25 Feih und Jeſebedingungen. 3 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.„ ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: f. für alchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4—————— auf 1 Monat: 1 Aer.— Pf. 1 Mer. 59 Pf.*2 Wer.— Pf. „. 8„—„ 3. 1„—„, 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 3 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werres, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i beſonders darauf aufmerkſam a der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen 3 3 1„ welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird gemacht, daß das 2 eiterverleihen —n — Ausgewählte Novellen-Bibliothek. a Be Bavid Kopperfield, der Jüngere. Von Charles Dickens. 7 Sechster Theil. ——:— Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1850. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erfahrungen und Beobachtungen David Kopperſield's des Jüngeren. Von Charles Dickens. Sechster Theil. Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1850. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erfahrungen und Beobachtungen David Kopperfield's des Jüngeren. Sechster Theil. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Der Beginn einer langen Reiſe. Ich nehme an, daß Dasjenige, was in mir natür⸗ lich iſt, auch in vielen andern Leuten natürlich iſt, und ſo ſtehe ich nicht an, hier niederzuſchreiben, daß ich Steer⸗ forth nie mehr liebte, als in dem Augenblicke, wo die Bande, welche mich an ihn feſſelten, zerriſſen waren. Bei dem tief einſchneidenden Kummer, den mir die Ent⸗ deckung ſeines unwürdigen Benehmens verurſachte, dachte ich mehr an alles das, was in ihm von glänzenden Eigenſchaften war, ſchmolz mir das Herz mehr im Hin⸗ blicke auf das, was gut in ihm war, that ich den Ei⸗ genthümlichkeiten, welche ihn zu einem Manne von ed⸗ ler Natur und großem Namen hätten machen können, mehr Gerechtigkeit, als ich jemals auf dem Höhenpunkte meiner Zuneigung zu ihm gethan. So nahe mir auch der Antheil ging, den ich unbewußter Weiſe an ſeiner Befleckung einer rechtſchaffenen Familie genommen, den⸗ noch glaube ich nicht, daß ich, ihm Geſicht zu Geſicht gegenübergeſtellt, irgend ein tadelndes Wort geäußert haben könnte. Ich würde ihn ſo ſehr wie immer ge⸗ 1* — 4 David Kopperfield. liebt haben— obwohl ſein Zauber auf mich fortan wirkungslos war— ich würde das Andenken an meine Neigung zu ihm mit ſolcher Zärtlichkeit feſtgehalten ha⸗ ben, daß ich glaube, ich würde in allen Dingen ſo ſchwach wie ein in ſeinen Gefühlen verwundetes Kind geweſen ſein, ausgenommen den Gedanken, daß wir je wieder vereint werden könnten. Dieſen Gedanken hatte ich nie. Ich empfand, wie er's empfunden, daß jedes Verhält⸗ niß zwiſchen uns zu Ende ſei. In welcher Weiſe er ſich meiner erinnerte, habe ich nie in Erfahrung ge⸗ bracht,— ſie war vielleicht ziemlich leichtfertig und bald aus der Seele verbannt— aber ich erinnerte mich ſeiner als eines geliebten Freundes, der mir geſtorben. Ja, Steerforth, der Du längſt von dem Schauplatze dieſer armen Geſchichte entfernt biſt! Mein Gram wird vielleicht ohne mein Wiſſen und Willen vor dem Throne des Richters dereinſt Zeugniß gegen Dich ablegen, aber nimmer, das weiß ich, werden dies zürnende Gedanken oder Vorwürfe thun! Die Kunde von dem, was vorgefallen, verbreitete ſich bald durch die Stadt, und zwar ſo ſchnell, daß ich, als ich den nächſten Morgen durch die Straßen ging, die Leute an den Thüren davon reden hörte. Viele ſprachen hart von ihr, einige Wenige hart von ihm, aber hinſichtlich ihres zweiten Vaters und ihres Verlob⸗ ten war nur eine Stimmung. Unter Leuten aller Art herrſchte eine Achtung vor ihnen in ihrem Unglücke, welche voll Wohlwollen und Zartgefühl war. Die Seefahrer hielten ſich von ihnen zurück, als man die Beiden am frühen Morgen mit langſamen Schritten am Ufer da⸗ her kommen ſah, traten in Gruppen zuſammen und ſprachen mitleidig untereinander. Es war am Ufer, hart unten bei der See, wo ich 8 —-— David Kopperfield. 5 ſie traf. Es würde leicht geweſen ſein, zu bemerken, daß ſie die ganze vergangene Nacht nicht geſchlafen hat⸗ ten, ſelbſt wenn Peggotty mir nicht erzählt hätte, daß ſie ſo, wie ich ſie verlaſſen hatte, noch dageſeſſen hät⸗ ten, als der helle lichte Tag hereingeſchienen. Sie ſa⸗ hen wüſt und niedergeſchlagen aus, und ich dachte, Mr. Peggotty's Haupt ſei in einer Nacht mehr auf die Bruſt herabgeſunken, als in allen den Jahren, ſeit ich ihn kennen gelernt. Aber ſie waren Beide ſo ernſt und verhalten, wie die See ſelbſt, die jetzt unter einem dun⸗ keln Wolkenhimmel lag, wellenlos, obwohl dumpf grol⸗ lend, als ob ſie in ihrer Ruhe Athem holte, und am Horizonte mit einem Streifen ſilbernen Lichtes von der ungeſehenen Sonne angehaucht. „Wir haben'ne Menge mit'nander bered't, jun⸗ ger Herr,“ ſagte Mr. Peggotty zu mir, als wir alle Drei ein Stück ſchweigend gegangen waren,„was wir thun und was wir laſſen müſſen. Aber wir ſehen un⸗ ſern Curs jetzt.“„* 4 Ich warf zufällig einen Blick auf Ham, der in die⸗ ſem Augenblicke in die See hinaus nach dem fernen Lichtſtreifen ſah, und ein furchtbarer Gedanke überkam mich— nicht, daß ſein Geſicht den Ausdruck des Zorns getragen hätte; denn das war nicht der Fall; ich ent⸗ ſinne mich auf nichts, als auf den Ausdruck feſter Ent⸗ ſchloſſenheit in demſelben— der Gedanke, daß er, wenn Steerforth ihm je begegne, ihn umbringen werde. „Meine Pflicht iſt hier abgethan,“ ſagte Mr. Peg⸗ gotty.„Ich werde gehen und meine—“ hier hielt er inne und fuhr dann mit feſterer Stimme fort:„ich werde gehen und ſie ſuchen. Das iſt von jetzt an meine Pflicht.“ Er ſchüttelte ſeinen Kopf, als ich ihn fragte, wo er 6 David Kopperfield. ſte denn zu ſuchen gedächte, und erkundigte ſich, ob ich morgen nach London gehen wollte. Ich ſagte ihm, daß ich heute noch nicht gegangen ſei, weil ich gefürchtet hätte, die Gelegenheit, ihm einen Dienſt leiſten zu können, ſonſt zu verlieren; daß ich indeß bereit ſei, zu gehen, wenn er wolle. „Ich werde mit Sie gehen, junger Herr,“ ent⸗ gegnete er;„wenn Sie's recht iſt, gehn wir morgen.“ Wieder gingen wir ſchweigend ein Weilchen dahin. „Ham,“ nahm er bald das Wort wieder auf,„der wird bei ſeiner jetzigen Arbeit bleiben und mit meiner Schweſter zuſammen wohnen. Das alte Boot da drüben—“ „Wollen Sie das alte Boot verlaſſen, Herr Peggotty?“ fiel ich ihm mit leiſer Frage in die Rede. „Mein Bleiben, Musje Davchen,“ erwiederte er, „iſt dort nicht mehr, und wenn je ein Boot zu Grunde gehen that, weil Finſterniß auf der Tiefe lag, ſo iſt dieſes untergegangen. Aber nein, junger Herre, nein; ich meine nicht, daß es verlaſſen werden ſoll. Weit entfernt!“ Wieder gingen wir ein Stück wie zuvor, als er end⸗ lich erklärend wieder begann: „Mein Wunſch iſt, junger Herre, daß es Tag und Nacht, Winter und Sommer ausſehen ſoll, wie's im⸗ mer ausgeſehen hat, ſeit ſie's zur Erſt kennen lernte. Wenn ſie je wieder zurückkommen ſollte, ſo möcht' ich nicht, daß der alte Platz ſie zurückzuſtoßen ſchiene, ver⸗ ſtehen Sie mir; ſondern daß es ausſähe, als wollte er ſie locken, näher zu kommen und, wenn auch wie ein Geiſt, hereinzuguken aus dem Wind und Regen durch das alte Fenſter auf den alten Sitz am Feuer. Wenn ſie dann vielleicht Niemanden nicht ſehen thäte als die Gummidge, Musje Davchen, dann könnte ſie ſich wohl —-— ———- +8eͤ86G — F᷑ — 1 —— ein Herze faſſen und zitternd'rein kriechen und in ihr altes Bett gelegt werden und ihr müdes Köpfchen aus⸗ ruhen, wo es einſtmals ſo froh war.“ Ich vermochte ihm nicht zu antworten, obwohl ich's verſuchte. „Jede Nacht,“ fuhr Mr. Peggotty fort,„ſo regel⸗ mäßig wie die Nacht kommt, muß das Licht an ſeine alte Scheibe im Fenſter geſtellt werden, daß es, wenn ſte es jemals ſehen thäte, zu ſagen ſchiene: Komm zu⸗ rück, mein Kind, komm zurück! Wenn Du aber je Eines an die Thüre Deiner Muhme pochen hörſt, Ham, beſonders, wenn's ſanfte pochen thut, ſo, wenn's dunkel geworden iſt, ſo geh Du nicht hin. Mag ſie's ſein,— nicht Du, welche mein gefallnes Kind ſieht.“ Er ſchritt uns ein wenig voraus und blieb einige Minuten vor uns ſtehen. Während dieſer Zwiſchenzeit warf ich einen Augenblick auf Ham, und indem ich den⸗ ſelben Ausdruck auf ſeinem Geſichte bemerkte und ſah, wie ſeine Augen immer noch auf das ferne Licht ge⸗ richtet waren, berührte ich ſeinen Arm. Zweimal rief ich ihn in einem Tone bei ſeinem Na⸗ men, mit welchem ich einen Schläfer erweckt haben würde, ehe er meiner gewahr wurde. Als ich ihn zuletzt fragte, auf was ſeine Gedanken ſo ſehr gerichtet wären, ant⸗ wortete er: „Auf das, was vor mir liegt, Musje Davchen, und da'nüber.“ „Meinen Sie, auf das Leben vor Ihnen?“ Er hatte verwirrt auf die See hinaus gewieſen. „Ja, Musje Davchen; ich weiß nicht ordentlich, wie das iſt, aber von dort her, da ſchien's mir, als ob ſo was wie— das Ende der Sache kommen thäte.“ „ David Kopperfield. 7 — 8 David Kopperfield. Er ſah mich hierbei an, als ob er eben erwacht wäre, aber mit demſelben entſchloſſenen Geſichte. „Welches Ende?“ fragte ich, von meiner frühern Furcht erfaßt. „Ich weiß nicht,“ ſagte er gedankenvoll;„ich dachte eben daran zurück, wie die ganze Geſchichte hier ih⸗ ren Anfang genommen hätte— und dann, wie das Ende käme. Aber's iſt vorbei. Musje Davchen,“ fügte er, wie mir's ſchien, als Antwort auf meinen Blick hinzu,„Sie brauchen wegen mich keine Angſt nicht zu haben; aber ich bin wie lauter Nebel im Kopfe, ich fürchte, daß ich gar nichts fühlen thue“— womit er ſagen wollte, er ſei nicht bei ſich und ganz verwirrt in ſeinen Gedanken. Da Mr. Peggotty ſtehen blieb, damit wir ihn ein⸗ holen ſollten, ſo vereinigten wir uns wieder mit ihm und ſagten nichts mehr. Die Erinnerung hieran indeſ⸗ ſen ängſtigte mich in Verbindung mit meinem frühern Gedanken noch dann und wann und ſelbſt bis zu der Stunde, wo das unabwendbare Ende zu ſeiner be⸗ ſtimmten Zeit kam. Ohne daß wir's merkten, näherten wir uns dem alten Boote und traten ein. Mrs. Gummidge ſchmollte nicht mehr in ihrem Winkel, ſondern bereitete geſchäf⸗ tig das Frühſtück. Sie nahm Mr. Peggotty den Hut ab und ſtellte ihm einen Sitz hin und ſprach ſo mild und behaglich, daß ich ſie kaum wieder erkannte. „Daneel, meine gute Seele,“ ſagte ſie,„Du mußt eſſen und trinken und Dich bei Kräften erhalten; denn ſonſt wirſt Du nichts machen. Verſuchs nur mal, liebe Seele. Und wenn ich Dich mit meine Labereien ſtören thue“— ſie meinte ihr Geſchwätz—„ſo ſag mir's, Daneel, und ich werd's ſein laſſen.“ David Kopperfield. 9 Als ſie uns Alle bedient, zog ſie ſich an's Fenſter zurück, wo ſie ſich eifrig beſchäftigte, einige Hemden und andere Wäſche, die Mr. Peggotty gehörte, auszubeſſern und nett zuſammenzulegen und in einen alten Wachs⸗ tuchranzen, wie ihn die Seeleute tragen, zu packen. Wäh⸗ rend dieſer Zeit fuhr ſie in derſelben ruhigen Weiſe zu ſprechen fort: „Siehſt Du, Daneel, zu allen Stunden und Zeiten werd' ich hier auf dem Damme ſein, und Alles ſoll ausſehen, wie Du's gerne haſt. Ich bin zwar nicht ſo recht mit die Feder bewandert, aber ich werde Dir dann und wann ſchreiben, wenn Du fort biſt, und meine Briefe an Musje Davchen ſchicken. Vielleicht thuſt auch Du, Daneel, mir dann und wann ſchreiben und er⸗ zählſt mich, wie's Dir geht auf Deiner einfamen ver⸗ laſſenen Reiſe.“. „Du wirſt, fürcht' ich, ein recht verlaſſenes Leben hier führen!“ ſagte Mr. Peggotty. „Nein, nein, Daneel,“ entgegnete ſie,„ganz ge⸗ wiß nicht. Hab' nur um mich keine Sorge nicht. Ich werde genug zu thun haben, um das Weſen hier(Mrs. Gummidge meinte das Hausweſen) für Dich in gutem Stande zu halten, wenn Du wieder heimkommſt— und für Jedes, das vielleicht wieder zurückkommen thut, Daneel, ein bequemes Plützchen bereit zu halten. In der ſchönen Jahreszeit werd' ich mich vor die Thüre ſetzen, wie früher. Sollte irgend eines in die Nähe kommen, ſo ſollen ſie von weitem ſchon die alte Witt⸗ frau deutlich ſehen können.“ Welch eine Verwandlung in Mrs. Gummidge in ſo kurzer Zeit! Sie war eine ganz andere Frau. Sie war ſo ergeben, ſie hatte ſolch ein ſchnelles Verſtändniß von dem, was paſſend zu ſagen ſei, und dem, was 10 David Kopperfield. beſſer ungeſagt bliebe, ſie vergaß ſich ſelbſt ſo ganz und war ſo bedacht auf den Schmerz ihrer Umgebung, daß ich wirklich eine Art Verehrung für ſie fühlte. Wie ar⸗ beitete ſie dieſen Tag! Es gab eine Menge Dinge vom Strande heraufzuſchaffen und im Nebenhauſe außzuſta⸗ peln, Ruder, Netze, Segel, Tauwerk, Spiren, Hum⸗ merkaſten, Ballaſtſäcke und dergleichen mehr, und ob⸗ ſchon Beiſtand in Menge da war, indem es an die⸗ ſem ganzen Seeufer nicht ein Paar arbeitende Hände gab, die nicht hart für Mr. Peggotty gearbeitet und ſich durch die bloße Bitte für gut bezahlt gehalten hät⸗ ten, ſo ſchleppte ſie doch ausdauernd den ganzen Tag über Laſten, die ſie zu tragen durchaus nicht fähig war, und flog hin und her in allerhand unnöthigen Geſchäf⸗ ten. Was das Klagen über ihr unglückliches Loos be⸗ trifft, ſo ſchien ſie ganz und gar das Gedächtniß ver⸗ loren zu haben, daß ihr je ein Unglück paſſirt ſei. Sie bewahrte mitten in ihrem Mitleiden eine gleichmäßige Heiterkeit, welches nicht die am wenigſten ſtaunenswerthe Seite der Veränderung war, die über ſie gekommen. Ihre Nörgelei war völlig verſchwunden. Ich bemerkte nicht ein Mal den ganzen Tag über, daß ihre Stimme weinerlich geworden oder daß eine Thräne aus ihren Augen entſchlüpft wäre; erſt in der Dämmerung, wo ſte und ich und Mr. Peggotty allein waren, und er in vollkommener Erſchöpfung in Schlaf gefallen war, brach ſie in einen halbunterdrückten Anfall von Seufzen und Weinen aus und ſagte, indem ſie mich an die Thur nahm:„O mein allerbeſter Musje Davchen, ſein Sie ja immer ein Freund gegen ihn, den armen guten Mann!“ Dann lief ſie ſogleich aus dem Hauſe, um ihr Geſicht zu waſchen, damit ſie ruhig neben ihm ſitzen könnte und bei der Arbeit gefunden würde, wenn er aufwachte, David Kopperfield. 11 Kurz, ich verließ ſie, als ich dieſe Nacht wegging, als Stütze und Stab für Mr. Peggotty's Kummer, und ich konnte nicht nachdenken genug über die Lection, welche mir Mrs. Gummidge durch ihr Benehmen ertheilte, und die neuen Tugenden, die ſie vor mir entfaltete. Es war zwiſchen neun und zehn Uhr, als ich auf meiner melancholiſchen Wanderung durch die Stadt vor Mr. Omers Thür ſtehen blieb. Mr. Omer hatte es ſich, wie ſeine Tochter mir erzählte, ſo ſehr zu Herzen genommen, daß er den ganzen Tag ſehr niedergeſchlagen und kränklich geweſen und zu Bett gegangen war, ohne vorher ſeine Pfeife zu ſchmauchen. „Ein hinterliſtiges Mädchen mit einem ſchlechten Her⸗ zen!“ ſagte Mrs. Joram.„'s war nie kein guter Biſſen nicht an ihr!“ „Reden Sie nicht ſo,“ erwiederte ich.„Sie mei⸗ nen das ſelber nicht.“ „O ja, ich meine es wohl ſo,“ ſchrie Mrs. Joram ärgerlich. „Nein, nein,“ ſagte ich. Mrs. Joram warf ihren Kopf herum, indem ſie ver⸗ ſuchte, ſehr ernſt und hart zu ſein, aber ſie vermochte die ſanftere Seite ihres Charakters nicht zu beherrſchen und begann zu weinen. Ich war allerdings jung, aber ich dachte um ſo beſſer von ihr für dieſes Mitgefühl und meinte, es ſtünde ihr als einer tugendhaften Frau und Mutter wirklich ſehr gut. „Was will ſie nun in aller Welt machen?“ ſeufzte Minnie.„Wo will ſie hingehen! Was wird aus ihr werden! Oh, wie konnte ſie nur ſo grauſam ſein ge⸗ gen ſich ſelbſt und gegen ihn!“ Ich erinnerte mich an die Zeit, wo Minnie jung 12 David Kopperfield. und ein hübſches Mädchen war, und ich freute mich, daß ſie ſich ebenfalls mit ſo viel Gefühl daran erinnerte. „Meine kleine Minnie,“ ſagte Mrs. Joram,„iſt eben jetzt erſt eingeſchlafen. Selbſt im Schlafe noch ſchluchzt ſie um Emilien. Den ganzen Tag lang hat die kleine Minnie nach ihr geſchrien und mich wieder und immer wieder gefragt, ob Emilchen böſe wäre? Was kann ich zu ihr ſagen, wenn Emilie die letzte Nacht, wo ſie hier war, ein Band von ihrem eignen Halſe ab⸗ band und es der kleinen Minnie um den Nacken ſchlang und ihren Kopf neben ſie auf das Kiſſen legte, bis ſie feſt eingeſchlafen war? Das Band liegt noch um den Hals meiner kleinen Minnie. Es ſollte vielleicht nicht ſein, aber was kann ich thun? Emilie iſt ſehr böſe, aber ſie hatten ſich einander lieb. Und das Kind weiß nichts.“ Mrs. Joram war ſo unglücklich, daß ihr Mann herauskam, um ſich ihrer anzunehmen. Ich ließ ſie beiſammen allein und ging heim in Peggotty's Haus, trauriger, wo möglich, als ich je bisher geweſen. Jenes gute Geſchöpf— ich meine Peggotty— ganz unermüdet durch ihre letzten Kümmerniſſe und ſchlafloſen Nächte, war in ihres Bruders Haus, wo ſie bis zum Morgen zu bleiben gedachte. Eine alte Frau, welche die letztvergangenen Wochen mit der Führung des Haus⸗ weſens betraut geweſen war, wo ſich Peggotty damit nicht hatte abgeben können, war außer mir die einzige Perſon im Hauſe. Da ich ihrer Dienſte nicht bedurfte, ſchickte ich ſie zu Bette, was durchaus nicht gegen ih⸗ ren Geſchmack war, und ſetzte mich ein wenig vor das Küchenfeuer, um über alles das nachzudenken. In meine Gedanken miſchte ſich das Sterbebett des ſeligen Mr. Barkis, und ich fuhr eben mit der eintre⸗ David Kopperfield. 13 tenden Ebbe nach der Richtung hinaus, nach welcher Ham dieſen Morgen ſo ſeltſam hinausgeſchaut hatte, als ich durch ein Pochen an der Thür aus meinen Träu⸗ mereien in die Wirklichkeit zurückgerufen wurde. Es war ein Klopfer an der Thür, aber dieſer war's nicht, welcher das Pochen verurſacht hatte. Daſſelbe kam von einer Hand und zwar weit unten an der Thür, als ob es von einem Kinde herrührte. Ich ſprang auf, als wäre es das Klopfen eines Bedienten von einer vornehmen Perſon geweſen. Ich öffnete die Thür und ſah zuerſt zu meinem Staunen auf nichts als auf einen großen Regenſchirm herab, wel⸗ cher für ſich ſelbſt ſpazieren zu gehen ſchien. Aber bald entdeckte ich unter ihm Miß Mowcher. Ich möchte nicht auf der Laune geweſen ſein, dem kleinen Geſchöpfe eine ſehr freundliche Aufnahme zu Theil werden zu laſſen, wofern ſie mir, als ſie den Regen⸗ ſchirm, den ſie mit allen ihren Kräften vergeblich zuzu⸗ machen ſich abmühte, wegthat, jene„Spinnefixmiene“ gezeigt hätte, die bei unſerm erſten und letzten Zuſam⸗ mentreffen einen ſo großen Eindruck auf mich gemacht hatte. So aber war ihr Geſicht, als ſie es zu dem meinen emporrichtete, ſo ernſt, und ſo rang ſie, als ich ſie von dem Regenſchirm(der ſelbſt für den iriſchen Rieſen unbequem geweſen ſein würde) befreit hatte, ihre kleinen Hände in einer ſo jammervollen Weiſe, daß ich ſchier Erbarmen mit ihr fühlte. „Miß Mowcher!“ ſagte ich, nachdem ich einen Blick die lange Straße hinauf⸗ und hinabgeworfen hatte, ohne beſtimmt zu wiſſen, was ich noch außerdem zu ſehen erwartete;„wie kommen Sie hierher? Was giebt's?“ Sie bat mich durch eine Bewegung ihres kurzen rechten Arms, den Regenſchirm für ſie zuzumachen, und 14 David Kopperfield. indem ſie haſtig an mir vorbeiſchritt, ging ſie in die Küche. Als ich die Thür geſchloſſen hatte und ihr mit dem Regenſchirme in der Hand gefolgt war, fand ich ſie in der Ecke des Kamingitters— es war ein nie⸗ driges eiſernes, mit zwei flachen Schienen oben darauf, um Teller darauf zu ſtellen— im Schatten des Koch⸗ keſſels ſitzen, ſich vorwärts und rückwärts ſchaukeln und ſich die Knie reiben, wie Jemand, der großen Schmerz fühlt. Ganz außer mir, daß ich die einzige Perſon ſei, die dieſen zur Unzeit ſich einſtellenden Beſuch empfing und dieſes wunderliche Benehmen ſah, rief ich abermals:„Aber bitte, Miß Mowcher, was giebt's nur? ſind Sie krank?“ „Mein lieber junger Freund,“ entgegnete Miß Mow⸗ cher, indem ſie ihre Hände eine über die andere auf dem Herzen zuſammenpreßte.„Ich bin hier krank, ich bin ſehr krank! Zu denken, daß es dahin kommen ſollte, wo ich's hätte wiſſen und vielleicht verhüten kön⸗ nen, wäre ich nicht ſolch eine gedankenloſe Närrin ge⸗ weſen!“ Wieder ging ihr großer Hut(ganz und gar außer Verhältniß zu ihrer Geſtalt), indem ſte ihren kleinen Körper hin⸗ und herſchaukelte, vorwärts und rückwärts; während ein ungeheurer Hut gemeinſchaftlich mit ihm ſich auf der Wand wiegte.. Ich begann:„Ich wundere mich, Sie ſo traurig und ſo ernſthaft zu ſehen—“ da unterbrach ſie mich. „Ja, ſo iſt's immer!“ ſagte ſie.„Sie wundern ſich alle, dieſe unvernünftigen jungen Herrchen, die ſo hübſch und groß gewachſen ſind, daß ſie ein natürliches Gefühl in der Bruſt ſolch eines kleinen Dinges wie ich ſehen! Sie machen ein Spielzeug aus mir, haben ihren Spaß mit mir, ſchmeißen mich weg, wenn ſte mich ſatt David Kopperfield. 15 haben, und wundern ſich, daß ich mehr Gefühl im Leibe habe, als ein Schaukelpferd oder ein hölzerner Soldat. Ja ja, das iſt ſo ihre Art! Die Art, wie ſie's immer machen!“ „Mag ſein, daß es bei Andern ſo iſt,“ erwiederte ich,„aber ich verſichere Ihnen, nicht mit mir. Viel⸗ leicht ſollte ich überhaupt gar nicht erſtaunt ſein, Sie in dem Zuſtande zu ſehen, in welchem Sie jetzt ſind. Ich kenne Sie ſo wenig. Ich ſagte, was ich dachte, ohne Ueberlegung und Hintergedanken.“ „Was kann ich thun?“ erwiederte das kleine Weib, indem ſie aufſtand und ihre Arme ausſtreckte, um zu zeigen, was für ein Knirps ſie ſei.„Sehen Sie her! Was ich bin, war mein Vater und iſt meine Schwe⸗ ſter und mein Bruder. Ich habe für Bruder und Schwe⸗ ſter dieſe vielen Jahre daher gearbeitet— ſehr fleißig gearbeitet, Herr Kopperfield,— den ganzen Tag. Ich muß leben. Ich thue Niemandem was zu Leide. Wenn es Leute giebt, die ſo wenig Ueberlegung haben und ſo grauſam ſind, daß ſie ihren Witz mit mir treiben, was bleibt mir da übrig, als über mich ſelbſt, über und Alles mit einander meinen Witz zu machen? Wenn ich nun dann und wann ſo thue, wer trägt die Schuld davon? Ich etwa?“ Nein. Das ſah ich ein, es war nicht die Schuld von Miß Mowcher. 3 „Hätte ich mich als einen übelnehmiſchen Zwerg gegen ihren falſchen Freund gezeigt,“ fuhr das kleine Frauenzimmerchen fort, indem ſie ihren Kopf mit vor⸗ wurfsvollem Ernſte ſchüttelte,„wieviel denken Sie wohl, daß er mir geholfen oder geſchenkt haben würde? Wenn die kleine Mowcher(welche nichts dafür kann, junger Herr, daß Sie nicht größer geworden iſt), ſich an ihn 16 David Kopperfield. oder Seinesgleichen gewendet hätte, daß es ihr ſo ſchlecht geht, wenn meinen Sie wohl, daß ihre ſchwache Stimme gehört worden wäre? Die kleine Mowcher würde eben ſo viel zu leben haben müſſen, wenn ſte die gif⸗ tigſte und dickköpfigſte aller Pygmäen wäre, aber ſie könnte es dann nicht. Nein. Sie könnte um ihr Bißchen Brot und Butter pfeifen, bis ſie von der Luft ſtürbe.“ Miß Mowcher ſetzte ſich wieder auf das Kamingit⸗ ter und nahm ihr Taſchentuch heraus und wiſchte ſich die Augen. „Danken Sie Gott für mich, wenn Sie ein gutes Herz haben, wie ich das glaube,“ ſagte ſie,„daß ich, obſchon ich weiß, was ich bin, dennoch heiter ſein und Alles ertragen kann. Ich danke Gott ſelber auf jeden Fall, daß ich winziges Ding mir durch die Welt hel⸗ fen kann, ohne Jemandem zu Danke verpflichtet zu ſein, und daß ich, zur Vergeltung für Alles, was man aus Thorheit oder Herzloſigkeit nach mir wirft, wenn ich meiner Straße wandle, den Leuten wieder einen Schabernack ſpielen kann. Wenn ich mir nicht über Alles, was mir fehlt, Gedanken mache, ſo iſt's um ſo beſſer für mich und Niemandem zum Schaden. Wenn ich ein Spielzeug für Euch Rieſen bin, ſo geht zart mit mir um.“ 3 Miß Mowcher ſteckte ihr Schnupftuch in die Taſche, wobei ſie mich die ganze Zeit über mit ſcharf beobach⸗ tender Miene anſah, und fuhr dann fort: „Ich ſah Sie eben in der Straße. Sie denken vielleicht, ich bin nicht im Stande, ſo ſchnell zu gehen, als Sie, mit meinen kurzen Beinen, und kurzem Athem, und ich könnte Sie nicht überholen; aber ich errieth, wo Sie hingingen, und kam hinter ihnen her. Ich bin David Kopperfield. 17 heute ſchon ein Mal dageweſen, aber die gute Frau war nicht zu Hauſe.“ „Kennen Sie ſie denn?“ fragte ich. „Ich weiß von ihr und über ſie durch Omer und Joram,“ entgegnete ſie.„Ich war dieſen Morgen um ſieben Uhr hier. Erinnern Sie ſich, was Steerforth zu mir über jenes unglückliche Mädchen ſagte, damals, als ich Sie beide im Gaſthofe ſah?“ Der große Hut auf Miß Mowchers Kopf und der größere Hut an der Wand fingen bei dieſer Frage an, wieder vorwärts und rückwärts zu wackeln. Ich entſann mich deſſen, worauf ſie ſich bezog, ſehr wohl, indem es mir dieſen Tag oft durch den Kopf ge⸗ gangen war. Ich ſagte ihr das. „Möge der Vater alles Böſen ihn vertilgen,“ ſagte das kleine Weib, indem ſie ihren Zeigefinger zwiſchen mir und ihre funkelnden Augen emporhielt;„doch zehn⸗ mal mehr jenen niederträchtigen Bedienten; aber ich glaubte, Sie wären's, welche eine kindiſche Leidenſchaft für ſie fühlten!“ „Ich?“ wiederholte ich. „Kind, Kind! Im Namen des blinden Unheils?“ ſchrie Miß Mowcher, indem ſie heftig ihre Hände rang, während ſie auf dem Kamingitter wieder hin- und her⸗ wackelte,„was lobten Sie ſie aber auch ſo ſehr und wurden roth bis hinter die Ohren und ſahen verlegen aus?“ Ich köonnte mir ſelbſt nicht verbergen, daß ich dies gethan, obwohl aus einem Grunde, der von dem, was ſte vermuthete, weit entfernt war. „Wußt' ich's denn nicht?“ ſagte Miß Moycher, in⸗ dem ſie ihr Taſchentuch wieder herausnahm und jedes David Kopperfield. VI. 2 David Kopperfield. Mal, wenn ſie es in kurzen Pauſen mit beiden Han⸗ den zugleich an die Augen führte, mit ihrem kleinen Fuße auf den Boden ſtampfte.„Ich ſah, wie er um Sie herumſchmeichelte, und ich ſah, Sie waren weiches Wachs in ſeinen Händen. Und ſagte mir, als ich das Zimmer noch keine Minute verlaſſen, ſein Bedienter nicht, daß„die jugendliche Unſchuld“(ſo nannte er Sie, und Sie mögen ihn dafür Ihr Lebelang„das alte Laſter“ nennen) ihr Herz an Sie gehängt hätte, und daß das Mädchen ihn in ihrer Einfalt lelden könnte, daß aber ſein Herr entſchloſſen ſei, es ſolle kein Unglück daraus entſtehen— mehr Ihretwegen, als wegen des Mäd⸗ chens— und daß dies die Urſache Ihres Hierſein wäre? Wie konnt' ich ihm nur glauben! Ich ſah, wie Steer⸗ forth ſie lobte, um Ihnen zu gefallen. Sie waren der Erſte, der ihren Namen erwähnte. Sie gaben einer früheren Bewunderung, die Sie für ſie gefühlt hatten, nach. Sie waren bald heiß, bald kalt und bald weiß, bald roth, als ich zu Ihnen von ihr ſprach. Wie konnt' ich anders denken— und wie dacht' ich wirklich nicht anders— als daß Sie ein junger Thunichtgut wären, dem es nur noch an Erfahrung fehlte; und daß Sie in Hände gefallen wären, die Erfahrung genug hätten und Sie, wenn ſie Luſt hätten, für ihre eignen Zwecke ver⸗ wenden könnten? Oh, oh, oh! Sie fürchteten, ich werde die Wahrheit herauskriegen,“ ſchrie Miß Mow⸗ cher, indem ſie von dem Kamingitter aufſtand und, ihre beiden kurzen Arme jammervoll emporgehoben, in der Küche auf und ab tappte,„weil ich ein kleines Ding mit ſcharfen Augen bin— ich muß es ſein, um über⸗ haupt durch die Welt zu kommen— und ſie betrogen mich ganz und gar, und ich gab dem armen unglück⸗ lichen Mädchen einen Brief, der, wie ich feſt überzeugt David Kopperfield. 19 bin, der Anfang war, daß ſie je mit Littimer ſprach, der zu dem Zwecke zurückblieb.“ Ich ſtand verwundert da, als mir alle dieſe Schänd⸗ lichkeit eröffnet wurde, und ſah Miß Mowcher an, wie ſie in der Küche auf⸗ und abging, bis ſie außer Athem war. Dann ſetzte ſie ſich wieder auf das Kamingitter, und nachdem ſie ihr Geſicht mit ihrem Taſchentuche ge⸗ trocknet hatte, ſchüttelte ſie lange Zeit den Kopf, ohne ſich ſonſt wie zu bewegen oder das Stillſchweigen zu brechen. „Meine Rundreiſen im Lande,“ fuhr ſie endlich fort, „brachten mich vorgeſtern Abend nach Norwich, Herr Kopperſield. Was ich dort zufällig herauskriegte über ihr geheimes Kommen und Gehen ohne Sie— was mir ſeltſam vorkam— führte mich auf die Vermuthung, daß etwas an der Sache faul ſei. Ich ſetzte mich ge⸗ ſtern Abend in die Poſt von London, als ſie durch Nor⸗ wich kam, und war dieſen Morgen hier. Oh, oh, oh, es war zu ſpät!“ Die arme kleine Mowcher war nach allem ihrem Wei⸗ nen und Sich⸗Abhärmen ſo kalt geworden, daß ſie ſich auf dem Kamingitter herumdrehte und ihre armen klei⸗ nen naſſen Füße in die Aſche ſteckte, um ſie zu wär⸗ men, und ſo ſaß ſie da gleich einer großen Puppe und ſchaute ins Feuer. Ich ſaß auf der andern Seite des Herds in einem Stuhl, verloren in traurige Gedan⸗ ken, und blickte ebenfalls ins Feuer und manchmal nach ihr. „Ich muß gehen,“ ſagte ſie endlich, indem ſie ſich erhob, während ſie ſprach.„'s iſt ſpät. Sie ſetzen doch kein Mißtrauen in mich?“ Indem ich ihrem ſcharfen Blicke begegnete, der, als ſie mich fragte, ſo ſcharf wie immer war, konnte ich auf 2* 20 David Kopperfield. dieſe Aufforderung hin nicht mit völlig gutem Gewiſſen „nein“ antworten. „Na,“ ſagte ſie, indem ſte das Anerbieten meiner Hand, um ihr über das Gitter wegzuhelfen, annahm und mir forſchend ins Geſicht ſah,„ wiſſen Sie wohl, Sie würden kein Mißtrauen in mich ſetzen, wenn ich ein Frauenzimmer von gehöriger Größe wäre.“ Ich fühlte, daß hieran viel Wahres war, und ſchämte mich ſehr meiner ſelbſt. „Sie ſind ein junger Mann,“ verſetzte ſie, mit dem Kopfe nickend.„Nehmen Sie einen Rath an, wenn er auch von Jemand kommt, der ein Knirps von drei Fuß iſt. Verſuchen Sie's nie, körperliche Mängel mit geiſtigen zu verbinden, mein guter Freund, ausgenom⸗ men, Sie haben einen gewiſſen Grund dazu.“ Sie war jetzt über das Kamingitter, und ich war über meinen Verdacht weg gekommen. Ich ſagte ihr, wie ich glaube, daß ſie mir einen getreuen Bericht über ſich ſelbſt gegeben habe, und daß wir Beide willenloſe Werkzeuge in ränkevollen Händen geweſen ſeien. Sie dankte mir und ſagte, ich wäre ein guter Menſch. „Jetzt aber horchen Sie'mal!“ ſagte ſie, indem ſie auf ihrem Wege nach der Thür ſtillſtand und mir mit abermals erhobenem Zeigefinger und ſchlauem Blicke ins Geſicht ſah.„Ich habe nach dem, was ich gehört — meine Ohren ſind nämlich immer offen; ich darf mit meinen Fähigkeiten nicht zurückhalten— einigen Grund zu dem Verdachte, daß ſie außer Landes gegangen ſind. Aber wenn ſie je zurückkehren, wenn je eines von ih⸗ nen zurückkehrt, während ich noch am Leben bin, ſo werde— ich, die ſo viel im Lande herumkommt, es wahrſchein⸗ lich eher als ein Anderes herauskriegen. Was ich aber erfahre, ſollen Sie wiſſen. Wenn ich je was thun kann, ——— — David Kopperfield. 21 um dem armen betrogenen Mädchen einen Dienſt zu lei⸗ ſten, ſo will ich's, ſo Gott will, mit getreuem Herzen thun! Und Littimern würde beſſer ſein, er hätte einen Bluthund hinter ſich als die kleine Mowcher!“ Ich ſetzte unbedingtes Vertrauen in die Wahrheit dieſer letzten Behauptung, als ich den Blick bemerkte, von welchem ſie begleitet war. „Trauen Sie mir nicht mehr, aber trauen Sie mir auch nicht weniger zu, als einem Frauenzimmer von ge⸗ höriger Größe,“ ſagte das kleine Geſchöpf, indem ſie mich dabei an das Handgelenk tippte, um mich aufmerk⸗ ſam zu machen.„Wenn Sie mich je wieder ſehen ſoll⸗ ten, ungleich dem, was ich jetzt bin, und ſo, wie ich war, als Sie mich das erſte Mal ſahen, ſo beobachten Sie, in welcher Umgebung ich bin. Rufen Sie ſich ins Gedächtniß zurück, daß ich ein ganz hülfloſes und vertheidigungsloſes kleines Ding bin. Denken Sie ſich mich zu Hauſe, zuſammen mit einem Bruder und einer Schweſter gleich mir, wenn mein Tagewerk gethan iſt. Vielleicht werden Sie dann nicht hart über mich urthei⸗ len oder ſich verwundern, daß ich Kummer fühlen und ernſthaft ſein kann. Gute Nacht!