duard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eeih- und Jeſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ignahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. ſſen eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende& hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir ckerſtattet wird. 3 3 3 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Keſer unn Erſatz des Ganzen verpflichtett. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme e Summe Ausgewählte Uovellen- Bibliothek. Dritter Band. Bauid Kopperfield, der Jüngere. Von Charles Dickens. Zweiter Theil. — Ene Leipzig, n Verlagsbuchhandlung von J. J J. Weber. 1849. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erfahrungen und Beobachtungen des Jüngeren. Von Charles Dichens. Zweiter Theil. d Leipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 18319. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erfahrungen und Beobachtungen des Jüngeren. Zweiter Theil. 4 Siebentes Kapitel. Mein erſtes Halbjahr zu Salem Houſe. Den naͤchſten Tag begann die Schule im Ernſte. Ich erinnere mich, welch einen tiefen Eindruck es auf mich machte, als das Gewirr der Stimmen in der Schulſtube ſich plötzlich in Todtenſtille verwandelte, ſobald Mr. Creakle nach dem Frühſtück hereintrat und an der Schwelle ſtehen blieb und ſich rund umſah, wie der Rieſe im Märchen⸗ buche, der ſeine Gefangnen überzählt. Tungay ſtand hart neben Mr. Creakle zur Hand. Er hatte meiner Anſicht nach keine Veranlaſſung, ſo fürchterlich„Ruhe!“ zu ſchreien; denn die Knaben waren alle wie auf einen Schlag ſprach⸗ und regungslos geworden. Auf dieſen Erfolg ihres Erſcheinens ſah man Mr. Creakle und hörte man Tungay folgende Rede halten: „Nun, Jungen, das iſt ein neues Halbjahr. Nehmt euch in Acht mit dem, was ihr zu thun habt, in dieſem neuen Halbjahr. Geht mit friſcher Kraft an eure Auf⸗ gaben, das rath' ich euch; denn ich komme mit friſcher 1* 4 David Kopperfield. Kraft zur Züchtigung. Ich pflege nicht lange zu fackeln. Es wird euch nichts nützen, wenn ihr euch den Buckel reibt; denn die Merkzeichen, die ich euch gebe, werdet ihr euch doch nicht wegreiben. Nun denn, marſch an die Arbeit, jeder Junge!“ Als dieſe furchtbare Eröffnungsrede vorbei und Tungay wieder hinausgehumpelt war, kam Mr. Creakle zu dem Platze, wo ich ſaß, und ſagte mir, daß, wenn ich als biſſig verrufen wäre, er gleichfalls als jemand bekannt ſei, der zu beißen verſtehe. Er zeigte mir dann ſein ſpa⸗ niſch Rohr und fragte mich, was ich von dieſem Zahne hielte.„Iſts nicht ein ſcharfer Zahn, he?— Iſt's nicht ein Doppelzahn, he?— Hat's nicht eine Spitze, die tief ines Fleiſch geht, he?— Beißt's, he?— Nun, beißt's?— Bei jeder dieſer Fragen verſetzte er mir einen tüchtigen Hieb damit, ſo daß ich mich krümmte und wand. Mit dieſer Procedur war ich denn ſehr bald in Salem Houſe eingebürgert, nach Steerforths Ausdruck, und ebenſo auch ſehr bald in Thränen. Nicht daß ich zu behaupten gedächte, daß dies Merk⸗ male von Auszeichnung geweſen ſeien, mit denen man vorzugsweiſe oder allein mich bedacht hätte. Im Gegen⸗ theil, eine weit überwiegende Mehrzahl der Knaben, und beſonders die kleineren, wurden mit ähnlichen Aufmerk⸗ ſamkeiten heimgeſucht, als Mr. Creakle die Runde durch die Schulſtube machte. Die halbe Anſtalt krümmte und wand ſich und weinte, ehe das eigentliche Tagewerkbegann; und wie viel von derſelben ſich wand und weinte, ehe das Tagewerk vorüber, getraue ich mir kaum mitzutheilen, aus Furcht, daß es ſcheinen möchte, ich übertreibe. Ich ſollte meinen, es könnte niemand auf der Welt ge⸗ weſen ſein, der ſein Amt mit ſolcher Luſt verwaltet hätte, als David Kopperfield. 5 Mr. Creakle. Er hatte am Durchprügeln der Knaben eine Freude, welche mit der Befriedigung des Heißhungers ver⸗ glichen werden kann. Ich bin der feſten Ueberzeugung, daß er insbeſondre keinen pausbäckigen Jungen ungehudelt laſſen konnte, und daß in der Eigenſchaft der Pausbäckig⸗ keit für ihn ein verführeriſcher Zauber lag, der ihn in ſeinem Gemüthe nicht ruhen und raſten ließ, bis er ihm eins aufgemeſſen und ihm einen Merks zugetheilt hatte. Ich ſelbſt beſaß ein Paar Pausbacken und ſollte erfahren, was das bei Mr. Creakle hieß. Wahrlich, wenn ich jetzt an den Kerl denke, ſo ſteigt mir vor jener Entrüſtung das Blut zu Kopfe, welche ich gefühlt haben würde, wenn ich von aller ſeiner Schlechtigkeit gewußt hätte, ohne jemals thatſächlich davon betroffen oder überhaupt unter ſeiner Fuchtel geweſen zu ſein. Dennoch ſteigt es mir heiß zu Kopfe, weil ich weiß, daß er ſo dumm wie ein unvernünf⸗ tiges Vieh war und zu dem großen Hochmuthe, von dem er beſeſſen war, nicht mehr Recht, als zu der Stelle des Lord Oberadmiral oder Obergeneral hatte; wobei zu bemerken, daß er in jeder von dieſen beiden Amtsthätig⸗ keiten möglicherweiſe unendlich viel weniger Unfug began⸗ gen haben würde, als in ſeiner Stellung als Haupt einer Erziehungsanſtalt. Jammervolle kleine Weſen, die wir mit dem Opfer unſrer Demuth einen Götzen ohne Gewiſſen und Barm⸗ herzigkeit zu verſöhnen ſtrebten, wie verächtlich waren wir ihm! Und mit welchen Augen ſehe ich jetzt dieſen Ein⸗ tritt in's Leben an, wenn ich darauf zurückblicke, und mit welchen Namen nenne ich ſie, die Erniedrigung und Knechtung vor einem Manne von ſolchen Fähigkeiten und ſolchen Anſprüchen! Hier ſitze ich wieder an der Tafel und beobachte wieder David Kopperfield. ſeine Augen,— beobachte ihn geduckt und ängſtlich, rend er ein Rechnenbuch für ein andres Opfer linirt, deſſen Hände ſoeben mit demſelben Lineal bearbeitet worden ſind, und welches nun das Stechen und Prickeln darin mit einem Taſchentuche wegzuwiſchen verſucht. Ich habe vollauf zu thun. Ich beobachte ſein Auge nicht mit trägem Mundaufſperren, ſondern weil ich mich krankhaft an daſſelbe gefeſſelt fühle, in dem ängſtlichen Wunſche, zu wiſſen, was er nun wohl zunächſt thun wird, und ob an mir die Reihe ſein wird, zu dulden, oder an einem Andern. Eine lange Reihe kleiner Jungen neben mir die Tafel hinunter, beobachten mit gleichem Intereſſe ſein Auge. Ich glaube, er weiß das, obwohl er thut, als wüßt' er's nicht. Er ſchneidet fürchterliche Geſichter, während er das Rechnenbuch linirt, und jetzt auf einmal wirft er einen Blick auf unſre Tafel, und wir alle bücken uns über unſre Bücher und zittern. Einen Augenblick nachher ſtarren unſre Augen wieder auf ihn hin. Ein unglückſeliger Miſſethäter, des Verbrechens ſchuldig befunden, ſeine Aufgabe nicht vollendet zu haben, nähert ſich auf ſeinen Befehl. Der Miſſethäter ſtammelt Entſchuldigungen und bringt vor, daß er ſich entſchloſſen habe, es morgen beſſer zu machen. Mr. Creakle reißt einen Wi„ehe er ihn bakelt, und wir lachen darüber,— erb mliche kleine Schächer, wir lachen, während unſre Geſichter weiß wie Aſche ausſehen und das Herz uns in die Hoſen gefallen iſt! Hier ſitze ich wieder an der Tafel. Es iſt ein ſchwüler Sommernachmittag. Ein Summen und Schwirren erhebt ſich um mich, als ob die Knaben ebenſoviele Schmeißfliegen wären. Der Magen, beladen mit dem lauwarmen fetten Fleiſche, das wir vor ein oder zwei Stunden gegeſſen, liegt mir ſchwer im Leibe, und mein Kopf drückt wie ein wäh⸗ . David Kopperfield. 7 Bleiklumpen auf den Nacken. Ich würde die ganze Welt hingeben für die Erlaubniß, ſchlafen gehen zu können. Ich ſitze da, die Augen auf Mr. Creakle gerichtet, und ihn wie eine junge Eule anblinzelnd. Der Schlaf überwäl⸗ tigt mich eine Minute, und noch immer ſehe ich ihn in meinem Schlummer, undeutlich gleich einer fernen Ge⸗ ſtalt, bis er ſich leiſe hinter mich heranſchleicht und mich mit einer rothen Strieme über den Rücken aufweckt, welche mich zugleich auffordert, mir ihn deutlicher anzuſehen. Hier bin ich auf dem Spielplatze, und noch immer iſt mein Auge wie durch Zauber an den Meiſter der Schule ge⸗ heftet, obſchon ich ihn nicht ſehen kann. Das Fenſter, welches ſich in geringer Entfernung von dem Orte befindet, wo er meines Wiſſens ſein Mittagseſſen einnimmt, iſt vor ihm und wird ſtatt ſeiner ſelbſt von mir in's Auge gefaßt. Wenn er ſein Geſicht in der Nähe deſſelben zeigt, nimmt das meine ſogleich einen flehentlichen und unterwürfigen Ausdruck an. Wenn er aber durch das Glas herausblickt, ſo bleibt der dreiſteſte Knabe(Steerforth ausgenommen) mitten in einem Gekreiſch oder Johlen ſtecken und wird nachdenklich. Eines Tages zerbricht Traddles, der unglückſeligſte Pech⸗ vogel von einem Knaben in der Welt, dieſes Fenſter unverſehens mit einem Balle. Ich ſchaudere noch dieſen Augenblick bei dem entſetzlichen Gedanken, es gethan zu ſehen und zu fühlen, daß der Ball an das geheiligte Haupt Mr. Creakles geflogen ſei. Der arme Traddles! In ſeinem himmelblauen Kamiſol und Hoſen von gleicher Farbe, worin ſeine Arme und Beine ſich wie deutſche Bratwürſtchen oder Rolypolh⸗Puddings ausnahmen, war er der luſtigſte und zugleich der unglück⸗ celigſte aller Knaben. Er wurde in Einem weg gefuchtelt — ich glaube, daß er in dieſem Halbjahre alle Tage das 8 David Kopperfield. Rohr zu koſten bekam, nur ein Montag fiel als Raſttag aus, wo er jedoch gleichwohl auf beide Hände etwas mit dem Lineal kriegte— und war in Einem weg im Begriff, ſeinem Onkel darüber zu ſchreiben, was er aber niemals in’s Werk ſetzte. Denn nachdem er den Kopf ein Weilchen auf die Tafel gelegt, heiterte er ſich gewöhnlich durch irgend etwas wieder auf, begann wieder zu lachen und bemalte ſeine Schiefertafel über und über mit Gerippen, ehe auch nur ſeine Augen wieder trocken waren. Ich pflegte mich in der erſten Zeit verwundert zu fragen, was für Spaß Traddles im Zeichnen von Gerippen finden könnte, und ſah ihn ziemlich lange als eine Art von Ere⸗ miten an, der ſich durch dieſe Zeichen der Vergänglichkeit die Wahrheit in's Gemüth zurückrief, daß das Gefuchtelt⸗ werden nicht ewig dauern könne. Indeß glaube ich, daß er's gethan, weil die Gerippe leicht waren und keine Ge⸗ ſichtszüge bedurften.. Er hatte übrigens viel Ehre im Leibe, der kleine Traddles, und hielt es für eine heilige Pflicht, daß unter den Knaben einer für den andern ſtehe. Er duldete für dieſe Anſicht bei verſchiedenen Gelegenheiten, und vorzüg⸗ lich einmal, wo Steerforth in der Kirche gelacht hatte und der Kirchendiener dachte, es ſei Traddle geweſen und ihn hinauszog. Ich ſehe ihn noch jetzt, wie er verachtet von der Gemeinde, in's Gefängniß ging. Niemals ſagte er, wer in Wahrheit der Ruheſtörer geweſen, obwohl er den nächſten Tag Hiebe kriegte und ſo viele Stunden ein⸗ geſteckt wurde, daß er mit einem ganzen Kirchhofe voll Todtengerippe wieder herauskam, welche über ſein lateini⸗ ſches Wörterbuch ſchaarenweiſe vertheilt waren. Indeß empfing er auch ſeinen Dank für dieſe Aufopferung. Steerforth ſagte, es wäre auch nicht die Spur von einer David Kopperfield. 9 Klatſche an Traddles, und wir alle fühlten, daß dies das höchſte Lob ſei. Ich meinerſeits hätte, obwohl ich bei weitem nicht ſo tapfer und noch lange nicht ſo alt als Traddles war, eine gute Tracht übler Behandlung auf mich nehmen können, um ſolch einen Preis damit zu gewinnen. Zu ſehen, wie Steerforth vor uns her zur Kirche ging, Arm in Arm mit Miß Creakle, war eines von den großartigſten Schauſpielen meines Lebens. Nicht daß ich Miß Creakle mit der kleinen Emilie für gleich gehalten hätte im Punkte der Schönheit; auch liebte ich ſie nicht (weil ich mir's nämlich nicht getraute); aber ich hielt ſie für eine junge Dame von außergewöhnlich anziehendem Benehmen und im Punkte der feinen Lebensart für unüber⸗ trefflich. Wenn Steerforth, in weißen Beinkleidern, ihren Sonnenſchirm trug, ſo fühlte ich mich ſtolz, mich zu ſeinen Bekannten zählen zu dürfen, und glaubte, daß ſie ihn ohne alle Wahl und Frage vom Grunde des Herzens anbeten müſſe. Mr. Sharp und Mr. Mell waren ein paar achtungswerthe Perſonen in meinen Augen; aber Steerforth war gegen ſite, was die Sonne gegen zwei Sterne iſt. Steerforth fuhr fort, meinen Gönner und Beſchützer zu machen und bewies ſich mir als ein ſehr nützlicher Freund, da niemand es wagte, jemand zu beleidigen, den er mit ſeiner Gunſt beehrte. Er konnte mich gegen Mr. Creakle, der ſehr ſtreng mit mir verfuhr, nicht vertheidi⸗ gen; wenigſtens verſuchte er nichts der Art; aber war ich ein Mal übler als gewöhnlich behandelt worden, ſo ſagte er mir immer, daß mir ein wenig von ſeinem Muthe fehle, und daß er ſich dies nicht hätte gefallen laſſen; 10. David Kopperfield. womit er, wie ich fühlte, mir Herz machen wollte, und wofür ich ihm ſehr dankbar war. Ein einziges Mal, aber auch nur dies einzige, das ich kenne, war Mr. Creakles Bosheit für mich von Nutzen. Er fand meinen Schandzettel ſich im Wege, als er hinter der Bank, auf der ich ſaß, herunter oder hinaufging und mir im Vorüberwandeln gelegentlich einen Hieb zu Theil werden zu laſſen wünſchte; zu dieſem Zwecke wurde mir das Ding bald abgenommen, und ich ſah es nie wieder. Ein zufälliger Umſtand machte die Freundſchaft zwiſchen Steerforth und mir noch inniger, und zwar in einer Weiſe, die mich mit Stolz und Selbſtzufriedenheit erfüllte, ob⸗ wohl ſie zu Zeiten Unbequemlichkeiten mit ſich brachte. Es traf ſich eines Tages, wo Steerforth mir die Ehre erwies, auf dem Spielplatze ſich mit mir zu unterhalten, daß ich zufällig die Bemerkung machte, wie irgend etwas oder irgend wer— ich weiß nicht mehr, was— irgend einem Dinge oder irgend einer Perſon in Peregrine Pickle ähnlich ſei. Er ſagte damals nichts, aber als ich am Abend zu Bett ging, fragte er mich, ob ich das Buch beſäße. Ich ſagte ihm, nein, und erklärte ihm, wie es gekom⸗ men, daß ich daſſelbe und alle die andern Bücher, deren ich Erwähnung gethan, geleſen hätte. „Und erinnerſt Du Dich ihres Inhalts?“ ſagte Steerforth. „Ei ja wohl,“ erwiederte ich; denn ich hatte ein gutes Gedächtniß und glaubte mich auf die Geſchichten ganz wohl beſinnen zu können. „Nun, dann will ich Dir mal was ſagen, kleiner Kopperfield,“ verſetzte Steerforth,„Du ſollſt ſie mir er⸗ zählen. Ich kann des Nachts nicht ſehr zeitig einſchlafen David Kopperfield. 41 und wache am Morgen gemeiniglich zu früh auf. Wir wollen ſte eine nach der andern durchmachen. Wir wollen einige recht eigentliche arabiſche Nächte daraus machen.“ Ich fühlte mich außerordentlich geſchmeichelt durch dieſe Anordnung, und wir begannen noch denſelben Abend dieſelbe in's Werk zu ſetzen. Was ich im Verlaufe dieſer meiner Dolmetſcherſchaft für Raub und Verſtümmelung an meinen Lieblingsſchriftſtellern beging, bin ich zu ſagen nicht im Stande, möchte es auch nicht eben gern wiſſen; aber ich hatte einen zuverſichtlichen Glauben an ihre Wahrhaftigkeit, und ich beſaß, was mir aus meinem Glauben zu Gute kam, eine einfache, ernſte Weiſe, das zu er⸗ zählen, was ich erzählte, und mit dieſen Eigenſchaften ging es eine gute Strecke. Aber die Sache hatte auch ihre Kehrſeite, und dieſe war, daß ich oft des Abends ſchläfrig wurde oder übel geſtimmt und nicht geneigt war, die Geſchichte wieder aufzu⸗ nehmen; und dann war es ein ſchweres Stück Arbeit, das aber gleichwohl gethan werden mußte; denn Steer⸗ forths Erwartung zu täuſchen oder ihm Mißvergnügen zu verurſachen, war natürlich ein Ding der Undenkbar⸗ keit. Ebenſo des Morgens, wenn ich mich noch müde fühlte und mich recht ſehr gefreut hätte, noch eine Stunde ruhen zu können, war es ein unbehagliches Ding, ſich gleich der Sultana Scheherazade wecken und zu einer langen Ge⸗ ſchichte zwingen laſſen zu müſſen, ehe die Glocke ertönte, welche die Knaben aufſtehen hieß. Aber Steerforth war eine durchgreifende Natur, die keinen Widerſpruch duldete, und da er mir zum Entgeld meine Rechnenaufgaben und überhaupt alles, was mir ſchwer war, erklärte, ſo zog ich bei dieſem Austauſche nicht gerade den Kürzeren. 12 David Kopperfield. Indeß will ich mir hierbei nicht ſelbſt Unrecht thun. Ich wurde weder von einem eigennützigen oder ſelbſtſüch⸗ tigen Beweggrunde, noch von Furcht vor ihm geleitet. Ich bewunderte und liebte ihn, und ſein Beifall war mir Lohns genug. Es war mir derſelbe ſo koſtbar, daß ich noch jetzt auf dieſe Geringfügigkeiten mit Wehmuth im Herzen zurückblicke. Steerforth war auch einſichtsvoll und billig, und er bewies ſeine billige Denkungsart vorzüglich in einem Falle in einer unbeugſamen Weiſe, welche vermuthlich für den armen Traddles und die Uebrigen ein Bischen nach den Qualen des Tantalus ſchmeckte. Peggotty's verſprochner Brief— ach, was war's für ein lieber prächtiger Brief!— kam an, ehe das Halbjahr viele Wochen alt war, und mit ihm ein Kuchen, wie eine Henne auf den Eiern, mit Orangen umgeben, nebſt zwei Flaſchen Schlüſſelblumen⸗ wein. Dieſen Schatz legte ich pflichtſchuldigſt zu Steer⸗ forths Füßen und bat ihn, mit der Vertheilung zu be⸗ ginnen. „Schön, aber ich will Dir was ſagen, kleiner Kopper⸗ field,“ ſagte er,„der Wein ſoll aufbewahrt werden, um Deine Kehle anzufeuchten, wenn Du Geſchichten erzählſt.“ Ich erröthete bei dieſer Idee und bat ihn, in meiner Beſcheidenheit, doch lieber nicht daran zu denken. Aber was half's, er ſagte, er habe bemerkt, daß ich dann und wann heiſer ſei(ein wenig heiſch, war ſein Ausdruck, um genau zu ſein) und ſo ſollte jeder Tropfen dem erwähnten Zwecke gewidmet ſein. In Folge deſſen wurde das Getränk in ſeinen Koffer verſchloſſen, von ihm ſelbſt in ein Fläſchchen abgegoſſen und mir durch einen durch den Kork geſteckten Federkiel gereicht, wenn er vermuthete, daß ich einer Erquickung bedürfte. Manchmal war er, um es zu David Kopperfield. 13 einem noch unfehlbarerem Heilmittel zu machen, ſo freund⸗ lich, Orangenſaft hinzutröpfeln oder es mit Ingwer um⸗ zurühren, oder auch einen Pfefferminztropfen drin auf⸗ zulöſen, und obwohl ich nicht behaupten kann, daß der Geſchmack durch dieſe Experimente verbeſſert worden, oder daß es genau die Miſchung geweſen wäre, die ſich Jeder⸗ mann zur Magenſtärkung gewählt hätte, um ſie als letzten Nachttrunk und erſten Morgentrunk zu ſich zu nehmen, ſo trank ich es doch mit dankbarem Gemüthe und fühlte ſeine Fürſorge ſehr tief. Wir müſſen Monate über Peregrine und viele andre Monate über den übrigen Geſchichten zugebracht haben. Unſre Einrichtung ſtand ſicherlich niemals ſtill aus Mangel an einer Erzählung, und der Wein dauerte ſchier ſo lange, als der Stoff zu Geſchichten. Traddles— der arme Junge, an den ich ſonderbarer Weiſe nie zu denken ver⸗ mag, ohne Luſt zum Lachen in die Kehle und Thränen in die Augen zu bekommen— geberdete ſich gemeiniglich als eine Art von Chor dabei und ſtellte ſich, als ob er bei den luſtigen Partieen vor Lachluſt Bauchweh kriegen wollte, während er von Furcht überwältigt ſchien, wenn in der Erzählung eine Stelle beunruhigenden Charakters vor⸗ kam. Dies brachte mich ſehr oft aus dem Texte. So war es, wie ich mich entſinne, ein Hauptwitz von ihm, zu thun, als ob er ſich des Zähneklappens nicht erwehren könne, wenn ein Alguazil im Verlauf der Abenteuer des Gil Blas erwähnt wurde, und ich erinnere mich, daß bei der Stelle, wo Gil Blas mit dem Räuberhauptmann in Madrid zuſammentrifft, dieſer unglückſelige Witzbold den tödtlich Geängſtigten ſo geräuſchvoll ſpielte, daß er von Mr. Creakle, der in dem Gange auf der Lauer lag, gehört und tüchtig 14 David Kopperfield. durchgebakelt wurde wegen ungehöriger Aufführung im Schlafſaale. Was immer Romantiſches und Träumeriſches in mir lag, wurde durch dieſes viele Geſchichtenerzählen im Dun⸗ keln gekräftigt und aufgeregt, und in dieſer Hinſicht mag die Fortſetzung nicht eben förderlich für mich geweſen ſein. Aber der Umſtand, daß mich die Knaben der Stube, in welche ich gehörte, als ein Spielzeug liebten, und das Bewußtſein, daß dieſer mein Vorzug unter den Knaben herumkam und nicht wenig die Aufmerkſamkeit auf mich lenkte, obwohl ich der Jüngſte in der Anſtalt war, bewog mich zur Ausübung meiner Geſchicklichkeit. In einer Schule, die durch nichts als grauſame Strenge geleitet wird, kann Jemand, mag die Oberaufſicht nun von einem unwiſſenden Tölpel geführt werden oder nicht, ſchwerlich viel lernen. Ich glaube, unſre Knaben waren, im Allge⸗ meinen, ſo unwiſſend, wie nur irgend ein Haufe Schul⸗ buben in der Welt; ſie wurden zu viel gequält und ge⸗ prügelt wegen des Lernens, um etwas zu lernen; ſie konnten ebenſowenig dies mit Erfolg thun, als irgend jemand irgend etwas mit Erfolg thun kann, wenn er ein Leben voll Mißgeſchick, Drangſal und Kümmerniß führt. Doch mein Bischen Eitelkeit und Steerforths Hülfe brach⸗ ten mich einigermaßen vorwärts, und, ohne daß ſte mir viel, wenn irgend irgendwelche, Prügel erſpart hätten, machten ſie mich doch für die Zeit, die ich dort war, zu einer Ausnahme von dem großen Haufen, und ich pickte fortwährend wenigſtens ein paar Brocken Weisheit auf. Hierin ſtand mir Mr. Mell bei, der eine Vor⸗ liebe für mich gefaßt hatte, welcher ich dankbar gedenke. Es machte mir immer Kummer, wenn ich bemerkte, wie Steerforth ihn mit ſyſtematiſcher Kränkung behandelte David Kopperfield. 15 und ſelten eine Gelegenheit unbenützt ließ, ſeine Gefühle zu verwunden oder Andere aufzuhetzen, ihm ſo zubegegnen. Dies bekümmerte mich eine lange Zeit um ſo mehr, als ich Steerforth, vor dem ich ſolch ein Geheimniß ebenſo wenig zu bewahren vermochte, als ich ihm einen Kuchen oder irgend ein anderes eßbares Beſitzthum vorenthalten konnte, ſehr bald von den beiden alten Frauen erzählt hatte, zu denen Mr. Mell mich mit auf Beſuch genommen hatte, und ich war in ſteter Angſt, daß Steerforth dies verlau⸗ ten laſſen und es ihm vorwerfen werde. Ich möchte behaupten, daß keiner von uns beiden, als ich an jenem erſten Morgen mein Frühſtück verzehrte und im Schatten der Pfauenfedern beim Klange ſeiner Flöte einſchlief, ſich es hätte träumen laſſen, was für Folgen die Einführung meiner unbedeutenden Perſönlichkeit in dieſe Armenhäuſer haben würde. Aber dieſer Beſuch hatte ſeine unvorhergeſehenen Folgen, und zwar in ihrer Art ſehr ernſte Folgen. Eines Tages, als Mr. Creakle wegen Unpäßlichkeit ſein Zimmer hütete, ein Umſtand, welcher natürlich die lebhafteſte Freude über die ganze Schule verbreitete, war nach der Morgenlection ein gutes Theil Lärmen im Zimmer. Die große Erleichterung und die daraus hervorgehende innere Zufriedenheit äußerte ſich bei den Knaben auf eine Weiſe, bei der ſie ſich ſchwer im Zaume halten ließen, und wenn auch der gefürchtete Tungay ein oder zwei Mal mit ſeinem Stelzbein hereinhumpelte und die hauptſäͤch⸗ lichſten Spektakelmacher aufnotirte, ſo machte das nicht viel Eindruck, indem man wußte, daß man, mochte man thun, was man wollte, der Fuchtel auf morgen doch nicht entgehen konnte, und es zweifelsohne für weiſe hielt, ſich heute ſeiner Freiheit zu freuen. David Kopperfield. Es war eigentlich, da es Sonnabend war, nur halbe Schule. Da aber der Lärm auf dem Spielplatze Mr. Creakle beſchwerlich gefallen ſein würde, und das Wetter zum Spazierengehen nicht günſtig war, ſo wurden wir auch für den Nachmittag in die Schule befehligt, bekamen jedoch nur einige leichtere Aufgaben, als gewöhnlich, welche für dieſe Gelegenheit gemacht waren. Es war der Tag in der Woche, an welchem Mr. Sharp ausgingz um ſich ſeine Perücke kräuſeln zu laſſen, und ſo hielt Mr. Mell, der ſtets, wie es auch kam, das Plackholz machte, die Schul⸗ ſtunden allein. Wenn ſich die Vorſtellung eines Büffels oder eines Bären mit einem ſo ſanften Charakter wie Mr. Mell ver⸗ binden ließe, ſo würde ich mir ihn,— als Mittelglied des Vergleichs jenen Nachmittag, wie der Spektakel am tollſten war, genommen,— als eines jener Thiere denken, gehetzt von tauſend Hunden. Ich entſinne mich ſeiner, wie er ſein ſchmerzendes Haupt, geſtützt auf ſeine magere Hand, über ſein Buch auf dem Pulte beugte und ſich erfolglos beſtrebte, mit ſeiner mühſeligen Arbeit weiter zu kommen, inmitten eines Aufruhrs, der den Sprecher im Hauſe der Gemeinen hätte ſchwindelig machen können. Die Jungen ſprangen heraus und herein in ihre Plätze, indem ſie im Winkel mit andern Jungen Haſchemännchen ſpielten; hier gab's lachende, dort ſingende, da plaudernde, da tanzende, da heulende Jungen; hier ſcharrten ſie mit den Füßen, dort quirlten ſte um ihn herum, grinſten ihn an, zogen ihm Fratzen, äfften ihn hinter ſeinem Rücken und vor ſeinen Augen nach, machten ihm ſein ärmliches Ausſehen, ſeine Stiefeln, ſeinen Rock, ſeine Mutter, kurz alles ihm Angehörige nach, wovor ſte hätten Achtung haben ſollen. „Ruhe!“ ſchrie Mr. Mell, indem er plötzlich aufſprang David Kopperfield. 17 und mit dem Buche auf das Pult ſchlug.„Was ſoll das heißen? Das iſt ja nicht zum Aushalten. Man könnte verrückt werden davon. Wie könnt ihr euch ſo gegen mich benehmen, Knaben?“ Es war mein Buch, mit dem er auf das Pult ſchlug, und da ich neben ihm ſtand und ſeinem Auge folgte, wie es das Zimmer überflog, ſah ich alle die Knaben inne⸗ halten, einige wie plötzlich überraſcht, andere halb er⸗ ſchrocken, noch andere vielleicht ängſtlich. Steerforths Platz war im Hintergrunde der Schul⸗ ſtube, am entgegengeſetzten Ende des langen Zimmers. Er lehnte ſich mit dem Rücken gegen die Wand, hatte die Hände in den Taſchen ſtecken und ſah Mr. Mell, als dieſer auf ihn die Augen richtete, mit geſpitztem Munde an, als ob er pfiffe. „Ruhe, Mr. Steerforth!“ ſagte Mr. Mell. „Sein Sie ſelber ruhig!“ entgegnete Steerforth roth werdend.„Wiſſen Sie, mit wem Sie reden?“ „Setzen Sie ſich,“ ſagte Mr. Mell. „Setzen Sie ſich ſelber,“ antwortete Steerforth,„und kümmern Sie ſich um Ihre Arbeit.“ Darauf folgte ein Geflüſter und einige Beifallsrufe; aber Mr. Mell war ſo blaß geworden, daß es augenblicklich ſtille wurde und ein Knabe, welcher ſich unterſtanden, hinter ihm noch einmal ſeine Mutter nachzuäffen, in ſich ging und that, als ob er eine Feder geſchnitten haben wollte. „Wenn Sie ſich einbilden, Steerforth,“ ſagte Mr. Mell,„daß mir die Macht nicht bekannt iſt, welche Sie über alle Gemüther hier ausüben“— dabei legte er, und zwar vermuthlich ohne zu überlegen, was er that, ſeine Hand auf meinen Kopf—„oder daß ich Sie nicht David Kopperfield. II. 2 ——— u—— 18 David Kopperfield. beobachtet habe, wie Sie erſt noch vor wenigen Minuten die jüngern Schüler zu allerhand Ungebührlichkeit gegen mich aufſtachelten, ſo ſind Sie im Irrthum.“ „Ich meinestheils gebe mir nicht die Mühe, überhaupt an Sie zu denken,“ ſagte Steerforth kaltblütig.„So bin ich denn zufällig nicht im Irrthum.“ „Und wenn Sie, junger Herr, ſich Ihrer begünſtigten Stellung hier dazu bedienen,“ fuhr Mr. Mell mit zucken⸗ den Lippen fort,„einen anſtändigen Mann zu belei⸗ digen—* „Was für ein Ding?— ein anſtändiger Mann, wo iſt er?“ ſagte Steerforth. Hier ſchrie eine Stimme:„Pfui, ſchäme Dich, J. Steer⸗ forth! Das iſt zu ſchlecht!“ Es war Traddles, den aber Mr. Mell ſogleich aus dem Felde ſchlug, indem er ihn das Maul halten hieß. „Jemanden zu beleidigen, welcher nicht glücklich im Leben iſt, und welcher Sie niemals auch nur im Ge⸗ ringſten verletzte, und was ſonſt noch für viele Gründe ſind, von einer Beleidigung abzuſtehen, Gründe, welche zu begreifen, Sie alt und klug genug ſind,“ ſagte Mr. Mell, indem ſeine Lippe mehr und mehr zuckte und zitterte, „ſo begehen Sie eine gemeine und niederträchtige Hand⸗ lung. Sie können ſich niederſetzen oder ſtehen bleiben, Herr, wie's Ihnen beliebt. Kopperfield, weiter.“ „Kleiner Kopperfield,“ ſagte Steerforth, indem er vom Ende des Zimmers herauf kam,„wart' ein wenig. Ich werde Ihnen was bemerken, Mr. Mell, ein für alle Mal. Wenn Sie es ſich unterſtehen, mich gemein und niederträchtig zu nennen, oder etwas Anderes der Art, ſo ſind Sie ein unverſchämter Bettler. Ja, Sie ſind auf n David Kopperfield. 19 jeden Fall ein Bettler, wie Sie wiſſen; aber wenn Sie das thun, ſind Sie ein unverſchämter Bettler.“ Ich bin nicht gewiß, ob er Mr. Mell, oder ob Mr. Mell ihn zu ſchlagen beabſichtigte, oder ob überhaupt auf einer von beiden Seiten eine ſolche Abſicht war. Ich ſah, wie ein ſtarrer Schrecken ſich über die ganze Schule ver⸗ breitete, die Jungen ſaßen da, wie in Stein verwandelt, und ich fand Mr. Creakle mitten unter uns. Tungay ſtand an ſeiner Seite, und Mrs. nebſt Miß Creakle lauſch⸗ ten durch die Thür herein, als ob ſie einen Auftritt fürch⸗ teten. Mr. Mell, die Ellbogen auf dem Pulte und ſein Geſicht in den Händen, ſaß einige Augenblicke ganz ſtill. „Herr Mell,“ ſagte Mr. Creakle, ihn beim Arme ſchüttelnd, und ſein heiſeres Wiſpern war jetzt ſo ver⸗ nehmlich, daß Tungay es nicht für nöthig hielt, ſeine Worte zu wiederholen,„ ich hoffe, Sie haben ſich nicht vergeſſen.“ „Nein, Herr Creakle, nein,“ entgegnete der Lehrer, indem er ſein Geſicht zeigte und den Kopf ſchüttelte und ſich die Hände in großer Aufregung rieb.„Nein, Herr Creakle, durchaus nicht. Nein, ich— ich habe mich meiner erinnert. Ich— nein Herr, ich habe meiner nicht ver⸗ geſſen; ich— ich habe mich meiner erinnert, Herr. Ich — ich könnte— wünſchen, Sie hätten mich ein wenig eher daran gemahnt, Mr. Creakle. Es— es würde freund⸗ licher, Herr, und gerechter geweſen ſein, Herr. Es würde mich vor Manchem bewahrt haben, Herr.“ Mr. Creakle ſah Mr. Mell ſcharf an, legte ſeine Hand auf Tungays Schulter, trat mit den Füßen auf die nächſte Bank und ſetzte ſich auf die Tafel. Nachdem er noch eine Weile ſcharf auf Mr. Mell geſehen, wie er ſein Haupt ſchüttelte und ſich die Hände rieb und in demſelben auf⸗ 2* 0 David Kopperfield. geregten Zuſtande verblieb, wandte ſich Mr. Creakle zu Steerforth und ſagte: „Nun denn, Sie, da er ſich nicht herabläßt, mir's zu erzählen, was geht hier vor?“ Steerforth wich der Frage ein Weilchen aus, indem er in Zorn und Aerger auf ſeinen Gegner blickte und im Schweigen verharrte. Ich konnte nicht umhin, ſelbſt bei dieſem Zwiſchenfalle zu denken, was für eine vornehme Erſcheinung das Bürſchchen war, und wie plump und un⸗ ſchön Mr. Mell ihm gegenüber ſich ausnahm. „Was meinte er damit, als er vorhin von Begünſti⸗ gung ſchwatzte?“ ſagte Steerforth endlich. 1„Begünſtigung?“ wiederholte Mr. Creakle, indem ihm die Stirnadern augenblicklich anſchwollen.„Wer ſprach von Begünſtigten?“ „Er ſprach davon,“ ſagte Steerforth. „Bitte, wollen Sie mir wohl ſagen, Herr, was Sie damit meinen?“ fragte Mr. Creakle, indem er ſich zornig zu ſeinem Hülfslehrer wandte. „Ich meinte damit, Herr Creakle,“ entgegnete dieſer mit dumpfer Stimme,„als ich's ſagte, daß kein Zögling ein Recht habe, ſich ſeiner bevorzugten Stellung zu be⸗ dienen, um mich zu erniedrigen.“ „Sie zu erniedrigen?“ ſagte Mr. Creakle.„Guter Schöpfer! Aber erlauben Sie mir doch die Frage, Herr Ding's da,“— und hier kreuzte er die Arme, das Rohr und alles mit einander über der Bruſt und verwandelte ſeine Augenbrauen in ſolch einen Knäuel, daß ſeine kleinen Augen unter denſelben kaum ſichtbar waren,—„ob Sie, wenn Sie von Begünſtigungen reden, die gehörige Ach⸗ tung vor mir beweiſen? Vor mir, Herr,“ ſagte Mr. Creakle, indem er plötzlich den Kopf ihm entgegenwarf und ihn 4 N 88——— 1— David Kopperfield. 21 wieder zurückzog,„dem Prinzipal dieſer Anſtalt und Ihrem Brodherrn?“ „Es war unüberlegt, Herr Creakle, das gebe ich gern zu,“ ſagte Mr. Mell.„Ich würde es nicht gethan haben, wenn ich kaltblütig genug geweſen wäre.“ Hier fiel ihm Steerforth ins Wort: „Dann ſagte er, ich wäre gemein, und dann ſagte er, ich wäre niederträchtig, und darauf nannte ich ihn einen Bettler. Wenn ich kaltblütig genug geweſen wäre, hätt; ich ihn vielleicht nicht einen Bettler geheißen. Aber ich that's, und ich bin bereit, die Folgen davon auf mich zu nehmen.“ Ohne zu überlegen vielleicht, ob es überhaupt Folgen davon auf ſich zu nehmen galt, fühlte ich, wie es mich ganz heiß überlief bei dieſer kühnen Sprache. Dieſelbe machte auch auf die übrigen Knaben Eindruck; denn es lief ein leiſes Geräuſch durch ihre Reihen, obwohl kein Wort geſprochen wurde. „Ich bin erſtaunt, Steerforth— obwohl Ihre Offen⸗ heit Ihnen Ehre macht—“ ſagte Mr. Creakle,„Ihnen ſicherlich Ehre macht— ich bin erſtaunt, ich muß es ge⸗ ſtehen, daß Sie ſolch eine Bezeichnung gegen eine Perſon gebrauchen, welche in Salem Houſe angeſtellt und be⸗ zahlt iſt.“ Steerforth ſtieß ein kurzes Lachen aus. „Das iſt keine Antwort, junger Herr,“ ſagte Mr. Creakle,„auf meine Bemerkung. Ich erwarte mehr als das von Ihnen, Steerforth.“ Wenn Mr. Mell in meinen Augen gegenüber dem hübſchen Jungen plump ausſah, ſo würde es außer dem Bereiche der Möglichkeit liegen, es auszuſprechen, wie plump Mr. Creakle ſich ausnahm. David Kopperfield. „Mag er es doch leugnen,“ ſagte Steerforth. „Leugnen, daß er ein Bettler iſt, Steerforth?“ ſchrie Mr. Creakle.„Ei, wo geht er denn betteln?“ „Wenn er ſelbſt kein Bettler iſt, ſo iſt ſeine nächſte Verwandte eine Bettlerin,“ antwortete Steerforth.„Das iſt ganz Daſſelbe.