ihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oikmann in Gießen, * Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen.. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 IIhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 3 für vlchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. Ff. 1 —— n. △—˖ Ausgewählte Novellen-Bibliothek. Siebenzehnter Band. DBavid Kopperfteld, der Jüngere. Von Charles Dickens. Neunter Theil. —“— Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1850. * Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erfahrungen und Beobachtungen David Kopperſield's des Jüngeren. Von Charles Dickens. Neunter Theil. —e— Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1850. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erkahrungen und Beobachtungen David Kopperſield's des Jüngeren. Neunter Theil. Einundfünfzigſtes Kapitel. Der Beginn einer längern Reiſe. Es war noch ziemlich früh am folgenden Tage, als man mich, während ich mit meiner Tante(die ſich, jetzt ſo ſehr mit Dora's Pflege beſchäftigt, wenig andere Bewegung machte) in meinem Garten ſpazieren ging, benachrichtigte, daß Mr. Peggotty mit mir zu ſprechen wünſchte. Er kam in den Garten und begegnete mir, als ich nach dem Thore ging, auf halbem Wege, und entblößte ſein Haupt, wie dies ſtets ſeine Gewohnheit war, wenn er meine Tante ſah, vor der er eine hohe Achtung hegte. Ich hatte ihr Alles erzählt, was ſich die vorherige Nacht begeben hatte. Ohne ein Wort zu ſagen, ging ſie mit einer Miene voll herzlicher Theil⸗ nahme auf ihn zu und klopfte ihm auf den Arm. Es geſchah dies ſo ausdrucksvoll, daß ſie kein Wort zu ſagen brauchte. Mr. Peggotty verſtand ſie ganz ſo gut, als ob ſie tauſend geſagt hätte. „Ich werde jetzt hineingehen, Trot,“ ſagte meine Tante,„und nach dem kleinen Blümchen ſehen, wel⸗ ches bald aufſtehen wird.“ 1* David Kopperfield. „Doch hoffentlich nicht deswegen, weil ich hier bin, Madam?“ entgegnete Mr. Peggotty.„Wenn ich nicht ganz dämelig im Kopfe bin“— damit wollte Mr. Peg⸗ gotty ſagen taumelig—„dieſen Morgen, ſo wollen Sie meinetwegen weggehen?“ „Sie haben etwas zu beſprechen, mein guter Freund,“ entgegnete meine Tante,„und werden das beſſer ohne mich abmachen.“ „Mit Ihrer Erlaubniß, Madam,“ erwiederte Mr. Peggotty,„Sie würden mich'ne Gefälligkeit erzeigen, wenn Sie, vorausgeſetzt, daß Sie mein Gelaber nicht unangenehm iſt, hier bleiben thäten.“ „Wirklich?“ ſagte meine Tante in ihrer kurz an⸗ gebundenen Gutmüthigkeit.„Dann werd' ich wahr⸗ haftig dableiben.“ So ſteckte ſie ihren Arm durch den Arm Mr. Peg⸗ gotty's und ging mit ihm nach einem laubüberrankten Sommerhäuschen am Ende des Gartens, wo ſie ſich auf eine Bank ſetzte und ich mich neben ihr niederließ. Es war auch für Mr. Peggotty ein Sitz da, aber er zog es vor, zu ſtehen, wobei er ſeine Hand auf den kleinen rohgearbeiteten Tiſch ſtemmte. Als er ſo da⸗ ſtand und ein Weilchen auf ſeine Mütze blickte, bevor er zu ſprechen begann, konnte ich nicht umhin, zu be⸗ merken, was für eine Kraft und Seelenſtärke ſeine ſeh⸗ nige Hand ausdrückte und was für eine gute und eh⸗ renveſte Begleiterin ſie von ſeiner wackern Stirn und ſeinem eiſengrauen Haare war. „Ich ſchaffte geſtern Abend mein liebes Kind fort in meine Stube,“ begann Mr. Peggotty, indem er ſeine Augen zu den unſern erhob,„wo ich ſie ſchon lange erwartet und Alles für ſie zurechte gemacht hatte. Es dauerte Stunden lang, ehe ſie mich erkannte, und David Kopperfield. 5 als ſie mich erkennen that, da kniete ſie nieder zu mei⸗ nen Füßen und erzählte mich, als ob ſie beten thäte, wie Alles gekommen war. Sie können mich's glauben, als ich ihre Stimme hörte, wie ich ſie zu Hauſe ſo luſtig gehört hatte, und ſie ſo erniedrigt ſah, als ob es in dem Staube wäre, in den unſer Herr und Heiland einſt mit ſeiner geſegneten Hand ſchrieb— da fühlte ich, wie mir's einen Stich durchs Herze gab mitten in ſeiner Dankbarkeit.“ Er wiſchte ſich mit dem Aermel ſein Geſicht ohne zu thun, als wolle er verbergen, warum, und huſtete dann, um mit klarer Stimme weiter zu ſprechen. „Es dauerte nicht lange, daß ich das fühlen that; denn ſie war ja gefunden. Ich durfte blos dran denken, daß ſie gefunden war, und weg war's. Ich weiß wahr⸗ haftig nicht, warum ich's überhaupt hier erwähnen thue; mir fiel's noch'ne Minute vorher nicht ein, nur ein Wort von mich ſelber zu reden, aber's kam ſo natürlich, daß ich ihm nachgab, ehe ich's merken that.“ „Sie ſind ein ſelbſtverleugnendes Gemüth,“ ſagte meine Tante,„und werden Ihren Lohn dafür er⸗ halten.“ Mr. Peggotty, dem die Schatten der Blätter über das Geſicht ſpielten, beugte erſtaunt den Kopf gegen meine Tante, als wollte er ihre gute Meinung von ihm dankbar anerkennen; dann nahm er den Faden wieder auf, den er fallen gelaſſen. „Als meine Emilchen fliehen that,“ ſagte er, einen Augenblick ſtreng und zornig,„aus dem Hauſe, wo ſie eingeſperrt worden war von jener ſcheckigen Schlange, wie Musje Davchen weiß— und ſeine Geſchichte iſt wahr, und möge Gott ihn verdammen!— da flüchtete ſte in der Nacht. Es war'ne finſtre Nacht, wo viele 6 David Kopperfield. Sterne ſcheinen thaten. Sie war irre im Kopfe. Sie lief am Meeresufer hin und dachte, das alte Boot wäre da, und rufte uns zu, wir ſollten unſre Geſichter abwenden; denn ſie käme vorbei. Sie hörte ſich ſelber heulen und ſchreien, als ob es ein Anderes wäre, und ſchnitt ſich in die ſcharfſpitzigen Steine und Felſen und fühlte nicht mehr davon, als ob ſie ſelber ein Felſen⸗ ſtück geweſen wäre. Immer weiter und weiter rannte ſie, und Feuer war vor ihren Augen und Gebrülle in ihren Ohren. Auf ein Mal— oder ſte dachte ſo, verſtehen Sie— da brach der Tag an, naß und win⸗ dig, und ſie lag unter einem Haufen Steine am Ufer, und ein Weibſen red'te auf ſie und ſagte in der Sprache von dem Lande dort, was ihr denn eigentlich fehlen thäte.“ Er ſah Alles, was er erzählte. Es ging, während er ſprach, ſo lebhaft an ihm vorüber, daß er in der Intenſität ſeines Ernſtes mir, was er beſchrieb, weit deutlicher darſtellte, als ich ausdrücken kann. Ich kann mir jetzt, wo ich dies lange Jahre darnach nieder⸗ ſchreibe, kaum anders denken, als daß ich bei dieſen Scenen ganz gegenwärtig war, mit einer ſo erſtaunli⸗ chen Treue ſind ſie mir eingeprägt. „Als Emilchen ihre Augen, welche matt und ſchwer waren, dieſes Weibſen beſſer ſahen,“ fuhr Mr. Peg⸗ gotty fort,„da erkannte ſie in ihr eine von denen, zu welchen ſie oft am Strande gered't hatte. Denn obſchon ſie, wie ich geſagt habe, ſehr weit in der Nacht gerannt war, ſo hatte ſie doch öfters lange Strecken durchwandert, bald zu Fuße, bald in Booten oder Kutſchen, und kannte die ganze Gegend an der Küſte meilenweit. Sie hatte keine eignen Kinder, das junge Weibſen, da ſie noch nicht lange verheirathet war; aber David Kopperfield. 7 ſie erwartete eines in nicht langer Zeit. Und möge mein Gebet zum Himmel dringen, daß es für ſie ihr ganzes Lebelang ein Glück und ein Troſt und eine Ehre ſein moͤge! Möge es ſie lieben und ehren in ihrem Alter, ihr hülfreich ſein in der letzten Stunde, ein En⸗ gel für ſie jetzt und immerdar!“ „Amen!“ ſagte meine Tante. „Sie war ein Bischen ſchüchtern und ängſtlich ge⸗ weſt,“ fuhr Mr. Peggotty fort,„und hatte zur Erſt ein Stückchen davon bei ihrem Spinnerade oder ſo'ner Art Arbeit geſeſſen, als Emilchen zu die Kinder ge⸗ ſprochen hatte. Aber Emilchen hatte ſie bemerkt und war zu ihr hingegangen und hatte mit ihr gered't, und da das junge Weibſen die Kinder auch leiden konnte, waren ſie bald gute Freunde geworden, und zwar ſo gute Freunde, daß ſie, wenn Emilchen dieſen Weg kam, ihr alle Mal Blumen geben that. Die war's, welche ſie jetzt fragte, was ihr denn fehlen thäte. Emilchen erzählte ihr's, und ſie nahm ſie mit ſich heim. Ja wirklich, ſie that's. Sie nahm ſie mit ſich nach Hauſe,“ ſagte Mr. Peggotty, indem er ſein Geſicht bedeckte. Er war von dieſer Wohlthat mehr gerührt, als ich ihn je geſehen ſeit der Nacht, wo ſie wegging. Meine Tante und ich verſuchten nicht, ihn zu ſtören. „Sie können ſich denken, es war'ne kleine Hütte,“ ſagte er bald darauf,„aber ſie fand Raum für Emil⸗ chen drinne— ihr Mann war fort auf der See— und ſie hielt es geheim und überred'te die Nachbarn, die ſie hatte(es waren ihrer nicht viel da herum), es ebenfalls geheim zu halten. Emilchen aber wurde von einem böſen Fieber befallen, und was mir ſehr wun⸗ derbar vorkommen thut— Gelehrten iſt's vielleicht nicht David Kopperfield. ſo wunderbar— die Sprache jenes Landes ging aus ihrem Kopfe'raus, und ſie konnte blos ihre eigne ſprechen, und Niemand verſtund ſie. Sie erinnert ſich, als ob ſie's geträumt hätte, daß ſie dort lag und im⸗ mer ihre eigne Mutterſprache red'te und immer dachte, das alte Boot thäte um die nächſte Ecke der Bucht ſtehen, und bat und bettelte, daß ſie hinſchickten und erzählten, wie ſie im Sterben läge, und ihr eine Bot⸗ ſchaft der Vergebung zurückbrächten, wenn's auch nur ein einziges Wort wäre. Beinahe die ganze Zeit dachte ſie— bald daß er, den ich eben erſt erwähnt habe, unter'm Fenſter auf ſie lauern thäte, bald daß er, der ſie dahin gebracht hatte, in der Stube wäre— und ſchrie dem jungen Weibſen zu, ſie nicht zu verlaſſen, und wußte zu gleicher Zeit, daß ſie ſie nicht verſtehen konnte, und fürchtete, daß ſie weggebracht werden müßte. Ebenſo war ihr das Feuer vor den Augen und das Gebrülle in den Ohren, und es gab kein Heute und kein Morgen, und kein Geſtern nicht in ihrem Kopfe, ſondern Alles, was in ihrem Leben jemals dageweſen war oder ſein konnte oder auch nie dageweſen war oder nie ſein konnte, ging ihr wie ein Gedränge auf ein Mal durch den Sinn, und nichts Helles oder Willkommenes, und doch ſang und lachte ſie darüber. Wie lange das dauerte, weiß ich nicht, aber hernachen, da kam ein Schlaf, und in dieſem Schlafe verfiel ſie, nachdem ſie viele Male ſtärker geweſen war, als ſie eigentlich war, in eine Schwäche, gleich der des klein⸗ ſten Kindes.“ Hier hielt er inne, als ob er ſich von den Schrek⸗ ken ſeiner eignen Beſchreibung erholen müßte. Nach⸗ dem er ein paar Minuten geſchwiegen, fuhr er in ſei⸗ ner Geſchichte fort. —— David Kopperfield. 9 „Es war ein ſchöner Nachmittag, als ſie erwachte, und ſo ſtill, daß man keinen Lärm nicht hörte, als das Plätſchern jenes blauen Meeres ohne Ebbe und Fluth an das Ufer. Sie glaubte zur Erſt, ſie wäre zu Hauſe an einem Sonntagsmorgen, aber die Weinblätter, die ſie am Fenſter ſah, und die Hügel draußen, waren nicht zu Hauſe und widerſprachen ihr. Dann kam ihre Freundin'rein, um an ihrem Bette zu wachen, und da wußte ſie, daß das alte Boot nicht mehr um die nächſte Ecke in der Bucht war, ſondern weit weg, und wußte auch, wo ſie war und warum, und brach in Weinen aus an dem Buſen der guten jungen Frau, wo hoffentlich jetzt ihr kleines Kind liegt und ihr mit ſeinen hübſchen Augen zulächelt.“ Er konnte von dieſer guten Freundin Emiliens nicht ohne einen Erguß von Thränen reden. Es war ver⸗ gebens, als er weiter zu ſprechen verſuchte. Die Thrä⸗ nen ſtürzten von Neuem hervor, als er ſich anſtrengte, ſie zu ſegnen. „Das that meiner Emilchen gut,“ nahm er nach ſolch einer Aufregung, daß ich ſie nicht ſehen konnte, ohne ſie zu theilen, das Wort wieder auf, während meine Tante von ganzem Herzen weinte;„das that mei⸗ ner Emilchen gut, und es fing an, beſſer mit ihr zu wer⸗ den. Aber die Sprache jenes Landes war ganz von ihr weg, und ſie war gezwungen, Zeichen zu machen. So gings fort, von Tage zu Tage wurde es beſſer mit ihr, langſam zwar, aber ſicher, und ſie verſuchte, die Na⸗ men gewöhnlicher Dinge zu lernen— Namen, die ſie in ihrem Leben nicht gehört zu haben ſchien— bis ein⸗ mal ein Abend kam, wo ſie an ihrem Fenſter ſaß und einem kleinen Mädchen zuſah, die am Strande ſpielen that. Und auf ein Mal, da hielt ihr dieſes Kind die 10 David Kopperfield. Hand hin und ſagte, was auf Engliſch heißen würde „Fiſcherstochter, hier iſt'ne Muſchel“; denn Sie müſ⸗ ſen verſtehen, daß ſie ſie zuerſt„Schöne Dame“ hei⸗ ßen thaten, wie das überall Sitte in dieſem Lande iſt, und daß ſie ihnen gelehrt hatte, ſie ſtatt deſſen Fiſchers⸗ tochter zu nennen. Das Kind ſagt alſo auf ein Mal „Fiſcherstochter, hier iſt'ne Muſchel“. Da verſteht ſie Emilie, und ſie antwortet, indem ſie laut weint, und es kommt Alles wieder. Als Emilchen wieder Kräfte kriegte,“ ſagte Mr. Peggotty nach einer zweiten ſchweigenden Pauſe,„da ſah ſie ſich nach Gelegenheit um, wie ſie jenes gute junge Geſchöpf verlaſſen und in ihr eignes Vaterland kommen konnte. Der Mann war damals heimgekom⸗ men, und die Beiden zuſammen thaten ſie auf ein klei⸗ nes Handelsſchiff, das nach Livorno ging und von dort nach Frankreich. Sie hatte ein Bischen Geld, aber es war weniger als wenig, was ſie nehmen wollten für Alles, was ſie an ihr gethan hatten. Ich bin ordent⸗ lich froh drüber, obwohl es ſolche arme Leute waren. Was ſie gethan haben, iſt aufgeſammelt, wo weder Motten noch Roſt hinkommen und es verzehren, noch die Diebe einbrechen und ſtehlen. Musje Davchen, es wird alle Schätze der Welt überdauern. Emilchen kam nach Frankreich und ging in Dienſte, als Aufwärterin reiſender Damens in einem Gaſthofe im Hafen. Da, da kam eines Tages dieſe Schlange. Möge er mir nie zu nahe kommen! Ich weiß nicht, was ich ihm anthun könnte! Sobald ſie ihn ſah, ohne daß er ſie geſehen hätte, kam ihr ganze Furcht und Wildheit wieder über ſie, und ſie floh ſchon vor dem bloßen Athem, den er holte. Sie kam nach England und wurde zu Dover ans Land geſetzt. * David Kopperfield. 11 Ich weiß nicht gewiß,“ ſagte Mr. Peggotty,„wenn ihr Herz angefangen hatte, zu zagen, aber auf dem ganzen Wege nach England hatte ſie gedacht, daß ſie nun in ihre liebe Heimat kommen thäte. Sobald ſie nach England kam, kehrte ſie ihr ihr Antlitz zu. Aber Furcht, daß man ihr nicht vergeben, Furcht, daß man mit Fingern auf ſie weiſen würde, Furcht, daß Eins oder das Andere von uns ihretwegen geſtorben wäre, Furcht vor allerhand Dingen, ließ ſie ſich davon abkehren und riß ſie auf dem Wege wie mit Gewalt davon weg. Onkel, Onkel, ſagte ſie zu mir, die Furcht, daß ich nicht werth wäre zu thun, was mein zerriſſenes und blutendes Herz zu thun ſo ſehnlich wünſchte, war die entſetzlichſte Furcht von allen. Ich kehrte mich ab, als mein Herz voll Ge⸗ bete war, daß es mir erlaubt ſein möchte, in der Nacht zu der alten Schwelle zu kriechen, ſie zu küſſen, mein ſchlechtes Geſicht daraufzulegen und dort am andern Mor⸗ gen todt gefunden zu werden. Sie kam,“ ſagte Mr. Peggotty, indem er ſeine Stimme zu einem von Entſetzen erfüllten Geflüſter dämpfte, „nach London. Sie, die es in ihrem Leben nie nicht geſehen hatte, kam nach London— allein— ohne einen Pfennig— jung— ſo ſchön. Faſt in demſelben Au⸗ genblicke, wo ſie hier ausſtieg, ſo ganz mutterſeelenallein, fand ſie(wie ſie glaubte) eine Freundin; eine ehrbare Frau, die mit ihr über die Nätherarbeit ſprach, die ſie gelernt hatte, als ob ſie die ſchwere Menge für ſie fin⸗ den könnte, als ob ſie ihr für die Nacht'ne Unterkunft verſchaffen und morgenden Tages insgeheim ſich nach mich und die Andern alle erkundigen wollte. Als mein Kind,“ ſagte er laut und mit einer Gewalt der Dank⸗ barkeit, welche ihn vom Kopf bis zu den Füßen ſchüt⸗ telte,„am Rande eines Verderbens ſtund, das ich nicht 2 2 1 David Kopperfield. ausſprechen und das ich nicht denken kann, da hielt Martha ihr Verſprechen und rettete ſie.“ Ich konnte einen Freudenſchrei nicht unterdrücken. „Muszje Davchen!“ ſagte er, indem er meine Hand mit jener ſeiner ſtarken Hand erfaßte,„Sie waren's, der ſie gegen mich zur Erſt erwähnte. Ich danke Ih⸗ nen. Sie hielt ihr Wort. Sie hatte in ihrem trau⸗ rigen Leben erfahren, wo ſie Achtung zu geben und was ſie zu thun hätte. Sie hatte es gethan. Und der Herr war mit ihr in Allem. Sie kam wie ein weißer Geiſt und haſtig zu Emilien, als ſie im Schlafe lag. Sie ſagte zu ihr: Steh auf, fliehe vor Schlimmerem als der Tod und komm mit mir! Die Leute, die zu dem Hauſe gehör⸗ ten, hätten ſie gern aufgehalten, aber ebenſowohl hät⸗ ten ſie die See aufhalten können. Tretet weg von mir, ſagte ſie, ich bin ein Geiſt, der ſie von ihrem offenen Grabe wegruft! Sie erzählte Emilchen, daß ſie mich geſe⸗ hen hätte und wüßte, daß ich ſie noch lieben thäte und ihr vergeben hätte. Sie zog ihr haſtig ihre Kleider an. Sie nahm ſte, matt und zitternd, in ihren Arm. Sie küm⸗ merte ſich um Das, was ſie ſagten, nicht mehr, als ob ſie keine Ohren hätte. Sie ging mit meinem Kinde durch ſie hindurch und hatte nur ihrer Acht und brachte ſte in der Todtenſtille der Nacht glücklich heraus aus dieſer ſchwarzen Grube des Verderbens. Sie wartete meine Emilchen ab,“ ſagte Mr. Peg⸗ gotty, welcher meine Hand losgelaſſen und ſeine eigne Hand auf ſeine ſich hebende Bruſt gelegt hatte,„ſie wartete meine Emilchen ab, als ſie ermattet dalag und hernach in Abſätzen bis ſpät am nächſten Tage phan⸗ taſiren that. Dann ging ſie aus, um mich zu ſuchen, und hernach, um Sie zu ſuchen, Musje Davchen. Sie ſagte Emilchen nicht, weßwegen ſie ausgehen thäte, da⸗ David Kopperfield. 13 mit ihr Herze nicht verzagen ſollte und ſie etwa daran dächte, ſich zu verſtecken. Wie die grauſame Dame er⸗ fuhr, daß ſie dort wäre, kann ich nicht ſagen. Ob er, von dem ich ſo viel geſprochen habe, ſie zufällig dort⸗ hin gehen ſah, oder ob er(was meinen Gedanken nach ſehr wahrſcheinlich iſt) es von dem Frauenzimmer ge⸗ hört hatte, kümmert mich gerade nicht ſehr. Meine Nichte iſt gefunden. Die ganze Nacht durch,“ fuhr Mr. Peggotty fort, „ſind wir zuſammengeweſt, Emilchen und ich.'s iſt wenig in Betracht der Zeit, was ſie mit Worten ge⸗ ſagt hat, durch ihre Thränen aus gebrochnem Herzen; es iſt noch weniger, was ich von ihrem theuren Geſicht geſehen habe, das an meinem Herde zum Geſichte eines Weibes erwachſen iſt. Aber die ganze Nacht hindurch ſind ihre Arme um meinen Hals geſchlungen geweſt, und ihr Kopf hat hier gelegen, und wir wiſſen voll⸗ kommen, daß wir uns einander wieder Vertrauen ſchen⸗ ken können.“ Er hörte auf zu ſprechen, und ſeine Hand ruhte auf dem Tiſche in vollkommener Unthätigkeit, aber mit einer Entſchloſſenheit darin, welche Löwen beſtegt haben würde. „Es war ein Lichtſtrahl in meine Seele, Trot,“ ſagte meine Tante, ihre Augen trocknend,„als ich den Entſchluß faßte, bei Deiner Schweſter Betſey Trotwood, die mich in meiner Erwartung täuſchte, Pathenſtelle zu vertreten, aber nächſt dieſem hätte kaum etwas in der Welt mir mehr Freude machen können, als wenn ich hätte Pathe ſein können bei dem kleinen Kinde jenes guten jungen Geſchöpfs!“ Mr. Peggotty gab durch Nicken zu erkennen, daß er die Gefühle meiner Tante verſtehe, mochte ſich aber — 14 David Kopperfield. nicht getrauen, mündlich Bezug zu nehmen auf den Ge⸗ genſtand ihres Lobes. Wir verharrten Alle ſchweigend und mit unſern eignen Gedanken beſchäftigt(wobei meine Tante ihre Augen trocknete und bald krampfhaft ſchluchzte, bald lachte und ſich eine Närrin nannte) bis ich end⸗ lich ſprach. „Sie ſind ſich jedenfalls völlig klar über die Zu⸗ kunft, guter Freund?“ ſagte ich zu Mr. Peggotty.„Ich brauche Sie kaum zu fragen.“ „Völlig klar, Musje Davchen,“ erwiederte er,„und ich habe auch Emilchen geſagt, daß es große mächtige Länder giebt, weit weg von hier. Unſere Zukunft liegt über der See drüben.“ „Sie wollen zuſammen auswandern, Tante,“ ſagte ich. „Ja,“ verſetzte Mr. Peggotty mit einem hoffnungs⸗ reichen Lächeln.„Niemand kann meinem Liebling in Auſtralien Vorwürfe machen. Wir wollen dort ein neues Leben beginnen.“ Ich fragte ihn, ob er ſich ſchon irgendwie hinſicht⸗ lich der Zeit zur Abreiſe entſchloſſen habe. „Ich war dieſen Morgen frühzeitig unten an den Docks,“ entgegnete er,„um Nachrichten über die Schiffe einzuziehen. In ohngefähr ſechs Wochen oder zwei Mo⸗ naten wird eines abſegeln— ich ſah es dieſen Mor⸗ gen— ging an Bord— und wir werden in dem⸗ ſelben unſere Fahrt machen.“ „Ganz allein?“ fragte ich. „Ja,“ Musje Davchen,“ erwiederte er.„Meine Schweſter, ſehen Sie, die iſt Ihnen und Ihren Leuten ſo gut und ſo gewohnt, nur an ihr Vaterland zu denken, daß es kaum recht ſein würde, ſie gehen zu laſſen. Au⸗ ßerdem iſt Jemand da, der ihr übergeben iſt, Musje Davchen, und den wir nicht vergeſſen dürfen.“ David Kopperfield. 15 „Armer Ham!“ rief ich aus. „Meine gute Schweſter beſorgt ſein Hausweſen, ſehen Sie, Madam, und er hat ſie ſehr lieb,“ ſetzte Mr. Peggotty zu beſſerer Verſtändigung für meine Tante hinzu.„Er ſetzt ſich hin und red't mit ihr in ruhiger Weiſe, wenn es ausſieht, als ob er ſeine Lippen kaum aufkriegen könnte. Armer Kerl!“ ſagte Mr. Peggotty, indem er den Kopf ſchüttelte,„er hat nicht ſo viel übrig, daß er das Bischen, was er hat, ſparen könnte!“ „Und Frau Gummidge?“ fragte ich. „Na, ich habe mich's hin und her überlegt, kann ich Ihnen ſagen,“ erwiederte Mr. Peggotty mit einer verlegenen Miene, die ſich allmählig aufheiterte, als er fortfuhr,„ hinſichtlich der Frau Gummidge. Sehen Sie, wenn Frau Gummidge an den Alten denkt, da iſt ſie nicht, was man eine gute Geſellſchafterin nennen mag. Unter uns, Ihnen und mir— und Ihnen Madam— wenn Frau Gummidge anfängt zu grinſen— unſer altes Wort für Weinen— ſo iſt's ſehr möglich, daß man ſie unter Denen, die den Alten nicht gekannt haben, unan⸗ genehm findet. Na, ich habe den Alten freilich gekannt,“ ſagte Mr. Peggotty,„und ich kannte ſeine Vorzüge, und ſo verſtehe ich ſte; aber ſehen Sie, das iſt nicht überall ſo mit andere Leute— natürlich nicht.“ Meine Tante und ich bejahten, was er geſagt. „Außerdem,“ ſagte Mr. Peggotty,„könnte meine Schweſter,— ich ſage nicht, ſie würde, aber ſie könnte — finden, daß Frau Gummidge ihr dann und wann ein Biſſel Ungelegenheit machen würde. Deshalb iſt es nicht meine Abſicht, Frau Gummidge mit ihnen zuſam⸗ menzubringen, aber ich will ein Weſen für ſie ausfin⸗ dig machen, wo ſie für ſich handthieren kann.(Ein Weſen bedeutet in dieſem Dialect ein Hausweſen). Zu 16 David Kopperfield. dieſem Zwecke,“ ſagte Mr. Peggotty,„gedenke ich ihr'nen Jahrgehalt auszuſetzen, ehe ich gehe, wo ſie ziemlich bequem damit auskommen kann. Sie iſt das treueſte Geſchöpf. Man kann natürlich nicht erwarten, daß das gute alte Weibſen in ihrem Alter und ſo ver⸗ laſſen und unglücklich ſich an Bord eines Schiffes'rum⸗ placken und ſchmeißen ſoll und in den Wäldern und Wildniſſen eines weitentfernten Landes. Das iſt's alſo, was ich mit ihr zu thun vorhabe.“ Er vergaß Niemand. Er dachte an Jedermanns Anſprüche und Wünſche, ausgenommen an ſeine eignen. „Emilie,“ fuhr er fort,„wird bei mich bleiben— das arme Kind— ſie braucht Frieden und Ruhe— bis zu der Zeit, wo wir auf unſere Reiſe gehen. Sie wird an den Kleidern arbeiten, welche gemacht werden müſſen, und ich hoffe, ihre Leiden werden ihr vorkom⸗ men, als ob ſie länger vergangen wären, wenn ſie wie⸗ der bei ihrem rauhen, aber liebevollen Onkel iſt.“ Meine Tante drückte durch Nicken ihre Beſtärkung dieſer Hoffnung aus und erregte Mr. Peggotty große Zufriedenheit. „Dann iſt da noch ein Ding, Musje Davchen,“ ſagte er, ſeine Hand in ſeine Bruſttaſche ſteckend und mit ernſter Miene das kleine Papierpacket herausnehmend, welches ich zuvor geſehen hatte, und welches er nun auf dem Tiſche aufrollte.„Da ſind dieſe Banknoten, funfzig Pfund und zehn. Dazu möchte ich das Geld legen, mit dem ſie weggegangen iſt. Ich habe ſie darüber gefragt(ſagte aber nicht, warum) und hab's dazu ge⸗ legt. Ich verſtehe mich nicht auf die Rechnerei. Woll⸗ ten Sie wohl ſo gefällig ſein, nachzuſehen, wie's ſteht?“ Er händigte mir, als Gegenbeweis für ſeine Rech⸗ David Kopperfield. 17 nenkunſt, ein Stück Papier ein und beobachtete mich, während ich es durchſah. Es war ganz richtig. „Danke, Herr,“ ſagte er, indem er es zurücknahm. „Dieſes Geld werde ich, wenn Sie nichts dagegen ha⸗ ben, Musje Davchen, kurz ehe ich gehe, in ein Cou⸗ vert packen, das an ihn gerichtet iſt, und dieſes in ein anderes an ſeine Mutter adreſſirtes ſtecken. Ich werde ihr in nicht mehr Worten, als ich zu Ihnen ſprechen thue, erzählen, wofür es der Preis iſt, und daß ich fort bin, und daß es zu ſpäte iſt, es wieder zurückzunehmen.“ Ich ſagte ihm, daß ich glaubte, es werde recht ſein, dies zu thun— daß ich davon vollkommen überzeugt ſei, da er es für recht hielte. „Ich ſagte, es wäre da blos noch ein Ding,“ fuhr er mit einem ernſten Lächeln fort, nachdem er das kleine Packet wieder zuſammengelegt und in die Taſche geſteckt hatte,„aber's waren ihrer zweie. Ich war, als ich dieſen Morgen ausging, nicht gewiß in meinem Kopfe, ob ich hingehen und es Ham eröffnen könnte, was ſich, Gott ſei gedankt! ereignet hat. So ſchrieb ich'nen Brief, als ich aus war, und gab ihn auf die Poſt, worin ich ihm erzählte, wie Alles gekommen wäre, und daß ich morgen hinkommen wollte, um mich der Kleinigkeiten, die ich dort zu beſorgen hätte, zu entle⸗ digen und ſehr wahrſcheinlich auf immer Abſchied zu nehmen von Yarmouth.“ „Und wünſchen Sie, daß ich mit Ihnen gehe?“ ſagte ich, ſehend, daß er etwas ungeſagt gelaſſen hatte. „Wenn Sie mir dieſe große Gefälligkeit erweiſen könnten, Musje Davchen,“ erwiederte er,„ſo weiß ich, daß Ihr Anblick ſie ein Biſſel aufheitern würde.“ Da meine kleine Dora in ſehr guter Stimmung war und ſehr wünſchte, daß ich ginge— was ich fand, David Kopperſteld. IX. 2 18 David Kopperfield. als ich die Sache mit ihr verhandelte— ſo verſprach ich ihm bereitwillig, ihn, wie er wünſchte, zu begleiten. In Folge deſſen ſaßen wir am nächſten Morgen in der Poſtkutſche nach Yarmouth und reiſten wieder über den alten Boden. Als wir des Abends durch die alte wohlbekannte Straße ſchritten— wobei Mr. Peggotty trotz aller meiner Weigerungen meinen Reiſeſack trug— warf ich einen Blick in den Laden von Omer und Joram und ſah meinen alten Freund Mr. Omer da, wie er ſeine Pfeife ſchmauchte. Es war gegen mein Gefühl, gegen⸗ wärtig zu ſein bei dem erſten Zuſammentreffen Mr. Peggotty's mit ſeiner Schweſter und Ham, und ich ent⸗ ſchuldigte mich bei Mr. Omer, daß ich ihn belauert habe. „Was macht Herr Omer nach dieſer langen Zeit?“ ſagte ich hineingehend. Er wedelte den Rauch ſeiner Pfeife weg, damit er mich beſſer ſehen könnte, und erkannte mich bald mit großer Freude. „Ich ſollte aufſtehen, mein Herr, um die Ehre eines ſolchen Beſuchs anzuerkennen,“ ſagte er,„aber meine Gliedmaßen ſind gelähmt, und ich werde herumgerädelt. Mit Ausnahme meiner Gliedmaßen und meines Athems bin ich ſo wohl auf dem Zeuge, als man nur ſein kann, Gott ſei Dank!“ Ich beglückwünſchte ihn jetzt wegen ſeiner zufriede⸗ nen Miene und ſeiner guten Laune und ſah nun, daß ſein Großvaterſtuhl auf Rädern ging. „'s iſt eine ſchöne Erfindung, nicht wahr?“ fragte er, der Richtung meines Blickes folgend und den Ell⸗ bogen mit ſeinem Arme glättend.„Es läuft ſo leicht wie'ne Feder und fährt ſo ſicher wie'ne Poſtkutſche. Sapperlot, meine kleine Minnie— meine Enkelin, wiſ⸗ Nu. David Kopperfield. 19 ſen Sie, Minnie's Kind— drückt mit ihrem Bischen Kraft gegen die Lehne, giebt dem Dinge'nen Schub, und fort geht's ſo flott und luſtig, als Sie irgendwas ſehen können. Und ich ſag' Ihnen—'s iſt ein un⸗ gemein bequemer Stuhl, ein Pfeiſchen drin zu ſchmau⸗ chen.“ Nie ſah ich einen guten alten Herrn Alles ſo zum Beſten kehren und den Spaß dabei ſo herausfinden, als Mr. Omer. Er ſtrahlte ſo, als ob ſein Stuhl, ſeine Bruſtbeklemmung und die Lähmung ſeiner Glieder nur die verſchiedenen Zweige einer großartigen Erfindung wä⸗ ren, den Genuß einer Pfeife gemüthlicher zu machen. „Ich ſehe mehr von der Welt in dieſem Stuhle,“ ſagte Mr. Omer,„als ich je außerhalb deſſelbigen ſah, das kann ich Ihnen verſichern. Sie würden ſtaunen, wenn Sie die Menge Leute ſehen könnten, die den Tag über hereinguken, um ein paar Worte zu plaudern. Wahrhaftig, Sie würden ſtaunen! Da ſteht Ihnen zweimal ſo viel in der Zeitung, ſeit ich mich in dieſen Stuhl gemacht habe, als früher drin zu ſein pflegte. Was das Leſen überhaupt betrifft, mein Gott, was für'ne ſchwere Menge mache ich durch! Wiſſen Sie, das iſt's, was ich ſo ſehr deutlich empfinden thue. Wenn's meine Augen geweſen wären, was hätt' ich thun ſollen! Wenn's meine Ohren geweſen wären, was hätt' ich machen ſollen! Da es meine Gliedmaßen ſind, was hat's da zu bedeuten! Ei, meine Gliedmaßen machten mir blos den Athem kürzer, als ich mich ihrer bediente. Und jetzt, wenn ich auf die Straße oder hinunter auf die Sanddünen zu gehen Luſt habe, ſo hab' ich blos Dick, Jorams jüng⸗ ſten Lehrjungen zu rufen, und fort raſſle ich in meiner eignen Kutſche wie der Lord⸗Mayor von London.“ Er erſtickte hier beinahe vor Lachen. 2*½ 20 David Kopperfield. „Gott ſteh mir bei!“ ſagte Mr. Omer, weiter ſchmauchend,„man muß die Dinge nehmen, wie ſie ſind; das iſt's, woran man ſich in dieſem Leben gewöh⸗ nen muß. Joram macht ein ſchönes Geſchäft. Ein ausgezeichnetes Geſchäft!“ „Freue mich ſehr, das zu hören,“ entgegnete ich. „Wußte, daß Sie das freuen würde,“ ſagte Mr. Omer.„Und Joram und Minnie ſind wie die Täub⸗ chen. Was kann man ſich mehr wünſchen? Was be⸗ deuten da Jemandem ſeine Gliedmaßen?“ Seine außerordentliche Geringſchätzung ſeiner Glied⸗ maßen, wie er ſo rauchend daſaß, war eine der luſtig⸗ ſten Wunderlichkeiten, denen ich je begegnet bin. „Und ſeit ich mich überhaupt an's Leſen gemacht habe, haben Sie ſich an's Bücherſchreiben gemacht, he, Herr Kopperfteld?“ ſagte Mr. Omer, mich mit bewun⸗ derndem Blicke meſſend.„Was war Ihr Buch für ein köſtliches Werk! Was für ſchöne Worte ſind drinne! Ich las jedes Wort— wahrhaftig, jedes Wort! Und was das Schläfrigwerden betrifft— nicht die Spur!“ Ich drückte lächelnd meine Befriedigung aus, aber ich muß geſtehen, daß mir dieſe Gedankenverbindung bezeichnend vorkam. „Geb' Ihnen mein Ehrenwort, Herr Kopperfield,“ verſetzte Mr. Omer,„daß, wenn ich das Buch auf den Tiſch lege und beſehe mir's ſo von auswendig, zuſammen drei einzelne Bände, jeder für ſich— eins, zwei, drei— ſo bin ich ſo ſtolz wie ſonſt Jemand über den Gedanken, daß ich einſt die Ehre hatte, mit Ihrer Familie in Verbindung zu treten. Und ſapper⸗ lot,'s iſt'ne lange Zeit her nun, nicht wahr? Nach Blunderſtone nüber. Mit einer hübſchen kleinen Leiche, die neben die andere Leiche gelegt wurde. Und Sie ———— David Kopperfield. 21 waren noch ein ganz kleines Herrchen damals. Herr⸗ jes, Herrjes!“ Ich wechſelte den Gegenſtand der Unterhaltung, in⸗ dem ich von Emilien zu reden begann. Nachdem ich ihm verſichert, daß ich nicht vergeſſen hätte, wie ſehr er ſich einſt für ſie intereſſirt und wie freundlich er ſie allezeit behandelt habe, berichtete ich ihm im Allgemei⸗ nen, wie ſie durch Martha's Hülfe ihrem Onkel wieder⸗ gegeben worden, was, wie ich wußte, den alten Mann freuen würde. Er hörte mir mit der äußerſten Auf⸗ merkſamkeit zu und ſagte, als ich fertig war, mit Gefühl: „Ich freue mich unendlich drüber, Herr Kopperfield! Es iſt die beſte Neuigkeit, die ich ſeit vielen Tagen gehört habe. Ei Herrjes, Herrjes! Und was wird nun mit dem unglücklichen jungen Mädchen, mit Mar⸗ tha, geſchehen?