thek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.——. .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt: 3 für afchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— J7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Ausgewählte Novellen-Bibliothek. 4 Dreizehnter Band. David Kopperfield, der Jüngere⸗ Von Charles Dickens. Siebenter Theil. — 0— Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1850. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erfahrungen und Beobachtungen David Kopperfield's des Jüngeren. Von Charles Dickens. Siebenter Theil. Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1850. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erkahrungen und Beobachtungen David Kopperfield's des Jüngeren. Siebenter Theil. Achtunddreißigſtes Kapitel. Die Auflöſung einer Geſchäftsverbindung. Ich geſtattete meiner Entſchloſſenheit hinſichtlich der Parliamentsdebatten nicht, zu verkühlen. Dies war eines der Eiſen, die ich unverweilt heiß zu machen begann, und eines der Eiſen, die ich fortwährend glühend erhielt, und auf die ich mit einer Beharrlichkeit loshämmerte, welche ich ohne Selbſtüberhebung bewundern darf. Ich kaufte ein beglaubigtes Schema der edlen und geheimnißvollen Kunſt der Stenographie(welches mir zehn Schilling ſechs Pence koſtete) und ſtürzte mich kopfüber in ein Meer von Ver⸗ legenheiten, welches mich in wenigen Wochen bis an die Grenzen der Verrücktheit trieb. Die wechſelnden Be⸗ deutungen von Punkten, welche in dieſer Stellung das Ding, in jener Stellung wieder etwas Anderes, ganz und gar Verſchiedenes meinten; die wunderſamen Schna⸗ ken und Schnurren, welche mit Kreiſen geſpielt wurden; die unberechenbaren Folgen, die ſich aus Zeichen gleich Fliegenbeinen ergaben; die entſetzlichen Wirkungen einer krummen Linie am unrechten Orte quälten mich nicht nur im Wachen, ſondern erſchienen auch im Schlafe wieder 1* David Kopperfield. vor mir. Als ich mich blind durch dieſe Schwierigkei⸗ ten hindurchgetaſtet und das Alphabet bemeiſtert hatte, welches an ſich ſchon ein ägyptiſcher Tempel war, ſo erſchien eine Reihenfolge neuer Schreckgeſtalten, willkür⸗ liche Charaktere genannt, die allerdespotiſchſten Charak⸗ tere, die ich je kennen lernte, welche zum Beiſpiel dar⸗ auf beſtanden, daß ein Ding wie der Anfang zu einem Spinnengewebe Erwartung bedeute, und daß eine mit Feder und Dinte gemachte Rakete für nachtheilig ſtünde. Als ich dieſe unglückſeligen Dinger mir eingeprägt, fand ich, daß ſie mir alles Andere aus dem Kopfe getrie⸗ ben; und als ich von vorn anfing, vergaß ich wiederum ſie; und während ich ſie von Neuem auflas, ließ ich die andern Bruchſtücke des Syſtems fallen, kurz es war ſchier herzzerbrechend. Es würde ganz und gar herzzerbrechend geweſen ſein, wäre Dora nicht geweſen, welche der Halt und Anker meiner vom Sturme umhergetriebenen Barke war. Je⸗ der Kritzel im Syſtem war eine knorrige Eiche im Walde der Schwierigkeiten, und ich fuhr fort, ſie eine nach der andern niederzuſchlagen, und zwar mit ſolcher Tapfer⸗ keit, daß ich mich in drei oder vier Monaten in der Lage ſah, einen Verſuch mit einem unſerer plappernden Sprecher in den Commons zu machen. Werde ich je wohl vergeſſen, wie der plappernde Sprecher mir, ehe ich nur begann, vorausging und meinen ungeſchickten Bleiſtift auf dem Papiere ſtolpernd zurückließ, als ob er ohnmächtig wäre! Es war völlig klar, ſo ging's nicht. Ich flog zu hoch und konnte auf dieſe Art nie vorwärts kommen. Ich wendete mich an Traddles um Rath, und dieſer ſchlug mir vor, er wolle mir langſam und mit gele⸗ gentlichem, meiner Schwäche angepaßtem Innehalten Re⸗ David Kopperfield. 5 den dictiren. Sehr dankbar für ſeinen freundſchaftlichen Beiſtand, nahm ich den Vorſchlag an, und Abend auf Abend, eine lange Zeit faſt jeden Abend, hielten wir, nachdem ich vom Doctor nach Hauſe gekommen, eine Art Privatparliament in Buckingham Street. Ich möchte ſolch ein Parliament wohl ein Mal an⸗ derswo ſehen! Meine Tante und Mr. Dick ſtellten, je nachdem der Gegenſtand der Verhandlung war, entweder die Regierung oder die Oppoſition vor, und Traddles donnerte mit Hülfe von Enfields„Sprecher“ oder einem Bande parliamentariſcher Reden erſtaunliche Angriffe ge⸗ gen ſie. Am Tiſche ſtehend, den Finger auf der Seite des Bandes, um die Stelle, wo er las, nicht zu verlieren, und die rechte Hand über ſeinem Kopfe ſchwenkend, pflegte Traddles, als Pitt, For, Sheridan, Burke, Lord Caſtle⸗ reagh, Viscount Sidmouth oder Canning ſich in die gewaltigſte Hitze hineinzuarbeiten und die vernichtendſten Anklagen auf Niederträchtigkeit und Verdorbenheit gegen meine Tante und Mr. Dick zu ſchleudern, während ich mit meinem Notirbuche auf meinen Knieen in einiger Entfernung zu ſitzen und mich mit aller meiner Macht und Kraft zu placken pflegte, ihm nachzukommen. Das unbeſtändige und wetterwendiſche Weſen Traddles' war von der Art, daß ihn kein wirklicher Politiker darin übertroffen hätte. Er war im Laufe einer Woche für jede politiſche Einrichtung, und pflanzte alle Arten von Farben an alle nur denkbaren Fahnenſtangen. Meine Tante, die ganz wie ein unbeweglicher Kanzler vom Schatze ausſah, warf gelegentlich, wenn der Text es zu erfordern ſchien, ein paar unterbrechende Worte, als „Hört!“ oder„Nein!“ oder„Oh!“ ein, was ſtets für Mr. Dick(ein vollendetes Mitglied aus dem Land⸗ adel) ein Zeichen war, luſtig mit demſelben Geſchrei zu 6 David Kopperfield. folgen. Aber Mr. Dick wurde im Laufe ſeiner parlia⸗ mentariſchen Carriere über dergleichen Dinge getadelt und für ſolche entſetzliche Folgen verantwortlich gemacht, daß es ihm manchmal unbehaglich zu Muthe wurde. Ich glaube, daß er wirklich ſich zu fürchten begann, er habe etwas gethan, was auf die Vernichtung der britiſchen Verfaſſung und den Untergang des Landes abzweckte. Sehr oft ſetzten wir dieſe Debatten fort, bis die Wanduhr auf Mitternacht wies und die Kerzen nieder⸗ gebrannt waren. Das Ergebniß ſo vieler guten Uebung war, daß ich bald mit Traddles ziemlich gut Schritt zu halten anfing und einen vollkommenen Triumph ge⸗ feiert haben würde, wenn ich den geringſten Begriff davon gehabt hätte, was meine Außzeichnungen beſagen wollten. Aber wenn es, nachdem ich ſie niedergeſchrie⸗ ben, ans Leſen ging, ſo möchte ich eben ſo gut die chi⸗ neſiſchen Inſchriften auf einer unermeßlichen Sammlung von Theekiſten, oder die goldenen Charaktere auf all den rothen und grünen Flaſchen in den Läden der Che⸗ miker abgeſchrieben haben. Dagegen half nichts, als Rechtsumkehrt zu machen und Alles von vorn anzufangen. Es war ſehr trau⸗ rig, aber ich machte, wenn auch ſchweren Herzens, Rechts⸗ umkehrt und begann fleißig and methodiſch mit einem Schneckengange über denſelben langweiligen Boden zu wandeln, hielt bei jedem Pünktchen auf dem Wege an, um es ſorgfältig von allen Seiten zu unterſuchen und machte die verzweifeltſten Anſtrengungen, dieſe flüchtigen Schriftzeichen mit dem Auge wiederzuerkennen, ſo oft ich ihnen begegnete. Ich war allezeit pünktlich in der Expedition und beim Doctor und arbeitete wirklich, wie man im gemeinen Leben ſagt, gleich einem Karrengaule. David Kopperfield. 7 Eines Tages, als ich wie gewöhnlich nach den Com⸗ mons ging, traf ich Mr. Spenlow, der außerordentlich ernſt ausſah und mit ſich ſelbſt ſprach, am Thorwege. Da er die Gewoheit hatte, über Schmerzen im Kopfe zu klagen— er hatte von Natur einen kurzen Hals, und ich glaube in vollem Ernſte, daß er ſich zu ſehr in geſtärkte Wäſche ſteckte— ſo ängſtigte ich mich zu⸗ erſt mit der Idee, er befinde ſich in dieſem Punkte nicht ganz wohl, aber er befreite mich bald von meiner Be⸗ ſorgniß. Statt meinen„Guten Morgen“ mit ſeiner gewohn⸗ ten Leutſeligkeit zu erwiedern, warf er mir einen den Abſtand zwiſchen mir und ihm bezeichnenden ceremoniö⸗ ſen Blick zu und bat mich kalt, ihn nach einem gewiſſen Kaffeehauſe zu begleiten, welches in jenen Tagen eine Thür hatte, die in die Commons hinausging und ſich gerade in dem kleinen Bogengange in St. Pauls Kirch⸗ hofe befand. Ich ging darauf in einer ſehr unbehaglichen Stimmung und indem es mich heiß überlief, als ob meine Befürchtungen ſich jetzt in Wirklichkeit verwandelten, ein. Als ich ihn des engen Weges halber ein wenig vor mir hergehen ließ, bemerkte ich, daß er ſeinen Kopf in einer hochmüthigen Weiſe trug, welche außerordent⸗ lich wenig Gutes verſprach, und meine Seele ahnte, daß er die Angelegenheit mit meiner geliebten Dora entdeckt habe. Wenn ich dies nicht auf dem Wege nach dem Kaf⸗ feehauſe errathen hätte, ſo hätte ich ſchwerlich verfehlen können, zu merken, um was es ſich handelte, als ich ihm in ein Zimmer im erſten Stocke folgte und dort Miß Murdſtone fand, welche durch einen Hintergrund noch mehr gehoben wurde, wo ſich ein Schenktiſch mit verſchiedenen umgekehrten Trinkgläſern, auf denen Ci⸗ David Kopperfield. tronen lagen, und zweien jener außergewöhnlichen, aus lauter Ecken und Riefen beſtehenden Käſtchen zum Hin⸗ einſtecken von Meſſern und Gabeln befand, wie ſie zum Heile des Menſchengeſchlechts jetzt aus der Mode ge⸗ kommen ſind. Miß Murdſtone gab mir ihre eiskalten Fingerſpitzen und ſaß ernſt und ſtreng da. Mr. Spenlow ſchloß die Thür, hieß mich durch eine Handbewegung auf einen Stuhl niederſetzen und ſtellte ſich auf den Teppich vor dem Kamin. „Haben Sie die Güte, Herrn Kopperfield zu zei⸗ gen,“ begann Mr. Spenlow,„was Sie in Ihrem Strick⸗ beutel haben, Fräulein Murdſtone.“ Ich glaube, es war derſelbe alte, mit einer Stahl⸗ klappe verſehene Strickbeutel meiner Kindheit, welcher wie ein beißendes Maul ſich aufthat. Indem Miß Murd⸗ ſtone ihre Lippen in Sympathie mit dem ſchnappenden Riegel des Schloſſes zuſammenpreßte, öffnete ſie es— wobei ihr Mund ſich zu gleicher Zeit öffnete— und langte meinen letzten, von Ausdrücken hingebender Liebe ſtrotzenden Brief an Dora hervor. „Ich glaube, das iſt Ihre Handſchrift, Herr Kop⸗ perfield?“ ſagte Mr. Spenlow. Ich war ſehr erhitzt, und meine Stimme glich, wie ich hörte, der meinen ſehr wenig, als ich antwortete: „Ja, ſie iſt's, Herr Spenlow.“ „Wenn ich mich nicht irre,“ fuhr Mr. Spenlow fort, als Miß Murdſtone ein Packet Briefe, zuſammen⸗ gebunden mit dem theuerſten Stücke blauen Bandes auf der Welt, aus ihrem Strickbeutel brachte,„ſo ſind dieſe da auch von Ihrer Feder, Herr Kopperfield?“ Ich nahm ſie von ihr mit dem Gefühle des äußer⸗ ſten Verzagens, und indem ich auf Phraſen in der Ue⸗ David Kopperfield. 9 berſchrift, wie„Meine ewig theure und liebe Dora,“— „Mein innigſtgeliebter Engel,“—„Meine Herzens⸗ geliebte“ und dergleichen mehr einen Blick warf, errö⸗ thete ich tief und neigte den Kopf. „Nein, dank' Ihnen ſchön,“ ſagte Mr. Spenlow kalt, als ich ſie ihm mechaniſch zurückgeben wollte.„Ich will Sie derſelben nicht berauben. Fräulein Murdſtone, haben Sie die Güte fortzufahren.“ Dieſes holde Geſchöpf ließ ſich, nachdem ſie einen Augenblick gedankenvoll den Teppich überblickt, mit ſehr trocknem und ſalbungsvollem Tone wie folgt vernehmen: „Ich muß geſtehen, ſchon einige Zeit Fräulein Spen⸗ low mit David Kopperfield in Verdacht gehabt zu ha⸗ ben. Ich beobachtete Fräulein Spenlow und David Kop⸗ perfield, als ſie das erſte Mal zuſammenkamen, und der Eindruck, den ich damals davon erhielt, war kein gün⸗ ſtiger. Die Verderbtheit des menſchlichen Herzens iſt von der Art—“ „Sie werden mich verpflichten, Fräulein,“ unter⸗ brach ſie Mr. Spenlow,„wenn Sie ſich auf Thatſachen beſchränken.“ Miß Murdſtone ſchlug die Augen nieder, ſchüttelte den Kopf, als wollte ſie gegen dieſe unziemliche Unter⸗ brechung Verwahrung einlegen, und nahm mit ſtirn⸗ runzelnder Würde ihre Rede wieder auf: „Da ich mich auf Thatſachen beſchränken ſoll, ſo will ich dieſelben ſo trocken angeben, als ich kann. Viel⸗ leicht wird das als ein annehmbares Verfahren betrach⸗ tet werden. Ich habe ſchon geſagt, Herr Spenlow, daß ich Fräulein Spenlow mit David Kopperfield bereits ſeit einiger Zeit im Verdacht hatte. Ich habe häufig nach einer entſcheidenden Beſtärkung dieſes Verdachtes geſucht, aber ohne Erfolg. Ich habe es darum ver⸗ 10 David Kopperfield. mieden, es gegen den Vater des Fräulein Spenlow zu erwähnen,“ ſie ſah ihn hierbei ſtrengen Blickes an, „indem ich wußte, wie wenig man in ſolchen Fällen geneigt iſt, die gewiſſenhafte Erfüllung übernommener Pflichten anzuerkennen.“ Mr. Spenlow ſchien durch die noble Ernſthaftigkeit im Benehmen der Miß Murdſtone völlig eingeſchüchtert und ſuchte ihre Strenge durch eine verſöhnliche leiſe Hand⸗ bewegung zu beſänftigen. „Bei meiner Rückkehr nach Norwood, nach der Periode meiner durch die Hochzeit meines Bruder her⸗ beigeführten Abweſenheit,“ fuhr Miß Murdſtone mit verächtlicher Stimme fort,„und der Rückkehr des Fräu⸗ leins Spenlow von ihrem Beſuche bei ihrer Freundin Fräulein Mills kam mir's vor, daß das Benehmen von Fräulein Spenlow mir mehr Gelegenheit zum Ver⸗ dachte gäbe. Ich beobachtete deshalb Fräulein Spenlow ſcharf.“ Armes, liebes, zartes Dorachen, die Du ſo wenig an das Auge dieſes Drachen dachteſt! „Noch immer fand ich jedoch,“ fuhr Miß Murd⸗ ſtone fort,„nicht eher einen Beweis, als geſtern Abend. Es ſchien mir, als ob Fräulein Spenlow zu viele Briefe von ihrer Freundin Miß Mills empfinge; da aber Fräu⸗ lein Mills ihre Freundin mit dem vollen Wiſſen ihres Vaters war“— hier traf Mr. Spenlow ein aberma⸗ maliger ſprechender Blick,„ſo kam mir's nicht zu, da⸗ zwiſchen zu treten. Wenn man mir nicht erlaubt, auf die natürliche Verderbtheit des menſchlichen Herzens an⸗ zuſpielen, ſo möchte— ſo muß— man mir wenig⸗ ſtens erlauben, von übelangebrachtem Vertrauen zu reden.“ Mr. Spenlow murmelte ſeine Beiſtimmung. David Kopperfield. 11 „Geſtern Abend nach dem Thee,“ fuhr Miß Murd⸗ ſtone fort,„beobachtete ich den kleinen Hund, wie er durch das Geſellſchaftszimmer ſprang, ſich kugelte und knurrte und etwas herumzerrte. Ich ſagte zu Fräulein Spenlow: Dora, was iſt das, was der Hund da in ſeinem Maule hat?'s iſt Papier.— Fräulein Spen⸗ low fuhr augenblicklich mit der Hand in die Rockeaſche, ſtieß einen plötzlichen Schrei aus und lief auf den Hund zu. Ich trat dazwiſchen und ſagte: Dora, meine Liebe, Sie müſſen mir erlauben.“ Oh Zig, miſerabler Wachtelhund, ſo war dieſes Elend alſo Dein Werk! „Fräulein Spenlow,“ ſagte Miß Murdſtone,„ver⸗ ſuchte es, mich mit Küſſen, Arbeitskörbchen und kleinen Juwelierarbeiten zu beſtechen— worüber ich natürlich hinweggehe. Der kleine Hund zog ſich, als ich mich ihm näherte, unter das Sopha zurück und wurde mit großer Mühe mit Hülfe der Feuerhaken von dort ver⸗ trieben. Selbſt als er hervorgetrieben war, behielt er den Brief im Maule, und als ich mich bemühte, ihm den⸗ ſelben wegzunehmen, wobei ich die äußerſte Gefahr lief, gebiſſen zu werden, hielt er ihn ſo hartnäckig in den Zähnen feſt, daß er ſich vermittelſt des Documents in der Schwebe halten ließ. Endlich gelangte ich in Beſitz deſſelben. Nachdem ich's geleſen, tadelte ich Fräulein Spenlow, daß ſie gewiß noch viele ſolcher Briefe be⸗ ſitze, und erlangte ſchließlich von ihr das Packet, welches jetzt in David Kopperſields Hand iſt.“ Hier ſchloß ſie ihren Bericht, und indem ſie ihren Strickbeutel wieder zuſchnappte und den Mund ſchloß, machte ſie eine Miene, als ob ſie vielleicht gebrochen, nie aber gebeugt werden könnte. „Ich habe jetzt Fräulein Murdſtone gehört,“ ſagte 12 David Kopperfield. Mr. Spenlow, indem er ſich zu mir wendete;„ich er⸗ laube mir nun zu fragen, Herr Kopperfield, ob Sie etwas darauf zu entgegnen haben.“ Das Bild, welches ich vor Augen hatte von dem holden kleinen Schatze meines Herzens, wie ſie die ganze Nacht ſeufzte und weinte,— wie ſie dann allein, ge⸗ ängſtigt und unglücklich war— wie ſie jenes Weib mit dem ſteinernen Herzen ſo jämmerlich gebeten und ange⸗ fleht habe, ihr zu vergeben— wie ſie ihr umſonſt jene Küſſe, Arbeitskäſtchen und Schmuckſachen angebo⸗ ten— wie ſie in ſolchen Gram und Harm nur mei⸗ nethalben geſtürzt worden— beeinträchtigte das Bischen Würde, über das ich zu gebieten hatte, ſehr. Ich fürchte, daß ich eine Minute etwa vor Furcht gezittert habe, obwohl ich mein Beſtes that, es zu verbergen. „Ich habe nichts zu ſagen, Herr Spenlow,“ er⸗ wiederte ich,„als daß der ganze Tadel auf mich fällt. Dora—“ „Fräulein Spenlow, wenn es Ihnen gefällig iſt,“ ſagte ihr Vater majeſtätiſch. —„wurde von mir dahin vermocht und überredet,“ fuhr ich, dieſe kältere Bezeichnung verſchluckend, fort, „in die Verheimlichung zu willigen, und ich bereue das bitterlich.“ „Sie ſind höͤchlich zu tadeln,“ erwiederte Mr. Spen⸗ low, indem er auf dem Teppich hin- und herging und Dem, was er ſagte, wegen der Steifheit ſeiner Hals⸗ binde und ſeines Rückgraths, mit ſeinem ganzen Kör⸗ per anſtatt blos mit ſeinem Kopfe Nachdruck verlieh. „Sie haben ſich einer hinterliſtigen und unredlichen Hand⸗ lung ſchuldig gemacht, Herr Kopperfteld. Wenn ich einen Gentleman in mein Haus einführe, gleichviel ob er neunzehn oder neunundzwanzig oder neunzig Jahre David Kopperfield. 13 alt iſt, ſo nehme ich ihn im Vertrauen auf ihn mit mir dorthin. Wenn er mein Vertrauen mißbraucht, begeht er eine unehrenhafte Handlung, Herr Kopper⸗ field.“ „Ich verſichere Ihnen, daß ich dies fühle,“ entgeg⸗ nete ich.„Aber ich habe nie vorher daran gedacht. Aufrichtig und ehrlich geſprochen, Herr Spenlow, nie vorher habe ich ſo etwas gedacht. Ich liebe Fräulein Spenlow in dem Maße—“ „Puh, Unſinn!“ ſchrie Mr. Spenlow, indem er roth wurde;„bitte, ſagen Sie mir nicht ins Geſicht hinein, daß Sie meine Tochter lieben, Herr Kopper⸗ field.“ „Könnte ich mein Benehmen vertheidigen, wenn dies nicht der Fall wäre!“ entgegnete ich mit aller De⸗ muth. „Können Sie Ihr Benehmen denn vertheidigen, wenn es der Fall iſt?“ fragte Mr. Spenlow, indem er auf dem Teppich plötzlich ſtehen blieb.„Haben Sie Ihre und meiner Tochter Jahre erwogen, Herr Kopper⸗ field? Haben Sie erwogen, was es heißt, das Ver⸗ trauen zu untergraben, welches zwiſchen meiner Tochter und mir exiſtiren ſollte? Haben Sie meiner Tochter Stellung im Leben, die Pläne, die ich für ihr Fort⸗ kommen vielleicht im Sinne habe, die teſtamentariſchen Abſichten, die ich in Bezug auf dieſelbe hege, erwogen? Haben Sie irgend etwas dabei erwogen?“ „Ich fürchte, nur ſehr wenig, Herr Spenlow,“ ant⸗ wortete ich, indem ich zu ihm ſo achtungsvoll und ſo betrübt ſprach, wie mir's um das Herz war;„aber bitte, glauben Sie mir, daß ich meine eigne Stellung in der Welt erwogen habe. Als ich Ihnen dieſelbe aus⸗ einanderſetzte, waren wir bereits verſprochen—“ 14 David Kopperfield. „Ich muß Sie bitten,“ ſagte Mr. Spenlow, in dieſem Augenblicke mehr dem Punch gleich, als ich ihn jemals geſehen, während er mit Macht die eine Hand auf die andere ſchlug— ich konnte ſelbſt in meiner Verzweiflung nicht umhin, das zu bemerken—„daß Sie mir nicht von Verſprochen⸗Sein reden, Herr Kopper⸗ field.“ Die ſonſt unbewegliche Miß Murdſtone lachte ver⸗ ächtlich mit einem kurzen Ha! „Als ich Ihnen meine veränderte Stellung ausein⸗ anderſetzte,“ begann ich von Neuem, indem ich eine neue Ausdrucksform für das, was ihm ſo wenigazu⸗ ſagte, einſchob,„hatte dieſes heimliche Verhältniß, zu welchem ich Fräulein Spenlow unglücklicher Weiſe ver⸗ leitet habe, bereits begonnen. Seit ich dieſe veränderte Stellung einnehme, habe ich jeden Nerv angeſpannt und alle Willenskraft aufgewendet, ſie zu verbeſſern. Ich bin ſicher, daß ich ſie in Kurzem verbeſſern werde. Wol⸗ len Sie mir Zeit gewähren— ſei es eine noch ſo lange Zeit? Wir ſind Beide ſo jung, Herr Spenlow—“ „Sie haben recht,“ unterbrach mich Mr. Spenlow, indem er viele Male mit dem Kopfe nickte und die Stirn ſehr runzelte,„Sie ſind Beide ſehr jung.'s iſt Alles dummes Zeug. Machen wir dem dummen Zeuge ein Ende. Nehmen Sie dieſe Briefe mit fort und werfen Sie ſte ins Feuer. Geben Sie mir die Briefe des Fräu⸗ lein Spenlow, daß ich ſie auch ins Feuer werfe, und obſchon unſer künftiger Verkehr, wie Sie ſich denken können, auf die Commons hier beſchränkt ſein muß, ſo wollen wir uns darüber einigen, die Vergangenheit nicht mehr zu erwähnen. Kommen Sie alſo, Herr Kop⸗ perfield, es fehlt Ihnen nicht an Verſtand, und dieſes iſt der verſtändige Weg.“ David Kopperfield. 15 Nein. Ich konnte nicht daran denken, darauf ein⸗ zugehen. Es betrübte mich ſehr, aber es war etwas Höheres als der Verſtand in Betracht zu ziehen. Die Liebe ſtand über allen Rückſichten auf Erden, und ich liebte Dora bis zum Götzendienſt, und Dora liebte mich. Ich ſagte dies nicht gerade, ich milderte es, ſo viel ich konnte; aber ich ließ es merken und war entſchloſſen, dabei zu bleiben. Ich glaube nicht, daß ich mich ſehr lächerlich machte, aber ich weiß, daß ich entſchloſſen war. „Sehr wohl,“ entgegnete Mr. Spenlow,„dann muß ich meinen Einfluß auf meine Tochter verſuchen.“ Miß Murdſtone ließ ihm durch einen ausdrucksvol⸗ len Ton, einen langgezogenen Athemzug, welcher we⸗ der ein Seufzer noch eine Wehklage war, aber beiden glich, merken, wie er ihrer Meinung nach dies zuerſt gethan haben ſollte. „Ich muß,“ wiederholte Herr Spenlow, durch dieſe Unterſtützung beſtärkt,„meinen Einfluß auf meine Toch⸗ ter verſuchen. Lehnen Sie es ab, dieſe Briefe an ſich zu nehmen, Herr Kopperfield?“ Ich hatte ſie nämlich auf den Tiſch gelegt. Ja. Ich ſagte ihm, wie ich hoffe, er werde mir's nicht übel auslegen, aber ich könnte ſie unmöglich von Miß Murdſtone annehmen. 3 „Auch nicht von mir?“ fragte Mr. Spenlow. „Nein,“ erwiederte ich mit der tiefſten Ehrerbietung, „auch von Ihnen nicht.“ „Sehr wohl!“ verſetzte Mr. Spenlow. Es folgte ein Schweigen, und ich war unentſchie⸗ den, ob ich gehen oder bleiben ſollte. Endlich bewegte ich mich auf die Thür zu, in der Abſicht, ihm zu ſagen, daß ich ſeinen Gefühlen gegenüber wohl am Beſten thun werde, wenn ich mich zurückzöge; da ſagte er, die Hände 16 David Kopperfield. in den Rocktaſchen, was das Aeußerſte war, wo er ſie hinbringen konnte, und mit einer Miene, die ich im Allgemeinen eine fromme nennen ſollte: „Es iſt Ihnen wahrſcheinlich bekannt, Herr Kop⸗ perfield, daß ich nicht ganz ohne weltlichen Beſitz bin, und daß meine Tochter meine nächſte und liebſte Ver⸗ wandte iſt.“ Ich beeilte mich, ihm ſo ſchnell wie nur möglich zu erwiedern, daß ich hoffe, die Verirrung, zu der die ver⸗ zweifelte Natur meiner Liebe mich verleitet, gebe ihm nicht den Gedanken ein, ich habe auch Geldrückſichten dabei? „Ich ſpiele auf die Sache nicht in dem Lichte an,“ antwortete Mr. Spenlow.„Es würde beſſer für Sie und uns Alle ſein, Herr Kopperfield, wenn Sie Geld⸗ rückſichten kennten— ich meine, wenn Sie beſcheidener wären, und wenn all dieſer jugendliche Unſinn weniger Einfluß auf Sie übte. Nein. Ich ſage blos, indem ich ganz was Anderes im Auge habe; es iſt Ihnen wahr⸗ ſcheinlich bekannt, daß ich meinem Kinde einigen Beſitz zu hinterlaſſen hätte.“ 3 Ich ſetzte das mit Gewißheit voraus. „Und Sie,“ fuhr Mr. Spenlow fort,„der Sie Erfahrung von Dem haben, was wir in den Commons alle Tage ſehen, von dem unverantwortlich nachläſſigen Verfahren der Leute in Bezug auf ihre teſtamentari⸗ ſchen Einrichtungen— von allen Gegenſtänden derjenige, in deſſen Bereich man vielleicht den wunderlichſten Offen⸗ barungen menſchlicher Unbeſtändigkeit begegnet— Sie alſo werden kaum anders denken, als daß meine Vor⸗ kehrungen in dieſer Hinſicht getroffen ſind.“ Ich neigte meinen Kopf, um meine Beiſtimmung auszudrücken. David Kopperfield. 17 „Ich dürfte nicht geſtatten,“ ſagte Mr. Spenlow, indem ſein frommes Gefühl augenſcheinlich ſchwoll, und indem er langſam den Kopf ſchüttelte, während er ſich abwechſelnd auf die Zehen und die Ferſen erhob,„daß ein Stück Jugendthorheit, wie die vorliegende, Einfluß übte auf die gebührende Fürſorge für mein Kind. Es iſt reine Thorheit. Reiner Unſinn. In einem Weil⸗ chen wird es leichter als eine Feder wiegen. Aber ich könnte wohl— ich könnte wohl am Ende, wenn dieſe einfältige Sache nicht völlig aufgegeben würde, mich in einem ängſtlichen Augenblicke bewogen finden, ſie vor einem thörichten Schritte im Punkte des Heirathens zu bewahren und mit Schutzmitteln dagegen zu umgeben, Nun, Herr Kopperfield, ich hoffe, daß Sie mich nicht in die Nothwendigkeit verſetzen werden, auch nur auf eine Viertelſtunde jene geſchloſſene Seite im Buche des Lebens aufzuſchlagen und, wenn auch ebenfalls nur auf eine Viertelſtunde, wichtige, längſt in Ordnung ge⸗ brachte Angelegenheiten neu zu ordnen.“ Es war eine Heiterkeit, eine Ruhe, ein Etwas wie ein milder, ſtiller Sonnenuntergang an ihm, was mich ganz rührte. Er war ſo friedvoll und ergeben, hatte, wie klar zu ſehen, ſeine Angelegenheiten ſo vollkommen am Schnürchen und ſo ſyſtematiſch aufgewunden, daß er ein Mann war, der einem ein Gefühl der Rührung einflößte, wenn man ſich ihn betrachtete. Mir iſt's wirk⸗ lich, als habe ich ihm die Thränen in die Augen ſtei⸗ gen ſehen aus der Tiefe ſeiner Empfindung von allem Dieſen. Aber was konnte ich thun? Ich konnte nicht Dora und mein eigen Herz verleugnen. Als er mir ſagte, ich würde beſſer thun, mir Das, was er geſagt, eine Woche zu überlegen; wie hätte ich da mich der Woche David Kopperfield. VII. 2 18 David Kopperfield. Bedenkzeit weigern, und doch, wie hätte ich mir's ver⸗ bergen können, daß keine Zahl von Wochen Einfluß haben könnte auf ſolch eine Liebe als die meine? „In der Zwiſchenzeit beſprechen Sie ſich mit Fräu⸗ lein Trotwood oder mit irgend Jemand, der einige Kennt⸗ niß vom Leben hat,“ ſagte Herr Spenlow, indem er ſeine Halsbinde mit beiden Händen zurecht zupfte.„Neh⸗ men Sie daher eine Woche Bedenkzeit an, Herr Kop⸗ perfield.“ Ich unterwarf mich dem und verließ dann mit einem Geſichte niedergeſchlagener und verzweifelnder Beſtändig⸗ keit, ſo ausdrucksvoll ich es nur machen konnte, das Zimmer. Miß Murdſtone's ſchwere Augenbrauen folg⸗ ten mir nach der Thür— ich ſage lieber ihre Augen⸗ brauen als ihre Augen, weil dieſe viel wichtiger in ihrem Geſichte waren— und ſie ſah genau ſo aus, wie ſie etwa des Morgens in unſerer Wohnſtube zu Blunder⸗ ſtone auszuſehen pflegte, und die Aehnlichkeit war ſo groß, daß ich mir faſt hätte einbilden können, ich ge⸗ riethe in meine Leſeſtunden zurück, und die Laſt auf meinem Herzen ſei jenes abſcheuliche alte Buchſtabir⸗ Buch mit den eirunden Holzſchnitten, die meiner jugend⸗ lichen Phantaſie wie Gläſer aus Brillen geformt er⸗ ſchienen. Als ich in die Expedition kam und den alten Tif⸗ fey nebſt den Uebrigen mit meinen Händen von mir abgeſperrt und mich an mein Pult in meinem eignen beſondern Winkel geſetzt hatte und über dieſes Erdbeben, das ſo unerwartet ſtattgefunden, nachdachte, und in der Verbitterung meiner Laune Zig verfluchte, gerieth ich in einen ſolchen Zuſtand der Seelenpein hinſichtlich Dora's, daß ich mich wundere, wie ich nicht meinen Hut nahm und ſinnloſer Weiſe hinaus nach Norwood raſte. Der 4 — David Kopperfield. 19 Gedanke, daß ſie ihr Angſt machten und ſie zum Weinen veranlaßten, und daß ich nicht da ſei, ſie zu tröſten, war ſo quälend, daß er mich trieb, einen tollen Brief an Mr. Spenlow zu ſchreiben, worin ich ihn flehent⸗ lich bat, ihr die Folgen meines furchtbaren Geſchicks nicht entgelten zu laſſen. Ich flehte ihn, ihre zarte Na⸗ tur zu ſchonen,— nicht eine ſolche leicht zerſtörbare Blume zu knicken— und redete zu ihm im Allgemei⸗ nen, ſo viel ich mich entſinne, als ob er, ſtatt ihr Va⸗ ter zu ſein, ein Menſchenfreſſer oder der Drache von Wantley geweſen wäre. Dieſen Brief ſiegelte ich zu und legte ihn auf ſein Pult, ehe er wiederkam, und als er hereintrat, ſah ich durch die halbgeöffnete Thuͤr ſeines Zimmers, wie er ihn nahm und las. Er äußerte den ganzen Morgen nichts darüber; aber ehe er des Nachmittags wegging, rief er mich herein und ſagte mir, daß ich durchaus nicht nöthig habe, mir über das Glück ſeiner Tochter Gedanken zu machen. Er hätte ihr, ſagte er, die Verſicherung gegeben, daß es Alles dummes Zeug ſei, und er hätte ihr nichts wei⸗ ter zu ſagen. Er glaube, er ſei ein nachſichtiger Vater (was er allerdings war) und ich möchte mir alle Angſt ihrethalben erſparen. „Wenn Sie thöricht oder hartnäckig ſind, Herr Kopperfield,“ bemerkte er,„ſo mgchen Sie es noth⸗ wendig für mich, meine Tochter wieder auf einige Zeit ins Ausland zu ſchicken. Aber ich habe eine beſſere Meinung von Ihnen. Ich hoffe, Sie werden in eini⸗ gen Tagen klüger ſein. Was Fräulein Murdſtone be⸗ trifft“— ich hatte auf dieſe nämlich in dem Briefe angeſpielt—„ſo habe ich alle Achtung vor der Wach⸗ ſamkeit dieſer Dame und fühle mich ihr verpflichtet, aber ſie hat ſtrengen Auftrag, den Gegenſtand zu vermeiden. 2* 2 David Kopperfield. Alles, was ich wünſche, Herr Kopperfield, iſt, daß es vergeſſen ſein möge. Alles, was Sie, Herr Kopper⸗ fteld, zu thun haben, iſt, daß Sie die Sache vergeſſen.“ Alles! In dem Billet, das ich an Miß Mills ſchrieb, führte ich mit bittern Worten dieſen Ausſpruch an. Al⸗ les, was ich zu thun habe, ſagte ich mit düſterm Hohne, wäre, Dora zu vergeſſen. Das wäre Alles, und was wäre das! Ich bat Miß Mills, mich dieſen Abend vor ſich zu laſſen. Wenn es nicht mit Mr. Mills' Sanction und Wiſſen geſchehen könnte, ſo bäte ich ſie um eine geheime Zuſammenkunft im Hinterſtübchen, wo die Man⸗ del ſtünde. Ich benachrichtigte ſie, wie mein Verſtand auf ſeinem Throne wanke, und wie nur ſie, Miß Mills, es verhüten könnte, daß er herabgeſtoßen werde. Ich unterſchrieb mich:„In äußerſter Verzweiflung der Ihre“, und ich konnte, als ich dieſe Compoſition ſchöner Phra⸗ ſen nochmals überlas, ehe ich ſie durch einen Ausläu⸗ fer wegſchickte, nicht umhin, gewahr zu werden, daß es etwas im Style Mr. Micawbers war. Ich ſchickte den Brief aber doch fort. Abends be⸗ gab ich mich auf die Straße der Miß Mills und ſchritt auf und ab, bis ich von der Magd der Miß Mills heim⸗ lich hereingeholt und außen um das Haus herum in das Hinterſtübchen geführt wurde. Ich habe ſpäter Grund zu dem Glauben gefunden, daß nichts auf Er⸗ den meinem Eintritt durch die Vorderthür und meiner Einführung in das Geſellſchaftszimmer entgegenſtand, als die Vorliebe der Miß Mills für das Romantiſche und Geheimnißvolle. Im FSinterſtübchen raſte ich herum, wie ſich's für meine Stimmung ſchickte. Ich ging, glaub' ich, dort⸗ hin, um mich lächerlich zu machen, und ich bin ganz gewiß, daß ich's that. Miß Mills hatte von Dora David Kopperfield. 21 ein in aller Haſt geſchriebenes Billet erhalten, welches ihr ſagte, daß Alles entdeckt ſei und ſchloß,„Oh bitte, Julia, komm zu mir, bitte, bitte!