1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher:, 6 Bücher: ——-———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 4 „— r 5—„ 1„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der l. Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichter. 7. Asinance Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 1 — Ausgewählte Novellen-Bibliothek. Siebenter Band. David Kopperfield, der Jüngere. Von Charles Dickens. 4 Vierter Theil. — Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1850. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erfahrungen und Beobachtungen David Kopperſteld's des Jüngeren. Von Charles Dickens. Vierter Theil. Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1850. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erfahrungen und Beobachtungen 2 4 NG S Soh e H des Jüngeren. Vierter Theil. Neunzehntes Kapitel. Ich ſehe mich ein wenig in der Welt um und mache eine Entdeckung. Ich bin zweifelhaft, ob ich im Herzen froh oder be⸗ trübt war, als meine Schulzeit zu Ende ging und die Zeit kam, wo ich Doctor Strongs Anſtalt verlaſſen ſollte. Ich hatte dort ſehr glückliche Stunden verlebt, ich hing ſehr an dem Doctor, und ich war eine wichtige und an⸗ geſehene Perſon in dieſer kleinen Welt. Aus dieſen Ur⸗ ſachen war ich betrübt, als es an's Scheiden ging; aus andern, und zwar ziemlich unbeſtimmten Gruͤnden war ich froh. Neblige Vorſtellungen davon, daß ich nun ein junger Mann, welcher ſein eigner Herr ſei; ferner von der Wichtigkeit, die ſich an den Begriff eines jungen Mannes knüpfte, welcher ſein eigner Herr ſei; endlich von den wunderſamen Dingen, die ſolch ein erhabenes Weſen zu ſehen bekommen und vollbringen werde, und dem wunder⸗ ſamen Einfluſſe, den daſſelbe auf die menſchliche Geſell⸗ ſchaft auszuüben nicht verfehlen werde, lockten mich wie mit Geiſterſtimmen hinweg. Dieſe Betrachtungen und Bilder meiner Einbildungskraft waren in meinem knaben⸗ 1* 4 David Kopperfield. haften Gemüthe ſo mächtig, daß es mir, wenigſtens nach meiner jetzigen Anſchauungsweiſe, ſcheint, als ob ich die Schule ohne jene Betrübniß verlaſſen habe, welche ich von Natur wohl gefühlt haben würde. Dieſe Trennung hat nicht den Eindruck auf mich gemacht, welche andere Tren⸗ nungen gewöhnlich haben. Ich bemühe mich umſonſt, mir meine damaligen Gefühle und unter welchen Umſtän⸗ den ich ſchied, in's Gedächtniß zurückzurufen; es ſteht nicht mehr klar vor meiner Erinnerung. Ich glaube, daß die Ausſichten, welche ſich mir eröffneten, meinen Blick trübten. Ich weiß, daß die in meiner Jugend gemachten Erfahrungen wenig pder gar keinen Werth hatten, und daß das Leben mehr einem großen Märchen, welches ich eben zu leſen anfing, ähnelte, als irgend etwas Anderem. Meine Tante und ich hatten ſchon öfters ernſte Ver⸗ handlungen über den Beruf gepflogen, dem ich mich wid⸗ men ſollte. Seit einem Jahre oder noch länger hatte ich nach einer befriedigenden Antwort auf ihre oft wieder⸗ holte Frage, was ich am liebſten werden möchte, geſucht. Aber ich hatte zu nichts eine beſondere Hinneigung in mir entdeckt. Hätte man mir Kenntniſſe in der Schiff⸗ fahrtskunde beibringen können, hätte man mir den Befehl über eine ſchnellſegelnde Secerxpedition übertragen, ſo daß ich auf einer ruhmreichen Entdeckungsreiſe die Welt hätte umſegeln können, dann, glaube ich, würde ich mich als ganz in meinem rechten Wirkungskreiſe betrachtet haben. Da ſich jedoch ein derartiger märchenhaft abenteuerlicher Auftrag nicht fand, ſo war mein Wunſch, mich einem Berufe zu widmen, welcher nicht zu tiefe Griffe in ihren Geldbeutel nöthig machte, und meine Pflicht darin zu erfüllen, welcher Art er auch ſein möge. Mr. Dick hatte unſern Berathungen regelmäßig mit David Kopperfield. 5 einer nachdenklichen und weiſen Miene beigewohnt. Er machte nie eine Bemerkung darüber, außer ein Mal, bei welcher Gelegenheit(ich weiß nicht, wie ihm das in den Kopf kam) er plötzlich den Vorſchlag machte, ich ſolle, ein Kupferſchmied“ werden. Meine Tante nahm dieſen Vor⸗ ſchlag ſo ungnädig auf, daß er nie einen zweiten wagte, ſondern ſpäter immer ſich darauf beſchränkte, aufmerkſam zu lauſchen, was ſie vorſchlagen werde, und mit ſeinem Gelde in der Taſche zu klimpern. „Trot, ich will Dir'mal was ſagen, mein lieber Junge,“ begann meine Tante eines Morgens in der Weih⸗ nachtszeit, wo ich die Schule verlaſſen hatte,„da dieſe verwickelte Frage immer noch nicht in's Reine gebracht iſt, und da wir, ſo viel an uns liegt, durchaus keinen Mißgriff thun dürfen in unſrer ſchließlichen Entſcheidung, ſo glaube ich, daß es das Geſcheidteſte ſein würde, wenn wir mit unſern Ueberlegungen'mal ausſetzten. In der Zwiſchenzeit mußt Du verſuchen, die Sache von einem andern Geſichtspunkte aus, als von dem eines Schul⸗ knaben zu betrachten.“ „Das will ich, Tante.“ „Da iſt mir eingefallen,“ fuhr meine Tante fort, „daß eine kleine Veränderung und ein Blick in's Leben, wie es draußen iſt, Dir von Nutzen ſein könnten, indem ſte Dich anleiten, Dein eignes inneres Weſen zu erkennen und ein beſonneneres Urtheil zu fällen. Wie, wenn Du jetzt eine kleine Reiſe machteſt? Wie zum Beiſpiel, wenn Du in die Gegend des Landes gingſt, wo Du früher warſt, und jene— jenes närriſche Frauenzimmer, mit dem tollſten Namen von der Welt, beſuchteſt,“ ſagte meine Tante, indem ſie ſich ihre Naſe rieb; denn ſie konnte es Peggotty nie ganz verzeihen, daß ſie ſo hieß. * David Kopperfield. „Unter allen Dingen auf der Welt, Tante, würde ich dies am liebſten ſehen!“ „Gut,“ ſagte meine Tante,„das trifft ſich ſchön; denn ich würde es ebenfalls gern ſehen. Aber es iſt na⸗ türlich und vernünftig, daß Du's gern ſtehſt. Und ich bin vollſtändig der Ueberzeugung, daß das, was Du auch immer thun wirſt, Trot, immer natürlich und vernünftig ſein wird.“ „Das hoff ich, Tante.“ „Deine Schweſter, Betſey Trotwood,“ fuhr meine Tante fort,„würde ein ſo natürliches und vernünftiges Mädchen geweſen ſein, wie nur irgend eines auf Erden lebte. Nicht wahr, und Du willſt ihrer werth ſein?“ „Ich hoffe, daß ich mich Ihrer würdig zeigen werde, Tante. Das wird für mich genug ſein.“ „Es iſt ein wahres Glück, daß Deine Mutter, dieſes arme liebe kindiſche Weſen, es nicht erlebte,“ ſagte meine Tante mit einem Blicke, der meine Antwort gut hieß; „denn ſte würde während dieſer Zeit auf ihren Jungen ſo ſtolz geworden ſein, daß ihr kleiner ſanfter Kopf voll⸗ ſtändig verdreht worden ſein würde, wenn da noch was zu verdrehen übrig wäre.“— Meine Tante entſchuldigte ſich, wenn ſie meinethalben einmal weich wurde, alle Mal ſo, daß ſie ihre Rührung in dieſer Weiſe auf meine arme Mutter übertrug.—„Guter Gott, Trotwood, wie ſehr erinnerſt Du mich an ſie!“ „Hoffentlich zu Ihrer Freude, Tante? ſagte ich. „Er iſt ihr ſo ähnlich, Dick,“ fuhr meine Tante mit Nachdruck fort,„er iſt ihr ſo ähnlich, ſo ganz ſie, wie ſie jenen Nachmittag war, ehe ſie ſich ſo abhärmte— weiß Gott, er iſt ihr wie aus den Augen geſchnitten!“ „Ei, wirklich?“ verſetzte Mr. Dick. David Kopperfield. 7 „Und ebenſo ſehr gleicht er David,“ ſagte meine Tante mit Entſchiedenheit. „Er ſieht ganz wie David aus!“ bekräftigte Mr. Dick. „Aber was ich von Dir verlange, daß Du ſein ſollſt, Trot,“ fuhr meine Tante fort,„— ich meine nicht äußer⸗ lich, ſondern innerlich, im Gemüthe; denn äußerlich biſt Du ganz wohl auf dem Zeuge— das iſt, daß Du ein ſtarker Junge biſt. Ein tüchtiger, ſtarker Junge, der da thut, wie es ihm ſelber gut dünkt. Ein Menſch von Ent⸗ ſchloſſenheit,“ ſagte meine Tante, indem ſte mit dem Kopfe nickte, daß ihr Haubenſtreifen wackelte, und ihre Fauſt zuſammenballte.„Ein Menſch von Entſchiedenheit. Von Charakter, Trot— von Charakterſtärke, auf den niemand und nichts, es ſei denn zum Guten, einen Einfluß übt. Das iſt's, was ich von Dir haben möchte. Das iſt's, was, Gott ſei's geklagt, Dein Vater und Deine Mutter hätten haben ſollen, und es würde beſſer mit ihnen gegangen ſein.“ Ich betheuerte, daß ich die Hoffnung hege, das zu werden, was ſie beſchrieben hatte. „Damit Du nun zunächſt einigermaßen Dich auf Dich ſelbſt geſtellt zu fühlen und als Dein eigner Herr zu han⸗ deln beginnen magſt,“ ſagte meine Tante,„werd' ich Dich 'mal eine kleine Reiſe allein und nach Deinem Gefallen machen laſſen. Ich dachte erſt, daß Mr. Dick Dich beglei⸗ ten könnte, aber ich habe mir's näher überlegt, und werde ihn zu meinem Schutze lieber da behalten.“ Mr. Dick ſah einen Augenblick ein wenig unzufrieden mit dieſer Wendung der Dinge aus, bis die Ehre und Würde, die ihm damit erwieſen wurde, daß er mit dem Schutze des bewundernswertheſten Weibes in der Welt 4 8 David Kopperfield. betraut ward, den Sonnenſchein auf ſeinem Antlitze wie⸗ derherſtellte. „Außerdem,“ fuhr meine Tante fort,„iſt da die Denkſchrift—“ „Ei freilich,“ ſagte Mr. Dick haſtig,„ich beabſichtige, dies nun augenblicklich in Ordnung zu bringen, Trotwood — es muß wirklich augenblicklich abgemacht werden! Und dann wird es eingeſchickt werden, ſiehſt du— und dann—“ ſagte Mr. Dick, nachdem er die Sache eine Weile überlegt und ſchweigſam dageſeſſen hatte,„werden wir einen hübſchen Keſſel Fiſche haben.“ Im Verfolg des gutgemeinten Planes meiner Tante, wurde ich bald darauf mit einem tüchtigen Beutel Geld und einem Reiſekoffer verſehen und nach zärtlichem Ab⸗ ſchiede auf meine Expedition ausgeſandt. Beim Scheiden gab mir meine Tante verſchiedene gute Rathſchläge und eine gute Anzahl Küſſe mit auf den Weg, und ſagte, da ihre Abſtcht die ſei, daß ich mich ein Bischen umſehen und ein Bischen auf meine Zukunft denken ſollte, ſo wolle ſie mir empfehlen, je nach meinem Belieben entweder auf meinem Wege nach Suffolk oder auf meiner Rückkehr von dort ein paar Tage in London zu verweilen, Mit einem Worte, ich hatte drei Wochen oder einen Monat hindurch Freiheit zu thun, was ich wollte, und dieſe meine Freiheit war durch keine andern Bedingungen beſchränkt, als durch die zuvor erwähnte Empfehlung, an meine Zukunft zu denken und mich umzuſehen, und durch die Verpflichtung, drei Mal die Woche zu ſchreiben und getreulich über mein Leben und Befinden zu berichten. Ich ging zuerſt nach Canterbury, um Abſchied zu nehmen von Agnes und Mr. Wickfield(in deſſen Hauſe ich mein Zimmer immer noch inne hatte) und ebenſo von David Kopperfield. 9 dem guten Doctor. Agnes war ganz glücklich, mich zu ſehen, und ſagte mir, das Haus wäre gar nicht mehr das alte, ſeit ich's verlaſſen. „Wahrhaſtig, ich werde ſelbſt nicht mehr ich ſein, wenn ich weg bin,“ antwortete ich.„Mir wird's ſein, als ob ich meine rechte Hand verloren hätte, wenn ich Dich nicht mehr um mich ſehe. Obwohl das Gleichniß nicht viel beſagen will, da in meiner rechten Hand kein Kopf und kein Herz iſt. Jedermann, der Dich kennt, vertraut ſich Dir an und wird durch Dich zu ſeinem Thun und Laſſen beſtimmt, Agnes.“ „Ich glaube, Jedermann, der mich kennt, verwöhnt mich mit Schmeicheleien,“ entgegnete Agnes lächelnd. „Nein, ſondern es iſt, weil Du Deinesgleichen nicht haſt. Du biſt ſo gut und von ſo ſanftem Gemüthe. Du haſt ſo ein mildes Weſen und biſt immer auf dem rechten Wege.“ „Du ſchwatzeſt ja,“ ſagte Agnes, indem ſie, während ſte ſich an ihren Arbeitstiſch ſetzte, in ein fröhliches Lachen ausbrach,„als ob ich die ehemalige Miß Larkins wäre.“ „Ach laß das! Es iſt nicht hübſch, mein Vertrauen ſo zu mißbrauchen,“ antwortete ich, indem ich bei der Erinnerung an das blaue Weſen, das mich einſt gefeſſelt, erröthete.„Aber ich werde Dich doch immer wieder zu meiner Vertrauten machen. Ich kann davon nicht los⸗ kommen. Wenn ich ein Leiden, oder wenn ich eine Liebe haben ſollte, immer werd' ich's Dir mittheilen, wenn Du mir's erlaubſt— ſelbſt dann, wenn ich einmal dazu kom⸗ men ſollte, mich im Ernſte zu verlieben.“ „Ei der Tauſend, Du warſt's ja immer im Ernſte!“ ſagte Agnes, indem ſie wieder lachte.. „Ohl! das war als ein Kind oder als ein Schulknabe,“ 2 10 David Kopperfield. erwiederte ich, indem ich jetzt meinerſeits lachte, obwohl nicht ohne ein wenig beſchämt zu ſein.„Die Zeiten werden ſich jetzt ändern, und ich vermuthe, ich werde eines Tages fürchterlich ernſthaft und bis über die Ohren verliebt ſein. Worüber ich mich aber wundere, iſt, daß Du Dich die Zeit über nicht im Ernſte verliebt haſt, Agncs.“ Agnes lachte wieder und ſchüttelte den Kopf. „Oh, ich weiß, Du biſt's nicht!“ ſagte ich,„weil, wenn dies der Fall geweſen wäre, Du mir's erzählt haben würdeſt. Oder Du würdeſt mir's wenigſtens“— denn ich ſah, wie ihr Geſicht von einem leiſen Erröthen über⸗ zogen wurde—„oon ſelbſt haben errathen laſſen. Aber es giebt niemand meines Wiſſens, der Dich zu lieben verdiente, Agnes. Es muß Jemand von edlerem Charak⸗ ter und durchaus würdiger, als ich jemals Jemand geſehen, er⸗ ſcheinen, bevor ich meine Einwilligung ertheile. In Zu⸗ kunft werde ich ein wachſames Auge auf alle Anbeter ha⸗ ben und ganz beſonders auf den, der Gnade findet, das kann ich Dir verſichern.“ Wir hatten bisher in einer Miſchung vertraulichen Scherzes und Ernſtes geſprochen, einem Tone, der aus unſern nahen Beziehungen, die in unſrer frühen Kindheit begonnen, ſeit lange ſchon erwachſen war. Da ſagte Agnes, indem ſie plötzlich die Augen erhob und in die meinen ſchaute und aus einem andern Tone ſprach: „Trotwood, da hab' ich was auf dem Herzen, was ich Dich fragen möchte und wozu ſich vielleicht lange Zeit keine Gelegenheit wieder bietet— etwas, das ich, wie ich glaube, niemand anders fragen würde. Haſt Du nicht eine allmälig wachſende Veränderung an Papa bemerkt?“ Ich hatte das allerdings beobachtet und mich gefragt, David Kopperfield. 11 ob ſie es nicht auch fände. Ich mußte dies jetzt durch meine Miene verrathen haben; denn ihre Augen waren augenblicklich an den Boden geheftet, und ich ſah Thränen in denſelben. „Sag' mir, was es iſt,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme. „Ich glaube— aber ſoll ich ganz offen ſein, Agnes, — ich, der ich ihn ſo lieb habe?“ „Ja,“ antwortete ſie. „Ich glaube, er thut ſich kein Gut mit der Gewohn⸗ heit, in die er immer mehr verfallen iſt, ſeit der Zeit, wo ich her kam. Er iſt oft ſehr angegriffen— oder bilde ich mir das nur ſo ein?“ „Es iſt keine Einbildung,“ ſagte Agnes, den Kopf ſchüttelnd. „Seine Hand zittert, ſeine Rede iſt verworren, und ſeine Augen haben einen verſtörten Blick. Ich habe das die Zeit über oft beobachtet; und gerade dann, wenn er am wenigſten er ſelbſt iſt, iſt er am ſicherſten, zu irgend einem Geſchäfte abgerufen zu werden.“ „Durch Uriah,“ ſagte Agnes. „Ja, und das Gefühl, dann nicht recht geſchickt zur Durchführung zu ſein, oder den Auftrag nicht recht ver⸗ ſtanden zu haben, oder trotz ſeiner Bemühung ſeinen Zu⸗ ſtand verrathen zu haben, ſcheint ihn dann düſter zu ſtimmen, ſo daß er den nächſten Tag ſchlimmer und den folgenden noch ſchlimmer iſt, und ſo wird er ganz abge⸗ ſpannt und wüſt im Kopf. Sei nicht ängſtlich über das, was ich ſage, Agnes, aber in dieſem Zuſtande ſah ich ihn erſt neulich Abends einmal ſeinen Kopf auf ſein Schreibe⸗ pult legen und wie ein Kind weinen,“ Ihre Hand fuhr leiſe über meine Lippen, während ich noch redete, und den Augenblick darauf eilte ſie ihrem 12 David Kopperfield. Vater nach der Thür des Zimmers entgegen und hing an ſeiner Schulter. Der Ausdruck ihres Geſichts, als ſie beide nach mir blickten, erſchien mir äußerſt rührend. In dieſem ſchönen Auge lag eine ſo tiefinnige Liebe zu ihm, eine ſolche Dankbarkeit für alle ſeine Treue und Sorge, ſolch eine dringende Anſprache an mich, ihn zartfühlend zu behandeln, ſelbſt in meinen innerſten Gedanken, und keinem harten und ſtrengen Schluß gegen ihn Raum zu geben; ſte war auf einmal ſo ſtolz auf ihn und ſo hin⸗ gebend gegen ihn, und doch wieder ſo voll Mitleid und Beſorgniß, und zugleich ſo voll Vertrauen auf mich, daß nichts, was ſie geſagt haben könnte, mehr zu mir geſprochen oder mich mehr ergriffen haben würde, als dieſer Blick. Wir waren vom Doctor zum Thee eingeladen. Wir gingen um die gewöhnliche Stunde hin und trafen den Doctor, ſeine junge Frau und deren Mutter um den Kamin im Studirzimmer ſitzen. Der Doctor, welcher über meinen Weggang ſo viel Weſen machte, als ob ich nach China abgehen ſollte, empfing mich als einen geehrten Gaſt und rief nach einem ganzen Haufen Holz, der in's Feuer ge⸗ worfen werden ſollte, damit er bei der hellen Flamme das Geſicht ſeines ehemaligen Zöglings im rechten Lichte ſehen könnte. „Ich werde nicht viele neue Geſichter an Trotwoods Stelle mehr zu ſehen bekommen, Wickfield,“ ſagte der Doctor, indem er ſeine Hände wärmte.„Ich fange an matt zu werden und ſehne mich nach Ruhe. Noch ſechs Monate, und ich werde alle meine jungen Leutchen ver⸗ laſſen und ein ſtilleres Leben führen.“ „Sie haben während der letzten zehn Jahre immer ſo geſprochen, Doctor,“ antwortete Mr. Wickfield. „Aber jetzt gedenke ich's auszuführen,“ erwiederte der David Kopperfield. 13 Doctor.„Mein erſter Lehrer ſoll mein Nachfolger wer⸗ den— ich bin es im Ernſte müde— und ſo ſollen Sie bald unſre Contracte in Ordnung bringen und uns hübſch feſt daran binden, wie ein paar Kerle, denen nicht zu trauen iſt.“ „Und Sorge tragen,“ ſagte Mr. Wickfield,„daß Sie damit nicht angeführt werden, he?— wie dies jeden⸗ falls geſchehen würde, wenn Sie einen Contract für ſich ſelbſt zu entwerfen hätten. Gut, ich bin bereit. Es giebt in meinem Berufe ſchlimmere Arbeiten, als dieſe.“ „Ich werde dann an nichts weiter zu denken haben,“ ſagte der Doctor mit einem Lächeln,„als an mein Lexikon und jenen zweiten contractlichen Gegenſtand— Annien.“ Als Mr. Wickfield nach ihr hinblickte, die am Thee⸗ tiſche neben Agnes ſaß, ſchien ſie mir ſeinen Blick mit ſolch einer ungewohnten Scheu und Schüchternheit zu vermeiden, daß er ſeine Aufmerkſamkeit feſt auf ſie rich⸗ tete, als ob irgend etwas ſeinen Gedanken zum Errathen aufgegeben wäre. „Ich merke, es ſind Nachrichten aus Indien gekom⸗ men,“ ſagte er nach einem kurzen Schweigen. „Ja, gelegentlich! Und Briefe von Jack Maldon!“ antwortete der Doctor. „Ei gar?“ „Der arme gute Jack!“ rief Mrs. Markleham kopf⸗ ſchüttelnd aus.„Dieſes ermattende Klima!— es heißt, wie wenn man auf einem Sandhaufen unter einem Brenn⸗ glaſe lebte! Er ſah kräftig aus, war's aber nicht. Mein lieber Doctor, es war ſein Geiſt, nicht ſeine Leibesbe⸗ ſchaffenheit, womit er auf ein ſolches Wagniß ſo kühn losging. Annie, meine Beſte, Du mußt Dich wahrhaftig recht wohl erinnern, daß Dein Vetter niemals ſehr kräftig 14 David Kopperfield. war— nicht das, was man robuſt nennt, Du verſtehſt mich—“ ſagte Mrs. Markleham mit Salbung, indem ſie uns Alle anblickte,—„von der Zeit an ſchon, wo meine Tochter und er beide noch Kinder waren und den lie⸗ ben langen Tag Arm in Arm herumgingen.“ Annie gab auf dieſe Worte, die an ſie gerichtet wa⸗ ren, keine Antwort. „Rathe ich aus dem, was Sie ſagen, Madam, richtig, wenn ich vermuthe, daß Mr. Maldon krank iſt?“ fragte Mr. Wickfield. „Krank!“ entgegnete der Alte Soldat.„Mein lieber Herr, er iſt alles Mögliche.“ „Nur nicht wohl?“ ſagte Mr. Wickfield. „Nur nicht wohl, ganz recht!“ erwiederte der Alte Soldat.„Er hat furchtbar von dem Sonnenſtiche, von Sumpf⸗ und Wechſelfiebern und allen erdenklichen Din⸗ gen zu leiden. Was ſeine Leber betrifft,“ ſagte der Alte Soldat mit ergebner Miene,„ſo gab er die natürlich gleich, als er wegging, vollſtändig auf.“ „Sagt er dieß Alles?“ fragte Mr. Wickfield. „Sagen?“ Mein lieber Herr,“ entgegnete Mrs. Markleham, indem ſie Kopf und Fächer ſchüttelte,„da kennen Sie meinen armen Jack Maldon wenig, wenn Sie darnach fragen. Sagen? Er ſicherlich nicht. Eher könnte man ihn von vier wilden Pferden zerreißen laſſen.“ „Mama!“ rief Mrs. Strong. „Annie, meine Beſte,“ entgegnete ihre Mutter,„ein für alle Mal,— ich muß Dich wirklich erſuchen, mich nicht zu unterbrechen, es wäre denn, um meine Rede zu beſtätigen. Du weißt ebenſo gut, als ich, daß Dein Vet⸗ ter ſich lieber von jeder beliebigen Anzahl wilder Pferde zerreißen laſſen würde— warum ſollte ich mich auf vier David Kopperfield. 15 beſchränken,— von acht alſo, von ſechszehn, von zwei⸗ unddreißig, ehe er etwas ſagte, was darauf berechnet wäre, des Doctors Pläne umzuſtoßen.“ „Wickfields Pläne,“ ſagte der Doctor, indem er ſich über's Geſicht ſtrich und reumüthig auf ſeinen Rathgeber blickte.„Das heißt, unſre beiderſeitigen Pläne mit ihm. Ich meinestheils ſagte: auswärts oder zu Hauſe.“ „Und ich ſagte,“ fügte Mr. Wickfield mit Nachdruck hinzu:„auswärts. Ich war der Meinung, er müſſe weg⸗ geſendet werden. Die Verantwortlichkeit liegt auf mir.“ „Oh! Verantwortlichkeit!“ rief der Alte Soldat. „Alles war auf's Beſte geordnet, mein lieber Herr Wick⸗ field; Alles, das wiſſen wir, auf das Freundſchaftlichſte und Beſte geordnet. Aber wenn der liebe Junge dort nicht leben kann, ſo kann er dort nicht leben. Und wenn er dort nicht leben kann, ſo wird er eher dort ſterben, als des Doctors Pläne vereiteln. Ich kenne ihn darin,“ ſagte der Alte Soldat in einer Art ſtummen propheti⸗ ſchen Ringens und Kämpfens mit düſteren Bildern der Zukunft;„und ich weiß, daß er eher ſterben, als die Pläne des Doctors umſtoßen wird.“ „Schon gut, ſchon gut, Madam,“ ſagte der Doctor luſtig,„ich bin nicht ſo erſtürzt auf meine Pläne und ich kann ſie ſelbſt umſtoßen. Ich kann ſtatt ihrer andere Pläne faſſen. Wenn Mr. Jack Maldon in Folge ſeines übeln Geſundheitszuſtandes zurückkommt, ſo dürfen wir ihm nicht erlauben, wieder hinzugehen, ſondern müſſen uns bemühen, in paſſender und glücklicherer Weiſe in die⸗ ſem Lande Fürſorge für ihn zu treffen.“ Mrs. Markleham war ſo überraſcht von dieſer groß⸗ müthigen Aeußerung— welche ſie, wie ich nicht erſt zu ſagen brauche, durchaus nicht erwartet, noch darauf hin⸗ 16 3 David Kopperfield. geſteuert hatte— daß ſie nur zu ſagen vermochte, das ſähe dem Doctor ganz ähnlich, und daß ſie außerdem nichts thun, als jene Operation durchmachen konnte, wo ſie ihren Fächer küßte und dann ſeine Hand damit an⸗ tippte. Hierauf machte ſie ihrer Tochter Annie ſanfte Vorwürfe, daß ſie nicht mehr Freude zeige, wenn es ihret⸗ wegen ſolche Freundlichkeiten auf ihren alten Spielkame⸗ raden regne, und unterhielt uns mit verſchiedenen Ein⸗ zelnheiten in Betreff anderer bedürftiger Familienglieder, von denen es wünſchenswerth ſei, daß für ſie gebühren⸗ der Maßen geſorgt werde. Dieſe ganze Zeit über ſprach ihre Tochter Annie nicht ein einziges Mal, noch erhob ſie die Augen vom Boden. Und dieſe ganze Zeit über ruhte Mr. Wickfields Blick auf ihr, der an der Seite ſeiner eignen Tochter ſaß. Mir ſchien's, als ob er nie daran dächte, daß er von irgend Jemand beobachtet werde, ſondern ſeine Au⸗ gen mit ſolcher Selbſtuergeſſenheit auf ſie und ſeine mit ihrer Perſon verknüpften Gedanken richtete, daß er für gar nichts anderes vorhanden war. Er fragte nun, was Mr. Jack Maldon denn eigentlich in Bezug auf ſich ſelbſt, und an wen er es geſchrieben habe. „Ei hier,“ ſagte Mrs. Markleham, indem ſie vom Kaminſimſe über'm Kopfe des Doctors einen Brief nahm, „der liebe Junge ſagt zum Doctor ſelbſt— ei, wo iſt's nur gleich?— Oh—„ich bedaure, Sie benachrichtigen zu müſſen, daß meine Geſundheit ernſtlich leidet, und daß ich fürchte, mich noch in die Nothwendigkeit verſetzt zu ſehen, auf einige Zeit zurückzukehren, die einzige Art, auf die ich Herſtellung hoffen darf.“— Das iſt ziemlich deutlich, der arme Burſche! Seine einzige Hoffnung auf Herſtel⸗ David Kopperfield. 17 tung! Aber Annie's Brief iſt noch deutlicher. Annie, zeig mir den Brief noch einmal.“ „Jetzt nicht, Mama,“ bat Annie in leiſem Tone. „Meine Gute, Du biſt aber doch in manchen Dingen eines der allerlächerlichſten Frauenzimmer in der Welt,“ entgegnete ihre Mutter,„und vielleicht die unnatürlichſte, wenn es ſich um die Anſprüche Deiner eigenen Familie handelt. Ich glaube, wir hätten kein Sterbenswörtchen gehört von dem Briefe, wenn ich nicht darnach gefragt hätte. Nennſt Du das die Offenheit, die Du dem Doctor Strong ſchuldig biſt, meine Liebe? Ich bin verwundert über Dich. Du ſollteſt Deine Pflichten beſſer kennen.“ Der Brief wurde zögernd hervorgebracht, und als ich ihn der alten Dame einhändigte, ſah ich, wie die zau⸗ dernde Hand, aus der ich ihn nahm, zitterte. „Nun laß uns mal ſehen,“ ſagte Mrs. Markleham, indem ſie ihr Glas an ihr Auge brachte,„wo die Stelle iſt.—„Das Andenken an die vergangenen Stunden, meine theuerſte Annie“— und ſo weiter— hier iſt's nicht.—„Der liebenswürdige alte Curator“— wer ſoll das ſein?— Mein Schöpfer, wie unleſerlich aber auch Dein Vetter ſchreibt, Annie, und wie dumm ich ſel⸗ ber bin!„Doctor“ ſoll's natürlich heißen. Oh ja, der iſt in der That liebenswürdig!“ Hier hielt ſie inne mit Le⸗ ſen, um ihren Fächer abermals zu küſſen und gegen den Doctor zu ſchwenken, welcher uns in einer mildruhigen, ſeelenvergnügten Stimmung anſchaute.„Na, jetzt end⸗ lich hab' ich's gefunden.„Du wirſt Dich nicht darüber wundern, Annie, wenn Du hörſt“— nein wahrhaftig nicht, da ſte weiß, daß er niemals kräftigen Körpers war; na iſt das nicht ganz, was ich eben jetzt erſt ſagte?— „wie ich an dieſem entfernten Platze hier ſoviel ausge⸗ David Kopperfield. IV. 2 18 David Kopperfield. ſtanden habe, daß ich zu dem Entſchluſſe gelangt bin, ihn, komme, was da wolle, zu verlaſſen, mit Urlaub wegen Krankheit, wenn ich kann, oder mit völliger Verzichtlei⸗ ſtung, wofern ſich das nicht durchſetzen läßt. Was ich ge⸗ litten habe und noch leide, iſt nicht zu ertragen.“— Und wäre nicht der willige Gehorſam dieſes beſten aller Jun⸗ gen ſo wohlthuend,“ ſagte Mrs. Markleham, indem ſie dem Doctor wie vorher ihre Gefühle zutelegraphirte und den Brief wieder zuſammenfaltete,„ſo würde auch ich den Gedanken an ſein Leiden nicht zu ertragen im Stande ſein.“ Mr. Wickfield ſagte kein Wort, obſchon die alte Dame ihn anſah, als ob ſie von ihm einen Commentar zu dieſer Nachricht erwartete; ſondern ſaß ernſt und ſchweigſam da und heftete die Augen auf den Boden. Lange noch, nachdem dieſer Gegenſtand aufgegeben war, und andere Themata uns beſchäftigten, verblieb er ſo, indem er ſelten und nur zu dem Zwecke ſeine Augen zu einem Blicke er⸗ hob, um ſie gedankenvoll auf den Doctor oder ſeine Gat⸗ tin oder beide zu heften. Der Doctor war ein großer Freund von Muſik. Agnes ſang mit großem Zartgefühl und viel Ausdruck, ebenſo Mrs. Strong. Sie ſangen zuſammen und ſpielten Duetts zuſammen, und wir hatten ein vollſtändiges kleines Con⸗ cert. Indeß beobachtete ich zwei Dinge: erſtens daß, ob⸗ wohl ſie bald ihre Faſſung wieder erlangte und ganz die Alte war, dennoch eine Scheidewand zwiſchen ihr und Mr. Wickfield war, welche beide vollſtändig von einander getrennt hielt; und zweitens, daß Mr. Wickfield an dem freundſchaftlichen Verhältniß zwiſchen ihr und Agnes kei⸗ nen Gefallen zu finden und daſſelbe mit Unruhe zu beob⸗ achten ſchien. Und jetzt, muß ich bekennen, begann mir David Kopperfield.— 19 die Erinnerung an das, was ich in jener Nacht, wo Mr. Maldon abreiſte, geſehen, zum erſten Male in einem Lichte wiederzuerſchienen, in welchem ich ſie nie angeſehen, und ich fühlte mich unruhig. Die unſchuldige Schönheit ihres Geſichts war mir nicht mehr ſo unſchuldig, als ſte geweſen war, ich ſetzte Mißtrauen in die natürliche Anmuth und Liebenswürdigkeit ihres Benehmens, und als ich auf Agnes an ihrer Seite blickte und daran dachte, wie gut und treu Agnes ſei, ſo erhob ſich in mir der Verdacht, daß es eine übel gewählte Freundſchaft ſei. Sie war indeß ſo glücklich in dieſer Freundſchaft, und die Andere war ebenfalls ſo glücklich, daß uns in ihrer Geſellſchaft der Abend dabinſchwand, als ob er nur eine Stunde wäre. Er ſchloß übrigens mit einem Vorfall, deſſen ich mich recht wohl erinnere. Sie nahmen Abſchied von einander, und Agnes wollte ſie umarmen und küſſen, als Mr. Wickfield wie zufällig dazwiſchen trat und Agnes ſchnell wegführte. Und dann ſah ich, wie wenn all die da⸗ zwiſchen liegende Zeit weggezaubert ſei, und ich noch in jener Nacht des Abſchieds am Thorwege ſtünde, auf Mrs. Strongs Geſicht, als ſie ihm gegenüberſtand, den Aus⸗ druck, den es in jener Nacht trug. Ich kann nicht ſagen, was dies für eine Wirkung auf mich ausübte, oder warum ich's, wenn ich ſpäter an ſie dachte, unmöglich fand, ſie mir ohne dieſen Blick vorzu⸗ ſtellen und mich ihres Geſichtes in ſeiner unſchuldigen Liebenswürdigkeit zu erinnern. Dieſer Blick ſuchte mich, als ich nach Hauſe kam, wie ein Geſpenſt heim. Ich ſchien des Doctors Haus mit einer dunkeln darüber lauernden Wolke verlaſſen zu haben. Die Ehrfurcht, die ich vor ſeinem grauen Haupte fühlte, war mit Bedauern über ſein treuherziges Zutrauen auf die, welche ihn verriethen 20 David Kopperfield. und betrogen, und mit Ingrimm gegen die gemiſcht, welche ihn beleidigten. Der drohende Schatten eines großen Unheils und einer großen Schande, welcher noch keine beſtimmte Geſtalt hatte, fiel wie ein Schmutzfleck auf den ſtillen Ort, wo ich als Knabe gearbeitet und ge⸗ ſpielt, und that ihm tiefes Weh an. Ich hatte keine Freude mehr bei dem Gedanken an die ernſten alten breit⸗ blättrigen Aloepflanzen, welche ein Jahrhundert in ſich ſelbſt verſchloſſen geblieben, oder an dem wohl verſchnit⸗ tenen, glatten Grasplatz, oder an den ſteinernen Urnen und des Doctors Spaziergang und dem dieſem Allen ſo entſprechenden Ton der Kathedralglocke, der über dem Ganzen ſchwebte. Es war, als ob das ſtille Heiligthum meiner Knabenzeit vor meinen Augen ausgeraubt und ſein Frieden und ſeine Ehre in die Winde zerſtreut wor⸗ den wären. Aber der Morgen kam und mit ihm mein Abſchied von dem alten Hauſe, das Agnes mit ihrem Einfluſſe an⸗ gefüllt hatte, und dies beſchäftigte mein Gemüth hinrei⸗ chend, um noch an Anderes denken zu können. Ich würde wieder hierher kommen, das war mir gewiß; würde wie⸗ der ſchlafen— und vielleicht oft ſchlafen— in meinem alten Zimmer; aber die Tage, wo ich als Bewohner dort lebte, waren dahin, und die alte Zeit war vorüber. Als ich diejenigen von meinen Büchern und Kleidern zuſam⸗ menpackte, welche noch dablieben, um nach Dover geſchickt zu werden, war mir ſchwerer um's Herz, als ich Uriah Heep ſehen zu laſſen für gut hielt, welcher letztere ſo ge⸗ ſchäftig und bereit mir zu helfen war, daß ich ihn liebloſer Weiſe für außerordentlich froh hielt, daß ich ging. Ich nahm von Agnes und ihrem Vater Abſchied, in⸗ dem ich, um recht männlich zu erſcheinen, mich ziemlich David Kopperfield. 21 gleichgültig ſtellte, und beſtellte einen Sitz im Kabriolet der Poſtkutſche nach London. Ich war in ſo ſanfter und zum Vergeben geneigter Stimmung, während ich durch die Stadt ging, daß ich beinahe Luſt hatte, meinem alten Feinde, dem Fleiſcher, zuzunicken und ihm fünf Schillinge hinzuwerfen, um meine Geſundheit zu trinken. Aber er ſah, als er im Laden an dem großen Hackeklotze ſtand und ihn abkratzte, als ein ſo verſtockter Fleiſcher aus, und überdem hatte ſeine Erſcheinung durch den Verluſt eines Vorderzahnes, den ich ihm ausgeſchlagen, ſo wenig an Schönheit gewonnen, daß ich's für das Beſte hielt, mich ihm nicht zu nähern. Der hauptſächlichſte Gegenſtand, mit dem ſich meine Seele, als wir auf der Straße luſtig vorwärts fuhren, beſchäftigte, war, wie ich mich entſinne, der, daß ich dem Kutſcher ſo alt als nur möglich erſcheinen möchte, wes⸗ halb ich mit unmäßig grober Baßſtimme zu reden mich beſtrebte. Den letzteren Punkt erreichte ich nur mit gro⸗ ßer Unbequemlichkeit für mich ſelbſt, aber ich blieb dabei, weil ich wußte, daß es ſich für erwachſene Leute gehörte. „Gehn Sie n ganzen Weg mit, junger Herre?“ fragte der Kutſcher. „Ja William,“ ſagte ich herablaſſend(ich kannte ihn nämlich).„ich bin im Begriffe, nach London zu reiſen. Später gedenke ich nach Suffolk hinunter zu gehen.“ „Auf die Jagd, junger Herre?“ fragte der Kutſcher. Ich wußte ebenſo gut, wie er, daß dies zu der Zeit des Jahres ebenſo wahrſcheinlich war, als daß ich dorthin auf den Wallfiſchfang hätte gehen wollen; indeß ich fühlte mich doch auch geſchmeichelt. „Ich weiß nicht,“ ſagte ich, indem ich mich ſtellte, 22 David Kopperfield. als ſei ich darüber mit mir noch nicht im Reinen,„ob mir was vor den Schuß kommen wird oder nicht.“ „Es heißt die Vögel wären recht ſcheu geworden,“ meinte William. „Das hörte ich auch,“ antwortete ich. „Sind Sie in Suffolk daheim, junger Herre,“ fragte William. „Ja,“ ſagte ich mit wichtiger Miene.„Suffolk iſt meine Heimat.“ „Da hat man mir erzählt, die Klößer wären unge⸗ heuer ſchöne dort,“ verſetzte der Kutſcher. Ich wußte das meinestheils nicht aus Erfahrung; aber ich hielt es für nothwendig, die Inſtitutionen der Grafſchaft, die mich geboren, in Ehren zu erhalten und meine genaue Bekanntſchaft mit denſelben darzuthun; und ſo nickte ich mit meinem Haupte, als wollte ich da⸗ mit ſagen:„Ei das wollt' ich meinen!“ „Und was für Klepper,“ fuhr William fort.