geiſt.“ Die Antwort war auf ähnlichem Papier geſchrieben, wie das, welches die Frage enthalten hatte. Die Marquiſe ſtieß erbleichend einen leiſen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus; die Antwort auf die Vergangenheit war ſo richtig, daß ſie nicht umhin konnte, dieſelbe Genauigkeit für die Zukunft zu fürchten. In der That, die dichtverhüllte Unbekannte, welche wir in die Höhle der Sybille begleitet haben, war Niemand Anderes, als die ſchöne Marie von Roſſan, welche man vor ihrer Verheirathung nach dem Namen eines Gutes ihres mütterlichen Großvaters, des Herrn Jvannis de Nochsres, Fräulein von Chäteaublanc nannte und ein Vermögen von 5 bis 600,000 Francs beſaß. Im Alter von dreizehn Jahren, nämlich 1649, hatte ſie den Marquis von Caſtellane geheirathet, einen Herrn von hoher Geburt, der ſeinen Urſprung von Johann von Caſtilien, Sohn Peter des Grauſamen, und deſſen Maitreſſe Johanna von Caſtro ableitete. Stolz auf die Schönheit ſeiner jungen Gattin, hatte ſich der Marquis von Caſtellane, der eine der königlichen Galeeren commandirte, beeilt, ſie bei Hofe vorzuſtellen. Ludwig XIV., der zur Zeit dieſer Vorſtellung kaum zwanzig Jahre alt war, hatte, entzückt über dieſe reizende Geſtalt, zum großen Mißvergnügen der anerkannten Schönheiten jener Zeit, zweimal denſelben Abend mit der Mar⸗ quiſe getanzt, und endlich hatte, um den Ruf ihrer Schönheit dauernd zu begründen, die vielbeſprochene Königin Chriſtine von Schweden, welche ſich damals am Hofe von Frankreich aufhielt, von ihr geſagt, daß ſie in allen den Reichen, die ſie bereiſt hätte, nichts gefunden, was der ſchönen Provengalin an die Seite geſtellt werden könnte. Dieſes Lob hatte einen ſolchen Eindruck gemacht, daß die Marquiſe von Caſtellane den Namen behielt und man ſie überall mit ihm bekleidete. Die Gunſt Ludwig's XIV., die An⸗ erkennung Chriſtinens hatten hingereicht, die Marquiſe in die Mode zu bringen, und Mignard, der eben in den Adelſtand erho⸗ ben und zum königlichen Hofmaler ernannt worden war, hatte ihrer Berühmtheit das Siegel aufgedrückt, indem er ſie um Er⸗ laubniß bat, ihr Portrait malen zu dürfen. Dieſes Portrait iſt noch vorhanden und kann eine richtige Idee von der Schönheit Derjenigen geben, welche es darſtellt; doch da es unſern Leſern nicht gegenwärtig iſt, begnügen wir uns, in denſelben Ausdrücken die Schilderuug zu wiederholen, welche 1667 der Verfaſſer einer unter dem Titel:„Wahrhafte und genaue Beſchreibung des bekla⸗ genswerthen Todes der Frau Marquiſe von Ganges“ in Rouen herausgegebenen Broſchüre von ihr entwarf*). „Ihr Teint von blendender Weiße war mit einem Roth ge⸗ ſchmückt, das nicht zu lebhaft war und ſich auf eine Art, welche die Kunſt nicht geſchickter hätte anwenden können, mit ihrer weißen Haut vermiſchte und in ſie überging; die Schönheit ihres Geſichts war durch das tiefe Schwarz ihrer um die wohlgeformte Stirn gelegten Haare noch mehr erhoben; ihre großen, ſchön geſchnittenen Augen hatten die Farbe ihres Haars, und das ſanfte, durchdrin⸗ gende Feuer, mit dem ſie glänzten, erlaubte nicht, ſie feſt anzu⸗ blicken; ihr kleiner, anmuthig gebildeter Mund und die Schönheit ihrer Zähne konnte mit nichts verglichen werden; die Stellung und regelmäßige Form ihrer Naſe gab ihrer Schönheit eine Majeſtät, welche für ſie eben ſo viel Achtung einflößte, als ihre Schönheit Liebe; das runde Oval ihres Geſichts zeigte alle Kraft und Friſche 9) Dieſer Broſchüre, ſo wie dem Röeit de la mort de madame la marquise de Canges, ci-devant murquise de Castellane, Pa⸗ ris 1767 bei Jacques Legentil erſchienen, entlehnen wir die Haupt⸗ umſtände dieſer tragiſchen Geſchichte. Daneben verweiſen wir unſere Leſer noch auf die Causes célöbres de Guyot de Pitaval, die Vie de Marie de Rossan und die Lettres galantes de madame Desnoyers. — 7 ihrer Geſundheit, und um ihren Reizen die Krone aufzuſetzen, ſchienen die Grazien ihre Blicke, die Bewegungen ihrer Lippen und ihres Kopfes zu lenken; ihr Wuchs entſprach der Schönheit ihres Geſichts, und ihre Arme, ihre Hände, ihre Haltung und ihr Gang ließen nichts zu wünſchen übrig und gaben das anmuthigſte Bild.“ Man begreift, daß eine ſo begabte Frau an dem galanteſten Hofe der Welt den Verleumdungen ihrer Nebenbuhlerinnen nicht entgehen konnte; doch dieſe Verleumdungen blieben immer ohne Wirkung, da die Marquiſe, ſelbſt in Abweſenheit ihres Gatten, das anſtändigſte Betragen beobachtete. Ihr kaltes, ernſtes Geſpräch, cher kurz und gehalten, als lebhaft und glänzend, ſtand mit der launenhaften, leichtſinnigen und phantaſtiſchen Unterhaltungsweiſe der Schöngeiſter dieſer Zeit im Widerſpruch, und ſo kam es, daß Diejenigen, welche mit ihren Eroberungsplänen auf ſie zurückge⸗ wieſen worden waren und doch ſich ſelbſt die Schuld ihres Miß⸗ lingens nicht beimeſſen wollten, das Gerücht zu verbreiten ſuchten, die Marquiſe ſei nur ein ſchönes Götzenbild und kalt wie ein Stein. Das Alles hörte ſich recht gut an und ließ ſich wohl wiederholen, ſo lange dieſe Dame abweſend war, doch ſobald ſie in einem Salon erſchien, ſobald ihre ſchönen Augen und ihr ſanf⸗ tes Lächeln auf unausſprechliche Weiſe die kurzen, verſtändigen Worte begleiteten, die ſie ihren Lippen entfließen ließ, kamen ihre ärgſten Haſſer auf ſie zurück und wurden genöthigt, zu geſtehen, Gott habe noch nichts erſchaffen, was der Vollkommenheit ſo nahe käme. Sie genoß alſo eines Triumphs, dem die Spottſucht nichts anhaben konnte und den die Verleumdungen vergeblich zu beflecken ſuchten, als man plötzlich den Schiffbruch der franzöſiſchen Galeeren in der ſiciliſchen Meerenge und den Tod des Marquis von Caſtel⸗ lane, der ſie befehligte, erfuhr. Die Marquiſe zeigte ſich hierbei, wie ſie immer geweſen war, voll Frömmigkeit und Anſtand, und obgleich ſie zu ihrem Gatten, mit dem ſie während ihrer ſieben⸗ jährigen Verheirathung kaum ein Jahr zufammengelebt hatte, keine ——— beſonders lebhafte Neigung fühlte, zog ſie ſich doch gleich nach dieſer Nachricht zu Frau von Ampus, ihrer Schwiegermutter, zurück und brach jeden Verkehr mit der Welt ab. Sechs Monate nach dem Tode ihres Gatten empfing die Mar⸗ quiſe von ihrem Großvater, dem Herrn Jvannis de Nochsres, die dringende Einladung, die übrige Zeit ihrer Trauer in Avignon zuzubringen. Aelternlos faſt ſeit ihrer Kindheit, war Fräulein von Chäteaublanc von dieſem guten Greis, der ſie ſehr liebte, er⸗ zogen worden; ſie beeilte ſich alſo ſeiner Einladung zu folgen und bereitete Alles zu ihrer Abreiſe vor. Damals fing ſich der Ruf der Vviſin an zu verbreiten, obgleich ſie noch weit entfernt von ihrer ſpätern Berühmtheit war. Mehrere Freundinnen der Marquiſe von Caſtellane waren bei ihr geweſen, um ſich Raths zu erholen, und hatten ſeltſame Offenbarungen er⸗ halten, von denen einige entweder durch die Geſchicklichteit der Wahrſagerin ſelbſt, oder durch ein wunderliches Zuſammentreffen von Umſtänden eingetroffen waren. Die Marquiſe konnte der Ncu⸗ gier nicht widerſtehen, die dieſe verſchiedenen Erzählungen von dieſer Verkündigerin der Zukunft ihr einflößten, und einige Tage vor ihrer Abreiſe machte ſie der Voiſin den Beſuch, von dem wir geſprochen haben. Die Marquiſe war nicht abergläubiſch, dieſe furchtbare Vorherverkündigung ihren tiefe Spur darin zurück, die weder die wieder zu ſehen, noch die Freundſchaft i neuen Eroberungen, die ſie machte, ganz verlöſchen konnte. Die Huldigungen, die ihre Reize fanden, wurden ihr mehr und mehr läſtig, und bald bat ſie ihren Großvater um Erlaubniß, ſich in ein Kloſter zurückzuziehen, um dort die übrige Zeit ihrer Trauer zuzubringen. In dieſer Einſamkeit hörte ſie zum erſten Male mit all dem Enthuſtasmus, deſſen Nonnen fähig ſind, von einem Manne ſpre⸗ demungeachtet ſchreckte Geiſt auf und ließ eine Freude, ihr Geburtsland hres Großvaters, noch die 9 chen, der in Bezug auf ſeine Schönheit als Mann faſt eben ſo berühmt war, als ſie in Bezug auf die ihrige. Dieſes Schooß⸗ kind des Himmels war der Herr von Lenide, Marquis von Ganges, Baron von Languedoc und Gouverneur von Saint-André in dem Kirchſpiel von Uzés. Die Marquiſe hörte ſo oft von ihm ſprechen, man wiederholte ihr ſo viele Mal, die Natur habe ſie Beide für einander beſtimmt, daß nach und nach ein lebhafter Wunſch, ihn zu ſehen, in ihr entſtand. Es iſt natürlich, daß der Herr von Lenide ſeinerſeits, durch ähnliche Reden aufgeregt, nicht weniger begierig war, die Marquiſe zu ſehen und, um dieſen Wunſch zu erfüllen, einen Auftrag von Herrn von Nocheères an ſeine Enkelin übernahm, um ſie im Kloſter aufſuchen zu dürfen. Obgleich die Marquiſe ihn nie geſehen hatte, ſo erkannte ſie ihn doch auf den erſten Blick, denn da ſie noch keinen ſo ſchönen Cavalier geſehen hatte, wie dieſer, der ſich jetzt ihren Augen darbot, ſo glaubte ſie, es könne nur der Marquis von Ganges ſein, von dem ſie ſchon ſo viel und ſo oft hatte ſprechen hören. Was kommen mußte, kam; die Marquiſe von Caſtellane und der Marquis von Ganges konnten ſich nicht ſehen, ohne ſich zu lieben. Sie waren Beide jung, der Marquis von Adel und in hoher Stellung, die Marquiſe aus einem alten Hauſe und reich; Alles ſchien alſo für dieſe Verbindung zu ſprechen. Auch wurde ſie nicht länger verſchoben, als bis das Trauerjahr abgelaufen war, und die Hochzeit im Anfang des Jahres 1658 gefeiert. Der Marquis war 20, die Marquiſe 22 Jahre alt. Im Anfange war dieſe Ehe außerordentlich glücklich. Dek Marquis liebte zum erſten Male, die Marquiſe erinnerte ſich nicht, ſchon geliebt zu haben. Ein Sohn und eine Tochter vermehrte bald ihr gegenſeitiges Glück, und die Marquiſe hatte die unglück⸗ ſelige Vorausſagung vollſtändig vergeſſen, oder, wenn ſie auch zu⸗ weilen daran dachte, ſo geſchah es nur, um ſich zu wundern, wie ſie habe daran glauben können. 10,% ——— Doch ein ſolches Glück iſt nicht für dieſe Welt, und wem es zufällig zukommt, dem ſcheint es faſt eher der Himmel im Zorn geſandt zu haben. In der That, wer es beſitzt und verliert, für den wäre es beſſer, es nicht gekannt zu haben. Der Marquis von Ganges wurde zuerſt dieſes ſeligen Lebens überdrüſſig. Er vermißte nach und nach die ſtürmiſche Luſt ſeiner jungen Jahre und entfernte ſich von der Marquiſe, um ſich ſeinen alten Freunden wieder in die Arme zu werfen. Die Marquiſe dagegen, welche ihrem Gatten die Freuden der Geſellſchaft geopfert hatte, warf ſich wieder in die Welt, wo neue Triumphe ſie er⸗ warteten. Doch dieſe Triumphe erregten die Eiferſucht des Mar⸗ quis. Er war zu ſehr ein Weltmann, um ſeine Unzufriedenheit zu verrathen; er verſchloß ſie in ſeiner Bruſt und ließ ſie nur in einſamen Stunden gegen ſeine Gattin hervortreten. Die Worte der Liebe verwandelten ſich in Sarcasmen oder in Vorherverkün⸗ digungen eines nahen Bruches, und bald ſahen ſich beide Gatten nur in den Stunden, wo ſie es durchaus nicht vermeiden konn⸗ ten, endlich aber ſchützte der Marquis nothwendige Geſchäftsreiſen vor, die ſich ſo oft wiederholten, daß die Marquiſe den größeren Theil des Jahres allein blieb. Alle ihre Zeitgenoſſen, die von ihr ſprechen, verſichern ein⸗ ſtimmig, daß ſie immer noch Dieſelbe geblieben ſei, voll Geduld, Ruhe und Unſchuld; und es iſt ſelten, daß man von einer jungen, ſchönen Frau ſo einſtimmig ein günſtiges Urtheil fällen hört. Aber auch die kurze Zeit, die der Marquis in ſeinem Hauſe zubrachte, ſchien ihm allein mit ſeiner Gattin unerträglich, und er lud deshalb ſeine beiden Brüder, den Chevalier und den Abbé de Ganges zu ſich ein. Er hatte zwar noch einen dritten Bruder, der, als zweiter Sohn der Familie, den Titel Graf führte und das Regiment von Languedoe als Oberſt commandirte; doch da dieſer keine Rolle in der Geſchichte ſpielt, ſo erwähnen wir ihn nicht. Der Abbé von Ganges gehörte eigentlich nicht der Kirche an, 3 11„ ſondern hatte den Titel nur angenommen, um ſich ſeiner Privi⸗ legien zu erfreuen. Es war ein Schöngeiſt, der bei Gelegenheit ein Madrigal und andere Reimereien machte, ziemlich hübſch von Ausſehen, obgleich ſeine Augen, wenn er ungeduldig war, den Aus⸗ druck einer ſeltſamen Grauſamkeit annehmen konnten, übrigens Wüſt⸗ ling und unverſchämt, als wenn er wirklich dem Clerus jener Zei angehört hätte. Der Chevalier von Ganges, dem ebenfalls ein Theil der Schön⸗ heit zugefallen war, die ſeiner ganzen Familie eigenthümlich zu ſein ſchien, war einer jener mittelmäßigen Menſchen, die ſich in ihrer Nichtigkeit gefallen und unfähig zum Böſen, wie zum Guten, ihr Leben gleichgültig hinbringen, wenn nicht ein kräftigerer Cha⸗ rakter ſich ihrer bemächtigt und ſie in ſeinen Kreis zieht. Das geſchah dem Chevalier, rückſichtlich ſeines Bruders. Er gehorchte ſeinem Einfluß, ohne es ſelbſt zu wiſſen, und obgleich er ſich mit der Hartnäckigkeit eines Kindes dagegen geſträubt haben würde, wenn er es nur hätte ahnen können, ſo war er doch nur eine Maſchine in den Händen eines Andern, und zwar eine um ſo furchtbarere Maſchine, als keine reife Ueberlegung und kein ſelbſt⸗ ſtändiger Wille ihn dem von außen gegebenen Anſtoße entziehen konnte. Dieſen Einfluß, den der Abbé auf den Chevalier bekommen hatte, übte er auch auf den Marquis aus. Als jüngerer Sohn, ohne Vermögen, und obgleich im Kleide der Kirche, doch ohne irgend welche Einkünfte, hatte er dem reichen Marquis einge⸗ redet, daß er nothwendig einen Mann brauche, der die Leitung und Verwaltung ſeines Vermögens übernähme, und ſich ſelbſt dazu angeboten. Der, wie wir geſagt haben, ſeines Eheſtandes herzlich überdrüſſige Marquis hatte dieſen Vorſchlag mit Freuden angenommen und der Abbé auch ſeinen Bruder mitgebracht, der ihm wie ſein Schatten folgte und den man ſo wenig beachtete, als wenn er wirklich keinen Körper hätte. Die Marquiſe geſtand vft ſpäterhin, daß ſie bei dem erſten 12 Anblicke der beiden Männer von einem unheimlichen Gefühl ergriffen worden wäre und plötzlich an den von der Wahrfagerin ihr ver⸗ kündigten gewaltſamen Tod habe denken müſſen. So war es nicht mit den beiden Brüdern: Marquiſe ergrif ſie Beide, obgleich auf eine ganz verſchiedene Weiſe. Der Chevalier ſtand verzückt vor ihr, wie vor einer ſchönen Statue, ohne eines andern Eindrucks bewußt zu ſein, und wäre er ſich ſelbſt überlaſſen geblieben, ſo würde dieſe Be⸗ wunderung keine ſchlimmen Folgen gehabt haben. Uebrigens ſuchte der Chevalier dieſen Eindruck weder zu über⸗ treiben, noch zu verbergen, und gab ſeiner Schwägerin ſein Ent⸗ zücken offen zu erkennen. Der Abbé dagegen wurde beim erſten Anblick von einem tiefen, heftigen Verlangen ergriffen, dieſe Frau zu beſitzen, die ſchönſte, die er je geſehen hatte. Doch vollkommen Meiſter ſeiner Gefühle, äußerte er ſich nur in Ausdrücken der Galanterie, die ſich in der Geſellſchaft ein herkömmliches Recht erworben haben, und doch war er ſchon bei dieſer erſten Zuſammenkunft entſchloſſen, die Frau müſſe ihm gehören.. Die Marquiſe konnte zwar den erſten übeln Eindruck, den die beiden Brüder auf ſie hervorgebracht hatten, nie ganz überwinden; demungeachtet übte der Geiſt des Abbé, der die Kunſt verſtand, ſich jeden ihm beliebigen Ausdruck zu geben, auf ſie die Kraft aus, dieſen Eindruck nach und nach zu ſchwächen; ſie gehörte zu jenen Gemüthern, welche niemals das Böſe argwöhnen, ſobald es ſich nur die Mühe giebt, ſich etwas zu verſchleiern, und es erſt Die Schönheit der ſchmerzlich erkennen, wenn es ſein wahres Geſicht zeigt. Die Ankunft dieſer beiden n euen Gäſte brachte etwas mehr ffen er⸗ der ene ner in, e⸗ 13 Zeit geweſen waren, und die Marquiſe, die nie aufgehört hatte, ihn zu lieben und ſeine Entfremdung mit Ergebung getragen hatte, nahm freudig dieſe Wiederkehr auf; und drei Monate verſtrichen, wie die arme Frau ſie ſeit langer Zeit nicht verlebt hatte. Mit jener Leichtigkeit der Jugend, die nichts weiter verlangt, als glücklich zu ſein, hatte ſie die günſtige Wendung ihres Geſchicks aufgenommen, ohne zu forſchen, welcher gute Genius ihr das Verlorene wieder zurückgeführt hätte, als ſie von einer Nachbarin die Einladung erhielt, einige Tage auf ihrem Schloſſe zuzubringen. Ihr Gatte und ihre beiden Schwäger waren mit ihr eingeladen und begleiteten ſie. Sie ſollten einer großen Jagd beiwohnen. Der Abbé, deſſen lebhafter Geiſt ihn in den Geſellſchaften ſehr beliebt gemacht hatte, erklärte ſich für dieſen Tag zum Be⸗ gleiter der Marquiſe, und ſeine Schwägerin gewährte ihm mit ihrer gewohnten Güte gern ſein Verlangen. Alle Jäger wählten nach dieſem Beiſpiel eine Dame, der ſie während dieſes Tages ihre, Aufmerkſamkeit widmeten, und ſobald dieſe Wahl getroffen war, machte ſich die ganze Geſellſchaft auf den Weg. Es geſchah hier, wie es immer zu gehen pflegt: die Hunde jagten auf ihre Rechnung, und zwei oder drei Liebhaber folgten ihnen, die Uebrigen kamen von der Jagd ab. Der Abbé hatte die Marquiſe keinen Augenblick verlaſſen und es ſo geſchickt eingerichtet, daß er ſich mit ihr allein befand. Eine ſolche Gelegenheit hatte er ſchon ſeit vier Wochen eben ſo ſorgſam geſucht, als die Marquiſe ſie vermied. Auch jetzt, als ſie zu be⸗ merken glaubte, der Abbé entferne ſie mit Abſicht von der Jagd, wollte ſie ihr Pferd in Trapp ſetzen und in der entgegengeſetzten Richtung ſich entfernen; aber der Abbé hielt ſie auf. Die Mar⸗ quiſe konnte und wollte nicht mit ihm ſtreiten und ſie fügte ſich, zu erwarten, was ihr Schwager ihr zu ſagen haben würde, indem ſie ihrem Geſicht jenen Ausdruck des Stolzes gab, den die Frauen ſo gut anzunehmen wiſſen, wenn ſie einem Manne zeigen wollen, 14 daß er nichts zu hoffen habe. Es entſtand ein augenblickliches Schweigen, das endlich der Abbé mit den Worten unterbrach: — Gnädige Frau, entſchuldigen Sie, daß ich dieſes Mittel gebraucht habe, um mit Ihnen allein zu ſprechen; doch da Sie, ungeachtet meiner Eigenſchaft als Schwager, nicht geneigt ſchienen, mir dieſe Gunſt zu gewähren, wenn ich Sie darum gebeten hätte, ſo hielt ich es für beſſer, Ihnen die Möglichkeit zu nehmen, mir ſie zu verweigern. — Wenn Sie gezögert haben, mich um eine ſo geringfügige Sache zu bitten, antwortete die Marquiſe, und ſolche Vorkehrungen nothwendig hielten, um mich zu zwingen, Sie anzuhören, ſo wußten Sie wohl ſchon im Voraus, daß ich die Worte, die Sie mir ſagen wollen, nicht anhören konnte. Ueberlegen Sie alſo gefälligſt, ehe Sie dieſes Geſpräch beginnen, denn ich ſage Ihnen voraus, daß ich es ſogleich unterbrechen werde, ſobald es ſich von den Grenzen des Anſtands entfernt. — Erlauben Sie mir, gnädige Frau, ſagte der Abbé, Ihnen zu verſichern, daß, was ich Ihnen auch zu ſagen haben werde, Sie mich bis zu Ende hören müſſen; übrigens iſt das ſo einfach, daß Sie Sich nicht zu beunruhigen brauchen. Ich wollte Sie nur fragen, gnädige Frau, ob Sie die Veränderung bemerkt haben, die in dem Betragen Ihres Gatten vorgegangen iſt. — Ja, mein Herr, antwortete die Marquiſe, und es iſt kein einziger Tag vergangen, wo ich nicht dem Himmel für dieſes Glück gedankt habe. — Damit haben Sie Unrecht gehabt, gnädige Frau, antwortete der Abbé mit einem Lächeln, das nur ihm zu gehören ſchien, der Himmel hat gar keinen Theil daran. Danken Sie ihm, daß er Sie zur ſchönſten und reizendſten Frau gemacht hat, und der Himmel wird genug Dankgebete erhalten, ohne mir nehmen zu dürfen, was mir gebührt. 15 — Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr, ſagte die Marquiſe mit eiſigem Tone. — Nun, ſo will ich mich näher erklären, ſchöne Schwägerin. Ich bin der Wunderthäter, mir gehört Ihr Dank. Der Himmel iſt reich genug, er braucht die Armen nicht erſt zu beſtehlen. — Sie haben Recht, mein Herr; wenn ich wirklich Ihnen die Rücktehr meines Gatten ſchuldig bin, ſo danke ich Ihnen gern zunächſt, dann aber auch dem Himmel, der Ihnen dieſen guten Gedanken eingegeben hat. — Gut, antwortete der Abbé, aber wie der Himmel mir einen guten Gedanken gegeben, ſo kann er mir auch einen ſchlechten zuſchicken, wenn der gute mir nicht das einbringt, was ich hoffe. — Was wollen Sie damit ſagen, mein Herr? — Daß in unſerer Familie immer nur ein Wille geherrſcht hat, und das war der meinige. Meine beiden Brüder drehen ſich nach der Laune meines Willens, wie die Wetterfahne nach dem Winde, und derjenige, welcher Wärme gebracht hat, kann auch Kälte bringen. — Ich warte noch immer auf eine Erklärung, mein Herr. — Nun, ſchöne Schwägerin, weil Sie mich nicht verſtehen wollen, ſo will ich mich deutlich machen. Mein Bruder hatte ſich aus Eiferſucht von Ihnen entfernt, ich mußte Ihnen eine Idee von meiner Macht über ihn geben und wie weit ſeine Gleichgül⸗ tigkeit gehen kann. Später zeigte ich ihm, daß er Sie mit Unrecht in Verdacht hätte, und flößte ihm Liebe wieder ein. Verſtehen Sie mich jetzt? Ich darf ihm nur ſagen, daß ich mich getäuſcht habe, ſeinen ſchwankenden Verdacht auf irgend einen Mann lenken, und ich entferne ihn von Ihnen, wie ich ihn zurückgeführt habe. Ich brauche Ihnen keinen Beweis meiner Behauptung zu geben, Sie wiſſen wohl, daß ich die Wahrheit ſage. — Und welchen Zweck hatten Sie bei dieſer Komödie? — Ihnen zu beweiſen, gnädige Frau, daß ich Sie nach Will⸗ 16 kür freudig oder betrübt, geliebt oder verſchmäht machen kann. Jetzt hören Sie mich an: Ich liebe Sie. — Sie beleidigen mich, mein Herr, rief die Marquiſe, indem ſie die Hand des Abbé von dem Zügel ihres Pferdes zu entfernen ſuchte. Ihnen voraus, bei mir wären ſie weggeworfen. Man beleidigt nie eine Frau, wenn man ihr ſagt, man liebe ſie. Es giebt nur tauſend verſchiedene Arten, ſie zu zwingen, der Liebe zu entſprechen. — Und darf ich wiſſen, welche Sie gewählt haben? fragte die Marquiſe mit verächtlichem Lächeln. — Die einzige, welche bei einer ruhigen, kalten und feſten Frau, wie Sie ſind, zum Ziele führen kann, die Ueberzeugung, daß es in Ihrem eignen Intereſſe liegt, meiner Liebe zu entſprechen. DDa Sie mich ſo wohl zu kennen behaupten, antwortete die Marquiſe, indem ſie einen neuen, doch eben ſo nutzloſen Ver⸗ ſuch machte, den Zügel ihres Pferdes in ihre Gewalt zu bringen, ſo müſſen Sie auch wiſſen, wie eine Frau von meinem Charakter eine ſolche Eröffnung aufnehmen muß. Sagen Sie Sich ſelbſt, was ich Ihnen und vor allen Dingen meinem Gatten ſagen könnte. Der Abbé lächelte. — O, was das anbelangt, erwiderte er, ſo gebe ich Ihnen freie Hand, gnädige Frau. Sagen Sie Ihrem Gatten Alles, was Ihnen gut dünkt; wiederholen Sie ihm unſer Geſpräch Wort für Wort; fügen Sie Alles hinzu, was Ihr Gedächtniß zur grö⸗ ßern Ueberzeugung gegen mich Ihnen einflüſtern muß; dann, wenn Sie ihm Alles geſagt haben und nun ganz ſeiner ſicher zu ſein glauben, werde ich ihm nur zwei Worte ſagen, und drehe ihn um wie einen Handſchuh. Das iſt Alles, was ich Ihnen zu ſagen hatte, gnädige Frau; ich halte Sie nicht mehr zurück. Sie können in mir einen ergebenen Freund, aber auch einen Todfeind haben; überlegen Sie wohl. Keine ſtolzen Worte, ſchöne Schwägerin, denn ich ſage es ſ 17 Mit dieſen Worten gab der Abbé das Pferd der Marquiſt los und überließ es ihr, ihm die Richtung zu geben, welche ſie wollte. Die Marquiſe ſetzte ihr Roß in Trapp, um weder Furcht, noch Eilfertigkeit anzuzeigen. Der Abbé folgte ihr, und Beide kamen wieder zur Jagd. Der Abbé hatte wahrgeſprochen. Ungeachtet ihrer Drohung gedachte doch die Marquiſe an den Einfluß, den dieſer Mann über ihren Gatten übte und von dem ſie oft Proben geſehen hatte; ſie ſchwieg alſo, in der Hoffnung, um ſie zu erſchrecken, hätte er ſich ſchlimmer gemacht, als er ſei. Doch hierin täuſchte ſie ſich ge⸗ waltig. Der Abbé wollte Anfangs ſehen, ob er die Weigerung der Marquiſe einer perſönlichen Abneigung, oder wahrer Tugend zu⸗ ſchreiben ſollte. Der Chevalier war ſchön, wie wir geſagt haben; er beſaß jene Gewandtheit der vornehmen Welt, die für Geiſt gelten kann, und vereinigte damit den Eigenſinn eines beſchränk⸗ ten Verſtandes. Der Abbé ſuchte ihn zu überreden, daß er die Marquiſe liebe. Das war nicht ſchwer. Wir ſagten ſchon, welchen Eindruck die Marquiſe beim erſten Anblick auf ihn hervorgebracht habe. Da er im voraus die Sittenſtrenge kannte, die der Ruf ſeiner Schwägerin zuſchrieb, ſo hatte er ſich nie einfallen laſſen, ihr den Hof zu machen. Demungeachtet war er ihr ergeben geblieben, dem Einfluß weichend, den die Schönheit auf Alles hervorbringt, was in ihre Nähe kommt; und die Marquiſe, die keinen Grund hatte, dieſer Galanterie, welche ſie für Freundſchaft hielt, zu mißtrauen, zeigte ſich ihm, weil er der Bruder ihres Gatten war, freundlicher, als ſie es gegen irgend wen gewohnt wat. Der Abbs ſuchte ihn auf und ſagte, ſobald ſie allein waren: „Chevalier, wir lieben Beide die gnädige Frau, und dieſe Frau iſt unſere Schwägerin. Machen wir uns kein böſes Spiel. Ich kann meine Leidenſchaft noch bemeiſtern und will ſie um ſo lieber 2 „ opfern, da ich Dich für den Vorgezogenen halte. Verſuche alſo, Dich von dieſer Liebe zu überzeugen, die ich bei der Marquiſe argwöhne, und von dem Tage an, wo Du glücklich biſt, ziehe ich mich zurück; fällſt Du aber, ſo mache mir brüderlich Platz, damit ich meinerſeits verſuche, ob ihr Herz wirklich uneinnehmbar iſt, wie man ſagt.“ Der Chevalier hatte noch nie an die Möglichkeit, die Marquiſe zu beſitzen, gedacht; doch ſobald ſein Bruder, ohne ſichtbaren Grund perſönlichen Intereſſes, in ihm die Idee erweckt hatte, daß er vielleicht geliebt ſein könne, begann er ſeine Aufmerkſamkeit für ſeine Schwägerin zu verdoppeln. Dieſe, welche von ſeiner Seite nie Böſes fürchtete, nahm ſeine Galanterie Anfangs mit Wohl⸗ wollen auf, das in dem Grade wuchs, als ihre Verachtung gegen den Abbé zunahm. Doch bald erklärte ſich der über den Grund dieſes Wohlwollens ſich täuſchende Chevalier deutlicher. Erſtaunt und Anfangs ihrer Sinne nicht trauend, ließ ihn die Marquiſe genug ſagen, um über ſeine Abſichten hell zu ſehen, dann aber hielt ſie ihn, wie früher den Abbé, durch einige jener verletzenden Worte auf, welche die Frauen eher in ihrer Gleichgültigkeit, als in ihrer Tugend finden. Bei dieſem Verſtoß verlor der Chevalier, der keineswegs die Willenskraft ſeines Bruders hatte, jede Hoffnung, und geſtand dieſem offenherzig das unglückliche Reſultat ſeiner Aufmerkſamkeiten und ſeiner Liebe. Das war es, was der Abbé wünſchte, theils aus Eigenliebe, theils um ſeine Pläne zu Ende zu bringen. Er höhnte den Chevalier ſo lange, bis er ihn mit demſelben Haß erfüllt hatte, und ſobald er jetzt überzeugt war, an ihm eine Stütze und ſogar einen Helfer zu haben, begann er gegen die Marquiſe zu wirken. Das Reſultat davon zeigte ſich bald durch eine neue Entfrem⸗ dung von Seiten des Marquis. Ein junger Mann, den die Marquiſe zuweilen in ihren Geſellſchaften traf und den ſie ſeines o, iſe tz, ar ie id en ls r 19 Geiſtes wegen vielleicht freundlicher anhörte, als die Andern, wurde, wenn auch nicht die Urſache, doch der Vorwand zu einer neuen Eiferſucht. Dieſe Eiferſucht offenbarte ſich durch bittere Worte, die ihrem eigentlichen Gegenſtande völlig fremd waren, die Marquiſe aber nicht täuſchten, da ſie es ſchon früher bemerkt hatte. Sie erkannte in dieſer Veränderung die verderbliche Hand ihres Schwagers; doch ſtatt ſich ihm mehr zu nähern, entfernte ſie ſich mehr und mehr von ihm und ließ keine Gelegenheit vor⸗ übergehen, ihm nicht allein ihre Abneigung, ſondern auch ihre Verachtung zu zeigen. So blieben die Sachen mehrere Monate. Täglich ſah die Marquiſe die Kälte ihres Gatten größer werden und ſich von un⸗ ſichtbaren Spionen umgeben, welche die unbedeutendſten Hand⸗ lungen ihres Lebens beobachteten und weiter trugen. Der Abbé und der Chevalier blieben ſich immer gleich; nur verbarg der Abbé ſeinen Haß unter ein ihm zur Gewohnheit gewordenes Lächeln und der Chevalier ſeinen Verdruß hinter jenes ſteife, kalte Betragen, welches mittelmäßige Köpfe annehmen, wenn ſie ihre Eitelkeit ver⸗ letzt glauben. Inzwiſchen ſtarb der Großvater der Marquiſe, Jvannis de No⸗ chères, und vermehrte das ſchon beträchtliche Vermögen ſeiner Enkelin durch eine Erbſchaft von 6 bis 700,000 Livres. Dieſe Vermehrung ihres Reichthums wurde unter den Händen der Marquiſe das, was man im römiſchen Rechte Paraphernal⸗ güter nennt, das heißt, da es nach der Hochzeit gekommen war, fiel es nicht in die Mitgift der Frau, ſondern blieb ihr zur freien Dispoſition, worauf der Gatte nur Anſpruch machen durfte durch eine Vollmacht der Gattin. Einige Tage nach dieſem Todesfalle erfuhren denn auch der Marquis und ſeine Brüder, daß die Marquiſe einen Notar hatte kommen laſſen, um ſich über ihre Rechte aufzuklären. Dieſer Schritt zeigte ihnen ihre Abſicht, dieſe Erbſchaft der Gütergemein⸗ 2* ſchaft zu entziehen, denn das Betragen, das der Marquis beobachtet hatte, und deſſen Ungerechtigkeit er oft bei ſich ſelbſt erkannte, ließ ihm wenig Hoffnung, daß es aus anderer Abſicht geſchehen ſei. um dieſe Zeit ereignete ſich ein ſeltſamer Vorfall. Bei einem Diner, welches der Marquis gegeben hatte, ward ein Crème auf⸗ getragen. Alle, welche davon genoſſen, fühlten ſich mehr oder weniger unwohl, nur der Marquis und ſeine beiden Brüder, die nicht davon gegeſſen hatten, blieben unverſehrt. Die Reſte von dieſem Ereme, den man als die Urſache der Krankheit der Gäſte anſah, wurden chemiſch unterſucht und zeigten deutliche Spuren von Arſenik; die Milch aber, welche darunter gemiſcht war, hatte die Kraft des Giftes geſchwächt und es ſo eine geringere Wirkung hervorbringen laſſen, als man wahrſcheinlich erwartet hatte. Da dieſes Ereigniß keinen bedeutenden Unfall nach ſich zog, ſo warf man die Schuld auf einen Diener, der den Arſenik ſtatt Zucker genommen haben ſollte, und der Vorfall wurde vergeſſen, oder ſchien vergeſſen zu ſein. Nach und nach ſchien ſich der Marquis ſeiner Frau wieder nähern zu wollen; doch diesmal ließ ſich Frau von Ganges über ſeine Geſinnungen nicht mehr täuſchen. Der Egvismus des Abbé war zu ſichtbar. Er hatte ſeinem Bruder die Ueberzeugung bei⸗ gebracht, daß eine Erbſchaft von 700,000 Franes ſchon der Mühe werth wäre, einige Unbeſcheidenheiten nicht zu beachten, und treu dieſem Rathe, verſuchte der Marquis durch freundliches Betragen den Entſchluß ſeiner Gattin, ein Teſtament zu machen, zu er⸗ ſchüttern. Gegen den Herbſt ſprach man davon, nach Ganges zu reiſen, einer kleinen Stadt in Nieder-Languedoe, ſieben Stunden von Montpellier und neunzehn von Avignon entfernt. Obgleich der Vorſchlag ganz natürlich war, da der Marquis, als Grundherr der Stadt, ein Schloß daſelbſt beſaß, fühlte doch die Marquiſe, als ſie ihn hörte, ſich von einem ſeltſamen Grauen ergriffen. Die — — 21 Erinnerung an die Weiſſagung, die ſie in Paris erhalten, ſtieg plötzlich in ihrem Gedächtniß auf, und der erſt kürzlich gemachte Ver⸗ giftungsverſuch verdoppelte ganz natürlich ihre Beſorgniß. Ohne ihre Schwäger dieſes Verbrechens geradezu anklagen zu können, wußte ſie doch, daß ſie zwei unverſöhnliche Feinde an ihnen hatte. Dieſe Reiſe nach einer kleinen Stadt, dieſer Aufenthalt in einem ein⸗ ſamen Schloſſe, mitten unter einer neuen und unbekannten Ge⸗ ſellſchaft, verkündeten ihr nichts Gutes. Offener Widerſtand wäre lächerlich geweſen; worauf wollte ſie ihn auch begründen? Sie konnte ihr Entſetzen nur geſtehen, wenn ſie ihren Gatten und ihre Schwäger anklagte, und weſſen konnte ſie ſie anklagen? Der ver⸗ giftete Crème war kein voller Beweis. Sie beſchloß alſo, ihre Beſorgniß in ihr Herz zu verſchließen und ſich Gottes Hand an⸗ zuvertrauen. Demungeachtet wollte ſie Avignon nicht verlaſſen, ohne ihr Teſtament gemacht zu haben, an das ſie ſeit dem Tode des Herrn von Nochères fortdauernd dachte. Sie ließ einen Notar rufen, der dieſes Doeument aufſetzte. Sie ernannte hierin ihre Mutter, die Frau von Roſſan, zur Univerſalerbin, unter der Bedingung, die beiden Kinder der Erblaſſerin ihrerſeits bei ihrem Tode in den Beſitz der Güter zu ſetzen. Dieſe beiden Kinder waren ein Knabe von ſechs und ein Mädchen von fünf Jahren. Doch das genügte der Marquiſe noch nicht. Sie war über⸗ zeugt, daß ſie dieſe unglückliche Reiſe nicht überleben würde, und ließ insgeheim und bei Nacht die Magiſtratsperſonen von Avignon und mehrere, den erſten Familien der Stadt angehörende Edelleute verſammeln und erklärte in ihrer Gegenwart laut, daß ſie 1) im Fall ihres Todes die ehrenwerthen Zeugen bäte, nur das Teſta⸗ ment für ächt und freiwillig abgefaßt zu erkennen, was ſie am vorigen Tage unterzeichnet habe, indem ſie vvraus verſichere, daß jedes ſpätere Teſtament, das vorgebracht werden könne, das Werk der Liſt oder Gewaltthätigkeit ſei; 2) ſchrieb die Marquiſe dieſe 22 mit lauter Stimme ausgeſtellte Erklärung ſelbſt nieder, unterzeich⸗ nete das Papier und übergab es der Obhut Derjenigen, welche ſie zu ihren Teſtamentsvollſtreckern ernannte. Eine ſolche Vorſicht mußte natürlich die lebhafte Neugier der Zuhörer erwecken; man drang in die Marquiſe mit Fragen, konnte aber nichts von ihr herausbringen, als die Verſicherung, Gründe, die ſie nicht näher erklären könne, nöthigten ſie, ſo zu handeln. Der Zweck dieſer Verſammlung blieb geheim, und Jeder, der dabei zugegen war, gab der Marquiſe das beſondere Verſprechen, ihn nicht zu ver⸗ öffentlichen. Am folgenden Tage, dem Tage vor ihrer Abreiſe nach Ganges, beſuchte die Marquiſe ſämmtliche Wohlthätigkeitsanſtalten von Avignon und ließ überall reiche Almoſen zurück, beſchenkte auch die Kirchen, um für ſie zu beten und Meſſe zu halten, damit Gott ſie nicht ſterben laſſe, ohne die heiligen Sacramente der Kirche erhalten zu haben. Am Abend nahm ſie von allen ihren Freunden mit Thränen und Wehmuth Abſchied, wie Jemand, der die Ueber⸗ zeugung hat, ſie nicht wiederzuſehen; die Nacht aber brachte ſie im Gebet zu, und als am Morgen ihre Kammerfrau eintrat, um ſie zu wecken, fand ſie ſie auf demſelben Platze knieend, wo ſie ſie am Abend zuvor gelaſſen hatte. Man reiſte nach Ganges ab und kam ohne Unfall dort an⸗ Im Schloſſe traf die Marquiſe ihre Schwiegermutter, eine fromme, treffliche Frau, und ihre Gegenwart, obgleich ſie nur vorüber⸗ gehend ſein ſollte, flößte der armen Margquiſe wieder etwas Muth ein. Die Dispoſitionen in dem alten Schloſſe waren ſchon im voraus getroffen, und die Marquiſe hatte das bequemſte und ele⸗ ganteſte Zimmer erhalten; es lag im erſten Stockwerk und ging auf einen von allen Seiten durch Ställe geſchloſſenen Hof. Gleich am erſten Abend, ehe ſich die Marquiſe niederlegte, unterſuchte ſie dieſes Zimmer mit der größten Aufmerkſamkeit. Sie prüfte die Mauern, die Tapetenwände, konnte aber nichts entdecken, 23 was ihre Furcht beſtätigen mochte, die ſie auf dieſe Weiſe mehr und mehr verlor. Nach einigen Tagen verließ die Mutter des Marquis Ganges, um nach Montpellier zurückzukehren; und zwei Tage nach dieſer Abreiſe ſprach der Marquis von dringenden Ge⸗ ſchäften, die ihn nach Avignon riefen, und verließ gleichfalls das Schloß. Die Marquiſe blieb alſo allein mit dem Abbé, dem Chevalier und einem Kaplan, Perrette, der ſeit 25 Jahren im Dienſte der Familie des Marquis war. Außerdem waren noch einige Diener da. Gleich nach ihrer Ankunft im Schloſſe hatte die Marquiſe Sorge getragen, ſich in der Stadt eine kleine Geſellſchaft zu bilden. Das war ihr leicht geworden, denn außer ihrem Range, der Jedem die Ehre ihrer Bekanntſchaft ſuchen ließ, flößte auch ihre gewinnende Anmuth gleich beim erſten Anblick den Wunſch ein, ſie zur Freun⸗ din zu haben. Die Marquiſe empfand alſo weniger Langweile, als ſie Anfangs gefürchtet hatte. Dieſe Vorſicht war nicht unnütz geweſen; denn anſtatt nur den Herbſt in Ganges zuzubringen, mußte die Marquiſe, nach den Briefen ihres Gatten, auch den Winter dort bleiben. Während der ganzen Zeit ſchienen der Abbé und der Chevalier ihre früheren Abſichten auf ſie völlig vergeſſen zu haben und waren ſo achtungs⸗ volle als aufmerkſame Schwäger wieder geworden. Aber Herr von Ganges blieb fern, und die Marquiſe, die ihn immer noch liebte, verlor wohl nach und nach die Furcht, nicht aber den Schmerz. Eines Tages trat der Abbé ziemlich unvermuthet in ihr Zimmer, ehe ſie Zeit gefunden hatte, ihre Thränen zu trocknen. Sobald er dieſes halbe Geheimniß bemerkt hatte, wurde es ihm nicht ſchwer, ſie zum Vertrauen zu bewegen. Die Margquiſe geſtand ihm, daß ſie nicht eher von Glück ſprechen könne, bis ihr Gatte dieſe Feindſeligkeit gegen ſie aufgäbe. Der Abbé ſuchte ſie zu tröſten; doch immer, ſelbſt indem er ſie tröſtete, ſagte er ihr, daß ſie an ihrem Kummer ſelbſt Schuld ſei; ihr Gatte fühle ſich be⸗ 24⁴ leidigt über das Mißtrauen, das ſie gegen ihn habe und durch ihr neuerliches Teſtament öffentlich ausgeſprochen hätte; ſo lange alſo das Teſtament beſtände, könne ſie auf eine Rücktehr ihres Gatten nicht hoffen. Dabei blieb das Geſpräch diesmal ſtehen. Einige Tage nachher kam der Abbé mit einem Briefe zur Mar⸗ quiſe, den er ſo eben von ſeinem Bruder erhalten hätte. Dieſer angeblich vertrauliche Brief war mit zärtlichen Klagen über das Betragen ſeiner Gattin rückſichtlich ſeiner erfüllt und ließ, bei jedem Worte faſt, eine Liebe erkennen, die nur mit dem tiefen Kummer verglichen werden konnte, welchen der Marquis zu haben glaubte. Anfangs fühlte ſich die Marquiſe von dieſem Briefe gerührt, doch bald bedachte ſie, daß zwiſchen dem neulichen Geſpräche mit dem Abbé und der Ankunft dieſes Briefs gerade die nöthige Zeit verfloſſen ſei, um den Marquis davon zu benachrichtigen. Sie erwartete alſo andere und ſtärkere Beweiſe, um ihre Meinung zu ändern. Von Tag zu Tag wurde jetzt der Abbé unter dem Vorwande, die beiden Ehegatten auszuſöhnen, dringender in Bezug auf das Teſtament, und die von dieſer Beharrlichkeit beunruhigte Marquiſe kam nach und nach auf ihre frühere Furcht zurück. Endlich drang der Abbé ſo ſehr in ſie, daß ſie meinte, nach den Vorſichtsmaß⸗ regeln, die ſie in Avignon getroffen, könne ein Widerruf keine böſe Folge haben, und es ſei wohl beſſer, ſcheinbar nachzugeben, als durch eine hartnäckige Weigerung den Mann zu reizen, der ihr ſo viel Furcht einflößte. Sobald er daher wieder auf dieſen Gegenſtand zurückkam, antwortete ſie, ſie ſei bereit, ihrem Gatten dieſen neuen Beweis ihrer Liebe zu geben, wenn dieſer ihn zu ihr zurückführen könne; und nachdem ſie einen Notar hatte holen laſſen, machte ſie in Gegenwart des Abbé und des Chevalier ein neues Teſtament, in welchem ſie den Marquis zum Univerſalerben einſetzte. Dieſes zweite Teſtament war vom 5. Mai 1667. Der 25 Abbé und der Chevalier bezeugten der Marquiſe ihre lebhafteſte Freude, endlich die Urſache des Zwieſpalts gehoben zu ſehen, und verſicherten ſie einer ſchönern Zukunft. Einige Tage verſtrichen in dieſer Hoffnung, die ein Brief des Marquis noch beſtätigte, in dem er ſeine nahe Ankunft im Schloſſe zu Ganges verkündigte. Am 16. Mai beſchloß die Marquiſe, die ſeit einigen Monaten etwas unwohl war, Arznei zu nehmen, und ließ den Apotheker bitten, ihr unter ihrer Adreſſe das Mittel am folgenden Tage zu⸗ zuſchicken. In der That, zu der beſtimmten Stunde ward der Marquiſe der Trank gebracht; ſie fand ihn aber ſo ſchwarz und dick, daß ſie, der Kunſt des Apothekers mißtrauend, ihn in einen Schrank ihres Zimmers verſchloß und einige Pillen nahm, die zwar weniger wirkſam waren, doch ihr auch weniger Widerwillen einflößten. Kaum war eine Stunde nach Empfang der Arznei verfloſſen, als der Abbé und der Chevalier ſich nach ihrer Geſundheit erkun⸗ digen ließen. Sie ließ ihnen ſagen, ſie befände ſich wohl, und lud ſie zu einer kleinen Collation ein, welche ſie gegen vier Uhr des Nachmittags den Damen ihrer Geſellſchaft geben wolle. Eine Stunde ſpäter ließen ihre Schwäger zum zweiten Male nach ihrer Geſundheit fragen, und ohne weiter auf dieſes Ueber⸗ maß von Höflichkeit zu achten, das ihr erſt in der Folge auffiel, gab ſie ihnen wieder zur Antwort, ſie könne ſich nicht beſſer be⸗ finden. Die Marquiſe war im Bett geblieben, befand ſich aber in der heiterſten Laune. Zur feſtgeſetzten Stunde kamen ſämmtliche Gäſte an, der Abbé und der Chevalier wurden eingeführt, und man ſer⸗ virte die Collativn. Keiner der beiden Letztern wollte daran Theil nehmen; der Abbé jedoch ſetzte ſich an den Tiſch, der Chevalier dagegen blieb am Bette ſtehen. Der Abbé ſchien gedankenvoll und erwachte nur zuweilen aus ſeiner Zerſtreuung, wo er dann einen herrſchenden Gedanken von ſich zu vertreiben ſchien; doch dieſe 26 Idee ſchien mächtiger als ſein Wille und verſenkte ihn bald wieder in eine Träumerei, die allen Anweſenden um ſo mehr auffiel, als ſie ihm nicht gewöhnlich war. Der Chevalier wendete die Augen von ſeiner Schwägerin nicht ab, was aber Niemanden in Erſtaunen ſetzte, da die Marquiſe nie reizender erſchienen war. Nach beendigter Collation entfernte ſich die Geſellſchaft; der Abbé begleitete die Damen und der Chevalier blieb bei der Mar⸗ quiſe zurück. Doch kaum war der Abbé hinaus, als Frau von Ganges ihren Schwager erbleichen und auf das Bett niederſinken ſah. Beſorgt fragte ihn die Marquiſe, was er habe, doch ehe er antworten konnte, wurde ihre Aufmerkſamkeit von einer andern Seite in Anſpruch genommen. Der Abbé trat eben ſo bleich und verſtört wie der Chevalier ins Zimmer, in der einen Hand ein Glas, in der andern eine Piſtole haltend, und ſchloß die Thür hinter ſich zweimal ab. Ent⸗ ſetzt von dieſem Anblick, richtete ſich die Marquiſe in ihrem Bette auf und ſtarrte ihn ſprachlos an. Der Abbé trat zu ihr, hielt ihr das Glas und die Piſtole vor und ſagte nach einem Augenblick furchtbaren Stillſchweigens mit zitternden Lippen und glühenden Augen:„Gnädige Frau, wählen Sie, entweder Gift, oder eine Kugel, oder(dem Chevalier einen Wink gebend, der ſeinen Degen zog) das Eiſen.“ Die Marquiſe hatte einen Augenblick lang Hoffnung gehegt. Die Aufregung, welche ſie beim Chevalier wahrgenommen, hatte ihr den Glauben beigebracht, er werde ihr helfen; doch bald ent⸗ täuſcht und zwiſchen zwei Männern ſich befindend, die ſie Beide bedrohten, ſprang ſie aus dem Bett und warf ſich auf die Kniee. — Was hab' ich gethan, rief ſie; großer Gott! daß Ihr nach meinem Tode ſtrebt? Ich habe gegen Euch keine andere Schuld, als treu den Pflichten gegen meinen Gatten zu ſein, der Euer Bruder iſt; und als ſie ſah, daß ihre Bitten auf den feſtgefaßten Entſchluß des Abbé keine Wirkung hatten, wandte ſie ſich zum k. W Chevalier und rief:— Auch Sie, Schwager! Gott, o Gott, auch Sie? Erbarmen Sie Sich doch meiner! Doch dieſer ſtampfte mit dem Fuße, ſetzte ihr die Spitze ſeines Degens auf die Bruſt und entgegnete: — Genug, gnädige Frau, genug! wählen Sie! wenn Sie es nicht thun, ſo wählen wir für Sie. Die Marquiſe wandte ſich noch einmal gegen den Abbé und ſtieß mit ihrer Stirn gegen die Mündung der Piſtole. Da ſah ſie wohl, daß ſie ſterben müſſe, und unter den drei Todesarten diejenige wählend, die ihr am wenigſten ſchrecklich ſchien, ſagte ſie: — So gebt mir denn das Gift, und Gott verzeihe Euch mei⸗ nen Tod. Mit dieſen Worten nahm ſie das Glas; doch die ſchwarze dicke Flüſſigkeit erfüllte ſie mit ſolchem Widerwillen, daß ſie noch einen letzten Verſuch machen wollte; aber ein gräßlicher Fluch des Abbé und eine drohende Gebehrde des Chevalier nahm ihr auch den letzten Schein einer Hoffnung. Sie ſetzte das Glas an ihre Lippen, murmelte noch einmal:„Herr Gott, erbarme Dich mei⸗ ner!“ und trank es aus. Während dieſer Zeit fielen einige Tro⸗ pfen der Flüſſigkeit auf ihre Bruſt und brannten ſogleich in ihre Haut ein, als wären es glühende Kohlen geweſen. Das hölliſche Gebräu war in der That eine Miſchung von Arſenik und Sublimat, in Scheidewaſſer aufgelöſt. Im Glauben, daß man nichts weiter von ihr verlangen würde, ließ ſie das Glas fallen. Sie täuſchte ſich. Der Abbé nahm es auf und da er ſah, daß der ganze Sublimat zurückgeblieben war, rührte er mit einem ſilber⸗ nen Löffel den Reſt und was an den Seiten des Glaſes übrig geblieben war, zuſammen, nahm es auf die Spitze des Löffels und bot es der Marquiſe mit den Worten dar:„Vorwärts, Madame, Sie müſſen auch den Weihwedel verſchlin⸗ gen!“ Die Marquiſe öffnete ergeben die Lippen, behielt aber das Gift im Munde, warf ſich auf ihr Bett zurück, faßte krampfhaft * 28 ihre Kopfkiſſen und ſpie es mit einem Schrei dahinter aus, ohne daß die Mörder es bemerkten; dann wandte ſie ſich wieder zu ihnen und ſagte mit gefaltenen Händen: — um Gottes Willen, Ihr habt meinen Leib getödtet, ver⸗ derbt meine Seele nicht und ſchickt mir einen Beichtvater. So grauſam auch der Abbé und der Chevalier waren, mußten ſie doch eines ſolchen Schauſpiels nach und nach überdrüſſig wer⸗ den. Die Sache war übrigens vollbracht, die Marquiſe konnte nur wenige Minuten noch leben, und ſo entfernten ſie ſich und ſchloßen die Thür hinter ſich zu. Doch kaum ſah ſich die Mar⸗ quiſe allein, als ſie an die Möglichkeit einer Flucht dachte. Sie lief ans Fenſter; es war nur 22 Fuß hoch; doch unten lagen Steine und Trümmer. Da die Marquiſe im Hemd war, wollte ſie einen ſeidenen Rock überwerfen; doch in dem Augenblick, als ſie ihn feſtband, hörte ſie Schritte ſich ihrem Zimmer nahen. Sie glaubte, es ſeien ihre Mörder und ſtürzte wie wahnſinnig nach dem Fenſter. Als ſie oben ſtand, öffnete ſich die Thür; die Mar⸗ quiſe dachte an nichts mehr und ſtürzte ſich kopfüber hinab. Glück⸗ licherweiſe hatte der Hinzugekommene, der Kaplan des Hauſes, Zeit, ihren Rock zu ergreifen. Dieſer war zwar zu ſchwach, um das Gewicht der Marquiſe zu tragen, und zerriß; aber der Wider⸗ ſtand genügte wenigſtens dazu, dem Körper eine andere Rich⸗ tung zu geben. Die Marquiſe fiel, ſtatt auf den Kopf, auf die Füße und erhielt keine andere Verletzung, als einige Contuſionen an den Füßen. Trotz der Betäubung, die ihrem Falle folgte, ſah ſie, daß man ihr etwas nachwarf, und ſprang von der Seite. Es war ein ungeheurer, mit Waſſer gefüllter Krug, unter dem ſie der Prieſter, der ihre Flucht bemerkte, hatte zerſchmettern wollen. Sei es, daß er falſch gezielt, oder die Marquiſe wirklich Zeit gefunden hatte, ſich zu entfernen, das Gefaͤß zerbrach zu ihren Füßen, ohne ſie zu treffen, und der Prieſter eilte fort, um dem Abbé und dem Chevalier anzuzeigen, daß ihr Opfer entſchlüpft ſei. — 29 Kaum war die Marquiſe auf der Erde, als ſie mit einer be⸗ wundernswürdigen Geiſtesgegenwart einen Theil ihrer Haarflechten in den Mund ſteckte, um ein Erbrechen hervorzubringen, was ihr um ſo leichter gelang, da ſie bei der Collation viel gegeſſen hatte, und die Nahrungsmittel hatten zugleich das Gift verhindert, ihren Magen anzugreifen. Kaum hatte ſie das Gift von ſich gegeben, als ein Schwein es auffraß und ſogleich in Krämpfen niederfiel und ſtarb. Doch wie wir geſagt haben, gingen die Fenſter des Zimmers auf einen verſchloſſenen Hof, und ſchon glaubte die Marquiſe, ſie habe nur ihr Gefängniß vertauſcht, als ſie in einem Fenſter der Ställe ein ſchwaches Licht bemerkte, dorthin eilte und einen Pferde⸗ knecht fand, der ſich eben niederlegen wollte. — Um Gottes Willen, Freund, rief ſie ihm zu, rette mich! Ich bin vergiftet, man will mich tödten! Verlaß mich nicht, ich beſchwöre Dich! Erbarme Dich meiner, damit ich fort kann und entfliehen. Der Stallknecht verſtand nicht viel von dem, was die Mar⸗ quiſe ihm ſagte; doch bei dem Anblick eines verſtörten, halbnackten Weibes, das um Hülfe bat, nahm er ſie beim Arm, führte ſie durch die Ställe, öffnete eine Thür, und die Marquiſe befand ſich auf der Straße. Zwei Frauen gingen vorbei, und der Stallknecht gab ſie in ihren Schutz, ohne ihnen ſagen zu können, was er ſelbſt nicht wußte. Die Marquiſe ſchien nichts weiter ſagen zu kön⸗ nen als:„Rettet mich, ich bin vergiftet! Um Gottes Willen, rettet mich!“ entſchlüpfte aber dann ihren Händen und floh wie eine Wahnſinnige weiter, denn ſie hatte zwanzig Schritte von ihr an der Thür, aus der ſie getreten war, ihre beiden Mörder geſehen, die ſie verfolgten. Nun begann eine ſeltſame Jagd. Die Marquiſe ſchrie, ſie ſei vergiftet, ihre beiden Verfolger riefen, ſie ſei wahnfinnig, und das hinzuſtrömende Volk, das nicht wußte, woran es ſich halten 30 ſollte, ſah dem Opfer und den Mördern erſtaunt nach. Das Ent⸗ ſetzen gab der Marquiſe übermenſchliche Kräfte. Sie, die nur in ſeidenen Schuhen auf weichen Teppichen zu gehen gewohnt war, lief jetzt mit nackten Füßen über Steine und Kieſel und bat ver⸗ geblich um Hülfe, die Niemand ihr gewährte. In der That, wenn man ſie ſo, im Hemd, mit zerſtreuten Haaren, nur in einem zer⸗ riſſenen Rock gehüllt, hinlaufen ſah, konnte man faſt nicht anders glauben, als daß dieſes Weib wahnſinnig ſei. Endlich erreichte ſie der Chevalier, hielt ſie an und zog ſie, trotz ihres Geſchreies, in das nächſte Haus, deſſen Thür er hinter ſich zuſchloß, während der Abbé, eine Piſtole in der Hand, Jeden zu erſchießen drohte, der ſich nähern würde. Das Haus, in das der Chevalier und die Marquiſe getreten waren, gehörte einem Herrn Desprats, der für den Augenblick abweſend war, bei deſſen Gattin aber ſich mehrere ihrer Freun⸗ dinnen verſammelt hatten. Immer im Kampfe, traten die Mar⸗ quiſe und der Chevalier in das Zimmer, wo die Geſellſchaft ver⸗ ſammelt war. Da mehrere der anweſenden Damen die Marquiſe kennen gelernt hatten, ſtanden ſie ſogleich höchſt erſtaunt auf, um ihr die Hülfe zu Theil werden zu laſſen, die ſie in Anſpruch nahm; doch der Chevalier entfernte ſie durch die Behauptung, ſie ſei wahnſinnig. Auf dieſe ewige Anklage, welcher der Schein nur zu viel Wahrſcheinlichkeit gab, antwortete die Marquiſe, indem ſie auf ihre verbrannte Bruſt und auf ihre geſchwärzten Lippen zeigte, ſchmerzlich die Arme rang, ſchrie, ſie ſei vergiftet und müſſe ſter⸗ ben, und inſtändig um Milch oder wenigſtens um Waſſer bat. Da ſteckte ihr die Gattin eines proteſtantiſchen Predigers, Namens Madame Brunelle, eine Doſe voll Orvietan zu, von dem ſie eilig etwas nahm, während der Chevalier ihr den Rücken kehrte; zu gleicher Zeit brachte ihr eine andere Dame ein Glas Waſſer; doch in dem Augenblick, wo ſie es an den Mund ſetzte, zerbrach es der Chevalier unter ihren Zähnen, und ein Glasſtück zerſchnitt ihr die 31 Lippen. Jetzt wollten ſich alle Frauen auf den Chevalier werfen, aber die Marquiſe, welche beſorgte, er möge noch wüthender wer⸗ den, bat im Gegentheil, ſie mit ihm allein zu laſſen. Die ganze Geſellſchaft gab ihren Bitten nach und ging in ein Nebenzimmer. Kaum waren ſie allein, als die Marquiſe vor ihrem Schwager niederfiel und mit dem freundlichſten, demüthigſten Tone zu ihm ſprach:„Chevalier, lieber Schwager, haben Sie kein Mitleid mit mir, und ich habe doch immer ſo viel Freundſchaft für Sie gehabt, und noch in dieſer Stunde möchte ich mein Blut für Sie ver⸗ gießen. Sie wiſſen wohl, daß das nicht eitle Worte ſind, und doch, wie behandeln Sie mich? Und was wird die Welt davon ſagen? Ach, wie entſetzlich iſt mein Unglück, und doch, lieber Schwager, wenn Sie Mitleid mit mir haben und mir das Leben retten wollen, ſo verſpreche ich alles Geſchehene zu vergeſſen.“ Plötzlich erhob ſich die Marquiſe, einen heftigen Schrei aus⸗ ſtoßend. Während ſie ſprach, hatte der Chevalier, ohne daß ſie es gewahr ward, ſeinen Degen gezogen, der ſehr kurz war, und ihn, wie einen Dolch gebrauchend, ihr in die Bruſt geſtoßen. Dem erſten Stoße folgte ein zweiter, und die Marquiſe ſtürzte, um Hülfe ſchreiend, nach der Thür, durch welche ſich die Geſell⸗ ſchaft zurückgezogen hatte. Aber ehe ſie dahin kam, hatte ihr der Chevalier noch fünf Stiche in den Rücken gegeben und würde wahrſcheinlich das noch fortgeſetzt haben, wenn ſein Degen nicht zerbrochen wäre. Uebrigens war der letzte Stich ſo gewaltig geweſen, daß das abgebrochene Stück in der Achſel zurückblieb, und die Marquiſe, mit dem Geſicht gegen die Erde, im Blute ſchwimmend, niederfiel. Der Chevalier glaubte ſie getödtet zu haben, und da er die Frauen zu ihrer Hülfe herbeieilen hörte, ſtürzte er aus dem Zim⸗ mer. Der Abbé ſtand noch immer an der Thür, das Piſtol in der Hand; der Chevalier ergriff ihn beim Arm, um ihn mit ſich fortzuziehen, und ſagte, als dieſer zögerte;„Fort, fort, Abbé, es iſt geſchehen.“ Die beiden Brüder gingen einige Schritte in die Straße, doch in dieſem Augenblicke öffnete ſich ein Fenſter, und die Frauen, die die Marquiſe ſterbend gefunden hatten, riefen um Hülfe. Bei dieſem Geſchrei blieb der Abbé ſtehen, hielt den Chevalier zurück und ſagte: — Was ſprichſt Du denn, Chevalier? Wenn man um Hülfe ſchreit, iſt ſie noch nicht todt. — Ich habe genug gethan, antwortete der Chevalier; geh Du jetzt, die Reihe iſt an Dir. — Das will ich auch, rief der Abbé, und von Neuem in das Haus eilend, ſtürzte er in das Zimmer in dem Augenblick, wo die Frauen mit großer Mühe die Marquiſe aufhoben und auf ein Bett legten, denn dieſe war ſo ſchwach, daß ſie ſich nicht ſelbſt helfen konnte. Der Abbé ſtieß ſie zurück, trat zur Marquiſe und ſetzte ihr das Piſtol auf die Bruſt; doch in dem Augenblick, wo er losdrückte, hob Madame Brunelle den Lauf in die Höhe, ſo daß er, ſtatt die Marquiſe, die Decke traf. Da nahm der Abbé das Piſtol beim Laufe und gab mit dem Griff Madame Brunelle einen ſo wüthenden Schlag auf den Kopf, daß ſie wankte und faſt zu Boden geſunfen wäre. Er wollte den Schlag wiederholen, doch alle Frauen vereinigten ſich gegen ihn, ſtießen ihn mit tauſend Verwünſchungen zur Thür hinaus und verſchloſſen dieſe. Jetzt entflohen die beiden Mörder im Schutz der Nacht aus Ganges und kamen gegen zehn Uhr des Abends nach Aubenas, eine gute Stunde von der Stadt entfernt. Unterdeß ſuchten die Frauen der Marquiſe beizuſtehen. Anfangs hatte man ſie ins Bett legen wollen, doch das abgebrochene Degen⸗ ſtück hinderte die Arme am Liegen. Vergeblich verſuchte man es herauszuziehen, es war zu tief in den Knochen eingedrungen. Da gab die Marguiſe Madame Brunelle ſelbſt das Mittel an, wie ſie ſie davon befreien könne; die Dame ſetzte ſich aufs Bett, und während die anderen Frauen die Marquiſe in einer ſitzenden Stellung 33 hielten, mußte die Erſtere das Eiſen mit beiden Händen er⸗ faſſen und, mit den Knieen gegen den Rücken der Verwundeten geſtemmt, herausreißen. Es gelang und die Marquiſe konnte ſich in ein Bett legen. Es war neun Uhr des Abends und faſt drei Stunden hatte dieſe gräßliche Schlächterei gedauert. Inzwiſchen war der Magiſtrat von Ganges von dem Vorfall unterrichtet worden und glaubte nach und nach wirklich an einen Mord. Der Maire begab ſich in Perſon zur Marquiſe mit einer Schutzwache. Kaum erblickte dieſe ihn, als ſie ihre Kräfte wieder ſammelte, ſich im Bett erhob und mit gefalteten Händen um ſei⸗ nen Schutz bat, denn ſie fürchtete immer noch die Rückkehr ihrer Mörder. Der Maire bat ſie, ſich zu beruhigen, ließ alle Zugänge des Hauſes von Bewaffneten beſetzen, eiligſt aus Montpellier Aerzte und Chirurgen herbeirufen, und den Baron von Triſſan, Grand⸗ prévot von Languedoe, von dem begangenen Verbrechen benach⸗ richtigen, indem er ihm zugleich die Namen und das Signalement der Mörder zuſchickte. Dieſer ließ ihnen ſogleich nachſetzen, doch war es zu ſpät. Man erfuhr, daß der Abbé und der Chevalier die Nacht nach dem Morde in Aubenas zugebracht, dort ſich gegen⸗ ſeitig ihr Ungeſchick vorgeworfen und faſt ermordet hätten, endlich vor Tagesanbruch abgereiſt wären, und ſich in der Nähe von Agde an der Küſte, genannt le Gras de Paleval, eingeſchifft hätten. Der Marquis von Ganges war, als er dieſes tragiſche Ereig⸗ niß erfuhr, in Avignon, wo er gegen einen ſeiner Diener, der ihm zweihundert Thaler geſtohlen hatte, einen Proceß einleitete. Er erblaßte furchtbar, als er die Nachricht hörte, brach gegen ſeine Brüder in große Wuth aus und ſchwor, er wolle ſie mit eigenen Händen ermorden. Doch ſo beſorgt er auch über den Zu⸗ ſtand der Marquiſe ſchien, reiſte er erſt am folgenden Nachmittage ab und ſah inzwiſchen einige von ſeinen Freunden in Avignon, ohne von dieſer Sache zu ſprechen. Vier Tage nach dem Mordanfalle kam er in Ganges an und begab ſich in das Haus des Herrn Desprats, um ſeine Frau zu ſehen, welche einige Mönche auf dieſe Zuſammenkunft ſchon vor⸗ bereitet hatten. Kaum erfuhr die Marquiſe ſeine Ankunft, als ſie einwilligte, ihn zu ſehen, und der Marquis trat weinend, ſich die Haare raufend, und mit allen Zeichen der tiefſten Verzweiflung ins Zimmer. Die Marquiſe empfing ihren Gatten als eine verzeihende Gattin und ſterbende Chriſtin. Kaum machte ſie ihm einige leichte Vor⸗ würfe, daß er ſie in den Händen ihrer Mörder gelaſſen hätte, und als der Marquis ſich über dieſe Vorwürfe gegen einen Mönch be⸗ klagte und dieſer der Marquiſe dieſe Klagen vorſtellte, rief ſie ihren Gatten an ihr Bett, in einem Augenblick, wo mehrere andere Perſonen anweſend waren, nahm ihre Vorwürfe öffentlich zurück, bat ihn tauſend Mal um Verzeihung und ſagte, er ſolle ihre Worte nur ihren Schmerzen, nicht aber einem Mangel an Achtung zu⸗ ſchreiben. Der Marquis wollte dieſe freundliche Geſinnung ſeiner Gattin benutzen, um ſie zu bewegen, die in Gegenwart der Magiſtrats⸗ perſonen von Avignon gegebene Erklärung wieder zurückzunehmen, denn treu dem der Marquiſe gegebenen Verſprechen, hatten ſich der Vicelegat und ſeine Beamten geweigert, die durch die Liſt des Abbé in Ganges bewirkte neue Schenkung, die dieſer ſeinem Bru⸗ der ſogleich zugeſchickt hatte, einzuregiſtriren. Doch in dieſer Hin⸗ ſicht war die Marquiſe unerſchütterlich und erklärte, das Vermögen ſei für ihre Kinder und deshalb für ſie heilig, ſie könne an dem, was ſie in Avignon gethan hätte, nichts ändern, weil es ihre wahrhafte, aufrichtige Meinung geweſen ſei. Zwei Tage nach dem Marquis von Ganges kam Frau von Roſſan an und erſtaunte ſehr, ihre Tochter, trotz der Gerüchte, die über den Marquis im umlauf waren, in den Händen dieſes Mannes zu finden, den ſie für einen ihrer Mörder anſahe. Die Margquiſe theilte dieſe Meinung nicht und that Alles, um ihre u⸗ on te, ſes Die hre Mutter zu freundlicheren Geſinnungen gegen ihren Gatten zu brin⸗ gen; dieſe Verblendung von Seiten der Marquiſe erfüllte Frau von Roſſan mit ſolchem Schmerz, daß ſie, trotz ihrer großen Liebe für ihre Tochter, nicht länger als zwei Tage bei der Sterbenden verweilte. Die Abreiſe ihrer Mutter ſchmerzte die Marquiſe ſehr und ver⸗ mehrte nur ihr Verlangen, nach Montpellier gebracht zu werden; denn ſchon der Anblick des Ortes, wo ſie angefallen worden war, belebte nicht allein die Erinnerung an den Mord ſelbſt in ihr, ſondern auch an ihre Mörder, deren Bild ſie fortdauernd verfolgte, ſo daß ſie in den kurzen Augenblicken des Schlafes vft plötzlich mit großem Geſchrei erwachte und um Hülfe rief⸗ Unglücklicher⸗ weiſe hielt der Arzt ſie für dieſe Reiſe zu ſchwach und erklärte, daß ſie ohne große Gefahr nicht verſucht werden könne. Da entſchloß ſie ſich denn, ſich zum Tode vorzubereiten. Sie verlangte das Viaticum, und während man danach ſchickte, erneuerte ſie ihrem Gatten ihre Verzeihung, die ſie auch auf ſeine Brüder ausdehnte. Doch als der Prieſter mit dem Viaticum eintrat, ver⸗ wandelte ſich plötzlich ihr Geſicht und nahm den Ausdruck des tief⸗ ſten Entſetzens an. Sie erfannte in dem Prieſter, der ihr die letzten Tröſtungen des Himmels brachte, den ſchändlichen Perrette, den ſie als den Mitſchuldigen ihrer Mörder anſehen mußte. Doch ſie beruhigte ſich bald, und da ſie ſah, daß der Prieſter ohne irgend eine Reue ſich ihrem Bette näherte, wollte ſie nicht ein ſo großes Skandal erregen und ihn in einem ſolchen Augenblicke anklagen. Sie neigte ſich aber zu ihm und ſagte:„Ich hoffe, daß Sie beden⸗ ken, was vorgefallen iſt und um meine Beſorgniſſe zu zerſtreuen, keine Schwierigkeiten machen werden, die heilige Hoſtie mit mir zu theilen; denn ich habe zuweilen gehört, daß in den Händen von Verruchten der Leib unſers Herrn Jeſu Chriſti, obgleich immer noch ein Symbol des Heils, zum Grund des Todes geworden ſei Der Prieſter neigte ſeinen Kopf zum Zeichen der Zuſtimmung. 