“ Ich gab Miß Mowcher meine Hand mit einer Mei⸗ nung von ihr, welche ſehr verſchieden war von der, welche ich bisher von ihr gehabt, und öffnete die Thür, ſie hinauszulaſſen. Es war keine Kleinigkeit, den großen Regenſchirm aufzuſpannen und ihr in richtiger Stellung in die Hand zu balanciren; indeß brachte ich dies zu⸗ letzt doch glücklich zu Stande und ſah ihn ſchwankend durch den Regen die Straße hinabgehen, ohne daß es im Geringſten geſchienen hätte, als ob er Jemand un⸗ ter ſich hätte, ausgenommen wenn eine überfüllte Dach⸗ rinne einen Waſſerſchwall ſchwerer als gewöhnlich darauf 22 David Kopperfield. herunterſchickte, daß er auf eine Seite taumfelte und Miß Mowcher ſehen ließ, wie ſie aus allen Kräften ſich ab⸗ arbeitete, ihn in Ordnung zu bringen. Nachdem ich Am Morgen geſellten ſich Mr. Peggotty und meine alte Wärterin zu mir, und wir gingen in früher Stunde nach der Poſtexpedition, wo Mrs. Gummidge und Ham auf uns warteten, um von uns Abſchied zu nehmen. „Musje Davchen,“ flüſterte Ham, indem er mich bei Seite zog, während Mr. Peggotty ſeinen Ranzen unter das Poſtgut legte,„ſein Leben iſt ganz hin. Er weiß nicht, wo er hingehen thut, er weiß nicht, was er vor ſich hat, er hat ſich auf'ne Reiſe begeben, welche, darauf geb' ich Sie mein Wort, all ſein Leb⸗ tage dauern wird,'s wäre denn, er fände, was er ſucht. Gewiß, Sie werden ſich gegen ihn als Freund zeigen, Musje Davchen?“ „Darauf verlaſſen Sie ſich, das will ich,“ ſagte ich, indem ich Ham vom Herzen die Hand ſchüttelte. „Danke! Danke ſchöne, ſehr freundlich, junger Herre. Nu aber noch was. Sie wiſſen, Musje Davchen, ich ſtehe in guter Arbeit, und ich weiß alleweile nicht, wie ich das verthun ſoll, was ich kriege. Geld nutzt mich nichts mehr alleweile, als blos zum Leben. Wenn Sie's für ihn auslegen könnten, ſo würde ich mit leichterem Herzen an meine Arbeit gehen. Obſchon, was das be⸗ trifft,“ und er ſprach ſehr treüherzig und weich,„Sie nicht denken dürfen, ich werde nicht allerwegen arbeiten, —— David Kopperfield. 23 wie ein Maun, und ſo gut thun, als es in meinen Kräften ſteht.“ Ich ſagte ihm, daß ich davon ſehr wohl überzeugt ſei, und ich ließ ihm merken, daß vielleicht ſelbſt noch eine Zeit käme, wo er aufhören werde, dieſes einſame Leben zu führen, welches er natürlich jetzt im Sinne habe. „Nein, junger Herre,“ antwortete er kopfſchüttelnd, „alles das iſt vorbei und vorüber mit mich. Niemand kann den Platz ausfüllen, der leer iſt. Aber Sie wer⸗ den das mit dem Gelde im Andenken behalten, daß immer welches für ihn bei Seite gelegt iſt?“ Indem ich ihn an den Umſtand erinnerte, daß Mr. Peggotty ein gewiſſes, obwohl freilich ſehr mäßiges Einkommen aus dem Vermächtniß ſeines verſtorbenen Schwagers bezöge, verſprach ich, dies zu thun. Wir nahmen dann Abſchied von einander. Ich kann mich ſelbſt jetzt nicht von ihm verabſchieden, ohne mich mit einem Seufzer ebenſo an ſeine Beſcheidenheit und See⸗ lenſtärke, wie an ſeinen tiefen Kummer zu erinnern. Was Mrs. Gummidge betrifft, ſo würde ich eine ſchwierige Aufgabe auf mich nehmen, wollte ich verſu⸗ chen, eine Beſchreibung zu liefern, wie ſie neben der Poſtkutſche her die Straße hinunterlief, durch die Thrä⸗ nen, die ſie zurückzuhalten ſich beſtrebte, nichts als Mr. Peggotty auf dem Kutſchendache ſah, und gegen alle Leute anrannte, welche in entgegengeſetzter Richtung ka⸗ men. Deshalb werde ich beſſer thun, ſie auf den Stu⸗ fen zu einem Bäckerladen zurückzulaſſen. Sie war außer Athem, ihre Haube aller Form und Geſtalt baar und ledig, und einer ihrer Schuhe lag in beträchtlicher Ent⸗ fernung davon auf dem Straßenpflaſter. Als wir am Ziele unſerer Reiſe anlangten, war 24 David Kopperfield. unſer erſtes Geſchäft, daß wir uns nach, einer kleinen Wohnung für Peggotty, wo ihr Bruder ein Bett ha⸗ ben konnte, umſahen. Wir waren ſo glücklich, eine ſolche zu finden, die ſehr reinlich und billig war und ſer Dame bemerken, daß ſie durch Peggotty ſehr belei⸗ digt wurde, indem dieſe, ehe ſie zehn Minuten an Ort und Stelle geweſen, ihr Wittwenkleid in die Höhe ſchürzte und ſich an die Arbeit machte, mein Schlaf⸗ zimmer auszufegen. Dies betrachtete Mrs. Crupp im Lichte einer Freiheit, und eine Freiheit, meinte ſie, wäre ein Ding, welches ſie nie geſtatte. Mr. Peggotty hatte mir auf dem Wege nach Lon⸗ don eine Mittheilung gemacht, auf welche ich nicht un⸗ vorbereitet war. Es war die, daß er ſich vorgenom⸗ men, zuerſt Mrs. Steerforth zu ſehen. Da ich mich für verpflichtet hielt, ihm hierin beizuſtehen, und ebenſo den Vermittler zwiſchen ihnen zu machen, wobei ich die Gefühle der Mutter ſo viel als möglich zu ſchonen be— abſichtigte, ſo ſchrieb ich dieſen Abend an ſie. Ich ſetzte ihr mit ſo milden Worten, als ich konnte, auseinan⸗ der, worin das ihm geſchehene Unrecht beſtehe, und wie viel ich Antheil habe an ſeiner Verletzung. Ich ſagte, er ſei ein gemeiner Mann zwar, aber von dem edelſten und aufrichtigſten Charakter, und daß ich die Hoffnung auszudrücken wage, ſie werde ſich nicht weigern, ihn David Kopperfield. 25 in ſeiner ſchweren Trübſal zu ſehen. Ich nannte zwei Uhr Nachmittags als die Stunde, wo wir kommen würden, und ich ſchickte den Brief mit der erſten Poſt am Morgen hinaus. Zur ausgemachten Zeit ſtanden wir an der Thür — der Thür des Hauſes, wo ich wenige Tage zuvor ſo glücklich geweſen, wo mein jugendlich vertrauendes Herz und mein warmes Gefühl ſo frech betrogen wor⸗ den, welches fortan vor mir verſchloſſen, welches jetzt Rein öder Ort voll zerſtörter Verhältniſſe war. Kein Littimer erſchien. Das angenehmere Geſicht, welches bei Gelegenheit meines letzten Beſuchs an ſeine Stelle getreten war, antwortete auf unſere Fragen und ging vor uns ins Empfangszimmer. Mrs. Steerforth ſaß dort. Miß Roſa Dartle glitt, als wir eintraten, aus einem andern Theile des Zimmers herbei und trat hinter ihren Stuhl. Ich ſah ſogleich aus ſeiner Mutter Geſicht, daß ſie von ihm ſelbſt wiſſe, was er gethan habe. Es war ſehr bleich und trug die Spuren von tieferer Aufre⸗ gung, als ſie mein Brief wahrſcheinlich hervorgerufen hätte, da deſſen Wirkung durch die Zweifel, die ihre Zärtlichkeit gegen ihn über den Inhalt deſſelben erhoben haben würde, geſchwächt worden wäre. Mir kam ſie ihm ähnlicher vor als je, und ich fühlte mehr, als ich ſah, daß die Aehnlichkeit für meinen Begleiter auch nicht verloren war. Sie ſaß kerzengerade in ihrem Armſtuhle, und ihre Miene war ſo feierlich, unbeweglich und leidenſchaftslos, daß ſie durch nichts geſtört werden zu können ſchien. Sie ſah Mr. Peggotty mit unverwandtem Blicke an, als er vor ihr ſtand, und ebenſo unverwandt ſah er ſie an. Roſa Dartles ſcharfes Auge überſchaute uns 26 David Kopperfield. alleſammt. Einige Augenblicke lang wurde kein Wort geredet. Sie lud Mr. Peggotty durch eine Handbewegung zum Niederſetzen ein. Er ſagte mit leiſer Stimme:„Ich würde es nicht paſſend finden, Madame, mich in dieſem Hauſe zu ſetzen. Ich will lieber ſtehen.“ Und hierauf folgte ein abermaliges Schweigen, welches ſie mit fol⸗ genden Worten brach: „Ich habe mit tiefem Bedauern erfahren, was Sie hierher gebracht hat. Was wünſchen Sie von mir? Was verlangen Sie, das ich thun ſoll?“ Er ſteckte ſeinen Hut unter ſeinen Arm, fühlte in ſeine Bruſttaſche nach Emiliens Brief, nahm ihn her⸗ aus, entfaltete ihn und gab ihn ihr. „Leſen Sie das gefälligſt, Madame. Das iſt die Hand meiner Nichte!“ Sie las ihn in derſelben feierlichen und leidenſchafts⸗ loſen Weiſe— ungerührt von ſeinem Inhalte, ſo viel ich ſehen konnte— und reichte ihm denſelben zurück. „Es wäre denn, er brächte mich als ſeine Gemah⸗ lin zurück,“ ſagte Mr. Peggotty, indem er dieſen Wor⸗ ten im Briefe mit ſeinem Finger folgte.„Ich komme, mich zu erkundigen, Madame, ob er ſein Wort halten wird?“ „Nein,“ exwiederte ſie. „Warum nicht?“ fragte Mr. Peggotty. „Es iſt unmöglich. Er würde ſich in Schande ſtür⸗ zen. Es kann Ihnen nicht verborgen ſein, daß ſie weit unter ihm ſteht.“ „Erheben Sie ſie!“ ſagte Mr. Peggotty. „Sie iſt unerzogen und unwiſſend.“— „Mag ſein, daß ſie's nicht iſt, mag ſein, daß ſie's iſt,“ antwortete Mr. Peggotty.„Ich glaube, ſie iſt's David Kopperfield. 27 nicht, Madame, aber ich bin kein Richter nicht über ſolche Sachen. Lehren Sie ihr mehr.“ „Da Sie mich zwingen, deutlicher zu reden, was ich durchaus nicht gern thue, ſo ſage ich Ihnen, daß ihre niedere Umgebung Dergleichen unmöglich machen würde, wenn's weiter nichts wäre.“. „Jetzt horchen Sie mich'mal zu, Madame,“ erwie⸗ derte er langſam und mit Ruhe.„Sie wiſſen, was es heißt, ein Kind lieben. Auch ich weiß es. Wenn ſie hundert Mal mein Kind wäre, ich könnte ſie nicht mehr lieben. Sie wiſſen nicht, was es heißt, ein Kind verlieren. Ich weiß es. Alle Reichthümer der Welt, wenn ich ſie hätte, würden für mich nichts ſein, könnte ich ſie damit zurückkaufen! Aber retten Sie ſie von dieſer Schande, und es ſoll ihr nimmermehr keine Schande nicht daraus gemacht werden von uns. Keines von uns, unter denen ſie aufgewachſen iſt, keines von uns, die wir mit ihr zuſammengelebt haben, und denen ſie ihr Alles war dieſe Jahre daher, wird je wieder in ihr liebes Geſicht ſehen. Wir wollen zufrieden ſein, daß ſie da iſt, wir wollen uns zufriedengeben, an ſie in der Ferne zu denken, wie als ob ſie unter einer andern Sonne und Himmel leben thäte, wir wollen uns zu⸗ friedengeben, ſie bei ihrem Manne zu wiſſen,— bei ihren kleinen Kinderchens vielleicht— und die Zeit er⸗ warten, wo wir Alle gleich ſein werden vor unſerm Herrgott.“. Die rauhe Beredſamkeit, mit welcher er ſprach, war nicht ganz ohne alle Wirkung. Sie bewahrte ihr ſtol⸗ zes Benehmen, aber es klang wie ein milder Ton aus ihrer Stimme heraus, als ſie antwortete: „Ich will nichts rechtfertigen. Ich mache keine Ge⸗ genklagen. Aber ich bedaure, wiederholen zu müſſen, 28 David Kopperfield. daß es unmöglich iſt. Solch eine Heirath würde mei— nes Sohnes Carrieère unwiederbringlich vernichten und ſeine Ausſichten zerſtören. Nichts iſt gewiſſer, als daß es nie ſtattfinden kann und nie wird. Wenn es irgend eine andere Ausgleichung giebt“— „Ich ſehe das Ebenbild des Geſichts,“ unterbrach ſie Mr. Peggotty mit einem feſten, aber funkelnden Auge,„welches mich in meiner Heimat, an meinem Heerde, in meinem Boote— überall ſonſt— lächelnd und freundlich angeſehen hat, während es ſo voll Ver⸗ rätherei war, daß ich halb raſend werde, wenn ich nur dran denken thue. Wenn das Ebenbild dieſes Geſichts ſich bei dem Gedanken, mir für die Schande und das Elend meines Kindes Geld zu bieten, nicht in brennen⸗ des Feuer verwandelt, ſo iſt es ebenſo ſchlecht. Da es einer Dame gehört, ſo weiß ich nicht, welches von bei⸗ den ſchlechter iſt/ Sie verwandelte ſich jetzt in einem Augenblicke. Eine Zornesröthe breitete ſich über ihre Züge aus, und ſie ſagte in einer hochfahrenden Weiſe, indem ſie den Arm— ſtuhl feſt umklammerte: „Wie können Sie mir's wieder gut machen, daß Sie dieſe Kluft zwiſchen mir und meinem Sohne ge⸗ öffnet haben? Was iſt Ihre Liebe gegen die meine? Was iſt Ihre Trennung gegen die unſere?“ Miß Dartle berührte ſie ſanft und beugte ihren Kopf zu ihr herab, um ihr etwas zuzuflüſtern; aber ſie wollte kein Wort hören. „Nein, Roſa, nicht ein Wort! Laß den Mann horchen auf das, was ich ſage. Mein Sohn, welcher der Angelpunkt meines Lebens geweſen iſt, dem jeder Gedanke deſſelben geweiht war, dem ich von Kind auf jeden Wunſch erfüllt, von dem ich mich ſeit ſeiner Ge⸗ ⁸8*— ☛ „—— ,—— David Kopperfield. 29 burt nicht getrennt habe— er läuft mir ohne Weite⸗ res davon mit einem elenden Mädchen und verläßt mich! Er vergilt mein Vertrauen ihrethalber mit ſyſtematiſcher Täuſchung und läßt mich ihretwegen im Stiche! Er verbleibt bei dieſer unſeligen Laune im Widerpart gegen die Anſprüche ſeiner Mutter auf Pflichterfüllung, Liebe, Achtung, Dankbarkeit— Anſprüche, welche jeder Tag und jede Stunde ſeines Lebens verſtärkt und zu Ban⸗ den gemacht haben ſollten, die nichts zu zerreißen ver⸗ möchte! Iſt dies kein Unrecht?“ Wieder verſuchte Roſa Dartle ſie zu beſänftigen, wieder ohne Erfolg. „Ich ſage, Roſa, nicht ein Wort! Wenn er ſein Alles auf den geringſten Gegenſtand werfen kann, ſo kann ich mein Alles einem größern Zwecke zuwenden. Mag er mit den Mitteln, die meine Liebe ihm geſichert hat, hingehen, wohin er will. Denkt er etwa, durch eine lange Abweſenheit mich von meiner Meinung zu⸗ rückzubringen? Wenn er das denkt, kennt er ſeine Mut⸗ ter ſehr wenig. Mag er ſeine Grille jetzt abthun, gut, ſo iſt er willkommen, wenn er zurückkommt. Thut er ſie nicht ab, ſo ſoll er mir im Leben und Sterben nicht zu nahe kommen, ſo lange ich noch meine Hand auf⸗ heben und ein Zeichen dagegen machen kann, es wäre denn, er hätte das Mädchen für immer ſich vom Halſe geſchafft und käme demüthig zu mir und bäte um meine Vergebung. Dies iſt mein Recht. Und dies iſt die An⸗ erkennung meines Rechtes, die ich haben will. Und das iſt die Scheidewand zwiſchen uns! Und iſt dies,“ fügte ſie, zu ihrem Beſucher gekehrt, mit der ſtolzen hoch⸗ fahrenden Miene, mit welcher ſie begonnen, hinzu, „kein Unrecht?“ Während ich die Mutter hörte und ſah, indem ſie 30 David Kopperfield. dieſe Worte ſprach, war mir's zugleich, als ob ich den Sohn hörte und ſähe, wie er ihnen trotzte. Alles, was ich je in ihm von einem unbeugſamen und eigen⸗ willigen Geiſte geſehen, ſah ich auch in ihr. Ganz wie ich jetzt ſeine mißgeleitete Willensſtärke begriff, begriff ich auch ihren Charakter und ſah ein, daß er in ſeinen ſtärkſten Quellen derſelbe ſei. Sie bemerkte mir jetzt laut, indem ſie ihre vorhe— rige Verhaltenheit wieder annahm, daß es nutzlos ſei, mehr zu hoͤren oder zu ſagen, und daß ſie bäte, es möge der Zuſammenkunft ein Ende gemacht werden. Sie erhob ſich mit würdevoller Miene, um das Zim⸗ mer zu verlaſſen, aber Mr. Peggotty bedeutete ſie, daß dies unnöthig ſei. „Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen läſtig fallen werde; ich habe nichts mehr zu ſagen, Madame,“ be⸗ merkte er, während er auf die Thür zuſchritt.„Ich kam ohne Hoffnung hierher, und ich nehme keine Hoff⸗ nung mit mir fort. Ich habe gethan, was ich für nöthig hielt, aber ich ſah nie nichts Gutes herauskom⸗ men, daß ich hierher ging. Dies iſt ein zu böſes Haus für mich und die Meinigen geweſen, daß ich bei rechten Sinnen ſein und das erwarten könnte.“ Hiermit gingen wir und ließen ſie an ihrem Arm⸗ ſtuhle ſtehen, ein Bild vornehmen Weſens und eines ſchönen Geſichts. Wir hatten auf unſerm Hinauswege eine gepflaſterte Halle mit einer Decke und Seiten von Glas zu paſſi⸗ ren, über welche ein Weinſtock gezogen war. Seine Blätter und Schößlinge waren zu der Zeit grün, und da der Tag ſonnig war, ſo ſtanden ein Paar Glas⸗ flügelthüren, die in den Garten führten, offen. Roſa Dartle betrat dieſen Weg, als wir nahe an den . David Kopperfield. 31 Thüren waren, mit geräuſchloſem Schritte und redete mich an. „Sie thun wohl daran,“ ſagte ſie,„dieſen Men⸗ ſchen herzubringen!“ Eine ſolche Concentration von Wuth und Hohn, wie ſie ihr Geſicht verdunkelte und aus ihren kohl⸗ ſchwarzen Augen blitzte, hätte ich ſelbſt in dieſem Ge⸗ ſichte nicht für möglich gehalten. Die Schramme, welche der Hammer gemacht, hob ſich, wie ſtets, wenn ſie auf⸗ geregt war, ſcharf von ihrem Geſichte ab. Als das Zucken und Pulſiren, welches ich früher geſehen, wie ich ſie anblickte, hineinkam, hob ſie ſogleich ihre Hand empor und ſchlug darauf. „Das iſt ein Menſch,“ ſagte ſie,„deſſen Verthei⸗ digung man führen und den man hierher bringen muß. Nicht wahr? O Sie ſind ein wackerer Mann!“ „Fräulein Dartle,“ entgegnete ich,„Sie ſind ſicher⸗ lich nicht ſo ungerecht, mich zu verdammen!“ „Warum bringen Sie Uneinigkeit zwiſchen dieſe bei⸗ den wahnſinnigen Geſchöpfe?“ erwiederte ſie.„Wiſſen Sie nicht, daß ſie Beide verrückt ſind vor Eigenwillig⸗ keit und Hochmuth?“ „Iſt dies meine Schuld?“ fragte ich. „Ob das Ihre Schuld iſt?“ fuhr ſie mich an.„Warum bringen Sie dieſen Mann hierher?“ „Er iſt ein ſchwer verletzter Mann, Fräulein Dartle,“ erwiederte ich.„Sie wiſſen es vielleicht nicht.“ „Ich weiß, daß James Steerforth,“ ſagte ſie, die Hand auf den Buſen gelegt, als wollte ſie den Sturm, der dort wüthete, am Lautwerden verhindern,„ein fal⸗ ſches, verdorbenes Herz hat und ein Verräther iſt. Aber was brauch ich von dieſem Kerl und der gemeinen Per⸗ 32 David Kopperfield. ſon, ſeiner Nichte, zu wiſſen oder mich um ſie zu küm⸗ mern?“ „Fräulein Dartle,“ erwiederte ich,„Sie verſchärfen das Unrecht. Es iſt groß genug bereits. Ich will beim Scheiden nur ſagen, daß Sie ihm ſehr Unrecht thun.“ „Ich thue ihm nicht Unrecht,“ entgegnete ſie.„Sie ſind ein verdorbenes, nichtswürdiges Volk. Ich würde ſte peitſchen laſſen!“ Mr. Peggotty ging, ohne ein Wort zu ſagen, wei⸗ ter und ſchritt aus der Thür. „O pfui, Fräulein Dartle, pfui!“ ſagte ich entrü⸗ ſtet.„Wie vermögen Sie es zu verantworten, ſein unverdientes Elend noch mit Füßen zu treten?“ ⸗„Ich würde ſie alleſammt mit Füßen treten!“ ant⸗ wortete ſte.„Ich würde ſein Haus niederreißen laſſen. Würde ſie im Geſichte brandmarken, in Lumpen kleiden und in die Straße hinausſtoßen, um zu verhungern. Hätte ich die Macht, über ſie zu Gericht zu ſitzen, ſo wollte ich's gethan ſehen. Gethan ſehen? Selber thun wollt' ich's. Ich verachte ſie. Könnte ich ihr ihre ſchmach⸗ volle Lage je ins Geſicht hinein vorhalten, überallhin wollt, ich gehen, um es zu thun. Könnt' ich ſie jagen und hetzen bis in ihr Grab hinein, ich würde es. Gäbe es irgend ein Wort der Beruhigung, welches ihr in ihrer Todesſtunde zum Troſte gereichen könnte, und blos ich beſäße es, ich würde es nicht um das Leben ſelbſt meinen Lippen entſchlüpfen laſſen!“ Die bloße Heftigkeit ihrer Worte kann, wie ich wohl weiß, nur eine ſchwache Vorſtellung von der Leidenſchaft geben, von welcher ſie ergriffen war, und welche ſich in ihrer ganzen Geſtalt ausprägte, obwohl ihre Stimme, ſtatt erhoben zu ſein, dumpfer wie gewöhnlich war. Keine Beſchreibung, die ich von ihr geben könnte, würde mei⸗ ———— u David Kopperfield. 33 ner Erinnerung an ſie oder dem Maße, in welchem ſie ſich ganz ihrer Wuth überließ, entſprechen. Ich habe die Leidenſchaft in mancher Geſtalt geſehen, aber nie in ſolcher Geſtalt, wie bei ihr. Als ich Mr. Peggotty einholte, ſchritt er langſam und gedankenvoll den Hügel hinab. Er ſagte mir, ſo⸗ bald ich zu ihm kam, daß er ſich, da er ſein Gemüth jetzt deſſen entledigt, was er in London zu thun ſich vorgeſetzt, dieſen Abend„auf die Reiſe machen wolle“. Ich fragte ihn, wohin er zu gehen gedächte. Er ant⸗ wortete nur,„ich gehe, um meine Nichte zu ſuchen, junger Herr“. Wir gingen zu der kleinen Wohnung über dem Kramladen zurück, und dort fand ich Gelegenheit, Peg⸗ gotty zu wiederholen, was er zu mir geſagt. Sie be⸗ richtete mir, daß er dieſen Morgen zu ihr Daſſelbe ge⸗ äußert habe. Sie wußte nicht mehr als ich, wohin er gehen wolle, aber ſie meinte, daß er ſich in ſeinem Ge⸗ müthe einen Plan ausgedacht habe. Ich mochte ihn unter ſolchen Umſtänden nicht ver⸗ laſſen, und ſo ſpeiſten wir alle Drei eine Beefſteak⸗Pa⸗ ſtete, welche eines von den guten Dingen war, deret⸗ halben Peggotty einen Ruf hatte— und welche Pei die⸗ ſer Gelegenheit, wie ich mich recht wohl entfinne durch einen gemiſchten Geſchmack von Thee, Kaffee, Butter, Speck, Käſe, neubacknem Brote, Kien, Lichten und Wall⸗ nußbrühe, der fortwährend aus dem Laden aufſtieg, ſonderbar gewürzt wurde. Nach Tiſche ſaßen wir etwa eine Stunde am Fenſter, ohne viel zu reden, und dann ſtand Mr. Peggotty auf, holte ſeinen Wachstuchranzen und ſeinen dicken Stock und legte ſie auf den Tiſch. Er nahm von dem Vorrathe an baarem Gelde, den ſeine Schweſter mithatte, eine kleine Summe in Ab⸗ David Kopperſield. VI. 3 David Kopperfield. rechnung auf ſein Legat an; dürftig genug, hätte ich denken ſollen, um für ihn länger als einen Monat aus⸗ zureichen. Er verſprach, mir Mittheilung zu machen, ſobald ihm etwas zuſtieße; dann aber warf er ſeinen Ranzen über, nahm Hut und Stock und bot uns ein „Gott behüt' Euch“. „Mag Dir's immer gut gehen, mein liebes altes Weibſen,“ ſagte er, Peggotty umarmend,„und auch Ihnen, Musje Davchen,“ und er ſchüttelte mir die Hand. „Ich gehe, um ſie zu ſuchen weit und breit. Sollte ſie derweile, wo ich weg bin, zu Hauſe kommen— aber ach! das wird ſchwerlich paſſiren.— Oder ſollte ich ſie heimbringen, ſo iſt meine Meinung, daß ſie und ich wo leben und ſterben werden, wo Niemand ihr keine Vorwürfe nicht machen kann. Sollte mir irgend ein Unglück paſſiren, ſo erinnert Euch, daß die letzten Worte, die ich für ſie zurückgelaſſen habe, die waren: Meine unveränderte Liebe meinem lieben Herzenskinde, und ich vergebe ihr.“ Er ſagte dies in feierlichem Tone und mit entblöß⸗ tem Kopfe; dann ſetzte er ſeinen Hut auf und ging die Treppe hinab und hinweg. Wir folgten ihm bis an die Thür. Es war ein warmer ſtaubiger Abend gerade um die Zeit, wo in der großen Hauptſtraße, von wel⸗ cher jenes Nebengäßchen ſich abzweigte, eine vorüberge⸗ hende Pauſe in dem ewigen Trappeln der Füße auf dem Pflaſter und ein ſtarker röthlicher Sonnenſchein einge⸗ treten war. Selten kam dieſe Abendſtunde, ſelten erwachte ich des Nachts, ſelten ſah ich auf zu dem Monde oder den Sternen oder beobachtete den fallenden Regen oder hörte den Wind gehen, wo ich nicht an die einſame Geſtalt des armen Pilgers dachte und mir die Worte zurückrief: — — — Sn S 8 Fß o u -— 0U—,— David Kopperfield. 35 „Ich gehe, um ſie zu ſuchen, weit und breit. Sollte mir irgend ein Unglück paſſiren, ſo erinnert Euch, daß die letzten Worte, die ich für ſie zurückgelaſſen habe, die waren: Meine unveränderte Liebe meinem lieben Her⸗ zenskinde, und ich vergebe ihr!“ Dreiunddreißigſtes Kapitel. Wonne über Wonne. Dieſe ganze Zeit über war ich mehr als je in Liebe zu Dora verſunken. Ihr Bild in meinen Gedanken war meine Zuflucht in Enttäuſchung und Kummer und trö⸗ ſtete mich einigermaßen ſelbſt über den Verluſt meines Freundes. Je mehr ich mit mir ſelbſt oder mit Andern Mitleid fühlte, deſto mehr ſuchte ich mich mit dem Bilde Dora's zu tröſten. Je höher ſich Betrug und Noth in der Welt häuften, deſto heller und reiner erglänzte Dora's Stern hoch über der Welt. Ich denke nicht, daß ich eine entſchiedene klare Vorſtellung hatte, wo Dora herſtamme, oder in welchem Grade ſie mit einer höhern Ordnung von Weſen verwandt ſei; aber ich bin ganz ſicher, daß ich den Gedanken, ſie ſei ein ganz einfa⸗ ches Menſchengebild, wie jede andere junge Dame, mit Entrüſtung und Verachtung von mir gewieſen haben Ich war, wenn ich es ſo ausdrücken darf, verſenkt in Dora. Ich war nicht blos verliebt in ſie, ſondern durch und durch geſättigt. Man hätte, um im Gleich⸗ 5 David Kopperfield. 37 niß zu reden, genug Liebe aus mir herausringen kön⸗ nen, um Jeden darin zu ertränken, und doch würde noch genug in mir verblieben ſein, um mein ganzes Daſein zu durchdringen. Das Erſte, was ich bei meiner Zurückkunft für mich ſelbſt that, war, daß ich einen nächtlichen Spaziergang nach Norwood machte und, wie der Gegenſtand eines ehrwürdigen Räthſels meiner Kinderjahre, in Gedanken an Dora„wieder und immer wieder um das Haus ging, ohne je das Haus zu berühren.“ Ich glaube, das Thema dieſer unauflöslichen Schnurre war der Mond. Mag es geweſen ſein, was es will. Ich, der mond⸗ ſüchtige Sclave Dora's, wandelte wieder und immer wie⸗ der rund um das Haus und den Garten zwei Stunden lang, gukte durch die Riſſe der Umzäunung, brachte mein Kinn mit Hülfe heftiger Anſtrengung über die roſtigen Nägel oben darauf, warf Küſſe nach den Lichtern in den Fenſtern und rief in romanhafter Weiſe dann und wann der Nacht zu, ſie möge meine Dora beſchützen— wovor, weiß ich nicht genau, aber ich glaube vor Feuer, vielleicht auch vor Mäuſen, vor denen ſte eine große Abneigung hatte. Mein Gemüth war ſo voll Liebe, und es war mir ſo natürlich, Peggotty in mein Vertrauen zu ziehen, als ich ſie eines Abends wieder an meiner Seite fand, wo ſie mit dem alten Zubehör an Nätherwerkzeug geſchäftig meine Garderobe durchmuſterte, daß ich ihr mit hinreichender Deutlichkeit und Ausführlichkeit mein großes Geheimniß mittheilte. Peggotty nahm innigen Antheil, aber ich konnte ſie durchaus nicht dahin bringen, meine Anſicht von der Sache zu theilen. Sie hielt kühnlich ein Vor⸗ urtheil zu meinen Gunſten feſt und vermochte durchaus nicht zu begreifen, wie ich irgendwie Beſorgniſſe hegen * 38 David Kopperfield. oder darüber niedergeſchlagen ſein könnte. Die junge Dame könnte ſich Glück wünſchen, meinte ſie, ſolch ei⸗ nen ſchönen Herrn zu haben. Und was ihren Papa anbelangte, ſo ſagte ſie, was um des Himmels willen wollte der Gentleman denn erwarten? Ich bemerkte indeß, daß Mr. Spenlows Proctors⸗ gewand und ſeine ſteife Halsbinde Peggotty ein wenig demüthigten und ihr größere Achtung vor dem Manne einflößten, der in meinen Augen tagtäglich immer mehr und mehr ätheriſch wurde, und von dem mir ein zu⸗ rückgeworfener Lichtſtrahl hervorzuglänzen ſchien, wenn er im Gerichte ſteifhälſig unter ſeinen Papieren ſaß, wie ein kleiner Leuchtthurm in einem See von Papier. Und nebenbei ſchien es mir, wie ich mich entſinne, ſehr ſelt⸗ ſam, wenn ich mir, ſelbſt im Gerichte ſitzend, überlegte, wie dieſe blöden Richter und Doctoren ſich nicht um Dora gekümmert haben würden, wenn ſie ſie gekannt hätten; wie ſie nicht außer ſich vor Begeiſterung ge⸗ rathen ſein würden, wenn man ihnen vorgeſchlagen hätte, Dora zu heirathen; wie Dora ſingen und auf je⸗ ner herrlichen Guitarre hätte ſpielen können, bis ſie mich auf den Gipfel des Wahnſinns getrieben hätte, ohne einen einzigen dieſer Schneckengänger auch nur einen Zoll von ſeiner Straße zu verlocken. 3 Ich verachtete ſie alle, Mann für Mann. Ich faßte gegen dieſe alten Gärtner mit dem gefrornen Blute, welche die Pflege des Blumenbeetes im Herzen ſo ver⸗ nachläſſigten, einen perſönlichen Haß. Die Richterbank war mir nur ein Rudel plumper Tölpel. Der Advo⸗ catentiſch hatte nicht mehr Zartheit oder Poeſie an ſich, als der Schenktiſch eines Bierhauſes. Indem ich die Beſorgung von Peggotty's Angele⸗ genheiten mit nicht geringem Stolze in meine eignen ——9——— David Kopperfield. 39 Hände nahm, beſorgte ich die geſetzliche Anerkennung des Teſtaments, zahlte, was ſich gebührte, auf dem Ver⸗ laſſenſchafts⸗Steuer-Amte, führte ſie in die Bank und brachte bald Alles in die gehörige Ordnung. Wir ga⸗ ben dem trocken geſetzlichen Charakter dieſer Geſchäfts⸗ ſachen einige Abwechslung, indem wir uns in Fleet⸗ Street ein Wachsfigurenkabinet beſahen, welches nun wohl an die zwanzig Jahre eingeſchmolzen ſein muß; indem wir ſodann der Ausſtellung der Miß Linwood einen Be⸗ ſuch abſtatteten, deren ich mich als eines wahren Mau⸗ ſoleums weiblicher Arbeiten erinnere; indem wir ferner den Tower von London betrachteten und endlich auf den Thurm der Paulskirche ſtiegen. Alle dieſe Wunderdinge machten Peggotty ſo viel Vergnügen, als ſie überhaupt unter den gegenwärtigen Umſtänden zu genießen fähig war, ausgenommen, glaube ich, die Paulskirche, welche, in Folge ihres langen Freundſchaftsbundes mit ihrem Arbeitskäſtchen, eine Nebenbuhlerin des Bildes auf dem Deckel ward, und, wie ſie meinte, in manchen Ein⸗ zelnheiten von jenem Kunſtwerke übertroffen wurde. Nachdem Peggotty's Angelegenheit, welche zu der Art gehörte, die wir in den Commons„gemeine Form⸗ ſachen“ nannten(und dieſe gemeinen Formſachen wa⸗ ren ſehr leicht zu beſorgen und ſehr gewinnbringend) in Ordnung gebracht war, nahm ich ſie eines Morgens mit mir in die Expedition, um ihre Rechnung zu be⸗ zahlen. Mr. Spenlow war, wie der alte Tiffey ſagte, hinausgegangen, um einem Herrn in Sachen einer Hei⸗ rathserlaubniß einen Eid abzunehmen; da ich aber wußte, er werde ſogleich wieder da ſein, da unſer Haus hart neben dem des geiſtlichen Bevollmächtigten und ebenſo neben der Expedition des Generalvicars gelegen war, ſo ſagte ich Peggotty, ſie möge warten. 4 40 David Kopperfield. Wir waren in den Commons in Betreff gültig be⸗ fundener Teſtamente ein wenig den Leichenbittern gleich, indem wir es uns zur Regel machten, mehr oder weni⸗ ger trübſelig auszuſehen, wenn wir mit Clienten in Trauerkleidern zu thun hatten. In einem gleichen Zart⸗ gefühl waren wir Clienten gegenüber, welche um eine Hei⸗ rathslicenz kamen, ſtets aufgeräumt und heitern Sinnes. Deshalb gab ich Peggotty einen Wink, daß ſte Mr. Spenlow von dem Schrecken über Mr. Barkis' Ableben ſehr erholt finden werde, und in der That kam er wie ein Bräutigam herein. Aber weder Peggotty noch ich hatten Augen für ihn, als wir in ſeiner Geſellſchaft Mr. Murdſtone erblickten. Er war ſehr wenig verändert. Sein Haar ſah ſo dicht aus und war ſicherlich ſo ſchwarz wie immer, und ſein Blick hatte ſo wenig Vertrauenerweckendes wie einſt. „Ah Kopperfield?“ ſagte Mr. Spenlow.„Ich glaube, Sie kennen dieſen Herrn?“ Ich machte meinem Herrn aus der Ferne eine Ver⸗ beugung, und Peggotty ließ blos merken, daß ſie ihn wiedererkenne. Er war zuerſt ein wenig betroffen, uns Beiden zuſammen zu begegnen, aber ſchnell entſchlofſen, was zu thun ſei, kam er auf mich zu. „Ich hoffe,“ ſagte er,„es geht Ihnen wohl?“ „Das kann Sie kaum intereſſiren,“ verſetzte ich. „Indeſſen, ja, wenn Sie es zu wiſſen wünſchen.“ Wir ſahen uns einander an, und dann wandte er ſich an Peggotty. „Und Sie,“ ſagte er.„Bedaure, die Bemerkung zu machen, daß Sie Ihren Mann verloren haben.“ „Es iſt nicht der erſte Verluſt, den ich in meinem Leben gehabt habe, Herr Murdſtone,“ erwiederte Peg⸗ gotty, indem ſie vom Kopf bis zu den Füßen erzitterte. David Kopperfield. 41 „Ich bin froh, hoffen zu können, daß dieſer Nieman⸗ dem zur Schande gereicht— daß Niemand dafür ver⸗ antwortlich iſt.“ „Ha!“ ſagte er,„das iſt ein beruhigender Gedanke. Sie haben Ihre Pflicht gethan?“ „Ich habe Niemanden nicht zu Tode geärgert,“ ant⸗ wortete Peggotty;„ich danke Gott, daß ich ſo denken kann! Nein, Herr Murdſtone, ich habe kein ſanftes Geſchöpf in ihr frühzeitiges Grab geprankelt und geängſtigt!“ Er warf ihr einen kurzen düſtern— und wie mir's ſchien, von einer Regung des Gewiſſens zeugenden— Blick zu und ſagte, indem er mir den Kopf zuwandte, aber anſtatt mir ins Geſicht zu ſehen, auf meine Füße blickte: „Wir warden uns wahrſcheinlich nicht ſobald wie⸗ der gegenüberſtehen— ohne Zweifel eine Quelle von Beruhigung für uns Beide; denn ſolche Begegnungen wie dieſe können nimmer angenehm ſein. Ich erwarte nicht, daß Sie, der ſich allezeit gegen meine gerechte und nur zu Ihrem Guten und Ihrer Beſſerung aus⸗ geübte Gewalt auflehnte, jetzt irgend freundlich gegen mich geſinnt ſind. Es iſt eine Antipathie zwiſchen uns—“ „Eine alt eingewurzelte, glaub' ich?“ unterbrach ich ihn. Er lächelte und ſchoß einen Blick auf mich, ſo bos⸗ haft, als nur einer aus ſeinen ſchwarzen Augen kom⸗ men konnte. „Sie tobte in Ihrer Bruſt, als Sie noch ein klei⸗ nes Kind waren,“ ſagte er.„Sie verbitterte das Le⸗ ben Ihrer armen Mutter. Sie haben recht. Ich hoffe, daß Sie noch beſſer handeln, ich hoffe, daß Sie ſich ändern können.“ 42 David Kopperfield. Hier endigte dieſes Zwiegeſpräch, welches mit ge⸗ dämpfter Stimme in einer Ecke des Vorzimmers der Expedition geführt worden war, indem wir in Mr. Spenlows Zimmer traten, und er ſagte jetzt laut in ſeiner glatteſten Weiſe: „Die Herren von Herrn Spenlows Beruf ſind an Familienzwiſtigkeiten gewöhnt und wiſſen, wie verwickelt und ſchwierig zu löſen ſie ſtets ſind!