“ „Sie berühren da einen Punkt, über den ich ſeit geſtern nachgeſonnen habe,“ ſagte ich,„worüber ich Ihnen aber noch keine Auskunft geben kann, Herr Omer. Herr Peggotty hat noch nichts davon erwähnt, und ich bin zu zartfühlend, es zu thun. Ich bin über⸗ zeugt, er hat es nicht vergeſſen. Er vergißt nichts, was aufopfernd und gut iſt.“ „„Weil, wiſſen Sie,“ ſagte Mr. Omer, ſeine Rede fortſetzend, wo er abgebrochen hatte,„ich bei Allem, was gethan wird, mit dabei ſein möchte. Rechnen Sie auf mich bei Allem, was Sie für recht erachten, und laſſen Sie mir's wiſſen. Nie hab' ich glauben können, daß das Mädel ganz ſchlecht wäre, und ich bin froh, zu finden, daß ſtie's wirklich nicht iſt. Ebenſo wird ſich meine Tochter Minnie freuen. Junge Weiber ſind querköpfige Geſchöpfe in manchen Dingen— ihre Mut⸗ 22 David Kopperfield. ter war gerade ſo wie ſie— aber ihre Herzen ſind ſanft und gut.'s iſt blos Schein bei Minnie gegen Martha. Warum ſie's für nothwendig hält, anders zu ſcheinen, als ſie iſt, will ich Ihnen nicht ſagen. Aber's iſt Alles blos Schein, ſapperlot. Sie würde ihr im Stillen alles mögliche Gute thun. So rechnen Sie denn auf mich in Allem, was Sie für Recht erachten, nicht wahr, Sie wollen ſo gut ſein? Und laſſen Sie mich's wiſſen, wo ſich was thun läßt. Sapperlot!“ ſagte Mr. Omer,„wenn Eines auf die Zeit des Le⸗ bens losrückt, wo die beiden Enden des Lebens zuſam⸗ menlaufen; wenn man ſieht, daß man, ſo flott man ſonſt auch auf dem Damme iſt, zum zweiten Male in einer Sorte von Laufwagen herumgerädelt wird, da ſollte man ſich über die Maßen freuen, was Gutes zu ſtiften, wenn man kann. Man braucht'ne Menge Ge⸗ fälligkeiten. Und ich ſpreche nicht von mir beſonders,“ ſagte Mr. Omer,„weil ich die Sache ſo anſehe, Herr Kopperfield, daß es mit uns Allen bergab geht, in welchem Alter wir auch ſtehen mögen, weil die Zeit ja nie, auch nur einen einzigen Augenblick, ſtille ſteht. So laſſen Sie uns allezeit Gutes ſtiften und uns über die Maßen drüber freuen. Natürlicher Weiſe!“ Er klopfte die Aſche aus ſeiner Pfeife und legte ſie auf ein Bretchen an der Lehne ſeines Stuhls, welches ausdrücklich für ihre Aufnahme dort ange⸗ bracht war. „Da iſt Emilien ihr Vetter, er, an den ſtie ver⸗ heirathet werden ſollte,“ verſetzte Mr. Omer, indem er ſeine Hände leiſe an einander rieb,„ein ſo ſchmucker Burſche als irgend einer in Yarmouth. Er kommt dann und wann zu mir am Abend und unterhält ſich ein Stündchen mit mir oder lieſt mir was vor. Das David Kopperfield. 23 iſt'ne Gefälligkeit, wie ich's nennen ſollte. Sein gan⸗ zes Leben iſt'ne Gefälligkeit.“ „Ich ſtehe jetzt im Begriffe, ihn zu beſuchen,“ ſagte ich. „So?“ erwiederte Mr. Omer.„Dann ſagen Sie ihm, ich wäre auf dem Zeuge und ließe ihn grüßen. Minnie und Joram ſind auf einem Balle. Sie wür⸗ den, wenn ſie zu Hauſe wären, ſo ſtolz wie ich auf Ihren Beſuch ſein. Sehen Sie, Minnie wollte über⸗ haupt kaum ausgehen, wegen Väterchen, ſagte ſie. So ſchwur ich heut' Abend, wenn ſie nicht gehen thäte, ſo ginge ich um Sechſe ſchon zu Bette. Die Folge davon war,“ hier wackelte Mr. Omer ſammt ſeinem Stuhle vor Lachen über das Gelingen dieſer Liſt,„daß ſie und Joram auf einem Balle ſind.“ Ich ſchüttelte ihm die Hand und wünſchte ihm gute Nacht. „Warten Sie noch'ne halbe Minute, Herr Kop⸗ perfield,“ ſagte Mr. Omer.„Wenn Sie gehen woll⸗ ten, ohne meinen kleinen Elephanten zu ſehen, ſo wür⸗ den Sie um das beſte Schauſpiel kommen. Sie ſahen niemals ſo ein Schauſpiel! Minnie!“ Ein muſikaliſches Stimmchen antwortete von ir⸗ gendwo oben:„Ich komme, Großväterchen!“ und ein niedliches kleines Mädchen mit langen lockigen Flachs⸗ haaren kam bald darauf in den Laden heruntergelaufen. „Das iſt mein kleiner Elephant, Herr Kopperfield,“ verſetzte Mr. Omer, das Kind ſtreichelnd.„Siameſiſche Zucht, Herr Kopperfield. Na, kleiner Elephant!“ Der kleine Elephant öffnete die Thür des Laden⸗ ſtübchens und ſetzte mich damit in Stand, zu ſehen, daß es in der letzten Zeit in ein Schlafgemach für Mr. Omer verwandelt worden war, den man nicht 24 David Kopperfield. leicht hinaufſchaffen konnte; und dann verbarg ſie ihre hübſche Stirn und ſchleuderte ihr langes Haar gegen die Lehne von Mr. Omers Stuhl. „Der Elephant rennt mit dem Kopfe drauf los, wie Sie wiſſen,“ ſagte Mr. Omer, mir zublinkend, „wenn er auf einen Gegenſtand losgeht. Eins, Ele⸗ phant,— zwei— drei!“ Auf dieſes Signal drehte der kleine Elephant mit einer Geſchicklichkeit, die bei einem ſo kleinen Thiere an’s Wunderbare grenzte, den Stuhl mit Mr. Omer darin um und rollte ihn holterdipolter in das Stübchen, ohne die Thürpfoſte zu berühren, während Mr. Omer eine unbeſchreibliche Luſt an der Leiſtung zeigte und ſich nach mir auf der Straße umſah, als ob dies das trium⸗ phirende Ergebniß der Anſtrengungen ſeines Lebens ſei. Nachdem ich die Stadt ein wenig durchwandert, ging ich zu Hams Hauſe. Peggotty war jetzt für immer hierher gezogen und hatte ihr eignes Haus dem Nach⸗ folger des Mr. Barkis im Botengeſchäfte vermiethet, der ſie für die Ueberlaſſung des Hauſes, den Karren und das Pferd ſehr gut bezahlte. Ich glaube, daſſelbe lang⸗ ſame Roß, mit welchem Mr. Barkis gefahren hatte, war immernoch an der Arbeit. Ich traf ſie in der ſaubern Küche in Geſellſchaft der Mrs. Gummidge, welche von Mr. Peggotty ſelbſt aus dem alten Boote geholt worden war. Ich zweifle, ob ſie durch irgend Jemand Anderes hätte vermocht werden können, ihren Poſten zu verlaſſen. Er hatte ihnen augenſchein⸗ lich Alles erzählt. Sowohl Peggotty als Mrs. Gum⸗ midge hatten die Schürzen vor den Augen, und Ham war eben hinausgegangen,„um einen Gang am Strande zu machen“. Er kam bald darauf heim und war ſehr erfreut, mich zu ſehen, und ich hoffe, es war ihnen ·ͤͤ⁄⁄ —„ 1 David Kopperfield. 25 Allen wohler zu Muthe, daß ich da war. Wir ſpra⸗ chen in einer Weiſe, die ſich der Heiterkeit näherte, da⸗ von, wie Mr. Peggotty in einem neuen Lande reich werden, und von all den Wunderdingen, die er uns in ſeinen Briefen beſchreiben werde. Wir erwähnten Emilien nicht namentlich, aber bezogen uns mehr als ein Mal entfernt auf ſie. Ham war der Heiterſte von der Geſellſchaft. Aber Peggotty erzählte mir, als ſie mir nach einer kleinen Kammer leuchtete, wo das Krokodilbuch für mich bereit auf dem Tiſche lag, daß er ſtets derſelbe ſei. Sie glaubte(wie ſie mir weinend ſagte), daß ſein Herz ge⸗ brochen, obſchon er ſo voll Muth als voll Zärtlichkeit ſei und fleißiger und beſſer arbeite, als irgend ein Schiff⸗ bauer in irgend einem Bauhofe dieſes Landestheils. Es gäbe Zeiten des Abends, ſagte ſie, wo er von ihrem alten Leben in dem Boothauſe ſpräche, und damn er⸗ wähnte er Emilien als ein Kind. Aber nie erwähnte er ſie als ein erwachſenes Weib. Mir war's, als hätte ich in ſeinem Geſichte gele⸗ ſen, daß er gern mit mir allein ſprechen möchte. Ich entſchloß mich daher, mich ihm den nächſten Abend in den Weg zu ſtellen, wenn er von ſeiner Arbeit heim⸗ käme. Nachdem ich darüber mit mir einig war, fiel ich in Schlaf. Jene Nacht war, zum erſten Male ſeit vie— len Nächten, das Licht aus dem Fenſter genommen, Mr. Peggotty ſchaukelte ſich in ſeiner alten Hängematte in dem alten Boote, und der Wind murmelte mit dem alten Getöſe um ſein Haupt. Den ganzen folgenden Tag war er beſchäftigt, über ſein Fiſcherboot und Geräth zu verfügen, zuſammenzu⸗ packen und zu Wagen nach London zu ſenden, was von ſeinen kleinen Wirthſchaftsgegenſtänden ihm brauchbar zu 26 David Kopperfield. ſein ſchien, und ſich von den übrigen Sachen entweder zu trennen oder ſie für Mrs. Gummidge zu beſtimmen. Sie war den ganzen Tag mit ihm zuſammen. Da ich eine wehmüthige Sehnſucht hatte, den alten lieben Ort noch ein Mal zu ſehen, ehe er zugeſchloſſen wurde, ſo machte ich's ſo aus, daß ich ſie dort am Abende treffen wollte. Aber ich richtete es ſo ein, daß ich Ham zuerſt begeg⸗ nen mußte. Es war leicht, ihm in den Weg zu kommen, da ich wußte, wo er arbeitete. Ich trat ihm auf einem verlaſſenen Theile der Sandebene entgegen, über den er, wie ich wußte, hinweg mußte, und kehrte mit ihm um, damit er Gelegenheit haben möchte, mit mir zu ſprechen, wofern er dies wirklich wünſchte. Ich harte den Ausdruck in ſeinem Geſichte nicht mißverſtanden. Wir waren nur ein kleines Stück zuſammen gegangen, als er ohne mich anzuſehen ſagte: „Musje Davchen, haben Sie ſie geſehen?“ „Nur auf einen Augenblick, als ſie in Ohnmacht lag,“ antwortete ich ſanft. Wir gingen ein Stückchen weiter, und er ſagte: „Musje Davchen, denken Sie, daß Sie ſie zu ſehen kriegen werden?“ „Es würde ihr vielleicht zu ſchmerzlich ſein,“ ant⸗ wortete ich. „Ich habe daran gedacht,“ entgegnete er.„Das würde es, ja, das würde es!“ „Aber, Ham,“ ſagte ich leiſe,„wenn es irgend etwas giebt, was ich an ſie für Sie ſchreiben könnte, im Falle ich's ihr nicht ſagen könnte,— wenn es irgend etwas giebt, was Sie ihr durch mich bekannt machen wollten, ſo würde ich das als einen heiligen Auftrag anſehen.“ st ◻η 8⁸½ David Kopperfield. 27 „Das glaub' ich Ihnen ganz gewiß. Ich danke, Herr, Sie ſind ſehr freundlich. Ich danke, ja, es giebt etwas, was ich ihr gern geſagt oder geſchrieben ſähe.“ „Was iſt es?“ Wir gingen ſchweigend ein Stück weiter, und dann ſprach er: „Es iſt nicht, daß ich ihr vergeben thue. Nicht ſo ſehr das iſt's.'s iſt mehr, daß ich ſie bitten thue, mir zu ver⸗ geben, daß ich ihr meine Liebe aufgedrungen habe. Manch⸗ mal denke ich, daß ſie, wenn ich nicht ihr Verſprechen gehabt hätte, mich zu heirathen, ſo viel Zutrauen zu mir hatte, daß ſie mir geſagt hätte, was in ihrer Seele kämpfte, und ſich mit mir berathen hätte, und ich würde ſie vielleicht gerettet haben.“ Ich drückte ihm die Hand. „Iſt das Alles?“ fragte ich. „s iſt noch etwas Anderes,“ erwiederte er,„wenn ich's ſagen kann, Musje Davchen.“ Wir gingen weiter, ein lüngeres Stück, als wir bis⸗ her gegangen, ehe er wieder ſprach. Er weinte nicht, wenn er die Pauſen machte, die ich durch Gedanken⸗ ſtriche ausdrücken werde. Er ſammelte ſich blos, um recht deutlich zu ſprechen. „Ich liebte ſie— und ich liebe das Andenken an ſie— zu tief— um im Stande zu ſein, ſie zu dem Glauben zu verleiten, ich ſei ein glücklicher Mann. Ich könnte nur glücklich ſein— wenn ich ſie vergäße— und ich fürchte, ich würd's kaum ertragen können, daß man ihr erzählte, ich hätte ſie wirklich vergeſſen. Aber wenn Sie, der Sie ſo ein großer Gelehrter ſind, ſich etwas ausdenken könnten, was ſie, wenn Sie's ihr ſa⸗ gen thäten, zu dem Glauben brächte, ich wäre nicht ſehr tief verletzt, thäte ſie noch immer lieben und noch im⸗ 28 David Kopperfield. mer um ſie trauern; ergend etwas, was ſie zu dem Glauben brächte, daß ich das Leben nicht ſatt hätte und noch Hoffnung hegte, ſie ohne Schande zu ſehen, wo die Gottloſen aufhören mit Verfolgen und die Müden Ruhe haben— irgend etwas, was ihr ſchwerbetrübtes Herz erleichtern und ſie doch nicht auf den Gedanken bringen thäte, daß ich jemals heirathen könnte, oder daß es möglich wäre, Jemand könnte mir ſein, was ſie mir geweſen wäre— ſo würde ich Sie bitten, ihr das zu ſagen— und ihr zu ſagen, daß ich für ſie bete— die ſo leb und gut war.“ Ich drückte ihm ſeine männliche Hand abermals und ſagte ihm, daß ich mich ſeines Auftrags ſo gut entle⸗ digen wollte, als ich vermöchte. „Ich danke, Herr,“ antwortete er.„Es war ſehr freundlich von Sie, mich aufzuſuchen. Es war ſehr freundlich von Sie, ihn hierher zu begleiten. Musje Davchen, ich begreife ſehr wohl, obſchon meine Muhme nach London kommen wird, ehe ſie ſegeln, und ſie noch einmal zuſammen ſein werden, werde ich ihn doch nicht wiederzuſehen kriegen. Ich bin davon überzeugt. Wir ſagen uns das nicht, aber es wird ſo kommen, und 's iſt beſſer ſo. Das letzte Mal, wo Sie ihn ſehen— das allerletzte Mal— wollen ſte ihm da die liebevoll⸗ ſten Abſchiedsgrüße und den herzlichſten Dank von dem Waiſenkinde überbringen, gegen das er immer beſſer wie ein Vater handelte?“ Auch das verſprach ich getreulich zu erfüllen. „Ich danke nochmals,“ ſagte er, mir herzlich die Hand ſchüttelnd.„Ich weiß, wo Sie hingehen wollen. Behüte Sie Gott!“ Mit einer unmerklichen Schwenkung der Hand, als ob er mir erklären wollte, daß er in den alten Ort David Kopperfield. 29 f nicht eintreten könnte, wandte er ſich ab. Als ich ſeiner Geſtalt nachblickte, wie ſie im Mondenſcheine über die kahle Fläche ging, ſah ich ihn das Geſicht nach einem Streifchen ſilbernen Lichtes auf der See kehren und im⸗ mer darauf hinblickend weiter ſchreiten, bis er nur noch ein ferner Schatten war. Die Thür des Boothauſes ſtand offen, als ich mich näherte, und als ich hineintrat, fand ich es aller ſeiner Geräthſchaften entleert, ausgenommen eine der alten Kiſten, auf welcher Mrs. Gummidge mit einem Korbe auf ihren Knieen ſaß und Mr. Peggotty anblickte. Er ſtemmte ſeinen Ellbogen auf den rauhen Kaminſims und ſchaute auf ein paar erlöſchende Kohlen auf dem Roſte, erhob aber ſein Haupt hoffnungsvoll, als ich herein⸗ kam, und ſprach in heiterer Weiſe. „Sind gekommen, wie Sie verſprochen haben, Musje Davchen, und um ihm Lebewohl zu ſagen, he?“ ſagte er, das Licht in die Höhe haltend.„Leer genug jetzt, nicht wahr?“ „In der That, Sie haben Ihre Zeit gut benutzt,“ ſagte ich. „Ei nun, wir ſind wirklich nicht faul geweſen. Frau Gummidge hat gebüffelt wie ein— ich weiß wahrhaf⸗ tig nicht, wie was Frau Gummidge nicht gebüffelt hätte,“ ſagte Mr. Peggotty, ſie anſehend, indem er um ein hinreichend lobendes Gleichniß in Verlegen⸗ heit war. Mrs. Gummidge lehnte ſich auf ihren Korb und machte keine Bemerkung. „Das iſt dieſelbige Kiſte, auf der Sie vor Alters mit Emilchen ſitzen thaten,“ ſagte Mr. Peggotty flü⸗ ſternd.„Ich werde ſie zuletzt von Allem mit mich fort⸗ nehmen. Und hier iſt Ihre alte Schlafkammer, ſehen 30 Dcgavid Kopperfield. Sie, Musje Davchen. Schier ſo ſchaurig heute Nacht, als das Herz nur wünſchen kann!“ In Wahrheit, der Wind war zwar nur ſchwach, hatte aber einen feierlichen Klang und kroch um das verlaſſene Haus mit einem flüſternden Klagen, welches äußerſt traurig tönte. Alles war fort bis auf den klei⸗ nen Spiegel mit dem Rahmen von Auſterſchaalen. Ich dachte an mich ſelbſt, wie ich hier gelegen, als der erſte große Schickſalswechſel zu Hauſe ſtattgefunden hatte. Ich dachte an das blauäugige Kind, welches mich bezaubert hatte. Ich dachte an Steerforth, und eine thörichte, furchtbare Einbildung überkam mich, als ob er in der Nähe und die Möglichkeit vorhanden ſei, daß man ihm bei jeder Wendung um eine Ecke begegnete. „s kann lange dauern,“ ſagte Mr. Peggotty mit gedämpfter Stimme,„ehe das Boot neue Miethsleute finden thut. Die Leute hier unten ſehen's jetzt als ei⸗ nen Unglücksplatz an.“ „Gehört es Jemandem in der Nachbarſchaft?“ fragte ich. „Einem Maſtbaummacher oben in der Stadt,“ er⸗ wiederte Mr. Peggotty.„Ich werde ihm heute Abend den Schlüſſel übergeben.“ Wir ſahen in das andere kleine Stübchen und ka⸗ men zu Mrs. Gummidge zurück, die auf der Kiſte ſaß, welche Mr. Peggotty, indem er das Licht auf den Kaminſims ſetzte, emporheben wollte, damit er ſie vor die Thür ſchaffen könnte, ehe er das Licht aus⸗ löſchte. „Daneel,“ ſagte Mrs. Gummidge, plötzlich ihren Korb verlaſſend und ſich an ſeinen Arm hängend,„mein lieber Daneel, die letzten Worte, die ich in dieſem Hauſe ſpreche, ſind, ich darf nicht zurückgelaſſen werden. Oh ——Q——·———————ꝑᷓꝑᷓ David Kopperfield. 31 denke nicht daran, mich zurückzulaſſen, Daneel. Oh denke doch ja daran nicht!“ Mr. Peggotty ſah erſtaunt von Mrs. Gummidge auf mich, und von mir auf Mrs. Gummidge, als ob er von einem Schlafe erwacht wäre. „Ja nicht, liebſter Daneel, ja nicht!“ ſchrie Mrs. Gummidge haſtig.„Nimm mich mit Dir, Daneel, nimm mich mit Dir und Emilchen! Ich will Eure Magd ſein, voll Ausdauer und Treue. Wenn es Sclaven giebt in dem Lande, wo Ihr hinwollt, ſo will ich Euer Sclave ſein und mich glücklich fühlen, nur laß mich nicht zurück, Daneel, der Du ſo lieb und gut biſt.“ „Mein gutes Herze,“ ſagte Mr. Peggotty, den Kopf ſchüttelnd,„Du weißt nicht, was für ne lange Reiſe und was für ein hartes Leben es iſt.“ „Oh ja, ich weiß es wohl, Daneel. Ich kann mich's denken!“ ſchrie Mrs. Gummidge.„Aber meine letz⸗ ten Worte unter dieſem Dache ſind, ich werde ins Haus gehen und ſterben, wenn ich nicht mitgenommen werde. Ich kann graben, Daneel. Ich kann arbeiten. Ich kann ein hartes Leben aushalten. Ich kann jetzt Liebe und Geduld zeigen— mehr als Du denkſt, Daneel, wenn Du's nur mit mich verſuchen wollteſt. Ich würde Dein Jahrgehalt nicht anrühren, und wenn ich vor Mangel umkommen müßte, Daneel Peggotty; aber ich will mit Dir und Emilchen, wenn Ihr mich nur laſſen wollt, bis an der Welt Ende gehen. Ich weiß wohl, wie's iſt; ich weiß, Du denkſt, ich bin verdrießlich und mür⸗ riſch, aber Liebſter, Allerliebſter,'s iſt jetzt nicht mehr ſo. Ich habe nicht ſo lange Zeit hier geſeſſen und Wache gehalten und an Deine Heimſuchung gedacht, ohne daß es mir zum Guten geweſen wäre. Musje Dav⸗ chen, ſprechen Sie für mich mit ihm. Ich kenne ſeine 32 David Kopperfield. Weiſe, und Emilchen ihre auch, und ich kenne ihren Kummer und kann ſie tröſten manchmal und für ſie arbeiten. Daneel, lieber Daneel, laß mich mit Euch gehen!“ Und Mrs. Gummidge nahm ſeine Hand und küßte ſie mit einer ſich unbeholfen äußernden Ergriffenheit und Liebe, mit unbeholfen ſich äußernder Hingebung und und Dankbarkeit, die er wohl verdiente. Wir ſchafften die Kiſte hinaus, löſchten das Licht aus, befeſtigten die Thür außen und ließen das alte Boot ſorglich verſchloſſen zurück, ein dunkler Punkt in der wolkigen Nacht. Am nächſten Tage, wo wir außen auf der Poſtkutſche nach London zurückkehrten, waren Mrs. Gummidge und ihr Korb auf dem Hinterſitze, und Mrs. Gummidge war glücklich. Zweiundfünßzigſtes Kapitel. Ich wohne einer Exploſion bei. Als die Zeit, die Mr. Micawber mir ſo geheim⸗ nißvoll beſtimmt hatte, nur noch vierundzwanzig Stunden entfernt war, beſprach ich mich mit meiner Tante, wie wir verfahren wollten; denn meine Tante wollte Dora durchaus nicht verlaſſen. Ach, wie leicht fiel mir's jetzt, Dora die Treppe hinauf und herab zu tragen! Wir waren, trotz Mr. Micawbers Verlangen, daß meine Tante dabei ſein ſollte, geneigt, die Sache ſo einzurichten, daß ſie zu Hauſe bleiben und durch Mr. Dick und mich vertreten werden ſollte. Kurz, wir hat⸗ ten uns zu dieſem Verfahren entſchloſſen, als Dora unſer Uebereinkommen wieder umſtieß, indem ſie erklärte, nie werde ſie ſich ſelbſt und nie ihrem böſen Jungen es verzeihen, wenn meine Tante zurückbliebe, möchte ſie vorgeben, was ſie wollte. „Ich werde nicht mit Ihnen reden,“ ſagte Dora, ihre Locken gegen meine Tante ſchüttelnd.„Ich werde unangenehm ſein! Ich werde Zig hetzen, daß er Sie den ganzen Tag anbellt. Ich werde die Ueberzeugung David Kopperfield. IX. 3 34 David Kopperfield. hegen, daß Sie wirklich ein altes grobes Ding ſind, wenn Sie nicht gehen.“ „Bſt, Blümchen!“ ſagte meine Tante lachend.„Du weißt, Du kannſt ohne mich nicht verkommen.“ „Oh ja, ich kann wohl,“ entgegnete Dora.„Sie nützen mir gar nicht das Geringſte. Sie laufen den ganzen Tag nicht die Treppe hinauf und hinab für mich. Sie ſitzen niemals bei mir und erzählen mir Geſchich⸗ ten von Daddy, wie ſeine Schuhe zerriſſen waren und er mit Staub bedeckt war— oh was für ein armes winziges Bürſchchen! Sie thun nie etwas, was mir Vergnügen macht, nicht wahr nicht, Liebe?“— Dora beeilte ſich, meine Tante zu küſſen und zu ſagen:„Oh ja, Sie thun's wohl.'s war blos ein Scherz!“— damit meine Tante nicht denken ſollte, ſie meinte es wirklich ſo. „Aber, Tante,“ ſagte Dora ſchmeichelnd,„jetzt hor⸗ chen Sie mal. Sie müſſen gehen. Ich werde Sie quä⸗ len und plagen, bis Sie mir darin meinen Willen laſſen. Ich werde meinem garſtigen Jungen das Leben ſo ſauer machen, wenn er nicht bewirkt, daß Sie gehen. Ich werde mich ſo unangenehm machen— und ebenſo ſoll Zig thun. Sie ſollen wer weiß wie lange wünſchen, Sie wären gegangen, ſo ſchnell Sie Ihre Beine trügen, wenn Sie nicht gehen. Außerdem,“ ſagte Dora, in⸗ dem ſie ihr Haar zurückwarf und mich und meine Tante verwundert anblickte,„warum ſolltet Ihr nicht Beide⸗ gehen. Ich bin doch nicht ſehr krank. Oder bin ich's etwa?“ „Ci der Tauſend, was für ne Frage!“ ſchrie meine Tante. „Was für'ne Einbildung!“ ſagte ich. „Ja, ich weiß, ich bin ein närriſches kleines Ding!“ David Kopperfield. 35 ſagte Dora, indem ſie langſam bald das Eine, bald das Andere von uns anblickte und dann ihre niedlichen Lip⸗ pen ſpitzte, um uns zu küſſen, als ſie auf ihrem So⸗ pha lag.„Nun denn, Ihr müßt Beide gehen, oder ich werde Euch nicht glauben, und dann werde ich weinen.“ Ich ſah im Geſichte meiner Tante, daß ſie jetzt nach⸗ zugeben begann, und Dora wurde wieder heiter, da ſie es auch bemerkte. „Ihr werdet zurückkommen und mir ſo viel Neues zu erzählen mitbringen, daß es mindeſtens eine Woche bedürfen wird, es mir begreiflich zu machen!“ ſagte Dora.„Denn ich weiß wohl, ich werd's eine lange Zeit nicht begreifen, ſobald was Geſchäftliches dabei iſt. Und es iſt ſicherlich was Geſchäftliches dabei. Wenn es übri⸗ gens irgend etwas dabei zuſammenzurechnen giebt, ſo weiß ich nicht, wann ich damit fertig werde, und mein garſtiger Junge wird die ganze Zeit ein ſo unglückliches Geſicht machen. Da habt Ihr's! Nun aber wollt Ihr gehen, nicht wahr? Ihr werdet nur eine Nacht weg ſein, und Zig wird ſich meiner annehmen, ſo lange Ihr weg ſeid. Daddy wird mich die Treppe hinauftragen, ehe Ihr geht, und ich werde nicht eher wieder herun⸗ terkommen, als bis Ihr wieder da ſeid, und Ihr ſollt Agnes einen fürchterlichen Zankbrief von mir mitneh⸗ men, weil ſie uns niemals einen Beſuch gemacht hat.“ So kamen wir ohne weitere Berathung überein, daß wir Beide gehen ſollten, und daß Dora eine kleine Betrügerin ſei, die ſich ſtelle, als ob ſie ſehr unwohl ſei, weil ſie gern gehätſchelt ſein wollte. Sie war ſehr erfreut und äußerſt heiter, und wir Vier, das heißt meine Tante, Mr. Dick, Traddles und ich, gingen dieſe Nacht mit der Poſt von Dover hinunter nach Canterbury. In dem Hotel, wo Mr. Micawber ihn zu erwar⸗ 3* 36 David Kopperfield. ten gebeten hatte, und in welches wir in der Mitte der Nacht mit einiger Mühe hineinkamen, fand ich einen Brief, welcher mir ſagte, daß er am Morgen pünktlich halb zehn Uhr erſcheinen werde. Hierauf gingen wir zu dieſer unbehaglichen Stunde zitternd vor Kälte in unſere reſpectiven Betten, durch verſchiedene enge Gänge, welche rochen, als ob ſie Jahrhunderte lang in eine Auflöſung von Suppe und Stalljauche verſenkt geweſen wären. Frühzeitig am Morgen ſchlenderte ich durch die lie⸗ ben alten ſtillen Straßen und ſchritt wieder über die Schatten der ehrwürdigen Bogengänge und Kirchen weg. Die Krähen flatterten um die Thürme der Kathedrale, und die Thürme ſelbſt, welche manche unveränderte Meile der reichen Gegend und ihrer lieblichen Bäche überſchau⸗ ten, ragten in die helle Morgenluft ſo ſtarr hinein, als ob es auf Erden kein ſolches Ding wie Wechſel gäbe. Und doch ſprachen zu mir die Glocken, wenn ſie er⸗ tönten, trauervoll von dem Wechſel in Allem; ſprachen mir von ihrem eignen Alter und der Jugend meiner niedlichen Dora, und von den vielen, nie alten Men⸗ ſchen, die gelebt und geliebt und geſtorben, während die Tonſchwingungen der Glocken durch den roſtigen Wappenſchmuck des Schwarzen Prinzen geſummt hatten, welcher drinnen aufgehangen war, und Bewegungen auf dem tiefen Meere der Zeit ſich in der Luft verloren hat⸗ ten, wie Ringel im Waſſer. Ich that von der Ecke der Straße einen Blick auf das alte Haus, ging aber nicht näher hin zu demſel⸗ ben, damit ich nicht bemerkt werden und ſo dem Plane, welchen zu fördern ich gekommen war, ſchaden möͤchte. Die Morgenſonne brach ſich ſtrahlend auf ſeinen Gie⸗ beln und Gitterfenſtern, die ſie mit Gold bemalte, und David Kopperfield. 37 einige Strahlen ſeines alten Friedens ſchienen mein Herz zu berühren. Ich wandelte etwa auf eine Stunde in die Umge⸗ gend hinaus und kehrte dann in die Hauptſtraße zu⸗ rück, welche in der Zwiſchenzeit den Schlaf der letzten Nacht abgeſchüttelt hatte. Unter den Leuten, die ſich in den Läden zu thun machten, ſah ich meinen alten Feind, den Fleiſcher, der jetzt zum Beſitze von Ueberſchlagſtie⸗ feln und einem kleinen Kinde aufgerückt war und ein eignes Geſchäft hatte. Er wartete das kleine Kind und ſchien ein wohlwollendes Glied der Geſellſchaft zu ſein. Wir Alle wurden von Unruhe und Ungeduld ge⸗ plagt, als wir uns zum Frühſtück niederſetzten. Als die Zeit mehr und mehr auf halb zehn Uhr losrückte, ſteigerte ſich die Unruhe, mit der wir Mr. Micawber erwarteten. Zuletzt ließen wir es ganz, uns zu ſtellen, als ob wir an dem Eſſen uns betheiligten, welches, mit Ausnahme Mr. Dicks, von vornherein eine bloße Form geweſen war, ſondern meine Tante ſchritt im Zim⸗ mer auf und ab, Traddles ſaß auf dem Sopha und that, als ob er die Zeitung läſe, wobei ſeine Augen jedoch an der Decke hafteten, und ich ſah aus dem Fen⸗ ſter, um zu rechter Zeit Mr. Micawbers Ankunft zu berichten. Ich hatte auch nicht lange Wache zu halten, da er mit dem erſten Glockenſchlage von halb zehn in der Straße erſchien. „Hier iſt er,“ rief ich,„und zwar nicht im An⸗ zuge eines Mannes des Geſetzes.“ Meine Tante band ſich die Bänder ihres Hutes(ſie war nämlich mit demſelben zum Frühſtück herunterge⸗ kommen) feſt und that ihren Shawl um, als ob ſie zu jeglicher entſchloſſenen und unerbittlichen That bereit ſei. Traddles knöpfte ſich den Rock mit einer entſchie⸗ 38 David Kopperfield. denen Miene zu. Mr. Dick, durch dieſes furchtbare Auftreten außer Faſſung gerathen, aber doch von der Nothwendigkeit überzeugt, es nachzuahmen, zog ſich ſei⸗ nen Hut mit beiden Händen ſo feſt über ſeine Ohren, als er möglicherweiſe konnte, und nahm ihn den Au⸗ genblick darauf wieder ab, um Mr. Micawber zu be⸗ willkommnen. „Meine Herren und Sie, Madame,“ ſagte Mr. Micawber,„ich wünſche Ihnen einen guten Morgen. Mein lieber Herr,“ damit wandte er ſich zu Mr. Dick, welcher ihm mit aller Gewalt die Hand ſchüttelte,„Sie ſind außerordentlich freundlich.“ „Haben Sie gefrühſtückt?“ fragte Mr. Dick.„Lan⸗ gen Sie ſich ein Cotellet zu.“ „Nicht um Alles in der Welt, mein guter Herr,“ ſchrie Mr. Micawber, ihn auf ſeinem Wege zur Klin⸗ gel aufhaltend,„Appetit und ich, Herr Dixon, ſind ſich einander ſchon längſt fremd geworden.“ Mr. Dixon freute ſich über ſeinen neuen Namen ſo ſehr und ſchien es für eine ſo große Gefälligkeit zu hal⸗ ten, daß Mr. Micawber ihm denſelben beigelegt, daß er ihm abermals die Hand ſchüttelte und äußerſt kin⸗ diſch lachte. „Dick,“ ſagte meine Tante,„Achtung gegeben!“ Mr. Dick kam wieder zu Verſtande, und zwar mit einem Erröthen.. „Nun, mein Herr,“ ſagte meine Tante zu Mr. Micawber, als ſie ihre Handſchuhe anzog,„wir ſind bereit für den Berg Veſuv oder irgend etwas Anderes, ſobald es Ihnen beliebt.“ „Madam,“ entgegnete Micawber,„ich hoffe, Sie werden ſehr bald Zeuge eines Ausbruchs ſein. Herr Traddles, ich habe, glaub' ich, Ihre Erlaubniß, hier zu David Kopperfield. 39 erwähnen, daß wir im Einvernehmen mit einander ge⸗ ſtanden haben?“ „Es iſt dies unzweifelhaft der Fall, Kopperfield,“ ſagte Traddles, den ich erſtaunt anſah.„Mr. Micaw⸗ ber hat mich um Rath gefragt, hinſichtlich deſſen, was er im Auge hatte, und ich habe ihm nach meinem beſten Wiſſen Rath ertheilt.“ „Wenn ich mich nicht ſelbſt täuſche, Herr Tradd⸗ les,“ fuhr Mr. Micawber fort,„ſo iſt das, was ich im Auge habe, ein Aufſchluß von wichtiger Art.“ „Von hoͤchſt wichtiger Art,“ ſagte Traddles. „Vielleicht wollen Sie, meine Herren, und Sie, Madame, mir unter bewandten Umſtänden die Freund⸗ lichkeit erweiſen, ſich für den Augenblick der Leitung Jemandes zu unterwerfen, welcher, mag er auch un⸗ würdig ſein, in einem andern Lichte betrachtet zu wer⸗ den, als in dem eines an das Ufer der menſchlichen Natur angeſpühlten herrenloſen Gutes, dennoch ihr Mit⸗ menſch iſt, wenn auch durch eigne Verirrungen und die äußerſte Gewalt eines Zuſammentreffens von Umſtänden aus ſeiner urſprünglichen Geſtalt gequetſcht.“ „Wir ſetzen vollkommenes Vertrauen in Sie, Herr Micawber,“ ſagte ich,„und werden thun, was Sie wollen.“ „Herr Kopperfield,“ erwiederte Mr. Micawber,„Ihr Vertrauen iſt im gegenwärtigen Falle nicht übel ange⸗ wendet. Ich möchte Sie um die Erlaubniß bitten, fünf Minuten vor Ihnen aufzubrechen, und dann die gegen⸗ wärtige Geſellſchaft, die ſich nach Fräulein Wickfield erkundigen mag, in der Erpedition von Wickfield und Heep zu empfangen, deſſen Lohnſchreiber ich bin.“ Meine Tante und ich ſahen Traddles an, welcher durch Nicken ſeine Einwilligung zu erkennen gab. 40 8 David Kopperfield. „Ich habe,“ bemerkte Mr. Micawber,„gegenwär⸗ tig nichts weiter zu ſagen.“ Hiermit machte er uns zu meinem unendlichen Er⸗ ſtaunen einen Allen zugleich geltenden Bückling und ver⸗ ſchwand. Sein Benehmen war außerordentlich gemeſſen und ſein Geſicht ungemein bleich. Traddles lächelte blos und ſchüttelte ſeinen Kopf(auf dem ihm die Haare kerzengerade zu Berge ſtanden), als ich ihn mit einem Blicke um eine Erklärung anging; ſo nahm ich meine Uhr heraus und zählte als letztes Mittel, mir die Zeit zu vertreiben, die fünf Minuten ab. Meine Tante that, ihre Uhr ebenfalls in der Hand, desgleichen. Als die Zeit um war, gab Traddles ihr ſeinen Arm, und wir Alle gingen zuſammen hinaus auf das alte Haus zu, ohne auf dem Wege ein Wort zu reden. Wir fanden Mr. Micawber an ſeinem Pulte in der Expedition im Erdgeſchoſſe des Thürmchens, indem er ſehr fleißig ſchrieb oder doch ſo that. Das große Ex⸗ peditionslineal ſtack in ſeiner Weſte und war dort nicht ſo gut verſteckt, daß nicht ein Fuß oder mehr von die⸗ ſem Inſtrumente aus ſeinem Buſen gleich einer neuen Art Buſenſtreifen hervorgeſtanden hätte. Da mir's ſchien, daß man von mir erwartete, ich ſolle ein Geſpräch eröffnen, und ſo ſagte ich laut: „ Wie geht's Ihnen, Herr Micawber?“ „Herr Kopperfield,“ erwiederte Mr. Micawber ern⸗ ſten Tones,„Sie ſind hoffentlich wohl.“ „Iſt Fräulein Wickfield zu Hauſe?“ fragte ich. „Herr Wickfteld liegt an einem rheumatiſchen Fie⸗ ber im Bette,“ entgegnete er;„aber Fräulein Wick⸗ field wird ohne Zweifel glücklich ſein, alte Freunde zu ſehen. Wollen Sie nicht eintreten, Herr Kopperfteld.“ — — David Kopperfield. 41 Er ging uns in das Speiſezimmer voraus— das erſte Zimmer, welches ich in dieſem Hauſe betreten hatte— und indem er die Thür von Mr. Wickfields früherer Erpedition aufſtieß, ſagte er mit klangvoller Stimme: „Fräulein Trotwood, Herr David Kopperfteld, Herr Thomas Traddles und Herr Dixon!“ Ich hatte Uriah Heep ſeit der Zeit der Ohrfeige nicht geſehen. Unſer Beſuch ſetzte ihn augenſcheinlich in Erſtaunen, und zwar, wie ich meine, nicht weniger des⸗ halb, weil er uns ſelbſt in Erſtaunen verſetzte. Er zog ſeine Augenbrauen nicht zuſammen; denn er hatte keine, die der Erwähnung werth geweſen wären; aber er run⸗ zelte die Stirn in dem Grade, daß er ſchier ſeine klei⸗ nen Augen ſchloß, während das ſchnelle Indiehöhfahren ſeiner abſcheulichen Hand nach ſeinem Kinn ein Zittern der Angſt oder des Staunens verrieth. Dies geſchah indeß nur, als wir im Begriffe waren, in ſein Zimmer zu treten, und als ich ihm über die Schulter meiner Tante einen Blick zuwarf. Einen Augenblick hinterher war er der demüthige Schmeichler, der er ſtets geweſen. „Na wahrhaftig!“ ſagte er.