Leih- und Jeſehedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ den angenommen.. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————————— auf 1 Monat: 4 Wet.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 3„ 1 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurüͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Pur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe at der Bücher nicht ſtattfenden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 8 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 1 Ausgewählte Novellen-Bibliothek. Fünfzehnter Band. Bavid Kopperfteld, der Füngere. Von Charles Dickens. Achter Theil. Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1850. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erfahrungen und Beobachtungen David Kopperfſield's des Jüngeren. Von Charles Dickens. Achter Theil. Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber, 1850. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erkahrungen und Beobachtungen David Kopperfield's des Jüngeren. Achter Theil. Vierundvierzigſtes Kapitel. Unſer Haushalten. Es war ein wunderlicher Zuſtand der Dinge, als der Honigmonat vorüber war, und die Brautjungfern ſich nach Hauſe begeben hatten, und ich mich in meinem eignen Häuschen bei Dora ſitzen ſah, ganz außer Be⸗ ſchäftigung, möcht' ich ſagen, hinſichtlich des köſtlichen altes Geſchäftes den Liebhaber zu ſpielen. Es ſchien etwas ſo Außerordentliches, Dora ſtets dort zu haben. Es war ſo unerklärlich, daß ich nicht gezwungen war auszugehen, um ſie zu ſehen, daß ich nicht an ſie zu ſchreiben, daß ich nicht Pläne zu machen und Gelegenheiten auszuſinnen hatte, wie ich mit ihr allein ſein könnte. Manchmal des Abends, wenn ich von meiner Schreiberei aufblickte und ſie mir gegenüber⸗ ſitzen ſah, lehnte ich mich in meinen Stuhl zurück und dachte, wie ſonderbar es doch ſei, daß wir hier wären, allein, wie ſich von ſelbſt verſteht— daß Niemand mehr ſich hineinzumengen hätte— daß die ganze romanhafte Seite unſeres Verhältniſſes gleichſam auf einen Sims weggelegt worden ſei, um zu verroſten— daß wir an 1* 4 David Kopperfield. Niemand als aneinander Gefallen finden— daß wir aneinander fürs ganze Leben Gefallen finden ſollten. Wenn es im Parlamente eine Debatte gab und ich ſehr lange auszubleiben gezwungen war, ſchien mir's, wenn ich nach Hauſe ging, ſo ſeltſam, wenn ich dachte, daß Dora zu Hauſe war. Es war zuerſt ſolch ein wunderlich Ding, ſie leiſe zu mir herabkommen zu ſehen, um mit mir zu ſprechen, während ich mein Nachteſſen verzehrte. Es war ſolch ein erſtaunlich Ding, mit Ge⸗ wißheit zu wiſſen, daß ſie ſich die Haare mit Papier⸗ dütchen wickelte. Es war durchaus ſolch ein überraſchen⸗ des Ereigniß, ſie dies thun zu ſehen. Ich bezweifle, ob zwei junge Vögel weniger vom Haushalten verſtanden, als ich und meine niedliche Dora. Wir hatten natürlich eine Magd. Sie beſorgte das Hausweſen für uns. Ich hege immer noch den heim⸗ lichen Glauben, daß ſie die Tochter der Mrs. Crupp incognito geweſen ſein muß, ſo fürchterlich hatten wir mit Mary Anne zu thun. Ihr Name war Paragon. Ihre Natur wurde uns, als wir ſie mietheten, als leiſe in ihrem Namen aus⸗ gedrückt*) dargeſtellt. Sie hatte ein ſchriftliches Zeugniß, ſo groß wie eine öffentliche Bekanntmachung, und konnte nach dieſem Documente alle häuslichen Geſchäfte ver⸗ richten, von denen ich je gehört habe, und außerdem eine große Menge Dinge, von denen ich nie gehöͤrt habe. Sie war ein Frauenzimmer in der Blüthe ihrer Jahre, von ernſten Geſichtszügen und(vorzüglich an den Ar⸗ men) einer Art nie weggehender Maſern oder Hitzblat⸗ tern unterworfen. Sie hatte einen Vetter bei der Leib⸗ garde, mit ſolchen langen Beinen, daß er ausſah, wie *) Paragon heißt im Engliſchen Muſter. David Kopperfield. 5 der nachmittägliche Schatten von Jemand Anderm. Seine Monturjacke war in dem Maße zu kurz für ihn, als er ſelbſt zu groß für unſere Räumlichkeiten war. Er machte das Landhäuschen kleiner ausſehen, als es nö⸗ thig war, indem er ſo ganz außer allem Verhältniſſe zu ihm ſtand. Außerdem waren die Mauern nicht dick, und ſobald er nur einmal den Abend in unſerm Hauſe verbrachte, wußten wir es ſtets, indem wir ein fort⸗ währendes Grollen einer Stimme in der Küche hörten. Von unſerm Kleinode hieß es in dem Zeugniſſe, daß ſie dem Branntweine nicht zugethan und ehrlich ſei. Ich bin daher bereit, zu glauben, daß ſie einen Anfall von Ohnmacht hatte, als wir ſie einſt unter dem Kochkeſſel fanden, und daß die fehlenden Theelöffel dem Gaſſenkehrer zuzuſchreiben waren. Aber ſie quälte uns entſetzlic. Wir waren uns unſerer Unerfahrenheit bewußt und nicht im Stande, uns zu helfen. Sie hätte Mitleid mit uns haben ſol⸗ len, wenn ſie überhaupt dergleichen gehabt hätte; aber ſie war ein herzloſes Weibsbild und hatte keins. Sie war die Urſache unſres erſten kleinen Streites. „Mein liebſtes Leben,“ ſagte ich eines Tages zu Dora,„denkſt Du, daß Mary Anne eine Idee von der Zeit hat?“ „Warum denn, Daddy?“ erkundigte ſich Dora, un⸗ ſchuldig von ihrer Zeichnung aufblickend. „Meine Liebe, weil es um fünf iſt und wir ſchon um vier gegeſſen haben ſollten.“ Dora blickte aufmerkſam nach der Wanduhr und ließ⸗ merken, daß ſie glaube, dieſelbe gehe vor. „Im Gegentheil, meine Liebe,“ ſagte ich mit einem Blicke auf meine Taſchenuhr,„ſie geht ein paar Mi⸗ nuten nach.“ David Kopperfield. Meine kleine Frau kam und ſetzte ſich auf meine Knie, um mich durch Streicheln und Schmeicheln zu beruhigen und zog mir mit ihrem Bleiſtifte einen Strich über die Mitte meiner Naſe herunter, aber ich konnte den doch nicht eſſen, obſchon er ſehr niedlich war. „Denkſt Du nicht, mein Herz,“ ſagte ich,„daß es beſſer für Dich ſein würde, Mary Anne darüber den Kopf zurecht zu ſetzen?“ „O bitte, nein! Ich könnte nicht, Daddy,“ rief Dora aus. „Warum denn nicht, meine Liebe?“ fragte ich ſanft. „Oh, weil ich ſolch ein Gänschen bin,“ antwortete Dora,„und ſie es weiß, daß ich das bin.“ Ich hielt dieſen Ausſpruch für ſo unvereinbar mit der Aufſtellung irgend eines Einſchüchterungsſyſtems hin⸗ ſichtlich Mary Anne's, daß ich ein etwas mürriſches Ge⸗ ſicht zog. „Oh was ſind das für häßliche Falten auf der Stirne meines böſen Jungen!“ rief Dora, und indem ſte ſich immernoch auf meinem Knie befand, malte ſie die Falten mit ihrem Bleiſtifte aus, wobei ſie denſelben an ihre roſigen Lippen führte, damit er ſchwärzer zeichne, und mit einer niedlichen Verſtellung ſo that, als ob ſie an meiner Stirne fleißig arbeitete, was mich trotz meiner ſelbſt ganz entzückte. „Das iſt doch ein gutes Kind,“ ſagte Dora,„es macht ſein Geſicht um ſo viel hübſcher, wenn es lacht.“ „Aber, mein Herz,“ entgegnete ich. „Nein, nein, bitte!“ ſchrie Dora, indem ſie mir einen Kuß gab.„Sei kein abſcheulicher Blaubart. Sei nicht ernſthaft.“ „Mein koſtbares Frauchen,“ ſagte ich,„wir müſ⸗ ſen aber manchmal ernſthaft ſein. Komm, ſetz' Dich David Kopperfield. 7 auf dieſen Stuhl hier, gleich neben mich. Gieb mir den Bleiſtift! Da! Nun laß uns'mal vernünftig reden. Du weißt, meine Liebe,“— ach, was für eine kleine Hand war es, die ich hielt, und was für ein niedlicher Hochzeitsring war es, den ich ſah!„Du weißt, meine Liebe, es iſt nicht gerade angenehm für Jemand, ohne ſein Mittagseſſen ausgehen zu müſſen. Na, iſt's nicht wahr?“ „N—n— nein!“ erwiederte Dora leiſe. „Mein Herz, wie Du aber zitterſt!“ „Weil ich weiß, daß Du mich nun auszuzanken an⸗ fangen wirſt,“ rief Dora mit kläglicher Stimme aus. „Mein ſüßes Leben, ich bin nur im Begriffe, ver⸗ nünftig mit Dir zu reden.“ „Oh, aber dieſes vernünftig Reden iſt ſchlimmer als Auszanken,“ ſchrie Dora in Verzweiflung.„Ich habe nicht deshalb geheirathet, damit man mit mir vernünftig rede. Wenn Du Vernunftgründe anwenden wollteſt gegen ſolch ein armes kleines Ding, als ich bin, ſo hätteſt Du mir das früher ſagen ſollen, Du grau⸗ ſamer Junge.“ Ich verſuchte es, Dora zu beruhigen, aber ſie wandte ihr Geſicht ab und ſchüttelte ihre Locken von Seite zu Seite und ſagte:„Du grauſamer, grauſamer Junge!“ ſo oft, daß ich wirklich nicht recht genau wußte, was da zu thun ſei. So ging ich in meiner Ungewißheit ein paar Mal in der Stube auf und ab und kam dann wieder zurück. „Dora, mein Liebling.“ „Nein, ich bin nicht Dein Liebling. Denn Du mußt verdrießlich ſein, daß Du mich geheirathet haſt, ſonſt würdeſt Du nicht mit Deinem Vernünftig⸗Reden mit mir anfangen!“ entgegnete Dora. David Kopperfield. Ich fühlte mich durch die unlogiſche Natur dieſes Vorwurfs ſo verletzt, daß er mir den Muth gab, ſtreng u ſein. 4 Lin meine gute Dora,“ verſetzte ich,„Du biſt ſehr kindiſch und ſchwatzeſt rechten Unſinn. Du mußt Dich doch wahrhaftig erinnern, daß ich geſtern gezwungen war, auszugehen, als das Eſſen halb vorbei war, und daß mir vorgeſtern ganz unwohl wurde, weil ich halbgebra⸗ tenes Kalbfleiſch in der Haſt hintereſſen mußte; heute bekomme ich gar nichts zu eſſen— und ich mag gar nicht einmal ſagen, wie lange wir aufs Frühſtück war⸗ teten— und dann kochte das Waſſer nicht. Ich will Dir keine Vorwürfe machen, meine Liebe, aber das iſt nicht behaglich.“ „Oh Du grauſamer, grauſamer Junge, zu ſagen, ich wäre eine abſcheuliche Frau!“ ſchrie Dora. „Na, meine liebe Dora, Du mußt doch wiſſen, daß ich das nie geſagt habe?“ „Du haſt geſagt, bei mir wär's nicht behaglich,“ verſetzte Dora. „Ich ſagte, die Art, wie unſer Hausweſen beſtellt ſei, wäre nicht behaglich.“ „Das iſt ganz Daſſelbe!“ ſchrie Dora. Und ſie dachte augenſcheinlich auch ſo; denn ſie weinte aufs Bit⸗ terlichſte. Ich machte wieder einen Gang durchs Zimmer, voll Liebe zu meiner niedlichen Frau und von Selbſtankla⸗ gen ſo zerriſſen, daß ich Neigung verſpürte, mit dem Kopfe wider die Thür zu rennen. Ich ſetzte mich wieder nieder und ſagte: „Ich rechne Dir's ja nicht zur Schande an, Dora. Wir haben Beide noch viel zu lernen. Ich verſuchte blos, Dir zu zeigen, daß Du Dich gewöhnen,— Dich David Kopperfield. 9 wirklich gewöhnen mußt“(ich war entſchloſſen, dies durchaus nicht aufzugeben)„nach der Mary Anne zu ſehen. Ebenſo, ein Bischen für Dich und mich zu ſchaffen.“ „Ich wundere mich wahrhaftig, daß Du ſolche un⸗ dankbare Reden führen kannſt,“ ſchluchzte Dora.„Wo Du doch weißt, daß ich neulich, als Du ſagteſt, Du mochteſt gern ein Bischen Fiſch eſſen, ſelber ausging, Meilen auf Meilen, und es beſtellte, um Dich zu über⸗ raſchen.“ „Was ſehr freundlich von Dir war, mein Lieb⸗ ling,“ ſagte ich.„Ich fühlte dies ſo ſehr, daß ich's auf keinen Fall auch nur erwähnt haben würde, daß Du einen Lachs kaufteſt, der zu viel für Zwei war. Oder daß er ein Pfund ſechs Schilling koſtete, was mehr war, als wir daran wenden können.“ „Du hatteſt aber große Freude darüber,“ ſchluchzte Dora.„Und Du ſagteſt, ich wär' Dein gutes Mäuschen.“ „Und ich werde noch tauſend Mal ſo ſagen,“ er⸗ wiederte ich. Aber ich hatte Dora's ſanftes, kleines Herz verwun⸗ det, und ſie war nicht zu tröſten. Sie war ſo pathe⸗ tiſch in ihrem Seufzen und Schluchzen, daß mir's zu Muthe war, als hätte ich ihr wer weiß was Beleidi⸗ gendes geſagt. Ich war gezwungen, in aller Eile fort⸗ zugehen, und mußte lange ausbleiben, und ich fühlte die ganze Nacht ſolche Beklemmung, daß mir's ganz elendiglich zu Muthe ward. Ich hatte das Gewiſſen eines Meuchelmörders und wurde von einem dunkeln Gefühle verfolgt, als ob ich ungeheuer niederträchtig ſei. Es war zwei oder drei Stunden nach Mitternacht, als ich nach Hauſe kam. Ich fand, daß meine Tante in unſerm Hauſe geblieben war. 10 David Kopperfield. „Iſt irgend etwas paſſirt, Tante?“ fragte ich un⸗ ruhig. „Nichts, Trot,“ erwiederte ſie.„Setz' Dich, ſetz⸗ Dich. Das kleine Blümchen iſt auf etwas übler Laune geweſen, und ich habe ihr Geſellſchaft geleiſtet. Das iſt Alles.“ Ich ſtützte meinen Kopf auf meine Hand und fühlte mich, als ich ſo daſaß und ins Feuer blickte, betrübter und niedergeſchlagener, als ich ſobald nach Erfüllung meiner ſtrahlendſten Hoffnungen hätte für möglich hal⸗ ten können. Als ich nachdenklich daſaß, begegnete ich zufällig den Augen meiner Tante, welche auf meinem Geſichte ruhten. Es war ein ängſtlicher Ausdruck in ihnen, aber er klärte ſich augenblicklich auf. „Ich verſichere Ihnen, Tante,“ ſagte ich,„ich bin die ganze Nacht unglücklich geweſen, als ich dran dachte, daß Dora es wäre. Aber ich hatte keine andere Ab⸗ ſicht, als rückſichtsvoll und liebevoll über unſere häus⸗ lichen Angelegenheiten mit ihr zu ſprechen.“ Meine Tante nickte mir ermunternd zu. „Du mußt Geduld haben, Trot,“ ſagte ſie. „Natürlich. Der Himmel weiß, daß ich nicht un⸗ vernünftig drauf los fahren will, Tante.“ „Nein, nein!“ verſetzte meine Tante.„Aber das kleine Blümchen iſt ein ſehr zartes kleines Blümchen, und der Wind muß behutſam mit ihr umgehen.“ Ich dankte meiner guten Tante in meinem Herzen für ihre zärtliche Sorge um meine kleine Frau, und ich war überzeugt, ſie wiſſe, daß ich ihr danke. „Meinen Sie aber nicht, Tante,“ begann ich nach einer weitern Pauſe, in der ich das Feuer betrachtet, „daß Sie Dora zu unſerm beiderſeitigen Beſten dann David Kopperfield. 11 und wann ein wenig unterweiſen und ihr rathen könnten?“ „Trot,“ erwiederte meine Tante einigermaßen auf⸗ geregt,„nein. Bitte mich um dergleichen Dinge nicht.“ Ihr Ton war ſo ernſthaft, daß ich die Augen voll Verwunderung weit öffnete. „Ich blicke auf mein Leben zurück, Kind,“ ſagte meine Tante,„und ich denke an Leute, die in ihrem Grabe ſind, und mit denen ich auf freundlicherem Fuße hätte ſtehen können. Wenn ich zu ſtreng über anderer Leute Heirathen urtheilte, ſo mag's deshalb geſchehen ſein, weil ich bittern Grund hatte, ſtreng über meine eigne zu urtheilen. Doch laſſen wir das. Ich mag ein murriges, knurriges und wunderliches Weibsbild gewe⸗ ſen ſein eine gute Reihe Jahre daher. Ich bin's noch und werd's ewig bleiben. Aber Du und ich, wir ha⸗ ben uns einander einiges Gute erwieſen, Trot,— auf alle Fälle haſt Du mir Gutes erwieſen, mein Lieber, und eine Trennung darf nun nicht zwiſchen uns ſtatt⸗ finden.“ „Was, eine Trennung zwiſchen uns?“ ſchrie ich. „Kind, Kind!“ ſagte meine Tante, indem ſie ihr Kleid glättete,„wie bald eine Spaltung zwiſchen uns entſtehen könnte oder wie unglücklich ich das kleine Blümchen machen würde, wenn ich mich in irgend Et⸗ was miſchte, könnte ein Prophet nicht ſagen. Ich will, daß unſer Lämmchen mich gern hat und ſo heiter iſt wie ein Schmetterling. Entſinne Dich Deines eignen Vaterhauſes bei jener zweiten Heirath und thue weder mir noch ihr je das Unrecht, auf das Du anſpielteſt.“ Ich begriff ſogleich, daß meine Tante Recht habe, und ich begriff in voller Ausdehnung die edle Empfin⸗ dung, welche ſie gegen meine theure Frau fühlte. 12 David Kopperfield. à „Ihr ſeid noch ſehr junge Eheleute,“ fuhr ſie fort, „und Rom wurde nicht in einem Jahre erbaut. Du haſt nach eignem freien Willen gewählt,“ hier ſchien mir's, als ob eine Wolke über ihr Geſicht ginge,„und Du haſt Dir ein ſehr ſchönes und liebevolles Weſen gewählt. Es wird Deine Pflicht ſein, und es wird auch Deine Freude ſein— natürlich, ich weiß das, ich halte Dir keine Vorleſung— ſie zu ſchätzen(wie Du ſie erwählt haſt) nach den Eigenſchaften, die ſie hat, und nicht nach den Eigenſchaften, die ſie möglicherweiſe nicht hat. Die letztern mußt Du in ihr entwickeln, wenn Du's vermagſt. Vermagſt Du das nicht, Kind,“ hier rieb meine Tante ihre Naſe,„ſo mußt Du Dich eben gewöhnen, ohne dieſelben zu verkommen. Aber erinnere Dich, mein Lieber, Eure Zukunft liegt zwiſchen Euch. Das heißt Heirathen, Trot, und der Himmel geb' Euch ſeinen Segen, Ihr unerfahrenen Kinderchen.“ Meine Tante ſagte das in munterer Weiſe und gab mir einen Kuß, um den Segen zu beſiegeln. „Nun aber,“ ſagte ſie,„ zünde mir meine Laterne an und begleite mich in meine Putzſchachtel auf dem Gartenpfade;“ denn in dieſer Richtung war ein Ver⸗ bindungsweg zwiſchen unſern Landhäuſern.„Grüße das kleine Blümchen von Betſey Trotwood, wenn Du zu⸗ rückkommſt, und was Du auch thun magſt, Trot, nie laß Dir träumen, Betſey als Krähenſcheuche außzuſtel⸗ len; denn wenn ich ſie je im Spiegel geſehen habe, ſo iſt ſie vollkommen grimmig genug und hager genug dazu.“ Hiermit band ſich meine Tante ein Taſchentuch um den Kopf, womit ſie bei ſolchen Gelegenheiten ſich eine Hülle zu machen pflegte, und ich escortirte ſie heim. Als ſie in ihrem Garten ſtand und ihre kleine Laterne David Kopperfield. 13 emporhielt, um mir nach Hauſe zu leuchten, ſchien mir's, als ob durch ihre Art, mich zu beobachten, wieder ein Zug von Beſorgniß gehe, aber ich war zu ſehr von Gedanken über das, was ſie geſagt, in An⸗ ſpruch genommen, und die Ueberzeugung, daß Dora und ich allerdings unſere Zukunft für uns ſelbſt auszuge⸗ ſtalten hätten und Niemand uns Beiſtand leiſten könnte, hatte ſich mir— zum erſten Male in der Wirklichkeit— zu ſehr aufgedrängt, um groß Notiz von dieſem Zuge zu nehmen. Dora kam leiſe heruntergeſchlichen in ihren Pantöf⸗ felchen, um jetzt, wo ich allein war, mich zu ſprechen; und ſie weinte auf meiner Schulter und ſagte, ich ſei hartherzig und ſie ſei garſtig geweſen, und ich ſagte, daß ich ſo ziemlich Daſſelbe glaube; und wir verſöhnten uns und kamen überein, daß unſer erſter kleiner Zank unſer letzter ſein ſollte, und daß wir nie wieder einen haben ſollten, wenn wir auch hundert Jahre lebten. Die nächſte häusliche Prüfung, die wir durchzu⸗ machen hatten, war das Durchprobiren der Dienſtboten. Der Vetter Mary Anne's deſertirte, verkroch ſich in unſer Kohlenloch und wurde zu unſerer größten Be⸗ ſtürzung von einem Piquet ſeiner Kameraden mit Ober⸗ und Untergewehr herausgeholt, welche ihn geſchloſſen in einer Proceſſion abführten, die unſern Garten vor dem Hauſe mit Schmach bedeckte. Dies gab mir den Muth, Mary Anne wegzujagen, welche nach Empfang ihres Lohnes ſo ſanftmüthig fortging, daß ich erſtaunt war, bis ich die Geſchichte mit den Theelöffeln und ebenſo mit den kleinen Summen herausfand, die ſie in mei⸗ nem Namen, aber ohne Auftrag von mir, von den Krämern und Handwerkern geborgt hatte. Nach einer Zwiſchenzeit, welche Mrs. Kidgerbury ausfüllte— mei⸗ 14 David Kopperfield. nes Glaubens die älteſte Einwohnerin von Kentiſh Town, welche Aufwartungen beſorgte, aber zu ſchwach war, um ihre Kenntniſſe von dieſer Kunſt zu bethätigen— fanden wir ein anderes Kleinod von einem Dienſtmäd⸗ chen, welche eines der allerliebenswürdigſten Frauenzim⸗ mer war, aber es gemeiniglich nicht laſſen konnte, mit dem Speiſebrette die Küchentreppe herauf⸗ oder hin⸗ unterzufallen, und ſtets mit dem Theegeſchirr in die Wohnſtube plumpte wie in ein Bad. Die Verwüſtun⸗ gen, welche dieſe Unglückliche anrichtete, machten ihre Entlaſſung zur Nothwendigkeit; ihr folgte(mit gelegent⸗ lichem Dazwiſchentreten der Mrs. Kidgerbury) eine lange Reihe Unbrauchbarer, die mit einer jungen Perſon von vornehmem Aeußern ſchloß, welche in Dora's Hut auf den Greenwicher Jahrmarkt ging. Nach ihr entſinne ich mich auf nichts, als daß wir im Durchſchnitte glei⸗ ches Mißgeſchick hatten. Jedermann, mit dem wir irgend Etwas zu thun hatten, ſchien uns zu betrügen. Unſer Erſcheinen in einem Laden war das Signal, daß man augenblicklich die verdorbenen Waaren zum Vorſchein brachte. Wenn wir einen Hummer kauften, ſo war er voll Waſſer. All unſer Fleiſch erwies ſich ſchließlich als zäh, und auf unſerem Brote war kaum etwas von einer Kruſte zu ſehen. Um den Grundſatz zu entdecken, nach welchem eine Keule gebraten, nämlich hinreichend, aber nicht zu viel gebraten werden müßte, ſah ich ſelbſt ins Kochbuch und fand dort feſtgeſetzt, daß für jedwedes Pfund eine Stunde, und vielleicht eine Viertelſtunde drüber, ge⸗ ſtattet ſei. Aber der Grundſatz ſchlug uns durch irgend ein wunderliches Verhältniß ſtets fehl, und wir ver⸗ mochten nie die rechte Mitte zwiſchen Rothbleiben und Verkohlen zu treffen. David Kopperfield. 15 Ich hatte Grund zu glauben, daß wir bei dieſen Mißgriffen in weit größere Ausgaben geriethen, als wenn wir eine Reihe von Triumphen erreicht hätten. Es ſchien mir, wenn ich die Bücher der Krämer und Handwerker durchſah, als wenn wir das unterſte Ge⸗ ſtock unſeres Hauſes hätten mit Butter gepflaſtert haben können, ſo ausgedehnt war unſer Verbrauch von dieſem Artikel. Ich weiß nicht, ob die Acciſegebühren dieſer Periode eine Steigerung erfahren haben durch die Nach⸗ frage nach Pfeffer; aber wenn unſer Treiben nicht auf den Markt wirkte, ſollte ich denken, daß damals mehrere Familien aufgehört haben müſſen, ſich dieſes Gewürzes zu bedienen. Die allerwunderbarſte Thatſache dabei aber war, daß wir nie etwas im Hauſe hatten. Was das betrifft, daß die Waſchfrau unſere Wäſche verſetzte und in einem Zuſtande reumüthiger Betrunken⸗ heit kam, um ſich zu entſchuldigen, ſo iſt das vermuth⸗ lich auch andern Leuten mehrmals paſſirt. Ebenſo, daß die Eſſe gebrannt hat, die Spritze des Kirchſpiels er⸗ ſchienen iſt und der Büttel falſch geſchworen hat. Aber ich hebe hervor, wie wir ganz beſonders darin un⸗ glücklich waren, daß wir eine Magd in unſere Dienſte nahmen, die Geſchmack an Schnäpſen fand und unſere laufende Rechnung für Porter im Gaſthauſe durch ſolch unerklärliche Items, wie„ein Quart Rumlimonade“ (Mrs. K.),„ein halb Quart Wachholder und Nelken“ (Mrs. K.),„ein Glas Rum und Pfeffermünze“(Mrs. K.) anſchwellte— wo die Parentheſe ſich ſtets auf Dora bezog, von der man, wie es bei der Erklärung herauskam, vermuthete, daß ſie alle dieſe Erfriſchungen zu ſich genommen habe. Eine unſerer erſten Großthaten in unſerer Haus⸗ haltung war ein kleines Diner, das wir Traddles ga⸗ 16 David Kopperfield. ben. Ich traf ihn in der Stadt und bat ihn, dieſen Nachmittag mit mir hinauszukommen. Er willigte gern ein, und ſo ſchrieb ich an Dora, daß ich ihn mit mir nach Hauſe bringen werde. Es war ſchönes Wetter, und auf dem Wege machten wir zum Gegenſtande un⸗ ſerer Unterhaltung mein häusliches Glück. Traddles war ganz voll davon und ſagte, daß, wenn er ſich mit ſolch einer Häuslichkeit male, und wie Sophie auf ihn warte und für ihn das Nöthige vorbereite, er ſich nichts denken könnte, was zu ſeinem vollſtändigen Glücke noch fehle. Ich hätte mir kein hübſcheres Weibchen am entge⸗ gengeſetzten Ende des Tiſches wünſchen können; aber ſicherlich hätte ich mir, als wir uns niederſetzten, ein wenig mehr Raum wünſchen können. Ich wußte nicht, wie es kam, aber obſchon wir ihrer nur Zwei waren, ſo waren wir doch ſtets im Raume beſchränkt, wenn wir auch andererſeits wieder Platz genug hatten, Alles zu verlieren. Ich vermuthe, es war ſo, weil nichts ſeinen beſtimmten Platz hatte, ausgenommen Zigs Pagode, welche unabänderlich den Hauptdurchgang ver⸗ ſperrte. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit war Tradd⸗ les durch die Pagode und die Guitarrenkapſel und Do⸗ ra’'s Blumenmalerei und meinen Schreibtiſch ſo eng umſtellt, daß ich ernſtliche Zweifel hegte, ob es ihm möglich ſein werde, Meſſer und Gabel zu gebrauchen. Aber er proteſtirte mit der ihm eignen guten Laune und ſagte: „Weltmeere von Raum, Kopperfield! Ich verſichere Dir, wahre Weltmeere!“ Es war noch ein Etwas, das ich hätte wünſchen können, nämlich, daß Zig nie ermuthigt worden wäre, während des Eſſens auf dem Tiſchtuche herumzuſpazie⸗ ren. Ich fing an der Meinung zu ſein, es liege etwas David Kopperfield. 17 Ungehöriges darin, daß er überhaupt dort ſei, ſelbſt wenn er's nicht in der Gewohnheit gehabt hätte, ſei⸗ nen Fuß ins Salz oder die braune Butter zu ſtellen. Bei dieſer Gelegenheit ſchien er zu glauben, daß er aus⸗ drücklich zu dem Zwecke zu unſerer Geſellſchaft gezogen worden ſei, um Traddles aufzuhalten, und er bellte auf meinen alten Freund los und ſprang auf ſeinen Teller zu mit ſolch einer unverzagten Hartnäckigkeit, daß man von ihm ſagen könnte, er habe die Unterhaltung für ſich allein in Anſpruch genommen. Da ich indeß wußte, wie zartfühlend meine liebe Dora war, und wie jedweder Angriff auf ihren Liebling ſie verletzen werde, ließ ich nichts verlauten, daß ich etwas dagegen habe. Aus gleichen Gründen machte ich keine Anſpielung auf die unordentlich auf der Diele durcheinander ſtehenden Teller oder auf das unanſtändige Ausſehen der Karaffinen, welche alle be⸗ ſchädigt waren und wie betrunken ausſahen, oder end⸗ lich auf die weitere Einſchließung Traddles' durch ver⸗ irrte GemüſeſchüſſeSrln und Krüge. Ich konnte nicht umhin, mich in meinem Innern, als ich die gekochte Schöpſenkeule vor mir, ehe ich abſchnitt, betrachtete, zu wundern, wie es doch käme, daß unſer Fleiſch immer von ſo ungewöhnlichen Formen wäre— und ob unſer Fleiſcher nicht etwa einen Contract für alle mißgeſtalte⸗ ten Schafe, die zur Welt kämen, geſchloſſen hätte, aber ich behielt meine Gedanken für mich. „Meine Liebe,“ fragte ich Dora,„was haſt Du in der Schüſſel da?“ Ich konnte nicht begreifen, weshalb Dora verführe⸗ riſche Geſichtchen gegen mich gemacht hatte, als ob ſie Luſt hätte, mich zu küſſen. „Auſtern, mein Lieber,“ verſetzte Dora ſchüchtern. David Kopperſteld. VIII. 2 18 David Kopperfield. „War das in Einfall von Dir?“ fragte ich entzückt. „Ja— a, Daddy,“ antwortete Dora. „Es gab nie einen glücklichern!“ rief ich aus, in⸗ dem ich das Vorſchneidemeſſer mit der Gabel hinlegte. „Es giebt nichts, was Traddles ſo gern äße.“ „Ja— a, Daddy,“ ſagte Dora,„und ſo kaufte ich ein ſchönes kleines Fäßchen davon, und der Mann ſagte, ſie wären ſehr gut. Aber ich— ich fürchte, es iſt irgendwas mit ihnen. Es ſcheinen keine richtigen zu ſein.“ Hier ſchüttelte Dora den Kopf, und Dia⸗ manten glitzerten in ihre Augen. „Sie ſind blos an beiden Schaalen geöffnet,“ ſagte ich.„Nimm das Oberſte'mal weg, meine Liebe.“ „Aber's will nicht abgehen,“ erwiederte Dora, indem ſie es mit aller Anſtrengung verſuchte und eine ſehr betrübte Miene machte. „Weißt Du, Kopperfield,“ ſagte Traddles, indem er luſtig die Schüſſel einer Prüfung unterwarf,„ich glaube,'s iſt in Folge deſſen— es ſind prächtige Au⸗ ſtern— aber ich glaube,'s iſt in Folge deſſen, daß ſie nie aufgemacht worden ſind.“ Sie waren wirklich nicht geöffnet, und wir hatten keine Auſternmeſſer— und hätten ſie nicht gebrauchen können, im Falle wir dergleichen gehabt hätten, und ſo ſahen wir die Auſtern an und aßen das Schöpſenfleiſch. Wenigſtens aßen wir davon ſo viel, als gahr war, und halfen uns mit Kapern. Hätte ich's ihm geſtattet, ſo bin ich überzeugt, daß Traddles ſich vollkommen zum Wilden gemacht und einen Teller voll rohes Fleiſch ge⸗ geſſen haben würde, um ſeine Luſt an der Mahlzeit zu zeigen, aber ich wollte von keiner ſolchen. Opferung auf dem Altare der Freundſchaft hören, und wir hat⸗ ten ſtatt deſſen einen Gang Schinken, indem ſich zum David Kopperfield. 19 guten Glück zufällig kalter Schinken in der Speiſekam⸗ mer befand. Meine arme kleine Frau war ſo niedergeſchlagen, als ſie dachte, ich würde verdrießlich ſein, und ſo voll Freuden, als ſie fand, daß dies bei mir nicht der Fall war, daß die Enttäuſchung, der ich unterworfen gewe⸗ ſen, ſehr bald verſchwand und wir einen ſehr glücklichen Abend verbrachten, indem Dora, während Traddles und ich ein Glas Wein leerten, mit ihrem Arme auf meinem Stuhle daſaß und jede Gelegenheit ergriff, mir ins Ohr zu flüſtern, daß es doch ſo gut von mir wäre, heute kein grauſamer, garſtiger, alter Junge zu ſein. Bald darnach machte ſie den Thee für uns, was ſie mit einer Geſchäftigkeit that, als ob ſie ſich mit dem Thee⸗ geſchirr einer Puppe zu ſchaffen machte, und wo ſie ſo hübſch anzuſehen war, daß ich's mit der Güte des Ge⸗ tränks nicht allzu genau nahm. Dann ſpielten Traddles und ich ein oder ein paar Spiele Cribbage, und wie Dora die Zeit über zur Guitarre ſang, ſchien mir's, als ob unſere Liebſchaft und Heirath ein zarter Traum von mir und die Nacht, wo ich zuerſt ihrer Stimme gelauſcht, noch nicht vorüber ſei. Als Traddles fortging und ich von ſeiner Hinaus⸗ begleitung ins Wohnzimmer zurückkam, pflanzte meine Frau ihren Stuhl hart neben den meinen und ſetzte ſich an meine Seite nieder. „Es thut mir recht leid,“ ſagte ſie.„Willſt Du's verſuchen, mich zu belehren, Daddy?“ „Ich muß mich ſelbſt erſt belehren, Dora,“ erwie⸗ derte ich.„Ich bin ſo ſchlimm wie Du, mein Herz.“ „Ahl aber Du kannſt lernen,“ entgegnete ſie;„und Du biſt ein ſehr, ſehr geiſtreicher Mann.“ „Unſinn, Mäuschen,“ ſagte ich. 2* 20 David Kopperfield. „Ich wollte,“ begann meine Frau nach einem langen Schweigen wieder,„daß ich auf ein ganzes Jahr aufs Land hinaus hätte gehen und mit Agnes leben können.“ Ihre Hände lagen gefaltet auf meiner Schulter, ihr Kinn ruhte auf denſelben, und ihre blauen Augen ſchau⸗ ten ruhig in die meinigen. „Wie ſo?“ fragte ich. „Ich glaube, daß ſie mich weiter hätte bringen kön⸗ nen, und daß ich von ihr hätte lernen können,“ ſagte Dora. „Alles zu rechter Zeit, meine Liebe. Du ſollteſt Dich erinnern, daß Agnes dieſe Jahre daher ihr Au⸗ genmerk auf ihren Vater hat gerichtet haben müſſen. Schon als ſie noch ein vollkommenes Kind war, war ſie die Agnes, die wir kennen,“ verſetzte ich. „Willſt Du mich bei einem Namen rufen, bei dem ich gern von Dir gerufen ſein möchte?“ fragte Dora, ohne ſich zu bewegen. „Was iſt's für einer?“ fragte ich lächelnd. „’s iſt ein dummer Name,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Locken einen Augenblick ſchüttelte.„Kindiſches Weibchen.“ Lachend fragte ich mein kindiſches Weibchen, was ſie dabei im Auge habe, wenn ſie ſo genannt zu ſein wünſchte. Sie antwortete, ohne ſich anders zu bewe⸗ gen, als der Arm, mit dem ich ſie umſchlang, mir ihre blauen Augen näher gebracht haben mag. „Ich meine nicht, Du einfältiger Schlingel, daß Du jenen Namen ſtatt Dora gebrauchen ſollſt. Ich meine blos, daß Du über mich in der Art denken ſollſt. Wenn Du im Begriffe ſtehſt, garſtig mit mir zu ſein, ſo ſage zu Dir:'s iſt ja blos mein kindiſches Weibchen. Wenn ich Deinen Wünſchen ſehr wenig entſpreche, ſo ſage: David Kopperfield. 21 Ich wußte es ſchon vor langer Zeit, daß ſie ein kin⸗ diſches Weibchen abgeben würde. Wenn Du vermiſ⸗ ſeſt, was ich gern ſein möchte, und, wie ich glaube, nie ſein werde, ſo ſage: Aber doch hat mich mein närri⸗ ſches, kindiſches Weibchen lieb. Denn das thu' ich al⸗ lerdings.