Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von 3.. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.. e d Leih- und SJeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Üyr bis Abends 8 Uyr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von G jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ) 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 6. Schadenersatz. 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Fünfter Theil. N Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Gute und böſe Engel. Ich wollte nach dieſem beklagenswerthen Tage voll Kopfſchmerz und phyſiſchen wie moraliſchen Katzen⸗ jammer, mit einer wunderlichen Verwirrung der Begriffe hinſichtlich des Datums meines Schmauſes, wie wenn eine Schaar Titanen einen gewaltigen Hebebaum genom⸗ men und den vorgeſtrigen Tag um mehrere Monate in die Vergangenheit zurückgeſchoben hätten, eben aus mei⸗ ner Thür gehen, als ich einen Ausläufer mit einem Briefe in der Hand die Treppe heraufkommen ſah. Er nahm ſich Zeit mit ſeinem Auftrage; als er mich jedoch oben auf der Treppe ſtehen und über das Geländer auf ihn herabſchauen ſah, ſchlug er ſogleich einen Trab an und kam keuchend und ſchnaubend herauf, als ob er ſich durch ſein Rennen völlig erſchöpft habe. „T. Kopperfield, Wohlgeboren,“ ſagte der Ausläufer, indem er ſeinen Hut mit einem kleinen Stöckchen berührte. Ich vermochte mich kaum zu dem Namen zu bekennen, ſo ſtörte meine Sinne die Ueberzeugung, daß der Brief 1* 4 David Kopperfield. von Agnes kam. Indeß verſicherte ich ihm doch, daß ich der T. Kopperfield, Wohlgeboren ſei, was er denn auch glaubte und mir den Brief, der, wie er ſagte, eine Antwort verlange, übergab. Ich ſchloß die Thür, hieß ihn draußen auf dem Treppenabſatze auf die Antwort warten, und ging wieder in meine Zimmer; wo ich mich in ſolch einem aufgeregten Zuſtande befand, daß ich große Luſt hatte, den Brief ein Weilchen auf meinen Frühſtücks⸗ tiſch zu legen und mich erſt mit der Außenſeite deſſelben ein wenig vertraut zu machen, ehe ich mich entſchloß, das Siegel zu brechen. Als ich ihn wirklich öffnete, fand ich, daß er einige ſehr freundliche Zeilen enthielt, welche nicht die geringſte Beziehung auf meinen Zuſtand im Theater hatten. Alles was er ſagte, war:„Mein lieber Trotwood. Ich halte mich im Hauſe des Agenten meines Vaters, Mr. Water⸗ brook, in Ely⸗Place, Holborn auf. Willſt Du heute kom⸗ men und mich beſuchen? Beſtimme irgend eine Zeit, die Dir beliebt, und Du ſollſt mich zu Hauſe treffen. Ewig Deine treue Freundin Agnes.“ Es koſtete mich ſo viel Zeit, eine Antwort, die mir ganz geſiel, aufs Papier zu bringen, daß ich nicht weiß, was der Ausläufer gedacht haben muß, er müßte denn gemeint haben, daß ich erſt ſchreiben lernte. Ich muß mindeſtens ein halb Dutzend Antworten geſchrieben ha⸗ ben. Eine begann ich:„Wie kann ich je hoffen, meine gute Agnes, aus Deinem Gedächtniſſe den abſcheulichen Eindruck zu verwiſchen, welchen—“ bauz, da gefiel mir's nicht, und ich zerriß das Blatt. Ich fing eine zweite an: „Shakeſpeare hat bemerkt, meine theure Agnes, wie wun⸗ derbar ſelten es iſt, daß man einem Feinde das Wort vergönnt“— da erinnerte ich mich an Markhams Ge⸗ David Kopperfield. 5 brauch von dem Worte man, und die Feder ſtockte. Ich begann ein Billet in einer Zeile von elf Sylben:„O, daß Du vergäſſeſt, was vorgegangen,“ doch darauf reimte ſich von ſelbſt,„wen ſie am fünften November gefan⸗ gen*),“ und meine Zeile verwandelte ſich in Unſinn. Nach mancherlei andern Anläufen ſchrieb ich endlich: „Meine liebe Agnes. Dein Brief ſpiegelt ganz Dich ſelbſt ab, und was könnte ich ſagen, das ein höheres Lob deſſelben wäre? Ich will um vier Uhr kommen. Dein treuer, tiefbekümmerter Freund T. K.“ Mit dieſer Botſchaft, welche ich dem Ausläufer zwanzig Mal gern wieder abgefordert hätte, nachdem ſie aus mei⸗ nen Händen war, zog der Letztere endlich ab. Wenn dieſer Tag einem andern der in Doctors Com⸗ mons beſchäftigten Herren nur halb ſo ſchrecklich geweſen wäre, wie mir, ſo hege ich den aufrichtigen Glauben, daß er ſich an ſeinem Antheile an dieſem verſchimmelten alten kirchenrechtlichen Käſe einigermaßen ſchadlos gehalten hätte. Obſchon ich die Erpedition um halb vier verließ und um den mir beſtimmten Ort des Zuſammentreffens mit Agnes ſchon ein paar Minuten ſpäter herumſtrich, ſo war die beſtimmte Zeit an der Uhr der St. Andreaskirche zu Holborn doch ſchon eine volle Viertelſtunde verſtrichen, als ich endlich hinreichend viel verzweifelten Entſchluß beiſammen hatte, um den Griff der Hausklingel, welcher in die linke Thürpfoſte von Mr. Waterbrooks Hauſe ein⸗ gelaſſen war, zu ziehen. Die alltäglichen Berufsgeſchäfte von Mr. Waterbrook *) Eine Anſpielung auf das in England häufig gebrauchte Sprichwort: Remember, remember the ftth of November, wörtlich: Vergiß nicht, was den fünften November vorgegangen(der Tag der Pulververſchwörung von Guy Fawkes und Genoſſen), dann überhaupt: Sieh dich vor. 6 David Kopperfield. wurden im Erdgeſchoß abgethan, während das Geſchäft des Großthuns mit vornehmen Leuten(welches dort ſehr eifrig betrieben wurde) im obern Theile des Gebäudes ſeine Räume hatte. Man wies mich in ein hübſches, aber ziemlich enges Putzzimmer, und dort ſaß Agnes und häkelte an einer Geldbörſe. Sie ſah ſo mildruhig und gut aus, und erinnerte mich ſo deutlich an meine friſchen, in freier Luft verlebten Schultage zu Canterbury, und an den aufgedunſenen, verräucherten, albernen Lümmel, der ich an jenem Abend geweſen war, daß ich, da Niemand zugegen war, mich ganz meinen Gewiſſensbiſſen und meiner Scham überließ und— kurz und gut, mich lächerlich machte. Ich kann nicht läugnen, daß ich Thränen vergoß. Bis dieſe Stunde noch bin ich unentſchieden, ob dies bei Lichte beſehn, das Klügſte war, was ich hätte thun können, oder das Lächerlichſte. „Wäre es irgend jemand anders geweſen, als Du, Agnes,“ ſagte ich, indem ich den Kopf abwandte,„wahr⸗ lich ich würde mir nicht halb ſo viel daraus gemacht ha⸗ ben. Aber, daß Du es ſein mußteſt, welche mich ſah! Ich hätte zuerſt lieber todt ſein mögen.“ Sie legte ihre Hand, deren Druck wie keiner andern Hand Druck war, einen Augenblick auf meinen Arm, und ein ſolches Gefühl von Freundſchaft und Troſt ſtieg in mir auf, daß ich nicht umhin konnte, dieſe Hand an meine Lippen zu führen und dankbar zu küſſen. „Setze Dich nieder,“ ſagte Agnes liebreich,„ſei nicht ſo unglücklich, Trotwood. Wenn Du mir nicht mit Zu⸗ verſicht Dein Vertrauen ſchenken kannſt, auf wen willſt Du dann bauen?“ „Ach Agnes,“ entgegnete ich,„Du biſt mein guter Engel!“* David Kopperfield. 7 Sie lächelte, wie mir ſchien, traurig und ſchüttelte ihr Haupt. „Ja, Agnes, Du biſt mein guter Engel! Allezeit mein guter Engel.“ „Wenn ich's wirklich wäre, Trotwood,“ erwiederte ſte, „ſo wüßte ich ein Ding auf Erden, wornach ich von ganzer Seele ſtreben würde.“ Ich ſah ſie mit einem fragenden Blicke an, obwohl in mir bereits eine Vorahnung von dem aufdämmerte, was ſie meinte. „Indem ich Dich nämlich warnen würde,“ ſagte Agnes, feſten Blicks,„vor Deinem böſen Engel.“ „Meine theure Agnes,“ begann ich, wenn Du meinſt, daß Steerforth—“ „Jawohl, Trotwood,“ entgegnete ſie. „Dann, Angnes, thuſt Du ihm großes Unrecht. Er mein oder irgend jemandes Anderen böſer Engel! Er ſollte mir irgend etwas Anderes, als ein Führer, eine Stütze und ein Freund ſein! Meine liebe, gute Agnes! Nun ſag' mal, iſt es nicht ungerecht, und ſieht es Dir nicht ungleich, ihn nach dem zu beurtheilen, was Du jene Nacht von mir ſahſt?“ „Ich beurtheile ihn nicht nach dem, was ich in jener Nacht von Dir ſah,“ antwortete ſie ruhig. „Nach was denn?“ „Nach mancherlei Dingen— Kleinigkeiten an ſich, die aber mir nicht als ſolche erſcheinen, wenn ſie zuſam⸗ mengeſtellt werden. Ich beurtheile ihn theilweiſe nach dem, was Du mir von ihm erzählteſt, Trotwood, und nach Deinem Charakter, und nach dem Einfluſſe, den er auf Dich hat.“ Es war immer ein Etwas in ihrer ſanften Stimme, welches eine Saite in mir anzuſchlagen ſchien, die nur * 8 David Kopperfield. dieſem Tone antwortete. Dieſe Stimme klang ſtets ernſt, aber wenn ſie, wie jetzt, ſehr ernſt tönte, ſo lag in ihr ein leiſes Zittern, welches mich ihr völlig unterwarf. Ich ſaß da und ſchaute auf ſie, während ſie ihre Augen auf ihre Arbeit niederſchlug; ich ſaß noch immer da und ſchien ihren Worten zu lauſchen, und Steerforth wurde trotz aller meiner Hinneigung zu ihm im Klange jenes Tones dunkler und dunkler. „Es iſt ſehr kühn von mir,“ ſagte Agnes, indem ſte wieder zu mir aufſah,„daß ich, die ich in ſolcher Abge⸗ ſchiedenheit gelebt habe und ſo wenig von der Welt wiſſen kann, Dir meinen Rath ſo zuverſichtlich gebe, oder auch nur dieſe feſte Ueberzeugung beſitze. Aber ich weiß, worin es ſeinen Grund hat, Trotwood, in der Erinnerung daran, daß wir zuſammen aufgewachſen ſind, und in der aufrichtigen Theilnahme an Allem, was auf Dich Bezug hat. Das iſt's, was mich kühn macht. Ich bin mir ge⸗ wiß, daß das, was ich ſage, wahr iſt; ich bin mir darüber ganz klar. Es iſt mir zu Muthe, als ob irgend jemand Anderes, und nicht ich zu Dir ſpräche, wenn ich Dich zur Vorſicht und daran mahne, daß Du einen gefährlichen Freund gewonnen haſt.“ Und wieder ſchaute ich ſie an, und wieder horchte ich noch auf ſie, als ſie ſchwieg, und wieder verdunkelte ſich ſein Bild, obwohl es noch immer feſt in mein Herz ge⸗ ſchloſſen war. „Ich bin nicht ſo unverſtändig,“ ſagte Agnes, indem ſie nach einer kleinen Weile ihren gewöhnlichen Ton wieder annahm,„um zu erwarten, daß Du plötzlich irgend ein Gefühl ändern willſt oder kannſt, welches in Dir zur Ueberzeugung geworden iſt, am Allerwenigſten cin Ge⸗ fühl, welches ſeine Wurzel in Deiner zutrauensvollen Ge⸗ ☛ d. David Kopperfield. 9 müthsart hat. Du brauchſt das nicht ſo haſtig zu thun. Ich bitte Dich nur, Trotwood, wenn Du je meiner ge⸗ denkſt— ich meine,“ ſagte ſie mit einem milden Lächeln, denn ich war im Begriff ſie zu unterbrechen, und ſie wußte warum,ůſooft als Du an mich denkſt— Dich daran zu erin⸗ nern, was ich geſagt habe. Vergiebſt Du mir Alles das?“ „Ich werde Dir vergeben, Agnes,“ erwiederte ich, „wenn Du dahin gelangſt, Steerforth Gerechtigkeir wider⸗ fahren zu laſſen und ihn ſo zu lieben, wie ich ihn liebe.“ „Nicht eher?“ ſagte Agnes. Und ich ſah einen Schatten über ihr Geſicht gleiten, als ich in dieſer Weiſe ſeiner erwähnte. Aber ſie erwie⸗ derte mein Lächeln, und wiederum waren wir ſo offen und rückhaltslos in unſerm gegenſeitigen Vertrauen, wie dereinſt. „Und wenn, Agnes,“ ſagte ich,„wirſt Du mir jene Nacht vergeben?“ „Wenn ich mich wieder daran erinnere,“ verſetzte ſie. Sie würde mit dieſen Worten den Gegenſtand haben fallen laſſen, aber ich war zu voll davon, um das zu erlau⸗ ben, und beſtand darauf, ihr erzählen zu dürfen, wie es gekommen, daß ich mich ſo ſchmählich blamirt, und von welcher Kette zufälliger Umſtände das Theater das letzte Glied geweſen ſei. Es war eine große Erleichterung für mich, dies zu thun, und bei der Verpflichtung zu verwei⸗ len, die ich Steerforth für ſeine Sorge um mich, als ich nicht fähig war, für mich ſelbſt zu ſorgen, ſchulde. „Du darfſt nicht vergeſſen,“ ſagte Agnes, indem ſie ganz ruhig der Unterhaltung eine andere Wendung gab, ſobald ich nur ausgeredet hatte,„daß Du mir ſtets nicht blos darüber zu berichten haſt, wenn Du Dich vergeſſen, 10 David Kopperfield. ſondern auch, wenn Du Dich verliebt haſt. Wer iſt die Nachfolgerin von Miß Larkins, Trotwood?“ „Niemand, Agnes.“ „Jemand, Trotwood,“ ſagte Agnes, indem ſie lächelnd den Finger emporhielt. „Nein, gewiß nicht, Agnes, auf mein Wort! Da iſt allerdings im Hauſe von Madame Steerforth eine Dame, welche ſehr geſcheidt iſt, und mit welcher ich mich gern unterhalte,— ein Fräulein Dartle— aber ich bin nicht ihr Anbeter.“ Agnes lachte wieder über ihren Scharfblick und ſagte mir, wenn ich ihr eine getreuliche Beichte ablege, ſo wolle ſie ein kleines Regiſter über meine verſchiedenen Flammen halten, verſehen mit einer Tafel, worauf ve tzeichnet, wenn jede einzelne ſich entzündet, wie lange ſie gebrannt und wenn ſie erloſchen, ganz wie die Tafeln der Könige und Königinnen in der Geſchichte von England. Dann fragte ſte mich, ob ich Uriah geſehen. „Uriah Heep?“ ſagte ich.„Nein. Iſt er in London?“ „Er kommt alle Tage in das Büreau unten,“ ant⸗ wortete Agnes.„Er war ſchon eine Woche vor mir in Lon⸗ don. Ich fürchte, in unangenehmen Geſchäften, Trotwood.“ „In irgend einem Geſchäfte, Agnes, was Dich be⸗ ängſtigt, wie ich ſehe,“ verſetzte ich.„Was kann das ſein?“ Agnes legte ihre Arbeit beiſeite, und indem ſie ihre Hände über einander faltete, und mich aus jenen ihren ſchönen ſanften Augen nachdenklich anblickte, erwiederte ſie: „Ich glaube, er ſteht im Begriffe, in Papas Geſchäft als Theilnehmer einzutreten.“ „Was? Uriah? Dieſer niederträchtige, kriechende Kerl will ſich in ſolch eine Stellung hineinſchleichen?“ ſchrie ich entrüſtet.„Haſt Du Dich denn nicht dagegen —r— — David Kopperfield. 11 geſtemmt, Agnes? Ueberleg Dir doch, was für eine Ver⸗ bindung das wahrſcheinlich abgeben wird. Du mußt mit der Sprache herausgehen. Du darfſt Deinem Vater nicht geſtatten, ſolch einen unſinnigen Schritt zu thun. Du mußt das hintertreiben, Agnes, ſo lange es noch Zeit iſt.“ Indem Agnes noch immer ihre Blicke auf mich ge⸗ richtet hielt, ſchüttelte ſie während meiner Rede ihr Haupt mit einem leiſen Lächeln über meine Wärme, und dann entgegnete ſie: „Du entſinnſt Dich unſeres letzten Geſprächs über Papa. Es war nicht lange darnach,— etwa zwei oder drei Tage, als er mir die erſte Mittheilung über das machte, wovon ich Dir erzähle. Es war ein trauriger Anblick, zu ſehen, wie er zwiſchen ſeinem Wunſche, es mir als eine Sache eigner Wahl darzuſtellen, und der Unfähigkeit, mir zu verbergen, daß er dazu genöthigt ſei, kämpfte. Ich fühlte mich ſehr betrübt.“ „Genöthigt, Agnes! Wer nöthigt ihn dazu?“ „Uriah,“ erwiederte ſie nach einem kurzen Zaudern, „hat ſich dem Papa unentbehrlich zu machen gewußt. Er hat einen ſcharfen Verſtand und ein wachſames Auge. Er hat mit meiſterhaftem Scharfblick Papas Schwachheiten ausgeſpürt, ſte genährt und aus ihnen für ſich Nutzen gezogen— bis, um Alles, was ich meine, in einem Worte auszuſprechen, Trotwood, Papa ſich vorihm fürchtet.“ Sie hätte mehr ſagen können; ſie wußte oder arg⸗ wöhnte mehr, das ſah ich deutlich. Ich vermochte nicht, ihr dadurch, daß ich nach dieſem Weiteren fragte, Schmerz zu machen; denn ich begriff, daß ſie es vor mir zurück⸗ hielt, um ihren Vater zu ſchonen. Die Sache hatte ſich ſchon ſeit lange nach dieſem Punkte hin entwickelt, das fühlte ich; ja, ich konnte, wenn ich mir die Vergangenheit 12 David Kopperfield. nur im Geringſten vergegenwärtigte, nicht umhin, zu denken, daß die Angelegenheiten ſich ſchon ſeit geraumer Zeit auf dieſer Bahn und nach dieſer ſchließlichen Noth⸗ wendigkeit hin bewegt hatten. So verhielt ich mich ſchweigſam. „Er beherrſcht Papa in ſehr weiter Ausdehnung,“ fuhr Agnes fort.„Er benimmt ſich beſcheiden und dank⸗ bar— oielleicht aufrichtig; wenigſtens hoffe ich das— aber ſeine Stellung iſt in der That ſo, daß er Gewalt in Händen hat, und ich fürchte, daß er von dieſer Gewalt mehr als billig Gebrauch macht.“ Ich ſagte, er ſei ein Hund, was mir in dem Augen⸗ blicke zu großer Befriedigung gereichte. „Zu der Zeit, von der ich rede, das heißt, die Zeit, wo Papa zu mir davon ſprach,“ fuhr Agnes fort,„ hatte er Papa benachrichtigt, daß er von ihm weggehen wolle, daß er zwar ſehr betrübt darüber und durchaus nicht ge⸗ willt ſei, ihn zu verlaſſen, daß er indeß beſſere Ausſichten habe. Papa war ſehr niedergeſchlagen hiervon und tiefer gebeugt durch Sorge, als Du und ich ihn je geſehen; aber er ſchien ſich bei dem Auskunftsmittel, ihn zum Theil⸗ nehmer des Geſchäfts anzunehmen, erleichtert zu fühlen, ob⸗ ſchon er zu gleicher Zeit verletzt und beſchämt davonerſchien.“ „Und wie nahmſt Du es auf, Agnes?“ fragte ich. „Ich that,“ erwiederte ſte,„was, wie ich hoffe, das Rechte war. Ueberzeugt, daß es für Papas Seelenruhe nothwendig ſei, dies Opfer zu bringen, bat ich ihn, es zu bringen. Ich ſagte, es werde ihm die Laſt ſeines Lebens erleichtern— ich hoffe, daß dies geſchieht— und daß ich dadurch mehr Gelegenheit erhalten werde, in ſeiner Geſellſchaft zu ſein. Oh Trotwood,“ weinte Agnes, in⸗ dem ſie, um die hervorbrechenden Thränen zu verbergen, David Kopperfield. 13 die Hände vor's Geſicht hielt,„mir iſt's beinahe zu Muthe, als ſei ich Papas Feindin geweſen, anſtatt ſein liebendes Kind zu ſein. Denn ich weiß, wie ihn ſeine Hingabe an mich verändert hat. Ich weiß, wie er damit, daß er alle ſeine Gedanken auf mich allein concentrirte, den Kreis ſeiner Sympathien und Pflichten verengerte. Ich weiß, von wie vielen Dingen er ſich abgewandt hat um meinetwillen, und wie ſeine ſtete Abängſtigung um mich ſein Leben ver⸗ dunkelte, und wie ſeine Kraft und Energie dadurch abge⸗ ſchwächt wurden, daß er ſie ſtets nur einer Idee zuwandte. O daß ich dies je in's Gleiche zu bringen vermöchte! Daß ich jemals im Stande wäre, ihn wieder zu erheben, wie ich unverſchuldeter Weiſe die Urſache geweſen bin, daß es mit ihm bergab ging!“ Nie vorher hatte ich Agnes weinen ſehen. Ich hatte geſehen, wie ihr die Thränen in den Augen ſtanden, als ich neue Ehrenbezeugungen aus der Schule mit nach Hauſe gebracht hatte, und ich hatte ihre Augen naß werden ſehen, als wir das letzte Mal über ihren Vater ſprachen, und ich hatte ſie ihr mildes Antlitz zur Seite wenden ſehen, als wir von einander Abſchied nahmen; aber nie hatte ich ſie ſich ſo grämen ſehen, wie jetzt. Es machte mich dies ſo betrübt, daß ich nur in jener einfältigen Weiſe, die ſich nicht zu helfen weiß, zu ſagen vermochte:„Bitte, Agnes, weine nicht. Weine doch nicht, meine gute liebe Schweſter!“ Aber Agnes war mir, wie ich, mag ich's nun damals gewußt oder nicht gewußt haben, jetzt deutlich weiß, an Charakter und Willen ſo überlegen, daß ſie meiner Bit⸗ ten, ſich zu beruhigen, nicht lange bedurfte. Dieſe ſchöne milde Ruhe des Benehmens, die ſie in meinem Andenken ſo verſchieden ſein läßt von allen Andern, kam wieder 1 14 David Kopperfield. zum Vorſchein, wie wenn eine Wolke über einen heitern Himmel weggezogen wäre. „Wir werden ſchwerlich noch lange allein ſein,“ ſagte Agnes, und weil ſich Gelegenheit darbietet, ſo laß Dir's inſtändigſt anempfohlen ſein, Trotwood, Dich gegen Uriah freundlich zu benehmen. Stoß ihn nicht zurück. Denke nicht daran(wie dies im Allgemeinen Deine Weiſe zu ſein ſcheint) wie verſchiedenartig geſtimmt und begabt Eure beiderſeitigen Seelen ſein mögen. Er verdient's vielleicht nicht; denn wir wiſſen nichts Böſes von ihm mit Ge⸗ wißheit. Auf jeden Fall laß Deine erſten Gedanken an Papa und mich ſein.“ Agnes hatte nicht Zeit, mehr zu ſagen; denn die Stubenthür ging auf, und Mrs. Waterbrook, welche eine dicke Dame war— oder welche einen dicken Wulſt Kleider trug; ich weiß nicht genau, was das Rechte iſt; denn ich weiß nicht, wie viel an ihr Kleid und wie viel Dame war— kam hereingeſegelt. Ich hatte eine dämmernde Erinnerung, ſte im Theater geſehen zu haben, wie wenn ich ſie etwa in einer magiſchen Laterne als bleichen Schat⸗ ten geſehen hätte, aber ſie ſchien ſich meiner vollkommen wohl zu erinnern und noch immer die Vermuthung zu hegen, ich befinde mich im trunkenen Zuſtande. Als ſie jedoch allmälig fand, daß ich nüchtern und (hoffentlich) auch, daß ich ein beſcheidenes junges Herrchen ſei, wurde Mrs. Waterbrook beträchtlich milder gegen mich und fragte zunächſt, ob ich viel in die Parks ginge, und dann, ob ich oft in Geſellſchaft käme. Als ich auf beide Fragen verneinend antwortete, wollte mich bedünken, als ob ich in ihrer guten Meinung wiederum ſänke, aber ſie verbarg die Sache mit Geſchick und lud mich auf näch⸗ ſten Tag zu Tiſche ein. Ich nahm die Einladung an und David Kopperfield. 135 empfahl mich. Dann fragte ich in dem Büreau nach, ob Uriah da ſei, und ließ, da er abweſend, eine Karte für ihn da.. Als ich am nächſten Tage zu Tiſche hinging, und, nachdem die Hausthür geöffnet war, in ein wahres Dampf⸗ bad von Schöpſenbratenduft hineintappte, ahnte mir, daß ich nicht der einzige Gaſt ſei; denn ich erkannte ſogleich den verwandelten Ausläufer wieder, welcher dem Bedien⸗ ten der Familie als Gehülfe zur Seite ſtand und an der Treppe wartete, um meinen Namen oben anzumelden. Er machte, als er mich im Tone eines Bekannten darnach fragte, ſo gut er's im Stande war, ein Geſicht, als ob er mich in ſeinem Leben noch nicht geſehen, aber ich kannte ihn recht wohl und ebenſo gut kannte er mich. Das Gewiſſen machte Haſenfüße aus uns beiden. Ich fand, daß Mr. Waterbrook ein Herr in mittleren Jahren war, der einen kurzen Hals und gewaltige Vater⸗ mörder hatte, und nur noch eine ſchwarze Naſe brauchte, um das Conterfei eines Mopſes zu ſein. Er ſagte mir, daß er ſich glücklich fühle, die Ehre zu haben, meine Be⸗ kanntſchaft zu machen, und ſtellte mich, nachdem ich der Mrs. Waterbrook meine Huldigung dargebracht, mit viel Förmlichkeit einer ſehr häßlichen Dame in einem ſchwar⸗ zen Sammetkleide und einem großen ſchwarzen Sammet⸗ hute, der, wie ich mich entſinne, wie ein naher Verwandter von Hamlets Hut ausſah, vor— wahrſcheinlich ſeiner Tante. Der Name dieſer Dame war Mrs. Henry Spiker, und ihr Gemahl war ebenfalls da, ein ſo ruhiger kalter Mann, daß ſein Kopf anſtatt grau, wie mit Reif überzogen ſchien. Man erwies ſich gegen die Henry Spikers, Mann und Frau, über die Maßen zuvorkommend und höflich, 16 David Kopperfield. was, wie Agnes mir erzählte, daher kam, daß Mr. Henry Spiker Sollicitor in einer Sache oder für eine Perſon — ich weiß nicht mehr in was oder für wen— war, welche oder welcher in entfernter Beziehung zum Schatze ſtand. Ich fand Uriah Heep unter der Geſellſchaft. Er trug einen ſchwarzen Anzug und benahm ſich ſehr demüthig. Er ſagte mir, als ich ihm die Hand gab, er ſei ſtolz darauf, daß ich ihn beachtet habe, und er ſei mir ſehr verbunden für meine Herablaſſung. Ich hätte wünſchen mögen, er hätte ſich mir weniger verbunden gefühlt; denn er hing ſich in ſeiner Dankbarkeit den ganzen übrigen Theil des Abends an mich, und wenn ich je ein Wort zu Agnes ſagte, ſo ſchaute er uns ſicherlich mit ſeinen unbeſchatteten Augen und ſeinem Todtenkopfsgeſichte, wie ein dürres Geſpenſt von hinten zu. Es waren noch andere Gäſte da— alle, wie mir's plötzlich vorkam, für dieſe Gelegenheit in Eis geſetzt, wie der Wein. Es war aber Einer unter ihnen, welcher meine Aufmerkſamkeit ſchon ehe er hereinkam, auf ſich zog, indem ich ihn als Mr. Traddles anmelden hörte. Meine Erinnerung eilte zurück nach Salem Houſe, und ich dachte, ob das wohl der Traddles ſein könnte, welcher die Gerippe zu zeichnen pflegte. Ich ſah mich nach Mr. Traddles mit ungewohnter Theilnahme um. Er war ein nüchterner, rechtſchaffen ausſehender Mann von zurückhaltendem Benehmen, mit wunderlicher Haartour und weit geöffneten Augen, und er gerieth ſo ſchnell in einen dunkeln Winkel, daß ich einige Schwierigkeit hatte, mich ſeiner Züge gehörig zu verſichern. Endlich bekam ich ihn genau zu Geſicht, und David Kopperfield. 17 entweder täuſchten mich meine Augen, oder es war der alte unglückliche Tommy. Ich verfügte mich zu Mr. Waterbrook und ſagte ihm, wie ich glaube, ich habe das Vergnügen, einen alten Schulkameraden hier zu ſehen. „Ei was Sie ſagen!“ verſetzte Mr. Waterbrook ver⸗ wundert.„Sie ſind zu jung, um mit Herrn Henry Spiker die Schule beſucht zu haben.“ „Oh, ich meine ihn auch gar nicht!“ erwiederte ich. „Ich meine den Herren, der Traddles genannt wurde.“ „Oh. Ja ſo, ja ſo! Ei was Sie ſagen!“ rief mein Wirth mit ſehr vermindertem Intereſſe aus.„Iſt's möglich.“ „Wenn es wirklich derſelbe iſt,“ fuhr ich mit einem Blick auf den in Rede Stehenden fort,„ſo war's an einem Orte, der Salem Houſe heißt, wo wir zuſammen waren, und er war ein vortrefflicher Junge.“ „Oh ja. Traddles iſt ein guter Burſche!“ ſagte mein Wirth, indem er den Kopf mit einer Miene ein wenig niederbeugte, als wollte er ausdrücken: er iſt allen⸗ falls zu leiden.„Traddles iſt ein ganz guter Burſche.“ „ iſt ein wunderliches Zuſammentreffen der Um⸗ ſtände,“ verſetzte ich. „Allerdings,“ erwiederte Mr. Waterbrook,„aller⸗ dings ein wunderliches Zuſammentreffen, daß Traddles überhaupt hier iſt, da Traddles nur erſt dieſen Morgen eingeladen worden iſt, als der Platz am Tiſche, der ur⸗ ſprünglich für den Bruder der Mrs. Henry Spiker be⸗ ſtimmt war, vacant wurde, indem er nicht erſcheinen konnte. Ein ſehr vornehmer Mann, dieſer Bruder der Mrs. Henry Spiker, Herr Kopperfield.“ David Kopperfield. V. 2 5 18 David Kopperfield. Ich murmelte etwas, wie von Einverſtandenſein, welches in Betracht deſſen, daß ich ihn nicht im Entfern⸗ teſten kannte, ſehr lebhaft ausfiel, und fragte dann, was Mr. Traddles ſeinem Berufe nach ſei. „Traddles,“ antwortete Mr. Waterbrook,„iſt ein junger Mann, der ſich auf die Laufbahn eines Advocaten vorbereitet. Ja. Er iſt ein ganz guter Burſche— Nie⸗ mandes Feind, als ſein eigener.“ „So, iſt er ſein eigener Feind?“ ſagte ich betrübt, dies zu hören. „Nun ja,“ erwiederte Mr. Waterbrook, indem er ſeinen Mund zuſammenzog und in einer gemüthlichen, wohlhäbig⸗ſelbſtgefälligen Art und Weiſe an ſeiner Uhr⸗ kette ſpielte.„Ich möchte ſagen, er ſei einer von den Leuten, welche ſich ſelbſt im Lichte ſtehen. Ja, ich möchte zum Beiſpiel ſagen, er würde niemals ein fünfhundert Pfund ſein nennen können. Traddles wurde mir von einem Freunde aus meinem Stande empfohlen. Ja wohl, ja. Er hat eine Art Talent für's Briefſchreiben und eine Sache ſchriftlich klar darzuſtellen. Ich werde im Laufe des Jahres im Stande ſein, dieſem Traddles ein Stück Brod zu verdienen zu geben— ein Stück Brod, das— für ihn— beträchtlich iſt. Oh ja. Ja.“ Ich empfand einen eigenthümlichen Eindruck von der außerordentlich wohlbefindlichen und ſelbſtgenugſamen Weiſe, in welcher Mr. Waterbrook ſich des Wörtchens „Ja“ aller Augenblicke bediente. Es lag ein wunder⸗ voller Ausdruck darin. Es rief in einem vollſtändig die Vorſtellung an einen Mann wach, welcher, um nicht zu ſagen mit einem ſilbernen Löffel, doch mit einer Sturm⸗ leiter in der Hand geboren worden ſei und nach einander alle die verſchiedenen Stufen des Lebens erſtiegen habe, David Kopperfield. 19 bis er nun, auf der Höhe der Feſtungswerke angelangt, mit dem Auge eines Philoſophen und Gönners auf die Leute unten in den Laufgräben herniederſchauen könne. Meine Gedanken über dieſes Thema häuften und mehrten ſich noch immer, als gemeldet wurde, das Eſſen ſei aufgetragen. Mr. Waterbrook ging mit Hamlets Tante hinab. Mr. Spiker nahm Mrs. Waterbrook. Agnes, die ich gern hinuntergeführt hätte, wurde einem einfältig lächelnden Menſchen mit lahmen Beinen zugewieſen. Uriah, Traddles und ich, als der jüngere Theil der Ge⸗ ſellſchaft, gingen zuletzt hinunter, ſo gut wir konnten. Ich war über den Verluſt von Agnes nicht ſo verdrießlich, als ich hätte ſein können; denn es ward mir durch den⸗ ſelben Gelegenheit, mich auf der Treppe Traddles zu er⸗ kennen zu geben, welcher mich ſehr lebhaft begrüßte, wäh⸗ rend Uriah ſich mit einer aufdringlichen Freude über unſer Wiederfinden und ſolch einer Selbſterniedrigung krümmte und wand, daß ich ihn von Herzen gern über das Geländer hinabgeworfen hätte.. Traddles und ich waren bei Tiſche getrennt, indem man uns unſere Plätze an zwei entfernten Tiſchecken ange⸗ wieſen hatte, wo er ſich in der lichten Pracht einer roth⸗ ſammtenen Dame ſonnte, während mich die düſtere Nacht von Hamlets Tante überſchattete. Das Eſſen dauerte ſehr lange, und die Unterhaltung drehte ſich um Ari⸗ ſtokratie und Adelsblut. Mrs. Waterbrook ſagte uns zu mehreren Malen, daß, wenn fie eine ſchwache Seite habe, ſo ſei dies der Mangel an adeligem Blute. Es kam mir mehrmals vor, als ob wir uns beſſer be⸗ funden haben würden, wenn wir nicht ganz ſo vornehm gethan hätten. Wir waren über die Maßen vornehm, ſo daß unſer Geſichtskreis ſehr beſchränkt war. Ein Mr. 2* 20 David Kopperfield. und eine Mrs. Gulpidge waren von der Partie, welche aus zweiter Hand etwas mit den Rechtsgeſchäften der Bank zu thun hatten(wenigſtens hatte dies Mr. Gulpidge), und dieſe nebſt der Bank und dem Schatze waren die wei⸗ tern Gegenſtände unſerer Unterhaltung, ſo daß wir ſo exeluſio waren, wie der oberſte Gerichtshof. Um der Sache auf die Beine zu helfen, ſo hatte Hamlets Tante den Familienfehler, ſich Selbſtgeſprächen zu über⸗ laſſen, und unterhielt ſich in abſpringender Weiſe mit ſich ſelbſt über jeden Gegenſtand, auf den das Geſpräch kam. Es waren ſolcher Gegenſtände in der That wenig genug; da wir jedoch ſtets wieder auf Adelsblut zurück⸗ kamen, ſo hatte ſie ein ebenſo weites Feld für abſtracte Speculation vor ſich, als ihr Neffe. VWirr hätten eine Geſellſchaft von Menſchenfreſſern ge⸗ weſen ſein können, eine ſolche blutige Farbe nahm unſere Unterhaltung an. „ Ich muß geſtehen, ich hege die Meinung von Mrs. Waterbrook,“ ſagte Mr. Waterbrook, indem er ſein Weinglas an's Auge hielt.„Alles ſteht ganz gut ſonſt, aber gebt mir adeliges Blut!“ „Oh! Es giebt nichts,“ bemerkte Hamlets Tante, „das ſo genugthuend für einen wäre!“ Es giebt nichts, was einem ſo ſehr zum beau-ideal geworden wäre, von— von allen derartigen Dingen, im Allgemeinen zu ſpre⸗ chen. Es giebt gewiſſe niedrig denkende Seelen(nicht viele, wie ich zu meiner Freude glauben darf, aber es giebt doch einige, welche es vorziehen würden, zu thun, was ich vor Götzen ſich beugen nennen möchte. Ja, ja, vor ausgemachten Götzen! Vor einem Amte, vor Ver⸗ ſtand und ſo weiter. Aber das ſind unerreichbare Dinge. Mit adeligem Blute iſt's nicht ſo. Wir ſehen Blut in David Kopperfield. 21 einer Naſe, und wir wiſſen es. Wir begegnen ihm in einem Kinn, und wir ſagen:„Da iſt's! Das iſt Blut!“ Es iſt'ne ausgemachte Sache. Wir zeigen mit den Fin⸗ gern darauf. Es läßt keinen Zweifel zu.“ Der einfältig lächelnde Menſch mit den lahmen Bei⸗ nen, welcher Agnes heruntergeführt hatte, legte die Frage, wie mich dünkte, noch entſchiedener und deutlicher dar. „Oh Sie wiſſen, hol's der Teufel,“ ſagte dieſer Gentleman, indem er ſeine Blicke mit einem matten Lä⸗ cheln rings um die Tafel ſchweifen ließ,„wir können nicht anders, wiſſen Sie, wir müſſen adeliges Blut haben, ſehen Sie. Gewiſſe junge Leute, ſehen Sie, mögen viel⸗ leicht im Punkte der Erziehung und des Benehmens ein Bischen unter ihrem Stande ſtehn, und ein Bischen auf falſchen Wegen laufen, verſtehen Sie, und ſich und andern Leuten allerhand unangenehme Dinge auf den Hals ziehn, und ſo weiter— aber hol's der Teufel, es iſt doch hübſch, wenn man dran denkt, daß ſie adliges Blut in ſich haben! Ich zum Beiſpiel würde mich lieber zu jeder Zeit von einem Manne adligen Geblüts vor den Kopf hauen laſ⸗ ſen, daß ich hinſtürzte, als mich von einem andern wieder aufheben laſſen, welcher nicht von Adel wäre.“ Dieſer Ausſpruch faßte die ganze Frage gewiſſermaßen in eine Nußſchale zuſammen, und gereichte Allen zu äu⸗ ßerſter Genugthuung, ſo daß der Gentleman aller Augen auf ſich zog, bis ſich endlich die Damen entfernten. Hier⸗ auf bemerkte ich, daß Mr. Gulpidge und Mr. Henrh Spiker, welche bisher ſehr entfernt von einander geſeſſen, eine Vertheidigunsalliance gegen uns, den gemeinſchaft⸗ lichen Feind, ſchloſſen und ein geheimnißvolles Zwiege⸗ ſpräch quer über die Tafel herüber wechſelten, um uns zu beſtegen und zu überwältigen. 5 22 David Kopperfield. „Die Geldgeſchichte mit den viertauſend fünfhundert Pfund hat den erwarteten Verlauf nicht genommen, Spiker,“ ſagte Mr. Gulpidge. „Meinen Sie, die D. von A.s?