„Das iſt in der That eine unerwartete Freude! Alle Freunde rings um die Sanct Paulskirche, wie ich ſagen möchte, auf ein Mal bei ſich zu haben, iſt ein Augenſchmaus, an den man nicht gedacht hätte. Herr Kopperſteld, ich ſehe Sie hof⸗ fentlich wohl und— wenn ich mich unterthänigſt ſo ausdrücken darf— freundlich geſtnnt gegen Jemand, der ſtets Ihr Freund iſt, ſei es, wie es ſei. Madame Kop⸗ perfield iſt, hoff' ich, auf dem Wege der Beſſerung. Wir haben neulich mit großem Bedauern die traurigen Nachrichten von ihrem Zuſtande vernommen, das kann ich Ihnen verſichern.“ 42 David Kopperfield. Ich ſchämte mich, ihn meine Hand nehmen zu laſ⸗ ſen, aber ich wußte noch nicht, was ich anders thun ſollte. „Die Sachen haben ſich anders geſtaltet, Fräulein Trotwood, ſeit der Zeit, wo ich noch ein demüthiger Schreiber war und Ihren Pony hielt, nicht wahr,“ ver⸗ ſetzte Uriah mit ſeinem widerlichſten Lächeln.„Aber ich habe mich nicht verändert, Fräulein Trotwood.“ „Nun, mein Herr,“ entgegnete meine Tante,„Ih⸗ nen die Wahrheit zu geſtehen, ich denke, Sie haben ſo ziemlich gehalten, was ihre Jugend verſprach, wenn Ihnen das irgend Befriedigung gewährt.“ „Danke Ihnen, Fräulein Trotwood,“ ſagte Uriah, indem er ſich in ſeiner unangenehmen Weiſe zuſammen⸗ zog,„für Ihre gute Meinung. Micawber, ſag' ihnen mal, ſie ſollen es Fräulein Agnes wiſſen laſſen— und Mutter. Mutter wird ganz erſtaunt ſein, wenn ſie die gegenwärtige Geſellſchaft erblickt,“ ſagte Uriah, Stühle ſetzend. „Sie ſind doch nicht beſchäftigt, Herr Heep?“ fragte Traddles, deſſen Auge dem pfiffigen rothen Auge Uriahs zufällig begegnete, als es uns zu gleicher Zeit zu er⸗ forſchen und zu entwiſchen ſuchte. „„Nein, Herr Traddles,“ entgegnete Uriah, indem er ſeinen gewöhnlichen Sitz in der Expedition wieder einnahm und ſeine knochigen Hände, die innern Flächen an einander gelegt, zwiſchen ſeinen knochigen Knieen aneinanderpreßte.„Nicht ſo ſehr, als ich wünſchen könnte. Aber Advocaten, Haifiſche und Blutigel ſind, wie Sie wiſſen, nicht leicht zufriedengeſtellt. Indeß haben ich und Micawber im Allgemeinen die Hände ziemlich voll, weil Herr Wickfield kaum zu irgend einer Beſchäftigung taugt. Aber ˙s iſt wahrlich eine M·—3—— —————yyü— David Kopperfield. 43 Freude wie ein Vergnügen, für ihn zu arbeiten. Sie haben, glaub' ich, nicht in nähern Beziehungen zu Herrn Wickfield geſtanden, Herr Traddles? Ich glaube, ich habe nur ein Mal die Ehre gehabt, Sie zu ſehen?“ „Nein, ich habe nicht in näheren Beziehungen zu Herrn Wickfield geſtanden,“ entgegnete Traddles,„ſonſt würde ich Ihnen vielleicht ſchon längſt meine Aufwar⸗ tung gemacht haben, Herr Heep.“ Es lag in dem Tone dieſer Antwort etwas, wel⸗ ches Uriah veranlaßte, ſich den Sprecher noch einmal anzuſehen und zwar mit einem ſehr düſtern und un⸗ heilwitternden Geſichtsausdrucke. Als er jedoch blos Traddles erblickte, mit ſeinem gutmüthigen Geſichte, ſei⸗ nem einfachen Benehmen und ſeinem zu Berge ſtehen⸗ den Haare, ſo ließ er, als er antwortete, ſeinen Ver⸗ dacht in einem Aufſchnellen ſeines ganzen Körpers, aber beſonders ſeiner Kehle fahren. „Ich bedaure das, Herr Traddles. Sie würden ihn gleich uns Allen bewundert haben. Seine kleinen Fehler würden ihn Ihnen nur theurer gemacht haben. Aber wenn Sie von meinem Geſchäftstheilhaber wollen beredſam ſprechen hören, ſo möchte ich Sie auf Kop⸗ perfield verweiſen. Die Familie iſt ein Gegenſtand, hin⸗ ſichtlich deſſen er ſehr ſtark iſt, wenn Sie ihn je gehört haben.“ 4 Ich wurde durch den Eintritt von Agnes, welche jetzt von Mr. Micawber hereingebracht wurde, verhin⸗ dert, das Compliment abzulehnen(wenn ich das über⸗ haupt gethan haben würde). Annes hatte ſich, wie es mir vorkam, nicht ganz ſo wie gewöhnlich in der Ge⸗ walt und hatte augenſcheinlich Angſt und Kummer ge⸗ litten. Aber ihre treuherzige Freundlichkeit und ihre ———ö—— 44 David Kopperfield. anſpruchsloſe Schönheit erglänzte darum nur in milde⸗ rem Lichte. Ich ſah, wie Uriah ſie beobachtete, während ſie uns begrüßte, und er erinnerte mich an einen häßlichen und rebelliſchen Genius, der einen guten Geiſt beobachtet. In der Zwiſchenzeit gaben ſich Mr. Micawber und Tradd⸗ les ein leiſes Zeichen, und Traddles ging, von Nie⸗ mand als mir bemerkt, hinaus. „Warten Sie nicht länger, Micawber,“ ſagte Uriah. Mr. Micawber ſtand, ſeine Hand an das Lineal in ſeiner Bruſt gelegt, aufgerichtet an der Thür und maß mit ſeinen Blicken in nicht mißzuverſtehender Weiſe einen ſeiner Mitmenſchen, und dieſer Menſch war ſein Brotherr. „Weshalb warten Sie noch?“ fragte Uriah.„Mi⸗ cawber, haben Sie nicht gehört, daß ich Sie nicht län⸗ ger warten hieß?“ „Ja,“ erwiederte der unbewegliche Micawber. „Warum warten Sie dann noch?“ fragte Uriah. „Nun, weil ich— kurz, weil ich Luſt habe,“ ent⸗ gegnete Mr. Micawber ausbrechend. Uriahs Wangen verloren ihre Farbe, und eine un⸗ geſunde Bläſſe, immernoch ein wenig angehaucht von einem vorübergehenden Roth, überzog ſie. Er blickte Mr. Micawber aufmerkſam an, wobei ſein ganzes Ge⸗ ſicht in jedem Zuge kurz und ſchnell athmete. „Sie ſind ein verbummelter Menſch, wie alle Welt weiß,“ ſagte er mit einem Verſuche, zu lächeln,„und ich fürchte, Sie werden mich zwingen, daß ich Sie fort⸗ jage. Gehen Sie Ihrer Wege! Ich werde bald mit Ihnen ſprechen.“ „Wenn es auf dieſer Erde einen Schurken giebt,“ erwiederte Micawber, mit der äußerſten Heftigkeit los⸗ David Kopperfield. 45 brechend,„mit dem ich bereits zu viel geſprochen habe, ſo iſt der Name dieſes Schurken— Heep!“ Uriah fuhr zurück, als ob er geſchlagen oder ge⸗ ſtochen worden ſei. Indem er ſich langſam unter uns umſah, und zwar mit dem finſterſten und boshafteſten Ausdrucke, deſſen ſein Geſicht fähig war, ſagte er mit leiſerer Stimme: „Oho! Das iſt eine Verſchwörung! Sie haben ſich auf Verabredung hier getroffen! Sie ſpielen mit meinem Schreiber unter einer Decke, nicht wahr, Kop⸗ perſteld? Na, nehmen Sie ſich in Acht. Sie werden damit zu nichts kommen. Wir verſtehen uns mit ein⸗ ander, Sie und ich. Es herrſcht zwiſchen uns keine Liebe. Sie waren ſtets ein großnäſiges Herrchen vom erſten Tage an, wo Sie hierher kamen, und Sie be⸗ neiden mich, daß ich in die Höhe komme, nicht wahr? Nichts iſt's mit Ihren Plänen gegen mich, ich werde Ihnen eine Gegenmine legen. Micawber, fort mit Ih⸗ nen. Ich werde ſogleich mit Ihnen ſprechen.“ „Herr Micawber,“ ſagte ich,„bei dieſem Menſchen hat ein plöͤtzlicher Wechſel ſtattgefunden, und zwar in mehr als der einen Beziehung, daß er außergewöhn⸗ licher Weiſe in einem Punkte ein Mal die Wahrheit ſpricht, was mir die Verſicherung giebt, daß er uns nicht entſchlüpfen kann. Verfahren Sie mit ihm, wie er's verdient.“ „Sie ſind eine koſtbare Sorte Leute, wahrhaftig?“ ſagte Uriah in demſelben gedämpften Tone und indem er in eine dunſtige Hitze ausbrach, die er ſich mit ſei⸗ ner langen magern Hand von der Stirn wiſchte,„mei⸗ nen Schreiber zu beſtechen, welcher ein wahrer Auswurf der Geſellſchaft iſt,— wie Sie es ja auch waren, wiſſen Sie, Kopperfield, ehe ſich Jemand über ſie erbarmte— 46 David Kopperfield. daß er mich durch ſeine Lügen um meinen Ruf bringt. Fräulein Trotwood, Sie thäten beſſer, hier Halt zu ſagen, oder ich werde zu Ihrem Herrn Gemahl eher Halt ſagen, als es Ihnen angenehm ſein wird. Ich mag auf dem Geſchäftswege durchaus nichts von Ihrer Geſchichte hören, alte Dame. Fräulein Wickfield, wenn Sie irgendwie Liebe zu Ihrem Vater haben, ſo thäten Sie beſſer, ſich hier nicht einzumiſchen. Ich werde ihn zu Grunde richten, wenn ich anfange. Nun heran mit Euch! Ich habe etliche von Euch unter der Harke. Ueber⸗ legt's Euch zwei Mal, ehe ſie über Euch weggeht. Ueber⸗ legen Sie ſich's zwei Mal, Micawber, wenn Sie nicht ganz zu Schanden werden wollen. Ich rathe Ihnen, ſich Ihrer Wege zu ſcheren und zu erwarten, daß ich bald mit Ihnen reden werde, Sie Narr, ſo lange es es noch Zeit zum Rückzuge iſt. Wo iſt Mutter?“ ſagte er, indem er plötzlich die Abweſenheit von Tradd⸗ les zu bemerken ſchien und die Klingelſchnur niederzog. „Schöne Geſchichten das in eines Mannes eignem Hauſe?“ „Madame Heep iſt hier, mein Herr,“ ſagte Tradd⸗ les, mit dieſer trefflichen Mutter eines trefflichen Soh⸗ nes zurückkehrend.„Ich habe mir die Freiheit genom⸗ men, mich ihr bekannt zu machen.“ „Wer ſind Sie, daß Sie ſich bekannt machen?“ fuhr ihn Uriah an.„Und was haben Sie hier zu ſuchen?“ „Ich bin der Agent und Freund des Herrn Wick⸗ ſield, mein Herr,“ verſetzte Traddles in der trocknen, ruhigen Weiſe eines Geſchäftsmannes.„Und ich habe eine Vollmacht von ihm in der Taſche, für ihn in allen Dingen zu verfahren.“ „Der alte Eſel hat ſich in einen Zuſtand der Al⸗ ⁸½ 8 3 8 8 G E PF — N u — α⏑☛ d David Kopperfield. 47 bernheit hineingeſoffen,“ ſagte Uriah, noch häßlicher wer⸗ dend als zuvor,„und man hat es ihm durch Betrug abgewonnen.“ „Etwas iſt ihm meines Wiſſens durch Betrug ab⸗ gewonnen worden,“ entgegnete Traddles ruhig;„das wiſſen auch Sie, Herr Heep. Wir wollen dieſe Frage mit Ihrer Erlaubniß Herrn Micawber zur Beantwor⸗ tung überweiſen.“ „Urichen!“ begann Mrs. Heep mit einer ängſtlichen Geberde. „Halt's Maul, Mutter,“ erwiederte er;„je we⸗ niger man ſpricht, deſto beſſer man ſich vertheidigt.“ „Aber, mein liebſtes Urichen—“ „Wirſt Du gleich das Maul halten, Mutter, und es mir überlaſſen?“ Obſchon ich längſt erkannt hatte, daß ſeine Unter⸗ thänigkeit eine falſche und alle ſeine Vorſpiegelungen ſchurkiſch und hohl waren, hatte ich doch keine Vorſtel⸗ lung davon gehabt, wie weit ſich ſeine Heuchelei er⸗ ſtrecke, bis ich ihn jetzt mit abgenommener Maske ſah. Die Plötzlichkeit, mit welcher er ſie fallen ließ, als er merkte, daß ſie ihm nichts mehr nutzte; die Bosheit, die Unverſchämtheit und der Haß, den er offenbarte; die grimmige Luſt, mit welcher er ſelbſt in dieſem Augen⸗ blicke über das Böſe jubelte, das er gethan— wobei er doch zugleich in Verzweiflung und mit ſeiner Schlauig⸗ keit, mit der er uns überliſtet, zu Ende war— über⸗ raſchten, obwohl ſie mit meiner Erfahrung von ihm vollkommen übereinſtimmten, zuerſt ſelbſt mich, der ihn ſo lange gekannt und ſo von Herzen gehaßt hatte. Ich ſage nichts von dem Blicke, den er mir zuwarf, als er daſtand und uns Eines nach dem Andern anſah; denn ich hatte ſtets begriffen, daß er mich haßte, und — 48 David Kopperfield. ich erinnerte mich der Merkmale, die meine Hand auf ſeiner Wange zurückgelaſſen. Aber als ſeine Augen weiter, auf Agnes gingen und ich die Wuth ſah, mit der er fühlte, wie ſeine Gewalt über ſie ihm entſchlüpfte, und bemerkte, wie die gehäſſigen Leidenſchaften, die ihn vermocht, auf ein Mädchen Anſpruch zu machen, deren Tugenden er nicht im Geringſten zu ſchätzen vermochte, jetzt, wo ihr Ziel ihnen entrückt war, hervortraten, erſchrack ich bei dem bloßen Gedanken, daß ſie auch nur eine Stunde innerhalb des Geſichtskreiſes ſolch eines Men⸗ ſchen gelebt haben könnte. Nachdem er den untern Theil ſeines Geſichts ein Weil⸗ chen gerieben und uns eine Weile mit jenen boshaften Augen über ſeinen widerlichen Fingern angeſehen hatte, wandte er ſich, halb weinerlich, halb höhniſch noch ein Mal an mich. „So glauben Sie es alſo rechtfertigen zu können, Kopperfield, Sie, der ſich auf ſeine Ehrenhaftigkeit und Alles, was drum und dran hängt, ſo groß thut, daß Sie mein Haus umſchleichen und mit meinem Schreiber Ränke ſpinnen? Wenn ich es geweſen wäre, würde ich mich nicht gewundert haben; denn ich gebe mich nicht für einen nobeln Herrn aus(obſchon ich mich niemals als Straßenbube herumtrieb, wie Sie es nach Micaw⸗ bers Mittheilung thaten), aber daß Sie es ſind!— Und Sie ſcheuen ſich nicht, dies zu thun? Sie denken nicht im Geringſten daran, was ich zur Vergeltung thun werde, oder daß Sie ſich Unbequemlichkeiten zuziehen werden als Einer, der ſich gegen ſeine Mitbürger ver⸗ ſchwört! Sehr wohl! Wir werden ſehen! Herr So und So, Sie da, Sie ſtanden im Begriffe, dem Mi⸗ cawber die Beantwortung einer Frage zuzuweiſen. Da ſteht der Menſch, der ſie beantworten wird. Warum David Kopperfield. 49 laſſen Sie ihn nicht ſprechen? Ich ſehe, er hat ſeine Lection gelernt.“ Da er ſah, daß das, was er geſagt, keine Wir⸗ kung auf mich oder irgend Jemand von uns hatte, ſetzte er ſich auf die Kante ſeines Tiſches, ſteckte die Hände in die Taſchen, ſchlang einen ſeiner windſchiefen Füße um das andere Bein und wartete tückiſch der Dinge, die da kommen ſollten. Mr. Micawber, deſſen Ungeſtüm ich bis jetzt mit der größten Schwierigkeit zurückgehalten hatte, und der ihm wiederholt mit der erſten Sylbe des Wortes Schur⸗ke, ohne bis zur zweiten zu gelangen, dazwi⸗ ſchen gefahren war, brach jetzt los, zog das Lineal, augenſcheinlich als Vertheidigungswaffe, aus der Bruſt und nahm aus ſeiner Taſche ein Document auf Kanzlei⸗ papier, das wie ein großer Brief zuſammengebrochen war. Dieſes Packet mit ſeiner alten wichtigen Miene aufmachend und den Inhalt überblickend, als ob er ſich einer künſtleriſchen Bewunderung ſeines Styles und ſei⸗ ner Zuſammenſtellung überließe, begann er zu leſen, wie folgt: „Liebe Fräulein Trotwood und Sie, meine Her⸗ ren—“ „Gott ſtärke den Mann und erhalte ihn bei ge⸗ ſunden Sinnen!“ rief meine Tante mit leiſer Stimme aus.„Der würde ein Ries Papier auf ſeinen Brief verwenden, wenn es ein großes Vergehen wäre.“ Mr. Micawber fuhr ohne ſie zu hören fort. „Indem ich vor Ihnen erſcheine, um wahrſcheinlich den ausgeſuchteſten Schurken zu verklagen, der je exiſtirt hat“, Mr. Micawber wies hier, ohne von dem Briefe aufzublicken, mit dem Lineale wie mit einem Zauber⸗ ſtabe auf Uriah Heep,„bitte ich, auf mich nicht Rück⸗ David Kopperſield. IX. 4 50 David Kopperfield. ſicht zu nehmen. Von meiner Wiege auf das Opfer pekuniärer Verpflichtungen, denen ich nachzukommen außer Stande war, bin ich allezeit der Spielball er⸗ niedrigender Umſtände geweſen. Schande, Mangel, Verzweiflung, Wahnſinn ſind entweder alleſammt oder einzeln die Begleiter meiner Laufbahn geweſen.“ Der Luſt, mit welcher Mr. Micawber ſich ſelbſt als eine Beute dieſer traurigen Widerwärtigkeiten beſchrieb, kam nur die Salbung, mit welcher er ſeinen Brief las, und die Art von Huldigung gleich, welche er demſelben überall, wo er einen Satz recht ſcharf ausgeprägt zu haben meinte, durch ein Neigen ſeines Kopfes erwies. „In einem Zuſtande, wo Schande, Mangel, Ver⸗ zweiflung und Wahnſinn ſich bis zum Aeußerſten ge⸗ ſteigert, trat ich in die Expedition— oder wie unſer lebhafter Nachbar, der Gallier, es bezeichnen würde, das Bureau— der Firma ein, welche dem Namen nach unter der Benennung Wickfield und— Heep geführt, in Wirklichkeit aber von— Heep allein re⸗ giert wird. Heep und nur— Heep iſt die Triebfeder dieſer Maſchine. Heep und nur— Heep iſt der Fäl⸗ ſcher und Betrüger.“ Uriah, der bei dieſen Worten mehr blau als weiß ausſah, fuhr jetzt auf den Brief los, als wollte er ihn in Stücke reißen. Mr. Micawber mit wahrhaft wunderbarem Geſchick oder Glück, traf ihn auf ſeine ſich nähernden Knöchel mit dem Lineal und ſchlug ihm die rechte Hand zu Schanden. Sie ſank vom Gelenke an herab, als ob ſie zerbrochen wäre. Der Hieb klang, als wäre er auf Holz gefallen. „Der Teufel hole Sie!“ ſagte Uriah, indem er ſich in einer neuen Art vor Schmerz wand.„Ich werd' es Ihnen ſchon auch noch eintränken.“ David Kopperfield. 51 „Kommen Sie mir noch ein Mal zu nahe, Sie— Sie— Sie Heep voller Schandbarkeit,“ keuchte Mr. Micawber,„und wenn Ihr Kopf der eines Menſchen iſt, werd' ich ihn Ihnen einſchlagen. Heran denn, heran!“ Ich glaube, ich habe nie etwas Lächerlicheres geſe⸗ hen— deſſen war ich mir ſelbſt zu dieſer Zeit be⸗ wußt— als Mr. Micawber, der mit dem Lineal wie mit einem Dragonerſäbel um ſich hieb und„Heran denn!“ ſchrie, während Traddles und ich ihn in einen Winkel zurückſchoben, aus dem er, ſo oft wir ihn hin⸗ eingebracht, hartnäckig wieder hervorkam. Sein Gegner murmelte mit ſich ſelbſt, zog ſich, nachdem er ſeine verwundete Hand eine Zeit lang ge⸗ rungen hatte, langſam ſein Halstuch ab und verband ſte, dann hielt er ſie in der andern Hand und ſetzte ſich, ſein finſteres Geſicht dem Boden zugekehrt, auf ſeinen Tiſch. Mr. Micawber fuhr, als er ſich hinreichend abge⸗ kühlt, mit ſeinem Briefe fort. „Die Emolumente, in Betracht deren ich in die Dienſte von— Heep trat,“— er hielt vor dieſem Namen ſtets inne und ſtieß ihn dann mit ſtaunens⸗ werther Kraft hervor,„gingen nicht über den geringen Lohn von zweiundzwanzig Schilling ſechs Pence die Woche hinaus. Ein Weiteres wurde abhängig gemacht von dem Maße meiner Leiſtungen im Geſchäfte oder, in andern und deutlichern Worten, von der Schlechtig⸗ keit meiner Natur, der Gier meiner Beweggründe, der Armuth meiner Familie, überhaupt von der ſittlichen (oder vielmehr unſittlichen) Aehnlichkeit zwiſchen mir und— Heep. Brauche ich wohl zu ſagen, daß ich mich bald in die Nothwendigkeit verſetzt ſah, mir von 4*½ David Kopperfield. 53 niſchen Aera auszeichnet, bemerkt, noch iſt Schlimmeres übrig.“ Mr. Micawber war über dieſe glückliche Abrundung mit einem Citate ſo entzückt, daß er unter dem Vor⸗ wande, die Stelle verloren zu haben, ſich und uns den Genuß eines nochmaligen Vortrags dieſes Satzes verſchaffte. „Es iſt nicht meine Abſicht,“ fuhr er weiter leſend fort,„innerhalb des Bereichs der gegenwärtigen Epi⸗ ſtel auf eine ins Einzelne eingehende Liſte der verſchie⸗ denen ſchlechten Streiche von geringerem Belang gegen die Perſon, die ich mit Herr W. bezeichnete— Streiche, denen ich durch Schweigen beigeſtimmt habe— mich zu beziehen, obwohl eine ſolche Liſte anderswo bereit liegt. Meine Abſicht, als der Streit in meinem Innern zwiſchen Lohn und keinem Lohn, Brot und keinem Brot, Leben und Nicht⸗Leben aufhörte, war, mich der mir gebotenen Gelegenheiten zur Entdeckung und Auseinanderſetzung der größern Schlechtigkeiten, welche mit dem ſchmählichſten Unrechte gegen jenen Herrn von— Heep begangen worden, zu bedienen. Angetrieben von jenem ſchweigenden Mahner in meinem Innern und durch einen nicht weniger rührenden und angelegentlichen Mahner in der Außenwelt,— den ich kurz als Fräulein W. bezeichnen will— machte ich mich an die nicht müheloſe Arbeit peinlicher Nachfor⸗ ſchung, die ſich jetzt nach meinem beſten Glauben, Wiſ⸗ ſen und Gewiſſen über eine Periode von mehr als zwoͤlf Kalendermonaten erſtreckt.“ Er las dieſe Stelle, als ob ſie aus einer Parlia⸗ mentsakte wäre, und ſchien von dem Klange der Worte mächtig erquickt zu ſein. „Meine Anklagen gegen— Heep,“ las er weiter 54 David Kopperfield. mit einem Blicke auf ihn, und indem er ſich das Li⸗ neal in eine paſſende Lage unter ſeinem linken Arm zog, im Falle er es nöthig haben ſollte,„ſind fol⸗ gende.“ Wir Alle hielten, glaube ich, unſern Athem an. Ich bin überzeugt, auch Uriah hielt den ſeinen an. „Zuerſt,“ ſagte Mr. Micawber,„als Herrn W. s Verſtand und Gedächtniß durch Urſachen, auf die hier einzugehen für mich weder eine Nothwendigkeit vorliegt, noch die Zeit paſſend iſt, geſchwächt und geſtört wur⸗ den, verwirrte und verwickelte— Heep alle geſchäft⸗ lichen Angelegenheiten. Wenn Herr W. am wenigſten geſchickt war, ſich mit einem Geſchäfte zu befaſſen, war — Heep ſtets bei der Hand, ihn zu zwingen, ſich damit zu befaſſen. Er erlangte Herrn W.s Unterſchrift unter ſolchen Umſtänden zu Documenten von Wichtig⸗ keit, die er ihm als andere, unwichtige Documente vor⸗ legte. Er verleitete Herrn W. ſo zum Beiſpiel, ihm Vollmacht zu ertheilen, eine Summe anvertrauten Gel⸗ des, die ſich auf zwölftauſend ſechshundert vierzehn Pfund, neun Schillinge, ſechs Pence belief, zu ziehen und dieſelbe auf Bezahlung von Anſprüchen an's Ge⸗ ſchäft oder Erſetzung fehlender Gelder zu verwenden, für die entweder ſchon geſorgt oder an denen überhaupt nichts Wahres war. Er gab dieſem Verfahren überall den Anſtrich, als liege die Urfache davon in Herrn Wes eigner unehrenhafter Abſicht, und als ſei es durch Herrn W.s eignes unehrenhaftes Handeln durchgeführt worden, und hat es die ganze Zeit daher benutzt, ihn zu quälen und unter ſein Joch zu beugen.“ „Das ſollen Sie mir beweiſen müſſen, Kopper⸗ field!“ ſagte Uriah mit einem drohenden Schütteln ſei⸗ nes Kopfes.„Alles zu ſeiner rechten Zeit.“ —,.,.— David Kopperfield. 55 „Fragen Sie— Heep, Herr Traddles, wer in ſeinem Hauſe nach ihm wohnte,“ fuhr Mr. Micawber fort, indem er von ſeinem Briefe abbrach,„wollen Sie ſo gut ſein?“ „Die Narrheit in eigner Perſon, und ſie wohnt noch dort,“ verſetzte Uriah verächtlich. „Fragen Sie— Heep, ob er in dieſem Hauſe je ein Taſchenbuch hielt,“ ſagte Mr. Micawber,„wol⸗ len Sie ſo gut ſein?“ Ich ſah, wie Uriahs dürre Hand mit dem Kratzen ſeines Kinnes unwillkürlich innehielt. „Oder fragen Sie ihn,“ ſagte Mr. Micawber,„ob her dort je eines verbrannt hat. Wenn er Ja ſagt und Sie fragt, wo die Aſche iſt, ſo verweiſen Sie ihn auf Wilkins Micawber, und er wird etwas hören, was durchaus nicht zu ſeinen Gunſten ſpricht.“ Der triumphirende Schwung, mit dem Mr. Mi⸗ cawber ſich dieſer Worte entledigte, hatte eine mächtig ängſtigende Wirkung auf die Mutter, welche in großer Aufregung ſchrie: „Urichen, Urichen! Sei demüthig und vergleiche Dich, mein Liebling!“ „Mutter,“ fuhr er ſie an,„wirſt Du gleich ruhig ſein? Du fürchteſt Dich und weißt nicht, was Du redt'ſt oder meinſt. Demüthig!“ wiederholte er, indem er mich anſah, brummend,„ich habe mit meiner De⸗ muth vor einer ziemlich langen Zeit mehrere von ihnen gedemüthigt.“ Mr. Micawber ſchob mit vornehmer Miene ſein Kinn in ſeiner Halsbinde zurecht und fuhr dann in ſeinem Aufeſatze fort: „Zweitens hat— Heep bei mehreren Gelegenheiten nach meinem beſten Glauben, Wiſſen und Gewiſſen—“ 56 David Kopperfield. „Aber damit kommt er nicht durch,“ murmelte Uriah erleichtert.„Mutter, Du bleibſt ruhig.“ „Wir werden uns bemühen, etwas herbeizuſchaffen, womit wir durchkommen, und was Ihnen ſehr bald das Maul für immer ſtopfen wird,“ erwiederte Mr. Micawber. „Zweitens. Heep hat bei mehreren Gelegenheiten nach meinem beſten Glauben, Wiſſen und Gewiſſen unter verſchiedenen Eingängen, Büchern und Documen⸗ ten die Namensunterſchrift des Herrn W. ſyſtematiſch gefälſcht und ganz entſchieden ſo gethan in einem Falle, den ich beweiſen kann. Videlicet, in folgender Weiſe, das heißt—“ Wieder erquickte ſich Mr. Micawber mit dieſem förmlichen Aufſtapeln von Worten, welches, wenn auch in dieſem Falle in lächerlicher Weiſe geübt, doch, wie ich ſagen muß, durchaus nicht blos ihm eigenthümlich war. Ich habe es im Laufe meines Lebens bei ſehr vielen Menſchen beobachtet. Es ſcheint mir eine allge⸗ meine Regel zu ſein. Beim Schwören von Eiden vor Gericht zum Beiſpiel ſcheinen Leute, die ſie ablegen, ſich mächtig zu ergötzen, wenn ſie zu einer Aufeinanderfolge mehrerer guter Worte gelangen, die einen einzigen Be⸗ griff ausdrücken, z. B. daß ſie auf jede Weiſe haſſen, verabſcheuen und abſchwören und ſo fort, und die alten Anathemas wurden nach demſelben Erfahrungsſatze mit großer Selbſterquickung ausgeſprochen. Wir reden von der Tyrannei der Worte, aber wir tyranniſiren auch ſie gern; wir freuen uns, einen überflüſſigen Vorrath von Worten zu haben, die uns bei wichtigen Gelegenheiten ihre Dienſte leiſten, wir meinen, es ſieht großartig aus und klingt gut. Wie wir uns nicht ſehr um die Be⸗ deutung unſerer Livreen bei Staatsangelegenheiten küm⸗ . David Kopperfield. 57 mern, wenn ſie nur ſchön und zahlreich genug ſind, ſo iſt die Bedeutung und Nothwendigkeit unſerer Worte nur eine Sache von zweiter Wichtigkeit, wenn wir nur eine recht große Parade mit denſelben machen können. Und wie es Leute giebt, welche ſich durch ein zu großes Paradiren mit Livreen in Schulden ſtecken, oder wie Scla⸗ ven, wenn ſie zu zahlreich ſind, ſich gegen ihre Herren erheben, ſo glaube ich eine Nation nennen zu können, die ſich in viele große Verlegenheiten geſtürzt hat und in viele noch größere gerathen wird, weil ſie einen zu reichlichen Vorrath von Worten anwendet. Mr. Micawber las weiter, indem er faſt mit den Lippen ſchmatzte: „Videlicet, in folgender Weiſe, das heißt. Da Herr W. nicht recht wohl war und es in den Grenzen der Wahrſcheinlichkeit lag, daß ſein Tod zu gewiſſen Entdeckungen führen könnte und zum Sturze von— Heeps Gewalt über die Familie W.— wie ich, der Unterzeichnete, Wilkins Micawber, annehme— wofern die kindliche Liebe ſeiner Tochter nicht insgeheim ver⸗ anlaßt werden könnte, ihre Erlaubniß zu verſagen, daß die Verhältniſſe der beiden Geſchäftstheilhaber einer Un⸗ terſuchung unterworfen würden, ſo erachtete es der be⸗ ſagte— Heep für angemeſſen, eine Schuldverſchreibung bereit zu haben, als ob ihm dieſelbe von Herrn W. ausgeſtellt ſei über die vorerwähnte Summe von zwölf⸗ tauſend ſechshundert vierzehn Pfund, zwei Schillinge, neun Pence, mit Intereſſen, in welcher es hieß, die Summe ſei von— Heep dem Herrn W. oorgeſchoſ⸗ ſen worden, um Herrn W. vor Schande zu retten, obſchon die Summe in Wahrheit nie von ihm vorge⸗ ſchoſſen worden und längſt zurückerſtattet iſt. Die Un⸗ terſchriften bei dieſem Inſtrumente, welches von Herrn W. 58 David Kopperfield. vollzogen und von Wilkins Micawber atteſtirt ſein ſollte, ſind Fälſchungen von— Heep. Ich habe in meinem Beſitz von ſeiner Hand und in ſeinem Taſchenbuche verſchiedene ähnliche Nachahmungen von Herrn W. s Unterſchrift, hier und da durch Feuer angegriffen, aber Jedermann lesbar. Ich habe niemals ſolch ein Docu⸗ ment atteſtirt. Und ich habe das Document ſelbſt in meinem Beſitz.“ Uriah Heep fuhr in die Höhe, nahm aus ſeiner Taſche ein Schlüſſelbund und öffnete eine gewiſſe Schub⸗ lade, dann überlegte er ſich plötzlich, worüber er aus ſei, und wendete ſich wieder uns zu, ohne hineinzu⸗ ſehen. „Und ich habe das Document,“ las Mr. Micaw⸗ ber weiter, wobei er ſich umſah, als ob es der Text einer Predigt ſei,„in meinem Beſitz— das heißt, ich hatte es dieſen Morgen in der Frühe, als dies geſchrie⸗ ben wurde, habe es aber jetzt Herrn Traddles über⸗ geben.“ „Das iſt vollkommen richtig,“ beſtätigte Traddles. „Urichen, Urichen, ſei demüthig und vergleiche Dich mit den Herren,“ ſchrie die Mutter.„Ich weiß, meine Herren, mein Sohn wird ſich demüthigen, wenn Sie ihm nur Zeit laſſen wollen. Herr Kopperfield, Sie wiſſen wahrhaftig, daß er immer ſehr demüthig war.“ Es war ein eigenthümlicher Anblick, wie die Mut⸗ ter immernoch an dem alten Kniffe feſthielt, wo der Sohn ihn längſt als nutzlos abgelegt hatte. „Mutter,“ ſagte er, ungeduldig in das Tuch bei⸗ ßend, in das ſeine Hand gewickelt war,„Du thäteſt beſſer, wenn Du'ne geladene Flinte nähmſt und mich vor den Kopf ſchöſſeſt.“ „Aber ich habe Dich ja lieb, Urichen,“ ſchrie Mrs. David Kopperfield. 59 Heep. Und ich zweifle nicht, daß dies der Fall, oder, daß er ſie liebte, wie ſonderbar das auch erſcheinen mag; obwohl ſie andererſeits freilich ein gleichgeartetes Paar waren.„Und ich kann es nicht dulden, daß Du die Herren herausforderſt und Dich immer mehr in Gefahr bringſt. Ich ſagte dem Herrn gleich zuerſt, als er mir oben erzählte, daß es an den Tag gekommen wäre,— da ſagte ich ihm, wie ich mich dafür verbürgen wollte, daß Du demüthig ſein und Beſſerung verſprechen wür⸗ deſt. Oh, ſehen Sie, meine Herrens, wie demüthig ich bin, und denken Sie nicht an ihn.“ „Ei, da iſt der Kopperfield, Mutter,“ fuhr er ſie ärgerlich an, indem er mit ſeinem dürren Finger auf mich zeigte, auf den, als den oberſten Anſtifter der Ent⸗ deckung, alle Seine Wuth ſich concentrirte, und ich trug keine Sorge, ihm ſeinen Irrthum zu benehmen;„da iſt der Kopperfield, der würde Ihnen hundert Pfund gegeben haben, daß Sie weniger geſagt hätten, als Sie herausgeſchwatzt haben.“ „Ich kann mir nicht helfen, Urichen,“ ſchrie ſeine Mutter.„Ich kann's nicht ſehen, wie Du in Gefahr rennſt, dadurch, daß Du den Kopf ſo hoch trägſt. Sei lieber demüthig, wie Du ſtets warſt.“ Er war ein Weilchen ſtill und biß auf das Hals⸗ tuch, und dann ſagte er zu mir mit finſterm Blicke: „Was haben Sie noch vorzubringen? Wenn's noch irgendwas giebt, heraus damit. Was ſehen Sie mich ſo an?“ Mr. Micawber nahm ſogleich ſeinen Brief wieder vor, nur zu froh, zu einem Geſchäfte zurückkehren zu können, das ihm ſo hohe Befriedigung gewährte. „Zum Dritten und Letzten. Ich bin jetzt im Stande, zu zeigen, durch— Heeps falſche Bücher, durch— 60 David Kopperfield. Heeps wirkliche Memoranda, die mit dem theilweiſe zer⸗ ſtörten Taſchenbuche beginnen(welches ich zur Zeit ſei⸗ ner zufälligen Entdeckung durch Madame Micawber, als wir von unſerer gegenwärtigen Wohnung Beſitz nah⸗ men, wo es ſich in dem der Aufnahme der auf unſerm häuslichen Herde ealeinirten Aſche gewidmeten Kaſten oder Behälter fand, nicht zu verſtehen vermochte), daß die Schwächen, die Fehler, ja ſelbſt die Tugenden, die väterliche Zuneigung und das Ehrgefühl des unglück⸗ lichen Herrn W. Jahre lang in jeder nur erdenklichen Weiſe betrogen und geplündert worden ſind, um das pekuniäre Emporkommen des geizigen, falſchen und hab⸗ gierigen— Heep zu fördern. Daß der einzige und allei⸗ nige Zweck dieſes— Heep außer ſeiner Gewinnſucht der war, Herrn und Fräulein W. Gon ſeinen End⸗ abſichten hinſichtlich der letzteren ſage ich nichts) ganz unter ſich zu bekommen. Daß ſeine letzte Handlung, erſt vor ein paar Monaten vollführt, die war, Herrn W. zu verleiten, daß er ein Document vollzog, worin er ihm ſeinen Antheil an dem Geſchäfte abtrat und ihm ſogar einen Wechſel auf das Möblement des Hauſes ausſtellte gegen ein gewiſſes Jahrgehalt, das ihm von — Heep an den vier Quatembern eines jeglichen Jah⸗ res richtig und getreulich gezahlt werden ſollte. Daß dieſe Umgarnungen, welche mit beängſtigenden und ver⸗ fälſchten Berichten über den Vermögenſtand des Herrn W. zu einer Zeit, wo Herr W. ſich in unkluge und übelbeurtheilte Speculationen eingelaſſen hatte und das Geld nicht gehabt haben mag, für das er moraliſch und geſetzlich verantwortlich war, begonnen wurden; mit ſchein⸗ baren Aufnahmen von Geld zu ungeheuren Zinſen— die aber in der Wirklichkeit von— Heep kamen und von — Heep betrügeriſcher Weiſe dem Herrn W. ſelbſt unter — —e David Kopperfield. 61 dem Vorwande ſolcher Speculationen oder anderswie abgenommen oder vorenthalten worden waren, fortge⸗ ſponnen wurden; durch eine mannichfaltige Aufeinan⸗ derfolge gewiſſenloſer Kniffe und Schliche weiter geför⸗ dert und allmählig enger zuſammengezogen wurden, bis der unglückliche Herr W. die Welt vor dem ihn um⸗ ſtrickenden Netze nicht mehr ſehen konnte. Den Ban⸗ kerott, wie er glaubte, in ſeinen Verhältniſſen, in jeg⸗ licher Hoffnung und an ſeiner Ehre vor der Thür, verließ er ſich einzig und allein auf das Ungeheuer in Geſtalt eines Menſchen“— Mr. Micawber ſprach dies als eine neue Wendung im Ausdruck mit gewichtiger Betonung —„welches, indem es ſich ihm unentbehrlich gemacht, ſeinen Untergang herbeigeführt hatte. Alles dieſes un⸗ ternehme ich zu beweiſen. Ja wahrſcheinlich noch viel mehr.