“ Aber Miß Mills, welche nicht traute, ob ihre Gegenwart von den höhern Mächten erlaubt werden möchte, war noch nicht gegan⸗ gen, und wir Alle waren in die Wüſte Sahara ver⸗ zaubert. Miß Mills beſaß einen bewundernswerthen Rede⸗ fluß und liebte es, ihn ſtrömen zu laſſen. Ich konnte nicht umhin, zu fühlen, daß ſie trotz ihrer Thränen, die ſie mit den unſern miſchte, einen entſetzlichen Genuß an unſerer Bedrängniß hatte. Sie nährte dieſelbe, wie ich ſagen möchte, und benutzte ſie nach Kräften. Ein tiefer Abgrund, bemerkte ſie, habe ſich zwiſchen Dora und mir aufgethan, und die Liebe könnte ihn nur mit ihrem Regenbogen überſpannen. Die Liebe müſſe leiden in dieſer ſchnöden Welt, es ſei ſtets ſo geweſen, und es werde ſtets ſo ſein. Indeß, das habe nichts zu ſagen, ließ Miß Mills ſich vernehmen. Herzen, überwuchert von Spinneweben, würden endlich brechen, und dann würde die Liebe gerächt ſein.. Das war kein großer Troſt, aber Miß Mills wollte keine trügeriſchen Hoffnungen beſtärken. Sie machte mich viel elender als ich ſchon war, und ich fühlte(und ſagte ihr mit der tiefſten Dankbarkeit), daß ſie in der That eine Freundin ſei. Wir beſchloſſen, ihr Erſtes am Mor⸗ gen ſollte ſein, daß ſie zu Dora ginge und Mittel fände, ſie entweder durch Blicke oder Worte meiner Er⸗ gebenheit und meiner Betrübniß zu verſichern. Wir ſchieden überwältigt von Kummer, und ich glaube, Miß Mills hatte ihre wahre Herzensluſt daran. Ich vertraute Alles meiner Tante an, als ich nach Hauſe kam, und ging trotz Allem, was ſie mir zu David Kopperfield. ſagen vermochte, in verzweifelter Stimmung ins Bett Ich ſtand in Verzweiflung auf und ging in Verzweif⸗ lung aus. Es war Sonnabend am Morgen, und ich begab mich geradewegs in die Commons. Ich war, als ich an die Thür unſerer Expedition kam, erſtaunt, die Zettelträger im eifrigen Geſpräch außen ſtehend und ein halb Dutzend Bummler die Fen⸗ ſter anſtieren zu ſehen, welche verſchloſſen waren. Ich beeilte meinen Schritt, ging durch ſie hindurch, wunderte mich über ihre Blicke und trat haſtig hinein. Die Schreiber waren da, aber Niemand that etwas. Der alte Tiffey ſaß, ich glaube zum erſten Mal in ſei⸗ nem Leben, auf dem Seſſel eines Andern und hatte ſeinen Hut nicht aufgehangen. „Das iſt ein ſchreckliches Unglück, Herr Kopperfield,“ ſagte er, als ich eintrat. „Was iſt?“ rief ich aus.„Was giebt's denn?“ „Wiſſen Sie's denn nicht?“ ſchrie er und alle An⸗ dern, indem ſie ſich um mich drängten. „Nein,“ ſagte ich, in Geſicht um Geſicht blickend. „Herr Spenlow!“ ſagte Tiffey. „Was iſt mit ihm?“ „Todt!“ Ich dachte, die Expedition drehte ſich um mich, und nicht ich mich in ihr, als einer der Schreiber mich zu faſ⸗ ſen kriegte. Sie ſetzten mich in einen Stuhl, löſten mir das Halstuch ab und brachten mir etwas Waſſer. Ich habe keine Vorſtellung, ob dies einige Zeit dauerte. „Todt?“ fragte ich. „Er ſpeiſte geſtern in der Stadt und fuhr allein im Phaeton heim,“ erzählte Tiffey,„nachdem er den Kutſcher in der Landkutſche hinausgeſchickt, was er, wie Sie wiſſen, manchmal that—“ David Kopperfield. 23 „Nun?“ „Der Phaeton kam ohne ihn heim. Die Pferde hielten an der Stallthür. Der Mann ging mit einer Laterne hinaus. Niemand war in der Kutſche.“ „Waren ſie denn durchgegangen?“ „Sie waren nicht erhitzt,“ fuhr Tiffey fort, indem er ſeine Brille aufſetzte,„wie ich höre, nicht heißer, als wie ſie geweſen ſein würden, wenn ſie im gewöhnlichen Schritte hinausgegangen wären. Die Zügel waren zer⸗ riſſen, aber ſie hatten auf dem Boden hingeſchleppt Das Haus wurde augenblicklich in Aufruhr verſetzt, und drei von ihnen gingen die Straße entlang. Sie fanden ihn eine Meile davon.“ „Weiter als eine Meile davon, Herr Tiffey,“ un⸗ terbrach ihn ein Jüngerer. „Wirklich? Ich glaube, Sie haben Recht,“ ſagte Tiffey—„mehr als eine Meile davon,— nicht weit von der Kirche,— halb lag er auf der Straße, halb auf dem Fußwege, mit ſeinem Geſichte nach unten ge⸗ kehrt. Ob er in einem Schlaganfalle herausfiel, oder herausſtieg, ehe der Anfall kam, oder ſelbſt, ob er da ſchon ganz todt war— obſchon kein Zweifel iſt, daß er völlig bewußtlos war— ſcheint Niemand zu wiſſen. Wenn er noch Athem holte, ſo ſprach er doch ganz gewiß nicht mehr. Aerztliche Hülfe wurde ſo ſchnell wie möglich geholt, aber ſie war völlig nutzlos.“ Den Gemüthszuſtand, in den mich dieſe Nachricht verſetzte, vermag ich nicht zu beſchreiben. Der Stoß, den mir eine ſo plötzlich ſich ereignende Begebenheit gab, welche Jemand betraf, mit dem ich in jeder Beziehung uneinig geweſen war— die traurige Leere des Zim⸗ mers, das er erſt vor Kurzem noch eingenommen, wo ſein Stuhl und Tiſch auf ihn zu warten ſchienen, und David Kopperfield. ſeine Handſchrift von geſtern wie ein geſpenſtiſches Et⸗ was lag,— die unerklärliche Unmöglichkeit, ihn von dem Orte zu trennen, und das Gefühl, er werde ein⸗ treten, wenn die Thür ſich öffnete— die träge Stille und Ruhe, welche in der Erpedition herrſchte, und die unerſättliche Luſt, mit welcher unſere Leute darüber ſpra⸗ chen und andere Leute den ganzen Tag aus⸗ und ein⸗ gingen und ſich mit dem Gegenſtande ſättigten— das läßt ſich von Jedem leicht begreifen. Was ich nicht be⸗ ſchreiben kann, iſt, wie in den innerſten Falten meines Herzens eine Eiferſucht ſelbſt auf den Tod lauerte. Wie ich fühlte, als ob ſeine Macht mich von meinem Platze in Dora's Gedanken treiben würde. Wie ich mit einer Erbitterung, für die ich keine Worte habe, neidiſch auf ihren Kummer war. Wie es mir die Ruhe meiner Seele raubte, wenn ich daran dachte, wie ſie zu An⸗ dern weinte und von Andern getröſtet werde. Wie ich einen gierigen, geizigen Wunſch hatte, alle Welt, mich ausgenommen, von ihr auszuſchließen und ihr zu dieſer unpaſſendſten aller Zeiten Alles in Allem zu ſein. In der Qual dieſes Gemüthszuſtandes— der, wie ich hoffe, nicht mir allein eigen, ſondern auch Andern wohl bekannt iſt— ging ich dieſen Abend nach Nor⸗ wood hinaus, und indem ich auf meine an der Thür eingezogenen Erkundigungen von einem der Dienſtboten erfuhr, daß Miß Mills dort ſei, veranlaßte ich meine Tante, einen Brief an ſie zu richten, den ich ſchrieb. Ich beklagte den frühzeitigen Tod von Mr. Spenlow ſehr aufrichtig und vergoß Thränen, indem ich dies that. Ich bat ſie, Dora, ſobald ſie in der Stimmung dies zu hören ſei, zu ſagen, daß er zu mir mit der größten Freundlichkeit und Nachſicht geſprochen, und mit ihrem Namen nichts als Zärtlichkeit, nicht ein einziges David Kopperfield. 25 böſes oder tadelndes Wort verbunden hätte. Ich weiß, ich that dies ſelbſtſüchtig, um meinen Namen vor ſie gebracht zu ſehen; aber ich bemühte mich, zu glauben, dies ſei ein Act der Gerechtigkeit gegen ſein Andenken. Vielleicht glaubte ich's wirklich. Meine Tante erhielt darauf den nächſten Tag ein paar Zeilen zur Antwort, welche außen an ſie, innen an mich gerichtet waren. Dora war ganz überwältigt von Kummer, und als ihre Freundin ſie gefragt hatte, ob ſie mich grüßen laſſen wolle, hatte ſie nur, wie ſie ſtets gethan, geſchrieen:„O der liebe Papa! O der arme Papa!“ Aber ſie hatte doch nicht Nein geſagt, und ich legte mir das zum Beſten aus. Herr Jorkins, welcher ſeit dem Vorfalle in Nor⸗ wood geweſen war, kam ein paar Tage nachher in die Expedition. Er und Tiffey ſchloſſen ſich einige Augen⸗ blicke zuſammen ein, und dann guckte Tiffey aus der Thür und winkte mich hinein. „Oh!“ ſagte Mr. Jorkins.„Herr Tiffey und ich, Herr Kopperfield, ſind eben daran, das Pult, die Schublade und andere ſolche Aufbewahrungsorte des Hingeſchiedenen in der Abſicht zu unterſuchen, ſeine Privatpapiere zu verſiegeln und nach einem Teſtamente zu ſehen. Es findet ſich ſonſt nirgendwo eine Spur von einem. Es könnte gut für Sie ſein, wenn's Ihnen gefällig wäre, uns dabei zur Hand zu gehen.“ . Ich war in großer Angſt geweſen, etwas von den Verhältniſſen zu erfahren, in die Dora geſtellt ſein würde— z. B. unter weſſen Vormundſchaft, und ſo fort— und das war etwas, das darauf zielte. Wir begannen ſogleich nachzuforſchen; Mr. Jorkins ſchloß die Schubladen uud Pulte auf, und wir Alle nahmen die Papiere heraus. Die Erpeditionspapiere legten wir auf 26 David Kopperfield. die eine Seite und die Privatpapiere(welche nicht ſehr zahlreich waren) auf die andere. Wir waren ſehr ernſt, und wenn wir auf ein ſich dorthin verirrt ha⸗ bendes Petſchaft, eine Bleiſtifthülſe, einen Ring oder irgend einen andern kleinen Artikel der Art ſtießen, den wir mit ſeiner Perſon verbanden, ſprachen wir ſehr leiſe. Wir hatten verſchiedene Packete verſiegelt und fuh⸗ ren düſter und ſchweigſam in unſerm Werke fort, als Mr. Jorkins, indem er genau dieſelben Worte von ſei⸗ nem verſtorbenen Compagnon brauchte, die dieſer von ihm gebraucht, zu uns ſagte: „Herr Spenlow war ſehr ſchwer von dem einmal eingeſchlagenen Wege abzubringen. Sie wiſſen, welcher Art er war. Ich bin zu der Meinung geneigt, daß er kein Teſtament gemacht hat.“ „Oh, ich weiß, er hatte eines gemacht,“ ſagte ich. Sie hielten Beide inne und blickten mich an. „An demſelben Tage, wo ich ihn zum letzten Male ſah,“ fuhr ich fort,„erzählte er mir, daß er eines ge⸗ macht, und daß ſeine Angelegenheiten ſchon ſeit lange geordnet wären.“ Mr. Jorkins und der alte Tiffey ſchüttelten ihre Köpfe zu gleicher Zeit. „Das ſieht hoffnungslos aus,“ verſetzte Tiffey. „Sehr hoffnungslos!“ ſagte Mr. Jorkins. „Sie werden doch gewiß nicht bezweifeln wollen—“ begann ich. „Mein guter Herr Kopperfield,“ unterbrach mich Tiffey, indem er ſeine Hand auf meinen Arm legte und beide Augen ſchloß, während er den Kopf ſchüt⸗ telte,„wenn Sie ſo lange in den Commons geweſen wären, als ich, würden Sie wiſſen, daß es kein Ding u ◻ ⏑‿—¹2u ð+H David Kopperfield. 27 giebt, worin die Leute ſo nachläſſig wären und worin man ihnen ſo wenig trauen könnte.“ „Ci, Gott ſteh mir bei, er machte ganz dieſelbe Bemerkung,“ erwiederte ich, bei meiner Anſicht ver⸗ bleibend. 1 „Ich möchte das beinahe entſcheidend nennen,“ be⸗ merkte Tiffey.„Meine Meinung iſt— kein Teſta⸗ ment.“ Es ſchien mir ſehr verwunderlich, aber es ergab ſich, daß wirklich kein Teſtament vorhanden war. Er hatte nie auch nur den Gedanken gehabt, eines zu ma⸗ chen, ſo weit ſeine Papiere ſchließen ließen; denn es fand ſich nicht eine Andeutung, Skizze oder Memoran⸗ dum, welche für die Abſicht eines Teſtaments irgendwie geſprochen hätten. Was mich kaum weniger verwun⸗ derte, war, daß ſeine Angelegenheiten in einem ſehr ungeordneten Zuſtande waren. Es war, wie ich hörte, außerordentlich ſchwierig, herauszufinden, was er ſchul⸗ dig war, oder was er bezahlt hatte, oder was er beſaß, als er ſtarb. Man hielt es für wahrſcheinlich, daß er ſelbſt jahrelang keine klare Einſicht in dieſen Gegenſtand gehabt hatte. Allmählig ergab ſich's, daß er in dem Streben, es den Uebrigen im Punkte des äußern Auf⸗ tretens und Vornehmthuns, welches damals in den Commons Mode war, gleichzuthun, mehr als ſein Amtseinkommen(welches nicht ſehr groß war) verbraucht und ſeine Privatmittel, wenn dieſe(was außerordent⸗ lich zweifelhaft war) jemals bedeutend geweſen waren, auf eine ſehr niedrige Ebbe zurückgebracht hatte. Es fand der Verkauf der Möbeln und der ſonſtigen Ver⸗ laſſenſchaft zu Norwood ſtatt, und Tiffey ſagte mir, ſich wenig davon träumen laſſend, wie ſehr mich die Geſchichte intereſſirte, daß er, wenn er alle die gerech⸗ 28 David Kopperfſield. ten Schulden des Seligen bezahlte und ſeinen Antheil der an die Firma zu zahlenden böſen und zweifelhaften Schuldpoſten abzöge, nicht tauſend Pfund für den übrig bleibenden Nachlaß geben würde. Dies war nach Verlauf von etwa ſechs Wochen. Ich hatte die ganze Zeit über Folterqualen ausgeſtan⸗ den und gedacht, daß ich wahrlich Hand an mich legen müßte, als Miß Mills mir noch immer berichtete, daß meine kleine Dora mit dem gebrochenen Herzen, wenn ich erwähnt würde, nichts ſage als:„O der arme Papa! O der liebe Papa!“ Ferner, daß ſie keine andern Verwandten habe, als zwei Tanten, unverheirathete Schweſtern von Mr. Spenlow, welche zu Putney leb⸗ ten, und welche viele Jahre hindurch in keiner andern als gelegentlichen Verbindung mit ihrem Bruder geſtan⸗ den hätten. Nicht, daß ſie ſich je gezankt hätten(be⸗ lehrte mich Miß Mills), ſondern weil ſie, bei Gelegen⸗ heit von Dora's Taufe nur zum Thee, nicht, wie ſie beanſpruchen zu können meinten, zum Mittagseſſen ein⸗ geladen, ihre Meinung ſchriftlich dahin ausgedrückt hat⸗ ten, daß es„zum Heile aller Theile beſſer ſei“, wenn ſie wegblieben. Seit dieſer Zeit waren ſie ihre Wege gegangen, und ihr Bruder die ſeinigen. Dieſe beiden Damen nun tauchten aus ihrer Zu⸗ rückgezogenheit hervor und erboten ſich, Dora als Haus⸗ genoſſin zu ſich nach Putney zu nehmen. Dora um⸗ armte Beide und rief, indem ſie weinend an ihnen hing:„Oh ja, Tanten! Bitte, nehmt Julia Mills und mich und Zig mit Euch nach Putney.“ Und ſo gingen ſie ſehr bald nach dem Begräbniß. Wie ich Zeit fand, Putney zu beſuchen, weiß ich wahrhaftig nicht; aber ich richtete es ſo oder auf die andere Weiſe ein, daß ich ziemlich oft in der Gegend N d 8 ☛ 8 dN ☛ David Kopperfield. 29 von Putney herumſchlendern konnte. Miß Mills hielt, um ſich der ihr von der Freundſchaft auferlegten Pflich⸗ ten gewiſſenhafter entledigen zu können, ein Tagebuch, und ſie pflegte mich manchmal auf dem Anger zu tref⸗ fen und es mir vorzuleſen oder auch(wenn ſie dazu keine Zeit hatte) es mir zu leihen. Wie bewahrte ich gleich Schätzen die Eingänge auf, von denen ich ein Beiſpiel folgen laſſe: Montag. Meine holde D. immernoch ſehr nieder⸗ geſchlagen. Lenkte ihre Aufmerkſamkeit auf Z., welcher wunderſchön glatt ſei. D. ſtreichelte Z. Gedankenver⸗ bindungen, in dieſer Weiſe erweckt, öffneten Schleußen von Gram. Ein Anfall von Kummer zugegeben.(Sind Thränen die Thautropfen des Herzens? J. M.) Dienſtag. Dora ſchwach und nervös. Schön in ihrer Bläſſe.(Bemerken wir dies nicht ebenfalls am Monde? J. M.) D., J. M. und Z. fuhren aus, um Luft zu ſchöpfen. Z. rief dadurch, daß er aus dem Fenſter ſah und heftig auf einen Kehrichtkärrner los⸗ bellte, ein Lächeln auf den Zügen Des hervor. Aus ſolchen dünnen Gliedern iſt die Kette des Lebens zu⸗ ſammengeſetzt! J. M.) Mittwoch. D. vergleichsweiſe heiter. Sang ihr, als eine Melodie, welche auf ihren Zuſtand paßte,„Die Abendglocken“ vor. Die Wirkung nicht mildernd, ſon⸗ dern das Gegentheil. D. unausſprechlich gerührt. Fand ſte ſpäter ſchluchzend in ihrem Zimmer. Zog Verſe an aus„Ich und eine junge Gazelle“. Ohne Erfolg. Ebenſo erinnerte ich an„Geduld an einem Grabhügel“. (Warum an einem Grabhügel? J. M.) Donnerſtag. D. ſichtlich wieder erholt. Beſſere Nacht. Leiſer Anflug von Röthe zeigt ſich wieder auf den Wangen. Entſchloſſen, den Namen D. K.s zu er⸗ 30 David Kopperfield. wähnen. Derſelbe im Verlaufe eines Spazierganges vorſichtig eingeführt. D. augenblicklich außer ſich.„Oh, liebe, liebe Julia! Oh, ich bin ein böſes und ungehor⸗ ſames Kind geweſen!“ Beſänftigt und geſtreichelt. Malte ihr ein ideales Bild von D. K. am Rande des Grabes. D. abermals außer ſich.„Oh, was ſoll ich thun? Was ſoll ich thun? Oh, führe mich wohin Du willſt!“ Sehr aufgeregt. D. in Ohnmacht gefallen, Glas Waſſer aus einem Wirthshauſe.(Poetiſche Verwandtſchaft. Ein buntfarbiges Schild an der Thürpfoſte, bunt auch das menſchliche Leben. Ach! J. M.) „ Freitag. Ereignißvoller Tag. Ein Mann erſcheint in der Küche mit einem blauen Sacke, Damenſtiefelchen neu zu beflecken. Die Köchin erwiedert:„Keine ſolchen Befehle“. Der Mann bleibt dabei. Die Köchin geht, um zu fragen und läßt Z. mit dem Manne allein. Bei Rückkunft der Köchin bleibt der Mann noch immer dabei, endlich geht er. Z. fehlt, D. in Verzweiflung. Auf die Polizei geſchickt. Der Mann kenntlich an einer breiten Naſe und Beinen gleich den Brückenpfeilern. In jeder Richtung geſucht. Kein Z.— D. weint bitterlich und iſt untröſtlich. Abermals Bezug genommen auf„Die junge Gazelle“. Paſſend, aber nutzlos. Gegen Abend wird ein fremder Knabe gemeldet. Ins Wohnzimmer gebracht. Breite Naſe, aber keine Brückenpfeiler. Sagt, er will ein Pfund und kennt einen Hund. Weigert ſich, mehr zu ſagen, obwohl ſehr in ihn gedrungen wird. D. bringt das Pfund, er führt die Köchin nach einem kleinen Hauſe, wo Z. allein an ein Tiſchbein gebunden. Freude D.s, welche um Zig tanzt, während er ſein Abendeſſen verſpeiſt. Ermuthigt durch dieſe glück⸗ liche Veränderung, erwähne ich oben D. K. D. weint abermals, ſchreit jämmerlich:„Oh laß, laß, laß das! David Kopperfield. 31 Es iſt ſo ſchlecht, an irgend etwas Anderes, als an den armen Papa zu denken!“— umarmt Z. und ſeufzt ſich in Schlaf.(Muß ſich D. K. nicht den breiten Schwingen der Zeit anvertrauen? J. M.)— Miß Mills und ihr Tagebuch waren in dieſer Pe⸗ riode mein einziger Troſt. Sie zu ſehen, welche Dora nur ein Weilchen zuvor geſehen hatte— den Anfangs⸗ buchſtaben von Dora's Namen durch ihre mitfühlenden Seiten zu verfolgen— mich mehr und mehr elend von ihr machen zu laſſen, waren meine einzigen Freuden. Mir war's zu Muthe, als ob ich in einem Kartenhauſe gewohnt hätte, welches umgefallen wäre und blos mich und Miß Mills unter den Trümmern übrig gelaſſen hätte; als ob ein grimmer Zauberer um die unſchuldige Göttin meines Herzens einen magiſchen Zirkel gezogen gehabt, in welchen mich nichts als jene ſelben ſtarken Schwingen, die ſchon ſo viele Leute über ſo viel hin⸗ weggetragen, hineinzubringen im Stande wären. Neununddreißigſtes Kapitel. Wickfield und Heep. Meine Tante, welche, wie ich glaube, jetzt ernſtliches Unbehagen über meine fortgeſetzte Niedergeſchlagenheit empfand, that, als ob ihr daran liege, wenn ich nach Dover ginge, um nachzuſehen, daß im Landhauſe, wel⸗ ches vermiethet war, Alles gut ſtehe, und mit dem jetzigen Abmiether eine Uebereinkunft über einen längern Miethstermin abzuſchließen. Janet war in die Dienſte der Mrs. Strong getreten, wo ich ſie alle Tage ſah. Sie war beim Abſchiede von Dover unſchlüſſig gewe⸗ ſen, ob ſie jener Zurückgezogenheit vom Umgange mit Menſchen, in der ſie aufgezogen war, nicht dadurch Valet ſagen ſolle, daß ſie einen Lootſen heirathete; aber ſie entſchied ſich gegen dieſes Wagniß, und zwar, glaube ich, nicht ſo ſehr des Princips wegen, als weil ſie ihn nicht leiden konnte. Obſchon es mich Mühe koſtete, Miß Mills zu ver⸗ laſſen, ging ich doch ziemlich willig auf den Vorſchlag meiner Tante ein, da er mir das Mittel an die Hand gab, ein paar ruhige Stunden bei Agnes zu verbrin⸗ ————— David Kopperfield. 33 gen. Ich bat den guten Doctor, mir eine Abweſen⸗ heit von drei Tagen zu geſtatten, und da der Doctor wünſchte, daß ich dieſe Erholung genießen ſollte— er wünſchte, ich ſolle länger bleiben, aber mein Eifer konnte das nicht ertragen— ſo entſchloß ich mich, zu gehen. Was die Commons betrifft, ſo hatte ich keine große Urſache, mir wegen meiner Pflichten in dieſem Punkte ein Gewiſſen zu machen. Die Wahrheit zu ſagen, wir ſtanden unter den vornehmen Proctoren in keinem be⸗ ſonders guten Geruche und glitten mit reißender Schnel⸗ ligkeit zu einer nur zweifelhaften Stellung herab. Das Geſchäft war unter Mr. Jorkins vor Mr. Spenlows Zeit ſchläfrig betrieben worden, und obſchon es durch die Einſtrömung neuen Blutes und durch den Aufwand, den Mr. Spenlow machte, etwas flotter vorwärts gegan⸗ gen war, ſo war es doch noch auf keine hinreichend feſte Baſis geſtellt, um ohne Erſchütterung ſolch einen Stoß auszuhalten, wie den Verluſt ſeines thätigen Lei⸗ ters. Es ſank ſehr. Mr. Jorkins war, trotz ſeines Rufes in der Firma, ein über Alles leicht hingehender, unfähiger Mann, deſſen Ruf außerhalb des Geſchäftes nicht geeignet war, daſſelbe in die Höhe zu bringen. Ich war jetzt auf ihn angewieſen, und wenn ich ihn ſeine Priſe nehmen und das Geſchäft gehen laſſen ſah, wie es eben ging, ſo dauerten mich die tauſend Pfund meiner Tante mehr denn je. Das war aber noch nicht das Schlimmſte. Es gab bei den Commons eine Menge Lauerer und Winkel⸗ mäkler, welche, ohne ſelbſt Proctoren zu ſein, ſich mit den Sachen der Commons befaßten und ſich die⸗ ſelben von wirklichen Proctoren vollziehen ließen, welche für einen Antheil an den dem Clienten abgenommenen Sporteln ihre Namen hergaben— und auch von die⸗ David Kopperfield. VII. 3 34 David Kopperfield. ſen gab es eine gute Menge. Da unſer Haus jetzt um jeden Preis Geſchäfte zu machen wünſchte, ſo ver⸗ banden wir uns mit dieſer nobeln Geſellſchaft, und warfen den Spähern und Winkelmäklern Köder hin, damit ſie ihre Geſchäfte zu uns brächten. Heirathsſcheine und Beſtätigungen kleiner Teſtamente waren das, wor⸗ nach wir uns vorzüglich umſahen, und was uns das Meiſte einbrachte, und man riß ſich um dergleichen in der That ſehr eifrig. Aufpaſſer und Lauerer wurden überall aufgeſtellt, wo man eine Ausſicht auf die Ein⸗ gänge der Commons hatte, und ihnen die Anweiſung gegeben, ihr Aeußerſtes zu thun, um alle Perſonen in Trauerkleidern und alle Herren, die etwas Schuͤchternes in ihrem Auftreten hätten, wegzuſchnappen und ſie in die Expeditionen zu locken, woran ihre reſpectiven Brot⸗ herren Antheil hatten,— eine Anweiſung, die ſo gut befolgt wurde, daß ich ſelbſt, ehe man mich von An⸗ ſehen kannte, zwei Mal in die Gemächer unſers haupt⸗ ſächlichſten Widerparts ſpedirt wurde. Da die wider⸗ ſtreitenden Intereſſen dieſer Herren von einer Natur waren, welche ihre Gefühle in Aufregung verſetzen mußte, ſo fanden perſönliche Zuſammenſtöße ſtatt, und die Commons erlebten ſogar den Scandal, daß unſer oberſter Lauerer(der vorher Weinhändler und ſpäter geſchworener Mäkler geweſen) einige Tage mit einem blauen Auge herumging. Keiner von dieſen Spähern machte ſich ein Gewiſſen daraus, einer alten Dame im ſchwarzen Anzuge höflich aus dem Wagen zu helfen, jeden Proctor, nach welchem ſie etwa fragte, für todt zu ſagen, ſeinen Brotherren als den geſetzlichen Nach⸗ folger und Repräſentanten dieſes Proctors darzuſtellen und die alte Dame(oft ſehr gerührt) in die Expedition deſſen abzuführen, der ihn beſchäftigte. Viele Gefan⸗ — x 8 W 818 8 8 W 158 8 ——,— 8 N N ir 423 d David Kopperfield. 35 gene wurden auf dieſe Weiſe zu mir gebracht. Was die Heirathserlaubniſſe betrifft, ſo ſtieg die Bewerbung um dieſelben zu ſolch einer Höhe, daß ein ſchüchterner Herr, der einer ſolchen bedurfte, nichts zu thun hatte, als ſich dem erſten beſten Späher anzuvertrauen oder um ſich kämpfen zu laſſen und die Beute des Stärkſten zu werden. Einer unſerer Schreiber, welcher ein Win⸗ kelmäkler war, pflegte, als dieſer Kampf die höchſte Erbitterung erreicht, mit dem Hute auf dem Kopfe da zu ſitzen, damit er bereit ſei, hinauszuſtürzen und jedes Opfer, welches hereingebracht wurde, vor einem Stell⸗ vertreter zu beſchwoͤren. Dieſes Syſtem des Auflauerns und Abfangens dauert, glaube ich, in den Commons noch heutigen Tages fort. Das letzte Mal, wo ich in den Commons war, ſprang ein höfliches, kräftig ge⸗ bautes Individuum mit einer weißen Schürze aus einem Thorwege auf mich zu, flüſterte mir das Wort:„Hei⸗ rathslicenz!“ in die Ohren und war nur mit Mühe davon abzuhalten, daß es mich auf ſeine Arme hob und in die Expedition eines Proctors ſchleppte. Von dieſer Abſchweifung geſtatte man mir, nach Dover zu gehen. Ich fand im Landhauſe Alles in zufriedenſtellendem Zuſtande und wurde befähigt, meiner Tante durch den Bericht, daß der Abmiether ihre Eigenheit geerbt habe und ſtets und unabläſſig mit den Eſeln Krieg führe, eine ungemeine Freude zu bereiten. Nachdem ich das kleine Geſchäft, das ich dort zu vollziehen hatte, geord⸗ net und eine Nacht dort geſchlafen, ging ich früh am Morgen nach Canterbury. Es war nun wieder Win⸗ ter, und der friſche, kalte, windige Tag nebſt dem wel⸗ lenförmigen Dünengelände heiterten meine Hoffnungen ein wenig auf. 2 3 36 David Kopperfield. Als ich nach Canterbury hineinkam, wandelte ich durch die alten Straßen mit einem wahren Vergnügen, welches meine Empfindungen ſänftigte und mir das Herz leicht machte. Da waren die alten Schilder, die alten Namen über den Läden, die alten Leute, die in den⸗ ſelben aufwarteten. Es ſchien ſo lange her zu ſein, ſeit ich ein Schulknabe dort geweſen, daß ich mich wunderte, wie wenig ſich der Ort verändert habe, bis ich dann nachdachte, wie wenig ich ſelbſt verändert ſei. Sonder⸗ bar, jener ſtille Einfluß, welcher in meinem Gemüthe ſich untrennbar mit Agnes verband, ſchien ſelbſt durch die Stadt zu gehen, wo ſie wohnte. Die ehrwürdigen Thürme der Kathedrale und die alten Dohlen und Krä⸗ hen, deren Stimme, hoch in den Lüften droben, ſie wei⸗ ter vom Treiben der Menſchenwelt entfernt ſcheinen lie⸗ ßen, als ein völliges Schweigen gethan haben würde; die verwitterten Vorhöfe, einſt voll Standbilder, die jetzt längſt herabgeworfen und zerbröckelt waren, gleich den andächtigen Pilgern, die ihren Blick auf ſie gerich⸗ tet; die ſtillen Winkel, wo der Epheuwuchs von Jahr⸗ hunderten über Giebelſpitzen und zertrümmerte Mauern kroch; die alterthümlichen Häuſer, das wie nach einem Schäfergedichte gemalte Gelände von Feld, Obſtgarten und Blumenbeeten— überall— an allen Dingen em⸗ pfand ich denſelben heitern Ton, denſelben mildruhigen, ſinnigen, ſänftigenden Geiſt. In Mr. Wickfields Hauſe angelangt, traf ich in dem kleinen niedrigen Zimmer im Erdgeſchoß, wo Uriah Heep dereinſt zu ſitzen gewohnt geweſen, Mr. Micaw⸗ ber, wie er ſeine Feder mit großem Fleiße über das Papier fliegen ließ. Er war in einen ehrbar ausſehen⸗ den ſchwarzen Anzug gekleidet und ſah in dieſer kleinen Expedition groß und wohlbeleibt aus. — ð—— NVn David Kopperfield. 37 Mr. Micawber war ungemein froh, mich zu ſehen, aber auch ein wenig verwirrt. Er wollte mich ſogleich vor Uriah führen, aber ich lehnte dies ab. „Ich kenne, wie Sie wiſſen, das Haus von frü⸗ herher,“ ſagte ich,„und ich werde meinen Weg hin⸗ auf ſchon finden. Wie gefällt Ihnen die Beſchäftigung mit dem Rechte, Herr Micawber?“ „Mein lieber Kopperfield,“ erwiederte er.„Für einen Mann, der die höhern Fähigkeiten der Phantaſie beſitzt, liegt Das, was er gegen das Studium der Ge⸗ ſetze einzuwenden hat, in der Menge Kleinigkeiten, welche daſſelbe in ſich begreift. Selbſt in der Correſpondenz un⸗ ſeres Berufes,“ ſagte Mr. Micawber mit einem Blicke auf einige Briefe, die er ſchrieb,„hat das Gemüth nicht die Freiheit, ſich irgend einer erhabenern Aus⸗ drucksweiſe zu bedienen. Indeß iſt es immerhin ein wichtiger Beruf! Ein ſehr wichtiger Beruf!“ Er erzählte mir ſodann, daß er der Abmiether von Uriah Heeps altem Hauſe geworden, und daß Mrs. Micawber ſich freuen würde, mich noch einmal unter ihrem eignen Dache zu empfangen. „Es iſt ein demüthiges Haus,“ ſagte Mr. Micaw⸗ ber—„um einen Ausdruck meines Freundes Heep zu brauchen, aber es dürfte ſich als die erſte Stufe zu der Bequemlichkeit eines anſpruchsvollern Domicils er⸗ weiſen.“ 1 Ich fragte ihn, ob er Urſache habe, bis jetzt mit der Art, wie ihn ſein Freund Heep behandle, zufrieden zu ſein. Er ſtand auf, um ſich zu vergewiſſern, ob die Thür ganz zugeſchloſſen ſei, bevor er mit leiſerer Stimme antwortete: „Mein lieber Kopperfield, Jemand, der unter pe⸗ cuniären Verlegenheiten leidet, verliert bei den meiſten 38 David Kopperfield. Leuten an Anſehen. Dieſer Verluſt wird nicht gemin⸗ dert, wenn jene Verlegenheit es nöthig macht, daß man ſeine Emolumente bezieht, ehe dieſelben eigentlich fällig und zahlbar ſind. Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß mein Freund Heep auf Bitten, die ich hier nicht weiter auseinanderzuſetzen brauche, in einer Weiſe eingegangen iſt, die ſowohl ſeinem Kopfe als ſeinem Herzen Ehre macht.“ „Ich hätte nicht vermuthet, daß er ſehr frei mit ſeinem Gelde umſpringt,“ bemerkte ich. 1 „Verzeihen Sie,“ ſagte Mr. Micawber mit einer gezwungenen Miene,„ich ſpreche von meinem Freunde Heep aus Erfahrung.“ „Ich freue mich, daß Ihre Erfahrung ſo günſtig iſt,“ entgegnete ich. „Sie ſind ſehr verbindlich, mein lieber Kopper⸗ field,“ ſagte Mr. Micawber und ſummte ein Liedchen. „Sehen Sie viel von Herrn Wickfield?“ fragte ich, um den Gegenſtand der Unterhaltung zu wechſeln. „Nicht viel,“ erwiederte Mr. Micawber gering⸗ ſchätzig.„Herr Wickfield iſt, erlaube ich mir zu ſagen, ein Mann von ganz trefflichen Abſichten, aber er iſt— na, um es kurz zu machen, er iſt aus der Mode ge⸗ kommen.“ Ich fürchte, ſein Compagnon ſucht ihn herauszu⸗ bringen,“ ſagte ich. „Mein lieber Kopperfield,“ entgegnete Mr. Micaw⸗ ber nach einigen unbehaglichen Evolutionen auf ſeinem Schemel,„erlauben Sie mir eine Bemerkung zu machen. Ich bin hier in einer vertraulichen Stellung. Ich bin hier als Jemand, dem man ſich anvertraut. Die Dis⸗ euſſion gewiſſer Punkte, ſelbſt mit Madame Micawber (die ſo lange die Genoſſin meiner verſchiedenen wech⸗ David Kopperfield. 39 ſelnden Verhältniſſe geweſen und ein Weib von merk⸗ würdig erleuchteten Begriffen iſt) iſt, wie ich jetzt in Betracht zu ziehen habe, unverträglich mit den Func⸗ tionen, welche ich anjetzt bekleide. Ich möchte mir des⸗ halb die Freiheit nehmen, Ihnen vorzuſchlagen, daß wir in unſerm freundſchaftlichen Verkehr— der, wie ich hoffe, nie eine Störung erleiden wird— eine Linie zie⸗ hen. Auf der einen Seite dieſer Linie,“ fuhr Mr. Mi⸗ cawber fort, indem er die Linie auf dem Pulte durch das Lineal der Expedition darſtellte,„befindet ſich die ganze Reihe der Dinge, welche der menſchliche Geiſt in ſich faßt, mit einer unbedeutenden Ausnahme; auf der andern iſt eben jene Ausnahme, das heißt, die Ange⸗ legenheiten der Herren Wickfield und Heep, mit Allem, was dahin gehört und einſchlägt. Ich bin überzeugt, daß ich den Genoſſen meiner Jugend nicht beleidige, wenn ich dieſen Vorſchlag ſeinem kühlern Urtheile un⸗ terbreite.“ Obſchon ich einen unbehaglichen Zug an Mr. Mi⸗ cawber ſah, den ich früher nicht bemerkt hatte, und wel⸗ cher ſich ſtreng in ihm ausprägte, als ob ihm ſeine neuen Pflichten nicht recht anſtünden, ſo empfand ich doch, daß ich kein Recht hatte, mich beleidigt zu fühlen. Indem ich ihm dies ſagte, ſchien es ihm behaglicher zu Muthe zu werden, und er ſchüttelte mir die Hand. „Ich bin bezaubert von Fräulein Wickfield,“ ſagte Mr. Micawber,„das laſſen Sie mich Ihnen verſichern, Kopperfield. Sie iſt eine ſehr hochgebildete junge Dame, voll merkwürdiger Anziehungskraft, voll Anmuth und Tugend. Auf meine Ehre,“ fuhr Mr. Micawber fort, indem er ſich mit unbeſchreiblicher Miene die Hand küßte und ſich mit ſeiner vornehmſten Haltung verbeugte,„ich huldige der Trefflichkeit von Fräulein Wickfield! Hm.“ 40 David Kopperfield. „Ich freue mich deſſen zum Mindeſten,“ ſagte ich. „Hätten Sie uns, mein lieber Kopperfield,“ ſagte Mr. Micawber,„an jenem angenehmen Nachmittage, den wir bei Ihnen zuzubringen das Glück hatten, nicht verſichert, daß D Ihr Lieblingsbuchſtabe ſei, ſo würde ich ohne alle Frage vermuthet haben, daß es A ſei.“ Wir Alle haben einige Erfahrung von einer Em⸗ pfindung, die uns gelegentlich überkommt, daß Das, was wir ſagen und thun, ſchon vor alter Zeit geſagt und gethan worden ſei— daß wir vor nebelgrauen Jahren von denſelben Geſichtern, Gegenſtänden und Ver⸗ hältniſſen umgeben geweſen ſind— daß wir vollkom⸗ men wohl wiſſen, was im nächſten Augenblicke geſagt werden wird, wie wenn wir uns plötzlich daran erin⸗ nerten! Nie hatte ich in meinem Leben dieſen geheim⸗ nißvollen Eindruck ſtärker, als ehe er dieſe Worte äußerte. Ich verabſchiedete mich von Mr. Micawber für dies Mal, indem ich ihm meine beſten Grüße an Alle zu Hauſe auftrug. Als ich ihn verließ, wie er ſeinen Schemel wieder einnahm, nach der Feder griff und ſei⸗ nen Kopf in ſeiner Halsbinde herumkugelte, um ihn in eine leichtere Schreiberlage zu kriegen, bemerkte ich deut⸗ lich, daß, ſeit er in ſeine neuen Functionen eingetreten, etwas zwiſchen ihn und mich geſchoben ſei, welches uns abhielt, uns einander in der Art zu nähern, wie wir es dereinſt gewohnt geweſen, und den Charakter unſe⸗ res wechſelſeitigen Verkehrs völlig änderte. Es befand ſich Niemand in dem ſaubern alten Ge⸗ ſellſchaftszimmer, obwohl es Zeichen von Mes. Heeps Anweſenheit trug. Ich ſchaute in das noch immer Ag⸗ nes zugehörige Zimmer und ſah ſie am Kamine vor einem hübſchen altmodiſchen Pulte mit Schreiben be⸗ ſchäftigt ſitzen. * — — ᷣ—— 4—2*— ₰ u—nͤ—— 22 ⸗ 1— David Kopperfield. 41 Indem ich das Licht verdunkelte, ſah ſie auf. Was für eine Freude, die Urſache zu ſein, daß ſich ihre Ge⸗ ſichtssüge, welche den Ausdruck der Aufmerkſamkeit tru⸗ gen, ſo aufheiterten! welche Luſt, der Gegenſtand die⸗ ſes holden Blickes und Willkommens zu ſein! „ Ach Agnes,“ ſagte ich, als wir Seite an Seite neben einanderſaßen,„ich habe Dich vor Kurzem ſo ſehr vermißt!“. „In der That?“ entgegnete ſie.