“ fragte Mr. Spiker. „Nein, die C. von B.s,“ ſagte Mr. Gulpidge. Mr. Spiker zog die Augenbrauen in die Höh' und ſah ſehr betrübt aus. „Als die Frage dem Lord— ich brauche ihn nicht zu nennen, vorgelegt wurde,“ ſagte Mr. Gulpidge, indem er innehielt— „Ich verſtehe,“ ſagte Mr. Spiker,„N.“ Mr. Gulpidge nickte verſtohlen—„alſo ihm vorge⸗ legt wurde, ſo war ſeine Antwort: Entweder Geld oder er bleibt drinnen.“ „Geld, oder er bleibt drinnen,“ wiederholte Mr. Gul⸗ pidge mit Entſchiedenheit.„Der Nächſte, an den die Sache zurückging— Sie verſtehen mich?“— „K.,“ ſagte Mr. Spiker mit einem bedeutſamen Blicke. „— K. alſo weigerte ſich entſchieden zu unterzeichnen; er wurde zu dieſem Zweck zu Newmarket angegangen, und er weigerte ſich geradezu es zu thun.“ Mr. Spiker war ſo intereſſirt dabei, daß er ganz verſteinert ausſah. „So hängt denn die Sache zu dieſer Stunde in der Schwebe,“ ſagte Mr. Gulpidge, indem er ſich in ſeinen Stuhl zurückwarf.„Unſer Freund Waterbrook wird mich entſchuldigen, wenn ich es vorziehe, mich blos ſo allge⸗ mein auszudrücken; denn die hierbei betheiligten Inter⸗ eſſen ſind gar zu bedeutend.“ Mr. Waterbrook war, wie mir's ſchien, nur zu glück⸗ lich, daß von ſolchen Intereſſen und Namen, wenn auch nur in Winken und Andeutungen über ſeinen Tiſch her⸗ David Kopperfield. 23 über und hinüber geſprochen wurde. Er nahm eine Miene betrübten Mitwiſſens und Verſtändniſſes an(obwohl ich überzeugt bin, daß er von der Verhandlung nicht mehr wußte, als ich ſelbſt), und ſchien es höchlich zu billigen, daß man eine ſolche Verſchwiegenheit in der Sache beobach⸗ tet habe. Mr. Spiker wünſchte, nachdem man ihm ſolches Vertrauen erwieſen, natürlich ſeinen Freund auch mit ſeinem Vertrauen zu beehren, und ſo folgte auf das vor⸗ hergehende Zwiegeſpräch ein anderes, in welchem an Mr. Gulpidge die Reihe des Erſtaunens kam, und hierauf ein drittes, in welchem Mr. Spiker wiederum Gelegenheit zur Verwundrung gegeben ward, und ſo fort herüber und hinüber in ſteter Abwechſelung. Die ganze Zeit über blieben wir, die Nichteingeweihten, ganz niedergedrückt von den ungeheuren Intereſſen, die in die Unterhaltung verflochten waren, und unſer Wirth betrachtete uns mit Stolz als die Opfer eines heilſamen Erſtaunens und Ver⸗ wunderns. Ich war wahrlich ſehr froh, als ich zu Agnes hinauf⸗ gehn und mit ihr in einer Ecke mich unterhalten und Traddles ihr vorſtellen konnte, welcher ſehr ſchüchtern, aber angenehm und noch immer derſelbe gutmüthige Menſch war. Da er gezwungen war, frühzeitig hinweg zu gehen, weil er am nächſten Morgen die Stadt auf einen Monat verlaſſen mußte, ſo dauerte mein Geſpräch mit ihm nicht halb ſo lange, als ich hätte wünſchen können. Indeß gaben wir uns unſre wechſelſeitigen Adreſſen und verſprachen uns einander, uns das Vergnügen eines andern Zuſam⸗ mentreffens zu machen, wenn er wieder zurückkäme. Er hörte mit großer Theilnahme, daß ich Steerforth kenne, und ſprach von ihm mit ſolcher Wärme, daß er Agnes erzählen mußte, was er von ihm denke. Aber Agnes ſah 24 David Kopperfield. währenddeß nur mich an und ſchüttelte kaum merklich den Kopf, als nur ich ſie beobachtete. Da ſie nicht unter Leuten war, bei denen ſie ſich mei⸗ nes Exrachtens ſehr zu Hauſe fühlen konnte, ſo hörte ich's ſchier mit Freuden, daß ſie innerhalb weniger Tage ab⸗ reiſen werde, obwohl es mich betrübte, wenn ich daran dachte, daß ich ſobald wieder von ihr ſcheiden ſolle. Dies vermochte mich zu bleiben, bis die ganze Geſellſchaft fort war. Mich mit ihr zu unterhalten und ſie ſingen zu hören, war mir ſolch eine angenehme Erinnerung an mein glückliches Leben in dem düſtern, alten Hauſe, das durch ſte ſo ſchön geworden, daß ich die halbe Nacht hätte dort bleiben mögen. Da ich aber für einen längern Auf⸗ enthalt keine Entſchuldigung hatte; ſo verabſchiedete ich mich, ſehr gegen meine Neigung, als die Lichter von Mr. Waterbrooks Geſellſchaft alle ausgeputzt worden waren. Ich fühlte damals mehr denn je, daß ſie mein beſſrer Engel war, und, wenn ich an ihr holdes Antlitz und ihr mild⸗ruhiges Lächeln dachte, als wenn ſie auf mich wie von einem entferntſtehenden Weſen wie ein Engel herabgeglänzt hätten, ſo habe ich hoffentlich keinen un⸗ rechten Gedanken von ihr gehabt. Ich habe geſagt, daß die ganze Geſellſchaft weg ge⸗ weſen ſei, aber ich hätte Uriah ausnehmen ſollen, welchen ich in dieſe Benennung allerdings nicht einſchließe, und welcher nie aufgehört hatte, ſich in unſrer Nähe herumzu⸗ drücken. Er war hart hinter mir, als ich die Treppe herunter ging. Er war hart neben mir, als ich aus dem Hauſe trat, während er ſeine langen ſkeletartigen Finger langſam in die noch längern Finger von einem Paar Handſchuh à la Guy Faykes ſchob. Es geſchah durchaus nicht deshalb, weil ich mich zum David Kopperſield. 25 Umgange mit Uriah aufgelegt fühlte, ſondern in Erinne⸗ rung an die Bitte, die Agnes mir ans Herz gelegt, daß ich ihn fragte, ob er mit mir auf mein Zimmer heim kommen und eine Taſſe Kaffee trinken wollte. „O, wirklich, Musje Kopperfield,“ erwiederte er, „— ach, bitte um Verzeihung, Herr Kopperfield, aber das Musje kommt einem ſo natürlich auf die Zunge— ich möchte nicht gern ſehn, daß Sie ſich Zwang anthun, eine ſo geringe Perſon wie mich nach Hauſe zu bitten.“ „Da iſt nichts von Zwang in der Geſchichte,“ ſagte ich,„wollen Sie kommen?“ „O, recht ſehr gern,“ entgegnete Uriah mit einer Körperwindung. „Nun gut, ſo kommen Sie.“ Ich konnte mir nicht helfen, ich mußte ziemlich kurz angebunden mit ihm verfahren, aber er ſchien es nicht zu merken. Wir gingen den nächſten Weg, ohne uns auf der Straße viel zu unterhalten, und Uriah war in Bezug auf jene Vogelſcheuchen⸗Handſchuh ſo demüthig, daß er, als wir an meine Wohnung kamen, noch immer im An⸗ ziehen derſelben begriffen war und in dieſem Geſchäfte keine Fortſchritte gemacht zu haben ſchien. Ich führte ihn die dunkeln Treppen hinauf, damit er nicht irgend wo mit ſeinem Kopfe anſtieße, und fühlte in der That ſeine feuchte, kalte Hand ſo wie einen Froſch in der meinen, daß mir die Verſuchung kam, ſie fallen zu laſſen und davon zu laufen. Agnes indeß und die Geſetze der Gaſtfreundſchaft überwogen, und ich nahm ihn mit mir an meinen Heerd. Als ich meine Kerzen anzündete, verfiel er in eine ſanfte Begeiſterung über das Zimmer, auf welches ihm die Ausſicht eröffnet wurde, und als ich den Kaffee in einer anſpruchsloſen, plumpen Zinnkanne 26 David Kopperfield. wärmte, in welcher Mrs. Crupp ihn zu bereiten pflegte, (hauptſächlich, wie ich glaube, weil dieſelbe als ein urſprüng⸗ licher Rafirtopf nicht zum Kaffeekocher beſtimmt war, und dann, weil eine neuerfundene, patentirte Kaffeemaſchine von hohem Preiſe in der Speiſekammer verroſtete) ſo zeigte er ſolch eine Aufregung, daß ich ihn mit dem größ⸗ ten Vergnügen hätte verbrühen mögen. „O, wirklich, Musje Kopperfield— wollt' ich ſagen, Herr Kopperfield,“ ſagte Uriah,„Sie mir aufwarten zu ſehen, iſt etwas, das ich in meinem ganzen Leben nicht erwartet hätte. Aber, mag's nun ſo oder ſo ſein, ſo viele Dinge ereignen ſich zu meinen Gunſten, welche ich wahr⸗ haftig in meiner niedrigen Lebensſtellung nicht erwartet hätte, daß es wahrlich Segnungen auf mein Haupt zu regnen ſcheint. Sie haben wahrſcheinlich etwas von dem Umſchwunge in meinen Erwartungen gehört, Musje Kopperfield— wollt' ich ſagen, Herr Kopperfield?“ Wie er ſo auf meinem Sopha ſaß, ſeine langen Knie heraufgezogen bis unter ſeine Kaffectaſſe, ſeinen Hut und ſeine Handſchuhe auf dem Boden nahe bei ſich, mit ſeinem Löffel den Kaffee langſam und leiſe umrührend, ſeine un⸗ beſchatteten Augen, die ihm die Wimpern von den Lidern geſengt zu haben ſchienen, auf mich gerichtet, ohne mich doch anzublicken, wobei die oben geſchilderte widerliche Färbung in ſeinen Naſenlöchern mit ſeinem Athem ging und kam, und eine ſchlangenartige Windung ſich durch ſeine ganze Geſtalt vom Kinn bis zu den Stiefeln ver⸗ breitete, war ich in mir entſchieden, daß er mir in der innerſten Seele zuwider ſei. Es machte mich höchſt unge⸗ müthlich, ihn zum Gaſte zu haben; denn ich war damals jung und ungewohnt, zu verbergen, was ich ſo heftig empfand. David Kopperfield. 27 „Ich erlaube mir zu fragen, ob Sie etwas von einem Umſchwunge in meinen Erwartungen gehört haben, Musje Kopperfield— ach, wollt' ich ſagen, Herr Kopper⸗ field?“ bemerkte Uriah. „Ja,“ entgegnete ich,„ich habe etwas verlauten hören. „Ah! dacht' ich's doch, daß Miß Agnes davon wiſſen würde?“ erwiederte er ruhig.„Ich freue mich, zu finden, daß Miß Agnes davon weiß. O danke Ihnen, Musje— Herr Kopperfield!“ Ich hätte ihm meinen Stiefelknecht(er lag gerade bereit auf der Stubendecke) an den Kopf werfen mögen, dafür daß er mich über einem Aufſchluß in Bezug auf Agnes, wenn derſelbe auch noch ſo unbedeutend war, ertappt hatte. Aber ich trank nur meinen Kaffee. „Was für ein Prophet ſind Sie geweſen, Herr Kopperfield!“ fuhr Uriah fort.„Mein Gott, als was für einen Propheten haben Sie ſich erwieſen. Erinnern Sie ſich nicht, einmal zu mir geſagt zu haben, daß ich vielleicht einmal Theilhaber an Herrn Wickfields Geſchäft ſein und es vielleicht Wickfield und Heep heißen würde? Sie beſinnen ſich vielleicht nicht darauf, aber wenn Jemand niedern Standes iſt, Musje Kopperfield, ſo hebt man ſich ſolche Sachen wie in einem Schatze auf.“ „Ich erinnere mich, davon geſprochen zu haben,“ ſagte ich,„obſchon ich's damals nicht für recht wahrſchein⸗ lich hielt.“ „Oh wer wuͤrde es aber auch für wahrſcheinlich ge⸗ halten haben, Herr Kopperfield!“ entgegnete Uriah be⸗ geiſtert.„Wahrlich ich meinestheils dachte nicht daran! Ich entſinne mich, daß ich mit meinen eignen Lippen ſagte, 28 David Kopperſield. ich ſei viel zu gering. So betrachtete ich mich wirklich und aufrichtig.“ Er ſaß da mit ſeinem faltenziehenden Grinſen und blickte in's Feuer, während ich ihn anſah. „Aber die niedrigſten Perſonen, Musje Kopperfield,“ nahm er bald darauf ſeine Rede wieder auf,„mögen Werkzeuge des Guten ſein. Ich freue mich, daß ich ein Werkzeug zum Guten für Herrn Wickfield geweſen bin, und daß ich es noch weiterhin ſein werde. Oh, was für ein würdiger Mann er iſt, Herr Kopperfield, aber wie unklug er auch geweſen iſt!“ „ So, es betrübt mich, das zu hören,“ ſagte ich. Ich konnte nicht umhin, ſehr anzüglich hinzuzufügen,„in jeder Hinſicht.“ „Ganz entſchieden richtig, Herr Kopperfield,“ erwie⸗ derte Uriah.„In jeder Hinſicht. Fräulein Agnes über Alles! Sie erinnern ſich Ihres beregten Ausdrucks nicht mehr, Musje Kopperfield; aber ich beſinne mich, wie Sie eines Tages ſagten, daß Jedermann ſte bewundern müßte, und wie dankbar ich Ihnen dafür war! Sie haben das ohne Zweifel vergeſſen, Musje Kopperfield?“ „Nein,“ ſagte ich trocken. „Oh wie mich das freut, daß Sie's nicht vergeſſen!“ rief Uriah aus.„Denken zu können, daß Sie der Erſte geweſen ſind, der die Funken des Ehrgeizes in meinem demüthigen Herzen entzündete, und daß Sie das nicht vergeſſen haben! Oh! würden Sie wohl entſchuldigen, wenn ich Sie um noch eine Taſſe Kaffee bäte?“ Ein Etwas in der Betonung, die er auf das Ent⸗ zünden jener Funken legte, und ebenſo ein Etwas in dem Blicke, den er auf mich richtete, als er es ſprach, hatten mich zuſammenſchrecken laſſen, als ob ich ihn von einem ———.—Sͤ—— ———— e David Kopperſield. 29 plötzlichen Lichtblitze erleuchtet geſehen hätte. Durch ſeine Bitte, die in einem völlig andern Tone vorgebracht wurde, wieder zu mir ſelbſt zurückgekehrt, beehrte ich ihn mit einem zweiten Guſſe aus dem Raſirtopfe, aber ich that es mit ungewiſſer Hand, dem plötzlichen Gefühl, daß ich ihm nicht zu widerſtehen vermöge, und einer verwirrten, ahnungsvollen Angſt, was er zunächſt ſagen werde, welches Alles, wie ich fühlte, ſeiner Beobachtungsgabe nicht zu entgehen vermochte. Er ſagte gar nichts. Er ruderte in ſeinem Kaffee herum, ſchlürfte ihn löffelweiſe, befühlte ſein Kinn ſanft mit ſeiner abſcheulichen Hand,— erſah in's Feuer, er ſchaute ſtch im Zimmer um, er ſchnappte eher nach Athem vor mir, als er lächelte, er krümmte und wand ſich in ſeiner knechtiſchen Demuth, er ruderte und ſchlürfte wieder, aber er überließ die Wiederanknüpfung des Geſprächs mir. „So iſt alſo Herr Wickfield,“ ſagte ich zuletzt,„ein Mann, der fünfhundert Mal ſo viel werth iſt als Sie — und als ich“— ich konnte meiner Seel nicht umhin, dieſen Theil meiner Rede mit einem unſchicklichen Athem⸗ ſtoße zu unterbrechen,„ſo iſt er alſo wirklich unklug ge⸗ weſen, Herr Heep?“ „Oh allerdings, ſehr unklug, Musje Kopperfield,“ entgegnete Uriah, einen beſcheidenen Seufzer ausſtoßend. „Oh ja wohl, ſehr unklug! Aber ich würde es gern hören, wenn Sie mich gefälligſt Uriah nennen wollten. ”s iſt wie in der alten Zeit.“ „Gut denn, Uriah,“ ſagte ich, indem ich's mit einiger Schwierigkeit herausbrachte. „Dank Ihnen!“ erwiederte er mit Inbrunſt.„Dank Ihnen, Musje Kopperfield!'s iſt wie wenn man von alten Lüftchen angeweht würde, oder die Glocken der alten 4 30 David Kopperfield. Zeit tönen hörte, wenn Sie mich Uriah nennen. Ich bitte Sie indeß um Verzeihung,— machte ich irgend eine Be⸗ merkung vorhin?“ „Ueber Mr. Wickfield,“ verſetzte ich. „Oh! Ja wahrhaftig,“ ſagte Uriah.„Oh! Große Unklugheit, Musje Kopperfield. Es iſt dies ein Punkt, den ich gegen keine Seele, als gegen Sie berühren würde. Ja ſelbſt gegen Sie kann ich ihn nur berühren, nicht mehr. Wäre irgend Jemand anders die letzten paar Jahre an meiner Stelle geweſen, er würde in dieſer Zeit dahin gelangt ſein, daß Herr Wickfield(oh, was für ein treff⸗ licher Mann iſt er aber auch, Musje Kopperfield!) nach ſeiner Pfeife tanzen müßte. Nach— ſei— ner— Pfei— fe,“ ſagte Uriah ſehr langſam, und dabei ſtreckte er ſeine ſcheuß⸗ lich dürre Hand über meinen Tiſch und pochte darauf, daß der Tiſch und mit dem Tiſche die Stube wackelte. Hätte ich ihn ſehen müſſen, wie er ſeinen ſchiefver⸗ bogenen Fuß auf Mr. Wickſtelds Haupt geſetzt hätte, ſo hätte ich ihn kaum mehr haſſen können, als in dieſem Augenblicke. „Oh, wahrhaftig,'s iſt wahr, Musje Kopperfield,“ fuhr er in ſanftem Tone fort, der höchſt merkwürdig mit dem Umſtande contraſtirte, daß er mit ſeinem Daumen ſo hart er konnte, auf den Tiſch drückte, als ob er Jemand niederdrücken wollte.„Kein Zweifel daran. Es würde Verluſt des Vermögens, Schande und ich weiß nicht, was ſonſt noch Alles daraus erfolgen. Herr Wickfield weiß das. Ich bin nur das geringe Werkzeug, das ihm demü⸗ thig dient, und er ſtellt mich auf eine Höhe, die ich kaum zu erreichen hoffen konnte. Wie dankbar ſollte ich ſein!“ Als er geendigt hatte und nun ſein Geſicht nach mir hin⸗ kehrte, ohne mich jedoch dabei anzuſehen, nahm er ſeinen 7 David Kopperfield. 31 umgebogenen Daumen von dem Flecke, wohin er ihn ge⸗ pflanzt hatte, und kratzte ſich langſam und bedächtig ſeinen dürren Kinnbacken damit, als ob er ſich raſirte. Ich entſinne mich recht wohl der Entrüſtung, mit welcher mein Herz ſchlug, als ich ſein verſchmitztes Geſicht ſich allmälig röthlich aufhellen ſah, indem er ſich etwas Neues zu ſagen bereitete. „Musje Kopperfield,“ begann er—„doch ich halte Sie vom Schlafengehen ab.“ „Sie halten mich nicht ab. Ich gehe gemeiniglich erſt ſpät zu Bette.“ „Dank Ihnen, Musje Kopperfield! Ich bin aus meiner demüthigen Stellung, ſeit Sie mich zum erſten Male anredeten, zwar emporgeſtiegen, aber ich bin immer noch demüthig. Ich hoffe, daß ich nie anders als demüthig ſein werde. Und nicht wahr, Sie werden nicht ſchlimm von meiner Demuth denken, wenn ich Ihnen ein kleines Geſtändniß mache?“ „Oh nein!“ ſagte ich mit Anſtrengung und Ueber⸗ windung. „Dank Ihnen!“ Er zog ſein Taſchentuch heraus und begann ſich die innern Flächen ſeiner Hände abzuwiſchen. „Fräulein Agnes nämlich, Musje Kopperfield—“ „Ja, Uriah?“ „O wie herrlich, Uriah ganz unwillkürlich genannt zu werden!“ ſchrie er und gab ſich einen Schwung wie ein Zitteraal.„Fanden Sie ſie heute Abend nicht recht ſchön, Musje Kopperfield?“ „Ich fand ſie, wie ſie ſtets iſt, in jeder Beziehung erhaben über ihre ganze Umgebung,“ erwiederte ich. „O Dank Ihnen, das iſt ſo wahr!“ ſchrie er!„ Oh, ich danke Ihnen dafür von ganzem Herzen!“ 32 David Kopperfield. „Sie haben nicht die geringſte Urſache dazu,“ ſagte ich.„Ich ſehe keinen Grund, weshalb Sie mir dafür dankbar ſein ſollten.“— „Ei nun, Musje Kopperfield,“ ſagte Uriah,„das iſt eben das Bekenntniß, welches ich ſo frei bin, Ihnen vor⸗ zulegen. So demüthig ich bin“— dabei wiſchte er fleißi⸗ ger an ſeinen Händen und ſah abwechſelnd ſie und das Feuer im Ofen an,„ſo demüthig meine Mutter iſt und ſo niedrig unſer armes, aber nichts Böſes bergendes Dach ſtets war, das Bild von Fräulein Agnes(ich ſcheue mich nicht, Ihnen ein Geheimniß anzuvertrauen, Musje Kopper⸗ field; denn ich habe Ihnen ſtets mein Herz geöffnet ſeit dem erſten Augenblicke, wo ich die Freude hatte, Sie in einer Ponychaiſe zu erblicken) iſt in meinem Buſen ſeit Jahren lebendig geweſen. Oh, Musje Kopperfield, mit welch einer reinen Zuneigung liebe ich den Boden, auf dem meine Agnes wandelt.“ Ich glaube, ich hatte den wahnwitzigen Gedanken, den glühendrothen Feuerhaken aus dem Kamin zu nehmen und ihn damit durch und durch zu rennen. Er ging mit einer Erſchütterung von mir, wie eine Kugel aus einer Büchſe fährt, aber das Bild von Agnes, ſchon durch den bloßen Gedanken dieſes rothköpfigen Thiers befleckt, ver⸗ blieb in meiner Seele, als ich ihn anblickte, wie er ganz krummgezogen da ſaß, als ob ſeine gemeine Seele ſeinen Körper packe und renke, und machte mich ſchwindlich. Er ſchien zu ſchwellen und zu wachſen vor meinen Augen, das Zimmer ſchien voll von dem Wiederhall ſeiner Stimme, und das ſonderbare Gefühl, welches vielleicht niemandem . ganz fremd iſt, daß nämlich Alles dies ſchon vorher in unbeſtimmter Zeit vorgekommen, und daß ich wüßte, was er zunächſt zu ſagen gedächte, nahm von mir Beſitz. David Kopperfield. 33 Eine rechtzeitige Beobachtung des Gefühls der Macht, welches ſich in ſeinem Geſichte ausdrückte, trug mehr dazu bei, mir die Bitte von Agnes in ihrer vollen Eindring⸗ lichkeit ins Gedächtniß zurückzurufen, als irgend eine An⸗ ſtrengung, die ich hätte machen können. Ich fragte ihn mit einem beſſern Anſcheine von Faſſung, als ich eine Minute vorher noch für möglich gehalten hätte, ob er ſeine Gefühle Agnes bekannt gegeben habe. „Oh nein, Musje Kopperfield!“ entgegnete er.„Oh um Gotteswillen, nein! Keiner Seele als Ihnen. Sie ſehen, ich erhebe mich eben erſt aus meiner niedern Stel⸗ lung. Ich ſtütze einen großen Theil meiner Hoffnung darauf, daß ſie bemerkt, wie nützlich ich ihrem Vater bin (denn ich bin überzeugt, daß ich ihm allerdings ſehr nütz⸗ lich bin, Musje Kopperfield), wie ich ihm den Weg glatt mache und ihn gerade erhalte. Sie hängt ſo ſehr an ihrem Vater, Musje Kopperfield(oh, was für ein liebe⸗ volles Weſen iſt ſolch eine Tochter), daß ich denke, ſie wird deshalb endlich auch dahin gelangen, freundlich gegen mich zu ſein.“ Ich errieth die Tiefe des ganzen Plans, den der Schurke ſich ausgedacht, und verſtand, weshalb er ihn vor mir bloßlegte. 4 „Wenn Sie ſo gut ſein wollen, mein Geheimniß zu bewahren, Musje Kopperfield,“ fuhr er fort,„und mir uüberhaupt nicht entgegen zu ſein, ſo werde ich das als eine ganz beſondere Gunſt betrachten. Sie werden nicht den Wunſch hegen, Unannehmlichkeit zu bereiten. Ich weiß, was für ein freundſchaftliches Herz Sie haben; aber indem Sie mich nur in meiner niedern Stellung(in meiner niedrigſten, ſollt ich ſagen; denn ich bin noch immer niedrig geſtellt) gekannt haben, ſo könnten Sie David Kopperfield. V.. 3 34 David Kopperfield. unwiſſentlich in Bezug auf meine Agnes gegen mich ſein. Ich nenne ſie die Meine, wie Sie ſehen, Musje Kopper⸗ field. Es giebt ein Lied, welches ſagt: Ich wollte Kronen laſſen, könnt' ich ſte die Meine nennen. Ich hoffe dies einen dieſer Tage zu thun.“ Theure Agnes! So unendlich zu liebenswürdig und zu gut für irgend Jemand, an den ich nur denken konnte, — war es möglich, daß ſie beſtimmt war, das Weib ſolch eines Elenden zu werden, als dieſer hier! „Es hat gegenwärtig keine Eile, wiſſen Sie, Musje Kopperfield,“ fuhr Uriah in ſeiner glatten Weiſe weiter fort, während ich mit jenem Gedanken in meinem Gemüthe daſaß und ihn anblickte.„Meine Agnes iſt noch ſehr jung, und Mutter und ich werden uns erſt in die Höhe zu helfen und eine gute Menge neue Einrichtungen zu treffen haben, ehe es ſich ganz paſſen wird. So werde ich Zeit haben, ſie allmälig mit meinen Hoffnungen be⸗ kannt zu machen, wo ſich Gelegenheit bietet. Oh, wie ſehr ich Ihnen für das mir geſchenkte Vertrauen verbun⸗ den bin! Oh's iſt ſolch ein Troſt, wie Sie gar nicht denken können, zu wiſſen, daß Sie unſere Stellung be⸗ greifen und(da Sie in der Familie keine Unannehmlich⸗ keit hervorrufen wollen) ſicherlich nicht gegen mich ſein werden.“ 1 Er nahm meine Hand, die ich ihm nicht vorzuenthal⸗ ten wagte, und nachdem er ſie mit ſeiner ſchweißigfeuchten Hand gedrückt, blickte er auf ſeine Uhr mit dem blaſſen verwiſchten Zifferblatte. „Ei der Tauſend!“ ſagte er,„'s iſt Eins vorüber. Die Augenblicke ſchlüpfen im vertraulichen Gedenken alter Zeit ſo dahin, Musje Kopperfield, daß es wahrlich beinahe halb Zwei iſt.“ U ν— David Kopperfield. 35 Ich antwortete, daß ich der Meinung geweſen ſei, es ſei ſpäter. Nicht, daß ich wirklich ſo gedacht hätte, ſondern weil meine Unterhaltungsgabe ganz und gar dahin war. „Ei der Tauſend!“ ſagte er nachſinnend.„Das Haus, wo ich mich aufhalte— eine Art Privat⸗Hotel und Speiſe⸗ haus, Musje Kopperfield, in der Nähe der Neuen Brücke— wird ſchon ſeit zwei Stunden zu Bett ſein.“ „Ich bedaure,“ entgegnels ich,„daß hier nur ein Bett iſ und daß ich— „O ſprechen Sie doch nicht von Betten, Musje Kopper⸗ field!“ erwiederte er haſtig, indem er das eine Bein in die Höhe zog.„Aber würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich mich vor dem Ofen hinlegte?“ „Nun, wenn es dahin kommt,“ ſagte ich,„bitte, ſo nehmen Sie mein Bett, und ich werde mich vor dem Feuer niederlegen.“ Die Art und Weiſe, in welcher er dieſes Anerbieten zurückwies, war in ihrer Demuth und Verwunderung ſchier ſchrill genug, um bis zu den Ohren von Mrs. Crupp zu dringen, welche zu dieſer Zeit, wie ich vermuthe, in einer entfernten Kammer unten, auf gleicher Höhe mit dem Flußſpiegel bei großem Waſſer ſchlief, in Schlummer geſungen von dem Picken einer unverbeſſerlichen Wand⸗ uhr, auf welche ſie mich ſtets verwies, wenn wir irgend eine Meinungsrerſchiedenheit im Punkte der Pünktlichkeit hatten, und welche nie weniger als drei Viertelſtunden nachging und doch ſtets erſt am Morgen nach den beſten Autoritäten geſtellt worden war. Da keine Gründe, die ich in meiner Beſtürzung vorbringen konnte, den gering⸗ ſten Eindruck auf ſeine Beſcheidenheit machten, ſo daß er mein Schlafzimmer angenommen hätte, ſo ſah ich mich gezwungen, die beſten Anordnungen, die ich konnte, zu 3* 36 David Kopperfield. treffen, um ihn vor dem Feuer ſchlafen zu laſſen. Die Matratze des Sophas, welches für ſeine dürre Bohnen⸗ ſtangenfigur um Vieles zu kurz war, die Sophakiſſen, ein Betttuch, der Tiſchteppich, ein reinliches Tafeltuch und ein Ueberrock machten ihm ein Bett nebſt Decke, wofür er mehr als dankbar war. Nachdem ich ihm eine Nachtmütze geliehen, welche er ſogleich aufſetzte, und in welcher er eine ſo abſcheuliche Erſcheinung bildete, daß ich ſeitdem nie wieder eine aufgeſetzt habe, verließ ich ihn und ging zu Bette. Ich werde dieſe Nacht nun und nimmer vergeſſen. Ich werde nun und nimmer vergeſſen, wie ich mich drehte und wälzte, wie ich mich abquälte mit Gedanken an Agnes und dieſes Geſchöpf, wie ich mir überlegte, was ich thun könnte, und was ich thun ſollte, wie ich zu keinem andern Schritte gelangen konnte, als daß ich am Beſten für ihren Frieden ſorgen könne, wenn ich gar nichts thue und bei mir behielte, was ich gehört. Wenn ich ja ein paar Mi⸗ nuten einſchlief, ſo erhob ſich vor meinen Augen das Bild von Agnes mit ihren lieben Augen und das ihres Vaters, welcher ſte zärtlich anblickte, wie ich oft geſehen; ſie ſchauten mit flehenden Blicken nach mir und erfüllten mich mit unbeſtimmten Gefühlen des Schreckens. Als ich erwachte, ſaß die Erinnerung, daß Uriah im nächſten Zimmer liege, ſchwer wie ein Nachtmahr auf meiner Bruſt und drückte mich mit bleierner Angſt zuſammen, als ob ich eine ge⸗ meinere Art von Teufel als Stubengenoſſen hätte. Außerdem gerieth der Feuerhaken in meine halb⸗ wachen Gedanken und wollte nicht wieder heraus. Es war mir ſo zwiſchen Schlafen und Wachen zu Muthe, als ob er noch immer glühend roth ſei, und als ob ich ihn aus dem Feuer geriſſen und ihm durch den Leib gerannt 4 David Kopperfield. 37 habe. Ich wurde von dieſem Gedanken ſo gequält, daß ich, obwohl mir bewußt war, daß nichts daran ſei, mich doch leiſe in das nächſte Gemach ſtahl, um nach ihm zu ſehen. Dort ſah ich ihn auf ſeinem Rücken liegen, die Beine wer weiß wie weit ausgeſpreizt, mit gurgelnder Kehle und verſtopfter Naſe, den Mund offen wie ein Poſt⸗ büreau. Er war um ſo viel eckelhafter in der Wirklich⸗ keit, als in meiner aufgeregten Phantaſte, daß ich ſpäter gerade durch ſein abſtoßendes Weſen angezogen wurde und nicht umhin konnte, alle halbe Stunden ungefähr herein und herauszuwandern und wiederum nach ihm zu ſehen. Und die lange, lange Nacht ſchien ſchwerer und hoffnungsloſer wie je zu ſein, und kein Anzeichen des Tages war an dem finſtern Himmel zu entdecken. Als ich ihn am frühen Morgen ſchon die Treppe hinab⸗ gehen ſah— denn, Gott ſei Dank! er wollte nicht zum Frühſtück dableiben— ſo ſchien mir's, als ob in ſeiner Perſon die Nacht ſelbſt hinweggehe. Als ich nach den Commons ging, gab ich Mrs. Crupp die ausdrückliche Anweiſung, die Fenſter offen zu laſſen, damit meine Wohnſtube gelüftet und von ſeiner Gegenwart gereinigt werde. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Ich werde zum Gefangenen gemacht. Ich ſah nichts mehr von Uriah Heep bis zu dem Tage, wo Agnes die Stadt verließ. Ich war an der Poſt⸗ expedition, um von ihr Abſchied zu nehmen und ſie ab⸗ reiſen zu ſehen, und dort war auch er, indem er mit der⸗ ſelben Fahrgelegenheit nach Canterbury zurückkehrte. Ich fühlte einige Genugthuung, als ich bemerkte, daß ſein ärmlicher maulbeerfarbener Ueberrock mit der kurzen Taille und den hohen Schultern in Geſellſchaft eines Regenſchirmes von der Größe eines kleinen Zeltes auf die Ecke des Rückſitzes oben auf dem Kutſchendache gelegt wurde, während Agnes natürlich im Innern des Wa⸗ gens ſaß, aber was ich auf mich nahm, als ich, ſo lange Agnes zuſah, mich anſtrengte freundlich gegen ihn zu ſein, verdient vielleicht dieſe kleine Belohnung. Wie bei der Tiſchgeſellſchaft ſo hing er auch hier am Kutſchen⸗ fenſter ohne einen Augenblick nachzulaſſen, wie ein großer Geier über uns und verſchlang jede Sylbe, die ich zu Agnes oder die Agnes zu mir ſagte. David Kopperfield. 39 In dem beängſtigten Zuſtande, in den ſeine Eröff⸗ nung an meinem Kamine mich verſetzt, dachte ich ſehr oft an die Worte, deren ſich Agnes in Bezug auf ſeine Theil— nehmerſchaft an ihres Vaters Geſchäft bedient hatte: „Ich that, wie ich hoffe, was recht war. Sicher in meinem Innern, daß es für Papas Seelenfrieden nothwendig war, daß das Opfer gebracht wurde, bat ich ihn, es zu bringen.“ Eine düſtre Ahnung, daß ſie ſich durch daſ⸗ ſelbe Gefühl hinſichtlich jedes Opfers um ſeinetwillen be⸗ ſtimmen laſſen und getröſtet finden werde, hatte mich die ganze Zeit ſeitdem niedergedrückt. Ich wußte, wie ſehr ſte ihn liebte. Ich wußte, welcher Aufopferung ihre Natur fähig war. Ich wußte aus ihrem eignen Munde, daß ſie ſich als die unſchuldige Urſache ſeiner Verirrungen be⸗ trachtete, und daß ſie ihm eine große Schuld zu ſchulden meinte, welche ſie von ganzer Seele zu bezahlen ſich ſehnte. Ich fand keinen Troſt in der Beobachtung, welcher Unter⸗ ſchied zwiſchen ihr und dieſem verächtlichen Rufus mit dem maulbeerfarbenen Ueberrocke obwaltete; denn ich fühlte, daß gerade in dieſer Verſchiedenheit zwiſchen ihnen, in der Selbſtverleugnung ihrer reinen Seele und der ſchmutzigen Gemeinheit der ſeinen die größte Gefahr lag. Alles dies wußte er ohne Zweifel ganz genau und hatte es ſich in ſeiner Schlauheit wohl überlegt. Ich war jedoch ſo gewiß, daß der Gedanke an ſolch ein Opfer, das ihr in der Zukunft bevorſtand, das Glück von Agnes zerſtören müßte, und ich war nach ihrem Be⸗ nehmen ſo ſicher, daſſelbe ſei damals von ihr noch nicht ge⸗ ſehen worden und habe noch keinen Schatten auf ſie gewor⸗ fen, daß ich ſie ebenſo leicht hätte beleidigen, als ihr eine Warnung vor dem ihr Drohenden hätte geben können. So geſchah es, daß wir ohne eine Erklärung ſchieden. 40 David Kopperfield. Sie winkte und lächelte mir ein Lebewohl aus dem Kutſchenfenſter; ihr böſer Genius krümmte und wand ſich auf dem Kutſchendache, als ob er ſie in ſeinen Klauen hielte und triumphirte.. Ich konnte dieſe Abſchiedsſcene lange nicht verwinden. Als Agnes an mich ſchrieb, um mir zu melden, daß ſie glücklich angelangt, war mir noch ſo traurig zu Muthe, als in dem Augenblicke, wo ich ſie abgehen ſah. Sobald ich nur in den Zuſtand des Nachdenkens verſank, trat mir ſicherlich dieſer Gegenſtand vor's Gemüth, und all meine Ungemüthlichkeit verdoppelte ſich dann ganz gewiß. Kaum eine Nacht verging, wo ich nicht davon geträumt hätte. Es wurde ein Theil meines Lebens und ſo un⸗ trennbar von meinem Leben, als mein Kopf. Ich hatte hinreichende Muße, über meiner traurigen Stimmung zu brüten und ſie auszuſpinnen; denn Steer⸗ forth war, wie er mir ſchrieb, zu Orford, und wenn ich nicht in den Commons war, befand ich mich ſehr viel allein. Ich glaube, daß ich zu dieſer Zeit ein gewiſſes geheimes Mißtrauen in Steerforth ſetzte. Ich vermuthe aber, die Sache verhielt ſich ſo, daß damals der Einfluß von Agnes ungeſtört von ſeinem Anblicke auf mich wirkte, und daß er um ſo mächtiger auf mich wirkte, als ſie einen ſo großen Antheil an meinen Gedanken und meinem In⸗ tereſſe hatte. Irnzwiſchen ſchwanden Tage und Wochen dahin. Ich wurde in das Geſchäft von Spenlow und Jorkins aufge⸗ nommen. Ich hatte mit Ausnahme meiner Hausmiethe und verſchiedener anderer dahin zu rechnender Dinge, jährlich neunzig Pfund von meiner Tante. Meine Zim⸗ mer wurden auf zwölf Monate genommen, und obwohl ich ſie des Abends immer noch trübſelig und düſter und David Kopperfield. 