3* nur Gott und dem König, und dieſen beiden Mächten müſſe er vereiteln. Anfangs wollte die Marquiſe nichts von dem Vorge⸗ . Die Marquiſe nahm alſo das Abendmahl, das ſie mit einem ihrer Mörder theilte, und bewies dadurch, daß ſie ihm ebenſo, wie den Uebrigen vergab. Die folgenden Tage vergingen, ohne daß das Uebel ſich zu verſchlimmern ſchien; die Fieberhitze im Gegentheil gab der Schön⸗ heit ihres Geſichts, ihrer Stimme und ihren Gebehrden einen Reiz, den ſie nie gehabt hatte. Jedermann hatte daher auch wieder Hoff⸗ nung gefaßt, nur ſie nicht, die ihren Zuſtand am beſten fühlte und ſich keinen Augenblick darüber täuſchte. Sie behielt immer ihren Sohn an ihrem Bette und ſagte ihm faſt jeden Augenblick, er möge ſie wohl anſehen, damit er, ſo jung er auch ſei, ſich ſein ganzes Lebenlangihrer erinnere und in ſeinen Gebeten ſie nie vergäße. Dann brach der Knabe in Thränen aus und verſprach ihr nicht allein, ſie nie zu vergeſſen, ſondern auch ihren Tod zu rächen. Die Marquiſe aber tadelte dieſe Worte und ſagte, die Rache gehöre ſie überlaſſen. Am 3. Juni kam der Parlamentsrath Catalan, deputirter Com⸗ miſſär des Parlaments von Tvulouſe, in Ganges an, mit allen den zu ſeinem Auftrag nothwendigen Beamten; konnte aber an dieſem Abend die Marquiſe nicht ſehen, weil ſie ſeit mehreren Stunden ſchon ſchlief und nach ihrem Erwachen eine ſolche geiſtige Betäubung ſpürte, daß man fürchtete, ihren Ausſagen möchte die Klarheit fehlen. Er wartete alſo bis zum folgenden Morgen. Am andern Tage begab ſich Herr Catalan, ohne Jemand wei⸗ ter zu fragen, in das Haus des Herrn Desprats und drang trotz des Widerſtandes, den man ihm hier entgegenſtellte, bis zur Mar⸗ quiſe. Die Sterbende empfing ihn mit großer Geiſtesgegenwart, was Herrn Catalan glauben ließ, man habe am vorigen Tage ihn abſichtlich von ihr entfernt gehalten, um ſeinen Zweck ganz zu fallenen erzählen, weil ſie behauptete, Anklage und Verzeihung 37 vertrügen ſich nicht mit einander; erſt als ihr Herr Catalan vor⸗ ſtellte, daß ſie der Gerechtigkeit Wahrheit ſchuldig ſei, weil ſie ohnedem die Unſchuldigen ſtatt die Schuldigen ergreifen könne, entſchloß ſich die Marquiſe zu reden, und erzählte ihm, während der anderthalb Stunden, daß die Zuſammenkunft dauerte, dieſes entſetzliche Ereigniß auf das genaueſte. Am folgenden Tage ſollte Herr Catalan wieder kommen; doch der Zuſtand der Marquiſe hatte ſich verſchlimmert. Er überzeugte ſich davon mit eigenen Augen, und da er ziemlich Alles wußte, was er zu wiſſen wünſchte, ſo beſtand er nicht weiter darauf, aus Furcht, ſie noch mehr zu ermüden. In der That von dieſem Tage an nahmen die Schmerzen der Marquiſe ſo zu, daß ſie, trotz der Feſtigkeit, die ſie gezeigt hatte, und die ſie bis zu ihrem Ende zu bewahren ſuchte, Angſtgeſchrei, das ſich in ihr Gebet miſchte, nicht unterdrücken konnte. So ver⸗ ging der 4. und ein Theil des 5. Juni, wo ſie gegen 4 Uhr des Nachmittags ſtarb. Bei der Oeffnung ihres Leichnams überzeugten ſich die Aerzte, daß ſie nur durch das Gift geſtorben, da von den ſieben Degen⸗ ſtichen, die ſie erhalten hatte, keiner tödtlich war. Sie fanden den Magen und die Eingeweide ganz verbrannt und das Gehirn ſchwarz. . Doch obgleich das hölliſche Gebräu ſo ſtark war, daß, wie das Protokoll ſagt, eine Löwin in wenig Stunden ihmunter⸗ legen wäre, kämpfte doch die gute Natur der Marquiſe neun⸗ zehn Tage dagegen, ſo ſehr vertheidigte, ſagt ein Bericht, dem wir einen Theil dieſer Details entnehmen, die Natur den ſchönen Körper, den ſie mit ſolcher Vorliebe gebildet hatte. Sobald Herr Catalan den Tod der Marquiſe erfuhr, ſchickte er 5 zehn Artſchiere und einen Hoqueton(einen mit einem königlichen 4 Wappenrock bekleideten Polizeireiter) in das Schloß des Marquis von Ganges, mit dem Befehl, ihn, den Prieſter und alle Diener, mit Ausnahme des Stallknechts, der die Flucht der Marguiſe unterſtützt hatte, zu verhaften. Der Anführer dieſer kleinen Schaar fand den Marquis im großen Saale des Schloſſes tiefſinnig und aufgeregt auf und abgehen. Als er ihm den Befehl mittheilte, deſſen Träger er war, widerſetzte ſich der Marquis keineswegs, ſondern erklärte, als ſei er ſchon darauf vorbereitet, ſich bereit, ihm zu folgen; auch hätte er ſtets die Abſicht gehabt, die Mörder ſeiner Gattin gerichtlich zu verfolgen. Man forderte ihm den Schlüſſel zu ſeinem Cabinet ab, den er ſogleich auslieferte, und er wurde mit den übrigen Angeklagten in die Gefängniſſe von Montpellier abgeführt. Als der Marquis in dieſe Stadt kam, verbreitete ſich das Ge⸗ rücht ſeiner Anweſenheit mit der Schnelle eines Lauffeuers. Alle Fenſter wurden, da es Nacht war, erleuchtet, und Einige eilten mit Fackeln herbei, ſchloſſen ſich dem Zuge an und gaben Jedermann Gelegenheit ihn zu ſehen. Er, ſo wie der Prieſter, der auf einem armſeligen Miethgaule ſaß, war mit Soldaten umgeben, und nur dieſen verdankte er ſein Leben, denn das Volk war ſo wüthend gegen ihn, daß es ihn zerriſſen haben würde, wenn ſie ihn nicht vertheidigt hätten. Frau von Roſſan nahm bei der Nachricht von dem Tode ihrer Tochter ſogleich Beſitz von ihrem Vermögen, trat als Klägerin auf und erklärte, ſie werde nicht eher ſich beruhigen, bis der Tod ihres Kindes gerächt wäre. Herr von Catalan begann ſogleich die Unterſuchung; das erſte Verhör, dem er den Marquis unterwarf, dauerte elf Stunden. Vald nachher wurden er und ſeine Mitangeklagten von Montpel⸗ lier nach Toulouſe verſetzt. Eine ſchwere Anklageſchrift der Frau von Roſſan folgte ihnen dahin. Sie bewies darin mit unwider⸗ ſtehlicher Klarheit die Mitſchuld des Marquis am Verbrechen ſei⸗ ner Brüder, wenn auch nicht der That, doch dem Geiſte, dem Willen und dem Wunſche nach. Die Vertheidigung des Marquis war ganz einfach; er habe 39 das Unglück, zwei Verbrecher zu Brüdern zu beſitzen, die erſt die Ehre, dann das Leben einer Frau angegriffen hätten, die er zärt⸗ lich liebe; ſie hätten ihr einen entſetzlichen Tod bereitet, und um ſein Unglück voll zu machen, würde er auch noch, obgleich un⸗ ſchuldig, in ihr Verbrechen mit hineingezogen. In der That die genaueſte Unterſuchung vermochte gegen den Marquis nur moraliſche Beweiſe ſeiner Mitſchuld aufzufinden, die aber, wie es ſcheint, ungenügend waren, um die Todesſtrafe gegen ihn auszuſprechen. Am 21. Auguſt 1667 wurde das Urtheil gefällt, das den Abbé und den Chevalier zum Rade verurtheilte, den Marquis von Ganges auf ewig aus dem Königreiche verbannte, ſeine Güter confiscirte, ihn des Adelsranges für verluſtig und für unfähig erklärte, das Vermögen ſeiner Kinder zu erben. Der Prieſter Perrette wurde auf Lebenszeit zu den Galeeren verurtheilt, nachdem ihn die kirch⸗ liche Macht ſeiner Weihen beraubt hatte. Dieſes Urtheil machte eben ſo viel Aufſehen als der Mord ſelbſt und gab zu langen und heftigen Debatten Anlaß. Namentlich fand man den Ausſpruch gegen den Marquis ungenügend, und zwar, weil er zu mild war, wenn er ſchuldig, aber zu ſtreng, wenn er es nicht war. Das war auch Ludwig KIV. Anſicht, der ſich der Schönheit der Marquiſe von Ganges recht gut erinnerte. Einige Zeit nach⸗ her, als man glaubte, er habe die unglückliche Geſchichte ver⸗ geſſen, und ihn um die Begnadigung des Marquis de la Donge bat, der angeklagt war, ſeine Frau vergiftet zu haben, antwortete der König:— Hier iſt keine Gnade nothwendig, er iſt vom Par⸗ lament von Toulouſe und der Marquis von Ganges hat auch keine Begnadigung erhalten. Da unſere Leſer, wenn ſie anders unſerer Erzählung mit eini⸗ gem Intereſſe gefolgt ſind, mit Recht fragen könnten, was aus den Mördern geworden iſt, ſo wollen wir ihnen zum Schluß folgen, bis ſie, die einen in die Nacht des Todes, die andern in die der Vergeſſenheit verſchwinden. Der Pfarrer Perrette war der Erſte, der dem Himmel ſeine Schuld bezahlte: er ſtarb an der Kette auf dem Wege von Tou⸗ louſe nach Breſt. Der Chevalier ging nach Venedig und nahm im Heere der er⸗ lauchten Republik Dienſte, die damals Krieg gegen die Türken führte. Er wurde nach Candia geſchickt, das die Muſelmänner ſeit zwei und zwanzig Jahren belagerten. Bald nach ſeiner An⸗ kunft ging er mit zwei anderen Offizieren auf dem Walle der Stadt ſpazieren, als eine Bombe zu ihren Füßen zerſprang und ein Stück von ihr den Chevalier niederſchlug, ohne ſeine Begleiter zu ver⸗ letzen, worin man eine Strafe des Himmels ſehen wollte. Die Geſchichte des Abbé iſt länger und ſeltſamer. Er hatte den Chevalier in der Nähe von Genus verlaſſen, Piemont, einen Theil der Schweiz und von Deutſchland durchreiſt und kam unter dem Namen eines Herrn Lamartellidre nach Holland. Nach eini⸗ gem Schwanken, wo er ſich niederlaſſen ſollte, wählte er end⸗ lich einen Ort, der unter der Herrſchaft des Grafen von Lippe da⸗ mals ſtand. Hier machte er die Bekanntſchaft mit einem Edelmann, der ihn dem Grafen als einen der Religion wegen emigrirten Fran⸗ zoſen vorſtellte. Gleich beim erſten Geſpräch bemerkte der Graf bei dieſem Frem⸗ den, der in ſeinen Staaten Schutz ſuchte, nicht allein viel Geiſt, ſondern auch gründliche Kenntniſſe, und ſchlug ihm vor, die Er⸗ ziehung ſeines, damals neunjährigen Sohnes zu übernehmen, ein Vorſchlag, den der Abbé von Ganges nicht von der Hand wies. Der Abbé gehörte zu denjenigen Menſchen, die eine große Ge⸗ walt über ſich haben. Sobald er ſah, daß ſein Intereſſe und die Sicherheit ſeines Lebens ſogar von der Art ſe eines Betragens abhingen, verbarg er mit der größten Sorgſalt alle ſeine böſen Neigungen und ließ nur ſeine guten Eigenſchaften hervortreten. Er war ei 41 ſtrenger Erzieher für das Herz wie für den Geiſt ſeines Zöglings und gewann das Vertrauen des Grafen von der Lippe in einem ſo hohen Grade, daß dieſer ihn auch bald in eigenen Angelegenheiten zu Rathe zog, und daß man nach einiger Zeit ſagen konnte, der angebliche Lamartelliöre ſei, ohne eigentliche Anſtellung, die Seele des kleinen Fürſtenthums. Die Gräfin hatte eine junge vermögenloſe Verwandte bei ſich, für die ſie ſich ſehr intereſſirte. Sie bemerkte bald, daß das junge Mädchen für den Erzieher ihres Sohnes ein zärtlicheres Gefühl hege, als es ihrem hohen Stande zukam, und das Lamartellière auf alle ihm mögliche Weiſe zu nähren und zu erhöhen ſuchte. Die Gräfin ließ ihre Couſine zu ſich kommen, entlockte ihr das Geſtändniß ihrer Liebe, ſagte ihr, daß ſie dem Erzieher ihres Sohnes ſehr zugethan ſei und ihn für die ihr und ihrem Gemahl geleiſteten Dienſte reich zu belohnen dächte; doch ſo weit gehe ihre Freundſchaft nicht, daß ſie ihn, den unbekannten Fremdling, der ſeine Abkunft nicht einmal geſtehen könne oder wolle, als Ge⸗ mahl ihrer Cvuſine ſehen möchte. Sie verlange zwar keinen Für⸗ ſten für ſie, doch müſſe er wenigſtens einer adeligen Familie an⸗ gehören. Die junge Verwandte der Gräfin von Lippe wiederholte ihrem Geliebten dieſes Geſpräch Wort für Wort, und glaubte, er werde dadurch ganz muthlos werden; doch dieſer entgegnete im Gegen⸗ theil, wenn ſeine Geburt das einzige Hinderniß für ihre Verei⸗ nigung ſei, ſo könne er dieſes bald heben. In der That glaubte der Abbé während der acht Jahre, die er im Hauſe des Grafen gelebt hatte, ſo viel Beweiſe der Achtung und des Vertrauens er⸗ halten zu haben, daß ſelbſt ſein wahrer Name das Wohlwollen gegen ihn nicht zerſtören werde. Er bat daher die Gräfin um eine Audienz, die in auch ſo⸗ ward, und nachdem er ſ von ii Liebe weshalb ſie einer ſolchen Verbindung ſich widerſetzen müſſe, wie⸗ derholt hatte, ſagte er endlich kühner werdend: — und wenn der Name, den ich jetzt trage, nicht der meinige wäre, gnädigſte Frau, wenn unglückliche, entſetzliche, verhängniß⸗ volle Umſtände mich genöthigt hätten ihn nur anzunehmen, um einen andern zu verbergen, würde Eure Hoheit ungerecht genug ſein, Ihre Anſicht nicht zu ändern? Die Gräfin, neugierig gemacht, beſtand jetzt darauf, den Namen zu wiſſen; als ſie aber erfuhr, daß er der entſetzliche Abbé de Ganges ſei, wich ſie entſetzt zurück, gebot ihm ſich augenblicklich zu entfernen und ihr Gebiet nie wieder zu betreten. Der Graf beſtätigte dieſes Urtheil, und der Abbé zog ſich nach Amſterdam, wo er ſich mit Sprachunterricht ernährte und ſeine Geliebte, die bald zu ihm kam, heirathete. Seiner Kenntniſſe und ſeines ſtreng geord⸗ neten Lebens wegen wurde er in das proteſtantiſche Conſiſtyrium aufgenommen, und ſo ſtarb er geachtet von ſeinen Freunden, und Gott allein weiß, ob ſein exemplariſches Leben Heuchelei oder wahre Reue war. Der Marquis von Ganges, den das Urtheil für immer aus Frankreich verbannte, war an die ſavoyiſche Grenze geführt und dort freigelaſſen worden. Nachdem er zwei oder drei Jahre im Auslande verlebt hatte, um die entſetzliche Kataſtrophe, in die er verwickelt geweſen war, vergeſſen zu laſſen, kehrte er nach Frank⸗ reich zurück, und da, ſeit dem Tode der Frau von Roſſan, Nie⸗ mand mehr ein Intereſſe hatte, ihn zu verfolgen, war er in ſein Schloß Ganges gegangen, wo er ſich ziemlich verborgen hielt. Der Intendant von Languedoe, Herr von Baville, erfuhr aber dennoch ſeine Anweſenheit, aber auch zu gleicher Zeit, daß er als eifriger Katholik ſeine Vaſallen zur Meſſe zwänge, was auch ihre Religion ſei. Es war die Zeit der Verfolgungen gegen die Refor⸗ mirten, und der Eifer des Marquis ſchien Herrn von Baville eine ſchädigung für die Kleinigkeit, die er ſich zu Schulden 43 hatte kommen laſſen. Statt ihn daher zu verfolgen, trat er ins⸗ geheim mit ihm in Briefwechſel, beruhigte ihn über ſeinen gebro⸗ chenen Bann und ſchärfte ſeinen Religionseifer. So vergingen zwölf Jahre.* Währenddem hatte der Sohn der Marquiſe das Alter von zwan⸗ zig Jahren erreicht, und reich durch das Vermögen ſeines Vaters, das ſein Oheim ihm zurückgegeben, und die Erbſchaft ſeiner Mut⸗ ter, die er mit ſeiner Schweſter getheilt, hatte er ein adeliges, reiches und ſchönes Mädchen, Mademviſelle von Moiſſac mit Namen, geheirathet. Aufgefordert, zu dem Heere ſeines Königs zu ſtoßen, führte der Graf ſeine junge Gattin auf das Schloß Ganges, bat ſeinen Vater, ſie unter ſeinen Schutz zu nehmen, und ließ ſie bei ihm zurück. Der Marquis von Ganges war zwei und vierzig Jahre alt, ſchien aber kaum dreißig zu zählen. Er war einer der ſchönſten Männer ſeiner Zeit. Er verliebte ſich in ſeine Schwiegertochter und hoffte ihre Liebe zu gewinnen. Um dieſen Zweck beſſer zu er⸗ reichen, entfernte er zuerſt, unter dem Vorwand der Religion, ein Mädchen, das ſeit ihrer Kindheit bei ihr geweſen war, und das ſie ſehr liebte. Dieſe Maßregel, deren Grund die junge Gräfin nicht kannte, betrübte ſie ſehr. Schon war ſie nur mit Widerſtreben nach Ganges gegangen, wo Alles ſie an die entſetzliche That erinnerte, die ſie als Kind ſchon mit Zittern und Grauen erfüllt hatte, wo ſie das⸗ ſelbe Zimmer, in dem die Mordthat geſchehen, bewohnen mußte; und als ſie nun die Abſichten ihres Schwiegervaters immer deut⸗ licher hervortreten ſah und am Ende nicht mehr daran zweifeln konnte, da fand ſie Tag und Nacht keine Ruhe; ſie ſah ſich von demſelben Schickſale bedroht, das ſchon einmal hier Jugend und Schönheit vernichtet hatte, und wagte nicht einmal zu beten, da ſie die Familie und das Haus, in dem ſie lebte, für von Gott verflucht anſah. 44⁴ Die Tage brachte ſie, ſo viel ſie konnte, bei Damen von Stande zu, die in der Stadt wohnten, und die durch ihre Erzählungen von dem Tode ihrer Schwiegermutter, den ſie mit angeſehen hat⸗ ten, ihre Angſt nur vermehrten. Die Nächte blieb ſie angekleidet, zitternd beim geringſten Geräuſch, und erſt beim Anbruch des Mor⸗ gens wieder aufathmend, und dann erſt wagend, ſich für einige Stunden zur Ruhe zu legen. Endlich wurden die Anmuthungen des Marquis ſo dringend und unumwunden, daß ſie beſchloß, ſich um jeden Preis ſeinen Händen zu entziehen. Anfangs wollte ſie ihrem Vater ſchreiben, ihm ihre Lage ſchildern und um Hülfe bitten. Doch ihr Vater war ein neuer Katholik, ſie mußte alſo fürchten, daß ihre Briefe, unter dem Vorwand der Religivn, vom Marquis erbrochen werden würden. Sie kam daher auf den Gedanken, ſich an ihren Gatten zu wenden, ließ die Adreſſe von fremder Hand ſchreiben und ſchickte den Brief nach Montpellier, wo er auf die Poſt gegeben wurde. Der junge Graf befand ſich, als er den Brief ſeiner Gattin erhielt, in Metz. Sogleich erwachten alle Erinnerungen aus ſei⸗ ner Kindheit wieder. Er ſah ſich abermals am Bette ſeiner ſter⸗ benden Mutter, ſchwor ihr, ſie nie zu vergeſſen und täglich für ſie zu beten. Bei ſolchen Gedanken ward die Idee nur noch pein⸗ licher, ſeine Gattin, die er zärtlich liebte, in demſelben Schloſſe, denſelben Gewaltthätigkeiten, vielleicht demſelben Tode, ausgeſetzt zu wiſſen. Er entſchloß einen entſcheidenden Schritt zu thun, warf ſich in eine Poſtchaiſe, eilte nach Verſailles und bat um Gehör beim König. Als er es erhalten, ſtürzte er, den Brief ſeiner Frau in der Hand, zu den Füßen Ludwig XIV. und bat ihn, ſeinen Vater zu zwingen, in die Verbannung zurückzukehren, und machte ſich eidlich verbindlich, ihn dort anſtändig zu unterhalten. Der König wußte nicht, daß der Marquis von Ganges ſeinen Bann gebrochen hatte; die Art aber, wie er es erfuhr, war nicht der Art, ihn zur Verzeihung zu ſtimmen. Er befahl daher ſogleich, 45⁵ daß wenn der Marquis ſich auf franzöſiſchem Gebiete befände, ihm der Proceß mit unnachſichtlicher Strenge gemacht werden ſollte. Glücklicherweiſe für den Marquis, erfuhr der einzige ſeiner Brüder, der in Frankreich und ſelbſt in Gunſt geblieben war, zeitig genug dieſen Beſchluß. Er verließ eilig Verſailles und ſo gelang es ihm, der Gefahr zuvorzukommen und ihn nach Wignon zu füh⸗ ren. Die Grafſchaft Venaiſſin gehörte damals noch dem Papſte, wurde von einem Viecelegaten regiert und galt als Ausland. Aber auch in Avignon hielt ſich der Marquis noch nicht für ſicher, ſon⸗ dern begab ſich nach dem kleinen Dorfe de[Isle, im Thale Vau⸗ eluſe in reizender Lage gelegen, und hier verlor man ihn aus den Augen. Niemand hat mehr von ihm gehört, und als ich 1835 eine Reiſe in das ſüdliche Frankreich machte, ſuchte ich vergeblich einige Spuren von dieſem dunkeln, unbekannten Tode auf, der einem ſo geräuſchvollen und ſtürmiſchen Daſein folgte. Dr. Meyer. Der Doppelgänger. Man pflegt zu erſtaunen, wenn zwei einander wildfremde Perſonen ſich täuſchend ähnlich ſehen: allein gerade das Gegentheil ſollte uns Wunder nehmen; denn was iſt bewundernswürdiger an der Natur, als ihre Macht unendlicher Mannichfaltigkeit, vermöge deren ſie durch Verbindung ganz derſelben Elemente unaufhörlich die ver⸗ ſchiedenſten Geſtaltungen hervorbringt. Je mehr wir über dieſen verſchwenderiſchen Formenreichthum nachdenken, deſto unbegreiflicher erſcheint uns derſelbe. Zunächſt hat jedes Volk ſeinen beſtimmten und ſcharf ausgeprägten Grundtypus, an welchem man daſſelbe von allen andern Menſchenraſſen unterſcheiden kann. So giebt es einen engliſchen, ſpaniſchen, deutſchen, ſlaviſchen Typus u. ſ. f. Dann finden ſich in dieſen Völkern wieder einzelne Geſchlechter, die ſich durch eigenthümliche Züge auszeichnen, dann endlich in jeder Familie einzelne Individuen, deren Ausſehen mehr oder weniger von einander abweicht. Welche Menge von Phyſiognomien, welche Maſſe von durchaus verſchiedenen Abdrücken des menſchlichen Antlitzes! Lauter Originale, keine Copie! Man weiß in der That nicht, worüber man ſich bei dieſer Unerſchöpflichkeit mehr wundern ſoll, über die unendliche Verſchiedenheit der Geſtaltung, oder über die zufällige Aehnlichkeit einzelner Perſonen. Iſt es unmöglich, daß, vielleicht auf den entgegengeſetzten Enden der Welt, zufällig zwei Menſchen zu gleicher Zeit leben, deren Geſichter wie in die⸗ ſelbe Form gegoſſen ſind? Unmöglich iſt es gewiß nicht; allein 47 bei weitem mehr muß es uns überraſchen, wenn zwei ſolche Men⸗ ſchen einmal zuſammentreffen und unſern Blicken, die an eine Aehnlichkeit der Art nicht gewöhnt ſind, gleichzeitig erſcheinen. Manche Erzählung hat dieſen Fall benutzt, ſeit Amphitryo bis auf unſere Tage; auch die Geſchichte hat einige Beiſpiele deſſelben geliefert, ſo den falſchen Dimitri in Rußland, Perkin Warbeck in England und mehrere andere berühmt gewordene Betrüger. Die Begebenheit aber, die wir dem Leſer bieten, iſt eine der merkwür⸗ digſten und ſeltſamſten von dieſer Art. Um ſechs Uhr Abends am 10. Auguſt, einem Unglückstage Frankreichs, erbebte die Ebene von St. Quentin vom Donner der Geſchütze. So eben war das franzöſiſche Heer durch die unter dem berühmten Feldherrn Emanuel Philibert, Herzog von Savoyen, vereinigte Macht Englands und Spaniens vernichtet. Die Infan⸗ terie lag niedergeſchmettert, der Connetable von Montmorench war nebſt mehreren Generalen gefangen, der Herzog von Enghien tödt⸗ lich verwundet und die Blüthe des Adels gefallen. Das war der traurige Erfolg einer Schlacht, welche ganz Frankreich in Trauer verſetzte und die Krone Heinrich's II. gefährdet haben würde, hätte uch ſchon im folgenden Jahre der Herzog von Guiſe dieſe Scharte auf das Glänzendſte ausgewetzt. In einem kleinen Dörfchen, welches eine Viertelſtunde vvm Schlachtfelde entfernt lag, hörte man mit Schaudern das Geächze der Sterbenden und Verwundeten, die man dahin gebracht. Die Einwohner hatten ihre Wohnungen zu Lazarethen eingeräumt, und zwei oder drei Feldſcheere liefen von Haus zu Haus, ordneten ziemlich leichtfertig Operationen an, die ſie von Gehülfen aus⸗ führen ließen, und jagten von Zeit zu Zeit einige Flüchtlinge fort, die ſich bei den Verwundeten eingeſchlichen, unter dem Vor⸗ wand, liebe Freunde oder Verwandte pflegen zu wollen. Schon hatten ſie eine ganze Menge dieſer armen Teufel herausgetrieben, als ſie die Thür eines kleinen Zimmers öffneten, in welchem ein verwundeter Spldat auf einer groben Strohmatte in ſeinem Blute lag, der von einem andern Soldaten mit ängſtlicher Sorgfalt bewacht wurde. „Wer biſt Du?“ fragte ein Feldſcheer den Verwundeten;„Du ſcheinſt nicht zu den franzöſiſchen Truppen zu gehören.“ „Ach! helft mir, helft mir,“ ſchrie der Verwundete,„Gott wird's Euch lohnen.“ „Ich kenne die Farben ſeiner Jacke und will wetten, daß der Schuft da zu irgend einem ſpaniſchen Edelmann gehört. Warum hat man ihn denn hieher gebracht?“ „Aus Mitleid,“ ſeufzte der Unglückliche;„ ich habe ſo ſchreck⸗ liche Schmerzen!“ „Du Aas,“ ſagte der Chirurg, ihm einen Fußtritt verſetzend, „kannſt meinetwegen wie ein Hund erepiren.“ Ein dumpfes Stöhnen folgte dieſer Niederträchtigkeit, welche den andern Feldſcheer empörte. „Er iſt doch immer ein Menſch, ein Leidender, der unſern Beiſtand anfleht! Laß mich bei ihm, René.“ Rens ging murrend hinaus. Der Zurückgebliebene unterſuchte die Wunde. Ein Büchſenſchuß hatte das Bein getroffen und den Knochen zerſchmettert. Es mußte abgenommen werden. „Und wer biſt denn Du?“ fragte der Chirurg, bevor er die Operation anfing, den andern Soldaten, der ſich in den dunkelſten Winkel des Zimmers zurückgezogen hatte. Der Gefragte kam näher und trat ans Licht. Eine andere Antwort war auch überflüſſig. Er glich ſeinem Cameraden ſo aufs Haar, daß man ſie ſogleich für Brüder und zwar für Zwillings⸗ brüder halten mußte. Beide waren von hohem Wuchs, dunkler Geſichtsfarbe, hatten eine hohe Stirn, ſchwarze Augen, eine Adler⸗ naſe, ein Kinn mit einem Grübchen, eine hervortretende Unterlippe und einen etwas gekrümmten Rücken; dieſer letztere Fehler hatte jedoch nichts Unangenehmes; ihre ganze Geſtalt athmete Kraft und 49 war nicht ohne männliche Schönheit. Vielleicht noch nie gab es eine ſo vollkommene Aehnlichkeit, ſelbſt das Alter ſchien zu ſtimmen, und Keinen von Beiden hätte man älter als dreißig Jahre geſchätzt; der einzige Unterſchied war außer der bleicheren Farbe des Ver⸗ wundeten die größere Hagerkeit des Letztern und eine breite Narbe, die er an der rechten Augenbraue hatte. „Tragt Sorge für die Seele Eures Bruders,“ ſagte der Chirurg zum Soldaten;„denn es wäre beklagenswerth, wenn ſie ſich in derſelben Gefahr befände, wie ſein Leib.“ „Gar keine Hoffnung mehr?“ fragte der Soſias des Ver⸗ wundeten. „Die Wunde iſt zu breit und tief,“ antwortete der Heilkünſtler, „als daß ich ſie, nach der alten Methode, mit ſiedendem Oel ausbrennen könnte. Delenda est causa mali, das heißt, man muß das Uebel mit der Wurzel ausrotten, wie Meiſter Ambroſius Paré ſagt. Ich muß secare ferro, das heißt, ihm das Bein abnehmen. Gott gebe, daß er die Operation überlebt.“ Während er ſeine Inſtrumente zuſammenſuchte, ſah er den vermeintlichen Bruder ſeines Opfers von der Seite an und ſagte: „Wie kommt es, daß Ihr Beide unter verſchiedenen Fahnen die Muskete tragt; denn ich ſehe, daß Ihr Einer von den Unſri— gen ſeid, während doch dieſer Unglückliche die ſpaniſchen Farben trägt?“ „Ach, da müßt' ich eine lange Geſchichte erzählen,“ erwiderte kopfſchüttelnd der Gefragte.„Ich für meinen Theil habe ganz einfach die Laufbahn eingeſchlagen, die mir offen ſtand, und frei⸗ willig Dienſte genommen unter den Fahnen unſers Königs und Herrn, Heinrich II. Was dieſen anlangt, den Ihr ſo ſchnell als meinen Bruder erkannt, ſo iſt er, als geborner Biscayer, in den Dienſt des Kardinals von Burgos getreten und nachher in den ſeines Bruders; dieſer zwang ihn, in den Krieg mit zu ziehen. Erſt auf dem Schlachtfelde bin ich ihm begegnet, als er eben 4 niederſank. Ich hab' ihn hervorgezogen aus einem Haufen von Leichen und ihn dann ſelbſt hergeſchleppt.“ Seine Züge verriethen, während er dies erzählte, eine tiefe Bewegung, die jedoch der Chirurgus nicht bemerkte. Dieſer fand in ſeinem Beſteck nicht alle nöthigen Inſtrumente, und ſagte: „Mein College muß ſie wohl mitgenommen haben. Immer macht er es ſo, aus reiner Eiferſucht auf meinen Ruhm! Aber ich will ihn ſchon finden!. So herrliche Inſtrumente, die ganz von ſelbſt ihren Dienſt thun und im Stande wären, ſelbſt einen ſo unwiſſenden Menſchen, wie er iſt, geſchickt zu machen!... In einer oder zwei Stunden bin ich wieder hier. Nur Ruhe, Schlaf, keine Bewegung, nichts, was die Wunde entzünden könnte; wenn die Operation aufs Beſte vollzogen iſt, wollen wir weiter ſehen.... Gott befohlen.“ Er brach auf, den armen Teufel der Fürſorge ſeines Bruders überlaſſend. „Nun, wenn Gott ein Wunder thun will,“ ſagte er noch im Fortgehen,„ſo kann er vielleicht durchkommen.“ Kaum war der Chirurgus fort, als der geſunde Soldat das Geſicht des Verwundeten neugierig unterſuchte. „Man ſagte mir's ſchon früher,“ flüſterte er zu ſich ſelbſt, „daß im feindlichen Heer ein Soldat ſei, dem ich Zug für Zug gleiche.... Und wirklich, man könnte ſich ſelbſt verwechſeln.... Als wenn ich mich im Spiegel ſeche.... Es war klug von mir, daß ich ihn in den hinterſten Reihen der Spanier ſuchte.... Dem Cameraden, welcher ihn gerade zur rechten Zeit niederſchoß, hab' ich's zu verdanken, daß ich mich aus dem Handgemenge drücken konnte, indem ich dieſen hier auf die Seite brachte.“ „Aber was hilfts mir,“ dachte er, ſtets den Verwundeten be⸗ trachtend,„daß ich mit heiler Haut davon gekommen bin. Ich habe nichts auf der weiten Welt. Ohne Heimath, ohne Einnahme, von Geburt an ein Bettler, ließ ich mich werben und brachte bald † 51 mein Handgeld durch. Ich hoffte auf die Plünderung, aber wir ſind vollſtändig geſchlagen! Was fang' ich an? Soll ich mich köpflings ins Waſſer ſtürzen? Da hätt' ich lieber ein Kanonen⸗ futter werden können. Aber ſollt ich nicht dieſe ſeltſame Aehnlich⸗ keit benutzen können, mir ein beſſeres Geſchick zu verſchaffen? Mein guter Stern hat ihn mir entgegengeführt; warum ſoll ich mich dieſes Mannes nicht zu meinem Vortheil bedienen, da er doch nur noch einige Augenblicke zu leben hat?“ Mit boshaftem Lächeln beugte er ſich über den Verwundeten hin; dabei ſah er aus, wie ein Satan, der auf eine verdammte Seele lauert, die ihm nicht mehr entgehen kann. „Ach Gott,“ wimmerte der Unglückliche,„erbarme Dich über mich; mein Ende iſt nahe, ich fühl' es!“ „Ei was, Camerad, fort mit ſolchen ſchwarzen Gedanken! Dein Bein thut Dir weh, und man nimmt's ab; aber Du be⸗ hältſt ja noch eins! Vertraue der Vorſehung.“ „Ich bin durſtig, ach, nur einen Schluck Waſſer!“ Ein heftiges Fieber ergriff ihn. Sein Wärter blickte umher und ſah einen Krug Waſſer, nach welchem der Sterbende ſeine ſchwache Hand ausſtreckte. Da durchzuckte ihn eine wahrhaft teuf⸗ liſche Idee. Er goß ſeine Feldflaſche voll, näherte ſie den Lippen des Unglücklichen und zog ſie dann wieder zurück. „Ach, ich habe ſchrecklichen Durſt; gieb, ich flehe Dich an, gieb mir zu trinken!“ „Ja, aber nur unter einer Bedingung: erzähle mir erſt Deine ganze Geſchichte.“ „Ja, ja, aber gieb mir nur erſt zu trinken.“ Er gab ihm einen Schluck Waſſer. Dann quälte er ihn mit Fragen über ſeine Schickſale, ſeine Familie, Freunde, Vermögen und zwang ihn zum Antworten, indem er ihm den Trank vor die Augen hielt, welcher das verzehrende Feuer in ſeinem Innern löſchen ſollte. 4* 52 Nach dieſem oft unterbrochenen Verhör ſank der Verwundete erſchöpft und faſt bewußtlos zuſammen. Sein Genoſſe aber war noch nicht zufrieden und verſuchte ihn durch einige Tropfen Branntwein zu beleben. Das Fieber kehrte, von dem ſtarken Getränk erweckt, wieder und regte ſein Gehirn ſo auf, daß er wieder antworten konnte. Auf die Gefahr hin, das Leben des Unglücklichen ſchnell zu zerſtören, trichterte ihm der Schändliche immer mehr ein. Er war der Raſerei nahe und fühlte ein vernichtendes Feuer im Kopfe. Der Schmerz wich einer heftigen ſieberhaften Aufregung, die ihn in andere Zeiten und andere Räume zurückverſetzte; zurück zu den Tagen ſeiner Jugend, zurück in das Land ſeiner Heimath. Aber doch feſſelte noch eine gewiſſe Zurückhaltung ſeine Zunge; die geheimſten Gefühle ſeiner Bruſt und die kleinen Geheimniſſe ſeines Lebens hatte er noch nicht über die Lippen gebracht, und jeden Augenblick war ſein Tod zu befürchten. Die Zeit drängte, und ſchon neigte ſich der Tag zu Ende, als der unbarmherzige Quälgeiſt auf den Gedanken kam, die Dunkelheit zu benutzen. Durch einige feierlich geſpro⸗ chene Worte erregte er die religiöſen Ideen des Verwundeten und malte ihm ſchreckliche Bilder von den jenſeitigen Strafen und von den Flammen der Unterwelt vor. So erſchien er dem Sterbenden wie ein chriſtlicher Richter, der ihn in die ewige Verdammniß hinabſtoßen, oder ihm die Pforten des Himmels aufſchließen könne. Gefoltert und wie niedergeſchmettert durch die Gewalt eines Mannes, deſſen Stimme donnernd an ſein gereiztes Ohr ſchlug, wie die eines ſtrafenden Prieſters, geſtand er ihm alle ſeine Geheimniſſe und beichtete ihm. Einige Minuten ſpäter beugte ſich der Henker über ſein Opfer, knöpfte ihm die Kleider auf und nahm ihm einige Pergamentblätter und ſein Geld. Dann machte er eine Bewegung nach ſeinem Meſſer; ließ es jedoch an ſeiner Stelle. Verächtlich ſtieß er, wie der erſte Chirurgus den Körper zurück, und ſagte: 53 „Ich könnte Dich tödten; allein es wäre ein überflüſſiger Mord, denn ich würde Deine letzten Seufzer und mein Erbſchaftsrecht doch nur um einige Stunden beſchleunigen.“ „Leb' wohl, Bruder,“ fügte er ſpöttiſch hinzu. Der Sterbende ſeufzte leiſe, und der Abenteurer verließ das Zimmer. Vier Monate nach dieſer Scene ſaß an einem Ende des Dorfs Artigues eine junge Frau vor ihrer Hausthür und ſpielte mit ihrem neunjährigen Kinde. Sie war noch jung und hatte die dunkle Farbe des Südens; ihr ſchönes, ſchwarzes Haar fiel in breiten Flechten herab. Ihre Augen blitzten zuweilen, wie von einer ge⸗ heimen Leidenſchaft; allein eine gewiſſe Nachläſſigkeit und etwas Hinſchmachtendes in ihrem Weſen ſchienen zu zeigen, daß das Feuer derſelben beinahe erloſchen ſei. Sie war gleichſam etwas angewelkt und ſchien von irgend einem geheimen Leiden gequält: kurz, man ſah ihr ein ungenügendes Daſein an, ein zerſtreutes Glück, eine vom Schmerz gebrochene Seele. Sie trug ſich wie eine reiche Bürgersfrau und hatte ein langes Kleid mit weiten Aermeln an, wie es im 16. Jahrhundert Mode war. Sowohl das Haus, vor welchem ſie ſaß, als der Garten und das große daranſtoßende Feld waren ihr Eigenthum. Ihre Aufmerkſamkeit wurde theils vom Spiel ihres Sohnes, theils von einer alten Magd in Anſpruch genommen, welcher ſie verſchiedene Aufträge gab. Plötzlich ſchrie das Kind auf, daß ſie verwundert auffuhr. „Sieh, Mutter, ſieh, dort iſt er!“ Sie ſah auf und erblickte in der Richtung, die der Kleine mit dem Finger zeigte, einen jungen Burſchen, der S um die Straßenecke bog. „Ja,“ fuhr das Kind fort,„das iſt er, der mich geſtern ſo geſchimpft hat, als ich mit den andern Kindern ſpielte.“ „Wie hat er Dich denn genannt, mein Sohn?“ „Blos das eine Wort hab'ich nicht verſtanden, aber das mußte wohl ein häßliches Schimpfwort ſein, denn die Andern zeigten gleich mit Fingern nach mir und ließen mich allein. Er nannte mich— aber er ſagte, daß ers von ſer Mutter gehört— er nannte mich: häßlicher Baſtard.“ Die junge Frau wurde feuerroth vor Unwillen. „Was?“ rief ſie,„ſollten ſie es wagen!... Welche Schänd⸗ lichkeit!“ „Was bedeutet denn das gemeine Wort, Mama?“ fragte der. Kleine, über den Zorn ſeiner Mutter erſtaunt.„Heißen ſo die armen Kinder, die keinen Vater mehr haben?“ Die Mutter ſchloß ihren Sohn innig ans Herz. „Welche nichtswürdige Gemeinheit! Dieſe Leute haben ihn, den ich beweine, noch nie geſehen, denn erſt ſeit ſechs Jahren wohnen ſie hier im Dorfe, und bald iſt das achte Jahr vorbei, ſeitdem Dein Vater wegging. Aber es iſt eine dumme Verleumdung. Dort in jener Kirche ſind wir getraut und gleich nach der Hochzeit zogen wir in dies Haus, das ich zur Mitgift bekam. Noch aber ſind Verwandte und Freunde meines Martin hier, die es nicht leiden werden, daß man die Ehre ſeiner Frau beſchimpft....“ „Seiner Wittwe,“ unterbrach ſie eine tiefe Stimme. „Sieh da, mein Onkel,“ rief die junge Frau, ſich zu eigem Greiſe wendend, der eben aus der Hausthür trat. „Ja, Bertrande,“ ſagte dieſer,„Du mußt Dich endlich an dieſen Gedanken gewöhnen. Mein Neffe lebt nicht mehr in dieſer Welt; ich bin feſt davon überzeugt; denn er würde gewiß nicht die Thorheit begangen haben, ſo lange nichts von ſich hören zu laſſen. Es iſt wahr, er ging plötzlich weg wegen einer Zänkerei, die er mit Dir über die Wirthſchaft hatte und deren Grund Du mir nicht nennen willſt; aber er würde doch ſeinen Groll nicht acht lange Jahre hindurch im Herzen behalten. Das war nicht 55 ſeine Art. Wo ging er hin; was hat er begonnen? Davon wiſſen wir Alle nichts, aber er iſt ſicherlich geſtorben und ſchläft vielleicht weit entfernt von hier in heiliger Erde. Gott ſei ſeiner Seele gnädig!“ Bertrande ſchlug ein Kreuz, bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen und weinte. „Guten Tag, Sanri,“ ſagte der Onkel zum Kleinen und klopfte ihm auf die Wangen; allein das Kind wandte ſich ärgerlich von ihm ab. Wirklich konnte das Aeußere dieſes Mannes keine günſtige Mei⸗ nung einflößen, und Kindern verräth ein dunkles Gefühl das wahre Weſen ſolcher falſchen, hinterliſtigen Menſchen, deren lauernder Blick gemeinhin ihre einſchmeichelnden Worte Lügen ſtraft. „Bertrande, Dein Sohn iſt ſtörriſch wie ſein Vater und iſt ſehr undankbar für meine Liebkoſungen.“ „Verzeih' ihm,“ antwortete die Mutter,„er iſt noch zu jung, als daß er wiſſen köhnte, wie viel er dem Onkel ſeines Vaters verdankt; aber er wird ſchon erkenntlich ſein, wenn, er von mir erfährt, wie eifrig Du bemüht biſt, ihm ſein kleines Vermögen zu ſichern.“. „Ja,“ ſagte der Onkel, und zwang ſich zu lächeln,„ich will Euch treue Rechnung ablegen; denn ich habe doch nur mit Euch Beiden in Zukunft zu thun. Geh', liebes Kind, Dein Mann iſt ſicherlich todt. Glaub's mir doch; was willſt Du Dich um einen Landſtreicher ſo zerhärmen! Denke nicht mehr an ihn!“ Darauf ging er fort und überließ die junge Frau ihren trüben Gedanken. Bertrande Rolls, von der Natur mit einer glühenden Sinn⸗ lichkeit begabt, die jedoch eine vernünftige Erziehung gemäßigt, hatte ſchon in ihrem zwölften Jahre den jungen Martin Guerre geheirathet, der wenig älter war. Dieſe frühzeitigen Ehen waren damals Gebrauch, beſonders in den ſüdlichen Provinzen. Theils 56 die in jenem Klima ſo ſchnelle Entwickelung der geſchlechtlichen Reife, theils auch Rückſichten auf Vermögen und Familienverhält⸗ niſſe begünſtigten dieſe Sitte. Lange Zeit lebten die jungen Ehe⸗ leute wie Geſchwiſter, und Bertrande ſchloß ſich auf das Innigſte an den Mann, den man ihr zum Lebensgefährten gegeben; er wurde das Ziel und der Mittelpunkt ihres ganzen Daſeins, und als ſich ihre Hochzeit ernſtlich verwirklichte und ihnen ein Sohn geboren wurde, ſo war dieſer nur noch ein Band mehr, ihre Ver⸗ bindung deſto inniger zu knüpfen. Allein ſchon mancher philoſo— phiſche Kopf hat behauptet, daß ein ſtilles, einförmiges Glück, das die Anhänglichkeit der Frau an den Mann immer größer wer⸗ den läßt, beim Manne oft die entgegengeſetzte Wirkung hervor⸗ bringt. So ging es auch Martin Guerre. Lebhaft, unbeſonnen und ein Joch überdrüſſig, das er ſchon früh auf ſich genommen, bekam er Luſt, die Welt zu ſehen und ſich einmal frei zu fühlen, und benutzte leichtſinnigerweiſe einen unerheblichen Wort⸗ wechſel, deſſen Schuld Bertrande noch dazu auf ſich nahm, als Vorwand, Haus und Dorf zu verlaſſen. Alles Suchen half nichts; alſo wurde gewartet. Nachdem Bertrande mehrere Monate ver⸗ geblich geharrt, legte ſie ſich aufs Beten, allein auch der Himmel blieb ihren Bitten taub. Sie wollte nun auch fort und den Flücht⸗ ling ſuchen; allein die Welt iſt weit, und ſie hatte auch nicht die mindeſte Spur von ihm. Welche Qualen für ein ſo zärtliches Herz, welche Reue in dieſer liebeglühenden Seele, wie viel ſchlaf⸗ loſe Nächte. Jahre vergingen, ihr Sohn wuchs heran, aber noch immer war nichts von ihm zu hören. Oft ſprach ſie mit ihrem Kinde von ihm; aber es verſtand ſie nicht; ſie ſuchte die theuern Züge in denen des kleinen Sanri wieder zu finden, allein ſo ſehr ſie ſich vornahm, ihre ganze Zärtlichkeit auf den Sohn zu über⸗ tragen, ſie erfuhr doch, daß es Schmerzen giebt und Thränen, welche ſelbſt die Mutterliebe nicht ſtillen und trocknen kann. So verzehrte ſich das arme Weib in Klagen über eine ſchöne Ver⸗ ⸗ 57 gangenheit, in vergeblichen Wünſchen für die Gegenwart und trüben, einſamen Ausſichten für die Zukunft. Und in dieſem Seelenzuſtande wurde ſie jetzt noch an ihrer Ehre gekränkt und in ihren mütterlichen Gefühlen verletzt, und der Oheim ihres Mannes, der ſie hätte aufrichten und in Schutz nehmen ſollen, hatte nichts für ſie, als kalte, troſtraubende Worte! Der alte Peter Guerre war vor allen Dingen ein großer Egoiſt.. In ſeiner Jugend hatte man ihn des Wuchers beſchuldigt, und wirklich wußte Niemand, wo er ſonſt ſein Vermögen herhaben könne; denn der kleine Zeughandel, den er trieb, war nicht der Rede werth. Als ſein Neffe verſchwand, vertraute man natürlich ihm die Verwaltung des Vermögens an, und ſogleich ſuchte er die Einnahme zu vermehren, dachte aber nicht daran, Bertranden Rechnung abzulegen. Man hatte daher allen Grund, ihm den . Wunſch zuzutrauen, Martin möchte gar nicht mehr zurücktehren. Die Nacht fing an, ihren dunkeln Schleier auszubreiten; die Dämmerung ließ die entfernteren Gegenſtände in einander ver⸗ ſchwinden und machte alle Formen undeutlicher und ihre Umriſſe unbeſtimmter. Es ging gerade der Herbſt zu Ende, dieſe Jahres⸗ zeit der Wehmuth, die ſo viele trübe Gedanken erweckt und die Erinnerung an getäuſchte Hoffnungen heraufbeſchwört. Das Kind war ins Haus zurückgegangen. Bertrande ſaß noch immer vor der Thür, die Stirn auf die Hand geſtützt, und dachte mit Betrübni an die letzten Worte des Oheims. Sie hatten ihr die glückliche Vergangenheit heraufbeſchworen, und die Bilder ihres Lebens, von der Kindheit an, zogen an ihrer Seele vorüber. Sie dachte an die Tage, da ſie und ihr Mann, ſo jung mit einander verbunden, ſich nur erſt Spielgenoſſen geweſen, und wie ſie damals in den unſchuldigen Freuden ein Vorſpiel des Lebens hatten, wie dann ihre Liebe mit jedem Jahre wuchs und ſich bei ihr zur Leidenſchaft geſteigert, bei ihm aber in Gleichgültigkeit umgeſchlagen war. Er ſtand vor ihr, wie am Tage ſeiner Abreiſe, jung und ſchön, das 58 Haupt ſtolz erhebend, wie er eben von der Jagd zurücktam und ſich an die Wiege ſeines Sohnes ſetzte. Mit bitterm Gefühl ge⸗ dachte ſie zugleich des eiferſüchtigen Argwohns, den ſie gehegt, und der Gereiztheit, mit der ſie ihn ausgeſprochen; wie ſie ihn verletzt, wie der Beleidigte verſchwunden und— wie ſie acht lange Jahre traurig und einſam verlebt! Sie weinte über ihre Verlaſſen⸗ heit, über die troſtloſe Leere ihres jetzigen Lebens, über die kalten, habſüchtigen Menſchen in ihrer Umgebung.„Verloren, ja verloren auf ewig!“ ſagte ſie ſeufzend, und blickte hinaus in das Feld, von wo ſie ihn um dieſe Zeit ſo vft beim Sonnenuntergang hatte heimkehren ſehen. Ihr träumeriſcher Blick ſchweifte nach der ent⸗ fernten Hügelkette, deren Schattenriſſe dunkel am flammenden Abend⸗ himmel hervortraten; dann ruhte ihr Auge wieder auf einem Oli⸗ venhain auf dem andern Ufer des Bachs, welcher ihrer Wohnung vorbeirieſelte. Es war Alles ſo ruhevoll; zugleich mit dem Dunkel der Nacht umfloß eine feierliche Stille die müde Welt. Obgleich ſie ſich nur ungern von dieſem Schauſpiel trennte, dem ſie jeden Abend zuſah, ſtand ſie doch eben auf, um ins Haus zu treten, als ihre Aufmerkſamkeit durch eine Bewegung im Gebüſch gefeſſelt wurde. Anfangs glaubte ſie ſich zu täuſchen, allein die Aeſte bogen ſich raſchelnd auseinander, und eine Menſchengeſtalt wurde jenſeit des Baches ſichtbar. Bertrande fürchtete ſich und wollte aufſchreien, aber der Schreck ſchnürte ihr, wie ein Alpdruck im Traume, die Kehle zu. Sie glaubte wirklich zu träumen, denn ungeachtet der Finſterniß, die die Geſtalt umgab, glaubte ſie doch wohl bekannte, theuere Züge zu erkennen. Trieb die Einbildung ein Spiel mit ihr? hatten ihre lebhaften Träumereien ſie ſo auf⸗ geregt? Sie fürchtete irre zu werden und warf ſich auf die Kniee, um zu beten. Aber das Trugbild verſchwand nicht, und immer noch ſtund die Schattengeſtalt unbeweglich vor ihr und betrachtete ſie mit untergeſchlagenen Armen..... Sie glaubte, es ſei Zauberei im Spiele und irgend ein böſer Geiſt wolle ſie necken. Dem 59 Aberglauben ihrer Zeit ergeben, drückte ſie inbrünſtig ein Erueifir ans Herz, das ſie am Halſe trug, und ſank beinahe ohnmächtig zuſammen. Mit einem Satz war die Geſtalt über den Bach und ſtand neben ihr. —„Bertrande!“— rief eine bewegte Stimme. Sie blickte auf und ſtieß einen durchdringenden Schrei aus. Sie lag in den Armen ihres Mannes. Noch an demſelben Abend erfuhr das ganze Dorf dieſe Bege⸗ benheit. Alle ſtrömten in Bertrande's Hauſe zuſammen; Martins Verwandte und Freunde wollten ihn alle wiederſehen nach dieſer wunderbaren Rückkehr; ſelbſt die ihn nie gekannt, kamen ihre Neugierde zu bezeigen. Bevor er mit ſeiner Frau allein bleiben durfte, mußte ſich der Held des Abenteuers in einer Scheune öffent⸗ lich zeigen. Seine vier Schweſtern drängten ſich durch die Menge hindurch und fielen ihm ſchluchzend um den Hals; der Onkel ſah ſeinen Neffen erſt mit großem Erſtaunen an; dann reichte er ihm die Hand. Jeder erkannte ihn, von Margaretha, der alten Magd, an, welche ſchon am Hochzeitstage in den Dienſt des jungen Paa⸗ res getreten war. Nur bemerkte man, daß das reifere Alter ſeinen Zügen einen männlichern, beſtimmtern Ausdruck verliehen und das Kräftige ſeiner Geſtalt noch mehr entwickelt habe. Auch bemerkte man, daß er an der rechten Augenbraue eine Narbe habe und ein wenig hinke. Er hat zwei Wunden bekommen, ſagte man, die ihn aber nicht viel ſchaden werden. Martin Guerre ſchien die Zeit nicht erwarten zu können, mit ſeiner Frau und ſeinem Sohne allein zu ſein; allein die verſam⸗ melte Menge beſtürmte ihn, die Abenteuer zu erzählen, welche er während ſeiner freiwilligen Verbannung erlebt, und er mußte ihre Neugierde befriedigen. Mitten in ſeinem Glück, erzählte er, vor etwa acht Jahren, habe ihn eine Luſt ergriffen, ſich die Welt zu beſehen. Er hab⸗ ſeiner Sehnſucht, zu reiſen, nicht widerſtehen können, und ſei unver⸗ muthet eines Abends davongegangen. Zuerſt habe es ihn natür⸗ lich nach Biskaya, ſeinem Heimathlande, hingezogen, wo er ſeine Verwandten beſucht. Daſelbſt nahm ihn der Kardinal von Burgos in Dienſte und einige Zeit darauf trat er in die des Bruders die⸗ ſes Kardinals. Der Letztere zwang ihn wider ſeinen Willen den Krieg gegen Frankreich mitzumachen, und ſo ſtand er in der Schlacht bei St. Quentin in den Reihen der Spanier. Hier bekam er einen Schuß ins Bein; man brachte ihn in ein benachbartes Dorf, und der Chirurgus, dem er in die Hände fiel, wollte ihm ſchon das Bein abnehmen; glücklicher Weiſe aber verließ ihn derſelbe auf einen Augenblick und kam nicht wieder. Eine gute alte Frau nahm ſich ſeiner an, verband ſeine Wunde und pflegte ihn Tag und Nacht. So wurde er in einigen Wochen glücklich hergeſtellt und kehrte nach Artigues zurück, beglückt, Haus und Gut, beſonders Frau und Kind wiederzufinden, und feſt entſchloſſen, die Heimath niemals wieder zu verlaſſen. Als er mit ſeiner Erzählung fertig war, drückte er den noch immer über ſeine Rückkehr erſtaunten Nachbarn die Hand und redete mehrere Bauern mit ihren Namen an, die er noch jung verlaſſen und die ihm jetzt als erwachſene Männer und kaum noch erkennbar entgegentraten. Seine Schweſtern überhäufte er mit Zärtlichkeiten und ſeinen Oheim bat er um Verzeihung wegen all des Verdruſſes, den er ihm in der Jugend durch ſein halsſtarriges Weſen gemacht. Lachend erinnerte er ihn an die Zurechtweiſungen, die ihm damals zu Theil geworden, gedachte auch eines Auguſtinermönchs, bei dem er leſen gelernt, ſo wie eines ehrwürdigen Kapuziners, der durch ſeine lüderliche Aufführung im ganzen Lande ſo viel Aergerniß gegeben habe. Kurz, er ſchien trotz ſeiner langen Abweſenheit Alles aufs Beſte im Gedächtniß behalten zu haben. Die guten Leutchen überhäuften ihn mit Glückwünſchen, und während Einer ſeinen guten Gedanken lobte, zurückzukehren, legte ihm ein Anderer Zeug⸗ niß ab von der innigen Treue und fleckenloſen Tugend ſeiner Ber⸗ W W 61 trande. Man wurde zärtlich, weinte und leerte manche Flaſche aus Martin Guerre's Keller. Endlich trennte man ſich, voll Be⸗ wunderung für die unbegreiflichen Lenkungen des Schickſals, und Jeder ging bewegt, erſtaunt und befriedigt nach Hauſe, mit Aus⸗ nahme des alten Peter Guerre, dem eine Aeußerung ſeines Neffen manche Beſorgniſſe für ſeine bisherigen Vortheile eingeflößt hatte und der die ganze Nacht hindurch an die möglichen Verluſte dachte, die dieſe unerwartete Rückkehr für ihn herbeiführen könnte. Es war Mitternacht, als die beiden Eheleute endlich allein waren und ſich ungeſtört ihrer Zärtlichkeit überlaſſen durften. Ber⸗ trande konnte ſich noch immer nicht von ihrem Staunen erholen und konnte ihren Augen und Ohren nicht trauen. Da ſtand er nun vor ihr im ehelichen Schlafgemach, der acht Jahre hindurch verloren geweſene Gatte, den ſie unaufhörlich beweint, den ſie vor wenigen Stunden noch todt geglaubt hatte. Bei der plötzlichen Umwälzung, die eine ſo große Freude nach ſo großen Schmerzen in ihrer Seele hervorgebracht, war ihr die Kraft geblieben, um auch äußerlich zu zeigen, was ihr Herz empfand. Ihre verwirrten Gefühle wußten ſich nicht Luft zu machen und einen Ausdruck in Worten zu finden, ſo ſehr hatte ſich die Bewegung ihrer Gedanken und ihrer Zunge bemächtigt. Als ſie endlich doch anfing, ſich zu beruhigen, als es klarer vor ihrer Seele wurde, da wich allmälig das Erſtaunen, über den allmächtigen Zug der Liebe, den ſie heute an der Seite ihres Gatten empfand, und der ihren Geiſt noch geſtern in weite Fernen hinausſchweifen ließ. Ja, er war es ſelbſt, es waren ſeine Züge, er war der Mann ihrer Wahl, dem ſie freudig Hand und Herz, Leib und Leben hingegeben hatte: und dennoch kam es ihr vor, als ſtehe eine eiſige Schranke zwiſchen ihm und ihr, und als müßte ſie vergehen vor Scham und Schüchternheit. Sein erſter Kuß machte ſie nicht glücklich; ſie erröthete und wurde betrübt. Seltſame Wirkung einer langjährigen Trennung! Sie konnte ſich's nicht angeben, was die Zeit an ſeinem Ausſehen verändert; ſein 62 Geſicht hatte einen rohern Ausdruck angenommen; die einzelnen Züge, die äußere Hülle, kurz der ganze leibliche Menſch ſchien ſich kaum verändert zu haben, allein die Seele ſchien nicht mehr die⸗ ſelbe; der Blick des Auges war ein anderer geworden. Bertrande hatte ihren Gatten wieder erkannt und dennoch ſchwankte ſie noch. So wartete Penelope nach der Rückkehr ihres Odyſſeus, bis ein ſicheres Kennzeichen das Zeugniß des Auges beſtätigte, und um anerkannt zu werden, muß der Mann ihr Geheimniſſe ſagen, die nur er und ſie allein wußten. Er dagegen, als hätte er dieſe Gefühle gemerkt und ihr ge⸗ heimes Mißtrauen errathen, gebrauchte die liebevollſten Ausdrücke und gab ſeiner Bertrande die zärtlichſten Namen, die ihr früheres inniges Verhältniß geheiligt hatte. „Meine Herzenskönigin, mein trautes Täubchen,“ ſagte er, „will der alte Groll bei meinem Anblick noch immer nicht ſchwin⸗ den? Iſt er ſo ſtark, daß ſelbſt meine Unterwürfigkeit ihn nicht beſänftigen kann, und willſt Du auch meiner innigen Reue nicht verzeihen? Bertrande, Bertha, Bertranilla. wie ich Dich ſo manchmal genannt habe...“ Sie wollte lächeln, konnte es aber nicht vor Verwunderung. Die Namen waren wohl dieſelben, aber der Ton der Stimme, die Melodie des Ausdrucks war eine andere geworden. Er ergriff die Hände ſeiner Frau und drückte ſie zärtlich. „Die allerliebſten Händchen! Iſt auch mein Ring noch dran? Ja, da iſt er und dicht daneben der andere mit dem Saphir, den ich dir ſchenkte, als unſer Sanri geboren wurde.“ Bertrande antwortete nicht; aber ſie nahm ihren Sohn an die Hand und führte ihn ſeinem Vater in die Arme. Martin liebkoſte ſeinen Sohn und ſprach von der Zeit, als er ihn noch auf den Armen getragen und ihn im Garten aufgehoben, damit er das Obſt erreichen und hineinbeißen könnte. Er dachte auch daran, daß ſich das arme Kind eines Tages an einem wil⸗ . ————— W W 63 den Brombeerſtrauch ſein Beinchen verwundet, und unterſuchte, ob die Narbe noch zu ſehen ſei. Bertrande war gerührt bei dieſer Zärtlichkeit und dieſen Erin⸗ nerungen; ſie machte ſich ſelbſt Vorwürfe wegen ihrer Zurückhal⸗ tung, näherte ſich dem Vater ihres Kindes und legte ihre Hände in die ſeinigen. „Mein Verſchwinden,“ ſagte er ſanft,„hat Dir große Angſt verurſacht; wie bereue ich's jetzt! Aber ſieh, ich war jung, ſtolz und die Vorwürfe, die Du mir machteſt, waren ſo ungerecht!“ „Ach, erinnerſt Du Dich noch der Urſache unſeres Streits?“ ſagte ſie. „Nun, es war ja die junge Roſa, unſere Nachbarin, der ich den Hof machen ſollte, wie Du meinteſt, weil Du mich eines Abends mit ihr an der Quelle im Wäldchen gefunden. Ich ſtellte Dir vor, daß nur der Zufall dieſe Begegnung herbeigeführt; übri⸗ gens war ja Roſa damals noch ein Kind; aber Du wollteſt mich nicht hören, und aufgebracht wie Du warſt.— „Verzeihung, Verzeihung, Geliebter!“ unterbrach ſie ihn, ganz verwirrt. „In Deinem blinden Zorn nahmſt Du, ich weiß nicht mehr was, und warfſt es mir an den Kopf. Da bekam ich die Wunde,“ ſetzte er lächelnd hinzu und zeigte auf ſeine rechte Augenbraue, „deren Narbe noch zu ſchen iſt.“ „Ach Gott,“ rief Bertrande,„wirſt Du mir's je vergeben können?“ „Nun, Du ſiehſt es ja,“ antwortete Martin und umarmte ſie. So bewegt ſie war, ſtrich ſie ihm die Haare von der Stirn und beſah die Spur, die jene Wunde gelaſſen. „Aber,“ ſagte ſie beſorgt und verwundert,„dieſe Narbe ſcheint noch ganz friſch zu ſein?....“ „Ja,“ erwiderte Martin etwas verwirrt,„ſie war unlängſt wieder aufgegangen. Aber ich denke nicht mehr daran; ſprechen wir niemals wieder davon, liebe Bertrande. Ich will keine Er⸗ 3 64 innerung, bei der Du fürchten könnteſt, mir weniger lieb gewor⸗ den zu ſein.“ Er zog ſie auf ſeinen Schooß; ſie ſträubte ſich ſanft dagegen. „Laß das Kind jetzt ſchlafen gehen,“ ſagte Martin;„morgen ſoll meine Zärtlichkeit ihm gewidmet ſein; aber heute, Bertranilla, heute kommſt Du zuerſt an die Reihe....“ Das Kind umarmte ſeinen Vater und ging hinaus. Bertrande knieete ſich darauf dicht neben ihrem Manne hin und ſah ihn feſt an mit einem etwas unruhigen Lächeln. Dieſe übertriebene Aufmerkſamkeit ſchien Martin zu mißfallen. „Nun, was haſt Du denn ſchon wieder? Warum unterſuchſt Du mich ſo?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht, mein Geliebter, aber verzeihe mir's. Ich hatte ſo ganz und gar keine Ahnung von dieſem unverhofften Glück. Es kommt mir vor wie ein Traum, ich kann mich ſo ſchnell nicht darein finden. Laß mir nur einige Zeit, mich zu faſſen. Erlaube, daß ich dieſe Nacht mit Beten zubringe, denn zuerſt muß ich Gott meinen Dank und meine Freude bezeugen. „Nein,“ ſagte er, den Arm um Bertrandens ſchönen Nacken ſchlingend und mit ihrem langen Haar tändelnd,„mir gehören Deine erſten Gedanken; nach ſo viel Mühſeligkeiten ſoll Dein An⸗ blick meine Erquickung ſein, und nach ſo vielen Schickſalsſchlägen Deine Liebe mein Glück. Und dieſe Hoffnung erhielt mich auf⸗ recht, und auch ich habe Eile mich meinerſeits zu überzeugen, daß es kein Trugbild iſt, was ich ſehe.“ Er wollte ſie aufheben. „Ach,“ flüſterte ſie,„laß mich, ich flehe Dich an!“ „Wie,“ rief er etwas aufgebracht,„iſt das Deine Liebe, Ber⸗ trande? Bewährſt Du mir ſo Deine Treue? Hätte ich jetzt nicht Grund, am Zeugniß Deiner Freunde zu zweifeln? Muß ich nicht befürchten, daß Gleichgültigkeit oder gar ein anderes Gefühl?... „O, Du beleidigſt mich,“ ſagte das junge Weib und erhob ſich. Er riß ſie in ſeine Arme. „Nein, nein, meine Herzenskönigin, ich glaube nichts, was Dich beleidigen könnte, ich baue feſt auf Deine Treue, wie ehe⸗ mals, als ich meine erſte Reiſe unternahm und Du mir dieſe zärtlichen Briefe ſchriebſt, die ich ſeitdem immer auf dem Herzen getragen habe. Sieh, da ſind ſie.