“ Ich war noch nicht ernſt mit ihr geweſen, indem ich bis jetzt noch keine Vorſtellung gehabt, daß ſie ſelbſt ernſthaft ſei. Aber ihre liebevolle Natur war in dem, was ich jetzt von meinem ganzen Herzen zu ihr ſagte, ſo glücklich, daß ihr Geſicht ſich mit einem Lächeln über⸗ zog, ehe ihre thränenglänzenden Augen trocken waren. Sie war bald wirklich ein kindiſches Weibchen, indem ſte ſich auf die Diele draußen vor dem chineſiſchen Hauſe ſetzte und alle die kleinen Glocken eine nach der andern klingeln ließ, um Zig für ſeine jüngſte ſchlechte Aufführung zu beſtrafen, während Zig blinzelnd im Thorwege lag und den Kopf herausgeſteckt hatte und ſelbſt zu faul war, um ſich zu ärgern. Dieſe Anſprache Dora's machte einen großen Ein⸗ druck auf mich. Ich ſchaue zurück auf die Zeit, von der ich ſchreibe; ich rufe die unſchuldige kleine Geſtalt, die ich ſo innig liebte, an, aus den Nebeln und Schat⸗ ten der Vergangenheit herauszukommen und ihr holdes Haupt noch einmal mir zuzukehren, und ich kann noch jetzt erklären, daß dieſe kleine Rede fortwährend in meinem Gedächtniſſe war. Ich mag ſie nicht aufs Beſte benutzt haben; ich war jung und unerfahren, aber nie verſchloß ich mein Ohr gegen ihren ungekünſtelten Vortrag. Dora ſagte mir bald nachher, daß ſie im Begriffe ſtehe, eine wundervolle Hauswirthin zu werden. In Folge deſſen wiſchte ſie die Täfelchen ab, ſpitzte den Bleiſtift, kaufte ein ungeheures Rechnungsbuch, nähte 22 David Kopperfield. ſorgſam mit Nadel und Zwirn alle die Blätter des Kochbuchs, welche Zig zerriſſen hatte, an, und machte einen vollſtändigen verzweifelten kleinen Anlauf,„gut zu ſein“, wie ſie's nannte. Aber die Zahlen hatten die alte feſtgewurzelte Nei⸗ gung— ſie wollten ſich nicht addiren laſſen. Wenn ſte mit Mühe zwei Items in das Rechnungsbuch einge⸗ tragen hatte, lief Zig über das Blatt, fegte mit ſei⸗ nem Schweife und wiſchte Alles aus. Ihr kleiner Mit⸗ telfinger an der rechten Hand wurde bis an das Gelenk mit Tinte beſchmutzt, und ich glaube, daß dies das einzige entſchiedene Ergebniß war, welches erreicht wurde. Manchmal des Abends, wenn ich zu Hauſe und bei der Arbeit war— denn ich ſchrieb jetzt viel und fing an einigermaßen als Schriftſteller bekannt zu werden— legte ich meine Feder hin und beobachtete mein kindi⸗ ſches Weibchen, wie ſie verſuchte„gut zu ſein“. Zu⸗ erſt brachte ſie das ungeheure Rechnungsbuch herbeige⸗ ſchleppt und legte es mit einem tiefen Seußzer auf den Tiſch hin. Dann pflegte ſie es an der Stelle zu öff⸗ nen, wo Zig es den Abend vorher unlesbar gemacht hatte, und Zig herbeizurufen, um ſich ſeine Miſſethaten zu beſehen. Dies gab Gelegenheit zu einer Diverſion zu Zigs Gunſten, ſowie vielleicht, daß ihm zur Strafe die Naſe mit Tinte beſchmiert wurde. Dann hieß ſie Zig, ſich augenblicklich auf den Tiſch hinzulegen„wie ein Löwe“— was eins ſeiner Kunſtſtücke war, obſchon ich nicht ſagen kann, daß die Aehnlichkeit überraſchend gewe⸗ ſen wäre— und wenn er auf gehorſamer Laune war, gehorchte er. Dann pflegte ſie eine Feder zu nehmen und anzufangen zu ſchreiben, und ein Haar drin zu finden. Dann nahm ſie eine andere Feder und begann zu ſchrei⸗ ben und fand, daß ſte ſpritzte. Dann nahm ſie eine David Kopperfield. 23 dritte Feder und fing an zu ſchreiben und ſagte mit gedämpfter Stimme:„Oh, das iſt'ne kreiſchende Fe⸗ der, die wird Daddy ſtören.“ Und dann gab ſie es als unausführbar auf und legte das Rechnungsbuch weg, nachdem ſie gethan, als wollte ſie den Löwen damit zerſchmettern. Oder wenn ſie in ſehr geſetzter und ernſthafter Stim⸗ mung war, ſo ſetzte ſie ſich mit dem Täfelchen und einem kleinen Korbe voll Rechnungen und andere Documente, die mehr wie Lockenpapierchen, als wie alles Andere ausſahen, hin und verſuchte, ein Ergebniß aus ihnen zu ziehen. Nachdem ſie ernſtlich das Eine mit dem An⸗ dern verglichen und Exempel auf die Täfelchen geſchrie⸗ ben und ſie wieder ausgeſtrichen und alle Finger ihrer linken Hand immer und immer wieder nach vorwärts und nach rückwärts gezählt hatte, war ſie ſo gepeinigt und entmuthigt und ſah ſo unglücklich aus, daß es mir Schmerz machte, ihr freundliches Geſicht bewölkt zu ſehen— und zwar meinetwegen!— und ich leiſe zu ihr hinging und ſagte: „Was giebt's denn, Dora?“ Dora blickte dann hoffnungslos auf und erwiederte. „Sie wollen nicht richtig herauskommen. Sie machen mir ſolchen Kopfſchmerz. Und Sie wollen gar nichts thun, was ich haben will.“ Dann ſagte ich:„Nun, laß es uns zuſammen ver⸗ ſuchen. Ich will Dir's'mal zeigen, Dora.“ Dann begann ich eine praktiſche Unterweiſung, auf welche Dora vielleicht fünf Minuten lang mit tiefer Auf⸗ merkſamkeit hörte, worauf ſie anfing, furchtbar müde zu werden und ſich den Gegenſtand dadurch erleichterte, das ſie aus meinen Haaren Locken drehte oder es ver⸗ ſuchte, wie mein Geſicht ſich ausnähme, wenn mein 24 David Kopperfield. Hemdkragen niedergeſchlagen wäre. Wenn ich dieſe Spiel⸗ ſucht ſchweigend abwies und bei meinem Vorſatze be⸗ harrte, ſah ſie ſo ängſtlich und verzweifelt aus, indem ſie mehr und mehr aus der Faſſung gerieth, daß die Erinnerung an ihre natürliche Heiterkeit, als ich zuerſt ihren Lebenspfad kreuzte, und daran, daß ſie mein kin⸗ diſches Weibchen ſei, vorwurfsvoll über mich kam und ich meinen Bleiſtift hinlegte und nach der Guitarre rief. Ich hatte ſehr viel Arbeit und mancherlei Sorgen und Mühen, aber dieſelben Rückſichten vermochten mich, ſie bei mir zu behalten. Ich bin jetzt weit entfernt von der Ueberzeugung, daß ich recht daran that, ſo zu ver⸗ fahren, aber ich that es für mein kindiſches Weibchen. Ich forſche nach in meiner Bruſt und lege ihre Geheim⸗ niſſe, wofern ich ſie weiß, ohne Rückhalt auf dieſes Pa⸗ pier nieder. Das alte unglückliche Gefühl, etwas ver⸗ loren zu haben oder nicht zu beſitzen, hatte, deß bin ich mir bewußt, einen Platz in meinen Herzen, aber nicht ſo, daß es mir das Leben verbittert hätte. Wenn ich bei ſchönem Wetter allein ſpazieren ging und an die Sommertage dachte, wo meiner knabenhaften Phanta⸗ ſie die ganze Luft mit Zauber gefüllt erſchienen war, vermißte ich allerdings etwas an der Verwirklichung meiner Träume; aber ich dachte, es ſei eine gemilderte Glorie der Vergangenheit, welche nichts auf die Ge⸗ genwart geworfen haben könnte. Mir war allerdings manchmal ein Weilchen zu Muthe, als hätte ich wün⸗ ſchen können, meine Frau könne mir mit ihrem Rathe zur Seite ſtehen, hätte mehr Charakter und Willens⸗ kraft, um mich dadurch zu unterſtützen und zu fördern, wäre mit der Macht ausgerüſtet, die Leere auszufüllen, welche um mich zu ſein ſchien; aber ich empfand, als ob dies eine überirdiſche Steigerung meines Glückes wäre, David Kopperfield. 25 die mir vom Schickſal nie beſtimmt geweſen und nie möglich geweſen wäre. Ich war ein knabenhafter Ehemann, was die Jahre betrifft. Ich hatte den mildernden Einfluß von keinen andern Sorgen oder Erfahrungen kennen gelernt, als von denen, welche auf dieſen Blättern verzeichnet ſtehen. Wenn ich irgendwie Unrecht that, wie ich denn vielleicht viel⸗ fach that, ſo geſchah es in mißverſtandener Liebe und Mangel an Klugheit. Ich ſchreibe genau die Wahrheit. Es würde mir nichts nutzen, es jetzt zu entſchuldigen. So kam's, daß ich die Mühen und Sorgen unſeres Le⸗ bens allein auf mich nahm und keine Gefährtin in ihnen hatte. Wir lebten in Bezug auf das Drunter und Drü⸗ ber unſeres Hausweſens ziemlich ganz ſo wie vorher, aber ich war jetzt daran gewöhnt, und Dora war, wie ich mit Freuden ſah, jetzt ſelten betrübt. Sie war hei⸗ ter und fröhlich in ihrer alten kindlichen Weiſe, liebte mich herzlich und war glücklich mit ihren alten Spie⸗ lereien. Wenn die Debatten lange dauerten und ich ſpät nach Hauſe ging, pflegte Dora nie im Bette zu bleiben wie ſie meine Schritte hörte, ſondern kam die Treppe her⸗ unter, mich zu treffen. Wenn meine Abende von dem Berufe, zu dem ich mich mit ſo großer Mühe ausge⸗ bildet hatte, nicht in Anſpruch genommen waren und ich mich zu Hauſe mit Schreiben beſchäftigte, pflegte ſie, wie ſpät auch die Stunde ſein mochte, ſtillſchweigend neben mir zu ſitzen und ſo ſtumm zu ſein, daß ich oft dachte, ſie ſei in Schlaf geſunken. Aber gewöhnlich, wenn ich meinen Kopf erhob, ſah ich ihre blauen Au⸗ gen mit der ſtillen Aufmerkſamkeit mich anſchauen, von der ich bereits geſprochen habe. „Oh was für ein müder Junge!“ rief Dora eines 26 David Kopperfield. Nachts, als ich beim Zuſchließen meines Pultes ihren Augen begegnete. „Was für ein müdes Mädchen!“ ſagte ich.„Das paßt beſſer. Du mußt ein ander Mal zu Bett gehen, meine Liebe. Es iſt viel zu ſpät für Dich.“ „Nein. Schicke mich doch nicht zu Bett!“ bat Dora, indem ſie an meine Seite kam.„Bitte, thu' das nicht.“ „Dora! Zu meinem Erſtaunen ſchluchzte ſie an meinem Halſe. „Nicht wohl, mein Herz? Nichht glücklich?“ „Oh ja! Ganz wohl und ſehr glücklich!“ ſagte Dora.„Aber ſprich, nicht wahr, Du willſt mich da⸗ bleiben und zuſehen laſſen, wie Du ſchreibſt.“ „Ci was für ein Schauſpiel für ſolche helle Augen um Mitternacht!“ entgegnete ich. „Sind ſie wirklich hell?“ erwiederte Dora lachend. „Oh, ich bin ſo froh, daß ſie hell ſind.“ „Kleine Eitelkeit!“ ſagte ich. Aber es war keine Eitelkeit, es war blos harmlo⸗ ſes Entzücken darüber, daß ich ſie bewunderte. Ich wußte das ſehr wohl, ehe ſie mir's ſagte. „Wenn Du ſie für hübſch hältſt, ſo ſag, ich darf immer dableiben und zuſehen, wie Du ſchreibſt!“ ſagte Dora.„Hältſt Du ſie wirklich für hübſch?“ „Für ſehr hübſch.“ „Dann laß mich immer dableiben und zuſehen, wie Du ſchreibſt.“ „Ich fürchte, das wird ihrer Klarheit nichts nützen, Dora.“ „Oh ja, es wird wohl. Weil Du, mein geſcheid⸗ ter Junge, mich dann, während Du voll ſtille Phan⸗ taſien biſt, nicht vergeſſen wirſt. Wirſt Du böſe ſein, David Kopperfield. 27 wenn ich Dich um etwas ſehr, ſehr Einfältiges— noch einfältiger wie gewöhnlich, bitte?“ fragte Dora, indem ſie mir über die Schulter ins Geſicht gukte. „Was für ein wunderbares Ding iſt das?“ ſagte ich. „Bitte, laß mich die Federn halten,“ verſetzte Dora; „ich möchte was zu thun haben während aller der vie⸗ len Stunden, wo Du ſo fleißig biſt. Darf ich die Fe⸗ dern halten?“ Die Erinnerung daran, wie niedlich ſie in ihrer Freude ausſah, als ich Ja ſagte, ruft mir die Thränen in die Augen. Das nächſte Mal, wo ich mich zum Schreiben hinſetzte, und ſpäter regelmäßig, ſaß ſie auf ihrem alten Platze mit einem kleinen Bündel Federn neben ſich. Ihr Jubel über dieſe Verbindung mit mei⸗ ner Arbeit und ihr Entzücken, wenn ich eine neue Fe⸗ der brauchte— was ich ſo einrichtete, daß es ſehr oft der Fall zu ſein ſchien— gaben mir einen neuen Weg an die Hand, mein kindiſches Weibchen zu vergnügen. Gelegentlich that ich, als wünſchte ich eine oder ein paar Seiten des Manuſcripts abgeſchrieben. Dann war Dora in ihrer Glorie. Die Vorbereitungen, die ſie zu dieſem großen Werke traf, die Schürze, die ſie umband, die Lätzchen, welche ſie aus der Küche borgte, um die Tinte abzuhalten, die Zeit, die ſie brauchte, die un⸗ zähligen Male, wo ſie anhielt, um mit Zig zu lachen, als ob er Alles verſtünde, ihre Ueberzeugung, daß ihre Arbeit unvollſtändig wäre, bis ſie nicht ihren Namen darunter geſchrieben, und die Art und Weiſe, in wel⸗ cher ſie es mir wie eine Schularbeit brachte und dann, wenn ich's lobte, mir um den Hals fiel, ſind rührende Erinnerungen für mich, ſo einfach ſie auch andern Leu⸗ ten erſcheinen möchten. Sie nahm bald darnach Beſitz von den Schlüſſeln 28 David Kopperfield. und ging klimpernd im Hauſe herum, das ganze Bün⸗ del in einem Körbchen, welches an ihre zarte Taille gebunden war. Ich fand ſelten, daß die Orte, zu de⸗ nen ſie gehörten, verſchloſſen, oder daß ſie von irgend einem Nutzen, es ſei denn als Spielzeug für Zig, wären— aber Dora hatte ihre Freude dran, und das war meine Freude. Sie war feſt überzeugt, daß bei dieſem So⸗Thun, als ob das Hausweſen in Ordnung gehalten werde, viel herauskomme, und war ſo luſtig, als ob wir zum Spaße ihr einen Puppenhaushalt, wie ihn Kinder haben, gehalten hätten. So fuhren wir fort. Dora hing kaum weniger an meiner Tante als an mir und erzählte ihr oft von der Zeit, wo ſie ſich gefürchtet, daß ſie„ein grobes altes Ding“ ſei. Nie ſah ich meine Tante ſich Jemandem in allen Dingen mehr hingeben. Sie ſchmeichelte Zig, ob⸗ wohl Zig nie darauf einging; lauſchte Tag auf Tag der Guitarre, obſchon ich fürchte, daß ſte keinen Geſchmack an der Muſik fand; machte nie einen Angriff auf die unbrauchbaren Mägde, obſchon die Verſuchung ernſt ge⸗ weſen ſein muß; ging bewundernswerthe Strecken zu Fuße, um als Ueberraſchungen allerhand Kleinigkeiten einzukaufen, von denen ſte fand, daß Dora ſte wünſchte; und kam nie durch den Garten herein, wo ſie ſie im Zimmer vermißt und nicht am Fuße der Treppe mit einer Stimme, die froͤhlich durch das ganze Haus tönte, gerufen hätte: „Wo iſt denn das kleine Blümchen?“ Fünfundvierzigſtes Kapitel. Mr. Dick erfüllt die Vorherſagung meiner Tante. Es war jetzt einige Zeit her, ſeit ich den Doctor verlaſſen hatte. Da ich in ſeiner Nachbarſchaft lebte, ſah ich ihn fleißig, und wir Alle gingen bei zwei oder drei Gelegenheiten in ſein Haus zu Tiſche oder zum Thee. Der Alte Soldat war unter des Doctors Dache perma⸗ nent einguartirt. Sie war genau dieſelbe wie immer, und dieſelben unſterblichen Schmetterlinge ſchwebten über ihrer Haube. Wie andere Mütter, die ich im Laufe meines Lebens kennen gelernt habe, liebte Mrs. Markleham das Ver⸗ gnügen viel mehr als ihre Tochter. Sie verlangte viel Ergötzlichkeiten, und indem ſie ſich nach ihren eignen Neigungen richtete, ſtellte ſie ſich als ſchlauer alter Soldat, als ob ſie ſich ihrem Kinde widmete. Des Doctors Wunſch, daß Annie Unterhaltung haben ſollte, war dieſer trefflichen Mutter deshalb ganz beſonders angenehm, und ſie drückte ihm ihre ungetheilte Billigung ſeiner Rückſichtnahme aus. Ich habe in der That keinen Zweifel, daß ſie die 30 David Kopperfield. Wunde des Doctors aufriß, ohne es zu wiſſen. In⸗ dem ſie nichts im Sinne hatte, als eine gewiſſe gereifte Frivolität und Selbſtſucht, die nicht immer untrennbar iſt vom vorgerückten Alter, beſtärkte ſie ihn, wie ich 1 glaube, in ſeiner Furcht, daß er ein Hemmniß für ſeine 1 junge Frau ſei, und daß zwiſchen ihnen keine Gemein⸗ ſamkeit der Gefühle ſtattfinde, indem ſie mit ſolchem Nachdruck ſeiner Abſicht anfeuerte, die Laſt ihres Le⸗ bens zu erleichtern. „Meine liebe Seele,“ ſagte ſie zu ihm eines Tages, als ich gegenwärtig war,„Sie wiſſen,'s iſt kein Zweifel, daß es für Annie ein Bischen langweilig ſein würde, immer hier eingeſperrt zu ſein.“ Der Doctor nickte mit ſeinem Haupte wohlwollend. „Wenn ſie in ihrer Mutter Alter kommt,“ fuhr Mrs. Markleham mit einer Schwingung ihres Fächers fort,„da wird's ganz was Anderes ſein. Mich frei⸗ lich könnten Sie in ein Gefängniß ſtecken mit anſtän⸗ diger Geſellſchaft und einem Robberchen, und ich würde mich nie darnach ſehnen, herauszukommen. Aber Sie wiſſen, ich bin nicht Annie, und Annie iſt nicht ihre Mutter.“ „Freilich, freilich,“ ſagte der Doctor. „Sie ſind die beſten Leutchen,— nein, bitt' um Verzeihung!“ denn der Doctor machte eine ablehnende Geberde,„ich muß es Ihnen ins Geſicht ſagen, wie ich's ſtets hinter Ihrem Rücken ſage, Sie ſind die beſten Leutchen, aber natürlich haben Sie nicht— oder haben Sie ſte etwa?— dieſelben Neigungen und Launen wie Annie.“ 4 „Nein,“ verſetzte der Doctor in kummervollem Tone. „Nein, natürlich nicht,“ entgegnete der Alte Sol⸗ dat.„Da nehmen Sie zum Beiſpiel Ihr Wörterbuch David Kopperfield. 31 Was für ein nützliches Werk iſt ein Wörterbuch! Was für ein nöthiges Werk! Die Bedeutungen der Worte. Ohne Doctor Johnſon oder ſonſt Jemanden von der Art würden wir vielleicht bis auf den heutigen Tag ein Dudeleiſen eine Bettſtelle nennen. Aber wir kön⸗ nen nicht erwarten, daß ein Wörterbuch— beſonders wenn's erſt gemacht wird— Annie intereſſirt, oder können wir das etwa?“ Der Doctor ſchüttelte den Kopf. „Und das iſt's, weshalb ich,“ ſagte Mrs. Markle⸗ ham, indem ſie ihm mit ihrem zuſammengeſchlagenen Fächer auf die Schulter klopfte,„Ihren Scharfſinn ſo ſehr lobe. Es zeigt, daß Sie nicht ſo, wie manche ältliche Leute thun, alte Köpfe auf jungen Schultern erwarten. Sie haben Annie's Charakter ſtudirt, und Sie verſtehen ſich darauf. Das iſt's, was ich ſo lie⸗ benswürdig finde.“ Selbſt das ruhige und geduldige Antlitz des Doctor Strong drückte, wie mir's vorkam, ein leiſes Gefühl von Schmerz unter der Zuerkennung dieſer Compli⸗ mente aus „Deshalb, mein lieber Doctor,“ ſagte der Soldat, indem er ihm etliche liebreiche Klapſe gab,„können Sie über mich zu allen Zeiten des Tages und Jahres gebieten. Verſtehen Sie mich, daß ich ganz und gar zu Ihren Dienſten bin. Ich bin bereit, mit Annie in Opern, Concerte, Ausſtellungen, allerhand Orte zu gehen, und Sie ſollen nie finden, daß ich müde bin. Die Pflicht, mein lieber Doctor, geht allen andern Rückſichten auf der Welt vor.“ Und ſie hielt ihr Wort. Sie war eine von den Leuten, welche ſehr viel Vergnügen ertragen können, und ſie wich nie ab von ihrer Ausdauer in der Sache. 32 David Kopperfield. Sie bekam ſelten die Zeitung in die Hände(welche ſie jeden Tag zwei Stunden lang, in dem weichſten Stuhle im ganzen Hauſe ſitzend, durch ihr Augenglas durchlas), wo ſie nicht irgend Etwas herausfand, was Annie ſicherlich gern ſehen mochte. Es war vergeblich, daß Annie ſich ſträubte und ſagte, wie ſte dergleichen Dinge ſatt habe. Die abweichende Antwort ihrer Mutter war ſtets:„Nun, meine liebe Annie, ich bin überzeugt, Du weißt's beſſer, und ich muß Dir ſagen, meine Liebe, daß Du Doctor Strongs Güte nicht auf paſſende Weiſe vergiltſt.“ Dies wurde gewöhnlich in Gegenwart des Doctors geſagt und ſchien mir den hauptſächlichſten Grund aus— zumachen, der Annie vermochte, ihre Einwürfe zurück⸗ zunehmen, wenn ſie überhaupt welche gemacht hatte. Aber gemeiniglich ordnete ſie ihren Willen dem ihrer Mutter unter und ging mit, wohin der Alte Soldat wollte. Es kam jetzt ſelten vor, daß Mr. Maldon ihnen Geſellſchaft leiſtete. Manchmal wurden meine Tante und Dora dazu eingeladen und nahmen die Einladung an. Manchmal wurde blos Dora gebeten. Es war eine Zeit geweſen, wo ihr Gehen mich beunruhigt haben würde, aber die Ueberlegung deſſen, was in jener Nacht in des Doctors Studirzimmer paſſirt war, änderte mein Mißtrauen. Ich glaubte, der Doctor habe Recht, und hatte keinen ſchlimmern Verdacht. Meine Tante rieb ihre Naſe dann und wann, wenn ſie ſich zufällig allein mit mir befand, und ſagte, ſie könnte ſich's nicht erklären; ſie wünſchte, ſie wären glücklicher; ſie dächte nicht, daß unſer militairiſcher Freund(ſo nannte ſie ſtets den Alten Soldaten) der Sache irgend wie auf die Beine helfe. Meine Tante drückte fernerhin ihre Meizung aus, wenn unſer mili⸗ David Kopperfield. 33 tairiſcher Freund dieſe Schmetterlinge abſchneiden und ſie den Schornſteinfegern zum Maifeſte geben wollte, würde es ausſehen, als ob in ihr ſo etwas wie Ver⸗ ſtand aufdämmerte. Aber ihre ſtete Zuverſicht ruhte auf Mr. Dick. Die⸗ ſer Mann habe augenſcheinlich eine fire Idee im Kopfe, ſagte ſie, und wenn er dieſelbe nur einmal in einen Winkel ſeines Gehirns einſperren könnte, was ihm eben ſo ſchwer falle, ſo würde er ſich in einer außergewöhn⸗ lichen Weiſe auszeichnen. Unbekannt mit dieſer Vorausſagung fuhr Mr. Dick fort, genau dieſelbe Stellung in Bezug auf den Doc⸗ tor und die Mrs. Strong zu behaupten. Er ſchien weder vorzurücken noch ſich zurückzuziehen. Er ſchien ſich auf ſeinen urſprünglichen Grund und Boden feſt⸗ geſetzt zu haben wie ein Gebäude, und ich muß geſte⸗ hen, mein Glaube daran, daß er ſich je weiter bewe⸗ gen werde, war nicht viel größer, als wenn er ein Gebäude geweſen wäre. Aber eines Abends, als ich einige Monate verhei⸗ rathet war, ſteckte Mr. Dick ſeinen Kopf ins Zimmer, wo ich allein mit Schreiben beſchäftigt war(da Dora mit meiner Tante ausgegangen war, um mit den bei⸗ den kleinen Vögeln Thee zu trinken) und ſagte mit einem bedeutſamen Hüſteln: „Ich fürchte, Trotwood, Sie können mit mir nicht ſprechen, ohne daß ſte dadurch von Geſchäften abgehal⸗ ten werden?“ „Ach nein, Herr Dick,“ ſagte ich.„Immer herein.“ „Trotwood,“ verſetzte Mr. Dick, indem er ſeinen Finger an ſeine Naſe legte, nachdem er mir die Hand geſchüttelt hatte.„Che ich mich ſetze, wünſche ich eine Bemerkung zu machen. Sie kennen Ihre Tante.“ David Kopperſield. VIII. 3 34 David Kopperfield. „Einigermaßen,“ entgegnete ich „Sie iſt das allerbewundernswürdigſte Frauenzim⸗ mer in der Welt.“ Nachdem er dieſer Mittheilung ſich entledigt, welche er aus ſich herausſchoß, als ob er damit geladen wäre, ſetzte ſich Mr. Dick mit größerer Würde als gewöhn⸗ lich nieder und ſah mich an. „Nun, Junge,“ ſagte Mr. Dick,„werde ich Ihnen eine Frage vorlegen.“ „So viel Ihnen beliebt,“ erwiederte ich. „Als was betrachten Sie mich?“ fragte Mr. Dick, ſeine Arme übereinanderſchlagend. „Als einen lieben alten Freund,“ antwortete ich. „Danke Ihnen, Trotwood,“ entgegnete Mr. Dick lachend, während er mir hocherfreut die Hand bot.„Aber ich meine, Junge,„dabei nahm er ſeine würdige Miene wieder an,„als was Sie mich in dieſer Hinſicht hier betrachten?“ und er berührte ſeine Stirne. Ich war in Verlegenheit, was ich antworten ſollte, aber er half mir mit einem Worte aus. „Schwach?“ ſagte Mr. Dick. „Nun,“ entgegnete ich zweifelhaft,„ohngefähr ſo etwas.“ „Ganz richtig!“ ſchrie Mr. Dick, welcher von mei⸗ ner Antwort ganz bezaubert ſchien.„Das heißt, Trot⸗ wood, wie die Leute etliches von dem Kummer aus— Sie wiſſen, weſſen Kopfe nahmen und es— Sie wiſſen, wohin thaten, da gab's eine—“ Mr. Dick ließ ſeine Hände ſich eine große Menge Male um einander dre⸗ hen und brachte ſie dann in Colliſion und rollte ſie übereinander, um damit Verwirrung auszudrücken— „da wurde mir dergleichen angethan? He, nicht?“ Ich nickte ihm zu, und er nickte mir wieder. David Kopperfield. 35 „Kurz, Junge,“ ſagte Mr. Dick, indem er ſeine Stimme bis zum Geftüſter mäßigte,„ich bin ſimpel.“ Ich würde dieſen Schluß auf ſeine Grenzen zurück⸗ geführt haben, aber er fiel mir ins Wort: „Ja, ich bin ſimpel. Sie giebt vor, ich wär's nicht. Sie will nichts davon hören, aber ich bin's doch. Ich weiß, daß ich ſimpel bin. Wäre ſie nicht als meine Freundin aufgetreten, ſo würde ich eingeſperrt worden ſein und die Jahre daher ein trauriges Leben geführt haben. Aber ich werde für ſie ſorgen. Ich habe gar nichts von meinem Abſchreibegelde verthan. Ich leg's in eine Büchſe. Ich habe ein Teſtament gemacht. Ich werde ihr Alles hinterlaſſen. Sie ſoll reich ſein— nobel.“ Mr. Dick zog ſein Taſchentuch heraus und wiſchte ſich die Augen. Er faltete es dann ſehr ſorgfältig zu⸗ ſammen, drückte es zwiſchen beiden Händen glatt, ſteckte es in ſeine Taſche und ſchien damit meine Tante bei Seite zu legen. „Nun, Sie ſind ein Gelehrter, Trotwood,“ ſagte Mr. Dick.„Sie ſind ein großer Gelehrter. Sie wiſſen, was für ein geſcheidter Mann, was für ein großer Mann der Doktor iſt. Sie wiſſen, was er mir ſtets für Ehre angethan hat. Nicht ſtolz auf ſein Wiſſen. Demüthig, demüthig,— herablaſſend ſelbſt gegen den armen Dick, welcher ſimpel iſt und nichts weiß. Ich habe ſeinen Na⸗ men auf einem Papierſchnitzel an der Leine zum Drachen hinaufgeſchickt, als er am Himmel ſtand unter den Ler⸗ chen. Der Drache freute ſich, ihn zu empfangen, und der Himmel ward heller davon.“ Ich machte ihm eine Freude, indem ich ſehr herz⸗ lich ſagte, daß der Doctor unſern tiefſten Reſpect und unſere größte Hochachtung verdiene. 3* David Kopperfield. „Und ſeine ſchöne Frau iſt ein Stern,“ verſetzte Mr. Dick.„Ein leuchtender Stern. Ich habe ſie leuch⸗ ten ſehen. Aber,“ hier brachte er ſeinen Stuhl näher und legte die eine Hand auf mein Knie—„Wolken, Trotwood— Wolken.“ Ich antwortete auf die Beſorgniß, welche ſein Ge⸗ ſicht ausdrückte, dadurch, daß ich denſelben Geſichtsaus⸗ druck annahm und den Kopf ſchüttelte. „Was für Wolken?“ ſagte Mr. Dick. Er ſah mir ſo aufmerkſam ins Geſicht und war ſo begierig, mich zu verſtehen, daß ich mir große Mühe gab, ihm langſam und deutlich zu antworten, wie ich etwa einem Kinde etwas auseinandergeſetzt haben würde. „Es iſt eine unglückſelige Sache zwiſchen ihnen, welche ſie trennt,“ erwiederte ich.„Eine unglückliche Sache, die ſie ſcheidet. Ein Geheimniß. Es mag un⸗ trennbar ſein von ihrer Verſchiedenheit an Jahren. Es mag aus etwas ſchier ganz Nichtigem entſtanden ſein.“ Mr. Dick, welcher jeden Satz mit einem gedanken⸗ vollen Nicken begleitete, hielt, als ich fertig war, inne und ſaß überlegſam da, die Augen auf mein Antlitz gerichtet, ſeine Hand auf mein Knie gelegt. „Der Doctor nicht böſe auf ſie, Trotwood?“ fragte er nach einiger Zeit. „Nein. Voll Liebe zu ihr.“ „Dann hab' ich's, Junge,“ ſagte Mr. Dick. Der plötzliche Jubel, mit dem er mich aufs Knie klapſte und ſich, die Augenbrauen emporgezogen, ſo hoch er nur irgend konnte, in ſeinen Stuhl lehnte, ließen ihn mir vernunftloſer wie je erſcheinen. Er wurde ebenſo plötzlich wieder ernſt, und indem er ſich wieder vor⸗ wärts lehnte, wie zuvor, ſagte er— indem er zuerſt David Kopperfield. 37 reſpectvoll ſein Taſchentuch wieder herausnahm, als ob es wirklich meine Tante repräſentirte: „Das bewundernswürdigſte Frauenzimmer in der Welt, Trotwood. Warum hat ſie nichts gethan, die Sachen in Ordnung zu bringen?“ „Ein zu delicater und ſchwieriger Gegenſtand, um ſich ſo hineinzumiſchen,“ erwiederte ich. „Großer Gelehrter,“ ſagte Mr. Dick, indem er mich mit dem Finger antippte.„Warum hat er denn nichts gethan?“ „Aus demſelben Grunde,“ entgegnete ich. „Dann hab' ich's, Junge,“ ſagte Mr. Dick. Und er ſtand auf vor mir, jubelnder als zuvor, nickte mit dem Kopfe, ſchlug ſich zu wiederholten Ma⸗ len auf die Bruſt, bis man hätte denken ſollen, daß er ſich beinahe den Athem aus dem Leibe genickt und geſchlagen hätte. „Ein armer Teufel, bei dem's nicht richtig im Ober⸗ ſtübchen iſt,“ fuhr Mr. Dick fort;„ein Simpel, eine Perſon mit ſchwachem Verſtande— die nämlich hier vor Ihnen ſteht,“ wobei er ſich wieder auf die Bruſt ſchlug,„kann thun, was bewundernswürdige Leute nicht zu thun im Stande ſind. Ich werde ſie zuſammenbrin⸗ gen, Junge. Ich werd's verſuchen. Sie werden mich nicht tadeln deswegen. Sie werden gegen mich keine Einwürfe machen. Sie werden mir's nicht übel neh⸗ men, was ich thue, wenn's falſch iſt. Ich bin blos Mr. Dick. Und wer kümmert ſich um Dick. Dick iſt Niemand. Bwh!“ Er blies leiſe und geringſchätzig in die Luft, als ob er ſich ſelbſt wegblieſe. Es war ein Glück, daß er mit ſeinem Geheimniſſe ſo weit gekommen war; denn wir hörten die Kutſche 38 David Kopperfield. an der Gartenthür halten, welche meine Tante und Dora heimbrachte. „Nicht ein Wort, Junge,“ fuhr er mit einem Geflü⸗ ſter fort.„Ueberlaſſen Sie alle Lächerlichkeit dem Dick— dem einfältigen Dick— dem verrückten Dick. Ich habe ſchon einige Zeit gedacht, daß ich's noch herauskriegen würde, und nun hab' ich's gekriegt. Nach dem, was Sie mir geſagt haben, bin ich überzeugt, daß ich's habe. Alles in der Ordnung!“ Mr. Dick äußerte über den Gegenſtand kein Wort mehr, aber er verwandelte ſich für die nächſte halbe Stunde(zur größten Störung des Gemüths meiner Tante) in einen wahren Telegraphen, um mir unver⸗ brüchliches Stillſchweigen ans Herz zu legen. Zu meiner Verwunderung hörte ich etwa zwei oder drei Wochen nichts mehr davon, obſchon ich hinreichen⸗ des Intereſſe an dem Ergebniſſe ſeiner Beſtrebungen nahm, indem ich einen wunderbaren Schimmer geſun⸗ den Verſtandes— ich ſage nicht geſunden Herzens; denn das zeigte er ſtets— in dem Schluſſe entdeckte, zu dem er gekommen war. Jetzt begann ich zu glauben, daß er in dem irren und unſteten Zuſtande ſeines Ge⸗ müths ſeine Abſicht entweder vergeſſen oder fallen ge⸗ laſſen habe. Eines ſchönen Abends, als Dora keine Luſt zum Ausgehen hatte, ſchlenderten meine Tante und ich nach dem Landhauſe des Doctors. Es war Herbſt, wo es keine Debatten gab, um die Abendluft zu beleidigen, und ich beſinne mich, wie die Blätter gleich unſerm Garten zu Blunderſtone dufteten, als wir ſie unter die Füße traten, und wie das alte unglückliche Gefühl in dem ſeufzenden Winde an mir vorbeizugehen ſchien. Es war Dämmerung, als wir das Landhaus er⸗ David Kopperfield. 39 reichten. Mrs. Strong kam gerade aus dem Garten, wo Mr. Dick noch verweilte, indem er mit ſeinem Meſ⸗ ſer beſchäftigt war, dem Gärtner beim Spitzen von Pfäh⸗ len zu helfen. Der Doctor war von Jemand in ſeinem Studirzimmer in Anſpruch genommen, aber der Beſuch würde ſogleich gehen, ſagte Mrs. Strong, und bat uns zu bleiben und ihn zu ſehen. Wir gingen mit ihr ins Geſellſchaftszimmer und ſetzten uns nieder an das dun⸗ kelwerdende Fenſter. Es wurde niemals eine Ceremo⸗ nie gemacht bei dem Beſuche ſolcher alten Freunde und Nachbarn wie wir. Wir hatten noch nicht viele Minuten dort geſeſſen, als Mrs. Markleham, welche ſtets um etwas Lärm machte, mit ihrer Zeitung in der Hand trippelnd hereinkam und ſagte:„O Du meine himmliſche Güte, Annie, warum ſagteſt Du mir nur nicht, daß Jemand im Studirzim⸗ mer wäre?“ „Meine gute Mama,“ erwiederte ſie ruhig,„wie konnt' ich denn wiſſen, daß Du das zu wiſſen wünſchteſt.“ „ Zu wiſſen wünſchte,“ ſagte Markleham, ins So⸗ pha ſinkend.„In meinem ganzen Leben hatte ich kei⸗ nen ſolchen Schreck!“ „So biſt Du alſo in der Studirſtube geweſen, Mama?“ fragte Annie. „Im Studirzimmer geweſen, meine Liebe!“ ent⸗ gegnete ſie mit verwunderter Betonung.„Allerdings war ich dort! Ich betraf das liebenswürdige Weſen— ſtellen Sie ſich meine Empfindungen vor, Fräulein Trot⸗ wood und David— darüber, daß er ſein Teſtament machte.“ Ihre Tochter ſah ſich ſchnell vom Fenſter her um. „Darüber, meine theure Annie,“ wiederholte Mrs. Markleham, indem ſie die Zeitung wie ein Tiſchtuch auf 40 David Kopperfield. ihren Schooß breitete und die Hände darauf legte,„daß er ſeinen letzten Willen und Teſtament machte. O dieſe Vorausſicht und Liebe des Theuren! Ich muß Ihnen erzählen, wie es war. Ich muß Ihnen— um dem lieben Manne; denn das iſt er wahrlich— Gerechtig⸗ keit wiederfahren zu laſſen, wirklich erzählen, wie es war. Vielleicht wiſſen Sie, Fräulein Trotwood, daß in dieſem Hauſe niemals eher ein Licht angezündet wird, bis einem nicht buchſtäblich die Augen aus dem Kopfe fallen, weil man ſie zu weit herausgeſtreckt hat, um die Zeitung zu leſen. Und daß ſich in dieſem Hauſe kein Stuhl befindet, in welchem man eine Zeitung le⸗ ſen— das heißt wie ich das Wort verſtehe, leſen kann, ausgenommen in der Studirſtube. Dies führte mich ins Studirzimmer, wo ich ein Licht ſah. Ich öffnete die Thür. In Geſellſchaft des lieben Doctors befanden ſich zwei Herren, welche augenſcheinlich mit der Rechts— gelehrfamkeit zu thun hatten, und ſie ſtanden alle Drei am Tiſche, der Liebling von einem Doctor eine Feder in der Hand. Dies drückt alſo einfach und klar aus,“ ſagte der Doctor— Annie, meine Liebe, gieb genau auf die Worte Acht— dies alſo, meine Herren, drückt einfach und klar das Vertrauen aus, daß ich in Ma⸗ dame Strong ſetze, und giebt ihr Alles ohne Bedin⸗ gungen? Einer der Herren Rechtsgelehrten erwiederte: Und giebt ihr Alles ohne Bedingungen. Hierauf ſagte ich mit den natürlichen Gefühlen einer Mutter: Guter Gott, bitte um Entſchuldigung! ftel über die Schwelle und lief durch den kleinen Gang, wo das Speiſekäm⸗ merchen iſt, weg. Mrs. Strong öffnete das Fenſter und ging in die Verandah hinaus, wo ſie ſich gegen einen Pfeiler lehnte. „Aber jetzt hören Sie emal, Fräulein Trotwood, David Kopperfield. 