41 die Abende lang fand, ſo konnte ich mich doch in einen Zuſtand von gleicher Schwermuth verſetzen und mich mit Kaffeetrinken tröſten, in Bezug auf welchen es mir, wenn ich zurückblicke, ſcheint, als ob ich ihn in dieſer Periode meines Daſeins gallonenweiſe zu mir genommen hätte. Ungefähr um dieſe Zeit machte ich auch drei Entdeckungen: erſtens, daß Mrs. Crupp eine Dulderin war, die an einer wunderlichen Krankheit,„der Torkel“ genannt, litt, welche gewöhnlich mit Entzündung der Naſe verbunden war und eine unausgeſetzte Behandlung mit Pfeffermünze erforderte; zweitens, daß irgend eine Eigenthümlichkeit meines Speiſekämmerchens bewirkte, daß meine Brannt⸗ weinflaſchen platzten: und drittens, daß ich allein in der Welt war und mir dieſen Umſtand in Bruchſtücken eng⸗ liſcher Verskunſt oft ins Gedächtniß gerufen hatte. An dem Tage meiner Aufnahme bei Spenlow und Jor⸗ kins fand keine Feſtlichkeit ſtatt, ausgenommen, daß ich in der Expedition den Schreibern Fleiſchbemmchen und Teres zum Beſten gab und des Abends allein ins Theater ging. Ich ging, um„Den Fremden“ zu ſehen, der mir ein Schau⸗ ſpiel für Doctors Commons zu ſein ſchien, und wurde ſo entſetzlich gerührt, daß ich mich kaum in meinem Spiegel wieder erkannte, als ich nach Hauſe kam. Mr. Spenlow bemerkte bei dieſer Gelegenheit, als wir unſer Geſchäft abſchloſſen, daß er ſich gefreut haben würde, mich in ſeinem Hauſe zu Norwood zu ſehen, um unſere Bekanntſchaft zu feiern; es wären indeß ſeine häuslichen Angelegenheiten etwas in Unordnung, da er alle Tage ſeine Tochter von Paris zurückerwarte, wo ſie ihre Ausbildung vollende. Aber er legte mir an's Herz, daß er, wenn ſie nach Hauſe käme, das Vergnügen zu haben hoffe, mich bei ſich zu Tiſche zu ſehen. Ich wußte, daß er ein Wittwer mit 2 David Kopperfield. einer Tochter ſei, und drückte ihm meine Annahme ſeines Anerbietens aus. Mr. Spenlow hielt Wort. Nach Verlauf von einer oder zwei Wochen kam er auf dieſe Einladung zurück und ſagte, er werde ſich außerordentlich freuen, wenn ich ſo freundlich ſein und nächſten Sonnabend hinunterkommen und bis Montag bleiben wollte. Natürlich ſagte ich, daß ich ſo freundlich ſein wollte, und er machte ſich anheiſchig, mich in ſeinem Phaeton hin und zurück zu fahren. Als der Tag kam, war ich bis auf meine Reiſetaſche herab ein Gegenſtand der Verehrung für die Schreiber der Expedition, welchen das Haus in Norwood ein hei⸗ liges Geheimniß war. Einer von ihnen belehrte mich, wie er gehört, daß Mr. Spenlow nur von Silber und Porzellan ſpeiſe, und ein Anderer ließ merken, daß man nach der gewöhnlichen Sitte des Tiſchbiers dort in einem weg Champagner trinke. Der alte Schreiber mit der Perücke, deſſen Name Mr. Tiffey war, war während ſeiner Laufbahn mehrmals in Geſchäftsſachen dort geweſen und bei jeder Gelegenheit bis zum Frühſtückszimmer vorge⸗ drungen. Er beſchrieb es als ein Gemach, das mit der verſchwenderiſcheſten Pracht ausgeſtattet, ſei, und ſagte, er habe dort braunen oſtindiſchen ereswein getrunken, der von einer ſo köſtlichen Beſchaffenheit geweſen, daß man mit den Augen zwinkern müßte. Wir hatten an dieſem Tage einen verſchobenen Proceß im Conſiſtorium— es handelte ſich um die Ercommuni⸗ cation eines Bäckers, welcher ſich in einer Gemeindever⸗ ſammlung ſeines Kirchſpiels geweigert hatte, ſeine Pflaſter⸗ ſteuer zu geben— und da die Beweisführung nach einer Berechnung, die ich anſtellte, gerade zwei mal ſo lang als Robinſon Cruſoe war, ſo war es bereits ſpät am ⏑0 ——— David Kopperfield. 43 Tage, ehe wir fertig wurden. Wir brachten's indeß zu Stande, daß er auf ſechs Wochen von der Gemeinde aus⸗ geſchloſſen und in unendliche Koſten verurtheilt wurde, und dann verließen der Proctor des Bäckers und der Richter und die Advocaten beider ſtreitigen Theile(welche alleſammt nahe Verwandte waren) die Stadt, und Mr. Spenlow und ich fuhren in einem Phaeton weg. Der Phaeton war ein ſehr ſchmuckes Ding, die Pferde krümmten ihre Nacken und hoben ihre Beine, als ob ſie wüßten, ſie gehörten zu Doctors Commons. In den Commons war in allen Punkten, in denen man ſich zeigen konnte, ein fleißiges Streben, ſich's einander zuvor zu thun, und es fuhren damals mehrere ausgeſucht ſchöne Equipagen heraus, obſchon ich ſtets der Meinung geweſen bin und ſein werde, daß zu meiner Zeit derjenige Artikel, in welchem man ſich's hauptſächlich zuvor zu thun ſuchte, die Stärke war, welche, wie ich glaube, von den Proctoren in ſolcher Maſſe in der Wäſche getragen wurde, wie viel die Natur des Menſchen nur aushalten kann. Wir waren während unſrer Fahrt ſehr aufgeräumt, und Mr. Spenlow gab mir hinſichtlich meines Berufs verſchiedene Winke. Er ſagte, es ſei das vornehmſte Ge⸗ ſchäft in der Welt, welches durchaus nicht mit dem eines bloßen Sachwalters vermiſcht werden dürfe, da es ein durchaus anderes Ding, unendlich mehr ausſchließlich, weniger mechaniſch und viel Fewinnbringender ſei. Wirnah⸗ men die Angelegenheiten der Leute, bemerkte er, in den Commons viel leichter, als ſie irgendwo anders genom⸗ men werden konnten, und dies gab uns, als einer bevor⸗ zugten Claſſe, einen beſondern Platz. Er ſagte, es ſei unmöglich, die unangenehme Thatſache zu verbergen, daß wir hauptſächlich von den Sachwaltern beſchäftigt wür⸗ 44— David Kopperfield. den, aber er gab mir zu verſtehen, daß ſte eine untergeord⸗ nete Menſchenrace ſeien, auf welche jeder Proctor, der nur irgend einige Anſprüche mache, allerwegen mit Gering⸗ ſchätzung herabſähe. Ich fragte Mr. Spenlow, was er für die beſte Sorte von Geſchäften in unſerm Stande halte. Er entgegnete, daß ein hübſcher Rechtshandel um ein angefochtenes Teſta⸗ ment, wo es ſich um ein nettes Rittergütchen von dreißig bis vierzigtauſend Pfund frage, vielleicht das beſte Geſchäft von allen ſei. In ſolch einem Falle, ſagte er, ließen ſich nicht nur auf jeder Stufe der Verhandlungen ſehr leicht Rechtsgründe zuſammenleſen, und Berge auf Berge von Beweiſen aufhäufen durch Fragen und Gegenfragen(gar nicht zu gedenken an die Appellationen bei den Delegaten und dann beim Oberhauſe); ſondern, da man ziemlich ſicher ſei, daß die Koſten ſich doch zuletzt aus dem Gute ergeben müßten, gingen beide Parteien friſch und munter drauf los, und die Ausgaben kämen gar nicht in Betracht. Dann erging er ſich in einer allgemeinen Lobrede auf die Commons. Was an den Commons beſonders zu bewun⸗ dern ſei, ſagte er, ſei ihr feſter Zuſammenhalt. Es ſei der paſſendſt organiſirte Ort in der Welt. Es ſei die vollkommene Idee der netten Abrundung. Alles läge in einer Nußſchale. Zum Beiſpiel: man brächte einen Scheidungsproceß oder einen Wiedererſtattungsproceß vor das Conſiſtorium. Sehr wohl. Man verhandelte ihn im Conſiſtorium. Man machte ſein Spielchen damit rund herum, fühlte ſich dabei wie zu Hauſe in einem Verwandtenkreiſe und ſpielte es mit Muße durch. Geſetzt, man fühlte ſich aber nicht zufriedengeſtellt mit der Entſcheidung des Conſiſtoriums, was würde man dann thun? Ei nun, ſo ginge man vor den oberſten geiſtlichen 8 David Kopperfield. 45 Gerichtshof. Was wäre dieſer oberſte geiſtliche Gerichts⸗ hof? Daſſelbe Gericht, in demſelben Zimmer, mit den⸗ ſelben Advocaten und denſelben Geſchäftsleuten, nur mit einem andern Richter; denn dort kann der Richter im Conſiſtorium jeden Gerichtstag als Advocat auftreten. Wohlan, man ſpielte hier ſein Spielchen nochmals durch. Man wäre aber noch immer nicht zufrieden geſtellt. Sehr wohl. Was würde man dann thun? Ei nun, man ginge zu den Delegaten. Wer wären die Delegaten? Ei nun, die geiſtlichen Delegaten wären die Advocaten ohne Ge⸗ ſchäft, welche bei dem Spielchen zugeſchaut hätten, wie es vor beiden Gerichtshöfen geſpielt, und welche geſehen hätten, wie die Karten gemiſcht, abgehoben und ausge⸗ ſpielt worden und zu allen Spielern darüber geſprochen hätten und nun friſch herzuträten, um die Sache zu aller Leute Zufriedenheit zu ſchlichten. Unzufriedenes Volk möchte von Rechtsverdrehung in den Commons, Beſchränkt⸗ heit in den Commons, und von der Nothwendigkeit, die Commons umzugeſtalten, ſchwatzen, ſagte Mr. Spenlow zum Schluſſe feierlich; aber wenn der Preis des Waizens per Scheffel am Höchſten geſtanden hätte, wären die Com⸗ mons am Beſchäftigtſten geweſen, und man könnte, die Hand aufs Herz gelegt, der ganzen Welt zurufen:„Rührt die Commons an, und augenblicklich geht das Vaterland unter!“ Ich hörte auf dies Alles mit aufmerkſamem Ohre, und obwohl ich geſtehen muß, daß ich meine Zweifel hatte, ob das Vaterland den Commons ſoviel Dank ſchuldete, wie Mr. Spenlow auseinanderſetzte, ſo pflichtete ich doch reſpectvoll ſeiner Meinung bei. Was er über den Preis des Weizens per Scheffel ſagte, war, wie ich beſcheiden fühlte, für meine Faſſungskraft zu hoch gegeben, und 46 David Kopperfield. machte allen Fragen ſogleich ein Ende. Ich bin bis dieſe Stunde nicht über jenen Scheffel Weizen hinweggekom⸗ men. Er iſt immer wieder erſchienen, um in Verbin⸗ dung mit allen Arten von Gegenſtänden mich durch mein ganzes Leben hindurch in meinen Vernunftſchlüſſen zu vernichten. Ich weiß nicht deutlich, was er mit mir zu ſchaffen, oder welches Recht er hat, mich bei tauſendfachen Gelegenheiten zu zermalmen, aber wo nur immer mein alter Freund, der Scheffel, bei Kopf und Schultern(wie dies meiner Beobachtung nach ſtets geſchieht) hereinge⸗ bracht wird, gebe ich ſtets den Gegenſtand, den ich be⸗ haupte, verloren. Dies iſt eine Abſchweifung. Ich war nicht der Mann, der die Commons angerührt und an den Rand des Ver⸗ derbens gebracht hätte. Ich drückte durch mein Schweigen unterwürfig aus, daß ich bei Allem, was ich von dem mir an Alter und Wiſſen Voranſtehenden gehört, Beruhigung faſſe, und wir unterhielten uns über„den Fremden“ und das Drama und das Pferdegeſpann, bis wir an Mr. Spenlows Thür kamen. Zu Mr. Spenlows Hauſe gehörte ein ſchöner Garten, und obwohl es juſt nicht die beſte Zeit des Jahres war, ſich einen Garten zu beſehen, war er doch ſo trefflich ge⸗ halten, daß ich ganz bezaubert war. Da war ein niedli⸗ cher Raſenplatz, dort ragten Baumwipfel, und dort waren durchſichtige Gänge, die man gerade in der Finſterniß noch unterſcheiden konnte, überwölbt von Gitterwerk, an welchem in der Jahreszeit des Wachsthums rankende Sträucher und Blumen wuchſen.„Hier wandelt Miß Spenlow für ſich allein!“ dacht' ich.„Ei der Tauſend!“ Wir gingen ins Haus, welches hell erleuchtet war, und in eine Halle, wo ſich alle Sorten von Hüten, Mützen, 4 David Kopperfield. 47 Ueberröcken, Plaids, Handſchuhen, Reitgerten und Spa⸗ zierſtöcken befanden.„Wo iſt Miß Dora?“ fragte Mr. Spenlow die Magd.„Dora!“ dacht' ich.„Was für ein ſchöner Name!“ Wir wandten uns in ein Zimmer nahe zur Hand (ich denke, es war daſſelbe Frühſtückszimmer, welches we⸗ gen des braunen oſtindiſchen Sherry ſo merkwürdig war), und ich hörte eine Stimme ſagen:„Mr. Kopperfield, meine Tochter Dora und ihre vertraute Freundin!“ Es war ohne Zweifel Mr. Spenlows Stimme, aber ich wußte es nicht und kümmerte mich auch nicht darum, wem ſte gehörte. Alles war im Augenblicke vorbei. Ich hatte mein Geſchick erfüllt. Ich war ein Gefangener und ein Sclave. Ich liebte Dora Spenlow bis zum Wahnſinnig⸗ werden! Sie war mir mehr als ein Menſchenkind. Sie war eine Fee, eine Sylphe, ich weiß nicht, was ſie alles war— etwas, das Niemand je erblickte, und alles, was Jeder⸗ mann ſich je wünſchte. Ich war in einem Augenblicke von einem Abgrunde von Liebe verſchlungen. Kein Ver⸗ weilen am Rande, kein Hinunter⸗, kein Zurückſchauen, ich war kopfüber hinuntergeſtürzt, ehe ich nur ſoviel Be⸗ ſtnnung hatte, ein Wort zu ihr zu ſagen. „Ich,“ bemerkte eine mir wohlerinnerliche Stimme, nachdem ich mich verbeugt und etwas von einem Gruße gemurmelt,„habe Herrn Kopperfield ſchon früher ge⸗ ſehen.“ Die Sprecherin war nicht Dora. Nein, es war die vertraute Freundin— Miß Murdſtone! Ich glaube nicht, daß ich ſehr erſtaunt war. So weit ich nur ein Urtheil über mich habe,— es war keine Fähigkeit zum Erſtaunen in mir geblieben. Nichts auf der irdiſchen 48 David Kopperfield. Welt, außer Miß Dora, war der Erwähnung werth, worüber ich erſtaunt hätte ſein können. Ich ſagte:„Wie geht's Ihnen, Fräulein Murdſtone? Ich hoffe, Sie befinden ſich wohl.“ Sie antwortete:„Ganz wohl. Ich fragte weiter: „Was macht Herr Murdſtone?“ Sie entgegnete:„Sehr verbunden für die Nachfrage. Mein Bruder iſt wohl auf den Beinen.“ Mr. Spenlow, der ſich vermuthlich gewundert hatte, daß wir in uns Bekannte getroffen, unterbrach uns ſodann. „Ich freue mich,“ ſagte er, zu finden, daß Sie, Kop⸗ perfield, und Miß Murdſtone bereits ſich kennen.“ „Herr Kopperfield und ich,“ verſetzte Miß Murdſtone in ernſter Haltung,„ſind Verwandte. Wir waren einſt oberflächlich bekannt mit einander. Es war in ſeiner Kinderzeit. Umſtände haben uns ſeitdem getrennt. Ich würde ihn nicht wieder erkannt haben.“ Ich erwiederte, daß ich ſie überall erkannt haben würde. Und dies war vollkommen wahr. „Fräulein Murdſtone hat die Güte gehabt,“ ſagte Mr. Spenlow zu mir,„den Auftrag, wenn ich's ſo nen⸗ nen darf, zu übernehmen, meiner Tochter Dora vertraute Freundin zu ſein. Da meine Tochter Dora unglücklicher Weiſe keine Mutter hat, iſt Fräulein Murdſtone ſo freund⸗ lich, ihr ihre Geſellſchaft und ihren Schutz angedeihen zu laſſen.“ Ein flüchtiger Gedanke ging mir durch den Kopf, daß nämlich Miß Murdſtone, wie jenes Taſcheninſtrument, welches der life-preserver(Lebenserhalter) heißt, nicht ſowohl zum Schutze, als zum Angriffe geſchaffen war. Da ich jedoch mit Ausnahme Doras an nichts anders als flüchtig dachte, warf ich gleich nachher einen Blick auf ſie; und eben war mir's, als ſähe ich an ihrer ziemlich ver⸗ David Kopperfield. 49 drießlichen Weiſe, daß ſie nicht eben ſehr geneigt ſei, gegen ihre Geſellſchafterin und Beſchützerin beſonders vertraulich zu ſein, als eine Klingel klang, von welcher Mr. Spenlow ſagte, daß es der erſte Ruf zu Tiſche ſei, und mich ſo zum Ankleiden hinwegführte. Der Gedanke, in dieſem verliebten Zuſtande ſich ſelbſt anzukleiden oder überhaupt irgend eine Thätigkeit zu üben, war ein wenig zu lächerlich. Ich konnte mich nur vor meinen Kamin hinſetzen, an dem Schlüſſel meiner Reiſetaſche kauen und an die mädchenhafte, helläugige, liebliche Dora denken, die mich zu ihrem Gefangenen ge⸗ macht. Was für eine Geſtalt, was für ein Geſicht hatte ſie, was für anmuthiges, in tauſend Farben wechſelndes, bezauberndes Benehmen! Die Klingel klang ſo bald wieder, daß ich mich blos in aller Haſt in die Kleider warf, anſtatt mich mit der Sorgfalt zu putzen, wie ich unter beſagten Umſtänden gewünſcht haben könnte. Ich ging hinunter. Es war einige Geſellſchaft da. Dora ſprach mit einem alten grau⸗ köpfigen Herrn. So grau und ſolch ein alter Urgroßvater er im Vergleich mit ihr auch war, dennoch war ich raſend eiferſüchtig auf ihn. In welchem Gemüthszuſtande war ich! Ich war eifer⸗ ſüchtig auf alle Welt. Ich konnte die Idee nicht ertragen, daß irgend Jemand mit Mr. Spenlow beſſer bekannt ſei, als ich. Es war mir eine Marter, ſie von Vorfällen reden zu hören, an denen ich keinen Theil hatte. Als ein ſehr liebenswürdiger Mann mit einem höchſt glänzenden Kahl⸗ kopfe mich quer über die Speiſetafel fragte, ob dies die erſte Gelegenheit ſei, daß ich das Gut hier beſuche, ſo hätte ich ihm alles Mögliche anthun können in meiner Wildheit und Rachgier. David Kopperfield. V.. 4 David Kopperfield. Ich entſinne mich nicht, wer da war, Dora ausgenom⸗ men. Ich habe nicht die geringſte Vorſtellung, was wir zu Tiſche hatten. Der Eindruck, der mir davon geblieben, iſt, daß ich Dora ganz verſchlang, dagegen ein halbes Dutzend Gerichte unberührt weitergehen ließ. Ich ſprach mit ihr. Sie hatte das wonnigſte Stimmchen, das hei⸗ terſte Lachen, das angenehmſte und bezauberndſte Beneh⸗ men, das je einen verlorenen Jüngling in eine hoffnungs⸗ loſe Sclaverei führte. Sie war in Allem höchſt niedlich. Um ſo koſtbarer, dachte ich. Als ſie mit Miß Murdſtone(außer ihnen waren keine Damen von der Partie) hinausging, verfiel ich in einen träumeriſchen Zuſtand, der nur durch den peinigenden Gedanken geſtört wurde, Miß Murdſtone werde mich vor ihr herabſetzen. Das liebenswürdige Weſen mit dem glänzenden Kopfe erzählte mir eine lange Geſchichte, welche, wie ich glaube, die Gärtnerei betraf. Mir iſt, als hätte ich ihn mehrmals ſagen hören„mein Gärtner.“ Ich ſchien ihm die geſpannteſte Aufmerkſamkeit zu zollen, wandelte aber die ganze Zeit über mit Dora in einem Garten Eden herum. Meine Befürchtungen, vor dem Gegenſtande meiner wachſenden Neigung herabgeſetzt worden zu ſein, erwach⸗ ten, als wir in das Putzzimmer gingen, durch das grim⸗ mige und verhaltene Ausſehen von Miß Murdſtone aufs Neue. Aber ich wurde von denſelben in einer unerwar⸗ teten Weiſe befreit. „David Kopperfield,“ ſagte Miß Murdſtone, indem ſie mich bei Seite in eine Fenſterniſche winkte.„ Auf ein Wort.“. Ich trat Miß Murdſtone allein gegenüber. „David Kopperfield,“ verſetzte ſie,„ich brauche mich David Kopperfield. 51 nicht über Familienangelegenheiten des Breiteren auszu⸗ laſſen. Sie ſind kein Gegenſtand, der einen zu verführen vermöchte.“ „Ja, weit entfernt davon, Madam,“ entgegnete ich. „Ja, weit entfernt davon,“ ſagte Miß Murdſtone beiſtimmend.„Ich wünſche nicht, daß das Andenken an vergangene Streitigkeiten oder Beleidigungen wieder auf⸗ gefriſcht werde. Ich habe Beleidigungen empfangen von einer Perſon— einer Frauensperſon, wie ich zur Schande meines Geſchlechtes leider ſagen muß,— welche man nicht ohne Spott und Abſcheu erwähnen kann, und des⸗ halb möchte ich ſie lieber nicht erwähnen.“ Ich fühlte, wie mir's für meine Tante heiß zu Ge⸗ ſichte ſtieg, aber dennoch ſagte ich, es werde gewiß beſſer ſein, wenn es Miß Murdſtone gefiele, ſie nicht zu erwäh⸗ nen. Ich könnte, fügte ich hinzu, von ihr nicht unehr⸗ erbietig ſprechen hören, ohne meine Meinung in entſchiede⸗ nem Tone auszudrücken. Miß Murdſtone ſchloß ihre Augen und ließ verächtlich den Kopf ein wenig ſinken, dann fuhr ſie, langſam die Augen wieder öffnend, fort: „David Kopperfield, ich werde nicht verſuchen, die Thatſache zu verbergen, daß ich von Ihnen in Ihrer Kind⸗ heit mir cine ungünſtige Meinung gebildet habe. Es mag dieſelbe ein Mißverſtändniß geweſen ſein, oder ſie mögen aufgehört haben, ſie zu rechtfertigen. Das iſt indeß jetzt nicht die Frage zwiſchen uns. Ich gehöre zu einer Familie, welche wegen ihrer Feſtigkeit merkwürdig iſt, und ich bin nicht von der Art, welche ſich nach den Umſtänden richtet oder dem Wechſel unterworfen iſt. Ich mag meine Mei⸗ nung von Ihnen haben. Sie mögen dagegen die Ihre von mir haben.“ 4* 32 David Kopperfield. Ich ließ jetzt meinerſeits den Kopf ſinken. „Aber es iſt nicht nothwendig, daß dieſe Meinungen hier in Colliſtion kommen. Unter den obwaltenden Um⸗ ſtänden iſt's auf alle Fälle ebenſo gut, wenn ſie nicht in Colliſion kommen. Da die Wechſelfälle des Lebens uns wieder zuſammengeführt haben und uns noch bei anderen Gelegenheiten zuſammenbringen mögen, ſo möchte ich den Vorſchlag machen, laſſen Sie uns hier als oberflächlich Bekannte einander gegenüberſtehen. Familienrückſichten ſind ein hinreichender Grund dafür, daß wir nur auf die⸗ ſem Fuße uns treffen, und es iſt ganz unnöthig, daß Eines von uns das Andere zum Gegenſtande von Bemer⸗ merkungen macht. Nun, billigen Sie das?“ „Fräulein Murdſtone,“ erwiederte ich,„ich glaube, Sie und Herr Murdſtone behandelten mich ſehr grauſam, und betrugen ſich gegen meine Mutter in ſehr gehäſſiger Weiſe. Ich werde ſtets ſo denken, ſo lange ich lebe. Aber ich bin mit Ihrem Vorſchlage völlig einverſtanden.“ Miß Murdſtone ſchloß ihre Augen nochmals und nickte mit dem Kopfe. Dann, indem ſie der Rückſeite meiner Hand mit den Spitzen ihrer kalten ſteifen Finger gerade ſo nahe kam, um ſie zu berühren, ſchritt ſie weg, wobei ſte die kleinen Ketten an ihren Handgelenken und um ihren Hals ordnete, welche derſelbe Schmuck in genau demſelben Zuſtande zu ſein ſchienen, als wie ich ſie das letzte Mal geſehen hatte. Dieſe erinnerten mich, wenn ich ſie zu Miß Murdſtones Natur in Beziehung ſetzte, an die Feſſeln über der Thür eines Stockhauſes, indem ſte an der Außenſeite Allen, die ſie erblickten, predigten, was drin⸗ nen zu erwarten ſei. Alles, was ich von dem Reſte des Abends weiß, iſt, daß ich die Beherrſcherin meines Herzens bezaubernde David Kopperfield. 53 Balladen in franzöſiſcher Sprache ſingen hörte, deren Wir⸗ kung gemeiniglich, um was es ſich drinn auch handeln mochte, die war, daß wir allemal Tralala, Tralala! hät⸗ ten tanzen mögen, und wobei ſie ſich auf einem damals vielgeprieſenen Inſtrumente begleitete, welches einer Gui⸗ tarre glich. Ferner, daß ich in lauter wonnevolles Schwär⸗ men mich verlor; daß ich Erfriſchungen zurückwies; daß meine Seele ganz beſonders vor Punſch zurückſchauderte; daß ſie, als Miß Murdſtone ſie unter ihre Obhut nahm und hinwegführte, mir zulächelte und mir ihre niedliche Hand gab; daß ich mein Bild im Spiegel wegbekam, welches vollkommen unbeholfen und einfältig ausſah. Endlich, daß ich in einem höchſt berauſchten Gemüthszu⸗ ſtande ins Bett ging und in der Kriſis eines leichten Wahnwitzes aufſtand.. Es war ein ſchöner Morgen und früh an der Zeit, und ich dachte, ich wollte ein wenig durch einen jener mit Drahtgeflechten überwölbten Gänge ſchlendern und mich meiner Leidenſchaft überlaſſen, indem ich mich mit ihrem Bilde beſchäftige. Auf meinem Wege durch die Halle be⸗ gegnete ich ihrem kleinen Hunde, welcher Zig, abgekürzt von Zigeuner hieß. Ich näherte mich ihm zärtlich; denn ich liebte ihn, aber er wies mir ſeine geſammten Zahn⸗ reihen, kroch unter einen Stuhl, ausdrücklich, um zu knur⸗ ren, und wollte nichts von der geringſten Vertraulichkeit hören. Der Garten war kühl und einſam. Ich wandelte herum, indem ich mich fragte, welcher Art meine Empfin⸗ dungen von Glück ſein würden, wenn ich je mit dieſem Wundermädchen ein Verhältniß anknüpfen könnte. Was Heirath, Vermögen und alles das betrifft, ſo war ich da⸗ mals in meiner Unſchuld faſt ebenſo ohne Pläne, als wie 54 David Kopperfield. ich die kleine Emilie liebte. Die Erlaubniß zu haben, ſie „Dora“ zu nennen, an ſie ſchreiben, für ſie ſchwärmen, ſte anbeten zu dürfen, mit Grund denken zu können, daß wenn ſie mit andern Leuten zuſammen ſei, ſie doch meiner gedenke, ſchien mir der Gipfel menſchlichen Strebens— ſicherlich war es wenigſtens der Gipfel des meinigen. Kein Zweifel, daß ich ein verwunderſam einfältiger jun⸗ ger Laffe war, aber dennoch war in allen dieſem eine Herzensreinheit, welche mich abhält, nur mit Verach⸗ tung auf dieſe Erinnerung zu blicken, mag ich auch darüber lachen, wie ich will. Ich war nicht lange ſpazieren gegangen, als ich nach einem Winkel umbog und ſie traf. Es durchzuckt mich noch jetzt, wo meine Erinnerung ſich nach dieſem Winkel wendet, vom Kopf bis zu den Füßen, und meine Feder zittert in der Hand. „Sie— Sie ſind frühzeitig auf, Fräulein Spenlow,“ ſagte ich. „Oh's iſt ſo einfältig zu Hauſe,“ erwiederte ſie, „und Fräulein Murdſtone iſt ſo abgeſchmackt. Sie ſchwatzt ſolchen Unſinn davon, daß es für den Tag nöthig ſei, ſich zu lüften, ehe ich herauskomme. Zu lüften!“(Sie lachte hier in der wohlklingendſten Weiſe).„Am Sonntags⸗ morgen, wo ich mich nicht übe, muß ich etwas thun. So ſagte ich denn geſtern Abend dem Papa, daß ich ausgehen müßte. Außerdem iſt's die hellſte und heiterſte Zeit des ganzen Tages. Meinen Sie das nicht auch?“ Ich wagte einen kühnen Vergleich und ſagte, nicht ohne Stottern, daß es mir allerdings jetzt ſehr heiter vorkäme, obwohl mir's erſt ein paar Minnten zuvor ſehr dunkel geſchienen hätte. „Wollen Sie damit ein Kompliment ausdrücken?“ David Kopperfield. 5⁵ fragte Dora,„oder wollen Sie ſagen, das Wetter habe ſich wirklich geändert?“ Ich ſtotterte noch ſchlimmer, als vorher, indem ich erwiederte, daß ich kein Kompliment gemeint, obwohl ich nicht bemerkt habe, daß irgend ein Wechſel in der Witterung ſtattgefunden. Es beträfe den Zuſtand meiner Empfindungen, fügte ich, um die Erklärung in kurze Worte zuſammenzufaſſen, ſchüchtern hinzu. Nimmer ſah ich ſolche Locken— wie war's auch möglich; denn es gab nirgend ſolche Locken!— als die, welche ſie ſchüttelte, um ihr Erröthen zu verbergen. Hätte ich den Strohhut und die blauen Bänder, die ſich über den Locken befanden, nur in meiner Stube in Buckingham Street aufhängen können, was für ein unſchätzbares Be⸗ ſitzthum würde es mir geweſen ſein! „Sie ſind eben von Paris gekommen?“ ſagte ich. „Ja,“ antwortete ſie,„ſind Sie je dort geweſen?“ „Nein.“ „Oh! Ich hoffe, Sie werden bald hingehen. Sie würden es ſo ſehr lieben.“ Spuren tief im Herzen ſitzender Angſt erſchienen auf meinem Geſichte. Daß ſie hoffen ſollte, ich wollte ge⸗ hen, daß ſie denken ſollte, ich könnte gehen, war uner⸗ träglich. Ich ſagte, ich gäbe nichts auf Paris. Ich gäbe nichts auf Frankreich. Ich würde um keinen Preis der Erde unter den obwaltenden Umſtänden England verlaſ⸗ ſen. Nichts ſollte mich dazu bringen. Kurz, ſie ſchüttelte eben die Locken wieder, als der kleine Hund den Gang entlang gelaufen kam, uns aus der Verlegenheit zu helfen. Er war voll tödtlicher Eiferſucht auf mich und be⸗ ſtand darauf, mich anzubellen. Sie nahm ihn in ihre Arme— oh du lieber Gott!— und ſtreichelte ihn, aber 56 David Kopperfield. er bellte noch immer nach mir. Er wollte ſich von mir nicht anrühren laſſen, wenn ich's verſuchte; und dann ſchlug ſte ihn. Es vermehrte mein Leiden ſehr, zu ſehen, wie ſie ihn, als ob ſte ihn ſtrafen wollte, ſanft auf ſeine Stumpfnaſe patſchte, und er mit den Augen zwinkerte und ihre Hand leckte und immernoch inwendig grollte, wie ein kleiner Doppelbaß. Endlich war er ſtill— nun, das konnte er auch wohl ſein, wo ihr Kinn mit dem Grüb⸗ chen drinn auf ſeinem Kopfe lag— und wir gingen fort, um uns ein Gewächshaus zu beſehen. „Nicht wahr, Sie ſind nicht ſehr gut auf Fräulein Murdſtone zu ſprechen?“ ſagte Dora.„Mein Herzchen.“ Die beiden letzten Worte galten dem Hunde. Oh, wenn ſie doch mir gegolten hätten! „Nein,“ erwiederte ich,„ durchaus nicht gut.“ „Sie iſt ein langweiliges Geſchöpf,“ ſagte Dora mit ſchmollender Miene.„Ich kann mir nicht denken, auf was Papa ausgeweſen ſein muß, als er ſolch ein quäleri⸗ ſches Ding zu meiner Geſellſchafterin wählte. Wer braucht eine Beſchützerin! Ich brauche wahrhaftig keine Beſchützerin. Zig kann mich um vieles beſſer beſchützen, als Fräulein Murdſtone— nicht wahr, mein lieber Zig?“ Er zwinkerte nur träge, als ſie ſeinen kugelrunden Kopf küßte. „Papa nennt ſie meine vertraute Freundin, aber ich bin ſicher, daß ſie nichts Derartiges iſt— nicht wahr, Zig? Wir machen ſolche grobe Leute nicht zu Vertrauten, ich und Zig. Wir gedenken unſer Vertrauen dahin zu ver⸗ ſchenken, wohin wir Luſt haben, und uns unſre Freunde ſelbſt auszuſuchen, anſtatt ſie für uns aufzuſuchen zu laſ⸗ ſen— nicht wahr, Zig?“— Zig machte als Antwort ein wohlbefindliches Ge⸗ David Kopperfield. 57 räuſch, ohngefähr ſo, wie wenn ein Theekeſſel über dem Feuer zu ſingen beginnt. Was mich betrifft, ſo war jedes ihrer Worte ein neuer Haufen Feſſeln, der über den letz⸗ ten genietet war. „Es iſt ſehr hart, daß wir anſtatt eine gütige Mutter zu haben, ein ſolches murrköpfiges, brummiges altes Ding wie Fräulein Murdſtone um uns haben, die uns auf Schritt und Tritt nachfolgt— nicht wahr, Zig? Machen uns aber nichts draus, Zig! Wir werden nicht vertraulich mit ihr ſein, und werden uns trotz ihrer ſo glücklich und luſtig machen, als wir können, und werden ihr zum Poſſen und nicht zum Vergnügen leben— nicht wahr, Zig?“ Wenn es länger gedauert hätte, ſo denk ich, ich hätte vor ihr auf den Kiesweg auf die Knie ſinken müſſen, trotz der Wahrſcheinlichkeit, die ich vor mir hatte, mir die Hoſen voll Grasflecke zu machen und andrerſeits, ſogleich aus dem Hauſe hinausgeſteckt zu werden. Aber zum Glücke war das Gewächshaus nicht weit entfernt, und dieſe Worte brachten uns dahin.— Es enthielt eine ganze Ausſtellung ſchöner Geranien. Wir ſchlenderten an denſelben entlang, und Dora blieb oft ſtehen, um die oder jene Blüthe zu bewundern, und ich blieb ſtehen, um dieſelbe anzuſtaunen, und Dora hielt in kindlicher Luſt lachend den Hund empor, um an den Blumen zu riechen, und wenn wir uns nicht alle Drei im Feenlande befanden, ſo war doch ſicherlich ich dort. Der Geruch eines Geranienblattes läßt mich noch jetzt halb im Scherz halb im Ernſte mich wundern, welcher Wechſel in meinen Empfindungen mich augenblicklich über⸗ kommen hat; und dann ſehe ich einen Strohhut und blaue Bänder und eine Fülle von Locken und einen kleinen 58 David Kopperfield. ſchwarzen Hund, der von zwei ſchlanken Armen gegen ein Beet voll Blumen und glänzende Blätter in die Höhe gehalten wird. Miß Murdſtone hatte ſich nach uns umgeſehen. Sie fand uns hier und reichte Dora ihre ſehr ungleichartige Wange, deren kleine Runzeln mit Puder gefüllt waren, zum Kuſſe hin. Dann nahm ſie Doras Arm in den ihren und marſchirte mit uns zum Frühſtücke hinein, als ob es zum Leichenbegängniß eines Soldaten ginge. Wie viel Taſſen Thee ich trank, weil Dora ihn machte, weiß ich nicht. Aber ich entſinne mich vollkommen wohl, dageſeſſen und Thee verſchluckt zu haben, bis mein ganzes Nervenſyſtem, wenn ich in dieſen Tagen überhaupt eines hatte, von der Maſſe des zu mir Genommenen verſchwun⸗ den geweſen ſein muß. Bald nachher gingen wir in die Kirche. Miß Murdſtone ſaß zwiſchen mir und Dora im Betſtuhle, aber ich hörte ſie ſingen, und die Gemeinde verſchwand. Eine Predigt wurde gehalten— natürlich über Dora— und ich fürchte, das iſt Alles, was ich vom Gottesdienſte mir gemerkt habe. Wir hatten einen ſtillen Tag. Keine Geſellſchaft, ein Spaziergang, ein Mittagsmahl, um vier Uhr im häuslichen Kreiſe eingenommen, und ein Abend, mit dem Durchblättern von Büchern und Betrachten von Gemälden verbracht, wobei Miß Murdſtone eine Homilie vor ſich liegen, ihr Auge aber auf uns gerichtet hatte und eifrig Wache hielt. Ach, wie wenig ließ Mr. Spenlow, als er mir, ſein Taſchentuch über ſeinen Kopf gebreitet, dieſen Tag nach Tiſche gegenüberſaß, ſich davon träumen, wie glühend ich ihn in meiner Einbildung als ſein Schwieger⸗ ſohn umarmte! Wie wenig dachte er, als ich mich dieſen Abend von ihm verabſchiedete, daran, daß er meiner David Kopperfield. 59 Verlobung mit Dora ſoeben ſeine volle Beiſtimmung er⸗ theilt hatte, und daß ich Gottes Segen auf ſein Haupt herabrief. Wir fuhren ſehr früh den nächſten Morgen wieder ab; denn es ſollte ein Proceß um geborgenes Schiffsgut vor dem Admiralitäts⸗Hofe zur Verhandlung kommen, welcher eine ſehr genaue Kenntniß der Schifffahrtskunde erfor⸗ derte, und zu welchem, da man von uns in den Commons keine große Wiſſenſchaft in ſolchen Dingen erwarten konnte, der Richter zwei alte Lehrer von der Trinityſchule einge⸗ laden hatte, ihm aus Barmherzigkeit aus der Patſche zu helfen. Dora war indeß an dem Frühſtückstiſche, um wieder den Thee zu machen, und ich hatte das melancho⸗ liſche Vergnügen, meinen Hut im Phaeton vor ihr abzu⸗ nehmen, als ſie mit Zig in ihren Armen auf den Thür⸗ ſtufen ſtand. Ich will keine fruchtloſen Anſtrengungen machen, zu beſchreiben, was die Admiralität mir dieſen Tag war; welchen Unſinn ich in meinem Innern mit unſerm Pro⸗ ceſſe angab, als ich zuhörte; wie ich„Dora“ eingravirt ſah auf der Fläche des ſilbernen Ruders, welches ſie als Emblem jener hohen Gerichtsbarkeit auf die Tafel legen; und wie mir, als Mr. Spenlow ohne mich(ich hatte die wahnwitzige Hoffnung gehegt, er werde mich wieder mit ſich zurücknehmen) nach Hauſe ging, zu Muthe war, als ſei ich ſelbſt ein Seefahrer und das Schiff, zu dem ich gehöre, ſei fortgeſegelt und habe mich auf einer wüſten Inſel zurückgelaſſen. Wenn jener verſchlafene alte Ge⸗ richtshof ſich erheben und in irgend einer ſichtbaren Ge⸗ ſtalt die Traumbilder, die mir in ihm hinſichtlich Doras erſchienen, zeigen könnte, ſo würde er kundgeben, daß ich die Wahrheit geſchildert. —õõ—— 60 David Kopperfield. Ich meine nicht die Träume, die ich allein an dieſem Tage geträumt, ſondern Tag auf Tag, Woche auf Woche, Abſchnitt auf Abſchnitt meiner Lehrzeit. Ich ging dort⸗ hin, nicht, um Acht zu geben auf das, was verhandelt wurde, ſondern, um an Dora zu denken. Wofern ich den Proceſſen je einige Aufmerkſamkeit ſchenkte, wenn ſie ſich langſam vor mir abſpannen, ſo geſchah es nur, um mich in den Eheproceſſen(mit dem Gedanken an Dora) zu fragen, wie es käme, daß verheirathete Leute je anders als glücklich ſein könnten, und um bei den Prärogativ⸗ proceſſen zu überlegen, was in dem Falle, daß das ſtrei⸗ tige Geld mir hinterlaſſen wäre, die erſten Schritte wären, die ich augenblicklich hinſichtlich Doras gethan hätte. Innerhalb der erſten Woche meiner Leidenſchaft kaufte ich mir vier prachtvolle Weſten— nicht für mich; ich hatte keine Freude daran, ſondern für Dora— nahm die Gewohnheit, ſtrohgelbe Glacée⸗Handſchuh in den Straßen zu tragen, an und legte den Grund zu allen den Hühner⸗ augen, die ich je im Leben gehabt. Wenn nur die Stie⸗ feln, die ich in dieſer Periode trug, aufgewieſen und mit der natürlichen Größe meiner Füße verglichen werden könnten, ſo würden ſie in der herzrührendſten Weiſe zeigen, welcher Art der Zuſtand meines Herzens war. Und doch, einen ſo jämmerlichen Krüppel ich auch durch dieſen Act der Huldigung gegen Dora aus mir ge⸗ macht hatte, ging ich doch täglich Meilen auf Meilen in in der Hoffnung, ſie zu ſehen. Ich war nicht nur an der Straße nach Norwood bald ſo bekannt, wie die Brief⸗ träger auf dieſer Strecke, ſondern ich durchzog London in gleicher Weiſe. Ich ging durch die Straßen, wo die beſten Läden für die Bedürfniſſe der Damen waren, ich ſuchte den Bazar heim, wie ein unſtäter Geiſt, ich eilte ————+½ wWn— David Kopperfield. 