hbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von. 8 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Ruckgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird... 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und bpeträgt:— für wöchentlich 2 Bücher: 4⁴. Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 509 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurüuckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dreizehntes Kapitel. Die Folgen meines Entſchluſſes. Möglich, daß ich in dem Augenblicke, wo ich die Ver⸗ folgung des jungen Menſchen mit dem Eſelskarren auf⸗ gab und auf die Straße nach Greenwich einlenkte, den dunkeln wirren Gedanken gehabt habe, ſpornſtreichs und in einem fort bis nach Dover zu laufen. Wenn ich dieſe Abſicht überhaupt hatte, ſo fanden ſich meine zerſtreuten Sinne in dieſem Punkte bald wieder zuſammen; denn ich hielt in der Kentſtraße, an einer Terraſſe inne, vor der ſich ein Waſſerbecken und, inmitten deſſen wiederum, eine große einfältig ausſehende Bildſäule befand, welche auf einer trockenen Muſchel blies. Hier ſetzte ich mich auf die Stufen vor der Thür nieder, völlig erſchöpft und er⸗ mattet von den Anſtrengungen, die ich bereits gemacht, und kaum noch Athem genug habend, um über den Ver⸗ luſt meines Koffers und meiner halben Guinea zu weinen! Es dunkelte indeſſen, und ich hörte die Glocken zehn ſchlagen, als ich noch immer da ſaß, um auszuruhen. Aber es war glücklicherweiſe eine Sommernacht und ſchönes 1*X David Kopperfield. Wetter. Als ich wieder Athem geſammelt und meine von Weinen und Heulen erſtickte Stimme wiedergewonnen hatte, ſtand ich auf und ging weiter. Mitten in meiner Betrübniß hatte ich nicht den leiſeſten Gedanken an ein Wiederumkehren, und ich zweifle, ob mir ein ſolcher bei⸗ gekommen wäre, ſelbſt wenn ein Schneefeld auf der Kent⸗ ſtraße gelegen hätte, ſo groß und ſo kalt wie auf den Schweizerbergen. Aber der Umſtand, daß ich im Ganzen nur noch drei Halfpence beſaß(und ich wundere mich wahrlich, wie dieſe dazu kamen, in einer Sonnabends⸗Nacht noch in meiner Taſche zurückgeblieben zu ſein) beunruhigte mich nichts⸗ deſtoweniger, wenn ich an die Weiterreiſe dachte. Ich malte mir es ſchon aus, ich ſah ſchon das Stückchen Zei⸗ tungspapier vor mir, auf welchem zu leſen war, wie ich in einem oder zwei Tagen todt unter einer Hecke gefunden worden, und ſo ſtolperte ich voll Jammer und Betrübniß, aber trotzdem ſo ſchnell ich nur konnte, weiter, bis ich zu⸗ fällig an einem kleinen Laden vorbei kam, wo man, wie ein Schild über der Thür beſagte, Damen⸗ und Herren⸗ garderobe kaufte und die beſten Preiſe zahlte für Lumpen, Knochen und Küchenabgänge. Der Inhaber dieſes Ladens ſaß in ſeinen Hemdärmeln vor der Thür und rauchte, und da ſich daſelbſt eine große Menge Röcke und Hoſenpaare befanden, welche von der niedrigen Decke herabbaumelten, während drinnen nur zwei dünne Lichte brannten, um die Qualität der Sachen zu zeigen, ſo kam es mir vor, als ob er wie ein Mann von rachgierigem Gemüthe ausſähe, der alle ſeine Feinde gehängt habe und ſich nun ſeiner Thaten freue. Meine neuerlich bei Mr. und Mrs. Micawber geſam⸗ melten Erfahrungen brachten mich auf den Gedanken, daß David Kopperfield. 5 ſich hier eine gute Gelegenheit finden möchte, mir den Heißhunger auf einige Zeit fern zu halten. Ich ging nach der nächſten Nebengaſſe, zog meine Weſte aus, rollte ſie nett zuſammen, ſteckte ſie unter den Arm und kehrte an die Ladenthür zurück.„Mit Erlaubniß, Herr,“ ſagte ich, „ich möchte dies hier um einen guten Preis verkaufen.“ Mr. Dolloby— Dolloby war wenigſtens der Name über der Ladenthür— nahm mir die Weſte ab, ſtellte ſeine Pfeife auf ihren Kopf gegen die Thürpfoſte, ging gefolgt von mir, in den Laden, ſchneuzte das Licht mit den Fingern, breitete die Weſte über den Zähltiſch, be⸗ trachtete ſie ſich dort, hielt ſie gegen das Licht empor, betrachtete ſie dort nochmals und ſagte ſchließlich: „Was ſoll nu das kleine Weſtchen koſten?“ „O, das müſſen Sie ja am Beſten wiſſen,“ erwiederte ich beſcheidentlich. „Ich kann nicht alles Beides, Käufer und Verkäufer zugleich ſein,“ ſagte Mr. Dolloby.„ Sagen Sie den Preis für dies kleine Weſtchen.“ „Würden wohl achtzehn Pence zu viel ſein,“ meinte ich nach einigem Zögern. Mr. Dolloby rollte das Kleidungsſtück wieder zuſam⸗ men und gab es mir zurück.„Ich würde meiner Familie das Brot vor dem Munde wegnehmen, wenn ich neun Pence dafür geben wollte,“ ſagte er. Ein derartiges Geſchäft abzuſchließen, ging durchaus nicht an; hätte es doch mich, einen vollkommen fremden Menſchen, in die Nothwendigkeit verſetzt, ſo unliebſam zu handeln und Mr. Dolloby zu veranlaſſen, ſeiner Familie meinethalben das Brot vor dem Munde wegzunehmen. Meine Verhältniſſe waren indeſſen ſo drückend, daß ich ſagte, ich würde, wenn er wollte, neun Pence dafür neh⸗ —₰ 6 David Kopperfield. men. Mr. Dolloby gab mir die neun Pence, wenn auch nicht ohne einiges Brummen. Ich wünſchte ihm eine gute Nacht und verließ den Laden ſo viel reicher um dieſe Summe, als ich ärmer um eine Weſte war. Aber wenn ich meine Jacke zuknöpfte, hatte das nicht viel zu ſagen. Ich ſah nun allerdings ziemlich deutlich voraus, daß nächſtens auch die Jacke werde ſpringen müſſen, und daß ich gezwungen ſein werde, mich in Hemd und Hoſen nach Dover auf die Beine zu machen, ja, daß ich mir Glück wünſchen könnte, wenn ich dort auch nur mit dieſen Trüm⸗ mern meiner Bekleidung anlangte; aber ich dachte an dies Alles doch nicht ſo ſehr, als man vermuthen könnte. Außer einem ſehr allgemeinen Gedanken an die weite Reiſe, die mir bevorſtand, und an den jungen Menſchen mit dem Eſelskarren, der mich ſo grauſam behandelt, hatte ich, als ich nun mit den neun Pence in der Taſche weiter ſchritt, meines Wiſſens kein ſehr quälendes Gefühl meiner traurigen Lage. In Bezug auf die Art und Weiſe, wie ich die Nacht veybringen würde, war mir ein Plan eingefallen, den ich in'’s Werk zu ſetzen ging. Derſelbe beſtand darin, daß ich mich hinter die Mauer, welche hinter meiner alten Schule herumlief, in einen Winkel legen wollte, wo ſich ein Heu⸗ ſchober zu befinden pflegte. Ich bildete mir ein, daß dies immerhin eine Art von Zuſammenleben mit den dortigen Knaben ſein werde, und dachte daran, wie ich dort dem Schlafzimmer, wo ich meine Geſchichten einſt erzählt, ſo nahe liegen werde; wenn auch die Knaben von meinem Dortſein nichts wußten, und das Schlafzimmer mir kein Obdach gewährte. Ich hatte mich den Tag über hart angeſtrengt, und war ziemlich abgehetzt, als ich endlich nach der Ebene von — David Kopperſield. 7 Blackheath hinausſtieg. Es koſtete mir einige Mühe, Salem Houſe aufzufinden, indeß, ich fand es doch, und fand auch meinen Heuſchober in dem bewußten Winkel. Auf dieſen legte ich mich, nachdem ich zuerſt um die Mauer geſchlichen war und nach den Fenſtern hinaufge⸗ lauſcht und geſehen hatte, daß drinnen Alles dunkel und ſtill war. Nimmer werd' ich das Gefühl von Verlaſſen⸗ heit vergeſſen, welches mich überfiel, als ich mich das erſte Mal niederlegte, ohne ein Dach über meinem Haupte zu haben. 3 Der Schlaf überkam mich, wie er ſo manchen andern Hinausgeſtoßenen überkam, vor dem dieſe Nacht die Haus⸗ thür zugeſchlagen, und der von den Haushunden angebellt worden ſein mag— und ich träumte, in meinem alten Schulbette zu liegen und mit den Knaben in meiner Kammer zu ſchwatzen— und ich fand mich dann, mit Steerforth's Namen auf den Lippen, aufrecht ſitzen und wirr und wüſt nach den Sternen blicken, welche über mir flimmerten und glitzerten. Als ich mir bewußt wurde, wo ich zu dieſer unzeitigen Stunde war, ſtahl ſich ein Gefühl über mich, das mich, erſchreckt, ich weiß nicht von was, aufſtehen und weiter gehen hieß. Aber das mattere Glim⸗ men der Sterne und das bleiche Licht am Himmel, wo der Tag anbrechen wollte, riefen mir die Wirklichkeit in's Gedächtniß zurück, und da meine Augenlider ſehr ſchwer waren, legte ich mich wieder und ſchlief— allerdings nur einen Schlaf, in dem ich mir bewußt blieb, daß es kalt ſei— bis die Wärme der Sonnenſtrahlen und der Klang der Glocke, die in Salem Houſe zum Aufſtehen rief, mich weckten. Hätte ich hoffen können, daß Steerforth ſich noch dort befände, ſo würde ich mich irgendwo auf die Lauer gelegt haben, bis er allein herausgekommen wäre, . und Schönheit, wie ſte am Kamine weinte, und meine Tante 8 David Kopperfield. aber ich wußte, daß er die Schule ſeitdem längſt verlaſſen haben mußte. Traddles war vielleicht noch da, obwohl dies ſehr zweifelhaft war, auch hatte ich, ſo feſt auch meine Zuverſicht auf ſein gutes Herz war, kein hinreichendes Vertrauen in ſeine Verſchwiegenheit oder ſein Glück, um den Wunſch zu hegen, ihm meine Lage anzuvertrauen. So ſchlich ich mich denn, als Mr. Creakles Knaben auf⸗ ſtanden, von der Mauer weg und ging auf das lange ſtau⸗ bige Fahrgeleiß zu, von dem ich zuerſt erfahren, daß es die Straße nach Dover ſei, als ich einer von den Bewoh⸗ nern dieſer Anſtalt war und mir wenig davon träumen ließ, daß irgend Jemandes Augen mich dereinſt als den Wanderer auf derſelben erblicken würden, der ich jetzt war. Wie verſchieden war dieſer Sonntagsmorgen von den Sonntagsmorgen, die ich dereinſt in Yarmouth verlebt! Zu rechter Zeit hörte ich die Kirchenglocken läuten, als ich ſo dahin trollte; ich begegnete Leuten, die zur Kirche wandelten; ich ging an einigen Kirchen vorüber, in denen ſich bereits die Gemeinde verſammelt hatte. Die Töne des Geſanges kamen heraus in den Sonnenſchein, während der Tagewächter außen ſaß und ſich im Schatten des Portals kühlte oder unter dem Eibenbaume ſtand und, die Hand der Sonne wegen an die Stirn gelegt, nach mir, dem Vorüberſchreitenden, ausſchaute. Aber der Friede und die Ruhe des alten Sonntagsmorgens waren in allen Dingen, mich ausgenommen. Das war der Unter⸗ ſchied. Ich fühlte mich ganz elend in meinem Schmutze und Staube und mit meinen thaufeuchten verwirrten Haaren, und wenn nicht das ſtille Bild, das ich herauf⸗ beſchworen,— das Bild meiner Mutter in ihrer Jugend David Kopperfield. 9 ſich ihrer Härte vor ihr ſchämte— geweſen wäre, ſo würde ich vermuthlich kaum den Muth gehabt haben, noch bis den nächſten Tag weiter zu gehen. Aber es ſchritt allewege vor mir her, das theure Bild, und ich folgte ihm. Ich machte jenen Sonntag dreiundzwanzig Meilen, immer gerade fort auf der Landſtraße; indeß nicht eben mit großer Leichtigkeit, da mir dieſe Art Anſtrengung noch neu war. Ich ſehe mich noch, wie ich, als der Abend hereinbrach, mit müden Füßen und mattem Körper über die Brücke von Rocheſter ging und etwas Brot aß, das ich zum Abendeſſen gekauft hatte. Ein oder zwei kleine Häuſer, an denen ein Schild mit der Aufſchrift„Woh⸗ nungen für Reiſende“ aushing, hatten mich in Verſuchung geführt, dort zu übernachten, aber ich fürchtete mich, die wenigen Pence auszugeben, die ich hatte, und noch mehr ängſtigten mich die verbrecheriſchen Blicke und Mienen der Landſtreicher, denen ich begegnet war oder die ich, überholt hatte. Ich ſuchte deshalb kein Obdach als den Himmel, und nachdem ich mich bis nach Chatam fort⸗ geſchleppt— welches bei ſolch einer nächtlichen Anſicht ein bloßes wirres Traumbild iſt von weißen Kalkmauern, Zugbrücken, abgetakelten Schiffen auf einem ſchmutzigen Strome, die Dächer wie Noahs Arche haben, kroch ich endlich auf eine Art von grasbewachſener Batterie hin, welche ein abſchüſſig laufendes Gäßchen überragte, auf der eine Schildwache hin und herſchritt. Hier legte ich mich in der Nähe einer Kanone nieder, und hier ſchlief ich, glück⸗ lich, an der hin und her tappenden Schildwache einen Geſellſchafter zu haben(obwohl der Mann davon, daß ich mich über ihm befand, ſo wenig wußte, als die Knaben in Salem Houſe von meinem Schlafe an ihrer Mauer) feſt und tüchtig bis an den Morgen. 10 David Kopperfield. Am ganzen Leibe ſteif und mit müden Füßen erwachte ich am Morgen, und ich gerieth völlig in Verwirrung von dem Wirbeln der Trommeln und dem Vorbeimar⸗ ſchiren der Truppen, welche mir von allen Seiten den Weg zu verſperren ſchienen, als ich durch die lange ſchmale Straße in die Stadt hinabging. Ich fühlte, daß ich dieſen Tag nur eine ſehr kleine Strecke gehen könne, wenn ich mir nur irgend etwas Kraft zur Erreichung des Ziel⸗ punktes meiner Reiſe aufſparen wollte, und ſo entſchloß ich mich, den Verkauf meiner Jacke zu meinem erſten Geſchäfte zu machen. In Folge dieſes Beſchluſſes zog ich die Jacke aus, um zu lernen, wie ich ohne ſie fortkäme, nahm ſie unter den Arm und machte mich auf den Weg, um die verſchiedenen Trödelbuden zu inſpiciren. Es war ein recht paſſender Platz, um eine Jacke dort zu verkaufen; denn die Händler mit Kleidern aus der zweiten Hand waren zahlreich und lagen an ihren Laden⸗ thüren, ſo zu ſagen, auf der Lauer nach Kunden. Da jedoch die Meiſten von ihnen unter ihren Vorräthen eine oder ein paar Officiersuniformen mit Epauletten und allem Zubehör aufgehängt hatten, ließ ich mich durch die koſtbare Beſchaffenheit ihrer Handelsartikel einſchüchtern und ging lange Zeit hin und her, ohne irgend Einem meinen Handel anzutragen. Dieſe meine Beſcheidenheit machte mich auf die Trödel⸗ laden für die Matroſen und auf ſolche Geſchäfte, wie Mr. Dolloby hielt, aufmerkſam, welche ich denen der ordent⸗ lichen Händler vorzog. Zuletzt fand ich einen, der meiner Anſicht nach etwas zu verſprechen ſchien, im Winkel eines ſchmutzigen Gäßchens, welches in einen Zaun auslief, der von Brennneſſeln ſtrotzte. Auf dem Staket flatterten einige abgedankte Matroſenanzüge, mit welchen der Laden über⸗ David Kopperfield. 11 ſchwemmt geweſen zu ſein ſchien, unter mehreren Hange⸗ matten, roſtigen Flinten, Wachstuchhüten und verſchiede⸗ nen Bretern herum, welche mit ſo unzählig vielen alten verroſteten Schlüſſeln von ſo unzählig vielen Größen und Formen bedeckt waren, daß die Auswahl groß genug ſchien, um alle Thüren der Welt damit zu öffnen. In dieſen Laden, welcher niedrig und ſchmal und durch ein kleines, mit Kleidungsſtücken verhangenes Fenſter eher verdunkelt als erhellt war, und in den man auf einigen Stufen hinabſteigen mußte, trat ich mit klopfendem Herzen, welches nicht eben ſehr erleichtert wurde, als ein häßlicher alter Mann, deſſen ganzes untere Geſicht ein ſtoppel⸗ artiger grauer Bart verdeckte, aus einem ſchmutzigen Loche im Hintergrunde herausfuhr und mich bei den Haaren packte. Er ſah fürchterlich aus, der alte Mann in ſeiner ſchmierigen Flanelljacke, und ſtank ſchauderhaft nach Rum. Seine Bettſtelle, bedeckt mit einer zerwühlten und zer⸗ lumpten Art von Flickendecke, befand ſich in dem Loche, aus dem er herausgekommen, wo ein zweites kleines Fenſter eine Ausſicht auf noch mehr Brennneſſeln und einen lahmen Eſel gewährte. 3„Au, au! was wollen Sie hier?“ grinſte dieſer alte Mann in einem grimmigen, eintönigen Winſeln.„Au meine Augen und Glieder! was wollen Sie hier? Au meine Lunge und Leber, was wollen Sie hier? Au, hurrrje, hurrr— r— rje!“ Ich war ſo entſetzt von dieſen Worten und vorzüglich von der Wiederholung des letzten, mir unbekannten Aus⸗ rufs, der wie eine Art Raſſel in ſeiner Kehle ſchnarrte, daß ich nicht zu antworten vermochte, worauf der alte Mann, indem er mich noch immer bei den Haaren hielt, wiederholte; 12 David Kopperfield. „Au, au! was wollen Sie hier? Au, meine Augen und Glieder! was wollen Sie hier? Au, meine Lunge und Leber! was wollen Sie hier? Au hurrr— r— rje!“ — was er mit einer Kraftanſtrengung aus ſich ſo zu ſagen herausſchraubte, daß ihm die Augen aus dem Kopfe quollen. „Ich wünſchte zu wiſſen,“ ſagte ich jetzt, am ganzen Leibe zitternd,„ob Sie eine Jacke kaufen wollen.“ „Au! laſſen Sie ſehen die Jacke!“ ſchrie der alte Mann.„Au, wie brennt mein Herz wie Feuer— zeigen Sie her die Jacke! Au, meine Augen und Glieder! bringen Sie'raus die Jacke!“ Mit dieſen Worten ließ er mit ſeinen zitternden Händen, die mir wie die Klauen eines großen Raubvogels vorkamen, meine Haare los und ſetzte eine Brille auf, die durchaus keine Zierde ſeiner entzündeten Augen war. „Au, was ſoll koſten die Jacke?“ ſchrie der alte Mann, nachdem er ſtie prüfend angeſehen.„Au, hurrr— r— rje! was ſoll koſten die Jacke?“ „Eine halbe Krone,“ antwortete ich, indem ich meine Beſinnung wiederfand. „Au, meine Lunge und Leber!“ ſchrie der alte Mann, „nein!— Au, meine Augen! nein!— Au, meine Glieder! nein! Achtzehn Pence. Hurrr— r— rje!“ Jedes mal, wenn er einen dieſer Ausrufe herausſchleu⸗ derte, ſchienen ſeine Augen in Gefahr, aus dem Kopfe zu treten, und jeden Satz, den er ſprach, gab er immer genau in demſelben Tonfalle von ſich, der mehr als jeder andere Vergleich, den ich dafür zu finden vermag, einem heulen⸗ den Windſtoße glich, welcher mit einem dumpfen Murren beginnt, bis zum Pfeifen anſchwillt und dann wieder in dumpfes Summen verfällt. David Kopperfield. 13 „Gut denn,“ ſagte ich, froh, das Geſchäft abgeſchloſſen zu haben,„ich will die achtzehn Pence nehmen.“ „Au, meine Leber!“ ſchrie der alte Mann, indem er die Jacke über einen Kleiderrechen warf.„naus nun aus dem Laden! Au, meine Lunge!'naus nun aus dem Laden! Au, meine Augen und Glieder!— hurrr— r— rje!— Verlangen Sie kein Geld; nehmen Sie was in Tauſch dafür an.“ Nimmer in meinem Leben, vorher nicht und nachher nicht, war ich ſo voll Furcht und Entſetzen; aber ich wagte es doch, ihm demüthig zu ſagen, daß ich Geld brauchte, und daß etwas Anderes mir nichts nützen könnte, daß ich jedoch nach ſeinem Wunſche außen warten wollte und durchaus kein Verlangen darnach trüge, ihm beſchwer⸗ lich zu fallen. Damit ging ich hinaus und ſetzte mich im Schatten einer Ecke nieder. Und dort ſaß ich ſo viele Stunden, daß ſich der Schatten in Sonnenſchein ver⸗ wandelte; aber der Sonnenſchein wurde wieder zum Schat⸗ ten, und ich ſaß noch immer dort und wartete auf mein Geld. Ich hege die Hoffnung, daß es nimmer noch einen zweiten ſolchen verrückten Saufaus in dieſem Handels⸗ zweige gegeben hat. Daß er in der Nachbarſchaft wohl⸗ bekannt war und in dem Geruche ſtand, ſich dem Teufel verkauft zu haben, wurde mir bald aus den Viſiten klar, die er von den Straßenjungen erhielt, welche in einem fort den Laden umſchwärmten, ihm dieſe Sage zuriefen und ihn ſein Gold herausbringen hießen. „Wiſſen Sie wohl, Sie ſind nicht ſo arm, Karlchen, wie Sie immer thun. Bringen Sie Ihr Gold raus. Bringen Sie was von dem Golde'raus, wofür Sie ſich dem Teufel ver⸗ 14 David Kopperfield. kauft haben. Immer raus damit! Es ſteckt eingenäht in dem Ueberzuge der Matrazze. Reißen Sie's auf und geben Sie uns was davon.“ Dies und das mehrmalige Anerbieten, ihm zu dieſem Zwecke ein Meſſer zu borgen, brachten ihn dermaßen auf, daß der ganze Tag nichts als eine Aufeinanderfolge von Ausfällen von ſeiner Seite und von Rückzügen von Seiten der Knaben war. Manch⸗ mal war er in ſeiner Wuth nahe daran, mich für einen derſelben zu halten und über mich herzufallen, wobei er ein Maul aufſperrte, als ob er mich in Stücken reißen wollte, dann aber erinnerte er ſich meiner gerade noch zu rechter Zeit, kroch wieder in ſeinen Laden hinunter und legte ſich auf ſein Bett. Das letztere ſchloß ich nach dem Tone ſeiner Stimme, mit welcher er nach einer wahn⸗ witzigen Weiſe, mit der ſich ſein eigner gewohnter Ton⸗ fall verband, den Tod Nelſons brüllte, wobei jeder Vers mit einem Au! begann und unzählige Hurrrje's einge⸗ flochten wurden. Und als ob dies für mich nicht qualvoll genug geweſen wäre, bewarfen mich die Jungen, die mich wegen der Geduld und Ausdauer, mit der ich außen vor dem Laden ſitzen blieb, als zu dem Geſchäfte drinnen ge⸗ hörig anſahen, mit Koth und ſpielten mir ſehr übel mit. Er machte verſchiedene Male den Verſuch, mich zur Einwilligung in einen Tauſch zu vermögen; ein Mal brachte er eine Angelruthe, dann wieder eine Geige, dann einen aufgekrämpten Hut, dann eine Flöte heraus. Aber ich widerſtand allen dieſen Mitteln der Verführung und blieb in Verzweiflung ſitzen, aller Augenblicke ihn mit Thränen in den Augen bittend, mir mein Geld oder meine Jacke zu geben. Zuletzt fing er an, mir jedes Mal einen Halfpenny zu geben, und es dauerte volle zwei Stunden, ehe er mir einen Schilling abbezahlt hatte. David Kopperfield. 15 „Au, meine Augen und Glieder!“ ſchrie er dann, indem er nach einer langen Pauſe mit einer gräulichen Miene aus dem Laden hervorlugte,„wollen Sie nun gehen, wenn Sie noch zwei Pence kriegen?“ „Ich kann nicht,“ ſagte ich,„ich würde vor Hunger ſterben.“ „Au, meine Lunge und Leber! wollen Sie für drei Pence gehen?“ „Ich würde umſonſt gehen, wenn ich könnte,“ ſagte ich;„aber ich brauche das Geld zu nöthig.“ „Au, au, hurrr—r—r r— je!“(es iſt ganz und gar unmöglich, zu beſchreiben, wie er dieſen Ausruf aus ſich herausquetſchte, als er um die Thürpfoſte herum nach mir herausgukte, wobei er nichts als ſein verſchmitz⸗ tes altes Geſicht zeigte)„wollen Sie für vier Pence gehen!“ Ich war ſo ſchwach und matt, daß ich auf dies Gebot hin abſchloß und, nicht ohne zu zittern, das Geld aus ſeiner Klaue nahm und hungriger und durſtiger, als ich je geweſen, ein wenig vor Sonnenuntergang wegging. Indeß eine Ausgabe von drei Pence half mir bald meine Kräfte völlig wiederherſtellen, und ſo hinkte ich, nun wieder in beſſerer Stimmung, noch ſieben Meilen auf der Straße fort. Mein Bett war für dieſe Nacht abermals ein Heu⸗ ſchober, wo ich, nachdem ich meine blaſenbedeckten Füße in einem Strome gewaſchen und ſte, ſo gut ich vermochte, mit einigen kühlenden Blätter umwickelt hatte, recht be⸗ quem ſchlief. Als ich am nächſten Morgen wieder die Straße betrat, fand ich, daß ſie durch eine Reihe von Hopfenpflanzungen und Obſtgärten lief. Das Jahr war hinreichend weit vorgeſchritten, daß die Obſtgärten röth⸗ 16 David Kopperfield. lich ſchimmerten von reifen Aepfeln, und an einigen Orten waren bereits die Hopfeneinſammler bei der Leſe. Ich hielt das Alles für außerordentlich hübſch und freute mich darauf, dieſe Nacht unter den Hopfenranken zu ſchlafen, indem ich mir die langen Reihen von Stangen und Pfählen, zwiſchen denen ſich die zierlichen Blätter durchſchlangen, als eine angenehme Schlafgeſellſchaft vor⸗ ſtellte. Die Landſtreicher waren dieſen Tag ſchlimmer denn je zuvor und flößten mir eine Furcht ein, welche mir noch jetzt ganz friſch im Gedächtniß iſt. Mehre von ihnen waren Kerls, die wie die wildeſten Banditen ausſahen und mich, als ich vorbeiging, boshaft anſtarrten und viel⸗ leicht auch ſtehen blieben und mir nachſchrieen, ich ſolle umkehren und mit ihnen reden, und wenn ich das Haſen⸗ panier ergriff, mich mit Steinwürfen verfolgten. Ich er⸗ innere mich eines jungen Kerls— nach ſeinem Querſack und Kohlenbecken zu ſchließen vermuthlich ein Keſſelflicker— der ein Weibsbild bei ſich hatte und ſich umſah und mich in der erwähnten Weiſe anſtarrte, und mir dann mit ſolch einer fürchterlichen Stimme nachbrüllte, daß ich ſtehen blieb und mich umſah. „Komm hierher, wenn man Dich ruft,“ ſagte der Keſſelflicker,„oder ich ſchlitze Dir gleich Deinen kleinen Wanſt auf.“ Ich hielt es für das Beſte, umzukehren. Als ich mich ihnen näherte, wobei ich den Keſſelflicker durch meine Blicke günſtiger zu ſtimmen ſuchte, bemerkte ich, daß das Weibsbild ein blau unterlaufenes Auge hatte. „Wo gehſt Du hin?“ ſagte der Kerl, indem er mich mit ſeiner rußgeſchwärzten Hand bei der Bruſt am Hemde packte. David Kopperfield. 17 „Ich bin im Begriffe, nach Dover zu gehen,“ ant⸗ wortete ich. „Wo kommſt Du her?“ fragte der Keſſelflicker, indem er ſeiner Hand eine andre Wendung gab, um mich ſicherer zu halten. „Ich komme von London,“ ſagte ich. „Was treibſt Du Dich hier herum?“ fragte der Keſſelflicker weiter;„biſt Du ein Spitzbube?“ „N nein!“ ſagte ich. „Nicht, beim Teufel? Wenn Du's große Maul haſt mit Deiner Ehrlichkeit,“ ſagte der Keſſelflicker,„ſo ſchlag ich Dir das Gehirn aus'm Kopfe.“ Hier machte er mit ſeiner freien Hand eine drohende Bewegung, als ob er mich ſchlagen wollte, und dann ſah er mich vom Kopfe bis zu den Füßen an. „Haſt Du's Geld zu'ner Kanne Bier bei Dir?“ ſagte er dann.„Wenn Du's bei Dir haſt,'raus damit, ehe ich's ſelber wegnehme!“ Ich würde es ganz gewiß hervorgezogen haben, hätte ich in dieſem Augenblicke nicht den Augen des Frauen⸗ zimmers begegnet und geſehen, wie ſie ganz unmerklich mit den Achſeln zuckte mit den Lippen that, als ob ſte„Nein“ ſagen wollte. „Ich bin ſehr arm,“ ſagte ich mit einem Verſuche, zu lächeln,„und habe gar kein Geld.“ „Ei, was ſoll das heißen?“ erwiderte der Keſſel⸗ flicker, indem er mich ſo ſcharf anſah, daß ich ſchier fürch⸗ tete, er ſähe das Geld in meiner Taſche liegen. „Herr!“ ſtotterte ich. 3 „Was ſoll das heißen?“ ſchrie der Keſſelflicker,„daß Du das ſeidne Schnupftuch meines Bruders trägſt. Her David Kopperfield. III. 18 David Kopperfield. damit!“— und in einem Augenblicke hatte er mir's ab⸗ geriſſen und es dem Weibsbilde zugeworfen. Dieſe brach in ein lautes Gelächter aus, als ob ſie es für einen Spaß hielte, warf mir's wieder zu und nickte abermals ſo unmerklich wie vorher und ſpitzte ihre Lip⸗ pen, als ob ſie ſagen wollte:„Geh!“ Ehe ich jedoch dieſer Warnung Folge leiſten konnte, riß mir der Keſſel⸗ flicker das Halstuch mit einer ſolchen Heftigkeit aus der Hand, daß er mich wie eine Feder zu ſich hinzog, und indem er es loſe ſich ſelbſt um den Hals ſchlang, wandte er ſich mit einem Fluche nach dem Frauenzimmer um und warf ſie mit einem Schlage zu Boden. Nie werde ich es vergeſſen, wie ſie rücklings auf die harte Straße nieder⸗ ſtürzte, daß die Haube davonflog und ihr Haar ganz weiß vom Staube wurde, und nimmer, wie ich mich aus der Entfernung umſchaute und ſie auf dem Fußwege, wo neben der Straße eine Bank war, ſitzen und ſich mit einem Ende ihres Halstuches das Blut vom Geſichte wiſchen ſah, wäh⸗ rend er weiter ſchritt. Dieſes Abenteuer jagte mir ſolche Furcht ein, daß ich ſpäter, wenn ich einen von dieſen Leuten kommen ſah, jedesmal umkehrte, bis ich einen Schlupfwinkel fand, wo ich blieb, bis ſie mir aus dem Geſicht waren, und das traf ſich ſo oft, daß ich dadurch ſehr ernſtlich aufgehalten wurde. Aber in dieſer wie in allen anderen Beſchwerlichkeiten meiner Reiſe ſchien mich das träumeriſche Bild meiner Mutter, wie ſie in ihrer Jugend, bevor ich auf die Welt kam, war, hülfreich aufrecht zu erhalten und zu führen. Es leiſtete mir ſtets Geſellſchaft. Es war dort, unter den Hopfenranken, als ich mich zum Schlummer niederlegte; es war bei mir, als ich am Morgen erwachte; es wandelte David Kopperfield. 19 den ganzen Tag vor mir her. Ich habe es ſeitdem in meiner Phantaſie immer nur mit der ſonnigen Straße von Canterbury in eine Reihe geſtellt, wenn ſie ſo träu⸗ meriſch in dem heißen Lichte brütet, mit ihren alten Häu⸗ ſern und Thorwegen und der ſtattlichen grauen Kathedrale, um deren Thürme die Krähen flattern. Als ich endlich auf die baum⸗ und häuſerloſen weiten Ebenen von Dover kam, ſo tröſtete es mich über den öden Anblick dieſer Landſchaft mit Hoffnung, und nicht eher verließ es mich, als bis ich jenes erſte große Ziel meiner Reiſe erreicht und thatſächlich den Fuß in die Stadt ſelbſt geſetzt hatte, was am ſechſten Tage meiner Flucht geſchah. Dann aber, als ich mit meinen zerriſſenen Schuhen, eine ſtaubbedeckte, ſonnenverbrannte, nur zur Hälfte bekleidete Geſtalt, an dem langerſehnten Orte ſtand, ſchien es, ſonderbarer und kaum glaublicher Weiſe, wie ein Traum zu zergehen und mich hülflos und entmuthigt zu verlaſſen. Ich fragte nach meiner Tante zuerſt unter den Boots⸗ leuten, und empfing verſchiedenen Beſcheid. Einer ſagte, ſie lebte in dem Leuchtthurme auf der ſüdlichen Landſpitze und hätte ſich dran iſgen Bart verſengt; ein Zweiter wollte wiſſen, ſie wäre an die große Ankerboje draußen vor der Rhede angeſchloſſen und könnte nur während der Ebbe beſucht werden; ein Dritter meinte, man habe ſie wegen Kinderdiebſtahls in das Gefängniß von Maidſtone in Ketten gelegt; ein Vierter endlich verſtcherte, man habe ſie beim letzten Sturme einen Ginſterbeſen beſteigen und geradewegs nach Calais hinüberreiten ſehen. Die Fiaker⸗ knechte, unter denen ich mich hiernäͤchſt erkundigte, waren ebenſo ſpaßig und ebenſo wenig reſpektvoll, und die Leute in den Kramladen, denen mein ſchäbiges Ausſehen nicht 4 2 2 20 David Kopperfield. zuſagte, erwiederten gewöhnlich, ohne darauf zu hören, was ich zu fragen hatte, ſte hätten nichts für mich. So fühlte ich mich elender und verlaſſener, als ich mich irgend wann ſeit der Zeit, wo ich davongelaufen, gefühlt hatte. Mein Geld war ganz ausgegeben, ich hatte nichts mehr, was ich hätte verwerthen können, ich war hungrig, durſtig und ganz abgemattet, und noch immer ſchien ich ſo fern von meinem Ziele, als ob ich in London zurückgeblieben wäre. Der Morgen war unter dieſen Erkundigungen ver⸗ ſtrichen, und ich ſaß auf den Stufen zu einem leeren La⸗ den an der Ecke einer Straße, in der Nähe des Markt⸗ platzes, überlegend, ob ich nach jenen andern Plätzen her⸗ umirren ſollte, die man mir genannt hatte, als ein Fiaker⸗ knecht, der mit ſeiner Kutſche vorbeikam, eine Pferdedecke verlor. Ein gutmüthiger Zug in dem Geſichte des Man⸗ nes, als ich ſie ihm aufhob und einhändigte, machte mir Muth, an ihn die Frage zu ſtellen, ob er mir ſagen könnte, wo Miß Trotwood wohne, wobei mir freilich dieſe Frage, die ich ſo oft gethan, ſchier auf den Lippen erſtarb. „Trotwood,“ ſagte er.„Laß'mal ſehen. Richtig, ich kenne den Namen. ne alte Dame?“ „Ja wohl,“ ſagte ich. „Ziemlich ſteif im Rücken?“ fuhr er fort, indem er ſich ſelbſt gerade aufrichtete. „Ja,“ ſagte ich.„Höchſt wahrſcheinlich, ſollt' ich meinen.“— „Trägt'nen Strickbeutel?“ ſagte er—„nen Strick⸗ beutel, worin ein gutes Theil Sachen Platz hat— iſt murrköpfig und fährt einem ſcharf auf den Leib?“ * David Kopperfield. 21 Das Herz fiel mir in die Hoſen, als ich die unzweifel⸗ hafte Genauigkeit dieſer Perſonalbeſchreibung anerkennen mußte. 6 „Nun denn, ich will Dir'mal was ſagen,“ fuhr er fort.„Wenn Du dort nauf gehſt“— hier wies er mit ſeiner Peitſche nach den Anhöhen um die Stadt,„und Dich immer rechts hältſt, bis Du zu einigen Häuſern kommſt, die mit der Fronte nach der See ſehen, ſo wirſt Du, glaub' ich, über ſie berichtet werden. Meine Mei⸗ nung iſt, ſie wird ſich auf nichts einlaſſen. So, hier iſt ein Penny für Dich.“ Ich nahm die Gabe mit Dank an und kaufte mir ein Brotchen dafür. Indem ich den Weg über dieſe Stärkung zu mir nahm, ging ich in der Richtung, die mein Freund mir angegeben, und ſchritt eine gute Strecke fort, ohne die Häuſer zu erreichen, deren er erwähnt. Endlich ſah ich einige vor mir, und als ich mich ihnen genähert, trat ich in einen kleinen Laden(es war einer von der Art, die wir bei uns zu Hauſe ein„Krambüdchen“ zu nennen pflegten) und fragte, ob ſie wohl ſo gut ſein wollten, mir zu ſagen, wo Miß Trotwood wohne. Ich richtete meine Worte an einen Mann hinter dem Ladentiſche, welcher für ein junges Frauenzimmer einigen Reis abwog, aber die letztere nahm die Frage als an ſich gerichtet und wandte ſich ſchnell um. 3 „Meine Madam?“ ſagte ſte.„Was willſt Du bei ihr, Junge?“ „Ich will ſie ſprechen, wenn Sie's erlauben,“ erwie⸗ derte ich. 4 „Sie anbetteln, meinſt Du,“ entgegnete das Mam⸗ ſellchen. 22 David Kopperfield. „Nein,“ ſagte ich,„wahrhaftig nicht.“ Aber plötzlich mich erinnernd, daß ich in Wahrheit zu keinem andern Zwecke kam, verſtummte ich in großer Verlegenheit und fühlte, wie mir die Röthe der Scham auf dem Geſichte brannte. Das Dienſtmädchen meiner Tante,— denn das war ſte vermuthlich nach dem, was ſie geſagt hatte— legte ihren Reis in einen kleinen Korb und ging aus dem Laden, indem ſie mich ihr folgen hieß, wenn ich wiſſen wollte, wo Miß Trotwood lebe. Es bedurfte für mich keiner zweiten Erlaubniß, ſie zu begleiten, obſchon ich jetzt in einer ſolchen Verwirrung und Aufregung meiner Lebens⸗ geiſter war, daß mir die Beine unter dem Leibe zitterten. Ich folgte alſo dem jungen Frauenzimmer, und bald kamen wir zu einem äußerſt netten kleinen Landhäuschen mit freundlichen Bogenfenſtern, vor dem ſich ein ſchmaler vier⸗ eckiger, mit Kies beſtreuter Hof oder Garten voll Blumen befand, welche ſorgſam gepflegt waren und köſtlich dufteten. „Das iſt das Haus von Miß Trotwood,“ ſagte das junge Frauenzimmer.„Nun weißt Du's, und das iſt Alles, was ich Dir ſagen kann.“ Mit dieſen Worten eilte ſte in's Haus hinein, als ob ſie die Verantwortlichkeit für mein dortiges Erſcheinen von ſich abſchütteln wollte, und ließ mich allein an der Gartenthür ſtehen. Sehr wenig getröſtet damit gukte ich über das Staket nach dem Fenſter des Wohnzimmers, wo ein in der Mitte halb zurückgeſchlagener Mouſſelinvorhang, ein großer runder grüner Vorſetzer oder Schirm, der an dem Fenſterbretchen befeſtigt war, ein kleiner Tiſch und ein großer Stuhl mich auf den Gedanken brachten, meine Tante möchte in dieſem Augenblicke mit großer Würde dort ſitzen. David Kopperfield. 