„Wieder? Und ſo bald ſchon?“ Ich ſchüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, wie es kommt, Angnes, ich ſcheine einer Geiſtesfähigkeit zu ermangeln, welche ich haben ſollte. Du haſt immer ſo viel für mich gedacht, in der guten alten Zeit hier, und ich kam ſo natürlich um Rath und Troſt zu Dir, daß ich wirklich denke, ich habe unterlaſſen, mir jene Fähigkeit zu erwerben.“ „Und welche Fähigkeit wäre das?“ fragte Agnes heiter. „Ich weiß nicht, wie ich's nennen ſoll,“ erwiederte ich.„Ich glaube, ich beſitze Ernſt und Beharrlichkeit?“ „Sicherlich,“ ſagte Agnes. „Und Geduld, Agnes?“ fragte ich mit einigem Zaudern. „O ja,“ entgegnete Agnes lachend,„ſo ziemlich.“ „Und doch,“ ſagte ich,„fühle ich mich ſo leicht elend, und quäle ich mich ſo ab, und bin ich ſo unbeſtändig und unentſchloſſen in der Fähigkeit, mich meiner ſelbſt zu ver⸗ gewiſſern, daß ich weiß, ich bedarf— wenn ich's ſo nennen ſoll— eine Art Stütze, auf die ich mich verlaſſen kann.“ „Nenne es ſo, wenn Du willſt,“ ſagte Agnes. „Nun gut!“ erwiederte ich.„Sieh her. Du kommſt nach London, ich ſtütze mich auf Dich, und ich habe bei⸗ 42 David Kopperfield. des auf ein Mal, ein Ziel und eine Laufbahn. Ich bin daraus vertrieben, ich komme hierher, und im Au⸗ genblicke fühle ich, daß ich ein veränderter Menſch bin. Die Umſtände, die mich betrübten, haben ſich nicht ge⸗ ändert, ſeit ich in dies Zimmer getreten bin; aber eine Einwirkung kommt über mich in dieſer kurzen Pauſe, welche mich umändert, und zwar ſo, daß mir unendlich beſſer zu Muthe iſt. Was iſt das? Was iſt Dein Geheimmittel, Agnes?“. Ihr Kopf war niedergebeugt, ſie blickte nach dem Feuer. „Es iſt die alte Geſchichte,“ fuhr ich fort.„Lache nicht, wenn ich ſage,'s iſt ſtets Daſſelbe mit kleinen Dingen, wie es mit größern iſt. Meine einſtigen Her⸗ zensleiden waren Unſinn, und jetzt ſind ſie ernſthaft; aber wenn ich nur hinweggegangen bin von meiner Adop⸗ tivſchweſter—“ Agnes ſah auf— oh mit welchem himmliſchen Ant⸗ litze!— und gab mir ihre Hand, welche ich küßte. „Und wo ich Dich nicht am Anfange einer Sache gehabt habe, mir zu rathen und mein Thun zu billi⸗ gen, da ſchien's, als ob ich mich verirrte und in aller⸗ hand ſchwierige Lagen geriethe. Wenn ich dann end⸗ lich zu Dir gekommen bin(was ich ſtets gethan habe), ſo bin ich zu Frieden und Heil gekommen. Ich kehre jetzt heim wie ein müder Wanderer und finde ſolch eine liebliche Ruhe über Allem ausgebreitet.“ Ich fühlte, was ich ſagte, ſo tief, es ging mir ſo ernſtlich vom Herzen, das mir die Stimme verſagte und ich die Augen mit der Hand bedeckte und in Thränen ausbrach. Ich ſchreibe die Wahrheit. Was für ein widerſpruchsvoller und unbeſtändiger Geiſt auch in mir wohnen mochte, wie er in ſo Vielen von uns wohnt; * „—ö— —— David Kopperfield. 43 was auch anders und beſſer hätte ſein koͤnnen; was ich auch gethan, worin ich unrechter Weiſe hinweggeirrt war von der Stimme meines eignen Herzens, ich wußte nichts davon. Ich wußte nur, daß es mein glühender Ernſt war, als ich fühlte, welche Ruhe und welchen Frieden ich darin hatte, daß Agnes mir nahe war. In ihrer gelaſſenen ſchweſterlichen Weiſe, mit ihren ſtrahlenden Augen, mit ihrer zärtlichen Stimme und mit jener holden Mäßigung, welche ſchon vor alter Zeit das Haus, das ſie umſchloß, mir zu einem Heiligthume gemacht hatte, brachte ſie mich bald von dieſer Schwäche zurück und dahin, daß ich ihr Alles erzählte, was ſich ſeit unſerm letzten Zuſammentreffen begeben hatte. „Und jetzt giebt's kein Wort mehr zu erzählen,“ ſagte ich, als ich mein Herz ganz ausgeſchüttet.„Nun ſetze ich mein Vertrauen auf Dich.“ „Aber Du darfſt es nicht auf mich ſetzen, Trot⸗ wood,“ entgegnete Agnes mit einem holden Lächeln. „Es muß auf Jemand anders geſetzt werden.“ „Auf Dora?“ ſagte ich. „Freilich?“ „Ei, ich habe nicht erwähnt, Agnes,“ ſagte ich, ein wenig verlegen,„daß es ziemlich ſchwer iſt, Dora zu— ich möchte um Alles in der Welt nicht ſagen, zu vertrauen; denn ſie iſt die Unſchuld und Wahrheit ſelbſt— ſondern vielmehr, ziemlich ſchwer, zu— ich weiß kaum, wie ich's ausdrücken ſoll, Agnes. Sie iſt ein ſchüchternes, kleines Weſen, das leicht beunruhigt und geängſtigt iſt. Vor einiger Zeit, vor ihres Va⸗ ters Tode, wo ich es für recht hielt, ſie zu benachrich⸗ tigen, daß— aber ich will Dir's erzählen, wenn Du Geduld mit mir haben willſt.“ In Folge deſſen erzählte ich Agnes von meiner Er⸗ 44 David Kopperfield. klärung, daß ich arm ſei, vom Kochbuche, den Rech⸗ nungen über den Verbrauch im Haushalte und allem Uebrigen. „Oh Trotwood!“ rief ſie vorwurfsvoll, obwohl mit einem Lächeln.„Gerade wieder Deine alte Ma⸗ nier kopfüber in die Sache hinein. Du hätteſt es in Deinem Streben nach Fortkommen in der Welt ernſt meinen können, ohne ſo plötzlich auf ein ſchüchternes, liebevolles, unerfahrenes Mädchen losfahren zu müſſen. Arme Dora!“ Nie hörte ich ſolch eine ſüße Nachſicht und Güte in einer Stimme ausgedrückt, wie ſie ausdrückte, als ſie dieſe Antwort gab. Es war mir, als ob ich ſie Dora bewundernd und zärtlich umarmen und mich durch ihre wohlbedachte Inſchutznahme ſchweigend tadeln geſe⸗ hen hätte wegen meines haſtigen Losſtürmens auf die⸗ ſes kleine Herz. Es war, als ob ich Dora geſehen hätte, wie ſie in all ihrer bezaubernden Ungezwungen⸗ heit Agnes umarmt und ihr gedankt und mich ſcherzhaft angeklagt und mich doch mit all ihrer kindlichen Un⸗ ſchuld geliebt hätte. Ich war Agnes ſo dankbar und bewunderte ſie ſo! Ich ſah die Beiden in einer hellen Perſpective, als ſolche trefflich verbundene Freundinnen, eine die andere mit ihrem Reize ſo ſehr ſchmückend. „Was ſollte ich alſo thun, Agnes?“ ſagte ich, nach⸗ dem ich ein Weilchen nach dem Feuer hingeblickt.„Was würde man mit Recht thun können?“ „Ich denke,“ antwortete Agnes,„daß der ehren⸗ vollſte Weg, den man einſchlagen kann, der ſein würde, wenn Du an die beiden alten Damen ſchriebeſt. Denkſt Du nicht, daß jedweder heimliche Weg ein unwürdi⸗ ger iſt!“ ⁸△‿—‿ᷣꝙ ⁸— 8— u—*—W AN 8o& — ◻— Oo David Kopperfield. 45 „Ja. Wenn Du ſo denkſt,“ ſagte ich. „Ich bin ſehr wenig geeignet, ein Urtheil in ſol⸗ chen Dingen abzugeben,“ erwiederte Agnes mit beſchei⸗ denem Zaudern,„aber ich fühle mit Gewißheit— kurz, ich fühle, daß Deine Heimlichkeit und Deine Schleich⸗ wege Dir ſelbſt nicht gleichen.“ „Ich fürchte, mir nicht gleichen in der zu hohen Meinung, die Du von mir haſt, Agnes,“ ſagte ich. „Sie ſind Dir in der Offenheit Deiner Natur nicht gleich,“ entgegnete ſie,„und deshalb würde ich an jene beiden alten Damen ſchreiben. Ich würde deutlich und offen Alles, was ſtattgefunden hat, erzählen, und ich würde mir ihre Erlaubniß erbitten, manchmal einen Be⸗ ſuch in ihrem Hauſe abzuſtatten. In Betracht deſſen, daß Du jung biſt und nach einer Stellung im Leben ſtrebſt, würde es, dächt' ich, gut ſein, zu ſchreiben, daß Du bereitwillig Dich allen Bedingungen unterziehen wollteſt, welche ſie Dir auferlegen würden. Ich würde ſie bit⸗ ten, meine Bitte nicht, ohne Rückſprache mit Dora ge⸗ nommen zu haben, abzuſchlagen und die Sache mit ihr zu beſprechen, wenn ſie die Zeit dazu paſſend fänden. Ich würde nicht zu heftig ſein,“ ſagte Agnes ſanft,„noch zu viel verlangen. Ich würde auf meine Treue und Ausdauer— und auf Dora vertrauen.“ „Wenn Sie aber Dora wieder Angſt machten, Agnes, indem ſie mit ihr ſprechen,“ ſagte ich.„Und wenn Dora zu ſchreien anfinge und nichts von mir ſagte?“ „Iſt das denkbar?“ fragte Agnes mit derſelben hol⸗ den Rückſichtnahme in ihrem Geſichte. „Ei der Tauſend freilich, ſie iſt ſo leicht verſcheucht wie ein Vögelchen,“ antwortete ich.„Es könnte wohl ſein. Oder wenn die beiden Fräulein Spenlow(öältliche Damen der Art ſind oft wunderliche Charaktere) mög⸗ 46 David Kopperfield. licherweiſe nicht Perſonen wären, denen man in dieſer Weiſe kommen dürfte.“ „Ich glaube nicht, Trotwood,“ ſagte Agnes, indem ſie ihre ſanften Augen zu den meinen erhob,„daß ich dies in Betracht ziehen würde. Vielleicht würde es beſſer ſein, ſich nur darnach zu fragen, ob es recht ſei, ſo zu handeln, und wofern es recht wäre, es zu thun.“ Ich hatte jetzt keinen Zweifel mehr über den Ge⸗ genſtand. Mit erleichtertem Herzen, wenn auch mit einer tiefen Empfindung von der gewichtigen Bedeutung mei⸗ nes Vorhabens, widmete ich den ganzen Nachmittag der Zuſammenſtellung des Concepts zu dieſem Briefe, zu welchem großen Zwecke Agnes mir ihr Pult ein⸗ räumte. Zuerſt aber ging ich hinunter, Mr. Wickfield und Uriah Heep zu ſehen. Ich fand Uriah im Beſitze einer neuen, nach Pfla⸗ ſter riechenden Expedition, die in den Garten hinaus⸗ gebaut war; er ſah außerordentlich gemein aus, und rings um ihn lagen eine Menge Bücher und Papiere. Er empfing mich in ſeiner gewöhnlichen ſchmeichleriſchen Weiſe und gab vor, nichts von meiner Ankunft durch Mr. Mi⸗ cawber gehört zu haben, ein Vorgeben, welches ich ſo frei war, nicht zu glauben. Er begleitete mich in Mr. Wickfields Zimmer, welches— indem man es einer Menge von Bequemlichkeiten entkleidet hatte, um es dem neuen Geſchäftstheilnehmer in dem ſeinen bequem zu machen— nur noch der Schatten war von dem, was es früher geweſen, und ſtellte ſich, indem er ſeinen Rücken wärmte und ſeine Knie mit ſeiner knochendürren Hand ſchabte, vor das Feuer, während Mr. Wickfield und ich Grüße tauſchten. „Sie wohnen doch bei uns, während ſie ſich in —— David Kopperfield. 47 Canterbury aufhalten?“ ſagte Herr Wickfield, nicht ohne einen Blick auf Uriah zu werfen, um deſſen Billigung einzuholen. „Iſt Platz für mich da?“ fragte ich. „Wahrhaftig, Musje Kopperfield— ich ſollte ſa⸗ gen Herr, aber das Andere kommt einem ſo natürlich auf die Zunge,“ ſagte Uriah—„ich würde mit Ver⸗ gnügen aus Ihrem alten Zimmer ziehen, wenn es ge⸗ wünſcht würde.“ „Nein, nein,“ verſetzte Mr. Wickſield, warum ſoll⸗ ten Sie Ihrer Bequemlichkeit beraubt werden?'s iſt ein anderes Zimmer da!'s iſt ein anderes Zimmer da!“ „Oh, aber Sie wiſſen,“ entgegnete Uriah mit einem Feixen,„ich würde mich in der That freuen.“ Um die Sache kurz zu machen, ſagte ich, daß ich entweder das andere Zimmer oder gar keins haben wollte; und ſo wurde ausgemacht, daß ich das andere Zimmer haben ſollte, und indem ich mich von der Firma bis zum Mittagseſſen verabſchiedete, ging ich wieder hinauf. Ich hatte gehofft, keine andere Geſellſchaft als Agnes zu haben. Aber Mrs. Heep hatte um die Erlaubniß gebeten, ſich mit dem Strickzeuge an den Kamin in die⸗ ſer Stube zu ſetzen, indem ſie vorgab, daß dieſe bei dem herrſchenden Winde eine günſtigere Ausſicht für ihr Glie⸗ derreißen darbiete, als das Geſellſchafts⸗ oder Speiſe⸗ zimmer. Obſchon ich ſie ſchier ohne Gewiſſensbiſſe den Gunſtbezeugungen des Windes auf der höchſten Zinne der Kathedrale hätte ausſetzen mögen, machte ich aus der Noth eine Tugend und grüßte ſie freundſchaftlich. „Ich ſage Ihnen meinen demüthigen Dank, mein Herr,“ ſagte Mrs. Heep in Anerkenntniß meiner Fra⸗ gen nach ihrer Geſundheit;„aber ich bin nur ziemlich 48 David Kopperfield. wohl. Ich habe nicht viel, worauf ich mir was ein⸗ bilden kͤnnte. Wenn ich meinen Uriah im Leben gut geſtellt ſehen könnte, ſo könnt' ich, glaub' ich, nicht viel mehr erwarten. Wie kommt Ihnen das Ausſehen meines Ury vor, mein Herr?“. Sein Ausſehen kam mir ſo ſchurkenhaft vor, wie immer, und ich entgegnete, daß ich keine Veränderung an ihm bemerke. „Oh, denken Sie nicht, daß er ſich verändert hat?“ ſagte Mrs. Heep.„Da muß ich demüthig um Erlaub⸗ niß bitten, anderer Meinung zu ſein. Sehen Sie nicht, wie er abgenommen hat?“ „Er iſt nicht magerer als gewöhnlich,“ entgegnete ich. „Alſo wirklich nicht?“ fragte Mrs. Heep.„Aber „Sie betrachten ihn freilich nicht mit dem Auge einer. Mutter.“ Seiner Mutter Auge war, ſo voll von Liebe, wie es gegen ihn ſein mochte, ein böſes Auge gegen die ganze übrige Welt, dachte ich, als es dem meinen be⸗ gegnete; und ich glaube, ſie und ihr Sohn waren wirk⸗ lich eines dem andern ergeben. Es ging an mir vor⸗ über und weiter, um auf Agnes zu haften. „Sehen Sie denn kein Zehren und Abhärmen an ihm, Fräulein Wickfield?“ erkundigte ſich Mrs. Heep. „Nein,“ antwortete Agnes, indem ſie ruhig mit der Arbeit fortfuhr, mit welcher Sie beſchäftigt war. „Sie ſind zu ängſtlich hinſichtlich ſeiner. Er iſt gewiß wohl.“ Mrs. Heep nahm mit einem entſetzlichen Schnaufen ihre Stickerei wieder auf. Sie ging durchaus nicht fort, ja verließ uns auch nicht einen Augenblick. Ich war früh am Tage ange⸗ langt, und wir hatten noch drei oder vier Stunden bis David Kopperfield. 49 zum Eſſen; aber ſie ſaß da und ließ ihre Stricknadeln ſo eintönig ſpielen, wie ein Uhrglas ſeinen Sand aus⸗ laufen gelaſſen haben würde. Sie ſaß an der einen Seite des Kamins, ich ſaß an dem Pulte vor demſel⸗ ben, ein wenig ſeitwärts von mir, an der andern Seite ſaß Agnes. Wenn ich langſam meinen Brief überle⸗ ſend, meine Augen erhob und dem gedankenvollen Ant⸗ litze von Agnes begegnete, es ſich aufheitern und mit dem ihm eignen engelgleichen Ausdrucke mir Ermuthi⸗ gung zuſtrahlen ſah, ſo wußte ich ſogleich, daß das böſe Auge mich verlaſſen habe und ſich auf ſie richte und wie⸗ der zu mir zurückkomme und verſtohlen wieder auf die Strickerei falle. Was dieſe Strickerei war, weiß ich nicht, da ich dieſe Kunſt nicht verſtehe; aber es ſah wie ein Netz aus, und als ſie mit dieſen chineſiſchen Fleiſchga⸗ beln von Stricknadeln darauf los arbeitete, ſah ſie im Lichte des Kaminfeuers wie eine häßliche Zauberin aus, die bis jetzt noch durch die ihr gegenüberſitzende ſtrah⸗ lende Gottheit zurückgehalten ſei, aber ſich vorbereitete, mit ihrem Netze bald einen Wurf zu thun. Bei Tiſche ſetzte ſie ihre Beobachtung mit denſelben nie zwinkernden Augen fort. Nach dem Eſſen trat ihr Sohn für ſie ein, und als Mr. Wickfield, er ſelbſt und ich allein gelaſſen waren, ſtierte er mich an und wand und renkte ſich, bis ich's kaum noch aushalten konnte. Im Geſellſchaftszimmer war die Mutter mit der Stricke⸗ rei und dem wachſamen Auge abermals. Die ganze Zeit über, wo Agnes ſang und ſpielte, ſaß die Mut⸗ ter am Piano. Einmal bat ſie um eine beſondere Bal⸗ lade, welche ihr Ury(der in einem großen Stuhle gähnte) beſonders lieben ſollte; und in Zwiſchenräumen ſah ſie ſich nach ihm um und ſagte dann Agnes, daß er ganz begeiſtert von der Muſik ſei. Aber ſie ſprach David Kopperſield. VII. 4 50 David Kopperfield. kaum irgend einmal— ich bezweifle ob überhaupt je einmal— wo ſie nicht in irgend einer Beziehung ſeiner erwähnt hätte. Es war mir deutlich, daß dies die ihr auferlegte Pflicht ſei. Dies dauerte bis zum Schlafengehen. Mutter und Sohn geſehen zu haben, wie ſie gleich zwei großen Fle⸗ dermäuſen über dem ganzen Hauſe hingen und es mit ihren häßlichen Formen verdunkelten, machte mich ſo unbehaglich, daß ich viel lieber bei der Strickerei und Allem miteinander unten geblieben, als zu Bett gegan⸗ gen wäre. Ich hatte kaum einigen Schlaf. Den näch⸗ ſten Tag fing das Stricken und Beobachten von vorn an und dauerte den ganzen Tag. Ich hatte nicht eine einzige Gelegenheit, mit Agnes auch nur zehn Minuten zu ſprechen. Ich konnte ihr nur meinen Brief zeigen. Ich ſchlug ihr vor, mit mir aus⸗ zugehen; da aber Mrs. Heep wiederholt klagte, daß ihr noch ſchlechter ſei, blieb Agnes mitleidig zu Hauſe, ihr Geſellſchaft zu leiſten. Gegen die Dämmerung ging ich ſelbſt aus, indem ich mir überlegte, was ich zu thun habe und ob ich ein Recht beſitze, Agnes noch länger vorzuenthalten, was Uriah Heep mir in London er⸗ zählt; denn das begann mich von Neuem ſehr zu be⸗ unruhigen. Ich war nicht weit genug gegangen, um die Stadt auf der Straße nach Ramsgate, wo ein hübſcher Spa⸗ ziergang war, ganz im Rücken zu haben, als ich durch die Dämmerung von Jemand hinter mir angerufen wurde. Die ſchlenkernde Figur und der ärmliche Ueberrock wa⸗ ren nicht zu verkennen. Ich blieb ſtehen, und Uriah Heep kam auf mich zu. „Nun?“ fragte ich. „Wie ſchnell Sie aber auch gehen!“ ſagte er.„Meine 5 ͤ 1** ne David Kopperfield. 51 Beine ſind ziemlich lang, aber Sie geben ihnen wahr⸗ haftig ein tüchtiges Stück Arbeit.“ „Wo gehen Sie hin?“ fragte ich. „Ich wollte mit Ihnen gehen, Musje Kopperfield, wenn Sie mir das Vergnügen eines Spazierganges mit einem alten Bekannten erlauben wollen.“ Und indem er dies mit einem Zuſammenſchnappen ſeines Körpers, welches ebenſo gut verſöhnend als verhöhnend ſein konnte, ſagte, begann er in gleichem Schritte neben mir herzu⸗ gehen. „Uriah!“, verſetzte ich nach einem Schweigen ſo höf⸗ lich als ich konnte. „Musje Kopperfield!“ erwiederte Uriah. „Um Ihnen die Wahrheit zu geſtehen(über welche Sie ſich nicht beleidigt fühlen wollen), ich ging aus, um allein zu ſein, weil ich heute ſo viel Geſellſchaft gehabt habe.“ Er ſah mich von der Seite an und ſagte mit ſei⸗ nem abſcheulichſten Grinſen:„Sie meinen Mutter?“ „Ei nun, ja,'s iſt richtig,“ antwortete ich. „Ah, aber Sie wiſſen, wir ſind ſolche niedrige Leute,“ entgegnete er.„Und da wir uns unſerer Nie⸗ drigkeit ſo wohl bewußt ſind, ſo müſſen wir uns wirk⸗ lich in Acht nehmen, daß wir von Denen, die nicht nie⸗ drig ſind, nicht von unſerm Platze geſchoben werden. In der Liebe ſind alle Kriegsliſten erlaubt.“ Und indem er ſeine großen Hände erhob, bis ſie ſein Kinn berührten, rieb er ſie ſanft und kicherte leiſe, wobei er meiner Meinung nach einem boshaften Pa⸗ vian ſo ähnlich ſah, als ein menſchliches Geſchöpf nur konnte. „Sehen Sie,“ fuhr er fort, indem er ſich in die⸗ ſer unangenehmen Weiſe immernoch liebkoſte und den 4* 52 David Kopperfield. Kopf nach mir ſchüttelte,„Sie ſind ein ſehr gefährli⸗ cher Nebenbuhler, Musje Kopperfield. Und wiſſen Sie, Sie ſind das ſtets geweſen.“ „Umgeben Sie Fräulein Wickfield mit Spähern und verbittern ihr den Frieden ihrer Heimat wegen mir?“ fragte ich. „Oh, Musje Kopperfield!“ erwiederte er.„Das ſind ſehr harte Worte.“ „Kleiden Sie meine Meinung in Worte, wie ſie Ihnen nur belieben,“ ſagte ich.„Sie wiſſen, was ich meine, Uriah, ſo gut wie ich's ſelber weiß.“ „Oh nein, Sie müſſen ſie ſelbſt in Worte kleiden. Oh, wahrhaftig. Ich könnte es nicht.“ „Denken Sie,“ ſagte ich, mich zwingend, wegen Agnes gemäßigt und ruhig mit ihm zu ſein,„daß ich Fräulein Wickfield mit andern Augen anſehe, als mit ſolchen, wo ſie mir eine ſehr liebe Schweſter iſt?“ „Gut, Musje Kopperfield,“ entgegnete er,„Sie begreifen, daß ich nicht verpflichtet bin, auf dieſe Frage zu antworten. Wiſſen Sie, was Sie ſagen, mag wahr ſein. Aber dann, ſehen Sie, kann es auch nicht wahr ſein.“ Nie ſah ich etwas, was mit der gemeinen Pfiffig⸗ keit ſeines Geſichts und ſeiner unbeſchatteten Augen, die nicht die Spur von Augenwimpern hatten, verglichen werden könnte. „Nun denn!“ ſagte ich.„Um Fräulein Wickfields willen—“ „Meine Agnes!“ ſchrie er mit krampfartiger recht⸗ winklicher Verrenkung ſeiner ſelbſt.„Wollen Sie wohl ſo gut ſein, ſie Agnes zu nennen, Musje Kopperſield.“ „Um Fräulein Agnes Wickfields willen— Gott ſegne ſie!—“ — — David Kopperfield. 53 „Dank' Ihnen fün dieſen Segenswunſch, Musje Kopperfield!“ unterbrach er mich. „— will ich Ihnen ſagen, was ich, wenn die Ver⸗ hältniſſe irgendwie andere wären, ebenſo gern Jack Ketch erzählt haben möchte.“ „Wem?“ fragte Uriah, indem er den Hals vor⸗ ſtreckte und die Hand hinter's Ohr hielt. „Dem Henker,“ entgegnete ich.„Derjenigen Per⸗ ſon, an die ich am Allerunwahrſcheinlichſten gedacht ha⸗ ben könnte“— eine Erklärung, die unrichtig war, da ſein eignes Geſicht mir dieſe Anſpielung als eine ganz natürliche Folge eingegeben hatte.„Ich bin mit einer andern jungen Dame verſprochen. Ich hoffe, daß Sie das zufriedenſtellt.“ „Auf Ihr Wort?“ ſagte Uriah. Ich ſtand im Begriffe, ihm entrüſtet die verlangte Bekräftigung zu geben, als er meine Hand erfaßte und ſie heftig preßte. „Oh, Musje Kopperfield,“ ſagte er,„wenn Sie nur die Herablaſſung gehabt hätten, mein Vertrauen zu erwiedern, als ich mein volles Herz vor Ihnen aus⸗ ſchüttete, die Nacht, wo ich Ihnen dadurch, daß ich vor'm Feuer in Ihrer Wohnſtube ſchlief, ſo viel Un⸗ bequemlichkeit verurſachte, ſo hätte ich nimmermehr Ver⸗ dacht auf Sie gehabt. Wie es jetzt ſteht, will ich mei⸗ ner Mutter ſogleich und nur zu gern wegnehmen. Ich weiß, Sie werden die Vorſichtsmaßregeln, welche die Liebe traf, entſchuldigen, nicht wahr? Wie traurig, Musje Kopperfield, daß Sie ſich nicht herabgelaſſen, mein Vertrauen zu erwiedern! Ich gab Ihnen wahr⸗ haftig alle mögliche Gelegenheit dazu. Aber Sie ha⸗ ben ſich nie ſo ſehr zu mir herabgelaſſen, als ich hätte 54 David Kopperfield. wünſchen können. Ich weiß, Sie haben mich nie ſo leiden können, als ich Sie.“ Dieſe ganze Zeit über quetſchte er meine Hand mit ſeinen feuchten, fiſchkalten Fingern, während ich alle möglichen Anſtrengungen machte, die ich ſchicklicher Weiſe machen konnte, ſie von ihm loskriegen. Aber ich hatte gar keinen Erfolg. Er zog meine Hand unter den Aer⸗ mel ſeines maulbeerfarbenen Ueberrocks, und ich ſchritt, ſchier wie ein Gefangener, Arm in Arm mit ihm weiter. „Wollen wir umkehren?“ fragte er endlich, indem er bald darauf mein Geſicht nach der Stadt zudrehte, auf welche der frühzeitige Mond jetzt ſchien und die fernen Fenſter verſilberte. „Bevor wir uns von dem Gegenſtande abwenden,“ ſagte ich, indem ich ein ziemlich langes Schweigen brach, „müſſen Sie wiſſen, daß ich glaube, Agnes Wickfield ſteht ſo hoch über Ihnen und iſt ſo fern von allen Ih⸗ ren Bewerbungen, als dieſer Mond da droben.“ „So friedvoll! Nicht wahr?“ ſagte Uriah.„Ganz recht. Nun aber bekennen Sie, Musje Kopperfield, daß Sie mich nicht ganz ſo lieb gehabt haben, als ich Sie. Die ganze Zeit daher haben Sie mich ſelbſt jetzt noch höchſt wahrſcheinlich für zu niedrig gehalten.“ „Ich bin kein Freund von Bekenntniſſen, daß man ſich niedrig fühle, noch von ſonſt welchen Bekenntniſſen,“ entgegnete ich. „Na, da haben wir's!“ rief Uriah, der im Mond⸗ lichte welk und bleifarben ausſah.„Wußt, ich's nicht! Aber wie wenig halten Sie von der völlig gerechten Demuth einer Perſon in meiner Stellung, Musje Kop⸗ perfield! Vater und ich, wir wurden Beide in einer Freiſchule für Knaben auferzogen, und Mutter wurde ebenfalls in einer Art öffentlicher milden Stiftung er⸗ David Kopperfield. 55 zogen. Sie lernten uns dorten alle viel Demuth— nicht viel mehr, ſo viel ich wüßte— vom Morgen bis zum Abend. Wir ſollten gegen Dieſen und gegen Je⸗ nen demüthig ſein, ſollten hier die Mütze abnehmen und dort einen Bückling machen, und immer unſern Platz wiſſen und uns vor Denen erniedrigen, welche mehr wie wir wären. Und wir ſahen ſo viele Leute, die mehr wie wir waren. Vater bekam durch ſeine De⸗ muth die Medaille als Lehrergehülfe. Ebenſo ich. Vater wurde Unterküſter für ſeine Demuth. Er hatte unter den vornehmen Leuten das Lob, ein Mann von ſolch einem guten Benehmen zu ſein, daß ſie den Entſchluß faßten, ihn ins Amt zu bringen. Sei demüthig, Uriah, ſagte Vater zu mir, und Du wirſt vorwärts kommen. Es war Das, was Dir und mir in der Schule ſtets eingeprägt wurde; es iſt, was am Beſten weiter bringt. Sei demüthig, ſagte Vater, und es wird Dir wohl gehen. Und ſiehe da,'s iſt wirklich nicht ſchlecht ge⸗ gangen.“ Es war das erſte Mal, daß es mir je eingefallen war, wie dieſes verächtliche Heucheln mit falſcher Demuth ſeinen Urſprung in der Heep'ſchen Familie haben möchte. Ich hatte die Ernte geſehen, aber nie an die Saat gedacht. „Als ich noch ein ganz kleiner Junge war,“ fuhr Uriah fort,„erfuhr ich, was Demuth bewirkt, und hielt mich an ſie. Ich aß mein demüthiges Stück Brot mit Appetit. Ich blieb bei dem demüthigen Grade des Wiſ⸗ ſens, was ich hatte, ſtehen und ſagte: Halt und laß das Weitere! Als Sie mir anboten, mir Latein zu lernen, wußte ich, daß es beſſer war, dies nicht zu be⸗ nutzen. Die Leute haben's gern, wenn ſie mehr ſind als Du, ſagte Vater, drum bleib hübſch unten. Ich bin im gegenwärtigen Augenblicke noch ſehr niedrig und 56 David Kopperfield. demüthig, Musje Kopperfield; aber ich habe doch ein Bischen Macht in Händen.“ Und er ſagte alles Dieſes— wie ich begriff, als ich ſein Geſicht im Mondenſcheine ſah— damit ich ver⸗ ſtehen möge, er ſei entſchloſſen, ſich durch Ausübung ſeiner Macht zu entſchädigen. Ich hatte nie an ſeiner Niederträchtigkeit, Gemeinheit und Bosheit gezweifelt; aber ich begriff jetzt zum erſten Male vollſtändig, was für ein niedriger, unbeugſamer, rachſüchtiger Geiſt durch dieſe in früher Jugend begonnene, durch dieſe lang⸗ dauernde Unterdrückung erzeugt worden ſein mußte. Seine Mittheilung über ſich ſelbſt war inſofern von einem angenehmen Erfolge begleitet, daß ſie dahin führte, daß er ſeine Hand von meinem Arme zurückzog, um ſich abermals das Kinn ſtreicheln zu können. Ein⸗ mal getrennt von ihm, war ich entſchloſſen, mich von ihm entfernt zu halten, und wir gingen Seite an Seite zurück, indem wir auf dem Wege nur noch ſehr we⸗ nig ſagten. Ob ſeine Laune durch die Mittheilung, die ich ihm gemacht, oder durch den Rückblick, dem er ſich überlaſ⸗ ſen hatte, ſo munter geworden war, weiß ich nicht, aber irgend ein Einfluß hatte ihn heiter und lebendig gemacht. Er ſprach bei Tiſche mehr, als er gewohnt war, fragte ſeine Mutter(die vom Augenblicke unſeres Wiederein⸗ tritts ins Haus an von ihrem Wachtpoſten abgelöſt wurde), ob er nicht zu alt werde für einen Jung⸗ geſellen, und warf einmal einen ſolchen Blick auf Ag⸗ nes, daß ich Alles, was ich hatte, für die Erlaubniß gegeben hätte, ihn mit einem Fauſtſchlage zu Boden zu füülten. Als wir drei männlichen Mitglieder der Tiſchgeſell⸗ ſchaft nach Tiſche allein gelaſſen waren, gerieth er in David Kopperfield. 57 eine noch abenteuerlichere Stimmung. Er hatte wenig oder gar keinen Wein getrunken, und ich vermuthe, es war die bloße Frechheit des Triumphs, angeſtachelt viel⸗ leicht durch die Verſuchung, welche meine Gegenwart zur Schauſtellung deſſelben bot, die ihn beſeelte. Ich hatte geſtern bemerkt, daß er Mr. Wickfield zum Trinken veranlaßte, und, indem ich mir den Blick richtig auslegte, den Agnes mir beim Hinausgehen zu⸗ geworfen, hatte ich mich auf ein Glas beſchränkt und dann vorgeſchlagen, wir wollten ihr folgen. Ich würde es heute wieder ſo gemacht haben, aber Uriah war zu ſchnell für mich. „Wir ſehen unſern gegenwärtigen Beſuch nur ſel⸗ ten,“ ſagte er, zu Mr. Wickfield gewendet, welcher— was für ein Contraſt gegen ihn— am Ende des Ti⸗ ſches ſaß,„und ich würde vorſchlagen, ihn mit einem oder ein paar weitern Gläſern Wein willkommen zu hei⸗ ßen, wenn Sie nichts dagegen haben. Herr Kopperfield, Ihre Geſundheit und Ihr Glück!“ Ich war gezwungen, zu thun, als ob ich die Hand ergriffe, die er mir über den Tiſch entgegenſtreckte, und dann nahm ich mit ſehr verſchiedenen Gefühlen die Hand des gebrochenen Mannes, ſeines Compagnons. „Nun, Freund Compagnon,“ ſagte Uriah,„wenn ich mir die Freiheit nehmen darf— ich dächte, jetzt brächten Sie was aus, was ſich für Kopperfield paßt.“ Ich übergehe es, wie Mr. Wickfield die Geſundheit meiner Tante und Mr. Dicks, das Gedeihen der Com⸗ mons, die Geſundheit Uriahs ausbrachte, wie er auf Alles doppelt trank, wie er ſich ſeiner Schwäche ſelbſt bewußt war, wie er fruchtloſe Verſuche gegen dieſelbe machte, wie er kämpfte zwiſchen ſeinem Ekel vor Uriahs Benehmen und ſeinem Wunſche, ihn ſich geneigt zu er⸗ — —-——.— — 58 David Kopperfield. halten, wie Uriah in augenſcheinlichem Jubel ſich wand und renkte und ihn vor mir an der Leine hielt. Das Herz that mir weh, dies zu ſehen, und meine Hand geht ungern daran, es niederzuſchreiben. „Jetzt, Freund Compagnon,“ ſagte Uriah zuletzt, „will ich noch Eins ausbringen, und ich bitte erge⸗ benſt um große Gläſer, indem ich die Göttlichſte ihres Geſchlechts leben laſſen will.“ Ihr Vater hatte ſein leeres Glas in der Hand. Ich ſah es ihn niederſetzen, auf das Bild, das ihr ſo ähn⸗ lich war, blicken, ſeine Hand an ſeine Stirn legen und in ſeinen Armſtuhl zurückfahren. „Ich bin ein zu niedrig geſtellter Mann, um ihre Geſundheit auszubringen,“ fuhr Uriah fort,„aber ich bewundere ſie— bete ſie an.“ Kein phyſiſches Leiden, das ihres Vaters graues Haupt getragen haben könnte, hätte mir, glaube ich, ſchrecklicher ſein können, als die geiſtige Qual, die ich jetzt in ſeinen beiden Händen zuſammengepreßt ſah. „Agnes,“ ſagte Uriah, der ihn entweder nicht beob⸗ achtete oder nicht wußte, welcher Art ſein Thun war, „Agnes Wickfield iſt, wie ich mit Recht ſagen darf, die Göttlichſte ihres Geſchlechts. Darf ich offen ſpre⸗ chen unter Freunden? Ihr Vater zu ſein, iſt eine ſtolze Auszeichnung, aber ihr Gatte zu ſein—“ Möge mir's erlaſſen bleiben, je wieder ſolch einen Schrei zu hören, als der war, mit welchem ihr Vater vom Tiſche aufſprang! „Was giebt's?“ ſagte Uriah, indem er todtenbleich wurde.„Sie ſind doch hoffentlich nicht gar am Ende toll geworden, Herr Wickfield? Wenn ich ſage, daß ich darnach ſtrebe, Ihre Agnes zu meiner Agnes zu machen, ſo habe ich dazu ein ebenſo gutes Recht, als David Kopperfield. 59 ein Anderer. Ja, ich habe ein beſſeres Recht dazu, als irgend ein Anderer.“ Ich hatte Mr. Wickſield mit meinen Armen um⸗ ſchloſſen und beſchwor ihn bei Allem, was mir nur in den Sinn kam, und am Meiſten bei ſeiner Liebe zu Agnes, ſich ein wenig zu beruhigen. Er war in die⸗ ſem Augenblicke von Sinnen, raufte ſich die Haare aus, ſchlug ſich vor den Kopf, verſuchte mich von ſich drän⸗ gen und ſich von mir zu befreien, antwortete keine Sylbe, blickte nach nichts, ſah nichts, ſtrebte blindlings nach etwas, das er ſelbſt nicht wußte, ſtarrte entgeiſterten und verzerrten Geſichts ins Blaue— ein entſetzlicher Anblick. Ich beſchwor ihn in unzuſammenhängenden Worten, aber in der leidenſchaftlichſten Weiſe, ſich nicht dieſem wilden Gebahren ganz hinzugeben, ſondern mich anzu⸗ hören. Ich bat ihn flehentlich, an Agnes zu denken, mich in ſeinen Gedanken mit Agnes in Verbindung zu bringen, ſich zu erinnern, wie Agnes und ich zuſammen aufgewachſen ſeien, wie hoch ich ſie verehrt, wie ſehr ich ſie geliebt habe, wie ſie ſein Stolz und ſeine Freude ſei. Ich ſuchte ihm ihr Bild in jeder Geſtalt vor Au⸗ gen zu führen, ich tadelte ihn ſogar, daß er nicht die Feſtigkeit habe, ihr die Bekanntſchaft mit ſolch einem Auftritte wie dieſer zu erſparen. Vielleicht habe ich damit etwas bewirkt, vielleicht auch verzehrte ſeine Wuth ſich ſelbſt allmählig; aber nach und nach renkte und wand er ſich weniger herum und begann mich anzu⸗ blicken— zuerſt mit einem fremdartigen Ausdrucke, dann mit den Zeichen der Wiedererkennung in ſeinen Augen. Endlich ſagte er: „Ich weiß, Trotwood! Mein liebes Kind und Sie — ich weiß! Aber blicken Sie nach ihm!“ 60 David Kopperfield. Er zeigte auf Uriah, der bleich und verbiſſen in einem Winkel ſtand und augenſcheinlich ſehr in ſeiner Berechnung getäuſcht und von Erſtaunen ergriffen war. „Sehen Sie da meinen Peiniger!“ verſetzte er.„Vor ihm habe ich Schritt für Schritt Namen und Ruf, Ruhe und Frieden, Haus und Heimat verloren.“ „Ich habe Ihnen Ihren Namen und Ruf bewahrt, und Ihren Frieden und Ihre Ruhe und Ihr Haus und Ihre Heimat dazu,“ entgegnete Uriah mit einer mür⸗ riſchen, haſtigen, ängſtlichen und begütigenden Miene. „Sein Sie nicht unſinnig, Herr Wickfield. Wenn ich ein Bischen weiter gegangen bin, als worauf Sie vor⸗ bereitet waren, ſo kann ich wieder rückwärts gehen, dächt' ich. Da iſt noch kein Unglück paſſirt.“ „Ich ſah in Jedem nach einzelnen Beweggründen,“ ſagte Mr. Wickfield,„und ich war beruhigt, ihn durch Beweggründe der Eigenſucht an mich gefeſſelt zu haben. Aber ſehen Sie, was er iſt— oh ſehen Sie, was er iſt!