41 iſt es nicht, und Sie, David— iſt es nicht eine wahre Herzſtärkung,“ ſagte Mrs. Markleham, ihr mechaniſch mit den Augen folgend,„einen Mann von Doctor Strongs Jahren zu finden, der die Geiſteskraft beſitzt, dergleichen Dinge zu thun? Es zeigt nur, wie Recht ich hatte. Ich ſagte zu Annie, als Doctor Strong mir einen ſehr ſchmeichelhaften Beſuch abgeſtattet und ſie zum Gegenſtande einer Erklärung und des Anerbietens ſei⸗ ner Hand gemacht hatte, da ſagte ich: Meine Liebe, meiner Anſicht nach iſt durchaus nicht zu zweifeln, daß in Bezug auf eine paſſende Verſorgung für Dich Doc⸗ tor Strong mehr thun wird, als er ſich zu thun ver⸗ pflichtet.“ Hier tönte die Klingel, und wir hörten das Geräuſch von den Füßen der Beſucher, als ſie hinausgingen. „Ohne Zweifel iſt jetzt Alles vorbei,“ ſagte der alte Soldat, nachdem er hingehorcht,„der liebe Mann hat unterzeichnet, unterſiegelt und übergeben und ſein Gemüth iſt beruhigt. Wohl, es mag ſein! Was für ein Gemüth! Annie, meine Liebe, ich werde mit meiner Zeitung ins Studirzimmer gehen; denn ich bin ein un⸗ glückliches Geſchöpf ohne Neuigkeiten. Fräulein Trotwood, David, bitte, kommen Sie, den Doctor zu ſehen.“ Ich bemerkte, wie Mr. Dick im Schatten des Zim⸗ mers ſtand und ſein Meſſer zuſchnappte, als wir ſie in das Studirzimmer begleiteten, und wie meine Tante ſich auf dem Wege heftig die Naſe rieb, wodurch ſich ihr Aerger über das unerträgliche Benehmen unſeres militairiſchen Freundes auf milde Weiſe Luft machte; aber wer zuerſt in das Studirzimmer gelangte, oder wie Mrs. Markleham ſich in einem Augenblicke in ihrem Lehnſtuhle niederließ, oder wie ich und meine Tante in der Nähe der Thür zuſammen zu ſtehen kamen(es ſei 42 David Kopperfield. denn, daß ihre Augen ſchneller wie die meinen waren und ſie mich zurückhielt) habe ich vergeſſen, wenn ich's überhaupt jemals wußte. Aber das weiß ich, daß wir den Doctor ſahen, ehe er uns ſah, wie er an ſeinem Tiſche unter Folianten, ſeines Herzens Freude, ſaß und ruhig den Kopf auf die Hand ſtützte. Daß wir in dem⸗ ſelben Augenblicke Mrs. Strong bleich und zitternd her⸗ eingleiten ſahen. Daß Mr. Dick ſie mit ſeinem Arme unterſtützte. Daß er ſeine andere Hand auf den Arm des Doctors legte, wodurch er ihn veranlaßte, mit einer zerſtreuten Miene aufzublicken. Daß, als der Doctor ſeinen Kopf bewegte, ſeine Frau auf ein Knie zu ſeinen Füßen ſank und mit flehentlich emporgehobenen Händen auf ſein Geſicht jenen merkwürdigen Blick heftete, den ich nie vergeſſen hatte. Daß Mrs. Markleham auf dieſen Anblick hin die Zeitung fallen ließ und mehr wie ein Kopf, der geſchnitzt iſt, um das Vordertheil eines Schif⸗ fes zu ſchmücken, welches das Erſtaunen genannt wer⸗ den ſoll, als wie irgend etwas Anderes, was ich mir denken könnte, vor ſich hinſtarrte. Die Milde in dem Verhalten des Doctors und ſei⸗ nem Staunen, die Würde, welche ſich mit der flehend⸗ lichen Stellung ſeines Weibes miſchte, die liebenswür⸗ dige Theilnahme Mr. Dicks, und die Ernſthaftigkeit, mit welcher meine Tante(indem ſie ihren Triumph über das Elend ausdrückte, von dem ſie ihn gerettet hatte) ſagte:„Dieſer Mann wahnſinnig!“— alles dies ſehe und höre ich mehr, als ich mich deſſen erin⸗ nere, während ich davon ſchreibe. „Doctor,“ ſagte Mr. Dick.„Woran liegt hier der Fehler? Sehen Sie mal!“ „Annie!“ rießsder Doctor.„Nicht mir zu Füßen, mein Herz!“ David Kopperfield. 43 „Ja!“ ſagte ſie.„Ich bitte und flehe, daß Nie⸗ mand das Zimmer verlaſſen wolle. Oh, mein Gemahl und Vater, brich dies lange Schweigen. Laß uns Beide wiſſen, was ſich zwiſchen uns gedrängt hat.“ Mrs. Markleham, welche inzwiſchen die Sprache wiederbekommen hatte und vor Familienſtolz und müt⸗ terlicher Entrüſtung zu ſchwellen ſchien, rief aus:„An⸗ nie, den Augenblick ſtehſt Du auf und machſt nicht Je⸗ dermann, der zu Dir gehört, durch eine Selbſterniedri⸗ gung, wie dieſe, Schande, wofern Du nicht willſt, daß ich auf der Stelle den Verſtand verliere!“ „Mama!“ entgegnete Annie. Verſchwende keine Worte an mich; denn ich rede jetzt mit meinem Gat⸗ ten, und ſelbſt Du biſt nichts hier.“ „Nichts!“ ſchrie Mrs. Markleham.„Ich nichts! Das Kind iſt von Sinnen! Bitte, geben Sie mir ein Glas Waſſer!“ Ich war zu aufmerkſam auf den Doctor und ſeine Frau, um dieſem Verlangen Folge zu leiſten, und es machte auch auf ſonſt Niemanden einen Eindruck, und ſo keuchte Mrs. Markleham, ſtarrte vor ſich hin und fächelte ſich Kühlung zu. „Annie,“ ſagte der Doctor, indem er zärtlich eine ihrer Hände ergriff.„Meine Liebe! Wenn im Laufe der Zeit irgend eine unvermeidliche Veränderung über unſer eheliches Leben gekommen iſt, ſo trifft Dich der Tadel nicht. Der Fehler iſt mein, und nur mein. Es iſt keine Veränderung in meiner Neigung, meiner Be⸗ wunderung und Achtung. Ich wünſche Dich glücklich zu machen. Ich liebe und ehre Dich getreulich. Steh' auf, Annie, bitte!“ Aber ſie ſtand nicht auf. Nachdem ſie ihn ein Weil⸗ chen angeblickt, ſank ſie tiefer und näher an ihn, legte 44 David Kopperfield. ihren Arm quer über ſein Knie, ließ ihren Kopf dar⸗ auf ſinken und fragte: „Wenn ich irgend einen Freund hier habe, der in dieſer Angelegenheit ein einziges Wort für mich oder meinen Gemahl ſprechen kann; wenn ich irgend einen Freund hier habe, der meinen Gatten ehrt oder je an mir Theil genommen hat und etwas weiß, welches, gleich⸗ viel was es iſt, beitragen kann, daß wir uns verſtän⸗ digen, ſo bitte ich dieſen Freund inſtändig, zu ſprechen.“ Es folgte ein tiefes Schweigen. Nach einigen Au⸗ genblicken peinvollen Zögerns brach ich dieſes Schweigen. „Madame Strong,“ ſagte ich,„ich weiß allerdings von Etwas, welches Doctor Strong mich ernſtlich er⸗ ſucht hat, zu verſchweigen, und welches ich auch bis heute Abend verſchwiegen habe. Aber ich glaube, die Zeit iſt gekommen, wo es mißverſtandenes Worthalten und Zartgefühl ſein würde, es länger zu verſchweigen, und wo Ihre Aufforderung mich meines Verſprechens, es bei mir zu behalten, entbindet.“ Sie wandte mir ihr Geſicht auf einen Augenblick zu, und ich wußte, daß ich den rechten Weg betreten. Ich hätte ſeinem flehendlichen Ausdrucke nicht widerſtehen können, ſelbſt, wenn die Verſicherung, die es mir gab, weniger überzeugend geweſen wäre. „Unſer zukünftiger Friede,“ ſagte ſie,„ſei in Ihre Hände gelegt. Ich hoffe mit Zuverſicht, daß Sie nichts unterdrücken werden. Ich weiß im Voraus, daß nichts, was Sie oder irgend Jemand anders mir ſagen könnte, mir das edle Herz meines Gatten in einem andern Lichte, als in einem einzigen zeigen kann. Wie es Ihnen auch ſcheinen mag, daß Sie mich berühren, laſſen Sie das aus den Augen. Ich werde nachher vor ihm und vor Gott für mich ſelbſt reden.“ David Kopperfield. 45 In dieſer Weiſe ernſtlich angegangen, wendete ich mich nicht an den Doctor um ſeine Erlaubniß, ſon⸗ dern erzählte ohne irgend eine andere Beeinträchtigung der Wahrheit, als eine geringe Milderung der Roh⸗ heit Uriah Heeps, offen, was ſich in jener Nacht in demſelben Zimmer zugetragen. Das Starren der Mrs. Markleham während der ganzen Erzählung, und die ſchrillen, ſcharfen Ausrufungen, mit denen ſie dieſelbe gelegentlich unterbrach, ſind nicht zu beſchreiben. Als ich geendigt hatte, verharrte Annie für einige Augenblicke in Stillſchweigen, indem ſie, wie ich ge⸗ ſchildert, ihr Haupt niedergebeugt hielt. Dann nahm ſie des Doctors Hand(er ſaß in derſelben Stellung, welche er eingenommen, als wir ins Zimmer getreten waren) drückte ſie an ſeine Bruſt und küßte ſie. Mr. Dick richtete ſie ſanft auf, und ſie lehnte ſich, als ſie nun ſprach, an ihn und blickte auf ihren Gatten nieder— von dem ſie kein Auge verwendete. „Alles, was je ſeit meiner Verheirathung in mei⸗ ner Seele vorging,“ ſagte ſie mit einer gedämpften, demüthigen, zärtlichen Stimme,„will ich offen vor Dir darlegen. Ich könnte nach dem, was ich jetzt weiß, nicht leben, wenn ich nur irgend etwas zurückhielte.“ „Nein, Annie,“ unterbrach ſie der Doctor ſanft, „ich habe nie an Dir gezweifelt, mein Kind. Es iſt nicht nöthig— wahrhaftig, es iſt durchaus nicht nöthig, meine Liebe.“ „Es iſt ſehr nöthig,“ antworte ſie in derſelben Weiſe,„daß ich mein ganzes Herz aufſchließe vor der Seele voll Großmuth und Treue, welche ich Jahr für Jahr und Tag für Tag mehr und mehr geliebt und ver⸗ ehrt habe, wovon der Himmel mein Zeuge iſt.“ „Wahrlich,“ unterbrach ſie Mrs. Markleham,„wenn 46 David Kopperfield. ich irgend auch nur ein Bischen weiß, was ſich ſchickt“— „Nichts wiſſen Sie davon, Sie Plappermaul,“ be⸗ merkte meine Tante in einem ärgerlichen Flüſtern. „— ſo muß mir die Bemerkung geſtattet ſein, daß es nicht erforderlich ſein kann, in dieſe Einzelnheiten einzugehen.“ „Niemand als mein Gemahl hat hierüber zu ur⸗ theilen, Mama,“ ſagte Annie, ohne ihre Augen von ſeinem Geſichte zu verwenden, mund er wird mich hö⸗ ren. Wenn ich irgend etwas Dir Schmerzliches ſage, ſo vergieb mir. Ich ſelbſt habe vorher oft und lange Schmerz gelitten.“ „Nun, auf mein Wort!“ ächzte Mrs. Markleham. „Als ich noch jung war,“ fuhr Annie fort,„noch ein ganz kleines Kind, ſo waren meine erſten Ideen⸗ verbindungen mit jedwedem Wiſſen untrennbar von ei⸗ nem geduldigen Freunde und Lehrer— dem Freunde meines verſtorbenen Vaters— der mir ſtets theuer war. Ich kann mich an nichts, was ich weiß, erinnern, ohne mich zugleich ſeiner zu erinnern. Er füllte meinen Geiſt mit ſeinen erſten Schätzen an und prägte ihnen allen ſeinen Charakter auf. Sie hätten, glaube ich, für mich nie ſo gut ſein können, als ſie waren, hätte ich ſte aus andern Händen genommen.“ „Macht ihre Mutter zu nichts!“ rief Mrs. Mark⸗ leham aus. „Das nicht, Mama,“ ſagte Annie,„aber ich mache ihn zu dem, was er wirklich war. Ich muß das thun. Und als ich aufwuchs, nahm er immernoch dieſelbe Stelle ein. Ich war ſtolz auf das Intereſſe, das er an mir nahm, tiefinnig, voll Zärtlichkeit und Dankbarkeit fühlte ich mich an ihn gefeſſelt. Ich ſah zu ihm hinauf, kaum David Kopperfield. 47 kann ich beſchreiben, wie— als auf einen Vater, als auf einen Führer, als auf einen Mann, deſſen Lob verſchieden von allem andern Lobe war, als auf Je⸗ mand, auf den ich mein Vertrauen und meine Zuver⸗ ſicht geſetzt hätte, wenn ich an aller Welt gezweifelt hätte. Du weißt, Mama, wie jung und unerfahren ich war, als Du mir ihn plötzlich als meinen Geliebten vorſtellteſt. „Ich habe den Vorfall mindeſtens fünfzig Mal ge⸗ gen Jedermann hier erwähnt!“ ſagte Mrs. Markleham. „Nun, dann halten Sie doch um Gotteswillen das Maul, und erwähnen Sie's nicht noch einmal!“ mur⸗ melte meine Tante. „Es war eine ſo außerordentliche Veränderung und ein ſo großer Verluſt, wie ich's zuerſt empfand,“ fuhr Annie fort, indem ſie noch immer denſelben Blick und Ton bewahrte,„daß ich aufgeregt und betrübt war. Ich war nur noch ein Mädchen, und als eine ſo große Ver⸗ änderung mit dem Bilde vorging, das mir ſo lange von ihm vor der Seele geſtanden hatte, war ich, glaub' ich, bekümmert. Aber nichts hätte mir ihn wieder zu Dem machen können, was er geweſen war, und ich war ſtolz, daß er mich ſo hoch ſchätzte, und wir wur⸗ den verheirathet.“ „— Zu Saint Alphage in Canterbury,“ bemerkte Mrs. Markleham. „Verdammtes Weibsbild!“ ſagte meine Tante;„ſie will nicht ruhig ſein!“ „Nie dachte ich,“ ſprach Annie mit erhöhter Farbe weiter,„an irgend einen weltlichen Gewinn, den mir mein Gatte zubringen würde. Mein junges Herz hatte in ſeiner Verehrung keinen Raum für irgend eine der⸗ artige erbärmliche Rückſicht. Mama, vergieb mir, wenn 48 David Kopperfield. ich ſage, daß Du es warſt, welche mir zuerſt den Ge⸗ danken vor die Seele ſtellte, daß Jemand mir oder ihm mit ſolch einem grauſamen Verdachte Unrecht thun könnte.“ „Ich!“ ſchrie Mrs. Markleham. „Ach! Sie, freilich!“ bemerkte meine Tante,„und Sie können das nicht wegfächern, mein militairiſcher Freund.“ „Es war dies das erſte unglückliche Gefühl in mei⸗ nem neuen Leben,“ ſagte Annie.„Es war die erſte Gelegenheit zu allen den unglücklichen Augenblicken, die ich ſeitdem kennen gelernt habe. Dieſer Augenblicke ſind in der letzten Zeit mehr geweſen, als ich zählen kann; aber nicht aus dem Grunde, den Du, mein großmüthi⸗ ger Gatte, vermutheſt; denn in meinem Herzen giebt's keinen Gedanken, keine Erinnerung oder Hoffnung, die irgend eine Macht der Welt von Dir trennen könnte.“ Sie erhob ihre Augen und faltete ihre Hände und ſah, wie mir's vorkam, ſo ſchön und wahr aus, wie irgend ein himmliſcher Geiſt. Der Doctor ſchaute ſie von jetzt ab ſo unverwandten Blickes an, wie ſie ihn. „Mama iſt ohne Schuld,“ fuhr ſie fort,„Dich je für ſich angeregt zu haben, und ſie iſt nach meiner Ueberzeugung der Abſicht nach überall ohne Schuld— aber als ich ſah, mit wie vielen ungehörigen Anſprüchen, welche gar keine⸗Anſprüche waren, Du in meinem Na⸗ men benutzt wurdeſt, wie großmüthig Du warſt, und wie Herr Wickfield, dem Dein Wohlergehen ſehr am Herzen lag, dies ungern ſah, überfiel mich zum erſten Male das Gefühl, dem gemeinen Verdachte, daß meine Zärtlichkeit erkauft und von allen Männern auf Erden an Dich verkauft ſei, ausgeſetzt zu ſein, wie eine un⸗ verdiente Schande, an welcher ich Dich theilzunehmen zwänge. Ich kann Dir nicht ſagen, was es war— David Kopperfield. 49 Mama kann nicht begreifen, was es war— dieſe Furcht und Qual ſtets in meiner Seele zu tragen und doch zu wiſſen in meinem Innern, daß ich an meinem Hoch⸗ zeitstage der Liebe und der Ehre meines Lebens die Krone aufgeſetzt hatte.“ „Ein Beiſpiel von dem Danke, den man dafür ein⸗ erntet, daß man für ſeine Familie Sorge trägt,“ ſchrie Mrs. Markleham in Thränen.„Ich wollte, ich wäre ein Türke!“ „Wollte von ganzem Herzen, Sie wären einer und befänden ſich in Ihrem Vaterlande!“ ſagte meine Tante. „Es war um dieſe Zeit, daß Mama ſich um mei⸗ nen Couſin Maldon viel Sorge machte. Ich hatte ihn ſehr lieb gehabt“— ſie ſprach dies leiſe, aber ohne Zögern.„Wir waren dereinſt kleine Liebesleute gewe⸗ ſen. Wenn ſich die Verhältniſſe nicht anders geſtaltet hätten, könnte ich wohl dahin gekommen ſein, mich zu überreden, daß ich ihn wirklich liebe; ja ich würde ihn vielleicht geheirathet haben und höchſt unglücklich gewor⸗ den ſein. Es kann in der Ehe keine ſo verhängniß⸗ volle Ungleichheit geben, als das Nichtzuſammenpaſſen der Gemüther und Beſtrebungen.“ Ich ſann, ſelbſt als ich eifrig auf Das, was folgte, Acht gab, über jene Worte nach, als ob dieſelben ein beſonderes Intereſſe oder eine eigenthümliche Bezie⸗ hung hätten, welche ich nicht zu errathen vermöchte. „Es kann in der Ehe keine ſo verhängnißvolle Ungleich⸗ heit geben, als das Nichtzuſammenpaſſen der Gemüther und Beſtrebungen— ja, keine ſo verhängnißvolle Un⸗ gleichheit, als das Nichtzuſammenpaſſen der Gemüther und Beſtrebungen!“ „ Es giebt nichts,“ ſagte Annie,„was wir gemein hätten. Ich habe ſchon lange gefunden, baß es nichts David Kopperfield. VIII. 50 David Kopperfield. der Art giebt. Wenn ich meinem Gatten für nichts weiter anſtatt für ſo viel dankbar wäre, ſo müßte ich ihm dankbar ſein dafür, daß er mich von dem erſten Antriebe meines unerfahrnen Herzens gerettet hat. Sie ſtand ganz ſtill vor dem Doctor und ſprach mit einem Ernſte, der mich tief ergriff. Doch war ihre Stimme gerade ſo ruhig als vorher. „Als er darauf wartete, der Gegenſtand Deiner Freigebigkeit zu ſein, die ihm meinethalben ſo reichlich zu Theil wurde, und als ich mich in der mir aufge⸗ drungenen Geſtalt einer Frau, die ihre Liebe um Wohl⸗ thaten verkauft, ſo unglücklich fühlte, dachte ich, daß es ſich für ihn beſſer geſchickt habe, ſich allein vorwärts gearbeitet zu haben. Ich dachte, wenn ich er geweſen wäre, würde ich dies zu thun verſucht haben, und wenn es mir ſchier alle mögliche Anſtrengung gekoſtet hätte. Aber ich dachte bis auf die Nacht, wo er nach Indien abreiſte, nichts Schlechteres von ihm. Dieſe Nacht er⸗ fuhr ich, daß er ein falſches und undankbares Herz hatte. Ich ſah damals in Herrn Wickftelds Urtheil über mich eine doppelte Bedeutung. Ich bemerkte zum erſten Male den düſtern Verdacht, welcher mein Leben be⸗ ſchattete.“ „Verdacht, Annie!“ rief der Doctor aus.„Nein, nein, nein!“ „Ich weiß es, in Deiner Seele war keiner, mein Gemahl!“ erwiederte ſie.„Und als ich jene Nacht zu Dir kam, um all meine Laſt von Scham und Kum⸗ mer niederzulegen, und ſah, wie ich Dir zu erzählen hatte, daß unter Deinem Dache einer meiner eignen Verwandten, dem Du aus Liebe zu mir ein Wohlthä⸗ ter geweſen warſt, Worte zu mir geſprochen hatte, die nicht hätten geäußert werden ſollen, ſelbſt wenn ich das David Kopperfield. 51 ſchwache und feile Geſchöpf geweſen wäre, wofür er mich hielt— da ſchrak mein Herz vor dem Schmutze zurück, den die bloße Erzählung ſchon mit ſich brachte. Es erſtarb mir auf den Lippen und iſt von dieſer Stunde bis jetzt nicht über dieſelben gegangen.“ Mrs. Markleham lehnte ſich mit einem kurzen Aech⸗ zen in ihrem Lehnſtuhl zurück und flüchtete ſich hinter ihren Fächer, als ob ſie nie wieder dahinter hervor⸗ kommen wollte. „Nie anders als in Deiner Gegenwart habe ich ſeit dieſer Zeit ein Wort mit ihm gewechſelt; damals aus⸗ genommen, als es die Abweiſung ſeiner Erklärung noth⸗ wendig machte. Jahre ſind vergangen, ſeit er von mir erfuhr, welches ſeine Stellung hier ſei. Die Freundlich⸗ keiten, welche Du ihm insgeheim zu ſeinem Fortkommen erwieſen und die Du mir ſodann, damit ich darüber ſtaunen und mich freuen ſollte, eröffnet haſt, haben, das wolle mir glauben, die unglückſelige Laſt meines Ge⸗ heimniſſes nur ſchwerer gemacht.“ Sie ſank unvermerkt dem Doctor zu Fuͤßen, obſchon er ſein Aeußerſtes that, ſie daran zu verhindern, und ſagte, indem ſie thränenüberſtrömt zu ſeinem Antlitze emporſah: „Sprich noch nicht zu mir! Laß mich noch ein we⸗ nig mehr ſagen! Recht oder Unrecht, wenn dies noch einmal zu thun wäre; ich glaube, ich würde gerade ebenſo handeln. Du kannſt nimmermehr wiſſen, was es war, Dir ganz anzugehören mit jenen Erinnerun⸗ gen an die alte Zeit; zu ſehen, daß irgend Jemand ſo hart ſein konnte, daß er glaubte, die Wahrhaftigkeit mei⸗ nes Herzens ſei verſchleudert; und umgeben zu ſein von Erſcheinungen, welche dieſen Glauben beſtärkten. Ich war ſehr jung und hatte Niemand, der mir Rath ertheilte. . 4* — 52 David Kopperfield. Zwiſchen Mama und mir war in jeder Beziehung zu Dir eine weite Kluft. Wenn ich mich auf mich ſelbſt zurückzog und die ſchmachvollen Anſichten von mir, die ich erfahren, verbarg, ſo geſchah dies, weil ich Dich ſo ſehr ehrte und ſo ſehr wünſchte, daß Du mich ehren möchteſt.“. „Annie, mein reines Herz,“ ſagte der Doctor, „mein theures Weib!“ „Noch ein Weilchen! nur noch ein paar Worte! Ich dachte immer, es gäbe ſo Viele, die Du hätteſt heirathen können, welche Dir keine ſolchen Angriffe und keinen ſolchen Schmerz gebracht und Dein Haus zu einem würdigeren Hauſe gemacht haben würden. Ich fürch⸗ tete immer, daß ich beſſer gethan hätte, Deine Schü⸗ lerin und faſt Dein Kind zu bleiben. Ich ängſtigte mich, daß ich ſo wenig zu Deiner Gelehrſamkeit und Weis⸗ heit paſſe. Wenn alles Dieſes mich veranlaßte, mich auf mich ſelbſt zurückzuziehen, wie ich dies wirklich that, als ich jenes Ereigniß zu erzählen hatte, ſo war es doch immer, weil ich Dich ſo ſehr ehrte und hoffte, daß auch Du mich eines Tages ehren werdeſt.“ „Dieſer Tag hat geleuchtet ſeit langer Zeit, An⸗ nie,“ ſagte der Doctor,„und kann nur eine lange Nacht hinter ſich haben.“ „Noch ein Wort! Ich war ſpäter der Meinung— der ſtandhaften Meinung und des feſten Vorſatzes— daß ich das ganze Gewicht, das in dem Bekanntſein mit der Unwürdigkeit Jemandes lag, dem Du ſo viel Gu⸗ tes erwieſen, allein tragen wollte. Und nun ein letztes Wort, theuerſter und beſter aller Freunde! Die Urſache der Veränderung, die in der letzten Zeit mit Dir vor⸗ ging und die ich mit ſo großem Schmerz und Kummer geſehen und manchmal auf meine alte Befürchtung, David Kopperfield. 53 manchmal wieder auf gewiſſe im Hintergrunde meiner Seele lauernde und der Wahrheit näher gelegene Ver⸗ muthungen bezogen habe— iſt heute Abend klar ge⸗ worden, und durch Zufall habe ich ebenfalls heute Abend das volle Maß des edelmüthigen Vertrauens erfahren, welches Du ſelbſt bei dieſem Mißverſtändniſſe in mich ſetzteſt. Ich hege nicht die Hoffnung, daß die Liebe und Pflichterfüllung, die ich Dir dafür erweiſen könnte, mich jemals Deines unſchätzbaren Vertrauens würdig machen würde; aber mit dem friſchen Eindrucke aller dieſer Erfahrungen kann ich meine Augen zu dieſem theuren Angeſichte erheben, das ich wie das eines Vaters ver⸗ ehre, wie das eines Gatten liebe, das mir als das eines Freundes von meiner Kindheit auf heilig iſt; kann ich feierlich erklären, daß ich Dir auch nicht in meinen leiſeſten Gedanken Unrecht gethan und nie in der Liebe und Treue, die ich Dir ſchulde, gewankt habe.“ Sie hielt mit ihren Armen des Doctors Hals um⸗ ſchlungen, und er lehnte ſein Haupt zu ihr herab und miſchte ſein graues Haar mit ihren dunkelbraunen Flechten. „Oh halte mich an Deinem Herzen, mein Gemahl! Nimmer ſtoße mich von Dir! Denke und ſprich nicht von Ungleichheit zwiſchen uns; denn es giebt keine, aus⸗ genommen in allen meinen vielen Unvollkommenheiten. Jahr auf Jahr habe ich dies beſſer erkannt, da ich Dich mehr und mehr ſchätzen gelernt habe. Oh, nimm mich an Dein Herz, mein Gemahl; denn meine Liebe war auf einen Felſen gegründet und ſie dauert!“ Während des Schweigens, das hierauf folgte, ſchritt meine Tante in würdiger Haltung, ohne ſich im Ge⸗ ringſten zu beeilen, auf Mr. Dick zu, umarmte ihn und gab ihm einen ſchallenden Kuß. Und das war hinſicht⸗ lich ſeiner Geltung als vernünftiger Menſch ein wahres David Kopperfield. Glück für ihn; denn ich weiß zuverſichtlich, daß ich ihn in dem Augenblicke darüber entdeckte, wie er Vor⸗ bereitungen traf, einen paſſenden Ausdruck ſeines Ent⸗ zückens dadurch zu geben, daß er auf einem Beine ſtand. „Sie ſind ein ſehr merkwürdiger Mann, Dick!“ ſagte meine Tante mit einer Miene vollkommener Bil⸗ ligung,„und ſo ſtellen Sie ſich nie, als ob Sie irgend was Anderes wären; denn ich weiß es beſſer.“ Hierauf zog ihn meine Tante beim Aermel fort und nickte mir, und wir Drei ſchlichen uns ſtill aus dem Zimmer und gingen fort. „Das iſt Einer, der unſern militairiſchen Freund auf den Sand ſetzen könnte, wahrhaftig,“ ſagte meine Tante auf dem Heimwege.„Ich würde ſchon deshalb beſſer ſchlafen, wenn auch ſonſt nichts paſſirt wäre, wor⸗ über man froh ſein könnte.“ „Sie war ganz außer ſich vor Betrübniß,“ ſagte Mr. Dick mit großem Mitleid. „Was! Haben Sie jemals ein Krokodil außer ſich geſehen?“ fragte meine Tante. „Ich glaube nicht, daß ich jemals ein Krokodil ge⸗ ſehen habe,“ entgegnete Mr. Dick ſchüchtern. „Es würde überhaupt gar nichts paſſirt ſein, wenn dieſes alte Thier nicht dageweſen wäre,“ ſagte meine Tante mit ſtarker Betonung.„Man muß ſehr wün⸗ ſchen, daß gewiſſe Mütter ihre Töchter nach der Ver⸗ heirathung ungeſchoren ließen und ſie nicht mit ſo heftiger Zuneigung verfolgten. Sie ſcheinen ſich einzubilden, daß der einzige Dank dafür, daß ſie ein unglückſeliges jun⸗ ges Frauenzimmer zur Welt gebracht haben— Gott ſteh' mir bei, als ob ſie zur Welt gebracht zu werden bäte oder zu kommen wünſchte!— der iſt, daß ſie die David Kopperfield. 55 volle Freiheit haben, ſie wieder hinauszuärgern. Ueber was denkſt Du nach, Trot?“ Ich dachte an Alles, was geſagt worden war. Mein Gemüth beſchäftigte ſich noch immer mit mehreren der Ausdrücke, welche gebraucht worden waren.„Es kann in der Ehe keine verhängnißvollere Ungleichheit geben, als das Nichtzuſammenpaſſen der Gemüther und Be⸗ ſtrebungen.“—„Der erſte mißverſtandene Antrieb eines unerfahrenen Herzens.“—„Meine Liebe war auf einen Felſen gegründet.“— Aber wir waren zu Hauſe, und die zertretenen Blätter lagen unter unſern Füßen, und der Herbſtwind wehte. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Nachrichten. Wenn ich meinem im Punkte der Daten ſchwachen Gedächtniſſe trauen darf, muß ich etwa ein Jahr oder ſo herum verheirathet geweſen ſein, als ich eines Abends, von einem einſamen Spaziergange in Gedanken an das Buch, welches ich damals ſchrieb, zurückkehrend— meine Erfolge nämlich hatten ſich bei meinem fortwährenden Fleiße fortwährend geſteigert, und ich war zu der Zeit mit meinem erſten poetiſchen Werke beſchäftigt— am Hauſe der Mrs. Steerforth vorüberging. Ich war vor⸗ her ſchon, während ich in dieſer Gegend wohnte, dort vorbeigegangen, wenn auch niemals, wofern ich einen andern Weg wählen konnte. Sei dem, wie ihm wolle, es traf ſich manchmal, daß ich nicht leicht einen rn fand, ohne einen langen Umweg zu machen, und ſo war ich dieſen Weg im Allgemeinen ziemlich oft ge⸗ gangen. Ich hatte nie mehr als einen Blick auf das Haus geworfen, wenn ich mit beſchleunigtem Schritte vorbei⸗ ging. Es war ſtets düſter und unheimlich geweſen. David Kopperfield. 57 Keines der beſten Zimmer ging auf die Straße hinaus, und die ſchmalen, plump geſtalteten, altmodiſchen Fen⸗ ſter, unter keinen Umſtänden erfreulichen Anblicks, ſahen, eng verſchloſſen und die IJalouſien ſtets herabgelaſſen, ſehr traurig aus. Es war da ein bedeckter Weg quer über einen kleinen gepflaſterten Hof zu einem Eingange, der nie gebraucht wurde, und dort befand ſich ein ein⸗ ziges rundes Treppenfenſter— in ſonderbarem Gegenſatze zu allem Uebrigen, und das einzige, welches durch keine Jalouſie beſchattet war— welches daſſelbe unbewohnte, öde Ausſehen hatte. Ich entſinne mich nicht, jemals im ganzen Hauſe ein Licht geſehen zu haben. Wäre ich blos zufällig einmal vorübergegangen, ſo würde ich wahr⸗ ſcheinlich vermuthet haben, irgend eine kinderloſe Perſon läge todt darin. Wäre ich ſo glücklich geweſen, keine Kenntniß von dem Orte zu beſitzen, und hätte ich ihn dann oft in dieſem unveränderlichen Zuſtande geſehen, ſo wüͤrde ich, glaub' ich, meine Phantaſie mit mancher⸗ lei geiſtreichen Grübeleien über denſelben erquickt haben. Wie die Sachen ſtanden, dachte ich ſo wenig daran, als ich vermochte. Aber mein Gemüth konnte nicht daran vorübergehen und es hinter ſich laſſen, wie mein Körper that, und es erweckte gewöhnlich eine lange Reihe von Gedanken. Indem es mir an dieſem beſondern Abende, den ich erwähne, vor Augen kam, vermiſcht mit Erinnerungen aus der Kindheit und Phantaſien aus der näher liegenden Zeit, den Geſpenſtern halb ausge⸗ ſtalteter Hoffnungen, den gebrochenen Schatten von Ent⸗ täuſchungen, matt geſehen und halb verſtanden, dem Durcheinandergehen von Erfahrung und Einbildung, welches ſich an die Beſchäftigung knüpfte, über welcher meine Gedanken ſoeben her waren, ſprach es ungewöhn⸗ lich laut zu mir. Ich verfiel in melancholiſches Sinnen, 58 David Kopperfield. als ich ſo dahinſchritt, und eine Stimme neben mir machte, daß ich zuſammenſchrak. Es war eine Frauenſtimme. Ich brauchte nicht lange, um mich auf das kleine Stubenmädchen der Mrs. Steer⸗ forth zu beſinnen, welche früher blaue Bänder in ihrer Haube getragen hatte. Sie hatte dieſelben jetzt heraus⸗ genommen, vermuthlich, um ſich dem veränderten Cha⸗ rakter des Hauſes anzupaſſen, und trug nur ein oder ein paar troſtloſe Schleifen von nüchternem Braun. „Würde es Ihnen wohl gefällig ſein, mein Herr, gütigſt hereinzukommen und mit Fräulein Dartle zu ſprechen?“ „Hat Fräulein Dartle Sie nach mir geſchickt?“ fragte ich. „Heute Abend nicht, mein Herr, aber's iſt ganz einerlei. Fräulein Dartle ſah Sie vor einem oder zwei Tagen vorübergehen, und ſie befahl mir, mich mit mei⸗ ner Arbeit auf die Treppe zu ſetzen und, wenn ich Sie vorbeigehen ſähe, Sie zu bitten, daß Sie hereinträten und mit ihr ſprächen.“ Ich kehrte um und fragte meine Führerin, als wir hingingen, wie ſich Mrs. Steerforth befände. Sie ſagte, ihre Madam wäre immer nur kränklich und hütete ſehr oft ihr Zimmer. Als wir in dem Hauſe ankamen, wurde ich zu Miß Dartle in den Garten gewieſen, und man überließ mir es, ihr meine Gegenwart ſelbſt bekannt zu machen. Sie ſaß auf einem Seſſel an dem einen Ende einer Art Ter⸗ raſſe, welche die große Stadt überſchaute. Es war ein düſterer Abend mit einem ſchwarzgelben Lichte am Him⸗ mel, und als ich die Ausſicht in der Ferne in Fin⸗ ſterniß verſchwimmen und nur hier und da einen grö⸗ ßern Gegenſtand aus der trüben Landſchaft auftauchen David Kopperfield. 59 ſah, war mir's, als ſei dies keine unpaſſende Umge⸗ bung der Erinnerung dieſes unheimlichen Weibes. Sie ſah mich, als ich vorſchritt und erhob ſich einen Augenblick zu meinem Empfange. Sie ſchien mir da⸗ mals noch farbloſer und magerer, als wie ich ſie das letzte Mal geſehen; das Blitzen ihrer Augen heller und die Narbe deutlicher. Unſer Zuſammentreffen war kein herzliches. Wir waren bei der letzten Gelegenheit im Verdruß geſchie⸗ den, und es war eine Miene der Geringſchätzung an ihr, welche ſie ſich keine Mühe gab, zu verbergen. „Ich habe gehört, daß Sie mit mir zu ſprechen wünſchen, Fräulein Dartle,“ ſagte ich, neben ihr ſte⸗ hend, meine Hand auf der Lehne des Seſſels und ihre Geberde, die mich niederzuſetzen einlud, ablehnend. „Wenn es Ihnen beliebt,“ verſetzte ſie.„Bitte, ſagen Sie, iſt dieſes Mädchen aufgefunden?“ „Nein.“ „Und doch iſt ſie weggelaufen!“ Ich ſah ihre dünnen Lippen arbeiten, während ſie mich anſah, als ob ſie begierig wären, ſie mit Vor⸗ würfen zu beladen. „Weggelaufen?“ wiederholte ich. „Ja. Von ihm,“ erwiederte ſie mit einem Ge⸗ lächter.„Wenn ſie noch nicht gefunden iſt, wird ſie vielleicht nie gefunden werden. Möglich, daß ſie todt iſt.“ Die hochmüthige Grauſamkeit, mit der ſie meinem Blicke begegnete, habe ich in keinem andern Geſichte, das mir je vorgekommen iſt, ausgedrückt geſehen. „Zu wünſchen, daß ſie todt ſei,“ ſagte ich,„mag der freundlichſte Wunſch ſein, den Jemand von ihrem eignen Geſchlechte ihr wünſchen kann. Ich freue mich, daß die Zeit Sie ſo beſänftigt hat, Fräulein Dartle.“ 60 David Kopperfield. Sie ließ ſich nicht herab, mir zu antworten, ſon⸗ dern verſetzte, indem ſie ſich mir mit einem abermaligen verächtlichen Gelächter zuwendete: „Die Freunde dieſer vortrefflichen und ſo übel be⸗ handelten jungen Dame ſind Ihre Freunde. Sie ſind ihr Vertheidiger und verfechten ihre Rechte. Wünſchen Sie zu wiſſen, was von ihr bekannt iſt?“ „Ja,“ ſagte ich. Sie erhob ſich mit einem boshaften Lächeln, und indem ſie ein paar Schritte nach einer in der Nähe be⸗ findlichen Hecke von Stechpalmen that, welche den Ra⸗ ſenplatz vor dem Hauſe von einem Küchengarten trennte, ſagte ſie mit lauterer Stimme:„Komm hierher!— als ob ſie einem unheimlichen Thiere riefe. „Sie werden ſich an dieſem Orte natürlich aller handgreiflichen Ritterlichkeit und Rache enthalten, Herr Kopperfield?“ verſetzte ſie, indem ſie mich über ihre Schulter mit demſelben Ausdrucke anſah. Ich neigte den Kopf, ohne zu wiſſen, was ſie meinte, und ſie ſagte nochmals:„Komm hierher!“ und kehrte zurück, gefolgt von dem reſpectabeln Mr. Littimer, wel⸗ cher mit ungeſchmälerter Reſpectabilität mir eine Ver⸗ beugung machte und ſeine Stellung hinter ihr nahm. Dieſe boshafte Anmuth, dieſer triumphirende Blick, in welchem, ſo wunderbar das auch klingt, doch noch etwas Weibliches und Reizendes lag, dieſe Miene, mit der ſie ſich auf dem Seſſel zwiſchen uns zurücklehnte und mich an⸗ ſah, war einer grauſamen Prinzeſſin in der Fabel würdig. „Nun, vorwärts,“ ſagte ſie gebieteriſch, ohne ihn anzuſehen und indem ſie die einſtige Wunde berührte, als dieſelbe— in dieſem Falle eher vor Vergnügen als vor Schmerz— aufzuckte.