23 Meine Schuhe waren jetzt in einer kläglichen Ver⸗ faſſung. Die Sohlen hatten ſich Bischen um Bischen ab⸗ gelöſt, und das Oberleder war gebrochen und geplatzt, bis ſie ſelbſt die Geſtalt und Form von Schuhen verlaſſen hatte. Mein Hut, der mir zugleich als Nachtmütze ge⸗ dient hatte, war ſo zerquetſcht und verbogen, daß keine alte abgedankte, henkelloſe Bratpfanne auf einem Dünger⸗ haufen nöthig gehabt hätte, ſich der Gemeinſchaft mit ihm zu ſchämen. Mein Hemd und meine Hoſen, die mit Schweiß, Thau, Gras, und dem Erdboden von Kent, auf dem ich geſchlafen, befleckt— und außerdem zerriſſen— waren, hätten die Vögel aus meiner Tante Garten ſcheuchen können, als ich an der Thür ſtand. Mein Haar hatte weder Kamm noch Bürſte gefühlt, ſeit ich London ver⸗ laſſen. Mein Geſicht, Hals und Hände waren, in ſo un⸗ gewohnter Weiſe der Luft und Sonne ausgeſetzt, zu einem wahren Maulbeerbraun verbrannt. Vom Kopfe bis zu den Füßen war ich ſchier gepudert mit Kalk und Staub, wahrhaftig, wie als ob ich geradewegs aus einer Lehm⸗ ſtein⸗-Darre käme. In dieſem Zuſtande, und mit einem deutlichen Bewußtſein über denſelben, wartete ich hier, um mich meiner gefürchteten Tante vorzuſtellen und meinen erſten Eindruck auf ſie zu machen. Die ununterbrochene Ruhe an dem Fenſter des Wohn⸗ zimmers brachte mich nach einer Weile auf den Gedan⸗ ken, daß ſie dort nicht ſein könne, und ſo hob ich meine Augen und blickte nach dem Fenſter, das ſich darüber be⸗ fand, und wo ich einen blühenden, luſtig ausſehenden Herrn mit grauem Kopfe erblickte, welcher das eine Auge in einer wunderlichen Weiſe ſchloß, mir mehrmals mit dem Kopfe nickte, ihn ebenſo oft ſchüttelte, lachte und ver⸗ ſchwand. 24 David Kopperfield. Ich war vorher ſchon außer Faſſung, aber dieſes un⸗ erwartete Benehmen brachte mich um ſo viel mehr außer Faſſung, daß ich ſchon auf dem Punkte ſtand, mich davon zu ſchleichen, und nur noch darüber nachdachte, wie ich das am Beſten bewerkſtelligen könnte, als aus dem Hauſe eine Dame kam, welche über ihre Haube ein Taſchentuch ge⸗ bunden und ein paar Gärtnershandſchuh anhatte, außer⸗ dem aber eine Gärtnerstaſche, die einer Zolleinnehmers⸗ ſchürze glich, und ein großes Meſſer in der Hand trug. Ich erkannte ſie augenblicklich als Miß Betſey; denn ſie kam gerade ſo ſteif aus dem Hauſe geſtelzt, wie meine arme kleine Mutter mir ſo oft beſchrieben hatte, daß ſie unſern Garten in Blunderſtone Rookery heraufge⸗ ſtelzt ſei. „Narſch fort!“ ſagte Miß Betſey, indem ſie mit dem Kopfe ſchüttelte und mit ihrem Meſſer der Luft einen lan⸗ gen Schnitt beibrachte.„Geh Deiner Wege! Keine Jungens hier!“ Ich beobachtete ſte, mein Herz auf meinen Lippen, als ſte dann in einen Winkel des Gartens ging und ſich niederkauerte, um eine Wurzel auszugraben. Dann ging ich, ohne eine Spur von Muth und Hoffnung, aber mit einem großem Ueberfluſſe von Verzweiflung, leiſe hinein und trat neben fie und tippte ſie mit dem Finger an. „Mit Erlaubniß, Madam,“ begann ich. Sie ſchrack zuſammen und blickte auf. „Mit Erlaubniß, Tante.“ 3 „Wa-—a— as?“ ſchrie Miß Betſey in einem ſo ent⸗ ſetzten Tone, wie ich nie einen ähnlichen gehört habe. „Mit Ihrer Erlaubniß, Tante, ich bin Ihr Neffe.“* »Ach, Herrgott!“ ſagte meine Tante. Und platſch ſaß ſie auf dem Gartenwege da. David Kopperfield. 25 „Ich bin David Kopperfield, von Blunderſtone in Suffolk— wohin Sie in der Nacht, als ich geboren wurde, kamen und meine gute Mama beſuchten. Ich bin ſehr unglücklich geweſen, ſeit ſte geſtorben iſt.— Ich bin vernachläſſigt und nichts gelehrt worden— und auf mich ſelbſt verwieſen und in eine Arbeit eingeſtellt worden, die ſich für mich nicht ſchickt.— Das zwang mich, davon zu laufen zu Ihnen. Gleich als ich mich auf den Weg machte, wurde ich beraubt,— und jch bin den ganzen Weg gegan⸗ gen und habe in keinem Bette geſchlafen, ſeit ich die Reiſe begann.“ Hier verließ mich auf einmal die Faſſung, mit der ich bis jetzt an mich gehalten hatte, und mit einer Be⸗ wegung meiner Hände, mit der ich ihr meinen zerlumpten Zuſtand zu zeigen und ihn zum Zeugniß aufzurufen beabſich⸗ tigte, daß ich mancherlei erduldet, brach ich in ein leiden⸗ ſchaftliches Geſchrei aus, welches ſich vermuthlich die ganze Woche hindurch in mir angeſammelt und verhalten hatte. Meine Tante, deren Geſicht keine Art von Gemüths⸗ bewegung als die ungeheuerſte Verwunderung zeigte, blieb auf dem Kies ſitzen und ſtarrte mich an, bis ich zu ſchreien anfing; da fuhr ſie mit großer Haſt auf, nahm mich beim Schopfe und zerrte mich ins Wohnzimmer. Ihr erſtes Geſchäft war hier, daß ſte einen hohen Wand⸗ ſchrank aufſchloß, verſchiedene Flaſchen herausbrachte und mir aus jeder einzelnen etwas in den Mund goß. Ich glaube, ſie wurden aufs Gerathewohl herausgenommen; denn ich ſchmeckte Aniswaſſer, Anchovy⸗Sauce und Eſſig und Oel, wie man's zum Salat nimmt. Als ſie mir dieſe Mittel zur Reſtauration meiner Kräfte gereicht, legte ſie mich, da ich immer noch ganz weinerlich und nicht im Stande war, mein Schluchzen an mich zu hal⸗ 26 David Kopperfield. ten, auf das Sopha, breitete mir, damit ich den Ueber⸗ zug nicht beſchmutze, einen Shawl unter meinen Kopf und das Taſchentuch von ihrem eignen Kopfe unter meine Füße; und dann, nachdem ſie ſich hinter den grünen Schirm oder Fenſtervorſetzer, den ich bereits erwähnt, nie⸗ dergeſetzt, ſo daß ich ihr Geſicht nicht ſehen konnte, rief ſte in Zwiſchenräumen ein Mal über's andre:„Daß ſich Gott erbarme!“ aus, welche Ausrufe ſie mit einer Kraft, wie Schüſſe aus kleinen Kanonen abfeuerte. Nachdem ſo einige Zeit vergangen, klingelte ſte.„Ja⸗ nette,“ ſagte meine Tante, als ihre Magd hereinkam, „geh hinauf, ſag meinen Empfehl an Mr. Dick, und ich wünſchte mit ihm zu ſprechen.“ Janette ſchaute ein wenig verwundert aus, als ſie mich ſteif wie ein Mandelholz(denn ich wagte es nicht, mich zu regen, aus Furcht, es möchte meiner Tante miß⸗ fallen) auf dem Sopha liegen ſah, ging jedoch, ihren Auftrag auszurichten. Meine Tante ſpazierte indeſſen, die Hände auf dem Rücken, in der Stube hin und her, bis der Herr, welcher nach mir aus dem Fenſter im obern Stock geſchielt, lachend hereintrat. „Mr. Dick,“ ſagte meine Tante,„benehmen Sie ſich nicht wie ein Narr, da kein Menſch einen geſcheidteren Rath ertheilen kann, als Sie, wenn ſie Luſt dazu haben. Wir Alle wiſſen das. So benehmen Sie ſich denn jetzt nicht wie ein Narr, wenn Sie auch meinethalben einer ſein mögen.“ Der Gentleman wurde augenblicklich ernſthaft und ſah mich an, wie mich däuchte, als ob er mich bitten wollte, nichts überdie Geſchichte am Fenſter ſagen. „Mr. Dick,“ ſagte meine Tante,„Sie haben mich David Kopperfield erwähnen hören; ſo thun Sie jetzt —— David Kopperfield. 27 nicht, als ob Sie kein Gedächtniß hätten; denn Sie und ich wiſſen das beſſer.“ „David Kopperfield?“ verſetzte Mr. Dick, der mir vorkam, als ob er ſich nicht eben ſehr genau der Sache erinnerte.„David Kopperfield? Oh ja, richtig, David, gewiß.“ „Gut,“ ſagte meine Tante, dies hier iſt ſein Junge— ſein Sohn. Er würde ſeinem Vater ſo ſehr wie nur möglich gleichen, wenn er nicht auch ſeiner Mutter ſo ähnlich wäre.“ „Sein Sohn?“ ſagte Mr. Dick,„Davids Sohn? Hm, ganz recht!“ „Ja,“ fuhr meine Tante fort,„und er hat ein hüb⸗ ſches Kunſtſtück gemacht. Er iſt fortgelaufen. Ach, ſeine Schweſter, Betſey Trotwood würde gewiß nicht fortgelau⸗ fen ſein. Meine Tante ſchüttelte, um ihre Gewißheit in dieſem Punkte und ihr felſenfeſtes Vertrauen in den Charakter und die Aufführung des NMädchens, das nie gelebt hatte, zu zeigen, mit dem Kopfe. „Oh, meinen Sie, daß ſie nicht davon gelaufen ſein würde?“ ſagte Mr. Dick. „Na Gott ſtärke und erhalte den Mann bei Ver⸗ ſtande!“ ſchrie meine Tante ärgerlich,„was er da für Zeug ſchwatzt! Als ob ich's nicht wüßte, daß ſie's nicht ge⸗ than haben würde. Sie würde bei ihrer Pathe gewohnt und wir würden uns einander ganz gewidmet haben. Von wo und wohin denn, um aller Welt Wunder willen, ſollte ſeine Schweſter, Betſey Trotwood, weggelaufen ſein?“ „Nirgendshin,“ ſagte Mr. Dick. „Gut denn,“ erwiederte meine Tante, durch dieſe Antwort beſänftigt,„wie können Sie ſich ſtellen, Dick, als ob Sie vor Zerſtreutheit nicht Drei zählen könnten, 28 David Kopperfield. während Ihre Antworten doch den Punkt, um den ſich's handelt, ſo gut und ſo ſcharf treffen wie die Lanzette eines Chirurgen? Nun, Sie ſehen hier den kleinen David Kop⸗ perfield, und die Frage, die ich an Sie richte, iſt, was ſoll ich mit ihm machen?“ „Was Sie mit ihm machen ſollen?“ ſagte Mr. Dick, indem er ſich zerſtreut im Kopfe kratzte.„O! mit ihm machen?“ „Ja,“ ſagte meine Tante mit einem ernſten Blicke und den Zeigefinger wie warnend emporgehoben.„Vor⸗ wärts! ich will einen geſcheidten Rath haben.“ „Ei nun, wenn ich Sie wäre,“ erwiederte Mr. Dick nachſinnend und mich zerſtreut betrachtend,„nun, ich würde—“ die Betrachtung meiner ſchien ihm plötzlich einen Gedanken einzugeben, und friſchweg ſetzte er hinzu, „ich würde ihn waſchen!“ „Janette,“ ſagte meine Tante, indem ſie ſich mit ei⸗ nem ſtillvergnügten Triumphe umwandte, welchen ich da⸗ mals nicht begriff;„Mr. Dick bringt uns immer auf den rechten Treffer. Heize das Bad.“ Obwohl ich bei dieſem Geſpräche ſehr ernſtlich inter⸗ eſſirt war, konnte ich doch nicht umhin, während es vor ſich ging, meine Tante, Mr. Dick und Janetten zu beob⸗ achten und den Ueberblick zu vervollſtändigen, mit dem ich ſchon hinſichtlich des Zimmers beſchäftigt war. Meine Tante war eine lange Dame mit harten her⸗ ben Geſichtszügen, aber durchaus nicht häßlich. Es war eine gewiſſe Unbeugſamkeit in ihrem Geſichte,⸗ ihrer Stimme, ihrem Gange und ihrer Haltung ausgeprägt, vollkommen hinreichend, um ſich die Wirkung zu erklären, die ſte auf ein ſo ſanftes Weſen wie meine Mutter ausgeübt; aber ihre Geſichtsbildung war eher hübſch, als das Ge⸗ David Kopperfield. 29 gentheil, obwohl hartnäckig und ſtreng. Ich machte be⸗ ſonders die Bemerkung, daß ſie ein ſehr bewegliches und helles Auge hatte. Ihre Haare, welche grau waren, trug ſie, in zwei glatte Flechten abgeſcheitelt, unter einer Art Mütze, welche, wie ich glaube, eine Nachthaube genannt wurde, das heißt, eine Haube, wie ſie damals gewöhnli⸗ cher waren, mit Backenſtreifen, die unter dem Kinn feſt⸗ gebunden wurden. Ihr Kleid war von Lavendelfarbe und höchſt reinlich und nett, aber ſehr eng gemacht, als ob ſie ſo wenig wie nur möglich dadurch gehindert ſein wolle. Ich entſinne mich, daß mir's dem Schnitte nach eher wie ein Reitkleid, von dem der überflüſſige Schweif abgeſchnitten iſt, als wie irgend etwas Anderes vorkam. Sie trug an ihrer Seite eine goldne Herrenuhr, wenn ich nach der Größe und Geſtalt derſelben urtheilen darf, mit einer paſſenden Kette und einigen Petſchaften daran. Sie hatte um den Hals eine Art leinene Halskrauſe und an ihren Hand⸗ gelenken etwas wie kleine Manſchetten. Mr. Dick war, wie ich bereits erwähnt habe, grau⸗ köpfig und von blühender Geſichtsfarbe. Ich ſollte eigent⸗ lich damit meine Beſchreibung ſeiner Perſon ſchließen, hätte er nicht ſeinen Kopf auf eine ſo ſonderbare Art hän⸗ gen laſſen— nicht aus Altersſchwäche; er erinnerte mich vielmehr damit an einen der Köpfe von Mr. Creakle's Knaben, nachdem es Prügel geſetzt— und hätten ihm nicht ſeine großen grauen Augen mit einem ſo ſonderba⸗ ren wäſſrigen Glanze aus dem Kopfe herausgeſtanden, der mich, wenn ich damit ſein zerſtreutes Weſen, ſeine Un⸗ terwürfigkeit gegen meine Tante und ſeine kindiſche Freude, wenn ſie ihn lobte, zuſammenhielt, ihn für ein wenig ver⸗ rückt halten ließ, wobei es mich allerdings ſehr Wunder nahm, wie er dann, als Verrückter, dazu kam, hier zu 30 David Kopperfield. ſein. Er war wie jeder andere gewöhnliche anſtändige Mann gekleidet, trug einen bequemen grauen Morgenrock, nebſt gleicher Weſte und weiße Beinkleider, hatte ſeine Uhr in der Hoſentaſche und ſein Geld in der andern und klimperte damit, als ob er ſtolz darauf wäre. Janette war ein hübſches, blühendes Mädchen von etwa achtzehn bis zwanzig Jahren und ein Bild vollen⸗ deter Sauberkeit. Obſchon ich für den Augenblick keine weiteren Beobachtungen an ihr anſtellte, ſo darf ich wohl hier ſchon erwähnen, was ich erſt ſpäter entdeckte, daß ſie nämlich zu einer ganzen Reihe von Protégés gehörte, welche meine Tante in ihren Dienſt genommen hatte, ſie zur Verzichtleiſtung auf den Umgang mit der Männer⸗ welt zu erziehen, und welche, was ſie abgeſchworen, gemei⸗ niglich damit erfüllt hatten, daß ſie den Bäcker geheira⸗ thet hatten. Das Zimmer war ſo ſauber wie Janette und meine Tante. Als ich dies niedergeſchrieben hatte und auf einen Augenblick meine Feder hinlegte, um über meine Vergan⸗ genheit an dieſem Orte nachzudenken, war mir's, als blieſe die Seeluft, vermiſcht mit dem Dufte der Blumen, wieder herein, und ich ſah das altmodiſch geformte Haus⸗ geräth glänzend gerieben und polirt, meiner Tante un⸗ verletzlichen Stuhl und Tiſch neben dem runden grünen Schirme im Bogenfenſter, den mit Droget überdeckten Tep⸗ pich, die Katze, den Keſſelhalter, die beiden Kanarienvögel, das alte Porzellan, die mit getrockneten Roſenblättern gefüllte Punſchbowle, den langen Wandſchrank, der in ſei⸗ nem Bauche alle Sorten von Flaſchen und Töpfen be⸗ wahrte, und— in wunderlichem Contraſte mit allem Uebrigen— mein ſtaubiges Selbſt auf dem Sopha, das ſich das Alles betrachtete. —— u 2 n n u Son 8 f ——, nu „. David Kopperſield. 31 Janette war eben weggegangen, um das Bad zurecht⸗ zumachen, als meine Tante, zu meinem großen Schrecken, in einem Augenblicke ganz ſtarr und ſteif vor Verdruß wurde und kaum genug Stimme hatte, zu ſchreien:„Ja⸗ nette, Eſel!“ Hierauf kam Janette die Stufen heraufgerannt, als ob das Haus in Flammen ſtände, ſtürzte auf ein kleines Raſenſtück vor der Front des Hauſes zu und jagte zwei Reiteſel, auf denen Damen ſaßen, und die ſich unterſtan⸗ den hatten, den Huf auf das Gras zu ſetzen, davon, wäh⸗ rend meine Tante aus dem Hauſe herausfuhr und den Zügel eines dritten Thieres, von deſſen Rücken ein Kind die Beine herabhängen ließ, ergriff, es umdrehte, es aus dieſer geheiligten Umfriedigung wegführte und dem un⸗ glücklichen kleinen Schlingel von einem Treiber, der es gewagt, dieſen heiligen Boden zu profaniren, ein paar Maulſchellen verabreichte. Bis heutigen Tages weiß ich nicht, ob meiner Tante irgend ein geſetzlich begründetes Recht über dieſes Fleck⸗ chen Raſen zuſtand; aber ſie hatte es ſich einmal in den Kopf geſetzt, daß ſie eines habe, und es war ihr ganz einerlei, ob es ſich ſo oder ſo verhielt. Die einzige große Beleidigung ihres Lebens, welche ſtets augenblickliche Rache erheiſchte, war, wenn ein Eſel dieſes unnahbare Heiligthum beſchritt. Womit ſte auch immer beſchäftigt und wie intereſſant ihr auch die Unterredung ſein mochte, an der ſie Theil nahm, ein Eſel gab dem Fluſſe ihrer Ideen augenblicklich eine andere Wendung, und ſie war ihm flugs auf dem Halſe. Krüge voll Waſſer und Gieß⸗ kannen wurden an geheimen Orten in Bereitſchaft gehal⸗ ten, um auf die Jungen ausgegoſſen zu werden, welche ſich jener Beleidigung ſchuldig machten; Stöcke wurden 32 David Kopperfield. hinter die Thür verſteckt; Ausfälle wurden zu allen Stun⸗ den gemacht, und es herrſchte ein unabläſſiger Krieg. War dies nun den Eſelsbuben ein angenehmer Zeitver⸗ treib, oder vergnügten ſich die klügeren von den Eſeln, indem ſte den Stand der Dinge begriffen, damit, daß ſie fortwährend die Dickköpfigen ſpielten, wenn ſie dieſen Weg nahmen,— ich weiß nur, daß es, ehe das Bad fertig war, drei Mal Spektakel gab, und daß ich bei Ge⸗ legenheit des letzten und gefährlichſten von allen, meine Tante mit einem rothköpfigen Bengel von fünfzehn Jah⸗. ren anbinden und ins Handgemenge gerathen und ſeinen rothen Kopf wider ihre eigne Hofthür rammeln ſah, ehe er noch begriffen zu haben ſchien, um was ſich's handelte. Dieſe Unterbrechungen waren um ſo lächerlicher für mich, als ſie mir zu der Zeit gerade mit einem Speiſelöffel Fleiſchbrühe einflößte(indem ſie nämlich der feſten Ueber⸗ zeugung war, daß ich im Begriffe ſei, Hungers zu ſterben, und deshalb zuerſt nur in ſehr geringen Quantitäten Nahrung zu mir nehmen dürften und, während mein Mund noch offen ſtand, um den Löffel zu empfangen, ihn jedes Mal in die Terrine zurückſchob,„‚„Janette, Eſel!“ rief und hinaus zum Angriffe ſtürmte. Das Bad war eine große Linderung für mich. Denn ich fing, in Folge meines Draußenliegens im freien Felde, an, ſtechende Schmerzen in meinen Gliedern zu fühlen und war jetzt ſo matt und ſchwach, daß ich mich kaum fünf Minuten wach zu erhalten vermochte. Als ich geba⸗ det hatte, ſteckten ſte, meine Tante und Janette nämlich, mich in ein Hemd und ein paar Hoſen von Mr. Dick und wickelten mich in zwei oder drei große Shawls. Was für eine Art Bündel ich abgab, weiß ich nicht, aber ich war, meiner Empfindung nach, jedenfalls ein ſehr heißes. —— David Kopperſield. 33 Da ich mich aber noch ſehr hinfällig und ſchläfrig fühlte, legte ich mich bald wieder auf das Sopha und ſank in Schlaf.. Es mag ein Traum geweſen ſein, der in dem Phan⸗ taſiebilde, das mein Gemüth ſo lange erfüllt hatte, ſeinen Urſprung nahm, aber ich erwachte mit dem Eindrucke, daß meine Tante gekommen und ſich über mich gebeugt und mir das Haar aus meinem Geſichte geſtrichen und meinen Kopf bequemer gelegt und dann neben mich ge⸗ treten ſei und mich angeblickt habe. Auch ſchienen mir die Worte„hübſcher Kerl“ oder„armer Kerl“ in den Ohren nachzuklingen; aber ſicherlich war, als ich auf⸗ wachte, ſonſt kein anderer Beweis, daß ſie von meiner Tante geäußert worden, welche im Bogenfenſter ſaß und hinter dem grünen Schirme hervor, der an einer Art Drehring in die Höhe gehoben und etwas ſeitwärts gezo⸗ gen war, in die See hinausblickte. Wir aßen, bald nach meinem Erwachen, ein gebrate⸗ nes Huhn und einen? idding, wobei ich, ſelbſt nicht un⸗ gleich einem zuſammengebundenen Vogel, am Tiſche ſaß und meine Arme nicht ohne beträchtliche Schwierigkeit be⸗ wegte. Da es jedoch meine Tante war, die mich ſo einge⸗ wickelt hatte, klagte ich nicht über dieſe Unbequemlichkeit. Dieſe ganze Zeit über war ich voll ängſtlicher Neugier, was ſie mit mir vornehmen würde, aber ſie nahm ihr Eſ⸗ ſen in tiefem Schweigen ein, ausgenommen, wenn ſie ge⸗ legentlich die Augen auf mich, der ihr gegenüber ſaß, richtete und ein„daß ſich Gott erbarme!“ ausrief, was mich aber durchaus nicht von meiner Angſt befreite. Nachdem das Tiſchtuch weggenommen und eine Flaſche weres auf den Tiſch geſetzt worden, wovon ich ein Glas bekam, ſchickte meine Tante wieder nach Mr. Dick hinauf, David Kopperfield. III. 3 34 David Kopperfield. welcher uns hierauf Geſellſchaft leiſtete und ſo klug wie möglich ausſah, als ſie ihn auf meine Geſchichte Acht zu haben aufforderte, welche ſie mir durch eine Aufeinander⸗ folge von Erkundigungen nach und nach abfragte. Wäh⸗ rend meiner Erzählung hielt ſie ihre Augen auf Mr. Dick geheftet, welcher meiner Anſicht nach ſonſt eingeſchlafen ſein würde, und welcher, wenn er irgend einmal in ſein Lächeln verfiel, ſogleich durch einen finſtern Blick meiner Tante zurückgeſchreckt wurde. „Von was dieſes arme unglückſelige Püppchen be⸗ ſeſſen geweſen iſt, daß ſie hingehen und wieder heirathen mußte,“ ſagte meine Tante, als ich zu Ende war,„das kann ich nicht begreifen.“ „Vielleicht verliebte ſie ſich in ihren zweiten Mann,“ wagte Mr. Dick zu vermuthen. „Verliebte ſich!“ wiederholte meine Tante.„Was meinen Sie damit? Was hatte Sie davon, es zu thun?“ „Vielleicht, ſagte Mr. Dick Linfältig lachelnd, nach⸗ dem er ein Weilchen nachgedacht,„that ſiels des Vergnü⸗ gens halber.“ „Vergnügen, na wahrhaftig!“"¹erwiederte meine Tante.„Ein gewaltiges V Vergnügen für das arme Püpp⸗ chen, ihr einfältiges Herz an irgend ſo einen hündiſchen Kerl zu hängen, der ſie ſicherlich auf die oder jene Art ſchlecht behandeln wird. Ich moͤchte wiſſen, was ſie ſich davon verſprochen haben mag! Sie hatte einen Mann gehabt. Sie hatte David Kopperfield in der Welt geſe⸗ hen und geheirathet, der in einem weg darnach lief, Wachspuppen in ſeine Wiege zu kriegen. Sie hatte ein Kind bekommen— oh ja's waren ihrer zwei Kinder beiſammen, als ſie dieſem Kinde, das dort ſitzt, das Leben gab, jene Freitagsnacht— und was brauchte ſie mehr?“ u N N David Kopperſield. 35⁵ Mr. Dick ſchüttelte unmerklich ſeinen Kopf gegen mich, als ob er dächte, daß darüber nicht hinweg zu kom⸗ men wäre. „Konnte ſie denn nicht ein Kind kriegen, wie jemand anders es gern gehabt hätte,“ fuhr meine Tante fort. „Wo war die Schweſter von dieſem Kinde hier, wo war Betſey Trotwood! ˙s kam keine. Nichts war's damit!“ Mr. Dick ſchien ganz erſchrocken. „Jener kleine Mann von einem Doctor, der den Kopf auf die Seite hing,“ ſagte meine Tante,„Jellips, oder wie er hieß, was trieb er da? Alles, was er thun konnte, war, daß er mir wie ein Rothkehlchen— dem er auch wirklich gleicht— zuzwitſcherte:„Es iſt ein Knabe.“— Ein Knabe! Ja wahrhaftig, da ſieht man die Erbärm⸗ lichkeit der ganzen Geſellſchaft!“ Die Herzhaftigkeit, mit welcher ſie dies ausſtieß, er⸗ ſchreckte Mr. Dick außerordentlich, und mich desgleichen, wenn ich die Wahrheit geſtehen ſoll. „Und dann als ob das nicht genug,“ ſagte meine Tante,„und als ob ſie der Schweſter dieſes Kindes, der Betſey Trotwood, nicht hinreichend vor's Licht getreten wäre, heirathet ſie noch einmal— geht hin und nimmt einen Mörder— oder einen Menſchen mit einem Namen, der ſo ähnlich klingt zum Manne und tritt wieder dieſem Kinde hier vor's Licht! Und die natürliche Folge, die außer einem ſolchen einfältigen kindiſchen Dinge, wie ſie, Jedermann vorhergeſehen hätte, iſt, daß er ein Räuber und Landſtreicher wird. Er iſt wie Kain geweſen, bevor er aufgewachſen war— ein Geſchwiſtermörder, ſo ſchlimm er nur ſein kann.“ Mr. Dick ſah mich ſcharf an, als ob er in meinen Zü⸗ gen dieſen Charakter herausfinden wollte. 3* 36 David Kopperſield. „Und dann iſt da jenes Weibsbild mit dem heidni⸗ ſchen Namen,“ ſagte meine Tante,„jene Peggotty, auch die läuft gleich hinterher hin und heirathet. Weil ſie noch nicht genug zu ſehen gekriegt hat von den ſchlimmen Folgen ſolcher Dummheiten, läuft auch ſte hin und hei⸗ rathet gleich hinterher, wie das Kind erzählt. Ich hoffe nur,“ ſagte meine Tante kopfſchüttelnd,„daß ihr Herr Gemahl einer von jenen menſchenfreſſeriſchen Ehemännern iſt, wie ſte zu Dutzenden in den Zeitungen herumlaufen, und ihr tüchtig den Buckel aushauen wird.“ Ich konnte es nicht mit anhören, daß meine alte Wär⸗ terin ſo beſchrieen und zum Gegenſtande ſolch eines Wun⸗ ſches gemacht wurde. Ich ſagte meiner Tante, daß ſie im Irrthume ſei; daß Peggotty die beſte, die treueſte, die er⸗ gebenſte, die hingebendſte und aufopferndſte Freundin und Dienerin in der Welt ſei, welche mich ſtets innig geliebt, welche meine Mutter ſtets innig geliebt, welche das Haupt meiner ſterbenden Mutter in ihren Armen gehalten, auf deren Geſicht meine Mutter den letzten Kuß ihrer Dank⸗ barkeit gedrückt hätte. Und dann ergriff mich die Erin⸗ nerung an ſie beide, und ich brach in mich zuſammen, eben als ich im Begriff war zu ſagen, daß ihre Heimat meine Heimat ſei, und daß alles, was ihr gehöre, zugleich mir gehöre, und daß ich bei ihr meine Zuflucht geſucht haben würde, hätte ich nicht gedacht, daß ſie in niederen Ver⸗ hältniſſen lebe, und gefürchtet, ich möchte ihr beſchwerlich fallen— ich brach weinend zuſammen, ſag' ich, als ich im Begriffe war, dies zu bekennen und legte mein Ge⸗ ſicht in meine Hände auf dem Tiſche. „Gut, gut!“ ſagte meine Tante,„das Kind macht's recht, daß es die Partie derer nimmt, welche ſeine Partie genommen haben— Janette, Eſel!“ David Kopperfield. 37 Ich bin feſt überzeugt, daß wir, wenn dieſe unglück⸗ ſeligen Eſel nicht dazwiſchen gelaufen wären, uns recht gut mit einander verſtändigt haben würden; denn mein Tante hatte ihre Hand auf meine Schulter gelegt, un5 ich war, auf dieſe Art kühn gemacht, auf dem Sprunge, ſie zu umarmen und um ihren Schutz zu bitten. Aber dieſe Unterbrechung und die Verwirrung, in die ſie durch den Kampf draußen geſtürzt wurde, ſetzte für den Augen⸗ blick allen ſanfteren Gedanken ein Ziel und brachte meine Tante auf eine lange ärgerliche Deklamation, in welcher ſte Mr. Dick ihren Entſchluß auseinanderſetzte, ſich um Abhülfe an die Geſetze des Landes zu wenden und eine Klageſache gegen die geſammte Eſelsbeſitzerſchaft von Dover anhängig zu machen— eine Auseinanderſetzung, die bis zur Theezeit dauerte. Nach dem Thee ſaßen wir am Fenſter— auf der Lauer nach anderen Eindringlingen, wie ich aus dem ſcharf⸗ ſpähenden Ausdrucke auf dem Geſichte meiner Tante ſchloß— bis es finſter wurde, wo Janette die Lichter und ein Puffbret auf den Tiſch ſtellte und die Laden ſchloß. „Nun, Mr. Dick,“ ſagte meine Tante mit ernſthaf⸗ ter Miene und drohend erhobenem Zeigefinger, wie vor⸗ her,„möchte ich Ihnen eine andere Frage vorlegen. Blicken Sie auf das Kind da!“ „David's Sohn?“ fragte Mr. Dick mit einem auf⸗ merkſamen, verwunderten Geſichte. „Richtig, den mein' ich,“ entgegnete meine Tante. „Was würden Sie jetzt mit ihm vornehmen?“ „Vornehmen, mit David's Sohn?“ fragte Mr. Dick. „Freilich,“ erwiederte meine Tante,„mit David's Sohn.“ 38 David Kopperfield. „Oh!“ ſagte Mr. Dick.„Ja. Vornehmen mit— na, ich würde ihn in's Bett legen.“ „Janette!“ rief meine Tante mit derſelben triumphi⸗ renden Zuſtimmung, die ich vorher bemerkt hatte.„Mr. Dick bringt uns immer auf den rechten Treffer. Wenn das Bett in Ordnung iſt, wollen wir ihn hinaufſchaffen.“ Da Janette zur Antwort gab, es ſei ganz in der Ord⸗ nung, wurde ich in daſſelbe hinaufgeſchafft, in aller Freundlichkeit zwar, aber gewiſſermaßen wie ein Gefan⸗ gener, indem meine Tante vorwegging und Janette den Zug als Nachhut ſchloß. Der einzige Umſtand, der mir einige Hoffnung gab, war, daß meine Tante auf der Treppe ſtehen blieb, um ſich nach dem Brandgeruche zu erkundigen, der dort zu ſpüren war, und daß Janette ihr darauf ent⸗ gegnete, ſie hätte in der Küche aus meinem alten Hemde Zunder gemacht. Aber es gab in meinem Zimmer keine andern Kleidungsſtücke, als die närriſchen Haufen von Sachen, die ich auf dem Leibe trug, und als ich mit einem Endchen Licht, welches, wie meine Tante mich im Voraus warnte, genau fünf Minuten brennen würde, allein ge⸗ laſſen wurde, hörte ich, wie ſie die Thür von außen ver⸗ ſchloſſen. Als ich mir dieſe Dinge zu Gemüth führte, ſchien es mir nicht unmöglich, daß meine Tante, die mich nicht kannte, den Verdacht hege, ich habe die Gewohnheit davon zu laufen, und Vorſichtsmaßregeln träfe, mich in ſicherem Gewahrſam zu haben. Das Schlafzimmer war ein ſehr angenehmes Stübchen, oben im Giebel des Hauſes gelegen, von wo man die See überblicken konnte, auf welche der Mond mit hellem Glitzern ſchien. Nachdem ich mein Gebet geſprochen hatte und das Licht abgebrannt war, erinnere ich mich, daß ich noch am Fenſter ſaß und in den Mondſchein auf dem David Kopperfield. 39 Waſſer hinausſchaute, als ob ich hoffen könnte, mein Schickſal drin, wie in einem glänzendhellen Buche zu le⸗ ſen; oder als ob ich da meine Mutter ſehen könnte, wie ſie mit ihrem Kinde auf dieſem leuchtenden Pfade vom Himmel käme, um mich mit jenem Blicke anzuſehen, mit dem ſte mich damals anſah, als ich das letzte Mal in ihr mildes Antlitz ſchaute. Ich erinnere mich, wie dieſes ernſtfeierliche Gefühl, mit dem ich zuletzt meine Augen abwendete, der Empfin⸗ dung von Dankbarkeit und Beruhigung Platz machte, mit der mich der Anblick des Bettes mit ſeinen weißen Vor⸗ hängen— und um wie viel mehr noch das ſanfte Hin⸗ einſinken in daſſelbe und das Hineinhüllen in die ſchnee⸗ weißen Ueberzüge!— erfüllte. Ich erinnere mich, wie ich an alle die einſamen Orte unter dem nächtlichen Himmel dachte, wo ich geſchlafen; und wie ich Gott bat, mich nie wieder obdachlos ſein und mich nimmer der Obdachsloſen vergeſſen zu laſſen. Ich erinnere mich, wie ich dann von den Wellen ge⸗ wiegt und jenen melancholiſch leuchtenden Streifen auf der See entlang in das Land der Träume geführt zu wer⸗ den ſchien. — Vierzehntes Kapitel. Meine Tante nimmt ſich meiner an. Als ich am Morgen hinunterging, traf ich meine Tante an, wie ſie, den Ellbogen auf das Theebret geſtützt, in ſo tiefen Gedanken am Frühſtücktiſche ſaß, daß, durch ihr Aufſtemmen umgeworfen, der Waſſerkrug die Theekanne überfluthet und das ganze Tafeltuch unter Waſſer geſetzt hatte, als mein Eintritt ihre Meditationen verſcheuchte. Ich fühlte die Gewißheit in mir, daß ich der Gegenſtand ihres Nachſinnens geweſen ſei, und war mehr denn je neugierig, ihre Abſichten gegen mich zu erfahren. Doch wagte ich meine Neugier nicht verlauten zu laſſen, damit ich ihr nicht Urſache zum Verdruß gäbe. Meine Augen indeß, die ich nicht ſo im Zaume zu halten vermochte, als meine Zunge, richteten ſich während des Frühſtücks ſehr oft auf meine Tante. Ich konnte nie⸗ mals einige Augenblicke hintereinander nach ihr hin⸗ blicken, wo ich nicht gefunden hätte, daß ſie mich in einer wunderlichen gedankenvollen Weiſe, als ob ich ungeheuer weit entfernt und nicht an der andern Seite des kleinen David Kopperfield. 41 runden Tiſches wäre, anſah. Als ſie ihr Frühſtück been⸗ digt, lehnte ſich meine Tante bedächtigſt in ihren Stuhl zurück, zog ihre Brauen zuſammen, ſchlug die Arme über die Bruſt und ſchaute mich während ihrer Muße mit ſolch einem ſtarren durchdringenden Blick an, daß ich ganz über⸗ wältigt war von Schreck und Verlegenheit. Da ich mit meinem eignen Frühſtück noch nicht fertig war, ſo ver⸗ ſuchte ich meine Verwirrtheit dadurch zu verbergen, daß ich mit Eſſen fortfuhr; aber mein Meſſer ſtolperte über meine Gabel, meine Gabel rutſchte an meinem Meſſer ab, ich ſchleuderte die abgeſchnittenen Biſſen Schinken bis zu einer erſtaunlichen Höhe in die Luft, anſtatt ſie für meinen Schnabel abzuſchneiden, und beſchüttete mich mit Thee, wel⸗ cher durchaus darauf beſtand, den falſchen Weg zu gehen anſtatt den rechten, bis ich's endlich ganz aufgab und roth bis über die Ohren vor der Nähe des forſchenden Auges meiner Tante daſaß. „Holla!“ ſagte meine Tante nach einer langen Zeit. Ich blickte auf und begegnete demüthigen Blickes ih⸗ rem durchdringenden hellen Auge. „Ich hab' ihm geſchrieben,“ ſagte meine Tante. „Wem?“ „Deinem Stiefvater,“ antwortete meine Tante.„ Ich hab' ihm einen Brief geſchickt, dem ich ihn Folge leiſten lehren werde, oder wir werden an einander gerathen; darauf kann er ſich verlaſſen.“ „Weiß er, wo ich bin, Tante?“ fragte ich ängſtlich. „Ich hab' ihn davon unterrichtet,“ ſagte meine Tante mit einem Kopfnicken. 42 David Kopperfield. „Soll ich— ihm— übergeben werden?“ ſtot⸗ terte ich. „Weiß es nicht,“ erwiederte meine Tante.„Werden ſehen.“ „Oh, ich weiß nicht, was ich thue,“ rief ich aus, „wenn ich zu Mr. Murdſtone zurück muß!“ „Ich weiß darüber gar nichts,“ ſagte meine Tante kopfſchüttelnd.„Kann's wahrhaftig nicht ſagen. Werden ja ſehen.“ Ich verlor alle meine Beſinnung bei dieſen Worten und wurde ganz niedergeſchlagen und ſchwermüthig. Meine Tante that nicht, als ob ſie meiner viel Acht hätte, that eine grobe Schürze mit einem Bruſtlatz, welche ſie aus dem Kleiderſchranke nahm, um, wuſch die Theetaſſen mit eigner Hand auf, und klingelte, als Alles gewaſchen und wieder auf das Theebret geſetzt und das Wiſchtuch zuſammengefaltet und über das Ganze gelegt war, nach Janetten, es wegzutragen. Hierauf fegte ſie die Brocken mit einem kleinen Ginſterbeſen ab(wobei ſie zuerſt ein Paar Handſchuhe anzog), bis auch nicht das kleinſte Stäubchen auf dem Tiſchteppich zurückgeblieben zu ſein ſchien, und kehrte und ordnete dann das Zimmer, welches bereits geſtäubt und geordnet war, daß kein Härchen am unrechten Orte lag. Als alle dieſe Geſchäfte zu ihrer Zu⸗ friedenheit abgethan waren, zog ſie Schürze und Hand⸗ ſchuhe ab, legte ſte zuſammen und that ſte in den eigens dazu beſtimmten Winkel des Kleiderſchrankes, aus dem ſie genommen waren. Dann trug ſie ihr Arbeitskörbchen auf ihren Tiſch am offnen Fenſter und ſetzte ſich zur Ar⸗ beit nieder, den grünen Schirm zwiſchen ſich und dem Lichte. —— —— David Kopperfield. 43 „Ich wünſche, daß Du hinaufgehſt,“ ſagte meine Tante, indem ſie ihre Nadel einfädelte,„eine Empfeh⸗ lung an Mr. Dick ausrichteſt, und ich würde mich freuen zu erfahren, wie es mit ſeiner Denkſchrift vorwärtsginge.“ Ich erhob mich eiligſt, um mich dieſes Auftrags zu entledigen. „Vermuthlich denkſt Du,“ ſagte meine Tante, indem ſie mich ſo nahe in's Auge faßte, wie das Oehr der Nadel beim Einfädeln,„ daß Mr. Dick ein zu kurzer Name iſt, he?“ „Ich dachte geſtern, daß es in der That ein kurzer Name ſei,“ geſtand ich. g „Du brauchſt nicht zu glauben, daß er nicht einen längern Namen hat, wenn er ſich deſſen bedienen will,“ verſetzte meine Tante mit erhabener Miene.„Babley, Mr. Richard Babley— das iſt der wahre Name des Herrn.“ Ich wollte eben mit einem beſcheidenen Gedanken an meine Jugend und die familiäre Art, deren ich mich durch den Gebrauch dieſes Beinamens ſchuldig gemacht, bemer⸗ ken, daß ich wohlthun werde, ihm dieſen wahren Namen zukommen zu laſſen, als meine Tante fortfuhr: „Aber Du darfſt ihn bei Leibe nicht, und bei keiner Gelegenheit ſo nennen. Er kann ſeinen Namen nicht aus⸗ ſtehen. Das iſt ein Eigenſinn von ihm; obwohl ich eigentlich nicht weiß, ob dabei wiel Eigenſinn iſt; denn er iſt, weiß Gott! von verſchiedenen Leuten, die dieſen Na⸗ men tragen, gerade ſchlecht genug behandelt worden, um einen tödtlichen Widerwillen davor zu haben. Mr. Dick iſt jetzt ſein Name hier und überall ſonſt— mag er hin⸗ 44 David Kopperfield. gehen, wohin er will, was er übrigens nicht thun wird. So nimm Dich alſo in Acht, Kind, und nenne ihn nie an⸗ ders, als Mr. Dick.“ Ich verſprach zu folgen und ging mit meiner Bot⸗ ſchaft die Treppe hinauf, indem ich während des Hinauf⸗ gehens daran dachte, daß Mr. Dick, wenn er an ſeiner Denkſchrift lange ſo arbeite, wie ich ihn, als ich herunter⸗ kam, durch die offenſtehende Thür daran hatte arbeiten ſehen, wahrſcheinlich ein tüchtiges Stück vorwärts kom⸗ men müßte. Ich traf ihn noch immer damit beſchäftigt. Er hielt eine lange Feder in der Hand, und ſein Kopf lag beinahe auf dem Papier auf. Er war ſo eifrig darü⸗ ber her, daß ich hinreichende Muße hatte, den großen Pa⸗ pierdrachen in einem Winkel, die Unmaſſe aufeinander und durcheinander liegender Manuſeriptbündel, die Menge von Federn, den Vorrath von Dinte, den er in Dutzenden von Halbkannenflaſchen im Zimmer hatte, zu beobach⸗ ten, ehe er meiner gewahr wurde. „Ha! beim Phoebus!