“ Er blickte auf mich, und Mr. Mells Hand klopfte mir ſanft auf die Schulter. Ich blickte auf zu ihm, Erröthen im Geſicht und Gewiſſensbiſſe im Herzen, aber Mr. Mells Augen waren auf Steerforth gerichtet. Er fuhr fort, mir ſanft auf die Schulter zu klopfen, blickte aber auf ihn. „Da Sie von mir eine Rechtfertigung erwarten, Mr. Creakle,“ ſagte Steerforth,„und eine Erklärung deſſen, was ich meine,— ſo iſt, was ich zu ſagen habe, dies, daß ſeine Mutter von der öffentlichen Mildthätigkeit in einem Armenhauſe lebt.“ Mr. Mell blickte noch immer auf ihn und klopfte mir noch immer ſanft auf die Schulter und ſagte, wenn ich recht hörte, flüſternd zu ſich ſelbſt:„Richtig, ich dachte es doch!“ Mr. Creakle wandte ſich zu ſeinem Gehülfen mit fin⸗ ſterer Stirn und erzwungener Höflichkeit. „Nun, Sie hören, was dieſer junge Herr erklärt, Herr Mell. Haben Sie, wennss beliebt, die Güte, ihn vor verſammelter Schule eines Beſſeren zu belehren.“ „Er hat Recht, Herr, vollkommen Recht,“ erwiederte Mr. Mell inmitten einer Todtenſtille,„was er geſagt hat, iſt wahr.“ „Sein Sie dann ſo gut, öffentlich zu erklären,“ ſagte Mr. Creakle, indem er den Kopf auf die eine Seite warf und die Augen rund herum durch die Schule rollen David Kopperfield. 23 ließ,„ob dies jemals bis dieſen Augenblick zu meiner Kenntniß gelangt iſt.“ „Ich glaube, nicht direct,“ entgegnete Jener. „Wie, Sie wiſſen das nicht,“ ſagte Mr. Creakle. „Wirklich nicht, guter Freund?“ „Ich halte dafür, daß Sie niemals vermuthet haben, daß meine äußern Umſtände ſehr glänzender Art ſeien,“ erwiederte der Hülfslehrer.„Sie wiſſen ja, wie meine Stellung hier beſchaffen iſt und immer geweſen iſt.“ „Ich halte dafür, wenn Sie auf dieſes Kapitel kom⸗ men,“ ſagte Mr. Creakle, indem ſeine Adern ihm dicker als jemals aufſchwollen,„daß Sie ſich in einer ganz und gar unrichtigen Stellung befunden haben und dieſes mein Haus, mißverſtändlicher Weiſe für eine Armenſchule hielten. Herr Mell, wir wollen uns trennen, wenn's Ihnen gefällig iſt. Und zwar je eher deſto beſſer.“ „Dazu paßt ſich keine Zeit beſſer,“ antwortete Mell, „als die gegenwärtige.“ „Für Sie nämlich, Herr,“ ſagte Mr. Creakle. „Ich nehme alſo Abſchied von Ihnen, Herr Creakle, und von euch allen,“ fuhr Mr. Mell fort, indem er ſeine Blicke über die Schulſtube gehen ließ und mich wiederum ſanft auf die Schulter klopfte.„James Steerforth, der beſte Wunſch, den ich Ihnen zurücklaſſen kann, iſt der, daß Sie dahin kommen mögen, ſich deſſen zu ſchämen, was Sie heute geſagt haben. Gegenwärtig aber würde ich's lieber ſehen, wenn Sie ſich eher alles andere, als mein oder irgend jemandes, für den ich Theilnahme fühle, Freund nennten.“ Und nochmals legte er ſeine Hand auf meine Schul⸗ ter, dann aber nahm er ſeine Flöte und einige wenige Bücher aus ſeinem Pulte, ließ den Schlüſſel für ſeinen 4ℳ 24 David Kopperfield. Nachfolger drin ſtecken und verließ die Schule, ſein Eigen⸗ thum unter dem Arme. Mr. Creakle hielt dann, durch Tungays Organ, eine Rede, in welcher er Steerforth(bielleicht mit zu großer Wärme) ſeinen Dank ausſprach, daß er die Unabhängig⸗ keit und den guten Ruf von Salem Houſe gewahrt, und welche er damit beſchloß, daß er Steerforth die Hand ſchüttelte, während wir einen dreimaligen Freudenruf hören ließen— ich wußte nicht ganz genau, wofür, ver⸗ muthete aber, zu Ehren Steerforth's, und ſo ſchrie ich tapfer mit, wenn auch mit ſchwerem Herzen. Mr. Creakle prügelte ſodann Tommy Traddles ab, weil er wegen Mr. Mells Abgang in Thränen, anſtatt in Freuden entdeckt worden war; dann kehrte er auf ſein Sopha oder in ſein Bett oder von wo ſonſt er gekommen war, zurück. Wir waren nun uns ſelbſt überlaſſen und ſahen uns einander, wie ich mich erinnere, ſehr verſtört an. Ich meines Theils fühlte, wie mein Herz mich ſtreng tadelte, und war über das, was vorgegangen, ſehr zerknirrſcht, ſo daß nichts im Stande geweſen wäre, meine Thränen zurückzuhalten, wenn ich nicht gefürchtet hätte, Steerforth, der, wie ich ſah, mich oftmals anblickte, möchte es für unfreundſchaftlich— oder, wie ich's in Betracht unſers gegenſeitigen Alters und des Gefühls, mit dem ich ihn betrachtete, richtiger ausdrücken ſollte, für ungebührlich — halten, wenn ich die innere Bewegung, die mich in Betrübniß verſetzte, merken ließe. Er war ſehr böſe auf Traddles und ſagte, er freue ſich, das er was abgekriegt habe. Der arme Traddles, welcher eben das Stadium ſei⸗ nes Geprügeltſeins, wo er mit ſeinem Kopfe auf der Tafel lag, überwunden hatte und ſich, wie es ſeine Art war, David Kopperfield. 25 mit einem Haufen Gerippe tröſtete, verſetzte, es wäre ihm einerlei. Mr. Mell aber wäre ſchlecht behandelt worden. „Wer hat ihn ſchlecht behandelt, Du weibiſcher Menſch?“ ſagte Steerforth. „Nun, wer ſonſt, als Du,“ erwiederte Traddles. „Was hab' ich gethan?“ ſagte Steerforth. „Was Du gethan haſt?“ fuhr Traddles ihn an. „Seine Gefühle haſt Du verletzt und ihn um ſeine Stelle gebracht.“ „Seine Gefühle!“ wiederholte Steerforth verächtlich. „Seine Gefühle werden ſich, darauf will ich wetten, bald wieder davon erholt haben. Seine Gefühle ſind nicht ſo wie die Ihren, Mamſell Traddles. Und was ſeine Stelle betrifft,— die wahrhaftig eine ſehr koſtbare war— denkſt Du denn etwa, ich werde nicht nach Hauſe ſchreiben und Sorge tragen, daß er ein Stück Geld kriegt? Du alte Frau!“ Wir hielten dieſe Abſicht für etwas ſehr Nobles von Steerforth, deſſen Mutter eine reiche Wittwe war und, wie es hieß, ſchier Alles that, was er von ihr haben wollte. Wir waren alle außerordentlich vergnügt, Tradd⸗ les ſo abgemuckt zu ſehen, und erhoben Steerforth bis in die Wolken: vorzüglich als er uns erzählte, wie das, was er gethan, ausdrücklich für uns und zu unſerm Nutzen geſchehen ſei, und daß er uns ſehr zu Danke verpflichtet habe, da er es ohne Rückſicht auf ſein eignes Intereſſe gethan habe. Aber ich muß bekennen, daß, als ich dieſe Nacht mit einer Geſchichte im Dunkeln fortfuhr, Mr. Mells alte Flöte mehr denn einmal traurig in meine Ohren zu tönen ſchien, und daß, als Steerforth endlich müde war, und ich in meinem Bette lag, ich dieſelbe irgendwo ſo gramvoll 26 David Kopperfield. ſpielen zu hören meinte, daß ich vor Betrübniß ganz außer mir war. Ich vergaß ihn bald in Betrachtung Steerforth's, welcher in ſeiner leichten Weiſe, aus Liebhaberei und ohne irgend ein Buch(er ſchien mir nämlich Alles aus dem Ge⸗ dächtniß zu wiſſen) einige von ſeinen Schulſtunden über⸗ nahm, bis ſich ein neuer Lehrer fand. Dieſer neue Lehrer kam aus einer Elementarſchule, und ehe er 3in ſeine Pflichten eintrat, ſpeiſte ereinen Tag im Wohn⸗ zimmer oben, um Steerforth vorgeſtellt zu werden. Dieſem gefiel er höchlich, ſo daß er uns ſagte, er ſei ein„Ziegel.“ Ohne im Grunde zu verſtehen, was für ein gelehrter Begriff damit gemeint war, hatte ich deshalb eine große Achtung vor ihm und ſeinem unzweifelhaften höheren Wiſſen: ob⸗ wohl er ſich niemals die Mühe mit mir gab, die Mr. Mell ſich mit mir gegeben hatte, ja mich nicht einmal als vor⸗ handen betrachtete. 1 In dieſes Halbjahr fiel außer dem gewöhnlichen Schulleben nur ein einziges Ereigniß, welches auf mich einen bis jetzt noch dauernden Eindruck gemacht hat. Derſelbe dauerte fort aus mehreren Gründen. Eines Nachmittags, als wir uns alleſammt in einem Zuſtande der greuligſten Verwirrung abarbeiteten und Mr. Creakle auf die entſetzlichſte Weiſe um ſich herum⸗ fuchtelte, kam Tungay herein und kündigte in ſeiner ge⸗ wöhnlichen lauten Manier„Beſuch für Kopperfield!“ an. Wenige Worte wurden zwiſchen ihm und Mr. Creakle gewechſelt, als z. B. wer der Beſuch ſei, und in welches Zimmer man ihn zu führen habe, und dann ſagte man mir, der ich, wie es die hieſige Sitte erheiſchte, auf die Anzeige aufgeſtanden war und mich ganz ſchwach vor — David Kopperfield. 27 Ueberraſchung fühlte, ich ſolle die Hintertreppe hinauf⸗ gehen und eine reine Halskrauſe umthun, bevor ich nach dem Eßzimmer mich begebe. Dieſe Befehle befolgte ich, aber mit ſolch einer Gemüthsunruhe und ſolch einer Auf⸗ regung meiner kindlichen Empfindungen, wie ich ſie nimmer zuvor erfahren; und als ich bis zu der Thür des Emp⸗ fangzimmers kam, und der Gedanke mir beifiel, daß es meine Mutter ſein könne— ich hatte nämlich bis dahin nur an Mr. und Miß Murdſtone gedacht— zog ich meine Hand von der Klinke zurück und hielt inne, um Zeit zu einem Seufzer zu haben, bevor ich einträte. Zuerſt ſah ich niemand; als ich aber einen Druck gegen die Thür fühlte, blickte ich mich rings um, und ſiehe da waren, zu meiner Verwunderung, Mr. Pegotty und Ham, welche mir mit ihren Hüten entgegenwinkten und ſich einer den andern an die Wand quetſchten. Ich mußte lachen, aber mehr aus Freude, ſie zu ſehen, als wegen der lächerlichen Manier, in der ſie auftraten. Wir ſchüt⸗ telten uns in der herzlichſten Weiſe die Hände, und ich lachte und lachte, bis ich endlich mein Taſchentuch her⸗ auszog, um mir die Augen zu wiſchen. Mr. Peggotty(welcher, wie ich mich beſinne, wäh⸗ rend des ganzen Beſuchs nicht ein einziges Mal den Mund zuthat) zeigte großes Mitleid, als er mich dies thun ſah, und winkte Ham, etwas zu ſagen. „Heda, luſtig, kleiner Musje David!“ ſagte Ham mit einem freundlichen Grinſen.„Ei der Tauſend, wie biſt Du in's Kraut geſchoſſen!“ „Bin ich wirklich gewachſen?“ verſetzte ich, indem ich mir die Augen trocknete. Ich wüßte nicht, daß ich über irgend etwas Beſondres geweint hätte, aber ich weiß David Kopperfield. nicht, wie es kam, daß ich weinen mußte, alte Freunde zu ſehen. „Gewachſen, kleiner Musje David? Nun iſt er nicht gewachſen?“ ſagte Ham. „Ei freilich iſt er gewachſen!“ verſetzte Mr. Peggotty. Ich mußte abermals lachen, als ich ſie einander an⸗ lachen ſah, und dann lachten wir alle drei, bis ich in Ge⸗ fahr war, wieder zu weinen. „Wiſſen Sie, was Mama macht, Mr. Peggotty,“ ſagte ich.„Und wie's meiner lieben, lieben alten Peg⸗ gotth geht?“ „Ungewöhnlich gut,“ ſagte Mr. Peggotty. „Und klein Emilchen, und Mrs. Gummidge?“ „Ungewöhnlich gut,“ ſagte Mr. Peggotty. Jetzt trat ein Stillſchweigen ein. Mr. Peggotty, um es zu brechen, zog zwei ungeheuere Hummer, eine rieſige Krabbe und einen großen Sack aus Segeltuch voll Taſchen⸗ krebſe aus ſeinen Taſchen und lud die ganze Geſchichte auf Hams Arme.. „Sie ſehen,“ ſagte Mr. Peggotty,„wir wußten, daß Sie unter Ihrem Eſſen manchmal gerne n guten Biſſen haben thäten, wie Sie bei uns waren, und ſo nahmen wir uns die Freiheit. Das alte Weibſen hat ſte gekocht. Mrs. Gummidge kochte ſie. Ja, ja,“ ſagte Mr. Peggotty, welcher, wie mir ſchien, bei dieſem Umſtande ſtehen blieb, weil er eben keinen andern Gegenſtand der Unterhaltung zur Hand hatte,„Mrs. Gummidge, kann ich Ihnen ver⸗ ſichern, hat ſie gekocht.“ Ich drückte ihnen meine Dankbarkeit aus, und Mr. Peggotty ſagte, nachdem er Ham einen Blick zugeworfen, welcher mit einem lächelnden Schafsgeſichte über den ihm David Kopperfield. 29 aufgebürdeten Seethieren hervorgukte, ohne daß er den Verſuch gemacht hätte, ihm zu helfen: „Wir kamen, wie Sie ſehen, weilen Wind und Fluth uns günſtig waren, in einer unſerer Narmouth⸗Barken nach Graveſend. Meine Schweſter, die ſchrieb mich den Namen von dieſem Platze hier, und ſchrieb mich, wenn es ſich mal machte, daß ich nach Graveſend kommen thäte, da ſollte ich'rüber gehen und nach Musje Davochen fragen und ihren Auftrag ausrichten, daß ſie ihm unter⸗ thänigſt alles Gute wünſchen thäte, und ſollte von der Familie ihrem Befinden ſagen, daß ſie natürlich alle wohl wären. Die kleine Emilie, ſehen Sie, die wird an meine Schweſter ſchreiben, wenn ich zurückgehe, daß ich Sie be⸗ ſucht habe und daß Sie ebenfalls ſich wohl befinden, und ſo machen wir ganz luſtig: ſag's weiter.“ Es bedurfte für mich einiger Ueberlegung, bevor ich begriff, was Mr. Peggotty mit dieſer Redefigur meinte, welche ein vollſtändiges Herumgehen einer Nachricht im Kreiſe ausdrücken ſollte. Dann aber dankte ich ihm herz⸗ lich und ſagte dann mit dem Bewußtſein, roth zu werden, daß ich vermuthe, klein Emilchen habe ſich auch verändert, ſeit der Zeit, wo wir Muſcheln und Kieſel am Strande aufgeleſen. „Ei die wird bald ein Frauenzimmer werden aus einem Mädel, das iſt's, was ſte bald werden wird,“ ſagte Mr. Peggotty.„Fragen Sie nur den da.“ Er meinte Ham, welcher wie lauter Luſt und Beiſtim⸗ mung über dem Sacke mit den Taſchenkrebſen hervorſtrahlte. „Ihr hübſches Geſichte!“ ſagte Mr. Peggotty, indem ſein eignes Antlitz wie ein Licht glänzte. „Ihre Gelehrſamkeit!“ ſagte Ham. „Und ihr Schreiben!“ ſagte Mr. Peggotty.„Sap⸗ David Kopperfield. perment, es iſt ſo ſchwarz wie Pechkohle! Und ſo groß ſind die Buchſtaben, wie Sie ſie nur irgendwo zu ſehen kriegen können.“ Es war ungemein ergötzlich, zu ſehen, mit welcher Begeiſterung Mr. Peggottys Züge ſich erfüllten, wenn er an ſeinen kleinen Liebling dachte. Er ſteht jetzt wieder vor mir, mit ſeinem breiten bärtigen Geſichte, welches nach allen Seiten freudenreiche Liebe und Stolz aus⸗ ſtrahlt, für die ich keinen Ausdruck zu finden vermag, der ſie genugſam beſchriebe. Seine ehrlichen Augen fun⸗ keln und blitzen, als ob ihr Grund von irgend etwas Leuchtendem aufgeregt würde; ſeine breite Bruſt hebt ſich vor Wonne. Seine nervigen, ſchlaff herabhängenden Hände falten ſich in ſeiner Ergriffenheit, und er bekräf⸗ tigt, was er ſagt, durch ein Geberdenſpiel mit einem rechten Arme, der mir von meinem Pygmäenſtandpunkte aus wie ein gewaltiger Schmiedehammer vorkommt. Ham war ganz ſo begeiſtert wie er. Ich behaupte, daß ſie viel mehr von ihr geſprochen haben würden, wären ſte nicht durch das unerwartete Hereinkommen Steerforths davon abgehalten worden, welcher, als er mich in einer Ecke mit zwei Fremden ſprechen ſah, in einem Liede, wel⸗ ches er ſang, innehielt und ſagte:„ Ich wußte nicht, daß Du hier ſeiſt, kleiner Kopperfield!“(Es war dies näm⸗ lich nicht das ſonſt gebräuchliche Beſuchszimmer) und dann zwiſchen uns durch aus der Thür wollte. Ich weiß nicht mit Sicherheit zu ſagen, ob es in der Freude meines Herzens, ſolch einen Freund wie Steerforth zu haben, oder in dem Wunſche war, ihm auseinander⸗ zuſetzen, wie ich dazu kam, ſolch einen Freund zu beſitzen, wie Mr. Peggotty: daß ich ihn, als er im Weggehen war, zurück rief. Ich ſagte aber beſcheiden— lieber Himmel, David Kopperfield. 31 wie mir aber auch Alles ſo ins Gedächtniß zurückkommt nach dieſer langen Zeit!—: „Bitte, geh nicht fort, Steerforth. Das ſind hier zwei Schiffersleute aus YNarmouth— ſehr freund⸗ liche gute Leute— welche Verwandte von meiner Amme ſind und von Graveſend kommen, um mich zu be⸗ ſuchen.“ „Ei gar,“ ſagte Steerforth, indem er zurückkehrte. „Ich freue mich, Sie zu ſehen. Was machen Sie beide?“ Es war etwas Gefälliges in ſeiner Weiſe,— eine hei⸗ tere und leichtherzige Weiſe, die indeß nichts Windbeutel⸗ haftes an ſich hatte— von der ich noch jetzt glaube, daß ſie eine Art Zauber an ſich trug. Ich glaube noch immer, daß er in dieſem Benehmen, ſeiner heiteren Begabung, ſeiner wohlklingenden Stimme, ſeinem hübſchen Geſichte und Wuchſe und, ſoviel ich weiß, auch einer gewiſſen an⸗ gebornen Anziehungskraft(welche meiner Meinung nach, wenige Leute beſitzen) einen Zauber mit ſich trug, dem gegenüber die Schwäche, welche ihm unterlag, nur na⸗ türlich war, und welchem nur wenige Leute widerſtehen konnten. Ich mußte ſehen, wie gut ſie mit ihm zufrieden waren, und wie ſie ihm ihre Herzen im Augenblicke öffneten.. „Sie müſſen, wenn Sie ſo gut ſein wollen, Mr. Peggotty,“ ſagte ich,„wenn jener Brief abgeſchickt wird, meine Leute zu Hauſe wiſſen laſſen, daß Mr. Steerforth ſehr gefällig gegen mich iſt, und daß ich nicht wüßte, wie ich hier durchkommen ſollte, wenn ich ihn nicht hätte.“ „Dummes Zeug!“ verſetzte Steerforth lachend.„Sie dürfen Ihnen nichts der Art erzählen.“ „Und wenn Steerforth nach Norfolk oder Suffolk kommt, Mr. Peggotty,“ ſagte ich,„wenn ich dort bin, David Kopperfield. ſo können Sie ſich drauf verlaſſen, daß ich ihn, wenn er es zuläßt, nach Narmouth bringe, um ſich Ihr Haus zu beſehen. O Du haſt niemals ſolch ein gutes Haus geſehen, Steerforth.'s iſt aus einem Boote gemacht.“ „Aus einem Boote gemacht, wirklich?“ ſagte Steer⸗ forth.„Ei das iſt die recht Sorte Haus für ſolch einen, der Bootsmann vom Kopf bis zu den Fußſpitzen ift.“ „So iſt's, junger Herr, ſo iſt's, ganz richtig,“ ſagte Ham mit freundlichem Grinſen.„Sie haben Recht, junger Gentleman. Ja, kleiner Musje David, der junge Gentleman hat Recht. n Bootsmann vom Kopf bis auf die Fußſpitzen. Hui, hei! Das iſts, was er iſt, wahrhaftig!“ Mr. Peggotty war nicht weniger erfreut als ſein Neffe, obwohl ſeine Beſcheidenheit ihm verbot, ein ſeiner Perſon geltendes Compliment ſich in ſo ungemäßigt lau⸗ ter Weiſe anzueignen. „Wohlan denn, junges Herrchen,“ ſagte er, indem er ſich verneigte und gluckſte und druckſte und die Zipfel ſeines Halstuchs auf ſeine Bruſt auftippten,„ich danke, Herr, ich danke ſchön! Ich thue meine Pflicht in meinen Ver⸗ hältniſſen, Herr.“ „Der beſte Menſch kann nicht mehr thun, Herr Peg⸗ gotth,“ ſagte Steerforth. Er hatte nämlich ſeinen Namen ſchon weg. „Ich will wetten, junges Herrchen, daß Sie das ſelber ſo machen,“ ſagte Mr. Peggotty, indem er mit dem Kopfe nickte,„und daß Sie das gut— ganz gut machen! Ich danke Ihnen, junges Herrchen. Ich bin Sie ſehr verbunden, jun⸗ ges Herrchen, vor Ihre Höflichkeit gegen mir. Ich bin grad⸗ aus, aber rechtſchaffen,— wenigſtens denk ich, daß ich recht⸗ ſchaffen bin, Sie verſtehn mir. An meinem Hauſe iſt David Kopperfield. 33 nicht viel zu ſehen, aber es ſteht Sie gerne zu Dienſte, wenn Sie mal mit Musje Daochen hinkommen wollen, ſichs zu beſehn. Aber ich bin doch'n richtiger alter Dod⸗ man,“ ſagte Mr. Peggotty, womit er eine Schnecke meinte, und das Letztere war wieder eine Anſpielung darauf, daß er gar nicht fortkam; denn er hatte nach je⸗ dem Satze den Verſuch gemacht zu gehen, und war immer auf die eine oder die andere Art umgekehrt.„Nun, ich wünſche Ihnen beiden Geſundheit und viel Glück.“ Ham machte das Echo dieſes Wunſches, und wir ſchieden von einander in der herzlichſten Weiſe. Ich fühlte mich dieſen Abend ſchier verſucht, Steerforth von dem hübſchen kleinen Emilchen zu erzählen, aber ich war zu ſchüchtern, um ihren Namen zu erwähnen, und zu beſorgt, daß er mich auslachen möchte. Ich entſinne mich, wie ich viel und lange darüber nachdachte, und wie es mir unan⸗ genehme Empfindungen verurſachte, daß Mr. Peggotty geſagt, ſie werde bald eine Frau werden, aber ich ent⸗ ſchied zuletzt, daß dies Unſinn wäre. Wir transportirten die Seethiere, oder wie Mr. Peggotty ſie beſcheidentlich genannt hatte, den„Biſſen,“ unbemerkt in unſer Zimmer hinauf und gaben dieſen Abend ein großes Nachteſſen. Aber Traddles konnte da⸗ bei nicht glücklich ausgehen. Er hatte einen zu böſen Unſtern, um auch nur ein Nachteſſen gleich andern Leu⸗ ten überſtehen zu können. Er wurde in Folge des Krab⸗ beneſſens von Uebelkeit überfallen— ſo daß er ganz hin war— und nachdem man an ihm mit ſchwarzen Zug⸗ pflaſtern und blauen Pillen ſo reichlich herumgedoctert hatte, daß Demple(deſſen Vater Arzt war) meinte, es ſei hinreichend, eine Pferdenatur zu Schanden zu machen, empfing er zum Schluſſe eine Prügelſuppe und ſechs Ka⸗ David Kopperfield. II. 3 * 34 David Kopperfield. pitel aus dem griechiſchen Neuen Teſtament zum Aus⸗ wendiglernen, weil er ſich weigerte, die Urſache zu beichten. Der Reſt des Halbjahrs iſt in meiner Erinnerung ein Gemengſel von täglichem Zank und Streit, wie es unſer Leben mit ſich brachte; von Eindrücken des verwel⸗ kenden Sommers und der wechſelnde en Jahreszeit; von froſtigen Morgen, wo wir aus den Betten geklingelt, und von dem kalten, kalten Hauche der finſtern Abende, wo wir wieder in die Betten geklingelt wurden; von dem Schulzimmer am Abend ferner, dem düſter erhellten und ſpärlich erwärmten, und dem Schulzimmer am Morgen, welchen nichts als eine große Schüttelmaſchine war; von dem Wechſel zwiſchen gekochtem und gebratenem Rind⸗ fleiſche und gekochtem und gebratenem Schöpſenfleiſche; von Butterbemmenhügeln, Aufſatzbüchern mit Eſels⸗ ohren, zerbrochnen Schiefertafeln, Schreibeheften, mit Thränen befleckt, Hieben mit dem paniſchen Rohre, Fingerknipſen, Haarzöpfen, regnigen Sonntagen, verſal⸗ zenen Puddings und einer müffigen Dintenatmoſphäre über Allem und um Alles. Trotzdem entſinne ich mich ganz wohl, wie der ferne Gedanke an die Ferien, nachdem er eine ewige Zeit hin⸗ durch wie ein feſtſtehender Nebelfleck am Himmel unſres Bewußtſeins geſchienen, endlich auf uns zuzukommen und immer größer und größer zu werden begann. Wie wir zuerſt nach Monaten rechneten, dann nach Wochen, dann nach Tagen; und wie ich hierauf mich zu ängſtigen an⸗ fing, ich würde nicht nach Hauſe verlangt werden; und wie ich, von Steerforth ben oricheigt daß nach mir ver⸗ langt und ich gewiß ſei nach Hauſe zu kommen, von dü⸗ ſtren Ahnungen beſchlichen wurde, ich könnte vorher ein Bein brechen. Wie der Tag des luſiceinhs zuletzt ſeinen David Kopperfield. 35⁵ Ort wechſelte, aus der dritten Woche in die nächſte, aus dieſer in die laufende Woche trat; wie er auf übermor⸗ gen, auf morgen, auf heute fiel; wie endlich der erſehnte Abend da war, wo ich in der Poſtkutſche von Narmouth ſaß und nach Hauſe fuhr. Ich hatte manchen Augenblick, wo ich, um gleich drauf wie⸗ der zu erwachen, einnickte in dieſer Poſtkutſchevon Narmouth, und mancher unzuſammenhängende Traum von all jenen ebengeſchilderten Dingen überkam mich. Aber wenn ich in Zwiſchenräumen erwachte, ſo war der Boden draußen vor dem Kutſchenfeſter nicht der Spielplatz von Salem Houſe, und der Klang in meinen Ohren nicht der Klang von Mr. Creakles Fuchtel auf Traddles Rücken, ſondern der Knall von der Peitſche des Kutſchers, der die Pferde antrieb. 3* Achtes Kapitel. Meine Ferien. Insbeſondre ein ſeliger Nachmittag. Als wir vor Tage in dem Gaſthofe anlangten, wo die Poſtkutſche anhielt,— welches aber nicht der Gaſthof war, wo mein Freund, der Kellner, lebte,— ſo wies man mich nach einer hübſchen kleinen Schlafkam⸗ mer, an deren Thür der Name Dolphin gemalt war. Ich weiß noch, daß ich trotz des heißen Thees, den ſie mir unten vor einem großen Kaminfeuer gegeben hatten, ſehr fror und höchſt glücklich war, in Dolphins Bett krie⸗ chen, Dolphins Decke über den Kopf ziehen und einſchla⸗ fen zu können. Mr. Barkis, der Fuhrmann, ſollte mich des Morgens um neun Uhr abholen; ich ſtand um acht auf, ein wenig ſchwach auf den Füßen, weil meine Nachtruhe gar ſo kurz geweſen war, und war bereit für ihn vor der feſtgeſetzten Zeit. Er empfing mich genau ſo, als ob nicht fünf Mi⸗ nuten verfloſſen wären, ſeit wir das letzte Mal zuſammen⸗ geweſen, und ich nur einen Sprung in den Gaſthof gethan — David Kopperfield. 37 hätte, um einen Sixpence zu wechſeln oder etwas der Art zu beſorgen. Sobald als ich und mein Koffer im Karren waren und der Fuhrmann ſich in ſeine Schoßkelle geſetzt hatte, ging das faule Pferd ganz mit ſeiner gewohnten phleg⸗ matiſchen Friedlichkeit fort. „Sie ſehen recht wohl aus, Mr. Barkis,“ ſagte ich in der Meinung, er werde dies gern hören. Mr. Barkis rieb ſich den Backen mit feinem Rock⸗ aufſchlage, und blickte dann auf dieſen letzteren, als ob er darauf etwas von ſeiner Wangenröthe zu finden er⸗ warte, gab aber ſonſt kein anderes Zeichen, daß er mein Compliment als ſolches anerkenne. „Ich habe Ihren Auftrag beſorgt, Mr. Barkis,“ ſagte ich,„ich habe an Peggotty geſchrieben.“ „Ah!“ ſagte Mr. Barkis. Der Fuhrmann ſchien in verdrießlicher Stimmung, und ſeine Antwort klang ziemlich trocken. „ war wohl nicht recht ſo, Mr. Barkis?“ fragte ich nach einigem Zögern. „Den Teufel auch, nein!“ ſagte Mr. Barkis. „Nicht recht beſorgt?“ „Ach beſorgt war's vielleicht recht genug,“ verſetzte Mr. Barkis.„Aber's war dort nichts zu machen.“ Nicht verſtehend, was er damit meinte, wiederholte ich fragend:„Es war nichts zu machen, Mr. Barkis?“ „ s kam nichts'raus damit,“ erklärte er, mich von der Seite anſchielend.„Keine Antwort.“ „Es wurde alſo eine Antwort erwartet, nicht wahr, Mr. Barkis?“ ſagte ich, die Augen aufſperrend; denn das war ein neues Licht für mich. 38 David Kopperfield. „Wenn Jemand ſagen thut, er iſt Willens,“ erwiderte der Fuhrmann, indem er langſam ſeine Augäpfel wieder nach mir hinwälzte,„ſo iſt das ſo viel, als wenn der Mann ſagen thäte, daß er auf eine Antwort wartete.“ „Richtig, Mr. Barkis. Und nun?“ „Nun,“ ſagte Mr. Barkis, indem er ſeine Augen wieder auf die Ohren ſeines Pferdes hindirigirte,„jener Mann hat die ganze Zeit ſeitdem auf Antwort gewartet.“ „Haben Sie ihr das geſagt, Mr. Barkis?“ „N-n nein“ brummte der Bote„ indem er dar⸗ über nachſann.—„Habe ja noch keine Aufforderung nicht gekriegt, hinzugehen und ihr das zu ſagen. Habe in meinem Leben noch nicht ſechs Worte mit ihr gered't. Werde mich hüten und ihr das ſagen.“ „Würden Sie's wohl gerne ſehen, wenn ich's thäte, Mr. Barkis?“ ſagte ich zweifelhaft. „Sie können's ihr ſagen, wenn Sie wollen,“ erwie⸗ derte Mr. Barkis, indem er abermals langſam einen Blick auf mich richtete,„ daß Barkis auf eine Antwort warten thäte. Sagen Sie— doch wie iſt ihr Name?“ „Ihr Name?“. „Hm!“ ſagte der Bote mit einem Kopfnicken. „Peggotty.“ „Taufname? Oder Vatersname?“ fragte Mr. Barkis. „O s iſt nicht ihr Vorname. Ihr Vorname iſt Clara.“ „Ah, wenn's ſo iſt!“ ſagte Mr. Barkis. Er ſchien einen unermeßlichen Stoff zur Betrachtung in dieſem Umſtande zu finden und ſaß erwägend und in⸗ nerlich pfeifend eine ziemliche Zeit da. „Nun denn,“ faßte er die Summe ſeiner Ueberle⸗ gungen endlich zuſammen,„ſagen Sie: Peggotty, Bar⸗ . David Kopperfield. 39 kis wartet auf Antwort. Sagt ſie vielleicht: Antwort auf was? ſo ſagen Sie: Auf das, was ich Dir meldete. Was iſt das? ſagt ſie. Barkis iſt Willens, ſagen Sie.“ Dieſe außerordentlich kunſtreiche Durchführung be⸗ gleitete Mr. Barkis mit einem Knuff ſeines Ellbogens, der mir geradezu Seitenſtechen verurſachte. Hierauf ſchaukelte und ſchlotterte er in ſeiner gewöhnlichen Weiſe über ſeinem Pferde hin und her und gedachte nicht wie⸗ der an den eben verhandelten Gegenſtand, außer eine halbe Stunde nachher, wo er ein Stück Kreide aus der Taſche zog und an die innere Seite der Plane des Karrens „Clara Peggotty“ ſchrieb— augenſcheinlich als ein Privat⸗Merkzeichen. Ach, was war es doch für ein eignes Gefühl, nach dem Elternhauſe zu gehen, wenn es kein wahres Elternhaus mehr war, und zu finden, daß jeder Gegenſtand, den ich er⸗ blickte, mich an das glückliche alte Zuhauſe erinnerte, welches einem Traume glich, den ich nie mehr träumen konnte. Die Tage, wo meine Mutter und ich und Peg⸗ gotty uns eines dem andern Alles in Allem waren und niemand da war, ſich zwiſchen uns zu drängen, ſte ſtiegen auf der Straße ſo trauervoll empor vor mir, daß ich nicht ſicher bin, ob ich mich freute, dort zu ſein,— nicht einmal ſicher, ob ich nicht lieber weggeblieben und das Vaterhaus in Steerforths Geſellſchaft vergeſſen hätte. Aber ich war einmal da, und bald war ich auch an unſerm Hauſe, wo die entblätterten alten Ulmenbäume ihre viel⸗ verſchlungenen Arme in der nebelbleichen winterlichen Luft rangen, und Fetzen von den alten Krähenneſtern im Winde dahin trieben. Der Fuhrmann ſetzte meinen Koffer an der Garten⸗ thür ab und verließ mich. Ich ging den Sandweg ent⸗ 40 David Kopperfield. lang nach dem Hauſe, indem ich nach den Fenſtern blickte und bei jedem Schritte Mr. oder Miß Murdſtone aus einem derſelben ingrimmig herausſchauen zu ſehen fürch⸗ tete. Es erſchien indeß kein Geſicht, und als ich bis an's Haus gelangt und mir bekannt war, wie die Thür vor dem Finſterwerden ohne zu klopfen ſich öffnen laſſe, ging ich mit leiſem ſchüchternen Schritte hinein. Gott weiß, wie weit in meine frühe Kindheit hinab mein Gedächtniß gereicht haben mag, welches in mir bei dem Klange von meiner Mutter Stimme in dem alten Empfangszimmer erwacht war, als ich den Fuß in den Vorſaal geſetzt. Sie ſang in leiſem Tone. Mir iſt, als ob ich in ihren Armen gelegen und ſie ſo ſingen gehört habe, als ich noch ein ganz kleines Wiegenkind geweſen wäre. Die Melodie war neu für mich, und doch ſo alt, daß ſie mein Herz übervoll machte, gleich einem Freunde, der nach langer Abweſenheit zurückgekommen iſt. Ich glaubte aus der ungezwungnen und gedanken⸗ vollen Weiſe, in der meine Mutter ihr Lied trällerte, ſchließen zu müſſen, daß ſie allein ſei. Und ich ging leiſe ins Zimmer. Sie ſaß am Kamin und ſtillte ein kleines Kindchen, deſſen winzige Hand ſte gegen ihren Hals hielt. Ihre Augen waren auf ſein Geſicht gerichtet, und ſie ſang ihm etwas vor. Ich hatte in ſofern recht, als ſie ſonſt keine Geſellſchgft um ſich hatte. Ich ſprach nun auf ſie, und ſte fuhr auf und ſchrie laut empor. Als ſie aber ſah, daß ich's war, nannte ſie mich ihr liebes Daochen und ihr gutes beſtes Kind, und indem ſie mir quer über das Zimmer die Hälfte entgegen⸗ kam, knieete ſie auf den Boden nieder und küßte mich und legte meinen Kopf nieder an ihren Buſen neben das David Kopperfield. 41 kleine Geſchöpf, das dort ſein Neſtchen hatte und führte die Hand deſſelben an meine Lippen. Ich wollte, ich wäre geſtorben. Geſtorben damals, mit jenem Gefühl in meinem Herzen! Ich würde bereiter geweſen ſein für den Himmel, als ich's je ſeitdem ge⸗ weſen bin. „Es iſt Dein Bruder,“ ſagte meine Mutter, indem ſie mich ſtreichelte.„Dadchen, mein liebſtes Jüngelchen! Mein armes Kind!“ Dann küßte ſie mich wieder und immer wieder und ſchloß mich in ihre Arme. Während dies geſchah, kam Peggotty hereingerannt und warf ſich neben uns auf den Boden und geberdete ſich eine ganze Viertelſtunde vor Freude wie eine Närriſchgewordene. Es ſchien, als habe man mich nicht ſo zeitig erwartet, indem der Fuhrmann um Vieles vor ſeiner gewöhnlichen Zeit eingetroffen war. Es ſchien auch, daß Mr. und Miß Murdſtone auf Beſuch in der Nachbarſchaft gegangen ſeien und vor Abend nicht zurückkehren würden. Ich hatte es nie für möglich gehalten, daß wir drei noch einmal unge⸗ ſtört bei einander ſein könnten, und ich fühlte mich dieſe Zeit über ganz ſo glücklich, als ob die alten Tage zurück⸗ gekehrt wären. Wir aßen zuſammen am Kamin. Peggotty war in Bereitſchaft, uns dabei aufzuwarten, aber meine Mutter wollte ihr's nicht zulaſſen und hieß ſie mit uns eſſen. Ich hatte meinen alten Teller, mit der braungemalten Anſicht eines Kriegsſchiffes in vollem Segeln darauf, wel⸗ chen Peggotty irgendwo die Zeit meiner Abweſenheit über verwahrt gehalten hatte, und den ſte, wie ſte ſagte, nicht um hundert Pfund zerbrochen haben würde. Ich hatte meinen eignen alten Becher, mit„David“ darauf, und 4 * 42 David Kopperfield. mein eigenes altes Meſſer und Gabel, welches erſtere nicht zu ſchneiden pflegte. Während wir bei Tiſche ſaßen, fiel mir ein, daß es jetzt eine günſtige Gelegenheit ſei, Peggotth von Mr. Barkis zu erzählen; wobei ſie aber, bevor ich vollendet, was ich ihr zu ſagen hatte, zu lachen anfing und ſich ihre Schürze über's Geſicht zog.„ „Peggotty!“ ſagte meine Mutter,„was giebt's denn?“ Peggotty lachte nur noch mehr und hielt, als ihr meine Mutter die Schürze wegzuziehen verſuchte, dieſelbe feſt an's Geſicht und ſaß da, als ob ihr Kopf in einem Sacke ſtecke. „Was machſt Du nur, Du dummes Geſchöpf?“ ſagte meine Mutter lachend. „Oh ſchade auf den Mann!“ ſchrie Peggotty.„Er will mich heirathen.“ „Es würde eine recht gute Partie für Dich ſein, nicht wahr?“ verſetzte meine Mutter. „Oh, ich weiß nicht,“ ſagte Peggotty.„Aber fragen Sie mich nicht. Ich möchte ihn nicht haben, und wenn er ſich vergolden ließe. Ich will überhaupt gar Nieman⸗ den haben.“ „Nun denn, warum ſagſt Du ihm das nicht gleich, Du lächerliches Ding?“ fragte meine Mutter. „Ihm das ſagen,“ erwiderte Peggotty, indem ſie aus ihrer Schürze hervor gukte.„Er hat mir nie ein Wort davon geſprochen. Und er weiß recht gut, warum nicht. Wenn er ſich's'rausnehmen wollte, nur ein Wort zu mir zu ſagen, ſo würd' ich ihm gleich eine Backpfeife geben.“ Sie war ſo roth im Geſichte geworden, wie ich ſie David Kopperfield. 43 oder ein andres Geſicht jemals geſehen; aber ſie deckte es wieder zu auf einige Augenblicke, als ſie aufs Neue von einem heftigen Lachkitzel ergriffen wurde, und nach zwei oder drei ſolchen Anfällen fuhr ſie fort mit Eſſen. Ich bemerkte jetzt, daß meine Mutter, obwohl ſie lächelte, wenn Peggotty ſie anblickte, ernſthafter und ſin⸗ nender wurde. Ich hatte gleich zuerſt geſehen, daß ſie verändert war. Ihr Geſicht war noch immer ſehr hübſch, aber es trug die Spuren nagenden Kummers und ſah zu zart aus; und ihre Hand war ſo mager und weiß, daß ſie mir ſchier durchſichtig zu ſein ſchien. Aber die Ver⸗ änderung, auf welche ich mich hier beziehe, kam zu alle⸗ dem noch hinzu: ſie fand in ihrem Verhalten ſtatt, wel⸗ ches ängſtlich und zerſtreut wurde. Zuletzt ſagte ſie, in⸗ dem ſie ihre Hand ausſtreckte und ſie mit inniger Liebe in die Hand ihrer alten treuen Dienerin legte: „Peggotth, meine Liebe, Du willſt alſo nicht hei⸗ rathen?