“ Hierauf zählte er das Geld für ſeine Heirathserlaubniß auf, und in⸗ dem er dieſelbe, nett zuſammengefaltet, zugleich mit einem Handdrucke und mit einem Glückwunſche für ſein und der Dame Wohlergehen von Mr. Spenlow erhielt, ging er aus der Expedition. Es würde mir ſchwerer geworden ſein, bei dieſen Worten an mich zu halten, wenn es mir weniger ſchwer gefallen wäre, Peggotty(welche nur meinethalben är⸗ gerlich war, das gute Geſchöpf!) begreiflich zu machen, daß hier nicht der Ort zu Vorwürfen ſei, und daß ich ſie bäte, Frieden zu halten. Sie war ſo ungewöhnlich aufgeregt, daß ich froh war, eine liebevolle Umarmung, zu welcher ſie ſich durch das Wiederaufleben alten Un⸗ rechts in ihrem Gemüthe veranlaßt fühlte, vorſchieben und die Sache vor Mr. Spenlow und den Schreibern ſo gut ich konnte, vertuſchen zu können. Mr. Spenlow ſchien nicht zu wiſſen, in welchem Verhältniſſe Mr. Murdſtone und ich zuſammenſtanden; und ich war froh darüber; denn ich war, wenn ich an die Geſchichte meiner armen Mutter dachte, nicht einmal in meiner eignen Bruſt im Stande, ihn als einen Ver⸗ wandten anzuerkennen. Mr. Spenlow ſchien, wofern er überhaupt über die Sache nachdachte, der Meinung zu ſein, daß meine Tante die Führerin der herrſchenden Partei in unſerer Familie ſei, und daß es eine rebel⸗ David Kopperfield. 43 liſche Partei, geführt von irgend Jemand anders, gebe. Dies wenigſtens ſetzte ich mir zuletzt aus Dem zuſam⸗ men, was er ſagte, während wir auf Mr. Tiffey warteten, daß er Peggotty's Koſtenrechnung zuſammen⸗ addirte. „Miß Trotwood,“ bemerkte er,„iſt ohne Zweifel ſehr feſten Charakters und giebt ſchwerlich irgend einer Oppoſition nach. Ich bewundere ihre Gemüthsart, und ich kann Ihnen, Kopperfield, nur Glück wünſchen, daß Sie auf der rechten Seite ſtehen. Zwiſtigkeiten zwiſchen Verwandten ſind ſehr zu beklagen, aber ſie ſind außer⸗ ordentlich häufig, und das Wichtigſte iſt, daß man auf der rechten Seite ſteht,“ womit er, meinen Verſtändniß nach, die Seite meinte, wo das Geld ſei. „Eine ſehr gute Heirath das, glaub' ich,“ ſagte Mr. Spenlow. Ich ſetzte ihm auseinander, daß ich nichts davon wiſſe. „Ci das wäre!“ verſetzte er.„Nach den wenigen Worten, welche Herr Murdſtone fallen ließ— wie man das häufig bei ſolchen Gelegenheiten thut— und nach dem, was Fräulein Murdſtone zu verſtehen gab, zu ur⸗ theilen, moͤcht' ich ſagen, es ſei eine ſehr gute Heirath.“ „Meinen Sie, daß es Geld giebt, Herr Spenlow?“ fragte ich. „Ja,“ entgegnete Mr. Spenlow.„Mir ſcheint's, als wäre Geld da. Und Schönheit, wie es heißt, eben⸗ falls.“ „In der That? Iſt ſeine Frau jung?“ „Eben mündig geworden,“ ſagte Mr. Spenlow. „So vor Kurzem erſt, daß ich denken ſollte, Sie hät⸗ ten darauf gewartet.“ „Gott ſteh' ihr bei!“ ſchrie Peggotty, und zwar ſo von Herzen und ſo plötzlich, daß wir alle Drei ganz 44 David Kopperfield. betroffen waren, bis endlich Tiffey mit der Rechnung herein kam. Der alte Tiffey erſchien indeß bald und händigte ſie Mr. Spenlow zur Durchſicht ein. Mr. Spenlow zog ſein Kinn in ſeine Kravatte zurück, rieb es ſanft, überlief die verſchiedenen items mit einer um Entſchul⸗ digung bittenden Miene— als ob an Allem Mr. Jor⸗ kins die Schuld trüge— und reichte das Papier dann an Tiffey mit einem mildfreundlichen Seußzer zurück. „Ja,“ ſagte er.„Das iſt richtig. Ganz richtig. Ich würde außerordentlich glücklich geweſen ſein, Kop⸗ perfield, dieſe Anſätze auf Das, was unſere eignen Aus⸗ gaben dabei ſind, haben beſchränken zu können; aber es iſt eine beklagenswerte Seite meines Geſchäftslebens, daß es mir nicht frei ſteht, meine eignen Wünſche um Rath anzugehen. Ich habe einen Geſchäftstheilnehmer— Mr. Jorkins.“ Da er dies im Tone ſanfter Melancholie ſagte, welche beinahe ſo viel wog, als ob er gar nichts nehmen wolle, ſo drückte ich ihm für Peggotty meine Anerkennung aus und bezahlte Tiffey in Banknoten. Peggotty begab ſich ſodann in ihre Wohnung zurück, und ich und Mr. Spen⸗ low gingen in die Gerichtsſitzung, wo wir einem Ehe⸗ ſcheidungsproceſſe beiwohnen ſollten, welcher ſeinen An⸗ gelpunkt in einem geiſtreich erdachten kleinen Geſetze fand, das, wie ich glaube, jetzt abgeſchafft iſt, in Kraft deſſen ich aber mehrere Heirathen habe für ungültig erklären ſehen, und deſſen Verdienſte in Folgendem beſtanden: Der Mann, deſſen Name Thomas Benjamin war, hatte ſeine Heirathserlaubniß blos auf den Namen Thomas genommen, indem er für den Fall, daß er ſich nicht ſo behaglich befinden ſollte, als er erwartete, den Benja⸗ min verborgen gehalten hatte. Indem er ſich nun ent⸗ David Kopperfield. 3 45 weder wirklich nicht ſo behaglich befand, als er erwar⸗ tet, oder indem er ſeine Frau ein wenig ſatt hatte, der arme Kerl, rückte er, nachdem er ein paar Jahre ver⸗ heirathet geweſen, durch einen Freund mit der Erklä⸗ rung heraus, daß ſein Name Thomas Benjamin und er deshalb gar nicht verheirathet ſei, was ihm denn der Gerichtshof zu ſeiner großen Genugthuung be⸗ ſtätigte. Ich muß geſtehen, daß ich in der That meine Zweifel hatte, ob dies wirklich volle Gerechtigkeit ſei, und ſelbſt der Scheffel Weizen, der alle Anomalien ins Geleis brachte, ſchreckte mich nicht von denſelben hinweg. Aber Mr. Spenlow ging die Sache mit mir durch. Er ſagte: „Sehen Sie die Welt an, da iſt Gutes und Böſes: und dann ſehen Sie das Kirchenrecht an, auch da giebt's Gutes und Böſes. Es greift Alles als Theil in ein Syſtem ein. Sehr gut. Da haben Sie's.“ Ich hatte nicht die Kühnheit, Dora's Vater zu ver⸗ ſtehen zu geben, daß wir möglicherweiſe ſelbſt die Welt ein Bischen weiter bringen könnten, wenn wir hübſch früh am Morgen aufſtünden und bei der Arbeit den Rock auszögen; aber ich geſtand, daß ich meine, wir könnten die Commons weiter bringen. Mr. Spenlow entgegnete, daß er mir den Rath ganz beſonders an's Herz lege, dieſe Idee als eine ſolche, die meinem nobeln Charakter nicht wohl anſtehe, aus meiner Seele zu ver⸗ bannen; daß er indeß mit Vergnügen von mir verneh⸗ zu werde, welcher Verbeſſerung ich die Commons fähig hielte. Indem ich den Theil der Commons daran nahm, welcher uns zufällig zunächſt lag— denn unſer Mann war indeß geſchieden worden, und wir befanden uns au⸗ ßerhalb des Gerichts und wandelten an dem Präroga⸗ 46 David Kopperfield. tiv⸗Hofe vorbei*)— meinte ich, daß z. B. die Prä⸗ rogativ⸗Canzlei eine wunderlich verwaltete Anſtalt ſei. Mr. Spenlow fragte, in welcher Hinſicht. Ich entgeg⸗ nete, mit aller ſchuldigen Achtung vor ſeiner Erfahrung (aber, wie ich fürchte, mit mehr Achtung vor ihm als Dora's Vater), daß es doch wohl vielleicht ein wenig unſinnig ſei, wenn die Regiſtratur dieſes Gerichtshofs, welche alle Teſtamente der Perſonen verwahre, die in der ungeheuren Provinz von Canterbury innerhalb dreier Jahrhunderte etwas hinterlaſſen hätten, ein zufällig dazu beſtimmtes Gebäude ſei, nimmer für dieſen Zweck ein⸗ gerichtet, von den Regiſtratoren zu ihrem Privatnutzen verwendet, unſicher, nicht einmal vor Feuersgefahr ge⸗ ſchützt, faſt brechend unter den wichtigen Documenten, welche es enthielte, und im vollen Sinne des Wortes vom Dache bis auf den Boden eine Geldſpeculation der Regiſtratoren, welche ſich vom Publicum reichlich bezah⸗ len ließen, und die Teſtamente des Publicums aufſpei⸗ cherten, wie und wohin es ihnen beliebte, wobei ſie kei⸗ nen andern Zweck im Auge hätten, als ſie billig los⸗ zuwerden. Ferner, daß es vielleicht ein wenig unver⸗ nünftig ſei, wenn dieſe Regiſtratoren bei dem Gewinne, den ſie hätten, und der ſich auf acht⸗ bis neuntauſend Pfund jährlich beliefe(gar nicht zu gedenken des Ge⸗ winnes, den die Stellvertreter derſelben und die feſt⸗ angeſtellten Schreiber bezögen) nicht verpflichtet ſeien, ein wenig von dieſem Gelde auf die Beſchaffung eines *) Der Prärogativ⸗Hof(prerogative court) ein geiſtliches Ge⸗ richt, vor welchem alle auf Teſtamente bezügliche Proceſſe vorgebracht werden, ſobald der Verſtorbene bona notabilia, d. h. Gegenſtände von mehr als 5 Pfd. St. an Werth in zwei verſchiedenen Sprengeln hin⸗ terlaſſen hat. David Kopperfield. 47 ſichern Platzes für die wichtigen Documente zu verwen⸗ den, welche alle Claſſen von Leuten ihnen, gern oder ungern, einzuhändigen gezwungen ſeien. Daß es ſodann vielleicht ein Bischen ungerecht ſei, wenn alle die gro⸗ ßen Canzleien in dieſer großen Canzlei prächtige Sine⸗ curen ſeien, während die unglücklichen Schreiber in dem kalten dunkeln Zimmer oben die am ſchlechteſten beſol⸗ deten und die am wenigſten geachteten Leute in London wären, im Vergleich mit den wichtigen Dienſten, die ſie leiſteten. Daß es weiter vielleicht ein wenig unſchick⸗ lich ſei, wenn der Oberregiſtrator, deſſen Pflicht es wäre, dem Publicum, welches fortwährend an dieſen Ort ge⸗ wieſen ſei, alle nothwendige Bequemlichkeit an die Hand zu geben, kraft dieſes ſeines Poſtens eine ungeheure Sinecure habe(und außerdem ein Geiſtlicher, ein Pfründ⸗ ner, ein Vermiether von Betſtühlen in einer Kathedrale ſein könne)— während das Publicum zu der Unbe⸗ quemlichkeit verdammt ſei, von der er jeden Nachmittag ein Beiſpiel habe, wenn unſere Expedition viele Geſchäfte mache, und von der wir wüßten, daß ſie ins Ungeheure ginge. Kurz, daß am Ende dieſe Prärogativ⸗Canzlei der Diöceſe von Canterbury ſolch ein verderblicher Un⸗ ſinn und ſolch eine gemeinſchädliche Abgeſchmacktheit ſei, daß an ihr, wäre ſie nicht in einem Winkel des Kirch⸗ hofs von Sanct Paul verſteckt, den wenige Leute kenn⸗ ten, ſchon längſt das Oberſte zu Unterſt gekehrt worden ſein müßte. Mr. Spenlow lächelte, als ich in aller meiner Beſchei⸗ denheit über den Gegenſtand allmälig warm wurde, und ging dann dieſe Frage ebenſo mit mir durch wie die vorige. Er ſagte, nun, was wäre das nun nach alle⸗ dem? Nichts als eine Meinungsfrage. Wenn das Pu⸗ blicum meinte, daß ſeine Teſtamente gut aufgehoben ſeien, 48 David Kopperfield. und es für ausgemacht hielte, daß die Canzlei nicht beſ⸗ ſer eingerichtet ſein könne, wem brächte es Schaden? Niemandem. Wer hätte den Nutzen davon? Alle die Inhaber von Sinecuren. Sehr wohl. Dann herrſche aber doch das Gute vor. Möglich, daß es kein voll⸗ kommenes Syſtem ſei; nichts ſei vollkommen auf der Welt; aber wogegen er ſich erklären müſſe, ſei, daß man die Sache zergliedere. Unter der Prärogativ⸗Canzlei ſei das Vaterland ruhmreich geweſen. Fange man an, mit zergliederndem Grübeln in die Prärogativ⸗Canzlei ein⸗ zudringen, ſo werde das Vaterland ſeinen Ruhm ver⸗ lieren. Er hielte es für den Grundſatz eines Gentle⸗ man, die Dinge zu nehmen, wie er ſie finde, und er zweifle nicht, daß die Prärogativ⸗Canzlei ſo lange wir lebten, dauern werde. Ich beugte mich vor dieſer Mei⸗ nung, obwohl ich für mich ſehr an ihrer Richtigkeit zweifelte. Ich finde indeß, daß er recht hatte; denn ſie hat nicht nur bis dieſen gegenwärtigen Augenblick ge⸗ dauert, ſondern hat ſich auch trotz eines(nicht allzu eilig) vor achtzehn Jahren im Parlament erſtatteten Be⸗ richts erhalten, wo alle dieſe meine Einwände im Ein⸗ zelnen auseinandergeſetzt wurden, und worin geſagt wurde, daß der vorhandene Platz zur Aufſtapelung von Teſta⸗ menten nur noch auf zwei weitere Jahre ausreichen werde. Was ſie ſeitdem mit ihnen vorgenommen, ob ſie viele verloren haben, oder ob ſie dann und wann einige in die Butterläden verkaufen, weiß ich nicht. Ich freue mich, daß meines nicht dort iſt und auch noch ein Weil⸗ chen nicht dorthin wandern wird. Ich habe alles Dies in mein gegenwärtiges wonne⸗ volles Kapitel niedergeſchrieben, weil es hier an ſeinen natürlichen Platz kommt. Indem Spenlow und ich auf dieſes Geſpräch verfielen, verlängerten wir daſſelbe ebenſo 1 n — g u David Kopperfield. 49 wie unſer Hin⸗ und Herwandeln, bis wir auf gewöhn⸗ liche Gegenſtände ablenkten. Und ſo kam es ſchließ⸗ lich dahin, daß Mr. Spenlow mir erzählte, wie heute über acht Tage Dora's Geburtstag ſei, und wie es ihm ein Vergnügen ſein werde, wenn ich hinkommen und an einem bei dieſer Gelegenheit ſtattfindenden Picknick Antheil nehmen wolle. Ich gerieth auf der Stelle au⸗ ßer mir; wurde den nächſten Tag auf den Empfang eines kleinen Billets auf Briefpapier mit gepreßten Ecken „Mit Papas Erlaubniß. Nicht zu vergeſſen“, ein voll⸗ kommener Faſelhans; und verbrachte die Zwiſchenzeit in einem Zuſtande unbewußter Träumerei. Ich glaube, ich beging alle nur mögliche Abgeſchmackt⸗ heit, indem ich mich auf dieſes himmliſche Ereigniß vor⸗ bereitete. Ich werde roth, wenn ich an die Kravatte denke, die ich kaufte. Meine Stiefeln könnten in jede Sammlung von Folterinſtrumenten geſtellt werden. Ich beſorgte einen niedlichen kleinen Speiſekorb, den ich am Abend vorher mit der Poſt nach Norwood ſchickte, und der an ſich ſchon, wie mir's ſchien, faſt einer Erklä⸗ rung gleichkam. Er enthielt Knall⸗Bonbons, in denen ſich die zärtlichſten Mottos befanden, welche nur für Geld zu bekommen waren. Um ſechs Uhr Morgens war ich auf dem Koventgarden⸗Markte, um einen Blu⸗ menſtrauß für Dora zu kaufen. Um zehn Uhr ſaß ich im Sattel(ich miethete einen muthigen Grauſchimmel für dieſe Gelegenheit), den Strauß in meinem Hute, um ihn friſch zu erhalten, und trabte nach Norwood zu. Ich glaube, ich habe, als ich Dora im Garten ſah und mich ſtellte, als ob ich ſie nicht ſähe und über das Haus hinausritt und that, als ſähe ich mich ängſtlich darnach um, zwei kleine Dummheiten begangen, welche andere junge Herren in meinen Umſtänden ebenfalls be⸗ David Kopperfield. VI. 4 50 David Kopperfield. gangen haben würden— weil ſie mir gar ſo natürlich in den Kopf kamen. Aber oh! als ich das Haus wirk⸗ lich fand und an der Gartenthür abſtieg und mich mit jenen hartherzigen Stiefeln über den Raſenplatz zu Dora hinſchleppte, welche auf einem Gartenſtuhle unter einem ſpaniſchen Fliederſtrauche ſaß, welch ein Anblick war ſie da, an dieſem ſchönen Morgen, unter den Schmetter⸗ lingen, in ihrem weißen Baſthute und ihrem himmel⸗ blauen Kleide! In ihrer Geſellſchaft befand ſich eine junge Dame— vergleichsweiſe vorgerückt in Jahren— beinahe zwan⸗ zig, ſollt' ich meinen. Ihr Name war Miß Mills, und Dora nannte ſie Julia. Sie war Dora's Buſenfreun⸗ din. Glückliche Miß Mills! Zig war auch da, und Zig wollte wieder auf mich losbellen. Als ich meinen Strauß überreichte, knirrſchte er vor Eiferſucht mit den Zähnen. Nun, er hatte Ur⸗ ſache. Wenn er die leiſeſte Idee davon beſaß, wie ich ſeine Herrin anbetete, ſo hatte er alle Urſache dazu. „Oh, dank' Ihnen, Herr Kopperfield! Was für liebe Blumen!“ ſagte Dora. Ich hatte die Abſicht(und hatte auf die beſte Wendung der Worte drei Meilen weit ſtudirt) zu ſagen, daß ich ſie für ſchön gehalten habe, ehe ich ſie ſo in ihrer Nähe geſehen. Aber ich konnte es nicht herausbringen. Sie war zu hinreißend. Sie die Blumen an das kleine Kinn mit dem Grübchen drinn halten ſehen, hieß alle Gei⸗ ſtesgegenwart und Fähigkeit zum Sprechen in einem ohnmächtigen Außerſichſein verlieren. Ich wundere mich, daß ich nicht ſagte:„Tödten Sie mich, wenn Sie das Herz dazu haben, Fräulein Mills! Laſſen Sie mich hier ſterben!“ Dann hielt Dora meine Blumen Zig hin, damit David Kopperfield. 51 er daran rieche. Dann heulte Zig und wollte nicht daran riechen. Dann lachte Dora und hielt ſie Zig ein wenig näher hin, um ihn zu ärgern. Dann faßte Zig einen Stängel Geranium und würgte in demſelben ein eingebildetes Kätzchen. Dann ſchlug ihn Dora und ſeufzte und ſagte:„Meine armen ſchönen Blümchen!“ und wie mir's ſchien, ſo mitleidig, als ob Zig mich gefaßt hätte. Ich wollte, er hätte es gethan! „Sie werden ſich freuen, Herr Kopperfield, wenn Sie hören, daß dieſes widerwärtige Fräulein Murd⸗ ſtone nicht hier iſt,“ ſagte Dora. Sie iſt zur Hochzeit ihres Bruders gegangen und wird mindeſtens drei Wo⸗ chen wegbleiben.„Iſt das nicht wonnig?“ Ich ſagte, daß ich verſichert ſei, es müſſe ihr won⸗ nig zu Muthe ſein, und Alles, was ihr wonnig ſei, ſei es auch mir. Miß Mills lächelte uns mit einer Miene größerer Erfahrenheit und voll Wohlwollen an. „Sie iſt mir das unangenehmſte Weſen, das ich jemals geſehen,“ verſetzte Dora.„Sie können's gar nicht glauben, wie übellaunig und entſetzlich ſie iſt, Julia.“ „O ja, ich kann's wohl, meine Gute!“ ſagte Julia. „Ja, Sie können's vielleicht, meine Liebe,“ entgeg⸗ nete Dora, indem ſie ihre Hand in die Hand Juliens legte.„Vergeben Sie mir, meine Theure, daß ich Sie nicht zuerſt ausnahm.“ Ich erſah hieraus, daß Miß Mills ihre unangeneh⸗ men Erfahrungen im Verlaufe eines vielgeprüften Da⸗ ſeins gehabt habe, und daß ich hierauf vielleicht jene kluge Milde im Benehmen zurückführen dürfe, welche ich an ihr bereits bemerkt hatte. Im Laufe des Tages fand ich denn auch, daß dies der Fall ſei; indem Miß Mills in Folge einer übelangebrachten Neigung unglück⸗ lich geworden ſein und ſich auf Grund der traurigen Er⸗ 4*⅔ 52 3 David Kopperfield. fahrungen, die ſte geſammelt, von der Welt zurückgezogen haben ſollte; indeß immer noch eine ſtille Theilnahme fühle für das unverwelkte Hoffen und Lieben der Jugend. Aber jetzt kam Mr. Spenlow aus dem Hauſe, und Dora ging zu ihm und ſagte:„Sieh mal, Papa, was für wunderſchöne Blumen!“ und Miß Mills lächelte gedankenvoll, als wollte ſte ſagen:„Ihr Schmetterlinge des Mai's, freut Euch Eurer kurzen Exiſtenz an dem ſonnigen Morgen des Lebens!“ Und wir Alle gingen von dem Raſenplatze auf die Kutſche zu, welche ange⸗ ſpannt wurde. Ich werde nie wieder ſolch eine Spazierfahrt haben. Ich habe nie wieder eine ſolche gehabt. Nur die genannten Drei, ihr Speiſekorb, mein Speiſekorb und der Guitarren⸗ kaſten befanden ſich in dem Phaeton; und natürlich war der Phaeton offen, und ich ritt hinter ihm, und Dora ſaß mit ihrem Rücken den Pferden zugekehrt, ſodaß ſie mich anſah. Sie hatte den Strauß nahe bei ſich auf dem Kutſchkiſſen liegen und wollte Zig durchaus nicht erlauben, auf dieſer Seite zu ſitzen, aus Furcht, er werde ihr die Blumen zu Schanden machen. Sie hielt den Strauß oft in der Hand und erfriſchte ſich an ſeinem Dufte. Unſere Augen begegneten ſich bei ſolchen Gelegenheiten oft, und ich wundere mich ſehr, daß ich nicht über den Kopf meines Grauſchimmels in die Kutſche flog. Es gab Staub, glaube ich. Es gab viel Staub ſogar, glaube ich. Ich habe eine ſchwache Erinnerung, wie wenn Mr. Spenlow mich gebeten, doch nicht ſo im Staube zu reiten; aber ich wußte von keinem. Ich bemerkte wohl einen Nebel von Liebe und Schönheit um Dora, aber weiter nichts. Er ſtand mehrmals auf und fragte mich, was ich von der Ausſicht hielte. Ich ſagte, ſie ſei köſtlich, und ich darf wohl glauben, ſie war es wirk⸗ David Kopperfield. 53 lich; aber ich ſah in Allem nur Dora. Die Sonne beſchien Dora, die Vögel ſangen den Namen Dora. Der Südwind hauchte Dora, und die wilden Blumen in den Hecken waren alleſammt Dora's. Mein Troſt iſt, daß Miß Mills mich verſtand. Miß Mills aber vermochte ganz in meine Empfindungen einzugehen. Ich weiß nicht, wie weit wir gingen, und bis dieſe Stunde weiß ich ebenſowenig, wohin wir gingen. Viel⸗ leicht war's in der Nähe vor Guildford. Vielleicht er⸗ ſchloß uns ein Magus aus Tauſend und Eine Nacht den Ort für dieſen Tag und ſchloß ihn wieder für im⸗ mer, als wir uns entfernten. Es war ein grüner Platz auf einem Hügel, den ein weicher Raſenteppich über⸗ kleidete. Darauf ſtanden ſchattige Bäume und Haide⸗ kraut, und ſo weit als das Auge reichte, breitete ſich eine reiche Landſchaft aus. Es war mir unangenehm, Leute hier zu finden, welche auf uns warteten, und meine Eiferſucht, ſelbſt auf die Damen, kannte keine Gränzen. Aber alle von meinem eignen Geſchlechte— und vorzüglich ein Schurke, der drei oder vier Jahre älter als ich war und einen rothen Backenbart hatte, auf den er ſich unleidlich viel zu Gute that und herausnahm— waren Gegenſtände meines tödtlichen Haſſes. Wir packten alleſammt unſere Körbe aus und be⸗ ſchäftigten uns mit der Bereitung des Eſſens. Roth⸗ bart that, als könne er einen Salat machen(was ich nicht glaube) und drang ſich der allgemeinen Aufmerk⸗ ſamkeit auf. Mehrere der jungen Damen wuſchen die Stauden für ihn und ſchnitten ſie unter ſeiner Anleitung in Stücke. Dora war unter dieſen. Ich fühlte, daß das Geſchick mich zum Gegner dieſes Menſchen beſtimmt habe, und daß einer von uns Beiden fallen müſſe. 54 David Kopperfield. Rothbart machte ſeinen Salat(ich wunderte mich, wie ſie ihn eſſen konnten; nichts in der Welt hätte mich dazu bringen können, ihn auch nur anzurühren) und ernannte ſich ſelbſt zum Aufſeher des Weinkellers, den er, als ein erfindungsreiches Ungeheuer, in einem hoh⸗ len Baumſtumpfe eingerichtet hatte. Bald ſah ich ihn mit der größern Hälfte eines Hummers auf ſeinem Tel⸗ ler zu Dora's Füßen ſein Mahl verzehren. Ich habe nur eine dunkle Vorſtellung von Dem, was ſich begab, nachdem dieſer unheilvolle Anblick ſich meinen Augen dargeboten hatte. Ich war ſehr luſtig, das weiß ich; aber es war geheuchelte Luſtigkeit. Ich machte mich an ein junges Weſen in einem hochrothen Kleide und mit kleinen Augen, und liebelte mit ihr ganz verzweifelt. Sie nahm meine Aufmerkſamkeiten günſtig auf; aber ob ſie es blos meinetwegen that oder Abſich⸗ ten auf Rothbart hatte, kann ich nicht ſagen. Dora's Geſundheit wurde getrunken. Als ich ſie trank, that ich, als unterbräche ich meine Unterhaltung für dieſen Zweck, um ſie ſogleich nachher wieder aufzunehmen. Ich begegnete Dora's Auge, als ich mich vor ihr verbeugte, und mir war's, als ob ein bittender Blick darin läge. Aber es ſah mich über dem Kopfe Rothbarts an, und ich war hart wie ein Diamant gegen ihr Flehen. Das junge Mädchen im rothen Kleide hatte eine Mutter in Grün, und ich möchte faſt glauben, die letz⸗ tere habe uns aus Gründen der Klugheit getrennt. Wie dem auch ſei, die ganze Geſellſchaft brach auf, während die Reſte der Mahlzeit weggethan wurden, und ich wan⸗ delte in einem Zuſtande voll Wuth und Gewiſſensbiſſe zwiſchen den Bäumen für mich allein einher. Ich über⸗ legte mir eben, ob ich Unwohlſein vorſchützen und auf meinem muthigen Grauſchimmel— ich weiß nicht wo⸗ David Kopperfield. 55 hin— fliehen ſollte, als mir Dora und Miß Mills entgegenkamen. „Herr Kopperfield,“ ſagte Miß Mills,„Sie ſind auf übler Laune.“ Ich bat ſie um Verzeihung.„Nicht im Mindeſten.“ „Und Sie, Dora,“ ſagte Miß Mills,„auch Sie ſind auf übler Laune.“ „Oh mein Gott, nein. Nicht im Geringſten.“ „Herr Kopperfield und Sie, Dora,“ fuhr Miß Mills mit einer ſchier ehrwürdigen Miene fort;„genug damit! Laſſen Sie nicht unter einem unbedeutenden Mißver⸗ ſtändniſſe die Blüthen des Frühlings verwelken, welche, einmal hinweg und abgeblüht, nie wieder hervorgelockt werden konnen. Ich ſpreche,“ Miß Mills,„aus einer Erfahrung in der Vergangenheit— der fernen, un⸗ wiederbringlichen Vergangenheit! Die wallenden Quel⸗ len, die in der Sonne funkeln, müſſen nicht aus blo⸗ ßem Eigenſinn verſtopft werden; die Oaſe in der Wüſte Sahara muß nicht muthwillig vernichtet werden.“ Ich wußte kaum, was ich that, ich war über und über glühende Röthe, wie noch nie; aber ich ergriff Dora's kleine Hand und küßte ſie, und— ſie ließ es geſchehen! Ich küßte auch Miß Mills Hand, und wir Alle ſchienen, meiner Anſicht nach, geraden Wegs in den ſiebenten Himmel verſetzt. Wir kamen nicht wieder hinunter. Wir blieben den ganzen Abend oben. Zuerſt gingen wir zwiſchen den Bäumen umher: ich mit Dora's ſchüchternem Arme durch den meinen gezogen; und Gott weiß, ſo einfältig es auch Alles war, es würde doch ein glückliches Loos ge⸗ weſen ſein, mit dieſen einfältigen Empfindungen unſterb⸗ lich gemacht worden zu ſein und auf ewig zwiſchen die⸗ ſen Bäumen haben wandeln zu dürfen! 56 David Kopperfield. Aber viel zu zeitig hörten wir die Andern lachen und ſchwatzen und rufen:„Wo iſt Dora?“ So gin⸗ gen wir zurück, und ſie wünſchten, daß Dora ſänge. Rothbart wollte das Guitarrenfutteral aus dem Wagen holen, aber Dora ſagte ihm, Niemand als ich wiſſe, wo es ſei. So war Rothbart augenblieklich zur Ruhe verwieſen, und ich holte es, und ich ſchloß es auf, und ich nahm die Guitarre heraus, und ich ſetzte mich ne⸗ ben ſie, und ich hielt ihr Taſchentuch und ihre Hand⸗ ſchuhe, und ich trank jede Note ihrer lieben Stimme ein, und ſie ſang zu mir, der ſie liebte, und alle Ue⸗ brigen mochten Beifall klatſchen, ſo viel ihnen beliebte, es ging ſie doch nichts an! Ich war ganz berauſcht vor Wonne. Ich fürch⸗ tete, es möge ein zu großes Glück ſein, um Wirklich⸗ keit ſein zu können, und ich werde bald in Buckingham⸗ Street erwachen, um Mrs. Crupp mit den Theetaſſen klappern zu hören, indem ſie das Frühſtück zurecht machte. Aber Dora ſang, und Andere ſangen, und Miß Mills ſang— ein Lied von den ſchlummernden Echos in den Höhlen des Gedächtniſſes, als ob ſie hundert Jahre alt ſei— und der Abend kam, und wir hatten Thee, ge⸗ kocht in einem Keſſel von der Geſtalt der Zigeunerkeſ⸗ ſel, und ich war immernoch ſo glücklich wie erſt. Ich war aber glücklicher denn je, als die Geſellſchaft aufbrach und die übrigen Theilnehmer des Feſtes, der aus dem Felde geſchlagene Rothbart und alle mit ein⸗ ander, nach verſchiedenen Seiten ihrer Wege gingen und wir uns auf den unſern machten, durch den ſtillen Abend und das hinſterbende Tageslicht und die ſüßen Düfte, die rings um uns aufſtiegen. Da Mr. Spenlow es nach dem Champagner ein wenig im Kopfe hatte— Ehre dem Boden, dem die Rebe entſproß, und der David Kopperfield. 57 Traube, die den Wein gab, und der Sonne, die ſie reifte, und dem Kaufmanne, der ihn verfälſchte!— und in einer Ecke der Kutſche feſt eingeſchlafen war, ſo ritt ich an die Seite und unterhielt mich mit Dora. Sie bewunderte mein Pferd und ſtreichelte es— und wie hübſch die liebe kleine Hand auf dem Nacken des Pfer⸗ des ſich ausnahm!— und da ihr Shawl nicht in der Ordnung bleiben wollte, ſo zog ich ihn dann und wann mit meinem Arm um ſie; und ich bildete mir ſogar ein, daß Zig allmählig einzuſehen anfinge, wie die Sa⸗ chen ſtünden, und daß er daran denken müſſe, mit mir Freundſchaft zu ſchließen. Jene ſcharfblickende Miß Mills ſodann, jene liebens⸗ würdige, obwohl ganz von Herzensweh aufgezehrte Klaus⸗ nerin, jener kleine Patriarch von etwas weniger als zwan⸗ zig Jahren, der mit der Welt abgeſchloſſen hatte und auf keine Weiſe die ſchlummernden Echos in den Höh⸗ len des Gedächtniſſes erwecken laſſen durfte: welche Güte erwies ſie mir! 8 „Herr Kopperfield,“ ſagte Miß Mills,„kommen Sie doch auf einen Augenblick auf dieſe Seite des Wa⸗ gens— wenn Sie nämlich einen Augenblick entbehren können. Ich wünſchte was mit Ihnen zu ſprechen.“ Und ſtehe, ich beugte mich von meinem muthigen Grauſchimmel an die Seite von Miß Mills herab, wo⸗ bei ich die Hand auf den Wagenſchlag ſtützte. „Dora wird ſich einige Zeit bei mir aufhalten. Sie geht übermorgen mit mir nach Hauſe. Sollten Sie uns einen Beſuch machen wollen, ſo würde es dem Papa gewiß ein Vergnügen ſein, Sie zu ſehen.“ Was vermochte ich anders zu thun, als ſchweigend Gottes Segen auf Miß Mills' Haupt herabzurufen und ihre Adreſſe in dem ſicherſten Winkel meines Gedächt⸗ 58 David Kopperfield. niſſes aufzuheben! Was konnte ich anders thun, als Miß Mills mit dankbaren Blicken und feurigen Wor⸗ ten verſichern, wie hoch ich ihre guten Dienſte anſchlage und welch einen unſchätzbaren Werth ich auf ihre Freund⸗ ſchaft lege! Dann entließ mich Miß Mills mit wohlwollendem Lächeln, indem ſie ſagte:„Gehen Sie zu Dora zurück!“ und ich ging, und Dora lehnte ſich aus dem Wagen heraus, um mit mir zu ſprechen, und wir unterhielten uns den ganzen übrigen Weg, und ich ritt meinen mu⸗ thigen Grauſchimmel ſo nahe an das Rad, daß es ſein Vorderbein ſtreifte und, wie ſein Eigenthümer mir ſagte, „das Leder ſo weit abſchund, daß ich's mit drei Pfund ſieben Schilling zuflicken müßte“— welchen Preis ich bezahlte und für außerordentlich billig hielt im Vergleich mit ſo viel Wonne. Während dieſer Zeit ſaß Miß Millss in der Kutſche und ſchaute in den Mond und mur⸗ melte Verſe und rief ſich vermuthlich die alten Zeiten zurück, wo ſie und die Erde Alles gemein hatten. Norwood war um viele Meilen zu nahe, und wir erreichten es um viele Stunden zu bald; aber Mr. Spen⸗ low kam ein Stückchen vorher zu ſich und ſagte:„Sie müſſen hereinkommen, Kopperfield, und ſich ausruhen!“ und da ich damit übereinſtimmte, aßen wir drinnen Fleiſch⸗ brötchen und tranken Wein und Waſſer. In dem hel⸗ len Zimmer ſah die erröthende Dora ſo lieblich aus, daß ich mich nicht loszureißen vermochte, ſondern träumeriſch daſaß, bis das Schnarchen von Mr. Spenlow mir hin⸗ reichend zu Gemüthe führte, daß ich mich zu verabſchie⸗ den habe. So trennten wir uns von einander, und ich ritt den ganzen Weg nach London mit dem deutlichen Gefühle des Handdrucks, den mir Dora zum Abſchiede gegeben, und rief mir jeden Vorfall und jedes Wort 1 99 David Kopperſield. 59 zehntauſend Mal ins Gedächtniß zurück, und legte mich ſchließlich in mein Bett als ein ſo verrückter junger Laffe, als je einer durch Liebe ſeine geſunden fünf Sinne verlor. Als ich am nächſten Morgen erwachte, war ich ent⸗ ſchloſſen, Dora meine Liebe zu erklären und mein Schick⸗ ſal zu erfahren. Glückſeligkeit oder Elend, war jetzt die Frage. Ich wußte von keiner andern Frage in der Welt, und Dora allein konnte darauf die Antwort geben. Ich verbrachte drei Tage in überſchwänglich elender Stim⸗ mung und quälte mich ab, indem ich Allem, was je zwiſchen mir und Dora vorgefallen, jede nur irgend er⸗ denkbare entmuthigende Auslegung gab. Zuletzt machte ich mich, für dieſen Zweck mit ſchweren Koſten ausſtaf⸗ firt und mit einer Erklärung beladen, nach Miß Mills' Wohnung auf. 3 Wie viele Male ich die Straße auf und ab und rings um das Stadtviertel ging— mir angſtvoll bewußt, wie ich eine viel beſſere Auflöſung des alten Räthſels ſei, als die urſprüngliche— ehe ich es über mich gewinnen konnte, die Stufen hinaufzugehen und anzupochen, das hat jetzt nichts mehr zu ſagen. Selbſt als ich endlich geklopft hatte und an der Thür wartete, ging mir ein wirrer Gedanke durch den Kopf, ob ich nicht lieber fra⸗ gen, ob hier Mr. Blackboy(eine Nachahmung des ar⸗ men Barkis) wohne, und mich dann zurückziehen ſolle. Aber ich hielt Stand. Mr. Mills war nicht zu Hauſe. Ich erwartete das nicht. Niemand brauchte ihn. Miß Mills war daheim. Sie reichte mir aus. Man wies mich in ein Zimmer die Treppe hinauf, wo Miß Mills und Dora waren. Zig war auch da. Miß Mills ſchrieb ein Muſikſtück ab(ich beſinne mich, — 60 David Kopperfield. daß es ein neues Lied war, welches„der Minne Grab⸗ geſang hieß) und Dora malte Blumen. Was empfand ich, als ich meine eignen Blumen wiedererkannte, ganz und leibhaftig mein Einkauf auf dem Coventgarden⸗ Markt! Ich kann nicht ſagen, daß ſie ihnen ſehr gli⸗ chen, oder daß ſie irgendwie einer Blumenart beſon⸗ ders ähnlich waren, die mir je zu Geſicht gekommen iſt, aber ich erkannte an dem Papiere um dieſelben, welches genau copirt war, was die Compoſition be⸗ deuten ſollte. Miß Mills freute ſich ſehr, mich zu ſehen, und be⸗ dauerte ſehr, daß ihr Papa nicht zu Hauſe ſei, obwohl mir's vorkam, als ob wir dies Alle mit Standhaftig⸗ keit ertrügen. Miß Mills unterhielt ſich ein paar Mi⸗ nuten mit mir, dann legte ſie ihre Feder auf„der Minne Grabgeſang“ hin, ſtand auf und verließ das Zimmer. Ich fing an zu denken, ich wollte es aufſchieben bis morgen. „Ich hoffe, Ihr armes Pferd war nicht zu ſehr er⸗ müdet, als es des Nachts heimkam,“ ſagte Dora, in⸗ dem ſie ihre ſchönen Augen erhob.„Es war ein lan⸗ ger Weg für daſſelbe.“ Ich fing an zu denken, ich wollte es lieber heute abthun. „Es war allerdings ein langer Weg für das Pferd,“ ſagte ich;„denn es hatte nichts, was es auf der Reiſe geſtärkt hätte.“ „Wurde es denn nicht gefüttert, das arme Thier?“ fragte Dora. Ich fing an zu denken, ich wollte es aufſchieben bis morgen. „O ja, o ja wohl,“ ſagte ich,„es wurde ganz gut dafür geſorgt. Ich meine, es hatte nicht die un⸗ —— —— David Kopperfield. 61 ausſprechliche Seligkeit, die ich fühlte, als ich Ihnen ſo nahe war.“ Dora beugte ihren Kopf auf ihre Zeichnung und ſagte nach einem Weilchen— ich hatte in der Zwiſchen⸗ zeit in einem brennenden Fieber dageſeſſen, während meine Füße ganz erſtarrten—: „Sie ſchienen einmal des Tages dieſes Glück nicht eben ſehr zu fühlen.