“ „Sie thäten beſſer, ihn am Weiterreden zu verhin⸗ dern, Kopperfield, wenn Sie können,“ ſchrie Uriah, indem er mit ſeinem langen Zeigefinger auf mich wies. „Er wird bald etwas ſagen— geben Sie Acht— er wird's hinterher bedauern, es geſagt zu haben, und Sie werden bedauern, es gehört zu haben.“ „Ich werde ſagen, was mir beliebt,“ ſchrie Mr. Wickfield mit verzweifelter Miene.„Warum ſollt' ich nicht in aller Welt Gewalt ſein, wenn ich einmal in der Ihren bin.“ „Ich ſag' Ihnen, bedenken Sie, was erfolgen könnte,“ ſagte Uriah, indem er fortfuhr, mich zu warnen.„Wenn Sie ihm den Mund nicht ſtopfen, ſind Sie nicht ſein Freund! Warum Sie nicht in aller Welt Gewalt ſein David Kopperſield. 61 dürfen, Herr Wickfield? Weil Sie eine Tochter ha⸗ ben. Sie und ich wiſſen, was wir wiſſen, nicht wahr? Laſſen Sie ſchlafende Hunde in Frieden— wem liegt daran, ſie aufzuwecken? Ich nicht. Können Sie nicht ſehen, daß ich ſo demüthig bin, als nur möglich? Ich ſage Ihnen ja, wenn ich zu weit gegangen bin, ſo thut mir's leid. Was wollen Sie mehr, Herr Wick⸗ field?“ „Oh Trotwood, Trotwood!“ rief Mr. Wickfield aus, indem er die Hände rang.„Wie tief bin ich her⸗ abgeſunken, ſeit ich Sie zum erſten Male in dieſem Hauſe ſah! Ich war ſchon da auf meinem Wege bergab, aber wehe die trübe, trübe Straße, die ich ſeitdem gegangen bin! Schwäche hat mich zu Grunde gerichtet. Schwäche, mit der ich mich der Erinnerung, und Schwäche, mit der ich mich dem Vergeſſen überließ. Mein natürlicher Kummer um die er meines Kendes dermadelte ſich in Krankheit, meine natürliche Liebe zu meinem Kinde verwandelte ſich ebenfall Krankheit. Ich habe Al⸗ les angeſteckt, was ich berührte. Ich habe Gi ge bracht über Das, was ich zärtlich liebe— ich weiß es, und Sie wiſſen es auch. Ich hielt es für möglich, daß ich einem Geſchöpfe in der Welt mit treuer Liebe zugethan ſein könnte, ohne die übrigen zu lieben; ich hielt es für möglich, daß ich aufrichtig um ein aus der Welt gegangenes Geſchöpf trauern könne, ohne Theil zu nehmen am Grame aller andern Trauernden. So hat ſich die Schule meines Lebens zum Böſen verkehrt. Ich habe mein eignes krankes, feiges Herz beraubt, und dieſes hat wieder mich beraubt. Niederträchtig in meinem Kummer, niederträchtig in meiner Liebe, nie⸗ derträchtig in der erbärmlichen Art, wie ich der dunklern Seite Beider zu entgehen ſuchte,— ſehen Sie, was 62 David Kopperfield. für ein zerfallner, nichtiger Menſch ich bin, und haſſen, verachten Sie mich!“ Er ſank in einen Stuhl und ſeufzte ſchwach und matt. Die Aufregung, die ſich in ſeinem Gemüthe erhoben, verließ ihn allmählig. Uriah kam aus ſeinem Winkel. „Ich weiß nicht, was ich Alles gethan habe in meiner Faſelei,“ ſagte Mr. Wickfield, indem er ſeine Hände ausſtreckte, als ob er durch Bitten mein Ver⸗ dammungsurtheil von ſich abwenden wollte.„Er frei⸗ lich weiß es am Beſten,“ womit er Uriah Heep meinte; „denn er hat mir immer zur Seite geſtanden und mir eingeflüſtert. Sie ſehen, was für ein Mühlſtein um meinen Hals er iſt. Sie finden ihn in meinem Hauſe, Sie finden ihn in meinem Geſchäfte. Sie hörten, was er ein Weilchen vorher ſagte. Was hrauche ich mehr zu ſagen?“ „Sie brauchen nicht einmal ſo viel zu ſagen, nicht halb ſo viel, überhaupt nichts,“ bemerkte Uriah, halb höhniſch, halb ſhmeichehtd„Sie würden es gar nicht ſo übel aufgenommen haben, wäre der Wein nicht geweſen. Sie werden morgen beſſer davon denken, Herr Wickfield. Wenn ich zu viel oder mehr als ich im Sinne hatte, geſagt habe, was iſt daraus zu machen. Ich bin ja nicht dabei geblieben.“ Da öffnete ſich die Thür, und Agnes ſchwebte her⸗ ein, keine Spur von Farbe in ihrem Geſichte. Sie ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals und ſagte gefaßt: „Papa, Du biſt nicht wohl. Komm mit mir fort.“ Er legte ſeinen Kopf auf ihre Schulter, als ob er von ſchwe⸗ rem Schamgefühl niedergedrückt wäre, und ging mit ihr hinaus. Ihre Augen begegneten den meinen nur für einen Augenblick, aber doch ſah ich, wie viel ſie von dem Vorgefallenen wußte. David Kopperfield. 63 „Ich erwartete nicht, daß er darüber ſo grob in die Höhe fahren würde,“ ſagte Uriah.„Aber's hat nichts zu bedeuten. Werde morgen wieder gut Freund mit ihm ſein.'s iſt zu ſeinem Guten. Ich bin ihm er⸗ geben und für ſeinen Nutzen beſorgt.“ Ich gab ihm keine Antwort und ging hinauf in das ſtille Zimmer, wo Agnes ſo oft neben mir vor mei⸗ nen Büchern geſeſſen hatte. Niemand kam mir bis in die ſpäte Nacht zu nahe. Ich nahm ein Buch und ver⸗ ſuchte zu leſen. Ich hörte die Uhr zwölf ſchlagen und las immernoch fort, ohne zu wiſſen, was ich las, als mich plötzlich Agnes anrührte. „Du wirſt morgen frühzeitig fortgehen, Trotwood. Laß uns jetzt Abſchied nehmen.“ Sie hatte geweint, aber ihr Geſicht war jetzt ſo ru⸗ hig und ſchön! „Der Himmel gebe Dir ſeinen Segen!“ ſagte ſie, indem ſie mir ihre Hand gab. „Theuerſte Agnes!“ erwiederte ich.„Ich ſehe, Du bitteſt mich, nicht von heute Abend zu ſprechen,— aber iſt denn nichts zu thun?“ „Nichts, als auf Gott zu vertrauen!“ entgeg⸗ nete ſie. „Kann ich denn nichts thun— ich, der zu Dir mit meinem Bischen Sorge kommt?“ „ und die meinen um ſo viel leichter macht,“ ant⸗ wortete ſte;—„nein, lieber Trotwood, nein.“ „Liebe Agnes,“ ſagte ich,„es iſt anmaßend von mir, der ich ſo arm bin an Allem, woran Du ſo reich biſt— an Güte, an Entſchloſſenheit, an allen edlen Eigenſchaften— an Dir zu zweifeln oder Dich leiten zu wollen; aber Du weißt, wie ſehr ich Dich liebe, und wie viel ich Dir danke. Nicht wahr, Du wirſt 64 David Kopperfield. Dich nie einem mißverſtandenen Begriffe des Wortes Pflicht opfern, Agnes?“ Einen Augenblick aufgeregter, als ich ſie je geſehen, nahm ſie ihre Hand von mir und trat einen Augen⸗ blick zurück. „Sage, daß Du an Dergleichen nicht denkſt, liebe Agnes! Du, die mir viel mehr als eine Schweſter iſt! Denke an das unſchätzbare Geſchenk eines Herzens wie das Deine und einer Liebe wie die Deine.“ Oh lange, lange nachher noch ſah ich jenes Ant⸗ litz vor mir ſich erheben, mit dem Ausdrucke, der einen Augenblick darin lag,— dieſem Ausdrucke, der weder Verwunderung, noch Anklage, noch Betrübniß in ſich ſchloß. Oh lange, lange nachher noch ſah ich dieſen Aus⸗ druck einem lieblichen Lächeln weichen, mit welchem ſie mir ſagte, daß ſie ſich ihretwegen nicht ängſtige— und daß ich ihretwegen auch nichts zu fürchten brauche— und mit dem Namen Bruder von mir ſchied und ver⸗ ſchwunden war! Es war dunkel an dem Morgen, wo ich an der Thür des Gaſthofes in die Poſtkutſche ſtieg. Der Tag brach eben an, als wir im Begriffe waren, abzufahren, und da, als ich in Gedanken an ſie verſunken daſaß, kam an der Seite der Kutſche durch die mit Tag ver⸗ miſchte Nacht Uriahs Kopf in die Höhe geklettert. „Kopperfield,“ ſagte er in einem krächzenden Ge⸗ wiſper, während er an dem Eiſen der Kutſchdecke hing; „ich dachte, Sie würden ſich freuen, vor Ihrer Abreiſe zu hören, daß es zwiſchen uns nicht zum Bruche ge⸗ kommen iſt. Ich bin bereits auf ſeiner Stube geweſen, und wir haben Alles glatt gemacht. Ei nun, Sie wiſ⸗ ſen, daß ich, obwohl von niederer Stellung, ihm doch nützlich bin, und er verſteht ſich auf ſein Intereſſe, wenn David Kopperfield. 65 er's nicht im Kopfe hat. Was für ein angenehmer Mann er doch trotz alledem iſt, Musje Kopperfield.“ Ich zwang mich, ihm zu ſagen, wie ich mich freue, daß er ſich entſchuldigt habe. „Oh natürlich,“ ſagte Uriah.„Wiſſen Sie, was hat eine Entſchuldigung für eine Perſon von niedriger Stellung zu bedeuten!'s iſt ſo leicht! Aber hören Sie mal, ich glaube,“ und er machte eine ſeiner Aalwin⸗ dungen,„Sie haben ſchon einmal eine Birne gepflückt, ehe Sie reif war, Musje Kopperfield?“ „Ich glaube, ja,“ erwiederte ich. „Ich that dies geſtern Abend,“ ſagte Uriah,„aber ſie wird ſchon noch reif werden. Man braucht ſie blos zu pflegen. Ich kann warten.“ Ueberfließend von Abſchiedsgrüßen, ſtieg er wieder hinunter, als der Kutſcher aufſtieg. So viel ich weiß, aß er etwas, um die rauhe Morgenluft von ſich abzu⸗ halten; aber er machte mit ſeinem Munde Bewegun⸗ gen, als ob die Birne ſchon reif wäre, und er mit den Lippen darüber ſchmatzte. David Kopperſield. VII. 5 Vierzigſtes Kapitel. Der Wanderer. Wir hatten dieſen Abend in Buckingham Street ein ſehr ernſtes Geſpräch über die häuslichen Vorfälle, welche ich im letzten Kapitel auseinandergeſetzt habe. Meine Tante nahm eifrig Theil daran und ging ſpäter mehr als zwei Stunden mit übereinandergeſchlagenen Armen im Zimmer auf und ab. Wenn ſie ganz be⸗ ſonders außer ſich war, hielt ſie alle Mal eine ſolche Fußwanderung ab, und die Größe ihres Außerſichſeins konnte ſtets nach der Dauer ihres Wandelns abgeſchätzt werden. Bei dieſer Gelegenheit war ihr Gemüth ſo geſtört, daß ſie es nothwendig fand, die Thür der Schlaf⸗ kammer zu öffnen und für ſich eine Laufbahn zu machen, welche die volle Ausdehnung der Kammern von Wand zu Wand in ſich begriffe; und während Mr. Dick und ich ruhig vor dem Feuer ſaßen, ging ſie auf dieſer ausgemeſſenen Bahn mit nimmer wechſelndem Schritte, regelmäßig wie der Pendel einer Wanduhr, bald herein, bald hinaus. Als meine Tante und ich dadurch, daß Mr. Dick hinaus und zu Bett ging, allein gelaſſen waren, ſetzte David Kopperfield. 67 ich mich nieder, um meinen Brief an die beiden alten Damen zu ſchreiben. Während deſſen war ſie des Her⸗ umgehens müde geworden und ſetzte ſich an das Feuer nieder, ihr Kleid wie gewöhnlich in die Höhe geſchla⸗ gen. Aber ſtatt in ihrer gewöhnlichen Weiſe dazuſitzen, wo ſie ihr Glas auf ihrem Knie hielt, ließ ſie es ver⸗ nachläſſigt auf dem Kaminſimſe ſtehen, und ſah mich, indem ſie ihren linken Ellbogen auf ihrem rechten Arme und ihr Knie auf ihrer linken Hand ruhen ließ, gedan⸗ kenvoll an. So oft ich meine Augen von dem erhob, womit ich mich beſchäftigte, begegnete ich den ihrigen. „Ich bin auf der liebevollſten Laune, mein Lieber,“ pflegte ſie mich mit einem Nicken zu verſichern,„aber ich bin unruhig und ängſtlich.“ Ich war zu beſchäftigt geweſen, um eher, als bis ſie zu Bett gegangen war, zu bemerken, daß ſie ihre Nachtmirtur, wie ſie es ſtets nannte, ungekoſtet auf dem Kaminſimſe ſtehen gelaſſen hatte. Sie kam, als ich pochte, um ſie mit dieſer Entdeckung bekannt zu machen, mit einer Art, die ſogar noch liebevoller als gewöhn⸗ lich war, an die Thür, ſagte aber blos:„Trot, ich habe heute Abend nicht das Herz, es zu trinken,“ ſchüt⸗ telte ihren Kopf und ging wieder hinein. Sie las meinen Brief an die beiden alten Damen am Morgen und billigte ihn. Ich gab ihn auf die Poſt und hatte ſodann nichts weiter zu thun, als ſo gedul⸗ dig als ich konnte, auf die Antwort zu warten. Ich war noch immer in dieſem Zuſtande der Erwartung, und war darin ſchon faſt eine Woche geweſen, als ich das Haus des Doctors an einem ſchneeigen Abende ver⸗ ließ, um nach Hauſe zu gehen. Es war ein bitterkalter Tag geweſen, und ein ſchnei⸗ dender Nordoſtwind hatte eine Zeit lang geweht. Der 5* 68 David Kopperfield. Wind hatte ſich mit dem ſchwindenden Tageslichte ge⸗ legt, und ſo war der Schnee angekommen. Es war ein ſchwerer, dichter Schneefall, wie ich mich entſinne, in großen Flocken, und er lag dick auf dem Boden. Der Lärm der Räder und der auftretenden Leute war ſo gedämpft, als ob die Straßen ſo hoch mit Federn be⸗ ſtreut wären. Mein nächſter Weg nach Hauſe— und ich ſchlug in ſolch einer Nacht natürlich den kürzeſten ein— ging durch St. Martins Lane. Nun ſtand damals die Kirche, welche dieſem Gäßchen den Namen giebt, in einer we⸗ niger freien Lage, indem ſich vor ihr kein offner Platz befand, und das Gäßchen ſich nach dem Strand hinab wand. Als ich die Stufen des Portikus überſchritt, be⸗ gegnete ich im Winkel einem Frauengeſichte. Es blickte in das meine, ſchritt quer über das enge Gäßchen und verſchwand. Ich kannte es. Ich hatte es irgendwo ein⸗ mal geſehen. Aber ich konnte mich nicht entſinnen, wo. Ich verband einen Gedanken damit, der mir ſogleich aufs Herz fiel, aber ich dachte an irgend was Anderes, als es auf mich zukam, und gerieth in Verwirrung. Auf den Stufen zur Kirche befand ſich die zuſam⸗ mengekauerte Geſtalt eines Mannes, welcher eine Bürde in den glatten Schnee hingeſetzt hatte, um ſie zu ord⸗ nen; das Geſicht des Frauenzimmers erblicken und ihn erblicken, war das Werk eines Moments. Ich glaube nicht, daß ich in meinem Erſtaunen ſtehen geblieben wäre; aber mag dem ſein, wie ihm will, als ich wei⸗ terging, erhob er ſich, kehrte ſich um und ſtieg herab auf mich zu. Ich ſtand Geſicht zu Geſicht— Mr. Peg⸗ gotty gegenüber. Da beſann ich mich auch auf das Frauenzimmer. Es war Martha, welcher Emilie gegen Abend in der David Kopperfield. 69 Küche das Geld gegeben hatte. Martha Endell— ne⸗ ben welcher er, wie Ham mir geſagt, ſeine liebe Nichte nicht um alle im Meere verſunkene Schätze hätte ſehen mögen. Wir ſchüttelten uns herzlich die Hände. Zuerſt ver⸗ mochte keiner von uns ein Wort zu ſprechen. „Musje Davchen!“ ſagte er, indem er mich dicht an ſich zog,„es thut meinem Herze gut, Sie zu ſehen, junger Herr. Gut, daß wir uns treffen! Gut, daß wir uns treffen!“ 4 „Ja wohl gut, daß wir uns treffen, mein lieber, alter Freund!“ erwiederte ich. „Ich hatte meine Gedanken, daß ich zu Sie kom⸗ men und nach Sie fragen wollte, heut Abend,“ ſagte er.„Aber da ich wiſſen that, daß Ihre Muhme bei Sie wohnt— ich bin nämlich unten geweſen— in Yarmouth— ſo hatt' ich Angſt,'s möͤchte zu ſpäte ſein. Ich würde früh am Morgen gekommen ſein, ehe ich wieder wegging.“ „Schon wieder fort?“ fragte ich. „Ja, junger Herr,“ antwortete er, geduldig den Kopf ſchüttelnd,„morgen geht's wieder fort.“ „Wo wollten Sie jetzt hin?“ fragte ich. „Nu!“ ſagte er, indem er den Schnee aus ſeinen langen Haaren ſchüttelte,„ich wollte eben wo ein⸗ kehren.“ In jenen Tagen gab es dem Orte, wo wir ſtan⸗ den, faſt geradeüber einen Seiteneingang zum Stallhofe des Goldnen Kreuzes, jenes mir in Verbindung mit ſeinem Unglücke ſo denkwürdigen Gaſthofs. Ich zeigte auf den Thorweg, ſteckte meinen Arm durch den ſeinen, und wir gingen hinüber. Zwei oder drei Gaſtzimmer öffneten ſich nach dem Stallhofe, und indem wir in eines 70 David Kopperfield. derſelben hineinblickten und fanden, daß es leer war und ein gutes Feuer darin brannte, nahm ich ihn mit mir hinein. Als ich ihn bei Lichte ſah, bemerkte ich, daß nicht nur ſein Haar lang und wirr, ſondern daß auch ſein Geſicht von der Sonne braun gebrannt war. Er war grauer, die Linien in ſeinem Geſichte und ſeiner Stirn waren tiefer, und es hatte allen Anſchein, als ob er mühvoll durch alle Arten von Wetter gewandert ſei; aber er ſah ſehr ſtarkmüthig und wie ein Mann aus, der durch die Standhaftigkeit, mit der er ſeine Vor⸗ ſätze feſthält, aufrecht erhalten wird, und den nichts er⸗ müden kann. Er ſchüttelte den Schnee von Hut und Kleidern, und wiſchte ihn ſich vom Geſichte, während ich bei mir dieſe Bemerkungen machte. Als er ſich mir gegenüber an einen Tiſch ſetzte, den Rücken der Thür zugekehrt, durch die wir eingetreten waren, ſtreckte er abermals ſeine rauhe Hand aus und faßte die meine mit Wärme. 3 „Ich will Sie erzählen, Musje Dapchen,“ ſagte er, „wo ich Alles geweſt bin, und was wir Alles gehört haben. Ich bin weit weg geweſt, und wir haben we⸗ nig gehört, aber ich will Sie's erzählen.“ Ich klingelte, um etwas Warmes zu trinken zu be⸗ ſtellen. Er wollte nichts Jüngeres als Ale haben, und während man dabei war, uns dieſe zu bringen, und ſie über dem Feuer gewärmt wurde, ſaß er nach⸗ denklich da. In ſeinem Geſichte lag eine ſchöne, ich möchte ſagen, maſſive Würde, welche ich nicht zu ſtoren wagte. „Wie ſie ein Kind war,“ begann er, indem er bald, nachdem wir allein waren, den Kopf erhob,„ſo redete ſie zu mich öfters von der See, und von die ——— David Kopperfield. 71 Küſten, wo die See dunkelblau iſt, und wo ſie über und über in der Sonne glänzen thut. Ich dachte oft⸗ mals, daß ſie ſo viel dran denken thäte, weil ihr Va⸗ ter ertrunken iſt. Ich weiß es nicht, ſehen Sie, aber 's kann ſein, daß ſie meinte— oder hoffte, daß er nach jene Gegenden hinausgetrieben wäre, wo die Blu⸗ men in einem weg blühen und das Land immer helle und klar iſt.“ „'s iſt möglich, daß ſie dieſe kindiſche Vorſtellung gehabt hat,“ erwiederte ich. „Als ich ſie— verlor,“ ſagte Mr. Peggotty,„da wußt' ich in meinem Gemüthe, daß er ſie in dieſe Ge⸗ genden führen würde. Ich wußte in meinem Gemüthe, daß er ihr Wunder was von ihnen erzählt hätte, und daß ſte dort'ne Dame ſein würde, und daß er ſie damit zur Erſt'rumkriegte, auf ihn zu horchen. Als wir her⸗ nachen bei ſeiner Mutter waren, wußt' ich recht wohl, daß ich Recht hatte. Ich ging über den Kanal nach Frank⸗ reich und landete dort, als ob ich vom Himmel gefal⸗ len wäre.“ Ich ſah, wie die Thür ging und der Schnee her⸗ ein wehte. Ich ſah, wie ſie ſich noch etwas mehr be⸗ wegte, und wie eine Hand leiſe dazwiſchen fuhr, um ſte offen zu halten. „Ich fand da'nen Engländer, der dorten was zu bedeuten hatte,“ fuhr Mr. Peggotty fort,„und ſagte ihm, ich wollte meine Nichte ſuchen. Er beſorgte mich die Papiere, die ich brauchte, um durchzukommen— ich weiß nicht recht, wie ſie heißen— und er würde mir Geld gegeben haben, aber davor bedankte ich mich, ich thäte's nicht brauchen. Ich dankte ihm freundlich für Alles, was er gethan hatte. Ich habe vor Sie her⸗ geſchrieben, ſagte er zu mich, und ich werde mit Vie⸗ 72 David Kopperfield. len reden, welche den Weg kommen werden, und Viele werden Sie kennen, weit weg von hier, wenn Sie al⸗ leine auf der Reiſe ſind. Ich ſagte ihm, ſo gut ich's im Stande war, wie dankbar ich ihm davor wäre, und ging fort durch Frankreich.“ „Allein und zu Fuß?“ fragte ich. „Mehrſtentheils zu Fuße,“ fuhr er fort,„manch⸗ mal in Karren mit Leuten, die zu Markte ziehen tha⸗ ten, manchmal in leeren Kutſchen. Manche Meile den Tag zu Fuße, und öfters mit einem armen Soldaten oder Jemand anders, der da reiſte, um ſeine Freund⸗ ſchaft zu beſuchen. Ich konnte nicht mit ihm reden,“ ſagte Mr. Peggotty,„auch er nicht mit mich, aber wir waren doch'ne Geſellſchaft für einander auf den ſtau⸗ bigen Straßen.“ Ich würde das ſchon an ſeinem freundlichen Tone gemerkt haben. „Wenn ich in eine Stadt kam,“ fuhr er fort,„da ſuchte ich den Gaſthof, wo ich im Hofe warten that, bis Eins kam(und mehrſtentheils kam Eins) das Eng⸗ liſch verſtund. Dann erzählte ich, wie ich auf meinem Wege wäre, meine Nichte zu ſuchen, und ſie ſagten mir, was für vornehme Leute im Hauſe wären, und ich war⸗ tete, ob ich Jemand wie ſie'rauskommen oder'nein⸗ gehen ſähe. Wenn es Emilie nicht war, da ging ich wieder weiter. So nach und nach, wenn ich in ein neues Dorf oder ſo was kam, fand ich, daß ſie mich unter die armen Leute kannten. Sie wollten, daß ich mich an die Thüren ihrer Hütten niederſetzen thäte, und gaben mich wer weiß zu eſſen und zu trinken und zeig⸗ ten mich, wo ich ſchlafen könnte, und ich fand manche Frau, Musje Davchen, die'ne Tochter ohngefähr von Emilchen ihren Alter hatte, haußen vor dem Dorfe an —— — David Kopperfield. 73 unſerm Heilande ſeinem Kreuze auf mich warten, um mir ähnliche Freundlichkeiten zu erweiſen. Manche hatte Töchter gehabt, die todt waren. Und Gott allein weiß, wie gut die Mütter gegen mich waren.“ Es war Martha an der Thür, ich ſah ihr wüſtes, lauerndes Geſicht deutlich. Ich fürchtete, daß er ſein Geſicht umdrehen und ſie ebenfalls ſehen möchte. „Sie ſetzten mir oft ihre kleinen Kinderchens— beſonders die kleinen Mädels auf meine Knie,“ ſagte Mr. Peggotty,„und vielmals hätten Sie mich vor ih⸗ ren Thüren ſitzen ſehen können, wenn die Nacht an⸗ brach, faſt, als ob ſie meines Lieblings Kinder geweſen wären. Oh mein Herzensliebling!“ Ueberwältigt von plötzlichem Schmerze, ſchluchzte er laut. Ich legte meine zitternde Hand auf die Hand, die er vor ſein Geſicht hielt. „Danke, junger Herr,“ ſagte er,„aber laſſen Sie's nur gut ſein.“ Nach einer ſehr kleinen Weile nahm er ſeine Hand weg und ſteckte ſie in ſeine Bruſt und fuhr fort mit ſeiner Geſchichte. „Sie gingen oft mit mir,“ ſagte er,„am Mor⸗ gen, vielleicht eine oder ein paar Meilen auf meiner Straße, und wenn wir Abſchied nahmen und ich ſagte: Ich danke Ihnen ſehr. Segne Sie's Gott! Da ſchien's immer, als ob ſie es verſtünden und antworteten freund⸗ lich. Zur Letzt, da kam ich an die See. Sie können ſich denken, daß es für'nen Seemann nicht ſchwer war, mir meinen Weg nach Italien zu verdienen. Als ich dorthin kam, wanderte ich, wie ich's vorher gethan. Die Leute waren gerade ſo gut gegen mich, und ich würde von Stadt zu Stadt und vielleicht durchs ganze Land gegangen ſein, hätte ich nicht Nachricht von ihr gekriegt, 74 David Kopperfield. daß ſie in den Schweizerbergen drüben geſehen worden wäre. Einer, der ſeinen Bedienten kannte, hatte ſie dort geſehen, alle Drei, und ſagte mir, wie ſie reiſen thä⸗ ten und wo ſie wären. Ich machte nun nach dieſe Berge, Musje Davchen, Tag und Nacht. So weit ich immer ging, ſo weit wichen die Berge, wie's ſchien, vor mich zurück. Aber ich kam doch nauf auf ſie und überſchritt ſie. Als ich nahe bei den Ort kam, von dem man mich erzählt hatte, da fing ich an bei mir ſelber zu denken: Was ſoll ich thun, wenn ich ſie ſehe?“ Das lauſchende Geſicht kauerte, nicht an die un⸗ wirthliche Nacht denkend, noch immer an der Thür, und die Hände baten mich— flehten zu mir— es nicht hinwegzutreiben. „Ich zweifelte nie an ihr,“ ſagte Mr. Peggotty; „nein, nicht ein Bischen! Sie brauchte nur mein Ge⸗ ſicht zu ſehen— brauchte nur meine Stimme zu hören— ich brauchte ihr nur die Heimat zu Gemüthe zu führen, von der ſie hinweggeflohen war, und das Kind, das ſie geweſen war— und wenn ſie'ne königliche Prinzeſſin geworden wäre, ſie würde mich zu Füßen gefallen ſein! Ich wußte das wohl. Vielmals in meinem Schlafe hatte ich ſie„Onkel!“ ſchreien hören, und ſie wie todt vor mich niederfallen geſehen. Vielmals in meinem Schlafe hatte ich ſie aufgehoben und ihr zugeflüſtert: Emilchen, meine Liebe, ich bin gekommen, Dir Verzei⸗ hung zu bringen und Dich nach Hauſe zu führen!“ Er hielt inne und ſchüttelte den Kopf und fuhr mit einem Seufzer fort: „Er kümmerte mich jetzt nichts. Emilchen war mir Alles. Ich kaufte ein Kleid, wie's die Leute dort zu Lande haben, für ſie, um's ihr anzuziehen; und ich wußte, daß ſie, wenn ich ſie einmal gefunden hätte, —— — David Kopperfield. 75 neben mir über jene ſteinigen Straßen, wohin ich wollte, gehen und mich nie, nie wieder verlaſſen würde. Ihr das Kleid anzuziehen und das, was ſie trug, wegzu⸗ ſchmeißen— ſie wieder auf meinen Arm zu nehmen und der Heimat zuzuwandern— manchmal auf der Straße anzuhalten und ihre zerriſſenen Füße und ihr noch ſchlimmer zerriſſenes Herz zu heilen, war Alles, woran ich jetzt dachte. Ich glaube nicht, daß ich ihn auch nur angeſehen hätte. Aber, Musje Davchen, es ſollte nicht ſein— noch nicht! Ich war zu ſpät gekommen, und ſie waren fort. Wohin, konnte ich nicht erfahren. Einer ſagte hierhin, der Andere ſagte dahin. Ich reiſte hier⸗ hin, und ich reiſte dahin, aber ich fand keine Emilchen, und ſo reiſte ich heim.“ „Wie lange iſt das her?“ fragte ich. „Vier Tage,“ antwortete Mr. Peggotty.„Ich kam in Sicht von das alte Boot, wie's ſchon dunkel war, und das Licht leuchtete im Fenſter drinne. Als ich nahe hinkam und durchs Fenſter hineinſah, da erblickte ich das treue Geſchöpf, Frau Gummidge, wie ſie beim Feuer ſaß, ganz alleine, wie wir's ausgemacht hatten. Ich ſchrie: Habe keine Furcht nicht!'s iſt Daneel! und ging 'nein. Ich hätte nie den Gedanken faſſen können, daß das alte Boot ſo fremd geweſen wäre.“ Aus einer Taſche in der Bruſt ſeines Rockes nahm er mit ſehr ſorgſamer Hand ein kleines Papierbündel heraus, welches zwei oder drei Briefe oder kleine Packete enthielt, die er auf den Tiſch legte. „Dieſer Erſte da kam an,“ ſagte er, indem er ihn von den andern herausſuchte,„ehe ich'ne Woche weg war. Eine Fünfzig⸗Pfund⸗Note, in einen Bogen Pa⸗ pier eingeſchlagen und an mich gerichtet, war unter die Thür geſchoben worden in der Nacht. Sie verſuchte 76 David Kopperfield. 7 ihre Handſchrift zu verſtellen, aber ſie konnt's vor mich nicht verbergen!“ Er faltete die Note mit großer Geduld und Sorg⸗ falt in genau dieſelbe Form wieder zuſammen und legte ſie auf die eine Seite. „Das hier kam an Frau Gummidge,“ fuhr er, ein anderes Couvert öffnend, fort,„zwei oder drei Mo⸗ nate ſpäter.“ Nachdem er es einige Augenblicke be⸗ trachtet hatte, gab er es mir und ſetzte mit leiſer Stimme hinzu:„Seien Sie ſo gut und leſen Sie!“ Ich las wie folgt: „Oh, was werden Sie empfinden, wenn Sie die⸗ ſes Schreiben ſehen und erfahren, daß es von meiner gottloſen Hand kommt! Aber verſuchen, ach verſuchen Sie's— nicht meinetwegen, ſondern dem Onkel zu Liebe, verſuchen Sie's, Ihr Herz gegen mich nur auf ein Weil⸗ chen zu beſänftigen! Bitte, verſuchen Sie es, ſich eines elenden Mädchens zu erbarmen und auf ein Blatt Pa⸗ pier zu ſchreiben, ob er wohl iſt, und was er über mich ſagte, ehe Ihr aufhörtet, mich je wieder unter Euch zu nennen— und ob Sie wohl in der Nacht, wenn meine alte Zeit da iſt, wo ich nach Hauſe kam, je an ihm eine Miene ſehen, als ob er an Jemand dächte, den er einſt ſo ſehr liebte. Oh, mein Herz will mir bre⸗ chen, wenn ich daran denke. Ich knie vor Ihnen nie⸗ der, Sie zu bitten und anzuflehen, daß Sie nicht ſo hart gegen mich ſind, als ich's verdiene— als ich, wie ich ach! ſo gut, ſo ſehr gut weiß, es verdiene— ſon⸗ dern die Barmherzigkeit und Güte haben, mir etwas von ihm zu ſchreiben und es mir zu ſchicken. Sie brau⸗ chen mich nicht Kleine zu nennen, Sie brauchen mich nicht bei dem Namen zu nennen, den ich geſchändet habe; aber oh, leihen Sie meiner Verzweiflung Ihr Ohr und —, David Kopperfield. 77 haben Sie ſo viel Erbarmen mit mir, um mir ein Wort vom Onkel zu ſchreiben, den meine Augen in dieſer Welt nie wieder ſehen werden! Wehe, wenn Ihr Herz hart gegen mich iſt— ich weiß, mit Recht hart— aber, hören Sie, wenn es wirk⸗ lich ſo hart iſt— ach wehe! ſo fragen Sie ihn, dem ich das größte Unrecht angethan habe— ihn, deſſen Weib ich werden ſollte— ehe Sie ſich ganz gegen meine arme, arme Bitte entſcheiden! Sollte er ſo mitleidig ſein, daß er ſagte, Sie möchten etwas für mich zu leſen ſchreiben,— ich glaube, er würde es, oh ich glaube, er würde es, wenn Sie ihn nur fragen wollten; denn er war immer ſo brav und verzeihend— ſo ſagen Sie ihm(aber nicht anders), daß wenn ich bei Nacht den Wind ſauſen höre, ich ſtets fühle, als ob er zornig daher käme über den Anblick, den er und Onkel ihm geboten, und zu Gott hinauf ginge, wider mich zu kla⸗ gen. Sagen Sie ihm, daß ich, wenn ich morgen ſter⸗ ben ſollte(und oh, wenn ich bereit wäre, wie glücklich würd' ich ſein, zu ſterben!) ihn und Onkel mit meinen letzten Worten ſegnen und mit meinem letzten Athemzuge für das Glück ſeines häuslichen Herds beten wollte.“ Auch in dieſen Brief war Geld eingeſchloſſen. Fünf Pfund. Es war unberührt wie die vorige Summe, und er faltete das Papier in derſelben Weiſe wieder zuſammen. Ins Einzelne gehende Anweiſungen waren hinſichtlich deſſen hinzugefügt, wie die Antwort zu adreſſiren ſei, welche, obſchon ſie die Einmiſchung ver⸗ ſchiedener Hände verriethen und es ſchwierig machten, zu einem wahrſcheinlichen Schluſſe in Bezug auf den Platz, wo ſie verborgen, zu gelangen, es zum Mindeſten als nicht unwahrſcheinlich darſtellten, daß ſie von jenem Orte aus geſchrieben, wo man ſie geſehen haben wollte. 78 David Kopperfield. „Was bekam ſie für eine Antwort?“ erkundigte ich mich bei Mr. Peggotty. „Frau Gummidge,“ entgegnete er,„hat nicht viel Schule gehabt, junger Herr, und da ſchrieb's Ham auf, und ſie ſchrieb's ab. Sie erzählten ihr, daß ich aus⸗ gegangen wäre, ſie zu ſuchen, und was meine Worte beim Abſchiede geweſen wären.“ „Iſt das da in Ihrer Hand noch ein Brief?“ fragte ich. „' iſt Geld, junger Herr,“ erwiederte Peggotty, indem er es ein wenig entfaltete.„Sie ſehen, zehn Pfund. Und inwendig geſchrieben: Von einem treuen Freunde, wie beim erſten. Aber das Erſte war unter die Thür geſchoben, und dieſes hier iſt vorgeſtern mit der Poſt gekommen. Ich bin nun im Begriffe, ſie nach dem Poſtzeichen aufzuſuchen.“ Er zeigte mir das Couvert. Es war eine Stadt am Oberrhein. Er hatte zu Yarmouth einige fremde Händler ausfindig gemacht, welche dieſe Gegend kann⸗ ten, und ſie hatten ihm eine rohe Landkarte auf Pa⸗ pier gezeichnet, welche er ſehr gut verſtand. Er legte ſie zwiſchen uns auf den Tiſch, und die eine Hand un⸗ ter das Kinn geſtemmt, folgte er mit der andern ſeiner Bahn auf derſelben. Ich fragte ihn, was Ham mache. Er ſchüttelte den Kopf. „Er arbeitet,“ ſagte er,„ſo tapfer Eins nur kann. Seine Name iſt in der ganzen Stadt ſo gut, wie der Name von irgend Jemandem in der ganzen Welt. Sie verſtehen, Jedermann iſt bereitwillig, ihm zu helfen, und er iſt wieder bereit, ihnen zu helfen. Man hat ihn nie⸗ mals klagen gehört. Aber meine Schweſter glaubt, unter uns geſagt, daß es ihm tief ins Herze geſchnitten hat.“ 79 David Kopperfield. „Armer Ham, ich kann das glauben!“ „Sein Leben iſt ihm ganz egal, Musje Davchen,“ ſagte Mr. Peggotty mit einem feierlichen Flüſtern.„Wenn Sie Einen haben wollen zu rauhem Dienſte in rauhem Wetter, ſo iſt er bei der Hand. Wenn eine ſchwere Pflicht, wobei Gefahr iſt, erfüllt werden ſoll, ſo tritt er vor allen ſeinen Kameraden hervor. Und doch iſt er ſo ſanft wie ein Kind. Da giebt's kein Kind in Yar⸗ mouth, das ihn nicht kennen thäte.“ Er las die Briefe gedankenvoll zuſammen, glättete ſie mit ſeiner Hand, ſteckte ſie in ihr kleines Bündel und ſchob dieſes zärtlich wieder in ſeine Bruſttaſche. Das Geſicht war von der Thür verſchwunden. Ich ſah, wie der Schnee immernoch hereinwehte, aber ſonſt war nichts vorhanden. „Na,“ ſagte Mr. Peggotty, indem er einen Blick auf ſeinen Ranzen warf,„da ich Sie heute Abend geſehen habe, Musje Davchen(und das thut mir gut), ſo werd' ich morgen früh bei Zeiten fortmachen. Sie haben ge⸗ ſehen, was ich hier habe,“— hier legte er ſeine Hand auf die Stelle, wo das kleine Packet lag;„Alles, was mich ängſtigen thut, iſt der Gedanke, daß mich was zuſtoßen könnte, ehe ich das Geld zurückgegeben habe. Wenn ich ſterben ſollte, und es ginge verloren oder würde geſtohlen oder käme ſonſt wie weg, und es würde ihm niemals bekannt, wie ich's blos genommen, um's ihm wiederzugeben, ich glaube wahrhaftig, die andere Welt würde mich nicht halten! Ich glaube, ich müßte wiederkommen.“ Er ſtand auf und ich ſtand gleichfalls auf; wir ga⸗ ben uns vor dem Hinausgehen nochmals die Hände. „Ich würde zehntauſend Meilen weit gehen,“ ſagte er,„ich würde gehen, bis ich todt niederfiele, um dies 80 David Kopperfield. Geld vor ihm hinzulegen. Wenn ich das thue und meine Emilie finde, bin ich zufrieden. Wenn ich ſie nicht finde, ſo kommt's ihr vielleicht einmal zu Ohren, daß ihr liebevoller Onkel ſein Suchen nach ihr blos beendete, als er ſein Leben endete, und wenn ich ſie kenne, ſo wird ſelbſt das ſie endlich zur Rückkehr nach Hauſe bringen.