“ „Ich, Madam?“ entgegnete Peggotty, ſie anſtarrend. „Gott im Himmel, nein!“ „Nur jetzt noch nicht gerade?“ ſagte meine Mutter zärtlich. „Nimmermehr!“ ſchrie Peggotty. Meine Nutter nahm ihre Hand und ſprach: „Verlaß mich nicht, Peggotty. Bleibe bei mir. Es wird vielleicht nicht lange mehr nöthig ſein. Wie ſollte ich irgend verkommen ohne Dich!“ „Ich Sie verlaſſen, meine koſtbare Madam!“ ſchrie Peggotty.„Ich würd's nicht, und wenn ich die ganze Welt dafür kriegte und ſeine Frau würde.„Ei, wer hat Ihnen denn das in Ihren kleinen närriſchen Kopf geſetzt?“ 44 David Kopperfield. Peggotty war nämlich von früher her gewohnt, zu meiner Mutter manchmal wie zu einem Kinde zu ſprechen. Meine Mutter aber gab ihr keine andre Antwort, als daß ſie ihr dankte, und Pegotty ſchwatzte nun nach ihrer eignen Art weiter drauflos. „Was, ich Sie verlaſſen! Wahrhaftig, mir iſt, als ſähe ich mich ſchon dabei. Peggotty ſollte weggehen von Ihnen? Sollte mich freuen, ſie darüber zu erwiſchen. Nein, nein, nein!“ ſagte Peggotty, indem ſie den Kopf ſchüttelte und die Arme übereinanderſchlug.„Sie thut's ganz ſicherlich nicht, meine Liebe. Giebts hier nicht gewiſſe Katzen, die ſich gerade genug freuen würden, wenn ſie’s thäte; aber ſie ſollen mit ihrer Freude in den Born fallen. Sie ſollen ſich noch ſchwerer ärgern. Ich werde bei Ihnen aushalten, bis ich ein altes krummbuckeliges Frauenzimmer bin. Und wenn ich dann zu taub und zu lahm und zu blind, und, weil ich keine Zähne mehr habe, zu mumpelig bin, um noch was nütze zu ſein, ja ſelbſt zu elend, um noch geſchuhriegelt zu werden, ſo geh ich zu meinem Davchen und bitte ihn, mich zu ſich in's Haus zu neh⸗ men.“ „Ja, Peggotty,“ ſagte ich,„und ich werde mich freuen, Dich zu ſehen, und ich werde Dich wie eine Köni⸗ gin willkommen heißen.“ „O Du liebes Herzchen!“ ſchrie Peggotty.„Ich weiß, Du wirſt's.“ Und ſie küßte mich ſchon im Voraus in dankbarer Anerkennung meiner gaſtfreundlichen Ge⸗ ſinnung. Hierauf ſchlug ſie wieder ihre Schürze über den Kopf und lachte aufs Neue über Mr. Barkis. Hier⸗ auf nahm ſie das Kindchen aus ſeiner kleinen Wiege und ſuchte es einzuſchläfern. Hierauf räumte ſte den Eßtiſch ab. Hierauf kam ſie mit einer andern Haube auf dem ν — i8—— 8— —— N David Kopperfield. 45 Kopfe und ihrem Arbeitskörbchen und der Elle und dem Stückchen Wachslicht herein, Alles ganz ſo wie dereinſt. Wir ſaßen um den Kamin und ſchwatzten fröhlich mit einander. Ich erzählte ihnen, was für ein ſtrenger Schul⸗ meiſter Mr. Creakle ſei, und ſie bedauerten mich ſehr. Ich erzählte ihnen, was für ein feines Bürſchchen Steer⸗ forth ſei und wie freundlich er ſich meiner annehme, und Peggotty ſagte, ſie wollte zwanzig Meilen laufen, um ihn zu ſehen. Ich nahm das kleine Wiegenkind, als es aufgewacht war, in meine Arme und ſchläferte es liebreich ein. Als es wieder eingeſchlafen war, ſchlich ich mich nach meiner alten Gewohnheit, die jetzt eine lange Zeit unter⸗ brochen geweſen war, nahe an meiner Mutter Seite und ſaß neben ihr, indem ich ihren Leib umfaßte und meine kleine rothe Wange an ihre Schulter lehnte und noch einmal ihr ſchönes Haar auf mich herabrollen fühlte— das mir, wie ich mich erinnere, immer wie der Fittich eines Engels vorkam— und war ſehr glücklich. Während ich ſo daſaß und in's Feuer blickte und Bil⸗ der in den rothglühenden Kohlen ſah, glaubte ich ſchier, daß ich nie weg geweſen ſei, daß Mr. und Miß Murdſtone ſolche Kohlengebilde ſeien, welche verſchwinden würden, ſobald das Feuer niedergebrannt ſei, und daß überhaupt nichts von dem allen, deſſen ich mich erinnerte, wirklich vorhanden ſei, als meine Mutter, Peggotty und ich. Peggotty ſtopfte an einem Strumpfe und zog mit dem Faden aus ſo lang, als ſie ſehen konnte, dann ſtreifte ſie ihn über ihre linke Hand gleich einem Handſchuh, wäh⸗ rend ihre rechte bereit war, einen andern Stich zu thun, wo irgend der Zimmermann ein Loch gelaſſen hatte. Ich kann nicht begreifen, wem dieſe Strümpfe gehört haben können, welche Peggotty ewig ſtopfte, oder woher eine ſo David Kopperfield. unabläſſige Zufuhr der Stopfnadel bedürftiger Strümpfe gekommen ſein mag. So weit ich mich in meine frühſte Kindheit zurück verſetze, immer erſcheint ſte mir mit dieſer Art Nadelarbeit beſchäftigt und niemals abwechſelnd mit einer andern. „Ich moͤchte wiſſen,“ verſetzte Peggotty, welche zu Zeiten Anfälle von Wißbegierde hinſichtlich höchſt uner⸗ warteter Gegenſtände hatte,„was aus Davchens Groß⸗ tante geworden ſein mag.“ „Mein Gott, Peggotty,“ bemerkte meine Mutter, indem ſie aus einer Träumerei auffuhr,„was Du aber auch für unſinniges Zeug ſchwatzeſt.“ „Nun ja, aber ich möchte es wirklich gern wiſſen, Madam,“ ſagte Peggotty. „Was muß Dir nur dieſe Perſon in den Kopf ge⸗ bracht haben?“ fragte meine Mutter.„Giebt's denn gar niemand anders, der da hineinkommen könnte?“ „Ich weiß nicht, wie's iſt,“ ſagte Peggotty.„Wenn es auch am Ende ausſteht, als ob's Dummheit wäre, aber mein Kopf kann nun einmal das Volk, das ſich drin rum⸗ treibt, nicht nach ſeiner Wahl zuſammenleſen. Sie kom⸗ men und ſie gehen, und ſie kommen und gehen nicht, ganz wies ihnen beliebt. Ich möchte wiſſen, was aus ihr geworden iſt.“ „Wie albern Du doch biſt, Peggotty,“ entgegnete meine Mutter.„Man ſollte wahrhaftig denken, Du wünſchteſt, daß ſte uns einen zweiten Beſuch machte.“ „Gott verhüt's!“ „Nun denn, rede nicht mehr von ſolchen unange⸗ nehmen Dingen, meine gute Seele,“ ſagte meine Mutter. „Miß Betſey ſteckt ohne Zweifel in ihrer Hütte an der See und wird auch dort bleiben. Auf alle Fälle aber iſt David Kopperfield. 47 es unwahrſcheinlich, daß ſie wieder zu uns kommen und uns ärgern wird.“ „Nein,“ ſagte Peggotty nachdenklich.„Nein, das iſt durchaus nicht wahrſcheinlich. Ich möchte nur wiſſen, ob ſie, wenn ſie geſtorben ſein ſollte, Daochen nichts hinter⸗ laſſen hat.“ „Nun, Gott ſei mir gnädig, Peggotty,“ erwiederte meine Mutter,„was Du aber auch für ein unſinniges Weibsbild biſt! So was zu denken, wenn Du weißt, wie es ſie ſchon verdroß, daß der arme Junge überhaupt auf die Welt kam.“ „Ich vermuthe, ſie würde auch jetzt nicht geneigt ſein, es ihm zu vergeben,“ verſetzte Peggotty, welche wenig⸗ ſtens die Möglichkeit des Andersſeins andeuten wollte. „Warum ſollte ſie geneigt ſein, ihm jetzt zu ver⸗ geben?“ ſagte meine Mutter mit ſchärferer Betonung. „Nun, weil er einen Bruder bekommen, mein ich“ antwortete Pegotty. Meine Mutter fing hierauf augenblicklich an zu weinen und wunderte ſich, wie Peggotty ſo etwas zu ſagen wagte. „Als ob dieſes arme kleine ſchuldloſe Weſen in ſeiner Wiege Dir oder irgend Jemand jemals was zu Leide ge⸗ than hätte, Du eiferſüchtiges Ding Du!“ ſagte ſie.„Du thäteſt viel beſſer, zu gehen und Mr. Barkins, den Fuhr⸗ mann zu heirathen. Warum thuſt Duss nicht?“ „Ich würde Miß Murdſtone glücklich machen, wenn ich's wollte,“ verſetzte Peggotty. „Was für ein bösartiges Gemüth Du aber haſt, Peggotty,“ ſagte meine Mutter.„Du biſt ſo eiferſüchtig auf Miß Murdſtone, als nur irgend ſo ein lächerliches Geſchöpf ſein kann. Du möchteſt vermuthlich gern ſelber David Kopperfield. die Schlüſſel in Deiner Gewalt haben und Alles aus⸗ geben? Ich ſollte mich nicht wundern, wenn ſich's ſo ver⸗ hielte. Wo Du doch weißt, daß ſie's nur aus Gefällig⸗ keit und mit den beſten Abſichten thut! Du weißt, daß ſte die hat, Peggotty— Du weißt das recht gut.“ Peggotty murmelte etwas, das wie„Quarkſpitzen mit dieſen beſten Abſichten!“ klang, und etwas andres, das beſagen ſollte, von dieſen beſten Abſichten ginge ein wenig zu viel durch. „Ich weiß, was Du meinſt, Du abgeſchmacktes Ding,“ ſagte meine Mutter.„Ich verſtehe Dich vollſtändig, Peg⸗ gotty. Du weißt, daß ich Dich verſtehe, und ich wundere mich, daß Du nicht feuerroth wirſt. Doch nehmen wir einen Punkt auf ein Mal. Dieſer Punkt nun iſt Miß Murdſtone, Peggotty, und Du ſollſt mir davon nicht ent⸗ ſchlüpfen. Haſt Du ſie nicht wieder und immer wieder ſagen hören, wie ſie denkt, ich bin zu gedankenlos und zu zu— „Zu hübſch,“ fiel Peggotty nachhelfend ein. „Meinethalben das,“ entgegnete meine Mutter, halb lachend;„und wenn ſie ſo ſchwach iſt, ſo zu reden, kann ich deshalb getadelt werden?“ „Kein Menſch ſagt das,“ antwortete Peggotty. „Nein, und in der That, ich ſollte hoffen, daß dies nicht ginge,“ erwiederte meine Mutter.„Haſt Du ſie nicht tauſendmal ſagen hören, daß ſie mir deshalb eine große Menge Beſchwerlichkeiten zu erſparen wünſche, für welche ſte mich nicht gemacht hält, und von denen ich ſelbſt nicht weiß, ob ich dafür gemacht bin; und iſt ſie nicht früh und ſpät auf den Beinen, und geht ſie nicht unaufhörlich ab und zu;— und beſorgt ſie nicht alle Arten von Geſchäften, und kriecht ſte nicht in alle Sorten David Kopperfield. 49 von Behältniſſen, Kohlengruben und Speiſekammern und wer weiß ſonſt wohin, was doch wahrhaftig nicht ange⸗ nehm ſein kann— und Du willſt mir eben einreden, daß darin nicht eine Art Hingebung liegt?“ „Ich will überhaupt gar nichts einreden,“ verſetzte Pe ggotth. „Freilich thuſt Du's, Peggotty,“ entgegnete meine Mutter.„Du thuſt, Deine Arbeit ausgenommen, niemals was Andres, als daß Du mir dies einredeſt. Du ſchwelgſt ordentlich darin. Und wenn Du von Mr. NMurdſtones guten Abſichten ſprichſt—* „Ich habe nie davon geſprochen,“ ſagte Peggotty. „Nein, Peggotty,“ erwiederte meine Mutter,„aber Du ſuchteſt zu hetzen. Das iſt's, was ich Dir eben jetzt ſagte. Das iſt das Uebelſte an Dir. Du willſt hetzen. Ich ſagte im Augenblicke, daß ich Dich verſtünde, und Du ſiehſt, daß dies der Fall iſt. Wenn Du von Mr. Murd⸗ ſtones guten Abſichten redeſt und thuſt, als ob Du nichts davon hielteſt(denn ich kann nicht glauben, daß Du ſie wirklich und überhaupt für nicht gut hältſt, Peggotty) ſo mußt Du ſo gut wie ich die Ueberzeugung haben, wie gut ſie ſind, und wie ſie in allen Dingen ſeine Handlungs⸗ weiſe leiten. Wenn er allerdings ſtreng geweſen zu ſein ſcheint gegen eine gewiſſe Perſon, Peggotty— Du ver⸗ ſtehſt mich, und eben ſo verſteht mich gewiß auch Daochen, daß ich damit niemand meine, der gegenwärtig iſt— ſo iſt's nur deshalb, weil er das Bewußtſein gewonnen hat, daß es zum Guten dieſer gewiſſen Perſon iſt. Er liebt natürlich dieſe gewiſſe Perſon meinetwegen, und handelt nur zum Guten dieſer gewiſſen Perſon. Er iſt fähiger, dieſelbe zu beurtheilen, als ich's bin; denn ich weiß recht wohl, daß ich ein ſchwaches, leichtſinniges und kindiſches David Kopperfield. II. 4 * 50 David Kopperfield. Geſchöpf bin, und daß er ein feſter, würdiger und ernſter Mann iſt. Und er giebt ſich,“ fuhr meine Mutter fort, während ſich ihr die Thränen, welche ihre liebreiche Natur erzeugte, über die Wangen ſtahlen,„er giebt ſich ſo viel Mühe mit mir, und ich ſollte voller Dankbarkeit gegen ihn ſein und voller Ergebenheit gegen ihn, ſelbſt in meinen Ge⸗ danken; und wenn ich's nicht bin, Peggotty, ſo quäle und verurtheile ich mich ſelbſt und werde an meinem eigenen Herzen zweifelhaft und weiß nicht, wo aus noch ein.“ Peggotty ſaß da, das Kinn auf der Socke ihres Strumpfes, und blickte ſchweigend in's Feuer. „Jetzt aber,“ ſagte meine Mutter, ihren Ton ändernd, „laß uns nicht auseinanderkommen, Peggotty; denn ich könnte es nicht ertragen. Du biſt meine treue Freundin, ich weiß es, wenn ich überhaupt eine in der Welt habe. Wenn ich Dich ein lächerliches Geſchöpf oder ein häßliches Ding oder ſo was der Art nenne, Peggotty, ſo meine ich damit nur, daß Du meine treue Freundin biſt und ſtets geweſen biſt, ſeit demm Abend, wo Mr. Murdſtone mich das erſte Mal hier nach Hauſe brachte und Du an die Thür heraus mir entgegen kamſt.“ Peggotty ließ ſich nicht lange bitten, hierauf zu ant⸗ worten und vollzog den Freundſchaftsvertrag dadurch, daß ſte mir eine ihrer beſten Umarmungen ertheilte. Ich glaube, daß ich damals einige Lichtblicke in die wirkliche Bedeu⸗ tung dieſer Unterredung hatte; aber ich weiß jetzt mit Gewißheit, daß das gute Geſchöpf dieſelbe veranlaßt und ihre Rolle darin geſpielt hatte, einzig und allein, damit meine Mutter ſich mit der Aufzählung ihrer Widerlegungs⸗ gründe, welche ſte unangefochten ließ, ſelbſt tröſten möchte. Der Plan wurde mit Erfolg gekrönt; denn ich entſinne mich, daß meine Mutter den übrigen Theil des Abends David Kopperfield. 51 auf beſſerer Laune war, und daß Peggotty ſie weniger beobachtete. Als wir unſern Thee eingenommen hatten und die Aſche aufgeſtöbert und die Lichter geputzt waren, las ich Peggotty in Erinnerung der alten Zeiten ein Kapitel aus dem Krokodilbuche vor,— welches ſie aus der Taſche zog, und von welchem ich nicht weiß, ob ſie es nicht die ganze Zeit daher bei ſich getragen hatte,— und dann ſpazierten wir in Gedanken um Salem Houſe herum, was mich denn am Ende des Cirkels wieder zu Steerforth brachte, welcher mir immer auf der Zunge ſaß. Wir waren ſehr glücklich, und dieſer Abend, als der letzte ſeiner Gattung und für immer beſtimmt, dieſen Abſchnitt meines Lebens zu be⸗ ſchließen, wird nimmer aus meinem Gedächtniß ent⸗ ſchwinden. Es war faſt zehn Uhr, als wir das Rollen von Rä⸗ dern vernahmen. Wir ſtanden alle auf, und meine Mutter ſagte ängſtlich, da es ſchon ſpät ſei und Mr. und Miß Murdſtone ein frühzeitiges Aufſtehen der jungen Leute für dienlich hielten, ſo thäte ich vielleicht beſſer, zu Bette zu gehen. Ich küßte ſie und ging ſogleich mit meinem Lichte die Treppe hinauf, ehe ſie noch herein traten. Es kam, als ich nach der Schlaf kammer, die einſt mein Gefängniß geweſen, hinaufſtieg, meiner kindlichen Einbildungskraft vor, als ob ſie einen kalten Luftzug mit ſich in's Haus brächten, welcher das alte ſelige Gefühl des Daheimſeins wie eine Feder wegblies. Es war mir nicht angenehm zu Muthe, am nächſten Morgen zum Frühſtück hinunter zu müſſen, da ich ſeit der Zeit, wo ich das mir wohlerinnerliche Vergehen begangen, Mr. Nurdſtone mit keinem Auge geſehen hatte. Indeß, es mußte gethan ſein, ich ging, nachdem ich unterwegs 4* 52 David Kopperfield. zwei oder dreimal unnöthigerweiſe zuſammengeſchrocken und ebenſoviel Mal auf den Zehenſpitzen nach meinem Zimmer zurückgerannt war, hinunter und präſentirte mich im Wohnzimmer. Er ſtand am Kamin, den Rücken dem Feuer zuge⸗ kehrt, während Miß Murdſtone den Thee machte. Er ſah mich ſcharf an, als ich eintrat, that aber ſonſt nicht der⸗ gleichen, als ob er mich kenne. Nach einem Augenblick der Verlegenheit ging ich zu ihm hin und ſagte:„Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr. Ich bin ſehr betrübt über das, was ich gethan habe, und ich hoffe, Sie werden mir vergeben.“ „Freue mich, zu hören, daß Dir's leid thut, David,“ verſetzte er. Die Hand, welche er mir gab, war die Hand, die ich gebiſſen hatte. Ich konnte mein Auge nicht abhalten, einen Augenblick auf einem rothen Flecke darauf zu ver⸗ weilen, aber die Narbe war nicht ſo roth, als ich wurde, wie ich dem finſtern Ausdrucke ſeines Geſichts begegnete. „Wie befinden Sie ſich, Fräulein?“ ſagte ich dann zu Miß Murdſtone. „Ach lieber Gott!“ ſeufzte ſie, indem ſie mir den Theebüchſen⸗Löffel ſtatt ihrer Finger gab.„Wie lange dauern die Ferien?“ „Einen Monat, Fräulein.“ „Von wo an gerechnet?“ „Von heute an, Fräulein.“ „Oh!“ ſagte ſie,„dann iſt hier ein Tag vorbei.“ In dieſer Weiſe hielt ſie einen Ferienkalender, und ganz auf dieſelbe Art rechnete ſie jeden Morgen einen Tag ab. Sie that dies mit mürriſcher Miene, bis ſie zum zehnten gelangte; als ſie aber mit zwei Ziffern rech⸗ David Kopperfield. 33 nen konnte, wurde ſie hoffnungsvoller, und als die Zeit noch weiter vorſchritt, ſogar luſtig. Es begab ſich an dieſem erſten Tage, daß ich das Un⸗ glück hatte, ſte ſonderbarer Weiſe, da ſie insgemein ſolchen Schwachheiten nicht unterworfen war, in einen Zuſtand heftiger Beſtürzung zu verſetzen. Ich kam in das Zimmer, wo ſie und meine Mutter ſaßen. Das kleine Kindr welches erſt wenige Wochen alt war, lag auf meiner Mutter Schooß, und ich nahm es ſehr vorſichtig in meine Arme. Plötzlich ſtieß Miß Murdſtone einen ſolchen Schrei aus, daß wenig fehlte, ich hätte das Kind fallen laſſen. „Meine theure Jane!“ ſchrie meine Mutter. „Gott im Himmel, Clara, ſiehſt Du denn?“ rief Miß Murdſtone. „Was denn ſehen, meine liebe Jane?“ ſagte meine Mutter.„Wo denn?“ „Er hat's genommen,“ ſchrie Miß Murdſtone.„Der Junge hat das Kind genommen.“ Sie war ganz ſchwach geworden vor Schreck, raffte ſich jedoch auf, um einen Angriff auf mich zu machen und das Kind meinen Armen zu entreißen. Dann wurde ſie wieder ſchwach, und ihr wurde ſo übel, daß man gezwun⸗ gen war, ihr Kirſchbranntwein zu geben. Als ſie wieder zu ſich gekommen, wurde mir feierlich von ihr unterſagt, meinen kleinen Bruder jemals wieder unter irgend einem Vorwande anzurühren; und meine arme Mutter, die es, wie ich ſehen konnte, anders wünſchte, beſtätigte demüthig das Verbot, indem ſie ſagte:„Kein Zweifel, Sie haben Recht, liebe Jane.“ Bei einer andern Gelegenheit, wo wir Drei beiſam⸗ men waren, war dieſes ſelbe liebe Kindchen— es war mir in Wahrheit ein liebes, wegen meiner Mutter— die 54 David Kopperfield. unſchuldige Urſache, daß Miß Murdſtone in Zorn gerieth. Meine Mutter, welche, als es auf ihrem Schooße lag, ihm in die Augen geſehen, ſagte: „Daochen, komm mal her,“ und blickte mir in die meinen. Ich ſah, wie Miß Murdſtone ihre Perlenſtickerei nie⸗ derlegte. „Ich erkläre,“ ſagte meine Mutter freundlich,„ſie ſind ſich ganz gleich. Ich vermuthe, es ſind meine. Ich denke, es iſt die Farbe von meinen. Aber ſte ſind ſich wunderbar gleich.“ „Von was ſprechen Sie, Clara?“ ſagte Miß Murdſtone. „Meine liebe Jane,“ ſtotterte meine Mutter, ein wenig erſchrocken über den barſchen Ton dieſer Frage,„ich finde, daß die Augen des Kindes denen von Daochen vollſtändig gleich ſind.“ „Clara!“ ſagte Miß Murdſtone, ärgerlich aufſtehend, „Sie ſind doch manchmal eine ausgemachte Närrin.“ „Aber meine liebſte Jane!“ wendete meine Mutter ein. „Eine ausgemachte Närrin!“ ſagte Miß Murdſtone. „Denn wer ſonſt könnte auf den Einfall kommen, meines Bruders Kind mit Ihrem Jungen zu vergleichen. Sie ſind nicht im Geringſten ähnlich. Sie ſind oöllig ungleich. Sie ſind äußerſt unähnlich in allen Rückſichten. Ich hoffe, ſie ſollen auch immer ſo bleiben. Ich will nicht hier ſitzen und ſolche Vergleiche noch ein Mal anſtellen hören.“ Damit ſchritt ſie großartig hinaus und ſchlug die Thür hinter ſich zu. Um es kurz zu ſagen, ich war kein Günſtling von Miß Murdſtone. Ja ich war hier von niemand geliebt, nicht einmal von mir ſelbſt; denn die, welche mich liebten, durften es nicht merken laſſen, und die, wel⸗ David Kopperfield. 55⁵ chen ich zuwider war, zeigten ihren Verdruß ſo deutlich, daß ich mir klar bewußt war, ſtets davon niedergedrückt, linkiſch und ſtöckiſch zu ſein. Ich fühlte, daß ich ihnen ſo unbequem war, als ſie mir. Wenn ich in das Zimmer kam, wo ſie waren, und ſie mit einander ſprachen und meine Mutter in heiterer Stimmung ſchien, ſo pflegte ſich eine trübe Wolke über ihre Züge zu lagern von dem Augenblicke an, wo ich ein⸗ trat. Wenn Mr. Murdſtone in ſeiner beſten Laune war, ſo vertrieb ich ſie ihm. Wenn Miß Murdſtone in ihrer übelſten war, ſo verſtärkte ich dieſelbe. Ich hatte genug Beobachtungsgabe, um zu wiſſen, daß meine Mutter ſtets das Opfer war, daß ſie ſich fürchtete, zu mir zu reden oder freundlich gegen mich zu ſein, damit ſie bei ihnen dadurch nicht etwa Anſtoß erregte und hinterher eine Vorleſung bekäme; daß ſie nicht nur unaufhörlich beſorgt war, ſelbſt anzuſtoßen, ſondern auch, daß ich anſtieße, und daher ängſtlich ihre Blicke beobachtete, wenn ich mich nur rührte. Ich beſchloß deshalb, ihnen ſo viel nur möglich aus dem Wege zu gehen, und manche winterliche Stunde hörte ich die Glocke auf dem Kirchthurme ſchlagen, wo ich in meiner freudenloſen Kammer ſaß und, gehüllt in meinen kleinen Ueberrock, über einem Buche lag. Des Abends ging ich manchmal, mich zu Peggotty in die Küche zu ſetzen. Dort befand ich mich wohl und hatte nicht Urſache, mich vor mir ſelbſt zu fürchten. Aber keine von dieſen beiden Quellen der Erholnng wurde von denen im Wohnzimmer gutgeheißen. Die quäleriſche Laune, die dort befahl, verſtopfte mir beide. Man hielt mich noch für nöthig als Erzichungsmittel für meine arme Mutter und konnte mir's, als einem ihrer Probirſteine, nicht zu⸗ laſſen, mich entfernt zu halten. 56 David Kopperſield. „David,“ ſagte Mr. Murdſtone eines Tages nach Tiſche, als ich eben im Begriffe war, in der gewöhnlichen Weiſe mich aus dem Zimmer zu entfernen,„ich bemerke mit Mißfallen, daß Du tückiſchen Gemüthes biſt.“ „So tückiſch wie ein Bär!“ ſagte Miß Murdſtone. Ich blieb ſtehen und ließ den Kopf hängen. „Nun, David,“ fuhr Mr. Murdſtone fort,„ein tücki⸗ ſches, hartnäckiges Gemüth iſt von allen Temperamenten das ſchlimmſte.“ „Und das des Knaben iſt,“ bemerkte ſeine Schweſter, „von allen derartigen Gemüthern, die ich jemals geſehen, das verhärtetſte und unbeugſamſte. Ich dächte, meine liebe Clara, ſelbſt Sie müßten das einſehen.“ „Verzeihen Sie, meine liebſte Jane,“ ſagte meine Mutter,„aber ſind Sie auch ganz ſicher— Sie werden mich gewiß entſchuldigen, meine liebſte Jane— daß Sie Daochen richtig auffaſſen?“ „Ich würde mich gewiſſermaßen vor mir ſelber ſchä⸗ men, Clara,“ entgegnete Miß Murdſtone,„wenn ich den Jungen oder überhaupt einen Jungen nicht verſtünde. Ich rühme mich keines tiefen Blickes, aber ich mache An⸗ ſpruch auf geſunden Menſchenverſtand.“ „Ohne Zweifel, meine liebe Jane,“ erwiederte meine Mutter,„iſt Ihr Verſtand ſehr ſcharf—“ „Ach nein doch! Bitte, ſagen Sie das nicht, Clara,“ fiel ihr Miß Murdſtone ärgerlich in's Wort. „Aber ich bin ſicher, daß es ſo iſt,“ nahm meine Mutter ihre Rede wieder auf,„und jedermann weiß, daß es ſo iſt. Ich ſelbſt profitire durch denſelben ſo viel in verſchiedener Hinſicht— wenigſtens ſollt' ich's— daß niemand beſſer davon überzeugt ſein kann, als ich; und — — David Kopperfield. 57 deshalb ſpreche ich mit großem Mißtrauen in meine Anſicht von der Sache, das verſichere ich Ihnen, liebſte Jane.“ „Wir wollen zugeben, daß ich den Knaben nicht recht auffaſſe, Clara,“ entgegnete Miß Murdſtone, indem ſie die kleinen Ketten an ihrem Handgelenke in Ordnung brachte.„Wir wollen, wenn's Ihnen beliebt, zugeben, daß ich gar nichts von ihm verſtehe. Er iſt viel zu tief für mich. Aber vielleicht möchte meines Bruders Scharf⸗ ſinn ihn befähigt haben, einen gewiſſen Blick in ſeinen Charakter zu thun. Und ich glaube, mein Bruder ſprach über den Gegenſtand, als wir ihn— nicht eben ſehr gebühr⸗ lich— unterbrachen. „Ich dächte,“ ſagte Mr. Murdſtone mit tiefer mürri⸗ ſcher Stimme,„daß es beſſere und leidenſchaftsloſere Richter über dieſe Frage gäbe, als Du, Clara.“ „Eduard,“ entgegnete meine Mutter ſchüchtern,„Du biſt ein weit beſſerer Richter in allen Fragen, als für welchen ich mich ausgebe. Du und Iane, alle beide. Ich ſagte nur—“ „Du ſagteſt nur etwas Weichherziges und Unbe⸗ dachtes,“ erwiederte er.„Bemühe Dich, es nicht wieder zu thun, meine liebe Clara, und gieb auf Dich ſelbſt Acht.“ Meiner Mutter Lippe bewegte ſich, als ob ſie antwor⸗ tete:„Mein lieber Eduard,“ aber ſie ſagte nichts laut. „Ich bemerkte vorhin, daß mir's mißfiele, David,“ ſagte Mr. Murdſtone, indem er ſeinen Kopf und ſeine Augen ſtarr nach mir umwendete,„zu beobachten, daß Du von tückiſchem Gemüthe ſeiſt. Das iſt kein Charakter, den ich unter meinen Augen ſich entwickeln laſſen könnte, ohne den Verſuch zu machen, ihn zu beſſern. Du mußt Dich bemühen, anders zu werden. Oder vielmehr, wir 58 David Kopperfield. müſſen uns bemühen, Dich zu Deinem Beſten anders zu machen.“ „Ich bitte um Verzeihung, Herr,“ ſtammelte ich.„Ich beabſichtigte niemals tückiſch zu ſein, ſeit ich zurückkam.“ „Keine Ausflüchte und Lügen, Junge!“ entgegnete er ſo heftig, daß ich meine Mutter unwillkürlich ihre zitternde Hand ausſtrecken ſah, wie wenn ſie Einſpruch thun wollte.„Du haſt Dich in Deiner Tücke in Dein Zimmer zurückgezogen; Du haſt Dich auf Deinem Zimmer aufgehalten, wenn Du hier ſein ſollteſt. Du weißt nun ein für alle Mal, daß ich verlange, daß Du hier biſt und nicht dort; ferner, daß ich verlange, daß Du hierher ein gehorſames Gemüth mitbringſt. Du kennſt mich, David. Ich will's haben.“ Miß Murdſtone ließ ein unterdrücktes Kichern hören. „Ich verlange ein achtungsvolles, pünktliches und williges Benehmen gegen mich,“ fuhr er fort,„und gegen Jane Murdſtone und gegen Deine Mutter. Ich will nicht haben, daß dieſes Zimmer gemieden wird, als ob es ver⸗ peſtet wäre, zum bloßen eigenwilligen Vergnügen eines Kindes. Setz Dich!“ Er commandirte mich wie einen Hund, und ich ge⸗ horchte wie ein Hund. „Noch eins,“ ſagte er.„Ich beobachte, daß Du eine Vorliebe für niedrige und gemeine Geſellſchaft haſt. Du haſt Dich nicht mit Dienſtmägden abzugeben. Die Küche wird Dich nicht fördern in den vielfachen Beziehungen, nach welchen Du Förderung bedarfſt. Von dem Frauen⸗ zimmer, welches Dir die Brücke vertritt, ſage ich nichts— weil Du, Clara,“ hier wandte er ſich an meine Mutter mit gemäßigter Stimme,„wegen alter Verbindungen und David Kopperfield. 39 ſeit lange eingewurzelter Einbildungen hinſichtlich ihrer eine Schwäche haſt, welche noch nicht überwunden iſt.“ „Fine ganz unbegreifliche Täuſchung iſt es,“ ſchrie Miß Murdſtone. „Ich ſage nur,“ fuhr er fort, indem er ſich wieder zu mir wendete,„daß ich es mißbillige, wenn Du ſolche Geſellſchaft vorziehſt, wie Mamſell Peggotty, und daß dies aufzugeben iſt. Nun, David, Du verſtehſt mich, und Du weißt, was die Folge ſein wird, wenn Du es unterläſſeſt, mir buchſtäblich zu gehorchen.“ Ich wußte es ſehr wohl— beſſer vielleicht, als er dachte, inſofern meine arme Mutter davon betroffen wurde— und gehorchte ihm buchſtäblich. Ich zog mich nie wieder auf mein Zimmer zurück, und nahm nie wieder meine Zuflucht bei Peggotty, ſondern ſaß müde und traurig Tag für Tag im Wohnzimmer und freute mich ſehnſüchtig auf die Nacht und Schlafenszeit. Was für einen läſtigen Zwang litt ich, in der ſelben Stellung Stunden auf Stunden daſitzen zu müſſen und mir nicht getrauen zu dürfen, einen Arm oder ein Bein zu rühren, damit nicht Miß Murdſtone ſich, wie ſie das bei der geringſten Gelegenheit that, über meine Unruhe be⸗ ſchweren ſollte; ja mir nicht getrauen zu dürfen, ein Auge zu bewegen, damit es nicht auf irgend einen mißfälligen oder prüfenden Blick falle, der in dem meinen eine neue Urſache zu Klagen finden würde! Was für ein unerträg⸗ lich wüſtes Daſein war es, dazuſitzen und auf das Picken der Uhr zu hören, und Miß Murdſtones kleine glänzende Stahlperlen zu beobachten, wenn ſie ſie aufreihte, und die Frage zu erörtern, ob ſie ſich jemals verheirathen werde, und wenn dies der Fall, mit welchem unglücklichen Manne; und die Abtheilungen an dem Tragſteine des 60 David Kopperfield. Kaminſimſes auszuzählen; und mit meinen Augen wegzu⸗ ſchweifen nach der Decke und herumzuwandern unter den Arabesken auf der Wandtapete, die mir wie Löckchen und Korkzieher vorkamen! Was macht' ich für einſame Spaziergänge, ſchmutzige Wieſen entlang in dem ſchlechten winterlichen Wetter, überall dieſes Wohnzimmer, und Mr. und Miß Murd⸗ ſtone drin, mit mir herum tragend: eine ungeheuere Laſt, die ich zu ſchleppen gezwungen war, ein Alp, der am Tage plagte und nicht loszuwerden war, ein Gewicht, das auf meinem Verſtande lagerte und ihn abſtumpfte! Was für Mahlzeiten nahm ich in Schweigen und Verlegenheit ein, indem ich ſtets das Gefühl hatte, daß ein Beſteck zu viel aufliege, und zwar das meine; ein Mund zu viel, und zwar der meine; ein Teller und ein Stuhl zu viel, und zwax der meine; ein Jemand zu viel da ſei, und zwar ich! Was für Abende, wenn die Lichter kamen, und man von mir erwartete, daß ich mich mit etwas beſchäftige, ich aber, indem ich nicht wagte ein unterhaltendes Buch zu leſen, über einem hartköpfigen und härterherzigen Buche mit Rechenexempeln brütete; wenn die Tafeln über die Maße und Gewichte ſich von ſelbſt in Noten und Melo⸗ dien, z. B.„Herrſche Britannia“ oder„Weg mit den Grillen und Sorgen“ verwandelten, und nicht ſtill ſtehen und ſich lernen laſſen, ſondern ſich wie meiner Großmutter Nadel durch mein unglückſeliges Haupt zum einen Ohre hinein⸗ und zum andern herausfädeln wollten! In was für ein Gähnen und Einduſeln verfiel ich, trotz all der Mühe, mit der ich's zu vermeiden ſuchte; mit was für Rucken fuhr ich aus heimlichem Schlafe auf; wie bekam ich nie eine Antwort auf die kleinen Bemerk⸗ David Kopperfield. 61 ungen, welche ich ſelten machte; was ſchien ich für ein leerer Raum zu ſein, den Jedermann überſah, obwohl er Jedermann im Wege war; was war's für ein ſchwerer Stein, der mir vom Herzen fiel, wenn ich hörte, wie Miß Murdſtone den erſten Schlag, der die neunte Abendſtunde verkündete, mit lauter Freude begrüßte und mich zu Bett befehligte! 3 So vergingen langſam die Ferien, bis endlich der Morgen kam, wo Miß Murdſtone ſagte:„Nun iſt der letzte Tag vorbei!“ und mir die letzte Taſſe Thee für dieſe Vacanz gab. Ich war nicht böſe drüber, gehen zu müſſen. Ich war geradezu dumm und ſtumpf geworden, aber ich erholte mich ein wenig und blickte nach vorwärts auf Steerforth, obwohl auch Mr. Creakle hinter ihm ſichtbar wurde. Wieder erſchien Mr. Barkis an dem Gartenthor, und wieder ſagte Miß Murdſtone mit ihrer warnenden Stim⸗ me:„Clara!“ als meine Mutter ſich über mich beugte, um mich zu küſſen. Ich küßte ſie und meinen kleinen Bruder und war ſehr betrübt; aber nicht darüber war ich betrübt, weil ich fortging; denn die Kluft zwiſchen uns und die Zeit des Geſchiedenſeins war ja alle Tage vorhanden. Und es iſt nicht ſo ſehr ihre Umarmung, die mir noch in der Seele lebt,— obwohl dieſelbe ſo feurig als nur möglich war— als vielmehr das, was darauf folgte. Ich ſaß ſchon in dem Wagen des Boten, als ich ſie hinter mir rufen hörte. Ich blickte hinaus und ſah ſie allein an der Gartenthür ſtehen und ihr kleines Kind in die Höhe halten, damit ich's ſehe. Es war ein kaltes ſtilles Wetter und nicht ein Haar auf ihrem Haupte oder 62 David Kopperfield. eine Falte von ihrem Kleide wurde bewegt, als ſie mich mit inniger Liebe anblickte und ihr Kind emporhielt. Sco verließ ich ſte. So ſah ich ſte ſpäter, in meinem Schlafe in der Schule— ein ſchweigend gegenwärtig Bild an meinem Bett— mich anblickend mit derſelben Innigkeit in den Zügen— emporhaltend ihr Kindchen in ihren Armen. ———— Neuntes Kapitel. Ich feiere einen denkwürdigen Geburtstag. Ich übergehe alles, was ſich bis zur Wiederkehr meines Geburtstages, im März, in der Schule ereignete. Mit Ausnahme deſſen, daß Steerforth mehr als je bewun⸗ dert war, beſinne ich mich auf nichts. Er ging am Ende des Halbjahrs, wenn nicht früher, ab und erſchien in meinen Augen kühner und unbekümmerter und darum anziehender als zuvor; aber außerdem erinnere ich mich an nichts. Das große Ereigniß, durch welches dieſe Zeit in meinem Gemüthe zu einer unvergeßlichen wurde, ſcheint alle untergeordneten Erinnerungen mit der Gewalt eines Waſſerſturzes weggeſchwemmt zu haben und einzig und allein noch dazuſtehen. Es fällt mir ſogar ſchwer, zu glauben, daß zwiſchen meiner Rückkehr nach Salem Konrfe und dem Erſcheinen meines Geburtstags eine Kluft von vollen zwei Monaten lag. Ich habe nur das Bewußtſein, daß ſich's wirklich ſo verhielt, weil ich weiß, daß es ſo geweſen ſein muß; ſonſt würde ich überzeugt zu ſein meinen, daß keine Zeit da⸗ 64 David Kopperfield. zwiſchen geweſen, und daß die eine von den genannten Begebenheiten der andern auf den Ferſen gefolgt ſei. Wie gut erinnere ich mich, was für ein Tag es war! Ich athme den Nebel, welcher um den Platz hing; ich ſehe den Froſt und Reif geiſterhaft durch denſelben ſchimmern; ich fühle, wie mir die nebelfeuchten Haare klebrig auf die Wangen fallen; ich überblicke den langen dunſtigen Raum der Schulſtube, in welcher hie und da ein Licht kniſtert, um den nebelverdunkelten Morgen zu erleuchten, und wo der Athem der Knaben wie geringelte Rauchwölkchen in die rauhkalte Atmoſphäre emporſteigt, vor welcher ſie ſich in die Finger hauchen und mit den Füßen auf die Diele klappen. Es war nach dem Frühſtück, und wir waren eben vom Spielplatze hereingerufen worden, als Mr. Sharp eintrat und ſagte: „David Kopperfield ſoll in's Wohnzimmer kommen.“ Ich erwartete ein Packet von Peggotty vorzufinden und ſtrahlte im ganzen Geſicht über das Geheiß. Mehre von den Knaben in meiner Umgebung legten mir bereits die Bitte an's Herz, nicht vergeſſen zu werden bei der Vertheilung der guten Sächelchen, als ich mit ſchnellen Beinen aus meinem Sitze hervorſprang. „Beeile Dich nicht ſo, David,“ ſagte Mr. Sharp. „s iſt Zeit genug dazu, mein Junge, Du brauchſt nicht ſo zu eilen.