- 1 4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. Lit. A. Nr. 256. Jeih- und d Feſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den auenofumen Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme es Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für Wachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——V—..—— 2 Me. pf auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Sin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. KusieiReaeil. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — “ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Ausgewählte Uovellen⸗-Bibliothek. Erſter Band David Kopperfteld, der Jüngere. Von Charles Dickens. Erſter Theil. — O ceipzig, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1849. Abenteuer, Dadid. Koppe 2 eſtel Ve Lebensgeſchichte, Erfahrungen und Beobachtungen des Jüngeren. Von Charles Dickens. Erſter Theil. Mit Portrait und Biographie des Verf ‿e Leipzig, rlagsbuchhandlung von J. J. 1849. faſſers. Weber. . · — S Z H 8 — „ 3 — 9⁹ Charles Dickens(Boz). ſte Schri Charles Dickens, gegenwärtig der bedeutendſte Schrift⸗ ſteller Englands auf dem Gebiete des Romans, wurde im Jahre 1812 zu Portsmouth geboren. Die Geſchichte eines Dichters fällt zuſammen mit der Geſchichte ſeiner Werke, und ſo dürfen wir uns über ſeine früheren Ver⸗ hältniſſe kurz faſſen. Was von denſelben erwähnenswerth iſt, ſei hier in wenigen Worten bemerkt. Sein Vater bekleidete eine Verwaltungsſtelle beim Seeweſen, und da er kein Vermögen, wohl aber außer Charles noch fünf andre Kinder hatte, ſo mögen die Verhältniſſe der Fa⸗ milie nicht eben glänzende geweſen ſein. Im zweiten Lebensjahre kam der Knabe nach London, von da im achten nach der Hafenſtadt Chatam, wo er den erſten Unterricht empfing, den er ſpäter, mit ſeinem Vater nach London zurückgekehrt, vervollſtändigte. Schon frühzeitig verrieth das Talent, welches in ihn gelegt war, ſich durch ſeine Hinneigung zum Leſen von Romanen, beſonders — 11— humoriſtiſchen, und noch mehr dadurch, daß er ſich in kleinen Trauerſpielen verſuchte, die er dann mit ſeinen Geſpielen aufführte. Die Umſtände nöthigten ihn, ſich möglichſt bald eine Quelle eignen Erwerbs zu öffnen, und ſo nahm er zunächſt als Schreiber Dienſte bei einem Advokaten. Wie dieſe Stellung auch ſonſt ſein mochte, ſo iſt ſte doch, wo nicht von entſcheidendem, doch von großem Einfluſſe auf ſeine ſpätere Geiſtesbildung und Geſchmacksrichtung geweſen, indem ſie ihm Gelegenheit gab, in den unteren Volksſchichten Beobachtungen an⸗ zuſtellen. Weshalb Dickens dieſe Laufbahn verließ und ſich zum Stenographen auszubilden beſchloß, iſt nicht bekannt; indeß iſt aus der Bedeutung, welche dieſe Claſſe in Eng⸗ land als Berichterſtatter der großen Blätter hat, und aus 3 dem Eifer, mit dem Dickens ſich dabei zwei Jahre lang ſeiner literariſchen Fortbildung auf dem britiſchen Muſeum widmete, zu ſchließen, daß er damit einem innern Zuge nach der Höhe gefolgt ſei. Sein Genius, geweckt und gefördert von ſeinem Fleiße, begann denn auch bald ſeine . Früchte zu zeigen. Bald hatte er ſich, als Berichterſtatter der geiſtlichen Gerichtshöfe, einen Ruf gegründet; der 3 Unternehmer des„Parlamentsſpiegels“ gewann ihn zum Mitredacteur, und nicht lange darnach öffnete ihm das 3 Morning Chronicle, damals Organ des Miniſteriums Melbourne, ſeine Spalten, in welche er Lebensbilder aus dem Treiben der Hauptſtadt lieferte, worunter einige den — 11 Beſten gleichzuſtellen ſind von dem, was er ſpäter ge⸗ ſchrieben hat. Dieſe keck aufgefaßten und kühn hingeworfenen Feder⸗ zeichnungen erhielten verdienten Beifall, ein Buchhändler fand ſich, der ſie in beſonderer Ausgabe(Sketches of London by B0z. 2 Bde.) verlegte, ein Künſtler verwandten Geiſtes, Cruikſhank, der ſie illuſtrirte, und hiermit beginnt die zweite Epoche in Dickens Leben, die ſeiner ſelbſtſtändigen Schrift⸗ ſtellerthätigkeit, bei der ihm außer Cruikſhank auch Leech, Cat⸗ termole und Hablot Browne(der ſich vorher Phiz nannte) als Begleiter zur Seite gingen, und mit der er, nicht nur be⸗ gabter, ſondern auch glücklicher wie Tauſende, die es erfuhren, „wie ſchwer ſie zu erklimmen, Die Höh', wo Fama's ſtolzer Tempel ſtrahlt,“ in wenigen Jahren, ja, wenn man an die Aufnahme der Pickwickier denkt, faſt auf einen Sprung hin alle die da⸗ maligen Größen der Literatur, und vor Allem Bulwer, in Schatten ſtellte, ſich auf dem Continent(in Deutſch⸗ land durch die Ueberſetzungen von Roberts und Moriarty) ein Publikum gewann und ſelbſt„Unkel Sam“ zu ſeinem Freunde und Gönner machte. Dieſe glänzenden Siege begannen mit den„Pickwick papers“, dem erſten Werke, in welchem er ſich der nothwendigen künſtleriſchen Ab⸗ rundung nähert, und welches, was den Erfolg betrifft, einen bis dahin beiſpielloſen Beifall errang und ſo populär wurde, daß man, da es heftweiſe erſchien, auf die weiteren Schickſale ſeiner Perſonen und beſonders des ehrſamen — IV— Pickwick ſelbſt, hohe Wetten einging, daß einzelne Scenen daraus für die Aufführung auf den Londoner Theatern eingerichtet werden mußten, und daß ſchon 1838 eine neue Auflage nöthig wurde, trotzdem daß die erſte 100,000 Eremplare ſtark geweſen war. In raſcher Aufeinanderfolge, Jahr auf Jahr, verließen jetzt die großen Romane, welche ſeinen Namen verewigen werden, die Preſſe. 1837 erſchienen die„Memoirs of Clown Grimaldi“, zwei Bände voll intereſſanter Bilder aus dem engliſchen Schauſpielerleben; ferner 1838„Oliver Twist or the parish Doy's progress“, die Geſchichte eines Bauer⸗ knaben, der ſich tüchtigen Gemüths über mannichfache Schwierigkeiten, die ihm das Leben entgegenſtellt, hinweg und zu Reichthum und Anſehen emporhilft; dann, 1839, der dieſem vortrefflichen Buche ebenbürtige„Nicholas Nickleby“, von welchem an einem einzigen Tage, 17,000 Eremplare verkauft wurden. Mit dieſen beiden letzteren Romanen hatte Dickens den Gipfel ſeiner Entwickelung und ſeines Ruhmes er⸗ reicht und ſich würdig neben ſeine großen Vorgänger Fielding, Smollet und Goldſmith geſtellt; ja man darf ſagen, ſie, wenigſtens in der Popularität, mit der er ſpricht und malt, ſeinen Gegenſtand wählt und entwickelt, um Vieles übertroffen. Von jetzt an datirt eine dritte Periode in ſeiner ſchriftſtelleriſchen Laufbahn, in welcher, wenn auch kein Rückſchritt, ſo doch ein Stillſtand und, wenn man will, bei aller Vollendung in der Form eine gewiſſe Manierirtheit des Humors ſich erkennen läßt. Hierher gehören zunächſt:„Master Humphrey's clock“, 1840 vollendet,„Barnaby Rudge“, 1842, und„Martin Chuzzlewitt“, aus dem Jahre 1843. Das Jahr, nach⸗ dem Boz„Maſter Humphrey's Wanduhr aufgezogen hatte,“ machte er eine Reiſe nach Amerika, wo er in den Hauptſtädten eine Aufnahme fand, wie ſie von einem ſo „calculirenden“ Volke, wie die Yankees, kaum zu erwarten ſtand. Hätten ſie indeß einige von den„Notes on America“ im Voraus zu leſen bekommen, welche er nach ſeiner Rückkehr über die dortigen Zuſtände ſchrieb und veröffentlichte, wahrlich, ſein Empfang möchte um Vieles kühler ausgefallen ſein! Und ſie würden dabei in ihrem guten Rechte geweſen ſein; denn ſelbſt manche von ſeinen Freunden geben zu, daß dieſes Buch— Werk kann es kaum genannt werden— trotz der mannichfachen geiſt⸗ vollen Anſchauungen und treffenden Urtheile, die es ent⸗ hält, ſeiner Beobachtungsgabe nicht ſehr zur Ehre ge⸗ reicht. Boz iſt nicht blos ein Engländer, ſondern vorzugs⸗ weiſe ein Londoner, und das Auge, das in den Straßen der Weltſtadt ſcharf genug iſt, ſich zurecht zu finden, wird trüb und irr in der Wüſte der Prairie und den Schluchten der Waſſerfälle; und das Ohr, welches den Herzſchlag der engliſchen Armuth hörte, vermag das Wachſen und Vibriren des Volksgeiſtes im freien Weſten nicht zu verſtehen. — VI— Eine neue Bahn, und wie uns dünkt mit großem Glücke, betrat Dickens, indem er ſich 1844 mit„A Christmas Carol“ auf das Gebiet des Märchens und der Geiſter⸗ geſchichten wagte, wobei er ſich zugleich die Löſung tief⸗ greifender ſocialer und pſychologiſcher Fragen zur Auf⸗ gabe ſtellte. Nach Veröffentlichung der eben genannten Weihnachtsgeſchichte folgte jedes Jahr eine ähnliche Gabe: ſo 1845 die„Chimes“, 1846„The cricket on the hearth“, 1847„The battle of life““, endlich 1848„The haunted man“, von dem wir zu Anfange dieſes Bandes der Novellenzeitung eine Ueberſetzung gegeben haben. Die beiden letzten vollendet vorliegenden Werke von Charles Dickens ſind die Beſchreibung einer Reiſe nach Italien, und der Roman„Dombey and Son“. Auch iſt nachzutragen, daß er ſeit dem 1. Januar 1846 erſter Re⸗ dacteur der neubegründeten Zeitung„hDaily News““ iſt, wofür ihm während des erſten Jahres der für deutſche Zuſtände ungeheure Gehalt von 5000 Pfund Sterling zugeſichert war. Dickens beſitzt ein anmuthiges Aeußere, ein liebens⸗ würdiges Weſen und große geſellſchaftliche Talente. Be⸗ ſonders rühmt man ſein Geſchick, mit dem er bei feſt⸗ lichen Gelegenheiten ſpricht. Er iſt verheirathet, und zwar mit der Tochter W. Hogarths, eines Edinburgers und Freundes W. Scotts, der Einiges über Muſik ge⸗ ſchrieben hat; und, reich geworden durch ſeine Feder, lebt er in den angenehmſten und glänzendſten Verhältniſſen. — uu— Wenn wir im Vorigen ſchon hin und wieder Gelegen⸗ heit genommen haben, auf die eigenthümlichen Vorzüge der Dickens'ſchen Schriften hinzuweiſen, ſo iſt es hier ſchließlich am Orte, dieſelben in eine kurze Charakteriſtik zuſammenzufaſſen. Wenn wir uns fragen, wodurch Dickens zu ſo außerordentlicher Popularität nicht blos in ſeinem Vaterlande, ſondern in der ganzen Welt, unter den Völkern aller Länder und Sprachen gelangt iſt, ſo werden wir mit der Antwort, daß er ein großer Humoriſt und das Geſchlecht der Humoriſten vorzugsweiſe geſchickt ſei, ſich die Aufmerkſamkeit, die Theilnahme und den Beifall des Publikums zu gewinnen, nicht weit reichen. Ja, er iſt ein großer Humoriſt, der Boz, dem die Welt die Ge⸗ ſtalten Pickwicks und Samuel Wellers, Oliver Twiſts und Nicholas Nicklebys verdankt; ja, er verſteht ſie zu ſpielen, wie Keiner, die Zaubergeige des Gemüths, ver⸗ ſteht ſie hervorzulocken, all die Töne, die ſie birgt, von der höchſten Luſt bis zum tiefſten Schmerz, vom drolligen Tanz ſeiner Gleichniſſe und dem baucherſchütternden Pot⸗ pourri ſeiner Wortſpiele, bis zu den erhabenen Hymnen ächter Empfindung; ja, er iſt originell in Auffaſſung und Sprache, ohne barock zu ſein, einfach, ohne des poetiſchen Hauches und der Herrſchaft über den Ausdruck zu ent⸗ behren, und ein Kenner des Lebens und der Menſchen wie nicht Viele. Aber das Alles würde nur zum Theil erklären, wie man Bulwer u. a. über ihm vergaß, ihn aber nicht höher ſtellen als ſeine Vorläufer, die Schöpfer — vm— von Roderick Random, Peregrine Pickle, Tom Jones, Jack Brag u. a. Der wichtigere Grund vielmehr ſcheint uns i etwas Anderem zu liegen, Darin nämlich, daß er mit em erſten Federſtriche ſchon verrieth, wie er ein Herz für das Volk habe; darin, daß er für Alle ſchrieb; darin, daß er 5r den Sittenroman, der, in England erzeugt, bis dahin nur in dem Gebiete des high life und höchſtens in dem 4 der Mittelelaſſen angebaut worden war, kühn in die Kreiſe des vierten Standes zu verpflanzen wagte und zeigte, wie.* auch dort die Saat des Geiſtes gedeihe, auch dort edles Menſchenthum zu finden, auch dort noch reiche Schätze äſthetiſcher Geſtalten verborgen ſeien. Das Erſtaunen 3 der Vornehmen über dieſe Keckheit und ihren Erfolg einerſeits, die Liebe der ſo in Schutz Genommenen, ſo 5 zur Geltung Gebrachten, ſo in den Organismus der Welt 1 dichteriſch Hereingezogenen andrerſeits, ſie ſind die Herolde 8 ſeiner Popularität geweſen, ſie haben ihm die unverwelk⸗ zu liche Lorbeerkrone aufgeſetzt, mit der Boz nicht nur in der Reihe der Dichter, ſondern, und mit gleichem Rechte, 1 im Kreiſe der Wohlthäter und Förderer allgemeiner 9 menſchlicher Entwickelung einen der vorderſten Sitze einnimmt. Lebensgeſchichte, Abenteuer, Erfahrungen und Beobachtungen David Kopperſteld's des Jüngeren. Erſtes Kapitel. Ich werde geboren. Ob ich mit einer Lebensbeſchreibung hervortreten ſoll, deren Held ich ſelbſt bin, oder ob dies Geſchäft von irgend Jemand Anderem in die Hand genommen werden wird: die nachfolgenden Seiten müſſen es ausweiſen. Um mein Leben mit dem Beginn meines Lebens zu beginnen, ſo erinnere ich mich, daß ich(wie man mir geſagt und ich glaube), an einem Freitage zwölf Uhr in der Nacht ge⸗ boren worden bin. Man hat beobachtet, daß ich gerade mit den erſten Schlägen der Glocke auch mein erſtes Schreien hören ließ. Im Hinblick auf den Tag und die Stunde meiner Geburt wurde von der Amme und von verſchiedenen klugen Weibern aus der Nachbarſchaft, welche bereits mehrere Monate vor der Möglichkeit, daß wir mit ein⸗ ander perſönlich bekannt werden konnten, ein lebhaftes Intereſſe an mir genommen hatten, die Erklärung abge⸗ geben: erſtens, daß ich beſtimmt wäre, unglücklich im 1* David Kopperfield. Leben zu ſein, und zweitens, daß ich di be haben würde, Geſpenſter und Geiſter zu ſehe Ei⸗ genſchaften, wie ſie glaubten, all ichen Kin⸗ dern beiderlei Geſchlechts anhafte een Nach⸗ mitternachtsſtunden einer Freitag würden. Ueber den erſten Punkt brauche ich hier nichts zu ſagen, weil nichts ſo gut, als meine Geſchichte zeigen kann, ob dieſe Weiſſagung ſich bewahrheitete, oder als falſch er⸗ wies. Hinſichtlich der zweiten Seite dieſer Angelegen⸗ heit aber will ich nur bemerken, wie ich, trotz dem, daß ich dieſem Theile meines Eigenthumes ſchon als kleiner Knabe emſig nachgeforſcht habe, dennoch bis heute noch nicht in ſeinen Beſitz gekommen bin. Indeß bin ich nicht eben allzubetrübt, daß er mir vorenthalten worden iſt, und wenn irgend Jemand Anders ſich gegenwärtig des Nießbrauchs deſſelben erfreuen ſollte, ſo gebe ich ihm herzlich gern die Erlaubniß, ihn zu behalten. Ich wurde mit einer Blaſe über dem Kopfe geboren, welche in den Zeitungen für den geringen Preis von funf⸗ zehn Guineen zum Verkauf ausgeboten wurde. Ob die Leute, welche auf der See fahren, zu der Zeit gerade nicht bei Gelde waren, oder ob ſie keinen rechten Glauben an das Ding hatten und Korkjacken vorzogen, ich weiß es nicht; Alles, was ich weiß, iſt, daß uns nur ein einziges Gebot darauf zuging, undzwar von einem Advokaten, der als Wechſelmäkler Geſchäfte machte und uns zwei Pfund in baarem Gelde und das Uebrige in Kereswein dafür an⸗ bot, es aber ablehnte, ſich um einen höhern Preis Sicher⸗ heit vor dem Ertrinken zu verſchaffen. In Folge deſſen wurde die Anzeige mit Verluſt zurück gezogenz denn was den eres betrifft, ſo verkauften wir damals ja den eignen David Kopperfield. 