„Erzählen Sie Herrn Kop⸗ perfteld von dem Ausfluge.“ David Kopperfield. 61 „Herr James und ich, Fräulein—“ „Wenden Sie ſich, wenn Sie ſprechen, nicht an mich!“ unterbrach ſie ihn mit finſterer Stirn. „Herr James und ich, mein Herr—“ „Auch an mich nicht, wenn Sie ſo gut ſein wol— len,“ ſagte ich. Mr. Littimer, ohne im Mindeſten aus der Faſſung gebracht zu ſein, zeigte durch augenblicklichen Gehorſam, daß Alles, was uns am Angenehmſten war, auch ihm höchſt angenehm ſei, und begann von Neuem: „Herr James und ich, wir ſind mit dem jungen Frauenzimmer die ganze Zeit, ſeit ſie Narmouth unter dem Schutze des Herrn James verließ, im Auslande geweſen. Wir ſind an einer großen Menge von Orten geweſen und haben viele fremde Länder geſehen. Wir ſind in Frankreich, der Schweiz, Italien, in der That faſt überall geweſen.“ Er ſah die Stuhllehne an, als ob er ſich an dieſe adreſſiren wollte, und ſpielte leiſe mit der Hand dar⸗ auf, als ob er die Taſten eines verſtimmten Piano ſchlüge. „Herr James hing ganz außerordentlich an dem jungen Frauenzimmer und war eine lange Zeit zufrie⸗ dener, als ich ihn je geſehen habe, ſeit ich in ſeinen Dienſten ſtehe. Das junge Frauenzimmer war ſehr bildungsfähig und ſprach die fremden Sprachen, und man würde ſie nicht für die Perſon vom Lande ge⸗ halten haben, die ſie eigentlich war. Ich bemerkte, daß ſie überall, wohin wir nur kamen, ſehr bewundert wurde.“ Miß Dartle ſtemmte die Hand in die Seite. Ich ſah, wie er einen verſtohlenen Blick auf ſie warf und ſtill für ſich lächelte. 62 David Kopperfield. „Das junge Frauenzimmer wurde wirklich ſehr be⸗ wundert. Mocht' es ihr Anzug, mocht' es die Luft und Sonne, mocht' es ſein, daß man ſich ſo viel aus ihr gemacht hatte, mocht' es dies oder das oder was Anderes ſein, ihre Vorzüge lenkten die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſte.“ Er machte eine kurze Pauſe. Ihre Augen ſchweif⸗ ten raſtlos über die fernhin ſich ſtreckende Ausſicht, und ſie biß ſich auf die Unterlippe, um ihren geſchäftigen Mund im Zaume zu halten. Indem er jetzt ſeine Hände von dem Seſſel weg⸗ nahm und die eine derſelben in die andere legte, wäh⸗ rend er die Laſt ſeines Körpers auf einem Beine ruhen ließ, fuhr Mr. Littimer mit niedergeſchlagenen Augen und einem ein wenig nach vorn und ein wenig zur Seite geneigten Kopfe fort: „Das junge Frauenzimmer fuhr in dieſer Weiſe eine Zeit lang fort, indem ſie gelegentlich ſehr nieder⸗ geſchlagen war, bis ſie endlich, wie ich glaube, Herrn James dadurch zu langweilen anfing, daß ſie ſich ihrer üblen Laune und Ausbrüchen ähnlicher Art hingab, und die Sachen wurden unbehaglich. Herr James begann wieder in ſeine Raſtloſigkeit zu verfallen. Je raſtloſer er wurde, deſto ſchlimmer wurde ſie, und ich muß hin⸗ ſichtlich meiner ſagen, daß ich eine ſehr ſchwierige Stel⸗ lung zwiſchen den Beiden hatte. Indeß wurden die Sachen hier noch einmal zuſammengekleiſtert und dort immer wieder noch einmal gut gemacht, und ſo dauerte die Geſchichte wahrhaftig längere Zeit, als irgend Je⸗ mand erwartet hätte.“ Ihre Augen aus der Entfernung, in der ſie ge⸗ ſchweift, zurückrufend, ſah ſie mich jetzt mit ihrer vor⸗ herigen Miene an. Mr. Littimer reinigte ſeine Kehle David Kopperfield. 63 hinter ſeiner Hand mit einem reſpektvollen kurzen Hü⸗ ſteln, wechſelte die Beine und fuhr fort: „Endlich, als es im Allgemeinen eine gute Menge Streit und Vorwürfe geſetzt hatte, machte ſich Herr James eines Morgens aus der Nachbarſchaft von Nea⸗ pel, wo wir eine Villa hatten(weil das junge Frauen⸗ zimmer ſehr an der See hing), auf, und ging unter dem Vorwande, in einem Tage oder ſo etwas zurück⸗ zukehren, davon, indem er mir den Auftrag zurückließ, es ihr zu eröffnen, daß er zum Beſten aller Bethei⸗ ligten“— hier eine Unterbrechung durch das kurze Hüſteln—„davon gegangen ſei. Aber Mr. James benahm ſich, wie ich ſagen muß, außerordentlich ehren⸗ haft; denn er ſchlug vor, daß das junge Frauenzimmer eine ſehr reſpektable Perſon heirathen ſollte, welche voll⸗ ſtändig bereit war, die Vergangenheit zu überſehen, und welche zum Mindeſten ſo gut war, als irgend Jemand, auf den das junge Frauenzimmer auf regel⸗ mäßigem Wege hätte Anſpruch machen können, da ihre Verbindungen ſehr gemeiner Art waren. Er wechſelte die Beine abermals und netzte ſich die Lippen. Ich war überzeugt, daß der Schurke von ſich ſelbſt ſprach, und ich ſah, wie meine Ueberzeugung ſich im Geſichte der Miß Dartle ſpiegelte. „Damit hatte ich den Auftrag, ſie ebenfalls bekannt zu machen. Ich war gewillt, Alles zu thun, um Herrn James aus ſeiner unangenehmen Lage zu befreien und die Harmonie zwiſchen ihm und einer liebenden Mutter wieder herzuſtellen, welche ſeinethalben ſo viel ausge⸗ ſtanden hat. Deshalb übernahm ich den Auftrag. Die Wuth des jungen Frauenzimmers, als ich ihr die Sach⸗ lage nach ſeiner Abreiſe eröffnete, ging über alle Er⸗ wartungen hinaus. Sie war vollſtändig toll und mußte 64 David Kopperfield. mit Gewalt zurückgehalten werden, ſonſt würde ſie, wenn ſie kein Meſſer hätte kriegen oder nicht in die See hätte laufen können, ſich den Kopf an dem Mar⸗ morboden zerſchlagen haben.“ Miß Dartle lehnte ſich mit einem Strahle von Ju⸗ bel auf ihrem Antlitze in den Seſſel zurück und ſchien die Worte, die dieſer Kerl geäußert, ſchier zu liebkoſen. „Als ich aber zum zweiten Theile deſſen kam, wo⸗ mit ich betraut worden war,“ ſagte Mr. Littimer, ſich unbehaglich die Hände reibend,„einem Antrage, von dem Jedermann geglaubt haben könnte, daß er auf alle Fälle wenigſtens als eine gütige Abſicht geſchätzt wer⸗ den würde, da kam das junge Frauenzimmer erſt mit der rechten Farbe heraus. Eine beleidigendere Sprache habe ich in meinem Leben von Niemandem gehört. Ihr Benehmen war erſtaunlich ſchlecht. Sie hatte nicht mehr Dankbarkeit, nicht mehr Gefühl, nicht mehr Geduld, nicht mehr Vernunft im Leibe, als ein Stock oder Stein. Wäre ich nicht auf meiner Hut geweſen, ſo bin ich überzeigt, ſie hätte mir das Blut abgezapft.“ „Deſto beſſer denke ich deshalb von ihr,“ ſagte ich entrüſtet. Mr. Littimer neigte ſein Haupt, als wollte er ſa⸗ gen.„Ei gar! Aber Sie ſind ein junger Menſch,“ und nahm ſeine Erzählung wieder auf. „Kurz, es war nothwendig, eine Zeit lang alles von ihr zu entfernen, womit ſie ſich oder andern Leuten hätte ein Leid anthun können, und ſie einzuſchließen. Trotzdem kam ſie in der Nacht heraus, riß die Latten von einem Fenſter, die ich ſelber aufgenagelt, glitt an einem Weinſtocke hinab, der unten herabhing, und mei⸗ nes Wiſſens iſt ſeitdem nie wieder etwas von ihr ge⸗ ſehen oder gehört worden.“ David Kopperfield. 65 „Sie iſt vielleicht todt,“ ſagte Miß Dartle mit einem Lächeln, als ob ſie den Leichnam des zu Grunde gerichteten Mädchens hätte mit den Füßen von ſich ſtoßen können. „Sie mag ſich erſäuft haben, Fräulein,“ entgegnete Littimer, der hieraus eine Entſchuldigung nahm, daß er ſich beim Sprechen an Jemanden wendete.„'s iſt ſehr möglich. Oder ſie mag Beiſtand gefunden haben bei den Schiffersleuten und deren Weibern und Kindern. Da ſie Neigung zu gemeiner Geſellſchaft hatte, ſo hatte ſie es ſehr in der Gewohnheit, ſich mit ihnen am Strande zu unterhalten, Fräulein Dartle, und ſich zu ihnen an ihre Boote zu ſetzen. Ich habe ſie es, wenn Herr James weg war, ganze Tage lang thun ſehen. Herr James war weit entfernt, ſich zu freuen, als er entdeckte, daß ſie den Kindern erzählt hatte, ſie ſei eines Schiffers Tochter, und daß ſie in ihrem Heimats⸗ lande vor langen Jahren gleich ihnen am Ufer herum⸗ geſchweift ſei.“ Oh Emilie! Unglückliche Schönheit! Was für ein Bild erhob ſich vor mir von ihr, wie ſie am fernen Meeresufer unter Kindern ſaß, die ihr glichen, als ſie noch unſchuldig war, auf Stimmchen hörte, die ſie Mutter genannt haben könnten, wäre ſie die Gattin eines armen Mannes geweſen, und die große Stimme des Oceans vernahm, die ihr ein ewiges„Nimmer⸗ mehr!“ zurief. „Als es klar war, daß ſich nichts thun ließ, Fräu⸗ lein Dartle—“ „Hab' ich Ihnen nicht geſagt, Sie ſollten nicht auf mich ſprechen?“ ſagte ſie mit ernſter Verachtung. „Sie ſprachen aber auf mich, Fräulein,“ entgegnete er.„Bitte indeß um Verzeihung. Es iſt meine Dienſt⸗ pflicht, gehorſam zu ſein.“ David Kopperſteld. VIII. 5 66 David Kopperfield. „So thun Sie Ihre Dienſtpflicht, und vollenden Sie Ihre Geſchichte,“ erwiederte ſie. „Als es klar war,“ ſagte er mit unendlich reſpekt⸗ vollem Weſen und einem gehorſamen Bückling,„daß ſie nicht zu finden war, ging ich zu Herrn James an den Ort, wohin ich ihm, wie wir übereingekommen waren, ſchreiben ſollte, und meldete ihm, was ſich zu⸗ getragen. Worte fielen in Folge deſſen zwiſchen uns, und ich hielt es für paſſend, ihn zu verlaſſen. Ich konnte von Herrn James viel ertragen, und habe auch viel ertragen, aber ſeine Beleidigungen wurden mir zu bunt. Er verletzte mich. Und indem ich von dem un⸗ glücklichen Zerwürfniſſe zwiſchen ihm und ſeiner Mutter wußte, und in welcher geängſtigten Stimmung ihr Ge⸗ müth wahrſcheinlich ſein werde, ſo nahm ich mir die Freiheit, nach England heimzukommen und zu erzäh⸗ len—“ „Für Geld nämlich, welches ich ihm bezahlte,“ ſagte Miß Dartle zu mir. „Ganz richtig, Fräulein,— alſo zu erzählen, was ich wußte. Ich wüßte nicht,“ fuhr Mr. Littimer, nach⸗ dem er einen Augenblick innegehalten, fort,„daß es noch etwas Anderes zu berichten gäbe. Ich bin gegen⸗ wärtig außer Lohn und Brot und würde mich freuen, einer reſpectabeln Stellung zu begegnen.“ Miß Dartle warf einen Blick auf mich, als ob ſie fragen wollte, ob es noch etwas gäbe, was ich zu erfahren wünſchte. Da es etwas gab, was mir auf⸗ geſtoßen war, ſo entgegnete ich: „Ich möchte wiſſen von dieſem— Menſchen,“ ich vermochte es nicht über mich zu gewinnen, ein ver⸗ ſöhnlicheres Wort zu gebrauchen,„ob ſie einen Brief unterſchlagen haben, welcher von zu Hauſe an ſie ge⸗ David Kopperfield. 67 ſchrieben wurde, oder ob er meint, daß ſie ihn erhal⸗ ten hat.“ Er verblieb ruhig und ſchweigſam, die Augen auf den Boden geheftet und die Spitze jedes Fingers ſeiner rechten Hand kunſtreich gegen jede Spitze ſeiner linken geſtemmt. Miß Dartle wandte ihren Kopf verächtlich nach ihm. „Bitt' um Verzeihung, Fräulein,“ ſagte er, aus ſeinem Nachdenken erwachend;„aber wie unterwürfig ich auch gegen Sie bin,„habe ich doch meine Stellung, wenn ich gleich nur ein Bedienter bin. Herr Kopper⸗ field und Sie, Fräulein, ſind verſchiedene Leute. Wenn Herr Kopperfield irgend etwas von mir zu wiſſen wünſcht, ſo nehme ich mir die Freiheit, Herrn Kopperfield zu erinnern, daß er mir eine Frage vorlegen kann. Ich habe eine Rolle feſtzuhalten.“ Nach einem kurzen Kampfe mit mir ſelbſt, wandte ich meine Augen auf ihn und ſagte:„Sie haben meine Frage gehört; betrachten Sie dieſelbe als an ſich gerich⸗ tet, wenn es Ihnen beliebt. Was antworten Sie dar⸗ auf?“ „Mein Herr,“ entgegnete er mit gelegentlicher Tren⸗ nung und Wiedervereinigung jener kunſtvoll zuſammen⸗ gefügten Fingerſpitzen,„meine Antwort muß eine be⸗ dingte ſein; denn Herrn James' Vertrauen ſeiner Mutter gegenüber zu verrathen und es Ihnen gegenüber zu ver⸗ rathen ſind zwei verſchiedene Handlungen. Es iſt, wie ich es betrachte, nicht wahrſcheinlich, daß Herr James den Empfang von Briefen erleichtert haben würde, von denen es auf der Hand lag, daß ſie üble Laune und unangenehmes Betragen geſteigert hätten; aber weiter als bis hierher zu gehen, mein Herr, möchte ich ver⸗ meiden.“ 5* 68 David Kopperfield. „Iſt das Alles?“ fragte mich Miß Dartle. Ich gab zu erkennen, daß ich nichts weiter zu fragen habe.„Ausgenommen,“ fügte ich, als ich ihn ſich entfernen ſah, hinzu,„daß ich die Rolle dieſes Kerls in der ſchändlichen Geſchichte verſtehe, und daß, da ich den wackern Mann, welcher von Kindheit auf ihr Va⸗ ter geweſen iſt, damit bekannt machen werde, ich ihm empfehlen würde, daß er vermiede, ſich zu ſehr öffent⸗ lich ſehen zu laſſen.“ Er war in dem Augenblicke, wo ich begann, ſtehen geblieben und hatte mit ſeinem gewöhnlichen ruhigen Benehmen zugehört. „Danke Ihnen, mein Herr. Aber Sie werden mich entſchuldigen, mein Herr, wenn ich meine, daß es in dieſem Lande weder Selaven noch Sclaventreiber giebt, und daß es den Leuten nicht geſtattet iſt, das Geſetz ſelbſt in die Hände zu nehmen. Wenn ſie es thun, ſo geſchieht es mehr zu ihrer eignen Gefahr, als zu der von andern Leuten. In Folge deſſen ſcheue ich mich durchaus nicht, hinzugehen, wohin ich Luſt habe.“ Hiermit machte er mir eine höfliche Verbeugung und ging mit einer zweiten, Miß Dartle geltenden durch den Bogengang in der Stechpalmenhecke weg, durch welchen er gekommen war. Miß Dartle und ich maßen uns ein Weilchen ſchweigend mit den Blicken, wobei ihre Haltung genau dieſelbe war, die ſie geweſen, als ſie den Menſchen eingeführt hatte. „Er ſagt außerdem,“ bemerkte ſie mit einem nach⸗ läſſigen Zuſammenziehen ihrer Lippe,„daß er hört, wie ſein Herr an der Küſte von Spanien kreuzt, und nachdem dies abgethan iſt, weggehen will, um ſeinem Geſchmacke am Seeleben nachzuhängen, bis er es ſatt hat. Doch das iſt von keinem Intereſſe für Sie. Zwi⸗ David Kopperfield. 69 ſchen dieſen beiden ſtolzen Perſonen, Mutter und Sohn, beſteht eine weitere Kluft als zuvor, und es iſt wenig Hoffnung vorhanden, daß dieſelbe ſich ſchließen wird; denn ſie ſind ſich gleich von Herzen, und die Zeit macht Jedes harnäckiger und eigenwilliger. Auch das iſt von keinem Intereſſe für Sie, aber es bildet die Einleitung zu Dem, was ich zu ſagen wünſche. Dieſer Teufel, aus dem ſie einen Engel machen, ich meine dieſes ge⸗ meine Weibsbild, das er ſich aus dem Schlamme der Ebbe aufgeleſen hat“— ſie hielt ihre ſchwarzen Augen feſt auf mich gerichtet und ihren Finger leidenſchaftlich erhoben—„mag noch am Leben ſein; denn ich glaube, gewiſſe gemeine Geſchöpfe haben ein zähes Leben. Wenn Sie noch lebt, ſo werden Sie wünſchen, daß eine Perle von ſolchem Werthe aufgefunden und in Obhut genom⸗ men wird. Wir wünſchen dies ebenfalls, damit er nicht durch irgend einen Zufall abermals ihr zur Beute wird. In ſo weit haben wir Ein Intereſſe, und das iſt's, weshalb ich, die ich ihr jedwedes Ueble, was eine ſo grob eingerichtete Dirne zu fühlen fähig iſt, anthun würde, nach Ihnen geſchickt habe, daß Sie hören möch⸗ ten, was Sie gehört haben.“ Ich ſah an dem Wechſel in ihren Geſichtszügen, daß ſich Jemand hinter mir näherte. Es war Mrs. Steerforth, welche mir ihre Hand mit größerer Kälte als dereinſt, und mit einer Vornehmheit im Benehmen, ausgeprägter als früher gab; aber doch bemerkte ich da⸗ bei— und es rührte mich— eine unauslöſchliche Er⸗ innerung an meine einſtige Liebe zu ihrem Sohne in ihr. Sie hatte ſich ſehr verändert. Ihre ſchöne Ge⸗ ſtalt hielt ſich weit weniger gerade, ihr angenehmes Geſicht war tief gefurcht, und ihr Haar war beinahe weiß. Als ſie ſich jedoch auf den Seſſel niederließ, war 70 David Kopperfield. ſie noch immer eine ſchöne Dame, und wohl erkannte ich das helle Auge mit ſeinem ſtolzen Blicke wieder, welches ſchon als Licht in meinen Träumen auf der Schule geleuchtet hatte. „Iſt Herr Kopperfield von Allem in Kenntniß ge⸗ ſetzt, Roſa?“ „Ja.“ „Und hat er Littimer ſelbſt gehört?“ „Ja; ich habe ihm geſagt, weshalb Sie es wün⸗ ſchen.“ „Sie ſind ein gutes Mädchen. Ich habe einiger⸗ maßen in Briefwechſel geſtanden mit Ihrem einſtigen Freunde,“ wandte ſie ſich an mich,„aber derſelbe hat ihm ſeinen Sinn für Schuldigkeit oder natürliche Ver⸗ pflichtung nicht wiedergegeben. Deshalb habe ich keinen andern Zweck hierbei, als den, welchen Roſa erwähnt hat. Wenn durch den Verlauf der Dinge, welcher das Herz des wackern Mannes verletzte, den Sie hierher brachten(und den ich bedauere— mehr kann ich nicht ſagen) mein Sohn bewahrt ſein ſollte, wieder in die Schlingen eines ränkeſpinnenden Feindes zu fallen, gut dann!“ Sie richtete ſich empor und ſtarrte gerade vor ſich hin in die Ferne hinaus. „Madam,“ ſagte ich reſpectvoll,„ich verſtehe. Ich bin überzeugt, daß ich nicht in Gefahr bin, Ihren Be⸗ weggründen irgendwie eine gezwungene Deutung unter⸗ zulegen. Aber ich muß, da ich dieſe tiefverletzte Fami⸗ lie von Kindheit auf gekannt habe, ſelbſt Ihnen ſagen, daß Sie, wofern Sie meinen, das Mädchen, dem ſo großes Unrecht gethan worden iſt, ſei nicht grauſam getäuſcht und werde nicht lieber hundertmal ſterben, als von Ihres Sohnes Hand jetzt auch nur ein Glas David Kopperfield. 71 Waſſer annehmen, ſich einem furchtbaren Irrthum hin⸗ geben.“ „Schon gut, Roſa, ſchon gut!“ ſagte Mrs. Steer⸗ forth, als jene im Begriffe ſtand, mir ins Wort zu fallen,„es hat nichts zu bedeuten. Laß gut ſein. Sie ſind verheirathet, ſagt man mir, Herr Kopperfield.“ Ich antwortete, daß ich ſeit einiger Zeit verheira⸗ thet ſei. „Und es geht Ihnen gut? Ich höre bei dem ſtil⸗ len Leben, welches ich führe, wenig; aber ich erfahre, daß Sie anfangen, berühmt zu werden.“ „Ich habe viel Glück gehabt,“ entgegnete ich,„und finde, daß ſich mit meinem Namen einiges Lob ver⸗ bindet.“ „Sie haben keine Mutter?“ fragte ſie mit ſanfter Stimme. „Nein.“ „Das iſt ſchade,“ erwiederte ſie.„Sie würde ſtolz auf Sie ſein. Gute Nacht.“ Ich ergriff die Hand, die ſie mir mit würdiger, un⸗ gebeugter Miene hinhielt, und ſie war ſo ruhig in der meinen, als ob ihr Herz voll Frieden geweſen wäre. Es ſchien, ihr Stolz konnte ſogar ihre Pulſe ſtillen und den Schleier der Seelenruhe vor ihr Antlitz ziehen, durch welchen ſie gerade vor ſich hin in die weite Ferne ſchaute. Als ich mich an der Terraſſe hin von ihnen weg⸗ begab, konnte ich nicht umhin, zu bemerken, wie un⸗ bewegt ſie Beide daſaßen und in die Landſchaft hinaus⸗ blickten, und wie dieſe ſich um ſie herum verdichtete und ſchloß. Hier und da ſah man einige frühzeitige Lam⸗ pen in der Stadt blinken, und am öſtlichen Theile des Himmels ſchwebte noch immer das dunkelgelbe Licht. F 72 David Kopperfield. Aber von dem größern Theile des breiten Thales da⸗ zwiſchen erhob ſich ein Nebel gleich einer See, welcher mit der Finſterniß zuſammenfloß und den Schein her⸗ vorbrachte, als ob die ſich ſammelnden Waſſer ſie ein⸗ ſchließen wollten. Ich habe Grund, mich deſſen zu erinnern und mit Grauſen daran zu denken; denn ehe ich dieſe Beiden wiederſah, hatte ſich zu ihren Füßen eine ſtürmiſche See erhoben. Indem ich über Dasjenige nachdachte, was mir ſo erzählt worden war, hielt ich es für Recht, es Mr. Peggotty mitzutheilen. Am folgenden Abende ging ich nach London hinein, um ihn aufzuſuchen. Er wan⸗ derte ſtets von Ort zu Ort mit dem einzigen Streben vor Augen, ſeine Nichte wiederzufinden, hielt ſich jedoch mehr in London auf als anderswo. Oftmals hatte ich ihn jetzt in der todtenſtillen Nacht in den Straßen da⸗ hinſchreiten und unter den Wenigen, welche zu dieſer ungewöhnlichen Stunde ſich auf der Gaſſe herumtrie⸗ ben, nach Dem ſuchen ſehen, was er zu finden fürchtete. Er hatte eine Wohnung über dem kleinen Kram⸗ laden in Hungerford Market inne, welchen ich mehr als ein Mal zu erwähnen Gelegenheit hatte, und von wo er zuerſt mit ſeiner Botſchaft der Barmherzigkeit aus⸗ zog. Hierhin richtete ich meine Schritte. Als ich mich nach ihm erkundigte, erfuhr ich von den Leuten des Hauſes, daß er noch nicht ausgegangen ſei, und daß ich ihn in ſeiner Stube oben finden würde. Er ſaß leſend vor einem Fenſter, an welchem er einige Gewächſe zog. Das Stübchen ſah ſehr ſauber und ordentlich aus. Ich bemerkte ſogleich, daß er ſtets auf ihren Empfang vorbereitet war und nie ausging, außer mit dem Gedanken, daß er ſie möglicherweiſe mit ſich heimbringen werde. Er hatte mein Pochen an die Thür David Kopperfield. 73 nicht gehört und erhob ſeine Augen erſt, als ich ihm meine Hand auf die Schultern legte. „Musje Davchen! Danke, Herr! Danke von Her⸗ zen für dieſen Beſuch! Setzen Sie ſich nieder. Sie ſind herzlich willkommen, junger Herre.“ „Herr Peggotty,“ ſagte ich, indem ich den Stuhl nahm, den er mir brachte,„erwarten Sie nicht viel. Aber ich habe einige Neuigkeiten gehört.“ „Von Emilchen?“ Er legte ſeine Hand in krampfhafter Weiſe an ſei⸗ nen Mund und wurde bleich, als er ſeine Augen auf die meinen heftete. „Es giebt keinen Aufſchluß, wo ſie iſt, aber ſie iſt nicht mehr bei ihm.“ Er ſetzte ſich nieder, ſah mich aufmerkſam an und hörte mit tiefem Schweigen auf Alles, was ich zu er⸗ zählen hatte. Ich erinnere mich recht wohl des Gefühls von Würde, ja ſelbſt von Schönheit, das in dem Ein⸗ drucke lag, den der geduldige Ernſt ſeines Geſichts auf mich machte, als er, nachdem er allmählig ſeine Augen von den meinen entfernt, niedergeſchlagenen Blickes, die Stirn auf ſeine Hand geſtemmt, daſaß. Er unterbrach mich nicht, ſondern verharrte durchaus in vollkomme⸗ nem Stillſchweigen. Er ſchien ihrer Geſtalt durch die Erzählung zu folgen und jede andere Erſcheinung an ſich vorübergehen zu laſſen, als ob es nichts wäre. Als ich fertig war, beſchattete er ſein Geſicht und verhielt ſich ſchweigend. Ich ſah ein Weilchen zum Fen⸗ ſter hinaus und machte mir mit den Gewächſen zu thun. „Was thun Sie denn darüber denken, Musje Dav⸗ chen?“ fragte er endlich. „Ich denke, daß ſie am Leben iſt,“ erwiederte ich. „Weiß es nicht. Mag ſein, daß der erſte Stoß 74 David Kopperfield. zu rauh war, und daß ſie in der Wildheit ihres Her⸗ zens—! Das blaue Waſſer, wie ſie immer ſagen that. Hätte ſie ſich denken können vor ſo viele Jahre, daß es ihr Grab werden ſollte!“ Er ſagte dies nachdenklich mit dumpfer, ängſtlicher Stimme und ging durch das Stübchen. „Und doch,“ fügte er hinzu,„Musje Davchen, war mich's ſo gewiß, daß ſie leben thäte,— ich hab's wachend und ſchlafend gewußt, da es ſo gewiß war, ich würde ſie finden— ich bin ſo getrieben worden davon und ſo aufrecht erhalten— daß ich nicht glaube, ich habe mich getäuſcht. Nein, Emilchen iſt am Leben!“ Er legte ſeine Hand feſt auf den Tiſch, und ſein ſonnenverbranntes Geſicht nahm einen entſchloſſenen Aus⸗ druck an. „Meine Nichte Emilie iſt am Leben, junger Herre,“ ſagte er mit innerlicher Gewißheit.„Ich weiß nicht, woher mir das kommen thut, oder wie's iſt, aber ich hab's gehört, ſie iſt am Leben.“ Er ſah, als er das ſagte, ſchier wie ein Mann aus, dem eine göttliche Offenbarung geworden iſt. Ich war⸗ tete einige Augenblicke, bis er mir ſeine ungetheilte Auf⸗ merkſamkeit zuwenden konnte, und ging dann daran, die Maßregel auseinanderzuſetzen, welche, wie mir die vergangene Nacht eingefallen war, kluger Weiſe ergrif⸗ fen werden mußte. „Nun, mein theurer Freund—“ begann ich. „Danke, danke, mein gütiges Herrchen,“ ſagte er, mit ſeinen beiden Händen die meine erfaſſend. „Wenn ſie ihren Weg nach London nehmen ſollte, was wahrſcheinlich iſt— denn wo könnte ſie ſich ſo leicht verlieren, als in dieſer ungeheuren Stadt?— und was anders würde ſie zu thun wünſchen, als ſich zu David Kopperfield. 75 verlieren und zu verbergen, wenn ſie nicht nach Hauſe geht?“ „Und ſie wird nicht nach Hauſe gehen wollen,“ unterbrach er mich mit traurigem Kopfſchütteln.„Wenn ſie aus eignem Antriebe weggegangen wäre, könnte es möglich ſein; nicht aber, wie es geſchah.“* „Wenn ſie alſo hierher kommen ſollte,“ ſagte ich, „ſo iſt, glaub' ich, hier eine Perſon, welche ſie viel wahrſcheinlicher entdecken wird, als irgend eine andere in der Welt. Beſinnen Sie ſich wohl— aber hören Sie, was ich ſage, mit Gefaßtheit— denken Sie an Ihr großes Ziel— beſinnen Sie ſich wohl auf Martha?“ „Die aus unſerer Stadt?“ Ich bedurfte keiner andern Antwort, als ſeines Geſichts. „Wiſſen Sie, daß ſie in London iſt?“ „Ich habe ſie in den Straßen geſehen,“ antwor⸗ tete er mit einem Schauder. „Aber Sie wiſſen nicht,“ fuhr ich fort,„daß Emi⸗ lie ihr unter Hams Beiſtand Barmherzigkeit erwieſen hat, lange vorher, ehe ſie vom Hauſe entfloh. Auch nicht, daß ſie, als wir uns eines Abends trafen und in der Gaſtſtube dort drüben miteinander ſprachen, an der Thür lauſchte.“ „Musje Davchen?“ erwiederte er erſtaunt.„Jene Nacht, wo es ſo ſehr ſchneien that?“ „Jene Nacht. Ich habe ſie ſeither nie wiedergeſe⸗ hen. Ich ging, als ich mich von Ihnen getrennt, zu⸗ rück, um mit ihr zu ſprechen, aber ſie war fort. Ich war nicht Willens, ſie damals gegen Sie zu erwäh⸗ nen, und ich bin's auch jetzt nicht; aber ſie iſt die Per⸗ ſon, von der ich ſpreche, und mit welcher wir, denk inruns in Einvernehmen ſetzen ſollten. Verſtehen Sie mich? 76 David Kopperfield. „Nur zu wohl“ entgegnete er. Wir hatten unſere Stimme ſchier zu einem Flüſtern gedämpft und fuhren fort, in dieſem Tone zu reden. „Sie ſagen, Sie haben ſie geſehen. Denken Sie, daß Sie ſie auffinden koͤnnten? Ich meinestheils könnte das nur durch Zufall thun.“ „Ich glaube, Musje Davchen, daß ich weiß, wo⸗ hin ich zu ſehen habe.“ „'s iſt dunkel. Wollen wir, da wir einmal zu⸗ ſammen ſind, ausgehen und verſuchen, ob wir ſie heut Abend finden können?“ Er willigte ein und machte ſich zurecht, mich zu be⸗ gleiten. Ohne merken zu laſſen, daß ich beobachte, was er thue, ſah ich, wie er ſorgſam das Stübchen in Ord⸗ nung brachte, ein Licht zurecht ſtellte und das Nöthige dazu legte, um es anzuzünden; ferner, wie er das Bett ordnete und endlich aus einer Schublade eines ihrer Klei⸗ der(das ich ſie tragen geſehen zu haben mich erinnerte), nett zuſammengefaltet mit einigen andern Kleidungs⸗ ſtücken nebſt einem Hute nahm, welchen er auf einen Stuhl legte. Er machte keine Anſpielung auf dieſe Klei⸗ der, ebenſo wenig that ich es. Sie hatten dort ohne Zweifel manche Nacht auf ſie gewartet. „Es gab'ne Zeit, Musje Davchen,“ ſagte er, als wir die Treppe hinabkamen,„wo ich dieſes Mädchen, dieſe Martha, beinahe wie den Schmutz unter den Fü⸗ ßen unſerer Emilie anſah. Gott verzeih' mich's, es iſt jetzt anders.“ Als wir weiter gingen, fragte ich ihn, theils um ihn zu unterhalten, theils um meine Neugier zu befrie⸗ digen, über Ham. Er ſagte beinahe mit denſelben Worten wie einſt, daß Ham ganz der Alte wäre,„und ſein Leben ſo hinſchleppen thäte, ohne ſich drum zu David Kopperfield. 77 kümmern; aber ohne zu murren und von allen Leuten geliebt.“ Ich fragte ihn, was ſeiner Meinung nach Hams Ge⸗ müthszuſtand wäre in Bezug auf den Urheber ihres Un⸗ glücks? Ob er glaube, daß er gefährlich ſei. Was zum Beiſpiel ſeiner Vermuthung nach Ham thun würde, wenn er und Steerforth je zuſammentreffen ſollten. „Ich weiß es nicht,“ entgegnete er.„Ich habe oft darüber nachgedacht, aber ich kann mir nichts Gewiſſes nicht dabei vorſtellen.“ Ich rief ihm den Morgen nach ihrem Weggange ins Gedächtniß zurück, wo wir alle Drei am Strande waren.„Erinnern Sie ſich,“ ſagte ich,„eines gewiſ⸗ ſen wilden Blickes, mit welchem er in die See hinaus ſah und vom Ende der Sache ſprach?“ „Freilich thu' ich mich erinnern!“ antwortete er. „Was denken Sie, daß er meinte?“ „Musje Davchen,“ erwiederte er.„Ich habe mich die Frage ein Schock mal vorgelegt und nie keine Ant⸗ wort nicht gefunden. Und das iſt mir ein wunderliches Ding, daß ich, wenn er gleich ſo freundlich iſt, mir's doch nicht getrauen würde, es zu verſuchen, ihn dar⸗ auf zu bringen. Nie ſagte er ein Wort zu mich, das nicht ſo pflichtgetreu als nur möglich geweſen wäre, und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß er jetzt in anderer Weiſe zu reden anfangen würde; aber's iſt noch lange kein Ankergrund in ſeinem Gemüthe, wo die Gedanken liegen. 's iſt tief da, und ich kann nicht auf'n Grund ſehen.“ „Sie haben Recht,“ ſagte ich,„und das hat mir manchmal Angſt gemacht.“ „Und auch mir, Musje Davchen,“ entgegnete er. „Und zwar, wie ich Ihnen verſichern kann, mehr als ſeine wagehalſige Weiſe, obſchon alles Beides zu der 78 David Kopperfield. Veränderung gehört, die mit ihm vorgegangen iſt. Ich weiß nicht, ob er unter irgend welchen Umſtänden ge⸗ waltthätig verfahren würde; aber ich hoffe, daß die Bei⸗ den nicht aneinander gerathen werden.“ Wir waren durch Temple Bar in die City gelangt; indem er jetzt nicht mehr ſprach und an meiner Seite hinſchritt, gab er ſich ganz dem Ziele, welchem ſein Leben geweiht war, hin und ging mit jener verhal⸗ tenen Zuſammenfaſſung ſeiner geiſtigen Kräfte weiter, welche ſeine Geſtalt inmitten einer Menſchenmaſſe zu einer einzigen Erſcheinung gemacht haben würde. Wir waren nicht fern von der Blackfriars⸗Brücke, als er ſeinen Kopf nach der Seite wendete und auf eine ein⸗ ſame weibliche Geſtalt hinwies, welche auf der entgegen⸗ geſetzte Seite der Straße hinſchlüpfte. Ich ſah ſogleich, daß es die Geſtalt ſei, die wir ſuchten. Wir gingen über die Straße hinüber und eilten hart hinter ihr her, als mir der Gedanke kam, daß ſie mehr geneigt ſein würde, ein weibliches Intereſſe an dem verlornen Mädchen zu fühlen, wenn wir mit ihr an einem ruhigern Orte, fern von dem Menſchenge⸗ dränge, wo wir auch weniger beobachtet wären, ſprä⸗ chen. Ich rieth meinem Begleiter deshalb, wir wollten ſie noch nicht anreden, ſondern ihr folgen, wobei ich zugleich einem unbeſtimmt von mir gehegten Wunſche nachkam, zu wiſſen, wohin ſie ginge. Da er damit einverſtanden war, folgten wir ihr von ferne, ſo daß wir ſie nie aus dem Geſichte verlo⸗ ren, aber uns auch nie beſtrebten, ihr ſehr nahe zu kommen, da ſie ſich häufig umſchaute. Einmal blieb ſie ſtehen, um auf eine Muſikbande zu lauſchen, und da blieben auch wir ſtehen. Sie ſchritt fort eine lange Strecke. Immer gingen David Kopperfield. 79 wir weiter. Es lag nach der Art, in der ſie ihre Schritte lenkte, auf der Hand, daß ſie ein feſtes Ziel im Auge hatte, und dies, ſowie daß ſie ſich in den belebten Straßen hielt, und ebenſo der wunderbare Zau⸗ ber, der in einem ſolchen geheimnißvollen Verfolgen Jemandes liegt, bewirkten, daß ich bei meinem erſten Vorſatze verharrte. Endlich wendete ſie ſich in eine düſtere, finſtere Gaſſe, wo der Lärm und das Gedränge aufhörten, und ich ſagte:„Wir köͤnnen jetzt zu ihr ſprechen,“ und indem wir unſern Schritt beſchleunigten, gingen wir ihr nach. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Martha. Wir waren jetzt in Weſtminſter. Wir waren um⸗ gekehrt, um ihr zu folgen, nachdem wir ihr entgegen⸗ geſchritten waren, als ſie auf uns zukam; und die Weſt⸗ minſter-Abtei war der Punkt, auf den ſie von den Lichtern und dem Lärmen der Hauptſtraßen zuſteuerte. Als ſie ſich von den beiden Menſchenſtrömen, deren einer auf die Brücke zu⸗, der andere von derſelben her⸗ fluthet, freigemacht, eilte ſie ſo ſchnell vorwärts, daß wir, ehe wir den Vorſprung einbrachten, den ſie vor uns hatte, als ſie ſich ſeitwärts wendete, in der engen, dem Waſſer zugekehrten Straße bei Millbank angelangt waren. In dieſem Augenblicke ſchritt ſie quer über die Straße, als ob ſie die Fußtritte, die ſie ſo nahe hin⸗ ter ſich hörte, vermeiden wollte, und ohne ſich umzu⸗ ſehen, eilte ſte nur mit größerer Haſt weiter. Ein glänzender Streifen von dem Fluſſe, durch einen dunkeln Thorweg hervorſchillernd, wo man einige Fracht⸗ wagen für die Nacht eingeſtellt hatte, ſchien meine Füße aufzuhalten. Ich ſtieß meinen Begleiter an, ohne zu David Kopperfield. 