“ Als wir in die ſtrengkalte Nacht hinausgingen, ſah ich die einſame Geſtalt vor uns herflattern. Ich beeilte mich, ihn unter irgend einem Vorwande zum Umdrehen zu bewegen und hielt ihn durch eine Unterhaltung feſt, bis die Erſcheinung verſchwunden war. Er ſprach von einer Herberge an der Straße nach Dover, wo er wußte, daß er ein reinliches, einfaches Unterkommen für die Nacht finden könnte. Ich ging mit ihm über die Weſtminſter⸗Brücke und trennte mich von ihm auf dem Ufer, das zu Surrey gehört. Alles ſchien meiner Phantaſie nach aus Ehrfurcht vor ihm den Athem anzuhalten, als er ſeinen einſamen Pilgergang durch den Schnee wiederum antrat. Ich kehrte nach dem Hofe des Gaſthauſes zurück und blickte, noch unter dem Eindrucke meiner Erinnerung daran, mich ſcheu und ängſtlich nach dem Geſichte um. Es war nicht da. Der Schnee hatte unſere eben erſt vorhin eingedrückten Fußtapfen bedeckt, meine jetzige neue Spur war die einzige, welche zu ſehen war, und ſelbſt dieſe begann(ſo dicht ſchneite es) zu verſchwinden, als ich über meine Schulter mich umſah. △ ᷣR — 8₰ GC 8 8 Z Einundvierzigſtes Kapitel. Dora's Tanten. Endlich kam eine Antwort von den beiden alten Damen. Sie empfahlen ſich dem Mr. Kopperfield und benachrichtigten ihn, daß ſie ſeinen Brief nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen und„mit Hinblick auf das bei⸗ derſeitige Glück“ in Ueberlegung gezogen— was ich für einen ziemlich beängſtigenden Ausdruck hielt, und zwar nicht bloß wegen des Gebrauchs, den ſte davon in Verbindung mit der ſchon früher erwähnten Fami⸗ lienzwiſtigkeit gemacht hatten, ſondern auch, weil ich da⸗ mals(und ſpäter mein ganzes Leben hindurch) die Be⸗ merkung gemacht hatte, daß conventionelle Phraſen eine Art Feuerwerk ſind, das leicht losgelaſſen wird und fähig iſt, eine große Mannichfaltigkeit von Geſtalten und Farben anzunehmen, die man ſeiner urſprünglichen Form durchaus nicht anſieht. Die Miſſes Spenlow fügten hinzu, ſie bäten um Entſchuldigung, wenn ſie es nicht für paſſend gehalten hätten,„durch das Me⸗ dium der Correſpondenz“ eine Meinung über den Zweck von Mr. Kopperfields Mittheilung abzugeben, daß ſie David Kopperfield. VII. 6 82 David Kopperfield. aber, wenn Mr. Kopperfield ſo freundlich ſein und ih⸗ nen an einem gewiſſen Tage(begleitet, wenn er dies paſſend finde, von einem vertrauten Freunde) ſeinen Beſuch machen wollte, ſich freuen würden, über den Gegenſtand ſich mit ihm zu unterreden. Auf dieſen günſtigen Beſcheid antwortete Mr. Kop⸗ perfield ſogleich, indem er ſich hochachtungsvoll empfahl, daß er die Ehre haben würde, den Miſſes Spenlow zu der feſtgeſetzten Zeit ſeine Aufwartung zu machen, und zwar, übereinſtimmend mit ihrer freundlichen Er⸗ laubniß, in Begleitung ſeines Freundes, des Herrn Thomas Traddles vom Innern Tempel. Nachdem er dieſes Sendſchreiben abgeſchickt, verfiel Mr. Kopperfield in einen Zuſtand heftiger Seelenaufregung und verblieb darin, bis der Tag erſchien. Meine unbehagliche Stimmung wurde dadurch um ein Bedeutendes geſteigert, daß ich mich bei dieſer er⸗ eignißvollen Kriſis der unſchätzbaren Dienſte der Miß Mills beraubt ſah. Aber Mr. Mills, der fortwährend das Eine oder das Andere mir zum Verdruſſe that— oder mir war's wenigſtens ſo, als ob er dies thue, was im Grunde auf Eins hinauslief— hatte ſeine Auf⸗ führung zum Gipfel des Unrechts geſteigert, indem er ſich's in den Kopf geſetzt hatte, daß er nach Indien ge⸗ hen wolle. Warum ſollte er nach Indien gehen, ausge⸗ nommen, um mir dadurch Verlegenheit zu bereiten? Er hatte freilich nichts zu ſchaffen mit irgend einem andern Theile der Welt und viel zu ſchaffen mit dieſem Theile, da ſich ſeine Handelsgeſchäfte, welcher Art ſie auch ſein mochten(ich hatte unbeſtimmte Träume von goldenen Shawls und Elephantenzähnen) ganz und gar auf In⸗ dien erſtreckten; da er in ſeiner Jugend in Kalkutta ge⸗ weſen war; und da er nun den Plan hatte, wieder — —=ð— u ſ u 1 8 ⏑ ——— David Kopperfield. 83 hinzugehen in der Eigenſchaft eines dort reſidirenden Ge⸗ ſchäftstheilhabers. Das ging mich aber nichts an. An⸗ dererſeits jedoch ging es ihm ſo viel an, daß er ſich auf einen Platz auf einem Schiffe nach Indien einſchreiben ließ und Julia mitnahm; und Julia ging aufs Land, um von ihren Verwandten Abſchied zu nehmen; und das Haus wurde in Einem fort als zu vermiethen oder zu verkaufen ausgeboten, und das Hausgeräth(Man⸗ del und Alles miteinander) ſollte an den Meiſtbietenden überlaſſen werden. So war denn hier ein zweites Erd⸗ beben, deſſen Spielball ich war, ehe ich mich nur von dem Stoße erholt hatte, den mir das vorhergehende verſetzt. Ich war unſchlüſſig, wie ich mich für den wichtigen Tag ankleiden ſolle, indem ich zwiſchen meinem Wunſche, vortheilhaft zu erſcheinen, und der Befürchtung, daß irgend etwas in meinem Anzuge meinen ſtreng prakti⸗ ſchen Charakter in den Augen der Miſſes Spenlow be⸗ einträchtigen könne, ſchwankte. Ich verſuchte es, einen glücklichen Mittelweg zwiſchen dieſen beiden äußerſten Punkten einzuſchlagen; meine Tante billigte das Ergeb⸗ niß, und Mr. Dick war ſo glücklich, daß er mir und Traddles, als wir die Treppe hinuntergingen, einen ſei⸗ ner Schuhe nachwarf. Ein ſo vortrefflicher Burſche Traddles meiner Erfah⸗ rung nach auch war, und ſo warm ich mich ihm auch zugethan fühlte, konnte ich doch bei dieſer delicaten An⸗ gelegenheit nicht umhin zu wünſchen, daß er nie die Gewohnheit angenommen hätte, ſich das Haar ſo ſehr in die Höhe zu kämmen. Es gab ihm eine erſtaunte Miene— um nicht zu ſagen einen herdbeſenartigen Ausdruck— welche, wie meine Befürchtungen mir zu⸗ flüſterten, für uns möglicherweiſe verhängnißvoll werden konnte. 6* K. 84 David Kopperfield. Ich nahm mir die Freiheit, es gegen Traddles zu erwähnen, als wir nach Putney gingen, und indem ich ſagte, daß, wenn er es nur ein wenig glatt ſtreichen wollte— „Mein lieber Kopperfield,“ fiel mir Traddles in die Rede, indem er ſeinen Hut abnahm und ſich die Haare in allen möglichen Richtungen hin rieb,„nichts würde mir mehr Vergnügen bereiten. Aber's will nicht.“ „s will ſich nicht glatt ſtreichen laſſen?“ ſagte ich. „Nein,“ antwortete Traddles.„Nichts wird es dazu vermögen. Und wenn ich den ganzen Weg nach Putney einen halben Centner drauf tragen wollte, den Augenblick würde es wieder auf ſein, ſobald das Ge⸗ wicht weggenommen wäre. Du haſt keinen Begriff, Kopperfield, was für ein widerſpenſtiges Haar das meinige iſt. Ich bin ein wahres zorngeſträubtes Sta⸗ chelſchwein.“ Ich muß bekennen, daß ich mich ein wenig in mei⸗ ner Hoffnung getäuſcht ſah, war aber zugleich von Grund der Seele ergötzt von ſeiner Gutmüthigkeit. Ich ſagte ihm, wie hoch ich ſein gutes Herz ſchätze, und meinte, daß ſein Haar alle Widerſpenſtigkeit aus ſeinem Cha⸗ rakter gezogen haben müßte; denn er beſaß dieſe Eigen⸗ ſchaft nicht. „Oh!“ entgegnete Traddles lachend,„ich verſichere Dir,'s iſt eine ganz alte Geſchichte, mein unglückliches Haar. Die Frau meines Onkels konnte es nicht aus⸗ ſtehen. Sie ſagte, es mache ſie wüthend. Es ſtand mir ſehr im Wege, als ich mich zuerſt in Sophien verliebte. Außerordentlich im Wege!“ „Hatte ſie denn was dagegen?“ „Sie nicht,“ erwiederte Traddles,„aber ihre äl⸗ teſte Schweſter— die, welche die Schönheit iſt— machte 1— S B n dd David Kopperfield. 85 ihre Witze darüber, ſo viel ich weiß. In der That, alle Schweſtern lachen darüber.“ „Angenehm!“ ſagte ich. „Ja,“ entgegnete Traddles in vollkommener Un⸗ ſchuld,„'s giebt einen Spaß für uns ab. Sie meinen, daß Sophie eine Locke davon in ihrem Schreibepulte hat und gezwungen iſt, dieſelbe in einem mit Klappen verſchloſſenen Buche aufzubewahren, um ſie niederzuhal⸗ ten. Wir lachen darüber.“. „Beiläufig, mein lieber Traddles,“ ſagte ich,„Deine Erfahrung kann mir einen Rath an die Hand geben. Als Du mit der jungen Dame, die Du eben erwähn⸗ teſt, in ein Verhältniß trateſt, machteſt Du da ihrer Familie einen regelmäßigen Antrag? War da irgend etwas dem gleich— was wir zum Beiſpiel heute durch⸗ machen werden?“ fügte ich ängſtlich geſpannt hinzu. „Ei nun,“ erwiederte Traddles, auf deſſen auf⸗ merkſames Antlitz ſich ein gedankenvoller Schatten ge⸗ ſtohlen hatte,„es war ein ſehr peinliches Geſchäft in meinem Falle, Kopperfield. Siehſt Du, Sophie war in der Familie ſo nützlich, daß keines von ihnen den Gedanken ertragen konnte, ſie werde ſich je verheirathen. Ja, ſie hatten es ſogar völlig unter ſich ausgemacht, daß ſie nicht heirathen ſollte, und hießen ſie nur die alte Jungfer. So denn, als ich es mit der größten Vorſicht bei Mrs. Crewler vorbrachte—“ „Das iſt die Mama?“ fragte ich. „Ja, die Mama,“ ſagte Traddles,—„Sr. Ehr⸗ würden, Herr Horace Crewler— als ich's alſo mit aller möglichen Vorſicht bei Mrs. Crewler vorbrachte, war die Wirkung auf ſie von der Art, daß ſie auf⸗ kreiſchte und die Beſinnung verlor. Ich konnte mich Monate lang nicht wieder dem Gegenſtande nähern.“ 86 David Kopperfield. „Du thatſt es aber doch zuletzt?“ fragte ich. „Nun ja, der ehrwürdige Horace that's,“ ſagte Traddles.„Er iſt ein trefflicher Mann, höͤchſt exem⸗ plariſch in jeder Weiſe; und er ſetzte ihr auseinander, daß ſie als Chriſtin ſich mit dem Gedanken an ein Opfer vertraut machen müſſe(vorzüglich, da es ſo ungewiß ſei) und ſich nicht unbarmherzig gegen mich betragen dürfe. Was mich anbelangt, Kopperfield, ſo geb' ich Dir mein Wort, daß es mir zu Muthe war, als ob ich als ein wahrer Raubvogel gegen die Familie handele.“ „Hoffentlich nahmen die Schweſtern Deine Partie, Traddles?“ „Ci nun, das kann ich eigentlich nicht ſagen,“ ent⸗ gegnete er.„Als wir Madame Crewler verhältnißmä⸗ ßig damit verſöhnt hatten, mußten wir es Sarah er⸗ öffnen. Du erinnerſt Dich, daß ich Sarahs als Der⸗ jenigen gedachte, welche einigermaßen am Rückgrathe leidet?“ „Vollkommen wohl.“ „Sie faltete beide Hände krampfhaft,“ fuhr Trad⸗ dles fort, indem er mich mit trauervollem Blicke an⸗ ſah;„ſchloß ihre Augen, wurde ganz ſteif und nahm zwei Tage lang nichts zu ſich als Zwieback und Waſſer, was ihr in einem Theelöffel gereicht wurde.“ „Was für ein widerwärtiges Mädchen, Traddles!“ bemerkte ich. „Oh, bitte um Verzeihung, Kopperfield!“ ſagte Traddles.„Sie iſt ein ſehr liebenswürdiges Mädchen, aber ſie iſt ſehr gefühlvoll. In der That, ſie ſind's Alle. Sophie erzählte mir ſpäter, daß keine Worte beſchreiben könnten, welche Vorwürfe ſie ſich gemacht, während ſie Sarah gewartet habe. Ich weiß, daß es ernſthaft ge⸗ weſen ſein muß, an meinen eignen Empfindungen, Kop⸗ ————— David Kopperfield. 87 verſteld, welche denen eines Verbrechers gleich waren. Als Sarah beruhigt war, hatten wir es noch den an⸗ dern Acht zu eröffnen, und es brachte auf ſie eine ver⸗ ſchiedene Wirkung von der allerrührendſten Natur her⸗ vor. Die beiden Kleinen, welche Sophie erzieht, haben eben erſt aufgehört, mich zu verachten.“ „Auf alle Fälle aber ſind ſie jetzt damit verſöhnt, hoff' ich,“ verſetzte ich. „Nun ja, doch wohl, ich möchte ſagen, ſie hätten ſich im Allgemeinen drein ergeben“ ſagte Traddles zwei⸗ felhaften Tones.„Die Sache iſt die, daß wir es ver⸗ meiden, die Angelegenheit zu erwähnen, und meine un⸗ gewiſſen Ausſichten und unbeſtimmten Verhältniſſe ſind ein großer Troſt für ſie. Es wird eine klägliche Scene geben, wenn wir uns je verheirathen ſollten. Es wird viel mehr wie ein Leichenbegängniß, als wie eine Hoch⸗ zeit ſein? Und ſie werden mich alleſammt haſſen, wenn ich ſie wegnehme.“ Sein ehrliches Geſicht, als er mich mit einem ernſt⸗ komiſchen Kopfſchütteln anſchaute, macht auf mich viel mehr Eindruck in der Erinnerung, als damals in der Wirklich⸗ keit; denn ich war zu der Zeit in einem Zuſtande ſolch eines übermäßigen Zagens und Irrens von einem Ge⸗ danken zum andern, daß ich ganz unfähig war, meine Aufmerkſamkeit auf irgend etwas zu heften. Als wir uns dem Hauſe näherten, wo die Miſſes Spenlow wohn⸗ ten, war ich in Bezug auf mein äußeres Ausſehen und meine Geiſtesgegenwart ſo aus dem Geſchicke gerathen, daß Traddles ein gelindes Reizmittel in Geſtalt eines Glaſes Ale vorſchlug. Nachdem wir uns dieſes in einem benachbarten Wirthshauſe hatten reichen laſſen, führte er mich mit ſtrauchelnden Tritten zur Thür der Miſſe⸗ Spenlow. 88 David Kopperfield. Ich hatte ein dunkles Gefühl, daß ich dieſe Thür— wie dies wirklich der Fall war— vor mir hätte, als die Magd ſie aufſchloß, und daß ich durch etwas wie eine Halle, in welcher ein Wetterglas hing, in ein ſtilles, kleines Putzzimmer taumelte, von wo man die Ausſicht auf einen netten Garten hatte. Auch, daß ich mich dort auf ein Sopha ſetzte und Traddles' Haar, als er den Hut abnahm, emporſchnellen ſah, gleich jenen aufdring⸗ lichen Figürchen, welche Springfedern haben und aus Verxirdoſen herausfahren, wenn der Deckel abgenommen wird. Ebenſo, daß ich eine altmodiſche Wanduhr auf dem Kaminſimſe ticken hörte und es verſuchte, ſie zu vermögen, daß ſie mit dem Pochen meines Herzens Schritt hielte— was ſie indeß nicht wollte. Ferner, daß ich mich im Zimmer nach irgend einer Spur von Dora umſchaute und keine ſah. Dann, daß ich ein⸗ mal meinte, Zig belle in der Entfernung und werde augenblicklich durch Jemand zur Ruhe geklapſt. End⸗ lich entdeckte ich mich darüber, wie ich Traddles mit dem Rücken nach dem Kamin hinſtieß und in großer Ver⸗ wirrung eine Verbeugung vor zwei magern, kleinen, ältlichen Damen machte, die ſchwarz gekleidet waren und Beide eine wunderbare Aehnlichkeit mit einer aus Baum⸗ rinde gedrechſelten Figur des ſeligen Mr. Spenlow hatten. „Bitte,“ ſagte die eine der beiden kleinen Damen, „ſetzen Sie ſich.“ Als ich dies, über Traddles ſtolpernd, gethan und mich auf etwas, das keine Katze war, geſetzt hatte— mein erſter Sitz war eine geweſen— erlangte ich in⸗ ſofern mein Geſicht wieder, daß ich bemerkte, wie Mr. Spenlow augenſcheinlich der jüngſte von der Familie geweſen war; daß ein Unterſchied von ſechs bis acht Jah⸗ ren zwiſchen den beiden Schweſtern ſtattfand, und daß David Kopperfield. 89 die jüngere den Vorſitz in der Conferenz zu haben ſchien, indem ſie nämlich meinen Brief— der mir ſo wohl⸗ bekannt und doch ſo ſeltſam vorkam— in der Hand hielt und ihn durch ein Augenglas betrachtete. Sie waren gleichartig gekleidet, nur trug dieſe Schweſter ihr Kleid in jugendlicherer Weiſe als die andere, und hatte vielleicht ein wenig Krauſe oder Kragen oder Buſen⸗ nadel oder Armband oder irgend ein Dingelchen der Art mehr an ſich, was ihr ein lebhafteres Anſehen gab. Sie waren Beide von gerader Haltung, förmlich, kurz und bündig, gelaſſen und ruhig. Die Schweſter, welche meinen Brief nicht hatte, hielt ihre Arme über der Bruſt gefaltet, ſo daß ſie übereinander ruhten, wie bei einem Götzenbilde. „Herr Kopperfield, wenn ich nicht irre?“ ſagte die Schweſter, die meinen Brief hielt, indem ſie ſich zu Traddles wandte. Das war ein ſchrecklicher Anfang. Traddles hatte zu erklären, daß ich Mr. Kopperfield ſei, und ich hatte Anſpruch auf mein Selbſt zu machen, und ſie hatten ſich der vorgefaßten Meinung zu entledigen, daß Tradd⸗ les Mr. Kopperfield ſei, kurz wir waren Alle in einer netten Lage. Dieſelbe noch zu verbeſſern, hörten wir Alle Zig zwei Mal ein kurzes Gebell ausſtoßen und abermals geklapſt werden. „Herr Kopperfield!“ verſetzte die Schweſter mit dem Briefe. Ich machte etwas— vermuthlich eine Verbeugung — und war ganz Ohr, als ſich plötzlich die andere Schweſter ins Mittel ſchlug. „Meine Schweſter Lavinia,“ ſagte ſie,„die ſich auf derartige Angelegenheiten verſteht, wird Ihnen ausein⸗ anderſetzen, was wir nach reiflicher Ueberlegung für ge⸗ 90 David Kopperfield. eignet halten, um das Glück beider Theile herbeizu⸗ führen.“ Ich entdeckte ſpäter, daß Miß Lavinia eine Autori⸗ tät in Herzensangelegenheiten war, und zwar aus dem Grunde, weil vor alter Zeit ein Mal ein gewiſſer Mr. Pidger exiſtirt hatte, welcher ein mangelhafter Whiſt⸗ ſpieler war, und von dem man glaubte, er ſei in ſie ver⸗ liebt geweſen. Meine eigne Meinung iſt, daß dies eine ganz und gar aus der Luft gegriffene Annahme und daß Pidger vollkommen ſchuldlos war hinſichtlich ſolcher Gefühle, denen er nie irgendwie in der Weiſe einen Ausdruck gegeben hatte, daß ich etwas davon gehört hätte. Beide indeß, Miß Lavinia und Miß Cla⸗ riſſa, hatten den Aberglauben, daß er ſeine leidenſchaft⸗ liche Liebe erklärt haben würde, wenn er nicht in ſeiner Jugend(etwa im ſechzigſten Jahre) dadurch dahin ge⸗ rafft worden wäre, daß er über ſeine Kräfte trank und bei einem Verſuche, die Sache durch Vollſchwemmen ſeiner Eingeweide mit dem Waſſer von Bath wieder ins Geleis zu bringen, des Guten zu viel that. Sie hegten ſogar einen geheimen Verdacht, daß er an heimlicher Liebe geſtorben ſei; obſchon ich ſagen muß, daß ſich in dem Hauſe ein Bildniß von ihm mit einer Naſe roth wie eine Roſe von Damaskus befand, an welcher nie ein heimlicher Wurm genagt zu haben ſchien*). „Wir wollen,“ ſagte Miß Lavinia,„auf die ver⸗ gangene Geſchichte dieſer Angelegenheit nicht eingehen. Der Tod unſeres armen Bruders Francis hat das aus⸗ geglichen.“ „Wir waren nicht gewohnt geweſen,“ fiel Miß Cla⸗ *) Anſpielung auf eine Stelle in der 1. Scene des 1. Acts in „Die beiden Veroneſen“ von Shakeſpeare. David Kopperfield. 91 riſſa ein,„häufig in Geſellſchaft unſeres Bruders Fran⸗ cis zu ſein, aber es hatte keine entſchiedene Trennung oder Entzweiung zwiſchen uns ſtattgefunden. Francis ging ſeinen Weg, wir gingen den unſern. Wir be⸗ trachteten dies als den Weg zum Glücke aller Theile. Und ſo war's auch.“ Beide Schweſtern lehnten ſich, um zu ſprechen, ein wenig nach vorn, ſchüttelten den Kopf nach dem Spre⸗ chen und richteten ſich wieder gerade empor, wenn ſie ſchwiegen. Miß Clariſſa bewegte ihre Arme niemals. Sie ſpielte dann und wann mit ihren Fingern ein Stück⸗ chen— ich ſollte meinen, eine Menuet oder einen Marſch — darauf, bewegte ſie aber nie. „Die Stellung unſerer Nichte, oder vielmehr die Stellung, von der man einſt glaubte, daß ſie ſie ein⸗ nehmen werde, hat durch den Tod unſeres Bruders Francis eine große Veränderung erlitten,“ ſagte Miß Lavinia,„und deshalb ſehen wir die Sache an, als ob ſich die Anſichten unſeres Bruders in Bezug auf ihre Stellung im Leben ebenfalls geändert hätten. Wir ha⸗ ben keinen Grund zu zweifeln, Herr Kopperfield, daß Sie ein junger Herr von guten Eigenſchaften und eh⸗ renhaftem Charakter ſind, oder daß Sie eine Neigung zu unſerer Nichte haben— oder doch völlig überzeugt ſind, eine ſolche Neigung zu haben.“ Ich entgegnete, wie ich gewöhnlich that, ſobald ſich mir Gelegenheit dazu bot, daß nimmer Jemand Jeman⸗ den ſo geliebt hätte, als ich Dora liebe. Traddles kam mir mit einem bekräftigenden Gemurmel zu Hülfe. Miß Lavinia war darüber her, etwas darauf zu er⸗ wiedern, als Miß Clariſſa, welche unaufhörlich von dem Wunſche beſeſſen zu ſein ſchien, ſich auf ihren Bruder zu beziehen, abermals einfiel: 92 David Kopperfield. „Wenn Dora's Mama,“ ſagte ſie,„als ſie un⸗ ſern Bruder Francis heirathete, es ſogleich heraus ge⸗ ſagt hätte, daß für die Familie kein Platz am Speiſe⸗ tiſche ſei, ſo würde es für das Glück aller Theile beſ⸗ ſer geweſen ſein.“ „Schweſter Clariſſa,“ entgegnete Miß Lavinia.„Viel⸗ leicht brauchen wir das jetzt nicht zu erwähnen.“ „Schweſter Lavinia,“ erwiederte Miß Clariſſa,„es gehört zum Gegenſtande, der beſprochen wird. Ich werde mir's nicht einfallen laſſen, mich in Deinen Zweig des Gegenſtandes, wo Du allein competente Richterin biſt, zu miſchen. Innerhalb dieſes Zweiges des Gegenſtan⸗ des aber hab' ich eine Stimme und eine Meinung. Es würde für das Glück aller Theile beſſer geweſen ſein, wenn Dora's Mama, als ſie unſern Bruder Francis heirathete, offen und deutlich geſagt hätte, was ihre Abſichten waren. Wir würden dann gewußt haben, was wir zu erwarten hätten. Wir würden dann ge⸗ ſagt haben: Bitte, laden Sie uns überhaupt nicht ein, und jede Möglichkeit von Mißverſtändniſſen wäre ver⸗ mieden worden.“ Als Miß Clariſſa ihren Kopf geſchüttelt hatte, nahm Miß Lavinia ihre Rede wieder auf, indem ſie wieder durch ihr Augenglas meinen Brief betrachtete. Sie hat⸗ ten beiläufig Beide kleine runde, helle, blinzelnde Aeug⸗ lein, welche wie Vogelaugen ausſahen. Sie waren überhaupt Vögeln nicht unähnlich, indem ſie eine pfif⸗ fige, kurz abgebrochene, plötzlich losfahrende Art, ſich zu benehmen, und eine neckiſche, putzige Manier in ihrem Auftreten hatten, gleich den Kanarienvögeln. Miß Lavinia alſo nahm, wie ich geſagt, ihre Rede wieder auf. „Sie bitten meine Schweſter Clariſſa und mich ſelbſt 2³ — David Kopperfield. 93 um Erlaubniß, Herr Kopperfield, hier Ihre Beſuche machen zu dürfen, als der angenommene Freier unſerer Nichte.“ „Wenn unſer Bruder Francis,“ ſagte Miß Cla⸗ riſſa mit einem neuen Ausbruche, wenn ich etwas ſo Mildes und Ruhiges einen Ausbruch nennen darf,„ſich mit einer Atmoſphäre von den Doctors Commons, und nur von den Doctors Commons zu umgeben wünſchte, welches Recht oder welchen Wunſch hatten wir dem entgegenzuſetzen? Wahrlich, gar keinen. Wir ſind ſtets weit davon entfernt geweſen, uns irgend Jemandem aufzudringen. Aber warum das nicht ſagen? Laſſe man doch unſerm Bruder Francis und ſeiner Frau ihre Ge⸗ ſellſchaft haben. Laſſe man doch uns, meiner Schweſter Lavinia und mir, unſere Geſellſchaft haben. Wir kön⸗ nen ſie hoffentlich uns ſelbſt aufſuchen.“ Da dieſe Worte an Traddles und mich gerichtet zu ſein ſchienen, gaben wir Beide, Traddles und ich, eine Art Antwort. Traddles ſprach zu leiſe, um ge⸗ hört zu werden. Ich glaube, ich ſelbſt bemerkte, daß es allen betreffenden Perſonen zu hohem Lobe gereiche. Ich weiß jedoch nicht im Mindeſten, was ich damit meinte.. „Schweſter Lavinia,“ ſagte Miß Clariſſa, indem ſie jetzt ihr Herz erleichtert hatte,„Du kannſt nun fortfahren, meine Gute.“ Miß Lavinia fuhr fort: „Herr Kopperfield, meine Schweſter Clariſſa und ich ſind in der Prüfung dieſes Briefes ſehr ſorgfältig zu Werke gegangen, und wir haben ihn dieſer Prüfung nicht unterzogen, ohne ihn ſchließlich unſerer Nichte zu zeigen und mit unſerer Nichte zu beſprechen. Wir hegen keinen Zweifel, daß Sie denken, Sie lieben ſie ſehr.“ X⁴ 8 94 David Kopperfield. „Denken, mein Fräulein,“ begann ich ganz außer mir,„oh!“— Da mir jedoch Miß Clariſſa einen Blick(gerade wie ein ſcharfäugiger Kanarienvogel) zuwarf, als for⸗ dere ſie, daß ich das Orakel nicht unterbreche, ſo bat ich um Entſchuldigung. „Neigung,“ ſagte Miß Lavinia, indem ſie ihre Schweſter durch einen Blick zur Bekräftigung auffor⸗ derte, welche dieſelbe in Form eines leichten Kopfnickens bei jeder Redewendung ertheilte,„gereifte Neigung, Huldigung, Hingebung drückt ſich nicht ſo leicht und ſichtbar aus. Ihre Stimme iſt leiſe. Sie iſt beſchei⸗ den und zurückhaltend, ſie liegt im Hinterhalte verbor⸗ gen und wartet und wartet. Der Art iſt die reife Frucht. Manchmal ſchwindet ein ganzes Leben dahin, um ſie am Ende immernoch im Schatten reifend zu finden.“ Natürlich verſtand ich damals nicht, daß dies eine Anſpielung auf ihre eingebildete Erfahrung mit dem verliebten Pidger war; aber ich ſah an der Gravität, mit welcher Miß Clariſſa mit ihrem Haupte nickte, daß auf dieſe Worte ein großes Gewicht gelegt wurde. „Die leichtfertigen— denn ich nenne ſie im Ver⸗ gleiche mit ſolchen Gefühlen leichtfertig— Neigungen junger Leute,“ fuhr Miß Lavinia fort,„ſind Staub verglichen mit Felſen. In Betracht deſſen nun, daß es ſchwierig iſt, zu wiſſen, ob man annehmen darf, daß ſte dauern werden oder irgend einen wirklichen Grund haben, ſind wir, meine Schweſter Clariſſa und ich, ſehr unentſchieden geweſen, was zu thun ſei, Herr Kopper⸗ field und Herr—“ „Traddles,“ ſagte mein Freund, indem er fand, daß man ihn anſah. David Kopperfield. 95 „ Bitte um Entſchuldigung. Vom Innern Tempel glaub' ich?“ verſetzte Miß Lavinia, indem ſie einen aber⸗ maligen Blick auf meinen Brief warf. „Traddles ſagte:„Ganz recht,“ und wurde feuer⸗ roth im Geſichte. Nun hatte ich zwar bis jetzt noch keine ausdrück⸗ liche Ermuthigung erhalten, aber ich meinte doch in den beiden kleinen Schweſtern und vorzüglich in Miß La⸗ vinia ein tiefinnerliches Behagen an dieſem neuen und fruchtbaren Gegenſtande häuslichen Intereſſes, einen Ent⸗ ſchluß, daſſelbe möglichſt gründlich zu genießen, eine Neigung, es zu pflegen, zu ſehen, worin ein recht hüb⸗ ſcher, heller Hoffnungsſtrahl war. Ich glaubte zu be⸗ merken, daß Miß Lavinia eine ungemeine Herzensfreude an der Beaufſichtigung zweier jungen Liebenden gleich Dora und mir haben würde, und daß Miß Clariſſa wieder kaum weniger Behagen empfinden würde, zu ſe⸗ hen, wie ſie uns beaufſichtigte, und ihr beſonderes De⸗ partement bei der Angelegenheit hereinklingen zu laſſen, ſobald jener Antrieb ſich auf ſie geltend machte. Dies gab mir den Muth, heftig gegen jeden Zweifel zu pro⸗ teſtiren und zu erklären, daß ich Dora mehr liebe, als ich ſagen oder irgend Jemand glauben könnte; daß alle meine Freunde wüßten, wie ſehr ich ſie liebe; daß meine Tante, Agnes, Traddles, Jedermann, der mich kenne, wiſſe, wie ich ſie liebe und wie ernſt meine Liebe mich gemacht hätte. Für die Wahrheit deſſen berief ich mich auf Traddles. Und Traddles glühte auf, als ob er ſich in eine parlamentariſche Debatte ſtürzte, und ließ ſich in der That prächtig vernehmen, indem er meine Rede in guten bündigen Sätzen und in einer wohl⸗ verſtändlichen, geſcheidten, praktiſchen Weiſe beſtätigte, welche augenſcheinlich einen günſtigen Eindruck machte. 96 David Kopperfield. „Ich ſpreche, wenn ich das Recht, mich ſo auszu⸗ drücken, in Anſpruch nehmen darf, wie Jemand, der einige Erfahrung in ſolchen Dingen hat,“ ſagte Tradd⸗ les,„indem ich ſelbſt mit einer jungen Dame— einer von zehn Geſchwiſtern, unten in Devonſhire— ver⸗ ſprochen bin und gegenwärtig keine Wahrſcheinlichkeit vor mir ſehe, daß unſere Verlobung zu einem Ziele ge⸗ langen könnte.“ „Sie mögen im Stande ſein, zu beſtätigen, was ich, Herr Traddles,“ bemerkte Miß Lavinia, die au⸗ genſcheinlich ein neues Intereſſe an ihm nahm,„von jener Neigung geſagt habe, welche beſcheiden und zurück⸗ haltend iſt, welche wartet und wartet.“ „Ja ganz und gar, mein Fräulein,“ erwiederte Traddles. Miß Clariſſa blickte Miß Lavinia an und ſchüttelte würdig ihr Haupt. Miß Lavinia blickte Miß Clariſſa mit einer Miene, welche ausdrückte, daß ſie ſie ver⸗ ſtünde, an, und that einen leiſen Seußzer. „Schweſter Lavinia,“ ſagte Miß Clariſſa, nimm mein Riechfläſchchen.“ Miß Lavinia erfriſchte ihre Lebensgeiſter, indem ſie ein paar Mal an den aromatiſchen Eſſig roch, wäh⸗ rend ich und Traddles ſehr beklommen zuſahen, und fuhr dann mit ziemlich matter Stimme fort: „Meine Schweſter und ich ſind ſehr zweifelhaft ge⸗ weſen, welchen Weg wir in Bezug auf die Liebe oder die eingebildete Liebe ſolcher ſo ſehr jungen Leute, wie Herr Kopperfield und unſere Nichte, einzuſchlagen hätten.“ „Das Kind unſers Bruders Francis,“ bemerkte Miß Clariſſa.„Wenn die Frau unſers Bruders Fran⸗ cis es bei ihren Lebzeiten paſſend gefunden hätte(ob⸗ ſchon ſie ein unbeſtreitbares Recht hatte, zu verfahren, David Kopperfield. 97 wie es ihr am beſten däuchte) die Familie zu Tiſche einzuladen, ſo dürften wir das Kind unſers Bruders Francis im gegenwärtigen Augenblicke beſſer kennen. Schweſter Lavinia fahre fort.“ Miß Lavinia drehte den Brief ſo, daß ſie ſich die Aufſchrift zukehrte, und blickte durch ihr Auagids auf einige regelmäßig ausſehende Anmerkungen, die ſie auf dieſen Theil deſſelben gemacht hatte. „Es ſcheint uns,“ ſagte ſie,„klug gehandelt, Herr Traddles, dieſe Gefühle unſerer eignen Beobachtung und Prüfung unterzubreiten. Gegenwärtig wiſſen wir nichts von ihnen und ſind nicht in der Lage, zu beurtheilen, wie viel Wirklichkeit etwa an ihnen iſt. Deshalb ſind wir geneigt, auf Herrn Kopperfields Vorſchlag inſo⸗ fern einzugehen, als wir ſeine Beſuche hier geſtatten wollen.“ „Nimmer, meine theuren Damen,“ rief ich, befreit von einer ungeheuren Laſt von Befürchtungen,„werde ich Ihre Güte vergeſſen!“ „Aber,“ fuhr Miß Lavinia fort,—„aber Herr Traddles,„wir werden dieſe Beſuche vorläufig lieber als uns gemacht betrachten. Wir müſſen uns in Acht nehmen, irgend ein poſitives Verhältniß zwiſchen Herrn Kopperfield und unſerer Nichte anzuerkennen, ſo lange wir nicht Gelegenheit gehabt haben—“ „So lange Du nicht Gelegenheit gehabt haſt, Schwe⸗ ſter Lavinia,“ ſagte Miß Clariſſa. „Sei es,“ willigte Miß Lavinia mit einem Seufzer ein,—„ ſo lange ich nicht Gelegenheit gehabt habe, ſie zu beobachten.“ „Kopperfield,“ ſagte Traddles zu mir gewandt,„ich bin ſicher, Du fühlſt, daß nichts vernünftiger oder ge⸗ rathener ſein könnte.“ David Kopperfield. VII. 7 98 David Kopperfield. „Gewiß nichts!“ ſchrie ich.„Ich bin auf das Tiefſte davon überzeugt.“ „Bei dieſer Lage der Dinge,“ ſagte Miß Lavinia, indem ſie abermals auf ihre Anmerkungen niederblickte, „und indem wir ſeine Beſuche nur in dieſem Sinne an⸗ nehmen, müſſen wir von Herrn Kopperfield eine bün⸗ dige, mit ſeinem Ehrenworte verbürgte Verſicherung fordern, daß keine Mittheilung irgendwelcher Art zwi⸗ ſchen ihm und unſerer Nichte ſtattfinden ſoll, ohne daß wir Kenntniß davon haben; daß kein Plan, ſei er was er ſei, hinſichtlich unſerer Nichte gehegt werden ſoll, ohne daß er zuerſt uns vorgelegt—“ „Dir, Schweſter Lavinia,“ fiel ihr Miß Clariſſa ins Wort. „Sei es, Clariſſa!“ willigte Miß Lavinia mit Ergebung ein.„Mir alſo vorgelegt wird und un⸗ ſere Billigung erhält. Wir müſſen dies ausdrücklichſt und in allem Ernſte ausmachen— Bedingungen machen, die auf keinen Grund hin gebrochen werden können. Wir wünſchten, daß ſich Herr Kopperfield heute von einem vertrauten Freunde begleiten laſſe;“ hier neigte ſie den Kopf vor Traddles, der dies mit einer Verbeugung erwiederte,„damit über die Sache kein Zweifel' oder falſche Auffaſſung obwalte. Wenn Sie, Herr Kopperfield, oder Sie, Herr Trad⸗ dles, das geringſte Bedenken fühlen, dieſes Verſpre⸗ chen abzulegen, ſo bitte ich Sie, ſich Bedenkzeit zu nehmen.“ Ich rief in einem Zuſtande der glühendſten Begei⸗ ſterung aus, daß hier kein Augenblick Ueberlegung von Nöthen ſein könnte. Ich band mich durch das gefor⸗ derte Verſprechen in der leidenſchaftlichſten Weiſe, rief Traddles zum Zeugen auf und bezeichnete mich ſelbſt als David Kopperfield. 99 den gräßlichſten Charakter, wenn ich davon je auch nur im geringſten Grade abwiche. „Halt!“ ſagte Miß Lavinia, indem ſie ihre Hand in die Höhe hielt,„ehe wir das Vergnügen hatten, Sie, meine Herren, zu empfangen, haben wir beſchloſſen, Sie auf eine Viertelſtunde allein zu laſſen, um dieſen Punkt zu überlegen. Sie wollen uns daher erlauben, daß wir uns zurückziehen.“ Es war vergeblich für mich, zu ſagen, daß keine Ueberlegung nöthig ſei. Sie beſtanden darauf, ſich auf die angegebene Weiſe zurückzuziehen. Und ſo hüpften dieſe kleinen Vögel mit großer Würde hinaus und ver⸗ ließen mich, um die Glückwünſche Traddles' zu empfangen, und mich zu fühlen, als ob ich in Regionen ausgeſuchter Seligkeit verſetzt wäre. Genau nach Verlauf der Vier⸗ telſtunde kehrten ſie mit nicht weniger Würde zurück, als mit welcher ſie verſchwunden waren. Sie waren raſchelnd fortgegangen, als ob ihre Kleiderchen von herbſt⸗ lichen Blättern gemacht wären, und raſchelnd in derſel⸗ ben Weiſe kamen ſie wieder. Ich verpflichtete mich hierauf noch einmal, die vor⸗ geſchriebenen Bedingungen einzuhalten. „Schweſter Clariſſa,“ verſetzte Miß Lavinia,„das Uebrige iſt Deine Sache.“ Miß Clariſſa löſte die Umſchlingung ihrer Arme zum erſten Male, nahm die aufnotirten Bemerkungen und warf einen Blick auf ſie. „Wir werden uns freuen,“ ſagte Miß Clariſſa, „Herrn Kopperfield alle Sonntage bei uns zu Tiſche zu ſehen, wenn es ihm paßt. Unſere Stunde iſt drei Uhr.“ Ich verbeugte mich. „Im Laufe der Woche werden wir uns freuen, 7* 100 David Kopperfield. Herrn Kopperfield zum Thee bei uns zu ſehen,“ fuhr Miß Clariſſa fort;„unſere Stunde iſt halb ſieben.“ Ich verbeugte mich abermals. „Zweimal die Woche,“ ſagte Miß Clariſſa;„aber beobachten Sie's als Regel, nicht öfterer zu kommen.