“ Ich würde verwundert geweſen ſein über den gefühl⸗ vollen Ton, in welchem er ſprach, wenn ich dafür einen Gedanken übrig gehabt, aber ich hatte nicht eher Acht darauf, als nachher. Ich rannte fort nach dem Wohn⸗ zimmer, wo ich Mr. Creakle antraf, welcher, mit dem Rohre und einer Zeitung vor ſich, beim Frühſtück ſaß, David Kopperfield. 65 und Mrs. Creakle, welche einen offenen Brief in der Hand hielt. Ein Packet aber war nicht da. „David Kopperfield,“ ſagte Mrs. Creakle, indem ſie mich zum Sopha führte und ſich neben mich ſetzte.„Ich wünſche mit Dir über eine ganz beſondre Angelegenheit zu ſprechen. Ich habe Dir was mitzutheilen, mein Kind.“ Mr. Creakle, auf den ich natürlich auch einen Blick warf, ſchüttelte den Kopf, ohne mich anzuſehen, und ver⸗ ſtopfte einem Seufzer mit einem großen Stücke Butterbrod den Weg. „Du biſt zu jung, um zu wiſſen, daß die Welt ſich alle Tage verändert,“ ſagte Mrs. Creakle,„und wie die Menſchen darin hinwegſcheiden. Aber wir alle müſſen dieſe Erfahrung machen, David, einige von uns, wenn ſie jung, andre, wenn ſie alt ſind, manche all ihre Lebetage hindurch.“ Ich ſah ſie ernſthaft an. „Wie Du am Ende der Vacanz von Hauſe kamſt,“ ſagte Mrs. Creakle nach einer Pauſe,„waren ſie da Alle wohl?“ Und nach einer zweiten Pauſe fragte ſie:„War Deine Mutter wohl?“ Ich zitterte, ohne beſtimmt zu wiſſen, warum, und blickte ihr noch immer ernſthaft in's Auge, machte aber keinen Verſuch zu antworten. „Ich frage ſo,“ ſagte ſie,„weil ich Dir mit Betrübniß melden muß, daß ich dieſen Morgen höre, wie Deine Mama ſehr krank iſt.“ Ein Flor ſenkte ſich zwiſchen Mrs. Creakle und mich, und ihre Geſtalt ſchien ſich einen Augenblick dahinter zu bewegen. Als ich ſie wieder deutlich erblickte, fühlte ich, wie mir die heißen Thränen über's Geſicht liefen. „Sie iſt ſehr gefährlich krank,“ fügte ſte hinzu. 4½ David Kopperfield. II. 5 66 David Kopperfield. Ich wußte jetzt Alles. „Sie iſt todt!“ Es bedurfte nicht, mir das zu ſagen. Ich war bereits in einen verzweifelten Schrei ausgebrochen und wußte, daß ich eine Waiſe ſei in der weiten Welt. Sie war ſehr theilnehmend und freundlich gegen mich. Sie behielt mich den ganzen Tag bei ſich und ließ mich manchmal allein, und ich weinte und ſchrie, bis ich vor Mattigkeit einſchlief, und ich erwachte und weinte und ſchrie wieder. Als ich nicht mehr zu weinen vermochte, begann ich zu ſinnen, und da wurde der Schmerz, der auf meine Bruſt preßte, am ſchwerſten, und mein Kummer verwandelte ſich in eine dumpfe qualvolle Verſtörtheit, für welche es keine Linderung gab. Und doch waren meine Gedanken zerſtreut, nicht mit aller Spannung auf das Unglück gerichtet, welches auf meinem Herzen laſtete, ſondern ſchweiften irr und wirr um daſſelbe herum. Ich dachte an unſer Haus, wie es ver⸗ ſchloſſen und ſtill ſein würde. Ich dachte an das kleine Wiegenkind, das, wie Mrs. Creakle ſagte, ſchon ſeit eini⸗ ger Zeit ſich ganz mager gejammert hatte, und, wie man glaubte, gleichfalls ſterben würde. Ich dachte an meines Vaters Grab auf dem Kirchhofe vor unſerm Hauſe und daran, wie meine Mutter dort liegen werde unter dem Baume, der mir ſo wohl bekannt war. Ich ſtellte mich auf einen Stuhl, als man mich allein gelaſſen, und blickte in den Spiegel, um zu ſehen, wie roth meine Augen und wie gramvoll meine Züge wären. Ich überlegte, als einige Stunden vergangen waren, ob meine Thränen jetzt wirklich nicht mehr fließen wollten, wie es der Fall zu ſein ſchien; was, wofern ich's für wahr annehmen müßte, in Verbin⸗ dung mit meinem Verluſt mir dann am fühlbarſten David Kopperfield. 67 werden würde, wenn ich meiner Heimat mich nähere— denn ich ging ja zu einem Begräbniß nach Hauſe. Ich weiß, daß ich fühlte, wie mich die übrigen Knaben jetzt als etwas Beſonderes betrachteten, und daß mit meiner Betrübniß ſich zugleich eine Art von Bedeutſamkeit unter ihnen verband. Wenn je ein Kind aufrichtig ſich grämte, ſo war ich es. Dennoch entſinne ich mich, daß dieſe Bedeutſamkeit mir eine gewiſſe Genugthuung gewährte, als ich dieſen Nachmittag auf dem Spielplatze hin und herging, während die Knaben in der Schule waren. Als ich ſie nach mir aus dem Fenſter blicken ſah, wie ſie in ihre Stunden hinaufgingen, fühlte ich mich vor ihnen ausgezeichnet, und ſah gleich noch ein wenig trauriger aus und ſchlich gleich noch ein wenig langſamer einher. Als die Schule aus war und ſie herauskamen und auf mich ſprachen, ſo hielt ich's bei mir für beſſer, gegen keinen von ihnen mich ſtolz zu benehmen, ſondern jedem von ihnen genau ſo viel Aufmerkſamkeit zu ſchenken, wie zuvor. Ich ſollte die folgende Nacht nach Hauſe abgehen; nicht mit der Poſt, ſondern mit der ſchwerfälligen Nacht⸗ kutſche, welche„der Wichter“ hieß und hauptſächlich von Landleuten benutzt wurde, um kurze Zwiſchenſtationen auf der Straße zu durchreiſen. Wir hielten dieſen Abend kein Geſchichtenerzählen, und Traddles beſtand darauf, mir ſein Polſterkiſſen zu leihen. Ich weiß nicht, was er mir damit für einen Gefallen zu erzeigen glaubte; denn ich hatte ſelbſt eines; aber es war alles, was er zu verbor⸗ gen hatte, der arme Junge; ich müßte denn einen Bogen Briefpapier voll Gerippe ausnehmen, den er mir beim Ab⸗ ſchiede als einen Troſt für meinen Kummer und als einen Beitrag zur Beruhigung meines Gemüthes mitgab. 5* 29 68 David Kopperfield. Ich verließ Salem Houſe am folgenden Nachmittage. Ich dachte damals kaum daran, daß ich es verließ, um nie wiederzukehren. Wir fuhren ſehr langſam die ganze Nacht durch und kamen nicht eher als um neun oder zehn Uhr des Morgens nach Narmouth. Ich ſah mich nach Mr. Barkis um, aber er war nicht da, und ſtatt ſeiner trat ein dicker, kurzathmiger, luſtig ausſehender, kleiner alter Mann in ſchwarzem Anzuge, mit moderfleckigen kleinen Band⸗ ſchleifen an den Knieen ſeiner kurzen Hoſen, ſchwarzen Strümpfen und einem breitkrämpigen Hute keuchend an das Kutſchenfenſter und ſagte: „Musje Kopperfield?“ „Hier, mein Herr.“ „Wollen Sie wohl gefälligſt mit mir kommen, junger Herr?“ ſagte er, den Schlag öffnend.„Ich werde das Vergnügen haben, Sie mit mir nach Hauſe zu nehmen.“ Ich legte meine Hand in die ſeine und fragte mich, wer er wohl ſei, und wir gingen fort nach einem Laden in einer nahe gelegenen Straße, über welchem„Omer, Tuchhändler, Schneider, Bandkrämer, Lei⸗ chenbitter u. ſ. w.“ zu leſen war. Es war ein enger, niedriger Laden, voll von allen Sorten Schnittwaaren, gemacht und ungemacht, einſchließlich ein Fenſter voll Biberhüte und Hauben. Wir gingen in ein kleines Hinterſtübchen, das an den Laden ſtieß⸗ und wo wir drei junge Frauen antrafen, welche an einer Menge ſchwarzer Stoffe arbeiteten, die auf den Tiſch gehäuft lagen, und von denen Stückchen und Schnitzel auf dem Boden herum⸗ geſtreut waren. In der Stube war ein tüchtiges Feuer und ein erſtickender Geruch von heiß geplättetem Krepp— ich wußte damals nicht, woher der Geruch kam, jetzt aber weiß ich's. —9 —— u—— —— David Kopperfield. 69 Die drei jungen Frauen, welche ſehr geſchäftig und in ſehr heiterer Stimmung zu ſein ſchienen, erhoben die Köpfe, um mich zu beſehen, und dann fuhren ſie mit ihrer Arbeit fort. Stich auf Stich, Stich auf Stich! Und zu derſelben Zeit kam aus einer Werkſtatt, queerüber vom Fenſter in einem kleinen Hofe, ein regelmäßiger Klang von Hammerſchlägen, welche eine Art Melodie bildeten: Rat— tatatt— Rat— tatatt— Rat— tatatt, ohne irgend einen Taktwechſel. „Nun,“ ſagte mein Führer zu einer von den drei jungen Frauen,„wie weit ſeid ihr mit der Arbeit, Minnie?“ „Wir werden zur Anprobirzeit fertig ſein,“ verſetzte ſie fröhlich, ohne aufzuſehen.„Habe keine Sorge, Vater.“ Mr. Omer nahm ſeinen breitkrämpigen Hut ab, ſetzte ſich nieder und ſchnappte nach Athem. Er war ſo fett, daß er einige Zeit brauchte, ſich mit dem nöthigen Athem zu verſehen, um ſagen zu können:. „Das iſt hübſch!“ „Vater,“ ſagte Minnie ſcherzhaft,„was wirſt Du aber doch für ein dickes Meerſchweinchen!“ „Hm ja, ich weiß nicht, wie's kommt, meine Liebe,“ erwiederte er, ſich's überlegend.„Ich bin einmal ſo.“ „Du biſt ſo ein behaglicher Mann,“ ſagte Minnie. „Du nimmſt alle Dinge ſo leicht.“ „Was hilft's, ſie anders zu nehmen, meine Liebe?“ ſagte Mr. Omer. „Ja wohl,“ entgegnete ſeine Tochter.„Wir alle ſind Gott ſei Dank ebenfalls hübſch luſtig. Nicht wahr, Vater?“ „Hoffentlich ſeid ihr's, meine Liebe,“ ſagte Mr. Omer. „Doch da ich wieder Athem geſchöpft habe, dächt ich, ich 70 David Kopperfield. nähme dieſem kleinen Studenten hier Maß. Wollten Sie wohl in den Laden gehen, Musje Kopperfield?“ Ich ging Mr. Omer auf ſein Geheiß voraus, und nachdem er mir einen Ballen Tuch gewieſen, das er extra⸗ fein nannte, und von dem er ſagte, daß es zu gut zur Trauer um Eltern, und möchten ſie ſein wie ſie wollten, ſei, nahm er mir die verſchiedenen Maße ab und legte ſie in ein Buch. Während er ſie eintrug, lenkte er meine Aufmerkſamkeit auf ſeine Handelsartikel und auf verſchie⸗ dene Moden, welche, wie er ſagte„eben aufgekommen“ ſeien, und auf andere Moden, welche, wie er ſagte,„eben abgekommen“ ſeien. „Und auf dieſe Art verlieren wir ſehr oft ein paar Groſchen Geld,“ ſagte Mr. Omer.„Aber die Moden ſind wie die Menſchen. Sie kommen in die Welt, niemand weiß, wann, warum oder wie, und ſte gehen, niemand weiß, wann, warum oder wie. Alles gleicht meiner Mei⸗ nung nach dem Leben, wenn man's von dieſem Geſichts⸗ punkte aus betrachtet.“ Ich war zu traurig, um auf die Verhandlung dieſer Frage einzugehen, welche möglicherweiſe auch unter andern Umſtänden über meine Begriffe gegangen ſein würde, und Mr. Omer führte mich wieder in's Wohnzimmer zurück, wobei er auf dem Wege mit ziemlicher Schwierigkeit Athem ſchöpfte. Er rief dann eine kleine halsbrecheriſche Hühnerſteige hinter einer Thüre hinunter:„Bring jenen Thee und das Butterbrod herauf!“ worauf das Beſtellte nach einiger Zeit, während welcher ich mich umſah und nachſann und auf das Geräuſch der Nadeln im Zimmer und die Melodie, welche im Hofe gehämmert wurde, horchte, auf einem 4 ——— David Kopperfield. 71 Präſentirteller erſchien und mir zum Zulangen vorgeſetzt wurde. „Ich habe Sie gekannt,“ ſagte Mr. Omer, nachdem er mir einige Minuten zugeſehen, während welcher ich nicht eben ſehr zugegriffen hatte, da die ſchwarzen Dinge mir den Appetit vertrieben,„ich habe Sie ſchon ſeit langer Zeit gekannt, mein junger Freund.“ „Ei das wäre!“ „Ihr ganzes Lebenlang,“ ſagte Mr. Omer.„Ich möchte ſagen, noch eher. Ich kannte Ihren Vater, bevor Sie auf der Welt waren. Er war fünf Fuß neun und einhalb Zoll lang und liegt in fünfundzwanzig Fuß Erd⸗ boden.“ Rat— tatatt— Rat— tatatt— Rat— tattat, hämmerte es über den Hof herüber. „Er liegt in fünfundzwanzig Fuß Erdboden, wenn er in einem Doppelgrabe liegt,“ ſagte Mr. Omer ſpaßend. „Es war entweder ſein Verlangen oder ihre Anordnung, ich vergaß, weſſen.“ „Herr, wiſſen Sie, was mein kleiner Bruder macht?“ fragte ich. Mr. Omer ſchüttelte ſeinen Kopf. Rat— tatatt— Rat— tatatt— Rat— tatatt. „Er iſt in den Armen ſeiner Mutter,“ ſagte er. „O das arme kleine Kind! Iſt es todt?“ „Nehmen Sie ſich's nicht mehr zu Herzen, als Sie's ändern können,“ ſagte Mr. Omer.„Ja, das Kindchen iſt todt.“ Meine Wunden brachen friſch wieder auf nach dieſer Nachricht. Ich ließ das kaum gekoſtete Frühſtück ſtehen und ging, um mein Haupt auf einen andern Tiſch in dem Stübchen zu legen, welchen Minnie eilig abräumte, damit David Kopperfield. ich nicht die Trauerkleider, welche dort lagen, mit meinen Thränen fleckig mache. Sie war ein hübſches gutherziges Mädchen und ſtrich mir mit einer ſanften freundlichen Be⸗ rührung mein Haar aus den Augen; aber ſie war auch ſehr luſtig, daß ſie ihre Arbeit nun bald vollendet habe und gerade zu rechter Zeit fertig wurde; allerdings eine von der meinen ſehr verſchiedene Stimmung. Jetzt hörte die Melodie der Hammerſchläge auf, und ein hübſcher junger Burſche kam queer über den Hof in die Stube. Er hatte einen Hammer in der Hand und den Mund voll kleiner Nägel, welche er herauszunehmen genöthigt war, um ſprechen zu können. „Nun, Joram,“ verſetzte Mr. Omer.„Wie weit biſt Du gediehen?“ „Alles in der Ordnung,“ ſagte Joram.„Abgemacht, Herr Omer.“ 1 Minnie erröthete ein wenig, und die andern Mädchen warfen ihr einen lächelnden Blick zu. „Was! ſo warſt Du bei Lichte darüber her geſtern Abend, als ich im Club war? Nicht wahr?“ ſagte Mr. Omer, indem er das eine Auge zumachte. „Ja,“ erwiederte Joram.„Da Sie ſagten, wir könnten uns einen kleinen Spazierweg damit machen und zuſammen nüber gehen, wenn's abgemacht wäre, Minnie und ich— und Sie.“ „Oh, ich dachte ſchon, Du hätteſt im Sinne, mich von der Partie ganz auszulaſſen!“ ſagte Mr. Omer und lachte, bis er den Huſten kriegte. „— Da Sie ſo gut waren, uns das zu verſprechen,“ nahm der junge Mann ſeine Rede wieder auf,„ſo hielt ich mich tapfer dazu, wie Sie ſehen. Wollen Sie mir nun Ihre Meinung darüber ſagen?“ — David Kopperfield. 73 „Ja,“ ſagte Mr. Omer, indem er ſich erhob.„Mein Lieber,“ und er hielt inne und wandte ſich zu mir,„möch⸗ ten Sie wohl einmal Ihrer Mutter—“ „Ach nein doch, Vater,“ unterbrach ihn Minnie. „Ich dachte, es würde für ihn von Intereſſe ſein, meine Tochter,“ ſagte Mr. Omer.„Aber Du haſt am Ende recht.“ Ich kann nicht ſagen, wie ich darauf kam, daß es meiner lieben, lieben Mutter Sarg war, den ſie ſich anzu⸗ ſehen gingen. Ich hatte nie gehört, wie einer gemacht wurde, und hatte nie einen geſehen, daß ich's hätte wiſſen können; aber ich begriff plötzlich, was das Geräuſch be⸗ deute, während dieſer hier in der Arbeit war, und als der junge Mann eintrat, wußte ich ſicherlich, was er ge⸗ macht hatte. Die Arbeit war jetzt beendigt, und die beiden Mäd⸗ chen, deren Namen ich nicht gehört hatte, kehrten die Schnipfel und Faden von ihren Kleidern und gingen in den Laden, um dort aufzuräumen und auf Käufer zu warten. Minnie blieb zurück, um das, was ſie gefertigt, zuſammenzulegen und in zwei Körbe zu packen. Sie that dies auf ihrem Schooße und ſummte dazu ein luſtiges Liedchen. Joram, der ohne Zweifel ihr Liebſter war, kam herein und ſtahl ihr einen Kuß, während ſie be⸗ ſchäftigt war(er that überhaupt gar nicht, als ob er mich bemerkte), und ſagte, ihr Vater ſei nach einer Kutſche weggegangen, und er müßte machen, daß er fertig werde. Dann ging er wieder hinaus, und ſie ſchob dann Finger⸗ hut und Scheere in ihre Taſche und ſteckte eine Nadel, in welche ſchwarzer Zwirn gefädelt war, in den Buſen ihres Kleides und legte ihren Ueberrock an und putzte 74 David Kopperfield. ſich vor einem kleinen Spiegel hinter der Thür, in welchem ich das Bild ihres fröhlichen Geſichts ſich abſpiegeln ſah. Alles dies beobachtete ich, während ich an dem Tiſche im Winkel ſaß und den Kopf auf meiner Hand liegen hatte, und meine Gedanken nach den verſchiedenſten Dingen hinſchweiften. Die Kutſche lenkte bald vor der Laden⸗ thür um, und nachdem zuerſt die Körbe hineingeſtellt waren, wurde zunächſt ich hineingehoben, und dann folgten die Drei. Ich erinnere mich, daß es eine Art Gefährt war, welches halb einer Chaiſe, halb dem Bauche eines Pianofortes glich, mit einer dunklen Farbe angeſtrichen war und von einem ſchwarzen Pferde mit einem langen Schweife gezogen wurde. Drin war hinreichend Platz für uns alle. 4 Ich bin nicht der Meinung, daß ich jemals in meinem Leben(und ich bin jetzt vielleicht klüger) von einem ſo ſonderbaren Gefühle bewegt wurde, als das war, mit ihnen zuſammen zu ſein und mich zu erinnern, womit ſie ſich eben beſchäftigt hatten, und zu ſehen, wie luſtig ſie ſich während der Fahrt machten. Ich ärgerte mich nicht über ſie, eher fürchtete ich mich vor ihnen, als wenn ich unter Geſchöpfe geworfen wäre, mit denen ich meiner Natur nach nichts gemein hätte. Sie waren äußerſt fröhlich. Der alte Mann ſaß vorn als Kutſcher, und die beiden jungen Leute hatten ihren Platz hinter ihm, und wenn er irgend etwas ſprach, lehnten ſie ſich nach vor⸗ wärts, das Eine an die eine, das Andre an die andre Seite ſeines dickbäckigen Geſichts, und machten ſich viel mit ihm zu ſchaffen. Sie würden auch mit mir geredet haben, aber ich hielt mich, ſcheu und ſchüchtern geworden vor ihrem, gleichwohl nicht gerade rückſichtsloſen, Liebeln und Scherzen, zurück und träumte in meiner Ecke und David Kopperfield. 75 wunderte mich, daß ſie für ihre Hartherzigkeit nicht eine Strafe vom Himmel ereilte. Cbenſo vermochte ich, als ſie anhielten, um zu füttern, und aßen und tranken und ſich luſtig machten, nichts von ihrem Eſſen anzurühren, ſondern faſtete fort. Und ſo ſprang ich, als wir die Heimat erreichten, ſo ſchnell als möglich hinten aus der Chaiſe, damit ich nicht in ihrer Geſellſchaft vor jenen ernſten Fenſtern ſein müßte, welche mich mit ihren angelaufenen Scheiben wie geſchloſſene Augen anſchauten, die einſt hell geſtrahlt hatten. Und oh, wie wenig hatte ich Urſache gehabt, daran zu denken, was mich zu Thränen rühren würde, wenn ich heim käme— als ich das Fenſter vom Zimmer meiner Mutter und da⸗ neben das erblickte, welches in beſſern Zeiten das meine geweſen! Ich lag in Peggottys Armen, ehe ich bis an die Thür gelangt war, und ſie führte mich in's Haus. Ihr Jam⸗ mer brach aus, als ſie mich zuerſt erblickte, aber ſie be⸗ ſchwichtigte ihn bald und ſprach nur flüſternd und trat leiſe auf, als ob die Todte in ihrem Schlafe geſtört wer⸗ den könnte. Sie war, wie ich's ihr anſah, lange nicht in ein Bett gekommen. Sie blieb auch die Nacht noch auf und wachte. So lange als ihre arme liebe Herzensmadam noch nicht in der Erde läge, ſagte ſie, wollte ſie dieſelbe nimmer verlaſſen. Mr. Murdſtone hatte meines Eintritts in's Zimmer nicht Acht, ſondern ſaß neben dem Kamin, weinte ſtill vor ſich hin und wiegte ſich in ſeinem Armſtuhle. Miß Murdſtone, welche an ihrem mit Briefen und Papieren bedeckten Schreibepulte geſchäftig war, gab mir ihre kalten Fingerſpitzen und fragte mich in einem eiſigen Gewiſper, ob man mir meine Trauer angemeſſen habe. 76 David Kopperfield. Ich ſagte:„Ja.“ „Und Deine Hemden,“ ſagte Miß Murdſtone,„haſt Du ſie mitgebracht?“ „Ja, Fräulein. Ich habe alle meine Kleidungsſtücke mitgebracht.“ Das war der ganze Troſt, welchen ihre„Feſtigkeit“ mir zukommen ließ. Ich zweifle nicht, daß ſte ein aus⸗ geſuchtes Vergnügen darin fand, bei ſolch einer Gelegen⸗ heit ein Mal zur Ausübung deſſen zu gelangen, was ſie ihre Selbſtbeherrſchung, ihre Feſtigkeit, ihre Seelenſtärke, ihren geſunden Menſchenverſtand, und was ſonſt noch das ganze hölliſche Verzeichniß ihrer widerwärtigen Tugen⸗ den aufwies, nannte. Sie war beſonders ſtolz auf ihre Ordnung in Geſchäften, und ſie zeigte dieſelbe jetzt, in⸗ dem ſie Alles ſchwarz auf weiß zu Papier brachte und ſich durch nichts aus der Faſſung bringen ließ. Den ganzen übrigen Theil des Tages und vom Morgen bis zum Abend ſaß ſie an jenem Pulte, kratzte unbekümmert mit einer harten Feder auf dem Papier, ſprach mit dem⸗ ſelben Gleichmuthe wiſpernd zu jedermann, ließ keine von den zu gehöriger Würde zuſammengehaltenen Muskeln ihres Antlitzes die ihr beſtimmte Stelle verändern, mil⸗ derte nie den Ton ihrer Stimme und hielt jedes, auch das kleinſte Fältchen ihrer Kleidung in gebührlicher Ord⸗ nung. Ihr Bruder nahm dann und wann ein Buch, las aber, ſo viel ich ſah, nie darin. Er ſchlug es auf und blickte hinein, als ob er läſe, pflegte aber manchmal eine ganze Stunde lang das Blatt nicht umzuwenden, und legte es dann wieder hin. Ich ſaß gewöhnlich mit ge⸗ falteten Händen da, beobachtete ihn und zählte Stunde auf Stunde ſeine Schritte. Er ſprach nur ſehr ſelten mit — David Kopperfield. 77 ihr und niemals mit mir. Er ſchien, mit Ausnahme der Uhren, das einzige raſtlos ſich bewegende Ding in dem ganzen bewegungsloſen Hauſe zu ſein. In dieſen Tagen, vor dem Begräbniß, ſah ich nur wenig von Peggotty; wenn ich den Umſtand ausnehme, daß ich ſie, ſo oft ich die Treppe hinauf oder hinab ging, ſtets in der Nähe des Zimmers antraf, wo meine Mutter und ihr Kindchen lagen; und wenn ich ausnehme, daß ſie jeden Abend zu mir kam und ſich an mein Bett ſetzte, bis ich eingeſchlafen war. Einen oder zwei Tage vor der Leichenbeſtattung— ich glaube nämlich, daß es ein oder zwei Tage vorher war, indeß weiß ich ſehr wohl, wie ver⸗ ſtört mein Geiſt in dieſer ſchweren Zeit war, die keinen Anhaltepunkt bot, um ihren Verlauf dabei zu merken— nahm ſie mich mit in das Zimmer. Ich erinnere mich nur, daß es mir ſchien, als ob unter einer weißen Decke auf dem Bette, an welchem Alles ringsum die ſchönſte Sauberkeit und Friſche war, die feierliche Stille, welche im Hauſe herrſchte, verkörpert läge, und daß ich, als ſie die Decke langſam hinwegziehen wollte„Ach nein! ach nein!“ ſchrie und ihre Hand zurück hielt. Wenn das Begräbniß geſtern geweſen wäre, ich könnte mich ſeiner nicht beſſer erinnern. Selbſt die Atmoſphäre unſres Putzzimmers, wie ſie mir vorkam, als ich durch die Thür eintrat, das helle Flackern des Feuers, das Funkeln des Weins in den Flaſchen, die Formen der Gläſer und Teller, der milde füßliche Geruch der Kuchen, der Duft von dem Kleide der Miß Murdſtone und unſren ſchwarzen Anzügen,— Alles iſt meinem Gedächtniſſe ge⸗ genwärtig. Mr. Chillip iſt im Zimmer und kommt auf mich zu, um mit mir zu ſprechen. 78 David Kopperfield. „Und was macht Musje David?“ ſagt er freundlich. Ich kann ihm nicht antworten: ich befinde mich wohl. Ich gebe ihm meine Hand, welche er in der ſeinen behält. „Guter Gott!“ ſagt Mr. Chillip, ſanft lächelnd und mit einem gewiſſen Glanze in ſeinem Auge.„Unſre kleinen Freunde wachſen in die Höhe um uns herum. Sie wachſen uns ganz aus dem Gedächtniſſe, Fräulein.“ Das iſt zu Miß Murdſtone geſagt, welche nicht darauf antwortet. „'s iſt eine große Veränderung hier vorgegangen, Fräulein?“ verſetzt Mr. Chillip. Miß Murdſtone antwortet nur mit einem Stirnrun⸗ zeln und einer gemeſſenen Verbeugung; und Mr. Chillip, der ſeine Worte unangebracht ſieht, geht in eine Ecke, nimmt mich mit ſich und öffnet den Mund nicht wieder. Ich bemerke dies, weil ich Alles bemerke, was ſich be⸗ giebt; nicht weil ich mich darum kümmere oder gekümmert habe, ſeit ich heimgekommen bin.. Und nun beginnt die Glocke zu tönen, und Mr. Omer nebſt einem Andern kommt, uns in Bereitſchaft zu ſetzen. Peggotty hatte mir, lange zuvor, oft erzählt, daß die Leichenbegleitung meines Vaters zu demſelben Grabe pon demſelben Zimmer aus ſich in Bewegung geſetzt habe. Es ſind Mr. Murdſtone, unſer Nachbar Mr. Grayper, Mr. Chillip und ich zugegen. Wie wir zur Thür hinaus⸗ ſchreiten, ſind die Träger mit ihrer Bürde ſchon im Gar⸗ ten, und ſie bewegen ſich vor uns her, den Fußpfad hin⸗ unter, über die Ulmen hinaus, durch das Gatterthor und in den Kirchhof, wo ich ſo oft an Sommermorgen die Vögel ſingen gehört. Wir ſtehen rings um das Grab. Der Tag ſcheint mir verſchieden von jedem andern Tage, und ſein Licht David Kopperfield. 79 nicht von derſelben Farbe,— von einer trüberen Farbe. Eine feierliche Stille herrſcht, welche wir mit dem, was vor uns im Erdboden ruht, von Hauſe hergetragen haben, und während wir barhäuptig daſtehen, höre ich, ſchwach, wie aus der Ferne, weil wir in freier Luft ſind, und doch deutlich und klar, die Stimme des Geiſtlichen ſagen:„Ich bin die Auferſtehung und das Leben, ſpricht der Herr!“ Dann vernehme ich Schluchzen, und ſehe abſeits unter den Zuſchauern ſtehend, jene gute und getreue Dienerin, die ich von allen Menſchen auf Erden am Meiſten liebe, und zu welcher, deß iſt mein kindliches Herz ſicher, der Herr dereinſt ſagen wird:„Du haſt rechtſchaffen gehan⸗ delt! Da ſind eine Menge bekannte Geſichter unter dem kleinen Häufchen der Zuſchauer: Geſichter, die ich von der Kirche her kenne, als das meine dort herumſtaunte; Geſichter, welche meine Mutter in der erſten Zeit ſahen, als ſie in ihrer Jugendblüthe in das Dorf kam. Ich kümmere mich nicht um ſte— kümmere mich um nichts als um meinen Gram und doch ſehe ich ſie und kenne ich ſie alle, und ſehe ſelbſt, wie im Hintergrunde, in der Ferne, Minnie hervorgukt, und wie ihr Auge ihrem Liebſten zulächelt, der neben mir ſteht. Es iſt vorüber, die Erde iſt aufgefüllt, und wir wen⸗ den uns, um hinwegzugehen. Vor uns ſteht unſer Haus, ſo nett und unverändert, ſo verkettet mit meiner Vor⸗ ſtellung von dem, was dahin iſt, daß all mein Gram nichts iſt gegen den, welchen es hervorruft. Aber ſie nehmen mich mit ſich, und Mr. Chillip ſpricht mit mir, und als wir heimkommen, giebt er mir ein wenig Waſſer zu trinken, und als ich ihn um Erlaubniß bitte, mich auf mein Zim⸗ 80 David Kopperfield. mer zu begeben, entläßt er mich mit frauenhafter Zärt⸗ lichkeit. Alles dies, ſage ich, iſt, als ob ſich's geſtern ereignet hätte. Ereigniſſe jüngerer Tage ſind hinweggeſpült wor⸗ den von mir zu dem Ufer, wo alle vergeſſenen Dinge der⸗ einſt ſich wiederfinden werden; dieſes aber ragt wie ein hoher Fels aus dem Ocean. Ich wußte, daß Peggotty zu mir auf mein Zimmer kommen werde. Die Sabbathſtille dieſer Zeit(der Tag glich ſo ſehr einem Sonntage! aber ich habe vergeſſen, ob's einer war) that uns Beiden wohl. Sie ſetzte ſich an meine Seite auf mein kleines Bett, und indem ſie meine Hand ergriff und hielt und ſie manchmal an ihre Lippen drückte, manchmal mit der ihren ſtreichelte, wie ſie meinen kleinen Bruder beruhigt haben würde, erzählte ſte mir in ihrer Weiſe alles, was ſte in Bezug auf das, was ſich ereignet, mir zu erzählen hatte. „Sie war ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr geſund,“ ſagte Peggotty.„Sie war in ihrem Gemüthe unruhig und nicht glücklich. Als ihr Kindchen geboren wurde, dacht ich zuerſt, es würde beſſer gehen mit ihr, aber ſie wurde nur noch ſchwächer, und es ging jeden Tag mehr bergunter. Sie liebte es, ehe ihr Kindchen kam, für ſich allein zu ſitzen, und dann weinte ſte; aber ſpäter ſang ſie ihm was vor,— ach ſo ſanft, daß es mir einmal, als ich ſte hörte, vorkam, es wäre wie eine Stimme oben in der Luft, welche ſich erhebt, um hinweg zu ſcheiden. Mir iſt, als ob ſie die letzte Zeit ängſtlicher und mehr wie furchtſam geworden wäre, und als ob ein hartes Wort für ſie wie ein Schlag war. Aber ſie war immer Dieſelbe gegen mich. Sie wurde niemals anders gegen ihre när⸗ David Kopperfield. riſche Peggotty, nein, nein, das that mein liebes herziges Frauchen niemals.“ Hier hielt Peggotty inne und klopfte ein Weilchen ſanft auf meine Hand. „Das letzte Mal, wo ich ſie ganz als dis ſah, die ſie einſtmals und von Natur war, das war der Abend, wo Du heimkamſt, mein lieber Junge. Den Tag, wo Du weggingſt, ſagte ſie zu mir: Ich werde mein hübſches liebſtes Kind niemals wieder ſehen. Es iſt etwas, welches mir das ſagt, und ich weiß, dies Etwas ſpricht die Wahr⸗ heit. Sie verſuchte es, ſich nach dieſer Zeit noch aufrecht zu erhalten, und manchmal, wenn ſie ihr ſagten, ſte wäre gedankenlos und leichtſinnig, erweckte ſie den Glauben, daß ſie wirklich ſo ſei, aber es war bald vorüber. Sie ſprach zu ihrem Manne nie davon, wovon ſie zu mir ge⸗ ſprochen hatte— ſie fürchtete ſich, es irgend jemand an⸗ ders zu ſagen— bis ſie endlich eines Abends, etwas früher denn eine Woche, ehe es geſchah, zu ihm ſagte: Mein Lieber, ich denke, ich werde bald ſterben.— s iſt nun heraus, was ich auf dem Herzen hatte, ſprach ſie zu mir, als ich ſie jene Nacht in ihr Bett legte. Er wird den Glauben mehr und mehr in die Hände be⸗ kommen, der arme Mann, jeden Tag für ein paar folgende Tage, und dann wird's vorbei ſein. Ich bin ſehr matt. Wenn das Schlaf iſt, ſo ſetze Dich zu mir, während ich ſchlafe; verlaß mich nicht. Gott ſegne meine beiden Kin⸗ der! Gott ſchütze und bewahre meinen vaterloſen Knaben! „Ich habe ſte von da an niemals verlaſſen,“ ſagte Peggotth.„Sie ſprach oft mit den Beiden unten— denn ſie liebte ſie, ſie konnt' es nicht laſſen, ſie mußte jeden lieben, der um ſie war; aber wenn ſie von ihrem David Kopperfield. II. 6 4 82 David Kopperfield. Bette weggingen, ſo wendete ſie ſich immer zu mir, als ob dort Ruhe wäre, wo Peggotty war, und ſchlief nie auf andre Weiſe ein.“ Die letzte Nacht, am Abend, küßte ſie mich und ſagte: Wenn mein Kindchen auch ſterben ſollte, Peggotty, bitte, ſo laß es in meine Arme legen und uns zuſammen be⸗ graben.(Es geſchah ſo; denn das arme Lämmchen über⸗ lebte ſie blos um einen Tag.) Laß meinen liebſten Knaben uns zu unſrer Ruheſtätte begleiten, ſagte ſie, und erzähle ihm, daß ſeine Mutter, als ſie hier lag, ihn nicht ein Mal, ſondern tauſend Mal geſegnet hat.“ Wieder ſchwieg Peggotty, und wieder klopfte ſie ſanft meine Hand. „Es war ſchon ziemlich tief in der Nacht,“ ſagte Peggotty,„als ſie mich um etwas zu trinken bat, und wie ſte es genommen, ſah ſie mich mit ſolch einem geduldigen Lächeln an, die Liebe, Gute,— o ſo ſchön.— Der Tag brach an, und die Sonne war im Aufgehen, als ſte zu mir ſagte, wie freundlich und rückſichtsvoll Mr. Kopperfield doch immer gegen ſie geweſen ſei, und wie viel Geduld er mit ihr gehabt, und wie er, wenn ſie an ſich ſelber gezweifelt, zu ihr geſagt habe, ein liebendes Herz ſei beſſer und mächtiger als alle Weisheit, und daß er ein glücklicher Mann in dem ihren ſei. Peggotty, meine Liebſte, ſagte ſie dann, lege mich näher zu Dir;— denn ſie war ſehr ſchwach. Lege Deinen guten Arm unter meinen Hals, ſagte ſie, und wende mich nach Dir hin; denn Dein Geſicht ſchwindet weit von mir weg, und ich möchte es näher haben. Ich that, was ſie verlangte, und, oh Davchen! die Zeit war da, wo meine Worte wahr wurden, die ich, als wir zum erſten Male Abſchied nahmen, zu Dir ſagte,— die Zeit, wo ſie froh war, ihren armen — —— David Kopperfield. 83 Kopf auf den Arm ihrer einfältigen, unbeholfenen alten Peggotty zu legen— und ſie ſtarb wie ein Kind, das eingeſchlafen iſt.“ So endigte Peggotty's Erzählung. Von dem Augen⸗ blicke an, wo ich den Tod meiner Mutter erfuhr, war das Bild von ihr, wie ſie zuletzt geweſen, aus meiner Seele entſchwunden. Ich erinnere mich ihrer von dieſem Zeit⸗ punkte an nur als der jugendlichen Mutter meiner frühe⸗ ſten Eindrücke, welche gewohnt geweſen war, ihre glänzen⸗ den Locken durch ihre Finger gleiten zu laſſen und in der Dämmerung mit mir im Zimmer herum zu tanzen. Was mir Peggotty jetzt erzählt hatte, war ſo entfernt davon, mich wieder in die ſpätere Periode zurück zu ver⸗ ſetzen, daß es vielmehr das Bild, das ſich von früherher mir eingeprägt, in meinem Gemüthe befeſtigte. Dies mag wunderbar ſein, aber es iſt wahr. In ihrem Tode ſchwang ſie ſich empor und ſchwebte zurück zu ihrer ruhigen ungetrübten Jugend und vernichtete den Eindruck der ſpäteren Zeit. Die Mutter, welche im Grabe lag, war die Mutter meiner Kindheit; das kleine Weſen in ihren Armen, war ich ſelbſt, wie ich dereinſt geweſen, und auf ewig an ihren Buſen geſchmiegt. 6* d Zehntes Kapitel. Man vernachläſſigt mich, und man verſorgtmich. Das Erſte, was Miß Murdſtone, nachdem der Tag des Begräbniſſes vorüber und dem Lichte ungehinderter Zutritt in's Haus geſtattet war, als nunmehrige Herrin und Gebieterin that, war, daß ſie Peggotty bedeutete, ſie. habe in einem Monate den Dienſt zu verlaſſen. Wie wenig Geſchmack Peggotty auch an der Fortdauer eines ſolchen Dienſtes gefunden haben möchte, dennoch, glaube ich, würde ſie ihn meinetwegen behalten und dem beſten auf der ganzen Erde vorgezogen haben. Sie ſagte mir, daß wir uns trennen müßten, und ſagte mir auch, warum, und wir beklagten und tröſteten eines das andere in aller Aufrichtigkeit. Was mich oder meine Zukunft betrifft, ſo wurde darüber nicht ein Wort geſprochen, noch irgend ein dahin abzweckender Schritt gethan. Ich darf wohl ſagen, daß ſte glücklich geweſen ſein würden, wenn ſie mich ebenfalls mit monatlicher Aufkündigung hätten fortſchicken können. Einmal faßte ich mir ein Herz und fragte Miß Murdſtone, ——— David Kopperfield. 