“ Mit dieſen Worten zog er einige Papiere hervor, auf denen Bertrande ihre Handſchrift erkannte. „Ja,“ fuhr er fort,„ich habe ſie immer wieder geleſen. Sieh, damals ſprachſt Du nur von Deiner Liebe und von dem Schmerz über meine Entfernung... Warum biſt Du denn jetzt ſo beun⸗ ruhigt; woher dies erſchrockene Weſen? Sieh, Du zitterſt ja am ganzen Leibe, wie an jenem Tage, da ich Dich aus den Händen Deines Vaters empfing. Hier, in dieſem Zimmer wars... Als Du Dich allein mit mir ſahſt, da batſt Du mich auch, wieder herauszugehen und Dich die Nacht über beten zu laſſen... aber ich drang in Dich, Du wirſt Dich deſſen erinnern, und drückte Dich ans Herz, ſo wie jetzt.“ „Ach,“ flüſterte ſie leiſe,„habe Mitleid...“ Aber ihre Worte wurden von einem Kuß erſtickt. Die Erin⸗ nerungen der Vergangenheit, das Glück der Gegenwart gewannen ihre Allmacht wieder, die grundloſen Befürchtungen verſchwanden und.. die Vorhänge des Ehebetts ſanken verhüllend herunter. Der folgende Tag war ein Feſttag für das ganze Dorf Arti⸗ gues. Martin machte Allen, die geſtern bei ihm geweſen, ſeinen Gegenbeſuch, und die Scenen des Wiedererkennens und die Umar⸗ mungen wollten nicht aufhören. Die jungen Leute erinnerten ſich, daß er ihnen früher Spiele gezeigt, die Greiſe, daß ſie ſeine Hoch⸗ zeit mitgefeiert, als er erſt zwölf Jahre alt geweſen. Die Frauen dachten daran, daß ſie Bertrande beneidet hatten; unter dieſen war die junge Roſa, die reizendſte von allen, die Tochter des Apothe⸗ kers Marcell, die im Herzen ſeiner armen Frau ſo große Eiferſucht 66 erregt hatte und wohl wußte, daß dieſe Eiferſucht doch nicht ſo ganz grundlos geweſen. Denn Martin hatte ihr wirklich ſeine Verehrung an den Tag gelegt, und ſie ſah ihn nicht ohne einige Verwirrung wieder. Jetzt war ſie an einen reichen, aber alten und häßlichen Bürger verheirathet und konnte nicht, ohne zu ſeuf⸗ zen, ihr Schickſal mit dem ihrer glücklichen Nachbarin vergleichen.— Beſonders hielten Martin ſeine Schweſtern feſt und ſprachen mit ihm von den Spielen ihrer Kindheit und von Vater und Mutter, die Beide in Biscaya verſtorben. Martin wußte die Thränen zu trocknen, die dieſe Erinnerungen in ihnen hervorriefen, und ſie mußten der Freude weichen. Er wurde zu Gaſtgeboten eingeladen und gab ſelbſt welche. Martin bat ſeine Verwandten und alten Freunde zuſammen, und die unbeſchränkteſte Heiterkeit herrſchte in der Geſellſchaft. Nur bemerkte man, daß der Held dieſer Feſte ſich ſtets des Weins enthielt. Man machte ihm deshalb Vorwürfe, aber er erklärte, ſeit er ſeine Wunden bekommen, müſſe er der Ge⸗ ſundheit wegen ſich ſehr mäßig halten. Dagegen konnte man nichts haben, und ſo behielt Martin ſtets ſeine Kaltblütigkeit und Gei⸗ ſtesgegenwart, während ſich die Andern den tollen Eingebungen des Rauſches überließen. „Ja,“ rief einer der Gäſte, der zuweilen in medieiniſche Bücher hineinguckt,„Martin hat ganz Recht, ſich der geiſtigen Getränke zu enthalten, denn wenn eine Wunde auch noch ſo gut vernarbt iſt, kann ſie ſich doch in Folge von Unmäßigkeiten leicht entzünden und wieder aufgehen. Wer nun gar friſche Wunden hat, auf den wirkt der Wein als tödtliches Gift. Auf dem Schlachtfelde ſind ſchon oft Verwundete in wenigen Stunden geſtorben, weil ſie einige Tropfen Branntwein getrunken.“ Martin Guerre wurde bleich und knüpfte mit ſeiner Nachbarin, der ſchönen Roſa, eine Unterhaltung an. Bertrande bemerkte es, aber ſie zeigte ſich nicht beunruhigt. Sie war zu ſchwer beſtraft für ihren erſten Argwohn, als daß ſie ſich noch einmal hätte der 67 Eiferſucht hingeben ſollen. Zudem bewies ihr Mann ihr auch ſo viel Liebe, daß ſie ganz ſicher ſein konnte. Als die erſte Zeit vorüber war, dachte Martin Guerre daran, ſeine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Sein Vermögen war durch ſeine lange Abweſenheit etwas in Unordnung gerathen, und er mußte eine Reiſe nach Biscaha machen, um ſich in Beſitz einiger Güter zu ſetzen, die ihm zukamen, und welche die Gerichte bereits in ihre Verwaltung genommen. Mehrere Monate und einige an der rechten Stelle angebrachte Opfer waren nöthig, bevor er ſich in den Beſitz der Ländereien und des väterlichen Hauſes ſetzen konnte. Als er damit in Ordnung war, kehrte er nach Artigues zurück und ſchickte ſich an, gleicherweiſe auch das Eigenthum ſei⸗ ner Frau in Beſitz zu nehmen, und zu dieſem Behufe ging er eines Morgens, eilf Monate nach ſeiner Heimkehr, zu ſeinem Oheim Peter. Dieſer hatte ſich auf ſeinen Beſuch ſchon gefaßt gemacht. Er war ſehr höflich, bat Martin, Platz zu nehmen, überhäufte ihn mit Complimenten und beobachtete ihn dabei höchſt aufmerkſam, um ſeinen Gedanken auf den Grund zu kommen. Er zog die Stirn in Falten, als er bemerkte, daß ſein Neffe einen ſehr feſten Entſchluß mitgebracht. Martin brach zuerſt das Schweigen. „Lieber Oheim,“ ſagte er,„ich komme, um mich dafür zu bedanken, daß Sie während meiner Abweſenheit die Mühe auf Sich genommen haben, das Vermögen meiner Frau zu verwalten. Sie ſelbſt würde damit nie zurecht gekommen ſein. Sie haben die Einkünfte gezogen, um ſie für die Familie zurückzulegen; das war verwandtſchaftlich gehandelt, und ich hab's von Ihrer Freundſchaft auch nicht anders erwartet. Jetzt bin ich wieder hier und alle andern Geſchäfte ſind beſeitigt; jetzt können wir Abrechnung hal⸗ ten, wenn's Ihnen recht iſt.“ Der Ohm räusperte ſich, um die Stimme zu kräftigen, bevor er antwortete; dann ſagte er langſam und abgemeſſen: 5* 68 „Es iſt ſchon Alles abgerechnet, lieber Neffe; Dank dem Him⸗ mel, ich bin Dir nichts ſchuldig.“ „Wie,“ rief Martin erſtaunt,„dieſe Einnahmen..... —„Dieſe Einnahmen ſind rund und nett aufgegangen für den Unterhalt Deiner Frau und Deines Sohnes.“ „Was, tauſend Livres jährlich zu dieſem Behuf? Und Ber⸗ trande hat ſo allein, ſo einfach und zurückgezogen gelebt! Das iſt ja rein unmöglich!“ „Der Ueberſchuß,“ fuhr der Ohm mit Gleichmuth fort,„iſt für Saat⸗ und Aerntekoſten ausgegeben.“ „Aber der Tagelohn für die Feldarbeiter iſt ja ſo niedrig!“ „Hier iſt meine Rechnung,“ ſagte Peter. „Dieſe Rechnung iſt lügenhaft,“ ſchrie Bertrandens Gemahl. Peter hielt es für zweckmäßig, beleidigt zu ſcheinen und in Zorn zu gerathen; der Andere, ſchon erbittert über dieſe offenbare Un⸗ ehrlichkeit, wurde noch heftiger und ſprach davvn, einen Proeeß anzuſträngen. Peter drohte den Ungezogenen aus dem Hauſe zu werfen und ergriff ihn wirklich beim Arm, um ihn herauszubringen. Martin gerieth in Wuth und erhob die Hand gegen ihn. „Elender, gegen Deinen Onkel?“ Martin beſann ſich. Aber indem er ging, murmelte er einige beleidigende Vorwürfe vor ſich hin. Peter hörte beſonders die Worte: „Sie ſind ein Betrüger!“ „Wart', dieſes Wort will ich Dir gedenken,“ ſchrie der rach⸗ ſüchtige Alte und warf krachend die Thür hinter ihm zu. Martin Guerre brachte die Sache vor den Richter in Rieur. Einige Zeit darauf erſchien das Urtheil, das Peters Rechnungen für ungenügend erklärte und den ungetreuen Verwalter ſeinem Neffen für jedes Jahr vierhundert Livres zu zahlen verdammte. Als dieſe Summe ſeinem Geldkaſten entriſſen wurde, ſtieß er einen Racheſchrei aus; bis er jedoch ſeinen Haß befriedigen konnte, mußte er ihn heuchelnd verbergen und mit freundlichem Lächeln die Ver⸗ 69 ſöhnungsverſuche erwidern, die von der Familie gemacht wurden. Sechs Monate ſpäter, und zwar bei Gelegenheit eines glücklichen Ereigniſſes, betrat Martin zum erſten Male wieder das Haus ſei⸗ nes Oheims. Die Glocken verkündeten die Geburt eines Kindes, und in Bertrandens Haus wurde der Tag feſtlich begangen. Alle Freunde und Verwandte waren vor der Thür der Wöchnerin ver⸗ ſammelt und warteten nur auf den Pathen, um den Neugebornen in die Kirche zu begleiten, und es erhob ſich ein allgemeines Freu⸗ dengeſchrei, als der alte Peter, von Martin am Arme geführt, im Knopfloch einen Blumenſtrauß, dazu kam und Roſa, ſeine hübſche Gevatterin, bei der Hand nahm. Bertrande war ſehr erfreut über dieſe Verſöhnung und überließ ſich den heiterſten Gedanken. Sie fühlte ſich ſo glücklich, ſo wohl entſchädigt für die lange Betrüb⸗ niß. Die Kluft zwiſchen ihrem frühern und ihrem gegenwärtigen Glück verſchwand vor ihrer Seele, als wenn die ſchöne Kette froher Tage nie unterbrochen wäre. Sie liebte ihren Mann, und vielleicht mehr als jemals. Er war ſo zärtlich gegen ſie und ſie dankte es ihm innigſt. Und wenn ſie doch einmal an die überſtandenen Lei⸗ den dachte, ſo wurde dadurch nur die neue Freude erhöht, die der Himmel ihr zugedacht. Die Vergangenheit war für ſie ſchatten⸗, die Zukunft wolkenlos, und die Geburt einer Tochter, die das Band chelicher Einigkeit noch enger zuſammenzog, war ihr eine neue Bürgſchaft der Glückſeligkeit. Armes Weib! Der Himmel ſchien ſo heiter und er ſollte ſich doch bald noch einmal umnachten! Noch am Abend des Tauftages kam eine Truppe Muſiker und Poſſenreißer durch das Dorf, die ſehr willkommen waren und von den Taufgäſten beſchenkt wurden. Peter ſprach mit einigen; das Haupt der Truppe war ein Spanier. Dieſen nahm Peter zu ſich und blieb eine ganze Stunde mit ihm allein bei verſchloſſenen Thüren. Als er ging, bemerkte man einen ziemlich gefüllten Geld⸗ beutel in ſeiner Hand.— Zwei Tage darauf ſagte Peter ſeinen Verwandten, daß er bei einem alten Handelsfreund in der Picardie 70 ein Geſchäft abmachen müſſe, und reiſte, mit dem Verſprechen, bald wieder zurück zu ſein, wirklich dahin ab. Der Tag, an dem Bertrande dieſen Mann wieder ſah, war für ſie ein Schreckenstag. Sie ſaß gerade allein an der Wiege ihres kleinſten Kindes und wartete, daß es erwachen ſolle, als die Thür aufging und Peter eintrat. Kaum hatte ſie ihn ins Auge gefaßt, als ſie auch wie in banger Ahnung vor ihm zurückſchreckte; denn das Geſicht des Alten hatte einen boshaften, aber doch zu⸗ gleich vergnügten Ausdruck: es war der Ausdruck befriedigten Haſſes, eine Vereinigung von Wuth und triumphirendem Frohlocken; ſein Lächeln war ſchrecklich. Sie wagte es Anfangs nicht, eine Frage an ihn zu ſtellen, und gab ihm einen ſtummen Wink, Platz zu neh⸗ men. Aber er ging gerade auf ſie los und ſagte erhobenen Haup⸗ tes und mit gewaltiger Stimme: „Weib, auf die Kniee und flehe zu Gott um Vergebung!“ Die junge Frau ſah ihn ſtarr an. „Seid Ihr ſinnlos geworden, Peter?“ „Du ſollſt es bald erfahren, ob ich bei Sinnen bin.“ „Ich um Vergebung bitten? und für welchen Fehltritt, heili⸗ ger Gott?“ „Für das Verbrechen, deſſen Mitſchuldige Du biſt.“ „Ein Verbrechen? Sprich deutlicher.“ „Ja,“ ſagte Peter mit ironiſchem Ton,„ein Weib hält ſich für unſchuldig, ſo lange ihre Sünde noch Aller Augen verborgen iſt, denkt, die Wahrheit wird nie an den Tag kommen, und das Gewiſſen ſchläft ein in der Vergeſſenheit der Fehltritte. Dieſe hier glaubte die ihrigen wohl verborgen, und der Zufall begünſtigte ſie: der Mann iſt abweſend, vielleicht geſtorben, und ein Anderer ſieht ihm ſo ähnlich in Wuchs, Geſicht und Betragen, daß Jedermann ſie verwechſelt. Kann man ſich da noch wundern, daß ein ſchwaches, ſinnliches und ihren Wittwenſtand überdrüſſiges Weib ſich auch und dazu noch gern täuſchen läßt?“ — 7¹ Bertrande hörte es an, ohne es zu begreifen. Sie wollte Peter unterbrechen; aber er fuhr fort: „Ohne vor den Augen der Welt zu erröthen, konnte ſie den fremden Menſchen aufnehmen und ihm Namen und Recht ihres Gatten einräumen; ſie konnte ſich treu nennen, während ſie ſtraf⸗ bar war; ſie konnte beſtändig erſcheinen im Wechſel ſelbſt und unter dem Schleier des Geheimniſſes Alles mit einander verſöhnen, Ehre, Pflicht und. vielleicht ſogar ihre Liebe!“ „Aber ums Himmelswillen, was ſoll denn das heißen!“ rief ſie, ängſtlich die Hände ringend. „Daß Du die Betrügerei eines Mannes begünſtigt, der nie⸗ mals Dein Gatte war.“ Das erſchütterte Bertranden gewaltſam; ſie ſchwankte und mußte ſich am nächſtſtehenden Möbel halten. Dann nahm ſie ihre Kraft wieder zuſammen, um einem ſo unerwarteten Angriff zu begegnen, und trat dicht vor den Alten hin. „Wer? Er, mein Mann, Euer Neffe, ein Betrüger?“ „Als wenn Du's nicht wüßteſt!“ h An dieſem Schrei, der aus der Tiefe der Seele kam, merkte Peter, daß ſie wirklich nichts wiſſe, und daß er ſie mit einem durchaus unerwarteten Schlage getroffen. Ruhiger fuhr er fort: „Wie, auch Dich, Bertrande, auch Dich ſollte er getäuſcht haben?“ „Ach, Peter, Eure Worte tödten mich! Ihr foltert mich zum Vergnügen. Laßt die Dunkelheit, laßt das Geheimniß! Welches ſind Eure Vermuthungen? Was wißt Ihr? Sagt es frei heraus!“ „Haſt Du auch Muth genug?“ „Ich will muthig ſein,“ ſagte das arme Weib, und zitterte dabei am ganzen Leibe. „Gott iſt mein Zeuge, daß ich Dir die Wahrheit hätte verber⸗ gen wollen; aber Du mußt ſie wiſſen, und wäre es auch nur, 72 um Deine Seele zu retten, die in eine ſchändliche Schlinge ge— rathen iſt.... Noch iſt es Zeit, wenn Du meinem Rathe folgſt. So höre denn: Der Mann, mit dem Du lebſt, der den Namen Deines Gatten angenommen hat, kurz, dieſer vorgebliche Martin Guerre, iſt ein Schurke, ein Fälſcher.“ „Was unterſteht Ihr Euch zu ſagen?“ „Ich habe es entdeckt. Ich hatte einen unbeſtimmten Argwohn, eine mich beunruhigende Ahnung. Ungeachtet des Wunders einer täuſchenden Aehnlichkeit zweifelte ich unwillkürlich und mochte in ihm nicht das Blut meiner Schweſter erkennen. An jenem Tage, als er die Hand gegen mich zu erheben wagte, v, an jenem Tage ſprach meine Seele ihm ſen Urtheil. Ein Zufall hat mich ge⸗ rechtfertigt. Ein ſpaniſcher Landſtreicher, ein ehemaliger Partei⸗ gänger, der eines Abends durch unſer Dorf kam, hatte die Schlacht bei St. Quentin mitgemacht und geſehen, wie Martin Guerre von einem Büchſenſchuß am Fuße ſchwer verwundet wurde. Selbſt verwundet, hat er ſich nach dem Gefecht in ein benachbartes Dorf begeben und dort den Chirurgus laut erzählen hören, daß dem Unglücklichen, der im anſtoßenden Zimmer liege, das Bein müſſe abgenommen werden, und daß er es ſchwerlich überleben würde. Als die Thür geöffnet wurde, ſah er den Verwundeten und erkannte Martin Guerre. Das erzählte mir der Spanier. Dadurch auf die rechte Spur gebracht, ſchützte ich ein Geſchäft vor und begab mich in jenes Dorf, erkundigte mich bei den Lint und erfuhr Folgendes—“ „Nun?“ fragte Bertrande, todtenbleich und vor Angſt hoch aufathmend,„das Bein des Verwundeten iſt wirklich abgenommen worden?“ „O Himmel!“ „Nach dem Urtheil des Chirurgus muß er einige Stunden ſpäter geſtorben ſein; man hat ihn nicht wieder geſehen.“ Einen Augenblick war Bertrande wie vernichtet von dieſer nie⸗ derſchmetternden Entdeckung. Bald aber wies ſie dieſe ſchauder⸗ erregenden Gedanken von ſich und rief: „Nein, nein, es iſt rein unmöglich. Es iſt ein Mährchen, das man erfunden, um ihn, um uns Alle zu Grunde zu richten.“ „Was, Du willſt mir nicht glauben?“ „Nein, nimmermehr!“ „Sage doch lieber, Du ſtellſt Dich nur, als glaubteſt Du mir nicht! Die Wahrheit hat Raum gewonnen in Deiner Seele; aber Du willſt ſie noch von Dir weiſen. Bedenke Dein Seelenheil!“ „Unglücklicher, ſchweigt!.... Nein, Gott kann mich nicht auf eine ſo ſchreckliche Probe ſtellen wollen. Welche Sicherheit, welche Beweismittel könnt Ihr für Eure Angaben beibringen?“ „Die, welche ich genannt habe⸗ 2 „Andere nicht?“ „Nein, vor der Hand nicht.“ „Wirklich ſchöne Beweiſe! Die Erzählung eines Landſtreichers, der Euerm Haß geſchmeichelt, um Euch Geld abzujagen, Dorf⸗ gerüchte, zehnjährige Erinnerungen und endlich Euer Wort. Und Euer alleiniger Beweggrund iſt die Rache! Ihr habt geſchworen, es ihn theuer bezahlen zu laſſen, daß er Eurer Habſucht einen Strich durch die Rechnung gemacht! Nein, Peter, ich glaub' Euch nicht, ich werde Euch nun und nie glauben.“ „Andere Leute ſind vielleicht minder ungläubig, und wenn ich den Betrüger öffentlich anklage.... „So werde ich Euch Lügen ſtrafen.“ Kräftigen Schritts trat ſie vor ihn hin; in ihrem Auge glühte ein heiliger Zorn: „Fort aus meinem Hauſe, auf der Stelle fort, denn der Be⸗ trüger„ ſeid Ihr ſelbſt!“ „Nun, ich will Euch Alle überführen, und Ihr ſollt Alles geſtehen,“ ſchrie der Alte, wuthſchnaubend, und ging. Bertrande ſank in einen Seſſeel. 74 Was ging Alles durch die Seele des armen Weibes? Alle Kraft, die ſie aufrecht erhalten, als ſie noch Peter gegenüberſtand, war dahin, als ſie ſich allein ſah. Obgleich ſie ſich ſträubte gegen den Argwohn, ſo drang doch das entſetzliche Licht des Zweifels in ihre Seele, ſtatt des ſchönen, reinen Sterns des Vertrauens, der ſie bisher geführt. Und ach, dieſer Zweifel nagte zugleich an ihrer Ehre und an ihrer Liebe; denn ſie liebte mit der ganzen— zärtlichen Hingebung, deren das Weib fähig iſt. Wie das Gift ſich allmälig in allen Adern verbreitet, das Blut verdirbt und die Ouellen des Lebens durchdringt, bis die gänzliche Auflöſung des Leibes erfolgt, ſo richtete jetzt das ſchrecklichere Gift des Argwohns ſeine Verwüſtungen in der Seele an, die es in ſich aufgenommen. Mit Entſetzen dachte Bertrande an den erſten Eindruck, den das Wiederſehen Martin Guerre's auf ſie gemacht, an ihr geheimes, unwillkürliches Widerſtreben, an ihr Erſtaunen über ſich ſelbſt, als ſie nicht den alten Herzenszug zu ihrem ſo heiß erſehnten Gatten empfand. Jetzt fiel es ihr zum erſten Male ein, als hätte ſie es bisher noch nicht bemerkt, daß Martin, früher leichtſinnig, lebhaft und auffahrend, jetzt ſo überlegt und ſtets Herr ſeiner ſelbſt ſei. Sie hatte dieſe Veränderung den Jahren zugeſchrieben und ſchauderte nun zuſammen bei dem Gedanken an einen andern Grund derſelben. Noch mancherlei fiel ihr ein: in unbedeutenden Kleinigkeiten hatte ſich ihr Mann vergeßſam und zerſtreut gezeigt; ſo hatte er zuweilen auf den Namen Martin nicht gleich geant⸗ wortet; einen falſchen Weg nach einer früher viel beſuchten Klauſe eingeſchlagen; ihr nicht zu antworten gewußt, wenn ſie ihn in baskiſcher Sprache anredete, vobgleich ſie die wenigen Worte, welche ſie wußte, erſt von ihm gelernt. Außerdem hatte er ſeit ſeiner Rückkehr niemals in ihrer Gegenwart ſchreiben wollen: beſorgte er, ſie möchte einen Unterſchied zwiſchen ſeiner jetzigen und frühern Handſchrift bemerken? Alle dieſe Thatſachen, auf die ſie bisher wenig geachtet, erhielten durch ihre Zuſammenſtellung eine er⸗ —.————— 75 ſchreckende Bedeutſamkeit. Sie befand ſich in einer qualvollen Rathloſigkeit. Sollte ſie in der Ungewißheit bleiben, oder ſich ein Licht verſchaffen, das ihr Unglück vollenden mußte? Und wie ſollte ſie ſich von der Wahrheit überzeugen? Den Böſewicht fragen? ihn in ſeiner Verwirrung überraſchen? aufpaſſen, ob er bleich werde? ihm mit Gewalt ein Geſtändniß zu entreißen ſuchen? Aber lebte dieſer Mann nicht ſeit zwei Jahren mit ihr zuſammen? War er nicht der Vater ihres Kindes? Sie konnte ihn nicht der Ver⸗ achtung preisgeben, ohne zugleich ſich ſelbſt bloßzuſtellen. Kam es einmal zur Erklärung, ſo konnte ſie ihn nicht beſtrafen, ohne ſich ſelbſt unglücklich zu machen, ihm nicht vergeben, ohne zu er⸗ röthen. Ihm ſeinen Betrug vorwerfen, um nachher zu ſchweigen und ſein Geheimniß zu bewahren, hieß das nicht, das Glück und den Frieden ſeines Lebens für immer vergällen und zerſtören? Die Sache öffentlich machen und die Züchtigung auf das Haupt des Menſchenfälſchers beſchwören, hieß das nicht, ſich ſelbſt und ihre Tochter der Schande preisgeben? Die Nacht überraſchte ſie in dieſer gräßlichen Ungewißheit. Ein eiſiger Schauer bemächtigte ſich ihres Körpers, und ſie legte ſich zu Bett. Ein heftiges Fieber kam zum Ausbruch, und mehrere Tage rang ſie mit dem Tode. Während dieſer Krankheit nahm ſich Martin Guerre auf das Sorgſamſte und Liebreichſte ihrer an. Das rührte ſie ſehr; denn ſie hatte eine dieſer glühenden Seelen, die eben ſo tief eine Wohlthat, als eine Beleidigung empfinden. Als ſie ſich etwas beſſerte und wieder zur völligen Beſinnung kam, erinnerte ſie ſich nur noch dunkel Alles deſſen, was ſich zugetragen. Sie fragte, ob Peter ſich nach ihr erkundigt habe. Derſelbe hatte ſeinen Fuß nicht über die Schwelle geſetzt. Dies war nur aus dem Auftritt zu begreifen, den ſie mit ihm gehabt, und jetzt fiel ihr Alles ein; die von Peter Guerre erhobene Beſchuldigung, ihre eignen, dieſelbe beſtätigenden Bevbachtungen und all' ihre Aengſte und Schmerzen. Sie erkundigte ſich nach den Dorfgeſprächen; 76 Peter hatte nichts erzählt. Warum? Hatte er eingeſehen, daß ſein Verdacht unbegründet ſei, oder wartete er noch auf andere Beweiſe? Sie verfiel ſelbſt wieder in quälende Ungewißheit und beſchloß, Martin noch mehr zu beobachten, bevor ſie ſich für ſeine Schuld oder Unſchuld entſcheide. Wie aber ſollte ſie annehmen, daß Gpott zwei ſo ähnliche Ge⸗ ſichter, zwei ſo ganz und gar gleiche Weſen erſchaffen, ſie zu gleicher Zeit in die Welt geſetzt und gleichſam auf denſelben Lebens⸗ pfad geworfen habe, um ein armes Weib irre zu führen und zu verderben? Da kam ſie auf einen ſchrecklichen Gedanken, einen. Gedanken, der in dieſer Zeit des Aberglaubens nur zu nahe lag, auf den Gedanken, daß wohl der böſe Feind könne Menſchengeſtalt angenommen und die Geſtalt eines Verſtorbenen als Maske ange⸗ legt haben, um eine Seele für die Hölle zu kapern, Dieſer Ge⸗ danke erhitzte ihr Haupt; ſie lief in die Kirche, ließ Meſſen leſen, betete mit Inbrunſt und dachte jetzt jeden Tag, den böſen Geiſt aus dem Leibe herausfahren zu ſehen, den er beſäße; allein ihre Spenden, Gelübde und Gebete waren vergeblich. Dafür aber ſchickte ihr der Himmel einen Gedanken ein, welchen ſie ſich wun⸗ derte, nicht ſchon früher gehabt zu haben.„Wenn es wirklich der Verſucher iſt,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„der die Geſtalt meines theuern Gatten angenommen hat, ſo wird dieſe Geſtalt genau dieſelbe und auch nicht der kleinſte Unterſchied zu bemerken ſein; denn im Reiche des Böſen iſt ja ſeine Macht ſchrankenlos; iſt es aber nur ein Menſch, der jenem gleicht, ſo wird Gott ſie durch einige Kennzeichen unterſchieden haben.“ Sie erinnerte ſich jetzt, daß ihr Mann auf dem Nacken, ge⸗ rade wo Kopf und Hals ſich ſcheiden, ein kleines Muttermal ge⸗ habt hatte. Dies war ihr entfallen geweſen, weil ſie vor der von Peter erhobnen Anſchuldigung noch kein Mißtrauen gehegt, nach derſelben aber die Verwirrung ihrer Gedanken und die Krankheit ſie beinahe des Verſtandes beraubt hatte. Martin trug aber ſehr — 77 langes Haar, und es war darum ſchwer, ſich über das Vorhanden⸗ ſein dieſes Merkmals Gewißheit zu verſchaffen. In einer Nacht, als er neben ihr ſchlief, ſchnitt ſie ihm an der Stelle, wo das Zeichen ſein ſollte, die Haare weg das Muttermal war nicht vorhanden. Jetzt endlich von der Betrügerei überzeugt, fühlte ſie eine un⸗ ſägliche Beklommenheit. Dieſer Mann, den ſie zwei Jahre lang geachtet und geliebt, den ſie umarmt als ihren heißerſehnten Gat⸗ ten, er war ein ehrloſer Schurke!.... Sie hatte ein Verbre⸗ chen begangen, ohne es gewußt, ohne es gewollt zu haben. Ihre Tochter war das Kind eines ſtrafbaren Umganges, und der Him⸗ mel mußte dieſen heilloſen Bund verdammen. Um das Unglück recht voll zu machen, trug ſie noch eine zweite Frucht deſſelben unter dem Herzen. Die Unglückliche wollte ſich den Tod geben, aber die Religivn und die Liebe zu ihren Kindern hielten ſie da⸗ von zurück. Vor dem Bettchen ihres Sohns und der Wiege ihrer Tochter auf den Knieen liegend, erftehte ſie vom Vater des einen Vergebung für den Vater des andern, ſie konnte ſich nicht dazu entſchließen, ſelbſt ihre Schande zu verkünden. „Ach,“ ſagte ſie,„Du Dahingeſchiedener, den ich liebte, Du weißt es, ob jemals ein ſtrafbares Gefühl in meiner Seele Raum gewann. Dich glaubte ich wiederzuſehn als ich dieſen Mann er⸗ blickte; und wenn ich mich bei ihm glücklich fühlte, glaubte ich Dir mein Glück zu verdanken; immer nur Dich habe ich in ihm geliebt, und ſicher, Du verlangſt es nicht, daß ich Schande und Schmach auf meine Kinder und mich, ihre Mutter, heraufbe⸗ ſchwöre.“ Sie erhob ſich beruhigter; eine Eingebung des Himmels, glaubte ſie, habe ihr den Pfad gezeigt, den ſie einzuſchlagen ver⸗ pflichtet ſei. Sie beſchloß zu dulden und zu ſchweigen und Gott ein Leben voll Entſagung als Sühnopfer ihres unverſchuldeten Fehl⸗ tritts darzubringen. 8 Wer begreift die Seltſamkeiten des menſchlichen Herzens? Die⸗ ſen Mann, vor dem ſie hätte zurückſchaudern ſollen, dieſen Mann, der ſie hineingeriſſen in die Mitſchuld eines Verbrechens, dieſen entſchleierten Menſchenfälſcher, der ihrer Verachtung werth ge⸗ weſen wäre.. ſie liebte ihn. Die lange Gewohnheit, der Ein— ſtuß, welchen er auf ſie gewonnen, die Liebe, welche er bewieſen, und hundert kleine Züge der Neigung, in deren Geheimniß das Herz allein eingeweiht iſt, übten eine ſo große Gewalt aus auf dieſe Frau, daß ſie, anſtatt ihn anzuklagen und zu verwünſchen, nach einer Entſchuldigung für die heftige Leidenſchaft ſuchte, die ihn bewegt, einen fremden Namen zu ſtehlen. Ja, ſie fürchtete mehr ſeine Beſtrafung, als ihre eigne Schande, und war ſie gleich entſchloſſen, ihm die durch ein Verbrechen er⸗ liſteten Rechte nicht mehr einzuräumen, ſo zitterte ſie doch bei dem Gedanken, ſein Herz zu verlieren. Aber ein Wort, ein einziges Wort hätte zwiſchen ihn und ſie eine unüberſteigliche Schranke ge⸗ ſtellt, und darum beſchloß ſie, ihre Entdeckung ewig zu ver⸗ ſchweigen. Doch aber hatte ſie nicht ſo viel Gewalt über ſich, um ihr Leiden ganz zu verbergen. War ſie allein, ſo zerfloß ſie oft in Thränen, und die Spuren derſelben blieben an ihren Augen ſicht⸗ bar. Mehrmals fragte Martin ſie nach der Urſache ihrer Be⸗ trübniß; ſie zwang ſich zu lächeln und erſann irgend eine Ent⸗ ſchuldigung, wurde aber bald wieder nachdenkend und trübſinnig, Martin hielt ſie für launiſch. Er bemerkte, daß Bertrandens. Jugendfriſche dahin ſchwand und ihre Wangen einfielen, und glaubte in dieſer Abnahme ihrer Schönheit frühzeitige Verheerun⸗ gen der Zeit zu ſehen. Bald kümmerte ſich der Undankbare weni⸗ ger um ſie und war häufiger und länger von Hauſe entfernt. Er ließ ſeine Empfindlichkeit darüber merken, daß ſie ihn fort⸗ während bevbachte; denn ſie verwandte wirklich kaum das Auge von ihm und ward mit tiefem Schmerz eine Veränderung und ſein Erkalten gewahr. Das arme Weib hatte Alles geopfert, um ſich wenigſtens die Liebe dieſes Mannes zu bewahren: jetzt ſah ſie auch dieſe Liebe allmählig verſchwinden! Zugleich wurde Martin von einer andern Seite her, nämlich von Peter Guerre beobachtet. Seit dem Verſuch, den er mit Bertranden gemacht, mußte er wohl keine weiteren Beweiſe erhal⸗ ten haben und er wagte es nicht, ſeinen Argwohn laut werden zu laſſen, bevor er ihn durch Thatſachen beſtätigen konnte. Er be⸗ obachtete ſeinen vorgeblichen Neffen auf Schritt und Tritt, in der Hoffnung, der Zufall werde ihn auf die Spur bedeutender Ent⸗ deckungen führen. An der Schwermuth Bertrandens merkte er übrigens, daß ſie eine traurige Gewißheit erlangt, zugleich aber den Entſchluß gefaßt haben müſſe, ſich unwiſſend zu ſtellen. Martin ſtand damals gerade im Handel wegen eines Theils ſeines Erbes. Dieſe Angelegenheit nöthigte ihn, mit den Rechts⸗ kundigen in der Stadt häufig Rückſprache zu nehmen. Zweimal wöchentlich begab er ſich nach Rieur, und zwar ritt er ſtets gegen ſieben Uhr Abends von Hauſe weg, blieb in der Stadt über Nacht und kehrte erſt am folgenden Nachmittage zurück. Das merkte ſich ſein Todfeind und bald hatte er ſich davvn überzeugt, daß ein Theil der ſcheinbar zu den Geſchäftsreiſen verwandten Zeit eine andre Beſtimmung habe. In einer ziemlich dunkeln Nacht öffnete ſich, ungefähr um zehn Uhr, die Thür eines einſamen Häuschens, das vielleicht einen halben Büchſenſchuß weit vom Dorfe entfernt lag, und es trat zu⸗ erſt eine in einen weiten Mantel gehüllte männliche Geſtalt und nach ihm ein junges Weib heraus, das ihn eine Strecke über Feld begleitete. Am Trennungsort küßten ſie ſich zärtlich und flüſterten einige Worte der Liebe; der Liebhaber beſtieg darauf ein Pferd, das ſo lange an einem Baum angebunden war, und ſprengte in der Richtung der Stadt von dannen.— Als der letzte Huf⸗ ſchlag verhallt, kehrte die junge Frau langſam zu ihrer Wohnung 80 zurück. Aber als ſie eben über die Schwelle ſchreiten wollte, ſprang Jemand aus einem Winkel hervor und vertrat ihr den Weg. Sie erſchrickt und will aufſchreien, aber er ergreift ſie beim Arme und befiehlt ihr zu ſchweigen. „Roſa,“ ſagte er leiſe,„ich weiß Alles. Dieſer Mann, der Dich eben verließ, iſt Dein Liebhaber; um ihn ohne Gefahr bei Dir aufnehmen zu können, haſt Du Deinen alten Gemahl mit einem Schlaftrunk eingeſchläfert, den Du Deinem Vater, dem Apotheker Marcell, entwendet. Schon ſeit einem Monat habt ihr dies ſtraf⸗ bare Verhältniß angeknüpft, und zweimal wöchentlich, um ſieben Uhr, öffneſt Du dieſem Reiter die Thür, und immer erſt zehn Uhr verläßt er Dich und reitet nach der Stadt. Ich kenne den Mann, ich bin ſein Oheim! Erſtarrt vor Schreck warf ſich Roſa ihm zu Füßen und bat um Gnade. „Ja,“ ſagte Peter,„Du haſt alle Urſache, Dich zu entſetzen, denn ich weiß Dein Geheimniß, kann es verbreiten und Dich ver⸗ derben.“ „Ach, Ihr werdet doch däs nicht thun,“ ſagte das ſchuldbewußte Weib und rang ihre Hände. Er fuhr fort: „Ich kann Deinen Mann davon benachrichtigen, ihm erzählen, daß ſein Ehebett befleckt iſt, ihm entdecken, wie er zu dieſem tiefen Schlaf kommt, den man benutzt, um ihn zu entehren.“ „O, er würde mich auf der Stelle tödten!“ „Ja, das weiß ich; er iſt eiferſüchtig; er iſt ein Italiener und würde ſich zu rächen wiſſen.... wie ich.“ „Aber ich hab' Euch doch nie etwas zu Leide gethan,“ jammerte ſie.„Habt Erbarmen mit mir.“ „Ja, aber nur unter einer Bedingung.“ „Und die iſt?“ „Komm mit.“ 81 Ganz außer ſich und wie von Sinnen, ließ ſich Roſa von ihm fortſchleppen. Bertrande hatte eben ihr Abendgebet vollendet und wollte ſich zu Bett legen, als plötzlich mehrere Schläge an die Thür ſie er⸗ beben machten. Sie glaubte, daß vielleicht ein Nachbar nach Hülfe komme, und öffnete ſchnell. Wie groß war ihr Erſtaunen, als ſie ein Weib mit aufgelöſtem Haar vor ſich ſah, das Peter am Arme hielt. „Da iſt Deine Richterin,“ rief der Letztere.„Bertranden ſollſt Du Alles geſtehen.“ Bertrande erkannte Anfangs nicht das junge Weib, das ſich ihr zu Füßen warf, von Peters Worten niedergeſchmettert. „Geſtehe hier die Wahrheit, oder ich gehe, ſie Deinem Mann zu erzählen.“ „Ach, tödten Sie mich,“ ſagte das unglückliche Weib und ver⸗ barg ihr Geſicht;„lieber von Ihrer als von ſeiner Hand möcht' ich ſterben.“ Bertrande war erſtaunt und konnte ſich dieſen Auftritt noch nicht erklären. Aber ſie erkannte Roſa. „Was hat dies Alles zu bedeuten?“ fragte ſie dieſelbe,„was wollen Sie bei mir? ſo bleich, ſo ſchmerzensvoll und zu dieſer Stunde? Und warum hat Peter Sie hieher geſchleppt? Ich ſoll Ihr Richter ſein, ſagt er? Welches Verbrechen haben Sie denn begangen?“ „Wenn Martin hier wäre,“ ſagte Peter,„ſo könnte er das Alles beantworten.“ Da durchzuckte ein Blitz der Eiferſucht Bertrandens Seele, und ihr alter Argwohn erwachte aufs Neue. —„Hat ſo eben erſt dies Weib verlaſſen. Seit einem Monat betrügen ſie Dich und haben geheime Zuſammenkünfte. Ich habe ſie geſehen, und ſie wird nicht wagen, es zu leugnen.“ 6 82 „Habt Erbarmen mit mir,“ rief Roſa, noch immer auf den Knieen liegend. Dieſer Ausruf war ein Geſtändniß. Bertrande wurde todten⸗ bleich. „Gerechter Himmel,“ riefſie aus,„betrogen, verrathen von ihm!“ „Ja, ſeit einem Monat,“ wiederholte der Alte. „Der Schamloſe!“ fuhr ſie fort, und ihr Zorn wuchs bei jedem Worte;„ſein ganzes Leben iſt alſo eine einzige Lüge! Er trieb ſein Spiel mit meiner Leichtgläubigkeit und jetzt treibt er es gar mit meiner Liebe! Er kennt mich alſo nicht, er glaubt mir alſo trotzen zu können, mir, die ich ſein Schickſal, ſeine Ehre, ſein Leben in Händen habe!“ Darauf wandte ſie ſich zur Schuldigen. „Und Du, Elende, durch welche unwürdige Liſt haſt Du ſeine Liebe erſchlichen? Wohl durch Zauberei oder durch einen giftigen Liebestrank, deſſen Geheimniß Dich Dein würdiger Vater gelehrt?“ „Ach, meine Schwachheit iſt mein ganzes Verbrechen und zu⸗ gleich meine einzige Entſchuldigung. Als ich noch ein junges Mädchen war, liebte ich ihn ſchon, und die Erinnerung hat mich ins Verderben geſtürzt.“ „Die Erinnerung! Haſt auch Du geglaubt, denſelben Mann zu lieben, auch Du haſt Dich betrügen laſſen? Oder ſtellſt Du Dich nur betrogen, um Dich mit einem Lappen von Entſchuldigung zu decken?“ Roſa verſtand ſie nicht. „Ja,“ fuhr Bertrande immer heftiger fort,„es war dem Schur⸗ ken noch nicht genug, die Rechte eines Gatten und Vaters zu er⸗ ſchleichen: um ſeine Rolle vollſtändig durchzuführen, mußte er auch die Buhlerin durch ſeine Aehnlichkeit verführen... Wirklich aller⸗ liebſt, nicht wahr? Auch Ihr, Roſa, auch Ihr habt geglaubt, den Liebhaber wiederzuſehen? Ich bin alſo ſehr zu entſchuldigen, ich, ſeine Frau, die ihrem Gemahl treu zu ſein wähnte!“ 83 „Was ſoll denn das Alles bedeuten?“ fragte Roſa entſetzt. „Daß dieſer Menſch ein Betrüger iſt und daß ich ihn entlar⸗ ven werde. O, Rache, Rache!“ Peter trat näher. „Bertrande,“ ſagte er,„ſo lange ich Dich für glücklich hielt, ſo lang ich noch fürchten mußte, Deinen Frieden zu ſtören, ſo lange hab' ich geſchwiegen; ich hielt meinen gerechten Zorn zurück und ſchonte den frechen Räuber, der ſich des Namens und der Güter meines Neffen bemächtigt. Darf ich jetzt reden?“ „Sprecht,“ antwortete ſie mit dumpfer Stimme. „Wirſt Du mich auch nicht wieder Lügen ſtrafen?“ Statt aller Antwort ſetzte ſie ſich an den Tiſch, ſchrieb ſchnell und mit zitternder Hand einige Zeilen und gab das Papier dem Alten. Er ergriff es haſtig und dabei funkelten ſeine Augen von wilder Freude. „Ja, Rache, Rache gegen ihn, aber Mitleid für ſie! Ihre Demüthigung ſei ihre einzige Strafe. Ich habe ihr zu ſchwei⸗ gen verſprochen, wenn ſie Alles aufrichtig geſtehe. Willigſt Du ein?“ Sie bejahte die Frage durch ein verächtliches Nicken. „So geht denn und ſeid unbeſorgt,“ ſagte Peter zu dem ſtraf⸗ fälligen Weibe. Sie ging hinaus, und mit ihr zugleich verließ auch Peter das Zimmer. Bertrande fühlte ihre Kraft erſchöpft, der Unwille wich einer völligen Troſtloſigkeit. Sie bedachte, was ſie eben gethan und welche Schmach ſie ſich dadurch zuziehen müſſe. In dieſem Augen⸗ blick erwachte ihre kleine Tochter, ſtreckte lächelnd die Aermchen aus und rief nach ihrem Papa. Ihr Vater! Ja, der war ein— großer Sünder! Aber, kam es ihr zu, ihn zu verderben, die Strenge des Geſetzes gegen ihn anzurufen und den dem Tode zu weihen, der ſo oft in ihren Armen gelegen? Sollte ſie ihn der 84 Schmach anheim geben und dadurch die Schande auf ihr Haupt, auf ihre Tochter und auf das Kind zurückfallen laſſen, das ſich unter ihrem Herzen regte? Hatte er ein Verbrechen vor Gott be⸗ gangen, ſo gehörte Gott die Strafe; war er ein Verbrecher an ihr, ſo mußte ſie ihn durch ihre Verachtung niederſchmettern; aber ſie hatte ſich an die Geſellſchaft gewandt, um dieſe Schande mit Blut rein zu waſchen, ſie hatte ſie eingeweiht in das Geheimniß ihres Lebens, ſie hatte das Heiligthum des chelichen Bettes bloßgeſtellt, kurz, ſie hatte in ihrer Unbedachtſamkeit alle Welt zum Zeugen ihrer unglückſeligen Schmach angerufen. Sie bereute ihre thörichte Voreiligkeit und hoffte den Folgen derſelben noch zu begegnen. Auf der Stelle lief ſie durch Nacht und Unwetter zu Peter, um jeden Preis ihre Klage zurückzunehmen. Aber Peter war bereits fort. Er hatte ſich ein Pferd ſatteln laſſen und war ſpornſtreichs nach Rieur geritten. Bertrande's Klageſchrift war vielleicht ſchon in den Händen der Behörde. Beim Anbruch des Tages war das Haus, in dem Martin Guerre während ſeines Aufenthalts in der Stadt wohnte, von der Wache umringt. Unerſchrocken trat er heraus und fragte, was man von ihm wolle. Als man ihm den Inhalt der Klage mittheilte, er⸗ bleichte er ein wenig und ließ ſich dann ohne Widerſtreben vor den Richter führen. Man las ihm das Anſuchen Bertrandens vor, die ihn für einen Betrüger erklärte und behauptete:„er habe ſie betrügeriſcher, frecher und verrätheriſcher Weiſe verführt, indem er ſich für Martin Guerre ausgegeben. Sie verlange, daß er ver⸗ urtheilt werde, Gott, den König und ſie um Verzeihung zu bitten.“ Der Angeklagte hörte ruhig zu, als man ihm die Klageſchrift vorlas, und verlor ſeine Faſſung nicht. Nur gab er ſein tiefes Erſtaunen zu erkennen, daß ſeine Frau ſeit ſeiner Rückkehr zwei Jahre lang friedlich mit ihm gelebt und jetzt zum erſten Male es ſich einfallen laſſe, ihm das Recht eines Namens zu beſtreiten, bei dem ſie ihn ſelbſt ſo lange genannt. Da er weder wußte, daß 85 S Bertrande längſt Argwohn gegen ihn gehegt und zuletzt Gewißheit erlangt habe, noch von dem Ausbruch ihrer Eiferſucht eine Ahnung hatte, welche ſie zu der Klage beſtimmt, ſo war ſein Erſtaunen natürlich und ſah nicht wie erheuchelt aus. Er ſchob Alles auf die Verleumdung ſeines Oheims.„Dieſer Greis,“ ſagte er,„werde von Habgier und Rachſucht angetrieben und wolle ihm ſeinen Namen ſtreitig machen, um ihn ſeines Vermögens zu berauben, das ſich auf ſechzehn bis achtzehn tauſend Livres belaufe. Um dies Ziel zu erreichen, habe der Elende ſich nicht geſcheut, Bertrande gegen ihn anzuſtiften, und ihr, auf die Gefahr hin, ſie der Schande preiszugeben, dieſe verleumderiſche, gräßliche und bei einer recht⸗ mäßigen Frau ganz unerhörte Anklage eingeflüſtert. O, nicht ſie will ich verklagen,“ rief er aus,„denn ich weiß, daß ſie mehr dabei leidet als ich, wenn wirklich ein ſolcher Argwohn Eingang in ihr Herz gefunden hat. Aber ich bedauere die Leichtgläubigkeit, mit der ſie ihr Ohr den ſeltſamen Verleumdungen meines Feindes geliehen hat.“ Dieſe Sicherheit ſeines Weſens machte Eindruck auf den Richter. Man brachte ihn ins Gefängniß zurück, ſetzte ihn aber ſchon zwei Tage darauf wieder auf freien Fuß, nachdem man ihn zuvor in aller Form verhört hatte. In dieſem Verhör gab er zunächſt den Grund ſeiner langen Abweſenheit an, die, wie er ſagte, durch einen häuslichen Zwiſt herbeigeführt ſei, deſſen Bertrande ſich wohl erinnert habe. Dann erzählte er ſein Leben während der acht Jahre. Zuerſt hatte er das Land aus Neugier und Reiſeluſt durchſtrichen, war dann in ſein Heimathland, Biscaha, gegangen, in den Dienſt des Kardi⸗ nals von Burgos getreten. Später ließ er ſich als Parteigänger für das Heer des Königs von Spanien anwerben, wurde in der Schlacht bei St. Quentin verwundet, ins nächſte Dorf gebracht und geheilt, obgleich man gedroht, ihm das Bein abnehmen zu müſſen. Da ergriff ihn ein glühendes Verlangen, Frau, Kind, 86 Verwandte und ſeine zweite Heimath wieder zu ſehen. Er war nach Artigues zurückgekehrt und von Jedermann augenblicklich als Martin Guerre wiedererkannt, ſelbſt von ſeinem Oheim Peter Guerre, der ihn jetzt verleugnete. Und war er nicht wirklich von dieſem Mann mit Freundlichkeit überhäuft, bis zu dem Tage, wo er Rechenſchaft über ſeine Verwaltung gefordert? Hätte er feiger Weiſe eingewilligt, ſein Vermögen zu opfern und dadurch ſeine Kinder zu beeinträchtigen, man würde ihn jetzt nicht als Betrüger verklagen.—„Aber,“ fuhr Martin fort,„ich gab es nicht zu, und es entſtand zwiſchen uns ein heftiger Streit, und ich ging in meinem Zorn vielleicht etwas zu weit. Peter, ein heuchleriſcher, rachſüch⸗ tiger Menſch, ſchwieg ſtill und wartete, bis er das Truggewebe dieſer Klage anzetteln konnte, durch die er ſein Ziel leichter errei⸗ chen und die Gerichte für ſeine Habſucht zu gewinnen hoffte. Durch ein dem Gewiſſen der Behörden abgelocktes Verdammungsurtheil denkt er den Raub, den er früher aus den Einkünften der Meinigen zuſammenſcharrte, wieder zu erlangen und ſich für meine Belei⸗ digung zu rächen.“ Dieſe Erklärungen waren nicht unwahrſcheinlich; der Angeklagte unterſtützte ſie noch durch Betheuerungen ſeiner Unſchuld. Er ver⸗ langte zuverſichtlich, daß man ihn ſeiner Frau gegenüberſtelle, und verſicherte, ſie würde in ſeiner Gegenwart die Rolle nicht durch⸗ zuführen im Stande ſein, die man ihr gegeben, und die Wahr⸗ heit werde in ihrem Herzen ſiegen, da dies nicht von der elenden Leidenſchaft ſeines Verfolgers entflammt ſei. Endlich begehrte er ſeinerſeits, daß der Richter ſeiner Wahrhaftigkeit Anerkennung ver⸗ ſchaffe und die Verleumder zu derſelben Strafe verurtheile, die ſie für ihn verlangt; daß Bertrande Rolls, ſeine Frau, in einem Hauſe unter Aufſicht geſtellt werde, in dem ſie keinen fremden Ein⸗ flüſterungen preisgegeben wäre; endlich, daß man ihn frei ſprechen und auf Koſtenvergütung und Schadloshaltung erkennen möge. Dieſe Erklärungen trug er mit Wärme vor und wußte ihnen — 87 den Stempel der Wahrheit aufzuprägen⸗ Dann antwortete' er, ohne verwirrt zu werden, auf alle Fragen des Richters. Mögen hier dieſe Fragen und Antworten, wie ſie in den Acten aufbewahrt ſind, eine Stelle finden. „In welcher Gegend Biscaha's find Sie geboren?“ „Im Dorfe Ahmes, in der Provinz Guipuzeva.“ „Wie hießen Ihre Aeltern?“ „Antonio Guerre und Maria Torrada.“ „Leben ſie noch?“ „Mein Vater ſtarb den 15. Juni 1530, und meine Mutter über⸗ lebte ihn nur um drei Jahre und zwölf Tage.“ „Hatten Sie Brüder oder Schweſtern?“ „Ich habe einen Bruder gehabt, der aber nur drei Monate lebte. Meine vier Schweſtern, Inès, Dorothea, Mariette und Pedrina zogen mit mir nach Artigues und leben noch daſelbſt. Sie haben mich alle wiedererkannt.“ „An welchem Tage haben Sie geheirathet?“ „Den 10. Januar 1539.“ „Wer war bei der Trauung zugegen?“ „Mein Schwager, meine Schwiegermutter, meine Schweſtern, Meiſter Marcell, ſeine Tochter Roſa, der Nachbar Claude Perrin, der ſich noch bei der Hochzeitstafel betrank, und der Dichter Giraud, der Verſe auf uns gemacht hatte.“ „Wer war der Prieſter, der Sie traute?“ „Der alte Pfarrer Pascal Guérin, den ich bei meiner Rück⸗ kehr nicht mehr am Leben fand.“ „Welche beſondere Umſtände trugen ſich am Hochzeitstage zu?“ „Katharina Boörn, unſere Nachbarin, brachte uns um Mit⸗ ternacht die Mahlzeit, welche man medianoche nennt. Dieſe Frau hat mich wiedererkannt, eben ſo auch die alte Margaretha, die ſeit dieſem Tage in unſerm Hauſe geblieben iſt.“ „An welchem Tage iſt Ihr Sohn geboren?“ 88 „Am 16. Februar 1548, neun Jahre nach der Hochzeit; denn ich war erſt zwölf Jahre alt, als ich Bertrande heirathete, und erſt mehrere Jahre ſpäter hörte ich auf, ein Kind zu ſein.“ „Wann haben Sie Artigues verlaſſen?“ „Im Auguſt 1549. Als ich aus dem Dorfe herausging, begeg⸗ nete ich Claude Perrin und dem Pfarrer Pascal und ſagte ihnen noch Lebewohl. Ich ſchlug den Weg nach Beauvais ein und kam durch Orleans, Bourges, Limoges, Bordeaur, Toulvuſe. Soll ich die Namen der Leute nennen, die ich an dieſen Orten geſehen und geſprochen habe? Was kann ich noch mehr ſagen?“ Wirklich konnte keine Ausſage beſſer mit der Wahrheit über⸗ einſtimmen. Es war nicht möglich, das Leben Martin Guerre's in treueren Umriſſen darzuſtellen, und er mußte wohl dieſer ſelbſt ſein, um ſo genau über ſeine Verhältniſſe Beſcheid zu wiſſen. Wie der Chroniſt mit einer Anſpielung auf die Mythe von Amphitryo bemerkt, konnte Merkur dem Soſias nicht genauer alle ſeine Thaten und Geſpräche ins Gedächtniß zurückrufen, als der falſche Martin Guerre die des wahren. Wie der Angeklagte verlangt, ſtellte man Bertrande Rolls unter Aufſicht, um ſie den Aufreizungen Peter Guerre's zu entziehen. Dieſer verlor indeß keine Zeit, und während des Monats, der unter dem Verhör aller von Martin angeführten Perſonen dahin⸗ ging, unternahm der thätige Gegner, von einigen dunkeln Spuren geleitet, eine Reiſe, von welcher er nicht allein zurückkehrte. Alle Zeugenausſagen ſtimmten mit den Angaben des Verklagten. Dieſer war hoch erfreut, als er im Gefängniß davon hörte, und hoffte auf eine baldige Freilaſſung. Wirklich führte man ihn eines Tages vor den Richter, der ihm erklärte, daß Alles, was er zu Protokoll gegeben, durch ſämmtliche von ihm vorgeſchlagene Zeugen beſtätigt ſei. „Kennen Sie ſonſt keinen andern Zeugen?“ fragte ihn der Rich⸗ ter;„haben Sie weiter keine Verwandte außer den ſchon genannten?“ 89 „Nein, keine,“ erwiderte der Angeklagte. „Ei, dieſen hier?“ ſagte der Richter und öffnete eine Thür. Ein bejahrter Mann trat herein, fiel dem Angeklagten um den Hals und rief:„Mein Neffe!“ Der Angeklagte ſchauderte zuſammen, aber nur einen Augen⸗ blick. Sogleich erholte er ſich von der erſten Bewegung, ſah den Neuangekommenen kalt an und fragte ihn ruhig: „Wer ſind Sie?“ „Wie,“ ſagte der Angeredete,„Du erkennſt mich nicht? Haſt Du den Muth, mich zu verleugnen, mich, Deinen Onkel von Muttersſeite, Carbon Barreau, den alten Soldaten? mich, auf deſſen Knieen Du ſo oft geſpielt haſt, da Du noch klein warſt, mich, der ich Dich die Muskete handhaben lehrte? Haſt Du mich nicht wiedergeſehen während des Krieges in einer Herberge in der Picardie, aus der Du heimlich entflohſt? Seitdem habe ich Dich überall geſucht, von Dir geſprochen und Dich beſchrieben, bis endlich ein Ehrenmann aus dieſer Gegend mir anbot, mich hieher mitzunehmen. Ich hatte keine Ahnung davon, mein armer Junge, den Sohn meiner Schweſter gefangen und gefeſſelt wie einen Miſſethäter wiederzufinden. Was hat er denn verbrochen, Herr Richter?“ „Ihr ſollt es ſchon Zeit genug erfahren,“ erwiderte der Be⸗ amte.„Sie erkennen alſo dieſen Angeklagten für Ihren Neffen an und bezeugen, daß ſein Name.. „ Arnold Thill iſt, genannt Panſette, wegen ſeines Vaters, der Jakob Panſa hieß. Thereſe Barreau, meine Schweſter, war ſeine Mutter. Er iſt geboren im Dorfe Sagias.“ „Was haben Sie dagegen einzuwenden?“ fragte der Richter den Angeklagten. „Dreierlei,“ entgegnete dieſer mit ſeltner Ruhe:„dieſer Menſch iſt entweder verrückt, oder man hat ihn bezahlt, damit er fuſ Zeugniß ablege, oder er irrt ſich.“ 90 Der Andere blieb ſtumm vor Erſtaunen. Allein die anfängliche Bewegung des vorgeblichen Martin Guerre war dem Richter nicht entgangen; zugleich hatte der auf⸗ richtige Ton, in dem Carbon Barreau geſprochen, Eindruck auf ihn gemacht. Er ließ alſo neue Unterſuchungen anſtellen. Meh⸗ rere andere Leute aus Sagias wurden vorgefordert, und alle er⸗ klärten einſtimmig den Angeklagten für denſelben Arnold Thill, der unter ihren Augen geboren und groß geworden ſei. Einige gaben auch zu Protokoll, daß er ſchon als Kind Neigung zu aller⸗ lei Schlechtigkeiten verrathen habe. Lug und Trug ſeien ihm zur andern Natur geworden und er habe ſich nicht einmal geſcheut, Gottes heiligen Namen zu mißbrauchen, um durch Berufung auf ihn ſeine Falſchheit zu bemänteln. Daraus ſchloß der Richter natürlich, daß Arnold Thill wohl fähig ſei, die Rolle eines ſolchen Betruges durchzuführen. Ferner wurde bemerkt, daß der Ange⸗ klagte kaum einige Worte Baskiſch verſtehe, obgleich er behauptete, in Biscaha geboren zu ſein, und daß er dieſelben oft ganz ver⸗ kehrt anbrachte. Ein anderer Zeuge ſagte aus, daß der wahre Martin Guerre im Ringen und Fechten geübt war, der Ange⸗ klagte aber zu Beidem kein Geſchick gezeigt, als er ſich einmal darin verſucht. Eine der wichtigſten und am meiſten belaſtenden Ausſagen war die eines Schuhmachers.„Martin Guerre's Fuß,“ erklärte derſelbe,„maß zwölf Daumen; wie groß war mein Er— ſtaunen, als das Maß des Angeklagten nur neun Daumen betrug!“ In Betracht dieſer zuſammentreffenden Ausſagen und Beweiſe ver⸗ nachläſſigte der Richter die entgegengeſetzten Angaben, die nach ſeiner Meinung nur durch eine ungewöhnliche Aehnlichkeit und die große Leichtgläubigkeit des Volks hervorgerufen waren, berief ſich zugleich auf Bertrandens Klage, obgleich ſie von ihr nicht be⸗ ſtätigt war, da ſie ein hartnäckiges Schweigen beobachtet, und ſprach ein Verdammungsurtheil aus. Dies lautete dahin, daß Arnold Thill, betroffen bei ſchwerem Betrug und deſſelben über— 91 führt, enthauptet, geviertheilt und ſein Leib an den vier Ecken der Stadt ausgeſtellt werden ſolle. Als dies Urtheil bekannt wurde, machte es in der Stadt einen ſehr verſchiedenen Eindruck. Die Feinde des Verurtheilten prieſen den Scharfſinn des Richters; die weniger Vorurtheilsvollen machten ihm Uebereilung zum Vorwurf; denn bei ſo entgegengeſetzten Zeu⸗ genausſagen konnte man immer noch zweifelhaft ſein. Und ge⸗ boten nicht ſeine Verhältniſſe, beſonders die Lage ſeiner Kinder, ſo rückſichtsvoll zu ſein, als möglich? Mußte man nicht erſt die ſonnenklarſten Beweiſe verlangen, um Alles das zu entkräften, was zwei volle Jahre zu ſeinen Gunſten geſprochen, in denen ſich auch nicht der mindeſte Zweifel gegen ihn erhoben? Der Verurtheilte appellirte an das Parlament von Toulouſe. Dieſer Gerichtshof glaubte die Angelegenheit in reiflichere Er⸗ wägung ziehen zu müſſen, als der erſte Richter, und verordnete zunächſt, daß man Arnold Thill, Peter Guerre und Bertrande Rolls einander gegenüber ſtelle. Wer mag es angeben, was in der Seele eines Angeklagten vorgeht, wenn er ſich einer zweiten Unterſuchung unterwerfen muß, nachdem ihn die erſte verurtheilt? Alle ſchon einmal überſtandenen Befürchtungen kehren noch einmal wieder; die Hoffnung, durch den erſten Schlag beinahe vernichtet, gewinnt wieder ihre Allge⸗ walt über die Einbildungskraft, die ſich gleichſam mit Angſt an ihr feſtklammert. Alle ſo erſchöpfenden Anſtrengungen müſſen noch einmal aufgeboten werden. Ein letzter Kampf beginnt, ein Kampf, der um ſo hartnäckiger ſein muß, je geringer die Kraft iſt, ihn auszuhalten. Dieſer Kämpfer aber ließ ſich ſo leicht nicht zu Boden werfen; er nahm ſeine ganze Willensſtärke und all' ſeine Standhaftigkeit zuſammen, um aus der neuen Schlacht, die man ihm liefern wollte, als Sieger hervorzugehen. Die Beamten verſammelten ſich im großen Parlamentsſaal, und 92 man führte den Angeklagten vor. Zuerſt bekam er mit Peter zu thun. Seine Stirn blieb heiter in deſſen Gegenwart und er ließ ihn ausreden, ohne aus ſeiner Ruhe zu kommen. Dann über⸗ häufte er ihn in einem Tone des Unwillens mit Vorwürfen, er⸗ innerte ihn an ſeine Habſucht, an ſeinen Geiz, an ſeine Rache⸗ ſchwüre, an den verführenden Einfluß, den er auf Bertranden ausgeübt, an die Schleichwege, die er eingeſchlagen, um ſein Ziel zu erreichen, und an den unerhörten Eifer, mit dem er Zeugen, Ankläger und Verleumder gegen ihn geworben habe. Er zeigte, daß Peters Zeugniß, er ſei nicht Martin Guerre, ſein Neffe, keine Gültigkeit haben könne, da er ihn Anfangs vor Aller Augen er⸗ kannt und umarmt hätte und ſein ſo ſpät nachhinkender Argwohn erſt ſeit dem Tage ihres heſtigen Zwiſtes begonnen. Die Sprache des Angeklagten war ſo kraftvoll und gewaltig, daß Peter ganz verwirrt wurde und nichts zu erwidern wußte. Kurz, dieſe Con⸗ frontation ſchlug ganz zum Vortheil des Angeklagten aus; er be⸗ herrſchte ſeinen Gegner mit der ganzen Hoheit ungerecht ange⸗ griffener Unſchuld, und dieſer ſchien aus der Faſſung gebracht, wie ein überführter Verleumder. Ganz anderer Art war der Auftritt, als man ihn mit Ber⸗ trande zuſammenführte. Die arme Frau trat bleich, niederge⸗ ſchlagen, abgekehrt und ſchwankenden Schrittes vor die Richter; beinahe wäre ſie in Ohnmacht gefallen. Sie verſuchte ihre Kraft zu ſammeln, als ſie aber den Angeklagten erblickte, ſchlug ſie die Augen nieder und bedeckte ſich das Geſicht mit beiden Händen. Er trat an ſie heran und beſchwor ſie mit dem ſanfteſten Tone, doch nicht auf einer Anklage zu beſtehen, die ihn verderben müſſe, und ſich nicht auf dieſe Art für ein Unrecht zu rächen, das er ihr vielleicht gethan, obgleich er ſich keines ernſteren Fehltritts bewußt ſei. Bertrande erbebte und flüſterte leiſe:„und Roſa?“ „Ah!“ ſchrie der Angeklagte auf, von dieſer Entdeckung aufs Höchſte überraſcht. W2 93 Sogleich war er mit ſich einig, was er zu thun habe, und wandte ſich an die Richter: 3 „Meine Herren! dieſe Frau iſt eiferſüchtig. Schon vor zehn Jahren, als ich ſie verließ, kam ihr Argwohn zum Ausbruch, und dies war der Grund meiner freiwilligen Verbannung. Jetzt be⸗ ſchuldigt ſie mich eines ſträftichen Verhältniſſes mit derſelben Perſon. Ich will in dieſer Beziehung weder etwas leugnen, noch etwas geſtehen; aber ich verſichere, die Eiferſucht, dieſe blinde Leidenſchaft war es, die, unterſtützt von den Einflüſterungen meines Oheims, ihr die Hand geführt, als ſie die Klage gegen mich ſchrieb.“ Bertrande erwiderte nichts. „Wagſt Du es,“ redete er ſie an,„wagſt Du es wohl, vor Gott zu beſchwören, daß es nicht die Eiferſucht war, die Dir den Gedanken eingab, mich zu verderben?“ „Und Du,“ erwiderte ſie,„wagſt Du zu ſchwören, daß mein Argwohn ungegründet war?“ „Nun, da ſehen Sie es ja, meine Herren,“ rief der Angeklagte mit triumphirender Miene;„unter Ihren Augen bricht ihre Leiden⸗ ſchaft hervor! Mag ich nun deſſen, was ſie mir vorwirft, ſchuldig ſein oder nicht, darüber haben Sie hier nicht zu entſcheiden. Eine andere Frage iſt es, die ſich Ihr Gewiſſen jetzt gewiß vorlegen wird: ob das Zeugniß dieſer Frau zuläſſig iſt, die mich öffentlich anerkannt, zwei Jahre im beſten Einverſtändniß mit mir gelebt hat, und nun eines Tages in ihrem Zorn und ihrer Rachſucht plötzlich auf den Einfall kommt, ſie könne alle ihre Worte, alle ihre Handlungen Lügen ſtrafen. O Bertrande, wenn es ſich hier nur um mein Leben handelte, ich glaube, ich würde Dir eine Ver⸗ irrung verzeihen können, deren Grund und zugleich Entſchuldigung doch nur die Liebe iſt; aber bedenke, Du biſt Mutter, und meine Beſtrafung würde auf meine arme Tochter zurückfallen, die das Unglück gehabt hat, nach meiner Rückkehr geboren zu werden, und aus das Kind, das Du unter dem Herzen trägſt und das Du von 94 vorne herein dazu verdammſt, einſt die Verbindung zu verfluchen, der es ſein Daſein verdankt. Bedenk es, Bertrande, daß Du vor Gott zu verantworten haſt, was Du jetzt thun willſt.“ Das arme Weib ſank ſchluchzend auf die Kniee. „Und jetzt,“ fuhr er feierlich fort,„und jetzt fordere ich Dich auf, Dich, Bertrande Rolls, meine Frau, hier auf Chriſtum zu beſchwören, daß ich ein Betrüger, ein Fälſcher bin.“ Man brachte ein Crucifir und hielt es ihr hin. Sie machte eine abweichende Bewegung, wollte ſprechen und rief mit ſchwacher Stimme:„Nein.