5 Reres mei rmen Mutter. Zehn Jahr nachher wurde die B ſrer Gegend in einer Lotterie ausgeſpielt, wo die T der Mann eine halbe Krone einzahl⸗ ten, der r nur fünf Schilling zu entrichten hatte. Ich war ſelbſt dabei und beſinne mich, daß ich mich ſehr ungemüthlich fühlte, als ich ſehen mußte, wie über einen Theil meiner ſelbſt in dieſer Weiſe verfügt wurde. Die Blaſe wurde, wie ich mich erinnere, von einer alten Dame mit einem Handkörbchen gewonnen, aus welchem ſie, wie es ſchien, ſehr ungern, die ausge⸗ machten fünf Schillinge hervorholte, alles in kleiner Münze, wobei es ungeheuer viel Zeit und eines großen Aufwandes von Rechnenkunſt bedurfte, um ihr die Rich⸗ tigkeit der Addition zu beweiſen; ohne daß dies jedoch zu irgend einem Erfolg geführt hätte. Es iſt eine Thatſache, deren man ſich dort lange als einer Merkwürdigkeit erinnern wird, daß ſie wirklich nicht ertrank, ſondern den Triumph hatte, zwei und neunzig Jahr alt in ihrem Bette zu ſter⸗ ben. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß es bis an ihr Ende ihr größter Ruhm und Stolz war niemals in ihrem Leben über dem Waſſer geweſen zu ſein, ausgenommen auf einer Brücke, und daß ſie über ihrer Theetaſſe, der ſie außerordentlich zugethan war, oftmals ihre Entrüſtung über die Gottloſigkeit der Matroſen und anderer Leute ausſprach, welche die Vermeſſenheit hätten, im Zickzack durch die Welt laviren zu wollen. Es war umſonſt, wenn man ihr einwarf, daß gewiſſe Annehmlichkeiten des Le⸗ bens, vielleicht mit Einſchluß ſelbſt des Thees, Ergebniſſe des von ihr verwerflich gefundenen Treibens ſeien. Im⸗ mer antwortete ſie mit größerer Salbung und einem in⸗ ſtinktartigen Bewußtſein von der Kraft ihres Einwurfs: „Laviren wir nicht in Winkelzügen!“ 8 8 6 David Kopperfield. 4 Um nun gegenwärtig nicht ſelbſt in dieſen Fehler des im Zickzack⸗Herumlavirens zu verfallen, wil u Geburt zurückkehren. 4 Ich erblickte das Licht der Welt Suffolk oder„dort herum“, wie ſie in Schottla Ich war ein nachgeborenes Kind. Die Augen meines Vaters hatten ſich für das Licht dieſer Erde geſchloſſen, ſechs Monate vorher, ehe ich die meinen demſelben öffnete. Es iſt ſelbſt jetzt noch ein eigenthümliches Gefühl für mich, wenn ich daran denke, daß er mich niemals ſah. Und etwas noch Eigenthümlicheres liegt in der dunkeln Erin⸗ nerung, die ich von meinen erſten kindlichen Beſuchen an ſeinem weißen Grabſteine auf dem Kirchhofe und von dem unbeſchreiblichen Mitleid bewahre, welches ich bei dem Gedanken fühlte, daß er da draußen allein in der finſtern Nacht liege, während unſer kleines Zimmer vom Feuer erwärmt und von der Lampe erhellt war und die Thüren unſres Hauſes,— ſchier grauſam, wie mich's manchmal bedünken wollte— für ihn verſchloſſen und verriegelt waren. Eine Tante meines Vaters und folglich eine Groß⸗ tante von mir, von der ich im weitern Verlaufe mehr mit⸗ zutheilen haben werde, war die vornehmſte Perſon unſrer Familie. Miß Trotwood oder Miß Betſey, wie meine Mutter ſie immer nannte, wenn ſie, was jedoch ſelten ge⸗ ſchah, ihre Furcht vor dieſer entſetzlichen Perſon in ſoweit überwand, daß ſie ihrer überhaupt erwähnte, war mit einem Manne, jünger als ſie, verheirathet geweſen, der ſehr hübſch war, wenn man nämlich dabei nicht an das alte ſchlichte Sprichwort:„hübſch iſt, wer ſich hübſch be⸗ nimmt“ vendt; denn es laſtete auf ihm der ſchwere Ver⸗ dacht, Miß Betſey geprügelt und ſelbſt einmal bei Ge⸗ David Kopperfield. 7 4 1 legenheit einer in Zank ausgelaufenen Geldfrage ver⸗ ſchiedene eilige, aber ſehr entſchloſſene Vorkehrungen ge⸗ troffen zu haben, ſie aus einem Fenſter im zweiten Stock hinauszuwerfen. Dieſe Beweiſe eines ungezügelten Tem⸗ peraments bewogen Miß Betſey, ihn abzulohnen und ſich mit gegenſeitiger Uebereinſtimmung ſcheiden zu laſſen. Er ging mit ſeinem Gelde nach Indien, und dort will man ihn nach einer ſeltſamen Sage in unfrer Familie in Ge⸗ ſellſchaft eines Pavians auf einem Elephanten haben rei⸗ ten ſehen. Ich jedoch denke, es wird eher ein indiſches Mädchen geweſen ſein. Irgendwie nach etwa zehn Jah⸗ ren kam die Nachricht von ſeinem Tode nach Hauſe. Wie meine Tante davon berührt wurde, weiß Niemand zu ſagen; denn unmittelbar nach der Scheidung nahm ſie ihren Mädchennamen wieder an, kaufte ſich eine Hütte in einem Dörfchen an der Seeküſte, weit weg gelegen, und ließ ſich daſelbſt als einzelnes Frauenzimmer mit einer Magd nieder, ſo daß man glauben mußte, ſie lebe für immer in unerſchütterlicher Zurückgezogenheit. Mein Vater war früher, wie ich glaube, ein Liebling von ihr geweſen, da aber machte er ihr den tödtlichen Aerger mit ſeiner Heirath, indem meine Mutter damals noch ein„Backfiſch“ war. Sie hatte meine Mutter nie⸗ mals geſehen, aber ſie wußte, daß ſie noch nicht zwanzig Jahr alt war. Mein Vater und Miß Betſey trafen nie wieder zuſammen. Er war bei ſeiner Verheirathung doppelt ſo alt, als meine Mutter und von ſchwächlicher Körperbeſchaffenheit. Er ſtarb ein Jahr nachher und, wie ich bereits geſagt, ſechs Monate vor meiner Ankunft in der Welt. Dies war der Stand der Dinge an dem Nachmittage jenes Freitags, hinſichtlich deſſen man mich entſchuldigen David Kopperfield. 3 wird, wenn ich ihn einen ereignißvollen und hoch bedeut⸗ ſamen nenne. Ich kann jedoch keinen Anſpruch darauf machen, zu dieſer Zeit gewußt zu haben, wie die Sachen ſtanden, oder irgend eine Erinnerung deſſen, was folgt, zu beſitzen, welche auf eigene Anſchauung gegründet wäre. Meine Mutter ſaß am Feuer; kränklichen Körpers und niedergeſchlagenen Geiſtes, blickte ſie in daſſelbe durch ihre Thränen in tiefer Verzweiflung an ihrem eignen Schickſale und dem des vaterloſen kleinen Fremdlings, der bereits von mehrern Hunderten prophetiſcher Steck⸗ nadeln in einer Schublade im obern Stock willkommen geheißen war in einer Welt, die über ſeine Ankunft keines⸗ wegs erfreut war*);— meine Mutter alſo ſaß, wie ge⸗ ſagt, am Feuer an dieſem hellen und windigen März⸗ nachmittage, ſehr in Kummer und Trauer und ſehr in Zweifel, ob ſie bei der Prüfung, die ſie zu beſtehen hatte, mit dem Leben davon kommen würde. Da, als ſie ihre Augen erhob, um ſie zu trocknen, und nach dem Fenſter ihr gegenüber blickte, ſah ſte eine unbekannte Dame durch den Garten auf das Haus zukommen. Sie blickte noch einmal hin, und eine an Gewißheit grenzende Ahnung ſtieg auf in ihr, daß es Miß Betſey ſei. Die untergehende ſtieg g Sonne beſtrahlte die Fremde über den Gartenzaun her⸗ über mit rothem Lichte, und ſie kam langſam auf die Thür zu mit einer ſo ſtraffen Haltung und einer ſolchen Ent⸗ *) Dies bezieht ſich auf einen alten Gebrauch in England, nach welchem man in den Tagen vor der Geburt eines Kindes mit Stecknadeln in ein Kiſſen einen oder mehre Segenswünſche, als: „Willkommen kleiner Fremdling!“ oder:„Gott ſegne das Neugeborne!“ ſteckt. David Kopperfield. 9* ſchiedenheit in den Geſichtszügen, wie ſie niemand Anderem angehören konnten. 4 Als ſie das Haus erreicht, gab ſie einen andern Be⸗ weis, daß ſie es wirklich ſei. Mein Vater hatte oft ver⸗ lauten laſſen, daß ſie ſich ſelten wie andere rechtſchaffene Chriſten benehme; und jetzt, anſtatt zu klingeln, kam ſie an das eben genannte Fenſter und guckte herein, indem ſte ihre Naſenſpitze in der Weiſe an's Glas drückte, daß meine arme kleine Mutter zu ſagen pflegte, ſie ſei im Augenblicke platt und weiß geworden. Sie verurſachte meiner Mutter einen ſolchen Schreck, daß ich mein Lebtage die Ueberzeugung gehabt habe, es Miß Betſey zu verdanken, daß ich an einem Freitage geboren wurde. Meine Mutter hatte in ihrer Aufregung ihren Stuhl verlaſſen und ſich hinter denſelben in den Winkel geſtellt. Miß Betſey ſah ſich bedächtig und forſchend im Zimmer um. Sie begann an der einen Seite und wälzte ihre Augäpfel gleich einem Saracenenkopfe in einem holländi⸗ ſchen Glockenſpiele langſam nach der Gegend hin, wo ſich meine Mutter befand. Dann machte ſie eine geringſchätzige Geberde gegen meine Mutter, wie Jemand, der gewohnt iſt, Gehorſam zu finden. Dieſe Geberde ſollte den Befehl ausdrücken, ſie ſolle kommeu und die Thür öffnen. Meine Mutter ging. „Mrs. David Kopperfield, dächt' ich?“ ſagte. Miß Betſey, indem ſich die ſtarke Betonung des„ dächt ich“ auf die Trauerkleider und den Zuſtand meiner Mutter bezog. „Ja,“ ſagte meine Mutter mit ſchwacher Stimme. „Miß Trotwood,“ ſagte der Beſuch.„Sie werden, wie ich mir zu bemerken erlaube, von ihr gehört haben.“ David Kopperfield. Meine Mutter entgegnete, daß ſie dies Vergnügen gehabt habe. Und es war ihr ein unangenehmes Gefühl, daß ſie durch ihre Erſcheinung nicht bewies, wie es ein ganz außerordentliches Vergnügen geweſen ſei. „Na, nun bekommen Sie ſie zu ſehen,“ ſagte Miß Betſey. Meine Mutter verbeugte ſich und bat ſie, einzutreten. Sie gingen in die Stube, aus der meine Mutter gekom⸗ men war, da in unſerm Putzzimmer, auf der andern Seite des Ganges, kein Feuer brannte,— oder vielmehr ge⸗ brannt hatte ſeit meines Vaters Begräbniß. Und als ſie ſich Beide geſetzt hatten, und Miß Betſey fortwährend ſchwieg, begann meine Mutter, nachdem ſie lange umſonſt an ſich zu halten verſucht, plötzlich zu ſchreien. „O, ſchnell fort, fort, fort!“ ſagte Miß Betſey haſtig, „laſſen Sie das! Kommen Sie, kommen Sie!“ Meine Mutter konnte ſich trotzdem nicht helfen, und ſo ſchrie ſie, bis der Schrei heraus war. „Nehmen Sie Ihre Haube ab, Kind,“ ſagte Miß Betſey,„und laſſen Sie mich Sie mal anſehen.“ Meine Mutter fürchtete ſich vor ihr zu ſehr, als daß ſie dieſem albernen Verlangen nachzugeben verſagt hätte, ſelbſt wenn ſie dazu geneigt geweſen wäre. So that ſie, wie ihr geheißen, und that es mit ſolch zitternder Hand, daß ihr Haar, welches reich und ſchön war, ihr über das Geſicht fiel und es verhüllte. „Ei, der Tauſend!“ rief Miß Betſey aus,„ Sie ſind ja noch ein wahres Wickelkind!“ Es iſt wahr, meine Mutter war ſelbſt für ihre Jahre von ungewöhnlich jugendlichem Ausſehen. Sie hing den Kopf, das arme Ding, als ob es ihre Schuld wäre, und David Kooperfield. 11 ſagte ſeufzend: es wäre ihr in der That bange, daß ſie eine noch recht kindiſche Wittwe ſei und eine kindiſche Mutter ſein werde, wenn ſie am Leben bliebe. In einer Art von Pauſe, welche folgte, war es ihr, als ob ſie fühle, wie Miß Betſey und zwar mit nicht unſanfter Hand ihr Haar berühre; aber als ſie in ihrer ſchüchternen Hoff⸗ nung nach ihr hinblickte, fand ſie dieſe dame, den Saum ihres Kleides in die Höhe geſchürzt, die Hände über das eine Knie gefaltet, die Füße auf das Kamingitter geſtemmt, mürriſch am Feuer ſitzen. „Aber um Gotteswillen,“ fuhr Miß Betſey plötzlich auf,„warum Rookery?“ —„Meinen Sie das Hans, Madame?“ fragte meine Mutter. „Warum Rookery?“ ſagte Miß Betſey.„Cookery wollte ich mir eher gefallen laſſen*), das entſpräche doch einem vernünftigen Zwecke, vorausgeſetzt, daß Sie irgend praktiſche Anſichten von dem, was zum Leben gehört, oder von ſich ſelbſt gehabt hätten.“ „Der Name wurde von meinem Manne gewählt,“ entgegnete meine Mutter.„Als er das Haus kaufte, meinte er, daß es Krähen in der Nähe deſſelben gebe.“ Der Abendwind fuhr jetzt mit ſolchem Brauſen unter die langſtämmigen alten Ulmenbäume im Garten hinein, daß weder meine Mutter noch Miß Betſey es vermeiden konnten, einen Blick nach dieſer Richtung hin zu thun. Als die Ulmen ſich mit den Häuptern einander zuneigten, wie Rieſen, die ſich gegenſeitig Geheimniſſe zuflüſtern, und dann, nach wenigen Sekunden ſolcher Ruhe, wieder in *) Rookery bedeutet Krähenneſt, Cookery: Kochkunſt. 