61 durch den Park wieder und immer wieder, lange nachdem ich ſchon ganz abgemattet war. Manchmal nach langen Zwiſchenpauſen und bei ſeltenen Gelegenheiten erblickte ich ſte. Vielleicht ſah ich ſie mit ihrem Handſchuh aus einem Kutſchenfenſter grüßend winkend, vielleicht begegnete ich ihr und ging mit ihr und Miß Murdſtone ein Stückchen und ſprach mit ihr. Im letzteren Fall war mir hinterher ſtets ſehr jämmerlich zu Muthe, wenn ich daran dachte, daß ich nichts zum Zwecke Führendes geſagt, oder daß ſie keinen Begriff von der Größe meiner Neigung habe, oder daß ſte ſich nicht im Geringſten um mich kümmere. Ich lauerte ſtets, wie man wohl vermuthen wird, auf eine zweite Einladung in Mr. Spenlows Haus. Ich war ſtets in meiner Erwartung betrogen; denn ich erhielt keine. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Tommy Traddles. Mrs. Crupp muß eine Frau mit ſcharfblickendem Verſtande geweſen ſein; denn als dieſe Liebſchaft nur erſt ein paar Wochen alt war und ich noch nicht den Muth hatte, ſelbſt an Agnes ausführlicher zu ſchreiben, als daß ich in Mr. Spenlows Hauſe geweſen,„deſſen Familie,“ fügte ich hinzu,„aus einer Tochter beſteht“— ich ſage, Mrs. Crupp muß eine ſcharfblickende Frau geweſen ſein; denn ſchon auf dieſem frühzeitigen Standpunkte entdeckte ſie die Sache. Sie kam eines Abends, wo ich ſehr trüb⸗ ſinnig war, zu mir herauf, um mich(da ſte damals von dem Uebel, welches ich erwähnt, bedrängt war) zu fragen, ob ich ihr wohl den Gefallen thun und ihr mit ein wenig Kardamomtinctur, gemiſcht mit Rhabarber und wohl⸗ ſchmeckend gemacht mit ſieben Tropfen Gewürznelken⸗ ertract, welches das beſte Mittel für ihre Klagen ſei, aushelfen könne— oder ob ich ihr, wenn ich dergleichen nicht bei mir hätte, ein wenig Branntwein einſchenken wolle, welches das Erſte Beſte ſei. Es käme ihr, wie ſie David Kopperfield. 63 bemerkte, nicht ſo wohlſchmeckend vor, aber es wäre das Erſte Beſte. Da ich nie von dem erſten Heilmittel gehört, und das zweite ſtets im Kämmerchen ſtehen hatte, gab ich Mrs. Crupp ein Glas von dem zweiten, welches ſie, damit ich keinen Verdacht hegen möge, es ſei zu einem ungebührlichen Gebrauche beſtimmt, in meiner Gegenwart einzunehmen begann. „Faſſen Sie friſchen Muth, junger Herr,“ ſagte Mrs. Crupp.„Ich kann's nicht ertragen, Sie ſo zu ſehen, junger Herr; ich bin ſelber'ne Mutter.“ Ich begriff nicht ganz, welche Anwendung dieſe letztere Thatſache auf mich erleiden konnte, aber ich lächelte Mrs. Crupp ſo wohlwollend zu, als es in meiner Gewalt ſtand. „Nur ruhig, junger Herr,“ fuhr Mrs. Crupp fort. „Entſchuldigen Sie. Ich weiß, was Ihnen fehlt, junger Herr.' iſt'ne junge Dame im Spiele.“ „Madame Crupp?“ erwiederte ich erröthend. „O Du meine Güte! Beruhigen Sie ſich doch ja, junger Herr!“ ſagte Mrs. Crupp, indem ſie mir Ermu⸗ thigung zuwinkte.„Reden Sie mir nicht vom Sterben⸗ wollen, junger Herr! Wenn ſie Ihnen nicht zulächelt, da giebt's ihrer Andere die ſchwere Menge, welche das thun werden. Sie ſind ein junges Herrchen, zum Anlächeln gemacht, Herr Kuffenvoll, und Sie müſſen Ihren eignen Werth kennen lernen, junger Herr.“ Mrs. Crupp hieß mich ſtets„Herr Kuffenvoll“; erſtlich ohne Zweifel, weil es nicht mein Name war, und zweitens, bin ich geneigt zu glauben, in einer gewiſſen unbeſtimmten Gedankenverknüpfung zwiſchen dieſem Na⸗ men und einem vollen Spirituoſenkeller. „Was bringt Sie auf die Vermuthung, daß eine junge Dame im Spiele iſt, Madame Crupp?“ fragte ich. 64 David Kopperfield. „Herr Kuffenvoll,“ antwortete Mrs. Crupp mit viel Gefühl,„ich bin ſelber'ne Mutter.“ Eine Zeit lang konnte Mrs. Erupp nichts thun, als ihre Hand auf ihren Nankingbuſen legen und ſich mit Schlückchen ihrer Mediein gegen die wiederkehrenden Schmerzen wappnen. Endlich ſprach ſie wieder. „Als dieſe Stuben hier von Ihre gute Tante für Sie genommen wurden, Herr Kuffenvoll,“ ſagte Mrs. Crupp,„da meinte ich, ich hätte nu Jemand gefunden, für den ich ſorgen könnte. Gott ſei Dank! war mein Ausdruck, nu hab' ich Eins gefunden, für das ich Sorge tragen kann!— Sie thun nicht genung eſſen, junger Herr, und jetzt auch noch nicht trinken.“ „Iſt's das, worauf Sie Ihre Vermuthung gründen, Madame Crupp?“ fragte ich. „Junges Herrchen,“ entgegnete Mrs. Crupp in einem Tone, der ſich dem Ernſte näherte,, ich habe die Aufwartung bei andere junge Herrns gehabt, außer Sie. Ein junger Herr mag zu ſorgfältig oder zu ſorglos in ſeinem Aus⸗ ſehen ſein. Er mag ſich die Haare zu regelmäßig, oder zu unregelmäßig ausbürſten. Er mag ſeine Stiefeln viel zu groß oder viel zu klein für ſeine Füße tragen. Das richtet ſich nach der Art, wie ſich der Charakter des jungen Herrn ausgebildet hat. Aber mag er nun in das eine oder das andre Extrem verfallen, junger Herr, ſo iſt in allen beiden eine junge Dame im Spiele.“ Mrs. Crupp nickte mit dem Kopfe in einer ſo ent⸗ ſchiedenen Manier, daß mir nicht ein Zoll Terrain übrig blieb. „Da war gleich erſt der Herr hier, welcher hier ſtarb vor Ihnen,“ ſagte Mrs. Crupp,„der ſich in eine Kell⸗ nerin verlieben that, und dem ſeine Weſte augenblicklich David Kopperfield. 65 zuſammenſiel, obſchon ſie durch's Trinken ſehr aufge⸗ ſchwellt war.“.— „Madame Crupp,“ ſagte ich,„ich muß Sie erſuchen, die junge Dame in meinem Falle gefälligſt nicht mit einer Kellnerin oder irgend jemand von dieſer Sorte zuſammen⸗ zuſtellen.“ „Herr Kuffenvoll,“ entgegnete Mrs. Crupp,„ ich bin ſelber'ne Mutter und nicht einnehmend. Bitte Ihnen um Verzeihung, junger Herr, wenn ich zudringlich bin. Ich würde um alles in der Welt mich nicht aufdringen, wo ich nicht willkommen bin. Aber Sie ſind ein junger Gentleman, Herr Kuffenvoll, und mein Rath für Sie iſt, friſchen Muth zu faſſen, und ſich nicht zu betrüben und Ihren eignen Werth kennen zu lernen. Wenn Sie ſich an irgendwas machen wollten, junger Herr,“ fuhr Mrs. Crupp fort,„wenn Sie ſich an's Kegeln machen wollten, welches geſund iſt, ſo würden Sie finden, daß es Ihr Gemüthe zerſtreuen und Sie gut thun würde.“ Mit dieſen Worten dankte mir Mrs. Crupp, indem ſie ſich wegen des Branntweins— der ganz verſchwunden war— ſehr beſorgt ſtellte, mit einem majeſtätiſchen Knir und zog ſich zurück. Als ihre Geſtalt in der Dunkel⸗ heit des Vorſaals verſchwand, kam es mir vor, als ob dieſer Rath eine Art nicht ganz ſchicklicher Freiheit ſei, die Mrs. Crupp an ihrem Theile ſich herausgenommen, aber zu gleicher Zeit begnügte ich mich, daſſelbe von einem andern Geſichtspunkte aus als einen Wink und eine Warnung aufzunehmen, in Zukunft mein Geheimniß beſſer zu bewahren. Es mag in Folge des Rathes der Mrs. Crupp und vielleicht aus keinem beſſern Grunde, als weil eine ge⸗ wiſſe ſchwache Aehnlichkeit im Klange der Worte Kegel David Kopperfield. V. 5 66 David Kopperſield. und Traddles obwaltet, geſchehen ſein, daß es mir einfiel, den nächſten Tag zu gehen und mich nach Traddles um⸗ zuſehen. Die Zeit, die er erwähnt, war mehr als ver⸗ floſſen, und er wohnte in einer kleinen Straße in der Nähe der Thierarzeneiſchule zu Camden Town, die, wie einer unſrer Schreiber, der in dieſer Gegend wohnte, mich unterrichtete, meiſt von den Herren Studenten inne⸗ gehabt wurde, welche lebendige Eſel kauften und mit dieſen Vierfüßlern auf ihren Privatzimmern Experimente mach⸗ ten. Nachdem ich von dieſem Schreiber eine Anweiſung erhalten, wie ich das fragliche akademiſche Luſtwäldchen auffinden ſolle, machte ich mich denſelben Nachmittag auf, meinen alten Schulkameraden aufzuſuchen. Ich fand, daß die Straße keine ſo angenehme war, als man um Traddles' willen hätte wünſchen können. Die Bewohner ſchienen den Hang an ſich zu haben, aller⸗ hand Kleinigkeiten, die ſie nicht nothwendig bedurften, auf die Straße zu werfen, was dieſelbe nicht nur ſchmutzig und übelriechend, ſondern, wegen der Krautblätter, auch unſauber machte. Das Ablehnen derartiger Dinge ging nicht blos auf Vegetabilien, ſondern ich ſelbſt ſah, als ich mich nach der Hausnummer, die ich ſuchte, umſchaute, einen Schuh, eine Bratpfanne, einen ſchwarzen Frauenhut in den verſchiedenen Stadien der Auflöſung daliegen. Die allgemeine Phyſiognomie der Oertlichkeit erinnerte mich eindringlich an die Tage, wo ich mit Mr. und Mrs. Micawber zuſammengewohnt. Ein unbeſchreiblicher Cha⸗ rakter verblichener fadenſcheiniger Vornehmheit, der dem Hauſe, das ich ſuchte, anklebte und es allen den übrigen Häuſern in der Straße ungleich machte— obſchon ſte alle nach einem einförmigen Muſter gebaut waren und wie die Zeichnungen eines ungeſchickten Knaben ausſahen, David Kopperfield. 67 welcher Häuſer malen lernt und noch allerhand ſchiefe und krumme Linien kritzelt und krakelt— erinnerte mich noch mehr an Mr. und Mrs. Micawber. Da ich zufällig an die Thür kam, als ſie dem nach⸗ mittäglichen Milchmanne geöffnet wurde, wurde ich an Mr. und Mrs. Micawber noch deutlicher erinnert. „Nu,“ ſagte der Milchmann zu einem ſehr jungen Dienſtmädchen,„wie ſteht's denn mit die kleine Rech⸗ nung von mich? Wenn krieg' ich denn mein Geld?“ „Oh, der Herr ſagte, er würde bald bezahlen,“ war die Antwort. „Weil,“ fuhr der Milchmann fort, als ob er keine Antwort erhalten habe, und— dies ſchloß ich aus ſei⸗ nem Tone— als ob er eher zur Erbauung von jemand Anderem drinnen im Hauſe, als mit dem jungen Dienſt⸗ mädchen ſpräche— eine Anſicht, welche noch verſtärkt wurde durch die Art, in welcher er in den Gang hinter ſtierte—„weil dieſe kleine Rechnung ſo lange gelaufen iſt, daß ich zu glauben anfange, ſie hat ſich ganz und gar verlaufen und man wird gar nichts nicht wieder davon zu hören kriegen. Nu ſehen Sie aber, ich werde Sie die kleine Rechnung nicht ſchenken!“ ſagte der Milch⸗ mann, indem er immernoch ſeinen Redeſtrom in das Haus ergoß und immernoch in den Gang hinter ſtierte. Wenn man bedachte, daß er mit einem ſo milden Artikel wie Milch handelte, ſo konnte man keine größere Anomalie ſehen. Sein Betragen würde an einem Flei⸗ ſcher oder Branntweinbrenner als ungeſtüm und wild aufgefallen ſein. Die Stimme des jungen Dienſtmädchens wurde wei⸗ nerlich, aber ſie ſchien mir nach der Bewegung ihrer Lip⸗ 5* 68 David Kopperſield. pen abermals zu murmeln, daß die Rechnung ſehr bald berichtigt werden ſollte. „Will Sie mal was ſagen,“ verſetzte der Milchmann, indem er ſie jetzt erſt wirklich anſah und ſie beim Kinne nahm,„trinken Sie gerne Milch?“ „Ja, ich trinke gerne welche,“ erwiederte ſte. „Gut,“ ſagte der Milchmann; dann werden Sie morgen keine nicht haben. Hören Sie's. Nicht einen Tropfen Milch kriegen Sie morgen.“ Mir kam's vor, als ob ſie ſchon ganz getröſtet ſei, als ſie ſah, daß ſie heute welche bekommen ſollte. Der Milchmann, nachdem er finſter den Kopf zu ihr geſchüt⸗ telt, ließ ihr Kinn los, öffnete, eher mit jeder andern Geſinnung, als mit gutem Willen, ſeine Kanne und goß die gewöhnliche Quantität daraus in den Familienkrug. Nachdem dies geſchehen, ſchritt er knurrend hinweg und ſtieß an der nächſten Hausthür ſeinen Geſchäftsſchrei in einem wüthenden Kreiſchen aus. „Wohnt Herr Traddles hier?“ fragte ich dann. Eine geheimnißvolle Stimme vom Ende des Ganges aus erwiederte„Ja.“ Worauf auch das junge Dienſt⸗ mädchen mit„Ja“ erwiederte. „Iſt er zu Hauſe?“ ſagte ich. Wieder antwortete die geheimnißvolle Stimme be⸗ jahend, und wieder machte das Dienſtmädchen das Echo davon. Hierauf ging ich hinein, und nach den Anweiſun⸗ gen des Dienſtmädchens ſtieg ich die Treppe hinauf, mir wohl bewußt, daß ich, während ich an der Thür eines Hinterzimmers vorbeiſchritt, von einem geheimnißvollen Auge beobachtet wurde, welches wahrſcheinlich zu der ge⸗ heimnißvollen Stimme gehörte. — — David Kopperfield. 69 Als ich die oberſte Stufe der Treppe erreicht hatte — das Haus hatte über dem Erdgeſchoß nur noch ein Geſtock— ſtand Traddles außen vor der Thür, mich zu empfangen. Er freute ſich, mich zu ſehen und hieß mich mit großer Herzlichkeit in ſeinem kleinen Zimmer will⸗ kommen. Daſſelbe befand ſich in dem vordern Theile des Hauſes und war äußerſt nett, wenn auch nur ſpärlich mit Hausgeräth verſehen. Es war, wie ich ſah, ſein ein⸗ ziges Zimmer; denn es ſtand ein Schlafſopha darin, und ſeine Stiefelbürſten nebſt Wichſe lagen auf dem oberſten Fache ſeines Bücherbretes hinter einem großen Wörter⸗ buche. Sein Tiſch war mit Papieren bedeckt, und er ar⸗ beitete in einem alten Rocke ſehr fleißig. Ich beſah mir, ſo viel ich weiß, nichts mit beſonderer Aufmerkſamkeit, und dennoch ſah ich Alles, ſelbſt das Bild einer Kirche auf ſeinem porzellanenen Schreibzeuge— als ich mich niederſetzte, und auch das war eine Fähigkeit, welche in mir in den alten Zeiten ſich beſtärkt hatte, wo ich mit den Micawbers zuſammenlebte. Verſchiedene erfindungs⸗ reiche Vorkehrungen, die er getroffen, um ſeiner Schub⸗ lade ein beſſeres Ausſehen zu geben, ſeine Stiefeln, ſein Raſirglas unterzubringen, und ſo weiter, wirkten beſon⸗ ders auf mich als Beweiſe, daß er noch derſelbe Traddles ſei, welcher Modelle von Elephantengruben aus Schreibe⸗ papier machte, um Fliegen hineinzuſtecken, und ſich über die üble Behandlung von Mr. Creakle mit den merkwür⸗ digſten Kunſtwerken zu tröſten pflegte, die ich ſo oft ſchon erwähnt habe. In einem Winkel des Zimmer ſtand etwas, das ſorg⸗ ſam mit einem großen weißen Tiſchtuche zugedeckt war. Ich vermochte nicht herauszubekommen, was das war. „Traddles,“ ſagte ich, indem ich ihm die Hand noch⸗ 70 David Kopperfield. mals ſchüttelte, als ich mich niedergeſetzt.„Ich freue mich, Dich zu ſehen.“ „Auch ich freue mich, Dich wieder einmal zu ſehen, Kopperfield,“ erwiederte er.„Wahrhaftig, ich bin ganz glücklich, Dich zu ſehen. Es war, weil ich ſo durch und durch froh war, Dich zu treffen, als wir da in Ely Place zuſammenkamen, und verſichert war, wie auch Du durch und durch froh warſt, mich zu treffen, daß ich Dir dieſe Adreſſe gab, ſtatt meiner Adreſſe in einem Hotel garni.“ „Oh! Du wohnſt in einem Hotel garni?“ ſagte ich. „Ei freilich! Ich habe den vierten Theil eines Zim⸗ mers und eines Vorſaals, und den vierten Theil eines Schreibers,“ entgegnete Traddles.„Drei Andere haben ſich mit mir vereinigt, eine beſſere Wohnung zu nehmen — damit es wie eine Erpedition ausſteht— und wir quartieren auch den Schreiber ein. Er koſtet mich wöchent⸗ lich eine halbe Krone.“ In dem Lächeln, mit dem er dieſe Erklärung abgab, lächelte mich ſein alter einfacher offener Charakter, ſein altes gutes Herz und, wie mir's vorkam, auch etwas von ſeinem alten unglücklichen Schickſale an. „Verſteh mich recht,'s iſt nicht etwa, weil ich nur im Entfernteſten hochmüthig bin, Kopperfield,“ fuhr Traddles fort,„daß ich nicht gewöhnlich die Leute hierher adreſſire.'s iſt nur deshalb, weil diejenigen, welche zu mir kommen, vielleicht nicht gern hierher kommen würden. Was mich betrifft, ſo ſchlage ich mich gegen allerhand Hinder⸗ niſſe durch die Welt, und es würde lächerlich ſein, wenn ich irgend Anſprüche machen wollte, irgendwas Anderes zu thun.“ „Du bereiteſt Dich zum Advocaten vor, wie Herr Waterbrook mir ſagte?“ verſetzte ich. David Kopperfield. 71 „Ei ja wohl,“ erwiederte Traddles, indem er langſam ſeine Hände aneinander rieb,„ich bereite mich zum Advo⸗ caten vor. Die Sache iſt die, daß ich eben erſt angefan⸗ gen habe, nach langer Zwiſchenpauſe, regelmäßig zu ſtudiren. Es iſt einige Zeit her, ſeit ich aufgenommen worden bin, aber die Bezahlung dieſer hundert Pfund war ein ſchweres Stück Arbeit. Ja wahrlich, ein ſchweres Stück Arbeit!“ ſagte Traddles mit einer ſo ſauren Miene, als ob er ſich eben einen Zahn hätte ausziehen laſſen. „Weißt Du wohl, Traddles, was mir unwillkürlich einfällt, während ich hier ſitze und Dich anſehe?“ fragte ich ihn. „Nein,“ verſetzte er. „Das himmelblaue Habit, welches Du ehemals zu tragen pflegteſt.“ „Mein Gott, wahrhaftig!“ ſchrie Traddles lachend. „Eng in Beinen und Aermeln, nicht wahr? Der Tauſend! Aber, waren das nicht glückliche Zeiten, Kopperfield?“ „Ich glaube, unſer Schulmeiſter hätte ſie uns noch glücklicher machen können, ohne einem Einzigen von uns damit einen Poſſen zu ſpielen,“ erwiederte ich. „Vielleicht konnte er das,“ entgegnete Traddles. „Aber wahrhaftig, wir hatten dort doch ein gutes Theil Spaß. Erinnerſt Du Dich wohl der Nächte im Schlaf⸗ ſaale? Wenn wir unſere Soupers hielten? Und wenn Du die Geſchichten erzählteſt? Ha, ha, ha! Und beſinnſt Du Dich, wie ich das Röhrchen zu koſten bekam, weil ich über Mr. Moll weinte? Alter Creakle! Es ſollte mich doch freuen, wenn ich ihn noch einmal zu ſehen kriegte.“* „Er war ein Vieh gegen Dich, Traddles,“ ſagte ich 72 David Kopperfield. entrüſtet; denn bei ſeiner guten Laune ward mir's zu Muthe, als hätte ich ihn erſt geſtern durchprügeln ge⸗ ſehen. „Meinſt Du?“ entgegnete Traddles.„Wirklich? Mag ſein, daß er ſchlimm war. Aber das iſt lange ſchon vorbei. Alter Creakle!“ „Du wurdeſt dann bei einem Onkel auferzogen?“ fragte ich. „Freilich wurde ich das,“ ſagte Traddles.„'s war der, an den ich damals immer ſchreiben wollte. Und es nie— mals that, he? Ha, ha, ha! Ja, ich hatte damals einen Onkel. Er ſtarb bald nachdem ich die Schule verlaſſen hatte.“ „Ei gar.“ „Ja. Er war ein— nun, wie ſoll ich ihn gleich nennen— ein Schnitthändler— Tuchhändler— und hatte mich zum Erben eingeſetzt. Aber er konnte mich nicht leiden, als ich größer wurde.“ „Meinſt Du das wirklich?“ ſagte ich. Er war ſo ruhig dabei, daß ich meinte, er müſſe dabei eine andere Anſicht im Hintergrunde haben. „O ja wohl, Kopperfield, ich meine das wirklich,“ erwiederte Traddles.„Es war ein unglückliches Ding, aber er konnte mich durchaus nicht leiden. Er ſagte, ich wäre ganz und gar nicht, was er erwartet hätte, und ſo heirathete er ſeine Haushälterin.“ „Und was machteſt Du?“ fragte ich. „Nun, ich that gar nichts Beſonderes,“ ſagte Traddles. „Ich wohnte bei ihnen und wartete, bis man mir'ne Stellung in der Welt verſchaffen würde. Da aber trat ihm unglücklicherweiſe die Gicht in den Magen— und David Kopperſield. 13 ſo ſtarb er, und ſo heirathete ſte einen jungen Mann, und ſo war's mit meiner Verſorgung aus.“ „Bekamſt Du denn gar nichts, Traddles?“ „Ei ja wohl bekam ich was!“ erwiederte Traddles. „Ich kriegte fünfzig Pfund. Ich war nie zu einem Be⸗ rufe erzogen worden, und zuerſt wußte ich nicht, was ich mit mir anfangen ſollte. Indeſſen begann ich unter Bei⸗ hülfe des Sohnes eines Sachwalters, der mit mir in Salem Houſe geweſen— Napler,— hatte'ne ſchiefe Naſe. Erinnerſt Du Dich ſeiner?“ Ich erinnerte mich nicht. Er war nicht mit mir dort geweſen, zu meiner Zeit waren alle Naſen gerade. „Na, das thut nichts zur Sache,“ fuhr Traddles fort.„Ich begann alſo unter ſeiner Beihülfe Acten ab⸗ zuſchreiben. Das brachte mir nicht viel ein, und ſo fing ich denn an, Relationen und Actenauszüge und dergleichen Arbeiten für die Advocaten zu machen. Denn Du mußt wiſſen, Kopperfield, ich bin Dir ein arbeitſamer Kerl und hatte die Art, wie dergleichen Dinge zu machen ſind, aus dem Fundamente weggekriegt. Gut! So ſetzte ich mir's in den Kopf, ſelbſt als Student der Rechtswiſſenſchaft einzutreten, und dabei ſprang mir alles aus der Taſche, was von den fünfzig Pfund übrig geblieben war. Yawler empfahl mich jedoch an ein paar andere Expeditionen — z. B. Mr. Waterbrook— und ich bekam viel zu ver⸗ dienen. Außerdem war ich glücklich genug, mit einem Schriftſteller bekannt zu werden, der eine Encyklopädie zu ſchreiben vorhatte, und er gab mir zu thun und eben“ — dabei warf er einen Blick auf ſeinen Tiſch—„in dieſer Minute arbeite ich für ihn. Ich bin Dir kein übler Compilator, Kopperfield,“ ſagte Traddles, indem er in allem, was er ſprach, dieſelbe Miene zutraulicher Heiter⸗ 74 David Kopperfield. keit bewahrte;„aber ich habe durchaus keine Erfindungs⸗ gabe, nicht die Spur. Ich glaube, es hat nie einen jun⸗ gen Mann mit weniger Originalität gegeben, als ich bin.“ Da Traddles zu erwarten ſchien, ich werde dieſer Be⸗ hauptung als einer Sache, die ſich von ſelbſt verſtehe, bei⸗ ſtimmen, ſo nickte ich, und er fuhr mit derſelben munte⸗ ren Duldermiene— ich vermag keinen beſſern Ausdruck dafür zu finden— fort: „So ſcharrte ich denn Pfennig bei Pfennig und indem ich nicht viel verthat, die hundert Pfund endlich zuſammen,“ ſagte Traddles,„und Gott ſei Dank, das wäre bezahlt— obſchon es,“ ſetzte er hinzu, indem er eine ſaure Miene machte, als ob er ſich einen zweiten Zahn habe ausziehen laſſen,„obſchon es wahrlich und wahrhaftig ein böſes Stück Arbeit war. Ich lebe noch jetzt von der Art Ar⸗ beiten, welche ich erwähnte, und ich hoffe in dieſen Tagen mit einer Zeitung in Verbindung zu kommen, was bei⸗ nahe mein Glück machen würde. Nun aber, Kopperfield, Du biſt ſo ganz und gar, was Du einſt warſt, mit Deinem hübſchen freundlichen Geſichte, und es iſt ſolch eine Luſt, Dich zu ſehen, daß ich Dir gar nichts verhehlen kann. Deshalb mußt Du wiſſen, daß ich verlobt bin.“ „Verlobt! Oh Dora!“ „Sie iſt die Tochter eines Hülfspredigers,“ fuhr Traddles fort,„eine von zehn, unten in Devonſſire. Ja!“ denn er ſah, wie ich meine Blicke unwillkürlich auf das Bild fallen ließ, welches ſein Schreibzeug ſchmückte. „Das iſt die Kirche! Du gehſt hier rings herum, aus dieſer Pforte da links,“ hierbei ließ er ſeinen Finger an dem Schreibezeuge hinſtreifen,„und genau da, wo ich dieſe Feder hinhalte, ſteht das Haus,— mit den Fenſtern, wie Du begreifſt, der Kirche zugekehrt.“ —n —— f David Kopperfield. 75 Die Wonne, mit welcher er auf dieſe Einzelheiten ein⸗ ging, wurde mir erſt nachher recht klar und deutlich; denn meine ſelbſtiſchen Gedanken beſchäftigten ſich in die⸗ ſem Augenblicke damit, daß ſie einen Grundriß von Mr. Spenlows Haus und Garten entwarfen. „Sie iſt ſolch ein liebes Mädchen!“ ſagte Traddles; „ein Bischen älter, als ich, aber das liebſte beſte Mäd⸗ chen von der Welt! Ich ſagte Dir, daß ich die Stadt ver⸗ laſſen wollte. Ich bin dort geweſen. Ich ging hin und zurück zu Fuße, und ich hatte die wonnigſten Tage dort. Ich muß geſtehen, wir werden wahrſcheinlich einen langen Brautſtand haben, aber unſer Wahlſpruch iſt:„Warte und hoffe!“ Wir ſagen das immer.„Warte und hoffe!“⸗ ſagen wir immer. Und ſie würde auf mich warten, bis ſie ſechszig Jahre alt wäre— jedes Alter, was Du nur nennen könnteſt, Kopperfield.“ Traddles erhob ſich von ſeinem Stuhle und legte mit einem triumphirenden Lächeln ſeine Hand auf das weiße Tiſchtuch, welches ich beobachtet hatte. „Indeſſen,“ ſagte er,„müſſen wir nicht deshalb ſo lange warten, weil wir noch nicht einen Anfang mit dem Hausrathe gemacht hätten. Nein, nein, wir haben be⸗ gonnen. Wir müſſen zwar allmälig vorwärts kommen, aber wir haben begonnen. Hier,“ und damit zog er mit Stolz und Sorgfalt zugleich das Tuch weg,„hier ſind zwei Stück Möbeln, um einen Anfang zu machen. Dieſen Blumentopf und Stand hat ſie ſelbſt gekauft. Man ſtellt das in ein Zimmerfenſter,“ fuhr er fort, indem er ſich ein wenig zurückbeugte, um es mit um ſo größerer Be⸗ wunderung zu überblicken,„ſetzt eine Pflanze hinein, und da ſteht die Geſchichte fertig.— Und dann dieſes runde Tiſchchen hier mit der Marmorplatte oben(deren Umfang 76 David Kopperſteld. zwei Fuß zehn Zoll iſt) habe ich gekauft. Man wünſcht ein Buch hinzulegen, oder irgend Jemand ſtattet einem oder der Frau Gemahlin einen Beſuch ab und ſucht, wo er eine Taſſe Thee hinſtelle und— und da hat man wieder das Tiſchchen zur Hand! Es iſt ein bewundernswerthes Meiſterſtück— feſt und dauerhaft wie Felſen.“ Ich pries beide Stücke höchlich, und Traddles legte die Decke ſo ſorgſam wieder darüber, als er ſte hinweg⸗ genommen. „Es iſt noch nicht viel für die Möbeln, die wir brau⸗ chen,“ ſagte Traddles,„aber's iſt doch was. Die Tiſch⸗ tücher und Ueberzüge ſind's, die mich am Meiſten entmu⸗ thigen, Kopperfield. Ebenſo das Eiſengeräth— Lichter⸗ ſchachteln und Bratpfannen, und derartige nothwendige Dinge mehr— weil dieſe Dinge viel Geld koſten und hoch auflaufen. Indeſſen: Warte und hoffe. Und ich verſichere Dir, ſie iſt das liebſte, beſte Mädchen!“ „Ich bin davon feſt überzeugt,“ ſagte ich. „Unterdeſſen,“ ſagte Traddles, indem er zu ſei⸗ nem Stuhle zurückkehrte;„und dies iſt das Ende von meinem Geſchwätze von mir, helfe ich mir ſo gut durch, als ich kann. Ich verdiene nicht gerade viel, ver⸗ thue aber auch nicht viel. Für gewöhnlich ſpeiſe ich mit den Leuten in der Etage unter mir, welche wirklich recht angenehme Leute ſind; ſowohl Herr, als Madame Micawber haben ziemlich viel vom Leben geſehen und ſind ausgezeichnete Geſellſchafter.“* „Mein beſter Traddles,“ rief ich haſtig,„von was ſprichſt Du da?“ Traddles ſah mich an, als ob er ſich vielmehr über das wundere, was ich ſagte. — — „—· David Kopperfield. 77 „Herr und Madame Micawber?“ fuhr ich fort,„ei mit denen bin ich ja ganz genau bekannt!“ Ein ſchnelles zweimaliges Pochen an der Thür, deſſen ich mich aus alter Erfahrung in Windſor Terrace noch recht wohl erinnerte, und welches Niemand als Mr. Mi⸗ cawber, an jener Thür hervorgebracht haben konnte, zer⸗ ſtreute alle Zweifel in mir, ob dies wirklich meine alten Freunde wären. Ich bat Traddles, ſeinen Wirth herauf⸗ kommen zu heißen. Traddles that dies über das Trep⸗ pengeländer hinab; und Mr. Mieawber, nicht im Min⸗ deſten verändert— ſeine Kniehoſen, ſein Stock, ſeine Vatermörder, ſein Augenglas ganz dieſelben wie frü⸗ her— trat in das Zimmer mit einer vornehmen und jugendlichen Miene. „Ich bitte um Verzeihung, Herr Traddles,“ ſagte Mr. Micawber, mit dem alten Rollen in ſeiner Stimme, als er aufhörte ein Liedchen für ſich zu ſummen.„Ich wußte nicht, daß irgend Jemand, der dieſem Hauſe fremd ſei, in Ihrem Heiligthume ſich befinde.“ Mr. Micawber machte eine kurze Verbeugung und zupfte ſeine Vatermörder heraus. „Wie geht's Ihnen, Herr Micawber?“ fragte ich. „Mein Herr,“ ſagte Mr. Micawber,„Sie ſind un⸗ gemein freundlich. Ich bin in statu quo.“ „Und Madame Micawber?“ fuhr ich fort. „Mein Herr,“ antwortete Mr. Micawber,„ſie iſt gleichfalls, Gott ſei Dank, in statu quo.“ „Und die Kinderchen, Herr Micawber?“ „Mein Herr,“ antwortete Mr. Micawber,„ich freue mich ſehr, Ihnen ſagen können, daß ſie ebenfalls im Ge⸗ nuſſe völliger Geſundheit ſind.““ Dieſe ganze Zeit über hatte mich Mr. Micawber, 4 78 David Kopperfield. wiewohl er mir Angeſicht zu Angeſicht gegenüber geſtan⸗ den hatte, nicht im Mindeſten erkannt. Jetzt aber, da er mich lächeln ſah, prüfte er meine Züge mit mehr Auf⸗ merkſamkeit, trat einen Schritt zurück und rief:„Iſt's möglich! Habe ich das Vergnügen, Kopperfield wiederzu⸗ ſehen.“— Und er ſchüttelte mir beide Hände mit der größten Herzlichkeit. „Guter Himmel, Herr Traddles!“ rief Mr. Micaw⸗ ber.„Wenn ich denke, daß ich Sie mit dem Freunde meiner Jugend, mit dem Genoſſen meiner vergangenen Tage bekannt finde! Meine Liebe!“ rief er über das Treppengeländer zu Mrs. Micawber hinunter, während Traddles— und zwar mit gutem Grunde— über die Art, wie ich bezeichnet worden war, nicht wenig erſtaunt ausſah.„Hier iſt ein Herr in Herrn Traddles' Zimmer, den er ſich erlauben will Dir vorzuſtellen, meine Liebe!“ Mr. Micawber erſchien augenblicklich wieder und ſchüttelte mir nochmals die Hand. „Und wie geht es unſerm guten Freunde, dem Doctor, Kopperfield?“ fragte Mr. Micawber,„und dem ganzen Freundeskreiſe in Canterbury?“ „Ich habe nur gute Nachrichten von ihnen,“ ant⸗ wortete ich. „Ich freue mich ſehr, das zu hören,“ ſagte Mr. Mi⸗ cawber.„Es war in Canterburh, wo wir uns zum letzten Male trafen. Im Schatten, wenn ich mich eines Bildes bedienen darf, jenes heiligen Gebäudes, welches Chaucer unſterblich verherrlicht hat, und welches in alten Zeiten der Zielpunkt aller Pilger von den entfernteſten Enden der— kurz,“ ſagte Mr. Micawber,„in der unmittel⸗ baren Nachbarſchaft der Kathedrale.“ Ich antwortete, daß es dort geweſen ſei. Mr. Mi⸗ David Kopperfield. 79 cawber fuhr fort zu ſchwatzen, ſo ſchnell er vermochte, wo⸗ bei er indeß, wie mir vorkam, nicht vermeiden konnte, durch Zeichen von Beſtürzung in ſeinem Geſichte zu ver⸗ rathen, daß er verſchiedene Töne im nächſten Zimmer bemerkte, wie z. B. daß Mrs. Micawber ihre Hände wuſch und haſtig Schubladen öffnete und zuſchob, welche ſich nicht gut handhaben ließen. „Sie finden uns, Kopperfield,“ ſagte Mr. Micawber, mit einem Auge auf Traddles,„gegenwärtig in einer Stellung, welche man als eine geringe und anſpruchsloſe Sproſſe auf der Leiter der bürgerlichen Geſellſchaft be⸗ zeichnen kann; aber es iſt Ihnen bekannt, daß ich im Ver⸗ laufe meiner Lebensfahrt Schwierigkeiten überwunden und Hemmniſſe beſiegt habe. Sie ſind der Thatſache nicht fremd, daß es Perioden in meinem Leben gegeben hat, wo es erforderlich war, zu pauſtren, bis ſich gewiſſe er⸗ wartete Ereigniſſe zum Beſten kehrten; wo es nothwendig war, daß ich zurückſchritt, ehe ich das that, in Bezug auf das man mich ſicherlich nicht der Anmaßung anklagen wird, wenn ich es einen kühnen Anlauf nenne. Die gegenwärtige iſt eine von dieſen blos augenblicklichen und vorübergehenden Lagen, in die ein Mann kommen kann. Sie finden mich zurückgeſchritten, um einen Anlauf zu machen, und ich habe alle Urſache zu glauben, daß ein tüchtiger Sprung nächſtens das Reſultat ſein wird.“ Ich drückte meine Zufriedenheit aus, als Mrs. Mi⸗ cawber hereinkam. Sie ſah noch ein Bischen ſchlumpiger aus, als ſie ſonſt zu ſein pflegte(oder ſchien ſie nur mei⸗ nen an ihren Anblick nicht mehr gewöhnten Augen ſo) obwohl ſie ſich einigermaßen für das Erſcheinen in Ge⸗ ſellſchaft vorbereitet hatte und ein Paar braune Hand⸗ ſchuhe trug. 80 David Kopperfield. „Meine Liebe,“ ſagte Mr. Micawber, indem er ſie zu mir hinführte.„Hier iſt ein Herr Namens Kopper⸗ field, welcher ſeine Bekanntſchaft mit Dir zu erneuern wünſcht.“ Es würde, wie die Folge zeigte, beſſer geweſen ſein, wenn er ſie auf dieſe Vorſtellung allmälig hingeleitet hätte; denn Mrs. Micawber, welche ſich in einem leicht verletzbaren Geſundheitszuſtande befand, wurde von dem Gedanken, mich wiederzuſehen, ganz überwältigt und ſo unwohl, daß Mr. Micawber ſich gezwungen ſah, zitternd und zagend hinunter nach dem Röhrtroge iim Hinterhofe zu laufen und ein Becken voll Waſſer zu holen, um ihre Stirn damit zu waſchen. Sie kam jedoch bald wieder zu ſich und war wahrhaft erfreut, mich wiederzuſehen. Wir ſprachen eine halbe Stunde mit einander, und ich fragte ſte über die Zwillinge, welche, wie ſte ſagte,„große mäch⸗ tige Geſchöpfe“ geworden wären; und nach Musje und Mamſell Micawber, welche ſie als„ausgemachte Rieſen“ beſchrieb; aber ſie wurden bei dieſer Gelegenheit nicht zum Vorſchein gebracht. Mr. Micawber drang ſehr in mich, daß ich zum Eſſen dableiben ſollte. Ich würde nicht abgeneigt geweſen ſein, dies zu thun, wäre mir's nicht geweſen, als hätte ich in Mrs. Micawbers Auge Sorge und Berechnung, ob das vorräthige kalte Fleiſch wohl ausreichen werde, entdeckt. Ich gab daher vor, ich ſei wo andershin eingeladen, und indem ich beobachtete, daß Mrs. Micawbers Stimmung ſich augenblicklich aufheiterte, widerſtand ich jeglichem Zu⸗ reden, jene Einladung bei Seite zu laſſen. Aber ich ſagte Traddles und Mr. nebſt Mrs. Mi⸗ cawber, daß ſie, bevor ich daran denken könnte, zu gehen, einen Tag feſtſetzen müßten, wo ſie kommen und bei mir David Kopperfield. 