„Das iſt ein Vieh dort! Ein Suffolker Klepper iſt, wenn's ein guter iſt, nicht zu theuer bezahlt, wenn man ihn mit Gold aufwiegen thut. Haben Sie jemals Suffolker Klepper aufgefüttert, junger Herre?“ „N— nein,“ ſagte ich,„das nicht gerade.“ „Hier iſt ein Herr hinter mich,“ ſagte William,„da will ich wetten, daß der ihrer die ſchwere Menge gezogen hat.“ Der Herr, von dem er ſprach, war ein Herr mit ei⸗ nem ſehr wenig Gutes verſprechenden ſchieligen Auge und einem vorſtehenden Kinn, welcher einen hochgipflichen weißen Hut mit einer ſchmalen flachen Krempe aufhatte, und deſſen engliegende lichtbraune Tuchbeinkleider ſeine Beine von den Stiefeln bis zu den Hüften eingeknüpft zu David Kopperfield. 23 halten ſchienen. Sein Kinn ragte über die Schulter des Kutſchers und rückte mir ſo auf den Hals, daß ſein Athem mir wahrlich an dem hintern Theile des Kopfes fühlbar wurde; und als ich mich umſah, blinzelte er den Kutſcher mit dem Auge, mit welchem er nicht ſchielte, in einer ſehr pfiffigen Weiſe an. „Na, haben Sie das nicht?“ ſagte William. „Was nicht?“ fragte der Herr hinten. „Suffolker Klepper aufgezogen die ſchwere Menge?“ „Nu, das ſollt' ich meinen,“ ſagte der Herr.„Es giebt keine Sorte Pferde nicht, von die ich nicht welche auf⸗ gezogen hätte, und ebenſo keine Sorte Hunde nicht. Pferde und Hunde ſind manchen Leuten ihr Steckenpferd. Sie ſind Eſſen und Trinken für mich— Haus, Frau und Kinder— Leſen, Schreiben, Rechnen— Schnupf⸗ und Rauchtobak und Schlaf, alles miteinander.“ „Das iſt kein Mann der Art, daß man ihn hinter'm Kabriolet ſitzen ſehen ſollte, nicht wahr nicht?“ ſagte mir William in's Ohr, während er die Zügel anzog. Ich betrachtete dieſe Bemerkung als die Andeutung des Wunſches, daß er meinen Platz bekommen möchte, und ſo bot ich ihm erröthend an, ich wolle meinem Rechte darauf entſagen. „Gut, wenn Sie's egal iſt, junger Herre,“ ſagte William,„ich denke,'s würde ſich ſo beſſer paſſen.“ Ich habe dies immer als die erſte Dummheit betrach⸗ tet, die ich in meinem Leben begangen. Als ich in der Poſtexpedition mich auf meinen Platz hatte eintragen laſ⸗ ſen, war ich auf einen Sitz im Kabriolet eingeſchrieben worden und hatte dem Buchführer eine halbe Krone ge⸗ geben. Ich hatte meinen ganz vorzüglich ſchönen Ueber⸗ rock und Shawl angethan, eigens deshalb, um dieſem vor⸗ 24 David Kopperfield. nehmen Platze die gehörige Ehre zu erweiſen; hatte mich mit demſelben nicht wenig gebrüſtet und war von dem Gefühle durchdrungen geweſen, daß ich eine Zierde der Kutſche ſei. Und nun wurde ich hier, auf der erſten Station ſchon, von einem ſchäbigen Menſchen mit einem ſchieligen Auge verdrängt, der keinen andern Vorzug hatte, als daß er wie ein Miethſtall duftete und im Stande war, mehr wie eine Fliege, als wie ein menſchliches We⸗ ſen vor mir hin⸗ und herzulaufen, während die Pferde im Galopp rannten. Ein gewiſſes Mißtrauen auf mich ſelbſt, welches mich im Leben oft bei geringfügigen Gelegenheiten überkom⸗ men hat, wo es beſſer fern geblieben wäre, wurde durch dieſes kleine Ereigniß außen auf der Poſtkutſche von Can⸗ terbury ſicherlich nicht in ſeinem Wachsthume aufgehal⸗ ten. Es war jetzt nichts nütze, daß ich meine Zuflucht zur Baßſtimme nahm. Ich ſprach den übrigen Theil der Reiſe vom Grunde meines Magens herauf, aber dennoch fühlte ich mich als völliges Nichts und entſetzlich jung. Trotzdem war es ſpaßhaft und intereſſant, mit mei⸗ ner guten Erziehung, meiner guten Kleidung und mit Geld die Menge in meinen Taſchen, da oben, hinter vier Pferden zu ſitzen und mich nach den Orten umzuſehen, wo ich während meiner einſtigen mühſeligen Reiſe ge⸗ ſchlafen. Ich hatte Beſchäftigung für meine Gedanken im Ueberfluß bei jedem Meilenſteine, der ſich mir an der Straße zeigte. Wenn ich auf die Landſtreicher hinab⸗ blickte, an denen wir vorbeifuhren, und jene mir recht wohl erinnerlichen Galgengeſichter nach mir emporge⸗ richtet ſah, war mir's zu Muthe, als ob mich die rußge⸗ ſchwärzte Hand des Keſſelflickers wieder am Buſenſtreif meines Hemdes hielte. Als wir durch die engen Straßen David Kopperfield. 25 Chathams raſſelten und ich im Vorbeifahren einen Blick auf das Gäßchen warf, wo das alte Ungeheuer lebte, das meine Jacke gekauft hatte, ſtreckte ich meinen Hals be⸗ gierig aus, um mich nach dem Platze umzuſehen, wo ich im Sonnenſcheine und Schatten geſeſſen und auf mein Geld gewartet hatte. Als wir endlich in das Bereich der letzten Station vor London gelangten und hart an Salem Houſe vorüberfuhren, wo Mr. Creakle mit ſeiner ſchwe⸗ ren Hand um ſich herumgefuchtelt hatte, wahrlich, da hätte ich Alles, was ich hatte, für die geſetzliche Erlaubniß hingegeben, abzuſteigen und ihn durchzudreſchen und alle die Knaben, wie ebenſo viele eingeſperrte Sper⸗ linge, herauszulaſſen. Wir gingen nach dem Goldenen Kreuze im Viertel von Charing Croß, damals ein altes halb verfallenes Gaſthaus in einer engen Gaſſe. Ein Aufwärter wies mich in das Kaffeezimmer, und ein Stubenmädchen machte mich mit meinem kleinen Schlafzimmerchen bekannt, welches wie eine Miethkutſche roch und ſo dumpf und düſter wie ein Erbbegräbniß war. Ich wurde zu meinem Leidweſen noch im⸗ mer an meine Jugend erinnert; denn Niemand zeigte irgendwie Reſpekt vor mir; die Stubenmagd kümmerte ſich nicht im Geringſten um meine Anſichten über irgend einen Gegenſtand, und der Aufwärter that ſehr vertraut mit mir und bot meiner Unerfahrenheit ſeinen Rath an. „Nun denn,“ ſagte dieſer Kellner im Tone eines guten Freundes,„was würden Sie gerne ſchnabliren? Junge Herrens eſſen gewöhnliche gern Geflügel; nehmen Sie daher ein Huhn.“ Ich ſagte ihm, ſo majeſtätiſch, als ich konnte, daß ich nicht in der Laune wäre, Huhn zu eſſen. „So, alſo nicht!“ entgegnete der Kellner.„Junge 26 David Kopperfield. Herrens haben Rind⸗ und Hammelfleiſch gewöhnlich ſatt; nehmen Sie daher ein Kalbscotelet.“ Auf dieſen Vorſchlag ging ich ein, indem ich mich auf nichts Anderes zu beſinnen vermochte. „Machen Sie ſich was draus, ob Kartoffeln dabei ſind,“ ſagte der Kellner mit einſchmeichelndem Lächeln und den Kopf auf eine Seite hängend,„junge Herrens ſind gewöhnlich überfüttert mit Kartoffeln.“ Ich befahl ihm im tiefſten Tone, den meine Stimme hergab, mir ein Kalbscotelet mit Kartoffeln und allem Zubehör zu beſtellen und am Schenktiſche nachzufragen, ob etwa Briefe für Trotwood Kopperfield Wohlgeboren da wären— wobei ich wußte, daß keine da waren und keine da ſein konnten, es jedoch für paſſend hielt, mich zu ſtellen, als ob ich dergleichen erwarte. Er kam bald zurück, um mir zu ſagen, daß keine da wären(worüber ich ſehr verwundert war), und begann dann für mich in einer Zimmerabtheilung nahe beim Feuer den Tiſch zu decken. Während er damit beſchäftigt war, fragte er mich, was ich dazu haben möchte, und als ich antwortete„eine halbe Pinte Neres,“ hielt er es, fürcht' ich, für eine günſtige Gelegenheit dieſes Maß aus den Neigen in mehreren kleinen Flaſchen zuſammenzu⸗ brauen. Ich bin dieſer Meinung, weil ich ihn, als ich die Zeitung las, hinter einem niedrigen hölzernen Ver⸗ ſchlage, welcher ſein perſönliches Gemach ausmachte, be⸗ obachtete, wie er ſehr geſchäftig, gleich einem Chemiker und Apotheker, der ein Recept macht, aus einer Anzahl jener Gefäße in eines goß. Außerdem kam mir der Wein, als er endlich erſchien, matt vor, und enthielt ſicherlich mehr gute engliſche Brodbröckelchen in ſich, als man von einem ausländiſchen Weine in reinem Zuſtande zu erwar⸗ David Kopperfield. 27 ten berechtigt war; indeß war ich blöde genug, zu trin⸗ ken und nichts zu ſagen. Hierauf in vergnüglicher Laune(woraus ich die Ver⸗ muthung ziehe, daß der Vergiftungsproceß in verſchiede⸗ nen Stadien nicht ſo ganz unangenehm iſt), entſchloß ich mich, in's Schauſpiel zu gehen. Es war Covent Garden Theater, das ich wählte, und dort ſah ich vom Hinter⸗ grunde einer Loge im Centrum„Julius Cäſar“ und die neue Pantomime. Alle dieſe edeln Römer lebendig vor Augen zu haben, wie ſie auf- und abtraten, um mich zu unterhalten, anſtatt die ſtrengen Lehrer mit Aufgaben zu ſein, welche ſie in der Schule geweſen, war ein Anblick von einer ganz neuen und ſehr angenehmen Wirkung. Aber die Miſchung von Wirklichkeit und Magie in dem ganzen Schauſpiele, der Einfluß, welchen die Dichtung, die Lichter, die Muſik, die Umgebung, die ohne Stocken vor ſich gehenden, Staunen erregenden Wechſel funkelnder und glänzender Scenen hervorriefen— Alles dies war ſo bewundernswürdig und eröffnete mir ſolche unbegränzte Regionen von Vergnügen, daß ich, um zwölf Uhr des Nachts in die regnige Straße hinaustretend, mir vor⸗ kam, als ob ich aus den Wolken, wo ich Menſchenalter hindurch ein romanhaftes Leben geführt, in eine erbärm⸗ liche Welt voll Geblök und Geſchrei, ſpritzende Pfützen, Pechfackellicht, Negenſchirmgewoge, Miethkutſchengedränge, Geklapper von Ueberſchuhen und Koth herabgefallen ſei. Ich war aus giner andern Thür herausgekommen und ſtand ein Weilchen in der Straße, als ob ich wirklich ein Fremder auf Erden wäre, aber die unceremoniöſen Stöße und Püffe, die ich erhielt, gaben mir bald meine Beſin⸗ nung zurück und brachten mich auf den Rückweg in meinen Gaſthof, wohin ich ging, indem ich den ganzen Weg über 28 David Kopperfield. mit dem Nachgenuſſe des glänzenden Schauſpiels zu thun hatte, und wo ich, nachdem ich einiges Porter und Auſtern genoſſen, um ein Uhr, die Augen auf das Feuer des Kaffee⸗ zimmers gerichtet, noch immer darüber nachſann. Ich war ſo erfüllt von dem Schauſpiel und der Ver⸗ gangenheit;— denn es glich gewiſſermaßen einem leuch⸗ tenden Transparent, durch welches ich mein einſtiges Leben langſam an mir vorüberziehen ſah— daß ich nicht weiß, wenn ich ſo weit in der Wirklichkeit zu unterſcheiden vermochte, daß ich die Geſtalt eines hübſchen, wohlgebil⸗ deten jungen Mannes im Zimmer gewahr wurde, der mit einer geſchmackvollen Nachläſſigkeit, deren ich mich aus Gründen recht wohl entſinne, gekleidet war. Aber ich erinnere mich, mir ſeiner Geſellſchaft bewußt worden zu ſein, ohne ſeinen Eintritt bemerkt zu haben, und immer noch eine Zeit lang nachdenklich vor dem Feuer im Kaffee⸗ zimmer geſeſſen zu haben. Endlich erhob ich mich, um— ſehr zur Freude des ſchlaftrunkenen Aufwärters, welcher that, als ob er Hum⸗ meln in den Beinen hätte, indem er ſie bald verſchränkte, bald ſie ausſtreckte, und ſie in ſeinem kleinen Behältniß alle Arten von Verrenkungen durchmachen ließ— zu Bett zu gehen. Als ich nach der Thüre ging, ſchritt ich an der Perſon vorüber, welche hereingekommen war, und ſah ſite deutlich. Ich wandte mich ſogleich um, kehrte zurück und ſah ihn nochmals an. Er kannte mich nicht, ich aber erkannte ihn augenblicklich. Zu anderer Zeit möchte mir das Selbſtvertrauen oder die Entſchloſſenheit, ihn anzureden, gefehlt haben, und ich möchte es bis den nächſten Tag aufgeſchoben und ihn verloren haben. Aber in der damaligen Stimmung meines Gemüthes, wo das Schauſpiel noch in demſelben wogte, David Kopperfield. 29 ſchien mir ſeine ehemalige Gönnerſchaft ſo viel Dank zu verdienen und überfluthete meine einſtige Liebe zu ihm meine Seele ſo friſch und unwillkürlich, daß ich ſogleich mit hochklopfendem Herzen auf ihn zuging und ſagte: „Steerforth, willſt Du nicht mit mir ſprechen?“ Er ſah mich an— gerade ſo wie er einſt manchmal um ſich blickte— aber ich ſah kein Zeichen, daß er mich wieder erkenne, in ſeinem Geſichte. „Ich fürchte, Du haſt meiner vergeſſen,“ ſagte ich. „Mein Gott!“ rief er jetzt plötzlich aus.„'s iſt der kleine Kopperfield!“ Ich erfaßte ihn bei ſeinen beiden Händen und ver⸗ mochte ſie nicht wieder loszulaſſen. Hätte ich mich nicht geradezu geſchämt und gefürchtet, daß es ihm mißfallen möchte, ich würde ihm wahrlich um den Hals gefallen ſein und laut geweint haben. „Nimmer, nimmer hatte ich eine ſolche Freude! Mein theurer Steerforth, ich bin vor Glück ganz außer mir, Dich zu ſehen.“ „Auch ich bin recht froh, Dich zu treffen,“ ſagte er, indem er mir herzlich die Hände ſchüttelte.„Ei Kopper⸗ field, alter Junge, komm mir nur nicht ganz aus dem Häuschen!“ Und trotzdem war er doch auch froh, wie mir ſchien, über die Freude, die mir das Zuſammentreffen mit ihm machte. Ich wiſchte mir die Thränen ab, die ſich trotzdem, daß ich das Aeußerſte that, mich zu faſſen, aus meinen Augen drängten, lächelte darüber mit einem noch verzo⸗ genen Geſichte, und dann ſetzten wir uns Seite bei Seite nieder. „Ei aber, wie kommſt Du dazu, hier zu ſein?“ ſagte Steerforth, indem er mir einen Klaps auf die Schulter gab. 30 David Kopperfield. „Ich kam heute mit der Poſt von Canterbury her. Ich bin von einer Tante, die in jenem Theile des Landes lebt, an Kindesſtatt angenommen worden und habe dort ſoeben meine Erziehung vollendet. Wie aber kommſt Du hierher, Steerforth?“ „Nun, ich bin, was man einen Orforder Studenten nennt,“ erwiederte er;„das heißt, ich langweile mich dort von Zeit zu Zeit— und bin jetzt auf dem Wege zu mei⸗ ner Mutter. Du biſt aber ein hölliſch liebenswürdiges Bürſchchen von Anſehen, Kopperfield. Ganz wie Du früher warſt, ſehe ich Dich noch jetzt! Nicht die Spur verändert!“ „Ich erkannte Dich im Augenblick,“ ſagte ich,„aber Du biſt auch ſehr leicht wiederzuerkennen.“ Er lachte, während er mit ſeiner Hand durch die reich⸗ wallenden Locken ſeines Haares fuhr, und ſagte heiter: „Ja, ich bin auf eine Sache aus, die mir die Pflicht gebietet. Meine Mutter wohnt ein Stück draußen vor der Stadt, und da die Wege in einer elenden Beſchaffen⸗ heit ſind und es bei uns zu Hauſe Langeweile vollauf giebt, ſo blieb ich ſtatt weiter zu gehen, die Nacht lieber hier. Ich bin noch nicht ein halbes Dutzend Stunden in der Stadt, und dieſe habe ich mir mit Schlafen und Schmählen über das ſchlechte Spiel im Schauſpielhauſe vertrieben.“ „Ich bin ebenfalls im Theater geweſen,“ ſagte ich. „In Covent⸗Garden. Was für eine angenehme und prächtige Unterhaltung hat man dort, Steerforth!“ Steerforth lachte von ganzem Herzen. —„Mein liebes kleines Davchen,“ rief er, mich aber⸗ mals auf die Schulter klapſend,„Du biſt doch ein wah⸗ res Gänſeblümchen. Das Gänſeblümchen auf dem Felde, David Kopperſield. 31 bei Sonnenaufgang iſt nicht friſcher und unſchuldiger, als Du! Auch ich war in Covent⸗Garden, und nie ſpielte man dort jämmerlicher.— Holla, Sie da!“ Damit war der Aufwärter gemeint, welcher aus ei⸗ niger Entfernung unſere Erkennungsſcene ſehr aufmerk⸗ ſam beobachtet hatte und nun demüthig herzukam. „Wo haben Sie meinen Freund, Herrn Kopperfield hingewieſen?“ ſagte Steerforth. „Bitte um Verzeihung, mein Herr?“ „Wo ſchläft er? Welche Nummer? Sie wiſſen, was ich damit meine,“ ſagte Steerforth. „Nun denn, junger Herr,“ antwortete der Kellner mit der Miene eines ſich Vertheidigenden.„Mr. Kopper⸗ field iſt gegenwärtig in Vierundvierzig.“ „Und was beim Teufel ſoll das heißen?“ fuhr Steer⸗ forth auf,„daß Sie Herrn Kopperfield in eine kleine Bodenkammer über einem Stalle ſtecken?“ „Ei nun, ſehen Sie, wir wußten nicht,“ entgegnete der Kellner immer noch im Tone eines ſich Vertheidigen⸗ den,„daß Herr Kopperfield irgendwie Verlangen nach zwas Beſonderem trüge. Wir können Herrn Kopperfield Zweiundſiebzig geben, junger Herr, wenn man es vor⸗ ziehen ſollte. Gleich neben Ihnen, mein Herr.“ „Natürlich zieht man's vor,“ ſagte Steerforth.„Und ſchnell gemacht damit!“ Der Aufwärter zog ſich ſogleich zurück, um den Zim⸗ merwechſel zu bewerkſtelligen. Steerforth, höchlichſt amü⸗ ſirt, daß man mich in Vierundvierzig geſteckt, lachte von Neuem und klopfte mich abermals auf die Schulter und lud mich ein, den nächſten Morgen um zehn Uhr mit ihm zu frühſtücken— eine Einladung, auf die ich nur zu ſtolz und glücklich war, und die ich ſogleich annahm. Da es 32 David Kopperfield. ziemlich ſpät geworden war, ergriffen wir unſre Lichter und gingen hinauf, wo wir mit der größten Freundſchaft und Herzlichkeit an ſeiner Thür Abſchied nahmen, und wo ich fand, daß mein neues Zimmer um ein gutes Theil beſſer als das frühere ausſah, indem es nicht im Minde⸗ ſten dumpfig war und ein ungeheures Himmelbett ent⸗ hielt, welches wie ein wahres kleines Rittergut groß war. Hier, zwiſchen Bettpfühlen genug für ſechs Mann, ſiel ich bald in der wonnigſten Stimmung in Schlaf und träumte von Rom, Steerforth und Freundſchaft, bis die frühzeitig am Morgen abgehenden Poſtkutſchen, die durch den Thor⸗ weg unter mir rumpelten, mich von Donnerwettern und den Göttern träumen ließen. Zwanzigſtes Kapitel. Steerforths Heimat. Als das Stubenmädchen um acht Uhr an meine Thür pochte und mich benachrichtigte, daß mein Raſirwaſſer draußen ſtünde, fühlte ich mit Betrübniß, daß ich deſſen noch nicht noth hätte, und erröthete in meinem Bette. Der Verdacht, daß ſie dazu gelacht, als ſie es geſagt, lag mir die ganze Zeit, während der ich mich ankleidete, ſchwer auf dem Herzen und verlieh mir, wie ich merkte, eine verlegene und ſchuldbewußte Miene, als ich ihr, im Be⸗ griffe zum Frühſtüͤck hinunter zu gehen, auf der Treppe begegnete. Ja ich war mir des Umſtandes, daß ich jünger, als ich hätte wünſchen können, ſo tief innerlich bewußt, daß ich mich eine Zeit lang nicht einmal entſchließen konnte, unter bewandten für mich ſo demüthigenden Um⸗ ſtänden überhaupt an ihr vorbeizugehen; ſondern, in⸗ dem ich ſie dort mit einem Beſen kehren hörte ſtehen blieb und aus dem Fenſter nach dem Reiterſtandbilde König Karls hinausgukte, welches, von einer Maſſe Mieth⸗ kutſchen umringt und in einem ſprühenden Regen und David Kopperfield. IV. 3 34 David Kopperfield. dunkelbraunen Nebel umhüllt, eher alles Andere als könig⸗ lich ausſah: bis ich endlich von dem Kellner die Mahnung erhielt, daß der Gentleman auf mich warte. Es war nicht in dem Kaffeezimmer, wo ich Steerforth mich erwartend antraf, ſondern in einem netten, mit rothen Vorhängen verſehenen und mit türkiſchen Teppichen belegten Seitenſtübchen, wo das Feuer hell flackerte und ein köſtliches warmes Frühſtück auf dem mit einem reinlichen Tafeltuche belegten Tiſche ſtand, und ein freund⸗ liches Miniaturbildchen des Zimmers, des Feuers, des Frühſtücks, Steerforths und alles Uebrigen in dem kleinen runden Spiegel über dem Wandverſchlage glänzte. Ich war zuerſt etwas ſchüchtern, als ich Steerforth ſo klar über das was zu thun, ſo ungezwungen, ſo elegant und in allen Dingen, das Alter eingeſchloſſen, mir überlegen vor mir ſah, aber die leichtfertige, flotte Art, mit der er ſich meiner annahm, brachte das bald in Ordnung und verſetzte mich bald in eine ſolche Stimmung, daß ich mich wie zu Hauſe fühlte. Ich konnte nicht genug ſtaunen über die Veränderung, die er im Goldenen Kreuz hervorgerufen, nicht genug Vergleiche anſtellen zwiſchen dem Zuſtande, in dem ich mich geſtern wie verrathen und verkauft be⸗ funden und nicht wo aus noch ein gewußt, und andrerſeits der Gemüthlichkeit und dem Traktamente dieſes Morgens. Was das Vertraulichthun des Aufwärters betrifft, ſo war es wie weggeblaſen, als ob es nie ſtattgefunden. Er war⸗ tete uns, ich möchte ſagen, in Sack und Aſche auf. „Nun, Kopperfield,“ verſetzte Steerforth, als wir allein waren,„wünſchte ich zu hören, was Du treibſt, und wo Du hingehſt, und Alles miteinander, was Dich betrifft. Mir iſt's, als ob Du mir gehörteſt.“ Feuerroth vor Glück, daß ich fand, wie er ſeine ein⸗ David Kopperfield⸗ 35 ſtige Theilnahme an mir bewahrt, erzählte ich ihm, wie meine Tante den kleinen Ausflug vorgeſchlagen, den ich vorhabe, und welche Richtung ich dabei zu nehmen ge⸗ denke. „Da Du ſonach keine Eile haſt,“ ſagte Steerforth, „ſo komm mit mir heim nach Highgate und bleib dort mit mir ein paar Tage. Du wirſt mit meiner Mutter zufrieden ſein— ſie iſt ein Bischen eitel und ſtolz auf mich, was Du ihr aber vergeben kannſt— und ſie ihres⸗ theils wird mit Dir auch zufrieden ſein.“ „Sollte mir lieb ſein, wenn ſich's wirklich ſo ver⸗ hielte, wie Du freundlich genug verſicherſt,“ antwortete ich lächelnd. „Oh!“ entgegnete Steerforth,„jedermann, der mir gut iſt, hat ein Anrecht an ihre Liebe, welches ſicher iſt, anerkannt zu werden.“ „Dann, denk ich, werde ich ein bevorzugter Lieb⸗ ling von ihr ſein,“ ſagte ich. „Gut bemerkt!“ erwiederte Steerforth.„Komm und probir's. Wir wollen zuerſt gehen und uns ein paar Stunden die Merkwürdigkeiten der Stadt beſehen—'s iſt für einen Neuling in der Welt wie Du, Kopperfield, nicht übel, ſo was zu ſehen zu kriegen— und dann wollen wir mit der Landkutſche nach Highgate hinausfahren.“ Ich konnte mir kaum anders denken, als daß ich träume und bald in Nummer Vierundvierzig erwachen werde, um wieder in meine einſame Ecke im Kaffeezimmer und zu dem familiären Kellner hinunterzugehen. Nachdem ich an meine Tante geſchrieben und ihr von meinem glück⸗ lichen Zuſammentreffen mit meinem von mir ſo bewun⸗ derten alten Schulkameraden, und daß ich ſeine Einladung angenommen, erzählt hatte, fuhren wir in einer Mieth⸗ 3* 36 David Kopperfield. kutſche aus, beſahen uns ein Panorama und verſchiedene andere Sehenswürdigkeiten und machten dann einen Gang durch das Muſeum, wo ich nicht umhin konnte, zu beobachten, wie viel Steerforth wußte, mit welcher unendlichen Menge von Gegenſtänden er bekannt war, und wie wenig er doch auf ſein Wiſſen zu geben ſchien. „Du wirſt auf der Univerſität zu hohen Ehren ge⸗ langen, Steerforth,“ ſagte ich,„wenn Du ſte nicht gar ſchon erlangt haſt, und ſie werden dort guten Grund haben, auf Dich ſtolz zu ſein.“ „Ich zu akademiſchen Ehren gelangen!“ ſchrie Steer⸗ forth.„Ich ſicherlich nicht, mein liebes Gänſeblümchen— aber Du nimmſt es doch nicht übel, daß ich Dich Gänſe⸗ blümchen heiße?“ „Nicht im Geringſten!“ ſagte ich. „Du biſt ein gutes Kerlchen! Mein liebes Gänſe⸗ blümchen alſo,“ fuhr Steerforth lachend fort,„ich habe nicht den mindeſten Wunſch oder die leiſeſte Abſtcht, mich auf dieſem Wege auszuzeichnen. Ich habe für den Zweck, den ich im Auge habe, vollauf zur Genüge gethan. Ich finde, daß ich wahrhaftig ſchon für mich ſelbſt ein ſchwer⸗ fälliger Geſellſchafter bin.“ „Aber der Ruhm—“ fing ich an. „O Du romanhaftes Gänſeblümchen!“ ſagte Steer⸗ forth, indem er noch herzlicher lachte,„warum ſollte ich mir Mühe geben, daß ein Haufen Dummköpfe das Maul aufreißen vor mir und mit Fingern nach mir zeigen? Mögen ſie's mit andern Leuten ſo machen. Die ſchätzen ſich's für eine Ehre, und es iſt ihnen willkommen.“ Ich war erſchrocken, einen ſolchen Mißgriff gethan zu haben, und froh, daß ich den Gegenſtand des Geſprächs wechſeln konnte. Glücklicherweiſe war dies nicht ſchwer David Kopperfield. 37 zu bewerkſtelligen; denn Steerforth war mit der ihm eignen Unbefangenheit und Leichtigkeit der Gedanken zu jeder Zeit im Stande, von einem Gegenſtande auf den andern überzugehen. Auf unſre Beſichtigung der Sehenswürdigkeiten folgte das zweite Frühſtück, und der kurze Wintertag verging ſo ſchnell, daß es bereits dämmerte, als die Poſtkutſche mit uns an einem alten ziegelſteinernen Hauſe auf der Höhe des Hügels zu Highgate anhielt. Eine ältliche, obwohl noch nicht ſehr in Jahren vorgeſchrittene Dame mit einer ſtolzen Haltung und angenehmen Geſichtszügen ſtand im Thorwege, als wir abſtiegen, und indem ſie Steerforth mit„mein liebſter James“ begrüßte, ſchloß ſie ihn in ihre Arme. Dieſer Dame ſtellte er mich als ſeiner Mutter vor, und ſie hieß mich feierlichſt willkommen. Es war ein vornehm ausſehendes altmodiſches Haus, ſehr ſtill und geordnet. Von den Fenſtern meines Zim⸗ mers aus ſah ich ganz London in der Ferne wie eine große Dampfwolke liegen, in welcher hier und da einige Lichter blinkten. Ich hatte, während ich mich ankleidete, nur Zeit, einen Blick auf die dauerhaften Geräthſchaften des Zimmers, auf die eingerahmten Stickereien(die ver⸗ muthlich von Steerforths Mutter, als ſie noch Mädchen war, herrührten) und auf einige Bleiſtiftzeichnungen von Damen mit gepuderten Haaren und Schnürleibern zu werfen, die, während das eben erſt angezündete Feuer praſſelte und Funken ſprühte, an den Wänden kamen und gingen, als ich zum Eſſen abgerufen wurde. Im Speiſezimmer befand ſich eine zweite Dame; ſie war von unanſehnlicher kurzer Geſtalt, von dunklem Teint und nicht angenehmen Zügen; dennoch aber war's, als ob ſie etwas Hübſches in ihrem Aeußern habe, welches 38 David Kopperfield. meine Aufmerkſamkeit auf ſie zog; möglich, daß dies da⸗ her kam, daß ich ſie nicht erwartet hatte; möglich, weil ich mich ihr gegenüber ſitzend fand; möglich, weil an ihr wirklich etwas Merkwürdiges war. Sie hatte ſchwarzes Haar und durchdringende ſchwarze Augen, war mager und hatte eine Schmarre an ihrer Lippe. Eswar eine alte Narbe — ich ſollte ſie eher einen Saum nennen; denn ſie war nicht mehr von anderer Farbe als ihre übrige Geſichts⸗ farbe und vor Jahren geheilt— welche einſt durch ihren Mund nach dem Kinn abwärts geſchnitten war, jetzt aber quer über die Tafel hinüber höchſtens noch über und auf ihrer Oberlippe zu erkennen war, deren Geſtalt ſie verändert hatte. Ich berechnete in meinem Gemüthe, daß ſie etwa dreißig Jahre alt ſei, und kam auf den Schluß, ſie wünſche zu heirathen. Da ſie ſo lange zu haben ge⸗ weſen, ſo war ſie— gleich einem Hauſe, das lange zum Vermiethen leer geſtanden— ein wenig verfallen; dennoch hatte ſte, wie geſagt, etwas Hübſches in ihrem Aeußern. Ihre Magerkeit ſchien die Wirkung eines zehrenden Feuers in ihr zu ſein, welches in ihren dunkelbraunen Augen ſeinen Krater fand. Sie wurde mir als Miß Dartle vorgeſtellt, und Steer⸗ forth nebſt ſeiner Mutter hießen ſie Roſa. Ich entdeckte, daß ſte dort lebe und ſeit langer Zeit die Geſellſchafterin der Mrs. Steerforth geweſen. Es ſchien mir, daß ſte nie gerade herausſagte, was ſte eigentlich zu ſagen beab⸗ ſichtigte, ſondern es blos andeutete und mit dieſem Ver⸗ fahren viel mehr Weſen davon machte. Als zum Beiſpiel Mrs. Steerforth mehr im Scherze als im Ernſte bemerkte, wie ſie fürchte, daß ihr Sohn nur ein tolles Leben auf der Univerſität führte, unterbrach ſie Miß Dartle folgen⸗ dermaßen: David Kopperfield. 39 „Oh, in der That? Sie wiſſen, wie wenig ich davon verſtehe und daß ich blos der Belehrung wegen frage, aber iſt's denn nicht ſtets ſo? Ich dachte, das dortige Leben müſſe in allen Fällen aufgefaßt werden, als ob— nun?“ „Es iſt eine Erziehung für einen ſehr ernſten Beruf, wie Sie wahrſcheinlich zu ſagen meinten, Roſa,“ ant⸗ wortete Mrs. Steerforth mit einiger Kälte. „Oh! Ja! Das iſt ſehr wahr,“entgegnete Miß Dartle. „Aber iſt es nicht trotzdem?— ich wünſche eines Beſſern belehrt zu werden, wenn ich Unrecht habe— iſt es nicht eigentlich?“ „Eigentlich was?“ ſagte Mrs. Steerforth. „Oh! Sie meinen,'s iſt nicht ſo!“ erwiederte Miß Dartle. Gut denn, ich freue mich, das zu hören! Nun weiß ich, was ich zu thun habe. Das iſt der Nutzen da⸗ von, daß man fragt. Ich werde nun niemals den Leuten zugeſtehen, vor mir wieder von wüſtem Leben und Aus⸗ ſchweifungen und ſo weiter in Bezug auf jenes Leben und. Treiben zu reden.“ „Und Sie werden darin recht thun,“ ſagte Mrs. Steerforth.„Der Studiendirector meines Sohns iſt ein gewiſſenhafter Mann, und wenn ich nicht unbeſchränktes Vertrauen auf meinen Sohn hätte, ſo würde ich mich auf ihn verlaſſen können.“ „Ei würden Sie das?“ antwortete Miß Dartle. „Tauſend! Alſo gewiſſenhaft iſt er. Wirklich gewiſſen⸗ haft?“ „Ja, das bin ich überzeugt,“ entgegnete Mrs. Steerforth. „Wie herrlich!“ rief Miß Dartle aus.„Was für ein Glück. Wirklich gewiſſenhaft? Dann iſt er nicht— 40 David Kopperfield. doch natürlich kann er's nicht ſein, wenn er wirklich ge⸗ wiſſenhaft iſt. Nun, ich werde ganz glücklich ſein, von jetzt an ſo von ihm denken zu können. Sie können ſich nicht vorſtellen, wie hoch es ihn in meiner Achtung er⸗ hebt, mit Beſtimmtheit zu wiſſen, daß er wirklich gewiſſen⸗ haft iſt!“ Ihre eignen Anſichten von jeder Frage, und ihre Aus⸗ ſtellungen an jedem Gegenſtand, der vorgebracht wurde und wobei ſie anderer Meinung war, brachte Miß Dartle in derſelben Weiſe an den Mann; und zwar manchmal ſelbſt im Widerſpruche gegen Steerforth, wie ich mir nicht verhehlen konnte, mit großer Beweiskraft. Ein Beiſpiel davon trug ſich vor Aufhebung der Tafel zu. Als Mrs. Steerforth mit mir über meinen Plan, nach Suffolk zu gehen, ſprach, ſagte ich zufällig, wie ſehr ich mich freuen würde, wenn Steerforth nur mit mir gehen wollte, und indem ich ihm auseinanderſetzte, daß ich dorthin ginge, um meine alte Wärterin und Mr. Peggotty's Familie zu beſuchen, erinnerte ich ihn an den Schiffersmann, den wir auf der Schule geſehen. „Oh dieſer plumpe Kerl!“ ſagte Steerforth.„Er hatte einen Sohn bei ſich, nicht wahr?“ „Nein, das war ſein Neffe,“ erwiederte ich,„den er jedoch an Sohnesſtatt angenommen hatte. Er hatte außerdem eine ſehr hübſche kleine Nichte, die er zur Toch⸗ ter angenommen hatte. Kurz, ſein Haus— oder viel⸗ mehr ſein Boot; denn er lebt in einem ſolchen auf trock⸗ nem Lande— iſt voll von Leuten, an denen er ſeinen Edelmuth und ſeine Güte beweiſt. Du würdeſt Deinen Spaß haben, dieſen Haushalt zu ſehen.“ „Wirklich?“ ſagte Steerforth.„Nun, ich glaube es wohl. Ich muß ſehen, was ſich thun läßt. Es würde ſich —,—— David Kopperfield. 41 ſchon einer Reiſe verlohnen— nicht zu gedenken des Vergnügens einer Reiſe mit Dir, Gänſeblümchen— dieſe Art Leute beiſammen zu ſehen und zu ihnen zu gehören.“ Mein Herz hüpfte von dieſer neuen Hoffnung auf vor Vergnügen. Aber mit Bezug auf den Ton, in welchem er die Worte„dieſe Art Leute“ ausſprach, unterbrach Miß Dartle, deren funkelnde Augen uns fortwährend beobachtet hatten, uns wieder. „Oh wirklich? Erzähl' mir doch. In der That?“ ſagte ſie. „Was in der That? Und wer in der That?“ ſagte Steerforth. „Dieſe Art Leute. Sind ſie wirklich ſolche Geſchöpfe, ſolche Plumpſäcke und Weſen einer andern Art. Nur das möchte ich wiſſen.“ „Ei nun,'s iſt ein ziemlich weiter Abſtand zwiſchen ihnen und uns,“ ſagte Steerforth kaltblütig.„Man darf nicht erwarten, daß ſie von ſo zartfühlender Art ſind als wir. Ihr Gefühl wird nicht ſo leicht erſchüttert oder ver⸗ letzt. Sie ſind wunderbar tugendſam, möcht' ich behaup⸗ ten— wenigſtens meinen manche Leute ſo, und ich mag ihnen wahrhaftig nicht widerſprechen— aber ſie ſind nicht eben von ſehr zärtlicher Natur, und ſie können auch Gott dafür danken, daß ſie, wie ihre grobe rauhe Haut, nicht ſo leicht verletzbar ſind.“ „Wirklich?“ ſagte Miß Dartle.„Nun ich wüßte nicht, worüber ich mich jemals mehr gefreut hätte, als dies zu hören. Es tröſtet einen ſo! Es iſt ſolch eine Wonne, zu wiſſen, daß ſie es nicht fühlen, wenn ſie lei⸗ den! Manchmal habe ich mich um dieſe Art Leute abge⸗ härmt, aber jetzt werde ich auch den bloßen Gedanken daran ganz und gar verbannen. Lebe und lerne, heißt 42 David Kopperfield. das Sprichwort. Ich bekenne, daß ich meine Zweifel hatte, aber jetzt ſind ſie alle aufgeklärt. Ich wußte nicht recht, wie ich mit ihnen daran war, aber jetzt weiß ich's; und das beweiſt den Nutzen des Fragens, nicht ſo?“ Ich glaubte, daß Steerforth dieſe Worte im Scherze oder um Miß Dartle's Widerſpruch herauszufordern ge⸗ ſagt habe, und ich erwartete von ihm, daß er, wenn ſie fort ſei, dies bekennen werde, und ſo ſaßen wir beide am Kaminfeuer. Aber er fragte mich nur, was ich von ihr hielte. „Sie iſt ſehr geſcheidt, meinſt Du nicht auch?“ fragte ich. „Geſcheidt? Sie bringt jede Angelegenheit auf den Schleifſtein und ſchärft ſie und ſpitzt ſie, wie ſie die Jahre daher ihr eignes Geſicht und ihre Geſtalt zugeſpitzt hat. Sie hat ſich auch durch beſtändiges Zuſpitzen und Düfteln ganz abgeſchliffen. Sie iſt nur noch eine einzige Spitz⸗ findigkeit.“ „Was für eine merkwürdige Schmarre hat ſie da auf ihrer Lippe?“ fragte ich. Steerforth ſchlug die Augen nieder und ſchwieg einen Augenblick. „Nun, die Sache iſt die— ich hab's gethan.“ „Durch einen unglücklichen Zufall?“ „Nein, ich war noch ſehr jung, und als ſie mich ein⸗ mal in Harniſch brachte, warf ich einen Hammer nach ihr. Ich muß damals ein hoffnungsvoller junger Engel ge⸗ weſen ſein!“ Es ſchmerzte mich tief, daß ich ein ſo peinliches Thema aufs Tapet gebracht hatte, aber das half nun nichts mehr. „Sie hat das Denkmal davon ſeither immer an ſich getragen, wie Du ſiehſt,“ ſagte Steerforth,„und ſie wird's David Kopperfield. 43 bis in ihr Grab behalten, wenn ſie einmal in eins zur Ruhe gegangen ſein wird— obwohl ich ſchwerlich glaube, daß ſie je irgend wo Ruhe finden wird. Sie war das mutterloſe Kind von einer Art Vetter meines Vaters. Er ſtarb eines Tages. Meine Mutter, welche damals Wittwe geworden war, brachte ſie hierher, um ihr Geſellſchaft zu leiſten. Sie hat ein paar tauſend Pfund eignes Vermögen und bewahrt die Intereſſen davon, um ſie zum Kapital zu ſchlagen. Da haſt Du die Geſchichte von Miß Roſa Dartle.“ „Und ich zweifle nicht, ſie liebt Dich wie einen Bru⸗ der?“ fragte ich. „Hm, ſo ſo, la la,“ erwiederte Steerforth und blickte in's Feuer.