12 David Kopperfield. gewaltiger Bewegung ſich herumwarfen, indem ſie ihre wilden Arme bald zum Himmel hinauf reckten, bald herab ſinken ließen, gleich als ob ihre eben gethanen Bekenntniſſe zu gottloſe Dinge enthielten, um ihnen den Frieden der Seele zu laſſen: ſo wurden mehrere im Wetter verrottete und zerriſſene Krähenneſter, die in das höhere Gezweig hineingebaut waren, gleich Wracks von Schiffen auf einer ſtürmiſchen See, herumgeſchleudert. „Wo ſind die Vögel hin?“ fragte Miß Betſey. „Die— was?“ Die Gedanken meiner Mutter hatten ſich während deß mit etwas Anderem beſchäftigt. „Die Krähen— was iſt aus ihnen geworden?“ fragte Miß Betſey.— „Es ſind gar keine da geweſen, ſeit wir hier leben,“ ſagte meine Mutter.„Wir dachten,— Mr. Kopperfield dachte— das ganze Beſitzthum wäre ein großes Krähen⸗ lager. Aber die Neſter waren ſehr alte, und die Vögel hatten ſie ſchon ſeit langer Zeit verlaſſen.“ „Ja, da ſehe ich den ganzen David Kopperfield. Das iſt David Kopperfield, wie er leibt und lebt. Heißt ein Haus ein Krähenneſt, während nicht eine einzige Krähe dabei iſt, und nimmt in gutem Glauben Vögel an, wo er Neſter ſieht!“ „Mein Mann,“ entgegnete meine Mutter,„iſt todt, und wenn Sie es wagen, in meiner Gegenwart unfreund⸗ lich von ihm zu ſprechen—“ Meine arme kleine Mutter hatte vermuthlich den augenblicklichen Gedanken, einen Angriff mit Hieb⸗ und Schußwaffen auf meine Tante zu machen, welche ihrer aber leicht mit Einer Hand Herr geworden ſein würde, ſelbſt wenn meine Mutter in weit geeigneterem Zuſtande für ſolch' einen Zuſammenſtoß geweſen wäre, als ſie dieſen Abend in der That war. Die Luſt verging ihr aber, ſie David Kopperfield. 13 beſchränkte ſich darauf, von ihrem Stuhle aufzuſtehen, und ſetzte ſich bald darauf ſehr demüthig und erſchöpft wieder. Als ſie wieder zu ſich kam, oder als Miß Betſey⸗ ſte wieder zu ſich gebracht hatte, fand ſie die Letztere am Fenſter ſtehen. Die Dämmerung hatte ſich während dieſer Zeit bis zur Dunkelheit abgeſchattet. Sie ſahen ſich ein⸗ ander nur noch als düſter verſchwimmende Geſtalten, und ſie hätten ſich gar nicht geſehen, wenn nicht das Feuer die Stube einigermaßen erleuchtet hätte. „Hm,“ ſagte Miß Betſey, indem ſie zu ihrem Stuhle zurückkam, als wenn ſie nur einen zufälligen Blick hinaus gethan hätte,„und wenn erwarten Sie— 2“ „Ich bin ganz Zittern und Zagen,“ ſtammelte meine Mutter,„ich weiß nicht, wie's ſteht. Ich werde ſterben, ſicherlich.“ „Nein, nein, nein!“ ſagte Miß Betſey.„Trinken Sie einen Tropfen Thee!“ „Ach mein Gott, mein Gott! Denken Sie, daß dies mir vielleicht gut thun wird?“ ſchrie meine Mutter in elendiglichem Tone. „Freilich wird es,“ ſagte Miß Betſey.„EGs i*ſt nichts als Einbildung. Wie nennen Sie Ihr Mädchen?“ „Ich weiß ja nicht, ob es ein Mädchen ſein wird, Madame,“ ſagte meine Mutter in ihrer Unſchuld. „Gott ſegne den Verſtand dieſes Winkelkindes!“ rief Miß Betſey, indem ſie ohne Wiſſen und Willen den zweiten Wunſch auf dem Nadelkiſſen oben im Kaſten an⸗ zog, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie unter dem„Wickel⸗ kinde“ meine Mutter, das Nadelkiſſen aber mich verſtand. „Das meinte ich nicht, ich meine Ihr Dienſtmädchen!“ „Peggotty,“ ſagte meine Mutter. „Peggotty!“ wiederholte Miß Betſey mit Entrüſtung, 8 14 David Kopperfield. „Meinen Sie wohl, Kind, daß irgend ein menſchliches Weſen jemals in eine chriſtliche Kirche gegangen iſt, das den Namen Peggotty bekommen hat?“ „Es iſt ihr Zuname,“ ſagte meine Mutter leiſe. „Mr. Kopperfield nannte ſie dabei, weil ihr Vorname der⸗ ſelbe war, wie der meine.“ 1 „He! Hierher, Peggotty!“ ſchrie Miß Betſey, indem ſie die Stubenthür öffnete.„Thee! Deine Herrſchaft i*ſt ein Bischen unwohl. Trödele nicht lange!“ Nachdem ſie dieſes Mandat mit einer ſolchen befehls⸗ haberiſchen Würde erlaſſen, als ob ſie eine anerkannte Autorität im Hauſe geweſen, ſo lange es überhaupt ein Haus, und nachdem ſie hinausgeblickt, wo ſie den ver⸗ wunderten Augen Peggotty's begegnete, welche auf den Klang einer fremden Stimme mit einem Lichte den Gang herabkam, ſchloß Miß Betſey die Thür wieder und ſetzte ſich hin, wie vorher, die Füße auf dem Kamingitter, den Saum ihres Kleides in die Höhe geſchlagen und ihre Hände um das eine Knie gefaltet. „Sir ſrachen davon, daß es ein Mädchen ſei,“ ſagte ſte. „Ich hege keinen Zweifel, daß es ein Mäͤdchen ſein wird. Ich habe ein Vorgefühl, daß es ein Mädchen ſein muß. Nun denn, Kind, von dem Augenblicke der Geburt dieſes Mädchens—“ „Vielleicht iſt es ein Knabe,“ erlaubte ſich meine Mutter einzuſchalten. „ Ich ſage Ihnen, ich habe ein Vorgefühl, daß es ein Mädchen ſein muß,“ entgegnete Miß Betſey.„Wider⸗ ſprechen Sie mir nicht! Von dem Augenblicke der Geburt dieſes Mädchens an, Kind, habe ich die Abſicht, Ihre Freundin zu ſein. Ich beabſichtige, bei ihr Gevatter zu ſtehen, und ich wünſche, daß ſie Betſey Trotwood Kopper⸗ — 8 David Kopperfield. 15 field genannt wird. Da dürfen im Leben keine Mißver⸗ ſtändniſſe mit dieſer Betſey Trotwood vorkommen, da darf kein unrechtes Spiel mit ihren Gefühlen getrieben werden. Sie muß wohl erzogen und wohl bewacht werden, daß ſie nicht ihr Vertrauen auf einfältige Weiſe dahin wegwirft, wo man es nicht verdient. Ich werd das meine Sorge ſein laſſen.“ Nach jedem von dieſen Ausſprüchen zuckte Miß Betſey mit dem Kopfe, als ob ſie ihre ſelbſt erlittene alte Unbill anfaßte und herumriſſe, und ſie hielt eine deutlichere Er⸗ wähnung derſelben nur durch ſtrenges Zuſammennehmen zurück. So vermuthete meine Mutter wenigſtens, als ſie ſie bei dem ſchwachen Schimmer des Feuers beobachtete; indem ſie zu eingeſchüchtert von Miß Betſey, zu unwohl an ſich ſelbſt ſchon und im Allgemeinen zu niedergedrückt und verworren in ihren Gedanken war, um irgend etwas ganz klar zu beobachten, oder zu wiſſen, was zu ant⸗ worten ſei. „Und war David gut mit Ihnen?“ fragte Miß Bet⸗ ſey, nachdem ſie ein Weilchen ſtillgeſchwiegen und jene Gedankenbewegungen ſich in ihrem Kopfe wieder gelegt hatten,„vertrugt Ihr Euch gut miteinander?“ „Wir waren ſehr glücklich“, ſagte meine Mutter. „Was! Er hat Sie vermuthlich beraubt?“ entgegnete Miß Betſey. „Wenn ich daran denke, daß ich nun wieder ganz allein und auf mich ſelbſt angewieſen bin in dieſer rauhen Welt, ja, dann fürchte ich in der That, daß er dies ge⸗ than hat“, ſeufzte meine Mutter. „Hm, Hm, aber ſchreien Sie nicht ſo“, ſagte Miß Betſey.„Sie waren ungleich verheirathet, Kind— das geißt, wenn es überhaupt vorkommen kann, daß zwei 16 David Kopperfield⸗ Leute gleich verheirathet ſind— und darauf ging meine Frage. Sie waren eine Waiſe, nicht wahr?“ Ie2 „Und eine Gouvernante?“ „Ich war eine Erzieherin kleiner Kinder in einer Familie, wo Mr. Kopperfield aus⸗ und einging. Mr. Kopperfield war ſehr freundlich gegen mich. Er nahm viel Antheil an mir, bewies mir allerhand Aufmerkſam⸗ keiten, und zuletzt machte er mir ſeinen Antrag. Ich nahm ihn an. Und ſo heiratheten wir uns“, ſagte meine Mutter einfach. „Ha, ha! Armes Püppchen!“ murmelte Miß Bet⸗ ſey, indem ſie das Geſicht noch immer dem Feuer zu⸗ kehrte.„Verſtehn Sie ſich denn auf irgend etwas?“ „Bitte um Verzeihung,“ ſtotterte meine Mutter. „Auf die Führung eines Haushalts zum Beiſpiel,“ ſagte Miß Betſey. „Ich fürchte, nicht viel. Nicht ſoviel, als ich wünſchen könnte, aber Mr. Kopperfield unterrichtete mich—“ („Ei ja, der verſtand ſelbſt viel davon!“) ſagte Miß Betſey in Parentheſe. — Und ich hoffe, daß ich bei meinem Eifer im Ler⸗ nen und ſeiner Geduld im Lehren vorwärts gekommen ſein würde, wäre nicht das große Unglück ſeines Todes“ — meine Mutter brach hier zuſammen und konnte nicht weiter ſprechen. „Schon gut, ſchon gut!“ ſagte Miß Betſey. „Ich hielt mein Haushaltungsbuch regelmäßig und ver⸗ glich es jeden Abend mit Mr. Kopperfield,“ ſchrie meine Mutter, worauf ſie wieder zu jammern begann und aber⸗ mals zuſammenbrach. David Kopperfield. 17 „Schon gut, ſchon gut!“ ſagte Miß Betſey,.„aber ſchreien Sie nur nicht ſo!“ „Und ich bin ſicher, daß wir niemals in dieſem Punkte verſchiedener Meinung waren, ausgenommen, wenn Mr. Kopperfield gegen meine Dreien und Fünfen einzuwenden hatte, daß ſie einander zu ähnlich ſeien, oder wenn er an meinen Siebenen und Neunen tadelte, daß ich ihnen geringelte Schwänzchen gab,“ ſagte meine Mutter, und wieder floſſen ihre Thränen, und abermals brach ſie zuſammen. „Sie werden ſich ſe 1 krank machen!“ ſagte Miß Betſey, und Sie wiſſen, das wird weder für Sie noch für mein Pathchen gut ſein. Kommen Sie, und laſſen Sie das!“ Dieſer Beweisgrund trug etwas dazu bei, meine Mutter zu beruhigen, obſchon ihr wachſendes Unwohlſein vielleicht größeren Theil daran hatte. Es trat jetzt eine Pauſe des Schweigens ein, nur zuweilen unterbrochen durch ein von Miß Betſey, die immer noch mit den Füßen auf das Kamingitter geſtützt ſaß, hervorgeſtoßenes„Ha!“ „David hatte ſich meines Wiſſens mit ſeinem Gelde eine Jahresrente gekauft,“ bemerkte ſie nebenher.„Wie hat er für Sie geſorgt?“ „Mr. Kopperfield,“ entgegnete meine Mutter, indem ihr das Antworten ſchvn ziemlich ſchwer fiel,„hatte ſoviel Ueberlegung und Güte, daß er die Uebertragung eines Theils davon auf mich ſicherſtellte.“ „Wie viel?“ fragte Miß Betſey. „Hundert und fünf Pfund jährlich,“ antwortete meine Mutter. „Er hätte es noch ſchlimmer machen können,“ ſagte Miß Betſey. David Kopperfield. I. 2 18 David Kopperfield. Das Wort ſchlimm paßte für den gegenwärtigen Augenblick. Meiner Mutter war ſo übel, daß Peggotty, welche eben mit dem Theebrette und Kerzen hereintrat und auf den erſten Blick ſah, wie ſchlecht ihr war— was übrigens Miß Betſey eher hätte ſehen müſſen, falls es licht genug geweſen wäre— ſie in aller Eile die Treppe hinauf nach ihrem eigenen Zimmer brachte und augenblicklich Ham Peggotty, ihren Neffen, der ohne Wiſſen meiner Mutter bereits einige Tage heimlich im Hauſe gelebt hatte, als Eilboten der äußerſten Noth abſendete, um Hebamme und Doctor zu holen. Dieſe vereinigten Mächte waren höchlich verwundert, als ſie zehn Minuten nach einander anlangten und eine unbekannte Dame von ungeheuerlichem Ausſehen vor dem Feuer ſitzen ſahen, welche ihre Haube um den linken Arm gebunden hatte und ſich die Ohren mit Watte zuſtopfte. Da Peggotty nichts von ihr wußte, meine Mutter aber nichts über ſie ſagte, ſo war ſie ein vollſtändiges Räthſel in dem Zimmer, und der Umſtand, daß ſie ein ganzes Magazin von Watte auf ihrem Schooße liegen hatte und ſich dieſen Artikel in die Ohren ſtopfte, that der unheim⸗ lichen Wirkung ihrer Gegenwart keinen Eintrag. Nachdem der Doctor die Treppe hinaufgeeilt, dann wieder heruntergekommen und zu der Ueberzeugung ge⸗ langt war, daß er möglicherweiſe dieſer fremden Dame einige Stunden Geſicht zu Geſicht gegenüber ſitzen werde, begann er ſeinen feinen Ton zu entwickeln und ſeine ge⸗ ſellſchaftlichen Talente geltend zu machen. Er war der Beſcheidenſte ſeines Geſchlechts und der mildeſte aller kleinen Männer. Er ſchmiegte und biegte ſich aus den Zimmern, um ja ſo wenig als möglich Raum wegzu⸗ nehmen. Er ging ſo leiſe wie der Geiſt im Hamlet und David Kopperfield. 19 noch langſamer. Er trug den Kopf nach einer Seite hin, theils aus beſcheidener Geringſchätzung ſeiner ſelbſt, theils aus dem beſcheidenen Streben, Andre mit dieſer ſeiner Geringfügigkeit zu verſöhnen. Es wäre gar nichts, wenn man ſagen wollte, daß er nicht einmal einem Hunde ein unſchönes Wort hätte zuwerfen können. Nein, er hätte nicht einmal einen tollen Hund zu beleidigen vermocht. Er würde ihm in aller Höflichkeit ein Wort oder ein halbes oder ein Stück von einem— denn er ſprach ſo langſam als er ging zu hören gegeben haben, aber in keinem irgend denkbaren Falle würde er gegen ihn grob geworden ſein und ihn barſch behandelt haben. Mr. Chillip lächelte freundlich, den Kopf auf die eine Seite gelegt, nach meiner Tante hin, verbeugte ſich leicht vor ihr und ſagte, auf die Watte hindeutend und leiſe auf ſein linkes Ohr zeigend: „Eine kleine örtliche Störung, Madame?“ „Was!“ entgegnete meine Tante, indem ſie die Watte aus dem einen Ohr zog wie einen Flaſchenſtöpfel. Mr. Chillip war— wie er ſpäter meiner Mutter erzählte— durch die grobe Kürze ihrer Entgegnung ſo betroffen, daß es ein Wunder war, wie er nicht ganz aus dem Häuschen kam. Er wiederholte im ſüßeſten Tone: „Eine kleine örtliche Störung, Madame?“ „Unſinn!“ erwiederte meine Tante, worauf ſie ſich auf einen Schlag wieder verkorkte. Mr. Chillip konnte hiernach nichts thun, als ſtill ſitzen bleiben und ſchüchterne Blicke auf ſie richten, die unbekümmert wieder in's Feuer ſchaute, bis er abermals hinauf gerufen wurde. Nach einer Abweſenheit von eini⸗ gen Viertelſtunden, kehrte er zurück. 2* 20 David Kopperfield. „Nun? Steht'’s gut?“ ſagte Miß Betſey, indem ſie die Baumwolle aus dem ihm zunächſt befindlichen Ohre og. „Es ſteht gut, Madam,“ entgegnete der Arzt,„wir — wir kommen langſam vorwärts, Madam.“ „Ba— a— ah!“ antwortete meine Tante, indem ſie bei dieſem verächtlichen Ausrufe einen vollkommenen Triller ſchlug. Und wieder korkte ſie ſich zu, wie vorher. Wahrhaftig,— wie Mr. Chillip meiner Mutter er⸗ zählte, war er ſchier entſetzt, ſich auf dieſe vom Stand⸗ punkte ſeines Berufs aus gegebene Auskunft in ſolcher Weiſe behandelt zu ſehen. Trotzdem blieb er ſitzen und ſah auf ſie hin beinahe zwei Stunden, während welcher Zeit ſie vor dem Feuer ſaß und hineinſtarrte, bis er von Neuem hinausgerufen wurde. Nach dieſer abermaligen Abweſenheit kehrte er abermals zurück. „Nun? Stehts gut?