81 ſprechen, und wir enthielten uns Beide, hinter ihr die Straße zu kreuzen, ſondern folgten ihr auf der gegen⸗ überliegenden Seite des Weges, wobei wir uns ſo ſtill als wir konnten im Schatten der Häuſer, aber ihr doch ſehr nahe hielten. Dort befand(und befindet während ich ſchreibe) ſich am Ende dieſer tiefliegenden Straße ein verfallenes klei⸗ nes hölzernes Gebäude, wahrſcheinlich ein ehemaliges altes Fährhaus. Seine Lage iſt gerade an dem Punkte, wo die Gaſſe aufhört, und die Fahrſtraße zwiſchen einer Reihe von Häuſern und dem Fluſſe zu liegen anfängt. Sobald ſie hierher kam und das Waſſer ſah, ſtand ſie ſtill, als ob ſte an ihrem Beſtimmungsorte ange⸗ langt ſei, und ſchritt bald langſam an dem glänzenden Fluſſe hin, indem ſie ihm unverwandt ihre Blicke zu⸗ wendete. Den ganzen Weg bis hierher hatte ich vermuthet, daß ſie zu einem Hauſe gehe, ja ich hatte ſogar die ſchwache und unbeſtimmte Hoffnung genährt, daß das Haus in gewiſſer Weiſe mit dem verlornen Mädchen im Zuſammenhange ſtehen könne. Aber jener einzige düſtere Schimmer des Fluſſes hatte mich inſtinktartig darauf vorbereitet, daß ſie nicht weiter gehen werde. Die Umgebung war zu dieſer Zeit eine trübſelige, ſo niederdrückend, traurig und einſam bei Nacht, als nur irgend eine in London. Es befanden ſich weder Werften noch Häuſer an der melancholiſchen, öden Straße in der Nähe des großen wüſtblickenden Gefängniſſes. Ein ſchleimiger Graben ſetzte ſeinen Schmutz an den Mauern des Gefängniſſes ab. Grobes Gras und fett auf⸗ geſchoſſenes Unkraut wucherten über das ganze Sumpfland der Nachbarſchaft hin. Auf einem Theile ſtanden verfaulte Gerippe von Häuſern, die unüberlegt begonnen und nie David Kopperfield. VIII. 6 82 David Kopperfield. vollendet worden waren. Auf einem andern war der Boden mit roſtigen eiſernen Ungeheuern von Dampf⸗ keſſeln, Rädern, Knieen von Ofenröhren, Waſſerröh⸗ ren, Schornſteinen, Rudern, Ankern, Taucherglocken, Windmühlenſegeln und ich weiß nicht was noch für wun⸗ derſamen Gegenſtänden bedeckt, die irgend ein Speku⸗ lant dort aufgehäuft hatte, und die im Staube lagen, unter welchem ſie— durch ihr eignes Gewicht während naſſen Wetters in die Erde geſunken— den Anſchein hatten, als ob ſie ſich vergeblich bemühten, ſich zu ver⸗ bergen. Das Raſſeln und Funkenſprühen verſchiedener Werkſtätten von Feuerarbeitern auf der Seite des Fluſ⸗ ſes erhob ſich bei Nacht, um Alles zu ſtören, ausge⸗ nommen den ſchwerfälligen und niedurchbrochenen Staub, der aus ihren Eſſen quoll. Schlammige Schlupflöcher und Fußpfade, die ſich zwiſchen alten hölzernen Pfeilern hindurchwanden, an welchen letztern eine ekelhafte Sub⸗ ſtanz gleich grünen Haaren klebte, und die Fetzen von Zetteln mit Belohnungsanerbietungen für das Auffin⸗ den Ertrunkener über dem Merkzeichen des höchſten Waſſerſtandes flatterten, führten durch den Koth und Schlamm nach der Ebbe hinunter. Es ging die Sage, daß eines der für die Todten während der großen Pe⸗ ſtilenz gegrabenen Löcher hier herum geweſen ſei, und ein vergiftender Einfluß ſchien von ihm aus ſich über den ganzen Platz ergoſſen zu haben. Oder er ſah auch aus, als ob er ſich zu dieſer geſpenſtigen Geſtalt aus den Ablagerungen des unrathbefleckten Fluſſes umge⸗ wandelt habe. Als ob ſie ein Theil des Auswurfs wäre, den er ausgeſtoßen und dem Verderben und Verkommen über⸗ laſſen, irrte das Mädchen, welchem wir gefolgt waren, nach dem Rande des Fluſſes hinab und blieb inmitten David Kopperfield. 83 dieſes Nachtgemäldes einſam und ſtill ſtehen und ſchaute auf das Waſſer. Es lagen einige Boote und Barken am Strande in dem Schlamme, und dieſe ermöglichten es uns, ihr bis auf wenige Klaftern nahe zu kommen, ohne geſe⸗ hen zu werden. Ich machte dann Mr. Peggotty ein Zeichen, zu bleiben, wo er wäre, und trat dann aus ihrem Schatten hervor, um mit ihr zu ſprechen. Ich näherte mich ihrer einſamen Geſtalt nicht ohne Zittern; denn dieſes düſtere Ende des Weges, den ſie ſich vor⸗ genommen, und die Art, in welcher ſie ſchier innerhalb des höhlenartigen Schattens der eiſernen Brücke ſtand und auf die Lichter blickte, welche von der mächtigen Fluth gebrochen, zurückgeſtrahlt wurden, flößten mir Furcht ein. Ich glaube, ſie ſprach mit ſich ſelbſt. Ich bin über⸗ zeugt, daß ſie, obſchon in den Anblick des Waſſers ver⸗ funken, ihren Shawl von den Schultern genommen hatte und in einer unbewußten, geiſtig geſtörten Weiſe, die mehr dem Thun eines Schlafwandlers als dem eines Wachenden glich, ihre Hände hineinwickelte. Ich weiß und nie werd' ich's vergeſſen können, daß in ihrer wil⸗ den Art und Weiſe etwas lag, was mich nicht ſicher ſein ließ, daß ſie nicht vor meinen Augen verſinken werde, ehe ich ſie am Arme erfaßt hatte. In demſelben Augenblicke ſagte ich„Martha!“ Sie ſtieß ein erſchrockenes Gekreiſch aus und rang mit mir mit einer ſolchen Stärke, daß ich in Zweifel bin, ob ich ſie hätte allein feſthalten können. Aber eine ſtärkere Hand als die meine wurde an ſie gelegt, und als ſie ihre erſchreckten Augen erhob, um zu ſehen, weſ⸗ ſen Hand es ſei, ſo machte ſie nur noch eine Anſtren⸗ gung und fiel dann zwiſchen uns nieder. Wir trugen 6* David Kopperfield. 8 ſie von dem Waſſer weg nach einem Orte, wo ſich einige trockene Steine befanden, und dort legten wir ſie ſchreiend und ſchluchzend nieder. Ein Weilchen ſaß ſie unter den Steinen da und hielt ihr unglückliches Haupt mit bei⸗ den Händen. „Oh der Fluß!“ ſchrie ſie leidenſchaftlich.„Oh der Fluß!“ „Bſt! bſt!“ ſagte ich.„Beruhigen Sie ſich.“ Aber ſie wiederholte noch immer dieſelben Worte, indem ſie fortwährend immer und immer wieder aus⸗ rief:„Oh der Fluß!“ „Ich weiß, er iſt gleich mir,“ rief ſie.„Ich weiß, daß ich zu ihm gehöre. Ich weiß, daß er der natür⸗ liche Geſellſchafter ſolcher iſt, wie ich bin. Er kommt vom Lande draußen, wo dereinſt kein Harm in ihm war— und er ſchleicht dann durch traurige Straßen, beſchmutzt und elend— und er fließt fort, wie mein Leben, zu einem großen, ewig ſturmbewegten Meere— und ich fühle, daß ich mit ihm gehen muß.“ Ich habe nie erfahren, was Verzweiflung iſt, wo nicht in dem Tone dieſer Worte. „Ich kann mich nicht von ihm entfernt halten. Ich kann ihn nicht aus dem Sinne bringen. Er geht mir Tag und Nacht durch den Kopf. Er iſt das Einzige in der ganzen Welt, zu dem ich tauge und der mir taugt. Oh der fürchterliche Fluß!“ Der Gedanke ging mir durch den Sinn, daß ich in dem Geſichte meines Begleiters, als er ſie ſprachlos und regungslos anſah, die Geſchichte ſeiner Nichte hätte le⸗ ſen können, wenn ich noch nichts davon gewußt hätte. Nie ſah ich auf irgend einem Gemälde oder in der Wirk⸗ lichkeit Entſetzen und Mitleid ſo eindringlich dargeſtellt. Er wankte, als ob er im Begriffe zu fallen ſei, und David Kopperfield. 85 ſeine Hand— ich berührte ſie mit der meinen; denn ſein Ausſehen beängſtigte mich— war todtenkalt. „Sie iſt in einem Zuſtande von Geiſtesſtörung,“ flüſterte ich ihm zu.„Sie wird in kurzer Zeit anders ſprechen.“ Ich weiß nicht, was er mir zur Antwort gegeben haben würde. Er machte eine Bewegung mit ſeinem Munde und ſchien zu denken, er habe geſprochen, aber er hatte nur mit ſeiner ausgeſtreckten Hand auf ſie ge⸗ wieſen. Ein neuer Ausbruch von Weinen überkam ſie nun, bei welchem ſie abermals ihr Geſicht unter den Steinen verbarg und vor uns lag wie ein hingeſtrecktes Bild von Erniedrigung und untergegangenem Glück. Mir bewußt, daß dieſer Zuſtand vorübergehen müſſe, ehe wir mit irgend einer Hoffnung auf Erfolg zu ihr ſpre⸗ chen könnten, unternahm ich's, ihn abzuhalten, als er ſie aufrichten wollte, und wir ſtanden ſtillſchweigend bei ihr, bis ſie ruhiger wurde. „ Martha,“ ſagte ich dann, indem ich mich nieder⸗ beugte und ihr behülflich war, aufzuſtehen— ſie ſchien nämlich aufſtehen zu wollen, als ob ſie die Abſicht hätte, wegzugehen, war aber zu ſchwach und lehnte ſich gegen ein Boot—„wiſſen Sie, wer das iſt, der mit mir iſt?“ Sie ſagte mit ſchwacher Stimme„Ja.“ „Wiſſen Sie, daß wir Ihnen heute Abend eine lange Strecke gefolgt ſind?“ Sie ſchüttelte den Kopf. Sie ſah weder ihn noch mich an, ſondern ſtand in gebeugter Stellung da, wo⸗ bei ſie Hut und Shawl in der einen Hand hielt, ohne, wie es ſchien, ſich deſſen bewußt zu ſein, und die an⸗ dere geballt gegen ihre Stirn preßte. „Sind Sie jetzt gefaßt genug,“ fragte ich,„mit uns 86 David Kopperſield. über den Gegenſtand ſprechen zu können, welcher Sie — ich hoffe, der Himmel wird Sie ſich daran erinnern laſſen— in jener ſchneeigen Nacht ſo intereſſirte.“ Sie brach von Neuem in Schluchzen aus, und ſie murmelte einige undeutliche Dankſagungen gegen mich, daß ich ſie nicht von der Thür weggetrieben habe. „Ich will nichts von mir ſagen,“ verſetzte ſie nach einigen Augenblicken.„Ich bin verworfen, ich bin verlo⸗ ren. Ich habe gar keine Hoffnung. Aber ſagen Sie ihm, Herr,“ ſie war nämlich vor ihm zurückgefahren,„wenn Sie gegen mich nicht zu ſtreng fühlen, um das zu thun, daß ich nie, in keiner Art nicht Urſache ſeines Unglücks geweſen bin.“ „ Es iſt Ihnen nie zugeſchrieben worden,“ erwiederte ich, auf ihren Ernſt mit Ernſt antwortend. „Sie waren's, wenn ich mich nicht ſelbſt täuſche,“ ſagte ſie mit gebrochener Stimme,„der in die Küche kam in jener Nacht, wo ſie ſich ſo barmherzig gegen mich erwies, ſo mildthätig gegen mich war, nicht vor mir zurückſchrak wie alle Andern, und mir ſo gütigen Bei⸗ ſtand leiſtete! Waren Sie es, mein Herr?“ „Ich war's,“ antwortete ich. „Ich würde lange ſchon im Fluſſe liegen,“ verſetzte ſie mit einem Blicke voll ſchrecklichen Ausdrucks auf den⸗ ſelben,„wenn auf meiner Seele irgend ein an ihr be⸗ gangenes Unrecht laſtete. Ich hätte mich keine einzige Winternacht enthalten können, hineinzuſpringen, wäre ich nicht frei geweſen von jedem Antheile hieran.“ „Die Urſache ihrer Flucht iſt zu wohl bekannt,“ ſagte ich.„Sie ſind in jedweder Weiſe unſchuldig daran, das glauben wir durchaus— das wiſſen wir ſogar.“ „Oh ich hätte viel beſſer gegen ſte ſein können, wenn ich ein beſſeres Herz gehabt hätte!“ rief das Mädchen David Kopperfield. 87 mit trauervollſter Reue;„denn ſie war ſtets gut gegen mich. Sie ſprach nie ein Wort zu mir, welches nicht freundlich und recht geweſen wäre. Iſt es wahrſchein⸗ lich, daß ich verſuchen würde, ſie zu dem zu machen, was ich ſelbſt bin, da ich ſo gut weiß, was ich bin? Als ich Alles verlor, was das Leben lieb macht, war der ſchlimmſte aller meiner Gedanken, daß ich auf ewig von ihr geſchieden ſei.“ Mr. Peggotty, welcher mit der einen Hand auf dem Rande des Bootes und mit niedergeſchlagenen Augen daſtand, hielt die andere freie Hand vor ſein Geſicht. „Und als ich von Jemandem, der zu unſerer Stadt gehörte, erfuhr, was ſich vor jener ſchneeigen Nacht zugetragen,“ ſchluchzte Martha,„war der bitterſte Ge⸗ danke in meiner ganzen Seele der, daß die Leute ſich erinnern würden, wie ſie einſt mit mir umgegangen ſei, und ſagen könnten, ich hätte ſie verdorben, wo ich doch, der Himmel iſt mein Zeuge, geſtorben wäre, wenn das ihr ihren guten Namen hätte zurückbringen können.“ Lange Zeit ungewöhnt an irgend eine Selbſtbeob⸗ achtung, war ſie ſchrecklich anzuſehen in dem durch⸗ bohrenden Schmerze ihrer Gewiſſensbiſſe und ihres Jammers. „Geſtorben zu ſein, würde nicht viel zu bedeuten gehabt haben— was kann ich ſagen?— nein, ich würde leben geblieben ſein!“ ſchrie ſie.„Ich würde leben ge⸗ blieben ſein, um alt zu werden in den unglückſeligen Straßen— und herumzuwandern, gemieden, im Dun⸗ keln— und den Tag anbrechen zu ſehen an den gei⸗ ſterbleichen Reihen von Häuſern und mich zu erinnern, wie dieſelbe Sonne dereinſt in mein Zimmer zu ſchei⸗ nen und mich zu wecken pflegte— ich würde ſelbſt das gethan haben, ſie zu retten.“ 88 David Kopperfield. Indem ſie auf die Steine ſank, nahm ſie einige davon in jede Hand und drückte ſie zuſammen, als ob ſie ſie zermalmen wollte. Sie fuhr fortwährend krampf⸗ haft in andere Stellungen, ſteifte ihre Arme, preßte ſie vor ihr Geſicht, als ob ſie das wenige Licht, welches dort war, von ſich abhalten wollte, und ließ den Kopf hängen, als ob er ſchwer ſei von unerträglichen Erin⸗ nerungen. „Was in aller Welt ſoll ich thun?“ ſagte ſte, in dieſer Weiſe mit ihrer Verzweiflung kämpfend.„Wie kann ich ſo wie ich bin, fortfahren, ein ſteter Fluch mei⸗ ner ſelbſt, eine lebende Schande für Jeden, dem ich nahe komme, zu ſein?“ Plötzlich wandte ſie ſich zu meinem Begleiter.„Zertreten Sie mich, tödten Sie mich! Als ſte noch Ihr Stolz war, würden Sie gedacht haben, ich hätte ihr ein Leid gethan, wenn ich in der Straße nur an ſie angeſtreift wäre. Sie konnen— und warum ſollten Sie?— nicht eine Sylbe glauben, die aus mei— nen Lippen kommt. Es würde Ihnen ſelbſt jetzt noch eine glühende Schamröthe ins Geſicht treiben, wenn ſie und ich ein Wort wechſelten. Ich beklage mich nicht. Ich ſage nicht, ſie und ich ſeien gleich— ich weiß, es iſt ein weiter Weg zwiſchen uns. Ich ſage nur mit all mei⸗ ner Schuld und all meinem Elende auf meinem Haupte, daß ich ihr von Herzen dankbar bin und ſie liebe. Oh glauben Sie nicht, daß alle die Kraft, die ich hatte, etwas zu lieben, ganz verbraucht iſt. Stoßen Sie mich von ſich, wie alle Welt thut. Tödten Sie mich dafür, daß ich bin, was ich bin, und ſte jemals gekannt habe; aber denken Sie nicht das von mir.“ Er ſah ſie an, als ſie dieſe flehentlichen Worte in einer wilden, ſchmerzzerriſſenen Weiſe an ihn richtete, und als ſie ſchwieg, hob er ſie ſanft auf. David Kopperfield. 89 „Martha,“ ſagte Mr. Peggotty,„verhüte Gott, daß ich Richter über Dich ſein ſollte. Verhüte Gott, daß ich von allen Menſchen dies thun ſollte, mein Mäd⸗ chen. Du weißt nicht die Hälfte von der Veränderung, die im Laufe der Zeit über mich gekommen iſt, wenn Du das für möglich hältſt. Na!“ er hielt einen Au⸗ genblick inne, dann fuhr er fort.„Du begreifſt nicht, warum dieſer Herre hier und ich gerne mit Dich haben reden wollen. Du begreifſt nicht, was wir vorhaben. Horch nu mal drauf.“ Sein Einfluß auf ſie war vollſtändig. Sie ſtand vor ihm, ſtets bereit zurückzufahren, als ob ſie ſich fürchte, ſeinen Augen zu begegnen, aber ihr leidenſchaft⸗ licher Kummer war ganz gedämpft und verſtummt. „Wenn Du was gehört haſt,“ fuhr Mr. Peggotty fort,„von dem, was zwiſchen mich und Musje Dav⸗ chen in der Nacht vorging, wo es ſo ſehr ſchneien that, ſo weißt Du, daß ich weit fort— in aller Herren Länder— geweſt bin, um meine liebe Nichte zu ſuchen. Meine liebe Nichte,“ wiederholte er beharrlich.„Denn ſie iſt mir jetzt lieber, Martha, als ſie mir jemals vor⸗ her geweſt iſt.“ Sie hielt ihre Hände vor ihr Geſicht, blieb aber ſonſt ſtill. „Ich habe ſie ſagen hören,“ ſprach Mr. Peggotty weiter,„daß Du Vater und Mutter frühzeitig verlo⸗ ren und keinen Freund gehabt hätteſt, der in rauher Seemannsweiſe ihre Stelle eingenommen hätte. Viel⸗ leicht kannſt Du Dir vorſtellen, daß wenn Du ſolch einen Freund gehabt hätteſt, Du ihn im Laufe der Zeit lieb gewonnen hätteſt, und daß meine Nichte ganz wie 'ne Tochter gegen mir war.“ Da ſie ſchweigend erbebte, gab er ihr ſorgſam ih⸗ 90 David Kopperfield. ren Shawl um, indem er ihn zu dieſem Zwecke vom Boden aufhob. „Daher weiß ich,“ ſagte er,„daß ſie zwar bis ans äußerſte Ende der Welt mit mir gehen würde, wenn ſie mich noch einmal wiederſehen koͤnnte; daß ſie aber auch ebenſo bis ans äußerſte Ende der Welt fliehen würde, um mich nicht ſehen zu müſſen. Denn obſchon ſie meine Liebe nicht bezweifeln kann— und auch nicht bezweifeln thut— gewiß nicht thut,“ wiederholte er mit ruhiger Zuverſicht, daß das, was er ſagte, wahr ſei,„ſo kommt doch die Scham und ſtellt ſich zwiſchen uns.“ Ich las in jedem Worte der klaren, eindringlichen Weiſe, in welcher er ſich ausſprach, einen neuen Be⸗ weis, daß er ſich dies eine Thema nach jeder Seite über⸗ dacht hatte, die es bot. „Nach unſerer Berechnung,“ fuhr er fort,„Musje Davchen ſeiner und meiner nämlich, iſt's möglich, daß ſie eines Tages ihren armen einſamen Weg nach Lon⸗ don nehmen thut. Wir— Musje Davchen, ich und wir alle mit'nander— glauben, daß Du an Allem, was ihr begegnet iſt, ſo unſchuldig biſt, als das Kind im Mutterleibe. Du haſt davon geſprochen, daß ſie freundlich, gefällig und mildthätig gegen Dich geweſen wäre. Gott ſegne ſie, ich weiß, ſie war's. Ich weiß, ſie war immer gegen Alle ſo. Du biſt dankbar gegen ſie und haſt ſie lieb. Hilf uns nach allen Kräften, ſie zu finden, und mag der Himmel Dir's lohnen!“ Sie warf haſtig und zum erſten Male einen Blick auf ihn, als ob ſie an dem, was er ſagte, zweifele. „Wollen Sie mir Vertrauen ſchenken?“ fragte ſie mit leiſer, verwunderter Stimme. „Volles und unbedingtes,“ ſagte Mr. Peggotty. —= David Kopperfield. 91 „Daß ich zu ihr ſpreche, wenn ich ſie je finden ſollte, ihr ein Obdach gebe, wenn ich ein Obdach mit ihr zu theilen habe, und dann, ohne daß ſie's weiß, zu Ih⸗ nen komme und Sie zu ihr bringe?“ fragte ſie eilig. Wir antworteten Beide zugleich:„Ja!“ Sie erhob ihre Augen und erklärte feierlich, daß ſie ſich dieſer Aufgabe mit Eifer und Treue unterziehen wolle. Daß ſie darin nie wanken, nie davon weichen, nie ab⸗ laſſen wolle, ſo lange noch irgend eine Ausſicht und Hoffnung da ſei. Wenn ſie nicht treu dabei bliebe, ſo möge der Zweck, den ſie jetzt im Leben habe, der ſie an etwas dem Böſen Abgekehrtes binde, ſie, wenn er von ihr ſchwände, in größerer Verlaſſenheit und Ver⸗ zweiflung zurücklaſſen, wenn das möglich wäre, als ſie in dieſer Nacht am Rande des Fluſſes gefühlt habe; und dann möge alle Hülfe, menſchliche wie göttliche, ſich auf ewig von ihr abkehren! Sie erhob ihre Stimme nicht lauter als ihr Athem, noch redete ſie uns an, ſondern ſagte dies zu dem nächt⸗ lichen Himmel; dann ſtand ſie in tiefem Schweigen da und blickte auf das düſtere Waſſer. Wir hielten es jetzt für nothwendig, ihr Alles zu erzählen, was wir wußten, und ich theilte es ihr end⸗ lich mit. Sie hörte mit großer Aufmerkſamkeit und mit einem Geſichte zu, welches oft wechſelte, aber daſſelbe Ziel in allen ſeinen verſchiedenartigen Ausdrücken hatte. Ihre Augen fuͤllten ſich gelegentlich mit Thränen, aber ſie hielt ſie zurück. Es ſchien, als ob ihre Stimmung eine völlig andere geworden ſei und ſie nicht ſtill genug ſein könnte. Als Alles erzählt war, fragte ſie, wohin ſie uns Mittheilung machen ſollte, wenn ſich Gelegenheit fände. Unter einer trüben Lampe auf der Straße ſchrieb ich 92 David Kopperfield. unſere beiden Adreſſen auf ein Blatt meines Taſchen⸗ buchs, welches ich herausriß und ihr gab, und welches ſie in ihren Buſen ſteckte. Ich fragte ſie, wo ſie ſelbſt lebte. Sie ſagte nach einer Pauſe: an keinem Orte lange. Es wäre beſſer, wenn wir's nicht wüßten. Indem Mr. Peggotty mich jetzt mit einem Geflüſter an etwas erinnerte, was mir bereits ſelbſt eingefallen war, nahm ich meine Börſe heraus, aber ich konnte ſie nicht vermögen, irgend Geld anzunehmen, und eben⸗ ſowenig konnte ich von ihr das Verſprechen erlangen, daß ſie dies ein ander Mal thun werde. Ich ſtellte ihr vor, wie man Mr. Peggotty für einen Mann ſeines Standes nicht arm nennen könnte, und wie der Gedanke, daß ſie bei dieſem Suchen von ihren eignen Hülfsquellen abhängen ſolle, uns Beiden ent⸗ ſetzlich wäre. Sie blieb ſtandhaft. In dieſem beſondern Punkte war ſein Einfluß auf ſie ganz ebenſo machtlos als der meine. Sie dankte ihm herzlich, blieb aber unerbittlich. „Vielleicht kann ich Arbeit kriegen,“ ſagte ſie.„Ich will's verſuchen.“ „So nehmen Sie wenigſtens einige Beihülfe an,“ erwiederte ich,„bis Sie es verſucht haben.“ „Ich könnte, was ich verſprochen habe, nicht um Geld thun,“ entgegnete ſie.„Ich könnte es nicht neh⸗ men, und wenn ich am Verhungern wäre. Mir Geld geben, würde mir Ihr Vertrauen entziehen, mir das Ziel, das Sie mir geſtellt, wegnehmen, mich des ein⸗ zigen gewiſſen Gegenſtandes berauben heißen, der mich vor dem Fluſſe bewahrt.“ „Im Namen des großen Richters,“ ſagte ich,„vor den Sie und wir Alle zu ſeiner furchtbaren Zeit treten müſſen, weiſen Sie dieſen ſchrecklichen Gedanken von David Kopperfield. 93 ſich! Wir Alle können Gutes vollbringen, wenn wir wollen.“ Sie zitterte, und ihre Lippe zuckte, und ihr Geſicht war bleicher, als ſie antwortete: „Es iſt Ihnen vielleicht ins Herz eingegeben wor⸗ den, ein unglückliches Geſchöpf für die Reue aufzuſpa⸗ ren. Ich wage nicht, das zu glauben; es ſcheint zu kühn. Wenn ich Urſache von irgend etwas Gutem werden ſollte, ſo könnte ich vielleicht Hoffnung ſchöpfen; denn nichts als Böſes iſt bis jetzt aus meinem Thun entſtanden. Man kann mir zum erſten Male nach lan⸗ ger Zeit vertrauen, daß ich mir mein elendes Leben nicht nehmen werde, und zwar auf Grund des Zieles, das Sie mir geſteckt haben. Ich weiß nichts weiter, und ich kann nichts weiter ſagen.“ Wieder preßte ſie die Thränen zurück, welche zu ſtrömen begonnen hatten, und indem ſie ihre zitternde Hand ausſtreckte, und Mr. Peggotty anrührte, als ob eine heilende Kraft in ihm wäre, ging ſie fort auf der einſamen Straße. Sie war krank geweſen, wahrſchein⸗ lich lange Zeit. Ich beobachtete bei dieſer Gelegenheit zu näherer Beobachtung, daß ſie welk und abgemagert ausfah, und daß ihre eingeſunkenen Augen Mangel und Leiden ausdrückten. Wirr folgten ihr in geringer Entfernung, indem unſer Weg in derſelben Richtung lag, bis wir zurück⸗ kamen in die hellerleuchteten und volkreichen Straßen. Ich hatte ein ſo unbegrenztes Vertrauen auf ihre Er⸗ klärung, daß ich's jetzt Mr. Peggotty vorſtellte, ob es nicht auf den erſten Blick ſcheinen würde, als ob wir ihr mißtrauten, wofern wir ihr weiter nachfolgten. Da er derſelben Anſicht war und ihr gleichfalls vertraute, ließen wir ſie ihre eigne Straße verfolgen und gingen * 8 94 David Kopperfield. die unſere, welche nach Highgate führte. Er begleitete mich ein gutes Stück Wegs, und als wir mit einem Segenswunſche für das Gelingen dieſer neuen Anſtren⸗ gung von einander ſchieden, war an ihm ein neuer und gedankenvoller Ausdruck von Theilnahme zu bemerken, den ich mir leicht erklärte. Es war Mitternacht, als ich heimkam. Ich hatte meine eigne Thür erreicht und ſtand dort, um der tief⸗ dröhnenden Glocke von Sanct Paul zuzuhören, deren Klang mir, wie mir's vorkam, unter der Menge ſchla⸗ gender Thurmuhren zugetragen worden war; da ſah ich zu meiner nicht geringen Verwunderung, daß die Thür an dem Landhäuschen meiner Tante offen ſtand, und daß ein ſchwaches Licht vom Eingange aus über die Straße weg ſchien. In der Meinung, daß meine Tante in eine ihrer einſtigen Befürchtungen zurückverfallen ſein und das Umſichgreifen einer eingebildeten Feuersbrunſt in der Entfernung beobachten möchte, ging ich, um mit ihr zu ſprechen. Mit dem größten Erſtaunen ſah ich in ihrem kleinen Garten einen Mann ſtehen. Er hatte ein Glas nebſt einer Flaſche in der Hand und war im Begriffe zu trinken. Ich blieb ſogleich unter dem dichten Blätterwerke draußen ſtehen; denn der Mond war jetzt aufgegangen, obwohl von Wolken verdunkelt; und ich erkannte den Mann wieder, den ich einſt für ein Hirngeſpinſt von Mr. Dick gehalten hatte, und dem ich einmal mit meiner Tante in den Straßen der Stadt begegnet war. Er trank nicht blos, ſondern aß auch und ſchien mit hungriger Gier zu eſſen. Er ſchien neugierig das Landhäuschen zu betrachten, als ob es das erſte Mal geweſen wäre, wo er es erblickt. Nachdem er ſich ge⸗ David Kopperfield. 95 bückt, um die Flaſche auf den Boden zu ſetzen, ſah er nach den Fenſtern hinauf und ſchaute um ſich, obwohl mit einer verlegenen und ungeduldigen Miene, als ob er gern fort wollte. Das Licht im Gange verdüſterte ſich einen Augen⸗ blick, und meine Tante kam heraus. Sie war aufge⸗ regt und zählte ihm einiges Geld in die Hand. Ich hörte es klimpern. „Was ſoll das nützen?“ fragte er. „Ich kann nicht mehr entbehren,“ entgegnete meine Tante. „Dann kann ich nicht gehen. Hier! Du kannſt es zurücknehmen!“ „Du ſchlechter Mann,“ antwortete meine Tante in großer Aufregung,„wie kannſt Du mich ſo behandeln! Aber weshalb frag' ich nur?'s iſt, weil Du weißt, daß ich ſo ſchwach bin. Was hab' ich, wenn ich Dich los ſein will, anders zu thun, als Dich Deinem Elende zu überlaſſen?“ „Und warum überläßt Du mich denn nicht meinem Elende?“ fragte er. „Du fragſt mich, warum?“ entgegnete meine Tante. „Was für ein Herz mußt Du haben!“ Er ſtand düſter da, klimperte mit dem Gelde und ſchüttelte mit dem Kopfe, bis er endlich ſagte: „Iſt das Alles, was Du mir zu geben gedenkſt?“ „Es iſt Alles, was ich Dir geben kann,“ verſetzte meine Tante.„Du weißt, ich habe Verluſte gehabt und bin ärmer als ich früher war. Ich habe Dir das geſagt. Nachdem Du aber nun etwas gekriegt haſt, warum machſt Du mir da noch den Schmerz, Dich noch einen Augenblick vor Augen haben und ſehen zu müſ⸗ ſen, was aus Dir geworden iſt?“ 96 David Kopperfield. „Ich bin lumpig genug geworden, wenn Du das meinſt,“ ſagte er.„Ich führe das Leben einer Eule.“ „Du nahmſt mir den größern Theil von allem, was ich je hatte,“ ſuhr meine Tante fort.„Du ver⸗ ſchloſſeſt mein Herz Jahre lang gegen die ganze Welt. Du behandelteſt mich falſch, undankbar und grauſam. Geh hin und bereue das. Füge nicht neue Beleidi⸗ gungen der langen, langen Liſte von Beleidigungen hinzu, die Du mir angethan haſt.“ „Ja, ja!“ entgegnete er.„'s iſt Alles ſehr ſchön. Na, ich glaube, ich muß für jetzt die Sache ſo gut nehmen wie ſie iſt.“ Er ſchien trotz ſeiner Gefühlloſigkeit doch durch die Thränen der Entrüſtung, die meine Tante vergoß, ein⸗ geſchüchtert zu ſein und kam ſchlürfend aus dem Garten. Indem ich zwei oder drei ſchnelle Schritte that, als ob ich eben herzugekommen wäre, traf ich mit ihm an der Thür zuſammen und ging hinein, als er herauskam. Wir ſahen uns, als wir aneinander vorübergingen, aus großer Nähe in die Augen und zwar mit keinen gün⸗ ſtigen Blicken. „Tante,“ ſagte ich haſtig.„Dieſer Menſch äng⸗ ſtigt Sie ſchon wieder! Laſſen Sie mich mit ihm re⸗ den. Wer iſt er?“ „Kind,“ erwiederte meine Tante, meinen Arm er⸗ greifend,„komm herein und ſprich zehn Minuten kein Wort mit mir.“ Wir ſetzten uns in ihrem Wohnzimmerchen nieder. Meine Tante zog ſich hinter den runden grünen Schirm aus der frühern Zeit zurück, welcher an die Lehne eines Stuhls geſchraubt war, und wiſchte ſich etwa eine Vier⸗ telſtunde lang gelegentlich die Augen. Dann kam ſie hervor und nahm einen Sitz neben mir ein. 97 David Kopperfield. „Trot,“ verſetzte meine Tante ruhig,„'s iſt mein Mann.“ „Ihr Mann, Tante; ich dachte, der wäre todt.“ „Todt für mich,“ entgegnete meine Tante,„aber am Leben.“ Ich ſaß in ſchweigendem Staunen da. „Betſey Trotwood ſieht nicht aus, als ob es von ihr wahrſcheinlich wäre, daß ſie zärtlicher Leidenſchaft unterworfen geweſen,“ ſagte meine Tante gefaßt,„aber es gab eine Zeit, wo ſie an dieſen Mann von ganzer Seele glaubte. Wo ſie ihn recht ſehr liebte, Trot. Wo es keinen Beweis von Anhänglichkeit und Liebe gab, den ſie ihm nicht gegeben haben würde. Er vergalt ihr das dadurch, daß er ihr Vermögen zu Grunde rich⸗ tete und ihr beinahe das Herz brach. So legte ſie dieſe Art Gefühl ein für alle Mal in ein Grab und füllte es auf und machte den Ort glatt.“ „Meine liebe gute Tante!“ „Ich verließ ihn,“ fuhr meine Tante fort, indem ſte ihre Hand wie gewöhnlich auf den Rücken der mei⸗ nen legte,„in einer großmüthigen Weiſe. Ich darf wohl ſagen, nachdem ſo viel Zeit dazwiſchen verfloſſen iſt, daß ich ihn auf großmüthige Weiſe verließ. Er hatte mich ſo grauſam behandelt, daß ich eine Trennung un⸗ ter leichten Bedingungen für mich hätte bewirken kön⸗ nen; aber ich that es nicht. Er machte bald, was ich ihm gegeben, zu Waſſer, ſank tiefer und tiefer, heira⸗ thete, glaub' ich, eine andere Frau, wurde ein Aben⸗ teurer, ein Gauner, ein Betrüger. Was er jetzt iſt, ſiehſt Du. Aber er war ein ſchöner Mann, als ich ihn heira⸗ thete,“ ſagte ſie mit einem Nachklange ihres alten Stolzes und Bewunderns in ihrem Tone,„und ich glaubte— Närrin, die ich war— er ſei die hraßnſäe ſelbſt.“ David Kopperſield. VIII. 98 David Kopperfield. Sie gab meiner Hand einen Druck und ſchüttelte den Kopf. „Er iſt mir jetzt nichts, Trot— weniger als nichts. 5 Aber ehe ich ihn für ſeine Vergehungen ſtrafen laſſe (was geſchehen würde, wenn er ſich hier im Lande her⸗ umtriebe) gebe ich ihm von Zeit zu Zeit, wenn er wie⸗ dererſcheint, mehr Geld, als ich im Stande bin, damit er nur wieder fortgeht. Ich war eine Närrin, als ich ihn heirathete, und ich bin hierin inſofern eine unver⸗ beſſerliche Närrin, als ich um deswillen, wofür ich ihn dereinſt hielt, nicht ein Mal dieſen Schatten meiner eit⸗ len Einbildung hart behandelt wiſſen möchte. Denn ich meinte es ernſtlich, Trot, wenn es je ein Frauenzimmer ſo meinte.“ Meine Tante ließ jetzt mit einem ſchweren Seufzer die Angelegenheit fallen und glättete ihr Kleid. „Da haſt Du die Geſchichte, mein Lieber,“ ſagte ſie.„Nun weißt Du Anfang, Mittel und Ende und Alles, was drum und dran hängt. Wir wollen die Sache nicht mehr gegen einander erwähnen, auch wirſt Du's natürlich gegen andere Leute nicht erwähnen. Dies iſt meine dumme, einfältige Geſchichte, und wir wollen ſie bei uns behalten, Trot!