“ Ich ſah nun, daß ich nicht zurück konnte, und daß es auf der Stelle gethan werden mußte. „Sie kümmerten ſich um dieſes Glück nicht im Minde⸗ ſten,“ ſagte Dora, indem ſie ihre Augenbraunen ein. wenig erhob und mit dem Kopfe ſchüttelte,„als Sie bei Fräulein Kitt ſaßen.“ Kitt, hätte ich bemerken ſollen, war der Name des Weſens im rothen Kleide und mit den kleinen Augen. „Wenn ich auch eigentlich nicht einſehe, weshalb Sie ſich darum kümmern und weshalb Sie es über⸗ haupt Seligkeit nennen ſollen. Aber freilich, Sie mei⸗ nen nicht, was Sie ſagen. Und ich bin ſicher, Nie⸗ mand zweifelt, daß Sie die Freiheit haben, zu thun, was Ihnen beliebt. Zig, du garſtiger Bube, komm hierher.“ Ich weiß nicht, was ich that. Ich that es augen⸗ blicklich. Ich kam Zig zuvor. Ich hatte Dora in mei⸗ nen Armen. Ich war voll Beredſamkeit. Ich war nicht im Geringſten um ein Wort verlegen. Ich ſagte ihr, wie ich ſie liebe. Ich ſagte ihr, ich werde ohne ſie ſter⸗ ben. Ich ſagte ihr, daß ich ſie wie eine Gottheit an⸗ bete. Zig bellte wie wahnwitzig die Zeit über. Als Dora den Kopf hing und weinte und zitterte, wuchs meine Beredſamkeit nur um ſo mehr. Wenn ſie wünſchte, ich ſolle für ſie ſterben, ſo hätte ſie nur 62 David Kopperfield. das Wort auszuſprechen, und ich wäre bereit. Leben ohne Dora's Liebe hätte unter keinen Umſtänden einen Werth für mich. Ich könnte es nicht ertragen und würde es nicht. Ich hätte ſie jede Minute, Tag und Nacht geliebt, ſeit ich ſie das erſte Mal geſehen. Ich liebte ſie in dieſer Minute bis zum Wahnſinn. Ich würde ſie ſtets, jede Minute bis zum Wahnſinn lieben. Liebende hätten vor uns geliebt, und Liebende würde es nach uns geben, aber kein Liebender hätte jemals oder würde, möchte, könnte, ſollte jemals ſo lieben, wie ich Dora liebte. Je mehr ich toll und thöricht ſchwatzte, deſto mehr bellte Zig. Jeder von uns Beiden wurde nach ſeiner Weiſe mit jedem Augenblicke verrückter. Nun gut! Bald ſaßen ich und Dora ſtill genug Seite an Seite auf dem Sopha, und Zig lag auf ih⸗ rem Schooße und blinkte mir friedfertig mit den Augen. Ich war vollkommen außer mir. Dora und ich waren verlobt. Ich vermuthe, daß wir eine Ahnung hatten, wie dies mit einer Heirath enden werde. Wir mußten eine ſolche haben, weil Dora ſich ausmachte, daß wir uns nie ohne ihres Vaters Einwilligung heirathen wollten. Aber ich glaube nicht, daß wir in unſerer jugendlichen Be⸗ geiſterung wirklich vor oder hinter uns blickten oder außer der Gegenwart irgend etwas erſtrebten. Wir wollten unſer Geheimniß vor Mr. Spenlow bewahren; aber ich weiß mit Gewißheit, daß mir damals nie der Gedanke in den Kopf kam, wie darin etwas Unehrenhaftes liege. Miß Mills war nachdenklicher wie gewöhnlich, als Dora ſie zu ſuchen ging und ſie zurückbrachte— ich glaube, weil in Dem, was vorgegangen war, ein Zug nach Erweckung der ſchlummernden Echos in den Höh⸗ len des Gedächtniſſes lag. Aber ſie gab uns ihren Se⸗ ——— David Kopperfield. 63 gen und die Verſicherung ihrer dauernden Freundſchaft, und ſprach im Allgemeinen zu uns, als wie es ſich für eine Stimme aus dem Kloſter ſchickte. Was für eine nichtige Zeit war dies! Was für eine zarte, träumeriſche, ſelige, thörichte Zeit war es! Als ich Dora's Finger für einen Ring maß, wel⸗ cher von Vergißmeinnichten gemacht werden ſollte, und als der Juwelier, zu dem ich das Maß trug, mich er⸗ rieth und über ſeinem Beſtellbuche lachte und mir, was ihm beliebte, für das niedliche kleine Spielzeug mit den blauen Steinen abverlangte— das in meiner Erinne⸗ rung mit Dora's Hand ſo verknüpft iſt, daß es geſtern, als ich zufällig einen andern ſolchen Ring an dem Fin⸗ ger meiner eignen Tochter ſah, in meinem Herzen einen Augenblick wie Schmerz aufzuckte— was für eine wun⸗ derliche Zeit! Als ich herumging, erhoben von meinem Geheimniß und voll von meinen Angelegenheiten, und die Würde, Dora lieben zu dürfen und geliebt zu ſein, ſo ſehr fühlte, daß ich, ſelbſt wenn ich in der Luft gegangen wäre, nicht erhabener hätte ſein können über nicht ſo glücklich ge⸗ ſtellten Leuten, die auf der Erde hinkrochen— was für eine ſtolze Zeit! Als wir jene Zuſammenkünfte im Garten des Häu⸗ ſervierecks hatten und in dem dunkeln Sommerhauſe ſo glücklich ſaßen, daß ich noch in dieſer Stunde die lon⸗ doner Sperlinge wegen nichts weiter liebe und das Ge⸗ ſteder der Tropenvögel in ihren rauchgeſchwärzten Federn ſehe— was für eine paradieſiſche Zeit! Als wir unſern erſten Zwiſt hatten(noch innerhalb der Woche nach unſerer Verlobung) und als Dora mir den Ring in ein verzweifelt ſchnippiſches Billetchen ein⸗ geſchloſſen zurückſchickte, worin ſie den ſchrecklichen Aus⸗ 64 David Kopperfield. druck brauchte, daß„unſere Liebe in Thorheit begon⸗ nen und mit Tollheit geendet habe“, welche ſchrecklichen Worte bewirkten, daß ich mir die Haare raufte und ſchrie, daß Alles vorbei ſei— als ich unter der Decke der Nacht zu Miß Mills flüchtete, welche ich verſtohlener Weiſe in einem Hinter⸗ ſtübchen, worin ſich eine Wäſchrolle befand, ſah und Miß Mills flehentlich bat, die Vermittelung zwiſchen uns zu übernehmen und einen wahnſinnigen Entſchluß zu verhüten— als Miß Mills das Geſchäft übernahm und mit Dora zurückkehrte und uns von der Kanzel ihrer eignen verbitterten Jugend herab zu gegenſeitigen Zugeſtändniſſen und der Vermeidung der Wüſte Sa⸗ hara ermahnte— als wir weinten und uns verſöhnten und wieder ſo ſelig waren, daß ſich das Hinterſtübchen mit ſammt der Wäſchrolle und allem miteinander in den Tem⸗ pel der Liebe verwandelte, wo wir einen Plan zu einer durch Miß Mills’' Hände gehenden Correſpondenz ver⸗ abredeten, bei welcher alle Tage mindeſtens ein Brief von jeder Seite zu erwarten ſein ſollte: was für eine nichtige Zeit! Was für eine zarte, träumeriſche, ſelige, thörichte Zeit! Von allen meinen Zeiten, welche die Mutter Zeit aufgehoben hat, iſt keine, über welche ich in irgend einer Rückſicht auch nur halb ſo ſehr lächeln und an die ich nur halb ſo zärtlich den⸗ ken kann. ⅓⅔ u ☛ v S— 5FS A — —₰½— —+— u 8⁸8 Vierunddreißigſtes Kapitel. Meine Tante ſetzt mich in Erſtaunen. Ich ſchrieb an Agnes, bald nachdem dieſe Verlobung zwiſchen mir und Dora zu Stande gekommen war. Ich ſchrieb ihr einen langen Brief, in dem ich ihr begreiflich zu machen ſuchte, wie glücklich ich ſei und was für ein liebes Mädchen Dora wäre. Ich bat Agnes, dies nicht für eine gedankenloſe Leidenſchaft zu halten, welche je einer andern weichen könne oder auch nur die geringſte Aehnlichkeit mit jenen kindiſchen Spielereien habe, über die wir dereinſt zuſammen geſcherzt. Ich verſicherte ihr, daß ihre Tiefe völlig unergründlich ſei, und drückte mei⸗ nen Glguben aus, daß dergleichen in der Welt noch nicht dageweſen. Als ich an einem ſchönen Abende vor meinem offe⸗ nen Fenſter an Agnes ſchrieb und die Erinnerung an ihre klaren, ruhigen Augen und ihr liebes Antlitz ſich leiſe in mein Herz ſtahl, ſo goß es ſolch einen frieden⸗ vollen Einfluß über die wirre und aufgeregte Stimmung, in der ich die letzte Zeit über geweſen, und von wel⸗ cher ſelbſt mein jetziges Glück in gewiſſem Grade be⸗ David Kopperfield. VI. 5 66 David Kopperfield. rührt war, aus, daß ich zu Thränen gerührt wurde. Ich entſinne mich, daß ich daſaß und den Kopf in meine Hand ſtützte, als der Brief halb vollendet war und mich mit Liebe der Idee hingab, wie wenn Angnes eines der Elemente des Ortes ſei, wo ſich mein Weſen heimiſch fühlte; wie wenn in der Zurückgezogenheit des Hauſes, welches mir ihre Gegenwart faſt zu einem Heiligthume gemacht, Dora und ich glücklicher als irgendwo ſein müß⸗ ten; wie wenn mein Herz in Liebe, Sorge, Hoffnung oder Enttäuſchung, kurz in allen Gemüthsregungen ſich von Natur dorthin wende und ſeine Zuflucht und ſei⸗ nen beſten Freund dort finde. Von Steerforth ſagte ich nichts. Ich erzählte ihr nur, daß in Yarmouth in Folge der Flucht Emiliens großer Kummer geweſen wäre, und daß dies mir, der damit zuſammenhängenden Umſtände wegen, eine dop⸗ pelte Wunde geſchlagen habe. Ich wußte, wie ſchnell ſie in der Entdeckung der Wahrheit ſei, und wie ſie ſicherlich nicht die Erſte ſein werde, die ſeinen Namen in den Mund nähme. Auf dieſen Brief erhielt ich mit umgehender Poſt eine Antwort. Als ich ihn las, war mir's, als ob ich Agnes zu mir ſprechen hörte. Es klang mir in den Ohren wie ihre herzliche Stimme. Was kann ich mehr ſagen! Während ich die letzte Zeit vom Hauſe weggeweſen, hatte Traddles zwei oder drei Mal vorgeſprochen. Da er Peggotty in der Stube getroffen hatte und von ihr, die dies allezeit Jedermann erzählte, der nur darauf hören wollte, berichtet worden war, daß ſie meine einſtige Wärterin geweſen ſei, ſo hatte er eine launige Bekanntſchaft mit ihr geſchloſſen und war dageblieben, um mit ihr ein Bischen über mich zu plaudern. So — „ David Kopperfield. 67 wenigſtens ſagte Peggotty, aber ich fürchte, das Plaudern war alles auf ihrer Seite und von unmäßiger Länge, da ſie in der That ſehr ſchwer zu unterbrechen war, ſobald ſie mich zum Thema hatte. Dies erinnert mich nicht nur daran, daß ich Traddles an einem gewiſſen von ihm ſelbſt feſtgeſetzten Nachmit⸗ tage, der jetzt gekommen war, erwartete, ſondern auch, daß Mrs. Crupp(mit Ausnahme ihres Lohns) auf Al⸗ les, was zu ihren Geſchäften für mich gehörte, auf ſo lange Verzicht leiſtete, bis Peggotty aufhörte, ſich einzu⸗ ſtellen. Mrs. Crupp richtete, nachdem ſie auf der Treppe mit ſehr hoher kreiſchender Stimme— mit einem un⸗ ſichtbaren Hausgeiſte wahrſcheinlich; denn in Wirklichkeit war ſie dabei ganz allein— verſchiedene Zwiegeſpräche in Betreff Peggotty's gehalten, einen Brief an mich, in welchem ſie mir ihre Anſichten entwickelte. Er begann mit jener von ihr auf Alles angewendeten Behauptung, welche zu jedem Vorkommniß ihres Lebens ſo gut paßte, nämlich, daß ſie ſelbſt eine Mutter ſei; dann belehrte ſie mich im Folgenden, daß ſie dereinſt ganz andere Tage geſehen, aber zu allen Perioden ihres Daſeins eine an⸗ geborne Abneigung vor Spionen, Eindringlingen und Beſſerwiſſern gehabt habe. Sie wolle, ſagte ſie, keine Namen nennen; aber auf Spione, Eindringlinge und Beſſerwiſſer(vorzüglich in Wittwenkleidern) wäre ſie ſtets gewohnt geweſen, mit Verachtung herabzuſehen. Wenn ein Herr das Opfer von Spionen, Eindringlin⸗ gen und Beſſerwiſſern(wobei ſie noch immer keine Na⸗ men nenne) ſei, ſo wäre das ſein eigner Spaß. Er habe das Recht, ſich einen Spaß zu machen, und möchte er thun, wie er wolle. Alles, was ſie, Mrs. Crupp, ſich ausbitten müßte, wäre, daß man ſie mit ſolchen Perſonen, nicht in Contract bringe“. Deshalb bäte ſie, 5* 68 David Kopperfield. ich wolle ſie entſchuldigen, wenn ſie im oberſten Geſtock ſich aller weitern Aufwartung auf ſo lange enthielte, bis die Sachen wieder wie früher ſtünden und wie man ſie ſich wünſchen könnte; und dann erwähnte ſie noch, daß ihr kleines Buch ſich alle Sonnabende am Morgen auf dem Frühſtückstiſche finden werde, wo ſie um unverzö⸗ gerte Berichtigung deſſelben bäte, um, wie ſie freund⸗ lich in Ausſicht ſtellte, weitere Bemühungen und Un⸗ annehmlichkeiten für alle Theile zu vermeiden. Hierauf beſchränkte Mrs. Crupp ihre ganze Thätig⸗ keit darauf, daß ſie auf der Treppe Fallgruben anlegte, und zwar vorzüglich mit Waſſerkrügen, um Peggotty trügeriſcher Weiſe ihre Beine brechen zu laſſen. Ich fand es entſetzlich, in dieſem Belagerungszuſtande leben zu müſſen, fürchtete mich aber zu ſehr vor Mrs. Crupp, als daß ich irgend einen Ausweg geſehen hätte. „Mein theurer Kopperfield,“ rief Traddles, indem er trotz aller jener Hemmniſſe pünktlich an meiner Thür erſchien,„was machſt Du?“ „Mein lieber Traddles,“ ſagte ich,„ich freue mich von Herzen, Dich endlich zu ſehen, und bedauere ſehr, daß ich vorher nicht zu Hauſe geweſen bin. Aber ich bin ſo oft verſprochen geweſen—“ „Ja, ja, ich weiß,“ unterbrach mich Traddles,„na⸗ türlich. Die Deinige lebt in London, glaub' ich.“ „Was ſagteſt Du da?“ „Sie— ach entſchuldige— Fräulein D., weißt Du,“ ſagte Traddles, indem er in ſeinem großen Zartgefühl die Farbe wechſelte,„lebt, glaub' ich, in London.“ „O ja. Nahe bei London.“ „Die Meinige lebt, wie Du Dich vielleicht erinnerſt,“ verſetzte Traddles mit ernſter Miene,„unten in Devon⸗ David Kopperfield. 69 ſhire— eine von zehn Geſchwiſtern. Folglich bin ich nicht ſo ſehr in Anſpruch genommen wie Du— in die⸗ ſem Sinne nämlich.“ „Ich wundere mich,“ entgegnete ich,„wie Du's aushalten kannſt, ſie ſo ſelten zu ſehen.“ „Hah,“ ſagte Traddles gedankenvoll.„Es ſcheint wirklich ein Wunder. Aber ich glaube,'s iſt deswe⸗ gen, Kopperfield, weil es ſich nicht ändern läßt.“ „Das glaub' ich auch,“ antwortete ich mit einem Lächeln und nicht ohne ein Erröthen.„Und weil Du ſo viel Ausdauer und Geduld haſt, Traddles.“ „Ei der Tauſend,“ ſagte Traddles, indem er ſich's überlegte,„wundert Dich das von mir, Kopperfield? Ich wußte wahrlich nicht einmal, daß ich dieſe Eigen⸗ ſchaften hätte. Aber ſie iſt ein ſo außerordentlich lie⸗ bes Mädchen, daß es möglich iſt, ſie hat etwas von dieſer Tugend mir mitgetheilt. Nun Du's erwähnſt, Kopperfield, ſollt' es mich durchaus nicht wundern. Ich verſichere Dir, ſie vergißt ſtets ſich ſelbſt und ſorgt für die übrigen Neun.“ „Iſt ſie die Aelteſte?“ erkundigte ich mich. „Oh nein!“ ſagte Traddles.„Die Aelteſte iſt eine Schönheit.“ Er ſah vermuthlich, daß ich nicht umhin konnte, über die Einfalt dieſer Antwort zu lächeln, und fügte deshalb mit einem Lächeln auf ſeinem eignen gutmüthi⸗ gen Geſichte hinzu: „Damit ſoll natürlich nicht geſagt ſein, daß meine Sophie— ein hübſcher Name, Kopperfield, wie ich ſtets denke.“ „Sehr hübſch,“ verſetzte ich. „Damit ſoll natürlich nicht geſagt ſein, daß Sophie nicht auch ſchön wäre, in meinen Augen nämlich, und 70 David Kopperfield. daß ſie nicht meiner Meinung nach eines der liebens⸗ würdigſten Mädchen von der Welt ſein würde in Je⸗ dermanns Augen. Aber wenn ich ſage, die Aelteſte iſt eine Schönheit, ſo meine ich, ſie iſt wirklich“— und er ſchien mit beiden Händen Wolken um ſich zu zer⸗ theilen:„weißt Du, glänzend wie die Sonne,“ ſagte Traddles mit Nachdruck. „Ei gar!“ rief ich. „Oh, ich verſichere Dir,“ fuhr Traddles fort, „etwas ſehr Ungewöhnliches. Nun aber, ſiehſt Du, iſt ſie für die Geſellſchaft und zur Bewunderung ge⸗ ſchaffen, und da ſie in Folge ihrer beſchränkten Mit⸗ tel nicht im Stande iſt, viel davon zu genießen, ſo wird ſie natürlich dann und wann ein Bischen reizbar und befehlshaberiſch. Sophie aber bringt ſie auf gute Laune.“ „Iſt Sophie die Jüngſte?“ wagte ich zu fragen. „Oh nein,“ verſetzte Traddles, indem er ſich das Kinn ſtrich.„Die beiden Jüngſten ſind erſt neun und zehn Jahre. Sophie erzieht ſte.“ „Vielleicht die zweite Tochter?“ rieth ich. „Nein,“ ſagte Traddles,„Sarah iſt die Zweite. Sarah hat an ihrem Rückgrath zu leiden, das arme Mädchen! Die Krankheit wird, wie die Doctors ſagen, bald aufhören, aber inzwiſchen hat ſie doch an zwölf Monate im Bette zu liegen. Sophie wartet ſie ab. Sophie iſt die Vierte.“ „Lebt die Mutter noch?“ fragte ich. „O ja,“ ſagte Traddles,„ſie iſt noch am Leben. Sie iſt eine ſehr hochgebildete Frau, aber die feuchte Gegend paßt nicht zu ihrer Körperbeſchaffenheit, und— in der That, ſie hat den Gebrauch ihrer Glieder ver⸗ loren.“ 4 David Kopperfield. 71 „Mein Gott!“ rief ich aus. „Nicht wahr, ſehr traurig?“ erwiederte Traddles. „Aber wenn man's bloß von der Seite in Betracht zieht, wo es ſich um die Führung des Hausweſens handelt, iſt's nicht ſo ſchlimm, als es ſein könnte, weil Sophie ihren Platz einnimmt. Sie iſt gerade ſo ſehr Mut⸗ ter gegen ihre Mutter, als ſie es gegen die übrigen Neun iſt.“ Ich fühlte die größte Bewunderung vor den Tugen⸗ den dieſer jungen Dame, und mit der Abſicht, mein Beſtes zu thun, um die Gutmüthigkeit Traddles' abzu⸗ halten, ſich zum Schaden ihrer beiderſeitigen Ausſichten betrügen zu laſſen, fragte ich ohne weitere Umſtände, wie es Mr. Micawber gehe.“ „Er befindet ſich ganz wohl, danke ſchön, Kopper⸗ field,“ antwortete Traddles.„Ich wohne gegenwärtig nicht bei ihm.“ „So, nicht?“ „Nein. Siehſt Du, die Sache iſt die,“ ſagte Trad⸗ dles flüſternd;„er hat in Folge ſeiner zeitweiligen Be⸗ drängniſſe ſeinen Namen in Mortimer verwandelt und kommt nur nach dem Dunkelwerden und dann mit ei⸗ ner Brille auf die Gaſſe. Sie ſchickten uns eine Exe⸗ cution ins Haus wegen der Miethe. Madame Micaw⸗ ber war in ſolch einem ſchrecklichen Zuſtande, daß ich nicht umhin konnte, meinen Namen zu jenem zweiten Wechſel zu geben, von dem wir hier ſprachen. Du kannſt Dir denken, Kopperfield, wie wohl es mir um's Herz wurde, als ich ſah, wie die Sache damit abgemacht war und Madame Micawber wieder zu ſich kam.“ „Hm!“ ſagte ich. „Nicht, daß ihr Glück von langer Dauer geweſen wäre,“ fuhr Traddles fort.„Denn unglückſeliger Weiſe 4 72 David Kopperfield. kam innerhalb einer Woche eine zweite Execution. Un⸗ ter ihr brach das Etabliſſement zuſammen. Ich habe ſeitdem in einer möblirten Stube gewohnt, und die Mor⸗ timers haben ſich ſehr verſteckt gehalten. Ich hoffe, Du wirſt's nicht für ſelbſtſüchtig halten, wenn ich erwähne, daß der Wechſelmäkler meinen kleinen runden Tiſch mit der Marmorplatte und Sophiens Blumentopf und Stand mit weggeſchafft hat.“ „Welche Härte!“ rief ich entrüſtet aus. „Es war ein— es war ein böſes Stück Arbeit, das zu verwinden,“ ſagte Traddles mit ſeiner gewöͤhn⸗ lichen Windung bei dieſem Ausdrucke.„Trotzdem aber erwähne ich's nicht, um es zu tadeln, ſondern aus ei⸗ nem gewiſſen Grunde. Die Sache iſt die, Kopperfield, daß ich die beiden Stücke zu der Zeit, wo ſie wegge⸗ nommen wurden, nicht zurückkaufen konnte; erſtens, weil der Mäkler, der eine Ahnung haben mochte, daß ich ſie brauche, den Preis zu einer unmäßigen Höhe ſteigerte, und zweitens, weil ich— überhaupt gar kein Geld hatte. Nun aber habe ich ſeitdem fortwährend den Laden des Maäklers im Auge behalten,“ ſagte Trad⸗ dles, voll Wonne über ſein Geheimniß,„welcher oben am Anfange der Tottenhamer Straße iſt, und heute endlich finde ich ſie zum Verkaufe ausgeſtellt. Ich habe ſie nur über die Straße hinüber geſehen, weil der Mäk⸗ ler, wenn er mich bemerkt hätte, wahrhaftig jeden mög⸗ lichen Preis dafür verlangt haben würde! Was mir aber eingefallen iſt, indem ich jetzt das Geld habe, iſt, daß Du vielleicht nicht abgeneigt ſein möchteſt, Deine gute Wärterin zu bitten, daß ſie mit mir an den La⸗ den käme— ich kann ihr denſelben um die Ecke der nächſten Straße zeigen— und, als ob ſie für ſie ſelbſt wären, ſie ſo billig erhandelte als ſie kann.“ David Kopperfield. 73 Die Wonne, mit welcher Traddles mir dieſen Plan auseinanderſetzte, und die Art, wie er ihn für unge⸗ wöhnlich pfiffig hielt, gehören unter die Dinge, welche mein Gedächtniß am Friſcheſten aufbewahrt hat. Ich ſagte ihm, daß meine alte Wärterin erfreut ſein werde, ihm hülfreich ſein zu können, und daß wir alle Drei zuſammen zu Felde ziehen und den Sieg gewin⸗ nen wollten, wenn er eine Bedingung eingehe. Dieſe Bedingung wäre, daß er den feierlichen Entſchluß faſſe, Mr. Micawber nie wieder ſeinen Namen oder irgend etwas Anderes zu leihen. „Mein lieber Kopperfield,“ ſagte Traddles,„ich habe das bereits gethan, weil ich einzuſehen beginne, daß ich nicht nur unüberlegt, ſondern geradezu uagerecht gegen Sophie geweſen bin. Nachdem ich mir ſelbſt das Wort gegeben, iſt davon in keiner Weiſe mehr die Rede, aber ich verſichere es auch Dir mit der größten Bereit⸗ willigkeit. Die erſte unglückſelige Schuldverſchreibung habe ich bezahlt. Ich zweifle nicht, daß Micawber ſie berichtigt hätte, aber er konnte nicht. Eines muß ich noch erwähnen, was mir an Micawber ſehr gefällt, Kopperfield. Es bezieht ſich auf die zweite Schuldver⸗ ſchreibung, welche noch nicht fällig iſt. Er ſagt nicht, daß dafür geſorgt ſei, aber er ſagt, es wird geſorgt werden. Nun, ich denke, darin liegt etwas ſehr Recht⸗ ſchaffenes und Ehrliches.“ Ich war nicht willens, meines guten Freundes Zu⸗ trauen zu ſchmälern und ſtimmte ihm deshalb bei. Nach⸗ dem wir uns noch ein Weilchen unterhalten, gingen wir in den Kramladen, um Peggotty in unſern Plan ein⸗ zuweihen, indem Traddles es ablehnte, den Abend mit mir zu verbringen, und zwar einestheils, weil ihn die 4 heſtigſte Angſt quälte, ſein Eigenthum werde von Je⸗ 74 4 David Kopperfield. mand anders gekauft werden, ehe er's zurückerhandeln könne, und anderntheils, weil dies der Abend war, den er ſtets dem Schreiben an das liebſte Mädchen in der Welt widmete. Nie werde ich ihn vergeſſen, wie er um die Ecke der Tottenhamer Straße lugte, während Peggotty um die koftbaren Gegenſtände handelte, noch, wie groß ſeine Spannung war, als ſie langſam wieder auf uns zukam, nachdem ſie vergeblich ein Gebot gethan, und von dem Trödler, welchen es reute, ſie abgewieſen zu haben, zu⸗ rückgerufen wurde. Das Ende des Handels war, daß ſie das Eigenthum meines Freundes ziemlich billig kaufte, und Traddles war außer ſich vor Freuden. „Ich bin Ihnen ſehr verbunden,“ ſagte Traddles, als er vernahm, daß ihm die Sachen dieſen Abend noch in ſeine Wohnung geſchickt werden ſollten.„Wenn ich Sie nun noch um eine Gefälligkeit erſuchen dürfte, ſo hoffe ich, Kopperfield, daß Du's nicht für abgeſchmackt hältſt.“ Ich verſicherte ihm im Voraus, ganz gewiß nicht. „Nun denn, wenn Sie ſo gut ſein wollen,“ ſagte Traddles zu Peggotty,„jetzt den Blumentopf zu ho⸗ len, ſo würde ich ihn(da er Sophien iſt, Kopperfield), gern ſelbſt nach Hauſe tragen.“ Peggotty holte ihm denſelben mit Vergnügen, und er überſchüttete ſie mit Dankſagungen und ging dann ſeines Wegs die Tottenhamer Straße hinauf, den Blumentopf liebreich in die Arme geſchloſſen und mit einem der wonnevollſten Geſichtsausdrücke, die ich je ſah. Wir kehrten nun um nach meiner Wohnung. Da die Läden für Peggotty einen Zauber hatten, wie ſie einen ſolchen meiner Erfahrung nach nie für Jemand David Kopperfield. 75 anders beſaßen, ſo ſpazierte ich gemüthlich mit ihr die Straße entlang, vergnügt über ihr Hineinſtarren in die Fenſter und wartete auf ſie, ſo oft es ihr beliebte. So brauchten wir eine Weile, ehe wir auf den Adelphi⸗ Platz kamen. Auf unſerm Wege die Treppe hinauf machte ich ſie auf das plötzliche Verſchwinden der von Mrs. Crupp angelegten Fallgruben und ebenſo auf die Spuren neuer⸗ licher Fußtritte aufmerkſam. Wir waren Beide ſehr erſtaunt, als wir höher hinauf kamen und meine äu⸗ ßere Thür, die ich verſchloſſen, aufſtehend fanden und drinnen Stimmen hörten. Wir ſahen uns einander an, ohne zu wiſſen, was wir davon halten ſollten, und gingen ins Wohnzimmer. Wie groß war meine Verwunderung, von allen Leuten auf Erden meine Tante und Mr. Dick dort anzutreffen! Meine Tante ſaß auf einem Haufen Gepäck, vor ſich ihre zwei Vögel, auf ihrem Knie ihre Katze, kurz wie ein weiblicher Robinſon Cruſoe, und trank Thee. Mr. Dick lehnte gedankenvoll auf einem großen Drachen, wie wir ihn oft zuſammen hatten ſteigen laſſen, und rings um ihn lag noch mehr Gepäck aufgeſchichtet. „Meine liebe gute Tante!“ ſchrie ich.„Ei, welche unverhoffte Freude!“ Wir umarmten uns herzlich, und Mr. Dick und ich ſchüttelten uns herzlich die Hände, und Mrs. Crupp, welche geſchäftig Thee kochte und nicht aufmerkſam ge⸗ nug ſein konnte, ſagte herzlich, daß ſie recht wohl ge⸗ wußt hätte, Mr. Kuffenvoll würde ganz außer ſich ſein, wenn er ſeine lieben Verwanden ſähe. „Holla!“ ſagte meine Tante zu Peggotty, welche vor ihrer furchtbaren Gegenwart ganz vergehen wollte, „was machen Sie da?“. ——————— 76 David Kopperfield. „Du erinnerſt Dich doch meiner Tante, Peggotty?“ fragte ich. „Um Gottes willen, Kind,“ ſchrie meine Tante, „rufe das Frauenzimmer nicht bei dieſem Südſee⸗In⸗ ſulaner⸗Namen! Wenn ſie heirathete und ihn los wurde, welches das Beſte war, was ſie thun konnte; warum erweiſeſt Du ihr nicht die Wohlthat, die in dieſem Wechſel liegt? Was iſt jetzt Ihr Name, P?“ ſagte meine Tante als Ausgleichung für jene verhaßte Be⸗ nennung. „Barkis, Madame,“ antwortete Peggotty mit einem Knix. „Na, das klingt doch menſchlich,“ verſetzte meine Tante.„Es klingt nicht ſo ſehr, als ob Sie einen Miſſionär brauchten. Wie geht's Ihnen, Frau Barkis? Hoffentlich wohl?“ Ermuthigt durch dieſe freundlichen Worte und da⸗ durch, daß meine Tante ihr die Hand hinſtreckte, kam die Barkis vorwärts, nahm die Hand und knirte ihren Dank für die Güte, die man ihr erwies. „Wir ſind, wie ich ſehe, älter als wir waren,“ ſagte meine Tante.„Wiſſen Sie, wir haben uns blos erſt einmal getroffen. Wir machten damals ein hübſches Geſchäftchen! Trot, mein lieber Junge, noch eine Taſſe.“ Ich überreichte eine ſolche pflichtgemäß meiner Tante, welche ihre gewöhnliche unbeugſame Miene und Hal⸗ tung beobachtete, und wagte dann, ihr darüber Vor⸗ ſtellungen zu machen, daß ſie hier auf einem Kof⸗ fer ſitze. „Laſſen Sie mich doch das Sopha herrücken, oder den Lehnſtuhl, Tante,“ ſagte ich.„Weshalb ſollten Sie ſo unbequem ſitzen?“ David Kopperfield. 77 „Danke Dir, Trot,“ erwiederte meine Tante;„ich ziehe es vor, auf meinem Eigenthume zu ſitzen.“ Hier ſah ſie Mrs. Crupp ſcharf an und bemerkte,„wir brau⸗ chen Sie nicht mehr zu bemühen, daß Sie warten, Ma⸗ dame.“ „Soll ich noch ein wenig Thee in den Topf thun, ehe ich gehe, Madame?“ ſagte Mrs. Crupp. „Nein, danke Ihnen, Madame,“ entgegnete meine Tante. „Würden Sie mich dann erlauben, Madame, daß ich Sie'n anderes Näpfchen Butter holte?“ ſagte Miß Crupp.„Oder hätten Sie vielleicht Luſt, ein friſch gelegtes Ei zu verſuchen? oder ſoll ich Sie'ne Car⸗ menade zurecht machen? Giebt's gar nichts nicht, was ich für Ihre liebe Tante beſorgen könnte, Herr Kuf⸗ fenvoll?”“ „Nein, nichts, Madame,“ entgegnete meine Tante. „Ich werde ganz wohl verkommen, dank' Ihnen.“ Mrs. Crupp, welche unaufhörlich gelächelt, um ein ſanftes Temperament auszudrücken, und unaufhörlich den Kopf auf die eine Seite gehangen, um eine ſchwäch⸗ liche Körperconſtitution auszudrücken, und unaufhörlich die Hände gerieben, um ihren Wunſch auszudrücken, überall, wo man ſie brauche, behülflich zu ſein, lä⸗ chelte, kopfhängerte und rieb ſich allmählig aus dem Zimmer hinaus. „Dick!“ ſagte meine Tante.„Sie wiſſen, was ich Ihnen über Fuchsſchwänzer und Mammonanbeter geſagt habe.“— Mr. Dick— mit einem ziemlich ängſtlichen Blicke, als ob er es vergeſſen hätte— gab eine haſtige beja⸗ hende Antwort.. 2 78 David Kopperfield. „Frau Crupp iſt eine davon,“ ſagte meine Tante. „Frau Barkis, ich muß Sie bemühen, nach dem Thee zu ſehen, und laſſen Sie mich'ne andere Taſſe haben; denn ich kann dieſes Weibes Ausgießen nicht leiden.“ Ich kannte meine Tante gut genug, um zu wiſſen, daß ſie etwas Wichtiges auf dem Herzen habe, und daß dieſe ihre Ankunft bei weitem mehr zu bedeuten habe, als ein Fremder vermuthet haben würde. Ich bemerkte, wie ihr Auge nach mir hinglänzte, wenn ſie meine Auf⸗ merkſamkeit von etwas Anderm in Anſpruch genommen glaubte, und was für ein wunderliches Zögern und Zau⸗ dern in ihr vorzugehen ſchien, während ſie äußerlich ihre ſteife und gefaßte Haltung bewahrte. Ich fing an, mir Gedanken zu machen, ob ich etwas gethan habe, was ſie beleidigen könnte, und mein Gewiſſen flüſterte mir zu, daß ich ihr noch nichts von Dora erzählt habe. Aber konnte es denn etwa dies ſein?“ fragte ich mich. Da ich wußte, daß ſie nur ſprechen werde, ſobald es ihr beliebte, ſo ſetzte ich mich neben ſie und ſprach mit den Vögeln und ſpielte mit der Katze, und war ſo heiter, als ich nur ſein konnte. Aber ich war weit davon entfernt, wirklich heiter zu ſein, und ich würde in dieſer Stimmung verblieben ſein, ſelbſt wenn Mr. Dick, der über dem großen Drachen hinter meiner Tante lehnte, nicht jede geheime Gelegenheit ergriffen hätte, trübſinnig ſeinen Kopf zu mir zu ſchütteln und auf ſie zu zeigen. „Trot,“ ſagte meine Tante zuletzt, als ſie ihren Thee beendigt und ſorgſam ihr Kleid glattgeſtrichen und ſich die Lippen gewiſcht hatte—„Sie brauchen nicht wegzugehen, Frau Barkis— Trot, haſt Du Feſtigkeit und Selbſtvertrauen gelernt?“ David Kopperfield. 79 „Ich hoffe, Tante.“ „Was denkſt Du darüber?“ fragte Miß Betſey. „Ich denke, ja, Tante.“ „Nun denn, warum, mein Lieber,“ ſagte meine Tante mit einem ernſten Blicke auf mich,„warum denkſt Du wohl, daß ich's vorziehe, auf dieſem meinen Ei⸗ genthume zu ſitzen heute Abend?“ Ich ſchüttelte den Kopf, unfähig zu errathen, was ſie meine. „Weil es,“ ſagte meine Tante,„Alles iſt, was ich habe. Weil ich zu Grunde gerichtet bin, mein lie⸗ ber Junge.“ Wenn das Haus und wir alle miteinander in den Fluß hinunter geſtürzt wären, ich hätte ſchwerlich einen größern Stoß erhalten konnen. „Dick weiß es,“ ſagte meine Tante, indem ſie ru⸗ hig ihre Hand auf meine Schulter legte.„Ich bin zu Grunde gerichtet, mein lieber Trot! Alles, was ich habe, iſt in dieſer Stube, ausgenommen das Land⸗ häuschen, und das habe ich durch Janet vermiethen laſſen. Frau Barkis, ich wünſchte für dieſen Herrn ein Bett auf dieſe Nacht zu bekommen. Um die Aus⸗ gaben zu ſparen, können Sie vielleicht hier für mich etwas zurecht machen. Alles iſt gut genug dazu.'s iſt blos für dieſe Nacht. Wir wollen hierüber morgen mehr ſprechen.“ Ich wurde aus meiner Beſtürzung und meinem Schmerze um ſie— ich bin ſicher, um ſie allein— dadurch geweckt, daß ſie mir auf einen Augenblick um den Hals fiel und weinend ſagte, daß es ihr nur um mich Leid thue. Im Augenblicke darauf unterdrückte ſie dieſe Gemüthsregung und ſagte mit einer eher trium⸗ phirenden als niedergeſchlagenen Miene: 80 David Kopperfield. „Wir müſſen Unglücksfällen mit tapferm Muthe entgegentreten und nicht dulden, daß ſie uns Furcht einflößen, mein Lieber. Wir müſſen lernen, das Stück bis zu Ende zu ſpielen. Wir müſſen ſo leben, das wir dem Mißgeſchicke zum Trotze obenauf bleiben, Trot V Fünfunddreißigſtes Kapitel. Gedrückte Umſtände. Sobald ich meine Geiſtesgegenwart wiedergefunden, die mich auf den erſten überwältigenden Stoß, den mir die Mittheilung meiner Tante gab, gärzlich verlaſſen hatte, ſchlug ich Mr. Dick vor, mit mir nach dem Kramladen zu kommen und Beſitz von dem Bette zu nehmen, welches Mr. Peggotty vor Kurzem leer ſtehen gelaſſen hatte. Dieſer Kramladen war in Hungerford Market; Hungerford Market aber war in jenen Tagen ſehr verſchieden von dem, was es jetzt iſt, und vor der Thür befand ſich eine niedrige hölzerne Colonnade, welche derjenigen nicht ungleich war, in der das Männchen und Weibchen im alten Wetterglaſe zu wohnen pflegten, und welche Mr. Dick gewaltig gefiel. Ich möchte be⸗ haupten, daß der Genuß, über dieſem architektoniſchen Kunſtwerke zu wohnen, ihm eine Menge Unbequemlich⸗ keiten aufgewogen haben würde; da indeß außer der ſchon erwähnten Miſchung von Düften und vielleicht dem Mangel von etwas mehr Raum für die Bewegung der Ellbogen, nur ſehr wenige zu ertragen waren, ſo David Kopperfield. VI. 6 82 David Kopperfield. war er völlig glücklich über die Art, wie er unterge⸗ bracht worden. Mrs. Crupp hatte ihm entrüſtet ver⸗ ſichert, daß der Ort nicht Raum genug habe, um eine Katze drinnen herumzuſchlenkern; aber Mr. Dick bemerkte richtig zu mir, indem er ſich auf das Bettende ſetzte und das eine Bein über das Knie des andern legte: „Du weißt, Trotwood, ich habe keine Luſt, eine Katze herumzuſchlenkern. Ich ſchlenkere ja nie Katzen herum. Was hat das deshalb für mich zu bedeuten?“ Ich verſuchte, mich zu vergewiſſern, ob Mr. Dick irgend einen Begriff von den Urſachen dieſes plötzlichen und großen Wechſels in den Umſtänden meiner Tante habe. Wie ich hätte erwarten können, hatte er nicht den geringſten. Der einzige Bericht, den er davon ge⸗ ben konnte, war der, daß meine Tante am vorgeſtri⸗ gen Tage zu ihm geſagt hatte:„Nun, Dick, ſind Sie wirklich und wahrhaftig der Philoſoph, für den ich Sie halte?