“ ſagte Mr. Dick, indem er ſeine Feder niederlegte.„Wie geht's draußen in der Welt?— Ich will Ihnen was ſagen,“ fügte er dann mit leiſerer Stimme hinzu,—„ich wünſchte nicht, daß es herumkäme, aber es iſt“— hier beugte er ſich zu mir herunter und legte ſeine Lippen an mein Ohr.,—„es iſt eine verrückte Welt. Verrückt wie Bedlam, ſag ich, Knabe.“ Und Mr. Dick nahm eine Priſe aus einer run⸗ den Doſe auf dem Tiſche und lachte herzlich. Ohne mir's herauszunehmen, meine Meinung in die⸗ ſer Frage abzugeben, richtete ich meine Botſchaft aus. „Gut,“ antwortete Mr. Dick,„wieder einen Empfehl, und ich— halt, ich glaube, da hab' ich einen Unſinn ge⸗ David Kopperfield. 45 macht. Ich denke, ich habe einen Unſinn gemacht,“ ſagte MNr. Dick, indem er mit der Hand über ſeine grauen Haare fuhr und einen Blick auf ſein Manuſcript warf, der eher alles Andere, als Zuverſicht in die Richtigkeit des Ge⸗ ſchriebenen verrieth.„Sier ſind in einer Schule geweſen?“ „Ja, Herr Dick,“ antwortete ich,„eine kurze Zeit lang.“ „Erinnern Sie ſich des Datums,“ ſagte Mr. Dick mit einem aufmerkſamen Blicke auf mich, indem er zugleich die Feder erhob, um es niederzuſchreiben,„wenn König Karl dem Erſten der Kopf abgeſchlagen wurde.“ Ich ſagte ihm, daß ich glaube, dies ſei im Jahre ſechs⸗ zehnhundert neun und vierzig geſchehen. „Hm,“ erwiederte Mr. Dick, indem er ſich mit der Feder hinter'm Ohre kratzte und mich ſehr zweifelhaft an⸗ ſah.„So beſagen die Bücher, aber ich ſehe nicht ein, wie das ſein kann. Denn wie könnten die Leute, wenn es wirklich ſo lange her wäre, den Mißgriff gemacht und etwas von dem Kummer in ſeinem Kopfe, nachdem er ab⸗ geſchlagen war, herausgenommen und in den meinen ge⸗ than haben?“ Ich war über dieſe Frage höchlich verwundert, konnte jedoch über dieſen Punkt keine Auskunft geben.“ „Es iſt ſehr ſonderbar,“ fuhr Mr. Dick fort, indem er einen verzweifelten Blick auf ſein Papier warf und wieder mit der Hand durch ſeine Haare fuhr,„daß ich damit niemals ganz in's Reine kommen kann. Ich kann mir das nie völlig klar machen. Aber thut nichts, 's thut nichts!“ ſagte er fröhlich, indem er ſich erhob, „ich habe Zeit genug! Meinen Empfehl an Miß Trot⸗ wood, und es ginge recht gut vorwärts.“ 46 David Kopperfield. Ich war im Begriffe hinauszugehen, als er meine Auf⸗ merkſamkeit auf den Drachen lenkte. „Was halten Sie von dieſem Drachen?“ fragte er. Ich antwortete, ich hielte ihn für ſehr ſchön. Ich dächte, er müſſe an ſteben Schuhe hoch ſein. „Ich machte ihn,“ ſagte Mr. Dick,„und wir wol⸗ len gehen und ihn ſteigen laſſen. Sehen Sie, was das hier iſt?“ Und er wies mir nun, daß er ganz mit Manuſecript überklebt war, welches ſehr eng und mühſam, aber ſo deutlich geſchrieben war, daß mir's, als ich die Zeilen überblickte, vorkam, als ſähe ich an einer oder zwei Stel⸗ len abermals eine Anſpielung auf den Kopf Karls des Erſten. „Da iſt eine Menge Bindfaden,“ ſagte Mr. Dick, „und wenn er hoch fliegt, trägt er die Thatſachen eine gute Strecke fort. Das iſt meine Art, ſie zu verbreiten. Ich weiß nicht, wo ſte herabkommen. Es hängt von den Umſtänden ab, vom Winde und ſo fort. Aber ich laſſe es darauf ankommen.“ Sein Geſicht war ſo ſanft und freundlich, und er hatte trotzdem, daß es friſch und wohl ausſah, etwas ſo Ehr⸗ würdiges darin, daß ich nicht ſicher war, ob er nicht blos einen gutmüthigen Scherz mit mir vorhabe. So lachte ich denn, und auch er lachte, und wir ſchieden von einan⸗ der als die beſten Freunde von der Welt. „Nun, Kind,“ ſagte meine Tante, als ich hinunter⸗ kam.„Was bringſt Du mir von Mr. Dick dieſen Mor⸗ gen?“ Ich benachrichtigte ſie, daß er ſich empfehlen ließe, und es ginge recht gut vorwärts. David Kopperfield. 47 „Was denkſt Du von ihm?“ verſetzte meine Tante. Ich hatte nicht übel Luſt, zu verſuchen, der Frage aus⸗ zuweichen, indem ich antwortete, ich hielte ihn für einen recht netten Herrn; aber meine Tante ließ ſich dadurch nicht abfinden; denn ſie legte ihre Arbeit nieder auf ihren Schooß und faltete ihre Hände darüber. „Heraus damit,“ ſagte ſie.„Deine Schweſter Bet⸗ ſey Trotwood würde mir augenblicklich von Jedermann geſagt haben, was ſie von ihm dächte. Sei, ſoviel Du vermagſt, Deiner Schweſter gleich, und ſprich friſch her⸗ aus.“ „Iſt er— iſt Mr. Dick— ich frage nämlich, weil ich's nicht weiß, Tante— iſt er denn überhaupt geſtörten Geiſtes?“ ſtotterte ich; denn ich fühlte, daß ich auf gefährlichem Boden ging. „Nicht ein Bischen,“ ſagte meine Tante. „Oh, wirklich!“ bemerkte ich leiſe. „Wenn irgend was in der Welt wahr iſt,“ ſagte meine Tante mit großer Entſchiedenheit und wichtiger Miene,„ſo iſt's das, daß Mr. Dick dies nicht iſt.“ Ich wußte nichts Beſſeres vorzubringen, als ein zweites ſchüchternes:„Oh wirklich!“ „Man hat ihn verrückt genannt,“ fuhr meine Tante fort.„Ich habe ein eigenes Vergnügen dabei, wenn ich ſage, daß man ihn verrückt genannt hat; denn ſonſt würde ich mich nicht dieſe letzten zehn Jahre und noch länger— ja in der That, die ganze Zeit über, ſeit Deine Schweſter, Betſey Trotwood, mich ſo um meine Hoffnung betrog— ſeiner Geſellſchaft und ſeines Rathes erfreut haben.“ 48 David Kopperfield. „So lange ſchon?“ fragte ich. „Und ein ſchönes Volk war's, daß ſich's unterſtand, ihn verrückt zu nennen,“ fuhr meine Tante fort.„Mr. Dick iſt eine Art weitläuftiger Verwandter von mir— es thut nichts zur Sache, in wiefern, ich brauche darauf nicht einzugehen. Aber wenn ich nicht geweſen wäre, ſo würde ihn ſein eigner Bruder ſein Lebelang eingeſperrt haben. Das iſt die Geſchichte.“ Ich fürchte, es war eine Heuchelei von mir, aber in⸗ indem ich bemerkte, daß meine Tante die Sache für wichtig hielt, verſuchte ich auszuſehen, als ob ich ſie ebenfalls für wichtig halte. „Ein hochmüthiger Narr!“ ſagte meine Tante. „Weil ſein Bruder ein wenig ercentriſch war— obwohl er nicht halb ſo excentriſch iſt, als eine hübſche Menge an⸗ drer Leute— mochte er ihn nicht in ſeinem Hauſe ſehen und ſchickte ihn weg, nach ſo einem Privat⸗Irrenhauſe, obwohl ſein verſtorbner Vater, der ihn ſchier für albern hielt, ihm denſelben ganz beſonders auf die Seele gebun⸗ den hatte. Er muß ein weiſer Mann geweſen ſein, ſo zu denken. Selber verrückt ohne Zweifel.“ Und abermals, da meine Tante völlig überzeugt zu ſein ſchien, verſuchte auch ich völlig überzeugt auszuſehen. „So mengte ich mich denn hinein,“ ſagte meine Tante,„und machte ihm ein Anerbieten. Ich ſagte: Ihr Bruder iſt vernünftig— ein gutes Theil vernünftiger, als Sie ſind oder je zu ſein hoffen können. Laſſen Sie ihm ein kleines Einkommen haben und ihn zu mir kommen, daß er bei mir lebt. Ich fürchte mich nicht vor ihm, ich bin nicht ſtolz, ich bin bereit, auf ihn Acht zu haben, und ich werde ihn auch nicht ſchlecht behandeln, wie dies außer dem Pack im Irrenhauſe auch noch andre Leute gethan —9— N ——,— David Kopperfield. 49 haben. Nach einem' langen Hin⸗ und Herreden kriegt' ich ihn denn, und er iſt hier die ganze Zeit ſeitdem geweſen. Er iſt der freundlichſte und folgſamſte Menſch, den es giebt; und was ſeinen Rath betrifft!— Doch keine Seele außer mir weiß, was dieſes Mannes Verſtand werth iſt.“ Meine Tante ſtrich ſich die Falten an ihrem Kleide glatt und ſchüttelte ihr Haupt, als ob ſie ſich für dieſe Behauptuug mit der ganzen Welt in Kampf einlaſſen und ihr Trotz bieten wollte. „Er hatte eine Schweſter, die er ſehr liebte,“ fuhr meine Tante fort,„ein gutes Geſchöpf, und ſehr freund⸗ lich mit ihm. Aber ſie that, was ſie alle thun,— nahm ſich einen Mann. Und der that, was ſie alle thun— machte ſie unglücklich. Das hatte eine ſolche Wirkung auf das Gemüth von Mr. Dick(und das iſt doch hof⸗ fentlich kein Zeichen von Verrücktheit!), daß es, verbun⸗ den mit der Furcht vor ſeinem Bruder und dem Gefühle ſeiner Unfreundlichkeit, ihm ein Fieber zuzog. Das war, ehe er hierher kam, aber die Erinnerung daran drückt ihn noch jetzt nieder. Sagte er zu Dir etwas von König Karl dem Erſten, Kind?“ „Ja, Tante.“ „Ah!“ ſagte meine Tante, indem ſie ihre Naſe rieb, als ob ſie ein wenig betroffen wäre.„Das iſt ſein Gleich⸗ niß, womit er das ausdrückt. Er bringt ſeine Krankheit natürlich mit großer Gemüthsſtörung und Aufregung in Verbindung, und das iſt das Bild, oder das Gleichniß oder wie man's ſonſt noch heißen mag, welches er zu ge⸗ brauchen pflegt. Und warum ſollt' er's nicht, wenn er es paſſend findet?“ Ich ſagte:„Freilich, Tante.“ David Kopperfield. III. 50 David Kopperfield. „Man ſpricht bei Geſchäftsſachen nicht in dieſer Weiſe,“ bemerkte meine Tante,„auch iſt's ſonſt in der gewöhnlichen Welt nicht üblich. Ich weiß das, und das iſt der Grund, weshalb ich darauf beſtehe, daß kein Wort davon in ſeine Denkſchrift kommen ſoll.“ „Iſt's eine Denkſchrift über ſeine eigne Lebensge⸗ ſchichte, an der er ſchreibt, Tante?“ „Ja, Kind,“ ſagte meine Tante, indem ſie abermals ihre Naſe rieb.„Er ſchreibt die Denkſchrift für den Lordkanzler und den Lord So und So oder ſonſt ſo einen — na, auf jeden Fall für einen von den Leuten, die bezahlt werden, um Denkſchriften zugeſchickt zu kriegen— über ſeine Angelegenheiten. Ich glaube, es wird in dieſen Ta⸗ gen eingeſandt werden. Er iſt bis jetzt noch nicht im Stande geweſen, es in's Reine zu bringen, ohne jene Art, ſich auszudrücken, darin einzuflechten; aber es hat nichts zu bedeuten; es giebt ihm wenigſtens Beſchäfti⸗ gung.“ In der That, ich entdeckte ſpäter, daß Mr. Dick mehr als zehn Jahre lang ſich bemüht hatte, den König Karl den Erſten von der Denkſchrift fern zu halten, aber immer war er wieder hineingerathen und bis jetzt drin geblieben. „Ich ſag' es nochmals,“ fuhr meine Tante fort,„keine Seele außer mir weiß, wieviel dieſes Mannes Verſtand werth iſt, und er iſt der freundſchaftlichſte und folgſamſte Menſch, den es giebt. Wenn's ihm Spaß macht, dann und wann einen Drachen ſteigen zu laſſen, was iſt das weiter? Franklin ließ ebenfalls ſeinen Drachen ſteigen. Er war ein Quäker oder ſo was der Art, wenn ich nicht irre. Und ein Quäker, der einen Drachen ſteigen läßt, iſt bei Weitem lächerlicher, als irgend jemand anderes.“ David Kopperfield. 51 Hätte ich vermuthen können, daß meine Tante dieſe Einzelheiten mir zur Unterhaltung oder Belehrung und als einen Beweis ihres Vertrauens auf mich erzählt hätte, ſo würde ich darin eine große Auszeichnung meiner Per⸗ ſon gefunden und in ſolch einem Merkzeichen ihrer guten Meinung von mir eine günſtige Zukunft für mich erblickt haben. Aber ich konnte kaum anders denken, als daß ſie auf dieſe Auseinanderſetzung hauptſächlich deshalb gera⸗ then ſei, weil ſich die Frage über verrückt oder nicht ver⸗ rückt in ihrem eignen Gemüthe erhoben hatte; ſo daß ſie damit nur ſehr wenig Rückſicht auf mich nahm, obwohl ſie ſich in Ermangelung jemandes anderen dabei an mich gewendet hatte. Hierbei muß ich ſagen, daß die Großmuth, mit der ſie den armen harmloſen Mr. Dick in ihre Geſellſchaft ge⸗ zogen hatte, mein junges Herz nicht nur mit einiger eigennützigen Hoffnung für mich ſelbſt erfüllte, ſondern ihm auch eine uneigennützige warme Liebe gegen ſie ein⸗ flößte. Ich glaube, daß ich zu erkennen begann, wie in meiner Tante trotz ihrer mannichfachen Ausſchreitungen und wunderlichen Launen doch etwas liege, was ehren⸗ werth und vertrauenerweckend ſei. Obwohl ſie dieſen Tag gerade ſo giftig war, als den Tag zuvor, obwohl ſie ebenſo oft wegen der Eſel heraus⸗ und hereinfuhr, und obwohl ſie in eine entſetzliche Entrüſtung gerieth, wenn ein vorübergehender junger Mann nach Janetten am Fen⸗ ſter liebäugelte(was eins der ſchwerſten Verbrechen war, dies gegen die Würde meiner Tante begangen werden konnten), ſchien ſie mir doch mehr Achtung zu gebieten, wenn auch nicht weniger Furcht einzuflößen. 4 Die Angſt, die ich in der Zwiſchenzeit ausſtand, welche nothwendig verfloß, ehe auf ihren Brief an Mr. Murd⸗ 4* 32 David Kopperfield. ſtone eine Antwort einlaufen konnte, war außerordentlich groß; indeß machte ich den Verſuch, ſie zu unterdrücken und mich durch mein ruhiges Benehmen ſo angenehm als möglich bei meiner Tante und Mr. Dick zu machen. Der Letztere und ich würden ausgegangen ſein, um den großen Drachen ſteigen zu laſſen; aber ich hatte keine andern Kleider mehr, als die nichts weniger als zierlichen Um⸗ hüllungen, mit denen man mich am erſten Tage geſchmückt hatte. Dieſer Umſtand feſſelte mich an das Haus, welches ich nur für eine Stunde nach Anbruch der Dunkelheit verließ, wo meine Tante mich meiner Geſundheit wegen an der Klippe draußen auf und ab ſpazieren führte, be⸗ vor ich zu Bett ging. Endlich kam Mr. Murdſtone's Ant⸗ wort, und meine Tante benachrichtigte mich zu meinem unendlichen Schrecken, daß er den nächſten Tag ſelbſt zu ihr kommen und mit ihr ſprechen werde. Den nächſten Tag ſaß ich noch immer in meine wun⸗ derliche Bekleidung zuſammengebündelt auf meinem Stuhle und berechnete die Zeit und wurde bald feuerroth, bald blaß von dem Conflicte der in mir ſinkenden Hoff⸗ nungen und aufſteigenden Befürchtungen, und erwartete aller Augenblick durch das Erſcheinen des finſter drohen⸗ den Geſichtes aufgeſchreckt zu werden, deſſen Nichterſchei⸗ nen ſchon mich aller Minuten zuſammenfahren ließ. Meine Tante war ein wenig großartiger und ernſt⸗ hafter als gewöhnlich, aber ſonſt bemerkte ich kein weite⸗ res Zeichen, daß ſie ſich auf den Empfang des Beſuches vorbereite, der von mir ſo ſehr gefürchtet wurde. Sie ſaß am Fenſter bei der Arbeit, und ich ſaß neben ihr, und meine Gedanken flogen aufs Gerathewohl nach allen den möglichen und nicht möglichen Ergebniſſen von Mr. Murd⸗ ſtone’'s Beſuch. Das dauerte bis ziemlich ſpät in den David Kopperfield. 33 Nachmittag hinein. Unſer Mittagseſſen war bis in's Un⸗ endliche aufgeſchoben worden; doch es wurde ſo ſpät, daß meine Tante eben befohlen hatte, es aufzutragen, als ſie plötzlich das Lärmſtgnal gab, daß Eſel da wären, und ich zu meiner größten Beſtürzung und ängſtlichen Verlegen⸗ heit Miß Murdſtone auf einem Damenſattel erblickte, wie ſie mit Abſicht über jenes geheiligte Raſenſtück ritt und vor dem Hauſe ſtill hielt und ſich umſah. „Fort, weg da mit Ihnen!“ ſchrie meine Tante, in⸗ dem ſie den Kopf ſchüttelte und die Fauſt nach dem Fen⸗ ſter ballte.„Sie haben da nichts zu ſuchen. Wie kön⸗ nen Sie ſich's unterſtehen, da herüber zu kommen. Marſch fort. Oh, Sie freches Geſchöpf!“ Meine Tante war über die Kaltblütigkeit, mit welcher Miß Murdſtone ſich umſchaute, ſo außer ſich, daß ich in der That glaube, ſie hätte die Kraft ſich zu bewegen ver⸗ loren und wäre für den Augenblick nicht im Stande, ihren bei ſolchen Vorkommniſſen üblichen Ausfall zu machen. Ich ergriff die Gelegenheit, ſte zu unterrichten, wer es ſei, und daß der Herr, der ſich jetzt der Beleidigerin näherte (der Weg herauf war nämlich ſehr ſteil, und er war zu⸗ rück geblieben), Mr. Murdſtone in eigner Perſon ſei. „Scheere mich nichts darum, wer es iſt!“ ſchrie meine Tante, indem ſie noch immer den Kopf ſchüttelte und vom Bogenfenſter durch ihre Geberden den Ankömm⸗ lingen eher alles Andere, als ein Willkommen zu ver⸗ ſtehen gab.„Ich laſſe Niemand darauf treten. Ich er⸗ laub' es nicht. Marſch fort! Janette, dreh' ihn um. Führ ihn weg.“ Und ich ſah hinter meiner Tante her⸗ vor eine Art heftigen Schlachtgetümmels, wo der Eſel ſte⸗ hen blieb und jedermann Widerſtand leiſtete, indem er ſeine Füße nach verſchiedenen Seiten ausgeſpreizt ein⸗ „ 54 David Kopperfield. ſtemmte, während Janette ihn am Zügel herumzuzerren bemüht war, Mr. Murdſtone ihn vorwärts zu treiben ver⸗ ſuchte, Miß Murdſtone nach Janetten mit dem Sonnen⸗ ſchirme ſchlug und verſchiedene Jungen, welche herbei— gelaufen waren, um ſich den Spektakel anzuſehen, ein ge⸗ waltiges Jubelgeſchrei erhoben. Aber meine Tante er⸗ ſpähte plötzlich unter ihnen den jungen Miſſethäter, wel⸗ cher der Treiber des Eſels und, obwohl kaum dreizehn Jahr alt, einer ihrer eingefleiſchteſten Feinde war, ſtürzte hinaus auf den Schauplatz der Handlung, jagte ihm nach, erwiſchte ihn, ſchleppte ihn, indem ſte ihm die Jacke über den Kopf zog und ſeine Abſätze tiefe Furchen in den Bo⸗ den riſſen, herein in den Garten, wo ſie ihn gefangen hielt und Janette laufen und die Gerichtsdiener nebſt den Beamten holen hieß, damit er feſtgenommen, abgeurtheilt und auf der Stelle abgeſtraft werde. Dieſer Theil der Handlung dauerte indeß nicht lange; denn der kleine Bengel, gewandt, wie er war, in allerlei Finten und Kniffen, von denen meine Tante keine Kenntniß hatte, ſchlüpfte ihr bald aus den Händen, ſprang, indem er mit ſeinen benagelten Schuhen tiefe Eindrücke in den Blu⸗ menbeeten zurückließ, davon, und nahm ſeinen Eſel im Triumphe mit ſich. Miß Murdſtone war während des letzten Theiles des Kampfes abgeſtiegen und wartete nun mit ihrem Bruder unten an den Stufen, die zur Hausthür führten, bis meine Tante Muße gewonnen haben würde, ſte zu empfangen. Meine Tante, deren Anzug durch das Gefecht ein wenig in Unordnung gerathen war, ging mit großer Würde an ihnen vorüber in's Haus hinein und nahm von ihrer Gegen⸗ wart keine Notiz, bis ſie ſich durch Janetten anmelden ließen. David Kopperfield. 55 „Soll ich weggehen, Tante?“ fragte ich zitternd. „Nein,“ ſagte meine Tante.„Durchaus nicht.“ Hiermit zog ſie mich in einen Winkel in ihrer Nähe und ſtellte einen Stuhl vor mich, als ob es ein Gefängniß oder eine Barre bei einer Gerichtsſitzung wäre. Dieſe Stellung nahm ich während der ganzen Zuſammenkunft ein, und von ihr aus ſah ich jetzt Mr. und Miß Murd⸗ ſtone in das Zimmer treten. „Oh!“ ſagte meine Tante,„ich war vorhin nicht unterrichtet, wem ich die Ehre hatte gegenüberzutreten. Aber ich erlaube Niemandem über dieſes Raſenſtück zu reiten. Ich mache keine Ausnahmen. Ich erlaube es durchaus Niemandem.“ „ Die Art, wie Sie dieſe Regel handhaben, iſt aber ſehr unſchicklich für Fremde,“ ſagte Miß Murdſtone. „So, meinen Sie?“ verſetzte meine Tante. Mr. Nurdſtone ſchien einen Wiederausbruch der Feindſeligkeiten zu fürchten und begann, indem er ſich ins Mittel ſchlug: „Miß Trotwood!“ „Bitte um Verzeihung,“ bemerkte meine Tante mit einem herausfordernd kühnen Blicke,„aber nicht wahr, Sie ſind der Mr. Murdſtone, welcher die Wittwe von meinem ſeligen Neffen David Kopperfield von Blunder⸗ ſtone Rookery heirathete?— Warum das Ding Rookery, Krähenhütte, heißt, weiß ich freilich nicht.“ „Ich bin's“ antwortete Mr. Murdſtone. „Sie werden mich entſchuldigen, mein Herr, daß ich ſo ſage,“ erwiederte meine Tante;„aber ich denke, daß es eine viel beſſere und glücklichere Sache geweſen wäre, wenn Sie dieſes arme Kind in Ruhe gelaſſen hätten.“ 356 David Kopperfield. „Inſofern ſtimme ich mit dem, was Miß Trotwood bemerkt hat, überein,“ verſetzte Miß Murdſtone, ſich in die Bruſt werfend,„daß ich Deine vielbeweinte Clara in allen weſentlichen Rückſichten immer als ein bloßes Kind betrachtet habe.“ „s iſt ein Glück für Sie und mich, Fräulein,“ ſagte meine Tante,„daß von uns, die wir in reifen Jahren ſind, und von denen es nicht wahrſcheinlich iſt, daß unſere körperlichen Vorzüge ſolch ein Unglück uns auf den Hals ziehen werden, Niemand ein Gleiches ſagen kann.“ „Kein Zweifel!“ erwiederte Miß Murdſtone, obwohl, wie mir's vorkam, ihre Beiſtimmung nicht eben ſehr bereitwillig und anmuthig klang.„Und es würde, wie Sie ſagen, ſicherlich eine beſſere und glücklichere Sache für meinen Bruder geweſen ſein, wenn er nie ſolch eine Verbindung eingegangen wäre. Ich bin ſtets der Mei⸗ nung geweſen.“ „Zweifle nicht im Geringſten, daß Sie das waren,“ ſagte meine Tante.„Janette,“ und ſie zog die Klingel, „meinen Empfehl an Mr. Dick, und ich bäte ihn, herunter zu kommen.“ Bis er kam, ſaß meine Tante ganz ſteif und gerade da und ſah mürriſchen Blickes die Wand an. Als er kam, ſtellte ihn meine Tante mit großer Förmlichkeit vor: „Mr. Dick. Ein alter und vertrauter Füand. Auf deſſen Urtheil,“ ſagte meine Tante mit Betonung, worin eine Ermahnung für Mr. Dick lag, der ſich auf den Zeige⸗ finger biß und ein höchſt albernes Geſicht machte,—„auf deſſen Urtheil ich große Stücke halte.“ Mr. Dick nahm auf dieſen Wink hin ſeinen Finger aus dem Munde und ſtellte ſich zu der Gruppe mit einem David Kopperfield. 57 ernſten und aufmerkſamen Geſichtsausdrucke. Meine Tante beugte, als eine Aufforderung weiter zu ſprechen, ihren Kopf gegen Murdſtone, der nun fortfuhr: „Miß Trotwood, nach Empfang Ihres Briefes be⸗ trachtete ich es als einen Act von größerer Gerechtigkeit gegen mich ſelbſt, und vielleicht auch von mehr Achtung vor Ihnen—“ „Dank' Ihnen,“ unterbrach ihn meine Tante, indem ſie ihm noch immer mit herausfordernd kühnem Blick in die Augen ſah;„Sie haben nicht nöthig, meiner zu er⸗ wähnen.“ „Denſelben, wie ungelegen mir auch die Reiſe war,“ fuhr Mr. Murdſtone fort,„lieber in Perſon, als durch ein Schreiben zu beantworten.„Dieſer unglückliche Knabe, welcher von ſeinen Freunden und ſeiner Beſchäftigung weggelaufen—“ „Und deſſen Anblick,“ fuhr ſeine Schweſter dazwiſchen, indem ſie die allgemeine Aufmerkſamkeit auf mich in meinem unbeſchreiblich ſpashaften Koſtüm lenkte,„wahr⸗ haft ſcandalös und abſcheulich iſt.“ „Jane Murdſtone,“ ſagte ihr Bruder,„ſei ſo gut und unterbrich mich nicht. Dieſer unglückliche Knabe, Miß Trotwood, iſt Urſache vielfachen häuslichen Aergers und Verdruſſes geweſen, und zwar ſowohl während des Lebens mein lieben ſeligen Frau, als ſeitdem. Er hat einen tückiſchen, trotzigen Geiſt, ein heftiges Temperament und ein ungefüges unlenkſames Gemüth. Beide, meine Schweſter ſowohl wie ich ſelbſt, haben wir verſucht, ſeine Fehler zu beſſern, aber ohne Erfolg. Und ſo habe ich — oder ſo haben wir beide, darf ich ſagen, da meine Schweſter mein volles Vertrauen beſitzt— es für Recht 58 David Kopperfield. gehalten, daß Sie dieſe ernſte und leidenſchaftsloſe Ver⸗ ſicherung von unſern Lippen vernehmen.“ „Es kann für mich kaum erforderlich ſein, irgend etwas von dem, was mein Bruder vorgebracht hat, zu be⸗ ſtätigen,“ ſagte Miß Murdſtone;„aber ich bitte zu be⸗ merken, daß ich glaube, wie von allen böſen Buben in der Welt dieſer der ſchlimmſte iſt.“ „Stark!“ ſagte meine Tante kurz. „Aber durchaus nicht zu ſtark den Thatſachen gegen⸗ über,“ entgegnete Miß Murdſtone. „Ha!“ ſagte meine Tante.„Nun, Herr!“ „Ich habe meine eignen Anſichten,“ fuhr Mr. Murd⸗ ſtone fort, deſſen Geſicht ſich mehr und mehr verfinſterte, je mehr er und meine Tante ſich einander betrachteten, was ſie aus größter Nähe thaten,„welches die beſte Art und Weiſe, ihn zu erziehen iſt. Dieſe Anſichten gründen ſich theilweiſe auf meine Kenntniß von ihm und theilweiſe auf meine Kenntniß von meinen eignen Mitteln und Hülfs⸗ quellen. Ich bin für dieſelben mir verantwortlich, ich handle nach denſelben, und ich ſage nichts weiter über die⸗ ſelben. Es reicht hin, daß ich dieſen Knaben unter die Augen eines meiner Freunde in eine achtungswerthe Be⸗ ſchäftigung einſtelle, daß ihm dies nicht gefällt, daß er aus dieſer Stellung wegläuft, ein gemeiner Vagabond und Landſtreicher wird und in Lumpen hierher kommt, um von Ihnen Schutz und Hülfe zu verlangen, Miß Trotwood. Ich wünſche, Ihnen jetzt in aller Ruhe die genauen Folgen „vor Augen zu ſtellen— ſo weit ich ſie vorauszuſehen vermag — wenn Sie auf dieſes ſein Verlangen eingehen.“ „Aber was zuerſt die achtungswerthe Beſchäftigung, von der Sie reden, betrifft,“ ſagte meine Tante;„wenn David Kopperfield. 59 er nun Ihr eignes Kind geweſen wäre, ſo würden Sie ihn wohl gerade in dieſelbe eingeſtellt haben, nicht wahr?“ „Wenn er meines Bruders eignes Kind geweſen wäre,“ erwiederte Miß Murdſtone, ſich einmiſchend,„ſo würde ſein Charakter zuverſichtlich ein durchaus verſchie⸗ dener geweſen ſein.“ „Oder wenn das arme kindiſche Ding, ſeine Mutter, noch am Leben geweſen wäre, ſo würde er wohl auch in die achtungswerthe Beſchäftigung eingetreten ſein, nicht wahr?“ fragte meine Tante weiter. „Ich glaube,“ ſagte Mr. Murdſtone, indem er ſein Haupt ein wenig neigte,„daß Clara gegen nichts etwas einzuwenden gehabt haben würde, was ich und meine Schweſter übereinſtimmend für das Beſte gehalten hätten.“ Miß Murdſtone bekräftigte dies durch ein hörbares beifälliges Murmeln. „Hm!“ ſagte meine Tante.„Unglückliches kindiſches Weſen!“ Mr. Dick, welcher die ganze Zeit über mit ſeinem Gelde in der Taſche geklimpert hatte, klimperte jetzt ſo laut damit, daß es meine Tante für nöthig hielt, ihn mit einem Blicke davon zurückzuſchrecken, ehe ſie ſagte: „Und das Jahrgeld des armen kindiſchen Weibes ſtarb mit ihr?“ „Starb mit ihr,“ erwiederte Mr. Murdſtone. „Und von dem kleinen Eigenthume— dem Hauſe und Garten— dieſer, wie hieß es gleich?— dieſer Krähenhütte ohne Krähen drin— war ihrem Knaben nichts vermacht?“ „Es war ihr ohne Bedingung und Clauſel von ihrem erſten Gatten hinterlaſſen worden,“ begann Mr. Murd⸗ 60 David Kopperfield. ſtone, als ihm auf einmal meine Tante mit der größten Entrüſtung und Ungeduld das Wort abſchnitt: „Guter Gott, Mann, das gehört ja gar nicht hierher! Ihr ohne Bedingung hinterlaſſen! Sehe ſchon dieſen David Kopperfield, wie's ihm gar nicht einfällt, ſich nach irgend einer Bedingung umzuſehen, obſchon ſte ihm ſchwarz auf weiß vor der Naſe liegt. Natürlich, freilich war's ihr ohne Bedingung hinterlaſſen. Aber als ſie wieder heirathete, als ſie jenen allertraurigſten Schritt that, Sie zu heirathen, kurz,“ ſagte meine Tante,„um es deutlich auszuſprechen, legte denn da Niemand ein Wort für des Knaben Intereſſe ein?“ „Meine ſelige Frau liebte ihren zweiten Gemahl,“ ſagte Mr. Murdſtone,„und darin iſt eingeſchloſſen, dag ſie ihm auch ihr Vertrauen ſchenkte.“ „Ihre ſelige Frau, Herr, war das allerunerfahrenſte, unglücklichſte und unglückſeligſte kindiſche Weſen,“ ent⸗ gegnete meine Tante, indem ſie mit dem Kopfe ſchüttelte. „Das iſt's, was ſie war. Und nun, was haben Sie ſonſt noch zu ſagen?“ „Einfach dies, Miß Trotwood,“ erwiederte er.„Ich bin hier, um David mit heimzunehmen— ihn ohne alle Bedingung mit heimzunehmen, um über ihn zu verfügen, was ich für paſſend halte, und mit ihm zu verfahren, wie es mir recht dünkt. Möglich, daß Sie irgendwie daran denken, Miß Trotwood, ihm in ſeinem Weglaufen und ſeinen Kla⸗ gen vor Ihnen die Brücke zu vertreten. Ihre Art und Weiſe, welche mir, wie ich bemerken muß, nicht darauf berechnet zu ſein ſcheint, zu beſänftigen und zu verſöhnen, bringt mich darauf, dies für möglich zu halten. Nun muß ich Ihnen die Verſicherung geben, daß, wenn Sie ihm einmal beilegen, Sie dies ein für alle Mal thun, und daß, wenn David Kopperfield. 61 Sie jetzt zwiſchen mich und ihn treten, Sie auf immer für ihn eintreten müſſen. Ich ſpaße nicht und laſſe nicht mit mir ſpaßen. Ich bin hier das erſte und letzte Mal, um ihn mit mir heimzunehmen. Iſt er bereit mitzugehen? Iſt er's nicht— und ſagen Sie mir das, unter Angabe irgend eines Grundes, gleichviel welches— gut, ſo iſt ihm meine Thür hinfort verſchloſſen, und die Ihre, ich halte es für ausgemacht, ſteht ihm offen.“ Auf dieſe Anrede hatte meine Tante mit der größten Aufmerkſamkeit gehört, wobei ſie kerzengrade, die Hände über dem einen Knie gefaltet, daſaß und ingrimmig den Sprecher anblickte. Als er geendigt, wendete ſie ihre Augen ſo, als ob ſie Miß Murdſtone, ohne ſonſt ihre Stellung zu ändern, zu reden befehligen wollte, und ſagte: „Gut, Sie aber, Mamſell, haben Sie irgend noch etwas zu bemerken?“ „In der That, Miß Trotwood,“ antwortete Miß Murdſtone,„alles, was ich ſagen könnte, iſt bereits ſo gut geſagt worden von meinem Bruder, und alles, was mir als der Stand der Dinge bekannt iſt, iſt bereits ſo deutlich von ihm auseinandergeſetzt worden, daß ich nichts hinzu⸗ zufügen habe, als meinen Dank für Ihre Höflichkeit. Wahrlich für Ihre große Höflichkeit!“ ſagte Miß Murd⸗ ſtone mit einer Ironie, welche jedoch auf meine Tante. nicht mehr Wirkung ausübte, als es die Kanone außer Faſſung brachte, unter der ich zu Chatam geſchlafen hatte. „Und was meint der Knabe dazu?“ ſagte meine Tante. „Biſt Du bereit, mitzugehen, David?“ Ich antwortete, nein, und bat ſie, mich nicht gehen zu laſſen. Ich ſagte, daß weder Mr. noch Miß Murdſtone mich je leiden gekonnt hätten oder je freundlich gegen mich geweſen wären. Daß ſie meine Mama, die mich ſtets 62 David Kopperfield. innig geliebt, unglücklich gemacht hätten wegen mir, und daß ich dies gut genug wiſſe, und daß es auch Peggotty wiſſe. Ich ſagte, daß ich unglücklicher und elender daran geweſen wäre, als irgend jemand glauben könnte, der nur wüßte, wie jung ich ſei. Und ich bat und flehte meine Tante— ich weiß jetzt nicht mehr, in welchen Ausdrücken, erinnere mich aber, daß ſte mich damals ſehr rührten— mir um meines Vaters willen Freundin und Schützerin ſein zu wollen. „Mr. Dick,“ ſagte meine Tante,„was ſoll ich mit dieſem Kinde machen?“ Mr. Dick überlegte ein Weilchen, zögerte, erglänzte im ganzen Geſichte, als er's hatte, und antwortete dann: „Laſſen Sie ihm augenblicklich Maß zu einem neuen An⸗ zuge nehmen.“ „Mr. Dick,“ ſagte meine Tante triumphirenden Blicks, „geben Sie mir Ihre Hand; denn Ihr Scharffinn iſt unſchätzbar.“ Nachdem ſie ihm dieſelbe mit großer Herz⸗ lichkeit geſchüttelt, zog ſie mich zu ſich und ſagte zu Mr. Murdſtone: „Sie können gehen, wenn's Ihnen beliebt. Ich werd's mit dem Knaben verſuchen. Wenn er ganz ſo iſt, wie Sie ſagen, ſo kann ich dann zum Wenigſten ſo viel für ihn thun, als Sie gethan haben. Aber ich glaube nicht ein Wort davon.“ „Miß Trotwood,“ erwiederte Mr. Murdſtone, indem er aufſtand und die Achſeln zuckte,„wenn Sie ein Mann wären—“ „Bah, Quark und Unſinn,“ ſagte meine Tante. „Geben Sie ſich keine Mühe mit ſolchem Geſchwätz.“ 2 it * David Kopperfield. 63 „Wie ausgeſucht höflich!“ rief Miß Murdſtone aus, während ſie ſich erhob.„In der That, überwältigend höflich!“ „Denken Sie, ich weiß es nicht,“ ſagte meine Tante, indem ſie, taub gegen die Bemerkungen der Schweſter, fortfuhr, ſich an den Bruder zu wenden und mit unend⸗ lichem Ausdrucke den Kopf gegen ihn zu ſchütteln,„was für ein Höllenleben Sie dieſem armen, unglücklichen, miß⸗ geleiteten kindiſchen Weibe bereitet haben? Denken Sie, ich weiß es nicht, was für Herzensweh im Gefolge des Tages war, wo Sie zum erſten Male ihr begegneten— feirten und ſie mit gutmüthigen Augen anglotzten, weiß Gott, als ob Sie kein Wäſſerchen trüben könnten.“ „Nie hörte ich eine ſo elegante Sprache!“ ſagte Miß Murdſtone. „Denken Sie, ich habe Sie nicht ebenſo gut weg, als ob ich Sie damals geſehen hätte,“ fuhr meine Tante fort.„Gerade ſo, wie ich Sie jetzt hier ſehe und höre— was, ich ſag's Ihnen aufrichtig, mir eher alles Andere, als ein Vergnügen iſt. O ja, was war der Herr Murd⸗ ſtone für ein glattes, ſeidenweiches Herrchen zuerſt! Die Arme, Unſchuldige war ganz überraſcht, ſie hatte nie ſo einen Mann geſehen. Es war ein wahrer Zuckermann. Er betete ſie an. Er faſelte von ihrem Knaben— faſelte zärtliche Redensarten von ihm. Er wollte ihm ein zweiter Vater ſein, und ſie alle miteinander würden in einem Roſengarten leben, nicht ſo? Uff! Gehen Sie mir mit ſolchen Dummheiten!“ ſagte meine Tante. „Nie in meinem ganzen Leben hörte ich jemand wie dieſe Perſon hier!“ rief Miß Murdſtone aus. „Und als Sie ſich des armen Närrchens verſichert hatten,“ ſagte meine Tante,—„Gott verzeih' mir's, 64 David Kopperfield. daß ich ſie ſo nenne!— und ſie dahin gelangt war, wo⸗ hin Sie nicht ſo eilig gelangen würden, nicht wahr, da mußten Sie anfangen, ſie zu quälen und zu foltern, als ob Sie ihr und den Ißrigen ſo nicht ſchon genug Unrecht gethan hätten? da mußten Sie anfangen, ihr das er zu brechen, wie einem armen eingeſperrten Vogel; d mußten Sie ſie nach Ihren Noten ſingen lehren, daß ſi ſich ihr verſpieltes Leben dabei abhärmte?“ „Das iſt entweder Wahnwitz oder Betrunkenheit!“ ſchrie Miß Murdſtone, die vollkommen in Verzweiflung war, daß ſie nicht im Stande war, den Strom von der Rede meiner Tante auf ſich zu lenken;„und ich meines⸗ theils hege den Verdacht, daß es Betrunkenheit iſt.“ Miß Betſey, ohne die geringſte Notiz von dieſer Unterbrechung zu nehmen, fuhr fort, ſich an Mr. Murd⸗ ſtone zu wenden, als ob nichts der Art vorgefallen ſei. „Herr Murdſtone,“ ſagte ſie, indem ſie drohend ihren Finger gegen ihn ſchüttelte,„Sie waren ein Tyrann gegen das einfache gutmüthige Kind, und Sie brachen ihr das Herz. Sie war ein Kind voller Liebe— ich weiß das, wußte das, Jahre zuvor, ehe Sie ſie je geſehen hatten— und gerade durch den Theil ihrer Schwäche, der ihr größ⸗ ter Borzug war, gaben Sie ihr die Wunden, an denen ſie ſtarb. Das iſt eine Wahrheit, an der Sie ſich erquicken mögen ſo viel es Ihnen beliebt. Und Sie und Ihre Helfershelfer mögen ſich deſſen rühmen.“ „Erlauben Sie mir die Frage, Miß Trotwood,“ unterbrach ſie hier Miß Murdſtone,„wen Sie in einer Wahl von Ausdrücken, in denen ich nicht bewandert bin, mit den Helfershelfern meines Bruders zu bezeichnen belieben?“ 24 —,——— David Kopperfield. 