81 ſpeiſen wollten. Die Beſchäftigungen, an die Traddles gefeſſelt war, machten es nothwendig, einen etwas ent⸗ fernt liegenden Tag zu beſtimmen; aber wir trafen eine Beſtimmung zu dieſem Zwecke, welche uns allen paßte, und dann nahm ich meinen Abſchied. Mr. Micawber begleitete mich unter dem Vorgeben, er wolle mir einen nähern Weg zeigen, als der, auf dem ich gekommen, bis an die Ecke der Straße, indem es(wie er mir auseinanderſetzte) ihn dränge, ein paar Worte zu einem alten Freunde im Vertrauen zu ſagen. „Mein lieber Kopperfield,“ ſagte Mr. Micawber, „ich brauche Ihnen kaum zu bemerken, wie der Um⸗ ſtand, daß unter gegenwärtigen Verhältniſſen unter un⸗ ſerm Dache ein Gemüth weilt wie das, welches in Ih⸗ rem Freunde Traddles glüht— wenn mir der Ausdruck geſtattet iſt— ein unausſprechlicher Troſt iſt. In der nächſten Thür wohnt eine Waſchfrau, welche in ihrem Stubenfenſter Zuckergebackenes zum Verkauf ausſtellt, über die Straße hinüber reſidirt ein Officiant aus Bow⸗ Street— da können Sie ſich wohl vorſtellen, daß ſeine Geſellſchaft eine Quelle von Troſt für mich und meine Gattin iſt. Gegenwärtig, mein lieber Kopperfield, bin ich im Getraidehandel als Commiſſionair angeſtellt. Es iſt kein Beruf, der ſich als ein lohnender bezeichnen ließe,— mit andern Worten: ich habe gar nichts da⸗ von— und verſchiedene vorübergehende pecuniaire Un⸗ annehmlichkeiten ſind die Folge davon geweſen. Ich freue mich indeſſen, hinzufügen zu können, daß ſich mir jetzt eine nahe Ausſicht darbietet, es werde ſich etwas zum Beſten kehren— obſchon ich nicht ſagen darf, in wel⸗ cher Richtung— etwas, das mich, glaub' ich, in den Stand ſetzen wird, fortwährend ſowohl für mich als für Ihren Freund Traddles zu ſorgen, für den ich eine auf⸗ David Kopperſield. V. 6 82 David Kopperſield. richtige Theilnahme fühle. Sie ſind vielleicht ſchon vor⸗ bereitet, zu hören, daß Madame Micawber ſich in einem Geſundheitszuſtande befindet, welcher es nicht ganz un⸗ wahrſcheinlich macht, daß ſchließlich eine Vermehrung hin⸗ zukommt zu jenen Pfändern der Liebe, welche— um kurz zu ſein, zur Gruppe der Kinder. Madame Mi⸗ cawbers Familie iſt ſo freundlich geweſen, ihre Mißbil⸗ ligung dieſes Standes der Dinge zu erklären. Ich habe blos zu bemerken, daß ich nicht begreife, wie das ſie nur irgend kümmert, und daß ich die Kundgebung derartiger Empfindungen mit Verachtung und Geringſchätzung von mir weiſe!“ Mr. Micawber ſchüttelte mir hierauf die Hand und verließ mich. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Mr. Micawber wirft der Geſellſchaft den Fehdehandſchuh hin. Bis der Tag erſchien, an welchem ich meine neu aufgefundenen alten Freunde zum Eſſen bei mir ſehen wollte, lebte ich hauptſächlich von dem Gedanken an Dora und von Kaffee. In meinem Liebesfieber verlor ſich mein Appetit, und ich freute mich darüber; denn mir war's, als ob es ein Beweis von Treuloſtgkeit geweſen ſein würde, hätte ich irgend einen naturgemä⸗ ßen Geſchmack am Eſſen gefunden. Die viele Bewegung, die ich mir durch Herumwandern machte, war in dieſer Beziehung nicht von ihrer gewöhnlichen Folge, indem die Täuſchungen, die ich in meiner Hoffnung, ſie zu treffen, erfuhr, die Wirkung der friſchen Luft aufhoben und vereitelten. Außerdem habe ich meine auf ſcharfe Beobachtung während dieſer Periode meines Lebens ge⸗ gründeten Zweifel, ob eine tüchtige Mahlzeit animali⸗ ſcher Speiſen bei einem menſchlichen Individuum zur freien Entwickelung ihrer nahrhaften Beſtandtheile ge⸗ langen könne, wenn dieſes Individuum ſtets von engen Stiefeln gemartert wird. Ich glaube, die Extremitäten 6* 84 David Kopperfield. erfordern einen Zuſtand des Friedens und der Behag⸗ lichkeit, ehe der Magen ſich als gehöriger Arbeiter zei⸗ gen kann. Bei dieſem kleinen häuslichen Feſte traf ich nicht die ausgedehnten Vorbereitungen, welche ich früher ge⸗ troffen. Ich beſorgte nur ein Paar Seezungen, eine kleine Schöpſenkeule und eine Taubenpaſtete. Mrs. Crupp brach in offene Rebellion aus, als ich ihr zum erſten Male ſchüchtern anzudeuten wagte, daß ſie die Fiſche und das Fleiſch kochen werde, und ſagte mit der Würde, welche eine ſolche Verletzung ihrer Gefühle erforderte: „Nein! Nein, junger Herr, Sie werden von mich nicht ſo was verlangen; denn Sie ſind beſſer mit mich bekannt, als daß Sie glauben könnten, ich wäre im Stande, et⸗ was zu thun, was meinen Gefühlen nicht zuſagen thäte.“ Am Ende jedoch kam es zu einem Vergleiche, und Mrs. Crupp ließ ſich herbei, das Eſſen zu beſchaffen, aber mit der Bedingung, daß ich hinterdrein vierzehn Tage auswärts eſſen wollte. Und hier ſei mir die Bemerkung geſtattet, daß das, was ich in Folge der Tyrannei erlitt, die Mrs. Crupp ſich über mich anmaßte, wahrhaft entſetzlich war. Ich fürchtete mich nie ſo ſehr vor irgend Jemandem. Wir kamen zu nichts, außer auf dem Wege des Vergleichs. Wenn ich zauderte, wurde ſie ſogleich von jener mun⸗ derſamen Krankheit ergriffen, welche ſtets in ihrer Kör⸗ perconſtitution im Hinterhalte lag, bereit, bei der ge⸗ ringſten Gelegenheit auf ihre Lebensgeiſter hervorzu⸗ ſtürzen. Wenn ich ungeduldig die Klingel zog und ſie, nachdem ich ein halbes Dutzend Mal beſcheidentlich und vergeblich geklingelt, zuletzt erſchien— worauf man ſich indeß durchaus nicht verlaſſen konnte—, ſo pflegte ſie mit einer vorwurfsvollen Miene hereinzutreten, athem⸗ David Kopperfield. 85 los auf einen Stuhl in der Nähe der Thür zu ſinken, ihre Hand auf ihren Nankingbuſen zu legen und ſo übel zu werden, daß ich froh war, wenn ich mir ſie um den Preis eines Glaſes Branntwein oder irgend ein anderes Opfer vom Halſe ſchaffen konnte. Wenn ich mich darüber aufhielt, daß mein Bett um fünf Uhr Nachmittags gemacht wurde— was ich allerdings noch jetzt für eine unbequeme Einrichtung halte—, ſo reichte eine Handbewegung verletzter Empfindung, die ſie nach derſelben Nanking⸗Region machte, hin, mich zum Her⸗ vorſtottern einer Entſchuldigung zu zwingen. Kurz, ich würde eher alles Mögliche, was ſich mit der Ehre ver⸗ einigen läßt, gethan, als Mrs. Crupp eine Beleidi⸗ gung zugefügt haben; und ſie war der Schrecken mei⸗ nes Lebens. Ich zog es vor, mir für dieſen Schmaus einen ſtummen Aufwärter*) zu kaufen, als den gewandten jungen Mann wieder zu beſchäftigen, gegen den ich ein Vorurtheil gefaßt hatte, und zwar in Folge davon, daß ich ihm an einem Sonntagmorgen am Strande in einer Weſte begegnet war, welche eine merkwürdige Aehnlich⸗ keit mit einer von den meinigen hatte, die ich ſeit der früher erwähnten Gelegenheit vermißte. Das„junge Mädel“ wurde wieder angenommen, aber unter dem Uebereinkommen, daß ſie nur die Schüſſeln hereinbrin⸗ gen und ſich dann auf den Platz zwiſchen der äußern Thür und der Treppe zurückziehen ſollte, wo die Ge⸗ wohnheit zu ſchnüffeln, die ſie ſich angewöhnt, die Gäſte nicht erreichen konnte, und wo ihre Flucht in die Teller hinein eine phyſiſche Unmöglichkeit war. Nachdem ich mir die Materialien zu einer Bowle *) Eine Art Drehtiſch. 86 David Kopperfield. Punſch eingekauft hatte, die Mr. Micawber miſchen ſollte; nachdem ich ferner für eine Flaſche Lavendelwaſſer, zwei Wachskerzen, einen Brief Nadeln verſchiedener Sorten und ein Nadelkiſſen geſorgt, um Mrs. Micawber bei ihrer Toilette an meinem Ankleidetiſche zur Hand zu ſein; nachdem ich endlich das Feuer in meinem Schlaf⸗ zimmer zur Bequemlichkeit von Mrs. Micawber hatte anzünden laſſen und das Tiſchtuch mit eigener Hand aufgelegt hatte, erwartete ich das Ergebniß dieſer Vor⸗ bereitungen mit Faſſung. 4 Zur ausgemachten Zeit erſchienen meine drei Gäſte zuſammen. Mr. Micawber mit größern Vatermördern als gewöhnlich und einem neuen Bande an ſeinem Au⸗ genglaſe; Mrs. Micawber, deren Haube in einer bräun⸗ lichen Papierdüte ſtak; Traddles, welcher die Düte trug und Mrs. Micawber den Arm zur Stütze geboten hatte. Sie freuten ſich ſehr über meine Wohnung. Als ich Mrs. Micawber an meinen Ankleidetiſch führte, und ſie die Ausdehnung ſah, in welcher er für ſie vorbereitet war, gerieth ſie in eine ſolche Begeiſterung, daß ſie Mr. Micawber hereinkommen und ſich die Beſcheerung anſehen hieß. „Mein theurer Kopperfſield!“ ſagte Mr. Micawber, „das iſt ja wahrhaft verſchwenderiſch. Das iſt eine Art zu leben, welche mich lebhaft an die Periode erin⸗ nert, wo ich ſelbſt noch im Zuſtand des Cölibats mich befand und Madame Micawber noch nicht aufgefordert worden war, das Gelübde der Treue an Hymens Al⸗ tar abzulegen.“ „Er meint, aufgefordert von ihm, Herr Kopper⸗ field,“ ſagte Mrs. Micawber in munterer Laune.„Er kann nicht für Andere verantwortlich ſein.“ „Meine Theure,“ entgegnete Mr. Micawber mit David Kopperfield. 87 plötzlichem Ernſte,„ich hege nicht den Wunſch, für Andere verantwortlich zu ſein. Ich bin mir zu wohl bewußt, daß, wenn nach den unerforſchlichen Fügungen des Schickſals Du für mich aufbehalten warſt, es mög⸗ lich iſt, daß Du für einen Mann aufbehalten warſt, deſſen Beſtimmung es war, nach langem tapfern Rin⸗ gen endlich zu fallen als ein Opfer pecuniärer Ver⸗ wickelungen von complicirter Natur. Ich verſtehe Deine Anſpielung, meine Liebe. Ich bedauere ſie, aber ich kann ſie ertragen.“ „Micawber!“ ſchrie Mrs. Micawber in Thränen. „Hab' ich das verdient! Ich, die Dich nie verlaſſen hat, die Dich nie verlaſſen wird, Micawber!“ „Meine Liebe,“ ſagte Mr. Micawber ſehr gerührt, „Du wirſt, und ich bin ſicher, auch unſer alter und erprobter Freund Kopperfield wird die vorübergehende Verletzung eines verwundeten Gemüthes vergeben, wel⸗ ches noch außerdem reizbarer gemacht wurde durch den ſoeben erſt ſtattgefundenen Zuſammenſtoß mit dem Günſt⸗ linge der Macht— in andern Worten, mit einem rü⸗ pelhaften Waſſeraufſeher, der in den Waſſerleitungen angeſtellt iſt— und ihr werdet die Ausſchreitungen dieſes Gemüthes bemitleiden, nicht verdammen.“ Hierauf umarmte Mr. Micawber ſeine Gattin und drückte mir die Hand, indem er mir aus dieſer kurz⸗ abgebrochenen Anſpielung errathen ließ, daß ihm dieſen Nachmittag ſein häuslicher Waſſerbedarf abgeſchnitten worden ſei, weil er unterlaſſen, die Raten der Geſell⸗ ſchaft abzutragen. Um ſeine Gedanken von dieſem traurigen Gegen⸗ ſtande abzulenken, benachrichtigte ich Mr. Micawber, daß ich mich hinſichtlich einer Bowle Punſch auf ihn verließe, und führte ihn zu den Citronen. Seine eben ſichtbar 88 David Kopperfield. gewordene Niedergeſchlagenheit, um nicht zu ſagen, Ver⸗ zweiflung, war im Augenblicke weg. Nie ſah ich Je⸗ mand ſo luſtig ſich in Mitten des Duftes von Citro⸗ nenſaft und Zucker, des Geruches von brennendem Rum und des Dampfes von ſiedendem Waſſer bewegen, als Mr. Micawber an dieſem Nachmittage. Es war wun⸗ dervoll, zu ſehen, wie ſein Antlitz aus einer dünnen Wolke dieſer lieblichen Düfte auf uns leuchtete und glänzte, während er rührte und miſchte und koſtete und ausſah, als ob er anſtatt Punſch eine Goldtinktur bereitete, die ſeine Familie bis in die entfernteſte Nachkommenſchaft glücklich machen werde. Was Mrs. Micawber betrifft, ſo weiß ich nicht, ob es die Wirkung der Haube, oder des Lavendelwaſſers, oder der Stecknadeln, oder des Feuers, oder der Wachslichter war, aber ſie kam aus meinem Schlafzimmer, vergleichsweiſe zu reden, liebens⸗ würdig heraus. Und die Lerche war nie heiterer Laune, als dieſes vortreffliche Weib. Ich vermuthe— ich wagte nie mich darnach zu er⸗ kundigen, ſondern vermuthe blos—, daß Mrs. Crupp, nachdem ſie die Seezungen im Tiegel gebraten, krank geworden iſt, weil nämlich unſer Schmaus, bei dieſem Punkte angelangt, in die Brüche ging. Die Schöpſen⸗ keule kam innen ſehr roth und außen ſehr weiß herein, außerdem war eine ſeltſame Subſtanz von griesartiger Beſchaffenheit darüber verſtreut, als ob ſie einen Fall in die Aſche jenes merkwürdigen Küchenfeuers gethan hätte. Wir waren aber nicht im Stande, über dieſe Thatſache nach dem Ausſehen der Bratenbrühe zu ur⸗ theilen, indem das„junge Mädel“ ſte auf die Treppe getröpfelt hatte, wo es in einer langgedehnten Spur verblieb, bis es nach und nach abgetreten war. Die Taubenpaſtete war nicht übel, aber ſie war eine Vexir⸗ —;; David Kopperfield. 89 paſtete, indem die Kruſte, um einen Terminus der Phre⸗ nologie zu brauchen, einem täuſchenden Haupte glich: voll von Beulen und Furchen, aber nichts Beſonderes darunter. 3 Kurz, das Bankett war ſo fehlgeſchlagen, daß ich ganz unglücklich geweſen ſein würde— über das Fehl⸗ ſchlagen nämlich; denn ich war ſtets unglücklich um Dora — hätte mich die gute Laune meiner Geſellſchaft und ein glänzender Vorſchlag von Mr. Micawber nicht in heitere Stimmung verſetzt. „Mein lieber Freund Kopperfield,“ ſagte Mr. Mi⸗ cawber,„Unfälle werden ſelbſt in den am beſten geord⸗ neten Familien vorkommen; und in Familien, welche nicht geordnet ſind durch jenes überall hinreichende Wal⸗ ten, welches unſer Glück heiligt, während es die— eine— wollt' ich ſagen,— nun kurz, durch das Wal⸗ ten des Weibes in der erhabenen Eigenſchaft einer Gat⸗ tin, darf man dergleichen mit Zuverſicht entgegenſehen und muß man ſie mit philoſophiſcher Ruhe ertragen. Wenn Sie mir erlauben wollen, daß ich mir die Frei⸗ heit nehme, zu bemerken, wie nur wenige eßbare Dinge beſſer ſchmecken als ein Teufelchen“), und daß ich glaube, wir können, indem wir die Arbeit theilen, ein ganz gutes herſtellen, wenn die junge Perſon, welche auf⸗ wartet, ein Kaſſerol herbeiſchaffen könnte, wo, wie ich Ihnen verſichern möchte, das kleine Unglück leicht wie⸗ der gut gemacht werden könnte.“ Ein Kaſſerol befand ſich in dem Speiſekämmerchen; worin meine allmorgentliche Schinkenſchnitte gebraten wurde. Wir hatten es im Augenblicke in der Stube und machten uns ſogleich daran, Mr. Micawbers Idee *) Der Name des im Folgenden beſchriebenen Gerichtes. 90 David Kopperfield. zu verwirklichen. Die Vertheilung der Arbeit, auf die er ſich bezogen, war folgende: Traddles ſchnitt das Schöp⸗ ſenfleiſch in Streifen; Mr. Micawber, der alle derarti⸗ gen Dinge aus dem Fundamente verſtand, beſtreute und beſtrich ſie mit Pfeffer, Senf, Salz und Cayenne; ich legte ſie auf das Kaſſerol, wendete ſie mit einer Gabel und nahm ſie weg, Alles unter Mr. Micawbers An⸗ weiſung; Mrs. Micawber endlich wärmte unter fortwäh⸗ rendem Umrühren etwas Pilzbrühe in einer kleinen Brat⸗ pfanne. Wenn wir genug Schnitte fertig hatten, um damit beginnen zu können, ſo fielen wir, die Hemdär⸗ mel immer noch bis an das Handgelenk aufgeſtreift, dar⸗ über her, während mehr Streifen auf dem Feuer praſ⸗ ſelten und brieten, ſo daß unſere Aufmerkſamkeit getheilt war zwiſchen dem Schöpfenfleiſche auf unſern Tellern und dem, welches ſich zum Gegeſſenwerden vorbereitete. Bei der Neuheit dieſes Küchenkunſtſtüͤcks, der Vortreff⸗ lichkeit deſſelben, unſrer Geſchäftigkeit bei demſelben, dem öfteren Aufſpringen, um darnach zu ſehen, dem öftern Niederſitzen, um es zu vertilgen, wenn die braunge⸗ bratenen Schnitten heiß aus dem Kaſſerol kamen, bei der muntern Rührigkeit, der Erhitzung unſerer Geſich⸗ ter vor dem Feuer, und inmitten ſolch eines verführe⸗ riſchen Praſſelns und Duftens entkleideten wir die Keule ihres Fleiſches bis auf den Knochen. Mein eigner Ap⸗ petit kam wie mit einem Wunder zurück. Ich ſchäme mich, das zu erzählen, aber ich glaube wirklich, ich vergaß Dora auf ein Weilchen. Ich habe hinreichenden Grund zu glauben, daß Mr. und Mrs. Micawber bei dem Feſte ſelbſt dann nicht luſtiger hätten ſein können, wenn ſie ein Bett verkauft hätten, um es zu beſchaffen. Traddles lachte ſchier die ganze Zeit, wo er aß und arbeitete, auf das Herzlichſte. Ja wir thaten dies alleſammt, und „— 4 4 David Kopperfield. 91 ich möchte ſagen, daß der Zweck eines Schmauſes, hei⸗ tere Luſt, nirgends vollſtändiger erreicht worden ſei. Wir hatten den Gipfel unſerer Heiterkeit erreicht und waren alle in unſern verſchiedenen Departements eifrig beſchäftigt, indem wir uns beſtrebten, die letzte Tracht Schnitten in einen Zuſtand der Vollkommenheit zu bringen, welcher das Feſt krönen ſollte, als ich be⸗ merkte, daß ein Fremder im Zimmer war, und meine Augen denen des wackern Littimer begegneten, welcher den Hut in der Hand vor mir ſtand. „Was giebt's?“ fragte ich unwillkürlich? „Bitte um Entſchuldigung, Herr Kopperfield. Man hieß mich hereinkommen. Iſt mein Herr nicht hier?“ „Neiu.“ „Haben Sie ihn nicht geſehen, Herr Kopperfield?“ „Nein; kommen Sie denn nicht von ihm?“ „Nicht unmittelbar, Herr Kopperfield.“ „Sagte er Ihnen denn, Sie würden ihn hier finden?“ „Das gerade nicht, Herr Kopperfield. Aber ich ſollte denken, daß er morgen hier ſein könnte, da er heute nicht hier geweſen iſt.“ „Kommt er von Orford herauf?“ „Bitte, Herr Kopperfield,“ entgegnete er reſpect⸗ voll,„ſetzen Sie ſich, und erlauben Sie mir, dies zu thun.“ Mit dieſen Worten nahm er die Gabel aus meiner widerſtandsloſen Hand und bückte ſich über das Kaſſerol, als ob ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf daſ⸗ ſelbe gerichtet wäre. Wir würden bei Steerforths ſelbſteigner Erſcheinung nicht ſehr aus der Faſſung gerathen ſein, aber wir wur⸗ den in einem Augenblicke die Schüchternſten der Schüch⸗ ternen vor dieſem reſpectabeln Bedienten. Mr. Micaw⸗ ber, welcher ein Liedchen geſummt, um zu zeigen, daß 92 David Kopperfield. er ſich völlig behaglich fühle, ſank in ſeinen Stuhl, wo⸗ bei ihm der Griff einer haſtig verſteckten Gabel aus dem Buſen ſeines Rockes ſtak, als ob er ſich erſtochen hätte. Mrs. Micawber zog ihre braunen Handſchuhe an und legte ſich eine Miene vornehmen Schmachtens zu. Traddles fuhr ſich mit ſeinen fettigen Händen durch die Haare, daß ſte ihm kerzengerade zu Berge ſtanden, und heftete die Augen verlegen auf das Tiſchtuch. Was mich betrifft, ſo ſaß ich wie ein wahres Kind am obern Ende meines eignen Tiſches und wagte kaum einen Blick auf das re⸗ ſpectable Phänomen zu werfen, welches, Gott weiß wo⸗ her gekommen war, um meine Einrichtung in Ordnung zu bringen. 1 Inzwiſchen nahm er das Schöpſenfleiſch aus dem Kaſ⸗ ſerol und gab es mit ernſter Miene herum. Wir alle nahmen etwas davon, aber unſer Geſchmack daran war dahin, und wir thaten nur ſo, als ob wir davon äßen. Als wir unſere Teller mehrmals weggeſchoben hatten, räumte er ſie geräuſchlos hinweg und ſetzte den Käſe auf. Er nahm auch dieſen weg, als wir damit fertig waren, räumte den Tiſch ab, ſetzte Alles auf den runden Drehtiſch, gab uns unſere Weingläſer und pollte, ohne daß ich ihm dies geheißen hätte, den Dreh⸗ tiſch in das Speiſekämmerchen. Alles dies wurde mit vollkommener Sicherheit ausgeführt, und er erhob nie⸗ mals ſeine Augen von dem, womit er ſich beſchäftigte. Aber dennoch ſchienen ſogar ſeine bloßen Ellbogen, als er mir den Rücken zukehrte, voll zu ſein von dem Aus⸗ drucke ſeiner feſtgewurzelten Ueberzeugung, daß ich doch ungemein jung ſei. „Kann ich noch etwas thun, Herr Kopperfield?“ Ich dankte ihm und ſagte, nein; aber ob er nicht etwas eſſen wollte? 4 1 David Kopperfield. 93 „Nein, ich bin Ihnen ſehr verbunden, Herr Kop⸗ perfield.“ „Kommt Herr Steerforth von Oxford?“ „Bitt' um Verzeihung, Herr.“ „Ich frage, ob Herr Steerforth von Oxford kommt.“ „Ich ſollte meinen, daß er morgen hier ſein könnte. Ich dachte ſogar, er werde heute ſchon hier ſein. Das Mißverſtändniß iſt auf meiner Seite, kein Zweifel.“ „Wenn Sie ihn zuerſt ſehen ſollten—“ ſagte ich. „Bitte um Entſchuldigung, Herr Kopperfield; aber ich denke nicht, daß ich ihn zuerſt ſehen werde.“ „In dem Falle aber, daß Sie ihn zuerſt ſehen ſoll⸗ ten,“ entgegnete ich;„bitte, ſo ſagen Sie ihm, wie es mir leid thue, daß er nicht heute ſchon hier geweſen, da ein alter Schulkamerad von ihm dageweſen ſei.“ „ECi, in der That, Herr Kopperfield!“ und er theilte eine Verbeugung zwiſchen mir und Traddles mit einem Blicke auf den letzteren. 5 Er bewegte ſich leiſe nach der Thür, als ich in der verlornen Hoffnung, etwas Natürliches zu ſagen— was ich dieſem Manne gegenüber nie vermochte.— ausrief: „Oh, Littimer!“ „Herr Kopperfield.“ „Hielten Sie ſich lange in Narmouth auf, damals?“ „Nicht gerade lange, Herr Kopperfield.“ „Sahen Sie das Boot fertig?“ „Ja, Herr Kopperfield; ich blieb zurück, um das Boot fertig zu ſehen.“ „Ich weiß das!“ Er erhob ſeine Augen reſpertvoll bis zu den meinen.„Steerforth hat es wohl noch nicht geſehen?“ „Kann's Ihnen wirklich nicht ſagen. Ich glaube— 94 David Kopperfield. indeß, ich kann's Ihnen wirklich nicht ſagen. Aber ich wünſche Ihnen gute Nacht, Herr Kopperfield.“ Er ſchloß alle Gegenwärtigen in den reſpectvollen Bückling ein, den er dieſen Worten folgen ließ, und verſchwand. Mein Beſuch ſchien freier Athem zu ſchö⸗ pfen, als er fort war; aber mein eignes Herz war ſehr erleichtert; denn außer der Gezwungenheit, welche aus dem außerordentlichen Gefühle hervorging, nicht aufkom⸗ men zu können— ein Gefühl, welches ich in dieſes Mannes Gegenwart ſtets hatte— hatte mich auch mein Gewiſſen mit Zuflüſterungen erſchreckt, daß ich ſeinem Herrn nicht getraut habe, und ich konnte eine leiſe, un⸗ bequeme Befürchtung, daß er es ausfinden könne, nicht zurückdrängen. Wie kam's, daß ich, der in der Wirk⸗ lichkeit ſo wenig zu verbergen hatte, doch ſtets das Ge⸗ fühl hatte, dieſer Mann durchſchaue mich. Mr. Micawber riß mich aus dieſen Gedanken, mit denen ſich eine gewiſſe vorwurfsvolle Vorſtellung ver⸗ band, wie wenn ich Steerforth ſelbſt dem abweſenden Littimer eine Menge Lobſprüche, als z. B. daß er ein höchſt reſpectabler Menſch und ein durchaus liebenswür⸗ diger Diener ſei, ertheilen ſähe. Mr. Micawber, er⸗ laube ich mir zu bemerken, hatte ſeinen vollen Antheil von dem Bücklinge genommen, der uns Allen galt, und ihn mit unermeßlicher Herablaſſung empfangen. „Aber Punſch, mein theurer Kopperfield,“ ſagte Mr. Micawber, indem er ihn koſtete,„iſt wie die Zeit und die Fluth, das heißt, er wartet auf Niemand. Ah, er iſt im gegenwärtigen Augenblicke im Stadium des höchſten Duftes. Meine Liebe, willſt Du mir Deine Meinung ſagen?“ Mrs. Micawber nannte ihn ausgezeichnet. „Dann will ich, ſagte Mr. Micawber,„wofern — —— —.— David Kopperfield. 95 mein Freund Kopperfield mir erlauben will, daß ich mir dieſe ſociale Freiheit nehme, auf die Tage trinken, wo ich und mein Freund Kopperfield jünger waren und Seite an Seite unſern Weg durch die Welt hindurchfochten. Ich darf von mir und Kopperfield in Worten ſprechen, die wir dereinſt zuſammen geſungen haben: Wir rannten zwei Beid' auf den Wieſen herum, Maßliebchen fein thaten wir pflücken, bildlich zu ſprechen— bei verſchiedenen Gelegenheiten. Ich bin mir nicht ganz genau bewußt,“ fuhr Mr. Mi⸗ cawber mit dem alten Rollen in ſeiner Stimme und der alten unbeſchreiblichen Miene, als ob er etwas beſonders Feines und Vornehmes ſage, fort,„was es für Maßlieb⸗ chen ſein mögen, aber ich hege keinen Zweifel, daß Kop⸗ perfield und ich uns fleißig davon gepflückt haben würden, wenn es thunlich geweſen wäre.“ Mr. Micawber that einen Zug aus ſeinem Punſch⸗ glaſe. Wir Alle folgten ſeinem Beiſpiele, wobei Traddles ſich augenſcheinlich verwundert fragte, in welcher weit⸗ entlegenen Zeit Mr. Micawber und ich möglicherweiſe Kriegskameraden auf dem Kampfplatze der Welt gewe⸗ ſen ſein könnten. „Hm! hm!“ ſagte Mr. Micawber, indem er ſich die Kehle reinigte und vom Punſche und dem Feuer warm wurde.„Meine Theure, noch ein Glas?“ Mrs. Micawber meinte, es dürfe nur ſehr wenig ſein, wir konnten das aber nicht geſtatten, und ſo war's ein volles Glas. „Da wir hier vollig unter vertrauten Freunden ſind, Herr Kopperfield,“ ſagte Mrs. Micawber, indem ſie ihren Punſch ſchlürfte,„ſo würde es mir, indem Herr Traddles zu unſerer Hausgenoſſenſchaft gehört, ſehr an⸗ genehm ſein, Ihre Meinung über Micawbers Ausſichten . 96 David Kopperfield. zu hören. Denn Getraide,“ fuhr Mrs. Micawber im Tone des Beweiſes fort,„iſt, wie ich meinem Manne wiederholt geſagt habe, vielleicht ein anſtändiges Ge⸗ ſchäft, aber es lohnt nicht. Commiſſion zu der Aus⸗ dehnung von zwei Schilling neun Pence in vierzehn Tagen kann, wie ſehr wir auch unſere Begriffe beſchrän⸗ ken mögen, unmöglich als lohnend betrachtet werden.“ Wir Alle ſtimmten damit überein. „Nun denn,“ ſagte Mrs. Micawber, die ſich etwas darauf zu Gute that, daß ſie einen klaren Blick in die Dinge habe und Mr. Micawber durch ihre Weiber⸗ weisheit gerade halte, während er ſonſt ein wenig ge⸗ bückt gehen möchte,—„dann frage ich mich Folgendes: Wenn man ſich auf Korn nicht verlaſſen kann, worauf dann? Kann man ſich auf Kohlen verlaſſen? Durch⸗ aus nicht. Wir haben auf den Rath meiner Familie unſere Aufmerkſamkeit auf dieſes Experiment gerichtet, und wir finden es trügeriſch.“ Mr. Micawber lehnte ſich, die Hände in den Ta⸗ ſchen, in ſeinen Stuhl zurück, ſah uns von der Seite an und nickte mit dem Kopfe, als ob er ſagen wollte, daß der Fall ganz deutlich dargeſtellt ſei. „Da nun die Artikel Korn und Kohlen,“ ſagte Mrs. Micawber mit noch eindringlicher beweiſendem Tone, „beide gleicherweiſe außerhalb der Frage liegen, Herr Kopperfield, ſo ſehe ich mich nun natürlich rings in der Welt um und ſage: Was giebt's da, worin eine Per⸗ ſon von Mr. Micawbers Talente die Wahrſcheinlichkeit vor ſich ſieht, ihr Glück zu machen? Und ich ſchließe die Commiſſionsgeſchäfte aus, weil Commiſſionen kein gewiſſes Brod ſind. Was für eine Perſon von Mi⸗ cawbers eigenthümlicher Gemüthart am beſten paßt, iſt, deß bin ich ſicher, ein gewiſſes Brod.“ — —— 21 David Kopperfield. 97 Traddles und ich drückten Beide durch ein gefühl⸗ volles Gemurmel aus, daß dieſe große Entdeckung hin⸗ ſichtlich Mr. Micawbers ohne Zweifel richtig ſei und ihm viel Ehre mache. „Ich will Ihnen, mein lieber Kopperfield, nicht ver⸗ hehlen,“ fuhr Mrs. Micawber fort,„daß ich längſt gefühlt habe, wie das Geſchäft eines Brauers ſich für Micawber ganz vorzüglich paſſen würde. Sehen Sie da mal Barclay und Perkins! Sehen Sie Truman, Hanbury und Buxton an! Auf dieſem ausgedehnten Felde iſt's, wo er, wie ich aus meiner eignen Erfahrung von ihm weiß, zu glänzen beſtimmt iſt, und der Ge⸗ winn iſt, wie ich höre, un⸗ge⸗heuer! Aber was nutzt's, ſich mit dieſer Idee herumzuplagen, wenn Mi⸗ cawber nicht hineinkommen kann in dieſe Firmen, welche ſeine Briefe unbeantwortet laſſen, auch wenn er ſeine Dienſte nur nach ſeinen geringeren Fähigkeiten anbietet? Nichts nutzt's. Ich kann die Ueberzeugung haben, daß das Benehmen und das Außere meines Mannes— „Hm! Wirklich, meine Liebe?“ unterbrach ſie Mr. Micawber. „Mein Theurer, ſei jetzt ruhig,“ ſagte Mrs. Mi⸗ cawber, indem ſie ihren braunen Handſchuh auf ſeine Hand legte.„Ich kann, Herr Kopperfield, die Ueber⸗ zeugung haben, daß das Aeußere meines Mannes ihn ganz beſonders für das Geſchäft eines Banquiers befä⸗ higt. Ich kann bei mir ſelbſt auf den Schluß kommen, daß, wenn ich ein Depoſitum in einem Banquierhauſe niederzulegen hätte, das Aeußere von Micawber, wenn er das Banquierhaus repräſentirte, mir Vertrauen ein⸗ flößen und die Connexion ausdehnen würde. Wenn aber die verſchiedenen Banquiershäuſer ſich weigern, Mi⸗ cawbers Fähigkeiten zu beſchäftigen, oder gar das An⸗ David Kopperfield. V. 7 98 David Kopperfield. erbieten derſelben mit Ungebührlichkeiten aufnehmen, was nutzt's da, ſich mit der Idee herumzuplagen? Nichts. Um ein Banquiergeſchäft einzurichten, kann ich ferner den⸗ ken, daß es Glieder meiner Familie giebt, welche, wenn ſie ihr Geld in die Hände Micawbers zu legen gewillt wären, ein Etabliſſement von dieſer Art gründen könn⸗ ten. Wenn ſie jedoch nicht gewillt ſind, ihr Geld in Micawbers Hände zu legen— was ſie allerdings nicht ſind— was nutzt es dann? Wieder ſehe ich, daß wir nicht weiter gekommen ſind, als wir vorher waren.“ Ich ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Nicht ein Bis⸗ chen!“ Auch Traddles ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Nicht ein Bischen!“ „Was leite ich daraus ab?“ fuhr Mrs. Micawber fort, indem ſie noch immer die Miene machte, als wenn ſie eine Sache ins Klare ſetzen wollte.„Was iſt der Schluß, mein lieber Herr Kopperfield, zu dem es mich unwiderſtehlich hingedrängt hat? Hab' ich unrecht, wenn ich ſage, es iſt klar, daß wir leben müſſen.“ Ich antwortete:„Durchaus nicht!“ und Traddles antwortete:„Durchaus nicht!“ und ich fand, wie ich ſpäter noch ſehr weiſe hinzuſetzte, daß Jemand entweder leben oder ſterben müſſe. „Ganz richtig,“ entgegnete Mrs. Micawber.„Ge⸗ nau auf den Nagel getroffen. Und die Sache iſt die, mein lieber Kopperfield, daß wir nicht leben können, wofern nicht in kurzer Zeit die Umſtände ſich ſo zum Beſten wenden, daß ſie von den gegenwärtigen weit verſchieden ſind. Nun bin ich überzeugt, und habe es auch in der letzten Zeit Micawbern mehrmals aus⸗ einandergeſetzt, daß wir nicht erwarten dürfen, die Dinge werden ſich von ſelbſt zum Beſten kehren. Wir müſſen ihnen gewiſſermaßen beiſtehen, damit ſie ſich zum Beſten David Kopperfield. 99 wenden. Ich kann hierin Unrecht haben, aber ich habe mir dieſe Anſicht gebildet.“ Traddles und ich gaben ihr unſern höchſten Beifall zu erkennen. „Sehr wohl,“ ſagte Mrs. Micawber.„Was habe ich dann zu empfehlen? Hier iſt Herr Micawber mit verſchiedenen Eigenſchaften— mit großem Talente—“ „Wirklich, mein Herz?“ ſagte Micawber. „Bitte, mein Theurer, erlaube mir, zum Schluſſe zu gelangen. Hier alſo auf der einen Seite iſt Herr Micawber mit verſchiedenen Eigenſchaften, mit großem Talent— ich möchte ſagen, mit Genie— aber das mag blos einer Frau ſo erſcheinen—“ Traddles und ich murmelten:„Nein!“ „Und hier andererſeits iſt derſelbe Herr Micawber ohne eine paſſende Stellung oder Beſchäftigung. Auf wem laſtet die Verantwortlichkeit? Klar und deutlich auf der Geſellſchaft. Dann würde ich eine ſo ſchmach⸗ volle Thatſache bekannt machen und die Geſellſchaft her⸗ ausfordern, die Angelegenheit zu ordnen. Es ſcheint mir, mein lieber Herr Kopperfield,“ ſagte Mrs. Micaw⸗ ber kühnen Muthes,„daß das Einzige, was Micawber zu thun hat, das iſt, daß er der Geſellſchaft den Fehde⸗ handſchuh hinwirft und mit lauter Stimme ſagt: Zeige ſich, wer dies aufheben will! Möge die Partei augen⸗ blicklich vortreten.“ Ich wagte Mrs. Micawber zu fragen, wie dies zu bewirken ſein möchte. „Dadurch,“ antwortete ſie,„daß wir's in allen Zeitungen anzeigen. Es ſcheint mir, daß Micawber, um ſich und ſeiner Familie, ja ich will ſelbſt ſo weit gehen, daß ich ſage, um der Geſellſchaft gerecht zu wer⸗ den, von der er bisher überſehen worden iſt, Folgendes 7*⅔ 100. David Kopperfield. zu thun hat: er muß ſich in alle Zeitungen einrücken laſſen, ſich deutlich als ſo und ſo beſchaffen, mit der und jener Befähigung ausgerüſtet beſchreiben und mit den Worten ſchließen: Jetzt beſchäftigt mich in lohnen⸗ der Weiſe und ſchickt Eure Offerten unter der Adreſſe W. M. poste restante, Camden Town ein.“ „Dieſe Idee meiner Gattin, mein lieber Kopper⸗ field,“ ſagte Mr. Mirawber, indem er ſich die Vater⸗ moͤrder vor das Kinn herauszupfte und mir einen Sei⸗ tenblick zuwarf,„iſt eigentlich jener Sprung, auf den ich anſpielte, als ich zum letzten Male das Vergnügen hatte, Sie zu ſehen.“ „Anzeigen in den Zeitungen koſten aber viel Geld,“ bemerkte ich, zweifelhaft geworden. „Ganz recht!“ ſagte Mrs. Micawber, indem ſie die⸗ ſelbe logiſche Miene bewahrte.