“ Ich verbeugte mich wieder. „Fräulein Trotwood,“ ſagte Miß Clariſſa;„die in Herrn Kopperfields Briefe erwähnt wird, wird uns vielleicht ihren Beſuch machen. Wenn es beſſer für das Glück aller Theile iſt, daß Beſuche ſtattfinden, ſo freuen wir uns, Beſuche zu empfangen und zu erwie⸗ dern. Wenn es hingegen für das Glück aller Theile beſſer iſt, daß keine Beſuche ſtattfinden(wie in dem Falle mit unſerm Bruder Francis und ſeinem Hauſe), ſo iſt das ganz was Anderes.“ Ich gab ihnen zu verſtehen, daß meine Tante ſich's zur Ehre ſchätzen und ſich freuen werde, ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen, obſchon ich ſagen muß, daß ich nicht ganz ſicher war, ſie würden ſehr befriedigend mit ein⸗ ander auskommen. Da die Bedingungen jetzt abge⸗ ſchloſſen waren, drückte ich meine Erkenntlichkeit in der wärmſten Weiſe aus, und indem ich die Hand zuerſt von Miß Clariſſa und dann von Miß Lavinia ergriff, preßte ich ſie in beiden Fällen an meine Lippen. Miß Lavinia erhob ſich dann, und indem ſie Mr. Traddles bat, uns für eine Minute zu entſchuldigen, erſuchte ſie mich, ihr zu folgen. Ich gehorchte am ganzen Leibe zitternd und wurde in ein anderes Zimmer ge⸗ führt. Dort traf ich mein allerliebſtes Herzensmädchen, wie ſie ſich hinter der Thür die Ohren zuhielt und ihr liebes Geſichtchen der Wand zukehrte, und Zig, der im Tellerwärmer ſtak, und dem der Kopf mit einem Hand⸗ tuche zugebunden war. David Kopperfield. 101 Oh, wie ſie ſchön war in ihrem ſchwarzen Röck⸗ chen, und wie ſie zuerſt ſchluchzte und weinte und nicht hinter der Thür vorwollte! Wie gut waren wir ein⸗ ander, als ſie zuletzt doch hervorkam, und in welch einer Wonne ſchwamm ich, als wir Zig aus dem Tel⸗ lerwärmer nahmen und ihn ans Tageslicht zurückbeför⸗ derten, wobei er ſehr puſtete und nieſte, und nun alle Drei wiedervereinigt waren! „Meine theuerſte Dora! Jetzt wirklich die Meine auf ewig!“ „Oh rede doch nicht ſo!“ bat Dora.„Bitte.“ „Biſt Du nicht die Meine auf ewig, Dora?“ „Oh ja, freilich bin ich das!“ ſchrie Dora;„aber ich fürchte mich ſo!“ „Fürchten, mein Herz?“ „Oh ja, ich kann ihn nicht leiden,“ lite Dora. „Was geht er nur nicht?“ „Wer denn, mein Leben?“ „Dein Freund,“ entgegnete Dora;„es geht ihn doch gar nichts an. Was für ein dummer Menſch muß er ſein!“ „Meine Herzensliebſte!(Nie ſah ich etwas ſo Ein⸗ ſchmeichelndes, als ihre kindiſche Art ſich zu benehmen.) Er iſt das beſte Geſchöpf!“ „Aber wir brauchen gar keine ſolchen beſten Ge⸗ ſchöpfe!“ ſchmollte Dora. „Meine Liebe,“ ermahnte ich,„Du wirſt ihn bald genau kennen lernen und ihn über Alles in der Welt gut leiden können. Und bald wird auch meine Tante herkommen, und Du wirſt ſie ebenfalls über Alles lieb⸗ haben, wenn Du ſie kennſt.“ „Nein, bitte, bring ſie nicht her!“ ſagte Dora, indem ſie mir ein erſchrockenes Küßchen gab und die 10² David Kopperfield. Hände faltete.„Thu's nicht. Ich weiß, ſie iſt ein garſtiges, zankſüchtiges altes Ding. Laß ſie nicht her⸗ kommen, Daddy!“ welches eine Verdrehung von Da⸗ vid war. Sich dagegen zu erklären, war damals von kei⸗ nem Nutzen; ſo lachte ich, ſtaunte ich und war voller Liebe und Glück; und ſie zeigte mir Zigs neues Kunſt⸗ ſtück, wo er in einem Winkel auf ſeinen Hinterbeinen ſtand— was er etwa ſo lange that, als ein Blitz zum Herunterfahren braucht, und dann niederfiel— und ich weiß nicht, wie lange ich mich, Traddles' ganz uneingedenk, dort aufgehalten haben würde, wäre Miß Lavinia nicht hereingekommen, um mich wegzuführen. Miß Lavinia liebte Dora zärtlich; ſie erzählte mir, Dora wäre ganz genau Dem gleich, was ſie in ihrem Alter geweſen wäre(ſie mußte ſich dann ſehr verändert ha⸗ ben), und ſie behandelte Dora gerade ſo, als ob ſie ein Spielzeug geweſen wäre. Ich wünſchte Dora zu überreden, mitzukommen und Traddles zu ſehen, aber als ich's ihr vorſchlug, lief ſie davon in ihre eigne Stube und ſchloß ſich ein; ſo begab ich mich denn ohne ſie zu Traddles und ging mit ihm fort in die freie Luft. „Nichts könnte mehr zu unſerer Zufriedenheit aus⸗ gefallen ſein,“ ſagte Traddles,„und es ſind ein paar wahrlich recht angenehme alte Damen. Es ſollte mich durchaus nicht wundern, wenn Du Jahre lang vor mir Dich verheiratheteſt, Kopperfield.“ „Spielt Deine Sophie irgend ein Inſtrument, Traddles?“ erkundigte ich mich in dem Stolze meines Herzens. „Sie verſteht ſich auf's Pianoforte gut genug, um es ihren kleinen Schweſtern ſpielen zu lehren,“ ant⸗ wortete Traddles. David Kopperfield. 103 „Singt ſie überhaupt?“ fragte ich. „Ei nun, ſie ſingt dann und wann Balladen, um die Andern ein Bischen aufzuheitern, wenn ſie übel ge⸗ ſtimmt ſind,“ ſagte Traddles.„Nichts Kunſtreiches.“ „Sie ſingt wohl nicht zur Guitarre?“ ſagte ich. „O nein!“ erwiederte Traddles. „Malt auch nicht?“ „Nicht die Spur!“ ſagte Traddles. Ich verſprach Traddles, daß er Dora ſingen hören und einige ihrer Blumenmalereien zu ſehen bekommen ſolle. Er ſagte, das werde ihm ſehr lieb ſein, und wir gingen Arm in Arm in ſehr guter Laune und höchſt vergnügt nach Hauſe. Ich regte ihn auf dem Wege an, von Sophien zu ſprechen, was er denn auch mit einer liebenden Zuverſicht auf ſie that, die ich höchlich be⸗ wunderte. Ich verglich ſie in meinem Gemüthe mit Dora und zwar zu beträchtlicher innerer Genugthuung; aber ich geſtand mir offenherzig ein, daß auch ſie eine treff⸗ liche Art Mädchen für Traddles zu ſein ſchiene. Natürlich wurde meine Tante ſogleich mit dem er⸗ folgreichen Ausgange der Conferenz und mit Allem, was im Laufe derſelben geſprochen und gethan worden war, bekannt gemacht. Sie war glücklich, mich glücklich zu ſehen und verſprach, den Tanten Dora's ohne Zeitverluſt ihren Beſuch abzuſtatten. Aber ſie machte dieſen Abend, während ich an Agnes ſchrieb, ſolch einen langen Spa⸗ ziergang unſere Zimmer auf⸗ und ab, daß ich zu denken anfing, ſie ſei gemeint, bis zum Morgen zu wandeln. Mein Brief an Agnes war voll glühenden Dan⸗ kes und erzählte alle die guten Wirkungen, die ſich daraus ergeben, daß ich ihrem Rathe gefolgt. Sie ſchrieb mit umgehender Poſt an mich. Ihr Brief war hoffnungsreich, ernſt und zugleich fröhlichen Muthes 104 David Kopperfield. voll. Sie war von dieſer Zeit an ſtets voll frohen Muthes. Ich hatte jetzt die Hände fleißiger zu rühren, denn jemals. In Betracht meiner täglichen Märſche nach Highgate, war Putney einen langen Weg entfernt; und ich wünſchte natürlich, ſo oft als ich konnte, dorthin zu gehen. Die vorgeſchlagenen Theeviſiten waren völlig unthunlich, und ſo unterhandelte ich mit Miß Lavinia um die Erlaubniß, alle Samſtage des Nachmittags kom⸗ men zu dürfen, ohne daß dies meinem Sonntagspri⸗ vilegium Abbruch thue. So war alle Mal der Schluß der Woche eine köſtliche Zeit für mich, und ich über⸗ ſtand den Reſt der Woche dadurch, daß ich meinen Blick auf ihn richtete. Ich fühlte mich wunderbar erleichtert durch die Ent⸗ deckung, daß meine Tante ſich, Alles in Betracht gezogen, mit Dora's Tanten weit beſſer vertrug, als ich erwar⸗ ten konnte. Meine Tante ſtattete ihre verſprochene Viſite innerhalb wenige Tage nach der Conferenz ab, und ei⸗ nige wenige Tage ſpäter beſuchten Dora's Tanten meine Tante in gehöriger Art und Form. Aehnliche, aber freund⸗ ſchaftlichere Auswechſelungen von Höflichkeiten fanden ſpäter ſtatt, gewöhnlich in Zwiſchenräumen von drei bis vier Wochen. Ich weiß, daß meine Tante bei Dora's Tanten ſehr anſtieß, indem ſie die Würde des Hinaus⸗ fahrens in einem Fiaker ganz und gar aus den Augen ſetzte und zu außerordentlichen Zeiten, z. B. kurz nach dem Frühſtück oder gerade vor dem Thee nach Putney hinauswandelte; und ebenſo, indem ſie ihren Hut in jeder Weiſe trug, der ihrem Kopfe bequem war, ohne ſich im Mindeſten um die Vorurtheile der Civiliſation in dieſem Punkte zu ſcheeren. Aber Dora's Tanten fanden ſich bald in der Meinung zuſammen, daß ſie 8 David Kopperfield. 105 meine Tante als eine excentriſche und etwas männer⸗ artige Dame, aber mit ſcharfem Verſtande begabt be⸗ trachteten; und obſchon meine Tante dadurch, daß ſie ketzeriſche Anſichten über verſchiedene Punkte der Eti⸗ quette äußerte, gelegentlich Urſache wurde, daß die Fe⸗ dern von Dora's Tanten ſich ſträubten, liebte ſie mich doch zu ſehr, um nicht einige ihrer kleinen Eigenheiten der allgemeinen Eintracht zu opfern. Das einzige Glied unſerer kleinen Geſellſchaft, welches ſich hartnäckig weigerte, ſich den Umſtänden anzubeque⸗ men, war Zig. Nie erblickte er meine Tante, wo er nicht augenblicklich alle Zähne in ſeinem Kopfe gewie⸗ ſen, ſich unter einen Stuhl retirirt und unabläſſig ge⸗ knurrt hätte, wozu dann und wann ein klägliches Ge⸗ heul kam, als ob ſie wirklich zu viel für ſeine Gefühle ſei. Alle Arten von Behandlung wurden verſucht: man ſtreichelte, ſchalt, klapſte ihn, brachte ihn nach Bucking⸗ ham Street(wo er ſich ſogleich zum Schrecken aller Zuſchauer auf die beiden Katzen warf), aber nie konnte er ſich überwinden, die Geſellſchaft meiner Tante zu er⸗ tragen. Er dachte wohl manchmal, daß er ſich hin⸗ ſichtlich ſeiner Abneigung eines Beſſern überzeugt habe, und war ein paar Minuten liebenswürdig; dann aber reckte er ſeine Schnopernaſe in die Höhe und heulte ſo abſcheulich, daß nichts dagegen half, als ihm die Augen zu verbinden und ihn in den Tellerwärmer zu ſtecken. Zuletzt wickelte ihn Dora regelmäßig in ein Hand⸗ tuch und ſchloß ihn dort hinein, ſobald meine Tante an der Thür gemeldet wurde. Eins machte mir viel zu ſchaffen, nachdem wir in dieſen ruhigen Schritt verfallen waren. Daß nämlich Dorra nach Aller Uebereinſtimmung wie ein hübſches Tän⸗ del⸗ oder Spielwerk angeſehen zu werden ſchien. Meine 106 David Kopperfield. Tante, mit welcher ſie allmählig vertraut wurde, nannte ſie ſtets das kleine Blümchen, und die größte Freude im Leben der Miß Lavinia war, ihr aufzuwarten, ihre Haare zu kräuſeln, Putz für ſie zu machen und ſie wie ein Lämmchen oder Wickelkindchen zu behandeln. Was Miß Lavinia that, das that, als ſich ganz von ſelber verſtehend, auch ihre Schweſter. Es kam mir ſehr wun⸗ derlich vor, aber ſie alle ſchienen Dora in ihrer Stellung ziemlich ſo zu behandeln, wie Dora Zig in ſeiner Stel⸗ lung behandelte. Ich nahm mir vor, mit Dora hierüber zu ſprechen, und eines Tages, als wir einen Spaziergang machten (denn nach einiger Zeit geſtattete uns Miß Lavinia al⸗ lein ſpazieren zu gehen) ſagte ich ihr, wie ich wünſche, ſie konne ſie vermögen, ſich anders gegen ſie zu ver⸗ halten. „Denn Du weißt, mein Liebling,“ lautete mein Beweis,„daß Du kein Kind mehr biſt.“ „Da haben wir's!“ ſagte Dora.„Nun fängſt Du an querköpfig zu werden.“ „Querköpfig, meine Liebe?“ „Sie ſind wahrhaftig ſehr freundlich gegen mich,“ ſagte Dora,„und ich bin ſehr glücklich.“ „Gut! Aber mein liebſtes Leben!“ entgegnete ich, „Du könnteſt ſehr glücklich ſein und doch vernunftgemäß behandelt werden.“ Dora warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu— den hübſcheſten Blick von der Welt— und begann dann zu ſchluchzen, indem ſie ſagte, wenn ich ſie nicht leiden könne, was ich da immer ſo ſehr gewünſcht hätte, mich mit ihr zu verloben? Und warum ich nicht jetzt meiner Wege ginge, wenn ich ſie nicht ausſtehen könne? Was konnte ich anders thun, als ihr die Thränen David Kopperfield. 107 von den Augen küſſen und ihr dann ſagen, wie ſehr ich an ihr hinge? „Ich liebe Dich doch wahrhaftig ſehr,“ verſetzte Dora, „und Du brauchteſt gegen mich nicht ſo grauſam zu ſein, Daddy?“ „Grauſam, mein koſtbares Herz! Als ob ich um Alles in der Welt grauſam gegen Dich ſein wollte— oder könnte!“ „Dann mußt Du an mir keinen Fehler finden,“ ſagte Dora, indem ſie aus ihrem Munde eine Roſen⸗ knospe machte,„und ich werde gut ſein.“ Ich war bezaubert, als ſie mich gleich darauf aus eignem Antriebe bat, ihr das Kochbuch zu geben, von dem ich einſt geſprochen, und ihr, wie ich einſt zu thun zugeſagt, zu zeigen, auf welche Weiſe man Rechnungen führe. Ich brachte das Buch bei meinem nächſten Be⸗ ſuche mit(ich ließ es zuerſt hübſch einbinden, damit es weniger trocken und mehr einladend ausſähe), und als wir über den Anger gingen, zeigte ich ihr ein altes Haushaltsbuch von meiner Tante und gab ihr eine Reihe von Täfelchen nebſt einer ſchmucken kleinen Bleiſtifthülſe und einer Schachtel voll Bleiſtifte, um ſich damit im Haushalten zu üben. Aber das Kochbuch machte Dora Kopfſchmerzen, und die Zahlen preßten ihr die Thränen aus den Augen. Sie wollten ſich nicht addiren laſſen, ſagte ſie. So rieb ſie ſie aus und zeichnete Blumenſträuße und Bil⸗ der von mir und Zig über die ganzen Täfelchen hinweg. Dann verſuchte ich ihr in ſpielender Weiſe münd⸗ liche Belehrung über häusliche Angelegenheiten zu Theil werden zu laſſen, als wir am Nachmittage eines Sonn⸗ abends ſpazieren gingen. Manchmal zum Beiſpiel, wenn wir an einem Fleiſcherladen vorbeigingen, ſagte ich etwa: 108 David Kopperfield. „Nun, geſetzt den Fall, mein Schäfchen, wir wä⸗ ren verheirathet, und Du wollteſt einen Schöpſenbraten fürs Mittagseſſen kaufen, würdeſt Du wohl wiſſen, wie man ihn kauft?“ Das Geſicht meiner hübſchen kleinen Dora pflegte dann lang zu werden und ſie zog dann ihren Mund wieder in ein Knöſpchen zuſammen, als würde ſie es ſehr vorziehen, wenn ſie den meinen mit einem Kuſſe ſchließen könnte. „Würdeſt Du wiſſen, wie Du es kaufen ſollteſt, mein Liebling?“ pflegte ich dann vielleicht zu wieder⸗ holen, wenn ich unbeugſam war. Dora dachte dann ein Bischen nach und antwortete hierauf, vielleicht mit großem Triumphe: „Ei nun, der Fleiſcher würde ſchon wiſſen, wie er's verkaufte, und was brauch' ich's da zu wiſſen? Oh Du einfältiger Junge!“ So, als ich einſt Dora mit einem Blicke auf das Kochbuch fragte, was ſie thun würde, wenn wir ver⸗ heirathet wären, und ſagte, ich möchte gern ein hüb⸗ ſches irländiſches Gericht Schöpſenfleiſch mit Kartoffeln haben, antwortete ſie, daß ſie der Magd heißen würde, es zu machen, und dann ſchlug ſie beide Hände über meinem Arme zuſammen und lachte in ſolch einer be⸗ zaubernden Weiſe, daß ſie wonniger wie je war. In Folge davon war der vornehmlichſte Gebrauch, dem das Kochbuch gewidmet wurde, der, daß es in einen Winkel gelegt wurde, damit Zig ſich darauf auf die Hinterbeine ſtelle. Aber Dora war, als ſie ihn abge⸗ richtet hatte, darauf zu ſtehen, ohne den Wunſch zu äußern, wegzukommen, und zu gleicher Zeit die Blei⸗ ſtifthülſe im Maule zu halten, ſo vergnügt, daß ich äu⸗ ßerſt froh war, es gekauft zu haben. David Kopperfield. 109 Und wir geriethen wieder auf die Guitarrenkapſel und die Blumenmalerei und die Liederchen davon, daß wir nie aufhören wollten zu tanzen, Tarala! zurück, und waren ſo glücklich als die Woche lang war. Ich wünſchte gelegentlich, ich könnte es wagen, Miß Lavi⸗ nia merken zu laſſen, daß ſie den Liebling meines Her⸗ zens ein wenig zu ſehr gleich einem Spielzeuge behandle; und erwachte manchmal verwundert, zu finden, daß ich in den allgemeinen Fehler verfallen war und ſie gleich⸗ falls wie ein Spielzeug behandelte— aber das geſchah nicht oft. 1 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Unheil. Mir iſt's, als ob ich, trotzdem daß dieſes Manu⸗ ſcript nicht die Abſicht hat, vor andere Augen als die meinen zu kommen, nicht für mich berichtete, wie hart ich bei meinem Gefühle, Dora und ihren Tanten ver⸗ antwortlich zu ſein, an jener entſetzlichen Stenographie und aller der Vervollkommnung, die dazu gehörte, ar⸗ beitete. Ich will Dem, was ich bereits geſchrieben habe, von meinem ausdauernden Eifer in dieſer Zeit meines Lebens und von der geduldigen und fortwährenden That⸗ kraft, welche damals in mir zu reifen begann, und von welcher ich weiß, daß ſie die ſtarke Seite meines Cha⸗ rakters iſt, wenn ich überhaupt einige Stärke beſitze, nur hinzufügen, daß ich dort die Quelle meiner Erfolge finde, wenn ich in die Vergangenheit zurückſchaue. Ich bin in weltlichen Dingen ſehr glücklich geweſen; viele Leute haben weit härter gearbeitet und nicht halb ſo viel Erfolge errungen; aber ich hätte nie thun können, was ich gethan habe, ohne die Gewohnheiten der Pünktlich⸗ keit, der Ordnung und des Fleißes, ohne den Entſchluß, — David Kopperfield. 111 alle meine Kräfte nur auf einen Gegenſtand auf ein Mal zu concentriren, ohne Rückſicht auf die Schnellig⸗ keit, mit welcher der auf denſelben folgende gleich hin⸗ ter ihm käme— Gewohnheiten und Entſchlüſſe, die ſich damals in mir ausbildeten. Der Himmel weiß, daß ich dies nicht in der Abſicht, mich ſelbſt zu loben, ſchreibe. Der Mann, welcher, wie ich hier ſein Leben Blatt für Blatt durchgeht, müßte in der That ein guter Mann geweſen ſein, wenn er verſchont bleiben wollte von ſchar⸗ fen Gewiſſensbiſſen darüber, daß er mancherlei Talente vernachläſſigt, mancherlei Gelegenheiten zum Guten ver⸗ abſäumt, mancherlei irrige und verkehrte Gefühle in ſich gehegt hat, die in ſtetem Kampfe in ſeiner Bruſt ge⸗ rungen und ſein beſſeres Selbſt beſtegt haben. Ich möchte ſagen, daß ich nicht eine einzige natürliche Gabe beſitze, welche ich nicht gemißbraucht habe. Meine Meinung iſt einfach die, daß ich Alles, was ich je im Leben ver⸗ ſucht habe, von ganzer Seele gut zu thun geſtrebt; daß ich mich Allem, dem ich mich je gewidmet, ganz ge⸗ widmet habe; daß ich's bei großen wie bei kleinen Be⸗ ſtrebungen ſtets durch und durch ernſt gemeint habe. Ich habe es nie für möglich gehalten, daß irgend eine angeborene oder erworbene Fähigkeit auf Befreiung von der Gemeinſchaft mit den Eigenſchaften der Ausdauer, der Aufrichtigkeit, des angeſtrengten Fleißes Anſpruch machen und dabei hoffen kann, ihr Ziel zu erreichen. Es giebt nichts, was dieſer Erfüllung der Seele auf Erden gleichkäme. Einiges glückliche Talent und eine paſſende Gelegenheit mögen die beiden Seiten der Lei⸗ ter bilden, auf welcher manche Leute emporkommen; aber die Sproſſen dieſer Leiter müſſen von einem Stoffe, der aller Abnutzung widerſteht, gemacht ſein, und da giebt es nichts, was einen kühnen Muth, der durch Dick 112 David Kopperſield. und Dünn geht, und einen begeiſterten und echten Ernſt erſetzen könnte. Nimmer blos eine Hand an etwas zu legen, worauf ich mein geſammtes Ich werfen konnte, und nie zu thun, als ob ich meine Arbeit gering ſchätze, mochte ſie ſein, welche ſie wollte, waren, wie ich jetzt finde, meine goldnen Regeln. Wie viel ich von der Praxis, die ich ſoeben auf Theorie zurückgeführt habe, Agnes ſchulde, will ich hier nicht wiederholen. Meine Erzählung ſchreitet jedoch zu Agnes fort mit dankbarer Liebe. Sie kam auf vierzehn Tage in des Doctors Haus auf Beſuch. Mr. Wickfield war der alte Freund des Doe⸗ tors, und der Doctor wünſchte mit ihm zu ſprechen und ihm Gutes zu erweiſen. Er war Gegenſtand der Un⸗ terhaltung mit Agnes geweſen, als ſie das letzte Mal in der Stadt war, und dieſe Viſite war das Ergebniß. Sie und ihr Vater kamen zuſammen. Ich war nicht ſehr verwundert, von ihr zu hören, daß ſie ſich ver⸗ pflichtet hatte, in der Nachbarſchaft eine Wohnung für Mrs. Heep ausfindig zu machen, deren Klagen über Gliederreißen einen Wechſel der Luft erforderten, und welche außerordentlich glücklich ſein würde, denſelben in ſolcher Geſellſchaft zu genießen. Ebenſowenig war ich erſtaunt, daß ſchon am nächſten Tage Uriah, als pflicht⸗ getreuer Sohn, ſeine würdige Mutter brachte, um Beſitz von der Wohnung zu nehmen. „Sehen Sie, Musje Kopperfield,“ ſagte er, als er mir ſeine Geſellſchaft zu einem Gange in des Doctors Garten aufdrang,„wo Jemand lieben thut, da iſt Jemand auch ein Biſſel eiferſüchtig— zum Wenigſten bemüht, die Geliebte im Auge zu behalten.“ „Auf wen ſind Sie denn jetzt eiferſüchtig?“ fragte ich. „Dank Ihnen, Musje Kopperfield,“ entgegnete er, David Kopperfield. 113 „gegenwärtig gerade auf Niemanden eigentlich— we⸗ nigſtens keine Mannsperſon nicht.“ „Wollen Sie damit ſagen, daß Sie auf ein Frauen⸗ zimmer eiferſüchtig ſind?“ Er warf mir einen Seitenblick aus ſeinen unheim⸗ lichen rothen Augen zu. „Wahrhaftig, Musje Kopperfield,“ ſagte er,— „ſollte eigentlich ſagen Herr, aber ich weiß, Sie wer⸗ den die Gewohnheit entſchuldigen, in die ich gerathen bin— Sie wiſſen Einem ſo zum Herzen zu ſprechen, daß Sie wie ein Korkzieher mich aus mir herausziehen! Na, ich nehme keinen Anſtand, Sie's zu erzählen,“ und er legte ſeine fiſchkalte, feuchte Hand in die meine,„ich bin im Allgemeinen kein Mann, wie ſie die Weiber gerne haben, und ich war's niemals nicht hinſichtlich die⸗ ſer Madame Strong.“ Seine Augen ſahen jetzt grün aus, als ſie die mei⸗ nen mit ſchurkiſcher Pfiffigkeit beobachteten.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte ich. „Ei nun, obſchon ich ein Advocat bin, Musje Kop⸗ perfield,“ entgegnete er mit einem trockenen Grinſen, „meine ich jetzt gerade, was ich ſage.“ „Und was ſoll Ihr Blick bedeuten?“ erwiederte ich ruhig. „Mein Blick? Mein Gott, Kopperfield, das iſt ein ſcharfes Verhör! Was ſoll ich denn nur mit meinem Blicke meinen?“ „Ja“ ſagte ich.„Mit Ihrem Blicke.“ Er ſchien höchlich ergötzt und lachte ſo herzlich, als es in ſeiner Natur lag, zu lachen. Nachdem er ſein Kinn etwas mit ſeiner Hand gekratzt, fuhr er, die Au⸗ gen niedergeſchlagen und ſich noch immer kratzend, fort und ſagte ſehr langſam: David Kopperfield. VII. 8 114 David Kopperfield. „Als ich nur ein beſcheidener Schreiber war, ſah ſie ſtets erhaben auf mich herab. Sie wollte in Einem weg meine Agnes hinten und vorne in ihrem Hauſe haben, und Sie war immer gut Freund mit Sie, Musje Kopperfield; aber ich ſtand zu tief unter ihr, daß ſie von mir Notiz genommen hätte.“ „Gut,“ ſagte ich;„geſetzt den Fall, dies wäre richtig!“ „— und zu tief auch unter ihm,“ fuhr Uriah ſehr deutlich und in einem nachdenklichen Tone ſprechend, fort, während er immernoch ſein Kinn kratzte. „Kennen Sie den Doctor nicht beſſer,“ verſetzte ich,„um zu glauben, daß er etwas von Ihrem Vor⸗ handenſein wüßte, wofern Sie nicht vor ihm ſtehen?“ Er richtete ſeine Augen abermals mit jenem Sei⸗ tenblicke auf mich und zog, um ſich bequemer kratzen zu können, ſein Geſicht ſo zuſammen, daß man ihm faſt durch die dürren Backen ſehen konnte, während er ant⸗ wortete: „Oh mein Gott, ich beziehe mich ja nicht auf den Doctor! Oh nein, der arme Mann! Ich meine den Herrn Maldon.“ Mein Herz erſtarb mir völlig. Alle meine alten Zweifel und Befürchtungen hinſichtlich dieſes Gegenſtan⸗ des, alles Glück und aller Frieden des Doctors, alle die durcheinanderfließenden Möglichkeiten von Unſchuld und Verbrechen, die ich nicht zu entwirren vermochte, ſah ich in einem Augenblicke der Barmherzigkeit dieſes Ränkeſchmieds anheimgegeben. „Er konnte niemals in die Expedition kommen, wo er mir nicht Befehle gab und mich hin⸗ und herſchob,“ verſetzte Uriah.„Er war einer unſer feinen Herrchen! Ich war ſehr gelaſſen und demüthig— und ich bin's David Kopperfield. 115 noch. Aber ich konnte dergleichen nicht leiden— und ich kanns jetzt noch nicht leiden.“ Er hörte jetzt auf ſein Kinn zu kratzen und ſog ſeine Backen nach innen, bis ſie inwendig zuſammenſtießen, wobei er die ganze Zeit ſeinen Seitenblick auf mich ge⸗ heftet hielt. „Sie iſt eine von unſern liebenswürdigen Däm⸗ chen,“ fuhr er fort, als er langſam ſeinem Geſichte wie⸗ der ſeine natürliche Geſtalt gegeben hatte,„und wie ich wohl weiß, bereit, nie als Freund zu handeln gegen Leute wie ich. Sie iſt gerade die Perſon darnach, um meiner Agnes ein höheres Spiel anzurathen. Nun, ich bin keiner von den Männern, wie ſie Eure Damens gerne haben, Musje Kopperfield; aber ich habe ſchon eine ziemlich lange Zeit Augen in meinem Kopfe gehabt. Wir niedrigen Leute haben mehrſtentheils Augen im Kopfe— und wir gucken uns mit ihnen um.“ Ich verſuchte eine Miene zu machen, als ob ich ihn nicht verſtünde und nicht aus meiner Ruhe gebracht wäre, aber, wie ich an ſeinem Geſichte bemerkte, mit nur geringem Erfolge. „Nun hab' ich keine Luſt, mich niederrennen zu laſ⸗ ſen, Kopperfield,“ ſprach er weiter, indem er mit bos⸗ haftem Triumphe den Theil ſeines Geſichts erhob, wo ſeine rothen Augenbrauen geweſen ſein würden, wenn er überhaupt dergleichen gehabt hätte,„und ich werde thun, was ich kann, um dieſer Freundſchaft ein Ende zu machen. Ich billige ſie nicht. Ich ſtehe nicht an, vor Ihnen zu bekennen, daß ich eine ziemlich neidiſche Gemüthsart habe und alle Eindringlinge abzuhalten wünſche. Ich habe keine Luſt, wo ich's weiß, zu ris⸗ kiren, daß man gegen mich Ränke ſchmiedet.“ „Sie ſchmieden allezeit Ränke und reden ſich ſelbſt 8*⅔ 116 David Kopperfield. den Glauben ein, daß alle andern Leute das Gleiche thun, denk' ich,“ entgegnete ich ihm. „'s iſt vielleicht ſ, Musje Kopperfield,“ erwiederte er.„Aber ich habe'nen Beweggrund, wie mein Com⸗ pagnon zu ſagen pflegte, und ich gehe auf denſelben durch Dick und Dünne los. Man muß nicht zu viel darauf rechnen, daß ich'ne niedrige Perſon bin. Ich kann den Leuten nicht erlauben, mir in den Weg zu treten. Wahrhaftig, ſie müſſen dann aus der Karre ſteigen, Musje Kopperfield.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ verſetzte ich. „Ei gar, ſo?“ entgegnete er mit einer ſeiner Aal⸗ windungen.„Ich bin erſtaunt darüber, Musje Kop⸗ perfield, da Sie doch ſonſt ſo ſchnell faſſen. Ich will ein ein ander Mal verſuchen, deutlicher zu ſein.— Iſt das da Herr Maldon auf dem Pferde, der die Glocke am Gitterthor zieht?“. „Es ſieht ſo aus,“ antwortete ich, ſo ſorglos, als ich konnte. Uriah blieb kurz ſtehen ſchob ſeine Hände zwiſchen ſeine großen, Baumknorren ähnliche Kniee und verdop⸗ pelte ſeinen umfang durch Gelächter. Durch ein ganz ſtilles Gelächter. Nicht ein Laut entſchlüpfte ihm. Ich war von ſeinem widerwärtigen Benehmen ſo abgeſto⸗ ßen, vorzüglich bei dieſer Schlußwendung, daß ich mich ohne Ceremonie abwendete und ihn verdoppelt an Um⸗ fang in der Mitte des Gartens gleich einer ihrer Stütze beraubten Vogelſcheuche zurückließ. Es war nicht an dieſem Abende, ſondern, wie ich mich ſehr wohl erinnere, am übernächſten Abende, wel⸗ cher ein Sonnabend war, daß ich Agnes mit mir nahm, um Dora zu ſehen. Ich hatte den Beſuch im Voraus o= David Kopperfield. 117 mit Miß Lavinia ausgemacht, und Agnes wurde zum Thee erwartet. Ich war ganz außer mir vor Stolz und ängſtlicher Haſt, vor Stolz auf meine kleine Verlobte, vor ängſt⸗ licher Haſt, daß Agnes ſie liebenswürdig finden möchte. Den ganzen Weg nach Putney, wo Agnes in der Poſt⸗ kutſche und ich außen ſaß, malte ich mir Dora mit einer jeden der niedlichen Mienen aus, die ich ſo gut kannte, indem ich mir jetzt dachte, daß ich froh ſein würde, wenn ſie genau ſo ausſähe, wie ſie zu dieſer Zeit aus⸗ geſehen; jetzt wieder zweifelhaft war, ob ich's nicht vor⸗ ziehen ſollte, wenn ſie ausſähe, wie ſie bei jener andern Gelegenheit ausgeſehen, und mich darüber ſchier in ein Fieber hineinängſtigte. Ich war von keinem Zweifel gequält, daß ſie auf jeden Fall ſehr niedlich ſei, aber es traf ſich gerade, daß ich ſie nie ſo hübſch geſehen hatte. Sie war nicht im Geſellſchaftszimmer, wenn ich Agnes ihren kleinen Tanten vorſtellte, ſondern hielt ſich ſchüchtern wo ver⸗ borgen. Ich wußte, wo ich ſie zu ſuchen hatte, und ſicher genug fand ich ſie, wie ſie ſich wieder die Ohren zuhielt, hinter derſelben düſtern alten Thür. Zuerſt wollte ſie gar nicht kommen, und dann machte ſie fünf Minuten lang, wie meine Uhr zeigte, allerhand Ausflüchte. Als ſie endlich ihren Arm durch den mei⸗ nen ſteckte, um ſich nach dem Geſellſchaftszimmer führen zu laſſen, war ihr bezauberndes Geſichtchen von bren⸗ nender Röthe übergoſſen und war nie ſo niedlich ge⸗ weſen. Als wir aber in das Zimmer traten und es erblaßte, war ſie noch zehntauſendmal hübſcher. Dora fürchtete ſich vor Agnes. Sie hatte mir ge⸗ ſagt, daß ſie wiſſe, Agnes ſei„zu geiſtreich“. Aber als ſie ſie zugleich ſo heiter und ſo ernſt und ſo gedan⸗ 118 David Kopperfield. kenvoll und ſo gut ſah, ſtieß ſie einen leiſen Schrei froher Ueberraſchung aus und ſchlug ſogleich ihre Arme voll Liebe um Agnes' Nacken und legte ihre unſchul⸗ dige Wange an ihr Geſicht. Ich war nie ſo ſelig. Ich war nie ſo vergnügt, als wie ich dieſe Beiden ſich Seite an Seite zuſammen niederſetzen ſah. Als ich meinen kleinen Liebling ſo natürlich zu jenen herzlich guten Augen emporblicken ſah. Als ich den zärtlichen, ſchönen Blick ſah, den Agnes auf ſie warf. Miß Lavinia und Miß Clariſſa nahmen in ihrer Art Theil an meiner Freude. Es war der angenehmſte Theetiſch in der Welt. Miß Clariſſa hatte den Vorſitz. Ich ſchnitt den Kümmelkuchen und reichte ihn herum— die kleinen Schweſtern hatten eine vogelartige Neigung für das Aufpicken von kleinen Samenkörnern und das Hacken nach Zucker. Miß Lavinia ſchaute mit wohlwollender Gönnermiene drein, als ob unſere glückliche Liebe ganz allein ihr Werk ſei, und wir waren vollkommen zu⸗ frieden mit uns ſelbſt und einander. Die holde Heiterkeit von Agnes drang ihnen allen zu Herzen. Ihre ſtille Theilnahme an Allem, was Dora intereſſirte; die Art, in welcher ſie mit Zig Be⸗ kanntſchaft ſchloß(der ſogleich darauf einging); ihr freundliches Verhalten, als Dora ſich ſchämte, auf ihren gewöhnlichen Sitz neben mir herüberzukommen; ihre beſcheidene Anmuth und Ungezwungenheit, die ein fort⸗ währendes Erröthen und andere kleine Zeichen von Ver⸗ trauen bei Dora hervorriefen, ſchienen unſern Kreis in vollkommenes heiteres Behagen zu verſetzen. „Ich bin ſo froh,“ ſagte Dora nach dem Thee, „daß Sie mich lieb haben. Ich dachte nicht, daß dies der Fall ſein würde, und ich muß mehr als David Kopperfield. 119 je Jemand haben, der mich liebt, nun Julia Mills fort iſt.“ Beiläufig geſagt, ich habe vergeſſen, das zu erwäh⸗ nen. Miß Mills war abgeſegelt, und Dora und ich waren an Bord eines großen Oſtindienfahrers zu Graveſend gegangen, ſie noch einmal zu ſehen, und wir hatten eingemachten Ingwer und Guava und andere Süßig⸗ keiten zum Frühſtück gehabt, und endlich Miß Mills weinend auf einem Feldſtuhle auf dem Quarterdeck ver⸗ laſſen, ein gewaltiges neues Tagebuch unterm Arme, in welches die ureigenen Gedanken, welche das Anſchauen des Oceans erweckten, unter Schloß und Schlüſſel nie⸗ dergeſchrieben werden ſollte. Agnes ſagte, ſie fürchte, daß ich eine unvortheilhafte Schilderung von ihrem Charakter gemacht haben müßte, aber Dora brachte das augenblicklich ins Reine. „Oh nein,“ rief ſie, indem ſie gegen mich ihre Locken ſchüttelte;„es war Alles blos Lob. Er hält ſo viel auf Ihre Meinung, daß ich mich ganz und gar davor fürchtete.“ „Meine gute Meinung kann ſeine Anhänglichkeit an gewiſſe Leute, die er kennt, nicht beſtärken,“ ſagte Agnes mit einem Lächeln;„ſie bedürfen's gar nicht, daß ich eine gute Meinung von ihnen habe.“ „Aber bitte, haben Sie eine von mir,“ erwie⸗ derte Dora in ihrer ſchmeichelnden Weiſe,„wenn Sie können.“ Wir machten uns luſtig über Dora's Wunſch ge⸗ liebt zu werden, und Dora ſagte, ich wäre ein dum⸗ mer Menſch und ſie könnte mich durchaus nicht leiden, und der kurze Abend verging mit reißender Schnelle. Die Zeit war vor der Thür, wo die Kutſche uns ab⸗ rufen ſollte. Ich ſtand allein am Kamin, als ſich Dora 120 David Kopperfield. leiſe hereinſtahl, um mir jenes übliche köſtliche Küßchen zu geben, ehe ich ging. „Denkſt Du nicht, Daddy,“ ſagte Dora, indem ihre klaren Augen ſehr hell ſtrahlten und indem ihre kleine rechte Hand mit einem meiner Rockknöpfe ſpielte, „daß ich, hätte ich ſie ſchon ſeit langer Zeit zur Freun⸗ din gehabt, vielleicht viel geſcheidter ſein würde?“ „Meine Liebe,“ erwiederte ich,„was für Unſinn!“ „Denkſt Du, daß dies Unſinn iſt?“ entgegnete Dora, ohne mich anzuſehen.„Biſt Du gewiß, daß es wel⸗ cher iſt?“ „Natürlich?“ „Ich habe vergeſſen,“ ſagte Dora, indem ſie noch immer an meinem Knopfe drehte,„wie Agnes mit Dir verwandt iſt, Du lieber böſer Junge.