“ Daß er ſodann geantwortet, ja, er hoffe ſo. Daß hierauf meine Tante zu ihm geſagt:„Dick, ich bin zu Grunde gerichtet.“ Daß er hierauf erwiedert: „Ei gar!“ Daß meine Tante ihn dann höchlich des⸗ halb gelobt habe, worüber er ſich ſehr freue. Daß ſie dann endlich zu mir gekommen ſeien und auf dem Wege Porterbier in Flaſchen getrunken und Fleiſchbemmchen dazu gegeſſen hätten. Mr. Dick war, indem er auf dem Bettende ſaß und ſein Bein auf dem Knie ſchaukelte und mir dies mit weit geöffneten Augen und einem verwunderten Lächeln erzählte, ſo ruhig und gemüthlich, daß ich, wie ich mit Bedauern ſagen muß, mich verſucht fühlte, ihm auseinanderzuſetzen, zu Grunde gerichtet ſein be⸗ deute Elend, Noth und Hunger; aber ich wurde bald bitterlich inne, daß dies eine Unzartheit ſei; denn ich David Kopperfield. 83 ſah, wie ſein Geſicht bleich wurde, und wie Thränen über ſeine verlängerten Wangen liefen, während er ſeine Augen mit dem Ausdrucke ſolch eines unausſprechlichen Jammers auf mich richtete, daß es ein weit härteres Herz als das meinige gerührt haben würde. Ich gab mir unendlich mehr Mühe, ihn wieder heiter zu ma⸗ chen, als ich mir gegeben, ihn in Niedergeſchlagenheit zu verſetzen, und ich ſah bald ein(was ich zuerſt hätte wiſſen ſollen), daß er nur auf ſeinen Glauben an das klügſte und bewunderungswürdigſte aller Weiber und auf ſein grenzenloſes Vertrauen in meine geiſtigen Hülfs⸗ quellen hin ſo unbekümmert geweſen war. Die letzte⸗ ren betrachtete er, wie ich glaube, als ſo groß, daß ſie jeglichem nicht gerade tödtlichen Unglücke keck die Stirn bieten könnten. „Was können wir thun, Trotwood?“ ſagte Mr. Dick.„Da iſt die Denkſchrift—“ „Freilich iſt die da,“ entgegnete ich.„Aber Alles, was wir thun können, iſt, daß wir eine heitere Miene behalten und meiner Tante nicht merken laſſen, wie wir darüber nachdenken.“ Er gab hierzu in der ernſthafteſten Weiſe ſeine Zu⸗ ſtimmung und bat mich, ihn, falls ich ihn nur einen Zoll vom rechten Wege ablenken ſehen ſollte, auf eine jener höhern Methoden zurückzurufen, die mir ſtets zu Gebote ſtünden. Ich muß jedoch mit Bedauern berichten, daß die Furcht, die ich ihm eingeflößt hatte, ſich zu ſtark er⸗ wies, als daß er ſie mit allen ſeinen Bemühungen hätte verbergen können. Den ganzen Abend über wanderten ſeine Augen nach dem Geſichte meiner Tante mit einem Ausdrucke der traurigſten Beſorgniß, als ob er ſie auf der Stelle abmagern ſähe. Er war ſich deſſen bewußt und that ſeinem Kopfe Zwang an; aber die Art, wie 6*½ 84 David Kopperfield. er denſelben unbeweglich hielt und daſaß und die Augen wie ein Uhrwerk rollte, machte die Sache nicht im Min⸗ deſten beſſer. Ich ſah ihn beim Abendeſſen einen Blick auf das Brot, welches zufällig ein kleines war, wer⸗ fen, als ob nichts als dies zwiſchen uns und dem Ver⸗ hungern ſtünde; und als meine Tante ihn anhielt, ſeine gewohnte Portion zu ſich zu nehmen, betraf ich ihn über dem Geſchäfte, Brocken von Brot und Käſe in die Taſche zu ſchieben, ohne Zweifel zu dem Zwecke, uns mit dieſen Erſparniſſen wieder zu beleben, wenn wir einen vorgeſchrittenen Zuſtand von körperlicher Ab⸗ nahme erreicht hätten. Meine Tante auf der andern Seite war in ſehr ge⸗ faßter Gemüthsſtimmung, welche eine Lection für uns Alle— wenigſtens für mich war. Sie war außeror⸗ dentlich freundlich gegen Peggotty, ausgenommen, wenn ich ſie unverſehens bei dieſem Namen nannte, und ſchien, ſo fremd ſie ſich, wie ich wußte, auch in London fühlte, ganz zu Hauſe zu ſein. Sie ſollte mein Bett haben, und ich wollte im Wohnzimmer liegen, um Wache über ſte zu halten. Sie gab ſehr viel darauf, im Falle einer Feuersbrunſt dem Fluſſe ſo nahe zu ſein, und fand, glaub' ich, wirklich einige Beruhigung in dieſem Umſtande. „Trot, mein lieber Junge,“ ſagte meine Tante, als ſie mich Vorbereitungen treffen ſah, ihr ihren ge⸗ wöhnlichen Nachttrunk zu brauen,„nein!“ „Gar nichts, Tante?“ „Keinen Wein, mein Lieber, Ale.“ „Aber's iſt Wein hier, Tante. Und Sie laſſen ſich's immer von Wein machen.“ „Bewahre ihn auf für Krankheitsfälle,“ ſagte meine Tante.„Wir dürfen ihn nicht unbedachtſam verthun, Trot. Ale für mich. ne halbe Pinte.“ ——,— David Kopperfield. 85 Ich dachte, Mr. Dick wollte vor Schreck hierüber in Ohnmacht fallen. Da meine Tante entſchloſſen war, nichts Anderes zu genießen, ging ich ſelbſt nach dem Ale aus. Es wurde ſpät, und ſo ergriffen Peggotty und Mr. Dick die Gelegenheit, zuſammen nach dem Kramladen zurückzukehren. Ich trennte mich von ihm, dem armen Teufel, welcher mit ſeinem großen Drachen auf dem Rücken ein wahres Standbild menſchlichen Elends war, an der Ecke der Straße. Als ich zurückkehrte, ging meine Tante im Zimmer hin und her, indem ſie ſich die Garnitur ihrer Nacht⸗ haube mit ihren Fingern fältelte. Ich wärmte das Ale und machte die geröſteten Brotſchnitten nach den üblichen unabänderlichen Grundſätzen zurecht. Als es für ſie be⸗ reit war, war ſie dafür bereit, indem ſie ihre Nacht⸗ haube auf hatte und der Saum ihres Kleides über die Knie in die Höhe geſchlagen war. „Mein Lieber,“ ſagte meine Tante, nachdem ſie einen Löffel davon genommen,„'s iſt um Vieles beſ⸗ ſer als Wein. Nicht halb ſo gallig.“ Ich ſah vermuthlich zweifelhaft aus; denn ſie fügte hinzu: „Pfui, pfui, Kind. Wenn uns kein Schlimmeres begegnet, als Ale trinken zu müſſen, ſo ſind wir ganz wohl auf dem Zeuge.“ „Ich ſollte eigentlich ſelber ſo denken, Tante, wahr⸗ haftig,“ ſagte ich. „Nun, weshalb denkſt Du dann nicht wirklich ſo?“ ſagte meine Tante. „Weil Sie und ich Leute verſchiedener Art ſind,“ entgegnete ich. „Unſinn und dummes Zeug,“ erwiederte meine Tante. 86 David Kopperfield. Und meine Tante fuhr mit ruhiger Heiterkeit, in welcher ſehr wenig, wenn überhaupt irgend welche Ge⸗ zwungenheit war, fort, ihr Ale mit einem Theeloffel zu trinken und ihre Streifchen geröſteter Brotſchnitten in daſſelbe zu tauchen. „Trot,“ ſagte ſie,„ich kümmere mich im Allge⸗ meinen nicht viel um fremde Geſichter, aber weißt Du wohl, ich kann dieſe Deine Barkis leiden.“ „Hundert Pfund ſind mir nicht ſo lieb, als dies von Ihnen zu hören,“ erwiederte ich. „'s iſt doch eine außerordentlich wunderliche Welt,“ bemerkte meine Tante, ſich die Naſe reibend;„wie die⸗ ſes Frauenzimmer mit dieſem Namen auf dieſelbe ge⸗ kommen iſt, iſt mir unbegreiflich. Es würde, ſollte man denken, viel behaglicher ſein, als eine Jackſon oder ſo was dergleichen geboren worden zu ſein.“ „Vielleicht denkt ſie auch ſo;'s iſt nicht ihre Schuld,“ verſetzte ich. „Ich glaube nicht,“ entgegnete meine Tante, indem ſie ſich dies Zugeſtändniß mit Mühe abgewann;„aber es iſt ein ſehr großer Fehler. Indeß, ſie iſt jetzt eine Barkis. Das iſt ein Troſt. Dieſe Barkis iſt Dir un⸗ gemein gut, Trot.“ „Es giebt nichts, was ſie ungethan laſſen würde, wenn es ſich um einen Beweis dafür handelte,“ ſagte ich. „Gewiß nichts, glaub' ich,“ erwiederte meine Tante. „Da hat die arme Närrin gebettelt und gebeten, uns etwas von ihrem Gelde übermachen zu dürfen— weil ſie zu viel davon hat! Eine rechte Einfalt!“ Und meiner Tante tröpfelten die hellen Freuden⸗ thränen in ihr Warmbier. „Sie iſt das lächerlichſte Geſchöpf, das je geboren wurde,“ ſagte meine Tante.„Ich merkt' es den erſten — — David Kopperfield. 87 Augenblick, als ich ſie bei jenem armen lieben Püpp⸗ chen, Deiner ſeligen Mutter ſah, daß ſie die Lächer⸗ lichſte aller Sterblichen ſei. Aber dieſe Barkis hat gute Seiten!“ Indem ſie that, als lache ſie, gewann ſie Gelegen⸗ heit, ihre Hand an ihre Augen zu bringen. Nachdem ſie ſich derſelben bedient, nahm ſie ihre geröſtete Brot⸗ ſchnitte wieder vor und fuhr in der Unterhaltung fort. „Ah! Gott ſei uns gnädig!“ ſeufzte meine Tante. „Ich weiß Alles von der Geſchichte, Trot! Die Bar⸗ kis und ich haben ein Langes und Breites mit einan⸗ der geſprochen, während Du mit Dick auswarſt. Ich weiß Alles von der Geſchichte. Ich meinestheils ſehe nicht ein, wohin dieſe unſinnigen Mädchen gehen zu können ſich einbilden. Ich wundere mich, daß ſie ſich den Kopf nicht einrennen an— an einem Kaminſimſe,“ ſagte meine Tante; eine Idee, die ihr wahrſcheinlich durch die Betrachtung des meinigen in den Sinn kam. „Die arme Emilie!“ ſeufzte ich. „Oh, rede mir nicht von arm,“ entgegnete meine Tante.„Sie hätte daran denken können, ehe ſie ſo viel Elend hervorrief. Gieb mir einen Kuß, Trot. Ich bedauere, daß auch Du frühzeitig Erfahrungen machen wirſt.“ Da ich mich vorwärts beugte, ſtellte ſie ihr Glas auf meine Knie, um mich davon abzuhalten, und ſagte: „O Trot, Trot. So bildeſt Du Dir auch ein, ein Mädchen zu lieben. Nicht wahr?“ „Einbilden, Tante!“ rief ich aus, ſo roth wie ich nur ſein konnte.„Ich bete ſie mit meiner ganzen Seele an.“ „Dora heißt ſie,“ erwiederte meine Tante.„Und Du wirſt mir vermuthlich ſagen wollen, das kleine Ding wäre bezaubernd?“ 88 David Kopperfield. „Meine theure Tante,“ entgegnete ich,„Niemand kann ſich auch nur den geringſten Begriff machen, was Sie iſt!“ „Ah! Und nicht einfältig?“ fragte meine Tante. „Einfältig, Tante!“ Ich glaube ernſtlich, daß es mir noch nicht ein ein⸗ ziges Mal nur auf einen Augenblick in den Sinn ge⸗ kommen war, mich umzuſehen, ob ſie das wäre oder nicht. Ich verwarf den Gedanken natürlich, aber ich wurde von demſelben ſo getroffen, wie wenn er ein völ⸗ lig neuer ſei! „Nicht leichtſinnig?“ fragte meine Tante weiter. „Leichtſinnig, Tante!“ Ich konnte dieſen gewag⸗ ten Gedanken nur mit dem gleichen Gefühle wiederho⸗ len, mit welchem ich die vorhergehende Frage wieder⸗ holt hatte. Schon gut, ſchon gut!“ ſagte meine Tante.„Ich frage blos. Ich ſchätze ſie nicht zu gering. Armes Pär⸗ chen! Und ſo denkſt Du, ihr wäret für einander geſchaffen und würdet durch eine Art Leben voll nette Partiechen und Schmäuschen gehen wie zwei niedliche Marzipan⸗ figürchen, nicht wahr, Trot?“ Sie fragte mich dies in ſo freundlichem Tone und mit ſolch einer gutherzigen Miene, halb ſcherzhaft, halb ſorgenvoll, daß ich ganz gerührt war. „Ich weiß, wir ſind jung und unerfahren, Tante,“ erwiederte ich,„und ich glaube, daß wir Vielerlei ſa⸗ gen und denken, was ziemlich einfältig iſt. Aber wir lieben einander'treu, ganz gewiß. Wenn ich dächte, Dora könnte je einen Andern lieben, oder aufhören, mich zu lieben; oder ich könnte eine andere lieben, oder aufhören, ſie zu lieben, ich wüßte nicht, was ich thäte — ich glaube, ich würde wahnſinnig.“ 4 David Kopperfield. 89 „Ach, Trot!“ ſagte meine Tante, indem ſie ihren Kopf ſchüttelte und düſter lächelte,„blind, blind, blind!“ „Da kenne ich Jemand, Trot,“ fuhr meine Tante nach einer Pauſe fort,„der, obwohl von ſehr weichem Gemüthe, doch eine Ernſthaftigkeit in der Liebe an den Tag legt, die mich an das arme Püppchen, Deine Mutter, erinnert. Ernſthaftigkeit iſt's, wornach dieſer Jemand ſich umſehen muß, um ſich aufrecht zu erhalten und weiter zu foͤrdern, Trot. Tiefe, geradeaus gehende, treue Ernſthaftigkeit.“ „Wenn Sie nur den ernſten Sinn Doras kennten, Tante,“ rief ich.. „O Trot!“ ſagte ſie abermals.„Blind, blind!“ und ohne zu wiſſen, weshalb, fühlte ich, wie mich eine trübe, düſtere Ahnung wie von einem Verluſte oder einem Mangel wie eine Wolke überſchattete. „Indeſſen,“ fuhr meine Tante fort,„wünſchte ich nicht zwei junge Geſchöpfe von einander zu trennen oder ſie unglücklich zu machen, und ſo wollen wir, obſchon es eine Liebſchaft zwiſchen Kindern i*ſt, und Kinderlieb⸗ ſchaften ſehr oft— bemerke wohl, ich ſage nicht im⸗ mer— zu nichts führen,— ſo wollen wir alſo doch ernſtlich darüber nachdenken und hoffen, daß es einen dieſer Tage zu einem glücklichen Ausgange führt.'s iſt Zeit genug da, daß es zu etwas kommen kann.“ Das war im Allgemeinen nicht ſehr tröſtlich für ei⸗ nen Liebhaber, der Eile hat; aber ich war froh, mei⸗ ner Tante mein Herz aufgeſchloſſen zu haben, und dachte daran, daß ſie müde ſein müſſe. So dankte ich ihr feurig für dieſen Beweis ihrer Liebe und für alle übri⸗ gen Freundlichkeiten, die ſie mir erwieſen, und nach⸗ dem ich ihr zärtlich gute Nacht geſagt, begab ſie ſich mit ihrer Nachthaube in mein Schlafzimmer. 90 David Kopperfield. Wie elend war mir zu Muthe, als ich mich nie⸗ derlegte! Wie dachte und dachte ich aber und abermals daran, daß ich arm ſei in Mr. Spenlows Augen; daß ich nicht das geweſen, was ich zu ſein gemeint habe, als ich Dora meinen Antrag gemacht; daß ich mich als anſtändiger Ritter meiner Dame in der Nothwendigkeit befinde, Dora von meiner jetzigen Stellung in der Welt zu benachrichtigen und ſie ihrer Verpflichtung gegen mich zu entbinden, falls ſie das für paſſend halte; ferner, wie ich mir während meiner langen Lehrzeit, wo ich nichts verdiente, meinen Unterhalt erwerben ſollte; wie ich etwas thun müßte, um meine Tante zu unterſtützen, und doch keinen Weg ſähe; endlich, wie ich ſo herab⸗ kommen werde, daß ich kein Geld mehr in der Taſche habe, einen abgeſchabten Rock trage, nicht mehr im Stande ſei, Dora kleine Geſchenke zu machen, kühne Grauſchimmel zu reiten und mich in einem angenehmen Lichte zu zeigen. So gut ich auch wußte, daß es ſchmutzig und ſelbſtſüchtig ſei, meine Gedanken ſich zu ſehr mit meinem eignen Unglücke beſchäftigen zu laſſen, und ſo ſehr ich mich auch durch dieſes Wiſſen gequält fühlte, ſo war ich Dora doch ſo ergeben, daß ich mir nicht helfen konnte. Ich wußte, daß es niedrig von mir war, nicht mehr an meine Tante zu denken und weniger an mich ſelbſt, aber Selbſtſucht war hier unzertrennlich von Dora, und ich hätte Dora um keines Geſchöpfes auf der Welt willen bei Seite ſetzen können. Wie unermeß⸗ lich elend fühlte ich mich dieſe Nacht! Was meinen Schlaf betrifft, ſo hatte ich Träume von Armuth in allerhand Geſtalten, aber ich ſchien zu träumen, ohne daß die Ceremonie des Einſchlafens vor⸗ hergegangen wäre. Bald war ich in Lumpen gekleidet bei Dora, um ihr Schwefelhölzchen, ſechs Bündel für David Kopperſield. 91 einen Halfpenny zu verkaufen; bald war ich in der Ex⸗ pedition in Schlafrock und Stiefeln, und Mr. Spen⸗ low wollte mir nicht erlauben, vor den Clienten in die⸗ ſer luftigen Tracht zu erſcheinen; bald las ich hungrig die Brocken auf, welche von dem täglichen Zwiebacke des alten Tiffey herabfielen, der regelmäßig verſpeiſt wurde, wenn die Uhr der Paulskirche Eins ſchlug; bald war ich hoffnungslos beſtrebt, einen Erlaubnißſchein zu erhalten, um Dora zu heirathen, wobei ich nichts als einen von Uriah Heeps Handſchuhen dagegen zu bieten hatte, den die geſammten Commons verwarfen, und indem ich immernoch mehr oder minder klar wußte, daß ich mich in meinem eignen Zimmer befand, warf ich mich herüber und hinüber wie ein Schiff, das auf einem Meere von Betttüchern in Noth war. Auch meine Tante hatte keine Ruhe; denn ich hörte ſie öfters hin- und hergehen. Zwei oder drei Mal im Verlaufe der Nacht erſchien ſie in einem langen Flanell⸗ Ueberwurfe, in welchem ſie ſieben Fuß hoch ausſah, wie ein aufgeſtörter Geiſt in meinem Zimmer, und kam an die Seite des Sophas, auf welchem ich lag. Bei der erſten Gelegenheit fuhr ich erſchrocken in die Höhe, um zu erfahren, daß ſie aus einem eigenthümlichen Lichte am Himmel den Schluß gezogen, die Weſtminſterabtei ſtehe in Feuer; und dann, um gefragt zu werden, ob es möglich ſei, daß das Feuer im Falle eines Wind⸗ wechſels Buckingham-Street erfaſſe. Als ich hierauf ſtill dalag, entdeckte ich, wie ſie ſich neben mich ſetzte und flüſterte:„Armer Junge!“ Und dann machte es mich zwanzig Mal elender, wenn ich erfuhr, wie un⸗ ſelbſtſüchtig ſie meiner und wie ſelbſtſüchtig dagegen ich ihrer gedachte. Es war ſchwer zu glauben, daß eine Nacht, die mir Be 1—. 92 David Kopperfield. ſo lange währte, irgend Jemand anders kurz ſein könnte. Dieſe Betrachtung ließ mich immer und immer wieder an eine eingebildete Geſellſchaft denken, wo die Leute die Stunden vertanzten, bis auch dies zu einem Traume wurde und ich die Muſik unaufhörlich eine Melodie ſpielen hörte und Dora unaufhörlich einen Tanz tanzen ſah, ohne die geringſte Notiz von mir zu nehmen. Der Mann, welcher die ganze Nacht hindurch Harfe geſpielt hatte, verſuchte es vergebens, dieſelbe mit einer Nacht⸗ mütze von gewöhnlicher Größe zu bedecken, als ich er⸗ wachte; oder vielmehr, als ich aufhörte, den Verſuch zum Einſchlafen zu machen, und die Sonne zuletzt durchs Fenſter ſcheinen ſah. In jenen Tagen befand ſich am Ende einer der Straßen, die auf den Strand ausmünden, ein altes römiſches Bad— es mag noch dort ſein— in deſſen kalte Wellen ich gar viel Mal hineinplumpte. Indem ich mich ſo ſtill wie möglich ankleidete und Peggotty zurückließ, um nach meiner Tante zu ſehen, ſprang ich kopfüber hinein und machte dann einen Spaziergang nach Hampſtead. Ich hegte die Hoffnung, daß dieſe Be⸗ handlung mit eiskaltem Waſſer meine Geiſteskräfte ein Bischen erfriſchen würde, und ich denke, es that ihnen gut; denn ich kam bald zu dem Schluſſe, daß der erſte Schritt, den ich zu thun habe, der Verſuch ſei, meinen Lehrcontract aufgehoben und das Lehrgeld zurückgeſtellt zu bekommen. Ich frühſtückte in der Heath und wan⸗ delte dann durch die gewäſſerten Straßen und einen lieb⸗ lichen Duft von Sommerblumen, die in den Gärten wuchſen und auf den Köpfen von Hökern in die Stadt getragen wurden, nach den Doctors Commons zurück, alle meine Gedanken auf dieſen erſten Verſuch, unſern veränderten Umſtänden zu begegnen, gerichtet. —— vt. David Kopperfield. 93 Ich langte trotz alledem ſo zeitig an der Expedition an, daß ich eine halbe Stunde um die Commons her⸗ umzulungern hatte, ehe der alte Tiffey, der ſtets der Erſte war, mit ſeinem Schlüſſel erſchien. Dann ſetzte ich mich in meinen ſchattigen Winkel, ſchaute hinauf zu dem Sonnenſcheine an den gegenüber befindlichen Schornſteindeckeln und dachte an Dora, bis Mr. Spen⸗ low ſteif geſchniegelt und gelockt hereinkam. „Wie geht's, Kopperfield?“ ſagte er.„Schöner Morgen!“ „Ein wunderſchöner Morgen,“ verſetzte ich.„Könnt ich wohl ein Wort im Vertrauen mit Ihnen ſprechen, ehe Sie ins Gericht gehen?“ „Ei ja wohl,“ antwortete er.„Kommen Sie in meine Stube.“ Ich folgte ihm in ſeine Stube, und er begann ſein Gewand anzulegen und ſich vor einem kleinen Spiegel, der an der innern Seite der Thür eines Alkovens hing, herauszuputzen und zu zupfen. „Ich bedauere, Ihnen ſagen zu müſſen,“ fing ich an,„daß ich eine ſehr niederſchlagende Nachricht von meiner Tante empfangen habe.“ „Nein, was Sie ſagen!“ erwiederte er.„Ei der Tauſend. Doch kein Schlagfluß hoffentlich?“ „Es bezieht ſich nicht auf ihre Geſundheit, Herr Spenlow,“ entgegnete ich.„Sie hat mehrere große Verluſte gehabt. In der That, es iſt ihr ſehr wenig übrig geblieben.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen, Kopperfield!“ ſchrie Mr. Spenlow. Ich ſchüttelte den Kopf.„In der That, Herr Spen⸗ low,“ ſagte ich,„ihre Umſtände haben ſich ſo geän⸗ dert, daß ich Sie fragen möchte, ob es wohl möglich 94 David Kopperfield. wäre— natürlich mit dem Opfer eines Theils des Lehr⸗ geldes unſererſeits,“ ſetzte ich, gewarnt durch den be⸗ ſtürzten Ausdruck ſeines Geſichts, hinzu—„meinen Lehrcontract aufzuheben.“ Niemand weiß, was es mich koſtete, dieſen Vor⸗ ſchlag zu thun. Es war, wie wenn ich mir's als Gnade ausgebeten hätte, zur Verbannung von Dora verurtheilt zu werden. „Ihren Lehrcontract aufzuheben, Kopperfield? Auf⸗ zuheben?“ Ich ſetzte ihm mit erträglicher Ruhe auseinander, daß ich wirklich nicht wüßte, wo die Mittel zu meinem Unterhalte herkommen ſollten, wenn ich mir ſie nicht ſelbſt verdienen koͤnnte. Ich hätte keine Furcht vor der Zukunft, ſagte ich— und ich legte darauf großen Nach⸗ druck, als ob ich ihm zu verſtehen geben wollte, daß ich einen dieſer Tage immernoch entſchieden wählbar ſein würde zu einem Schwiegerſohne— aber für jetzt ſei ich auf mich ſelbſt angewieſen. „Es thut mir außerordentlich leid, das hören zu müſſen, Kopperfield,“ ſagte Mr. Spenlow.„Ja wirk⸗ lich, außerordentlich leid. Es iſt allerdings nicht gewöhn⸗ lich, Lehrcontracte aus ſolch einem Grunde aufzuheben. Es iſt dies nicht der Lauf der Dinge in unſerm Berufe. Es iſt durchaus kein paſſendes Beiſpiel. Weit entfernt davon. Zu gleicher Zeit—“ „Sie ſind ſehr gütig, Herr Spenlow,“ murmelte ich, indem ich ein Zugeſtändniß als ſchon ausgeſprochen be⸗ trachtete. „Durchaus nicht. Bitte, erwähnen Sie das nicht,“ ſagte Mr. Spenlow.„Zu gleicher Zeit, wollte ich eben ſagen, ließe ſich, wenn es mein Loos geweſen wäre, meine Hände nicht gefeſſelt zu ſehen— wenn ich David Kopperfield. 95 nicht einen Geſchäftstheilnehmer hätte— Herrn Jor⸗ kins—“ Meine Hoffnungen waren augenblicklich vernichtet, aber ich ſetzte noch einmal an. „Meinen Sie wohl, Herr Spenlow,“ ſagte ich, „wenn ich es Herrn Jorkins vorſtellte—“ MLr. Spenlow ſchüttelte entmuthigend den Kopf.„Ver⸗ hüte Gott, Kopperfield,“ entgegnete er,„daß ich ir⸗ gend Jemand ein Unrecht thun ſollte, und am Wenig⸗ ſten Herrn Jorkins. Aber ich kenne meinen Geſchäfts⸗ theilhaber, Kopperfield. Herr Jorkins iſt nicht der Mann darnach, auf einen Vorſchlag von dieſer beſondern Na⸗ tur einzugehen. Herr Jorkins iſt ſehr ſchwer dahin zu bringen, von der gewöhnlichen Heerſtraße abzuweichen. Sie wiſſen, was er iſt.“ Ich wußte wahrlich gar nichts von ihm, ausgenom⸗ men, daß er urſprünglich allein in dem Geſchäfte ge⸗ weſen war und gegenwärtig für ſich in einem Hauſe nahe bei Montague Square lebte, welches entſetzlich nach neuer Tünchung verlangte; daß er ferner alle Tage ſehr ſpät kam und ſehr zeitig wieder ging; daß man ihn nie um irgend etwas zu befragen ſchien; daß er endlich oben eine ſchwarz verräucherte kleine Stube für ſich hatte, wo nie ein Geſchäft betrieben wurde, und wo auf ſeinem Pulte eine alte vergilbte Schreibunterlage von ſtarkem, grobem Papier ſich befand, auf der ſich kein Dintenfleck erblicken ließ, und von der es hieß, ſie ſei an die zwan⸗ zig Jahre alt. „Würden Sie etwas dagegen haben, daß ich's ihm vorſtellte, Herr Spenlow?“ fragte ich. „Durchaus nicht,“ ſagte Mr. Spenlow.„Aber ich habe meine Erfahrung von Herrn Jorkins, Kopperfield. Ich wollte, es verhielte ſich anders; denn ich würde ſehr 96 David Kopperfield. glücklich ſein, könnte ich Ihren Ausſichten in irgend einer Beziehung entgegenkommen. Ich kann nicht im Mindeſten etwas dagegen haben, daß ſie es Herrn Jor⸗ kins vorſtellen, Kopperfteld, wenn Sie es der Mühe werth erachten.“ Indem ich mich dieſer Erlaubniß, welche mit einem warmen Handdrucke gegeben wurde, bediente, blieb ich zunächſt in Gedanken an Dora ſitzen und ſah dem Son⸗ nenlichte zu, welches ſich allmählig von den Schornſtein⸗ deckeln bis an die Mauer des gegenüberliegenden Hau⸗ ſes herabſtahl, bis Mr. Jorkins kam. Dann aber ging ich hinauf in ſeine Stube, wo ich Mr. Jorkins durch mein Erſcheinen augenſcheinlich ſehr in Erſtaunen ver⸗ ſetzte. „Treten Sie ein, Herr Kopperfield,“ ſagte Mr. Jorkins.„Treten Sie ein.“ Ich ging hinein, ſetzte mich nieder und legte Mr. Jorkins meine Angelegenheit ziemlich ebenſo vor, wie ich dies bei Mr. Spenlow gethan hatte. Mr. Jorkins war durchaus nicht das entſetzliche Geſchöpf, wie man hätte erwarten können, ſondern ein großer, milder, etwa ſechzigjähriger Mann mit einem glatten Geſichte, der ſo viel ſchnupfte, daß in den Commons die Sage ging, er lebe hauptſächlich von dieſem Reizmittel, indem er in ſeiner Körperbeſchaffenheit wenig Raum für irgend eine andere Lebensweiſe habe. „Sie haben dies vermuthlich Herrn Spenlow vor⸗ geſtellt?“ fragte Mr. Jorkins, als er mich in ſteter Un⸗ ruhe bis zu Ende angehört hatte. Ich antwortete bejahend und ſagte ihm, daß Mr. Spenlow ſeinen Namen hineingemiſcht habe. „Er ſagte, ich würde dagegen ſein?“ fragte Mr. Jorkins. David Kopperfield. 97 Ich war gezwungen zuzugeben, daß Mr. Spenlow dies für wahrſcheinlich gehalten habe. „Ich bedaure, Ihnen ſagen zu müſſen, Herr Kop⸗ perfield, daß ich Ihnen in Ihrer Angelegenheit nicht behülflich ſein kann,“ verſetzte Mr. Jorkins mit Nach⸗ druck.„Die Sache iſt folgende— doch ich habe eine Beſtellung in der Bank, und Sie werden ſo gut ſein, mich zu entſchuldigen.“ Damit erhob er ſich ſehr haſtig und wollte das Zim⸗ mer verlaſſen, als ich mir ein Herz faßte und ihm ſagte, wie ich fürchte, daß es ſich auf dieſe Art nicht abſehen laſſe, wie die Angelegenheit geordnet werden köͤnnte. „Nein!“ entgegnete Mr. Jorkins, indem er an der Thür ſtehen blieb, um ſein Haupt zu ſchütteln.„Oh nein! Sie wiſſen, ich bin dagegen.“ Dies ſagte er ſehr eilig und ging dann hinaus.„Sie müſſen wiſ⸗ ſen, Herr Kopperfield,“ fügte er hinzu, indem er un⸗ ruhig nochmals zur Thür hereinſah,„wenn Herr Spen⸗ low dagegen iſt—“ „Er iſt aber ja perſönlich nicht dagegen, Herr Jor⸗ kins,“ ſagte ich. „Oh, perſönlich!“ wiederholte Mr. Jorkins unge⸗ duldig.„Ich verſichere Ihnen, es ſteht der Sache et⸗ was entgegen, Herr Kopperfield. Hoffnungslos! Was Sie gethan wünſchen, kann nicht gethan werden. Ich — ich habe wirklich eine Beſtellung in der Bank.“ Damit lief er ſpornſtreichs weg, und meines Wiſſens dauerte es drei Tage, ehe er ſich wieder in den Com⸗ mons blicken ließ. Indem ich feſt entſchloſſen war, keinen Stein un⸗ umgewendet zu laſſen, wartete ich, bis Mr. Spenlow hereinkam, und beſchrieb ihm dann, was vorgefallen wäre, wobei ich ihm zu verſtehen gab, d ich nicht David Kopperfield. VI. 98 David Kopperfield. ohne Hoffnung ſei, er möge im Stande ſein, den dia⸗ mantharten Jorkins zu erweichen, wenn er dieſes Ge⸗ ſchäft unternehmen wolle. „Kopperfield,“ erwiederte Mr. Spenlow mit einem ſchlauen Lächeln,„Sie haben meinen Geſchäftstheilhaber, Herrn Jorkins, nicht ſo lange gekannt wie ich. Nichts liegt meinen Gedanken ferner, als Herrn Jorkins der Täuſchung in irgend einem Grade anzuklagen. Aber Herr Jorkins hat eine Art, ſeinen Widerſpruch einzu⸗ legen, welcher oft die Leute irre führt. Nein, Kopper⸗ field!“ ſagte er kopfſchüttelnd;„Herr Jorkins iſt un⸗ erbittlich, das glauben Sie mir.“ Ich war vollkommen unſchlüſſig, welcher von Bei⸗ den, ob Mr. Spenlow oder Mr. Jorkins eigentlich der Widerſpruch einlegende Geſchäftstheilhaber ſei; aber ich ſah hinreichend deutlich, daß irgendwo in der Firma ein hartnäckiges Feſthalten, und daß die Wiedererlangung von den tauſend Pfund meiner Tante eine entſchiedene Unmöglichkeit ſei. In verzweifelter Stimmung, an die ich eher mit jedem andern Gefühle als mit Behagen denke— denn ich weiß, daß dieſelbe ſich immernoch zu ſehr auf mich bezog, wenn ich mich auch ſtets dabei in Verbindung mit Dora betrachtete— verließ ich die Expedition und ging heim. Ich verſuchte mein Gemüth mit dem Schlimmſten vertraut zu machen und mir die Einrichtungen, die wir für die Zukunft zu treffen haben würden, im ſtreng⸗ ſten Lichte vor Augen zu ſtellen, als eine Miethkutſche hinter mir herkam und mich, indem ſie hart neben mir anhielt, aufzublicken veranlaßte. Eine ſchöne Hand ſtreckte ſich mir aus dem Wagenfenſter entgegen, und jenes Antlitz, welches ich von dem Augenblicke an, wo es ſich zum erſten Male auf der alten eichenen Wen⸗ David Kopperfield. 99 deltreppe mit dem großen breiten Geländer umgekehrt und wo ich ſeine milde Schönheit mit dem gemalten Glasfenſter in der Kirche in Verbindung gebracht hatte, nie ohne ein Gefühl von Heiterkeit und Glück erblickt, lächelte mich an. „Agnes!“ rief ich freudig aus.„Oh, meine theure Agnes, welche Wonne, von allen Leuten auf der Welt gerade Dich zu ſehen!“ „Ci wirklich!“ ſagte ſie in ihrer herzlichen Stimme. „Oh, ich habe Dir ſo viel zu ſagen!“ verſetzte ich. „Mein ganzes Herz iſt hell und warm, wenn ich Dich nur erblicke! Wenn ich eine Zaubermütze gehabt hätte, ſo würde ich mich zu keiner andern Seele gewünſcht haben, als zu Dir!“ „Was!“ erwiederte Agnes. „Nun ja, vielleicht zuerſt zu Dora“ gab ich er⸗ röthend zu. „Sicherlich zu Dora zuerſt, hoff' ich,“ ſagte Agnes lachend. „Aber zu Dir gleich zunächſt!“ entgegnete ich.„Wo willſt Du hin?“ Sie wollte auf mein Zimmer, meine Tante zu ſe⸗ hen. Da der Tag ſehr ſchön war, ſo ſtieg ſie gern aus der Kutſche, welche(ich hatte die ganze Zeit daher meinen Kopf darin) wie ein Stall roch, der unter einem Gurkenboden ſich befindet. Ich ſchickte den Kutſcher fort, und ſie nahm meinen Arm, und wir wandelten zuſam⸗ men. Sie kam mir wie die verkörperte Hoffnung vor. Wie ganz anders war mir's in kurzer Zeit zu Muthe, als ich Agnes an meiner Seite hatte! Meine Tante hatte ihr eine der wunderlichen, kurz abgebrochenen Noten— wenig länger als eine Bank⸗ note— geſchrieben, auf die ſich ihre brieſſchreiberiſche 7* 100 David Kopperfield. Thätigkeit gewöhnlich beſchränkte. Sie hatte darin ge⸗ meldet, daß ſie Unglück gehabt habe und Dover für immer verlaſſen werde, daß ſie ſich jedoch ganz hin⸗ eingefunden und ſo wohlauf ſei, daß Niemand Ur⸗ ſache habe, ihrethalben ſich zu ängſtigen. Agnes war nach London gekommen, um meine Tante zu ſehen, zwiſchen welcher und ihr ſelbſt ſo viele Jahre daher eine wechſelſeitige Zuneigung obgewaltet hatte; denn dieſelbe datirte ſich von der Zeit her, wo ich meinen Aufenthalt in Mr. Wickfields Hauſe genommen hatte. Sie war nicht allein, ſagte ſie. Ihr Papa war bei ihr— und Uriah Heep! „Und jetzt ſind ſie alſo Compagnons,“ ſagte ich. „Hol' ihn der Teufel!“ „Ja,“ antwortete Agnes.„Sie haben hier ein Geſchäft und ich benutzte ihre Herkunft, mitzukommen. Du mußt nicht denken, daß mein Beſuch ganz und blos der Freundſchaft gilt und ohne andere Zwecke iſt, Trot⸗ wood; denn— ich fürchte zwar, daß man mich ſchmäh⸗ lich verkennen wird, aber ich mag Papa nicht allein mit ihm weggehen laſſen.“ „Uebt er noch denſelben Einfluß auf Deinen Vater aus, Agnes?“ Agnes ſchüttelte den Kopf.„Bei uns zu Hauſe iſt Alles ſo verändert, daß Du das liebe alte Haus kaum wieder erkennen würdeſt. Sie wohnen jetzt bei uns.“ „Was, ſie?“ ſagte ich. „Herr Heep und ſeine Mutter. Er ſchläft in Dei⸗ nem einſtigen Zimmer,“ verſetzte Agnes, indem ſie zu mir in die Höhe ſah. „Ich wollte, ich könnte ihm ſeine Träume ſchicken,“ ſagte ich.„Er würde nicht lange dort ſchlafen.“ David Kopperfield. 101 „Ich habe mein eignes Stübchen noch inne,“ fuhr Agnes fort,„wo ich meine Aufgaben zu lernen pflegte. Wie die Zeit vergeht! Du erinnerſt Dich? Das kleine, an den Wänden mit Holzgetäfel verkleidete Stübchen, welches aus dem Geſellſchaftszimmer ſich öffnet?“ „Mich erinnern, Agnes? Als ich Dich das erſte Mal aus der Thür kommen ſah mit Deinem niedlichen Schlüſſelkörbchen an der Seite.“ „Ja, ganz richtig,“ erwiederte Agnes lächelnd.„Ich freue mich, daß Du mit ſolchem Vergnügen daran denkſt. Wir waren ſehr glücklich.“ „Ja, wahrhaftig!“ verſetzte ich. „Ich bewahre mir dieſe Stube noch jetzt zu mei⸗ nem alleinigen Gebrauche, aber Du weißt, ich kann Madame Heep nicht immer allein laſſen. Und ſo ſehe ich mich verpflichtet,“ ſetzte Agnes ruhig hinzu,„ihre Geſellſchaft zu ertragen, wo ich's vorziehen würde, al⸗ lein zu ſein. Aber ich habe keine andere Urſache, über ſie Klage zu führen. Wenn ſie mich manchmal durch Lobreden auf ihren Sohn langweilt, ſo iſt das von einer Mutter ſehr natürlich. Er iſt ein ſehr guter Sohn gegen ſie.“ Ich ſah Agnes an, als ſie dieſe Worte ſprach, ohne in ihr irgend ein Bewußtſein über den Plan Uriahs zu entdecken. Ihre milden, aber ernſten Augen begeg⸗ neten den meinen mit der ihnen eignen ſchönen Offen⸗ heit, und ich ſah keine Veränderung in ihrem ſanften Antlitze. „Das Hauptübel ihrer Anweſenheit im Hauſe iſt, fuhr Agnes fort,„daß ich Papa nicht ſo nahe ſein kann, als ich wünſchen könnte; denn Uriah Heep ſteht ſo viel zwiſchen uns, und daß ich ihn nicht aus ſolcher Nähe, wie ich möͤchte, bewachen kann, wenn dies nicht 10² David Kopperfield. ein zu kühnes Wort iſt. Wenn aber irgend eine Be⸗ trügerei oder Verrätherei gegen ihn im Werke ſein ſollte, ſo hoffe ich, daß einfache Liebe und Wahrhaf⸗ tigkeit am Ende den Sieg behalten wird. Ich hoffe, daß wirkliche Liebe und Wahrhaftigkeit am Ende ſtär⸗ ker ſind, als alles Böſe und alles Unglück in der Welt.