“ Darauf fiel ſie in Ohnmacht, und man brachte ſie hinaus. Dieſe Scene hatte die bisherige Ueperzeugung der Richter ge⸗ waltig erſchüttert. Selbſt einem Betrüger konnte man unmöglich die Kühnheit und Geiſtesgegenwart zutrauen, ſo mit dem Aller⸗ heiligſten ſein Spiel zu treiben. Man ſtellte eine neue Nachfor⸗ ſchung an, die aber, anſtatt Aufklärung herbeizuführen, nur das Dunkel in der Sache vermehrte. Von dreißig Zeugen, die man vernahm, erklärten mehr als drei Viertel, daß Martin Guerre, und der dieſen Namen jetzt führe, eine und dieſelbe Perſon ſeien. Man war in der allergrößten Verlegenheit, denn dieſe außer⸗ ordentliche Aehnlichkeit warf alle Vernunftgründe über den Haufen. Denen, die Arnold Thill erkannten, widerſprachen Andere geradezu. Er verſtand kaum etwas Baskiſch, obgleich geborner Baske; nun was war dabei zu verwundern, da er ſein Heimathland als drei⸗ jähriger Knabe verlaſſen? Er verſtand ſich nicht auf Ringen und Fechtkunſt; aber er konnte ja Beides aus Mangel an Uebung nur verlernt haben. Der Schuſter, der früher für ihn gearbeitet, hatte ſein Maß nicht anerkannt; aber dieſer Mann konnte ſich früher geirrt haben oder ſich jetzt irren. Der Angeklagte ſchilderte zu ſeiner Vertheidigung noch die nähern Umſtände des Wieder⸗ ſehens mit Bertranden und erwähnte tauſend Kleinigkeiten, an die er ſie erinnert, und die nur er allein habe wiſſen können; ferner — 95 auch die Briefe, welche er in Beſitz hatte, was unerklärlich ge⸗ weſen, wenn er nicht ſelbſt Martin Guerre wäre. Wie ſollte auch er dazu gekommen ſein, gerade an der linken Augenbraue und am Bein verwundet zu ſein? Wie ſolkte ſich die alte Hausmagd, ſo⸗ wie vier Schweſtern, ſein Onkel Peter und ſo viele Andere, denen er manche Thatſache wiedererzählt, die Niemand ſonſt wiſſen könne, wie das ganze Dorf ſich getäuſcht und ihn anerkannt haben? Und ſelbſt das Liebesverhältniß, das Bertrande zu errathen geglaubt und um deſſentwillen ihr eiferſüchtiger Zorn ausgebrochen, wenn es wirklich ſtattfände, wäre es nicht ein neuer Beweis zu Gunſten des Angeklagten? Denn eine Geliebte hat doch gewiß einen eben ſo großen Scharfblick, als die rechtmäßige Frau, und ſie hatte in ihm gleichfalls ihren alten Buhlen erkannt. War dies nicht eine ſo große Menge von Beweiſen, daß die Sache klar ſein mußte? Man nehme an, ein Betrüger komme zum erſten Male in ſeinem Leben an einen Ort, deſſen ſämmtliche Bewohner ihm unbekannt ſind, und laſſe ſich den ſtrafbaren Gedanken beikommen, als ein Mann aufzutreten, der daſelbſt gewohnt, tauſenderlei Verbindungen angeknüpft hat und bei unzähligen Auftritten betheiligt geweſen, den ſeine Geheimniſſe, ſeine Gedanken Verwandten, Freunden und Leuten aller Art mitgetheilt, der eine Frau gehabt, das heißt ein Weſen, unter deren Augen er beinahe das ganze Leben zubringt, die ihn unaufhörlich bevbachtet, mit der er eine unendliche Menge von Geſprächen anknüpft über alle nur möglichen Dinge und An⸗ gelegenheiten! wie ſollte ein ſolcher Betrüger auch nur einen ein⸗ zigen Tag in ſeiner Rolle beſtehen können, ohne von ſeinem Ge⸗ dächtniß verlaſſen und verrathen zu werden! Die phyſiſche und moraliſche Unmöglichkeit, eine ſolche Rolle durchzuführen, mußte alſo den Schluß ergeben, daß der Angeklagte, der ſie zwei Jahre lang vollkommen beſtanden, wirklich der echte Martin Guerre ſei. Eine andere Anſicht konnte man in der That von einem ſolchen, durchaus mit Erfolg gekrönten Verſuch nicht faſſen, wenn man 8— nicht zu einer Anklage wegen Zauberei ſeine Zuflucht nehmen wollte. Einen Augenblick war auch die Rede davon, ihn den geiſtlichen Gerichten zu übergeben; allein dann mußte man neue Beweiſe herbeiſchaffen, und die Richter waren unſchlüſſig. Es iſt eine Anſicht der Billigkeit, die zum Rechtsgrundſatz geworden iſt, daß in Fällen der Ungewißheit der Angeklagte freizuſprechen iſt; allein damals war dieſe Wahrheit keinesweges ſchon anerkannt. Man ſetzte eher die Schuld als die Unſchuld voraus, und die An⸗ wendung der Folter, durch welche man denen ein Geſtändniß ent⸗ riß, die nicht anders überführt werden konnten, iſt nur aus dieſer Ueberzeugung der Richter von der Schuld der Verklagten zu er⸗ klären; denn es wäre wohl Niemandem eingefallen, Jemanden zu martern, der unſchuldig ſein konnte. Allein ungeachtet dieſes Vorurtheils, das ſich ſelbſt bis auf unſere Zeit vererbt hat, inſo⸗ fern die Polizei Jeden für ſtrafbar hält, der das Gegentheil noch nicht bewieſen hat, ungeachtet dieſes Vorurtheils wagten es die Richter Martin Guerre's weder ſelbſt ihn als Betrüger und Fälſcher zu verurtheilen, noch die Kirche in den Prozeß eingreifen zu laſſen. In dieſem Widerſtreit entgegengeſetzter Zeugenausſagen, in dieſem Wirrwarr von Schlüſſen und Vermuthungen, die nur hier und da einen Blitz durch das Dunkel zucken ließen, um ihn ſogleich wieder in der Finſterniß erlöſchen zu ſehen, behielt das Wohl der Familie. die Oberhand. Das zwei Jahre lang nicht erſchütterte Vertrauen Bertrandens, das künftige Wohl der Kinder ſchienen genügende Gründe, um mit der äußerſten Vorſicht zu Werke zu gehen: nur der ſonnenklaren Gewißheit durften ſeine und der Seinigen Ver⸗ hältniſſe gevpfert werden. Daher wurde die Sache vom Parlament vertagt, Alles im gegenwärtigen Zuſtande gelaſſen und eine um⸗ faſſendere Unterſuchung befohlen. Während dieſer Unterbrechung gab man den Angeklagten auf die Bürgſchaft mehrerer Verwandten und Freunde wieder frei und beſchränkte ihn auf Artigues und die nächſte umgegend, ließ ihn jedoch auf Schritt und Trittunausgeſetzt bewachen. 97 Bertrande war alſo wieder in einem Hauſe mit ihm zuſammen, als hätte ſie nie einen Verdacht gegen die Rechtmäßigkeit ihres Verhältniſſes erhoben gehabt. Welche Gedanken mochten ihr dabei durch den Kopf gehen! Sie hatte dieſen Mann des Betruges an⸗ geklagt, und ungeachtet ihrer geheimen Ueberzeugung mußte ſie ſich jetzt ſtellen, als ſei jeder Argwohn verſchwunden, mußte vorgeben, von Andern verleitet geweſen zu ſein, und ſich vor dem Betrüger demüthigen, um für ihren thörichten Schritt Verzeihung zu erlangen. Zu dieſem Betragen war ſie gezwungen durch die öffentliche Ab⸗ ſchwörung ihres Verdachts, durch Verweigerung des Eides. Sie mußte ferner, um ihre Rolle durchzuführen und die Ehre ihrer Kinder zu retten, dieſen Menſchen wie ihren Gatten behandeln, ſich unterwürfig und reumüthig zeigen und ihm das vollſte Ver⸗ trauen ſchenken. Dies war das einzige Mittel, ihn wieder zu Ehren zu bringen und die Wachſamkeit der Gerichte einzuſchläfern. Wer mag es begreifen, was die Wittwe Martin Guerre's hei dieſer ſteten Anſtrengung litt? Aber ſie ſah auf ihre Tochter, dachte an die Stunde ihrer Erlöſung, die ſie nicht fern glaubte, und ſtärkte dadurch ihren Muth. Eines Abends ſpät ſaß ſie neben ihm in dem entlegenſten Theile des Gartens. Ihre Tochter ſpielte auf ihrem Schvoß, während der Abenteurer, von irgend einem trüben Gedanken erfüllt, zerſtreut das blonde Lockenhaupt Sanri's ſtreichelte. Beide ſchwiegen, denn im Herzen wußten ſie nur zu wohl, was ſie von einander zu denken hatten. Sie konnten weder einen vertraulichen Ton annehmen, noch wagten ſie es, zu zurückhaltend zu ſein, und verbrachten da⸗ her, wenn ſie allein waren, ſo manche Stunde in ſtummer Ver⸗ ſchloſſenheit. Plötzlich unterbrach ein lauter Lärm die Stille um ſie her; es war ein Geſchrei vieler Leute, Ausrufe der Verwunderung und Laute des Zorns. Man hörte raſche Schritte, die Gartenthür wird geöffnet und die Margarethe tritt herein, bleich, keuchend 98 und kaum Luft bekommend. Erſtaunt läuft Bertrande ihr ent⸗ gegen; er folgt ihr. Aber als ſie ihr nahe genug find, um ſie zu fragen, vermag ſie nur durch unartikulirte Laute zu antworten und zeigt erſchreckt nach dem Hofe: Sie ſehen hin; dort ſteht ein Mann; ſie nähern ſich ihm. Er macht einen Schritt, um zwiſchen ſie zu treten. Er iſt von hohem Wuchs, ſeine Geſichtsfarbe dunkel, ſein Ausdruck ſtreng, ſeine Kleider zerlumpt, ſein rechtes Bein iſt von Holz. Er heftet einen finſtern Blick auf Bertrande; ſie kreiſcht auf und ſtürzt zu Boden.. Sie hatte ihren Gatten erkannt. Arnold Thill ſtand wie vom Donner gerührt. Während Mar⸗ garethe, ſelber faſt beſinnungslos, ihre Gebieterin ins Leben zu rufen ſucht, ſtürzen die Nachbarn ins Haus und bleiben erſtaunt ſtehen beim Anblick einer ſo vollkommenen Aehnlichkeit. Es waren dieſelben Züge, derſelbe Wuchs, derſelbe Ausdruck. Auch die Beiden ſchen einander entſetzt an. In dieſer abergläubigen Zeit mußte der Gedanke an Hexerei und Höllentrug ſich der Gemüther bemäch⸗ tigen bei einem ſolchen Anblick. Alles bekreuzt ſich und glaubt jeden Augenblick, es müſſe Feuer vom Himmel fallen auf das Haupt eines dieſer beiden Männer, oder die Erde ſich ſpalten, um ihn zu verſchlingen. Das geſchah nun freilich nicht; aber das Gericht erfuhr, was geſchehen, und ließ Beide feſtnehmen, um dies ſeltſame Geheimniß aufzuklären. Der Mann mit dem Stelzfuße erzählte auf Befragen dem Richter, er komme aus Spanien, wo ihn ſo lange die Sorge für ſeine Wiederherſtellung und der Mongel an Geld zurückgehalten. Er hatte die Reiſe zu Fuße und beinah als Bettler zurückgelegt. Für ſeine Entfernung von Artigues gab er dieſelben Gründe an, die ſchon der andere Martin Guerre angegeben: einen häuslichen Zwiſt in Folge eines eiferſüchtigen Argwohns, die Luſt, ſich die Welt zu beſehen und eine Neigung zu Abenteuern. Er war in ſein Geburtsland Biscaya gegangen, in den Dienſt des Kardinals von Burgos, dann in den des Bruders deſſelben getreten, der ihn 6 F 99 in den Krieg mitgenommen, und hatte unter den ſpaniſchen Truppen gedient. In der Schlacht bei St. Quentin hatte ein Büchſenſchuß ihm das Bein zerſchmettert. So weit ſtimmte ſeine Erzählung vollſtändig mit der überein, welche die Richter bereits aus dem Munde des zuerſt Angeklagten vernommen. Hier aber wichen ſie von einander ab. Martin Guerre fügte hinzu, daß ihn ein Mann, deſſen Züge er kaum bemerkt, in eine Stube getragen, wo er ſchon zu ſterben geglaubt habe. Mehrere Stunden ſeien vergangen, von denen er nichts wiſſe, wahrſcheinlich weil ein hitziges Fieber ſein Gehirn verwirrt habe. Darauf fühlte er einen unſäglichen Schmerz, und als er wieder zu ſich kam, ſah er, daß man ihm das Bein abgenommen habe. Lange Zeit rang er mit dem Tode. Aber die Bauern nahmen ſich ſeiner an und entriſſen ihn dem faſt unvermeidlichen Untergange⸗ Seine Geneſung währte geraume Zeit. Er ward gewahr, daß ihm in der Zeit zwiſchen ſeiner Verwundung auf dem Schlacht⸗ felde und dem Augenblicke, da er wieder zum Bewußtſein kam, ſeine Papiere verſchwunden ſeien; aber er konnte die Entwendung derſelben unmöglich auf ſeine Wirthsleute ſchieben, die ihn ſo edelmüthig gepflegt. Nach ſeiner Wiederherſtellung hatte er, jeder Hülfsquelle beraubt, auf eine Gelegenheit zur Rückkehr nach Frank⸗ reich zu Frau und Kind gewartet, jede Art von Entbehrung er⸗ duldet, alle möglichen Strapazen überſtanden, und war endlich, todesmatt, aber voll Freude, am Ende ſeiner Leiden angelangt zu ſein, ohne Mißtrauen bis an ſein Haus gekommen. Da ließen“ ihn der Schreck ſeiner Magd und einige unzuſammenhängende Worte ein Unglück ahnen. Beim Anblick ſeiner Frau und des ihm ſo ähnlichen Mannes ſei er erſtarrt ſtehen geblieben. Man hatte ihm Alles erklärt, und jetzt bedauerte er, nicht lieber an ſeiner Wunde geſtorben zu ſein. Dieſe ganze Erzählung trug das Gepräge der Wahrheit. Als aber der andere Gefangene aufgefordert wurde, ſich darüber aus⸗ 7* 100 zuſprechen, beharrte er bei ſeinen anfänglichen Behauptungen, beſtand auf ihrer Richtigkeit und verſicherte aufs Neue, daß er der echte Martin Guerre und der Andere wahrſcheinlich dieſer ge⸗ ſchickte Betrüger Arnold Thill ſei, der ihm ſo gleichen ſolle, daß die Leute aus Sagias ihn für denſelben gehalten. Die Zuſammenführung beider Martin Guerre veränderte nichts an dieſen Behauptungen: der erſte zeigte dieſelbe ſichere und kühne Haltung, der zweite rief Gott. und Menſchen zu Zeugen ſeiner Wahrhaftigkeit an und beklagte ſein Unglück in den ergreifendſten Ausdrücken. Die Verlegenheit der Richter war groß; denn die Sache ver⸗ wickelte ſich immer mehr; Beide hatten Vieles für ſich; aber an unumſtößlichen Beweiſen gebrach es noch immer. Ein Parlamentsmitglied, Herr von Cvras, ſchlug, bevor man die Folter, dies letzte Mittel einer barbariſchen Zeit, anwende, vor, man ſolle Bertrande zwiſchen die beiden Nebenbuhler ſtellen und ſich auf den Zug des weiblichen Herzens verlaſſen, um die Wahrheit zu ermitteln. So wurden denn beide Martin Guerre in den Parlamentsſaal geführt, und bald darauf trat Bertrande ein, bleich, ſchwach und erſchöpft durch ihre Leiden und ihre vor⸗ gerückte Schwangerſchaft. Sie vermochte ſich kaum aufrecht zu erhalten; ihr Anblick flößte das tieſſte Mitleid ein, und Alles war begierig, was ſie thun würde. Sobald ſie einen Blick auf die beiden Männer geworfen, die in zwei verſchiedenen Winkeln des Saals ſtanden, wandte ſie ſich zu dem nächſten, kniete ſchweigend vor dem mit dem Stelzfuße nieder, faltete die Hände, wie um Gnade flehend, und ſchluchzte bitterlich. Dieſe einfache Handlung rührte alle Anweſenden. Arnold Thill erbleichte, und man glaubte, Martin Guerre würde glücklich ſein, ſich durch dieſe öffentliche Anerkennung vom Verdacht des Betruges gereinigt zu ſehen, ſeine Frau aufheben und ſie umarmen; aber er blieb kalt und ſtrenge. ————— 101 „Madame,“ ſagte er mit verächtlichem Ton,„hören Sie auf zu weinen; ich darf mich durch Ihre Thränen nicht erweichen laſſen. Sie ſuchen vergeblich Ihre Leichtgläubigkeit durch das Beiſpiel meiner Schweſtern und meines Oheims zu entſchuldigen: eine Frau muß beſſere Kennzeichen haben, ihren Gatten zu er⸗ kennen, und was Sie jetzt thun, beweiſt dies zur Genüge; ſie kann ſich nur dann täuſchen, wenn ſie ihren Irrthum lieb gewinnt. Sie ſind die einzige Urſache meines häuslichen Unglücks und Nie⸗ mandem ſonſt werde ich daſſelbe ſchuld geben.“ Niedergeſchmettert durch dieſe Worte, fand das arme Weib keine Kraft, ihm zu antworten, und wurde faſt ſterbend nach Hauſe gebracht. Die Würde, mit welcher der gekränkte Gatte geſprochen, wurde als ein Hauptbeweis zu ſeinen Gunſten angeſehen. Man beklagte Bertrande als das Opfer eines kühnen Betruges, aber alle Welt war einverſtanden, daß der wahre Martin Guerre nur ſo und nicht anders ſprechen konnte. Nachdem dieſelbe Probe noch mit den Schweſtern und allen Verwandten vorgenommen war und Alle, nach Bertrandens Vorgang, ſich zu dem zuletzt Erſchienenen hin⸗ gewandt hatten, ſprach der Gerichtshof das Urtheil aus. Daſſelbe lautete dahin, daß Arnold Thill, genannt Panſette, vorgeblich Martin Guerre, zur Strafe und Sühne des Betrugs, der Er⸗ heuchelung eines falſchen Namens und Fälſchung der Perſon, des Chebruchs, der Gottesläſterung und anderer Verbrechen vor der Kirche in Artigues knieend, im Hemde, barhaupt und barfuß, mit einem Halseiſen und eine brennende Wachskerze in der Hand, Abbitte thun und von Gott, vom König, von der Gerechtigkeit, von den Eheleuten Martin Guerre und Bertrande Rolls Vergebung erflehen ſolle. Dann ſolle er dem Henker übergeben, von dieſem durch die Gaſſen von Artigues geführt und vor dem Hauſe Martin Guerre's an einem eigends errichteten Galgen erhängt werden. Als ſein Schickſal beſtimmt war, verlor Arnold Thill all' ſeine 102 Verwegenheit und geſtand dem Richter in Rieur ſeine ganze Be⸗ trügerei auf das Ausführlichſte. Den erſten Gedanken derſelben hatte er gefaßt, als er eines Tages aus dem Lager in der Picardie zurückgekehrt und mehrere genaue Freunde Martin Guerre's ihn für dieſen gehalten. Darauf hatte er ſich nach der Lebensart, den Gewohnheiten und Verhältniſſen dieſes Mannes erkundigt. Er wußte ſich in ſeine Nähe zu ſchleichen und lauerte ihm während der Schlacht auf. Er ſah ihn fallen, trug ihn fort und wußte ihm, auf die dem Leſer bereits bekannte Art, alle ſeine Geheim⸗ niſſe zu entlocken.— Nachdem er ſo eine natürliche Erklärung ſeiner Betrügerei gegeben und dadurch jeden Verdacht der ſchwarzen Kunſt und Hexerei zurückgewieſen, flehte er die Barmherzigkeit Gottes an und bereitete als ein Chriſt ſich vor, ſeine Strafe zu erleiden. Während am folgenden Tage das Volk aus der Umgegend zu⸗ ſammenſtrömte und vor der Kirche in Artigues der Abbitte des Büßers beiwohnte, der im Hemde, barhaupt und barfuß, eine brennende Wachsfackel in der Hand, auf dem Kirchhofe kniete, gab es im Hauſe Martin Guerre's einen nicht minder ſchmerzlichen Auftritt. Bertrande war erſchöpft von all dieſen Leiden, die ihre Schwangerſchaft noch beſchleunigt hatten, und lag ausgeſtreckt auf ihrem Schmerzenslager. Sie bat ihn um Verzeihung, den ſie ohne ihre Schuld betrogen, und flehte ihn an, für das Heil ihrer Seele zu beten. Martin Guerre reichte ihr die Hand. Sie er⸗ griff dieſelbe und drückte ihre welken Lippen darauf; ſprechen konnte ſie nicht mehr.— Plötzlich entſtand draußen ein großer Lärm. Der Verurtheilte ſollte vor Martin Guerre's Hauſe gerichtet wer⸗ den.— Als man ihn am Galgen aufhißte, ſtieß er einen gräßlichen Schrei aus. Dieſem Schrei antwortete ein anderer, wie ein Echo, aus dem Innern des Hauſes. Am Abend verbrannte man auf dem Scheiterhaufen den Leichnam eines Mannes und begrub in heiliger Erde den Leib einer Frau und eines Kindes. Dr. Jordan. Blas El Guerrillero. Als wir Caſtro del Rio erreichten, fanden wir das Städtchen mit Soldaten angefüllt, alle Gaſthäuſer beſetzt, und ſchon ſahen wir faſt keine andere Ausſicht vor uns, als vor der Stadt auf freiem Felde zu bivouakiren, als ein Caballero, dicht verhüllt in ſeinen Mantel, den Wirth vermochte, einen kleinen mit Maulthieren und Borricos erfüllten Raum unſern Pferden zu überlaſſen. Auch unſere eigene Bequemlichkeit verdankten wir ſeiner freundlichen Für⸗ ſorge, indem er ſein eigenes Zimmer abtrat, und ſo war es nur eine ſchwache Anerkennung ſeiner Gefälligkeit, als wir ihm eine Einladung ſchickten, in unſerer Geſellſchaft eine Cigarre zu rau⸗ chen. Wir brauchten ſie nicht zu wiederholen. Unſer Gaſt war ein langer, kräftiger Mann mit ſcharfen, doch angenehmen Zügen, wenn auch der Totaleindruck des Geſichts ent⸗ ſchieden unangenehm war. Seine finſtern, zottigen Augenbrauen, ſein ſtolzes, unruhiges Auge verriethen, daß er kein Mittel ver⸗ ſchmähen würde, um zu ſeinem Ziele zu gelangen. Er wurde bald vertraut mit uns und enthüllte ſich als ein eifriger Anhänger der Eraltados. Eine tiefe Narbe auf ſeiner Stirn, eine verſtüm⸗ melte Hand, die er im Laufe des Geſprächs uns zeigte, als einige Flaſchen guter Keres Seco ihn aufgeregt hatten, ließen vermuthen, daß er den Kämpfen, an denen Spanien noch blutet, nicht fremd geweſen, und es bedurfte nur weniger Aufmunterung von unſerer Seite, um uns mit manchen intereſſanten Zügen ſeines mannichfach ——— bewegten Lebens bekannt zu machen, die wir hier wieder zu geben verſuchen. Mein Name— begann er— iſt Blas Maldonado, mein Amt Corregidor der benachbarten Stadt.... Meine Aeltern beſaßen in der Nähe von Utrera ein kleines Gut, das ſeit undenklichen Zeiten der Familie meiner Mutter gehört hatte, und das ich einmal als ihr einziges Kind erben ſollte. Doch meine ſchwache körperliche Conſtitution und mit heranreifenden Jahren meine Abneigung gegen die friedliche Beſchäftigung des Ackerbaues, änderten beſonders durch die Einwirkung meiner Mutter den Entſchluß meines Vaters. Er ſchickte mich nach Sevilla, um Theologie zu ſtudiren. Aber das Kloſterleben langweilte mich bald eben ſo ſehr, und auf Anrathen meiner bisherigen Lehrer wurde ich für die juriſtiſche Laufbahn beſtimmt. Doch als ich nun mich in die Subtilititen und Irr⸗ gänge der Geſetzbücher und ihrer Commentare hineinarbeiten ſollte, da hätte ich faſt die Legenden der Heiligen den Siete Partidas des Alfonzo el Sabiv vorgezogen, wenn überhaupt mein Sinn dem ruhigen Studium geneigter geweſen wäre, als einem Hang zu Abenteuern und Sathre. So geſchah wenig für meinen eigentli⸗ chen Zweck in Sevilla, und nur auf einer Seite, die freilich mein Vater gar nicht berückſichtigt hatte, war ich ſleißig, im Erlernen der franzöſiſchen Sprache und Philoſophie, wie ſie Voltaire, Diderot, Condorcet und Andere lehrten. Doch gewann ich dieſe Kenntniß faſt ſpielend, im Umgang mit einem jungen Franzoſen, der zur Erlernung des Spaniſchen nach Sevilla geſchickt worden war, und für die Mühe, die ich mir gab, ihm dieſe beizubringen, ſich wie⸗ der eifrig bemühte, à me décrasser, wie er es nannte, und mich fähig zu machen à jouer un role distingué, in der Welt. Dies gelang ihm auch ziemlich, und ich wurde ein Liberaler, ehe noch Jemand in Spanien an die Bedeutung dieſes Wortes dachte. Der Ruf meines Vaters ſetzte dieſem Streben eine Grenze. Er hatte mir bei einem Advocaten meines Geburtsorts die Stelle —„ 105 —— eines Gehülfen erkauft, und meine ſiehenden, wiederholten Bitten, zu erlauben, mir in Madrid ſelbſt eine Stellung zu erwerben, konnten ihn von ſeinem Plane nicht abwendig machen. Ich mußte Sovilla und meinen jungen Freund verlaſſen. Der Aufenthalt in meinem Dörfchen war nicht angenehm. Der Advocat, Don Benito Quisquilla, ein reicher und auf ſeinen Reichthum ſtolzer, habſüchtiger Mann, vernachläſſigte ſeine Ver⸗ ſprechungen bald, als er ſah, wie wenig Neigung ich zum Ge⸗ ſchäft hatte, und von meinen frühern Jugendgenoſſen geflohen wegen meines Selbſtgefühls höherer Bildung, fand ich nur Ver⸗ gnügen an der hübſchen Tochter Don Benito's. Alitea war auch nicht blind gegen meine Vorzüge, und ſchon wiegte ich mich mit roſigen Hoffnungen einer beſſern Zufunft, als der plötzliche Tod meiner Aeltern ſie ſämmtlich vernichtete. Ich weiß wohl, daß man meiner Verſchwendung dieſen erſten, ernſten Unfall meines Lebens zuſchrieb, indem namentlich meine Mutter nur durch den Kummer erkrankt ſei über den Verkauf des nothwendigſten Arbeitsgeräthes, das ich vornahm, um die dringendſten Bedürfniſſe meines Lebens zu decken. Aber, Caballeros, das war nur die Stimme des Haſſes und des Neides, der Alle gegen mich beſeelte. War ich nicht zu⸗ vor bei Don Benito geweſen und hatte ihn gebeten, mir mit einer Summe, die er leicht entbehren konnte, zu helfen? und hatte mir dieſer ſchändliche Wucherer nicht geſagt, ich ſolle ſie haben und ſelbſt das Einſtandsgeld, das mein Vater für mich bezahlt hatte, wenn ich mein kleines Gut ſelbſt bebauen wollte? Dieſe Schmach⸗ bedingung konnte ich nicht eingehen, und als meine Mutter dem Vater gefolgt war, wohl zu ſehr von der Beſorgniß gebeugt, was aus ihr und mir werden ſollte, da ich nur Schulden zu machen, doch keinen Gewinn zu finden wußte— mußte ich zum Verkauf meiner Hacienda ſchreiten, da Niemand mir darauf einen Maravedi borgen wollte. Tief unter ihrem Werth erſtand ſie Don Benito Quisquilla. 106 Verlaſſen von Allen, ohne Geld, ohne Hülfe, lebte nur Ein Gefühl in mir— mich an der Menſchheit zu rächen! Bei Don Benito, der mich zum Bettler gemacht hatte, fing ich an, indem ich ſeine Tochter verführte und ſie zu meiner Mätreſſe machte. Sie nach meinem Willen zu lenken, fiel mir nicht ſchwer, denn ihr Herz ſprach für mich, und ſie traute meiner Ehre. Wir flohen in die Gebirge, fanden eine Zuflucht unter den Räubern von Olbera, und als das wenige Geld und die geringen Koſtbarkeiten Alitea's verzehrt waren, beſchloß ich, ſie zu verlaſſen und nach Amerika zu gehen. Doch der Ausführung dieſes Entſchluſſes trat ein Umſtand entgegen,— Alitea's Liebe und unerſchütterliches Vertrauen zu mir. Alle Entbehrungen, die der wachſende Mangel uns auferlegte, trug ſie mit Geduld; ſie verdoppelte nur ihre Fürſorge für mich, und als ich ihr endlich offen erklärte, daß ſie nur ein Werk⸗ zeug geweſen ſei, mich an ihrem Vater zu rächen, da entfloh auch nicht Ein bitteres Wort des Vorwurfs oder der Klage ihren Lippen. „Blas, Blas,“ ſagte ſie nur,„ich traue auf Deine Ehre!“ Dies Betragen mußte meine Geſinnung gegen ſie ändern und Bewunderung führte mich zur glühendſten Liebe. Ich entſchloß mich, ohne Rückſicht für ihren Vater, ſie zu heirathen. Doch ſchrieb ich zugleich einen Brief an Benito, worin ich in Unter⸗ handlung zu treten ſuchte über den Preis, den er für Wiederher⸗ ſtellung der Ehre ſeiner Familie zu geben geneigt ſei. Als ich eines Abends von meinem mühſamen Tagwerk nach Hauſe kam, fand ich Don Benito am Bette meiner Alitea, die mir vor der Zeit einen Sohn geboren hatte. Der Schmuggler, der meinen Brief überbracht, hatte unſern Aufenthalt verrathen. Ich ſchweige von dem Auftritt, der jetzt erfolgte. Don Benito ging, da er ſeine Tochter nicht mit ſich fortſchleppen konnte, unter Drohungen und Verwünſchungen fort, doch da er auf der Flur ſeine Börſe hatte fallen laſſen, eilte ich, ihm zuvorzukommen, und 107 ließ mich noch in dieſer Nacht mit Alitea cvpuliren. Zwar ließ uns jetzt Benito eine kleine Summe zufließen, und durch Arbeit und Sparſamkeit beſſerte ſich unſer Zuſtand ſichtbar; doch Alitea erholte ſich nie wieder von jenem Schreck über das plötzliche Er⸗ ſcheinen ihres Vaters, und ich ſtand bald wieder allein. Nur mein kleiner Fernando konnte mich abhalten, einem Daſein ge⸗ waltſam ein Ende zu machen, das jetzt ganz reizlos war. Ueber die nächſte Epoche meines Lebens ſchweige ich. Um mein Leben und das meines Kindes zu friſten, das ich einer mir befreundeten Frau zur Pflege übergeben, verband ich mich mit einer Schmugglergeſellſchaft und gewann viel, doch bei einem Wilddiebſtahl ergriffen, den ich auf dem Gebiete des Grafen Aguila begangen, wurde ich als ſchuldig erkannt und auf zehn Jahre nach Ceuta verbannt, wohl nur deshalb, weil ich dem Grafen keine Summe bieten konnte, die ſeine Habſucht geweckt hätte. Auch dieſe zehn Jahre vergingen, und als ich wieder frei war, kannte ich nur zwei Gedanken: mein Kind, und Rache! Ich eilte nach Olbera— doch Niemand wußte oder wollte etwas von meinem Fernando wiſſen. Die Tia Dorotea, der ich ihn anvertraut, war todt, mein Sohn verſchollen. Knirſchend vor Wuth wandte ich mich an Benito; auch er hatte ſeinen Wohnplatz verändert, und nur der Graf Aguila blieb allein meiner Rache. Er fiel bald darauf unter den Meſſern meiner Genoſſen. Zwar wurde ich einige Monate nachher, als die öffentliche Gewalt wieder ſich etwas befeſtigt hatte, ergriffen und zum Tode verurtheilt; doch Gold, das ich bei mir verborgen, öffnete mir die Thüre meines Kerkers und ich eilte in die Reihen der franzöſiſchen Armee, welche einen beſſern König und Freiheit meinem herabgewürdigten Vaterlande verſprach. In den Ebenen von Tudela vereinigten Palafor und Caſtaos zum Letztenmal die ſpaniſchen Armeen, um das Kriegsglück zu verſuchen. Es wandte ihnen den Rücken, und mit gräßlicher Freude ſtürzte ich mich den fliehenden Schaaren nach, um mein rachedur⸗ 108 ——— ſtendes Schwert unter meinen Landsleuten wüthen zu laſſen. Be⸗ ſonders war es ein junger Cavalleriepfficier, den ich mir zu meinem Opfer erſehen. Vergeblich verſuchte er ſeine flüchtigen Truppen zum Stehen zu bringen. Mit eingelegter Lanze eilte ich ihm entgegen, der mich ruhig erwartete, und würde gewiß als geſchickter Torreador mein Ziel nicht verfehlt haben; doch ehe ich ihm nahe kam, ſank er von einer Musketenkugel getroffen, dem Anſchein nach, leblos zu meinen Füßen. Ich weiß nicht, was mir den Gedanken eingab— doch ſicher war es nicht Liebe zum Gold, denn nur Blut war damals mein Gedanke,— auch nicht Mitleid, das mir noch ferner lag, als Sucht nach Schätzen; vielleicht gab es mir der Teufel ſelbſt ein, abzuſteigen und den Jüngling ſeiner goldenen Epauletten zu be⸗ rauben. Ich ſah, daß die Kugel durch den Kopf gegangen und in ein Auge gedrungen war, doch war er noch nicht todt. Schon wollte ich ihm den Todesſtoß geben, als ich gedachte, daß Tod Gnade für ihn ſei. Und während ich ihm die Epauletten abriß, rief ich:„Du magſt leben, junger Hidalgo, wenn Du nicht etwa einen mitleidigern Franzoſen triffſſt, als mich. Jetzt biſt Du doch nur eine Vogelſcheuche.“ „Wie?“ rief der junge Officier,„ein Spanier plündert ſeinen ſterbenden Landsmann? ein ſchändlicher Renegat höhnt mich wegen der Entſtellung einer ehrenvollen Wunde? ſo mag mein Tod ihm zum Fluch werden; mag es ihm ewig in den Ohren hallen, ein Vorſchmack der Qualen, die ihn erwarten, wenn mein Arm ver⸗ fehlen ſollte, ihn ſogleich dem ewigen Geri ht zu übergeben!“ Und mit dieſen Worten riß er ein Piſtol hervor und ehe ich ihn verhindern konnte, feuerte er es in der Richtung ab, wo er mich vermuthete. Hätte doch die Kugel beſſer ihr Ziel getroffen! ſie ſtreifte blos meine linke Backe und hinterließ die Narbe, die Sie in meinem Backenbarte ſehen können. Hiedurch bis aufs Aeußerſte gereizt, ergriff ich meinen Gegner — — — c — 109 bei der Gurgel, zwang mein Meſſer in ſeinen Mund und zerſchnitt ihm die Zunge, die mir ſo eben noch geflucht. Dann beöbachtete ich noch einige Augenblicke das Zucken meines gepeinigten Opfers und durchbohrte ihm die Bruſt. Ein harter Gegenſtand, den ich hierbei fühlte, bewog mich, ſeine Uniform zu öffnen, und ich entdeckte,— daß ich der Mörder meines Sohnes war! Nach dieſem ſo, entſetzlich mißglückten Verſuch, mich an meinem Vaterland zu rächen, ſchloß ich mich einer Bande Freibeuter an, die unter dem Namen des Patriotismus Freund und Feind plün⸗ derte. Eſteban, der Führer der Quadrilla, war ein übermüthiger, habſüchtiger Catalonier, der ſich ſelten aus ſeinen Bergen heraus⸗ wagte. Dies paßte nicht in meinen Plan. Ich hatte ſo manche Rechnung mit Prieſtern, Alcalden und Andern abzumachen und ſehnte mich nach meinen Bergen. Als ich daher mich in der guten Meinung meiner Genoſſen ein wenig feſtgeſetzt hatte, ſchlug ich vor, uns nach dem Süden zu begeben, wo das Land weniger verheert war und eine reichere Aernte verſprach. Eſteban wollte nichts davon hören, und ich mußte warten, bis ich ohne ſeinen 3 Willen den meinigen würde ausführen können. Das fand ſich bald. Schon hatte ich einen großen Theil der Geſellſchaft auf meine Seite gebracht, indem ich ihnen meinen Antheil der Beute überließ, ſobald er nicht in Schießgewehr und Kriegsbedarf beſtand 1 (denn ob ich gleich Reichthum ſchätzte, ſo galt mir Macht noch mehr, jener aber iſt nur eine Stufe zu dieſer), und es kam nur auf eine Probe an, was ich bei Eſteban's Abgang in der Wahl eines Führers wagen würde. In dieſer Zeit erfuhr Eſteban, daß an einem beſtimmten Tage von Figueras ein Convoi mit Geld und Munition für die fran⸗ ööſiſche Diviſivn, welche Gerona belagerte, abgehen würde, natür⸗ lich unter ſtarker Bedeckung. Alle ſtimmten darüber ein, daß wir hier eine treffliche Beute machen könnten, und nachdem wir in 110 einer tiefen Schlucht mitten im Walde, die die Franzoſen paſſiren mußten, uns feſtgeſetzt, überlegten wir den Angriffsplan. Gegen meine frühere Gewohnheit war ich jetzt äußerſt vorſichtig, und als ich meinen Angriffsplan entwickelte, wurde er einſtimmig ange⸗ nommen, und mir auch zum größern Theil die Anordnung über⸗ laſſen. Sie war ungefähr folgende: Zwei Drittheile unſers Corps verbargen ſich in einer Schlucht rechts vom Wege, während die Uebrigen auf der linken Seite ſich zu Fuße aufſtellten und ihre Pferde von drei Mann weiter zurück⸗ geführt und bereit gehalten wurden, bei gegebenem Zeichen ſogleich zum Dienſt bereit zu ſein. Dieſe drei Männer hatte ich aus meinen ergebenſten Anhängern gewählt. Eſteban ſtieg auf eine immergrüne Eiche und wollte zum allgemeinen Angriff das Zeichen mit einem Adler geben, der durch ſein Auffliegen die Aufmerkſamkeit des Feindes theilen ſollte. Die Sache ging, wie ich erwartet. Der Vortrab wurde ab⸗ geſchnitten und niedergehauen; doch das Hauptcorps war durch die Sorgfalt des Führers unangreifbar. Wir warteten geraume Zeit auf Eſteban's Zeichen— es erſchien nicht. Einzelne Schüſſe fielen, dann blieb Alles ruhig. Dies brachte unſern Lieutenant ſelbſt auf den Gedanken, daß nichts zu thun ſei, als uns zu zer⸗ ſtreuen. Wir thaten es. Auf dem Sammelplatz, den wir vorher beſtimmt hatten, fanden ſich Alle ein, außer Eſteban; und als wir uns auf das Schlachtfeld wagten, lag er unter der Eiche, aber ſo verſtümmelt, daß Niemand ſagen konnte, wie er geſtorben. Die allgemeine Meinung war, die Franzoſen hätten ihn auf de Baume bemerkt, herabgeſchoſſen und aus Wuth über ihren Ver⸗ luſt alſo grauſam verſtümmelt. Ich widerſprach nicht, und die drei Männer, welche die Pferde gehalten, ſchwiegen ebenfalls darüber, obgleich ſie wohl eine andere Verſion hätten geben können. Die nächſte Wahl eines Führers gab mir und dem bisherigen Lieutenant gemeinſchaftlich den Oberbefehl„und kluge Benutzung — N W 11¹ oder Herbeiführung von Umſtänden von meiner Seite brachte uns bald dem Süden näher. 8 Unſer Eintritt in das Königreich Valencia und unſer Ueber⸗ gang von dort nach Murcia war ſo unerwartet, daß wir zwei große Convois angreifen und ihre reiche Ladung zum größern Theil uns zueignen konnten. Zwar erlitten auch wir einigen Ver⸗ luſt, indem namentlich Rodriguez, mein Mitbefehlshaber, in dem einen ſeinen Tod fand, doch gelang es mir, durch einen geſchickt ausgeführten Handſtreich mehrerer Depeſchen des Gouverneurs von Granada habhaft zu werden, und als einige Catalonier es ſich in den Kopf ſetzten, wieder die Stelle des Anführers zu theilen, ſiel es mir nicht ſchwer, ſie den Franzoſen in die Händg zu ſpie⸗ len, und am andern Morgen fanden wir die armen Schelme am Wege hängend. Ich war übrigens gern bereit, ihr unglückliches Schickſal zu beklagen und bei nächſter Gelegenheit zu rächen, in⸗ dem ich zwei franzöſiſche Commiſſäre, die wir in Santa Fö ergriffen, ſo am Thore der Stadt aufhängen ließ, daß das Thor an den Angeln ein wenig ausgeſchnitten und ihre Köpfe hindurchgezwängt wurden. In dem öffentlichen Anſchlag, den ich an der Außenſeite des Thores mit Kreide anſchrieb, nannte ich mich den General⸗ Rattenfänger Sr. Majeſtät Ferdinand's VII., und lange Zeit war ich ſpäter unter dem Namen El Ratonero bekannt und gefürchtet. Doch jetzt, wo ich alleiniger Herr meiner Quadrilla war, regte ſich ſtärker als je das Verlangen, abzurechnen mit denen, die mein früheres Mißgeſchick verſchuldet. Und der Erſte, den ich zur Rechenſchaft ziehen wollte und mußte, war Don Benito Quis⸗ quilla. Briefe, die ich am Leichnam meines unglücklichen Sohnes ge⸗ funden, hatten mich belehrt, daß Benito ihn von der Tia Dorotea entführt und erziehen laſſen und alle meine Briefe und Nachfragen unterſchlagen und vergeblich gemacht hatte. Als Fernando heran⸗ gewachſen, hatte er ihn auf die Univerſität geſchickt, und als beim ₰ 112 ausbrechenden Kampfe gegen Frankreich der feurige Geiſt meines Knaben Theil nehmen wollte am allgemeinen Aufſtande des Landes, hatte er ihm Anfangs dringend abgerathen, doch endlich einwilli⸗ gen müſſen, um nicht in den Verdacht eines Afranceſado's zu kommen. um ihn am ſicherſten gegen Gefahr zu machen, hatte er ihm eine Officierſtelle bei der Cavallerie verſchafft, und ſchon war ſein Name mehrere Male mit Auszeichnung genannt worden, als meine Hand ſeinem glorreichen Leben ein allzu frühes Ziel ſetzte. Rache zu nehmen dafür, daß er den Sohn dem Vater ver⸗ leugnet hatte, wandte ich mich alſo jetzt nach M. Meine Leute ließ ich im Walde, zwei derſelben verweilten als Bauern verkleidet in der Venta von Zaframagon, während ich mit einem treuen Diener mich auf den Weg in die Stadt machte. Am Eingange derſelben übergab ich meinem Begleiter mein Pferd und ſchritt in meinen alten Mantel gehüllt zu Fuß zu der erſten Poſada der Stadt. Der Kamin war ziemlich umringt, doch meiſtens waren es ältere Männer, da die jüngern dem Rufe zu den Waffen gefolgt waren. Ich nannte mich einen Fremden und fragte, nach manchen andern Geſprächen, ob Don Benito Quisquilla noch immer den Ort bewohne, und als man dies bejahte, endlich auch nach ſeinem Enkel Fernando Maldonado. „Der iſt todt!“ fing ein alter Mann an, in welchem ich den Ausrufer der Stadt erkannte.„Ruhmvoll gefallen auf dem Schlacht⸗ felde im Kampfe für die Freiheit ſeines Vaterlandes!“ „Wie?“ rief ich verwundert,„hat er nicht mit ſeinem Vater bei den Franzoſen gedient?“ „Mit ſeinem Vater?“ ſchrieen ein Dutzend Stimmen durch⸗ einander.„Hat der Niederträchtige ſich ſogar den Feinden ſeines Landes verkauft? Nein, Fernando fiel im Kampfe gegen die Unter⸗ drücker unſers Landes in der unglücklichen Schlacht bei Tudela. Doch, wie wißt Ihr, Tio, daß ſein Vater bei den Franzoſen focht?“ „Ich habe die Nachricht von guter Hand,“ entgegnete ich, 113 „und bin nur hierher gekommen, um mit Don Benito wegen Blas zu ſprechen.“ „Geht nicht zu dem alten Manne,“ rief hier der Ausrufer der Stadt,„wenn Ihr ihm nicht ſagen könnt, daß den ſchändlichen Blas der Teufel geholt...“ Ich ſtand auf und ging zitternd vor Wuth hinaus. Ein furch⸗ terlicher Zorn bemächtigte ſich meiner gegen den Feind meines Lebens, den Einzigen, der all' mein Glück im Keime erſtickt und mich endlich zum Mörder meines Sohnes gemacht hatte. In die⸗ ſem Zuſtande kam ich an das Haus Benito's, und als man mir Die Thür geöffnet, rief eine Magd von der obern Galerie herab, Don Benito ſei in einem der Zimmer im Patio*). Kaum erkannte ich in der gebeugten, verwitterten Geſtalt den einſt kräftigen, ſtattlichen Mann wieder. Eingehüllt in einem grau⸗ wollenen Schlafrock, Pantoffeln an den Füßen, eine ſchwarze Monteramütze auf dem Kopfe, machte er keinen Verſuch, ſich aus ſeiner silla peltrona(Lehnſtuhl) zu erheben, ſondern bat mich, nur näher zu kommen und mein Geſchäft zu nennen, das mich zu ihm führe. Ein ſeltſames Gefühl des Mitleids ergriff mich bei dieſem An⸗ blick, und ſchon wollte ich mich zurückiehen, als er, mich durch ſeine Brille ſchärfer betrachtend, plötzlich wie verjüngt aufſprang, und mit den Worten:„Wie?— Iſt es möglich?— Mein Fer⸗ nando!“ mir entgegentrat.—„Doch nein,“ ſetzte er hinzu;„er blühte in voller Jugend, und Ihr ſcheint manchen Sturm des Lebens erfahren zu haben.— Doch dieſe Geſtalt, dieſe Züge! Ich bitte Euch! ſprecht! wer ſeid Ihr?“ Dieſe heftige Bewegung des alten Mannes rührte mich ſeltſam, und ſchon wollte ich mich zu ſeinen Füßen niederwerfen, als er Hofraum, der in Spanien häufig mit Bäumen beſetzt wird, um Kühlung und Schatten zu erhalten. 8 11⁴ fortfuhr:„Doch der Elende, Verworfene, der ihm das Leben gab, hatte er nicht dieſelbe... Entſchuldigt dieſe Aufregung! Ihr habt eine Saite berührt. „Wohl elend!“ rief ich aus, ihn unterbrechend.„ Ihr wißt alſo das unglückliche Schickſal des elenden Blas? Dann iſt mein⸗ Geſchäft ſchon halb gethan.“ „Sein Schickſal? Nein! Hat ihn endlich die Strafe ſeiner Verbrechen, ſeines Verraths am Baterlande getroffen? Iſt ihm der Galgen geworden, der ihm gebührte?“ „Nein! nein! noch lebt er; doch elend, wie Ihr ſagt. Durch Euch iſt er zum Mörder ſeines Sohnes geworden.“ „Jeſus! Higo de Dios!“ ſchrie der alte Mann auf.„Und Ihr 7 Ihr ſeid. Mein Mantel war mir durch den wüthenden Zorn enffallen, in den mich des alten, rachgierigen Mannes Worte verſetzt hatten. „Ich bin es ſelbſt!“ rief ich.„Dieſe Hand, die am Altare vor allen Heiligen des Himmels Eurer Tochter gegeben wurde, ſtieß durch Eure verfluchten Ränke den Dolch in meines Sohnes Bruſt.“ „Ungeheuer!“ ſchrie Benito in wahnſinniger Wuth.„Ver⸗ flucht, verdammt für alle Ewigkeit! Dir werde zum Fluch...“ Mein Zorn ließ ihn nicht ausreden. Wir waren dicht an einander gekommen. Meine Hand faßte ſeine Gurgel, um den Fluch zu erſticken, den die Zunge begonnen. Gewiß nichts mehr als das — denn mein Meſſer ſtak im Gürtel— da erfaßte der thörichte, alte Mann mich beim Kragen und ſchrie nach Hülfe. Es war der letzte Ton, der ſeinen Lippen entſchlüpfte— er ſiel todt zu meinen Füßen. Während meines Aufenthaltes in meiner peburtsgezend lernte ich einen jungen Mann kennen, Alonzo Bazan, den Häuptling einer andern Guerilla. Der gemeinſame Vortheil brachte uns zu einander, indem bei größern Unternehmungen wir unſere Banden vereinigten. Alonzo hatte eine Schweſter, meine jetzige Frau. 11⁵5 Anfangs wurde ich keineswegs von ihr angezogen. Nur ihre ſicht⸗ liche Vorliebe für einen jungen, wohlhabenden Mann, Beltran Galindiz, der auf die Anregung ihres Bruders ſeine Verwandten und Anhänger zu einer Guerilla zuſammengebracht hatte, und das innige Einverſtändniß der beiden jungen Leute, die meine Da⸗ zwiſchenkunft und ſpätere Aufmerkſamkeiten für Engracia mit völli⸗ ger Gleichgültigkeit aufnahmen, brachte mich auf den Gedanken, das Mädchen von ihrem Geliebten zu trennen. Einige Umſtände halfen mir faſt wider meinen Willen dazu. Es ſchien der Fluch meines Sohnes in Erfüllung gehen zu wollen. Ich hatte das Glück, Alonzo, der als Spion aufgefangen worden und in Utrera hingerichtet werden ſollte, auf dem Wege dahin zu befreien, und ſeit dieſer Zeit war er mir blind ergeben. Doch dieſes neue kühne Unternehmen hatte die Augen meiner Feinde ſo ſehr auf mich gezogen, daß ein Preis ausgeſetzt wurde für den, der Blas el Ratonero todt oder lebend ihnen überliefern würde. Anfangs achtete ich es nicht, und da ſeit jenem Handſtreiche Alonzo mir die Rechte Beltran's auf ſeine Schweſter gegeben, auch manche andere hübſche Augen nicht mit dem Ausdruck des Haſſes auf mir ruhten, war ich zufriedener als je. Da erſcheint Alonzo plötzlich in meinem Lager bei Ubrique und macht mir den Antrag, Ronda, deſſen Garniſon faſt gänzlich zur Belagerung von Cadiz gezogen worden, mit unſern vereinigten Banden zu beſetzen. Ich willige ein und erwarte nur noch ge⸗ nauere Nachricht von Alonzo, um mit ihm gemeinſchaftlich zu handeln. Aber drei Tage vergehen, ohne daß mir eine Botſchaft zukommt. Endlich erhalte ich einen Brief, der mir ſagt, Alonzo liege am Fieber darnieder, doch werde er mir unter ſeinem Bruder Melchior ſeine Guerilla zuſchicken, und Beltran mich am dritten Tage darauf bei El Burgo treffen. Schnell hatte ich meine Leute zuſammengezogen und gegen Abend erreichten wir Grazalema, wo ich mich bei einem meiner Bekann⸗ 8* 116 ten einquartiere und dann die nöthigen Poſten außerhalb der Stadt aufſtelle. Als ich wieder in mein Quartier komme, finde ich einen Brief an mich folgenden Inhalts: „Blas Maldonado!“ „In Deiner Bande find Verräther. Sorge, daß Du aus Grazalema fortkommſt, und beſonders ſei gegen Pepe el Alamin auf Deiner Hut. Handle mit Deiner gewohnten Umſicht und Ent⸗ ſchloſſenheit, und Du kannſt der Falle entgehen, die Dir gelegt iſt; doch verachte nicht den Rath eines Weibes, das mit aller Treue und Ergebenheit über Dich wacht, welche nur in dem Herzen einer Frau zu finden ſind.“ Dieſe Zeilen ſetzten mich in nicht geringe Verwunderung und unruhe, da ich erſtens die Schreiberin nicht errathen konnte, und gerade Pepe, den man mir hier verdächtig machte, durch alle Bande der Dankbarkeit und Freundſchaft mir verbunden war. Doch faßte ich mich ſchnell und wählte einen Plan, der mir wenigſtens diejenigen nennen mußte, welche treulos gegen mich waren. Ich rief Jacopo, meinen Lieutenant, ſagte ihm, ich müſſe ſelbſt und insgeheim nach El Burgo, er ſolle mich deshalb krank nennen und die laufenden Geſchäfte ſelbſt abthun; doch wenn ich länger als 48 Stunden ausbliebe, möchte er die verſiegelte Ordre öffnen, die ich ihm übergab, und die nur die Worte enthielt:„Hänge Pepe und rette Dich eilig nach Zahara.“ Dann rief ich Pepe und benachrichtigte ihn, daß wichtige Nachrichten mich nach Gauein zu Alonzo und Beltran riefen. Er war erſtaunt und ſuchte mich ver⸗ geblich zurückuhalten, da, wie er meinte, meine Gegenwurt Pe⸗ ſonders wichtig ſei und nachtheilige Folgen haben könne. Ich beruhigte ihn darüber, beſtieg ein ſchnellfüßiges, Jicheres Manl⸗ thier und war ihm bald aus dem Geſichte. Dann änderte ich meinen Lauf und zwang mein Thier einen ſteilen Gebirgsweg nach Montejaque hinauf, wo ich mir Bart und Augenbrauen abnehmen ließ und mich in das Gewand eines Hirten hüllte. 117 So entſtellt, ſtieg ich einen rauhen Fußpfad herab bis zum Guadiaro, überſchritt dieſen Fluß etwas über der Cueva del Gato (atzenhöhle) und kam nach einem langen Umwege bei den fran⸗ zöſiſchen Vorpoſten an, von wo ich, nach manchem Aufenthalt, endlich bis zum Gouverneur gelangte, dem, wie ich vorgab, ich wichtige Eröffnungen zu machen hätte. Und hier vernahm ich denn, daß Beltran ſchon vor mir da geweſen und noch im Schloſſe ſei, und daß man in dieſer ſelben Nacht mich in Grazalema zu fangen gedenke. Zu meinem Glück war der Gouverneur ein einfältiger Geck, der ſich auf ſeine phyſiognomiſchen Talente viel einbildete— denn ſein. Unterbefehlshaber hatte mich faſt nach meinem wahren Werthe durchſchaut. So, indem ich die ſchwache Seite des Be⸗ fehlshabers lobte und ſeine enormen Kenntniſſe pries, gelang es mir, Beltran's Anzeige als Lüge darzuſtellen,— beſonders, da während meines Verhörs die Kunde einlief, daß, wie ich ausge⸗ ſagt, Blas nicht in Grazalema gefunden worden,— und ſie zu einem Anſchlag mit mir zu vermögen, wodurch ich ihnen meine Perſon oder Beltran's Ohren zu liefern verſprach. Sobald ich Ronda verlaſſen und in Gauein, wo ich ſeltſamer⸗ weiſe Melchior und Beltran, und zwar ſichtbar verlegen über meine unerwartete Ankunft, fand, das Nöthige verabredet hatte, eilte ich nach Grazalema, um zu erfahren, in wie weit Pepe und wer von meinen Leuten in den Verrath gegen mich verwickelt ſei— denn ſie durften das Gefecht mit den Franzoſen nicht überleben. Pepe geſtand mir unverhohlen, daß Eiferſucht ihn dazu gebracht,— denn ſeine Frau, Paca, obgleich dunkelfarbig wie eine Zigeunerin, war ſchön und ſchlank gebaut, unbezähmbar in ihren Leidenſchaf⸗ ten und paßte durchaus nicht zu dem tölpelhaften, bornirten Weſen ihres Mannes. Jetzt ſah ich ein, daß nur ſie den geheimnißvollen Brief geſchrieben haben konnte. Doch verſicherte ich dem armen Pepe, daß er von mir nichts zu fürchten habe, und verlangte und erhielt die Namen Aller, die außer ihm noch gegen mich ſich er⸗ 118 hoben hatten. Auch hatte er ſpäter wirklich nichts mehr von mir zu befürchten, da Beltran's Geſchick mich bald der ſchönen Engracia näher brachte. Denn als der verhängnißvolle Morgen anbrach, wo wir den Franzoſen entgegengingen, ſtürzte ich mich auf Beltran, den ich in meiner Nähe zu halten gewußt hatte, ſchnitt ihm die Ohren ab— ich hatte ſie ja dem franzöſiſchen Gouverneur ver⸗ ſprochen— und ſtürzte ihn vom Felſen vou Grazalema herab. Meiner Verbindung mit Engracia ſtand jetzt nichts mehr im Wege; mehrere von unſern und Alonzo's Leuten bezeugten ſeinen Tod im Kampfe jenes Tages; Paca war, durch meine Vernach⸗ läſſigung erbittert, auf und davon gegangen; auch Melchivr, der ſtets einer Verbindung zwiſchen mir und ſeiner Schweſter entgegen geweſen, war an jenem Tage gefallen, und Alonzo hatte ſich von ſeinem Fieber nicht wieder erholt. Sie ſtand allein, und doch widerſtand ſie mehrere Jahre, ehe ſie meiner Werbung Gehör gab. Unterdeſſen hatten ſich die Ereigniſſe ſchnell gefolgt. Ferdi⸗ nand VII. hatte die Conſtitution angenommen und verworfen, wie man ein Kleid probirt; ich hatte mich der Regierung genähett und eine angemeſſene Beſchäftigung erhalten; die neue Aechtung der Conſtitutivn zog auch den Verluſt meines Amtes nach ſich, und ich ſammelte noch einmal eine Guerilla um mich, doch jetzt nicht mehr gegen fremde Eindringlinge. Meine Frau und mein Kind, denn Engracia war mein Weib geworden, nachdem ich ihr feier⸗ lich nochmals verſichert hatte, daß Beltran todt ſei, brachte ich in der kleinen, feſten Stadt Caneto la Real in Sicherheit; ich ſelbſt durchſchweifte die Umgegend nach Beute. Auf einem dieſer Räuberzüge trafen wir auf einen der Groß⸗ würdenträger der Kirche, deſſen Gefolge ſich gegen unſern Angriff ſo tapfer wehrte, daß mehrere meiner Leute im Gefechte fielen, und als die übrigen Sieger blieben, wurden ihre Gegner, ſelbſt der vornehme Prieſter, von ihnen zum Tode verurtheilt. Vergebens ſtellte er uns die Strafbarkeit unſers Vorhabens vor, verſprach 119 uns ſeinen Schutz und Verſchwiegenheit— er wurde an einen Baum gebunden und ſollte erſchoſſen werden. Da wird durch Zufall mein Name genannt, und ſogleich erinnert ſich einer der Begleiter des Prieſters, daß er teinen Brief an mich bei ſich habe. Es war ein Geleitsbrief von meinem treuen Freunde Jacopo aus⸗ geſtellt. Sogleich erkläre ich Alle für frei, und da meine Schurken nicht gehorchen wollten, wäre es faſt zum Kampf zwiſchen uns ge⸗ kommen, wenn nicht auf einen hingeworfenen Wink von mir der Prieſter ein anſehnliches Geſchenk verſprochen hätte. Mir übergab er einen koſtbaren Siegelring, mit dem Bedeuten, wenn ich je in die Hände der Regierung fallen ſollte, möchte ich ihm denſelben durch einen treuen Diener der Kirche zuſchicken, und ſelbſt, wenn er nicht mehr leben würde, ſollte meine Bitte um Begnadigung beim Könige nicht vergeblich ſein. Wenige Tage nach dieſem Vorfall kommt mir ein Schreiben von meinem Buſenfreund Miguel Clavijo zu, in deſſen Schutz ich mein Weib und Kind gelaſſen hatte, das von drohender Ge⸗ fahr ſpricht und mich auffordert, vor Ablauf von 24 Stunden nach dem Datum des Briefes herbeizueilen, wollte ich ſie ver⸗ hindern. Schon waren acht Stunden verſtrichen, ſeit der Brief geſchrieben worden, und es galt Eile. Schnell ſattle ich deshalb ein Roß und fliege längs dem Ufer des Ariate in möglichſter Schnelligkeit nach Canetv. Als ich den Gipfel der Gebirgskette erſtiegen, die das fruchtbare Thal von Ronda gegen Norden begrenzt, wollte eben die Sonne hinter die weſtlichen Gebirge niederſinken, und um meinem armen Thiere ein wenig Ruhe zu gönnen, che ich den rauhen Abhang hinabgehe, halte ich ein wenig an und ſehe mich um, ob ich allein in der weiten Ebene bin, die ich eben durchritten. In dieſem Augenblick fällt ein heller Strahl der ſcheidenden Sonne auf die entfernte Stadt Grazalema, und wie mit einem Zauberſchlage ſteht die merkwürdige Rettung aus den Händen meiner Feinde vor meiner Seele, und wehmüthig gedenke ich an Paca, der ich ſo übel vergolten hatte. Ich wußte wenig von ihrem ſpätern Schickſal, da ich wirklich jedes nähere Intereſſe an ihr verloren; nur daß ſie als wahnſinnig ins Irrenhaus ge⸗ bracht worden ſei, hatte ich vor mehreren Jahren gehört. Nachdenklich ritt ich den ſteilen Pfad hinab und hatte kaum einige ſchroffe Felſenſpitzen erreicht, die ſich an der Straße unter dem Dorfe La Cueva del Becerro erheben, als wenige Schritte von mir ein Piſtol abgefeuert wird, und, als ich aufblicke, auf einer der Klippen, die über den Weg hängen, eine ſeltſam ge⸗ ſpenſtige Figur ſtehen ſehe— es war Paca! Mit einem wahrhaft dämoniſchen Gelächter rief ſie mir zu: „Vorwärts, vorwärts, Verräther! Du kommſt noch zeitig genug, Dein Kind zu begraben, wenn auch nicht Dein Weib Dir zu er⸗ halten.— Geh nur, geh! Es iſt keine Hochzeit vhne den Hoch⸗ zeitſchmaus. Hatteſt Du Paca von Benaveaz vergeſſen? Sie hat Dich nicht vergeſſen, Blas Maldonado... Doch jetzt habe ich die Schuld eineaſſirt... Die Quittung findeſt Du in Caneto.. He, he, he!“ Eine fürchterliche Ahnung ergriff mich. Zitternd vor Zorn riß ich ein Piſtol heraus und feuerte es ab. Paca wankte und fiel rücklings nieder; ich eilte, ſo ſehr ich konnte, nach Caneto. Das Haus, das meine Frau bewohnt hatte, war leer— Ent⸗ ſetzen ergriff mich— ich eilte zu meinem treuen Freunde Clavijo, der vom Fieber ans Bett gefeſſelt war. So wie er mich ſah, rief er:„Du kommſt zu ſpät!— Warum nicht früher?“ „Früher?“ entgegnete ich.„Seit zwölf Stunden haſt Du mir geſchrieben!“ Und zeigte ihm den Brief. „Er iſt ſchon vor drei Tagen geſchrieben! Paca ſelbſt ſagte mir von dem Plane, Deine Frau zu entführen, ſie ſelbſt erbot ſich, den Brief nach Montejacque zu tragen, wo ſie verſicherte, daß Du Dich aufhielteſt. Ich glaubte, ſie habe Dich nicht gefunden,“ 121 Dieſe wenigen Worte genügten mir. Ich ahnete den innern Zuſammenhang und eilte von Clavijo fort zu der vorigen Woh⸗ nung meiner Frau, die einer ſeiner Diener mir bezeichnete. Aber die Eigenthümerin übergab mir bei meiner Nachfrage nur einen Brief.„Hier findet Ihr Aufklärung, Senor Blas,“ ſagte ſie; „wollte Gott, ich hätte es verhindern können!“ Der Brief war von meiner Frau und enthielt Verwünſchungen gegen mich, den Mörder ihres Bruders, ihres Mannes, und die fürchterliche Nachricht, daß ſie ihr und mein Kind ermordet habe. Anfangs hielt ich die Schrift für verfälſcht und, ungläubig einer ſo entſetzlichen That von meiner ſanften, zärtlichen Engracia, nahm ich die Lampe und trat ins Nebenzimmer an das Bett meiner Frau. Ich zog die Vorhänge weg— doch ſah ich nichts; ich nahm die Bettdecke auf— entſetzlicher Anblick!— mein Knabe, mein Liebling— Angſt in jedem Zuge ſeines Geſichts, jede Muskel zuſammengezogen vom Uebermaß des Schmetzes, lag vor mir— kalt— ſchwarz, faſt in Verweſung übergegangen. Was ich gefühlt bei dieſem Anblick, beſchreiben keine Worte. Wuth und Entſetzen ließen mich einige Augenblicke bewegungslos. Doch noch war ich nicht einig mit mir, was zu thun, als ein Geräuſch, wie von einer Menge Menſchen, vor der Thür des Hauſes meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, und ich eine unbekannte Stimme hörte:„Das alſo, Tio, iſt das Haus? Dann, Camera⸗ den, hinein, und heraus mit Allem, was drinnen iſt, todt oder lebendig.“ Im nächſten Augenblick war die Thür erbrochen, und mehrere bewaffnete Männer ſtürzten in das Gemach. Das Verlöſchen der Lampe half mir nichts, ſie hatten Fackeln bei ſich. Ich eilte zu einem hintern Fenſter, und während ich es öffnete, hielt ich meinen Verfolgern ein Piſtol entgegen. Schon hatte ich einen Fenſter⸗ flügel geöffnet, ſchon einen Fuß hinausgeſtreckt,— keiner hatte den Muth, mich anzugreifen— als hinter den Soldaten hervor 122 eine geiſterbleiche Frau mit verbundenem Kopfe auf mich zuſtuͤrzte, mich krampfhaft feſthielt und ſchrie:„Elender, Du ſollſt mir nicht entkommen!“ Es war Paca. Vergeblich rang ich mit ihr, ſie ließ ſich nicht abſchütteln; vergeblich ſetzte ich die Mündung meiner Piſtole an ihre Schläfe und drückte los— in der Verwirrung hatte ich das abgeſchoſſene ergriffen, und ehe ich das andere faſſen konnte, hatten mich die Männer gefaßt und gebunden. Erſt jetzt ſank Paca erſchöpft auf die Erde, Blut floß aus ihrem Munde, und der Befehlshaber der Soldaten ſchickte eilig nach Wundarzt und Prieſter. Der Erſtere bemerkte, nachdem er ihre Wunde unterſucht hatte, daß nur der Prieſter hier nothwendig ſei. Doch als dieſer ihr den heiligen Leib darbot, wies die Sterbende ihn von ſich, und auf mich deutend, rief ſie mit erlöſchender Stimme:„Das iſt mein Mörder! Ungeheuer! Elender! Jetzt iſt meine Rache vollſtändig. Ich laſſe Dich in den Händen der Ge⸗ rechtigkeit und. ſterbe.. ruhig.“ Ihr Todeskampf ſtrafte dieſe Worte Lügen. Der Ring des Prälaten bewährte ſich. Schon zum Tode ver⸗ urtheilt, kam meine Begnadigung von Madrid und in der neuen Ordnung der Dinge eine beſſere Zukunft für die treuen Anhänger der Conſtitutivn. Doch die letzten Ereigniſſe meines Lebens, die all mein Glück zerſtörten, haben mich gebeugt, und ich denke mehr als ſonſt an die Heiligen und den Herrn des Himmels.“ Der anbrechende Tag machte unſerer Sitzung ein Ende; unſer Gaſt und Erzähler eilte in den Stall nach ſeinem Pferde; auch wir eilten, die Kühle des Morgens zu benutzen, und waren bald von dem gefürchteten Corregidor und Guerillero getrennt. Doch erfuhren wir ſpäter, daß er ſich wirklich der Frömmigkeit ergeben, ſein Amt verlaſſen und in Buße und Wallfahrten ein Leben voll Laſter und Verbrechen zu ſühnen verſuchte. pr. Meyer. Nachtſeiten der Geſellſchaft. Eine Gallerie merkwürdiger Verbrechen und Rechtsfülle. Herausgegeben von Dr. A. Diezmann, Dr. W. Jordan und Dr. L. Meyer. ——— Zweiter Theil. Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. Das Peilchenſträußchen. Aubigny iſt ein hübſches Dorf bei Nanch, und ſeine meiſt aus Stein gebauten Häuſer liegen in einem buſchigen Thale im Schutze eines begrünten Berges, der ihm das reinſte Quellwaſſer liefert. Der beſcheidene Kirchthurm ragt anmuthig über die Kaſtanienbäume hinaus; der Gottesacker iſt kahl wie der Tod; die Verſtorbenen haben keine marmorne Wohnungen; kein Gärtner benutzt ihre Aſche, um Georginen zu ziehen; es wächſt nur Gras mit wilden Blumen dort. Ganz in der Nähe des Gottesackers beſchatten alte Eſchen und junge Linden einen grünen Garten, den Schauplatz der Tänzer und Ballſpieler, und die, welche auf der Straße vor⸗ überziehen, bewundern eine herrliche Ruine, das Portal eines Siechhauſes aus dem zwölften Johrhunderte, weiterhin ein Fenſter mit merkwürdigen Bildhauerarbeiten, an welchem Abailard von Wiſſenſchaft und Liebe träumte, und am Ende des Dorfes ein Thor mit ſpitzen Thürmchen von gothiſcher Bauart darüber. Schöne Obſtgärten ſcheiden die Häuſer von einander; Dornhecken und Flie⸗ dergebüſche faſſen alle Gärten ein, und hier und da befindet ſich vor einem Hauſe eine ſteinerne Bank, über welcher ein Weinſtock ſich hinaufrankt und ein Schwalbenneſt umſchließt. Die Wirths⸗ häuſer haben kein anderes Zeichen als einen Miſtelbüſchel und etwa einen Angetrunkenen, der auf der Schwelle ſitzt und raucht. In dem ganzen glücklichen Dorfe giebt es kaum zwei Uhren, und . 4 wenn man wiſſen will, wie hoch es an der Zeit iſt, ſieht man nach der Sonne. Zeitungen findet man natürlich gar nicht; man begnügt ſich mit dem Kalender, dem beſten Journal, das den Vor⸗ zug hat, jährlich nur einmal zu erſcheinen. Der Schulmeiſter in Aubigny ſchüttelt den Baum der Wiſſenſchaft nicht zu ſehr, der Feldhüter drückt gern ein Auge zu und der Herr Pfarrer auch. In Aubigny wohnte ein Notar, der ein hübſches Haus und eine ſchöne Frau hatte. Sein Notariatsgeſchäft brachte ihm im Durchſchnitte jährlich etwa dreitauſend Thälerchen, die Frau ein hübſches Kind und manches freundliche Lächeln, und das Haus ſchmückte Alles durch ſeinen Garten mit den ſchönſten, duftigſten Blumen. Wenn irgendwo das Glück gefunden werden kann ſo war es hier. Leider ſtand gleich neben dem Hauſe ein im höchſten Grade lockendes Wirthshaus, in dem es drei ſehr hübſche Wirthstöchter gab. Man mußte ſeine Freude haben, wenn man ſie des Sonn⸗ tags, geputzt, den Durſtigen mit den weißen niedlichen Händchen einſchenken und ein freundliches Lächeln obendrein geben ſah. Man hätte ihretwegen zum Trunkenbold werden können. Sind es doch viele Leute wegen weit weniger geworden. So viel iſt gewiß, daß dies Wirthshaus von Aubigny ſo ſtark beſucht war, wie die Hölle, wie ſich der Herr Pfarrer des Ortes auszudrücken pflegte, der aller⸗ dings weit weniger treue Anhänger hatte als das Wirthshaus. Die Mädchen hatten überdies einen kleinen Putzhandel. Mon⸗ tags, wenn das Haus reingekehrt war, bedeckten ſie die Tiſche mit Kleidern, Corſets, Tüchern, Häubchen, Bändern ꝛc., und das Gaſtzimmer ſah dann tauſendmal freundlicher aus, als am Tage vorher. Das eine Mädchen erzählte ſchalkhaft ein kleines Abenteuer aus der jüngſten Chronique scandaleuse; das andere machte Band⸗ ſchleifen und dachte dabei an einen hübſchen jungen Burſchen; das eine beſſerte einen Riß in einem hübſchen Häubchen aus, das andere begoß die Hyazinthen und Vergißmeinnicht im Fenſter mit v—— w—. 