„Vollkommen wahr, mein lieber Herr Kopperfield! Ich habe dieſelbe Bemer⸗ kung gegen Micawber gemacht. Und es iſt hauptſäch⸗ lich aus dieſem Grunde, daß ich denke, Micawber ſollte, wie ich geſagt, um ſich, ſeiner Familie und der bürger⸗ lichen Geſellſchaft gerecht zu werden, eine gewiſſe Summe Geldes— auf Wechſel aufnehmen. Mr. Micawber, welcher ſich in ſeinen Stuhl zurück⸗ lehnte, ſpielte mit ſeinem Augenglaſe und richtete ſeine Augen nach der Decke; aber mir ſchien es, als ob er auch Traddles beobachtete, welcher ins Feuer ſah. „Wenn kein Glied meiner Familie hinreichend viel natürliches Gefühl beſitzt, um dieſen Wechſel zu nego⸗ tiiren,— ich glaube, es giebt einen beſſern Geſchäfts⸗ ausdruck zur Bezeichnung deſſen, was ich meine.“ Mr. Micawber half ihr, indem ſeine Augen noch immer auf der Decke hafteten, ein:„Discontiren.“ „Dieſen Wechſel zu discontiren,“ ſetzte Mrs. Mi⸗ —, —, David Kopperfield. 101 cawber ihre Rede fort,„ſo iſt meine Meinung, daß Micawber in die City gehen, dieſen Wechſel auf den Geldmarkt tragen und ihn losſchlagen ſollte um das, was er darauf bekommen kann. Wenn die Leute auf dem Geldmarkte meinen Mann zu einem großen Opfer zwingen, ſo iſt das eine Sache, die ſie mit ihrem Ge⸗ wiſſen auszumachen haben. Ich betrachte es immer als eine Anlegung von Kapital. Ich empfehle Micawbern ſtets, mein lieber Herr Kopperfield, ebenſo zu thun, es als eine Anlage zu betrachten, welche ſicherlich wieder herauskommt, und ſich auf jedes Opfer gefaßt zu machen.“ Mir kam dies, aber ich weiß wahrhaftig nicht warum, von Mrs. Micawber ſelbſtverläugnend und hingebend vor, und ich ſtieß ein Murmeln aus, welches meine Anerkennung dieſer Eigenſchaften ausdrücken ſollte. Trad⸗ dles, welcher meine Melodie nachſang, that desgleichen, indem er immernoch ins Feuer blickte. „Ich will,“ ſagte Mrs. Micawber, indem ſie ihren Punſch austrank und ihren Shawl um ihre Schultern ordnete, um ſich damit auf ihren Rückzug in mein Schlaf⸗ zimmer vorzubereiten,„ich will dieſe Bemerkungen über Micawbers pecuniäre Angelegenheiten nicht in die Länge ziehen. An Ihrem gaſtlichen Heerde, mein lieber Kop⸗ perfield, und in Gegenwart von Hrrn Traddles, der, obwohl noch kein ſo alter Freund, doch ganz einer der Unſern iſt, konnte ich mich nicht enthalten, Sie mit dem Gange bekannt zu machen, den ich Micawbern ein⸗ zuſchlagen rathe. Mir iſt, als ob die Zeit herbeigekom⸗ men ſei, wo mein Mann ſich zeigen und— wie ich hinzufügen will— ſich heraushelfen ſollte, und es ſcheint mir, daß dies das rechte Mittel iſt. Ich bin mir be⸗ wußt, daß ich blos ein Frauenzimmer bin, und daß das Urtheil eines Mannes gewöhnlich als competenter be⸗ 2 4 102 David Kopperfield. trachtet wird in der Discuſſion derartiger Fragen; den⸗ noch aber darf ich nicht vergeſſen, daß, als ich noch zu Hauſe mit Papa und Mama lebte, mein Vater es an der Gewohnheit hatte, zu ſagen:„Emma's Geſtalt iſt ſchwächlich, aber was ſie angreift, das führt ſie ſo gut durch, wie Einer.“ Daß mein Vater zu parteiiſch war, weiß ich wohl; aber zu läugnen, daß er ſich in gewiſ⸗ ſem Grade auf die Beobachtung von Charakteren ver⸗ ſtand, verbietet mir ſowohl meine Kindespflicht als mein Verſtand.“ Mit dieſen Worten und indem ſie unſern dringen⸗ den Bitten, die herumkreiſenden Reſte des Punſches mit ihrer Gegenwart verſchönern zu wollen, widerſtand, zog ſich Mrs. Micawber in mein Schlafzimmer zurück. Und mir kam ſie wirklich wie ein edles Weib vor— wie ein Weib, welches eine römiſche Matrone hätte ſein, und allerhand Heldenthaten hätte vollbringen können in Zei⸗ ten ſtaatlicher Wirren. In der Begeiſterung, welche dieſer Eindruck auf mich zur Folge hatte, beglückwünſchte ich Mr. Micawber wegen des Schatzes, den er beſäße. Desgleichen that Traddles. Mr. Micawber ſtreckte Jedem von uns nach der Reihe die Hand hin und bedeckte dann ſein Antlitz mit ſeinem Taſchentuche, welches, wie mir ſchien, mehr Schnupf⸗ tabak in ſeinen Falten barg, als ihm bewußt war. Er kehrte ſich dann im Zuſtande höͤchſter Seelenheiterkeit wieder dem Punſche zu. Er war voll Beredſamkeit. Er gab uns zu ver⸗ ſtehen, daß wir in unſern Kindern wiederauflebten, und daß inmitten der Drangſale pekuniärer Verlegenheiten jeder Zuwachs zu ihrer Zahl doppelt willkommen wäre. Er ſagte, daß Mrs. Micawber in den letzten Tagen erſt ihre Zweifel über dieſen Punkt gehabt, er ſie aber —,— —,— David Kopperfield. 103 zerſtreut und ihr Troſt eingeſprochen habe. Was ihre Familie beträfe, ſo wäre ſie ihrer völlig unwürdig, und was man dort denke und meine, ſei ihm äußerſt gleichgültig, und ſie könnten Alle miteinander— ich führe ſeinen eigenen Ausdruck an— zum Teufel gehen. Mr. Micawber hielt dann Traddles eine warme Lobrede. Er ſagte, Traddles ſei ein Charakter, auf deſſen feſtgegründete Tugenden er zwar keinen Anſpruch machen, die er jedoch, dem Himmel ſei Dank, bewun⸗ dern könnte. Er ſpielte dann mit feingewundener Rede auf die junge unbekannte Dame an, die Traddles mit ſeiner Neigung beehrt, und welche dieſe Neigung da⸗ durch vergolten habe, daß ſie Traddles mit ihrer Nei⸗ gung beehrt und beglückt habe. Mr. Micawber trank auf ihre Geſundheit. Daſſelbe that ich. Traddles dankte uns Beiden, indem er mit einer Einfachheit und Un⸗ geſchminktheit, die ich hinreichend herausfühlte, um ganz bezaubert davon zu werden, ſagte:„Ich bin Euch für Euern freundlichen Wunſch ſehr, ſehr verbunden. Und ich kann Euch verſichern, ſie iſt das liebenswürdigſte Mäd⸗ chen!“— Mr. Micawber nahm ſehr bald nachher Gelegenheit, mit der äußerſten Delicateſſe und Umſtändlichkeit zu ſon⸗ diren, wie es mit meinem Herzen ſtände. Nichts, als die ernſte Verſicherung ſeines Freundes Kopperſield, daß das Gegentheil der Fall ſei, bemerkte er, könnte ihn des Eindrucks berauben, daß ſein Freund Kopperfield liebe und geliebt ſei. Nachdem ich mich eine Zeit lang ſehr heiß und unbehaglich gefühlt, ſehr erröthet war, ſehr geſtottert und geläugnet hatte, ſagte ich endlich, indem ich mein Glas ergriff:„Nun gut, ich bringe dies hier auf D. aus!“ Mr. Micawber gerieth dar⸗ über in ſolch eine Begeiſterung und Dankbarkeit, daß 104 David Kopperfield. er mit einem Glaſe Punſch in mein Schlafzimmer rannte, damit auch Mrs. Micawber auf die D. trinken möge, was ſie denn auch mit Enthuſiasmus that, indem ſie von innen mit ſchriller Stimme ſchrie:„Horch! Horch! Mein theurer Herr Kopperfield, ich freue mich von Her⸗ zen. Horch!“ und um das Händeklatſchen zu erſetzen, an die Wand pochte. Unſere Unterhaltung nahm ſpäter eine mehr alltäg⸗ liche Wendung. Mr. Micawber erzählte uns, daß er Camden Town unbequem finde, und daß das Erſte, was er zu thun gedenke, ſobald die Anzeige Urſache werde, daß ſich etwas in genügender Weiſe zum Beſten kehre, das ſei, daß er ausziehe. Er nannte eine Ter⸗ raſſe am weſtlichen Ende der Orforder Straße, Hyde Park gegenüber, auf die er ſtets ein Auge gehabt, die er jedoch nicht ſogleich zu bekommen erwarte, da ſie ein reiches Möblement erfordern werde. Es werde, wie er uns auseinanderſetzte, wahrſcheinlich eine Zwiſchen⸗ zeit eintreten, während welcher er ſich mit dem obern Theile eines Hauſes begnügen müſſe, wo ſich unten ein anſtändiges Handelsgeſchäft befinde— etwa in Pica⸗ dilly—, welches für Mrs. Micawber eine angenehme Lage ſein werde, und wo ſie, wenn etwa ein Bogen⸗ fenſter durchgebrochen, oder noch ein Geſtock aufgeſetzt, oder eine andere kleine Abänderung von der Art ge⸗ troffen wäre, behaglich und anſtändig ein paar Jahre wohnen könnten. Was ihm aber auch beſtimmt ſein möchte, ſagte er ausdrücklich, oder wo er auch immer ſeine Wohnung aufſchlagen werde, darauf könnten wir uns verlaſſen, daß immer ein Zimmer für Traddles und ein Gedeck für mich vorhanden ſein werde. Wir dankten ihm für ſeine Freundlichkeit, und er bat uns um Verzeihung, daß er in dieſe praktiſchen und geſchäftlichen David Kopperfield. 105 Einzelnheiten gerathen ſei, die wir als natürlich entſchul⸗ digen würden an einem Manne, welcher ganz und gar neue Arrangements fürs Leben zu treffen im Begriffe ſei. Mrs. Micawber, welche wieder an die Wand klopfte, um ſich zu verſichern, ob der Thee fertig ſei, unterbrach dieſe Phaſe unſerer freundſchaftlichen Unterhaltung. Sie machte für uns den Thee in der anmuthigſten Weiſe, und ſo oft ich nur in ihre Nähe kam, um die Thee⸗ taſſen und die Butterſchnitten herumzugeben, ſo fragte ſie mich in einem Geflüſter, ob die D. blond oder brü⸗ nett, ob ſie klein oder groß ſei, und dergleichen mehr, was mir jedenfalls gefiel. Nach dem Thee beſprachen wir vor dem Feuer mannichfaltige Dinge, und Mrs. Micawber war ſo freundlich, uns(mit einer ſchwachen, dünnen, unreinen Stimme, welche ich bei unſerer erſten Bekanntſchaft für den Hochgenuß der Akuſtik gehalten zu haben mich erinnere) ihre Lieblingsballaden„Der prächtige weiße Sergeant“ und„Klein Tafflin“ zu ſin⸗ gen. Wegen beider Lieder war Mrs. Micawber berühmt geweſen, als ſie zu Hauſe bei Papa und Mama lebte. Mr. Micawber erzählte uns, daß, als er ſie das erſte haben ſingen hören, bei der erſten Gelegenheit, wo er ſie unter ihrem älterlichen Dache geſehen, ſie ſeine Auf⸗ merkſamkeit in außerordentlichem Grade auf ſich gezogen; daß er aber, als es zum„Kleinen Tafflin“ kam, ſich entſchloſſen habe, dieſes Weib zu gewinnen oder dar⸗ über unterzugehen. Es war zwiſchen zehn und elf Uhr, als ſich Mrs. Micawber erhob, um ihre Haube wieder in die bräun⸗ liche Papierdüte zu ſtecken und ihren Hut außzſetzen. Mr. Micawber erſah ſich die Gelegenheit, wo Traddles ſeinen Ueberrock anzog, und ſchob mir ein Briefchen in die Hand, mit der Bitte, es zu leſen, ſobald ich Muße 106 David Kopperfield. dazu habe. Auch ich ergriff die Gelegenheit, wo ich eine Kerze über das Geländer der Treppe hielt, um ihnen herunterzuleuchten, und wo Mr. Micawber, der ſeine Gemahlin führte, vorausging und Traddles mit der Haube nachfolgte: um Traddles einen Augenblick auf der oberſten Stufe der Treppe zurückzuhalten. „Traddles,“ ſagte ich,„Mr. Micawber, der arme Teufel, hat zwar nichts Unrechtes im Sinne, aber wenn ich Du wäre, würde ich ihm durchaus nichts borgen.“ „Mein lieber Kopperfield,“ entgegnete Traddles lä⸗ chelnd,„ich habe ja gar nichts zu verborgen.“ „Du haſt einen Namen, verſtehſt Du,“ ſagte ich. „Oh! Nennſt Du dies etwas, das zu verborgen wäre?“ erwiederte Traddles mit einem nachdenklichen Blicke. „Freilich.“ „Oh!“ ſagte Traddles.„Ja wohl, allerdings! Ich bin Dir ſehr verbunden, Kopperfield, aber— ich fürchte, ich habe ihm meinen Namen ſchon geborgt.“ „Für den Wechſel, der eine ſichere Anlage ſein ſoll?“ erkundigte ich mich. „Nein,“ entgegnete Traddles.„Nicht für dieſen. Es iſt heute das erſte Mal, daß ich davon hörte. Ich dachte, daß er mir dies ſehr wahrſcheinlich auf dem Wege nach Hauſe vorſchlagen werde. Mein Weichſel iſt ein anderer.“ „Ich hoffe, daß es dabei nicht etwa was Unrichti⸗ ges giebt,“ ſagte ich. „Ich hoffe, daß dies nicht der Fall iſt,“ verſetzte Traddles.„Ich ſollte allerdings denken, es werde nicht übel ſtehen, weil Micawber mir erſt neulich ſagte, daß dafür geſorgt ſei. Das war Micawbers Ausdruck: „Geſorgt dafür.“ ——— 5 1 David Kopperfield. 107 Mr. Micawber ſah in dieſem Augenblicke zu uns herauf, und ſo hatte ich nur noch Zeit, meine Ermah⸗ nung zur Vorſicht zu wiederholen. Traddles dankte mir und ſtieg hinunter. Als ich jedoch die gutmüthige Art, in der er, mit der Haube in der Hand, hinabging und Mrs. Micawber den Arm gab, bemerkte, kamen mir ſchwere Befürchtungen bei, daß er über Hals über Kopf auf den Geldmarkt geſchafft werden würde. Ich kehrte an meinen Kamin zurück und dachte, halb ernſt, halb lachend über Mr. Micawber und die alten Beziehungen zwiſchen uns nach, als ich ſchnelle Schritte die Treppe heraufkommen hörte. Zuerſt meinte ich, es ſei Traddles, welcher zurückkehre, um irgend etwas zu holen, was Mrs. Micawber vergeſſen; als aber die Schritte ſich näherten, erkannte ich ſie und fühlte mein Herz hoch ſchlagen und das Blut mir in's Geſicht ſtei⸗ gen; denn es war Steerforths Gang. Ich war der guten Agnes nie uneingedenk, und nie verließ ſie jenes Heiligthum in meinen Gedanken— wenn ich es ſo nennen darf—, wohin ich ſie von Anfang an geſtellt hatte. Als er aber eintrat und mit ausgeſtreckter Hand vor mir ſtand, ſo verwandelte ſich die Finſterniß, die auf ihn gefallen war, in Licht, und ich fühlte mich vernichtet und beſchämt, daß ich an Je⸗ mand habe zweifeln können, den ich ſo herzlich liebte. Ich liebte ſie deshalb um nichts weniger; ich dachte an ſie als an denſelben wohlwollenden, milden Engel mei⸗ nes Lebens; ich tadelte mich, nicht ſie deshalb, daß ihm Unrecht geſchehen, und ich würde mich zu jeglicher Buße gegen ihn verſtanden haben, wenn ich nur gewußt hätte, was zu machen und wie dies zu machen ſei. „ECi, ei, Gänſeblümchen, alter Junge, biſt ja wie vom Donner gerührt!“ lachte Steerforth, indem er mir 108 David Kopperfield. herzlich die Hand ſchüttelte und ſte dann plötzlich weg⸗ ſchleuderte.„Hab' ich Dich ſchon wieder über einem Schmauſe erwiſcht, Du Sybarite! Dieſe Burſche von den Doctors Commons ſind, glaub' ich, die luſtigſten Herrchen in der Stadt, ſo daß wir nüchternen Leute von Orford gegen ſie gar nichts ſind!“ Sein heiterer Blick ging munter im Zimmer herum, als er auf dem Sopha mir gegenüber einen Platz ein⸗ genommen, den Mrs. Micawber eben erſt leer gemacht, und ſchürte das Feuer, daß es in hellen Flammen auf⸗ ſchlug. „Ich war zuerſt ſo verwundert,“ erwiederte ich, in⸗ dem ich ihn mit aller der Herzlichkeit, die ich fühlte, willkommen hieß,„daß ich kaum Athem genug hatte, Dich damit zu grüßen.“ „Nun, mein Anblick iſt gut, um böſe Augen da⸗ mit zu heilen, wie die Schotten ſagen,“ entgegnete Steer⸗ forth,„und ebenſo ſtehſt Du, Gänſeblümchen, in voller Blüthe. Wie geht Dir's, mein Zechbrüderchen?“ „Ich bin ganz wohl und auf dem Zeuge,“ ſagte ich,„und ganz und gar kein Zechbruder heut Abend, obwohl ich geſtehe, daß ich's vorhin mit noch drei An⸗ dern geweſen bin.“ „Die ich Alle miteinander in der Straße traf, wo ſie laut zu Deinem Lobe ſprachen,“ erwiederte Steer⸗ forth.„Wer iſt Dein Freund in den Kappenſtiefeln?“ Ich charakteriſirte Mr. Micawber in ein paar Wor⸗ ten, ſo gut ich konnte. Er lachte herzlich über mein ſchwaches Portrait von dieſem Gentleman und ſagte, er ſei ein Mann, deſſen Bekanntſchaft der Mühe werth ſei, und er müßte ihn kennen lernen. „Wer aber denkſt Du wohl, das unſer anderer Freund iſt?“ ſagte ich meinerſeits. David Kopperfield. 109 „Der Himmel mag's wiſſen!“ antwortete Steer⸗ forth.„Hoffentlich kein allzu langweiliger Geſelle? Mir kam er ein Bischen wie ſo was Aehnliches vor.“ „Traddles!“ entgegnete ich triumphirend. „Wer iſt das?“ fragte Steerforth in ſeiner ſorg⸗ loſen Weiſe. „Nun, beſinnſt Du Dich denn nicht auf Traddles? Traddles, unſer Schlafſtubengenoſſe in Salem Houſe?“ „Oh, der närriſche Kerl!“ ſagte Steerforth, indem er mit dem Feuerhaken ein Stück Kohle oben auf dem Feuer zerſchlug.„Iſt er immer noch ſo ſanft wie im⸗ mer? Und wo der Teufel haſt Du ihn aufgeleſen?“ Ich erhob Traddles dagegen ſo hoch, als ich konnte; denn ich fühlte, daß Steerforth nicht eben viel von ihm hielt. Steerforth nickte und lächelte und bemerkte, daß er ſich ſelber freuen werde, den alten Kerl einmal zu ſehen; denn er wäre ſtets ein wunderliches Beſteck ge⸗ weſen; dann aber ließ er den Gegenſtand fallen und erkundigte ſich, ob ich nicht etwas für ihn zu eſſen hätte. Während des größern Theiles dieſes kurzen Zwiegeſprächs hatte er, wenn er nicht in einer wilden lebhaften Weiſe ſprach, dageſeſſen und zwecklos mit dem Kohlenhaken auf das Kohlenſtück geklopft. Ich bemerkte, daß er daſ⸗ ſelbe that, während ich den Reſt der Taubenpaſtete und das Andere hervorholte. „Ei Tauſend, Gänſeblümchen, das iſt ja ein Abend⸗ eſſen für einen König!“ rief er, indem er aus ſeinem Schweigen in die Höhe fuhr und ſeinen Sitz an dem Tiſche nahm.„Ich werde ihm aber auch Gerechtigkeit widerfahren laſſen; denn ich bin von Yarmouth ge⸗ kommen.“ „Ich dachte, Du kämſt von Orxford?“ entgeg⸗ nete ich. David Kopperfield. „Nicht die Spur,“ ſagte Steerforth.„Ich habe mich beſſer beſchäftigt— bin Seefahrer geweſen.“ „Littimer war heute hier, um nach Dir zu fragen,“ bemerkte ich,„und ich verſtand ihn, Du wärſt in Or⸗ ford, obwohl ich jetzt einſehe, daß er ſich ganz gewiß nicht ſo ausdrückte.“ „Littimer iſt ein größerer Narr, als wofür ich ihn G gehalten hätte, daß er überhaupt nach mir gefragt hat,“ ſagte Steerforth, indem er ſich mit jovialem Lächeln ein Glas Wein einſchenkte und mir zutrank.„Wenn Du ihn aber verſtehen kannſt, Gänſeblümchen, ſo biſt Du ein geſcheidterer Junge, als die Meiſten von uns.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte ich, indem ich meinen Stuhl nach dem Tiſche ſchob.„Alſo Du biſt in Yar⸗ mouth geweſen, Steerforth,“ fragte ich voll Intereſſe, Alles zu höͤren.„Warſt Du lange dort?“ „Nein,“ entgegnete er.„Nur ein Ausflug von einer Woche oder ſo was.“ „Und wie geht's ihnen Allen? Natürlich iſt die kleine Emilie noch nicht verheirathet?“ „Nein, noch nicht. Wird's aber, glaub' ich— in ſo und ſo vielen Wochen oder Monaten oder ſo oder 5 ſo ſein. Ich habe nicht viel von ihnen zu ſehen ge⸗ kriegt. Beiläufig“— und er legte Gabel und Meſſer, die er bisher mit vielem Fleiße gebraucht, nieder und begann in ſeinen Taſchen zu fühlen—„ich habe einen Brief für Dich.“ „Von wem?“ „Ci nun, von Deiner alten Amme,“ erwiederte er, indem er mehrere Papiere aus ſeiner Bruſttaſche zog. „J. Steerforth, Wohlgeboren, ſchuldet dem Guten Wil⸗ len— das iſt's nicht. Aber nur Geduld und wir wer⸗ den's gleich finden. Der Alte, wie heißt er gleich, be⸗ David Kopperfield. 111 findet ſich ſchlecht, und ich glaube, der Brief handelt davon.“ „Meinſt Du Barkis? 1 „Ja,“ und er fühlte immernoch in ſeinen Taſchen herum und überblickte ihren Inhalt,„ich fürchte,'s iſt Alles vorbei mit dem armen Barkis. Ich ſah einen kleinen Dorfdoctor dort— einen Wundarzt oder was er ſein mag, der Deiner Wohlgeboren in die Welt befördert hat. Er ſprach zu mir über den Fall mit ungeheurer Gelehrſamkeit, aber der langen Rede kurzer Sinn war, daß der Bote ſeinen letzten Botenweg ſehr ſchnell gehe. Stecke Deine Hand mal in die Bruſt⸗ taſche meines Ueberrocks dort auf dem Stuhle, und ich denke, Du wirſt den Brief finden. Iſt er da?“ „Hier iſt er!“ ſagte ich. „Na, da wären wir damit in Ordnung.“ Der Brief war von Peggotty, ein wenig unleſer⸗ licher als gewöhnlich und kurz. Er benachrichtigte mich von ihres Mannes hoffnungsloſem Zuſtande und ließ merken, daß er„ein Bischen genauer“ und deshalb ſchwerer zu dem zu bringen ſei, was ſeine eigene Be⸗ quemlichkeit erheiſche. Er ſagte nichts von ihrer eigenen Ermattung und ihrem Nachtwachen, und lobte ihn höch⸗ lichſt. Er war mit dem offenen, ungekünſtelten, einfa⸗ chen und frommen Gemüthe geſchrieben, welches mir als ihr eigenthümlich bekannt war, und ſchloß mit„meinen herzlichen Gruß und meine beſten Wünſche für meinen immer geliebten guten Jungen“— womit ſie mich meinte. Während ich den Brief entzifferte, fuhr Steerforth mit Eſſen und Trinken fort. „'s iſt'ne dumme Geſchichte,“ ſagte er, als ich fertig war,„aber die Sonne geht alle Tage unter, und 112 David Kopperfield. Leute ſterben in jeder Minute, und wir müſſen uns nicht über das Allen gemeinſame Loos betrüben. Wenn wir uns auf den Beinen zu halten vergeſſen wollten, weil jener Fuß, der zu aller Menſchen Thüren einmal kommt, irgendwo gehört wird, ſo würde uns jeder Gegenſtand in dieſer Welt entſchlüpfen. Nein, vorwärts! Drauf los! Grob aufgetreten, wenn's noth iſt, ſanft aufge⸗ treten, wenn's damit auch gethan iſt, aber nur immer vorwärts! Vorwärts über alle Hinderniſſe und den Wettlauf gewonnen!“ „Gewonnen, welchen Wettlauf?“ fragte ich. „Den Wettlauf, den man eingegangen iſt,“ ſagte er.„Vorwärts!“ Ich erinnere mich, bemerkt zu haben, daß ſich, als er mich mit ſeinem ein wenig zurückgeworfenen ſchönen Kopfe und emporgehobenem Glaſe anſah, in ſeinem Ge⸗ ſichte, obwohl die Friſche des Seewinds daſſelbe gerö⸗ thet hatte, dennoch früher nie bemerkte Spuren fanden, als ob er ſich einer der ihm eigenthümlichen Strömun⸗ gen jener ſtürmiſchen Energie überlaſſen gehabt, welche, wenn ſie hervorgelockt wurde, ſich in ſolcher Leidenſchaft⸗ lichkeit erhob. Ich hatte die Abſicht, ihn zu tadeln und mit ihm über die verzweifelte Heftigkeit zu rechten, mit welcher er jeden Einfall verfolgte, der ihm kam— wie zum Beiſpiel ſein Ankämpfen gegen die rauhe See und ſeine Verachtung der ſtrengen Witterung— da aber trat mir der eigentliche Gegenſtand unſer Unter⸗ haltung wieder vor Augen, und ich verfolgte dieſen ſtatt jenes. „Ich will Dir mal was ſagen, Steerforth,“ ſagte ich,„wenn Deine ſtolzen Geiſter mir Gehör ſchenken wollen—“ „Es ſind mächtige Geiſter, und ſie werden thun, — ———— David Kopperfield. 113 was Du nur verlangſt,“ antwortete er, indem er ſich vom Tiſche wieder an den Kamin begab. „ Nun gut, dann will ich Dir was ſagen, Steer⸗ forth. Ich denke, ich will hingehen und meine alte Amme beſuchen.'s iſt nicht deshalb, weil ich ihr irgend wie Gutes thun oder ihr einen wirklichen Dienſt erweiſen könnte, aber ſie hängt ſo ſehr an mir, daß mein Be⸗ ſuch auf ſie dieſelbe Wirkung haben wird, als ob ich beides thun könnte. Sie wird es ſo gut aufnehmen, daß es ihr eine Hülfe und ein Troſt ſein wird. Es iſt wahrlich nichts beſonders Beſchwerliches, wenn ich denke, was für eine Freundin ſie gegen mich geweſen iſt. Würdeſt Du nicht auch eine Tagereiſe weit gehen, wenn Du an meiner Stelle wärſt?“ Sein Geſicht hatte einen gedankenvollen Ausdruck, und er ſaß eine Weile nachdenklich da, ehe er mit ge⸗ dämpfter Stimme antwortete:„Gut. Ja, geh nur. Du kannſt keinen Schaden thun.“ „Du biſt eben erſt von dort zurück,“ ſagte ich,„und es würde umſonſt ſein, Dich zu bitten, mit mir zu gehen.“ „Ganz recht,“ erwiderte er.„Ich will heute Nacht noch nach Highgate. Ich habe meine Mutter lange Zeit nicht geſehen, und dies liegt ſchwer auf meinem Gewiſ⸗ ſen; denn es iſt etwas Liebenswürdiges in der Art, wie ſie ihren verlornen Sohn liebt. Bah! Unſinn!— Du denkſt morgen zu gehen, vermuth' ich?“ ſagte er, in⸗ dem er, auf jeder meiner Schultern eine Hand, mich auf Armeslänge von ſich abhielt.“ „Ja, ich denke ſo!“ „Gut denn, gehe nicht eher, als den Tag darauf. Ich wollte Dich einladen, ein paar Tage bei uns zu verleben. Ich komme hierher zu dem Zwecke, um Dich ab⸗ zuholen, und da fliegſt Du mir davon nach Yarmouth.“ David Kopperfield. V. 8 — 114 David Kopperfield. „Du biſt ein ſchoͤner Kerl, Steerforth, von Fort⸗ fliegen zu reden, wo Du ſelber allezeit auf die eine oder die andere tolle Fahrt aus biſt.“ Er ſah mich einen Augenblick an, ohne zu ſprechen, und dann entgegnete er haſtig und indem er mich in der obigen Stellung hielt und ſchüttelte: „Na bitte, ſage den nächſtſolgenden Tag und ver⸗ bringe mit uns vom morgenden ſo viel als Du kannſt. Wer weiß, wenn wir uns mal wiederſehen? Na bitte! Sage den nächſten Tag! Ich brauche Dich, damit Du zwiſchen mir und Roſa Dartle ſtehſt und uns ausein⸗ ander hältſt.“ „Daß ihr nicht in Liebe aneinander gerathet?“ fragte ich. „Ja, oder auch in Haß,“ lachte Steerforth,„gleich⸗ viel worin.„Na bitte! Sage den nächſten Tag.“ Ich ſagte, ich wolle erſt den darauffolgenden Tag gehen, und er zog ſeinen Ueberrock an, brannte ſich eine Cigarre an und machte ſich auf den Heimweg. Als ich dieſe ſeine Abſicht ſah, zog ich ebenfalls meinen Ueber⸗ rock an(brannte mir aber keine Cigarre an, da ich da⸗ von auf eine Weile genug gehabt hatte) und ging mit ihm bis auf die Landſtraße hinaus, die damals bei Nacht eine ſehr dunkle Straße war. Er war den ganzen Weg über auf ſehr guter Laune, und als wir uns trennten, und ich ihm nachſah, wie er ſo friſch und fröhlich heim⸗ ging, dachte ich an ſeine Worte:„Vorwärts! Drauf los, über alle Hinderniſſe hinweg und den Wettlauf gewonnen!“ und wünſchte, zum erſten Male, daß er einen würdigen Wettlauf vor ſich haben möge. Ich zog mich in meiner Stube aus, als der Brief Mr. Micawbers auf den Boden fiel. So daran erin⸗ nert, brach ich das Siegel und las, wie folgt. Er war — David Kopperfield. 115 datirt anderthalbe Stunde vor dem Mittagseſſen. Ich bin nicht gewiß, ob ich's ſchon erwähnt habe, daß Mr. Micawber, wenn er ſich irgend in einer beſonders ver⸗ zweifelten Kriſis befand, ſich ſtets einer Art geſetzlicher Phraſeologie bediente, welche ihm einer Abwickelung ſei⸗ ner Angelegenheiten gleich zu gelten ſchien. Der Brief lautete: „Mein Herr— denn ich wage nicht mehr zu ſagen: mein lieber Kopperfield! Es drängt die Zeit, Sie zu benachrichtigen, daß der Unterzeichnete von ſeinem Verhängniſſe zermalmt iſt. Sie werden an ihm heute einige ſchwach aufflackernde Anſtrengungen entdecken, Ihnen die vorzeitige Bekannt⸗ ſchaft mit ſeiner unglücklichen Lage zu erſparen, aber die Sonne ſeiner Hoffnung iſt für ihn unter den Geſichts⸗ kreis herabgeſunken, und der Unterzeichnete iſt zermalmt. Die gegenwärtige Mittheilung iſt im Beiſein(ich kann nicht ſagen in der Geſellſchaft) eines Individuums geſchrieben, welches ſich in einem Zuſtande, der nahe an Betrunkenheit gränzt, befindet und im Geſchäfte ei⸗ nes Mäklers angeſtellt iſt. Dieſes Individuum iſt im geſetzmäßigen Beſitze meiner Habſeligkeiten, indem die⸗ ſelben für die unbezahlte Miethe in Anſpruch genom⸗ men worden ſind. Sein Sachenverzeichniß umſchließt nicht nur die Habe und die Beſitzthümer aller Art, welche dem Unterzeichneten als dem Jahresabmiether dieſer Woh⸗ nung gehören, ſondern auch die, welche Eigenthum des Herrn Thomas Traddles, Aftermiethers⸗ Mitgliedes der Ehrenwerthen Geſellſchaft des Innern Tempels ſind. Wenn es in dem überſtrömenden Becher, welcher nun(um mit einem unſterblichen Schriftſteller zu ſpre⸗ chen) den Lippen des Unterzeichneten dargereicht iſt, noch eines Tropfens Elend bedürfte, ſo würde ſich derſelbe 8*½ 116 David Kopperfield. in dem Umſtande finden, daß ein Wechſel auf die Summe von 23 Pfund, 4 Schilling, 9½ Pence, für welchen der vorhin genannte Herr Thomas Traddles ſo freund⸗ lich geweſen iſt, gut zu ſagen, ſchon einige Tage fällig iſt, ohne daß für Zahlung geſorgt wäre. Und ebenſo in der Thatſache, daß die lebenden Verantwortlichkeiten, welche dem Unterzeichneten anhaften, auf dem Wege der Natur durch die Summe noch eines Opfers vermehrt werden ſollen; deſſen elendigliches Erſcheinen— in run⸗ der Zahl— nach Verlauf einer Periode, welche ſechs Mondmonate nicht überſteigt, erwartet werden kann. Nachdem ich ſo viel vorausgeſandt habe, würde es mehr als das Nöthige ſagen heißen, wollte ich hinzu⸗ fügen, daß Staub und Aſche für alle Zeiten geſtreut ſind Auf Das Haupt Von Wilkins Micawber.“ Armer Traddles! Ich kannte Mr. Micawber nach⸗ gerade hinreichend, um vorauszuſehen, daß er ſich von dieſem Schlage wieder erholen werde; aber meine Nacht⸗ ruhe war elendiglich unterbrochen worden durch Gedan⸗ ken an Traddles und die Tochter des Hülfspredigers, die eine von Zehnen war, unten in Devonſhire, und die ein ſo liebes Mädchen war und(o unheilbedeutendes Lob!) auf Traddles warten wollte, bis ſie ſich heira⸗ then könnten. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Ich beſuche Steerforth nochmals in ſeiner Heimat. Am Morgen bat ich Mr. Spenlow um die Erlaub⸗ niß, auf eine kurze Zeit abweſend ſein zu können, und da ich keinen Gehalt bezog, und mein Wunſch folglich dem unerbittlichen Jorkins keinen Schaden brachte, ſo hatte es damit keine Schwierigkeit. Ich ergriff dieſe Ge⸗ legenheit, um mit einer Stimme, die mir in der Gurgel ſtecken blieb, und mit Augen, vor denen mir's ſchwarz wurde, als ich die Worte äußerte, meine Hoffnung aus⸗ zudrücken, daß Miß Spenlow ganz wohl ſei, worauf Mr. Spenlow mit nicht mehr Gefühl, als ob er von einem gewöhnlichen menſchlichen Weſen ſpräche, erwiderte, daß er mir herzlich danke und daß ſie ſich wohl befinde. Wir zur Facultät gehörigen Schreiber, als der junge Wuchs des vornehmen Standes der Proctoren, wurden ſo rückſichtsvoll behandelt, daß ich faſt ganz und zu jeder Zeit mein eigner Herr war. Da mir indeß nichts daran lag, vor ein oder zwei Uhr nach Highgate zu gelangen, und da wir an dieſem Morgen wieder ein Excommunications⸗ proceßchen abzuurtheilen hatten, welches den Titel:„Das 118 David Kopperfield. Amt des Richters, angerufen durch Tipkins gegen Bul⸗ lock zur Beſſerung ſeiner Seele“ führte, ſo verbrachte ich in Mr. Spenlows Geſellſchaft ein paar Stündchen recht an⸗ genehm. Das Proceßchen kam von einer Balgerei zwiſchen zwei Kirchenvögten, deren einer angeklagt war, den an⸗ dern gegen eine Plumpe geworfen zu haben. Der Schwen⸗ gel dieſer Plumpe ſtand bis in ein Schulhaus hinein, welches Schulhaus wieder unter dem Giebel eines Kir⸗ chendaches ſich befand, und dies machte den Stoß zu einer Beleidigung, die unter das geiſtliche Gericht ge⸗ hörte. Es war ein recht vergnüglicher Rechtsfall, und ich dachte, als ich im Kabriolet der Poſtkutſche nach Highgate hinausfuhr, viel über die Commons und was Mr. Spenlow über das Rühren an die Commons und das Ruiniren des Vaterlandes geſagt hatte, nach. Mrs. Steerforth freute ſich, mich zu ſehen, und ebenſo Roſa Dartle. Eine angenehme Ueberraſchung ward mir, als ich fand, daß Littimer nicht da ſei und wir von ei⸗ nem beſcheidenen kleinen Stubenmädchen mit blauen Bän⸗ dern an ihrer Haube bedient wurden, deren Augen zu⸗ fällig zu begegnen viel angenehmer und um vieles we⸗ niger aus der Faſſung bringend war, als dem Auge jenes reſpectabeln Mannes. Was ich aber insbeſondere beobachtete, ehe ich eine halbe Stunde im Hauſe gewe⸗ ſen, war der ſcharfe und aufmerkſame Blick, mit wel⸗ chem Miß Dartle mich anſah, und die lauernde Weiſe, in welcher ſie mein Geſicht mit Steerforths und Steer⸗ forths Geſicht mit dem meinen zu vergleichen und zu er⸗ warten ſchien, daß etwas zwiſchen ihnen losgehen werde. Ich mochte ſie anſehen, ſo oft ich wollte, ſtets war ich ſicher, daß jenes forſchende Antlitz mit ſeinen düſtern ſchwarzen Augen und ſeiner fragenden Stirn angeſtrengt mich ergründete, oder plötzlich von dem meinen auf Steer⸗ David Kopperfield. 1¹9 forths Geſicht glitt oder uns Beide zuſammen beaufſich⸗ tigte. Bei dieſem luchsartigen Eindringen in mein We⸗ ſen war ſie ſo weit entfernt zu ſtottern, wenn ſie ent⸗ deckte, ich habe es bemerkt, daß ſie im Gegentheile bei ſolch einer Gelegenheit ihren durchbohrenden Blick erſt recht ſcharf auf mich richtete. Unbefleckt wie ich war, und mir bewußt, daß ich's war, mochte ſie mich nun im Verdachte dieſes oder jenes Unrechtes haben, fuhr ich dennoch vor ihren ſonderbaren Augen zurück, indem ich mich völlig außer Stande fühlte, das hungrige Leuch⸗ ten derſelben auszuhalten. Den ganzen Tag ſchien ſie durch das Haus zu fah⸗ ren nach allen Richtungen hin. Wenn ich mich mit Steerforth auf ſeinem Zimmer unterhielt, hörte ich ihr Kleid in der kleinen Gallerie draußen raſcheln. Wenn er und ich ſich zu einer unſerer alten Leibesübungen vereinigten, auf dem Raſenſtüͤcke hinterm Hauſe, ſo ſah ich ihr Geſicht von Fenſter zu Fenſter huſchen, wie ein bald hier bald dort erſcheinendes Licht, bis es an einem haften blieb und uns beobachtete. Als wir alle Vier des Nachmittags einen Spaziergang machten, ſo klam⸗ merte ſie ſich mit ihrer magern Hand an meinen Arm gleich einem einſchnappenden Riegel, um mich zurückzu⸗ halten, während Steerforth und ſeine Mutter weiter gingen, bis ſie uns nicht mehr hören konnten; dann ſprach ſie zu mir. „Sie ſind lange Zeit nicht hierher gekommen,“ ſagte ſie.„Iſt Ihr Beruf denn wirklich ſo feſſelnd und ein⸗ nehmend, um Ihre ganze und ungetheilte Aufmerkſam⸗ keit in Anſpruch zu nehmen? Ich frage, weil ich ſtets nach Belehrung ſtrebe, wenn ich etwas nicht weiß. Iſt's wirklich ſo?