65 Immer noch taub wie ein Stein für dieſe Anrede und ganz und gar unbewegt davon, fuhr Miß Betſey in ihrer Rede fort: „Es war klar genug, wie ich Ihnen ſchon ſagte, Jahre zuvor, ehe Sie ſie jemals geſehen hatten,— und warum Sie ſie, nach den geheimnißvollen Beſtimmungen der Vor⸗ ſehung, jemals zu ſehen kriegten, iſt mehr, als daß es ein menſchlicher Verſtand zu begreifen vermöchte— Jahre zuvor alſo klar genug, daß das arme ſanfte kleine Ding Jemand zu der oder jener Zeit einmal heirathen würde, aber ich hoffte, es würde wenigſtens nicht ſo übel ablaufen, als es abgelaufen iſt. Das war zu der Zeit, Mr. Murd⸗ ſtone, als ſte dieſem Kinde hier das Leben gab,“ ſagte meine Tante,„— dieſem armen Kinde, mit dem Sie ſie ſpäter ſo oft gemartert haben, was Ihnen freilich keine angenehme Erinnerung iſt und ſeinen Anblick Ihnen zu⸗ wider macht. Ja, ja, Sie brauchen nicht mit den Füßen zu ſtampfen! Ich weiß, daß es wahr iſt, ohne das.“ Er hatte dieſe ganze Weile hindurch an der Thür ge⸗ ſtanden und ſie mit einem Lächeln auf dem Geſichte be⸗ trachtet, obſchon ſeine ſchwarzen Augenbrauen dicht zuſam⸗ mengezogen waren. Ich bemerkte jetzt, daß, wenn auch das Lächeln noch auf ſeinen Zügen ruhte, ihn plötzlich die Farbe verlaſſen hatte, und er ſo tief Athem zu ſchöpfen ſchien, als ob er ſchnell gelaufen wäre. „Guten Tag, mein Herr,“ ſchloß meine Tante ihre Rede,„und behüte Sie Gott! Guten Tag auch Ihnen, Mamſell,“ und ſie wandte ſich plötzlich an ſeine Schweſter. „Laſſen Sie mich's ſehen, daß Sie noch einmal einen Eſel über meinen Grasplatz reiten, und ſo wahr als Sie einen Kopf auf Ihren Schultern tragen, ich haue Ihnen den Hut von dieſem Kopfe herunter und trete darauf.“ David Kopperfield. III. 5 David Kopperfield. 66 Es würde einen Maler und zwar einen nicht gewöhn⸗ lichen Maler erfordern, um das Antlitz meiner Tante ab⸗ zuconterfeien, als ſie ſich dieſes höchſt unerwarteten Aus⸗ ſpruchs entledigte, und ebenſo Miß Murdſtone's Geſicht, als ſie denſelben vernahm. Aber die Art, wie ſie ſprach, und gleicherweiſe, was ſie ſprach, war ſo voll glühenden Haſſes, daß Miß Murdſtone, ohne ein Wort zu entgegnen, in verſtändiger Erwägung der Umſtände, ihren Arm durch den des Bruders ſteckte und aus dem Landhauſe hinaus⸗ ſtelzte. Meine Tante blieb im Fenſter zurück, ohne Zweifel vorbereitet, im Falle der Eſel wieder erſchiene, ihre Drohung augenblicklich in Vollzug zu ſetzen. Da indeß kein Verſuch einer Herausforderung ge⸗ macht wurde, ließ die Spannung in ihren Zügen allgemach nach, und ihr Geſicht wurde ſo freundlich, daß ich mich ermuthigt fühlte, ſie zu küſſen und ihr zu danken, was ich denn auch nach beſten Kräften that, und wobei ich meine beiden Arme um ihren Nacken ſchlang. Ich ſchüt⸗ telte dann Mr. Dick die Hand, der mir ſeinerſeits wieder die Hand wer weiß wie viele Male ſchüttelte und dieſen glücklichen Ausgang der Verhandlungen mit wiederholten Ausbrüchen von Gelächter begrüßte. „Sie werden ſich gemeinſchaftlich mit mir als Vor⸗ mund dieſes Kindes betrachten, Mr. Dick,“ ſagte meine Tante. „Freue mich herzlich,“ antwortete Mr. Dick,„der Vormund von David's Sohn zu werden.“ „Sehr gut,“ erwiederte meine Tante,„das wäre in Ordnung. Wiſſen Sie, Mr. Dick, ich habe ſchon nach⸗ gedacht, ob ich ihn nicht Trotwood nennen ſoll?“ „Gewiß, gewiß. Nennen Sie ihn Trotwood, gewiß,“ ſagte Mr. Dick.„David's Sohn Trotwood.“ David Kopperfield. 67 „Sie meinen Trotwood Kopperfield,“ entgegnete meine Tante. „Ja wohl, natürlich. Ja. Trotwood Kopperfield,“ ſagte Mr. Dick ein wenig verwirrt. Meine Tante gab ſich dem Gedanken mit ſolcher Liebe hin, daß verſchiedene fertige Kleider, welche dieſen Nach⸗ mittag für mich angeſchafft wurden, in ihrer eigenen Handſchrift und mit unauslöſchlicher Zeichentinte, bevor ich ſie anzog, mit„Trotwood Kopperfield“ gezeichnet wurden, und es wurde ausgemacht, daß alle die übrigen Kleider, welche für mich beſtellt wurden(eine vollſtändige Ausſtattung wurde dieſen Nachmittag beſprochen) in der⸗ ſelben Weiſe bezeichnet werden ſollten. So begann ich denn mein neues Leben, mit einem neuen Namen und rings von neuen Dingen umgeben. Jetzt, wo der Zuſtand des Zweifelns und Fürchtens vor⸗ über, fühlte ich mich mehre Tage wie ein Träumender. Es fiel mir ein, daß ich in meiner Tante und Mr. Dick doch ein paar recht wunderliche Vormünder hatte. Ich dachte überhaupt niemals über irgend etwas in meiner Umgebung ſcharf nach. Die beiden Dinge, welche mir am Klarſten vor der Seele ſtanden, waren: daß das alte Leben zu Blunderſtone in weite Ferne entrückt war, ſo daß es wie im Hintergrunde eines unermeßlichen Raumes von mir zu liegen ſchien, und dann: daß für immer ein Vorhang gefallen war vor mein Leben bei Murdſtone und Grinby. Niemand hat ſeitdem je dieſen Vorhang auf⸗ gehoben. Ich habe ihn ſelbſt in dieſer Erzählung nur mit zögernder Hand für einen Augenblick gelüftet und er⸗ leichterten Herzens ihn wieder fallen laſſen. Die Erinne⸗ rung an dieſes Leben iſt für mich mit ſo viel Schmerz, 5r David Kopperfield. 68 mit ſo viel geiſtigem Leiden und ſo viel Hoffnungsloſig⸗ keit belaſtet, daß ich nie den Muth hatte, mich auch nur zu fragen, wie lange ich verdammt war, es zu tragen. Ob es ein Jahr, oder länger oder kürzer dauerte, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß es da war und aufhörte zu ſein, und das hab' ich beſchrieben, und damit verlaß ich's. Fünfzehntes Kapitel. Ich beginne ein neues Leben. Mr. Dick und ich wurden bald die beſten Freunde, und ſehr oft, wenn das Tagewerk gethan war, gingen wir zuſammen aus, den großen Drachen ſteigen zu laſſen. Jeden Tag, den Gott werden ließ, ſaß er eine gute Zeit über ſeiner Denkſchrift, welche nie auch nur im Gering⸗ ſten Fortſchritte machte, wie eifrig er auch daran arbei⸗ tete; denn König Karl der Erſte lief ihm früher oder ſpäter doch immer über's Papier und in die Zeilen hin⸗ ein, und dann wurde ſie bei Seite geworfen und eine neue begonnen. Die Geduld und Hoffnung, mit der er dieſes fortwährende Fehlſchlagen ſeiner Arbeit ertrug, das leiſe durchleuchtende Gefühl, daß es mit König Karl dem Erſten nicht ganz ſeine Richtigkeit habe, die vergeb⸗ lichen Anſtrengungen, die er machte, ihn fern zu halten, und die Gewißheit, mit der er hineingerieth und die Denkſchrift aus aller Facon brachte, machten einen tiefen Eindruck auf mich. Was konnte nach Mr. Dicks Mei⸗ nung auf die Denkſchrift erfolgen, wenn ſie vollendet 70 David Kopperfield. würde? Wohin, dachte er, ſollte ſte gehen? Was, meinte er, ſollte ſie bewirken? Ich glaube, er wußte aufalle dieſe Fragen ebenſowenig eine Antwort, als irgend Jemand anders. Aber es war ja auch gar nicht erforderlich, ſich mit derartigen Fragen abzumühen; denn wenn irgend etwas unter der Sonne gewiß war, ſo war es das, daß die Denkſchrift nie beendigt werden würde. Es war ein ganz rührender Anblick, dachte ich immer, ihn mit dem Drachen zu ſehen, wenn derſelbe hoch oben in der Luft ſchwebte. Was er mir auf ſeiner Stube von dem Glauben an den Erfolg geſagt hatte, mit welchem der Drache die auf ihn geklebten Angaben und Behaup⸗ tungen in die Welt ausſäen werde— Behauptungen, welche nichts Anderes waren, als alte Blätter verunglück⸗ ter Anfänge der Denkſchrift: es mochte manchmal eine Einbildung von ihm geweſen ſein; niemals aber war es eine ſolche, wenn er aus war und nach dem am Himmel dahinfliegenden Drachen emporſchaute und ihn an ſeiner Hand ziehen und rucken fühlte. Nie ſah er ſo heiter aus, als bei ſolchen Gelegenheiten. Wenn ich ſo eines Abends neben ihm an einem grünen Hügel ſaß und ihn den Dra⸗ chen beobachten ſah, wie er in der ruhigen Luft dahin⸗ flog, pflegte ich mir einzubilden, daß er ſeine Seele mit emporführte und ſie(ſo kam's mir in meinem kindiſchen Kopfe vor) in die Wolken trüge. Und wenn er dann die Leine zuſammenwand, und er tiefer und tiefer herabkam aus dem ſchönen Lichte, bis er auf den Boden flatterte und dort wie todt lag, ſchien er allgemach aus einem Traume zu erwachen; und ich entſinne mich, ihn den Drachen auf⸗ heben und mit verſtörten Sinnen anſtarren geſehen zu haben, wie wenn ſie beide herabgekommen wären, ſo daß ich ihn von ganzem Herzen bemitleidete. David Kopperfield. 71 Während ich in der Freundſchaft und Vertrautheit mit Mr. Dick Fortſchritte machte, that ich auch in der Gunſt ſeiner mannhaften Freundin, meiner Tante, keinen Rückſchritt. Sie gewann mich ſo lieb, daß ſte im Laufe weniger Wochen meinen adoptirten Namen Trotwood in Trot abkürzte und mich ſogar zu der Hoffnung aufmun⸗ terte, daß wenn ich ſo fortführe, wie ich begonnen, ich vielleicht die gleiche Stufe in ihrer Zuneigung einnehmen könne, wie meine Schweſter Betſey Trotwood. „Trot,“ verſetzte meine Tante eines Abends, als das Puffbret wie gewöhnlich vor ſie und Mr. Dick hingelegt⸗ worden war,„wir dürfen Deine Erziehung nicht ver⸗ geſſen.“ Dies war der einzige Gegenſtand, an den ich bisher mit Angſt gedacht hatte, und ich fühlte mich äußerſt froh, als ſie auf ihn zu ſprechen kam. „Würdeſt Du wohl gern nach Canterbury in die Schule gehen?“ fragte meine Tante. Ich erwiederte, daß ich dorthin ſehr gern gehen wollte, da es ſo nahe bei ihr wäre. „Gut,“ ſagte meine Tante.„Würdeſt Du wohl gern morgen ſchon gehen?“ Da ich bereits nicht mehr unbekannt mit der Raſchheit war, mit welcher meine Tante gewöhnlich ihre Beſchlüſſe zur Ausführung brachte, ſo war ich über die Plötzlichkeit dieſes Vorſchlags nicht erſtaunt und ſagte:„Ja.“ „Gut,“ antwortete meine Tante abermals.„Janette, miethe den grauen Pony nebſt Chaiſe auf morgen früh zehn Uhr und packe auf den Abend Musje Trotwoods Kleider zuſammen.“ Ich war über dieſe Anordnungen höchlich erfreut; aber mein Herz machte mir über meine Selbſtſucht Vor⸗ —-—y 1 — 72 David Kopperfield. würfe, als ich von der Wirkung derſelben auf Mr. Dick Zeuge war. Derſelbe war nämlich bei der Ausſicht, daß wir uns trennen mußten, ſo niedergeſchlagen und ſpielte in ihn mehrmals durch einen Klaps mit dem Würfelbecher auf ſeine Knöchel zu beſſerem Aufpaſſen ermahnt hatte, das Bret zuklappte und ſich weigerte, ferner mit ihm zu ſpielen. Als er jedoch von meiner Tante erfuhr, daß ich ma mal des Mittwochs hinübergehen und mich beſuchen ſolle, leb noch einen beſſeren Drachen anzufertigen, und zwar von weit größeren Dimenſionen, als den gegenwärtigen. Am Morgen war er wieder niedergeſchlagen und würde ſich dadurch getröſtet haben, daß er mir alles Geld, welches er beſaß, Gold und Silber zugleich, gegeben hätte, wäre mei ſchenk auf fünf Schillinge beſchränkte, die auf ſein drin⸗ gendes Bitten ſpäter auf zehn erhöht wurden. Wir nah⸗ men an der Gartenthür auf die rührendſte Weiſe Ab⸗ ſchi meine Tante mich ſo weit von demſelben weggefahren hat öffentliche Meinung über ſie urth eilte, trieb den grauen g 6 Po bei ſtet hie nen Weg und Willen hatte. Als wir indeß auf die Landſtraße kamen, hielt ſie ihn etwas weniger ſcharf im Zaume, und indem ſtie mich, der ich in einem wahren Folge deſſen ſo ſchlecht, daß meine Tante, nachdem ſie nchmal des Sonnabends herüberkommen und er manch⸗ te er wieder auf und gelobte, für dieſe Gelegenheiten ine Tante nicht dazwiſchen getreten, welche das Ge⸗ ed, und Mr. Dick ging nicht eher in's Haus, als bis te, daß wir nicht mehr zu ſehen waren. Meine Tante, welcher es gleichgültig war, was die ny mit meiſterhafter Geſchicklichkeit durch Dover, wo⸗ ſie hoch und ſteif wie ein Staatskutſcher daſaß und s, wohin er auch ging, das Auge auf ihn gerichtet lt und dafür ſorgte, daß er in keiner Weiſe ſeinen eig⸗ David Kopperfield. 73 Thale von Kutſchkiſſen an ihrer Seite lag, anblickte, fragte ſie mich, ob ich glücklich ſei. „Danke, Tante, ganz glücklich,“ ſagte ich. Sie war damit ſehr zufrieden, und da ihre beiden Hände in Anſpruch genommen waren, ſo ſtreichelte ſie mir den Kopf mit der Peitſche. „Iſt's eine große Schule, Tante?“ fragte ich. „Ei nun, das weiß ich nicht,“ ſagte Miß Betſey. „Wir gehen zuerſt zu Mr. Wickfield.“ „Hält er eine Schule?“ erkundigte ich mich weiter. „Nein, Trot,“ ſagte meine Tante.„Er hält ein Bureau.“ Ich verlangte keine Belehrung weiter über Mr. Wick⸗ field, da ſie von ſelbſt keine gab, und wir unterhielten uns über andere Dinge, bis wir nach Canterbury kamen, wo meine Tante, da es Markttag war, eine ſchöne Gele⸗ genheit hatte, den grauen Pony zwiſchen Karren, Kör⸗ ben, Gemüſen und Hökerwaaren hindurch zu führen. Die Wendungen und Biegungen, die wir machten, und bei welchen kaum ein Haar fehlte, daß wir die genannten Ge⸗ genſtände geſtreift hätten, zogen uns verſchiedene Reden von den umherſtehenden Leuten zu, welche nicht immer aus Complimenten beſtanden; aber meine Tante fuhr mit vollkommener Gleichgültigkeit weiter, und ich möchte be⸗ haupten, daß ſie mit ebenſo viel Seelenruhe durch ein feindliches Land ihren Weg genommen haben würde. Endlich hielten wir vor einem uralten Hauſe, wel⸗ ches über die Straße hinausragte, einem Hauſe mit lan⸗ gen niedrigen Gitterfenſtern, die noch weiter hinausrag⸗ ten, und Dachſtuhlbalken, an denen ſich ausgeſchnitzte Köpfe befanden, die ebenfalls hinausragten, ſo daß mir's vorkam, als ob ſich das ganze Haus nach vorn lehne, um 74 David Kopperfield. zu ſehen, was auf dem ſchmalen Pflaſter unten vorgehe. Es war übrigens von einer fleckenloſen Reinlichkeit. Der altmodiſche Meſſingpocher an ſeiner niederen gewölbten Thür funkelte, geziert mit ausgeſchnitzten Blumen⸗ und Fruchtguirlanden, hell wie ein Stern; die zwei ſteinernen Stufen, welche von der Thür auf die Straße herabführ⸗ ten, waren ſo weiß, als ob ſie mit feiner Leinwand be⸗ deckt wären, und alle Winkel und Ecken, alles Schnitz⸗ werk und alle Figuren, alle die ſchmucken kleinen Thür⸗ ſpiegel und noch ſchmuckeren kleinen Fenſter waren, ob⸗ wohl ſo alt wie die Berge, doch ſo rein wie der Schnee, der jemals auf die Berge fiel. Als die Kutſche mit dem Pony vor der Thür hielt, und meine Augen in die Betrachtung des Hauſes verſun⸗ ken waren, ſah ich, wie an einem Fenſterchen im unter⸗ ſten Geſtock, in einem kleinen runden Thurme, welcher eine Seite des Hauſes ausmachte, ein leichenhaftes Ge⸗ ſicht erſchien und ſchnell wieder verſchwand. Die niedrige gewölbte Thür öffnete ſich ſodann, und das Geſicht kam heraus. Es war ganz ſo leichenhaft, als es im Fenſter ausgeſehen, wenn auch in ſeiner Farbe jene fein in's Röthliche hinüberſpielende Schattirung zu bemerken war, welche man manchmal an der Haut von Leuten mit rothen Haaren beobachtet. Es gehörte denn auch einer rothköpfi⸗ gen Perſon an, einem Jünglinge von etwa fünfzehn Jah⸗ ren, wie ich jetzt weiß, obwohl er weit älter ausſah, deſ⸗ ſen Haar ſo kurz als die kürzeſte Stoppel abgeſchnitten war, und welcher kaum ſo etwas wie Augenbrauen, keine Augenwimpern und Augen von einem röthlichen Braun beſaß, die ſo unbeſchützt und unbeſchattet waren, daß ich mich bei der Erinnerung an ſie wundere, wie er einzu⸗ ſchlafen vermochte. Er war hochſchulterig und knochig, — 4. — David Kopperfield. 7⁵ war würdig in Schwarz gekleidet, trug ein weißes Hals⸗ tuch, wie einen Strohwiſch um den Hals gewickelt, hatte den Rock bis an die Kehle zugeknöpft und zeigte eine lange, dünne, ſkeletartige Hand, welche ganz vorzüglich meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, als er an dem Kopfe des Pony ſtand, ſich das Kinn damit rieb und zu uns in die Kutſche hineinlugte. „Iſt Mr. Wickfield zu Hauſe, Uriah Heep?“ fragte meine Tante. „Mr. Wickfield iſt zu Hauſe, Madam,“ ſagte Uriah Heep,„wenn Sie gefälligſt da hineingehen wollen“— und er wies mit ſeiner langen Hand auf das Zimmer, welches er meinte. Wir ſtiegen aus, und indem wir ihn zurückließen, um den Pony zu halten, traten wir in ein langes niedriges Zimmer, das nach der Straße hinausſah, und von deſſen Fenſter aus ich während des Hineingehens einen Blick auf Uriah Heep draußen that, welcher dem Pony in die Nüſtern blies und ſie dann augenblicklich mit der Hand zuhielt, als ob er ihm einen Zauber anthun wollte. Dem hohen alten Kaminſimſe gegenüber befanden ſich zwei Portraits: das eine war das Bild eines Herrn mit grauem Haare(obwohl keineswegs ein alter Mann) und ſchwarzen Augenbrauen, welcher einige Papiere überlas, die mit rothen Bändchen zuſammengebunden waren; das andere ſtellte eine Dame mit einem äußerſt milden und ſanften Geſichtsausdrucke vor, welche auf mich herabſah. Ich glaube, ich drehte mich eben um, um auch Uriahs Bild zu ſuchen, als ſich am äußerſten Ende des Zimmers eine Thür öffnete und ein Herr hereintrat; bei deſſen An⸗ blick ich mich wieder dem zuerſt erwähnten Portrait zu⸗ wendete, um mich zu verſichern, daß es nicht aus ſeinem 76 David Kopperfield. Rahmen gekommen ſei. Aber es war ruhig dort geblie⸗ ben, und als der Herr in's Licht hervorkam, ſah ich, daß er einige Jahre älter war, als zu der Zeit, wo er jenes Bild hatte malen laſſen. „Miß Betſey Trotwood,“ ſagte der Herr,„bitte, tre⸗ ten Sie ein. Ich war für den Augenblick beſchäftigt, aber Sie wollen entſchuldigen, wenn ich fleißig bin. Sie kennen meinen Beweggrund. Ich habe nur einen auf gg der Welt.“ Miß Betſey dankte ihm, und wir gingen in ſeine Stube, welche als Expedition mit Büchern, Papieren, zin⸗ nernen Schachteln und ſo fort ausſtaffirt war. Sie ge⸗ währte die Ausſicht auf einen Garten und enthielt einen ei⸗ ſernen Schrank, ſo unmittelbar über dem Kaminmantel in die Wand eingelaſſen, daß ich mich, als ich mich ſetzte, verwunderte, wie die Schornſteinfeger um denſelben her⸗ umkämen, wenn ſie den Kamin kehrten. „Nun denn, Miß Trotwood,“ ſagte Mr. Wickfield — denn ich bemerkte bald, daß er dies war und daß er ein Sachwalter und zugleich mit der Oberaufſicht über die Güter eines reichen Herrn in der Grafſchaft betraut war—„welcher Wind bläſt Sie hierher? Hoffentlich kein übler Wind?“ „Nein,“ erwiederte meine Tante,„ich bin keines Rechtshandels wegen gekommen.“ „Das iſt recht, Fräulein,“ ſagte Mr. Wickfield.„Lie⸗ ber hätten Sie wegen aller andern Dinge kommen mögen.“ Sein Haar war jetzt ganz weiß, obwohl ſeine Augen⸗ brauen noch ſchwarz waren. Er hatte ein ſehr angeneh⸗ mes Geſicht und war, wie mir's vorkam, hübſch. Seine Geſichtsfarbe zeigte eine gewiſſe prächtige Röthe, welche ich, unter Peggotty's Anleitung, längſt ſchon gewohnt ——O——C—;—;jjjä— David Kopperfield. 77 geweſen war, mit Portwein in Verbindung zu bringen, ja ich meinte ſogar in ſeiner Stimme etwas davon zu entdecken und führte ſeinen ſchwellenden Körperumfang auf dieſelbe Urſache zurück. Er war ſehr reinlich geklei⸗ det, trug einen blauen Rock, eine geſtreifte Weſte und Nankinghoſen; und ſein feines mit einem Buſenſtreif ge⸗ ſchmücktes Hemd wie ſein Halstuch von Cambrie ſahen ſo außerordentlich mild und weiß aus, daß ich mich entſinne, wie meine ausſchweifende Einbildungskraft dadurch an das Bruſtgefieder eines Schwans erinnert wurde. „Dies iſt mein Neffe,“ verſetzte meine Tante. „Wüßte nicht, daß Sie einen hätten, Miß Trotwood,“ ſagte Mr. Wickfield. „Mein Großneffe, heißt das,“ bemerkte meine Tante. „Geb' Ihnen mein Wort darauf, daß ich nicht ge⸗ wußt habe, daß Sie einen Großneffen hätten,“ ſagte Mr. Wickfield. „Ich hab' ihn an Kindes Statt angenommmen,“ fuhr meine Tante mit einer Schwenkung der Hand fort, welche ſo viel bedeuten ſollte, als ſei ihr Wiſſen oder Nichtwiſſen alles eins,„und ich hab' ihn hierher gebracht, um ihn in eine Schule zu thun, wo er etwas Gehöriges lernen und gut behandelt werden ſoll. Nun ſagen Sie mir, wo jene Schule iſt, und wie ſie beſchaffen iſt und alles, was drum und dran hängt.“ „Ehe ich Ihnen den gehörigen Rath geben kann,“ ſagte Mr. Wickfield,„noch die Frage, die Sie kennen. Was iſt Ihr Beweggrund hierbei? „Hol' der Teufel den Mann!“ ſchrie meine Tante. „Ewig fiſcht er nach Beweggründen, wo ſie doch vor der Naſe liegen! Mein Gott, um das Kind zu einem glückli⸗ chen und nützlichen Menſchen zu machen!“ 78 David Kopperfield. „Es muß ein gemiſchter Beweggrund vorhanden ſein, denk ich,“ ſagte Mr. Wickfield, indem er ſein Haupt ſchüt⸗ telte und ungläubig lächelte. „Eine gemiſchte Quarkſpitze!“ erwiederte meine Tante.„Sie machen Anſpruch darauf, ſtets einen einzi⸗ gen klar vorliegenden Grund in allem zu haben, was Sie thun. Sie bilden ſich doch hoffentlich nicht etwa ein, daß Sie der einzige Menſch in der Welt ſind, der nach klaren Gründen handelt?“ „Ei nun, aber ich habe doch nur einen einzigen Be⸗ weggrund im Leben, Miß Trotwood,“ entgegnete er lä⸗ chelnd.„Andre Leute haben ſie zu Dutzenden, zu Schocken, zu Hunderten. Ich habe nur einen einzigen. Darin liegt der Unterſchied. Indeß, darum fragt ſich's jetzt nicht. Die beſte Schule? Was auch immer der Beweggrund ſei, genug, Sie wollen die beſte.“ Meine Tante nickte bejahend. „In der beſten, welche wir haben,“ ſagte Mr. Wick⸗ field, indem er ein Weilchen überlegte,„kann Ihr Neffe jetzt gerade nicht als Koſtſchüler eintreten.“ „Aber er könnte ja wo anders eſſen und wohnen, dächt' ich,“ bemerkte meine Tante. Mr. Wickfield hielt dies für möglich. Nach einigem Hin⸗ und Herreden ſchlug er vor, meine Tante mit ſich in die Schule zu nehmen, damit ſie ſich dieſelbe anſehen und ſelbſt darüber urtheilen könne; desgleichen wollte er ſie, zu demſelben Zwecke, nach zwei oder drei Häuſern füh⸗ ren, wo ich ſeiner Meinung nach in Koſt und Wohnung genommen werden könnte. Da meine Tante den Vorſchlag billigte, ſo wollten wir drei eben ausgehen, als er ſtehen blieb und ſagte: „Unſer kleiner Freund hier möchte vielleicht irgend — David Kopperfield. 79 einen Beweggrund haben, Einſpruch zu erheben gegen die Einrichtungen. Ich denke wir thun beſſer, ihn zurück zu laſſen.“ Meine Tante ſchien geneigt, dieſen Punkt zu beſtrei⸗ ten; um aber die Sache zu beſchleunigen, ſagte ich, daß ich recht gern zurückbleiben wollte, wenn ſie es wünſchten, und kehrte in Mr. Wickfields Expedition zurück, wo ich mich wieder in den Stuhl ſetzte, den ich vorher einge⸗ nommen hatte, um ihre Rückkunft zu erwarten. Es traf ſich, daß dieſer Stuhl gerade einem engen Gange gegenüberſtand, welcher in das kleine kreisrunde Zimmer endete, wo ich Uriah Heeps bleiches Geſicht hatte aus dem Fenſter gucken ſehen. Uriah, der den Pony in einen nebenan liegenden Stall geführt hatte, ſaß an ei⸗ nem Pulte in dieſem Zimmerchen an der Arbeit. Das Pult war oben mit einem rahmenartigen Meſſinggeſtelle zum Aufhängen von Papieren verſehen, auf welchem die Schrift, von welcher er eine Copie machte, denn auch auf⸗ gehangen war. Obwohl ſein Geſicht mir zugekehrt war, ſo glaubte ich doch einige Zeit, daß er, da jene Schrift zwiſchen uns war, mich nicht zu ſehen vermöchte; als ich jedoch aufmerkſamer dorthin blickte, machte ich die unbe⸗ hagliche Beobachtung, daß ſeine ſchlafloſen Augen bald jetzt, bald wieder, gleich zwei rothen Sonnen, unter der Schrift hervorkamen und mich jedes Mal wohl eine ganze Minute lang ſtier anglotzten, während welcher Zeit ſeine Feder ſo ſchnell wie immer über das Papier hinfuhr oder ſich wenigſtens das Anſehen davon gab. Ich machte ver⸗ ſchiedentliche Verſuche, dieſen beiden Augen aus dem Wege zu gehen, ſtellte mich zum Beiſpiel auf einen Stuhl, um mir eine Landkarte auf der andern Seite des Zim⸗ mers zu betrachten, oder ſtudirte in den Spalten einer 80 David Kopperfield. Kenter Zeitung— aber immer zogen ſie mich wieder zu ſich zurück, und ſobald ich nur einmal nach jenen zwei rothen Sonnen ſah, war ich ſicher, ſie entweder eben auf⸗ gehend oder eben untergehend anzutreffen. Endlich, und zu meinem großen Troſte, kamen meine Tante und Mr. Wickfield zurück, nachdem ſie ziemlich lange weg geweſen. Sie hatten nicht ſo viel Erfolg gehabt, als ich hätte wünſchen können; denn obwohl die Vor⸗ theile, welche die Schule bot, unläugbar waren, hatte meiner Tante doch kein einziges von den Koſthäuſern ge⸗ fallen, welche für mich vorgeſchlagen worden waren. „Eine recht unglückliche Geſchichte,“ verſetzte meine Tante.„Ich weiß nicht, was da zu machen iſt, Trot.“ „'s iſt wahr, es trifft ſich unglücklich,“ ſagte Mr. Wickfield.„Aber ich will Ihnen ſagen, was Sie thun könnten, Miß Trotwood.“ „Was iſt das?“ „Laſſen Sie Ihren Neffen vorläufig hier. Er iſt ein ſtiller Burſche. Er wird mich durchaus nicht ſtören.'s iſt ein prächtiges Haus für einen, der ſtudirt. So ſtill wie ein Kloſter und beinahe ſo geräumig. Laſſen Sie ihn hier.“ . Meiner Tante gefiel das Anerbieten augenſcheinlich, wenn ſie auch zu zartfühlend war, es ſogleich anzunehmen. Ebenſo war's mit mir. 5 Sihlaam Sie ein, Miß Trotwood,“ ſagte Mr. Wick⸗ field.„Das iſt d der Weg, über die Schwierigkeit hin⸗ wegzukommen.'s iſt nur ein vorlaͤufiges Uebereinkommen, wie Sie ſehen. Wenn ſich's nicht gut macht und uns gegenſeitig unbequem wird, ſo kann er ohne Weiteres ſich nach einem beſſeren umſehen. Inzwiſchen wird er Zeit haben, einen paſſenderen Ort aufzufinden. Sie David Kopperfteld. 81 rhäten wirklich am beſten, wenn Sie ſich entſchließen wollten, ihn vorläufig hier zu laſſen.“ „Ich bin Ihnen für Ihre Freundlichkeit ſehr verbun⸗ den,“ entgegnete meine Tante,„und er, wie ich ſehe, nicht minder,— aber—“ „Eingeſchlagen! Ich weiß, was Sie meinen,“ ſchrie Mr. Wickfield.„Sie ſollen ſich nicht gedrückt fühlen durch die Annahme von Verbindlichkeiten, Miß Trotwood. Sie mögen für ihn bezahlen, wenn Sie wollen. Wir werden in den Bedingungen nicht hart ſein, aber Sie ſollen be⸗ zahlen, wenn Sie wollen.“ „Wenn es ſo verſtanden wird,“ ſagte meine Tante, „werd' ich, obwohl dies die Verbindlichkeit, die Sie mir auferlegen, nicht verringert, ihn ſehr gern hier laſſen.“ „Nun dann kommen Sie und ſehen Sie meine kleine Haushälterin,“ verſetzte Mr. Wickfield. Wir ſtiegen in Folge dieſer Einladung eine wunder⸗ ſame alte Wendeltreppe mit einem Geländer, ſo breit, daß wir beinahe ebenſo bequem auf ihm hätten hinaufgehen können, hinan und traten in ein ſchattiges alterthümli⸗ ches Geſellſchaftszimmer, welches von drei oder vier jener blanken Fenſter erhellt wurde, zu denen ich von der Straße hinaufgeſchaut hatte. In den Niſchen derſelben befanden ſich alte eichene Sitze„welche von denſelben Bäumen ge⸗ kommen zu ſein ſchienen, als die glänzende eichene Diele und die großen Balken an der Decke. Es war ein artig ausmöblirtes Zimmer, mit einem Pianoforte und einigem hellfarbig roth und grün angeſtrichenen Hausgeräthe und mehren Blumen. Es ſchien aus lauter alten Winkeln und Ecken zu beſtehen, und in jedem Winkel und jeder Ecke befand ſich irgend ein wunderlich gebautes altes Tiſchchen, oder Glasſchränkchen, oder Büchergeſtell, oder David Kopperfield. III. 6 82 David Kopperfield. Seſſel oder ſonſt etwas dergleichen, was mich auf den Gedanken brachte, es könne keinen andern ſo hübſchen Winkel in dem Zimmer geben, bis ich denn in den näch⸗ ſten blickte und ihn gleich hübſch, wo nicht noch beſſer fand. An allen Dingen daſelbſt haftete derſelbe Ausdruck von friedlicher Zurückgezogenheit und Reinlichkeit, welcher das Haus von Außen markirte. Mr. Wickfield klopfte an eine Thür in einer Ecke der getäfelten Wand, und ein Mädchen, etwa von meinem Alter, kam ſchnell heraus und küßte ihn. Auf ihrem Antlitze ſah ich augenblicklich jenen milden und ſanften Ausdruck der Dame, deren Bild unten mich angeblickt. Es kam meiner Einbildung vor, als ob das Portrait zum Weibe geworden und das Original ein Kind geblieben wäre. Obwohl ihr Geſicht ganz freudenhell und glücklich war, trug es doch einen Anſtrich milder Ruhe, und über⸗ haupt war ein Geiſt der Stille, Güte und Sanftmuth in ihrem ganzen Weſen, den ich nie vergeſſen habe und nie vergeſſen werde. Dies war ſeine kleine Haushälterin, ſeine Tochter Agnes, wie Mr. Wickfield ſagte. Als ich hörte, wie er dies ſagte, und ſah, wie er ihre Hand in der ſeinen hielt, errieth ich, welches jener einzige Beweggrund in ſeinem Leben war. Sie hatte an ihrer Seite ein kleines Tändelkörbchen, mit Schlüſſeln darin, hängen, und ſah wie eine ſo geſetzte und würdige Haushälterin aus, als das alte Haus nur haben konnte. Sie horchte ihrem Vater, als er ihr von mir erzählte, mit freundlicher Miene zu, und als er ſeinen Bericht geſchloſſen hatte, ſchlug ſie meiner Tante vor, hinaufzugehen und mein Stübchen ſich anzuſehen. Wir gingen alle miteinander, ſte vor uns her, und ein präch⸗ David Kopperfield. 83 tiges altes Zimmerchen war's ebenfalls, mit eichenen Deck⸗ balken und viereckigem Wandgetäfel, und das breite Trep⸗ pengeländer ging hinauf bis an daſſelbe. Ich kann mich nicht entſinnen, wo oder wann in mei⸗ ner Kindheit ich ein gemaltes Glasfenſter in einer Kirche geſehen habe. Auch erinnere ich mich nicht, was der Gegenſtand des darauf befindlichen Gemäldes war. Aber ich weiß, daß als ich auf der düſter erleuchteten alten Wendeltreppe ſie ſich herumdrehen und oben auf uns warten ſah, ich an jenes Fenſter dachte, und daß ich ſeine mildruhige Helle mit Agnes Wickfield in Verbindung brachte. Meine Tante war über die für mich getroffenen An⸗ ordnungen ſo glücklich, wie ich war, und wir gingen wohl⸗ zufrieden und dankbar wieder in das Geſellſchaftszimmer hinab. Da meine Tante nichts davon hören wollte, zum Mittagseſſen zu bleiben, weil ſie nicht in den Fall kommen mochte, durch irgend einen Zufall vom Nachhauſegelangen mit dem grauen Pony vor Dunkelheit abgehalten zu werden, und da, wie ich bemerkte, Mr. Wickfield ſie zu gut kannte, um auf irgend etwas ihr gegenüber zu be⸗ ſtehen, ſo wurde für ſie ein Frühſtuck zurecht gemacht, und Agnes ging zurück zu ihrer Gouvernante und Mr. Wickfield in ſeine Expedition. So waren wir denn allein gelaſſen, um, ungenirt von der Gegenwart Anderer, Abſchied von einander zu nehmen. Sie ſagte mir, daß Mr. Wick⸗ field Alles für mich in Ordnung bringen werde, und daß es mir an nichts fehlen ſolle. Sie ſprach zu mir mit den herzlichſten Worten und gab mir die beſten Ermahnungen. „Trot,“ ſchloß meine Tante ihre Rede,„führe Dich ſo auf, daß Du Dir ſelber, mir und Mr. Dick Ehre machſt, und Gott ſei mit Dir!“ 6* 84 David Kopperfield. Ich war von Rührung ganz überwältigt und vermochte nichts, als ihr aber und abermals zu danken und meine beſten Grüße an Mr. Dick aufzutragen. „Niemals,“ ſagte meine Tante,„ ſei gemein in irgend etwas, niemals ſei falſch, niemals ſei grauſam. Vermeide dieſe drei Fehler, Trot, und ich werde von Dir ſtets Gutes hoffen können.“ Ich verſprach, ſo gut ich's vermochte, daß ich ihre Güte nie mißbrauchen und nie ihre Ermahnungen vergeſſen wolle. „Der Pony iſt an der Thür,“ ſagte meine Tante „und ich bin fertig. Bleib hier.“ Mit dieſen Worten umarmte ſie mich haſtig, ging aus dem Zimmer und ſchlug die Thür hinter ſich zu. Zuerſt war ich verblüfft über einen ſo kurz abgebrochenen Abſchied und fürchtete beinahe, mit etwas ihr Mißfallen erregt zu haben; als ich aber auf die Straße hinabſchaute und ſah, wie niedergeſchlagen ſie in die Chaiſe ſtieg, und wie ſte davon fuhr, ohne aufzublicken, verſtand ich ſte beſſer und that ihr nicht mehr jenes Unrecht an. Gegen fünf Uhr, welches Mr. Wickfields Eßſtunde war, hatte ich meine verſtörten Gedanken wieder geſam⸗ melt und war bereit für den Kampf mit Meſſer und Gabel. Es war nur für uns zwei gedeckt, aber Agnes wartete im Geſellſchaftszimmer vor dem Eſſen, ging mit ihrem Vater hinunter und ſetzte ſich ihm gegenüber an den Tiſch. Ich zweifelte, ob er ohne ſte im Stande ge⸗ weſen wäre, zu eſſen. Wir blieben nicht dort, ſondern ſtiegen nach Been⸗ digung der Mahlzeit wieder hinauf ini's Geſellſchafts⸗ zimmer. In einem netten Eckplätzchen deſſelben ſetzte Agnes Gläſer nebſt einer Kanne mit Portwein für ihren Vater zurecht. Ich dachte, er würde ſeinen gewöhnlichen David Kopperfield. 