5 noch weit größerer Anmuth, als es den Trunkenbolden die Gläſer gefüllt hatte. Die Stadt Troja, homeriſchen Andenkens, wurde aber auch durch den Zorn des Achilles nicht eifriger belagert, als die Fenſter dieſes Wirthshauſes in Aubigny. Wenn die jungen Burſche ſpa⸗ zieren gehen wollten, gingen ſie gewiß hier vorbei. Wie viel wurde durch dieſe Fenſter von Liebe geſprochen! Wie viele Liebes⸗ brieſchen wurden an die Roſenzweige an dieſen Fenſtern geſteckt, und wie viele noch weit feuerigere Blicke drangen hindurch! Es war zu fürchten, daß das Haus endlich wie Troja mit Sturm genom⸗ men und von den Flammen verzehrt würde.“ Der Notar liebte ſeine Frau und ſeine Kinder, ſein Amt und ſeinen Garten; aber welcher Mann würde nicht manchmal müde, immer dieſelben Lippen zu küſſen und dieſelben Blumen zu pflücken, beſonders wenn in der Nähe andere Blumen und andere kußliche Lippen locken, namentlich wenn man ein phantaſiereicher Notar iſt, und vor allen Dingen, wenn die ſchöne Jahreszeit die ganze Welt erwärmt und das All mit ſüßen Düften erfüllt? Unſer Notar war ein Mann von feueriger Seele, der ſein Herz nicht feiern laſſen mochte, allerlei Luftſchlöſſer bauete, viel und gern ſchwatzte, die Erzählungen Voltaire's las, mit dem innigſten Ver⸗ gnügen Teſtamente ſchrieb, früh aufſtand und ſpät zu Bett ging, ein Mann, der zu leben verſtand, mit den Männern, ſeines Amtes wegen, freundlich und gegen die Mädchen und Frauen, ſeiner Natur gemäß, galant war. Man hatte ihn aber auch im ganzen Dorfe gern; ſein Pferd erhielt überall den beſten Hafer und ſeine Hunde wurden in den Salon des Schloſſes wie in das Stübchen der niedrigſten Hütte eingelaſſen. Er wußte die trauernde Wittwe zu tröſten, während er das Inventar des Nachlaſſes ihres Mannes aufnahm, und die Verlobte zu kirren, während er den Heiraths⸗ contract entwarf. Auch vergaß er ſein gutes Recht auf den erſten Kuß nicht; nur überließ er es, wenn die Braut häßlich war, 6 ſeinem Schreiber; aber dies geſchah äußerſt ſelten, denn die Mäd⸗ chen, die in jener Gegend heiratheten, waren faſt ohne Ausnahme arm, d. h. hübſch. Bis zum Jahre 1832 hatte er die Untreue gegen ſeine Frau nicht weiter getrieben, eines Sonnabends im April aber, als er in ſeinem Hofe hin und her ging, gerieth er auf einen Abweg, d. h. er trat an die Thüre ſeines Hauſes, um zu ſehen, ob Leute in Geſchäften zu ihm kämen. Was er da ſah, weiß wohl Niemand. Er ſah zum erſten Male mit den Augen des Herzens die drei Töchter des Wirthes, ſeines Nachbarn, die ein⸗ ander vor dem Hauſe wegen eines Veilchenſtraußes haſchten. Diejenige, welche den ſo viel begehrten und beneideten Veilchen⸗ ſtrauß in der Hand hatte, lief geſchwind nach dem Notar zu und bat ihn mit den Augen um eine Zuflucht. Der Notar nahm, ohne lange darüber nachzudenken, Partei und machte ſich zum Ritter der ſchönen Verfolgten. Wie ſehr ſich auch die Andern bemüheten, das Sträußchen zu erhalten, er vertheidigte ſeine Schutzempfohlene, wenn ich auch nicht behaupten will, bis zum Tode, doch bis— zur Liebe. Als der Kampf beendigt war, er⸗ griff er ſanft das niedliche Händchen und fragte, was er dafür erhalte, daß er ihr den Sieg verſchafft habe. Die kleine Hand bot ihm das Veilchenſträußchen. Das war nun gewiß ein ganz unſchuldiges Spiel, aber— man nehme ſich vor den unſchuldigen Spielen in Acht! Die Schöne mit dem Veilchenſträußchen hieß Cäcilie, und dieſe Cäcilie verbarg unter einem engelgleichen Aeußern ein Herz, das jeder Koketterie fähig war. Sie war die Schönſte der drei ſchönen Schweſtern, aber die Schönheit iſt leider gar oft ein goldener Becher mit ſchlechtem Weine. Ein großer Maler hat einmal ge⸗ ſagt, die Schönheit ſei ein Andenken vom Himmel; es mag wahr ſein, aber die Schönheit ſelbſt denkt nicht an den Himmel; ſie hat viel zu viel auf der Erde zu ſchaffen. Cäcilie ſchlug die Augen nie höher empor, als bis zu ihrem Spiegel; ſie war kokett, 7 kokett, daß man ſich vor ihr hätte fürchten können, d. h. ſie vernachläſſigte ihr Herz zu ſehr. Dagegen läßt ſich nicht leugnen, daß ihr Geiſt dabei gewann; aber was nützt der Geiſt, der auf Koſten des Herzens gepflegt wird? Cäcilie ſtand im zwanzigſten Jahre, beſaß ſchwarze Augen und Alles, was dazu gehört, Phantaſie und bezaubernde Reize, aber keine eigentlichen Liebhaber, außer etwa einige lockere Zeiſige von Aubigny,— einen Schreiber, einen Gerichtsdiener, einen kleinen Pächter und einen Feldmeſſer, die ihre Zeit beſſer zu benutzen wußten, als bei Cäcilien zu ſchmachten. Eine kleine Liebſchaft indeß hatte ſie doch gehabt, und zwar mit einem Schreiber des Notars, der— ſich die Zeit vertreiben wollte. Er hatte zwei Wochen lang der Eitelkeit Cäeiliens geſchmeichelt und als ſie dann erkannte, daß bei dieſem Schreiber von Heirathen nicht die Rede ſein könnte, war ſie mit Waffen und Gepäck in ihr verſchanztes Lager zurückgekehrt. Seit dieſer Zeit hatte ſie ſich ziemlich gelangweilt, aber ihre Eitelkeit war durch die erlittene Niederlage keinesweges verdrängt, im Gegentheil nur noch weit mehr gereizt worden, und ſie wartete mit Ungeduld auf eine Gelegenheit, ſie geltend zu machen. Das genannte Veilchenſträußchen führte dieſe Gelegenheit herbei. Der Notar nahm das Sträußchen, gewiß aus Verſehen und Unachtſamkeit, mit in ſeine Schreibſtube, und am andern Morgen, als ſeine Gedanken eben weiter nichts in Anſpruch nahm, als ein Bogen Stempelpapier, roch er mehrmals an die Blumen, welche bereits die Köpfe zu hängen begannen. Am zweiten Tage, als er einen Clienten hinaus begleitete, bemerkte er das Sträußchen unter dem Auskehricht, welchen die Magd eben fortſchaffen wollte; er hob es auf— vielleicht in Zerſtreuung, aber doch auch mit einer ge⸗ wiſſen heiligen Scheu, und ſteckte es in den Buſen. So ruhete es auf ſeinem Herzen, während Cäcilie von ſeinem Herzen Beſitz nahm. Anfangs dachte Herr Deligny, Eduard Deligny— wir müſſen 8 doch ſeinen Namen nennen— nichts Arges dabei. Es iſt ein Scherz, meinte er und er roch mit ganzer Seele an die Veilchen. Hm! fuhr er fort, einmal im Jahre darf man wohl, ohne gegen ſeinen Heirathscontract zu verſtoßen, nach einem hübſchen Mädchen ſehen und ſich ein freundliches Lächeln gewinnen,— nur ein Lächeln, nicht mehr, ein Lächeln, däs den Glauben an Mahomed's Himmel beſtärkt. Herr Delignh gewöhnte ſich unwillkürlich an, an ſeiner Thüre jeden Morgen Tabak zu rauchen, wenn die Töchter ſeines Wirthes frühſtückten. Er fand immer mehr Vergnügen daran, ſie zu ſehen und zu hören; ſie bewegten ſich mit gar zu reizender Leichtigkeit und Anmuth und plauderten ſo vergnügt! „Eduard,“ ſagte eines Tages ſeine Frau zu ihm,„Du rauchſt jetzt zu unmäßig viel Tabak; Du wirſt Dir ſchaden.“ „Ich weiß es wohl!“ antwortete der Notar, und er rauchte nur um ſo fleißiger früh und gegen Abend. Der Garten des Notars war von dem des Wirthes nur durch eine Mauer getrennt. Da die Blumenzeit kam, ſo beſuchten die drei Schweſtern öfters ihre blühenden Blumenbeete, und es ge⸗ ſchah zu dieſer Zeit häufig, daß der Notar über die Mauer ſchauete, namentlich wenn Cäcilie bei den Blumen war. Eines Tages, als Cäcilie ſich allein in dem Garten befand, warf ſie Deligny mit den ſchönſten Roſen; Cäcilie antwortete eifrig, und das Schlacht⸗ feld war demnach bald mit Todten bedeckt. Da erſchien die Frau des Notars, die höchſt verdrießlich ausrief:„Aber, Mann, wie haſt Du den Pfirſichbaum und den Salat zertreten! Und alle Roſen haſt Du abgebrochen! Biſt Du närriſch geworden?“ „Leider, Frau, habe ich den Kopf verloren,“ antwortete der Natar, der wieder in ſeinen Trübſinn verſank. Ohne irgend etwas dabei zu denken, vergaß der Notar die Schönheit, die Zärtlichkeit und die Tugend ſeiner Frau. Sie war in ſeinen Augen bald nur noch eine Statue, welche zur Zierde 9 des Hauſes diente. Madame Deligny ihrerſeits, die ſich viel mit ihren Kindern beſchäftigte, erfuhr es zu allerletzt, daß ihr Mann ſich durch ſeine ſchöne Nachbarin habe beſtricken laſſen. Uebrigens war Mad. Deligny keineswegs blos eine gute Hausfrau; ſie be⸗ ſuchte trotz ihrer Tugend ſehr gern das benachbarte Dorf, und man rühmte außerordentlich ihre Grazie, mit der ſie tanze und zu Pferde ſitze. Aber das war auch alles Böſe, was man von ihr ſagte und ſagen konnte. k Zur Zeit, als die Akazien blüheten, entfernte ſich der Notar ſehr weit von der ehelichen Treue. Noch war er zwar der Geliebte Cäciliens nicht, aber die Scheidemauer— des Gartens— hatte er überſtiegen. Ueberdies war dieſe abenteuerliche That nach Sonnen⸗ untergang geſchehen. Cäcilie fürchtete ſich dieſen Abend auch gar nicht, ſondern erwartete ihn ganz gefaßt und ſagte, da ſie Ro⸗ mane geleſen hatte:„Noch trennt uns eine Scheidewand.“ „Das war gut geſprochen, Cäcilie. Sie ſind ſchön wie ein Engel, aber Ihr Geiſt iſt gefährlich.“ Der Notar hatte Recht, der Geiſt Cäciliens war der Geiſt des Böſen. Die Artigkeit des Notars hatte ſie etwas kirr gemacht und ſie wurde es immer mehr, ſo daß ſie ſich endlich, che ſie ging, auf den ſammetweichen weißen Hals küſſen ließ. Cäcilie hatte ſich durch die Eitelkeit verlocken laſſen, denn die Eitelkeit verblendete ſie überall und zu jeder Zeit. Der Notar war beinahe ein ſchöner Mann, hatte viel Geld und, für einen Notar, viel Geiſt. Wenn er ausritt, ließ er ſein Pferd vor den Fenſtern des Wirthshauſes paradiren, und dann war er doch auch der Vornehmſte, d. h. der Notar. Erſt nachdem alle Klatſchſchweſtern von Aubigny über Deligny und Cäcilie ſich müde geſchwatzt hatten, erfuhr auch die Frau des Notars etwas von dem öffentlichen Geheimniſſe, und zwar auf folgende Weiſe. Sie pflückte eines Tages Johannisbeeren an der Mauer und bedachte, wie unglücklich Mad. T. und Mad. S., 10 ihre ehemaligen Freundinnen, in der Ehe wären, während ſie ſelbſt alle ehelichen und mütterlichen Freuden genieße. Die arme Frau gab ſich dieſem lieblichen Traume ganz und gar hin, wäh⸗ rend ſie den Finken auf dem nahen Kirſchbaume ſingen hörte und ſich an dem Dufte der Reſeda erquickte, die der Wind zu ihren Füßen bewegte. Mit einem Male richtete ſie verwundert den Kopf empor und horchte geſpannt, denn ſie hörte auf der andern Seite, hinter der Mauer, folgendes Geſpräch. Cäcilie(an der Mauer hingehend). Ich ſage Ihnen, daß Sie mich unglücklich gemacht haben. Man ſpricht in ganz Aubigny von mir. Der Notar(Cäcilien folgend). So ſind Sie durch ſehr wenig unglücklich geworden, liebe Cäcilie. Hören Sie nicht auf das Geſchwätz und glauben Sie nur ſich ſelbſt. Cäcilie. Sie haben gut reden. Was hilft es mir, daß ich ein gutes Gewiſſen habe? Ein gutes Gewiſſen verſchafft einem Mädchen keinen Mann. Glauben Sie, daß mich jetzt Jemand haben will? Kein Burſche zwei Stunden in der Runde mag von mir etwas wiſſen. Der Notar. Das iſt nicht meine Schuld; ſoll Alles verloren ſein, weil ich drei- oder viermal, in aller Unſchuld, über die Mauer geſtiegen bin? Cäcilie(der es endlich gelingt, Thränen in ihre Augen zu bringen,— jene trügeriſchen Thränen, die allen Mädchen und Frauen zu jeder Zeit zu Gebote ſtehen). Wir wollen nicht mehr davon reden; ich werde allein leiden und mich nicht beklagen. Der Notar(ergreift gerührt Cäciliens Hand). Cäcilie, Sie weinen? Cäcilie(noch heftiger weinend). Nein, Herr Notar, ich weine nicht mehr,— im Gegentheil. In dieſem Augenblicke ſah die Frau des Notars über die Mauer hinüber. ——— 11 Die Frau des Notars. Ach, laßt Euch nicht ſtören. Der Notar(durch den unerwarteten Anblick ſeiner Frau wie verſteinert). Wie, zum Teufel, kommt ſie daher? Cäcilie(die ein Paar Schritte zurücktritt). Ich habe es Ihnen wohl geſagt,— übrigens, Madame, iſt das wohl kein großes „ Unglück. Die Frau des Notars. Ich werde mich nicht ſo weit er⸗ niedrigen, Sie anzuhören. Entſchuldigen Sie ſich vor Ihres Gleichen. Aber, was haſt Du zu ſagen, Mann? Notar. Ich habe zu ſagen, daß Du die Herzensangelegen⸗ heit falſch auslegſt. Die Frau. Wie ſoll ich ſie auslegen? Notar. Es iſt nur ein Scherz. Die Frau. Schweig, ſchweig! Ich weiß, was ich weiß. Die Wände haben Ohren. Mad. Deligny nahm ihr Körbchen mit den Johannisbeeren und kehrte in ihr Zimmer zurück. Cäcilie, der dieſe Störung ſehr gelegen gekommen war, heu⸗ chelte einen tiefen Schmerz und ſagte mit bebender Stimme zu dem Notar:„Leben Sie wohl und ängſtigen Sie ſich nicht mei— netwegen. Die Thränen werden mir das Herz erleichtern.“ Dieſe letztern Worte erſchütterten das Herz Deligny's vollends und er ſagte:„Leben Sie wohl, Cäcilie, aber wir ſehen uns wieder.“ Der Notar ſtieg entſchloſſen über die Mauer und Cäcilie ging nach dem Wirthshauſe zu. Als ſie beinahe unter die Fliederbäume gelangt war, welche die Thür des Gartens beſchatteten, drehte ſie ſich troſtlos um. Der Notar war verliebter als je und dachte bei ſich:„Wie iſt aus dieſer Sache herauszukommen?“ ——,— Mad. Deligny ſaß in ihrem Zimmer und weinte bittere Thränen. Anfangs war ſie höchſt unwillig und zornig geweſen; aber ſie konnte, wie alle edeln Naturen, nichts thun als weinen. Der Notar ſeinerſeits fand, als er in ſein Zimmer zurückkam, ſehr zu gelegener Zeit einen Kaufcontract tzu entwerfen. Cäcilie dagegen flüſterte vor ſich hin:„Meines Gleichen! meines Gleichen! Da⸗ für ſoll ſie mir büßen.“ Dieſer Vorſatz wurde auf ſchreckliche Weiſe in Ausführung ge⸗ bracht; aber wir folgen der Geſchichte Schritt für Schritt. Cäcilie ging, während ſie jene Worte vor ſich hinſprach, durch das Gaſtzimmer und ſetzte ſich an einem auf die Straße gehenden Fenſter nieder. Ihre beiden Schweſtern waren an den Brunnen gegangen. Es war beinahe finſter,— ein ſchöner, ſtiller Abend, der wohl alle unruhigen Herzen beſänftigen konnte. Cäcilie aber ſah weder die Klarheit des Himmels, noch die Schönheit der Erde; ihr Herz war von Rache erfüllt, ihre Eitelkeit ſchürte das Feuer und ſie gab ſich dieſen beiden Gefühlen mit einer gewiſſen Wonne hin. Auch der Zufall trieb ſie auf dieſem dunkeln Pfade weiter, denn als ſie auf die Straße hinausblickte, ſah ſie die Modehändlerin aus der nahen Stadt vorübergehen. Sie hatte einen blauen Hut mit Blumen, der für die Frau des Notars beſtimmt war, in der Hand. Cäcilie ſeufzte bei dem Anblicke des ſchönen Hutes und dachte bei ſich: „Ach, wenn ich doch auch einen Hut hätte!“ Von dieſem Augenblicke an war ſie eiferſüchtig auf Madame Deligny, des Mannes derſelben wegen, aber noch mehr wegen der Hüte. „Wer weiß,“ fuhr ſie fort,„wer einſt die Hüte trägt.“— Der Notar ſeinerſeits bemühte ſich in ſeiner Schreibſtube, ein Abkommen zwiſchen ſeinem Herzen und ſeiner Pflicht zu Stande zu bringen. Die Pflicht ſprach ſehr laut und erinnerte ihn an ſeine Stellung in der Welt, an ſein Amt, ſeine Familie und ſeine Frau, aber— Cäcilie, die ſo ſchöne Augen hatte, einen ſo hüb⸗ ſchen Mund und etwas ſo unbeſchreiblich Reizendes in ihrem Lächeln!— Nur die, welche ſich durch ein hübſches Geſichtchen ————————————— —— * „— —— 13 unbewußt haben verlocken laſſen, wiſſen, wie ſchwer der Kampf und der Sieg iſt. Der arme Notar, der eine lebhafte Phantaſie und ein leicht entzündliches Herz beſaß, war dem Kampfe nicht gewachſen, zumal da er ſich immer noch mit der Hoffnung ſchmei⸗ chelte, Cäcilien auf irgend eine geheimnißvolle Weiſe wieder zu ſehen. Das erwähnte Uebereinkommen lautete nun ungefähr alſo: „Ich werde meine Frau durch verdoppelte Zärtlichkeit beſänftigen und ſie, ſo oft als es ihr gefällt, zum Tanze gehen laſſen; dafür ſehe ich Cäcilien wieder, aber nicht mehr am hellen Tage; da ſie mich liebt, wird ſie überall hinkommen, wohin ich ſie rufe, und ich werde deshalb irgendwo in der Nähe ein Verſteck ausfindig machen, das der Teufel nicht errathen ſoll. Mit der Zeit wird die Liebe vergehen; vielleicht läßt ſich Cäcilie auch durch Geld tröſten; ſie hat eine Tante in Nanch; ſie mag dahin gehen und ſich mit meinem Gelde einen Mann ſuchen. Dann werde ich wieder der beſte Ehemann von der Welt. Dieſes Uebereinkommen iſt von den Parteien, d. h. der Liebe und der Pflicht, getroffen und genehmigt worden zu Aubigny, vor dem Notar, ohne Zeu⸗ gen ꝛc.“ Vier Tage lang blieb der Notar ſeiner Schreibſtube, wenn nicht ſeinen ehelichen Pflichten, treu; er widmete ſeine ganze Zeit den Geſchäften und war ungemein fleißig. Seine Frau fing an, ihm im Herzen zu verzeihen, wenn ſie ſich auch noch nichts merken ließ. Er ſelbſt hatte Cäcilien faſt ein wenig vergeſſen; noch vier Tage und die Geſchäfte würden die thörichte Liebſchaft ganz beſei⸗ tigt haben. Eines Morgens aber berief man ihn wegen eines Teſtamentes nach Maſſy; er ging hin und entwarf das Teſtament; auf dem Rückwege, in dem Wäldchen von Fontaine-Rouge, be⸗ gegnete er Cäcilien, die graziös auf einem Eſel ritt. Dieſe rei⸗ zende Erſcheinung unter den grünen Zweigen des Weges, in der duftigen Morgenfriſche, war ein ſchickſalsſchwerer Schlag, dem der Notar nicht entgehen konnte. „Cäcilie!“ rief er,„Sie ſind es, Gott ſei gedankt! Wohin wollen Sie?“ „Nach Maſſy, zu meiner Cuufine Dumont.“ Cäcilie war roth geworden, als ſie den Notar erblickte. Sie war noch viel ſchöner und der Notar betrachtete ſie mit wahrer Bewunderung. Da er ſich mitten in den Weg geſtellt hatte, ſo blieb der kleine Eſel ſtehen und ſchüttelte die Ohren. „Sie wiſſen nicht, Cäcilie, wie ſehr ich mich freue,Sie hierzu ſehen.“ „Ich habe Sie ſehr lange nicht geſehen, Herr Notar,“ ent⸗ gegnete ſie mit einem halb ſpöttiſchen, halb bittern Lächeln. „Das weiß ich leider noch beſſer als Sie, Cäcilie, aber man muß ſich in das Unglück fügen.“ „So iſt alſo Alles vorbei!“ flüſterte ſie betrübt. „Ach, nein, nein, es iſt nicht Alles vorbei, Cäcilie. Haben wir einander nicht viel, viel zu ſagen?“ Cäcilie ſchwieg; denn das Schweigen— iſt beredt. „Hören Sie mich an, Cäcilie: Ich habe ein kleines Hanffeld hinter meinem Garten gekauft und werde da Ihnen zu Ehren einen kleinen Pavillon bauen, deſſen Schlüſſel ich nicht aus der Hand gebe. Abends könnten Sie dahin kommen und es erführe Nie⸗ mand etwas davon, nicht einmal Ihr Beichtvater.“ Cäcilie ſchwieg noch immer. „Wie ſchön Sie in dem Häubchen und dem kleinen Buſentuche ausſehen!“ „Ich denke,“ entgegnete Cäcilie lächelnd,„in einem Hute und einem Shawl würde ich auch nicht häßlicher ſein.“ „Sie ſind jetzt ſchön und würden unter allen Geſtalten, mit oder ohne Shawl, ſchön ſein. Was hindert Sie, einen Shawl zu tragen, wenn er Ihnen gefällt? Ach, wenn ich mit Ihnen in Paris wäre, wie gern würde ich Sie herausputzen! O, wie rei⸗ zend müßten Sie ausſehen in einem leichten Hütchen, mit einem herumflatternden Langſhawl!“ 15 Weiter kam es bei dieſem Begegnen nicht; der kleine Eſel wurde ungeduldig, denn er wußte, daß es in Maſſy ſüßes Heu gab. „Leben Sie wohl, Cäcilie, ich erwarte Sie im Pavillon.“ „Auf Wiederſehen, Herr Notar.“ Sie ſahen ſich oft zärtlich nach einander um, und thaten dies auch noch, als ſie einander nicht mehr ſehen konnten. Dieſe Er⸗ ſcheinung Cäciliens wich lange nicht von den Augen des Notars, und er rief oft aus: „Wie himmliſch ſah ſie an jenem Morgen auf ihrem kleinen wilden Eſel mit dem rothen Kleide und dem niedlichen Häubchen aus!“ Er ließ den Pavillon am Ende des Gartens bauen. Ach, als er den erſten Stein dazu legte, erſchütterte er ſein Haus gewaltig. Was geſchah in dieſem Pavillon? Der Notar erzählte Jeder⸗ mann, er ſchreibe dort ſeine wichtigſten Acten; in Aubigny ſagte man aber, man ſähe häufig Abends im Dunkel eine weibliche Geſtalt unter dem Fliedergebüſch am Pavillon, die dann plötzlich verſchwinde. Mad. Deligny vergoß die bitterſten Thränen; denn die arme Frau konnte in ihrem Schmerze nichts thun, als weinen. Zwar trocknete ihr der Notar bisweilen die Thränen ah, aber die Quelle derſelben verſtopfte er nicht. Gleichwohl war er aufrichtig zärtlich und beſorgt bei ſeiner Frau, und er ſchwur bei ſich ſelbſt und bei dem Schatten ſeines verſchwundenen Glückes, nicht mehr auf dem Pfade der verderblichen Leidenſchaft zu wandern; ſobald er aber Cäcilien wiederſah, unterlag er auch immer wieder dem Zauber von neuem. Cäcilie war gleichſam die Schlange der Bibel; ſie bezauberte ihn durch den erſten Blick. Der liebe Gott begann die Schöpfung des Weibes, die Schlange vervollſtändigte ſie. Uebrigens hatte der Notar in dem Pavillon nicht eine Stunde wahren Glückes. Obwohl Cäcilie ſehr reizend war, ſo dachte er doch immer an ſeine Frau, die weinte. Zwiſchen dieſer doppelten Liebe, der von dem Himmel und von der Erde geſegneten Liebe, der ruhigen, innigen, bis zum Tode ergebenen Liebe, der Liebe, deren man ſich überall rühmen kann, deren man ſich nirgends zu ſchämen braucht, und jener thörichten, jener unſinnigen Liebe, jener Liebe voll Angſt und Schmerzen, die, wie die heilige Schrift ſagt, Salz auf den Acker des Lebens ſtreut, zwiſchen dieſen beiden ſo ganz verſchiedenen Frauen hin- und herſchwankend, fühlte er endlich, daß er ſo das Glück nicht finde; aber es war bereits zu ſpät; er ging mit ſtarken Schritten ſeinem Verderben entgegen. Ob er ſich auch ſträubte, Cäcilie zog ihn mit ſich fort, und die Gefahr ſelbſt iſt ein Reiz. Auch Cäcilie fühlte Reue; die Eitelkeit hatte ihr Herz noch nicht ganz erfüllt; der Himmel, der immer mit ſeinen irrenden Kindern Mitleiden hat, ſandte ihr von Zeit zu Zeit einen guten Gedanken, einen reinen Thau, der ſich auf ihre Vergehen ſenkte; ja ſie weinte bisweilen mit wahrem Schmerze, ſie erkannte ihre Schuld, betete zu Gott, und nahm ſich vor, umzukehren. Aber allmälig ſtrich der rauhe Wind der Welt über dieſe Himmelsge⸗ danken, über dieſen Schmerz, dieſes Gebet und dieſe Reue; ſie gab der Verſuchung nach, tröſtete ſich mit ihrem Spiegel und be⸗ täubte ſich durch falſche Freuden.— Was nützt denn auch die Tugend? fragte ſie ſich dann, wenn auch ganz leiſe. Die Tugend verſchafft mir vielleicht einen Bauerburſchen in Sonntagsſtaat, bei dem ich das Feld umgraben und das Haus auskehren muß, der mir die Zeit nicht giebt, mein Haar zu ordnen und zu fingen; das mag für Adelen und für Sophien gut genug ſein; mir iſt etwas beſſeres beſtimmt; bin ich es überdrüſſig, hier ſchön zu ſein, ſo gehe ich anders wohin, nach Paris.— Cäcilie hätte eine kleine Todſünde begangen, wenn ſie dadurch nach Paris hätte kommen können. Sie träumte Tag und Nacht von Paris. Der Notar nahm in ihrer Seele keinen großen Platz ein, in ihrem Herzen gar keinen.— Er hat mich in ſchlimmen Ruf gebracht, und kann 17 mich nicht ſitzen laſſen; habe ich mich an ſeiner Frau genug ge⸗ rächt, iſt er meiner überdrüſſig, dann gehe ich mit ſeinem Gelde nach Paris.“ So denken und ſprechen die Mädchen, wenn ihnen die Unſchuld nicht mehr am Herzen liegt. Das Glück, welches bis dahin das Haus des Notars begünſtigt hatte, entfloh unterdeß, um nimmer wiederzukehren. Ja, das Unglück ſtellte ſich ſtatt des Glückes ein. Die Notariatsſtube in Aubigny gehörte zu den am wenigſten beſuchten, wenn ſich nicht ein ſehr tüchtiger Notar darin befand; es giebt in der Umgegend ſo viele Notare, daß die Geſchäfte nicht wiſſen, wohin ſie ſich wenden ſollen, und die Notare ſehr aufmerkſam ſein müſſen, um ſie an ſich zu ziehen. Der Notar von Aubigny ließ aber ſeit eini⸗ ger Zeit die Geſchäfte gehen, wie und wohin ſie wollten, und ſeine Schreibſtube gewann dadurch eben nicht. Die Leute zichen die Notare vor, welche ſich ihrer Geſchäfte recht ernſtlich anneh⸗ men; die Zerſtreuten werden nicht beachtet, und zu dieſen gehörte der von Aubigny bald. Sein Vermögen war das glänzendſte nicht; er hatte 25,000 Fres. von ſeinem Vater geerbt; ſeine Frau hatte ihm außer ihrer Tugend und Schönheit 50,000 Franes zugebracht, und in den letzten fünf⸗ zehn Jahren hatte er ſich 50,000 Francs erſpart; das war Alles. Das Notariatsgeſchäft war übrigens durch Alles dies kaum bezahlt. Seine Frau ſollte noch mehr erben, aber vielleicht erſt ſpät, und Herr Deligny hatte alſo gar keine Zeit zu verlieren; er konnte in einigen Jahren ſehr viel einbüßen. Er ahnte dies mit Schrecken. Ja dachte er eines Abends,„dem Glücke wird das Vermögen nachfolgen.“ Wenn das Vermögen entſchwinden will, iſt es durch nichts zurückzuhalten; jeder Schritt, den man in dieſer Abſicht thut, entfernt Einen zwei davon. Deligny kaufte, wie es andere reiche Leute vor ihm gethan hatten, ein kleines Schloß mit Zu⸗ behör, um es zu zerſchlagen und einzeln wieder zu verkaufen, aber er verlor zwanzigtauſend Francs dabei. Gleichzeitig war er der 2 18 Gläubiger eines Kaufmanns in Rouen geworden„ der ſehr bald darauf Bankerott machte. Kurz, nach einem Jahre ſtand Deligny am Rande des Verderbens. Eines Morgens, als er allein in ſeinem Zimmer ſich befand, ſein Leben überdachte, die Erinnerung an früheres ruhiges Glück vor ſeiner verderblichen Liebe zu Cäcilien heraufbeſchwor und da⸗ bei den Stand ſeines Vermögens überrechnete, ſtellte ſich ihm ſein unglück deutlicher als je vor die Augen. Da erfaßte ihn die Verzweiflung mit aller Macht, und er weinte wie ein Kind. Seine Frau, die alle ſeine Schritte belauſchte, horchte in die⸗ ſem Augenblicke an der Thüre, um wo möglich ein Wort der Reue zu vernehmen. Sie hörte ſchluchzen und öffnete ſofort raſch die Thüre. Der Notar hatte ſich kaum umgedreht, als ihn ſeine Frau umſchlang und ausrief: „Ach, endlich weinſt Du. Gott ſei gelobt; Du weinſt, armer Eduard, und biſt nun gerettet.“ Während ſie ſo ſprach, küßte ſie ihm die Thränen von den Wangen. Der Auftritt war rührend. Der Notar legte ſein ſorgenſchweres Haupt an den klopfenden Buſen ſ einer Frau und athmete ſeit langer Zeit wieder freier. „Nicht wahr,“ ſagte ſie zu ihm,„es gehört wenig dazu, um das Herz wieder aufzurichten; aber, böſer Mann, Dein Herz iſt noch nicht geneſen. So lange der Pavillon ſteht, wirſt Du nicht frei umherzugehen wagen. Lieber Mann, laß den unglücklichen Pavillon abtragen und pflanze eine Trauerweide auf die Ruinen.“ „Ja,“ entgegnete Deligny,„ja, ich will dies Gebäude mei⸗ nes Unglücks ſelbſt einreißen und einen Stein nach dem andern abtragen. Arme Lucilie, vergieb mir; ich bin undankbar, aber nicht ſchlecht; ein böſer Engel zicht mich gegen meinen Willen fort; aber von nun an will ich mich mit aller Kraft an Dich feſt⸗ halten und ich ſchwöre Dir—“ un the bö 19 „Genug, kein Wort mehr davon,“ unterbrach ihn ſeine Frau, indem ſie den Reuigen küßte.„Ich vertraue und glaube Dir.“ Nach einer Pauſe fuhr ſie dann fort:„Ich weiß Alles; Du bemühſt Dich vergebens, Deine Geſchäftsſachen zu verbergen, von— den andern ganz zu ſchweigen.— Ich weiß, daß Dich das Un⸗ glück verfolgt, und daß uns kaum ſo viel übrig iſt, um allenfalls mit Mühe und Noth davon leben zu können. Aber fürchte Dich nicht, noch iſt nicht Alles verloren, wenn Du mich liebſt; mein Vater wird Mitleid mit Deinen Verirrungen haben, und übrigens bin ich ja da(ſie zeigte auf das Herz ihres Mannes) und will da bleiben. Hatte ich doch meinen Platz da in der ſchönſten Zeit, und es iſt gewiß nicht viel gefordert, wenn ich in der ſchlechten meinen Platz wieder in Anſpruch nehme... Haſt Du mich wieder da aufgenommen, ſo wird Dir keine Zeit übrig bleiben zu Ge⸗ danken an—“ „An das ſchwarze Brot, das Du durch meine Schuld eſſen mußt, nicht wahr? Arme, liebe Frau! Ich will nicht mehr ſo ſchlecht ſein, Dich Noth leiden zu ſehen; Du haſt Alles für mich gevpfert, als ich es nicht würdig war, haſt mit Freuden Dein Vermögen hingegeben und würdeſt Dein Todesurtheil unterſchrie⸗ ben haben, wenn ich es verlangt hätte; ich will mich nun nach meiner Art rächen für dieſe Aufopferung, die mich niederbeugt. Wir ſind jetzt neu vereint, und der Himmel wird nicht mehr zür⸗ nen. Mit Deiner Hülfe, durch Deine Liebe werde ich mich wieder aufrichten. Laß mich Dich küßen mit meinen noch entweiheten, aber bereits wieder gereinigten Lippen.“ Sie küßten einander voll Innigkeit, drückten einander die Hand, und ihr Blick ſchien zu ſagen: rechne auf mich. Der arme Notar meinte es ſo ehrlich, daß er aus ſeiner Bibliv⸗ thek den vertrockneten Veilchenſtrauß holte, an den er in ſeinen böſen Tagen immer gern gerochen hatte.„Nimm dieſen Strauß, 2* 20 meine arme Lucilie,“ ſagte er,„der die größte Schuld trägt. Es iſt Alles, was ich von Cäcilien habe.“ Deligny erzählte nun, was ich erzählt habe; wie die drei Mädchen des Schenkwirthes einander wegen des Veilchenſtraußes verfolgt hätten, und wie er Cäcilien vertheidiget und dabei von Netzen derſelben umſtrickt worden ſei. Madame Deligny nahm ſeufzend den Strauß, der jetzt ein koſt⸗ bares Pfand der Wiederverſöhnung geworden war. Ach, am Abend deſſelben Tages brach der Notar ſchon wieder das heilige Verſprechen, das er ſeiner Frau gegeben hatte. Er begab ſich in den Pavillon, um für immer mit Cäcilien zu bre⸗ chen. Sie ließ diesmal lange auf ſich warten. Wird man es glauben? Deligny war ſo daran gewöhnt, ſie wie einen Schatten durch das Gebüſch ſchlüpfen und in ſeine Arme fliegen zu ſehen, daß er eine gewiſſe Leere fühlte, als ſie nicht kam. Er liebte ſeine Frau, ja, aber er liebte leider! auch Cäcilien. Endlich kam ſie; aber ſie ging dieſen Abend langſam wie eine Geliebte, die zum letzten Male den Ort der Zuſammenkunft mit dem Geliebten verläßt. Sie erſchien troſtlos und niedergeſchlagen, mit dem Blick des Unwillens im Auge, in dem Pavillon, ſetzte ſich ſchweigend auf das kleine Canapee und ſchien Worte des Tro⸗ ſtes von dem Notar zu erwarten. „Was iſt Dir?“ fragte Deligny. „Deine Frau iſt bei meinem Vater geweſen und hat ihm geſagt, ich ſei Deine Maitreſſe, und zwar gerade in einem Augenblicke, als mein Vater wegen einer armſeligen Summe von dreitauſend Francs unbarmherzig verfolgt wurde. Wir haben nur das eine Haus, das ſoll verkauft werden, und man wird uns herausſtoßen.“ Deligny wußte nicht, was er ſagen ſollte. „Aber,“ fuhr Cäcilie fort,„warum theile ich Dir meinen Kummer mit?“ „Cäcilie, ich bin tief gerührt, aber was kann ich thun?“ m ch ket kei da mnt Ge Cäq ſch er Er re⸗ ten en, ine ine mit en, tzte ro⸗ gt, icke, ſend eine n inen 21 „Sprichſt Du doch, als wäre ich Dir ganz fremd. Geh, Du biſt ein Notar und nichts weiter.“ Es folgte eine Pauſe auf dieſe Worte, und Deligny ließ ſich gegen ſeinen Willen durch die Thränen Cäciliens erweichen. Er meinte, als Mann von Ehre dürfe er ſie nicht verlaſſen, da ſich eben ihre Familie in Noth befinde und gerade von dem Spotte und den böſen Zungen des Dorfes mehr als ſonſt verfolgt werde. Statt ſich für das Opfer Cäciliens zu halten, ſah er in ihr ſein Opfer; er verwünſchte ſeine unſelige Liebe, aber konnte er auch die verwünſchen, welche zum Entzücken ſchön war? Zwar kam es ihm zuweilen vor, als meine ſie es mit ihrer Liebe nicht ehrlich, wenn er aber bedachte, daß ſie durch dieſes Spiel doch nichts ge⸗ winne— und wer im Leben nichts gewinnt, verliert— kehrte bald ſein früheres Vertrauen zurück. Das Mädchen, das in ſeiner Verirrung noch weiter gehen wollte, bot dieſen Abend, nachdem ſie den Schmerz, die Seufzer und Thränen angewendet hatte, ihre ganze Verführungskunſt auf. Ob⸗ gleich der Notar die Augen zudrückte und an ſeine Frau dachte, er erlag dem Zauber und verſchob den Bruch mit Cäcilien auf den nächſten und denn wieder auf den nächſten Tag. An dieſem Tage erſchien der Wirth bei dem Notar, nicht um mit ihm von ſeiner Tochter, ſondern von ſeinem Hauſe zu ſpre⸗ chen, das ihm mehr am Herzen lag. Der Wirth war ein Trun⸗ kenbold und hatte auch, ehe er zu dem Notar ging, ſo viel getrun⸗ ken, daß er nicht feſt auf den Beinen ſtehen konnte. Deligny dachte bei ſich;„ich habe freiwillig den böſen Weg betreten und mußte auf ſchlimme Folgen gefaßt ſein.“ Er gab dem Wirth Geld, mehr aus Beſorgniß vor gewiſſen Enthüllungen, als um Cäcilie angenehm zu ſein. Der Wirth unterſchrieb einen Schuld⸗ ſchein und ſagte dann mit ſchrecklichem Lachen: „Sie werden nichts dabei verlieren, Herr Deligny; Sie ſind gedeckt; haben Sie nicht die Cäcilie?“ 22 Das waren ſchreckliche Worte und ſie ſchnitten dem Notar ins Herz. Der Wirth aber ging ganz vergnügt mit ſeinem Gelde fort. Nun fing in Aubigny Alles an, von der Unordnung in dem Notarsbureau Vortheil zu zichen, zuerſt der Schreiber; er ver⸗ ſchwand und hinterließ die Geſchäfte in noch größerer Verwirrung. Ein Bewohner von Aubigny, der, man wußte nicht wie, reich geworden war, ſetzte ſich in den Kopf, auf Koſten des Notars einen Schlag zu machen. Sie hatten mit einander ein kleines recht einträgliches Gut gekauft, um daſſelbe zu parzelliren. Der Mit⸗ eigenthümer, der hörte, daß der Notar in Verlegenheit ſei und nicht wiſſe, wie er ſich herausziehen ſolle, meinte, er würde ihm wohl billig ſeinen Antheil an dem Gute abtreten. Er ging zu ihm, aber der Notar ließ ſich nicht überreden; ja, er ärgerte ſich über den Antrag ſo ſehr, daß er dem Manne, um mit ihm gar nichts mehr zu thun zu haben, 5000 Franes Gewinn bot, wenn er ihm ſeinen Antheil abtreten wolle. Der Mann ließ ſich dazu bereden. Er hatte für ſeinen Theil 50,000 Franes gegeben. Der Notar konnte dieſe Summe wohl aufbringen. Das Gut war ja Bürgſchaft. Der Miteigenthümer begnügte ſich mit dem kleinen Gewinn und trat ſeinen Antheil ab. Mit dem armen Notar ging es immer ſchlimmer; ſein Vermö⸗ gen ſchmolz ganz und gar. „Ich muß um jeden Preis aus dieſer Verlegenheit heraus,“ ſagte er aufgebracht;„ich muß mich wieder aufrichten und durch neues Glück die Leute ärgern, die ſchon lachen und morgen vielleicht mit den Fingern auf mich weiſen. Noch iſt nicht Alles verloren.“ Alles war verloren, nur die Ehre nicht, und die Ehre— hing an nichts mehr. In jeder Stunde verfolgte den Notar ein böſer Geiſt. Er ſollte den Tag nach der Ceſſion ſeinem Mitkäufer die 5000 Franes Gewinn bezahlen. An dieſem Tage ſchrieb er, wäh⸗ rend er den Mann erwartetete, eine Quittung: 23 n8„Ich, der Unterzeichnete, Stephan Lerour, bekenne, von „ Herrn Eduard Deligny, Notar in Aubigny, die Summe „von fünftauſend Franes in klingenden giltigen Münz⸗ „ſorten außer der Kaufſumme für die Abtretung des Gutes M. m 5„erhalten zu haben und beſcheinige dies hiermit.“ ich„Aubigny, den 12. Juli 1833.“ en Während der Notar dieſe Quittung ſchrieb, wurde er von ſei⸗ cht nem böſen Geiſte gepeiniget, verblendet. Ach, ſagte er, wenn it⸗ das eine vollſtändige Quittung über die völlige Abtretung wäre, nd könnte ich heute noch das ganze Gut an T. verkaufen und würde m morgen Geld haben, um die zu befriedigen, die zu klagen und zu zu drohen anfangen. ich Er ſah ſich um und erröthete. Er erſchrak über ſich ſelbſt, a ſtand auf und ging zu ſeiner Frau. Die Frau war ausgegangen; nn er war allein und der böſe Geiſt hatte alſo freies Spiel. Ja! zu dachte er, wer betrügt, kann wieder betrogen werden. Er dachte er lange nach und verſank mehr und mehr in verbrecheriſche Gedanken. 16 Endlich bildete er ſich ein, wenn er den Andern mit dem feſten Vor⸗ ſatze betrüge, ihm keinen Schaden zuzufügen, d. h., ihm zu der im Contract angegebenen Zeit die Summe zu zahlen, da begehe er nichts Unrechtes; ja, er verhindere durch die trügeriſche Quit⸗ tung großes Unglück; er verkaufe das Gut gegen baare Zahlung, , aber im Stillen, an Herrn von T., der ein Ehremann ſei und rch der das Geheimniß nicht verrathen werde; mit dem Gelde, das er für das Gut erhalte, könne er ſeine Geſchäfte einigermaßen wie⸗ lles. der ordnen und ſpäter werde es ſchon beſſer gehen. Er nahm die Feder wieder und ſchrieb eine andere Quittung, ohne ſich geſtehen zu wollen, daß er Gebrauch davon machen würde. die Ich, der Unterzeichnete, Stephan Lerour, bekenne, von „Herrn Eduard Deligny, Notar in Aubigny, die Summe von äh⸗ 3 „fünf tauſend Franes in klingenden giltigen Münzſor⸗ 24 „ten ein für allemal für die gänzliche Abtretung des Gutes „M. erhalten zu haben und beſcheinige dies hiermit.“ „Aubigny, den 12. Juli 1833.“ Kaum hatte er die letztern Worte geſchrieben, als die Thüre ge⸗ öffnet wurde und Stephan Lervur hereintrat. „Nun, Herr Deligny, iſt die Quittung bereit?“ Der Notar erbleichte. „Sie meinen das Geld?“ ſagte er, indem er zu lächeln ver⸗ ſuchte. „Das Geld und die Quittung natürlich.“ Während des Geſprächs hatte der Notar die zweite Quittung weggelegt mit dem Vorſatze, keinen Gebrauch davon zu machen. Da Lervur Eile zu haben ſchien, ſo zählte er ihm ziemlich ſtill die 5000 Francs hin, dann las er ihm die erſte Quittung vor. Lerour hörte geſpannt auf jedes Wort und ging einige Male in dem Zimmer hin und her, um zu überlegen, ob er nichts wage, was er jedesmal fürchtete, wenn er ſeinen Namen unterſchrieb. „Es iſt gut, es iſt gut ſo,“ ſagte er dann nach ſeiner Ge— wohnheit,„ich kann das unterſchreiben.“ Dann ſetzte er ſeine Brille auf, nahm eine Feder und bog ſich über den Schreibtiſch. Bei dem Aufſtehen hatte der Notar ein Buch weggeſchoben, unter dem die zweite Quittung lag, und in Folge eines der ſeltſamen zu⸗ fälligen Ereigniſſe, welche den Glauben erregen können, das Schick⸗ ſal ſpotte unſerer, nahm Lervur dieſe Quittung, um ſie ohne Arg zu unterzeichnen. Er warf einen flüchtigen Blick darauf wie ein mißtrauiſcher Menſch, der ſein Mißtrauen nicht merken laſſen will, und ſah das Wort fünf.„Es iſt richtig, es iſt richtig,“ dachte er bei ſich, während er bei dem Unterſchreiben das Datum las. Der Notar ſah den Irrthum; er konnte ſich noch retten, er wollte nachdenken, aber durch Rachdenken wäre Zeit verloren worden und mit der Zeit war Alles verloren. Er nahm die andere Quittung weg, indem er that, als ſuche er einen Brief; er erröthete und h abwechſend,— er litt wahre Höllenpein. Lervur ging mit dem Gelde fort, Deligny athmete wieder etwas freier. Wäre er in dieſem Augenblicke vor den Spiegel ge⸗ treten, er würde vor ſich ſelbſt erſchrocken ſein. Um in der freien Luft ſich zu beruhigen, ging er in ſeinen Garten und er war mit ſeinen Gedanken ſo ſehr beſchäftiget, daß er ſeine Frau nicht kom⸗ men ſah. Als ſie vor ihm ſtand, fuhr er zurück wie ein böſer Geiſt vor einem Engel. Er wagte nicht mehr zu weinen, er hatte keine Thränen mehr. koch denſelben Abend hatte der Notar eine Beſprechung mit dem Grafen von T. wegen der Meierei. Sie dauerte nicht lange. Deligny verkaufte ſie ohne Verluſt, aber auch ohne Gewinn und kam mit dem Grafen überein, daß derſelbe am zweiten Tage 15,000 und am Ende des Monats 60,000 zahle, dagegen 25,000 zurück⸗ behalte, um wegen einer Hypothek von dieſem B etrage geſichert zu ſein, welche der Notar binnen ſechs Wochen löſchen zu laſſen ver⸗ ſprach. Unter den Urkunden übergab er auch die verderbliche Quit⸗ tung, da er hoffte, ſie würde nie vorgezeigt werden, und da er die Gewißheit hatte, Stephan Lerour zur beſtimmten Zeit zu bezahlen. Ehe Deligny unterſchrieb, theilte er dem Grafen von dem Stande ſeiner Angelegenheiten ſoviel mit, als mittheilbar war; der Graf hielt ihn für einen etwas leichtſinnigen Mann, der ſich gegen das unglück nicht zu ſchützen vermocht habe; ſeine kleinen Liebesabenteuer waren ihm wohl auch bekannt, aber wer will in ſolchen Dingen den erſten Stein aufheben? Der Graf von T. beklagte alſo Deligny und erbot ſich, den Kauf nicht definitiv, ſondern auf Widerruf bzuſchließen. Ehe Deligny unterſchrieb, bat er ferner den Gra⸗ ſen, von der Sache durchaus zu ſchweigen;„laſſen Sie den Kauf vyr der Hand unter uns bleiben; wenn man etwas davon erfährt, bu ich verloren!“ Der Graf gab ihm ſein Ehrenwort. Als der Notar wieder in ſeiner Schreibſtube ankam, ſank er 26 auf ſeine Kniee nieder und betete inbrünſtig zu Gott, ohne aber zu wagen, die Augen zum Himmel aufzuſchlagen. Zwar durch das Gebet etwas beruhigt, aber doch noch immer durch die ſchrecklichſten Gewiſſensbiſſe gefoltert, eilte er in ſeinen Pavillon und zertrümmerte da, wie ein Wahnſinniger, Alles, was er mit den Händen und Füßen zertrümmern konnte. Zuerſt zer⸗ brach er einen Spiegel, in welchem er tauſendmal das Bild Cä⸗ ciliens bewundert hatte, dann warf er ſämmtliche niedliche Meubels dieſes entweiheten Ortes durch das Fenſter hinaus. „Der Pavillon ſoll ſtehen bleiben,“ ſagte er,„aber öde ſoll er ſein, allen Winden zugänglich, und ich will da unter den Eulen und Fledermäuſen weinen und wehklagen.“ „Ach!“ begann er dann wieder, als ſein Zorn ſich gelegt hatte, „wenn Cäcilie käme, würde ich doch nur die Kraft haben, vor ihr auf die Kniee zu fallen. Ach, Cäcilie, komme nicht, es wäre um Dich geſchehen; ich würde Dich ermorden, der Pavillon würde das Sterbelager für uns Beide werden. Kommenicht, Cäcilie, kommenicht.“ Abends kam Cäcilie, aber der Notar war nicht da. Sie er⸗ rieth ſo ziemlich, was geſchehen war, als ſie die Trümmer des Spiegels ſah, jenes Spiegels, des Gegenſtandes, den ſie von Allem in dem Pavillon, den Notar eingeſchloſſen, am meiſten liebte. „Der Elende!“ ſprach ſie bei ſich; aber Geduld, noch iſt er nicht am Ende ſeiner Leiden.“ Der Graf von T. hielt ſein Ehrenwort, aber er hatte in ſei⸗ nem Dienſte einen Bauer aus Aubigny, der das Amt eines Haus⸗ hofmeiſters bei ihm bekleidete. Stephan Lerour ließ dieſem bis⸗ weilen ein Glas Wein einſchenken, blos um zu erfahren, was in dem Hauſe des Grafen vorgehe. Es iſt immer gut, wenn man die Angelegenheiten Anderer kennt, beſonders, wenn man ein In⸗ tereſſe dabei hat, die ſeinigen zu verbergen. Dieſer Bauer alv begegnete dem Stephan Lervur auf dem Schloßberge und redete mit der Frage an: 27 „Nun, Herr Lerour, Sie verkaufen alſo ihre Meierei an den Herrn Grafen?“ Lerour dachte eine Zeitlang nach. „Da ſehe Einer!“ ſagte er dann,„der verfluchte Notar.. Aber er ſoll mir bezahlen.“ „Ich denke, der Herr Graf wird Sie bezahlen.. Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Lervur, darunter ſteckt etwas: der Notar hat über den Angelegenheiten anderer Leute ſeine eigenen vergeſſen, geſtern ſah er aus, als mache er einen guten Handel, deswegen bat er auch den Grafen, die Sache geheim zu halten. Ich habe das ſo beiläufig gehört.“ „Ja, ja, es ſteckt etwas dahinter,“ ſagte Lervur und zog den Bauer in das nächſte Wirthshaus. Zwei Tage nachher erhielt der Graf von T. zu ſeiner großen Verwunderung durch Lervur einen Einſpruch gegen die Auszahlung des Geldes, weil er, Leroux, rechtlichen Anſpruch auf die Hälfte der Meierei habe. Der Graf, der daraus nicht klug werden konnte, ließ ſogleich den Notar rufen. „Der alte Narr verliert den Kopf ganz und gar,“ ſagte der Graf zu Deligny, indem er demſelben die Hand reichte;„er hat mir anzeigen laſſen, daß ich zweimal würde zahlen müſſen, wenn ich das Geld an Sie zahlte. Ich habe, ohne mich darum zu küm⸗ mern, das Geld bereit gemacht und es liegen 25,000 Franes da; wollen Sie dieſelben haben?“ Der Notar ſchwieg; das Vertrauen des Grafen rührte ihn, während ihn die Entdeckung ſeines Vergehens zu Boden drückte. Es blieb ihm nichts übrig, als ſeine Schuld zu bekennen, aber er fürchtete dadurch ſelbſt das Mitleiden des Grafen zu verlieren. Das erſte Vergehen zog ihn zu dem zweiten noch größeren fort. Er ſagte dem Grafen, der alte Lervur müſſe wirklich den Kopf ganz verloren haben, wenn er nicht, nach ſeiner gewöhnlichen Un⸗ redlichkeit und Unzuverläſſigkeit, die Abtretung der Hälfte der 28 Meierei aus irgend einem Grunde rückgängig zu machen ſuche. Der Graf begnügte ſich damit. Von dem Schloſſe eilte Deligny ſogleich zu Stephan Lerour. „Herr Lervur,“ ſagte er,„ich hielt ſie für einen Mann von Ehre.“ „Ich habe Sie auch für einen Ehrenmann gehalten, Hert Deligny.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Jetzt noch nichts, Herr Deligny, aber es wird vielleicht her⸗ auskommen.“ Der arme Notar erröthete. „Warum dieſer Einſpruch, der meinem Eredite ſchadet?“ „Damit der Herr Graf wiſſe, wie die Sachen ſich verhalten.“ „Hören Sie mich an, Lerour; Sie haben nicht viele gute Handlungen auf dem Gewiſſen; wollen Sie ein gutes Werk ver⸗ richten?“ „Das kommt darauf an; was bringt ein gutes Werk ein?“ „Das wird Ihnen Gott ſagen.“ „Mir iſt vor der Hand das lieber, was auf der Erde bezahlt wird.“ „Ich erwarte Sie heute Abend bei mir,“ und um den Alten ſchneller zum Entſchluſſe zu bringen, ſetzte der Nutar hinzu:„es giebt Geld.“ Der Alte ſchielte ihn von der Seite an und antwortete ſogleich wie gewöhnlich: „Nun gut, ich komme.“ Er kam. Es war gegen Abend. Sobald er eingetreten war, verſchloß der Notar, der allein war, die Thüre und ſagte, auf ein Paar Piſtolen zeigend,„fürchten Sie nichts, Herr Lervur, wir haben Zeugen.“ „Dieſe Zeugen könnten wir wohl entbehren,“ antwortete Le⸗ roux lächelnd, um ſeine Angſt zu verſtecken. 29 „Nein, nein,“ fuhr der Notar fort,„wir haben einen Con⸗ trart zu ſchließen, bei dem ſie vielleicht nöthig ſein werden; für Jeden eines iſt nicht zu viel. Laſſen Sie ſich nieder und ich ſage Ihnen ohne lange Vorrede, wovon es ſich handelt. Da Sie we⸗ gen der 50,000 Franes, die ich Ihnen ſchuldig bin, nichts zu fürchten haben, ob ich ſie Ihnen zahle, was ich bald zu thun gedenke, oder ob Sie ſich an den neuen Käufer deshalb wenden, ſo werden Sie ohne Verzug den Einſpruch zurücknehmen. Ich habe dem Grafen mein Wort gegeben, daß ich Sie bezahlt hätte; bleiben Sie bei Ihrem Einſpruche, ſo bin ich um meine Ehre. Aber Sie werden den Einſpruch zurücknehmen. Für dieſe Gefäl⸗ ligkeit und zur Entſchädigung für die Koſten, die Sie dabei ge⸗ habt, werde ich Ihnen ſofort tauſend Thaler zahlen.“ Lerour entgegnete alsbald heuchleriſch:„Herr Deligny, fuͤr was halten Sie mich?“ „Für das, was Sie ſind, für nicht mehr und nicht weniger. Entſchließen Sie ſich ſchnell; wollen Sie oder wollen Sie nicht? Die Zeugen ſind bei der Hand, nehmen Sie ſich in Acht.“ „Davor fürchte ich mich nicht: ich bin ein ehrlicher Mann und werde es nicht für tauſend Thaler thun.“ „Wenn es aber zwei tauſend wären?“ fragte der Notar mit Widerwillen. Der Alte holte tief Athem und antwortete: „Hm! wenn es zwei tauſend wären, würden wir ſehen; ich ſetze mich Gefahren aus; wer weiß, was geſchieht? Hören Sie mich an, Herr Deligny, bedenken Sie, wie Sie ſtehen; und den⸗ ken Sie, daß Sie durch mich gerettet werden können. Ihre arme Frau!“ „Lerour, es handelt ſich zwiſchen uns um Geld.“ „Nun, Herr Deligny, ohne Handel, für 10,000 Franes will ich es thun. Ich handele zwar gegen meine Grundſätze, aber was thut man nicht, um einen Freund zu retten!“ 30 Der Notar gerieth in ſo heftigen Zorn, daß er den Kopf ver⸗ lor und der böſe Geiſt ſich wieder bei ihm einfand und ihm zu⸗ flüſterte, das einmal Angefangene zu vollenden. „Sie haben wohl den Verſtand verloren, guter Freund,“ ant⸗ wortete Deligny ſpottend;„ich bin Ihnen, wie Sie wohl wiſſen, gar nichts mehr ſchuldig; ich habe Ihnen am vorigen Montage die 50,000 Franes bezahlt und beſitze eine Quittung darüber.“ „Eine Quittung!“ rief Lerour aus, indem er von dem Stuhle aufſprang.„Ja, ja, ich habe damals unterſchrieben wie ein Kind, das erſte Mal in meinem Leben, das ich ſo raſch unterſchrieb.“ „Nun beſtehen Sie immerhin auf Ihrem Einſpruche; wir kön⸗ nen ihm entgegentreten.“ „Na, na,“ ſagte Lervur, zwar ängſtlich, doch noch nicht eben ſehr beſorgt,„Sie erlauben ſich einen Scherz mit mir, Herr Deligny. Sie wiſſen recht gut, daß Sie mir nur 5000 Franes gezahlt haben.“ Dem Notar kam ein teufliſcher Gedanke in den Kopf, der ihn bei ſeiner Lüge unterſtützen konnte.„Ich habe Ihnen nicht ein⸗ mal 5000 baar gegeben, ſondern nur 4500; aber Sie erinnern ſich wohl auch, daß ich Ihnen zahlloſe Vorſchüſſe gemacht habe; habe ich nicht den Erben D. in Ihrem Namen 25,000 Franes gezahlt, und der Wittwe R., die Sie verklagen wollte, 12,0007 habe ich nicht ferner in Ihrem Namen 10,000 Franes dem Karl Fl. und 5000 dem B. gegeben? Dazu rechnen Sie mein Honv⸗ rar und die ausgelegten Koſten und Sie werden finden, daß die 50,000 Franes rein aufgegangen find?“ „Iſt das Ihr Ernſt?“ fragte Lerour ängſtlich. „Wie Sie ſehen,“ antwortete der Notar.„Wenn Sie auf der Forderung der 50,000 Franes beſtehen, über deren Empfang Sie mir Quittung gegeben haben, ſo werde ich einfach eine Anzeige gegen Sie machen, und da man Sie ſchon kennt, werden ſich die Gensdarmen ſehr bald einfinden. Ueberlegen Sie die Sache zwei⸗ 31 mal. Uebrigens wird meine Anzeige nicht blos dieſe Sache, ſon⸗ dern auch eine andere betreffen, über die ich Aetenſtücke in der Hand habe. Sie nehmen alſo morgen den Einſpruch zurück, oder ich zeige Sie an. Es iſt keine Zeit zu verlieren. Ich höre mein Pferd wiehern, meine Frau kommt von S. zurück und ich gehe ihr entgegen.“ Lervur nahm ſeinen Hut und ging ſchweigend fort wie ein kluger Mann, der ſich das Leben und das Geld erhalten will. Ohne ſich lange zu bedenken, eilte er in das Schloß und er traf da in dem Parke den Grafen von T. „Herr Graf,“ ſagte er,„ich bitte Sie, mir die Quittung einmal zu zeigen, die ich dem Herrn Deligny gegeben habe.“ „Ich habe, Gott ſei Dank, mit Ihnen nichts zu ſchaffen.“ „Sie wollten den Einſpruch nicht beachten, nicht auf Ihrer Hut ſein?“ „Ich bin nur gegen Sie auf meiner Hut.“ „Aber, Herr Graf, Sie haben nur über 5000 Franes Quit⸗ tung.“ „Sie wiſſen, daß die Quittung auf das Ganze lautet. Ich bin kein Kind.“ Damit drehete ihm der Graf den Rücken zu, und Lervur eilte in der höchſten Angſt den Schloßberg wieder hinunter. „Ich bin ein Kind geweſen,“ dachte er bei ſich und ſchlug ſich an die Stirn;„ich habe leider unterzeichnet, was er wollte, ohne zweimal hinzuſehen. Aber noch iſt nicht Alles verloren.“ Er lehnte ſich an einen Baum und dachte reiflich über die Sache nach. Wenn der Notar eine Anzeige machte, war er ver⸗ loren, und als kluger Mann nahm er ſich alſo vor, in aller Eile ſelbſt den Notar anzuzeigen. Er begab ſich alſo ſo ſchnell als mög⸗ lich nach Hauſe, ſattelte ſein altes einäugiges Pferd und ritt nach S. Am Tage darauf erſchien er bei dem königlichen Procurator und berichtete dieſem, mit der Miene des ehrlichſten Mannes von 32 der Welt, der Notar, dem er ſein ganzes Vertrauen geſchenkt, habe ihn ſchändlich betrogen. Noch war es nicht Mittag, und ſchon erſchienen zwei Gens⸗ darmen vor dem Wirthshauſe. Sie verlangten zuerſt eine Flaſche Wein und erkundigten ſich dann nach einem gewiſſen Deligny, dem Notar des Ortes, der ſie wahrſcheinlich werde begleiten müſſen. Cäcilie, die ſich allein in der Wirthsſtube befand, wurde lei⸗ chenblaß, rief ſogleich ihre Schweſter Sophie, trug ihr auf, die Gensdarmen zu bedienen, und eilte fort in den Garten, an die Mauer, an die ſie ein Bänkchen trug, um hinüber ſehen zu kön⸗ nen. Madame Deligny ſaß im Garten und Cäcilie winkte ihr. Madame Deligny warf ihr einen verächtlichen Blick zu und ent⸗ fernte ſich. „Um Gottes willen, Madame, kommen Sie her und laſſen Sie ſich die Gefahr berichten, die Sie bedroht!“ In dieſem Augenblicke erſchien ein erſchrockenes Geſicht am Fenſter, Deligny. „Ach, wenn Sie wüßten, Herr Notar,“ ſagte Cäcilie zu ihm. „Aber ich kann nicht mehr ſagen,.. kommen Sie geſchwind herunter.“ Der Notar erſchien. „In unſerem Hauſe ſind Gensdarmen, die Sie ſuchen,“ flüſterte ihm das Mädchen zu. Der Notar konnte kein Wort ſprechen. Seine Frau hatte die Worte auch gehört und kehrte um. „Was?“ fragte ſie in ihrer Herzensangſt.„Gensdarmen?“ Dann ſank ſie in die Arme ihres Mannes, drückte ihn an ihren Buſen und eilte fort, ohne zu ſagen, warum. Sie ging zu dem Schreiber, der eben frühſtückte, und trug ihm auf, das Pferd zu nehmen und nach S. zu reiten, vor Aubigny aber zu warten. Der Schreiber vollzog den Auftrag ſogleich, und Mad. Deligny kehrte zu ihrem Manne zurück, nahm ihn am Arme und 33 zog ihn an die Hinterthüre des Gartens, die ins Freie führte. Eben als ſie die Thüre wieder ſchloß, ſah ſie vorn die Gensdarmen her⸗ ein kommen. „Lebe wohl, lieber Mann,“ rief ſie ihm zu;„hinter dem Dorfe wartet der Schreiber mit dem Pferde auf Dich. Ich werde die Gensdarmen bitten, eine kurze Zeit auf Dich zu warten; weiter kann ich nichts thun.“ Damit drückte ſie ihm noch einen Kuß auf die Lippen. Er konnte kein Wort ſagen, ging aber mit raſchen Schritten fort. Sein Schreiber kam ihm entgegen und übergab ihm das Porte⸗ feuille, in dem ſich Wechſel auf Frankfurt und die Diamanten ſeiner Frau befanden. Deligny ſchwang ſich auf das Pferd und jagte davon. Sobald der Notar fort war, brach der Sturm gegen ihn los; Jeder, der eine Forderung an ihn hatte, wollte bezahlt ſein, aber keinen Augenblick warten. Die Sache kam vor die nächſten Aſſiſen. Wäre der Notar ſelbſt zugegen geweſen, ſo hätte man ihn wegen der Quittung vielleicht freigeſprochen; da er aber außenblieb, wurde er verurtheilt, ob⸗ gleich der Graf von T. für ihn zeugte. Er wurde in contumaciam zu zehnjähriger Gefängnißſtrafe und zur Wiedererſtattung der 50,000 Fres. nebſt Zinſen und Schadenvergütung verurtheilt. Durch den Verkauf der Notariatsſtelle und das Geld, das der Graf Deligny ſchuldete, kam ſo viel ein, daß Lervur und die Gerichtskoſten be⸗ zahlt werden konnten. Die vielen kleinen Schulden aber machten zuſammen eine ſo große Summe aus, daß Deligny für bankerott erklärt werden mußte. Niemand hatte Mitleid mit der armen weinenden Frau deſſelben. Auch ihr Vater ſtarb, als wolle er ſie nicht mehr weinen ſehen; ſie gab von ganzem Herzen gern Alles hin, was er ihr hinterließ, aber je mehr ſie zahlte, deſio mehr Gläubiger fanden ſich. Sie konnte nicht alle beftiedigen, ſo daß ſie ihr Haus verkaufen und ihre Meubles verſteigern mußte. 3 34 Die Verſteigerung fand vor dem Wirthshauſe ſtatt, in dem ſich keine der hübſchen Wirthstöchter mehr befand. Zwei hatten ſich verheirathet, Cäcilie war einige Tage nach der Flucht des Notars aus dem Dorfe ebenfalls verſchwunden.—„Sie iſt in Nanch bei ihrer Schweſter,“ ſagte man, wenn Jemand nach ihr fragte; aber die Meiſten glaubten es nicht.— Deligny hatte ſich an den Rhein geflüchtet, nach Deutſchland, und Cäcilie war bei ihm. Sie be⸗ ſaß jetzt einen Hut und einen großen Shawl; ſie hatte auch Zeit, ihr Haar zu flechten und ſich im Spiegel zu beobachten oder ſich am Fenſter zu zeigen. Sie war ſehr glücklich. „Ach, wenn man mich ſo in Aubigny ſähe!“ dachte ſie, und ſie kannte keinen andern Wunſch mehr, als ſich eines Sonntags in ihrem Putze in dem heimathlichen Dorfe bewundern zu laſſen. Sie wußte auch, was auch der Notar dagegen ſagte, ihren Wunſch zur Ausführung zu bringen, und ſo erſchien ſie eines Tages in Aubigny. Es war gerade an dem Tage, an welchem die Meubles der Mad. Deligny verſteigert wurden. In einer Com⸗ mode fand ſich ein verdorrtes Veilchenſträußchen, das die un⸗ glückliche Frau ſeufzend an ſich nahm. Cäcilie kehrte zu dem Notar zurück. Nach nicht langer Zeit wurde das Wirthshaus verkauft, das gar keinen Gaſt mehr hatte, ſeit die drei hübſchen Mädchen aus demſelben verſchwunden waren. Mad. Deligny bat ihre Verwand⸗ ten, das Haus für ſie zu kaufen. So geſchah es; Mad. Deligny bezog das Wirthshaus, und die Neugierde führte wieder eine Menge Leute in daſſelbe. Auch blieben ihr die Gäſte treu, da ſie von Mad. Deligny und deren Tochter ſo freundlich als möglich behan⸗ delt wurden. Von ihrem kleinen Gewinn ſchickte ſie regelmäßig die Hälfte ihrem Manne. So vergingen mehrere Jahre, und der älteſte Sohn Deligny's, der ſtudirt hatte, kannte keinen andern Wunſch, als das Andenken ſeines Vaters von der Schande zu befreien, denn er konnte ihn . 35 nicht für ſchuldig halten. Er ſuchte den Notar einmal am Rheine auf und beſprach ſich lange mit ihm. Einige Zeit nach der Rückkehr Leons nach Aubigny hörte man, Deligny habe ſich mit Cäcilien auf ein holländiſches Schiff be⸗ geben. Leon ſtudirte den Prozeß ſeines Vaters lange und ernſtlich und glaubte endlich die Ueberzeugung gewonnen zu haben, daß derſelbe ungerecht verurtheilt worden ſei. Er trug deshalb auf Caſſation des Urtels an; der Gerichtshof nahm die Sache noch einmal vor, und Leon wußte die Anſprüche ſeiner Mutter ſo eindringlich geltend zu machen, daß das erſte Urtel wirklich widerrufen wurde und Mad. Deligny 15,000 Fres. heraus erhielt. „Ach,“ ſagte die gute Frau, als ſie dieſe günſtige Nachricht erhielt,„wenn wir doch wüßten, wo er wäre!“ Am Tage darauf erſchien Cäcilie in Aubigny mit glänzender Equipage. Sie wollte nach Baden⸗Baden reiſen und ſich in ihrer Heimath in ihrem ganzen Glanze zeigen. Mad. Deligny erſchien vor der Thüre ihres Wirthshauſes, als die prächtige Equipage vorfuhr. „Cäcilie!“ rief ſie erbleichend aus, als ſie die Dame erblickte, die in dem Wagen ſaß. Dann eilte ſie näher; ſie ſah einen Mann neben Cäcilien, aber es war nicht Deligny. Cäcilie ſenkte ſchweigend das Haupt. „Ach, Cäcilie, ſagen Sie mir um Gotteswillen, wo er iſt. Ich beſchwöre ſie darum.“ „Ich weiß es nicht,“ flüſterte Cäcilie erbleichend. Und da ſie bemerkte, daß Madame Deligny ſchwarz gekleidet war— die gute Frau hatte ſeit der Flucht ihres Mannes Trauer getragen— ſetzte ſie hinzu:„Sie wiſſen es ſo gut als ich; Sie tragen ja Trauer.“ Dr. Diezmann. 