“ Ich erwiederte, daß ich denſelben recht wohl leiden 120 David Kopperfield. könnte, aber gewiß nicht ſo viel Bedeutung für ihn in Anſpruch nehmen dürfte. „O, ich freue mich, das zu erfahren, weil ich's ſtets gern ſehe, zurecht gewieſen zu werden, wo ich Unrecht habe,“ ſagte Roſa Dartle.„Sie meinen,'s iſt ein wenig trocken, nicht wahr?“ Nun ja, entgegnete ich, vielleicht wär's ein wenig trocken, unſer Geſchäft. „Oh, und das iſt der Grund, weßhalb Sie Er⸗ holung und Ausgleichung bedürfen— Aufregung und dergleichen mehr?“ ſagte ſie.„Ah, ſehr wahr! Aber iſt das nicht ein wenig— he?— für ihn? Ich meine nicht Sie.“ Ein ſſchneller Blick ihres Auges nach dem Punkte, wo Steerforth mit ſeiner Mutter am Arme ging, zeigte mir, wen ſie meinte, aber außerdem wußte ich durch⸗ aus nicht, wie ich mit ihr daran war. Und ich ſah ohne Zweifel ſo aus. „Macht es ihn— ich ſage nicht, daß dies wirklich der Fall iſt— verſtehen Sie wohl, ich will's blos wiſ⸗ ſen— macht es ihn nicht recht dick? Macht es ihn nicht vielleicht ein wenig nachläſſiger als gewöhnlich in ſeinen Beſuchen bei ſeiner ihm blindlings trauenden— he?“ Dies ſprach ſie mit einem andern ſchnellen Blicke auf die Beiden und ſolch einem Blicke auf mich, daß er mir in meine innerſten Gedanken zu dringen ſchien. „Fräulein Dartle,“ erwiederte ich,„bitte, denken Sie nicht—“ „Ich denke gar nichts,“ verſetzte ſie.„Um Got⸗ teswillen glauben Sie nicht, daß ich irgend etwas denke. Ich bin nicht mißtrauiſch. Ich thue blos eine Frage. Ich ſtelle gar keine Meinung auf. Ich wünſche mir blos eine Meinung zu bilden nach dem, was Sie mir David Kopperfield. 121 ſagen. Dann iſt's alſo nicht ſo? Gut, ich bin ſehr erfreut, das zu erfahren.“ „Die Sachen ſtehen ganz gewiß nicht ſo,“ ſagte ich verblüfft,„daß ich Ihnen berichten könnte, warum Steerforth länger als gewöhnlich von Hauſe weggewe⸗ ſen iſt, wenn er's wirklich geweſen iſt, was ich in die⸗ ſem Augenblicke wirklich nicht weiß, ich müßte es denn aus Ihren Worten ſchließen. Ich habe ihn die ganze lange Zeit bis geſtern Abend nicht geſehen.“ „Wirklich nicht?“ „Ganz gewiß nicht, Fräulein Dartle.“ Indem ſie mir ihr Geſicht voll zukehrte, ſo ſah ich, wie ihre Geſichtszüge ſpitziger und ihre Wangen blei⸗ cher wurden und die Umriſſe der alten Wunde ſich ver⸗ längerten, bis ſie durch die entſtellte Lippe durchſchnitt und tief in die Unterlippe hinein ging und ſich quer durch den untern Theil des Geſichts zog. Hierin und in dem Glanze ihrer Augen lag für mich etwas ent⸗ ſchieden Grauſenhaftes, als ſie, ihre Blicke feſt auf mich geheftet, ſagte: „Was treibt er?“ Ich wiederholte dieſe Worte, aber mehr für mich ſelbſt, ſo entſetzt war ich. „Was treibt er?“ ſagte ſie mit einer Haſt und Gier, welche ſie wie Feuer zu verzehren ſchien.„Welche Dienſte leiſtet ihm jener Menſch, der mich nie ohne eine uner⸗ gründliche Falſchheit in ſeinen Augen anſieht. Ich ver⸗ lange nicht, daß Sie den Verräther gegen Ihren Freund ſpielen ſollen. Ich bitte Sie blos, mir zu ſagen, ob es Verdruß, ob es Haß, ob es Stolz, ob es Raſt⸗ loſigkeit, ob es irgend eine tolle Phantaſie, ob es Liebe,— kurz, was es überhaupt iſt, das ihn treibt und führt.“ 122 David Kopperfield. „Fräulein Dartle,“ erwiederte ich,„wie ſoll ich Ihnen, ſodaß Sie mir glauben, ſagen, daß ich nichts von einer Veränderung in Steerforth bemerkt habe, ſeit ich zum erſten Male hierher kam. Ich vermag nichts herauszufinden. Ich habe den feſten Glauben, es iſt auch nichts. Ich verſtehe ſelbſt kaum, was Sie meinen.“ Während Sie mich noch immer unverwandt anblickte, kam ein Zucken oder Pulſiren, von dem ich die Idee des Schmerzes nicht zu trennen vermochte, in jenes grau⸗ ſame Mahl und ſchob die Oberlippe wie voll Hohn oder wie voll Mitleid, welches ſeinen Gegenſtand verachtet, in die Höhe. Sie legte haſtig ihre Hand darauf— eine Hand ſo dünn und zart, daß, als ich ſie dieſelbe vor dem Feuer hatte in die Höhe halten ſehen, um ihr Geſicht zu beſchatten, ich ſie in meinen Gedanken mit ſchönem Porzellan verglichen hatte— und nachdem ſie in einer ſchnellen, haſtigen, leidenſchaftlichen Weiſe ge⸗ ſagt,„ich beſchwöre Sie, darüber zu ſchweigen“, ſprach ſie kein Wort mehr. Mrs. Steerforth war bei dieſer Gelegenheit ganz beſonders glücklich in ihres Sohnes Geſellſchaft, und auch Steerforth benahm ſich ganz beſonders aufmerkſam und achtungsvoll gegen ſie. Es war mir ſehr intereſ⸗ ſant, ſie zuſammenzuſehen, nicht blos wegen ihrer ge⸗ genſeitigen Liebe, ſondern wegen der großen Aehnlich⸗ keit zwiſchen ihnen und der Art, in welcher das, was in ihm hochfahrend und ungeſtüm war, bei ihr durch Alter und Geſchlecht zu einer anmuthigen Würde gemil⸗ dert war. Ich dachte mehr als einmal, es ſei gut, daß ſich noch keine ernſthafte Urſache von Entzweiung zwi⸗ ichen ihnen erhoben; weil ſonſt zwei ſolche Naturen— ich ſollte mich eher ausdrücken: zwei ſolche Schatten deſ⸗ ſelben Weſens— ſchwerer zu verſöhnen geweſen ſein David Kopperfield. 123 möchten, als die zwei äußerſten Gegenſätze der Schö⸗ pfung. Dieſer Gedanke entſprang nicht meiner eignen Betrachtung, ſondern, wie ich bekennen muß, in einer Rede von Roſa Dartle. Sie ſagte bei Tiſche: „Oh, aber ſo mag mir's doch mal Jemand ſagen, weil ich den ganzen Tag darüber nachgedacht habe und es zu wiſſen wünſche.“ „Was iſt's, das Sie zu wiſſen wünſchen, Roſa?“ erwiederte Mrs. Steerforth.„Bitte, bitte, Roſa, ſein Sie nicht ſo geheimnißvoll!“ „Geheimnißvoll!“ rief Miß Dartle.„Oh, wirk⸗ lich? Halten Sie mich dafür?“ „Bitte ich Sie nicht unabläſſig,“ ſagte Mrs. Steer⸗ forth,„klar und deutlich, in Ihrer natürlichen Weiſe zu ſprechen?“ „Oh, dann iſt dies nicht meine natürliche Weiſe?“ verſetzte ſie haſtig.„Nun, Sie müſſen wirklich Ge⸗ duld mit mir haben, weil ich um Belehrung bitte. Wir kennen uns niemals ſelbſt.“ „Es iſt Ihnen zur zweiten Natur geworden,“ ſagte Mrs. Steerforth, ohne irgend ein Mißfallen zu zeigen, „aber ich beſinne mich— und ſo müſſen auch Sie, glaub' ich, ſich beſinnen— auf eine Zeit, wo Ihre Art und Weiſe verſchieden war, Roſa, wo Sie nicht ſo verſchloſſen und vertrauensvoller waren.“ „Wahrlich, Sie haben Recht,“ entgegnete ſie,„und ſo wachſen böſe Gewohnheiten in mir auf. Wirklich? Nicht ſo verſchloſſen und vertrauensvoller. Ich frage mich, wie kann ich unbemerkt mich geändert haben. Hm, das iſt ſehr wunderbar! Ich muß ſtudiren, mein frü⸗ heres Ich wiederzugewinnen.“ 124 David Kopperfield. „Ich wünſchte, Sie wollten es,“ ſagte Mrs. Steer⸗ forth mit einem Lächeln. „Oh! Ich will's wirklich!“ antwortete ſie.„Ich will Offenheit lernen von— nun von wem denn gleich — von James. „Sie können die Offenheit in keiner beſſern Schule lernen, Roſa,“ ſagte Mrs. Steerforth raſch;„denn in dem, was Roſa Dartle ſagte, war ſtets eine gewiſſe ſarkaſtiſche Anſpielung, mochte es gleich, wie die jetzigen Worte, in der unſchuldigſten Weiſe geſagt ſein.“ „Deſſen bin ich ſicher,“ ſagte ſie mit ungemeiner Haſtigkeit.„Wenn ich irgend einer Sache gewiß bin, ſo iſt's, wie Sie wiſſen, natürlich dieſe.“ Mrs. Steerforth ſchien es zu bereuen, daß ſie ein wenig ärgerlich geweſen; denn ſie ſagte ſogleich in freund⸗ lichem Tone:„Nun, meine liebe Roſa, wir haben noch nicht gehört, was das iſt, worüber Sie zufriedengeſtellt ſein möchten.“ „Worüber ich zufriedengeſtellt ſein möchte?“ erwie⸗ derte ſie mit herausfordernder Kälte.„Oh,'s war nur, ob Leute, die ſich in ihrer ſiitlichen Verfaſſung ähnlich ſind— das iſt doch wohl der Ausdruck?“ „'s iſt ein ebenſo guter Ausdruck als ein anderer,“ verſetzte Steerforth. „Danke,— alſo, ob Leute, die ſich nach ihrer ſitt⸗ lichen Verfaſſung ähnlich ſind, mehr Gefahr laufen als nicht ſo beſchaffene Leute, wofern irgend ein ernſter Fall von Meinungsverſchiedenheit zwiſchen ihnen vorkäme, in heftigen und tiefen Zwieſpalt zu gerathen.“ „Ich möchte ſagen, ja,“ verſetzte Steerforth. „Wirklich?“ fuhr ſie ihn an.„Ei gar! Dann geſetzt den Fall zum Beiſpiel— man kann zu derglei⸗ chen Vorausſetzungen allerhand unwahrſcheinliche Fälle David Kopperfield. 125 annehmen— daß Sie und Ihre Mutter einen ernſt⸗ haften Streit hätten.“ „Meine beſte Roſa,“ fiel ihr hier Mrs. Steerforth gutmüthig lachend in die Rede,„ſehen Sie ſich doch nach einem andern Falle um! James und ich kennen unſere Pflichten gegen einander, Gott ſei Dank beſſer.“ „Oh!“ ſagte Miß Dartle, indem ſie gedankenvoll mit dem Kopfe nickte.„Ja freilich. Das würde es ver⸗ hüten? Ei natürlich. Allerdings. Nun, ich bin froh, daß ich ſo einfältig geweſen bin, den Fall zu ſetzen; denn es iſt ſo wohlthuend, zu wiſſen, daß Ihre Pflichten gegen einander es verhüten würden. Danke Ihnen recht ſehr!“ Einen andern Umſtand, der mit Miß Dartle ver⸗ bunden war, darf ich auch nicht vergeſſen; denn ich hatte Grund, mich ſeiner zu erinnern, als ſpäter die ganze nicht wieder gut zu machende Vergangenheit mir klar vorlag. Während dieſes ganzen Tages, aber vor⸗ züglich von dieſem Theile deſſelben an, machte ſich Steer⸗ forth mit ſeinem äußerſten Geſchick und zugleich mit äu⸗ ßerſter Leichtigkeit daran, dieſes eigenthümliche Weſen in eine angenehme und heitere Geſellſchafterin umzuzau⸗ bern. Daß er dabei Erfolg haben werde, war nichts, was mich verwundert hätte. Daß ſie ſich des berücken⸗ den Einfluſſes ſeiner gewinnenden Kunſt— gewinnende Natur ſchien mir's damals— zu erwehren ſuchen würde, war mir ebenſowenig verwunderlich; denn ich wußte, daß ſie manchmal gallig und verdreht war. Ich ſah, wie ihre Geſichtszüge und ihr Benehmen ſich allmählig än⸗ derten, ich ſah, wie ſie ihn mit wachſender Bewunde⸗ rung anblickte, ich ſah ſie immer ſchwächer und ſchwä⸗ cher, aber immer verdrießlich, als ob ſie eine Schwäche in ſich verurtheilte, den Verſuch machen, der beſtrik⸗ kenden Gewalt, die er beſaß, Widerſtand zu leiſten, 1 ** 126 David Kopperfield. und endlich ſah ich ihren ſcharfen Blick ſich ſänftigen und ihr Lächeln ganz mild und freundlich werden, und ich fürchtete mich nicht mehr vor ihr, was ich den gan⸗ zen Tag über gethan, und wir Alle ſaßen um das Kaminfeuer und ſchwatzten und lachten miteinander mit ſo wenig Rückhalt, als ob wir Kinder geweſen wären. Ob es deshalb war, weil wir dort ſo lange geſeſ⸗ ſen hatten, oder weil Steerforth entſchloſſen war, die Macht, die er über ſie gewonnen, nicht zu verlieren, weiß ich nicht, aber wir blieben, nachdem ſie ſich zurück⸗ gezogen, nicht länger als fünf Minuten im Speiſezimmer. „Sie ſpielt ihre Harfe,“ ſagte Steerforth leiſe an der Thür des Geſellſchaftszimmers,„und Niemand als meine Mutter, glaub' ich, hat ſie ſeit drei Jahren dies thun hören.“ Er ſagte dies mit einem ſeltſamen Lä⸗ cheln, welches im Augenblicke weg war; und wir tra⸗ ten in das Zimmer und trafen ſie allein. „Stehen Sie doch nicht auf, meine liebe Roſa!“ ſagte Steerforth(ſie war aber bereits aufgeſtanden). „Sein Sie nur ein Mal freundlich und ſingen Sie uns ein iriſches Lied.“ „Ach, was kümmern Sie ſich um ein iriſches Lied!“ erwiederte ſie. „O viel!“ ſagte Steerforth.„Viel mehr als um ein anderes. Hier iſt außerdem mein Gänſeblümchen, welcher die Muſik von ganzer Seele liebt. Singen Sie uns ein iriſches Lied, Roſa, und laſſen Sie mich nie⸗ derſetzen und horchen, wie ich dereinſt that.“ Er rührte weder ſie ſelbſt noch den Stuhl an, von dem ſie aufgeſtanden war, ſondern ſetzte ſich neben die Harfe. Sie ſtand ein Weilchen neben derſelben, indem ſie ſeltſamer Weiſe mit ihrer rechten Hand die Bewe⸗ gung eines Spielenden durchmachte, aber keinen Ton David Kopperfield. 127 hervorbrachte. Zultetzt ſetzte ſie ſich nieder und zog mit einem plötzlichen Rucke die Harfe an ſich und ſpielte und ſang. Ich weiß nicht, was in ihrem Griffe oder ihrer Stimme war, daß mir dieſes Lied zu dem grauſenhafte⸗ ſten wurde, welches ich je in meinem Leben gehört habe oder zu erdenken vermag. Es war etwas Furchtbares in der Wahrheit deſſelben. Es war, als ob es nie geſchrieben oder in Muſik geſetzt worden, ſondern aus ihrer innern Leidenſchaftlichkeit entſprungen ſei, welche ſich in den leiſen Tönen ihrer Stimme nur unvollkom⸗ men Luft machen konnte und ſich wieder in's Herz zu⸗ rückſchmiegte, als Alles ſtill war. Ich war ganz wirr im Kopfe, als ſie die Harfe wieder hinlegte, ſie mit ihrer rechten Hand ſpielte, ihr aber keine Töne entlockte. Noch eine Minute, und Folgendes hatte mich aus meinem Träumen und Brüten erweckt: Steerforth hatte ſeinen Sitz verlaſſen, ſich ihr genähert, lachend ſeinen Arm um ſie geſchlungen und geſagt:„Komm, Roſa, in Zukunft wollen wir uns einander recht lieb haben.“ Und ſie hatte ihn geſchlagen und ihn mit der Wuth einer wilden Katze von ſich geſtoßen und war aus dem Zimmer geſtürzt. „Was giebt's mit Roſa?“ fragte Mrs. Steerforth, welche hereinkam. „Sie iſt ein Weilchen ein Engel geweſen, Mutter,“ entgegnete Steerforth,„und iſt nun, um das auszu⸗ gleichen, in das entgegengeſetzte Ertrem verfallen.“ „Du ſollteſt Dich in Acht nehmen, James, ſie nicht zu verletzen. Denke dran, wie ihr Gemüth verbittert worden iſt, und wie es nicht auf die Probe geſtellt wer⸗ den darf.“ Roſa kam nicht zurück, und es wurde ihrer nicht 7 128 David Kopperfield. eher wieder erwähnt, als bis ich mit Steerforth in ſeine Stube ging, um ihm gute Nacht zu ſagen. Da lachte er über ſie und fragte mich, ob ich je ein ſolches wil⸗ des kleines Beiſpiel von Unbegreiflichkeit geſehen hätte. Ich drückte von meinem Erſtaunen ſo viel aus, als ſich zu der Zeit ausdrücken ließ, und fragte, ob er er⸗ rathen könnte, was ſie ſo ſehr und ſo plötzlich übel genommen. „Oh, der Himmel weiß, was,“ ſagte Steerforth. „Alles Mögliche— oder auch nichts. Ich ſagte Dir ſchon, daß ſie Alles, ſich ſelbſt eingeſchloſſen, zum Schleifſteine ſchafft und ſchärft. Sie iſt ein ſchneidendes Werkzeug und erfordert große Vorſicht in der Behandlung. Sie iſt ſtets gefährlich. Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“ ſagte ich,„mein lieber Steerforth! Ich werde fort ſein, ehe Du nächſten Morgen aufwachſt. Gute Nacht!“ Er wollte mich nicht fortlaſſen und ſtand vor mir, und hielt mich, auf jeder meiner Schultern eine Hand, wie er in meiner Stube gethan hatte. „Gänſeblümchen,“ ſagte er mit einem Lächeln— „denn obſchon das nicht der Name iſt, den Deine Pa⸗ then Dir gaben, ſo iſt's doch derjenige, bei dem ich Dich am Liebſten nenne— und wahrlich, wahrlich, ich wollte, Du könnteſt ihn mir geben!“ „Ei tauſend, das kann ich ja, ſobald ich will,“ ſagte ich. „Gänſeblümchen, wenn irgend etwas uns einmal trennen ſollte, ſo mußt Du Dich meiner ſo erinnern, wie ich Dir am Beſten erſchienen bin, alter Junge. Komm! Laß uns dahin übereinkommen. Denke an mich ſo, wie ich Dir am Beſten erſchienen bin, wenn Um⸗ ſtände uns trennen ſollten.“ David Kopperfield. 129 „Du biſt mir nie am Beſten erſchienen, Steerforth,“ ſagte ich,„und nie am Schlimmſten. Du biſt allezeit in gleicher Weiſe geliebt und hochgehalten geweſen in meinem Herzen.“ Ich fühlte in mir ſo viele Vorwürfe, daß ich ihm je Unrecht gethan, ſei es auch nur durch einen unkla⸗ ren, noch geſtaltloſen Gedanken, daß das Geſtändniß, ſo gethan zu haben, mir auf die Lippen ſtieg. Hätte ich nicht Bedenken getragen, das Vertrauen von Agnes zu täuſchen, und wäre ich nicht ungewiß geweſen, wie ich mich der Sache nähern könnte, ohne dabei Ge⸗ fahr zu laufen, ſo würde es dieſelben erreicht haben, ehe er noch geſagt hatte:„Gott ſegne Dich, Gänſe⸗ blümchen, und nun gute Nacht!“ In meiner zweifel⸗ haften Stimmung erreichte es ſie nicht, und wir ſchüt⸗ telten uns die Hände und trennten uns. Mit der frühen Morgendämmerung war ich auf, und nachdem ich mich ſo ruhig wie möglich angekleidet, blickte ich in ſeine Stube. Er war im tiefen Schlafe und lag bequem mit ſeinem Kopfe auf dem einen Arme, wie ich ihn oft in der Schule hatte liegen ſehen. Die Zeit kam, und zwar ſehr bald, wo ich mich ſchier verwunderte, daß nichts ſeine Ruhe geſtört, als ich nach ihm hingeblickt hatte. Aber er ſchlief— noch einmal möcht' ich mir ihn ſo denken— wie ich ihn oft in der Schule hatte ſchlafen ſehen, und ſo, in dieſer ſchweigenden Stunde, verließ ich ihn. — Verließ ihn, um nie wieder, o, Gott vergebe Dir's, Steerforth! dieſe willenlos überlaſſene Hand in Liebe und Freundſchaft zu berühren. Nie, nie wieder zu berühren! David Kopperfield. V. 9 — Dreißigſtes Kapitel. Ein Verluſt. Ich gelangte am Abend nach Yatmouth hinunter und ging in den Gaſthof. Ich wußte, daß Peggotty's Oberſtübchen— mein Stübchen— ſehr wahrſcheinlich in kurzer Zeit hinreichend in Anſpruch genommen wer⸗ den würde, wenn jener große Gaſt, vor deſſen Gegen⸗ wart alles Lebende Raum geben muß, nicht ſchon im Hauſe wäre; ſo begab ich mich in den Gaſthof, ſpeiſte dort und beſtellte ein Bett. Es war zehn Uhr, als ich ausging. Viele von den Läden waren geſchloſſen, und die Stadt war finſter. Als ich an Omer und Jorams Geſchäft kam, fand ich die Läden heruntergelaſſen, während die Gewölbethür aufſtand. Da ich drinnen Mr. Omer zu ſehen vermochte, wie er ſeine Pfeife an der Thür zum Ladenſtübchen ſchmauchte, ſo trat ich hinein und fragte, wie es ihm ginge. „Ei Tauſendſapperlot!“ ſagte Mr. Omer.„Wie befinden Sie ſich? Nehmen Sie Platz.— Der Rauch hoffentlich nicht unangenehm?“ David Kopperſield. 131 „Durchaus nicht,“ entgegnete ich.„Ich habe ihn gern— in anderer Leute Pfeife nämlich.“ „Was, nicht in Ihrer eignen? He?“ erwiederte Mr. Omer.„Na um ſo beſſer, junger Herr. Schlechte Gewohnheit für'n jungen Mann. Nehmen Sie Platz. Ich ſelber rauche wegen des Aſthma.“ Mr. Omer hatte für mich Platz gemacht und einen Stuhl hingeſtellt. Er ſetzte ſich jetzt wieder nieder, ſehr außer Athem, und ſog an ſeiner Pfeife, als ob dieſelbe ihm das nothwendige Lebensbedürfniß zuzuführen ver⸗ möchte, ohne welches er untergehen mußte. „Ich bin betrübt, ſo üble Nachrichten von Herrn Barkis gehört zu haben,“ ſagte ich. Mr. Omer ſah mich ohne eine Miene zu verziehen an und ſchüttelte den Kopf. „Wiſſen Sie, wie er ſich heut beſindet?“ fragte ich. „Gerade die Frage, die ich Sie gefragt hätte, jun⸗ ger Herr, wenn es nicht die Delicateſſe verbieten thäte,“ erwiederte Mr. Omer.„Es iſt dies eine der üblen Seiten unſres Geſchäfts. Wenn Eines krank iſt, kön⸗ nen wir nicht fragen, wie's ihm geht.“ Dieſe Schwierigkeit war mir nicht eingefallen, ob⸗ wohl ich meine Gedanken gehabt hatte, als ich beim Hereingehen die alte Melodie hämmern hörte. Als die Sache indeß erwähnt wurde, erkannte ich die Wahrheit derſelben an und ſagte dies auch. „Ja, ja, Sie verſtehen,“ ſagte Mr. Omer, in⸗ dem er mit dem Kopfe nickte.„Wir dürfen's nicht. Sapperlot, es würde das ein Schreck ſein, daß kein Patient wieder geſund würde, wenn's hieße: Omer und Joram laſſen ſich empfehlen, und wie Sie ſich die⸗ ſen Morgen— oder meinethalben dieſen Nachmiitag befänden.“ 9* 132 David Kopperfield. Mr. Omer und ich nickten uns gegenſeitig zu, und Mr. Omer verſorgte ſich mit Hülfe ſeiner Pfeife mit Athem. *„'s iſt eines von den Dingen, welche das Geſchäft von Aufmerkſamkeiten abhält, die man oft zu zeigen wünſcht,“ ſagte Mr. Omer.„Da nehmen Sie'mal mich an. Ich habe Barkis nun an die vierzig Jahre gekannt; aber ich kann nicht gehen und fragen:„Wie geht's ihm?“ Ich fühlte, daß dies Mr. Omer ſehr hart ankom⸗ men müſſe, und ſagte ihm dies. „Ich bin, hoff' ich, nicht ſelbſtſüchtiger als andere Leute,“ fuhr Mr. Omer fort.„Sehen Sie mich doch an! Mir kann in jedem Augenblicke der Athem aus⸗ gehen, und meines Wiſſens iſt's nicht wahrſcheinlich, daß ich unter ſolchen Umſtänden ſehr ſelbſtſüchtig wäre. Ich ſage,'s iſt dies nicht wahrſcheinlich bei einem Manne, welcher weiß, daß ihm der Athem bald ausgehen wird, wenn er ihm ſchon ſo geht, wie wenn ein paar Blaſe⸗ bälge aufgeſchnitten ſind, und dieſer Mann ein Groß⸗ vater iſt,“ ſagte Mr. Omer. Ich ſagte:„Durchaus nicht wahrſcheinlich.“ „'s iſt nicht, daß ich über mein Geſchäſt klagen thäte,“ meinte Mr. Omer.„Nein, das iſt's nicht. Ohne Zweifel hat jeder Beruf ſeine guten und ſeine ſchlechten Seiten. Was ich wünſche, iſt, daß Leute aufkämen, welche mehr Seelenſtärke hätten.“ Mr. Omer paffte mehrmals mit einem ſehr wohl⸗ gefälligen und liebenswürdigen Geſichte ſchweigend aus ſeiner Pfeife, und dann nahm er ſeine vorige Rede wie⸗ der auf und ſagte: „Folglich müſſen wir, wenn wir uns verſichern wol⸗ len, wie's mit Barkis geht, uns auf Emilie beſchrän⸗ David Kopperfield. 133 ken. Sie weiß, um was es ſich dabei für uns wirk⸗ lich handelt, und hat hinſichtlich unſerer nicht mehr Schreck oder Verdacht, als ob wir Lämmer wären. Minnie und Joram ſind eben nach dem Hauſe hinunter gegan⸗ gen(ſie iſt nämlich dort, um ihrer Muhme ein Bischen zu helfen) und wollen ſie fragen, wie's ihm heut Abend gehen thut, und wenn es Ihnen gefiele, zu warten, bis ſte zurückkämen, ſo würden ſie Ihnen alle Einzelnheiten erzählen. Wollen Sie nicht was zu ſich nehmen? Viel⸗ leicht ein Glas Syrup und Waſſer? Ich trinke ſelber Syrup und Waſſer,“ ſagte Mr. Omer, indem er ſein Glas erhob,„weil es die innerlichen Gänge gelinde er⸗ halten ſoll, durch welche jener mein abſcheulicher Athem geht. Aber Sapperlot,“ ſagte Mr. Omer mit belegter Stimme,„es ſind nicht die Gänge, die bei mir nicht in Ordnung ſind! Gieb mir Athem genug, ſag' ich oft zu meiner Tochter Minnie, und ich werde den Durch⸗ gang ſchon finden, meine Liebe.“ Er hatte in der That keinen überflüſſigen Athem, und es war ſehr beängſtigend, ihn lachen zu ſehen. Ich lehnte die angebotene Erfriſchung, da ich ſoeben gegeſ⸗ ſen hatte, ab, und indem ich bemerkte, daß ich auf ſeine gütige Einladung warten wolle, bis ſeine Tochter und ſein Schwiegerſohn zurückkämen, fragte ich, was Klein⸗ Emilchen mache. „Hm, junger Herr,“ ſagte Mr. Omer, indem er, um ſich das Kinn zu reiben, ſeine Pfeife wegthat,„will's Ihnen aufrichtig ſagen, ich werde froh ſein, wenn ihre Heirath ſtattgefunden hat.“ „Wie ſo?“ fragte ich. „Nun, ſie iſt jetzt nicht ſo recht gehörig auf dem Zeuge,“ antwortete Mr. Omer.„Nicht, daß ſie etwa nicht ſo hübſch wäre, wie immer; denn ſie iſt hübſcher— 134 David Kopperfield. ich verſichere Ihnen, ſie iſt hübſcher. Auch nicht, daß ſie etwa nicht ſo fleißig arbeiten thäte, wie immer; denn ſie thut's. Sie war alles Lobes werth, und ſie iſt's noch. Aber ich weiß nicht, wie's kommt, daß ſie kei⸗ nen rechten Muth hat. Wenn Sie verſtehen,“ ſagte Mr. Omer, nachdem er ſein Kinn nochmals gerieben und ein wenig geraucht hatte,„was ich im Allgemeinen mit dem Ausdrucke: Einen langen Schluck und einen tüchtigen Schluck und einen Schluck über Alles, meine Herzensjungen, Hurrah! meine, ſo würde ich Ihnen ſa⸗ gen, daß es das wäre, was ich im Allgemeinen an Emilien vermiſſe.“ Mr. Omers Geſicht und Weiſe thaten ſo viel zur Verdeutlichung, daß ich mit gutem Gewiſſen mit dem Kopfe nicken konnte, als habe ich ſeine Meinung ver⸗ ſtanden. Die Schnelligkeit, mit der ich ihn begriff, ſchien ihm zu gefallen, und er fuhr fort: „Na, ſehen Sie, ich ſchiebe es hauptſächlich darauf, daß ſie nicht recht auf dem Zeuge iſt. Wir haben das oft genug mit'nander bered't, ihr Oheim und ich, und ihr Liebſter und ich, nach dem Tagewerk, und ich ſchiebe es hauptſächlich darauf, daß ſie nicht recht auf dem Zeuge iſt. Sie müſſen bei Emilchen immer daran den⸗ ken,“ ſagte Mr. Omer mit leiſem Kopfſchütteln,„daß ſie das liebevollſte kleine Ding in der Welt iſt. Das Sprichwort ſagt: Niemand kann aus dem Ohr einer Sau eine ſeidene Börſe machen. Nun, ich wüßte das eben nicht. Ich denke eher, daß man's könnte, wenn man hübſch zeitig im Leben anfängt. Sie hat aus je⸗ nem alten Boote eine trauliche Wohnung gemacht, jun⸗ ges Herrchen, ſo ſchön, als ob es ein Schloß von Stein und Marmor wäre.“ „Ja wahrhaftig!“ rief ich. David Kopperfield. 135 „Das liebe kleine Ding an ihrem Oheim hängen zu ſehen,“ ſagte Mr. Omer;„die Art zu ſehen, in welcher ſie ſich Tag für Tag näher und näher, enger und enger an ihn ſchmiegt, iſt wirklich ein ſchöner An⸗ blick. Na, ſehen Sie, da giebt's einen Kampf der Gefühle, wenn jener Fall eintritt. Weshalb aber ſollte es ein lüngerer ſein, als es nöthig iſt?“ Ich hörte dem alten guten Manne aufmerkſam zu und ſtimmte ihm in Allem, was er ſagte, bei. „Darum,“ ſagte Mr. Omer in einem behaglichen, leichthinfließenden Tone,„red'te ich denn ſo mit Ihnen. Ich ſagte: Na, Leutchen, denkt nur nicht etwa, daß Emil⸗ chen an einen beſtimmten Zeitpunkt genagelt iſt. Macht Euch Eure Zeit nach Belieben. Die Dienſte, die ſie uns geleiſtet, haben ſich über Vermuthen einträglich er⸗ wieſen; ſie hat ſchneller gelernt, als wir dachten, Omer und Joram können durch den Reſt der Lehrzeit einen Strich machen, und ſie iſt frei, wenn Ihr wollt. Sollte ſie ſpäter Luſt haben, die Sache ſo auszugleichen, daß ſie irgend eine Kleinigkeit für uns zu Hauſe thut, ſehr wohl. Wo nicht, ebenfalls ganz wohl. Wir verlieren auf keine Weiſe etwas dabei. Denn— ſehen Sie wohl,“ ſagte Mr. Omer, indem er mich mit ſeiner Pfeife an⸗ tippte,„es iſt nicht glaublich, daß ein Mann mit ſo kurzem Athem, wie ich, und der noch dazu Großvater iſt, hingehen und gegen ſolch ein liebes blauäugiges Blümchen wie ſie nach dem Puncte und Wortlaute han⸗ deln ſollte.“ „Ganz gewiß nicht,“ rief ich aus. „Nein, ganz gewiß nicht! Da haben Sie völlig recht,“ ſagte Mr. Omer.„Nun, junger Herr, ihr Vetter,— Sie wiſſen,'s iſt ein Vetter, den ſie zu heirathen im Begriff iſt?“ 136 David Kopperfield. „Oh ja,“ entgegnete ich,„ich kenne ihn gut.“ „Natürlich kennen Sie ihn,“ ſagte Mr. Omer.„Gut alſo, junger Herr. Ihr Couſin, der wie's ſcheint, hin⸗ reichende und gute Beſchäftigung hat, dankte mir dafür in einer ſehr anſtändigen Art und Weiſe(er benimmt ſich überhaupt, wie ich geſtehen muß, ſo, daß ich eine ſehr hohe Meinung von ihm habe) und ging hin und nahm ein ſo behagliches Häuschen, daß ſein Anblick für Sie und mich eine wahre Augenweide ſein würde. Dies Häuschen iſt jetzt ausmöblirt, durch und durch ſo nett und vollſtändig, wie'ne Puppenſtube, und hätte Bar⸗ kiſſen ſeine Krankheit nicht dieſe üble Wendung genom⸗ men— der arme Teufel!— ſo würden Sie, glaub' ich— ſchon Mann und Frau ſein. Da's aber ſo iſt, ſo haben Sie's aufgeſchoben.“ „Und Emilie, Herr Omer?“ erkundigte ich mich. „Iſt ſie jetzt mehr auf dem Zeuge?“ „Ci nun, ſehen Sie,“ erwiederte er, indem er ſein Doppelkinn abermals rieb,„das kann natürlich nicht er⸗ wartet werden. Die Ausſicht auf den Wechſel und die Trennung und Alles, was drum und dran hängt, ſteht ihr, wie man ſagen möchte, deutlich vor Augen und doch zugleich auch wieder fern. Barkiſſen ſein Tod macht nicht gerade einen großen Aufſchub, wohl aber vielleicht ſein Daliegen zwiſchen Leben und Sterben. Mag das aber ſein, wie's will, ſo iſt's immer ein ungewiſſer Zuſtand, wie Sie ſehen.“ „Das ſeh ich,“ ſagte ich. „Folglich,“ fuhr Mr. Omer fort,„iſt Emilchen immer noch ein Bischen niedergeſchlagen und zerſtreut, ja, wenn man Alles zuſammennimmt, iſt ſie's vielleicht noch mehr als früher. Jeden Tag ſcheint ſie zärtlicher gegen ihren Oheim zu werden und betrübter, daß ſie David Kopperfield. 137 ſich von uns Allen trennen ſoll. Ein freundliches Wort von mir lockt ihr Thränen in die Augen, und wenn Sie ſie mit dem kleinen Mädchen von meiner Tochter Minnie ſehen ſollten, Sie würden's nie wieder vergeſ⸗ ſen. Tauſendſapperlot!“ ſagte Mr. Omer keuchend,„wie ſie aber auch das Kind liebt!“ Da ich eine ſo günſtige Gelegenheit hatte, kam mir der Gedanke, Mr. Omer, ehe unſere Unterhaltung durch die Rückkehr ſeiner Tochter und deren Gatten unterbro⸗ chen würde, zu fragen, ob er etwas von Martha ge⸗ hört habe. „Ach!“ rief er aus, indem er den Kopf ſchüttelte und ſehr niedergeſchlagen ausſah.„Nichts Gutes! Eine traurige Geſchichte, junger Herr, von welcher Seite Sie ſie auch betrachten mögen. Ich hätte dem Mädchen nie was Unrechtes zugetraut. Ich moͤchte es nie vor meiner Tochter Minnie erwähnen— ſie würde mich augenblick⸗ lich auszanken— aber ich that's auch nie. Keines von uns hat's je gethan.“ Mr. Omer, der ſeiner Tochter Tritt hörte, bevor ich ihn gewahr wurde, tippte mich mit ſeiner Pfeife an und kniff das eine Auge zu, als Zeichen, mich in Acht zu nehmen. Sie und ihr Mann traten ſogleich darnach ein. Sie brachten die Nachricht, daß Mr. Barkis„ſo übel ſei, wie er nur ſein könne,“ daß er gar nichts mehr von ſich wiſſe, und daß Mr. Chillip mit betrüb⸗ ter Miene in der Küche geſagt habe, indem er eben jetzt weggegangen ſei, wenn zehnmal das Collegium der Aerzte und das Collegium der Wundärzte und die Halle der Apotheker alle mit einander herzugerufen würden, ſie könnten ihm nicht mehr helfen. Er wäre ſchon über beide Collegien hinaus, und die Halle könnte ihn nur noch vergiften. 138 David Kopperfield. Indem ich dies hörte und zugleich erfuhr, daß Mr. Peggotty dort ſei, entſchloß ich mich ſogleich nach dem Hauſe zu gehen. Ich ſagte Mr. Omer und Mr. und Mrs. Joram gute Nacht und richtete meine Schritte dorthin, erfüllt von einer feierlichen Empfindung, in welcher mir Mr. Barkis als ein ganz neues und an⸗ deres Weſen erſchien. Mein leiſes Klopfen an der Thür wurde von Mr. Peggotty beantwortet. Er war nicht ſo erfreut, mich zu ſehen, als ich erwartet hatte. Ich bemerkte Daſſelbe an Peggotty, als ſie herunterkam, und ich denke, vor der Erwartung jenes furchtbaren Erſtaunens, welche ſie erfüllte, ſchwinden alle übrigen Wechſelfälle und ſtau⸗ nenerweckenden Gegenſtände in nichts zuſammen. Ich gab Mr. Peggotty die Hand und ging in die Küche, während er leiſe die Thür ſchloß. Die kleine Emilie ſaß vor dem Feuer und hielt die Hände vor's Geſicht. Ham ſtand neben ihr. Wir ſprachen flüſternd und lauſchten dann und wann, ob ſich in der Oberſtube ein Geräuſch hören ließe. Ich hatte bei Gelegenheit meines letzten Beſuchs nicht daran gedacht, aber wie ſeltſam kam mir's jetzt vor, Mr. Bar⸗ kis in der Küche zu vermiſſen. „Das iſt ſehr freundlich von Sie, Musje Davchen,“ ſagte Mr. Peggotty. „'s iſt über die Maßen freundlich,“ verſetzte Ham. „Emilchen, meine Liebe,“ rief Mr. Peggotty.„Guck mal her. Hier iſt Musje Davchen gekommen! Was, immer friſch und munter, mein Lämmchen! Haſt Du denn kein Wort für Musje Davchen?“ Es überlief ſte ein Zittern, welches ich jetzt noch ſehe. Die Kälte ihrer Hand, als ich ſie berührte, kann ich noch jetzt fühlen. Das einzige Zeichen von Leben David Kopperfield. 139 daran war, daß ſie aus der meinen zurückfuhr, und dann glitt ſie von ihrem Stuhle, und indem ſie langſam an die andere Seite ihres Onkels ging, beugte ſie ſich, ſchweigend und noch immer zitternd auf ſeine Bruſt. „Ach,'s iſt ſolch ein liebevolles Herze,“ ſagte Mr. Peggotty, indem er mit ſeiner großen harten Hand ihr reiches Haar ſtreichelte,„daß es den Gram hier nicht ertragen kann,'s iſt natürlich bei jungen Leutchen, Musje Davchen, wenn ſie noch neu ſind für ſolche Heimſuchun⸗ gen, und ſchüchtern, wie mein kleines Vögelchen hier— 's iſt natürlich.“ Sie klammerte ſich nur um ſo feſter an ihn, erhob aber weder ihr Geſicht, noch ſprach ſie ein Wort. „s wird ſpäte, mein gutes Kind,“ ſagte Mr. Peg⸗ gotty,„und hier iſt Ham gekommen, um Dich zu Hauſe zu bringen. Da, geh mit dem andern liebenden Her⸗ zen! Was, Emilchen? He, mein Lämmchen?“ Der Ton ihrer Stimme hatte mich nicht erreicht, aber er beugte ſeinen Kopf zu ihr, als ob er ihr zuhöͤre, und dann ſagte er: „Dich bei Deinem Onkel bleiben laſſen? Ei Tau⸗ ſend, Du wirſt mich doch darum nicht bitten wollen! Bei Deinem Onkel bleiben, Närrchen? Wenn Der, wel⸗ cher ſo bald Dein Mann ſein wird, hier iſt, um Dich zu Hauſe zu führen? Hm, kein Menſch würd's glau⸗ ben, wenn er dieſes kleine Ding nicht neben ſolch einem wetterverbrannten, rauhen Kerl ſehen thäte,“ ſagte Mr. Peggotty, indem er ſich mit unendlichem Stolze unter uns umſah,„aber die See hat nicht mehr Salz in ſich, als ſie Liebe in ſich hat zu ihrem Onkel— ein wah⸗ res Närrchen von einem Emilchen!