„Manche Brüder hat man nicht eben über⸗ mäßig lieb; und einige lieben— aber lange doch zu, Kopperfield! Wir wollen auf das Gedeihen der Gänſe⸗ blümchen des Feldes trinken, als Compliment für Dich; und auf die Lilien des Thales, die nicht arbeiten, noch ſpinnen, als Compliment für mich— und um ſo mehr zur Schande für mich.“ Ein düſteres Lächeln, welches ſich über ſeine Geſichtszüge gebreitet hatte, klärte ſich bei dieſen ſcherzhaften Worten auf, und er war wieder der alte, offne, liebenswürdige Steerforth. Ich konnte nicht umhin, als wir zum Thee gingen, mit einer peinlichen Theilnahme auf die Schmarre hinzu⸗ ſchauen. Es währte nicht lange, ſo bemerkte ich, daß dieſe der gefühlvollſte Theil ihres Geſichtes war, und daß, wenn ſie erblaßte, dies Zeichen ſich in einen graublaſſen bleifarbigen Streifen verwandelte und ſich ſeiner ganzen Länge nach allmälig färbte, wie wenn ein Merkzeichen mit unſichtbarer Dinte geſchrieben über's Licht gehalten wird. Es war ein kleiner Streit zwiſchen ihr und Steerforth 44 David Kopperfield. wegen eines Wurfs im Puffſpiel entſtanden, und auf ei⸗ nen Augenblick ſchien ſie mir ganz außer ſich vor Wuth, und ich bemerkte, wie die Narbe hervortrat, gleich der Schrift an Belſatzers Wand. Es nahm mich nicht Wunder, als ich entdeckte, wie ſehr Mrs. Steerforth ihrem Sohne zugethan war. Es ſchien mir, als ob ſie nichts anders zu reden, an nichts anders zu denken fähig wäre. Sie zeigte mir ſein Por⸗ trait als Kind in einem Medaillon, in welchem auch einige Haare von ihm als Wicgenkind ſich befanden; ſie wies mir ſein Bild, wie er damals geweſen, als ich ihn zum erſten Male ſah; und ſie trug um ihren Hals ſein Bild, wie er jetzt war. Alle die Briefe, die er je an ſie geſchrieben, bewahrte ſie in einem Wandſchranke neben ihrem Stuhle an der Seite des Kamins auf, und ſie würde mir einige von ihnen haben leſen laſſen, und ich meinestheils würde froh geweſen ſein, ihren Inhalt zu erfahren, wenn er nicht dazwiſchen getreten wäre und ihr dies Vorhaben ausgeredet hätte. „Es war bei Mr. Creakle, ſagt mir mein Sohn, wo Sie ſeine Bekanntſchaft machten,“ verſetzte Mrs. Steerforth, als ſie und ich zuſammen an einem Tiſche uns unterhiel⸗ ten, während Jene an einem andern Puff ſpielten.„Und wirklich, ich entſinne mich, daß er mir zu jener Zeit von einem Schüler, der jünger als er ſelbſt ſei, und den er dort lieb gewonnen, erzählte. Aber Ihr Name hat, wie Sie ſich vorſtellen können, ſich in meinem Gedächtniſſe nicht erhalten.“ „Er war ſehr großmüthig und edel gegen mich in jenen Tagen, das kann ich Ihnen verſichern, Madam,“ ſagte ich.„Und ich bedurfte eines ſolchen Freundes. Ohne ihn würde ich ganz niedergedrückt worden ſein.“ David Kopperfield. 45⁵ „Er iſt ſtets großmüthig und edel,“ entgegnete Mrs. Steerforth mit Stolz. Ich ſtimmte ihr, das weiß Gott, von ganzem Herzen bei. Auch wußte ſie dies; denn die Vornehmheit ihrer Manieren gegen mich nahm ſchon um ein Bedeutendes ab, außer wenn ſie zu ſeinem Lobe ſprach, wo ſie ſtets eine erhabene Miene annahm. „Im Allgemeinen war dies durchaus keine paſſende Schule für meinen Sohn,“ ſagte ſie;„weit entfernt davon! Aber es waren damals beſondere Umſtände zu berückſichtigen, von größerer Wichtigkeit, als ſelbſt der Umſtand, daß wir die beſte Schule wählten. Meines Sohnes hochfliegendes Streben machte es wün⸗ ſchenswerth, daß er zu Jemand komme, der ſeine Ueber⸗ legenheit anerkenne und ſich weigerte, ſich vor derſelben zu beugen, und ſolch ein Mann fand ſich dort.“ Ich wußte das, indem ich meinen Mann kannte, und doch verachtete ich ihn deshalb nicht mehr, als ich that, ſondern betrachtete es als eine Eigenſchaft an ihm, die mich mit ihm verſöhnte— wenn man es ihm überhaupt zum Ruhme anrechnen darf, daß er Jemandem, der ſo unwiderſtehlich war, wie Steerforth, nicht widerſtand. „Meines Sohnes große Begabung wurde durch das Bewußtſein, daß er ſich freiwillig in einen Wettſtreit ein⸗ gelaſſen, und daß er über ſeine Umgebung erhaben ſei, angeſpornt,“ fuhr die zärtliche Mutter fort,„er würde alle Hemmniſſe überwunden und gegen jede Beſchränkung ſich aufgelehnt haben; aber er ſah ſich als den Beherrſcher der ganzen Anſtalt und beſchloß mit edlem Stolze, ſich ſeiner Stellung würdig zu benehmen. Das ſah ihm ganz ähnlich.“ 46 David Kopperfield. Ich machte von ganzem Herzen und Gemüthe das Echo der Worte, daß ihm dies ganz ähnlich ſähe. „So begab ſich mein Sohn, nach eignem Entſchluſſe und ohne allen Zwang, auf eine Laufbahn, auf welcher er jeder Zeit, wenn es ſein Wille iſt, jeden Nebenbuhler hinter ſich laſſen kann,“ fuhr ſie fort.„Mein Sohn erzählt mir, Herr Kopperfield, daß Sie ihm ganz ergeben geweſen ſeien, und daß, als Sie beide ſich geſtern begegne⸗ ten, Sie ſich ihm mit Freudenthränen zu erkennen gaben. Ich würde mich ſelbſt verläugnen müſſen, wenn ich mich ſtellte, als ob ich erſtaunt wäre, daß mein Sohn ſolche Gemüthsbewegungen bei Andern hervorrufen kann; aber ich kann nicht gleichgültig ſein gegen Jemand, der ſeine Vorzüge ſo zu würdigen verſteht, und ich freue mich ſehr, Sie hier zu ſehen, und kann Ihnen verſichern, daß er eine ungewöhnliche Freundſchaft zu Ihnen hegt, und daß Sie auf ſeine Bereitwilligkeit Ihnen zu dienen bauen können.“ Miß Dartle war mit ihrem Puffbrette ſo eifrig be⸗ ſchäftigt, wie ſie ſich allen andern Dingen hingab. Wenn ich ſte zuerſt an dem Brette geſehen hätte, würde ich der Meinung geweſen ſein, daß ihre Geſtalt bei dieſer Be⸗ ſchäftigung und bei keiner andern in der Welt ſich zu ſol⸗ cher Dünnheit abgeſchliffen und ihre Augen ſich ſo erwei⸗ tert hätten. Aber ich hätte mich ſehr geirrt, wenn ich der Anſicht geweſen wäre, ſie habe ein Wort von allen dieſen überhört oder einen Blick von mir, als ich dies mit dem äußerſten Vergnügen hörte und, geehrt durch Mr. Steerforths Vertrauen mich älter fühlte, als ich ſeit mei⸗ ner Abreiſe von Canterbury gethan, unbeachtet gelaſſen. Als der Abend ziemlich weit vorgerückt war, und ein Servirbret mit Gläſern und Kannen hereinkam, verſprach mir Steerforth vor dem Kaminfeuer, er wolle ſich's ernſt⸗ David Kopperſield. 47 lich überlegen, ob er mit mir auf's Land gehen könne. Es habe keine Eile, ſagte er; eine Woche ſpäter würde ſich's auch noch thun laſſen, und ſeine Mutter ſagte gaſt⸗ freundlich daſſelbe. Während wir zuſammenſprachen, nannte er mich mehr als ein Mal ſein Gänſeblümchen, was die Miß Dartle wieder zu Bemerkungen veranlaßte. „Aber wirklich, Mr. Kopperfield, ſoll das ein Spitz⸗ name ſein? Und warum giebt er Ihnen den? Iſt es etwa — he— weil er Sie für ſo jung und unſchuldig hält? Ich verſtehe mich auf dergleichen nicht.“ Ich erröthete, indem ich antwortete, daß dies wahr⸗ ſcheinlich der Fall ſei. „Oh!“ verſetzte Miß Dartle.„Da bin ich doch froh, daß ich das weiß. Ich verlange Auskunft und freue mich, es nun zu wiſſen. Er hält Sie für jung und unſchuldig, und damit ſind Sie ſein Freund. Ach das iſt doch ganz herrlich!“ Bald darauf ging ſie zu Bett, und Mrs. Steerforth zog ſich gleichfalls zurück. Steerforth und ich blieben noch etwa eine halbe Stunde am Kamin traulich beiſam⸗ men, ſprachen von Traddle's und allen den Andern im alten Salem Houſe und gingen dann zuſammen hinauf. Steerforths Schlafzimmer gränzte an das meine, und ich ging hinein, mir's zu beſehen. Es war ein wahres Bild von Bequemlichkeit, voll von gemüthlichen Lehnſtühlen, Kiſſen und Fußbänkchen, von ſeiner Mutter Hand gear⸗ beitet, worin nichts vergeſſen war, was zu ſeiner Vollkom⸗ menheit beitragen konnte. Noch iſt ſchließlich zu erwäh⸗ nen, daß ihre ſchönen Geſichtszüge aus einem Portrait an der Wand auf ihren Liebling herabſchauten, gleichſam, als ob es ihr am Herzen liege, daß ihr Ebenbild ihn ſelbſt während ſeines Schlafes bewache. 48 David Kopperfield. Als ich in mein Zimmer trat, fand ich, daß man inzwiſchen darin ein hellflackerndes Feuer angemacht und die Vorhänge an den Fenſtern und um das Bett herum herabgelaſſen hatte, ſo daß das Stübchen recht niedlich ausſah. Ich ſetzte mich auf einen großen Stuhl am Kamin, um über mein Glück nachzuſinnen, und ich hatte mich einige Zeit lang an der Betrachtung deſſel⸗ ben ergötzt, als ich ein Portrait von Miß Dartle, welches mich von dem Kaminſimſe herab ſcharf anſchaute, über mir erblickte. Es war ein Bild von erſchreckender Aehnlichkeit und hatte folglich auch einen erſchreckend durchdringenden Blick. Der Maler hatte die Narbe nicht mit dargeſtellt, aber ich fügte ſie im Geiſte hinzu, und da war ſie denn, bald erſcheinend, bald verſchwindend, jetzt beſchränkt auf den Naum der Oberlippe, wie ich ſie bei Tiſche geſehen hatte, und dann die ganze Länge der Wunde, die der Hammer hervorgebracht, zeigend, wie ich ſie beobachtet hatte, als ſie leidenſchaftlich aufgeregt war. Verdrießlich wunderte ich mich darüber, weshalb ſie ſie nicht irgend wo anders, als gerade hier, in meinem Quartier, untergebracht hatten. Um den Gedanken an ſie los zu werden, zog ich mich ſchnell aus, löſchte das Licht aus und ging zu Bett. Aber als ich allmälig einſchlief, vermochte ich nicht zu ver⸗ geſſen, daß ſie immernoch von dort herabſah.„Wirklich iſt es ſo? Ich möchte es wiſſen.“ Und als ich in der Nacht erwachte, fragte ich unruhig in meinem träumeri⸗ ſchen Halbſchlafe alle Arten Leute, ob es wirklich ſo ſei oder nicht— ohne zu wiſſen, was ich meinte. Einundzwanzigſtes Kapitel. Klein⸗Emilchen. In dieſem Hauſe war ein Bedienter, der, wie ich in Erfahrung brachte, gewöhnlich Steerforth aufwar⸗ tete und auf der Univerſität in ſeine Dienſte getreten war. Er war in ſeinem Benehmen ein wahres Muſter von Reſpectabilität. Ich glaube, daß in ſeiner Stellung nie ein Mann exiſtirte, der reſpectabler ausgeſehen hätte. Er war ſchweigſam, ſanften Trittes, von ſehr ruhigem Benehmen, voll Ehrerbietung und Gehorſam, ſtets bei der Hand, wo man ihn brauchte, niemals da, wo man ihn nicht brauchte; aber ſein größtes Anrecht auf Beachtung lag in ſeiner Reſpectabilität. Er hatte keine geſchmeidi⸗ gen Züge, er hatte vielmehr einen ſteifen Nacken und einen Kopf, deſſen dichtes kurzes Haar ſich glatt an die Seiten anlegte, und eine milde Weiſe im Sprechen; wo⸗ bei er jedoch eine eigenthümliche Art, den Buchſtaben S ſcharf hervorzuheben hatte, ſo daß er ihn öfterer als ir⸗ gend jemand anders zu gebrauchen ſchien; aber jede Ei⸗ genthümlichkeit, welche er beſaß, verſtand er reſpectabel David Kopperfield. IV. 4 50 David Kopperfield. zu machen. Und wäre an ſeiner Naſe das Oberſte zu un⸗ terſt gekehrt geweſen, er würde auch dies reſpectabel ge⸗ macht haben. Er umgab ſich mit einem Dunſtkreiſe von Reſpectabilität und wandelte in derſelben ſicher ſeines Weges. Es würde beinahe unmöglich geweſen ſein, ihn für fähig eines Unrechts zu halten, ſo durchaus reſpecta⸗ bel war er. Kein Menſch hätte den Gedanken faſſen kön⸗ nen, ihn in eine Lioree zu ſtecken, ſo höchſt reſpectabel war er. Ihn mit irgend einem entwürdigenden niederen Geſchäft zu behelligen, würde die Gefühle eines äußerſt reſpectabeln Mannes muthwillig beleidigen geheißen ha⸗ ben. Und deſſen waren ſich, wie ich bemerkte, die weib⸗ lichen Dienſtboten des Haushaltes ſo augenſcheinlich be⸗ wußt, daß ſie ſtets derartige Geſchäfte ſelbſt beſorgten und zwar gemeiniglich, während er an dem Feuer in der Spei⸗ ſekammer ſeine Zeitung las. Einen ſo zurückhaltenden Mann ſah ich nimmermehr. Aber mit dieſer Eigenſchaft, wie mit jeder andern, welche er beſaß, erſchien er nur noch reſpectabler. Selbſt der Um⸗ ſtand, daß niemand ſeinen Taufnamen wußte, ſchien etwas zu ſeiner Reſpectabilität beizutragen. Nichts war an ſei⸗ nem Vatersnamen Littimer, bei dem er bekannt war, auszuſetzen. Ein Peter hätte gehangen, ein Tom trans⸗ portirt werden können, ein Littimer aber war vollkommen reſpectabel. Es mochte, vermuthe ich, durch das ehrwürdige We⸗ ſen der Reſpectabilität an ſich hervorgerufen ſein, daß ich mich in dieſes Mannes Gegenwart ganz beſonders jung fühlte. Wie alt er ſelbſt war, vermochte ich nicht zu er⸗ rathen— und auch dies mußte ihm wieder zum Ruhme angerechnet werden; denn in der milden ruhigen Würde David Kopperfield. 51 ſeiner Reſpectabilität konnte er ebenſo wohl fünfzig Jahre zählen, als dreißig. Littimer war am Morgen, ehe ich aufgeſtanden, in meinem Zimmer, um mir jenes meine Jugend ſo laut anklagende Raſirwaſſer zu bringen und meine Kleider auseinander zulegen. Als ich die Vorhänge auseinanderzog und aus dem Bette guckte, ſah ich ihn in der gleichmäßigen, durch den Oſtwind des Januars nicht veränderten Tem⸗ peratur ſeiner Reſpectabilität, und ſelbſt nicht einmal durch ſeinen Hauch verrathend, daß es kalt ſei, meine Stiefeln zur Rechten und Linken in die erſte Poſition beim Tanze ſtellen und kleine Stäubchen von meinem Rocke abbla⸗ ſen, als er ihn ſo ſorgſam wie ein Wiegenkind niederlegte. Ich bot ihm guten Morgen und fragte ihn, welche Zeit es ſei. Er nahm aus ſeiner Taſche die reſpectabelſte Jagduhr, die ich jemals ſah, und indem er mit ſeinem Daumen die Springfeder abhielt, das Gehäuſe zu weit zu öffnen, ſah er hinein auf das Zifferblatt, als ob er eine Orakel⸗Auſter befragte, ſchloß ſie wieder und ſagte, es ſei mit meiner Erlaubniß halb neun Uhr. „Herr Steerforth wird gern hören wollen, wie Sie geſchlafen haben, junger Herr.“ „Dank Ihnen,“ ſagte ich,„recht ſehr gut. Iſt Herr Steerforth ganz wohl?“ „Dank' Ihnen, junger Herr, Herr Steerforth befindet ſich erträglich wohl.“ Eine andere Eigenthümlichkeit von ihm— nirgends der Gebrauch von Superlativen. Stets ein kühles ruhiges Wandeln auf der Mittelſtraße. „Giebt es ſonſt noch etwas, was ich die Ehre haben könnte für Sie zu beſorgen, junger Herr? Die Tiſch⸗ glocke wird um neun Uhr geläutet werden; die Familie nimmt um halb zehn Uhr das Frühſtück ein.“ 4* 52 David Kopperſield. „Ich habe nichts zu beſorgen, danke Ihnen.“ „Ich danke vielmehr Ihnen, junger Herr, mit Ihrer Erlaubniß,“ und hiermit, ſowie mit einer leiſen Neigung ſeines Hauptes, als er an dem Bette vorüberſchritt, eine Neigung, die gewiſſermaßen um Verzeihung bat, daß er mich corrigirt, ging er hinaus und ſchloß die Thür ſo be⸗ dachtſam, als ob ich ſoeben in einen ſüßen Schlaf ver⸗ fallen ſei, von dem mein Leben abhinge. Jeden Morgen unterhielten wir uns genau in derſel⸗ ben Weiſe, nie ſprachen wir ein Wort mehr, nie eines weniger, und doch wurde ich unabänderlich, wie weit ich mich auch während des vorherigen Abends über mich ſelbſt erhoben und durch Steerforths Umgang, oder ſeiner Mut⸗ ter Vertrauen oder Miß Dartles Unterhaltung meinen reiferen Jahren genähert haben mochte, in der Gegenwart dieſes reſpectabelſten aller Männer, wie unſere Dichter untergeordneten Ranges ſingen„wieder zum Knaben.“ Er beſchaffte für uns Pferde, und Steerforth, der Alles verſtand, gab mir Reitunterricht. Er beſorgte Rap⸗ piere für uns, und Steerforth gab mir Fechtſtunde,— Handſchuhe, und ich begann mich unter Anleitung deſſel⸗ ben Lehrers im Boxen zu vervollkommnen. Ich machte keine betrübte Miene, daß Steerforth in mir einen An⸗ fänger in dieſen Wiſſenſchaften fand, aber nie vermochte ich's zu ertragen, meine Ungeſchicklichkeit vor dem reſpecta⸗ beln Littimer zu verrathen. Ich hatte keinen Grund zu glauben, daß Littimer dieſe Künſte ſelbſt verſtünde, er brachte mich auf eine derartige Vermuthung auch nicht durch ein Zwinkern mit einer ſeiner reſpectabeln Augen⸗ wimpern, und doch war mir's, wenn er bei dieſen unſern Uebungen zugegen war, zu Muthe, als ob ich der uner⸗ fahrenſte Neuling unter allen Sterblichen ſei. David Kopperfield. 53 Ich ſpreche mit einer eigenthümlichen Ausführlichkeit über dieſen Mann, weil er zu dieſer Zeit einen eigenthüm⸗ lichen Eindruck auf mich machte, und wegen deſſen, was ſpäter vorfiel. Die Woche verging in höchſt vergnüglicher Weiſe. Sie verging, wie man ſich denken kann, mit reißender Schnelle für einen jungen Menſchen, wie ich, der ſo ent⸗ zückt von dem Leben mit Steerforth war; und doch hatte ich in derſelben ſo viele Gelegenheiten, Steerforth beſſer kennen zu lernen und ihn in tauſend Rückſichten zu be⸗ wundern, daß ich, als ſie zu Ende war, eine viel längere Zeit mit ihm zuſammen geweſen zu ſein ſchien. Seine un⸗ geſtüme Art, mit welcher er mich wie ein Spielzeug behan⸗ delte, war mir angenehmer, als irgend ein anderes Ver⸗ halten, das er gegen mich hätte annehmen können. Dieſe Art erinnerte mich an unſere einſtige Bekanntſchaft, ſie ſchien die natürliche Folge derſelben, ſie zeigte mir, daß er ſich nicht verändert habe, ſte überhob mich aller Ver⸗ legenheit, die ich im Vergleich meiner Verdienſte mit den ſeinen und im Abmeſſen meiner Anſprüche auf ſeine Freund⸗ ſchaft auf Grund geiſtiger Aehnlichkeit gefühlt haben möchte; und über dem Allen war es ein zutrauliches, herzliches, von aller Zurückhaltung entferntes Benehmen, deſſen er ſich gegen niemand anders bediente. Wie er mich in der Schule anders, als alle Uebrigen behandelt hatte, ſo glaubte ich erfreut, daß er mich im Leben anders, als alle ſonſtigen Freunde behandelte, die er hätte. Ich glaubte, daß ich ſeinem Herzen näher ſtehe, als irgend ein anderer Freund, und mein eignes Herz fühlte eine warme Neigung zu ihm. Er entſchloß ſich, mit mir aufs Land zu gehen, und der Tag unſrer Abreiſe kam. Er war zuerſt zweifelhaft ge⸗ 1 54 David Kopperfield. weſen, ob er Littimer mitnehmen ſolle, oder nicht; ent⸗ ſchloß ſich jedoch, ihn zu Hauſe zu laſſen. Das reſpectable Weſen ſtellte, zufrieden mit ſeinem Looſe, mochte es ſein, wie es wolle, unſere Mantelſäcke in dem kleinen Wagen, der uns nach London bringen ſollte, mit vieler Sorgfalt zurecht, als ob er beabſichtige, ſte gegen die Angriffe von ganzen Menſchenaltern zu ſichern, und empfing mein be⸗ ſcheidentlich angebotenes Trinkgeld mit einer vollkomme⸗ nen Seelenruhe. Wir nahmen unter vielen Dankbezeugungen auf mei⸗ ner Seite und reichlichen Beweiſen von Liebe auf Seiten der zärtlichen Mutter Abſchied. Das Letzte, was ich ſah, war Littimers ruhig blickendes Auge, in dem, wie mir däuchte, die ſchweigende Ueberzeugung lag, daß ich doch eigentlich noch recht jung ſei. Was ich empfand, indem ich unter ſo eigenthümlich bewandten Umſtänden an die altbekannten Orte zurück⸗ kehrte, will ich nicht zu beſchreiben verſuchen. Wir gin⸗ gen mit der Poſt hin. Ich ließ mir, wie ich mich entſinne, ſelbſt die Ehre Yarmouths ſo nahe angehen, daß ich, als Steerforth während unſrer Fahrt durch ſeine düſtern Straßen nach dem Gaſthofe den Ausſpruch that, es ſei, ſo viel er herauskriegen könne, ein gutes, närriſches, wun⸗ derliches Loch von einer Stadt, höchlichſt erfreut war. Wir gingen nach unſrer Ankunft zu Bett(ich beobachtete ein Paar ſchmutzige Schuhe und Gamaſchen in Verbin⸗ dung mit meinem alten Freunde Dolphin, als wir durch die Thür ſchritten) und frühſtückten ſpät am Morgen. Steerforth, welcher ſehr aufgeräumt war, hatte, ehe ich aufgeſtanden, ſchon einen Spaziergang am Strande und dabei, wie er ſagte, die Bekannſchaft mit der Hälfte der am Platze befindlichen Schiffer gemacht. Außerdem hatte David Kopperfield. 53 er in der Entfernung etwas geſehen, was ſicherlich das Haus Mr. Peggottys ſein mußte, und aus deſſen Eſſe Rauch aufſtieg, und er erzählte mir, daß er große Luſt gehabt, hineinzugehen und zu ſchwören, er ſei ich, der ſo groß geworden, daß ſte ihn nicht mehr kennten. „Wenn gedenkſt Du mich dort vorzuſtellen, Gänſe⸗ blümchen?“ fragte er.„Ich ſtehe zu Deiner Verfügung. Richte die Sache ein, wie Dir's am Beſten dünkt.“ „Ei nun, Steerforth, ich dachte, dieſer Abend, wenn ſie Alle um's Feuer ſitzen, würde eine paſſende Zeit ſein. Ich möchte Dir's gern ſehen laſſen, wenn es gemüthlich iſt; es iſt ſolch ein wunderlicher Ort.“ „Gut, ſo ſei es!“ entgegnete Steerforth.„Dieſen Abend.“ „Ich werde ſie in keiner Weiſe damit bekannt machen, daß wir hier ſind,“ ſagte ich vergnügt.„Wir müſſen ſie überraſchen.“ „Oh, natürlich!'s iſt kein Spaß dabei,“ meinte Steer⸗ forth,„wenn wir ſie nicht überraſchen. Beſehen wir uns die Eingebornen in ihrer Urſprünglichkeit.“ „Obwohl ſie wirklich jene Art Leute ſind, deren Du gedachteſt,“ erwiederte ich. „Aha! Was der Tauſend! Du erinnerſt Dich mei⸗ nes Scharmützels mit Roſa, nicht wahr?“ rief er mit einem ſchnellen Blicke auf mich aus.„Hol der Teufel das Weibsbild, ich fürchte mich ordentlich halb vor ihr. Sie iſt wie ein Geſpenſt für mich. Aber laß ſie ſein. Nun, was willſt Du jetzt thun? Vermuthlich willſt Du Deine Amme beſuchen?“ „Ei ja wohl!“ ſagte ich.„Ich muß Peggotty vor allen Dingen ſehen.“ „Gut,“ antwortete Steerforth, indem er auf ſeine 56 David Kopperfield. Uhr ſah.„Geſetzt den Fall, ich überlaſſe Dich ihr auf zwei Stunden, damit ſie ſich gehörig über Dich aus⸗ ſchreien und ausheulen kann. Iſt das lange genug?“ Ich antwortete lachend, daß ich glaube, wir würden in dieſer Zeit damit fertig werden; daß er jedoch auch kommen müſſe; denn er werde finden, daß ſein Ruf ihm vorausgegangen, und daß er gerade eine ſo wichtige Per⸗ ſon ſei, als ich. „Ich werde kommen, wohin Du mich haben willſt,“ ſagte Steerforth,„und thun, was Dir beliebt. Sag' mir, wohin ich kommen ſoll, und in zwei Stunden werde ich mich einſtellen, und zwar in jeder Stimmung, die Du wünſcheſt, ſei es empfindſam oder aufgeräumt.“ Ich gab ihm genaue Anweiſung, wo Mr. Barkis', des Fuhrmanns für Blunderſtone oder ſonſt einen andern Ort, Wohnung zu finden ſei, und ging hierauf allein fort. Es war eine ſcharfe ſchneidende Luft draußen, der Boden war trocken, die See leicht gekräuſelt und klar, die Sonne verbreitete Licht in Fülle, wenn ſie auch nicht wärmte, und Alles war friſch und lebendig. Ich ſelbſt war in der Freude meines Herzens, nun hier zu ſein, ſo friſch und lebendig, daß ich die Leute in den Straßen hätte aufhalten und ihnen die Hände ſchütteln mögen. Die Straßen ſahen klein aus, und das war natür⸗ lich. Die Straßen, die wir nur als Kinder erblickt, ſehen, glaub' ich, ſtets ſo aus, wenn wir zu ihnen zurück⸗ kehren. Aber ich hatte nichts in ihnen vergeſſen und fand nichts verändert, bis ich zu Omers Laden kam. Wo früher blos Omer ſtand, las ich jetzt als Aufſchrift: Omer und Joramz aber die Worte: Tuchhänd⸗ ler, Schneider, Bandkränmer, Leichenbitter u. ſ. w. waren geblieben. David Kopperfield. 57 Meine Schritte ſchienen ſich, nachdem ich dieſe Worte über den Weg hinüber geleſen, ſo natürlich nach der La⸗ denthür zu lenken, daß ich über die Straße ging und hin⸗ einſah. Im Hintergrunde des Ladens befand ſich eine hübſche Frau, welche ein kleines Kind auf ihrem Arme tanzen ließ, während ein anderes kleines Bürſchchen an ihrer Schürze hing. Ich hatte keine Schwierigkeit, in ihr Minnie oder Minnies Kinder zu erkennen. Die Glas⸗ thür zum Ladenſtübchen war nicht ofſen, aber in der Werk⸗ ſtatt quer über den Hof hinten konnte ich leiſe die alte Melodie ſpielen hören, als wenn ſie nie aufgehört hätte. „Iſt Herr Omer zu Hauſe?“ fragte ich eintretend. „Ich möchte ihn gern einen Augenblick ſehen, wenn dies der Fall iſt.“ „O ja, mein Herr, er iſt daheim,“ ſagte Minnie, „dieſes Wetter bekommt ſeinem Aſthma nicht, wenn er ausgeht. Joe, rufe Deinen Großvater.“ Der kleine Burſch, welcher ſich an der Schürze hielt, ſchrie ſo tüchtig auf, daß er ſich des Lärms, den er damit machte, ſelbſt ſchämte und ſein Geſicht zu ihrer großen Ver⸗ wunderung in den Saum ihres Kleides verſteckte. Ich hörte, wie ein ſchweres Schnaufen und Aechzen auf uns zu kam, und bald ſtand, kurzathmiger als einſt, aber nicht viel älter ausſehend, Mr. Omer vor mir. „Gehorſamſter, mein Herr,“ ſagte Mr. Omer.„Wo⸗ mit kann ich Ihnen dienen, mein Herr?“ „Sie können mir eine Hand geben, Herr Omer, wenn's Ihnen gefällig iſt,“ antwortete ich, indem ich die meinige ausſtreckte.„Sie waren einſt ſehr gefällig gegen mich, wenn ich auch fürchte, daß ich damals nicht zeigte, wie ich das einſähe.“ „War ich das wirklich?“ erwiederte der alte Mann. 58 David Kopperfield. „Freue mich, das zu hören, aber ich entſinne mich nicht, wenn das geweſen wäre. Sind Sie ſicher, daß ich's war?“ „Ganz ſicher.“ „Ich glaube, mein Gedächtniß iſt ſo kurz geworden wie mein Athem,“ ſagte Mr. Omer, indem er mich an⸗ ſah und den Kopf ſchüttelte.„Denn ich beſinne mich durchaus nicht auf Sie.“ „Erinnern Sie ſich nicht, daß Sie an die Poſtkutſche kamen, um mich zu treffen, und daß ich hier frühſtuͤckte, und daß wir zuſammen nach Blunderſtone fuhren, Sie und ich und Mrs. Joram und Mr. Joram ebenfalls— der damals noch nicht ihr Mann war?“ „Ei, Gott ſteh mir bei!“ rief Mr. Omer, nachdem ihm ſeine Verwunderung einen Huſtenanfall zugezogen, „was Sie nicht ſagen! Minnie, meine Liebſte, Du ent⸗ ſinnſt Dich? Ei der Tauſend, freilich— die Partie war 'ne Dame, dächt ich?“ „Meine Mutter,“ erwiederte ich. „Ganz— rich— tig,“ ſagte Omer, indem er mit ſeinem Zeigefinger dreimal ſeine Weſte antippte.„Und es war noch ein kleines Kind dabei!'s waren ihrer zwei Partien. Die kleine Partie wurde neben die andre Partie gelegt. Drüben in Blunderſtone war's, freilich. Ei der Tauſend! Und wie iſt Sie's derweile gegangen?“ Ich dankte ihm: ich hätte mich wohlbefunden und hoffe, es ſei mit ihm ebenſo geweſen. „Oh, nichts, über das man grade zu murren hätte,“ ſagte Mr. Omer.„Ich finde, daß mein Athem kurz wird, aber der wird ja ſelten länger, wenn eines älter wird. Ich nehm's, wie's kommt und benutze's, ſo gut ſich's benutzen läßt. Das iſt der beſte Weg, nicht wahr?“ Mr. Omer huſtete in Folge ſeines Lachens wieder, David Kopperſield. 59 und mußte ſich von ſeiner Tochter, welche jetzt ganz nahe bei uns ſtand und ihr kleinſtes Kind auf dem Ladentiſche tänzeln ließ, bei Bekämpfung des Anfalls unterſtützen laſſen. „Ei der Tauſend!“ ſagte Mr. Omer.„Ja, ganz richtig. Zwei Partien! Ei ja, bei dieſer ſelbigen Fahrt, wenn Sie mir glauben wollen, wurde die Hochzeit meiner Minnie mit Joram feſtgeſetzt.“—, Setzen Sie'n Tag feſte,“ ſagte Joram.—„Ja, mache, Vater,“ meinte Minnie. „Und nun iſt er in's Geſchäft getreten. Und ſehn Sie 'mal hier.'s Jüngſte!“ Minnie lachte und ſtrich ihr geſcheiteltes Haar über die Schläfe, während ihr Vater einen ſeiner fetten Finger in die Hand des Kindes ſteckte, welches ſie auf dem Laden⸗ tiſche tänzeln ließ. „Zwei Partien waren's, freilich,“ ſagte Mr. Omer, indem er im Rückblicke auf das Vorherige mit dem Kopfe nickte.„Ganz richtig, ſo war's. Und Joram arbeitet in dieſem Augenblicke an einem grauen mit ſilbernen Nägeln; nicht dieſe Größe“— er meinte die Größe des auf dem Ladentiſche tanzenden Kindes—„gute zwei Zoll länger. Wollen Sie aber nicht was genießen?“ Ich lehnte dies dankend ab. „Laſſen Sie mich'mal ſehen,“ begann Mr. Omer von Neuem.„Barkiſſen, dem Boten ſeine Frau— Peg⸗ gotty iſt dem Fiſcher ſeine Schweſter— ſie hatte was mit Ihrer Familie zu thun. Sie war in Dienſten da, nicht?“ Ich antwortete ihm bejahend, was ihm zu großer Genugthuung gereichte. „Ich glaube, ich werde nächſtens wieder langen Athem kriegen, mein Gedächtniß wird wieder ſo,“ verſetzte Mr. 60 David Kopperfield. Omer.„Gut denn, junger Herr, wir haben eine junge Verwandte von ihr hier als Lehrmädchen, und die hat einen ſolchen eleganten Geſchmack in der Schneiderei— ich verſichere Ihnen, daß ich nicht glaube, eine Herzogin in England könnte ihr d'rin das Waſſer reichen.“ „Doch nicht die kleine Emilie?“ rief ich unwillkürlich. „Emilie iſt ihr Name,“ ſagte Mr. Omer,, und klein iſt ſie auch; aber wenn Sie mir glauben wollen, ſie hat ſolch'n hübſches Geſichtchen, daß die Hälfte der Weiber in unſrer Stadt ganz wüthend auf ſie ſind.“ „Dummes Zeug, Vater!“ ſchrie Minnie. „Mein Herzchen!“ ſagte Mr. Omer.„Damit will ich nicht behaupten, daß dies auch mit Dir ſo iſt,“ und indem er mir mit den Augen zublinzelte, fuhr er fort, „aber das will ich ſagen, daß die Hälfte der Weiber in Yarmouth— ach, was will ich, fünf Meilen in der Runde— wüthend auf das Mädel ſind.“ „Dann ſollte ſie auch nicht über ihren Stand hinaus⸗ getreten ſein,“ ſagte Minnie,„und ihnen nicht Gelegen⸗ heit gegeben haben, ſie in's Gerede zu bringen; da würden ſie's auch nicht gethan haben.“— „Nicht gethan haben, meine Beſte?“ erwiederte Mr. Omer,„nicht gethan haben? Iſt das Deine Kenntniß vom Leben? Was in aller Welt giebt's, was ein Frauen⸗ zimmer nicht thun würde, was ſie nicht thun könnte?— beſonders, wenn ſich's um das hübſche Lärochen einer Andern handelt.“ Ich dachte wirklich, daß es jetzt mit Mr. Omer ganz aus ſei, nachdem er dieſen beleidigenden Spaß heraus hatte. Er huſtete ſo fürchterlich, und ſein Athem ſtemmte ſich gegen alle ſeine Anſtrengungen, ſich zu erholen, mit ſolcher Hartnäckigkeit, daß ich ſteif und feſt erwartete, ſein David Kopperfield. 61 Kopf würde über den Ladentiſch hinten hinunterfallen und ſeine kleinen ſchwarzen Hoſen mit den moderfleckigen kleinen Bandſchleifen an den Knieen würden in einem letzten erfolgloſen Kampfe in die Höhe zappeln. Endlich aber kam er wieder zu ſich, wiewohl er immer noch ſchwer keuchte und ſo erſchöpft war, daß er ſich auf den Seſſel vor ſeinem Ladenpulte ſetzen mußte. „Sehen Sie,“ ſagte er, indem er ſein Geſicht ab⸗ wiſchte und mit großer Mühe Athem ſchöpfte,„ ſie hat ſich hier mit gar niemand nicht abgegeben. Sie hat ſich keine beſondere Freundſchaft oder Bekanntſchaft nicht gemacht, der Liebſten gar nicht einmal zu gedenken. In Folge davon iſt das boshafte Gerede entſtanden, daß Emilchen die große Dame ſpielen wollte. Meine Anſicht iſt aber, daß dies hauptſächlich deshalb herumlief, weil ſie, als ſie noch in die Schule ging, manchmal ſich geäu⸗ ßert hat, wenn ſie eine große Dame wäre, würde ſie für ihren Oheim mit Vergnügen Das und Jenes thun— na, ſehn Sie nun— und ihm die und jene hübſchen Sachen kaufen.“ „Ich verſichre Ihnen, Mr. Omer, daß ſie mir daſſelbe geſagt hat,“ entgegnete ich haſtig,„ als wir beide noch Kinder waren.“ Mr. Omer nickte mit dem Kopfe und rieb ſich das Kinn.„Ganz recht. Dann, ſehen Sie, verſtand ſie's, ſich mit wenig Aufwand hübſcher anzuziehen, als die meiſten Andern, die in den großen Beutel greifen konnten, und das machte die Geſchichte unangenehm. Außerdem aber war ſie, was man vielleicht launenhaft nennen könnte — ja was ich ſogar ſelber wirklich launenhaft nennen ſollte,“ ſagte Mr. Omer.„Wußte ſelber nicht recht, was ſie wollte— war ein Bischen verdreht— und konnte 11 1 4 62 David Kopperfield. zuerſt ihrer ſelber nicht Herr werden. Sonſt iſt niemals was weiter gegen ſie vorgebracht worden, Minnie?“ „Nein, Vater,“ ſagte Mrs. Joram.„Das iſt, glaub' ich, das Schlimmſte, was man ihr nachſagt.“ „So gefiel ſie denn nicht, als ſie eine Stelle kriegte, wo ſie einer gebrechlichen alten Dame Geſellſchaft leiſten ſollte, und blieb nicht. Zuletzt kam ſie hierher auf drei Jahr in die Lehre. Zwei davon ſind beinahe vorbei, und ſte iſt ein ſo gutes Mädel geweſen, als jemals eins war. Hat ihren halben Schilling den Tag. Nicht, Minnie, hat ſie nicht ihren halben Schilling den Tag?“ „Ja wohl, Vater,“ erwiederte Minnie.„Dukkannſtnicht ſagen, daß ich ihr was abgebrochen hätte! „Ganz recht,“ ſagte Mr. Omer.„Das iſt wahr. Und damit Sie, junger Herr,“ fügte er, nachdem er noch einige Augenblicke ſein Kinn gerieben batte, hinzu,„mich nicht für einen ebenſo langweiligen als kurzathmigen Mann halten,— wäre das denn Alles, was, wie ich glaube, darüber zu erzählen wäre.“ Da ſie, wo die Rede von Emilien war, in gedämpftem Tone geſprochen hatten, zweifelte ich nicht, daß ſie in der Nähe ſei. Als ich nun fragte, ob es nicht ſo ſei, nickte mir Mr. Omer ein Ja zu und deutete nach der Thür des Stübchens hin. Meine haſtige Frage, ob ich nicht einmal hineinguken dürfe, wurde mit einer bereitwilligen Erlaub⸗ niß beantwortet, und indem ich durch die Glasſcheiben der Thür blickte, ſah ich ſie drin an der Arbeit. Sie war ein wunderſchönes kleines Geſchöpf, mit den wolken⸗ loſen blauen Augen, die einſt in mein kindiſches Herz ge⸗ ſchaut hatten und jetzt lächelnd auf ein anderes Kind Min⸗ nies gerichtet waren, welches in ihrer Nähe ſpielte; mit gerade genug Eigenſinn in ihrem heiteren Geſichtchen, um ——— —8——,- n— u— ð— A —— u — David Kopperfield. 63 das, was ich gehört, zu rechtfertigen; mit einem guten Theil von der alten ſpöttiſchen Sprödigkeit dahinter; aber ſicherlich mit nichts in ihren niedlichen Zügen, was nicht auf Güte und Glück gedeutet und nicht einen guten und glücklichen Lebenslauf verrathen hätte. Die Melodie hinten im Hofe, welche nie aufgehört zu haben ſchien— ach! war es doch in der That die Melodie, welche nie aufhört— klapperte während deſſen in einem fort. „Möchten Sie nicht einmal hineintreten?“ fragte Mr. Omer, und mit ihr reden?„Gehen Sie doch hinein und reden Sie mit ihr, junger Herr. Thun Sie, als ob Sie zu Hauſe wären!