3 Varinka. Auf dem Thurm der Peter-Paulskirche hatte es eben vier Uhr Nachmittags geſchlagen, als ſich gegenüber der Wohnung des Gra⸗ fen Tſchermayloff, der früher Commandant in einer bedeutenden Stadt des Gouvernements Pultawa geweſen, eine große Men⸗ ſchenmenge verſammelte. Die erſten Neugierigen waren durch die Vorbereitungen angezogen, die man im Hofe machte, um einem Leibeigenen des Geuerals, ſeinem Barbier, die Knute zu geben. Obgleich dieſe Strafe in Petersburg etwas Alltägliches iſt, ſo be⸗ währt ſie doch jedesmal, ſo vft ſie öffentlich vollzogen wird, ihre Anziehungskraft auf alle Vorübergehenden. Uebrigens konnten die Zuſchauer ſich nicht beklagen, daß man ſie warten laſſe; denn ſchon um halb fünf Uhr trat ein junger Mann von vier- bis ſechsundzwanzig Jahren, in eleganter Adju⸗ dantenuniform und die Bruſt mit Orden geſchmückt, auf die dem Hauptthor des Gebäudes gegenüberſtehende kleine Freitreppe, welche zu den Gemächern des Generals führte. Er blickte nach einem Fenſter hin, deſſen Vorhänge aber dicht verſchloſſen waren und ihm nicht erlaubten, ſeine Neugier zu befriedigen; dann gab er einem langbärtigen Manne, der an dem Eingang zu den Domeſti⸗ kenzimmern ſtand, ein Zeichen mit der Hand. Sogleich öffnete ſich die Thür, und umgeben von allen Leibeigenen, die des Bei⸗ ſpiels wegen der Erecutivn zuſehen mußten, trat der zu Beſtra⸗ fende und dicht hinter ihm der Vollſtrecker der Strafe hervor. . 37 Dieſer Letztere war ganz einfacherweiſe der Kutſcher, den ſeine Geſchicklichkeit, die Peitſche zu ſchwingen, bei jeder ähnlichen Ge⸗ legenheit zum Poſten eines Henkers emporrücken ließ, ein Poſten übrigens, der ihn weder um die Achtung, noch um die Freund⸗ ſchaft ſeiner Cameraden brachte, da dieſe wohl wußten, daß nicht ſein Herz, ſondern nur ſein Arm dabei thätig ſei. Und da ſein Arm, wie überhaupt ſein ganzer Körper, dem General gehörte, folglich dieſer damit machen konnte, was ihm beliebte, ſo wunder⸗ ten ſie ſich nicht im Mindeſten, daß er ihn zu dieſem Behuf ge⸗ brauchte. Auch war eine Züchtigung von Iwans Hand meiſtens viel gelinder, als wenn ſie jemand Anderes vollzog; denn er war eine gute Haut und wußte oft einen oder zwei Hiebe vom Dutzend zu unterſchlagen, oder richtete es doch, wenn ihn die Aufpaſſer nöthigten, genau zu zählen, ſo ein, daß der Knoten am Ende der Peitſche das Bret traf, auf dem der Schuldige angeſchnallt war, und ſo der ſchmerzlichſte Theil des Schlages verloren ging. Dafür ließ man ihm dieſelbe Schonung angedeihen, wenn an ihn die Reihe kam, ſich über das Bret zu ſtrecken und die Züchtigung zu empfangen, die er gemeinhin auszutheilen pflegte, und dachte dann nicht an die von ihm empfangenen, ſondern an die durch ſeine Gutmüthigkeit erſparten Hiebe. Dies erhielt zwiſchen Jwan und ſeinen Cameraden ein Verhältniß ſchöner Eintracht, deſſen Bande niemals inniger waren, als wenn eben eine neue Züchtigung ſtattfinden ſollte. Die erſten auf eine ſolche folgenden Stunden freilich waren faſt nur dem Schmerz gewidmet, und es traf ſich wohl, daß in dieſer Zeit der Geknutete ungerecht gegen den Knu⸗ ter war, aber dies Vorurtheil war gewöhnlich ſchon am Abend verſchwunden, und der letzte Reſt von Groll wich dem erſten Glaſe Branntwein, das der Scharfrichter auf die Geſundheit des Delinquenten trank. Der Mann, an welchem Jwan jetzt ſeine Geſchicklichkeit bewei⸗ ſen ſollte, war fünf- bis ſechsunddreißig Jahre alt, hatte rothe „ 38 Haare und einen rothen Bart. Er war von etwas mehr als mittlerer Größe, und an ſeinem Blick erkannte man ſeine griechiſche Abkunft; denn gleichſam hinter dem augenblicklichen Ausdruck der Furcht gewahrte man Liſt und Schlauheit. Als er am Voll⸗ ſtreckungsort angekommen, warf er einen Blick auf daſſelbe Fenſter, das ſchon die Aufmerkſamkeit des jungen Adjudanten auf ſich ge⸗ zogen und das immer noch dicht verhangen blieb; dann ſchweiften ſeine Augen über die verſammelte Menge, bis er ſie mit einem ſchmerzlichen Zuſammenzucken der Schultern auf das fatale Prü⸗ gelbret heftete. Dieſe Bewegung entging ſeinem Freunde Iwan nicht, der an ihn herantrat, um ihm das buntgeſtreifte Hemde von den Schultern zu ziehen, und ihm dabei leiſe zurief: „Nun, Gregor, nur Muth!“ „Du weißt doch, was Du mir verſprochen haſt!“ antwortete der Dulder mit einem unbeſchreiblichen flehenden Ausdruck. „Ja, aber nicht bei den erſten Hieben, Gregor; darauf rechne ja nicht. Bei den erſten Hieben iſt der Adjudant aufmerkſam; wenn's aber gegen's Ende kommt, ſei unbeſorgt, da wollen wir ihm ſchon etwas wegſtipitzen.“ „Nimm Dich nur beſonders in Acht mit dem Knoten!“ „Ich will ſchon mein Möglichſtes thun, Gregor; Du kennſt mich ja doch!“ „Ach ja!“ ſagte Gregor. „Nun, wird's bald!“ rief der Adjudant. „Ja, Euer Gnaden, wir ſind ſo weit.“ „Ach warten Sie noch ein Weilchen, Hochgeborner Herr!“ rief der arme Gregor und gab dem jungen Hauptmann, um ihm zu ſchmeicheln, den Titel Vaſche Vuſſokorodije, der dem Obriſten zukommt;„ich glaube, Fräulein Varinka öffnet ihr Fenſter!“ Schnell blickte der junge Hauptmann nach der Stelle hin, die ſchon mehrmals ſeine Aufmerkſamkeit angezogen, aber auch nicht * * S — 39 ein Fältchen der ſeidenen Vorhänge, die man hinter den Scheiben ſah, rührte ſich. „Du irrſt Dich, Kerl!“ ſagte er, den Blick langſam vom Fenſter abwendend, als hätte auch er gehofft, es ſich öffnen zu ſehen;„übrigens was geht dies Alles Deiner edeln Herrin an?“ „Verzeihung, Euer Exeellenz,“ fuhr Gregor fort, den Ad⸗ judanten wieder einige Stufen höher ſtellend;„ich meine nur, i da ſie ſchuld iſt, daß ich.. ſie könnte vielleicht Mitleid haben mit einem armen Diener.... und.... „Genug,“ ſagte der Hauptmann mit ſonderbarem Ausdruck, als wäre auch er der Meinung des armen Dulders und bedauere es, daß ihn Varinka nicht begnadige;„genug, und macht, daß wir fertig werden!“ „Sogleich, Euer Gnaden, ſogleich!“ ſagte Jwan.„Nun, Camerad,“ wandte er ſich an Gregor,„leg Dich zurecht, es iſt Zeit.“ Gregor ſtieß einen tiefen Seufzer aus, warf einen letzten Blick nach dem Fenſter und entſchloß ſich endlich, als er ſah, daß von daher nichts zu hoffen ſei, ſich auf dem fatalen Bret auszuſtrecken. Sogleich ergriffen zwei andere Leibeigene, die ſich Jwan zu Ge⸗ hülfen auserſehen, ſeine Hände, breiteten die Arme aus und banden ihm die Fäuſte an zwei zu beiden Seiten des Prügelbrets ſtehende Pfoſten, ſo daß er die Stellung eines Gekreuzigten ein⸗ nahm. Dann wurde ihm ein Halseiſen um den Nacken gelegt, und der junge Adjudant gab, als er ſah, daß Alles fertig ſei und an dem noch immer verhüllten Fenſter kein Wink der Gnade ſichtbar werden wolle, ein Zeichen mit der Hand und ſagte: „Vorwärts!“ „Gedulden ſich Euer Gnaden nur noch einen Augenblick,“ ſagte Jwan, in der Hoffnung, es würde doch aus dem unerbitt⸗ lichen Fenſter noch ein Wink erſcheinen;„meine Knute hat hier einen Knoten in der Mitte, und wenn ich ihn ließe, würde Gre⸗ gor Urſache haben, ſich zu beklagen.“ 40 Das Inſtrument, mit dem ſich der Strafvollſtrecker noch zu ſchaffen machte und deſſen Form dem Leſer vielleicht unbekannt iſt, iſt eine Art Peitſche mit einem etwa zwei Fuß langen Stiel; an dieſem iſt ein zwei Finger breiter und vier Fuß langer Riemen befeſtigt, der in einen kupfernen oder eiſernen Ring ausläuft, an welchem ein neuer zwei Fuß langer, etwa anderthalb Finger brei⸗ ter, aber immer dünner werdender Riemen befeſtigt iſt, der in eine ſcharfe Spitze ausläuft. Dieſer Lederſtreif wird erſt in Milch geweicht und dann an der Sonne getrocknet, wodurch das letzte Ende deſſelben ſo ſcharf und ſchneidend wird, wie ein Federmeſſer. Uebrigens wird der Riemen gewöhnlich nach ſechs Schlägen ge⸗ wechſelt, da das Blut ihn bald weich macht. So ungeſchickt ſich Jwan auch bei der Löſung ſeines Knotens mit Willen benahm, er mußte doch endlich ein Ende machen. Schon fingen auch die Zuſchauer an zu murren und erweckten dadurch den jungen Adjudanten aus den Träumereien, in die er verſunken ſchien. Er erhob den ſo lange etwas auf die Bruſt herabgeſunkenen Kopf, warf noch einen letzten Blick auf das Fenſter und wandte ſich, da er kein Zeichen der Gnade gewahrte, von Neuem zum Kutſcher und befahl ihm mit ſtrengerem Ton, an⸗ zufangen. Iwan mußte gehorchen und ſuchte jetzt weiter keinen Vorwand. Er trat zwei Schritte zurück, um einen Anlauf zu nehmen, dann wieder vor, erhob ſich auf die Fußſpitzen, ſchwang die Knute ums Haupt und traf dann Gregor mit einer ſo großen Geſchicklichkeit, daß der Riemen ſich wie eine Schlange dreimal um den Leib des Opfers wand, mit der Spitze aber das Prügelbret traf. Unge⸗ achtet dieſer Vorſicht ſchrie Gregor laut auf und Jwan zählte: „Eins.“ Bei dieſem Schrei wandte ſich der Adjudant wieder nach dem Fenſter; aber es blieb verhängt, und maſchinenmäßig blickte er dann wieder nach dem Gezüchtigten und wiederholte:;„Eins!“ 41 Die Knute hatte auf Gregor's Rücken drei dunkelrothe Strie⸗ men zurückgelaſſen. Jwan nahm wieder! ſeinen Anlauf und ließ den ſchwirrenden Riemen den Delinquenten aufs Neue umſchlängeln, doch immer ſo, daß die Spitze ihn nicht traf. Gregor ſchrie wieder und Jwan zählte:„Zwei.“ Diesmal wurde die Haut blutrünſtig. Beim dritten Hiebe kamen einige Tropfen Blut. Beim vierten ſprang es wie aus einer Fontaine. Beim fünften beſpritzte es den jungen Officier. Er trat zurück und wiſchte ſich das Geſicht mit dem Taſchentuche rein. Dieſen Umſtand benutzte Jwan und zählte ſieben ſtatt ſechs, ohne daß der Hauptmann es bemerkt hätte. Beim neunten Hieb machte Jwan eine Pauſe, um einen andern Riemen zu nehmen, und zählte, in der Hoffnung, daß eine zweite Betrügerei eben ſo gut ablaufen werde, als die erſte, eilf ſtatt zehn. In dieſem Augenblicke öffnete ſich ein Fenſter, welches dem Varinka's gegenüberlag. Ein Mann von fünf—⸗ bis achtundvierzig Jahren erſchien an demſelben. Er trug Generalsunifuorm und rief mit demſelben Ausdruck, mit dem er geſagt haben würde: „Vorwärts, immer beſſer!“„„Genug, es iſt gut!““ und machte das Fenſter wieder zu. Sogleich hatte der junge Adjudant Front gemacht, die linke Hand an die Naht ſeiner Hoſen und die rechte an den Hut gelegt und war unbeweglich ſtehen geblieben, ſo lange er ſeinen General ſah. Als das Fenſter wieder geſchloſſen war, wiederholte er die Worte ſeines Obern, und Jwan ließ die ſchon erhobene Knute ſinken, ohne den Gezüchtigten weiter zu berühren. „Bedanke Dich bei der hohen Ercellenz, Gregor,“ ſagte er und wickelte den Knutenriemen um den Stiel;„denn ſie ſchenkt Dir zwei Hiebe, und ſo haſt Du,“ ſetzte er leiſer hinzu, indem er ihn losband,„die beiden unterſchlagenen mitgerechnet, nur . 42 acht bekommen, anſtatt zwölf.“„Helft mir doch und bindet ihm die andere Hand los.“ Aber der arme Gregor war außer Stande, ſich bei Jemand zu bedanken; denn faſt ohnmächtig vor Schmerz, vermochte er ſich kaum auf den Beinen zu erhalten. Zwei Leibeigene griffen ihm unter die Arme und führten ihn, von Jwan begleitet, in das Bedientenzimmer. An der Thüre aber drehte er ſich noch einmal um und ſagte zum Adjudanten, der ihm mitleidig nachblickte: „Herr Feodor, überbringen Sie Seiner hohen Excellenz meinen Dank. Bei Fräulein Varinka,“ ſagte er leiſe,„will ich mich ſelbſt bedanken.“ „Was murmelſt Du da in den Bart?“ rief der junge Officier zornig; denn er glaubte der Stimme Gregor's einen drohenden Ton anzuhören. Nichts, Euer Gnaden, nichts,“ ſagte Jwan;„der arme Junge bedankt ſich nur bei Ihnen, Herr Feodor, daß Sie ſo gut geweſen ſind, zugegen zu ſein, und meint, das ſei viel Ehre für ihn; weiter nichts.“ „Schon gut,“ rief der junge Mann, der ſich wohl denken konnte, daß Iwan den Originaltert verändere, aber nicht mehr wiſſen wollte;„wenn Gregor mir dieſe Mühe nicht noch einmal machen will, ſoll er weniger Branntwein trinken, oder, wenn er betrunken iſt, wenigſtens den Reſpect nicht aus den Augen ſetzen.“ Jwan verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und folgte ſeinen Cameraden. Feodor trat in den Flur, und die Menge zog ſich zurück, ſehr un⸗ zufrieden mit Jwan's Unredlichkeit und der Großmuth des Gene⸗ rals, die Beide zuſammen ſie um viet Knutenhiebe, alſo um ein Drittel des ganzen Vergnügens gebracht hatten. Wir haben den Leſer mit einigen Perſonen dieſer Erzählung bekannt gemacht und wollen ihm jetzt Diejenigen vorführen, die bisher nur auf einen Augenblick erſchienen, oder hinter dem Byt⸗ hang verſteckt blieben. 43 Der General Graf Tſchermayloff war von Paul I., der ihn mit ſeiner beſondern Freundſchaft bechrte, aus der Umgegend von Pultawa nach St. Petersburg zurückberufen. Er lebte als Wittwer allein mit ſeiner Tochter, die den Reichthum, die Schönheit und den ungemeſſenen Stolz ihrer Mutter geerbt hatte, welche ſich rühmt, in gerader Linie von einem der Tartarenhäuptlinge abzu⸗ ſtammen, die unter Tſchingischan im dreizehnten Jahrhundert in Rußland einbrachen. Das hochfahrende Weſen Varinka's war noch vermehrt worden durch ihre Erziehung. Der General konnte ſich nicht ſelbſt mit ſeiner Tochter beſchäftigen und hatte eine engliſche Erzieherin für ſie angenommen, welche, anſtatt die übermüthigen Neigungen ihres Zöglings zu bekämpfen und zu mildern, ſie nur noch mehr entwickelt und befeſtigt hatte, indem ſie dieſelbe in ihrem von Hauſe aus ariſtokratiſchen Nicken durch die Grundſätze des engliſchen Adels, des eingebildetſten in der Welt, gefliſſentlich be⸗ ſtärkte. Auf keine Wiſſenſchaft legte ſich die junge Dame mit ſolchem Eifer, als, wenn man ſo ſagen darf, auf die Wiſſenſchaft ihrer Stellung in der Welt. Sie kannte aufs Genaueſte alle Ab⸗ ſtufungen des Adels und konnte, ohne ſich jemals zu irren, Jeden bei dem Titel nennen, den ihm ſein Rang lieh, was in Rußland viel ſagen will. Für Alles, was nicht wenigſtens Excellenz war, hatte ſie eine tiefe Verachtung. Es iſt begreiflich, daß Diener und Leibeigene in ihren Augen eigentlich gar keine Menſchen waren, ſondern Beſtien, die ungleich geringern Werth für ſie hatten, als etwa ihr Hund oder ihr Pferd. Sie hätte auch nicht einen Augen⸗ blick Bedenken getragen, das Leben eines Mugiks für das dieſer intereſſanten Thiere zu opfern. Außerdem war ſie ziemlich muſi⸗ kaliſch und ſprach gleic gut franzöſiſch, italieniſch, deutſch und engliſch. Ihre Geſichtszüge ſtimmten mit ihrem Charakter. Varinka war ſchön, aber dieſe Schönheit hatte etwas zu Beſtimmtes, ſcharf Ausgeprägtes. Ihr großes ſchwarzes Auge, ihre gerade Naſe, ihre 44 an den Mundwinkeln ſtets wie verächtlich zuſammengepreßten Lippen machten ſogleich auf Jeden, der ihr nahte, einen unheimlichen Eindruck, der nur für Diejenigen wieder verſchwand, die ihr gleich oder höher ſtanden; denn für dieſe war ſie eine Frau wie alle Frauen, während ſie für Niedrigerſtehende ſtolz und unzugänglich blieb, wie eine Göttin. Mit ſiebzehn Jahren war Varinka's Erziehung beendigt, und ihre Lehrerin, deren Geſundheit unter dem rauhen Klima Peters⸗ burgs bereits gelitten, bat um ihren Abſchied. Nun war ſie allein und hatte ſich um nichts in der Welt zu kümmern, als um die blinde Liebe ihres Vaters, der ſie für einen Inbegriff aller mög⸗ lichen Tugenden hielt. So ſtanden die Sachen, als der General einen Brief von einem Jugendfreunde bekam, den dieſer auf dem Sterbebette ge⸗ ſchrieben. Der Graf Romayloff hatte Unannehmlichkeiten mit Potemkin gehabt und war deshalb auf ſeine Güter verbannt. Vergeblich war ſein Bemühen, die verlorene Gunſt wieder zu er⸗ langen, und ſo mußte er zweihundert Meilen von Petersburg entfernt leben, was ihn nicht ſowohl ſeinet-, als ſeines einzigen Sohnes Feodor wegen betrübte, deſſen ganze Zukunft durch dieſe Verbannung mit bedroht ſchien. Als er ſein Ende nahe glaubte, empfahl er ihn ſeinem alten Freunde, dem General, der ihm auch bald durch ſeine Fürſprache bei Paul l. eine Lieutenantsſtelle im Regiment Semonowski verſchaffte. Obgleich der junge Mann nur ſo zu ſagen durch das Haus des Generals in ſeine Kaſerne gegangen war, hatte er doch lange genug darin verweilt, um Varinka zu ſehen und einen tiefen Ein⸗ druck mitzunehmen. Varinka dagegen hatte ihn kaum bemerkt. Was war in ihren Augen ein Lieutenant ohne großes Vermögen und ohne Zukunft? Sie träumte von irgend einer fürſtlichen Verbindung, die ſie zu einer der erſten Frauen Rußlands machen ſolle. Irgend ein ——— — — 45 glänzendes Geſchick nach dem Vorbild der Heldinnen in Tauſend und einer Nacht mußte das ihrige werden, und Feodor konnte ihr nichts der Art bieten. Einige Tage nach der erſten Begegnung kam Feodor, vom General Abſchied zu nehmen, denn ſein Regiment war beſtimmt, den italieniſchen Feldzug unter Suwarow mitzumachen. Die prächtige Uniform erhöhte ſeine natürliche Schönheit, und die enthuſiaſtiſche Hoffnung, mit welcher er zum Felde der Ehre hinauszog, umgab ſein Haupt mit einem poetiſchen Heiligenſchein, ſo daß Varinka, ganz erſtaunt über die wunderbare Veränderung, die mit dem jungen Manne vorgegangen zu ſein ſchien, diesmal ſo gnädig war, auf den Wunſch ihres Vaters dem Scheidenden die Hand zu reichen. Das war mehr, als er zu hoffen gewagt. Er ließ ſich vor ihr, wie vor einer Königin, auf ein Knie nieder, ergriff mit zitternder Hand die der Schönen und berührte ſie leiſe mit den Lippen. Varinka durchzuckte dieſer kaum fühlbare Kuß, als hätte ein glühendes Eiſen ſie berührt, und eine tiefe Röthe über⸗ zog ihr Antlitz. Sie zog die Hand ſo ſchnell zurück, daß Feodor beinahe fürchtete, ſie verletzt zu haben. Er blieb auf den Knieen, faltete die Hände und ſchlug die Augen mit einem ſo ſprechenden Ausdruck der Beſorgniß zu ihr empor, daß Varinka ihren Ehrgeiz vergaß und ihn durch ein Lächeln beruhigte. Er ſtand auf, das Herz voll unausſprechlicher Freude, und mußte ſich ſagen, daß er ſich noch nie ſo glücklich gefühlt, als jetzt, obgleich er für lange Zeit, vielleicht für immer, Varinka verließ. Er zog ins Feld, mit tauſend goldnen Hoffnungen in die Zu⸗ kunft hinausblickend, und ſein Schickſal ſchien ihm beneidenswerth, mochte es ihn einem tragiſchen oder heitern Ziele entgegenführen: war dies Ziel ein blutiges Grab, ſo glaubte er in Varinka's Augen geleſen zu haben, daß er nicht unbedauert ſterben würde; öffneten ſich ihm die Pforten zum Tempel des Ruhms, ſo führte ihn der 46 Ruhm im Triumph nach St. Petersburg zurück, und der Ruhm iſt ja ein König, der für ſeine Günſtlinge Wunder geſchehen läßt. Als Hauptmann und die Bruſt mit Orden bedeckt kehrte er zu⸗ rück. In Petersburg angelangt, ließ er ſich ſogleich nach der Newski⸗Perſpective fahren, in der das Haus des Generals lag. Dieſer ſaß mit ſeiner Tochter gerade zu Tiſche. Je näher Feodor der Thüre kam, deſto zaghafter ward ſein Herz, und ſeine Spannung war ſo groß, daß ihm die Glieder beinahe den Dienſt verſagten und er ſich an die Wand lehnen mußte, um nicht im Augenblick des Wiederſehens unzuſinken. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre des Speiſezimmers; Varinka trat heraus, erblickte ihn und ſchrie laut auf. „Vater, Feodor iſt da!“ rief ſie mit einem Ausdruck, über deſſen Bedeutung der nicht ungewiß ſein kann, dem er eigent⸗ lich gilt. Erſt warf er ſich dem General in die Arme, dann wandte er ſich und beugte, wie in der Abſchiedsſtunde, ein Knie vor Varinka. Aber ein Augenblick hatte dem ſtolzen Mädchen genügt, ihr Gefühl bis in den letzten Hintergrund der Seele zurückzudrängen. Die früchtige Röthe, die über ihre Stirn hingeflammt, war verſchwun⸗ den, und ſie ſtand wieder da als das kalte, ſtolze Alabaſterbild, das die Natur begonnen und der Meißel der Erziehung vollendet hatte. Feodor küßte ihre Hand; ſie zitterte, war aber eiſigkalt. Er glaubte, ihm müſſe das Herz zerſpringen. „Aber Varinka,“ ſagte der General,„warum biſt Du ſo zu⸗ rückhaltend gegen einen Freund, der uns ſo viel Angſt und Freude zugleich gemacht? Feodor, umarme meine Tochter.“ Er ſtand auf, blieb aber unbeweglich ſtehen und wartete, daß noch eine andere Erlaubniß die des Generals beſtätige. „Nun, haben Sie meinen Vater nicht verſtanden?“ ſagte Varinka lächelnd, hatte aber doch nicht Gewalt genug über ſich ſelbſt, die Bewegung zu verbergen, die ihre Stimme zittern machte. —— 47 Feodor berührte ihre Wangen mit ſeinen Lippen und es ſchien ihm, als habe dabei ihre Hand, die er ergriffen hatte, unwill⸗ kürlich die ſeinige leiſe gedrückt. Beinahe hätte ſich ein Laut der Freude ſeiner Bruſt entrungen; aber er ſah ſie an und erſchrak; denn ſie war bleich, wie der Schnee, und ihre Lippen farblos ge⸗ worden, wie die einer Leiche. Man ſetzte ſich zu Tiſche, und da Varinka gerade gegen das Licht ſaß, bemerkte der General nichts von ihrer Bewegung. Man ſprach von dem merkwürdigen Feldzuge, der unter Ita⸗ liens glühender Sonne begonnen und auf den Gletſchern der Schweiz geendet hatte. Man kann ſich denken, mit welcher Auf⸗ merkſamkeit der General Feodor zuhörte. Die Hauptmannsepau⸗ lettes, ſeine mit Orden geſchmückte Bruſt ließen errathen, daß der junge Mann nur aus Beſcheidenheit von ſich ſelbſt gar nichts er⸗ zählte. Der General aber hatte bereits dem in Ungnade gefallenen und ſchwer erkrankten Suwarow einen Beſuch gemacht und von ihm gehört, mit welcher Tapferkeit ſein Schützling gefochten. Er übernahm es daher, zu erzählen, was Feodor Alles in dieſem nur einjährigen Feldzuge gethan, und ſchloß damit, daß er am olgen⸗ den Tage ſich den jungen Hauptmann vom Kaiſer zum Adjudanten ausbitten wolle. Feodor war überglücklich. Mit Varinka unter einem Dach zu leben, ſie oft wie eine Erſcheinung am andern Ende des Corridors erblicken und täglich zwei Mal an einem Tiſche mit ihr ſitzen zu dürfen, das war mehr, als er jemals gehofft, und er glaubte Anfangs, dies Glück würde ihm immer genügen. Auch Varinka fühlte trotz all' ihres Stolzes eine mächtige Neigung zu Feodor. Als er heimkehrte und die Kluft zwiſchen ihm und ihr durch ſeine Auszeichnung zum Theil überſprungen, da fühlte ſie am ſtärkern Schlage ihres Herzens, daß ihr Stolz einem ſanfteren Gefühl gewichen ſei und ſie Feodor ſo liebe, als es ihr überhaupt möglich, zu lieben. Nichts deſto weniger hatte 48 ſie dieſe Gefühle unter einem eiſigen Aeußern verborgen; denn ihrem Charakter gemäß gedachte ſie wohl, Feodor einſt zu ſagen, daß ſie ihn liebe; bis dahin aber, daß es ihr belieben würde, dies Geſtändniß zu machen, ſollte er nicht einmal errathen, daß er geliebt ſei.— So ging es einige Monate fort, und dieſes Verhältniß, das Feodor Anfangs für den Gipfel des Glücks gehalten, ſchien ihm bald eine unerträgliche Qual. Und wirklich, tagüber in der Nähe der Geliebten zu ſein, bei Tiſch zuweilen ihre Hand zu berühren, in einem engen Corridor von ihrem Gewande geſtreift zu werden, zuweilen ihren Arm in dem ſeinigen zu fühlen und dabei immer genöthigt zu ſein, den Ausdruck des Gefühls zu beherrſchen, da⸗ mit es nichts von den Gefühlen des Herzens verrathe, das iſt eine Aufgabe, die auf die Länge durchzuführen keine Willenskraft aus⸗ reicht. Varinka merkte, daß Feodor ſein Geheimniß nicht mehr lange zurückhalten könne, und beſchloß, ſeinem Geſtändniß ent⸗ gegenzukommen. Als ſie einmal allein mit ihm war und wieder ſah, wie er ſich umſonſt bemühte, ſeine Gefühle zu verbergen, trat ſie gerade vor ihn hin, ſah ihm feſt ins Auge und ſprach: „Sie lieben mich, Feodor?“ „Verzeihung, Verzeihung!“ rief der junge Mann und faltete die Hände. „Warum denn Vetzeihung, Feodor? Iſt Ihre Liebe nicht rein?“ „Ach, wohl iſt meine Liebe rein, um ſo reiner, je hoffnungs⸗ loſer ſie iſt!“ „Nun warum denn hoffnungslos? Liebt Sie mein Vater nicht wie ſeinen eignen Sohn?“ „O, das können Sie mir ſagen? Wie, Sie würden einwil⸗ ligen, wenn Ihr Vater mir Ihre Hand zuſagte?“ „Sind Sie nicht edel von Herz und Geburt, Feodor? Es iſt — 49 wahr, Sie haben kein Vermögen, aber ich bin reich genug für uns Beide.“ „Alſo, kaum wag' ich's auszuſprechen, alſo bin ich Ihnen nicht ganz gleichgültig?“ „Wenigſtens ziehe ich Sie Allen vor, die ich noch geſehen.“ „Varinka!“ Sie machte eine Bewegung des Stolzes. „O Verzeihung,“ bat Feodor,„was ſoll ich thun? Befehlen Sie! Ihnen gegenüber habe ich keinen Willen und mit jedem meiner Gedanken fürchte ich, Sie zu verletzen. Zeigen Sie mir den Weg, ich will blindlings folgen. „Sie müſſen meinen Vater um ſeine Einwilligung bitten.“ „Alſo Sie geben mir ein Recht zu dieſem Schritt?“ „Ja; aber nur unter einer Bedingung.“ „Und die iſt? O ſprechen Sie ſie aus!“ „Wie auch die Antwort meines Vaters lauten möge, er darf es nie erfahren, daß Sie ſich auf meinen Wunſch an ihn wenden. Keine Seele darf etwas von dem Geſtändniß wiſſen, das ich Ihnen eben gemacht, und was ſich auch immer zutrage, Sie haben von mir keine andere Unterſtützung zu erwarten, als die meiner Wünſche.“ „Alles, Alles, was Sie wollen! Gewähren Sie mir nicht tauſendmal mehr, als ich je zu hoffen gewagt? und wenn Ihr Vater mich abſchlägig beſchiede, wüßte ich dann nicht, daß Sie meinen Schmerz theilen?“ „Ja; doch ich hoffe, es wird nicht geſchehen,“ ſagte Varinka und reichte ihm die Hand, die er mit glühenden Küſſen bedeckte, „nur Hoffnung und Muth!“ Sie ging. Noch an demſelben Tage bat Feodor den General um eine Unterredung. Schon bei den erſten Worten Feodor's verfinſterte ſich das Ge⸗ ſicht des Generals. Zwar rührte ihn die Schilderung dieſer ſo 4 50 echten beſtändigen und glühenden Liebe, welche die Triebfeder ſei⸗ ner Tapferkeit geweſen, und er reichte ihm bewegt die Hand, er⸗ klärte aber, daß er während des Feldzuges auf den Wunſch des Kaiſers bereits dem Sohn eines Geheimen Cabinetsrathes ſein Wort gegeben, da er weder von Feodor's Gefühlen eine Ahnung gehabt, noch bei Varinka die mindeſte Spur bemerkt habe. Dagegen ließ ſich weiter nichts ſagen, denn in Rußland iſt ein Wunſch des Kaiſers ein Befehl, und ſobald er ausgeſprochen wird, fällt es Niemandem auch nur im Entfernteſten bei, etwas einzuwenden. Der General wurde etwas beruhigter, als ihm Feodor auf ſeine Frage verſicherte, daß Varinka noch nichts wiſſe, denn er hatte ſchon gefürchtet, zwei Herzen unglücklich zu machen. Bei Tiſche war der General mit Varinka allein. Sein betrüb⸗ tes Ausſehen ließ ſie die Antwort bereits ahnen, die Feodor erhalten. Feodor hatte eine weite Schlittenfahrt unternommen, um ſein Herz im Freien etwas zu erleichtern. Erſt um eilf Uhr Abends kehrte er zurück. Kaum lag er einige Augenblicke, immer noch ſeinen finſtern Gedanken nachhängend, auf dem Sopha, als An⸗ nuſchka, Varinka's Zofe, an ſeine Thür klopfte und ihn auf⸗ forderte, ſogleich zu ihrer Herrin zu kommen. Mit Erſtaunen folgte er. „Nun, was hat mein Vater geantwortet?“ fragte Varinka, als er eingetreten war und Annuſchka die Thür hinter ihm ver⸗ ſchloſſen hatte. Feodor erzählte ihr Alles. Sie hörte zu, ohne daß ihr Aus⸗ druck ſich im Mindeſten änderte; und ihre Lippen wurden bleich. Feodor dagegen war faſt außer ſich und bebte vor fieberhafter Leidenſchaftlichkeit. „Was beabſichtigen Sie jetzt zu thun?“ fragte Varinka mit unbewegter, ſicherer Stimme. „Sie, Varinka, können mich das fragen? Was wollen Sie, 51 daß ich thue, und was bleibt mir übrig, als Petersburg zu fliehen und im erſten beſten Kriege den Tod zu ſuchen?“ „Sie find ein Narr,“ ſagte Varinka mit einem Lächeln, das ein ſeltſames Gemiſch von Triumph und Verachtung ausdrückte; denn von dieſem Augenblick an fühlte ſie ihre Ueberlegenheit und ſah ein, daß ſie ſein Leben lang wie eine Königin über ihn ge⸗ bieten würde. „Nun,“ rief der junge Offizier,„ſo zeigen Sie mir einen Ausweg; befehlen Sie mir; bin ich nicht Ihr Sklave?“ „Sie müſſen bleiben!“ „Bleiben?“ „Ja! Es iſt weibiſch, es iſt kindiſch, ſich ſo nach dem erſten Schlage als beſiegt zu ergeben; ein Mann, wenn er dieſes Namens wahrhaft würdig ſein will, ein Mann ringt!“ „Ringen? Und gegen wen? Gegen Ihren Vater? Nun und nie!“ „Wer ſpricht denn davon? Dem Geſchick muß man trotzen! Nur der gemeine Menſch läßt ſich von ihm mitreißen; der edle ergreift das Steuer und kämpft mit Wind und Wogen, bis er den Hafen erreicht oder zu Grunde geht. Stellen Sie ſich vor meinem Vater, als wenn Sie Ihre Liebe bekämpften, bis er glaubt, Sie hätten ſie überwunden. Ich werde um zwei Jahre Aufſchub bitten, was man mir nicht abſchlagen wird. Wer weiß, was ſich in zwei Jahren zutragen kann! Der Kaiſer kann ſterben, der mir beſtimmte Mann kann ſterben; ja, auch mein Vater, den Gott in ſeinen Schutz nehmen möge, auch mein Vater kann ſterben. „Aber, wenn man Sie zwingt... „Mich zwingen!“ antwortete Varinka, und eine dunkle Röthe blitzte, ſchnell wieder verſchwindend, über ihr Geſicht;„wer ſoll mich zu etwas zwingen? Mein Vater? Dazu liebt er mich viel zu ſehr! Der Kaiſer? In ſeiner eigenen Familie hat er genug Urſachen, beſorgt zu ſein, als daß er noch die Ruhe Anderer ſtören ſollte! Und wie dem auch ſei, wenn alle Mittel erſchöpft ſind, 4* 52 „ ſo bleibt mir immer noch ein letzte Zuflucht. Dreihundert Schritte von hier fließt die Newa und ihre Fluthen ſind tief.“ Feodor ſchrie auf; denn aus der in Falten gezogenen Stirn und den zuſammengepreßten Lippen des jungen Mädchens ſprach eine Entſchloſſenheit, daß er wohl einſah, man könne ihren Willen brechen, aber nur nie beugen. Sein Herz war mit dieſem Plane zu ſehr einverſtanden, als daß er noch andere Einwendungen hätte aufſuchen ſollen. Ueber⸗ dies verſprach ja Varinka, ihn für ſeine Verſtellung vor der Welt insgeheim zu entſchädigen. Durch ſo entſchloſſenes Weſen übte ſie auf ihre ganze Umgebung, ſelbſt auf den General, einen ſo bedeutenden Einfluß, daß ihr Jedermann folgte, ohne recht zu wiſſen warum. So unterwarf ſich denn auch Feodor blindlings ihrem Verlangen. Einige Tage nach dieſer nächtlichen Beſchlußnahme wurde Gregor auf Varinka's Klage für ein unbedeutendes Verſehen in der oben beſchriebenen Weiſe gezüchtigt. Drei Tage lang blieb er in der Krankenſtube und ließ ſich von Jwan, der jetzt die Rolle eines Arztes ſpielte und die Wunden heilte, die er ſelber geſchlagen, Waſſer⸗ und Salzumſchläge machen, damit die Vernarbung ſchneller vor ſich gehe. Während dieſer Zeit ſann er auf Rache. Wäre er ein echter Ruſſe geweſen, er hätte dieſe Strafe, die Rußlands kräf⸗ tigen Söhnen etwas Alltägliches iſt, bald vergeſſen; aber in ſeinen Adern floß griechiſches Blut: er vergaß nichts und heuchelte. Obgleich er ein Leibeigener war, geſtattete ihm doch ſein Amt eine größere Vertraulichkeit gegen den Gebieter, als den andern Dienern. Daß der Barbier faſt überall bei denen, die er raſirt, große Vorrechte genießt, liegt vielleicht daran, daß er das Leben ſeiner Kunden ſo oft in der Hand hat. So gerieth auch Gregor beinahe täglich, wenn er ſein Geſchäft ausübte, mit dem General in eine Unterhaltung, zu welcher er allein den Stoff zu liefern pflegte. 53 Eines Tages kam das Geſpräch auf Feodor. Der General dachte an die Züchtigung, die dieſer dem Barbier hatte ertheilen laſſen, und fragte den Letzteren, ob er nicht irgend etwas an ſei⸗ nem Liebling auszuſetzen habe. Gregor antwortete,„er halte Feodor für durchaus untadelhaft, wenn man von ſeiner Anmaßung abſehen wolle.“ „Anmaßung?“ fragte der General erſtaunt;„ gerade von die⸗ ſem Fehler habe ich ihn durchaus frei geglaubt.“ „Ja, ich hätte ſagen ſollen Ehrgeiz,“ antwortete Gregor. „Wie, Ehrgeiz?“ fuhr der General fort;„ ich ſollte meinen, es zeugte eben nicht von Ehrgeiz, daß er in meinen Dienſt eingetreten; denn nach ſeinem ſo ruhmvollen Feldzuge durfte er ſelbſt nach der Ehre ſtreben, in das Haus des Kaiſers einzu⸗ treten.“ „Ja, Ehrgeiz und Ehrgeiz ſind zweierlei,“ ſagte Gregor lä⸗ chelnd; Einer hat den Ehrgeiz, nach einem hohen Amte zu ſtreben, der Andere ſtrebt nach einer ausgezeichneten Verbindung; Einer will Alles ſich ſelbſt nur verdanken, ein Anderer möchte ſich zum Fußſchemel einer Frau machen, und am Ende ſtimmen ſie Alle da⸗ rin überein, daß ſie die Augen höher erheben, als ſie ſollen.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ rief der General, der zu merken anfing, wo Gregor eigentlich hinaus wolle. „Ich wollte nur ſagen, Euere Ereellenz, daß es Leute giebt, die durch die Güte, die man ihnen beweiſt, nur ihre Stellung vergeſſen und nach einer höhern anſtreben, obgleich ihnen ſchon auf dieſer der Kopf ſchwindelt.“ „Gregor,“ ſagte der General,„Du verwickelſt Dich da in eine üble Geſchichte; denn was Du da vorbringſt, iſt eine Anklage, und wenn ich ſie als eine ſolche nähme, ſo würdeſt Du Deine Behauptungen beweiſen müſſen.“ „Beim heiligen Baſilius, Ercellenz, keine Sache iſt ſo ſchlimm, daß man ſich nicht mit Ehren herausziehen könnte, wenn man 54⁴ nur die Wahrheit auf ſeiner Seite hat. Ich habe nichts geſagt, was ich nicht auch zu beweiſen bereit wäre.“ „Alſo Du behaupteſt, daß Feodor meine Tochter liebt?“ „Das hab' ich nicht geſagt,“ antwortete er mit der Doppel⸗ züngigkeit ſeiner Nation,„ſondern Euere Ercellenz ſelbſt; ich habe Fräulein Varinka nicht genannt.“ „Aber Du haſt es doch ſagen wollen, nicht wahr? Antworte ein⸗ mal offen, ich will ſehen, ob Du Deine Gewohnheit laſſen kannſt.“ „Nun ja, Excellenz, ich hab' es ſagen wollen.“ „Und Deiner Meinung nach erwidert wohl meine Tochter dieſe Liebe?“ „Ich fürchte es für ſie und Euere Ercellenz.“ „Und was giebt Dir Grund zu dieſem Glauben?“ „Erſtlich verſäumt Herr Feodor keine Gelegenheit, mit Fräu⸗ lein Varinka zu ſprechen.“ „Er wohnt mit ihr unter einem Dache; meinſt Du, er ſoll weglaufen, wenn er ſie kommen ſieht?“ „Wenn Fräulein Varinka ſpät nach Hauſe kommen und zu⸗ fällig Herr Feodor Sie nicht begleitet hat, ſo mag es ſo ſpät ſein als es will, Herr Fevdor iſt da, um ihr aus dem Wagen zu helfen.“ „Feodor wartet auf mich, das iſt ſeine Schuldigkeit,“ ſagte der General und fing ſchon an zu glauben, daß der Verdacht des Leibeigenen nur auf ſolchen Scheingründen beruhe;„er er⸗ wartet mich, denn ich kann ja in jedem Augenblick vielleicht einen Befehl für ihn haben.“ „Es vergeht ſelten ein Tag, an dem nicht Herr Feodor in das Zimmer des Fräuleins geht, obgleich ſo etwas in einem Hauſe, wie in dem Eurer Excellenz, den jungen Herren gewöhnlich nicht freiſteht.“ „Dann hab' ich ihn meiſtens ſelbſt zu ihr geſchickt!“ „Ja, bei Tage,“ antwortete Gregor,„aber... bei Nacht.. 2“ 55 „Bei Nacht!“ ſchrie der General, ſprang auf, erbleichte und mußte ſich einen Augenblick am Tiſche feſthalten. „Ja, bei Nacht, Euere Excellenz,“ antwortete Gregor ruhig, „und da ich angefangen, wie Sie meinen, mir eine üble Ge⸗ ſchichte einzubrocken, ſo will ich ſie auch zu Ende bringen; und ſollte mich auch eine noch härtere Strafe treffen, als die ich ſchon erhalten, länger duld' ich's nicht, daß man einen ſo vortrefflichen Herrn betrügt.“ „Nimm Dich wohl in Acht mit dem, was Du ſprichſt, Sklave, ich kenn' Euch Griechen! Wenn die Anklage, die Du aus Rach⸗ ſucht vorbringſt, nicht auf ſichtbaren, handgreiflichen Beweiſen beruht, wirſt Du beſtraft als ein ſchändlicher Verleumder.“ „Mir recht,“ ſagte Gregor. „Und Du behaupteſt geſehen zu haben, daß Feodor bei Nacht zu meiner Tochter geht?“ „Das will ich gerade nicht behaupten, Creellenz, daß ich ge⸗ ſehen, wie er zu ihr ging; aber ich habe geſehen, daß er von ihr ging.“ „Und wann?“ „Vor einer Viertelſtunde ungefähr, als ich hieher zu Eurer Excellenz kam.“ „Du lügſt, Schurke!“ ſchrie der General und ballte die Fauſt gegen den Leibeigenen. „Das iſt gegen unſere Abmachung, Excellenz,“ antwortete der Leibeigene und wich zurück:„ich ſoll ja erſt dann beſtraft wer⸗ den, wenn ich keinen Beweis ſchaffen kann.“ „Und worin beſteht er?“ „Ich hab's ja ſchon geſagt.“ „Und Du hoffſt, daß ich Deinem bloßen Worte glauben werde?“ „Das nicht, aber Ihren Augen.“ „Und wie das?“ „Sobald Herr Feodor wieder bei Fräulein Varinka die Nacht 56 bleibt, bring ich Eurer Ercellenz Meldung. Aber bis jetzt, Ercel⸗ lenz, ſind alle Bedingungen nur zu meinem Nachtheile.“ „Wie?“ „Nun, wenn ich keine Beweiſe ſchaffen kann, ſoll ich als ſchändlicher Verleumder beſtraft werden; gut; wenn ich aber welche ſchaffe, was bekomme ich dafür?“ „Tauſend Rubel und Deine Freiheit.“ „Topp, Exrcellenz,“ ſagte Gregor ruhig und legte die Raſir⸗ meſſer des Generals wieder in die Toilette.„Bevor acht Tage vergehen, hoff' ich, Sie werden mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ Man kann ſich denken, daß der General jetzt auf jedes Wort, auf jeden Blick aufpaßte, den Feodor und Varinka in ſeiner Ge⸗ genwart wechſelten. Aber er ſah nichts, was ihm ſeinen Argwohn hätte beſtätigen können; im Gegentheile, Varinka ſchien ihm käl⸗ ter und abgemeſſener als je. So vergingen acht Tage. um zwei Uhr in der Nacht zum neunten klopfte Gregor an des Generals Thüre. „Wenn Euere Ercellenz jetzt zu Dero Tochter gehen will, wird Sie Herrn Feodor bei ihr finden.“ Der General wurde bleich und kleidete ſich an, ohne eine Sylbe zu ſprechen. An Varinka's Thür gab er dem Leibeignen einen Wink, ſich zu entfernen. Allein dieſer verſteckte ſich in einem Win⸗ kel des Corridors. Als der General ſich allein glaubte, klopfte er. Alles blieb ſtill; aber Varinka konnte ja ſchlafen. Als er zum zweiten Male klopfte, fragte ſie mit vollkommen ruhigem Tone:„Wer iſt da?“ „Ich bins,“ antwortete der General mit einer vor Aufregung bebenden Stimme. „Annuſchka,“ ſagte ſeine Tochter zu ihrer Milchſchweſter, die in dem nächſten Zimmer ſchlief,„öffne meinem Vater. Verzeihe, lieber Vater, Annuſchka muß ſich erſt ankleiden; aber ſie kommt augenblicklich.“ 57 Der General wartete geduldig, denn er hatte in der Stimme ſeiner Tochter nicht die mindeſte Bewegung bemerkt und hoffte, Gregor würde ſich getäuſcht haben. Bald öffnete ſich auch die Thür und er trat ein, mit ſpähen⸗ dem Blick umherſchauend. Es war Niemand im erſten Zimmer. Varinka lag im Bette. Sie war etwas bleicher als gewöhn⸗ lich, aber vollkommen ruhig, und auf ihren Lippen ſchwebte das Lächeln, mit welchem ſie ihren Vater ſtets zu empfangen pflegte. „Welchem glücklichen Umſtand,“ fragte Sie mit einſchmei⸗ chelnder Stimme,„hab' ich's zu verdanken, Sie, lieber Vater, in einer ſo ſpäten Stunde der Nacht bei mir zu ſehen?“ „Ich wollte mit Dir über eine wichtige Angelegenheit ſprechen und glaubte, Du würdeſt mir's nicht übel nehmen, wenn ich auch Deinen Schlaf ſtöre.“ „Mein Vater wird mir jederzeit willkommen ſein, er möge kommen, zu welcher Stunde es ihm beliebt.“ Wieder blickte der General aufmerkſam umher, überzeugte ſich aber, daß im erſten Zimmer wenigſtens Niemand verborgen ſein könne. Ihm blieb noch das zweite zu unterſuchen. „Ich bin bereit Euch zu hören,“ ſagte Varinka nach kurzem Schweigen. „Ja, aber wir ſind nicht allein, und keine anderen Ohren, als die Deinigen dürfen hören, was ich Dir zu ſagen habe.“ „Annuſchka, lieber Vater, iſt ja meine Milchſchweſter.“ „Wenn auch,“ antwortete der General, ergriff eine Kerze und ging auf das andere, kleinere Zimmer zu. „Annuſchka,“ ſagte er,„paſſ' im Corridor auf, daß uns Nie⸗ mand belauſcht.“ Dann ſah er ſich wieder mit forſchendem Blick um, aber außer ihm und ſeiner Tochter war auch im zweiten Zimmer Niemand. Als Annuſchka herausgegangen, kehrte der General zu ſeiner Tochter zurück und ſetzte ſich neben ihr Bett. 58 „Liebe Tochter,“ ſagte er, ſeinem Kinde die Hand reichend, „ich habe eine wichtige Angelegenheit mit Dir zu beſprechen.“ „Und die iſt?“ „Du biſt bald achtzehn Jahre alt, und in dieſem Alter pflegen ſich die Töchter der adligen Häuſer Rußlands zu vermählen.“— Nach dieſen Worten ſchwieg er einen Augenblick, um zu ſehen, welchen Eindruck ſie auf Varinka machen würden; aber ſie ließ ihre Hand unbeweglich in der ſeinigen.—„Seit einem Jahre,“ fuhr er fort,„habe ich über Deine Hand verfügt.“ „Darf ich wiſſen, zu weſſen Gunſten?“ fragte Varinka kalt.“ „Du biſt für den Sohn den Wirklichen Geheimen Cabinetsraths beſtimmt; was denkſt Du dazu?“ „Wie man ſagt, iſt er ein würdiger und edler junger Mann,“ erwiderte Varinka;„aber eine beſtimmte Meinung kann ich von ihm nicht haben, da er ſeit längerer Zeit in Moskau in Garniſon liegt.“ „Binnen drei Monaten kehrt er zurück.“ Varinka blieb ſtumm und regungslos. „Haſt Du mir denn nichts darauf zu antworten?“ fragte der General. „Nein, lieber Vater. Nur eine Gnade will ich mir von Ihnen erbitten.“ „Und welche?“ „Ich möchte nicht vor meinem zwanzigſten Jahre heirathen.“ „Und warum?“ „Ich habe ein Gelübde gethan.“ „Aber, wenn dringende Umſtände einen Bruch dieſes Gelübdes erheiſchen und die Beſchleunigung der Hochzeit nöthig machten?“ „Welche denn?“ fragte Varinka. „Feodor liebt Dich,“ ſagte der General und ſah ihr ſcharf ins Auge. „Ich weiß es,“ antwortete Varinka mit ſo großem Gleich⸗ muthe, als wenn gar nicht von ihr die Rede wäre. 59 „Du weißt es?“ rief der General. „Ja, er hat es mir geſagt.“ „Wann denn?“ „Geſtern.“ „Und Du antworteteſt ihm.... ſa2 „Daß er ſich entfernen müſſe.“ „Und er hat eingewilligt?“ „Ja, mein Vater.“ „Wann will er abreiſen?“ „Er iſt ſchon abgereiſt.“ „Aber,“ ſagte der General,„er hat mich erſt um zehn Uhr verlaſſen.“ „Und mich um Mitternacht,“ erwiderte Varinka. „Ach!“ rief der General unwillkührlich und athmete zum erſten Male wieder frei auf;„Du biſt ein edles Mädchen, Varinka, und ich willige in Dein Verlangen ein. Nur bitte ich Dich zu bedenken, daß der Kaiſer es iſt, der dieſe Verbindung be⸗ ſtimmt hat.“ „Mein Vater wird mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu glauben, daß ich eine zu gehorſame Tochter bin, als daß ich eine widerſpenſtige Unterthanin ſein könnte.“ „Nun gut, gut, Varinka! Alſo der arme Feodor hat Dir Alles geſagt?“ „Alles.“ „Du haſt erfahren, daß er ſich zuerſt an mich gewandt?“ . Ja.“ „Alſo von ihm haſt Du zuerſt erfahren, daß Deine Hand be⸗ reits verſagt iſt?“ „Ja, von ihm.“ „Und er willigte ein, uns zu verlaſſen! Er iſt wirklich ein herzensguter und edler Menſch! Mein Schutz ſoll ihn überall hin begleiten. O, wenn ich mein Wort nicht gegeben hätte, ich hatte 60 ihn ſo lieb! Auf meine Ehre, hätteſt Du nichts gegen ihn gehabt, ich hätte ihm Deine Hand bewilligt.“ „Und können Sie Ihres Wortes nicht ledig werden?“ „Unmöglich.“ „Nun, ſo mag in Erfüllung gehen, was geſchehen ſoll!“ ſagte Varinka. „Ja, ſo hör ich meine Tochter gern ſprechen,“ ſagte der General und umarmte ſie.„Gute Nacht, Varinka. Ich will Dich nicht fragen, ob Du ihn liebteſt. Ihr habt alle Beide Euere Pflicht gethan, und mehr kann ich nicht verlangen.“ Damit ſtand er auf und ging. Annuſchka ſtand im Corridor; der General gab ihr ein Zeichen, daß ſie wieder eintreten könne, und begab ſich in ſeine Zimmer. An der Thür fand er „Nun, Euere Excellenz?“ fragte dieſer. „Du hatteſt Recht und Unrecht zugleich; Feodor liebt meine Tochter, aber meine Tochter liebt ihn nicht. Er iſt um eilf Uhr zu ihr gegangen, hat aber um Mitternacht auf immer von ihr Abſchied genommen. Aber Du ſollſt dennoch morgen Deine tau⸗ ſend Rubel und die Freiheit haben.“ Gregor entfernte ſich verwundert. Unterdeß war Annuſchka wieder zu ihrer Herrin eingetreten und hatte die Thür ſorgſam verſchloſſen. Sogleich ſprang Varinka aus dem Bette und ſtürzte, ſobald der letzte Fußtritt ihres Vaters im Corridor verhallt, in das Nebenzimmer, und beide Frauen räumten einen Haufen Wäſche fort, der in der Fenſterniſche lag. Unter der Wäſche ſtand ein großer Kaſten mit einem Federſchloß. Annuſchka drückte einen Knopf und der Deckel ſprang auf. Beide Frauen ſtießen einen lauten Schrei aus, denn der Kaſten war zum Sarge geworden— der junge Offizier war erſtickt. Lange hofften ſie, er ſei nur ohnmächtig; Annuſchka ſpritzte ihm Waſſer ins Geſicht, und Varinka hielt ihm belebende Eſſenzen unter die Naſe, aber Alles war umſonſt. Während der langen „ — 61 Unterhaltung, die länger als eine halbe Stunde gedädert, hatte ſich Feodor nicht aus dem Kaſten befreien können, weil die Feder zugeſchnappt war, hatte keine Luft bekommen und war erſtickt. In welcher ſchrecklichen Lage befanden ſich die beiden Mädchen! Annuſchka ſah ſich bereits in Sibirien; Varinka, wir müſſen ihr dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, Varinka ſah nur Fevdop⸗ 2 Beide waren in Verzweiflung.. Die Verzweiflung der Zofe war egviſtiſcher, als die ihrer Ge⸗ bieterin, und darum kam ſie zuerſt auf ein Mittel, ſich aus der Verlegenheit zu ziehen.* „Fräulein,“ rief ſie plötzlich,„wir ſind gerettet!“ Varinka erhob ihr Haupt und ſah die Zofe mit ttränenſchwe⸗ 5 ren Blicken an. „Gerettet? Wir vielleicht, aber Er, Er!“* „Hören Sie mich, Fräulein, Ihre Lage iſt ſchrechlich, Ihr Unglück entſetzlich, ich gebe es zu; aber Beides könnte noch ärgẽr ſein. Wenn der General erführe... „Und was mache ich mir daraus?“ ſagte Varinka.„Vor aller Welt will ich jetzt meinen Thränen freien Lauf laſſen“ „Und dann vor aller Welt der Schande preisgeghen ſein! Morgen würden die Leibeigenen, übermorgen würde ganz Peters⸗ burg es wiſſen, daß ein Mann in ihrem Zimmer verſteckt war und dabei geſtorben iſt. Bedenken Sie, Fräulein, Ihre Ehre, die Ehre Ihres Vaters, Ihrer ganzen Familie!“ „Du haſt Recht,“ ſagte Varinka, den Kopf ſchüttelnd, als wollte ſie alle Trauergedanken abſchütteln, die ſie belaſteten,„Du haſt Recht; was iſt zu thun?“ „Sie kennen meinen Bruder Jwan. Wir müſſen ihm Alles ſagen.“ „Wohin denkſt Du!“ rief Varinka,„uns einem Manne anver⸗ trauen? Was, ſag' ich, einem Manne, einem Leibeigenen!“ „Je niedriger dieſer Leibeigene ſteht,“ antwortete die Zofe, 62 „deſto ſicherer können wir ſein, daß er reinen Mund hält, weil ſein Vortheil es erheiſcht.“ „Aber Dein Bruder trinkt,“ ſagte Varinka mit einem Ausdruck von Furcht und Ekel. „Das iſt wahr,“ entgegnete Annuſchka,„aber wo finden Sie einen Mann, der einen Bart hat*) und es nicht thäte? Mein Bruder betrinkt ſich noch ſeltener als alle Andern, alſo haben wir bei ihm am Wenigſten zu befürchten. Und in der Lage, in der wir einmal ſind, müſſen wir ſchon etwas wagen.“ „Du haſt Recht,“ erwiderte Varinka und gewann ſchnell ihre gewohnte Entſchloſſenheit wieder, die bei ihr ſtets mit der Gefahr wuchs.„Geh', ſuche Deinen Bruder auf.“ „Dieſen Morgen läßt ſich nichts mehr thun,“ ſagte Annuſchka und zog ein Rouleau in die Höhe;„denn Sie ſehen, der Tag graut ſchon.“ „Aber, was machen wir mit der Leiche des Unglücklichen?“ „Tagüber bleibt er hier liegen, und wenn Sie Abends im Hoftheater ſind, ſo ſchafft ihn mein Bruder auf die Seite.“ „Es iſt ja wahr,“ murmelte Varinka mit ſeltſamem, ſchreckli⸗ chem Tone vor ſich hin,„ich gehe heute Abend ins Schauſpiel; wie könnt' ich da fehlen; man würde Wunder was denken. O großer Gott!“ „Helfen Sie mir, Fräulein,“ ſagte Annuſchka,„ich habe allein nicht Kraft genug.“ Varinka wurde ſchrecklich bleich. Allein die Gefahr drängte, und entſchloſſen trat ſie zur Leiche ihres Geliebten, hob ihn an den Schultern in die Höhe, während die Zofe ihn an den Füßen hielt, und half ihn wieder in den Kaſten legen. Annuſchka ver⸗ ſchloß ihn, ſteckte den Schlüſſel in ihren Buſen und warf wieder die Wäſche darauf. NIn Rußland tragen gewöhnlich nur die Leibeigenen lange Bärte. 63 Obgleich Varinka natürlich kein Auge geſchloſſen, ging ſie doch zur Frühſtückszeit zu ihrem Vater, um demſelben auch nicht den mindeſten Anlaß zum Argwohn zu geben. Doch ſah ſie bleich aus, als ſei ſie eben aus dem Grabe geſtiegen. Der General ſchrieb dies jedoch der nächtlichen Störung zu. Es war ein glücklicher Gedanke von ihr geweſen, zu ſagen, daß Feodor abgereiſt ſei; denn ſo war der General nicht allein nicht verwundert über ſein Ausbleiben, da es ja ſeine Tochter rechtfertigte, ſondern erklärte auch öffentlich, er habe ſeinen Adju⸗ danten ſelbſt mit einem Auftrage fortgeſchickt. Varinka kehrte nicht früher in ihr Zimmer zurück, als bis ſie ſich zum Abend anklei⸗ den mußte. Vor acht Tagen war ſie mit Feodor zuſammen im Theater geweſen. Sie hätte Unpäßlichkeit vorſchützen und zu Hauſe bleiben können, allein eine zwiefache Beſorgniß rieth ihr davon ab. Der General hätte ſich vielleicht ihretwegen beunruhigt, wäre auch zu Hauſe geblieben und hätte dadurch das Fortſchaffen des Leichnams erſchwert. Ferner wünſchte ſie das Zuſammentreffen mit Jwan zu vermeiden, um ſich nicht vor einem Leibeigenen ſchämen zu dürfen. Sie zog es daher vor, eine übermenſchliche Anſtrengung auszuhalten, und fing an, ſich, von ihrer treuen Annuſchka unterſtützt, mit derſelben Sorgfalt zu ſchmücken, als wäre ihr Herz voller Freude geweſen. Als das heute ſo qualvolle Geſchäft des Anziehens beendigt war, befahl ſie Annuſchka, die Thüre zu verſchließen; denn ſie wollte Fevdor noch einmal ſehen und dem entſeelten Körper ihres Geliebten ein letztes Lebewohl ſagen. Das Haupt mit Blumen umkränzt, mit Perlen und Juwelen behangen, aber im Herzen eine eiſige Kälte, trat ſie mit geſpenſtiſchem Schritt in das Neben⸗ zimmer und beugte ſich, ohne eine Thräne zu vergießen, ohne einen Seufzer hören zu laſſen, mit der tiefen und faſt lebloſen Ruhe der Verzweiflung über Feodor hin, zog ihm einen einfachen Ring vom Finger, drückte ihm einen Kuß auf die Stirn und 64 ſagte mit einem Tone, der trotz ſeiner ſcheinbaren Feſtigkeit das verſtockteſte, kälteſte Herz erſchüttert hätte: „Leb' wohl, mein Bräutigam!“ Da ertönten Schritte in der Nähe. Der General ſchickte einen Kammerdiener, um zu fragen, ob ſeine Tochter bereit ſei. An⸗ nuſchka ließ den Deckel fallen, und Varinka folgte dem Diener, ihrer Milchſchweſter die Erfüllung der traurigen Pflicht überlaſſend. Bald darauf rollte die Kutſche des Generals durch das große Hofthor. Annuſchka ließ eine halbe Stunde verſtreichen und ſuchte dann Jwan auf. Er ſaß mit Gregor, dem der General Wort gehalten und der noch an demſelben Tage tauſend Rubel und ſeine Freiheit erhalten, fröhlich beim Glaſe. Glücklicherweiſe hatten ſie ihr Gelag erſt ſo eben begonnen, und Jwans Kopf ſchien noch frei genug, ſo daß ſeine Schweſter glaubte, ihm das Geheimniß anvertrauen zu können. Er folgte Annuſchka in das Zimmer Varinka's. Sie rief ihm ins Gedächtniß zurück, wie oft Varinka, die bei all' ihrem Stolz ſehr großmüthig war, ihm ſchon Wohlthaten erwieſen. Da der Ruſſe in der Trunkenheit zur Zärtlichkeit aufgelegt iſt, hatten die wenigen Gläſer, die er ſchon zu ſich genommen, ihn zur Erkennt⸗ lichkeit geſtimmt. Er ſprach von ſeiner Ergebenheit in ſo befrie⸗ digenden Ausdrücken, daß Annuſchka nicht länger Bedenken trug, den Kaſtendeckel öffnete und ihm Feodor's Leiche zeigte. Bei dieſem ſchrecklichen Anblick blieb Jwan einen Augenblick wie erſtarrt ſtehen; bald aber berechnete er, was ihm die Mit⸗ wiſſenſchaft eines ſolchen Geheimniſſes an Geld und Wohlſein eintragen könne, ſchwur mit den heiligſten Eiden, ſeine Gebieterin nie zu verrathen, und erbot ſich, die Leiche fortzuſchaffen. Das war keine ſchwere Aufgabe. Statt zu Gregor und ſeinen Cameraden an den Branntweintiſch zurückzukehren, machte er einen Schlitten zurecht, belud ihn mit Stroh und verſteckte darin eine Eisart. Dann verſicherte er ſich erſt, ob ihn Niemand belauſche, und trug dann die Leiche herab, verbarg ſie im Stroh, ſetzte ſich darauf und fuhr erſt die Newski⸗Perſpectibe entlang, dann auf der Newa weiter. Nachdem er ſich weit genug entfernt, ſchlug er ein Loch in das zwei Fuß dicke Eis, ließ den Leichnam hinunter⸗ gleiten und kehrte zurück, während Feodor's Reſte dem finniſchen Meerbuſen zugetrieben wurden. Um Mitternacht kehrte Varinka mit ihrem Vater zurück. Eine innere Gluth hatte den ganzen Abend über an ihr gezehrt, ſo daß ſie noch niemals ſchöner erſchienen. Die erſten und vornehmſten Herren des Hofes hatten ſie mit ihren Huldigungen überhäuft. Annuſchka wartete ſchon in der Vorhalle. Varinka warf ihr einen fragenden Blick zu. „Es iſt Alles glücklich abgelaufen,“ flüſterte die Zofe. Varinka athmete auf, als wenn ein Gebirge von ihrer Bruſt genommen wäre. So viel Gewalt über ſich ſelbſt ſie auch beſaß, länger hätte ſie die Gegenwart ihres Vaters nicht ertragen können; ſie ent⸗ ſchuldigte ſich, wegen Ermüdung nicht zum Nachteſſen bei ihm bleiben zu können. Kaun war die Thüre ihres Zimmers hinter ihr verſchloſſen, ſo riß ſie die Blumen aus dem Haar, den Schmuck von der Bruſt, ließ ſich die Schnürbruſt mit der Scheere aufſchneiden, warf ſich über ihr Bett und konnte nun endlich weinen und die Hände ringen. Annuſchka bekam am folgenden Tage den Auftrag, ihren Bruder zu belehren: eine zu beträchtliche Summe hätte bei einem Leib⸗ eigenen Verdacht erregen können; darum ſagte ſie ihm, ſo oft er Geld brauche, ſolle er nur fordern. Gregor kaufte ſich in der Nähe der Stadt eine Schenke, und da er viel Geſchick zu einer ſolchen Wirthſchaft und eine ausge⸗ dehnte Bekanntſchaft unter den Dienern der erſten Familien beſaß, machte er bald gute Geſchäfte, und die rothe Schenke kam ordentlich in Schwung. 5 66 Die Adjudantendienſte beim General verſah ein Anderer, und ſo war im Hauſe des Grafen Tſchermayloff die alte Ordnung wieder hergeſtellt. Zwei Monate vergingen, ohne daß Jemand den mindeſten Verdacht gefaßt hätte, als der General eines Morgens ſeine Tochter bitten ließ, zu ihm zu kommen. Varinka erbebte; denn ſeit jener Unglücksnacht war ihr Alles ein Anlaß zur Beſorgniß. Der Graf war allein, aber ſchon mit dem erſten Blick überſah ſie, daß dies⸗ mal nichts zu fürchten ſei, und reichte ihm mit gewohnter Ruhe die Stirn zum Kuß. Er winkte ihr, ſich zu ſetzen, und zeigte ihr einen bereits ge⸗ offneten Brief. Dieſer brachte die Nachricht, daß der junge Mann, dem ihre Hand zugeſagt war, im Duell gefallen ſei. Der General lauſchte in dem Geſicht ſeiner Tochter auf den Eindruck dieſer Nachricht, und trotz all ihrer Selbſtbeherrſchung jagten ihr plötzlich ſo viel verſchiedene Gedanken, ſo viel ſchmerz⸗ liche Selbſtvorwürfe durch die Seele, daß ſie ihre Bewegung nicht ganz zu verbergen vermochte. Der General ward es gewahr und ſchob es auf ihre Liebe zum jungen Adjudanten, die er ſchon längſt ahnte. „Nun,“ ſagte er lächelnd,„es wendet ſich ja Alles zum Beſten.“ „Wie meinen Sie das, lieber Vater?“ „Iſt Feodor nicht deshalb fortgegangen, weil er Dich liebte?“ „Ja,“ flüſterte ſie mit halb unterdrückter Bewegung. „So kann er ja auch wiederkommen.“ Varinka blieb ſtumm; ihre Augen ſtarrten vor ſich hin, ihre Lippen zitterten. „Wiederkommen!“ ſagte ſie. „Gewiß er wird wiederkommen! Wir müßten zu viel Unglück haben,“ fuhr der General lächelnd fort,„wenn wir nicht ſelbſt hier im Hauſe Jemand fänden, der ſeinen Aufenthaltsort weiß. f 67 Erkundige Dich danach, Varinka, und ſage mir, wo er iſt; das Uebrige ſoll meine Sorge ſein.“ „Niemand weiß, wo Feodor iſt,“ murmelte Varinka dumpf vor ſich hin;„Niemand als Gott.“ „Wie, er ſollte ſeit dem Tage ſeines Verſchwindens nichts von ſich haben hören laſſen?“ fragte der General unglaͤubig. Varinka ſchüttelte den Kopf; ihre Seele wurde von zu ſchreck⸗ lichen Schmerzen zerriſſen, als daß ſie ein Wort finden konnte. Nun wurde der General traurig. „Fürchteſt Du denn, daß ſich irgend ein Unglück zugetragen?“ fragte er Varinka. Varinka unterlag der Gewalt ihres Schmerzes und rief: „Für mich giebt es auf Erden kein Glück mehr! Erlauben Sie, lieber Vater, daß ich mich auf mein Zimmer zurückziehe,“ ſetzte ſie ſchnell hinzu;„ich ſchäme mich, ſo etwas geſagt zu haben.“ Der General glaubte, ſie bereue durch dieſen Ausruf, ihre Liebe verrathen zu haben, küßte ihr die Stirn und ließ ſie gehen. Trotz der traurigen Miene, mit der ſie von Feodor geſprochen, hoffte er doch, ihn noch ausfindig zu machen. Noch an demſelben Tage ging er zum Kaiſer, erzählte ihm Feodor's Liebe und bat, da der Tod ſein erſtes Verſprechen gelöſt, zu deſſen Gunſten über die Hand ſeiner Tochter verfügen zu dürfen. Der Kaiſer willigte ein und gab ſogar dem Polizeiminiſter den Auftrag, die nöthigen Maßregeln zu treffen, um Feodor' gegen⸗ wärtigen Aufenthaltsort zu ermitteln. Sechs Wochen vergingen, ohne daß eine Nachricht einlief. Varinka war ſeit dem letzten Geſpräch trauriger als je, und ver⸗ gebens verſuchte der General ihr Hoffnung zu machen. Er hörte endlich auf, von Feodor zu ſprechen. Aber daſſelbe war nicht der Fall bei den übrigen Hausgenoſ⸗ ſen. Ausgenommen von Gregor, war Feodor von Allen geliebt. Seit man daher erfahren, daß er nicht vom General fortgeſchickt, 5* 68 ſondern verſchwunden ſei, war dieſes plötzliche Verſchwinden faſt das einzige Geſpräch der Dienerſchaft. Auch an einem andern Orte beſchäftigte man ſich viel mit die⸗ ſem Gegenſtande, nämlich in der rothen Schenke. Gregor's Verdacht erwachte von Neuem, als er von Feodor's geheimnißvollem Verſchwinden hörte. Er wußte beſtimmt, daß er zu Varinka gegangen war, und konnte es nicht begreifen, daß der General ihn nicht gefunden. Dazu kam, daß Jwan ſeit jener Zeit für einen Leibeigenen ungewöhnlich viel Geld ausgab. Er war ja Annuſchka's Bruder; und ſo argwöhnte der verſchmitzte Grieche bereits die Quelle ſeiner neuen Einnahmen. Dazu kam, daß Jwan, der nicht nur ſein guter Freund geblieben, ſondern auch ſein beſter Kunde geworden, niemals von Feodor ſprach, und wenn die Rede auf denſelben kam, das Geſpräch kurz abbrach mit den Worten:„Sprechen wir von etwas Anderm.