85 wann ich in die Schule zurückkehren würde, worauf ſie mir die trockne Antwortertheilte, ſie glaube, daß ich über⸗ haupt nicht mehr zurückkehren werde. Weiter erfuhr ich nichts. Ich war ſehr begierig, zu wiſſen, was nun mit mir geſchehen ſolle, und ebenſo hätte Peggotty dies gern in Erfahrung gebracht; aber weder ſie noch ich ver⸗ mochten aus ihren Reden etwas herauszuhören, das uns über die Angelegenheit klug gemacht hätte. In meinem Verhältniſſe zu ihnen war ein Wechſel eingetreten, welcher, wenn er mir mein trauriges Leben hier um ein Bedeutendes erleichterte, dennoch, wofern ich im Stande geweſen wäre, ihm näher auf den Grund zu gehen, in dem Gedanken an die Zukunft mich noch weit trauriger gemacht haben würde. Der Zwang, den man bisher mir angethan, hörte völlig auf. Man war ſo weit davon entfernt, von mir zu fordern, ich ſolle meinen trübſeligen Poſten im Zimmer einnehmen, daß Miß Murdſtone zu mehren Malen, als ich mich dort hinſetzte, mir mit finſtrer Stirn gebot, wegzugehen. Und man dachte ſo wenig daran, mich von dem Zuſammenſein mit Peggotty wegzumaßregeln, daß, wenn ich nicht in Mr. Murdſtone's Zimmer war, ich niemals geſucht oder nach meinem Bleiben gefragt wurde. Zuerſt war ich tagtäglich in Furcht, er werde meine Erziehung wieder in die Hand nehmen, oder Miß Murdſtone werde ſich derſelben widmen; indeß fand ich bald, daß ſolche Befürchtungen grundlos ſeien, und daß Alles, was ich von ihnen zu erwarten habe, Vernachläſſigung ſei. Mir iſt nicht, als ob dieſe Entdeckung mir damals viel Schmerz verurſacht hätte. Ich war noch taumelig von dem Stoße, den mir meiner Mutter Tod gegeben, und in Bezug auf alle untergeordneten Dinge völlig wie vor T 86 David Kopperfield. den Kopf geſchlagen. Ich kann mich zwar entſinnen, in müßigen Stunden an die Möglichkeit gedacht zu haben, ob ich nun keinen Lehrer mehr bekommen oder ob man Sorge tragen werde, mir noch etwas lernen zu laſſen; ob ich aufwachſen werde zu einem ſchäbigen ſchmutzigen Manne, der auf dem Dorfe ein träges Leben verlungere; oder ob ſich ein Mittel finden laſſe, dieſes Bild meiner Zukunft zu vereiteln, indem ich, gleich den Helden einer meiner Geſchichten, irgendwohin ginge und mein Glück ſuchte. Aber dieſe Gedanken waren flüchtig vorüberziehende Viſionen, Träumereien, die ich manchmal, in Geſtalten ausgeprägt, vor mir erblickte, als ob ſie mit matten Farben auf die Wand meines Zimmers gemalt oder ge⸗ ſchrieben wären, und welche, wenn ſie zergingen, die Wand wieder kahl ließen. „Peggotty,“ ſagte ich eines Abends, als ich meine Hände am Küchenfeuer wärmte, in einem nachdenklichen Geflüſter,„Mr. Murdſtone kann mich weniger leiden, als vorher. Er konnte mich niemals gut leiden, Peggotty, aber er würde mich jetzt nicht einmal ſehen mögen, wenn er's machen könnte.“. „Vielleicht iſt's, weil er ſo traurig iſt,“ ſagte Peg⸗ gotty, indem ſie mein Haar ſtreichelte. „Wahrhaftig, Peggotty, auch ich bin traurig. Wenn ich glaubte, es wäre ſeine Trauer, ſo würde ich mir gar keine Gedanken darüber machen. Aber das iſts nicht, o nein, das iſt's nicht!“ „Woher weißt Du, daß es das nicht iſt?“ ſagte Peggotty, nachdem ſie ein Weilchen geſchwiegen. „O ſeine Trauer iſt etwas Anderes und ganz Ver⸗ ſchiedenes. Er iſt traurig in dieſem Augenblick, wenn er mit Miß Murdſtone am Kamin ſitzt; aber wenn ich hin⸗ David Kopperfield. 87 eingehen wollte, Peggotty, ſo würde er noch etwas an⸗ deres ſein.“ „Wie würde er ſein?“ fragte Peggotty. „Aergerlich,“ ſagte ich mit einer unwillkürlichen Nachahmung ſeines finſtern Stirnrunzelns.„Wenn er nur traurig wäre, würde er mich nicht ſo anſehen, wie er thut. Ich bin nur traurig, und das bewirkt doch nur, daß ich viel liebevoller bin.“ Peggotty ſagte hierauf ein Weilchen nichts, und ich wärmte meine Hände ſo ſchweigſam als ſie. „Davchen,“ begann ſie endlich. „Ja, Peggotty?“ „Ich habe alle Mittel und Wege verſucht, mein liebes Kind— kurz, was ich Dir ſage, alle Mittel und Wege, mögliche und unmögliche— um hier in Blunderſtone einen paſſenden Dienſt zu kriegen, aber's giebt nichts der Art, mein Herzchen.“ „Und was denkſt Du nun zu thun, Peggotty?“ ſagte ich tiefſinnig.„Gedenkſt Du fortzuziehen und Dein Glück zu ſuchen?“ „Ich glaube, ich werde gezwungen ſein, nach Narmouth zu gehen,“ entgegnete Peggotty,„und dort zu leben.“ „Ach Gott, wenn Du noch weiter weggegangen wäreſt,“ ſagte ich, ein wenig fröhlicher werdend,„dann wäre es ja ſo ſchlimm, als ob ich Dich verloren hätte.— So aber werde ich Dich dort doch dann und wann ſehen, meine liebe alte Peggotty. Du biſt dort ja nicht am an⸗ dern Ende der Welt, nicht wahr?“ „Im Gegentheil, ſo Gott will!“ ſchrie Peggotty mit großer Begeiſterung.„So lange Du hier biſt, mein Jüngelchen, werde ich jede Woche meines Lebens herüber 88 David Kopperfield. kommen und Dich beſuchen. Jede Woche einen Tag, mein Lebelang!“ Dieſes Verſprechen nahm mir einen ſchweren Stein vom Herzen; aber das war noch lange nicht Alles; denn Peggotty fuhr fort: „Siehſt Du, Davchen, ſo werde ich denn zuerſt zu meinem Bruder gehen, um ihm wieder einen Beſuch auf vierzehn Tage zu machen— gerade ſo lange, bis ich Zeit gehabt habe, nach mir zu ſehen und wieder ein ordent⸗ licher Menſch zu werden. Nun habe ich gedacht, daß man, da ſie Dich hiu ja doch nicht brauchen können, Dich viel⸗ leicht mit mir fortlaſſen wird. Wenn irgend Etwas, das auch nur entfernt mit den Leuten meiner Umgebung, Peggotty allein ausgenommen, zuſammengehangen hätte, mir zu dieſer Zeit Vergnügen und Freude hätte machen können, ſo würde es vor allen anderen denkbaren Dingen dieſer Plan geweſen ſein. Die Vorſtellung, mich wiederum von dieſen ehrlichen Ge⸗ ſichtern umgeben zu ſehen, auf denen allen ein herzliches Willkommen mir entgegenleuchtete; der Gedanke, wiederum die friedliche Stille des lieblichen Sonntagsmorgens zu genießen, wo die Glocken klangen, die Steine vom Ufer in’s Waſſer fielen, und die Schiffe, rieſigen Schatten⸗ bildern gleich, durch den Nebel auf dem Meere brachen; die Ausſicht, mit Klein⸗Emilchen hin und herzuſchweifen, ihr meine Leiden zu erzählen und Troſt gegen dieſelben in den Muſcheln und Kieſeln des Strandes zu finden:— Friede zog in mein Herz ein, wenn ich dies Alles mir vor Au⸗ gen hielt. Allerdings wurde dieſer Friede im nächſten Augen⸗ blick durch den Zweifel geſtört, ob Miß Murdſtone ihre Bewilligung ertheilen werde; aber ſelbſt dieſer wurde bald beruhigt; denn während wir noch mit einander David Kopperfield. 89 ſprachen, kam die Gefürchtete heraus, um ihre abendliche Patrouille durch die Speiſekammer zu machen, und Peg⸗ gotty brachte mit einer Kühnheit, die mich in Erſtaunen ſetzte, die Angelegenheit auf's Tapet. „Der Junge wird dort faulenzen,“ ſagte Miß Murd⸗ ſtone, indem ſie in ein Pökelfaß ſah,„und Müßiggang iſt aller Laſter Anfang. Aber wahrhaftig, er würde auch hier faul ſein— überall faul ſein meiner Anſicht nach.“ Peggotty hatte eine ärgerliche Antwort auf der Zunge, wie ich recht wohl ſah; indeß verſchluckte ſie dieſelbe um meinetwillen und blieb ruhig. „Hm!“ ſagte Miß Murdſtone, das Auge noch immer auf das Pökelfleiſch gerichtet,„s iſt von größerer Wichtig⸗ keit als alles Andere— es iſt von der alleraußerordent⸗ lichſten Wichtigkeit— daß mein Bruder nicht geſtört oder geärgert wird. Ich glaube, s wäre beſſer, ich ſagte ja.“ Ich dankte ihr, ohne irgendwie meine Freude merken zu laſſen, damit ſie dadurch nicht beſtimmt würde, ihre Einwilligung zurückzuziehen. Und ich konnte nicht umhin, dies für einen klugen Weg zu halten, als ſie plötzlich aus dem Pökelfaſſe herausfuhr und mich mit einer ſo ſauer⸗ töpfiſchen Miene anſah, als ob ihre ſchwarzen Augen alles verloren hätten, was in den Höhlen gelegen war. Indeß, die Erlaubniß war gegeben und wurde nicht zurückgenom⸗ men; denn als der Monat um war, waren ich und Peg⸗ gotty fertig zur Abreiſe. 7 Mr. Barkis kam in's Haus nach Peggottys Koffern. Niemals vorher hatte ich ihn auch nur durch die Garten⸗ thür treten ſehen, aber bei dieſer Gelegenheit kam er ſo⸗ gar in's Haus. Und als er den größten Koffer auf die Schulter lud, warf er mir einen Blick zu, welcher mir eine Andeutung heißen zu ſollen ſchien, wenn man nämlich 90 David Kopperfield. ſagen kann, daß jemals eine Andeutung ihren Weg in Mr. Barkis' Antlitz hätte finden können. Peggotty war natürlich ſehr niedergeſchlagen: ſie verließ einen Ort, welcher ſo manche Jahre ihre Heimat geweſen war, und wo ſie die beiden Menſchen, an die ſie ſich in ihrem Leben am innigſten gefeſſelt fühlte— meine Mutter und mich— gefunden hatte. Sie war auch auf dem Kirchhofe geweſen, ſchon am frühen Morgen, und ſie ſtieg in den Karren und ſaß in ihm, indem ſie ihr Schnupf⸗ tuch vor die Augen hielt. So lange ſie in dieſer Stellung verblieb, gab Mr. Barkis durchaus kein Lebenszeichen von ſich. Er ſaß auf ſeinem gewöhnlichen Platze und in ſeiner gewöhnlichen Art zu ſitzen, ſtarr wie eine große Gipsfigur. Aber als ſie um ſich zu blicken und mit mir zu ſprechen begann, nickte er mit dem Kopfe und grinſte mehrmals recht freund⸗ lich— ich habe nicht die leiſeſte Spur, auf wen, oder was er damit meinte. „s iſt ein ſchöner Tag, Mr. Barkis!“ ſagte ich, um mich ihm höflich zu erweiſen. „' iſt nicht übel,“ ſagte der Fuhrmann, der ſich in ſeiner Rede gemeiniglich einſchränkender Wendungen be⸗ diente und ſich ſelten durch kühne Behauptungen bloß⸗ ſtellte. 5 „Peggotty iſt nun wieder ganz wohl und auf Laune, Mr. Barkis,“ bemerkte ich, um ihm eine Freude zu machen. „Ei der Tauſend, iſt's wahr?“ ſagte der Fuhrmann. Und nachdem er mit einer pfiffigen Miene darüber nach⸗ geſonnen, ſah er ihr in die Augen und fragte ſie: „Alſo wirklich hübſch wohl?“ Peggotty lachte und antwortete bejahend. „Aber wiſſen Sie, ich meine ordentlich und wirklich. David Kopperfield. 91 Na, hab' ich Recht?“ brummte Mr. Barkis, indem er näher zu ihr hin auf ihren Sitz glitt und ſie mit dem Ellbogen anſtieß.„Nun? Ordentlich und gehörig hübſch wohl? Nu, iſt's ſo? He?“ Bei jeder dieſer Fragen rutſchte der Fuhrmann näher zu ihr und gab ihr einen weiteren Stoß, ſo daß wir zuletzt alleſammt in der linken Ecke des Karrens zuſammengedrängt waren und ich mich ſo gequetſcht fühlte, daß ich's kaum ertragen konnte. Da Peggotty jetzt ſeine Aufmerkſamkeit auf meine Leiden lenkte, ſo gab mir Barkis ſogleich ein wenig mehr Raum und rückte dann nach und nach ab. Aber ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß er der Meinung zu ſein ſchien, er habe ein wunderſchönes Aushülfsmittel ent⸗ deckt, ſich, ohne die Unbequemlichkeit, Stoff zur Unter⸗ haltung ausfindig machen zu müſſen, in einer netten, an⸗ genehmen und deutlichen Weiſe über ſeine Gefühle aus⸗ zudrücken. Er dachte augenſcheinlich einige Zeit darüber nach. Bald aber wandte er ſich wieder zu Peggotty, und indem er ſie wiederholt fragte, ob ſie ſich hübſch wohl befinde, drückte er wieder auf uns nieder, bis mir der Athem nahe daran war, aus dem Leibe gequetſcht zu werden. Bald darnach lehnte er ſich abermals über uns und zwar mit derſelben Frage und derſelben übeln Folge. Zuletzt erhob ich mich, als ich ihn anrücken ſah, ſtellte mich auf das Fußbret und gab vor, ich wolle die Ausſicht betrachten, wornach ich mich ſehr wohl befand. 1 Er war ſo höflich, ausdrücklich unſertwegen an einem Gaſthauſe anzuhalten und uns mit Schöpſenbraten und Bier zu bewirthen. Selbſt als Peggotty im Trinken be⸗ griffen war, wandelte ihn die Luſt an, ſich eine jener Annähe⸗ rungen zu erlauben, wobei er ſie beinahe geſtoßen hätte. Als wir jedoch dem Ziele unſrer Reiſe näher kamen, hatte 92 David Kopperfield. er mehr zu thun und weniger Zeit zu Galanterien, und als wir auf das Pflaſter von Yarmouth gelangten, ſo wurden wir alle zu ſehr gerüttelt und geſchüttelt, um Muße zu irgend etwas Anderem zu haben. Mr. Peggotty und Ham warteten auf uns an dem alten Platze. Sie empfingen mich und Peggotty mit großer Herzlichkeit und ſchüttelten Mr. Barkis die Hand, welcher, den Hut ganz auf den Hinterkopf geſchoben, verſchämten Geſichtes und die Augen niedergeſchlagen, als ob er ſich wahrlich durch die Beine guken wollte, die ſtumme Perſon bei der Scene vorzuſtellen ſchien. Jeder von den beiden nahm einen von Peggottys Koffern, und wir waren im Begriffe uns zu entfernen, als Mr. Barkis mir feier⸗ lich ein Zeichen mit dem Zeigefinger gab, ihm unter einen Thorweg zu folgen. „ hatte Alles ſeine Richtigkeit,“ ſagte Mr. Barkis mit ſeiner tiefen Baßſtimme. Ich blickte auf, ihm in's Geſicht, und verſetzte, mit einem Verſuche, den leicht Begreifenden zu ſpielen:„Oh, das wäre!“ „Wir kamen nicht auf's Reine mit einander,“ ſagte Mr. Barkis mit einem vertraulichen Kopfnicken.„Aber s hatte Alles ſeine Richtigkeit.“ Wieder antwortete ich:„Oh, das wäre!“ „Sie wiſſen, wer Willens war,“ ſagte mein Freund. „Barkis war's, und nur Barkis.“ Ich nickte beiſtimmend. „Alles hat ſeine Richtigkeit,“ ſagte der Fuhrmann, mir die Hand ſchüttelnd.„Ich bin Ihr guter Freund geworden. Sie haben Alles richtig gemacht. Alles hat ſeine Richtigkeit.“ In ſeinen Verſuchen, ſich vorzüglicher Deutlichkeit zu David Kopperfield. 93 befleißigen, war Mr. Barkis ſo außerordentlich undeutlich und geheimnißvoll, daß ich ſicherlich hätte eine Stunde daſtehen und ihm in's Geſicht ſehen können, ohne mehr daraus klug zu werden, als aus dem Geſichte einer Wand⸗ uhr, die ſtehen geblieben iſt; aber Peggotty rief mich hinweg. Als wir weiter gingen, fragte ſie mich, was er geſagt habe, und ich erzählte ihr, er habe gemeint,„es wäre Alles in Richtigkeit“. „ns ſieht ſeiner Unverſchämtheit gleich,“ ſagte Peg⸗ gotty,„aber mir fällt's gar nicht ein. Was ſollteſt Du denken, liebſtes Davchen, wenn ich an's Heirathen dächte?“ „Ei nun, ich dächte, Du würdeſt mich dann noch ebenſo lieb haben, Peggotty, als Du mich jetzt haſt,“ erwiederte ich nach einigem Nachdenken. Zu äußerſter Verwunderung ſowohl der Leute, die über die Straße gingen, wie ihrer Verwandten, welche voraus ſchritten, ſah ſich die gute Seele von ihrem Ge⸗ fühle gezwungen, ſtehen zu bleiben und mich unter tau⸗ ſend Verſicherungen ihrer unwandelbaren Liebe auf der Stelle zu umarmen. „Sag' mir, was Du dazu meinen würdeſt, Herz⸗ blatt?“ fragte ſie, als dies vorüber war und wir weiter gingen, abermals. „Wenn Du daran dächteſt, Dich zu verheirathen— mit Mr. Barkis, Peggotthy?“ „Ja,“ ſagte Peggotty. „Nun, ich würde denken, es wäre recht hübſch. Denn, weißt Du, Peggotty, Du würdeſt dann immer den Wagen und die Pferde haben, die Dich zu mir auf Beſuch bräch⸗ ten, und könnteſt umſonſt herüberkommen und ſicher ſein, zu kommen.“ „Ueber den Verſtand, den das liebe Kind hat!“ 94 David Kopperfield. ſchrie Peggotth.„Ganz das, woran ich vor einem Mo⸗ nate ſchon dachte. Ja, mein Goldjunge, und ich glaube, ich würde auch unabhängiger ſein; nicht zu gedenken, daß ich mit mehr Luſt in meinem eignen Hauſe arbeiten würde, als ich's jetzt in irgend einem andern könnte. Ich weiß nicht, wozu ich jetzt als Dienſtbote bei einem Fremden nütze wäre. Und ich werde dann immer bei der Schlummer⸗ ſtätte meines Lieblings ſein,“ ſagte Peggotty nachdenkend, „und ihr Grab ſehen können, wenn ich Luſt habe, und wenn ich mich zur Ruhe niederlege, ſo werden ſie mich dann vielleicht nicht ſo weit von meiner lieben Herzens⸗ madam legen.“ Keines von uns beiden ſprach ein Weilchen hindurch ein Wort. „Aber die ganze Geſchichte gilt mir nicht ſo viel, daß ich auch nur wieder dran denken würde,“ ſagte Peggotty munter,„wenn mein Davchen irgendwas dagegen hätte — nein, und wenn man mich in der Kirche ſchon dreißig Mal ſtatt drei Mal gefragt und ſich der Ring ſchon ganz abgeſchabt hätte in meiner Taſche.“ „Guk mich'mal an, Peggotty,“ entgegnete ich,„und ſieh mich darauf an, ob ich nicht wirklich froh darüber bin und es aufrichtig wünſche.“ Und das that ich denn auch in Wahrheit von ganzem Herzen. „Gut denn, mein Leben,“ ſagte Peggotty, indem ſie mich an ſich drückte,„ich habe Tag und Nacht dran ge⸗ dacht, auf alle Weiſe, wie ich nur kann, und ich hoffe, auf die rechte Weiſe; aber nun will ich mir's noch ein Mal überlegen und mit meinem Bruder drüber ſprechen, und derweile wollen wir's bei uns behalten, Davchen, Du und ich. Barkis iſt ein guter rechtſchaffener Menſch,“ fuhr Peggotty fort;„und wenn ich bei ihm meine Schuldig⸗ David Kopperfield. 95 keit zu thun verſuchte, ſo denk ich, müßt's an mir liegen, wenn ich nicht— wenn ich mich nicht hübſch wohl be⸗ fände,“ ſagte Peggotty mit herzlichem Gelächter. Dieſe Anführung der Worte von Mr. Barkis war ſo angemeſſen und kitzelte uns beide ſo ſehr, das wir wieder und immer wieder lachten und in der vergnügteſten Laune waren, als wir in Sicht von Mr. Peggottys Hütte kamen. Dieſelbe ſah ganz ſo wie vorher aus, außer daß ſie vielleicht in meinen Augen ein wenig eingeſchrumpft war; und Mrs. Gummidge wartete an der Thür, als ob ſie die ganze Zeit ſeither dort geſtanden hätte. Auch drin war Alles daſſelbe geblieben bis auf die Seeblumen herab, die in dem blauen Kruge in meinem Schlafzimmer ſtan⸗ den. Ich ging nach dem Nebenhauſe, mich umzuſehen, und wahrlich auch dieſelben Hummer, Krabben und Krebſe, beſeſſen von demſelben Beſtreben, alle Welt zu zwicken, erſchienen, in demſelben Durcheinander herumgeworfen, in demſelben alten Winkel. Aber Eines fehlte: es war keine kleine Emilie zu ſehen, und ſo fragte ich Mr. Peggotty, wo ſte wäre. „Sie iſt in der Schule, junger Herre,“ ſagte Mr. Peg⸗ gotty, indem er ſich den Schweiß, den ihm das Herſchaffen von Peggottys Koffer auf die Stirn getrieben, abwiſchte, „ſie wird zu Hauſe ſein“— hier ſah er auf die Schwarz⸗ wälder Uhr—„in etwa zwanzig Minuten bis einer halben Stunde. Wir alle miteinander merken's, wenn ſie weg iſt, weiß Gott.“ Mrs. Gummidge ſeufzte. „Hübſch luſtig, Weibſen!“ rief ihr Mr. Peggotty zu. „Ich merk es mehr, als irgend ein Andres,“ ſagte Mrs. Gummidge.„Ich bin ein armes unglückliches Ge⸗ 96 David Kopperfield. ſchöpf, uand ſie war immer das einzige Weſen, was mir nicht der Quere in den Weg trat.“ Mrs. Gummidge machte ſich wimmernd und mit dem Kopfe ſchüttelnd daran, das Feuer anzublaſen. Mr. Peg⸗ gotty ſah uns, während ſie ſo beſchäftigt war, der Reihe nach an und ſagte mit leiſer Stimme, die er mit der Hand verdeckte:„s iſt von wegen dem Alten.“ Hieraus zog ich den richtigen Schluß, daß ſich ſeit meinem letzten Be⸗ ſuche in dem Gemüthszuſtande von Mrs. Gummidge nichts gebeſſert habe. Nun war der ganze Ort, oder vielmehr, nun hätte der ganze Ort ganz ein ſo luſtiger Ort ſein ſollen, wie einſt, und doch machte er auf mich nicht den gleichen Ein⸗ druck. Ich fühlte mich ziemlich getäuſcht in meiner Er⸗ wartung von ihm. Vielleicht war's, weil die kleine Emilie nicht zu Hauſe war. Ich wußte den Weg, auf dem ſie kommen mußte, und in demſelben Augenblicke befand un mich auch ſchon auf dem Fußpfade, um ihr entgegen zu ſchlendern. Eine Geſtalt erſchien in der Ferne vor mir, und bald erkannte ich, daß es Klein⸗Emilchen war, welche immer noch klein von Statur war, obwohl ſie gewachſen. Als ſte aber näher kam, und ich ſah, wie ihre blauen Augen blauer und ihr Geſicht mit den Grübchen in Wangen und Kinn glänzender und ihr ganzes Weſen hübſcher und heiterer erſchien, da überkam mich ein Gefühl der Neu⸗ gier, welches mir gebot, mich zu ſtellen, als kenne ich ſte nicht, und vorüber zu gehen, als ob ich nach etwas weit davon entfernt Liegendem blickte. Ich habe dergleichen im ſpätern Leben auch gethan, wenn ich mich nicht irre. Emilchen kehrte ſich daran nicht im Geringſten. Sie ſah mich recht wohl, aber ſtatt ſich umzukehren und nach David Kopperfield. 97 mir zu rufen, lief ſie lachend davon. Dadurch war ich gezwungen, ihr nachzulaufen, ſie aber rannte ſo ſchnell, daß wir der Hütte ſchon ſehr nahe waren, als ich ſte ein⸗ holte. „Ach, Du biſts alſo?“ fragte Emilchen. „Ei Du wußteſt, wer ich war, Emilchen,“ ſagte ich. „Und wußteſt Du denn nicht, wer ich war?“ verſetzte das Mädchen. Ich wollte ſie küſſen, aber ſie bedeckte ihre kirſchrothen Lippen mit den Händen und ſagte, ſie wäre kein kleines Kind mehr, und lief, mit lauterem Gelächter als jemals, ins Haus hinein. Sie ſchien ſich ein Vergnügen daraus zu machen, mich zu necken, eine Veränderung an ihr, über welche ich mich ſehr wunderte. Der Theetiſch war bereit, und die kleine Kiſte, auf der wir einſt bei einander geſeſſen, an ihren alten Platz gerückt, aber anſtatt ſich neben mich zu ſetzen, ſchenkte ſie der brummelnden Mrs. Gummidge ihre Ge⸗ ſellſchaft, und als Mr. Peggotty fragte, warum, zog ſie ihre Haare über ihr Geſicht, um es zu verbergen, und that nichts als lachen. „Ein wahres kleines Blitzmädel ſagte Mr. Peggotty, indem er ſie mit ſeiner großen Hand ſtreichelte. „Ja das iſt ſie, ja das iſt ſie!“ ſchrie Ham.„Musje Dapchen, ja das iſt ſie!“ Und ſo ſaß er da und kicherte über ſie einige Zeit in einem aus Bewunderung und Ver⸗ gnügen gemiſchten Zuſtande, in welchem ſein Geſicht bren⸗ nend roth wurde. Klein⸗Emilie war von ihnen allen wirklich verhät⸗ ſchelt, und von niemand mehr, als von Mr. Peggotty ſelbſt, welchen ſie zu allem Möglichen hätte bringen kön⸗ nen, ohne dabei mehr Kunſtgriffe anzuwenden, als daß ſie zu ihm hinging und ihre Wange an ſeinen ſtachligen David Kopperfield. II. 7 98 David Kopperfield. Backenbart legte. Das war wenigſtens meine Meinung, als ich ſte dies thun ſah, und ich gab Mr. Peggotty voll⸗ kommen Recht darin. Aber ſie war ſo zärtlich und von ſo liebenswürdigem Weſen und hatte, indem ſie ſchlau und ſchüchtern zugleich war, eine ſo gefällige Weiſe, ſich zu benehmen, daß ſte mich mehr als je bezauberte. Sie war auch gefühlvoll; denn als wir nach dem Thee rings um das Kaminfeuer ſaßen und Mr. Peggotty über ſeine Pfeife hinweg eine Anſpielung auf den Verluſt machte, den ich erlitten, ſo ſtanden ihr die hellen Thränen in den Augen, und ſie ſah mich quer über den Tiſch ſo mit⸗ leidig an, daß ich mich voll von Dank gegen ſie fühlte. „Ah!“ ſagte Mr. Peggotty, indem er ihr in die Locken griff und ſie ſich wie Waſſer durch die Finger gleiten ließ, „ſehen ſie, junger Herr, hier iſt noch eine Waiſe. Und hier,“ fuhr er fort, indem er Ham mit der Rückſeite der Hand auf die Bruſt ſchlug,„iſt noch eine, obwohl er nicht ſehr darnach ausſehen thut.“ „Wenn ich Sie zum Vormunde hätte, Mr. Peg⸗ gotty,“ ſagte ich, indem ich den Kopf ſchüttelte,„ſo würde ich mich, denk ich, nicht ſehr als ſolche fühlen.“ „Richtig geſprochen, Musje Davchen,“ ſchrie Ham in Begeiſterung.„Hurrah, richtig geſprochen! Auch nicht mehr fühlen wollte! Juchhei!“ Damit gab er Mr. Peggotty ſeinen Schlag zurück, und Emilchen ſtand auf und küßte den alten Fiſcher. „Und was macht Ihr Freund, junges Herrchen?“ ſagte Mr. Pegotty zu mir. „Steerforth?“ fragte ich. „Ach, ſo war der Name!“ ſchrie Mr. Peggotty zu Ham gewendet.„Ich wußt', es war ſo was, wie wir meinten.. David Kopperfield. 99 „Sie ſagten, er thäte Rudderfort heißen,“ bemerkte Ham lachend. „Schon recht, erwiederte Mr. Peggotty.“„ Steerforth, Steer, Steuer— Rudder, Ruder— mit nem Ruder thut man ſteuern, nicht? Alſo iſt's nicht weit auseinan⸗ der. Na was macht er, junger Herre?“ „Er befand ſich ganz wohl, als ich weg kam, Mr. Peggotty.“ „Nein, iſt das aber ein Freund!“ ſagte Mr. Peggotty, indem er ſeine Pfeife vor ſich hinſtreckte.„ Iſt das'mal ein Freund, wenn man von Freunden red't! Ei der Tau⸗ ſend, das iſt ja ein wahrer Schmaus, ihn nur anzu⸗ ſehen.“ „Er iſt ſehr hübſch, nicht wahr?“ fragte ich, indem dieſes Lob mir das Herz erwärmte. „Hübſch!“ ſchrie Mr. Peggotty.„Er ſtellt ſich neben Ihnen wie— wie ein— ei der Tauſend, ich weiß nicht wie er ausſehen thut, wenn er neben Sie ſteht. Er iſt ſo dreiſte.“ „Ja, das iſt gerade ſein Charakter,“ ſagte ich.„Er iſt ſo tapfer wie ein Löwe, und Sie können Sich keinen Begriff machen, wie offen er mit der Sprache herausgeht, Mr. Peggotty.“ „Und hernach glaub' ich,“ fuhr Mr. Peggotty fort, indem er mich durch den Rauch ſeiner Pfeife anſah,„daß er bei der Bücherlernerei und bei der Schreiberei überall mit gutem Wind geſegelt iſt.“ „Ja,“ ſagte ich vergnügt,„er weiß Alles. Er iſt er⸗ ſtaunlich geſcheidt.“ „Nein, iſt das ein Freund!“ murmelte Mr. Peggotty, indem er wichtig mit dem Kopfe nickte. „Nichts auf der Welt ſcheint ihm Mühe zu machen,“ 7* 1 100 David Kopperfield. ſagte ich.„Er weiß eine Aufgabe, wenn er ſie nur ein einziges Mal angeſehen hat. Er iſt der beſte Criquet⸗ ſpieler, den Sie je geſehen haben. Er giebt Ihnen auf dem Damenbrete ſoviel Steine vor, als Sie wollen, und ſchlägt Sie doch mit Leichtigkeit.“ Mr. Peggotty nickte wieder mit dem Kopfe, als ob er ſagen wollte:„Freilich wird er.“ „Er iſt ſolch ein Sprecher,“ fuhr ich fort,„daß er jedermann überreden kann, und ich weiß nicht, was Sie 3 geſagt haben würden, wenn Sie ihn hätten ſingen hören, Mr. Peggotty.“ Mr. Peggotty nickte wieder mit dem Kopfe, als ob er ſagen wollte:„Zweifle nicht im Entfernteſten daran.“ „Und dann iſt er ſolch ein großmüthiger, feiner, nobler Burſche,“ ſagte ich, ganz hingeriſſen von meinem Lieblingsthema,„daß es kaum möglich iſt, ihm ſo viel Lob zu ertheilen, wie er verdient. Wahrhaftig, ich kann nicht dankbar genug ſein gegen ihn für den Edelmuth, mit dem er ſich meiner angenommen hat, der ich doch um ſo viel jünger und niedriger in der Schule war, als er. Ich fuhr, und zwar höchſt eifrig, in meiner Weihrauch⸗ ſpende fort, als meine Augen auf Emilchens Geſicht ruhen blieben, welches nach vorn über den Tiſch gebeugt war und mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit mir zuhorchte. Sie hielt den Athem an, ihre blauen Augen blitzten wie Ju⸗ welen, ihre Wangen überzog ein dunkles Roth. Sie ſah außerordentlich ernſthaft und ebenſo ſchön aus, ſo daß ich mit einem gewiſſen Staunen inne hielt. Alle beobachteten ſie zu derſelben Zeit; denn, als ich innehielt, lachten ſie alle und blickten auf ſte. „Emilie iſt wie ich,“ ſagte Peggotty,„und möchte ihn gerne ſehen.“ dv' v David Kopperfield. 101 Emilchen erſchrak, daß wir ſie alle beobachteten, und hing den Kopf, und ihr Geſicht wurde ein Mal über's andere roth. Als ſie dann durch ihre herabgefallenen Locken einen Blick nach uns that und bemerkte, daß wir alle ſie noch immer betrachteten(ich hätte ſie wahrhaftig ſtundenlang anſehen können), ſo rannte ſie fort und blieb weg, bis es beinahe Schlafenszeit war. Ich legte mich wieder in das kleine Bett im Spiegel des Boots nieder, und wieder flog der Wind heulend über den Strand, wie er dereinſt gethan. Es kam mir jetzt unwillkürlich vor, als ob er über die klagte, welche dahin geſchieden ſeien, und ſtatt daran zu denken, daß die See in der Nacht ſich erheben und das Boot hinwegſpülen könnte, dachte ich an die See, welche ſich, ſeit ich das letzte Mal dieſes Rauſchen und Brauſen gehört, erhoben und mein glückliches Vaterhaus in ihren Fluthen begraben hatte. Ich erinnere mich, daß ich, als Wind und Waſſer ſchwächer in meinen Ohren zu wiederhallen begannen, eine kurze Clauſel in mein Gebet eingeſchoben und Gott gebeten habe, er möge mich aufwachſen laſſen, um Klein⸗Emilien zu heirathen, worauf ich voll Liebe und Wonne einſchlief.— Die Tage verliefen ziemlich in derſelben Weiſe, als ſie vorher verlaufen waren, ausgenommen— und das war eine bedeutende Ausnahme— daß Emilchen und ich jetzt ſelten auf dem Ufer luſtwandelten. Sie hatte Auf⸗ gaben zu lernen und Näthereien zu beſorgen und war einen großen Theil des Tages abweſend. Aber ich fühlte, daß wir dieſe einſtigen Wanderungen auch dann nicht mehr unternommen haben würden, wenn es anders geweſen wäre. Wild und voll kindiſche Poſſen, wie Emilie war, hatte ſie mehr von einem kleinen Frauenzimmer an ſich, 102 David Kopperfield. als ich vermuthet hatte. Sie ſchien ſich in wenig mehr als einem Jahre um ein großes Stück über mich hinaus entfernt zu haben. Sie war mir gut, aber ſie lachte mich aus und quälte mich, und wenn ich ihr ent⸗ gegen ging, nahm ſie heimlich einen andern Weg und lachte an der Thür, wenn ich mit getäuſchter Erwartung zurückkam. Die beſte Zeit verlebte ich mit ihr, wenn ſie in der Thüre ruhig bei der Arbeit ſaß und ich auf der höl⸗ zernen Stufe vor ihren Füßen ſitzend ihr vorlas. Es ſcheint mir bis dieſe Stunde, daß ich niemals ſolch einen Son⸗ nenſchein geſehen habe, wie an dieſen lichten Aprilnach⸗ mittagen, und daß ich nimmer ſolch eine hellglänzende kleine Geſtalt erblickte, als ich auf der Thürſchwelle des alten Bootes ſitzen zu ſehen pflegte, und daß ich nie einen ſolchen Himmel, ſolch Waſſer, ſolche ſtrahlenumleuchtete Schiffe, dahin ſegelnd in der goldenen Luft, ſchaute. Gleich den erſten Abend nach unſerer Ankunft erſchien Mr. Barkis in einer über die Maßen plumpen und tölpel⸗ haften Haltung, in der Hand ein Bündel Orangen, die er in ein Schnupftuch geknüpft hatte. Da er dieſes Beſitzthumes in keiner Weiſe erwähnte, ſo vermuthete man, daß er es durch Zufall liegen gelaſſen habe, als er wegging; bis Ham, der ihm nachlief, um es ihm wieder zu erſtatten, mit der Nachricht zurück kam, es ſei für Peg⸗ gotty beſtimmt. Nach dieſer Gelegenheit erſchien er jeden Abend genau um dieſelbe Stunde und ſtets mit einem kleinen Bündel, auf welches er niemals anſpielte, und das er regelmäßig hinter die Thür legte und dort ließ. Dieſe Spenden eines liebenden Herzens waren von höchſt ver⸗ ſchiedener und außergewöhnlicher Art. Unter denſelben beſinne ich mich vorzüglich auf zwei Paar Ferkelpfoten, auf ein gewaltiges Nadelkiſſen, auf etliche Metzen Aepfel, 8 „v David Kopperfield. 103 auf ein Paar Ohrringe aus Steinkohle, mehrere ſpaniſche Zwiebeln, eine Schachtel mit Dominoſteinen, einen Ka⸗ narienvogel mit Käfig und ein Stück Schweinspökel⸗ fleiſch. Mr. Barkis freite, meiner Erinnerung nach, auf eine ganz und gar abſonderliche Manier. Er ſagte ſehr ſelten etwas, ſondern pflegte ganz in derſelben Stellung, wie er in ſeinem Karren ſaß, am Feuer zu ſitzen und in einem fort ſtarr und ſteif Peggotty anzuſtieren, die ihm gegen⸗ über ſaß. Eines Abend wagte er, vermuthlich von Liebe angefeuert, einen Angriff auf das Stückchen Wachslicht, das ſie zum Wichſen ihres Fadens daliegen hatte, ſteckte es in die Weſtentaſche und entführte es. Später machte es ihm großes Vergnügen, es aus dem Futter ſeiner Taſche, wo es in theilweiſe zerſchmolzenem Zuſtande ſteckte, hervorzuziehen, wenn es gebraucht wurde, und es wieder in die Taſche zu ſchieben, ſobald es nicht mehr nöthig war. Er ſchien ſich ſehr zu amuſiren und nicht im Minde⸗ ſten den Beruf zu fühlen, eine Unterhaltung anzuknüpfen. Selbſt dann, wenn er Peggotty zu einem Spaziergange auf der Küſtenfläche mit ſich hinausnahm, war er, wie ich glaube, über dieſen Punkt nicht in Verlegenheit, in⸗ dem er ſich damit begnügte, dann und wann zu fragen, ob ſie ſich hübſch wohl befinde; und ich erinnere mich, daß Peggotty manchmal, wenn er fort war, ihre Schürze über das Geſicht zog und eine ganze halbe Stunde lachte. In der That, wir waren alle mehr oder weniger amuſirt, mit Ausnahme jener ewig jammernden Mrs. Gummidge, deren einſtiger Freier genau von demſelben Kaliber geweſen ſein mußte, ſo ſehr fühlte ſie ſich bei dieſen Vorgängen fort⸗ während an„den Alten“ erinnert. Endlich, als die mir zu meinem Beſuche geſtattete 104 David Kopperſield. Zeit beinahe abgelaufen war, wurde bekannt gemacht, daß Peggotty und Mr. Barkis einen Ausflug auf einen Sonn⸗ tag machen würden, und daß Emilchen und ich ſie begleiten ſollten. Ich konnte vor dem Gedanken an das Vergnügen, einen ganzen Tag mit Emilchen zuſammen zu ſein, die halbe Nacht vorher nicht ſchlafen. Wir waren am Morgen alle bei Zeiten aus den Betten, und während wir noch über dem Frühſtück ſaßen, erſchien Mr. Barkis in der Ferne mit einer Chaiſe, die er auf den Gegenſtand ſeiner Zuneigung hinkutſchirte. Pegotty war wie gewöhnlich gekleidet, d. h. ſie trug ihr nettes und einfaches Trauerkleid. Mr. Barkis aber glänzte und gleißte in einem neuen blauen Rocke, zu wel⸗ chem der Schneider ihm ſo trefflich Maß genommen hatte, daß die Aufſchläge ihm ſelbſt im kälteſten Wetter erſpart haben würden, Handſchuh anzuziehen, während der Kra⸗ gen ſo hoch war, daß er ihm die Haare bis auf den Scheitel hinaufſchob. Seine funkelnden Knöpfe daran waren von der größten Sorte. Beinkleider von dickem grobem Wollenzeuch und eine citronengelbe Weſte vervoll⸗ ſtändigten dieſen Anzug, in welchem Mr. Barkis mir als eine Erſcheinung von ſtaunenswerther Reſpectabilität vorkam. Als wir alle in einer Gruppe vor der Thür ſtanden, fand ich, daß ſich Mr. Peggotty mit einem alten Schuh verſehen hatte, welcher, um Glück zu haben, hinter uns geworfen werden ſollte, und welchen er Mrs. Gummidge zu dieſem Zwecke überreichte. „Nein.'s iſt beſſer, wenn das von Jemand anders gethan wird, Daneel,“ ſagte Mr. Gummidge.„Ich bin ein armes unglückliches Geſchöpf, und alles, was mich an — — David Kopperfield. 105 Geſchöpfe erinnert, die nicht auch arm und unglücklich ſind, kommt mir der Quere.“ „Komm nur, alte Liſe!“ ſchrie Mr. Peggotty.„Nimm und ſchmeiß.“ „Nein, Daneel,“ erwiederte Mrs. Gummidge in weinerlichem Tone und indem ſie den Kopf ſchüttelte. „Wenn ich weniger fühlte, könnt ich's eher thun. Du fühlſt nicht, was ich fühle, Daneel. Dir geht's nicht der Quere, und Du ſtehſt niemandem im Wege. Du thuſt beſſer, wenn Duss ſelber machſt.