“ Ich war damals zu ſchüchtern, um dies zu wagen— ich fürchtete, ſie in Verlegenheit zu ſetzen, und fürchtete nicht weniger, ſelbſt in Verlegenheit zu gerathen; aber ich erkundigte mich nach der Stunde, in welcher ſie des Abends wegginge, um unſern Beſuch darnach einzurichten, und nachdem ich von Mr. Omer, ſeiner hübſchen Tochter und ihren kleinen Kindern Abſchied genommen, ging ich fort und zu meiner lieben alten Peggotty. Hier war ſie, in der mit Ziegelſteinen gepflaſterten Küche, und bereitete das Mittagseſſen. In dem Augen⸗ blicke, wo ich an die Thür pochte, öffnete ſie dieſelbe und fragte mich, was mir gefällig ſei. Ich ſah ſte mit einem Lächeln an, ſie aber gab mir kein Lächeln zurück. Ich hatte nie aufgehört, an ſie zu ſchreiben, aber es mußte ſieben Jahr geweſen ſein, ſeit wir nicht zuſammen geweſen waren. „Iſt Herr Barkis zu Hauſe, Madam?“ fragte ich, indem ich mich bemühte, mit rauher Stimme zu ihr zu ſprechen. 64 David Kopperfield. „Er iſt daheim, mein Herr,“ entgegnete Peggotty, „aber iſt übel daran mit dem Rheumatismus.“ „Geht er jetzt nicht hinüber nach Blunderſtone?“ er⸗ kundigte ich mich. „Wenn er geſund iſt, geht er,“ antwortete ſie. „Gehen Sie wohl manchmal hinüber, Madame Barkis?“ Sie ſah mich aufmerkſamer an, und ich bemerkte, wie ſich ihre Hände ſchnell auf einander zu bewegten. „Sonſt würde ich Sie über ein Haus dort fragen, welches die Leute,— wie denn gleich?— ja richtig, die Rookery heißen,“ fuhr ich fort. Sie that einen Schritt rückwärts und ſtreckte ihre Hände in einer unentſchiedenen furchtſamen Weiſe vor ſich hin, als ob ſie mich von ſich fern halten wollte. „Peggotty!“ rief ich ihr zu. Sie erwiederte weinend:„Mein allerliebſter Junge!“ und wir brachen beide in Thränen aus und ſchloſſen uns feſt in die Arme. Was für ausſchweifende Freudenbezeigungen ſie los⸗ ließ, wie ſie über mich lachte, wie ſie weinte, welchen Stolz ſie zeigte, welche Freude, wie betrübt ſie war, daß ſie, deren Stolz und Freude ich hätte ſein können, mich nie⸗ mals zärtlich hätte umarmen können,— alles dies zu erzählen habe ich nicht Farben genug. Ich möchte behaupten, daß ich in meinem ganzen Leben— und ſelbſt ihr gegenüber— nie ſo unmäßig gelacht und geweint habe, als dieſen Morgen. „Barkis wird ſich ſo ſehr freuen,“ ſagte Peggotty, ſich die Augen mit ihrer Schürze trocknend,„daß es ihm beſſer thun wird, als ganze Kannen voll Salben. Kann ich zu David Kopperfield. 65 ihm gehen und ihm ſagen, daß Du hier biſt? Willſt Du mit hinaufkommen und ihn'mal ſehen, mein Herzchen?“ Natürlich wollt' ich. Aber Peggotty vermochte nicht ſo leicht aus der Stube zu gelangen, als ſie gedacht hatte; denn ſo oft ſie bis an die Thür kam und ſich nach mir umſah, eilte ſte zurück, um ſich abermals auf meiner Schulter auszulachen und auszuweinen. Endlich ging ich, um ihr die Sache zu erleichtern, mit ihr hinauf, und nachdem ich draußen eine Minute gewartet, während ſie Mr. Barkis mit ein paar Worten vorbereitete, ſtellte ſie mich dieſem Patienten vor. Ich war durchaus nicht be⸗ ſorgt, daß es kindiſch herauskommen würde von mir, ihre Empfindungen zu erwiedern. Er empfing mich mit grenzenloſem Enthuſiasmus. Er war zu ſehr vom Reißen geplagt, um mir die Hand ſchütteln zu können, bat mich aber, die Quaſte am Zipfel ſeiner Schlafmütze zu ſchütteln, was ich denn auch mit großer Herzlichkeit that. Als ich mich neben ihm auf’s Bett ſetzte, ſagte er, daß dies ihm unendlich wohl thue, indem es ihm zu Muthe wäre, als ob er mich wieder auf der Straße nach Blunderſtone führe. Da er mit dem Ge⸗ ſichte nach oben gerichtet und ſo zugedeckt im Bette lag, daß er— gleich den Cherubim in der Kirche— nichts als Geſicht zu ſein ſchien, war er das wunderlichſte Ding, das ich jemals geſehen. „Welcher Name war's, den ich damals im Karren aufſchreiben that, junger Herre?“ ſagte Mr. Barkis mit einem matten rheumatiſchen Lächeln. „Ah, Herr Barkis, wir hatten ein ſehr ernſtes Ge⸗ ſpräch über dieſe Angelegenheit, nicht wahr?“ „Ich war lange Zeit willens, junger Herre,“ meinte Mr. Barkis. David Kopperfield. IV. 5 66 David Kopperfield. „Ja wohl, lange Zeit,“ ſagte ich. „Und ich thu's nicht bedauern,“ fuhr Mr. Barkis fort.“„Beſinnen Sie ſich, was Sie mich da erzählten, daß ſie alle die Apfelparſteten und die ganze Kocherei be⸗ ſorgen thäte? „Ja, recht wohl,“ entgegnete ich. „Es war ſo wahr, wie's Chauſſeegeld giebt,“ ſagte Mr. Barkis.„Es war ſo richtig,“ ſetzte er hinzu, indem er mit ſeiner Nachtmütze ſchüttelte, welches das einzige Mittel war, ſeine Worte zu bekräftigen,„als wie's Steuern giebt. Und nichts iſt wahrer, als dieſe!“ Mr. Barkis richtete die Augen auf mich, als ob er damit meine Beiſtimmung zu dieſem Ergebniß ſeines Nach⸗ denkens im Bette herausfordern wolle, und ich ertheilte ihm dieſelbe. „Nichts kann wahrer ſein, als ſie, ¹ wiederholte Mr. Barkis.„Ein Mann, der ſo arm iſt, wie ich, find't das raus in ſeinem Gemüthe, wenn er ſo daliegen thut. Ich bin ein ſehr armer Mann, junger Herre.“ „Bin ſehr betrübt, das zu hören, Herr Barkis.“ „Wahrhaftig, ich bin ein ſehr armer Mann,“ wieder⸗ holte Mr. Barkis. Mit dieſen Worten kam ſeine rechte Hand langſam und ſchwach unter der Bettdecke hervor und erfaßte mit einem zweckloſen ungewiſſen Griffe einen loſe am Bette befeſtigten Stock. Nachdem er eine Zeitlang mit dieſem Inſtrument herumgepocht, währenddeß ſein Geſicht die mannichfaltigſten Schattirungen der Verzweiflung aus⸗ drückte, pochte Mr. Barkis endlich damit gegen einen Koffer, von welchem ich eine Ecke die ganze Zeit über ge⸗ ſehen hatte. Hierauf beruhigte ſich ſein Antlitz wieder. „Alte Sachen drinne,“ ſagte Mr. Barkis. 1 David Kopperfield. 67 „Oh,“ ſagte ich. „Ich wollte,'s wäre Geld, junger Herre,“ ſagte Mr. Barkis. „Ei ja, das wollt' ich auch,“ ſagte ich. „Aber's iſt keines nicht,“ ſagte Mr. Barkis, indem er beide Augen ſo weit aufriß, als er nur irgend konnte. Ich drückte ihm aus, wie ich deſſen ſicher ſei, und Mr. Barkis richtete ſeine Augen mit einem ſanfteren Ausdrucke auf ſeine Frau und ſagte: „Sie iſt das nützlichſte und beſte aller Weiber, die C. P. Barkis. Alles Lob, welches jemand der C. P. Barkis nur geben kann, das verdient ſie, und noch mehr! Meine Gute, Du wirſt heute was Hübſches zu Mittage machen für die Geſellſchaft; verſtehſt Du, was Gut's zu eſſen und zu trinken, willſt Du?“ Ich wollte eben gegen dieſe unnöthige Demonſtration mir zu Ehren proteſtiren, als ich Peggotty an der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Bettes über die Maßen ängſtlich mir winken ſah, ich ſolle das ſein laſſen. So blieb ich denn ruhig. „Ich habe hier irgendwo ein paar Dreier liegen, meine Gute,“ verſetzte Mr. Barkis,„aber ich bin Dir ein Biſſel ſchwach. Wenn Du und Musje David mich auf 'nen Augenblick verlaſſen wollt, will ich ſehen, ob ich's finden kann, wenn ich aufwache.“ Wir verließen die Stube, indem wir dieſer Auffor⸗ derung Folge leiſteten. Als wir vor die Thür kamen, be⸗ lehrte mich Peggotty, daß Mr. Barkis, der jetzt„noch ein Bischen genauer“ ſei, als früher, ſtets zu demſelben Vorwande ſeine Zuflucht nehme, bevor er ein einziges Geldſtück aus ſeinem Schatze zum Vorſchein bringe; und daß er unerhörte Schmerzen empfinde, indem er allein 5* 68 David Kopperfield. aus dem Bette krabbele und es aus dieſem unglücklichen Koffer nehme. Und wirklich hörten wir ihn jetzt ein un⸗ terdrücktes Aechzen der kläglichſten Art ausſtoßen, da es ihn bei dieſer bachſtelzenartig gebückten Stellung in jeder Flechſe riß. Aber während Peggotty's Augen voll Mitleid mit ihm waren, ſagte ſie, dieſer edelmüthige Antrieb werde ihm gut ſein, und es ſei beſſer, ihn nicht zu ſtören. So ächzte er denn weiter fort, bis er, ohne Zweifel ein wah⸗ res Märtyrerthum erduldend, wieder in's Bett gekrochen war, worauf er uns unter dem Vorgeben hereinrief, er ſei ſoeben aus einem erquickenden Schlaf erwacht, und eine Guinea unter ſeinem Kopfkiſſen hervorlangte. Seine Zufriedenheit, uns ſo glücklich getäuſcht und das undurch⸗ dringliche Geheimniß des Koffers bewahrt zu haben, ſchien ihm eine hinreichende Ausgleichung für alle ſeine Martern zu ſein. Ich bereitete Peggotty auf Steerforths Ankunft vor, und es dauerte nicht lange, ſo kam er. Ich bin der feſten Ueberzeugung, daß ſie in ſeiner Perſon keinen Unterſchied zwiſchen einem Wohlthäter ihrer ſelbſt und einem guten Freunde von mir zu machen wußte, und daß ſie ihn an ſich ſchon und auf jeden Fall mit der äußerſten Dankbar⸗ keit und Hingebung aufgenommen haben würde. Aber ſeine leichte, gewinnende gute Laune, ſein geiſtvolles Auf⸗ treten, ſein hübſches Aeußere, ſeine natürliche Gabe, ſich jedermann anzupaſſen, dem er ſich anzupaſſen beliebte, und wenn er ſich die Mühe geben wollte, ſogleich ſich in jedermanns Herz als hauptſächlichſter Gegenſtand feſtzu⸗ ſetzen, feſſelte ſte an ihn ganz und gar und zwar ſchon im Laufe der erſten fünf Minuten. Sein Benehmen gegen mich ſchon würde ſie gewonnen haben. Faſſe ich aber alle dieſe Dinge zuſammen, ſo hege ich den feſten Glauben, — David Kopperfield. 69 daß ſie in ihr eine Art Anbetung vor ihm hervorriefen, ehe er dieſen Abend das Haus verließ. Er blieb mit mir zu Tiſche dort— wollt' ich ſagen: willig, ſo würde ich damit ſeine Bereitwilligkeit und Luſt nicht halb ausdrücken. Er ging wie Luft und Licht in Mr. Barkis' Stube und erleuchtete und erfriſchte ſie, als ob er ein klares geſundheitbringendes Wetter ſei. Kein Lärmen, keine Anſtrengung, keine Berechnung war in dem, was er that, ſondern in allen Dingen ſprach ſich eine un⸗ beſchreibliche Leichtigkeit, eine augenſcheinliche Unmöglich⸗ keit, irgend etwas anders oder irgend etwas beſſer zu thun aus, was einen ſo anmuthigen, ſo natürlichen, ſo gefälligen Eindruck machte, daß derſelbe mich ſelbſt jetzt noch, in der Erinnerung, überkommt. Wir waren ſehr luſtig in dem kleinen Zimmer, wo das Buch der Märtyrer, deſſen Blätter ſeit meiner letzten Anweſenheit nicht umgewendet worden, wie dereinſt auf dem Pulte aufgeſchlagen lag, und wo ich nun ſeine gräßli⸗ chen Bilder durchſah und mich zwar der einſtigen Empfindun⸗ gen erinnerte, die ſie erweckt, ſie aber nicht mehr fühlte. Als Peggotty von dem Stübchen ſprach, welches ſie mein Zimmer nannte, und meinte, daß es für mich zur Nacht bereit ſei, und daß ſie hoffe, ich werde es beziehen, ſo wußte Steerforth, ehe ich nur ſo weit gekommen, daß ich ihn zögernd und fragend anſah, ſchon wie die ganze Sache ſtand und was zu thun ſei. „Natürlich,“ ſagte er.„Du wirſt, während wir in der Stadt ſind, hier ſchlafen, und ich werde im Hotel bleiben.“ „Aber Dich ſo weit von ſich weg zu haben,“ erwie⸗ derte ich,„und zu trennen, ſcheint ein übles Freundſchafts⸗ zeichen, Steerforth.“ I —— 70 David Kopperfield. „Ei aber, in des Himmels Namen, wo gehörſt Du denn von Natur und Rechtswegen hin!“ ſagte er.„Was hat ein„ſcheint“ im Vergleich hiermit zu bedeuten!“ Damit war ich augenblicklich zur Ruhe gebracht. Er behielt alle ſeine angenehmen Eigenſchaften bis zum letzten Augenblicke, wo wir— es war acht Uhr— nach Mr. Peggotth's Boot aufbrachen. Ja dieſe Eigen⸗ ſchaften entfalteten ſich immer ſtrahlender, je weiter die Stunden vorſchritten; denn ich dachte ſchon damals und bezweifle jetzt nicht mehr im Entfernteſten, daß das ſeine Abſicht zu gefallen begleitende Bewußtſein des unzweifel⸗ haften Erfolgs, ihm einen neuen feineren Wahrnehmungs⸗ ſinn verlieh, und ihm denſelben, der an ſich ſchon ſcharf war, leichter und bequemer zu handhaben machte. Hätte mir irgend jemand damals geſagt, daß alles dies nur ein glänzendes Spiel ſei, geſpielt, um ſich einen Augenblick zu berauſchen, um ſeine gute Laune zu beſchäftigen, in der an nichts Anderes denkenden Liebe zur Erhabenheit über alles Andere, in dem bloßen liebeleeren, unüberlegten Streben nach dem Gewinn von etwas, welches für ihn keinen Werth hatte und die nächſte Minute weggeworfen wurde— ich ſage, wenn irgend jemand mir dieſen Abend ſolch eine Lüge geſagt hätte, wahrlich ſo möcht' ich wiſſen, wie ich dies aufgenommen, in welcher Weiſe meine Ent⸗ rüſtung ſich Luft gemacht haben würde! Wahrſcheinlich nur darin, daß, wäre dies möglich ge⸗ weſen, die romantiſchen Gefühle von Treue und Freund⸗ ſchaft ſich noch geſteigert hätten, mit denen ich neben ihm über die dunklen winterlichen Sanddünen auf das alte Boot zuſchritt, während der Wind um uns ſelbſt noch trauervoller ſeufzte, als er geſeufzt und geächzt, wie ich das erſte Mal Mr. Peggotty's Thür beſchattete. David Kopperfield. 71 „Das iſt eine wilde Gegend, Steerforth,“ ſagte ich, „nicht wahr?“ 1 „Schlimm genug in der Dunkelheit,“ erwiederte er, „und die See brüllt, als ob ſie Hunger nach uns hätte. Iſt dies das Boot, dort, wo ich ein Licht ſehe?“ „Das iſt's,“ antwortete ich. „Und S iſt daſſelbe, welches ich am Morgen ſah,“ entgegnete er.„Ich ging gradeswegs drauf los, ver⸗ muthlich aus Inſtinkt.“ Wir ſprachen, als wir uns dem Lichte näherten, nicht mehr, ſondern machten uns leiſe an die Thür. Ich legte meine Hand auf die Klinke und ging, indem ich Steerforth mir unmittelbar folgen hieß, hinein. Draußen ſchon war ein Gemurmel von Stimmen hörbar geweſen, und in dem Augenblicke unſeres Eintre⸗ tens vernahm ich ein Händeklatſchen, welches letztere Ge⸗ räuſch ich mit Erſtaunen von der gewöhnlich ganz troſt⸗ loſen Mrs. Gummidge ausgehen ſah. Aber Mrs. Gum⸗ midge war nicht die einzige Perſon hier, welche außer⸗ gewöhnlich aufgeregt war. Mr. Peggotty, deſſen Geſicht von ungemeiner Genugthuung ſtrahlte und der aus allen Leibeskräften lachte, hielt ſeine rauhen Arme weit geöff⸗ net, als ob er Klein⸗Emilchen hineinlaufen laſſen wollte; Ham mit einem gemiſchten Ausdrucke von Bewunderung, Jubel und einer nur halbzurückgedrängten Schüchternheit — einem Ausdrucke, der ihm recht gut ſtand— hielt Emilchen bei der Hand, als ob er ſie Mr. Peggotty vor⸗ ſtellen wollte; die kleine Emilie ſelbſt, roth und verlegen, aber glücklich über Mr. Peggotty's Glück, wurde durch unſer Eintreten— denn ſie erblickte uns zuerſt— mitten in dem Anlaufe aufgehalten, mit dem ſie von Hams Seite in Mr. Peggotty's Arme ſpringen wollte. In dieſer 72 David Kopperfield. Stellung und hiermit beſchäftigt trafen wir ſie beim erſten Blicke, den wir auf ſie warfen, und in dem Momente, wo wir aus der dunkeln kalten Nacht in die warme helle Stube traten, alleſammt an. Mrs. Gummidge aber ſtand im Hintergrunde und klatſchte mit den Händen wie eine Wahnwitzige. Das kleine Genrebildchen wurde durch unſer Herein⸗ treten ſo plötzlich aufgelöſt, daß man hätte in Zweifel ſein können, ob es je exiſtirt habe. Ich ſtand mitten unter der erſtaunten Familie, Geſicht zu Geſicht Mr. Peggotty gegenüber und hielt ihm die Hand hin, als Ham ſchrie: „Musje Davchen! Musje Davchen!“ Und noch ein Augenblick, und wir ſchüttelten uns alle miteinander die Hände und fragten uns, wie's ginge und ſagten uns, wie ſehr wir uns freuten, uns wieder⸗ zuſehen, und idenbten alle auf einmal. Mr. Peggotty war ſo ſtolz und ſo außer ſich vor Freude, uns zu ſehen, daß er nicht V was zu ſagen oder zu thun, ſondern mir in einem fort und immer wieder die Hand ſchüttelte, und dann daſſelbe mit Steerforth that und dann wieder mit mir begann, und dann ſein zottiges Haar über ſein Geſicht ſtrich und mit ſolch einer ausgelaſſenen Fröhlich⸗ keit und ſolchem Triumphe lachte, daß es ein wahrer Schmaus war, ihn zu ſehen. „Ei der Tauſend, daß Sie zwei Herrens— erwach⸗ ſene Herrens— gerade in dieſer Nacht von alle Nächte in meinem Leben unter dieſes Dach kommen mußten,“ ſagte Mr. Peggotty,„das iſt mir, glaub' ich, ein Ding, wie mir's noch nie nicht vorgekommen iſt. Emilchen, mein Herzeblatt, komm her. Komm hierher, meine kleine Hexe! Das iſt Musje Daviden ſein guter Freund, mein Schäfchen. Das iſt der Herre, von dem Du gehört haſt, David Kopperfield. 73 Emilchen. Er kommt, um Dir zu ſehen mit Musje Da⸗ viden, in der allerluſtigſten Nacht, die Dein Onkel jemals erlebt hat oder erleben wird, Gorm noch mal und Horrah hoch!“ Nachdem er dieſe Rede in einem Athem und mit außerordentlicher Begeiſterung und Wonne vorgetragen, legte Mr. Peggotty an jede Seite des Geſichts ſeiner Nichte eine ſeiner gewaltigen Hände, und nachdem er daſſelbe wohl ein Dutzend Mal geküßt, legte er es mit einem milden Stolze liebend an ſeine breite Bruſt und klopfte es ſchmeichelnd, als ob ſeine rieſige Hand die einer Dame geweſen wäre. Dann ließ er ſie gehen, und als ſie in die kleine Kammer lief, wo ich einſt zu ſchlafen pflegte, ſah er uns, ganz heiß und außer Athem in ſeiner ungemeinen Seelenzufriedenheit, in die Runde an. „Wenn Sie beiden Herrens— nun erwachſene Herrens und was für Herrens—“ begann Mr. Peggotty. „Das iſt richtig, das ſind ſte!“ ſchrie Ham.„Nichtig geſprochen! das ſind ſie. Musje Davchen— erwachſene Herrens— das ſind Sie!“ „Wenn Sie beiden Herrens, erwachſenen Herrens,“ ſagte Mr. Peggotty,„mich nicht entſchuldigen, wenn ich in einem Gemüthszuſtande bin, wenn Sie die Sache nämlich verſtehen, da bitte ich Ihnen um Verzeihung. Emilie, mein Herze! Ach ja, ſie merkt's, daß ich's er⸗ zählen will—“ hier brach ſeine fröhliche Laune wieder hervor,„und hat Reißaus gemacht. Willſt Du nicht ſo gut ſind, Weibſen, und mal'ne Minute nach ihr ſehen?“ Mrs. Gummidge nickte Ja und verſchwand. „Wenn das nicht die luſtigſte Nacht in meinem Leben iſt,“ fuhr Mr. Peggotty fort, indem er ſich zu uns an's Feuer ſetzte,„ſo will ich ein Muſchelthier und noch 74 David Kopperfield. dazu ein gekochtes ſein— und mehr kann ich nicht ſagen. Dieſe kleine Emilie hier,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme zu Steerforth—„ſie, die Sie eben jetzt erſt roth bis hinter die Ohren geſehen haben—“ Steerforth bejahte blos durch ein Kopfnicken, aber mit ſolch einer erfreuten und aufmerkſamen und Mr. Peggotty's Empfindungen theilenden Miene, daß der Letz⸗ tere ihm antwortete, als habe er geſprochen. „Natürlich,“ ſagte Mr. Peggotty.„Das iſt ſie, und ſo iſt ſie. Dank Ihnen, Herr.“ Ham nickte mir mehrmals zu, als hätte er daſſelbe ſagen wollen. „Dieſe unſre kleine Emilie hier,“ fuhr Mr. Peggotty fort,„iſt unſerm Hauſe nichts weiter geweſt, als was, wie ich meine(ich bin nämlich kein gelehrter Mann nicht, aber ich glaube das) ſolch ein kleines Ding mit hellen Gukaugen in einem Hauſe ſein kann. Sie iſt nicht mein Kind, ich habe nie keins nicht gehabt. Aber ich könnte ſie nicht mehr lieben. Sie verſtehen mir. Ich könnte weiß Gott nicht.“ „Ich verſtehe Sie vollkommen,“ ſagte Steerforth. „Weiß das, junger Herre,“ erwiederte Mr. Peggotty, „und danke Ihnen nochmals. Musje Davchen, der kann ſich beſinnen, was ſie war, und Sie können nach Ihre eigne Augen urtheilen, was ſie iſt; aber keiner von Sie beide nicht kann alles wiſſen, was ſie für mein liebendes Herze geweſen iſt und noch iſt und ſein wird. Ich bin ein grober Mann, ſehn Sie“ ſagte Mr. Peggotty,„grob und rauh wie ein Seeſtachelſchwein; aber kein Menſch, höchſtens etwa ein Frauenzimmer, kann, glaub' ich, ſich vorſtellen, was ich für'ne Liebe zu unſere kleine Emilie habe. Und unter uns geſagt,“ fuhr er ſeine Stimme David Kopperfield. 75 * noch mehr dämpfend fort,„das Frauenzimmer, das ich meine, iſt auch nicht die Frau Gummidge, obwohl ſie 'ne ganze Hocke voll Tugenden hat.“ Mr. Peggotty warf ſich das Haar wieder mit beiden Händen übers Geſicht, als eine weitere Vorbereitung auf das, was er zu ſagen vorhatte, und dann fuhr er, auf jedem ſeiner Kniee eine Hand, fort: „Da war Sie eine gewiſſe Perſon, die unſer Emil⸗ chen von die Zeit an gekannt hatte, wo ihr Vater ertrun⸗ ken war; und welche ſie in Einem weg geſehen hatte, wie ſie ne kleine Krabbe in der Wiege war, und wie ſie ein jun⸗ ges Mädel, und wie ſie hernach ein großes Weibſen wurde. Gerade keine ſehr hübſche Perſon nicht von Geſichte,“ ſagte Mr. Peggotty,„ſo was von meinem eignen Ge⸗ rüſte— grob und rauh— ſteckt ein gutes Stücke Ma⸗ troſe in ihm drinne— ſehre ſalzig— aber im Ganzen eine richtige Sorte Kerl, der's Herze auf dem rechten Flecke hat.“ Mir war's, als hätte ich Ham nie in dem Maße feiren ſehen, als er uns jetzt anfeirte. „Was macht mir dieſer Herrgottsſaperlott von einem Theerlappen hier,“ ſagte Mr. Peggotty auf dem Zenith des Vergnügens,„verliert er mir ſein Herz an unſre kleine Emilie. Er läuft ihr nach, macht eine Art Bedienten von ihr, verliert den Geſchmack am lieben Eſſen auf ſchreck⸗ liche Weiſe, und am Ende vom Liede ſteckt er mir'n Licht auf, wo's ihm fehlen thut. Nun mußte ich, ſehen Sie, ſelber wünſchen, daß unſre kleine Emilie Ausſichten hätte, ſich zu verheirathen. Ich mußte wünſchen, ſie auf jeden Fall unter'm Schutze eines Mannes zu ſehen, der ein Recht hat, ſie zu vertheidigen. Ich weiß nicht, wie lange ich lebe oder wie bald ich ſterbe, aber das weiß ich, 76 David Kopperfield. daß, wenn ich mal der Nacht im Winde hier aufm Wege nach Yarmouth umſchmeißen thäte und die Lichter der Stadt zum letzten Male über der Ankerwinde ſcheinen ſähe, und ich mich nicht mehr dagegen ſtemmen könnte, da möcht' ich ruhiger untergehen, weil ich dächte: Da iſt ein Mann am Ufer, treu wie Eiſen gegen meine kleine Emilie— Gott ſegne ſie!— und kein Leid kann mei⸗ ner Emilie zu nahe treten, ſo lange als dieſer Mann leben thut.“ Mr. Peggotty meinte es in ſeinem einfachen Gemüthe durchaus ernſthaft und winkte mit ſeinem rechten Arme, als ob er damit den Lichtern der Stadt den letzten Ab⸗ ſchied zuwinkte, und dann wechſelte er mit Ham, dem er feſt in's Auge ſah, ein Nicken und fuhr wie zuvor fort. „Gut alſo, ich geb' ihm den Rath, ſelber mit Emi⸗ lien zu reden. Er iſt groß genug dazu, aber iſt feiger, als ein Kleiner, und ſo wagt er es denn nicht. Da red' ich denn mit ihr.— Was! Ihn! ſagt Emilchen. Ihn, mit dem ich ſchon ſo viele Jahre genau bekannt geweſen bin, und dem ich ſo gut bin! Oh, Onkel, ich kann ihn durch⸗ aus nicht heirathen. Er iſt ſolch ein guter Kerl.— Ich gebe ihr nen Schmatz und ſage zu ihr weiter nichts, als: Mein Herze, du haſt Recht, dich auszuſprechen und deine Wahl zu treffen, du biſt ſo frei, wie'n kleiner Vogel. Dann ging ich zu ihm und ſagte: Ich wollte,'s hätte ſo ſein können, aber's geht nicht. Aber ihr könnt alle beide ſein, wie ihr waret, und was ich dir ſagen will, das iſt: Sei wie du warſt mit ihr, und ſei ein Mann. Er ſagt zu mir und ſchüttelt mir die Hand,— ich werd's, ſagt er. Und er war ſo— rechtſchaffen und mannhaftig— zwei Jahre hinter einander, und wir waren zu Hauſe ganz ſo, wie vorher.“ David Kopperfield. 77 Mr. Peggottys Geſicht, deſſen Züge ſich mit den ver⸗ ſchiedenen Hauptpunkten ſeiner Erzählung geändert hat⸗ ten, nahm jetzt alle ſeine vorherige triumphirende Fröh⸗ lichkeit wieder an, und während er die eine ſeiner Hände auf mein Knie und die andre auf das von Steerforth legte, nachdem er beide vorher des größeren Nachdrucks im Geberdenſpiel halber naß gemacht, theilte er die fol⸗ gende Rede zwiſchen uns: „Da auf ein Mal kommt eines Abends— wie wenn's heute ſo wäre— die kleine Emilie von ihrer Ar⸗ beit und hat ihn bei ſich. Was iſt denn das nu weiter Großes, werden Sie ſagen. Ganz richtig; denn er ſorgt ſich um ſie nach dem Dunkelwerden und auch ſelber vor'm Dunkelwerden ſchon und immerwährend. Aber nein, die⸗ ſer Theerlappen von einem Burſchen, der nimmt ſie bei der Hand und ſchreit mir luſtig zu: Guck mal her. Die will meine Frau werden!— Und ſie ſagt halb ſtolz, halb ängſtlich und Lachen und Weinen in einem Sacke: Ja, Onkel, wenn Du willſt!— Wenn ich will!“ ſchrie Mr. Peggotty, indem er ſeinen Kopf gewaltig ſchüttelte, als ob dieſer Gedanke über alle Berge ginge:„Herr Gott, wenn ich jemals was anderes gedacht hatte!— Wenn du willſt, ich bin jetzt geſetzter und habe mir's beſſer über⸗ legt, und ich will ſein kleines Weibchen ſein, ſo gut ich kann; denn er iſt ein lieber guter Junge!— Dann klatſchte Frau Gummidge mit ihre Hände wie im Schau⸗ ſpielhauſe, und Sie kamen'rein. Na, da iſt die Mordge⸗ ſchichte heraus!“ ſagte Mr. Peggotty.„Sie kamen ’rein. Es trug ſich in dieſer ſelbigen Stunde zu, und hier iſt der Mann, der ſie heirathen will, ſobald ſie nur aus der Lehre iſt.“ Ham taumelte, wie dies kein Wunder war, unter 78 David Kopperfield. dem Schlage, den Mr. Peggotty in ſeiner gränzenloſen Freude als ein Zeichen der Vertraulichkeit und Freund⸗ ſchaft ihm verſetzte; indem er ſich aber auch aufgefordert fühlte, zu uns etwas zu ſagen, ſo ſtotterte und ſtammelte er unter großer Schwierigkeit Folgendes hervor: „Sie war nicht größer als Sie, Musje Daochen— wie Sie zum erſten Male hierher kaͤmen,— wo ich dachte, was ſie wohl werden würde, wenn ſie großwachſen thät. Ich hab' ſie groß wachſen geſehen,— meine Herrens,— wie 'ne Blume. Ich wollte gleich mein Leben für ſie laſſen— Musje Davchen. Oh, ich bin ſehr zufrieden und froh! Sie iſt mir mehr— meine Herrens— als—— ſie iſt mir Alles, was ich nur wünſchen kann, und mehr, als ich jemals— als ich jemals ausſprechen kann. Ich— ich liebe ſie wahrhaftig. Es giebt keinen vornehmen Her⸗ ren im ganzen Lande oder der auf der See ſegeln thäte, der ſeiner Gemahlin ſo gut ſein könnte, als ich ihr bin, wenn es auch manchen gemeinen Mann geben thut, der— beſſer ſagen könnte— was er meinte.“ Mir kam es rührend vor, ſolch einen unbeholfenen Burſchen, wie Ham ſich zeigte, zittern zu ſehen vor der Gewalt deſſen, was er für das niedliche kleine Geſchöpf fühlte, das ſein Herz gewonnen hatte. Ich hielt die Gut⸗ herzigkeit, mit welcher Mr. Peggotty und Ham uns ihr Vertrauen erwieſen, an ſich ſchon für rührend. Ich war in der That tief gerührt. In wiefern auf meine Empfin⸗ dungen Erinnerungen aus meiner Kindheit einwirkten, weiß ich nicht. Ob ich mit der leiſe anpochenden Einbil⸗ dung dorthin gekommen bin, daß ich das Liebesverhältniß mit Klein⸗Emilchen fortſetzen werde, weiß ich nicht. Ich weiß aber, daß alles Dies mich mit Freude erfüllte, aber zuerſt mit einer unbeſchreiblich leicht verletzbaren Freude, David Kopperfield. 79 welche der kleinſte Anſtoß in Schmerz verwandelt haben würde. Wenn es deshalb mir obgelegen hätte, die vorklin⸗ gende Saite ihrer Stimmung mit eignem Geſchick zu rüh⸗ ren, würde ich einen ſchlechten Spieler abgegeben haben. Aber es lag dies Steerforth ob, und er that dies mit ſol⸗ cher Geſchicklichkeit, daß wir in wenigen Minuten alle⸗ ſammt ſo leichten Herzens und ſo glücklich waren, als es nur möglich war. „Mr. Peggotty,“ ſagte er,„Sie ſind ein braver Mann vom Kopfe bis zur Sohle und verdienen, immer ſo glücklich zu ſein, wie heute Abend. Meine Hand darauf! Ham, ich wünſche viel Glück, mein Junge. Auch darauf meine Hand! Gänſeblümchen, ſchüre das Feuer und laß es luſtig aufflackern. Und Sie Mr. Peggotty wenn Sie Ihre niedliche Nichte, für welche ich dieſen Platz in der Ecke räume, nicht zur Zurückkunft bewegen können, ſo werd' ich gehen. Nicht um den Reichthum Indiens würde ich in der Geſellſchaft um Ihren Heerd eine Lücke ent⸗ ſtehen laſſen— und dieſe Lücke am allerwenigſten.“ So ging denn Mr. Peggotty in mein einſtiges Stüb⸗ chen, um Klein⸗Emilchen zu holen. Zuerſt wollte ſie nicht kommen, und dann ging Ham. Da brachten ſie ſie ſogleich— aber allerdings ſehr verlegen und ſcheu, an den Kamin, indeß gewann ſie bald mehr Sicherheit, in⸗ dem ſie fand, wie freundlich und achtungsvoll Steerforth mit ihr ſprach, wie geſchickt er Alles vermied, was ſie hätte erſchrecken können, wie er mit Mr. Peggotty von Booten und Schiffen und Fluthzeiten und Fiſchen ſchwatzte, wie er mich an die Zeit erinnerte, wo wir Mr. Peggotty in Salem Houſe geſehen, wie vergnügt er über das Boot und alles, was dazu gehörte, war, wie leicht und gewandt 80 David Kopperfield. er die Unterhaltung fortführte, bis er uns allmälig in einen Zauberkreis geführt hatte, wo wir ohne Rückſicht von der Leber weg ſprachen. Emilie redete allerdings den Abend nur wenig, aber ſie ſah und hörte zu, und ihr Geſicht belebte ſich, und ſie war bezaubernd. Steerforth erzählte eine Geſchichte von einem entſetzlichen Schiffbruche, auf welche er bei Gele⸗ genheit ſeiner Unterhaltung mit Mr. Peggotty zu ſpre⸗ chen kam, und zwar mit einer ſolchen Lebendigkeit, als ob er Alles vor ſich ſähe— und die kleine Emilie heftete die ganze Zeit über ihre Augen auf ihn, als ob auch ſie es ſähe. Er erzählte ferner, um den betrübenden Ein⸗ druck derſelben zu verwiſchen, ein ſelbſt erlebtes luſtiges Abenteuer, und zwar mit ſo viel heiterer Laune, als ob die Anekdote für ihn ſo neu wäre, als ſie für uns war— und Klein⸗Emilchen lachte, bis das ganze Boot von den muſikaliſchen Tönen wiederhallte, und wir Alle, auch Steerforth, lachten in unwiderſtehlicher Sympathie mit einem Weſen, das ſo angenehm und leichtherzig war. Er brachte Mr. Peggotty ſo weit, daß er:„Wenn die ſtür⸗ miſchen Winde blaſen, blaſen, blaſen,“ ſang oder vielmehr brüllte, und er ſang dann ebenfalls ein Matroſenlied, und zwar ſo gefühlvoll und ſchön, daß ich mir beinahe einge⸗ bildet hätte, der wirkliche Wind, der traurig klagend um das Haus ſchlich und dumpf in unſer ununterbroche⸗ nes Schweigen murrte, ſei da, um zuzuhorchen. Was Mrs. Gummidge betrifft, ſo riß er dieſes Opfer der Verzweiflung aus ihrer Wehmuth mit einem Erfolge heraus, wie ihn, ſo belehrte mich Mr. Peggotty, nach dem Hingange ihres Alten niemand erreicht. Er ließ ihr ſo wenig Muße, um ſich elend zu fühlen, daß ſie den nächſten Tag ſagte, es müſſe ſie jemand behert haben. David Kopperfield. 81 Aber er maßte ſich nicht das Monopol der allgemei⸗ nen Aufmerkſamkeit oder der alleinigen Führung des Ge⸗ ſprächs an. Als die kleine Emilie ſich mehr Herz angeſchafft hatte und— wenn auch immer noch ſchüchtern— über das Kaminfeuer herüber zu mir von unſern einſtigen Wanderungen am Strande ſprach, wo wir Muſcheln und Kieſel aufgeleſen; und als ich ſie fragte, ob ſie ſich erin⸗ nerte, wie ergeben ich ihr geweſen; und als wir, bei die⸗ ſen Rückblicken in die fröhliche alte Zeit, die jetzt ſo un⸗ wirklich ausſah, lachten und errötheten, beobachtete er uns ſchweigend mit gedankenvoller Aufmerkſamkeit. Sie ſaß während dieſer Zeit und den ganzen Abend über auf dem alten Kiſtchen in ihrem alten Winkel am Feuer— Ham neben ihr, wo er zu ſitzen pflegte. Ich vermochte nicht gewiß zu werden, ob es ihre gewöhnliche quäleriſche Ma⸗ nier war, oder ob ſie's aus jungfräulicher Zurückhaltung vor uns that, aber ich beobachtete, daß ſie den ganzen Abend ſich nahe an die Wand und entfernt von ihm hielt. Meines Wiſſens war es beinahe Mitternacht, als wir uns verabſchiedeten. Wir hatten zum Abendeſſen etwas Zwieback und gedörrten Fiſch, und Steerforth hatte aus ſeiner Taſche eine volle Korbflaſche Wachholderbranntwein hervorgelangt, die wir Männer— ich darf jetzt wohl ohne Erröthen ſagen, wir Männer— ausleerten. Wir ſchieden in fröhlicher Stimmung, und als ſie alle um die Thür verſammelt ſtanden, uns, ſo weit ſie konnten, auf un⸗ ſerm Wege zu leuchten, ſah ich die holden blauen Augen Emiliens hinter Ham uns nachſchauen und hörte, wie ihre ſanfte Stimme uns nachrief, uns in Acht zu nehmen, wo wir hingingen. „Eine höchſt anziehende kleine Schönheit,“ ſagte David Kopperſield. IV. 6 82 Dapvid Kopperfield. Steerforth, indem er meinen Arm ergriff.„Nun,'s iſt ein netter Platz, und ſie ſind eine nette Geſellſchaft, und es iſt eine durchaus neue Empfindung, ſich unter ſie zu mi⸗ ſchen.“ „Und wie glücklich wir's trafen,“ entgegnete ich,„daß wir Zeugen ihres Glückes hinſichtlich der beabſichtigten Heirath ſein konnten! Nie ſah ich Leute ſo glücklich! Wie wonnig iſt's, dies zu ſehen und zu Theilnehmern an ihrer ehrlichen gutmüthigen Freude gemacht zu werden, wie dies mit uns der Fall war.“ „Das iſt aber doch ein zu tölpelhafter Kerl für das Mädel, nicht wahr?“ ſagte Steerforth. Er war ſo herzlich mit ihm und mit ihnen Allen ge⸗ weſen, daß mir dieſe unerwartete und kalte Erwiederung geradezu einen Stoß verſetzte. Indem ich mich jedoch ſchnell nach ihm hinkehrte und ein Lächeln in ſeinen Au⸗ gen lauern ſah, antwortete ich um vieles beruhigt: „Ach, Steerforth! Es ſteht Dir gut an, Deinen Scherz über die Armen zu machen! Du magſt Dich mit Miß Dartle herumſtreiten oder Dein Intereſſe an ihnen vor mir in ſpöttiſchen Worten zu verbergen ſuchen, aber ich kenne Dich beſſer. Wenn ich ſehe, wie vollkommen Du ſie verſtehſt, wie ausgezeichnet Du Dich in das Glück von Menſchen, wie dieſer einfache Fiſchersmann, zu ver⸗ ſetzen, oder eine Liebe, wie die meiner alten Amme, nach⸗ zufühlen verſtehſt, ſo weiß ich, daß es keine Luſt und kei⸗ nen Schmerz und keine Gemüthsregung dieſer Leute giebt, welche Dir gleichgültig ſein könnte. Und ich bewundere und liebe Dich dafür zwanzig Mal mehr, Steerforth.“ — —— — —y———— David Kopperfield. 83 Er blieb ſtehen, ſah mir ins Geſicht und ſagte: „Gänſeblümchen, ich glaube, Du meinſt das im Ernſte, und Du biſt ein guter Junge. Ich wollte, wir wären Alle ſo!“ Und den Augenblick darauf ſang er luſtig Mr. Peg⸗ gottys Lied, während wir auf einem Umwege nach Yar⸗ mouth zurückgingen. 6* Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Einige alte Scenen und einige neue Leute. Steerforth und ich, wir hielten uns länger als vier⸗ zehn Tage in dieſem Theile des Landes auf. Wir waren, wie ich wohl nicht erſt zu ſagen brauche, ſehr viel zuſammen; indeß gelegentlich waren wir wohl auch ein paar Stunden nicht beiſammen. Er war ein guter Seemann, während ich nur ein mittelmäßiger war, und wenn er mit Mr. Peg⸗ gotty ausging, um im Boote zu rudern, was ein Lieb⸗ lingsvergnügen von ihm war, ſo blieb ich gewöhnlich am Ufer. Der Umſtand, daß ich Peggottys kleines Stübchen innehatte, legte mir einen Zwang auf, von welchem er frei war; denn indem ich wußte, wie emſig ſie Mr. Barkis während ſeiner Krankheit den ganzen Tag über abwartete, blieb ich nicht gern tief in die Nacht hinein weg, während Steerforth, der im Gaſthofe wohnte, auf Niemand Rück⸗ ſicht zu nehmen hatte als auf ſeine eigne Laune. So kam's denn, daß ich hörte, wie er, nachdem ich zu Bett war, in Mr. Peggottys Schenke, dem ſogenannten„guten Willen“, kleine Gelage für die Fiſchersleute veranſtaltete, und wie — David Kopperſield. 85⁵ er, in Fiſcherkleider gehüllt, ganze mondhelle Nächte auf dem Waſſer war und zurückkam, wenn am Morgen die Fluth erſchien. Indeß wußte ich nun, daß ſeine raſtloſe Natur und ſein ſtolzer Geiſt froh waren, in rauher Arbeit und hartem Wetter ſich Luft machen zu können, gerade wie ſie dies bei jedem andern Aufregungsmittel waren, das ſich ihm bot; und ſo verwunderte mich von ſeinem Treiben gar nichts. Eine andre Urſache unſeres zeitweiligen Getrenntſeins war, daß ich natürlich ein Intereſſe daran hatte, mehr⸗ mals nach Blunderſtone hinüberzugehen und die alten wohlbekannten Scenen meiner Kindheit wiederzuſehen, während Steerforth, nachdem er einmal dort geweſen, natürlich kein großes Intereſſe hatte, noch ein Mal hinzu⸗ gehen. Aus dieſen Gründen gingen wir an drei oder vier Tagen, ſo viel ich mich entſinnen kann, nach einem frühzeitig eingenommenen Frühſtücke auf verſchiedenen Wegen aus und trafen uns erſt bei einem ſpät ſtattfinden⸗ den Mittagseſſen wieder. Außerdem, daß ich im Allge⸗ meinen wußte, wie er im Orte bei den Leuten ſehr be⸗ kannt und beliebt war und zwanzig Nittel fand, ſich in der That zu ergötzen, wo ein Anderer nicht eines entdeckt hätte, hatte ich keinen Begriff, womit er ſich während der dazwiſchen liegenden Stunden die Zeit vertrieb. Was mich an meinem Theile betrifft, ſo beſtand meine Beſchäftigung auf meinen einſamen Wanderungen darin, daß ich mir jede Ecke der alten Landſtraße in's Gedächtniß zurückrief, während ich dieſelbe entlang ſchritt, und daß ich die alten Orte heimſuchte, an deren Anblick ich mich nimmer ſatt ſah. Ich ſuchte ſie heim, wie mein Gedächtniß oft gethan, und wandelte um ſie herum, wie einſt in meinen jüngeren Jahren meine Gedanken um ſie gewan⸗ 86 David Kopperfield. delt hatten, während ich fern davon war. Das Grab unter dem Baume, wo meine beiden Aeltern lagen,— nach welchem ich einſt, als es nur erſt meinen Vater barg, mit ſolch einem wunderlichen Gefühle von Mitleid hinaus⸗ geſchaut, und an welchem ich ſo verzweiflungsvoll geſtan⸗ den hatte, als es ſich öffnete, um meine ſchöne Mutter und ihren Säugling aufzunehmen— das Grab, welches Peggotty mit eigner treuer Hand die ganze Zeit daher in Ordnung gehalten, aus dem ſie einen Garten gemacht: ich wandelte ſtundenlang in der Nähe deſſelben hin und her. Es lag ein wenig entfernt von dem Fußwege über den Kirchhof, in einem ſtillen Winkel, nicht ſo weit weg, daß ich nicht während meines Hin⸗ und Herwandelns die Namen auf dem Steine hätte leſen können. Beim Klange der Kirchglocke, als ſie die Stunde ſchlug, fuhr ich zuſam⸗ men; denn es war mir, wie wenn ich die Stimme eines Abgeſchiedenen hörte. Meine Gedanken waren zu dieſer Zeit fortwährend mit der Figur verknüpft, die ich im Leben ſpielen, und den großartigen Thaten, die ich voll⸗ bringen werde. Meine widerhallenden Fußtritte gingen nach keinem andern Zeitmaße, ſondern bildeten immer dieſelbe Melodie, als ob ich nach Hauſe gekommen ſei, meine Luft⸗ ſchlöſſer an der Seite meiner noch lebenden Mutter zu bauen. Meine alte Heimat war ſehr verändert. Die zerfetzten Neſter, längſt ſchon verlaſſen von den Krähen, waren weg, und die Bäume ſo gekappt und geköpft und ge⸗ ſtutzt, daß ſie die Geſtalt, die ſie in meinem Gedächtniſſe trugen, nicht mehr hatten. Der Garten war zur Wildniß geworden, und die Hälfte der Fenſter war mit Laden verſchloſſen. Es war bewohnt, doch nur von einem armen wahnſinnigen Herrn und den Leuten, die ſeiner warteten. David Kopperfield. 87 Er ſaß ſtets an meinem kleinen Fenſter und ſchaute auf den Friedhof hinaus, und ich fragte mich, ob ſeine herum⸗ ſchweifenden Gedanken wohl je einmal auf die Einbil⸗ dungen und Träume gerathen ſein möchten, welche die meinen zu beſchäftigen gepflegt hatten, wenn ich am roſigen Morgen aus demſelben kleinen Fenſter in meinen Nacht⸗ kleidern hinausgukte und die Schafe ruhig weiden ſah im Lichte der aufgehenden Sonne. Unſere alten Nachbarsleute, Mr. und Mrs. Grayper waren nach Südamerika gegangen, und der Regen hatte den Weg durch das Dach ihres leerſtehenden Hauſes ge⸗ funden und an den äußeren Wänden die Farbe abgeleckt. Mr. Chillip hatte ſich wieder verheirathet und zwar mit einem langen, knochendürren, hochnäſigen Frauenzimmer, und ſie hatten ein ſchwächliches Kindchen, mit einem ſchweren Kopfe, den es nicht aufrecht zu halten vermochte, und zwei matten ſtieren Augen, mit welchen es ſich in einem fort zu verwundern ſchien, warum es überhaupt auf die Welt gekommen. Es geſchah mit einer eigenthümlichen Miſchung von Trauer und Luſt, wenn ich mich ſo um meine Geburts⸗ ſtätte herumtrieb, bis die ſich röthende Winterſonne mich ermahnte, daß es Zeit ſei, auf den Heimweg zu denken. Aber wenn der Ort hinter mir lag und vorzüglich dann, wenn Steerforth und ich glücklich über unſerm Mittags⸗ eſſen ſaßen, und ein tüchtiges Feuer im Zimmer praſſelte, war es ein köſtlicher Gedanke, dort geweſen zu ſein. Ebenſo, obwohl in milderem Grade, war mir's zu Muthe, wenn ich des Abends in mein nettes Stübchen ging und im Krokodilbuche, welches auf einem kleinen Tiſche ſtets da lag, blätterte und mich dabei dankbaren Herzens erin⸗ nerte, welcher Segen mir zu Theil geworden, daß ich ſolch 88 David Kopperfield. einen Freund wie Steerforth, ſolch eine Freundin wie Peggotty und ſolch einen Erſatz für das, was ich verloren, wie meine treffliche und großmüthige Tante habe. Mein nächſter Weg nach Yarmouth, wenn ich von dieſen langen Spaziergängen zurückkehrte, war, daß ich mich auf einer Fähre überfahren ließ. Dieſelbe ſetzte mich auf der Fläche zwiſchen der Stadt und der See ab, welche ich queer durchſchneiden und mir ſo einen beträchtlichen Umweg auf der Landſtraße erſparen konnte. Da Mr. Peg⸗ gottys Haus auf dieſer Strandfläche und nicht hundert Schritte von meinem Wege ab lag, ſo gukte ich ſtets hin⸗ ein, wenn ich vorbeiſchritt. Ich war ziemlich ſicher, Steer⸗ forth dort mich erwartend zu finden, und wir gingen zu— ſammen fort durch die froſtige Luft und den ſich verdich⸗ tenden Nebel nach den blinzelnden Lichtern der Stadt. An einem dunkeln Abende, wo ich ſpäter als gewöhn⸗ lich weggeblieben— denn ich hatte an dieſem Tage zu Blunderſtone meinen Abſchiedsbeſuch gemacht, da wir nun im Begriffe waren, heimzukehren— fand ich ihn in Mr. Peggottys Hauſe allein gedankenvoll am Fenſter ſitzen. Er war in ſeine Betrachtungen ſo tief verſenkt, daß er meine Ankunft gar nicht bemerkte. Das hätte nun allerdings leicht auch dann ſtattfinden können, wenn er weniger in ſich verſunken geweſen wäre; denn auf dem ſandigen Boden draußen machten Fußtritte kein Geräuſch; aber ſelbſt mein Eintritt weckte ihn nicht aus ſeinem Träu⸗ men und Brüten. Ich ſtand nahe bei ihm, ſah ihn an, und immer noch ſaß er, die Augenbrauen heruntergezogen, in ſeine Betrachtungen verloren. 5 Er fuhr ſo zuſammen, als ich ihm meine Hand auf die Schulter legte, daß ich ſelbſt zuſammenfuhr. David Kopperfield. 89 „Du kommſt ja über mich,“ ſagte er beinahe ärger⸗ lich,„wie ein böſer Geiſt, der einen um Uebelthaten heimſucht.“ „Ich mußte mich doch auf irgend eine Art bemerklich machen,“ entgegnete ich.„Hab' ich Dich etwa von den Sternen herabgerufen?“ „Nein,“ antwortete er,„nein.“ „Nun von woher denn ſonſt?“ fragte ich, indem ich neben ihm Platz nahm. „Ich ſah auf die Gebilde im Feuer hier,“ erwie⸗ derte er. „Aber Du zerſtörſt ſie ja, daß ich ſie nicht ſehen kann,“ ſagte ich, als er ſchnell mit einem Stücke brennen⸗ den Holzes hineinſtörte, daß eine Garbe rother Funken herauskam, welche eilig in dem kleinen Kamine hinauffuhren und in die Luft hinauspraſſelten. „Du würdeſt ſie nicht geſehen haben,“ entgegnete er. „Mir iſt dieſe Zwitterzeit zuwider, die weder Tag noch Nacht iſt. Wie lange biſt Du! Wo biſt Du geweſen?“ „Ich habe Abſchied genommen von meinem gewöhn⸗ lichen Spaziergange,“ ſagte ich. „Und ich habe hier geſeſſen,“ verſetzte Steerforth, indem er ſeinen Blick durch die Stube ſchweifen ließ,„und gedacht, daß alle dieſe Leute, die wir an dem Abende, wo wir herkamen, ſo luſtig fanden,— nach dem gegen⸗ wärtigen düſtern öden Ausſehen des Ortes zu urtheilen— möglicher Weiſe einmal auseinandergeſtört, oder todt oder ich weiß nicht wie in Jammer und Kummer geſtürzt werden können. David, ich wünſchte bei Gott, ich hätte dieſe vergangenen zwanzig Jahre einen kluden und ſorgſamen Vater gehabt.“ „Mein lieber guter Steerforth, was iſt geſchehen?“ * 90 David Kopperfield. „Ich wünſchte von ganzer Seele, ich wäre beſſer ge⸗ leitet worden!“ rief er aus.„Ich wünſchte von ganzer Seele, ich könnte mich ſelbſt beſſer leiten!“ Seine Miene und ſein Ton trugen einen Ausdruck tiefinnerlicher Niedergeſchlagenheit, der mich völlig in Beſtürzung verſetzte. Er war ſich mehr ungleich, als ich je für möglich gehalten hätte. „Beſſer wär's, ich wäre dieſer arme Peggotty oder ſein Klotz von einem Neffen,“ ſagte er, indem er auf⸗ ſtand und ſich, ſein Geſicht dem Feuer zugekehrt, an den Kaminſims lehnte,„als daß ich ich, der zwanzig Mal reichere und zwanzig Mal klügere Steerforth und dieſe Marter für mich ſelbſt bin, die ich in dieſer Höllenbarke von einem Boote die letzte halbe Stunde geweſen bin!“ Ich war ſo verwirrt von dieſer Veränderung in ſei⸗ nem Weſen, daß ich ihn zuerſt nur ſchweigend beobachten konnte, wie er da ſtand und den Kopf in die Hand leh⸗ nend düſter in das Feuer unter ſich ſchaute. Endlich bat ich ihn mit der ganzen Ergriffenheit, die ich fühlte, mir doch zu erzählen, was ihm begegnet ſei und ihn ſo ganz außer ſich gebracht habe, und mir doch zu erlauben, daß ich ihn bemitleide, wenn ich nicht hoffen könnte, ihm einen Rath geben zu können. Ehe ich dieſe Rede noch zum Schluſſe gebracht, begann er zu lachen— zuerſt nur ge⸗ zwungen, aber bald mit wiederkehrender Heiterkeit. „Weg damit!'s iſt nichts, Gänſeblümchen! Nichts!“ entgegnete er.„Ich ſagte Dir ſchon in dem Londoner Gaſthofe, ich bin zuweilen ein übler Geſellſchafter für mich ſelbſt. Ich bin eben jetzt ein wahrer Nachtmahr ge⸗ gen mich ſelbſt geweſen— muß einen auf dem Her⸗ zen ſitzen haben, wie ich denke. Es giebt närriſche, wunderliche Zeiten, wo einem die Ammenmährchen wieder — David Kopperfield. 91 in den Kopf kommen, ohne daß man ſie für das erkennte, was ſie ſind. Ich glaube, ich habe mich mit dem böſen Knaben verwechſelt, der„ſich nicht in Acht nahm“ und ein Fraß für die Löwen wurde— vermuthlich eine vor⸗ nehmere Art von auf den Hund kommen. Was alte Weiber das Gruſeln nennen, iſt mir eben vom Kopf bis zu den Füßen über den Leib gelaufen. Ich habe mich vor mir ſelbſt gefürchtet.“ „Sonſt fürchteſt Du Dich vor nichts weiter,“ ſagte ich. „Vielleicht vor nichts weiter, und doch möchte ich noch außerdem gerade genug haben, um mich davor zu fürchten,“ antwortete er.„Gut! So geht's allmälig vorbei!'s wird mich nicht mehr kreuzlahm machen, Da⸗ vid. Aber ich ſage Dir noch ein Mal, mein guter Junge, es wäre mir, und noch mehrern als mir, beſſer geweſen, wenn ich einen ſtrengen und klugen Vater gehabt hätte.“ Sein Geſicht war ſtets ausdrucksvoll, aber nie ſah ich es einen ſolchen finſtern Ernſt ausdrücken, als wie er dieſe Worte, ſeinen Blick auf das Feuer unter ihm ge⸗ richtet, ausſprach. „So viel über dieſe Angelegenheit!“ ſagte er, indem er eine Handbewegung machte, als ob er etwas Leichtes in die Luft würfe.. „Ha! nun's hinweg, bin wieder ich ein Mann,“ wie Macbeth ſagt. Und nun fort zum Eſſen! wenn ich nicht— wie Macbeth— das Feſt mit höchſt verwunder⸗ licher Störung unterbrochen habe, Gänſeblümchen.“ „Aber wo in aller Welt ſind ſie nur, die Leute hier?“ fragte ich. „Das weiß Gott,“ ſagte Steerforth.„Nachdem ich nach der Fähre gebummelt war, um nach Dir auszu⸗ 92 David Kopperfield. ſchauen, ſchlenderte ich hier herein und fand den Platz ver⸗ laſſen. Das machte mich nachdenklich, und in dieſem Nachdenken trafſt Du mich.“ Die Ankunft von Mrs. Gummidge, mit einem Korbe, erklärte, wie es gekommen, daß das Haus leer geweſen war. Sie war auf einen Sprung ausgegangen, um etwas zu kaufen, welches man für Mr. Peggottys Ankunft mit der Fluth bedurfte, und hatte in der Zwiſchenzeit die Thür für den Fall offen gelaſſen, daß Ham und die kleine Emilie, welche dieſen Tag zeitig Feierabend hatten, wäh⸗ rend ihrer Abweſenheit nach Hauſe kämen. Nachdem Steerforth Mrs. Gummidge durch eine luſtige Begrüßung und ſcherzhafte Umarmung in ſehr gute Laune verſetzt, nahm er meinen Arm und zog mich eilig hinweg. Er hatte ſeine eigne Laune nicht weniger als die von Mrs. Gummidge zur Luſtigkeit geſteigert; denn dieſelbe ſtrömte wieder wie gewöhnlich in Scherzen und Witzen, und er war voll lebhafter Rede und Gegenrede, während wir dahin ſchritten. „Und ſo werden wir denn,“ ſagte er heiter,„dieſes Buccanierleben morgen aufgeben, nicht wahr?“ „ Dahin kamen wir überein,“ entgegnete ich.„Und unſre Plätze auf der Poſt ſind beſtellt.“ „Ach, da iſt alſo vermuthlich nicht mehr dagegen zu remonſtriren,“ ſagte Steerforth.„Ich hatte ſchier ganz vergeſſen, daß es in der Welt noch was Andres zu thun giebt, als ſich hier auf der See herumzuſchaukeln. Ich wollte,'s wäre nicht ſo.“ „So lange die Sache was Neues wäre,“ ſagte ich lachend. „Haſt leider recht,“ entgegnete er,„ obwohl in dieſer Bemerkung ein ſpöttiſcher Sinn ſteckt, der ſo einem lie⸗ — —— David Kopperfield. 93 benswürdigen Unſchuldsmuſter, wie mein junger Freund, nicht recht ſteht. Nun! ich gebe zu, daß ich ein eigenſin⸗ niger Kerl bin, David. Ich weiß, daß ich dies bin; aber ſo lange das Eiſen heiß iſt, verſteh' ich auch tapfer zu ſchmieden. Ich glaube, daß ich mein Examen als Pilot in dieſen Waſſern hier ganz verſtändig durchmachen würde.“ „Mr. Peggotty ſagt, Du wärſt ein blaues Wunder,“ erwiederte ich. „Ein junges Meerwunder in der Nautik, he?“ lachte Steerforth. „Wahrhaftig, das ſagt er, und Du weißt, wie ehrlich er's meint, indem er weiß, wie eifrig Du Alles, was Du begonnen, betreibſt, und wie leicht Du es bemeiſtern kannſt. Und das verwundert mich am Meiſten von Dir, Steerforth, daß Du Dich mit einem ſolchen fieberhaft wechſelnden Gebrauche Deiner Fähigkeiten zufrieden fin⸗ den ſollteſt.“ „Zufrieden?“ antwortete er luſtig.„Ich bin mit nichts zufrieden, als mit Deiner unſchuldigen Friſche, mein ſanftes Gänſeblümchen. Was das Wechſelfieber meiner Neigungen betrifft, ſo hab' ich nie die Kunſt ge⸗ lernt, mich an irgend eines der Räder zu binden, von de⸗ nen ſich die Ixions unſrer Tage in ewigem Einerlei her⸗ umdrehen laſſen. Es ging mir dieſelbe in einer böſen Lehrzeit verloren, und ich mache mir jetzt kein Gewiſſen deshalb. Du weißt, ich habe hier ein Boot gekauft.“ „Was für ein närriſcher Kerl Du aber auch biſt, Steerforth!“ rief ich aus, indem ich ſtehen blieb,— denn das war das Erſte, was ich davon hörte.„Wo Du doch vielleicht im Leben nicht daran denkſt, wieder in die Nähe dieſes Platzes zu kommen!“ „Nun, das weiß ich nicht eben,“ erwiederte er.„Ich 94 David Kopperfield. habe den Ort liebgewonnen. Auf alle Fälle,“ ſagte er, indem er mich raſch mit ſich fortzog,„hab' ich ein Boot gekauft, welches zu kaufen war— einen Klipper, wie Mr. Peggotty ſagt; und das iſt es auch— und Mr. Peggotty wird während meiner Abweſenheit der Herr davon ſein.“ „Haha! nun verſtehe ich Dich, Steerforth,“ verſetzte ich jubelnd.„Du thuſt, als ob Du es für Dich gekauft hätteſt, aber eigentlich haſt Du's gethan, um ihm damit von Nutzen ſein zu können. Ich hätte das gleich wiſſen können, da ich Deine Art kenne. Mein lieber guter Steer⸗ forth, wie kann ich Dir ausdrücken, was ich von Deiner Großmuth denke!“ „Bſt!“ antwortete er, indem er ganz roth wurde. „Je weniger Du darüber ſagſt, deſto beſſer.“ „Wußt ich nicht?“ ſchrie ich,„ſagt' ich nicht, daß es keine Freude, keine Sorge, keine einzige Gemüthsre⸗ gung ſolcher wackrer Leute giebt, die Dich kalt ließe oder Dir nicht bekannt wäre?“ „Ja wohl, ja wohl,“ antwortete er,„Du ſagteſt mir das Alles. Hierbei aber laß es bewenden. Wir haben genug davon geſprochen.“ In Furcht, ihn zu verletzen, wenn ich den Gegenſtand weiter verfolgte, wo er ſo wenig darauf gab, verfolgte ich denſelben nur in meinen Gedanken, während wir mit ſogar noch ſchnelleren Schritten weitergingen, als zuvor. „Es muß mit neuem Takelwerke verſehen werden,“ ſagte Steerforth nach einer Weile,„und ich werde Lit⸗ timer zurücklaſſen, um dabei die Aufſicht zu führen, da⸗ mit ich weiß, daß mein Boot vollſtändig ausgerüſtet iſt. Sagt' ich Dir ſchon, daß Littimer hergekommen iſt? „Nein.“ —,— David Kopperfield. 93 „Oh, ja wohl. Kam dieſen Morgen her, mit einem Briefe von meiner Mutter.“ Da ſich hierbei unſere Blicke begegneten, bemerkte ich, daß er blaß bis auf die Lippen war, obwohl er mich feſten Blickes anſah. Ich fürchtete, daß irgend ein Streit mit ſeiner Mutter ihn in den Gemüthszuſtand verſetzt haben möchte, in welchem ich ihn an Mr. Peggottys einſamem Feuerherde angetroffen hatte; und ich ließ etwas von die⸗ ſer Vermuthung verlauten. „Oh nein,“ erwiederte er, indem er den Kopf ſchüt⸗ telte und ein leiſes Lachen hören ließ.„Nichts der Art! Ja. Er iſt hergekommen, dieſer mein Bedienter.“ „Derſelbe, wie immer?“. „Derſelbe, wie immer,“ ſagte Steerforth.„Zurück⸗ haltend mit ſeiner Nähe und ruhig wie der Nordpol. Er ſoll dabei ſein, wie das Boot einen neuen Namen kriegt. Es heißt jetzt der Sturmvogel. Aber was kümmern Mr. Peggotty Sturmvögel! Ich will es umgetauft haben.“ „Welchen Namen ſoll es kriegen?“ fragte ich. „Die kleine Emilie.“ Da er mich immer noch mit feſtem Blicke anſah, ſo nahm ich das als eine Erinnerung, daß er nicht wünſche für dieſe Rückſichtnahme von mir gelobt zu werden. In⸗ deß konnte ich nicht umhin, durch meine Geſichtszüge zu zeigen, wie ſehr es mir gefiel. Aber ich ſagte nur wenig, und er nahm ſein gewöhnliches Lächeln wieder an und ſchien ſich erleichtert zu fühlen. „Aber ſieh mal hier!“ ſagte er, indem er vor uns auf den Weg hinblickte,„da kommt ja die eigentliche kleine Emilie und jener Burſche mit ihr. He? bei meiner Seele, er iſt ein treuer Ritter. Er verläßt ſte nie!“ Ham war ein Schiffsbauer zu dieſer Zeit, indem er 96 David Kopperfield. ſeine natürliche Anlage in dieſem Handwerke vervollkomm⸗ net hatte, bis er endlich ein geſchickter Arbeiter geworden war. Er trug ſeinen Arbeitsrock und ſah plump genug aus, indeß trotz alledem mannhaft und wie ein recht paſ⸗ ſender Beſchützer für das blühende kleine Geſchöpf an ſei⸗ ner Seite. In der That, es war eine Kühnheit in ſeinem Antlitze, eine Treuherzigkeit und ein unerkünſtelter Aus⸗ druck ſeines Stolzes auf ſie und ſeiner Liebe zu ihr, was für mich die beſte Schönheit war. Ich dachte, als ſie auf uns zukamen, daß ſie ſelbſt in dieſem Punkte ein paſſen⸗ des Paar ſeien. Sie zog ihre Hand ſchüchtern aus ſeinem Arme, als wir ſtehen blieben, um mit ihnen zu ſprechen, und errö⸗ thete, als ſie dieſelbe Steerforth und mir gab. Als ſie, nachdem wir einige Worte gewechſelt, weiter ſchritten, legte ſie dieſe Hand nicht wieder an ihren Ort, ſondern ging, indem es ſchien, als ob ſie immer noch ſchüchtern und gezwungen ſei, für ſich allein. Ich hielt alles dies für ſehr hübſch und einnehmend, und Steerforth ſchien ebenſo zu denken, als wir ihnen nachblickten, wie ihre Ge⸗ ſtalten im Lichte einer Neumondsſichel vor unſern Augen allmälig verſchwanden. Plötzlich eilte an uns, augenſcheinlich ihnen nach⸗ folgend, eine junge Frauensperſon vorüber, deren Annä⸗ herung wir nicht bemerkt hatten, deren Geſicht ich jedoch, als ſie vorbeiſchritt, ſah, und von dem ich eine leiſe Erin⸗ nerung zu haben meinte. Sie war leicht angezogen, ſah frech und wüſt und flitterhaft und ärmlich aus, aber ſchien für dieſen Augenblick alles das dem Winde dahingegeben zu haben, welcher daher blies, und nichts in ihrem Ge⸗ müthe zu tragen, als die Abſicht, ihnen nachzugehen. Als die dunkle, weit gedehnte Fläche ihre Geſtalten in ihr David Kopperfield. 97 eignes Nebelgrau verſchlang und nichts als ſich ſelbſt ſichtbar ließ zwiſchen uns und der See und den Wolken, verſchwand ihre Geſtalt in gleicher Weiſe, indem ſie ihnen noch nicht näher gekommen war, als vorher. „Das iſt ein ſchwarzer Schatten, welcher dem Mäd⸗ chen nachfolgen will,“ ſagte Steerforth, indem er ſtill⸗ ſtand.„Was hat das zu bedeuten?“ Er ſprach mit gedämpfter Stimme, welche mir ſchier ganz ſonderbar in die Ohren tönte. „Sie muß die Abſicht haben, von ihnen zu betteln, glaube ich,“ ſagte ich. „Ein Bettler würde nichts Neues ſein,“ ſagte Steer⸗ forth.„Aber es wäre wunderbar, daß ein Bettler heute Abend dieſe Geſtalt annehmen ſollte.“ „Warum?“ fragte ich ihn. „Nun, offen geſtanden, aus keiner anderen Urſache, als weil ich,“ ſagte er nach einer Pauſe,„an etwas Aehn⸗ liches dachte, als es vorbeiging. Möchte wiſſen, wo der Teufel es hergekommen iſt!“ „Ich glaube, aus dem Schatten dieſer Mauer da,“ ſagte ich, als wir auf eine Straße hinaufgelangten, an welcher ſich eine Mauer erhob. „Es iſt weg,“ erwiederte er, indem er über ſeine Schulter ſah.„Und alles Böſe möge mit ihm gehn. Nun fort zum Eſſen!“ Aber er ſah immer wieder über ſeine Schulter, nach der Meeresfläche, die in der Ferne flimmmerte, und immer wieder ſah er ſich um. Und er wunderte ſich während des kurzen Reſtes, den wir noch zu gehen hatten, mehrmals in abgebrochenen Ausdrücken, und ſchien es erſt zu ver⸗ geſſen, als das Licht des Kaminfeuers und der Kerzen auf David Kopperſield. IV. 7 98 David Kopperfield. uns ſchien, während wir warm und fröhlich bei Tiſche ſaßen. Littimer war da und übte ſeine gewöhnliche Wirkung auf mich aus. Als ich zu ihm ſagte, daß ich hoffe, Mrs. Steerforth und Miß Dartle befänden ſich wohl, ſo antwor⸗ tete er in reſpectvollem Tone(und natürlich reſpectabel aus⸗ ſehend), daß ſie ſich ziemlich wohl befänden, dankte mir und richtete einen Empfehl von ihnen aus. Dies war Alles, und doch ſchien er zu mir zu ſagen, ſo klar und deutlich als jemand es nur ſagen könnte:„Sie ſind ſehr jung, mein Herr; Sie ſind über die Maßen jung.“ Wir waren beinahe fertig mit Eſſen, als er von der Ecke, in der er uns oder vielmehr, wie mich däuchte, mich beobachtete, ein paar Schritte auf den Tiſch zutrat und zu ſeinem Herrn ſagte: „Bitte um Verzeihung, Herr Steerforth. Miß Mow⸗ cher iſt unten.“ „Wer?“ ſchrie Steerforth höchlichſt verwundert. „Miß Mowcher, Herr.“ „Ei der Tauſend! Was in aller Welt hat die hier zu ſuchen?“ „Es ſcheint ihr Geburtsort zu ſein, Herr. Sie unter⸗ richtete mich, daß ſie jedes Jahr hier einen ihrer Geſchäfts⸗ beſuche mache. Ich traf ſie dieſen Nachmittag auf der Straße, und ſte wünſchte zu wiſſen, ob ſie die Ehre haben könnte, Ihnen nach Tiſche ihre Aufwartung zu machen.“ „Kennſt Du die in Rede ſtehende Rieſin, Gänſe⸗ blümchen?“ fragte Steerforth. Ich war gezwungen zu bekennen— ſehr beſchämt, ſelbſt in dieſem Punkte vor Littimer meine Unerfahren⸗ heit verrathen zu müſſen— daß Miß Mowcher und ich einander völlig unbekannt ſeien. — David Kopperfield. 99 „Dann ſollſt Du ſie kennen lernen,“ verſetzte Steer⸗ forth;„denn ſie iſt eins von den ſieben Wundern der Welt. Wenn Miß Moycher kommt, führ' ſie herein.“ Ich fühlte mich einigermaßen neugierig und geſpannt hinſichtlich dieſer Dame, vorzüglich als Steerforth, wie ich auf ſie zurückkam, in ein gewaltiges Lachen ausbrach und entſchieden jede meiner Fragen, die ſie zum Gegen⸗ ſtand hatten, zu beantworten verweigerte. Ich verblieb deshalb in einem Zuſtande ziemlich geſpannter Erwar⸗ tung, bis, nachdem das Tiſchtuch etwa eine halbe Stunde hinweggenommen worden war, und wir über un⸗ ſerem Weinglaſe vor dem Feuer ſaßen, ſich die Thür öff⸗ nete, und Littimer mit ſeiner gewöhnlichen heiteren Würde meldete: „Miß Mowcher.“ Ich blickte nach der Thür und ſah nichts; ich blickte nach der Thüröffnung, indem ich glaubte, daß Miß Mow⸗ cher mit ihrer Erſcheinung lange auf ſich warten ließe— da kam zu meinem unendlichen Erſtaunen um ein Sopha herum, welches zwiſchen mir und ihr ſtand, eine kurz⸗ athmige Zwergin von etwa vierzig oder fünfundvierzig Zoll auf uns zu gewatſchelt. Sie hatte ein ſehr großes Haupt und Antlitz, ein Paar freche, pfiffige graue Augen und ſo außerordentlich kleine Arme, daß ſte, um im Stande zu ſein, einen Finger mit ſchlauer Miene an ihre Schnupf⸗ tabaksnaſe zu legen, während ſie Steerforth anäugelte, dem Finger halbwegs entgegen zu kommen und ihre Naſe an ihn zu legen gezwungen war. Ihr Kinn, ein ſogenanntes Doppelkinn, war ſo fett, daß es ganz und gar die Bän⸗ der, die Backen und alles Zubehör ihres Hutes über⸗ ſchwappelte und verbarg. Hals hatte ſie keinen, Taille hatte ſie keine, Beine hatte ſie auch keine, wenigſtens keine 7* 1⁰⁰ David Kopperfield. ſolchen, die der Erwähnung werth wären; denn obſchon ſte an dem Theile ihres Körpers, wo ihre Taille geweſen ſein würde, wenn ſie überhaupt eine gehabt hätte, von mehr als voller Leibesgeſtalt war, und obſchon ſie, wie menſchliche Weſen gemeiniglich thun, in ein Paar Füße endigte, war ſte doch ſo kurz, daß ſie an einem Stuhle von gewöhnlicher Größe wie an einem Tiſche ſtand, in⸗ dem ſie einen Beutel, den ſte trug, auf den Sitz legte. Dieſe Dame war in einer altmodiſchen und bequemen Weiſe gekleidet, brachte mit der Schwierigkeit, die ich be⸗ ſchrieben, ihre Naſe und ihren Zeigefinger zuſammen, ſtand— den Kopf nothwendiger Weiſe auf eine Seite ge⸗ legt, und das eine ihrer ſcharfen Augen zugeſchloſſen— vor uns, wobei ſie ein ungemein pfiffiges Geſicht machte, und brach, nachdem ſie Steerforth einige Augenblicke ange⸗ blinzelt, in einen wahren Waſſerfall von Worten aus. „Was! mein Blümchen!“ begann ſie ſcherzhaft, in⸗ dem ſie ihm mit ihrem mächtigen Haupte zunickte,„Sie ſind da? Oh, Sie garſtiger Bube, pfui, ſchämen Sie ſich! Was treiben Sie hier ſo weit weg von zu Hauſe. Je⸗ denfalls auf Ränke und Streiche aus, darauf will ich mich hängen laſſen. Oh, Sie ſind ein Tauſendſapperloter, Steerforth, das iſt wahr, und ich bin auch einer. Nicht wahr? Ha, ha, ha! Sie hätten jetzt gewiß hundert Pfund gegen fünf gewettet, daß Sie mich hier gar nicht zu ſehen gekriegt hätten. Nicht wahr? Ergebener Diener, Männ⸗ chen, ich bin überall zu haben; ich bin hier und da und an allen Ecken, wie der Kronenthaler des Taſchenſpielers in der Dame Schnupftuch. Da ich einmal von Schnupf⸗ tüchern rede, und dann von Damen— was für ein Got⸗ tesſegen ſind Sie nicht für Ihre brave Frau Mutter, mein David Kopperfield. 101 lieber Junge— das heißt, wie ich das verſtehe, ſag' ich Ihnen nicht!“ Miß Mowcher band während dieſer Wendung ihrer Rede ihren Hut los, warf die Bänder zurück und ſetzte ſich keuchend auf ein Fußbänkchen vor dem Feuer nieder— wobei ſie von dem Speiſetiſche, der ſein Mahagonydach über ihr Haupt breitete, eine Art Laube machte. „Tauſendſapperlot noch'mal!“ fuhr ſie dann fort, indem ſie auf jedes ihrer kleinen Kniee eine Hand klatſchte und einen hämiſchen Blick auf mich warf.„Ich bin aber auch ein zu dicker Wanſt, das iſt wahr, Steerforth. Bin ich ein paar Stufen'naufgeſtiegen, ſo macht mir jeder Athemzug, den ich bedarf, ſo viel Mühe, als müßt ich 'nen Kübel Waſſer aus einem Borne raufziehen. Wenn Sie mich aus einem Fenſter im obern Stock'rausguken ſähen, würden Sie da nicht denken, ich wäre ein hübſches Frauenzimmer?“ „Ich würde das ſtets denken, ich möchte Sie ſehen, wo ſich's nur träfe,“ erwiederte Steerforth. „Bleib mir vom Halſe, Du Bengel!“ ſchrie das kleine Geſchöpf, indem ſie mit dem Taſchentuche, mit welchem ſie ſich den Schweiß vom Geſichte trocknete, wie mit einem Wedel nach ihm ſchlug,„und ſei nicht unver⸗ ſchämt. Aber ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß ich ver⸗ gangne Woche bei Lady Mithers war— das iſt Dir mal 'ne Frauensperſon! Wie die ſich gut hält!— und Mithers ſelber kam in das Zimmer, wo ich auf ſie war⸗ tete— das iſt'n Mann! Wie der ſich hält! und ſeine Perrücke dazu— er hat nämlich ſchon ſeit zehn Jahren eine— und er fing Dir an, mir ſolche Complimente zu ſchneiden, daß ich ſchon auf den Gedanken kam, ob ich nicht verpflichtet wäre, die Klingel zu ziehen. Ha, ha, ha! 102 David Kopperfield. Er iſt ein angenehmer Schlingel, aber er hat keine Grundſätze!“ „Was hatten Sie mit Lady Mithers zu thun?“ fragte Steerforth. „Das ſind Dir Geſchichten, mein herziges Puttchen,“ entgegnete ſie heftig,„die Du nicht zu wiſſen brauchſt.“ Und ſie tippte wieder an ihre Naſe, richtete mit Mühe ihr Antlitz empor und blinzelte mit den Augen wie ein Teufelchen, das übernatürliche Kenntniß von den Dingen beſitzt.„Das geht Dich ganz und gar nichts an. Weiß wohl, daß Du's gern wiſſen möchteſt, ob ihr ich das Haar vor'm Ausfallen bewahre, oder es färbe, oder ihr die Ge⸗ ſichtsfarbe mit meinem Schwämmchen verſchönere, oder ihre Augenbrauen ausbeſſere, nicht wahr? Und Du ſollſt 's auch wiſſen, mein Herzallerliebſter,— wenn ich Dir's nämlich erzähle. Weißt Du, wie mein Großvater hieß?“ „Nein,“ ſagte Steerforth. „Münchhauſen hieß er, mein ſüßes Lämmchen,“ ent⸗ gegnete Miß Mowcher,„und er ſtammte von einer lan⸗ gen Linie von Münchhauſen ab, von denen ich einmal das Gut Nirgendheim erben werde.“ „Ich ſah nie etwas, was ſich auch nur annähernd mit ihrem pfiffigen Augenzwinkern vergleichen ließe, ausgenom⸗ men ihre Selbſtbeherrſchung. Sie hatte auch eine wun⸗ derbare Art, wenn ſie auf das hörte, was zu ihr geſagt wurde, oder eine Antwort erwartete auf das, was ſie ſelbſt geſagt hatte, ihren Kopf liſtigblickend auf der einen Seite ausruhen zu laſſen und das eine Auge wie eine Elſter nach oben zu richten. Ich war ganz verloren in Verwunderung und ſaß da und ſtarrte ſie an, indem ich, wie ich fürchte, alle Regeln der Höflichkeit vergaß. Sie hatte währenddeß den Stuhl an ihre Seite ge⸗ David Kopperfield. 103 rückt und war geſchäftig bemüht, aus dem Beutel, in den ſie bei jedem Hineingreifen mit ihrem kurzen Arme bis an die Schulter hinunterrutſchte, eine Anzahl kleiner Fläſchchen, Schwämme, Kämme, Bürſten, Flanellzipfelchen, kleiner Brenneiſen und anderer Werkzeuge herauszuholen, welche ſte auf einen Haufen auf den Stuhl warf. Von dieſer Beſchäftigung ließ ſie plötzlich ab und ſagte, ſehr zu meiner Verl egenheit, zu Steerforth: „Wer iſt Ihr Freund hier?“ „Herr Kopperfield,“ verſetzte Steerforth.„Erwinſcht Sie kennen zu lernen.“ „Gut, das ſoll er. Mir kam's vor, als ſähe er ſo aus,“ erwiederte Miß Mowcher, indem ſie mit ihrem Beutel in der Hand auf mich zu watſchelte und mich, als ſte zu mir kam, anlachte.„Ein Geſicht wie'ne Pfirſiche!“ ſagte ſie, indem ſie ſich auf die Zehen ſtellte, und mich in die Wange knipp, während ich ſitzen blieb.„Ganz ver⸗ führeriſch! Habe die Pfirſichen ſehr gern. Freue mich, Ihre Bekanntſchaft zu machen, Herr Kopperfield, wahr⸗ haftig!“ Ich antwortete, daß ich mir Glück wünſchte, die ihre zu machen, und daß die Freude darüber auf beiden Sei⸗ ten ſei „O du meine Güte, wie höflich wir aber auch ſind,“ rief Miß Moycher aus, indem ſie den unſinnigen Verſuch machte, ihr breites Geſicht mit dem Fleiſchklümpchen zu bedecken, welches ſie ihre Hand nannte.„Was iſt das für eine Welt,— ne Welt wie lauter Schinken mit Spinat, nicht wahr?“ Dies ward vertrau lich zu uns beiden geſprochen, während das Fleiſchklümpchen von einer Hand von dem 104 David Kopperfield. 5* Geſichte wegrutſchte und ſich nebſt Arm und allem mit einander wieder in dem Sacke begrub. 1 „Was meinen Sie damit, Miß Mowcher?“ fragte Steerforth. „Ha, ha, ha! Was für ne erquickliche Geſellſchaft von Narren wir ſind,— wahrhaftig! meinſt Du nicht auch ſo, mein ſüßes Kind?“ erwiederte dieſes Bißchen von einem Weibe, indem ſie, den Kopf auf der einen Seite und das eine Auge nach der Decke gerichtet, in den Beutel fühlte.„Guk her!“ und ſie nahm etwas heraus. „Schnitzel von den Nägeln des ruſſiſchen Fürſten! Fürſt Alphabetsky Purzelbaumsky, wie ich ihn heiße, weil ſein Name alle Buchſtaben in ſich enthält, aber holterdipolter durcheinander.“ „Der ruſſiſche Fürſt iſt wohl ein Client von Ihnen?“ ſagte Steerforth. „Das wollt' ich meinen, mein Schäfchen,“ entgegnete Miß Mowcher.„Ich halte ihm die Nägel in Ordnung. Zwei Mal die Woche! Finger und auch Zehen.“ „Ich hoffe, er bezahlt gut?