“ Achtundvierzigſtes Kapitel. Häusliches. Ich arbeitete jetzt fleißig an meinem Buche, ohne daß ich demſelben geſtattet hätte, der pünktlichen Erfül⸗ lung der Pflichten gegen meine Zeitung Eintrag zu thun, und es kam heraus und wurde mit großem Beifall auf⸗ genommen. Ich war nicht außer mir über die Lob⸗ ſprüche, welche in mein Ohr tönten, obſchon ich ſehr ſcharf darnach ausſchaute, und wie ich kaum zweifle, beſ⸗ ſer von meiner Leiſtung dachte, als irgend Jemand an⸗ ders. Meine Beobachtung der menſchlichen Natur hat mir ſtets gezeigt, daß Jemand, der irgendwie guten Grund hat, an ſich ſelbſt zu glauben, niemals viel We⸗ ſens vor andern Leuten von ſich macht, damit ſie an ſeinen Werth glauben. Aus dieſem Grunde bewahrte ich meine Beſcheidenheit in wahrer Selbſtachtung, und je mehr Lob mir zu Theil ward, deſto mehr verſuchte ich zu verdienen. Es iſt nicht mein Vorſatz, in dieſem Berichte, ob⸗ ſchon derſelbe in allen andern Weſentlichkeiten meine niedergeſchriebene Erinnerung iſt, die Geſchichte meiner ſchriftſtelleriſchen Schöpfungen zu verfolgen. Sie ſprechen 7* 100 David Kopperfield. ſelbſt aus, was ſie ſind, und ich überlaſſe ſie ſich ſelbſt. Wenn ich mich gelegentlich auf ſie beziehe, ſo iſt's nur ein Theil meines Fortſchritts im Leben. Indem ich während dieſer Zeit einigen Grund zu dem Glauben gewonnen hatte, daß Natur und Ereigniſſe mich zum Schriftſteller gemacht hätten, verfolgte ich mei⸗ nen Beruf mit Vertrauen. Ohne dieſe Zuverſicht würde ich's ſicherlich ſein gelaſſen und meine Willensſtärke einem andern Streben zugewendet haben. Ich würde dann verſucht haben, herauszufinden, wozu Natur und Ereigniſſe mich wirklich gemacht hätten, und das und nichts Anderes zu ſein. Ich hatte in die Zeitung und ſonſt noch mit ſolchem Glücke geſchrieben, daß ich, nachdem ich jenen neuen Erfolg erlangt, mich der Vernunft nach für berechtigt hielt, den ledernen Debatten den Rücken zu kehren. In einer fröhlichen Nacht ſchrieb ich die Noten von der Muſik der parlamentariſchen Sackpfeife zum letzten Male nieder, und nie vernahm ich ſie ſeitdem wieder, obſchon ich das alte Summen noch immer aus den Zeitungen heraus⸗ höre, und zwar ohne eine weſentliche Veränderung die liebe lange Sitzungszeit hindurch, es wäre denn viel⸗ leicht, daß es länger ſchnurrte. Ich ſchreibe jetzt von der Zeit, wo ich, glaub' ich, etwa anderthalb Jahr verheirathet war. Nach ver⸗ ſchiedenen und mannichfaltigen Verſuchen gaben wir das Haushalten als eine dumme Geſchichte auf. Das Haus hielt ſich ſelbſt, und wir hielten einen kleinen Bedien⸗ ten. Die hauptſächlichſte Function dieſes Laquaien war, ſich mit der Köchin zu zanken, in welcher Hinſicht er ein vollkommener Whittington, obwohl ohne deſſen Katze und ohne die geringſte Ausſicht, zum Lordmayor ge⸗ macht zu werden, war. 101 David Kopperfield. Er ſcheint mir in einem ſteten Hagel von Bratpfan⸗ nendeckeln gelebt zu haben. Seine ganze Exiſtenz war eine Balgerei. Er pflegte bei den allerunpaſſendſten Gelegenheiten um Hülfe zu kreiſchen— z. B. wenn wir ein Mittagsſchmäuschen oder ein paar Freunde zu Abend gebeten hatten— und ſtolpernd aus der Küche zu kommen, während ihm eiſerne Wurfgeſchoſſe nach⸗ flogen. Wir wären ihn gern losgeworden, aber er hing ſehr an uns und wollte nicht gehen. Er war ſolch ein thränenreicher Junge und brach in ein ſo klägliches Jammern aus, wenn irgendwie auf ein Aufhören un⸗ ſerer Verbindung angeſpielt wurde, daß wir gezwungen waren, ihn zu behalten. Er hatte keine Mutter,— nichts von irgend einer Art von Verwandten, ſo viel ich zu entdecken vermochte, ausgenommen eine Schweſter, welche aber in demſelben Augenblicke, wo wir ihn ihr aus den Händen genommen, nach Amerika floh; und er wurde bei uns einquartiert wie ein gräulicher kleiner Wechſelbalg. Er hatte ein lebhaftes Bewußtſein von ſeinem unglücklichen Zuſtande und rieb ſich in einem weg die Augen mit dem Aermel ſeiner Jacke, oder bückte ſich, um ſich die Naſe in den äußerſten Winkel ſeines kleinen Schnupftuchs zu ſchnäuzen, welches er nie ganz aus ſeiner Taſche ziehen wollte, ſondern ſtets ökonomiſch gebrauchte und geheim hielt. Dieſer unglückliche Page, zu böſer Stunde mit ſechs Pfund zehn Schilling jährlich in Dienſt genommen, war für mich eine Quelle ſteten Aergers. Ich beobachtete ihn, wie er aufwuchs— und er wuchs wie die Speck⸗ bohnen— mit qualvollen Befürchtungen für die Zeit, wenn er anfangen würde, ſich zu raſiren, ja ſelbſt für die Tage, wenn er grau werden würde. Ich ſah keine Ausſicht, ihn je los zu werden, und indem ich mich 102 David Kopperfield. in die Zukunft verſetzte, pflegte ich mir Gedanken zu machen, was für eine Unbequemlichkeit er ſein würde, wenn er ein alter Mann ſei. Ich hätte nichts weniger erwartet, als daß das Be⸗ nehmen dieſes Unglücklichen ſelbſt mir aus meiner Ver⸗ legenheit helfen werde. Er ſtahl Dora's Uhr, welche, wie Alles, was zu uns gehörte, keinen beſondern Platz hatte, ſetzte ſie in Geld um und verthat den Erlös(er war nämlich ſtets ein ſchwachköpfiger Junge) darin, daß er unabläſſig außen auf der Poſtkutſche zwiſchen Lon⸗ don und Urbridge hin⸗ und herfuhr. Er wurde nach Bow⸗Street abgeführt, ſo viel ich mich beſinne, bei Vollendung ſeiner fünfzehnten Reiſe, wo vier Schilling ſechs Pence und eine Pfeife, die er nicht zu ſpielen ver⸗ ſtand, bei ſeiner Perſon gefunden wurden. Dieſe Ueberraſchung und ihre Folgen würden mir weit weniger unangenehm geweſen ſein, hätte er ſich nicht als Reuigen gezeigt. Aber er bewies ſich ganz außeror⸗ dentlich reuig, und zwar in einer eigenthümlichen Weiſe — nicht im Bauſch und Bogen, ſondern gleichſam ra⸗ tenweiſe. Zum Beiſpiel: den Tag nach dem, wo ich gezwungen war, gegen ihn vor Gericht zu erſcheinen, gab er gewiſſe Aufſchlüſſe über einen Korb im Keller, von dem wir geglaubt hatten, daß er voll Wein ſei, welcher aber nichts in ſich enthielt als Flaſchen und Stöp⸗ ſel. Wir meinten, er habe nun ſein Herz erleichtert und das Schlimmſte erzählt, was er von der Köchin wiſſe; aber einen oder ein paar Tage nachher erlitt ſein Gewiſſen eine Preſſung, und er eröffnete uns, wie ſie ein kleines Mädchen habe, welche alle Morgen in der Frühe unſer Brot forthole, und wie er ſelbſt angeſtif⸗ tet worden ſei, den Milchmann mit unſern Kohlen zu bezahlen. Noch zwei oder drei Tage ſpäter wurde ich n — David Kopperſield. 103 von der Obrigkeit benachrichtigt, daß er ſte zu der Ent⸗ deckung von Lendenbraten unter dem Küchenabgange und von Betttüchern im Haderlumpſacke geführt habe. Ein Weilchen nachher brach er nach einer völlig neuen Rich⸗ tung hinaus und bekannte ſich als Mitwiſſer von ein⸗ brecheriſchen Abſichten eines Bierboten auf unſer Haus, welcher augenblicklich feſtgenommen wurde. Ich ſchämte mich ſo ſehr, ſolch ein Opfer zu ſein, daß ich ihm alles Geld, was er verlangt hätte, gegeben haben würde, nur daß er das Maul hielte, oder eine runde Summe hätte bieten mögen, um das Gericht zu beſtechen, ihn ſeiner Wege laufen zu laſſen. Es war ein erſchweren⸗ der Umſtand in dem Rechtsfalle, daß er keine Vorſtel⸗ lung davon hatte, ſondern es ſo nahm, als ob er mir durch jede neue Entdeckung Erſatz leiſte, um nicht zu ſagen, mir Verpflichtungen auferlege. Zuletzt lief ich ſelbſt weg, ſobald ich nur einen neuen Abgeſandten von der Polizei mit neuern Nachrichten ſich unſerm Hauſe nähern ſah, und lebte ein verborgenes Leben, bis er vor Gericht abgethan und zur Deporta⸗ tion verurtheilt war. Selbſt da vermochte er noch nicht Ruhe zu halten, ſondern ſchrieb uns in einem weg Briefe, und begehrte ſo ſehr, Dora noch einmal zu ſehen, ehe er wegginge, daß Dora ging, um ihn zu beſuchen, und in Ohnmacht fiel, als ſie ſich innerhalb der Eiſenſtäbe ſah. Kurz, ich hatte keine ruhige Lebensſtunde, ehe er nicht aus dem Vaterlande verbannt und(wie ich ſpäter hörte)„oben im Lande“ irgendwo— ich habe keine geographiſche Vorſtellung, an welchem Orte— zum Schäfer gemacht worden war. Alles dies brachte mich auf ernſte Gedanken und ließ mich unſere Mißgriffe in einem neuen Lichte ſehen, was ich denn auch nicht umhin konnte Dora, trotz 104 David Kopperfield. meiner zärtlichen Liebe zu ihr, eines Abends mitzu⸗ theilen. „Mein Herzchen,“ ſagte ich,„es iſt mir ein ſehr peinlicher Gedanke, daß unſer Mangel an Syſtem und ordentlicher Verwaltung nicht blos uns, die wir uns daran gewöhnt haben, ſondern auch andere Leute in ſeine Folgen verwickelt.“ „Du haſt eine lange Zeit geſchwiegen und willſt nun wieder garſtig ſein,“ verſetzte Dora. „Nein, meine Liebe, wirklich nicht. Laß mich Dir 'mal erklären, was ich meine.“ „Ach, ich denke, daß ich das nicht zu wiſſen brauche,“ ſagte Dora. „Aber ich glaube, daß Du's zu wiſſen brauchſt, mein Herzchen. Setze Zig nieder.“ Dora ſchob ſeine Naſe an die meine und ſagte:„Bah!“ um meine Ernſthaftigkeit zu vertreiben; da ſie jedoch damit nicht zum Ziele kam, hieß ſie ihn in ſeine Pa⸗ gode gehen, ſetzte ſich hin und ſah mich mit gefalteten Händen und einem ſehr gefaßten Ausdrucke ihres Ge⸗ ſichtchens an. „Die Sache iſt die, meine Liebe,“ begann ich,„daß Anſteckung in uns iſt. Wir ſtecken Jedermann um uns an.“ Ich würde wahrſcheinlich fortgefahren ſein in dieſer bildlichen Redeweiſe, wenn Dora's Geſicht mich nicht ermahnt hätte, daß ſie ſich höchlich verwundert frage, ob ich im Begriffe ſei, eine neue Art Kuhpockenimpfung oder ein anderes mediciniſches Mittel für dieſen unge⸗ ſunden Zuſtand von uns vorzuſchlagen. Deshalb wen⸗ dete ich mich davon ab und ſprach, was ich meinte, deutlicher aus. „„ s iſt nicht blos, mein Schäfchen,“ ſagte ich,„daß wir Geld und Bequemlichkeit und ſelbſt manchmal die David Kopperfield. 105 gute Laune verlieren, wenn wir nicht lernen, ſorgſamer zu ſein, ſondern daß wir auch in die ernſte Verant⸗ wortlichkeit verfallen, Jedermann, der in unſere Dienſte tritt oder irgend ein Geſchäft mit uns hat, zu verder⸗ ben. Ich fange an, zu fürchten, daß die Schuld nicht blos auf der einen Seite liegt, ſondern daß alle dieſe Leute zu guter Letzt ſchlecht werden, weil wir ſelbſt uns nicht ganz richtig benehmen.“ „Oh, was für eine Anklage!“ rief Dora aus, in⸗ dem ſie ihre Augen weit aufriß:„zu ſagen, daß Du mich jemals goldene Uhren hätteſt ſtehlen ſehen. Oh!“ „Meine Liebſte,“ warf ich beſchwichtigend ein,„rede doch nur nicht ſolchen abgeſchmackten Unſinn. Wer hat denn die leiſeſte Anſpielung auf goldene Uhren gemacht?“ „Du haſt ſie gemacht,“ antwortete Dora.„Du weißt, daß Du's gethan haſt. Du haſt geſagt, ich hätte mich nicht gut benommen, und mich mit ihm verglichen.“ „Mit wem?“. „Mit dem kleinen Bedienten,“ ſchluchzte Dora.„Oh Du grauſamer Menſch, Deine liebevolle Gattin mit einem deportirten Bedienten zu vergleichen! Warum haſt Du mir nicht Deine Meinung von mir geſagt, ehe wir uns heiratheten? Warum haſt Du mir nicht geſagt, Du hartherziges Geſchöpf, daß Du überzeugt wäreſt, ich ſei ſchlechter als ein deportirter Bedienter? Oh was für eine fürchterliche Meinung, die man von mir hat! Oh Du meine Güte!“ „Na, Dora, mein Herzchen,“ entgegnete ich mit einem ſanften Verſuche, das Taſchentuch wegzuziehen, welches ſie gegen ihre Augen preßte,„das iſt nicht blos ſehr lächerlich von Dir, ſondern ſogar ſehr ſchlecht. Er⸗ ſtens iſt’'s nicht wahr.“ „Du ſagteſt immer, er wäre ein Flauſenmacher,“ 106 David Kopperfield. ſchluchzte Dora.„Und nun ſagſt Du Daſſelbe von mir. Oh was ſoll ich thun? Was ſoll ich thun?!“ „Mein allerliebſtes Herzensmädchen,“ warf ich ein, „ich muß Dich wirklich bitten, vernünftig zu ſein und draufzuhören auf das, was ich ſagte und noch ſage. Meine liebe Dora, wenn wir nicht lernen, unſere Pflicht zu thun gegen Die, welche wir beſchäftigen, werden ſie nie lernen, ihre Pflicht gegen uns zu thun. Ich fürchte, wir geben den Leuten Gelegenheiten, Unrecht zu thun, an die Hand, die ihnen durchaus nicht gegeben werden ſollten. Selbſt wenn wir ſo nachläſſig, wie wir in allen unſern Anordnungen ſind, mit Willen wären— was nicht der Fall iſt— ſelbſt wenn wir an der Un⸗ ordnung unſer Vergnügen hätten und es angenehm fän⸗ den— was wir doch nicht thun— würden wir mei⸗ ner Ueberzeugung nach kein Recht haben, in dieſer Weiſe fortzufahren. Wir verderben geradezu die Leute. Wir ſind verpflichtet, daran zu denken. Ich kann nicht um⸗ hin, daran zu denken, Dora. Es iſt ein Gedanke, den ich nicht loszuwerden vermag, und welcher mich manchmal ſehr ungemüthlich macht. Da, mein Herz⸗ chen, das iſt Alles. Komm nun, und ſei kein Närr⸗ chen!“ Dora wollte mir lange Zeit nicht erlauben, das Taſchentuch wegzuziehen. Sie ſaß ſchluchzend und mur⸗ melnd dahinter: Warum ich, wenn ich ungemüthlich wäre, geheirathet hätte? Warum ich nicht ſelbſt den Tag noch, ehe wir zur Kirche gegangen wären, ihr geſagt hätte, daß ich wiſſe, ich werde mich ungemüthlich befinden, und ich wollte lieber nicht? Wenn ich ſie nicht ausſtehen könnte, warum ſchickte ich ſie denn nicht fort zu ihren Tanten nach Putney oder zu Julia Mills in Indien? Julia würde ſich freuen, ſie zu ſehen, und ſie nicht einen David Kopperfield. 107 deportirten Bedienten ſchimpfen; Julia hätte ſie niemals etwas von der Art geheißen. Kurz Dora war ſo un⸗ glücklich und machte mich dadurch, daß ſie in dieſem Zuſtande war, ebenfalls ſo unglücklich, daß ich fühlte, es ſei von keinem Nutzen, einen derartigen Verſuch, wenn auch noch ſo mild, zu wiederholen, und ich müſſe einen andern Weg einſchlagen. Welcher andere Weg blieb mir übrig, einzuſchlagen? „Ihren Geiſt zu bilden?“ Dieſes war eine gäng und gäbe Phraſe, welche einen ſchönen und vielverſprechen⸗ den Klang hatte, und ſo entſchloß ich mich denn, Dora's Geiſt zu bilden. Ich begann unverzüglich damit. Wenn Dora ſehr kindiſch war und ich es unendlich vorgezogen haben würde, luſtig mit ihr zu ſein, ſo verſuchte ich den Ernſthaften zu ſpielen— und ſtörte ihre Laune und die meinige dazu. Ich ſprach zu ihr über die Gegenſtände, welche meine Gedanken beſchäftigten, las ihr aus Shakeſpear vor— und ermüdete ſie im höchſten Grade. Ich ge⸗ wöhnte mich, ihr, als ob es ganz zufällig geſchähe, kleine Schnipſel nützlicher Belehrung oder geſunder Mei⸗ nung zukommen zu laſſen— und ſie fuhr vor ihnen, wenn ich ſie los ließ, wie vor Fröſchen beim Feuer⸗ werke zurück. Gleichviel, wie gelegentlich oder natür⸗ lich ich das Gemüth meiner kleinen Frau zu bilden mich beſtrebte, ich konnte doch nicht umhin zu ſehen, wie ſie ſtets einen inſtinktmäßigen Begriff hatte, worauf ich ausging, und eine Beute der ſcharfblickendſten Befürch⸗ tungen war. Beſonders war es mir klar, daß ſie Sha⸗ keſpear für einen fürchterlichen Kerl hielt. So ging die Geiſtesbildung ſehr langſam vorwärts. Ich zwang Traddles, ohne daß er's wußte, mir dienſt⸗ bar zu ſein; und ſobald er zu uns auf Beſuch kam, 108 David Kopperfield. ließ ich meine Minen vor ihm ſpringen, damit zugleich Dora davon erbaut würde. Der Betrag praktiſcher Le⸗ bensweisheit, die ich in dieſer Weiſe Traddles mittheilte, war unermeßlich und von der beſten Qualität; aber er hatte keine andere Wirkung auf Dora, als ihr die Laune zu verderben und ſie ſtets nervenſchwach zu machen aus Furcht, daß nächſtens an ſie die Reihe kommen werde. Ich ſah mich in der Eigenſchaft eines Schulmeiſters, einer Falle, einer Fanggrube; ſah, daß ich ſtets die Spinne zu Dora's Fliege ſpielte und ſtets aus meiner Höhle ſchoß zu ihrer unendlichen Qual. Indeß, mit dem Hinblicke über dieſe Zwiſchenperiode hinweg auf die Zeit, wo eine vollkommene Seelenein⸗ heit zwiſchen mir und Dora ſtattfinden, und wo ich„ih⸗ ren Geiſt zu meiner voͤlligen Zufriedenheit gebildet“ haben würde, beharrte ich in meinem Verfahren ſogar Monate lang. Als ich jedoch zu guter Letzt fand, daß ich, obwohl ich die ganze Zeit über ein wahres Stachel⸗ ſchwein oder Igelthier, über und über geſtachelt mit Entſchiedenheit, geweſen war, doch nichts zu Wege ge⸗ bracht hatte, ſo gerieth ich allmählig auf den Gedan⸗ ken, daß Dora's Geiſt vielleicht ſchon ausgebildet ſei. Bei weiterer Betrachtung erſchien das ſo natürlich, daß ich meinen Plan, der ſich in Worten beſſer aus⸗ genommen hatte, als bei der Anwendung, fallen ließ, entſchloſſen, von jetzt ab zufrieden zu ſein mit meinem kindiſchen Weibchen und durch kein Verfahren zu ver⸗ ſuchen, ſie in etwas Anderes zu verwandeln. Ich hatte es ſelbſt herzlich ſatt, den Scharfſinnigen und Klugen zu ſpielen und meinen Liebling ſich Zwang anthun zu ſehen; ſo kaufte ich ein Paar hübſche Ohrringe für ſie und ein Halsband für Zig, und ging eines Tages heim, um mich angenehm zu machen. —.— — B— ₰:— David Kopperfield. 109 Dora war entzückt über die kleinen Geſchenke und küßte mich fröhlich; aber es ſtand doch ein, wenn auch ſchwacher Schatten zwiſchen uns, und ich hatte mir vor⸗ genommen, daß er nicht dort ſein ſollte. Wenn irgend⸗ wo ein ſolcher Schatten ſein mußte, ſo wollte ich ihn ins Künftige in meiner eignen Bruſt bewahren. Ich ſetzte mich zu meiner Frau auf das Sopha nie⸗ der und machte ihr die Ohrringe in die Ohren, und dann ſagte ich ihr, wie ich befürchte, daß wir in der letzten Zeit nicht ſolche gute Leutchen zuſammen geweſen wären wie früher, und daß die Schuld an mir läge. Was ich aufrichtig empfand, und was in der That rich⸗ tig war. „Der wahre Sachverhalt, Dora, mein Leben,“ ſagte ich,„iſt der, daß ich verſuchte, weiſe zu ſein.“ „Und auch mich weiſe zu machen,“ verſetzte Dora ſchüchtern.„Nicht wahr, Daddy?“ Ich nickte meine Bejahung auf die niedliche Frage der erhobenen Augenbrauen und küßte die Lippen, die von den meinen ſich getrennt hatten. „'s nutzt nicht ein Bischen,“ ſagte Dora, den Kopf ſchüttelnd, daß die Ohrringe wieder hin und her bau⸗ melten.„Du weißt, was ich für ein kleines Ding bin, und wie ich gleich von der erſten Zeit an von Dir ge⸗ heißen ſein wollte. Wenn Du das nicht thun kannſt, ſo fürchte ich, daß Du mich nicht leiden können wirſt. Biſt Du überzeugt, daß Du nicht manchmal denkſt, es würde beſſer geweſen ſein, wenn Du—“ „Wenn ich was gethan hätte, meine Liebe?“ fragte ich; denn ſie machte keine Anſtalt, weiter fortzufahren. „Nichts!“ ſagte Dora. „Nichts?“ wiederholte ich. Sie legte ihre Arme um meinen Hals und lachte 110 David Kopperfield. und nannte ſich ſelbſt bei ihrem Lieblingsnamen Gäns⸗ chen und verbarg ihr Geſicht an meiner Schulter in ſolch einer Fülle von Locken, daß es eine wahre Auf⸗ gabe war, ſie wegzuſchaffen und das Geſicht zu ſehen. „Iſt mir's nicht, als würde es beſſer geweſen ſein, nichts zu thun, als den Verſuch zu machen, den Geiſt meiner kleinen Frau zu bilden?“ ſagte ich, über mich ſelbſt lachend.„Iſt das die Frage? Ja,'˙s iſt richtig.“ „Iſt's das, was Du verſucht haſt?“ ſchrie Dora. „Oh, was für ein entſetzlicher Junge!“ „Aber ich werde es nicht wieder verſuchen,“ ſagte ich.„Denn ich liebe ſie innig ſo, wie ſie iſt.“ „Ohne Flauſen— wirklich?“ fragte Dora, indem ſie ſich näher an mich ſchmiegte. „Warum ſollte ich eine Veränderung ſuchen an dem, was mir ſo lange Zeit ſo theuer geweſen iſt! Du kannſt nie etwas Beſſeres aufweiſen, als Dein eignes natür⸗ liches Selbſt, meine ſüße Dora; und wir wollen keine großgeſpreitzten Experimente mehr verſuchen, ſondern zu unſerer alten Weiſe zurückkehren und glücklich ſein.“ „Und glücklich ſein!“ erwiederte Dora.„Ja. Den ganzen Tag! Und Du wirſt Dich nicht dran ſtoßen, wenn die Dinge manchmal ein ganz kleines Gemerkchen unrichtig gehen?“ „Nein, nein. Wir müſſen ſo gut durchzukommen ſuchen, als wir können.“ „Und Du wirſt mir nicht mehr ſagen, daß wir andere Leute zu ſchlechten Menſchen machen,“ ſchmei⸗ chelte Dora,„weil das, wie Du weißt, gar zu fürch⸗ terlich garſtig iſt.“ „Nein, nein,“ verſetzte ich. „'s iſt beſſer für mich, dumm zu ſein, als in trau⸗ riger Stimmung, nicht wahr?“ ſagte Dora. — —— David Kopperfield. 111 „Beſſer meine natürliche Dora zu ſein, als irgend etwas Anderes in der Welt.“ „In der Welt! Oh Daddy, das iſt ein großer Raum!“ Sie ſchüttelte ihren Kopf, wendete ihre vor Ent⸗ zucken glänzenden Augen auf die meinen, küßte mich, brach in ein heiteres Lachen aus und ſprang fort, um Zig ſein neues Halsband anzulegen. So endete mein letzter Verſuch, Dora einigermaßen zu ändern. Ich war bei dem Verſuche unglücklich ge⸗ weſen; ich konnte meine eigne einſame Weisheit nicht ertragen; ich konnte ſie nicht in Einklang bringen mit ihrer früheren Bitte an mich, ſie als mein kindiſches Weibchen zu betrachten. Ich beſchloß in der Stille zu thun, was ich könnte, um unſer Hausweſen etwas in die Höhe zu bringen; aber ich ſah voraus, daß mein Aeußerſtes ſehr wenig ſein werde, wenn ich mich nicht wieder zur Spinne erniedrigen und ewig auf der Lauer liegen wollte. Und der Schatten, den ich erwähnt habe, welcher nicht mehr zwiſchen uns ſein, ſondern ganz auf meinem Herzen ruhen ſollte? Wie fiel dieſer? Das alte unglückliche Gefühl ging durch mein Le⸗ ben. Es hatte ſich, wenn ſich's überhaupt verändert hatte, vertieft; aber es war ſo wenig beſtimmt, wie immer, und klang mir wie eine trauervolle Muſik, die man ſchwach während der Nacht vernimmt, in die Oh⸗ ren. Ich liebte meine Frau innig, und ich war glück⸗ lich; aber das Glück, das ich einſt träumeriſch unklar im Voraus gefühlt, war nicht das Glück, deſſen ich mich erfreute, und es mangelte ſtets ein Etwas daran. In Erfüllung des Vertrags, den ich mit mir ſelbſt abgeſchloſfen, mein Inneres auf dieſem Papier abzuſpie⸗ 112 David Kopperfield. geln, prüfe ich es abermals genau und bringe ſeine Geheimniſſe ans Tageslicht. Was ich vermißte, betrach⸗ tete ich auch jetzt noch— betrachtete ich ſtets— als etwas, das ein Traum meiner jugendlichen Einbildungs⸗ kraft geweſen, das aber unmöglich verwirklicht werden könne; von dem ich jetzt, mit einem gewiſſen natürlichen Schmerze, wie alle Menſchen, entdeckte, daß es ſich ſo damit verhalte. Aber das wußte ich, daß es für mich beſſer geweſen wäre, wenn meine Gattin mir mehr hätte helfen und an den Gedanken hätte theilnehmen können, bei denen ich keinen Theilnehmer hatte, und daß dies wohl hätte ſein können. Zwiſchen den beiden unverſöhnlichen Schlüſſen: dem einen, daß, was ich fühle, allgemein und unvermeid⸗ lich ſei; dem andern, daß es beſonders mir ſo ging und anders hätte ſein können, ſchwankte ich wunderlich einher, ohne ein beſtimmtes Gefühl, daß ſie im Ge⸗ genſatze zu einander ſtünden. Wenn ich an die luftigen Träume der Jugend dachte, welche ſich nicht verwirklichen laſſen, erinnerte ich mich an den beſſern, dem Mannes⸗ alter vorhergehenden Zuſtand, welchem ich jetzt entwach⸗ ſen war, und dann ſtiegen die in Zufriedenheit mit Agnes in dem lieben alten Hauſe verlebten Tage vor mir auf, wie Geſpenſter der Todten, welche wohl in einer andern Welt einer Verneuerung entgegengingen, hier aber nimmer, nimmer wieder zum Leben erweckt werden könnten. Manchmal kam mir wohl der Gedankengang in den Sinn, was wohl hätte geſchehen können, oder was wohl geſchehen ſein würde, wenn Dora und ich uns einan⸗ der nie gekannt hätten? Aber ſie war mit meiner Exi⸗ ſtenz ſo verwachſen, daß es die eitelſte aller Einbildun⸗ gen war, und bald aus meinem Bereich und Geſicht ———- ———- David Kopperfield. 113 entſtiegen war wie Marienfäden, die in der Luft hin⸗ und hergetrieben werden. Ich liebte ſie ſtets. Was ich beſchreibe, das ſchlum⸗ merte, wachte halb auf und ſchlief wieder ein in den innerſten Gründen meiner Seele. Ich war mir darüber nicht klar; ich weiß von keinem Einfluſſe, den es auf das, was ich ſagte oder that, gehabt hätte. Ich trug die Laſt aller unſerer kleinen Sorgen und aller meiner Pläne; Dora hielt mir die Federn, und wir empfanden Beide, daß unſere Rollen vertheilt wären, wie es die Umſtände erforderten. Sie war mir mit treuer Liebe ge⸗ zuthan und ſtolz auf mich; und wenn Agnes ein paar ernſthafte Worte in ihren Briefen an Dora ſchrieb, von dem Stolze und der Theilnahme, mit welchen meine alten Freunde von meinem wachſenden Rufe hörten und mein Buch läſen, als ob ſie mich den Inhalt deſſelben ſprechen hörten, las Dora mir dieſelben mit Freuden⸗ thränen in ihren hellen Augen vor und ſagte, ich ſei ihr lieber, alter, geſcheidter, berühmter Junge. „Der erſte mißverſtandene Antrieb eines unerfahre⸗ nen Herzens.“— Dieſe Worte der Mrs. Strong fielen mir zu dieſer Zeit ſtets wieder ein, ja waren faſt alle⸗ zeit meiner Seele gegenwärtig. Ich erwachte oft mit ihnen in der Nacht; ich erinnere mich, ſie in Träumen ſelbſt auf den Wänden von Häuſern geleſen zu haben. Denn ich wußte jetzt, daß mein eignes Herz ein uner⸗ fahrenes geweſen, als ich mich in Dora verliebt; und daß ich, wenn es erfahren geweſen wäre, nach meiner Verheirathung nie hätte empfinden koͤnnen, was es in ſeiner geheimen Erfahrung empfunden hatte. „Es kann keine größere Ungleichheit in der Che ge⸗ ben, als das Nicht⸗Zuſammenpaſſen der Seelen und Be⸗ ſtrebungen.“— Auch dieſer Worte entſann ich mich. Ich David Kopperfield. VIII. 8 114 David Kopperfield. hatte verſucht, Dora mir anzupaſſen, und es unausführbar gefunden. Es blieb mir übrig, mich Dora anzupaſſen, mit ihr zu theilen, was ich konnte, und mit ihr glück⸗ lich zu ſein; auf meinen eignen Schultern zu tragen, was ich mußte, und trotzdem glücklich zu ſein. Dies war die Zucht und Gewöhnung, in die ich mein Herz zu bringen ſtrebte, als ich darüber nachzudenken begann. Es machte mir mein zweites Jahr weit glücklicher als mein erſtes, und, was noch beſſer war, es machte Dora's Leben zu lauter Sonnenſchein. Aber als das Jahr weiter rückte, hatte Dora keine feſte Geſundheit. Ich hatte gehofft, daß leichtere Hände als die meinen helfen würden, ihren Charakter zu for⸗ men, und daß das Lächeln eines Säuglings an ihrer Bruſt mein kindiſches Weibchen in ein Weib verwan⸗ deln werde. Es ſollte nicht ſein. Der kleine Geiſt flackerte einen Augenblick auf der Schwelle ſeines Ge⸗ fängniſſes und hob dann, nichts wiſſen wollend von Gefangenſchaft, die Schwinge. „Wenn ich wieder herumlaufen kann, wie ich zu thun pflegte, Tante,“ ſagte Dora,„ſo werde ich mit Zig einen Wettlauf anſtellen. Er wird mir jetzt recht träg und langſam.“ „Ich vermuthe, meine Liebe,“ erwiederte meine Tante, die ruhig an ihrer Seite arbeitete,„er leidet an einem ſchlimmern Fehler als dieſem. Am Alter, Dora.“ „Denken Sie, daß er alt iſt?“ fragte Dora erſtaunt. „Oh wie wunderlich es einem vorkommt, daß Zig alt ſein ſoll.“ „Das iſt ein Leiden, dem wir Alle unterworfen ſind, Kleine, wenn wir an Jahren vorrücken,“ verſetzte meine Tante heiter;„ich verſichere Dir, ich fühle mich nicht mehr frei davon, wie früher.“ David Kopperfield. 115 „Aber Zig,“ meinte Dora, mit einem mitleidigen Blicke auf ihn,„ſelbſt der kleine Zig! Oh, der arme Kerl!“ „Ich glaube, er wird noch eine lange Zeit aushal⸗ ten, Blümchen,“ ſagte meine Tante, indem ſie Dora auf die Wange klopfte, als ſie ſich von ihrem Lager herauslehnte, um nach Zig zu ſehen, welcher ihr da⸗ durch antwortete, daß er auf ſeinen Hinterbeinen ſtand und ſich in verſchiedenen, von Keuchen begleiteten Ver⸗ ſuchen abquälte, mit Kopf und Schultern in die Höhe zu krabbeln. „Er muß dieſen Winter ein Stück Flanell in ſein Haus bekommen, und ich ſollte mich nicht wundern, wenn er auf den Frühling mit den Blumen ganz friſch und jung herauskäme. Tauſend über den kleinen Hund! 4 rief meine Tante,„wenn er ſo viele Leben, wie eine Katze hätte und auf dem Punkte ſtünde, ſie alle mit⸗ einander zu verlieren, ſo würde er mich, glaub' ich, noch mit ſeinem letzten Athem anbellen.“ Dora hatte ihm auf's Sopha geholfen, wo er wirk⸗ lich meine Tante in ſolch einem wüthenden Grade an⸗ boll, daß er ſich nicht gerade zu halten vermochte, ſon⸗ dern ſich ganz ſchief bellte. Je mehr meine Tante ihn anſah, deſto mehr zankte er auf ſie los; denn ſie hatte ſich vor Kurzem eine Brille zugelegt, und aus irgend einem unbegreiflichen Grunde hielt er die Brillengläſer für beleidigend. Dora hieß ihm ſich neben ſie niederlegen, wozu ſie ein gutes Theil Ueberredung verwenden mußte, und zog, als er ſtill war, eines ſeiner langen Ohren immer und immer wieder durch ihre Hände, indem ſie gedanken⸗ voll wiederholte:„Selbſt der kleine Zig! Oh der arme Kerl!“ 8* 116 David Kopperfield. „Seine Lungen ſind gut genug,“ ſagte meine Tante heiter,„und er weiß ſein Mißfallen durchaus nicht ſchwächlich auszudrücken. Er hat ohne Zweifel noch eine gute Reihe Jahre vor ſich. Aber wenn Du'nen Hund zum Wettrennen haben willſt, Blümchen, dazu hat er zu gut gelebt, und ich will Dir einen geben.“ „Danke Ihnen, Tante,“ erwiederte Dora ſchwach. „Aber bitte, thun Sie das nicht.“ „Nicht?“ fragte meine Tante, ihre Brille abneh⸗ mend. „Ich könnte keinen andern Hund haben als Zig,“ ſagte Dora.„Es würde ſo unfreundlich gegen Zig ſein! Auch könnte ich mit keinem andern Hunde ſo gut Freund ſein wie mit Zig, weil er mich nicht vor meiner Verheirathung gekannt haben und Daddy nicht angebellt haben würde, als er zum erſten Male in unſer Haus kam. Ich fürchte, ich könnte mich mit kei⸗ nem andern Hunde einlaſſen, als mit Zig, Tante.“ „Ganz recht!“ ſagte meine Tante, ihr abermals auf die Wange klopfend.„Du haſt recht.“ „Sie fühlen ſich doch nicht beleidigt?“ fragte Dora. „Nicht wahr, nicht?“ „Ei Tauſend, was für ein zartfühlendes Lämmchen das iſt!“ ſchrie meine Tante, ſich liebevoll über ſie beugend.„Zu denken, daß ich beleidigt ſein könnte!“ „Nein, nein, ich dachte nicht gerade ſo,“ entgegnete Dora;„aber ich bin ein Bischen matt, und das machte mich einen Augenblick einfältig— ich bin immer ein einfältiges kleines Ding, wie Sie wiſſen, aber das machte mich noch einfältiger, wie von Zig die Rede war. Er hat mich gekannt bei Allem, was mit mir vorgefallen iſt, nicht wahr, Zig? Und ich könnt' es nicht über's Herz bringen, ihn bei Seite zu ſetzen, weil David Kopperfield. 117 er ſich ein wenig verändert hat— nicht wahr, das könnte ich nicht, Zig?“ Zig krabbelte ſich näher an ſeine Herrin und leckte ihr träge die Hand. „Nicht wahr, Du biſt noch nicht ſo alt, Zig, daß Du ſchon Deine Herrin verlaſſen wollteſt?“ ſagte Dora. „Wir können uns einander noch ein Bischen länger Geſellſchaft leiſten.“ Meine niedliche Dora! Als ſie am folgenden Sonn⸗ tag zum Mittagseſſen herunterkam und ſich ſo freute, den alten Traddles zu ſehen(welcher Sonntags ſtets bei uns ſpeiſte), dachten wir, ſie werde in wenigen Tagen„herumlaufen, wie ſie zu thun gepflegt“. Aber man ſagte, warten Sie noch einige Tage, und dann, warten Sie noch ein paar Tage, und immernoch konnte ſie weder laufen noch gehen. Sie ſah ſehr hübſch aus und war ſehr luſtig, aber die kleinen Füße, welche einſt ſo zierlich hin⸗ und herfuhren, wenn ſie um Zig her⸗ umtanzte, waren abgeſtorben und bewegungslos. Ich begann ſie jeden Morgen herunter⸗ und jeden Abend hinaufzutragen. Sie pflegte mich während deſ⸗ ſen um den Hals zu faſſen und zu lachen, als ob ich es einer Wette wegen thäte. Zig pflegte zu bellen und um uns herumzutrottiren und uns vorauszugehen und beim Treppenabſatze ſich keuchend umzuſehen, ob wir auch kämen. Meine Tante, die beſte und heiterſte der Wärterinnen, pflegte hinter uns herzuſchlürfen, eine ſich bewegende Maſſe von Shawls und Kiſſen. Mr. Dick würde keinem Sterblichen ſeinen Poſten als Kerzen⸗ träger überlaſſen haben. Traddles war oft am Fuße der Treppe, ſah zu und empfing ſcherzhafte Aufträge von Dora, zu beſtellen an das liebſte Mädchen in der Welt. Wir machten eine völlig luſtige Proceſſion dar⸗ 118 David Kopperfield. aus, und mein kindiſches Weibchen war die Luſtigſte dabei. Manchmal indeß, wenn ich ſie aufhob und fühlte, daß ſie leichter in meinen Armen ſei, überkam mich eine tödtlich unheimliche Empfindung, als ob ich mich einer eiskalten, bis jetzt noch ungeſehenen Region nähere, welche mein Leben erſtarren machte. Ich vermied es, dieſes Gefühl durch Nennung irgend eines Namens dafür oder durch irgend ein Eingehen darauf anzu⸗ erkennen; aber eines Nachts, wo es mir ſehr ſtark auf der Seele lag und meine Tante ſie mit dem Abſchieds⸗ rufe„Gute Nacht, kleines Blümchen!