“ „Emilchen hat darin Recht, Musje Davchen!“ ſagte Ham.„Sehen Sie mal her! Da Emilchen es wünſcht, 1 140 David Kopperfield. und da ſie außerdem ebenſo aufgeregt und ängſtlich iſt, ſo will ich ſie bis zum Morgen hier laſſen. Und laßt mich auch dableiben.“ „Nein, nein,“ entgegnete Mr. Peggotty.„Du— ein verheiratheter Mann wie Du— oder was ebenſo gut iſt— darfſt Dir nicht ein Tagewerk verderben. Und Du darfſt nicht alles Beides, wachen und arbeiten zu⸗ gleich. Das geht nicht an. Du gehſt zu Hauſe und legſt Dich ſchlafen. Du wirſt Dich nicht ängſtigen, daß Emilchen in guten Händen iſt, das weiß ich.“ Ham gab dieſem Zureden nach und nahm ſeinen Hut, um zu gehen. Selbſt als er ſie küßte— und ich ſah ihn nie ſich ihr nähern, wo ich nicht gefühlt hätte, daß die Natur ihm eine zartfühlende Seele verliehen hatte— ſchien ſie ſich feſter an ihren Onkel zu klam⸗ mern, ſodaß es ſelbſt den Anſchein gewann, als fliehe ſie ihren erwählten Gatten. Ich ſchloß die Thür hinter ihm, damit ſie die herrſchende Stille nicht ſtören möge, und als ich mich umkehrte, ſah ich Mr. Peggotty noch immer mit ihr ſprechen. 8 „Na, ich werde jetzt naufgehen, um Deiner Muhme zu ſagen, daß Musje Davchen hier iſt, und daß wir ſie ein Bischen aufheitern,“ ſagte er.„Setz Dich der⸗ weile bei's Feuer nieder und wärme Dir dieſe todten⸗ kalten Hände. Du brauchſt Dich nicht ſo ſehr zu fürch⸗ ten und Dir's ſo ſehr zu Herzen zu nehmen. Was? Du willſt mit mir gehn?— Gut— komm mit mir— komm! Wenn ihr Onkel von Haus und Hof vertrie⸗ ben und gezwungen wäre, ſich in einen Straßengraben zu legen, Musje Davchen,“ ſagte Mr. Peggotty mit nicht weniger Stolz als zuvor,„ſo glaub' ich, ſte würde gleich mit ihm gehen. Aber's wird bald ein Anderer ſein,— bald ein Anderer, Emilchen!“ David Kopperfield. 141 Später, als ich hinauf ging und an der Thür mei⸗ nes Stübchens, welches dunkel war, vorbeiſchritt, hatte ich den unbeſtimmten Eindruck, als ob ſie darin ſei und auf der Diele liege. Aber ich weiß jetzt nicht, ob es wirklich ſie, oder ob es ein Gewirr der Schatten im Zimmer war. Ich hatte vor dem Küchenfeuer Muße, über der hüb⸗ ſchen kleinen Emilie Furcht vor dem Tode nachzudenken, die ich in Verein mit dem, was Mr. Omer mir er⸗ zählt hatte, für die Urſache des Umſtandes hielt, daß ſie ſich ſelbſt ſo ungleich war— und ich hatte, ehe Peg⸗ gotty herunter kam, ſogar Muße, milder über die Schwäche, welche ſich darin verrieth, zu denken, während ich da⸗ ſaß und das Picken der Wanduhr zählte und mich mit meinen Empfindungen in die feierliche Stille rund um mich verſenkte. Peggotty ſchloß mich in ihre Arme, ſeg⸗ nete mich und dankte mir ein Mal über das andere, daß ich ihr in ihrer Betrübniß ein ſolcher Troſt ſei. Sie bat mich dann hinaufzukommen, indem ſie mir ſchluch⸗ zend erzählte, wie Mr. Barkis mich ſtets geliebt und bewundert, wie er oft von mir geſprochen, ehe er in Beſinnungsloſigkeit verſunken ſei, und wie ſie glaube, er werde in dem Falle, daß er noch einmal zu ſich komme, bei meinem Anblicke ſich aufheitern, wofern er überhaupt noch über irdiſche Dinge ſich aufheitern könnte. Die Wahrſcheinlichkeit, daß dies bei ihm je der Fall ſein werde, ſchien mir, als ich ihn erblickte, ſehr ge⸗ ring. Er lag mit ſeinem Kopfe und ſeinen Schultern aus dem Bette in einer ſehr unbequemen Lage, halb auf dem Koffer ruhend, der ihm ſo viel Qual und Mühe gekoſtet hatte. Ich erfuhr, daß er, als er nicht mehr aus dem Bette kriechen und ihn öffnen, und ſich nicht mehr durch jene Wünſchelruthe, die ich ihn hatte gebrau⸗ 142 David Kopperfield. chen ſehen, von ſeinem gewiſſen Vorhandenſein hatte überzeugen können, gewünſcht hatte, er möge auf den Stuhl neben ſeinem Bette geſtellt werden, wo er ihn Tag und Nacht mit den Armen umſchlungen gehalten habe. Sein Arm lag jetzt darauf. Zeit und Welt flo⸗ gen bereits unter ihm dahin, aber der Koffer war da, und die letzten Worte, die er(in erläuterndem Tone) ausgeſprochen hatte, waren:„Alte Kleider!“ „Barkis, mein Lieber,“ ſagte Peggotty faſt freudig zu ihm, indem ſie ſich über ihn beugte, während wir, ihr Bruder und ich, am Fußende des Bettes ſtanden. „Hier iſt mein lieber Junge— mein lieber Junge, Musje Dapvchen, der uns zuſammenbrachte, Barkis. Durch den Du mir Deinen Antrag machteſt, weißt Du! Willſt Du nicht zu Musje Davchen ſprechen?“ Er war ſo ſtumm und beſinnungslos, wie der Kof⸗ fer, von welchem ſeine Züge den einzigen Ausdruck hat⸗ ten, den ſie beſaßen. „Er wird auslöſchen, wenn die Fluth hinausgeht,“ ſagte Mr. Peggotty zu mir hinter ſeiner Hand. Meine Augen waren von Schmerz verdüſtert, ebenſo die Peggotty's, aber ich wiederholte flüſternd:„Wenn die Fluth hinausgeht?“ „An der Küſte hier können die Leute nicht erſter⸗ ben,“ ſagte Mr. Peggotty,„außer wenn die Fluth faſt ganz zurückgegangen iſt. Und ſie können nicht gebo⸗ ren werden, wenn ſie nicht faſt ganz heraufgeſtiegen iſt— und nicht leicht geboren werden, außer zur Höhe der Fluth. Er wird mit der Fluth auslöſchen. Um halb vier iſt's Ebbe, todt Waſſer dauert'ne halbe Stunde. Wenn er leben bleiben thut, bis das Waſſer wieder ſteigt, ſo wird er bis nach der Fluth leben bleiben und mit der nächſten Ebbe auslöſchen.“ David Kopperfield. 143 Wir blieben dort und wachten eine lange Zeit— ſtundenlang. Welchen geheimnißvollen Einfluß meine Anweſenheit während dieſes ſeines Seelenzuſtandes auf ihn hatte, will ich zu ergründen nicht verſuchen; als er jedoch zuletzt irre zu reden begann, ſprach er ſicherlich davon, daß er mich in die Schule fahre. „Er kommt zu ſich,“ ſagte Peggotty. „Mr. Peggotty ſtieß mich an und wiſperte mit tie⸗ fem Gram und großer Ehrfurcht:„Sie ſind Beide auf dem Wege, bald auszulöſchen.“ „Barkis, mein Guter!“ ſagte Peggotty. „C. P. Barkis,“ ächzte er ſchwach.„Keine beſſere Frau auf der ganzen Welt!“ „Sieh! Hier iſt Musje Davchen!“ ſagte Peggotty; denn er öffnete jetzt die Augen. Ich ſtand auf dem Punkte, ihn zu fragen, ob er mich kenne, als er plötzlich ſeinen Arm ausſtreckte und deutlich und mit freundlich mildem Lächeln ſagte: „Barkis iſt willens!“ Und da es niedriges Waſſer war, löſchte er mit eintretender Ebbe aus. Einunddreißigſtes Kapitel. Ein größerer Verluſt. Es war für mich nicht ſchwer, Peggotty's Bitten und Drängen nachzugeben, und zu bleiben, wo ich war, bis die ſterblichen Reſte des armen Botenfuhrmanns ihre letzte Reiſe nach Blunderſtone gemacht hatten. Sie hatte lange zuvor von ihren eignen geringen Erſparniſſen auf unſerm alten Kirchhofe ein Stückchen Grund in der Nähe des Grabes„ihres ſüßen Mädchens“, wie ſie ſtets meine Mutter nannte, gekauft, und dort wollten ſie ruhen. Indem ich Peggotty Geſellſchaft leiſtete und Alles, was ich konnte(was indeß alles zuſammen beſehen, we⸗ nig genug war) für ſie that, war ich, wie ich mich zu meiner herzlichen Freude erinnere, ſo dankbar, daß ich ſelbſt jetzt nicht wünſchen kann, ich hätte beſſer ſein kön⸗ nen. Aber ich fürchte allerdings, daß es mir zu noch größerer Genugthuung gereichte, als wichtige Perſon und Geſchäftsmann auftreten, Mr. Barkis letzten Willen in Beſitz nehmen und ihn auseinanderſetzen zu können. Ich darf das Verdienſt beanſpruchen, den Rath ge⸗ geben zu haben, daß nach dem Teſtamente in dem Koffer David Kopperfield. 145 nachgeſehen werden möchte. Nach einigem Suchen wurde es denn auch im Koffer auf dem Boden eines Pferde⸗ futterſacks gefunden, worin wir(außer Heu) eine alte goldne Sackuhr mit Kette und Petſchaften erblickten, welche Mr. Barkis an ſeinem Hochzeitstage getragen und die Niemand je zuvor oder je nachher geſehen hatte; ferner einen ſilbernen Tabaksſtopfer in der Form eines Beines; eine hölzerne Citrone voll kleine Taſſen und Pfannen, bei der mir die Idee kam, daß Mr. Barkis ſie gekauft, um mir, als ich noch Kind war, ein Geſchenk zu machen, von der er ſich jedoch ſpäter zu trennen außer Stande geſehen hatte; außerdem ſiebenundachtzig und eine halbe Guinea in Guineen und halben Guineen, zweihundert⸗ zehn Pfund Sterling in vollkommen reinlichen Bank⸗ noten, verſchiedene Quittungen der Bank von England für niedergelegtes Kapital, ein altes Hufeiſen, einen fal⸗ ſchen Schilling, ein Stück Kampher und eine Auſter⸗ ſchale. Von dem Umſtande, daß der letztgenannte Ge⸗ genſtand ſehr glatt abgerieben war und innerlich in den Farben des Regenbogens ſpielte, ſchließe ich, daß Mr. Barkis gewiſſe dunkle Vorſtellungen von Perlen hatte, welche ſich nie zu einem erſprießlichen Ergebniß erſchloſſen. Jahre auf Jahre hatte Mr. Barkis dieſen Koffer mit ſich geführt, auf allen ſeinen Reiſen, Tag für Tag hatte er ihn begleitet. Damit dies die Aufmerkſamkeit nicht ſo leicht rege machen ſollte, hatte er die Ausrede erfun⸗ den, er gehoͤre einem gewiſſen„Mr. Blackboy“ und ſollte „bis auf Nachfrage bei ihm verbleiben,“ eine Fabel, die er mit großer Mühe auf den Deckel geſchrieben hatte, und zwar in Buchſtaben, die jetzt kaum noch lesbar waren. Er hatte, wie ich fand, alle dieſe Jahre hindurch mit gutem Erfolge geſpart. Sein Beſitz in Geld belief ſich auf nahe an dreitauſend Pfund. Hiervon vermachte David Kopperſield. V. 10 146 David Kopperfield. er die Intereſſen von einem Tauſend Mr. Peggotty auf Lebenszeit. Bei ſeinem Abſterben ſollte die Summe des Kapitals zu gleichen Theilen zwiſchen Peggotty, der klei⸗ nen Emilie und mir oder dem oder den Erben von uns getheilt werden. Alles Uebrige, was er bei ſeinem Ab⸗ leben beſaß, vermachte er an Peggotty, die er als Haupt⸗ erbin und alleinige Vollſtreckerin dieſes ſeines letzten Willens und Teſtaments zurückließ. Ich fühlte mich als vollkommenen Proctor, als ich dieſes Teſtament laut und mit ſo viel Feierlichkeit, als nur möglich vorlas und die Beſtimmungen deſſelben un⸗ endlich viele Male Denen auseinanderſetzte, welche da⸗ ran betheiligt waren. Ich begann zu glauben, daß doch mehr an den Commons ſei, als ich vermuthet habe. Ich prüfte das Teſtament mit der tiefſten Aufmerkſam⸗ keit, fand es vollkommen und in jeder Hinſicht der vor⸗ geſchriebenen Form entſprechend, machte ein Bleiſtiftzei⸗ chen oder ſo etwas an den Rand und hielt es für et⸗ was Außerordentliches, daß ich ſo viel wiſſe. Inmitten dieſes närriſchen Gebahrens, wo ich für Peggotty eine Berechnung alles des Beſitzes machte, in welchen ſie gekommen war; wo ich ferner alle Angele⸗ genheiten in gehöriger Weiſe ordnete und überhaupt in jedem Punkte zu unſerer beiderſeitigen Zufriedenheit ihr Beiſtand und Berather war, verbrachte ich die Woche vor dem Begräbniß. Ich ſah die kleine Emilie in die⸗ ſer Zwiſchenzeit nicht, aber man ſagte mir, daß ſie in vierzehn Tagen in aller Stille getraut werden ſollte. Ich wohnte dem Leichenbegängniſſe nicht als Leid⸗ tragender bei, wenn ich mich ſo ausdrücken darf. Ich meine damit, ich war nicht mit einem ſchwarzen Man⸗ tel und einem flatternden Flor, dieſem Vogelſcheuchen⸗ ſtaate, herausgeputzt; ſondern ich ging früh am Morgen David Kopperfield. 147 hinüber nach Blunderſtone und war auf dem Kirchhofe, als der Sarg ankam, einzig und allein von Peggotty und ihrem Bruder gefolgt. Der wahnſinnige Herr ſah aus meinem kleinen Fenſter zu, Mr. Chillips kleines Kind nickte mit ſeinem ſchweren Kopfe und rollte ſeine hervorquellenden Augen über der Schulter ſeiner Wär⸗ terin gegen den Geiſtlichen, Mr. Omer ſchnappte im Hintergrunde nach Athem; außerdem war Niemand zu⸗ gegen, und es war ſehr ſtill. Nachdem Alles vorüber war, gingen wir eine Stunde auf dem Kirchhofe um⸗ her und pflückten uns einige junge Blätter von dem Baume über meiner Mutter Grab. Hier überfällt mich eine ahnende Furcht. Eine Wolke hängt drohend über der entfernten Stadt, nach der ich meine einſamen Schritte zurücklenkte. Es iſt nicht ſchlimmer, weil ich davon ſchreibe. Es würde nicht beſſer ſein, wenn ich innehielte mit meiner zoͤgernden Hand. Es iſt geſchehen. Nichts kann es ungeſchehen machen, nichts kann es anders machen als es war. Meine alte Wärterin wollte mit mir den nächſten Tag nach London gehen, um das Teſtament vollziehen zu laſſen. Die kleine Emilie verbrachte dieſen Tag in Mr. Omers Haus. Wir wollten uns alleſammt dieſen Abend im alten Boothauſe treffen. Ham wollte Emi⸗ lien zur gewöhnlichen Stunde heimbringen. Ich gedachte nach Belieben zurückzukehren. Die Geſchwiſter Peggotty wollten heimgehen, wie ſie gekommen waren, und uns, wenn der Tag zu Ende gehe, am Kaminfeuer erwarten. Ich trennte mich von ihnen am Kirchhofspförtchen, wo einſt in alten Tagen der Straps meiner Phantaſie mit Roderick Randoms Schnappſack ausgeruht hatte, und ſtatt geraden Wegs heimzugehen, ging ich ein Stück⸗ 10* 148 David Kopperfield. chen auf der Straße nach Lowestoft fort. Dann kehrte ich um und wandelte nach Yarmouth zurück. Ich kehrte zum Mittagseſſen in einem hübſchen Bierhauſe ein paar Meilen von der Fähre ein, die ich früher erwähnt, und ſo ſchwand der Tag dahin, und es wurde Abend, ehe ich die Stadt erreichte. Der Regen fiel jetzt in Strö⸗ men herab, und es war eine wüſte Nacht; aber hinter den Wolken war der Mond, und es war nicht dunkel. Ich war bald in Sicht von Mr. Peggotty's Hauſe und dem Lichte, welches aus dem Fenſter deſſelben her⸗ vorglänzte. Ein Stückchen weit lief ich ſchnell durch den feuchten, ſchweren Sand, und ich ſtand vor der Thür und ging hinein. Es ſah ſehr behaglich drinnen aus. Mr. Peggotty hatte ſein Abendpfeifchen geſchmaucht, und es waren ver⸗ ſchiedene Vorbereitungen für das nahe Abendeſſen ge⸗ troffen. Das Feuer flackerte hell, die Aſche war auf⸗ geſtoͤrt, die Kiſte, der Sitz Klein-Emilchens, war für ſie auf ihrem alten Platze bereit. Ebenfalls auf ihrem alten Platze ſaß Peggotty wieder und ſah(wenn man ihr Kleid nicht beachtete) aus, als ob ſie ihn nie ver⸗ laſſen hätte. Sie war bereits wieder in die Geſellſchaft des Nähkäſtchens mit der Paulskirche auf dem Deckel, der Elle in dem Landhäuschen und des Stückchens Wachs⸗ lichts zurückgerathen, und da waren ſie alleſammt, ge⸗ rade, als ob ſie nie geſtoͤrt worden wären. Mrs. Gum⸗ midge ſchien ein wenig grämlich in ihrem alten Winkel, und ſah folglich auch ganz wie gewöhnlich aus. „Sie ſind der Erſte von die Uebrigen, Musje Dav⸗ chen,“ ſagte Mr. Peggotty mit einem von Glück ſtrah⸗ lenden Geſichte.„Bleiben Sie nicht in dem Rocke, junger Herr, wenn er naß iſt.“ „Dank Ihnen, Herr Peggotty,“ ſagte ich, indem — — David Kopperfield. 149 ich ihm meinen Ueberrock zum Aufhängen gab,„er iſt ganz trocken.“ „Ja,'s iſt wahr!“ ſagte Mr. Peggotty, indem er auf meine Schultern fühlte.„Trocken wie'n Hobelſpan. Setzen Sie ſich nieder.'s iſt nicht nöthig, Sie will⸗ kommen zu heißen; aber Sie ſind uns von ganzem Her⸗ zen willkommen.“ „Dank Ihnen, Herr Peggotty, ich weiß das. Nun, und Du, Peggotty!“ ſagte ich, indem ich ihr einen Kuß gab,„wie befindeſt Du Dich, altes Weibchen?“ „Ha, ha,“ lachte Mr. Peggotty, indem er ſich neben uns ſetzte und ſich im Gefühle, die jüngſte Küm⸗ merniß vom Herzen losgeworden zu ſein, und in der ſeiner Natur eigenen Herzlichkeit die Hände rieb,„es giebt Sie in der Welt kein Frauenzimmer nicht, welches ſich in ihrem Gemüthe leichter fühlen ſollte, als ſie. Sie hat ihre Pflicht gegen den Seligen gethan, und der Verblichene wußte das, und der Selige hat rechtſchaf⸗ fen an ihr gehandelt, wie ſie rechtſchaffen gegen den Seligen gehandelt hat— und— und's iſt Alles in der Ordnung.“ Mrs. Gummidge ächzte. „Luſtig, immer luſtig, mein hübſches Weibſen!“ ſagte Mr. Peggotty.(Aber er ſchüttelte nach uns hin den Kopf, indem er augenſcheinlich fühlte, wie ſehr die jüngſten Ereigniſſe dazu geeignet waren, das Gedächt⸗ niß an„den Alten“ aufzufriſchen.)„Sei nicht ſo nie⸗ dergeſchlagen! Friſch und luſtig nur ein Biſſel, und Du wirſt ſehen, ob nicht mehr Luſtigkeit ganz von ſel⸗ ber kommen thut.“ 3 „Bei mir nicht Daneel,“ entgegnete Mrs. Gum⸗ midge.„Bei mir verſteht ſich gar nichts von ſelber, als daß ich einſam und verlaſſen bin.“ 150 David Kopperfield. „Nein, nein,“ ſagte Mrs. Peggotty, indem er ihre Betrübniß zu beſchwichtigen ſuchte. „O ja, o ja, Daneel,“ verſetzte Mrs. Gummidge. „Ich bin keine Perſon nicht, daß ich mit ſolche Leute leben könnte, die Geld geerbt haben. Mir geht Alles der Quere. Mit mich wär's beſſer, ich würde Euch vom Halſe genommen.“ „Ei, wie ſollt' ich's denn verthun können, ohne Dich?“ ſagte Mr. Peggotty mit der Miene ernſter Zu⸗ rechtweiſung.„Was ſchwätzeſt Du nur für Zeug in den Tag hinein? Brauch' ich Dich denn jetzt nicht mehr als jemals?“ „Ich wußte es, daß ich niemals vorher zu brauchen war,“ ſagte Mrs. Gummidge mit jämmerlichem Ge⸗ wimmer,„und nu ſagt man mir das gar. Wie konnte ich erwarten, daß man mich brauchen und gerne ſehen würde, da ich ſo einſam und verlaſſen und ſo querköpfig war?“ Mr. Peggotty ſchien ſehr erſchrocken, daß er Worte ausgeſprochen, die ſolch einer gefühlloſen Auslegung fä⸗ hig waren, wurde aber von einer Entgegnung durch Peggotty abgehalten, welche ihn beim Aermel zog und den Kopf ſchüttelte. Nachdem er mit einem Blicke voll Traurigkeit für einige Augenblicke auf Mrs. Gummidge verweilt, ſah er nach der Schwarzwälder Uhr, ſtand auf, putzte das Licht und ſtellte es ins Fenſter. „Da!“ ſagte Mr. Peggotty in fröhlicher Laune. „Da ſind wir, Madame Gummidge!“ Mrs. Gum⸗ midge ſeufzte leiſe.„Illuminirt, wie's bei uns Mode iſt. Sie wundern ſich, zu was das geſchieht, junger Herr. Na, s iſt für die kleine Emilie. Sie ſehen, der Fußweg iſt nicht allzu helle und angenehm nach dem Dunkelwerden, und wenn ich daheime bin zu die Stunde, „ David Kopperfield. 151 wo ſie heim kommen thut, da ſetze ich das Licht ins Fenſter. Sehen Sie,“ ſagte Mr. Peggotty, indem er ſich mit großem Seelenvergnügen über mich beugte,„das wifft Sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie ſagt: da iſt unſer Haus! ſagt ſie. Und dann ſagt ſte, Emilchen nämlich, mein Onkel iſt da! Denn, wenn ich nicht da⸗ heim bin, ſo weiſe ich ihr auch kein Licht nicht.“ „Du biſt ein wahres Kind!“ ſagte Peggotty, in⸗ dem ſie ihm, wenn ſie wirklich ſo dachte, dafür ſehr gut war.. „Na,“ entgegnete Mr. Peggotty, indem er ſich mit ſeinen Beinen weit auseinander ſpreizte und an denſel⸗ ben mit den Händen in ſeiner Behaglichkeit und See⸗ lenzufriedenheit auf⸗ und niederrieb, während er wech⸗ ſelsweiſe uns und das Feuer anſah.„Ich weiß nicht, bin's aber vielleicht, wie Ihr ſeht, wenigſtens von An⸗ ſehen nicht.“ „Nicht ganz,“ bemerkte Peggotty. „Nein,“ lachte Mr. Peggotty,„nicht von Anſe⸗ hen, aber man kann mich ſo betrachten, ſeht Ihrs. Iſt mir aber weiß Gott einerlei. Na, ich werd's Euch ſagen. Wenn ich hingehe und mir das hübſche kleine Haus unſrer Emilchen beſehen thue, ſo will ich,— ſo will ich gegormt ſein,“ ſagte Mr. Peggotty mit plötz⸗ lich erhobener Stimme,—„na, ich kann nicht mehr ſagen— wenn mir's nicht zu Muthe iſt, als ob die kleinſten Dinge ſie ſelber wären. Ich nehme ſie in die Höhe und lege ſie wieder hin und greife ſie an, ſo zärt⸗ lich und leiſe, als ob ſie unſre Emilchen ſelber wären. So iſt's mit ihre kleine Hauben und ſo weiter. Ich könnt's nicht leiden, wenn ich eines davon vorſätzlich mit derber Hand angreifen ſähe— nicht um Alles in der Welt. Na, das iſt ein Kind für Dich in Geſtalt David Kopperfield. eines großen Seeſtachelſchweins!“ ſagte Mr. Peggotty zu ſeiner Schweſter, indem er aus ſeiner Ernſthaftigkeit mit einem brüllenden Gelächter herausfuhr. Sowohl Peggotty als ich lachten, indeß nicht ſo laut. „Seht Ihr's, meine Meinung iſt,“ ſagte Mr. Peg⸗ gotty mit froͤhlichem Geſichte, nachdem er ſeine Beine noch mehr gerieben,„das kommt noch von der Zeit her, wo ich ſo viel mit ihr ſpielen that und ihr weiß machte, wir wären Türken und Franzoſen und Zigeuner und allerhand fremdes Volk— ja wahrhaftig, und Lö⸗ wen und Wallfiſche und ich weiß nicht gleich, was Al⸗ les!— wie ſie noch nicht höher als mein Knie war. Seht, das kam mir jetzt in den Weg. Na aber, das Licht hier!“ ſagte Mr. Peggotty, indem er ſeelenver⸗ gnügt ſeine Hand darnach ausſtreckte,„ich weiß recht gut, daß ich, wenn ſie verheirathet und fort iſt, dies Licht ebenſo wie jetzt dort hinſtellen werde. Und ich weiß recht gut, daß ich, wenn ich der Nacht hier bin (und wo ſonſt in aller Welt ſollte ich leben, möcht' ich auch zu einem noch größern Vermögen gekommen ſein) und ſie iſt nicht hier oder ich bin nicht dort, alle Mal das Licht ins Fenſter ſtellen und vor dem Feuer ſitzen und thun werde, als ob ich ſie erwarten thäte, gerade wie ich's jetzt mache. Na, da haſt Du wieder ein Kind,“ ſchrie Mr. Peggotty mit abermaligem brüllenden Gelächter, „in der Geſtalt eines großen Seeſtachelſchweins! Ei Tau⸗ ſend, in dieſer Minute, wenn ich das Licht aufflackern ſehe, ſprech' ich zu mir ſelber, ſie gukt darnach! Emil⸗ chen kommt! Da haſt Du wieder ein Kind in Geſtalt eines großen Seeſtachelſchweins! Hatte Recht in alle⸗ dem,“ ſagte Mr. Peggotty, indem er mit ſeinem Brül⸗ len innehielt und die Hände zuſammenſchlug;„denn hier iſt ſie.“ — — —— David Kopperfield. 153 Es war blos Ham. Die Nacht mußte näſſer ge⸗ worden ſein ſeit meinem Hereinkommen; denn er hatte einen breitrandigen Schifferhut auf, der ihm über das Geſicht hing. „Wo iſt Emilchen?“ fragte Mr. Peggotty. Ham machte eine Bewegung mit dem Kopfe, als ob ſie draußen wäre. Mr. Peggotty nahm das Licht vom Tiſche, putzte es, ſtellte es auf den Tiſch und ſchürte geſchäftig das Feuer an, als Ham, der ſich nicht vom Flecke gerührt, ſagte: „Musje Davchen, wollen Sie wohl'ne Minute'naus kommen und zuſehen, was Emilchen und ich Ihnen zu zeigen haben?“ Wir gingen hinaus. Als ich in der Thür an ihm vorbeiſchritt, ſah ich zu meiner Verwunderung und mei⸗ nem Entſetzen, daß er todtenbleich war. Er ſchob mich haſtig in die freie Luft hinaus und ſchloß die Thür hin⸗ ter uns. Nur hinter uns Beiden.— „Ham, was giebt's?“ „Musje Davchen!“— O das arme gebrochene Herz, wie furchtbar weinte er!“ Ich war ganz außer Stande zu denken oder zu ſpre⸗ chen vor dem Anblicke ſolch eines Grams. Ich weiß nicht, was ich dachte oder was ich fürchtete. Ich ver⸗ mochte nichts, als ihn anſehen. „Ham, mein armer guter Junge! Um des Him⸗ mels willen ſprich, was iſt vorgefallen?“ „Meine Liebe— Musje Davchen— der Stolz und die Hoffnung meines Herzens,— ſie, für die ich ge⸗ ſtorben ſein würde, und jetzt noch ſterben thäte— ſie iſt fort!“ „Fort?“ „Emilchen iſt davongegangen! O Musje Davchen, 154 David Kopperfield. denken Sie ſich, wie ſie davongegangen iſt, wenn ich meinen guten und gnädigen Gott bitte, ſie(die mir ſo über Alles theuer iſt) eher ſterben, als in Unter⸗ gang und Schande fallen zu laſſen!“ Das Antlitz, welches er zu dem wolkendurchwogten Himmel wendete, das Zittern ſeiner zuſammengekrampf⸗ ten Hände, die Seelenangſt, welche ſeine ganze Geſtalt verrieth, verblieben bis dieſe Stunde, in Verbindung mit jener einſamen Küſtenfläche, in meinem Gedächtniſſe. Es iſt allezeit Nacht dort, und er iſt der einzige Ge⸗ genſtand auf dem Schauplatze. „Sie ſind ein Gelehrter,“ ſagte er plötzlich,„und wiſſen, was das Rechte und Beſte iſt. Was ſoll ich drinnen ſagen? Wie ſoll ich es ihm je eröffnen, Musje Davchen?“ Ich ſah, wie die Thuͤr ging, und verſuchte inſtinct⸗ artig, die Klinke von außen feſtzuhalten, um einen Au⸗ genblick Aufſchub zu gewinnen. Es war zu ſpät. Mr. Peggotty ſteckte ſeinen Kopf heraus, und nie, und möcht' ich fünfhundert Jahre leben, könnte ich die Veränderung vergeſſen, welche daſſelbe überzog, als er unſerer an⸗ ſichtig wurde. Ich erinnere mich eines lauten entſetzlichen Klage⸗ ſchreis; die Frauen hingen ſich an ihn, wir Alle ſtan⸗ den in der Stube; ich mit einem Papier in meiner Hand, welches Ham mir gegeben hatte, Mr. Peggotty mit auf⸗ geriſſener Weſte, wildverwirrtem Haar, und Geſicht und Lippen völlig weiß. Blut tröpfelte ihm über ſeine Bruſt herab(ich glaube, es war aus ſeinem Munde hervor⸗ geſprungen) und mit ſtarrem Blicke ſah er mich an. „Leſen Sie, Herr,“ ſagte er mit leiſer, zitternder Stimme.„Langſam, ſein Sie ſo gut. Ich weiß nicht, ob ich's verſtehen kann.“ David Kopperfield. 155 Und inmitten der herrſchenden Todtenſtille las ich aus einem zerknüllten Briefe Folgendes: „Wenn Ihr, die Ihr mich ſo unendlich mehr liebt, als ich jemals, ſelbſt als mein Herz noch unſchuldig war, verdiente, dieſe Zeilen ſeht, werde ich weit weg ſein.“ „Werde ich weit weg ſein,“ wiederholte er lang⸗ ſam.„Halt! Emilchen weit weg. Nun weiter.“ „Wenn ich meine theure Heimat— meine theure Heimat,— oh meine liebe theure Heimat! am Mor⸗ gen verlaſſe“— der Brief trug das Datum der vergangenen Nacht: „— ſo geſchieht das, um nie wieder zu kommen, es wäre denn, daß er mich als ſeine Gemahlin zurück⸗ brächte. Dieſer Brief wird manche Stunde nachher des Abends ſtatt meiner gefunden werden. Oh, wenn Ihr wüßtet, wie mein Herz zerriſſen iſt! Wenn ſelbſt Du, dem ich ſo großes Unrecht gethan habe, und der mir nimmer vergeben kann, nur wiſſen könnteſt, was ich leide! Ich bin zu verworfen, um von mir ſelbſt zu ſchreiben. Oh, laß Dir den Gedanken ein Troſt ſein, daß ich ſo ſchlecht bin. Oh, um der Barmherzigkeit Gottes wil⸗ len, ſage Onkel, daß ich ihn nie halb ſo ſehr liebte, als jetzt. Oh, vergeßt, wie lieb und gut Ihr Alle ſtets gegen mich geweſen ſeid— vergiß, daß wir jemals uns heirathen ſollten— verſuche, zu denken, ich wäre klein geſtorben und irgendwo begraben. Danke dem Him⸗ mel, daß ich weit weg gehe, habe Mitleid mit Onkel! Sag' ihm, daß ich ihn nie auch nur halb ſo lieb ge⸗ habt habe. Sei ſein Troſt. Liebe irgend ein anderes gutes Mädchen, welche das ſein wird, was ich einſt dem Onkel geweſen bin, welche Dir treu und Deiner werth iſt und Dir keine Schande macht wie ich. Gott ſegne Euch Alle! Ich will für Alle oft auf meinen Knieen 156 David Kopperfield. bitten. Wenn er mich nicht als ſeine Gemahlin zurück⸗ bringt und ich nicht für meine eigne Seele bete, will ich für Euch Alle beten. Meinen Scheidegruß an On⸗ kel. Meine letzten Thränen und meine letzten Dankſa⸗ gungen für Onkel!“ Das war Alles. Er ſtand da, lange, nachdem ich aufgehört hatte, zu leſen, und ſah mich noch immer an. Zuletzt wagte ich, ſeine Hand zu ergreifen und ihn, ſo gut ich ver⸗ mochte, zu bitten, er möge doch verſuchen, ſeiner ſelbſt einigermaßen mächtig zu werden. Er erwiederte:„Ich danke, Herr, ich danke!“ ohne ſich indeß zu regen. Ham ſprach zu ihm. Mr. Peggotty war ſich inſo⸗ fern des Unglücks, das ihn betroffen, bewußt, daß er ſeine Hände rang; aber in jeder andern Beziehung ver⸗ blieb er in demſelben Zuſtande, und Niemand wagte es, ihn darin zu ſtören. Langſam ließ er endlich ſeine Augen, als ob er aus einer Viſion erwachte, von meinem Geſichte abſchweifen und in der Stube herum gehen. Dann ſagte er mit dumpfer Stimme: „Wer iſt der Menſch? Ich muß ſeinen Namen wiſſen.“ Ham warf mir einen Blick zu, und plöͤtzlich gab mir's einen Stoß auf's Herz, daß ich zurückfuhr. „Ihr habt Jemand im Verdachte,“ ſagte Mr. Peg⸗ gotty.„Wer iſt's?“ „Musje Davchen!“ bat mich Ham.„Gehn Sie'n Biſſel'naus, und laſſen Sie mich ihm erzählen, was ich muß. Sie dürfen's nicht hören, junger Herr.“ Wieder fühlte ich den Stoß. Ich ſank in einen Stuhl und verſuchte eine Antwort zu ſtammeln; aber meine Zunge war gefeſſelt, und mein Geſicht ſchwand mir.“ K K David Kopperfield. 157 „Ich muß ſeinen Namen wiſſen,“ hörte ich noch⸗ mals ſagen. „Vor einiger Zeit,“ ſtotterte Ham,„da iſt ein Bedienter hier herum geweſen zu ungewöhnlicher Zeit. Auch ein vornehmer Herre. Beide gehörten zu einander.“ Mr. Peggotty ſtand immer noch an die vorige Stelle geheftet, ſah jedoch jetzt ihn an. „Den Bedienten,“ fuhr Ham fort,„haben ſie ge⸗ ſtern Abend zuſammen geſehen— mit unſerm armen Mädchen. Er hat hier herum wo verſteckt gelegen dieſe Woche oder noch länger. Man dachte, er wäre fort, aber er hatte ſich verſteckt. Bleiben Sie ja nicht hier, Musje Davchen, ach bleiben Sie ja nicht!“ Ich fühlte, wie ſich Peggotty's Arm um meinen Hals legte; aber ich hätte mich nicht bewegen können, und wäre ſelbſt das Haus im Begriffe geweſen, auf mich zu fallen. „Eine fremde Kutſche und Pferde waren vor der Stadt, dieſen Morgen, auf der Straße nach Norwich, ſchon ehe der Tag anbrach,“ fuhr Ham fort.„Der Bediente ging hin zu der Kutſche und kam von ihr und ging wieder hin. Als er wieder hinging, war Emil⸗ chen mit ihm. Der Andere war drinn. Er iſt der Menſch.“ „Um FJeſu Liebe,“ ſchrie Mr. Peggotty, indem er zurückſchrak und ſeine Hand vor ſich hinſtreckte, als wollte er etwas Furchtbares von ſich entfernt halten,„ſag' mir nicht, daß ſein Name Steerforth iſt!“ „Musje Davchen,“ rief Ham mit gebrochener Stimme, „es iſt nicht Ihre Schuld— und ich bin weit entfernt, es Ihnen zur Laſt zu legen,— aber ſein Name iſt Steerforth, und er iſt ein verdammter Schurke!“ Mr. Peggotty ſtieß keinen Schrei aus und vergoß keine Thräne und bewegte ſich nicht von der Stelle, bis 158 David Kopperfield. er endlich plötzlich wieder zu erwachen ſchien und ſeinen groben Schifferrock von ſeinem Pflocke in einem Win⸗ kel herabriß. „Legt'mal Eins Hand an! Ich bin wie vom Don⸗ ner gerührt und kann's nicht thun,“ ſagte er ungedul⸗ dig;„legt Hand an und helft mir. Na,“ fuhr er, als Jemand ſo gethan, fort,„nun gebt mir meinen Hut dort.“ Ham fragte ihn, wohin er zu gehen gedächte. „Ich will fort und meine Nichte ſuchen. Ich will fort und meine Emilchen ſuchen. Ich werde zuerſt ge⸗ hen und jenes Boot da verſenken, wo ich ihn, ſo wahr meine Seele lebt, erſäuft haben würde, wenn ich nur einen Gedanken davon gehabt hätte, was in ihm ſtäke. Wenn er vor mir ſäße,“ ſagte er grimmig, indem er ſeine geballte rechte Hand ausſtreckte,„wenn er vor mir ſäße, Geſicht zu Geſicht, wahrlich, Gottes Blitz auf mich, wenn ich ihn nicht erſäufte und es für Recht hielte! Ich will fort und meine Nichte ſuchen.“ „Wohin denn?“ ſchrie Ham, indem er ſich vor die Thür ſtellte. „Ueberall hin! Ich will fort und meine Nichte in der ganzen Welt ſuchen. Ich will fort und meine arme Nichte in ihrer Schande finden und ſie zurückbringen. Niemand halte mich auf! Ich ſage Euch, ich will fort und meine Nichte ſuchen.“ „Nein, nein!“ ſchrie Mrs. Gummidge, indem ſie ſich mit einem Anfall lauten Weinens zwiſchen ſie ſtellte. „Nein, nein, Daneel, nicht ſo, wie Du jetzt biſt. Suche ſte nach einem Weilchen, mein armer unglücklicher Da⸗ neel, und das wird nicht mehr wie Recht ſein; aber nicht in dem Zuſtande, in dem Du jetzt biſt. Setz' Dich nieder und verzeih mir, wenn ich Dir je die Ohren voll David Kopperfield. 159 lamentirt habe, Daneel,— was iſt Alles das, was mir der Quere gegangen iſt, gegen dieſes Unglück!— und laß uns ein Wort über die Zeiten reden, wo ſie zur Erſt ein Waiſenkind war, und Ham auch, und wo ich 'ne arme Wittwe war, und wo Du mich unter Dach und Fach nahmſt. Das wird Dein armes Herz leichter ma⸗ chen, Daneel,“ und ſie legte ihre Hand auf ſeine Schul⸗ ter,„und Du wirſt Deinen Kummer beſſer ertragen; denn Du kennſt die Verheißung, Daneel: Was Ihr ge⸗ than habt dieſer Geringſten einem, das habt Ihr mir gethan; und das kann nie fehlen unter dieſem Dache, welches unſer Obdach ſo viele, viele Jahre geweſen iſt!“ Er war jetzt ganz geduldig, und als ich ihn wei⸗ nen hörte, wich der Trieb, der mir gekommen war, mich auf die Knie zu werfen, und ſie um Verzeihung zu bitten für die Störung ihres Friedens, die ich her⸗ beigeführt, und Steerforth zu verfluchen, einem beſſern Gefühle. Mein übervolles Herz fand denſelben Troſt, und ich weinte ebenfalls. Ende des fünften Theils. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. ——— 5—— “ ͤöͤͤͤͤͤͤͤͤͤhZͤͤͤ 4 “