“ fragte meine Tante, indem ſie wieder die Baumwolle aus dem Ohre nahm. „Alles gut, Madam,“ war Mr. Chillips Antwort. „Wir— wir kommen langſam vdrwärts, Madam.“ „S— o— o—oh!“ ſagte meine Tante, und zwar mit einem ſolchen Brummen, daß Mr. Chillip es unmög⸗ lich mehr aushalten konnte. Es war augenſcheinlich darauf berechnet, ihn verrückt zu machen, wie er ſpäter ſagte. Er zog es deshalb vor, zu gehen und ſich auf die Treppenſtufen ins Dunkle zu ſetzen, bis wieder nach ihm geſchickt wurde. Ham Peggotty, welcher in die Nationalſchule ging und ein wahres Meerwunder im Auswendiglernen ſeines Katechismus war, und welcher deshalb als ein glaubwür⸗ diger Zeuge betrachtet werden kann, erzählte den nächſten Tag, daß er, eine Stunde nach dieſen Vorfällen zufällig David Kopperfield. 21 in die Stubenthür hineinguckend, von Miß Betſey, welche damals gerade im Zuſtande höchſter Aufregung ab- und zugegangen ſei, augenblicklich erſpäht und ſogleich, be⸗ vor er hätte Reißaus nehmen können, gepackt worden ſei. Ferner, daß ſich jetzt oben dann und wann Geräuſch von Füßen und Stimmen habe hören laſſen, vor welchem,— wie er von dem Umſtande, daß er offenbar von der Dame deshalb beim Schopfe genommen worden war, um ein Opfer zu haben, an dem ſie ihre überlaufende Galle aus⸗ laſſen konnte, wenn der Lärm zu arg wurde,— vor welchem Geräuſche alſo, wie er ſchloß, die Watte nicht genug⸗ ſam Schutz gewährte. Endlich, daß ſie ihn fortwährend, als ob er zu viel Laudanum genommen, hin und her ge⸗ ſchleppt, ihn geſchüttelt, ihm in die Haare gefahren, ihm das Hemd zerknüllt, ihm die Ohren verſtopft, als ob ſte ſie mit den ihrigen verwechſelt hätte, und ihn auf andere Weiſe gezauſt und gemißhandelt habe. Dies wurde zum Theil durch ſeine Tante beſtätigt, welche ihn gegen halb ein Uhr, bald nach ſeiner Befreiung ſah und behauptete, daß er da ſo roth ausgeſehen, wie ich da⸗ mals war. Der ſanfte Mr. Chillip war diesmal, wenn überhaupt einmal, nicht im Stande einen Groll zu hegen. Er ſchlüpfte, ſobald ſich ihm ein freier Augenblick darbot, ins Zimmer und ſagte zu meiner Tante in ſeiner de⸗ müthigſten Weiſe: „Nun denn, Madam, ich bin glücklich, Ihnen gratu⸗ liren zu können.“ „Wozu?“ ſagte meine Tante barſch. Mr. Chillip war wiederum durch die außerordent⸗ liche Barſchheit im Tone Miß Betſey's aus dem Häuschen gekommen. So machte er ihr denn eine kleine Verbeu⸗ 22 David Kopperfield. gung und lächelte ſie freundlich an, um ſie milder zu ſtimmen. „Mein Gott, iſt der Mann bei Troſte? Was macht er für Faxen?“ ſagte meine Tante ungeduldig.„Hat er etwa das Sprechen verlernt?“ „Beruhigen Sie ſich, liebe Madam,“ ſagte Mr. Chillip mit ſeinem ſanfteſten Liſpeln,„es giebt fernerhin keinen Grund zur Beſorgniß mehr. Seien Sie ruhig!“ Es iſt ſeitdem ſchier als ein Mirakel betrachtet wor⸗ den, daß meine Tante ihn nicht beim Kragen nahm und aus ihm herausſchüttelte, was er zu ſagen hatte. Sie ſchüttelte nur ihren eignen Kopf über ihn, jedoch in einer Weiſe, die ihn zittern und zagen machte. „Nun denn, Madam,“ fuhr Mr. Chillip fort, ſobald er ſich wieder gefaßt,„ich bin glücklich, Ihnen gratuliren zu können. Alles iſt vorüber und zwar glücklich vorüber.“ Während der fünf Minuten, welche Mr. Chillip dem Vortrag dieſer Rede widmete, blickte ihm meine Tante aus nächſter Nähe in die Augen. „Wie befindet ſie ſich?“ ſagte Miß Betſey, indem ſie ihre Arme, an deren einem die Haube noch immer hing, über einander ſchlug. „Gut, Madam, und bald wird ſie, wie ich hoffe, ſich vollſtändig wieder erholt haben,“ entgegnete Mr. Chillip. „Vollſtändig wieder erholt, in wie weit wir dieß von einer jungen Mutter unter dieſen traurigen häuslichen Verhältniſſen zu erwarten berechtigt ſind. Ich kann im Geringſten nichts einwenden, wenn Sie ſie jetzt ſehen wollen, Madam. Es möchte ihr dies ſogar gut ſein.“ „ Und ſie? Was macht ſie?“ ſagte meine Tante mit ſcharfer Betonung. David Kopperfield. 23 Mr. Chillip legte ſeinen Kopf ein wenig mehr auf die Seite und blickte Miß Betſey an, wie ein zutrau⸗ licher Vogel. „Das kleine Kind meine ich,“ ſagte meine Tante, „was macht ſie?“ „Madam“, antwortete der Doktor,„ich dachte, ſie hätten es ſchon erfahren. Es iſt ein Knabe.“ Meine Tante ſagte kein Wort mehr, ſondern faßte ihre Haube bei den Bändern, wie eine Schleuder, zielte damit nach Mr. Chillips Kopf, ſchlug los damit, lief hinaus und kehrte nicht zurück. Sie verſchwand wie eine mißvergnügte Fee oder wie eines von jenen übernatür⸗ lichen Weſen, welche ich nach der Vermuthung der Leute zu ſehen beſtimmt war, und niemals kam ſie wieder. Niemals! Ich lag in meinem Korbe, meine Mutter lag in ihrem Bette, aber Betſey Trotwood Kopperfield war auf immer hinweg in das Land der Träume und Schatten, die düſtere Gegend, von wo ich ſo eben ange⸗ kommen; und das Licht an dem Fenſter unſres Zimmers ſchien hinaus auf die irdiſche Grenze, die allen ſolchen Ankömmlingen geſteckt iſt, und auf den Erdhügel über der Aſche und dem Staube, die einſt der waren, ohne welchen ich niemals geweſen ſein würde. Zweites Kapitel. Ich beobachte. Die erſten Gegenſtände, welche vor meinem geiſtigen Auge eine deutliche Geſtalt annehmen, wenn ich fern zurück⸗ blicke in die geſtaltenleere Zeit meiner, früheſten Kindheit, ſind meine Mutter mit ihrem ſchönen Haare und ihren jugendlichen Zügen, und Peggotty mit überhaupt gar keinen Zügen, und Augen ſo dunkel, daß ſie Alles rings⸗ herum im Geſichte zu verdunkeln ſchienen, und Wangen und Armen von ſo feſtem und rothem Fleiſche, daß ich mich wunderte, wie die Vögel nicht lieber in ſie hinein⸗ pickten, als in Aepfel. Ich glaube mich dieſer Beiden auf eine Weiſe zu erinnern, wo ich ſie in geringer Entfernung von mir erblickte, wie ſte durch Kauern oder Hinknieen auf die Diele vor meinem Blicke verkleinert wurden und ich raſtlos von der einen zur andern lief. Ich habe einen Eindruck in meinem Gemüthe, welchen ich von thatſächlicher Erinne⸗ rung nicht zu unterſcheiden vermag, und wobei mir's iſt, als David Kopperfield. 25 ob ich Peggotty's Zeigefinger fühlte, wie ſie ihn mir entgegen zu halten pflegte, und als ob er von der Nätherei an der Seite rauh geweſen ſei, gleich einem Muskatnuß⸗ reibeiſen. Dies mag eine Einbildung ſein, obwohl ich der Meinung bin, daß das Gedächtniß der Meiſten unter uns weiter zurückzugehen vermag in ſolche Zeiten, als Viele Lon uns vermuthen; gerade wie ich glaube, daß die Tragweite der Beobachtungsgabe in ſehr vielen ganz kleinen Kindern ob ihrer Schärfe und Genauigkeit in die vollſte Verwunderung zu ſetzen vermag. In der That, ich denke, daß man von den meiſten Erwachſenen, welche in dieſer Hinſicht Bemerkenswerthes leiſten, mit größerem Rechte ſagen kann, ſie haben die Fähigkeit nicht verloren, als ſie haben ſie erworben; und zwar um ſo mehr, als ich allgemein die Beobachtung mache, daß ſolche Leute eine gewiſſe Friſche, Milde und Empfänglichkeit für Freude und Vergnügen ſich erhalten, welche ebenfalls ein Beſitz ſind, den ſie von ihrer Kindheit her ſich bewahrt haben. Ich ſollte nun eigentlich beſorgt ſein, daß ich, indem ich bei Auseinanderſetzung dieſer Dinge ſtill halte, im „Zickzack hin und herlavire“; dies bringt mich aber zu der Bemerkung, daß ich dieſe Schlußfolge zum Theil auf die an mir ſelbſt gemachte Erfahrung baute, und wenn aus irgend einem Dinge, welches ich in dieſer Erzählung niederlegen werde, hervorgehen ſollte, daß ich ein Kind von ſcharfer Beobachtungsgabe geweſen, oder daß ich als Mann eine genaue Erinnerung von meiner Kindheit habe, ſo mache ich unzweifelhaft Anſpruch darauf, in der That dieſe beiden Eigenſchaften zu beſitzen. Indem ich alſo, um das vorhin Geſagte wieder auf⸗ zunehmen, in die geſtaltenleere Zeit meiner früheſten Kindheit zurückſchaue, ſind die erſten Gegenſtände, deren * 26 David Kopperfield. ich mich in der Weiſe entſinne, daß ſie von ſelbſt aus einem Gewirre nur dunkel erinnerlicher Dinge ſich erheben, meine Mutter und Peggotty. Weſſen erinnere ich mich ſonſt noch? Sehen wir einmal zu. Da kommt aus der Nebelwolke der Vergangenheit unſer Haus hervor, nicht neu für mich, ſondern ganz wohl bekannt in der früheſten Geſtalt, in der ſich's meinem Gedächtniß einprägte. Im Erdgeſchoß iſt Peggotty's Küche, die ſich nach einem Hinterhofe öffnet, in deſſen Mitte ſich ein Taubenhaus auf einem Pfahle ohne eine einzige Taube drin, ferner ein großer Hundeſtall in einem Winkel, ebenfalls ohne einen Hund drin, und endlich eine Anzahl Hühner befinden, welche mir erſchrecklich groß vorkommen, wenn ſie mit wilddrohenden Blicken und Geberden hin- und herſchreiten. Da iſt beſonders ein Hahn, der ſich auf einen Pfoſten ſetzt, um zu krähen, und ſein ganz beſonderes Augenmerk auf mich zu richten ſcheint, wenn ich nach ihm durch das Küchenfenſter gucke, ſo daß mir die Haut ſchaudert vor dem kühnen Geſellen. Von den Gänſen draußen hinter dem Seitenthor, welche hinter mir herwatſcheln und ihre langen Hälſe nach mir ausſtrecken, träume ich bei Nacht, wie ein Mann, der im Walde von wilden Thieren umheult wurde, etwa von Löwen träumt. Hier iſt dann ferner ein langer Gang, der mir, indem er von Peggotty's Küche bis zur Hauptthür des Hauſes führt, einen endlos weiten Durchblick gewährt. Er läuft am Ende bei einer dunkeln Vorrathskammer aus, und das iſt wieder ein Ort, den ich des Nachts in meinen Träumen durchwandle; denn ich weiß nicht, was ſich da zwiſchen dieſen Fäſſern und Tonnen und alten Theekiſten befindet, wenn Niemand mit einem düſter brennenden David Kopperfield. 27 Lichte darin iſt und eine dicke Kellerluft ausſtrömen läßt, in welcher ſich der Geruch von Seife, Pökelfleiſch, Pfeffer, Inſeltlichten, Alles in einen Duft vereinigt. Dann giebts da zwei andre Stuben: das Alltagszimmer, in welchem wir, meine Mutter nämlich, ich und Peggotty— denn Peggotty iſt, wenn ſie ihre Arbeit vollendet hat und wir allein ſind, unſere ſtete Geſellſchafterin— jeden Abend ſitzen; und dann das Putzzimmer, wo wir uns Sonntags nieder⸗ laſſen, großartig, aber nicht ſo bequem. In dieſem letz⸗ teren Raume liegt ein trauriges Etwas für mich; denn Peggotty hat mir— ich weiß nicht wann, aber jedenfalls vor langen Jahren— erzählt, daß dort die Leichen⸗ begleitung bei meines Vaters Begräbniß in ihren ſchwar⸗ zen Mänteln ſich verſammelt habe. An einem Sonntagabend las meine Mutter Peggotty und mir dort die Geſchichte vor, wie Lazarus vom Tode erweckt wurde. Und dies flößte mir eine ſolche Furcht ein, daß ſie ſpäter gezwun⸗ gen waren, mich aus dem Bette zu nehmen, und mir von dem Fenſter der Schlafkammer aus den ſtillen Friedhof zu zeigen, wo all die Todten in ihren Gräbern lagen unter dem ſchweigenden Monde. Nichts auf der ganzen Welt, ſoweit ich ſie kenne, iſt auch nur halb ſo grün, als das Gras dieſes Kirchhofs; nichts halb ſo ſchattig, als ſeine Bäume, nichts halb ſo ruhig, als die Steine ſeiner Denkmäler. Schafe weiden dort, wenn ich mich früh am Morgen in meinem kleinen Bette in einem Kabinet neben dem Zimmer meiner Mutter auf die Knie richte, um nach ihnen hinauszuſehen, und ich ſehe das Morgenroth auf der Sonnenuhr erglänzen, und ich denke: wunderbar, wie froh der Sonnenzeiger iſt, daß er den Leuten wieder die Zeit ſagen kann! Hier iſt dann weiter unſer Stuhl in der Kirche. 28 David Kopperfield. Was hat der Stuhl doch für einen hohen Rücken Nahe dabei 4 iſt ein Fenſter, durch das man unſer Haus ſehen kann, und von dem es in der That oft genug während des Gottesdienſtes von Peggotty geſehen worden iſt, die es liebt, ſich ſoweit als immer möglich zu verſichern, daß es nicht beraubt iſt, oder in Flammen ſteht. Aber wenn auch Peggotty's Auge von dem Gottesdienſte abirrt und draußen herumſchweift, ſo iſt ſie doch ſehr beleidigt, wenn das meine dies thut, und ſteht mich mit drohendem Blicke an, wenn ich von dem Sitze aufſtehe, und winkt mir mit den Augen, daß ich auf den Geiſtlichen zu blicken habe. Aber ich kann doch nicht immer auf ihn hinſehen— ich kenne ihn, wenn er das weiße Ding nicht umgethan hat, und ich fürchte mich, daß er ſich wundert, warum ich ihn ſo anſtarre, und vielleicht gar in der Predigt inne hält, um mich zu fragen — und was ſollte ich dann machen? Es iſt ein garſtiges Benehmen, herumzugaffen, aber ich muß doch etwas treiben. Ich blicke auf meine Mutter, aber ſie thut, als ob ſie mich nicht ſähe. Ich blicke auf einen Knaben im Chorgange, und er ſchneidet mir Geſichter. Ich blicke auf das Sonnen⸗ licht, welches durch die offene Thür und durch die Vor⸗ halle hereinſcheint, und da ſehe ich ein verirrtes Schaf — damit meine ich keinen Sünder, ſondern einen Schöps— das halb und halb im Sinne hat, in die Kirche zu gehen. Ich fühle, daß wenn ich länger danach blickte, ich zu einem lauten Ausrufe verſucht ſein möchte, und was ſollte dann aus mir werden! Ich blicke fernerhin nach den Gedächtnißtafeln an der Wand und verſuche an Mr. Bodgers, den vorigen Seelſorger des Kirchſpiels, zu denken, und was Mrs. Bodgers gefühlt haben möchte, als ſie von dem ſchweren Unglücke betroffen, und Mr. Bodgers ſo lange leidend, und alle Aerzte umſonſt waren. Ich war David Kopperfield. 