“ fragte Steerforth. „Bezahlt, wie er ſpricht, mein theures Kind— das heißt durch die Naſe.“ erwiederte Miß Mowcher.„Keiner von Euren getreuen Herren Bartſchabern weiß was mit dem Fürſten anzufangen. Sie würden das ſelber ſagen, wenn Sie ſeinen Schnurrbart ſähen. Roth von Natur, ſchwarz durch Kunſt!“ „Durch Ihre Kunſt natürlich.“ Miß Mowcher winkte ihm zu, daß er Recht habe. „War gezwungen, nach mir zu ſenden. Konnte nicht anders. Das Klima griff ſeine Farbe an, es ging recht gut damit in Rußland, aber hier wollt's nicht gehen. Sie . Dapvid Kopperfield. 105 haben all Ihre Lebtage keinen ſolchen roſtigen Fürſten geſehen, wie er. Wie altes Eiſen.“ „War's deshalb, daß Sie ihn vorhin einen Narren hießen?“ erkundigte ſich Steerforth. „O Sie ſind ein rechter Plumpſack von einem Jungen, hab ich nicht Recht?“ erwiederte Miß Mowcher, indem ſie heftig mit dem Kopfe ſchüttelte.„Ich meinte, was wir doch alleſammt für eine Geſellſchaft von Narren wären, und zeigte Ihnen die Schnitzel von den Nägeln des Prinzen als Beweis dafür. Die Nägel des Prinzen thun in Familien von der vornehmen Sorte mehr, als alle meine Talente zuſammengenommen. Ich trage ſie ſtets mit mir herum. Sie ſind die beſte Empfehlung. Wenn die Miß Mowcher dem Prinzen die Nägel abſchnei⸗ det, ſo muß ſie wirklich eine ſehr geſchickte Perſon ſein. Ich gebe ſie weg an die jungen Damen. Ich glaube, ſie thun ſie in ihre Albums. Ha, ha, ha! Bei meiner Seele, das ganze ſociale Syſtem— wiess die Herrſchaf⸗ ten nennen, wenn ſie im Parliamente ihre Reden los⸗ laſſen— iſt ein Syſtem von fürſtlichen Nägeln,“ ſagte dieſes Sonnenſtäubchen von einem Weibe, indem ſie einen Verſuch machte, ihre kurzen Arme übereinanderzuſchlagen und mit ihrem mächtigen Haupte zu nicken. Steerforth lachte herzlich, und ich that desgleichen. Miß Mopcher fuhr die ganze Zeit über fort, ihren Kopf, der ſehr auf die eine Seite hing, zu ſchütteln und mit dem einen Auge nach der Decke zu blicken und mit dem andern pfiffig zu winken. „Na, na!“ ſagte ſie endlich, indem ſie auf ihre kleinen Knie ſchlug und aufſtand,„das heißt aber nicht arbeiten. Komm, Steerforth, laß uns die Polargegenden unter⸗ ſuchen, damit wir fertig werden.“ 106 David Kopperfield. Sie las hierauf zwei oder drei von den kleinen In⸗ ſtrumenten und ein Fläſchchen heraus und fragte zu meinem Erſtaunen, ob der Tiſch wohl halten werde. Als Steerforth bejahend antwortete, ſchob ſte einen Stuhl gegen denſelben und ſtieg, indem ſie mich bat, ſich auf meine Hand ſtützen zu dürfen, ziemlich flink hinauf auf die Tiſchplatte, als ob es eine Bühne wäre. „Wenn Einer von Euch meine Knöchel geſehen hat,“ ſagte ſie, als ſie glücklich oben geborgen war,„ſo mag er's'raus ſagen, und ich werde dann nach Hauſe gehen und mich dort umbringen.“ „Ich nicht,“ ſagte Steerforth. „Ich auch nicht,“ ſagte ich. „Gut denn,“ verſetzte ſie,„ſo will ich meinethalben noch leben bleiben. Nun, Put, Put, Put, komm zu Frau Bond und laß Dich ſchlachten.“ Dies war eine Aufforderung an Steerforth, ſich unter ihre Hand zu ſtellen, was derſelbe auch that, indem er ſich, ſeinen Rücken dem Tiſche, ſein lachendes Geſicht mir zugekehrt, hinſetzte und ſeinen Kopf ihrer Inſpection unterwarf, augenſcheinlich zu keinem andern Zwecke, als zu unſrer Unterhaltung. Miß Mowcher ſo über ihm ſtehen und durch ein gewaltiges rundes Vergrößerungsglas, welches ſte aus ihrer Taſche zog, in ſeine reiche Fülle braunen Haares hineinſchauen zu ſehen, war ein höchſt verwunderliches Schauſpiel. „Sie ſind mir ein hübſcher Burſche!“ ſagte Miß Mopcher nach einer kurzen Unterſuchung.„Wenn ich nicht wäre, ſo hätten Sie in zwölf Monaten eine Glatze wie ein Kloſterbruder auf dem Scheitel. Nur eine halbe Minute, mein junger Freund, und wir wollen Ihren Locken 8. David Kopperfield. 107 einen Glanz geben, welcher ſie Ihnen die nächſten zehn Jahre hindurch erhalten ſoll.“ Mit dieſen Worten tröpfelte ſte etwas von dem Inhalte der kleinen Flaſche auf eines der Flanellläppchen, und in⸗ dem ſie von dieſer Vorbereitung wieder einer der kleinen Bürſten mittheilte, begann ſie mit beiden zugleich in der geſchäftigſten Weiſe, von der ich jemals Zeuge war, auf Steerforths Scheitel hin und her zu reiben und zu ſchaben, wobei ſie die ganze Zeit über ſchwatzte. „Da iſt Karlchen Pyegrave, der Sohn des Her⸗ zogs,“ ſagte ſie,„Sie kennen Karlchen wohl?“ damit gukte ſie um ihn herum, ihm in's Geſicht. „Ein wenig,“ antwortete Steerforth. „Was iſt er für ein Mann! der hat Ihnen'mal'nen Backenbart! Was Karlchens Beine anlangt, ſo würden ein Paar ähnliche— vorausgeſetzt, daß er blos ein Paar hätte, was indeß nicht der Fall iſt— gar nicht aufzu⸗ treiben ſein. Aber werden Sie's wohl glauben, verſucht's dieſer Menſch, ohne mich zu verkommen— und noch dazu in der Leibgarde!“ „Tollheit!“ ſagte Steerforth. „Es ſieht wie ſo was aus. Indeß toll oder vernünf⸗ tig, genug, er verſuchte es,“ erwiederte Miß Mowcher. „Was macht er, aber guken Sie her und nehmen Sie ſich ein Beiſpiel daran, er geht in einen Parfümerie⸗Laden und wünſcht'ne Flaſche Madagascar⸗Liquid zu kaufen.“ „Das that Karlchen?“ fragte Steerforth. „Das that Karlchen. Aber ſie haben dort gar keinen Tropfen Madagascar⸗Liquid.“ „Was iſt das für Zeug? Etwas zu trinken?“ erkun⸗ digte ſich Steerforth. „Zu trinken?“ erwiederte Miß Mowcher, indem ſie 108 David Kopperſield. innehielt, um ihm einen Klaps auf die Wange zu geben. „Nein, um ſeinen eignen Schnurrbart heraus zu doctern, das wiſſen Sie gut genug. Da war nun ein Frauen⸗ zimmer im Laden— ein aͤltliches Weibſen— ein voll⸗ kommener Vogel Greif— die von demſelben im Leben nicht einmal den Namen gehört hatte. Bitt' um Entſchul⸗ digung, mein Herr, ſagte der Greif zu Karlchen— iſt es nicht— nicht— nicht rouge etwa?— Rouge, ſagte Karlchen zum Greif, was für'n Unausſprechliches für züch⸗ tige Ohren denken Sie, das ich unter dem Titel rouge verlange?— Wollte Sie nicht beleidigen, mein Herr, ſagte der Greif, man fragt bei uns unter ſo mancherlei Namen darnach, ſo daß ich dachte,'s könnte es ſein.— Nun, da haſt Du, mein Kind,“ fuhr Miß Moycher fort, indem ſie die ganze Zeit über ſo geſchäftig wie immer fortrieb,„ein anderes Beiſpiel der erquicklichen Narr⸗ heit, von welcher ich vorhin redete. Ich thue ſelbſt der⸗ gleichen— vielleicht eine Menge— dielleicht blos ein Bißchen— das Wort klingt ſchlimm, mein lieber Junge— und Du mußt mir's nicht übel nehmen.“ „Wie meinen Sie das mit dem Dergleichen? Der⸗ gleichen wie in der Geſchichte mit dem rouge?“ fragte Steerforth. „Brauen Sie Dies und Jenes zuſammen, mein nied⸗ licher Zögling,“ entgegnete die vorſichtige Mowcher, in⸗ dem ſie den Finger an ihre Naſe legte,„arbeiten Sie's nach allen Regeln der Geheimnißthuerei aus, und Ihr Werk wird Ihnen das gewünſchte Reſultat geben. Ich ſagte, auch ich thue dergleichen ein Bißchen. Die eine verwittwete Frau Baronin, die heißt's Lippenſalbe. Die Andre nennt's Handſchuhe. Eine Dritte heißt's Kragen⸗ vorſtoß. Eine Vierte endlich nennt's'nen Fächer. Ich David Kopperfield. 109 nenne es, wie ſie's nur nennen mögen. Ich beſorg' es für ſte, aber wir machen unſre Streiche ſo mit einander und laſſen die Leute mit ſolch einem Geſichte daran glauben, daß ſte ebenſo leicht daran denken würden, es vor einem vollen Geſellſchaftszimmer, als vor mir aufzulegen. Und wenn ich ihnen meine Aufwartung mache, ſo ſagen ſie wohl dann und wann— indem ſie's anhaben— dick aufgetragen, ſo daß es kein Mißverſtändniß iſt—„Wie ſeh ich aus, Mowcherin? Bin ich blaß?“— Ha, ha, ha, ha! Iſt das nicht erquicklich, mein junger Freund?“ Nie in meinem Leben ſah ich etwas, das der Mowcher ähnlich geweſen wäre, wie ſie auf dem Speiſetiſche ſtand und ſich tiefinnerlichſt dieſer Erquickung erfreute und ge⸗ ſchäftig auf Steerforths Kopfe herumrieb und mir über demſelben zublinzelte. „Ach!“ ſagte ſte.„Nach ſolchen Dingen iſt hier keine große Nachfrage. Das treibt mich wieder fort. Ich habe nicht ein einziges hübſches Weibsbild geſehen, ſeit ich hier bin, Hänschen.“ „Wirklich nicht?“ fragte Steerforth. „Nicht den Schatten von einer,“ entgegnete Miß Moycher. „Wir könnten ihr, glaub ich, eine zeigen, die kein Schatten, ſondern von Fleiſch und Blut iſt,“ ſagte Steer⸗ forth, indenn er ſeine Augen auf mich richtete.„He! nicht, Gänſeblümchen?“ „Ja, allerdings,“ erwiederte ich. „Aha?“ verſetzte das kleine Geſchöpf, indem ſie einen ſcharfen Blick auf mein Geſicht warf und dann herum in das von Steerforth gukte.„Hm, hm?“ Der erſte Ausruf klang wie eine uns beiden vorge⸗ legte Frage, und der zweite wie eine Frage, Steerforth 110 David Kopperfield. allein zur Beantwortung gegeben. Sie ſchien auf keine von beiden eine Antwort gefunden zu haben, ſondern fuhr fort zu reiben, den Kopf auf die eine Seite hängend und das eine Auge zur Decke aufgeſchlagen, als ob ſie in die Luft nach einer Antwort ſähe und zuverſichtlich erwarte, daß ſie bald erſcheinen werde. „Eine Schweſter von Ihnen, Mr. Kopperfield,“ ſchrie ſie nach einer Pauſe, indem ſie noch immer denſelben Blick in die Luft gerichtet hielt.„Ja wohl, ja wohl?“ „Nein,“ ſagte Steerforth, ehe ich noch antworten konnte.„Nichts von der Art! Im Gegentheil, Mr. Kopperfield pflegte— ich müßte mich denn ſehr täuſchen— eine große Bewunderung vor ihr zu empfinden.“ „Ei, thut er das denn jetzt nicht mehr?“ erwiederte Miß Mowcher.„Iſt er ſo wankelmüthig? O pfui Geier! Trank er aus jedem Blumenkelche und wechſelte er etwa alle Stunden, bis Polly ſeine Leidenſchaft ſtillte? Iſt ihr Name Polly?“ Die koboldartige Pbötzlichkeit, mit welcher ſie in dieſer Frage auf mich losrückte, und ihr forſchender Blick brachten mich einen Augenblick ganz außer Faſſung. „Nein, Miß Mowcher,“ entgegnete ich.„Sie heißt Emilie.“ „Aha?“ rief ſte genau wie zuvor.„Hm! Was ich aber auch für'ne Plappertaſche bin, Herr Kopperfield, bin ich nicht ein rechter Spinnefir?“ 3 Ihr Ton und Blick verbargen etwas in ſich, was mir in Betracht des in Rede ſtehenden Gegenſtandes nicht an⸗ genehm war. So ſagte ich denn in einer ernſteren Weiſe, als einer von uns bisher ſich beigelegt hatte: „Sie iſt ebenſo tugendhaft, als ſie von hübſchem Aeußern iſt. Sie iſt verlobt und wird einen höchſt wackern 1 6 David Kopperfield. 111 Mann ihres Standes heirathen, der ſie verdient. Ich achte ſte ebenſo hoch wegen ihres geſunden Sinnes, als ich ſie bewundere wegen ihres hübſchen Ausſehens.“ „Gut geſprochen!“ ſchrie Steerforth.„Hört, hört, hört! Jetzt aber, mein liebes Gänſeblümchen, will ich die Neugier dieſer kleinen Fatima befriedigen, indem ich ihr nichts mehr zu rathen übrig laſſe. Sie iſt gegen⸗ wärtig Lehrmädchen, Miß Mowcher, oder Gehülfin oder wie's ſonſt heißen mag, bei Omer und Joram, Tuchhänd⸗ lern, Weißwaarenhändlern und ſo fort, in dieſer Stadt. Merken Sie wohl, Omer und Joram. Das Heiraths⸗ verſprechen, von dem mein Freund redete, iſt gemacht und eingegangen mit ihrem Vetter, Taufname Ham, Zuname Peggotty, Gewerbe Schiffsbauer, alles miteinander in dieſer Stadt. Sie lebt bei einem Verwandten, Taufname unbekannt, Vatersname Peggotty, Beſchäftigung See⸗ fahrer, ebenfalls von dieſer Stadt. Sie iſt die hübſcheſte und einnehmendſte kleine Hexe in der Welt. Ich bewun⸗ dere ſte— gleichwie mein Freund hier— über die Maßen. Würde es nicht herauskommen, als wollt' ich ihren Zukünftigen herabſetzen, was, wie ich weiß, mein Freund nicht gern haben würde— ſo möchte ich hinzu⸗ fügen, daß ſie mir für meine Perſon ſich wegzuwerfen ſcheint; daß ich ſicher bin, ſie könnte beſſer thun, und daß ich ſchwören möchte, ſie wäre geboren, eine vornehme Dame zu werden.“ Miß Moycher horchte auf dieſe Worte, welche ſehr langſam und deutlich geſprochen wurden, den Kopf auf eine Seite gelegt und das Auge nach der Decke gekehrt, als ob ſie noch immer nach jener Antwort ausſchaute. Als er zu ſprechen aufhörte, wurde ſie im Augenblicke 112 David Kopperfield.„ wieder beweglich und praſſelte mit erſtaunlicher Zungen⸗ fertigkeit weiter. „Oh! Und das iſt die ganze Komödie, nicht wahr?“ fragte ſie, indem ſie ihm den Backenbart mit einer raſtlos ſchnippenden kleinen Scheere verſchnitt, welche um ſeinen Kopf herum nach allen Richtungen blitzte.„Sehr wohl! ſehr wohl! Eine ungeheuer lange Geſchichte! Sollte eigent⸗ lich endigen: Und ſie lebten alle Zeit nachher glücklich— nicht ſo? Oh, wie geht da gleich das Pfänderſpiel? Ich liebe meine Liebſte mit'nem E, weil ſie entzückend iſt, und ich haſſe ſie mit'nem E, weil ſie mir entgangen und einem Andern ergeben iſt. Ich gewann ſie mir mit der Miene eines Ehrenmanns, verſuchte ſie zum Entlaufen zu überreden, ihr Name iſt Emilie, und ſie wohnt draußen an der Ecke des Strandes. Ha, ha, ha! Herr Kopper⸗ field, bin ich nicht ein rechter Spinnefix?“ Indem ſie blos mich anſah und zwar mit einer unge⸗ mein pfiffigen Miene, und indem ſtie durchaus nicht erſt auf irgend eine Antwort wartete, fuhr ſie, ohne Athem zu ſchöpfen, fort: „Da, das wäre abgemacht! Wenn irgend ein Mal ſo ein Tauſendſaſſa bis zur Vollendung geſchniegelt und geſtriegelt war, ſo ſind Sie's, Steerforth. Wenn ich mich auf irgend einen Kopf in der Welt verſtehe, ſo iſt's der Ihre. O haben Sie gehört, was ich ſagte, mein Her⸗ zensjüngelchen? was ich damit ſagte, ich verſtünde mich auf Ihren Kopf?“ und ſie gukte ihm unten in's Geſicht. „Nun können Sie abſäuſeln, Hänschen(wie wir bei Hofe ſagen), und wenn Herr Kopperfield den Stuhl ein⸗ nehmen will, ſo werde ich an ihm nun meine Kunſtſtücke machen.“ „Na, was ſagſt Du dazu, Gänſeblümchen?“ fragte David Kopperfield. 113 * Steerforth, indem er lachend auf ſeinen Stuhl verzichtete. „Willſt Du Dich verſchönern laſſen?“ „Dank Ihnen, Miß Moycher, dieſen Abend aber nicht.“ „Reden Sie nicht ſo,“ entgegnete das kleine Frauen⸗ zimmer, indem ſie mich mit einem Kennerblicke anſah; „ein kleines Bißchen mehr Augenbraue.“ Dank Ihnen,“ erwiederte ich,„ein ander Mal.“ „Laſſen Sie ſich's ein halbes Viertelzoll mehr nach dem Schlafe hinaufleiten,“ ſagte Miß Mowcher.„Wir können das innerhalb vierzehn Tagen bewerkſtelligen.“ „Nein, Dank Ihnen. Jetzt nicht.“ „Nur einen Schnips laſſen Sie mich thun,“ drängte ſie.„Nein? Nun, treffen wir dann die Vorbereitungen für einen Backenbart. Kommen Sie.“ „Ich konnte mir nicht helfen, zu erröthen, als ich auch dies ablehnte; denn ich fühlte f feh hr wohl, daß wir jetzt an meiner ſchwachen Seite an gelangt waren 1. Aber Miß Mowcher,— welche einſah, daß ich gegenwärtig nicht geneigt ſei, irgend eine Verſchönerung innerhalb des Bereichs ihrer Kunſt anzunehmen, und daß ich für dies Mal gefeit ſei gegen das ſchmeichelnde Blinken des kleinen Fläſch⸗ chens, welches ſie, um ihre Ueberzeugungsgabe zu ver⸗ ſtärken, vor das eine Auge hielt,— meinte, ſte werde in der nächſten Folgezeit mit mir den Anfang machen, und bat mich, ihr meine Hand zu reichen, damit ſte von ihrer erhabenen Stellung herabſteigen könnte. Unter dieſem meinem Beiſtande kletterte ſte mit großer Behendigkeit herab und begann ihr Doppelkinn wieder in ihren Hut einzuſchnüren. „Das Honorar,“ fragte Steerforth,„macht— 24 „Fünf Schilling,“ antwortete Miß Mowcher,„und David Kopperfield. IV. 8 114 David Kopperfield. das iſt unter'm Hunde billig, mein Schäfchen. Bin ich nicht ein rechter Spinnefix, Herr Kopperfield?“ Ich erwiederte höflich:„Nicht daß ich wüßte.“ Aber ich dachte allerdings, daß ſie etwas der Art ſei, als ſie ſeine zwei halben Kronen wie ein Taſchenſpieler in die Höhe warf, ſie auffing, ſie in ihre Taſche verſenkte und einen lauten Klaps darauf that. „Das iſt meine Schublade!“ bemerkte Miß Mowcher, indem ſie wieder an dem Stuhle ſtand und in den Beutel die verſchiedenen kleinen Gegenſtände wieder hineinpackte, deren ſie ihn entleert hatte.„Hab' ich all meine Dinger wieder drin? Es ſcheint ſo.'s würde nicht gehen, wenn man wie Ned Beadwood ſein wollte, der, als ſie ihn in die Kirche führten, um„ihn mit Jemand zu trauen“, wie er ſagte, die Braut zu Hauſe ließ. Ha, ha, ha! Ein gottloſer Schlingel, der Ned, aber höchſt luſtig! Na, ich weiß, daß ich Euch damit das Herz brechen werde, aber ich muß Euch wahrhaftig verlaſſen, Kinder. Ihr müßt alle Eure Standhaftigkeit zuſammennehmen und verſuchen, ob Ihr mein Scheiden ertragen könnt. Behüte Sie Gott, Herr Kopperſield. Nehmen Sie ſich in Acht, Sie Jockey von Norfolk! Tauſend aber wie hab' ich geplappert! Das iſt aber alles Eure Schuld, Ihr beiden Rangen. Ich ver⸗ geb's Euch! Bob ſchwor!— wie der Mann anſtatt bon soir ſagte, als er zuerſt Franzöſiſch lernte, und dachte, es wäre ſeine eigne Sprache. Bob ſchwor, meine Putchen!“ Den Beutel über ihren Arm geſchlungen und im Fortgehen in einem weg plappernd watſchelte ſie nach der Thür, wo ſie ſtehen blieb, um zu fragen, ob ſie uns nicht eine Locke von ihren Haaren dalaſſen ſollte.„Bin ich nicht ein rechter Spinnefix?“ fügte ſte als Commentar zu — — David Kopperfield.. 115 dieſem Anerbieten hinzu, und dann entfernte ſie ſich, den Finger an die Naſe gelegt. Steerforth lachte dermaßen, daß es mir unmöglich wurde, nicht auch loszuplatzen, obſchon ich nicht ſicher bin, daß ich ohne dieſe Anreizung dies gethan haben würde. Als wir uns ganz ausgelacht hatten, was nach einiger Zeit der Fall war, erzählte er mir, daß Miß Mopcher eine ſehr ausgebreitete Kundſchaft habe und ſich verſchiedenen Leuten auf verſchiedene Weiſe nützlich mache. Manche Leute hielten ſie, als ein bloßes wunderliches Spielzeug, nur für den Narren, ſagte er; aber ſie ſei eine ſo pfiffige und ſcharfblickende Beobachterin, als er je eine kennen gelernt habe, und von ſo weit reichenden Gedan⸗ ken, als ſte von kurzen Armen ſei. Er erklärte mir, daß, was ſie von ihrem Hier⸗ und Dort⸗ und Ueberallſein ge⸗ ſagt, wahr genug ſei; denn ſie mache kleine Ausflüge in die Provinzen und ſchiene überall Kunden aufzuleſen und Jedermann zu kennen. Ich fragte ihn, was ſie für einen Charakter habe, ob er überhaupt böswillig ſei, oder ob ſte's für gewöhnlich mit der rechten Seite der Dinge hielte; da jedoch mein Verſuch, ſeine Aufmerkſamkeit auf dieſe Fragen zu lenken, erfolglos war, ſo ließ oder vergaß ich's, nach zwei oder drei Anläufen, ſie zu wiederholen. Statt deſſen erzählte er mir mit großer Schnelligkeit eine Menge Proben von ihrer Geſchicklichkeit und wie viel ſie ver⸗ diene, und daß ſie ſich ſehr gut auf's Schröpfen verſtünde, wenn ich je Gelegenheit haben ſollte von ihrer Geſchick⸗ lichkeit in derartigen Dienſtleiſtungen Gebrauch zu machen. Sie war das Hauptthema unſrer Unterhaltung wäh⸗ rend des Abends, und als wir uns für die Nacht trenn⸗ ten, rief mir Steerforth über das Treppengeländer ein 8 8* 116 David Kopperfield. luſtiges Bob ſchwor,“ nach, als ich die Stufen herunter⸗ ging. Ich war, als ich an Mr. Barkis Haus kam, verwun⸗ dert, Ham vor demſelben auf⸗ und abwandeln zu ſehen, und noch mehr verwundert, als ich von ihm erfuhr, daß die kleine Emilie drinnen ſei. Ich erkundigte mich na⸗ türlich, weshalb er nicht auch drinnen ſei, anſtatt allein auf der Straße hin⸗ und herzuſpazieren. „Ei nu, ſehn Sie, Musje Daochen,“ erwiederte er einigermaßen zögernd,„Emilchen red't drinne mit Je⸗ mandem.“ 3 „Ei ich ſollte meinen,“ ſagte ich lächelnd,„daß dies gerade ein Grund wäre, daß auch Sie dort ſein ſollten, Ham.“ „Nu ja, Musje Davcchen, ſo ſollte es eigentlich ſein,“ entgegnete er,„aber horchen Sie mal, Musje Davchen,“ damit dämpfte er ſeine Stimme und ſprach ſehr ernſt. „'s iſt'n junges Weibſen— ein junges Weibſen, das früher mit Emilchen bekannt war, und das ſie jetzt lieber nicht mehr kennen ſollte.“ Als ich dieſe Worte hörte, ging mir ein Licht auf über die Geſtalt, welche ich ihnen vor ein paar Stunden hatte folgen ſehen. „'s iſt'n armes Thier, Musje Daochen,“ fuhr Ham fort,„denn's wird von die ganze Stadt unter die Füße getreten. Auf allen Gaſſen, ſie mag ſich ſehen laſſen, wo ſte will. Die Erde auf dem Kirchhofe birgt Niemanden, vor dem die Leute mehr Gräuel haben thäten.“ „Sah ich ſie etwa heut Abend, Ham, auf der Düne, nachdem wir Euch begegnet waren.“ „Sah uns vor ſich?“ ſagte Ham,„ iſt möglich, daß Sie recht haben, Musje Davchen. Nicht daß ich da — David Kopperfield. 117 gewußt hätte, daß ſie da war, aber ſie kroch hernach unter Emilchen ihren kleinen Fenſter'rum, wie ſie's Licht kom⸗ men ſah, und flüſterte: Emilchen, Emilchen, um Chriſti willen, hab' Erbarmen gegen mich! Ich war früher wie Du!— Das waren feierliche Worte, Musje Daochen, als ſie das hören that.“ „Allerdings, Ham. Aber was that Emilie?“ „Sagt Emilie: Martha biſt Du's? Oh Martha, kannſt Du's ſein?— Denn ſie waren manchen Tag zu⸗ ſammen auf Arbeit bei Mr. Omer.“ „Ich erinnere mich jetzt!“ rief ich, indem ich mich auf die beiden Mädchen beſann, die ich bei meinem erſten Be⸗ ſuche dort geſehen.„Ich erinnere mich ihrer ganz wohl.“ „Martha Endell,“ ſagte Ham.„Zwei oder drei Jahre älter als Emilie,— war aber mit ihr in der Schule.“ „Ich hörte ihren Namen niemals,“ ſagte ich.„Aber ich will Sie nicht unterbrechen.“ „Was das betreffen thut, Musje Daochen,“ erwie⸗ derte Ham,„ſo iſt die ganze Geſchichte in die Worte er⸗ zählt: Emilchen, Emilchen, um Chriſti willen, hab' Er⸗ barmen gegen mich! Ich war früher wie Du.— Sie wollte mit Emilchen reden. Emilchen aber konnte dort nicht mit ſie ſprechen; denn ihr guter Onkel war eben heimgekommen, und der würd's nicht— Musje Daochen,“ ſagte Ham mit dem Tone feſter Ueberzeugung,„der könnt's, ſo gut ſein Herz auch iſt, und ſo milde ſein Gemüthe auch iſt, um alle Schätze, die in der See liegen, nicht mit an⸗ ſehen, die Beiden Seite an Seite zuſammen zu ſehen.“ Ich empfand, wie wahr dies war. Ich wußte es in dem Augenblicke ebenſo deutlich wie Ham. „So ſchreibt denn Emilie mit Bleiſtift auf ein Stück Papier,“ fuhr er fort,„und giebt's ihr zum Fenſter'naus, 118 David Kopperfteld. 's hierher zu bringen. Zeig' das, ſagt ſte, meiner Muhme, der Frau Barkiſſen, und ſie wird Dich an ihren Herd ſetzen laſſen, bis mein Onkel ausgegangen iſt und ich kommen kann. Bald hernach erzählt ſie mich, was ich Sie erzählt habe, Musje Davchen, und bittet mich, ich ſollte ſte herbringen. Was kann ich machen? Sie braucht ſolche Sachen nicht zu wiſſen, aber ich kann's ihr nicht abſchlagen, wenn ihr die Thränen in die Augen ſtehn.“ Er ſteckte ſeine Hand in die Bruſttaſche ſeiner zotti⸗ gen Jacke und holte ſehr vorſichtig eine hübſche kleine Börſe heraus. „Und wenn ich's ihr auch hätte abſchlagen können, wo ihr die Thränen in die Augen ſtunden, Musje Dav⸗ chen,“ ſagte Ham, indem er's mit zärtlichem Blicke auf der rauhen Fläche ſeiner Hand wog,„wie hätt' ich's ihr abſchlagen können, wo ſie mir Dies hier für ſte zu tragen gab— wo ich wußte, zu welchem Zweck ſie's weggeben that? Solch ein hübſches Beutelchen!“ ſagte Ham, indem er gedankenvoll darauf blickte.„Und ſolch ein Bißchen Geld drinne, meine gute Emilie!“ Ich drückte ihm warm die Hand, als er's wieder ein⸗ geſteckt hatte; denn dies bezeichnete meine Empfindungen beſſer, als irgend Worte gekonnt hätten— und wir gingen ein paar Minuten ſchweigend auf und ab. Dann öffnete ſich die Thür, und Peggotty erſchien und winkte Ham, hereinzukommen. Ich würde mich fern gehalten haben, aber ſie kam hinter mir her und lud mich ein, ebenfalls hereinzukommen. Selbſt dann aber wuͤrde ich das Zimmer vermieden haben, wo ſie alle waren, wäre daſ⸗ ſelbe nicht die ziegelgepflaſterte Küche geweſen, wie ich mehr als einmal ſchon erwähnt. Da ſich die Thür un⸗ David Kopperfield. 119 mittelbar in dieſelbe öffnete, ſo befand ich mich mitten unter ihnen, ehe es mir noch klar war, wohin ich ginge. Ein Mädchen— dieſelbe, welche ich auf den Dünen geſehen hatte— befand ſich in der Nähe des Kamin⸗ feuers. Sie ſaß auf dem Boden, während ihr Kopf und der eine Arm auf einem Stuhle lagen. Ich meinte nach der Lage ihrer Geſtalt, daß Emilie eben erſt von dem Stuhle aufgeſtanden ſei, und daß der Kopf der Unglück⸗ lichen vielleicht auf ihrem Schooße gelegen haben könnte. Ich ſah nur wenig von des Mädchens Geſicht, über wel⸗ ches ihr Haar loſe und verwirrt herabfiel, als ob ſie es mit ihren eignen Händen in Unordnung gebracht hätte. Indeß ſah ich, daß ſie jung und von zarter Geſichtsfarbe war. Peggotty hatte geweint. Ebenſo die kleine Emilie. Kein Wort wurde geſprochen, als wir zuerſt hereintraten, und die Schwarzwälder Uhr neben dem Anrichtetiſche ſchien in dieſem Schweigen doppelt ſo laut, als gewöhn⸗ lich zu picken. Emilie ſprach zuerſt. „Martha wünſcht,“ ſagte ſie zu Ham,„nach London zu gehn.“ „Warum nach London?“ verſetzte Ham. Er ſtand zwiſchen ihnen und blickte auf das nach vor⸗ wärts gelehnte Mädchen mit einer Miſchung von Mitleid für ſie und von Eiferſucht, daß ſie irgend eine Gemein⸗ ſchaft mit derjenigen habe, die er ſo ſehr liebte— einem Geſichtsausdruck, deſſen ich mich immer genau erinnert habe. Sie ſprachen beide, als ob ſie krank wäre, in einem mil⸗ den, verhaltenen Tone, welcher die Worte deutlich hören ließ, obſchon er ſich kaum über ein Geflüſter erhob. „Beſſer dort als hier,“ ſagte eine dritte Stimme 120 David Kopperfield. laut— die Stimme Marthas, obſchon ſie ſich nicht regte. Niemand kennt mich dort. Jeder Mann kennt mich hier.“ „Was will ſie dort treiben?“ fragte Ham. Sie erhob ihren Kopf, und ſah ſich düſter einen Au⸗ genblick nach ihm um: dann legte ſie ihn wieder nieder, und krümmte ihren rechten Arm um ihren Hals, wie ein Weib in einem Fieber, oder im Todeskrampfe einer Schuß⸗ wunde ſich winden möchte. „Sie will's verſuchen, gut zu thun,“ ſagte Klein⸗ Emilchen.„Du weißt nicht, was ſie zu uns geſagt hat. Weiß er's? Wiſſen ſie's? Muhme?“ Peggotty ſchüttelte mit mitleidiger Miene ihren Kopf. „Ich will's verſuchen“ ſagte Martha,„wenn Ihr mir helfen wollt. Nimmer ja könnt' ich übler thun, als ich hier gethan habe. Es iſt noch möglich, daß ich mich beſſere. Oh!“ achzte ſte mit einem furchtbaren Zucken,„helft mir hinweg aus dieſen Straßen, wo jedermann mich von Kindheit auf kennt.“ Da Emilie ihre Hand nach Ham hinhielt, ſah ich, wie er ein kleines Leinwandſäckchen hineinlegte. Sie nahm es, als ob ſie dächte, es wäre ihre Börſe, und that ein paar Schritte nach vorwärts. Aber indem ſie ihres Irr⸗ thums gewahr wurde, kam ſie zurück in meine Nähe, wo⸗ hin er ſich zurückgezogen hatte, und zeigte ihm das Säckchen. „Es iſt Alles Deine, Emilchen,“ konnte ich ihn ſa⸗ gen hören,„ich habe nichts in der ganzen Welt, was nicht Deine gehören thäte, meine Allerbeſte. Es würde mir keinen Spaß machen, ausgenommen für Dich!“ Die Thränen traten ihr von Neuem in die Augen, aber ſie wandte ſich und ging auf Martha zu. Was ſie ihr gab, weiß ich nicht. Ich ſah nur, wie ſte ſich über ſie 4 David Kopperfield. 12¹1 wegbeugte und Geld in ihren Buſen that. Sie flüſterte etwas und fragte, ob das genug wäre. „Mehr als genug,“ ſagte Jene, ergriff ihre Hand und küßte ſie. Dann erhob ſich Martha, und indem ſte ihren Shawl um ſich zuſammenfaltete und ihr Geſicht damit verhüllte, und laut weinte, ging ſie langſam auf die Thür zu. Sie hielt einen Augenblick inne, bevor ſie hinausging, als ob ſie noch etwas äußern oder ſich umwenden wollte. Aber kein Wort ging über ihre Lippen. Und indem ſie in ihrem leiſen, traurigen, vernichteten Schluchzen in ihrem Shawle fort⸗ fuhr, ging ſie hinweg. Als die Thür ſich ſchloß, ſah Klein⸗Emilchen uns drei mit einem verſtörten Blicke an, verbarg dann ihr Geſicht in ihre Hände und fing an zu ſchluchzen. „Laß doch, Emilchen,“ ſagte Ham, indem er ſie ſanft auf die Schulter tippte,„laß doch, meine liebe Gute! Du brauchſt ja nicht ſo zu weinen, meine Allerliebſte!“ „Oh Ham!“ rief ſie immer noch jämmerlich weinend aus,„ich bin kein ſo gutes Mädchen, als ich ſein ſollte! Ich weiß, ich habe nicht immer das dankbare Herz, das ich haben ſollte!“ „Oh ja! Oh ja! ganz gewiß, Du haſt's.“ „Nein, nein, nein!“ ſchrie die kleine Emilie, ſchluchzend und den Kopf ſchüttelnd. Ich bin kein ſo gutes Mädchen, als ich ſein ſollte! Lange, lange nicht!“ und fort weinte „ſie, als ob ihr das Herz brechen wollte. „Ich muthe Deiner Liebe zu viel zu. Ich weiß das,“ ſchluchzte ſte,„ich bin oft zänkiſch gegen Dich und wetter⸗ wendiſch mit Dir, wo ich ſehr anders ſein ſollte; Du biſt nie ſo gegen mich. Warum bin ich aber überhaupt ſo gegen Dich, wo ich doch keinen andern Gedanken haben ſollte, dr 122 David Kopperfield. als dankbar gegen Dich zu ſein und Dich glücklich zu machen!“ „Du machſt mich immer ſo, meine Liebe,“ ſagte Ham, „ich bin glücklich, wenn ich Dich nur ſehe; ich bin glück⸗ lich den ganzen Tag lang in dem Gedanken an Dich.“ „Ach, das iſt nicht genug,“ rief ſie,„das iſt blos deswegen, weil Du gut biſt, nicht weil ich's bin. Oh mein lieber Ham, es würde für Dich vielleicht beſſer ge⸗ weſen ſein, wenn Du irgend Jemand anders geliebt hät⸗ teſt— ein Mädchen, welches beſtändiger und Deiner wür⸗ diger geweſen wäre, als ich; welche mit Leib und Seele an Dir gehangen hätte, und nie eitel und veränderlich ge⸗ weſen wäre, wie ich!“ „Armes kleines Mädchen mit Deinem Zartgefühl!“ ſagte Ham mit gedämpfter Stimme,„Martha hat ſie ganz und gar umgeſtimmt.“ „Ach, meine gute Muhme, komm doch her,“ ſchluchzte Emilie,„und laß mir meinen Kopf an Dich legen. Oh, ich bin ſehr unglücklich heute Abend, Muhme! oh, ich bin kein ſo gutes Mädchen, als ich ſein ſollte! Ganz gewiß nicht!“ Peggotty eilte nach dem Stuhle am Feuer. Emilie kniete neben ſie, ſchlang ihre Arme um ihren Hals und ſah ihr tief errregt ins Geſicht. „Oh bitte, Muhme, verſuch's mir zu helfen! Ham, Lieber, Guter, verſuch's mir zu helfen! Herr David, ich bitte Sie, denken Sie an die alte Zeit, und helfen Sie mir. Ich möchte gern ein beſſeres Mädchen werden, als ich bin. Ich möchte gern hundert Mal dankbarer ſein, als ich jetzt bin. Ich möchte gern deutlicher fühlen, was für ein Segen es iſt, die Frau eines guten Mannes zu David Kopperſield. 123 ſein und ein friedliches Leben zu führen. Ach, oh! Ach, mein Herz, mein Herz!“ Und ſie legte ihr Geſicht an die Bruſt meiner alten Wärterin, und indem ſie mit dieſem Flehen und Klagen aufhörte, welches, wie ihre ganze Weiſe, in ſeinem Jam⸗ mer und Kummer halb eines Weibes, halb eines Kindes Thun war(ein Thun, welches ihr natürlicher und ihrer Schönheit angemeſſener war, als irgend ein anderes Be⸗ nehmen hätte ſein können), weinte ſie ſtill vor ſich hin, während meine alte Wärterin ſie wie ein Wiegenkind zu beruhigen ſuchte. Sie wurde denn auch allmälig ruhiger, und dann trö⸗ ſteten wir ſie, indem wir bald ermuthigend zu ihr ſpra⸗ chen, bald ein wenig mit ihr ſcherzten, bis ſie endlich den Kopf zu erheben und mit uns zu ſprechen begann. So ſetzten wir unſre Bemühungen ſo lange fort, bis ſie im Stande war, zu lächeln und dann zu lachen und dann, halb beſchämt, ſich aufrecht zu ſetzen, während Peggotty ihre in Unordnung gerathenen Locken ordnete, ihre Augen trocknete und ſie wieder nett machte, damit ihr Onkel, wenn ſie heimkäme, ſich nicht wundern ſollte, warum ſein Liebling geweint habe. Ich ſah ſie dieſen Abend thun, was ich ſie nie zuvor hatte thun ſehen. Ich ſah ſie unſchuldig ihren Verlobten auf die Wange küſſen, und ſich hart an ſeine plumpe Ge⸗ ſtalt anſchmiegen, als ob dieſelbe ihre beſte Stütze ſei. Als ſie zuſammen weggingen in dem ſchwindenden Mond⸗ licht, und ich ihnen nachſchaute und ihr Weggehen in mei⸗ nem Gemüthe mit Marthas Abgehen verglich, ſah ich, daß ſie ſeinen Arm mit ihren beiden Händen umfaßt hatte und ſich noch immer nahe zu ihm hielt. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Ich finde Mr. Dicks Beobachtung beſtätigt und wähle einen Beruf. Als ich am nächſten Morgen erwachte, dachte ich ſehr viel an die kleine Emilie und ihren aufgeregten Zuſtand am vergangnen Abend, nachdem Nartha fortgegangen. Es war mir zu Muthe, als ſei ich in die ſchwachen Seiten und zärtlichen Geheimniſſe jenes häuslichen Herdes einge⸗ weiht worden, und als würde es unrecht ſein, ſte gegen irgend Jemand und ſelbſt gegen Steerforth aufzuſchließen. Ich hatte gegen niemand eine mildere Neigung als gegen das niedliche kleine Geſchöpf, welches meine Jugendgeſpielin geweſen war, und hinſichtlich welcher ich ſtets die Ueberzeu⸗ gung gehabt habe und bis an meinen Todestag ſtets haben werde, daß ich ſte damals von Herzen liebte. Das, was ſie, als ihr Herz durch einen Zufall offen vor mir lag, nicht zurückzuhalten vermocht hatte, irgend einem fremden Ohre, und ſelbſt Steerforths, zu wiederholen, würde, das fühlte ich, eine Rohheit geweſen ſein, unwür⸗ dig meiner ſelbſt, unwürdig der Glorie unſrer reinen unſchuldigen Kindheit, welche ich ſtets ihr Haupt umſtrah⸗ David Kopperfield. 