85⁵ Wohlgeſchmack vermißt haben, wenn er durch irgend eine andere Hand dort für ihn hingeſetzt worden wäre. Dort ſaß er denn zwei Stunden und trank ſeinen Wein und zwar einen guten Schluck davon, während Agnes Pianoforte ſpielte, arbeitete und ſich mit ihm und mir unterhielt. Er war meiſtentheils heiter und fröhlich mit uns; aber manchmal hafteten ſeine Augen eine Weile auf ihr, und er verfiel in einen Zuſtand düſtern Brütens und war ſtumm und ſchweigſam. Sie bemerkte dies, wie mir vorkam, ſtets ſehr ſchnell und weckte ihn dann durch irgend eine Frage oder Schmeichelei aus ſeinen Träumen. Dann verließen ihn ſeine Gedanken, und er trank mehr Wein. Agnes machte den Thee und führte den Vorſitz dabei, und die Zeit nach demſelben verfloß wie nach Tiſche, bis ſte zu Bett ging, wo ihr Vater ſie umarmte und küßte, und, als ſie gegangen war, Kerzen in ſeine Expedition zu bringen befahl. Dann ging auch ich zu Bett. Im Laufe des Abends jedoch war ich hinab an die Thür und ein Stück die Straße hinauf geſchlüpft, damit ich mir die alten Häuſer und die graue Kathedrale noch⸗ mals beſehen und daran denken könnte, wie ich auf meiner Flucht aus London durch dieſe alterthümliche Stadt ge⸗ kommen und an dem Hauſe, in dem ich jetzt lebte, vor⸗ über gegangen ſei, ohne es zu kennen. Als ich zurück⸗ kehrte, ſah ich Uriah Heep die Thür zur Expedition zu⸗ ſchließen, und da ich mich gegen Jedermann freundlich geſtimmt fühlte, ging ich hinein und ſprach mit ihm und gab ihm, als ich mich verabſchiedete, die Hand. Aber hu! was für eine eiskalte Hand, wie geiſterhaft ſowohl anzu⸗ fühlen, als anzuſehen war ſte! Ich rieb mir die meinen 86 David Kopperfield. hinterher, um ſie zu wärmen und— die ſeine wieder abzureiben. Es war eine ſo unbehagliche Hand, daß ſie, als ich nach meinem Zimmer ging, noch immer kalt und feucht auf meinem Gedächtniſſe lag. Ich lehnte mich zum Fenſter hinaus, als ich aber eines von jenen Geſichtern an den Enden der Dachſtuhlbalken mich ſeitwärts anſchielen ſah, kam mir's vor, als ob Uriah Heep auf irgend eine Weiſe dort hinaufgeſtiegen ſei, und eilig ſchloß ich vor ihm das Fenſter zu. Sechszehntes Kapitel. Ich bin ein Neuling in mehr als einem Sinne. Den nächſten Morgen nach dem Frühſtück trat ich zum zweiten Male in's Schulleben ein. Ich ging in Begleitung Mr. Wickfields nach dem Schauplatze meiner zukünftigen Studien— einem ernſten Gebäude, umgeben von einem Hofraume und angethan mit einer gelehrten Miene, zu welcher die verirrten Krähen und Dohlen, welche von den Thürmen der Kathedrale herabkamen, um auf dem Gras⸗ platze mit der Würde eines Küſters herumzuwandeln, ſehr gut paßten— und wurde meinem neuen Lehrer, dem Doctor Strong vorgeſtellt. Doctor Strong ſah, meinen Gedanken nach, ſchier ſo roſtig, als die hohen Eiſengitter und Thüren draußen vor dem Hauſe und ſchier ſo ſteif und ſchwerfällig, wie die großen ſteinernen Urnen aus, welche zwiſchen ihnen ſtan⸗ den und auf die Höhe der rothen Ziegelmauer in regel⸗ mäßigen Entfernungen rings um den ganzen Hof wie hochemporgeſchoſſene Kegel geſtellt waren, mit denen die Zeit ſpielen ſolle. Er(Doctor Strong nämlich) war in 88 David Kopperfield. ſeiner Bibliothek. Seine Kleider waren nicht beſonders gut ausgebürſtet, ſeine Haare nicht beſonders ſorgſam ge⸗ kämmt, die Schlitze an ſeinen Kniehoſen nicht zugebunden, ſeine langen ſchwarzen Gamaſchen nicht zugeknöpft, und ſeine Schuhe gähnten wie zwei Höhlen auf dem Teppich vor dem Kamin. Indem er auf mich ſein glanzloſes Auge richtete, welches mich an ein längſt vergeſſenes altes blin⸗ des Pferd erinnerte, das einſt auf dem Kirchhofe in Blun⸗ derſtone das Gras abzuknuppern und über die Gräber zu ſtolpern pflegte, ſagte er, daß er ſich freue, mich zu ſehen, und dann gab er mir ſeine Hand, mit der ich nichts zu thun wußte, da ſie ſelbſt nichts that. Aber an einem Arbeitstiſchchen, nicht fern von Doctor Strong, ſaß eine ſehr hübſche junge Dame, welche er Annie nannte, und welche meiner Vermuthung nach ſeine Tochter war. Dieſe befreite mich von meinem Staunen, indem ſie niederkniete, Doctor Strong ſeine Schuhe an⸗ zog und ihm die Gamaſchen zuknöpfte, was ſie alles mit großer Lebendigkeit und Schnelligkeit vollbrachte. Als ſie fertig war und wir in die Schulſtube hinausgingen, war ich höchlichſt verwundert, ſie von Mr. Wickfield, der ihr guten Morgen ſagte, mit„Mrs. Strong“ anreden zu hören, und ſtaunend fragte ich mich eben, ob ſie vielleicht die Frau vom Sohne des Doctors, oder ob ſie gar die Frau Doctorin Strong ſein könnte, als Doctor Strong ſelbſt, ohne es zu wollen, mir darüber Aufklärung gab. „Ach, beiläufig, Wickfield,“ ſagte er, indem er, ſeine Hand auf meiner Schulter, auf einem Gange ſtehen blieb, „haben Sie noch keine paſſende Verſorgung für den Vetter meiner Frau ausfindig gemacht?“ „Nein,“ ſagte Mr. Wickfield.„Nein. Noch nicht.“ „Ich möchte wünſchen, daß es ſobald als nur möglich David Kopperfield. 89 geſchähe, Wickfield,“ erwiederte Doctor Strong;„denn Jack Maldon iſt arm und faul, und aus dieſen beiden üblen Dingen kommen ſchlimmere hervor. Was ſagt da Doctor Watts,“ fügte er hinzu, indem er mich anſah und ſeinen Kopf nach dem Sylbenmaße des Satzes, den er anführte, bewegte.„Satan findet immer noch, wo er Schaden anrichte; nämlich durch Hände, ſo faul ſind zu ſchaffen.“ „Allerdings, Doctor,“ entgegnete Mr. Wickfield, „aber wenn Doctor Watts die Menſchen gekannt hätte, ſo hätte er wohl mit ebenſo viel Wahrheit ſchreiben kön⸗ nen: Satan findet immer noch, wo er Schaden anrichte; nämlich durch Hände, ſo fleißig zum Schaffen ſind. Die fleißigen Leute tragen ihr reichliches Theil zu dem Schaden und Unrechte bei, das in der Welt iſt, darauf können Sie ſich verlaſſen. Weſſen haben ſich die Leute bedient, welche dieſe letzten zwei Jahrhunderte die fleißigſten zum Erwerb von Geld oder Macht waren? Nicht des Unrechts?“ „Jack Maldon wird meiner Erwartung nach weder zum Erwerb des Einen noch zu dem des Andern ſehr fleißig ſein,“ ſagte Doctor Strong, indem er ſich gedanken⸗ voll das Kinn rieb. „Vielleicht nicht,“ erwiederte Mr. Wickfield,„und Sie bringen mich hiermit auf die in Rede ſtehende-An⸗ gelegenheit zurück, wobei ich um Entſchuldigung für meine Abſchweifung bitten muß.„Nein, ich bin noch nicht im Stande geweſen, etwas für Jack Maldon zu thun. Ich glaube übrigens“— dies ſagte er mit einigem Zögern,„Ihren Beweggrund zu begreifen, und dieſer macht die Sache ſchwieriger.“ „Mein Beweggrund,“ entgegnete Doctor Strong, 90 David Kopperfield. „iſt einzig und allein, eine paſſende Verſorgung für einen Vetter und einſtigen Geſpielen Annie's zu haben.“ „Hm, weiß es,“ ſagte Mr. Wickfield,„zu Hauſe oder in der Ferne.“ „Ja wohl,“ crwiederte der Doctor, augenſcheinlich verwundert, weshalb Jener dieſe Worte ſo ſcharf betonte. „Zu Hauſe oder in der Ferne.“ „Ihr eigner Ausdruck, wie Sie ſehen,“ ſagte Mr. Wickfield.„Oder in der Ferne.“ „Freilich,“ antwortete der Doctor.„Freilich. Eins oder das Andere.“ „Eins oder das Andere. Sollte Ihnen nicht eines von beiden lieber ſein?“ fragte Mr. Wickfield. „Nein,“ erwiederte der Doctor. „Nein?“ war die erſtaunte Frage ſeines Freundes. „Nicht im Mindeſten.“ „Gar keinen Beweggrund,“ ſagte Mr. Wickfield,„um eine Stelle in der Ferne und nicht hier zu wünſchen?“ „Nein,“ antwortete der Doctor. „Ich muß Ihnen Glauben beimeſſen, und natürlich glaub' ich Ihnen auch,“ antwortete hierauf Mr. Wickfield. „Es würde mein Geſchäft ſehr vereinfacht haben, hätte ich das eher gewußt. Aber ich geſtehe, ich ſah es bisher mit andern Augen an.“ Doctor Strong betrachtete ihn mit einem verwunder⸗ ten und fragenden Blicke, der jedoch faſt im Entſtehen ſchon einem Lächeln wich, welches mir zu großer Ermu⸗ thigung gereichte; denn es war voll Milde und Liebens⸗ würdigkeit, und es lag in demſelben und wahrlich in ſeinem ganzen Weſen, als die froſtige Weiſe des Forſchers und Grüblers von demſelben verſchwunden war, eine ſolche kindliche Einfalt, daß ein junger Schüler, wie ich, ſich — David Kopperfield. 91 davon angezogen und zu froher Hoffnung geſtimmt fühlen mußte. Indem er ſein„Nein,“ und„Nicht im Minde⸗ ſten“ nebſt andern kurzen Verſicherungen gleichen Sinnes wiederholte, ſtolperte Doctor Strong mit einem wunder⸗ lichen, ungleichen Schritte vor uns her, und wir folgten, wobei Mr. Wickfield, wie ich bemerkte, ſehr nachdenklich ausſah und mehrmals, ohne zu wiſſen, daß ich ihn beobach⸗ tete, den Kopf für ſich ſchüttelte. Die Schulſtube war eine ziemlich große Halle auf der ruhigſten Seite des Hauſes. Sich gegenüber hatte ſte den ſtattlichen Anblick von etwa einem halben Dutzend jener großen Urnen, und außerdem beherrſchte ſie die Aus⸗ ſicht auf einen alten abgeſchloſſenen Garten, welcher dem Doctor gehörte, und wo an der ſonnigen Südſeite der Mauer die Pfirſiche reiften. Dort befanden ſich auch auf dem äußeren Fenſtergeſims zwei große Aloen in Kübeln, und die breiten harten Blätter dieſer Pflanze(welche aus⸗ ſehen, als ob ſie von gemaltem Zinn gemacht wären) ſind, durch irgend eine Ideenverknüpfung, ſeitdem immer für mich Symbole des Schweigens und der Abgeſchiedenheit geweſen. Etwa fünfundzwanzig Knaben ſtudirten eifrigſt in ihren Büchern, als wir eintraten; aber ſie erhoben ſich, um dem Doctor Guten Morgen zu wünſchen, und blieben ſtehen, als ſie Mr. Wickfield und mich erblickten. „Ein neuer Knabe, meine jungen Herren,“ ſagte der Doctor.„Trotwood Kopperfield.“ Ein gewiſſer Adams, welcher der Claſſenoberſte war, trat hierauf aus ſeinem Platze, kam auf mich zu und hieß mich willkommen. Er ſah in ſeiner weißen Halsbinde wie ein kleiner geiſtlicher Herr aus, war jedoch ſehr höflich und freundlich, zeigte mir meinen Platz und ſtellte mich in einer höchſtanſtändigen Weiſe, welche mir— wenn irgend 92 David Kopperfield. etwas dies vermocht hätte— ganz allein ſchon das Herz erleichtert haben würde, den Lehrern vor. Es ſchien mir indeſſen eine ſo lange Zeit verfloſſen zu ſein, ſeit ich nicht unter ſolchen Knaben oder über⸗ haupt unter Geſellſchaft von meinem eignen Alter, Mick Walker und die Mehliche Kartoffel ausgenommen, geweſen war, daß ich mich ſo fremd fühlte, wie nie in meinem ganzen Leben. Ich war mir ſo wohl bewußt, Scenen, von denen ſie keinen Begriff haben konnten, erlebt und Er⸗ fahrungen gemacht zu haben, die zu meinem Alter, meinem Auftreten und meiner Stellung, wenn ich einer von ihnen geweſen wäre, nicht gepaßt hätten, daß ich es halb und halb für eine Täuſchung meiner Einbildungskraft hielt, wenn ich mich dorthin als einen gewöhnlichen kleinen Schulknaben kommen ſah. Ich war in der Zeit von Murdſtone und Grinby, wie lang oder kurz dieſelbe auch immer gedauert haben mag, der üblichen Vergnügungen und Spiele der Knaben ſo ungewohnt geworden, daß ich fühlte, wie ungeſchickt und unerfahren ich in den bekann⸗ teſten Dingen war, die zu ihnen gehörten. Alles, was ich gelernt hatte, war in dem niedern Sorgen und Trachten nach des Lebens Nothdurft vom Morgen bis in die Nacht meinem Gedächtniß entſchwunden, ſo daß ich jetzt, wo ich über das, was ich wüßte, befragt wurde, gar nichts wußte, und auf die unterſte Bank der Schule zu ſitzen kam. Aber wie betrübt und geängſtigt ich auch über meinen Mangel an Geſchicklichkeit in den Künſten der Knaben und ebenſo an gelehrtem Wiſſen war, unendlich unbehaglicher noch wurde mir bei der Betrachtung zu Muthe, daß ich in dem, was ich wußte, meinen Schulkameraden noch viel ferner ſtand, als in dem, was ich nicht wußte. Ich dachte daran, was ſie meinen möchten, wenn ſie von meiner genauen — David Kopperfield. 93 Bekanntſchaft mit dem Kingsbench⸗Gefängniſſe erführen. Gab es irgend etwas an mir, das, meinen Bemühungen zum Trotz, meine Geſchäfte in Verbindung mit der Familie der Micawber— alle jene Verſatz⸗ und Verkaufsgeſchäfte und Abendeſſen— verrathen konnte? Geſetzt den Fall, einer oder der andere dieſer Knaben hatte mich abgeriſſen, ſtaub⸗ und lumpenbedeckt durch Canterbury kommen ſehen und erkannte mich jetzt wieder? Und was würden ſie, die ſo leicht mit dem Gelde umſpran⸗ gen, ſagen, wenn ſie wiſſen könnten, wie ich meine Half⸗ pence zuſammengeſcharrt habe, um mir mein tägliches Knackwürſtchen und Bier, oder meine Schnitte Pudding zu erſchwingen? Und wie würde es ſie, die ſo unbekannt mit dem Leben und den Straßen Londons waren, berüh⸗ ren, wenn ſie entdeckten, wie bekannt ich mit verſchiedenen der gemeinſten Erſcheinungen in beiden, und wie beſchämt ich über dieſe Bekanntſchaft war? Alles dies ging mir an dem erſten Tage bei Doctor Strong ſo ſehr durch den Kopf, daß ich mich über meine unſchuldigſte Miene oder Geberde in Verzweiflung fühlte, mich erſchrocken in mich ſelbſt verkroch, wenn ſich mir einer meiner neuen Schul⸗ kameraden näherte, und augenblicklich eiligſt davonlief, als die Schule aus war, indem ich mich fürchtete, mir durch meine Antwort auf irgend eine freundliche Notiz⸗ nahme oder Anrede eine Blöße zu geben. Aber es lag in Mr. Wickfields altem Hauſe ſolch ein Einfluß, daß, als ich, meine neuen Schulbücher unter meinem Arme, an daſſelbe klopfte, ich zu fühlen begann, wie all meine Unbehaglichkeit leiſe hinwegſchwand. Als ich nach meinem luftigen alten Zimmer hinaufſtieg, ſchien der düſtere Schatten der Wendeltreppe auf meine Zweifel und Befürchtungen zu fallen und die Vergangenheit we⸗ 94 David Kopperfield. niger deutlich zu machen. Dort ſaß ich und lernte tapfer aus meinen Büchern auswendig, bis die Eſſenszeit kam(die Schule ging nämlich ſtets um drei Uhr aus), wo ich voll von der Hoffnung, noch ein leidlicher Junge werden zu können, hinunterging. Agnes war im Geſellſchaftszimmer und wartete auf ihren Vater, welcher durch irgend Jemand in ſeiner Expe⸗ dition zurückgehalten wurde. Sie kam mir mit ihrem freundlichen Lächeln entgegen und fragte mich, wie mir's in der Schule gefiele. Ich ſagte, daß ich dieſelbe recht lieb zu gewinnen hoffte, aber das Leben käme mir jetzt, den erſten Tag, ein wenig fremdartig vor. „Sie ſind niemals in die Schule gegangen,“ ſagte ich,„nicht wahr, nicht?“ „O ja! Alle Tage.“ „Ach ja, aber Sie meinen hier, in Ihrem eignen Hauſe?“ „Papa konnte mich nicht wo anders hingehen laſſen,“ antwortete ſie, indem ſie lächelnd den Kopf ſchüttelte. „Seine kleine Haushälterin muß, wie Sie wiſſen, in ſeinem Hauſe ſein.“ „Er hat Sie gewiß recht lieb,“ ſagte ich. Sie nickte ein„Ja“ und ging dann nach der Thür, um zu horchen, ob er etwa herauf käme, damit ſie ihm auf die Treppe entgegengehen könnte. Da er aber nicht da war, kam ſie wieder zurück. „Mama iſt ſchon geſtorben, als ich auf die Welt kam,“ ſagte ſie in ihrer milden ruhigen Weiſe.„Ich kenne ſte blos nach ihrem Bilde unten. Ich ſah, wie Sie ſich's geſtern betrachteten. Dachten Sie ſich, weſſen Bild es wäre?“ Ich antwortete ihr: ja, weil es ihr ſo ſehr gliche. 8* David Kopperfield. 95 „Papa ſagt das auch,“ erwiederte Agnes geſchmeichelt, „Aber horch, das iſt jetzt Papa!“ Ihr heiteres ruhiges Antlitz erglänzte vor Freude, als ſie ihm entgegenging und als ſte Hand in Hand wieder hereintraten. Er begrüßte mich mit Herzlichkeit und ſagte mir, daß ich unter Doctor Strong, der einer der ſanfteſten Menſchen ſei, ganz gewiß glücklich ſein werde. „Es mag da einige Leute geben— ich weiß aller⸗ dings nicht, ob es wirklich dergleichen giebt— welche ſeine Gutmüthigkeit mißbrauchen,“ ſagte Mr. Wickfield. „Nie und in keiner Weiſe ſei einer von dieſen Menſchen, Trotwood. Er iſt der am wenigſten mißtrauiſche unter allen Menſchen, und ob dies nun Lob oder Tadel ver⸗ dient, es erfordert Rückſichtnahme in allen Verhältniſſen zu dem Doctor, wichtigen oder unwichtigen.“ Mir kam's vor, als ob er dies in einer Weiſe ſpräche, wie wenn er einer Sache müde oder damit unzufrieden wäre; indeß verfolgte ich dieſe Frage nicht weiter in mei⸗ nem Kopfe; denn eben wurde angeſagt, das Eſſen ſei aufgetragen, und wir gingen hinunter und nahmen die⸗ ſelben Sitze wie wurhane ein. Kaum war dies gef hehen, ſo ſteckte Uriah Heep ſeinen rothen Kopf und ſeine ſchmale Hand zur Thür herein und ſagte: „Hier iſt Mr. Maldon, der Sie um die Erlaubniß bittet, ein Wort mit Ihnen ſprechen zu können.“ „Ich bin aber ja erſt dieſen Augenblick Mr. Maldon los geworden,“ verſetzte ſein Herr. 4 „Ja, Herr Wickfield,“ erwiederte Uriah,„aber Herr Maldon iſt zurückgekehrt und bittet um die Erlaubniß, ein Wort mit Ihnen ſprechen zu können.“ Während er die Thür mit der Hand offen hielt, * 96 David Kopperfield. ſchaute Uriah auf mich und auf Agnes und auf die Ge⸗ richte und auf die Teller und auf jeden Gegenſtand im Zimmer, wie mir's vorkam,— wobei er jedoch auf nichts zu ſchauen ſchien; denn er ſtand die ganze Zeit über da, als ob er ſeine rothen Augen nur dienſtbefliſſen auf ſeinen Herrn gerichtet halte. „Bitte um Verzeihung. Ich wollte nur noch bemer⸗ ken, daß ich in Betracht“— ſagte eine Stimme hinter Uriah, als deſſen Kopf weggezogen und der des Sprechen⸗ den dafür auf der Bühne erſchienen war,—„bitte, ent⸗ ſchuldigen Sie meine Zudringlichkeit— daß ich alſo, da ich in der Sache keine Wahl zu haben ſcheine, es um ſo lieber ſehen würde, je eher ich wegkäme. Meine Baſe Annie ſagte, als wir davon ſprachen, daß ſie ihre Freunde lieber in ihrer Nähe, als von ſich verbannt ſähe, und der alte Doctor—* „Das war Doctor Strong, nicht wahr?“ unterbrach ihn Mr. Wickfield mit Würde. „Doctor Strong, natürlich,“ entgegnete Jener,„ich heiße ihn den alten Doctor— s iſt ganz einerlei, wie Sie wiſſen.“ 8 „Nicht, daß ich wüßte,“ erwiederte Mr. Wickfield. „Nun denn, meinethalben Doctor Strong,“ ſagte Jener,—„Doctor Strong alſo war derſelben Anſicht, wie ich glaubte. Da es aber nach dem Verfahren, das Sie mit mir einſchlagen, ſcheint, als ob er ſeine Anſicht geändert habe, ſo iſt darüber nichts weiter zu ſagen, aus⸗ genommen, daß, je eher ich weg bin, deſto beſſer. Des⸗ halb dacht' ich daran umzukehren und Ihnen zu ſagen: je eher weg, deſto beſſer. Wenn man einen Sprung in's Waſſer zu thun hat, ſo hilft's nichts, lange am Ufer herumzutrödeln.“ . * David Kopperfield. 97 „Es ſoll ſo wenig wie nur möglich getrödelt werden in Ihrem Falle, Mr. Maldon; darauf können Sie ſich verlaſſen,“ entgegnete Mr. Wickfield. „Danke ſchön,“ ſagte Jener.„Sehr verbunden. Ich mag einem geſchenkten Gaul nicht in's Maul ſehen, was ja überhaupt nichts Angenehmes iſt. Außerdem aber möcht' ich behaupten, daß meine Baſe Annie es leicht in anderer Weiſe einrichten könnte. Ich glaube, Annie brauchte nur zu dem alten Doctor zu ſagen—* „Verſteh' ich Sie recht, wenn ich mir darunter Mrs. Strong denke, die nur zu ihrem Gatten zu ſagen brauchte?“ fragte Mr. Wickfield. „Ganz recht,“ erwiederte Jener,—„brauchte alſo nur zu ſagen, daß ſie Dies oder Das ſo und ſo haben wollte, und es würde ſo und ſo ſein, als eine Sache, die ſich von ſelbſt verſteht.“ „Und in wiefern eine Sache, die ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht?“ fragte Mr. Wickfield, indem er gelaſſen ſein Mit⸗ tagseſſen verzehrte. „Nun, mein Gott, weil Annie ein liebenswürdiges junges Mädchen iſt, und der alte Doctor— Doctor Strong wollt' ich ſagen nicht ganz ein liebenswürdiger Knabe mehr iſt,“ ſagte Mr. Jack Maldon lachend.„Nichts für ungut, Herr Wickfield; ich meine nur, daß ich bei einer derartigen Ehe einige Ausgleichung für hübſch und vernünftig halte.“ „Eine Ausgleichung auf Seiten der Dame, Herr Maldon?“ fragte Mr. Wickfield ernſthaft. „Auf Seiten der Dame,“ antwortete Mr. Jack Maldon lachend. Aber indem er zu bemerken ſchien, daß Mr. Wickfield in derſelben gelaſſenen, ungeſtörten Weiſe zu eſſen fortfuhr, und daß er keine Hoffnung habe, auch nur David Kopperfield. III. 7 98 David Kopperfield. eine Muskel ſeines Geſichts aus ihrer Lage zu bringen, ſetzte er hinzu: „Trotzdem aber habe ich Ihnen geſagt, was zu ſagen, ich zurückkehrte, und indem ich mich uehendoßßr zudeing lichkeit nochmals entſchuldige, kann ich mich jetzt fort⸗ machen. Natürlich werde ich mich Ihrer Anweiſung un⸗ terwerfen, indem ich die Sache als zwiſchen Ihnen und mir allein abgemacht und ohne Rückſicht auf des Doctors Haus anſehe.“ „Haben Sie geſpeiſt?“ fragte Mr. Wickfield mit einer einladenden Handbewegung nach dem Tiſche hin. „Dank Ihnen,“ ſagte Mr. Maldon,“ ich bin im Begriff, mit meiner Baſe Annie zu eſſen. Leben Sie wohl!“ Mr. Wickfield ſah ihm, ohne ſich zu erheben, gedan⸗ kenvoll nach, als er hinausging. Er war ein äußerſt fader junger Herr, wie mir's ſchien, hatte ein hübſches Geſicht, eine heftige Art ſich zu äußern mit einer zuverſichtlichen, unverſchämten Miene. Und dies war das erſte Mal, wo ich Jack Maldon ſah, den ich nicht k ſ bald zu ſehen er⸗ wartet hatte, als ich den Doctor dieſen Morgen von ihm s wir gegeſſen hatten, gi en wir wieder hinauf, wo Alles wieder ſo kam, wie am vorhergehenden Tage. Agnes ſtellte die Gläſer und Kannen in denſelben Winkel, und Mr. Wickfield ſetzte ſich zum Trinken nieder und trank einen guten Tropfen. Agnes ſpielte ihm auf dem Pianoforte vor, ſetzte ſich zu ihm, arbeitete und ſchwatzte mit ihm und that dann einige Züge Domino mit ihm. Zu rechter Zeit machte ſie den Thee, und ſpäter, als ich meine Bücher herunterbrachte, gukte ſie hinein und zeigte mir, was ſie von ihnen wüßte(was durchaus nicht un⸗ — David Kopperfield. 99 bedeutend war, obwohl ſie meinte, es ſei nicht viel) und was die beſte Art, aus ihnen zu lernen und ſie zu ver⸗ ſtehen ſei. Ich ſehe ſie mit ihrer beſcheidenen, ſittſamen, ſanften Weiſe noch, und ich höre ihre milde Stimme noch, während ich dies ſchreibe. Der Einfluß, den ſie in ſpäterer Zeit auf mich ausübte und mit welchem ſie mich zu allem Guten antrieb, beginnt bereits, ſich auf mein Herz herabzuſenken. Ich liebe Klein⸗Emilchen und ich liebe Agnes nicht— nein, nicht im Entfernteſten etwas davon— aber ich fühle, daß überall, wo Agnes waltet, Güte, Frieden und Wahrheit ſind, und daß das ſanfte Licht des gemalten Kirchenfenſters, vor alter Zeit geſehen, allewege auf ſie fällt und auf mich, wenn ich ihr nahe bin, und auf Alles rings um. Als die Zeit gekommen war, wo ſie ſich für die Nacht zurückzog, und ſie uns verlaſſen hatte, gab ich Mr. Wick⸗ field die Hand, um mich ſelbſt zu entfernen. Aber er hielt mich zurück und ſagte:„Würdeſt Du's wohl vorziehen, bei uns zu bleiben, Trotwood, oder wo andershin zu gehen?“ „Zu bleiben,“ antwortete ich ſchnell. „Biſt Du Dir darüber gewiß?“ 8 „Wenn Siess erlauben. Wenn ich darf!“ „Ei ich fürchte, es iſt aber nur ein einförmiges, trauri⸗ ges Leben, das wir hier führen, Knabe,“ ſagte er. „Nicht einförmiger für mich, als für Agnes, Herr Wickfield. Nicht im Geringſten einförmig und traurig!“ „Als für Agnes,“ wiederholte er, indem er langſam nach dem großen Kaminſimſe hinſchritt und ſich daran lehnte.„Als für Agnes.“ Er hatte dieſen Abend Wein getrunken(oder ich bil⸗ dete mir dies ein) bis ſeine Augen blutroth entzündet 7 100 David Kopperfield. waren. Nicht daß ich ſie jetzt geſehen hätte; denn ſie waren niedergeſchlagen und mit der Hand beſchattet; aber ich hatte ſte ein Weilchen vorher beobachtet. „Nun, ich möchte wiſſen,“ murmelte er,„ob meine Agnes meiner müde iſt. O wie könnt' ich ihrer je müde werden! Aber darum handelt ſich's nicht— darum han⸗ delt ſich's ganz und gar nicht!“) Er war in Gedanken— ſprach nicht mit mir, und ſo blieb ich ruhig. „Ein düſtres altes Haus,“ fuhr er fort,„und ein eintöniges Leben. Aber ich muß ſie bei mir haben. Ich muß ſie in meiner Nähe behalten. Wenn der Gedanke, daß ich ſterben und meinen kleinen Liebling verlaſſen, oder daß mein kleiner Liebling ſterben und mich verlaſſen könnte, wie ein Geſpenſt über mich kommt, um meine glücklichſten Stunden zu Stunden der Trauer zu machen, und ſich nur ertränken läßt, wenn—“ Er vollendete den Satz nicht, ſondern, indem er lang⸗ ſam nach dem Orte hinſchritt, wo er geſeſſen, ging er mechaniſch alle die Bewegungen durch, als ob er Wein aus der leeren Kanne einſchenken wollte, ſetzte ſie dann nieded ind ſchritt wieder zurück. 4 „Wenn es ſchon ein elendes Leben iſt, wenn ſie hier iſt,“ ſagte er,„wie würde eserſt ſein, wenn ſte weg wäre. Nein, nein, nein. Ich kann das nicht verſuchen!“ Er lehnte ſich gegen den Kaminſims und brütete ſo lange vor ſich hin, daß ich zu keinem Entſchluſſe gelangen konnte, ob ich es drauf ankommen laſſen ſollte, ihn durch mein Weggehen zu ſtören, oder ob ich ruhig bleiben ſollte, wo ich war, bis er aus ſeiner Träumerei erwachte. Endlich richtete er ſich auf und ſah ſich im Zimmer um, bis ſeine Augen den meinen begegneten. — „— David Kopperfield. 101 „Alſo bei uns bleiben, Trotwood, he?“ ſagte er in ſeiner gewöhnlichen Art, und als ob er auf etwas ant⸗ worte, was ich ſo eben erſt geſagt.„Ich freue mich dar⸗ über. Du biſt ein Geſellſchafter für uns beide. Es iſt heilſam, Dich hier zu haben. Heilſam für mich, heilſam für Agnes, heilſam vielleicht für uns Alle.“ „Ich bin wenigſtens ſicher, daß es für mich ſo iſt, Herr Wickfield,“ ſagte ich.„Ich bin glücklich, hier zu ſein.“ „Ein nettes Bürſchchen!“ rief Mr. Wickfield.„So lange als Du glücklich biſt, hier zu ſein, ſollſt Du hier bleiben dürfen.“ Er gab mir die Hand darauf und gab mir einen Klaps auf den Rücken und ſagte mir, wenn ich etwas zu thun hätte, Abends, wo Agnes uns verlaſſen, oder wenn ich zu meinem Vergnügen zu leſen wünſchte, ſo ſtünde mir's frei, in ſein Zimmer hinunter zu kommen, wenn er dort wäre und ich Geſellſchaft zu haben wünſchte, und mich zu ihm zu ſetzen. Ich dankte ihm für ſeine Rückſichtnahme, und als er ſich ſpäter hinunterbegab, ging ich, da ich noch nicht ſchläfrig war, ebenfalls hinunter und nahm mir ein Buch mit, um mir ſeine Erlaubniß eine halbe Stunde zu Nutze zu machen. Da ich aber im kleinen runden Bureau im Thürmchen Licht ſah und mich augenblicklich nach Uriah Heep hinge⸗ zogen fühlte, welcher eine Art Zauber auf mich ausübte, ſo ging ich ſtatt in Mr. Wickfields Zimmer lieber dorthin. Ich fand Uriah in einem großen dicken Buche leſen und zwar mit ſo ausgeprägter Aufmerkſamkeit, daß ſein langer dürrer Zeigefinger jeder Zeile folgte, die er las, und kühle feuchte Spuren auf der Seite zurückließ(wenigſtens meiner feſten Ueberzeugung nach zurückließ) wie eine Schnecke. 10² David Kopperfield. „Arbeiten Sie denn ſo ſpät in der Nacht noch, Uriah?“ fragte ich. „Ja, Musje Kopperfield,“ ſagte Uriah. Als ich mich auf den ihm gegenüberſtehenden Stuhl geſetzt hatte, um mich auf paſſendere Art mit ihm unter⸗ halten zu können, bemerkte ich, daß er nichts von einem Lächeln an ſich hatte, ſondern nur ſeinen Mund nach beiden Seiten auszudehnen und zwei harte Runzeln, auf jede Seite eine, in ſeine Backen zu machen verſtand, was für etwas derartiges gelten ſollte. „Ich arbeite nicht für die Expedition, Musje Kopper⸗ field,“ ſagte Uriah. „Was denn?“ fragte ich. „Ich erweitere meine Kenntniß der Geſetze, Musje Kopperfield,“ antwortete Uriah.„Ich gehe Tidd's „Practice“ durch. Oh, was für ein herrlicher Schrift⸗ ſteller iſt Nr. Tidd, Musje Kopperfield!“ Mein Stuhl war ſolch ein Wartthurm, daß, als ich ihn beobachtete, wie er nach dieſem begeiſterten Ausrufe weiter las und den Zeilen mit ſeinem Zeigefinger folgte, ich bemerkte, wie ſeine Naſenlöcher, welche dünn und nach vorn zugeſpitzt und innerlich hochgeröthet waren, eine ſonderbare und höchſt unbehaglich anzuſehende Art ſich auszudehnen und wieder zuſammenzuziehen hatten, ſo daß ſie zu zwinkern ſchienen anſtatt ſeiner Augen, welche kaum jemals zwinkerten. „Vermuthlich ſind Sie ſchon ein großer Rechtsgelehr⸗ ter?“ ſagte ich, nachdem ich ihm eine Weile zugeſehen hatte. „Ich, Musje Kopperfield?“ verſetzte Uriah.„O nein! Ich bin eine ſehr geringe Perſon.“ Es war keine Einbildung von mir, was ich über ſeine — David Kopperfield. 103 Hände bemerkt habe; denn häufig rieb er die inneren Handflächen an einander, als ob er ſie trocken und warm quetſchen wollte, auch wiſchte er ſie oft heimlich an ſein Taſchentuch ab. „Ich bin mir wohl bewußt, daß ich eine ſehr geringe Perſon bin,“ ſagte Uriah Heep beſcheiden,„mögen Andere ſich einbilden, was ſie wollen. Meine Mutter iſt ebenfalls eine geringe Perſon. Wir leben in einer geringen Woh⸗ nung, Musje Kopperfield, haben aber dafür Gott von Herzen dankbar zu ſein. Meines Vaters frühere Stellung im Leben war eine geringe. Er war ein Küſtersgehülfe. „Und was iſt er jetzt?“ fragte ich. „Gegenwärtig ein Theilhaber an der Glorie der Se⸗ ligen, Musje Kopperfield,“ ſagte Uriah Heep.„Aber wir müſſen Gott auch dafür dankbar ſein. Wie dankbar muß ich dafür ſein, daß ich mit Herrn Wickfield lebe!“ Ich fragte jetzt Uriah, ob er lange ſchon mit Mr. Wick⸗ field zuſammengeweſen ſei. „Ich bin vier Jahre hintereinander bei ihm geweſen, Musje Kopperfield,“ antwortete Uriah, indem er ſein Buch zuſchloß, jedoch nicht ohne vorher ſorgſam den Ort angezeichnet zu haben, wo er ſtehen geblieben war.„Ein Jahr nach meines Vaters Tode kam ich her. O wie hab' ich dafür Gott zu danken! Wie muß ich dankbar ſein für Herrn Wickfields liebevolle Abſicht, mich meine juriſti⸗ ſche Laufbahn bei ihm durchmachen zu laſſen, welches ſonſt nicht in den geringen Kräften meiner Mutter und den meinen liegen würde!“ „Dann aber, wenn Ihre Lehrzeit vorbei iſt, werden Sie vermuthlich ein regelrechter Sachwalter ſein?“ fragte ich. 104 David Kopperſield. „Wenn Gott ſeinen Segen dazu giebt, Musje Kopper⸗ field,“ erwiederte Uriah. „Vielleicht werden Sie dann eines Tages Theilhaber an Herrn Wickfields Geſchäft,“ ſagte ich, indem ich mich ihm angenehm machen wollte,„und es heißt dann Wick⸗ field und Heep, oder Heep, vormals Wickfield?“ „Oh nein, Musje Kopperfield.“ entgegnete Uriah, „dazu bin ich viel zu gering!“— Er ſah wahrhaftig dem ausgeſchnitzten Geſichte an dem Balken vor meinem Fenſter draußen ungemein ähn⸗ lich, wie er ſo in ſeiner Demuth da ſaß und mich ſeit⸗ wärts anſchielte, mit ſeinem breitgezogenen Munde und ſeinen Runzeln in den Backen. „Mr. Wickfield iſt ein höchſt ausgezeichneter Mann, Musje Kopperfield,“ fuhr Uriah fort.„Wenn Sie ihn ſchon lange kennen, ſo wiſſen Sie das ſicherlich viel beſſer, als ich's Ihnen ſagen kann.“ Ich entgegnete ihm, daß ich der Ueberzeugung wäre, wie dem ſo ſei; daß ich für meine Perſon ihn aber nicht lange kenne, obwohl er ein Freund meiner Tante ſei. „Ach gar, Musje Kopperfield,“ ſagte Uriah.„Ihre Tante iſt eine ſehr gütige Dame, Musje Kopperfield.“ Er pflegte ſich, wenn er ſeine Begeiſterung ausdrücken wollte, in einer Weiſe zu winden und zuſammenzuziehen, welche höchſt abſcheulich ausſah, und welche meine Auf⸗ merkſamkeit von dem Lobſpruche, den er meiner Verwand⸗ ten gezollt hatte, auf die ſchlangenhaften Windungen ſeines Halſes und Körpers lenkte. „Eine ſehr gütige Dame, Musje Kopperfield!“ wieder⸗ holte Uriah Heep.„Sie fühlt große Bewunderung für Fräulein Agnes, wie ich glaube, Musje Kopperfield?“ David Kopperſield. 105 Ich ſagte friſchweg„Ja,“ obwohl ich, Gott verzeih' mir's, nicht das Geringſte darüber wußte. „Ich hoffe, auch Sie fühlen ſo, Musje Kopperfield,“ fuhr Uriah fort.„Ja wahrhaftig, Sie müſſen ſo fühlen.“ „Jedermann muß das,“ erwiederte ich. „Oh, dank Ihnen, Musje Kopperfield!“ ſagte Uriah Heep.„Dank Ihnen für dieſe Bemerkung! Sie iſt wahr! So gering, wie ich bin, weiß ich doch, daß ſie wahr iſt. Oh, Dank Ihnen, Musje Kopperfield.“ Er wand und krümmte ſich in der Aufregung ſeiner Gefühle ganz von ſeinem Stuhle hinweg und begann, nachdem er hinweg, ſeine Vorbereitungen zum Nachhauſe⸗ gehen zu treffen. „Mutter wird mich erwarten,“ ſagte er, indem er auf eine verbleichte Uhr mit einem Zifferblatte wie ein aus⸗ drucksloſes Geſicht in ſeiner Taſche ſah,„und unruhig werden; denn obwohl wir ſehr geringe Leute ſind, Musje Kopperfield, ſo hängen wir doch ſehr an einander. Wenn Sie einmal einen Nachmittag kommen und uns beſuchen und in unſrer geringen Wohnung eine Taſſe Thee ein⸗ nehmen wollten, ſo würde Mutter ebenſo ſtolz ſein, Sie zum Gaſte zu haben, als ich.“ Ich ſagte, es würde mir eine Freude ſein, zu kommen. „Danke, Musje Kopperfield,“ erwiederte Uriah, in⸗ dem er ſein Buch auf ein Bücherbret wegſtellte.„Ver⸗ muthlich bleiben Sie einige Zeit hier, Musje Kopperfield?“ Ich ſagte, daß ich glaube, ich werde hier auferzogen werden, ſo lange, als ich in der Schule bliebe. „Ach gar!“ rief Uriah aus.„Ich ſollte meinen, Sie würden einſt in das Geſchäft eintreten, Musje Kopperfield?“ Ich leugnete dies und ſagte, daß ich keine Erwartun⸗ 106 David Kopperfield. gen der Art hege, und daß Niemand einen derartigen Plan mit mir vorhabe. Er aber blieb dabei, auf alle meine Verſicherungen mit ſanfter Stimme immer und immer wieder zu erwidern:„O ja, Musje Kopperfield, ich ſollte meinen, Sie würden ganz gewiß!“ und:„O ge⸗ wiß, Musje Kopperfield, ich ſollte meinen, Sie würden, ſicherlich!“ Als er zuletzt bereit war, die Expedition für dieſe Nacht zu verlaſſen, fragte er mich, ob es mir recht wäre, wenn das Licht ausgeloͤſcht würde, und als ich mit„Ja“ antwortete, putzte er's augenblicklich aus. Nachdem er mir die Hand gegeben— ſeine Hand fühlte ſich im Dun⸗ keln wie ein Fiſch an— öffnete er die Thür nach der Straße ein klein wenig, ſchlüpfte hinaus, ſchloß ſie zu und ließ mich allein, um mir meinen Weg zurück in's Haus durch Tappen zu ſuchen, was mich einige Mühe und einen Fall über ſeinen Stuhl koſtete. Dies war vermuthlich die nächſte Urſache, daß ich, wie mir's ſchien, die halbe Nacht von ihm träumte, und unter andern Din⸗ gen träumte, daß er mit Mr. Peggotty's Haus auf eine Piratenfahrt in See ginge, wobei das Fahrzeug auf der Maſtſpitze eine ſchwarze Flagge mit der Inſchrift„Tidd's Practice“ aufgehißt habe, unter welchem hölliſchen Zeichen er mich und Klein⸗Emilchen auf den ſpaniſchen Kanal entführe, um uns zu ertränken. Ich erholte mich ein wenig von meiner Befangenheit, als ich den nächſten Tag in die Schule ging, und um ein gutes Theil mehr am darauf folgenden Tage, und ſo ſchüttelte ich ſie nach und nach ganz ab, ſo daß ich in weniger als vierzehn Tagen ganz heimiſch und glücklich unter mei⸗ nen neuen Gefährten war. Ich war ungeſchickt genug in ihren Spielen und weit zurück in ihren Studien; indeß — ᷣ— David Kopperfield. 107 hoffte ich, daß mich in erſter Beziehung die Gewohnheit und in der zweiten fleißige Arbeit fördern würden. In Folge deſſen arbeitete ich denn auch ſehr fleißig, ſowohl im Spiel als in ernſten Dingen und gewann mir große Lobſprüche. Und in kurzer Zeit wurde mir das Leben bei Murdſtone und Grinby ſo fremd, daß ich, als mein gegen⸗ wärtiges Leben mir ſo gewohnt wurde, kaum noch glaubte, jenes eine ſo lange Zeit hindurch geführt zu haben. Doctor Strongs Schule war eine ausgezeichnete Unter⸗ richtsanſtalt, ſo verſchieden von Mr. Creakles Schule, wie Gutes vom Böſen. Sie war ſehr ernſt und würdig und nach einem geſunden Syſtem eingerichtet, welches ſich in allen Dingen an die Ehre und Wahrhaftigkeit der Kna⸗ ben wandte und offen die Abſicht ausſprach, ſich darauf zu verlaſſen, daß ſie dieſe Eigenſchaft beſäßen, ſelbſt wenn ſie ſich dieſes Vertrauens unwürdig bewieſen— ein Ver⸗ fahren, welches Wunder bewirkte. Wir alle empfanden, daß wir unſern Theil zur Erhaltung der Anſtalt und zur Be⸗ wahrung ihres Charakters und ihrer Würde beizutragen hätten. In Folge davon fühlten wir uns allmälig mit warmer Liebe an dieſelbe gefeſſelt— ich wenigſtens bin Einer, der ſich ſo fühlte und nie, in meiner ganzen Schul⸗ zeit nicht, bemerkte ich, daß ein andrer Knabe anders geweſen wäre— und lernten aus freiem Antriebe und mit dem Wunſche, unſrer Schule Ehre zu machen. Wir hatten treffliche Spiele in den Zwiſchenſtunden und Frei⸗ heit vollauf; aber ſelbſt da, entſinne ich mich, ſtanden wir im beſten Rufe in der Stadt und thaten ſelten, durch unſer Auftreten oder unſre Sitten, dem guten Leumund Doctor Strongs oder der Knaben des Doctor Strong Abbruch. Einige von den obern Schülern wohnten und ſpeiſten 108 David Kopperfield. im Hauſe des Doctors, und durch ſie erfuhr ich aus zweiter Hand verſchiedene Einzelheiten aus der Lebensgeſchichte des Doctors— z. B. wie er noch nicht zwölf Monate mit der ſchönen jungen Dame verheirathet ſei, die ich im Studirzimmer geſehen hatte; und wie er ſie aus Liebe geheirathet habe, da ſie nicht einen Sirpence habe, wohl aber eine Unmaſſe armer Verwandten, welche(ſo ſagten unſre Mitſchüler) allezeit fertig wären, den Doctor durch ihr bettelhaftes Umſchwärmen von Haus und Hof zu ver⸗ treiben; ferner, wie das nachdenkliche Weſen des Doctors dem Umſtande zugeſchrieben werden müſſe, daß er ſtets auf der Suche nach griechiſchen Wurzeln ſei, was ich in meiner Unſchuld und Unniſſenheit dahin deutete, daß ich's für das Forſcherfieber eines eifrigen Pflanzenkenners hielt, vorzüglich, da der Doctor, wenn er ſpazieren ging, ſtets auf den Boden blickte— bis ich endlich begriff, daß damit Wortwurzeln gemeint ſeien, welche der Doctor im Hinblick auf ein neues Lerikon, das ihm im Kopfe her⸗ umging, ſammelte. Adams, unſer Klaſſenoberſter, wel⸗ cher eine Neigung zur Mathematik hatte, ſollte, wie man mir mittheilte, eine Berechnung der Zeit gemacht haben, welche der Doctor, nach ſeinem Plan und ſeiner Art vor⸗ wärts zu kommen, zur Vollendung bedürfen würde. Er war der Meinung, daß das Werk abgethan ſein würde in eintauſend ſechshundert und neun und vierzig Jahren, wenn man nämlich von des Doctors letztem, das heißt, zwei und ſechszigſtem, Geburtstage an zähle. Aber der Doctor wurde doch von der ganzen Schule angebetet, und es müßte eine aus ſehr ſchlechten Elemen⸗ ten zuſammengeſetzte Schule geweſen ſein, wenn es irgend anders ſich verhalten hätte; denn er war der liebreichſte aller Menſchen, aus dem eine ſolche treue Seele ſprach, daß es — —,— —.,— David Kopperfield. 