“ Hier aber ſchrie Peggotty, welche in großer Aufregung von Einem zu dem Andern gegangen war und alle Welt geküßt hatte, aus dem Wagen, in welchem wir(ich und Emilchen auf zwei kleinen Sitzen, Seite an Seite), jetzt alle ſaßen, daß Mrs. Gummidge es thun müßte. So ge⸗ ſchah es denn auch, und es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß ſie dem feſtlichen Charakter unſerer Abfahrt ziemlichen Eintrag that, indem ſie gleich darauf in Thränen aus⸗ brach und ganz aufgelöſt mit der Erklärung in Hams Arme ſank, daß ſie„wohl wiſſen thäte, wie ſie eine Laſt ſei, und das Beſte für ſie wäre, wenn ſie in das Haus gebracht würde, um zu ſterben,“ was ich in der That für einen geſcheidten Gedanken hielt, wobei Ham hülfreiche Hand hätte leiſten können. Wir jedoch fuhren ab zu unſerm Sonntagsausfluge, und das Erſte, was wir thaten, war, daß wir an einer Kirche ſtill hielten, wo Mr. Barkis das Pferd an ein Ge⸗ länder band und mit Peggotty hineinging, während ich mit Klein⸗Emilien in der Chaiſe allein zurück blieb. Ich ergriff dieſe Gelegenheit, Emilchen um den Leib zu faſſen und ihr zu ſagen, daß wir, da ich nun ſo bald fortgehen würde, uns geloben wollten, uns immer lieb zu haben 106 David Kopperfield. und immer recht glücklich zu ſein in dem Gedanken an einander. Als Emilchen damit übereinſtimmte und mir erlaubte, ſte zu küſſen, gerieth ich in eine verzweifelt groß⸗ artige Stimmung, in welcher ich ihr, wie ich mich erinnere, geſtand, daß ich nie eine Andre lieben könnte, und daß ich bereit wäre, das Blut eines Jeden zu vergießen, der ſich um ihre Zuneigung bewerben werde. Wie luſtig machte ſich Klein⸗Emilchen hierüber! Welche ehrbare Miene nahm ſie an, und wie that ſie ſo unermeßlich viel älter und weiſer als ich, das niedliche kleine Frauenzimmerchen, als ſie mich einen„einfältigen Jungen“ nannte; und dann wieder, wie lachte ſie ſo be⸗ zaubernd, daß ich in der Wonne, die mir ihr Anblick be⸗ reitete, all das Leid vergaß, das ſie mir mit dieſem krän⸗ kenden Namen angethan. Mr. Barkis und Peggotty waren eine gute Weile in der Kirche, endlich aber kamen ſie heraus, und dann fuh⸗ ren wir weg, in's Land hinein. Als wir ſo dahin kutſchirten, wandte ſich Mr. Barkis nach mir um und ſagte mit einem pfiffigen Wink— beiläufig, ich hätte vorher kaum ge⸗ dacht, daß er eines ſo pfiffigen Winkes fähig geweſen wäre—: „Was war das für ein Name, den ich damals an die Karre ſchreiben that?“ „Clara Peggotty,“ antwortete ich. „Was würd's für ein Name ſein, den ich jetzt auf⸗ ſchreiben thäte, wenn hier'ne Wagenplane wäre.“ „Nun, wieder Clara Peggotty?“ rieth ich..2 „Clara Peggotty Barkis!“ erwiederte er und brach in ein donnerndes Lachen aus, daß die Chaiſe wackelte. Mit einem Worte, ſie waren verheirathet und waren zu keinem andern Zwecke in die Kirche gegangen. Peg⸗ David Kopperſield. 107 gotty hatte beſtimmt, es ſolle in der Stille abgemacht werden, und der Geiſtliche hatte ſie ohne weitere Zeugen bei der Ceremonie zuſammengegeben. Sie war ein wenig verlegen, als Mr. Barkis dieſe plötzliche Anzeige ihrer Verbindung machte, und konnte mich nicht drücken und küſſen genug, um mir ihre hierdurch nicht beeinträchtigte Liebe zu mir zu beweiſen; indeß kam ſie bald wieder zu ſich und ſagte, ſie wäre froh, daß es vorüber. Wir fuhren nach einem kleinen Wirthshauſe an einem Dorfwege, wo man uns erwartete, und wo wir ein treff⸗ liches Mittagseſſen einnahmen und den Tag recht vergnügt verbrachten. Wenn Peggotty ſchon zehn Jahre lang ver⸗ heirathet geweſen wäre, ſo hätte ſie ſchwerlich ruhiger und ungezwungener ſein können; der Gedanke, eine Frau zu ſein, veränderte nichts an ihr, ſie war ganz und gar ſo wie immer, und machte mit mir und Emilchen vor dem Thee einen Spaziergang in's Freie, während Mr. Barkis philoſophiſch ſeine Pfeife ſchmauchte und ſich vermuthlich an der Betrachtung ſeines Glückes ergötzte. War dies der Fall, ſo ſchärfte es ſeinen Appetit; denn ich entſinne mich genau, daß, obſchon er zu Mittag ein tüchtiges Stück Schweinebraten nebſt Gemüſe verzehrt und die Mahlzeit mit einer oder zwei Portionen Geflügel geſchloſſen hatte, er ſich dennoch gezwungen ſah, beim Thee noch kalten Schinken zu verſpeiſen, wovon er ohne Beſchwerde eine gewaltige Quantität zu ſich nahm. Ich habe ſeitdem oft daran gedacht, was für eine wunderliche, unſchuldige, närriſche Hochzeit es doch geweſen ſein muß. Wir ſtiegen bald nach Dunkelwerden wieder in die Chaiſe und fuhren ſchnell zurück, wobei wir oft nach den Sternen ſahen und uns von denſelben unterhielten. Ich machte ihren Lehrer und Erklärer und riß Mr. David Kopperſield. 108 Barkis Gemüth dadurch zu nicht geringer Bewunderung hin. Ich erzählte ihm Alles, was ich wußte, aber er würde mir nicht nur dies, er würde mir überhaupt Alles geglaubt haben, was mir eingefallen wäre, ihm mitzu⸗ theilen; denn er hatte die tiefſte Verehrung vor meinen Geiſtesgaben und geſtand ſeiner Frau bei dieſer Gelegen⸗ helt, ſo daß ich's hören konnte, er hielte mich für„ein wahres junges Munſtrunk“, womit er meiner Anſicht nach ein Monſtrum von Gelehrſamkeit meinte. Als wir dieſen Gegenſtand erſchöpft hatten, oder vielmehr, als ich die Begriffsfähigkeit von Mr. Barkis erſchöpft hatte, machten wir, Emilchen und ich, uns einen Mantel von einer alten Decke, unter dem wir während des Reſtes der Reiſe ſaßen. Ach, wie liebte ich ſie! Was für ein Glück, dachte ich, wäre es, wenn wir verheira⸗ thet wären und nun irgendwo hin zögen, um unter den Bäumen und auf den Feldern zu leben, nimmer älter, nimmer klüger werdend, ewig Kinder bleibend; was für ein Glück, wenn wir Hand in Hand über ſonnige blumige Wieſen herumſtreiften, des Nachts unſer Haupt zu einem Schlummer voll Unſchuld und Frieden auf moo⸗ ſigen Raſen legten, und endlich, wenn wir geſtorben, von den Vögeln begraben würden! Irgend ſolch ein Bild, in nichts der wirklichen Welt entnommen, beſtrahlt von dem Lichte unſrer ſchuldloſen Seelen, kommend und ge⸗ hend wie die Sterne in der Ferne, war den ganzen Weg entlang vor meinem Gemüthe. Ich freue mich, wenn ich daran denke, daß zwei ſolche argloſe Herzen, wie das von Klein⸗Emilien und das meine, bei Peggotty's Heirath zugegen waren. Ich freue mich bei dem Gedanken, daß die Liebesgötter und die Grazien ſolche luftige, duftige Geſtal⸗ ten annahmen, als ſie ſie auf der Heimfahrt begleiteten. V V 4 David Kopperfield. 109 Nun denn, wir kamen bei guter Zeit gegen Abend vor dem alten Boote wieder an, wo uns Mr. und Mrs. Barkis Lebewohl ſagten und dann ſogleich in ihr eigenes Haus abfuhren. Ich fühlte dieſen Abend zum erſten Male, daß ich Peggotty verloren hatte, und ich würde mit ſchwe⸗ rem Herzen zu Bett gegangen ſein, wäre ich nicht unter einem Dache geweſen, welches ſich auch über Emilchens Haupte wölbte. Mr. Peggotty und Ham kannten meine Gedanken ſo gut, wie ich ſie kannte, und warteten mir mit einem Abendeſſen und gaſtfreundlichen Mienen auf, ſie zu ver⸗ treiben. Klein⸗Emilchen kam und ſetzte ſich— es war dies das einzige Mal während des ganzen Beſuchs— neben mich auf die Kiſte und fügte ſo dem ſchön verleb⸗ ten Tage ein ſchönes Ende hinzu. Es war Nachtfluth, und bald nachdem wir uns zu Bett gelegt, ging Mr. Peggotty auf den Fiſchfang. Ich fühlte mich voll Heldenmuth, als ich ſo mit Emilchen und Mrs. Gummidge in dem einſamen Hauſe allein ge⸗ laſſen war, und wünſchte mir, daß ein Löwe oder eine Schlange, oder ſonſt ein grimmiges Ungeheuer einen An⸗ griff auf uns machte, damit ich es umbringen und mich mit Ruhm bedecken könnte. Da jedoch zufällig nichts der Art dieſe Nacht auf dem Strande von Yarmouth ſpa⸗ zieren ging, ſo ſorgte ich für den beſten Stellvertreter, der ſich finden läßt, indem ich bis zum Morgen von Drachen träumte. Mit dem Morgen kam Peggotty, welche mich ganz wie gewöhnlich, als ob die Geſchichte mit Mr. Barkis, dem Fuhrmann, von Anfang bis zu Ende ebenfalls ein Traum ſei, unter meinem Fenſter rief. Nach dem Früh⸗ ſtück nahm ſie mich mit ſich in ihre neue Heimat, die 110 David Kopperfield. eine wunderhübſche kleine Heimat war. Von all den Möbeln darin muß ein gewiſſes altes Bureau ſich meinem Gedächtniß am deutlichſten eingeprägt haben. Daſſelbe ſtand im Putzſtübchen(das gewöhnliche Wohnzimmer war die mit Ziegeln gepflaſterte Küche) war von einer dunkeln Holzart und hatte oben eine Klappe, welche, wenn man ſie öffnete und herunterließ, zu einem Schreibe⸗ pulte wurde, in deſſen Hintergrunde eine dicke Quart⸗ ausgabe von Fox,„Buch der Märtyrer“, lag. Dieſen koſtbaren Band, aus dem ich mich nicht eines Wortes mehr erinnere, entdeckte ich augenblicklich, und eben ſo augenblicklich machte ich mich an ihn, und nimmer ſtat⸗ tete ich ſpäter dem Hauſe einen Beſuch ab, wo ich nicht auf einen Stuhl gekniet, den Juwelenſchrank, wo dieſer Edelſtein von einem Buche verwahrt lag, geöffnet, meine Arme über das Pult gebreitet hätte und von Neuem über das Werk hergefallen wäre, als ob ich es verſchlingen wollte. Ich war, fürcht' ich, höchlich erbaut von den Bildern, welche ſehr zahlreich waren und alle Arten von grauſigen Peinigungen darſtellten; aber die Märtyrer und Peggotty's Haus blieben ſeitdem und ſind noch jetzt in meiner Erinnerung unzertrennlich mit einander ver⸗ bunden. Ich nahm an dieſem Tage von Mr. Peggotty und Ham und Mrs. Gummidge und Klein⸗Emilchen Ab⸗ ſchied und verbrachte die Nacht in Peggotty's Hauſe, in einem kleinen Dachſtübchen, in welchem das Krokodilbuch auf einem Bücherbrette zu Häupten des Bettes ſich befand, und welches, wie Peggotty ſagte, für immer mir gehören und immer für mich in demſelben Stande bereit gehalten werden ſollte.. „Jung oder alt, liebſtes Davchen, ſo lange ich's Le⸗ David Kepperfield. 111 ben und dieſes Haus über meinem Kopfe habe,“ ſagte das gute Weib,„ſollſt Du's finden, als ob ich Dich jede Minute hier erwartete. Ich werde es alle Tage in Ord⸗ nung bringen, ganz ſo, wie ich Dein altes kleines Stüb⸗ chen vor Zeiten in Ordnung hielt, mein Herzeblatt; und wenn Du ſelber nach China gehen wollteſt, ſo kannſt Du denken, daß es ganz ſo bleiben ſoll, ſo lange Zeit, als Du weg biſt.“ Ich fühlte in meinem tiefſten Innern, wie treu und redlich meine gute alte Wärterin es mit mir meinte, und dankte ihr, ſo gut ich's vermochte, d. h. nicht eben ſehr gut; denn ſie ſprach dies zu mir ſo, daß ſie dabei ihre Arme um meinen Hals geſchlagen hatte, und es war des Morgens, und ich ſollte dieſen Morgen nach Hauſe gehen, und ich ging denn auch dieſen Morgen in ihrer und Mr. Barkis' Geſellſchaft im Karren des letzteren nach Hauſe ab. Sie verließen mich an der Gartenthür, wahrlich nicht frohen und leichten Herzens, und es war mir ein eigner Anblick, den Karren weiterfahren und Peggotty mit ſich hinwegnehmen und mich unter den alten Ulmen⸗ bäumen zurücklaſſen zu ſehen, wo ich nach dem Hauſe ſtarrte, in welchem kein Antlitz mehr war, das mit Liebe und Zärtlichkeit je wieder in das meine geſchaut hätte. Und nun verfiel ich in einen Zuſtand von Vernach⸗ läſſigung, auf welchen ich nicht ohne ein Gefühl von Mit⸗ leid mit mir ſelbſt zurückblicken kann. Ich befand mich plötzlich ganz einſam und verlaſſen— getrennt von aller Theilnahme meiner Freunde, getrennt vom Umgange mit allen übrigen Knaben meines Alters, getrennt von aller Geſellſchaft, ausgenommen die meiner eignen verzagten Gedanken— ein Zuſtand, der ſeine trübe Stimmung 112 David Kopperfield. und Färbung auf dies Papier zu werfen ſcheint, während ich ſchreibe. Was hätte ich darum gegeben, wenn man mich in die ſtrengſte Schule geſendet hätte, die jemals gehalten worden; was hätte ich darum gegeben, wenn ich irgend⸗ wie, irgendwo etwas hätte lernen können! Nirgends dämmerte mir ſolch eine Hoffnung auf! Sie konn⸗ ten mich nicht leiden, und mit mürriſcher Strenge be⸗ obachteten ſie mich unverwandten Blickes. Mir iſt, als ob ſich Mr. Murdſtones Einnahmen um dieſe Zeit verrin⸗ gert hätten, doch thut das wenig zur Sache. Er konnte mich nicht ausſtehen, und indem er mich von ſich entfernt hielt, verſuchte er— und zwar mit Erfolg,— den Ge⸗ danken von ſich fern zu halten, daß ich Anſprüche an ihn habe. Ich wurde nicht gerade mißhandelt. Man ſchlug mich nicht, und man ließ mich nicht hungern, aber das Unrecht, das mir widerfuhr, wurde mir ohne Aufhören und Milderung und in einer ſyſtematiſchen, leidenſchafts⸗ loſen Weiſe angethan. Tag auf Tag, Woche auf Woche, Monat auf Monat ſah ich mich kalt behandelt und ver⸗ nachläſſigt. Ich frage mich manchmal, wenn ich daran denke, was ſie gethan haben würden, wenn ich von einer Krankheit befallen worden wäre, und bin ungewiß, ob ich in meinem einſamen Zimmer gelegen und mich die Zeit hindurch in gewohnter verlaſſener Weiſe gelangweilt oder ob mir irgend Eines beigeſtanden haben würde. Wenn Mr. und Miß Murdſtone zu Hauſe waren, nahm ich meine Mahlzeiten mit ihnen ein; in ihrer Ab⸗ weſenheit aß und trank ich für mich. Zu allen Zeiten aber trieb ich mich lungernd im Hauſe und in deſſen Nachbarſchaft herum, ohne daß man mich irgend einer —.,— David Kopperfield. 113 Beachtung gewürdigt hätte, ausgenommen, daß man eiferſüchtig darüber wachte, daß ich mir keine Freunde mache, indem man wahrſcheinlich dachte, ich werde mich ſonſt gegen einen derſelben beklagen. Aus dieſem Grunde geſchah es, daß Mr. Chillip mich zwar oft bat, ihn zu beſuchen(er war nämlich ein Wittwer, indem er mehre Jahre zuvor eine kleine dünne lichtblonde Frau verloren hatte, deren ich mich in meinen Gedanken immer nur mit einer gelblichen, wie Schildkrot gefleckten Katze erinnern kann) ich mich aber nur ſelten des Glückes erfreute, einen Nachmittag in dem Hinterzimmerchen ſeiner wund⸗ ärztlichen Anſtalt zu verbringen, wo ich dann irgend ein Buch las, das mir neu war, während der Duft der gan⸗ zen Apothekerkunſt mir in die Naſe ſtieg, oder wo ich un⸗ ter ſeiner Anweiſung etwas in einem Mörſer ſtieß. Aus demſelben Grunde, zu dem ohne Zweifel die alte Abneigung gegen ſie kam, erlaubte man mir nur ſel⸗ ten, Peggotty zu beſuchen. ·Getreu ihrem Verſprechen aber erſchien ſie jede Woche einmal, entweder mich im Hauſe zu beſuchen, oder mich irgendwo anders in der Nähe zu treffen, und niemals erſchien ſie mit leeren Händen. Aber oft und bitter ſah ich mich getäuſcht, wenn ich um die Erlaubniß, ſie in ihrem Hauſe zu beſuchen, bat und ab⸗ gewieſen wurde. Einige Male jedoch, aber in langen Zwiſchenräumen, geſtattete man mir, hinzugehen, und da entdeckte ich denn, daß Mr. Barkis ein Geizhals, oder wie Peggotty als getreue Ehehälfte es ausdrückte,„ein Bischen genau“ war und einen Haufen Geld in einem Ka⸗ ſten unter ſeinem Bette ſtehen hatte, von dem er vorgab, er ſei blos voll alter Röcke und Hoſen. In dieſem Koffer verbargen ſich ſeine Reichthümer mit ſolch einer hartnäcki⸗ gen Beſcheidenheit vor den Augen Anderer, daß die ge⸗ David Kopperfield. II. 8 114 David Kopperfield. ringſten Eingriffe nur mit Anwendung von Liſt unter⸗ nommen werden konnten, ſo daß Peggotty für all ihre ſonnabendlichen Ausgaben einen langen und wohlausge⸗ arbeiteten Plan, eine wahre Pulververſchwörung, zu er⸗ ſinnen hatte. Dieſe ganze Zeit hindurch war ich mir über die völlige Nichtigkeit aller der Verſprechen, die ich gegeben. wie über meine äußerſte Vernachläſſigung ſo klar, daß ich mich ohne Zweifel vollkommen elend gefühlt haben würde, wären die alten Bücher nicht geweſen. Dieſe waren meine einzige Erholung, und ich blieb ihnen ſo treu, wie ſie mir, und las ſie, ich weiß nicht wie oft, immer und immer wieder. Ich nähere mich nun einer Periode meines Lebens, deren Erinnerung mich nie verlaſſen wird, ſo lange ich mich überhaupt noch an etwas erinnere,zund deren Bild oftmals, ohne daß ich es gerufen, aus meinem Gedächt⸗ niß aufgeſtiegen und wie ein Geiſt vor mich getreten iſt und glücklichere Zeiten als Spukgeſtalt heimgeſucht hat. Ich war eines Tages ausgeweſen, um in der unacht⸗ ſamen, in mich gekehrten Weiſe, die meine Verhältniſſe mit ſich brachten, irgendwo umherzuſchlendern, als ich, eben um eine Wieſenecke in der Nähe unſers Hauſes biegend, auf Mr. Murdſtone traf, welcher mit einem Herrn des Weges daher kam. Ich war verlegen und wollte an ihnen vorbei gehen, als der Herr rief: „Was! Iſt das nicht Brooks!“ „Nein, mein Herr, ich heiße David Koppperfield,“ ſagte ich. „Dummes Zeug. Sie ſind Brooks““ ſagte der Herr. „Sie ſind Brooks von Sheffield, das iſt Ihr Name.“ Auf dieſe Worte betrachtete ich mir den Gentleman ** — — David Kopperfield. 115 genauer. Sein Gelächter kam meinem Gedächtniſſe zu Hilfe, ich erkannte in ihm Mr. Quinion, den ich mit Mr. Murdſtone zu Lowestoft getroffen, ehe— nun das thut nichts zur Sache— ich brauche nicht daran zu er⸗ innern, wann. 1 „Und wie geht's Ihnen, und wo ſind Sie erzogen, Brooks?“ ſagte Mr. Quinion. Er hatte ſeine Hand auf meine Schulter gelegt und mich umgedreht, um mit ihnen zu gehen. Ich wußte nicht, was ich antworten ſollte, und warf einen zweifelhaf⸗ ten Blick auf Mr. Murdſtone. „Er iſt gegenwärtig zu Hauſe,“ verſetzte der Letztere. „Er iſt nirgendwo erzogen. Ich weiß nicht, was ich mit ihm anfangen ſoll. Er iſt ſchwer zu behandeln.“ Der bekannte doppelte Blick ruhte einen Augenblick auf mir, und dann verdunkelte ſein Auge ein böſer Ge⸗ danke, als er es in ſeiner Abneigung gegen mich anders⸗ wohin wandte. „Hm,“ ſagte Mr. Quinion, indem er uns Beide, wie mich dünkte, anſah.„Hübſches Wetter heute.“ Schweigen trat ein, und eben überlegte ich mir, wie ich am beſten meine Schulter von ſeiner Hand befreien und wegkommen könnte, als er ſagte: „Ich vermuthe, Sie ſind immer noch ein ziemlich pfiffiger Patron, Herr Brooks?“ „O ja. Er iſt pfiffig genug,“ verſetzte Mr. Murd⸗ ſtone ungeduldig.„Aber Sie hätten beſſer gethan, ihn laufen zu laſſen. Er wird Ihnen keinen Dank dafür wiſſen, daß Sie ihn ſtören.“ Auf dieſen Wink ließ Mr. Quinion mich los, und ich machte mich davon und nach Hauſe. Als ich in den vordern Garten einlenkte, blickte ich mich um und ge⸗ 8* * 116 David Kopperfield. wahrte Mr. Murdſtone, der gegen das Friedhofpförtchen lehnte, und Mr. Quinion, der auf ihn redete. Sie ſahen mir Beide nach, und ich war mir bewußt, daß die Rede von mir war. Mr. Quinion ſchlief die Nacht in unſerm Hauſe. Nach dem Frühſtück am nächſten Morgen hatte ich ſchon meinen Stuhl weggeſtellt und wollte mich eben aus dem Zimmer begeben, als Mr. Murdſtone mich zurück rief. Er ging dann mit ernſter Miene an einen andern Tiſch, wo ſeien Schweſter an ihrem Pulte ſaß. Mr. Quinionſtand, die Hände in den Taſchen, am Fenſter und ſchaute hinaus, und ich ſtand da und blickte ſie Alle der Reihe nach an. „David,“ begann Mr. Murdſtone,„junge Leute ſind in dieſer Welt, um thätig zu ſein, nicht, um darin herum⸗ zuduſeln und zu faulenzen.“ „Wie Dus's machſt,“ fügte ſeine Schweſter hinzu. „Jane Murdſtone,“ fuhr Mr. Murdſtone auf, „überlaß das gefälligſt mir. Ich ſage, David, junge Leute ſind in der Welt, um thätig zu ſein, nicht, um darin herumzuduſeln und zu faulenzen. Dies gilt vor⸗ zugsweiſe von einem Knaben von Deiner Gemüthsart, welche in vielfacher Beziehung eine gründliche Umände⸗ rung erfahren muß, und welcher kein größerer Dienſt erwieſen werden kann, als wenn ſie zur Arbeit angehalten und gebeugt und gebrochen wird.“ „Deine Hartnäckigkeit kommt hier nicht durch,“ ſagte ſeine Schweſter.„Was dieſer Gemüthsart Noth thut, iſt, daß ſie zerknickt wird. Und zerknickt muß ſie werden, ſoll ſte auch werden!“ Er warf ihr einen halb verweiſenden, halb billigen⸗ den Blick zu und fuhr fort: „Ich glaube, Du weißt, David, daß ich nicht reich N — David Kopperfield. 117 bin. Auf jeden Fall weißt Du's jetzt. Du haſt bereits einige nicht unbeträchtliche Erziehung erhalten. Dieſe Erziehung iſt koſtſpielig, und geſetzt auch, ſie wäre dies nicht und ich könnte ſie Dir gewähren, ſo hege ich doch die Meinung, daß es Dir überhaupt nicht von Nutzen ſein wird, eine Schule zu beſuchen. Was Dir bevor⸗ ſteht, iſt ein Kampf mit der Welt, und je eher Du da⸗ mit beginnſt, deſto beſſer.“ Mir iſt, als ob mir dabei in meiner Einfalt einge⸗ fallen wäre, daß ich ihn ſchon begonnen gehabt; und wenn dies nicht der Fall, ſo fällt mir's wenigſtens jetzt ein. „Du haſt manchmal gehört, wie, das Geſchäftslokal“ erwähnt wurde,“ ſagte Mr. Murdſtone. „Das Geſchäftslokal?“ wiederholte ich. „Von Murdſtone und Grinby, das Weingeſchäft,“ erwiederte er. Ich ſah vermuthlich ſo aus, als ob ich ihn nicht recht begriffe; denn er fuhr haſtig fort: „Du haſt gehort, wie das Geſchäftslokal oder die Handlung, oder die Keller, oder die Werfte, oder ſo was dergleichen erwähnt wurden.“ „Ich glaube, daß ich die Handlung erwähnen hörte, Herr Murdſtone,“ verſetzte ich, indem ich mich erinnerte, was ich von ſeinen und ſeiner Schweſter Hilfsquellen ſo obenhin erfahren hatte.„Aber ich weiß nicht, wann.“ „Ganz einerlei, wann,“ entgegnete er. Mr. Qui⸗ nion leitet dieſe Handlung.“ Ich warf einen ehrerbietigen Blick auf den letztern, welcher noch immer am Fenſter ſtand und hinausſah. Mr. Quinion benachrichtigt mich, daß das Geſchäft mehren andern Knaben Arbeit giebt, und daß er keinen 118 David Kopperfield. Grund ſieht, warum es nicht unter denſelben Bedingun⸗ gen auch Dir Arbeit geben ſollte.“ „Das heißt, ſagte Mr. Quinion mit leiſer Stimme und indem er ſich halb umdrehte,„wenn er keine andern Ausſichten hat.“ Mr. Murdſtone fuhr mit einer ungeduldigen oder vielmehr ärgerlichen Geberde, ohne zu beachten, was er ſagte, fort: „Dieſe Bedingungen ſind, daß Du Dir genug ver⸗ dienſt, um für Dein Eſſen und Trinken und Dein Ta⸗ ſchengeld ſorgen zu können. Deine Wohnung, für welche ich Anordnung getroffen, wird von mir bezahlt werden. Ebenſo ſoll Deine Wäſche—“ „Dieſe werd' ich unter meiner Aufſicht halten,“ fuhr ſeine Schweſter dazwiſchen. .„Auch nach Deinen Kleidern ſoll geſehen werden,“ ſagte Mr. Murdſtone,„da Du jetzt noch nicht im Stande ſein wirſt, ſie Dir ſelbſt anzuſchaffen. So alſo, David, wirſt Du jetzt mit Mr. Quinion nach London gehen, um in der Welt auf eigne Rechnung zu leben.“ „Kurz, Du biſt verſorgt,“ bemerkte ſeine Schweſter, „und wirſt nun ſo gefällig ſein, Deine Schuldigkeit zu thun.“ Obſchon ich wohl begriff, daß der Zweck, der dieſer Eröffnung zu Grunde lag, kein andrer als der war, mich los zu werden, ſo erinnere ich mich doch nicht genau, ob ich dieſelbe mit Freude oder mit Schrecken aufnahm. Der Eindruck, den der Gedanke daran jetzt auf mich macht, iſt der, daß ich in einem Zuſtande der Verwirrung geweſen ſein und zwiſchen jenen beiden Punkten geſchwankt, aber keinen berührt haben muß. Auch hatte ich nicht viel Zeit, [O/——— David Kopperfield. 119 meine Gedanken darüber zu klären und zu ordnen, da Mr. Quinion den Morgen darauf abreiſen wollte. Denke man ſich mich an dieſem Morgen, einen abge⸗ tragenen kleinen weißen Hut auf, um welchen meiner Mutter wegen ein ſchwarzer Kreppſtreifen befeſtigt war, ein ſchwarzes Jäckchen an und in einem Paar harten, ſteifen Corduroy⸗Hoſen ſteckend, welche Miß. Murdſtone als die geeignetſten Beinſchienen in jenem Kampfe mit der Welt betrachtete, welcher jetzt beginnen ſollte; denke man ſich mich in dieſem Anzuge, all mein Bischen irdiſchen Beſitz in einem kleinen Koffer vor mir(ein armes un⸗ glückliches Kind, wie Mrs. Gummidge ſich ausgedrückt haben würde) in dem Poſtwagen ſitzen, welcher Mr. Qui⸗ nion zur Londoner Landkutſche nach Yarmouth brachte. Ha, wie unſer Haus und die Kirche des Dorfes in der Entfernung kleiner und kleiner werden; wie das Grab unter dem Baume durch dazwiſchentretende Gegenſtände meinem Auge entrückt wird; wie die Stange auf meinem alten Spielplatze nicht mehr nach aufwärts weiſt und der Himmel und der Geſichtskreis ſich leeren. Elftes Kapitel. Ich fange an, auf eigene Rechnung zu leben, und es will mir nicht gefallen. Ich kenne die Welt jetzt gut genug, um die Fähigkeit, mich über irgend etwas ſehr zu verwundern, ſchier verlo⸗ ren zu haben; und doch wundere ich mich ſelbſt jetzt eini⸗ germaßen darüber, daß man mich ſo ohne Weiteres in ſolch einem Alter aus dem Hauſe gejagt hat. Ein Kind von hervorragenden Fähigkeiten und vorzüglich ſtark im Beobachten der Dinge, ein lebhaftes, leichtbegreifendes, zartfühlendes Kind, und doch ſo bald leiblich und geiſtig verdorben: wahrlich, es ſcheint mir verwunderlich, daß Niemand zu meinen Gunſten auch nur einen Wink fallen gelaſſen haben ſollte. Aber es geſchah nichts der Art, und ſo wurde ich in meinem zehnten Jahre ein kleiner Tagelöhner in Dienſten von Murdſtone und Grinby. Murdſtone und Grinby's Waarenhaus war an der Waſſerſeite. Es befand ſich unten im Blackfriars⸗Viertel. Neuerliche Verſchönerungen haben ſeitdem den Platz ver⸗ ändert. Aber es war das letzte Haus am Ende einer A David Kopperſield. 12 langen Gaſſe, die ſich abwärts nach dem Fluſſe zu krümmte, und wo zuletzt einige Stufen vom Ufer hinab⸗ führten, an denen die Leute in die Boote ſtiegen. Es war ein altes baufälliges Haus mit einem dazu gehörigen Anlandeplatze, das während der Fluth in's Waſſer und während der Ebbe in den Schlamm hinausragte und buchſtäblich von Ratten wimmelte. Seine holzgetäfelten Zimmer, deren Farben mit dem Schmutze und Rauche von hundert Jahren bedeckt waren, ſeine verfallenen Hausfluren und Treppen, das Quiken und Hinundher⸗ rammeln der alten grauen Ratten in den Kellern, der Schmutz und die Verrottetheit des ganzen Ortes: alles das ſind Dinge, welche in meinem Gemüthe bewahrt ſind, nicht als ob ich ſie vor vielen Jahren, ſondern als ob ich ſie in dieſem Augenblicke erſt geſehen hätte. Sie ſtehen alle vor mir, gerade ſo wie in der böſen Stunde, wo ich, meine zitternde Hand in der von Mr. Quinion, zum er⸗ ſten Male zwiſchen ihnen hindurchging. Das Geſchäft von Mr. Murdſtone und Grinby hatte mit einer großen Menge Leuten zu thun, aber ein wichti⸗ ger Zweig deſſelben beſtand in der Befrachtung gewiſſer Packetſchiffe mit Wein und Spirituoſen. Ich habe jetzt vergeſſen, wo ſie hauptſächlich hingingen, aber ich glaube, daß mehrere von ihnen Reiſen ſowohl nach Oſt⸗ als nach Weſtindien machten. Ich beſinne mich, daß eine große Menge leerer Flaſchen eine der Folgen dieſes Handels⸗ zweigs war, und daß verſchiedene Männer und Knaben damit beſchäftigt waren, ſie gegen das Licht zu unterſu⸗ chen und die geſprungenen zurückzulegen und ſie zu ſpůlen und zu waſchen. Wenn es nicht viel leere Flaſchen gab, ſo hatten ſie Etiquetten auf volle zu kleben, oder Korke für dieſelben zurecht zu machen, oder Siegel auf die b2 David Kopperfield. Korke zu drücken, oder fertige Flaſchen in Kiſten zu ver⸗ packen. Alle dieſe Dinge waren von jetzt an meine Ar⸗ beit, und ich war einer der dabei beſchäftigten Knaben. Ich rechne, daß wir ihrer drei oder vier waren. Mein Arbeitsplatz war in einem Winkel des Waarenhauſes, wo Mr. Quinion mich ſehen konnte, wenn er ſich auf die unterſte Querleiſte ſeines Stuhls im Comptoir ſtellte und durch ein über ſeinem Pulte befindliches Fenſter nach mir blickte. Hierher hieß man am erſten Morgen meines unter ſo glücklicher Vorbedeutung beginnenden Lebens auf eigne Rechnung den älteſten der regelmäßig beſchäftigten Knaben mich an meine Arbeit weiſen. Sein Name war Mick Walker, und er trug eine zerlumpte Schürze und eine Mütze von Papier. Er erzählte mir, daß ſein Va⸗ ter ein Barkenführer ſei und bei des Lord Mayors Auf⸗ zug in einer ſchwarzen Sammtmütze ginge. Ebenſo be⸗ lehrte er mich, daß unſer erſter Arbeitskamerad ein andrer Knabe wäre, den er mir unter dem— für mich wenigſtens— wunderlichen Namen„Mehlige Kartoffel“ vorſtellte. Ich machte jedoch die Entdeckung, daß dieſer Jüngling nicht auf dieſen Namen getauft, ſondern daß er ihm in dem Waarenhauſe gegeben worden ſei, und zwar wegen ſeiner Geſichtsfarbe, welche bleich oder mehl⸗ weiß war. Mehligs Vater war ein Gondelführer, welcher mit dieſer wäſſrigen Eigenſchaft auch noch die eines Feuer⸗ manns verband, indem er nämlich als ſolcher bei einem der großen Theater angeſtellt war, wo eine junge Ver⸗ wandte Mehligs— ich glaube ſeine kleine Schweſter— ein Teufelchen in der Pantomime ſpielte. Die geheime Seelenqual, welche ich litt, als ich in ſolche Geſellſchaft verſank, können Worte nicht wiederge⸗ ben; die Seelenqual, wenn ich dieſe Kameraden, mit wel⸗ David Kopperfield. chen ich fortan täglich Umgang pflegen mußte, mit denen meiner glücklichern Kindheit verglich— nicht zu geden⸗ ken an Steerforth, Traddles und die übrigen jener Kna⸗ ben; die Seelenqual, wenn ich fühlte, wie meine Hoff⸗ nung, zu einem gelehrten und hochgeſtellten Manne auf⸗ zuwachſen, in meinem Buſen allzumal vernichtet wurde. Die tiefgewurzelte Erinnerung an das Gefühl, das ich hatte, nun ganz und gar hoffnungslos zu ſein; an die Scham, die ich über meine Stellung empfand; an den Jammer, der mein jugendliches Herz bei dem Glauben durchſchnitt, daß Tag für Tag Alles, was ich gedacht, was ich gelernt, worüber ich mich gefreut, wodurch mein Geiſt erhoben und mein Ergeiz angeſpornt worden war, daß, ſage ich, alles Dies nach und nach mir entſchwinden ſollte, um nie wiederzukehren, kann nicht beſchrieben werden. So oft Mick Walker im Laufe dieſes Vormit⸗ tages wegging, vermiſchte ich meine Thränen mit dem Waſſer, in dem ich die Flaſchen wuſch, und ſeußzte, als ob in meiner eignen Bruſt ein Riß, und als ob ſie in Gefahr wäre, ganz zu zerſpringen. Die Uhr im Comptoir wies auf halb eins, und all⸗ gemein rüſtete man ſich, zu Tiſche zu gehen, als Mr. OQuinion an das Comptoirfenſter klopfte und mich herein⸗ kommen ließ. Ich ging hinein und fand daſelbſt einen unter⸗ ſetzten Mann in mittleren Jahren, welcher einen blauen Ueberrock und ſchwarze Kniehoſen und Schuhe trug und auf ſeinem Kopfe, welcher ſehr dick und ſehr glänzend war, nicht mehr Haare hatte, als auf einem Cie ſind. Er hatte ein ſehr breites Geſicht, welches er mir voll zu⸗ kehrte. Seine Kleider waren höchſt ſchäbig, aber er trug ſtaunenerregend große Vatermörder. Er ſtützte ſich auf einen leichten Stock, an dem ein Paar dicke ſchmutzige David Kopperfield. Quaſten befindlich waren, und über ſeinem Rocke hing eine Lorgnette herunter— blos zur Zierde, wie ich ſpä⸗ ter fand; denn er ſah nur ſehr ſelten hindurch, und wenn er dies that, ſo konnte er nichts ſehen. „Das iſt er,“ verſetzte Mr. Quinion, indem er mich meinte. „Das alſo,“ ſagte der Fremde mit einem gewiſſen herablaſſenden Tone in ſeiner Stimme und einer gewiſſen unbeſchreiblichen Miene, als ob er etwas Großartiges vollbrächte, was beides auf mich einen großen Eindruck machte,„iſt Musje Kopperfield. Sie befinden ſich hoffent⸗ lich wohl, junger Herr?“ Ich ſagte, daß ich mich wohl befinde, wie hoffentlich auch er. Gott weiß, daß mir's gerade ſchlecht genug ging; aber es lag in dieſer Zeit meines Lebens nicht in meiner Natur, viel zu klagen, und ſo ſagte ich, daß ich mich wohl befinde, wie hoffentlich auch er. „Ich bin,“ ſagte der Fremde,„Gott ſei Dank ganz wohl. Ich habe einen Brief von Mr. Murdſtone erhal⸗ ten, in welchem er erwähnt, daß er wünſche, ich möge in ein Zimmer meines Hauſes, welches gegenwärtig un⸗ beſetzt iſt— und, um kurz zu ſein, als ein— um kurz zu ſein—“ ſagte der Fremde, indem er lächelte und ſich ſelbſtzufrieden aufblies,„als ein Schlafkabinet überlaſſen werden kann, den jungen Anfänger aufzunehmen, welchen ich jetzt das Vergnügen habe, zu—“ und der Fremde machte eine grüßende Handbewegung und fuhr mit dem Kinn in ſeine Vatermörder zurück. „Dies iſt Mr. Micawber,“ ſagte Mr. Quinion zu mir. „Hem!“ ſagte der Fremde.„Das iſt mein Name.“ V — —— David Kopperfield. 125 „Mr. Micawber,“ fuhr Mr. Quinion fort,„iſt ein Bekannter von Mr. Murdſtone. Er bekommt von uns Auf⸗ träge als Commiſſionär, wenn er Gelegenheit hat, was abzuſetzen. Mr. Murdſtone hat ihm in Betreff Ihres Lo⸗ gis geſchrieben, und er will Sie als Miethsmann auf⸗ nehmen.“ „Meine Adreſſe,“ ſagte Mr. Micawber,„iſt Windſor Terraſſe, Altſtädter Straße. U— um kurz zu ſein,“ fuhr er dann mit derſelben vornehmen Miene und indem er ſich abermals ſelbſtzufrieden aufblies, fort„ich lebe dort.“ Ich machte ihm eine Verbeugung. „In der Vorausſetzung,“ verſetzte Mr. Micawber, daß Ihre Wanderungen in dieſer Hauptſtadt bis jetzt noch nicht ſehr ausgedehnt geweſen ſind, und daß Sie einige Schwierigkeit haben könnten, ſich durch die Ge⸗ heimniſſe des modernen Babylon in der Richtung der Alt⸗ ſtädter Straße hindurchzufinden,— na, um kurz zu ſein,“ ſagte Mr. Micawber, indem er ſich wiederum ſelbſtzufrie⸗ den aufblies,„in der Meinung, daß Sie ſich verlaufen möchten, werde ich das Vergnügen haben, dieſen Abend herzukommen und Sie in die Kenntniß des nächſten Weges einzuweihen.“ Ich dankte ihm von ganzem Herzen; denn es war freundlich von ihm, ſich zur Uebernahme dieſer Mühe anzubieten. „Um welche Stunde,“ ſagte Mr. Micawber,„ſoll ich—“ „Gegen acht Uhr,“ ſagte Mr. Quinion. „ Alſo gegen acht,“ ſagte Mr. Micawber.„Erlau⸗ ben Sie mir, Ihnen einen guten Tag zu wünſchen, Mr. OQuinion. Ich will Sie nicht länger beläſtigen.