125 len ſah. Ich faßte deshalb den Entſchluß, das Geheimniß in meinem Herzen zu bewahren, und dort gab es ihrem Bilde einen neuen anmuthigen Zug. Während wir uns beim Frühſtück befanden, wurde mir ein Brief von meiner Tante überbracht. Da er Dinge enthielt, in Bezug auf welche mir Steerforth beſſer wie viele Andere rathen konnte, und in Bezug auf welche ich mir bewußt war, daß ich gern gehört hätte, was ſeine Meinung dabei war, ſo beſchloß ich, ihn zum Gegenſtande der Beſprechung auf unſrer Heimreiſe zu machen. Für den Augenblick hatten wir indeß genug zu thun mit Ab⸗ ſchiednehmen von unſern Freunden. Mr. Barkis war bei Weitem nicht der letzte unter dieſen, was ſeine Betrübniß über unſer Fortgehen betraf; und ich glaube, er würde ſogar den Koffer noch einmal aufgethan und eine zweite Guinea geopfert haben, hätte dieſelbe uns noch achtund⸗ vierzig Stunden in Yarmouth zurückhalten können. Peg⸗ gotty und ihre ganze Familie waren voll Trauer über unſere Abreiſe. Das ganze Haus von Omer und Joram kam vor die Thür, um uns glückliche Reiſe zu wünſchen, und als unſre Mantelſäcke in die Poſtkutſche wanderten, hatte ſich um Steerforth eine ſolche Menge angehender Seefahrer zu ſeiner Dienſtleiſtung verſammelt, daß wenn wir die Bagage eines ganzen Regiments bei uns geführt hätten, es uns kaum an Trägern gefehlt haben würde, dieſelbe fortzuſchaffen. Mit einem Worte, wir reiſten unter dem Bedauern und der Bewunderung aller Bethei⸗ ligten ab und ließen eine große Menge Leute ſehr betrübt hinter uns zurück. „Werden Sie ſich lange hier aufhalten, Littimer?“ ſagte ich, als er daſtand und wartete, um die Kutſche ab⸗ fahren zu ſehen. 126 David Kopperfield. „Nein, mein Herr,“ entgegnete er,„ wahrſcheinlich nicht ſehr lange, mein Herr.“ „Er kann'’s gerade jetzt kaum ſagen,“ bemerkte Steer⸗ forth ſo nebenhin.„Er weiß, was er zu thun hat, und er wird's thun.“ „Gewiß wird er ſeine Schuldigkeit thun,“ ſagte ich. Littimer griff in Anerkennung meiner guten Meinung von ihm an den Hut, und ich fühlte mich etwa acht Jahr alt. Er griff noch ein Mal dran und wünſchte uns eine glückliche Reiſe, und wir ließen ihn auf dem Pflaſter dort als ein ganz ebenſo reſpectables Myſterium als irgend eine Pyramide Aegyptens zurück. Eine kurze Zeit unterhielten wir uns gar nicht, in⸗ dem Steerforth ungemein ſchweigſam, ich aber in meinem Gemüthe hinreichend damit beſchäftigt war, mich zu fragen, wann ich die alten Orte wiederſehen würde und was für Veränderungen mit mir und ihnen dann ſtattgefunden haben würden in der Zwiſchenzeit. Endlich wurde Steerforth in einem Augenblicke, wie er ja alles Mögliche, was ihm beliebte, in jedem Augenblicke werden konnte, luſtig und redſelig und zog mich am Arme: Thu' den Mund auf, David,“ ſagte er.„Was war das mit dem Briefe, von dem Du beim Frühſtücke ſprachſt?“ „Oh!“ erwiederte ich, indem ich ihn aus der Taſche nahm.„Er iſt von meiner Tante.“ „Und was ſagt ſie, das Ueberlegung erforderte?“ „Ei nun, Steerforth,“ verſetzte ich,„ſie erinnert mich, daß ich auf dieſe Reiſe gegangen ſei, um mich umzuſehen und ein Bißchen nachzudenken.“ „Was Du natürlich gethan haſt?“ „Nun, ich könnte das nicht ſo eigentlich ſagen. Wenn David Kopperfield. 127 ich die Wahrheit geſtehen ſoll, ſo fürchte ich, daß ich's vergeſſen habe.“* „Gut! ſo ſteh Dich jetzt um und mache Deine Nach⸗ läſſigkeit wieder gut,“ ſagte Steerforth.„Guk rechts, und Du wirſt ein flaches Land mit einem hübſchen Stücke Sumpf drinnen ſehen; guke links, und Du wirſt des⸗ gleichen vor Augen haben. Guk nach vorn, und Du wirſt keinen Unterſchied finden, guk hinter Dich, und Daſ⸗ ſelbe zeigt ſich Dir.“ Ich lachte und entgegnete, daß in der ganzen Ausſicht ſich kein paſſender Lebensberuf entdecken laſſe, was viel⸗ leicht der flachen Beſchaffenheit der Gegend zuzuſchreiben ſein möchte. „Was ſagt denn unſre gute Tante über die Geſchichte?“ fragte Steerforth, indem er auf den Brief in meiner Hand einen Blick warf.„Schlägt ſie Dir was vor?“ „Ei ja,“ erwiederte ich.„Sie fragt mich hier, ob ich wohl Luſt hätte, ein Proctor zu werden? Was hältſt Du davon?“ „Nun, ich weiß nicht,“ entgegnete Steerforth kühl. „Ich glaube, Du könnteſt ebenſowohl dies wählen, als was Anderes.“ Ich mußte lachen, als ich ihn ſo alle Berufsarten und Geſchäfte als gleich viel wiegend abſchätzen hörte, und ſagte ihm das. „Was iſt denn aber ein Proctor ſo eigentlich, Steer⸗ forth?“ fragte ich. „Ei nun,'s iſt ſo'ne Art von mönchiſchem Advo⸗ caten,“ erwiederte Steerforth.„Er iſt an einigen alt⸗ modiſchen Gerichtshöfen, die ihre Sitzungen in Doctors Commons— einem dumpfen alten Winkel in der Nähe des Kirchhofs von St. Paul— halten, was die Sollici⸗ 128 David Kopperfield. toren an den gewöhnlichen Gerichtshöfen ſind. Er be⸗ kleidet ein Amt, das, wenn's mit rechten Dingen zuginge, vor zweihundert Jahren eingegangen ſein müßte. Ich kann Dir am beſten auseinanderſetzen, was ein Proctor iſt, wenn ich Dir beſchreibe, was Doctors Commons iſt. Es iſt ein kleines abgelegenes Neſt, wo ſte das verwalten, was man Kirchenrecht nennt, und allerhand Unſinn treiben mit verſchimmelten alten Undeenern. von Parliaments⸗ acten, von denen drei Viertel der Welt nichts wiſſen, während das letzte übrige Viertel meint, daß ſie in foſſilem Zuſtande in den Zeiten der Edwards ausgegraben worden ſind. Es iſt ein Ort, welcher ein altes Monopol hat, ſich mit den Teſtamenten und Heirathscontracten der Leute herumzuplagen und ſich über Schiffe und Boote hin und her zu zanken.“ „ Unfinn, Steerforth,“ rief ich aus.„Du willſt mir doch nicht weiß machen, daß zwiſchen Schiffsangelegen⸗ heiten und kirchlichen Dingen eine Verwandtſchaft ob⸗ waltet?“ „Das thu' ich ja auch nicht, mein lieber Junge,“ ent⸗, gegnete er,„ſondern ich will blos ſagen, daß dieſe Dinge von denſelben Leuten in demſelben Doctors Commons beſorgt und entſchieden werden. Du wirſt eines Tages hingehen und finden, daß ſie mit der Hälfte von den nautiſchen Ausdrücken in Doctor Youngs Wörterbuche um ſich werfen, z. B. wo die„Nanch“ die„Sarah Jane“ über den Haufen gerannt hat, oder wo Mr. Peggotty und die Bootsleute von Narmouth bei einem großen Winde dem Indienfahrer„Nelſon“ mit Anker und Tau zu Hülfe gefahren ſind in ſeiner Noth; und dann gehſt Du'nen andern Tag hin und triffſt ſie tief in die Beweiſe des pro und contra in Sachen eines Geiſtlichen vergraben, der David Kopperfield.— 129 ſich ſchlecht aufgeführt hat, und Du findeſt, daß der Richter beim Falle des Schiffes in Sachen des Geiſtlichen den Advokaten macht oder auch umgekehrt. Sie ſind wie die Schauſpieler: jetzt iſt Jemand ein Richter und jetzt iſt er keiner; jetzt iſt das eine Ding am Brete, und jetzt ein andres; jetzt giebt's Dies, jetzt Jenes, herüber hinüber, bald ſo, bald ſo; aber ſtets iſt's ein ſehr angenehmes profitables Geſchäftchen mit dieſem Privattheater, das vor einer ungemein gewählten Zuhörerſchaft ſpielt.“ „Aber Advocaten und Proctoren ſind nicht ein und daſſelbe?“ fragte ich, ein wenig verwirrt.„Oder ſind ſie daſſelbe?“ „Nein,“ erwiederte Steerforth.„Die Advocaten ſind ſtudirte Leute, die auf dem Collegium den Doctor⸗ grad erlangt haben— was der Hauptgrund iſt, daß ich überhaupt etwas von der Sache weiß. Die Proctoren beſchäftigen die Advocaten. Beide werden ſehr gut be⸗ zahlt und bilden eine ſehr nette kleine Geſellſchaft. Kurz Alles bei Lichte beſehen, würde ich Dir empfehlen, Dich hübſch zu Doctors Commons zu halten, David. Sie achten ſich dort für etwas ganz beſonders Vornehmes, kann ich Dir ſagen, wenn Dir das eine Genugthung ge⸗ währt.“ Ich vergab Steerforth die leicht abſprechende Weiſe, in der er den Gegenſtand behandelte, und indem ich letz⸗ teren mit Rückſicht auf das ruhige und alterthümlich⸗ ehrwürdige Ausſehen betrachtete, welches ich in Gedanken mit dem Bilde jenes„dumpfen alten Winkels in der Nähe des Kirchhofs von St. Paul“ verband, war ich nicht abgeneigt, auf den Vorſchlag meiner Tante einzu⸗ gehen, bei dem ſie übrigens mir völlig freie Hand gelaſſen hatte, und wobei ſie mir nicht verhehlte, daß er ihr ein⸗ David Kopperfield. IV. 9 130 David Kopperfield.— gcfallen ſei, als ſie neulich ihren eignen Proctor in Doctors Commons beſucht, um mit ihm ihr Teſtament zu meinem Gunſten in Ordnung zu bringen. „Das iſt auf alle Fälle ein lobenswerther Entſchluß von Seiten Deiner Tante,“ ſagte Steerforth, als ich deſſen gegen ihn erwähnte,„ein Vorſatz, der alle mögliche Er⸗ munterung verdient. Gänſeblümchen, mein Rath iſt, daß Du Dich hübſch zu Doctors Commons hältſt.“ Ich entſchloß mich, dies ganz ſicher zu thun. Dann erzählte ich Steerforth, daß meine Tante mich in der Stadt erwarte(was ich aus ihrem Briefe erſah) und daß ſie eine Wohnung für eine Woche in einer Art Hotel garni in Lincolns Inn Fields gemiethet habe, wo ſich eine ſtei⸗ nerne Treppe und eine paſſende Thür im Dachgiebel be⸗ fand, da meine Tante der feſten Ueberzeugung war, daß jedes Haus in London jede Nacht in Gefahr ſtünde, nieder⸗ zubrennen.. Wir vertrieben uns die Zeit während des Reſtes der Reiſe ſehr angenehm, indem wir dann und wann auf Doctors Commons zurückkamen und die fern liegenden Tage ſchon vor Augen hatten, wo ich dort Proctor ſein würde, was Steerforth mit einer Menge luſtiger und toller Farben ausmalte, ſo daß wir davon ſehr munterer Laune wurden. Als wir an unſer Reiſeziel kamen, ging er nach Hauſe, indem er verſprach, mich den übernächſten Tag zu beſuchen, und ich fuhr nach Lincolns Inn Fields, wo ich meine Tante noch auf und in Erwartung des Abendeſſens antraf. Wenn ich eine Reiſe um die Welt gemacht hätte, ſeit wir uns zum letzten Male geſehen, ſo hätten wir kaum eine größere Freude haben können, uns wieder zu begeg⸗ nen. Meine Tante ſchrie gerade heraus, als ſie mich um⸗ David Kopperfield. 131 armte, und ſagte, indem ſie ſich ſtellte, als lachte ſie, daß wenn meine arme Mutter noch am Leben wäre, dies när⸗ riſche kleine Geſchöpf ohne Zweifel helle Thränen vergie⸗ ßen würde. „So haben Sie alſo Mr. Dick zu Hauſe gelaſſen, Tante?“ fragte ich.„Das macht mich recht beſorgt. Ah, da iſt ja auch Janette, na, wie geht's?“ Während Janette ihren Knir machte und hoffte, daß auch ich wohl ſei, bemerkte ich, wie ſich meiner Tante Ge⸗ ſicht ſehr verlängerte. „Ich bin ſelber darüber beſorgt,“ ſagte meine Tante, ihre Naſe reibend.„Ich habe keine Ruhe in der Seele gehabt, Trot, ſeit ich hier geweſen bin.“ Ehe ich noch fragen konnte, weshalb, erzählte ſie mir's ſelbſt. „Ich bin überzeugt,“ ſagte ſie, indem ſie mit melan⸗ choliſcher Gewißheit ihre Hand auf den Tiſch legte,„Dicks Charakter iſt kein ſolcher Charakter, daß er die Eſel ab⸗ zuhalten im Stande wäre. Ich weiß zuverſichtlich, daßernicht die nöthige Stärke des Entſchluſſes beſitzt. Ich hätte ſtatt ſeiner Janetten zu Hauſe laſſen ſollen, und dann könnte ich vielleicht ruhig ſein. Wenn jemals ein Eſel über mei⸗ nen Grasplatz weglief,“ ſagte meine Tante mit Nach⸗ druck,„ſo war's dieſen Nachmittag um vier Uhr. Es gab ein Anzeichen— ein kalter Schauder überlief mich vom Kopf bis zu den Füßen, und ich weiß, daß es ein Eſel war.“ 8 Ich verſuchte es, ſie über dieſen Punkt zu tröſten, aber ſte wies alle Beruhigungsgründe zurück. „Ich weiß, es war ein Eſel,“ ſagte meine Tante, „und es war der mit dem Stumpfſchwanze, welchen jene Mordſchweſter von einem Weibsbilde ritt, als ſie in mein 9* 132 David Kopperfield. Haus kam.“— Dies war naämlich ſeither der einzige Name geweſen, den meine Tante für Miß Murdſtone ge⸗ wußt hatte.„Wenn es in Dover irgend einen Eſel giebt, deſſen Unverſchämtheit mir ſchwerer, als die der andern zu ertragen iſt,“ ſagte meine Tante, indem ſie auf den Tiſch ſchlug,„ſo iſt's dieſes Vieh!“ Janette wagte zu vermuthen, daß meine Tante ſich unnöthiger Weiſe beunruhige, und daß ſie glaube, der fragliche Eſel ſei während der Zeit, wo ſte's kalt über⸗ laufen, mit Sand⸗ und Kießfahren beſchäftigt und des⸗ halb kaum zu Uebertretungen aufgelegt geweſen, aber meine Tante wollte davon nichts hören. Das Abendeſſen wurde nett und warm aufgetragen, obwohl die Zimmer meiner Tante ſehr hoch oben waren — ob ſie's nun ſo eingerichtet hatte, um mehr ſteinerne Treppen für ihr Geld zu haben, oder um der Thür im Dachgiebel näher zu ſein, weiß ich nicht— und beſtand aus einem gebratenen Huhn, einem Beefſteak und ver⸗ ſchiedenen Zugemüſen, Dingen, denen ich im ausgedehn⸗ teſten Sinne Gerechtigkeit widerfahren ließ, und welche alleſammt ausgezeichnet waren. Aber meine Tante hatte ihre eignen Anſichten in Bezug auf Londoner Nahrungs⸗ mittel und aß nur wenig. „Ich vermuthe, dieſes unglückſelige Huhn wurde in einem Keller geboren und erzogen,“ ſagte meine Tante, „und athmete nie friſche Luft, als in einem Miethkutſchen⸗ ſchuppen. Ich hoffe zwar, daß dies Stück Fleiſch auf einem Ochſen gewachſen iſt, glaube es jedoch nicht. Nichts iſt meiner Anſicht nach ächt hier am Orte, als der Schmutz.“ „Glauben Sie denn nicht, daß dieſes Huhn hier vom Lande gekommen iſt, Tante?“ fragte ich beſcheidentlich. David Kopperfield. 133 „Ganz gewiß nicht,“ entgegnete meine Tante.„Es würde einem Londoner Geſchäftsmanne keinen Spaß ma⸗ chen, irgend etwas zu verkaufen, was wirklich das wäre, wofür er's ausgäbe.“ Ich wagte es nicht, dieſe Meinung anzugreifen, hielt indeß eine ſehr gute Abendmahlzeit, und es gereichte ihr zu großer Genugthuung, mich dies thun zu ſehen. Als der Tiſch abgeräumt war, half ihr Janette, ihr Haar zu ordnen, ihre Nachthaube aufzuſetzen, welche von niedli⸗ cherem Bau, als die gewöhnliche war(„für den Fall, daß ein Feuer ausbricht und man damit auf die Gaſſe muß,“ ſagte meine Tante) und ihr Kleid auf ihre Knie herauf⸗ zufalten: die üblichen Vorbereitungen, mit denen ſie ſich's bequem machte, ehe ſie zu Bett ging. Ich bereitete ihr dann nach gewiſſen feſtgeſtellten Regeln, von denen auch nicht die leiſeſte Abweichung geſtattet wurde, ein Glas heißen Wein mit Waſſer und eine gebratene Brot⸗ ſchnitte, welche letztere in lange ſchmale Streifen zertheilt wurde. Hiermit blieben wir allein, um den Abend zu beendigen. Meine Tante ſaß mir gegenüber und trank ihren Wein mit Waſſer, tauchte ihre gebratenen Brot⸗ ſchnitten eine nach der andern, ehe ſie ſie aß, hinein und ſah mich unter den Backenſtreifen ihrer Haube hervor mit wohlwollenden Blicken an. „Nun denn, Trot,“ begann ſte,„was hältſt Du von dem Plane mit dem Proctor? Oder haſt Du bis jetzt noch nicht daran gedacht?“ „Ich habe viel darüber nachgedacht, meine liebe Tante, und habe auch viel mit Steerforth darüber geſprochen. Ich finde ihn ſehr gut. Ich finde den Plan ganz vor⸗ trefflich.“ „Na, das iſt ja prächtig!“ ſagte meine Tante. 134 David Kopperfield. „Ich habe nur einen Einwand dagegen, Tante.“ „Heraus damit, Trot,“ erwiederte ſie. „Ei nun, ich möchte fragen, Tante, da es nach dem, was ich verſtand, eine abgeſchloſſene Geſellſchaft, eine Art Gilde zu ſein ſcheint, ob mein Eintritt nicht ſehr viel Geld koſten wird.“ „Es wird Deine Aufnahme,“ entgegnete meine Tante, „juſt eintauſend Pfund koſten.“ „Nun, meine liebe Tante,“ ſagte ich, indem ich ihr mit meinem Stuhle näher rückte,„ich kann darüber in meinem Gemüthe nicht recht fertig werden. Es iſt eine große Summe Geldes. Sie haben für meine Erziehung ſo viel ausgegeben und ſind ſtets ſo freigebig gegen mich geweſen, als es nur möglich war. Sie ſind ganz außer⸗ ordentlich großmüthig geweſen. Gewiß giebt es noch an⸗ dere Wege, auf denen ich mit nur wenigen Auslagen ins Leben eintreten, und doch ſo eintreten kann, daß ich Hoff⸗ nung habe, mit Entſchloſſenheit und Anſtrengung meiner Kräfte vorwärts zu kommen. Glauben Sie nicht, daß es beſſer ſein würde, wenn wir eine ſolche Laufbahn verſuchten? Sind Sie gewiß, daß Sie es aushalten können, ſo viel Geld auf dieſen Zweck zu verwenden, und daß es recht iſt, es auszugeben? Ich bitte Sie, meine zweite Mutter, nur ſich das zu überlegen. Sind Sie deß ſicher?“ Meine Tante aß erſt ein Stück gebratene Brotſchnitte auf, mit welcher ſie eben beſchäftigt war, wobei ſie mir — die ganze Zeit über voll ins Geſicht ſah; dann ſetzte ſte das Glas auf den Kaminſims, faltete ihre Hände auf 5 ihren in die Höhe gefalteten Rockſäumen und antwortete, wie folgt: „Trot, mein Kind, wenn ich irgend einen Zweck und Ziel im Leben habe, ſo iſt's der, Dich zu einem guten —— David Kopperfield. 135 gefühlvollen und glücklichen Manne zu machen. Darauf geht mein Denken und Sinnen— und ebenſo Dicks. Sollte mich freuen, wenn gewiſſe Leute, die ich kenne, Dicks Geſpräche über dieſen Punkt hörten. Sein Scharf⸗ ſinn iſt wirklich bewundernswerth. Aber Niemand kennt die Quellen von der Klugheit dieſes Mannes, außer mir.“ Sie hielt einen Augenblick inne, um meine Hand zwi⸗ ſchen die ihren zu nehmen, und fuhr dann fort: „Es iſt unnütz, an die Vergangenheit zu erinnern, es wäre denn, wo ſie einen Einfluß auf die Gegenwart hätte. Vielleicht möchte ich mit Deinem armen Vater beſſer Freund geweſen ſein. Vielleicht auch hätte ich mich mit jenem armen kindiſchen Weſen, Deiner Mutter, beſſer ſtehen können, ſelbſt nachdem Deine Schweſter Betſey Trotwood mich ſo getäuſcht hatte. Als Du, ein kleiner weggelaufener Bube, ſtaubig und zerlumpt zu mir kamſt, dachte ich vielleicht ſo. Von dieſer Zeit an haſt, Du, Trot, mir ſtets Ehre gemacht und biſt mein Stolz und meine Luſt geweſen. Niemand hat ſonſt Anſpruch auf meine Mittel, wenigſtens“— hier zögerte ſie zu meinem Erſtaunen einen Augenblick und gerieth in Verwirrung— „nein, Niemand kann ſonſt Anſpruch auf meine Mittel machen— und Du biſt mein adoptirtes Kind. Ich verlange nichts von Dir, als daß Du gegen mich in meinen alten Tagen ein liebendes Kind ſein, und meine Wunderlich⸗ keiten und Einbildungen ertragen ſollſt. Du wirſt damit für eine alte Frau, deren Lebensfrühling nicht ſo glücklich oder heiter war, als er hätte ſein können, mehr thun, als dieſe alte Frau je für Dich that.“ Es war das erſte Mal, daß ich meine Tante ihrer vergangenen Lebenszeit Erwähnung thun hörte. Es war eine ſolche Seelengröße in der ruhigen Weiſe, in welcher 136 David Kopperfield. ſie dies that, und in welcher ſie es wieder aufgab, daß ſie dadurch in meiner Hochachtung und Liebe bedeutend erho⸗ ben worden ſein würde, falls dies noch irgend möglich geweſen wäre. „Wir verſtehen uns in Allem und ſtimmen völlig überein, Trot,“ ſagte meine Tante,„und brauchen nicht weiter mehr darüber zu ſprechen. Gieb mir einen Kuß, und morgen nach dem Frühſtück wollen wir nach den Commons gehen.“ Wir hatten noch ein langes Geſpräch vor dem Feuer mit einander, ehe wir zu Bett gingen. Ich ſchlief in einem Zimmer, das mit dem meiner Tante in einem Stock⸗ werke lag und wo ich im Laufe der Nacht einigermaßen dadurch geſtört wurde, daß ſie, ſo oft ſie nur durch das ferne Rollen von Miethkutſchen oder Marktkarren geweckt wurde, an meine Thür klopfte und fragte:„Ob ich nicht die Spritzen hörte?“ Gegen Morgen ſchlief ſie indeß beſſer und litt es, daß ich desgleichen that. Etwa um die Mitte des Tages machten wir uns nach der Erpedition der Herren Spenlow und Jorkins in Doctors Commons auf den Weg. Meine Tante, welche eine zweite Hauptanſicht von London hatte, daß nämlich Je⸗ dermann, den ſie ſah, ein Taſchendieb ſei, gab mir ihre Börſe zu tragen, welche zehn Guineen und einiges Silber enthielt. Wir blieben an dem Spielwaarenladen in Fleetſtreet eine Weile ſtehen, um die Rieſen auf St. Dunſtans Thurm auf die Glocken ſchlagen zu ſehen— wir hatten nämlich unſre Schritte beſchleunigt, um ſie um zwölf Uhr dabei zu betreffen,— und gingen dann auf Ludgate Hill und St. Pauls Kirchhof zu. Eben ſchritten wir über den erſtgenannten Platz, als ich entdeckte, daß meine Tante David Kopperfield. 137 ihren Gang außerordentlich beeilte und erſchrocken ausſah. Ich bemerkte zu gleicher Zeit, daß ein ſchlecht gekleideter lauernder Herumſtreicher, der ein wenig zuvor ſtehen ge⸗ blieben war und uns angeſtiert habe, als wir vorbeiſchrit⸗ ten, ſo nahe hinter uns herkam, daß er beinahe an ſie anſtieß. „Trot, mein lieber Trot!“ ächzte meine Tante in einem erſchrockenen Geflüſter, und indem ſie krampfhaft meinen Arm ergriff.„Ich weiß nicht, was ich thun ſoll.“ „Aengſtigen Sie ſich doch nicht,“ ſagte ich.„Da iſt nichts zu fürchten. Treten Sie in einen Laden, und ich will dieſen Kerl bald loswerden.“ „Nein, mein Kind!“ entgegnete ſie.„Um Alles in der Welt rede nicht mit ihm! Ich bitte, ich befehle es Dir!“ „Guter Gott, Tante,“ ſagte ich;„es iſt doch blos ein dreiſter Bettler!“ „Du weißt nicht, was er iſt!“ erwiederte meine Tante. „Du weißt nicht, wer es iſt! Du weißt nicht, was Du ſprichſt!“ Wir waren in einem leeren Thorwege ſtehen geblie⸗ ben, während dies vorging, und er war ebenfalls ſtehen geblieben. 4 „Sieh' ihn nicht an!“ rief meine Tante ängſtlich, als ich entrüſtet den Kopf nach ihm umwandte;„ſondern hol' mir eine Kutſche, mein guter Junge, und warte auf mich am Kirchhofe von St. Paul.“ „Auf Sie warten?“ wiederholte ich. „Ja,“ entgegnete meine Tante heftig;„ich muß allein gehen. Ich muß mit ihm gehen.“ „Mit ihm, Tante? Mit dieſem Menſchen?“ 138 David Kopperfield. „Ich bin bei vollem Verſtande,“ erwiederte fie,„und ich ſage Dir, ich muß. Hol' mir'ne Kutſche!“ Wie verwundert ich auch ſein mochte, ſo war ich mir doch bewußt, daß ich einem ſolchen peremptoriſchen Be⸗ fehle mich zu widerſetzen kein Recht hatte. Ich eilte des⸗ halb fort und rief einen Miethkutſcher, der eben leer vor⸗ überfuhr. Beinahe ehe ich noch den Wagentritt herunter⸗ laſſen konnte, ſprang meine Tante, ich weiß nicht wie, hinein, und der Menſch folgte ihr. Sie winkte mir mit der Hand wegzugehen, und zwar mit ſo ernſtem Geſichte, daß, ſo völlig verſtört ich auch war, ich mich doch ſogleich von ihnen abkehrte. In dieſer Stellung hörte ich ſie zu dem Kutſcher ſagen:„Fahren Sie, wohin Sie wollen! Fahren Sie geradaus!“ und ſogleich fuhr der Wagen an mir vorüber die Höhe hinauf. Was mir Mr. Dick erzählt hatte, ich aber für eine Täuſchung gehalten hatte, mit der er ſich ſelbſt betrogen, fiel mir jetzt ein. Ich konnte nicht zweifeln, daß dieſe Perſon dieſelbe ſei, die er in ſo geheimnißvoller Weiſe erwähnt hatte, obwohl ich mir, welches die Natur ſeines Anrechts auf die Beachtung meiner Tante möglicher Weiſe ſein könnte, durchaus nicht deutlich vorzuſtellen vermochte. Nachdem ich eine halbe Stunde auf dem Kirchhofe ge⸗ wartet, ſah ich die Kutſche zurückkommen. Der Wagen⸗ führer hielt neben mir, und meine Tante ſaß allein drin. S ie hatte ſich von ihrer Aufregung noch nicht hin⸗ reichend erholt, um auf den Beſuch, den wir zu machen im Begriff ſtanden, völlig vorbereitet zu ſein. Sie bat mich, in den Wagen zu ſteigen und dem Kutſcher zu ſa⸗ gen, er ſolle ein Weilchen langſam auf⸗ und abfahren. Sie ſagte nichts weiter, als:„Mein liebes Kind, niemals frage mich, was es war, und nie komme darauf zurück,“ —— —— —“——— David Kopperfield. 139 bis ſie endlich ihre Faſſung wiedergewonnen hatte, wo ſie mir ſagte, ſie habe ſich ganz wieder gefunden, ſo daß wir ausſteigen könnten. Als ſte mir ihre Börſe gab, um den Kutſcher zu bezahlen, fand ich, daß alle Guineen verſchwunden und nur das kleinere Silbergeld darin ge— blieben war. Nach Doctors Commons gelangte man durch einen kleinen niedrigen Bogengang. Ehe wir über denſelben hinaus viele Schritte gegangen waren, ſchien das Ge⸗ räuſch der Stadt wie durch Zauber in eine Entfernung hinwegzuſchmelzen, in der es leiſer klang. Einige düſtere Höfe und enge Gäßchen brachten uns nach der vom Him⸗ mel mit Licht verſehenen Expedition von Spenlow und Jorkins. Im Vorhofe dieſes Tempels, der den Pilgrim⸗ men ohne die Ceremonie des Anklopfens den Zutritt ge⸗ währte, waren drei oder vier Schreiber als Copiſten an der Arbeit. Der Eine von ihnen, ein kleiner dürrer Mann, der für ſich allein ſaß and eine ſteife braune Pe⸗ rücke trug, die ausſah, als ob ſie von Pfefferkuchen ge⸗ macht wäre, ſtand auf, um meine Tante zu empfangen und uns in Mr. Spenlows Zimmer zu führen. „Herr Spenlow iſt im Gerichte, Madame,“ ſagte der dürre Mann,„es iſt eine Sitzung des geiſtlichen Gerichts; aber's iſt gleich hier in der Nähe, und ich will ſogleich nach ihm ſenden.“ Da wir, während Mr. Spenlow geholt wurde, Gele⸗ legenheit uns umzuſehen hatten, machte ich mir das zu Nutze. Die Geräthſchaften des Zimmers waren altmo⸗ diſch und ſtaubig, und das grüne Wollenzeuch, mit welchem die Platte des Schreibtiſches beſetzt war, hatte alle ſeine Farbe verloren und ſah verbleicht und vergilbt aus, wie ein alter Bettelmann. Auf demſelben befanden ſich eine 140 David Kopperfield. große Menge Bündel Schriftſtücke, von denen einige auf dem Rücken mit Allegationen, einige, zu meiner Verwun⸗ derung, als Libelle(worunter ich mir Schmähſchriften vorſtellte) überſchrieben waren, einige ins Conſiſtorial⸗ Gericht, andere vor den geiſtlichen Gerichtshof, andere vor das Verlaſſenſchaftsgericht und noch andere ins Ad⸗ miralitäts⸗Gericht, und einige in den Delegatenhof ge⸗ hörten. Dieſelben gaben mir Gelegenheit, mich ſattſam zu verwundern, wie viel Gerichtshöfe es wohl überhaupt geben möchte, und wie viel Zeit ich wohl brauchen werde, um ſie alle kennen zu lernen. Außer dieſen Fascikeln wa⸗ ren dort noch verſchiedene ungeheure Manuſcriptbücher voll Akten, eidlich bekräftigt, feſt gebunden und in mäch⸗ tige Reihen zuſammengeknüpft, für jeden Proceß eine Reihe Hefte, als ob jeder Proceß eine Geſchichte in zehn oder zwanzig Bänden ſei. Alles dies ſah meines Bedün⸗ kens aus, als ob es viel Geld koſte, und gab mir eine angenehme Vorſtellung von dem Geſchäfte eines Proctors. Ich ließ meine Augen eben mit wachſendem Wohlgefallen über dieſe und andere Dinge ſchweifen, als ſich in dem Zimmer draußen haſtige Schritte hören ließen und Mr. Spenlow in einem ſchwarzen mit weißem Pelz verbräm⸗ ten Gewande herbeigeeilt kam und im Eintreten ſeinen Hut abnahm. Er war ein kleiner Herr mit lichten Haaren, mit un⸗ tadelig blank gewichſten Stiefeln und den ſteifſten aller weißen Halsbinden und Vatermörder. Er war bis ans Kinn zugeknöpft, ganz glatt und eng anliegend, und mußte mit ſeinem Backenbarte, welcher ſorglich gelockt war, große Mühe gehabt haben. Seine goldne Uhrkette war ſo maſſie, daß mir die Schnurre durch den Kopf fuhr, er müßte, um ſie herausziehen zu können, eigentlich — David Kopperfield. 141 ſolch einen nervigen goldanen Arm haben, wie ſie über den Laden der Goldſchläger angebracht ſind. Er war ſo ſorgſam gekleidet und ſo ſteif, daß er ſich kaum bücken konnte, und, wenn er nach einem oder dem andern Papiere auf ſeinem Pulte blickte, gezwungen war, nach⸗ dem er ſich in ſeinen Stuhl geſetzt hatte, ſeinen ganzen Körper vom Ende ſeines Rückgrats an zu bewegen, wie Punch, der Hanswurſt, mit dem ſteifen Fettbuckel. Ich war vorher durch meine Tante vorgeſtellt und höflich empfangen worden. Jetzt aber ſagte er: „Und ſo denken Sie denn, Herr Kopperfield, in unſer Geſchäft einzutreten. Ich erwähnte gelegentlich gegen Miß Trotwood, als ich neulich das Vergnügen hatte, ſie zu ſehen“— hier wieder eine Verbeugung à la Punch— „daß hier eine Stelle offen ſei. Miß Trotwood war ſo freundlich, zu erwähnen, daß ſie einen Neffen beſitze, der ihr ganz beſonders am Herzen liege, und für den ſie nach einer anſtändigen Verſorgung im Leben ſuche. Dieſen Neffen, glaub' ich, habe ich jetzt das Vergnügen, zu“— und abermals machte er einen Bückling à la Punch. Ich verbeugte mich als Zeichen, daß er recht vermu⸗ thet habe, und ſagte, meine Tante habe mir erzählt, daß hier eine Stelle offen ſei, und ich glaube, daß mir die⸗ ſelbe recht wohl anſtehen werde. Ferner, daß ich große Luſt habe, einzutreten, und den Vorſchlag augenblicklich angenommen habe; daß ich indeß mich nicht unbedingt überreden könne, das Geſchäft ſage mir zu, bis ich etwas mehr davon verſtünde. Endlich, daß ich, obſchon dies wenig mehr als eine bloße Form ſei, dennoch vorausſetze, ich werde Gelegenheit haben, zu verſuchen, wie es mir zuſage, bevor ich mich unwiderruflich binde. „Oh freilich, freilich!“ ſagte Mr. Spenlow.„Wir 142 David Kopperfield. geſtatten in dieſem Hauſe ſtets einen Monat— einen Probemonat. Ich ſollte mich freuen, wenn ich zwei Mo⸗ nate— drei— ja wahrlich, eine unendliche Periode ge⸗ ſtatten könnte,— aber ich habe einen Geſchäftstheilneh⸗ mer— Herrn Jorkins.“ „Und die Prämie unſrerſeits, Herr Spenlow,“ er⸗ wiederte ich,„iſt tauſend Pfund?“ „Und die Prämie, Stempelgebühren eingeſchloſſen, iſt tauſend Pfund,“ ſagte Mr. Spenlow.„Wie ich gegen Miß Trotwood bereits erwähnte, leiten mich hierbei keine Rückſichten auf Geldgewinn— in der That wenigen Leuten liegt dies weniger am Herzen, wie mir— aber Herr Jorkins hat ſeine Anſichten über dergleichen Dinge, und ich bin verpflichtet, die Anſichten von Herrn Jorkins zu reſpectiren. Kurz, Mr. Jorkins glaubt, daß tauſend Pfund eigentlich zu wenig ſei.“ „Vermuthlich iſt es,“ ſagte ich, immer noch darauf bedacht, wie ich meiner Tante etwas erſparen könnte,„ver⸗ muthlich iſt es hier nicht Sitte, daß ein Arbeiter in Ih⸗ rem Geſchäft, der ſich eingekauft hat, und ſich beſonders nützlich macht und vollkommen Meiſter ſeiner Obliegen⸗ heiten wird“— ich konnte hier nicht umhin, zu errö⸗ then; denn dies ſah gar ſo ſehr wie Selbſtlob aus— „vermuthlich iſt es nicht Sitte hier, daß ein ſolcher in den letzteren Jahren ſeiner Lehrzeit einen— eine—* Mr. Spenlow hob ſein Haupt, allerdings mit großer Anſtrengung, gerade ſo weit aus ſeiner Halsbinde her⸗ aus, daß er es zu ſchütteln vermochte, und antwortete, in⸗ dem er das Wort„Gehalt“ als bereits von mir geſpro⸗ chen annahm: „Nein. Ich will nicht ſagen, von welchem Stand⸗ punkte ich dieſe Sache betrachten würde, Herr Kopper⸗ * David Kopperfield. 143 field, wenn ich ungebunden wäre. Herr Jorkins aber iſt unerbittlich.“ Ich war ganz unglücklich bei dem Gedanken an dieſen fürchterlichen Jorkins. Aber ich fand ſpäter, daß er ein ſanfter Mann von langſamer Gemüthsart war, deſſen Platz im Geſchäfte darin beſtand, daß er ſich in dem Hintergrunde hielt und ſich als den hartherzigſten und jeder Vorſtellung unzugänglichſten Mann von der Welt vorſchützen ließ. Wenn ein Schreiber ſein Gehalt zu er⸗ heben wünſchte, ſo wollte Mr. Jorkins auf ein ſolches Verlangen nicht hören. Wenn ein Client ſich in Bezah⸗ lung der Koſtenrechnung in ſeinem Proceſſe langſam finden ließ, ſo war's Mr. Jorkins, der entſchieden auf Bezahlung drang; und wie peinlich derartige Dinge auch dem gefühl⸗ vollen Herzen von Mr. Spenlow ſein mochten(und ſtets waren), Mr. Jorkins wollte ſein Recht haben. Herz und Hand des guten Engels Spenlow würden allezeit offen geweſen ſein, wäre nicht der böſe Dämon Jorkins dagegen geweſen. Als ich älter wurde, habe ich, wie ich glaube, die Erfahrung gemacht, daß auch verſchiedene andere Häuſer nach dem Grundſatze von Spenlow und Jorkins ihre Geſchäfte betrieben. Es wurde ausgemacht, daß ich meinen Probemonat ſo bald als mir's gefiele antreten ſollte, und daß meine Tante nicht nöthig hätte, bis zu ſeinem Ablauf in der Stadt zu bleiben oder wieder herzukommen, da die Artikel des Uebereinkommens, deſſen Gegenſtand ich war, ihr ja leicht zum Unterſchreiben nach Hauſe geſandt werden könnten. Als wir ſo weit gelangt waren, bot mir Mr. Spenlow an, mich gleich jetzt ein Mal mit in den Gerichts⸗ hof zu nehmen und mir zu zeigen, was für ein Platz es ei. Da ich hierzu geneigt war, gingen wir zu dieſem 144 David Kopperfield. Zwecke hinaus und ließen meine Tante zurück, welche ſich wie ſie ſagte, an keinen ſolchen Ort wagen wollte, und welche, wie ich glaube, alle Gerichtshöfe als eine Art von Pulvermühlen betrachtete, welche zu jeder Zeit auffliegen könnten. Mr. Spenlow führte mich über einen gepflaſterten Hof, der von düſtern Ziegelhäuſern gebildet war, die ich nach den Namen der Doctoren über den Thüren für die Amtswohnungen der gelehrten Advocaten hielt, von denen Steerforth mir erzählt hatte; und traten in einen großen dumpfen Saal zur linken Hand, welcher meines Bedün⸗ kens einer Kapelle nicht unähnlich war. Der obere Theil dieſes Zimmers war von dem übrigen durch ein Geländer getrennt, und dort auf den beiden Seiten einer etwas erhöhten Plattform von der Geſtalt eines Hufeiſens ſaßen auf altmodiſchen Großvaterſtühlen verſchiedene Herren in rothen Gewändern und grauen Perücken, welche, wie ich fand, die oben erwähnten Doctoren waren. Ueber der Mitte des Hufeiſens blinzelte hinter einem Pulte, gleich einem Kanzelpulte, ein alter Herr hervor, den ich, wofern ich ihn in einem Vogelhauſe geſehen hätte, ſicherlich für eine Eule gehalten haben würde; welcher jedoch, wie ich berichtet wurde, der vorſitzende Richter war. In dem Raume, welchen das Hufeiſen umſchloß, tiefer als Jene, das heißt alſo zu ebner Erde auf der Diele, ſaßen mehre andere Herren von Mr. Spenlows Rang und wie er in ſchwarze, mit weißem Pelz verbrämte Gewänder gekleidet, an einer langen grünen Tafel. Ihre Halsbinden waren, wie mir's vorkam, ſammt und ſonders ſteif und ihre Blicke hochmüthig; in letzterer Hinſicht fand ich jedoch bald, daß ich ihnen Unrecht gethan hatte; denn als zwei oder drei von ihnen aufzuſtehen und eine Frage des vor David Kopperfield. 