29 neugierig, ob ſie Mr. Chillip angenommen, und ob auch er umſonſt ſich bemüht, und wenn dies richtig, wie er’s ertragen könnte, jede Woche einmal daran erinnert zu werden. Ich blicke von Mr. Chillip, der ſein ſonntägliches Halstuch umgethan hat, hinauf nach der Kanzel und überlege mir, was für einen prächtigen Platz ſie abgeben würde, um darin zu ſpielen, und was für eine ſchöne Feſtung ſie ſein müßte, wenn ein anderer Junge die Treppe heraufkäme, um ſie zu erſtürmen, wobei ich ihm natürlich das Sammtkiſſen mit den Quaſten an den Kopf werfen würde. Allmälig ſchließen ſich dann meine Augen, und nachdem ich eine Zeitlang dem Geiſtlichen zu⸗ zuhören geſchienen, als er ſeinen einſchläfernden Geſang in der Hitze ſang, höre ich nichts mehr, und endlich falle ich polternd vom Stuhle und werde mehr todt als lebendig von Peggotty hinausgebracht. Und nun ſehe ich die Außenſeite unſeres Hauſes, mit den vergitterten Kammerfenſtern, welche offen ſtehen, um die angenehm duftende Luft einzulaſſen, und die verrotte⸗ ten alten Krähenneſter, die nach immer auf den Ulmen im Garten vor der Vorderſeite des Hauſes hängen. Nun bin ich im hinteren Garten, neben dem Hofe, wo das leere Taubenhaus und der Hundeſtall ſich befinden— eine wahre Schmetterlingsheimat, dieſer Garten, mit einem hohen Zaune und einer Gatterthür und einem Vorlege⸗ ſchloß, und mit Bäumen voll Fruchtbüſchel, reifer und reicher, als ich ſie ſeitdem je in einem andern Garten wieder geſehen; und wo meine Mutter in einen Korb pflückt, während ich dabei ſtehe und verſtohlen Stachel⸗ beeren aufſtöbere und mich bemühe, auszuſehen, als ob ich mich nicht rührte. Ein großer Wind erhebt ſich, und der Sommer iſt weggeweht in einem Augenblick. Wir 30 David Kopperfield. ſpielen in der Dämmerung der Winterabende und tanzen im Zimmer herum. Wenn meiner Mutter der Athem ausgegangen iſt, und ſie in einem Armſtuhle ſich ausruht, ſo beobachte ich ſie, wie ſie ihre glänzenden Locken um ihre Finger wickelt und ſich das Leibchen feſter ſchnürt, und kein Menſch weiß beſſer als ich, wie froh ſie iſt, ſo gut auszuſehen, und was ſie für einen Stolz hat, ſo hübſch zu ſein. Das iſt Einiges von meinen früheſten Eindrücken. Dies und ein Gefühl, daß wir uns Beide ein wenig vor Peggotty fürchteten und uns in den meiſten Dingen ihrer Leitung unterwarfen, gehört zu den erſten Meinungen — wenn man es ſo nennen darf— die ich mir über das, was ich ſah, bildete. Eines Abends ſaßen ich und Peggotty allein am Feuer. Ich hatte Peggotty etwas über die Krokodile vorgeleſen. Ich mußte entweder ſehr deutlich geleſen, oder die gute Seele mußte ſehr aufmerkſam Achtung gegeben haben; denn ich entſinne mich, daß in ihr die dunkle Ahnung aufdämmerte, ſie ſeien eine Art Pflanzen. Ich war des Leſens müde und todtſchläfrig; da ich jedoch — was mir ein außerordentlicher Genuß war— die Erlaubniſt erhalten, bis zur Rückkehr meiner Mutter, die den Abend bei einem Nachbar verbrachte, aufzubleiben, ſo würde ich natürlich lieber auf meinem Poſten geſtorben, als zu Bett gegangen ſein. Ich war bei jenem Stadium der Schläfrigkeit angelangt, wo Peggotth zu ſchwellen und in's Ungeheuerliche zu wachſen ſchien. Ich gebrauchte meine beiden Zeigefinger als Stützen für meine Augen⸗ lider und blickte ſteif und ſtarr auf ſie, die bei ihrer Arbeit ſaß,— auf das kleine Stückchen Wachslicht, das zum Wichſen des Fadens neben ihr lag,— wie alt ſah es aus David Kopperfield. 31 mit ſeinen Furchen und Nunzeln nach allen Seiten hin!— auf das ſtrohgeflochtne Behältniß, das die Wohnung der Elle war;— auf ihr Arbeitskäſtchen mit einem Schiebe⸗ deckel, eine Anſicht der St. Paulskirche mit einer nelken⸗ farbenen Kuppel darauf;— auf den meſſingnen Finger⸗ hut an ihrem Finger;— auf ſie ſelbſt endlich, die ich für liebenswürdig hielt. Ich war ſo ſchläfrig, daß ich mich erinnere, wie mir einen Augenblick alles vor den Augen verſchwamm und verſchwand, und ich weg war. „Peggotty“, ſagte ich plötzlich,„waren Sie jemals verheirathet.“ „Lieber Gott, Musje Davidchen!“ antwortete Peggotty. „Wie kommt Ihnen das Heirathen in den Kopf?“ Dieſe Antwort war von einem ſo gewaltſamen Auf⸗ fahren begleitet, daß ich ganz munter davon wurde. Und dann hielt ſie mit ihrer Arbeit inne und blickte mir, die Nadel bis zu des Fadens Länge ausgezogen, fragend ins Geſicht. „Warum ſollten Sie denn nicht einmal verheirathet geweſen ſein, Peggotty?“ ſagte ich.„Sie ſind ein hüb⸗ ſches Frauenzimmer, nicht ſo?“ Ich dachte über ſie in einer verſchiedenen Weiſe, als über meine Mutter, das iſt ſicher; aber ich be⸗ trachtete ſte doch als eine Schönheit, wenn auch als das Exemplar einer Schönheit von anderer Sorte. In unſerm Putzzimmer befand ſich ein rothſammtener Fuß⸗ ſchemel, auf den meine Mutter einen Blumenſtrauß ge⸗ malt hatte. Der Grund von dem Ueberzuge dieſes Schemels und Peggotty's Geſichtsfarbe ſchienen mir Eins und daſſelbe zu ſein. Der Schemel war allerdings glatt, und Peggotty war von rauher Haut; indeß, das machte keinen Unterſchied. 32 David Kopperfield. „Ich hübſch, Davidchen?“ ſagte Peggotty.„Herrje! nein, mein Lieber! Aber wie kommſt Du auf das Heirathen?“ „Ich weiß es nicht! Man darf nicht mehr als eine Perſon auf einmal heirathen;— nicht wahr, nicht, Peggotty?“. „Gewiß nicht!“ antwortete Peggotty mit dem Aus⸗ drucke der größten Entſchiedenheit. „Aber wenn nun Jemand heirathet, Peggotty, und dieſe Perſon ſtirbt, warum darf man dann einen Andern heirathen, oder darf man nicht?“ „Man darf,“ ſagte Peggotty,„wenn man will, mein Kind. Das iſt eine Gewiſſensſache.“ „Aber was würden Sie thun, Peggotty,“ ſagte ich. Ich blickte ſie bei dieſer Frage ſcharf an, weil ſie mich ſcharf anblickte. „Meine Meinung iſt.“ antwortete Peggotty, nachdem ſte ein Weilchen unentſchieden geblieben und ihre Arbeit fortgeſetzt hatte,„daß ich ſelbſt niemals verheirathet ge⸗ weſen bin, Musje Davidchen, und daß ich auch nicht erwarten kann, einen Mann zu bekommen. Das iſtAlles, was ich über die Sache weiß.“ „Sie haben's doch nicht etwa übel genommen, Peg⸗ gotty, nicht wahr nicht?“ ſagte ich, nachdem ich ein Weilchen ſtill geſeſſen. Ich dachte wirklich, ſie ſei böſe; denn ſie war gar ſo kurz gegen mich geweſen: aber ich war ganz im Irrthum. Denn ſie legte ihre Arbeit— einen Strumpf von ſich ſelbſt— bei Seite, öffnete ihre Arme weit, nahm meinen Lockenkopf in die Hände und gab mir einen tüchtigen Kuß. Es war ein tüchtiger Kuß; ich weiß es; denn bei ihrer Dicke und ihrer Plumpheit, wenn ſie, angezogen, —— — A David Kopperfield. 33 ſich ein wenig rührte oder dehnte, platzten ihr gewöhnlich etliche Knöpfe am Kleide hinten auf, und ich erinnere mich, daß damals, als ſie mich umfaßte, wirklich zwei nach der entgegengeſetzten Seite des Zimmers fortſprangen. „Nun laß mich noch etwas von den Korkindillern hören,“ ſagte Peggotty, die ſich den Namen nicht ganz genau gemerkt;„denn ich habe noch nicht halb genug davon gehört. Ich konnte mir nicht ganz erklären, warum Peggotty ſo ſonderbar ausſah und weshalb ſie ſo große Luſt hatte, zu den Krokodilen zurückzukommen. Trotzdem kehrten wir, ich meines Theils neu ermuntert, in die Geſellſchaft dieſer Unthiere zurück, ließen ihre Eier im Sande, damit ſie die Sonne ausbrüte, liefen vor ihnen davon und be⸗ trogen ſie um ihre Beute, indem wir uns fortwährend bald hier bald dorthin wendeten, was ſie uns wegen ihrer unbehülflichen Bauart nicht ſchnell nachzuthun vermochten; dann gingen wir ihnen, als Eingeborne, in's Waſſer nach, ſchoben ihnen ſpitze Holzknüppel in den Rachen, und in kurzer Zeit hatten wir das ganze Geſchlecht Krokodil ab⸗ gethan. Ich wenigſtens; aber hinſichtlich Peggotty's, welche ſich, in Gedanken verſunken, die Zeit über mehr⸗ mals mit ihrer Nadel in verſchiedene Theile von Geſicht und Armen geſtochen, hatte ich meine Zweifel.— Mit den Krokodilen fertig, hatten wir eben die Alli⸗ gatoren zu betrachten angefangen, als es an der Garten⸗ thür klingelte. Wir gingen hinaus und fanden meine Mutter, welche, wie mich bedünkte, ungewöhnlich hübſch ausſah, und bei ihr einen Herrn mit ſchönem ſchwarzen Haar und Backenbart, denſelben, welcher den letzten Sonn⸗ tag mit uns aus der Kirche nach Hauſe gegangen war. David Kopperfield. I. 3 34 David Kopperfield. Als meine Mutter ſich an der Schwelle bückte, um mich in ihre Arme zu ſchließen und zu küſſen, ſagte der Herr, ich wäre glücklicher als ein König— oder ſo etwas dergleichen; denn ich merke, daß mein ſpäterer Verſtand mir hier zu Hülfe kommt. „Was ſoll das heißen?“ fragte ich ihn über ihre Schulter hinweg. Er ſtreichelte mir den Kopf; aber ich weiß nicht war⸗ um, ich konnte ihn und ſeine tiefe Stimme nicht leiden, und ich war eiferſüchtig, daß ſeine Hand die meiner Mut⸗ ter berühren möchte, als er mich berührte— was dieſelbe wirklich that. Ich ſchob ſie weg, ſo gut ich vermochte. „Ei, ei, Davidchen!“ ſagte meine Mutter verweiſend. „Lieber Knabe!“ bemerkte der Herr.„Aber ich kann mich nicht wundern über ſeine Ergebenheit.“ Nimmer ſah ich meiner Mutter Geſicht ſo ſchön roth, wie jetzt. Sie ſchalt mich ſanft, daß ich ſo unhöflich ſei, und indem ſie mich in ihren Shawl wickelte, wandte ſie ſich zu dem fremden Herrn, um ihm für ſeine Bemühung, mit der er ſie nach Hauſe gebracht, zu danken. Sie gab ihm die Hand, während ſte ſprach, und als er ſie ergriff, warf ſie, wie mir ſchien, einen Blick auf mich. „Nun wollen wir uns gute Nacht ſagen, mein hüb⸗ ſcher Junge“, wandte ſich der Herr zu mir, nachdem er ſich— ich ſah es recht wohl— mit dem Kopfe über meiner Mutter kleinen Handſchuh gebeugt. „Gute Nacht!“ ſagte ich. „Komm!— Laß uns gute Freunde werden!“ ſagte der Herr lächelnd.„Gieb mir eine Hand.“ Meine rechte Hand war in der linken meiner Mutter, und ſo gab ich ihm die andere. David Kopperfield. 35 „Ei, das iſt ja die falſche Hand, Davidchen“, lachte der Herr. Meine Mutter zog meine rechte Hand hervor, aber ich war entſchloſſen, ſie ihm nicht zu geben, und ich gab ſte ihm auch nicht. Er bekam die andre, die er tüchtig ſchüttelte und mich einen wackern Jungen nannte, worauf er wegging. Noch ſehe ich ihn, als ob es heute geweſen, ſich im Garten umwenden und uns mit ſeinen unheimlichen ſchwarzen Augen einen letzten Blick zuwerfen, bevor die Thür geſchloſſen wurde. Peggotty, die währenddeß weder ein Wort geſprochen, noch einen Finger geregt, ſchob jetzt ſogleich den Riegel vor, und wir Alle gingen in das Zimmer. Meine Mut⸗ ter, im Gegenſatz zu ihrer ſonſtigen Gewohnheit, blieb, anſtatt ſich in den Armſtuhl am Feuer zu ſetzen, am an⸗ dern Ende des Zimmers zurück und trällerte eine Melodie vor ſich hin. „Hoffe, daß Sie einen vergnügten Abend gehabt haben, Madam“, ſagte Peggotty, welche mit dem Leuchter in der Hand, ſteif und ſtarr wie eine Biertonne in der Mitte des Zimmers ſtehen geblieben war. „Danke ſchön, Peggotty“, erwiederte meine Mutter mit fröhlicher Stimme,„ich habe einen ſehr vergnügten Abend verlebt.“ „Ein Fremder oder ſo etwas bringt eine angenehme Abwechslung ins Leben,“ bemerkte Pegotty. 6 „Gewiß eine ſehr angenehme Veränderung, ent⸗ gegnete meine Mutter. Peggotty blieb regungslos in der Mitte des Zimmers ſtehen, meine Mutter begann wieder zu trällern, ich aber fiel in Schlaf, obwohl in keinen ſo feſten Schlaf, daß ich nicht 3* 36 David Kopperfield. Stimmen um mich gehört, freilich ohne den Sinn zu ver⸗ ſtehen. Als ich mich aus dieſem unbequemen Halbſchlum⸗ mer ein wenig ermunterte, fand ich meine Mutter und ebenſo Peggotty in Thränen und in heftigem Geſpräche. „Solch einen, wie den hätte Mr. Kopperfield gewiß nicht ausſtehen können,“ ſagte Peggotty.„Das ſage ich, und darauf ſchwöre ich!“ „Guter Gott!“ ſchluchzte meine Mutter.„Willſt Du mich wahnſinnig machen? Gab es jemals ſo ein armes Mädchen, wie ich, das ſich von ihren Dienſtboten hätte ſo ſchmählich behandeln laſſen müſſen! Aber warum thue ich mir ſelbſt das Unrecht an, mich ein Mädchen zu nennen? Bin ich denn nicht verheirathet geweſen, Peggotty?“ „Gott weiß es, daß Sie's waren, Madam,“ erwie⸗ derte Peggotthy. „Nun, wie kannſt Du's dann wagen,“ ſagte meine Mutter,„— oder vielmehr— denn Du weißt, Peggotty, daß ich bei Dir nicht von wagen können rede— wie kannſt Du ſo gefühllos ſein,— mich ſo zu betrüben und mir ſo bittere Dinge zu ſagen, da Du Dir doch ſo wohl bewußt biſt, daß ich außer hier nicht einen einzigen Freund habe, an den ich mich wenden könnte?“ „Um ſo mehr Grund,“ entgegnete Peggotty,„zu dem Ausdrucke, daß es nicht angeht. Nein wahrhaftig, daß es nicht angeht. Nein, um keinen Preis könnte das angehen. Nein!—“ Ich dachte, Peggotty würde den Leuchter hinwerfen, ſo heftig fuhr ſie mit ihm in der Luft herum? „Wie kannſt Du Dich in eine ſolche Uebertreibung hineinreden,“ ſagte meine Mutter, noch mehr Thränen vergießend,„daß Du zu mir in ſo ungehöriger Weiſe ſprichſt? Wie kannſt Du reden, als ob Alles ſchon abge⸗ David Kopperfield. 