“ 126 David Kopperfield. Hiermit ſetzte er ſeinen Hut auf und ging hinaus, ſein Rohr unter dem Arme. Er warf ſich ſehr in die Bruſt und ſummte, als er aus dem Comptoir kam, ein Liedchen vor ſich hin. Hierauf wurde ich von Mr. Quinion förmlich in Pflicht genommen, in dem Waarenlager von Murdſtone und Grinby ſo nützlich als möglich zu ſein, und zwar, wie ich glaube, für ein Wochenlohn von ſechs Schilling. Ich bin mir nicht genau bewußt, ob es ſechs oder ſieben Schilling waren. Ich bin wegen meiner Unſicherheit über dieſen Punkt geneigt, zu glauben, daß es zuerſt ſechs und ſpäter ſieben waren. Er zählte mir(wahrſcheinlich aus ſeiner eignen Taſche) eine Woche auf, wovon ich ſechs Pence meinem Kameraden Mehlich gab, damit er mir meinen Koffer, deſſen Schwere, ſo klein er war, doch meine Kräfte überſtieg, nach der Windſor Terraſſe beſorgen ſollte. Andere ſechs Pence zahlte ich für meine Mittagsmahlzeit, welche in einer Fleiſchpaſtete und einem Trunk aus dem benachbarten Brunnen beſtand, und worauf ich die Stunde, welche zu dieſem Mahle geſtattet war, mit einem Spazier⸗ gange durch die Straßen verbrachte. Zur beſtimmten Zeit des Abends erſchien Mr. Mi⸗ cawber wieder. Ich wuſch mir, um ſeinem vornehmen Weſen mehr Chre anzuthun, Hände und Geſicht, und ſo gingen wir zuſammen nach unſerm Hauſe, wie ich's jetzt nennen zu müſſen glaube, auf welchem Wege Mr. Mi⸗ cawber mir die Namen der Straßen und die Geſtalt der Eckhäuſer einprägte, damit ich meinen Weg am Morgen leichter zurückfinden könnte. Nachdem wir an ſeinem Hauſe auf der Windſor Ter⸗ raſſe angekommen waren(welches, wie ich bemerkte, ſo ſchäbig, als er ſelbſt, war, aber, und zwar wieder wie er — 2 0‿ 82 David Kopperfield. 127 ſelbſt, ſich ſpreizte, ſo ſehr es konnte) ſtellte er mich Mrs. Micawber vor, einer magern, welken, nicht mehr allzu⸗ jungen Dame, welche mit einem Kinde an der Bruſt im Wohnzimmer ſaß. Das Parterre war gar nicht möblirt, und ſie hatten die Laden geſchloſſen, um die Nachbarn über dieſen Zuſtand im Ungewiſſen zu laſſen. Der Säugling gehörte zu einem Paar Zwillingen, und ich bemerke hier, daß ich ſchwerlich jemals, ſoweit ich die Familie kennen lernte, beide Zwillinge zu derſelben Zeit von Mrs. Mi⸗ cawber entfernt geſehen habe. Einer von ihnen nahm ſtets eine Erfriſchung an ihr ein. Außerdem gab's noch zwei Kinder: einen jungen Herrn Micawber, im Alter von vier, und ein kleines Fräulein Micawber, im Alter von drei Jahren. Dieſe und ein ſchwarzbraunes junges Frauenzimmer, welches die Gewohnheit hatte, laut zu ſchnarchen, und das Dienſt⸗ mädchen der Familie war, und ehe eine halbe Stunde vorüber, mich in Kenntnißgeſetzt hatte, daß ſie ein Waiſenkind ſei und aus der benachbarten Armenanſtalt zu St. Lukas komme, vervollſtändigten den Hausſtand. Mein Zimmer befand ſich auf dem Boden des Hauſes und ging nach hinten hinaus. Es war ein enges Kämmerchen, welches durch⸗ weg mit einer Verzierung, die meiner kindlichen Phantaſie wie ein blaues Müffchen vorkam, ſchablonirt und ſehr ärmlich ausmöblirt war. „Ich hätte niemals gedacht,“ ſagte Mrs. Micawber, als ſie mit dem Zwilling und der ganzen Cleriſei hinterher heraufkam, um mir das Zimmer anzuweiſen, und ſich geſetzt hatte, um Athem zu ſchöpfen,„ich hätte vor meiner Verheirathung, als ich bei Papa und Mama lebte, nie⸗ mals gedacht, daß ich mich je gezwungen ſehen könnte, jemand in's Logis zu nehmen. Aber Mr. Micawber be⸗ — 6 128 David Kopperfield. findet ſich in ſchwierigen Verhältniſſen, und da muß jeder Hinblick auf das, was man im Innern fühlt, der Noth⸗ wendigkeit Raum geben.“ 5 Ich ſagte:„Ja wohl, Madam.“ „Mr. Micawbers Verhältniſſe ſind gerade jetzt faſt erdrückend,“ fuhr Mrs. Micawber fort;„und ich weiß nicht, ob es möglich iſt, daß er ſich durchſchlägt. Als ich zu Hauſe bei Papa und Mama lebte, würde ich in der That kaum verſtanden haben, was das Wort ſchwierige Verhältniſſe, in dem Sinne, in welchem ich es jetzt an⸗ wende, bedeute, aber experientia docet— wie Papa zu ſagen pflegte.“ Ich weiß mich nicht zu entſinnen, ob ſie mir's er⸗ zählt hat, daß Mr. Micawber ein Officier der Marine geweſen ſei, oder ob ich mir das eingebildet habe. Ich weiß nur, daß ich bis dieſe Stunde glaube, daß er ein⸗ mal bei der Marine geweſen, ohne daß ich wüßte, weshalb ich das glaube. Er war jetzt eine Art Colpor⸗ teur für eine Anzahl verſchiedener Handelshäuſer, machte aber, wie ich fürchte, wenig oder gar keine Geſchäfte. „Wenn Mr. Micawbers Gläubiger ihm nicht Zeit geben wollen,“ ſagte Mrs. Micawber,„ſo müſſen ſie die Folgen auf ſich nehmen, und je eher ſie die Sache zum Ausbruche bringen, deſto beſſer. Blut kann man nicht aus einem Steine zapfen, und ebenſo wenig kann gegen⸗ wärtig(nicht zu gedenken der Gerichtskoſten) irgend etwas von Mr. Micawber erlangt werden.“ Ich kann mir nie recht erklären, ob meine frühzeitige Selbſtſtändigkeit Mrs. Micawber hinſichtlich meines Alters irre führte, oder ob ſie ſo voll von dem Gegenſtande war, daß ſte darüber ſelbſt zu den Zwillingen geſprochen haben würde, wenn ſonſt niemand vorhanden geweſen wäre, dem David Kopperfield. 129 ſie ihre Noth hätte klagen können;— genug, dies war die Art, wie ſte den Faden anknüpfte, den ſie in ähnlicher Weiſe fortſpann, ſo lange ich ſie kannte. Die arme Mrs. Micawber! Sie ſagte, ſie habe ver⸗ ſucht, ſelbſt etwas zur Verbeſſerung ihrer Lage beizutragen, und ſie hatte dies ohne Zweifel auch gethan. Die Mitte der Hausthür war vollſtändig von einer großen Meſſing⸗ tafel bedeckt, auf welcher„Mrs. Micawber's Koſtſchule für junge Damen“ eingegraben war, aber nie hörte ich, daß jemals eine junge Dame dort in der Schule geweſen wäre, oder daß eine gekommen wäre, oder eine ſich's vor⸗ genommen hätte. Die einzigen Beſucher, die ich ſah, oder von denen ich hörte, waren Gläubiger. Dieſe pflegten alle Stunden zu kommen, und manche von ihnen waren fuchswild. So pflegte ein Mann mit einem ſchmutzigen Geſichte, ich meine, es war ein Schuhmacher, ſich ſchon vor ſieben Uhr Morgens in die Hausflur zu drängen und die Treppe hinauf nach Mr. Micawber zu ſchreien:„Na, heruntergekommen,“ rief er,„wiſſen Sie wohl, Sie ſind noch nicht ausgegangen. Bezahlen Sie uns, machen Sie. Wiſſen Sie wohl, Sie brauchen ſich nicht zu verſtecken; das iſt gemein. Ich würde an Ihrer Stelle nicht gemein ſein. Bezahlen Sie uns, machen Sie. Hören Sie wohl, Sie ſollen uns auf der Stelle bezahlen! Na, vorwärts, herunter!“ Und wenn er auf dieſe Vorwürfe keine Ant⸗ wort erhielt, ſo pflegte er ſich in ſeiner Bosheit bis zu den Schimpfwörtern„Schwindlergeſellſchaft“ und„Räu⸗ berbande“ zu verſteigen, und wenn auch dieſe wirkungs⸗ los blieben, ſo ließ er ſich manchmal zum Aeußerſten ver⸗ leiten, indem er nämlich quer über die Straße ging und von der entgegengeſetzten Seite nach dem zweiten Geſtocke heraufbrüllte, wo, wie er wußte, Mr. Micawber war. Bei David Kopperfield. II. 9 David Kopperfield. ſolchen Gelegenheiten pflegte Mr. Micawber vor Kummer und Verdruß außer ſich zu ſein; ja er ging zuletzt(wie ich einmal durch ein Aufkreiſchen ſeiner Frau gewahr wurde) ſo weit, daß er mit einem Raſirmeſſer verdächtige Bewegungen gegen ſeinen Hals machte. Aber kaum eine halbe Stunde darauf putzte er ſeine Schuhe mit außer⸗ ordentlicher Anſtrengung blank und ging, ein Liedchen ſummend, mit einer vornehmeren Miene als jemals aus. Mrs. Micawber war ganz ebenſo elaſtiſcher Natur. Ich ſah ſie um drei Uhr über die Einforderung der Steuern Anfälle von Ohnmacht bekommen und um vier Uhr ganz luſtig Lammsbraten eſſen und warme Ale(bezahlt mit zwei Theelöffeln, die zum Pfandverleiher gewandert waren) trinken. Bei einer Gelegenheit, wo man gerade eine Auspfändung vorgenommen, ſah ich ſie, als ich durch Zufall ſchon um ſechs Uhr nach Hauſe kam, ohnmächtig (und natürlich einen der Zwillinge an ſich) unter dem Roſte des Kamins liegen, die wirren Haare alle über das Geſicht gezogen; aber nie fand ich ſie luſtiger, als dieſen ſelben Abend, als ſie ſich ein Kalbscotelet über dem Küchen⸗ feuer bereitete, wobei ſie mir Geſchichten von ihrem Papa und ihrer Mama und von den Geſellſchaften erzählte, die ſie bei ſich zu ſehen gepflegt.. In dieſem Hauſe und mit dieſer Familie verbrachte ich meine Mußeſtunden. Mein Frühſtück, das ich für mich beſtritt und einnahm, und welches aus einem Pfennig⸗ brote und für einen Pfennig Milch beſtand, bereitete ich mir ſelbſt. Ein andres kleines Brot und ein Stückchen Käſe bewahrte ich auf der Ruine eines Obertheils von der Ruine eines Speiſeſchrankes auf, um davon mein Abend⸗ eſſen zu halten, wenn ich des Abends nach Hauſe kam. Dies machte eine tiefe Höhle in die ſechs oder ſieben Schillinge David Kopperfield. 131 Wochenlohn, ich weiß wohl; und ich war den ganzen Tag im Waarenlager beſchäftigt, und mußte mich die ganze Woche hindurch von jenem Wenigen beköſtigen. Von Montag Morgens bis Sonnabend Nachts hatte ich keine Anweiſung, keinen Rath, keine Ermunterung, keinen Troſt, keinen Beiſtand, keine Hülfe irgend einer Art oder von irgend Jemand, deren ich mich erinnern könnte, ſo wahr ich in den Himmel zu kommen hofſe! Ich war ſo jung und kindiſch und ſo wenig begabt— und wie konnt' ich anders ſein?— meine Eriſtenzmittel gehörig zu verwalten, daß ich oft des Morgens, auf mei⸗ nem Gange zu Murdſtone und Grinby, den altbackenen Paſteten, welche am Fenſter des Paſtetenbäckers für den halben Preis auslagen, nicht zu widerſtehen vermochte und hierin das Geld verthat, welches ich für mein Mittags⸗ eſſen hätte aufheben ſollen. Dann ging ich mit leerem Magen herum oder kaufte mir eine Rolle oder ein Stück Pudding. Ich entſinne mich, daß es zwei Puddingladen gab, von denen ich, je nach dem Stande meiner Finanzen, bald dem einen, bald dem andern zuſprach. Der eine war in einem Hofe nahe bei der Marienkirche, gleich hinter der Kirche, welche jetzt ganz weggeriſſen iſt. Der Pudding in dieſem Laden war mit kleinen Roſinen geſpickt und allerdings ein beſonders ſchöner Pudding, aber theuer, indem das Stück für zwei Pfennige nicht größer als das Stück für einen Pfennig von einem Pudding geringerer Sorte war. Ein guter Laden für dieſe letztere Sorte be⸗ fand ſich auf dem Strand,— irgendwo in dem Theile, welcher ſeitdem umgebaut worden iſt. Es war dies ein dicker, bleichgelber, ſchwerer und welker Pudding mit großen geſchmackloſen Roſinen drin, welche ſehr weit aus⸗ einander geſteckt waren. Er kam alle Tage um meine 9* David Kopperfield. Erholungsſtunde heiß aus dem Ofen, und manchen Tag hielt ich meine Mittagsmahlzeit von demſelben. Bei meinen regelmäßigen Mahlzeiten hieß es gut gegeſſen, wenn ich ein Knackwürſtchen und ein Pfennigbrot oder eine Portion Pökelfleiſch für vier Pfennige aus der Garküche, oder einen Teller mit Brot und Käſe und ein Glas Bier aus einer elenden Schenke hatte, die unſerm Geſchäftsplatze gegen⸗ über lag und der Löwe— oder der Löwe und noch etwas drum und dran— hieß, das ich vergeſſen habe. Einmal, beſinne ich mich, mit meinem eigenen Brote(welches ich des Morgens von zu Hauſe mitbrachte) unter dem Arme, das wie ein Buch in ein Stück Papier eingewickelt war, nach einer ihrer Beefſteaks wegen berühmten Speiſewirthſchaft in der Nähe von Drury Lane gegangen zu ſein und eine„halbe Portion“ von dieſer Delicateſſe verlangt zu haben, um ſie zu verſpeiſen. Was der Kellner von ſolch einer wunder⸗ lichen kleinen Erſcheinung, die ſo ganz allein herein kam, gedacht haben mag, weiß ich nicht; aber ich ſehe ihn jetzt noch, wie er mich, während ich mein Eſſen zu mir nahm, anſtarrte und den andern Kellner herbeiholte, um mich ebenfalls zu betrachten. Ich gab ihm einen Halfpence als Trinkgeld, und ich wünſchte, er hätte ihn nicht genommen. Wir hatten meines Wiſſens eine halbe Stunde für das Veſperbrot frei. Wenn ich genug Geld hatte, ſo pflegte ich mir dann eine halbe Pinte Kaffee mit Zucker und Sahne und eine Portion Butterbrot zu kaufen. Hatte ich keins, ſo beſah ich mir einen Wildpretladen in Fleetſtreet, oder ich ſchlenderte während dieſer Zeit bis auf den Coventgarden⸗ Markt und ſtarrte die dort feilgebotenen Ananas an. Ich ſtrich auch ſehr gern um das Adelphitheater herum, weil mir's mit ſeinen dunkeln Schwibbögen ein ſo geheimniß⸗ voller Ort war. Ich ſehe mich noch eines Abends aus David Kopperſield. 133 einem dieſer Schwibbögen nach einer kleinen Schenke nahe am Fluſſe herausguken, vor welcher ein offener Platz war, wo mehrere Kohlenträger tanzten, denen zuzuſchauen ich mich auf eine Bank ſetzte. Ich wundere mich, was ſie von mir gedacht haben müſſen. Ich war ſolch ein Kind noch und ſo klein, daß oft, wenn ich an den Schenktiſch eines fremden Wirthshauſes ging und ein Glas Ale oder Porter forderte, um anzu⸗ feuchten, was ich zu Mittag gegeſſen, man ſich ſcheute, mir einzuſchenken. Ich entſinne mich, wie ich an einem heißen Abende an den Schenktiſch eines Wirthshauſes trat und zu dem Wirthe ſagte: „Was koſtet das Glas von Ihrem beſten— von Ihrem allerbeſten Ale?“ Es war bei einer ganz beſon⸗ dern Gelegenheit. Ich weiß nicht, bei welcher. Es wird wahrſcheinlich mein Geburtstag geweſen ſein.“ „Zwei und ein halb Pence,“ antwortete der Wirth, „iſt der Preis von dem ächten Doppelale.“ 4 „Dann,“ ſagte ich, indem ich das Geld hervorzog, „ſchenken Sie mir gefälligſt ein Glas von dem ächten Doppelten ein, aber hübſch reichlich gemeſſen, daß eine Mütze drauf ſteht.“ Der Wirth ſah mich ſtatt der Antwort über das Ge⸗ länder des Schenktiſches vom Kopfe bis zu den Füßen mit einem ſonderbaren Lächeln an, und anſtatt das Bier ein⸗ zugießen, blickte er ſich in dem Verſchlage um und ſagte etwas zu ſeiner Frau. Sie kam, ihre Nätherei in der Hand, aus dem Hintergrunde hervor und betrachtete mich gleich ihm. Da ſtanden wir alle drei, wie vom Himmel gefallen. Der Wirth in ſeinen Hemdärmeln lehnte ſich gegen den Rand des Schenktiſches, ſeine Frau gukte über die kleine Geländerthür, und ich ſchaute ſie einigermaßen David Kopperfield. verlegen von außerhalb der Stubenabtheilung an. Sie legten mir mancherlei Fragen vor, zum Beiſpiel, wie ich hieße, wie alt ich ſei, wo ich wohne, womit ich mich be⸗ ſchäftige, und wie ich dorthin gekommen ſei, auf alle welche Fragen ich, damit ich niemand bloßſtelle, die dazu geeig⸗ neten Antworten erfand. Sie dienten mir dann mit dem Ale, obwohl ich den Verdacht habe, daß es nicht das ächte doppelte war, und die Wirthin öffnete die kleine Geländerthür, beugte ſich nieder und gab mir mein Geld zurück und zugleich einen Kuß, halb vor Bewunderung und halb aus Mitleid, aber wahrlich ächt weiblich und gut gemeint. Ich weiß, daß ich die Aermlichkeit meiner Erwerbs⸗ quellen oder die Jämmerlichkeit meines Lebens durchaus nicht übertreibe, weder aus Unklarheit über meine dama⸗ ligen Verhältniſſe noch ſonſt unabſichtlich. Ich weiß, daß, wenn Mr. Quinion mir irgend einmal einen Schilling ſchenkte, ich ihn ſogleich in einem Mittagseſſen oder in einem Veſperbrot verthat. Ich weiß, daß ich vom Morgen bis an den Abend arbeitete, ein ärmlich und erbärmlich Kind unter gemeinen Männern und Knaben. Ich weiß, daß ich durch die Straßen lungerte, ohne genug und hin⸗ reichend zu eſſen zu haben. Ich weiß, daß ich, wenn mich Gott der Barmherzige nicht behütet hätte, ſehr leicht, wofern ſich nur Jemand die Mühe mit mir gegeben hätte, ein kleiner Räuber oder Herumſtreicher geworden wäre. Und dabei hielt ich's doch einige Zeit auf meinem Poſten bei Murdſtone und Grinby aus. Abgeſehen da⸗ von, daß Mr. Qinion verfuhr, wie ein gleichgiltiger viel⸗ beſchäftigter Mann in einem ſo außergewöhnlichen Falle verfährt, indem er ſich zu mir auf einen verſchiedenen Fuß als zu den Uebrigen ſtellte, merkte Niemand, weder David Kopperfield. 135 Mann noch Knabe an mir, wie es geſchehen, daß ich dort⸗ hin gekommen, und ich verrieth auch nicht durch das lei⸗ ſeſte Zeichen, daß ich mich dort nicht wohl befinde. Daß ich im Geheimen und daß ich über die Maßen litt, wußte außer mir kein Menſch. Wie ſehr ich aber litt, das zu erzählen, überſteigt, wie ich bereits geſagt, meine Kräfte ganz und gar. Aber ich verſchloß meine Gedanken in mich und that meine Arbeit. Ich wußte von vorn herein, daß, wenn ich kein ſo guter Arbeiter geweſen wäre, als einer der Uebrigen, ich mich nicht vor Geringſchätzung und Verachtung hätte bewahren können, und ſo wurde ich bald ſo gewandt und ſo geſchickt, als irgend einer von den Knaben. Obſchon ich auf vollkommen freundſchaft⸗ lichem Fuße mit ihnen ſtand, waren doch meine Auffüh⸗ rung und meine Sitten ſo verſchieden von den ihren, daß ich mich immer einen guten Schritt über ihnen befand. Sie und die Männer ſprachen von mir nicht anders als von dem„kleinen Herrchen“ oder dem„jungen Suffolker“. Ein gewiſſer Mann, Mamens Gregory, welcher der Oberſte unter den Packern war, und ein Anderer, Na⸗ mens Tipp, welcher den Tagelöhner machte und eine rothe Jacke trug, pflegten mich manchmal mit David anzureden, aber ich glaube, es geſchah dies meiſt, wenn wir im ver⸗ traulichen Geſpräche waren, und wenn ich mich ange⸗ ſtrengt hatte, ſie über unſrer Arbeit mit den Ergebniſſen meiner einſtigen Lecture zu unterhalten, welche ſehr bald aus meinem Gedächtniſſe verſchwanden. Die Mehlige Kartoffel empörte ſich einſt und rebellirte dagegen, daß ich dort was Beſſeres ſein wollte, aber Mick Walker ſetzte ihm den Kopf für immer zurecht. Meine Erlöſung aus dieſer Art zu exiſtiren, betrachtete ich als außer aller Hoffnung gelegen, mein Schickſal ſo⸗ 136 David Kopperfield. mit als durchaus und für immer zum Verderben entſchie⸗ den. Ich hege die innerlichſte Ueberzeugung, daß ich nimmer auch nur eine Stunde damit verſöhnt oder an⸗ ders als jämmerlich unglücklich war; aber ich trug es, und ſelbſt gegen Peggotty eröffnete ich, theils aus Liebe zu ihr und theils aus Scham, in keinem einzigen Briefe, obwohl wir deren fleißig wechſelten, die Wahrheit mei⸗ ner Lage. Zu dieſem traurigen Zuſtande meines Gemüths kam noch die ſchwierige Lage Mr. Micawbers. In mei⸗ nen elenden Verhältniſſen fühlte ich eine große Anhäng⸗ lichkeit an dieſe Familie, und ſtets trug ich mich auf meinen Gängen mit der Berechnung von Wegen und Mitteln, wie Mr. Micawber zu helfen ſei, und Tag und Nacht lag das Gewicht von ſeinen Schulden ſchwer auf mir. An jedem Samstag gegen Abend, wo ich meinen großen Schmaus zu halten pflegte— und zwar theils, weil es etwas Großartiges war, mit ſechs oder ſieben Schilling in der Taſche an den vielen Laden vorüber nach Hauſe zu gehen und hinein zu ſehen und zu bedenken, was ſich für ſolch eine Summe Alles kaufen ließe, theils auch, weil ich früher Feierabend hatte— pflegte Mrs. Micawber mir die herzerſchütterndſten Geſtändniſſe zu machen; ebenſo des Sonntags früh, wenn ich mir meine Portion Kaffee oder Thee, die ich den Abend zuvor ge⸗ kauft, in einem kleinen Einſeiftopfe zurechtmachte und ſpät noch beim Frühſtück ſaß. Es war durchaus nichts Ungewöhnliches, daß Mr. Micawber beim Beginn dieſer Abendunterhaltungen am Samſtag heftigſt ſeufzte und gegen das Ende derſelben ein luſtiges Liedchen von Jack und dem hübſchen Aennchen ſang. Ich habe ihn in Thränen ge⸗ badet und mit der Erklärung, daß nichts mehr übrig David Kopperfield. 137 bleibe, als ſich einſtecken zu laſſen, zum Abendeſſen nach Hauſe kommen und mit der Berechnung zu Bett gehen ſehen, wie ſich's machen ließe, daß das Haus Bogenfen⸗ ſter bekäme,„im Falle nämlich, daß ſich die Sache irgendwie zum Beſten wendete“, was ſein Lieblingsausdruck war. Und Mrs. Micawber war ganz ebenſo. Eine wunderbar gleiche Freundſchaft, die ihren Ur⸗ ſprung vermuthlich in der Aehnlichkeit unſerer gegenſei⸗ tigen Verhältniſſe nahm, entſtand, trotz der bedeutenden Ungleichheit unſerer Jahre, zwiſchen mir und dieſen Leu⸗ ten. Aber ich geſtattete mir niemals, ihre Einladung, auf ihre Koſten mit zu eſſen oder zu trinken, anzunehmen, indem ich wohl wußte, daß ſie es kaum vom Fleiſcher und Bäcker bekamen und oft ſelbſt nicht zu viel für ſich hatten, bis endlich Mrs. Micawber mich völlig in ihr Vertrauen zog. Dies that ſie eines Abends wie folgt: „Musje Kopperfield,“ ſagte ſie,„ich betrachte Sie als keinen Fremden, und deshalb ſtehe ich nicht an, Ihnen zu ſagen, daß Mr. Micawbers bedrängte Umſtände nahe daran ſind, zur Kriſis zu kommen.“ Es machte mich ſehr betrübt, dies zu hören, und ich ſah in Mrs. Micawbers rothe Augen mit dem äußerſten Mitleid. „Mit Ausnahme eines Reſtchens Schweizerkäſe— welches für die Bedürfniſſe einer jungen Familie nicht ausreicht—“ fuhr Mrs. Micawber fort,„iſt nicht ein Brocken mehr von irgend etwas in der Speiſekammer. Ich bin von der Zeit her, wo ich noch bei Papa und Mama war, gewohnt, von einer Speiſekammer zu ſpre⸗ chen, und ich brauche das Wort unwiſſentlich. Was ich damit ſagen wollte, iſt, daß nichts Eßbares mehr im Hauſe iſt.“ 138 David Kopperfield. „Gott im Himmel!“ rief ich in großer Beſtürzung. Ich hatte zwei oder drei Schillinge von meinem Wo⸗ chengelde in der Taſche— weshalb ich glaube, daß die⸗ ſes Geſpräch an einem Mittwochsabende ſtattgefunden haben muß— und ich zog dieſelben haſtig hervor und bat mit einer Rührung, die vom Herzen kam, Mrs. Mi⸗ cawber, dieſelbe als ein Darlehen anzunehmen. Aber dieſe Dame entgegnete, indem ſie mich küßte und mich zwang, ſte wieder in die Taſche zu ſtecken, daß daran kein Ge⸗ danke ſein könne. „Nein, mein lieber guter Musje Kopperfield,“ ſagte ſte,„fern ſei es, daß ich daran nur denken könnte! Aber Sie ſind von einer Discretion, welche über Ihre Jahre geht, und können mir einen Dienſt anderer Art erweiſen, wenn Sie wollen, einen Dienſt, den ich dankbar anneh⸗ men werde.“ Ich bat Mrs. Micawber, mir denſelben zu nennen. „Ich bin mit dem Silberzeuge ſelbſt fortgegangen,“ ſagte Mrs. Micawber.„Sechs Theelöffel, zwei Salzfäßchen und ein paar Zuckerdoſen, auf welche ich insgeheim mit eignen Händen Geld geborgt habe. Aber die Zwillinge feſſeln mich ſehr an's Haus, und für mich, mit meinen Erinnerungen an Papa und Mama, ſind derartige Gänge höchſt peinlich. Nun haben wir aber noch einige Kleinig⸗ keiten, die wir miſſen können. Mr. Micawbern würde ſein Gefühl nimmermehr erlauben, darüber zu verfügen, und Cliquett“— ſo hieß das Mädchen aus dem Armen⸗ hauſe—„iſt von gemeiner Geſinnung und würde ſich unausſtehliche Freiheiten herausnehmen, wenn ihr ſo viel Vertrauen erwieſen würde. Musje Kopperfield, ich möchte Sie daher erſuchen—“ David Kopperfield. 139 Ich begriff jetzt Mrs. Micawber und bat ſie, unbe⸗ ſchränkt über mich zu verfügen. Ich machte mich noch dieſen ſelben Abend über den Verkauf des beweglicheren Theiles der Habe her und ging alle Morgen, bevor ich mich zu Murdſtone und Grinby begab, auf eine ähnliche Expedition aus. Mr. Micawber hatte auf einer kleinen Chiffoniere einige wenige Bücher ſtehen, welche er die Bibliothek nannte. Dieſe mußten zuerſt ſpringen. Ich trug ſie, eines nach dem andern, in einen kleinen Buchladen in der Altſtädter Straße— deren einer Theil, und zwar der in der Nähe unſers Hauſes gelegene, faſt aus nichts, als aus Buchhandlungen und Laden mit Singvögeln be⸗ ſtand— und verkaufte ſie für das, was man geben wollte. Der Trödler, dem dieſer Laden gehörte, wohnte in einem kleinen Hauſe dahinter und hatte die Gewohnheit, ſich alle Abende einen Spitz zu kaufen und dafür alle Morgen von ſeiner Frau furchtbar ausgezankt zu werden. Mehr als einmal, wenn ich zeitig dorthin kam, gab er mir in ſeinem Bette, deſſen Decke zurückgeworfen war, Audienz. Dann hatte er gemeiniglich einen Riß in der Stirn oder ein blaues Auge, Zeugen ſeiner nächtlichen Ausſchweifungen (ich fürchte, er ſuchte Händel, wenn er betrunken war) und mit zitternder Hand mühte er ſich ab, die nöthigen Schil⸗ linge aus der einen oder der andern Taſche ſeiner Kleider herauszufinden, welche auf der Diele lagen, während ſeine Frau, welche mit niedergetretenen Schuhen, ein kleines Kind auf dem Arme, hin und her ſchlürfte, unaufhörlich ihm die Leviten las. Manchmal hatte er ſein Geld ver⸗ loren, und dann pflegte er mich zu bitten, wieder zu kom⸗ men, aber ſeine Frau hatte immer einiges— ich vermuthe, aus ſeiner Taſche genommen, während er betrunken war— 140 David Kopperfield. und ſchloß insgeheim den Handel auf der Treppe ab, wenn wir zuſammen hinuntergingen.. Auch im Laden des Pfandverleihers begann ich bald recht wohl bekannt zu werden. Der Leiter des Geſchäfts, welcher hinter dem Zähltiſche ſtand, ſchenkte mir viel Theil⸗ nahme, und ich erinnere mich, daß er mich oft ein lateini⸗ ſches Nomen oder Adjectivum decliniren oder ein lateini⸗ ſches Verbum ſich in's Ohr conjugiren ließ, während er meine Sache abmachte. Nach jeder dieſer Gelegenheiten gab Mrs. Micawber einen kleinen Schmaus, welcher ge⸗ wöhnlich in einem Abendeſſen beſtand, und dieſe Mahl⸗ zeiten hatten ihren ganz beſonderen Wohlgeſchmack, deſ⸗ ſen ich mich ganz gut erinnere. Endlich kamen denn Mr. Micawbers bedrängte Um⸗ ſtände zur Kriſis, und er wurde eines Morgens in der Frühe verhaftet und in's Kingsbench⸗Gefängniß gebracht. Er ſagte mir, als er aus dem Hauſe ging, daß„der Gott des Tages ihm nun untergegangen ſei“— und ich dachte wahrhaftig, ſein Herz ſei gebrochen und das meine dazu. Aber ich hörte hinterher, daß man ihn ganz luſtig habe Kegel ſchieben ſehen, noch ehe es Mittag geworden. Den nächſten Sonntag, nachdem er dorthin geſchafft worden, mußte ich hingehen und ihn beſuchen und mit ihm eſſen. Ich mußte meinen Weg zu dieſem Orte er⸗ fragen, und kurz hinter dieſem Orte würde ich, hieß es, einen andern ſolchen Ort ſehen, und kurz nach dieſem einen Hof, den ich kreuzen und dann immer gerade fortgehen müßte, bis ich einen Schließer ſähe. Alles dies that ich, und als ich zuletzt wirklich einen Schließer ſah, und (armes kleines Bürſchchen, das ich war!) daran dachte, wie Roderick Random ein Schuldgefängniß beſuchte und dort einen Mann traf, der nichts als eine alte Decke um David Kopperfield. 141 ſich hängen hatte, ſo verſchwamm der Schließer vor meinen wirren thränenden Augen und meinem hochklopfenden Herzen. Mr. Micawber wartete auf mich innerhalb des Gitter⸗ thors, und wir gingen nach ſeinem Zimmer(im zweiten Geſtock von oben gerechnet) und weinten ſehr. Er beſchwor mich feier⸗ lichſt, mir ſein Schickſal zur Warnung dienen zu laſſen, und mir die Regel zu merken, daß jemand, der zwanzig Pfund jährliches Einkommen habe und neunzehn Pfund, neunzehn Schilling, ſechs Pence verbrauche, glücklich ſein werde; wenn er aber ein und zwanzig Pfund brauche, ſo werde er in's Elend gerathen. Hierauf borgte er ſich von mir einen Schilling zu Porter, gab mir eine ſchriftliche Anweiſung auf Mrs. Micawber für den Betrag, that ſein Schnupftuch von den Augen weg und wurde luſtig. Wir ſaßen vor einem kleinen Kamin, in welchem ſich innerhalb des verroſteten Roſtes auf jeder Seite ein Ziegel befand, um zu verhüten, daß er nicht zu viel Kohlen ver⸗ brenne. Dann kam ein anderer Schuldgefangener, welcher Mr. Micawbers Stubenkamerad war, aus dem Backhauſe und brachte eine Schöpſenlende, welches Eſſen auf gemein⸗ ſchaftliche Koſten angeſchafft worden war. Dann wurde ich zu„Kapitain Hopkins,“ in das Zimmer über uns ge⸗ ſchickt: einen Empfehl von Mr. Micawber, deſſen junger Freund ich ſei, und ob Kapitain Hopkins ſo gut ſein und mir Meſſer und Gabel leihen wollte. Kapitain Hopkins lieh mir Meſſer und Gabel und ließ einen Empfehl an Mr. Miecawber zurückſagen. In ſeinem kleinen Stübchen befand ſich eine ſehr ſchmutzige Dame und ein Paar blaſſe Mädchen, ſeine Töchter, mit zottigen Perücken. Mir fiel dabei ein, daß es beſſer ſei, Kapitain Hopkins' Meſſer und Gabel, als ſeinen Kamm —, ———*—— ————— 142 David Kopperfield. zu borgen. Der Kapitain ſelbſt hatte mit ſeinem großen Backenbarte und ſeinem uralten braunen Ueberrocke, unter dem ſich kein andres Kleid entdecken ließ, den äußerſten Grad der Schäbigkeit erreicht. Ich ſah in einem Winkel ſein Bett aufgerollt, und auf einem Schüſſelbrete ſtand, was er von Tellern, Schüſſeln und Töpfen hatte; und ich ahnte, Gott weiß, wie, daß, obwohl die beiden Mädchen mit den zottigen Perücken Kapitain Hopkins' Kinder ſeien, doch die ſchmutzige Dame nicht ſeine Frau ſein könne. Ich hielt mich in meiner Schüchternheit auf ſeiner Schwelle nicht länger als höchſtens ein paar Minuten auf; und doch kam ich mit alle dem in meinem Bewußtſein wieder herunter, und dies Bewußtſein war ſo ſicher als dasjenige, daß ich Meſſer und Gabel in meinen Händen hatte. Nach alledem hatte das Eſſen etwas Zigeunerhaftes und doch war es recht angenehm. Bald nach Tiſche trug ich dem Kapitain Hopkins ſein Meſſer und Gabel zurück, und dann ging ich nach Hauſe, um Mrs. Micawber mit dem Berichte über meinen Beſuch zu erfreuen. Sie hatte eine Anwandlung von Ohnmacht, als ſie mich zurückkehren ſah, und machte ſpäter eine kleine Kanne voll Eierpunſch, um uns zu tröſten, während wir die Sache beſprachen. Ich weiß nicht, wie es kam, daß das Hausgeräth zum Beſten der Familie verkauft wurde, oder wer es verkaufte, ausgenommen, daß ich es nicht that. Verkauft aber wurde es und auf einem Leiterwagen fortgeſchafft, mit Ausnahme des Bettes, einiger wenigen Stühle und des Küchentiſches. Mit dieſen Beſitzthümern campirten wir, Mrs. Micawber, die Kinder, das Waiſenkind und ich, in den zwei Wohnzimmern des ausgeleerten Hauſes auf der Windſor⸗Terraſſe und lebten in dieſen Räumen Tag und Nacht. Ich habe keine Vorſtellung mehr, wie lange, ob⸗ David Kopperfield. 143 wohl es mir deucht, daß wir lange Zeit dort blieben. Endlich enſchloß ſich Mrs. Micawber, ins Gefängniß zu ziehen, wo ihr Gemahl ſich jetzt ein eigenes Zimmer ge⸗ ſichert hatte. So trug ich denn den Hausſchlüſſel zum Wirthe, der ſehr froh war, ihn zum bekommen, und die Betten wurden nach Kingsbench hinübergeſchickt, mit Ausnahme des meinen, für welches ein kleines Stübchen außer den Mauern und in der Nachbarſchaft dieſer Anſtalt gemiethet wurde; natürlich zu meiner vollen Zufriedenheit, da die Micawbers und ich ſich zu ſehr an einander gewöhnt hatten, als das wir uns in unſrer Bedrängniß von ein⸗ ander hätten trennen können. Das Waiſenkind wurde auf gleiche Weiſe in einer billigen Wohnung in derſelben Gegend untergebracht. Mein Logis war ein ſtilles, nach hinten gelegenes Bodenkämmerchen mit ſchräglaufender Decke, welches eine angenehme Ausſicht auf einen Zimmer⸗ hof gewährte, und als ich's in Beſitz nahm und dabei mich erinnerte, daß Mr. Micawbers Bedrängniſſe endlich zur Kriſis gekommen ſeien, kam mir's wie ein wahres Para⸗ dies vor. Die ganze Zeit war ich bei Murdſtone und Grinby mit denſelben niedrigen Arbeiten, in Geſellſchaft derſelben gemeinen Kameraden und mit demſelben Gefühle unver⸗ dienter Erniedrigung beſchäftigt, als zuerſt. Aber nie⸗ mals, und ohne Zweifel zu meinem Glücke, machte ich eine einzige Bekanntſchaft oder ſprach mit einem der vie⸗ len Knaben, welche ich taͤglich nach dem Waarenhauſe gehen oder von dort kommen und um die Eſſenszeit durch die Straßen auf Beute ausgehen ſah. Ich führte daſſelbe Leben voll heimlichen Unglücks; aber ich führte es in der⸗ ſelben einſamen, auf mich ſelbſt zurückgezogenen Weiſe, wie vom erſten Tage an. Die einzigen Veränderungen, 144 David Kopperfield. deren ich mir bewußt bin, waren erſtens: daß ich ein ärm⸗ licheres Ausſehen bekommen hatte, und zweitens, daß ich jetzt um Vieles von dem Gewichte der Sorgen Mr. und Mrs. Micawbers erleichtert war; denn mehrere Verwandte oder Bekannte hatten ſich bereit erklärt, ihnen in ihrem gegenwärtigen Zuſtande zu helfen, und ſte hatten in dem Gefängniſſe ein angenehmeres Leben, als wie ſie außer demſelben gehabt. Ich pflegte jetzt mit ihnen zu früh⸗ ſtücken, in Folge einer Verabredung, von der ich die Ein⸗ zelnheiten vergeſſen habe. Ebenſo habe ich vergeſſen, um welche Stunde die Gitterthore geöffnet wurden, ſo daß mir der Eintritt geſtattet war; aber das weiß ich, daß ich oft ſchon um ſechs Uhr auf war, und daß ich mich auf dem Wege, der zwiſchen meiner Wohnung und dem Ge⸗ fängniſſe lag, am Liebſten lungernd und träumend auf der alten London⸗Brücke herumtrieb. Hier war ich ge⸗ wohnt, auf einer der Pfeilerbänke zu ſitzen und mir das vorübergehende Volk zu betrachten, oder über das Ge⸗ länder hinab auf die Sonne zu blicken, welche im Waſſer glitzerte und die goldene Fahne auf der Spitze des Mo⸗ numents erleuchtete. Manchmal traf mich hier das Waiſen⸗ kind, um ſich von mir verwunderliche Geſchichten von den Werften und dem Tower erzählen zu laſſen, von denen ich jetzt nichts mehr zu ſagen weiß, als daß ich hoffe, ich habe ſie ſelbſt geglaubt. Des Abends pflegte ich in das Gefängniß zurückzukehren und mit Mr. Micawber auf dem Spaziergange der Gefangenen auf und ab zu wandeln, oder mit Mrs. Micawber Caſino zu ſpielen und ihre Er⸗ innerungen an Papa und Mama anzuhören. Ob Mr. Murdſtone wußte, wo ich war, kann ich nicht ſagen. Wenigſtens erzählte ich nichts davon im Geſchäfte von Murdſtone und Grinby. David Kopperfield. 