“ Ich flüſterte Agnes, welche an meiner Seite Thrä⸗ nen der Freude und des Kummers zugleich weinte, ei⸗ nige Worte zu; und es entſtand eine Bewegung unter uns, als ob Mr. Micawber fertig ſei. Er aber ſagte mit ungemeiner Würde:„Bitte um Entſchuldigung“ und fuhr mit einer Miſchung der tiefſten Niedergeſchla⸗ genheit und des höͤchſten Entzückens im Vortrage ſeines Briefes fort: „Ich habe jetzt geendet. Es bleibt mir nur noch übrig, dieſe Anklagen darzuthun und dann mit meiner von einem böſen Sterne verfolgten Familie aus der Gegend zu verſchwinden, in der wir überflüſſig zu ſein ſcheinen. Das iſt bald geſchehen. Man kann vielleicht mit Grund annehmen, daß unſer Säugling als das zarteſte Glied unſeres Kreiſes, zuerſt aus Mangel an Nahrung ſeinen Geiſt aushauchen wird, und daß ſodann unſere Zwillinge zunächſt folgen werden. So geſchehe 62 David Kopperfield. es! Was mich anbelangt, ſo hat meine Pilgerſchaft nach Canterbury viel gethan; Einkerkerung auf civil⸗ rechtliche Verfolgung hin, und Mangel werden bald das Weitere thun. Ich bin der Ueberzeugung, daß die Mühe und das Wagniß einer Nachforſchung— deren gering⸗ fügigſte Ergebniſſe unter dem Drucke ſchwerer Hinder⸗ niſſe, unter nagenden Aengſten um das fehlende Brot, unter dem wachſamen Auge Jemandes, den es über⸗ flüſſig ſein würde, einen Dämon zu nennen, langſam zu einem Ganzen zuſammengefügt wurden— verbun⸗ den mit dem Kampfe, den das Vaterherz des Armen kämpfte, ehe es ſich, als das Ganze vollendet war, ent⸗ ſchloß, es an den rechten Mann zu bringen, gleich der Spende einiger Tropfen ſüßen Waſſers auf meinen Schei⸗ terhaufen ſein werden. Ich verlange nicht mehr. Möge nur mit Recht von mir geſagt werden, wie dereinſt von einem kühnen und berühmten Seehelden, mit dem ich verglichen zu werden nicht anſpruchsvoll genug bin, daß ich, was ich gethan, nicht im Hinblicke auf Lohn oder ſelbſtſüchtige Zwecke, ſondern «Für England, Vaterland und Schönheit» gethan habe. Ich verbleibe u. ſ. w. u. ſ. w. Wilkins Micawber.“ Sehr gerührt, aber doch immernoch erquickt, faltete Mr. Micawber ſeinen Brief zuſammen und überreichte ihn mit einer Verbeugung meiner Tante, wie etwas, was ſie ſich vielleicht gern aufheben möchte. Es befand ſich, wie ich bei meinem erſten Beſuche vor langen Jahren bemerkt hatte, ein eiſerner Schrank in dem Zimmer. Der Schlüſſel ſteckte. Ein plötzlicher Verdacht ſchien Uriah zu überkommen, und mit einem Blicke auf Mr. Micawber ging er auf das Behältniß David Kopperfield. zu und warf die Thüren klirrend offen. Der Schrank war leer. „Wo ſind die Bücher?“ ſchrie er mit einem entſetzten Geſichte.„Irgend ein Dieb hat die Bücher geſtohlen.“ Mr. Micawber klopfte ihm mit dem Lineal auf die Schulter.„Ich that's, als ich mir den Schlüſſel von Ihnen wie gewöhnlich holte— nur ein Bischen zeiti⸗ ger— und öffnete den Schrank dieſen Morgen.“ „Machen Sie ſich keine Sorge,“ ſagte Traddles. „Sie ſind in meinen Beſitz gekommen. Ich werde ſte unter der Autorität, die ich vorhin erwähnte, ſicher be⸗ wahren.“ „Sie nehmen alſo geſtohlenes Gut an?“ ſchrie Uriah. „Unter ſolchen Umſtänden,“ entgegnete Traddles, „allerdings.“ 3 Wie ſehr erſtaunte ich aber, als ich ſah, wie meine Tante, welche in tiefem Schweigen aufmerkſam zugehört hatte, auf Uriah losfuhr und ihn mit beiden Händen beim Kragen packte. „Sie wiſſen, was ich haben will?“ fragte meine Tante. „Eine Zwangsjacke wohl?“ ſagte Uriah. „Nein. Mein Vermögen!“ entgegnete meine Tante. „Agnes, mein Herzchen, ſo lange ich glaubte, Dein Vater hätte es wirklich verſchleudert, wollte ich nicht eine Sylbe darüber verlieren, daß es hierher gegeben wor⸗ den war, um es anzulegen— und habe ich ſelbſt ge⸗ gen Trot, wie er weiß, nicht eine Sylbe verloren, mein Herzchen. Nun ich aber weiß, daß dieſer Kerl verant⸗ wortlich iſt, will ich's haben. Trot, komm und nimm es ihm weg!“ 5 Ob nun meine Tante für den Augenblick vermu⸗ thete, daß er ihr Vermögen in ſeinem Halstuche auf⸗ 64 David Kopperfield. bewahrte, weiß ich wahrhaftig nicht, abet ſicherlich zerrte ſte an demſelben, als ob ſie ſo dächte. Ich beeilte mich, zwiſchen die Beiden zu treten und ihr zu verſichern, wie wir Sorge tragen wollten, daß er Alles, was er ſich unrechtmäßig angeeignet, vollſtändig wiedererſtatte. Dieſe Erklärung und ein paar Augenblicke Nachdenken beru⸗ higten ſie; aber ſie war nicht im Mindeſten außer Faſ⸗ ſung gerathen bei dem, was ſie gethan(obwohl ich von ihrer Haube nicht ſo günſtig ſprechen kann) und nahm ruhig ihren Sitz wieder ein. Während der letzten Minuten hatte Mrs. Heep ihren Sohn winſelnd gebeten, demüthig zu ſein, war vor uns Allen nach der Reihe auf die Knie niedergefallen und hatte die tollſten Dinge verſprochen. Ihr Sohn drückte ſie jetzt nieder auf ſeinen Stuhl, und indem er finſtern Angeſichts neben ihr ſtand und ihren Arm, obwohl nicht gewaltſam, mit ſeiner Hand hielt, ſagte er zu mir mit einem grimmigen Blicke: „Was wollen Sie, das geſchehen ſoll?“ „Ich will Ihnen ſagen, was geſchehen muß,“ ver⸗ ſetzte Traddles. „Hat denn dieſer Kopperfield keine Zunge,“ mur⸗ melte Uriah.„Ich wollte Ihnen viel drum geben, wenn Sie mir, ohne zu lügen, ſagen könnten, daß Jemand ſie ihm aus dem Halſe geſchnitten hätte.“ „Mein Uriah will ſich demüthigen ,“ ſchrie ſeine Mutter.„Kümmern Sie ſich nicht um das, was er ſagt, gute Herren!“ „Was gethan werden muß, iſt Dieſes,“ ſagte Traddles.„Zuerſt muß die Abtretungsurkunde, von der wir gehört haben, mir jetzt hier auf der Stelle übergeben werden.“ „Geſetzt, ich hätte ſie nicht,“ unterbrach ihn Uriah. David Kopperfield. 65 „Aber Sie haben ſie,“ ſagte Traddles;„deshalb, wiſſen Sie, wollen wir nichts von Geſetzt den Fall» hören.“ Ich muß geſtehen, daß dies die erſte Gelegen⸗ heit war, wo ich dem klaren Kopfe und dem tüchtigen, geduldigen, praktiſchen Verſtande meines einſtigen Schul⸗ kameraden Gerechtigkeit widerfahren ließ.„Dann,“ fuhr Traddles fort,„müſſen Sie ſich bereit machen, Alles herauszugeben, deſſen ſich Ihre Raubgier bemächtigt hat, und den letzten Heller wiederzuerſtatten. Alle Bücher, alle Papiere des gemeinſchaftlichen Geſchäfts müſſen in unſerer Verwahrung bleiben, alle Ihre eignen Bücher und Papiere, alle Rechnungen und Schuldverſchreibun⸗ gen beiderlei Art. Kurz, Alles, was hier iſt.“ „So, iſt das nothwendig? Ich ſehe das nicht ein,“ ſagte Uriah.„Ich muß Zeit haben, mir's zu über⸗ legen.“ „Ganz richtig“ entgegnete Traddles,„aber inzwi⸗ ſchen, und bis Alles zu unſerer Zufriedenheit geordnet iſt, werden wir dieſe Dinge in unſern Händen behal⸗ ten und Sie bitten— oder kurz, Sie zwingen— Ihr Zimmer zu hüten und ſich mit Niemand in irgend eine Verbindung zu ſetzen.“ „Ich werd's nicht thun,“ ſagte Uriah mit einem Fluche. „Maidſtone Jail iſt ein ſichrerer Verwahrungsort,“ bemerkte Traddles,„und obſchon das Geſetz uns viel⸗ leicht langſamer zu unſerm Rechte verhelfen wird, und vielleicht nicht im Stande iſt, uns ſo vollkommen dazu zu verhelfen, als Sie können, ſo iſt doch nicht zu zwei⸗ feln, daß es Sie beſtrafen wird. Mein Gott, Sie wiſ⸗ ſen das ſo gut wie ich. Kopperfield, willſt Du wohl ein Mal nach der Guildhall gehen und ein paar Po⸗ lizeibeamte holen?“ David Kopperfield. IX. 5 66 David Kopperfield. Hier brach Mrs. Heep wieder aus, indem ſie auf ihren Knieen heulend Agnes bat, zu ihren Gunſten da⸗ zwiſchen zu treten, wobei ſie laut ausrief, daß ſie ſehr demüthig ſei, und es wäre Alles wahr, und wenn er nicht thäte, was wir wollten, ſo würde ſie's thun und noch viel mehr zu demſelben Zwecke; denn ſie war halb wahnwitzig aus Furcht für ihren Liebling. Zu fragen, was er gethan haben würde, wenn er nur einige Kühn⸗ heit beſeſſen hätte, würde daſſelbe ſein, wie wenn man fragen wollte, was ein Baſtard von einem Köter thun würde, falls er den Geiſt eines Tigers hätte. Er war ein Feigling vom Kopf bis zu den Füßen und zeigte ſeine memmenhafte Natur durch ſeine Niedergeſchlagen⸗ heit und tödtliche Verlegenheit ſo ſehr wie irgendwann in ſeinem gemeinen Leben. „Halt,“ knurrte er mich an und wiſchte ſich ſein heißes Geſicht mit ſeiner Hand.„Mutter, ſtill mit Dei⸗ nem Spektakel. Gut, laß ſie die Urkunde haben. Geh und hole ſie.“ „Helfen Sie ihr, Herr Dick,“ ſagte Traddles,„wenn Sie ſo gut ſein wollen.“ Stolz auf ſeinen Auftrag und denſelben verſtehend, begleitete Mr. Dick ſie, wie ein Schäferhund etwa ein Schaf begleitet. Aber Mrs. Heep machte ihm wenig Mühe; denn ſie kehrte nicht nur mit der Urkunde zu⸗ rück, ſondern zugleich mit der Schachtel, in der ſie war, in welcher wir ein Bankiersbuch und andere Papiere, die uns ſpäter von Nutzen waren, fanden. „Gut,“ ſagte Traddles, als dies gebracht war. „Nun, Herr Heep, können Sie ſich zuruckziehen, um ſich zu überlegen, wobei Sie gefälligſt beſonders ins Auge faſſen wollen, daß ich Ihnen von Seiten aller Anwe⸗ ſenden erkläre, wie nur Eins zu thun iſt, das heißt das, David Kopperfield. 67 was ich Ihnen auseinandergeſetzt habe, und wie dies ohne Zögern gethan werden muß.“ Uriah ſchlürfte, ohne ſeine Augen vom Boden zu erheben, quer über das Zimmer, die Hand an ſein Kinn gelegt, und indem er an der Thür ſtehen blieb, ſagte er: „Kopperfield, ich habe Sie ſtets gehaßt. Sie ſind ſtets ein Störenfried geweſen, und Sie ſind ſtets gegen mich geweſen.“ „Wie ich Ihnen ſchon ein Mal erklärt zu haben glaube,“ ſagte ich,„ſind Sie es, welcher in ſeiner Hab⸗ gier und Argliſt gegen alle Welt geweſen iſt. Es kann Ihnen vielleicht von Nutzen ſein, ſich ins Künftige zu überlegen, daß bis jetzt noch nie Habgier und Argliſt in der Welt waren, die nicht zu weit gegangen wä⸗ ren und ſich überſtürzt hätten. Das iſt ſo ſicher wie der Tod.“ „Oder ſo ſicher, als ſie uns in der Schule(der⸗ ſelben Schule, wo ich ſo viel Demuth auflas) von neun bis elf Uhr lehrten, daß Arbeit ein Fluch, und von elf bis um eins, daß ſie ein Segen und eine Freude und eine Ehre und ich weiß nicht, was ſonſt Alles noch ſei,“ ſagte er mit einem höhniſchen Grinſen.„Sie predigen ohngefähr ſo übereinſtimmend, als jene. Wird nicht die Demuth auf den Hund kommen? Ich würde meinen Geſchäftstheilnehmer ohne dieſelbe nicht ſo herum⸗ gekriegt haben, denke ich. Micawber, Sie altes Groß⸗ maul, ich will Sie ſchon noch kriegen.“ Mr. Micawber, der ihn und ſeinen ausgeſtreckten Finger mit einer höchſt geringſchätzigen Miene ange⸗ ſchaut und die Bruſt ſtolz herausgedrückt hatte, bis er zur Thür hinausgewankt war, wandte ſich dann an mich und bot mir das Vergnügen an,„Zeuge zu ſein von 5* in die Arme der Mrs. Micawber. David Kopperfield. der Wiederherſtellung des wechſelſeitigen Vertrauens zwi⸗ ſchen ihm und Mrs. Micawber“. Hierauf lud er die ganze Geſellſchaft zur Betrachtung dieſes rührenden Schau⸗ ſpiels ein. „Der Schleier, welcher lange zwiſchen mir und Ma⸗ dame Micawber eine Scheidewand gebildet hat, iſt jetzt zurückgezogen,“ ſagte Mr. Micawber,„und meine Kin⸗ der und der Urheber ihres Daſeins können miteinander wieder auf gleichem Fuße verkehren.“ Da wir ihm Alle ſehr dankbar waren und alle⸗ ſammt zu zeigen wünſchten, daß wir dies wären, ſo gut es die Unruhe und Verwirrung unſerer Gemüther erlauben wollte, ſo würden wir, glaub' ich, alle gegan⸗ gen ſein, wäre es für Agnes nicht nothwendig geweſen, zu ihrem Vater zurückzukehren, der bis jetzt noch nicht im Stande war, mehr als den dämmernden Schimmer der Hoffnung zu ertragen, und hätte nicht Jemand an⸗ ders zur ſichern Bewachung Uriahs zurückbleiben müſſen. So blieb denn Traddles zu letzterm Zwecke da, um ſich bald von Mr. Dick ablöſen zu laſſen, und Mr. Dick, meine Tante und ich gingen mit Mr. Micawber heim. Als ich eilig von dem lieben Mädchen ſchied, der ich ſo viel verdankte, und daran dachte, wovor ſie dieſen Mor⸗ gen vielleicht gerettet worden ſei— trotz ihres beſſern Entſchluſſes— fühlte ich demüthigen Dank für die Lei⸗ den meiner jüngern Tage, die mich die Bekanntſchaft Mr. Micawbers hatten machen laſſen. Sein Haus war nicht weit davon, und da die Haus⸗ thür ſich gleich in das Wohnzimmer öffnete und er ſich mit der allein ihm eignen Haſt hineinſtürzte, ſo befanden wir uns ſogleich an dem Buſen der Familie. Mr. Micawber warf ſich mit dem Ausrufe:„Emma, mein Leben!“ Mrs. Micawber — — David Kopperfield. 69 kreiſchte auf und ſchloß Mr. Micawber in ihre Arme. Miß Micawber, welche den unſchuldigen Fremdling aus Mr. Micawbers letzten Briefe an mich wartete, war tief gerührt. Der Fremdling hüpfte in die Höhe. Die Zwillinge bezeugten ihre Freude durch verſchiedene un⸗ paſſende, aber unſchuldige Demonſtrationen. Musje Micawber, deſſen Gemüthsart durch frühzeitig erlebtes Mißgeſchick verſauert zu ſein ſchien, und deſſen Anblick mürriſch geworden war, überließ ſich ſeinem beſſern Ge⸗ fühle und heulte, daß ihm die Backen ſchwollen. „Emma,“ ſagte Mr. Micawber,„die Wolke hat ſich von meinem Gemüthe erhoben. Wechſelſeitiges Ver⸗ trauen, einſt ſo lange zwiſchen uns bewahrt, iſt wie⸗ derhergeſtellt, um nie wieder eine Unterbrechung zu er⸗ leiden. Nun willkommen, Armuth!“ ſchrie Mr. Mi⸗ cawber, Thränen vergießend.„Willkommen Elend, will⸗ kommen Obdachsloſigkeit, willkommen Hunger, Lumpen, Sturm und Bettelſack! Wechſelſeitiges Vertrauen wird uns aufrecht erhalten bis ans Ende!“ Mit dieſen Ausrufungen ſetzte Mr. Micawber die Mrs. Micawber in einen Stuhl und umarmte die ganze Familie der Reihe nach, indem er eine Menge ſchlim⸗ mer Ausſichten willkommen hieß, welche, ſo gut ich zu urtheilen vermochte, ihnen eher alles Andere als will⸗ kommen waren, und indem er ſie aufforderte, hinaus⸗ zukommen in die Straßen von Canterbury und einen Chorus zu ſingen, da zu ihrer Erhaltung nichts Anderes übrig bliebe. Da aber Mrs. Micawber, von der Gewalt ihrer Gemüthsbewegungen übermannt, in Ohnmacht gefallen war, ſo war das Erſte, was zu thun war, ſelbſt ehe man den Chorus als vollzählig betrachten konnte, ſie wieder zu ſich zu bringen. Dies beſorgten meine Tante 70 David Kopperfield. und Mr. Micawber, und dann wurde meine Tante vor⸗ geſtellt, und Mrs. Micawber erkannte mich wieder. „Entſchuldigen Sie mich, lieber Herr Kopperfield,“ ſagte die arme Frau, mir ihre Hand gebend;„aber ich bin nicht ſtark, und die Entfernung des letzten Miß⸗ verſtändniſſes zwiſchen Mr. Micawber und mir war zu⸗ erſt zu viel für mich.“ „Iſt das Ihre ganze Familie, Madam,“ fragte meine Tante. „Es ſind gegenwärtig nicht mehr da,“ erwiederte Mrs. Micawber. „Guter Gott, ich meinte nicht das, Madam.„Ich meine, ob dieſe alle Ihnen gehören?“ „Madam,“ entgegnete Mr. Micawber,„das iſt eine richtige Vermuthung.“ „Und jener älteſte junge Herr,“ ſagte meine Tante nachdenkend.„Wozu iſt er erzogen worden?“ „Ich hoffte, als ich hierher kam,“ verſetzte Mr. Micawber,„Wilkins in die Kirche zu bringen, oder ich werde meine Meinung vielleicht genauer ausdrücken, wenn ich ſage, ins Chor. Aber es gab keine vacante Stelle für einen Tenor in dem ehrwürdigen Gebäude, wegen deſſen dieſe Stadt einen ſo gerechten Ruf hat, und er hat— nun kurz, er hat die Gewohnheit an⸗ genommen, in Wirthshäuſern, ſtatt in heiligen Gebäu⸗ den zu ſingen.“ „Aber er meint es gut,“ ſagte Mrs. Micawber zärtlich. „Ich möchte ſagen, meine Liebe,“ erwiederte Mr. Micawber,„daß er's ganz ungemein gut meint; aber ich habe noch nicht gefunden, daß er ſein Meinen aus⸗ gefuͤhrt, ſei es in welcher Richtung es wolle.“ Musje Micawbers trübſinniges Ausſehen kehrte wie⸗ David Kopperfield. 71 der, und er fragte mit einiger Heftigkeit, was er denn thun ſolle. Ob er etwa mehr als Zimmermann oder Kutſchenmaler geboren worden, als er als Vogel ge⸗ boren ſei? Ob er in die nächſte Straße gehen und einen Apothekerladen eröffnen könnte? Ob er zu den nächſten Aſſiſen rennen und ſich zum Advocaten auf⸗ werfen könnte? Ob er mit Gewalt in der Oper auf⸗ treten und ſich mit Gewalt Erfolge erringen könnte? Ob er irgend etwas thun könnte, ohne zu etwas auf⸗ erzogen zu ſein? Meine Tante dachte ein Weilchen nach, und dann ſagte ſie: „Herr Micawber, ich wundere mich, daß Sie noch nie an Auswanderung gedacht haben.“ „Madam,“ entgegnete Mr. Micawber,„es war der Traum meiner Jugend und das erfolgloſe Streben meiner reifern Jahre.“ Ich bin beiläufig durch und durch überzeugt, daß er in ſeinem ganzen Leben nicht daran gedacht hatte. „Ei gar,“ ſagte meine Tante mit einem Blicke auf mich.„Tauſend, wie gut würde es für Sie ſelber und ihre Familie ſein, Herr Micawber, wenn Sie jetzt auswandern wollten.“ „Kapital, Madam, Kapital!“ bemerkte Mr. Mi⸗ cawber trübſelig. „Das iſt die hauptſächlichſte, ich möchte ſagen, die einzige Schwierigkeit, mein lieber Herr Kopperfield,“ ſagte ſeine Frau beiſtimmend. „Kapital!“ ſchrie meine Tante.„Aber Sie leiſten uns einen großen Dienſt— oder haben uns einen großen Dienſt geleiſtet, möcht' ich ſagen; denn ſicherlich wird bei dem Feuer, das ſie angezündet haben, viel heraus⸗ kommen— und was könnten wir für Sie thun, das 72 David Kopperfield. halb ſo gut ſein würde, als ob das Kapital gefunden wäre?“ „Ich könnte es nicht als ein Geſchenk annehmen,“ ſagte Mr. Micawber voll Feuer und Leben,„aber wenn eine hinreichende Summe vorgeſtreckt werden könnte, etwa zu fünf Procent per annum, auf meine perſönliche Ver⸗ antwortlichkeit, etwa eine Schuldverſchreibung auf zwölf, achtzehn oder vierundzwanzig Monate, das heißt, um mir Zeit zu geben, daß ſich irgend etwas zum Beſten kehrt.“ „Werden könnte? Kann geſchehen und ſoll ge⸗ ſchehen nach Ihren eignen Bedingungen,“ entgegnete meine Tante,„wenn Sie nur ein Wort ſagen. Ueber⸗ legt Euch dies nun, Ihr Beiden. Da ſind einige Leute, die David kennt, im Begriffe, nach Auſtralien zu ge⸗ hen. Wenn Sie ſich entſchließen, zu gehen, warum ſollten Sie nicht in demſelben Schiffe gehen? Sie kön⸗ nen ſich einander helfen. Ueberlegen Sie ſich das, Herr und Madame Micawber. Nehmen Sie ſich Zeit, und erwägen Sie es wohl.“ „Es iſt nur eine Frage, meine gute Madame, die ich Sie fragen möchte,“ ſagte Mrs. Micawber.„Das Klima iſt, glaub' ich, geſund.“ „Das ſchönſte in der Welt!“ ſagte meine Tante. „Ganz recht,“ erwiederte Mrs. Micawber.„Dann kommt meine Frage. Nämlich, ſind die Zuſtände des Landes von der Art, daß ein Mann von Mr. Micaw⸗ bers Fähigkeiten gute Ausſichten hat, in der Geſell⸗ ſchaft emporzukommen? Ich will jetzt nicht gerade ſa⸗ gen, daß er Ausſicht haben könnte auf die Gouver⸗ neursſtelle oder irgend etwas der Art, aber würde ſich wohl eine annehmliche Gelegenheit zur Entwickelung ſei⸗ ner Talente finden— was voöͤllig hinreichend wäre— wo ſie ſich dann ſchon ſelbſt ausbreiten würden.“ David Kopperfield. 73 „Nirgends eine beſſere Gelegenheit,“ ſagte meine Tante,„für einen Mann, der ſich gut aufführt und 1 fleißig iſt.“ 1„Für einen Mann, der ſich gut aufführt,“ wieder⸗ holte Mrs. Micawber mit ihrer klarſten Geſchäftsmiene, „und fleißig iſt. Ganz richtig. Es iſt mir deutlich, daß Auſtralien die gehorige Sphäre des Handelns für Micawber iſt.“ „Ich hege die Ueberzeugung, meine liebe Madame,“ ſagte Mr. Micawber,„daß es unter obwaltenden Um⸗ ſtänden das Land, das einzige Land für mich und meine Familie iſt; und daß es ſich an dieſem Geſtade mit uns in außerordentlicher Weiſe zum Beſten kehren wird. Es iſt vergleichsweiſe nicht ſehr weit, und ob⸗ ſchon Ihr freundliches Anerbieten Ueberlegung verdient, verſichere ich Ihnen doch, daß dies eine bloße Form⸗ ſache iſt.“ Werde ich je vergeſſen, wie er in einem Augenblick ſich den ſanguiniſchſten Phantaſien hinſichtlich der Aus⸗ ſicht auf Vermögen überließ, oder wie Mrs. Micawber bald darauf ein Geſpräch über die Gewohnheiten des Kängurus begann! Werde ich mich je jener Straße von Canterbury an einem Markttage erinnern, ohne mich zugleich ſeiner zu erinnern, wie er mit uns zurückging und in der kühnen ſchwärmeriſchen Miene, die er an⸗ nahm, die unſtäten Gewohnheiten eines nur zeitweiligen Bewohners des Landes ausdrückte, und auf die Ochſen, welche vorbeigetrieben wurden, mit dem Auge eines auſtraliſchen Farmers blickte! Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Ein anderer Rückblick. Ich muß noch einmal innehalten. Oh mein kindi⸗ ſches Weibchen, da iſt unter der Menge, die vor mei⸗ nem Gedächtniſſe vorüberzieht, eine Geſtalt, ruhig und ſtill, die in ihrer unſchuldigen Liebe und kindlichen Schön⸗ heit ſagt: Halt ſtill, um meiner zu gedenken— kehre Dich um und ſiehe das kleine Blümchen, wie es auf den Boden flattert! Ich thue das. Alles Andere verdüſtert ſich und verſchwindet wieder vor meinen Blicken. Ich bin wie⸗ der bei Dora in unſerm Landhauſe. Ich weiß nicht, wie lange ſie krank geweſen iſt. Ich bin in meinem Innern ſo gewöhnt daran, daß ich die Zeit nicht be⸗ rechnen kann. Es iſt in Wirklichkeit nicht lange, nach Wochen und Monaten gezählt, aber in meiner Erfah⸗ rung iſt's eine lange, lange Zeit. Sie haben aufgehört, mir zu ſagen,„ich ſolle nur noch ein paar Tage warten“. Ich habe leiſe zu fürch⸗ ten begonnen, daß der Tag nie ſtrahlen wird, wo ich mein kindiſches Weibchen im Sonnenſchein mit ihrem alten Freunde Zig herumlaufen ſehen werde. David Kopperfield. 75 Er iſt, wie mir's vorkommt, plötzlich ſehr alt ge⸗ worden. Es mag ſein, daß er in ſeiner Herrin etwas vermißt, das ihn lebhafter und jünger machte, aber er iſt verdrießlich, und ſein Ausſehen iſt matt, und ſeine Glieder ſind ſchwach, und meine Tante iſt betrübt, daß er ſie nicht mehr anbelfert, ſondern zu ihr hinkriecht, wenn er auf Dora's Bette liegt— und ſie neben dem Bette ſitzt— und ſanft ihre Hand leckt. Dora liegt da und lächelt uns an und iſt wunder⸗ lieblich und äußert kein heftiges Wort und keine Klage. Sie ſagt, daß wir ſehr gut ſeien gegen ſie; daß ſie weiß, wie ihr lieber alter ſorgſamer Junge ſich abmüht; daß meine Tante keinen Schlaf hat, ſondern ſtets wachſam, thätig und gefällig iſt. Manchmal kommen die kleinen vogelartigen Damen zu ihr auf Beſuch, und dann ſchwatzen wir von unſerm Hochzeitstage und der ganzen glücklichen Zeit von damals. Was für eine ſeltſame Ruhe und was für ein Still⸗ ſtand ſcheint in meinem Leben— und in allem Leben, innen und draußen— eingetreten zu ſein, wenn ich in dem ſtillen, ſchattigen, ordentlichen Zimmer ſitze, wäh⸗ rend die blauen Augen meines kindiſchen Weibchens auf mich gerichtet ſind und ihre Fingerchen meine Hand um⸗ faſſen! Wie manche Stunde ſitze ich ſo da, aber von allen dieſen Zeiten ſind drei meinem Gemüthe am Fri⸗ ſcheſten eingeprägt. * Es iſt Morgen, und Dora, ſo ſchmuck herausge⸗ putzt von den Händen meiner Tante, zeigt mir, wie ihr ſchönes Haar ſich auf dem Kopfkiſſen noch immer ringeln will, und wie lang und glänzend es iſt, und 76 David Kopperfield. wie ſie es gern loſe zuſammengebunden in dem Netze hat, welches ſie trägt. „Nicht, daß ich jetzt noch eitel darauf wäre, Du malitiöſer Junge,“ ſagt ſie, wenn ich lächle,„ſondern, weil Du einſt ſagteſt, Du hielteſt es für ſo ſchön, und weil, als ich zuerſt an Dich zu denken begann, ich in den Spiegel gukte und mich fragte, ob es Dir wohl viel Freude machen würde, eine Locke davon zu haben. Oh, was für ein närriſches Kerlchen Du warſt, Daddy, als ich Dir eine gab!“ „Das war an dem Tage, wo Du die Blumen malteſt, die ich Dir gegeben hatte, Dora, und wo ich Dir ſagte, wie ſehr ich Dich liebte.“ „Aber ich hatte damals keine Luſt, Dir zu erzäh⸗ len,“ ſagt Dora,„wie ich über ihnen geweint hatte, weil ich glaubte, Du wärſt nun wirklich gut. Wenn ich wieder herumlaufen kann, wie früher, Daddy, ſo wollen wir hingehen und uns dieſe Plätze beſehen, wo wir ſolche närriſche Leutchen waren, nicht wahr? Und dann wollen wir ein paar von unſern alten Spazier⸗ gängen beſuchen und den armen Papa nicht vergeſſen.“ „Ja, das wollen wir machen und etliche glückliche Tage verleben. Aber Du mußt Dich beeilen, wieder geſund zu werden, meine Liebe.“ „Oh, das wird bald werden! Du weißt gar nicht, um wie vieles ich beſſer bin.“ * * Es iſt Abend, und ich ſitze in demſelben Stuhle, an demſelben Bette, und daſſelbe Geſicht iſt mir zuge⸗ kehrt. Wir haben eine Weile geſchwiegen, und auf ihrem Antlitze iſt ein Lächeln. Ich habe aufgehört, meine —,— —.,— David Kopperfield. 77 leichte Bürde die Treppe hinauf und herab zu tragen. Sie liegt hier den ganzen Tag. „Daddy!“ „Meine liebe Dora!“ „Du wirſt das, was ich im Begriffe bin, zu ſagen, nach dem, was Du mir ein Weilchen vorher von Herrn Wickfields Unwohlſein erzählt haſt, nicht für unvernünf⸗ tig halten? Ich möchte Agnes ſehen. Ich möchte ſie ſehr gern ſehen!“ „Ich will ihr ſchreiben, meine Gute.“ „So, willſt Du wirklich?“ „Gleich auf der Stelle.“ „Was für ein guter, gefälliger Junge! Daddy, nimm mich auf Deinen Arm. Wirklich, mein Lieber, 's iſt keine Grille.'s iſt keine thörichte Laune. Ich möchte ſie wirklich gar zu gern ſehen.“ „Ich bin davon überzeugt. Ich habe ihr das blos zu ſagen, und ſie wird ſicherlich kommen.“ „Du biſt jetzt ſehr einſam und traurig, wenn Du nun hinuntergehſt, nicht wahr?“ flüſtert Dora mit ih⸗ rem Arme um meinen Hals. „Wie kann ich anders ſein, meine Allerliebſte, wenn ich Deinen leeren Stuhl ſehe?“ „Meinen leeren Stuhl!“ Sie klammert ſich ein Weil⸗ chen ſchweigend an mich.„Und Du vermiſſeſt mich wirk⸗ lich, Daddy?“ Und ſie blickt auf mit ſtrahlendem Lächeln. „Selbſt mich armes närriſches, einfältiges Geſchöpfchen?“ „Mein Herz, wer iſt auf Erden, den ich ſo ſehr vermiſſen könnte?“ „Oh, mein guter Mann! Ich bin ſo froh und doch auch ſo traurig!“ Und ſie ſchmiegt ſich näher an mich und ſchließt mich in ihre beiden Arme. Sie lacht und ſchluchzt und iſt dann ruhig und ganz glücklich. 78 David Kopperfield. „Ganz glücklich!“ ſagt ſie.„Nun grüße Agnes von ganzem Herzen von mir, und ſage ihr, daß ich ſie ſehr, ſehr gern ſehen möchte und nichts Anderes mehr wünſche.“ „Ausgenommen, wieder geſund zu werden, Dora.“ „Oh Daddy! Manchmal denke ich— Du weißt, ich war ſtets ein närriſches, kleines Ding— daß das nie geſchehen wird.“ „Ach ſage das nicht, Dora. Liebſtes Leben, denke das nicht.“ „Ich will nicht, wenn ich anders kann, Daddy. Aber ich bin ſehr glücklich, obſchon mein lieber Junge ſo einſam und unglücklich iſt, wenn er allein iſt vor dem leeren Stuhle ſeines kindiſchen Weibchens!“ ** * Es iſt Nacht, und ich bin noch bei ihr. Agnes iſt angekommen, iſt einen ganzen Tag und einen Abend bei uns geweſen. Sie, meine Tante und ich haben ſeit dem Morgen zuſammen bei Dora geſeſſen. Wir haben nicht viel geſprochen, aber Dora iſt ſehr zufrie⸗ den und heiter geweſen. Wir ſind jetzt allein. Weiß ich nun, daß mein kindiſches Weibchen mich bald verlaſſen wird? Sie haben mir dies geſagt, ſie haben mir nichts geſagt, was meinen Gedanken neu geweſen wäre, aber ich bin weit entfernt, ſicher zu ſein, daß ich mir die Wahrheit zu Herzen genommen habe. Ich kann nicht Herr darüber werden, es nicht faſſen. Ich habe mich heute vielmals zurückgezogen, um zu wei⸗ nen. Ich habe mich an den erinnert, welcher weinte, als er auf dem Scheidewege zwiſchen Leben und Tod ſtand. Ich habe an dieſe ganze gnadenvolle und mit⸗ — —,— .OOO— David Kopperfield. 79 leiderweckende Geſchichte gedacht. Ich habe verſucht, mich drein zu ergeben und mich zu tröſten, und das werde ich hoffentlich unvollkommen gethan haben; aber was mein Gemüth nicht als ausgemachte Sache annehmen will, iſt, daß das Ende unbedingt und unerbittlich kom⸗ men wird. Ich halte ihre Hand in der meinen; ich halte ihr Herz an dem meinen; ich ſehe ihre Liebe zu mir, lebendig in all ihrer Macht. Ich kann einen blaſ⸗ ſen verwehenden Schatten von Glauben, daß ſie ver⸗ ſchont bleiben wird, nicht aufgeben. „Ich habe was auf dem Herzen, was ich Dir ſagen möchte, Daddy. Ich will Dir was ſagen, was ich Dir in der letzten Zeit oft habe ſagen wollen. Du wirſt doch nicht böſe ſein drüber?“ ſagt ſie mit einem hol⸗ den Blicke. „Böſe ſein, mein Liebling?“ „Weil ich nicht weiß, was Du denken wirſt, oder was Du manchmal gedacht haben magſt. Vielleicht haſt Du wohl oft Daſſelbe gedacht. Daddy, mein Lieber, ich fürchte, ich war zu jung.“ Ich lege mein Geſicht auf das Kopfkiſſen neben ſie, und ſie ſchaut mir in die Augen und ſpricht ſehr ſanft. Allmählig, als ſie fortfährt, werde ich mit tiefverwun⸗ detem Herzen inne, daß ſie von ſich als von etwas Ver⸗ gangenem ſpricht. „Ich fürchte, mein Lieber, ich war zu jung. Ich meine nicht blos an Jahren, ſondern an Erfahrung und überhaupt an Allem. Ich war ſolch ein einfältiges klei⸗ nes Geſchöpf. Ich fürchte, daß es beſſer geweſen ſein würde, wenn wir uns nur als Knabe und Mädchen geliebt und es vergeſſen hätten. Ich bin auf den Ge⸗ danken gekommen, daß ich nicht zu einer Frau paßte.“ Ich verſuche, meine Thränen am Hervorſtürzen zu 80 David Kopperſield. verhindern und zu erwiedern:„Oh Dora, Liebſte, ſo gut, wie ich zu einem Ehemanne.“ „Ich weiß nicht,“ verſetzt ſie mit dem alten Schüt⸗ teln ihrer Locken.„Vielleicht. Aber wenn ich mehr zum Verheirathetſein gepaßt hätte, würde ich Dich vielleicht paſſender dazu gemacht haben. Außerdem, Du haſt ſehr viel Geiſt, und ich war nie geiſtreich.“ „Wir find ſehr glücklich geweſen, meine ſüße Dora.“ „Ich war ſehr glücklich, ſehr. Aber wenn wir wei⸗ ter in die Jahre gekommen wären, würde mein lieber Junge ſein kindiſches Weibchen langweilig gefunden ha⸗ ben. Sie würde weniger und immer weniger zur Le⸗ bensgefährtin für ihn getaugt haben. Er würde mehr und mehr zu der Erkenntniß gekommen ſein, was in ſeinem Hauſe fehle. Sie würde nicht anders geworden ſein. Es iſt beſſer ſo.“ „Oh Dora, Beſte, Liebſte, ſprich nicht ſo zu mir! Jedes Wort ſcheint ein Vorwurf zu ſein!“ „Nein, nicht eine Sylbe!“ antwortet ſie, mich küſſend.„Oh mein Lieber, Du haſt das nie verdient, und ich liebte Dich viel zu ſehr, um zu Dir ein vor⸗ wurfsvolles Wort im Ernſte zu ſagen— es iſt dieſe Liebe zu Dir mein ganzes Verdienſt, ausgenommen, daß ich hübſch war— oder daß Du mich dafür hielteſt. Iſt es einſam unten, Daddy?“ „Sehr, ſehr einſam!“ „Weine nicht. Iſt mein Stuhl da?“ „Er ſteht an ſeinem alten Orte.“ „Oh wie mein armer Junge weint! Still, ſtill! Nun aber laß mich Dich um ein Verſprechen bitten. Ich möchte mit Agnes reden. Wenn Du hinunter⸗ gehſt, ſage das Agnes und ſchicke ſie zu mir herauf, und während ich mit ihr rede, laß Niemand zu mir, 2 David Kopperfield. 81 — ſelbſt Tantchen nicht. Ich will mit Agnes allein reden. Ich will mit Agnes ganz allein reden.“ Ich verſpreche, daß ſie dies ſoll, ſogleich; aber ich kann ſie vor Kummer nicht verlaſſen. „Ich ſagte, daß es ſo beſſer ſei!“ flüſtert ſie, wäh⸗ rend ſie mich in ihren Armen hält.„Oh Daddy, nach mehreren Jahren hätteſt Du ganz gewiß Dein kindiſches Weibchen nicht mehr lieben können, wie Du es jetzt thuſt; und nach mehreren Jahren würde ſte Dich ſo gelang— weilt und enttäuſcht haben, daß Du vielleicht nicht im Stande geweſen wärſt, ſie halb ſo ſehr zu lieben! Ich weiß, ich war zu jung und thöricht. Es iſt beſſer ſo, wie es gekommen iſt.“ Agnes iſt unten, als ich in das Wohnzimmer gehe, und ich richte ihr den Auftrag aus. Sie verſchwindet und läßt mich mit Zig allein.. Sein chineſtſches Haus ſteht beim Kamin, und er liegt darin auf ſeinem Bette von Flanell und verſucht winſelnd einzuſchlafen. Der glänzende Mond ſteht hoch und klar am Himmel. Wie ich ſo in die Nacht hin⸗ ausblicke, fallen mir die Thränen haſtig aus den Au⸗ gen, und mein unerfahrenes Herz wird ſchwer— ſchwer heimgeſucht. Ich ſetze mich ans Feuer, wo ich mit trüber Er⸗ innerung an alle die geheimen Empfindungen denke, die ich ſeit meiner Heirath genährt habe. Ich denke an jede Kleinigkeit, die zwiſchen mir und Dora vorgefallen iſt, und fühle, wie wahr es iſt, daß Kleinigkeiten die Summe des Lebens bilden. Jedes Gebilde, das ſich aus dem Meere meiner Erinnerung erhebt, iſt das Abbild des David Kopperfield. IX. 6 8² David Kopperfield. theuren Kindes, wie ich ſie zuerſt kennen lernte, von meiner jungen Liebe und ihrer eignen, mit jedwedem Zauber beſchenkt, woran ſolche Liebe reich iſt. Würde es denn wirklich beſſer geweſen ſein, wenn wir uns als Knabe und Mädchen geliebt und es dann vergeſſen hät⸗ ten? Unerfahrenes Herz, antworte mir! Wie lange Zeit ich ſo in Gedanken verſunken war, weiß ich nicht; endlich ruft mich der alte Geſellſchafter meines kindiſchen Weibchens zu mir ſelbſt zurück. Ru⸗ heloſer, als er vorher war, kriecht er aus ſeinem Hauſe und ſieht mich an und wandert nach der Thur und winſelt und will hinaufgehen. „Heute Nacht nicht, Zig! Heute Nacht nicht!