“ Ein gewiſſes heiteres Lächeln, welches ich auf kei⸗ nem andern Antlitze ſah, verſchwand in demſelben Au⸗ genblicke, wo ich dachte, wie gut es doch ſei und wie vertraut es mir dereinſt geweſen; und ſie fragte mich mit einem ſchnellen Wechſel im Ausdrucke(wir kamen jetzt in die Nähe meiner Wohnung), ob ich wiſſe, wie der Umſchwung in den Umſtänden meiner Tante her⸗ beigeführt worden ſei. Auf meine Antwort, nein, ſie hätte mir noch nichts davon erzählt, wurde Agnes nach⸗ denklich, und es war mir, als fühlte ich ihren Arm in dem meinen zittern. Wir fanden meine Tante allein und in etwas auf⸗ geregtem Zuſtande. Eine Meinungsverſchiedenheit hatte ſich zwiſchen ihr und Mrs. Crupp über eine abſtracte Frage(das Eigenthumsrecht an Wohnungen, welche von dem zartern Geſchlecht innegehabt würden) erhoben, und meine Tante, äußerſt gleichgültig gegen die Kräm⸗ pfe Mrs. Crupps, hatte den Streit kurzweg dadurch abgeſchnitten, daß ſie dieſer Dame mittheilte, ſie röche nach meinem Branntweine, und ſie wolle ihr gerathen haben, ſich hinauszuſcheeren. Beide Ausdrücke betrach⸗ tete Mrs. Crupp als zu einer Klage vor Gericht ge⸗ eignet, und ſie hatte ihre Abſicht ausgeſprochen, die Sache vor eine„britiſche Judy“ zu bringen, womit ſie vermuthlich das Bollwerk unſerer nationalen Freiheit meinte. 7 2A David Kopperfield. 103 Meine Tante indeſſen, welche Zeit gehabt hatte, zu verkühlen, während Peggotty weggegangen war, um Mr. Dick die Soldaten in der Kaſerne der reitenden Garde zu zeigen, und die ſich außerdem ſehr freute, Agnes zu ſehen, that ſich auf den Vorfall eher etwas zu Gute, als daß ſie ſich darüber geärgert hätte, und empfing uns in unvergleichlich guter Laune. Als Ag⸗ nes ihren Hut auf den Tiſch legte und ſich neben ſie ſetzte, konnte ich beim Anblicke ihrer milden Augen und ihrer ſtrahlenden Stirn mich des Gedankens nicht ent⸗ halten, wie natürlich es war, ſte hier zu haben; wie vertrauensvoll meine Tante ihr Herz vor ihr aufſchloß, obſchon ſie noch jung und unerfahren war; wie ſtark ſie in der That mit ihrer einfachen Liebe und Wahr⸗ haftigkeit war. Wir ſprachen über die Verluſte meiner Tante, und ich erzählte ihnen, was ich dieſen Morgen zu thun ver⸗ ſucht habe. „Was unvernünftig, wenn auch wohl gemeint war, Trot,“ ſagte meine Tante.„Du biſt ein edelmüthiger Junge— oder ich glaube, ich muß jetzt ſagen, junger Mann— und ich bin ſtolz auf Dich, mein Lieber. Das wäre ſo weit gut. Nun aber, Trot und Agnes, wollen wir dem Falle der Betſey Trotwood ins Ge⸗ ſicht ſehen und unterſuchen, wie es damit ſteht.“ Ich bemerkte, wie Agnes erbleichte, indem ſie meine Tante ſehr aufmerkſam anblickte. Meine Tante ſtreichelte ihre Katze und blickte ihrerſeits Agnes ebenfalls ſehr aufmerkſam an. „Betſey Trotwood,“ ſagte meine Tante,„welche ſtets ihre Geldangelegenheiten für ſich behalten hatte,— ich meine nicht etwa Deine Schweſter, Trot, mein Lieber, ſondern mich ſelber,— hatte einiges Vermögen. Es 3„ 104 David Kopperfield. kommt nicht darauf an, wieviel; es war genug, um davon leben zu können. Mehr noch; denn ſie hatte eine Kleinigkeit geſpart und hinzugelegt. Betſey legte ihr Vermögen auf einige Zeit in Fonds an, und dann verborgte ſie es nach dem Rathe ihres Geſchäftsmannes auf eine Hypothek in Landgrundſtücken. Das ging ſehr gut und brachte ſehr ſchöne Zinſen, bis Betſey ihr Geld zurückgezahlt bekam. Ich ſpreche von Betſey, als ob ſie ein Linienſchiff wäre. Nun denn, jetzt hatte ſich Betſey nach einer neuen Gelegenheit, ihr Geld ſicher anzubringen, umzuſehen. Sie meinte jetzt klüger als ihr Geſchäftsmann zu ſein, der inzwiſchen nicht mehr ſolch ein guter Geſchäftsmann war, als er geweſen— ich ſpiele damit auf Ihren Vater an, Agnes— und ſie ſetzte ſich's in den Kopf, ihr Geld für ſich ſelbſt aus⸗ zuleihen. So trieb ſie denn ihre Schweine,“ fuhr meine Tante fort,„auf einen fremden Markt, und dieſer er⸗ wies ſich als ein ſehr ſchlechter Markt. Zuerſt verlor ſie in Bergwerkskuxen, dann an ihrem Antheile an Tau⸗ chergeſchäften— Schätze herausfiſchen und anderer ſolcher Unſinn,“ erklärte meine Tante, ſich die Naſe reibend— „und dann verlor ſie abermals in Bergwerkskuxen, und zu allerletzt verlor ſte, um das Kraut fett zu machen, in Bankgeſchäften. Ich weiß nicht, was die Bankactien vor einem Weilchen werth waren, hundert Procent war das Niedrigſte, glaub' ich, aber die Bank befand ſich am andern Ende der Welt und ging in die Brüche, ſo viel ich weiß; irgendwie fiel ſie in Stücken und wird weder, noch kann ſie je einen Sixpence bezahlen, und Betſey's Sixpences befanden ſich alleſammt dort, und ſo war’s aus damit, um es kurz und erbaulich zu ſagen.“ Meine Tante ſchloß dieſen kurzen philoſophiſchen Be⸗ David Kopperfield. 105 richt damit, daß ſie ihre Augen mit einem freundlichen Triumph auf Agnes richtete, deren Farbe ſich allmäh⸗ lig wieder einſtellte. „Liebe Miß Trotwood, iſt das die ganze Geſchichte?“ fragte Agnes. „Ich hoffe,'s iſt genug, Kind,“ ſagte meine Tante. „Wäre mehr Geld zu verlieren geweſen, ſo würde es vermuthlich noch nicht aus geweſen ſein. Ich hege we⸗ nig Zweifel, daß Betſey es ſo eingerichtet haben würde, daß ſie den Reſt dem Uebrigen nachgeworfen und der Geſchichte noch ein Kapitel hinzugefügt hätte. Aber's war kein Geld mehr da, und ſo geht auch die Ge⸗ ſchichte nicht mehr weiter.“ Agnes hatte zuerſt mit angehaltenem Athem zuge⸗ hört. Ihre Farbe kam und ging noch immer, aber ſie athmete freier auf. Ich dachte, ich wüßte, weshalb. Ich dachte, ſie hätte einigermaßen gefürchtet, es möchte ih⸗ rem unglücklichen Vater irgendwie zur Schande gerei⸗ chen, daß es ſo gekommen war. Meine Tante nahm ihre Hand in die ihre und lachte. „Ob das Alles iſt?“ wiederholte meine Tante.„Ei ja freilich iſt das Alles; ausgenommen, daß es in der „Geſchichte noch heißen muß: Und ſie lebte nachher glück⸗ lich allezeit. Vielleicht darf ich das von Betſey noch einen dieſer Tage hinzufügen. Nun, Agnes, Sie haben einen klugen Kopf. Ebenſo Du, Trot, in gewiſſen Dingen, obſchon ich Dich nicht immer deshalb becom⸗ plimentiren kann,“ und hier ſchüttelte meine Tante ih⸗ ren Kopf über mich mit einer Energie, welche ihr ei⸗ genthümlich war.„Was iſt da zu thun? Da iſt das Landhaus, welches, Eines in das Andere gerechnet, etwa ſtebzig Pfund jährlich eintragen wird. Ich glaube, wir können es, ohne falſch zu rechnen, ſo hoch anſchlagen. * 106 David Kopperfield. Gut, das iſt Alles, was wir haben,“ ſagte meine Tante, bei der es eine Gemüthseigenthümlichkeit war, wie dies bei manchen Pferden iſt, ganz plötzlich ſtillzuſtehen, wenn es ſchien, als wäre ſie auf gutem Wege, eine lange Weile fortzugehen. „Dann,“ fuhr meine Tante nach einigem Innehal⸗ ten fort,„iſt Dick da. Er hat hundert Pfund jähr⸗ lich, aber das muß natürlich auf ihn verwendet wer⸗ den. Lieber würde ich, obſchon ich weiß, daß ich die einzige Perſon bin, die ſeinen Werth kennt, ihn weg⸗ ſchicken, als ſein Geld nicht für ihn ausgeben. Wie kann Trot und ich mit unſern Mitteln am Beſten thun? Was ſagen Sie, Agnes?“ „Ich ſage, Tante, daß ich etwas thun muß,“ un⸗ terbrach ich ſie. „Ein Soldat werden, meinſt Du?“ erwiederte meine Tante geängſtigt,„oder zur See gehen? Ich will da⸗ von nichts hören. Du wirſt ein Proctor. Wir wollen in dieſer Familie keine Kopfnüſſe haben, wenn Sie erlauben, junger Herr.“ Ich hatte die Erklärung auf der Zunge, daß ich nicht willens ſei, dieſe Art Speiſe in die Familie ein⸗ zuführen, als Agnes fragte, ob meine Wohnung auf lange Termine gemiethet ſei. „Sie kommen auf den Treffer, meine Liebe,“ ſagte meine Tante.„Wir können ſie unter mindeſtens ſechs Monaten nicht los werden, es wäre denn, daß wir ei⸗ nen Aftermiether kriegten, was ich jedoch nicht glaube. Der letzte Abmiether ſtarb hier. Fünf Leute von ſech⸗ ſen würden natürlich an dieſem Weibsbilde in Nanking mit dem Flanellrocke ſterben. Ich habe ein wenig baa⸗ res Geld, und ich ſtimme mit Ihnen überein, daß das Beſte, was wir thun können, das iſt, daß wir bis — David Kopperfield. 107 zum Ende der Miethzeit hier wohnen und Dick ein Schlafzimmer in der Nähe verſchaffen.“ Ich hielt es für meine Schuldigkeit, meiner Tante die Unbequemlichkeit vorzuſtellen, welche ſie auszuſtehen haben würde, indem ſie in ſtetem Kriege mit Mrs. Crupp lebe; aber ſie entkräftete dieſen Einwurf ſummariſch, in⸗ dem ſie erklärte, daß ſie vorbereitet ſei, bei der erſten feindlichen Demonſtration von Mrs. Crupps Seite die⸗ ſelbe für den ganzen Reſt ihres irdiſchen Lebens abzu⸗ mucken. „Ich dachte, Trotwood,“ ſagte Agnes ſchüchtern, „daß, wenn Du Zeit hätteſt—“ „Ich habe viel Zeit, Agnes. Ich bin ſtets nach vier oder fünf Uhr unbeſchäftigt, und ich habe auch früͤh am Morgen Zeit. Auf die oder jene Weiſe,“ ſagte ich mit dem Bewußtſein, ein wenig zu erroͤthen, als ich an die vielen Stunden dachte, die ich dem Herumſtrei⸗ chen in der Stadt und hin und her auf der Straße nach Norwood gewidmet hatte.„Ich habe Zeit die Hülle und Fülle.“ „Ich weiß, Du würdeſt Dich nicht an die Pflichten eines Secretairs ſtoßen,“ verſetzte Agnes, indem ſie auf mich zukam und mit einer ſo lieblichen und hoffnungs⸗ reichen Stimme leiſe zu mir ſprach, daß ich ſie noch jetzt höre. „Daran ſtoßen, meine liebe Agnes?“ „Weil Doctor Strong,“ fuhr Agnes fort,„ſeine Abſicht, ſich von den Schulgeſchäften zurückzuziehen, ins Werk geſetzt hat und nach London gekommen iſt, um dort zu leben; und, wie ich weiß, fragte er den Papa, ob er ihm Jemand dazu empfehlen könnte. Denkſt Du nicht, daß er lieber ſeinen einſtigen Schüler, der ſo gut u 108 David Kopperfield. bei ihm ſtand, um ſich haben wird, als Jemand an⸗ ders?“ „Liebe Agnes,“ entgegnete ich,„was ſollt' ich thun ohne Dich? Du biſt immer mein guter Engel. Ich ſagte Dir das ſchon. Ich denke nie an Dich in irgend einem andern Lichte.“ Agnes antwortete hierauf mit ihrem angenehmen Lächeln, daß ein guter Engel(womit ſie Dora meinte) genug ſei, und dann fuhr ſie fort und erinnerte mich, daß der Doctor gewohnt geweſen, ſich zeitig am Mor⸗ gen und am Abend in ſeinem Studirzimmer zu beſchäf⸗ tigen— und daß wahrſcheinlich meine Mußeſtunden ſei⸗ nen Anforderungen recht wohl entſprechen würden. Ich war kaum froher über die Ausſicht, mir mein Brot ſelbſt zu verdienen, als über die Hoffnung, es mir un⸗ ter meinem alten Lehrer zu verdienen; kurz, indem ich nach dem Rathe von Agnes that, ſetzte ich mich hin und ſchrieb einen Brief an den Doctor, in welchem ich ihm meine Ausſichten auseinanderſetzte und ihm ſagte, daß ich den nächſten Tag zehn Uhr Vormittags meinen Beſuch bei ihm machen werde. Dieſen Brief verſah ich mit der Adreſſe Highgate— denn an dieſem mir ſo denk⸗ würdigen Orte lebte er— und ging auf der Stelle fort und gab ihn ſelbſt auf die Poſt, ohne eine Minute zu verlieren. Wo Agnes auch ſein mochte, ſchien ein angenehmes Zeichen ihres leiſen Waltens untrennbar von dem Orte. Als ich zurückkam, fand ich die Vögel meiner Tante gerade ſo hängen, wie ſie ſo viele Jahre am Stuben⸗ fenſter des Landhauſes gehangen hatten; mein Polſter⸗ ſtuhl ahmte dem viel weicher gepolſterten Lehnſtuhl mei⸗ ner Tante in ſeiner Stellung am offnen Fenſter nach; und ſelbſt der runde grüne Lichtſchirm, den meine Tante 6 David Kopperfield. 109 mit ſich hinweggenommen hatte, war in den Fenſter⸗ rahmen geſchraubt. Ich wußte, wer alles dies gethan hatte, daraus, daß Alles ausſah, als habe es ſich in der Stille ſelbſt ſo gemacht; und ich würde im Augen⸗ blick gemerkt haben, wer meine Bücher in der alten Ordnung meiner Schulzeit aufgeſtellt hätte, ſelbſt dann, wenn ich Agnes meilenweit weg vermuthet hätte, an⸗ ſtatt ſie mit denſelben beſchäftigt und über die Unord⸗ nung, in die ſie gerathen, lächeln zu ſehen. Meine Tante war ſehr zufrieden mit der Themſe (die wirklich mit der darauf ſich ſpiegelnden Sonne recht gut, wenn auch nicht wie die See vor dem Landhauſe ausſah), aber ſie konnte ſich mit dem londoner Rauche nicht verſöhnen, welcher, wie ſie ſagte,„Alles pfefferte“. Eine vollſtändige Umwälzung, an welcher Peggotty ei⸗ nen hervorragenden Antheil hatte, wurde hinſichtlich die⸗ ſes Pfeffers in jedem Winkel meiner Zimmer bewirkt, und ich ſah zu und dachte, wie wenig ſelbſt Peggotty mit vieler Geſchäftigkeit zu thun ſchien, und wie viel Agnes that, ohne irgend ein geſchäftiges Weſen anzu⸗ nehmen. Da klopfte es an die Thür. „Ich denke,“ ſagte Agnes erblaſſend,„'s iſt Papa. Er verſprach mir zu kommen.“ Ich öffnete die Thür und ließ nicht nur Mr. Wick⸗ field, ſondern auch Uriah Heep herein. Ich hatte Mr. Wickfield einige Zeit nicht geſehen. Ich war nach Dem, was Agnes mir erzählt hatte, auf eine große Verände⸗ rung an ihm vorbereitet, aber dennoch erſchrak ich über ſein Aeußeres. Ich erſchrak nicht darüber, daß er viele Jahre älter ausſah, obſchon er noch immer mit der alten ſerupulö⸗ ſen Sauberkeit gekleidet war, noch, daß ſich auf ſeinem Geſichte eine ungeſunde Röthe zeigte, noch, daß ihm die 110 David Kopperfield. Augen mit rothen Aederchen durchſchoſſen aus dem Kopfe ſtanden, noch daß ſeine Hand vor Nervenſchwäche zit⸗ terte, wovon ich die Urſache wußte und etliche Jahre wirken geſehen hatte. Ich erſchrak nicht darüber, daß er ſeinen gütigen Blick oder ſein altes Benehmen als ein anſtändiger, achtbarer Mann verloren gehabt hätte — denn das war in der That nicht der Fall— aber Das, was mir am Meiſten aufs Herz fiel, war, daß er, der noch immer die Merkmale der ihm angeborenen Superiorität an ſich trug, ſich jener kriechenden Ver⸗ körperung der Niederträchtigkeit unterordnen ſollte. Die Verkehrung der Naturen in ihren wechſelſeitigen Stel⸗ lungen, ſo daß Uriah der Mächtige und Mr. Wickfield der Abhängige war, war ein peinigenderer Anblick für mich, als daß ich's auszudrücken vermöchte. Hätte ich einen Affen ſich der Herrſchaft über einen Menſchen be⸗ mächtigen ſehen, ich würde es kaum für ein erniedri⸗ genderes Schauſpiel gehalten haben. Er ſchien ſich deſſen auch ſelbſt nur zu wohl bewußt zu ſein. Als er herein kam, blieb er geſenkten Hauptes ſtehen, als ob er es fühlte. Dies dauerte nur einen Augenblick; denn Agnes ſagte ſanft zu ihm:„Papa, hier iſt Miß Trotwood, und Trotwood, den Du lange Zeit nicht geſehen haſt,“ worauf er ſich näherte und mit Widerſtreben meiner Tante die Hand gab, mir aber dieſelbe etwas herzlicher ſchüttelte. In der kurzen Pauſe, von welcher ich ſpreche, ſah ich Uriahs Züge in ein ſehr übel ausſehendes Lächeln auseinanderfahren. Agnes ſah es, glaub' ich, auch; denn ſie ſchrack vor ihm zurück. Was meine Tante geſehen oder nicht geſehen, würde die Wiſſenſchaft der Phyſiognomik, wenn ſie ſelbſt nicht es herauskommen laſſen wollte, vergeblich zu entſchleiern verſuchen. Ich glaube, daß niemals Jemand geweſen David Kopperfield. 111 iſt, der ein ſo gleichmüthiges Geſicht annehmen konnte, als ſie, wenn es ihr beliebte. Ihr Geſicht möchte bei der fraglichen Gelegenheit ein undurchdringlicher Wall für jedes Licht, welches dieſelbe auf ihre Gedanken warf, geweſen ſein, hätte ſie nicht endlich ihr Stillſchweigen mit ihrer gewöhnlichen Haſt gebrochen. „Na, Wickfield,“ ſagte meine Tante, und er ſah zum erſten Male zu ihr in die Höhe.„Ich habe Ihrer Tochter eben erzählt, wie gut ich über mein Geld ſelbſt verfügt habe, weil ich's Ihnen nicht mehr anvertrauen konnte, da Sie in Geſchäftsſachen einzuroſten anfangen. Wir haben zuſammen Rath gehalten und ſind recht gut vorwärts gekommen, wenn man Alles in Betracht nimmt. Agnes iſt nach meiner Meinung ſoviel werth, als Ihre ganze Firma.“ „Wenn ich mir die ergebenſte Bemerkung erlauben dürfte,“ verſetzte Uriah Heep mit einer ſeiner Windun⸗ gen,„ſo ſtimme ich vollkommen mit Fräulein Betſey Trotwood überein und würde nur zu glücklich ſein, wenn Fräulein Agnes Geſchäftstheilhaberin wäre.“ „Sie ſind jetzt ſelber Theilhaber an dem Geſchäfte, wiſſen Sie,“ erwiederte meine Tante,„und das iſt ge⸗ nug für Sie, wie ich erwarte. Wie befinden Sie ſich, Herr Heep?“ In Anerkennung dieſer Frage, welche mit außeror⸗ dentlicher Kürze an ihn gerichtet wurde, faßte Mr. Heep unbehaglich mit ſeinen dürren Fingern den blauen Sack, den er trug, erwiederte, daß er ſo ziemlich wohl ſei, daß er meiner Tante danke und hoffe, es ſei bei ihr Daſſelbe der Fall. „Und Sie Musje— wollt' ich ſagen, Herr Kop⸗ perfield,“ fuhr Uriah fort.„Ich hoffe, ich ſehe Sie wohl. Ich bin außer mir vor Freuden, Herr Kop⸗ 3 112 David Kopperfield. perfield, Sie zu ſehen, ſelbſt unter den gegenwärtigen Umſtänden.“ Ich glaubte ihm das; denn er ſchien an denſelben großes Gefallen zu finden.„Die gegenwär⸗ tigen Umſtände ſind nicht Das, was Ihre Freunde Ih⸗ nen wünſchen würden, Herr Kopperfield; aber's iſt ja nicht das Geld, welches den Mann macht; es iſt vielmehr — nun, ich bin wirklich mit meinen ſchwachen Kräften der Aufgabe nicht gewachſen, auszudrücken, was es iſt,“ ſagte Uriah mit einem ſchmeichleriſchen Zuſammenſchnap⸗ pen ſeines Körpers,„aber's iſt nicht das Geld.“ Hiermit ſchüttelte er mir die Hand, nicht in der ge⸗ wöhnlichen Weiſe, ſondern indem er in guter Entfer⸗ nung von mir ſtand und meine Hand wie einen Pum⸗ penſchwengel, vor dem er ſich ein wenig fürchtete, in die Höhe hob und niederzog. „Und wie kommt Ihnen unſer Ausſehen vor, Musje Kopperfield— ach, wollt' ich ſagen Herr—,“ ſcher⸗ wänzelte Uriah.„Finden Sie nicht Herrn Wickfield blü⸗ hend? Jahre zählen nicht ſehr bei unſerer Firma, Musje Kopperfield, höchſtens in der Beziehung, daß der Nie⸗ drige durch ſie in die Höhe kommt, ich nämlich und Mutter,— und,“ fügte er als Nachgedanken hinzu,„die Schönheit durch ſie entwickelt wird, nämlich Fräulein Agnes.“ Er wand ſich und ſchnappte nach dieſem Compli⸗ mente in ſolch einer unerträglichen Weiſe herum, daß meine Tante, welche dageſeſſen und ihm geradeaus ins Geſicht geſehen hatte, alle Geduld verlor. „Hol der Teufel den Menſchen!“ ſchrie meine Tante ärgerlich,„was hat er damit vor? Sein Sie doch nicht wie ein elektriſcher Zitteraal, Herr Heep!“ „Bitte um Verzeihung, Fräulein Trotwood,“ ent⸗ gegnete Uriah,„ich weiß, daß Sie nervenſchwach ſind.“ David Kopperfield. 113 „Bleiben Sie mir damit vom Leibe!“ ſagte meine Tante, eher alles Andere als beſänftigt.„Unterſtehen Sie ſich nicht, ſo zu reden! Ich bin nichts von der Art. Wenn Sie ein Aal ſind, ſo benehmen Sie ſich meinet⸗ halben wie einer. Wenn Sie aber ein Mann ſind, ſo haben Sie hübſch acht auf Ihre Gliedmaßen, daß dieſe keine Faxen machen. Guter Gott!“ rief meine Tante mit großer Entrüſtung aus,„ich habe keine Luſt, mich durch ſolches Geſchlängel und ſolche Korkzieherwindun⸗ gen von Sinnen bringen zu laſſen!“ Mr. Heep wurde durch dieſe Exploſion, wie viele andere Leute geweſen ſein würden, ſehr niedergedon⸗ nert, um ſo mehr, als dieſelbe durch die entrüſtete Miene ſehr verſtärkt wurde, mit welcher meine Tante ſich ſpä⸗ ter in ihrem Stuhle hin⸗ und herbewegte und ihren Kopf ſchüttelte, als ob ſie nach ihm ſchnappen oder vor ihm bramarbaſiren wollte. Aber er ſagte zu mir mit ſchwacher Stimme beiſeits: „Ich, weiß ſehr wohl, Musje Kopperfield, daß Fräu⸗ lein Trotwood zwar eine vortreffliche Dame iſt, aber ein hitziges Temperament hat(a in der That, ich glaube, daß ich das Vergnügen hatte, ſie zu kennen, als ich ein niedriger, armer Schreiber war, ehe Sie ſie kennen lernten, Musje Kopperfield), und es iſt nur natür⸗ lich, daß es durch die gegenwärtigen Verhältniſſe nur hitziger geworden iſt.'s iſt nur zu verwundern, daß es nicht noch viel ſchlimmer iſt. Ich machte meinen Be⸗ ſuch nur, um zu ſagen, daß wir, Mutter und ich ſelbſt, oder Wickfield und Heep, wenn wir unter den gegen⸗ wärtigen Umſtänden irgend etwas thun könnten, uns wirklich freuen würden. Ich darf doch ſo weit gehen?“ ſagte Uriah mit einem widerlichen Lächeln auf ſeinen Geſchäftstheilnehmer. 4 David Kopperfield. VI. 8 114 David Kopperfield. „Uriah Heep,“ verſetzte Wickfield in monotoner ge⸗ zwungener Weiſe,„iſt ſehr thätig im Geſchäfte, Trot⸗ wood. Ich ſtimme völlig überein mit Dem, was er ſagt. Sie wiſſen, ich nehme Intereſſe an Ihnen von Alters her. Außerdem aber ſtimme ich völlig mit Dem, was Uriah ſagt, überein.“ „Oh was für ein belohnendes Gefühl iſt es,“ ſagte Uriah, indem er auf die Gefahr hin, nochmals das Auge meiner Tante auf ſich zu lenken, das eine Bein in die Höhe zog,„ein ſolches Vertrauen zu genießen! Aber ich hoffe, ich bin im Stande, etwas zu thun, um ihm die Laſten der Geſchäftsführung abzunehmen, Musje Kopperfield.“ „Uriah Heep iſt mir eine große Erleichterung,“ ver⸗ ſetzte Wickfield in derſelben eintönigen Stimme.„Es iſt mir eine ganze Ladung von Arbeiten abgenommen, Trotwood, ſeit ich ſolch einen Compagnon habe.“ Ich merkte wohl, daß der rothhaarige Fuchs ihn alles Dieſes ſagen ließ, um ihn mir in dem Lichte dar⸗ zuſtellen, von dem er in jener Nacht geredet hatte, wo er meine Ruhe vergiftete. Ich ſah daſſelbe häßliche Lä⸗ cheln wieder auf ſeinem Geſichte, und ſah, wie er mich beobachtete. „Du gehſt doch nicht fort, Papa?“ fragte Agnes ängſtlich.„Willſt Du nicht mit mir und Trotwood zurückgehen?“ Er würde erſt Uriah angeblickt haben, ehe er ge⸗ antwortet hätte, wäre dieſer Treffliche ihm nicht zuvor⸗ gekommen. „Ich habe mich in Geſchäftsangelegenheiten wohin verſprochen,“ ſagte Uriah;„ſonſt würde ich glücklich geweſen ſein, mit meinen Freunden zuſammenzubleiben. Aber ich verlaſſe meinen Geſchäftstheilnehmer, um die David Kopperfield. 115 Firma zu vertreten. Fräulein Agnes, ewig der Ihre! Ich wünſche Ihnen guten Tag, Musje Kopperfield, und grüße mit tiefſtem Reſpect Fräulein Betſey Trotwood.“ Mit dieſen Worten zog er ſich zurück, indem er uns mit ſeiner großen Hand einen Kuß zuwarf und uns wie eine Maske anſtierte. Wie blieben ſitzen und ſprachen ein paar Stunden über die herrlichen Tage, die wir zuſammen dereinſt in Canterbury verlebt. Mr. Wickfield, der es jetzt blos mit Agnes zu thun hatte, wurde bald wieder, was er früher geweſen, obſchon eine eingewurzelte Niedergeſchla⸗ genheit an ihm bemerkbar war, die er nie los wurde. Trotz alledem heiterte er ſich auf und fand ein augen⸗ ſcheinliches Vergnügen daran, uns zuzuhören, wie wir uns die kleinen Vorfälle unſeres einſtigen Zuſammen⸗ lebens ins Gedächtniß zurückriefen, von denen er ſich an manche recht wohl erinnerte. Er ſagte, es wäre wie damals, wenn er mit Agnes und mir wieder allein ſei, und er wünſchte, es habe dem Himmel gefallen, nie einen Wechſel eintreten zu laſſen. Ich bin gewiß, daß in dem mildruhigen Antlitze von Agnes, ja darin ſchon, wenn ſie mit ihrer Hand ſeinen Arm berührte, eine Einwirkung lag, welche Wunder bei ihm bewirkte. Meine Tante(welche faſt die ganze Zeit über in dem innern Zimmer mit Peggotty geſchäftig war) wollte uns nicht zu dem Orte begleiten, wo ſie ſich aufhielten, beſtand jedoch darauf, daß ich gehen ſolle, und ſo ging ich denn. Wir ſpeiſten zuſammen. Nach Tiſche ſetzte ſich Agnes wie dereinſt neben ihn und ſchenkte ihm ſeinen Wein ein. Er nahm, was ſie ihm gab, und nicht mehr— wie ein Kind— und wir alle drei ſaßen zuſammen an einem Fenſter, als der Abend her⸗ einbrach. Als es ſchon finſter war, legte er ſich auf 8* 116 David Kopperſield. ein Sopha nieder, wobei Agnes ihm ein Kiſſen unter den Kopf ſchob und ſich ein Weilchen über ihn beugte; und als ſie zum Fenſter zurückkehrte, war es nicht mehr ſo finſter, ſondern ich konnte Thränen in ihren Augen glitzern ſehen. Ich bitte den Himmel, daß er mich nimmer des lieben Mädchens in ihrer Liebe und Wahrhaſtigkeit in dieſer Zeit meines Lebens vergeſſen laſſen möge; denn wenn ich das je thun ſollte, ſo müßte mein Ende nahe ſein, und dann würde ich wünſchen, mich ihrer am Beſten zu erinnern. Sie füllte mein Herz mit chen, die ich dieſer ſpendete; wie lobte ſie ſie auch und goß um die kleine Feengeſtalt einige Strahlen ihres eignen reinen Lichtes, welches dieſelbe für mich nur koſt⸗ barer und unſchuldsvoller machte. Oh Agnes, Schwe⸗ ſter meiner Knabenjahre, wenn ich damals gewußt hätte, was ich erſt lange nachher erfuhr!— Es ſtand ein Bettler in der Straße, als ich ſie hinabſchritt, und als ich meinen Kopf nach dem Fen⸗ ſter kehrte, indem ich an ihre mildruhigen Seraphs⸗ augen dachte, fuhr ich vor ihm erſchrocken zurück, als er plötzlich wie ein Echo des morgenden Tages mur⸗ melte:„Blind! Blind! Blind!“ — —e Sechsunddreißigſtes Kapitel. Begeiſterung. Ich begann den nächſten Tag damit, daß ich mich abermals in das römiſche Bad tauchte, und dann ging's fort nach Highgate. Ich war jetzt nicht entmuthigt. Ich fürchtete mich nicht vor dem ſchäbigen Rocke und ſchmach⸗ tete nicht nach muthigen Grauſchimmeln. Meine ganze Art über unſer jüngſtes Mißgeſchick zu denken war verändert. Was ich zu thun hatte, war, meiner Tante zu zeigen, daß die Güte, die ſie mir erwieſen, nicht auf einen gefühl⸗ loſen und undankbaren Menſchen weggeworfen worden ſei. Was ich zu thun hatte, war, der leidenvollen Schule, die ich in meinen jüngern Jahren durchgemacht, mich dadurch würdig zu beweiſen, daß ich mit einem entſchloſ⸗ ſenen und ſtandhaften Gemüthe an die Arbeit ging. Was ich zu thun hatte, war, meine Holzhaueraxt in die Hand zu nehmen und mir meinen Weg durch den Wald der Schwierigkeiten zu klären, indem ich die Bäume niederſchlüge, bis ich zu Dora gelangte. Und ich ging mit gewaltig ausholenden Schritten weiter, als ob es durch Ausſchreiten gethan werden könnte. 118 David Kopperfield. Als ich mich auf der wohlbekannten Straße nach Highgate ſah und bedachte, wie verſchieden mein jetzi⸗ ges Geſchäft von jenem einſtigen vergnüglichen ſei, mit welchem der Gedanke an dieſen Weg ſich verband, ſo ſchien es, als ob eine vollkommene Veränderung mit meinem ganzen Leben vorgegangen ſei. Aber das ent⸗ muthigte mich nicht. Mit dem neuen Leben kamen neue Zwecke, neue Abſichten. Groß war die Mühe, unſchätz⸗ bar der Lohn. Dora war der Lohn, und Dora mußte gewonnen werden. Ich gerieth in eine ſolche Begeiſterung, daß ich or⸗ dentlich ganz betrübt war, weil mein Rock nicht ſchon ein Bischen ſchäbig ausſah. Ich wünſchte, jene Bäume im Walde der Schwierigkeiten unter Umſtänden zu fäl⸗ len, welche meine Kraft zeigten. Ich verſpürte große Luſt, einen alten Mann mit einer Drahtbrille, welcher an der Straße Steine klopfte, zu fragen, ob er mir nicht ſeinen Hammer ein Weilchen leihen und mich einen Pfad für Dora aus Granit hauen laſſen wolle. Ich begeiſterte mich zu ſolch einer Hitze und gerieth ſo außer Athem, daß mir's zu Muthe war, als hätte ich ſchon wer weiß wie viel verdient. In dieſer Stimmung ging ich in ein Landhäuschen, welches, wie ich ſah, zu vermiethen war, und betrachtete es mir genau; denn ich fühlte in mir die Nothwendigkeit, praktiſch zu ſein. Es würde für mich und Dora bewundernswürdig gut gepaßt ha⸗ ben; vorn war ein Gärtchen, in welchem Zig hätte herumlaufen und auf die Handelsleute draußen durch das Geländer hätte bellen können, und oben befand ſich eine prächtige Stube für meine Tante. Ich machte mich wie⸗ der auf den Weg, heißer und ſchneller, und ſchoß nach Highgate hinauf in ſo eiligem Schritte, daß ich eine Stunde zu früh dort war und mich gezwungen ſah, David Kopperfield. 119 hin⸗ und herzugehen und mich abzukühlen, ehe ich fä⸗ hig war, mich vorzuſtellen. Meine erſte Sorge, nachdem ich mich dieſer noth⸗ wendigen Vorbereitung unterzogen hatte, war, des Doc⸗ tors Haus aufzufinden. Es war nicht in dem Theile von Highgate gelegen, wo Mrs. Steerforth wohnte, ſondern ganz an der entgegengeſetzten Seite dieſer klei⸗ nen Stadt. Als ich dieſe Entdeckung gemacht, ging ich von einer Anziehungskraſt, der ich nicht zu widerſtehen vermochte, angezogen, zurück zu einem kleinen Gäßchen in der Nähe von Mrs. Steerforths Haus und ſah über die Ecke der Gartenmauer. Sein Zimmer war feſt verſchloſſen. Die äußern Thüren ſtanden offen, und Mrs. Dartle ging im bloßen Kopfe, mit ſchnellem, haſtigem Schritte auf einem kleinen kiesbeſtreuten Gange auf der einen Seite des Raſenplatzes auf und ab. Sie rief in mir die Vorſtellung an ein ſtolzes Weſen wach, wel⸗ ches, ſo lang ſeine Kette reichte, auf einem ausgetre⸗ tenen Wege hin⸗ und herſchreitet und ſich das Herz in Gram verzehrt. Ich ſchlich mich leiſe von meinem Beobachterpoſten hinweg und wanderte mit Vermeidung dieſes Theils des Ortes und mit dem Wunſche, ihm nicht zu nahe ge⸗ kommen zu ſein, herum, bis es zuletzt zehn Uhr war. Die Kirche mit dem ſchlanken Thurme, welche jetzt auf der Höhe des Hügels ſteht, war zu der Zeit noch nicht vorhanden, um mir die Zeit zu ſagen. Ein altes Gebäude von rothen Ziegeln, als Schule benutzt, ſtand damals an ihrer Statt, und ſo viel ich mich entſinne, muß es hübſch geweſen ſein, in dies alte Haus zur Schule zu gehen. Als ich mich dem Landhauſe des Doctors näherte— ein ziemlich altes Gebäude, auf welches er einiges Geld 120 David Kopperfield. verwendet zu haben ſchien, wenn ich nach den Ver⸗ ſchönerungen und Ausbeſſerungen urtheilen durfte, die das Ausſehen hatten, als ſeien ſie eben erſt vollendet worden— ſah ich ihn im Garten zur Seite hin- und herwandeln, ſeine Gamaſchen an und Alles in dem Zu⸗ ſtande, als ob er ſeit den Tagen, wo ich ſein Zögling war, nie aufgehört habe, hin⸗ und herzugehen. Er hatte auch ſeine alten Geſellſchafter um ſich; denn es befanden ſich eine Menge hoher Bäume in der Umge⸗ bung, und zwei oder drei Krähen ſchritten im Graſe hin und her und ſahen nach ihm, als ob ihnen die Krähen von Canterbury von ihm geſchrieben hätten und ſie ihn in Folge deſſen genau beobachteten. Da ich wußte, ich habe durchaus keine Hoffnung, ſeine Aufmerkſamkeit aus dieſer Entfernung auf mich zu ziehen, faßte ich mir ein Herz, öffnete die Thür und ging hinter ihm her, ſodaß ich ihm entgegentreten mußte, ſobald er ſich nach mir umwendete. Als er dies that und auf mich zukam, ſah er mich nachdenklich, aber augenſcheinlich ohne im Mindeſten an mich zu denken, einige Augenblicke an, und dann drückte ſein wohlwol⸗ lendes Geſicht eine außerordentliche Freude aus, und er nahm mich bei beiden Händen. „Ei der Tauſend, mein lieber Kopperfield,“ ſagte der Doctor.„Sie ſind ja ein Mann geworden! Nun, wie geht es Ihnen? Ich freue mich ſehr, Sie zu ſehen. Mein lieber Kopperſield, wie ſehr haben Sie ſich zu Ihren Gunſten verändert! Sie ſind ganz— ja— wahrhaftig!“ Ich drückte ihm meine Hoffnung aus, daß er wohl ſei, und ebenſo Mrs. Strong. „Ei ja wohl!“ erwiederte der Doctor.„Annie iſt ganz wohl und wird ſich freuen, Sie zu ſehen. Sie David Kopperſield. 121 waren ſtets ihr Liebling. Sie ſagte das erſt geſtern Abend, als ich ihr Ihren Brief wies. Und— ja, ganz richtig— Sie beſinnen ſich auf Jack Maldon, Kop⸗ perfield?“ „Vollkommen wohl, Herr Doctor.“ „Natürlich,“ ſagte der Doctor.„Freilich. Auch er iſt ziemlich wohl.“ „Iſt er denn nach Hauſe gekommen?“ erkundigte ich mich. „Von Indien meinen Sie?“ fragte Doctor Strong. „Ja wohl. Herr Jack Maldon konnte das Klima nicht vertragen, mein Lieber. Madame Markleham— Sie haben doch Madame Markleham nicht vergeſſen?“ Den alten Soldaten vergeſſen! Und in ſo kurzer Zeit! „Madame Markleham,“ fuhr der Doctor fort,„war ganz voll Angſt um ihn, die arme Frau; ſo haben wir ihn denn nach Hauſe kommen laſſen und ihm eine kleine patentirte Stelle gekauft, die ihm viel beſſer gefällt.