109 die ſteinernen Herzen ſelbſt der Urnen auf der Mauer hätte rühren mögen. Wenn er in jenem Theile des Hof⸗ raums auf⸗ und abwandelte, welcher an das Haus ſtieß, hinter ſich die verirrten Krähen und Dohlen, die ihm mit ſchlau auf die Seite gelegten Köpfen nachſchauten, als ob ſie ſich bewußt wären, wie viel mehr ſie von weltlichen Dingen verſtänden, als er— wenn bei ſolch einem Spa⸗ ziergange irgend ein Herumtreiber ihm mit ſeinen knackern⸗ den Schuhen nahe genug kommen konnte, um ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf irgend einen Satz aus einer traurigen Geſchichte zu lenken, ſo war dieſer Herumtreiber für zwei Tage verſorgt. Dies war ſo bekannt im Hauſe, daß die Lehrer und Klaſſenoberſten Sorge trugen, dergleichen marodirenden Taugenichtſen den Zutritt gleich unter der Thür abzuſchneiden und ſie von den Fenſtern aus hin⸗ wegzuwinken und aus dem Hofraume zu jagen, ehe ſie den Doctor von ihrer Gegenwart in Kenntniß ſetzen konn⸗ ten. Dies wurde manchmal ſelbſt dann noch glücklich be⸗ wirkt, wenn ſie ſich ſchon im Bereiche weniger Ellen von ihm befanden, ohne daß er irgend etwas davon gewußt hätte, wenn er hin⸗ und herſtolperte. Außerhalb ſeines eignen Gebiets aber und unbeſchützt, war er ein wahres Lamm für die Schafſcheerer. Er würde ſich die Gama⸗ ſchen von den Beinen losgeknöpft haben, um ſie wegzu⸗ ſchenken. Und wirklich war eine Geſchichte unter uns im Umlaufe(ich habe keine Idee und hatte nie eine, worauf ſte ſich gründete, aber ich habe ſie ſo viele Jahre geglaubt, daß ich mich ganz ſicher fühle, ſie ſei wahr), daß er einſt an einem froſtigen Tage im Winter wirklich ſeine Gama⸗ ſchen verſchenkt habe, und zwar an eine Bettelfrau, welche in der Nachbarſchaft einiges Aergerniß hervorrief, indem ſie von Thür zu Thür ein ſchönes Kind vorwies, das in X 110 David Kopperfield. dieſe Kleidungsſtücke gewickelt war, welche, da ſie in der Umgebung ebenſo gut bekannt waren, als die Ka⸗ thedrale, allgemein wieder erkannt wurden. Die Le⸗ gende fügte hinzu, daß der Einzige, der ſte nicht erkannt habe, der Doctor ſelbſt geweſen ſei, welcher, als ſie kurz nachher an der Thür eines kleinen Trödelladens von nicht allzu gutem Rufe aushingen, wo man ſolche Sachen für Wachholderſchnaps austauſchte, mehr als einmal beob⸗ achtet wurde, wie er ſie wohlgefällig lächelnd in die Hände nahm und umwendete, als ob er irgend eine ſonderbare neue Facon an ihnen bewunderte und ſie als eine Mode betrachtete, die ihm viel beſſer als ſeine eigenen ſtehen würde. Es war ſehr hübſch, den Doctor mit ſeiner jungen Frau zu ſehen. Er hatte eine väterliche wohlwollende Weiſe, ſeine Zärtlichkeit für ſte zu zeigen, welche ſchon an ſich den guten Menſchen in ihm hätte herausfinden laſſen. Ich ſah ſie oft im Garten, wo die Pfirſiche waren, ſpa⸗ zieren gehen, und manchmal konnte ich ſie noch aus grö⸗ ßerer Nähe, im Studir⸗ oder im Geſellſchaftszimmer beobachten. Sie ſchien mir große Sorge für den Doctor zu tragen und dan recht gut zu ſein, wenn ich auch nie den Gedanken hegte, daß ſie ſich mit Leib und Seele für das Lexikon intereſſire, von welchem Werke der Doctor ſtets einige unförmliche Bruchſtücke in ſeinen Taſchen oder in ſeinem Hutfutter mit ſich herumtrug und ihr gemei⸗ niglich auseinander zu ſehe ſchien, wenn ſie ſpazieren gingen. Ich ſah Mrs. Strong ziemlich oft, theils weil ſie mich am Morgen meiner Einführung bei dem Doctor liebgewonnen hatte und die ganze Zeit nachher freundlich und theilnehmend gegen mich war, theils weil ſie Agnes —. David Kopperfield. 111 ſehr lieb hatte und aller Augenblicke einmal in unſer Haus kam. Zwiſchen ihr und Mr. Wickfield, vor dem ſie ſich zu fürchten ſchien, herrſchte, wie mir's vorkam, ein ſonderbar geſpanntes Verhältniß, welches nie aufhörte. Wenn ſie des Abends dorthin kam, ſchrack ſie ſtets davor zurück, ſeine Nachhauſebegleitung anzunehmen und eilte ſtatt deſſen mit mir weg. Und manchmal, wenn wir luſtig quer über den Hof der Kathedrale rannten und mit Nie⸗ mand zuſammen zu treffen erwarteten, begegneten wir Mr. Jack Maldon, welcher ſtets ſehr verwundert war, uns zu ſehen. Mrs. Strongs Mama war eine Dame, die mir viel Spaß machte. Ihr Name war Mrs. Markleham, aber unſre Knaben pflegten ſie auf Grund ihrer Oberbefehls⸗ haberſchaft über die Verwandtſchaft und des großen Feldherrntalents, mit welchem ſie Schaaren von Vet⸗ tern und Baſen gegen den Doctor ins Feld führte, nur den„Alten Soldaten“ zu nennen. Sie war ein kleines Frauenzimmer mit ſcharfen Augen, welches, wenn es im Staate war, immer und ewig nur ein und dieſelbe Haube zu tragen pflegte, die mit zwei künſtlichen Blumen und zwei künſtlichen Schmetterlingen geſchmückt war, von de⸗ nen man annehmen ſollte, daß ſie über den Blumen flat⸗ terten. Es gab einen Aberglauben unter uns, daß dieſe Haube aus Frankreich gekommen ſei und ihren Urſprung nur unter den ſchaffenden Händen dieſer erfindungsreichen Nation genommen haben könnte; aber alles, was ich mit Beſtimmtheit davon wußte, war, daß die Haube an allen Abenden erſchien, wo nur Mrs. Markleham ſich zeigte; daß ſte ferner zu freundſchaftlichen Zuſammenkünften in einem indiſchen Körbchen getragen wurde; endlich, daß die Schmetterlinge die Gabe beſaßen, ſtets zu zittern, und 112 David Kopperfield. daß ſie gleich fleißigen Bienen alle Stunden, die Gott werden ließ, auf Doctor Strongs Koſten zur Verbeſſe⸗ rung ihrer Lage anwendeten. Ich beobachtete einſt den Alten Soldaten— ich be⸗ diene mich dieſes Ausdrucks nicht aus Geringſchätzung ihrer Perſon— wie er ziemlich gute Fortſchritte in ſeinen Operationen machte. Es war an einem Abende, der mir noch durch etwas Anderes denkwürdig wurde, welches ich bald erzählen werde. Der Abend ſah eine kleine Geſellſchaft in des Doctors Hauſe verſammelt, welche bei Gelegenheit von Mr. Jack Maldons Abreiſe nach In⸗ dien eingeladen war, wohin er als Kadet oder ſo etwas der Art gehen ſollte, nachdem Mr. Wickfield die Angele⸗ genheit endlich zu Stande gebracht hatte. Es traf ſich, daß es auch der Geburtstag des Doctors war. Wir hatten einen freien Tag gehabt, hatten ihm am Morgen Ge⸗ ſchenke gemacht, hatten ihm durch den Mund des Klaſſen⸗ oberſten in einer Rede feierlichſt Glück gewünſcht und ihn ſchließlich hoch leben laſſen, bis wir heiſer waren und bis er Thränen vergoß. Und jetzt am Abend gingen Mr. Wickfield, Agnes und ich zu ihm, um in der Eigenſchaft von Hausfreunden Thee mit ihm zu trinken. Mr. Jack Maldon war ſchon vor uns dort. Mrs. Strong ſaß, als wir eintraten, im weißen Kleide mit kirſchfarbenen Bändern vor dem Piano und ſpielte, wäh⸗ rend er ſich über ſie lehnte, um ihr die Notenblätter um⸗ zuwenden. Das helle Roth und Weiß ihrer Geſichtsfarbe war, wie mir's vorkam, nicht ſo blühend und blumen⸗ artig, wie gewöhnlich, als ſie ſich umdrehte, aber ſie ſah dennoch hübſch, wunderbar hübſch aus. „Ich habe vergeſſen, Doctor,“ ſagte Mrs. Strongs Mama, als wir uns geſetzt,„Ihnen zum heutigen Tage David Kopperſield. 113 meine Glückwünſche darzubringen,— obwohl dieſelben in meinem Falle, wie Sie vermuthen können, weit davon entfernt ſind, bloße Glückwünſche zu ſein. Erlauben Sie mir daher, Ihnen zu wünſchen, daß dieſer Tag Ihnen noch recht oft und glücklich wiederkehren möge.“ „Ich danke Ihnen, Madam,“ erwiederte der Doctor. „Viele, viele, viele Male möge er glücklich wieder⸗ kehren!“ ſagte der Alte Soldat.„Nicht blos Ihrethal⸗ ben, ſondern auch Annie's und John Maldons und vieler andrer Leute wegen. Es ſcheint mir, als ob's erſt geſtern geweſen wäre, John, wo Sie ein kleines Kerlchen, einen Kopf kürzer als Musje Kopperfield, waren und kindiſcher⸗ weiſe Liebhabers ſpielten mit Annie hinter den Stachel⸗ beerſträuchern im hinteren Garten.“ „Meine gute Mama,“ ſagte Mrs. Strong,„erinnern Sie daran doch jetzt nicht.“ „Annie, ſei nicht abgeſchmackt,“ entgegnete ihre Mut⸗ ter;„wenn Du jetzt, wo Du eine verheirathete alte Frau biſt, noch roth werden willſt, ſobald Du von ſolchen Din⸗ gen hörſt, wann wirſt Du denn anfangen, nicht zu errö⸗ then?“ „Alt?“ ſchrie Jack Maldon.„Annie? Denk mal!“ „Ja, John,“ erwiederte der Soldat.„Ganz richtig, eine verheirathete alte Frau. Wenn auch nicht alt an Jahren— denn wenn haben Sie jemals, oder wer hat mich jemals ſagen hören, daß ein Mädchen von zwanzig Jahren zu den Alten gehöre— ſo iſt Ihre Couſine doch die Ehefrau des Doctors und als ſolche das, als was ich ſie bezeichnet habe. Es iſt gut für Sie, John, daß Ihre Couſtne die Frau des Doctors iſt. Sie haben in ihm einen einflußreichen und gütigen Freund gefunden, der, wie ich vorauszuſagen wage, noch gütiger ſein wird, wenn David Kopperfield. III. 8 114 David Kopperfield. Sie deſſen bedürfen. Ich beſitze keinen falſchen Stolz. Ich ſtehe nicht an, offen zu bekennen, daß es mehrere Glieder unſrer Familie giebt, die eines Freundes und Gönners bedürfen. Sie ſelbſt waren ein ſolches Glied, ehe der Einfluß ihrer Couſine ihnen einen verſchaffte.“ Der Doctor in ſeiner Herzensgüte winkte mit der Hand, als ob er dem Gerede ein Ende machen und Mr. Jack Maldon von allen weitern Erinnerungen erlöſen wollte. Aber Mrs. Markleham vertauſchte ihren Stuhl gegen einen an der Seite des Doctors, und indem ſie ihren Fächer auf ſeinen Rockärmel legte, ſagte ſie: „Nein wirklich, mein lieber Doctor, Sie müſſen mich entſchuldigen, wenn es ſcheint, als ob ich zu lange hier⸗ bei verweile, aber ich fühle es gar ſo tief. Ich nenne es geradezu meine Monomanie, ſo ſehr beſchäftigt es meine Gedanken. Sie ſind ein wahrer Segen für uns. Ja ſehen Sie, Sie ſind eine recht eigentliche Wohlthat.“ „Unſinn, Unſinn!“ rief der Doctor aus. „Nein, nein, bitte um Entſchuldigung,“ warf der Alte Soldat dieſen Angriff zurück;„in Gegenwart von niemand Anderem als Ihrem lieben Freunde und Ver⸗ trauten, Mr. Wickfield, kann ich mich hierin nicht gefan⸗ gen geben. Ich werde mich der Vorrechte einer Schwie⸗ germutter bedienen, wenn Sie in dieſer Weiſe fortfahren, und Sie ausſchelten. Ich bin vollkommen ehrlich und offen mit der Sprache heraus. Was ich ſagen will, iſt, was ich damals ſagte, als Sie mich ſo ſehr in Erſtaunen ver⸗ ſetzten— Sie erinnern ſich, wie erſtaunt ich war— durch Ihren Heirathsantrag für Annie. Nicht etwa, daß ich in dem bloßen Acte des Antrags etwas ſo ganz Unge⸗ wöhnliches geſehen hätte— es würde lächerlich ſein, ſo vwas zu ſagen— ſondern weil ich mir Sie, der Sie — David Kopperfield. 115 ihren armen Vater gekannt, und ſie ſelbſt als ein Wie⸗ genkind von ſechs Monaten gekannt haben, in meinem Leben nicht in ſolch einer Weiſe oder gar als einen Mann, der heirathen würde, gedacht hatte— einfach das meint’' ich, ſehen Sie.“ „Ja, ja, ſchon gut,“ entgegnete der Doctor in ſeiner guten Laune.„Aber erwähnen wir das doch nicht.“ „Und ich werde es doch erwähnen,“ ſagte der Alte Soldat, indem ſie ihm ihren Fächer auf die Lippen legte. „Ich werde es erſt recht erwähnen. Ich erinnere an dieſe Dinge, damit ich eines Beſſern belehrt werde, wenn ich Unrecht habe. Alſo, ich ſprach dann mit Annie und er⸗ zählte ihr, was ſich begeben. Ich ſagte: Meine Liebe, hier iſt der Doctor Strong, der Dich durchaus haben will und ſich auf annehmliche Weiſe erklärt und Dir ſeine Hand angetragen hat.— Nun, zwang ich ſie dann etwa nur im Mindeſten? Nein. Ich ſagte: Na, Annie, ſag' mir in dieſem Augenblicke frei heraus, iſt Dein Herz noch frei?— Mama, erwiederte ſie darauf weinend, ich bin noch ſehr jung— was vollkommen wahr war— und ich weiß kaum, ob ich überhaupt ein Herz habe.— Dann, meine Liebe, ſagte ich, kannſt Du Dich drauf verlaſſen, daß es frei iſt. Auf alle Fälle aber, ſagte ich, meine Liebſte, iſt Doctor Strong in einem aufgeregten Gemüthszuſtande, und muß eine Antwort erhalten. Man kann ihn nicht in ſeiner gegenwärtigen Ungewißheit laſſen.— Mama, er⸗ wiederte Annie, immer noch weinend, würde er unglück⸗ lich ſein ohne mich. Würde er's, ſo ehre und achte ich ihn ſo hoch, daß ich denke, ich will ihn nehmen.— So wurde die Sache denn abgemacht. Und dann, und nicht eher als dann erſt, ſagte ich zu Annie: Annie, Doctor Strong wird nicht nur Dein Gemahl ſein, er wird auch 8* 116 David Kopperfield. Deines ſeligen Vaters Stelle vertreten; er wird das Haupt unſrer Familie vorſtellen, wird die Klugheit und die geachtete Stellung und ich möchte ſagen die Hülfs⸗ mittel unſrer Familie vorſtellen und wird, um's kurz zu ſagen, eine Wohlthat für dieſelbe ſein. Ich gebrauchte das Wort damals, und ich habe es heute wieder gebraucht. Wenn ich irgend eine gute Seite habe, ſo iſt's Beharr⸗ lichkeit.“ Die Tochter hatte während dieſer Rede ganz ſtill und ſchweigſam mit änf den Boden gehefteten Augen dage⸗ ſeſſen, und ihr Vetter hatte neben ihr geſtanden und ebenfalls auf den Boden geſehen. Jetzt aber ſagte ſie ſehr leiſe und mit zitternder Stimme: „Mama, ich hoffe, Sie ſind jetzt zu Ende.“ „Nein, meine liebe Annie,“ entgegnete der Soldat, „ich bin noch nicht ganz zu Ende. Da Du mich fragſt, meine Liebſte, antworte ich, daß ich's noch nicht bin. Ich muß mich beklagen, daß Du wirklich ein wenig unnatür⸗ lich gegen Deine eigne Familie biſt, und da es nichts nützt, wenn ich mich bei Dir darüber beklage, ſo denk ich, ich werde mich bei Deinem Manne beſchweren. Nun denn, mein lieber Doctor, ſehen Sie'mal da Ihre ein⸗ fältige Frau an.“ Als der Doctor ſein freundliches Geſicht mit ſeinem milden, kindlich-einfältigen Lächeln nach ihr wandte, ſenkte ſte ihr Haupt noch mehr. Ich bemerkte, daß Mr. Wickfield ein ſtetes Augenmerk auf ſie hatte. „Als ich des andern Tages zufällig zu dem unarti⸗ gen Dinge da ſagte,“ fuhr ihre Mutter fort, indem ſie ſcherzhaft mit ihrem Kopfe und Fächer nach ihr hinnickte, „daß in der Familie etwas vorgekommen wäre, was ſie Ihnen vorſtellen ſolle— ja meiner Anſicht nach ſogar David Kopperfield. 117 Ihnen vorzuſtellen verbunden war— ſo ſagte ſie: es Ihnen vorſtellen hieße, ſich mit einer Bitte an ſie wen⸗ den, und da ſie zu großmüthig wären, und Bitten bei ihr ſtets dem ſchon Haben gleich wäre, ſo wolle ſie nicht.“ „Annie, meine Liebe,“ rief der Doctor.„Das war unrecht. Es beraubte mich eines Vergnügens.“ „Beinahe dieſelben Worte, die ich zu ihr ſagte!* ſchrie die Mutter.„Nun wahrhaftig, ein ander Mal, wo ich weiß, was ſie Ihnen ſagen könnte, wenn ſie nicht ſo garſtig wäre und nicht wollte, habe ich große Luſt, mein lieber Doctor, es Ihnen ſelbſt zu erzählen.“ „Ich werde mich freuen, wenn Sie das thun,“ ent⸗ gegnete der Doctor. „Soll ich wirklich?“ „Gewiß.“ „Gut, dann werd' ich's thun!“ ſagte der Alte Sol⸗ dat.„Der Handel wäre abgeſchloſſen.“ Und nachdem ſte, wie ich vermuthe, erlangt, was ſie beabſichtigte, klapſte ſie die Hand des Doctors mehrmals mit ihrem Fächer, den ſie vorher geküßt und kehrte triumphirend auf ihren früheren Sitz zurück. Es kam jetzt noch mehr Geſellſchaft herein, worunter die beiden Unterlehrer und Adams waren, und das Ge⸗ ſpräch wurde allgemeiner und wendete ſich natürlich auf Jack Maldon und ſeine Reiſe, ſowie auf das Land, wohin er gehen, und die Pläne und Ausſichten, die er verfolgen würde. Er ſollte dieſe Nacht nach dem Abendeſſen in einer Poſtchaiſe nach Graveſend abreiſen, wo das Schiff lag, mit dem er die Seereiſe machen wollte— und er ſollte— ausgenommen, daß er verabſchiedet würde oder wegen ſeiner Geſundheit zurückkehren müßte— ich weiß nicht auf wie viele Jahre fortgehen. Ich erinnere mich, 118 David Kopperfield. wie Alle dahin übereinkamen, daß Indien ganz und gar falſch dargeſtellt worden und ein Land ſei, gegen das man nichts vorbringen könnte, als ein paar Tiger und ein Bischen Hitze während der warmen Tageszeit. Ich mei⸗ nestheils ſah Mr. Jack Maldon als einen modernen Sind⸗ bad an und malte mir ihn als den Buſenſreund aller Rajahs im Oſten aus, der unter Baldachinen ſaß und goldne Pfeifen mit Ringelſchläuchen rauchte— welche eine Meile lang waren, wenn man ſie auseinandergewickelt und in eine gerade Linie gelegt hatte. Mrs. Strong war eine gute Sängerin, wie ich wußte, der ſie oft für ſich allein ſingen gehört hatte. Aber ob ſte ſich nun ſcheute, vor den Leuten zu ſingen, oder ob ſie dieſen Abend nicht bei Stimme war, ſoviel war ſicher, daß ſie durchaus nicht ſingen konnte. Sie verſuchte ein Duett mit ihrem Vetter Maldon, kam aber nicht einmal zum Beginn, und ſpäter, als ſie allein zu ſingen verſuchte, verging ihr, obwohl ſie ſehr klar begann, plötzlich die Stimme, und ſie ſaß ganz trau⸗ rig, den Kopf über die Taſten hängend, vor dem Flügel. Der gute Doctor ſagte, ſie ſei nervenſchwach, und ſchlug, um ſie aufzuheitern, ein Kartenſpiel vor, das rund her⸗ umging und von welchem er ſoviel verſtand, wie von der Kunſt des Poſaunenblaſens. Aber ich bemerkte, daß der Alte Soldat ihn augenblicklich zum Gefangenen und zu ihrem Mitſpieler machte und ihn, als zum erſten Grade der Einweihung in die Geheimniſſe des Spiels gehörig, inſtruirte, ihr alles Silbergeld, was er in der Taſche hatte, zu übergeben. Wir hatten ein ſehr luſtiges Spiel, welches durchaus nicht weniger luſtig wurde durch die Mißgriffe des Doctors, deren er trotz der Wachſamkeit der Schmetter⸗ David Kopperfield. 119 linge und zu ihrem großen Verdruſſe, eine unzählige Menge machte. Mrs. Strong hatte auf den Grund hin, daß ſie ſich nicht recht wohl fühle, es abgelehnt mitzuſpie⸗ len, und ihr Vetter Maldon hatte ſich entſchuldigt, weil er noch mit dem Einpacken zu thun habe. Als er dies jedoch abgemacht, kehrte er zurück, und ſie ſaßen bei ein⸗ ander auf dem Sopha und unterhielten ſich. Von Zeit zu Zeit kam ſie und ſah dem Doctor über die Schulter und ſagte ihm, was auszuſpielen ſei. Sie war ſehr bleich, als ſie ſich über ihn beugte, und mir kam's vor, als ob ihr Finger zitterte, wenn ſie ihm die Karten heraustippte; aber der Doctor war ganz glücklich über ihre Aufmerk⸗ ſamkeit und nahm hiervon keine Notiz, wenn es wirklich ſo war. 3 Beim Eſſen waren wir kaum ſo heiter. Jedermann ſchien zu fühlen, daß ein derartiger Abſchied doch ein un⸗ angenehmes Ding ſei, das um ſo unangenehmer werde, je näher es heranrücke. Jack Maldon verſuchte es, recht heiter und unterhaltend zu ſein, indeß war er durchaus nicht in ſeinem Elemente und machte die Sachen nur ſchlimmer. Und denſelben wurde, wie mir's erſchien, durch den Alten Soldaten eben auch nicht aufgeholfen, welcher fortwährend Züge und Erlebniſſe aus Mr. Jack Maldons Jugend erzählte. Der Doctor indeß, welcher meiner Ueberzeugung nach fühlte, daß er Jedermann glücklich mache, war ſehr vergnügt, und hatte keinen Argwohn, ſondern dachte, daß wir ſammt und ſonders uns auf dem Gipfel der Fröh⸗ lichkeit befänden. „Annie, meine Liebe,“ ſagte er endlich, indem er auf ſeine Uhr ſah und ſein Glas füllte,„die Zeit Deines Vetters Jack iſt abgelaufen, und wir dürfen ihn nicht David Kopperfield. zurückhalten, da Zeit und Fluth— die in dieſem Falle beide zu berückſichtigen ſind— auf Niemand warten. MNr. Jack Maldon, Sie haben eine lange Reiſe und ein fremdes Land vor ſich; aber viele Leute ſind, denen es ebenſo ging, und viele Leute werden ſein, denen es ebenſo gehen wird, bis an der Welt Ende. Die Winde, denen Sie ſich anzuvertrauen gehen, haben Tauſende auf Tauſende zum Erwerbe von Vermögen hingeweht und Tauſende auf Tauſende glücklich wieder heimgebracht.“ „Es iſt ſehr rührend,“ verſetzte Mrs. Markleham— „wie man'’s auch anſieht,'s iſt rührend— einen hübſchen jungen Mann, den Eins von Kindesbeinen an gekannt hat, an das andre Ende der Welt gehen zu ſehen, indem er alle, die er kennt, hinter ſich läßt und nicht weiß, was ihm bevorſteht. Ein junger Mann, der ſolche Opfer bringt,“— hierbei ſah ſie den Doctor an,„verdient wirklich und in der That fortwährende Unterſtützung und Gönnerſchaft.“ „Die Zeit wird ſchnell verfließen, Mr. Maldon,“ fuhr der Doctor fort,„für Sie ſowohl, wie für uns Alle. Manche von uns dürfen nach dem natürlichen Verlaufe der Dinge vielleicht kaum die Erwartung hegen, Sie bei Ihrer Heimkehr begrüßen zu können. Das Nächſtliegende und Beſte iſt da, zu hoffen, daß es einem vergönnt ſein wird, und das iſt der Fall mit mir. Ich werde Sie nicht mit guten Rathſchlägen ermüden. Sie haben lange ein treff liches Muſter vor ſich gehabt in Ihrer Baſe Annie. Ahmen Sie ihre Tugenden nach, ſo weit ſie es vermögen.“ Mrs. Markleham fächelte ſich mit ihrem Fächer und ſchüttelte ihren Kopf. „Und ſo leben Sie denn wohl, Mr. Jack,“ ſagte der Doctor aufſtehend, worauf wir Alle uns erhoben.„Eine David Kopperfield. 121 glückliche Reiſe hin, eine gedeihliche Laufbahn dort in der Fremde, und eine fröhliche Heimkehr!“ Wir Alle tranken den Toaſt und ſchüttelten Mr. Jack Maldon die Hände, worauf er ſich bei den Damen, welche da waren, haſtig verabſchiedete und nach der Thür eilte, wo er, als er in die Chaiſe ſtieg, mit einer furchtbar donnernden vollen Lage von Lebehochs empfangen wurde, welche wir Knaben abfeuerten, die wir uns zu dieſem Zwecke auf dem Raſenplatze draußen verſammelt hatten. Indem ich unter ſie hinausrannte, um die Reihen zu ver⸗ mehren, gerieth ich der Chaiſe ſehr nahe, als ſie wegfuhr, und mir war's, als ob ich, inmitten all des Geſchreies und Staubes, doch recht deutlich beobachtet habe, daß Mr. Jack Maldon mit einem ſehr aufgeregten Geſichte und etwas Kirſchfarbenem in der Hand vorübergeraſſelt ſei. Nach einer zweiten vollen Lage für den Doctor und noch einer für die Frau Doctorin ſtoben die Knaben aus⸗ einander, und ich ging in das Haus zurück, wo ich alle die Gäſte in einer Gruppe den Doctor umſtehend antraf, indem ſie ſich beſprachen, wie Mr. Jack Maldon wegge⸗ gangen, wie er es ertragen, was er dabei gefühlt, und was ſonſt noch darum und dabei war. Mitten unter die⸗ ſen Bemerkungen ſchrie plötzlich Mrs. Markleham:„Wo iſt denn Annie?“ Keine Annie war da, und keine Annie antwortete, als ſie nach ihr riefen. Als aber alle ſich in einem Hau⸗ fen aus dem Zimmer drängten, zu ſehen, was das heißen ſolle, fanden wir ſie auf der Hausflur liegen. Da gab's zuerſt eine große Beſtürzung, bis man entdeckte, daß es eine Ohnmacht ſei, und daß die Ohnmacht den gewöhn⸗ lichen Erweckungsmitteln wich, wo der Doctor, der ihren Kopf auf ſeine Knie gelegt hatte, ihr die Locken mit der 122 David Kopperfield. Hand aus dem Geſichte ſtrich und, indem er ſich umſah, ſagte: „Die arme Annie! Sie hat ein ſo treuanhängliches und zartfühlendes Herz!'s iſt der Abſchied von ihrem al⸗ ten Geſpielen und Freunde— ihrem beſonders geliebten Vetter— der dies bewirkt hat. Ach!'s iſt recht traurig, und ich bin ſehr beſorgt!“ Als ſie ihre Augen öffnete und ſah, wo ſie war, und daß wir Alle ſie umſtanden, richtete ſie ſich mit unſrer Beihülfe auf, wobei ſie ihren Kopf wandte,— ich weiß nicht, ob um ihn auf die Schulter des Doctors zu legen, oder um ihn zu verbergen. Dann gingen wir in das Empfangzimmer, um ſie mit dem Doctor und ihrer Mutter, 85 1 3 allein zu laſſen; aber ſie ſagte, es ſchiene ihr, daß ſie ſich beſſer befände, als je den Tag über, und ſie wolle lieber unter uns gebracht ſein. So führten ſie ſie, die mir ſehr bleich und matt vorkam, denn wieder herein und ſetzten ſte auf ein Sopha. „Meine liebſte Annie,“ ſagte ihre Mutter, indem ſie etwas an ihrem Kleide ordnete.„Sieh'mal her, Du haſt eine Schleife verloren. Will wohl Jemand ſo gut ſein und nach einer Bandſchleife, nach einer kirſchfarbenen Bandſchleife ſuchen?“ Es war die, welche ſie an ihrem Buſen getragen hatte. Wir alle ſahen uns darnach um— ich ſelbſt, das weiß ich gewiß, ſuchte überall herum— aber Niemand ver⸗ mochte ſie zu finden. „Grinnerſt Du Dich, wo Du ſie zuletzt noch hatteſt, Annie?“ fragte ihre Mutter. Ich wunderte mich, wie ich hatte auf den Gedanken kommen können, daß ſie bleich oder überhaupt anders als glühend roth ausſähe, als ſie darauf antwortete, daß ſie ——— OO—— David Kopperfield. 123 die Schleife kurz zuvor noch feſtſteckend gehabt, daß ſie indeß der Mühe des Suchens nicht werth ſei. Nichtsdeſtoweniger wurde weiter darnach geſucht, aber immer vergebens. Sie bat jetzt, man ſolle doch nicht mehr ſuchen, aber man ſah ſich doch noch flüchtig darnach um, bis ſie endlich ganz wohl war, und die Geſellſchaft Abſchied nahm. Wir wandelten ſehr langſam nach Hauſe, Mr. Wick⸗ field, Agnes und ich— wobei Agnes und ich das Mond⸗ licht bewunderten, während Mr. Wickfield kaum ſeine Au⸗ gen vom Boden erhob. Als wir zuletzt unſre eigene Thür erreichten, entdeckte Agnes, daß ſie ihren kleinen Strick⸗ beutel liegen gelaſſen habe. Glücklich, ihr einmal einen Dienſt leiſten zu können, lief ich zurück, ihn zu holen. Ich ging durch die Thür in das Speiſezimmer, durch welche wir es verlaſſen. Daſſelbe war einſam und dunkel. Aber eine Thür, welche daſſelbe mit des Doctors Studir⸗ ſtube, wo Licht war, in Verbindung ſetzte, ſtand auf, und ich ging dort hinein, um zu ſagen, was ich wünſchte, und um eine Kerze zu bekommen. Der Doctor ſaß in ſeinem Lehnſtuhle am Kamin, und ſeine junge Frau befand ſich auf einem Schemel zu ſeinen Füßen. Der Doctor las mit einem wohlgefälligen Lächeln laut ein Manuſcript vor, welches eine Auseinan⸗ derſetzung oder den Beweis einer Theorie aus jenem nie enden wollenden Lexikon enthielt, und ſie ſah zu ihm auf. Aber mit einem Antlitze, wie ich es immer ſah. Es war ſo ſchön in ſeiner Form, es war ſo aſchenfahl, es war ſo vertieft in ſeine Zerſtreutheit, es war ſo voll von einem wüſten, ſchlafwandleriſchen, traumſüchtigen Grauſen, ich weiß nicht vor was. Die Augen ſtanden weit offen, und ihr braunes Haar fiel in zwei vollen Flechten auf ihre 124 David Kopperfield. Schultern und ihr weißes, durch den Verluſt der abhan⸗ den gekommenen Schleife in Unordnung gerathenes Kleid herab. So genau ich mich auch ihres Blickes erinnere, kann ich doch nicht einmal ſagen, was der Ausdruck die⸗ ſes Blickes iſt, wenn er ſich vor meinem älteren, gereifte⸗ ren Urtheile wieder erhebt. Reue, Demüthigung, Scham, Stolz, Liebe und Zuverſicht— ich ſehe ſie alle darin, aber in ihnen allen ſehe ich jenes Grauſen, ich weiß nicht vor was. Mein Eintritt und was ich ſagte, ſchreckte ſie aus ih⸗ rem Zuſtande auf. Es ſtörte auch den Doctor; denn als ich zurückkam, um die Kerze wieder hinzuſetzen, welche ich vom Tiſche genommen, ſtreichelte er ihr in ſeiner vä⸗ terlichen Weiſe den Kopf und meinte, er ſei doch ein un⸗ barmherziger Brummbart, daß er ſie ſich immer friſchweg zuhören laſſe, und ſie möge doch zu Bett gehen. Aber ſie bat ihn in einer heftigen, dringenden Weiſe, ſie bleiben zu laſſen— ſie das ſichere Gefühl gewinnen zu laſſen(einige gebrochne Worte der Art hörte ich ſie murmeln), daß ſie dieſe Nacht ſeines Vertrauens theil⸗ haftig ſei. Und als ſie ſich, nachdem ſie mir, der das Zimmer verlaſſen hatte und nach der Hausthür zuſchritt, nachgeblickt, wieder zu ihm wandte, ſah ich ſie die Hände über ſeinem Knie falten und, als er ſein Leſen wieder aufnahm, mit demſelben, nur etwas beruhigten Geſichts⸗ ausdrucke zu ihm aufblicken. Es machte dies einen tiefen Eindruck auf mich, und ich erinnerte mich deſſen ſpäter, wie ich Gelegenheit zu er⸗ zählen haben werde, wenn die Zeit kommt. Siebzehntes Kapitel. Es geht Jemand zu Grunde. Es hat ſich nicht getroffen, Peggotty zu erwähnen, ſeit ich weglief, aber natürlich ſchrieb ich ihr einen Brief, ſobald ich nur in Dover unter Dach und Fach war, und einen zweiten und längeren Brief, der eine ausführliche Erzählung aller Einzelheiten enthielt, als meine Tante mich förmlich unter ihre Schirmherrſchaft nahm. Als ich dann zu Doctor Strong gethan worden war, ſchrieb ich ihr nochmals und ſetzte ihr meine glückliche Stellung und meine guten Ausſichten auseinander. Ich hätte mir mit dem Gelde, das Mr. Dick mir gegeben, kein größeres Ver⸗ gnügen machen können, als das, welches ich fühlte, indem ich Peggotty durch die Poſt, eingeſchloſſen in dieſen letzten Brief, eine halbe Guinca in Gold ſandte, um die Summe abzutragen, welche ich von ihr geborgt hatte. In dieſem Schreiben auch, und nicht früher, erwähnte ich die Ge⸗ ſchichte mit dem jungen Mann mit dem Eſelskarren. Auf dieſe Mittheilungen antwortete Peggotty ſo prompt, wenn auch nicht in ſo gedrängter Kürze, wie ein 126 David Kopperfield. Kaufmannsdiener. Sie erſchöpfte alle die Deutlichkeit, die ihr(was Dinte und Feder betraf, allerdings nicht eben in reichem Maße) zu Gebote ſtand, in dem Verſuche, mir zu ſchreiben, was ſie in Betreff meiner Reiſe empfunden habe. Vier Seiten abgeriſſener Ausrufungen und Satz⸗ anfänge, die kein Ende hatten als Dintenklexe, reichten nicht aus, ihr Linderung des Schmerzes zu verſchaffen, den ſie darüber empfand. Aber die Klexe ſprachen zu mir deutlicher, als der ſchönſte Satzbau geſprochen haben könnte; denn ſie zeigten mir, daß Peggotty über dem Pa⸗ piere in einem fort geweint und geſchrieen hatte, und was konnte ich mehr verlangen?. Ich bemerkte ohne große Schwierigkeit, daß ihr meine Tante noch nicht ſo recht zuſagen wollte. Die Bekannt⸗ ſchaft, die ſte durch mich mit ihr gemacht, war noch zu kurz, um die lange Eingenommenheit gegen ſie zu verwiſchen. Wir lernten niemals Jemand vollkommen kennen, ſchrieb ſie; aber den Gedanken zu faſſen, daß Miß Betſey ſo ganz verſchieden ſein ſollte von dem, was man ſich unter ihr vorgeſtellt hatte, das wäre ein wahres Morale— dies war ihr Wort für Mirakel. Sie fürchtete ſich augen⸗ ſcheinlich noch vor Miß Betſey; denn ſie ließ ſie nur ganz ſchüchtern grüßen und ihr danken, und es lag auf der Hand, daß ſie auch vor mir Angſt hatte und an die Wahr⸗ ſcheinlichkeit glaubte, daß ich auch hier bald weglaufen werde, wenn ich nämlich nach den wiederholten Winken urtheilen darf, die ſie fallen ließ, daß ich das Fahrgeld nach Yarmouth von ihr haben könnte, ſobald ich's nur verlangte. Sie gab mir eine Nachricht, die ich mit großer Rüh⸗ rung las, nämlich, daß die Möbeln unſers alten Heimats⸗ hauſes verkauft worden, daß Mr. und Miß Murdſtone ——— A David Kopperfield. 127 weggezogen, und daß das Haus verſchloſſen worden ſei, um vermiethet oder verkauft zu werden. Gott weiß, ich hatte keinen Theil daran, während ſie dort verweilten, aber es machte mir Schmerz, denken zu müſſen, daß der liebe alte Ort nun ganz verlaſſen ſein, daß das Unkraut hoch aufſchießen ſollte im Garten, und daß die gefallenen Blätter dick und naß auf den Fußwegen liegen würden. Ich ſah und hörte im Geiſte, wie die Winde des Winters daſſelbe anheulen, wie der kalte Regen an die Fenſter⸗ ſcheiben ſchlagen, wie der Mond Geiſtergeſtalten auf die Wände der leeren Zimmer ſpiegeln würde, welche die ganze Nacht dieſe öde Stätte bewachten. Ich fand mich von Neuem an das Grab auf dem Kirchhofe unter dem Baume erinnert, und es ſchien, als ob das Haus nun ebenfalls todt und alles, was mit meinen Eltern zuſammen⸗ hing, entſchwunden ſei. Außerdem gab es nichts Neues in Peggotty's Briefen. Mr. Barkis wäre ein vortrefflicher Ehemann, ſagte ſie, wenn auch ein Bischen genau; aber wir alle hätten unſere Fehler, und ſie hätte deren vollauf(obwohl ich wahrhaftig nicht wußte, was für welche das ſein ſollten) und er ließe mich grüßen, und mein kleines Schlafkämmerchen wäre ſtets bereit für mich. Mr. Peggotty wäre auf dem Zeuge, und Ham wäre auf dem Zeuge, nur Mrs. Gummidge wäre kränklich, und die kleine Emilie wollte mich nicht ſelbſt grüßen, hätte aber gemeint, Peggotty möchte es thun, wenn ſie wollte. Alle dieſe Nachrichten theilte ich getreulich meiner Tante mit, indem ich nur die Erwähnung der kleinen Emilie für mich behielt, zu welcher ſie, wie ich inſtinkt⸗ artig fühlte, keine allzu zärtliche Zuneigung haben würde. Während ich noch neu war in Doctor Strongs Schule, 128 David Kopperfield. machte ſie mehrmals Abſtecher nach Canterbury herüber und ſtets zu ungewöhnlichen Stunden, vermuthlich mit der Abſicht, mich zu überraſchen und zu ertappen. Da ſie mich jedoch immer beſchäftigt fand und von allen Seiten hörte, daß ich mich gut aufführe und in der Schule ſchnelle Fortſchritte mache, ſo ſetzte ſie dieſe Beſuche bald nicht mehr fort. Ich ſah ſie jede dritte oder vierte Woche des Sonnabends, wo ich auf einen Sprung nach Dover ging, und ich ſah Mr. Dick eine Mittwoch um die andere, wo er Mittags mit der Poſtkutſche eintraf, um bis zum näch⸗ ſten Morgen zu bleiben. Bei dieſen Gelegenheiten reiſte Mr. Dick nie ohne ein lederbeſchlagenes Schreibepult, welches die nöthigen Schreibematerialien und die Denkſchrift enthielt, in Bezug auf welches Document er eine Ahnung hatte, daß die Zeit jetzt zu drängen beginne und daß es wirklich abgeſchickt werden müſſe. Mr. Dick war ein großer Verehrer von Pfefferkuchen. Um ihm die Beſuche bei mir um ſo angenehmer zu machen, wies mich meine Tante an, in einem Kuchenladen einen Credit für ihn zu eröffnen, welche Anweiſung indeß mit der Clauſel verſehen war, daß ihm nicht mehr verabreicht werden ſollte, als für einen Schilling den Tag. Dieſer Umſtand und der, daß alle ſeine kleinen Rechnungen im Gaſthofe, wo er ſchlief, erſt durch die Hände meiner Tante gehen mußten, ehe ſie bezahlt wurden, brachten mich auf den Verdacht, daß es ihm nur erlaubt ſei, mit ſeinem Gelde zu klimpern, nicht aber, es zu verthun. Bei weite⸗ rer Nachforſchung fand ich, daß dies in der That ſo war, oder wenigſtens, daß zwiſchen ihm und meiner Tante ein Uebereinkommen beſtand, nach welchem er ihr über alle ſeine Ausgaben Rechenſchaft abzulegen hatte. Daer keinen David Kopperfield. 