“ Er kommt ſehr langſam zu mir zurück, leckt meine Hand und erhebt ſeine trüben Augen zu meinem Geſichte. „Oh Zig, es wird vielleicht nie wieder ſein!“ Er liegt zu meinen Füßen, ſtreckt ſich, als ob er einſchlafen wollte, ſtößt einen kläglichen Schrei aus und iſt todt. „Agnes! Sieh, ſieh hier!“ — Jenes Antlitz ſo voll Mitleid und Schmerz, jene Fluth von Thränen, jener furchtbare Blick ſtummen Kummers auf mich, jene Hand feierlich zum Himmel erhoben! „Agnes?“ Cs iſt vorüber. Dunkelheit lagert ſich vor meinen Augen, und auf eine Zeit lang ſind alle Dinge aus meinem Gedächtniſſe verwiſcht. Vierundfünfzigſtes Kapitel. Mr. Micawbers Geſchäftsthätigkeit. Ich vermag jetzt nicht auf den Zuſtand meines Ge⸗ müths einzugehen, in welchem es unter ſeiner Laſt von Kummer ſich befand. Der Gedanke drängte ſich mir auf, daß die Zukunft mir fürderhin vermauert, daß es mit der Thatkraft und dem Schaffen meines Lebens zu Ende ſei, daß ich keinen andern Zufluchtsort finden könnte, als das Grab. Dieſer Gedanke, ſage ich, drängte ſich mir auf, aber nicht beim erſten Stoße meines Kummers. Es kam erſt allmählig dahin. Wenn die Ereigniſſe, an deren Beſchreibung ich jetzt gehe, ſich nicht um mich gehäuft hätten, im Anfange, um meine Trübſal in Ver⸗ wirrung zu verwandeln, zu Ende, um ſie zu vermeh⸗ ren, ſo iſt es möglich(obwohl meiner Anſicht nach nicht wahrſcheinlich), daß ich ſogleich in dieſe Stimmung ver⸗ fallen wäre. So aber ereignete ſich ein Zwiſchenfall, ehe ich mir meines Unglücks vollkommen bewußt wurde, ein Zwiſchenfall, bei welchem ich ſogar meinte, daß ſeine grauſamſten Schmerzen vorüber ſeien, und wo mein Herz ſich tröſten konnte, indem es mit ſeiner Erinnerung 6* 84 David Kopperfield. auf allen den unſchuldigen und ſchönen Bildern der zar⸗ ten Geſchichte verweilte, die auf immer geſchloſſen war. Wann man mir zunächſt vorſchlug, eine Reiſe zu machen, oder wie es kam, daß wir untereinander über⸗ einkamen, ich ſolle meinen Seelenfrieden durch Wechſel der Scene und Reiſen wieder zu gewinnen ſuchen, weiß ich ſelbſt jetzt noch nicht mit Beſtimmtheit. Der Geiſt von Agnes durchdrang Alles, was wir in dieſer Zeit des Kummers dachten, ſagten und thaten, ſo ſehr, daß ich annehme, ich darf den Plan ihrem Einfluſſe zu⸗ ſchreiben. Aber dieſer ihr Einfluß war ſo ſtill, daß ich nicht mehr davon zu ſagen weiß. Und jetzt drängte ſich mir allerdings der Gedanke auf, daß in der Art und Weiſe, wie ich ſie einſt mit dem gemalten Fenſter in der Kirche in Verbindung ge⸗ bracht, ein prophetiſches Vorahnen deſſen, was ſie mir in der im Verlaufe der Zeit mich ereilenden Trübſal ſein werde, ſeinen Weg in mein Gemüth gefunden. In all jener Kümmerniß von dem unvergeßlichen Augen⸗ blicke an, wo ſie mit emporgehobener Hand vor mir ſtand, waltete ſie wie ein heiliger Genius in meinem öden Hauſe. Als der Engel des Todes dort erſchien, ſchlief mein kindiſches Weibchen— wie man mir er⸗ zählte, als ich es ertragen konnte— lächelnd an ihrem Buſen ein. Aus meiner dumpfen Bewußtloſigkeit er⸗ wachte ich zuerſt zum Bewußtſein ihrer mitleidigen Thrä⸗ nen, ihrer Worte voll Hoffnung und Frieden, ihres ſanften Antlitzes, wie es ſich, als ſchaute es aus einer reineren, dem Himme näheren Region, über mein un⸗ erfahrenes Herz herabbeugte und ſeinen Schmerz ſänftigte. Ich fahre jetzt fort. Ich war im Begriffe zu verreiſen. Das ſchien von Anfang an unter uns ausgemacht zu ſein. Als die Erde —,— —, . — . David Kopperfield.. 85 nun Alles, was von meiner hingeſchiedenen Gattin ver⸗ gänglich war, bedeckte, wartete ich nur noch auf das, was Micawber„die völlige Zerſtäubung Heeps“ nannte, und auf die Abfahrt der Auswanderer. Auf Traddles' Verlangen, der ſich mir in meiner Trübſal als der liebevollſte und hingebendſte Freund er⸗ wieſen, kehrten wir nach Canterbury zurück, d. h. meine Tante, Agnes und ich. Wir begaben uns auf Verab⸗ redung ſogleich nach dem Hauſe Mr. Micawbers, wo⸗ ſelbſt und bei Mr. Wickfield mein Freund die ganze Zeit ſeit unſerm Zuſammentreffen, wo die Sache zum Ausbruch gekommen, gearbeitet hatte. Als die arme Mrs. Micawber mich in meinen ſchwarzen Kleidern hereinkommen ſah, war ſie merklich gerührt. Es war ein gutes Theil Güte in ihrem Herzen, welches wäh⸗ rend aller dieſer vielen Jahre nicht erſtickt worden war. „Na, Herr und Madame Micawber,“ war die erſte Begrüßung meiner Tante, als wir uns geſetzt hatten, „ſagen Sie mal, haben Sie ſich jenen meinen Auswan⸗ derungsvorſchlag überlegt?“ „Meine liebe Madame,“ entgegnete Mr. Micaw⸗ ber,„vielleicht kann ich den Schluß, zu welchem Ma⸗ dame Micawber, Ihr ergebener Diener, und ich darf hinzufügen, unſere Kinder, gemeinſam und zu verſchie⸗ denen Malen gelangt ſind, nicht beſſer ausdrücken, als wenn ich die Sprache eines erleuchteten Poeten borge, um Ihnen zu erwiedern, daß: Unſer Boot an dem Strande, unſer Nachen in See iſt.“ „Das iſt recht,“ ſagte meine Tante. Ich prophe⸗ zeihe allerhand gute Folgen von Ihrem vernünftigen Entſchluſſe.“ „Madame, Sie thun uns ſehr viel Ehre an,“ er⸗ wiederte er. Dann nahm er ein Memorandum zur Hand. 86 David Kopperfield. „Im Hinblicke auf die pekuniäre Unterſtützung,“ ſagte er, „die uns in den Stand ſetzt, mit unſerm ſchwachen Kahne in das Meer der Unternehmungen auszulaufen, habe ich jenen wichtigen Geſchäftspunkt nochmals in Erwägung gezogen, und möchte Sie bitten, Ihnen einen Wechſel meiner Hand vorſchlagen zu dürfen— gezogen, wie wir nicht erſt auszumachen haben, auf Stempelbogen mit den von den verſchiedenen auf ſolche Schuldverſchreibun⸗ gen ſich beziehenden Parlamentsakten geforderten Beträ⸗ gen— auf achtzehn, vierundzwanzig und dreißig Mo⸗ nate. Der Vorſchlag, den ich urſprünglich unterbreitete, war zwölf, achtzehn und vierundzwanzig Monate; aber ich fürchte, daß ſolch ein Arrangement die hinreichende Zeit nicht gewähren möchte, welche erforderlich iſt, daß — daß ſich's— irgendwie zum Beſten kehre. Wir könnten vielleicht,“ ſagte Mr. Micawber, ſich im Zim⸗ mer umſehend, als ob es mehrere Hundert Acker treff⸗ lich angebauten Landes darſtellte,„wenn die erſte Ver⸗ ſchreibung zahlbar würde, keinen Erfolg mit unſerer Ernte gehabt oder unſere Ernte nicht eingebracht haben. Arbeitskräfte ſind, glaube ich, zu Zeiten ſchwer zu erhalten in dieſem Theile unſerer Colonialbeſitzungen, wo es unſer Loos ſein wird, mit dem reichen Boden zu ringen.“ „Arrangiren Sie die Sache ganz, wie es Ihnen beliebt, mein Herr,“ ſagte meine Tante.— „Madame,“ entgegnete er,„meine Gattin und ich fühlen tief, mit welcher wohlüberlegten Güte unſere Freunde und Gönner gegen uns handeln. Was ich wünſche, iſt, ein vollkommener Geſchäftsmann und voll⸗ kommen pünktlich zu ſein. Indem ich jetzt, wie das bei uns in der That der Fall iſt, ein völlig neues Blatt meines Lebens aufſchlage, und indem ich, was bei uns ——-———— —y ——-———— —y David Kopperfield. 87 jetzt wirklich ſtattfindet, aushole, um einen Sprung von nicht gewöhnlicher Größe zu thun, iſt es für mein Ge⸗ fühl von Selbſtachtung von Wichtigkeit und außerdem ein Beiſpiel für meinen Sohn, daß dieſe Arrangements abgeſchloſſen werden wie zwiſchen Mann und Mann.“ Ich wüßte nicht, daß Mr. Micawber mit dieſer letz⸗ ten Redensart irgend einen Sinn verbunden hätte; ja ich wüßte überhaupt nicht, daß irgend Jemand jemals dies thäte oder gethan hätte, aber es ſchien ihm außeror⸗ dentlich wohlzuthun und er wiederholte mit einem aus⸗ drucksvollen Hüſteln:„wie zwiſchen Mann und Mann.“ „Ich ſchlage,“ fuhr Mr. Micawber fort,„Wechſel — eine Bequemlichkeit für die kaufmänniſche Welt, welche wir, glaub' ich, urſprünglich den Juden verdanken, die mir ſeitdem verteufelt viel damit zu thun gehabt zu ha⸗ ben ſcheinen— deshalb vor, weil ſie ſich zum Verkauf eignen. Sollte aber eine Schuldverſchreibung oder ir⸗ gend eine andere Sicherheit vorgezogen werden, ſo würde es mich freuen, ſolch ein Inſtrument zu vollziehen. Wie zwiſchen Mann und Mann.“ Meine Tante bemerkte, daß ſie es in einem Falle, wo beide Theile ſich zu Allem bereitwillig erklärten, für ausgemacht hielte, es werde ſich in der Ordnung dieſer Angelegenheit keine Schwierigkeit finden. Mr. Micaw⸗ ber war ihrer Meinung. „In Bezug auf unſere häuslichen Vorbereitungen, „Madame,“ ſagte Mr. Micawber mit einigem Stolze, „mit denen wir dem Geſchicke entgegengehen, dem wir uns jetzt unterziehen, wie Sie wiſſen, bitte ich um Erlaubniß, ſie mitzutheilen. Meine älteſte Tochter be⸗ giebt ſich jetzt alle Morgen fünf Uhr in ein benachbar⸗ tes Etabliſſement, um ſich daſelbſt den Proceß anzu⸗ eignen— wenn man es als Proceß bezeichnen darf— 88 David Kopperfield.. nach welchem die Kühe gemolken werden. Meine jun⸗ gern Kinder ſind angewieſen, ſo genau, als die Um⸗ ſtände es erlauben wollen, die Gewohnheiten der Schweine und des Hühnerviehs zu beobachten, welche in den är⸗ mern Theilen dieſer Stadt gehalten werden; eine Be⸗ ſtrebung, von welcher ſie bei zwei Gelegenheiten heim⸗ gebracht wurden, nachdem ſie bei einem Haare über⸗ rannt worden wären. Ich ſelbſt habe in der vergan⸗ genen Woche der Kunſt des Backens einige Aufmerkſamkeit zugewendet; und mein Sohn Wilkins iſt ausgegangen mit einem Spazierſtocke und hat Vieh getrieben, wenn er von den rohen Miethlingen, welchen die Thiere an⸗ vertraut waren, Erlaubniß erhielt, irgendwie freiwillige Dienſte in dieſer Hinſicht zu leiſten— was, wie ich mit Bedauern ſagen muß, nicht oft der Fall war, da man ihn gemeiniglich mit Flüchen bedeutete, davon ab⸗ zulaſſen.“ „Alles ganz richtig,“ ſagte meine Tante ermuthi⸗ gend.„Ich zweifle nicht, daß auch Madame Micawber fleißig geweſen iſt. „Meine liebe Madame,“ entgegnete Mrs. Micaw⸗ ber mit ihrer Geſchäftsmiene, ich bin ſo frei, zu geſte⸗ hen, daß ich eigentlich nicht mit Beſtrebungen zu thun gehabt habe, welche in unmittelbarer Verbindung mit Landbau oder Viehzucht ſtehen, obſchon ich mir ſehr wohl bewußt bin, daß beides meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen wird, wenn wir auf fremdem Geſtade angelangt ſein werden. Die Gelegenheiten, welche ich meinen häuslichen Pflichten abzubrechen im Stande war, habe ich der einigermaßen ausführlichen Correſpondenz mit meiner Familie gewidmet. Denn ich bekenne, daß es mir ſcheint, mein lieber Herr Kopperfield,“ ſagte Mrs. Micawber, welche, vermuthlich aus alter Gewohn⸗ David Kopperſield. 89 heit, allezeit auf mich zurückkam, mochte ſie ſich beim Beginn ihrer Rede an ſonſt wen gewendet haben,„als ob die Zeit gekommen wäre, wo die Vergangenheit in Vergeſſenheit begraben werden, wo meine Familie Mi⸗ cawbern bei der Hand ergreifen und Micawber ſeiner⸗ ſeits meiner Familie die Hand reichen, wo der Löwe ſich bei dem Lamme niederlegen und meine Familie mit Micawber verſöhnt ſein ſollte.“ Ich ſagte, daß ich Daſſelbe dächte. „Dies wenigſtens, mein lieber Herr Kopperfield,“ fuhr Mrs. Micawber fort,„iſt das Licht, in welchem ich die Sache betrachte. Als ich zu Hauſe bei Papa und Mama lebte, war mein Papa, wenn irgend ein Punkt in unſerm beſchränkten Kreiſe verhandelt wurde, gewohnt, zu fragen:«In welchem Lichte betrachtet Emma die Sache?“ Daß mein Papa zu viel auf mich gab, weiß ich; doch habe ich bei ſolch einem Punkte, wie die eiſige Kälte iſt, welche ſtets zwiſchen Micawber und mei— ner Familie obgewaltet hat, mir nothwendig eine Mei⸗ nung gebildet, ſo irrig ſie auch ſein mag.“ „Kein Zweifel. Natürlich haben Sie das gethan, Madame,“ bemerkte meine Tante. „Ganz richtig,“ ſagte Mrs. Micawber beiſtimmend. „Nun kann ich in meinen Schlüſſen Unrecht gehabt ha⸗ ben, ja es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß dies der Fall iſt; aber meine individuelle Anſicht iſt, daß die Kluft, welche zwiſchen Micawber und meiner Familie exiſtirt, auf die Befürchtung zurückgeführt werden könne, welche auf Sei⸗ ten meiner Familie obwaltete, daß Micawber pekuniäre Hülfsleiſtung beanſpruchen werde. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren,“ ſagte Mrs. Micawber mit einer Miene tiefen Scharfſinns,„daß es Glieder mei⸗ ner Familie giebt, welche befürchtet haben, Micawber 90 David Kopperfield. würde ſie um ihre Namen angehen— ich meine nicht, um in der Taufe unſern Kindern gegeben zu werden, ſondern um unter Wechſel geſchrieben und auf dem Geld⸗ markte verkauft zu werden.“ Der Blick tiefſchauender Lebensweisheit, mit wel⸗ chem Mrs. Micawber dieſe Entdeckung verkündete, als ob Niemand jemals vorher ſo etwas gedacht hätte, ſchien meine Tante ziemlich zu verwundern, und ſie ſagte kurz einfallend:„Nun, Madame, Alles bei Lichte beſehen, ſollt' ich mich nicht eben wundern, wenn Sie recht hätten.“ „Da Micawber nun daran iſt, die pekuniären Feſ⸗ ſeln abzuſchütteln, welche ihn ſo lange umſchloſſen ha⸗ ben,“ ſagte Mrs. Micawber,„und eine neue Laufbahn in einem Lande zu beginnen, wo hinreichender Spiel⸗ raum für ſeine Fähigkeiten iſt— was meiner Mei⸗ nung nach von außerordentlicher Wichtigkeit iſt, indem Micawbers Fähigkeiten vorzüglich Spielraum erfordern — ſo ſcheint es mir paſſend, daß meine Familie die Ge⸗ legenheit zur Verſöͤhnung durch ihre Herkunft bezeichnen ſollte. Was ich gern ſehen möchte, wäre eine Zuſam⸗ menkunft zwiſchen Micawber und meiner Famtllie bei einem feſtlichen Schmauſe, gegeben auf Koſten meiner Familie, wo, nachdem Micawbers Geſundheit und Wohl⸗ ergehen von irgend einem Haupte meiner Familie aus⸗ gebracht worden, Micawber Gelegenheit hätte, ſeine An⸗ ſichten zu entwickeln.“ „Meine Liebe,“ verſetzte Mr. Micawber etwas hitzig, „es mag für mich beſſer ſein, wenn ich ein für alle Mal mich deutlich dahin erkläre, daß, wenn ich meine Anſichten vor jener verſammelten Gruppe entwickeln ſollte, dieſelben möglicherweiſe beleidigender Natur ſein könn⸗ ten, indem ich der Meinung bin, daß Deine Familie —q e David Kopperfield. 91 im Allgemeinen aus unverſchämten Philiſtern, und im Einzelnen aus ungeſchliffnen Hallunken beſteht.“ „Micawber,“ ſagte Mrs. Micawber kopfſchüttelnd, „nein! Du haſt ſie nie verſtanden, und ſie haben Dich nie verſtanden.“ Mr. Micawber huſtete. „Sie haben Dich nie verſtanden, Micawber,“ wie⸗ derholte ſeine Frau.„Sie ſind vielleicht unfähig dazu. Wenn dies der Fall iſt, ſo iſt's ein Unglück für ſie. Ich kann ihr Unglück nur bemitleiden.“ „Es thut mir außerordentlich leid, meine liebe Emma,“ ſagte Mr. Micawber reumüthig,„daß ich mich zu Aus⸗ drücken habe verleiten laſſen, welche, wenn auch nur ent⸗ fernt, den Anſchein ſtarker Ausdrücke haben könnten. Al⸗ les, was ich ſagen wollte, iſt, daß ich abreiſen kann, ohne daß Deine Familie herzukommen geruht, um mich zu— na kurz, um mich mit einem letzten kalten Achſelzucken zu beglücken, und daß ich überhaupt lieber England mit dem Ungeſtüm, welches ich beſitze, verlaſſen, als eine Beſchleunigung deſſelben von dieſer Gegend herbeiführen möchte. Zu gleicher Zeit aber, meine Liebe, wenn ſie ſich herablaſſen ſollten, Deine Mittheilungen zu beant⸗ worten— welches unſere gegenſeitige Erfahrung höchſt unwahrſcheinlich macht— ſo ſei es fern von mir, eine Schranke für Deine Wünſche zu ſein.“ Als die Angelegenheit ſo in aller Freundſchaft ge⸗ ordnet war, gab Mr. Micawber der Mrs. Micawber ſeinen Arm und ſagte mit einem Blicke auf den Hau⸗ fen Bücher und Papiere, der vor Traddles auf dem Tiſche lag, ſie wollten uns uns ſelbſt überlaſſen, was ſte denn auch ſehr cermoniös thaten. „Mein lieber Kopperfield,“ ſagte Traddles, indem er ſich, als ſie fort waren, in ſeinen Stuhl zurücklehnte 92 David Kopperfield. und mich mit einer Liebe anſah, welche ihm die Augen roth machte und bewirkte, daß ſeine Haare alle Arten von Geſtalten annahmen,„ich entſchuldige mich durch⸗ aus nicht, daß ich Dich mit Geſchäftsſachen beläſtige, weil ich weiß, daß Du Dich lebhaft dafür intereſſirſt und es Deine Gedanken vielleicht zerſtreuen wird. Mein lieber Junge, Du biſt mir doch hoffentlich nicht zu ſehr hin?“ „Ich bin ganz wohlauf,“ entgegnete ich nach einer Pauſe.„Wir haben mehr Urſache, an meine Tante zu denken, als an irgend Jemand anders. Du weißt ja, wieviel ſie gethan hat.“ „Freilich, freilich,“ antwortete Traddles.„Wer könnte es vergeſſen!“ „Aber das iſt noch nicht einmal Alles,“ ſagte ich. „Während der letzten vierzehn Tage hat ſie irgend ein neuer Schmerz betroffen, und ſie iſt jeden Tag nach Lon⸗ don und wieder zurückgegangen. Mehrmals iſt ſie früh am Morgen ausgegangen und abweſend geblieben bis zum Abend. Letzte Nacht, Traddles, wo ſie doch dieſe Reiſe vorhatte, war es beinahe Mitternacht, ehe ſie nach Hauſe kam. Du weißt, wie viel Antheil ſie an Andern nimmt. Sie will mir nicht erzählen, was ihr Trau⸗ riges paſſirt iſt.“ Meine Tante, ſehr bleich und mit tiefen Furchen in ihrem Geſichte, ſaß unbeweglich da, bis ich meine Rede beendigt hatte, wo einige verirrte Thränen ihren Weg über ihre Wangen fanden und ſie ihre Hand auf die meine legte. „'s iſt nichts, Trot,'s iſt nichts.'s wird nicht wieder vorkommen. Du ſollſt es bald erfahren. Nun, meine liebe Agnes, machen wir uns an dieſe Angelegenheiten.“ „Ich muß Herrn Micawber die Gerechtigkeit wider⸗ — —4, David Kopperfield. 93 fahren laſſen, zu ſagen,“ begann Traddles,„daß er, obſchon er wahrſcheinlich niemals beſonders viel für ſich gearbeitet hat, der unermüdlichſte Mann iſt, wenn er für andere Leute arbeitet. Ich habe in meinem Leben kei⸗ nen ſolchen Menſchen geſehen. Wenn er ſtets in der⸗ ſelben Weiſe verfährt, ſo muß er ſeiner Wirkſamkeit nach gegenwärtig an die zweihundert Jahre alt ſein. Die Hitze, in die er ſich fortwährend ſelbſt verſetzt, und die tolle und haſtige Weiſe, in welcher er ſich Tag und Nacht unter Bücher und Papiere vergraben hat— ganz zu geſchweigen der unermeßlichen Anzahl von Briefen, die er mir zwiſchen dieſem Hauſe und Herrn Wickfields, ja oft quer über den Tiſch, wenn er mir gegenüber ſaß und es viel leichter gehabt hätte, zu ſprechen, geſchrie⸗ ben hat— iſt ganz außerordentlich.“. „Briefe!“ ſchrie meine Tante.„Ich glaube, der träumt ſogar in Briefen.“ „Auch Herr Dick,“ ſagte Traddles,„hat Wundex gethan. Sobald er ſeiner Pflicht, als Beobachter Uriah Heeps, den er unter der Scheere hielt, wie ich's nie beſſer geſehen habe, entbunden war, begann er ſich Herrn Wickfield zu widmen. Und ſein Eifer, uns in den Nachforſchungen, welche wir anſtellten, von Nutzen zu ſein und ſeine wirkliche Nützlichkeit im Ausziehen, Ab⸗ ſchreiben, Herzuholen und Wegtragen iſt uns ordentlich ein wahrer Sporn geweſen.“ „Dick iſt ein ſehr merkwürdiger Mann,“ rief meine Tante aus,„und ich habe das ſtets von ihm geſagt. Trot, Du weißt es.“ „Ich bin ferner ſo glücklich, Ihnen, Fräulein Wick⸗ field, ſagen zu können,“ fuhr Traddles zugleich mit gro⸗ ßem Zartgefühl und mit großem Ernſte fort,„daß Herr Wickfield ſich in Ihrer Abweſenheit beträchtlich zu ſeinen 94 David Kopperfield. Gunſten verändert hat. Befreit von dem böſen Geiſte, der ſich ſo lange an ihn geklammert, und von den ſchreck⸗ lichen Befürchtungen, unter denen er gelebt hat, iſt er kaum noch derſelbe Mann. Zu Zeiten hat ſich ſelbſt ſein geſchwächtes Vermögen, ſein Gedächtniß und ſeine Aufmerkſamkeit auf beſondere Geſchäftspunkte zu con⸗ centriren, ſehr wieder eingefunden, und er iſt im Stande geweſen, uns Beiſtand zu leiſten in der Entwirrung von Dingen, welche wir ohne ihn äußerſt ſchwierig, wo nicht gar hoffnungslos gefunden haben würden. Aber was ich zu thun habe, iſt ja, auf Ergebniſſe zu kom⸗ men, welche beiläufig gering genug ſind, nicht über alle die hoffnungsvollen Umſtände, die ich beobachtet habe, zu ſchwatzen, ſonſt werde ich nimmermehr fertig werden.“ Seine natürliche Manier und ſeine angenehme Un⸗ gezwungenheit ließen es durchſcheinen, daß er dies ſagte, um uns guten Muth zu machen und Agnes in Stand zu ſetzen, ihren Vater mit größerer Zuverſicht erwäh⸗ nen zu hören; aber es war nicht weniger angenehm deshalb. „Na, nun wollen wir mal ſehen,“ ſagte Tradd⸗ les, indem er ſich unter den Papieren auf dem Tiſche umſah.„Nachdem wir unſere Fonds überzählt und erſtens eine große Maſſe nicht beabſichtigter Verwirrung, ſowie zweitens eine ebenſo große Menge abſichtlicher Ver⸗ wirrung und Fälſchung in Ordnung gebracht haben, halten wir es für klar, daß Herr Wickfield nun ſein Geſchäft und ſeine Agentur wieder eröffnen könnte, ohne eine Kürzung oder einen Abzug eintreten laſſen zu müſſen.“ „Oh, dem Himmel ſei Dank!“ rief Agnes mit Inbrunſt aus. „Aber freilich,“ ſagte Traddles,„der Ueberſchuß, David Kopperfield. 95 der ihm zu ſeinem Lebensunterhalte verbleiben würde— und ich ſetze hierbei ſogar voraus, daß das Haus ver⸗ kauft wird— würde ſo gering, aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht über ein paar Hundert Pfund, ſein, daß es vielleicht am Beſten ſein würde, Fräulein Wickfield, zu überlegen, ob er nicht am Ende die Verwaltung des Vermögens in Händen behalten könnte, wovon er ſo lange Empfänger geweſen iſt. Wiſſen Sie, ſeine Freunde könnten ihm rathen, nun er frei iſt. Sie ſelbſt, Fräu⸗ lein Wickfield,— Kopperfteld— ich— „Ich habe mir's überlegt, Trotwood,“ ſagte Agnes mit einem Blicke auf mich,„und ich fühle, daß es nicht ſein ſoll und nicht ſein darf, ſelbſt auf die Em⸗ pfehlung eines Freundes hin, dem ich ſo dankbar bin, und dem ich ſo viel ſchulde.“ „Ich will nicht ſagen, daß ich es empfehle,“ be⸗ merkte Traddles.„Ich halte es für Recht, darauf auf⸗ merkſam zu machen. Nichts mehr.“ „Ich freue mich, Sie das ſagen zu hören,“ ant⸗ wortete Agnes mit ſicherm Tone;„denn es giebt mir die Hoffnung, ja faſt die Gewißheit, daß wir gleich denken. Lieber Herr Traddles und lieber Herr Trot⸗ wood, wenn Papa nur einmal frei iſt mit Ehren, was könnte ich mehr wünſchen! Ich habe ſtets darnach ge⸗ ſtrebt, ſobald ich ihn von den Sorgen erlöſt ſehen könnte, von denen er gefeſſelt war, ihm einen kleinen Theil der Liebe und Sorgfalt, die ich ihm ſchulde, zurück erſtat⸗ ten und ihm mein Leben weihen zu können. Es iſt jahrelang der hochſte Gipfel meiner Hoffnungen geweſen. Unſere Zukunft auf mich zu nehmen, wird das nächſte große Glück ſein— das nächſte nach ſeiner Befreiung von aller Verpflichtung und Verantwortlichkeit— da⸗ von ich weiß.“ 96 David Kopperfield. „Haſt Du Dir überlegt, auf welche Weiſe, Agnes?“ „Oft! Ich habe keine Furcht, lieber Trotwood. Ich bin des Erfolgs ſicher. So viele Leute kennen mich hier und ſind mir gewogen, daß ich meiner Sache ge⸗ wiß bin. Setze kein Mißtrauen in mich. Wir haben nicht viele Bedürfniſſe. Wenn ich das liebe alte Haus miethe und eine Schule halte, ſo werde ich nützlich und glücklich ſein.“ Das ruhige Feuer ihrer heitern Stimme brachte mir zuerſt das liebe alte Haus ſelbſt und dann mein eignes vereinſamtes Haus ins Gedächtniß zurück, daß mein Herz zu voll war, als daß ich hätte ſprechen können. Tradd⸗ les that ein Weilchen, als ob er geſchäftig ſich unter den Papieren umſähe. „Sodann, Fräulein Trotwood,“ ſagte Traddles, „Ihr Vermögen.“ „Richtig, Herr Traddles,“ ſeufzte meine Tante. „Alles, was ich darüber zu ſagen habe, iſt, daß, wenn es weg iſt, ich's ertragen kann, und daß ich, wenn's nicht weg iſt, froh ſein werde, es zurückzubekommen.“ „Es waren, denk ich, achttauſend Pfund in Staats⸗ papieren?“ ſagte Traddles. „Richtig!“ erwiederte meine Tante. „Ich kann nicht für mehr als fünfe ſtehen,“ ſagte Traddles mit beſtürzter Miene. „— Tauſende, meinen Sie,“ fragte meine Tante ungemein gefaßt,„oder Pfunde?“ „Fünftauſend Pfund,“ verſetzte Traddles. „Es war Alles, was bei ihm ſtand,“ entgegnete meine Tante.„Ich verkaufte ſelbſt drei. Ein Tauſend bezahlte ich für Deinen Eintritt in Doctors Commons, Trot, mein Lieber, und die andern beiden habe ich bei mir. Als ich den Reſt verlor, hielt ich's für klug, nichts David Kopperfield. 97 von dieſer Summe zu ſagen, ſondern ſie insgeheim für böſe Zeiten aufzuheben. Ich wollte ſehen, wie Du über den Berg wegkommen würdeſt, Trot, und Du kamſt darüber weg in nobler— ausdauernder, auf eigne Kraft geſtützter, Dich ſelbſt überwindender Weiſe. Ebenſo Dick. Sprich nicht mit mir; denn ich finde, daß meine Ner⸗ ven ein Bischen angegriffen ſind.“ Niemand, der ſie ſo aufrecht mit übereinandergeſchla⸗ genen Armen hätte daſitzen ſehen, würde das gedacht ha⸗ ben, aber ſie hatte eine wunderbare Selbſtbeherrſchung. „Dann freue ich mich von Herzen, ſagen zu kön⸗ nen,“ rief Traddles freudeſtrahlend,„daß wir das ganze Geld wiedererlangt haben!“ „Niemand gratulire mir!“ ſchrie meine Tante.„Wie ſo, Herr Traddles?“ „Sie glaubten, es ſei übel angelegt worden von Herrn Wickfield?“ fragte Traddles. „Freilich that ich das,“ ſagte meine Tante,„und war deshalb leicht beruhigt. Agnes, nicht ein Wort!“ „Und es wurde in der That verkauft,“ ſagte Tradd⸗ les,„kraft der Vollmacht zu ſeiner Verwaltung, die er von Ihnen in Händen hatte; aber ich brauche Ih⸗ nen nicht zu ſagen, von wem verkauft und auf weſſen eigentliche Unterſchrift. Es wurde ſpäter Herrn Wick⸗ field von dieſem Schurken vorgemacht— und durch Zahlen bewieſen— daß er ſich(auf allgemeine An⸗ weiſung hin, ſagte er) in Beſitz des Geldes geſetzt habe, um andere Lücken in der Kaſſe und andere Verlegen⸗ heiten vor dem Lichte der Oeffentlichkeit zu verbergen. Da Herr Wickfield in ſeinen Händen ſo ſchwach und hülflos war, daß er Ihnen hinterher verſchiedene Sum⸗ men Zinſen auf ein vorgeſpiegeltes Kapital hin aus⸗ zahlte, von dem er doch wußte, daß es nicht mehr David Kopperfield. IX. 7 98 David Kopperfield. exiſtirte, machte er ſich unglücklicher Weiſe zum Theil⸗ nehmer an dem Betruge.“ „Und nahm zuletzt die Schande auf ſich,“ fügte meine Tante hinzu,„und ſchrieb mir einen verrückten Brief, worin er ſich ſelbſt der Räuberei und unerhörter Schlech⸗ tigkeit anklagte. Worauf ich ihm eines Morgens in der Frühe einen Beſuch abſtattete, nach einem Lichte rief, den Brief verbrannte und ihm ſagte, wenn er mir und ſich ſelber jemals gerecht werden könnte, ſollte er's thun, und wenn er's nicht könnte, ſollte er die Sache ſeiner Tochter wegen wenigſtens nicht laut werden laſſen.— Wenn irgend Eins auf mich ſpricht, werd' ich das Haus verlaſſen.“ Wir Alle verblieben ruhig, Agnes bedeckte ſich das Geſicht. „Nun alſo, mein lieber Freund,“ ſagte meine Tante nach einer Pauſe,„und Sie haben ihm wirklich das Geld wieder abgepreßt?“ „Ei nun, die Sache iſt die,“ entgegnete Traddles, „Herr Micawber hatte ihn ſo vollkommen umſtellt und hatte ſtets einige neue Beweispunkte zur Hand, wenn ein alter nicht klappen wollte, daß er uns nicht entſchlüpfen konnte. Ein ſehr merkwürdiger Umſtand iſt, daß ich wirklich nicht glaube, er hat die Summe ſo ſehr zur Befriedigung ſeiner Habgier, welche aller⸗ dings ungemeſſen war, als in dem Haſſe, den er ge⸗ gen Kopperfield empfand, an ſich geriſſen. Er ſagte das ganz offen und ungeſcheut zu mir. Er ſagte, daß er ſelbſt ſo viel aufgewendet haben würde, um Kopper⸗ field zu ſchaden oder ihn zu beleidigen.“ „Ha!“ ſagte meine Tante, ihre Augenbrauen ge⸗ dankenvoll zuſammenziehend und einen Blick auf Agnes werfend.„Und was iſt aus ihm geworden?“ David Kopperfield. 99 „Ich weiß nicht,“ ſagte Traddles.„Er ging hier fort mit ſeiner Mutter, welche die ganze Zeit über ge⸗ klagt und gefleht und Aufſchlüſſe gegeben hatte. Sie gingen mit einer der Londoner Nachtkutſchen weg, und ich weiß nichts weiter von ihm, als daß ſeine Böswil⸗ ligkeit gegen mich beim Abſchiede ſich zur Unverſchämt⸗ heit ſteigerte. Er ſchien ſich mir kaum weniger ver⸗ ſchuldet vorzukommen, als Herrn Micawber, was ich meinestheils(wie ich ihm auch ſagte) als ein wahres Compliment betrachte.“ „Glaubſt Du, daß er Geld hat, Traddles?“ fragte ich. „O Du meine Güte, freilich, ſollt' ich meinen,“ entgegnete er mit ernſtem Kopfſchütteln.„Ich möchte ſagen, er muß ſich auf die eine oder die andere Weiſe einen hübſchen Thaler in die Taſche gemacht haben. Aber ich glaube, Kopperfield, wenn Du Gelegenheit gehabt haſt, ſein Verfahren zu beobachten, würdeſt Du der Meinung, daß Geld dieſen Menſchen nie abhalten wird, Schlech⸗ tigkeiten zu begehen. Er iſt ſolch ein eingefleiſchter Heuch⸗ ler, daß er, mag er einen Gegenſtand verfolgen, wel⸗ chen er will, ihn auf Schleichwegen verfolgt. Es iſt ſeine einzige Ausgleichung für den äußerlichen Zwang, den er ſich auferlegt. Da er ſtets zu dem oder jenem geringen Zwecke am Boden hinkriecht, wird ihm jed⸗ weder Gegenſtand auf dem Wege größer vorkommen, als er iſt, und er wird folglich Haß und Verdacht gegen Jedermann fühlen, welcher, ſei es auch auf die unſchul⸗ digſte Weiſe, zwiſchen ihn und jenen Zweck geräth. So werden ſeine gewundenen Wege in jedem Augenblicke aus dem geringſten Grunde oder auch aus gar keinem noch gewundener werden. Man braucht, um das zu wiſſen,“ ſagte Traddles,„nur ſeine hieſige Geſchichte zu betrachten.“ 7* — 1 100 David Kopperfield. „Er iſt ein Ungeheuer an Gemeinheit,“ ſagte meine Tante. „Ich weiß das wirklich nicht,“ bemerkte Traddles nachdenklich;„manche Leute können ſehr gemein ſein, wenn ſie ſich darauf legen.“ „Und nun in Betreff Herrn Micawbers,“ ſagte meine Tante. „Nun, wirklich,“ ſagte Traddles heiter gelaunt,„ich muß Herrn Micawber noch einmal hohes Lob zollen. Wäre er nicht eine ſo lange Zeit ſo geduldig und aus⸗ dauernd geweſen, ſo hätten wir nie hoffen können, et⸗ was zu Stande zu bringen, das der Rede werth wäre. Und ich glaube, daß wir in Betracht zu ziehen haben, wie Herr Micawber das Rechte um des Rechten willen that, wenn wir bedenken, wie er ſich mit Uriah Heep ſelbſt hätte ſtellen können für ſein Stillſchweigen.“ „Das denke ich auch,“ verſetzte ich. „Nun, was würden Sie ihm geben?“ erkundigte ſich meine Tante. „Oh, bevor Sie darauf kommen„“ ſagte Traddles, ein wenig verſtört,„muß ich bekennen, daß ich's für ſchicklich hielt, in dieſer ungeſetzlichen Ordnung einer ſchwierigen Angelegenheit— denn es iſt Alles von An⸗ fang bis zu Ende vollkommen ungeſetzlich— zwei Punkte, da ich nicht Alles zu bemeiſtern vermochte, auszulaſſen. Jene Schuldverſchreibungen, die Herr Micawber ihm für die Vorſchüſſe gab, welche er hatte— „Nun ja, die müſſen bezahlt werden,“ verſetzte meine Tante. „Ganz recht, aber ich weiß nicht, wenn mit ihnen verſchritten werden kann, oder wo ſie ſind,“ entgegnete Traddles, die Augen aufreißend;„und ich ſehe voraus, daß man zwiſchen jetzt und ſeiner Abreiſe gegen Herrn David Kopperfield. 101 Micawber in Einem weg mit Gefangenſetzung oder Aus⸗ pfändung verfahren wird.“ „Dann muß er in Einem weg wieder in Freiheit geſetzt und der Auspfändung entzogen werden,“ begann meine Tante.„Was iſt der Betrag von Allem zu⸗ ſammengenommen?