“ Ich wußte genug von Mr. Jack Maldon, um nach dieſem Berichte dem Verdachte Raum zu geben, daß dies eine Stelle ſei, wo es nicht viel zu thun gäbe, die aber recht gut bezahlt ſei. Der Doctor fuhr, indem er ſich mit ſeiner Hand auf meine Schulter ſtützte und ſein freundliches Geſicht ermuthigend mir zukehrte, fort: „Nun, mein lieber Kopperfield, in Bezug auf Ihr Anerbieten einige Worte. Es iſt mir allerdings ſehr dan⸗ kenswerth und angenehm, aber denken Sie nicht, daß Sie beſſer thun könnten? Sie zeichneten ſich, wie Sie wiſſen, aus, als Sie bei uns waren. Sie eignen ſich für viele gute Dinge. Sie haben einen Grund gelegt, auf dem ſich jedwedes Gebäude aufrichten läßt, und iſt es nicht beklagenswerth, wenn Sie den Frühling Ihres Lebens — — —nanmõn— 122 David Kopperfield. ſolch einem ärmlichen Zwecke widmen ſollten, wie ich Ihnen bieten kann?“ Ich glühte wieder über und über, und indem ich mich, wie ich fürchte, in rhapſodiſcher Weiſe ausdrückte, legte ich ihm meine Bitten dringend ans Herz, ihm zugleich ins Gedächtniß zurückrufend, daß ich bereits einen Beruf hätte. „Richtig, richtig,“ entgegnete der Doctor,„das iſt wahr. Gewiß macht es einen Unterſchied, wenn Sie ſchon einen Beruf haben und ſich eben mit dem Stu⸗ dium deſſelben beſchäftigen. Aber mein guter junger Freund, was ſind ſiebzig Pfund jährlich!“ „Es würde unſer Einkommen verdoppeln, Doctor Strong,“ ſagte ich. „Mein Gott!“ erwiederte der Doctor.„So was zu denken! Nicht, daß ich damit ſagen will, daß es unabänderlich auf ſiebzig Pfund jährlich beſchränkt wäre; weil ich ſtets darauf gedacht habe, einem jungen Freunde, den ich in ſolcher Weiſe beſchäftigte, noch außerdem ein Geſchenk zu machen. Ohne Zweifel,“ ſagte der Doc⸗ tor, indem er mich noch immer, ſeine Hand auf meiner Schulter, auf⸗ und abführte,„habe ich ſtets auf ein jährliches Geſchenk mit gerechnet.“ „Mein lieber Lehrer,“ ſagte ich(jetzt wirklich ohne allen Unſinn)„dem ich bereits mehr verpflichtet bin, als daß ich je dafür meinen vollen Dank ausſprechen—“ „Nein, nein,“ unterbrach mich der Doctor.„Bitte um Entſchuldigung.“ „Wenn Sie die Zeit annehmen wollen, die ich frei habe, und das ſind meine Morgen⸗ und Abendſtunden, und dies ſiebzig Pfund werth halten können, ſo werden Sie mir einen derartigen Dienſt thun, daß ich deſſen Größe nicht auszudrücken vermag.“ ————— David Kopperfield. 123 „Mein Gott!“ ſagte der Doctor in ſeiner Unſchuld. „Zu denken, daß ſo wenig ſo viel bezahlt machen ſoll. Mein Gott! Mein Gott! Und wenn Sie beſſer thun können, ſo werden Sie es, nicht wahr? Auf Ihr Wort alſo,“ ſagte der Doctor,— womit er einſt ſehr ernſt⸗ haft Berufung auf die Ehrenhaftigkeit von uns Knaben einlegte. „Auf mein Wort, Herr Doctor,“ entgegnete ich in der Weiſe, wie wir's dereinſt in der Schule gewohnt waren. „So mag's denn geſchehen,“ ſagte der Doctor, indem er mich auf die Schulter klopfte und dann ſeine Hand dort liegen ließ, während wir noch immer auf⸗ und abgingen. „Und ich werde zwanzig Mal glücklicher ſein,“ ver⸗ ſetzte ich mit vielleicht ein wenig— hoffentlich unſchul⸗ diger— Schmeichelei,„wenn ich beim Wörterbuche angeſtellt werden ſollte.“ Der Doctor blieb ſtehen, klopfte mir abermals lä⸗ chelnd auf die Schulter und rief mit einem Triumph, welcher höchſt wonnig anzuſchauen war, als ob ich die tiefſten Tiefen menſchlichen Scharfſinns ergründet hätte: „Mein lieber junger Freund, Sie haben es erra⸗ then. Es iſt allerdings das Wörterbuch!“ Wie konnte es irgend etwas Anderes ſein! Seine Taſchen waren ſo voll davon, als ſein Kopf. Es ſteckte und gukte nach allen Richtungen aus ihm heraus. Er erzählte mir, daß er ſeit ſeiner Zurückgezogenheit vom Schulleben damit wunderbar vorgerückt ſei, und daß ihm nichts beſſer paſſen könne, als die vorgeſchlagene Einrichtung, daß wir des Morgens und des Abends arbeiten wollten, indem es ſeine Gewohnheit ſei, den Tag über mit ſeiner Philoſophenmütze hin⸗ und herzu⸗ 124 David Kopperfield. wandeln und zu überlegen. Seine Papiere wären freilich ein Bischen in Unordnung, und zwar in Folge deſſen, daß Mr. Jack Maldon vor Kurzem gelegentlich ſeine Dienſte als Amanuenſis angeboten habe, aber an dieſe Art Beſchäftigung nicht gewöhnt ſei; wir würden jedoch das Fehlende bald in Ordnung bringen und flott vor⸗ wärts kommen. Später, als wir tüchtig am Werke waren, fand ich, daß mir Mr. Jack Maldons Leiſtun⸗ gen doch mehr im Wege waren, als ich erwartet hatte, da er ſich nicht darauf beſchränkt hatte, zahlreiche Feh⸗ ler zu machen, ſondern über dem Manuſcripte des Doc⸗ tors ſo viele Soldaten und Köpfe von Damen ſkizzirt hatte, daß ich mich oft in wahre Labyrinthe von Miß⸗ verſtändniſſen verwickelt ſah. Der Doctor war ganz glücklich in der Ausſicht, daß wir an dieſer wunderbaren wiſſenſchaftlichen Leiſtung zuſammen arbeiten ſollten, und wir kamen überein, den nächſten Morgen um ſieben Uhr zu beginnen. Wir wollten jeden Morgen zwei und jeden Abend zwei oder drei Stunden arbeiten, ausgenommen Sonnabends, wo ich ausruhen ſollte. Sonntags ſollte ich natürlich auch Ruhe haben, und ich betrachtete dieſe Bedingungen als ſehr leicht erfüllbar. Nachdem unſere Pläne in dieſer Weiſe zu unſerer gegenſeitigen Genugthuung in Ordnung gebracht waren, führte mich der Doctor ins Haus, um mich Mrs. Strong vorzuſtellen, welche wir in des Doctors neuem Studir⸗ zimmer antrafen, wie ſie ſeine Bücher abſtäubte— eine Freiheit, die er nimmer Jemand anders mit dieſen ge⸗ heiligten Lieblingen ſich zu nehmen geſtattete. Sie hatten meinetwegen ihr Frühſtück verſchoben, und wir ſetzten uns zuſammen zu Tiſche nieder. Wir hat⸗ ten noch nicht lange dort geſeſſen, als ich die Ankunft — David Kopperſield. 125 Jemandes in Mrs. Strongs Geſicht las, ehe ich ein Geräuſch von derſelben hörte. Ein Herr zu Pferde kam ans Gartenthor, und indem er, den Zügel überm Arme, ſein Pferd in den kleinen Hof lenkte, als ob er ganz zu Hauſe wäre, band er es an einen Ring an der Wand der leerſtehenden Wagenremiſe und kam mit der Reit⸗ peitſche in der Hand in das Zimmer, wo wir früh⸗ ſtückten. Es war Mr. Jack Maldon, und Mr. Jack Maldon war meines Erachtens durch ſein Verweilen in Indien durchaus nicht gebeſſert. Freilich war ich in Be⸗ zug auf junge Leute, welche nicht Bäume fällten im Walde der Schwierigkeiten, entſetzlich tugendhaft ge⸗ ſtimmt, und ſo muß man den Eindruck, den er auf mich machte, mit gehöriger Vorſicht aufnehmen. „Herr Jack,“ ſagte der Doctor,„da iſt Kopper⸗ field.“ Mr. Jack Maldon ſchüttelte mir die Hand, aber, wie mich bedünkte, nicht eben ſehr warm, und mit einer Miene gelangweilter Gönnerſchaft, über die ich mich ins⸗ geheim ſehr ärgerte. Aber ſeine Blaſirtheit war ein wahrhaft wunderbarer Anblick, ausgenommen, wenn er ſich an Annie wendete. „Haben Sie dieſen Morgen ſchon gefrühſtuckt, Herr Jack?“ fragte der Doctor. „Ich nehme kaum irgend einmal ein Frühſtück zu mir,“ entgegnete er, den Kopf in einen Lehnſtuhl zu⸗ rückgeworfen.„Ich finde, es langweilt mich.“ „Giebt's etwas Neues heute?“ erkundigte ſich der Doctor. „Durchaus gar nichts,“ erwiederte Mr. Maldon. „'s iſt eine Nachricht in der Zeitung, daß die Leute im Norden hungrig und unzufrieden ſind, aber's giebt immer irgendwo hungrige und unzufriedene Leute.“ 126 David Kopperfield. Der Doctor ſah ernſthaft aus und ſagte, wie wenn er den Gegenſtand der Unterhaltung zu wechſeln wünſchte: „So giebt's alſo überhaupt nichts Neues, und keine Neuigkeit, ſagt man, iſt eine gute Neuigkeit.“ „In der Zeitung iſt ein langer Bericht von einer Mordthat,“ bemerkte Mr. Maldon.„Aber's wird immer mal Jemand ermordet, und ich las den Bericht nicht.“ Zur Schau getragene Theilnahmloſtgkeit an allem Thun und Leiden der Menſchheit galt damals, dächt' ich, noch nicht für eine ſolche ausgezeichnete Eigenſchaft, als man ſie meiner Beobachtung nach ſeitdem anſieht. Ich habe ſie übrigens ſehr modiſch und vornehm angetroffen. Ich habe ſie mit ſo viel Erfolg entwickeln ſehen, daß ich mit verſchiedenen feinen Damen und Herren zuſammen⸗ getroffen bin, welche ebenſo gut als Raupen hätten ge⸗ boren ſein können. Möglich, daß es auf mich damals mehr Eindruck machte, weil es etwas Neues war, aber ſo viel iſt ſicher, daß es meine Anſicht von Mr. Jack Maldon nicht erhöhte, noch mein Zutrauen in ihn ſtärkte. „Ich kam heraus, um zu fragen, ob Annie viel⸗ leicht heute Abend mit in die Oper zu gehen Luſt hätte,“ ſagte Mr. Maldon zu ihr gewendet.„Es iſt die letzte gute Nacht, die wir dieſe Saiſon haben werden, und es iſt eine Sängerin da, welche ſie wirklich hören ſollte. Sie iſt etwas ganz Außerordentliches. Und außerdem iſt ſie ſo bezaubernd häßlich,“ fügte er, in ſeine Bla⸗ ſirtheit zurückverfallend, hinzu. Der Doctor, dem Alles geſtel, woran möglicher Weiſe ſeine junge Frau Gefallen finden konnte, wen⸗ dete ſich zu ihr und ſagte: „Du mußt gehen, Annie. Ja, Du mußt gehen.“ — David Kopperſield. 127 „Ich möchte lieber nicht,“ ſagte ſie zu dem Doc⸗ tor.„Ich ziehe es vor, zu Hauſe zu bleiben. Ich möchte lieber zu Hauſe bleiben.“ Ohne ihren Vetter anzuſehen, wendete ſie ſich dann an mich und fragte mich über Agnes, und ob ſie ſie ſehen werde, und ob ſie nicht etwa dieſen Tag kommen werde, und war ſo verlegen, daß ich mich wunderte, wie ſelbſt der Doctor, welcher ſich ſeine geröſtete Brot⸗ ſchnitte mit Butter beſtrich, blind ſein könnte gegen Das, was ſo auf der Hand lag. Aber er ſah nichts. Er ſagte ihr gutmüthig, daß ſie jung ſei und ſich vergnügen und unterhalten müſſe, und ſich nicht das Leben verdüſtern laſſen dürfe von einem alten Manne. Außerdem, ſagte er, möchte er gern alle die Lieder der neuen Sängerin von ihr geſungen hören, und wie könnte ſie dies thun, wenn. ſie nicht ginge? So beharrte der Doctor dabei, daß er verſprach, ſie werde mitgehen, und Mr. Jack Maldon ſollte ſich zu Tiſche wieder einſtellen. Nachdem dies beſchloſſen wor⸗ den, ging er vermuthlich in ſein Geſchäft; wenigſtens begab er ſich zu Pferde fort, wobei er ſehr träge ausſah. Ich war neugierig, ob ich den nächſten Morgen her⸗ ausfinden würde, ob ſie wirklich gegangen ſei. Sie war nicht gegangen, ſondern hatte nach London geſchickt, um es ihrem Couſin abſagen zu laſſen, war des Nachmit⸗ tags ausgeweſen, um Agnes einen Beſuch zu machen, hatte den Doctor veranlaßt, ſie zu begleiten, und ſie waren, wie mir der Doctor erzählte, da der Abend ſehr ſchön geweſen, durch die Felder zurückgekehrt. Ich fragte mich dann, ob ſie gegangen ſein würde, wenn Agnes nicht in der Stadt geweſen wäre, und ob Agnes auch auf ſie von gutem Einfluſſe ſei. Sie ſah, wie mich bedünkte, nicht ſehr glücklich aus, aber es war ein gu⸗ 128 David Kopperſield. tes Geſicht oder ein ſehr falſches. Ich blickte oft nach demſelben; denn ſie ſaß die ganze Zeit, während wir arbeiteten, am Fenſter und machte unſer Frühſtück, welches wir abſatzweiſe zu uns nahmen, da wir be⸗ ſchäftigt waren. Als ich um neun Uhr fortging, kniete ſie auf dem Boden zu den Füßen des Doctors und zog ihm ſeine Schuhe und Gamaſchen an. Es lag ein mil⸗ der Schatten auf ihrem Antlitze, welchen einige grüne Blätter, die das offene Fenſter überhingen, darauf war⸗ fen, und ich dachte den ganzen Weg bis zu den Doc⸗ tors Commons an die Nacht, wo ich es ihn anblicken geſehen hatte, während er las. Ich war jetzt ziemlich fleißig, früh fünf Uhr auf und erſt um neun oder zehn Uhr Abends wieder zu Hauſe. Aber ich fühlte mich unendlich behaglich, ſo ſehr in An⸗ ſpruch genommen zu ſein, und ging nie und in keiner Rückſicht langſam und empfand begeiſtert, daß ich, je⸗ mehr ich mich abmühte, deſto mehr thäte, um Dora zu verdienen. Ich hatte mich Dora noch nicht in mei⸗ ner veränderten Rolle offenbart, weil ſie in wenigen Tagen zu Miß Mills auf Beſuch kommen wollte, und ich verſchob Alles, was ich ihr zu erzählen hatte, bis auf dieſen Zeitpunkt, indem ich ſie in meinen Briefen (alle unſere Mittheilungen wurden insgeheim durch Miß Mills befördert) blos benachrichtigte, daß ich ihr viel zu erzählen habe. Inzwiſchen erlaubte ich mir nur ei⸗ nen mäßigen Gebrauch von Bärenfettpomade, ließ die wohlriechende Seife und das Lavendelwaſſer ganz ſein und verkaufte mit ungeheurem Opfer drei Weſten als zu verſchwenderiſch für meine ſtreng gemeſſene Lebens⸗ weiſe. Nicht zufrieden mit allen dieſen Anſtalten, ſondern vor Ungeduld brennend, noch mehr zu thun, ging ich, David Kopperfield. 129 um Traddles zu beſuchen, der jetzt hinter der Feuer⸗ mauer eines Hauſes in Caſtle Street, Holborn wohnte. Mr. Dick, welcher bereits zwei Mal mit mir in High⸗ gate geweſen war und ſeine Bekanntſchaft mit dem Doc⸗ tor wieder erneuert hatte, nahm ich mit mir. Ich nahm Mr. Dick mit mir, weil er die Umkehr der Verhältniſſe meiner Tante recht wohl herausgemerkt hatte und des aufrichtigen Glaubens war, kein Galee⸗ renſclave oder Zuchthäusler arbeite ſo wie ich, und des⸗ halb angefangen hatte, ſich über ſeine Unfähigkeit, etwas Nützliches zu thun, abzuquälen und zu ängſtigen, ſo daß er alle gute Laune und allen Appetit verloren hatte. In dieſer Stimmung fühlte er ſich denn mehr als je außer Stande, die Denkſchrift zu Ende zu bringen, und je fleißiger er daran arbeitete, deſto öfter gerieth jenes unglückſelige Haupt Karls des Erſten hinein. Indem ich ernſtlich fürchtete, daß ſeine Krankheit ſich ſteigern werde, wenn wir ihn nicht auf unſchuldige Weiſe täuſch⸗ ten und ihn zu glauben veranlaßten, er ſei nützlich, oder wenn wir ihm nicht einen Weg zeigten, wirklich nütz⸗ lich zu ſein(was allerdings beſſer ſein würde), ſo ent⸗ ſchloß ich mich, den Verſuch zu machen, ob Traddles uns helfen könnte. Ehe wir gingen, ſchrieb ich an Traddles eine genaue Angabe über Alles, was ſich be⸗ geben hatte, und Traddles ſchrieb mir eine prächtige Antwort zurück, in welcher er ſeine Theilnahme und Freundſchaft ausdrückte. Wir trafen ihn fleißig arbeitend vor ſeinem Tinten⸗ faſſe und Papieren, erquickt durch den Anblick des Blu⸗ mentopfſtands und des kleinen runden Tiſches in einem Winkel des Zimmers. Er empfing uns mit Herzlich⸗ keit und ſchloß augenblicklich Freundſchaft mit Mr. Dick. Dieſer wollte ganz gewiß wiſſen, daß er ihn ſchon frü⸗ David Kopperſteld. VI. 9 130 David Kopperfield. her einmal geſehen habe, und wir Beide ſagten:„Sehr wahrſcheinlich.“ Der erſte Gegenſtand, über den ich Traddles' Rath einholen wollte, war folgender. Ich hatte gehört, daß viele in verſchiedenen Fächern ausgezeichnete Leute damit begonnen hätten, daß ſie über die Debatten im Parla⸗ mente Bericht erſtattet hätten. Da Traddles mir die Zeitungen als eine ſeiner Hoffnungen genannt hatte, ſo verknüpfte ich Beides und ſagte Traddles in meinem Briefe, daß ich zu wiſſen wünſchte, wie ich mir die zu dieſem Fache nöthigen Eigenſchaften erwerben könnte. Traddles belehrte mich jetzt, das Ergebniß ſeiner Er⸗ kundigungen ſei, daß, ſeltene Fälle ausgenommen, die bloße Erlangung der nothwendigen mechaniſchen Fer⸗ tigkeit, um zu vollkommener Auszeichnung, das heißt zu völligem und ganzem Beherrſchen der Geheimniſſe der Schnellſchreibekunſt und des Leſens der Schnell⸗ ſchrift zu gelangen, der Ausbildung zur Meiſterſchaft in ſechs Sprachen an Schwierigkeit ohngefähr gleich ſei, und daß man ſich dieſe Fertigkeit durch Aufwendung von ausdauerndem Fleiße vielleicht in einigen Jahren erwerben könne. Traddles ſetzte mit Grund voraus, daß dies dem Geſchäfte ein Ende machen werde; ich aber, der ich nur fühlte, daß hier allerdings ein paar bohe Bäume umzuhauen wären, entſchloß mich ſogleich, die Axt in der Hand, mir meinen Weg zu Dora durch dieſes Dickicht hindurch zu arbeiten. „Ich bin Dir zu großem Danke verpflichtet, mein lieber Traddles!“ ſagte ich.„Ich werde morgen da⸗ mit beginnen.“ Traddles ſah verwundert aus, wie er mit Grund konnte; aber er wußte noch nichts von meiner begeiſter⸗ ten Stimmung. 4 David Kopperfield. 131 „Ich werde mir ein Buch kaufen,“ ſagte ich,„worin ein gutes Schema dieſer Kunſt enthalten iſt; ich werde in den Commons daran arbeiten, wo ich nicht halb ge⸗ nug zu thun habe; ich werde der Uebung wegen die Reden vor unſerm Gerichte niederſchreiben— Traddles, mein guter Junge, ich werde es ſchon bemeiſtern!“ „Lieber Gott!“ ſagte Traddles, indem er die Au⸗ gen aufriß,„ich hatte keinen Begriff, daß Du ſolch ein entſchiedener Charakter wäreſt, Kopperfield!“ „Ich weiß nicht, wie er einen hätte gehabt haben können; denn die Sache war neu genug für mich. Ich ließ dies jetzt fallen und brachte Mr., Dick aufs Tapet. „Sehen Sie,“ begann Mr. Dick ernſthaft,„wenn ich etwas thun könnte— wenn ich eine Trommel ſchla⸗ gen— oder irgend was blaſen könnte!“ Der arme Menſch! Ich habe wenig Zweifel, daß er ſolch eine Beſchäftigung in ſeinem Herzen allen übri⸗ gen vorgezogen haben würde. Traddles, der um Alles in der Welt nicht gelächelt haben würde, entgegnete gefaßt: gehen, Herr Dick. Du erzählteſt mir das, Kopperfield.“ „Excellent!“ ſagte ich. Und das war allerdings der Fall. Er ſchrieb mit außerordentlicher Sauberkeit. „Meinen Sie nicht, Herr Dick,“ fragte Traddles, „daß Sie geſchriebene Aufſätze copiren könnten, wenn ich welche fur Sie beſorgte?“ Mr. Dick blickte mich zweifelhaft an.„He, Trot⸗ wood?“ Ich ſchüttelte den Kopf. Mr. Dick ſchüttelte den ſeinen und ſeufzte.„Erzählen Sie ihm von der Denk⸗ ſchrift,“ ſagte Mr. Dick. Ich ſetzte Traddles auseinander, wie es ſchwierig 9* „Aber Sie wiſſen ſehr gut mit der Feder umzu⸗ 132 David Kopperfield. ſei, zu verhüten, daß nicht König Karl der Erſte in Mr. Dicks Manuſcripte gerieth, wobei Mr. Dick in der Zwiſchenzeit ſehr ehrerbietig und ernſthaft auf Traddles blickte und an ſeinem Daumen ſaugte. „Aber wiſſen Sie, dieſe Aufſätze, von denen ich ſpreche, ſind bereits fertig und vollendet,“ ſagte Traddles nach einiger Ueberlegung.„Herr Dick hat nichts an ihnen zu thun. Würde das nicht einen Unterſchied machen, Kopperfield? Würde es nicht wenigſtens des Verſuchs werth ſein?“ Das gab uns neue Hoffnung. Traddles und ich ſteckten die Köpfe zuſammen, während Mr. Dick uns ängſtlich von ſeinem Stuhle beobachtete, und ſo kochten wir einen Plan zuſammen, nach welchem wir ihn den nächſten Tag mit triumphirendem Erfolge ſein Werk be⸗ ginnen ließen. Auf dem Tiſche am Fenſter in Buckingham Street breiteten wir die Arbeit aus, die Traddles für ihn be⸗ ſorgt hatte— und welche darin beſtand, ich weiß nicht mehr wie viel Abſchriften von einem geſetzlichen Docu⸗ ment über ein Wegerecht zu machen— und auf einen andern Tiſch legten wir das letzte unvollendete Origi⸗ nal der großen Denkſchrift. Unſere Anweiſungen an Mr. Dick waren die, daß er genau Das, was er vor ſich habe, copiren ſolle, ohne die geringſte Abweichung vom Original, und daß er, wofern er es nothwendig finde, die kleinſte Anſpielung auf König Karl den Erſten zu machen, unverweilt nach der Denkſchrift hinfliegen ſolle. Wir ermahnten ihn, hierin ſtandhaft zu ſein, und lie⸗ ßen meine Tante zurück, ihn zu beobachten. Meine Tante berichtete uns ſpäter, daß er zuerſt wie ein Mann, der die Keſſelpauke ſchlägt, geweſen und fortwährend ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen den Beiden getheilt habe; bald David Kopperfield. 133 jedoch, als er die Entdeckung gemacht, daß dies ihn verwirre und ermüde, und daß er hier ſeine Abſchrift klar vor Augen liegen habe, hätte er ſich in der ordent⸗ lichen Weiſe eines Geſchäftsmannes an dieſelbe geſetzt und die Denkſchrift auf eine paſſendere Zeit verſchoben. Mit einem Worte, obſchon wir uns große Mühe ga⸗ ben, daß er nicht mehr zu thun haben ſollte, als gut für ihn war, und obſchon er nicht mit dem Beginne der Woche anfing, verdiente er doch bis zum folgenden Samſtag des Abends zehn Schilling und neun Pence, und nie ſo lange ich lebe, werde ichs vergeſſen, wie er in allen Läden in der Nachbarſchaft herumlief, um ſei⸗ nen Schatz in Sirpence umzuſetzen, oder wie er ſie, in Form eines Herzens auf einem Präſentirteller zuſam⸗ mengelegt, mit Thränen der Freude und des Stolzes in den Augen meiner Tante brachte. Er war von dem Augenblicke an, wo er nützliche Beſchäftigung hatte, wie Einer, der unter dem Einfluſſe eines günſtigen Zaubers iſt, und wenn es jenen Samſtagabend einen glücklichen Menſchen auf der Welt gab, ſo war es das dankbare Geſchöpf, welches meine Tante für das bewunderns⸗ würdigſte Weib auf Erden und mich für den bewun⸗ dernswürdigſten jungen Mann hielt. „Kein Verhungern mehr jetzt, Trotwood,“ ſagte Mr. Dick, indem er mir in einem Winkel die Hand ſchüttelte.„Ich werde für ſie ſorgen!“ und er ſpreizte ſeine zehn Finger in die Luft, als ob ſie zehn Banken wären. Ich wußte kaum, wer vergnügter war, ich oder Traddles.„Es hat mir wirklich,“ verſetzte Traddles plötzlich, indem er einen Brief aus ſeiner Taſche nahm und ihn mir gab,„Herrn Micawber ganz aus den Gedanken gebracht.“ 4 134 David Kopperfield. Der Brief(Mr. Micawber ließ keine irgend denk⸗ bare Gelegenheit vorübergehen, einen Brief zu ſchreiben) war an mich adreſſirt„durch die Güte von Herrn T. Traddles, Mitglied des Innern Tempels“. Er lautete wie folgt: „Mein lieber Kopperfield! Sie ſind möglicher Weiſe nicht unvorbereitet, von mir die Nachricht zu empfangen, daß ſich etwas zum Beſten gewendet hat. Ich werde Ihnen wohl bei einer frühern Gelegenheit erzählt haben, daß ich ſolch ein Ereigniß erwarte. Ich ſtehe im Begriffe, mich in einer der Provin⸗ zialſtädte unſerer von der Vorſehung ſo begünſtigten Inſel niederzulaſſen(wo man die Geſellſchaft vielleicht als eine glückliche Miſchung von Landbauern und Geiſt⸗ lichen beſchreiben kann) und zwar in unmittelbarer Ver⸗ bindung mit Jemand, der einem gelehrten Berufe folgt. Madame Micawber und unſere Kinder werden uns auch begleiten. Unſere Aſche wird in künftigen Zeiten wahr⸗ ſcheinlich auf dem Friedhofe vermiſcht gefunden werden, welcher zu einem ehrwürdigen Gebäude gehört, durch das ſich der Ort, den ich meine, einen Ruf, ich möchte ſagen von China bis nach Peru, erworben hat. Indem ich nun dem modernen Babel Adieu ſage, wo wir ſo manche Fährlichkeiten, ich hoffe auf nicht unedle Weiſe, beſtanden haben, ſo können Madame Micawber und ich ſich nicht verhehlen, daß wir, viel⸗ leicht für Jahre, vielleicht für immer, von Jemand ſchei⸗ den, der durch feſte Bande mit dem Altare unſeres häuslichen Lebens verknüpft iſt. Wenn Sie am Vor⸗ abende ſolch einer Trennung unſern beiderſeitigen Freund, Herrn Thomas Traddles, zu unſerer gegenwärtigen Woh⸗ David Kopperfield. 135 nung begleiten und dort die bei dieſer Gelegenheit na⸗ türlichen Wünſche austauſchen wollen, werden Sie eine Verpflichtung auferlegen Einem, Welcher Iſt Und Bleibt Ewig der Ihre, Wilkins Micawber.“ Ich freute mich der Entdeckung, daß Mr. Micawber Staub und Aſche glücklich abgeſchüttelt, und daß ſich endlich wirklich etwas zum Beſten gekehrt habe. Als ich von Traddles erfuhr, daß die Einladung ſich auf den eben jetzt verſchwindenden Abend bezöge, drückte ich meine Bereitwilligkeit aus, ihm die Ehre zu thun, und wir gingen zuſammen fort nach der Wohnung, welche Mr. Micawber als ein Mr. Mortimer inne hatte, und welche in der Nähe des höchſten Punktes der Grays⸗ Inn⸗Straße ſich befand. Die Räumlichkeiten dieſer Wohnung waren ſo be⸗ ſchränkt, daß wir die Zwillinge, jetzt etwa acht oder neun Jahre alt, in einer Feldbettſtelle im Wohnzimmer der Familie ruhend antrafen, wo Mr. Micawber in einem Waſchbecken„ein Gebräu“ von dem angenehmen Getränke bereitet hatte, wegen deſſen er berühmt war. Ich hatte bei dieſer Gelegenheit das Vergnügen, meine Bekanntſchaft mit Musje Micawber zu erneuern, wel⸗ cher ein vielverſprechender Knabe von etwa zwölf bis dreizehn Jahren und jener Raſtloſigkeit der Gliedma⸗ ßen, die an Jünglingen ſeines Alters eine nicht ſeltene Erſcheinung iſt, ſehr unterworfen war. Ebenſo wurde 136 David Kopperfield. ich mit ſeiner Schweſter, Miß Micawber, noch ein⸗ mal bekannt, in welcher, wie Mr. Micawber uns er⸗ zählte,„ihre Mutter ihre Jugend erneuerte, gleich dem Phönir“. „Mein lieber Kopperfield,“ ſagte Mr. Micawber, „Sie und Herr Traddles finden uns auf dem Sprunge, auszuwandern und wollen daher alle Unbequemlichkeiten entſchuldigen, welche mit dieſem Umſtande zuſammen⸗ fallen.“ Ich warf, indem ich eine paſſende Antwort gab, einen Blick um mich und bemerkte, daß die Effecten der Familie bereits gepackt waren, und daß der Betrag des Gepäcks durchaus nicht über die Maßen groß war. Ich beglückwünſchte Mrs. Micawber wegen des nahe bevorſtehenden Wechſels. „Mein lieber Herr Kopperfield,“ ſagte Mrs. Mi⸗ cawber,„Ihrer freundlichen Theilnahme an allen un⸗ ſern Angelegenheiten halte ich mich verſichert. Meine Familie mag es als eine Verbannung betrachten, wenn es ihnen beliebt; aber ich bin Gattin und Mutter, und nie werde ich Micawber verlaſſen!“ Traddles, den Mrs. Micawbers Auge zur Billi⸗ gung des Geſagten aufforderte, ertheilte dieſe Billigung ſchweigend und mit Gefühl. „Das,“ ſagte Mrs. Micawber,„iſt zum Minde⸗ ſten meine Anſicht, mein lieber Herr Kopperfield und Herr Traddles— meine Meinung von der Verpflichtung, die ich auf mich nahm, als ich die unwiderruflichen Worte wiederholte: Ich, Emma, nehme Dich, Wilkins, zu meinem Ehemanne. Ich überlas die gottesdienſtliche Feierlichkeit geſtern Nacht bei einem Inſeltlichte, und der Schluß, den ich daraus zog, war der, daß ich nie Micawber verlaſſen könnte. Und,“ ſetzte Mrs. Micaw⸗ David Kopperfield. 137 ber hinzu,„wenn ich auch möglicher Weiſe in meiner Anſicht von der Ceremonie nicht den rechten Verſtand habe, ſo werd' ich's doch nimmer thun.“ „Meine Liebe,“ verſetzte Mr. Micawber ein wenig ungeduldig,„ich wüßte nicht, daß Jemand erwartete, Du werdeſt etwas Derartiges thun.“ „Ich bin mir bewußt, mein lieber Herr Kopper⸗ field,“ fuhr Mrs. Micawber fort,„daß ich jetzt im Begriffe ſtehe, mein Schickſal unter Fremde zu verſetzen, und ich weiß ebenſo, daß die verſchiedenen Glieder mei⸗ ner Familie, an die Micawber in den anſtändigſten Ausdrücken geſchrieben und ihnen dieſe Thatſache ange⸗ zeigt hat, von Micawbers Mittheilung nicht die geringſte Notiz genommen haben. Ich mag allerdings abergläu⸗ biſch ſein,“ ſagte Mrs. Micawber,„aber es dünkt mich, daß Micawber beſtimmt iſt, auf die große Mehrzahl der Mittheilungen, die er ſchreibt, nicht die kleinſte Ant⸗ wort zu erhalten. Ich kann aus dem Stillſchweigen meiner Familie errathen, daß ſie gegen den Entſchluß ſind, den ich gefaßt habe; aber ich würde mich nicht einmal von Papa und Mama, wenn ſie noch lebten, vom Pfade der Pflicht abbringen laſſen, Herr Kopper⸗ field.“ Ich drückte meine Meinung aus, daß dies ganz mit rechten Dingen zuginge. „Es mag ein Opfer ſein,“ fuhr Mrs. Miklwber fort,„ſein Selbſt in eine Landſtadt mit einer Kathe⸗ drale einzumauern; aber ſicherlich, Herr Kopperfield, wenn es ein Opfer für mich iſt, iſt's für einen Mann von Micawbers Fähigkeiten ein noch viel größeres Opfer.“ „Oh, Sie gehen alſo in eine Stadt, wo eine Ka⸗ thedrale iſt?“ fragte ich. 138 David Kopperfield. Mr. Micawber, der uns Alle mit Punſch aus dem Waſchbecken verſorgt hatte, entgegnete: „Nach Canterbury. In der That, mein lieber Kop⸗ perfield, ich bin Verpflichtungen eingegangen, kraft de⸗ ren ich unſerm Freunde Heep beizuſtehen und zu dienen verſprochen habe in der Eigenſchaft eines— nun— daß ich— ſein vertrauter Schreiber ſein werde.“ Ich ſtarrte Mr. Micawber an, der ſich ſehr an meinem Staunen ergötzte.. „Ich bin verpflichtet, Ihnen die Erklärung zu ge⸗ ben,“ ſagte er mit einer Amtsmiene,„daß das ge⸗ ſchäftskundige Benehmen und die klugen Winke von Madame Micawber in großem Maße zu dieſem Ergeb⸗ niß geführt haben. Der Fehdehandſchuh, auf den Ma⸗ dame Micawber bei einer frühern Gelegenheit hinwies, wurde der Welt in Form einer Zeitungsanzeige hinge⸗ worfen und von meinem Freunde Heep aufgehoben, was zu einer gegenſeitigen Wiedererkennung führte. Von meinem Freunde Heep,“ fuhr Mr. Micawber fort,„wel⸗ cher ein merkwürdig kluger Mann iſt, möchte ich mit aller möglichen Achtung ſprechen. Mein Freund Heep hat die eigentliche Vergütung nicht zu hoch geſtellt, aber er hat hinſichtlich der Aufhebung des Druckes pecuniä⸗ rer Verlegenheiten viel von dem Werthe meiner Dienſte abhängig gemacht, und auf den Werth dieſer Dienſte ſetze ich mein Vertrauen. Eine derartige Gewandtheit und Geſchicklichkeit, als ich glücklicherweiſe beſitze,“ ſagte Mr. Micawber, hochmüthig ſich ſpreizend mit der alten vornehmen Miene,„wird den Dienſten meines Freun⸗ des Heep gewidmet ſein. Ich habe bereits einige Kennt⸗ niß der Geſetze— als Vertheidiger im Civilproceß— und ich werde mich ohne Zögern über die Commentare eines der berühmteſten und hervorragendſten unſerer eng⸗ David Kopperfield. 139 liſchen Rechtskundigen hermachen. Ich glaube, es iſt unnöthig hinzuzufügen, daß ich damit auf Herrn Ju⸗ ſtice Blackſtone anſpiele.“ Dieſe Bemerkungen und ſogar der größere Theil der Wnrerkungen, die dieſen Abend gemacht wurden, unterbrach Mrs. Micawber durch die Entdeckung, daß Musje Micawber auf ſeinen Stiefeln ſaß, oder den Kopf mit beiden Armen hielt, als ob er ihn wackelig fühlte, oder zufällig Traddles unter dem Tiſche ſtieß, oder ſeine Füße übereinanderſchob, oder ſie in einer die Natur beleidigenden Entfernung von ſich zum Vorſchein brachte, oder ſeitwärts mit ſeinen Haaren unter den Weinglä⸗ ſern lag, oder die Raſtloſigkeit ſeiner Gliedmaßen in einer andern, mit den allgemeinen Intereſſen der Ge⸗ ſellſchaft unverträglichen Form ſpielen ließ;;— Entdeckun⸗ gen, welche Musje Micawber mit reuigem Gemüthe auf⸗ nahm. Ich faß die ganze Zeit über ruhig da, erſtaunt über Mr. Micawbers Eröffnung und mich verwundert fragend, was das zu bedeuten habe, bis Mrs. Micaw⸗ ber den Faden des Geſprächs wieder aufnahm und meine Aufmerkſamkeit beanſpruchte. „Was ich Micawbern beſonders ans Herz lege, daß er darauf Bedacht nehme,“ ſagte Mrs. Micawber, „iſt, daß er, indem er ſich dieſem untergeordneten Zweige der Rechtswiſſenſchaft widmet, mein lieber Herr Kop⸗ perfield, es nicht aus der Hand giebt, endlich bis auf den Gipfel des Baumes zu ſteigen. Ich bin überzeugt, daß Micawber, indem er ſich mit ganzer Seele einem ſeinen fruchtbaren geiſtigen Hülfsquellen und ſeinem Redefluſſe ſo anpaſſenden Berufe hingiebt, ſich auszeich⸗ nen muß. Er könnte zum Beiſpiel, Herr Traddles,“ ſagte Mrs. Micawber, indem ſie eine tiefſinnige Miene annahm,„ein Richter oder vielleicht ſogar ein Kanzler — 140 David Kopperfield. werden. Stellt ſich Jemand außerhalb der Grenzen der⸗ artiger Beförderungen, wenn er in ſolch ein Amt ein⸗ tritt, wie Micawber angenommen hat?“ „Meine Theure,“ bemerkte Mr. Micawber,— wo⸗ bei er jedoch ebenfalls fragend auf Traddles blickte,„wir haben Zeit genug vor uns zur Erwägung dieſer Fra⸗ gen.“ „Micawber,“ entgegnete ſie,„nein! Dein Fehler im Leben iſt, daß Du nicht weit genug in die Zukunft ſchauſt. Du biſt, um gegen Deine Familie, wo nicht gegen Dich ſelbſt gerecht zu ſein, verpflichtet, mit um⸗ faſſendem Blicke den äußerſten Punkt des Geſichtskreiſes in Erwägung zu nehmen, zu welchem Deine Fähigkei⸗ ten Dich leiten können.“ Mr. Micawber huſtete und trank ſeinen Punſch mit einer Miene unbegrenzter Genugthuung— wobei er noch immer auf Traddles blickte, als ob er deſſen Mei⸗ nung zu haben wünſchte. „Ei nun, der klar vorliegende Stand der Sache, Madame Micawber,“ verſetzte Traddles, indem er ihr auf ſchonende Weiſe die Wahrheit eröffnete,„wiſſen Sie, ich meine die wirkliche proſaiſche Thatſache—“ „Ganz recht ſo,“ unterbrach ihn Mrs. Micawber, „mein lieber Herr Traddles,„ich wünſche ſo proſaiſch und buchſtäblich als möglich zu ſein, wo es ſich um einen Gegenſtand von ſo großer Wichtigkeit handelt.“ „— Der Stand der Sache alſo iſt,“ fuhr Trad⸗ dles fort,„daß dieſer Zweig der Rechtskunde, ſelbſt wenn Herr Micawber ein regelmäßiger Sachwalter wäre—“ „Genau das meint' ich,“ entgegnete Mrs. Micaw⸗ ber.„Wilkins, Du ſchielſt ja und wirſt nicht im Stande ſein, Deine Augen zurückzukriegen.“ ———— — David Kopperfield. 