“ „Keine Blutsverwandtſchaft,“ antwortete ich;„aber wir wurden zuſammen auferzogen wie Bruder und Schweſter.“ 1 „Ich wundere mich, wie Du Dich je haſt in mich verlieben können?“ ſagte Dora, indem ſie mit einem andern Rockknopfe begann. „Vielleicht, weil ich Dich nicht ſehen und Dich nicht lieben konnte, Dora!“ „Geſetzt den Fall, Du hätteſt mich niemals geſe⸗ hen,“ fuhr Dora fort, indem ſie an einen dritten Knopf ging. „Geſetzt den Fall, wie wären nie geboren worden!“ verſetzte ich ſcherzhaft. Ich fragte mich, an was ſie denken möchte, als ich in bewunderndem Schweigen der kleinen weißen Hand, die an der Reihe meiner Knöpfe heraufging, und dem in reichen Flechten herabwallenden Haare, welches an meiner Bruſt lag, und den Wimpern ihrer niederge⸗ David Kopperfield. ſchlagenen Augen zuſah, die ſich langſam erhoben, in⸗ dem ſie den ſpielenden Fingern folgten. Endlich hatte ſie die Augen bis zu den meinen erhoben und hob ſich auf die Fußſpitzen, um mir, gedankenvoller als gewöhn⸗ lich, jenes köſtliche Küßchen zu geben— ein— zwei— drei Mal— dann ging ſie aus dem Zimmer. Sie kamen innerhalb fünf Minuten nachher alle⸗ ſammt zurück, und Dora's ungewöhnliche Nachdenklich⸗ keit hatte ſie dann ganz verlaſſen. Sie entſchloß ſich lachend, Zig alle ſeine Kunſtſtückchen durchmachen zu laſſen, ehe die Kutſche kam. Sie erforderten einige Zeit (nicht ſo ſehr wegen ihrer Mannichfaltigkeit, als wegen Zigs Widerſetzlichkeit) und waren noch nicht durchge⸗ ſpielt, als die Kutſche ſich an der Thür hören ließ. Es fand ein eiliger, aber liebevoller Abſchied zwiſchen Agnes und ihr ſtatt. Dora wollte an Agnes ſchreiben (welche nicht denken wollte, daß ihre Briefe närriſches Zeug wären, wie Jene ſagte) und Agnes wollte an Dora ſchreiben, und ſie nahmen einen zweiten Abſchied am Kutſchenſchlage und einen dritten, als Dora trotz des Widerſtrebens der Miß Lavinia noch einmal herauslief, um Agnes am Kutſchenfenſter ans Schreiben zu erin⸗ nern und gegen mich, der ich auf dem Bocke ſaß, ihre Locken zu ſchütteln. Die Poſtkutſche ſollte uns in der Nähe von Co⸗ ventgarden abſetzen, wo wir eine andere Poſtkutſche nach Highgate beſteigen wollten. Ich ſehnte mich mit Un⸗ geduld nach dem kurzen Wege zwiſchen den beiden Poſt⸗ ſtationen, um Dora's Lob von Agnes zu hören. Ach, was war es für ein Lob! Wie liebevoll und feurig empfahl es das niedliche Geſchöpf, das ich gewon⸗ nen hatte, meiner zarteſten Sorgfalt, und wie ſetzte es mir alle ihre kindlich ungezwungene Anmuth aufs Beſte 122 David Kopperfield. auseinander! Wie gedankenvoll erinnerte es mich, doch ohne den Anſchein, als wollte es dies thun, an die Treue, die ich dem verwaiſten Kinde ſchuldig ſei! Nie, nie hatte ich Dora ſo tief und treu geliebt, als ich ſie dieſe Nacht liebte. Als wir wieder abge⸗ ſtiegen waren und im Sternenlichte die ſtille Straße entlang wandelten, die nach des Doctors Hauſe führte, ſagte ich Agnes, daß dies ihr Werk ſei. „Als Du neben ihr ſaßeſt,“ verſetzte ich,„ſchienſt Du nicht weniger ihr Schutzengel als der meinige zu ſein, und Du ſcheinſt noch jetzt ſo, Agnes.“ 1 „Ein geringer Engel,“ entgegnete ſie,„aber ein getreuer.“ Indem mir der klare Ton ihrer Stimme gerade⸗ wegs zu Herzen drang, war es ganz natürlich, daß ich ſagte: „Die Seelenheiterkeit, die Dir eigenthümlich iſt, Agnes(und keinem Andern, den ich je geſehen), iſt, wie ich heute beobachtet habe, ſo zurückgekehrt, daß ich zu hoffen begonnen habe, Du biſt jetzt glücklicher zu Hauſe.“ 4 „Ich bin glücklicher in mir ſelbſt,“ ſagte ſie,„ich bin ganz frohen Sinnes und leichten Herzens.“ Ich warf einen Blick auf das heitere Antlitz, als es in die Höhe ſah, und dachte, es ſeien die Sterne, die ihm ſolch einen edlen Ausdruck gaben. „Es hat kein Wechſel der Verhältniſſe zu Hauſe ſtatt⸗ gefunden,“ verſetzte Agnes nach einigen Augenblicken. „Nicht wieder zurückgekommen,“ ſagte ich,„auf— ich wollte Dich nicht betrüben, Agnes, aber ich kann mir nicht helfen, ich muß fragen— auf das, wovon wir ſprachen, als wir das letzte Mal Abſchied nahmen?“ „Nein, nichts davon,“ antwortete ſie. David Kopperfield.. 123 „Ich habe ſo oft daran gedacht.“ „Du mußt weniger daran denken. Erinnere Dich, daß ich zuletzt auf einfache Liebe und Wahrhaftigkeit baue. Aengſtige Dich nicht um mich, Trotwood,“ fügte ſie nach einem Augenblicke hinzu,„den Schritt, von dem Du fürchteſt, daß ich ihn thun werde, werd' ich nimmermehr thun!“ Obſchon ich glaube, daß ich dies im Zuſtande ruhi⸗ ger Ueberlegung nie eigentlich gefürchtet hatte, erleich⸗ terte es mir doch das Herz unausſprechlich, dieſe Ver⸗ ſicherung von ihren eignen wahrheitsliebenden Lippen zu haben. Und ich geſtand ihr das aufrichtig. „Und wenn dieſer Beſuch vorüber iſt,“ ſagte ich, —„denn wir können ein ander Mal vielleicht nicht allein ſein— wie lange wohl wird es dauern, meine liebe Agnes, ehe Du wieder nach London kommſt?“ „Wahrſcheinlich lange Zeit,“ erwiederte ſie;„ich glaube, es wird um Papas willen am Beſten ſein, zu Hauſe zu bleiben. Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß wir in der nächſten Zukunſt uns öfters ſehen; aber ich werde fleißig an Dora ſchreiben, und wir werden auf dieſe Art häufig von einander hören.“ Wir waren jetzt innerhalb des kleinen Hofes um des Doctors Landhaus. Es wurde allmählig ſpät. Es ſtand ein Licht in dem Fenſter der Kammer von Mrs. Strong, und Agnes bot mir, indem ſie auf daſſ ſelbe zeigte, Gutenacht. „Mache Dir keine Furcht,“ ſagte ſie, mir ihre Hand gebend,„wegen unſerer unglücklichen und be⸗ ängſtigenden Verhältniſſe. Ich kann in nichts glück⸗ licher ſein als in Deinem Glücke. Kannſt Du mir je in irgend etwas beiſtehen, verlaß Dich drauf, ſo werd' ich Dich darum bitten. Gott ſegne Dich allezeit!“ 124 David Kopperfield. In ihrem ſtrahlenden Lächeln und in dieſen letzten Tönen ihrer fröhlichen Stimme ſchien mir's, als ſähe und hörte ich wieder meine kleine Dora in ihrer Ge⸗ ſellſchaft. Ich ſtand eine Weile ſtill und ſah durch den Säulengang nach den Sternen hinauf mit einem Her⸗ zen voll Liebe und Dankbarkeit und ging dann lang⸗ ſam fort. Ich hatte in einem anſtändigen Alehauſe gleich in der Nähe ein Bett beſtellt und ſchritt eben durch das Gitterthor, als ich zufällig den Kopf um- drehte und in des Doctors Studierzimmer noch Licht erblickte. Ein halb tadelnder Gedanke ging mir durch den Kopf, daß er an dem Wörterbuche gearbeitet ohne meine Hülfe. Mit der Abſicht, nachzuſehen, ob dies ſo wäre, und auf alle Fälle, ihm Gutenacht zu ſagen, wenn er noch unter ſeinen Büchern ſäße, kehrte ich um, und indem ich leiſe durch die Halle ging und unbemerkt die Thür öffnete, ſah ich hinein.. Die erſte Perſon, welche ich zu meiner Ueberraſchung erblickte bei dem milden Lichte der beſchatteten Lampe, war Uriah. Er ſtand hart dabei und hielt eine ſeiner knochendürren Hände über ſeinem Munde, während die andere auf des Doctors Tiſche ruhte. Der Doctor ſaß in ſeinem Studierſtuhle und bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen. Mr. Wickfield, ſchwer geängſtigt und betrübt, lehnte nach vorn, indem er unentſchloſſen den Arm des Doctors berührte. Einen Augenblick glaubte ich, der Doctor ſei nicht wohl. Ich that unter dieſem Eindrucke haſtig einen Schritt auf ſie zu, als ich Uriahs Augen begegnete und ſah, was vorging. Ich würde mich zurückgezogen ha⸗ ben, aber der Doctor machte eine Geberde, mich zurück⸗ uhalten und ſo blieb ich. „Auf jeden Fall,“ verſetzte Uriah, indem er ſeine 125 David Kopperfield. linkiſche Geſtalt herumſchlenkern ließ,„möchten wir die Thür zuſchließen. Wir brauchen nicht die ganze Stadt damit bekannt zu machen.“ Indem er dies ſagte, ging er auf den Zehen nach der Thür, welche ich offen gelaſſen hatte, und ſchloß ſie ſorgfältig. Er kam dann zurück und nahm ſeine frü⸗ here Stellung wieder ein. In ſeiner Stimme und Haltung lag ein mitleidiger Dienſteifer ausgeprägt, der — wenigſtens mir— unerträglicher war, als jedes mögliche andere Benehmen, welches er hätte annehmen können. „Ich habe es für meine Obliegenheit gehalten, Musje Kopperfield,“ begann Uriah,„dem Doctor Strong anzudeuten, wovon Sie und ich bereits ge⸗ ſprochen haben. Obwohl Sie mich wohl nicht ſo ei⸗ gentlich verſtunden.“ Ich warf ihm einen Blick zu, gab ihm aber keine andere Antwort, und indem ich zu meinem guten alten Lehrer hinging, ſagte ich einige Worte, in der Abſicht, ihm Troſt und Muth einzuſprechen. Er legte ſeine Hand auf meine Schulter, wie es ſeine Gewohnheit geweſen, als ich noch ein ganz kleines Bürſchchen war, aber erhob ſein graues Haupt nicht. „Da Sie mich nicht verſtunden, Musje Kopper⸗ field,“ nahm Uriah ſeine Rede in derſelben dienſtferti⸗ gen Weiſe wieder auf,„ſo darf ich mir, indem ich ja unter Freunden bin, zu erwähnen erlauben, daß ich Doctor Strongs Aufmerkſamkeit auf das gelenkt habe, was mit Madame Strong vorgeht. Es iſt ſehr gegen meine Art, an irgend einer ſo unangenehmen Geſchichte betheiligt zu ſein, das verſichere ich Ihnen, Musje Kopperfield, aber wirklich, wie's nun einmal ſteht, kommen wir Alle mit etwas in Berührung, das nicht 126 David Kopperfield. ſein ſollte. Das war's, was ich meinen that, als Sie mich nicht verſtunden.“ Ich wundere mich jetzt, wenn ich mich ſeines lauern⸗ den Blickes erinnere, daß ich ihn nicht beim Kragen nahm und verſuchte, ihm den Athem aus dem Leibe zu ſchütteln.— „Ich möchte ſagen,“ fuhr er fort,„das ich mich nicht recht klar ausdrückte, ſo wenig wie Sie. Natür⸗ lich waren wir alle Beide geneigt, ſolch einem Gegen⸗ ſtande nicht zu nahe auf den Leib zu gehen. Indeſſen aber hab' ich doch zur Letzt mich entſchloſſen, deutlich zu reden, und habe dem Doctor geſagt, daß— ſpra⸗ chen Sie, mein Herr?“ Es war der Doctor, welcher geſtöhnt hatte. Der Ton möͤchte, dachte ich, jedwedes Herz gerührt haben, aber er hatte keine Wirkung auf das Herz Uriahs. —„dem Doctor geſagt alſo,“ fuhr er fort,„daß Jedermann ſehen könnte, wie Herr Maldon und die liebenswürdige und vortreffliche Dame, welche Doctor Strongs Gemahlin iſt, einander zu gut ſind. Wahrlich, die Zeit iſt gekommen(da wir jetzt Alle mit etwas in Berührung kommen, was nicht ſein ſollte), wo Doctor Strong aufmerkſam gemacht werden muß, daß dies Jeder⸗ mann ſo klar wie die Sonne war, ſchon ehe Herr Maldon nach Indien ging; daß Herr Maldon zu keinem andern Zwecke Entſchuldigungen machte, um zurückzukommen; und daß er zu keinem andern Zwecke immer hier ſteckt. Als Sie'reinkamen, legt' ich's gerade meinem Com⸗ pagnon vor,“ nach dem er ſich hinwendete,„und bat ihn, dem Doctor Strong auf Wort und Chre zu ſagen, ob er jemals dieſer Meinung geweſen wäre oder nicht. Kommen Sie, Herr Wickfield! Wollen Sie ſo gut ſein, uns das zu ſagen? Ja oder nein, Herr? Vorwärts, Compagnon!“ K David Kopperfield. 127 „Um Gottes willen, mein lieber Doctor,“ ſagte Mr. Wickfield, indem er wieder ſeine unentſchloſſene Hand auf des Doectors Schulter ſtreckte,„legen Sie nicht zu viel Gewicht auf die ſchlimmen Vermuthungen, die ich etwa gehegt haben mag.“ „Da haben wir's!“ ſchrie Uriah, indem er den Kopf ſchüttelte.„Welche traurige Beſtätigung, nicht wahr? Er! Solch ein alter Freund! Herrjes, als ich nichts als ein Schreiber in ſeiner Expedition war, Kopper⸗ field, hab' ich ihn nicht ein Mal, ſondern zwanzig Mal mit ſich ſelber darüber reden hören— ganz außer ſich (und zwar ſehr paſſend für ihn als Vater, ſo daß ich ihn wahrhaftig nicht tadeln mag) bei dem Gedanken, daß Agnes mit etwas in Berührung kommen thäte, was ſich nicht gehört.“ „Mein lieber Strong,“ ſagte Mr. Wickfield mit zitternder Stimme,„mein guter Freund, ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß es immer mein Fehler gewe⸗ ſen iſt, mich in Jedermann nach einem Hauptbeweg⸗ grunde umzuſehen und alle Handlungen in einem eng⸗ begrenzten Schmelztiegel zu unterſuchen. Ich mag durch dieſe Mißgriffe wohl in ſolche Zweifel verfallen ſein, wie ich ſie hegte.“ „Sie haben alſo Zweifel gehegt, Wickfield?“ ent⸗ gegnete der Doctor, ohne ſeinen Kopf aufzurichten.„Sie haben wirklich Zweifel gehegt?“ „Friſch mit der Sprache heraus, Compagnon!“ drängte Uriah. „Ich hatte ſie allerdings ein Mal,“ ſagte Mr. Wick⸗ field.„Ich— Gott vergieb mir's— ich dachte, auch Sie hätten welche.“ „Nein, nein, nein!“ entgegnete der Doctor im Tone des rührendſten Kummers. 128 David Kopperfield. „Ich dachte ein Mal,“ ſagte Mr. Wickfield,„Sie wünſchten Maldon außer Landes zu ſchicken, um eine wünſchenswerthe Trennung zu bewirken.“ „Nein, nein, nein!“ erwiederte der Doctor.„Blos, um Annie eine Freude zu machen, indem ich den Ge⸗ fährten ihrer Kindheit verſorgte. Nichts weiter.“ „So fand ich's auch,“ ſagte Mr. Wickfield.„Ich konnte es nicht bezweifeln, als Sie mir ſo erzählten. Aber ich dachte— ich bitte Sie angelegentlich, ſich der engherzigen Art, mir die Dinge zu erklären, welche meine nie weichende Sünde geweſen iſt, zu erinnern— daß in einem Falle, wo eine ſo große Ungleichheit im Punkte der Jahre ſtattfand—“ „Sehen Sie, das iſt der Weg, es ins rechte Licht zu ſetzen, Musje Kopperfield!“ bemerkte Uriah mit ſchmeichleriſchem und beleidigendem Mitleid. „— eine Dame von ſolcher Jugend und ſolchen an⸗ ziehenden Eigenſchaften, wie wahr auch ihre Achtung vor Ihnen vielleicht geweſen ſein mag, doch möglicherweiſe nur durch äußerliche Beweggründe zur Heirath beſtimmt worden ſein könnte. Ich geſtattete unzähligen Gefühlen und Umſtänden, die vielleicht alle zum Guten geſprochen haben könnten, keinen Einfluß auf mein Urtheil. Um des Himmels willen ſeien Sie deſſen eingedenk!“ „Wie zartfühlend er's ihm zu verſtehen giebt!“ ſagte Uriah, den Kopf ſchüttelnd. „Indem ich ſie ſtets nur von einem Standpunkte beobachtete,“ fuhr Mr. Wickfield fort;„aber bei Allem, was Ihnen theuer iſt, mein alter Freund, bitte ich Sie, in Betracht zu ziehen, was es war; ich muß jetzt, wo ich keinen Ausweg mehr habe, geſtehen—“ „Nein, s giebt keine Ausflucht mehr,“ bemerkte Uriah,„wenn es dahin kommt.“ David Kopperfield. 129 „— daß ich wirklich,“ ſagte Mr. Wickfield mit einem hülfloſen und peinvoll verzweifelten Blicke auf ſeinen Geſchäftstheilhaber,„daß ich ſie wirklich im Verdachte hatte; daß ich dachte, ſie fehle in ihrer Pflicht gegen Sie; und daß ich's, wenn ich denn Alles ſagen muß, wirklich manchmal mit Widerwillen bemerkte, wie Agnes in einem ſo vertrauten Verhältniſſe zu ihr ſtand, wenn ich ſah, was ich ſah oder in meiner krankhaften Theorie zu ſehen meinte. Ich habe dies nie gegen irgend Je⸗ mand erwähnt. Ich dachte nie, daß es irgend Jemand bekannt werden würde. Und obſchon es für Sie ſchreck⸗ lich anzuhören ſein muß,“ ſagte Mr. Wickfield ganz nie⸗ dergebeugt,„wenn Sie wüßten, wie ſchrecklich es mir iſt, es Ihnen zu erzählen, ſo würden Sie Mitleid mit mir fühlen.“ Der Doctor ſtreckte in der vollendeten Güte ſeiner Natur ſeine Hand aus. Mr. Wickfield hielt ſie ein Weilchen in der ſeinigen, wobei er ſeinen Kopf nieder⸗ hängen ließ.. „Gewißlich,“ verſetzte Uriah, indem er ſich in das herrſchende Schweigen wie ein elektriſcher Aal hineinwand und ſchlenkerte,„iſt dies ein Gegenſtand voll unange⸗ nehme Gefühle für Jedermann. Aber da wir nun ein Mal ſo weit gegangen ſind, muß ich mir die Freiheit nehmen und erwähnen, daß es auch Kopperfield be⸗ merkt hat.“ Ich wandte mich zu ihm und fragte ihn, wie er's wagen könnte, ſich auf mich zu beziehen. „Oh!'s iſt ſehr freundlich von Sie, Kopperfield,“ 65 erwiederte Uriah, indem er über und über ganz Win⸗ dung und Geſchlängel war,„und wir Alle wiſſen, was Sie für'nen liebenswürdigen Charakter haben; aber Sie wiſſen, daß Sie, als ich neulich Aüend zu Ihnen David Kopperfield. VII 130 David Kopperfield. davon ſprach, im Augenblick wußten, was ich meinte. Sie wiſſen, daß Sie wußten, was ich meinte, Kopperfield. Leugnen Sie's nicht! Sie leugnen es mit den beſten Ab⸗ ſichten, aber thun Sie das lieber nicht, Kopperfield!“ Ich ſah das milde Auge des guten alten Doctors einen Augenblick auf mich gerichtet, und ich fühlte, daß das Gedächtniß meiner einſtigen üblen Vermuthungen und Erinnerungen zu deutlich in meinem Antlitze ge⸗ ſchrieben ſtand, um überſehen zu werden. Es nutzte nichts, wüthend zu werden. Ich konnte das nicht ver⸗ meiden. Mocht' ich ſagen, was ich wollte, ich konnte es nicht ungeſagt ſein laſſen. Wir ſchwiegen abermals und blieben dabei, bis ſich der Doctor erhob und zwei oder drei Mal durch die Stube ging. Bald aber kehrte er zurück, wo ſein Stuhl ſtand, und während er ſich auf die Lehne deſſelben ſtützte und gelegentlich ſein Taſchentuch an die Augen führte, ſagte er in einer einfachen redlichen Weiſe, die ihm mei⸗ ner Anſicht nach mehr Ehre machte, als alle Verſtel⸗ lung, die er hätte annehmen konnen: „Ich bin ſehr zu tadeln geweſen. Ich glaube, ich bin ſehr zu tadeln geweſen. Ich habe Jemand, der mir am Herzen liegt, Verſuchungen und üblen Nachreden ausgeſetzt— ich nenne es üble Nachreden, ſelbſt wenn ſie nur im tiefſten Innern Jemandes Platz gefunden haben— deren Gegenſtand ſie ohne meine Schuld nie hätte werden können.“ Uriah ließ eine Art Schnüffeln vernehmen, ich glaube, um ſeine Theilnahme auszudrücken. „Deren Gegenſtand meine Annie ohne meine Schuld nie hätte ſein koͤnnen. Meine Herren, Sie wiſſen, ich bin jetzt alt, ich fühle heut Abend, daß ich nicht lange mehr zu leben habe. Aber mein Leben— mein Le⸗ David Kopperfield. ben— bei der Treue und Ehre der theuren Dame, welche der Gegenſtand dieſer Unterredung geweſen iſt!“ Ich glaube nicht, daß die beſte Verkoͤrperung des Begriffs der Ritterlichkeit, die Verwirklichung der ſchön⸗ ſten und romantiſchſten Geſtalt, die je der Einbildung eines Malers entſprang, dies mit einer eindringlichern und ergreifendern Würde geſagt haben könnte, als der einfache alte Doctor. „Aber ich bin nicht vorbereitet,“ fuhr er fort,„zu leugnen— vielleicht mag ich, ohne es zu wiſſen, in gewiſſem Grade vorbereitet geweſen ſein, es zuzugeben — daß ich unüberlegter Weiſe dieſe Dame zu einer un⸗ glücklichen Heirath verleitet habe. Ich bin ein Mann, völlig ungewohnt, zu beobachten, und ich kann nicht anders, als glauben, daß die Beobachtung mehrerer Leute von verſchiedenen Jahren und Stellungen, die alle nur zu deutlich auf eine Richtung hinauslaufen(und das ſo natürlich) beſſer als die meinige iſt.“ Ich hatte, wie ich anderswo geſchildert, oft ſein wohl⸗ wollendes Benehmen gegen ſein junges Weib bewun⸗ dert; aber die achtungsvolle Zärtlichkeit, die er in jeder Bezugnahme auf ſie bei dieſer Gelegenheit an den Tag legte, und die ſchier ehrwürdige Weiſe, in welcher er den leiſeſten Zweifel an ihrer Unſchuld von ſich wies, erhob ihn in meinen Augen über alle Beſchreibung. „Ich heirathete dieſe Dame,“ ſagte der Doctor,„als ſie außerordentlich jung war. Ich nahm ſie zu mir, als ihr Charakter kaum ausgebildet war. So weit er ſich gebildet hatte, hatte ich ihn zu meiner Freude ge⸗ bildet. Ich kannte ihren Vater gut. Ich kannte ſie gut. Ich hatte ihr gelehrt, was ich konnte, aus Liebe zu allen ihren ſchönen und tugendhaften Eigenſchaften. Wenn ich ihr Unrecht that, wie ich ihr wirklich gethan zu ha⸗ 9*⅔ 132 David Kopperfield. ben fürchte, indem ich(ohne es aber je ſo zu meinen) ihre Dankbarkeit und Zuneigung benutzte, ſo bitte ich in meinem Herzen dieſe Dame um Verzeihung.“ Err ging durch das Zimmer und kam zu demſelben Platze zurück, wobei er den Stuhl mit einem Griffe faßte, welcher zitterte, wie ſeine gedämpfte Stimme in ihrer tiefen Erregung. „Ich betrachtete mich als einen Zufluchtsort für ſie aus den Gefahren und Drangſalen des Lebens. Ich üͤberredete mich, daß ſie, ſo ungleich wir auch an Jah⸗ ren wären, doch ruhig und zufrieden mit mir leben würde. Ich ſchloß von meiner Betrachtung die Zeit nicht aus, wo ich ſie frei und immernoch jung und ſchön, aber mit gereifterem Urtheile zurücklaſſen würde— nein, meine Herren— auf mein Wort!“ Seine gebrechliche Geſtalt ſchien erhoben durch ſeine Treue und ſeinen Edelſinn. Jedes ſeiner Worte hatte eine Gewalt, welches ihm keine andere Anmuth hätte verleihen können. „Mein Leben mit dieſer Dame iſt ſehr glücklich ge⸗ weſen. Bis heute Abend habe ich ununterbrochen Ge⸗ legenheit gehabt, den Tag zu ſegnen, an dem ich ihr ſo großes Unrecht that.“ Seine Stimme, die beim Ausſprechen dieſer Worte mehr und mehr bebte, verſagte ihm auf einige Augen⸗ blicke, dann fuhr er fort: „Einmal aufgeweckt aus meinem Traume— ich bin in dieſer und jener Weiſe mein Lebelang ein armer Träumer geweſen— ſehe ich, wie natürlich es iſt, daß ſie ihren alten Lebensgefährten und den ihr an Alter gleichen mit einer Art Reue betrachtet. Daß ſie ihn wirklich mit einer Art ſchuldloſer Reue, mit gewiſſen nicht zu tadelnden Gedanken an das, was ohne mein David Kopperfield. 133 Dazwiſchentreten hätte ſein können, betrachtet, iſt, fürcht' ich, nur zu wahr. Vieles, was ich geſehen, aber nicht bemerkt habe, iſt mit neuer Bedeutung in dieſer Stunde der Prüfung über mich zurückgekommen. Aber über das Geſagte hinaus, meine Herren, muß der Name dieſer theuren Dame nie mit einem Worte oder Athem⸗ zuge von Verdacht verbunden werden.“ Für ein Weilchen erglänzte ſein Auge, und ſeine Stimme klang feſt; für ein Weilchen wieder war er ſchweigſam. Bald darauf fuhr er wie vother fort: „Es bleibt mir nichts übrig, als das Bewußtſein des Unglücks, wozu ich Gelegenheit gegeben, ſo demüthig zu tragen, als ich vermag. Sie iſt's, welche zu tadeln hat, nicht ich. Sie vor Mißdeutung, grauſamer Miß⸗ deutung zu bewahren, die ſelbſt meine Freunde nicht zu vermeiden im Stande waren, wird meine Pflicht. Je zurückgezogener wir leben, deſto beſſer werde ich im Stande ſein, ſie zu erfüllen. Und wenn die Zeit kommt— möge ſte bald kommen, wenn es ſein gnadenvolles Wohl⸗ gefallen iſt!— wo mein Tod ſie von ihrem Zwange erlöſen wird, dann werde ich meine Augen mit einem Blicke unbegränzter Zuverſicht und Liebe auf ihr edles Antlitz ſchließen und ſie, ohne Kummer ſodann, verlaſ⸗ ſen, damit ſie glücklichere und heiterere Tage ſehe.“ Ich konnte ihn vor den Thränen, die ſeine tiefe Erregung und ſeine Güte, welche die vollkommen kind⸗ liche Einfalt ſeines Weſens ſo ſchmückte und wiederum von dieſen Eigenſchaften geſchmückt wurde, mir in die Augen drängten, nicht ſehen. Er hatte ſich nach der Thür bewegt, als er hinzufügte: „Meine Herren, ich habe Ihnen mein Herz gezeigt. Ich halte mich verſichert, Sie werden es achten. Was wir heute Abend geſprochen haben, ſoll nie wieder er⸗ 134 David Kopperfield. wähnt werden. Wickfield, geben Sie mir den Arm eines alten Freundes und führen Sie mich hinauf.“ Mr. Wickfield eilte auf ihn zu. Ohne ein Wort zu wechſeln, gingen ſie langſam zuſammen aus dem Zimmer. Uriah ſah ihnen nach. „Nun denn, Musje Kopperfield!“ ſagte Uriah, in⸗ dem er ſich mit ſüßlichem Tone zu mir wandte.„Das Ding hat nicht ganz die Wendung genommen, die man hätte erwarten können; denn der alte Schulfuchs— was für ein trefflicher Mann!— iſt ſo blind wie'n Mauer⸗ ziegel; aber dieſe Familie iſt aus der Karre geſchmiſſen, denk' ich.“ Es bedurfte für mich nur des Klangs ſeiner Stimme, um mich in eine ſolche wahnſinnige Wuth zu verſetzen, wie ich nie vorher und ſeitdem nie in mir gefühlt. „Sie Schuft,“ ſchrie ich,„was ſoll das heißen, daß Sie mich in Ihre Pläne verwickeln? Wie koͤnnen Sie ſich's unterſtehen, Sie falſcher Schurke, ſich eben jetzt auf mich zu berufen, als ob wir die Angelegenheit zu⸗ ſammen beſprochen hätten?“ Als wir uns Geſicht zu Geſicht gegenüberſtanden, ſah ich in dem heimlichen Jubel ſeines Antlitzes ſo klar, was ich bereits ſo deutlich wußte; daß er nämlich mir ſein Vertrauen ausdrücklich deshalb aufzwang, um mich elend zu machen, und mir gerade hierin eine wohlüber⸗ legte Falle geſtellt hatte, daß ich's nicht mehr aushal⸗ ten konnte. Seine ganze dürre Backe lag ſo einladend vor mir, daß ich ihm meine offene Hand mit ſolcher Kraft hineinſchlug, daß mir die Finger prickelten, als ob ich ſie verbrannt hätte. Er fing meine Hand mit der ſeinen, und wir ſtan⸗ den in dieſer Verbindung uns gegenüber und ſahen uns an. Wir ſtanden ſo eine lange Zeit, lang genug für David Kopperfield. 135 mich, um zu bemerken, wie die weißen Merkzeichen mei⸗ ner Finger aus der tiefen Röthe ſeiner Wange ver⸗ ſchwanden und ein dunkleres Roth darauf zurückließen. „Kopperfield,“ verſetzte er endlich mit athemloſer Stimme,„haben Sie Abſchied von Ihren fünf Sin⸗ nen genommen?“ „Ich habe von Ihnen Abſchied genommen,“ ſagte ich, ihm meine Hand entwindend.„Sie Hund, Sie, ich will von Ihnen nichts mehr wiſſen.“ „Wirklich nicht?“ erwiederte er, von der ſchmerzen⸗ den Wange gezwungen, ſeine Hand dorthin zu legen. „Vielleicht werden Sie nicht im Stande ſein, dem zu entgehen. Aber iſt das nicht undankbar von Ihnen?“ „Ich habe Ihnen oft genug gezeigt, daß ich Sie verachte; ich habe Ihnen jetzt deutlicher gezeigt, daß dies der Fall iſt. Warum ſollt' ich fürchten, daß Sie Allen um ſich herum das Schlimmſte thun werden. Was ha⸗ ben Sie denn je anders gethan?“ Er verſtand dieſe Anſpielung auf die Betrachtungen, welche mich bis jetzt in meinem Verhalten zu ihm zur Mäßigung vermocht hatten, vollkommen. Ich denke auch, daß weder die Ohrfeige noch die Anſpielung mir ent⸗ ſchlüpft ſein würden, hätte ich dieſen Abend nicht jene Verſicherung von Seiten Agnes' erhalten gehabt. Hat übrigens nichts zu bedeuten. Wieder folgte eine lange Pauſe. Seine Augen ſchie⸗ nen, als er mich anſah, jede Farbenſchattirung anzu⸗ nehmen, welche Augen häßlich machen konnte. „Kopperfield,“ ſagte er, indem er ſeine Hand von ſeinem Backen wegnahm,„Sie ſind immer gegen mich geweſen. Ich weiß, Sie waren ſtets gegen mich in Herrn Wickfields Haus.“ „Denken Sie davon, was Ihnen beliebt,“ erwie⸗ 136 David Kopperfield. derte ich, immernoch in ſteigender Wuth.„Wenn es nicht wahr iſt, um ſo viel würdiger Ihrer.“ „Und doch bin ich Ihnen immer gut geweſen,“ ſetzte er ſeine Rede fort. Ich hatte im Sinne, ihm keine Antwort zu geben und wollte, indem ich meinen Hut nahm, hinaus zu Bett gehen, als er ſich zwiſchen mich und die Thür ſtellte. „Kopperfield,“ ſagte er,„zu einem Streite müſſen zwei Parteien ſein. Ich will keine ſein.“ „Sie mögen ſich zum Teufel packen!“ ſchrie ich. „Sagen Sie das nicht,“ erwiederte er.„Ich weiß, Sie werden ſich hinterher Vorwürfe darüber machen. Wie können Sie ſich nur ſo tief unter mich ſtellen, daß Sie ſolch einen böſen Geiſt zeigen. Aber ich verzeihe Ihnen.“ „Sie mir verzeihen!“ wiederholte ich verächtlich. „Ja, ich thue es, und Sie können dem nicht ent⸗ gehen,“ entgegnete Uriah.„O, denken zu müſſen, daß Sie kommen und mich anfallen, der ich ſtets ein Freund gegen Sie geweſen bin! Aber es kann kein Streit ſein ohne zwei Parteien, und ich will keine ſein. Ich will trotz Ihnen ein Freund von Ihnen ſein. So, na, nun wiſſen Sie, was Sie zu erwarten haben.“ Die Nothwendigkeit, dieſes Zwiegeſpräch(wo er ſehr langſam, ich ſehr ſchnell redete) in einem leiſen Tone zu führen, damit das Haus nicht zu unpaſſender Stunde geſtört wurde, beſſerte meine Laune nicht, obſchon meine Leidenſchaftlichkeit ſich abkühlte. Indem ich ihm blos ſagte, ich werde von ihm erwarten, was ich ſtets er⸗ wartet und worin ich mich nie getäuſcht habe, öffnete ich die Thür in der Weiſe gegen ihn, als ob er eine große Wallnuß geweſen wäre, dorthin geſteckt, um ge⸗ knackt zu werden, und ging aus dem Hauſe. Aber auch David Kopperfield. er ſchlief außer dem Hauſe, in der Wohnung ſeiner Mutter, und ehe ich viele hundert Schritte gegangen war, holte er mich ein. „Wiſſen Sie wohl, Kopperfield,“ ſagte er mir ins Ohr(ich wendete nämlich den Kopf nicht um),„daß Sie in einer ganz falſchen Stellung ſind?“ wovon ich fühlte, daß es wahr war, und was mich nur noch mehr knirrſchen ließ.„Sie können ſich deſſen nicht als einer tapfern That rühmen, und Sie können nicht umhin, ſich's vergeben zu laſſen. Ich beabſichtige nicht, es vor Mutter zu erwähnen, noch vor irgend einer lebenden Seele. Ich bin entſchloſſen, Ihnen zu vergeben. Aber ich wundere mich, daß Sie Ihre Hand gegen eine Perſon er⸗ hoben haben, von der Sie wiſſen, wie niedrig ſie ſteht.“ Ich fühlte mich nur weniger gemein, als er. Er kannte mich beſſer, als ich mich ſelbſt kannte. Wenn er mich zurückgeſtoßen oder mich offen in Wuth verſetzt hätte, würde es eine Erleichterung und Rechtfertigung geweſen ſein; aber er legte mich auf ein langſames Feuer, auf dem ich die halbe Nacht in Qualen lag. Als ich am Morgen herauskam, läutete die frühe Kirchenglocke, und er ging mit ſeiner Mutter auf und ab. Er redete mich an, als ob nichts vorgefallen wäre, und ich konnte nicht umhin, darauf zu antwor⸗ ten. Ich glaube, ich hatte ihm einen Schlag gegeben, kraftvoll genug, um ihm Zahnſchmerzen zu machen. Wie dem auch ſei, ſein Geſicht war mit einem ſchwarz⸗ ſeidenen Tuche verbunden, welches mit dem oben dar⸗ auf geſtülpten Hute weit entfernt war, ſein Aeußeres zu verſchönern. Ich hörte, daß er am Montage des Morgens zu einem Zahnarzte nach London ging und ſich einen Zahn herausnehmen ließ. Hoffentlich war's einer mit doppelten Wurzeln! 138 David Kopperfield. Der Doctor gab vor, er ſei nicht ganz wohl, und blieb während der übrigen Dauer der Viſite einen be⸗ trächtlichen Theil des Tages allein. Agnes und ihr Va⸗ ter waren ſchon eine Woche fort, ehe wir unſere ge⸗ wöhnliche Arbeit wieder aufnahmen. An dem der Wie⸗ deraufnahme derſelben vorhergehenden Tage übergab mir der Doctor ein zuſammengefaltetes, aber nicht verſiegel⸗ tes Billet mit eigner Hand. Es war an mich adreſſirt und legte mir in wenigen liebevollen Worten die Ver⸗ pflichtung auf, nie auf den an jenem Abende beſpro⸗ chenen Gegenſtand zurückzukommen. Ich hatte ihn meiner Tante, aber ſonſt Niemandem anvertraut. Es war kein Gegenſtand, den ich mit Agnes beſprechen konnte, und Agnes hatte ſicherlich nicht den geringſten Verdacht von Dem, was geſchehen war. Ebenſowenig, davon fühlte ich mich überzeugt, hatte Mrs. Strong damals einen Verdacht. Mehrere Wo⸗ chen vergingen, ehe ich die geringſte Veränderung an ihr bemerkte. Es kam langſam heran, wie eine Wolke, wenn kein Wind iſt. Zuerſt ſchien ſie ſich über das ſanfte Mitleid zu wundern, mit welchem der Doctor zu ihr ſprach, und über ſeinen Wunſch, daß ſie ihre Mutter bei ſich haben möge, um ihr die todte Einför⸗ migkeit ihres Lebens zu erheitern. Oft, wenn wir an der Arbeit waren und ſie dabei ſaß, pflegte ich zu ſehen, wie ſie eine Pauſe machte und ihn mit jenem merkwür⸗ digen Geſichte anſchaute. Später bemerkte ich, daß ſie manchmal aufſtand und die Augen voll Thränen aus dem Zimmer ging. Allmählig fiel ein unglücklicher Schatten auf ihre Schönheit und verdunkelte ſich von Tage zu Tage. Mrs. Markleham war damals eine regel⸗ mäßige Hausgenoſſin des Landhauſes, aber ſie ſchwatzte und ſchwatzte und ſah nichts. David Kopperfield. 