“ „Ei nun, Herr Micawber hat die Geſchäfte— er heißt ſie nämlich Geſchäfte— mit großer Förmlichkeit in ein Buch eingetragen,“ erwiederte Traddles lächelnd, „und er giebt den Betrag auf hundertunddrei Pfund, fünf Schilling an.“ „Nun, was ſollen wir ihm geben, dieſe Summe eingeſchloſſen?“ fragte meine Tante.„Agnes, meine Liebe, Sie und ich können über die Theilung ſpäter ſprechen. Was ſollte es ſein? Fünfhundert Pfund?“ Hier miſchten ſich ſowohl ich als Traddles ein. Wir empfahlen Beide eine geringe Summe in Geld und die ohne Bedingungen für Mr. Micawber geleiſtete Abzah⸗ lung der Anſprüche Uriahs, ſobald ſie einträfen. Wir ſchlugen vor, daß die Familie ihre freie Ueberfahrt und ihre Ausrüſtung haben und dazu hundert Pfund be⸗ kommen ſollte, auch ſolle auf Mr. Micawbers Arran⸗ gement hinſichtlich der Abzahlung der Vorſchüſſe allen Ernſtes eingegangen werden, da es für ihn geſund ſein werde, ſich unter dieſer Verantwortlichkeit ſtehend zu glauben. Hierzu fügte ich den Rath, ich wolle Mr. Peggotty, auf den man ſich, wie ich wüßte, verlaſſen könnte, eine Auseinanderſetzung ſeines Charakters und ſeiner Geſchichte geben, und Mr. Peggotty ſollte in aller Stille der Auftrag ertheilt werden, ihm, wenn er es für gut finde, ein zweites Hundert vorzuſchießen. Ich ſchlug dann weiter vor, ich wolle Mr. Micawber für Mr. Peggotty intereſſiren, indem ich ihm ſo viel von 102 David Kopperfield. Mr. Peggotty's Geſchichte im Vertrauen mittheilte, als ich für recht oder zuträglich fände, zu erzählen; und den Verſuch machen, jeden von Beiden dahin zu brin⸗ gen, daß ſie ſich des gemeinſamen Nutzens wegen ver⸗ trügen. Wir Alle gingen mit Wärme auf dieſe An⸗ ſichten ein, und ich darf zugleich erwähnen, daß die Hauptperſonen, um die ſich's dabei handelte, bald nachher vollkommen bereitwillig und einträchtig Daſſelbe thaten. Als ich ſah, daß Traddles jetzt abermals einen ängſt⸗ lichen Blick auf meine Tante warf, erinnerte ich ihn an den zweiten und letzten Punkt, dem er ſich zugewendet hatte.— „Du und Deine Tante werden mich entſchuldigen, Kopperfield, wenn ich ein ſchmerzliches Thema berühren ſollte, wie das zu meinem großen Leidweſen wahr⸗ ſcheinlich der Fall ſein wird,“ ſagte Traddles zögernd; „aber ich halte es für nothwendig, es Ihnen ins Ge⸗ dächtniß zurückzurufen. An dem Tage, wo Herr Mi⸗ cawber jene merkwürdige Entdeckung machte, ſpielte Uriah Heep in drohender Weiſe auf— den Gatten Deiner Tante an.“ Meine Tante verblieb in ihrer ſteifen Haltung und augenſcheinlichen Faſſung und nickte ihm ein Ja zu. „Vielleicht war es bloße unvorſätzliche Unverſchämt⸗ heit?“ bemerkte Traddles. „Nein,“ entgegnete meine Tante. „Es gab alſo— bitte um Verzeihung— wirklich eine ſolche Perſon, und zwar ganz und gar in ſeiner Gewalt?“ deutete Traddles ihr an. „Ja, mein guter Freund,“ ſagte meine Tante. Traddles entwickelte nun mit einem merklich länger werdenden Geſichte, daß er nicht im Stande geweſen —— David Kopperfield. 103 wäre, dieſem Gegenſtande ſich zu nähern; daß derſelbe das Schickſal der Schuldverſchreibungen Mr. Micawbers, nicht mit einbegriffen zu ſein in der getroffenen Ueber⸗ einkunft, getheilt habe; daß wir Uriah Heep nicht län⸗ ger mehr in unſerer Hand hätten, und daß er, wofern er uns oder irgend Einem von uns eine Beleidigung oder einen Tort anthun könnte, es ohne Zweifel thun werde. Meine Tante verblieb ruhig, bis wiederum einige verirrte Thränen ihren Weg über ihre Wangen fanden. „Sie haben ganz recht,“ ſagte ſie;„es war ſehr vorſorglich, es zu erwähnen.“ „Kann ich— oder Kopperfield— etwas thun?“ fragte Traddles leiſe. „Nichts. Ich danke Ihnen vielmals!“ ſagte meine Tante.„Trot, mein Lieber,'s war eine eitle Dro⸗ hung! Führt uns Herrn und Madame Micawber zu⸗ rück. Und daß mir Niemand mit mir red't!“ Damit ſtrich ſie ſich ihr Kleid glatt und ſaß mit ihrer auf⸗ rechten Haltung da und blickte nach der Thür. „Na, Herr und Madame Micawber!“ ſagte meine Tante, als ſie hereintraten.„Wir haben Ihre Aus⸗ wanderung beſprochen und bitten vielmals um Entſchul⸗ digung, daß wir Sie ſo lange außer dem Zimmer zu bleiben veranlaßt haben, und nun will ich Ihnen ſa⸗ gen, was für Arrangements wir Ihnen vorſchlagen.“ Dieſe ſetzte ſie ihnen nun zur unbegrenzten Freude der Familie— die Kinder und Alle waren jetzt zu⸗ gegen— und zu ſo lebhaftem Erwachen ſeiner pünkt⸗ lichen Gewohnheiten auf der ſich öffnenden Bühne aller Wechſelgeſchäfte auseinander, daß er ſich nicht abhalten ließ, auf der Stelle in der beſten Laune hinauszuſtür⸗ zen, um die Stempelbogen für ſeine Wechſel zu kau⸗ —-——— 1 ſ 104 David Kopperfield. fen. Aber wehe, ſeine Freude erhielt einen ploͤtzlichen Stoß; denn innerhalb fünf Minuten kehrte er als Ge⸗ fangener eines Dieners des Sheriffs zurück und benach⸗ richtigte uns unter einer Fluth von Thränen, daß Alles verloren ſei. Wir waren auf dieſes Ereigniß, welches natürlich von Uriah Heep ausging, vollkommen vor⸗ bereitet, bezahlten ſogleich das Geld, und in weiteren fünf Minuten ſaß Mr. Micawber am Tiſche und füllte die Stempelbogen mit einem Ausdrucke vollendeter Wonne aus, welche nur jene ſeinem Gemüthe ſo an⸗ gemeſſene Beſchäftigung oder das Brauen von Punſch in vollſter Vollſtändigkeit ſeinem glänzenden Antlitze ver⸗ leihen konnte. Ihn über den Stempelbogen zu ſehen, wie er ſie mit der Beſeligung eines Künſtlers berührte, ſie von der Seite anſah, ſich gewichtige Notizen über Daten und Zahlen in ſein Taſchenbuch machte und ſie, als er fertig war, mit hohem Bewußtſein ihres koſt⸗ baren Werthes betrachtete, war in der That ein groß⸗ artiges Schauſpiel. „Nun, das Beſte, was Sie thun können, mein Herr, wenn Sie mir erlauben wollen, Ihnen einen Rath zu ertheilen,“ ſagte meine Tante, nachdem ſie ihn ſchweigend beobachtet,„iſt, dieſes Geſchäft für im⸗ mer zu verſchwören.“ „Madame,“ erwiederte Mr. Micawber,„es iſt meine Abſicht, ſolch ein Gelübde auf das jungfräuliche Blatt der Zukunft zu ſchreiben. Madame Micawber wird es bezeugen. Ich hoffe zu Gott,“ ſagte Mr. Mi⸗ eawber feierlichen Tones,„mein Sohn Wilkins wird es ewig im Gemüthe bewahren, daß er unendlich beſſer thäte, ſeine Fauſt ins Feuer zu legen, als ſie dazu anzu⸗ wenden, daß er damit die Schlangen anfaßt, welche das Lebensblut ſeines unglücklichen Erzeugers vergifteten!“ David Kopperfield. 105 Tief gerührt und in einem Augenblicke in das Bild der Verzweiflung verwandelt, betrachtete Mr. Micawber die Schlangen mit einem Blicke düſteren Abſcheus(in welchem jedoch ſeine eben erſt an den Tag gelegte Be⸗ wunderung derſelben nicht ganz unterdrückt war), faltete ſie zuſammen und ſteckte ſie in ſeine Taſche. Dies beſchloß die Vorgänge des Abends. Wir waren müde von Sorgen und Mühen, und meine Tante und ich beabſichtigten den nächſten Tag nach London zurückzukehren. Es wurde ausgemacht, daß die Micawbers uns folgen ſollten, nachdem ſie ihre Sachen an einen Troͤdler verkauft hätten; daß Mr. Wickfields Angelegenheiten unter der Leitung von Traddles mit aller möglichen Eile zum Abſchluß gebracht werden ſoll⸗ ten; und daß auch Agnes auf ſo lange, als dieſe An⸗ gelegenheiten noch in der Schwebe wären, nach London kommen ſollte. Wir verbrachten die Nacht in dem al⸗ ten Hauſe, welches, von der Gegenwart der Heeps be⸗ freit, wie von einer Seuche gereinigt ſchien, und ich lag in meinem alten Stübchen, gleich einem ſchiffbrü⸗ chigen Wanderer, der heimgekommen iſt. Den nächſten Tag gingen wir heim zum Hauſe meiner Tante— nicht zu dem meinen, und als ſie und ich, ehe wir zu Bett gingen, allein ſaßen, wie in der alten Zeit, ſagte ſie: „Trot, wünſcheſt Du wirklich zu wiſſen, was mir in der letzten Zeit auf dem Herzen gelegen hat?“ „Ja freilich wünſche ich das, Tante. Wenn es je eine Zeit gegeben hat, wo ich's ungern geſehen hätte, daß Sie einen Kummer oder eine Angſt haben ſollten, an der ich nicht Antheil nehmen könnte, ſo iſt's die jetzige.“ „Du haſt Kummer genug gehabt, Kind,“ verſetzte 106 David Kopperfield. meine Tante liebreich,„ohne daß es dazu noch meiner kleinen Schmerzen bedürfte. Ich könnte keinen andern Beweggrund haben, Trot, wenn ich vor Dir irgend etwas geheim hielte.“ „Ich weiß das wohl,“ ſagte ich;„aber erzählen Sie mir's nur.“ „Würdeſt Du morgen früh wohl ein Stückchen mit mir wegfahren?“ fragte meine Tante. „Natürlich.“ „Um neun,“ ſagte ſie.„Ich werde Dir's dann erzählen, mein Lieber.“ Um neun Uhr alſo fuhren wir in einem kleinen Wagen aus und zwar nach London. Wir fuhren eine lange Strecke durch die Straßen, bis wir an eines der großen Spitäler kamen. Hart neben dem Gebäude ſtand ein einfacher Leichenzug. Der Kutſcher erkannte meine Tante und fuhr, einer Bewegung ihrer Hand am Fen⸗ ſter gehorſam, langſam fort, und wir folgten. „Du begreifſt es nun, Trot,“ verſetzte meine Tante. „Er iſt dahin!“ „Starb er im Spital?“ fragte ich. 7, Jl.4 Sie ſaß regungslos ſteif neben mir, aber wieder ſah ich die verirrten Thränen auf ihrem Geſichte. „Er war ſchon ein Mal dort,“ verſetzte meine Tante bald darauf.„Er kränkelte lange Zeit— ein zerrütteter, gebrochener Mann lange Jahre daher. Als er ſeinen Zuſtand in dieſer letzten Krankheit erkannte, bat er ſie, nach mir zu ſenden. Er bereute damals. Er bereute von Herzen.“ „Sie gingen, ich weiß es, Tante.“ „Ja, ich ging; ich war ſpäter viel bei ihm.“ David Kopperfield. 107 „Er ſtarb die Nacht ehe wir nach Canterbury reiſten?“ fragte ich. Meine Tante nickte. „Niemand kann ihm nun ein Leid thun,“ verſetzte ſie.„Es war eine eitle Drohung.“ Wir fuhren fort, aus der Stadt hinaus, auf den Kirchhof von Hornſey. „Beſſer hier als in den Straßen,“ ſagte meine Tante;„er wurde hier geboren.“ Wir ſtiegen ab und folgten dem ſchmuckloſen Sarge nach einer Ecke, deren ich mich ſehr wohl entſinne, und dort wurden die Grabgebete geleſen, welche den Leib dem Staube zuſprachen. „Heute vor ſechsunddreißig Jahren, mein Lieber,“ bemerkte meine Tante, als wir nach dem Wagen zu⸗ rückgingen,„wurde ich getraut. Gott vergebe uns Allen!“ Wir nahmen ſchweigend unſere Sitze ein, und ſo ſaß ſie lange Zeit neben mir und hielt meine Hand. Endlich brach ſie plötzlich in Thränen aus und ſagte: „Er war ein ſchöner Mann, als ich ihn heirathete, Trot— und er hatte ſich ſchrecklich verändert.“ Es hielt nicht lange an. Nachdem ſie ſich durch Thränen erleichtert, war ſie bald wieder gefaßt, ja ſo⸗ gar heiter. Ihre Nerven wären ein Bischen angegrif⸗ fen, ſagte ſie, ſonſt würde ſie ihren Kummer nicht haben ausbrechen laſſen. Gott möge uns Allen ver⸗ geben! So fuhren wir denn nach ihrem Landhäuschen in Highgate zurück, wo wir das folgende kurze Billet fan⸗ den, welches mit der Poſt dieſen Morgen von Mr. Micawber angelangt war: 108 David Kopperfield. „Meine liebe Madame, und Kopperfield! Das holde Land der Verheißung, welches neulich am Geſichtskreiſe auftauchte, iſt wieder in undurchdring⸗ liche Nebel gehüllt und für immer entzogen den Augen eines vom Schickſal herumgeworfenen Unglücklichen, deſ⸗ ſen Untergang beſiegelt iſt. Ein zweiter Verhaftsbefehl iſt(in Seiner Majeſtät hohem Gerichtshofe von Kings Bench in Weſtminſter) erlaſſen worden in einer zweiten Rechtsſache von Heep versus Micawber, und der Angeklagte in dieſer Ange⸗ legenheit iſt die Beute des Sheriffs, welcher die geſetz⸗ liche Jurisdiction in dieſem Gerichtsſprengel übt. Tag und Stunde, ſie ſind da, Seht die Schlachtreih drohen, ha! Seht, ſtolz Edwards Macht iſt nah— Knechtſchaft nah und Banden. Indem mir dieſe und ein baldiges Ende beſtimmt ſind(denn geiſtige Qual läßt ſich nur bis zu einem gewiſſen Punkte ertragen, und dieſen Punkt, fühle ich, habe ich erreicht), iſt mein Lauf vollendet. Gottes Se⸗ gen über Sie! Gottes Segen über Sie! Wenn in Zukunft ein Reiſender, von Neugier, und hoffen wir von einer mit Theilnahme gemiſchten Neugier, getrieben, die Stätte beſucht, welche den Schuldnern in dieſer Stadt beſtimmt iſt, ſo wird er vielleicht, ja ſo wird er gewißlich mit Herzklopfen an der Wand des Kerkers, eingeſchrieben mit einem roſtigen Nagel, herauszubuch⸗ ſtabiren ſuchen Die halbverwiſchten Anfangsbuchſtaben W. M. David Kopperfield. 109 P. P. Ich öffne dieſe Zeilen noch einmal, um Ih⸗ nen mitzutheilen, daß unſer gemeinſamer Freund, Herr Thomas Traddles(welcher uns noch nicht verlaſſen hat und außerordentlich wohl ausſieht), die Schuld nebſt den Gerichtskoſten im Namen der edlen Fräulein Trot⸗ wood bezahlt hat, und daß ich und Familie voll der höchſten irdiſchen Wonne ſind.“ Fünfundfünßzigſtes Kapitel. Sturm. Ich nähere mich jetzt einem Ereigniſſe in meinem Leben, ſo unverwiſchbar, ſo entſetzlich, ſo mit einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Banden an Alles, was ihm auf dieſen Blättern vorhergegangen iſt, geknüpft, daß ich es vom Anfange meiner Erzählung an, je mehr ich darauf zuſchritt, gleich einem großen Thurme in einer Ebene, größer und immer größer werden, und ſeinen nach vorn geworfenen Schatten ſelbſt auf die Vorkommniſſe meiner Kinderjahre breiten ſah. Jahre lang nachdem ſich's begeben, träumte ich oft davon. Ich bin emporgefahren, ſo lebhaft davon er⸗ regt, daß ſeine Wuth noch jetzt hier in meinem ruhi⸗ gen Zimmer in der ſtillen Nacht zu raſen ſchien. Ich träume bis zu dieſer Stunde noch manchmal davon, obwohl in verlängerten und unbeſtimmten Zwiſchenräu⸗ men. Ich habe zwiſchen ihm und einem ſtürmiſchen Winde oder der leiſeſten Erwähnung eines Seeufers eine Ideenverbindung, ſo ſtark, wie mein Gemüth nur irgend einer ſich bewußt iſt. Ich will verſuchen, es David Kopperfield. 111 ſo deutlich niederzuſchreiben, als ich's vor mir ſehe. Ich rufe mir's nicht ins Gedächtniß zurück, ſondern ſehe es geſchehen; denn es ereignet ſich noch einmal vor mir. Indem die Zeit ſich nun mit Rieſenſchritten näherte, wo das Auswandererſchiff abſegeln ſollte, kam meine gute alte Wärterin(der meinethalben beinahe das Herz gebrochen war) nach London. Ich war fortwährend mit ihr und ihrem Bruder und den Micawbers(ſie leiſteten ſich nämlich einander ſehr oft Geſellſchaft) zu⸗ ſammen, aber Emilien ſah ich nie. Eines Abends, als die Zeit der Abfahrt ganz nahe vor der Thür war, befand ich mich mit Peggotty und ihrem Bruder allein. Unſere Unterhaltung wendete ſich auf Ham. Sie beſchrieb uns, wie zärtlich er von ihr Abſchied genommen und wie männlich und ruhig er ſich verhalten. Beſonders in der letzten Zeit, wo er, wie ſie glaubte, am Schwerſten gelitten. Es war ein Gegenſtand, von welchem zu erzählen das liebevolle Geſchöpf nie genug bekam, und unſer Intereſſe beim Anhören der vielfachen Beiſpiele, welche ſie, die ſo viel mit ihm zuſammen war, zu berichten hatte, war dem gleich, welches ſie beim Erzählen beſeelte. Meine Tante und ich räumten um dieſe Zeit die beiden Landhäuschen zu Highgate, ich, indem ich zu verreiſen gedachte, ſie, weil ſie in ihr Haus nach Dover zurückkehren wollte. Wir hatten eine Wohnung auf kurze Zeit in Covent Garden gemiethet. Wie ich von der Unterhaltung dieſes Abends nach derſelben heimging, mir überlegend, was zwiſchen mir und Ham vorgekommen, als ich das letzte Mal in Yarmouth war, ſchwankte ich in meinem urſprünglichen Vorſatze, einen Brief für Emilien zurückzulaſſen, wenn ich mich 112 David Kopperfield. von ihrem Onkel an Bord des Schiffes verabſchieden würde, und dachte, es würde beſſer ſein, jetzt an ſie zu ſchreiben. Sie könnte, meinte ich, nachdem ſie meine Mittheilung empfangen, vielleicht den Wunſch hegen, durch mich ein Abſchiedswort an ihren unglücklichen Geliebten zu ſenden. Ich müßte ihr Gelegenheit dazu geben. — Ich ſetzte mich deshalb vor Schlafengehen in meiner Stube hin und ſchrieb an ſie. Ich erzählte ihr, wie ich ihn geſehen, und wie er mich erſucht habe, ihr zu ſagen, was ich an ſeinem Orte auf dieſen Bogen be⸗ reits mitgetheilt habe. Ich wiederholte ihr's getreulich. Ich hatte nicht nöthig, mich lange dabei aufzuhalten und es zu erweitern, wenn ich auch das Recht dazu gehabt hätte. Seine tiefgewurzelte Treue und Seelen⸗ güte brauchten von mir, wie überhaupt von Niemand erſt ausgeſchmückt zu werden. Ich ließ das Billet außen liegen, damit es am Morgen hinübergeſchickt würde; dazu eine Zeile an Mr. Peggotty mit der Bitte, es ihr zu geben, und dann ging ich mit Tagesanbruch zu Bett. Ich war ſchwächer, als ich's damals wußte, und da ich nicht vor Sonnenaufgang einſchlief, lag ich den folgenden Tag lange und unerquickt im Bette. Ich er⸗ wachte durch die ſchweigende Anweſenheit meiner Tante an meinem Bette. Ich empfand dieſelbe in meinem Schlafe, wie wir meines Wiſſens Alle dergleichen em⸗ pfinden. „Mein lieber Trot,“ ſagte ſie, als ich die Augen öffnete,„ich konnte mich nicht entſchließen, Dich zu ſtö⸗ ren. Herr Peggotty iſt hier, ſoll er herkommen?“ Ich bejahte, und er erſchien bald darauf. „Musje Davchen,“ ſagte er, als wir uns die Hände geſchüttelt,„ich habe Emilchen Ihren Brief gegeben, David Kopperfield. 113 und ſie ſchrieb das hier und bat mich, ich ſollte Ihnen fragen, ob Sie's nicht leſen wollten, und wenn Sie nichts Unrechtes drinne finden thäten, ſollten Sie doch ſo gut ſein, und es beſorgen.“ „Haben Sie es geleſen?“ fragte ich. Er nickte traurig. Ich öffnete es und las, wie folgt: „Ich habe Deine Botſchaft erhalten. Oh, was kann ich ſchreiben, um Dir zu danken für Deine Güte und Liebe gegen mich, die Dir Gott vergelten möge! Ich habe mir die Worte tief ins Gedächtniß einge⸗ prägt. Ich werde ſie dort bewahren, bis ich ſterbe. Es ſind ſcharfe Dornen, aber doch ſolch eine Wohlthat! Ich habe über ihnen gebetet, oh ich habe ſo viel gebetet! Wenn ich ſehe, wie Du biſt, und wie Onkel iſt, da denke ich, wie Gott ſein muß, und kann zu ihm um Vergebung rufen. Gott ſei mit Dir auf ewig! Nun, mein Theurer, mein Freund, Gott mit Dir, und lebe wohl auf ewig in dieſer Welt! In einer andern Welt, wenn ich Ver⸗ gebung erlangt, kann ich vielleicht als ein Kind erwachen und zu Dir kommen. Ich danke Dir und ſegne Dich von ganzem Herzen. Lebe wohl auf ewig!“ Dies, mit Thränen benetzt, war der Brief. „Kann ich ihr ſagen, daß Sie nichts Unrechtes drinne ſehen, und daß Sie ſo gut ſein wollen, den Brief zu beſorgen, Musje Davchen?“ fragte Mr. Peg⸗ gotty, als ich mit Leſen fertig war. „Ohne alle Frage,“ ſagte ich,—„indeß denke ich—“ „Ja, Musje Davchen?“ „Ich denke,“ verſetzte ich,„ſelbſt nach Narmouth hinüberzugehen. Es iſt noch Zeit, und ich habe auch Zeit, ehe das Schiff abſegelt, hinzugehen und zurückzukom⸗ David Kopperfield. IX. 8 114 David Kopperſield. men. Meine Gedanken beſchäftigen ſich fortwährend mit ihm in ſeiner Einſamkeit; dieſen Brief mit ihren Schrift⸗ zügen in dieſer Zeit in ſeine Hand zu legen und Sie in den Stand zu ſetzen, ihr im Augenblicke des Schei⸗ dens zu ſagen, daß er ihn erhalten hat, wird für Beide eine Wohlthat ſein. Ich habe ſeinen Auftrag feierlich übernommen, der liebe, gute Burſche! und kann ihn nicht vollſtändig genug ausrichten. Die Reiſe iſt nichts für mich. Ich bin ohne Ruhe, und ein Wechſel des Ortes wird beſſer für mich ſein. Ich werde heute Abend hingehen.“ Obſchon er mir eifrig davon abzureden ſuchte, ſah ich doch, daß er meiner Anſicht war, und dies würde mich in meinem Vorhaben beſtärkt haben, wofern es deſſen noch bedurft hätte. Er ging auf meine Bitte nach der Poſt und nahm für mich den Sitz auf dem Bocke des Eilwagens. Am Abend brach ich mit dieſer Fahrge⸗ legenheit auf, die Straße entlang, die ich unter ſo man⸗ cherlei verſchiedenen Verhältniſſen ſchon gefahren war. „Kommt Ihnen der Himmel nicht recht merkwürdig vor?“ fragte ich den Poſtillon auf der erſten Station von London.„Ich entſinne mich nicht, einen ähnlichen geſehen zu haben.“ „Auch ich nicht— nicht einmal etwas dem Aehn⸗ liches,“ erwiederte er.„Das iſt Wind, mein Herr. Da wird's meiner Erwartung nach, ehe viel Zeit ver⸗ geht, ein Unglück auf der See geben.“ Es war ein düſtres, hie und da mit einer Farbe gleich der Farbe des Dampfes von feuchtem Brennſtoff geflecktes Gewirr fliegender Wolken, die in höchſt merk⸗ würdige Haufen zuſammengeworfen waren und in dem Gewölke Höhen zeigten, größer, als Tiefen unter ihnen waren bis zum Grunde der tiefſten Höhlungen in der David Kopperfield. 115 Erde, und durch dieſe Höhen ſchien der irre Mond kopf⸗ über herabzuſtürzen, als ob er in furchtbarer Störung der Naturgeſetze ſeinen Weg verfehlt hätte und von Ent⸗ ſetzen ergriffen wäre. Es war den ganzen Tag windig geweſen, aber jetzt erhob ſich der Sturm mit außeror⸗ dentlich lautem Toſen. In einer Stunde darauf war er um Vieles ſtärker geworden, der Himmel war noch mehr überzogen, und es ſauſte ſehr ſtark. Aber als die Nacht vorrückte, ſchloſſen ſich die Wolken und breiteten ſich, jetzt ſehr dunkel, in dichten Maſſen über den ganzen Himmel, und der Wind blies ſtärker und immer ſtärker. Er ſchwoll immer mehr an, bis unſere Pferde kaum noch dagegen ankommen konnten. Viel⸗ mals, in dem dunkeln Theile der Nacht(es war da⸗ mals ſpät im September, und die Nächte waren nicht kurz) kehrten die Vorderpferde um oder hielten plötzlich an, und wir befürchteten oftmals ernſtlich, der Wagen werde umgeworfen werden. Rauſchende Regengüſſe ka⸗ men hernieder vor dieſem Sturme, gleich einem Hagel von Stahlſpitzen, und bei dieſen Gelegenheiten waren wir, ſchier unfähig, den Kampf fortzuſetzen, froh, wenn ſich ein Obdach von Bäumen oder windſtille Mauern finden ließen, wo wir anhalten konnten. Als der Tag anbrach, blies es ſtärker und immer ſtärker. Ich war in Yarmouth geweſen, als die See⸗ leute ſagten, es blieſe mit vollen Backen, aber nie hatte ich etwas Gleiches oder etwas geſehen, was dieſem Wet⸗ ter auch nur ähnlich geweſen wäre. Wir kamen nach Norwich— ſehr ſpät, da wir, ſeit wir zehn Meilen von London geweſen, jeden Zoll Boden dem Wetter hatten abtrotzen müſſen, und trafen auf dem Markt⸗ platze einen Zuſammenlauf von Leuten, welche in der Nacht aus den Betten aufgeſtanden und in Furcht 116 David Kopperfield. vor herabſtürzenden Schornſteinen waren. Einige von ihnen, die ſich auf dem Hofe des Wirthshauſes zuſam⸗ menfanden, während wir die Pferde wechſelten, erzähl⸗ ten uns, wie große Bleitafeln von der Bedachung des Kirchthurms abgeriſſen und in eine Nebengaſſe geſchleu⸗ dert worden ſeien, die ſie dann verrammelt hätten. Andere hatten uns von Leuten vom Lande zu erzählen, die von benachbarten Dörfern hereingekommen ſeien und große Bäume aus der Erde gedreht und ganze Getraideſcho⸗ ber über Straßen und Felder zerſtreut daliegen geſehen hatten. Aber noch immer ließ der Sturm nicht nach, ſondern es blies ſtärker und immer ſtärker. Als wir uns weiter durchkämpften, näher und näher der See, von welcher dieſer gewaltige Wind wüſt nach dem Ufer zubrauſte, wurde ſeine Stärke immer ſchreck⸗ licher. Lange, bevor wir die See zu Geſicht bekamen, war ihr Schaum auf unſern Lippen, und es ſchauerte ein ſalziger Regen auf uns. Das Waſſer war Meilen auf Meilen über die flache Umgebung von Yarmouth ausgetreten, und jede Pfütze und Lache peitſchte ihre Ufer und ließ das Ungeſtüm ihrer kleinen Sturzwellen ſchwer gegen uns anſtürmen. Als wir die See zu Ge⸗ ſicht bekamen, ſahen die Wellen am Horizont, in Zwi⸗ ſchenräumen über dem fluthenden Abgrunde feſtgehalten, wie ein zweites Ufer mit Thürmen und Gebäuden aus. Als wir zuletzt in die Stadt gelangten, kamen die Leute, alle ſchräg gehend und mit fliegenden Haaren, vor ihre Thüren heraus und wunderten ſich über die Poſt, die durch eine ſolche Nacht gekommen war. Ich ſtieg an dem alten Gaſthauſe ab und ging hinab, um auf das Meer hinauszuſchauen; ich ſtolperte über die mit Sand und Meertang und fliegenden Flocken von Seeſchaum beſtreute Straße, in Furcht vor fallenden David Kopperfield. 117 Schindeln und Ziegeln und mich anhaltend an Leute, denen ich an zugigen Ecken begegnete. Als ich dem Ufer näher kam, ſah ich nicht blos die Schiffersleute, ſondern die halbe Stadt, wie ſie hinter Gebäuden verſteckt hin⸗ auslauſchten, einige von ihnen dann und wann ſich in die Wuth des Sturmes wagten, um ins Meer hinaus⸗ zublicken und bei dem Verſuche, im Zickzack zurückzu⸗ kommen, ſchier von ihrem Wege hinweggeblaſen wurden. Mich in dieſe Gruppen miſchend, fand ich wehkla⸗ gende Frauen, deren Männer in Häring⸗ oder Auſter⸗ booten draußen waren, welche, wie man nur zu viel Grund zu vermuthen hatte, geſcheitert ſein konnten, ehe ſie irgendwo eingelaufen waren, um Schutz zu ſuchen. Alte Seeleute mit grauen Haaren waren unter den Leu⸗ ten und ſchüttelten die Köpfe, wenn ſie vom Waſſer zum Himmel hinaufblickten, und murmelten mit einan⸗ der; Schiffseigner, aufgeregt und angſtvoll; Kinder, die ſich zuſammendrängten und ältern Leuten ins Geſicht blickten; ſelbſt tapfermüthige Matroſen, verſtört und ent⸗ ſetzt, richteten ihre Gläſer hinter Plätzen, die Sicher⸗ heit gewährten, auf die See hinaus, wie wenn ſie einen Feind beobachteten. Die ſchreckliche See ſelbſt, als ich hinreichende Ruhe finden konnte, in dem Gewirr und Geflirr des blen⸗ denden Windes, der fliegenden Steine, des wehenden Sandes und des grauſigen Getöſes nach ihr zu ſehen, verſtörte mich. Als die hohen Waſſerwälle grollend herankamen und auf ihrer höchſten Höhe ſich überſtürz⸗ ten und brandeten, ſahen ſie aus, als ob der kleinſte die Stadt verſchlingen wollte. Wenn die wiederkehrende Welle mit heiſerm Brüllen zurückſchwappte, ſchien ſie tiefe Höhlen in das Ufer zu ſchneiden, als ob ihre Ab⸗ ſicht wäre, die Erde zu untergraben. Wenn die weiß⸗ 118 David Kopperfield. köpfigen Wogen herandonnerten und ſich zerſcheiterten, bevor ſie das Land erreichten, ſo ſchien jedes Bruchtheil des ehemaligen Ganzen von der vollen Macht ſeiner Wuth beſeſſen und ſtürzte herzu, um ſich zum Aufbau eines andern Ungethüms ſammeln zu laſſen. Wogende Hügel verwandelten ſich in Thäler, wogende Thäler, durch welche manchmal ein einſamer Sturmvogel ruderte, wurden zu Hügeln emporgeſchoben; Maſſen von Waſſer ließen die Küſte mit dumpfbrummendem Geräuſche er⸗ zittern und erbeben; jede Geſtalt rollte toſend heran, ſobald ſie entſtanden, um ihre Form und Stelle zu wechſeln und eine andere Form und Stelle wegzuſtoßen; das eingebildete Ufer am Geſichtskreiſe mit ſeinen Thür⸗ men und Gebäuden ſtieg und ſank; die Wolken flogen ſchnell und dicht; es war mir, als ſähe ich ein Zerreißen und Durcheinanderwallen der ganzen Natur vor mir. Da ich Ham unter den Leuten nicht fand, welche dieſer denkwürdige Sturm— denn man gedenkt ſeiner hier unten noch immer als des größten, der je auf die⸗ ſer Küſte geweht— zuſammengeführt hatte, ſo machte ich mich auf den Weg nach ſeinem Hauſe. Es war verſchloſſen, und da Niemand auf mein Anklopfen ant⸗ wortete, ſo ging ich durch Seitenwege und Nebengäß⸗ chen nach dem Zimmerhofe, wo er arbeitete. Ich er⸗ fuhr dort, daß er nach Lowestoft gegangen ſei, um an der plötzlich nothwendig gewordenen Ausbeſſerung eines Schiffes, wozu man ſeine geſchickte Hand verlangt hatte, zu arbeiten; er werde jedoch morgen früh zu guter Zeit zurück ſein. Ich kehrte in den Gaſthof zurück, und als ich mich gewaſchen und angekleidet und zu ſchlafen verſucht hatte, obwohl umſonſt, war es fünf Uhr Nachmittags. Ich hatte noch nicht fünf Minuten am Feuer des Gaſtzim⸗ David Kopperfield. 119 mers geſeſſen, als der Kellner hereinkam, um es an⸗ zuſchüren, und mir als eine Entſchuldigung, daß er mich anrede, erzählte, wie ein paar Meilen vom Ufer zwei kleine Fahrzeuge mit Mann und Maus untergegangen wären, und wie man mehrere andere Schiffe hart käm⸗ pfend und in ſehr trauriger Lage ſich von der Küſte wegarbeitend geſehen habe. Gnade Gott ihnen und allen armen Matroſen, ſagte er, wenn wir noch eine ſolche Nacht haben ſollten, als die letzte! Ich war auf ſehr gedrückter Laune, fühlte mich ſehr einſam und empfand darüber, daß Ham nicht da war, eine Unruhe, welche ſich übel zu der Gelegenheit paßte. Ich war von neuerlichen Ereigniſſen ernſtlich angegrif⸗ fen, ohne zu wiſſen, wie ſehr; und daß ich mich dem raſenden Winde ſo lange ausgeſetzt, hatte mich betäubt. Meine Gedanken und Erinnerungen befanden ſich in jenem Zuſtande des Durcheinanderwallens, wo man die klare Vertheilung von Zeit und Raum verliert. So würde ich meiner Anſicht nach, wenn ich in die Stadt gegangen wäre, nicht verwundert geweſen ſein, Jeman⸗ dem zu begegnen, welcher, wie ich wußte, zu der Zeit in London ſein mußte. In dieſer Rückſicht war, ſo zu ſagen, eine wunderliche Unaufmerkſamkeit in meiner Seele. Doch war dieſelbe auch geſchäftig mit allen den Erin⸗ nerungen, welche der Ort natürlich erweckte, und dieſe waren ganz beſonders deutlich und lebhaft. In dieſem Zuſtande verband ſich die traurige Kunde, welche mir der Kellner hinſichtlich der Schiffe brachte, ſogleich ohne Zuthun meiner Willenskraft mit meiner Un⸗ ruhe hinſichtlich Hams. Ich war überzeugt, daß ich eine trübe Vorahnung hatte, wie er von Lowestoft zur See zurückkäme und verloren ſei. Dieſe Ahnung wurde ſo ſtark in mir, daß ich mich entſchloß, ehe ich mein Eſſen 120 David Kopperfield. zu mir nähme, nach dem Zimmerhofe zurückzugehen und den Schiffsbauer zu fragen, ob er es überhaupt für wahrſcheinlich halte, daß er den Verſuch machen werde, zur See zurückzukehren. Wenn er mir die geringſte Urſache gäbe, ſo zu denken, ſo wollte ich nach Lowes⸗ toft gehen und es dadurch verhindern, daß ich ihn mit mir herbrächte. Ich beſtellte haſtig mein Eſſen und ging nach dem Zimmerhofe zurück. Ich kam gerade noch zur rechten Zeit; denn der Schiffsbaumeiſter ſtand, mit einer La⸗ terne in der Hand, eben im Begriffe, die Hofthür zu ſchließen. Er lachte aus vollem Halſe, als ich ihm meine Frage vorlegte, und ſagte, da wäre nichts zu fürchten; kein Mann, der bei Sinnen oder auch von Sinnen wäre, würde bei ſolch einem Winde aufbrechen, und am wenigſten von Allen Ham Peggotty, welcher zum Seefahrer geboren wäre. Im Voraus ſo überzeugt davon, daß ich mich wirk⸗ lich ſcämte, zu thun, was ich doch demungeachtet zu thun gezwungen war, ging ich in den Gaſthof zurück. Wenn ſolch ein Wind noch mehr anſchwellen konnte, ſo denke ich, daß er damals noch mehr anſchwoll. Das Geheul und Gebrüll, das Raſſel der Thüren und Fen⸗ ſter, das Poltern in den Schornſteinen, das ſcheinbare Schwanken des Hauſes, das mir Obdach gewährte, und der ungeheure Aufruhr des Meeres waren furchtbarer als am Morgen. Aber es war jetzt noch außerdem eine große Finſterniß, und dieſe verlieh dem Sturme neue Schrecken, wirkliche und eingebildete. Ich konnte nicht eſſen, ich konnte nicht ſtillſitzen, ich konnte nichts mit Ausdauer betreiben. Ein Etwas in meinem Innern, das dem Sturme draußen antwortete, riß die Tiefen meines Gedächtniſſes auf und machte in David Kopperfield. 121 ihnen einen Aufruhr. Doch waren in all dem Jagen und Ringen meiner Gedanken, die wild mit der don⸗ nernden See raſten, das Unwetter und meine Unruhe rückſichtlich Hams ſtets im Vordergrunde. Mein Eſſen wurde faſt unangetaſtet weggeſchafft, und ich verſuchte es, mich mit ein paar Gläſern Wein zu erquicken. Vergebens. Ich ſank in einen dumpfen Schlummer vor dem Feuer, ohne indeß mein Bewußt⸗ ſein von dem Aufruhr draußen oder dem Orte, an wel⸗ chem ich mich befand, zu verlieren. Beide Bilder wur⸗ den von einem neuen und unerklärlichen Grauen über⸗ ſchattet; und als ich erwachte, oder vielmehr, als ich die Lethargie, welche mich an meinen Stuhl feſſelte, abſchüttelte, ging mir ſchaudernd eine gegenſtandsloſe und unbegreifliche Furcht durch den ganzen Körper. Ich ging hin und her, verſuchte eine alte Zeitung zu leſen, lauſchte dem grauſigen Lärmen, ſah auf Ge⸗ ſichter, Scenen und Geſtalten im Feuer. Endlich quälte mich das ſtete Picken der Wanduhr, die ſich durch nichts ſtören ließ, bis zu dem Grade, daß ich mich entſchloß, zu Bett zu gehen. 