141 „Damit nichts zu thun hat,“ fuhr Traddles fort. „Nur ein Advocat im Criminalfache iſt zu ſolchen Be⸗ förderungen wählbar, und Herr Micawber könnte kein ſolcher Advocat ſein, wenn er nicht fünf Jahre als Stu⸗ dent in eine Rechtsſchule eingetreten wäre.“ „Folge ich Ihrem Gedankengange?“ fragte Mrs. Micawber mit einer ſehr leutſeligen Amtsmiene.„Ver⸗ ſteh' ich Sie, mein lieber Herr Traddles,„wenn ich der Meinung bin, daß Micawber nach Verlauf dieſer Periode zum Richter oder Kanzler wählbar ſein würde?“ „Er würde wählbar ſein,“ erwiederte Traddles, mit ſtarkem Nachdrucke auf dies Wort. „Dank' Ihnen,“ ſagte Mrs. Micawber.„Das iſt völlig hinreichend. Wenn dies der Fall iſt und Mi⸗ cawber durch den Eintritt in jene Verpflichtungen kein Recht verſcherzt, ſo iſt meine Angſt beruhigt. Ich ſpreche,“ fuhr Mrs. Micawber fort,„nothwendiger Weiſe als ein Frauenzimmer, aber ich bin ſtets der Meinung ge⸗ weſen, daß Micawber Das beſitzt, was ich meinen Papa, als ich zu Hauſe lebte, den richterlichen Gemüthszug nennen hörte, und ich hoffe, daß Micawber jetzt ein Feld betritt, wo jener Zug ſich entwickeln und eine ach⸗ tunggebietende Stellung einnehmen wird.“ Ich bin des vollkommenen Glaubens, daß Mr. Mi⸗ cawber ſich mit dem Auge ſeines richterlichen Gemüths⸗ zugs bereits auf dem Wollſacke ſah. Er fuhr mit ſeiner Hand wohlgefällig über ſeinen kahlen Kopf und ſagte mit zur Schau getragener Ergebung in den Willen des Schickſals: „Meine Liebe, wir wollen den Beſtimmungen des Geſchicks nicht vorgreifen. Wenn es mie bevorſteht, die Perrücke eines Richters zu tragen, ſo bin ich wenig⸗ ſtens äußerlich darauf vorbereitet,“— eine Anſpielung ——— 142 David Kopperfield. auf ſeine Glatze.„Ich bedaure den Verluſt meiner Haare nicht, und es iſt möglich, daß ich zu einem be⸗ ſondern Zwecke derſelben beraubt worden bin. Ich kann's nicht ſagen. Es iſt meine Abſicht, mein lieber Kopper⸗ field, meinen Sohn zum Dienſte der Kirche zu erzie⸗ hen; ich will nicht läugnen, daß ich ſeinethalben glück⸗ lich ſein ſollte, dieſe hohe Stellung zu erreichen.“ „Zum Dienſte der Kirche?“ ſagte ich, indem ich währenddeſſen noch dann und wann über Uriah Heep nachſann. „Ja,“ erwiederte Mr. Micawber.„Er hat eine merkwürdig ſchöne Kopfſtimme und wird als Chorſän⸗ ger beginnen. Unſer Aufenthalt in Canterbury und un⸗ ſere örtlichen Verbindungen werden ihn ohne Zweifel in den Stand ſetzen, jede Vacanz zu benutzen, welche ſich in dem Corps der Domkirche ergiebt.“ Als ich wieder einen Blick auf Musje Micawber warf, ſah ich, daß er einen gewiſſen Geſichtsausdruck hatte, als ob ſeine Stimme ſich hinter ſeinen Augen⸗ brauen befände; wo ſie ſich auch gleich darauf zu befin⸗ den ſchien, als er uns(wie ein Entweder⸗Oder zwi⸗ ſchen dieſem und dem Zu⸗Bett⸗Gehen)„Es hackt der Specht am Baume“ ſang. Nach vielen ihm wegen die⸗ ſes Vortrags geſpendeten Complimenten geriethen wir auf eine allgemeine Unterhaltung, und da ich zu voll von meinen verzweifelten Entſchlüſſen war, um den Wech⸗ ſel in meinen Verhältniſſen für mich zu behalten, ſo machte ich Mr. und Mrs. Micawber damit bekannt. Ich kann nicht ausdrücken, wie außerordentlich erfreut ſie Beide über den Gedanken waren, daß meine Tante ſich in mißlichen Umſtänden befände, und wie behaglich und freundlich es ſie machte. Als wir beinahe zum letzten Herumgehen des Pun⸗ —— David Kopperfield. 143 ſches gekommen waren, wandte ich mich an Traddles und erinnerte ihn, daß wir uns nicht trennen dürften, ohne unſern Freunden Geſundheit, Glück und Erfolg auf ihrer neuen Laufbahn zu wünſchen. Ich bat Mr. Micawber, uns die Gläſer zu füllen und brachte den Toaſt in gehöriger Form aus, indem ich ihm über den Tiſch hinüber die Hand ſchüttelte und Mrs. Micawber küßte, damit ſie ſich dieſer ereignißvollen Gelegenheit erinnere. Traddles ahmte mir in dem erſten Punkte. nach, betrachtete ſich aber nicht als einen hinreichend alten Freund, um es mit dem zweiten zu wagen. „Mein lieber Kopperfield,“ ſagte Mr. Micawber, indem er ſich mit den beiden Daumen in ſeinen Weſten⸗ taſchen erhob,„der Gefährte meiner Jugend, wenn mir dieſer Ausdruck erlaubt iſt— und mein geſchätzter Freund Traddles, wenn es mir geſtattet iſt, ihn ſo zu nennen, wollen mir erlauben, Ihnen Seitens der Madame Mi⸗ cawber, meiner ſelbſt und unſerer Sproſſen in den wärmſten und unverhaltenſten Ausdrücken für ihre gu⸗ ten Wünſche zu danken. Man wird vielleicht erwar⸗ ten, daß ich am Vorabende einer Wanderung, welche uns in ein vollkommen neues Daſein einführen wird;“ Mr. Micawber ſprach, als ob ſie ſich fünfhunderttauſend Meilen weit wegbegeben wollten,„einige Abſchiedsbe⸗ merkungen an zwei ſolche Freunde richten werde, wie ich ſie vor mir ſehe. Aber Alles, was ich zu ſagen habe in dieſer Beziehung, habe ich geſagt. Welche Stellung in der Geſellſchaft ich dereinſt auch einnehmen werde durch die Vermittelung des gelehrten Berufs, von dem ich im Begriffe bin, ein unwürdiges Mitglied zu werden,— ich werde mich beſtreben, derſelben keine Schande zu machen, und Madame Micawber wird ſicher ſein, ſie zu zieren. Unter dem Drucke pecuniärer Ver⸗ 144 David Kopperfield. pflichtungen, eingegangen mit dem Hinblicke auf unver⸗ zügliche Berichtigung, aber noch unberichtigt durch das Zuſammentreffen von Umſtänden, bin ich genöthigt ge⸗ weſen, eine Verhüllung anzunehmen, vor welcher meine Natur Widerwillen empfindet— ich meine die Brille — und mich in Beſitz eines Zunamens zu ſetzen, auf welchen ich keinen geſetzlichen Anſpruch erheben kann. Alles, was ich in dieſer Rückſicht zu ſagen habe, iſt, daß die Wolke von der düſtern Scene gewichen iſt, und daß der Gott des Tages noch einmal auf den Gipfeln der Berge ſteht. Nächſten Montag, bei der Ankunft der um vier Uhr Nachmittags abgehenden Kutſche in Canterbury wird mein Fuß wieder auf heimatlichem Boden— mein Name wieder Micawber ſein!“ Mr. Micawber nahm nach dem Schluſſe dieſer Be⸗ merkungen ſeinen Sitz wieder ein und trank zwei Glä⸗ ſer Punſch in ernſter Aufeinanderfolge. Sodann ſagte er mit großer Feierlichkeit: „Noch etwas habe ich zu thun, bevor dieſe Tren⸗ nung vollzogen iſt, und das iſt, daß ich einen Act der Gerechtigkeit übe. Mein Freund, Herr Thomas Trad⸗ dles, hat bei verſchiedenen Gelegenheiten ſeinen Namen, wenn ich einen gewöhnlichen Ausdruck brauchen darf, unter zwei Wechſel geſetzt, deren ich mich bediente. Bei der erſten Gelegenheit wurde Herr Thomas Traddles— nun, laſſen Sie mich es kurz ſagen, im Stiche gelaſſen. Die Erfüllung der zweiten Verpflichtung iſt noch nicht eingetroffen. Der Betrag der erſten Verpflichtung,“ hier überblickte Mr. Micawber ſorgſam einige Papiere,„be⸗ lief ſich auf dreiundzwanzig Pfund, vier Schilling, neun und ein halb Pence; der der zweiten nach der Angabe meiner Bücher über dieſes Geſchäft, achtzehn Pfund, ſechs Schilling, zwei Pence. Dieſe Summen vereinigt David Kopperfield. 145 machen, wenn meine Rechnung ſtimmt, eine Totalſumme von einundvierzig Pfund, zehn Schilling, elf und ein halb Pence. Mein Freund Kopperfield wird mir viel⸗ leicht den Gefallen thun, die Summe zu prüfen.“ Ich that dies und fand es in der Ordnung. „Dieſe Metropole und meinen Freund, Herrn Tho⸗ mas Traddles, zu verlaſſen,“ fuhr Mr. Micawber fort, „ohne mich des pecuniären Theils dieſer Verpflichtung entledigt zu haben, würde auf meiner Seele unerträglich laſten. Ich habe derowegen für meinen Freund, Herrn Thomas Traddles, bereitet und halte anjetzt in meiner Hand— ein Document, welches dem gewünſchten Ge⸗ genſtande entſpricht. Ich bitte, meinen Freund, Herrn Thomas Traddles, dieſe meine Verſchreibung für ein⸗ undvierzig Pfund, zehn Schilling und elf und ein halb Pence zu Handen zu nehmen; und ich bin glücklich, meine ſittliche Würde wieder zu erlangen und zu wiſſen, daß ich wieder erhobenen Hauptes vor meinen Mit⸗ menſchen einhergehen darf.“ Mit dieſer Vorrede, welche ihn ſehr ergriff, legte Mr. Micawber ſeine Schuldverſchreibung in Traddles Hände und ſagte, er wünſche ihm in allen Schickſalen des Lebens das Beſte. Ich bin überzeugt, nicht nur, daß dies für Mr. Micawber ganz Daſſelbe war, als ob er das Geld bezahlt hätte, ſondern, daß auch Traddles kaum den Unterſchied inne ward, bis er Zeit hatte, darüber nachzudenken. Mr. Micawber ging auf Grund dieſer tugendhaften Handlung mit ſo hoch erhobenem Haupte vor ſeinen Mitmenſchen einher, daß ſein Bruſtkaſten noch ein halb Mal ſo breit ausſah, als er uns die Treppe hinunter⸗ leuchtete. Wir ſchieden mit großer Herzlichkeit auf beiden Seiten, und nachdem ich Traddles bis an ſeine Thür David Kopperfield. VI. 10 146 David Kopperfield. begleitet hatte und nun allein nach Hauſe ging, dachte ich unter den andern wunderlichen und widerſprechenden Dingen, die mir durch den Kopf gingen, auch daran, daß ich bei Mr. Micawbers Leichtſinne es wahrſcheinlich einer mitleidigen Erinnerung, die er an mich, ſeinen knaben⸗ haften Miethsmann bewahrte, zu danken hatte, daß ich von ihm nie um Geld angegangen worden war. Ich würde ſicherlich nicht den ſittlichen Muth gehabt haben, es ihm zu verweigern, und ich hege keinen Zweifel, daß er dies(zu ſeiner Ehre ſei es niedergeſchrieben) ſo gu wie ich wußte. 8 8 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Ein wenig kaltes Waſſer. Mein neues Leben hatte länger als eine Woche ge⸗ dauert, und ich war ſtärker als je in dieſen entſetzlich praktiſchen Entſchlüſſen, welche die Kriſis, wie ich fühlte, erforderte. Ich fuhr fort, äußerſt ſchnell zu gehen und eine allgemeine Vorſtellung zu hegen ,daß ich vorwärts käme. Ich machte mir es zur Regel, ſo viel aus mir zu nehmen, als ich in meiner Art, Alles zu thun, worauf ich meine Willenskraft richtete, möglicher Weiſe könnte. Ich opferte mich vollſtändig. Ich unterhielt ſogar die Idee, mich auf vegetabiliſche Nahrung zu be⸗ ſchränken, indem es mir dunkel vorſchwebte, daß ich durch meine Verwandlung in ein grasfreſſendes Weſen Dora ein Opfer bringen werde. Bis jetzt war die kleine Dora völlig ohne Wiſſen von meiner verzweifelten Charakterfeſtigkeit, nur meine Briefe hatten es ſie dunkel ahnen laſſen. Aber es kam ein zweiter Sonnabend, und an dieſem Sonnabend ſollte ſie des Abends bei der Miß Mills ſein, und ſobald Mr. Mills in ſeinen Whiſtelub gegangen ſei(was mir 10* 148 David Kopperfield. durch einen in das Mittelfenſter des Geſellſchaftszimmers geſetzten Vogelbauer in die Straße herabtelegraphirt wurde), ſollte ich dorthin zum Thee gehen. Während dieſer Zeit hatten wir uns in Bucking⸗ ham Street völlig eingerichtet. Mr. Dick ſetzte ſeine Abſchriften in einem Zuſtande vollkommener Glückſelig⸗ keit fort. Meine Tante hatte über Mrs. Crupp einen bedeutenden Sieg gewonnen, indem ſie ſie ausgezahlt, den erſten Waſſerkrug, welchen ſie auf die Treppe ge⸗ pflanzt, ohne Weiteres aus dem Fenſter geworfen hatte und in Perſon Treppe auf, Treppe ab einen Aufſeher beſchützte, den ſie von der äußern Welt gemiethet hatte. Dieſe kräftigen Maßregeln jagten dem Buſen der Mrs. Crupp einen ſolchen Schreck ein, daß ſie mit dem Ein⸗ drucke, meine Tante ſei verrückt, ſich in ihre Küche zurückzog. Da meiner Tante die Anſicht der Mrs. Crupp wie die aller andern Leute höchſt gleichgültig war, und ſie dieſelbe eher begünſtigte als entmuthigte, ſo wurde die noch vor Kurzem ſo kühne Mrs. Crupp innerhalb weniger Tage ſo zahm und zart, daß ſie, anſtatt ſich meiner Tante auf der Treppe entgegenzuſtellen, ihre ſtämmige Geſtalt vielmehr hinter Thüren zu verſtecken (wobei ſie jedoch den weiten Rand eines flanellnen Unterrocks ſichtbar ließ) oder in dunkle Winkel zurück⸗ zufahren pflegte. Dies gab meiner Tante eine ſolche unausſprechliche Genugthuung, daß ich glaube, ſie hatte ihre Luſt daran, ihre Haube wie verrückt auf den Scheitel ihres Kopfes geſchoben, zu den Zeiten die Treppe auf und ab zu wandeln, wo ſie vermuthete, daß ihr Mrs. Crupp in den Weg gerathen werde. Meine Tante, die ungemein ſauber und erfindungs⸗ reich war, traf in unſern häuslichen Einrichtungen ſo viele kleine Verbeſſerungen, daß ich reicher zu ſein ſchien ☛‿ David Kopperfield. 149 ſtatt ärmer. Unter andern verwandelte ſie das Speiſe⸗ kämmerchen in ein Ankleidezimmer für mich und kaufte und verſchönerte eine Bettſtelle zu meinem Gebrauch, welche bei Tage ſo ſehr wie ein Bücherſchrank ausſah, als dies eine Bettſtelle nur konnte. Ich war der Ge⸗ genſtand ihrer ſteten Sorge, und meine arme Mutter ſelbſt hätte mich nicht mehr lieben oder mehr darauf ſinnen können, wie ſie mich glücklich machte. Peggotty hatte es für ein großes Privilegium ge⸗ halten, daß man ihr erlaubt, an dieſen Arbeiten Theil zu nehmen, und obſchon ſie immernoch etwas von ihrer einſtigen Scheu vor meiner Tante behalten hatte, ſo waren ihr doch ſo viele Beweiſe von Aufmunterung und Vertrauen zu Theil geworden, daß ſie die beſten Freunde von der Welt waren. Aber die Zeit war nun gekom⸗ men(im ſpreche von dem Sonnabende, wo ich im Hauſe der Miß Mills den Thee einnehmen ſollte), wo es für ſie nothwendig geworden war, nach Hauſe zurückzukeh⸗ ren und in die Ausübung der Pflichten einzutreten, die ſie in Bezug auf Ham übernommen. „Na, Gott behüte Sie, Barkis,“ ſagte meine Tante, „und nehmen Sie ſich in Acht, daß ihnen nichts paſ⸗ ſirt. Ich hätte wahrhaftig nimmer gedacht, daß ich mich über die Trennung von Ihnen betrüben könnte.“ Ich führte Peggotty in die Poſtexpedition und ſah ſie abfahren. Sie weinte laut beim Abſchiede und em⸗ pfahl ihren Bruder meiner Freundſchaft, wie Ham ge⸗ than hatte. Wir hatten ſeit jenem ſonnigen Nachmit⸗ tage, wo er fortging, nichts von ihm gehört. „Und nun, mein liebes, beſtes Herzensdavchen,“ ſagte Peggotty,„wenn Du, ſo lange Du auf die Lehre biſt, Geld brauchen thäteſt, oder wenn Du, ſobald Deine Zeit um iſt, welches haben mußt, um ein Geſchäft ein⸗ 150 David Kopperfield. zurichten(und Du mußt Eins oder das Andere oder alles Beides thun, mein Herzensjüngelchen), wer hat dann ein ſo gutes Recht, Dich um Erlaubniß zu bitten, daß er Dir welches borgen kann, als meinem lieben Weibchen ihr altes dummes Weibsbild, ich?“ Ich war nicht ſo unbändig unabhängig, daß ich darauf etwas Anderes hätte entgegnen können, als wenn ich je von Jemandem Geld borgen müßte, ſo würde ich es von ihr borgen. Ich glaube, daß dies Peggotty mehr Troſt gewährte, als irgend etwas Anderes hätte gewähren können, ich müßte denn gleich auf der Stelle eine tüchtige Summe Geldes angenommen haben. „Und mein Guter,“ flüſterte Peggotty,„ſage doch dem hübſchen Engelchen, daß ich mich gefreut haben würde, ſie, wenn auch nur auf eine Minute ſehen zu können! Und ſag' ihr, daß ich, ehe ſie meinen Jungen heirathet, kommen und Euer Haus, ach ſo ſchön für Euch machen will, wenn Ihr mich laſſen wollt.“ Ich erklärte, daß kein Menſch außer ihr es nur anrühren ſollte, und dies machte Peggotty ſo glücklich, daß ſie in guter Stimmung fortging. Ich mühte mich den ganzen Tag in den Commons, ſo ſehr als ich möglicher Weiſe konnte, mit allerhand Plänen ab und ſtellte mich um die ausgemachte Zeit am Abend in Mr. Mills' Straße ein. Mr. Mills, welcher ein ſchrecklicher Menſch war mit ſeinem Einſchla⸗ fen nach Tiſche, war noch nicht ausgegangen, und es befand ſich kein Vogelbauer in dem Mittelfenſter. Er ließ mich ſo lange warten, daß ich glühend hoffte, der Club würde ihm für ſein langes Außenbleiben eine Geldſtrafe zuerkennen. Endlich kam er heraus, und dann ſah ich meine Dora ſelbſt den Vogelbauer aufhängen und auf den Balcon herauslugen, um ſich nach mir David Kopperfield. 151 umzuſehen, und wieder hineinlaufen, als ſie ſah, daß ich da war, während Zig zurückblieb, um beleidigen⸗ der Weiſe einen ungeheuren Fleiſcherhund unten in der Straße anzubellen, der ihn wie eine Pille hätte ver⸗ ſchlucken koͤnnen. Dora ſchritt mir bis an die Thür des Geſellſchafts⸗ zimmers entgegen, und Zig kam ſtrampelnd heraus und gerieth in der Meinung, ich ſei ein Bandit, über ſein eignes Geknurr in Verwirrung, und wir alle Drei gin⸗ gen hinein ſo voll Glück und Liebe, als es nur denk⸗ bar war. Ich brachte bald(nicht daß ich dies zu thun beabſichtigt hätte, aber weil ich ſo voll von dem Ge⸗ genſtande war) Mißſtimmung in unſere Freude, indem ich Dora ohne die geringſte Vorbereitung fragte, ob ſie einen Bettler zu lieben im Stande ſei. Meine hübſche kleine erſchrockene Dora! Der ein⸗ zige Begriff, den ſie mit dem Worte verband, war ein gelblich bleiches Geſicht und eine Zipfelmütze oder ein paar Krücken oder ein hölzernes Bein oder ein Hund mit einem Karaffinenſtand im Maule, oder ſo etwas der Art, und ſie ſtarrte mich mit der luſtigſten verwunder⸗ ten Miene an. „Wie kannſt Du mich nur ſo etwas Närriſches fra⸗ gen!“ fuhr Dora heraus.„Einen Bettler lieben!“ „Dora, meine Theuerſte!“ ſagte ich.„Ich bin ein Bettler!“ „Wie kannſt Du nur ſolch ein abgeſchmackter Menſch ſein,“ erwiederte Dora, indem ſie mich auf die Hand klapſte,„hier zu ſitzen und ſolche dumme Geſchichten zu erzählen? Ich werde Zig ſagen, daß er Dich beißt.“ Ihre kindiſche Art ſich zu benehmen war für mich die wonnigſte Art von der Welt, aber es war noth⸗ 152 David Kopperfield. wendig, hier offen mit der Sprache herauszugehen, und ſo wiederholte ich: „Dora, mein Leben, ich bin Dein zu Grunde ge⸗ richteter David!“ „Ich erkläre Dir, daß ich Zig auf Dich hetzen werde,“ ſagte Dora, indem ſie ihre Locken ſchüttelte,„wenn Du Dich ſo lächerlich benimmſt.“ Aber ich ſah ſo ernſthaft aus, daß Dora das Schüt⸗ teln ſein ließ und ihr zitterndes Händchen auf meinen Arm legte und zuerſt eine verwirrte und ängſtliche Miene machte und dann laut zu weinen begann. Das war ent⸗ ſetzlich. Ich fiel vor dem Sopha auf meine Knie, ſchmei⸗ chelte und ſtreichelte und bat ſie flehentlich, mir nicht das Herz zu brechen; aber einige Zeit lang that die arme kleine Dora nichts, als daß ſie ausrief: O wehe, wehe! Und oh, wie ſie ſich fürchte! Und wo Julia Mills wäre! Und oh, ich ſollte doch ſo gut ſein und ſie zu Julia Mills führen und fortgehen— bis ich zuletzt ſchier außer mir gerieth. Endlich nach einem wahren Todeskampfe zwiſchen fle⸗ hentlichen Bitten meinerſeits und Weigerungen ihrerſeits brachte ich Dora dahin, daß ſie mich mit einem entſetzten Geſichtsausdrucke anſah, welchen ich allmählig milderte, bis er nur noch Liebe war und ihre weiche, ſchöne Wange an der meinen lag. Dann erzählte ich ihr, meine Arme um ſie geſchlagen, wie ich ſie ſo herzlich, ach ſo herzlich liebe; wie ich es für Recht hielte, ſie von ihrem Angelöbniß zu entbinden, weil ich jetzt arm ſei; wie ich es nie er⸗ tragen und mich nie davon erholen könnte, wenn ich ſie verlöre; wie ich keine Furcht vor der Armuth hätte, wenn ſie keine habe, indem mein Arm ſtark und mein Herz voll Begeiſterung für ſie ſei; wie ich bereits mit einem Muthe arbeite, den nur Liebende kennten; wie — „ V David Kopperfield. 153 ich begonnen hätte praktiſch zu ſein und in die Zu⸗ kunft zu blicken; wie eine im Schweiße des Angeſichts erworbene Brotrinde weit beſſer ſchmecke, als ein ge⸗ erbter Schmaus, und noch viel mehr zu demſelben Zwecke, was ich Alles in einem Ausbruche leidenſchaftlicher Be⸗ redſamkeit vortrug, der mich völlig in Erſtaunen ver⸗ ſetzte, obſchon ich die ganze Zeit, ſeit meine Tante mir die Schreckensbotſchaft mitgetheilt, Tag und Nacht dar⸗ über nachgegrübelt hatte. „Iſt Dein Herz immernoch mein?“ ſagte ich be⸗ geiſtert; denn ich ward an ihrem Anſchmiegen an mich inne, daß dies der Fall ſei. „Oh ja!“ ſchrie Dora.„O ja wohl, es iſt ganz Dein. Oh, ſei nur nicht ſo entſetzlich!“ Ich ſollte entſetzlich ſein! Meiner Dora entſetzlich! „Sprich mir nicht von Armſein und harter Ar⸗ beit!“ ſagte Dora, indem ſie ſich näher an mich ſchmiegte. „Oh, bitte, nein, thu' das nicht!“ „Meine theuerſte Geliebte,“ entgegnete ich;„eine im Schweiße des Angeſichts erworbene Brotrinde—“ „Oh ja; aber ich mag nichts mehr von Brotrinden hören!“ ſagte Dora.„Und Zig muß alle Tage um zwölf Uhr ein Schöpſencotelett haben, ſonſt wird er ſterben.“ Ich war ganz bezaubert von ihrem kindiſchen, ge⸗ winnenden Weſen. Ich ſetzte ihr zärtlich auseinander, daß Zig ſein Schöpscotelett mit gewohnter Regelmäßig⸗ keit haben ſollte. Ich malte ihr das Bild unſerer ein⸗ fachen Häuslichkeit aus, die durch meine Arbeit unab⸗ hängig ſein würde, und ſkizzirte ihr dabei das Häus⸗ chen, welches ich zu Highgate geſehen hatte, und meine Tante in ihrer Stube eine Treppe oben. „Jetzt bin ich doch wohl nicht mehr entſetzlich, Dora?“ fragte ich zärtlich. 154 David Kopperfield. „Oh nein, nein!“ rief Dora.„Aber ich hoffe, Deine Tante wird ſich viel auf ihrer eignen Stube auf⸗ halten! Und ich hoffe, ſie iſt kein zänkiſches altes Ding.“ Wenn es noch möglich war, Dora mehr denn je zu lieben, ſo that ich es wahrhaftig. Aber ich fühlte, daß ſie ein wenig ſchwer zu behandeln ſei. Es dämpfte meinen neugebornen Eifer, als ich fand, daß dieſer Eifer ihr ſo ſchwer mitzutheilen ſei. Ich machte noch einen Verſuch. Als ſie ganz wieder zu ſich gekommen und eben im Begriffe war, Zigs Ohren in Löckchen zu drehen, während er auf ihrem Schooße lag, wurde ich ernſt und ſagte: „Mein Herz, darf ich etwas vorbringen?“ „Oh bitte, ſei nicht praktiſch!“ ſagte Dora in ſchmei⸗ chelndem Tone.„Weil mich's ſo in Furcht ſetzt.“ „Süßes Herz,“ entgegnete ich,„in alledem iſt nichts, was Dich erſchrecken knnte. Ich wollte, Du dächteſt darüber ganz anders. Ich möͤchte, daß es Dich kräftigte und mit tapfern Vorſätzen erfüllte, Dora!“ „Oh, aber das iſt ja ſo ſchrecklich!“ ſchrie Dora. „Meine Liebe, nein. Ausdauer und Charakterſtärke werden uns in den Stand ſetzen, viel ſchlimmere Dinge zu ertragen.“ „Aber ich beſitze überhaupt gar keine Stärke,“ ſagte Dora, ihre Locken ſchüttelnd.„Hab' ich welche, Zig? Oh, gteb Zig einen Kuß und ſei nicht ſo häßlich.“ Es war unmöglich, ſich zu weigern und Zig nicht zu küſſen, als ſie mir ihn zu dieſem Zwecke hinhielt, und ihr eignes heiter lächelndes roſiges Mündchen in die Form des Küſſens zuſammenzog, als ſie die Ope⸗ ration, welche ſte durchaus ſymmetriſch vollzogen haben wollte, auf das Centrum ſeiner Naſe richtete. Ich that, wie ſie mir geheißen— wobei ich mich ſpäter für mei⸗ — David Kopperfield. 155 nen Gehorſam bezahlt machte— und ſie zauberte mich, ich weiß nicht, auf wie lange, aus meiner ernſtern Rolle heraus. „Aber Dora, meine Geliebte,“ verſetzte ich, mein Thema zuletzt wieder aufnehmend.„Ich war im Be⸗ griff, Dir etwas vorzuſtellen.“ Selbſt der Richter des Prärogativ⸗Gerichtshofs würde ſich in ſie verliebt haben, hätte er geſehen, wie ſie ihre Händchen faltete und in die Höhe hob und mich bat und flehte, nicht mehr entſetzlich ſein zu wollen. „Ich habe das wahrlich nicht im Sinne, mein Lieb⸗ ling!“ verſicherte ich ihr.„Aber Dora, meine Liebe, wenn Du manchmal daran denken willſt— weißt Du, nicht in Verzweiflung, weit entfernt davon!— ſondern wenn Du manchmal— gerade um Dich zu ermuthi⸗ gen— dächteſt— daß Du die Verlobte eines armen Mannes biſt—“ „Laß das, laß das! Oh bitte, laß das!“ ſchrie Dora.„Es iſt gar ſo entſetzlich!“ „Mein Leben, nicht im Mindeſten!“ ſagte ich hei⸗ ter.„Wenn Du manchmal daran denken und dann und wann Dich in der Haushaltung Deines Papas umſehen und Dich beſtreben wollteſt, Dir ein wenig Bekanntſchaft zu verſchaffen mit— nun zum Beiſpiel mit den Marktpreiſen—“ Die arme kleine Dora nahm dieſen Rath mit etwas auf, das halb ein Seufzer und halb ein Kreiſchen war. „— Es würde uns das ſpäter ſo nützlich ſein,“ fuhr ich fort.„Und wenn Du mir verſprechen woll⸗ teſt, ein kleines— ein kleines Kochbuch zu leſen, das ich Dir ſenden würde, ſo würde das für uns Beide ſo vortrefflich ſein. Denn unſer Lebenspfad, meine Dora,“ ſagte ich, bei dem Gegenſtande warm werdend,„iſt 156 David Kopperfield. nun ſteinig und rauh, und es liegt uns ob, ihn zu ebnen. Wir müſſen uns vorwärts kämpfen. Wir müſ⸗ ſen tapfer ſein. Es giebt Hemmniſſe auf demſelben, denen wir kühn ins Geſicht ſehen, und die wir zer⸗ malmen müſſen.“ Ich ging mit haſtigem Schritte, zuſammengekrampf⸗ ter Hand und höchſt begeiſterten Zügen weiter, aber es war völlig unnöthig, weiter zu ſchreiten. Ich hatte ge⸗ nug geſagt. Ich hatte es abermals gethan. Oh, wie erſchrocken war ſie! Oh, wo war Julia Mills! Oh, ich ſollte ſie zu Julia Mills führen und fortgehen! Und das ging ſo weiter, daß ich ganz außer mir war und wie ein Verrückter im Geſellſchaftszimmer herumraſte. Ich dachte, ich hätte ſie diesmal umgebracht. Ich ſpritzte ihr kaltes Waſſer ins Geſicht. Ich ſank auf die Knie. Ich raufte mir die Haare. Ich klagte mich ſelbſt als einen gewiſſenloſen Unmenſchen und einen gefühllo⸗ ſen Kerl an. Ich bat ſie flehentlich um Verzeihung. Ich flehte ſie an, doch nur die Augen außzuſchlagen. Wüthend durchſtöberte ich das Arbeitskäſtchen der Miß Mills nach einem Riechfläſchchen, und ergriff ſtatt deſ⸗ ſen ein elfenbeinernes Nadelbüchschen und ſchüttelte alle die Nadeln über Dora. Ich drohte Zig mit meinen Fäuſten, welcher ſich ſo toll und thöricht geberdete als ich ſelbſt. Ich trieb allerhand wahnwitziges Zeug nach der Möglichkeit und war ein gutes Stück jenſeits der Grenze meines Verſtandes, als endlich Miß Mills ins Zimmer trat. „Wer hat das gethan?“ ſchrie Miß Mills, indem ſie ihrer Freundin zu Hülfe eilte. Ich erwiederte:„Ich, Fräulein Mills! Ich habe es gethan! Sehen Sie, hier iſt der Böſewicht, der ſie umgebracht hat!“— oder Worte von ähnlicher Be⸗ David Kopperfield. 157 deutung, und verbarg mein Geſicht vor dem Lichte in die Kiſſen des Sophas. Zuerſt dachte Miß Mills, es ſei ein Zank und wir näherten uns der Wüſte Sahara, aber ſie entdeckte bald, wie die Sachen ſtanden; denn meine theure, liebevolle, kleine Dora begann, indem ſie ſie umarmte, auszuru⸗ fen, daß ich„ein armer Tagelöhner“ ſei; und dann ſchrie ſie nach mir und umarmte mich und fragte, ob ich ihr geſtatten wollte, mir all ihr Geld zu geben; und dann fiel ſie Miß Mills um den Hals und ſeufzte, als ob ihr zärtliches Herz gebrochen ſei. Miß Mills mußte geboren worden ſein, um für uns ein Segen zu werden. Sie verſicherte ſich in wenigen Worten von mir, um was es ſich Alles handelte, tröſtete Dora, überzeugte ſie nach und nach, daß ich kein Ta⸗ gelöhner ſei— nach meiner Art, die Sache vorzutra⸗ gen, ſchloß Dora, glaub' ich, daß ich ein Schiffersmann geworden ſei und den ganzen Tag mit einem Schubkarren auf einer ſchwankenden Planke auf- und abfahre— und brachte uns ſo in Frieden zuſammen. Als wir ganz beruhigt waren und Dora hinaufgegangen war, um ſich etwas Roſenwaſſer auf ihre verweinten Augen zu thun, klingelte Miß Mills nach dem Thee. In der hierauf folgenden Zwiſchenzeit ſagte ich Miß Mills, daß ſie ſtets und ewig meine Freundin ſei, und daß mein Herz erſt zu ſchlagen aufhören müſſe, ehe ich ihr Mit⸗ gefühl vergeſſen könnte. Ich ſetzte dann Miß Mills das auseinander, was ich mit ſo üblem Erfolge Dora auseinanderzuſetzen ver⸗ ſucht hatte. Miß Mills erwiederte, auf Grund allge⸗ meiner Sittenlehre, daß die Hütte voll Zufriedenheit beſſer als der Palaſt voll kalter Pracht ſei, und daß wo Liebe wäre, Alles wäre. 158 David Kopperfield. Ich ſagte zu Miß Mills, daß dies ſehr wahr ſei, und daß Niemand dies beſſer wiſſe als ich, der ich Dora mit einer Gluth liebe, von der bis jetzt noch nimmer ein Sterblicher etwas erfahren. Als aber Miß Mills zagen⸗ den Tones bemerkte, daß es für manches Herz wahrlich gut ſein würde, wenn ſich's ſo verhielte, ſo erklärte ich, daß ich um Erlaubniß bäte, die Bemerkung auf die Sterblichen männlichen Geſchlechts zu beſchränken. Ich legte dann Miß Mills die Frage vor, mir zu ſagen, ob ein oder kein praktiſches Verdienſt in dem Rathe gelegen habe, den ich mich in Bezug auf die Marktpreiſe, die Haushaltung und das Kochbuch Dora zu ertheilen beeilt hatte. Miß Mills entgegnete nach einiger Ueberlegung: „Herr Kopperfield, ich will aufrichtig mit Ihnen ſein. Geiſtige Leiden und Prüfungen erſetzen in man⸗ chen Naturen die Stelle von Jahren, und ich will ſo aufrichtig mit Ihnen ſein, als ob ich eine Frau Aeb⸗ tiſſin wäre. Nein. Jener Rath paßt nicht für unſere Dora. Unſere theuerſte Dora iſt ein Lieblingskind der Natur. Sie iſt ein Weſen gewebt von Licht, Heiter⸗ keit und Freude. Ich darf zugeſtehen, daß es gut ſein würde, wenn es ſich thun ließe, aber—“ Und Miß Mills ſchüttelte ihr Haupt. Ich wurde durch dieſes ſchließliche Zugeben auf Sei⸗ ten der Miß Mills ermuthigt, ſie zu fragen, ob ſie Dora's wegen, wenn ſich ihr eine Gelegenheit böte, ihre Aufmerkſamkeit auf ſolche Vorbereitungen für ein ernſt⸗ haftes Leben zu richten, ſich derſelben bedienen würde. Miß Mills gab eine bejahende Antwort ſo unverzüg⸗ lich, daß ich ſie weiter fragte, ob ſie wohl das Koch⸗ buch in Empfang nehmen und, wenn ſie je Dora ver⸗ mögen könne, es anzunehmen, ohne ſie dadurch zu äng⸗ 2,— David Kopperfield. 159 ſtigen, es unternehmen wolle, mir dieſen Dienſt über alle Dienſte zu thun. Miß Mills nahm dieſen Auftrag ebenfalls an, war aber dabei nicht ſo ſanguiniſch. Und Dora kehrte zurück und ſah ſo lieblich und niedlich aus, daß ich wirklich zweifelte, ob man ſie mit etwas ſo Gewöhnlichem beläſtigen dürfe. Und ſie liebte mich ſo ſehr und war ſo gewinnend(vorzüglich wenn ſie Zig ſich nach einem Zwieback auf die Hinterbeine ſtellen ließ und that, als hielte ſie jene ſeine Naſe zur Strafe dafür, daß er nicht wollte, gegen den heißen Theetopf), daß mir, als ich daran dachte, daß ich ſie erſchreckt und zum Weinen veranlaßt, wie einer Art Unhold zu Muthe war, der in die Laube einer Fee⸗ gerathen ſei. Nach dem Thee wurde Guitarre geſpielt, und Dora ſang jene ſelben alten lieben franzöſtſchen Lieder von der Unmöglichkeit, jemals um irgend einer Urſache willen das Tanzen zu laſſen, La ra la, La ra la, bis ich mir wie ein noch größerer Unhold als vorher vorkam. Wir hatten nur noch eine Störung unſerer Luſt, und dieſe fand ein Weilchen, ehe ich mich verabſchiedete, ſtatt, als ich auf eine zufällige Anſpielung der Miß Mills auf morgen früh unglücklicher Weiſe mich verſchnappte, daß ich jetzt, verpflichtet fleißig zu ſein, um fünf Uhr des Morgens aufſtünde. Ob Dora dabei die Vorſtel⸗ lung hatte, ich ſei ein Nachtwächter, kann ich nicht ſa⸗ gen, aber es machte großen Eindruck auf ſie, und ſie ſpielte weder noch ſang ſie irgendmehr. Es lag ihr immernoch im Sinne, als ich Adieu ſagte, und ſie rief mir in ihrer niedlichen, ſchmeichelnden Weiſe — mir kam's immer ſo vor, als wäre ich dabei ihre Puppe— zu:„Na, ſteh' mir aber nicht um fünf auf, Du garſtiger Junge.'s iſt ſo unſinnig!“ 160 David Kopperfield. „Meine Liebe,“ entgegnete ich,„ich habe zu ar⸗ beiten.“ i „Nun, ſo thu's doch nicht,“ erwiederte Dora; „warum ſollteſt Du es?“ Es war unmöglich, zu dieſem holden, verwunder⸗ ten Geſichtchen anders als leichthin und ſcherzhaft zu ſa⸗ gen, daß wir arbeiten müßten, um zu leben. „Oh! Wie lächerlich!“ rief Dora aus. „Wie werden wir ohne zu arbeiten leben, Dora?“ fragte ich. „Wie? Nun irgendwie,“ entgegnete Dora. Sie ſchien zu denken, daß ſie damit die Frage völ⸗ lig beigelegt hätte und gab mir ſolch ein triumphiren⸗ des Küßchen geradewegs von ihrem unſchuldigen Her⸗ zen, daß ich ihr nicht um ein Vermögen ihren Stolz genommen haben könnte. Nun denn, ich liebte ſie und fuhr fort, ſie zu lie⸗ ben, über Alles, über und über und ganz und gar. Da ich aber auch mit ziemlich fleißigem Arbeiten fort⸗ fuhr und geſchäftig alle die Eiſen glühend erhielt, die ich jetzt im Feuer hatte, pflegte ich oft des Nachts meiner Tante gegenüber zu ſitzen, und nachzudenken, wie ich damals Dora erſchreckt, und wie ich am Beſten meiner Straße mit einem Guitarrenfutteral durch den Wald der Schwierigkeiten ziehen könnte, bis ich mir endlich einbildete, daß mein Kopf ganz grau würde. Ende des ſechsten Theils. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. 1