“ Am heiligen Dreikönigstage war viel Beſuch bei Gregor. Auch Jwan erſchien und klingelte zur großen Freude der anweſenden Gäſte, die ſeine Freigebigkeit ſchon kannten, mit den Silberkopeken in ſeiner Taſche. Die Unterhaltung kam auf die Leibeigenſchaft, und einige der Unglücklichen, die im ganzen Jahre kaum vier Ruhetage haben, prieſen das unerhörte Glück Gregors. „Ach was,“ ſagte Jwan, dem der Branntwein anfing in den Kopf zu ſteigen,„mancher Leibeigene iſt freier, als ſein Gebieter.“ „Wie meinſt Du das?“ fragte Gregor und ſchenkte ihm ein neues Glas ein. „Glücklicher, wollt' ich ſagen,“ verbeſſerte ſich Jwan ſchnell. „Nun, das möchte doch ſchwer zu beweiſen ſein.“ „Warum denn? Unſere Herrn.... kaum ſind ſie geboren, ſo giebt man ſie zwei oder drei Schulmeiſtern in die Hände: einem Franzoſen, einem Deutſchen und einem Engländer. Mag er ſie leiden können, oder nicht, bis zum ſiebzehnten Jahre muß er bei — e— — r's er aß ner Er tzte m, ern nd nit uch den ken der en, den pe ein ſo em ſie bei 69 ihnen aushalten und, er mag wollen, oder nicht, drei kauderwälſche Sprachen auf Koſten unſerer ſchönen ruſſiſchen erlernen, die er oft faſt ganz vergeſſen, wenn er die andern kann. Will er dann zu etwas in der Welt kommen, ſo muß er Soldat werden. Iſt er Unterlieutenant, ſo iſt er ein Sklave des Lieutenants, iſt er Lieutenant, ein Sklave des Hauptmanns, und ſo geht's herauf bis zum Kaiſer, der zwar Niemands Sklave iſt, den man aber eines Tages bei Tiſch, auf dem Speziergange oder in ſeinem Bette überfällt, vergiftet, erdolcht oder erdroſſelt. Bleibt er im bürgerlichen Leben, ſo geht's freilich anders; er heirathet eine Frau, ohne ſie zu lieben, und bekommt Kinder, ohne zu wiſſen, wo ſie herkommen, für die er ſorgen muß. Ewig muß er ringen und ſich abmühen, wenn er arm iſt, um ſeine Familie zu ernäh— ren, iſt er reich, um nicht von ſeinem Intendanten und ſeinen Pächtern betrogen zu werden. Heißt das Leben? Wir oaber, wir werden geboren, und das iſt der einzige Schmerz, den wir unſerer Mutter verurſachen; alles Andere geht uns nichts an, ſondern nur unſerem Herrn. Er muß uns ernähren, er muß un⸗ ſern Beruf beſtimmen, den man leicht lernt, wenn man nicht gerade eine ganz vernagelte Beſtie iſt. Sind wir krank, ſo curirt uns ſein Doctor, denn es wäre ein Verluſt für ihn, wenn wir ſtürben. Sind wir geſund, ſo haben wir unſere vier Mahlzeiten täglich und ein warmes Lager zur Nacht. Verlieben wir uns, nun ſo ſteht unſerer Heirath niemals etwas im Wege, wenn nur die Liebſte uns wieder liebt; der Herr fordert uns ſelbſt auf, zu heirathen, ſo ſchnell es geht, denn er wünſcht, daß wir ſo viel Kinder erzeugen, als irgend möglich. Und bekommen wir Kinder, ſo geht es denſelben eben ſo gut, als uns. Ich ſag' es Euch, Ihr werdet nicht viele Herren finden, die ſo glücklich ſind, als ihre Leibeigenen.“ „Du haſt ganz Recht,“ erwiderte Gregor und ſchenkte ihm ein; „aber magſt Du ſagen, was Du willſt, Du biſt doch nicht frei!“ 70 „Welche Freiheit fehlt mir denn?“ fragte Jwan. „Nun, Du darfſt doch nicht gehen, wann und wohin Du willſt.“ „Ich bin frei wie der Wind,“ antwortete Jwan. „Paperlapap!“ ſagte Gregor. „Frei wie der Wind, ſag' ich Dir; denn ich hab' einen guten Herrn und vor allen Dingen eine prächtige Herrin,“ fuhr Jwan mit bedeutungsvollem Lächeln fort;„ ich darf nur bitten, und es geſchieht.“ „Ei, wenn Du Dich heute betrinkſt und morgen wieder um Erlaubniß bäteſt, herkommen und Dich betrinken zu dürfen?“ „So würde ich die Erlaubniß auch bekommen.“ „Du würdeſt morgen wieder herkommen dürfen?“* „Morgen, übermorgen, alle Tage, wenn's mir gerade Spaß machte.“ „Ja, Iwan iſt wirklich der Liebling des Fräuleins,“ ſagte ein anderer Leibeigner des gräflichen Hauſes, der auf Jwan's Koſten mittrank. „Wenn man Dir auch wirklich,“ ſagte Gregor,„die Erlaub⸗ niß gäbe, ſo würde Dir doch bald das Geld ausgehen.“ 3 „Nie,“ meinte Jwan und ſtürzte ein Glas Branntwein hin⸗ unter,„nie wird es Jwan an Geld fehlen, ſo lange das Fräulein noch eine Kopeke im Beutel hat.“ „Ich habe ſie von dieſer freigebigen Seite nicht kennen gelernt,“ ſagte Gregor mit Bitterkeit. „Was Du für ein ſchlechtes Gedächtniß haſt, Freund! Du ſollteſt doch wiſſen, daß ſie die Knutenhiebe ihren guten Freunden nicht nachrechnet.“ „Das mein' ich nicht,“ erwiderte Gregor;„ich weiß wohl, mit Knutenhieben iſt ſie nicht ſparſam; aber mit Geld, das iſt ein ander Ding. Ich habe nie auch nur einen Heller von ihr geſehen.“ „Aber ich hab' Geld, Freund,“ fuhr Jwan fort, immer be⸗ rauſchter werdend;„ſieh', da ſind Kopeken, Silberkopeken, blaue Fünfrubel- und rothe Fünfundzwanzigrubelſcheine. Und morgen könnt ich auch Funfziger zeigen. Auf die Geſundheit des Fräu⸗ leins!“ „Aber das Geld,“ ſagte Gregor, um Jwan immer mehr auf⸗ zuſtacheln,„das Geld kann doch die Verachtung nicht gut machen.“ „Die Verachtung, die Verachtung? Wer verachtet mich? Du vielleicht, weil Du frei biſt? Ueber die ſchöne Freiheit! Lieber bin ich ein Leibeigner, der gut zu leben hat, als ein Freier, der hungern muß!“ „Ich meine die Verachtung von Seiten der Herrſchaft.“ „Meine Herrſchaft mich verachten? Frage hier Aleris, frage Daniel, ob das Fräulein mich verachtet.“ „Iwan muß ein Zaubermittel haben,“ antworteten die ange⸗ redeten Leibeignen,„denn man ſpricht mit ihm ſtets, als wenn er ein vornehmer Herr wäre.“ „Ja, weil er Annuſchka's Bruder und Annuſchka die Milch⸗ ſchweſter des Fräuleins iſt.“ „Das iſt wohl möglich,“ meinten die Leibeignen. „Es bleibt ſich ganz gleich, ob deswegen oder aus andern Gründen,“ fuhr Jwan fort;„genug, es iſt ſo.“ „Ja, aber wenn Deine Schweſter ſtürbe? Wie dann?“ „Das wäre ſchade,“ meinte Jwan,„weil meine Schweſter ein gutes Mädel iſt; auf ihre Geſundheit! Aber wenn ſie auch ſtürbe, ſo würde dadurch an der Sache nichts geändert. Man achtet mich meinetwegen, und man achtet mich, weil man mich fürchtet. Nun wißt Ihr's!“ „Man fürchtet ſich vor dem gnädigen Herrn IJwan!“ ſagte Gregor laut auflachend.„Alſo wenn der gnädige Herr Jwan keine Luſt mehr hätte, Befehle zu empfangen, ſondern welche zu ertheilen, ſo würde man dem gnädigen Herrn Jwan wohl gar gehorchen?“ 72 „Kann wohl ſein,“ ſagte Jwan. „Er ſagt: kann ſein!“ wiederholte Gregor und lachte noch lauter.„Kann ſein! Habt Ihr's Alle gehört?“ „Ja,“ ſagten die Leibeignen, die ſo viel getrunken, daß ſie nur noch in einzelnen Lauten antworten konnten. „Nun wohl denn! ich will nicht mehr ſagen: kann ſein; jetzt ſage ich: ganz gewiß.“ „Das wollt' ich denn doch ſehen!“ ſagte Gregor.„Ich wollte ſchon was drum geben, es zu ſehen!“ „Jage dieſe Kerle fort, die ſich ja ſchon wie Schweine beſoffen haben, und Du ſollſt es umſonſt ſehen.“ „Umſonſt? Du treibſt wohl Deinen Scherz mit mir? Denkſt Du denn, daß ich ihnen umſonſt zu trinken gebe?“ „Wie viel können ſie denn noch in Deinem ſchändlichen Schnaps verſaufen, wenn ſie bis Mitternacht hier bleiben?“ „Wenigſtens noch zwanzig Rubel.“ „Na, da ſind dreißig; jage ſie heraus, damit wir unter uns ſind.“ „Cameraden,“ ſagte Gregor und zog die Uhr,„es iſt bald Mitternacht; Ihr kennt den Befehl des Gouverneurs, alſo geht nach Hauſe.“ Die Ruſſen ſind an den blinden Gehorſam gewöhnt; ohne zu murren gingen ſie, und Gregor blieb mit Jwan und noch zwei Leibeignen des Generals allein. „Nun ſind wir unter uns,“ begann Gregor.„Was willſt Du thun?“ „Was ſagt Ihr dazu,“ ſprach Jwan,„wenn trotz der ſpäten Stunde, trotz der Kälte und trotzdem, daß wir Leibeigne ſind, das Fräulein herkäme und auf unſere Geſundheit anſtieße?“ Gregor zuckte wie verächtlich die Achſeln und ſagte ſpöttiſch: „Da müßteſt Du die gute Gelegenheit benutzen und ihr zugleich ſagen, daß ſie eine Flaſche Branntwein mitbringt; denn in des Generals Keller giebt's gewiß beſſern, als in dem meinigen.“ „Ja, er hat beſſern in ſeinem Keller, und das Fräulein ſoll eine Flaſche mithringen,“ ſagte Jwan, ſeiner Sache völlig gewiß. „Du biſt verrückt!“ antwortete ihm Gregor. „Ja, er iſt verrückt,“ wiederholten die beiden andern Leib⸗ eignen maſchinenmäßig. „Willſt Du wetten?“ meinte Jwan. „Was gilt die Wette?“ „Zweihundert Rubel Schein gegen ein Jahr freie Zeche!“ „Topp!“ „Sind wir mitgerechnet?“ fragten die beiden Andern. „Freilich; und aus Rückſicht auf Euch will ich mich mit ſechs Monaten begnügen.“ Mit großem Vertrauen zog Jwan ſeinen Pelz an und ging. Nach einer halben Stunde war er wieder da. „Nun wie ſteht's?“ riefen die Drei ihm entgegen. „Sie folgt mir auf dem Fuße. Die drei Trinker glotzten ſich verwundert an; Iwan ſetzte ſich ruhig zu ihnen, ſchenkte ein und erhob ſein Glas. „Das Fräulein ſoll leben! Ihre Geſundheit auszubringen, iſt das Wenigſte, was wir ihr dafür ſchuldig ſind, daß ſie ſo gefällig iſt, trotz Dunkelheit, Kälte und Schneegeſtöber zu uns zu kommen.“ „Annuſchka,“ ſagte eine Stimme vor der Thür,„klopfe und frage Gregor, ob nicht einige von unſern Leuten bei ihm ſind.“ Gregor und die beiden Leibeignen waren erſtaunt; ſie hatten Varinka's Stimme erkannt. Jwan ſchaukelte ſich mit bewunderns⸗ würdiger Frechheit auf ſeinem Stuhle hin und her. Annuſchka öffnete die Thüre, und man ſah draußen den Schnee in dichten Flocken fallen. „Ja, gnädiges Fräulein, mein Bruder Jwan, Daniel und Aleris ſind da.“ Varinka trat ein. „Ihr guten Leutchen,“ ſagte ſie mit ſonderbarem Lächeln,„man 7⁴ hat mir geſagt, daß Ihr auf meine Geſundheit trinkt, und ich bringe Euch hier etwas, womit Ihr anſtoßen könnt. Es iſt eine Flaſche alter Franzbranntwein aus dem Keller' meines Vaters, ganz wie Ihr gewünſcht habt. Haltet mir Eure Gläſer her.“ Gregor und die beiden Leibeignen gehorchten mit der Lang⸗ ſamkeit und dem Zaudern des Erſtaunens, während Jwan ſein Glas mit der größten Unverſchämtheit hinhielt. Varinka ſchenkte ſelbſt ein und ſagte, da ſie noch immer nicht trinken wollten: „Auf meine Geſundheit, trinkt aus!“ „Hurrah!“ ſchrieen die Zecher, durch den milden vertraulichen Ton des vornehmen Gaſtes ermuthigt, und leerten ihre Gläſer auf einen Zug. Varinka ſchenkte wieder ein und ſetzte dann die Flaſche auf den Tiſch. „Leert dieſe Flaſche, ihr Leutchen,“ ſagte ſie,„und kümmert Euch um mich weiter nicht; ich und Annuſchka wollen, wenn der Hausherr erlaubt, am Ofen ſo lange warten, bis das Wetter et⸗ was beſſer wird.“ Gregor wollte aufſtehen, um Seſſel an den Ofen zu ſtellen, aber er ſank auf ſeine Bank zurück und verſuchte umſonſt, eine Entſchuldigung zu ſtammeln. „Laßt es nur gut ſein,“ ſagte Varinka,„und ſtört Euch gar nicht im Trinken.“ Die Zecher benutzten die Erlaubniß, und jeder leerte ſein Glas. Gregor hatte kaum ausgetrunken, als ſein Kopf auf den Tiſch ſank. „Gut,“ ſagte Varinka leiſe zu ihrer Zofe,„das Opium wirkt!“ „Was wollen Sie denn aber thun, Fräulein?“ fragte An⸗ nuſchka. „Wirſt es gleich ſehen.“ Die beiden Leibeignen folgten bald dem Beiſpiele des Haus⸗ herrn und ſanken beſinnungslos nieder. Jwan rang noch mit dem Schlaf und verſuchte ein Trinklied zu ſingen, bald aber verſagte ihm die Zunge den Dienſt, die Augen fielen zu, und halbe, unverſtändliche Worte ſtammelnd, ſiel er bewußtlos neben ſeinen Cameraden nieder. Sogleich ſtand Varinka auf und heftete einen durchdringenden Flammenblick auf die Schläfer. Damit begnügte ſie ſich noch nicht, ſondern rief jeden bei ſeinem Namen. Keiner antwortete. Dann ſchlug ſie, wie freudig, in die Hände und ſprach:„Jetzt iſt es Zeit.“ Aus dem Hintergrunde des Gemachs holte ſie einen Arm voll Stroh, legte in jede Ecke ein Häufchen und ſteckte es mit einem Kienſpan in Brand. „Um's Himmels willen, was thun Sie!“ ſchrie Annuſchka und wollte ſie daran verhindern. „Ich will unſer Geheimniß unter der Aſche begraben.“ „Aber mein Bruder, mein armer Bruder!“ „Dein Bruder iſt ein Schurke und hat uns verrathen; wir wären verloren, wenn wir ihn nicht aus dem Leben ſchafften. „Ach mein Bruder, mein armer Bruder!“ „Du kannſt mit ihm ſterben,“ ſagte Varinka und begleitete dieſen Vorſchlag mit einem ſchrecklichen Lächeln, aus dem erſicht⸗ lich war, daß es ihr ganz recht geweſen, hätte Annuſchka ihre Geſchwiſterliebe ſo weit treiben wollen. „Aber da kommt ſchon das Feuer!“ ſchrie die Zofe. „Heraus denn!“ rief Varinka, riß das faſt beſinnungsloſe Mädchen mit ſich, ſchloß hinter ſich die Thür und warf den Schlüſ⸗ ſel weit von ſich weg in den Schnee. „Um des Himmels willen!“ ſchrie Annuſchka,„ſchnell, ſchnell nach Hauſe. Ich kann dies gräßliche Schauſpiel nicht anſehen.“ „Nein, wir wollen gerade hier bleiben,“ ſagte Varinka und hielt ihre Dienerin mit beinahe männlicher Kraft an der Hand zurück.„Wir bleiben, bis das Haus zuſammenſtürzt und wir ſicher ſein können, daß Niemand entwiſcht.“ „Allmächtiger Gott!“ rief Annuſchka und ſank auf die Kniee; 76 „ſei meinem armen Bruder gnädig; denn der Tod führt ihn vor Dein Angeſicht, bevor er ſich dazu bereiten kann.“ „Ja, bete, bete,“ ſagte Varinka;„denn nur ihre Leiber will ich vernichten, nicht ihre Seelen. Bete, ich erlaub' es Dir.“ Mit untergeſchlagenen Armen blieb Varinka ſtehen, von der dunkeln Gluth der Feuersbrunſt beleuchtet, während neben ihr die Zofe knieend betete. Das Haus war von Holz und die Fugen, wie bei allen ruſ⸗ ſiſchen Bauerhäuſern, mit Werg verſtopft, ſo daß die Flammen es ſchnell verzehren mußten. Varinka folgte den Fortſchritten derſel⸗ ben mit aufmerkſamen Augen, immer noch beſorgt, eine halbver⸗ brannte, geſpenſtiſche Geſtalt aus der Gluth hervorſpringen zu ſehen. Endlich ſtürzte das Dach zuſammen, und jetzt kehrte ſie, von aller Furcht befreit, mit Annuſchka in ihre Wohnung zurück. Am folgenden Tage ſprach ganz Petersburg vom Brande der rothen Schenke. Man hatte die Ueberreſte von vier Leichen aus der Aſche hervorgezogen, und da drei ſeiner Leibeignen nicht zu⸗ rückgekehrt waren, zweifelte der General nicht, daß Jwan, Daniel und Aleris mit Gregor zugleich verbrannt ſeien. Die Entſtehungsart des Feuers blieb Allen ein Geheimniß. Das Haus lag ſo einſam, und das Schneegeſtöber war ſo heftig geweſen, daß Niemand den beiden Mädchen begegnet war. Auf ihre Zofe konnte Varinka ſich verlaſſen; ihr Geheimniß war alſo mit Jwan untergegangen. Aber jetzt traten Gewiſſensbiſſe an die Stelle der Furcht. Dem Ereigniß hatte ſie unbeugſam die Stirne geboten, aber die Er⸗ innerung an daſſelbe zu ertragen, gebrach es ihr an Kraft. Sie glaubte ſich eine Erleichterung zu verſchaffen, wenn ſie ihr Ver⸗ brechen einem Geiſtlichen anvertraue, und erzählte einem Popen unter dem Siegel der Beichte, was ſie gethan. Der Prieſter blieb ſtarr vor Entſetzen bei ihrer Erzählung und e ihr die Abſolutivn. Dieſe Verweigerung war ſchrecklich, denn dadurch verwies er Varinka vom Abendmahle; dies mußte bemerkt werden, und die Welt konnte den Grund nur in irgend einem unbekannt gebliebe⸗ nen Verbrechen ſuchen. Varinka fiel dem Prieſter zu Füßen und beſchwor ihn bei der Ehre ihres Vaters, auf deſſen Haupt die Schande zurückfallen müſſe, von ſeiner Strenge nachzulaſſen. Der Pope dachte lange nach; endlich glaubte er ein Auskunfts⸗ mittel gefunden zu haben. Varinka ſollte ſich wie die Andern dem Tiſche des Herrn nahen, aber er wollte ihr dann nur ſagen: „Weine und bete.“ Die Anweſenden würden dann glauben, ſie habe wie die Andern das Abendmahl erhalten. Mehr konnte ſie von ihm nicht erlangen. Dieſe Beichte hatte um ſieben Uhr Abends ſtattgefunden. Die Dunkelheit und die Einſamkeit der Kirche hatte den Auftritt noch grauenvoller gemacht. Bleich und zitternd kehrte der Pope in ſein Haus zurück. Seine Frau, Eliſabeth, erwartete ihn. Eben hatte ſie ihr achtjähriges Töchterchen Arina im anſtoßenden Zim⸗ mer zu Bette gebracht. Als ſie ihren Mann erblickte, ſchrie ſie auf vor Schreck, ſo verändert ſah er aus, und wollte wiſſen, was ihm fehle. Der Pope verweigerte es ihr zu ſagen. Den Tag vorher hatte Eliſa⸗ beth gehört, daß ihre Mutter krank ſei, und glaubte, ihr Mann habe eine Trauernachricht erhalten. Heute war gerade Montag, der bei den Ruſſen für einen Unglückstag gilt; beim Ausgehen war ſie einer Frau in Trauer begegnet: Grund genug für ſie, ein Unglück zu fürchten. Sie brach in lautes Schluchzen aus und rief!„Meine Mut⸗ ter iſt wohl geſtorben?“ Vergebens bemühte ſich der Pope, ſie zu beruhigen und ihr zu verſichern, daß ſeine Aufregung einen andern Grund habe. Sie 78 blieb bei ihrer einmal gefaßten Idee und antwortete auf alle ſeine Vorſtellungen immer nur:„meine Mutter iſt todt!“ Da geſteht ihr der Pope denn, daß ſeine Aufregung durch ein ihm gebeichtetes, ſchweres Verbrechen bewirkt ſei. Aber Eliſabeth ſchüttelt den Kopf.„Das iſt eine Liſt,“ ſagte ſie,„um mein Unglück beſſer zu verheimlichen.“ Sie bekommt heftige Zufälle, ihre Thränen verſiegen, aber epileptiſche Krämpfe durchzucken ihre Glie⸗ der. Da läßt ſie denn der Prieſter ſchwören, daß ſie das Ge⸗ heimniß bewahren wolle und— das heiligſte Myſterium der Beichte iſt verrathen. Die kleine Arina iſt ſchon beim erſten Schrei Eliſabeths er⸗ wacht, aus Neugierde und Beſorgniß aufgeſtanden, hat an der Thüre gelauſcht und Alles gehört. Der Tag des Abendmahls erſcheint; die St. Simonskirche iſt von Gläubigen erfüllt. Varinka kniet vor dem Gitter des Chors; hinter ihr ſteht ihr Vater und ſeine Adjudanten, hinter dieſen ſeine Dienerſchaft. Auch Arina iſt mit ihrer Mutter in der Kirche; ſie iſt neugie⸗ rig und will Varinka ſehen, deren Namen ſie in jener Schreckens⸗ nacht gehört hat, in welcher ihr Vater die heiligſte Pflicht eines Geiſtlichen verletzte. Während ihre Mutter betet, verläßt ſie den Kirchſtuhl und ſchlüpft zwiſchen den Andächtigen hindurch, faſt bis an das Gitter. Dort wird ſie von der Dienerſchaft des Generals aufgehalten. Aber ſie iſt nicht ſo weit hergekommen, um auf hal⸗ bem Wege ſtehen zu bleiben, und verſucht, ſich durchzudrängen. Einer ſtößt ſie etwas roh zurück; das Kind fällt und verletzt ſich den Kopf an einer Bank. Ganz blutig ſteht ſie wieder auf und ſchreit: „Du biſt ſehr ungezogen für einen Leibeignen! Wohl des⸗ halb, weil Du zu der vornehmen Dame gehörſt, welche die rothe Schenke angeſteckt hat?“ Dieſe mitten im tiefſten Schweigen mit lauter Stimme geſpro⸗ 79 chenen Worte hat jedes Ohr vernommen; ihnen folgte ein Schrei; Varinka iſt eben in Ohnmacht gefallen. Am folgenden Tage warf ſich der General Paul I. zu Füßen und erzählte ihm, als ſeinem Kaiſer und Richter, die ganze ſchreck⸗ liche Geſchichte, welche Varinka ihm in der Nacht geſtanden. Der Kaiſer ſchwieg eine Weile ſtill und verſank in tiefes Nach⸗ denken. Es mochte ihm einfallen, daß er den erſten Grund des Unglücks gelegt. Dann trat er an ſeinen Schreibtiſch und ſchrieb eigenhändig folgendes Urtheil: „Der Pope wird, weil er das Beichtgeheimniß verletzt, ſeines Amtes entſetzt und nach Sibirien verbannt. Seine Frau und Toch⸗ ter ſollen ihn dahin begleiten.“. „Annuſchka, die Zofe, geht gleichfalls nach Sibirien, weil ſie ihren Herrn nicht mit der Aufführung ſeiner Tochter bekannt ge⸗ macht hat.“ 3 „Der General kann auch in Zukunft meiner Achtung verſichert ſein, ich beklage ihn und fühle mit ihm den ſchmerzlichen Schick⸗ ſalsſchlag, der ihn betroffen hat.“ „Was Varinka betrifft, ſo weiß ich für ſie keine Strafe und ſehe in ihr die Tochter eines braven Officiers, deſſen ganzes Leben dem Vaterlande gewidmet war. Die Art, wie ihr Verbrechen an den Tag gekommen iſt, ſcheint mir die Schuldige dem Bereiche meiner Strenge zu entziehen: mag ſie ſelbſt ihre Strafe wählen. Wenn ich ihren Charakter verſtanden habe, und ihr noch ein Ge⸗ fühl von Würde geblieben iſt, ſo werden ſchon Herz und Gewiſſen ihr den Pfad zeigen, den ſie einzuſchlagen hat.“ Am folgenden Tage waren die Befehle des Kaiſers bereits vollzogen. Varinka ging in ein Kloſter und, verzehrt von Schaam und Schmerz, ſtarb ſie noch in demſelben Jahre. Der General ſuchte und fand den Tod bei Auſterlitz. . Dr. Jordan. Marie von Joyſel. 1. Im Jahre 1663 lebte in Paris ein alter Canonieus im Frieden mit dieſer Welt und in der Hoffnung auf das Himmelreich. Der Canonieus Leblane war ein würdiger Greis mit weißem Haar und trotz ſeinen achtundſechzig Jahren noch friſch, wie es alle alten Diener Gottes ſind, die im Glauben gelebt haben, fern von welklichen Leidenſchaften. Nur ſelten berührten ihn flüchtige Sorgen. Ob er gleich gern aß, ſo denke man ſich ihn doch nicht voll und rund, mit feiſtem Vollmondsgeſichte; er war vielmehr ein ſchöner Greis, etwas hager, ziemlich groß, und er erfüllte ſeinen Beruf mit vollem Glauben und Ernſt. Jedermann liebte ihn. Er beſaß kein großes Vermögen; das Wenige, was er ſein nannte, gehörte ſeiner Familie, den Armen und ſeiner Haushäl⸗ terin. Nur etwas hypochondriſch war er; die Heiterkeit und die Traurigkeit fanden ſich ruck- und ſtoßweiſe abwechſelnd ein, je nach dem Regen oder dem ſchönen Wetter. Seine verdrüßlichen Tage verbrachte er am Kamine, in endloſe Träumereien verſunken. Es war ihm dann keine Rede abzulocken; er antwortete nur ein⸗ ſolbig, ſelbſt wenn die Haushälterin von dem Abendeſſen ſprach. Bisweilen vergingen ſo acht Tage düſter und ſtill, bis man ihn eines Morgens plötzlich wieder guter Laune fand und er ſein 3 ſter und ſein Herz dem erſten Sonnenſtrahle öffnete. 81 Er ſtammte aus einer armen Familie in der Nähe von Lyon. Seine Schweſter hatte ſich mit einem Arzte in Lyon, Thome, ver⸗ heirathet, der zwar ein ehrlicher Mann, aber ein ſchlechter Arzt war, ſo daß, als er ſtarb, ſeine Frau mit den Kindern in Noth gerieth. Den zweiten Sohn, Karl Heinrich Thome, empfahl er dem Canonicus. Dieſer ſchickte, ohne der Haushälterin etwas zu ſagen, ſeinem Neffen dreitauſend Francs, damit er in Montpellier die Arzneikunſt ſtudire. Als er die Studien beendigt hatte, machte er ſich auf den Rath ſeiner Mutter auf den Weg nach Paris zu dem Oheim. Er war ein großer junger Mann von vierundzwanzig Jahren, mit einem etwas bleichen, aber lebensvollen Geſichte, das braune Locken umrahmten. An einem Decemberabende kam er in der Wohnung des alten Oheims an, der ihn zärtlich aufnahm. Auch die Haushälterin gewann ihn lieb und ſie erzählte ihm bald von der Traurigkeit, in die der Canonicus bisweilen verfalle. An einem ſolchen Tage bemühete ſich Heinrich ſehr, den Oheim zum Sprechen zu bringen, aber vergeblich; erſt als der junge Arzt ſich zum Fortgehen anſchickte, brach der Greis in die Worte aus: „Ach, mein Gott, gieb mir die Kraft, ſie zu retten. Armes Weib! In einem unwürdigen Gefängniſſe! Ach Herr, du hatteſt mehr Erbarmen mit Magdalenen. Und Magdalena hatte vielleicht weniger Thränen und weniger Schönheit.“ Heinrich, der erſchrocken das Geheimniß der Träume ſeines Oheims erfuhr, ſchlich leiſe hinaus. Aber plötzlich trat die alte Haushälterin ein und hielt ihn auf. „Werden wir zeitig zu Abend eſſen, Herr Canonicus?“ fragte ſie. Der Abbé Leblane antwortete nicht. 5 „Hören Sie?“ fragte Angelica mit kreiſchender Stimme.„Sagen Sie mir, ob Sie heute in das Gefängniß gehen.“ —„Nein, nein, ich gehe nicht,“ antwortete der Canonieus, als rede er mit ſich ſelbſt.„Ich werde nicht mehr dahin gehen.“ 82 Während er das ſagte, nahm er ſeinen Regenſchirm und ging fort. „Da ſehen Sie den närriſchen Menſchen; er geht trotz dem Regen. Hat man jemals einen Canonieus gleich ihm geſehen? Ich frage Sie, konnte er nicht warten bis morgen? Sich ſo ſtören zu laſſen wegen ſolcher liederlicher oder verbrecheriſcher Weiber!“ Heinrich war nachdenkend geworden. Er folgte in Gedanken ſeinem Oheime, ſah ihn nach St. Pelagie gehen, in eine der Zellen eintreten und irgend eine ſchöne reuige Sünderin tröſten, die, wie Magdalene, nur noch ihr Haar und ihre Thränen hatte. „Ich werde nach St. Pelagie gehen,“ ſagte er plötzlich, als wenn ihn eine Ahnung fortzöge. —— Bis dahin hatte Heinrich nicht geliebt. Zwar lebte er in Mont⸗ pellier während ſeiner Studien keineswegs wie ein Einſiedler, aber die Leidenſchaft hatte ſein Herz noch nicht ergriffen. Die Liebe hat, das muß man geſtehen, in der erſten Jugend nicht Kraft genug; ſie iſt da nur eine Blume, ein Irrlicht. Larochefoucault ſagt ganz mit Recht: vor der Liebe geht das Liebeln voraus. Nach der Rückkehr des Canonieus fragte ihn Heinrich, ob die verirrten Schafe wieder auf den rechten Weg gekommen wären. „Die armen Gefangenen,“ ſagte der Abbé Leblane ziemlich lebhaft,„ſind Alle von der Stimme des Cvangeliums ſehr ergriffen und ſie fühlen aufrichtig Reue. Eine nur widerſtrebt mehr und ſpricht gleichgültig von ihrem Seelenheile. Gottes Gnade wird indeß endlich auch ihr Herz erfüllen.“ Nach einer Pauſe fuhr der Canoniecus fort, als ſpreche er mit ſich ſelbſt, während er ſeinen Regenſchirm abſchüttelte: „Ach, wenn ich dieſen gefallenen Engel retten könnte.“ —„Lieber Oheim,“ fragte Heinrich einigermaßen verlegen, „giebt es keine Kranken in St. Pelagie?“ 83 —— „Immer; das Gefängniß iſt faſt ein Grab; man lernt da ſterben.“ —„Da Sie dort ein ſo trefflicher Arzt der Seelen ſind, war⸗ um ſollte ich nicht etwas der Arzt der Leiber ſein; Sie ſtehen auf freundſchaftlichem Fuße mit dem Herrn von Louvvis, mit dem Herrn Erzbiſchof und andern Hochgeſtellten; könnten Sie mich nicht zum Aſſiſtenzarzte des Gefängniſſes machen laſſen und mir etwa 600 Livr. Gehalt verſchaffen? Es wäre dies, bevor ich rei⸗ chere Kranke finde, ein Studium für mich. Denken Sie daran.“ „Sechshundert Livres,“ murmelte der Canonicus.„Er hat Recht. Uebrigens wäre es auch eine Erleichterung für mich. Sechs⸗ hundert Livres! Ja, ich will darüber nachdenken.“ Bald verſank er wieder in ſeine Träumereien. Den zweitnächſten Tag erinnerte Heinrich den Oheim an das Verſprechen und erfuhr, daß der Canonicus die Sache dem Kanzler bereits vorgetragen und daß dieſer Heinrich zum Aſſiſtenzarzte bei dem Gefängniß von St. Pelagie ernannt habe. Nachdem Heinrich in Begleitung ſeines Oheims ſeine Beſuche bei dem Oberarzte und der Superivrin gemacht, wünſchte er bei den kranken büßenden Sünderinnen eingeführt zu werden, fand aber an dieſem Tage nur unwürdige, durch das Verbrechen und ſchlechte Leidenſchaften gebrandmarkte Geſchöpfe, die weder Schön⸗ heit noch Energie beſaßen. „Mein Oheim hat ſich ſicherlich verblenden laſſen,“ dachte er. „Ich habe doch faſt alle Gefangene geſehen, und keine einzige unter ihnen kann mit der reuigen Magdalene verglichen werden.“ Einige Tage nachher aber, als er mit dem Kerkermeiſter über einen 4 Corridor ging, erſuchte ihn eine Kloſterfrau, die Schweſter Martha, eine arme Gefangene, zu beſuchen, welche der Director des Ge⸗ fängniſſes zur Arbeit der Verurtheilten zwingen wolle. Wenn ſie jemals dort arbeitet, will ich mich einſperren laſſen,“ ſagte der Kerkermeiſter.„So ſchöne weiße Hände ſollte man ruhen aſſen.“ 6* 84 Aus der Miene, mit welcher er dies ſagte, konnte man er⸗ rathen, daß dieſe ſchönen weißen Hände einige Geldſtücke in die ſeinigen gedrückt hatten. Heinrich Thome folgte ſchweigend der Nonne, die ihn in eine kleine Zelle am Fuße einer Treppe führte. Sie nahm einen Schlüſſel vom Gürtel, klopfte dreimal an, öffnete und ließ den jungen Arzt eintreten. Die Gefangene neigte langſam das Haupt, indem ſie einen gleichgültigen Blick auf Heinrich Thome warf. „In einigen Minuten komme ich zurück,“ ſagte die Nonne, indem ſie die Thüre wieder verſchloß. Der junge Arzt blieb vor der Gefangenen ſtehen, die auf einem Bette ſaß.„Gnade, Herr,“ ſprach ſie mit engelgleicher Milde, „aus Barmherzigkeit erklären Sie mich für krank. Da Sie Arzt ſind, wird Ihnen dies nicht unangenehm ſein,“ ſetzte ſie mit einem leichten ſchelmiſchen Lächeln hinzu. Dabei ſchlug ſie die Augen auf, von denen er geblendet wurde. —„Ich weiß nicht, was ich Ihnen antworten ſoll, außer daß ich Sie ſo lange, als Sie es wünſchen, für krank erklären werde. Um mein Gewiſſen zu beſchwichtigen, erlauben Sie mir...“ Er vollendete nicht, denn die Gefangene gab ihm die Hand, ohne ſich bitten zu laſſen. Da ſie fühlte, daß er ſie etwas ſtärker drückte, als es ein Arzt thun darf, fragte ſie ſchnell, ob ſie das Fieber habe. „Nein,“ antwortete er mit bewegter Stimme.„Aber,“ ſetzte er hinzu,„Ihret- und meinetwegen erkläre ich Sie auf lange Zeit für krank. Sogleich will ich Sie in das Vetzeichniß eintragen.“ Sie nahm dieſe Worte mit einiger Verachtung auf. „Ich bin Ihnen für Ihren guten Willen Dank ſchuldig.“ Darauf nahm ſie ein Gebetbuch und ſtellte ſich, als leſe ſie darin. Heinrich ging ſehr bewegt in der Zelle auf und ab und ſuchte das Geſpräch von Neuem anzuknüpfen. „Sie haben,“ ſagte er,„einen ſehr ergebenen Freund in orzuſtellen, und allmälig 85 meinem Oheime, dem Canonicus; Sie haben ſein Herz bewegt.. Ein ſo großes und edel getragenes Unglück, eine ſo ſeltene Schön⸗ heit, die ein verderbliches Schickſal in einem Gefängniſſe birgt, ſo viele Thränen, die in der Stille und Einſamkeit vergoſſen wer⸗ den, während viele Herzen ſie gern aufnehmen würden...“ Die Gefangene ſchlug das Buch zu und richtete ſtolz das Haupt empor. „Mein Herr,“ ſprach ſie mit einiger Bitterkeit,„ ich geſtehe nicht Jedermann das Recht zu, mich zu beklagen.“ Da ſie ſah, daß dieſe Worte den jungen Arzt tief verletzten, ſuchte ſie dieſelben zu mildern. „Die Freundſchaft aber,“ ſetzte ſie mit einem ſchmetzlichen Seufzer hinzu,„die wir Beide für den Herrn Abbé Leblane füh⸗ len, entſchuldigt Sie vielleicht. Beklagen Sie mich, wenn Sie wollen, ich werde es nicht übel nehmen.“ In dieſem Augenblicke öffnete die Nonne die Thür wieder. „Auf Wiederſehen! Morgen!“ ſprach der junge Arzt Thome, ſich verneigend. Die Gefangene antwortete nicht, ſondern grüßte nur kalt. Heinrich ging traurig hinweg. Als Heinrich ſeinen Oheim Nachmittags traf, konnte er nicht umhin, zu demſelben zu ſagen, daß er die Gefangene geſehen und daß ſie das ſchönſte Weib in der Welt ſei. „Doch,“ ſetzte er hinzu,„habe ich nur ihre Augen und ihre Hände geſehen. Welch' ſchreckliche Augen! Welche anbetungswür⸗ digen Hände!“ —„Sündhafte Augen und Pande,“ ſprach der Oheim mit einem Seufzer.„Laß uns nie von dieſem Weibe ſprechen.“ Als Heinrich allein in ſeinem Zimmer war, ſuchte er ſich ſein Zuſammentreffen mit der berühmten Gefangenen deutlich wieder ieder vor ſeine entzückten Augen das Geſicht, das er kaum e 86 Reizen. Bei dieſer Gelegenheit müſſen wir ein Paar Worte über dieſes Geſicht ſagen. Toypel malte die Gefangene, als ſie in der Welt glänzte, und nach dieſem Maler war ſie ein treues Ebenbild der Cvurtiſane Titian's; dieſelbe Liebesgluth in den Augen und auf den Lippen, keine Erhebung, keine Ahnung des Himmels, ſondern ganz von dieſer Welt, nur geſchaffen, um zu lieben und zu verführen. Als Heinrich Thome ſie in der Zelle ſah, war es nicht mehr daſſelbe Portrait; fern von der Sonne, fern von der Welt und von der Liebe, war ſie erbleicht; ihre Wangen waren eingeſunken unter den Thränen und der Reue, und ihre Augen hatten etwas von ihrer Gluth verloren. Aber wenn ſie minder ſchön war für den Blick, ſo war ſie um ſo ſchöner für das Hetz. „Wer dieſes Weib liebt, ſtürzt ſich in einen Abgrund,“ flüſterte Heinrich Thome, indem er die Arme ſinken ließ. Den ganzen Tag über und während der Nacht verſuchte er ſich dieſer zauberhaften Erinnerung an die Gefangene zu entziehen; er ſtand aber einmal unter dem Zauber; überall ſah er jenes bleiche Geſicht, dem die Leidenſchaft reizende Spuren aufgedrückt hatte, jene anbetungswürdigen Augen, die ſo viele Liebe ausgeſtrömt, ſo viele Thränen vergoſſen, für ihn aber nur ein verächtliches Lächeln gehabt hatten, und jene ſo feine, ſo weiße Hand, die er noch in der ſeinigen fühlte.„Warum küßte ich dieſe Hand nicht?“ fragte er ſich. 3.*— Am andern Tage gegen Mittag kehrte Heinrich Thome in das Gefängniß zurück. Er war aufgeregter und bleicher als am Tage vorher, als er in die Zelle der ſchönen Gefangenen eintrat. In⸗ deß er konnte ſich auch mehr beherrſchen, und in dem Wunſche, ein wenig in das Geheimniß dieſes großen Unglücks einzudringen, einen prüfenden Blick und s Gefängniſſes, wenn der e Erde herabblicke. Die warf er auf Alles, was ſie ſprach dabei von tödtlicher L Maihimmel mit Neid auf die 5 87 Zelle war vier bis fünf Mal größer als ein Grab nichts an der feuchten Mauer konnte den Blick zerſtreuen. Das ganze Geräth darin beſtand in einem ſchmalen harten Bett, in einem Stuhl, einem kleinen Tiſch von Eichenholz, einem Stickrahmen, einem Waſſerkruge, einigen Gebetbüchern, einigen Kleidungsſtücken, einem kleinen zerbrochenen Topf von Porzelan, in welchem die Gefangene Veilchen zog, und endlich in einem kleinen Spiegel in gothiſchem Rahmen. In die Zelle hinein fiel nur wenig Licht durch ein ver⸗ gittertes kleines Fenſter. „Hier können Sie nicht bleiben,“ ſagte Heinrich;„hier können Sie kein Jahr leben.“ —„Ich lebe bereits elf Jahre da,“ ſprach ſie mit trauriger und milder Ergebung. „Elf Jahre!“ wiederholte Heinrich, als habe er einen Dolch⸗ ſtoß in das Herz erhalten. —„Was liegt daran?“ entgegnete die Gefangene;„bin ich doch verurtheilt, hier zu ſterben. Aber ſelbſt der Tod verſchmäht mich.“ Sie nahm wie am Tage vorher ein Gebetbuch, das Heilmittel gegen ihren Schmerz. „Die, welche Sie verurtheilt haben, ſind Barbaren. Es iſt nichts als eine gehäſſige Rache.“ —„Sprechen wir nicht von der Vergangenheit; ich darf für Sie nichts als eine kranke Gefangene ſein.“ „Vor elf Jahren waren Sie noch ſehr jung.“ —„Zwei und zwanzig Jahre.“ „Wie! die ſchönſten Tage Ihres Lebens haben Sie in dieſer ſchrecklichen Einſamkeit verbracht! Kein Herz tröſtete das Ihrige?“ Die Gefangene hörte nicht mehr auf Heinrich, wenigſtens ſtellte ſie ſich, als leſe ſie aufmerkſam in den Bußpſalmen. Er achtete ihr Schweigen und ging. Als er an dem Kerkermeiſter vorüber kam, fragte er denſelbe man über die ſchöne Gefangene 88 ſage. Der Mann antwortete, er wiſſe von ihr nichts, als ihren Taufnamen„Marie“, daß ſie von einem völlig ſchwarzgekleideten Manne da eingekerkert gehalten werde und daß ſie eine ſehr erge⸗ bene unglückliche Frau ſei, die immer weine, aber ſich nie beklage. Heinrich wollte nach dieſen wenig bedeutenden Worten weiter gehen, als der Kerkermeiſter hinzuſetzte:„Ich vergaß Ihnen zu ſagen, daß mehrere vornehme Herren in Wagen daher gekommen find und mir viel Geld geboten haben, um ſie auf einen Augen⸗ blick zu ſehen. Ich habe es aber immer abgeſchlagen. Einer be⸗ ſonders war ſehr zudringlich; er wollte mein Glück machen, wenn ich die Gefangene entfliehen laſſen wollte.“ Den Oheim redete er dieſen Tag ſogleich mit den Worten an: „Ich erwarte von Ihrer Freundſchaft einige Worte über die Ge⸗ ſchichte der Gefangenen, die Marie heißt. Da ich ihr Arzt bin, ſo muß ich auch das kennen, was in ihrer Seele vorgegangen iſt oder noch vorgeht.“ „Mein Sohn,“ antwortete der Alte,„nur Gott werde ich ſagen, was ich als Beichtiger gehört habe; ſobald ich einem Sünder die Abſolutivn gegeben habe, vergeſſe ich ſeine Sünden. Nur dem Höchſten ſteht es zu, ſie in dem großen Schuldbuche einzutragen bis zum jüngſten Gerichte.“ —„Sie haben nicht vergeſſen, was Ihnen Marie anvertrauet hat.“ „Höre, mein Kind, laß uns nicht mehr von dieſem Weibe ſprechen; achten wir ihre Schwächen als vergeſſen, da ſie Thränen der Reue vergoſſen hat.“ Der Canonicus ſah ſeinen Neffen bei dieſen Worten an und erſchrak über deſſen Bläſſe und über den ſeltſamen Glanz in den Augen. „Was habe ich, Unvorſichtiger, ſich, indem er ſich der engelgleich erinnerte.„Wenn der Arme hönheit der Gefangenen Reizen nicht zu wider⸗ than?“ dachte Leblanc bei 89 ſtehen vermöchte!— Lieber Sohn,“ ſetzte er laut hinzu,„dieſe Frau iſt ein finſterer Abgrund, den ich immer nur zitternd betrachtet habe. Man muß ſie beklagen, wenn man an ihr vorübergeht, aber nicht an ſie denken; das Verbrechen hat ſchon mehr als ein junges Herz irregeführt.— Doch ich vergaß Dir zu ſagen, daß hier ein Brief an Dich iſt.“ —„Ein Brief von meiner Mutter!“ rief Heinrich, indem er das Siegel erbrach. Er las ihn mit kindlichem Eifer, aber doch mit zerſtreutem Herzen. Abends, als er allein war, kam es ihm vor, als habe er die Gefangene ſeit einem Jahrhundert nicht geſehen; er erſchrak faſt vor der entſtehenden Leidenſchaft, die ſchon ſoviel Gewalt über ihn hatte; er ſank auf ſeine Kniee, ob er gleich verlernt hatte zu beten; er verſuchte, an ſeine Mutter zu denken, und rief aus: „Ach Gott! meine Mutter, befreie mich von dieſer Frau!“ Aber in demſelben Augenblicke ſetzte er hinzu:„Ach Gott, erlöſe die arme Gefangene!“ In weniger als acht Tagen ſtand Heinrich Thome unter der Herrſchaft der heftigſten Liebe. Aber trotz ſeiner Liebe hatte er der Gefangenen kaum wenige unbeſtimmte Worte entlockt. Eines Morgens endlich, als er ſie in Thränen fand, ſprach ſie mit ihm wie mit einem Freunde. Die Nonne war an dieſem Tage nicht in die Zelle eingetreten, als ſie dem jungen Arzte die Thüre geöffnet hatte. Heinrich, der ſich ſo allein vor der weinenden Frau ſah, welche er bis zum Wahnſinn liebte, ſank auf ſeine Kniee, ergriff ihre Hände und ſprach mit bewegter Stimme: „Ach, wenn Sie wüßten, wie ich Sie liebe.“ In jedem andern Augenblicke würde die Gefangene ihn viel⸗ leicht mit Verachtung zurückgewieſen haben, aber jetzt hatte ihr ein Anfall von Schmerz u rzweiflung das Herz erſchloſſen; dieſes ſo leidenſchaftliche Ge iß rührte ſie; ſie blickte Heinrich 90 an, ohne ihm ihre Hände zu entziehen, und flüſterte mit bewegter Stimme: „Sie lieben mich! Sie wiſſen nicht, wen Sie lieben. Sie fühlen Mitleiden mit meinem Unglücke, aber keine Liebe. Gott ſei gelobt! Sie beklagen mich, Sie lieben mich nicht.“ —„Ich Sie nicht lieben?“ Die Gefangene fühlte brennende Thränen auf ihren Händen. „Armes Kind!“ flüſterte ſie und begann ſelbſt von Neuem zu weinen.„Wer ſind Sie? Woher kommen Sie? Haben Sie in der Welt, in der Sie leben, kein jüngeres Weib gefunden, das Ihres Herzens würdiger iſt? Haben Sie keine Schweſter, die Sie durch ihre Reinheit vor einer ſolchen Liebe ſchützt?“ —„Ich habe eine Schweſter, eine Schweſter, die mich liebt,“ entgegnete Heinrich mit erſtickter Stimme;„wenn ſie Sie ſo un⸗ glücklich, ſo ſchön ſähe, würde ſie, ſtatt mein Herz zu verdammen, mich auffordern, Sie zu lieben.“ Marie war nachdenkend geworden. Sie ſtreckte die Hand nach dem Erucifir über ihrem Bette aus und ergriff einen verroſteten Schlüſſel und einen mit Blut befleckten Dolch; aber ſtieß ſie Beide zurück und ſagte: „Nein, nein!“ —„Vertrauen Sie mir!“ „Hören Sie mich an; wollen Sie mir helfen, ein großes Werk zu vollbringen, da Sie mich lieben?“ —„Ich bin zu Allem bereit,“ ſprach der junge Mann, indem er raſch den Kopf emporrichtete;„befehlen Sie, Madame; mein Arm, wie meine Seele ſtehen Ihnen zu Dienſten.“ „Brdenken Sie wohl; es iſt ſchwer und könnte Sie in das Verderben ürzen. —„Iſt es nicht ſchon Glück, für Sie mich in das Verderben zu ſtürzen? Ich wiederhole noch einmal, ich bin zu Allem bereit.“ „Ja,“ ſprach Marie, in 91 rechne auf Sie. Sorgen Sie dafür, daß ich, nur auf drei bis vier Stunden an einem Tage dieſer Woche, etwas vor Mitternacht, aus dem Gefängniſſe herauskomme. Wir ſteigen in einen Fiacre und fahren in die Rue Mazarin, wo ich Jemandem einen Beſuch zu machen habe.“ Heinrich konnte ein Gefühl der Eiferſucht nicht unterdrücken. „Kind,“ fuhr ſie fort,„ſehen Sie nicht in meinen Augen, daß es kein Liebes⸗Rendezvous iſt?“ Und wirklich, es glühte in den Augen der Gefangenen der Zorn der Rache. „Nach dieſem Beſuche kehren wir ſchnell hierher zurück, denn ſtiehen will ich nicht, ſelbſt nicht mit Ihnen. Die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben. Haben Sie den Muth, dies zu thun?“ —„Ja, Madame,“ antwortete Heinrich mit feſter Stimme. „Aber für das gefährliche Unternehmen bitte ich um die Erlaub⸗ niß, bei der Rückkehr Ihnen einen Kuß geben zu dürfen.“ „Nehmen Sie ihn im Voraus,“ ſprach ſie freudig aufathmend. Heinrich küßte ſie und fragte dann:„Heute Abend?“ „Ja, heute Abend, wenn Sie es möglich machen können.“ —„Ich kann es, weil Sie es wünſchen; ich werde dem Ker⸗ kermeiſter und der Superivrin anzeigen, daß Sie kränker geworden ſind, daß ich die Nacht noch ein Mal kommen werde und daß die Schweſter Martha bei Ihnen wachen wird. Die Schweſter Martha liebt Sie wie Alle, die in Ihre Nähe kommen; ſie wird nicht die Kraft haben, Sie zurück zu halten. Wir gehen mit einander hinaus; man wird nur mich fortgehen ſehen.“ „So gehen Sie; ich erwarte Sie im Gebete.“ Heinrich entfernte ſich glücklich und ſtolz, aber auch verliebter, als je. 3 4. Gegen elf Uhr Abends ſtieg er am Ende der Straße aus dem Fiacre, denn ob es gleich in Strömen regnete, wollte er doch bis an das Gefängniß zu Fuße gehen. Er fand die Schweſter Martha in der Zelle Mariens, die noch nicht gewagt hatte, ſich ihr zu entdecken. Da keine Zeit zu verlieren war, ſo theilte ihr Heinrich gleich nach ſeinem Eintritte die Abſicht Mariens mit. „Ich erwarte von Ihrer Freundſchaft für Marien, daß Sie drei Stunden ſchweigend in dieſer Zelle bleiben; nach drei Stun⸗ den wird ſie zurück ſein; wir ſchwören es Beide bei dieſem Crueifir.“ —„Wenn ein gutes Werk gethan werden ſoll,“ flüſterte die Schweſter Martha erſchrocken. „Ja, ja, ein gutes Werk,“ fiel Marie lebhaft ein. —„So gehen Sie; ich werde zu der heiligen Mutter Gottes beten, daß ſie über Ihnen wache.“ Heinrich warf der Gefangenen, die ihm in einiger Entfernung folgte, ſeinen Mantel über. Der Kerkermeiſter kam, um ihn bis an die Thüre zu geleiten; Heinrich nahm ihm die Blendlaterne ab, löſchte ſie aus, indem er ſie fallen ließ, blendete den halb ſchon ſchlafenden Mann durch unzuſammenhängende Worte und Alles ging gut; während der Kerkermeiſter ſeine Laterne verdrüß⸗ lich aufhob, hatte die Gefangene Zeit gehabt, hinauszugehen. Sobald die Thüre verſchloſſen war, nahm Heinrich Marien auf die Arme und trug ſie ſo bis zu dem Fiaere. Während der Fahrt wurde ſehr wenig geſprochen; Heinrich wagte Marien weder zu fragen, noch ſie in ihren Gedanken zu ſtören; aber er hielt zärt⸗ lich ihre Hände in den ſeinigen und drückte ſie von Zeit zu Zeit mit einem Seufzer. Marie dankte ihm für dieſes Schweigen, und gerührt durch ſeine Aufopferung, erwiderte ſie einige Male den Druck ſeiner Hand. Trotz dem Regenwetter war die Nacht nicht ſehr dunkel, und man konnte ſelbſt in dem Fiacre ſehen. Marie fand in dieſer Nacht zum erſten Male, daß Heinrich ein ſchönes, edeles Geſicht habe; ſie fühlte, daß ſeine Liebe Eindruck auf ſie gemacht, und ſie konnte den Gedanken nicht abweiſen, wie ſelig 93 es für ſie Beide ſein würde, wenn ſie entfliechen und an irgend einem entlegenen Orte nur ihrer Liebe leben könnten. „Aber wie,“ dachte ſie dann wieder bei ſich,„die Zeit der Liebe iſt für mich vorüber.— Und doch,“ fuhr ſie fort,„würde mir Gott nicht einige Tage Ruhe gönnen, wenn ich allein wäre mit dem, welcher mich liebt, fern von dem Schauplatze meiner Verbrechen und meines Unglücks, die Vergangenheit vergeſſend wie einen traurigen Traum?— Ruhe für mich?“ ſetzte ſie dann hinzu, indem ſie den Kopf traurig ſenkte;„nein, es iſt vorbei, mein Herz iſt ſchon in der Hölle. Nicht die Liebe ſuche ich, ſon⸗ dern die Rache.“ Der Fiacre hielt vor dem kleinſten Hauſe in der Rue Mazarin. „Klingeln Sie,“ ſagte ſie zu Heinrich, der ihr bei dem Her⸗ ausſteigen behülflich war.„Fragen Sie nach La Verriöre; der Schweizer wird Sie für einen Freund halten und trotz der ſpäten Stunde Sie vorüber gehen laſſen.“ —„Und wohin gehen wir?“ fragte Heinrich, indem er klingelte. „Ich kenne den Weg,“ antwortete ihm Marie mit einem tie⸗ fen Seufzer. Sie gingen ohne Hinderniß weiter, über den Hof, eine kleine Treppe hinauf und blieben im Dunkel vor einer Thüre ſtehen. „Erwarten Sie mich, es wird hoffentlich nicht lange währen.“ Sie ſteckte ihren verroſteten Schlüſſel in das Schloß, öffnete die Thüre und trat vorſichtig in das Cabinet, in welchem ſie ihren Beſuch abſtatten wollte. „Es iſt gut,“ ſagte ſie, als ſie einen Lichtſtreif unter der hüre ſah;„ich treffe ihn.“ Sie blieb einen Augenblick ſtehen, ſammelte ihre Kräfte und ſchlug die Augen gen Himmel auf. Entſchloſſener ging ſie dann weiter, öffnete leiſe die Thüre und trat ein. In dem Cabinete wachte ein durch Kummer und Arbeit völlig 94⁴ ausgedorrter Mann, der mehr wie eine Leiche, denn wie ein Le⸗ bendiger ausſah. Eine kleine Lampe verbreitete über ſein knochi⸗ ges Geſicht einen fahlen Schein. Er trug ein weites ſchwarzes Gewand. Als Marie in das Cabinet eintrat, ſah der Mann aufgeregter aus als gewöhnlich; er hatte geſchrieben und las das, was er geſchrieben, mit grauſamer Freude wieder durch. Es mußte et⸗ was Böſes ſein, und es war wirklich das Unwürdigſte, das von der Hand eines Menſchen gekommen, ein Teſtament voll von Ver⸗ wünſchungen. Der Mann, der den Tod nahen fühlte, wollte ſeinen ganzen Haß, ſeine ganze Rache, ſeinen ganzen Zorn vererben. Als er dieſes ſeltſame Teſtament überleſen hatte, ſprach ſich in ſeinem runzeligen Geſichte eine böswillige Freude aus, als hätte er einen Dolch in die Bruſt ſeines Feindes geſtoßen. In dieſem Augenblicke glaubte er ein Geräuſch zu hören; er blickte auf und ſah Marien bleich, mit klopfendem Buſen, mit zornflammenden Augen daſtehen. „Sie, Madame?“ rief er zitternd. —„Ja,“ entgegnete ſie, indem ſie einen Schritt näher trat; „ich bin es.“ Der Mann fürchtete ſich; er öffnete den Mund, um nach Hülfe zu rufen. „Rufe nicht,“ gebot Marie, indem ſie den Doch in ihrem Buſen ergriff. Er erhob die Hand, wie um ſich zu vertheidigen; aber die Wuth und die Angſt wirkten ſo gewaltig auf ihn, daß er ohn⸗ mächtig auf den Stuhl ſank. Marie trat näher zu en betrachtete ihn mit Widerwillen und Mitleiden. „Ihn tödten!“ dachte ſie bei ſich,„das wäre feig; iſt er nicht ſchon halb todt?“ Und ſie ließ den Dolch ſinken. 95 „Ach, mein Gott!“ ſprach ſie„ich danke Dir; Du haſt meinen Arm entwaffnet!“ Sie bückte ſich dann über den Liſch, um einen Blick auf das zu werfen, was der Mann eben geſchrieben hatte. „Sein Taſtament!“ ſprach ſie neugierig. Sie überſchlug die erſten Seiten, die ſchon längſt geſchrieben zu ſein ſchienen, und las die letzten Zeilen: „Ich vermache überdies meinen Kindern meine ganz Rache und alle meine Flüche gegen ihre Mutter. Im Namen Gottes und der menſchlichen Gerechtigkeit erwarte und verlange ich, daß ſie dieſelbe bis zum Tode mit Schmach verfolgen. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes, Amen!“ „Das alſo ſchrieb er!“ ſprach ſie kaum athmend;„die Rache iſt demnach ſein letzter Gedanke und, wann er geſtorben, wird noch ſein ruheloſer Schatten an der Pforte meines Kerkers Wache halten.“ Sie nahm das Teſtament, zerriß es und warf es dem Manne in das Geſicht; dann ging ſie und kehrte zu Heinrich zurück. „Eilen wir zurück,“ ſprach ſie, indem ſie die Thüre hinter ſich ſchloß;„mein Beſuch iſt beendiget.“ Sie begaben ſich wieder in das Gefängniß. Die Schweſter Martha ſchlief in der Zelle. „Gute Nacht!“ flüſterte Heinrich, ehe die Nonne geweckt war; „vergeſſen Sie aber auch nicht, daß mir außer dem Glücke, Sie begleitet zu haben, ein Kuß gebührt.“ „Heinrich,“ entgegnete ſie,„meine Stirn iſt jetzt Ihrer Lippe unwürdig; kommen Sie morgen wieder, heute beten Sie zu Gott, daß er Ihnen die Gnade gewähre, mich zu vergeſſen.“ Die nachſtehende Stelle, ein Kapitel aus dieſer Geſchichte, iſt den Lettres galantes entnommen, die im Jahre 1683 in Amſter⸗ dam erſchienen. 96 Februar. „Sie kennen, Madame, die Geſchichte jenes Parlament⸗Pro⸗ curators, der ſich ſo abſcheulich an ſeiner Frau rächte. Die Ge⸗ ſchichte iſt noch nicht zu Ende. Ganz Paris ſpricht von einer nächtlichen Scene, die in dem Cabinet des Proeurators vorge⸗ kommen iſt. Ich glaube nun faſt an übernatürliche Erſcheinungen. Denken Sie ſich: der Mann, der ſeit mehreren Jahren immer ſterben will, war halb zwölf Uhr in der Nacht allein und mit ſeinem Teſtamente beſchäftiget. Alles ſchlief in ſeinem Hauſe; er ſelbſt ſchläft nie, weil er fürchtet, nicht wieder zu erwachen. Er könnte ſterben, denn keine Freude knüpft ihn an dieſe Welt; er iſt auf einem rauhen Wege durch das Leben gegangen; aber er fürchtet, man könnte ſeiner Frau verzeihen, ſobald er nicht mehr ſei, und das hält ihn am Leben. Deshalb macht er Teſtament auf Teſtament, worin er unter Anderm ſeine Rache ſeiner Familie, ſeinen Freunden, ſeinen Kindern vererbt. An jenem Abende revi⸗ dirte er alſo wie gewöhnlich alle Ausdrücke ſeines Teſtamentes und Codieills und er hatte eine Empfehlung an ſeine Kinder hin⸗ zugeſetzt, ihre Mutter zu verfluchen. Mit einem Male hört er Geräuſch; er ſchlägt die Augen auf und wen ſieht er vor ſich? ſeine Frau, die ſchöne Marie von Joyſel, die ſeit zwölf Jahren in den Madelonnetten und in St. Pelagie ſchmachtet. Sie wer⸗ den wohl glauben, daß er nicht wenig erſchrak über dieſe ſeltſame Erſcheinung. Er wollte ſchreien, aber ſeine Frau zog einen Dolch aus dem Buſen und ſtürzte auf ihn zu wie eine Furie der Rache Beruhigen Sie ſich; Alles beſchränkte ſich auf die Erſchei⸗ nung; unſer armer Proeurator wurde ohnmächtig vor Furcht. Als er eine halbe Stunde darauf wieder zu ſich kam, war er allein; er glaubte geträumt zu haben, aber zu ſeinen Füßen lag der Dolch ſeiner Frau und ſein Teſtament war zerriſſen. Er weckte alle ſeine Leute, brachte das ganze Haus in Aufruhr; man ſuchte überall; man überzeugte ſich, daß alle Thüren verſchloſſen waren 97 und fand keine lebendige Seele. Sobald es Tag war, ließ er ſich trotz ſeiner Schwäche nach St. Pelagie tragen, um ſich nach ſeiner Frau zu erkundigen; man ſagte ihm, Marie von Joyſel ſei krank und habe eine ziemlich unruhige Nacht gehabt. Da er dem Be⸗ richte der Superiorin nicht unbedingt glaubte, ſo wollte er die Gefangene ſehen. Die Schweſter Martha führte ihn in die Zelle Mariens, und ſobald er ſie auf ihrem Schmerzenslager erblickte, ſprach er mit dumpfer Stimme zu ihr:„Ich fürchte Sie nicht, Madame.“ Halb todt brachte man ihn in ſein Haus zurück und man ſagt, er werde ſich dies Mal nicht wieder erholen. Die Erſcheinung ſeiner Frau hat ihm den Todesſtoß gegeben. Was ſoll man nun von Allem dem denken, von dem Dolche, von dem zerriſſenen Teſtamente? In einem andern Briefe hoffe ich Ihnen die Fortſetzung die⸗ ſer traurigen Geſchichte mittheilen zu können.“ April. —„Apropos, ich habe vergeſſen, wieder von dem Proeurator Pierre Gars de La Verrière zu ſprechen. Er iſt bereits vor eini⸗ ger Zeit geſtorben, geſtorben an den Folgen jener berühmten Er⸗ ſcheinung. Er erklärte deshalb auch, er ſei durch ſeine Frau er⸗ mordet worden. Er ließ ſeine Kinder an ſein Sterbebett kommen, und vor Notar und Zeugen, in Gegenwart der feierlichen Vorbe⸗ reitung zur letzten Oelung verlangte er, daß die armen kleinen Mädchen(das jüngſte iſt zwölf Jahre alt) ihm ſchwören ſollten, ihre Mutter ewig zu haſſen. Die unglücklichen Kinder weinten, ohne eigentlich zu wiſſen warum. Der Notar ſtellte ihm vergehen vor, daß er über den Geiſt des Geſetzes hinausgehe; der Geiſtliche rief ihm die Vorſchrift der Religion ins Gedächtniß; aber der Proeurator ließ ſich nicht erſchüttern. Es gelang ihm endlich, ſeine Kinder ſchwören zu laſſen, das Gefängniß der armen Marie von Joyſel ſtets mit dreifachem Riegel verſchloſſen zu halten. Nach 7 98 dieſem ſchrecklichen Schwure küßte er die armen Kleinen, verlangte das Crueifir des Geiſtlichen, machte das Zeichen des Kreuzes, während er ſeine Frau noch immer verfluchte, ließ endlich den Kopf ſinken und hauchte ſo den Geiſt aus. Dieſes ärgerliche Sterben hat die Stadt, den Hof, die Kirche empört. Man ſagt, die Wittwe des Herrn von La Verrière bereite ein Bittſchreiben an die Herren vom Parlamente vor, um ihre Freilaſſung zu erhalten. Es läßt ſich dafür und dagegen ſprechen. Wird man den letzten Willen des Verſtorbenen unbeachtet laſſen können?“ 6. Marie von Joyſel hatte wirklich ſogleich nach dem Tode des Procurators ein rührendes Bittſchreiben abgefaßt. Heinrich Thome kam jeden Tag auf eine Stunde in ihre Zelle. Ohne ihm ihre ganze Geſchichte zu geſtehen, hatte ſie ihm unter andern Namen vertraut, daß ſie wegen Ehebruchs verurtheilt wor⸗ den, daß ihr Mann geſtorben ſei und daß ſie ihre Freilaſſung er⸗ warte. Weit entfernt, ſeine Liebe zu ermuthigen, ſuchte ſie die⸗ ſelbe vielmehr zu erlöſchen; ſie machte ihm nicht im Mindeſten Hoffnung und ſagte, ſie ſei für die Liebe todt, ſie verlange ihre Freiheit nur, um einen ihrer würdigern Zufluchtsort zu ſuchen, und wolle Gott den Reſt ihres Lebens widmen. Die Liebe weiß ſich auch da Hoffnungen zu ſchaffen, wo es keine giebt. Heinrich Thome wollte ſich der Hoffnungsloſigkeit nicht übergeben; er liebte Marien, ſie war ſein Glück, und er er⸗ wartete demnach geduldig, daß auch ihr Herz bewegt werde. Die arme Gefangene blieb nicht gleichgültig gegen die Liebe des jungen Arztes; Anfangs war er ihr ein ergebener Freund, dann ein mitleidiger Bruder geweſen, und endlich konnte ſie es ſich nicht verheimlichen, daß er ein ſehr zärtlicher und liebenswür⸗ diger Liebhaber ſei. Sie fand allmälig ein ſtilles Vergnügen daran, das freundliche edle Geſicht zu ſehen und die immer bebende 99 Stimme zu hören, die ſie tröſtete, während ſie von Liebe ſprach⸗ Noch geſtand ſie ſich zwar nicht, daß auch ſie Heinrich liebe, aber der Gedanke, daß ſie St. Pelagie vielleicht bald verlaſſe und an einen andern Ort ſich begäbe, wohin er ihr nicht folgen könnte, machte ihr Schmerz. Die Juſtiz ſprach ein Urtel, welches für die Wittwe des Pro⸗ eurators ewiges Gefängniß erkannte. Heinrich fand ſie eines Tages aufgeregter als gewöhnlich. „Was iſt Ihnen?“ fragte er. —„Man hat mein Geſuch abgewieſen,“ antwortete ſie;„ich ſoll hier ſterben in Schimpf und Schande.“ Heinrich ließ traurig das Haupt ſinken. Nach langem Schwei⸗ gen reichte er endlich Marien die Hand. „Hören Sie mich an,“ ſagte er.„Gott hat mir den Gedan⸗ ken an ein gutes Werk eingegeben; ich kann Sie aus dem Ge⸗ fängniſſe befreien, wenn Sie es wollen.“ —„Wie wäre das möglich?“ „Ich wage es nicht, es auszuſprechen; es wäre ein zu großes Opfer für Sie.“ —„Gott iſt mein Zeuge,“ entgegnete ſie mit gefaltenen Hän⸗ den,„daß ich eifrig ein Opfer zu bringen ſuche.“ „Ich will meinerſeits ein Geſuch an das Gericht einſenden, das ſich auf das Geſetz und die chriſtliche Liebe ſtützt und deshalb von dem Richter nicht wird zurückgewieſen werden können. In dieſem Geſuche werde ich um die Erlaubniß bitten, Sie heirathen zu dürfen.“ —„Mich heirathen!“ rief Marie, indem ſie in die Arme des jungen Mannes ſank;„mich heirathen? Kind, was denken Sie? Ich würde nie in dieſe Aufopferung willigen.“ „Sie würden mich dadurch in Verzweiflung bringen. Haben Sie Mitleiden mit meiner Liebe, wie ich Mitleiden habe mit Ihrem Un⸗ glücke. Ja ich heirathe Sie. Was iſt einfacher? Sie ſind Wittwe und ich liebe Sie.“ 7* 100 —„Aus Barmherzigkeit, denken Sie nicht mehr daran. Sie wiſſen nicht, wen Sie heirathen wollen; ich bin Marie von Joyſel, die Wittwe des Procurators Gars de La Verridre.“ „Ich weiß es,“ ſprach Heinrich bewegt;„aber warum an die Vergangenheit denken? Bleiben Sie gegen mich nur die arme Marie, die ich hier kennen gelernt habe, die ich liebe von ganzem Herzen. Glauben Sie mir, die Ehe hat Sie in das Verderben geſtürzt, die Ehe wird Sie retten. Sie kehren unbeſorgt in die Welt zurück, denn ich mit meiner Liebe ſtehe bei Ihnen.“ —„Noch ein Mal, Heinrich, Sie wiſſen nicht, wer ich bin.“ Die Gefangene hob ihr Kopfkiſſen auf und nahm darunter ein Bündel Papiere hervor. —„Da,“ ſprach ſie weiter,„leſen Sie heute dieſe Denkwür⸗ digkeiten und bringen Sie mir dieſelben morgen wieder. Beſtehen Sie dann noch darauf, mich zu heirathen, ſo reiche ich Ihnen die Hand.“ „Morgen alſo,“ ſprach Heinrich. Kaum war er in ſein Zimmer zurückgekehrt, ſo begann er mit unbeſchreiblichem Eifer die Geſtändniſſe Mariens von Joyſel zu leſen. Als er noch bei den erſten Zeilen ſtand, trat ſein Oheim ein, um über ſeine Mutter mit ihm zu ſprechen. „Lieber Oheim,“ ſprach er plötzlich,„ich rechne auf Ihr Herz und Ihre Unterſtützung bei dem Werke, das ich zu vollbringen gedenke.“ —„Was willſt Du thun, mein Sohn?“ „Marie von Joyſel heirathen.“ —„Armes Kind! Welche beklagenswerthe Thorheit. Alſo auch Du konnteſt den Schlingen nicht entgehen?“ „Nein; aber Sie beſitzen ein ſo edles Herz, daß Sie mich wohl verſtehen und mir verzeihen werden.“ —„Ich werde mehr thun,“ entgegnete der Greis, indem er Heinrich umarmte;„ich ſegne Euch Beide.