“ verlaſſen hatte, ſetzte ich mich einſam an mein Pult und verſuchte zu denken: Oh, was für ein verhängnißvoller Name es war, und wie das kleine Blümchen an ſeinem Baume dahinwelkte! Neunundvierzigſtes Kapitel. Ich werde in Geheimniſſe verwickelt. Ich empfing eines Morgens durch die Poſt den folgenden Brief, datirt Canterbury und an mich in Docrtors Commons gerichtet, welchen ich mit einigem Erſtaunen las: „Mein lieber Herr, Umſtände, welche nicht in meiner Hand lagen, ha⸗ ben für einen beträchtlichen Zeitraum eine Erkaltung des innigen Verhältniſſes herbeigeführt, welches bei den beſchränkten Gelegenheiten, die mir inmitten meiner Be⸗ rufspflichten zur Betrachtung der Scenen und Ereigniſſe der Vergangenheit, wie ſie vom Regenbogenſchimmer des Gedächtniſſes angehaucht wird, geſtattet waren, mir ſtets freundliche Empfindungen nicht gemeiner Art be⸗ reitete und ſtets zu bereiten fortfahren muß. Dieſe Thatſache, mein lieber Herr, verbunden mit der aus⸗ gezeichneten und erhabenen Stellung, zu der Ihre Ta⸗ lente Sie erhoben haben, hält mich ab, ſo kühn zu ſein, mir die Freiheit zu nehmen, den Gefährten mei⸗ ner Jugend mit dem familiären Namen Kopperfield 120 David Kopperfield. anzureden. Es iſt hinreichend, zu wiſſen, daß der Name, auf welchen mich zu beziehen ich mir hier die Ehre gebe, ewig unter den Urkunden unſeres Hauſes (ich ſpiele auf die mit unſern frühern Miethsleuten in Beziehung ſtehenden Archive, welche Mrs. Micawber aufbewahrt) mit Gefühlen einer Hochachtung, die ſich bis zur Liebe erſtreckt, wie ein Kleinod bewahrt bleiben wird. Es gebührt ſich für Jemand, welcher jetzt durch ſeine urſprünglichen Verirrungen und ein zufälliges Zu⸗ ſammentreffen ungünſtiger Umſtände in einer Lage iſt, wie die geſcheiterte Barke(wenn ich mir erlauben darf, eine ſolche maritime Benennung anzunehmen), welche jetzt die Feder ergreift, um ſich an Sie zu wenden— es gebührt ſich, ich wiederhole es, für einen Mann in ſolchen Verhältniſſen nicht, ſich der Sprache der Com⸗ plimente oder Glückwünſche zu bedienen. Das überläßt er geſchicktern und reinern Händen. Wenn Ihre wichtigern Beſchäftigungen Ihnen zu⸗ laſſen ſollten, dieſen unvollkommenen Schriftzeichen über⸗ haupt bis hieher zu folgen— was je nach den Um⸗ ſtänden ſein oder auch nicht ſein kann— ſo werden Sie natürlich fragen, durch welchen Umſtand ich ver⸗ anlaßt worden bin, das gegenwärtige Sendſchreiben zu verfaſſen. Erlauben Sie mir zu ſagen, daß ich die Vernunftgemäßheit dieſer Frage vollkommen anerkenne, um daran zu gehen, dieſelbe darzulegen, wobei ich vorausſchicke, daß es keine Angelegenheit pekuniärer Natur iſt. Ohne mich beſtimmter auf irgend eine verborgene Fähigkeit, die ich möglicherweiſe beſitzen könnte, den Donnerkeil zu ſchwingen oder die verzehrende und rä⸗ chende Flamme nach Belieben zu lenken, zu beziehen, David Kopperfield. 121 möge mir geſtattet ſein, beiläufig zu bemerken, daß meine hellſten Bilder von der Zukunft für immer verſcheucht ſind— daß mein Friede zertrümmert und meine Gabe der heitern Unterhaltung zerſtrt— daß mein Herz nicht mehr an ſeinem rechten Platze iſt— und daß ich nicht mehr aufgerichteten Hauptes vor mei⸗ nen Mitmenſchen umherwandle. Die Fäulniß nagt an der Blume. Der Kelch iſt bitter bis zum Rande. Der Wurm iſt an ſeinem Werke und wird mit ſeinem Opfer bald ein Ende machen. Je eher, deſto beſſer. Aber ich will nicht abſchweifen. In einer Geiſtesſtimmung von ganz beſonderer Pein⸗ lichkeit befangen, einer Stimmung, bis zu welcher ſelbſt der beſänftigende Einfluß der Mrs. Micawber nicht reicht, obſchon er in der dreifachen Eigenſchaft des Wei⸗ bes, der Gattin und der Mutter geübt wurde, iſt es meine Abſicht, auf eine kurze Periode von mir ſelbſt wegzufliehen und eine Erholungszeit von achtundvierzig Stunden dem Wiederbeſuche einiger Schauplätze vergan⸗ gener Freuden in der Metropole zu widmen. Unter andern Häfen häuslicher Ruhe und Seelenfriedens wer⸗ den meine Füße ſich natürlich dem Kings⸗Bench⸗Ge⸗ fängniſſe zuwenden. Indem ich Sie benachrichtige, daß ich übermorgen, punkt ſieben Uhr Abends, mich außen an der ſüdlichen Mauer dieſes Einkerkerungsortes be⸗ finden werde, iſt mein Zweck in dieſer brieflichen Mit⸗ theilung erfüllt. Ich fühle mich nicht verſichert, daß mein früherer Freund Mr. Kopperfield oder mein früherer Freund Mr. Thomas Traddles vom Innern Tempel, wenn dieſer Herr noch exiſtirt und im Stande iſt zu erſchei⸗ nen, darauf eingehen werden, wenn ich ſie bitte, ſich ſo tief herabzulaſſen, mich zu treffen und(ſo weit dies 122 David Kopperfield. möglich iſt) unſere frühern Beziehungen aus alter Zeit zu erneuern. Ich beſchränke mich darauf, die Bemer⸗ kung zu machen, daß zu der von mir angegebenen Stunde und an dem genannten Platze ſo viele von den trümmerhaften Spuren angetroffen werden können, als jetzt noch Uebrig ſind Von Einem Gefallenen Thurme, Wilkins Micawber. P. 8. Es mag rathſam ſein, zu dem Obigen die Bemerkung hinzuzufügen, daß Mrs. Micawber von meinen Abſichten nicht in Kenntniß geſetzt worden iſt.“ Ich überlas den Brief mehrmals. Wenn ich nun auch das Nöthige auf Mr. Micawbers hochtrabende Art zu ſchreiben und auf die außerordentliche Luſt rechnete, mit der er ſich hinſetzte und bei allen möglichen und un⸗ möglichen Gelegenheiten lange Briefe verfaßte, ſo glaubte ich doch trotzdem, daß auf dem Grunde dieſer durch⸗ einander wirbelnden Mittheilung etwas Wichtiges ver⸗ borgen liege. Ich legte das Schreiben hin, um darüber nachzudenken, und nahm es wieder auf, es nochmals zu überleſen, und verfolgte das Geheimniß immernoch, als Traddles mich auf dem Gipfel der Verlegenheit antraf. „Mein guter Junge,“ ſagte ich,„ich habe mich nie mehr gefreut, Dich zu ſehen, als heute. Du kommſt, um mir mit Deinem nüchternen Urtheile zu ſehr gelegener Zeit unter die Arme zu greifen. Ich habe einen ſehr eigenthümlichen Brief erhalten, Traddles, von Herrn Micawber.“ 8 8 —— eehenh—hö—öͤͤͤnnͤͤ —— — David Kopperfield. 123 „Nein!“ ſchrie Traddles.„Was Du nicht ſagſt! Und ich habe einen von der Madame Micawber ge⸗ kriegt.“ Hiermit langte Traddles, welcher vom Gehen gerö⸗ thet war, und deſſen Haare unter der vereinigten Wir⸗ kung von körperlicher Bewegung und geiſtiger Aufregung zu Berge ſtanden, als ob er einen ſchrecklichen Geiſt ſähe, ſeinen Brief hervor und tauſchte ihn gegen den meinigen aus. Ich beobachtete ihn, als er in Mr. Micawbers Brief eindrang und erwiederte ſein Indiehöheziehen der Augenbrauen, mit dem er ſagte:„Den Donnerkeil zu ſchwingen, oder die verzehrende und rächende Flamme zu lenken!“— und begann dann die Cpiſtel der Mrs. Micawber zu leſen. Sie lautete folgendermaßen: „Meine beſten Grüße an Herr Thomas Traddles, und wenn er ſich noch Jemandes erinnern ſollte, wel⸗ cher früher das Glück hatte, mit ihm wohlbekannt zu ſein, ſo darf ich ihn wohl bitten, mir von feiner freien Zeit ein paar Minuten Gehör zu ſchenken. Ich ver⸗ ſichere Herrn T. T., daß ich mich ſeiner Güte nicht auf⸗ dringen würde, wäre ich in einer andern Lage, als an den Grenzen der Verzweiflung. Obſchon es mich ſelbſt peinigt, die Entfremdung des früher ſo häuslichen Micawber von ſeiner Frau und Familie zu erwähnen, ſo iſt ſie doch die Urſache, daß ich mich in meinem Unglücke an Mr. Traddles wende und ihn um ſeine Nachſicht anflehe. Mr. T. kann ſich keine wahre Vorſtellung von dem Wechſel in Micaw⸗ bers Benehmen, von ſeiner Verwirrtheit, ſeiner Gewalt⸗ thätigkeit machen. Es hat ſich fort und fort geſteigert, bis es jetzt den Anſchein einer völligen Abirrung der Vernunft annimmt. Kaum ein Tag vergeht, verſichere 124 David Kopperfield. ich Ihnen, Mr. Traddles, wo nicht ein Paroxysmus ſtattfindet. Mr. T. wird von mir keine Schilderung meiner Gefühle verlangen, wenn ich ihn benachrichtige, daß ich mich daran gewöhnt habe, von ihm die Ver⸗ ſicherung zu hören, er habe ſeine Seele dem Teufel ver⸗ kauft. Geheimthun und Verſchloſſenheit ſind ſeit lange ſchon ſein hauptſächlichſtes Merkmal geworden, haben lange ſchon den Platz unbegrenzten Vertrauens erſetzt. Die geringſte Herausforderung, ſelbſt die Frage, ob es etwas gäbe, was er gern zu Tiſche hätte, veranlaßt ihn den Wunſch nach einer Scheidung auszuſprechen. Geſtern Abends, als er kindiſcher Weiſe um zwei Pence ange⸗ gangen wurde, um„Citronenſtöllchen“— ein Gebäck hier am Orte— zu kaufen, wies er den Zwillingen ein Auſtermeſſer. Ich bitte Mr. Traddles inſtändig, Geduld mit mir zu haben, daß ich in dieſe Details eingehe. Ohne die⸗ ſelbe würde Mr. Traddles es in der That ſchwierig finden, ſich den ſchwächſten Begriff meiner herzzerreißen⸗ den Lage zu machen. Darf ich's nun wagen, Mr. T. den Zweck dieſes meines Briefes vorzulegen? Wird er mir nun erlau⸗ ben, mich ſeiner freundſchaftlichen Rückſichtnahme ganz anheimzugeben? Oh ja; denn ich kenne ſein Herz. Das ſchnelle Auge der Liebe läßt ſich nicht ſo leicht täuſchen, wenn es weiblichen Geſchlechtes iſt. Mr. Mi⸗ cawber iſt im Begriffe, nach London abzugehen. Ob⸗ ſchon er dieſen Morgen vor dem Frühſtuͤck eifrig ſeine Hand verbarg, als er die Adreſſe ſchrieb, welche er an das braune Köfferchen aus glücklicheren Tagen befeſtigte, entdeckte das Adlerauge der geängſtigten Gattin doch don ganz genau ausgeſchrieben. Die Beſtimmung der Kutſche nach dem Weſtende der Stadt iſt das Goldene —o 2 — —444â4— David Kopperfield. 125 2 Kreuz. Darf ich Mr. Traddles inſtändig bitten, mei⸗ nen verirrten Gatten aufzuſuchen und ihm vernünftig zuzureden? Darf ich Mr. T. bitten, den Verſuch einer Vermittelung zwiſchen Micawber und ſeiner verzweifeln⸗ den Familie zu machen? Oh nein; denn das würde zu viel ſein! Wenn Mr. Kopperfield ſich noch Jemandes, dem kein Ruhm winkt, erinnern ſollte, will dann Mr. T. den Auftrag übernehmen, ihm meine unveränderliche Hochachtung und ähnliche Bitten auszuſprechen? Auf jeden Fall aber will er die Güte haben, dieſe Mitthei⸗ lung als eine ſolche zu betrachten, welche ſtreng unter uns bleiben muß, und auf keinen Grund hin in Gegenwart Micawbers, ſei es auch noch ſo entfernt, erwähnt werden darf? Wenn Mr. T. jemals auf dieſelbe antworten ſollte, was ich nur für höchſt unwahrſcheinlich halten kann, ſo würde ein Brief, adreſſirt an M. E. poste restante Canterbury, weniger ſchmerzliche Folgen haben, als einer, der unmittelbar an mich adreſſirt wäre, die ich mich unterzeichne, in äußerſter Bekümmerniß Mr. Thomas Traddles' hochachtungsvolle Freundin und Bittſtellerin Emma Micawber.“ „Na, was denkſt Du von dem Briefe?“ ſagte Traddles, indem er ſeine Augen auf mich warf, als ich ihn zwei Mal las. „Was denkſt Du von dem andern?“ verſetzte ich. Denn er las ihn noch immer mit zuſammengezogenen Augenbrauen. „Ich denke, die beiden zuſammengehalten,“ erwie⸗ derte Traddles,„bedeuten mehr, als Herr und Ma⸗ dame Micawber gemeiniglich in ihren Briefen meinen— 126 David Kopperfield. aber ich weiß nicht, was. Sie ſind beide ohne Zwei⸗ fel aufrichtig und ohne daß einer dem andern wider⸗ ſpräche, geſchrieben. Das arme Geſchöpf!“ Er ſpielte jetzt auf den Brief der Mrs. Micawber an, und wir ſtanden Seite an Seite, die beiden Schreiben verglei⸗ chend;„es wird auf jeden Fall ein Werk der Barm⸗ herzigkeit ſein, an ſie zu ſchreiben und ihr zu ſagen, daß wir nicht verfehlen werden, Herrn Mieawber zu ſehen.“ Ich ſtimmte hiermit um ſo bereitwilliger überein, als ich mir jetzt Vorwürfe machte, ihren frühern Brief zu obenhin behandelt zu haben. Er hatte mich, wie ich an ſeinem Orte erwähnt habe, ziemlich viel nach⸗ denken laſſen; aber ich war von meinen eignen Ange⸗ legenheiten zu ſehr in Anſpruch genommen, hatte zu ge⸗ naue Erfahrungen von der Familie und hörte auch nichts weiter, ſo daß ich allmählig die Angelegenheit aus den Augen ließ. Ich hatte oft an die Micawbers gedacht, aber meiſtentheils, um mich zu fragen, was für„pe⸗ kuniäre Verbindlichkeiten“ ſie in Canterbury eingehen möchten, und mir ins Gedächtniß zurückzurufen, wie ſcheu ſich Mr. Micawber mir gegenüber betragen, als er Schreiber bei Uriah Heep geworden. Indeß ich ſchrieb jetzt einen tröſtenden Brief in un⸗ ſerer beider Namen, und wir beide unterzeichneten den⸗ ſelben. Als wir gingen, um ihn auf die Poſt zu ge⸗ ben, hielten Traddles und ich eine lange Beſprechung und ergingen uns in einer Menge Plänen, welche ich hier nicht zu wiederholen brauche. Wir zogen am Nach⸗ mittage meine Tante zu unſern Berathungen bei, aber unſer einziger entſchiedener Beſchluß war, daß wir Mr. Micawbers Zeitbeſtimmung ſehr pünktlich innehalten wollten. David Kopperfield. 127 Obſchon wir am ausgemachten Orte eine Viertel⸗ ſtunde vor der Zeit erſchienen, fanden wir doch Mr. Micawber bereits dort. Er ſtand mit übereinanderge⸗ ſchlagenen Armen, der Mauer zugekehrt und blickte mit einer empfindſamen Miene nach den Spitzen oben darauf, als ob ſie die durcheinandergeflochtenen Baumzweige wä⸗ ren, die ihn in ſeiner Jugend beſchattet hätten. Als wir auf ſie zutraten, war ſein Benehmen et⸗ was verwirrter und etwas weniger vornehm, als der⸗ einſt. Er hatte ſeinen ſchwarzen Anzug als Mann des Geſetzes zum Zwecke ſeines Ausfluges zurückgelaſſen und trug den alten Ueberrock und ſeine engen Hoſen, aber nicht ganz mit der alten Manier. Er nahm von der letztern allmählig mehr und mehr wieder an, als wir uns mit ihm unterhielten, aber ſelbſt ſein Augenglas ſchien unbehaglicher zu hängen, und ſeine Vatermörder, obwohl immernoch von den alten ungeheuerlichen Maß⸗ verhältniſſen, waren nahe daran, umzufallen. „Meine Herren,“ ſagte Mr. Micawber nach den erſten Begrüßungen,„Sie ſind Freunde in der Noth und wahre Freunde. Erlauben Sie mir, meine Fra⸗ gen anzubringen in Bezug auf das leibliche Wohlerge⸗ hen der Madame Kopperfield in re und der Madame Traddles in spe— das heißt, vorausgeſetzt, daß mein Freund Traddles mit dem Gegenſtande ſeiner Neigun⸗ gen noch nicht für Wohl und Wehe verbunden iſt.“ Wir bedankten uns für ſeine Höflichkeit und gaben die paſſenden Antworten. Er lenkte dann unſere Auf⸗ merkſamkeit auf die Mauer und begann eben:„Ich verſichere Ihnen, meine Herren“— als ich's wagte, mich gegen die ceremoniöſe Form der Anrede zu erklä⸗ ren und ihn zu bitten, in der alten Weiſe zu uns zu ſprechen. 128 David Kopperfield. „Mein theurer Kopperfield,“ entgegnete er mit einem Drucke meiner Hand,„Ihre Herzlichkeit überwältigt mich ganz. Dieſe Aufnahme eines zertrümmerten Bruchſtücks des Tempels, der einſt Mann hieß— wenn ich mich dieſes Gleichniſſes bedienen darf— verräth ein Herz, welches eine wahre Ehre für unſere gemeinſchaftliche Na⸗ tur iſt. Ich war eben dabei, zu bemerken, daß ich wiederum den heiligen Ort erblicke, wo mir einige der ſeligſten Stunden meiner Exiſtenz verfloſſen.“ „Gewiß, ſelig gemacht durch Madame Micawber,“ ſagte ich.„Ich hoffe doch, ſie befindet ſich wohl?“ „Dank' Ihnen,“ entgegnete Mr. Micawber, deſſen Geſicht ſich bei dieſer Frage bewölkte,„'s geht nur ſo ſo mit ihr. Und dies,“ fuhr er dann fort, indem er traurig das Haupt ſchüttelte,„iſt das Kings Bench! Wo zum erſten Male in vielen wiederkehrenden Jahren das überwältigende Drängen pekuntärer Verpflichtungen nicht Tag auf Tag von zudringlichen Stimmen, welche die Treppe zu räumen ſich weigerten, ausgeſchrien wurde; wo kein Klopfer an der Thür war, deſſen ſich ein Gläu⸗ biger hätte bedienen können; wo es keines perſönlichen Einſchreitens bedurfte, und wo ſie einem blos an der großen Pforte das Leben verbittern konnten. Meine Herren,“ ſagte Mr. Micawber,„wenn der Schatten von dem Eiſenwerke auf dem Gipfel der Ziegelmauer ſich auf dem Kies des Spazierganges abzeichnete, habe ich meine Kinder auf die Windungen des verwickelten Muſters treten ſehen, wobei ſie die dunkeln Stellen ver⸗ mieden. Ich bin mit jedem Steine an dem Orte ge⸗ nau bekannt geweſen. Wenn ich Schwäche verrathe, ſo werden Sie wiſſen, wie Sie mich zu entſchuldigen haben.“ „Wir ſind Alle ſeitdem im Leben weiter gerückt, Herr Micawber,“ ſagte ich. David Kopperfield. 129 „Herr Kopperfield,“ entgegnete Mr. Micawber bit⸗ ter,„als ich ein Bewohner dieſes Zufluchtsortes war, konnte ich meinem Mitmenſchen ins Geſicht ſehen und ihn hinter die Ohren hauen, wenn er mich beleidigte. Mein Mitmenſch und ich ſtehen uns nicht mehr in ſo herrlicher Weiſe gegenüber.“ Indem er ſich von dem Gebäude abwendete, nahm Mr. Micawber meinen dargebotenen Arm auf der ei⸗ nen und den dargebotenen Arm von Traddles auf der andern Seite an und ſchritt zwiſchen uns davon. „Es giebt gewiſſe Merkzeichen an der Straße zur Gruft!“ bemerkte Mr. Micawber, zärtlich über ſeine Schulter zurückblickend,„von denen man, wäre dieſer Wunſch nicht gottlos, ſich nie entfernt zu haben wün⸗ ſchen möchte. Ein ſolches iſt das Kings⸗Bench⸗Ge⸗ fängniß in meinem unheilvollen Lebenslauf.“ „Oh, Sie ſind in übler Stimmung, Herr Mi⸗ cawber,“ ſagte ich. „Ja, das bin ich,“ antwortete Mr. Micawber ſchnell. „Hoffentlich nicht, weil Sie einen Widerwillen ge⸗ gen die Rechtsgelehrſamkeit gefaßt haben,“ ſagte Tradd⸗ les; denn ich bin, wie Sie wiſſen, ſelbſt ein Rechts⸗ gelehrter.“ Mr. Micawber antwortete nicht ein Wort. „Wie geht's unſerm Freunde Heep, Herr Micaw⸗ ber?“ fragte ich nach einem Stillſchweigen. „Mein lieber Kopperfield,“ entgegnete Mr. Micaw⸗ ber, in einen Zuſtand großer Aufregung ausbrechend und erblaſſend,„wenn Sie mich nach meinem Brot⸗ herrn als nach Ihrem Freunde fragen, ſo bedauere ich dies; wenn Sie mich aber nach ihm als nach meinem Freunde fragen, ſo breche ich darüber in ein ſardoni⸗ ſches Gelächter aus. In welcher Eigenſchaft Sie aber David Kopperfield. VIII. 9 130 David Kopperfield. auch nach meinem Brotherrn fragen mögen, ſo bitte ich, ohne Sie beleidigen zu wollen, meine Antwort darauf beſchränken zu dürfen, daß, in welchem Zuſtande ſeine Geſundheit immer ſein möge, ſein Aeußeres ſchur⸗ kenhaft, um nicht zu ſagen teufliſch iſt. Sie werden mir erlauben, das weitere Eingehen auf einen Gegen⸗ ſtand abzulehnen, der mich in meiner Eigenſchaft als Mann des Geſetzes bis auf den äußerſten Gipfel der Verzweiflung gepeitſcht hat.“ Ich drückte mein Bedauern aus, unſchuldiger Weiſe ein Thema berührt zu haben, welches ihn ſo ſehr in Harniſch bringe.„Darf ich fragen,“ ſagte ich,„wie ſich meine alten Freunde, Herr und Fräulein Wickfield befinden?“ „Fräulein Wickfield,“ ſagte Mr. Micawber jetzt roth werdend,„iſt, was ſie ſtets iſt, ein Muſterbild, ein ſtrah⸗ lendes Beiſpiel. Mein lieber Kopperfield, ſie iſt der einzige ſternenhelle Punkt in meinem elenden Daſein. Meine Achtung vor dieſer jungen Dame, meine Be⸗ wunderung ihres Charakters, meine Hingebung für ſie wegen ihrer Liebe und Treue und Güte!— Führt mich,“ ſagte Micawber,„ein Stück ſeitab; denn bei meiner Seele, in meinem gegenwärtigen Gemüthszu⸗ ſtande bin ich dem nicht gewachſen.“ Wir zogen ihn in eine enge Gaſſe, wo er ſein Taſchentuch herausnahm und ſich mit ſeinem Rücken gegen eine Wand lehnte. Wenn ich ihn ſo ernſthaft als Traddles angeſehen habe, muß er unſere Geſellſchaft keineswegs erheiternd gefunden haben. „Es iſt mein Schickſal,“ ſagte Mr. Micawber, in⸗ dem er aufrichtig ſchluchzte, aber ſelbſt das mit dem Schatten ſeiner ehemaligen Miene, als ob er etwas Vornehmes thue;„es iſt mein Schickſal, meine Her⸗ David Kopperfield. 131 ren, daß die ſchönern Empfindungen unſerer Natur mir zu Vorwürfen geworden ſind. Die Huldigung, welche ich Fräulein Wickfield widme, iſt ein Hagel von Pfei⸗ len in meinem Buſen. Sie thäten beſſer, wenn es Ihnen beliebte, mich zu verlaſſen, um über die Erde als ein Vagabond herumzuſchweifen. Der Wurm wird mit mir in doppelt ſo ſchneller Zeit ein Ende machen.“ Ohne auf dieſe Anrede einzugehen, blieben wir bei ihm ſtehen, bis er das Taſchentuch wegthat, ſich die Vatermörder in die Höhe zog und, um Jedermann in der Umgebung, der ihn etwa beobachtet haben könnte, zu täuſchen, ein Liedchen ſummend und den Hut ſehr auf die eine Seite geſchoben, mit uns weiter wandelte. Ich erwähnte dann— indem ich nicht wußte, was ver⸗ loren gehen könnte, falls wir ihn jetzt ſchon aus dem Geſichte verlören, daß es mir großes Vergnügen machen würde, ihn meiner Tante vorzuſtellen, wenn er nach Highgate hinausfahren wollte, wo ein Bett zu ſeinen Dienſten ſtünde. „Sie ſollen uns ein Glas von Ihrer beſondern Sorte Punſch machen, Herr Micawber,“ ſagte ich,„und was Sie auch auf Ihrem Herzen haben, über ange⸗ nehmern Empfindungen vergeſſen.“ „Oder wenn eine vertrauliche Mittheilung an Freunde ein wahrſcheinlicheres Mittel ſein ſollte, Ihr Herz zu erleichtern, ſo werden Sie es uns erzählen, Herr Mi⸗ eawber,“ meinte Traddles klugerweiſe. „Meine Herren,“ verſetzte Mr. Micawber,„machen Sie mit mir, was Sie wollen! Ich bin ein Stroh⸗ halm auf der Oberfläche der Tiefe und herumgeworfen nach allen Richtungen von den Elephanten— bitte um Entſchuldigung, ich hätte ſagen ſollen, von den Ele⸗ menten.“ 9* 132 David Kopperfield. Wir ſchritten wieder Arm in Arm weiter, fanden die Kutſche im Begriffe, abzufahren, und kamen in High⸗ gate an, ohne auf dem Wege Schwierigkeiten zu be⸗ gegnen. Mir war ſehr unbehaglich zu Muthe, und ich war mir in meinem Innern ſehr ungewiß, was am Geeignetſten zu ſagen oder zu thun ſei— Daſſelbe war augenſcheinlich mit Traddles der Fall. Mr. Micawber war meiſtentheils in die tiefſte Betrübniß verſenkt. Er machte gelegentlich einen Verſuch, ſich zu putzen und den Refrain einer Melodie zu ſummen; aber ſein Zu⸗ rückfallen in tiefe Melancholie wurde nur um ſo bemerk⸗ barer durch den Spott, der in einem außerordentlich auf eine Seite geſetzten Hute und Vatermördern lag, die bis zu den Augen heraufgezogen waren. Wir zogen es vor, ins Haus meiner Tante ſtatt in das meine zu gehen, weil Dora nicht wohl war. Meine Tante präſentirte ſich, als nach ihr geſchickt worden war, und bewillkommte Mr. Micawber mit anmuthiger Herzlichkeit. Mr. Micawber küßte ihr die Hand, zog ſich nach dem Fenſter zurück und hatte, indem er ſein Taſchentuch hervorlangte, einen Seelenkampf mit ſich ſelbſt zu beſtehen. Mr. Dick war zu Hauſe. Er war von Natur ſo außerordentlich voll Mitleid mit Jedermann, der ſich übel zu befinden ſchien, und ſo ſchnell, ſolch eine Per⸗ ſon herauszufinden, daß er in fünf Minuten Mr. Mi⸗ cawber mindeſtens ein halb Dutzend Mal die Hand ſchüttelte. Mr. Micawber in ſeiner Seelenqual war dieſer warme Antheil, den ein Fremder an ihm nahm, ſo ungemein rührend, daß er bei Gelegenheit jeder dieſer aufeinander folgenden Schüttelungen nur ſagen konnte:„Mein lieber Herr, Sie beſchämen mich ganz durch Ihre Güte!“ Und das gefiel Mr. Dick ſo ſehr, David Kopperfield. 133 daß er mit größerem Eifer als vorher an ſein Werk ging. „Die Freundlichkeit dieſes Herrn,“ bemerkte Mr. Micawber zu meiner Tante,„wenn Sie mir erlauben wollen, Madame, eine Redefigur dem Wörterbuche un⸗ ſerer gröbern Nationalvergnügungen zu entnehmen, ſtreckt mich ganz zu Boden*). Für einen Mann, welcher un⸗ ter einer Laſt von Verlegenheit und Unruhe ſchwankt und ſtrauchelt, iſt ſolch eine Aufnahme etwas ans Wun⸗ derbare ſtreifend, das verſichere ich Ihnen.“ „Mein Freund, Herr Dick,“ erwiederte meine Tante ſtolz,„iſt kein gewöhnlicher Mann.“ „Davon bin ich überzeugt,“ ſagte Mr. Micawber. „Mein lieber Herr!“— denn Mr. Dick ſchüttelte ihm eben abermals die Hand;„ich bin von Ihrer herzlichen Theilnahme tief ergriffen.“ „Wie befinden Sie ſich,“ fragte Mr. Dick mit einem forſchenden Blicke. „Nicht gut und nicht ſchlecht, mein lieber Herr,“ antwortete Mr. Micawber mit einem Seufßzer. „Sie müſſen ſich gute Laune anſchaffen,“ ſagte Mr. Dick,„und ſich's ſo bequem um's Herz machen wie nur möglich.“ Mr. Micawber war vor Wonne ganz außer ſich bei dieſen freundlichen Worten und darüber, daß er Mr. Dicks Hand wieder in der ſeinen fand.„Es iſt mein Schickſal geweſen,“ bemerkte er,„in dem ſo viel⸗ geſtaltigen Panorama menſchlichen Daſeins gelegentlich einer Oaſe zu begegnen, nie aber mit einer, die ſo grün, ſo quellenreich geweſen wäre, wie die gegenwärtige.“ *) Eine Anſpielung auf das Boxen, wo floor, das hier gebrauchte Wort, Jemand auf einen Schlag niederſtrecker heißt. 134 David Kopperfield. Zu einer andern Zeit würde ich mich hieran ergötzt haben; aber ich fühlte, daß wir Alle geſpannt und un⸗ behaglich waren, und ich beobachtete Mr. Micawber in ſeinen Schwankungen zwiſchen einer augenſcheinlichen Ge⸗ neigtheit, etwas zu eröffnen, und einer entgegengeſetzten Geneigtheit, nichts zu eröffnen, ſo eifrig, daß ich in einem vollkommenen Fieber war. Traddles ſaß auf der Kante ſeines Stuhls, mit weit aufgeriſſenen Augen, ſein Haar ſtand ihm bedeutſamer zu Berge wie je, und er ſtarrte bald zu Boden, bald auf Mr. Micawber, ohne auch nur den Verſuch zu machen, ein Wort drein zu reden. Meine Tante hatte, obwohl ich ſah, daß ihre ſcharfſichtigſte Beobachtung auf unſern neuen Gaſt con⸗ centrirt war, ihre Sinne doch zu nützlicherem Gebrauche im Beſitze, als Einer von uns; denn ſie hielt ihn in der Unterhaltung feſt und machte es für ihn nothwendig, zu ſprechen, mochte er es nun gern thun oder nicht. „Sie ſind ein alter Freund meines Neffen, Herr Micawber,“ ſagte meine Tante.„Ich wollte, ich hätte das Vergnügen gehabt, Sie ſchon früher zu ſehen.“ „Madame,“ erwiederte Mr. Micawber,„ich wünſchte, ich hätte die Ehre gehabt, Sie in einer frühern Pe⸗ riode zu kennen. Ich war nicht immer das Wrack, das Sie hier vor ſich ſehen.“ „Ich hoffe, Madame Micawber und Ihre Familie ſind wohl, mein Herr,“ ſagte meine Tante. Mr. Micawber beugte ſein Haupt.„Sie ſind ſo wohl,“ bemerkte er verzweifelt nach einer Pauſe,„als Verbannte und Verſtoßene überhaupt hoffen können zu ſein.“ „Herr Gott im Himmel, mein Herr!“ rief meine Tante in ihrer plötzlich losfahrenden Weiſe aus.„Wo⸗ von ſchwatzen Sie nur?“ David Kopperfield. 135 „ Die Subſiſtenz meiner Familie, Madame,“ er⸗ wiederte Mr. Micawber,„hängt in der Schwebe. Mein Brotherr“— Hier hörte Mr. Micawber beleidigender Weiſe auf und begann die Citronen, die unter meiner Anleitung vor ihn hingeſetzt worden waren, mit all dem übrigen Zubehör zu ſchälen, deſſen er ſich beim Punſchmachen bediente. „Ihr Brotherr alſo,“ ſagte Mr. Dick, indem er als eine leiſe Erinnerung an ſeinem Arme rüttelte. „Mein guter Herr,“ entgegnete Mr. Micawber, „Sie rufen mich zu dem, was ich bemerken wollte, zurück. Ich bin Ihnen ſehr verpflichtet.“ Und wieder ſchüttelten ſie ſich die Hände.„Mein Brotherr alſo, Madame,— Herr Heep— that mir einſt den Ge⸗ fallen, mir zu bemerken, daß ich, wofern ich nicht die Emolumente empfinge, welche zu meiner Stellung bei ihm gehörten, wahrſcheinlich ein poſſenreißender Land⸗ ſtreicher ſein würde, wie ſie Degenklingen verſchlucken und das verzehrende Element eſſen. Trotz alledem, was ich dagegen in Ausſicht habe, iſt es dennoch wahrſchein⸗ lich, daß meine Kinder dahin gebracht werden können, ihr Fortkommen durch Verrenkung ihrer Gliedmaßen ſuchen zu müſſen, während Madame Micawber ihre unnatürlichen Kunſtſtücke durch ihr Spiel auf dem Leier⸗ kaſten begleitet.“ Mr. Micawber deutete durch eine aufs Gerathewohl gethane, aber bedeutſame Schwingung ſeines Meſſers an, daß dieſe Leiſtungen erwartet werden könnten, nachdem er nicht mehr ſei; dann fing er mit verzweifelter Miene wieder zu ſchälen an. Meine Tante ſtemmte ihren Ellbogen auf den klei⸗ nen runden Tiſch, den ſie gemeiniglich neben ſich hatte, 136 David Kopperfield. und blickte ihm aufmerkſam zu. Trotz der Abneigung, mit der ich die Idee betrachtete, ihn zu einem Auf⸗ ſchluſſe zu verlocken, den er freiwillig nicht zu machen gedachte, würde ich ihn doch, bei dieſem Punkte ange⸗ langt, gefaßt haben, hätte ich ihn nicht in einem ſo wunderlichen Treiben beſchäftigt geſehen, wobei die merk⸗ würdigſten Dinge waren, daß er das Meſſer zum Ci⸗ tronenſchälen in den Keſſel ſteckte, den Zucker auf das Lichtputzſchiffchen legte, den Spiritus in den leeren Krug that und ganz gemüthlich daran ging, Waſſer aus ei⸗ nem Leuchter zu gießen. Ich ſah, daß eine Kriſis vor der Thür war, und ſie kam. Er warf klirrend alle ſeine Werkzeuge und Punſchbedürfniſſe zuſammen, erhob ſich von ſeinem Stuhle, zog ſein Taſchentuch heraus und brach in Thränen aus. „Mein lieber Kopperfield,“ ſagte Mr. Micawber hinter ſeinem Schnupftuche,„dies iſt eine Beſchäftigung, welche vor allen andern ein ungetrübtes Gemüth und Selbſtachtung erfordert. Ich kann es nicht beſorgen. Es iſt unmöglich.“ „Herr Micawber,“ erwiederte ich,„was giebt es? Bitte, ſprechen Sie ſich aus. Sie ſind unter Freunden.“ „Unter Freunden,“ wiederholte Mr. Micawber, und Alles, was er bei ſich behalten, kam aus ihm hervor⸗ geſchoſſen.„Guter Himmel,'s iſt gerade, weil ich unter Freunden bin, daß mein Gemüthszuſtand der Art iſt, wie er iſt! Was es giebt, meine Herren? Was gäbe es denn nicht? Schurkenhaftigkeit giebt es, Nie⸗ derträchtigkeit giebt es, Täuſchung, Betrug, Verſchwö⸗ rung giebt es, und der Name der ganzen entſetzlichen Maſſe von Bosheit iſt— Heep!“ Meine Tante klatſchte in die Hände, und wir alle fuhren auf, als ob wir beſeſſen wären. David Kopperfield. 137 „Der Kampf iſt vorbei!“ ſagte Mr. Micawber, indem er heftig mit ſeinem Taſchentuche geſticulirte und von Zeit zu Zeit mit beiden Armen ausſtieß, als ob er unter übermenſchlichen Schwierigkeiten ſchwämme.„Ich will dies Leben nicht mehr führen. Ich bin ein elen⸗ digliches Weſen, von Allem abgeſchnitten, was das Leben angenehm macht. Ich bin unter einem Taboo*) im Dienſte jenes Schuftes geweſen. Gebt mir mein Weib, gebt mir meine Familie zurück, macht den alten Micawber aus dem erbärmlichen Wichte, der in den Stiefeln einhergeht, die ſich gegenwärtig an meinen Füßen befinden, und heißt mich morgen einen Degen verſchlucken, und ich werd' es thun— werd' es mit Appetit thun!“ Nie in meinem Leben ſah ich Jemand ſo erhitzt. Ich verſuchte ihn zu beſänftigen, damit wir zu etwas Vernünftigem kommen möͤchten, aber er wurde heißer und immer heißer und wollte kein Wort hören. „Ich will meine Hand in Niemandes Hand legen,“ ſagte Mr. Micawber, indem er in ſolchem Grade ſchnappte und puſtete und ſchluchzte, daß er wie ein Mann war, der mit kaltem Waſſer kämpfte,„bis ich— zu Stücken zerſc=hlagen habe— die— ah— verabſcheuenswerthe Schlange— Heep! Ich will an Niemandes gaſtlichem Mahle theilnehmen, bis ich— ah— den Berg Veſuv vermocht— habe— auszubrechen— ah— über den verworfenen— Schurken— Heep! Eine Erfriſchung einzunehmen— unter— ah— dieſem Dache— vor— züglich Punſch— würde mich— ah— erwürgen— es wäre denn, ich hätte— ah— vorher die Augen aus dem— Kopfe gewürgt— einem unermeßlichen *) Bedeutet auf den Inſeln des Stillen Meeres eine Art Bann. 138 David Kopperfield. Betrüger und Lügner— Heep! Ich— ich will Nie⸗ mand kennen— und ah— nichts ſagen— und— ah— nirgends leben, bis ich— ah— zermalmt habe zu— ah— unauffindbaren Sonnenſtäubchen— den über alle Begriffe ſchändlichen, unermeßlichen, heuch⸗ leriſchen und meineidigen Hallunken Heep!“ Ich hatte wirklich etwas Furcht, daß Mr. Micaw⸗ ber auf der Stelle umkommen werde. Die Art, wie er ſich durch die unartikulirten Sätze hindurchwürgte, und, ſobald er nur merkte, daß er ſich dem Namen Heeps näherte, ſich zu ihm durchkämpfte, in einem ohn⸗ machtähnlichen Zuſtande gegen ihn losfuhr, und ihn mit einer an Wunder grenzenden Heftigkeit herausbrachte, war fürchterlich; aber jetzt, als er dampfend in einen Stuhl ſank und uns mit jeder möglichen Farbe im Ge⸗ ſichte, die dort nichts zu ſuchen hatte, und einer end⸗ loſen Aufeinanderfolge von Blutſtößen, die an ſeinem Halſe in heißer Haſt aufeinander folgten, von wo ſie in ſeine Stirn zu ſchießen ſchienen, anſtierte, hatte er das Ausſehen, als ob er in den letzten Zügen liege. Ich würde ihm zu Hülfe geeilt ſein, aber er winkte mich weg und wollte kein Wort hören. „Nein, Kopperfield!— Keine Mittheilung bis— ah— Fräulein Wickfield— des Unrechtes entbunden iſt, das ihr der ausgeſuchteſte Hundvott— Heep an⸗ gethan hat!