139 Als dieſe Veränderung ſich über das Weſen Annie's ſtahl, die einſt wie Sonnenſchein in des Doctors Hauſe geſtrahlt, wurde der Doctor älter in ſeiner Erſcheinung und ernſthafter; aber die Milde ſeines Temperaments, die ſanſte Güte ſeines Benehmens und ſeine wohlwol⸗ lende Sorgfalt für ſie wurden ſtärker, wenn ſie über⸗ haupt noch einer Verſtärkung fähig waren. Ich ſah ihn dereinſt, früh am Morgen ihres Geburtstages, als ſie kam, um ſich ins Fenſter zu ſetzen, während wir an der Arbeit waren(was ſie ſtets gethan hatte, jetzt aber mit einer ſchüchternen und ungewiſſen Miene, die mir ſehr rührend vorkam, zu thun begann) ihre Stirn zwi⸗ ſchen ſeine Hände nehmen, ſie küſſen und eilig hinweg⸗ gehen, zu ſehr angegriffen, um zu bleiben. Ich ſah ſie ſtehen, wo er ſie verlaſſen, gleich einer Statue, und dann ihr Haupt niederbeugen und ihre Hände falten und weinen, ich kann nicht ſagen, wie kummervoll. Manchmal nach dieſem Vorfalle bildete ich mir ein, als ob ſie in Zwiſchenpauſen, wo wir allein gelaſſen waren, ſogar zu mir zu ſprechen verſuchte. Aber ſie äußerte nie ein Wort. Der Doctor hatte allezeit irgend einen neuen Plan, daß ſie an Vergnügungen vom Hauſe entfernt mit ihrer Mutter theilnehmen ſollte; und Mrs. Markleham, welche das Vergnügen ſehr liebte und ſehr leicht mit allem Andern unzufrieden war, ging darauf äußerſt bereitwillig ein und war laut in ihren Empfeh⸗ lungen. Aber Annie ging in freudloſer, unglücklicher Weiſe nur dahin, wohin ſie geführt wurde, und ſchien ſich nach nichts zu ſehnen und an nichts Intereſſe zu nehmen. Ich wußte nicht, was ich denken ſollte. Ebenſowe⸗ nig meine Tante, welche in ihrer Ungewißheit zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten wohl an die hundert Meilen gewan⸗ 140 David Kopperfield. delt ſein muß. Was aber das Seltſamſte von Allem war, war der Umſtand, daß der einzige wirkliche Troſt, welcher ſeinen Weg in die verborgene Region dieſes häuslichen Unglücks nahm, in der Perſon Mr. Dicks dorthin ging. Was ſeine Gedanken über den Gegenſtand waren, oder was er beobachtete, kann ich ſo wenig auseinan⸗ derſetzen, als er wahrſcheinlich gekonnt hätte, wenn er mich bei dieſer Aufgabe hätte unterſtützen können. Wie ich aber ſchon in der Erzählung von meiner Schulzeit mitgetheilt habe, war ſeine Verehrung für den Doctor grenzenlos, und es liegt eine Feinheit des Herausfüh⸗ lens in wahrhafter Anhänglichkeit, ſelbſt wo ſie eines der niedern Thiere zu dem Menſchen hegt, welche den höchſten Verſtand hinter ſich zurückläßt. Zu dieſem Verſtande des Herzens, wenn ich es ſo nennen darf in Mr. Dick, ſchoß ein heller Strahl der Wahrheit geradeaus. Er hatte mit Stolz ſein Vorrecht hervorgeſucht, in mancher ſeiner unbeſchäftigten Stunden mit dem Doctor im Garten auf⸗ und abzugehen, wie er es gewohnt geweſen war,„des Doctors Spaziergang“ in Canter⸗ bury auf⸗ und abzuwandeln. Aber die Angelegenhei⸗ ten waren nicht ſobald in dieſem Zuſtande, als er alle ſeine erſparte Zeit(und er ſtand zeitiger auf, um ſie zu vermehren) dieſen Spaziergängen widmete. Wenn er früher nie ſo glücklich geweſen war, als wenn der Doctor jene bewundernswerthe wiſſenſchaftliche Leiſtung, das Wörterbuch, ihm vorlas, ſo war er jetzt völlig un⸗ glücklich, bis der Doctor es aus der Taſche zog und begann. Wenn der Doctor und ich beſchäftigt waren, verfiel er jetzt in die Gewohnheit, mit Mrs. Strong auf⸗ und abzuwandeln und ihr beim Ausputzen ihrer Lieblingsblumen oder beim Jäten der Beete behülflich David Kopperfield. 141 zu ſein. Ich glaube, daß er ſelten ein Dutzend Worte in einer Stunde ſprach, aber ſeine ſtille Theilnahme und ſein aufmerkſam zuhorchendes Geſicht fanden ein augen⸗ blickliches Echo in Beider Bruſt; Jedes wußte, daß das Andere es liebte, und daß er Beide liebte, und er wurde, was Niemand anders ſein konnte— ein Verbindungs⸗ glied zwiſchen ihnen. Wenn ich an ihn mit ſeinem Geſichte voll uner⸗ forſchlicher Klugheit denke, wie er mit dem Doctor auf⸗ und abwandelte, glückſelig, mit den unverſtändlichen Worten in dem Wörterbuche überſchüttet zu werden;— wenn ich an ihn denke, wie er gewaltige Gießkannen hinter Annie herſchleppte, niederkniete, um mit wahren Tatzen von Handſchuhen geduldig ſeine mikroskopiſche Arbeit unter den kleinen Blättern zu verrichten; in Jedem, was er that, ſo trefflich, wie kein Philoſoph gekonnt hätte, ſeinen Wunſch, ihr Freund zu ſein, ausdrückte; Mit⸗ leid, Treue und Liebe aus jedem Loche in der Gieß⸗ kanne ſtrömte;— wenn ich an ihn denke, wie er nie von jenem ſeinem beſſern Ich, an welches das Unglück ſich wendete, abirrte, nie den unſeligen König Karl in den Garten brachte, nie in ſeinem wohlthuend empfun⸗ denen Dienſte wankte, nie von ſeinem Bewußtſein, daß etwas nicht recht ſei, und von ſeinem Wunſche, es zu⸗ recht zu richten, ließ— ſo fühle ich mich wirklich ſchier beſchämt, gewußt zu haben, daß er nicht ganz bei Ver⸗ ſtande war, wenn ich das Aeußerſte in Anſchlag bringe, was ich mit dem meinen gethan habe. „Niemand als ich weiß, was dieſer Mann iſt,“ pflegte meine Tante ſtolz zu bemerken, wenn wir dar⸗ über ſprachen.„Dick wird ſich noch auszeichnen!“ Ich muß auf einen andern Punkt zurückkommen, ehe ich dieſes Kapitel ſchließe. Als der Beſuch in des 142 David Kopperfield. Doctors Hauſe noch ſtattfand, bemerkte ich, daß der Brief⸗ träger jeden Morgen zwei oder drei Briefe für Uriah Heep brachte, welcher, da er freie Zeit hatte, in High⸗ gate blieb, bis die Uebrigen zurückkehrten, und daß dieſe ſtets in geſchäftlicher Weiſe von Mr. Micawber abge⸗ ſchickt waren, welcher jetzt eine runde Advocatenhand annahm. Ich bemerkte aus dieſen leiſen Spuren mit Vergnügen, daß Mr. Micawber gut thue, und war in Folge deſſen ſehr erſtaunt, um dieſe Zeit den folgenden Brief von ſeiner liebenswürdigen Gattin zu empfangen: Canterbury, Montag, Abend. Sie werden ohne Zweifel erſtaunen, mein lieber Herr Kopperfield, dieſe Mittheilung zu erhalten. Noch mehr aber über ihren Inhalt. Und noch mehr über die Verpflichtung zu unbedingtem Vertrauen, welches ich in mich zu ſetzen bitte. Aber meine Gefühle als Gattin und Mutter verlangen Troſt, und da ich meine Familie(die dem Gemüthe Micawbers ohnehin ſchon verhaßt iſt) nicht um Rath zu fragen wünſche, ſo kenne ich Niemand, bei dem ich beſſer Rath ſuchen könnte, als meinen Freund und ehemaligen Abmiether. Es wird Ihnen bekannt ſein, mein lieber Herr Kop⸗ perfield, daß zwiſchen mir und Micawber(den ich nie verlaſſen will) ſich ſtets ein Geiſt gegenſeitigen Vertrauens erhalten hat. Micawber mag dann und wann einen Wechſel ausgeſtellt haben, ohne mich um meine An⸗ ſicht zu fragen, oder er mag mich in Bezug auf die Periode, wo dieſer Schuldſchein zahlbar werden würde, falſch berichtet haben. Dies hat in der That ſtattge⸗ funden. Aber im Allgemeinen hat Micawber keine Ge⸗ heimniſſe vor dem Buſen der Liebe— ich ſpiele auf ſeine Gattin an— gehabt und unabänderlich jedesmal, David Kopperfield. 143 wenn wir uns zur Ruhe begaben, die Ereigniſſe des Tages erzählt. Sie werden ſich ſelbſt vorſtellen können, mein lie⸗ ber Herr Kopperfield, was für ein ſchmerzhaftes Gefühl mich erfüllen muß, wenn ich Sie benachrichtige, daß Micawber völlig verändert iſt. Er iſt verhalten. Er iſt geheimnißvoll. Sein Leben iſt der Theilhaberin ſei⸗ ner Freuden und Schmerzen— ich ſpiele hier abermals auf ſeine Gattin an— ein Geheimniß; und wenn ich Ihnen das Unglaubliche verſichere, daß es vom Morgen bis in die Nacht in der Expedition verbracht wird, ſo weiß ich davon weniger als von jenem Manne im Sü⸗ den, in Verbindung mit deſſen Munde die gedanken⸗ loſen Kinder eine dumme Geſchichte von einer kalten Roſinenſuppe erzählen— um mich eines volksthümlichen Irrthums zur Verdeutlichung einer wirklichen Thatſache zu bedienen. Aber das iſt nicht Alles. Micawber iſt mürriſch. Er iſt ernſthaft. Er iſt unſerm älteſten Sohn und der Tochter entfremdet, er hat keinen Stolz mehr an ſeinen Zwillingen, er ſieht mit kaltem Blicke auf den ſchuld⸗ loſen Fremdling, welcher zuletzt ein Glied unſeres Krei⸗ ſes wurde. Die pekuniären Mittel zur Beſtreitung un⸗ ſerer Ausgaben, die ich auf den äußerſten Heller berechne, ſind von ihm mit der größten Schwierigkeit zu erlangen, ja ſogar unter furchtbaren Drohungen, daß er ſich für ſich ſelbſt einrichten will(genau wie er ſich ausdrückt), und er weigert ſich unerbittlich, irgend eine Erklärung dieſes entſetzlichen Verfahrens zu geben. Das iſt hart zu ertragen. Das iſt herzzerreißend. Wenn Sie, die Sie meine ſchwachen Kräfte kennen, mir rathen wollen, wie ich dieſelben in einem ſolchen ungewohnten Dilemma anwenden könnte, würden Sie 144 David Kopperfield. den vielen freundſchaftlichen Verpflichtungen, die Sie mir bereits auferlegt haben, eine neue hinzufügen. Mit Grüßen von den Kindern und einem Lächeln von dem glücklicherweiſe nichts ahnenden Fremdlinge, verbleibe ich, mein lieber Herr Kopperfield Ihre. ſchwer heimgeſuchte Emma Micawber. Ich fand es nicht gerechtfertigt, einer Frau von der Erfahrung der Mrs. Micawber irgend etwas Anderes zu empfehlen, als daß ſie verſuchen ſollte, Mr. Micaw⸗ ber durch Geduld und Güte zur Pflicht zurückzuführen (wie ich wußte, daß ſie dies jedenfalls thun würde); aber der Brief ließ mich viel über ihn nachdenken. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Noch ein Rückblick. Noch einmal laſſe man mich bei einer denkwürdigen Periode meines Lebens ſtillſtehen. Noch einmal bei Seite treten, um die Schattenbilder dieſer Tage an mir vor⸗ übergehen zu ſehen, wie ſie den Schatten meiner ſelbſt in nebelhafter Proceſſion begleiten. Wochen, Monate, Jahresabſchnitte ziehen dahin. Sie ſcheinen wenig mehr als ein Sommertag oder ein Winterabend; bald ſteht der Anger, wo ich mit Dora ſpazieren gehe, in voller Blüthe, ein Feld von lichtem Golde; bald wieder liegt das ungeſehene Haidekraut in Häufchen und Büſcheln unter einer Decke von Schnee. In der Zeit eines Athemzugs funkelt der Fluß, der durch unſere ſonntäglichen Spaziergänge fluthet, in der Sommerſonne, kräuſelt ihn der Winterwind, verdichtet er ſich mit treibenden Eisſchollen. Schneller als je ein Fluß in die See rann, blitzt es auf, dieſes Bild, ver⸗ dunkelt es ſich und rollt es hinweg. Nicht das Geringſte ändert ſich im Hauſe der bei⸗ den kleinen vogelartigen Damen. Die Wanduhr tickt David Kopperſield. VII. 10 146 David Kopperfield. über dem Kamin, das Wetterglas hängt in der Halle. Weder die Uhr noch das Wetterglas geht je richtig, aber wir glauben in Demuth beiden. Ich bin geſetzlich in das Mannesalter eingetreten. Ich habe die Würde erlangt, welche das einundzwan⸗ zigſte Jahr verleiht. Aber dies iſt eine Würde, welche Jemandem aufgeheftet werden kann. Ich will einmal nachdenken, was ich mir erworben habe. Ich habe jenes grauſame ſtenographiſche Geheimniß bemeiſtert. Ich gewinne ein reſpectables Einkommen da⸗ mit. Ich bin hochgeachtet wegen meiner Geſchicklichkeit in Allem, was zu der Kunſt gehört, und ich bin zu⸗ ſammen mit elf Andern mit der Berichterſtattung über die Parlamentsdebatten für eine Morgenzeitung beſchäf⸗ tigt. Nacht auf Nacht berichte ich Vorausſagungen, welche nie eintreten, Verſprechungen, welche nie erfüllt werden, Erklärungen, mit denen man nur irrezuführen ſucht. Ich wälze mich in Worten. Britannia, dieſes unglückſelige Weibsbild, ſteht mir ſtets vor Augen wie ein zuſammengebundenes Stück Geflügel, durch und durch mit Canzleifedern geſpickt und an Händen und Fü⸗ ßen mit rothem Actenbande gefeſſelt. Ich habe genugſam hinter die Couliſſen geſehen, um den Werth politiſchen Treibens zu kennen. Ich bin hinſichtlich deſſelben ein vollkommen Ungläubiger und werde nie bekehrt werden. Mein lieber alter Traddles hat ſich auf demſelben Gebiete verſucht, aber es iſt nichts für ſeine Art und Weiſe. Er iſt vollkommen gut gelaunt hinſichtlich ſei⸗ nes Mißlingens und erinnert mich, daß er ſich ſtets als langſam angeſehen habe. Er findet gelegentlich Beſchäf⸗ tigung an derſelben Zeitung als Sammler der That⸗ ſachen von trocknen Gegenſtänden, über welche dann fruchtbarere Geiſter ſchreiben, indem ſie ſie verſchönern. David Kopperfield. 147 Er iſt an die Barre berufen, und mit bewundernswer⸗ them Fleiße und großer Selbſtverleugnung hat er aber⸗ mals hundert Pfund zuſammengeſcharrt, um einen Con⸗ veyancer*) zu bezahlen, in deſſen Expedition er arbei⸗ tet. Eine große Maſſe ſehr heißen Portweins wurde bei ſeiner Berufung zum Sachwalter vertilgt, und in Anbetracht des entwickelten Glanzes ſollt' ich meinen, daß der Innere Tempel dabei profitirt haben muß. Ich habe es auch auf andere Weiſe verſucht. Ich habe mich mit Furcht und Zittern ans Schriftſtellern gemacht. Ich ſchrieb eine Kleinigkeit insgeheim und ſandte es einem Magazine ein, und ſiehe da, es wurde in dem Magazine veröffentlicht. Seitdem habe ich mir ein Herz gefaßt und eine große Menge Kleinigkeiten geſchrieben. Jetzt werde ich regelmäßig für dieſelben bezahlt. Alles zuſammengenommen befinde ich mich recht wohl, und wenn ich mein Einkommen an den Fingern meiner lin⸗ ken Hand zuſammenrechne, ſo übergehe ich den dritten Finger und ziehe den vierten bis zum mittelſten Ge⸗ lenke ein. Wir ſind von Buckingham-Street. in ein angeneh⸗ mes Landhäuschen gezogen, ſehr nahe bei dem, auf wel⸗ ches ich meine Blicke warf, als mich meine Begeiſterung zuerſt ankam. Meine Tante indeß, welche das Haus in Dover mit Vortheil verkauft hat, will nicht hier blei⸗ ben, ſondern beabſichtigt in ein noch winzigeres Land⸗ häuschen nahe zur Hand zu ziehen. Was hat das zu bedeuten? Meine Heirath etwa? Ja wohl? Ja, ich ſtehe im Begriffe, mit Dora Hochzeit zu machen. Miß Lavinia und Miß Clariſſa haben ihre *) Der Notar, welcher ſich mit der Aufſetzung von Abtretungs⸗ ſchriften befaßt. 10* 148 David Kopperfield. Einwilligung dazu ertheilt, und wenn je Kanarienvö⸗ gel haſtig herumflatterten, ſo thaten ſie es. Miß La⸗ vinia, die ſich ſelbſt mit der Oberaufſicht über den Klei⸗ dervorrath meines lieben Kindes beauftragt hat, ſchnei⸗ det in einem fort Bruſtſtücke von Löſchpapier aus und iſt in einem fort verſchiedener Meinung von einem höchſt reſpectabeln jungen Manne, der ein langes Bündel und ein Ellenmaß unterm Arme hat. Eine Schneidermam⸗ ſell, der ſtets eine Nadel mit einem Faden drin an der Bruſt ſteckt, wohnt und ißt im Hauſe, und ſcheint mir, mag ſie eſſen, trinken oder ſchlafen, nie ihren Finger⸗ hut abzunehmen. Sie machen eine Staatsdame aus meiner Geliebten. Sie ſchicken aller Augenblicke nach ihr, zu kommen und etwas anzuprobiren. Wir können des Abends nicht fünf Minuten zuſammen glücklich ſein, ſo pocht ein zudringliches Frauenzimmer an die Thür und ſagt:„Oh, wenn's Ihnen gefällig wäre, Fräulein Dora, einmal hinauſzukommen!“ Miß Clariſſa und meine Tante ſchweifen durch ganz London, Möbel ausfindig zu machen, die Dora und ich uns anſehen ſollen. Es würde beſſer für ſie ſein, die Waaren ohne Weiteres zu kaufen, ohne dieſe Ceremo⸗ nie des Anſehens; denn wenn wir gehen, ein Brat⸗ ofengitter oder einen Fleiſchſchrank zu beſchauen, erblickt Dora ein chineſiſches Haus für Zig mit Glöckchen oben drauf und zieht dieſes vor. Und es bedarf langer Zeit, Zig an ſeine neue Reſidenz zu gewöhnen, nachdem wir's ekauſt haben; jedes Mal, wenn er hinein oder her⸗ aausgeht, macht er, daß alle die Glöckchen klingeln und RPerſchrickt fürchterlich. Peggotty kommt herbei, ſich nützlich zu machen und wirft ſich augenblicklich auf die Arbeit. Ihr Departe⸗ ment ſcheint zu ſein, Alles über und über zu reinigen. ᷣ 1 David Kopperfield. 149 Sie reibt Alles, was ſich nur reiben läßt, bis es von der fortwährenden Friction glänzt wie ihr eignes wacke⸗ res Antlitz. Und jetzt iſt's, daß ich ihren einſamen Bruder des Nachts durch die dunkeln Straßen ſchreiten und während ſeines Dahinwandelns nach den vorüber⸗ gehenden Geſichtern blicken ſehe. Ich ſpreche zu ſolch einer Stunde nie zu ihm. Ich weiß, wenn ſeine ernſte Geſtalt weiter ſchreitet, zu wohl, was er ſucht und was er fürchtet. Weshalb macht Traddles eine ſo wichtige Miene, als er mich dieſen Nachmittag in den Commons beſucht, wo ich gelegentlich der Form wegen, wenn ich Zeit habe, noch arbeite? Die Verwirklichung meiner knabenhaften Traumbilder iſt da. Ich ſtehe im Begriff, mir die Hei⸗ rathserlaubniß zu holen. Es iſt ein kleines Document, das ſo viel ausrich⸗ tet, und Traddles betrachtet es, als es ſo auf meinem Pulte liegt, halb verwundert und halb ehrfurchtsvoll. Da ſtehen die Namen in der Verbindung, wie ich ſie ſo hold dereinſt in meinen Träumen ſah:— David Kop⸗ perfield und Dora Spenlow; und da in der Ecke ſchaut jene Einrichtung der Väter, die Stempelcanzlei, die ſo wohlwollendes Intereſſe nimmt an den verſchiedenen Vor⸗ kommniſſen des menſchlichen Lebens, auf unſere Ver⸗ einigung hernieder; und dort ruft der Erzbiſchof von Canterbury einen gedruckten Segenswunſch auf uns herab, was er ſo billig beſorgt, als man's nur er⸗ warten kann. Trotzdem bin ich in einem Traume, einem wirren, ſeligen, haſtigen Traume. Ich kann nicht glauben, daß es wirklich ſein wird; und andererſeits kann ich doch auch wieder nicht anders, als glauben, daß Jedermann, an dem ich in der Straße vorübergehe, irgendwie etwas 150 David Kopperfield. davon merken muß, daß ich übermorgen heirathen ſoll. Der Surrogate kennt mich, wenn ich gehe, um den Eid abzulegen, und macht es kurz mit mir, als ob eine Art Freimaurer⸗Erkennung zwiſchen uns ſtattfände. Tradd⸗ les wird dabei durchaus nicht gebraucht, iſt aber als mein Rückenhalt in allen Dingen zugegen. „Ich hoffe, wenn Du das nächſte Mal hierher kommſt, mein lieber Junge,“ ſage ich zu Traddles,„ſo wird es in derſelben Abſicht, aber für Dich ſelbſt ſein. Und ich hoffe, es wird bald werden.“ „Danke Dir für Deine guten Wünſche, mein lie⸗ ber Kopperfield,“ erwiedert er;„ich hoffe auch ſo. Es gereicht mir zur Genugthuung, zu wiſſen, daß ſie jede nur denkbare Zeit warten wird, und daß ſie wirklich das herzigſte Mädchen iſt—“ „Wenn willſt Du ſie an der Poſtkutſche treffen?“ frage ich. „Um ſieben,“ ſagt Traddles, indem er einen Blick auf ſeine plumpe, alte ſilberne Uhr wirft— dieſelbe Uhr, aus der er einſt in der Schulanſtalt ein Rad nahm, um eine Waſſermühle zu machen.„Das iſt ohngefähr die Zeit, wo Fräulein Wickfield kommt, nicht wahr?“ „Ein Bischen früher. Ihre Zeit iſt halb neun.“ „Ich verſichere Dir, mein lieber Junge,“ fährt Tradd⸗ les fort,„ich bin Dir wahrhaftig faſt ſo vergnügt, als ob ich im Begriffe ſtände, mich ſelber zu verheirathen, wenn ich daran denke, daß dieſe Angelegenheit zu ſo einem glücklichen Ende gekommen iſt. Und wirklich, die große Freundſchaft und das Zartgefühl, welches Du mir da⸗ durch zeigſt, daß Du Sophiens Perſon mit der freudi⸗ gen Gelegenheit verbindeſt und ſie eingeladen haſt, mit Fräulein Wickfield zuſammen Brautführerin zu ſein, 2 David Kopperfield. 151 fordert meinen wärmſten Dank. Das fühle ich ganz außerordentlich.“ Ich höre ihn und ſchüttle ihm die Hand, und wir ſchwatzen und wandeln und ſpeiſen und ſo weiter; aber ich glaube nicht daran. Nichts iſt wirklich. Sophie kommt im Hauſe der Tanten Dora's an zu rechter Zeit. Sie hat das angenehmſte Geſicht— nicht geradezu ſchön, aber außerordentlich gefällig— und iſt eins der geiſtreichſten, ungezwungenſten, offen⸗ ſten, einnehmendſten Weſen, die ich je geſehen habe. Traddles ſtellt ſie uns mit großem Stolze vor und reibt ſeine Hände zehn Minuten lang, wobei jedes einzelne Haar auf ſeinem Kopfe zu Berge ſteht, als ich ihm in einer Ecke zu ſeiner Wahl Glück wünſche. Ich habe Agnes von der Poſtkutſche in Canterbury abgeholt, und ihr heiteres und ſchönes Antlitz iſt zum zweiten Male unter uns. Agnes fühlt eine große Nei⸗ gung zu Traddles, und es iſt köſtlich, ihr Zuſammen⸗ treffen zu ſehen und das leuchtende Geſicht Traddles' zu beobachten, als er das herzigſte Mädchen in der Welt ihrer Freundſchaft empfiehlt. Aber noch immer glaube ich's nicht. Wir verleben einen wonnigen Abend und ſind auf der höchſten Staf⸗ fel des Glücks, aber ich glaube es doch nicht. Ich ver⸗ mag mich nicht zu ſammeln. Ich vermag mir über mein Glück nicht Rechenſchaft zu geben, als es eintritt. Ich befinde mich in einem nebelhaften und ungewiſſen Zu⸗ ſtande, wie wenn ich eine oder ein paar Wochen vor⸗ her ſehr zeitig am Morgen aufgeſtanden und ſeitdem nie zu Bett gekommen wäre. Ich kann mir nicht klar werden, wenn geſtern war. Mir iſt's, als ob ich die Heirathserlaubniß viele Monate ſchon in der Taſche mit mir herumgetragen hätte. 152 David Kopperfield. Auch den nächſten Tag, wo wir alleſammt gehen, um uns das Haus— unſer Haus— Dora's und mein Haus— anzuſehen, bin ich vollkommen unfähig, mich als den Herrn deſſelben zu betrachten. Mirr iſt, als wäre ich dort auf Erlaubniß eines Andern. Ich erwarte ſo halb und halb, daß der wirkliche Herr bald nach Hauſe kommen und ſagen wird, er freue ſich, mich zu ſehen. Was für ein ſchönes kleines Haus iſt es, mit Allem darin ſo licht und neu: mit den Blumen auf den Teppichen, die ausſehen, als ob ſie eben erſt geſammelt worden, und den grünen Blättern auf den Tapeten, die ſoeben erſt herausgekommen zu ſein ſchei⸗ nen; mit den fleckenloſen Muſſelinvorhängen und dem erröthenden roſenfarbenen Hausgeräthe und Dora's Gar⸗ tenhute mit dem blauen Bande— erinnere ich mich doch jetzt, wie ich mich in ſie in ebenſo einem Hute ver⸗ liebte, als ich ſie zuerſt ſah— der bereits an ſeinem kleinen Pflocke hängt; die Guitarrenkapſel ganz zu Hauſe auf ihren Ferſen in einem Winkel ſtehend und Zigs Pa⸗ gode, über welche Jedermann ſtolpert, und welche viel zu groß für die Wohnung iſt. Noch ein glücklicher Abend, ganz ebenſo unwirklich als alle übrigen, und ich ſchleiche mich vor dem Weg⸗ gehen in das gewöhnliche Zimmer. Dora iſt nicht da. Ich vermuthe, ſie ſind noch nicht mit Anprobiren fer⸗ tig. Miß Lavinia guckt herein und ſagt mir geheim⸗ nißvoll, daß ſie nicht lange mehr ſein wird. Sie iſt indeſſen ziemlich lange; aber endlich höre ich ein Raſcheln an der Thür, und es klopft Jemand. Ich ſage„Herein“, aber der Jemand pocht noch⸗ mals. Ich gehe an die Thür, mich verwundert fragend, wer es iſt. Dort begegne ich einem Paare heller Au⸗ David Kopperfield. 153 gen und einem erröthenden Geſichte. Augen und Ge⸗ ſicht gehören Dora an, und Miß Lavinia hat ſie in den für morgen beſtimmten Staat gekleidet, Kleid, Hut und Alles, damit ich mir's beſehe. Ich ziehe mein klei⸗ nes Weib an mein Herz, und Miß Lavinia ſtößt einen leiſen Schrei aus, weil ich den Hut verſchiebe, und Dora lacht und weint in Einem, weil ich ſo entzückt bin, und ich glaube es weniger als je. „Denkſt Du, es ſieht hübſch aus, Daddy?“ ſagt Dora. Hübſch! Ei, ich ſollte meinen, ich hielt es für hübſch. „Und biſt Du gewiß, daß Du mich ſehr lieb haſt?“ fragt Dora. Dieſes Thema ſchließt ſo viel Gefahr für den Hut in ſich, daß Miß Lavinia abermals einen leiſen Schrei ausſtößt und mich in Betracht zu ziehen bittet, daß der Hut blos zum Beſehen, aber durchaus nicht zum An⸗ greifen da iſt. So ſteht denn Dora eine oder ein paar Minuten in wonnevoller Verwirrung da, um ſich be⸗ wundern zu laſſen, und dann nimmt ſie ihren Hut ab, ohne den ſie ſo natürlich ausſieht, und läuft, ihn in der Hand, davon und kommt in ihrem Alltagsanzuge wieder heruntergetanzt und fragt Zig, ob ich nicht ein wunderſchönes kleines Weibchen bekommen habe, und ob er's ihr verzeihen wolle, daß ſie heirathe, und kniet nieder, um ihn das letzte Mal als unverheira⸗ thetes Mädchen auf dem Kochbuche aufrecht ſtehen zu laſſen. Ich gehe nach Hauſe, ungläubiger wie je, in eine Wohnung, die ich hart daneben habe, und ſtehe ſehr zeitig am Morgen auf, um auf die Straße von High⸗ gate zu reiten und meine Tante zu holen. Nie habe ich meine Tante in ſolch einer Pracht ge⸗ 154 David Kopperfield. ſehen. Sie iſt in ein lavendelfarbenes Seidenkleid ge⸗ hüllt, hat einen weißen Hut auf und iſt eine erſtaunlich großartige Erſcheinung. Janet hat ſie angezogen und iſt da, mich zu ſehen. Peggotty iſt bereit, in die Kirche zu gehen, indem ſie die Abſicht hat, die Feierlichkeit von der Gallerie aus anzuſchauen. Mr. Dick, welcher mir meinen Liebling am Altare zuführen wird, hat ſich die Haare kräuſeln laſſen. Traddles, den ich auf vor⸗ herige Beſtellung an der Chauſſee getroffen habe, ſtellt eine ſtaunenswerthe Farbencombination von Rahmgelb und Lichtblau dar, und Beide, er und Mr. Dick, machen im Allgemeinen den Eindruck, als ob ſie ganz Hand⸗ ſchuh wären. Kein Zweifel, daß ich dies ſehe; denn ich weiß, es iſt ſo; aber ich bin zerſtreut, und mir iſt, als ob ich nichts ſähe. Ich ſcheine überhaupt nichts zu ſehen. In⸗ deß, während wir in einer offnen Kutſche den Weg ent⸗ lang fahren, ſo iſt dieſe feenhafte Heirath wirklich ge⸗ nug, um mich mit einer Art verwunderten Mitleids mit den unglücklichen Leuten zu erfüllen, welche keine Rolle dabei ſpielen, ſondern ihre Laden ausfegen und an ihre Alltagsbeſchäftigungen gehen. Meine Tante ſitzt den ganzen Weg über da und hält meine Hand in den ihren. Als wir ein Stück⸗ chen Wegs von der Kirche ſtill halten, um Peggotty abzuſetzen, welche wir auf dem Bocke hergebracht haben, giebt ſie meiner Hand einen Druck und mir einen Kuß. „Gott ſegne Dich, Trot! Mein eigner Knabe könnte mir nicht theurer ſein! Ich denke an das arme liebe Püppchen dieſen Morgen.“ „Auch ich gedenke an ſie. Und an Alles, was ich Ihnen, liebe Tante, ſchulde.“ —. — David Kopperfield. 155 „Bſt, Kind!“ ſagt meine Tante, und in über⸗ wallender Herzenserregung giebt ſie ihre Hand Tradd⸗ les, der ſeine dann Mr. Dick giebt, welcher die ſeine mir giebt, der ich die meine dann wieder Traddles gebe, und dann kommen wir an die Kirchthür. Die Kirche iſt wahrhaftig ruhig genug, aber ſie könnte ein Dampfwebſtuhl in vollem Gange ſein, ſie würde doch den beruhigenden Einfluß üben, den ſie auf mich hat. Ich bin dazu zu weit vorwärts geſchritten. Das Uebrige iſt alles mehr oder minder ein unzu⸗ ſammenhängender Traum. Ein Traum von ihrem Hereinkommen mit Dora, von der Kirchſtuhlſchließerin, die uns wie ein Rekruten exercirender Sergeant vor dem Altargitter in Reihe und Glied ſtellt; davon, daß ich mich wundere, warum Kirch⸗ ſtuhlſchließerinnen allemal die allerunangenehmſten Wei⸗ ber ſein müſſen, die zu kriegen ſind, und ob es irgend eine fromme Furcht vor einer verhängnißvollen Ein⸗ miſchung guter Laune iſt, was es zu einer unumgäng⸗ lichen Nothwendigkeit macht, daß dieſe Eſſigkrüge auf die Straße zum Himmel geſetzt werden. Ein Traum ſodann von dem Erſcheinen des Geiſt⸗ lichen und des Küſters, von dem zufälligen Hereinkom⸗ men einiger Schiffersleute und andern Volks, von einem alten Seemann hinter mir, der die Kirche tüchtig mit Rum durchduftet, von dem Beginne der gottesdienſt⸗ lichen Handlung in einer tiefen Stimme und davon, daß daß wir Alle ſehr andächtig ſind. Ein Traum ferner von Miß Lavinia, welche als eine halbe oder Hülfsbrautjungfer handelt, wobei ſie die Erſte iſt, welche weint und(wie ich es auffaſſe) dem Anden⸗ ken Pidgers eine Spende von Seußzern bringt; von Miß Clariſſa, welche ihr Riechfläſchchen anwendet; von 156 David Kopperfield. Agnes, welche Dora in ihre Obhut nimmt; von mei⸗ ner Tante, welche bemüht iſt, ſich als ein Muſterbild von Ernſthaftigkeit zu zeigen, und der die Thränen über das Geſicht laufen; von der kleinen Dora, welche ſehr zittert und ihre Antworten in leiſem Geflüſter giebt. Ein Traum davon, daß wir zuſammen niederknien, Seite an Seite; davon, daß Dora immer weniger zit⸗ tert, aber immernoch Agnes an der Hand gefaßt hält; davon, daß die gottesdienſtliche Feierlichkeit ruhig und würdig durchgemacht wird; davon, daß wir uns mit einem wechſelnden Aprilwetter von Lachen und Thränen einander ins Geſicht ſehen, als ſie vorüber iſt; davon, daß meine junge Frau in der Sakriſtei hyſteriſche Zu⸗ fälle bekommt und nach ihrem Papa, ihrem lieben Papa ſchreit. Ein Traum davon, daß ſie bald wieder heiter wird, und daß wir alle in der Runde das Regiſter unter⸗ zeichnen. Davon, daß ich in die Gallerie gehe, um Peggotty zu holen, damit ſie es auch unterzeichne; davon, daß Peggotty mir in einem Winkel um den Hals fällt und mir erzählt, daß ſie meine liebe Mut⸗ ter habe trauen ſehen; davon, daß es vorbei iſt und wir fortgehen. Ein Traum davon, daß ich voll Stolz und Liebe den Säulengang entlang wandle mit meinem holden Weibe an meinem Arme, durch einen Nebel, in wel⸗ chem halbgeſehene Leute, Kanzeln, Grabmäler, Kirch⸗ ſtühle, Taufſteine, Orgeln und Kirchenfenſter ſtehen, und in welchem leiſe Anklänge an die Kirche meiner Kindheit und Heimat hereinſäuſeln, die ich ſo lange nicht geſehen. Ein Traum davon, daß man, als wir vorbeigehen, wiſpert, was für ein junges Paar wir doch ſeien und —— David Kopperfield. 157 was für eine hübſche Frau ſie ſei. Davon, daß wir Alle ſo luſtig und geſprächig ſind, als wir in der Kutſche zurückfahren. Davon, daß Sophie uns erzählt, ſie ſei, als ſie Traddles, dem ich die Heirathserlaubniß anvertraut, habe nach derſelben fragen ſehen, beinahe in Ohnmacht gefallen, indem ſie überzeugt geweſen, daß er ſie ſchon zu verlieren oder ſich aus der Taſche ſtehlen zu laſſen wiſſen werde. Davon, daß Agnes heiter lacht, und daß Dora Agnes ſo lieb hat, daß ſie ſich nicht von ihr trennen will, ſondern noch immer ihre Hand feſthält. Ein Traum davon, daß ein Frühſtück bereit iſt, mit einem Ueberfluß von Dingen, niedlich und kräftig zu eſſen und zu trinken, wovon ich genieße, wie ich's in jedem andern Traume thun würde, ohne im Mindeſten etwas von ihrem Wohlgeſchmacke zu merken, indem ich, möchte ich ſagen, nichts als Liebe und Hochzeit eſſe und trinke und nicht mehr an die aufgetragenen Speiſen glaube, als an irgend etwas Anderes. Ein Traum davon, daß ich in derſelben träumeri⸗ ſchen Weiſe eine Rede halte, ohne eine Idee davon zu haben, was ich zu ſagen beabſichtige, ausgenommen das, was in der vollen Ueberzeugung begriffen ſein mag, daß ich's nicht geſagt habe. Davon, daß wir ſehr häus⸗ lich und einfach glücklich ſind(freilich auch im Traume), und davon, daß Zig Hochzeitskuchen vorgelegt wird, und daß dieſer ihm hinterher nicht bekommt. Ein Traum davon, daß das gemiethete Paar Poſt⸗ pferde bereit ſteht und Dora weggeht, um ſich umzu⸗ kleiden. Daß meine Tante und Miß Clariſſa bei uns bleiben, daß wir in dem Garten wandeln, und daß meine Tante, die beim Frühſtück eine vollkommene Rede gehalten hat, welche Dora's Tanten rührte, mächtiges 158 David Kopperfield. Vergnügen über ſich ſelbſt empfindet und auch ein Bis⸗ chen ſtolz auf die Rede iſt. Ein Traum, daß Dora bereit iſt, und Miß Lavi⸗ nia um ſie herumflattert, betrübt, das niedliche Spiel⸗ zeug zu verlieren, daß ihr ſo vergnügliche Beſchäftigung gegeben hat. Davon, daß Dora eine lange Reihe er⸗ ſtaunte Entdeckungen macht, daß ſie allerhand Kleinig⸗ keiten vergeſſen hat, und daß alle Welt nach allen Sei⸗ ten rennt, um ſie zu holen. Ein Traum, daß ſie ſich Alle um Dora drängen, als ſie Lebewohl zu ſagen anfängt, wobei ſie mit ihren hellen Farben und Bändern wie ein Blumenbeet aus⸗ ſehen. Davon, daß mein Liebling unter den Blumen faſt erſtickt wird und lachend und weinend zugleich in meine eiferſüchtigen Arme herauskommt. Ein Traum davon, daß ich Zig(welcher mit uns gehen ſoll) tragen will, und daß Dora nein ſagt, und daß ſie ihn tragen muß, weil er ſonſt denken wird, ſie kann ihn nicht mehr leiden, nun ſie verheirathet iſt, und ihm das ſein Herz brechen wird. Davon, daß wir Arm in Arm fortgehen und Dora ſtehen bleibt und zurückblickt und ſagt:„Wenn ich unfreund⸗ lich oder undankbar gegen Jemand geweſen bin, der wolle deſſen nicht eingedenk ſein,“ und in Thränen ausbricht. Ein Traum davon, daß ſie ihre kleine Hand ſchwenkt und wir abermals fortſchreiten. Davon, daß wir wie⸗ der Halt machen und ſie ſich umſieht und zu Agnes eilt und dieſer vor Allen ihre letzten Küſſe und Abſchieds⸗ grüße giebt. Wir fahren zuſammen ab, und ich erwache aus dem Traume. Ich glaube es zuletzt. Es iſt meine liebe, liebe kleine Frau neben mir, die ich ſo ſehr liebe! — David Kopperfield. 159 „Biſt Du nun glücklich, Du närriſcher Junge?“ ſagt Dora,„und ſicher, daß Dich's nicht reut?“ Ich bin zur Seite getreten, um die Schattengebilde jener Tage an mir vorübergehen zu ſehen. Sie ſind dahin gegangen, und ich nehme den Gang meiner Ge⸗ ſchichte wieder auf. Ende des ſiebenten Theils. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.