37 macht und in der Ordnung wäre, Peggotty, wenn ich Dir zehnmal und hundertmal auseinandergeſetzt, Du grau⸗ ſames Weſen, daß außer den allergewöhnlichſten Höflich⸗ keiten nichts vorgefallen iſt! Du ſchwatzeſt von Bewun⸗ derung. Was ſoll ich thun? Wenn Jemand ſo ein⸗ fältig iſt, ſich ſeiner Leidenſchaft zu überlaſſen, iſt das meine Schuld? Was ſoll ich da thun, ich frage Dich? Wirſt Du mir etwa die Zumuthung machen, mir den Kopf zu raſiren und das Geſicht ſchwarz anzupinſeln oder mich mit einem Brandmale oder einem Schorfe oder ſo etwas dergleichen zu entſtellen? Ja ich möchte faſt ſagen, Du würdeſt es. Ja ich möchte ſogar ſagen, Du könnteſt Deine Freude drüber haben? Peggotty ſchien ſich, wie mich bedünkte, dieſe Ver⸗ läumdung ſehr zu Herzen zu nehmen. „Und mein lieber Knabe“, ſchrie meine Mutter, in⸗ dem ſie zu dem Armſtuhle kam und mich ſtreichelte,„mein kleiner David hier! Mir zu verſtehen zu geben, ich habe keine Liebe zu meinem koſtbaren Schate, dem liebſten beſten kleinen Düngelchen, das jemals exiſtirte!“ „Keinem Menſchen iſt's niemals nicht eingefallen, Jemandem ſo was zu verſtehen zu geben“, ſagte Peg⸗ gotty. „Ja, Du haſt's gethan!“ erwiederte meine Mutter. „Du weißt, daß Du's gethan. Was war aus Deinen Worten ſonſt zu ſchließen, Du häßliches Geſchöpf; wäh⸗ rend Du doch ſo gut wie ich weißt, daß ich mir nur um ſeinetwillen das letzte Vierteljahr keinen neuen Sonnen⸗ ſchirm kaufen wollte, obwohl der alte grüne von oben bis unten durchgerieben und die Franſe vollkommnen ſchäbig iſt. Du weißt, daß es ſo iſt, Peggotty. Du kannſt's nicht leugnen.“— Und damn wandte ſie ſich, mit ihrer 38 David Kopperfield. Wange an der meinen, leidenſchaftlich an mich:„Nicht wahr, ich bin eine ſchlechte Mama gegen Dich, Davidchen? Nicht wahr, eine ſchändliche, grauſame, ſelbſüchtige, böſe Mama? Sage, daß ich's bin, mein Kind, ſag'„Ja!“ lieber Knabe, und Peggotty wird Dich lieb haben dafür, und Peggottys Liebe iſt um Vieles beſſer, als meine, David⸗ chen. Ich habe Dich überhaupt nicht lieb, nicht wahr?“ Auf dieſen Redeerguß folgte ein allgemeines Weinen und Schreien. Ich glaube, ich war der Lauteſte von der Geſellſchaft, aber gewiß, wir meinten es alle aufrichtig damit. Ich war ganz gebrochnen Herzens, und ich fürchte, daß ich in den erſten Aeußerungen meiner verwundeten Zärtlichkeit Peggotth ein„Vieh“ geheißen habe. Dieſes treffliche Geſchöpf war in tiefer Betrübniß und muß bei der Gelegenheit alle Knöpfe verloren haben; denn nur noch eine kleine Tracht dieſer erplodirenden Körper flog davon, als ſie, nachdem ſie ſich mit meiner Mutter Ler⸗ ſtändigt, niederkniete, um ſich mit mir zu verſöhnen. Wir gingen ſehr niedergeſchlagen zu Bette. Mein Schluchzen hielt mich lange Zeit wach, und als ein ganz beſonders kräftiger Seufzer mich im Bette in die Höhe warf, fand ich meine Mutter auf dem Deckbette ſitzen und ſich über mich lehnen. Hierauf ſchlief ich in ihren Armen ein und ſchlief einen geſunden Schlaf. Ich erinnere mich nicht, ob es den nächſten Sonntag war, wo ich den fremden Herrn wiederſah, oder ob eine längere Zeit verſtrich, ehe er wieder erſchien. Ich rühme mich nicht, in der Zeitrechnung etwas zu leiſten. Aber da war er, und zwar in der Kirche, und hinterher be⸗ gleitete er uns nach Hauſe. Er kam auch mit herein, um ſich ein in der ganzen Nachbarſchaft berühmtes Geranium zu beſehen, das wir im Zimmerfenſter ſtehen hatten. Es — —-G— David Kopperfield. 39 kam mir vor, als ob er ſich nicht viel darum kümmere; als er aber ging, erſuchte er meine Mutter, ihm eine Blüthe davon zu geben. Sie bat ihn, ſich ſelbſt etwas davon auszuſuchen, er aber weigerte ſich— ich konnte nicht ver⸗ ſtehen, weshalb— dies zu thun, und ſo pllückte ſie et— was für ihn und gab es ihm in die Hand. Er ſagte, nimmer, nimmer werde er es von ſich laſſen, wofür ich ihn für einen vollendeten Narren hielt, da er doch wiſſen konnte, daß die Blume in ein oder zwei Tagen zerfallen mußte. Peggotty begann von jetzt ab des Abends weniger mit uns zuſammen zu ſein als ſonſt immer. Meine Mut⸗ ter hatte ſehr viele Aufträge für ſie— mehr als gewöhn⸗ lich, wie mich deuchte— und wir waren alle drei zwar ausgezeichnet gute Freunde, aber doch anders als wir's ſonſt zu ſein pflegten und nicht ſo gemüthlich unter ein⸗ ander Manchmal bildete ich mir ein, daß Peggotty viel⸗ leicht etwas gegen die Eitelkeit, mit der meine Mutter alle die ſchönen Kleider in ihren Schränken anzog, ſowie gegen ihre häufigen Beſuche bei Nachbars zu bemerken hatte, indeß konnte ich mir nicht genügend erklären, wie es ſich damit verhielt. Allmählig gewöhnte ich mich daran, den Herrn mit dem ſchwarzen Backenbarte bei uns zu ſehen. Ich konnte ihn nicht beſſer leiden, als erſt, und fühlte dieſelbe quä⸗ lende Eiferſucht hinſichtlich ſeiner; aber wenn ich, außer der inſtinktartigen Abneigung eines Kindes und der dun⸗ keln Ahnung, daß meine Mutter an meiner und Peggot⸗ tys Liebe genug haben könnte, noch einen andern Grund dazu hatte, ſo war es gewiß nicht der Grund, welchen ich herausgefunden haben würde, wenn ich älter geweſen wäre. Nichts Derartiges kam mir in oder an meinen 40 David Kopperfield. Sinn. Ich konnte, ſo zu ſagen, wohl in Kleinigkeiten meine Beobachtungen anſtellen; aber aus einer Anzahl ſolcher Kleinigkeiten ein Gewebe zu machen und darin Jemand zu fangen, war ich damals noch nicht fähig. An einem Herbſtmorgen war ich mit meiner Mutter in dem vordern Garten, als Mr. Murdſtone— ich kannte ihn jetzt bei dieſem Namen— vorbei ritt. Er hielt ſein Pferd an, um meine Mutter zu begrüßen, und ſagte, er gehe nach Lowestoft, um dort einige Freunde zu treffen, welche dahin mit einer Gondel gekommen ſeien, und that mir im Scherze den Vorſchlag, mich vor ſich auf den Sat⸗ tel zu nehmen, wenn mir das Reiten Spaß mache. Die Luft war ſo klar und angenehm, und dem Pferde ſelbſt ſchien der Gedanke des Rittes ſo zu gefallen, als es ſchnaubend und ſtampfend am Gartenthore ſtand, daß ich große Luſt hatte, mitzumachen. So wurde ich denn hin⸗ auf zu Peggotth geſchickt, um mich anputzen zu laſſen; und unterdeſſen ſtieg Mr. Murdſtone vom Pferde und wandelte langſam, den Zaum um den Arm gewickelt, an der Außenſeite der Hagebuttenhecke auf und ab, während meine Mutter an der innern Seite hin und herging, um ihm Geſellſchaft zu leiſten. Ich erinnere mich, wie Peggotty und ich aus meinem kleinen Fenſter nach ihm hinausſchauten;— ich erinnere mich, wie eifrig beide die Hagebutten zwiſchen ihnen zu unterſuchen ſchienen, als ſie mitſammen dahinſchlenderten; und wie Peggotty, die erſt in einer wahrhaft himmliſchen Laune war, plötzlich bösartig wurde und meine Haare gegen den Strich und über die Maßen ſcharf kämmte. Mr. Murdſtone und ich ſaßen bald im Sattel und trottirten längs des grünen Naſens neben der Chauſſee ten e David Kopperfield. 41 hin. Er hielt mich ohne Mühe mit einem Arme. Nun denke ich zwar, daß ich für gewöhnlich nicht ohne Sitz⸗ fleiſch war; dennoch konnte ich mich nicht überwinden, vor ihm zu ſitzen, ohne meinen Kopf zuweilen umzu⸗ drehen und ihm ins Geſicht zu ſehen. Er beſaß jenes nichtsſagende ſchwarze Auge,— ich müßte ein Wort haben, um ein Auge zu bezeichnen, das keine Tiefe hat, worein man ſchauen könnte— welches, wenn es vor ſich hinſtarrt, manchmal auf kurze Zeit von einem gewiſſen eigenthümlich aufblitzenden Lichte entſtellt erſcheint. Zu⸗ weilen, wenn ich nach ihm ſchielte, beobachtete ich dieſe Erſcheinung mit einer Art Grauen und fragte mich ver⸗ wundert, worüber er wohl ſo eifrig nachdenken möchte. Sein Haar und Bart waren, aus dieſer Nähe geſehen, ſchwärzer und dichter, als ich je vorher geglaubt hatte. Etwas Viereckiges um den untern Theil ſeines Geſichts, und das Durchſcheinen eines ſtarken ſchwarzen Bartes, den er täglich ſorgfältig abraſirte, erinnerten mich an die Wachsfiguren, welche etwa vor einem halben Jahre in unſerer Gegend gezeigt worden waren. Dies, ſeine re⸗ gelmäßigen Augenbraunen und die reiche Abwechslung von Weiß, Schwarz und Braun ſeiner Geſichtsfarbe— hole der Henker ſeine Geſichtsfarbe und ſein Andenken!— bewogen mich, ihn, trotz meiner Abneigung gegen ihn, für einen recht hübſchen Mann zu halten. Ich zweifle nicht, daß meine arme gute Mutter derſelben Anſicht war. Wir gingen zu einem Gaſthofe an der See, wo wir in einem Zimmer zwei Herren trafen, welche ihre Cigarre rauchten. Jeder von ihnen lag auf mindeſtens vier Stüh⸗ len und hatte eine weite grobe Jacke an. In einem Winkel war ein Haufen von Kleidern und Schiffermänteln und eine Flagge, Alles durcheinander geworfen. 412 David Kopperfield. Sie kollerten Beide in der unſchicklichſten Weiſe von ihren Stühlen herab, als wir hereintraten, und ſagten: „Heda, Murdſtone! Wir dachten ſchon, Sie wären todt.“ „Bis jetzt noch nicht“, ſagte Mr. Murdſtone. „Und wer iſt dieſer Bummler?“ fragte der eine Herr, indem er meiner anſichtig wurde. „Das iſt Davidchen“, entgegnete Mr. Murdſtone. „Was für ein Daoidchen?“ ſagte der Herr.„Jones?“ „Kopperfield“, ſagte Mr. Murdſtone. „Was! die unangenehme Zulage der bezaubernden Mrs. Kopperfield?“ ſchrie der Herr.„Die wunderhübſche kleine Wittwe!“ „Quinion“, ſagte Mr. Murdſtone,„gieb Acht auf Deine Zunge, wenn's gefällig iſt. Jemand paßt auf wie ein Heftelmacher.“ „Wer denn?“ fragte lachend der Herr. Ich ſah ſchnell auf, indem ich neugierig war, zu wiſ⸗ ſen, wer. 3 „Nur Brooks von Sheffield“, ſagte Mr. Murdſtone. Ein großer Stein fiel mir vom Herzen, als ich fand, es ſei nur Brooks von Sheffield; denn zuerſt hatte ich in der That gedacht, daß ich gemeint ſei. Mr. Brooks von Sheffield mußte als ein ſehr luſtiger Menſch bekannt ſein; denn die beiden Herren lachten bei ſeiner Erwähnung aus vollem Halſe, und auch Mr. Murd⸗ ſtone war ſehr vergnügt. Nachdem ſie ein Weilchen ge⸗ lacht, ſagte der Herr, den er mit Quinion angeredet: „Und was hat Brooks von Sheffield für eine Mei⸗ nung, in Bezug auf das beabſichtigte Geſchäft?“ „Ei nun, ich weiß nicht, ob Brooks gegenwärtig viel davon verſteht“, entgegnete Mr. Murdſtone;„aber im David Kopperfield. 43 Allgemeinen iſt er, wie ich glaube, nicht günſtig ge⸗ ſtimmt.“ Hierauf gab's ein noch lauteres Gelächter, und Mr. Quinion bemerkte, er wolle klingeln und etwas Xeres be⸗ ſtellen, um ihn Brooks zuzutrinken. Er that dies, und als der Wein kam, ſchenkte er mir ein wenig ein, gab mir ein Biscuit dazu und hieß mich, ehe ich trinke, aufſtehen und ſagen:„Brooks von Sheffield ſoll der Teufel holen!“ Dieſer Toaſt wurde mit großem Beifall und einem ſo herzhaften Gelächter aufgenommen, daß ich ſelber lachen mußte, worüber ſie dann noch mehr lachten. Mit einem Worte, wir befanden uns ſehr wohl miteinander. Wir gingen dann nach den Uferfelſen und ſetzten uns auf das Gras und beſchauten uns die Dinge durch ein Telescop— wobei ich nichts damit anzufangen wußte, wenn es an mein Auge gebracht wurde, aber mich ſtellte, als ob ich's verſtünde— und dann kamen wir nach dem Gaſthofe zurück, um bei Zeiten zu eſſen. Die ganze Zeit über rauchten die beiden Herren unabläſſig, was ſie, nach dem Dufte zu urtheilen, den ihre groben Jacken verbrei⸗ teten, gethan haben mußten, ſeit die Jacken vom Schnei⸗ der gekommen waren. Ich darf auch nicht vergeſſen, daß wir an Bord der Nacht gingen, wo ſie alle Drei in die Kajüte hinabſtiegen und ſich mit einigen Papieren zu ſchaffen machten. Ich ſah ſie ſehr emſig bei ihrem Werke ſitzen, als ich durch das geöffnete Deckfenſter hinunter⸗ gukte. Sie ließen mich wärend dieſer Zeit in Geſellſchaft eines recht hübſchen Mannes, mit einem dicken Kopfe voll rother Haare und einem ſehr kleinen Glanzhute allein, welcher ein Hemd oder eine Weſte von ſtreifigem Zeuge übergezogen hatte, auf dem in großen Buchſtaben quer 44 David Kopperſteld. über die Bruſt das Wort„Goldammer“ zu leſen war. Ich dachte, es wäre ſein Name, und erklärte mir die Sache ſo, daß er, da er am Bord eines Schiffes lebe und keine Hausthür habe, um ſeinen Namen daran anzubringen, ihn ſtatt deſſen hier angebracht habe; aber als ich ihn Herr Goldammer nannte, ſagte er, es bedeute das Fahrzeug. Ich beobachtete den zweiten Tag, daß Mr. Murdſtone ernſthafter und abgemeſſener war, als die zwei Herren. Dieſe waren luſtig und ſorglos. Sie ſcherzten ohne Um⸗ ſtände mit einander, aber nur ſelten mit ihm. Es kam mir vor, als ob ſein Benehmen gegen ſie das einer kalten Höflichkeit ſei, und als ob ſie ihn mit einem ähnlichen Gefühle wie ich betrachteten. Ich bemerkte, daß Mr. Quinion ein oder zwei Mal, während er ſchwatzte, einen Seitenblick auf Mr. Murdſtone warf, als ob er ſich verſichern wolle, daß er nicht ungehalten ſei, und daß er einmal, als Mr. Paſſidge(der andere Herr) etwas ausgelaſſen wurde, denſelben auf den Fuß trat und ihm durch einen verſtoh⸗ lenen Augenwink zu verſtehen gab, vorſichtig zu ſein und auf Mr. Murdſtone Acht zu haben, der in finſterem Schweigen daſaß. Auch entſinne ich mich nicht, daß Mr. Murdſtone dieſen Tag überhaupt gelächelt hätte, es ſei denn bei dem Witze mit Brooks von Sheffield— und dieſen, beiläufig geſagt, hatte er ſelbſt gemacht. Wir begaben uns zeitig am Abend auf den Heimweg. Es war ein ſchöner Abend, und meine Mutter und er ſpazierten, während ich, um meinen Thee zu trinken, heimgeſchickt wurde, wieder an der Hagebuttenhecke. Nach⸗ dem er ſich entfernt, fragte mich meine Mutter über die Ereigniſſe des verlebten Tages aus, und was ſie geſprochen und gethan. Ich erwähnte, was ſie über ſie ſelbſt geſagt, und ſie lachte und meinte, es wären unverſchämte Kerls, David Kopperfield. 