“ 101 Gerührter als je begann Heinrich von Neuem die traurigen Geſtändniſſe zu leſen. Denkwürdigkeiten der Marie von Joyſel. St. Pelagie 1680. „In dem Schmerze und der Langenweile des Gefängniſſes will ich mir die Buße auferlegen, die Verirrungen meines Lebens nie⸗ derzuſchreiben. Es iſt eine Beichte, die ich vor mir ſelbſt ablege, nachdem ich gelernt habe, an mein Seelenheil zu denken. Ich werde, wenn ich in Gedanken nochmals auf allen Irrwegen hin⸗ wandle, die ich betrat, größere Kraft zur Reue finden. Ich wurde in Burgund im Jahre 1651 geboren. Mein Vater, Peter von Joyſel, war Lieutenant. Mein Großvater hatte ſich im Staatsdienſte berühmt gemacht; er war Rath des Königs Hein⸗ rich IW. geweſen, der ſeine Dienſte dadurch anerkannte, daß er ihm die kleine Grafſchaft Joyſel gab. Mein Vater ſtarb jung, ohne ein großes Vermögen zu hinterlaſſen. Die Sprößlinge ſeiner Ehe waren zwei Söhne und eine Tochter; die Tochter bin ich⸗ Von den beiden Söhnen iſt nur noch einer übrig; der andere ſtarb im Kloſter. Der Ueberlebende hat, in Folge der Schwäche meiner Mutter, das Erbe des Vaters vollends vergeudet, erhielt aber ein Regiment in der Gascogne, wo er ſich verheirathete. Meine Mutter überlebte meinen Vater nur wenige Jahre und ſtarb wahrſcheinlich aus Kummer über ihren leichtſinnigen, verſchwenderiſchen Sohn. Ich war elf Jahre alt, als dieſes unglück geſchah, und wurde von einer Schweſter meiner Mutter, der Vicomteſſe von Montreuil, aufgenommen. Sie war eine Modendame, noch ziemlich hübſch und nicht ohne Grazie und Geiſt. In ihrer ſchönen Zeit hatte man viel von ihr geſprochen. Eine ganze Saiſon blieb ich bei ihr auf ihrem kleinen Schloſſe Montreuil. Ihr Gemahl befand ſich mit Turenne im Kriege. Da meine Tante ſelbſt kein großes Vermögen beſaß, ſo konnte ſie nicht 102 daran denken, mir eine glänzende Zukunft zu verſchaffen, und die Familie beſchloß bald, mich in ein Kloſter zu bringen. Ich war in Alles ergeben; ich hatte ja meine Mutter ſo oft weinen ſehen, daß ich die Thränen nicht fürchtete. Sobald der Winter kam, wurde ich in die Abtei St. Sala⸗ berge gebracht, deren Superivrin Louiſe von Coſſt war. Bei meiner Tante hatte ich die Welt, ihre Unruhen, ihre Feſte, ihre Leiden und ihre Freuden kennen gelernt, und ſobald ich mich in der Einſamkeit des Kloſters befand, ſtellte ſich mir dieſe Welt mit noch weit größern Reizen wieder dar, und ich ſehnte mich unab⸗ läſſig in das Schloß Montreuil zurück. In der Abtei befanden ſich Mädchen aus großer Familie, welche da mit Ungeduld nicht auf den Augenblick, in welchem ſie den Schleier nehmen ſollten, ſondern auf den Tag der Heirath warteten. Nur etwa drei oder vier waren gleich mir für das Kloſterleben beſtimmt. Das Beiſpiel war deshalb kein günſtiges, und ich hörte unaufhörlich, wie die Mädchen mit einander von ihren glänzenden Plänen ſprachen. Die Eine ſollte ihren Vetter heirathen, welcher ein Amt am Hofe bekleidete; die Andere war noch glücklicher, denn ſie ſprach von der Heirath, aber nicht von dem Manne; die Eine hoffte Hofdame bei der Königin zu werden, eine Andere gedachte ihr Leben auf einem ſchönen Schloſſe zu verbringen, fern von der Langenweile des Hofes, wie eine echte Burgfrau in der guten Zeit. Ich zog mich traurig von allen dieſen jungen heitern Mädchen zu⸗ rück, die nur dem Glücke entgegenſahen. Welchen Plan konnte ich mir machen? Ich hatte vor mir nie etwas Anderes geſehen als eine einſame Zelle, in welcher ich mein Herz, meine Liebe, meine Träume begraben ſollte. Ich war die Schönſte im Kloſter, aber meine Gefährtinnen waren nicht eiferſüchtig auf mich, da ich ja arm war. Spottend und mitleidig ſagte man:„es lohnt ſich auch der Mühe, ſo ſchön zu ſein!“ 103 Kurz vor der Zeit, da ich den Schleier nehmen ſollte, holte mich meine Tante, die Wittwe geworden war, aus dem Kloſter ab, um ſich ein wenig zu zerſtreuen. Wer weiß, ob ich wieder⸗ kehre, dachte ich, als wir in einem ſchönen Wagen abfuhren. In den erſten Wochen ihres Wittwenſtandes fand ich bei meiner Tante keine eben angenehme Geſellſchaft, doch war mir tauſend Mal wohler, als in dem Kloſter; ich athmete frei, ich lief in dem Garten umher, pflückte Blumen und band Sträuße und Kränze, kurz, ich lebte ganz nach meinem Gefallen. Ich ſah ſo gern den Himmel, die Bäume, die Wieſen, die Quellen, beſonders aber mich ſelbſt. So oft ich vor einem Spiegel vorüberging, ſah ich unwillkührlich hinein und ordnete, um länger mich betrachten zu können, mein Haar, löſete es auch wohl auf, um das Vergnügen zu haben, daſſelbe neu zu ordnen. Meine Tante überraſchte mich endlich dabei.„Du vergißt oft Deinen Roſenkranz,“ ſagte ſie.„Armes Kind,“ ſetzte ſie hinzu, „ich fürchte, das Kloſtergewand wird Dir läſtig werden; es wäre aber auch wirklich ein wahrer Mord, wollte man das ſchöne Haar abſchneiden. Wie reizend dagegen müßte dieſem ſchwarzen Haar ein Brautſchleier ſtehen!“ Sie ſprach nie wieder von dem Kloſter, und ich dachte auch nur ſelten und immer ſeltener daran, häufiger dagegen an das Hei⸗ rathen. Der Mann, ich geſtehe es, war dabei nur eine Neben⸗ ſache; ich hätte dem erſten dem beſten meine Hand gegeben, nicht um ſeiner ſelbſtwillen, ſondern wegen der Freiheit, die ich durch ihn erhielt. Solche Gedanken beherrſchten mich, als der Herr Gars de la Verrière erſchien, um einige Tage in dem Schloſſe meiner Tante zuzubringen. Er kam mir ſehr häßlich vor.„Mein Gott,“ dachte ich bei mir,„wie müßte man ſich bei einem ſolchen Manne langweilen!“ Er war nicht galant und beſaß eben ſo wenig Geiſt; er kleidete ſich ſchlecht und lachte niemals, mit einem Worte, er war die Perle der Männer. Während er eine Proceßſache meiner 104 Tante in Ordnung brachte, geruhete er, ſein Auge allmälig mit Wohlgefallen auf mir ruhen zu laſſen, und er ging ſogar ſo weit, daß er um mich anhielt.„Mich mit einem ſolchen Manne zu ver⸗ heirathen! Niemals!“ rief ich aus. Aber das Herz ſollte keine Stimme bei der Entſcheidung der wichtigen Frage haben, denn ich kam bald wieder auf den Gedanken, daß die Heirath für mich das größte Glück ſei. Vielleicht, redete ich mir ein, iſt der Herr Procurator nicht ſo ſchlimm, als er ausſieht; meine Tante ſprach viel von ſeinem Vermögen,“ ſeinem Wagen, ſeinem Landgute. Ich ließ mich verlocken und ſagte ja; am Hochzeitstage kam mir aber faſt die Luſt an, wieder in das Kloſter zu gehen. Drei lange Wochen ging es recht gut, als er mich aber nach Paris gebracht hatte, feſſelte mich ſeine Eiferſucht wie eine Kette. Wir wohnten in einem kleinen dunkeln Hauſe, und da mußte ich den ganzen Tag vor dem Kamine meines Zimmers bleiben. Ich erinnere mich, daß er eines Tages ſehr in Zorn gerieth, weil ich ein Fenſter geöffnet hatte.„ Wornach ſiehſt Du?“ fragte er.— „Nach dem Wetter,“ antwortete ich.—„Du ſiehſt nach den Vorübergehenden, ich weiß es,“ ſetzte er mürriſch hinzu und ver⸗ ſchloß das Fenſter. Mein Herz wollte ſich in ein ſolches Leben nicht fügen, und doch vergingen drei Jahre auf dieſe Weiſe; zu meinem Troſte hatte ich zwei Kinder, aber trotz dieſen Kindern ſann ich auf Rache. Ich brauchte nicht lange zu warten. Der Herr Procurator hatte einen Vetter in dem Dragoner⸗ regimente Champagne, Philipp von Montbrun, der uns eines Tages beſuchte, ohne erwartet worden zu ſein, zum großen Aerger meines Eiferſüchtigen. Er war ein ſchöner heiterer junger Mann, er ge⸗ fiel mir und hatte mich bald gewonnen. In der erſten Stunde begegneten unſere Blicke einander wohl ſechszig Male, in der zweiten Stunde fanden ſich unſere Hände, und noch denſelben Abend 105 entführte er mich. Seit Frauen entführt worden ſind, hat ſich keine bereitwilliger entführen laſſen, als ich. Wir fanden keinen Wagen und wir mußten ein Pferd nehmen. Ich hatte nie geritten und klammerte mich deshalb feſt an Montbrun an. Er wollte mich nach Corbeil bringen zu einem ſeiner Freunde, der ſich vor Kurzem verheirathet hatte, aber kaum waren wir acht Stunden von Paris entfernt, als uns ein entſetzliches Gewitter überfiel. Wir mußten in dem erſten beſten Hauſe ein Unterkommen ſuchen; es war das kleine Schloß Bidrre. Unſer Einzug nahm ſich komiſch genug aus. Der Schloßherr kam uns entgegen, da er uns für alte Freunde hielt. Da er uns aber nicht kannte und wahrſcheinlich unſer Ausſehen ihn nicht eben erbauete, ſo wollte er uns die Thüre vor der Naſe zuſchlagen, als Montbrun zu ihm ſagte:„Nehmen Sie es nicht übel, Herr, daß wir in Folge des Gewitters Ihr Schloß für ein Wirthshaus anſahen, umgekehrt wie Don Quirote, der die Wirthshäuſer für Schlöſſer hielt.“ Der Beſitzer des Schloſſes, der an dieſen Worten erkannte, daß er gebildete Leute vor ſich habe, wurde gaftfreundlicher. Wir aßen bei ihm zu Abend, und da die Jugend mittheilend iſt, ſo erzählten wir ihm unſer Abenteuer und lachten über das lange Geſicht, das der Herr Proeurator machen würde. Dieſer Tag, darf ich es ſagen? war der glücklichſte meines Lebens; jetzt, da ich alle meine Vergehen verwünſche, kann ich doch dieſem ſchönen Tage nicht fluchen. Ach wie ſüß waren die Küſſe, die während des ſchnellen Rittes trotz Wind und Regen gewechſelt wurden! Unſer Wirth wurde ſo freundlich, daß wir drei Tage bei ihm blieben. Am vierten Tage reiſeten wir nach Corbeil ab, wo wir von dem jungen Ehepaare ſehr gut aufgenommen wurden. Es fehlte unſerer Verbindung die kirchliche Weihe, aber der Freund Montbrun's nahm es nicht ſo genau. Als wir wieder etwas ruhiger geworden und, ich kann es wohl 106 ſagen, etwas zu Verſtand gekommen waren, entdeckte uns der Procurator. Wir wollten noch entfliehen, wurden aber auf dem Wege nach Melun eingeholt. Montbrun ſuchte uns zwar mit dem Degen in der Hand zu vertheidigen, aber er unterlag der Mehrzahl. Wir kehrten, getrennt von einander, nach Paris zurück. Welche und hörte da einen ganzen Monat lang nichts von meinem Manne und nichts von dem Geliebten. Zum Glück befanden ſich in dem Hauſe einige Büßende aus guter Familie, die das Lachen nicht verlernt hatten. Man ließ uns überhaupt ziemlich viel Freiheit; früh und Abends durften die Begünſtigſten in dem Garten umher gehen. Ich hatte ebenfalls dieſe Erlaubniß erhalten trotz dem Proeurator. In dem Garten vergnügten wir uns wie Kinder, liefen Schmetterlingen nach und warfen einander mit Roſen. Wir erzählten einander ſogar unſere Geſchichte, und ſtatt etwas zu ver⸗ heimlichen, übertrieb man wohl noch. Ich hörte hier die ſchönſten Liebeslügen. So ermuthigte Eine die Andere, ſtatt Buße zu thun, zum Beharren bei der Sünde; man ſpottete und lachte über den betrogenen Mann, nannte ihn einen Tyrannen und trug den Ge— liebten im Herzen. Nach ſechs Wochen endlich zeigte man mir an, der Procurator würde in dem Sprachzimmer erſcheinen, um mir meine Begnadigung zu gewähren, wenn ich wahre Reue zeige. Er kam und ich nahm ihn ſehr übel auf; er kam mir häßlicher vor als je. Sobald er von einem Vergleich ſprach, dietirte ich ihm meine Bedingungen, ſtatt die ſeinigen anzuhören, und verlangte, vollkommen frei zu leben, in die Komödie, auf die Promenade, in die Kirche zu gehen und das Fenſter öffnen zu dürfen, ſo oft es mir gefalle.— „Sehr wohl,“ antwortete er wuthſchäumend darauf,„ſo bleiben Sie noch zwei Jahre hier; wenn ich Ihnen dann nicht Verzeihung gewähre, wird man Sie geißeln und Ihnen das Haar abſchneiden. Sie werden das ſchwarze Gewand der Büßerinnen anlegen.“ 5 traurige Reiſe! Ich wurde ſogleich nach den Madelonnettes gebracht 107 Damit entfernte ſich der Procurator und kam nicht wieder. Den nächſten Tag glaubte ich ihn wiederſehen zu müſſen; man berief mich von Neuem in das Sprachzimmer und ich traf dort ſeinen Secretair, der mir ſchweigend einen Brief übergab; ich ntſchloß mich ſchwer dazu, ihn anzunehmen.„Nehmen Sie, nehmen Sie, Madame,“ ſagte er im Tone des Mitleides,„nehmen Sie, Sie werden es nicht bereuen.“ Ich nahm den Brief und erbrach ihn. Wie groß war meine Ueberraſchung und Freude, als ich die Handſchrift meines theuren Montbrun erkannte! Ich erröthete und erbleichte und begab mich eilig in meine Zelle, um ihn ſtill und ungeſtört zu leſen. „Geliebte,“ ſchrieb er,„endlich weiß ich, wo Du biſt. Mein Herz ſuchte Dich überall. Ohne den braven Mann, der Dir die⸗ ſeu Brief übergeben wird, ſuchte ich wahrſcheinlich noch immer vergebens. Wie! Dein Mann hat die Schändlichkeit begangen, Dich wie ein ehrloſes Mädchen in den Madelonnetten einſperren zu laſſen? Aber wenn Dich Gott betrübt hat mit einem Manne, der Dich verfolgt, hat er Dir einen andern zur Vertheidigung gegeben. Mir iſt es gelungen, an dem Thore von Paris zu ent⸗ kommen, und ich entfloh blos in der Abſicht, um Dich wieder auf⸗ zuſuchen. Ich habe mir vorgenommen, Dich zum zweiten Male zu entführen. Du weißt, wie ſchön das iſt; die Geliebte ent⸗ führen, ſich von dem Geliebten entführen laſſen, heißt das Pa⸗ radies der Liebe betreten. Doch ſpäter wollen wir von Liebe ſprechen, bald, dieſe Nacht noch, denn dieſe Nacht wird uns wie⸗ der vereinigen. Sei muthig und feſt und halte Dich um elf Uhr allein am Ende des Gartens auf. Dort trennt uns nur eine Mauer, aber mit einer Strickleiter und einem ergebenen Diener werden wir bald beiſammen ſein. Dies Mal fliehen wir in einem guten Wagen und ſchlagen einen andern Weg ein; geleite uns der Himmel! Philipp von Montbrun.“ 108 Alles ging vortrefflich. Ich meldete mich krank, verſteckte mich Abends im Garten, hörte nicht auf die Stimmen, die mich riefen, und wartete. Montbrun kam mit der Leiter und dem Wagen. Um Mitternacht waren wir ſchon weit fort und in Compiegne ſtie⸗ gen wir unter falſchem Namen aus. 1 Hier lebten wir zwei Monate ganz ſtill und unbekannt, aber ſehr glücklich. Trotz unſerer Liebe langweilte uns indeß allmälich dieſe Lebensweiſe, ihn namentlich. Als der Winter kam, wurde der Wald, den wir ſo ſehr liebten, unzugänglich. Zu Ende Decembers verließ mich Montbrun, um mündlich einen Brief des Herrn von Penthiövre zu beantworten. Ich hoffte ihn nach vier Tagen wieder zu ſehen, aber es vergingen drei lange, lange Wochen, ohne daß er zurückkam. Als er endlich wie⸗ der erſchien, hatte ſich ſein Benehmen ſehr geändert, und ich be⸗ merkte bald, daß ſein Herz anderswo ſei. Bald reiſete er wieder fort und kam nicht wieder. Mein Herz brach er vollends, als er mir eine Summe Geld ſchickte ohne einen Brief. Ich erkannte mein ganzes Unglück. Mitten im Winter reiſete ich nach Paris, und es gelang mir nach vieler Anſtrengung, ſeinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Ich wurde geſtraft da, wo ich geſündigt hatte. Montbrun hatte eine andere Geliebte. Dieſe kannte die Männer und hielt ihn imnier an der Kette. Meine Verzweiflung war ſo groß, daß ich mich entſchloß, zu ihren Füßen zu ſterben. Was konnte ich auch Beſſeres thun? Ich kaufte deshalb einen Dolch, kleidete mich als Modenhändlerin und er⸗ ſchien eines Morgens in der Wohnung der fraglichen Dame, über⸗ zeugt, den Ungetreuen da zu finden. Nachdem ich eine Stunde im Vorzimmer gewartet hatte, geruhete man mir eine Audienz zu bewilligen. Da ich wußte, daß die Dame ſehr kokett war, hatte ich ihr ſagen laſſen, ich bringe ihr die neueſten flandriſchen Spitzen. Ich trat in das Schlafgemach ein und ſah auf den erſten Blick 109 die großen Bettvorhänge ſich bewegen. Wie zitterte ich! Die Dame erwartete mich vor dem Kamine in einem reizenden Negligé. Sie war ſchön, blond, zwar ohne beſondern Ausdruck, aber reich an Rrizen. Ich öffnete vor ihr meine Spitzenſchachtel; ſie griff raſch hinein und beſah Alles mit ziemlicher Mißachtung; endlich fand ſie ein Stück, das ihr gefiel; ſie legte es über ihre halb⸗ entblößten Schultern und betrachtete ſich im Spiegel. Ich hielt nicht länger an mich, trat raſch an das Bett und warf dem Un⸗ getreuen einen zerſchmetternden Blick zu. Er erbleichte.„Sie ſind es?“ fragte er unruhig.—„Ja, ich bin es,“ antwortete ich und griff nach dem Dolche. Die Dame kam mit einem gellenden Schrei auf mich zu. „Keinen Schritt weiter!“ ſprach ich drohend zu ihr, und ſie ſiel in Ohnmacht. Montbrun, der ſie mit Bedauern am Fuße des Bettes um⸗ ſinken ſah, eilte ihr zu Hülfe und beleidigte mich durch Worte und Geberden. Dies ſteigerte meinen Haß und meine Rache auf das Aeußerſte; ich ſchwang meinen Dolch und rief, indem ich mich auf Montbrun ſtürzte,„Grauſamer!“ Und der Doch traf ſein Herz, das Herz, das mich ſo ſehr geliebt hatte. Kaum hatte ich die That vollbracht, als ich wankte, auf die Kniee vor dem Bette niederſank und die Hand meines armen Ge⸗ liebten mit Küſſen bedeckte.„Ich bin verloren!“ ſprach er leiſe, ohne Groll und ohne mir die Hand zu entziehen. In dieſem Augenblicke trat erſchrocken ein Kammermädchen ein. Montbrun hatte noch ſo viel Geiſtesgegenwart, um mich retten zu wollen. „Es iſt nichts,“ ſagte er zu dem Kammermädchen,„komme in einer Viertelſtunde wieder.“ —„Ja, in einer Viertelſtunde wird Alles vorüber ſein,“ ſetzte ich hinzu. Ich hob den Dolch auf, war aber ganz kraft- und muthlos, 110 und meine Hand ſank, ohne daß ich mir den Stoß verſetzen konnte, den ich mir beſtimmt hatte. „Gnade! Gnade!“ rief Montbrun, der ſich wieder etwas er⸗ holte,„entferne Dich ſchnell, arme Marie, ich glaube, die Wunde iſt nicht tödtlich. Geh', ich werde mich in meine Wohnung brin⸗ gen laſſen; komm dahin.“ Wird man es glauben? Ich war ſchlecht genug, Montbrun auf dem Todtenbette zu verlaſſen. Ich kam ohne Hinderniß aus dem Hauſe hinaus. Er ſtarb ohne Zweifel eine Stunde darauf, neben einer andern, auf die ich noch eiferſüchtig bin. Ich wartete bis um Mitternacht in der Straße Hautefeuille, ging am andern Tage wieder dahin und end⸗ lich erfuhr ich ſeinen Tod. Seine Geliebte wurde nicht angeklagt; er hatte Zeit gehabt, in ſeinem Teſtamente ſich ſelbſt anzuklagen. Ich erfuhr Alles dies durch die Ausrufer. Der Name Montbrun wurde nicht genannt, aber er war es, ich wußte es. Feig genug klagte ich mich nicht an. Ich trug mein Verbrechen in der Stille und lebte allein mit meinem Schmerze. Ich wohnte in der Straße Hautefeuille, als müßte der arme Montbrun wieder dahin kommen. Den Winter verbrachte ich auf die traurigſte Weiſe von der Welt und unter den bitterſten Thränen. Als der Frühling wieder kam, wich der Schatten Montbrun's allmälig weiter und weiter von mir zurück, und ich fühlte mich wieder verjüngt. ISch hatte eine Ge⸗ fährtin aus dem Kloſter gefunden, die ſich ebenſowenig gebeſſert hatte als ich; ich beſuchte ſie immer häufiger; es fand ſich bei ihr immer eine zahlreiche Geſellſchaft junger Herren ein, die auch mich allmälig aufheiterten. Da ich keinen Einzelnen lieben konnte, ſo liebte ich Alle. Ich wurde ſchlimmer, als ich geweſen war, und vergaß endlich ſelbſt meine Kinder. Die Feder ſträubt ſich. Warum ſollte ich auch die traurigſte Zeit meines Lebens ſchildern? Was ſoll ich mehr ſagen, als daß ich ein ganzes Jahr in dieſen Verirrungen verbrachte. Ob ich gleich einen andern Namen angenommen hatte, ſo machte mich der Procurator doch endlich ausfindig und erlangte diesmal ein ſchreckliches Urtheil gegen mich, lebenslängliches Ge⸗ füngniß. Man brachte mich nach St. Pelagie, wo es weder Gar⸗ ten, noch Promenade, noch Gefährtinnen, noch einen Geliebten giebt, der über mich wacht, St. Pelagie, das halboffene Grab. Nur eine Erinnerung, die mich tröſtet, iſt mir geblieben, die Erinnerung an Montbrun, den Einzigen, den ich geliebt habe. Den Dolch, der ſich mit ſeinem Blute färbte, habe ich ſtets auf meinem Herzen getragen. Dieſer Dolch hat noch Jemanden zu treffen.“ 2. Den Tag, nach dem er dieſes traurige Geſtändniß geleſen hatte, fand Heinrich Marien noch niedergeſchlagener. Als ſie ihn ein⸗ treten ſah, ließ ſie ſchweigend das Haupt ſinken wie vor ihrem Richter. Er reichte ihr die Hand und ſie hielt ihm die ihrige hin, ohne ihn anzuſehen. „Marie,“ ſagte Heinrich mit feſter Stimme,„ich heirathe Sie vor Gott und den Menſchen.“ Sie ſank auf ihre Kniee vor ihm nieder. —„Ich habe nichts mehr zu ſagen,“ flüſterte ſie;„Sie ſind mein Gebieter und ich werde Ihren Befehlen gehorchen.“ „Gnade, Madame, ſprechen Sie nicht alſp. Ich heirathe Sie nicht Ihret⸗, ſondern meinetwegen; ich heirathe Sie, weil ich Sie liebe; es iſt das kein Opfer. Weit entfernt, Ihr Gebieter zu ſein, bin ich nur Ihr ergebener Sklave.“ Heinrich Thome hatte das Heirathsgeſuch bei demſelben Ge⸗ richte eingegeben, welches die Bitte Mariens zurückgewieſen. Dieſes Geſuch war würdevoll und einfach, eine ſchöne Vertheidigungs⸗ ſchrift Mariens. Das Geſuch wurde durch den Advocaten ſo wohl unterſtützt, daß der Gerichtshof daſſelbe genehmigte. 112 Sobald aber das Urtel geſprochen war, trat die Familie des Procurators mit der Verurtheilung dagegen auf, welche der Ver⸗ ſtorbene erlangt hatte, und mit dem Teſtamente deſſelben. Die Familie bot Alles auf, um den letzten Wunſch des Procurators in Erfüllung zu bringen, und trieb ſelbſt die Kinder gegen ihre Mutter. Bis zur Entſcheidung des Proceſſes verbrachte Heinrich alle Nachmittage bei Marien. Ihre Liebe wurde immer vertrauens⸗ voller und zärtlicher; ſie eröffneten einander ihre Herzen, ihre Hoffnungen und Beſorgniſſe; ſie beteten, tröſteten und liebten einander. Eines Tages traf Heinrich Marien im innigen Gebete. „Ich hielt Sie nicht für ſo fromm, Marie.“ —„Sie haben mich gelehrt, Gott zu lieben,“ antwortete ſie ihm, indem ſie die Augen zum Himmel erhob.„Ich betete zwar auch, ehe ich Sie kannte, aber wie oft entweihete ich das Gebet durch Zorn, Stolz und Haß. Ich lehnte mich auf gegen die Welt, die mich mit ihrer ganzen Verachtung niederbeugte; keine einzige mitleidige Seele ermuthigte meine Thränen und rich⸗ tete mein armes Herz auf. Da kamen Sie; Sie liebten die, welche die Welt von ſich ſtieß, Sie fanden in meinem Herzen die Quelle der Thränen wieder; ich habe geweint, nicht aus Zorn, ſondern aus Liebe und Reue; ich habe Sie, ich habe Gott geliebt. Ach, Heinrich, Sie ſind mein Retter!“ Der außerordentliche Proceß kam im Juli 1684 zur Verhand⸗ lung. Der berühmte Talon erſchien als Generalanwalt. Man berief Marien von Joyſel und deren Kinder; die väterlichen und mütterlichen Verwandten, Karl Heinrich Thome, den Bewerber; den Canonicus Leblanc, die Superiorin von St. Pelagie, die Schweſter Martha und einige Andere. Aus der Stadt und vom Hofe war eine Menge Neugieriger gekommen. Seit einem halben Jahrhundert hatte kein berühmterer Proceß ſo die Neugierde S K 11¹3 gereizt. Man beklagte Marien, intereſſirte ſich für Heinrich Thome und wollte ſie neben einander ſehen. Marie von Joyſel kam im Gewand einer Büßenden, in ſchwar⸗ zem Leibchen mit großen Aermeln, grauem Rocke und einem ein⸗ fachen Häubchen, das die Haare verhüllte. Trotz dieſer Kleidung machte ihre Schönheit allgemeines Aufſehen. Sie ſchien ſich um die Neugierigen nicht zu kümmern; in ihren Zügen lag Ergebung, und von Zeit zu Zeit warf ſie unwillkürlich einen zerſtreuten Blick auf Heinrich, der mit ſeinem Oheim an der Schranke ſtand. Bis⸗ weilen ſah ſie auch ihre beiden kleinen Töchter, die ganz vergeſſen hatten, daß ſie ihre Mutter ſei, mit unausſprechlichem Schmerze an. Sie ſaßen neben ihrem Vormunde, ihrem Advveaten und einigen Verwandten ihres Vaters. Vor dem Eintritte des Gerichts erregte ein kleiner Zufall leb⸗ haft die Neugierde. Eine alte Dame ſank mit Thränen in den Augen in die Arme Mariens; es war ihre Tante, die alte Vi⸗ comteſſe von Montreuil, die Schweſter ihrer Mutter. Sie nahm Marien an der Hand, ſprach von tauſenderlei Dingen auf einmal, gab ihren Advocaten Rathſchläge ꝛc. Dann fragte ſie, wo Hein⸗ rich Thome ſei, ging zu ihm und ſah ihn lächelnd und mit einer Thräne im Auge an. „Was Sie da thun, mein Sohn, iſt ſehr gut. Rechnen Sie auf mein Vermögen und meine Freundſchaft.“ In dieſem Augenblicke erſchien der Gerichtshof. Der Advocat Fournier, der ein berühmter Redner war, nahm zuerſt das Wort, um das Geſuch Heinrich Thome's auseinander⸗ zuſetzen. Nachdem er von der Familie deſſelben und von der Reue der Wittwe des Procurators geſprochen hatte, hoffte er, wie er ſagte, daß der Hof ihm erlauben würde, den höchſten Grad der chriſtlichen Liebe auszuüben, den jemals ein Gerichtshof kennen gelernt habe; nicht die Reichthümer reizten ihn bei dieſem guten Werke, da Marie von Joyſel nichts mehr beſitze. 8 114⁴ Der Advocat ließ den Canonicus Leblanc und die Superiorin vortreten als Zeugen für die Buße und Reue Mariens, und ſie ließen derſelben alle Gerechtigkeit widerfahren. Dann fuhr der Advoeat wieder fort:„Meine Herren, da die Freiheit das erſte Gut iſt, ſo muß natürlich Marie von Joyſel, die dieſes koſtbare Gut verloren hat, annehmen, daß durch die Ehe ihre Feſſeln gebrochen werden. Ihre Forderung gründet ſich auf das Geſetz Gottes und der Menſchen, auf das der Familie und auf die Buße, die ſie für ihre Verbrechen gethan hat. „Ein Gatte hat allein ihr Unglück verurſacht, ein Gatte ſoll es ihr vergelten; die Heirath, die ihr ſo verderblich war, wird 3 jetzt ihr Heil; ſie findet den Hafen, wo ſie Schiffbruch litt. Wenn Sie ihr die Gnade bewilligen, die ſie erbittet, wird ſie nie ver⸗ geſſen, daß Sie die Menſchlichkeit mit der Gerechtigkeit verbinden.“ Darauf begann der Advocat der väterlichen Familie eine lange für Marien von Jvyſel höchſt beleidigende Rede; er entwarf eine entſetzliche Schilderung von ihrem Leben, beſchuldigte ſie, ihren Gatten durch den Aerger umgebracht zu haben, den ſie ihm ver⸗ —— urſacht, und ſprach ſelbſt von Gift. Man nahm indeß dieſe Be⸗* ſchuldigung mit einem allgemeinen Gemurmel des Unwillens auf. 1 Jedermann bemerkte mit wahrem Schmerze, daß die beiden un⸗ glücklichen Kinder durch ihre Geberden alle Beleidigungen des Advocaten zu beſtätigen ſchienen. Man fragte ſie und ſie erzähl⸗ ten, was bei dem Tode ihres Vaters geſchehen war; aber man ſah auch, daß ihnen dieſe Geſchichte eingelernt worden war. d 1* s. In dieſem Augenblicke wurde die Feierlichkeit der Debatten durch das Erſcheinen eines unerwarteten Zuſchauers auf ſeltſame Weiſe unterbrochen. Alle Blicke richteten ſich auf den Neuange⸗ kommenen, der kein Aufſehen machen zu wollen⸗ ſchien. Er war ein noch junger Benedictiner, bleich und hager zum Erbarmen. ———— ————— 115 In ſeinen Zügen lag unter einer Maske von Demuth ein gewiſſer edler Stolz, der von vornehmer Geburt, von Geiſt und Schmerz zeigte. Obgleich die Zuſchauermenge ſehr gedrängt ſtand, ſchritt er doch durch dieſelbe hindurch, ohne viel Unzufriedenheit und Störung zu veranlaſſen. Etwa zwanzig Schritte von Marien blieb er ſtehen; er betrachtete ſie mit ſanften traurigen Blicken und ſtützte ſich auf das Geländer, welches die Neugierigen von den Richtern trennte, neigte ſeufzend ſeine Stirn und ſchien ſich zu ſammeln. Marie, die ſehr bewegt war, da ſie ſich durch ihre Kinder ſo grauſam angeklagt ſah, achtete Anfangs nicht auf die neue Geſtalt; als ſie aber ihre Blicke auf dieſelbe richtete, erbebte ſie. Heinrich Thome, der ſie fortwährend beobachtete, erſchrak über ihr plötz⸗ liches Erbleichen und ſchien ſie durch ſeine Unruhe um die Urſache zu fragen. Sie aber achtete nicht darauf, ſondern blickte noch. immer den Benediectiner an, der ſchreckiche Erinnerungen in iſ zu wecken ſchien. „Wenn er es wäre!“ dachte ſie erſchreckt und erſtaunt,„wenn er es wäre!“ Sie ſtrich mit den Händen über die Augen, als wollte ſie ſich überzeugen, daß ſie nicht träume. „Nein,“ ſagte ſie bei ſich,„ich träume nicht, aber er iſt es nicht. Woher und warum kommt dieſer Mann?“ Die Debatten gingen unterdeß weiter. Der Advocat der Ge⸗ genpartei las ſogar Mariens Selbſtgeſtändniſſe, die man ihr in St. Pelagie weggenommen hatte. Bald darauf verlangte der Benediectiner, der bis dahin ernſt und ſchweigend dageſtanden hatte, auf die Bank der Zeugen ge⸗ führt zu werden, da er Eröffnungen zu machen habe. Ein Diener des Gerichts öffnete die Schranken. Der Bene⸗ dietiner ſetzte ſich ſchweigend neben den Canonicus Leblane, in der Nähe Mariens, nieder. 8* 11⁸ „Ach, mein Gott!“ flüſterte er, indem er die Augen gen⸗ Himmel erhob,„gieb mir Kraft, mein Herz zu beruhigen.“ Als er ſah, daß Marie ihn mit großer Unruhe betrachtete zog er ſeine Kapuze über das Geſicht und wendete den Kopf ein wenig bei Seite. Als der Advocat die Geſtändniſſe Mariens zu Ende geleſen hatte, erhob ſich der Benedictiner langſam und trat vor. „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Präſident mit einer innern Be⸗ wegung, die er kaum zu bewältigen vermochte. —„Wer ich bin?“ antwortete der Benedictiner, indem er ſeine Kapuze zurückſchlug.„Fragen Sie Marie von Joyſel.“ Er wendete ſich an die Unglückliche, die einen Angſtſchrei aus⸗ ſtieß und halb todt in die Arme ihrer Tante und eines Dieners des Gerichts ſank. Die Neugierde war geſpannter als je; alle Damen auf der Galerie erhoben ſich und blickten nach dem ſinſtern Benedictiner und der bleichen Marie von Joyſel. Thome war beſtürzt, außer ſich, und als er ſeine Unruhe nicht länger beherrſchen konnte, wendete er ſich plötzlich mit einer gebieteriſchen Geberde an den Benedictiner und ſagte: „Wer ſind Sie, Herr?“ —„Ich bin Philipp von Montbrun,“ antwortete der Mönch ernſt;„ja ich bin Philipp von Montbrun, man beſchuldige alſo die Frau nicht des Mordes, man klage ſie nicht an wegen ihrer Fehler; Gott, der ſie weinen ſah, hat ihr verziehen. Treiben Sie Ihren Zorn nicht weiter; ich komme hierher durch die Barm⸗ herzigkeit Gottes, nach den heiligen Vorſchriften des Cvangeliums. Ich trage größere Schuld als dieſe Frau; ich war der böſe Geiſt, als ſie noch ein Engel war an Schönheit und Tugend; ich war die Schlange, die ſie die Sünde lehrte. Aber es giebt noch einen Schuldigern, als mich; dieſer erſte Schuldige iſt mein Vetter, der Procurator Peter Gars de La Verridre. Die Ehe iſt ein gött⸗ „— 117 liches und menſchliches Geſetz, das den Mann heilig mit der Frau verbindet; aber der Procurator war kein Mann; er hatte durch das Alter Alles verloren, was uns Gott Edles, Großes gegeben; er beſaß kein Herz und keine Seele. Ich weiß wohl, daß es von erhabener Ergebung gezeigt haben würde, wenn Marie von Joyſel dieſem Manne ihre Schönheit, ihre Anmuth, ihre Tugend gewid⸗ met hätte, aber das Weib iſt ſchwach; Gott hat es alſo erſchaffen.“ Der Präſident unterbrach Montbrun. „Mein Bruder,“ ſagte er etwas trocken zu ihm;„wir ver⸗ langen keine Predigt von Euch; wir ſitzen hier nicht in der Schule. Sagt einfach, wie es möglich iſt, daß Ihr, Philipp von Mont⸗ brun, hier ſeid.“ —„Marie von Joyſel hat nicht Alles geſagt; ſie hat ſich allein angeklagt und hätte mich ſchwerer beſchuldigen ſollen, aber das gehört nicht zur Sache. Ich bin hierher gekommen, als ich von dem Prior unſerer Abtei vernahm, was hier vorgeht; ich wollte die Sünderin in ihrer Reue wiederſehen und hoffte, es würde mir erlaubt ſein, meine Stimme zu ihren Gunſten zu erheben.“ Montbrun trat näher zu Marien, die ſich wieder erholte. Sie ſah und hörte ihren erſten Geliebten, ohne ihren Augen und Ohren zu glauben. „Sie! Sie!“ ſprach ſie, indem ſie mit den Händen über die Stirn ſtrich. Montbrun trat noch näher. „Wo bin ich? Mein Gott!“ rief ſie erbebend aus. Der Generalprocurator hatte das Wort ergriffen. Montbrun konnte einige Worte zu Marien ſagen, ohne daß es die Neugie⸗ rigen hörten. —„Fürchten Sie nichts, Marie, ich komme nicht, um mich zu beklagen, ſondern um Ihnen Muth einzuſprechen; ich bin todt für dieſe Welt, für die Welt, in der Sie leben, Marie. Ich habe Allem entſagt und flüchtete mich zu dem Gebete und der Liebe 118 Gottes; dieſe Liebe täuſcht nicht, ſie iſt die einzige ewige; die Thränen, die man dabei vergießt, ſind die wonnereichſten. Leben Sie wohl; ich habe hier nichts mehr zu ſagen und kehre für immer an meinen ſtillen Zufluchtsort zurück, um dort für Sie zu beten. Leben Sie wohl.“ Er verbeugte ſich, zog die Kapuze wieder über das Geſicht und ſchritt ernſt nach der Thüre zu. „Lebt wohl!“ ſprach Marie ſeufzend. Die Rede Talon's war merkwürdig, aber trocken, und drehte ſich faſt nur um eitirte Stellen. Er wußte alle römiſchen und franzöſiſchen Geſetze über den Ehebruch, ohne ein Beiſpiel für den vorliegenden Fall zu finden; er ſprach für und gegen, um die Wahrheit recht deutlich vortreten zu laſſen. Sein letztes Wort, das die Anweſenden mit Ungeduld, Marie und Heinrich mit Angſt erwarteten, war für die Heirath. Das Gericht erklärte ſich für die Anſicht Talons. Als das Urtel geſprochen wurde, konnten Marie, Heinrich und die alte Tante die Thränen nicht zurückhalten. Marie wurde in das Gefängniß zurückgebracht, wo ſie bis zu dem Hochzeitstage bleiben ſollte. Die Frau von Montreuil verließ ſie mit dem Ver⸗ ſprechen, an jenem Tage ihren Wagen zu ſchicken, um ſie an der Kirche abholen zu laſſen. Sie wünſchte, daß das junge Paar die erſte Zeit der Ehe in ihrem Schloſſe verbrächte. 9. Den andern Tag, gegen zwei Uhr, als Heinrich Thome aus der Zelle trat, meldete die Schweſter Martha den Beſuch eines Benedietiners an. Marie erbleichte, wankte, ſank auf einen Stuhl und ſchlug die Hände über das Geſicht.„Er!“ ſprach fie mit kaum vernehmlicher Stimme. Er trat ein, ernſt und ſchweigend. r 119 „Meine Schweſter,“ ſprach er,„ſtehen Sie auf und kommen Sie zu mir; ich habe lange für Sie gebetet, wie für mich.“ Da Marie nicht antwortete, fuhr er fort: „Fürchten Sie nichts von mir, ich bin nur noch der Schatten Montbrun's, ein Schatten, der ſich durch die Reue hindurch lang⸗ ſam zu dem ewigen Leben ſchleppt. Ich habe Sie geliebt, Marie, ich habe Sie verführt und irre geleitet; jetzt fühle ich nur noch Liebe zu dem Herrn, aber die Erinnerung an Sie ſtört mich noch immer oft in meinem Gebete; ich wollte Sie wiederſehen, Ihre Hand berühren, dieſe Hand, welche zwei Mal mein Herz traf.. Verzeihen Sie mir,. es iſt mein letzter Abſchied hienieden.. Marie, Sie blicken mich nicht an, Sie hören nicht auf mich. Ich ſpreche und reiche Ihnen die Hand.., die Hand eines Bru⸗ ders. Berühren Sie dieſelbe und Alles iſt vorüber.“ Marie erhob langſam und mit einem Seufzer die Hand. „Sie ſind ſehr grauſam geweſen, Montbrun,“ ſagte ſie;„Sie ließen an meinem Herzen elf lange ſchreckliche Jahre mit dem Ge⸗ danken an Ihren Tod vorübergehen. Sie wiſſen nicht, was ich gethan habe, um meine Liebe und mein Verbrechen zu vergeſſen. Grauſamer! Warum ſagten Sie mir nicht, daß Sie aus dieſer Welt zurück träten? Mit welcher traurigen vielleicht, aber meinem Herzen ſüßen Freude würde ich mich in ein Kloſter geflüchtet haben, vielleicht fern von Ihnen, aber Ihnen nahe durch das Gebet, in Gedanken.“ —„Ich will Ihnen nichts verheimlichen, Marie, denn mein Herz verbirgt ſich nicht mehr. Die Frau, die Sie tödtlich ver⸗ letzten, als Sie mich verwundeten, betete an dieſem Tage zum erſten Male in ihrem Leben zu Gott, ſie betete, um mich zu retten. Gott rettete mich vom Tode, Gott rettete mich zwei Mal, den Körper und die Seele, denn gerührt von dem Gebete meiner armen Geliebten betete ich auch, und Sie errathen, von welcher Zeit ſich meine Bekehrung herſchreibt. Sie hatte ſich ebenfalls bekehrt und 120 begab ſich zu ihrer Schweſter in dem St. Margarethenkloſter. Bei den Frauen überlebt indeß die Eiferſucht die Liebe; ſie nahm den Schleier erſt, als ich geſchworen hatte, der Welt zu entſagen und Ihnen, der Schönſten, vielleicht der Geliebteſten von Allen.“ „Wie?“ rief Marie, durch ihre neuerwachte frühere Liebe fort⸗ geriſſen,„Sie liebten ſie mehr, als mich?“ Und ſie ſtand bewegt auf. —„Wer weiß es?“ antwortete der Benedictiner;„Sie waren die Erſte, ſie war die Zweite, aber wir ſind von den Zeiten der Stürme und Gefahren bereits weit entfernt.“ „So weit!“ ſprach Marie.„Ach glücklich, glücklich, die ver⸗ geſſen!“ —„Sie, Marie, haben doch zuerſt vergeſſen, mehr vergeſſen, als ich. Glauben Sie, daß ich kein Bußgewand angelegt habe, um hierher zu kommen.“ Marie ſank in die Arme des Benedictiners. „Ach, Gvott ſei gelobt!“ rief ſie aus;„jetzt kann ich ſterben. Ach, Montbrun, welche Freude, mit dem Gedanken zu ſterben, daß Ihr Herz nach ſo langer Einſamkeit für mich nicht erkaltet iſt!“ —„Marie! Marie! Gnade, ſuchen wir zu vergeſſen! Erinnern Sie ſich, daß dieſes Herz, das ich an dem meinigen ſchlagen fühle, weder mir, noch Ihnen mehr angehört, ſondern dem edeln Manne, der Ihnen den Segen der Ehe und der Familie bringen will.“ Marie zog ſich aus den Armen Montbrun's zurück.„Heinrich Thome!“ rief ſie aus, während ſie die Augen gen Himmel erhob, „Heinrich Thome! Ihn hatte ich vergeſſen.“ Es folgte eine Pauſe auf dieſe Worte. „Wenn mir es nicht mehr erlaubt iſt,“ fuhr ſie mit geſenktem Haupte fort,„mein Herz für mich oder für Sie zu beſitzen, ſo kann ich es doch wenigſtens zu Gott erheben.“ —„Ja, Marie, da oben erwarte ich Sie. Sehen Sie meine Bläſſe und Mattigkeit; ich habe nicht viele Jahre mehr zu leben und werde vor Ihnen da oben ſein.“ 12¹ „Vor mir? Das weiß Gott allein. Sie täuſchen mich noch⸗ mals, denn Sie werden dort oben die Frau ſuchen, die Sie ſo ſehr, zu ſehr geliebt haben.“ —„Vielleicht bis Sie ankommen.“ Der Benedietiner lächelte ſo liebenswürdig wie ſonſt. —„Doch,“ ſetzte er hinzu,„ich bereite mich, Abſchied zu nehmen, denn wenn ich noch eine Stunde länger bei Ihnen bliebe, würde ich die elf vergangenen Jahre vergebens in Kampf mit meinem Herzen und in Reue verbracht haben. Leben Sie wohl, Marie.“ „Ach,“ fiel ſie mit einem Ausrufe des Schmerzes ein,„warum kamen Sie wieder?“ Montbrun hatte ſeinen ruhigen Geſichtsausdruck wieder erlangt. —„Lebe wohl, meine Schweſter!“ ſagte er. Er reichte ihr die hagere weiße Hand, die Marie begierig ergriff. „Nein, nein, Sie werden mich nicht ſo ſchnell verlaſſen. Be— denken Sie, daß wir einander zum letzten Male ſehen!“ —„Auf der Erde.“ „Ach, wenn ich überzeugt wäre, Sie im Himmel wiederzu⸗ finden!“ —„Hoffe auf Gott, Schweſter.“ „Sie dürfen ſo ſchnell nicht fort,“ ſagte Marie zu dem Bene⸗ dictiner;„ich habe Sie kaum geſehen, Sie haben kaum mit mir geſprochen. Erzählen Sie mir, was in den elf Jahren geſchehen iſt. Ich will Alles wiſſen.“ 6 —„Habe ich es nicht bereits geſagt? Ich war dem Tode nahe, man betete für mich, Gott bewegte mein Herz wie das der⸗ jenigen, welche betete; ich verdankte ihr mein Leben und ſie er⸗ laubte mir, mich Gott zu widmen.“ „Aber ich wartete auf Sie in der Straße Hautefeuille, ich war⸗ tete da wie eine Wahnſinnige, Tag und Nacht, auf einem Steine. Warum ließen Sie mir nicht die Wahrheit ſagen? Den dritten Tag hörte ich den Tod eines jungen Officiers ausrufen, der ſich 122 in den Armen ſeiner Geliebten erſtochen hätte, und ich kehrte, dem Tode nahe, in meine Wohnung zurück. Ich wollte auch ſterben, aber hat ein Weib die Kraft zu ſterben, wenn ihre Stunde noch nicht gekommen iſt?“ —„Ich hörte unbeſtimmt, Du hätteſt Dich getröſtet, Schwe⸗ ſter; Du biſt ein Weib, es war alſo ganz einfach. Vor vier Jah⸗ ren erfuhr ich, unſer unwürdiger Vetter, Peter Gars de La Ver⸗ riere, habe Dich nach einem Urtel, das er durchgeſetzt, lebenslänglich einkerkern laſſen. Zweimal verſuchte ich, zu Dir zu dringen; das erſte Mal fand ich den Kerkermeiſter unbeugſam; ich ließ durch einen Brief unſeres Priors den Herrn Erzbiſchof um die Erlaub⸗ niß erſuchen, in Deinen Kerker gehen zu dürfen; aber man ant⸗ wortete nicht; erſt auf mein zweites Schreiben, das ich in dieſen Tagen abſandte, antwortete er mir nach meinem Wunſche. Deine Geſchichte hat überall Aufſehen gemacht, ſelbſt in unſere Einſam⸗ keit drang das Gerücht davon; mein Herz empörte ſich, als ich vernahm, Deine Kinder würden gegen Dich zeugen, und ich begab mich in den. Gerichtsſaal, entſchloſſen, Dich im Nothfall zu ver⸗ theidigen, ohne mich zu erkennen zu geben; aber wie kann man ſich verbergen, wenn das Herz ſo laut ſpricht!.. Lebe wohl, Marie, lebe wohl!“ Montbrun ſchritt ſchnell nach der Thüre der Zelle zu. Sie eilte ihm nach, er aber entriß ſich ihren Armen und ent⸗ fernte ſich, ſeine Thränen verbergend. Halbtodt ſank ſie auf ihr Bett. Montbrun war erſchienen wie ein Schatten. Heinrich Thome, zärtlicher und ergebener als je, erlangte allmälig ſeine Herrſchaft über Marie wieder, und ſo ſah ſie mit Freuden den Hochzeitstag herannahen. Dieſe berühmte Hochzeit wurde drei Wochen nach dem Urtels⸗ ſpruche gefeiert. „ „ — 3 —— 123 Als das Brautpaar die Kirche verließ, fanden ſie, wie ſie er⸗ wartet hatten, den Wagen der Frau von Montreuil; ſie umarmten den alten Canonieus und fuhren ab. Die Reiſe war angenehm, aber ſtill; trotz der Liebe Heinrichs hatte Marie Augenblicke der Trauer; wenn er von dem Glücke ſprach, neigte ſie das Haupt und ſchien ſagen zu wollen: die Zeit iſt vorüber; ſprach er von Liebe, ſo blickte ſie nach dem Himmel und ſchien wiederum zu ſagen: die Zeit iſt vorbei. Sobald ſie aber ſah, daß ihre Trau⸗ rigkeit Heinrich betrübte, nahm ſie ihre Maske der Heiterkeit und ihr liebliches Lächeln wieder an; ſie täuſchte ſich ſelbſt, um ihren Geliebten zu täuſchen. Es war ungefähr ſechs Uhr, als ſie in dem Schloſſe ankamen. Sie ſtiegen in einem großen öden mit Gras bewachſenen Hofe vor einer Vortreppe ab, die durch zwei gewaltige Ulmen beſchattet wurde. Die alte Frau von Montreuil kam ihnen bis daher entgegen, um⸗ armte Marien mit mütterlicher Zärtlichkeit und nahm Heinrich wie ihren Sohn auf. „Ihr wolltet allein ſein,“ ſagte ſie, indem ſie das junge Paar in ihr Zimmer geleitete,„und Ihr trefft es vortrefflich; mein Sohn iſt zu ſeinem Regimente abgereiſt; der Pfarrer, der ziemlich neu⸗ gierig iſt, hoffte Euch zu ſehen, ich bat ihn aber, bis morgen zu warten. Nun, ſetzt Euch, Kinder; wärme Dir die Füße, arme Marie, der Abend iſt kühl. Du ſiehſt recht blaß aus; die Reiſe hat Dich angegriffen. Armes Kind! es iſt ſo lange her, daß Du nicht in das Freie gekommen biſt. Wir wollen recht bald eſſen, damit Ihr Euch zur Ruhe begeben könnt.. Ja, das iſt ein koſt⸗ bares Bild.“ Marie hatte ein kleines Portrait ihrer Mutter von dem Kamine abgenommen. „Nur mit Mühe habe ich das Portrait den Händen Deines Procurators entriſſen. Ich ſagte Dir wohl, Du möchteſt ihm nicht trauen. Aber Du wollteſt durchaus heirathen.“ „Um Gotteswillen, Tante, ſprechen wir nicht mehr davon.“ „Ja, laſſen wir den Procurator in Ruhe. War die Reiſe glücklich? Wie gefallen Euch meine armen Pferde und mein alter Wagen? Vor zwanzig Jahren war meine Equipage freilich ele⸗ ganter; jetzt iſt Alles veraltet bei mir.“ —„Das Herz abgerechnet, liebe Tante, das immer noch jung iſt wie ſonſt.“ „Du haſt Recht; mein Haar iſt ergraut, aber, wie Benſerade ſehr gut ſagte, mein Herz hat der Winterſchnee nicht erreicht.“ —„Und Ihre Katzen, Tante? Nach der Frau von La Sabliöre hatten Sie die ſchönſten Katzen im ganzen Lande.“ „Bei dem Eſſen werden ſie in Regimentern angerückt kommen.“ Auch Heinrich nahm das Wort; er ſprach von den Zerſtreuungen des Alters, von dem Zauber der Erinnerung, von den Tröſtungen der Natur und von der chriſtlichen Liebe, und ſo gelang es ihm, die alte Tante völlig für ſich zu gewinnen. Das Abendeſſen war ſehr angenehm, die Frau von Montreuil bemerkte nur mit Leidweſen, daß ihre Nichte kaum aß, und daß ſie ſich vergebens Mühe gab, wenn nicht heiter zu erſcheinen, ſo doch wenigſtens zu lächeln. „Warum das nachdenkliche träumeriſche Weſen, mein Kind?“ fragte ſie.„Ich finde Dich viel hübſcher, wenn Du etwas lebhafter wirſt.— Und Sie, Herr Neffe, was beſorgen Sie? Ich ſehe, daß ich hier überflüſſig und läſtig bin; die Liebe liebt die Stille, die Ein⸗ ſamkeit, wie mein Oheim, der Ritter von Tumisres ſagte, die Liebe iſt gern unter vier Augen. Meine armen Augen freilich ſoll⸗ ten eigentlich nicht mit zählen; ich müßte die Brille aufſetzen, wenn ich etwas ſehen wollte.“ —„Glauben Sie uns, liebe Tante,“ entgegnete Marie, in⸗ dem ſie ihr die Hand reichte,„glauben Sie uns, daß wir glück⸗ lich und ſtolz darauf ſind, Sie zum Zeugen unſeres Glückes zu 4 haben. Wohin wuͤrden wir uns gewendet haben, wenn wir Sie nicht hätten?“ „Ach,“ fiel die Tante achſelzuckend ein,„die Verliebten ſind da nie in Verlegenheit; hat man einmal ein Herz, an das man nicht; die Liebe iſt eine große Baumeiſterin, die überall Schlöſſer aufführen kann. Gebt Euch mehr Euren Gefühlen hin, Kinder, wenn Ihr mir Euer Vertrauen beweiſen wollet; ſcheut Euch nicht, einander zu küſſen; das wird Euch wohlthun und mir auch.“ Marie lächelte höchſt reizend und reichte Heinrich die Hand, der dieſelbe mit Leidenſchaft küßte. „So iſt es recht,“ fuhr die alte Frau von Montreuil fort; „Du ſiehſt wenigſtens nicht ſo aus, als vb Du aus dem Kloſter kämeſt. Ich weiß wohl, daß die Erinnerung an Dein Unglück weder Dir noch ihm ſehr angenehm ſein kann, aber das iſt ja vorüber, und über die Vergangenheit muß man einen Schleier breiten.“ —„Ja,“ fiel Marie ſeufzend ein,„einen Schleier über die Vergangenheit.“ Gegen das Ende des Abendeſſens war die Frau von Montreuil ſo heiter geworden, daß ſie ein Liedchen von ihrem lieben Abbé von Chaulieu an die Göttin von Amathunt ſang; dann plauderte ſie noch eine Zeitlang ſehr angenehm, endlich neigte ſie das Haupt und ſchlief ein. Eine Dienerin meldete Heinrich und Marien, daß Feuer in ihrem Zimmer angezündet ſei. Heinrich warf einen liebenden Blick auf Marien, bot ihr die Hand, nahm ein Licht von dem Tiſche und ſagte: „Laß uns gehen.“ Sie legte zärtlich ihre Hand auf das graue Haupt und ſteckte das Portrait ihrer Mutter in den Buſen. Dann begaben ſich Beide in ein reichgeſchmücktes Zimmer. Die Wände waren mit Tapeten 4 das Haupt legen kann, ſo kümmert man ſich um das Uebrige 126 p bekleidet, auf denen man zärtliche Schäferſeenen dargeſtellt ſah; über den Thüren und den Spiegeln bemerkte man friſch gemalte Amoretten. Der Kamin war ebenfalls ſchön verziert. Das Feuer, das in dem Kamine brannte, verbreitete einen lebhaften Glanz über ein großes Bett mit Baldachin, das eines Prinzen von Geblüt würdig geweſen wäre. Bei dem Anblicke der Vorhänge neigte Marie ihre Stirn an den Buſen Heinrichs, der vor Liebe zitternd vor ihr ſtand. „Marie,“ ſagte er,„Du wirſt mich einen traurigen Liebhaber nennen, aber mein Herz iſt nun einmal ſo, daß ich über mein Glück erſchrecke. Ich zittere wie ein Kind, das ſich fürchtet, und wage Dir kaum zu ſagen, daß und wie ich Dich liebe.“ —„Ich weiß es, Heinrich. Glaubſt Du, daß ich nicht ſtolz bin auf dieſe ſo innige, ſo ſchüchterne Liebe? Auch ich zittere, Heinrich, denn ich wage kaum zu glauben, daß Dein junges Herz, dieſer Schatz von Liebe, mir gehört, die ich deſſelben nicht würdig bin.“ Die letzten Worte wurden durch einen Kuß Heinrichs erſtickt. „Marie, Du biſt der Liebe eines Königs werth! Glaube ich an alle die Mährchen, mit denen man Dich verfolgt hat? Du biſt zu ſchön, um nicht das Opfer Deiner Schönheit geweſen zu ſein. Woran denkſt Du, Marie? Ach, Du liebſt mich nicht! Ich bin in Deinen Augen nur ein Kind.“ —„Ja, ein Kind von Muth und Kraft, ein Kind, das ich liebe, als wäre ich ſeine Schweſter, ſeine Mutter..“ „Ach, Marie, Du liebſt mich nicht, wie man einen Gelieb⸗ ten liebt!“ —„Habe ich nicht geſagt, daß ich Dich liebte von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und für mein ganzes Leben?“ Marie ſchlug bei dieſen Worten die Augen zum Himmel empor. „Der Himmel erhöre Dich und ſegne uns!“ Marie klingelte. 127 „Warum klingelſt Du, Marie?“ —„Daß man mir meine Tvilette bringe.“ „Und warum verhüllſt Du das ſchöne Haar, das meine Freude iſt, das ſchöne Haar, das ich ſo oft im Traume in Locken auf dem Kiſſen ſchwimmen ſah?“ —„Ich überlaſſe Dir von ganzem Herzen gern mein Haar.“ Kaum hatte Marie dieſe Worte geſagt, als der Geliebte mit un⸗ geſtümem Eifer ihr die Locken löſete. —„Ach!“ ſagte ſie,„das iſt das Beſte, was ich Dir zu⸗ bringe.“ Sie hatte das ſchönſte Haar, ſchwarz wie Rabenflügel und lang wie die Zweige der Trauerweiden. „O wie ſchön biſt Du ſo! Welche Anmuth! welcher Zauber!“ —„Ja, ich bin noch ſchön,“ ſagte Marie zerſtreut, indem ſie ſich in dem Spiegel betrachtete. Eine Todtenbläſſe zog über ihre leicht gerötheten Wangen. In dieſem Augenblicke öffnete eine Dienerin die Thüre. —„Bring mir das Käſtchen von Roſenholz,“ ſagte Marie, indem ſie ihr Haar wieder zuſammen nahm. Das Mädchen ging und kam bald wieder zurück. Während Heinrich hinter ihr die Thüre verſchloß, öffnete Marie das Käſt⸗ chen am Kamin. Sie nahm ein Schreibzeug, eine Feder und ein Blatt Papier heraus. „Was fällt Dir ein?“ fragte Heinrich, als er zu ihr zurück⸗ kam,„wozu das Schreibgeräthe? Iſt die Liebe ein Advvcat?“ —„Wer weiß! Die Liebe hat Dir vielleicht eine Bittſchrift zu übergeben.“ Da Heinrich durch dieſe Worte traurig geſtimmt wurde, ſetzte ſie heiter hinzu: —„Gräme Dich nicht, aind; ich lege die Feder nieder.“ „Weißt Du, daß Jedermann im Schloſſe zur Ruhe gegan⸗ gen iſt?“ —„Ich glaube es,“ antwortete ſie ironiſch,„es iſt ja ſchon acht Uhr! Du haſt Dich nie ſo ſpät niedergelegt, nicht wahr?“ Die Flammen im Kamine warfen ein lebhaftes helles Licht auf die großen Blumen des Bettvorhanges. Heinrich ſchlief ein, gewiegt von den zärtlich liebevollen Wor⸗ ten Mariens. Sie richtete den Kopf auf und betrachtete ihn. Aber ſie konnte die Thränen nicht zurückhalten, drehete ſich um und fal⸗ tete inbrünſtig die Hände. Nach einem Gebete ſtieg ſie wieder aus dem Bette, trat mit den niedlichen Füßen in Atlasſchuhe, warf einen Mantel über ihre zitternden Schultern, trat an den Kamin und ergriff mit bewegter Hand die Feder. Sie ſchrieb unter Thränen wohl über zwei Stun⸗ 3 den lang. Von Zeit zu Zeit ſah ſie ängſtlich nach dem Bette. 1 Als ſie fertig war, ſtand ſie auf und betrachtete ſich mit trauriger Neugierde in dem Spiegel. Sie ging einige Male im Zimmer auf und ab, trat dann an ein Fenſter und zog die Vorhänge zu⸗ rück, um den Himmel zu ſehen. Am Himmel ſchwammen kleine duftige Wölkchen; nur hier und da glänzten die Sterne durch dieſe ſchwimmende Gaze hindurch; der Wind rauſchte ſanft in den alten f Bäumen des Parkes. „Wie ſchön wird morgen das Wetter ſein!“ ſprach Marie mit einem Seufzer;„er wird in den Strahlen der Sonne erwachen, unter dem Geſange der Vögel. Ich öffne das Fenſter; der Wind wird dann den Duft des Morgens und das Lied der Lerche bis zu unſerem Bette tragen.“ Sie blickte nach dem Bette; Heinrich ſchlief noch immer. „Mich friert!“ ſprach ſie ſchauernd.„Es iſt Zeit, daß ich mich wieder neben ihn lege.“ Sie ging nochmals bis an den Kamin, wo ſie lange das * ihrer Mutter betrachtete.„Ach, mein Gott!“ mur⸗ 129 melte ſie;„ich danke Dir für den Muth, den Du mir gege⸗ ben haſt.“ Als ſie ſich wieder niedergelegt hatte, betrachtete ſie länger als eine halbe Stunde liebevoll ihren jugendlichen Gatten; endlich, als ſie dem Schlafe nicht länger widerſtehen konnte, küßte ſie ihn ſanft auf die Stirn, löſete ihre Locken auf, breitete das lange Haar um ſich, neigte den Kopf an die Stirn Heinrichs, nahm ſeine Hand in die ihrige und ſchlief nach einem langen Seufzer ein. 11. Als Heinrich erwachte, brach der Tag allmälig an; die erſte Gluth der Morgenröthe ſtrahlte in dem Zimmer wider; draußen war es ſtill und geräuſchlos, und man hörte nur das eigenthümliche Summen, das ſich beim Erwachen der Natur verbreitet. Er wagte kaum aufzuathmen, aus Beſorgniß, Marien zu wecken; er ſah ihren Kopf halb von einer Falte des Kopfkiſſens verhüllt, halb von dem langen Haar verſchleiert. Er wartete mit füßer Ungeduld, daß der erſte Sonnenſtrahl ihre geliebten ſchönen Züge erhellen werde. Die Geliebte, die er kaum zu beſitzen gehofft hatte, lag da neben ihm, ſein eigen, ſchöner als je; der Horizont, der von Gefängnißmauern geſchloſſen geweſen, war unter ſeinen Händen geſunken, und es lag ein anderer ſonnenheller vor ſeinen entzückten Blicken. Er ſtand bei der Morgenröthe des Glückes, im Früh⸗ linge ſeiner Liebe. Dennoch lag in dieſer Liebe eine ſtörende Bitterkeit, die er nicht zu entfernen vermochte. Mit einem Male traf ein Sonnenſtrahl auf das Fenſter und reichte bis an den Fuß des Bettes. „Die Sonne geht auf, ich kann Marien wecken,“ dachte Heinrich bei ſich und er ſtrich mit leichter Hand das lange Haar ſeiner Ge⸗ liebten zurück. Er neigte ſich über ſie und drückte, im Voraus berauſcht von 9 dem Kuſſe, den er ihr nehmen wollte, ſeine bebenden Lippen auf die Lippen Mariens, in demſelben Augenblicke aber fuhr er in Ent⸗ ſetzen zurück. „Marie!“ rief er bleich und wie vom Blitze getroffen,„Marie!“ Er konnte an ſeinem Unglücke nicht lange zweifeln; er ſah, daß ſie todt war. Er nahm ihre Hände, hob ſie auf, legte ſie an ſeine Bruſt, weinte und betete, kurz er that Alles, was ihm die innigſte Liebe, der verzweifeltſte Schmerz eingab. Marie war todt; ſeine Küſſe und Thränen vermochten nichts. Eine Stunde lang ſaß er da über ſie gebeugt, ſchluchzend, zärtlich ſie anredend. „Wo aber bin ich!“ fragte er ſich plötzlich;„es kann Alles dies nur ein Traum ſein.“ Er blickte auf und ſah die friſchen Bauermädchen auf der Tapete lächeln, ſah die dickbackigen Liebesgötter über den Thüren und den blauen Himmel draußen. Noch immer glaubte er zu träumen; bald aber hörte er zwei Dienerinnen auf dem Gange draußen leiſe ſprechen. „Ach mein Gott!“ rief er dann, indem er aus dem Bette ſprang;„es iſt vorbei. Was ſoll ich thun? Warum iſt ſie, wie iſt ſie geſtorben?“ 2 Als er dem Kamine ſich näherte, erblickte er den Brief, den Marie unter ſo vielen Thränen geſchrieben hatte. Er nahm ihn faſt mit Freude, überlas ihn, und jedes Wort des Abſchiedes war wie ein Dolch, der ihm in das Herz drang: „Was ſoll ich Dir ſchreiben, Heinrich? Ich werde ſterben. Sterben, da ich nach ſo vielen Leiden durch Dich mein ſchönes Leben neu beginnen ſehen könnte! Aber werde ich nicht da vben wieder leben und Dich erwarten? Ja ſterben, denn ich kann es in dieſer Stunde, da eine Thräne des Glückes aus Deinem Auge auf mein Herz gefallen iſt. Heinrich, verzeihe mir, fluche der — ruhig zu ſterben! Heinrich, Heinrich, ich wage nicht zu 131 nicht, die Du geſegnet haſt; bedauere nicht, mich geliebt zu haben, denn ich werde jetzt mit Deiner Liebe vor Gott erſcheinen, und er wird in ſeiner Barmherzigkeit die reuige Sünderin aufnehmen. Ich habe in dieſer Welt ſo viel gelitten, daß man mir es in der andern zu Gute rechnen wird. Du biſt mein erſter Retter. Es gehörte Deine ganze edele Liebe dazu, um die irdiſchen Richter zu beſänftigen; ſie haben der verziehen, die eine ſo große Liebe ein⸗ flößte. Und warum nicht leben in aller geweihten Freude dieſer Liebe? Nein, nein; ich bin dem, der mich geliebt hat, immer verderblich geweſen. Ich muß ſterben, denn wer weiß, ob Du nicht bald den Abgrund erkennen würdeſt, in den Du um meinet⸗ willen hinabgeſtiegen biſt. Dann würde ich für Dich nur eine Feſſel ſein. Ich könnte wohl Deinem Schmerze antworten: Du haſt es gewollt; aber nein, ich fühle Mitleid mit einem edeln ver⸗ irrten Herzen. Was könnte ich Dir bieten für ſo viele Liebe?— ein beflecktes Herz, das keine Ruhe finden kann, das immer die früheren Verirrungen vor ſich ſieht. Ach, ich habe Dich geliebt, ich ſterbe in Liebe zu Dir, aber ich fühle auch, daß ich die Kraft nicht mehr habe, zu lieben. Deine Seele mußte in mein Herz dringen, um das göttliche Feuer in ihm wieder anzufachen. Ich muß es Dir ſagen, Heinrich, ſobald Du davon ſprachſt, mich zu heirathen, dachte ich an den Tod, aber ich dachte an ihn mit wahrem Wonnegefühle; ſterben in Deiner Liebe, ſterben und be⸗ trauert zu werden von einem großen Herzen, ich, die von aller Welt Verfluchte, was konnte ich Schöneres hoffen? Du haſt mir Deinen Namen gegeben, die Heirath mit Dir war für mich eine neue Taufe, eine Taufe der Abſolutivn. Das iſt Alles, was ich noch von dem Leben erwartete, nebſt einem Kuſſe Deiner jugend⸗ lichen Lippen auf meine Stirn; iſt dieſer Kuß nicht ein heiliges Diadem?.. Eben habe ich Opium genommen, und ſchon fühle ich die Wirkungen deſſelben.. Ach, mein Gott, gieb mir die Kraft, 9* 132 rückzukehren, ich würde durch Todeskälte Schaudern in Dir erregen. Armes Kind! Eine traurige Brautnacht! Ich habe nicht lange mehr zu leben; lebe wohl! lebe wohl! Dieſer Brief iſt mein Te⸗ ſtament; ich wünſche, daß Du leben mögeſt, ohne mich zu beklagen, aber um mein Andenken zu vertheidigen. Armer Heinrich, wann Du erwachſt, wirſt Du allein ſein, allein mit einer Todten! Ich bitte Dich um einen letzten Kuß auf mein langes Haar, das Deine Freude war.. Begrabe mich mit dem Portrait meiner Mutter. Lebe wohl! Lebe wohl! Marie.“ Marie wurde in dem Schloſſe Montreuil begraben. Nach einigen Tagen tiefer Trauer kehrte Heinrich zu ſeiner Familie zarück, aber er fand keinen Troſt. Nach einem Jahre erſchien er wieder in Paris, um ſeinen traurigen Erinnerungen näher zu ſein. Er ſtarb vor ſeinem alten Oheime, dem Canonicus. In den letzten Tagen ſammelte er noch ein Mal ſeine Kräfte, um nach Montreuil zu gehen und eine Blume von dem Grabe Mariens zu pflücken. Dr. Diezmann. Inhalt des zweiten Theils. Seite Das Vehenſträußchen Varikä Matie von Joyſch Gedruckt bei E. Polz in Leipzig. — ———— —4 — — — —