1 Es war ein Troſt in ſolch einer Nacht, zu hören, daß einige der Dienſtboten des Gaſthauſes übereinge⸗ kommen waren, bis zum Morgen aufzubleiben. Ich ging zu Bett, außerordentlich müde und matt; aber als ich mich hingelegt, verſchwand, wie durch Zauber, all mein Fühlen davon, und ich war vollkommen munter und jeder Sinn geſchärft. Stundenlang lag ich da, lauſchend auf Wind und Waſſer, und bildete mir bald ein, daß ich draußen auf der See Gekreiſch hörte, bald, daß ich deutlich das Abfeuern von Nothſchüſſen vernähme, und bald den Fall von Häuſern. Ich ſtand mehrmals auf und blickte David Kopperfield. hinaus, konnte aber nichts ſehen, ausgenommen auf den Fenſterſcheiben die Spiegelung des ſchwach brennen⸗ den Lichtes, welches ich nicht ausgelöſcht hatte, und mei⸗ nes eignen geiſterbleichen Geſichts, welches aus der ſchwar⸗ zen Oede draußen zu mir hereinſtierte. Zuletzt erreichte meine Ruheloſigkeit ſolch einen ho⸗ hen Grad, daß ich haſtig meine Kleider anzog und hin⸗ unterging. In der großen Küche, wo ich in mattem Lichte Speckſeiten und Zwiebelreihen von dem Deckbal⸗ ken herabhängen ſah, hatten die Wachgebliebenen ſich in verſchiedenen Stellungen um einen Tiſch verſammelt, den man mit Abſicht von dem großen Kamine weggeſchafft und in die Nähe der Thür gebracht hatte. Ein hübſches Mädchen, welches ſich die Ohren mit der Schürze ver⸗ ſtopft und die Augen auf die Thür gerichtet hatte, ſchrie, als ich erſchien, laut auf, indem ſie meinte, ich ſei ein Geſpenſt; aber die Andern beſaßen mehr Geiſtesgegenwart und waren froh, daß ihre Geſellſchaft eine Vermehrung erhielt. Einer von ihnen fragte mich, indem er den Gegenſtand, den ſie discutirt, wieder aufnahm, ob ich dächte, daß die Seelen von der Mannſchaft der Han⸗ delsfahrzeuge, welche untergegangen wären, wohl drau⸗ ßen im Sturme herumflögen. Ich blieb dort, wie ich glaube, zwei Stunden. Ein⸗ mal öffnete ich die Hofthür und ſah in die menſchen⸗ leere Straße hinaus. Der Sand, der Meertang und die Flocken von Seeſchaum trieben noch immer vorbei, und ich war gezwungen, um Beiſtand zu rufen, ehe ich die Thür wieder ſchließen und ſie gegen die Gewalt des Windes befeſtigen konnte. Es war ein trübſeliges Dunkel in meiner einſamen Kammer, als ich mich zuletzt wieder dorthin zurückzog; aber ich war jetzt ermüdet und fiel— von einem Thurme David Kopperſield. 123 und in einen Abgrund— in die Tiefen des Schlafes. Ich habe den Eindruck, als ob lange Zeit, obwohl ich anderswo zu ſein und vor mannichfachen Scenen zu ſtehen träumte, in meinem Traume der Wind wehte. Zuletzt verlor ſich mir dieſer ſchwache Anhalt an die Wirklichkeit, und ich war mit zwei lieben Freunden, von denen ich aber nicht weiß, wer ſie waren, bei der Be⸗ lagerung einer Stadt mitten im Brüllen einer Kanonade. Der Donner der Kanonen war ſo laut und unab⸗ läſſig, daß ich ein Etwas nicht zu horen im Stande war, was ich doch ſehr zu hören wünſchte, bis ich end⸗ lich eine große Anſtrengung machte und aufwachte. Es war heller Tag— acht oder neun Uhr; der Sturm wüthete ſtatt der Batterien, und Jemand klopfte und rief an meiner Thür. „Was giebt's?“ fragte ich. „Ein Wrack, ganz in der Nähe!“ Ich ſprang aus dem Bette und fragte, was für ein Wrack. „Ein Schooner von Spanien oder Portugal, bela⸗ den mit Getraide und Wein. Beeilen Sie ſich, Herr, wenn Sie es ſehen wollen! Man denkt unten am Strande, daß es alle Augenblicke in Stücke fallen wird.“ Die aufgeregte Stimme ging wehklagend die Treppe hinab, und ich warf mich, ſo ſchnell ich konnte, in meine Kleider und lief auf die Straße. Eine Menge Menſchen waren ſchon vor mir dort, alle in einer Richtung nach dem Strande hinabrennend. Ich lief denſelben Weg, überholte eine ziemliche Anzahl und kam bald vor das Angeſicht der wilden See. Der Wind mochte inzwiſchen ein wenig nachgelaſſen haben, obſchon das nicht mehr zu bemerken war, als wenn die Kanonade, von welcher ich geträumt hatte, 124 David Kopperfield. durch das Verſtummen eines halben Dutzends Feuer⸗ ſchlünde von Hunderten vermindert worden wäre. Aber das Meer, zu dem noch die Aufregung der ganzen Nacht hinzugekommen war, war unendlich ſchrecklicher, als ich es zuletzt geſehen hatte. Jede Erſcheinung, die es jetzt darbot, trug den Ausdruck des Aufgeſchwollenſeins; die Höhe, zu welcher die Wellenkämme ſtiegen und, einer über den andern wegſchauend, einander nieder⸗ drückten und heranrollten in grenzenloſen Heeren, war höchſt entſetzlich. Bei der Schwierigkeit, irgend etwas Anderes als Wind und Regen zu hören, und bei dem Menſchen⸗ gewimmel und der unausſprechlichen Verwirrung und meinen erſten athemloſen Anſtrengungen, mich gegen das Unwetter zu halten, war ich ſo außer mir, daß ich auf die See hinaus nach dem Wracke ſchaute und nichts ſah als die ſchäumenden Häupter der großen Wogen. Ein halbnackter Schiffersmann, mir zunächſt ſtehend, zeigte mit ſeinem entblößten Arme(einen tättowirten Pfeil darauf, der nach derſelben Richtung wies) nach links hin. Da, o großer Gott, ſah ich es, ganz nahe, uns zugekehrt!— Ein Maſt war kurz, ſechs oder acht Fuß vom Deck, abgebrochen und lag nach der Seite, verwickelt in ein Gewirr von Segeln und Tauen; und alle dieſe Trüm⸗ mer ſchlugen, während das Schiff hin⸗ und herſchwankte und ſchlingerte— was es ohne Aufhören und mit einer ganz unbegreiflichen Heftigkeit that— gegen die Seite des Fahrzeugs, als ob ſie ſich hineinbohren wollten. Man machte ſelbſt jetzt noch einige Anſtrengungen, die⸗ ſen Theil des Wracks wegzuhauen; denn als das Schiff, welches uns mit der Breitſeite zugekehrt war, ſich bei ſeinem Taumeln uns mit der Vorderſeite zuwendete, David Kopperfield. 125 unterſchied ich deutlich ſeine Mannſchaft, wie ſie mit Aexten ans Werk ging; vorzüglich eine ſehr thätige Ge⸗ ſtalt mit langem gelockten Haare that ſich unter den Uebrigen hervor. Aber in dieſem Augenblicke erhob ſich vom Ufer ein lauter Aufſchrei, der ſelbſt durch Wind und Waſſer vernehmbar war; die See fegte über das ſchaukelnde Wrack hinweg, riß einen weiten Bruch hin⸗ ein und führte Mannſchaft, Geſtänge, Fäſſer, Planken, Bollwerke, Haufen von ſolchen Dingen in die kochende Brandung hinab. Der zweite Maſt ſtand noch, und daran hingen die Fetzen eines zerriſſenen Segels und ein wildes Gewirr von Tauwerk, welches hin⸗ und herpeitſchte. Das Schiff war einmal aufgeſtoßen, wie derfelbe Schiffersmann mir heiſer ins Ohr ſagte, hatte ſich dann gehoben und war nochmals aufgeſtoßen. Ich verſtand ihn ſo weit, um mir ſelbſt hinzuzufügen, daß es in der Mitte ausein⸗ anderberſten werde, und ich konnte mir das recht wohl denken; denn das Schwanken und Stoßen war zu ent⸗ ſetzlich, als daß irgend ein menſchliches Werk es lange hätte aushalten können. Während er noch ſprach, ließ ſich ein zweiter lauter Schrei des Erbarmens am Ufer hören; vier Mann erhoben ſich mit dem Wrack aus der Tiefe, hängend im Tauwerke des übriggebliebenen Maſtes, zu oberſt die thätige Geſtalt mit dem gelockten Haare.— Es befand ſich eine Glocke am Bord; und während das Schiff, gleich einem in verzweifelter Hatz zum Wahnſinn getriebenen Geſchöpfe, ſchwankte und auf⸗ und niederſchoß, jetzt, wo es ſich auf ſeiner Balkenlage dem Ufer zuwendete, uns die ganze Fläche ſeines Decks, und jetzt wieder, wo es in wildem Ringen überſchlug und ſich der See zudrehte, nichts als ſeinen Kiel zeigend, 126 David Kopperfield. ertönte die Glocke, und ihr Ton, das Grabgeläute die⸗ ſer unglücklichen Menſchen, wurde uns von dem Winde zugetragen. Wieder verloren wir das Fahrzeug aus den Augen, und wieder tauchte es auf. Zwei Mann waren weg. Der verzweifelte Schmerz am Ufer wuchs. Männer ſtöhnten und rangen die Hände, Weiber kreiſch⸗ ten und wandten die Geſichter ab. Etliche rannten in wildem Wahnſinn am Strande auf und ab und ſchrien um Hülfe, wo keine Hülfe war. Ich befand mich ſelbſt unter dieſen, indem ich mit verwirrten Sinnen einen Haufen Matroſen, welche ich kannte, anflehte, dieſe zwei verlorenen Geſchöpfe nicht vor unſern Augen untergehen zu laſſen. Sie ſetzten mir— ich weiß nicht wie; denn das Wenige, was ich hören konnte, war kaum zuſammen⸗ hängend genug, um verſtändlich zu ſein— in haſtiger Weiſe auseinander, daß vor einer Stunde das Ret⸗ tungsboot tapfern Muthes bemannt worden wäre, aber nichts thun könnte, und daß, da Niemand das verzwei⸗ felte Wagſtück unternehmen wollte, mit einem Seile hinauszuwaten und eine Verbindung mit dem Ufer zu bewerkſtelligen, kein Verſuch mehr übrig wäre. Da bemerkte ich, daß ein neues Gefühl das Volk am Ufer bewegte, und ſah, wie ſie auseinandergingen und Ham ſich durch ſie nach vorn einen Weg bahnte. Ich rannte auf ihn zu— ſo viel ich weiß, um meine Bitte um Hülfe zu wiederholen. Aber ſo ge⸗ ſtörten Sinnes ich durch ein mir ſo neues und furcht⸗ bares Schauſpiel auch war, die Entſchloſſenheit in ſei⸗ nem Antlitze und ſein Blick hinaus auf die See— genau derſelbe Blick, deſſen ich mich in Verbindung mit dem Morgen nach Emiliens Flucht erinnerte— ließen mich zum Bewußtſein der Gefahr erwachen, in David Kopperfield. 127 der er ſchwebte. Ich hielt ihn mit beiden Armen zu⸗ rück und bat die Männer, mit denen ich ſoeben geſpro⸗ chen, inſtändigſt, nicht auf ihn zu hören, keinen Mord zu begehen, ihn nicht von dieſem Sande ſich entfernen zu laſſen. Wieder erhob ſich ein Schrei am Ufer, und nach dem Wracke blickend, ſahen wir das grauſame Segel Schlag auf Schlag den niedriger angeklammerten der beiden Männer vom Maſte herunterſchlagen und trium⸗ phirend um die thätige Geſtalt, die auf dem Maſte noch übrig war, flattern. Gegen die Wirkung ſolch eines Anblicks und gegen ſolch eine Entſchloſſenheit, wie die des ruhigen, verwe⸗ genen Mannes, welcher bereits gewohnt war, die Hälfte der gegenwärtigen Leute zu führen, hätte ich mit eben⸗ ſoviel Hoffnung auf Erfolg bitten können, als wenn ich den Wind durch Flehen zu beſchwichtigen verſucht hätte. „Musje Davchen,“ ſagte er, mich heitern Blicks bei beiden Händen faſſend,„wenn meine Zeit gekom⸗ men iſt, ſo iſt ſie gekommen. Wo nicht, ſo will ich ſie erwarten. Der Herr droben ſei mit Ihnen und mit Allen! Kameraden, macht mich fertig. Ich werde gehen.“ Ich wurde, obwohl nicht unfreundlich, in einige Entfernung gedrängt, wo die Leute in meiner Umge⸗ bung mich feſthielten, indem ſie, wie ich in meiner Ver⸗ wirrung bemerkte, mir dringend vorſtellten, daß er mit oder ohne Hülfe zu gehen entſchloſſen ſei, und daß ich nur die Vorſichtsmaßregeln für ſeine Sicherheit ſtören werde, wenn ich denen, auf welchen ſie beruhten, Angſt machte. Ich weiß nicht, was ich antwortete, und was ſie mir entgegneten; aber ich ſah ein haſtiges Treiben 128 David Kopperfield. am Strande, und wie Leute mit Seilen von einem Gang⸗ ſpill, welches ſich dort befand, gelaufen kamen und in den Kreis von Geſtalten traten, der ihn vor mir ver⸗ barg. Dann ſah ich ihn allein ſtehen in der kurzen Jacke und den Hoſen eines Seemanns, ein Seil in ſei⸗ ner Hand oder um ſein Handgelenk geſchlungen, ein anderes um ſeinen Leib, und mehrere von den beſten Männern hielten auf einige Entfernung das letztere, welches er ſelbſt ſchlaff zu ſeinen Füßen auf das Ufer legte. Das Wrack wollte jetzt, wie ſelbſt mein an dieſe Dinge nicht gewöhntes Auge ſah, ganz zerſchellen. Ich bemerkte, daß es in der Mitte auseinanderberſten wollte, und daß das Leben des allein noch übrigen Mannes auf dem Maſte an einem Haare hing. Dennoch klam⸗ merte er ſich noch immer daran. Er hatte eine eigen⸗ thümliche rothe Mütze auf— nicht wie eine Matroſen⸗ mütze, ſondern von ſchönerer Farbe, und während die wenigen noch Widerſtand leiſtenden Planken zwiſchen ihm und dem Untergange wankten und ſich krümmten und ſein Grabgeläute ſchon bei ſeinen Lebzeiten ertönte, ſahen wir Alle, wie er ſie ſchwenkte. Ich ſah es ihn auch jetzt thun und dachte, ich ſollte wahnſinnig wer⸗ den, als ſeine Bewegung mir die Erinnerung an einen einſt theuren Freund ins Gedächtniß rief. Ham beobachtete die See, allein ſtehend, hinter ſich eine ſchweigende Menge mit verhaltenem Athem, vor ſich den Sturm, bis eine große Woge in die See zurück⸗ fuhr, wo er ſich, mit einem rückwärtsgehenden Blicke auf die, welche das an ſeinen Leib befeſtigte Seil hiel⸗ ten, ihr nachſtürzte und augenblicklich mit dem Waſſer zu kämpfen begann. Er ſtieg empor mit dem Wellen⸗ hügel, ſank mit den Thälern, war verloren im Schaume David Kopperfield. 129 und ward dann wieder ans Land gezogen. Sie holten ihn haſtig ein. Er war verletzt; ich ſah von da, wo ich ſtand, Blut an ſeinem Geſichte, aber er kümmerte ſich nicht im Min⸗ deſten darum. Er ſchien ihnen eilig einige Anweiſun⸗ gen zu ertheilen, ihm freieren Spielraum zu laſſen— ſo urtheilte ich wenigſtens nach der Bewegung ſeines Armes— und fort war er, wie zuvor. Und nun ging es auf das Wrack los; er erhob ſich mit den Hügeln, ſank mit den Thälern, war verloren unter dem zerzauſten Schaume, nach dem Ufer getra⸗ gen, nach dem Schiffe geführt, vorwärtsſtrebend hart und gewaltig. Die Entfernung war nichts, aber die Gewalt der See und des Windes machte das Anſtre⸗ ben tödtlich. Endlich näherte er ſich dem Wrack. Er war ihm ſo nahe, daß er mit noch einem ſeiner kräf⸗ tigen Stöße daran gehangen haben würde,— da kam ein hoher, grüner, ungeheurer Waſſerkamm, der ſich von jenſeits des Schiffes dem Ufer zu bewegte; er ſchien mit gewaltigem Sprunge in denſelben hineinzufliegen, und das Schiff war verſchwunden. Als ich nach dem Orte rannte, wo ſie das Seil einzogen, ſah ich in der See einige ſchaukelnde Trüm⸗ mer, als ob ein bloßes Faß zerbrochen worden wäre. Beſtürzung war auf Jedermanns Geſichte. Sie zogen ihn gerade vor meine Füße hin— bewußtlos— todt. Er wurde in das nächſte Haus geſchafft, und da mich jetzt Niemand abhielt, ſo blieb ich geſchäftig bei ihm, während alle Mittel verſucht wurden, ihn ins Leben zurückzurufen; aber er war von der großen Welle erſchlagen worden, und ſein edles Herz ſtand ſtill auf ewig. Als ich noch an der Seite des Bettes ſaß, wo man David Kopperfield. IX. 3 9 130 David Kopperfield. bereits die Hoffnung aufgegeben hatte und Alles ge⸗ than war, flüſterte ein Fiſcher, welcher mich ſchon, als ich und Emilie noch Kinder waren, und die ganze Zeit ſeither gekannt hatte, meinen Namen an der Thür. „Herr,“ ſagte er, indem ihm die Thränen in ſein verwettertes Geſicht ſtürzten, welches nebſt ſeinen zit⸗ ternden Lippen aſchenbleich war,„wollen Sie'mal mit da nüber kommen?“ Die Erinnerung aus der alten Zeit, die mir ins Gedächtniß gerufen worden, lag in ſeiner Miene. Ich fragte ihn, von Entſetzen ergriffen mich auf den Arm lehnend, den er mir hinhielt: „Iſt ein Leichnam ans Ufer geſpült worden?“ Er ſagte:„Ja.“ „Kenne ich ihn?“ fragte ich hierauf. Er antwortete nichts. Aber er führte mich ans Ufer. Und an jener Stelle deſſelben, wo ſie und ich als Kinder uns nach Muſcheln umgeſehen hatten— an jener Stelle, wo einige leich⸗ tere Trümmer des alten Bootes, das dieſe Nacht nie⸗ dergeweht worden, vom Winde herumgeſtreut waren— unter den Ruinen des häuslichen Herdes, dem er ſo großes Unrecht gethan— ſah ich ihn liegen, ſein Haupt auf ſeinem Arme, wie ich ihn oft hatte liegen ſehen in der Schule. Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Die neue Wunde und die alte. Es war unnöthig, o Steerforth, mir zu ſagen, als wir das letzte Mal zuſammen waren, in jener Stunde, von der ich mir ſo wenig träumen ließ, daß es unſere Scheideſtunde war— unnöthig, mir zu ſagen:„Er⸗ innere Dich meiner in der Geſtalt, wie ich Dir am Beſten erſchien!“ Ich hatte das ſtets gethan, und konnte ich jetzt anders denken, wo ich ein ſolches Schauſpiel vor Augen hatte! Sie brachten eine Bahre und legten ihn darauf und bedeckten ihn mit einer Flagge und erhoben ihn und trugen ihn nach den Häuſern hin. Alle die Männer, welche ihn fortſchafften, hatten ihn gekannt und waren mit ihm in See geweſen und hatten ihn luſtig und fri⸗ ſchen Muthes geſehen. Sie trugen ihn durch das wilde Toben und Brüllen, eine ſchweigſame Schaar inmitten all des Toſens, und ſchafften ihn nach der Hütte, wo der Tod bereits eingezogen war. Aber als ſie die Bahre auf der Schwelle nieder⸗ ſetzten, blickten ſie ſich Einer den Andern an und dann 9* 132 David Kopperfield. auf mich. Ich wußte, weshalb. Es war ihnen, als ob es nicht recht gethan ſei, ihn in demſelben ſtillen Raume hinzulegen. Wir gingen in die Stadt und ſchafften unſere Bürde in den Gaſthof. Sobald ich im Stande war, alle meine Gedanken zu ſammeln, ſandte ich nach Joram und bat ihn, mir eine Fahrgelegenheit zu verſchaffen, mit wel⸗ cher ich dieſe Nacht nach London gelangen könnte. Ich begriff, daß die Beſorgung dieſer Angelegenheit und die ſchwere Pflicht, ſeine Mutter auf den Empfang der Nachricht vorzubereiten, nur auf mir ruhen könnte, und ich beeilte mich, dieſe Pflicht ſo getreulich zu erfüllen, als ich vermochte. Ich wählte die Nacht für die Reiſe, damit ich we⸗ niger von der Neugier beläſtigt würde, wenn ich die Stadt verließe. Aber obſchon es beinahe Mitternacht war, als ich in einer Chaiſe aus dem Hofe kam, ge⸗ folgt von dem, was ich zum Beſorgen übernommen, warteten eine Menge Leute. In Zwiſchenräumen in der Stadt und ſelbſt eine kleine Strecke auf der Straße hin ſah ich noch mehr; aber endlich waren blos die öde Nacht und die offene Gegend um mich und die Aſche des Freundes meiner Jugend. An einem friſchen Herbſttage, zu Mittag, wo der Erdboden von gefallenen Blättern duftete, und eine Menge andere in ſchönen Tinten von Gelb, Roth und Braun noch auf den Bäumen hingen, durch welche die Sonne ſchien, langte ich in Highgate an. Ich ging die letzte Meile, indem ich während des Gehens mir überlegte, was ich zu thun hätte, und ließ den Wa⸗ gen, der mir die ganze Nacht gefolgt war, zurück, mit der Anweiſung, auf Befehl zu warten, ehe er weiter fahre. David Kopperfield. 133 Das Haus ſah, als ich hin kam, ganz ſo wie im⸗ mer aus. Keine Jalouſie war in die Höhe gemacht, kein Zeichen von Leben war in dem öͤden gepflaſterten Hofe mit ſeinem bedeckten Wege, der nach der wenig gebrauchten Thür führte, zu ſpüren. Der Wind hatte ſich ganz gelegt, und nichts regte ſich. Ich hatte zuerſt nicht den Muth, an der Hofthür zu klingeln, und als ich endlich klingelte, ſchien meine Botſchaft mir ſchon im Klange der Klingel ausgedrückt. Das kleine Stubenmädchen kam heraus mit dem Schlüſ⸗ ſel in der Hand, und indem ſie mich mit großen Au⸗ gen anſah, als ſie die Thür aufſchloß, ſagte ſie: „Bitte um Verzeihung, mein Herr. Sind Sie krank?“. „Ich habe eine große Gemüthsaufregung gehabt und bin angegriffen davon.“ „Iſt irgend etwas paſſirt, mein Herr?— Etwa Herr James— „Bſt!“ ſagte ich.„Ja, es iſt etwas vorgefallen, was ich der Madame Steerforth zu eröffnen habe. Sie iſt doch zu Hauſe?“ Das Mädchen erwiederte angſtvoll, daß ihre Her⸗ rin jetzt ſehr ſelten auskäme, nicht einmal zu Wagen, daß ſie ihr Zimmer hütete, daß ſie keine Geſellſchaft ſähe, aber mich empfangen werde. Ihre Herrin wäre oben, ſagte ſte, und Miß Dartle wäre bei ihr. Was ſollte ſie oben ausrichten? Indem ich ihr den gemeſſenen Befehl ertheilte, ſich mit ihrem Benehmen in Acht zu nehmen und nur meine Karte hinzutragen und zu ſagen, ich warte, ſetzte ich mich im Empfangszimmer nieder(welches wir während⸗ deſſen erreicht hatten) bis ſie zurückkäme. Die ehema⸗ ige angenehme Phyſiognomie deſſelben, als es bewohnt 134 Dapvid Kopperfield. war, war verſchwunden, und die Läden waren halb geſchloſſen. Die Harfe war lange, lange Zeit nicht ge⸗ braucht worden. Sein Bild, das ihn als Knaben dar⸗ ſtellte, befand ſich dort. Das Schreibeſchränkchen, in welchem ſeine Mutter ſeine Briefe verwahrt hatte, war dort. Ich fragte mich, ob ſie dieſelben jetzt wohl je läſe, ob ſie ſie je wieder leſen werde. Das Haus war ſo ſtill, daß ich den leiſen Tritt des die Treppe hinaufgehenden Mädchens hörte. Bei ihrer Rückkehr brachte ſie die Botſchaft, Mrs. Steer⸗ forth ſei kränklich und könnte nicht herunterkommen; wenn ich ſie aber entſchuldigen wolle, daß ſie in ihrer Kammer ſei, würde ſie ſich freuen, mich zu ſehen. In wenigen Augenblicken ſtand ich vor ihr. Sie war in ſeinem Zimmer, nicht in dem ihrigen. Ich ſah natürlich ein, daß ſie ſich in der Erinnerung an ihn entſchloſſen, es zu bewohnen, und daß die man⸗ cherlei Zeichen ſeiner einſtigen Lieblingsbeſchäftigungen und Talente, von denen ſie umgeben war, ganz aus demſelben Grunde dort verblieben waren, als er ſie verlaſſen hatte. Sie murmelte indeß ſchon bei den Wor⸗ ten, mit denen ſie mich empfing, daß ſie ſich deshalb nicht in ihrer eignen Kammer befinde, weil ihr Aus⸗ ſehen nicht für ihre Kränklichkeit paſſe, und ihre ſtolz⸗ gemeſſene Miene wies den geringſten Verdacht, was die eigentliche Wahrheit ſei, zurück. Neben ihrem Stuhle befand ſich, wie gewöhnlich, Roſa Dartle. Vom erſten Augenblicke an, wo ihre dunklen Augen auf mir ruhten, ſah ich, daß ſie wußte, wie ich der Träger übler Botſchaft ſei. Die Schmarre wurde in dieſem ſelben Augenblicke ſichtbar. Sie trat einen Schritt hinter den Stuhl zurück, um ihr Ge⸗ ſicht der Beobachtung von Mrs. Steerforth zu entzie⸗ David Kopperfield. 135 hen, und durchforſchte mich mit einem durchbohrenden Blicke, der nie ſich abwendete, noch zurückſchrak. „Ich bemerke mit Bedauern, Herr Kopperfield, daß Sie Trauer tragen,“ ſagte Mrs. Steerforth. „Ich bin unglücklicher Weiſe ein Wittwer,“ ent⸗ gegnete ich. „Sie ſind noch ſo jung, und haben ſchon einen ſo großen Verluſt erfahren,“ erwiederte ſie.„Es betrübt mich, das zu hören. Es betrübt mich ſehr, das zu hören. Ich hoffe, die Zeit wird Ihnen gut thun und Sie tröſten.“ „Ich hoffe,“ ſagte ich, ſie anblickend,„die Zeit wird uns Alle tröſten. Liebe Madame Steerforth, wir Alle müſſen darauf hoffen, wenn ſchweres Unglück uns be⸗ troffen hat.“ Der Ernſt in meinem Benehmen und die Thränen in meinen Augen beängſtigten ſie. Der ganze Gang ihrer Gedanken ſchien anzuhalten und ſich zu verändern. Ich verſuchte, meine Stimme zu beherrſchen, indem ich leiſe ſeinen Namen ausſprach, aber ſie zitterte. Sie wiederholte ihn ſelbſt zwei oder drei Mal in dumpfem Tone. Dann ſagte ſie, zu mir gewendet, mit mühſam errungener Ruhe: „Mein Sohn iſt krank?“ „Sehr krank.“ „Sie haben ihn geſehen?“ „Ja, ich ſah ihn.“ „Sind Sie verſohnt?“ Ich konnte nicht Ja und ich konnte nicht Nein ſa⸗ gen. Sie wendete ihren Kopf ein wenig nach dem Orte, wo Roſa Dartle an ihrem Ellbogen geſtanden hatte, und in dieſem Augenblicke ſagte ich durch die Bewegung meiner Lippen zu Roſa:„Todt!“ 136 David Kopperfield. Damit Mrs. Steerforth ſich nicht bewogen finde, hinter ſich zu blicken und in deutlichen Zügen zu leſen, was zu wiſſen Sie jetzt noch nicht vorbereitet war, be⸗ gegnete ich ſchnell ihrem Auge; aber ich hatte geſehen, wie Roſa Dartle ihre Hände mit der Heftigkeit des Schreckens und der Verzweiflung in die Luft empor⸗ ſtreckte und ſie dann vor ihr Angeſicht preßte. Die ſchöne Dame— oh ihm ſo gleich, ſo ſehr gleich! — betrachtete mich mit ſtetigem Blicke und legte dann ihre Hand an ihre Stirn. Ich bat ſie, ruhig zu ſein und ſich bereit zu halten auf das, was ich ihr mitzu⸗ theilen habe; aber ich hätte ſie eher bitten ſollen, zu weinen; denn ſie ſaß da, wie eine Geſtalt von Stein. „Als ich das letzte Mal hier war,“ ſtammelte ich, „da erzählte mir Fräulein Dartle, daß er hier und da herumſegele. Die vorgeſtrige Nacht war eine furchtbare auf der See. Wenn er dieſe Nacht auf der Seeg war — und in der Nähe einer gefährlichen Küſte— wie man von ihm ſagt— und wenn das Fahrzeug, wel⸗ ches geſehen wurde, wirklich das Schiff ſein ſollte, welches—“ „Roſa!“ ſagte Mrs. Steerforth,„komm zu mir!“ Sie kam, aber ohne Mitgefühl und Zartſinn. Ihre Augen glühten wie Feuer, als ſie ſeiner Mutter gegen⸗ übertrat und in ein grauſiges Gelächter ausbrach. „Na,“ ſagte ſie,„iſt Ihr Hochmuth nun befrie⸗ digt, Sie wahnwitziges Weib? Nun er Ihnen Genug⸗ thuung gegeben hat— mit ſeinem Leben! Hoͤren Sie's? — Mit ſeinem Leben!“ Mrs. Steerforth, ſtarr und ſteif in ihren Stuhl zurückgefallen, gab keinen andern Laut, als ein Geſtöhn von ſich, ſondern warf blos ihre weitaufgeriſſenen Augen mit ſtierem Blicke auf ſie. David Kopperfield. 137 „Ja, ja,“ ſchrie Roſa, ſich leidenſchaftlich auf die Bruſt ſchlagend,„ſehen Sie mich nur an! Aechzen und ſtöhnen Sie, und ſehen Sie mich an! Sehen Sien“ — und ſie ſchlug ſich auf die Schmarre—„auf das hübſche Werk Ihres todten Kindes!“ Das Stöhnen, welches die Mutter von Zeit zu Zeit ausſtieß, ging mir an's Herz. Immer daſſelbe. Im⸗ mer unartikulirt und halb erſtickt. Stets von einer ohn⸗ mächtigen Bewegung des Kopfes begleitet, aber ohne daß das Geſicht ſeinen Ausdruck gewechſelt hätte. Stets ausgehend von einem bewegungsloſen Munde und ge⸗ ſchloſſenen Zähnen, als ob die Kinnlade verriegelt und das Geſicht vor Schmerz gefroren wäre. „Erinnern Sie ſich, wenn er dies that?“ fuhr ſie fort.„Erinnern Sie ſich, wenn er, der Ihre Natur geerbt hatte und von Ihnen in ſeinem Stolze und ſei⸗ ner Leidenſchaftlichkeit verhätſchelt worden war, dies hier that und mich für mein ganzes Leben entſtellte? Sehen Sie mich an, die ich bis an meinen Tod das Zeichen ſeines Mißfallens an mir tragen werde, und ſeufzen und ächzen Sie darüber, wozu Sie ihn gemacht haben!“ „Fräulein Dartle!“ bat ich Sie flehentlich.„Um des Himmels willen—“ „ Ich will ſprechen,“ ſchrie ſie, ſich mit ihren blitzen⸗ den Augen auf mich wendend.„Stille, Sie da! Se⸗ hen Sie mich an, ſtolze Mutter eines ſtolzen, falſchher⸗ zigen Sohnes! Stöhnen Sie darüber, daß Sie ihn geſäugt, ſtöhnen Sie darüber, daß Sie ihn verdorben, ſtöhnen Sie darüber, daß ſie ihn verloren, ſtöhnen Sie darüber, daß auch ich ihn verloren habe!“ Sie ballte ihre Hand und zitterte durch ihre ganze magere, abgehärmte Geſtalt, als ob ihre Leidenſchaft⸗ lichkeit ſie zollweiſe umbrächte. 4 138 David Kopperfield. „Sie, verletzt von ſeinem Eigenwillen!“ rief ſie aus.„Sie, beleidigt von ſeinem hochfahrenden Tem⸗ peramente! Sie, die Sie ſich, wie Ihr Haar ergraut war, Beiden mit den Eigenſchaſten entgegenſtellten, aus denen Beide entſtanden, als Sie ihn gebaren! Sie, die Sie ihn von der Wiege auf zu Dem erzogen, was er war, und Dem entgegentraten, was er hätte ſein ſollen! Sie ſind Sie nun belohnt für Ihre Jahre voll Sorgen und Mühen?“ „Oh Fräulein Dartle! Pfui der Schande! Oh zu grauſam!“ „Ich ſage Ihnen aber,“ erwiederte ſie,„ich will mit ihr ſprechen. Keine Macht der Erde ſollte mich davon abhalten, ſo lange ich hier ſtünde! Habe ich alle die Jahre daher geſchwiegen, um jetzt nicht ſprechen zu dürfen? Ich habe ihn mehr geliebt, als Sie ihn je⸗ mals liebten“; hiermit wandte ſie ſich ſtolz zu ihr.„Ich hätte ihn lieben können, ohne Dank zu fordern. Wenn ich ſeine Frau geweſen wäre, ſo würde ich im Stande geweſen ſein, die Sclavin ſeiner Launen abzugeben für ein liebevolles Wort im ganzen Jahre. Ja, ich würde das im Stande geweſen ſein. Wer wüßte das beſſer als ich? Sie waren anſpruchsvoll, ſtolz, voll Kleinig⸗ keitskrämerei und Selbſtſucht. Meine Liebe würde voll Aufopferung geweſen ſein— würde Ihr erbärmliches Gewinſel unter die Füße getreten haben.“ Mit blitzenden Augen ſtampfte ſie auf den Boden, als ob ſie das wirklich ſchon thäte. „Sehen Sie hierher,“ ſagte ſie, die Schmarre noch⸗ mals mit unbarmherziger Hand ſchlagend.„Als er beſſer zu begreifen anfing, was er gethan, ſah er es und bereute es. Ich konnte ihm vorſingen und mit ihm reden und ihm die glühende Liebe zeigen, mit der ich David Kopperfield. 139 Allem, was er that, folgte, und mir mit Eifer alles das Wiſſen verſchaffen, welches ihn am Meiſten inter⸗ eſſirte, und ich zog ihn an. Als er am Friſcheſten und Wahrſten war, da liebte er mich. Ja, das that er! Manchmal, wenn Sie mit einem kurzen Worte abge⸗ ſpeiſt wurden, hat er mich an ſein Herz gezogen!“ Sie ſagte dies mit einem höhniſchen Stolze mitten in ihrem verzweifelten Wahnſinne— denn es war nicht viel weniger als Wahnſinn—, jedoch auch mit einer lebhaften Erinnerung an jene Zeit, in welcher die ver⸗ glimmende Aſche eines milderen Gefühls ſich für einen Augenblick entzündete. „Ich ſank zu einer Puppe herab— was ich wohl hätte vorauswiſſen können, hätte er mich nicht mit ſeiner knabenhaften Liebelei bezaubert— herab zu einer Spielerei, mit der man ſich wohl in einer faulen Stunde beſchäftigt, die man fallen läßt und wieder auf⸗ hebt und damit tändelt, wie ſeine unbeſtändige Laune es haben wollte. Als er es ſatt bekam, bekam ich's ebenfalls ſatt. Als ſeine eingebildete Liebe erloſch, würde ich ebenſowenig verſucht haben, irgend eine Anziehungs⸗ kraft, die ich hatte, anzuſpannen, als ich ihn darauf hin geheirathet haben würde, daß er gezwungen war, mich zu ſeiner Frau zu nehmen. Wir gingen ohne ein Wort auseinander. Vielleicht ſahen Sie es, und es war Ihnen nicht unlieb. Seit der Zeit bin ich nichts, als ein verunſtaltetes Stück Hausgeräth zwiſchen Ihnen Beiden geweſen, ohne Augen, ohne Ohren, ohne Ge⸗ fühl, ohne Erinnerungen. Aechzen?— Aechzen Sie über das, wozu Sie ihn gemacht haben, nicht um Ihrer Liebe willen. Ich ſage ihnen, es gab eine Zeit, wo ich ihn mehr liebte, als Sie ihn in Ihrem ganzen Leben!“ 140 David Kopperfield. Sie ſtand mit ihren funkelnden, zornvollen Augen dem weit aufſtarrenden Blicke und dem unbeweglichen Ge⸗ ſichte gegenüber und wurde, wie das Geſtöhn ſich wie⸗ derholte, nicht ſanfter, als wenn das Geſicht ein bloßes Gemälde geweſen wäre. „Fräulein Dartle,“ verſetzte ich,„wenn Sie ſo ver⸗ härtet ſein können, daß Sie nichts fühlen für dieſe ſchwer heimgeſuchte Mutter—“ „Wer fühlt etwas für mich?“ fuhr ſie mich mit ſchneidender Stimme an.„Sie hat dies geſäet. Mag ſie ächzen über die Ernte, die ſie heute reif findet.“ „Und wenn ſeine Fehler—“ begann ich. „Fehler!“ ſchrie ſie, in leidenſchaftliche Thränen aus⸗ brechend.„Wer wagt ihm etwas Schlechtes nachzu⸗ ſagen? Er beſaß eine Seele, ſo viel werth, als Mil⸗ lionen der Freunde, zu denen er ſich herabließ!“ „Niemand kann ihn mehr geliebt haben, Niemand ihm ein theureres Andenken bewahren, als ich,“ ent⸗ gegnete ich.„Ich wollte aber ſagen, wenn Sie kein Mitleid mit ſeiner Mutter hegen; oder wenn ſeine Feh⸗ ler— die Sie ſo bitter machten—“ „Das iſt erlogen,“ ſchrie ſie, ihr ſchwarzes Haar raufend;„ich liebte ihn!“ —„in ſolch einer Stunde,“ fuhr ich fort,„ſich nicht aus Ihrer Erinnerung bannen laſſen, ſo blicken Sie auf dieſe Geſtalt, und ſei es auch nur als auf eine, die Sie nie zuvor geſehen haben, und bringen Sie ihr einige Hülfe.“ Dieſe ganze Zeit über war dieſe Geſtalt unverän⸗ dert geblieben und ſah unveränderlich aus. Bewegungs⸗ los, ſtarr, ſtier, in derſelben dumpfen Weiſe von Zeit zu Zeit aufſtöhnend und dieſelbe hülfloſe Bewegung mit dem Kopfe machend, gab ſie kein anderes Lebenszeichen David Kopperfield. 141 von ſich. Miß Dartle kniete plötzlich vor ſie hin und begann ihr das Kleid aufzuſchnüren. „Fluch Ihnen!“ rief ſie mit einer Miene, in der ſich Wuth und Gram miſchten.