45 welche Unſinn ſchwatzten; aber ich wußte, daß es ihr gefiel. Ich wußte es damals ſchon ganz ebenſo gut, als ich's jetzt weiß. Ich benutzte die Gelegenheit, zu fragen, ob ſie Brooks von Sheffield kenne, aber ſte antwortete, nein, ſie vermuthe nur, daß er ein Fabrikant von Meſſern und Gabeln ſein müſſe. Darf ich von ihrem Antlitze— etwa weil ich mich ſeiner allerdings mit veränderten Zügen erinnere, oder weil ich weiß, daß es im Tode erblichen iſt, darf ich von ihrem Antlitze ſagen, es ſei verſchwunden, während es in dieſem Augenblicke hier vor mir erſcheint, und ſo deutlich erſcheint, wie irgend ein Geſicht, auf das ich in einer belebten Straße hinſehen mag?— Darf ich von ihrer unſchuld⸗ vollen, mädchenhaften Schönheit ſagen, ſie ſei verwelkt und nicht mehr zu finden, während ich jetzt eben ihren Athem an meiner Wange fühle, ganz ſo wie ich ihn an jenem Abende fühlte?— Darf ich ſagen, daß ſie ſich je verändert, während mein Gedächtniß ſie nur in dieſer Geſtalt mir ins Leben zurückruft und, treuer ihrer lieb⸗ lichen Jugend, als ich's geweſen oder jemals ein Mann iſt, noch immer feſthält, was es damals mit Liebe in ſich aufnahm? Ich ſchreibe von ihr gerade ſo, wie ſie ausſah, als ich nach dieſem Geſpräche zu Bett gegangen war und ſie kam, um mir gute Nacht zu ſagen. Sie kniete ſcherzhaft an die Seite meines Bettes, legte ihr Kinn auf ihre Hände und ſnate lachend: Wie war's, was ſie mit einander ſprachen, Da⸗ vidchen? Erzähl's noch mal. Ich kann's nicht glauben?“ „Bezaubernd—“ fing ich an. Meine Mutter legte ihre Hände auf ihre Lippen, um mir anzudeuten, innehalten. 46 David Kopperfield. „Es hieß ſicherlich nicht„bezaubernd“, ſagte ſie lachend.„Es könnte nicht„bezaubernd“ geheißen haben, Davidchen. Jetzt weiß ich, daß es nicht ſo hieß.“ „Und doch war's ſo. Es hieß: die bezaubernde Mrs. Kopperfield,“ wiederholte ich ſtandhaft.„Und: die hübſche, ſagten ſie ebenfalls.“ „Nein, nein, es hieß nimmermehr: hübſch. Nichts mit hübſch,“ ſchaltete meine Mutter ein, indem ſie mir abermals mit ihren Fingern den Mund zuhielt. „Und doch war's ſo. Hübſche kleine Wittwe, hieß es.“ „Was für alberne, unverſchämte Geſchöpfe!“ ſchrie meine Mutter, indem ſie lachend ſich das Geſicht zuhielt. „Was für lächerliche Menſchen! Nicht, liebes Davidchen—“ „Ja wohl, Muttchen.“ „Sag Peggotty nichts davon; ſie möchte ſonſt ärger⸗ lich über ſte werden. Ich ärgere mich ſelbſt furchtbar über ſie; aber ich hätte es doch lieber, wenn Peggotty nichts davon erführe.“ Ich verſprach natürlich, zu ſchweigen, wir küßten uns nochmals und abermals, und dann fiel ich bald in tiefen Schlaf. Mir iſt jetzt, indem ſo viele Jahre dazwiſchen liegen, als ob es der nächſte Tag geweſen, wo Peggotty mir den verwunderlichen und abenteuerlichen Vorſchlag machte, den ich ſogleich erzählen will; aber es wird wahrſcheinlich etwa zwei Monate ſpäter geweſen ſein. Wir ſaßen eines Abends wie früher(als meine Mutter, ebenfalls wie früher, ausgegangen war) in Geſellſchaft des Strumpfes und der Elle und des Stückchens Wachslicht und des Arbeitskäſtchens mit der Paulskirche auf dem Deckel, und des Krokodilbuchs, als Peggotty, nachdem ſie mich eine gute Weile angeſehen und den Mund geöff⸗ David Kopperfield. 47 net, als ob ſie ſprechen wolle, ohne daß ſie es in's Werk geſetzt hätte— ſo daß ich's für bloßes Gaffen hielt— plötzlich mit ſchmeichelnder Stimme anhob: „Musje Davidchen, was würdeſt Du dazu ſagen, wenn ich Dir den Vorſchlag machte, mit mir zu gehen und ein vierzehn Tage bei meinem Bruder in Yarmouth zu ver⸗ leben. Würde das nicht recht luſtig ſein?“ „Iſt Dein Bruder ein hübſch freundlicher Mann, Peggotty?“ erkundigte ich mich vorſichtig. „Na, und was ſür ein freundlicher Mann!“ ſchrie Peggotty, indem ſie ihre Hände nach der Decke empor⸗ ſtreckte.„Hernach it dort die See und Kähne und Schiffe und Fiſchersleute und der Strand und Am, um mit Dir zu ſpielen.“ Peggotty meinte ihren Neffen Ham, deſſen im erſten Kapitel Erwähnung gethan wurde; aber ſie ſprach von ihm, als ob er ein Stück der engliſchen Sprachlehre ſei*). Ich war ganz überwältigt von ihrer Aufzählung der Vergnügungen, die mich erwarteten, und bemerkte, daß es in der That ſehr luſtig ſein würde; aber was würde meine Mutter dazu ſagen? „Ei da will ich doch gleich eine Guinee wetten,“ rief Peggotty aus, indem ſie mich ſtarr anſah,„daß ſie uns gehen laſſen wird. Ich werde ſie, wenn Du willſt, ſogleich fragen, wenn ſie nach Hauſe kommt. Nun, wie ſteht's?“ „Ja aber was ſoll ſie machen, während wir weg ſind?“ ſagte ich, indem ich, um die Kraft meines Einwurfs zu verſtärken, meine kleinen Ellbogen auf den Tiſch ſtemmte. „Sie kann doch nicht allein leben?“ *) l am im Engliſchen: ich bin. 48 David Kopperfield. Wenn Peggotty ſich hier plötzlich nach einem Loche in der Ferſe des Strumpfes bückte, ſo muß es in der That ein ſehr kleines und des Stopfens nicht werthes ge⸗ weſen ſein. „Ich wiederhole, Peggotty, ſie kann, wie Du weißt, doch nicht allein leben.“ „Ei, wenn's weiter nichts iſt,“ ſagte Peggotty, indem ſie mich endlich wieder anſehen konnte.„Weißt Du's denn nicht? Sie will auf vierzehn Tage zu Mrs. Grayper gehen, um ihr Geſellſchaft zu leiſten. O, wenn ſich die Sache ſo verhielt, war ich gleich bereit, mich auf den Weg zu machen. Ich wartete mit der äußerſten Ungeduld auf den Augenblick, wo meine Mutter von Mrs. Grayper— denn das war eben der vorhin erwähnte Nachbar— zurückkehrte, um Gewißheit zu haben, ob uns die Erlaubniß zur Ausführung dieſer großartigen Idee zu Theil werden würde. Ohne ſo ſehr, als ich erwartete, über die Bitte erſtaunt zu ſein, ging meine Mutter bereitwillig darauf ein, und noch dieſen Abend wurden alle die nöthigen Vorbereitungen getroffen, und mein Eſſen und Wohnen während des Beſuchs ſollten bezahlt werden. Bald kam der Tag unſrer Abreiſe. Er hatte es ſo eilig, dieſer Tag, daß er ſelbſt mir zeitig vorkam, der ich doch in fieberhafter Erwartung ihm entgegenſah und halb und halb fürchtete, daß ein Erdbeben oder ein feuerſpeien⸗ der Berg oder irgend eine andre große Umwälzung ſich uns in den Weg legen und die Erpedition hindern möchte. Wir ſollten die Reiſe in einem Botenkarren machen, welcher des Morgens nach der Frühſtückszeit ab⸗ fuhr. Ich hätte um jeden Preis die Erlaubniß haben mögen, mich die Nacht über einwickeln und in Hut und David Kopperfield. 49 Stiefeln ſchlafen zu können, damit ich's nur ja nicht ver⸗ paßte. Noch jetzt geht es mir, obwohl ich's ſo obenhin erzähle, nahe, wenn ich mich erinnere, wie begierig ich war, von meiner glücklichen Heimat wegzukommen, wenn ich bedenke, wie wenig ich ahnte, wovon ich auf immer Abſchied nahm. Indeß freue ich mich der Erinnerung, daß, als der Karren des Boten an der Thür erſchien und meine Mutter daſtand und mich küßte, ein Gefühl der Dankbarkeit, Liebe zu ihr und zu dem alten Orte, dem ich bis dahin noch nimmer den Rücken zugekehrt, mich weinen machte. Ich freue mich, zu wiſſen, daß meine Mutter gleichfalls weinte, und daß ich fühlte, wie ihr Herz an dem meinen ſchlug. Ich freue mich, wenn ich gedenke, daß, als der Fuhr⸗ mann abzufahren begann, meine Mutter aus der Garten⸗ thür eilte und ihn anhalten hieß, damit ſie mich noch einmal küſſen könnte. Ich freue mich endlich, wenn ich bei Betrachtung der Aufrichtigkeit und Liebe verweile, mit der ſie ihr Geſicht nach mir emporſtreckte und dies that. Als wir ſie auf der Straße ſtehend verlaſſen hatten, kam Mr. Murdſtone auf ſie zu und ſchien ſie zu fragen, weshalb ſie ſo bewegt ſei. Ich ſah mich, unter der Bedachung des Plan⸗ wagens herausgebeugt, um und wunderte mich, was er ſich darum zu kümmern habe. Peggotty, welche auf der andern Seite hinauslugte, ſchien, nach dem Geſichtezuurtheilen, das ſie in den Wagen zurückbrachte, ebenfalls nicht ſehr erbaut. Ich ſaß eine Zeitlang ſtill da, blickte auf Peggotty und träumte, indem ich mir den Fall dachte: ob ich wohl, wenn ſie den Auftrag habe, mich, wie den Knaben im Märchen, in die Irre zu führen, mit Hülfe der Knöpfe, die ſie umher⸗ ſtreuen würde, im Stande ſein werde, den Nachhauſeweg wiederzufinden. David Kopperfield. I. 4 — Drittes Kapitel. Ich erlebe eine Veränderung. Das Pferd des Boten war das trägſte Pferd in der Welt und ſtolperte, den Kopf hängen laſſend, langſam die Straße dahin, als ob es ihm Spaß mache, die Leute warten zu laſſen, an welche die einzelnen Theile der Fracht gerichtet waren. Ich meinte es in der That zu⸗ weilen über dieſen Gedanken kichern zu hören, aber der Fuhrmann ſagte, es wäre blos mit dem Huſten geplagt. Der Bote hatte es in der Art, gleich ſeinem Pferde den Kopf niederhängen zu laſſen und ſich, während er fuhr, ſchläfrig nach vorwärts zu beugen, wobei er den einen Arm auf eines ſeiner Knie legte. Ich ſage:„wenn er fuhr,“ aber ich hatte die Ueberzeugung, daß der Karren ebenſo wohlbehalten nach Yarmouth gelangt ſein würde ohne ihn; denn Alles dies beſorgte das Pferd, und was die Unterhaltung betrifft, ſo verſtand er ſich dif nichts, als auf's Pfeifen. David Kopperfield. 51 Peggotty hatte einen Korb Lebensmittel auf ihren Knieen, ſo wohl gefüllt, daß er recht leidlich gereicht haben würde, wenn wir, mit derſelben Schneckenpoſt, den Weg nach London gemacht hätten. Wir aßen tüchtig und ſchliefen dann nicht minder tapfer. Peggotty ſchlief immer in der Stellung ein, daß ſie ſich mit dem Kinn auf den Griff des Korbes ſtemmte, den ſie nie aus den Händen gleiten ließ, und ich würde, wenn ich es nicht ſelbſt gehört hätte, nie geglaubt haben, daß ein ſchwaches Weib ſo gewaltig ſchnarchen könne, als ſie es that. Wir machten ſo viele Umwege Straß auf und Straß ab, und brauchten ſo lange Zeit, um eine Bettſtelle in einem Gaſthauſe abzuliefern, und kehrten ſo oft an andern Orten ein, daß ich ganz erſchöpft und ſehr froh war, als wir endlich Narmouth erblickten. Es mußte, wie ich nach dem Ausſehen ſchloß, als ich meine Blicke über die weite öde Fläche hinſtreifen ließ, welche am Ufer des Fluſſes lag, ziemlich naß und feucht ſein, und ich konnte nicht umhin, mich zu wundern, wie, wenn die Welt wirklich ſo rund ſei, als mein geographiſches Lehrbuch wollte, irgend ein Theil derſelben dazu komme, ſo flach zu ſein. Indeß überlegte ich mir, daß Yarmouth ja vielleicht an einem der Pole liegen könnte, was darauf von Einfluß ſein möchte. Als wir ein wenig näher kamen und die ganze Um⸗ gebung wie eine gerade flache Linie unter dem Himmel liegen ſahen, bemerkte ich zu Peggotty, daß man ver⸗ mittelſt eines Dammes das Uebel der flachen Lage ver⸗ mieden haben würde, und daß, wenn das Land ein wenig mehr von der See geſchieden und die Stadt und die Fluth nicht ſo nahe an einander geſtellt wären wie Zwie⸗ back und Thee, die Stadt viel ſchöner ausſehen würde. 4* 5² David Kopperfield. Peggotty aber ſagte, und zwar mit ungewöhnlicher Sal⸗ bung, daß man die Dinge nehmen müſſe, wie man ſie fände, und daß ſie an ihrem Theile ſtolz ſei, ſich eine Narmouther Pflanze nennen zu dürfen. Als wir in die Straßen gelangten— welche mir wunderlich genug vorkamen— und der Fiſche, des Pechs, Werchs und Theers anſichtig wurden, und die Matroſen herumgehen und die Karren über das Pflaſter hinrollen ſahen, fühlte ich, daß ich einem ſo geſchäftigen Platze unrecht gethan habe, und ſagte dies auch Peggotty, welche meine Freudenrufe mit großer Behaglichkeit anhörte und mir erzählte, daß es allbekannt(ich vermuthe, allen denen bekannt, welche das Glück haben,„Pflanzen“ des dortigen Bodens zu ſein) wie Yarmouth der ſchönſte Ort in der ganzen Welt ſei. „Hier iſt mein Am,“ kreiſchte Peggotty.„Der arme Kerl hat den Kopf ganz verloren, weil er uns nicht ſieht.“ Er wartete in der That auf uns am Gaſthofe und fragte mich, ganz wie eine alte Bekanntſchaft, wie ich mich befinde. Ich fühlte zuerſt nicht eben, daß ich ihn ſo gut kenne, als er mich; denn er war ſeit der Nacht meiner Geburt nicht in unſer Haus gekommen und hatte deshalb natürlich etwas vor mir voraus. Indeß wurden wir bald beſſere Freunde, als er mich auf den Rücken nahm, um mich nach Hauſe zu tragen. Er war jetzt ein rieſenhafter, ſtämmiger Burſche von ſechs Fuß Höhe, verhältnißmäßig breit und ſtarkſchultrig, aber mit einem dummlächelnden Jungengeſichte und lichtem, gelocktem Haare, welches ihm völlig das Ausſehen eines Schöpſes verlieh. Er ſtack in einer Jacke von Segeltuch und einem Paar ſo ſteifen Hoſen, daß ſie ganz wohl allein, ohne Beine drin, auf⸗ recht geſtanden haben würden. Man konnte von ihm nicht N — —————— N David Kopperfield. 