“ Ich bin feſt überzeugt, er könnte nicht drei Worte geäußert haben ohne die erſtaunliche Energie, mit wel⸗ cher dieſes Wort ihn begabte, wenn er es kommen fühlte. „Unverletzliches Geheimniß— ah— vor der gan⸗ zen Welt— ah— ohne Ausnahme— heut über acht Tage— um die Frühſtücksſtunde— ah— Jedermann gegenwärtig— ah— einſchließlich Tante und außer⸗ David Kopperfield. 139 ordentlich freundlicher Herr hier— im Hotel zu Can⸗ terbury— ah— wo— ah— Madame Micawber und ich einſtmals—„Alte gute Zeit“ im Chorus ge⸗ ſungen— und— ah— werde auseinanderſetzen— den— ah— unerträglichen Schandbuben— Heep! Nichts mehr ſagen— oder auf Zureden hören— augenblicklich gehen— nicht im Stande— ah— Ge— ſellſchaft zu ertragen auf der Bahn des laſterhaften, in Ruchloſigkeit verſunkenen Verräthers— Heep!“ Mit dieſer letzten Wiederholung des magiſchen Wor⸗ tes, welches ihm überhaupt das Weiterſprechen möglich gemacht hatte— einer Wiederholung, in welcher er alle ſeine vorhergehenden Anſtrengungen noch übertraf, ſtuͤrzte Mr. Micawber aus dem Hauſe, indem er uns in einem Zuſtande der Aufgeregtheit, des Hoffens, der Verwun⸗ derung verließ, der uns in eine Stimmung, wenig beſſer als ſeine eigne, verſetzte. Aber ſelbſt da noch war ſeine Leidenſchaft, Briefe zu ſchreiben, zu ſtark, als daß er ihr hätte widerſtehen konnen; denn während wir uns noch auf dem Gipfel unſerer Aufregung, unſeres Hoffens und Verwunderns befanden, wurde mir der folgende Hirtenbrief aus einer benachbarten Schenke gebracht, wo er eingeſprochen war, um denſelben zu ſchreiben:— „Ganz geheim und im Vertrauen. Mein lieber Herr, Ich bitte Sie, mir zu geſtatten, daß ich durch Sie Ihrer trefflichen Tante meine Entſchuldigungen wegen meiner letzten Aufregung ausſpreche. Der Ausbruch eines gährenden Vulkans, der lange zurückgedrängt wor⸗ den, war das Ergebniß eines innern Kampfes, welcher leichter begriffen, als beſchrieben iſt. Ich hoffe, daß ich meine Einladung auf den Mor⸗ 140 David Kopperfield. gen von heute über acht Tage in dem Wirthshauſe zu Canterbury, wo Madame Micawber und ich einſt die Ehre hatten, unſere Stimmen mit der Ihren in dem wohlbekannten Liede des unſterblichen Steuereinnehmers“), der jenſeits der Tweed großgeſäugt ward, zu vereini⸗ gen, ziemlich verſtändlich ausgeſprochen habe. Wenn die Pflicht erfüllt und die Thatſache der Wie⸗ dergutmachung vollzogen iſt, welche mich allein wieder in den Stand ſetzen kann, meinem Mitmenſchen ins Geſicht zu ſchauen, wird man nichts mehr von mir höͤ⸗ ren. Es wird für mich dann ganz einfach noch erfor⸗ derlich ſein, daß man mich beiſetzt an jenem Orte all⸗ gemeiner Ruhe, wo «Jedweder in ſein eng Gemach gelegt, Des Dörfleins rauhe Aelterväter ſchlafen.» und zwar mit der einfachen Grabſchrift: Wilkins Micawber.“ *) Der ſchottiſche Dichter Burns. Fünfzigſtes Kapitel. Mr. Peggotty's Traum erfüllt ſich. Inzwiſchen waren einige Monate ſeit unſerm Zu⸗ ſammentreffen mit Martha am Ufer des Fluſſes ver⸗ floſſen. Ich hatte ſie ſeitdem nie geſehen, aber ſie hatte zu verſchiedenen Malen mit Mr. Peggotty geſprochen. Trotz ihrer eifrigen Hülfeleiſtung war nichts herausge⸗ kommen, noch konnte ich nach dem, was er mir erzählte, ſchließen, daß je irgend ein Aufſchluß hinſichtlich des Schickſals von Emilien erlangt worden ſei. Ich geſtehe, daß ich an ihrem Wiederfinden zu verzweifeln anfing und nach und nach immer tiefer in den Glauben verſank, daß ſie todt ſei. 4 Seine Ueberzeugung aber blieb unverändert. So viel ich weiß— und ich glaube, ſein redliches Gemüth lag offen vor meinen Augen— wankte er nie wieder in ſei⸗ ner feſten Ueberzeugung, daß er ſie finden werde. Und ob⸗ wohl ich zitterte bei dem Gedanken an den Seelenſchmerz, den es ihm eines Tages verurſachen werde, wenn ſeine Zuverſicht auf einen Stoß zerſchellte, ſo lag darin doch etwas ſo Frommes, und ſo drückte es ſich doch ſo rüh⸗ 142 David Kopperfield. rend aus, daß der Anker dieſer Zuverſicht in den rein⸗ ſten Tiefen ſeiner edlen Natur ruhte, daß die Achtung und Ehrerbietung, die ich vor ihm hegte, ſich jeden Tag ſteigerten. Sein Vertrauen war kein träges, welches blos hoffte und nichts weiter that. Er war ſein Lebelang ein Mann des tapfern Handelns geweſen, und er wußte, daß er in allen Dingen, in welchen er Hülfe brauchte, ſein Theil getreulich thun und ſich ſelbſt helfen müßte. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß er, von dem Verdachte gequält, daß durch irgend einen Zufall das Licht nicht im Fenſter des alten Bootes ſein könnte, des Nachts aufbrach und nach Yarmouth ging. Ich habe in Er⸗ fahrung gebracht, daß er auf Grund einer Zeitungs⸗ nachricht, die auf ſie paſſen konnte, ſeinen Wanderſtab ergriff und eine Reiſe von drei, vier Dutzend Meilen un⸗ ternahm. Auf die Erzählung hin, zu der mir Miß Dartle verholfen, ging er zur See nach Neapel und zurück. Alle ſeine Reiſen wurden ohne die mindeſte Bequem⸗ lichkeit gemacht; denn er blieb ſtets beharrlich ſeinem Vor⸗ ſatze treu, Geld für Emilie zu erſparen, wenn ſie ge⸗ funden würde. Während dieſem ganzen langen Abmühen hörte ich ihn nie eine Klage äußern und nie ſagen, daß er müde oder hoffnungslos ſei. Dora hatte ihn ſeit unſerer Verheirathung oft ge⸗ ſehen und war ganz verliebt in ihn. Ich ſtelle mir jetzt noch ſeine Geſtalt vor Augen, wie er neben ihrem So⸗ pha ſtand, ſeine rauhe Mütze in der Hand, und wie die blauen Augen meines kindiſchen Weibchens mit ſchüchternem Staunen nach ſeinem Geſichte erhoben wa⸗ ren. Manchmal des Abends um die Dämmerungszeit, wenn er kam, um ſich mit mir zu beſprechen, pflegte ich ihn zu veranlaſſen, ſeine Pfeife im Garten zu ſchmau⸗ David Kopperfield. 143 chen, während wir langſam miteinander hin⸗ und her⸗ wandelten, und dann ſtahl ſich das Bild ſeines ver⸗ laſſenen häuslichen Herdes und des behaglichen Ausſe⸗ hens, welches es in meinen Kindesaugen dereinſt hatte, wenn des Abends das Feuer brannte und der Wind ringsum ächzte, ſehr lebhaft in mein Gemüth. Eines Abends, um dieſe Stunde, erzählte er mir, daß er in der vorhergehenden Nacht, als er ausgegan⸗ gen, Martha vor ſeiner Wohnung wartend gefunden habe, und daß ſie ihn gebeten, London auf keinen Fall zu verlaſſen, bis er ſie wieder geſehen habe. „Sagte ſie Ihnen, weshalb?“ erkundigte ich mich. „Ich fragte ſie, Musje Davchen,“ erwiederte er, „aber ſie ſagt immer blos'n paar Worte, und ſie em⸗ pfing blos mein Verſprechen und ging dann fort.“ „Sagte ſie, wenn Sie ſie wiederzuſehen erwarten könnten?“ fragte ich. „Nein, Musje Davchen,“ entgegnete er, ſich ge⸗ dankenvoll mit der Hand über ſein Geſicht ſtreichend; „ich that ſie auch darüber fragen, aber ſie meinte,'s wäre mehr, als ſie mir ſagen könnte.“ Da ich es längſt ſein gelaſſen hatte, ihn durch Hoff⸗ nungen zu ermuthigen, die an dünnen Fäden hingen, ſo gab ich dieſer Mittheilung keine andere Auslegung, als daß ich vermuthete, er werde ſie bald ſehen. Die weitern Gedanken, die es in mir aufſteigen ließ, behielt ich für mich, und dieſe waren hoffnungslos genug. Etwa vierzehn Tage ſpäter ging ich allein im Gar⸗ ten ſpazieren. Ich erinnere mich dieſes Abends recht wohl. Es war der zweite in der Woche, in welcher Mr. Micawber uns in ſolcher peinlichen Ungewißheit erhielt. Es hatte den ganzen Tag über geregnet, und es — 144 David Kopperfield. war eine feuchte, dunſtige Luft. Die Zweige hingen ſtrotzend und ſchwer vor Näſſe auf den Bäumen, aber der Regen hatte aufgehört, obſchon der Himmel noch dun⸗ kel bewölkt war, und heiter ſangen die hoffnungsvollen Vögel. Als ich im Garten hin und her wandelte und die Dämmerung ſich um mich zu ſchließen begann, wa⸗ ren ihre kleinen Stimmen gedämpft, und jenes eigen⸗ thümliche Schweigen breitete ſich aus, welches zu ſolch einem Abende auf dem Lande gehört, wo die kleinſten Bäume vollkommen ſtill ſind, ausgenommen, daß dann und wann ihre Wipfel ſchwanken. An der Seite unſeres Landhäuschens befand ſich eine kleine Perſpective von epheuüberſponnenem Gitterwerk, durch welches ich von dem Garten, wo ich wandelte, auf die Straße vor dem Hauſe ſehen konnte. Ich warf, während ich an mancherlei Dinge dachte, zufällig meine Augen nach dieſem Orte hin und ſah eine Geſtalt jen⸗ ſeits des Gitters, gekleidet in einen ärmlichen Mantel. Sie beugte ſich haſtig nach mir und winkte. „Martha!“ ſagte ich, auf ſie zugehend. „Können Sie mit mir kommen?“ fragte ſie flü⸗ ſternd mit aufgeregter Stimme.„Ich bin bei ihm ge⸗ weſen, und er iſt nicht zu Hauſe. Ich ſchrieb es auf, wo er hinkommen ſollte, und ließ es mit meiner eig⸗ nen Hand auf ſeinem Tiſche. Die Leute ſagten, er würde nicht lange aus ſein. Ich habe Nachrichten für ihn. Können Sie gleich mitkommen?“ Meine Antwort war, daß ich auf der Stelle durch den Thorweg hinausſchritt. Sie machte eine haſtige Geberde mit der Hand, als ob ſie mich um Geduld und Stillſchweigen bitten wollte, und kehrte ſich nach Lon⸗ don zu, woher ſie, wie ihr Anzug verrieth, eilends zu Fuße gekommen war. David Kopperfield. 145 Ich fragte ſie, ob das nicht unſere Beſtimmung ſei. Als ſie mir mit derſelben haſtigen Geberde wie zuvor ein Ja zunickte, ließ ich eine leere Kutſche, welche vor⸗ bei kam, anhalten, und wir ſtiegen hinein. Als ich ſie fragte, wo der Kutſcher hinfahren ſollte, antwortete ſie: „Irgend wohin in der Nähe von Golden Square! Und ſchnell!“ Dann fuhr ſie in einen Winkel zurück und hielt die eine zitternde Hand vor ihr Geſicht, während die andere die frühere Geberde machte, als ob ſie keine Stimme ertragen könnte. Jetzt ſehr aufgeregt und hald von Furcht, bald von aufglimmender Hoffnung bewegt, ſah ich ſie um eine Erklärung an. Da ich indeß bemerkte, wie ſehr ſie ru⸗ hig zu bleiben wünſchte, und da ich fühlte, daß dies auch meine natürliche Neigung zu ſolch einer Zeit ſei, verſuchte ich es nicht, das Schweigen zu brechen. Wir rückten unſerm Ziele näher, ohne daß ein Wort ge⸗ ſprochen worden wäre. Manchmal warf ſie einen Blick aus dem Fenſter, als ob ſie dächte, wir kämen zu lang⸗ ſam vorwärts, obſchon wir in Wirklichkeit ſchnell vor⸗ wärts kamen; ſonſt aber verblieb ſte genau ſo wie erſt. Wir ſtiegen an einem der Eingänge zu dem Square ab, welches ſie genannt, wo ich dem Kutſcher die An⸗ weiſung gab, zu warten, ohne mehr zu wiſſen, als daß wir ſie vielleicht brauchen würden. Sie legte ihre Hand auf meinen Arm und zog mich haſtig in eine der dü⸗ ſtern Straßen, deren es in dieſem Stadttheile mehrere giebt, wo die Häuſer einſt, als ſie von einzelnen Fa⸗ milien innegehabt wurden, hübſche Wohnplätze geweſen waren, aber ſich ſchon längſt in ärmliche, ſtubenweiſe vermiethete Wohnungen verwandelt hatten. In die offne Thür eines derſelben eintretend und meinen Arm los⸗ laſſend, winkte ſie mir, ihr die gemeinſchaftliche Treppe David Kopperfield. VIII. 10 146 David Kopperfield. hinauf zu folgen, welche einem Nebenfluſſe der Straße zu vergleichen war. Das Haus ſchwärmte von Inſaſſen. Als wir hin⸗ aufgingen, wurden Stubenthüren aufgeriſſen, und Köpfe von Leuten fuhren heraus, und wir begegneten andern Leuten, welche herunterkamen. Als ich von außen hin⸗ aufgeblickt hatte, ehe wir eintraten, hatte ich Weiber und Kinder an den Fenſtern über Blumentöpfe heraus⸗ lungern ſehen, und wir ſchienen ihre Neugier auf uns gezogen zu haben; denn ſie vorzüglich waren die Beob⸗ achter, welche aus den Thüren gukten. Es war eine breite, getäfelte Treppe mit einem maſſiven Geländer von einer dunkeln Holzart, Karnießen über den Thüren, geſchmückt mit geſchnitztem Frucht- und Blumenwerk und breiten Sitzen in den Fenſtern. Aber alle dieſe Zeichen einer vergangenen Pracht waren erbärmlich verdorben und verſchmutzt; Fäulniß, Feuchtigkeit und Alter hatten das Fußgetäfel durchgefreſſen, welches an vielen Stellen untauglich, ja ſelbſt unſicher war. Ich bemerkte, daß man einige Verſuche gemacht hatte, dieſem dahinſchwin⸗ denden Körper neues Blut einzuflößen, indem man die koſtbare Arbeit hier und da mit gemeiner ausgeflickt hatte; aber das war wie die Heirath eines herabge⸗ kommenen Altadeligen mit einer plebegiſchen Bettlers⸗ dirne, und jeder Theil der übel zuſammengefügten Ver⸗ bindung fuhr gleichſam vor dem andern zurück. Meh⸗ rere von den Hinterfenſtern an der Treppe waren ver⸗ dunkelt oder völlig verrammelt. In den übrigen war kaum eine Glasſcheibe, und durch die zerfallenden Rah⸗ men, durch welche die üble Luft ſtets hereinzukommen und nie hinauszugehen ſchien, ſah ich durch andere ſchei⸗ benloſe Fenſter in andere Häuſer von ähnlichem Zu⸗ ſtande und blickte mit Schwindel hinab in einen ekel⸗ David Kopperfield. 147 haften Hof, welcher den gemeinſchaftlichen Kehrichthau⸗ fen des Gebäudes abgab. Wir ſtiegen ins letzte Geſtock des Hauſes hinauf. Zwei oder drei Mal auf dem Wege war mir's, als bemerkte ich in dem unbeſtimmten Lichte die Rockſchweife einer weiblichen Geſtalt, die vor uns hinaufging. Als wir uns zum Erſteigen der letzten Treppenabtheilung zwiſchen uns und dem Dache wendeten, bekamen wir dieſe Geſtalt voll zu Geſicht, wie ſie einen Augenblick vor einer Thür ſtillſtand. Dann drehte ſie die Klinke und ging hinein. „Was iſt das,“ fragte Martha mit einem Geflü⸗ ſter.„Sie iſt in meine Stube gegangen, und ich kenne ſie nicht.“ Ich meinestheils kannte ſie. Ich hatte in ihr mit Erſtaunen Miß Dartle wieder erkannt. Ich äußerte zu meiner Führerin etwas, womit ich ihr in wenigen Worten ſagte, daß es eine Dame ſei, die ich ſchon früher geſehen; und kaum hatte ich dies gethan, als wir ihre Stimme im Zimmer hörten, doch ohne von da aus, wo wir ſtanden, zu verſtehen, was ſte ſagte. Martha wiederholte mit erſchrockener Miene ihre frühere Geberde und führte mich leiſe die Treppe hinauf und dann durch eine kleine Hinterthür, welche kein Schloß zu haben ſchien und von ihr durch eine Berührung aufgeſtoßen wurde, in ein leeres Dach⸗ ſtübchen mit einer ſchieflaufenden Decke, wenig beſſer als ein Speiſekämmerchen. Zwiſchen dieſem Raume und der Stube, welche ſie die ihre genannt hatte, befand ſich ein Verbindungsthürchen, welches zum Theil offen ſtand. Hier hielten wir, athemlos vom Heraufſteigen, an, und ſie legte mir ihre Hand leicht auf die Lippen. Ich konnte von dem jenſeitigen Zimmer nur ſehen, daß . 10* 148 David Kopperfield. es ziemlich geräumig, daß ein Bett darin war, und daß in demſelben mehrere plumpe Bilder von Schiffen an den Wänden hingen. Ich vermochte Miß Dartle nicht zu ſehen und ebenſowenig die Perſon, die wir ſie hatten anreden hören. Ganz gewiß konnte es meine Begleiterin nicht; denn meine Stellung war die beſte. Einige Augenblicke herrſchte eine Todtenſtille. Mar⸗ tha hielt mir die eine Hand immernoch auf die Lippen und erhob die andere in einer lauſchenden Stellung. „Es iſt mir ziemlich einerlei, daß ſie nicht zu Hauſe iſt,“ ſagte Roſa Dartle hochmüthig;„ich weiß nichts von ihr. Sie ſind es, die ich zu ſehen komme.“ „Mich?“ erwiederte eine ſanfte Stimme. Bei dem Klange derſelben ging mir ein Schau⸗ der durch den ganzen Körper. Es war Emiliens Stimme. „Ja,“ entgegnete Miß Dartle,„ich bin gekommen, mir Sie zu beſehen. Was? Sie ſchämen ſich des Ge⸗ ſichts nicht, das ſo viel gethan hat?“ Der entſchloſſene und unbeugſame Haß des Tones, in welchem ſie ſprach, ſeine kalte, ſtrenge Schärfe, die darin verhaltene Wuth ſtellten ſie mir vor Augen, als ob ich ſie vom Lichte beſchienen hätte daſtehen ſehen. Ich ſah die blitzenden ſchwarzen Augen und die von Leidenſchaftlichkeit verwüſtete Geſtalt, und ich ſah die Narbe, mit ihrer weißen Spur, die durch die Lippen ſchnitt, als ſie ſprach, zucken und pulſiren. „Ich bin gekommen,“ ſagte ſie,„James Steer⸗ forths Schätzchen zu ſehen, das Mädchen, welches mit ihm davonlief und nun das Stadtgeſpräch des gemeinſten Volks ihres Geburtsortes iſt; die freche, großthueriſche, ausgelernte Zuhälterin von Menſchen, wie James Steer⸗ forth. Ich möͤchte wiſſen, wie ſolch ein Ding ausſieht.“ David Kopperfield. 149 Ich hoͤrte ein Raſcheln, als ob das unglückliche Mäd⸗ chen, auf welche ſie dieſe Schmähungen häufte, nach der Thür liefe, und die Sprecherin ſich ſchnell vor dieſelbe ſtellte. Eine kurze Pauſe folgte darauf. Als Miß Dartle wieder ſprach, geſchah es durch ihre verbiſſenen Zähne und indem ſie auf den Boden ſtampfte. „Stehen geblieben!“ ſchrie ſie,„oder ich will Ih⸗ nen vor dem ganzen Hauſe und der Straße ſagen, wer Sie ſind. Wenn Sie verſuchen, mir zu entwiſchen, ſo werd' ich Sie feſthalten, und wenn es bei den Haaren wäre, und ſelbſt Steine gegen Sie aufheben.“ Ein entſetztes Murmeln war die einzige Antwort, welche meine Ohren erreichte. Ein Schweigen folgte. Ich wußte nicht, was zu thun. So ſehr ich dieſem Zuſammenſein ein Ende zu machen wünſchte, fühlte ich doch, daß ich kein Recht hatte, mich zu zeigen; daß es Mr. Peggotty allein zukam, ſie zu ſehen und ſie zu ſich zu bringen. Wollte er denn gar nicht kommen, dachte ich ungeduldig. „So!“ verſetzte Roſa Dartle mit einem verächtlichen Gelächter,„ſo ſeh' ich ſie denn endlich! Ei was für ein erbärmlicher Menſch war er, daß er ſich durch dieſe niedliche Scheinbeſcheidenheit und dieſe Kopfhängerei ein⸗ nehmen ließ!“ „Oh um des Himmels willen, ſchonen Sie mei⸗ ner!“ rief Emilie aus.„Wer Sie auch ſein mögen, Sie kennen meine traurige Geſchichte, und um des Him⸗ mels willen, ſchonen Sie meiner, wenn Sie wünſchen, daß einſt Ihrer geſchont wird.“ „Daß einſt meiner geſchont werde!“ antwortete die Andere wüthend;„was, denken Sie, haben wir mit einander gemein?“ David Kopperfield. „Nichts, als unſer Geſchlecht,“ ſagte Emilie mit hervorſtürzenden Thränen. „Und das,“ verſetzte Roſa Dartle,„iſt ein um ſo berechtigterer Anſpruch, wenn Jemand von ſo berüchtig⸗ ter Sorte es vorbringt, daß ich, wofern ich noch irgend ein anderes Gefühl als Verachtung und Abſcheu vor Ihnen in meiner Bruſt hegte, es erſtarren laſſen würde. Unſer Geſchlecht! Ja Sie ſind eine Ehre für unſer Geſchlecht!“ „Ich habe dies verdient!“ ſchrie Emilie;„aber es iſt ſchrecklich! Meine liebe, liebe Dame, denken Sie, was ich gelitten habe, und wie ich gefallen bin! Oh Martha, komm zurück. Oh heim! heim!“ Miß Dartle ſetzte ſich, ſo daß man ſie von unſerer Thür aus ſehen konnte, in einen Stuhl und ſchaute nie⸗ derwärts, als ob Emilie vor ihr auf dem Boden kauerte. Indem ſie jetzt zwiſchen mir und dem Lichte war, konnte ich ihre zuſammengezogene Lippe und ihre grauſamen Augen ſehen, wie ſie, ohne ſich je abzuwenden, mit boshaftem Triumphe auf einen Punkt geheſtet waren. „Horchen Sie auf das, was ich ſage!“ begann ſie jetzt,„und heben Sie Ihre falſchen Künſte für Leute auf, die ſich von Ihnen damit hinters Licht führen laſ⸗ ſen. Hoffen Sie, mich durch Ihre Thränen zu rühren? Nicht mehr, als Sie mich durch Ihr Lächeln bezaubern könnten, Sie verkaufte Seclavin.“ „Oh haben Sie ein wenig Erbarmen mit mir!“ ſchrie Emilie.„Zeigen Sie ſich mitleidig gegen mich, oder ich werde im Wahnſinn ſterben.“ „Es würde das keine große Strafe ſein,“ verſetzte Roſa Dartle,„für Ihr Verbrechen. Wiſſen Sie, was Sie gethan haben? Denken Sie jemals an den häuslichen Kreis, den Sie in eine öde Stätte verwandelt haben?“ David Kopperfield. 151 „Oh, gäbe es eine Nacht oder einen Tag, wo ich nicht daran dächte!“ ſchrie Emilie, und gerade jetzt konnte ich ſie ſehen, wie ſie auf ihren Knieen lag, den Kopf zurückgeworfen, ihr bleiches Antlitz emporgerichtet, ihre Hände krankhaft gefaltet vor ſich hin hielt und ihr Haar ſie umfloß.„Iſt je eine einzige Minute geweſen, ſchla⸗ fend oder wachend, wo mir's nicht vor Augen geſtan⸗ den hätte, ganz wie es in den verlornen Tagen war, wo ich ihm auf immer und ewig den Rücken kehrte. Oh Heimat, meine Heimat! Oh theurer, theurer On⸗ kel, wenn Du je hätteſt Zeuge ſein können von dem entſetzlichen Kummer, den Deine Liebe in mir hervor⸗ rief, als ich vom Guten abfiel, nimmer würdeſt Du mir dieſelbe ſo dauernd gezeigt haben, ſo viel Du ſie auch im Herzen getragen hätteſt, ſondern würdeſt we⸗ nigſtens ein Mal im Leben böſe auf mich geweſen ſein, damit ich mich damit hätte einigermaßen tröſten kön⸗ nen. Ich habe keinen Troſt, gar keinen Troſt auf Er⸗ den; denn ſie waren mir alle ſtets gut!“ Sie fiel auf ihr Geſicht vor der gebieteriſchen Ge⸗ ſtalt auf dem Stuhle und machte eine flehentliche An⸗ ſtrengung, den Saum ihres Kleides zu erfaſſen. Roſa Dartle ſaß da und blickte auf ſie nieder ſo unbeugſam wie eine Meſſingfigur. Ihre Lippen waren dicht aufeinander gepaßt, als ob ſie wüßte, daß ſie ſehr ſtreng an ſich halten müßte, um— ich ſchreibe, was ich aufrichtig glaube— der Verſuchung nicht nachzu⸗ geben, die ſchöne Geſtalt mit dem Fuße von ſich zu ſtoßen. Ich ſah ſie deutlich, und die ganze Gewalt ihres Geſichts und Charakters ſchien in dieſen Aus⸗ druck zuſammengedrängt.— Wollte er denn gar nicht kommen? „Die erbärmliche Eitelkeit dieſes Gezüchts!“ ver⸗ 152. David Kopperſield. ſetzte ſie, als ſie das zornige Wogen ihrer Bruſt ſo weit niedergekämpft hatte, daß ſie ſich zu ſprechen ge⸗ trauen durfte.„Ihre Heimat! Bilden Sie ſich ein, daß mir nur ein Gedanke an dieſelbe beikommen könnte, oder meinen Sie, daß Sie dieſem gemeinen Orte irgend ein Leid anzuthun vermöchten, welches ſich nicht mit Geld, und zwar reichlich, abzahlen ließe? Ihre Heimat! Sie gehörten zum Handel, der in Ihrem heimatlichen Hauſe betrieben wurde; Sie wurden gekauft und verkauft wie jedes andere verkäufliche Ding, mit dem Ihre Leute handelten.“ „Oh nicht das!“ ſchrie Emilie.„Sagen Sie Al⸗ les von mir, aber ſchieben Sie meine Schmach und Schande, ja mehr als ich verwirkt, nicht auf Leute, die ſo ehrenwerth ſind, als Sie ſelbſt. Haben Sie, wenn Sie gleich eine Dame ſind, einige Achtung vor ihnen, wenn Sie auch kein Erbarmen mit mir haben.“ „Ich ſpreche,“ verſetzte Roſa Dartle, indem ſie keine Rückſicht auf dieſe Anrede nahm und ihr Kleid von der Befleckung durch Emiliens Berührung wegzog,„ich ſpreche von dem häuslichen Kreiſe, dem er angehört— wo ich lebe. Hier,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Hand mit einem verächtlichen Lachen ausſtreckte und auf das am Boden liegende Mädchen niederblickte,„iſt eine wür⸗ dige Urſache der Trennung zwiſchen einer Mutter und einem Sohne vornehmen Standes; eine Urſache von Kummer in einem Hauſe, wo man Sie nicht einmal als Küchenmagd angenommen hätte; von Zorn und Seelen⸗ qual und Vorwurf. Dieſes Weibsſtück voll Schmutz, auf⸗ geleſen am Waſſer, um eine Stunde lang viel Weſens mit ihr zu machen und ſie dann wieder zurückzuſchleu⸗ dern, woher ſie gekommen!“ „Nein, nein!“ ſchrie Emilie, indem ſie ihre Hände David Kopperfield. 153 zuſammenfaltete.„Als er zuerſt in meinen Weg kam — oh daß dieſer Tag mir nie gedämmert und daß er mich getroffen hätte, wie ich in mein Grab geſchafft worden wäre!— da war ich ſo tugendhaft auferzogen worden wie Sie oder irgend eine andere Dame, und ſtand im Begriffe, die Frau eines Mannes zu werden ſo gut wie Sie oder irgend eine andere Dame in der Welt nur je heirathen könnten. Wenn Sie in ſeiner Heimat leben und ihn kennen, ſo wiſſen Sie vielleicht, was er für eine Gewalt über ein ſchwaches, eitles Mädchen ausüben konnte. Ich vertheidige mich nicht, aber ich weiß wohl, und auch er weiß es wohl oder wird es wiſſen, wenn es mit ihm zum Sterben kommt und ſeine Seele von dem Gedanken gepeinigt iſt, daß er Alles, was in ſeiner Macht ſtand, anwendete, mich zu ver⸗ führen, und daß ich an ihn glaubte, ihm vertraute und ihn liebte!“ Roſa Dartle ſprang von ihrem Sitze auf, prallte zurück und ſchlug im Zurückprallen mit einem ſo bos⸗ haften Geſichte, ſo verdüſtert und entſtellt von Leidenſchaft, nach ihr, daß ich mich beinahe zwiſchen die Beiden ge⸗ ſtürzt hätte. Der Schlag, welcher kein Ziel hatte, ging in die Luft. Als ſie nun daſtand, keuchend, ſie mit der äußerſten Verachtung, die ſie auszudrücken fähig war, anſehend und vom Kopfe bis zu den Füßen vor Zorn und Hohn zitternd, dachte ich, daß ich noch nie ſolch einen Anblick geſehen habe und nie einen zweiten ſehen könne. „ Sie ihn lieben? Sie?“ ſchrie ſie, mit geballter Fauſt, zuckend, als ob ſie nur einer Waffe bedürfte, um den Gegenſtand ihrer Wuth zu durchbohren. Emilie war zurückgefahren, ſo daß ich ſie nicht mehr ſehen konnte. Es erfolgte keine Antwort. 154 David Kopperfield. „Und das mir zu ſagen,“ fuhr Roſa Dartle ſort, „mit ihren ſchändlichen Lippen? Warum giebt man dieſen Geſchöpfen nicht die Peitſche zu koſten? Wenn ich's befehlen könnte, ich würde dieſes Mädchen todt⸗ peitſchen laſſen.“ Und das würde ſie gethan haben, daran zweifle ich nicht. Ich würde ihr, ſo lange dieſer wüthende Blick dauerte, nicht einmal getraut haben, daß ſie ihr nicht die Folter zuerkannt hätte. Langſam, ſehr langſam brach ſie in ein Gelächter aus und wies mit der Hand auf Emilie, als ob ſie ein ſchandbarer Anblick vor Göttern und Menſchen wäre. „Sie lieben!“ ſagte ſie.„Dieſes Luder! Und ſie unterſteht ſich's, mir zu ſagen, daß er ſich je um ſie gekümmert habe. Ha ha! Was für Lügner dieſe Kupp⸗ lergeſellſchaft ſind!“ Ihre höhniſche Ironie war ſchlimmer, als ihre un— verhüllte Wuth. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, würde ich's bei Weitem vorgezogen haben, der Gegen⸗ ſtand der letztern zu ſein. Aber als ſie die letztere durch⸗ brechen ließ, war es nur auf einen Augenblick. Sie hatte ſie wieder angekettet, und wie ſehr es ſie inwen⸗ dig auch reißen und zerren mochte, unterwarf ſie die⸗ ſelbe ſich doch. „Ich kam hierher, Sie reine Quelle der Liebe,“ ſagte ſie, um— wie ich Ihnen zu Anfang erzählte— zu ſehen, wie ſolch ein Geſchöpf wie Sie ausſieht. Ich war neugierig. Ich bin jetzt befriedigt. Ebenſo, um Ihnen zu ſagen, daß Sie am Beſten thun werden, wenn Sie in aller Eile jene Ihre Heimat aufſuchen, um Ih⸗ ren Kopf unter jenen vortrefflichen Leuten zu verſtecken, welche Sie erwarten, und die Ihr Geld tröſten wird. Wenn es Alles verthan iſt, ſo wiſſen Sie ja, daß Sie ———— —— . David Kopperfield. 155 von neuem glauben und vertrauen und lieben können. Ich hielt Sie für ein zerbrochenes Spielzeug, welches ſeine Zeit ausgehalten hätte, für ein werthloſes Flitter⸗ püppchen, welches abgegriffen und weggeworfen worden ſei. Da ich aber in Ihnen echtes Gold, eine wahre Dame und eine ſchlecht behandelte Unſchuld mit einem friſchen Herzen voll Liebe und Zuverſicht finde— dem Sie ähnlich ſehen und was ganz gut zu Ihrer Ge⸗ ſchichte paßt— ſo habe ich Ihnen noch etwas Weite⸗ res zu ſagen. Geben Sie hübſch Achtung darauf; denn was ich ſage, werd' ich thun. Hören Sie, Sie holde Elfe? Was ich ſage, gedenk' ich zu thun.“ Wieder gewann ihre Wuth auf einen Augenblick die Oberhand über ſie, aber es ging wie ein Zucken über ihr Geſicht und verließ ſie lächelnd. „Verſtecken Sie ſich,“ fuhr ſie fort;„wo nicht zu Hauſe, irgendwo anders. Suchen Sie ſich irgendwo einen Fleck aus, wohin ich nicht reiche— leben— oder noch beſſer, ſterben Sie irgendwo in der Verborgenheit. Ich wundere mich, daß Sie, wenn Ihr liebendes Herz nicht brechen will, keinen Weg gefunden haben, ihm zur Ruhe zu verhelfen. Ich habe manchmal von der⸗ artigen Mitteln gehört. Ich glaube, daß ſie leicht zu finden ſind.“ Ein dumpfes Weinen von der Seite her, wo Emi⸗ lie ſich befand, unterbrach ſie hier. Sie hielt inne und lauſchte darauf, als ob es ihr Muſik wäre. „Ich bin vielleicht von einer wunderlichen Natur,“ fuhr Roſa Dartle fort,„aber ich kann nicht frei ath⸗ men in der Luft, die Sie einathmen. Ich finde ſie widerlich. Deshalb will ich ſie rein haben; ich will ſie von Ihnen gereinigt haben. Wenn Sie morgen noch hier wohnen, werd' ich Ihre Geſchichte und Ihren Cha⸗ 156 David Kopperfield. rakter auf der gemeinſchaftlichen Treppe bekannt machen laſſen. Es heißt, es giebt auch anſtändige Frauen in dem Hauſe, und es wäre ein Elend, wenn ſolch eine Frucht wie Sie unter ihnen ſein ſollte, und zwar ohne daß ſie's wüßten. Wenn Sie hier ausziehen und ir⸗ gendwo in dieſer Stadt in irgend einer Rolle eine Zu⸗ flucht ſuchen, ausgenommen in ihrer wahren(welche ich Ihnen gern anzunehmen erlaube, und in welcher ich Sie nicht ſtören will) ſo ſoll Ihnen derſelbe Dienſt ge⸗ than werden, ſobald ich nur von Ihrem Schlupfwinkel höre. Mit Hülfe eines Herrn, welcher ſich vor nicht langer Zeit um die Gunſt Ihrer Hand bewarb, hoffe ich zuverſichtlich, dies bewerkſtelligen zu können.“ Wollte er denn gar nicht, gar nicht kommen? Wie lange ſollte ich dies ertragen? Wie lange konnte ich es ertragen? „Oh wehe, oh wehe mir!“ rief die unſelige Emi⸗ lie in einem Tone, welcher meiner Meinung nach das härteſte Herz gerührt haben könnte; aber in Roſa Dartles lächelnden Zügen gab es kein Erbarmen.„Oh was ſoll ich, was ſoll ich nur thun!“ „Thun?“ entgegnete die Andere.„Glücklich leben in Ihren Erinnerungen! Ihr Daſein dem Andenken an James Steerforths Zärtlichkeit, der Sie— oder war's nicht ſo?— ſeinem Bedienten zur Frau geben wollte, oder dankbaren Gefühlen für das aufrichtige und treffliche Geſchöpf weihen, welches Sie als ſein Geſchenk angenommen haben würde. Oder, wenn jene ſtolzen Erinnerungen und das Bewußtſein Ihrer eignen Vorzüge und die ehrenvolle Stellung, zu welcher man Sie in den Augen Jedermanns erhoben hat, welcher menſchliche Geſtalt trägt, Sie nicht aufrecht erhalten wollen, ſo heirathen Sie jenen guten Mann und ſeien —— David Kopperfield. 157 Sie glücklich in ſeiner Herablaſſung. Wenn auch das nicht gehen will, ſo ſterben Sie. Es giebt Thorwege und Kehrichthaufen für ſolche Tode und ſolche Verzweif⸗ lung,— mögen Sie einen finden, und dann fliegen Sie auf gen Himmel!“ Ich hörte in der Ferne einen Fuß auf der Treppe. Ich kannte ihn, ich war meiner Sache gewiß. Es war der ſeine, Gott ſei Dank! Sie bewegte ſich langſam von ihrem Standorte vor der Thür weg, als ſie dies ſagte, und verſchwand mir aus den Augen. „Aber merken Sie ſich's,“ fügte ſie langſam und mit Nachdruck hinzu, indem ſie die andere Thür öffnete, um fortzugehen.„Ich bin aus Gründen, die ich habe, und aus Haß, den ich hege, entſchloſſen, Sie aus der Ge⸗ ſellſchaft zu vertreiben; es ſei denn, daß Sie ſich ganz aus meinem Bereiche zurückziehen oder Ihre ſchöne Maske fallen laſſen. Das iſt's, was ich zu ſagen hatte, und was ich ſage, gedenk' ich zu thun.“ Der Fuß auf der Treppe kam näher— immer näher— ſchritt an ihr vorüber, als ſie die Treppe hinabging— eilte in das Zimmer. „Onkel!“ Ein furchtbarer Schrei folgte dem Worte. Ich hielt einen Augenblick an mich, und indem ich hineinblickte, ſah ich, wie er ihre beſinnungsloſe Geſtalt in ſeinen Armen hielt. Er ſchaute ihr ein paar Sekunden ins Geſicht, bückte ſich dann, ſie zu küſſen— oh wie zärt⸗ lich!— und zog dann ein Taſchentuch über daſſelbe. „Musje Davchen,“ verſetzte er mit einer gedämpf⸗ ten bebenden Stimme, als ihr Antlitz bedeckt war,„ich danke meinem himmliſchen Vater, daß mein Traum ausgeht! Ich danke ihm von Herzen, daß er mich auf 158 David Kopperfield. ſeinen Wegen zu meinem lieben Herzensmädchen ge⸗ führt hat!“ Mit dieſen Worten hob er ſie in ſeinen Armen in die Hoͤhe und trug ſie, indem ihr verhülltes Geſicht an ſeinem Buſen lag und nach ſeinem eignen Geſichte ge⸗ kehrt war, bewegungslos und ohne Beſinnung die Treppe hinab. Ende des achten Theils. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. — “ — ———— nn„