„Es war zu einer böſen Stunde, daß Sie je hierher kamen. Fluch Ih⸗ nen! Gehen Sie Ihrer Wege!“ Nachdem ich ſchon das Zimmer verlaſſen, eilte ich noch einmal zurück, um die Klingel zu ziehen, damit die Dienſtleute um ſo eher alarmirt würden. Sie hatte jetzt die regungsloſe Geſtalt in ihre Arme genommen und weinte, immernoch auf ihren Knieen, über derſel⸗ ben, küßte ſie, ſchaukelte ſie auf ihrem Buſen wie ein Kind und verſuchte alle zarten Mittel, die ſchlafenden Sinne wieder zu erwecken. Nicht länger von Furcht erfüllt, ſie allein zu laſſen, kehrte ich geräuſchlos um und alarmirte das Haus, als ich hinausging. Später am Tage kam ich zurück, und wir legten ihn in die Stube ſeiner Mutter. Sie war noch ganz dieſelbe, erzählte man mir. Miß Dartle verließ ſie kei⸗ nen Augenblick. Aerzte waren gerufen, mancherlei Dinge verſucht worden; aber ſie lag da gleich einer Bildſäule, ausgenommen, daß ſie dann und wann jenen dumpfen Ton hören ließ. Ich ging durch das Trauerhaus und verhing die Fenſter. Die Fenſter der Kammer, wo er lag, ver⸗ dunkelte ich zuletzt von allen. Ich hob die bleiſchwere Hand empor und hielt ſie an mein Herz; und die ganze Welt ſchien Tod und Schweigen zu ſein, einzig und allein unterbrochen vom Stöhnen ſeiner Mutter. Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Die Auswanderer. Ehe ich dem Stoße dieſer Gemüthsbewegungen nach⸗ geben durfte, hatte ich noch etwas zu thun. Es war, was ſich begeben hatte, vor Denen zu verbergen, welche fortgingen, und ſie auf ihre Reiſe zu entſenden in glück⸗ licher Unwiſſenheit. Hierbei war keine Zeit zu verlieren. Ich nahm Mr. Micawber dieſelbe Nacht noch bei Seite und vertraute ihm die Aufgabe an, ſich zwiſchen Mr. Peggotty und die Kunde von der letzten Kata⸗ ſtrophe zu ſtellen. Er übernahm es mit eifriger Be⸗ reitwilligkeit, dies zu thun und jede Zeitung, durch welche dieſe Kunde ihn ohne ſolche Vorſichtsmaßregeln hätte erreichen können, zu unterſchlagen. „Wenn es zu ihm durchdringt,“ ſagte Mr. Mi⸗ cawber, ſich auf die Bruſt ſchlagend,„ſo ſoll es erſt durch dieſen Körper gehen!“ Mr. Micawber hatte, wie ich noch bemerken muß, indem er ſich einem neuen geſellſchaftlichen Zuſtande an⸗ gepaßt, ein kühnes, buccanierartiges, das heißt, nicht geradezu geſetzloſes, aber zur Vertheidigung und zum David Kopperfield. 143 Kampfe bereites Ausſehen angenommen. Man hätte ihn für ein Kind der Wildniß halten können, längſt gewohnt, außerhalb der Grenzen der Civiliſation zu leben und im Begriffe, zu ſeinen heimatlichen Wäldern zurückzukehren. Er hatte ſich unter Anderm mit einem vollſtändigen Anzuge von Wachstaffet und einem Strohhute mit einem ſehr niedrigen Kopfe, der außen gepicht oder gekalfatert war, verſehen. In dieſer rauhen Kleidung, mit dem Fern⸗ rohr eines gemeinen Seemanns unterm Arme und einer wunderlichen Poſſe, mit welcher er ſein Auge nach dem Himmel aufſchlug, als wenn er ſich nach ſchlechtem Wet⸗ ter umſchaue, ſah er nach ſeiner Manier bei Weitem mehr ſeemänniſch aus, als Mr. Peggotty. Seine ganze Familie war, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, zum Kampfe bereit. Ich fand Mrs. Micawber in dem eng⸗ ſten und uͤbelſt ausſehenden Hute, den ſie unterm Kinne befeſtigt hatte, und in einem Shawl, der ſie(ganz wie mir es einſt gegangen, als meine Tante mich zuerſt aufnahm) wie in ein Bündel zuſammenſchnürte und hin⸗ ten an der Taille in einen ſtarken Knoten zuſammen⸗ gebunden war. Miß Micawber ſah ich in derſelben Weiſe ſauber fuͤr ſtürmiſches Wetter vorbereitet, mit nichts Ueberflüſſigem an ſich. Musje Micawber war in einem Guernſey⸗Hemde und dem zotteligſten Matroſen⸗ anzuge, den ich jemals geſehen, kaum ſichtbar, und die Kinder ſtaken in ihren Sachen wie Stücken Pökelfleiſch in undurchdringlichen Schachteln. Mr. Micawber ſowohl wie ſein älteſter Sohn trugen ihre Aermel vom Hand⸗ gelenk an loſe aufgeſtreift, als ob ſie bereit wären, nach jeder Richtung hin Hand anzulegen, auf die Maſten zu klettern und„Heiup, Hüo!“ auf den leiſeſten Wink zu ſchreien. —W:—— 144 David Kopperfield. So fanden Traddles und ich ſie bei Anbruch der Nacht auf den hölzernen Stufen verſammelt, welche zu dieſer Zeit als die Hungerforder Treppe bekannt waren, wo ſie die Abfahrt eines Bootes mit einem Theile ihrer Habe an Bord beobachteten. Ich hatte Traddles von dem ſchrecklichen Ereigniſſe erzählt, und es hatte ihn ſehr entſetzt; aber bei ihm konnte kein Zweifel ſein, daß er in ſeiner Güte es als Geheimniß bewahren werde, und er war gekommen, mir bei dieſem letzten Dienſte Hülfe zu leiſten. Es war hier, wo ich Mr. Micawber auf die Seite nahm und ſein Verſprechen empfing. Die Familie Micawber wohnte in einem kleinen, ſchmutzigen, baufälligen Gaſthauſe, welches ſich zu jener Zéeit hart neben der Treppe befand, und deſſen vor⸗ ſpringende hölzerne Zimmer über dem Fluſſe hingen. Da die Familienglieder als Auswanderer in und um Hungerford einiges Intereſſe auf ſich lenkten, ſo zogen ſie ſo viele Zuſchauer herbei, daß wir froh waren, in ihrem Zimmer Zuflucht ſuchen zu koͤnnen. Es war eine der hölzernen Kammern oben, unter welchen die Fluth ſtrömte. Meine Tante und Angnes befanden ſich dort und arbeiteten geſchäftig an einigen kleinen Extra⸗Be⸗ quemlichkeiten im Punkte der Kleidung für die Kin⸗ der. Peggotty half ihnen ſtill, und vor ihr lagen das alte unſcheinbare Arbeitskäſtchen, das Ellenmaß und das Endchen Wachs, die jetzt ſo viele Dinge überlebt hatten. Es fiel mir nicht leicht, ihre Fragen zu beantworten, und noch weniger leicht, Mr. Peggotty, als Mr. Mi⸗ cawber ihn herbeibrachte, zuzuflüſtern, daß ich den Brief abgegeben habe und Alles gut ſtehe. Aber ich that Beides und machte ſie glücklich. Wenn ich irgend eine Spur von dem, was ich fühlte, merken ließ, ſo hatte ͤ— David Kopperfield. 145 ich ſelbſt Kummer genug, daß man es auf Rechnung derſelben ſetzen konnte. „Und wann ſegelt das Schiff ab?“ fragte meine Tante. Mr. Micawber hielt es für nothwendig, entweder meine Tante oder ſeine Frau allmählig darauf vorzu⸗ bereiten, und ſagte: eher als er geſtern erwartet hätte. „Das Boot brachte Ihnen vermuthlich Nachricht?“ fragte meine Tante. „Ja, Madame,“ erwiederte er. „So?“ verſetzte meine Tante.„Und es ſegelt—“ „Madame,“ entgegnete er.„Man hat mir mitge⸗ theilt, daß wir unbedingt vor morgen früh ſieben Uhr an Bord ſein müſſen.“ „Heidi,“ ſagte meine Tante,„das iſt zeitig. Das iſt'ne Sache, die Leuten, welche zur See gehen, oft paſſirt, nicht wahr, Herr Peggotty?“ „Ja, das iſt ſo, Madam. ˙s wird mit der Fluth den Fluß'nuntergehn. Wenn Musje Davchen und meine Schweſter zu Graveſend an Bord kommen thä⸗ ten, morgen Nachmittag, da koͤnnten ſie uns zum letz⸗ ten Mal ſehen.“ „Und das werden wir ſicherlich thun,“ ſagte ich. „Bis dahin und bis wir auf der See ſind,“ be⸗ merkte Mr. Micawber mit einem Blicke des Einver⸗ ſtändniſſes auf mich,„werden ich und Herr Peggotty fortwährend zuſammen eine Doppelwache vor unſerer Habe und unſern beweglichen Gütern bilden. Emma, meine Liebe,“ ſagte Mr. Micawber, indem er ſich in ſeiner großartigen Weiſe die Kehle reinigte,„mein Freund, Herr Thomas Traddles, iſt ſo verbindlich, mir die Bitte ins Ohr zu flüſtern, es möge ihm das Privilegium einge⸗ räumt werden, die Ingredienzen zu beſtellen, welche noth⸗ wendig ſind zur Compoſition einer mäßigen Portion David Kopperfield. IX. 10 146 David Kopperfield. von jenem Getränke, welches in unſerm Gemüthe vor⸗ zugsweiſe zuſammengedacht wird mit dem Roaſtbeef von Alt⸗England. Ich ſpiele damit auf— na kurz, auf Punſch an. Unter gewöhnlichen Verhältniſſen würde ich Scrupel fühlen, mir die Nachſicht der Fräulein Trotwood und der Fräulein Wickfield zu erbitten, aber—“ „Ich kann nur meinerſeits ſagen,“ unterbrach ihn meine Tante,„daß ich mit dem größten Vergnügen bereit bin, Ihnen, Herr Micawber, alles Glück und Gedeihen zuzutrinken.“ „Und ich auch,“ ſagte Agnes mit einem Lächeln. Mr. Micawber ſtieg ſogleich hinunter an den Schenk⸗ tiſch, wo er ganz zu Hauſe zu ſein ſchien, und kehrte zu rechter Zeit mit einem dampfenden Kruge zurück. Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß er die Ci⸗ tronen mit ſeinem eignen Einſchlagmeſſer geſchält hatte, welches, wie ſich's für einen praktiſchen Landbauer im Urwalde ſchickte, gegen einen Fuß lang war, und wel⸗ ches er, nicht ganz ohne Oſtentation, auf ſeinem Rock⸗ ärmel abwiſchte. Jetzt fand ich, daß Mrs. Micawber und die beiden ältern Glieder der Familie mit ähnlichen furchtbaren Inſtrumenten verſehen waren, während je⸗ des Kind ſeinen eignen Holzlöffel mit einer ſtarken Schnur am Leibe befeſtigt hatte. In gleicher Weiſe verſetzte ſich Mr. Micawber im Voraus in das Leben auf der See und im Buſche, indem er, ſtatt der Madame Micawber und ſeinen beiden Aelteſten, dem Sohne und der Tochter, den Punſch in Weingläſern zu reichen— was ſich leicht hätte thun laſſen; denn es befand ſich ein ganzes Bret voll im Zimmer— ihnen denſelben in einige häßliche kleine Zinnbecher ſchenkte, und nie ſah ich ihn über ir⸗ gend etwas ſich ſo freuen, als da, wo er aus ſeinem — d5 — — — — David Kopperfield. 147 eignen Kannenmaße trank und es am Schluſſe des Abends in ſeine Taſche ſteckte. „Den Lurusartikeln des alten Vaterlandes,“ be⸗ merkte Mr. Micawber mit inniger Befriedigung über ihre Entſagung,„ſagen wir Valet. Die Bewohner des Urwaldes können natürlich nicht erwarten, Theil zu haben an den verfeinerten Genüſſen des Landes der Freiheit.“ Hier kam ein Knabe herein, welcher meldete, daß man Mr. Micawber unten zu ſprechen wünſche. „Ich habe ein Vorgefühl,“ ſagte Mrs. Micawber, ihren Zinnbecher hinſetzend,„daß es ein Glied meiner Familie iſt!“ „Wenn das der Fall iſt, meine Liebe,“ bemerkte Mr. Micawber, wie gewöhnlich augenblicklich warm werdend, ſobald dieſer Gegenſtand aufs Tapet gebracht wurde,„da das Glied Deiner Familie— gleichviel, wer er, ſie oder es ſein mag— uns eine beträchtliche Zeit hat warten laſſen, ſo wird das Glied nun viel⸗ leicht auch warten können, bis es mir paßt.“ „Micawber,“ ſagte ſeine Frau mit gedämpftem Tone, „zu ſolch einer Zeit, wie dieſe—“ „Paßt ſich's nicht,“ verſetzte Mr. Micawber aufſte⸗ hend,„daß man jedwede kleinliche Beleidigung bemerkt*). Emma, ich ſtehe beſchämt vor Dir!“ „Der Verluſt hat meine Familie betroffen, nicht Dich. Wenn die Glieder meiner Familie endlich mer⸗ ken, welchem Verluſte ſie ſich durch ihre eigne Auffüh⸗ rung in der vergangenen Zeit ausgeſetzt haben und nun die Bruderhand darreichen, ſo ſtoß ſie nicht zurück.“ „So ſei es, meine Liebe,“ entgegnete er. *) Anſpielung auf eine Stelle Shakeſpeare’s. 10* 148 David Kopperfield. „Wenn nicht ihretwegen, ſo thu' es meinetwegen, Micawber,“ ſagte ſeine Frau. „Emma,“ erwiederte er,„dieſe Anſicht von der Frage iſt in ſolch einem ſolchen Augenblicke unwider⸗ ſtehlich. Ich kann mich ſelbſt jetzt noch nicht ganz über⸗ reden, Deiner Familie um den Hals zu fallen, aber das Glied Deiner Familie, welches jetzt wartet, ſoll ſeine Wärme nicht durch mein Betragen zu Eiſeskälte erſtarren ſehen.“ Mr. Micawber zog ſich zurück und blieb einige Zeit abweſend, in deren Verlauf Mrs. Micawber nicht ganz frei von der Befürchtung war, daß ſich zwiſchen ihm und dem Familiengliede ein Wortwechſel erhoben haben könnte. Endlich erſchien derſelbe Knabe wieder und präſentirte mir ein Billet, welches mit Bleiſtift ge⸗ ſchrieben war und in geſetzlicher Weiſe mit„Heep versus Micawber“ begann. Aus dieſem Documente erſah ich, daß Mr. Micawber, abermals abgefaßt, ſich auf der letzten Stufe des Paroxismus der Verzweiflung befände, und daß er mich bäte, ihm durch Ueberbringer ſein Meſſer und ſein Kannenmaß zuzuſchicken, da ſie ſich als brauchbar erweiſen dürften während des kurzen Reſtes ſeines Daſeins im Kerker. Ebenſo bat er uns, daß wir ihm den letzten Act von Freundſchaft erwieſen, ſeine Familie im Armenhauſe des Kirchſpiels ſehen und dann vergeſſen zu wollen, daß ſolch ein Weſen wie er je gelebt habe. Natürlich beantwortete ich dieſes Billet damit, daß ich mit dem Knaben hinunterging, um das Geld zu bezahlen, wo ich Mr. Micawber antraf, wie er in einer Ecke ſaß und finſtere Blicke auf den Beamten des She⸗ riffs warf, der ſeine Abfaſſung bewirkt hatte. Bei ſei⸗ ner Erlöſung umarmte er mich mit dem äußerſten Feuer „— — David Kopperfield. 149 und machte ſich eine Anmerkung hinſichtlich des Geſchäfts in ſein Taſchenbuch— wobei er es, wie ich mich ent⸗ ſinne, ſehr genau nahm mit einem Halfpenny, den ich unverſehens bei meiner Angabe der Geſammtſumme weggelaſſen hatte. Dieſes gewichtige Taſchenbuch erinnerte ihn zu rech⸗ ter Zeit an ein anderes Geſchäft. Bei unſerer Rück⸗ kunft in die Stube oben(wo er ſich wegen ſeiner Ab⸗ weſenheit damit entſchuldigte, daß er ſagte, ſie ſei durch Umſtände herbeigeführt worden, über die er keine Con⸗ trole habe), zog er aus demſelben einen großen Bogen Papier, zuſammengefaltet und über und über mit lan⸗ gen Summen bedeckt, die ſorgfältig ausgerechnet waren. Nach dem Blicke, den ich darauf that, moͤchte ich ſagen, daß ich in meinem Leben keine ſolchen Summen aus einem Schulrechnenbuche ſah. Dieſe hier waren, wie es ſchien, Berechnungen von Zinſen und Zinſeszinſen von dem, was er„den Kapitalbetrag von einundvier⸗ zig, zehn, elf und ein halb“ nannte, auf verſchiedene Perioden. Nach einer ſorgfältigen Erwägung derſelben und einer gründlichen Abſchätzung ſeiner Hülfsquellen war er zu dem Schluſſe gekommen, es werde am Beſten ſein, diejenige Summe auszuwählen, welche das Kapital mit Zinſen und Zinſeszinſen auf zwei Jahre, fünfzehn Kalendermonate und vierzehn Tage von dieſem Datum an darſtellte. Zu dieſem Zwecke hatte er mit großer Sauber⸗ keit einen Wechſel geſchrieben, welchen er als eine vollwich⸗ tige Erledigung ſeiner Schuld(wie zwiſchen Mann und Mann) Traddles mit vielen Dankſagungen einhändigte. „Ich habe immernoch ein Vorgefühl,“ verſetzte Mrs. Micawber mit gedankenvollem Kopfſchütteln,„daß meine Familie an Bord erſcheinen wird, bevor wir ſchließlich abfahren.“ 150 David Kopperfield. Mr. Micawber hatte augenſcheinlich auch ſein Vor⸗ gefühl hinſichtlich des Gegenſtandes, aber er ließ es in ſeinen Zinntopf fallen und verſchluckte es. „Wenn Sie irgend Gelegenheit finden, Madame Micawber, während Ihrer Fahrt Briefe nach Hauſe zu ſenden,“ ſagte meine Tante,„ſo müſſen Sie uns von ſich hören laſſen.“ „Meine theure Fräulein Trotwood,“ erwiederte ſie, „ich werde nur zu glücklich ſein bei dem Gedanken, daß Jemand von uns zu hören erwartet. Ich werde nicht verfehlen, mit Ihnen zu correſpondiren. Herr Kop⸗ perfield wird, wie ich überzeugt bin, als ein alter und vertrauter Freund nichts dagegen haben, von Jemand, der ihn kannte, als die Zwillinge noch gar nichts von ſich wußten, gelegentlich Nachricht zu empfangen.“ Ich ſagte, daß ich hoffe, von ihnen zu hören, ſo⸗ bald ſie nur eine Gelegenheit fände, zu ſchreiben. „Gott Lob, es wird manche ſolche Gelegenheiten ge⸗ ben,“ ſagte Mr. Micawber.„Der Ocean iſt zu die⸗ ſer Zeit eine wahre Flotte von Schiffen, und wir kön⸗ nen kaum verfehlen, einer Menge zu begegnen, wenn wir hinübereilen.'s iſt ein bloßer Huſch hinüber,“ fuhr Mr. Micawber fort, indem er mit ſeinem Augenglaſe tändelte,„ein bloßer Huſch. Die Entfernung iſt blos eingebildet.“ Ich denke jetzt daran, wie ſeltſam und doch wie ſo wunderbar Mr. Micawbers Charakter entſprechend es war, daß er, als er von London nach Canterbury ging, ge⸗ ſprochen hatte, als ginge er zu den entfernteſten Enden der Erde, und jetzt, wo er von England nach Auſtra⸗ lien auswanderte, ſchwatzte, als ob er nur einen klei⸗ nen Ausflug über den Canal machte. „Auf der Reiſe werde ich den Verſuch machen,“ David Kopperfield. 151 ſagte Mr. Micawber,„ihnen gelegentlich ein Garn zu ſpinnen, und ich bin überzeugt, die Melodien meines Sohnes Wilkins werden gern gehört werden am Feuer der Schiffsküche. Wenn Madame Micawber ihre See⸗ füße angeſchnallt haben wird“)— ein Ausdruck, in welchem hoffentlich keine conventionelle Ungebührlich⸗ keit liegt— ſo wird ſie ihnen vermuthlich Klein⸗Taff⸗ lin vortragen. Seeſtachelſchweine und Delphine, glaube ich, werden häufig neben unſerm Bug beobachtet wer⸗ den, und entweder an unſerm Steuerbord⸗ oder un⸗ ſerm Backbord⸗Quartiere werden fortwährend Gegen⸗ ſtände von Intereſſe entdeckt werden. Kurz,“ fuhr Mr. Micawber mit der alten vornehmen Miene fort,„es wird wahrſcheinlich Alles ſo entzückend ſein unten und oben, daß wir, wenn die Wache, die im Maſtkorbe ſtationirt iſt,«Land!⸗ ſchreit, äußerſt verwundert ſein werden!“ Hiermit vertilgte er in aller Gemüthlichkeit den In⸗ halt ſeines kleinen Zinntopfes, als ob er die Reiſe ge⸗ macht und vor den höͤchſten Behörden im Seeweſen das Examen erſter Klaſſe beſtanden hätte. „Was ich hauptſächlich hoffe, mein lieber Herr Kop⸗ perfield,“ ſagte Mrs. Micawber,„iſt, daß wir in eini⸗ gen Zweigen unſerer Familie vielleicht wieder im alten Vaterlande leben können. Mach' kein ſo böſes Geſicht, Micawber! Ich beziehe mich jetzt nicht auf meine Fa⸗ milie, ſondern auf unſere Kindeskinder. Wie lebens⸗ kräftig auch das Pfropfreis ſein mag„“ ſagte Mrs. Mi⸗ cawber kopfſchüttelnd,„ich kann den Mutterbaum nicht vergeſſen, und wenn unſer Geſchlecht zu Reichthum und *) Matroſenausdruck für die Fertigkeit, auf dem Verdecke gehen zu können, wenn das Schiff ſchlingert. 152 David Kopperfield. Ehre gelangt, ſo bekenne ich, daß ich den Wunſch hege, dieſer Reichthum möge in die Truhen Britannias fließen.“ „Meine Theure,“ antwortete Mr. Micawber,„Bri⸗ tannia muß ſich in ihr Schickſal fügen. Ich muß ge⸗ ſtehen, daß ſie niemals viel für mich gethan hat, und daß ich hinſichtlich des Gegenſtandes eben keinen beſon⸗ dern Wunſch hege.“ „Micawber,“ entgegnete Mrs. Micawber,„da haſt Dus, Du biſt im Unrechte. Du gehſt in dieſe ferne Gegend hinaus, Micawber, um die Verbindung zwi⸗ ſchen Dir und Albion zu kräftigen, nicht, um ſie zu ſchwächen.“ „Die in Rede ſtehende Verbindung, meine Liebe,“ wandte Mr. Micawber wieder ein,„hat mir, ich muß es wiederholen, keine ſo gewichtige Verpflichtung auf⸗ erlegt, daß ich durchaus Luſt hätte, eine zweite Ver⸗ bindung einzugehen.“ „Micawber,“ erwiederte Mrs. Micawber,„da haſt „Du's wieder. Schon wieder muß ich ſagen, daß Du im Unrechte biſt. Du weißt nicht, wie viel Du ver⸗ magſt, Micawber. Das iſt es, welches ſelbſt bei dieſem Schritte, den Du im Begriffe biſt, zu thun, die Ver⸗ bindung zwiſchen Dir und Albion ſtärker machen wird.“ Mr. Micawber ſaß mit hinaufgezogenen Augen⸗ brauen in ſeinem Lehnſtuhle, indem er die Anſichten der Mrs. Micawber, als ſie vorgebracht wurden, halb annahm, halb abwies, aber ſehr deutlich empfand, wel⸗ cher Blick in die Zukunft darin lag. „Mein lieber Herr Kopperfield,“ ſagte Mrs. Mi⸗ cawber,„ich wollte, Micawber wäre ſich ſeiner Lage bewußt. Es ſcheint mir von der höchſten Wichtigkeit, daß Micawber von der Stunde an, wo er ſich ein⸗ ſchifft, ſich ſeiner Lage bewußt ſein ſollte. Ihre lang⸗ David Kopperfield. 153 jährige Bekanntſchaft mit mir, mein lieber Herr Kop⸗ perfield, wird Ihnen geſagt haben, daß ich nicht die ſanguiniſche Gemüthsart Micawbers habe. Meine Ge⸗ müthsart iſt, wenn ich es ſo bezeichnen darf, vorwie⸗ gend praktiſch. Ich weiß, daß dies eine lange Reiſe iſt. Ich weiß, daß ſie mancherlei Entbehrungen und Unbequemlichkeiten mit ſich führen wird. Ich kann meine Augen dieſen Thatſachen nicht verſchließen. Aber ich weiß auch, was Micawber iſt. Ich kenne die Micawber innewohnende Kraft. Und deshalb betrachte ich's für eine wichtige Lebensfrage, daß Micawber ſich ſeiner Lage bewußt wird.“ „Meine Liebe,“ bemerkte er,„vielleicht wirſt Du mir den Einwurf erlauben, daß es ja möglich iſt, daß ich mir meiner Lage bewußt bin.“ „Ich glaube nicht, Micawber,“ widerlegte ſie ihn. „Nicht in vollem Maße. Mein lieber Herr Kopper⸗ field, der Fall Micawbers iſt kein gewöhnlicher. Mi⸗ cawber geht in ein fernes Land ausdrücklich deshalb, damit er zum erſten Male vollſtändig begriffen und ſei⸗ nem Werthe nach geachtet werde. Ich wollte, Micaw⸗ ber nähme ſeinen Stand auf dieſes Fahrzeugs Vorder⸗ theil und ſagte mit feſter Stimme: Ich bin gekommen, dieſes Land zu erobern! Habt Ihr Chrenſtellen? Habt Ihr Reichthümer? Habt Ihr Poſten, welche beträcht⸗ liche pekuniäre Emolumente abwerfen? Man bringe ſie zum Vorſchein, ſie ſind mein!“ Mr. Micawber warf uns allen einen Blick zu und ſchien zu meinen, daß an dieſer Idee ein gutes Theil Wahrheit ſei. „Ich wollte, Micawber wäre— wenn ich mich da⸗ mit verſtändlich mache,“ ſagte Mrs. Micawber in ihrem beweiſenden Tone—„der Cäſar ſeines eignen Glückes. 154 David Kopperfield. Das, mein lieber Herr Kopperfield, ſcheint mir ſeine richtige Lage und Stellung zu ſein. Ich wollte, vom erſten Augenblicke dieſer Reiſe an ſtünde Micawber auf jenes Fahrzeugs Vordertheil und ſagte: Genug des Zögerns, genug des Mißlingens, genug der beſchränk⸗ ten Mittel! Das war im alten Vaterlande. Dies iſt hier das neue. Bringt zum Vorſchein, womit Ihr das ausgleichen wollt. Heraus damit!“ Mr. Micawber ſchlug die Arme in entſchloſſener Weiſe übereinander, als ſtünde er jetzt ſchon an der Gallion. „Und wenn Micawber dies thut,“ fuhr Mrs. Mi⸗ cawber fort,„— wenn er ſeiner Lage ſich bewußt iſt — habe ich da nicht recht, wofern ich ſage, daß er dann ſeine Verbindung mit Britannien ſtärken, nicht aber ſchwächen wird? Ein bedeutender öffentlicher Cha⸗ rakter, der ſich in jener Hemiſphäre geltend macht— wird man mir ſagen wollen, daß der Einfluß eines ſolchen nicht daheim gefühlt werden wird? Köͤnnte ich ſo ſchwach⸗ köpfig ſein, mir einzubilden, daß Micawber, wenn er den Scepter des Talents und der Macht in Auſtralien ſchwingt, in England nichts ſein wird? Ich bin nur ein Frauenzimmer, aber ich würde meiner und meines Papas unwürdig ſein, wenn ich mich ſolch einer abge⸗ ſchmackten Geiſtesſchwäche ſchuldig machte.“ Mrs. Micawbers Ueberzeugung, daß ihre Beweis⸗ gründe unwiderleglich ſeien, gab ihrem Tone eine mo⸗ raliſche Höhe, die ich meines Erachtens zuvor nie darin gehört hatte. „Und das iſt der Grund,“ ſagte Mrs. Micawber, „weshalb ich um ſo mehr wünſche, daß wir in einer zu⸗ künftigen Periode wieder auf vaterländiſchem Boden leben können. Micawber kann möglicher Weiſe eine Seite im Buche der Geſchichte füllen— ja, ich vermag mich der David Kopperfield. Wahrſcheinlichkeit nicht zu verſchließen, daß dies wirk⸗ lich der Fall ſein wird; und dann muß er in dem Lande vertreten ſein, welches ihm das Leben, aber keine Be⸗ ſchäftigung gab.“ „Meine Liebe,“ bemerkte Mr. Micawber,„ich kann unmöglich ungerührt bleiben bei Deiner Liebe. Ich bin ſtets willens, vor Deinem ſcharfen Verſtande mich zu beugen. Was ſein wird— das wird ſein. Verhüte der Himmel, daß ich dem Lande meiner Heimat irgend einen Theil des Reichthums mißgönnen ſollte, der mög⸗ licher Weiſe von unſern Nachkommen aufgehäuft werden wird.“ „Das iſt recht,“ ſagte meine Tante, indem ſie Mr. Peggotty zunickte,„ich trinke Euch Allen meinen Ab⸗ ſchiedsgruß zu und wünſche, daß jedweder Segen und Erfolg Euch begleiten möge.“ Mr. Peggotty ſetzte die beiden Kinder, die er, eines auf jedem Knie, gewartet hatte, nieder, um mit Mr. und Mrs. Micawber uns allen in Erwiederung zuzu⸗ trinken, und als er und die Micawbers als Kamera⸗ den ſich herzlich die Hand ſchüttelten und ſein braunes Geſicht von einem Lächeln erglänzte, empfand ich, daß er ſich durchhelfen, einen guten Namen gewinnen und ge⸗ liebt werden würde, möchte er hingehen, wohin er wollte. Selbſt die Kinder wurden angewieſen, jedes einen hölzernen Löffel in Mr. Micawbers Topf zu tippen und mit ſeinem Inhalte unſer Wohl zu trinken. Als dies geſchehen war, ſtanden meine Tante und Agnes auf und ſchieden von den Auswanderern. Es war ein trauriger Abſchied. Sie weinten Alle; die Kinder hingen bis den letzten Augenblick an Agnes, und wir verließen die arme Mrs. Micawber in einer ſehr betrübten Stimmung, ſeuf⸗ zend und weinend bei einem düſter brennenden Lichte, 156 David Kopperfield. vermöge deſſen das Zimmer vom Fluſſe aus wie ein trübſelig brennender Leuchtthurm ausgeſehen haben muß. Ich ging den nächſten Morgen hinunter, um zu ſehen, ob ſie fort wären. Sie waren ſchon frühzeitig, um fünf Uhr, in einem Boote abgefahren. Es war mir ein wunderbares Beiſpiel von der Wirkung, die ſolche Scheideſcenen üben, daß, obſchon die Gedanken⸗ verbindung, in der ich ſie mit dem baufälligen Wirths⸗ hauſe und der hölzernen Treppe brachte, ſich erſt von vergangener Nacht herſchrieb, beide öde und verlaſſen ausſahen, ſeit ſie weg waren. Am Nachmittage des nächſten Tages gingen meine alte Wärterin und ich nach Graveſend hinunter. Wir trafen das Schiff auf dem Fluſſe, umgeben von einer Menge Booten, ein günſtiger Wind wehte, und das Signal des Abſegelns flatterte auf der Spitze ihres Haupt⸗ maſtes. Ich miethete ſogleich ein Boot, wir ſteuerten auf das Schiff zu, und indem wir durch das kleine Ge⸗ wimmel und Geſtrudel, wovon das Schiff der Mittel⸗ punkt war, uns durchhalfen, gingen wir an Bord. Mr. Peggotty erwartete uns an Deck. Er erzählte mir, daß Mr. Micawber eben erſt wieder(und zwar das letzte Mal) auf Heeps Verfolgung abgefaßt wor⸗ den wäre, und daß er, einer Bitte, die ich an ihn ge⸗ ſtellt, nachkommend, das Geld bezahlt hätte, welches ich ihm wiedergab. Er führte uns dann hinab ins Zwi⸗ ſchendeck, und dort wurden alle meine noch zurückge⸗ bliebenen ſchwachen Befürchtungen, daß er irgend wie Gerüchte von dem, was ſich ereignet hatte, gehört ha⸗ ben möͤchte, dadurch verſcheucht, daß Mr. Micawber aus dem Dunkel hervorkam, ſeinen Arm mit einer Freundes⸗ und Gönnermiene nahm und mir ſagte, daß ſie ſeit vor⸗ geſtern Abend kaum von einander weggekommen wären. —— — David Kopperfield. 157* Es war ein mir ſo neues Schauſpiel und dabei ſo beengt und dunkel, daß ich zuerſt kaum etwas unter⸗ ſcheiden konnte, aber allmählig, als meine Augen ſich mehr an die Finſterniß gewöhnten, klärte ſich's auf, und ich ſchien in einem Gemälde von Oſtade zu ſtehen. Unter den großen Balken, Rippen und Ringbolzen des Schiffs und den Schlafſtätten der Auswanderer, den Kiſten und Bündeln und Fäſſern und Haufen von aller⸗ hand Bagage— hier und dort von ſchaukelnden La⸗ ternen, anderswo von dem gelben Tageslichte erleuchtet, welches durch eine Luke oder durch ein Luftſegel herab⸗ ſtrömte— befanden ſich gedrängte Gruppen von Leu⸗ ten, die neue Freundſchaften ſchloſſen, Abſchied von einander nahmen, ſchwatzten, lachten, ſchrieen, aßen und tranken. Einige hatten ſich's bereits im Beſitze ihrer paar Fuß Raum bequem gemacht, hatten ihren kleinen Haushalt eingerichtet, und ihre kleinen Kinder ſaßen auf Schemeln und zwergenhaften Lehnſtühlen herum; An⸗ dere, an einem Ruheplatze verzweifelnd, wanderten troſt⸗ los herum. Von Kindern an, welche erſt ein paar Wochen Leben hinter ſich hatten, bis zu gekrümmten alten Männern und Weibern, welche nur noch ein paar Wochen Leben vor ſich zu haben ſchienen, und von Ackersleuten, welche den Boden von England im eigent⸗ lichen Wortsſinn an ihren Schuhen forttrugen, bis zu Schmieden, welche Proben ſeines Rußes und Rauchs auf ihrer Haut mit wegnahmen, ſchien jedes Alter und jeder Beruf in den engen Raum des Zwiſchendecks ge⸗ pfropft zu ſein. Als mein Auge ſich an dieſem Orte umſah, war mir's, als ſähe ich an einer offenen Stückpforte, mit einem der Micawber'ſchen Kinder neben ſich, eine Geſtalt wie die Emiliens ſitzen. Sie zog zuerſt meine Auf⸗ 158 David Kopperfield. merkſamkeit dadurch auf ſich, daß eine andere Geſtalt mit einem Kuſſe von ihr ſchied und langſam durch das Gewirr hinwegglitt, mich an— Agnes erinnernd! Aber in der ſchnellen Bewegung und Verwirrung und der Unſtätigkeit meiner eignen Gedanken verlor ich die Ge⸗ ſtalt wieder aus den Augen und bemerkte nur, daß die Zeit gekommen war, wo alle Beſucher gewarnt wur⸗ den, das Schiff zu verlaſſen; daß meine Wärterin auf einem Kaſten neben mir laut weinte, und daß Mrs. Gummidge, unterſtützt von einem niedergebückten jün⸗ gern Frauenzimmer in ſchwarzer Kleidung, geſchäftig Mr. Peggotty's Habe ordnete. „Haben Sie mich noch'n letztes Wort zu ſagen, Musje Davchen?“ fragte er.„Giebt's irgend'n ver⸗ geßnes Ding noch, ehe wir Abſchied nehmen?“ „Eines!“ ſagte ich.„Martha?“ Er berührte das jüngere Frauenzimmer, das ich er⸗ wähnt habe, an der Schulter, und Martha ſtand vor mir. „Gottes Segen über Sie, Sie guter Mann!“ ſchrie ich.„Sie nehmen ſie mit ſich?“ Martha antwortete durch einen Thränenerguß. Ich konnte jetzt nicht mehr ſprechen, aber ich drückte ihm die Hand, und wenn ich jemals Jemand geliebt und geehrt habe, ſo liebte und ehrte ich dieſen Mann von ganzer Seele. Das Schiff leerte ſich ſchnell von Fremden. Die ſchwerſte Aufgabe, die ich hatte, war noch übrig. Ich ſagte ihm, was der edle Geiſt, der dahin war, mir zum Abſchiede zu ſagen aufgetragen hatte. Es rührte ihn tief. Aber als er mir in Erwiederung deſſen eine Menge Aufträge der Liebe und des Bedauerns für jen tauben Ohren gab, rührte er mich noch mehr. Die Zeit war gekommen. Ich umarmte ihn, nahm — — —— David Kopperfield. 159 meine weinende alte Wärterin auf meinen Arm und eilte hinweg. Auf dem Verdeck nahm ich Abſchied von der armen Mrs. Micawber. Sie ſchaute ſelbſt da noch ganz außer ſich nach ihrer Familie aus, und ihre letz⸗ ten Worte zu mir waren, daß ſie nimmermehr Mr. Micawber verlaſſen wolle. Wir gingen über die Schiffsſeite in unſer Boot hinab und blieben in einiger Entfernung liegen, um das Schiff ſeinen Lauf beginnen zu ſehen. Es war um dieſe Zeit ein ruhiger, ſtrahlender Sonnenunter⸗ gang. Das Schiff lag zwiſchen uns und dem rothen Lichte, und jedes Tau, wie jede Spiere war gegen die Gluth ſichtbar. Einen ſolchen Anblick, welcher zugleich ſo ſchön, ſo traurig und ſo hoffnungsvoll war, wie das herrliche Schiff, als es noch auf dem beglänzten Waſſer lag, und wie all das Leben an ſeinem Bord auf den Bollwerken zuſammengedrängt war und dort einen Augenblick baarhäuptig und ſchweigend in Grup⸗ pen ſtand, ſah ich nimmer. Schweigend, nur für einen Augenblick. Als die Segel im Winde ſchwollen, und das Schiff vorwärts⸗ zurücken begann, brachen von allen Booten drei wie⸗ derhallende Lebehochs los, welche die an Bord aufnah⸗ men und wiedergaben, und welche vom Echo wieder und immer wieder nachgehallt wurden. Mein Herz ging mir über, als ich den Schall hörte und das Wehen der Taſchentücher und Hüte ſah— und dann ſah ich ſie! Dann ſah ich ſie an ihres Oheims Seite und zit⸗ ternd auf ſeine Schulter gelehnt. Er zeigte mit haſtiger Hand auf uns, und ſie ſah uns und winkte mir ihr letztes Lebewohl zu. Ja, Emilie, ſchöne, gebeugte Blume, hänge Dich an ihn mit dem äußerſten Vertrauen, wel⸗ 160 David Kopperfield. ches Dein gebrochenes Herz in ſich faßt; denn er hat an Dir gehangen mit aller Macht ſeiner gewaltigen Liebe! Umgeben von dem roſigen Lichte, hoch auf dem Decke ſtehend, ſie an ihn geklammert, er ſie haltend, fuhren ſie vorüber, ein feierlich erhabenes Bild. Die Nacht war auf die Hügel Kents herabgeſunken, als wir an's Ufer ruderten— und ſie war düſter auf meine Seele gefallen Ende des neunten Theils. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. —.*—————— A. 4 4 * 4* 8 8 1— 8 *¼* 1 8„ —* 4 5 1 5 * 6 3 74 — ** “ 4 .. 4. 4 “ 4 * F L. 8. 2 — *———