129 Gedanken hegte, ſie zu täuſchen und ihr ſtets zu gefallen be⸗ ſtrebt war, ſo war er auf dieſe Weiſe auf ſeiner Hut, nicht in unnütze Ausgaben zu verfallen. In dieſem Punkte ſowohl wie in allen möglichen andern Punkten war Mr. Dick der Ueberzeugung, daß meine Tante die weiſeſte und bewunderns⸗ wertheſte aller Frauen ſei; was er mir denn auch mit unend⸗ lich geheimnißvoller Miene und ſtets in einem Flüſtern wiederholentlich mittheilte. „Trotwood,“ ſagte Mr. Dick einmal Mittwochs mit einem Geſichte zu mir, auf dem ſich das Bewußtſein aus⸗ prägte, daß er mir ein tiefes Geheimniß anvertraue,„wer muß der Mann ſein, der ſich in der Nähe unſeres Hauſes verſteckt hält und ſie erſchreckt?“ „Meine Tante erſchreckt?“ Mr. Dick nickte bejahend.„Ich dachte, nichts auf der Welt könnte ſie erſchrecken,“ ſagte er;„denn ſie iſt— 4 hier wiſperte er ganz leiſe,—„aber ſag's ja niemandem,— die weiſeſte und bewundernswertheſte aller Frauen.“ Nach⸗ dem er dies geſprochen, trat er einen Schritt zurück, um die Wirkung zu beobachten, welche dieſe Schilderung von ihr auf mich gemacht. „Das erſte Mal, wo er kam,“ fuhr Mr. Dick fort, „das war— halt, laß ſehen— ſechszehn hundert neun und vierzig wurde König Karl hingerichtet. Ich dächte, Du hätteſt geſagt, ſechszehnhundert neun und vierzig?“ „Ja, Herr Dick.“ „Ich weiß nicht, wie das möglich iſt,“ verſetzte Mr. Dick, indem er traurig und verwundert den Kopf ſchüt⸗ telte. Ich denke, ich bin nicht einmal ſo alt, als das.“ „War's in jenem Jahre, daß der Mann erſchien, Herr Dick?“ fragte ich. „Ei der Tauſend,“ erwiderte Mr. Dick,„ich ſehe David Kopperfield. III. 9 130 David Kopperfield. wahrhaftig nicht ein, wie es in jenem Jahre geweſen ſein kann, Trotwood. Haſt Du dies Datum aus der Geſchichte?“ „Ja, Herr Dick.“ „Ich glaube, die Geſchichte lügt niemals, nicht wahr, niemals?“ ſagte Mr. Dick mit einem Schimmer von Hoffnung. „Ei nein, nimmermehr, Herr Dick!“ erwiederte ich mit großer Entſchiedenheit. Ich war zutrauensvoll und jung, und ich dachte wirklich ſo. „Ich kann damit nicht fertig werden,“ ſagte Mr. Dick, indem er den Kopf ſchüttelte.„'s iſt irgendwo was nicht richtig. Indeß es war ſehr bald nachdem man den Miß⸗ griff gethan, etwas von dem Kummer in König Karls Haupt herauszunehmen und in meinen Kopf zu thun, daß jener Mann zum erſten Male kam. Ich ging mit Miß Trotwood nach dem Thee, gerade als es dunkel wurde, ſpazieren, und da war er, hart an unſerm Hauſe.“ „Auch ſpazieren gehend?“ erkundigte ich mich. „Spazieren gehend?“ wiederholte Mr. Dick.„ Wart', wollen ſehen. Ich muß mich ein Bischen darauf beſinnen. N— ein, er ging nicht ſpazieren.“ Ich fragte jetzt, um auf dem kürzeſten Wege zum Ziele zu gelangen, was er denn eigentlich gemacht habe. „Richtig, er war überhaupt gar nicht da,“ ſagte Mr. Dick,„bis er auf einmal hinter ihr ſtand und ihr was in's Ohr flüſterte. Darauf wandte ſie ſich um und ſchrack zuſammen, und ich blieb ſtehen und ſah ihn an, und er ſchritt hinweg; aber daß er ſich die ganze Zeit daher, im Erdboden oder ſonſtwo, verſteckt gehalten haben ſollte, iſt außerordentlich wunderbar.“. „Hat er ſich denn die Zeit daher verſteckt gehalten?“ fragte ich. David Kopperfield. 131 „Freilich hat er das,“ ſagte Mr. Dick, indem er ernſt mit dem Kopfe nickte.„Kam niemals hervor, bis geſtern Abend. Wir gingen ſpazieren geſtern Abend, und er ſtand auf einmal wieder hinter ihr, und ich erkannte ihn wieder.“ „Und erſchreckte er meine Tante wieder?“ „Daß ſie über und über zitterte und bebte,“ ſagte Mr. Dick, indem er dieſes Gefühl nachahmte und ſeine Zähne aneinander klappen ließ.„Hielt ſich an den Zaun an. Schrie. Aber, Trotwood, komm mal her,“ und er zog mich nahe zu ſich, damit er ganz leiſe ſprechen könnte, „warum gab ſie ihm nur Geld, Knabe, im Mondenſchein?“ „Er war vielleicht ein Bettler.“ Mr. Dick ſchüttelte den Kopf, als ob er dieſe Ver⸗ muthung durchaus nicht theile, und nachdem er ſehr viele Male hinter einander und mit großer Zuverſicht„Kein Bettler! kein Bettler! kein Bettler!“ erwiedert, fuhr er weiter fort und erzählte, daß er ſpäter und tief in der Nacht von ſeinem Fenſter aus geſehen, wie meine Tante dieſer Perſon draußen vor der Umzäunung des Gartens im Mondenſcheine Geld gegeben habe, worauf dieſelbe hinweggeſchwankt— und aller Wahrſcheinlichkeit nach in den Boden verſunken und nicht mehr geſehen worden ſei, während meine Tante haſtig und verſtohlen in's Haus zurückgelaufen ſei und ſelbſt dieſen Morgen noch ganz ver⸗ ſchieden von ihrem gewöhnlichen Weſen ſich benommen habe, was Mr. Dick ſehr am Herzen nagte. 4 Ich glaubte bei dieſer Geſchichte von vornherein nicht im Entfernteſten, daß der Unbekannte etwas anderes als ein Hirngeſpinnſt von Mr. Dick ſei, ganz ſo wie jener unglückliche Fürſt, der ihm ſo viel Schwierigkeit bereitete. Nach einiger Ueberlegung indeß begann ich zweifelhaft 9* David Kopperfield. zu werden, ob nicht vielleicht zweimal ein Verſuch oder die Androhung eines Verſuchs vorgekommen ſein könnte, den armen Mr. Dick dem Schutze meiner Tante zu ent⸗ reißen, und ob da nicht meine Tante, deren große Zunei⸗ gung zu ihm ich von ihr ſelbſt kannte, ſich bewogen ge⸗ funden habe, einen Preis für ſeinen Frieden und ſeine Ruhe zu zahlen. Da ich bereits ſehr an Mr. Dick hing und ſehr beſorgt war für ſeine Wohlfahrt, ſo begünſtigte meine Beſorgniß um ihn dieſe Vermuthung, und lange Zeit erſchien niemals ſeine Mittwoch, ohne daß ich von der Angſt beſtürmt wurde, er möchte nicht wie gewöhnlich in der Kutſche ſitzen. Er erſchien jedoch ſtets mit ſeinem grauen Kopfe, lachend und glücklich, und nie wieder hatte er irgend etwas von dem Manne zu erzählen, der meine Tante in Schreck zu ſetzen vermocht. Dieſe Mittwochen waren die glücklichſten Tage in Mr. Dick's Leben, ſie waren aber auch weit entfernt, für mich unglückliche zu ſein. Er wurde bald mit jedem Knaben in der Schule bekannt, und obſchon er nie an irgend einem Spiele, ausgenommen dem Drachenſteigen, thätigen An⸗ theil nahm, war er doch bei allen unſern Vergnügungen ſo tief intereſſirt, als nur irgend Einer von uns. Wie oft habe ich ihn bei einem Kugel⸗ oder Kreiſelſpiel als Zuſchauer geſehen, wo er mit unausſprechlichem Intereſſe Acht gab und in den kritiſchen Augenblicken kaum zu athmen wagte. Wie oft ſah ich ihn, wenn wir Haſe und Hunde ſpielten, auf einen kleinen Hügel ſteigen und über das ganze Feld weg jauchzen und ſeinen Hut über ſeinem grauen Kopfe ſchwenken, welcher durchaus nichts mehr von König Karls des Märtyrers Kopfe und allem was dazu gehörte, wußte! Wie viele Sommerſtunden weiß ich, die ihm auf dem Criquet⸗Felde wie ebenſo viele wonne⸗ David Kopperfield. 133 volle Minuten vergingen! Wie viele Wintertage habe ich ihn mit blauer Naſe in Schnee und Oſtwind ſtehen und den Knaben, welche die lange Zuſchel herabgeſchoſſen kamen, zuſchauen und außer ſich vor Vergnügen ſeine wollenen Handſchuhe zuſammenklappen ſehen. Er war der allgemeine Liebling, und ſeine Erfindungs⸗ gabe in Kleinigkeiten überſtieg alle Begriffe. Er konnte aus Orangen ſolche Kunſtwerke ſchnitzeln, von welchen keiner unter uns ſich etwas träumen ließ. Er konnte ein Boot, machen aus allen möglichen Dingen, vom Bratſpieß an aufwärts. Er konnte hölzerne Klammern in Schach⸗ figuren und alte bunte Spielkarten in römiſche Mode⸗ wagen verwandeln, aus Garnhaſpeln Räder mit Speichen und aus altem Drahte Vogelbauer fertigen. Am ſtärkſten aber war er vielleicht in Artikeln von Bindfaden und Stroh, womit er nach unſer Aller Ueberzeugung geradezu alles zu Stande zu bringen vermochte, was durch Menſchen⸗ hände damit gemacht werden kann. Mr. Dick' Ruf blieb nicht lange auf uns Knaben beſchränkt. Nach einigen Mittwochen erkundigte ſich Doctor Strong ſelbſt bei mir nach ihm, und ich erzählte ihm Alles, was meine Tante mir erzählt, was den Doctor ſo ſehr intereſſirte, daß er mich erſuchte, ihn bei Gelegen⸗ heit des nächſten Beſuchs meines Freundes demſelben vor⸗ zuſtellen. Dieſe Ceremonie nahm ich vor, und da der Doctor Mr. Dick bat, wenn er mich irgend einmal nicht in der Expedition der Poſt finden ſollte, herzukommen und ſich auszuruhen, bis unſere Morgenarbeit vorüber, wurde es für Mr. Dick bald zur Gewohnheit und zur an⸗ dern Natur, hinzukommen, und, wenn wir, was Mitt⸗ wochs oft paſſirte, ein wenig lange auf uns warten lie⸗ ßen, im Hofraume hin⸗ und herzuſpazieren. Hier machte 134 David Kopperfield. er die Bekanntſchaft von der ſchönen jungen Frau des Doctors, welche dieſe ganze Zeit über ſeltener als früher, von mir oder irgend einem Andern geſehen und nicht ſo luſtig, aber nicht weniger ſchön war, und wurde ſo ſtufen⸗ weiſe von Woche zu Woche zutraulicher, bis er ſich zuletzt entſchloß, in die Schule ſelbſt zu kommen und dort zu warten. Er ſaß dort ſtets in einem beſondern Winkel, auf einem beſondern Stuhle, der nach ihm„Dick“ ge⸗ nannt wurde. Hier pflegte er, ſeinen grauen Kopf vor⸗ gebeugt, zu ſitzen und aufmerkſam allem, was vorging, mit einer tiefen Verehrung vor der Gelehrſamkeit, die er ſich nie anzueignen vermocht, zuzuhören. Dieſe Verehrung dehnte Mr. Dick auf den Doctor aus, den er für den ſcharfſinnigſten und vollendetſten Phi⸗ loſophen aller Jahrhunderte hielt. Es dauerte lange, ehe Mr. Dick zu ihm anders als mit entblößtem Kopfe ſprach, und ſelbſt, als er und der Doctor ganz gute Freunde geworden waren und oft ſtundenlang an jener Seite des Hofraums mit einander hin⸗ und herwandel⸗ ten, welche als„des Doctors Spazierweg“ unter uns bekannt war, pflegte Mr. Dick noch dann und wann in Zwiſchenräumen den Hut abzuziehen, um ſeine Hochach⸗ tung vor der Weisheit und Wiſſenſchaſt zu zeigen. Wie es kam, daß der Doctor bei dieſen Spazierwegen Bruchſtücke des berühmten Lexikons vorzuleſen begann, weiß ich nicht, vielleicht war's ihm zuerſt ganz daſſelbe, als ob er ſie ſich ſelbſt vorläſe. Wie dem aber auch ſei, es wurde eben⸗ falls zur Gewohnheit, und Mr. Dick, der mit einem vor Stolz und Vergnügen leuchtenden Geſichte zuhörte, hielt in der innerſten Tiefe ſeines Herzens das Lexikon für das allerangenehmſte Buch in der Welt. Wenn ich an ſie denke, wie ſie vor jenen Schulſtuben⸗ David Kopperfield. 135 fenſtern auf⸗ und abgingen— der Doctor mit ſeinem wohlgefälligen Lächeln oder einer ernſten Bewegung des Kopfes eine gelegentlich vorkommende Redeblume in der Handſchrift leſend, und Mr. Dick, aufmerkſam horchend, gefeſſelt von Theilnahme, mit ſeinem armen Verſtande ruhig Gott weiß wo herumſchwebend auf den Fittichen erhaben tönender Worte— ſo denk' ich daran als an eines der erquicklichſten Genrebilder, die ich je geſehen. Mir iſt dann zu Muthe, als ob ſie auf ewig ſo hin⸗ und her⸗ gehen könnten und die Welt würde beſſer daran ſein; und als ob tauſend Dinge, um die ſie einen großen Lärm macht, nicht von halb ſo viel Nutzen für ſie oder mich wären. Agnes zählte ſich ſehr bald zu Mr. Dicks Freunden, und da er oft in das Haus kam, ſo machte er auch mit Uriah Bekanntſchaft. Die Freundſchaft zwiſchen ihm und mir wuchs fortwährend, und ſie wurde auf dieſem wun⸗ derlichen Fuße erhalten, daß, während Mr. Dick vor den Leuten als mein Vormund kam, der nach mir ſehen wollte, er mich ſtets über irgend einen ihm aufgeſtoßenen Zweifel befragte und ſich unabänderlich nach meinem Rathe rich⸗ tete, indem er nicht nur hohe Achtung vor dem mir an⸗ gebornen Scharfſinne hatte, ſondern ſich auch überlegte, daß ein gutes Theil davon von meiner Tante auf mich übergegangen ſei.. Eines Donnerstags früh, als ich eben mit Mr. Dick vom Gaſthofe nach der Poſterpedition ging, ehe ich mich in die Schule begab(denn wir hatten eine Schulſtunde vor dem Frühſtück), traf ich in der Straße Uriah, welcher mich an mein ihm gegebenes Verſprechen, zu ihm und ſeiner Mutter auf eine Taſſe Thee zu kommen, erinnerte, wobei er mit einer ſeiner Windungen hinzufügte:„Aber 136 David Kopperfield. ich erwartete nicht, daß Sie es halten würden, Musje Kopperfield; denn wir ſind gar ſolche geringe Leute.“ Ich war wirklich noch nicht im Stande geweſen, mir darüber klar zu werden, ob ich den Uriah leiden könnte oder ob ich ihn verachtete, und ich war noch immer zwei⸗ felhaft darüber, als ich auf der Straße vor ihm ſtand und ihm in's Geſicht ſah. Aber ich betrachtete es durch⸗ aus für einen Schimpf, für ſtolz gehalten zu werden, und ſagte, ich warte blos auf eine Einladung. „Oh, wenn's weiter nichts iſt, Musje Kopperfield,“ erwiederte Uriah,„und wenn's nicht unſre Niedrigkeit iſt, welche Sie abhält: wollen Sie dann dieſen Abend kommen? Aber wenn es unſre Niedrigkeit iſt, ſo hoffe ich, Sie werden kaum anſtehen, es offen zu ſagen, Musje Kopperfield; denn wir ſind uns unſrer Verhältniſſe ganz wohl bewußt.“ Ich ſagte, daß ich Mr. Wickfield davon in Kenntniß ſetzen wolle, und wenn er es gut heiße, was er ohne Zweifel thun würde, werde ich mich mit Vergnügen ein⸗ ſtellen. So zeigte ich denn um ſechs Uhr an dieſem Abend, welcher einer von denen war, wo die Expedition zeitig geſchloſſen wurde, Uriah an, daß ich bereit ſei. „Mutter wird wahrlich ſtolz ſein,“ verſetzte er, als wir zuſammen dahinſchritten.„Oder vielmehr, ſie würde ſtolz ſein, wenn das nicht Sünde wäre, Musje Kopper⸗ field.“ „Und doch— meinten Sie nicht dieſen Morgen, daß ich vielleicht ſtolz ſei,“ entgegnete ich. „Oh bei Leibe nicht, Musje Kopperfield!“ erwiederte Uriah.„Oh glauben Sie mir, wahrhaftig nicht! Solch ein Gedanke kam mir nie in den Kopf! Ich würde es Ihnen durchaus nicht als Stolz ausgelegt haben, wenn David Kopperfield. 137 Sie uns als zu gering für Sie betrachtet hätten. Denn wir ſind gar ſo geringe Leute.“ „Haben Sie in der letzten Zeit fleißig in den Ge⸗ ſetzen ſtudirt?“ fragte ich, um die Rede auf etwas An⸗ deres zu bringen. „Oh, Musje Kopperfield,“ ſagte er mit einer Miene voll Selbſtverläugnung,„mein Bischen Leſen darf kaum Studiren genannt werden. Ich habe dann und wann ein paar Abendſtunden mit Mr. Tidd verbracht.“ „Sehr ſchwer zu verſtehen, denk' ich?“ ſagte ich. „Er iſt für mich manchmal ſchwer zu verſtehen,“ entgegnete Uriah.„Aber ich weiß nicht, wie er für eine begabte Perſon ſein möchte.“ Nachdem er im Weitergehen mit den beiden erſten Fingern ſeiner ſkeletartigen rechten Hand auf ſeinem Kinn eine kleine Melodie geſpielt, fügte er hinzu: „Sehen Sie, es ſind da Ausdrücke drin, Musje Kop⸗ perfield— lateiniſche Worte und Bezeichnungen in Mr. Tidd, welche für einen Leſer von ſo geringen Kenntniſſen ſehr ſchwierig ſind.“ „Würde es Ihnen wohl lieb ſein, wenn Ihnen Je⸗ mand Lateiniſch lehrte?“ fragte ich raſch.„Ich will es Ihnen mit Vergnügen lehren, wenn ich's lerne.“ „Oh dank Ihnen, Musje Kopperfield,“ antwortete er kopfſchüttelnd.„Wahrlich, es iſt ſehr gütig von Ih⸗ nen, mir das Anerbieten zu machen, aber ich bin viel zu gering, als daß ich's annehmen könnte.“ „Was für dummes Zeug reden Sie da, Uriah!“ „Oh in der That, Sie müſſen mich entſchuldigen, Musje Kopperfield! Ich bin Ihnen ſehr verbunden, und ich verſichere Ihnen, daß ich's von allen Dingen am lieb⸗ ſten lernen möchte, aber ich bin bei weitem zu niedrig 138 David Kopperfield. dazu. Es giebt Leute genug, die in meinem niedern Stande mir auf den Kopf treten, ohne daß ich's noch nöthig hätte, ihre Gefühle dadurch zu beleidigen, daß ich Gelehrſamkeit beſäße. Gelehrſamkeit iſt nichts für mich. Eine Perſon wie ich thäte beſſer, nicht nach ſolchen Sachen auszuſchauen. Wenn ſo Einer fortkommen will im Leben, ſo muß er ſein Fortkommen durch Demuth ſuchen, Musje Kopperfield.“ Nie ſah ich ſeinen Mund ſo breitgezogen oder die Falten in ſeinen Backen ſo tief, als da, wo er ſich dieſer Gefühle entledigte, wobei er die ganze Zeit über den Kopf ſchüttelte und beſcheiden mit dem Halſe in die Schultern fuhr. „Ich glaube, Sie haben Unrecht, Uriah,“ ſagte ich. „Ich ſollte meinen, daß es verſchiedene Dinge gäbe, die ich Ihnen lehren könnte, wenn Sie Luſt hätten, ſie zu lernen.“ „Oh, das bezweifle ich nicht, Musje Kopperfield,“ antwortete er,„nicht im Mindeſten. Aber da Sie ſelbſt nicht von niedrer Herkunft ſind, ſo urtheilen Sie vielleicht nicht richtig über die, welche es ſind. Ich mag die, welche mehr wie ich ſind, nicht durch Gelehrſamkeit zum Angriff auf mich auffordern, danke Ihnen. Ich bin viel zu gering. Hier iſt meine geringe niedere Wohnung, Musje Kop⸗ perfield.“ Wir traten in ein niedriges altmodiſches Zimmer, gingen geradewegs von der Straße hinein und trafen dort Mrs. Heep, welche das leibhaftige Ebenbild Uriahs, nur kleiner, war. Sie empfing mich mit der äußerſten Demuth und entſchuldigte ſich gegen mich, daß ſie ihrem Sohn einen Kuß gab, indem ſie bemerkte, daß ſie, ſo ge⸗ ring ſie auch ſeien, doch ihre natürlichen Gefühle hätten, David Kopperfield. 139 welches, wie ſie hofften, bei Niemand Anſtoß erregen würde. Es war ein ganz anſtändiges Zimmer, halb Stube, halb Küche, aber durchaus kein behagliches Zim⸗ mer. Das Theegeſchirr ſtand auf dem Tiſche, und der Keſſel brodelte auf dem Feuer des Kamins. Da befand ſich eine Schublade mit einem oben angebrachten Pulte, auf welchem Uriah des Abends las oder ſchrieb; dort lag Uriahs blaue Mappe am Boden und ſpie Papiere aus; hier wieder war eine Partie von Uriahs Büchern, über⸗ ragt von Mr. Tidd; dort in der Ecke ſtand ein Schenk⸗ tiſch, und da endlich befanden ſich die gewöhnlichen Haus⸗ geräthe. Ich entſinne mich nicht, daß irgend ein einzelnes Ding ein unluſtiges, ärmliches, knickeriges Ausſehen ge⸗ habt hätte, wohl aber erinnere ich mich, daß das ganze Zimmer dieſen Eindruck auf mich machte. Es gehörte vielleicht zu Mrs. Heeps Demuth, daß ſie noch immer Trauerkleider trug. Trotz der langen Zeit, welche ſeit Mr. Heeps Hinſcheiden verfloſſen, trug ſte immer noch Trauerkleider. Ich glaube, die Haube ſchien eine kleine Aenderung erfahren zu haben; aber fonſt war ihr Anzug ganz ſo trauerfarben, als in den erſten Tagen der Leichenbeſtattung. „Das iſt ein denkwürdiger Tag, wahrhaftig, mein Uriah,“ ſagte Mrs. Heep indem ſie den Thee machte, „wo Musje Kopperfield uns die Ehre ſeines Beſuchs zu Theil werden läßt.“ „Ich ſagte es ſchon, daß Du ſo denken würdeſt, Mut⸗ ter,“ antwortete Uriah. „Wenn ich aus irgend einem Grunde gewünſcht ha⸗ ben könnte, daß Vater unter uns geblieben wäre,“ ver⸗ ſetzte Mrs. Heep,„ſo wäre es deshalb geſchehen, damit 140 David Kopperfield. er dieſen Abend Musje Kopperfields Geſellſchaft genoſſen hätte.“ Ich fühlte mich ganz betroffen über dieſe Compli⸗ mente, aber ich fand doch zugleich Geſchmack daran, mich als geehrten Gaſt betrachtet zu ſehen, und ich hielt Mrs. Heep für eine recht angenehme Frau. „Mein Uriah,“ fuhr Mrs. Heep fort,„hat ſich lange auf dieſen Abend gefreut. Er fürchtete, daß unſere Nie⸗ drigkeit im Wege ſtünde, und ich theilte dieſe Furcht. Demüthig ſind wir, demüthig waren wir, und demüthig werden wir in Zukunft immer ſein,“ ſagte Mrs. Heep. „Wahrhaftig, Sie haben dazu keine Urſache, Ma⸗ dam,“ verſetzte ich,„außer Ihren eignen Willen.“ „Danke Ihnen,“ erwiederte Mrs. Heep,„wir kennen unſere Stellung und ſind Gott dankbar dafür.“ Ich entdeckte jetzt, daß Mrs. Heep ſich mir allmälig genähert und Uriah ſich mir allmälig gegenüber geſtellt hatten, und daß ſie mir reſpektvoll die ausgeſuchteſten Eß⸗ waaren auf dem Tiſche aufnöthigten. Es war nichts be⸗ ſonders Ausgeſuchtes zu haben, aber ich nahm den Wil⸗ len für die That und hielt ſie für ſehr aufmerkſam. Bald begannen ſie von Tanten zu ſprechen, und da erzählte ich ihnen von der meinigen; dann von Vater und Mut⸗ ter, und da erzählte ich ihnen von den meinigen; dann redete Mrs. Heep von Stiefvätern, und da erzählte ich ihr von dem meinigen,— hielt indeß inne, da meine Tante mir über dieſen Gegenſtand zu ſchweigen geboten hatte. Indeß ein zarter junger Flaſchenkork würde nicht mehr Ausſicht ſich zu behaupten gehabt haben gegen zwei Korkzieher, ein zarter junger Zahn nicht mehr Feſtigkeit gegen zwei Zahndoctoren, ein kleiner Federball nicht mehr Widerſtandsfähigkeit gegen zwei Schlaghölzer, als ich David Kopperfield. 141 gegen Uriah und Mrs. Heep hatte. Sie thaten mit mir, was ſie Luſt hatten, und nagten und ſchraubten mit einer Sicherheit, an welche ich mit Erröthen denke, aus mir Dinge heraus, die zu erzählen ich kein Verlangen trug; und es gelang ihnen das um ſo beſſer, als ich in meiner jugendlichen Offenheit mir in gewiſſer Hinſicht eine Ehre daraus machte, ſo herablaſſend und mittheil⸗ ſam zu ſein, und als ich fühlte, daß ich geradezu die Stelle eines Gönners gegen meine beiden reſpektvollen Wirthe einahm. Sie hatten ſich einander ſehr lieb, ſoviel ſtand feſt. Ich erkläre mir, daß dies, als ein Zug der Natur, ſeine Wirkung auf mich ausübte; aber das Geſchick, mit wel⸗ chem das Eine immer an das anknüpfte, was das Andere geſagt hatte, war ein Zug der Kunſt, gegen die ich noch weniger ſtichfeſt war. Als aus mir über meine eignen Verhältniſſe nichts mehr heraus zu bekom⸗ men war(denn über das Leben bei Murdſtone und Grinby und meine Reiſe von London nach Dover war ich ſtumm), begannen ſie mit Mr. Wickſield und Agnes. Uriah warf den Ball Mrs. Heep zu, Mrs. Heep fing ihn und warf ihn Uriah zurück, Uriah behielt ihn ein Weilchen in den Händen, dann ſandte er ihn zu Mrs. Heep zurück, und ſo fuhren ſie fort, ihn herüber und hinüber zu ſchleudern, bis ich keine Ahnung mehr hatte, wer ihn habe, und ganz verwirrt war. Ebenſo wechſelten auch die Bälle. Bald war' Mr. Wickfield, bald Agnes; bald die Vortrefflich⸗ keit Mr. Wickfields, bald die Bewunderung, die ich für Agnes fühlte; bald die Ausdehnung von Mr. Wickfields Geſchäft und ſonſtigen Erwerbsquellen, bald unſer häus⸗ liches Leben nach Tiſche; bald der Wein, den Mr. Wick⸗ field zu ſich nahm, der Grund, weshalb er ihn zu ſich nahm, 142 David Kopperfield. und das Elend, daß er ſoviel zu ſich nahm; bald Dies, bald Das, bald Alles auf einmal; und die ganze Zeit über ließ ich, ohne daß es geſchienen, als ob ich zuviel ſpräche oder überhaupt mehr thäte, als daß ich ſie, aus Furcht, ſte möchten von dem Bewußtſein ihrer Niedrigkeit und der Ehre meiner Geſellſchaft überwältigt werden, dann und wann ermuthigte, in einem fort mir bald dies bald das entfallen, das ich nicht nöthig hatte, mir entfallen zu laſſen, und jedes Mal ſah ich die Wirkung davon an dem Zwinkern von Uriahs röthlich gefärbten Naſenlöchern. Es war mir ein wenig unbehaglich zu Muthe ge⸗ worden, und ich fing an, mich aus der Geſellſchaft wegzu⸗ wünſchen, als eine Geſtalt die Straße herabkam und an der Thür vorbeiging— ſie ſtand nämlich offen, um dem Zimmer, welches bei dem für die Jahreszeit drückend hei⸗ ßen Wetter ſehr warm war, friſche Luft zuzuführen— aber wieder umkehrte, hereinguckte, herbeikam und laut ausrief:„Kopperfield! Iſt's möglich!“ Es war Mr. Micawber! Er war's mit ſeiner Lor⸗ gnette, ſeinem Spazierſtocke, ſeinen Vatermördern, ſeiner vornehmen Miene, dem herablaſſenden Tonfall in ſeiner Stimme, kurz Mr. Micawber mit allem Zubehör! „Mein theurer Kopperfield!“ rief Mr. Micawber, indem er ſeine Hand ausſtreckte,„das iſt wahrlich ein Zuſammentreffen, das als ein ſolches betrachtet werden muß, welches uns die Unbeſtändigkeit und Ungewißheit aller menſchlichen Dinge zu Gemuthe— um kurz zu ſein, ein außerordentlich wunderſames Zuſammentreffen. Wandle ich da die Straße hinab, denke über die Mög⸗ lichkeit nach, daß ſich irgend etwas zum Beſten wenden könnte,— was gegenwärtig allerdings mein heißer Wunſch iſt— ſiehe da, plötzlich treff' ich einen jungen, David Kopperfield.„. 143 aber hochgeſchätzten Freund, der mit der ereignißvollſten Periode meines Lebens, ja ich möchte behaupten mit dem Wendepunkte meines Daſeins, verknüpft iſt. Kopperfield, mein lieber Junge, was machen Sie?“ Ich kann nicht ſagen, ich kann wahrlich nicht ſagen, daß ich mich freute, Mr. Micawber dort zu ſehen; indeß freute ich mich doch auch ihn zu ſehen und ſchüttelte ihm herzlich die Hand, indem ich ihn fragte, wie's Mrs. Micawber gehe. „Danke Ihnen,“ antwortete Mr. Micawber, indem er ſeine Hand anmuthig wie einſt ſchwenkte und mit dem Kinn in ſeine Vatermörder zurückfuhr.„Es geht wieder erträglich mit ihr. Die Zwillinge ziehen ihre Nahrung nicht mehr aus den Quellen der Natur,— um kurz zu ſein,“ ſagte Mr. Micawber in einem ſeiner Ausbrüche von ſelbſtgefälliger Behaglichkeit,„ſie ſind entwöhnt, und Mrs. Micawber iſt gegenwärtig meine Reiſebegleiterin. Sie wird außer ſich ſein vor Freude, Kopperfield, ihre Be⸗ kanntſchaft zu erneuern mit Jemand, der ſich in jeder Hinſicht als ein würdiger Prieſter am heiligen Altar der Freundſchaft bewieſen hat.“ Ich ſagte, ich würde mich freuen, ſie zu ſehen. „Sie ſind ſehr gütig,“ erwiederte Mr. Micawber. Dann lächelte Mr. Micawber abermals, fuhr mit dem Kinn abermals in die Vatermörder hinunter und ſchaute ſich um. „Ich habe meinen Freund Kopperfield entdeckt,“ ſagte er vornehm und ohne ſich an irgend Jemand zu wenden, „nicht in der Einſamkeit, ſondern theilnehmend an einem geſelligen Mahle in Geſellſchaft einer verwittweten Dame und Jemand, der augenſcheinlich ihr Sproß iſt— oder um kurz zu ſein,“ ſetzte Mr. Micawber in einem aberma⸗ 144 David Kopperfield. ligen Ausbruche von ſelbſtgefälliger Behaglichkeit hinzu, „ihr Sohn. Ich werde mir's für eine Ehre ſchätzen, vor⸗ geſtellt zu werden.“ Ich konnte unter dieſen Umſtänden nicht umhin, Mr. Micawber mit Uriah Heep und ſeiner Mutter bekannt zu machen, was ich denn auch that. Als ſie ſich vor ihm verneigten, nahm Mr. Micawber einen Stuhl und ſchwenkte ſeine Hand zum Gruße in ſeiner höflichſten Weiſe. „Jeder Freund meines Freundes Kopperfield,“ ſagte Mr. Micawber,„hat ein perſönliches Anrecht auf meine Freundſchaft.“. „Wir ſind zu geringe Leute, mein Herr,“ autwortete Mrs. Heep,„mein Sohn und ich, um Freunde von Musje Kopperfield ſein zu können. Er iſt ſo freundlich geweſen, mit uns eine Taſſe Thee zu trinken, und wir ſind ihm dankbar für ſeine Geſellſchaft, und ebenſo auch Ihnen, mein Herr, für Ihre Notiznahme.“ 1 „Madame,“ erwiederte Mr. Micawber mit einer Ver⸗ beugung,„Sie ſind ſehr verbindlich, und Sie, Kopper⸗ field, was machen Sie? Noch in der Weinhandlung?“ Ich war über die Maßen in Angſt, wie ich Mr. Mi⸗ cawber von dort wegkriegen könne, und entgegnete, mei⸗ nen Hut in der Hand und ohne Zweifel mit einem ſehr rothen Geſichte, daß ich ein Schüler bei Doctor Strong ſei. „Ein Schüler?“ ſagte Mr. Micawber, indem er ſeine Augenbrauen in die Höhe zog.„Ich bin außerordentlich glücklich das zu hören. Obwohl ein Geiſt wie der mei⸗ nes Freundes Kopperfield“— dies ſprach er zu Uriah und Mrs. Heep—„jene Bildung nicht bedarf, die er ohne ſeine Kenntniß der Menſchen und Dinge allerdings bedürfen würde, iſt er doch ein reicher Boden, keimend David Kopperfield. 145 und ſproſſend von verborgener Pflanzenfülle— oder um kurz zu ſein,“ ſagte Mr. Micawber mit einem abermali⸗ gen Ausbruche ſelbſtgefälliger Behaglichkeit,„ein Talent, welches fähig iſt, die Klaſſiker in jedem Sinne des Wortes zu erreichen.“ Uriah verſchlang langſam die Finger ſeiner langen Hände mit einander und machte mit ſeinem Oberkörper eine gräßliche Windung, um damit auszudrücken, wie er mich in gleicher Weiſe hochſchätze. „Wollen wir jetzt gehen und Mrs. Micawber ſehen?“ ſagte ich jetzt um Mr. Micawber hinweg zu bekommen. „Wenn Sie ihr dieſe Gunſt erweiſen wollen, Kop⸗ perfield,“ erwiederte Mr. Micawber aufſtehend.„Ich habe keine Urſache, es in Gegenwart unſrer Freunde hier zu verſchweigen, daß ich ein Mann bin, welcher mehrere Jahre gegen den Druck von Schwierigkeiten in Geldſachen gekämpft hat.“ Ich wußte, daß er ganz ſicher etwas der Art Lorbringen werde, da er ſich ſtets auf dieſe ſeine ſchwierige Lage etwas zu Gute that.„ Manchmal behielt ich die Oberhand in dieſen meinen Geldverlegenheiten. Es hat Zeiten gegeben, wo ich denſelben eine Portion Naſenſtüber hinter einander verabfolgt habe; es hat aber auch andere Zeiten gegeben, wo ſie mir zu viele wurden und ich mich für zahlungsunfähig erklärte und zu Mrs. Micawber mit den Worten Cato's ſprach: Plato, du ſprichſt gut. Es iſt Alles vorbei. Ich vermag nicht mehr weiter zu kämpfen! Aber zu keiner Zeit meines Lebens,“ fuhr Mr. Micawber fort,„habe ich eine größere Freude und Genugthuung empfunden, als da, wo ich meinen Kummer— wenn ich mit dieſem Worte Verlegenheiten bezeichnen darf, welche hauptſächlich von Verhaftsbefehlen und Schuldverſchreibungen auf zwei und vier Monate David Kopperfield. III. 10 146 David Kopperfield. herrührten,— in den Buſen meines Freundes Kopper⸗ field ausſchütten durfte!“ Nr. Micawber ſchloß dieſen ſchönen Tribut der Freund⸗ ſchaft, indem er ſagte:„Mr. Heep, guten Abend. Mrs. Heep, Ihr Diener,“ dann ſchritt er in der vornehmſten Haltung hinaus, wobei er mit ſeinen Schuhen einen recht anſtändigen Lärm auf der gepflaſterten Hausflur machte und, als wir gingen, ein Liedchen ſummte. Es war ein kleiner Gaſthof, wo Mr. Micawber ab⸗ geſtiegen war, und er bewohnte ein kleines Zimmerchen in demſelben, welches von dem Zimmer der Reiſediener abgetheilt war und entſetzlich nach Tabak duftete. Ich glaube, es befand ſich über der Küche, weil ein warmer Fettgeruch aus den Spalten der Dielen heraufdrang und ein dicker glänzender Schweiß ſich an den Wänden ange⸗ ſetzt hatte. Ich weiß, daß es in der Nähe des Schenktiſches war, und zwar von dem Duft der Spirituoſen und dem Klirren der Gläſer her. Hier befand ſich, auf einem klei⸗ nen Sopha lehnend, gerade unter dem Bilde eines Renn⸗ pferdes, den Kopf nahe am Feuer, und mit ihren Füßen den Senf vom Präſentirteller am andern Ende des Stüb⸗ chens wegſchiebend, Mrs. Micawber, zu welcher ihr Gemahl zunächſt allein eintrat und ſagte:„Meine Liebe, erlaube mir, Dir einen Zögling des Doctor Strong vorzuſtellen.“ Ich bemerkte nebenher, daß Mr. Micawber, obwohl er gerade ſo unklar wie immer über mein Alter und meine Stellung in der Welt war, ſich doch ſtets, als einer Sache von vornehmem Klange erinnerte, daß ich ein Zögling von Doctor Strong ſei. Mrs. Micawber war verwundert, aber zugleich ſehr glücklich, mich zu ſehen. Auch ich war ſehr glücklich, ſie einmal wiederzuerblicken, und nach einer herzlichen Begrü⸗ David Kopperfield. 147 ßung von beiden Seiten ſetzte ich mich auf das kleine Sopha neben ſie. „Meine Liebe,“ ſagte ihr Gemahl jetzt,„wenn Du nun Kopperfield von unſrer gegenwärtigen Lage in Kennt⸗ niß ſetzen willſt, von welcher er ohne Zweifel gern unter⸗ richtet ſein möchte, ſo will ich inzwiſchen gehen und mich in den Zeitungen umſehen, ob ſich unter den Anzeigen etwas findet, wodurch ſich unſre Sache zum Beſten wen⸗ den könnte.“ „Ich dachte, Sie wären zu Plymouth, Madam,“ ſagte ich zu Mrs. Micawber, als er hinausging. 3 „Mein lieber Musje Kopperfield,“ erwiederte ſie, „wir gingen nach Plymouth.“ „Um auf dem Plaatze zu ſein,“ winkte ich, zum Zei⸗ chen, daß ich den Grund wiſſe. „Ganz recht,“ ſagte Mrs. Micawber.„Um am Platze zu ſein. Aber wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, Talent können ſie im Zollhauſe nicht brauchen. Der lokale Ein⸗ fluß meiner Familie war durchaus unzureichend, um in dieſem Departement für einen Mann von Mr. Micawbers Fähigkeiten eine Stelle zu erlangen. Ja Sie wollten einen Mann von Mr. Micawbers Fähigkeiten gar nicht einmal haben. Er würde nur zeigen, wie viel den Andern fehlte. Ueberdies aber,“ fuhr Mrs. Micawber fort,„will ich vor Ihnen, mein lieber Musje Kopperfield, nicht ver⸗ hehlen, daß, als jener Zweig meiner Familie, der ſich zu Plymouth niedergelaſſen hat, gewahr wurde, daß Mr. Micawber von mir und dem kleinen Wilkins und ſeiner Schweſter und den Zwillingen begleitet ſei, ſie ihn nicht mit jener Herzlichkeit empfingen, welche er erwartet ha⸗ ben mochte, da er doch erſt vor ſo kurzer Zeit aus der Gefan⸗ genſchaft erlöſt war. Kurz,“ fuhr Mrs. Micawber fort, 10* 148 David Kopperfield. indem ſie ihre Stimme dämpfte—„unter uns geſagt— unſer Empfang war kühl.“ „Mein Gott!“ rief ich. „Ja,“ ſagte Mrs. Micawber.„Es iſt wahrhaft be⸗ trübend, den Menſchen von dieſer Seite zu betrachten, Musje Kopperfield, aber unſre Aufnahme war entſchieden kühl. Darüber waltet kein Zweifel ob. Und kurz, jener Zweig meiner Familie, der in Plymouth anſäſſig iſt, wurde geradezu perſönlich gegen Mr. Micawber, ehe wir eine Woche dort geweſen waren.