145 ſitzenden Würdenträgers zu beantworten hatte, ſah ich nie einfältigere Schafsgeſichter als die ihren. Das Publicum, welches durch einen Jungen mit einem Müffchen und einen ärmlich⸗vornehm gekleideten Mann, der heimlich Krümchen aus ſeiner Rocktaſche verzehrte, vertreten wurde, wärmte ſich am Ofen in der Mitte des Gerichtsſaales. Die langweilige Stille des Ortes wurde nur durch das Kniſtern des Feuers und die Stimme eines der Doctoren unterbrochen, welcher gemächlichen Schrittes durch eine vollſtändige Bibliothek von Actenſtücken wanderte und auf ſeiner Reiſe von Zeit zu Zeit ſtehen blieb, um in kleinen Gaſthaäuſern von Beweisgründen einzukehren. Kurz und gut, in meinem ganzen Leben habe ich nicht Gelegenheit gehabt, ſolch eine lederne, langweilige, alt⸗ modiſche, urweltliche, verſchlafene kleine Geſellſchaft zu ſehen, als dieſe, und ich fühlte, es würde wie ein entſchiedenes Einſchläferungsmittel auf mich wirken, wenn ich in irgend einer Stellung— ausgenommen vielleicht als bei der Entſcheidung Betheiligter— dazu gehörte. Sehr zufriedengeſtellt mit der träumeriſchen Natur dieſes Locals, bemerkte ich Mr. Spenlow, daß ich für dies Mal genug geſehen habe, und wir kehrten zu meiner Tante zurück, in deren Geſellſchaft ich nun die Commons verließ, und zwar ging ich aus dem Geſchäfte von Spenlow und Jorkins mit dem Bewußtſein, äußerſt jung zu ſein; denn die Schreiber klopften ſich einander mit ihrer Feder, um einander auf mich aufmerkſam zu machen. Wir langten in Lincolns Inn Fields ohne neue Abenteuer an, ich müßte denn als ein ſolches erwähnen, daß wir einem unglückſeligen Eſel vor dem Karren eines David Kopperfield. IV. 10 146 David Kopperfield. Obſthändlers begegneten, welcher im Gemüthe meiner Tante peinliche Ideenverbindungen hervorrief. Als wir glücklich in unſerm Gaſthofe wieder unter Dach und Fach waren, hatten wir noch ein langes Geſpräch über meine Pläne, und da ich wußte, daß ſie von ganzem Herzen nach Hauſe zu kommen wünſchte, und, zwiſchen Feuers⸗ gefahr, ſchlechtem Eſſen und Taſchendieben, in London ſich keine halbe Stunde wohlbefand, ſo drang ich in ſie, ſich meinetwegen nicht ihrer Bequemlichkeit zu entſchlagen, ſondern zu gehen und mich für mich ſelbſt ſorgen zu laſſen. „Es wird morgen nicht ſchon eine Woche, daß ich hier bin,“ ſagte ſie,„ohne daß ich auch darauf mein Augen⸗ merk gerichtet hätte. Da iſt im Adelphi eine Reihe kleiner Stuben mit Möbeln zu vermiethen, welche ſich für Dich wunderhübſch paſſen müßten.“ Mit dieſer kurzen Einleitung zog ſie aus ihrer Taſche eine aus einer Zeitung ſorgſam herausgeſchnittene Anzeige hervor, welche meldete, daß in der Buckinghamſtraße im Adelphi⸗Viertel„eine möblirte, die Ausſicht auf den Fluß habende, beſonders angenehm gelegene und zuſam⸗ menhängende Reihe von Stuben, welche eine anſtändige Wohnung für einen jungen Herrn, ein Nitglied eines der Gerichtshöfe oder dergleichen, bilden und ſogleich bezo⸗ gen werden können,“ zu vermiethen ſei. Der Preis ſei mäßig, und das Logis könne auf Verlangen auch monat⸗ weiſe abgelaſſen werden. „Ei, das iſt ja herrlich, Tante!“ ſagte ich, erröthend bei dem Gedanken, welche Würde darin liegen könnte, in derartigen Zimmern zu wohnen. „Nun, dann komm,“ erwiederte meine Tante, indem ſie ſogleich den Hut wieder nahm, den ſie eine Minute David Kopperſield. 147 vorher bei Seite gelegt hatte.„Wollen hingehen und uns das Logis beſehen.“ Und wir gingen. Die Anzeige wies uns an, bei Mrs. Crupp wegen der Wohnung nachzufragen, und wir klingelten an der Hausklingel, von der wir vorausſetzten, daß ſie mit Mrs. Crupp in Verbindung ſtehe. Wir mußten drei oder vier Mal klingeln, ehe wir Mrs. Crupp vermögen konnten, zu uns zu kommen; endlich aber er⸗ ſchien ſie— eine dicke Dame, der eine bauſchige Falte von einem Flanellunterrocke unter ihrem Nankingkleide hervorhing. „Wollen Sie wohl ſo gefällig ſein, Madam, und uns Ihre Stuben ſehen laſſen?“ ſagte meine Tante. „Für dieſen Herrn?“ fragte Mrs. Crupp, indem ſte in ihre Taſche nach den Schlüſſeln fühlte. „Ja, für meinen Neffen,“ ſagte meine Tante. „Ein paar prächtige Stübchen für dieſe Art Herrens!“ verſetzte Mrs. Crupp. So gingen wir die Treppe hinauf. Die Zimmer befanden ſich hart unter dem Dache— ein wichtiger Punkt für meine Tante, da ſie auf dieſe Art das Entſchlüpfen bei Feuer erleichterten— und beſtanden aus einem kleinen halbblinden Vorſaale, wo man kaum etwas ſehen, einer kleinen ſtockblinden Speiſekammer, wo man gar nichts ſehen konnte, einem Wohn⸗ und einem Schlafzimmer. Das Möblement war ſehr abgenutzt, aber völlig gut genug für mich, und das war nicht zu läugnen, daß draußen vor den Fenſtern der Fluß war. Da ich an dem Orte Gefallen fand, zogen ſich meine Tante und Mrs. Crupp in das Speiſekämmerchen zurück, um über den Preis zu unterhandeln, während ich auf dem Sopha im Wohnzimmer zurückblieb und kaum den 10* 148 David Kopperfield. Gedanken an die Möglichkeit zu faſſen wagte, daß ich be⸗ ſtimmt ſein ſollte, in ſolch einer nobeln Wohnung zu leben. Nach einem kurzen, etwas hartnäckigen Kampfe kehrten ſte zurück, und ich ſah zu meiner Freude in den Zügen meiner Tante wie in denen Mrs. Crupps, daß die Sache abge⸗ macht ſei. „Iſt dies das Möblement des letzten Stubeninhabers?“ erkundigte ſich meine Tante. „Ja wohl,“ Madam,“ ſagte Mrs. Crupp. „Was iſt aus ihm geworden?“ fragte meine Tante. Mrs. Crupp war voon einem böſen Huſten geplagt, mit dem ſie ſich ſchwer deutlich auszuſprechen vermochte. „Er wurde hier von einer Krankheit befallen und— uff, uff, uff!— und ſtarb.“ „Ei gar! An was ſtarb er?“ fragte meine Tante. „J nun, Madam, unter uns geſagt, er ſtarb an zu vielem Trinken,“ ſagte Mrs. Crupp,„und vom Rauchen.“ „So? vom Rauche? Sie meinen doch nicht vom Kaminrauche?“ fragte meine Tante. „Nein, Madam,“ entgegnete Mrs. Crupp.„Cigarren und Pfeifen.“ „Das ſteckt auf keinen Fall an, Trot,“ bemerkte meine Tante, zu mir gewendet. „Nein, gewiß nicht,“ ſagte ich. Kurz, meine Tante, welche ſah, wie begeiſtert ich von dem Gelaß war, nahm die Wohnung auf einen Monat und erlaubte mir, zwölf Monate drinnen zu bleiben, wenn dieſe Zeit um ſei. Mrs. Crupp ſollte für Tiſch⸗ und Bettwäſche ſorgen und für mich kochen; alles ſonſt Nöthige war bereits beſorgt, und der Mrs. Crupp wurde ganz David Kopperfield. 149 beſonders auf die Seele gebunden, ſich gegen mich ſtets wie gegen einen Sohn zu benehmen. Ich ſollte den über⸗ nächſten Tag in die Wohnung einziehen, und Mrs. Crupp dankte dem Himmel, daß ſie jetzt Jemand habe, den ſte unter ihre Scheere nehmen konnte. Auf unſerm Rückwege bemerkte meine Tante, wie ſie die gewiſſe Zuverſicht hege, daß das Leben, welches ich jetzt zu beginnen im Begriff ſei, mich zu einem feſten ent⸗ ſchiedenen Charakter machen werde, was bisher mein einziger Mangel geweſen ſei. Sie wiederholte dies mehr⸗ mals am nächſten Tage in den Zwiſchenſtunden, die wir von den Einrichtungen zur Ueberſiedelung meiner Bücher und Kleider von Mr. Wickfield übrig behielten, worüber wie über meine ganze jüngſte Ferienzeit ich einen langen Brief an Agnes ſchrieb, den meine Tante beſorgen wollte, da ſie den folgenden Tag abzureiſen gedachte. Um dieſe Kleinigkeiten nicht zu weit auszudehnen, will ich nur noch hinzufügen, daß ſie für alle meine Bedürfniſſe während meines Probemonats reichliche Fürſorge traf; daß Steer⸗ forth zu meinem und ihrem großen Verdruſſe vor ihrer Abreiſe nicht erſchien; daß ich ſie wohlbehalten in der Poſtkutſche nach Dover, Janetten an ihrer Seite, ſitzen und dem Augenblicke entgegenjauchzen ſah, wo ſie zum Schrecken und Aerger der übelthäteriſchen Eſel wieder erſcheinen würde; und daß ich endlich, als die Kutſche fort war, mein Antlitz nach dem Adelphi wendete und an die alten Tage, wo ich unter ſeinen unterirdiſchen Ge⸗ wölben herumſtrich, ſowie an die glückliche Schickſals⸗ wendung dachte, welche mich an die Oberfläche und in den Sonnenſchein heraufgeführt hatte. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Ich haue zum erſten Male über die Schnur. Es war ein wunderhübſches Ding, jenes luftige Schlößchen ſo ganz für mich zu haben und, wenn ich meine äußere Thür verſchloß, mich wie Robinſon Cruſoe zu füh⸗ len, als er ſeine Feſtung fertig und die Leiter zu derſelben ſich nachgezogen hatte. Es war ein wunderhübſches Ding, den Hausſchlüſſel in der Taſche in der Stadt herumzu⸗ ſpazieren und das Bewußtſein zu haben, daß ich jedermann mit mir nach Hauſe bitten und dennoch ſicher ſein könnte, daß er niemandem unbequem fallen würde, wofern er mir's ſelbſt nicht wäre. Es war ein wunderhübſches Ding, meinen eignen Thürſchließer zu machen und kommen und gehen zu können, ohne einer Seele drum das Wort ver⸗ gönnen zu müſſen; ein wunderhübſches Ding, Mrs. Crupp auf mein Klingeln keuchend aus den Tiefen der Erde heraufſteigen zu ſehen, wenn ich ſie brauchte und— wenn ſie Luſt hatte zu kommen. Alles dies, ſag ich, war wun⸗ derhübſch; indeß muß ich bekennen, daß es Zeiten gab, wo es doch auch recht ungemüthlich war. Es war ſehr hübſch am Morgen, vorzüglich an einem hübſchen Morgen. Es ſchien ein recht friſches, freies David Kopperfield. 151 Leben bei Tageslicht, und noch friſcher und freier bei Sonnenlicht. Aber wenn der Tag ſich ſeinem Ende zu⸗ neigte, ſchien auch das Leben unterzugehen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es ſah bei Kerzenlicht ſelten gut aus. Ich vermißte dann Jemand, mit dem ich mich unter⸗ halten könne. Ich vermißte Agnes. Ich fand eine un⸗ geheure Leere an der Stelle, wo einſt der Platz dieſer lächelnden Vertrauten meiner innerſten Gedanken geweſen war. Mrs. Crupp ſchien eine weite Strecke entfernt zu ſein. Ich dachte an meinen Vorgänger im Beſttz dieſes Zimmers, der am Trinken und Rauchen geſtorben war, und ich hätte wünſchen mögen, er hätte mir den Gefallen gethan, leben zu bleiben und mich nicht mit ſeinem Tode zu behelligen. 3 Nach zwei Tagen und Nächten war mir's zu Muthe, als ob ich ein Jahr dort gelebt hätte, und doch war ich nicht eine Stunde älter, ſondern fühlte mich ganz und gar ſo wie immer von dem Bewußtſein meiner Jugend gequält. Da Steerforth noch nicht erſchien, ſo brachte mich dies auf den Gedanken, er müßte krank ſein, und ſo ver⸗ ließ ich am dritten Tage frühzeitig die Commons und ging hinaus nach Highgate. Mrs. Steerforth war ſehr erfreut mich zu ſehen und ſagte mir, er ſei mit einem ſeiner Freunde von Orford zu einem andern, der in der Nähe von St. Albans lebe, auf Beſuch gegangen, daß ſte indeß erwarte, er werde morgen zurückkehren. Ich war ſo vernarrt in ihn, daß ich eine wahre Eiferſucht auf ſeine Orforder Freunde empfand. Da ſie in mich drang, zum Eſſen da zu bleiben, ließ ich mich bewegen, und ich glaube, wir unterhielten uns den ganzen Tag über von nichts als ihm. Ich erzählte ihr, wie lieb ihn die Leute zu Darmouth gewonnen hätten 152 David Kopperfield. und was für ein angenehmer Geſellſchafter er geweſen ſei. Miß Dartle war voll von Andeutungen und myſteriöſen Fragen, nahm jedoch großes Intereſſe an alle dem, was wir dort getrieben, und kam mit ihrem:„Ei gar, wirk⸗ lich?“ und ſo weiter ſo oft, daß ſie aus mir Alles heraus⸗ kriegte, was ſie zu wiſſen wünſchte. Ihr Aeußeres war genau daſſelbe, wie ich's beſchrieben habe, als ich ſte zuerſt ſah; aber das Zuſammenſein mit den beiden Damen war ſo angenehm und machte ſich ſo natürlich für mich, daß ich empfand, wie ich mich ein wenig in ſie verliebte. Ich konnte mich mehrmals im Verlaufe des Abends und vorzüglich, als ich des Nachts heimſpazierte, des Gedan⸗ kens nicht erwehren, was für eine prächtige Stuben⸗ genoſſin ſte in Buckingham Street abgeben müßte. Ich nahm eben meinen Kaffee und Mundſemmel am Morgen zu mir, ehe ich nach den Commons ging— und ich darf an dieſem Orte bemerken, daß es verwunderlich iſt, wie viel Kaffee Mrs. Crupp verbrauchte und wie ſchwach er doch trotzdem war— als Steerforth ſelbſt zu meiner grenzenloſen Freude hereintrat. „Mein lieber Steerforth,“ rief ich,„ich dachte ſchon, daß ich Dich niemals wiederſehen würde.“ „Ich wurde mit aller Gewalt fortgeſchleppt,“ ſagte Steerforth,„gleich den nächſten Tag, nachdem ich heim⸗ gekommen war. Aber der Tauſend, Gänſeblümchen, was für ein wunderhübſches Junggeſellenleben führſt Du hier?“ Ich führte ihn in dem ganzen Etabliſſement, das Speiſekämmerchen eingeſchloſſen, mit nicht geringem Stolze herum, und er lobte es höchlichſt.„Will Dir'mal was ſagen, alter Junge,“ fügte er hinzu,„ich werde aus dieſem Platze mein vollſtändiges Abſteigequartier in der Stadt auf ſo lange machen, bis Du mich gehen heißeſt.“ David Kopperfield. 153 Das war mir eine herrliche Nachricht. Ich ſagte ihm, wenn er darauf warte, könnte er bis auf den Sankt Nimmerstag warten. „Aber Du ſollſt ein Frühſtück haben,“ ſagte ich mit der Hand am Klingelzug,„und Mrs. Crupp ſoll Dir eine Taſſe friſchen Kaffee machen, und ich werde Dir in dem zu meiner Junggeſellenwirthſchaft gehörigen Kachelofen hier etwas Schinken dazu braten.“ „Nein, nein!“ verſetzte Steerforth.„Klingle nicht! Ich kann nicht! Ich bin im Begriff, mit einem jener Burſchen zu frühſtücken, welcher im Piazza Hotel in Covent⸗ garden auf mich wartet.“ „Aber Du wirſt zum Eſſen hierher zurückkommen?“ fragte ich. „Ich kann meiner Seel' nicht. Nichts würde mir lieber ſein, aber ich muß mit dieſen beiden Burſchen zu⸗ ſammenbleiben. Wir wollen alle Drei zuſammen morgen früh fort.“ „Nun, dann bringe ſie her zum Eſſen,“ entgegnete ich.„Glaubſt Du, daß ſie kommen werden?“ „O, ſie würden ſich willig genug einſtellen,“ ſagte Steerforth.„Aber wir möchten Dir Unbequemlichkeit machen. Du thäteſt beſſer, mit uns zu ſpeiſen.“ Ich wollte mich damit durchaus nicht zufrieden geben; denn es fiel mir ein, daß ich wirklich einen kleinen Ein⸗ zugsſchmauß zu veranſtalten verpflichtet wäre, und daß dazu keine beſſere Gelegenheit kommen könnte. Ich hatte einen neuen Grund, auf meine Zimmer ſtolz zu ſein, nachdem er ſie hübſch gefunden, und brannte vor Ver⸗ langen, alles was ſie zu leiſten vermöchten, an den Tag zu legen. Ich gewann ihm daher das beſtimmte Ver⸗ ſprechen im Namen ſeiner beiden Freunde ab, ſich ein⸗ 154 David Kopperfield. ſtellen zu wollen, und wir machten aus, daß unſer Schmaus um ſechs Uhr ſtattfinden ſollte. Als er fort war, klingelte ich nach Mrs. Crupp und machte ſie mit meinem kühnen Plane bekannt. Mrs. Crupp ſagte, daß es erſtens ſich von ſelbſt verſtehe, daß man von ihr keine Aufwärterdienſte erwarten könne, ſie wiſſe indeß einen gewandten jungen Mann, welcher ihres Bedünkens dazu gewonnen werden könnte, und welcher dafür fünf Schilling bekommen würde,— was ich dazu meinte. Ich antwortete, ſicherlich, wir wollten ihn nehmen. Dann, fuhr Mrs. Crupp fort, ſei es klar, daß ſie nicht an zwei Orten zugleich ſein könnte(was ich für in der Vernunft gerechtfertigt hielt) und daß deshalb„n junges Mädel“, im Speiſekämmerchen mit einem Leuchter aufgeſtellt, um unabläſſig Teller zu waſchen, eine unerläßliche Nothwen⸗ digkeit ſein werde. Ich fragte, was für dieſes junge weibliche Weſen zu bezahlen ſein würde, und Mrs. Crupp meinte, daß achtzehn Pence mich ihrer Vermuthung nach wohl nicht gerade arm machen würden. Ich ſagte, daß ich dies nicht dächte, und ſo war dies in der Ordnung. „Nun denn zum Eſſen ſelber,“ ſagte Mrs. Crupp. Es war ein merkwürdiges Beiſpiel von Mangel an Vorbedacht auf Seiten des Eiſengießers, der Mrs. Crupps Kochheerd angefertigt hatte, daß der letztere zu nichts nütze war, als zur Bereitung von Cotelets und gedünſte⸗ ten Kartoffeln. Was einen Fiſchkeſſel betraf, ſo ſagte Mrs. Crupp: gut, aber ich ſollte doch nur mal mitkom⸗ men und nach dem Roſte ſehen. Sie konnte nicht über⸗ zeugender ſprechen, als ſo. Ich ſollte doch nur mal mit⸗ kommen und mir's anſehen? Da ich, wofern ich wirklich nachgeſehen hätte, nicht viel klüger geworden ſein würde, lehnte ich's ab und ſagte:„Denken wir nicht an Fiſche!“ David Kopperfield. 155⁵ Aber Mrs. Crupp ſagte:„Reden Sie doch nicht ſo. Auſtern waren drinne, und warum wollen Sie nicht welche geben?“ So war auch das in der Ordnung. Mrs. Crupp ſagte dann, was ſie empfehlen würde, wäre Folgendes: Ein paar gebratene Hühner— vom Paſtetenbäcker; ein Gericht geſchmortes Rindfleiſch mit Zugemüſe— vom Paſtetenbäcker; zwei kleine Eckſchüſſeln, als etwa eine Paſtete und ein Gericht Nierenpudding— vom Paſtetenbäcker; endlich eine Torte und, wenn ich wollte, eine Schale Gelé ebenfalls vom Paſtetenbäcker. Dies, meinte Mrs. Crupp, würde ihr vollkommen freie Hand laſſen, ſich ganz den Kartoffeln zu widmen und den Käſe nebſt dem Sellery ſo aufzuputzen, wie ſie es gern gethan ſähe. Ich that nach Mrs. Crupps Meinung und beſtellte Alles beim Paſtetenbäcker. Indem ich ſpäter den Strand entlang ging, und im Fenſter eines Schinken⸗ und Rauch⸗ fleiſchladens eine harte geſprenkelte Subſtanz bemerkte, die wie Marmor ausſah, aber mit einem Zettelchen be⸗ ſteckt war, worauf„Mock Turtle“ ſtand, ging ich hinein und kaufte ein Stück davon, welches, wie ich jetzt Grund zu glauben habe, gerade für fünfzehn Perſonen gereicht haben würde. Dieſes Präparat willigte Mrs. Crupp nach einigem Sträuben ein, aufzuwärmen; und es ſchrumpfte im flüchtigen Zuſtand ſo zuſammen, daß wir Steerforth Recht gaben, als er's„ein tüchtiges Stück Arbeit für vier Mann“ nannte. Nachdem dieſe Vorbereitungen glücklich alleſammt getroffen waren, kaufte ich Einiges zum Deſſert auf dem Markte vom Coventgarden und machte ſehr ausgedehnte Beſtellungen bei einem Detail⸗Weinhändler in dieſer Gegend. Als ich am Nachmittage heimkam und die Flaſchen auf der Diele des Speiſekämmerchens im Viereck 156 David Kopperſield. aufgefahren erblickte, ſahen ſie ſo zahlreich aus(obwohl zwei fehlten, was Mrs. Crupp ſehr verdrießlich war), daß ich vor ihnen in der innerſten Seele erſchrack. Einer von Steerforths Freunden hieß Grainger, und der andere Markham. Sie waren beide ſehr luſtige und lebhafte Geſellen; Grainger etwas älter als Steerforth, Markham, noch recht jugendlich ausſehend, wie ich ſagen möchte, nicht älter als zwanzig. Ich beobachtete, daß der Letztere ſtets und unabläſſig von ſich ſelbſt als„man“ oder„ein Mann“ ſprach, ſelten aber oder nie in der erſten Perſon singularis. „Man könnte ſich hier recht gemüthlich befinden, Herr Kopperfield,“ ſagte Markham— mit welchem„man“ er ſich ſelbſt meinte. „'s iſt keine üble Lage,“ verſetzte ich,„und die Stu⸗ ben ſind wirklich recht bequem.“ „Ich hoffe, Ihr habt beide Appetit mitgebracht,“ ſagte Steerforth. „Auf Ehre,“ erwiederte Markham,„man ſcheint in der Stadtluft einen ſchärferen Appetit zu kriegen. Man iſt den ganzen lieben Tag lang hungrig. Man ißt in einem weg.“ Indem ich zuerſt ein wenig verlegen war, und mich viel zu jung fühlte, um den Vorſitz zu führen, nöthigte ich Steerforth, als das Eſſen angekündigt wurde, den oberſten Platz am Tiſche einzunehmen und ſetzte mich auf den Stuhl ihm gegenüber. Alles war ſehr gut, wir ſchonten des Weins nicht, und Steerforth ſorgte in glänzender Weiſe, daß die Geſchichte gut verlief, ſo daß in unſerer Feſtlichkeit keine Unterbrechung eintrat. Ich war während des Eſſens kein ganz ſo guter Geſellſchafter, als ich zu ſein hätte wünſchen können; denn mein Stuhl war David Kopperſteld. 157 der Thür gegenüber, und meine Aufmerkſamkeit wurde durch die Beobachtung abgezogen, daß der gewandte junge Mann, der uns bediente, ſehr oft aus der Stube ging, und daß ſich ſein Schatten dann ſtets auf der Wand des Vorſaals mit einer Flaſche an ſeinem Munde präſentirte. Ebenſo machte mich„das junge Mädel“ einigermaßen ungemüthlich, und zwar nicht ſo ſehr dadurch, daß ſie es vernachläſſigt hätte, die Teller aufzuwaſchen, als dadurch, daß ſie dieſelben zerbrach. Denn wißbegieriger Natur und unfähig, ſich, wie ihre entſchiedene Anweiſung lau⸗ tete, auf das Speiſekämmerchen zu beſchränken, lauſchte ſte immer nach uns herein und bildete ſich dabei fortwäh⸗ rend ein, darüber ertappt zu ſein, in welchem Glauben ſie ihren Rückzug mehrmals in die Teller, mit denen ſie ſorgſam die Diele gepflaſtert hatte, hinein bewerkſtelligte und eine große Verwüſtung anrichtete. Das waren indeß geringe Uebelſtände, die bald ver⸗ geſſen waren, als das Tiſchtuch abgenommen und das Deſſert aufgeſetzt worden war, in welcher Periode des Schmauſes der gewandte junge Mann im Zuſtande der Sprachloſigkeit betroffen wurde. Ich gab ihm heimliche An⸗ weiſung, ſich in die Geſellſchaft von Mrs. Crupp zurückzu⸗ ziehen und„das junge Mädel“ ebenfalls in's unterſte Geſtock mitzunehmen, und dann überließ ich mich völliger Heiterkeit. Ich begann damit, daß ich ganz ungewöhnlich fröhlich und leichten Herzens war; allerhand halbvergeſſene Dinge fuhren mir durch den Kopf, ſo daß ich in einer mir völlig ungewohnten Weiſe ſchwatzte und predigte. Ich lachte herzlich über meine eignen Späße, wie über die, aller Andern; rief Steerforth zur Ordnung, daß er nicht genug Wein vertilge; verſprach verſchiedentliche Male, mit nach Orford zu gehen; zeigte an, daß ich ein ganz ähnliches 158 David Kopperfield. Schmäuschen wie dieſes eine Woche darauf zu geben ge⸗ dächte, und nahm in meiner Tollheit aus Graingers Doſe eine ſo kräftige Priſe, daß ich gezwungen war, in's Speiſe⸗ kämmerchen zu gehen und mich zehn Minuten hinterein⸗ ander insgeheim auszunieſen. Und weiter ging's, indem ich ſchneller und noch ſchneller Wein trank und fortwährend mit dem Korkzieher auf⸗ ſprang, um mehr Flaſchen zu öffnen, lange bevor wir mehr Wein bedurften. Ich brachte Steerforths Geſund⸗ heit aus. Ich ſagte, daß er mein theuerſter Freund, der Beſchützer meiner Knabenjahre und der Genoſſe meiner Jünglingszeit wäre. Ich ſagte, daß ich glücklich wäre, ſeine Geſundheit ausbringen zu können. Ich ſagte, ich ſchulde ihm mehr Verpflichtungen, als daß ich ſie je ab⸗ tragen könne, und widme ihm eine größere Bewunderung, als daß ich ſie auszudrücken vermöchte. Ich ſchloß meine Rede, indem ich ſagte:„Steerforth ſollleben! Hurrah hoch!“ Wir brachten drei mal drei Hochs auf ihn aus und dann noch eins und noch ein recht herzhaftes zum guten Ende. Ich zerbrach mein Glas, indem ich um den Tiſch herum ging, um ihm die Hand zu ſchütteln und ſagte(in zwei Worten): „Steerforth DubiſtderLeitſternmeines Da— ſeins!“ Und immer weiter ging's, indem ich plötzlich entdeckte, daß Jemand mitten in einem Liede begriffen war. Markham war der Sänger und er trällerte:„Wenn das Herz eines Mannes von Sorge bedrückt“. Er ſagte, als er's geſun⸗ gen, er wolle nun ein Hoch auf„die Weiber!“ ausbrin⸗ gen. Ich legte dagegen Einſprache ein und bedeutete ihm, daß ich das nicht erlauben könne. Ich ſagte, dies ſei keine anſtändige Art, dieſen Toaſt auszubringen und ich würde nimmer geſtatten, daß in meinem Hauſe dieſes Hoch in andern Worten als„Auf die Damen!“ getrunken werde. David Kopperfield. 159 Ich ſetzte mich gegen ihn ſehr aufs hohe Pferd, und wie ich glaube, vorzüglich deshalb, weil ich Steerforth und Grainger über mich— oder über ihn— oder über uns alle beide lachen ſah. Er ſagte, ein Mann ließe ſich nichts anbefehlen. Ich ſagte, dieſer Mann müßte. Er ſagte, ein Mann hätte ſich Beleidigungen nicht gefallen zu laſſen. Ich ſagte, darin habe er Recht— nie wenigſtens unter meinem Dache, wo die Laren heilig ſeien, und die Geſetze der Gaſtfreundſchaft allen andern voranſtünden. Er ſagte, daß es von der Würde eines Mannes nicht zu viel weggeben heiße, wenn man bekenne, ich ſei ein teufliſch guter Kerl. Ich brachte hierauf augenblicklich ſeine Geſundheit aus. Es rauchte Jemand. Wir rauchten alle mit einander. Auch ich rauchte und gab mir Mühe, eine aufſteigende Anwandlung von Schauder zu unterdrücken. Steerforth hatte einen Toaſt auf mich ausgebracht, der mich ſchier zu Thränen gerührt hatte. Ich ſprach meinen Dank dafür aus und hoffte, die gegenwärtige Geſellſchaft werde morgen mit mir ſpeiſen und übermorgen— alle Tage um fünf Uhr, damit wir die Freude der Unterhaltung und des Zuſammenlebens einen langen Abend hindurch genießen könnten. Ich fühlte in mir den Beruf, auf Jemand ein Hoch auszubringen. Ich ließ meine Tante leben. Miß Betſey Trotwood, die Beſte ihres Geſchlechts! Es lehnte Jemand aus dem Fenſter meines Schlaf⸗ zimmers, er erfriſchte ſeine glühende Stirn an dem kühlen Geſtein des Fenſterſimſes und fühlte, wie ihm die Luft in's Geſicht wehte. Ich war dieſer Jemand. Ich redete mich ſelbſt als„Kopperfield“ an und ſagte:„Schon recht ſo, warum verſuchteſt Du's, zu rauchen? Du hätteſt wiſſen können, daß Du's nicht vertragen würdeſt.“ Jetzt betrach⸗ tete Jemand ſeine Geſichtszüge hin und her ſchwankend 160 David Kopperfield. im Spiegel. Das war ich ebenfalls. Ich ſah recht bleich aus im Spiegel, meine Augen hatten einen wüſten Blick, und meine Haare— aber blos meine Haare, durchaus nichts weiter— ſahen wie betrunken aus. Jemand ſagte zu mir:„Wollen in's Theater gehen, Kopperfield!“ Und ich hatte nicht mehr das Schlafzimmer vor Augen, ſondern wieder die mit klingelnden Gläſern bedeckte Tafel, die Lampe, Grainger zu meiner rechten, Markham zu meiner linken Hand, Steerforth mir gegen⸗ über— alleſammt in einem Nebel und wie in weiter Entfernung von mir ſitzend. In's Theater? Ei freilich. Gerade der rechte Ort. Kommt, fort! Aber ſie müßten mich entſchuldigen, wenn ich erſt Alle hinausſehen müßte und wenn ich die Lampe niederſchraubte— weil— für den Fall, daß Feuer auskäme. Indem ich mich im Dunkel befand, war auf einmal die Thür weg. Ich ſuchte in den Fenſtervorhängen darnach, als Steerforth mich lachend am Arme faßte und mich hin⸗ ausführte. Wir gingen Einer nach dem Andern die Treppe hinunter. Schon faſt auf der letzten Stufe angelangt, fiel Jemand und rollte vollends hinunter. Jemand anders ſagte, es wäre Kopperfield. Ich ärgerte mich über dieſe falſche Behauptung, bis ich endlich weg bekam, daß ich im Gange auf meinem Rücken lag, und nun allerdings zu glauben begann, daß jene Behauptung einigen Grund haben müßte. Draußen war eine ſehr neblige Nacht mit großen Dunſtringen um die Lampen in den Straßen. Mir war's, als ob Eins ſagte, es wäre naß. Ich meinte, es ſei kalt zum Frieren. Steerforth zog mich unter einen Laternen⸗ pfahl und drückte meinen Hut wieder in ſeine Form, den irgend Jemand von irgendwoher in einer ganz ungemein ſeltſamen Geſtalt geholt hatte; denn vorher hatte ich ihn David Kopperfield. 161 nicht aufgehabt. Steerforth ſagte dann:„Du biſt doch gehörig auf dem Strumpfe, Kopperfield, nicht wahr?“ und ich antwortete ihm mit einem:„Nei— nnn!“ Ein Mann, der in einem Dinge, wie ein Tauben⸗ flugloch ſaß, gukte aus dem Nebel hervor und nahm Geld von Jemand, indem er ſich erkundigte, ob ich einer der Herren ſei, für die bezahlt worden, und indem er, wie ich mich von dem Blicke erinnerte, den ich auf ihn that, ſehr zweifelhaft ſchien, ob er von mir das Geld nehmen ſolle, oder nicht. Kurz nachher waren wir ſehr hoch oben in einem ſehr heißen Theater und ſchauten in ein ſehr ausgedehntes Parterre hinunter, welches zu rauchen ſchien, indem das Volk, mit dem es vollgepfropft war, ſo undeut⸗ lich ausſah. Dort vor uns war eine große Bühne, die im Vergleich mit der ſoeben verlaſſenen Straße recht reinlich und glatt ausſah, und da liefen Leute drauf herum, die über Dics und Jenes ſchwatzten, aber durchaus nicht ſo, daß man ein Wort verſtanden hätte. Dann gab's eine Unmaſſe heller Lichter, und dann gab's Muſik, und dann gab's Damen unten in den Logen und ich weiß nicht, was ſonſt noch. Das ganze Haus kam mir vor, als ob es ſchwimmen lernen wollte, in ſolch einer unbe⸗ ſchreiblichen Weiſe warf es ſich herum, als ich den Ver⸗ ſuch machte, es feſt in's Auge zu faſſen. Auf Jemandes Vorſchlag entſchloſſen wir uns, in die Logen hinunterzugehen, wo die Damen waren. Ein Herr, der im Ballanzug, ein Opernglas in der Hand, auf einem Sopha lehnte, und ebenſo meine eigne Geſtalt in voller Lebensgröße im Spiegel abgebildet, gingen an meinen Blicken vorüber. Dann wurde ich in eine der Logen geſchoben, wo ich die Bemerkung machte, daß ich im Niederſetzen Etwas ſagte, und daß die Leute um mich David Kopperfield. IV. 11 162 David Kopperfield. herum Jemandem„Ruhe“ zuriefen, und daß die Damen entrüſtete Blicke auf mich warfen, und daß— was der Tauſend!— ja richtig!— auf dem Stuhle vor mir, in derſelben Loge, neben ſich einen Herrn und eine Dame, . die ich nicht kannte— Agnes ſaß. Ich ſehe ihr Geſicht jetzt noch— und ich möchte ſagen, beſſer als ich's damals ſah— mit ſeinem unvergeßlichen Ausdrucke von Be⸗ trübniß und Verwunderung auf mich gerichtet. „Agnes!“ ſagte ich in raſcher Wortfolge.„Gotts⸗ tauſendſapperlot, Agnes!“ „Bſt! Bitte!“ antwortete ſie, ich begriff nicht, warum. „Sie ſtören ja die Geſellſchaft. Sehen Sie doch auf die Bühne!“ Ich verſuchte auf dieſe ihre Anweiſung die hin und her ſchwankende Bühne feſt in's Auge zu faſſen und etwas wegzukriegen von dem, was dort vorging, aber es war völlig umſonſt. Ich ſah bald wieder nach ihr hin und ſah, wie ſie ſich in eine Ecke drückte und ihre behand⸗ ſchuhte Hand an die Stirn legte. „Agnes,“ ſagte ich.„IchfürchtSieſindnichtwohl!“ „Ja, ja. Kümmern Sie ſich nicht um mich, Trot⸗ wood,“ entgegnete ſie.„Horch! Sie gehen doch wohl bald!“ „Ob'chbaldegeh?“ wiederholte ich. „Ja.“ Ich hatte in meinem dummen Kopfe etwas wie die Abſicht, ihr zu antworten, daß ich warten wolle, um ſie die Treppe hinabzuführen. Ich glaube, daß ich dieſelbe auch irgendwie ausdrückte; denn nachdem ſie mich ein Weilchen aufmerkſam angeſehen, ſchien ſie mich zu ver⸗ ſtehen und erwiederte in leiſem Tone: „Ich weiß, daß Du thun wirſt, um was ich Dich bitte, ſobald ich Dir ſage, daß ich's im vollen Ernſte meine. David Kopperfield. 163 Geh nun fort, Trotwood, mir zu Gefallen, und bitte Deine Freude, daß ſie Dich nach Hauſe ſchaffen.“ Sie hatte mich für den Augenblick inſoweit zur Be⸗ ſinnung gebracht, daß ich allerdings böſe auf ſie that, mich aber doch ſchämte und mit einem kurzen„Gunnach!“, was meiner Abſicht nach„Gute Nacht!“ heißen ſollte, aufſtand und wegging. Die Andern folgten, und ich war mit einem Schritte plötzlich aus der Thür der Loge in meinem Schlafzimmer, wo ſich nur Steerforth bei mir befand, der mir beim Auskleiden half, und wo ich ihm bald erzählte, daß Agnes meine Schweſter ſei, bald ihn beſchwor, den Korkzieher zu bringen, damit ich eine andere Flaſche Wein öffnen könnte. Wie lag ein Jemand, der in meinem Bette lag, die ganze Nacht in einem fieberhaften Traume, wo er Alles dies die Kreuz und die Queer noch einmal ſprach und that,— während das Bett eine ſchaukelnde See war, die nie ſich beruhigte! Wie, als dieſer Jemand allgemach ſich in mich, den David Kopperfield umwandelte, war ich verdorrt und vertrocknet, wie war mir's zu Muthe, als ob meine äußere Haut ein hartes Bret, meine Zunge der Boden eines leeren durch langen Gebrauch rauh und riſſig gewordenen Keſſels, der über einem langſamen Feuer brenne, die innern Flächen meiner Hände heiße Metall⸗ platten ſeien, die kein Eis kühlen könnte. Aber nun erſt die tödtliche Verzweiflung, die Gewiſſens⸗ biſſe und die Scham, die ich empfand, als ich am nächſten Morgen zum vollen Bewußtſein erwachte. Nun erſt mein Entſetzen, tauſend Beleidigungen vollbracht zu haben, die ich vergeſſen, und die deshalb auf keine Weiſe wieder gut gemacht werden konnten— nun erſt meine Erinne⸗ rung an jenen unvergeßlichen Blick, den Agnes mir zu⸗ David Kopperfield. geworfen— der quälende Gedanke an die Unmöglichkeit, mich mit ihr in Vernehmen zu ſetzen, indem ich, Schafs⸗ kopf, der ich war, nicht wußte, wie ſie nach London ge⸗ kommen ſei, oder wo ſte ſich aufhielte— nun erſt meine Abſcheu vor dem bloßen Anblicke des Zimmers, wo unſer Gelage ſtattgefunden— mein wüthender Kopfſchmerz— der Geruch des Tabacksrauchs— die Parade der Gläſer— die Unmöglichkeit, ausgehen oder auch nur aufſtehen zu können! O was für ein entſetzlicher Tag war das! Oh! und was für ein Abend, als ich mich an meinen Kamin zu meiner Schale Schöpſenfleiſchbrühe, die über und über mit Fett betüpfelt war, hinſetzte und dachte, daß ich den Weg meines Vorgängers wandeln und ihm ebenſowohl in ſeinem traurigen Lebenslaufe als im Beſitze ſeiner Stuben folgen werde, und ſchon halb und halb auf den Gedanken gerieth, ohne Weiteres nach Dover zu eilen und eine Generalbeichte abzulegen!. Was für ein Abend, als Mrs. Crupp erſchien, um die Fleiſchbrühſchale wegzunehmen, und eine Leber auf einem Käſeteller als den ganzen Ueberreſt vom geſtrigen Schmauſe producirtd, und ich wahrhaftig ſchon die Nei⸗ gung in mir verſpürte, ihr an ihre nankingbedeckte Bruſt zu ſinken und in herzinniger Reue und Bußfertigkeit zu ſagen:„Oh Frau Crupp, Frau Crupp, laſſen Sie dieſe paar Brocken? Ich bin ſehr elend!“— eine Neigung, der ich Raum gegeben haben würde, wenn ich nicht, ſelbſt in dieſem Zuſtande, zweifelhaft geweſen wäre, ob Mrs. Crupp ganz und gar die Sorte Frauenzimmer ſei, der man ſein Herz aufſchließen dürfe. Ende des vierten Theils. Druck von Otto Wigand in Leipzig. ———.——*—4⁴———— ——— ——————— —— ſſ — 1