145 Obſchon nun die Kriſis in Mr. Micawbers Angelegen⸗ heiten vorüber war, ſo waren ſie doch auf Grund einer gewiſſen„Verſchreibung,“ von der ich oft reden hörte, und von der ich jetzt vermuthe, daß ſie etwas wie ein früherer Vergleich mit ſeinen Gläubigern geweſen iſt, noch ſehr verwickelt. Damals jedochwarichſo entfernt davon, über ſie im Klaren zu ſein, daß ich mir bewußt bin, ſie mit jenen dämoniſchen Pergamenten verwechſelt zu haben, von denen man glaubt, daß ſie in alter Zeit ſehr häufig in Deutſch⸗ land im Gebrauche geweſen ſind. Zuletzt ſchien's, als ob dieſes Papier irgendwie bei Seite geſchafft worden ſei; auf alle Fälle hörte es auf, das Damoklesſchwert zu ſein, das es geweſen war, und Mrs. Micawber benachrichtigte mich, daß„ihre Familie“ beſchloſſen habe, Mr. Micawber ſolle, um aus dem Gefängniß zu kommen, ſich unter das Geſetz hinſichtlich zahlungsunfähiger Schuldner ſtellen, worauf er, wie ſie erwarte, in etwa ſechs Wochen in Frei⸗ heit geſetzt werden müſſe. 3 „Und dann,“ ſagte Mr. Micawber, der gegenwärtig war,„werde ich ohne Zweifel, ſo Gott will, auf den Weg zu meinem Glücke gelangen und ein vollkommen neues Leben beginnen,— wenn, na, um kurzzu ſein, wenn nämlich die Sache ſich irgendwie zum Beſten wendet.“ Indem ich hier nachdenke, ob ich Alles, was für die Geſchichte von Bedeutung iſt, erzählte, beſtnne ich mich, daß Mr. Micawber um dieſe Zeit eine Bittſchrift an das Unterhaus aufſetzte, in welcher er um Abänderung des Geſetzes über die Einſperrung von Schuldnern nachſuchte. Ich gebe dieſe Erinnerung hier, weil ſie für mich ſelbſt ein Veiſpiel für die Art und Weiſe iſt, in welcher ich meine alten Bücher auf mein verändertes Leben anwandte, und in welcher mir das Leben auf der Straße und die David Kopperfield. II. 10 146 David Kopperfield. Männer und Frauen, mit denen ich in Berührung kam, zu Geſchichten wurden, und wie gewiſſe Hauptſeiten in dem Charakter, den ich vermuthlich, ohne es zu wollen, aufdecken werde, indem ich mein Leben ſchreibe, ſich wäh⸗ rend dieſer Zeit allmählig geſtalteten. In dem Gefängniſſe gab es einen Club, in welchem Mr. Micawber, als ein Gentleman, ein großes Anſehen genoß. Mr. Micawber hatte ſeine Idee von jener Bitt⸗ ſchrift dem Club vorgelegt, und der Club hatte dieſelbe mit außerordentlichem Beifall aufgenommen. Deshalb machte ſich Mr. Micawber(der ein durch und durch gut⸗ müthiger Mann und in allen Dingen, ausgenommen ſeine eignen Angelegenheiten, ein ſo unverdroſſen thätiger Arbeiter, als je exiſtirt haben konnte, und nie glücklicher war, als wenn er ſich etwas zu ſchaffen machen konnte, was für ihn nicht den geringſten Nutzen hatte) ſogleich daran, die Bittſchrift auszuarbeiten, erfand den Inhalt, erweiterte ihn, ſchrieb ihn auf einen ungeheuern Bogen Papier, breitete das Werk auf einen Tiſch und beſtimmte dem geſammten Club und allen übrigen innerhalb der Mauern Befindlichen, welche Luſt hätten, eine Zeit, wo ſte in ſein Zimmer kommen und die Schrift unterzeich⸗ nen ſollten. Als ich von. der Annäherung dieſes feierlichen Acts erfuhr, hatte ich, obſchon ich die meiſten von ihnen kannte und ebenſo auch ihnen bekannt war, ein ſo hefti⸗ ges Verlangen, ſie Alle, Einen nach dem Andern herein⸗ kommen zu ſehen, daß ich mir bei Murdſtone und Grinby die Erlaubniß erbat, eine Stunde wegſein zu dürfen, und mich dann zu erwähntem Zwecke in einen Winkel ſtellte. So viele, als von den hauptſächlichſten Mitgliedern des Clubs in das kleine Zimmer gingen, ohne es zu fül⸗ — ———— David Kopperſield. 147 len, ließ Mr. Micawber gegen den Tiſch, wo die Bitt⸗ ſchrift lag, Front machen, während mein alter Freund, Kapitän Hopkins, der ſich, um einer ſo feierlichen Gelegen⸗ heit die gebührliche Ehre anzuthun, heute gewaſchen hatte, ſeinen Platz gleich daneben nahm, um ſie Allen, welche mit ihrem Inhalte noch unbekannt waren, vorzuleſen. Dann wurde die Thür aufgeſtoßen, und die ganze Bevölkerung des Gefängniſſes begann in langen Zügen hereinzuſtrö⸗ men, wobei Viele außen warteten, während Einer ein⸗ trat, ſeinen Namen unterzeichnete und wieder hinaus⸗ ging. Zu Allen nacheinander ſagte Kapitän Hopkins: „Haben Sie's geleſen?“—„Nein.“—„ Würden Sie's anhören wollen, wenn es Ihnen Jemand vorläſe?“— Wenn der Gefragte dann auch nur die geringſte Geneigt⸗ heit verrieth, zuhören zu wollen, ſo las ihm der Kapitän mit lauter volltönender Stimme den ganzen Aufſatz Wort für Wort vor. Der Kapitän würde es zwanzigtauſend Mal geleſen haben, wenn zwanzigtauſend Leute ihn Einer nach dem Andern hätten anhören wollen. Ich erinnere mich, mit was für einem prächtigen Rollen der Stimme er ſolche Phraſen, wie„die im Parliamente verſammelten Vertreter des Volkes“, oder„deshalb nahen die Bitt⸗ ſteller ehrfurchtsvoll Ihrem ehrenwerthen Hauſe“, oder „ſeiner allergnädigſten Majeſtät unglückliche Untertha⸗ nen“, vortrug, wahrlich, als ob die Worte in ſeinem Munde etwas Wirkliches, Eßbares und Wohlſchmeckendes ſeien; währenddeſſen Mr. Micawber mit einem kleinen Anſtrich von Autoreneitelkeit zuhorchte und(nicht allzu eifrig und aufmerkſam) die Pflöcke an der ihm gegenüber befindlichen Wand betrachtete. Da ich täglich zwiſchen Southwark und Blackfriars hin⸗ und zurückging, und um die Mittagszeit mich auch 10* —— 148 David Kopperfield. in unbekannten Gäßchen umſchaute, deren Steine mög⸗ licherweiſe in dieſem Augenblicke von meinen kindlichen Füßen abgetreten ſind, ſo wundre ich mich, wie viele von dieſen Leuten doch eigentlich in der Verſamm⸗ lung fehlten, welche auf das Echo von Kapitän Hopkins' Stimme in langem Zuge einzeln an mir vorüberdefilirte. Wenn meine Gedanken jetzt zu jener langſamen Seelen⸗ qual meiner Jugend zurückkehren, ſo wundere ich mich, wie viel von den Geſchichten, die ich für ſolche Leute er⸗ fand, wie ein phantaſtiſcher Nebel über wohlerinnerlichen Thatſachen hängt. Wenn ich den alten Boden betrete, ſo wundere ich mich nicht, daß es mir iſt, als ſähe ich mitleidigen Blicks einen unſchuldigen Knaben mit einem romantiſchen Gemüthe vor mir hergehen, der ſich ſeine eingebildete Welt aus ſolchen ſeltſamen Erfahrungen und gemeinen Dingen ſchafft. 92 Zwölftes Kapitel. Das Leben auf eigne Rechnung gefällt mir noch immer nicht, und ich faſſe einen großen Entſchluß. Nach Verlauf der gehörigen Zeit war Mr. Micawbers Bittſchrift reif zum Vortrage geworden, und es traf zu meiner großen Freude der Befehl ein, dieſen Gentleman während des Acts freizugeben. Seine Gläubiger waren nicht unverſöhnlich, und Mrs. Micawber benachrichtigte mich, daß ſelbſt der rachſüchtige Schuſter vor Gericht die Erklärung abgegeben habe, er hege gegen ſeinen Schuld⸗ ner keine Malice, ſehe es aber nun einmal gern, daß man ihn bezahle, wenn man ihm Geld ſchuldig ſei. Das läge in der menſchlichen Natur. Mr. Micawber kehrte, als ſeine Sache vorbei war, nach Kingsbench zurück, indem nämlich mehre Gerichts⸗ koſten erlegt und verſchiedene Förmlichkeiten beobachtet werden mußten, bevor er thatſächlich entlaſſen werden konnte. Der Club empfing ihn mit Begeiſterung und hielt ihm zu Ehren dieſen Abend ein Singkränzchen; während Mrs. Micawber und ich privatim einen Lamms⸗ 150 David Kopperfield. braten verſpeiſten, umgeben von der ſchlafenden kleinen Familie. „Bei dieſer Gelegenheit,“ ſagte Mrs. Micawber, „will ich mit Ihnen, Musje Kopperfield, in einem zweiten Gläschen Flip*),“ wir hatten nämlich ſchon eins getrun⸗ ken,„auf das Andenken von Papa und Mama anſtoßen.“ „Sind ſie geſtorben?“ fragte ich, nachdem ich den Toaſt in einem Weinglaſe getrunken. „Meine Mama ſchied aus dieſem Leben,“ ſagte Mrs. Micawber,„bevor Mr. Micawber in dieſe bedrängten Umſtände gerieth, oder wenigſtens, bevor ſie drückend wurden. Mein Papa lebte ſo lange, daß er meinen Mann mehrmals durch ſeine Bürgſchaft vom Schuldgefängniſſe befreite, dann aber ſtarb er, betrauert von einem zahl⸗ reichen Verwandtenkreiſe.“ Mrs. Micawber ſchüttelte hier den Kopf und ließ eine Thräne kindlicher Liebe auf den Zwilling fallen, der zu⸗ fällig bei der Hand war. Da ich kaum auf eine günſtigere Gelegenheit zu einer Frage hoffen konnte, die mich nahe anging, ſo ſagte ich zu Mrs. Micawber: „Ach, darf ich Sie wohl fragen, Madame, was Sie und Mr. Micawber nun zu thun gedenken, wo Mr. Mi⸗ cawber aus ſeiner Bedrängniß erlöſt und in Freiheit ge⸗ ſetzt werden wird? Haben Sie ſchon einen Entſchluß gefaßt?“ „Meine Familie,“ verſetzte Mrs. Micawber, welche dieſe beiden Woͤrte nie ausſprach, ohne eine wichtige Miene anzunehmen, obſchon ich nie zu entdecken ver⸗ mochte, wer unter dieſen Begriff gehörte,„meine Familie *) Ein Getränk aus Waſſer, Branntwein und Zucker. David Kopperfield. 151 iſt der Meinung, daß Mr. Micawber London verlaſſen und ſeine Talente in der Provinz geltend machen ſoll. Mr. Micawber iſt ein Mann von großen Talenten, Musje Kopperfield.“ Ich ſagte, ich glaube das wohl. „Von großen Talenten,“ wiederholte Mrs. Micawber. „Meine Familie iſt der Meinung, daß, wenn man ſich einigermaßen für ihn verwendet, ſich für einen Mann von ſeinen Fähigkeiten ein Poſten im Zollfache finden laſſen wird. Da nun der Einfluß meiner Familie ein blos lokaler iſt, ſo iſt es ihr Wunſch, Mr. Micawber ſolle nach Plymouth hinuntergehen. Sie halten es für unumgäng⸗ lich nothwendig, daß er auf dem Platze iſt.“ „Damit er gleich bei der Hand iſt?“ fügte ich fragend hinzu. „Ganz recht,“ erwiederte Mrs. Micawber.„Damit er gleich bei der Hand iſt— für den Fall, daß ſich die Sachen irgendwie zum Beſten wenden.“ „Und gehen Sie auch mit, Madam?“ Die Ereigniſſe des Tages, in Verbindung mit den Zwillingen, wo nicht mit dem Flip, hatten Mrs. Micawber hyſteriſche Zufälle zugezogen, und ſie vergoß Thränen, als ſie ſagte: „Nimmermehr will ich Mr. Micawber verlaſſen! Mr. Micawber mag in der erſten Zeit ſeine Verlegenheit vor mir verheimlicht haben, aber ſein ſanguiniſches Tempera⸗ ment wird ihn zu der Erwartung verleitet haben, daß er damit fertig werden könne. Das Perlenhalsband und die Armſpangen, die ich von Mama geerbt, ſind für ihren halben Werth weggeben worden, und der Korallenſchmuck, der das Hochzeitsgeſchenk meines Papa war, iſt thatſächlich für einen Spottpreis verſchleudert worden. Aber nimmer⸗ David Kopperfield. mehr will ich Mr. Micawber verlaſſen. Nein!“ ſchrie Mrs. Micawber in immer größerer Aufregung,„nimmer⸗ mehr werd' ich das thun. Es nutzt nichts, mich darum zu bitten.“ Ich fühlte mich höchſt ungemüthlich— klang's doch, als ob Mrs. Micawber vermuthete, ich habe von ihr verlangt, ſie ſolle etwas derartiges thun— und ſah ſie voll Angſt an. „Mr. Micawber hat ſeine Fehler. Ich leugne nicht, daß er unbedachtſam iſt. Ich leugne nicht, daß er mich im Unklaren gelaſſen hat über ſeine Hülfsquellen und ebenſo über ſeine Verbindlichkeiten,“ fuhr ſie fort, indem ſie die Wand anſah;„aber nimmermehr werd' ich Mr. Micawber verlaſſen!“ Da Mrs. Micawber ihre Stimme jetzt zu einem voll⸗ ſtändigen Kreiſchen erhoben hatte, ſo jagte mir das ein ſolches Entſetzen ein, daß ich nach dem Clubzimmer fort⸗ rannte, wo ich Mr. Micawber als Vorſitzenden an einer langen Tafel fand, und ihn in der Leitung des Chorus von dem Fuhrmannsliede: Hü ha, Lieſel, Hü ho, Lieſel, Hü ha, Lieſel, Hü ha und hü ho— o— o: mit der Nachricht unterbrach, daß ſich Mrs. Micawber in einem bedenklichen Zuſtande befände, worauf er augen⸗ blicklich in Thränen ausbrach und, die ganze Weſte voll Köpfe und Schwänze von Seegarneelen, die ſie zuſammen verſpeiſt hatten, mit mir wegging. „Emma, mein Engel,“ ſchrie Mr. Micawber, indem er in's Zimmer ſtürzte,„um Gotteswillen, was fehlt Dir?“ David Kopperfield. 1533 „Ich will Dich nimmermehr verlaſſen, Micawber!“ rief ſie aus. „Mein Leben,“ ſagte Mr. Micawber, indem er ſie in ſeine Arme ſchloß,„davon bin ich aber ja vollkommen überzeugt.“ „Er iſt der Vater meiner Kinder! Er iſt der Vater meiner Zwillinge! Er iſt der Mann meiner Liebe!“ ſchrie Mrs. Micawber, ſich ſtemmend und ſperrend; „nim— mer— mehr— werd'’ ich— Mr. Micawber ver⸗ laſſen!“ Mr. Micawber war durch dieſen Beweis ihrer An⸗ hänglichkeit ſo tief ergriffen(was mich betrifft, ſo zerfloß ich in Thränen), daß er ſich in leidenſchaftlicher Weiſe über ſie niederbeugte und ſie flehentlich bat, aufzuſehen und ſich zu beruhigen. Aber je mehr er Mrs. Micawber bat, aufzuſehen, um ſo mehr heftete ſie ihre Augen in's Unbeſtimmte hinein; und je mehr er in ſie drang, ſich zu beruhigen, deſto weniger wollte ſie. In Folge davon war Mr. Micawber ſo von Betrübniß überwältigt, daß er ſeine Thränen mit den ihren und den meinen vermiſchte, und das währte ſo lange, bis er mich bat, ihm den Ge⸗ fallen zu thun und mir einen Stuhl auf die Treppe zu nehmen, während er ſie in's Bett bringen wollte. Ich würde mich für dieſe Nacht verabſchiedet haben, aber er wollte nichts davon hören, daß ich gehe, bis die Fremden⸗ glocke geläutet worden ſei. So ſaß ich am Treppenfenſter, bis er mit einem andern Stuhle herauskam und ſich zu mir ſetzte. „Wie geht's jetzt mit Mrs. Micawber?“ ſagte ich. „Sehr ſchwach,“ ſagte Mr. Micawber, indem er den Kopf ſchüttelte,„ein Rückfall. Ach, das iſt ein ſchreck⸗ 154 David Kopperfield. licher Tag geweſen! Wir ſtehen nun ganz allein— Alles hat uns verlaſſen!“ Mr. Micawber drückte mir die Hand und ſeufzte und vergoß dann ſogar Thränen. Ich war äußerſt gerührt, aber zugleich in meiner Erwartung getäuſcht; denn ich hatte erwartet, wir würden voll Freude ſein über dieſen glücklichen Fall, nach welchem wir ſo lange ausgeſchaut hatten. Aber Mr. und Mrs. Micawber waren an ihre alten bedrängten Umſtände ſo gewöhnt, daß ſie ſich, bei der Betrachtung angelangt, daß ſie davon befreit ſeien, geradezu wie Schiffbrüchige vorkamen. All ihre Elaſti⸗ cität war dahin, und ich ſah ſte nimmer auch nur halb ſo unglücklich, als dieſen Abend; und dies ging mir ſo zu Herzen, daß ich, als die Glocke klang, und Mr. Micawber mit mir in’s Stübchen ging und dort von mir mit einem„Behüte Sie Gott!“ Abſchied nahm, mich fürchtete, ihn allein zu laſſen, ſo tief innerlich ſchien ſein Jammer zu ſein. Aber durch all dieſe Verwirrung und Betrübniß, in die wir, ſo unerwartet für mich, verwickelt worden waren, unterſchied ich deutlich die Abſicht, daß Mr. und Mrs. Mieawber mit ihrer Familie London verlaſſen wollten, und daß eine Trennung zwiſchen uns nahe bevorſtand. Es war auf meinem Nachhauſewege dieſen Abend und in den darauf folgenden ſchlafloſen Stunden im Bette, daß mir— wie und woher, weiß ich nicht— zum erſten Male ein Gedanke entgegentrat, welcher ſich ſpäter zu einem Entſchluſſe geſtaltete. Ich hatte mich ſo ſehr an die Micawbers gewöhnt, und war ſo innig verwachſen mit ihnen und ihren trau⸗ rigen Umſtänden, und ſo ganz und gar ohne Freunde außer ihnen, daß mir bei der Ausſicht, in einen neuen Wohnungs⸗ wechſel geworfen zu ſein und abermals unter unbekannte —— 5 David Kopperfield. 155 Leute gehen zu müſſen, ſo zu Muthe war, wie wenn jene Lage auf's Gerathewohl in mein gegenwärtiges Leben ver⸗ ſetzt würde, wo ich doch durch eine Bekanntſchaft mit der⸗ ſelben, wie ſie mir die Erfahrung verſchaffte, vorbereitet wäre. Alle die Empfindungen und Gefühle, welche jene Lage ſo grauſam verwundete, alle die Scham und all der Jammer, welche ſie in meiner Bruſt nährte, wurden zu größerer Peinigung, wenn ich an dieſe Zukunft dachte, und ich war mit mir im Reinen, daß ein ſolches Leben uner⸗ träglich ſei. Daß ich dem nicht entgehen könne, wenn ich nicht ſelbſt Hand anlegte, ihm zu entgehen, wußt ich ganz wohl. Selten hörte ich etwas von Miß Murdſtone, nie⸗ mals etwas von Mr. Murdſtone; indeß waren zwei oder drei Mal Bündel neuer oder ausgebeſſerter Kleidungs⸗ ſtücke für mich angekommen, welche an Mr. Quinion adreſſirt waren, und in denen jedes Mal ein Papierſtreifen lag, auf welchem„J. M. die zuverſichtliche Hoffnung hegte, daß D. K. ſich gehörig in ſeine Geſchäfte ſchicke und ſich ganz der Erfüllung ſeiner Pflichten widme“— nicht der undeutlichſte Wink, daß ich niemals etwas Anderes werden ſollte, als der niedere Plackeſel, zu dem ich ſo ſchnell herabgeſunken war. Schon der nächſte Tag, wo mein Gemüth noch in der erſten Aufregung über das war, was ich vernommen hatte, zeigte mir, daß Mrs. Micawber nicht ohne guten Grund von ihrem Wegzuge geſprochen hatte. Sie nahm in dem Hauſe, wo ich wohnte, eine Stube für eine Woche, nach Verlauf welcher Zeit ſie nach Plymouth aufzubrechen ge⸗ dachte. Mr. Micawber ſelbſt kam am Nachmittage in's Comptoir, um Mr. Quinion zu ſagen, daß er mich am Tage ſeiner Abreiſe mir ſelbſt überlaſſen müſſe, und um 8 156 David Kopperfield. nebenbei meinem Charakter das höchſte Lob zu ertheilen, welches ich wirklich auch verdiente. Mr. Quinion rief Tipp, den Tagelöhner, welcher verheirathet war und eine Stube zu vermiethen hatte, herein und quartierte mich im Voraus bei ihm ein— unter unſrer beiderſeitigen Ueber⸗ einſtimmung, wie er allen Grund hatte zu denken; denn ich ſagte nichts dazu, obwohl mein Entſchluß jetzt ge⸗ faßt war. Bis die Zeit ablief, welche wir noch unter demſelben Dache verleben ſollten, verbrachte ich meine Abende mit Mr. und Mrs. Micawber, und mir iſt, als wären wir, je mehr dieſer Zeitraum ſich ſeinem Ende näherte, immer beſſere Freunde geworden. Den letzten Sonntag luden ſie mich zu Tiſche ein, wo wir eine Schweinslende, Aepfel⸗ ſauce und einen Pudding hatten. Ich hatte den letzten Abend ein ſcheckiges Steckenpferd zum Abſchiedsgeſchenke für den kleinen Wilkins Micawber— das war der Knabe— und eine Puppe für die kleine Emma gekauft. Und ebenſo hatte ich dem Waiſenkinde, welches entlaſſen werden ſollte, einen Schilling geſchenkt. Wir verlebten einen recht vergnügten Tag, obwohl wir über unſre nahe bevorſtehende Trennung alle voll zärtlicher Betrübniß waren. „Ich werde niemals,“ verſetzte Mrs. Micawber,„an die Periode zurückdenken, wo Mr. Micawber in bedräng⸗ ten Verhältniſſen war, ohne mich Ihrer zu erinnern. Ihr Benehmen war ſtets von der zartfühlendſten und verbind⸗ lichſten Art. Niemals ſind Sie unſer Abmiether, ſondern immer unſer Freund geweſen.“ „Meine Liebe,“ ſagte Mr. Micawber,„Kopperfield (ſo nämlich hatte er ſich in der letzten Zeit gewöhnt, mich zu nennen) beſitzt ein Herz, welches für die Noth ſeiner David Kopperfield. 157 Mitmenſchen ſchlägt, wenn ſie von der Wolke der Bedräng⸗ niß überſchattet werden; und Kopf genug, um einen Ent⸗ wurf zu machen; und eine Hand, um— na, um kurz zu ſein, überhaupt die Fähigkeit, über Diejenigen von un⸗ ſern Sachen vortheilhaft zu disponiren, welche wegkom⸗ men konnten.“ Ich drückte meine Dankbarkeit für dieſe Anerkennung aus, und ſagte, ich ſei ſehr betrübt, daß wir im Begriff wären, Eines das Andere zu verlieren. „Mein theurer junger Freund,“ ſagte Mr. Micawber, „ich bin älter als Sie, ein Mann von einiger Erfahrung im Leben, und— und von einiger Erfahrung in— na, um kurz zu ſein, in Geldverlegenheiten, um mich allgemein auszudrücken. Gegenwärtig und bis ſich die Sachen irgend⸗ wie zum Beſten kehren, was ich, wie ich wohl ſagen darf, ſtündlich erwarte, habe ich nichts zu verſchenken, als einen Rath. Doch iſt mein Rath inſofern werth, angenommen zu werden, daß— na, um kurz zu ſein, daß ich ſelbſt ihn nie⸗ mals angenommen habe und der“— hiier hielt Mr. Micawber, der bis zu dieſem Augenblicke im ganzen Ge⸗ ſichte bis in den Scheitel hinauf nichts als Freudeſtrahlen und Lächeln geweſen war, plötzlich mit einer ſich verfin⸗ ſternden Stirn ein—„der elende Lump bin, den Sie vor ſich ſehen.“ „Mein theurer Micawber!“ rief ſeine Frau, indem ſie ſich an ihn ſchmiegte. „Ich ſage,“ erwiederte Mr. Micawber, der in völliger Selbſtvergeſſenheit wieder lächelte,„der elende Lump, den Sie vor Sich ſehen. Mein Rath iſt: Verſchiebe nie auf morgen, was Du heute thun kannſt. Aufſchub iſt der Dieb der Zeit. Hol ihn der Henker.“ 158 David Kopperfield. „Meines armen Vaters Grundſatz,“ bemerkte Mrs. Micawber. „Meine Liebe,“ ſagte Mr. Micawber,„Dein Papa war in ſeiner Art ein ganz guter Mann, und ich will ihn bei Leibe nicht herabſetzen. Laß ihn Dir meinethalben Alles in Allem ſein, wahrſcheinlich werden wir nie— na, um kurz zu ſein, nie die Bekanntſchaft jemandes anderen machen, der in ſeinem Alter ſolche Beine, wie ſie zu Knie⸗ hoſen gehören, beſäße und im Stande wäre, ohne Brille ſolche klare Schrift zu leſen. Aber er wendete dieſen Grundſatz auf unſere Heirath an, meine Liebe, und in Folge davon gingen wir dieſe ſo vorzeitig ein, daß ich nie meine Ausgaben wieder erhielt.“ Mr. Micawber blickte ſeitwärts auf Mrs. Micaw⸗ ber und fügte hinzu:„Nicht, daß ich mich darüber är⸗ gerte. Ganz im Gegentheil, mein Herz,“ worauf er eine oder zwei Minuten nachdenklich vor ſich hinſah. „Mein anderes Stück Rath kennen Sie ſchon, Kop⸗ perfield,“ verſetzte Mr. Micawber.„Jährliche Einnahme zwanzig Pfund, jährliche Ausgabe neunzehn Pfund neun⸗ zehn Schilling, ſechs Pence, giebt ein glückliches Leben. Jährliche Einnahme zwanzig Pfund, jährliche Ausgabe zwanzig Pfund ein Schilling, ſechs Pence, giebt Noth und Elend. Die Blume iſt verwelkt, das Laub verdorrt, der Gott des Tages geht unter hinter der traurigen Scene, und— na um kurz zu ſein, man iſt für immer zu Grunde gerichtet. Und ſo geht's mir.“ Um ſein Beiſpiel noch eindringlicher zu machen, trank Mr. Micawber mit einer Miene, welche das größte Vergnügen und die tiefſte Selbſtzufriedenheit ausdrückte, ein Glas Punſch und pfiff ſich ein luſtiges Stückchen. David Kopperfield. 159 Ich verfehlte nicht, ihm zu verſichern, daß ich dieſe Lebensregeln in meinem Herzen bewahren wolle, obwohl es deſſen nicht bedurfte; denn zu dieſer Zeit hatte ich ſie ja deutlich ausgeprägt täglich vor Augen. Den nächſten Morgen traf ich die ganze Familie am Bureau, wo man ſich auf die Landkutſche einſchreiben ließ, und ſah ſie mit troſtloſem Herzen ihre Plätze außen auf der Rückſeite des Wagens nehmen. „Musje Kopperfield,“ ſagte Mrs. Micawber,„be⸗ hüte Sie Gott! Ich kann alles das nimmer vergeſſen, Sie verſtehen mich, und nimmer wollt' ich's, wenn ich könnte.“ „Kopperfield,“ ſagte Mr. Micawber,„leben Sie wohl. Ich wünſche Ihnen alles nur mögliche Glück und Heil. Wenn ich im Laufe der Jahre die Ueberzeugung gewänne, daß mein trauriges Geſchick für Sie eine War⸗ nung geweſen wäre, ſo würde ich mich freuen, daß ich den Platz eines Andern nicht ganz umſonſt eingenommen hätte. Im Falle ſich die Sachen irgendwie zum Beſten wen⸗ den, was ich zuverſichtlich hoffe, ſo werde ich mich außer⸗ ordentlich glücklich fühlen, wenn es in meiner Macht ſteht, Ihnen förderlich zu ſein.“ Ich glaube, als Mrs. Micawber mit den Kindern ſo da oben auf dem Rückſitze der Kutſche ſaß, und ich betrübt unten auf der Straße ſtand, verzog ſich's wie ein Nebel von ihren Augen, und ſie ſah, was für ein armes kleines Weſen ich in der That war. Ich glaube dies, weil ſie mich mit einem völlig neuen Ausdrucke mütterlicher Zärt⸗ lichkeit auf ihrem Antlitze heraufſteigen hieß und ihren Arm um meinen Nacken ſchlang und mir einen Kuß gab, wie ſie ihn ihrem eignen Knaben gegeben haben würde. Ich hatte nur noch Zeit, wieder herunter zu ſteigen, als die 160 David Kopperfield⸗ Kutſche abfuhr, und ich konnte die Familie kaum ſehen vor den Taſchentüchern, die ſie ſchwenkten. In einer Mi⸗ nute war's vorbei. Das Waiſenkind und ich ſtanden in der Mitte der Straße und ſahen ſich verſtört einander an; dann gaben wir uns die Hände und nahmen Abſchied, indem ſie wahrſcheinlich in das Armenhaus von St. Lukas zurückkehrte, und ich zu Murdſtone und Grinby ging, dort mein mühſeliges Tagewerk zu beginnen. Es war aber nicht mein Vorſatz, dort noch viele müh⸗ ſelige Tage der Art zu verbringen. Ich hatte mich ent⸗ ſchloſſen, davon zu laufen. Weg wollte ich, auf die oder die andere Weiſe, auf's Land, zu der einzigen Verwandten, die ich auf der Welt noch hatte, zu meiner Tante Miß Betſey, der ich meine Leiden zu klagen gedachte. Ich habe bereits bemerkt, daß ich nicht weiß, wie dieſe verzweifelte Idee in mein Gehirn kam. Aber einmal dort, blieb ſte auch dort und verhärtete ſich zu einem Vorſatze, der ſtärker war, als irgend ein Vorſatz, den ich in meinem Leben genährt hätte. Ich bin durchaus nicht ſicher, daß ich den Glauben gehegt, es knüpfe ſich daran eine Hoff⸗ nung, aber ich hatte es mir in meinem Innern aufs Fe⸗ ſteſte vorgenommen, es zur Ausführung zu bringen. Wieder und immer wieder und hundertmal wieder, ſeit der Nacht, wo mir der Gedanke zuerſt entgegenge⸗ treten und meinen Schlaf verbannt, hatte ich die alte Ge⸗ ſchichte mit meiner Mutter bei meiner Geburt durchdacht, welche ich ſie einſt mit ſo großem Vergnügen erzählen ge⸗ hört, und welche ich auswendig wußte. Meine Tante trat in dieſe Geſchichte ein, und trat wieder ab, als eine furchtbare und unheimliche Perſönlichkeit. Aber es war ein kleiner Zug in ihrem Benehmen, auf dem ich gern verweilte, und welcher mir einen ſchwachen Schatten von David Kopperfield. 161 Ermuthigung zeigte. Ich konnte nicht vergeſſen, wie es meiner Mutter geweſen, als ob Miß Betſey ihr ſchönes Haar mit nicht unſanfter Hand geſtreichelt habe, und ob⸗ wohl dies nichts als Einbildung von meiner Mutter ge⸗ weſen ſein, und näher beſehen nicht den geringſten Grund haben mochte, ſo geſtaltete ich mir doch ein klei⸗ nes Bild daraus, in welchem meine grimmige Tante der mädchenhaften Schönheit gegenüber, deren ich mich ſo wohl und mit ſo viel Liebe erinnerte, ſanfter wurde: ein Bild, welches die ganze Erzählung in milderem Lichte erſcheinen ließ. Es iſt ſehr möglich, daß dies Bild lange in meinem Gemüthe gelegen und nach und nach meinen Entſchluß ausgebildet hat. Da ich nicht einmal wußte, wo Miß Betſey lebte, ſo ſchrieb ich einen langen Brief an Peggotty, in welchem ich ſie ſo beiläufig fragte, ob ſie ſich beſinnen könnte. Ich that dies unter dem Vorwande, ich habe von einer ähn⸗ lichen Dame gehört, daß ſie an einem Orte, den ich auf's Gerathewohl erfand, lebe, und wäre neugierig, zu wiſſen, ob es dieſelbe ſei. Im weiteren Verlaufe des Briefes ſagte ich Peggotty, daß ich zu einem beſonderen Vorhaben einer halben Guinea bedürfe, und daß ſie mich ſehr ver⸗ pflichten würde, wenn ſie mir dieſe Summe leihen könne, bis ich ſie ihr wiederzugeben vermöchte; wozu ich ſie ge⸗ braucht hätte, wollte ich ihr ſpäter einmal erzählen. Peggotty Antwort ließ nicht lange auf ſich warten und war, wie gewöhnlich, voll Liebe und Hingebung. Sie ſchloß die halbe Guinea ein(ſie muß, fürcht' ich, eine Welt voll Angſt ausgeſtanden haben, wie ſie aus Mr. Barkis' Koffer herauszufiſchen ſei) und ſagte mir, daß Miß Betſey in der Nähe von Dover lebe, ob aber in Dover ſelbſt oder in Hythe, Sandgate oder Folkſtone, wiſſe ſie David Kopperfield. II. 11 162 David Kopperfield. nicht zu ſagen. Einer von unſern Leuten indeß belehrte mich auf meine Frage nach dieſen Orten, daß ſie alle ganz nahe bei einander lägen, und das war mir hinreichend, und ich beſchloß, am Ende der Woche mich aufzumachen. Da ich ein ſehr anſtändiger kleiner Menſch war und bei meinem Abgange von Murdſtone und Grinby kein übles Andenken zurücklaſſen wollte, ſo betrachtete ich mich als verpflichtet, bis Samſtag Abend zu bleiben, und, da man mir, als ich dorthin kam, einen Wochenlohn im Voraus gezahlt hatte, mich nicht zur üblichen Stunde im Comptoir zum Empfang meines Lohnes einzufinden. Ausdrücklich deshalb, und damit ich nun nicht ohne einen Fond zu meinen Reiſekoſten ſei⸗ hatte ich die halbe Guinea geborgt. Mit dieſem Vorſatze ſchüttelte ich, als der Abend des Samſtags kam und wir alle im Waarenhauſe auf die Auszahlung warteten, in dem Augenblicke, wo Tipp, der Tagelöhner, welcher ſtets den Vortritt hatte, zuerſt hin⸗ einging, um ſein Geld einzuſtreichen, Mick Walker die Hand, bat ihn, wenn an ihn die Reihe, bezahlt zu werden käme, Mr. Quinion zu ſagen, ich ſei weggegangen, um meinen Koffer zu Tipp zu ſchaffen, bot dann der Mehlichen Kartoffel eine letzte Gutenacht und lief fort. Mein Koffer war in meinem alten Logis, jenſeits des Waſſers, und ich hatte für denſelben eine Aufſchrift auf die Rückſeite einer unſrer Adreßkarten geſchrieben, die wir auf die Weinkiſten nagelten:„Musje David, posle re- stante, Dover.“ Dieſe Aufſchrift hielt ich in meiner Taſche bereit, ſie auf den Koffer zu kleben, ſobald ich aus dem Hauſe ſein würde, und als ich nach meiner Wohnung ging, ſah ich mich nach jemand um, der mir helfe, ihn nach dem Einſchreibebüreau zu ſchaffen. David Kopperfield. 163 Da traf ich beim Obelisken, auf der Blackfriarsſtraße, einen langbeinigen jungen Menſchen mit einem leeren Eſelskarren, den ich im Vorbeigehen ſcharf anſah, und der, indem er mir den Ehrentitel eines„Kerls, wie'n Hund vor'n falſchen Groſchen“ ertheilte, die Hoffnung ausſprach, daß ich„druff ſchwören könnte, daß ich ihn ſchonſt noch kennen lernen ſollte“— ohne Zweifel eine Anſpielung darauf, daß ich ihn ſo angeſtarrt hatte. Ich blieb ſtehen, um ihm zu verſichern, daß ich dies nicht in übler Abſicht gethan habe, ſondern in der Ungewißheit, ob er auf ein Geſchäft eingehen werde, oder nicht. „Was vor'n Geſchäft?“ ſagte der langbeinige junge Menſch. „Einen Koffer fortzuſchaffen,“ antwortete ich. „Was vor'n Koffer?“ ſagte der langbeinige junge Menſch. Ich ſagte ihm, den meinen, welcher unten in der Straße da wäre, und den ich von ihm für ſechs Pence nach dem Poſtbureau für Dover geſchafft haben wollte. „Abgemacht vor'n Sirpence!“ ſagte der Langbeinige, und ſogleich ſetzte er ſich auf ſeinen Karren, welcher nichts als ein Bret auf Rädern war, und raſſelte mit einer ſolchen Schnelligkeit davon, daß ich zu thun hatte, um mit dem Karren im Schritt zu bleiben. Es war etwas Verächtliches in der Art, wie ſich dieſer junge Menſch benahm, beſonders in der Weiſe, wie er an einem Strohhalme kaute, als er mit mir ſprach, was mir gar nicht ſchicklich erſchien. Indeß nahm ich ihn, da wir ein⸗ mal einig geworden waren, mit mir die Treppe hinauf, nach dem Stübchen, das ich verließ, und wir ſchafften den Koffer herunter und ſtellten ihn auf ſeinen Karren. Nun war ich nicht willens, die Adreſſe gleich dort aufzuheften, da⸗ 11* 164 Dcvid Kopperſild. mit nicht etwa jemand von der Familie meines Wirthes, was ich vorhatte, inne werden und mich zurückhalten ſollte. So ſagte ich zu dem jungen Manne, es würde mir lieb ſein, wenn er, an der Hofmauer des Kingsbench⸗Gefängniſſes angelangt, eine Minute ſtillhalten wollte. Die Worte waren nicht ſobald aus meinem Munde, als er fortraſſelte, wie wenn er, mein Koffer, der Karren und der Eſel alle ſammt toll geworden wären, und ich war ganz außer Athem vor Rennen und Nachrufen, als ich ihn an dem bezeich⸗ neten Orte einholte. Erhitzt und aufgeregt, wie ich war, ſchleuderte ich meine halbe Guinea aus meiner Taſche, als ich die Adreſſe herauszog. Ich hob ſie auf und ſteckte ſie der Sicherheit halber in den Mund, und obſchon meine Hände gewaltig zitterten, ſo hatte ich doch eben die Karte zu meiner vollen Zufriedenheit befeſtigt, als ich von dem Langbeinigen einen heftigen Druck unter das Kinn bekam und meine halbe Guinea aus meinem Munde in ſeine Hand fliegen ſah. „Was!“ ſagte der junge Mann, indem er mich mit einem ſchrecklichen Grinſen am Kragen meiner Jacke packte. „Das iſt'n Fall vor die Pullezei. Du mußt eingeſtochen werden, warte. Komm mit auf die Pullezei, Du kleine Kröte, komm mit auf die Pullezei.“ „Sie geben mir mein Geld wieder,“ ſagte ich in der höchſten Angſt,„und laſſen mich gehn.“ „Komm mit auf die Pullezei!“ ſagte der junge Mann. „Du mußt beweiſen, daß es Deine iſt.“ „Ach geben Sie mir meinen Koffer und mein Geld „wieder,“ ſchrie ich, in Thräne nausbrechend. 1 Der junge Mann antwortete immer wieder:„Komm mit auf die Pullezei,“ und zerrte mich mit Gewalt nach dem Eſel hin, als ob zwiſchen dieſem Thiere und einer [David Kopperfield. 165 obrigkeitlichen Perſon eine Verwandtſchaft herrſchte. Plötz⸗ lich aber änderte er ſeine Abſicht, ſprang auf den Karren, ſetzte ſich auf meinen Koffer, und indem er ſchrie, daß er geradewegs auf die„Pullezei“ fahren wollte, fuhr er ſchärfer als je vorher davon. Ich lief hinter ihm her, ſo ſchnell ich vermochte, aber ich hatte nicht Athem genug, um nach Hülfe zu rufen, und hätte ich Athem gehabt, würde ich's jetzt nicht ge⸗ wagt haben, zu rufen. Mit knapper Noth entging ich dem Schickſal, niedergerannt zu werden, was mir auf dem Wege oon einer halben Meile wohl zwanzig Mal hätte begegnen können. Bald verlor ich ihn aus dem Geſichte, bald ſah ich ihn, bald verlor ich ihn wieder; jetzt bekam ich einen Peitſchenhieb, jetzt wurde ich angeſchrien, jetzt lag ich im Straßenkothe, jetzt war ich wieder empor, jetzt rannte ich jemandem in die Arme, jetzt lief ich mit dem Kopfe wider einen Laternenpfahl. Endlich ließ ich, völlig verwirrt von Furcht und Hitze, und zweifelhaft, ob jetzt nicht halb London meiner Furcht wegen aus den Häuſern fahren würde, den jungen Mann mit Koffer und Geld hingehen, wohin er wollte, und ſah mich ſchluchzend und heulend nach dem Wege nach Greenwich um, welches, wenn ich recht verſtanden, auf der Straße nach Dover lag; und ſo nahm ich auf meinem Rückzuge zu meiner Tante, Miß Betſey, wenig mehr mit mir aus der Welt, als ich in der Nacht, wo meine Ankunft ihr ſoviel Verdruß ge⸗ macht, in dieſelbe gebracht hatte. Ende des zweiten Theils. 8 — 2 ₰ * 6 2 S 8 0 = 8 5 8 E 8 1 —