“ Ich ſagte, und dachte, daß ſie ſich hätten vor ſich ſelber ſchämen ſollen. „Und doch war es ſo,“ fuhr Mrs. Micawber fort. „Was konnte unter ſolchen Verhältniſſen ein Mann von Micawbers Geiſte thun? nur ein einziger Weg war ihm offen gelaſſen. Von jenem Zweige meiner Familie das Geld zur Rückkehr nach London zu borgen und, koſte es, was es wolle, zurückzukehren.“ „Dann kamen Sie alle nach London zurück, Ma⸗ dam?“ fragte ich. „Wir Alle kamen zurück,“ antwortete Mrs. Micawber. „Seit dieſer Zeit habr ich mir bei anderen Zweigen meiner Familie Rathes erholt, üder die Laufbahn, die Mr. Micaw⸗ ber am geeignetſten einſchlagen könne— denn ich bleibe da⸗ bei, daß er Lint Kauſbahn ergreifen muß, Musje Kopper⸗ field,“ ſagte Mrs. Micawber im Tone unbeſtreitbarer Beweis⸗ führung.„Es iſt klar, daß eine Familie von ſechs Perſonen, ungerechnet einen Dienſtboten, nicht von der Luft leben kann. „Gewiß, Madam,“ fagte ich. „Die Meinung dieſer anderen Zweige meiner Familie,“ 4 ſprach Mrs. Micawber weiter,„iſt, daß Mr. Micawber ſeine Aufmerkſamkeit augenblicklich den Kohlen zuwenden ſolle.“ David Kopperfield. 149 „Was für einem Dinge, Madam?“ „Den Kohlen,“ wiederholte Mrs. Micawber.„Dem Kohlenhandel. Mr. Micawber kam auf eingezogene Er⸗ kundigung hin auf den Gedanken, daß für einen Mann von ſeinen Talenten eine Stelle im Kohlenhandel auf dem Medway offen ſein könnte. In dieſem Falle war, wie mein Mann ganz richtig bemerkte, der erſte Schritt, der ohne Weiteres zu thun war, der, daß wir hingehen und den Medway uns anſehen mußten. Wir gingen denn und ſahen. Ich ſage„wir“, Musje Kopperfield; denn nimmer,“ rief Mrs. Micawber aufgeregt,„nimmer will ich Mr. Micawber verlaſſen!“ Ich murmelte meine Bewunderung und Billigung. „Wir kamen alſo,“ wiederholte Mrs. Micawber, „und ſahen den Medway. Meine Meinung über den Kohlenhandel auf dieſem Fluſſe iſt, daß dazu vielleicht Talent gehören mag, daß aber ganz ſicher Kapital dazu gehört. Talent hat Mr. Micawber, Kapital hat er nicht. Wir ſahen, wie ich glaube, den größeren Theil des Med⸗ way, und dies iſt meine Meinung darüber. Da wir nun ſo nahe dem Orte hier waren, war Mr. Micawber der Anſicht, daß es unvernünftige Eile ſein würde, nicht das Stück Wegs noch zu machen und ſich die Kathedrale zu be⸗ ſehen. Erſtens weil ſie ſo ſehr ſehenswerth iſt und wir ſie noch nie geſehen hatten, und zweitens wegen der großen Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß ſich für uns in einer Stadt mit einer Kathedrale etwas zum Beſten kehrt. Wir ſind,“ ſagte Mrs. Micawber,„drei Tage hier geweſen. Nichts hat ſich bis jetzt zum Beſten gekehrt, und es wird Sie, mein lieber Musje Kopperfield, nicht ſo ſehr überraſchen, wie einen Fremden, wenn Sie erfahren, daß wir gegenwärtig auf eine Rimeſſe von London warten, um unſern pecuniä⸗ 150 David Kopperfield. ren Verpflichtungen in dieſem Gaſthauſe nachzukommen. Bis zur Ankunft dieſer Rimeſſe,“ ſetzte Mrs. Micawber mit viel Gefühl hinzu,„bin ich abgeſchnitten von meiner Heimat — ich meine damit nämlich unſre Wohnung in Pentonville — meinem Knaben und Mädchen und meinen Zwillingen.“ Ich fühlte das tiefſte Mitleid mit Mr. und Mrs. Micawber in dieſer äußerſten Noth und ſagte dies auch Mr. Micawber, der jetzt zurückkehrte, wobei ich hinzufügte, daß ich nur wünſchte, ich hätte Geld genug, um ihnen den Betrag zu lei deſſen ſie benöthigt wären. Mr. Micawbers Antwort drückte die Verſtörtheit ſeines Ge⸗ müthes aus. Er ſagte, indem er mir die Hand ſchüttelte: „Kopperfield, Sie ſind ein treuer Freund, aber wenn es zum Aeußerſten kommt, ſo iſt kein Menſch ohne einen Freund, der im Beſitz von dem iſt, was man zum Raſiren bedarf.“ Auf dieſe ſchreckliche Andeutung warf ſich Mrs. Mi⸗ cawber ihrem Gemahl an die Bruſt, umſchlang ſeinen Hals mit ihren Armen und bat ihn flehentlich, ſich zu be⸗ ruhigen. Er weinte, erholte ſich aber faſt augenblicklich wieder in ſo weit, daß er nach dem Kellner zu klingen und einen heißen Nierenpudding ſowie einen Teller Seegarneelen zum Frühſtück auf nächſten Morgen zu beſtellen vermochte. Als ich mich bei ihnen verabſchiedete, drangen ſie beide in mich, mit ihnen, ehe ſie wegreiſten, noch einmal zu ſpeiſen, und zwar ſo ſehr, daß ich es nicht ablehnen konnte. Da ich jedoch wußte, daß ich den nächſten Tag, wo ich mich am Abend fleißig vorzubereiten hatte, nicht kommen könnte, ſo machte Mr. Micawber den Vorſchlag, er wolle im Laufe des Vormittags(wo die Rimeſſe, wie ihm ein Vorgefühl ſage, mit der Poſt eintreffen werde) in Doctor Strongs Haus vorfragen, und den Tag nach⸗ her in Vorſchlag bringen, wenn der mir beſſer paßte. David Kopperfield. 151 Richtig wurde ich denn auch nächſten Vormittag aus der Schule abgerufen und fand Mr. Micawber im Sprech⸗ zimmer, welcher vorgeſprochen hatte, um mir zu ſagen, daß das Mittagseſſen wie vorgeſchlagen, ſtattfinden werde. Als ich ihn fragte, ob die Rimeſſe gekommen ſei, drückte er mir die Hand und ging weg. Als ich dieſen ſelben Abend aus dem Fenſter ſah, verwunderte es mich und war mir höchſt unangenehm, Mr. Micawber und Uriah Heep Arm in Arm vorüber⸗ wandeln zu ſehen: Uriah in Demuch ſich der Ehre be⸗ wußt, die ihm angethan wurde und Mr. Micawber voll von dem holden Vergnügen, ſeine Gönnerſchaft auf Uriah ausdehnen zu können. Aber noch viel mehr verwunderte ich mich, als ich den nächſten Tag um die beſtimmte Eß⸗ ſtunde, welche vier Uhr war, nach dem kleinen Gaſthauſe ging, aus dem, was Mr. Micawber ſagte, zu erfahren, daß er mit Uriah heimgegangen ſei und in Mrs. Heeps Hauſe Grog getrunken habe. „Und ich will Ihnen was ſagen, mein lieber Kopper⸗ field,“ verſetzte Mr. Micawber,„Ihr Freund Heep iſt ein junger Burſche, welcher Generalſtaatsanwalt ſein könnte. Hätte ich dieſen jungen Mann in der Periode gekannt, wo meine Geldverlegenheiten zur Kriſis kamen, ſo iſt Alles, was ich ſagen kann, daß ich glaube, meine Gläu⸗ biger würden um ein gutes Theil beſſer weggekommen ſein, als ſie wegkamen.“ Ich begriff kaum, wie das möglich geweſen, indem ich geſehen, daß Mr. Micawber durchaus gar nichts gezahlt hatte; aber ich mochte nicht gern fragen. Auch mochte ich nicht ſagen, daß ich hoffte, er wäre nicht allzu mittheilſam gegen Uriah geweſen, und ebenſo wenig mich erkundigen, ob ſie viel über mich geſprochen. Ich fürchtete, Mr. Micawbers 152 David Kopperfield. Gefühle zu verwunden, oder wenigſtens die von Mrs. Mi⸗ cawber, die allerdings ſehr empfindlich war; aber ich war doch in Beſorgniß deshalb und dachte ſpäter ſehr oft daran. Wir hatten ein wunderhübſches kleines Gaſtmahl. Ein ganz herrliches Fiſchgericht, das Nierenſtück einer gebratenen Kalbslende, Bratwurſt, ein Rebhuhn und einen Pudding. Es gab Wein und ſtarkes Ale, und nach dem Eſſen machte uns Mrs. Micawber eine Bowle heißen Punſch mit eigner Hand. Mr. Micawber war auf außergewöhnlich heiterer Laune. Ich ſah ihn nie als einen ſo guten Geſellſchafter. Er trank Punſch, daß ihm ſein Antlitz erglänzte, als ob es über und über lakirt wäre. Er ſprach ſich in ſehr luſti⸗ gen Ausdrücken über die Stadt aus und brachte einen Trinkſpruch auf ihr Gedeihen aus, indem er bemerkte, daß man es Mrs. Micawber und ihm daſelbſt ſehr bequem und behaglich gemacht, und daß er nie die angenehmen Stunden vergeſſen werde, die ſie in Canterbury verlebt. Dann brachte er mein Wohl aus, und er und Mrs. Mi⸗ cawber und ich ließen die vergangnen Zeiten, wo wir mit einander bekannt geworden, die Revue paſſiren, in deren Verlauf wir die einzelnen Stücke des Hausraths nochmals in Gedanken verkauften. Dann brachte ich ein Hoch auf Mrs. Micawber aus, oder ſagte wenigſtens beſcheidentlich: „Wenn Sie mir erlauben wollen, Mrs. Micawber, ſo werde ich nun das Vergnügen haben, auf Ihre Geſund⸗ heit zu trinken.“ Worauf Mr. Micawber eine Lobrede auf Mrs. Micawbers Charakter zum Beſten gab und ſagte, daß ſie ſtets ſeine Führerin, Beratherin und Freundin geweſen, und daß er mir für die Zeit meines Lebens, wo ich zum Heirathen kommen würde, empfehle, ebenſo ein David Kopperfield. 1⁵³ Weib zu heirathen, wenn ſolch ein Weib auf Erden noch zu finden ſei. Als der Punſch verſchwunden war, wurde Mr. Mi⸗ cawber noch freundlicher und launiger. Da auch Mrs. Mi⸗ cawbers Lebensgeiſter luſtig aufzuflackern anfingen, ſangen wir das ſchottiſche Lied:„Die alte gute Zeit.“ Als wir zu der Strophe:„Hier meine Hand, mein treuer Bruder!“ kamen, gaben wir uns alle rings um den Tiſch die Hände, und als wir erklärten, wir wurden„trinken einen recht guten Willie Waught“*) und nicht die Spur von einem Begriff hatten, was das heiße, waren wir tief ergriffen. Mit einem Worte, nie ſah ich Jemand ſo durch und durch jovial, als Mr. Micawber bis zum letzten Augen⸗ blicke dieſes Abends war, wo ich von ihm und ſeiner liebenswürdigen Gattin herzlichen Abſchied nahm. Ich war folglich nicht vorbereitet, den nächſten Morgen ſieben Uhr die nachſtehende Mittheilung zu empfangen, welche vom ver⸗ gangnen Abend halb zehn Uhr, eine Viertelſtunde nachdem ich ihn verlaſſen, datirt war: „Mein theurer junger Freund! Der Würfel iſt gefallen— Alles iſt vorüber! Indem ich die Verwüſtung, welche die Sorge in meinen Zügen angerichtet, unter einer ſchwachen Maske ſcherzhafter Laune verbarg, habe ich Sie dieſen Abend nicht unterrichtet, daß wir keine Hoffnung auf die Rimeſſe haben. Unter dieſen Umſtänden, die zu erdulden ebenſo erniedrigend iſt, als ſie zu betrachten und ſie zu erzählen, habe ich die Schuld, welche in dieſem Etabliſſement hier aufgelaufen iſt, da⸗ durch berichtigt, daß ich eine Verſchreibung, in vierzehn Tagen zahlbar in meiner Wohnung, Pentonoville, London, ausſtellte. Wenn die Zeit kommt, werde ich ſie nicht — Etwa unſer: ſanfter Heinrich, d. i. tüchtiger Schluck. 154 David Kopperfield. einlöſen können. Die Folge wird mein Untergang ſein. Die Feſſel droht ſchon, und der Baum muß fallen! Laſſen Sie ſich den unglücklichen Mann, der in dieſen Zeilen zu Ihnen redet, mein theurer Kopperfield, das ganze Leben hindurch eine Warnung ſein. Er ſchreibt Ihnen in dieſer Abſicht und dieſer Hoffnung. Könnte er ſich für ſo nützlich halten, ſo möchte vielleicht ein Schimmer vom Lichte des Tages in den freudenloſen Kerker des ihm noch übrig bleibenden Daſeins fallen— obwohl gegen⸗ wärtig ein langes Leben für ihn— um gelind zu ſprechen— außerordentlich zweifelhaft iſt. Dies iſt die letzte Mittheilung, mein theurer Kopper⸗ field, welche Sie empfangen von dem hinausgeſtoßenen Bettler Wilkins Micawber.“ Ich war über den Inhalt dieſes herzzerreißenden Briefs ſo erſchrocken, daß ich augenblicklich nach dem kleinen Gaſthauſe rannte, um es auf meinem Wege zu Doctor Strongs Schule zu berühren und den Verſuch zu machen, Mr. Micawber mit einem theilnehmenden Worte aufzurichten. Aber auf dem halben Wege dahin begeg⸗ nete ich der Londoner Kutſche mit Mr. und Mrs. Micaw⸗ ber hinten darauf. Mr. Micawber, das leibhaftige Bild eines Stillvergnügten, lächelte über die Unterhaltung ſeiner Frau, aß Wallnüſſe aus einem Papierſacke und hatte in ſeiner Bruſttaſche eine Flaſche ſtecken. Da ſie mich nicht ſahen, ſo hielt ich's, bei Lichte betrachtet, für's Beſte, ſie auch nicht zu ſehen, und ſo wandte ich mich, einen großen Stein vom Herzen los, in eine Nebengaſſe, welche der nächſte Weg zur Schule war, und fühlte mich nach dem Allen ſehr erleichtert, daß ſie fort waren; ob⸗ wohl ich ſte trotz alledem, immer noch ſehr lieb hatte. Achtzehntes Kapitel. Ein Rückblick. Meine Schulzeit! Das ſchweigende Weitergleiten meines Daſeins— das ungeſehene, ungefühlte Fortſchrei⸗ ten meines Lebens— von der Kindheit in’s Jünglings⸗ alter hinein! Wenn ich zurückblicke auf dieſes dahinflu⸗ thende Waſſer, jetzt ein ausgetrocknetes Bett, überwuchert von Laub und Ranken, Leſer, ſo laß mich einmal nach⸗ denken, ob entlang ſeines Laufs ſich Merkzeichen finden, bei denen ich mich erinnern kann, wie es rann. Einen Augenblick, und ich nehme meinen Platz in der Kathedrale ein, wohin wir uns jeden Sonntag alleſammt verfügten, indem wir uns zu dieſem Zwecke zuerſt in der Schule verſammelten. Der erdige Hauch des Gottes⸗ hauſes, die Luft ohne Sonne, die Abgeſchloſſenheit vom Weltlichen, das Wiederhallen der Orgel in den ſchwarz und weißen Gallerien und Säulengängen, ſie ſind Schwin⸗ gen, welche mich zurücktragen und in der Schwebe erhal⸗ ten über jenen Tagen, in einem Traumzuſtande, der halb Schlaf, halb Wachen iſt. 156 David Kopperfield. Ich bin nicht mehr der letzte Knabe in der Schule. Ich habe mich in wenigen Monaten, über mehrere Andere erhoben. Aber der Klaſſenoberſte ſcheint mir ein mäch⸗ tiges Geſchöpf, das in weiter Ferne wohnt und deſſen ſchwindelnde Höhe unerreichbar iſt. Agnes ſagt„Nein“ dazu, aber ich ſage„Ja“ und ich erzähle ihr dann, daß ſie ſich wenig träumen läßt, welche Unmaſſen von Wiſſen von dieſem wunderbaren Weſen bemeiſtert worden ſind, an deſſen Platz, ihrer Meinung nach, ich, ſage ich ſchwacher An⸗ fänger einſt anlangen werde. Er iſt nicht wie Steerforth mein Freund im Prisatleben und mein Gönner im öffent⸗ lichen, aber ich habe Achtung und Ehrfurcht vor ihm. Vor Allem wundre ich mich, was er werden wird, wenn er Doctor Strongs Schule verläßt, und was die Welt thun wird, um irgend eine Stellung gegen ſeinen Anlauf zu behaupten. Doch wer iſt das, der da plötzlich auf mich loseilt? Das iſt Miß Shepherd, die ich liebe. Miß Shepherd iſt eine Koſtſchülerin in dem Etabliſ⸗ ſement der Miſſes Nettingal. Ich bete Miß Shepherd an. Sie iſt ein kleines Mädchen in einem Spencer, mit einem runden Geſichtchen und lockigen Flachshaaren. Die jungen Damen der Niſſes Nettingall kommen eben⸗ falls zur Kathedrale. Ich kann nicht auf mein Buch ſehen; denn ich muß auch auf Miß Shepherd hinſchauen. Wenn die Chorſänger ſingen, höre ich Miß Shepherd. In den Gottesdienſt verflechte ich im Geiſte Miß She⸗ pherd— ich gebe ihr einen Platz im Kirchengebete mit⸗ ten in der königlichen Familie. Zu Hauſe, auf meinem Zimmer finde ich mich zu Zeiten bewogen, in überſtrö⸗ mender Liebe„Oh Miß Shepherd!“ auszurufen. Manchmal bin ich im Zweifel über Miß Shepherds David Kopperfield. 157 Gefühle, aber endlich treffen wir durch die Gunſt des Schickſals in der Tanzſtunde zuſammen. Ich habe Miß Shepherd zu meiner Tänzerin. Ich berühre Miß Shepherds Handſchuh und fühle, wie mir ein elektriſches Nerven⸗ zittern an dem rechten Aermel meiner Jacke hinaufgruſelt und aus meinen Haaren herauskommt. Ich ſage Miß Shepherd nichts Zärtliches, aber unſre Seelen verſtehen ſich. Miß Shepherd und ich leben, um mit einander ver⸗ einigt zu werden. Wunderlich! warum gebe ich nur der Miß Shepherd heimlich zwölf braſiliſche Nüſſe zum Geſchenk? Sie ſind kein Symbol der Liebe, ſie laſſen ſich ſchwer in ein Packet von regelmäßiger Form packen, ſie ſind ſchwer aufzu⸗ knacken, ſelbſt wenn man's zwiſchen Srabenthüren ver⸗ ſucht; und wenn ſie geknackt ſind, ſo ſind ſie ölig,— und dennoch fühle ich, daß ſie für Miß Shepherd paſſen. Weiche ſüße Zuckerbrödchen ſchenke ich desgleichen meiner Miß Shepherd und Orangen in Unzahl. Einmal küſſe ich Miß Shepherd im Zimmer, wo die Mäntel hängen. Himmel, wie wird mir! Und Hiumel, in welche Wuth und Entrüſtung gerathe ich den Tag darauf, als das flüchtige Gerücht zu meinen Ohren kommt, die Miſſes Nettingal haben Miß Shepherd in die Stocks geſteckt, weil ſte über die große Zehe gegangen! 1 Venn Miß Shepherd nun das ſtete, überall erſchei⸗ nende Thema und Gedankenbild meines Lebens iſt, wie komme ich je dazu, mit ihr zu brechen? Ich vermag es nicht zu begreifen. Und doch entſteht eine gewiſſe Kälte zwiſchen ihr und mir. Ein Geflüſter dringt zu mir, Miß Shepherd habe geſagt, ſie wünſche, daß ich nicht ſo nach ihr hinſtarre, und ſie habe erklärt, daß ſie dem jun⸗ gen Jones den Vorzug gebe— dieſem Jones!— einem 158 David Kopperfield. Jungen, der nicht das geringſte Verdienſt hat! Die Kluft zwiſchen mir und Miß Shepherd erweitert ſich. Zuletzt begegne ich eines Tages dem Etabliſſement der Miſſes Nettingal auf einem Spaziergange. Miß Shepherd ſchneidet mir ein Geſicht, als ſie vorbeigeht, und lacht zu ihrer Begleiterin. Alles iſt vorbei. Die Hingebung für ein ganzes Leben,— es ſcheint wenigſtens ein ganzes Le⸗ ben, und es iſt ganz daſſelbe— iſt zu Ende; Miß Shepherd wird im Morgengottesdienſte ausgelaſſen und hat keinen Zutritt mehr unter die königliche Familie. Ich nehme einen höhern Platz in der Schule ein, und Niemand ſtört mich mehr in meiner Gemüthsruhe. Ich bin jetzt durchaus nicht mehr höflich gegen die jungen Damen der Miſſes Nettingal und würde nach keiner von ihnen mehr ſchmachten, wären ihrer auch zweimal ſo viel und wären ſie auch zwanzigmal ſo ſchön. Ich halte die Tanzſtunde für eine langweilige Geſchichte und wundere mich, warum die Mädchen nicht für ſich allein tanzen und uns bei Seite laſſen können. Ich werde eine Größe im Bau lateiniſcher Verſe und vernachläſſige die Schnürſenkel meiner Stiefel. Doctor Strong lobt mich öffentlich als einen vielverſprechenden jungen Schüler. Mr. Dick iſt außer ſich vor Freude, und meine Tante iberſendet mir mit der nächſten Poſt eine Guinea. Das Schattenbild eines jungen Fleiſchers ſteigt auf, wie die Erſcheinung des bewaffneten Hauptes in Mac⸗ beth. Wer iſt dieſer junge Fleiſcher? Er iſt der Schrecken aller jungen Leute in Canterbury. Es läuft eine unbe⸗ ſtimmte Sage um, daß der Ochſentalg, mit welchem er ſich die Haare einreibe, ihm übernatürliche Stärke ver⸗ leihe, und daß er gegen Jeden ſeinen Mann ſtehe. Er iſt ein junger Fleiſcher mit einem breiten Geſichte, einem David Kopperfield. 159 Stiernacken, groben rothen Backen, einem bösartigen Gemüthe und einer Zunge voll Schimpfreden. Der ge⸗ wöhnliche Gebrauch, den er von dieſer Zunge macht, iſt, die jungen Herren in Doctor Strongs Schule zu ſchmä⸗ hen. Er ſagt öffentlich, daß wenn ſie was brauchen, er es ihnen geben will. Er nennt Einzelne von ihnen, mich eingeſchloſſen, welche er mit einer Hand und die andre hintergebunden in den Sand zu ſetzen ſich getrauen könnte. Er lauert den kleineren Knaben auf, um ihnen in ihre unbeſchützten Köpfe Löcher zu ſchlagen, und ſchreit mir in den Straßen Herausforderungen nach. Aus dieſen hin⸗ reichenden Gründen entſchließe ich mich, mit dem Fleiſcher zu kämpfen. Es iſt an einem Sommerabende, unten in einem grün überwachſenen Graben an der Ecke einer Mauer. Dort treffe ich den Fleiſcher zur ausgemachten Stunde. Ich bin begleitet von einer Anzahl Auserwählter aus unſern Knaben, der Fleiſcher von zwei andern Fleiſchern, einem jungen Gaſtwirthe und einem Eſſenkehrer. Die nöthigen Vorbereitungen ſind in der Ordnung, und der Fleiſcher und ich ſtehen ſich Aug' im Auge gegenüber. In einem Augenblicke zündet der Fleiſcher an meiner linken Augen⸗ braue zehntauſend Lichter an; im Augenblicke darauf weiß ich nicht mehr, wo die Mauer iſt, oder wo ich bin, oder wo irgend Jemand iſt. Ich weiß kaum, welches ich ſelbſt und welches der Fleiſcher iſt, in ſolch einem Her⸗ über, Hinüber und Durcheinander hauen wir uns auf dem niedergetretenen Graſe herum. Manchmal erblicke ich den Fleiſcher, blutend aber voll Zuverſicht; manchmal wieder ſehe ich gar nichts und ſitze, nach Athem ſchnap⸗ pend, auf dem Knie meines Secundanten; manchmal dringe ich wüthend auf den Fleiſcher ein und ſchlage mir 160 David Kopperfield. an ſeinem Geſichte meine Knöchel auf, ohne daß es ſchien, als ob ich ihn im Geringſten aus der Faſſung brächte. Endlich erwache ich, mit einem ſehr ſonderbaren Gefühle im Kopfe, wie aus einem Schlafe, in den man im Rauſche verfallen iſt, und ſehe, wie der Fleiſcher, beglückwünſcht von den beiden andern Fleiſchern, dem Wirth und dem Schornſteinfeger, davon geht und während des Gehens ſeinen Rock anzieht; woraus ich den ganz richtigen Schluß ziehe, daß der Sieg ihm geblieben iſt. Ich werde in einem traurigen Zuſtande nach Hauſe gebracht, wo man mir Beefſteaks auf die Augen legt und mich mit Senf und Branntwein einreibt, und wo ich ent⸗ decke, wie eine große weiße Geſchwulſt aus meiner Ober⸗ lippe herauskommt, welche unmäßig aufſchwillt. Drei oder vier Tage bleibe ich zu Hauſe, ein ſehr übel aus⸗ ſehendes Weſen mit einem grünen Schatten über meinen Augen, und es würde mir ſehr wüſt im Gehirne zu Muthe ſein, wenn mir nicht Agnes eine Schweſter wäre, die mich tröſtete, mir vorläſe und mir die Zeit licht und glücklich machte. Agnes beſitzt ſtets mein vollkommenes Vertrauen; und ich erzähle ihr Alles von dem Fleiſcher und wie er Be⸗ leidigung auf Beleidigung auf mich gehäuft, und ſie meint, ich könnte nicht anders gehandelt haben, als mit ihm loszugehen, während ſie doch zagt und zittert, wenn ſte daran denkt, daß ich wirklich mit ihm losgeweſen bin. Die Zeit iſt verfloſſen, ohne daß ich's gemerkt habe; denn Adams iſt in dieſen Tagen, die jetzt heran gekom⸗ men ſind, nicht mehr Klaſſenoberſter, ja er iſt's ſchon viele viele Tage nicht mehr geweſen. Adams hat die Schule ſchon ſo lange verlaſſen, daß wenn er zu Doctor Strong auf Beſuch zurückkehrt, außer mir nicht Viele mehr vor⸗ handen ſind, die ihn kennen. Adams erwarter alle Tage David Kopperfield. 161 eine Anſtellung beim Gericht zu erhalten, er wird ein Advocat werden und eine Perrücke tragen. Ich bin er⸗ ſtaunt, in ihm einen leutſeligeren Mann und eine weniger imponirende Erſcheinung zu finden, als ich gedachte. Er hat auch die Welt noch nicht in ſchwindelndes Staunen verſetzt; denn ſie geht ihres Weges, ſoviel ich bemerken kann, ganz ruhig weiter, als ob er nie mit ihr zu thun gehabt hätte. Hier folgt in meiner Erinnerung ein leerer Raum, durch welchen die Krieger der Dichtung und der Geſchichte in ſtattlichen, nie enden wollenden Zügen einherſchreiten— und was kommt dann! Ich bin der Klaſſenoberſte jetzt und überblicke die lange Reihe der Knaben unter mir, wobei ich eine herablaſſende Theilnahme für die von ihnen fühle, welche mir den Knaben in's Gedächtniß zurückru⸗ fen, der ich ſelbſt war, als ich zuerſt dorthin kam. Dieſer kleine Burſche ſcheint nicht mehr zu mir zu gehören, ich erinnere mich ſeiner nur als etwas, was ich auf der Straße des Lebens hinter mir zurückgelaſſen— als etwas, woran ich eher vorüber gegangen bin, als daß ich es wirklich ge⸗ weſen wäre— und denke an ihn ſchier als an irgend einen mir Fremden. Und das kleine Mädchen, welches ich an jenem erſten Tage in Mr. Wickfields Hauſe ſah, wo iſt ſte? Ebenfalls verſchwunden. An ihrer Statt ſchaltet das vollkommene Ebenbild des Gemäldes in der unteren Stube, kein Eben⸗ bild in Kindesgeſtalt mehr, durch das Haus, und Agnes — meine ſüße Schweſter, wie ich ſie in Gedanken nenne, meine Beratherin und Freundin, der gute Engel aller derer, die in das Bereich ihres mildruhigen, guten, ſelbſt⸗ verläugnenden Wirkungskreiſes kommen— iſt ein voll⸗ kommen ausgebildetes Weib. David Kopperfield. III. 11 162 David Kopperſield. Was ſind außer den Veränderungen in meinem Wuchſe, meinen Zügen, und dem Wiſſen, das ich während dieſer ganzen Zeit aufgeſpeichert, ſonſt noch für Verände⸗ rungen mit mir vorgegangen? Ich trage eine goldene Uhr und Kette, einen Ring auf meinem kleinen Finger und einen Rock mit langen Schößen, und ich verbrauche ein gutes Theil Bärenfett⸗Pomade— was im Vergleich zu dem Ringe betrachtet, ſich ſchlecht ausnimmt. Bin ich wieder verliebt? Ich bin's. Ich bete die älteſte Miß Lar⸗ kins an. Die älteſte Miß Larkins iſt eben kein kleines Mäd⸗ chen mehr. Sie iſt ein langes, ſchwarzäugiges Frauen⸗ zimmer mit dunklem Teint und einer ſchönen Figur. Die älteſte Miß Larkins iſt durchaus kein Backfiſch; denn die jüngſte iſt das nicht, und die älteſte muß drei bis vier Jahre älter ſein. Vielleicht mag die älteſte Miß Larkins gegen dreißig Sommer zählen. Meine Leidenſchaft für ſte überſteigt alle Gränzen. Die älteſte Miß Larkins iſt mit Officieren bekannt. Es iſt dies ein entſetzliches Ding, das ſich kaum ertragen läßt. Ich ſehe, wie ſie mit ihnen auf der Straße ſpricht. Ich ſehe ſte quer über die Gaſſe kommen, um ihr zu be⸗ gegnen, wenn ſie ihren Hut(ſie findet Geſchmack an hel⸗ len Hüten) auf dem Straßenpflaſter herabkommen ſehen, in Begleitung des Hutes ihrer Schweſter. Sie lacht und ſchwatzt und es ſcheint ihr zu gefallen. Ich verwende einen guten Theil meiner mir kärglich zugemeſſenen Zeit darauf, daß ich die Straßen auf und ab wandele, ihr zu begeg⸗ nen. Wenn ich ihr einmal am Tage eine Verbeugung gemacht habe(ich darf ſie als Bekannter von Mr. Larkins grüßen) bin ich glücklicher. Ich verdiene dann und wann eine Verbeugung. Die wüthenden Seelenkrämpfe, die ich David Kopperfield. 163 am Abende des Balls bei dem Wettrennen erdulde, wo, wie ich weiß, die älteſte Miß Larkins mit dem Militair tanzen wird, erfordern eine Entſchädigung, wenn es noch Gerechtigkeit in der Welt geben ſoll. Meine Leidenſchaft benimmt mir alle Eßluſt und läßt mich mein neueſtes ſeidenes Halstuch alle Tage umbinden. Ich habe keine andere Hoffnung ihr zu gefallen, als wenn ich meine beſten Kleider angelegt und meine Stiefeln wie⸗ der und immer wieder blank gewichſt habe. Ich ſcheine dann der älteſten Miß Larkins würdiger zu ſein. Alles, was zu ihr gehört oder zu ihr in einem Zuſam⸗ menhange ſteht, iſt ein Kleinod für mich. Mr. Larkins, ein grober alter Herr mit einem Doppelkinn und einem unbeweglichen Auge im Kopfe, iſt voll vom höchſten In⸗ tereſſe für mich. Wenn ich ſeine Tochter nicht treffen kann, gehe ich dahin, wo es wahrſcheinlich iſt, daß ich ihn treffe. Zu ihm zu ſagen:„Was machen Sie, Herr Lar⸗ kins? Sind die jungen Damen und die ganze Familie hübſch wohl?“ ſcheint ſo beziehungsvoll geſprochen, daß ich erröthe. Ich denke fortwährend an mein Alter. Was will das ſagen, ich ſei erſt ſiebenzehn Jahr, und ſiebenzehn ſei zu jung für die älteſte Miß Larkins! Außerdem werd' ich in einem Zeitraume, der kaum den Namen Zeitraum verdient, einund⸗ zwanzig ſein. Ich mache regelmäßig des Abends meinen Spaziergang außen vor Mr. Larkins Hauſe, obwohl mir's das Herz zerſchneidet, die Officiers hineingehen zu ſehen oder ſie oben im Geſellſchaftszimmer ſprechen zu hören, wo die älteſte Miß Larkins die Harfe ſpielt. Ich ſchleiche ſogar zwei oder drei Mal, nachdem die Familie zu Bett gegangen, bleich und wankenden Schrittes aber und abermals rings um 11* 164 David Kopperfield. das Haus, und frage mich, welches wohl das Kämmerlein der älteſten Miß Larkins ſein möge(wobei ich, wie ich jetzt geſtehen darf, Mr. Larkins Schlafkammer für die ihre anſah) und wünſche, daß ein Feuer ausbrechen, daß die verſammelte Menge vor Schreck ſich nicht rühren kön⸗ nen und daß ich, mit einer Leiter durch ſie hindurchſtür⸗ zend, dieſelbe gegen ihr Fenſter anlegen, ſie in meinen Armen retten, nach etwas, was ſie liegen gelaſſen, um⸗ kehren und in den Flammen untergehen möchte. Denn ich bin gemeiniglich ohne Selbſtſucht in meiner Liebe und glaube, ich könnte mich begnügen, einmal vor Miß Lar⸗ kins den Helden zu ſpielen und meine Seele auszu⸗ hauchen. — Gemeiniglich, aber nicht immer. Manchmal er⸗ heben ſich glänzendere Bilder der Zukunft vor mir. Wenn ich mich in Glanz werfe(was nämlich zwei Stunden in Anſpruch nimmt, für einen großen Ball, der bei den Lar⸗ kins gegeben wird, und den ich drei Wochen im Voraus genieße), ſo laſſe ich meine Phantaſie mit der Erzeugung lieblicher Bilder gewähren. Ich ſehe mich, wie ich den Muth faſſe, der Miß Larkins eine Erklärung zu machen. Ich ſehe Miß Larkins ihr Haupt auf meine Schulter ſen⸗ ken und ſeufzen:„Oh Kopperfield, darf ich meinen Ohren trauen?“ Ich ſehe Mr. Larkins mir den folgenden Mor⸗ gen ſeine Aufwartung machen und ſagen:„Mein lieber Kopperfield, meine Tochter hat mir Alles erzählt. Ihre Jugend iſt kein Einwand. Hier ſind zwanzigtauſend Pfund. Seid glücklich!“ Ich ſehe, wie meine Tante ihr Herz erweicht und uns ihren Segen giebt, und wie Mr. Dick und Doctor Strong bei der Trauung und Hochzeit gegenwärtig ſind. Ich bin kein dummer Kerl, glaube ich — wenn ich ſage: glaube ich, ſo verſteh ich darunter, David Kopperfield. 165 wie mich dieſer Rückblick mir zeigte— und wahrhaftig recht beſcheiden; aber alles das geht trotzdem vor ſich. Ich kehre nach dem Hauſe der Zauberin zurück, wo es eine Menge Lichter, viel Geplapper, Muſik, Blumen und(ein trauriger Anblick für mich) Officiere giebt, und wo die älteſte Miß Larkins als ein Wunder von Schön⸗ heit ſtrahlt. Sie iſt in Blau gekleidet und trägt in den Haaren blaue Blumen— Vergißmeinnichte— als obſie es nöthig hätte, Vergißmeinnichte zu tragen! Es iſt die erſte wirkliche Abendgeſellſchaft von Erwachſenen, zu der ich eingeladen worden bin, und ich fühle mich ein wenig unbehaglich; denn es ſcheint, als ob ich zu Nie⸗ mand gehöre, und Niemand ſcheint mir etwas zu ſagen zu haben, ausgenommen Mr. Larkins, der mich fragt, was meine Schulkameraden machen, was er nicht nöthig hat, da ich nicht dorthin gekommen bin, um beleidigt zu werden. Aber nachdem ich einige Zeit an der Thür ge⸗ ſtanden und meine Augen an der Göttin meines Herzens geweidet habe, nähert ſie ſich mir— ſie, die älteſte Miß Larkins! und fragt mich freundlich, ob ich tanze. Ich ſtammle mit einem Bücklinge:„Mit Ihnen, Miß Larkins.“ „Mit keiner Anderen?“ erkundigt ſich Miß Larkins. „Ich würde kein Vergnügen dabei finden, mit einer Anderen zu tanzen.“ Miß Larkins lacht und erröthet(oder ich bilde mir ein, ſie erröthet) und ſagt:„Den übernächſten Tanz ſoll es mich freuen.“ Der Tanz kommt an die Reihe.„Es iſt Walzer, dächt' ich,“ bemerkt Miß Larkins zögernd, als ich mich ihr präſentire.„Walzen Sie? Wo nicht, wird Kapitain Bailey—“* 8 166 David Kopperfield. Aber ich kann walzen(und zwar zufällig ziemlich gut) und ich trete mit Miß Larkins an. Ich nehme ſte mit ernſthaftem Geſichte von der Seite des Kaptain Vailey weg. Er iſt unglücklich dadurch, ohne Zweifel, aber er gilt mir gar nichts. Ich bin ebenfalls unglücklich gewe⸗ ſen. Ich walze mit der älteſten Miß Larkins! Ich weiß nicht wohin, zwiſchen wem und wie lange. Ich weiß nur, daß ich in einem Raume, mit einem blauen Engel, in einem Zuſtande wonnigen Taumels hinſchwebe, bis ich mich mit ihr in einem kleinen Zimmer auf einem Sopha ausruhend wiederfinde. Sie bewundert eine Blume (eine rothe japaniſche Camelie, die mich eine halbe Krone koſtete) in meinem Knopfloche. Ich gebe ſie ihr und ſage: „Ich fordere jedoch einen unſchätzbaren Preis dafür, Miß Larkins.“ „Ei in der That! Worin beſteht der?“ entgegnet Miß Larkins. „Eine Blume von Ihnen, damit icj ſie, wie ein Gei⸗ ziger ſein Gold, aufbewahre.“ „Sie ſind ein kecker Knabe!“* ſagte Miß Larkins.„Da.* Sie giebt mir die Blume, und zwar nicht geärgert, und ich drücke ſte an meine Lippen und ſtecke ſie dann an meine Bruſt. Miß Larkins lacht, legt dann ihre Hand durch meinen Arm und ſagt:„Nun führen Sie mich zu Kapitain Bailey zurück.“ Ich bin noch ganz verloren in der Erinnerung an dieſes köſtliche Zuſammenſein und den Walzer, als ſie mit einem ſchlichten ältlichen Herrn am Arme, der die ganze Nacht Whiſtgeſpielt hat, wieder auf mich zukommt und ſagt: „Oh hier iſt mein kecker junger Freund. Mr. Cheſtle wünſcht Ihre Bekanntſchaft zu machen, Mr. Kopperfield.“ —— David Kopperfield. 167 Es fällt mir plötzlich ein, daß er ein Freund der Fa⸗ milie iſt, und ich fühle mich ſehr geehrt. „Ich bewundre Ihren Geſchmack, mein Herr,“ ſagt Mr. Cheſtle,„Er macht Ihnen Ehre. Ich glaube, Sie haben kein großes Intereſſe am Hopfenbau, aber ich mei⸗ nestheils bin ein ziemlich bedeutender Hopfenerzeuger, und wenn es Ihnen einmal Spaß machen ſollte, in unfre Gegend— Gegend von Aſhford— zu kommen und einen Abſtecher nach unſerm Orte zu unternehmen, werden wir uns freuen, wenn Sie ſo lange bei uns bleiben, als Sie wollen.“ Ich danke Mr. Cheſtle warm und ſchüttele ihm die Hand. Ich glaube, ich bin in einem glücklichen Traume. Ich walze noch einmal mit Miß Larkins— ſie ſagt, ich tanze ſo gut! Ich gehe in einem Zuſtande unbeſchreibli⸗ cher Wonne nach Hauſe und walze im Geiſte die ganze Nacht hindurch, meinen Arm um die blaue Taille meiner theuren Göttin geſchlungen. Noch mehrere Tage darauf bin ich verſunken in begeiſterte Gedanken, aber ich ſehe ſie weder in der Straße, noch wenn ich in ihrem Hauſe vorſpreche. Nur unvollkommen tröſtet mich über dieſe getäuſchten Erwartungen das geheiligte Liebespfand, die verwelkte Blume. „Trotwood,“ ſagt Agnes eines Tages nach dem Eſſen. „Wer denken Sie, iſt im Begriffe, ſich morgen trauen zu laſſen?'s iſt Jemand, den Sie bewundern?“ „Sie doch nicht etwa, Agnes?“ „Ich!“ entgegnete ſte, indem ſie ihr heiteres Geſicht von den Noten erhebt, die ſie abſchreibt.„Hörſt Du ihn, Papa?— Nein, die älteſte Miß Larkins meine ich.“ „Mit— mit Kapitain Bailey?“ habe ich gerade noch genug Kraft zu fragen. . 168 David Kopperfield. „Nein— mit keinem Kapitain. Mit Mr. Cheſtle, dem Hopfenhändler.“ Ich bin ein oder ein paar Wochen furchtbar nieder⸗ geſchlagen. Ich nehme meinen Ring ab, ich trage meine ſchlechteſten Kleider, ich bediene mich keiner Bärenfett⸗ Pomade mehr und ich lamentire häufig über die verwelkte Blume der Miß Larkins. Während dieſer Zeit dieſer Art zu leben herzlich müde geworden und von dem Fleiſcher aufs Neue herausgefordert, werfe ich die Blume weg, gehe mit dem Fleiſcher vor's Thor und bore ihn rühmlichſt nieder. Dies und die Wiederaufnahme des Ringes und ebenſo der Bärenfett⸗Pomade, obwohl mit Maß, ſind die letzten Merkzeichen, die ich jetzt in der Zeit, wo ich aufs ſiebzehnte Jahr losging, zu unterſcheiden vermag. Ende des dritten Theils. S — — — ———