5 eigentlich ſagen, daß er einen Hut getragen, als vielmehr. daß er oben, wie ein altes Gebäude, mit einem ſchwarzen Etwas bedeckt war. So ſchritten wir, Ham mich auf dem Rücken und eine kleine Schachtel mit unſern Sachen unter dem Arme, und Peggotty eine andre kleine Schachtel von uns tragend, durch Straßen, welche mit Hobelſpänen beſtreut und mit kleinen Sandhaufen bedeckt waren, an Gasanſtalten, Seilerwerk⸗ ſtätten, Bootbauer⸗Höfen, Schiffszimmermanns⸗Höfen, Höfen, wo Schiffe auseinandergenommen, Höfen, wo dergleichen kalfatert wurden, Schuppen zum Abtakeln, Schmiedeeſſen und einer großen Menge ähnlicher Orte vorüber, bis wir hinaus nach der weiten wüſten Strandfläche gelangten, die ich bereits von fern geſehen, und Ham ſagte: „Da drüben iſt unſer Haus, Musje David!“ Ich ſah mich nach allen Richtungen um, ſo weit als ich die öde Gegend überblicken konnte, nach der See hin und nach dem Fluſſe hin, aber nirgends entdeckte ich ein Haus. Dort, nicht weit davon, war eine ſchwarz getheerte Barke oder ſo etwas wie ein abgenutztes Boot; es ſtand hoch oben auf trocknem Boden, und ein eiſernes Rohr ſteckte als Feuereſſe drin und blies einen tüchtigen Rauch von ſich, aber ſonſt vermochte ich nichts davon zu bemer⸗ ken, was auf eine Wohnung gedeutet hätte. „Das iſt's doch nicht etwa?“ ſagte ich.„Das Ding da, das wie ein Schiff ausſteht?“ „Ja wohl iſt's das, Musje David!“ erwiederte Ham. Wahrhaftig, und wenn es Aladdins Palaſt, das Ei des Vogels Rok, geweſen, ich könnte ſchwerlich mehr Ver⸗ gnügen empfunden haben als an der romantiſchen Idee, darin zu leben. Da war eine prächtige Thür in die Seitenwand hineingeſchnitten, und es war mit einem Dache 54. David Kopperfield. verſehen, und es gab auch kleine Fenſter drin; aber das Wundervollſte und Vergnüglichſte daran war, daß es ein wirkliches Boot war, welches wohl hundert Mal im Waſſer geweſen, und bei deſſen Erbauung kein Menſch gedacht hatte, daß es auf dem Trocknen zur Wohnung dienen ſollte. Das war's, was mich dafür gewann. Wäre es urſprünglich zu einem Hauſe beſtimmt geweſen, ſo würde es mir enge, unbequem und einſam vorgekommen ſein, da es aber niemals dieſe Beſtimmung gehabt hatte, ſo wurde es für mich ein vollkommen angenehmer Aufent⸗ haltsort. Es war inwendig wunderſchön reinlich und ſo nett als nur möglich. Da gab es zunächſt einen Tiſch, dann eine ſchwarzwälder Uhr und eine Kommode mit Auszieh⸗ käſten, und auf der Kommode lehnte ein Theebrett, mit einem Gemälde drauf, welches eine Dame mit einem ſoldatiſch ausſehenden Kinde darſtellte, das einen Reifen trieb. Das Theebrett wurde vor dem Heruntergleiten durch eine Bibel bewahrt, wenn es aber heruntergerutſcht wäre, ſo würde es eine Menge von Taſſen und Näpfen, ſowie eine Theekanne umgeworfen haben, welche um das Buch gruppirt waren. An den Wänden hingen plump ausgemalte Bilder aus der bibliſchen Geſchichte in Rahmen und Glas; welche, wenn ich ſie ſpäter in den Händen der Bildertrödler ſah, nimmer verfehlten, mir ſogleich den ganzen Haushalt von Peggotty's Bruder wieder vor Augen zu ſtellen. Ein rothröckiger Abraham, der daran war, einen blauen Iſaak zu opfern, und dort ein gelber Daniel, in eine Grube unter grüne Löwen geworfen, waren die am Meiſten hervorſtechenden unter ihnen. Ueber dem kleinen Kaminſims befand ſich eine Abbildung des zu Sunderland erbauten Schiffs Sarah Lane, in ———9—— Qꝗ⏑ν David Kopperfield. 5³ welches ein wirklicher kleiner hölzerner Schiffsſpiegel ein⸗ gefügt war; ein Kunſtwerk, in welchem ſich das Ge⸗ ſchick des Malers mit dem des Zimmermanns ver⸗ einigte, und welches ich für eines der beneidenswertheſten Beſitzthümer in der Welt hielt. Dann gab's verſchiedene Haken in den Balken der Decke, deren Zweck ich nicht zu errathen vermochte, und mehre Kiſten und Kaſten und andere derartige Behältniſſe, welche als Sitze dienten und die Stühle entbehrlich machten. Alles dies ſah ich— meiner oben entwickelten Theorie nach, in der Weiſe der meiſten Kinder— mit dem erſten Blicke, nachdem ich die Schwelle überſchritten, und dann öffnete Peggotty eine kleine Thür und zeigte mir meine Schlaf kammer. Es war eine ſo vollkommene Schlaf kammer, wie man ſie ſich nur immer wünſchen konnte. Sie befand ſich im Hintertheile des Schiffes und hatte ein kleines Fenſter an der Stelle, wo das Ruder durchgeſteckt geweſen war; ferner einen kleinen Spiegel, gerade von der rechten Höhe für mich, der an die Wand genagelt und mit Auſter⸗ ſchalen eingerahmt war; dann ein kleines Bett, welches gerade genug Raum für mich bot; endlich einen Strauß von Seeblumen in einem blauen Kruge auf dem Tiſche. Die Wände waren ſchneeweiß gewaſchen, und die aus allerhand Fleckchen zuſammengeſtickte Bettdecke machte mir mit ihrer Weiße wahrhaft die Augen ſchmerzen. Etwas fiel mir in dieſem angenehmen Hauſe vorzüglich auf; dies war ein gewiſſer Fiſchgeruch, der ſo durchdringend war, daß es, wenn ich mein Schnupftuch herauszog, um mir die Naſe zu wiſchen, genau ſo roch, als ob ich einen Hummer hineingewickelt hätte. Als ich dieſe Entdeckung Peggotty im Vertrauen mittheilte, belehrte ſie mich, daß ihr Bruder einen Handel mit Hummern, Krabben und Krebſen be⸗ 56 David Kopperfield. triebe, und nachher fand ich, daß ein Haufe dieſer Ge⸗ ſchöpfe in einem wunderlichen Durcheinander und nichts wieder loslaſſend, was ſie einmal mit ihren Scheeren in Beſchlag genommen, gewöhnlich in dem kleinen hölzernen Nebenhauſe zu finden waren, wo die Tonnen und Keſſel aufbewahrt wurden. Wir wurden bewillkommt von einer ſehr höflichen Frau in einer weißen Schürze, welche ich ihre Knixe an der Thür ſchon hatte machen ſehen, als ich, auf Ham's Rücken, noch eine Viertelmeile davon war. Ebenſo von einem ſehr ſchönen kleinen Mädchen(wenigſtens hielt ich ſie dafür) mit einem Halsbande von blauen Perlen, welche ſich von mir nicht küſſen laſſen wollte, ſondern davon lief und ſich verſteckte. Bald nachdem wir ein reichliches Mittags⸗ eſſen, welches in geſottenen Klieſchen, brauner Butter und Kartoffeln und für mich in einem Stücke Fleiſch beſtand, eingenommen, kam ein Mann mit dichtem Bart und Haar herein. Da er Peggotty mit„Mädel“ anredete und ihr einen herzhaften Schmatz auf den Backen gab, ſo hatte ich nach der Art, wie ſie das im Allgemeinen aufnahm, keinen Zweifel, daß er ihr Bruder ſei, und ſo erwies er ſich denn— nachdem er mir als Mr. Peggotty vorgeſtellt worden— als der Herr des Hauſes. „Bin erfreut, Sie zu ſehen, junger Herr,“ ſagte Mr. Peggotty.„Sie werden uns geradezu finden, aber Sie ſollen uns dienſtbereit finden.“ Ich dankte ihm und entgegnete, daß ich gewiß recht glücklich ſein würde an einem ſo hübſchen Platze. „Was macht Ihre Mama, junger Herr,“ ſagte Mr. Peggotty.„Verließen Sie ſie hübſch auf dem Zeuge?“ Ich bemerkte Mr. Peggotty, daß ſie ſo wohl auf dem Zeuge ſei, als ich nur wünſchen könnte, und ſich ihnen David Kopperfield. 57 empfehlen ließe, was eine höfliche Erdichtung von meiner Seite war. „Ich bin ihr wahrhaftig ſehr verbunden,“ ſagte Mr. Peggotty.„Nun, junger Herr, wenn Siess hier ein vierzehn Tage aushalten können, mit der da— hier deutete er auf ſeine Schweſter— und Ham und dem kleinen Emilchen, ſo werden wir uns auf Ihre Geſell⸗ ſchaft etwas zu Gute thun.“ Nachdem Mr. Peggotty in dieſer gaſtfreundlichen Weiſe die Honneurs des Hauſes gemacht, ging er hinaus, um ſich in einem Kübel heißen Waſſers zu waſchen, wozu er bemerkte, daß„kaltes ihm ſeinen Dreck nicht herunter⸗ brächte“. Er kehrte bald wieder, um ein Bedeutendes beſſer anzuſehen, aber ſo roth, daß mir's unwillkür⸗ lich einfiel, wie ſein Geſicht in dieſer Hinſicht mit den Hummern, Krabben und Krebſen Aehnlichkeit habe, daß es pechſchwarz ins heiße Waſſer hinein und feuerroth wieder herauskam. Nach dem Thee, als die Thür geſchloſſen und Alles gehörig verwahrt war— denn die Nächte waren jetzt kalt und neblig— ſchien es mir hier der angenehmſte Aufenthalt, den die menſchliche Einbildungskraft nur er⸗ ſinnen könne. Den Wind ſich erheben hören draußen an der See; zu wiſſen, wie der Nebel über die einſame flache Gegend draußen hinkroch, nach dem Feuer zu ſchauen, und daran zu denken, daß außer dieſem kein einziges Haus in der Nähe und dies eine noch dazu ein Boot war, dies Alles war für mich wie eine verzauberte Welt. Die kleine Emilie hatte ihre Schüchternheit über⸗ wunden und ſaß an meiner Seite auf der niedrigſten und letzten der Kiſten, welche gerede Raum genug für uns beide hatte und genau in die Kaminecke paßte. Mrs Peg⸗ 2 58 David Kopperfield. 2 gotty mit ihrer weißen Schürze ſtrickte an der andern Seite des Kamins. Peggotty mit ihrer Nätherei, ihrer Paulskirche auf dem Nähkäſtchen und ihrem Stückchen Wachslicht war hier ſo heimiſch, als ob ſie nie unter einem an⸗ dern Dache gelebt habe. Ham, welcher mir einen erſten Unter⸗ richt im Alle⸗Viere*) ertheilt hatte, verſuchte ſich eines Verfahrens zu erinnern, vermöge deſſen er mir aus den ſchmutzigen Karten wahrſagen konnte, wobei ſein Daumen, mit dem er die Karten umwendete, Spuren von Fiſchfett hinterließ. Mr. Peggotty ſchmauchte ſein Pfeifchen. Ich fand, daß dies eine recht paſſende Zeit zu einem vertrau⸗ lichen Geſpräche ſei. „Mr. Peggotty!“ ſagte ich. „Junger Herr!“ ſagte er. „Haben Sie Ihrem Sohne den Namen Ham gegeben, weil Sie in einer Art Arche wohnen?“ Mr. Peggotty ſchien dies für eine tiefgedachte Bemerkung zu halten, doch entgegnete er: „Ich gab ihm niemals keinen Namen nicht!“ „Wer dann gab ihm den Namen?“ fragte ich, indem ich Frage zwei meiner Katechiſation Mr. Peggotty vorlegte. „Ei nu, junger Herr, ſein Vater nannte ihn ſo,“ ſagte Mr. Peggotty. „Ich dachte, Sie wären ſein Vater.“ „Mein Bruder Joe war ſein Vater,“ erwiederte Mr. Peggotty. „Er iſt todt, Mr. Peggotty?“ entſchlüpfte mir nach einer Pauſe ehrerbietigen Schweigens. „Ertrunken,“ ſagte Mr. Peggotty. *) Ein Kartenſpiel in England. —— David Kopperfield. 59 Ich war höchlich verwundert, daß Mr. Peggotty nicht Hams Vater war, und begann nachzudenken, ob ich mich nicht auch hinſichtlich ſeiner Verwandtſchaft mit noch jemand anderem hier geirrt habe. Meine Neugierde trieb mich ſo ſehr nach der Gewißheit in dieſem Punkte hin, daß ich mir feſt vornahm, dies aus Mr. Peggotty herauszube⸗ kommen. „Die kleine Emilie,“ ſagte ich,„dieſe iſt aber doch gewiß Ihre Tochter; nicht, Mr. Peggotty?“ „Nein, junger Herr, mein Schwager Tom war ihr Vater.“ Ich konnte mir nicht helfen, es mußte weiter gefragt ſein, und„Auch todt?“ entſchlüpfte mir nach einer aber⸗ maligen ehrerbietigen Pauſe. „Ertrunken!“ Ich fühlte, daß es peinlich war, dieſen Gegenſtand weiter zu verfolgen, aber ich war noch nicht auf den Grund der Sache gelangt und mußte doch irgend wie auf den Grund gelangen. Deshalb ſagte ich: „Haben Sie denn gar keine Kinder, Mr. Peggotty?“ „Nein, junger Herr,“ antwortete er mit einem An⸗ fluge von Lächeln.„Ich bin ein Junggeſelle.“ „Ein Junggeſell?“ rief ich erſtaunt.„Nun aber, mein Gott, wer iſt denn das da, Mr. Peggotty?“ Und ich zeigte nach der Frau in der Schürze hin, welche ſtrickte. „Das iſt Mrs. Gummidge,“ erwiederte Mr. Peggotty. „Gummidge, Mr. Peggotty?“ Aber bei dieſem Punkte unſrer Unterredung ange⸗ langt, machte mir Peggotty— ich meine hier unſere Peggotty— ſo ſprechende und eindringliche Zeichen, nicht weiter zu fragen, daß ich von jetzt ab, bis es Schla⸗ fenszeit war, mir nichts mehr zu thun getraute, als ſtill 60 David Kopperfield. zu ſitzen und die ſchweigende Geſellſchaft anzuſtarren. Dann aber, in der Abgeſchiedenheit meiner kleinen Kajüte, unterrichtete ſie mich, daß Ham ein Neffe, und Peggotty eine Nichte des Hauſes, beide aber Waiſen ſeien, welche mein Wirth zu verſchiedenen Zeiten ſchon in ihrer Kind⸗ heit, als ſie hülflos zurückgelaſſen geweſen, angenommen habe; und daß Mrs. Gummidge die Wittwe ſeines Boots⸗ kameraden ſei, welcher in großer Armuth verſtorben wäre. Nun ſei ihr Bruder zwar ſelbſt ein armer Mann, ſagte Peggotty, aber ſo edel wie Gold und ſo treu wie Stahl — ſo nämlich lautete ihr Vergleich. Der einzige Gegen⸗ ſtand, bei welchem er nach ihrer Meinung ein heftiges Temperament verrieth und zu fluchen anfing, war die Er⸗ wähnung dieſes ſeines Edelſinnes, und wenn irgend eines von ihnen die Rede drauf brachte, ſo ſchlug er mit ſeiner rechten Hand gewaltig auf den Tiſch(der bei dieſer Ge⸗ legenheit einmal geborſten war) und that einen entſetz⸗ lichen Fluch, daß er gleich auf der Stelle„gegormt“ ſein wollte, wenn er nicht ſpornſtreichs auf und davon liefe, ſobald es noch ein einziges Mal erwähnt werde. Aus der Antwort, die mir auf meine Frage wurde, ergab ſich, das kein Menſch auch nur die leiſeſte Idee von der Ab⸗ leitung dieſes ſchrecklichen Verbi passivi„gegormt werden“ hatte; daß ſie es aber Alle als Ausdruck der feierlichſten Verwünſchung anſahen. Ich war feſt überzeugt, daß mein Wirth ein wackerer Mann ſei, und lauſchte jetzt in einer überaus wohlbefind⸗ lichen Laune, die durch meine Schläfrigkeit noch geſteigert wurde, wie die Frauen in einem andern Kämmerchen zu Bett gingen, welches ſich, ähnlich dem meinen, an dem entgegengeſetzten Ende des Bootes befand, und wie er und Ham an die Haken, die ich an der Decke bemerkt ———— David Kopperfield. 61 hatte, zwei Hangematten für ihren eignen Gebrauch be⸗ feſtigten. Als mich der Schlummer nach und nach über⸗ kam, hörte ich, wie der Wind draußen auf der See heulte⸗ und mit ſolcher Gewalt quer über die Uferfläche ſauſte, daß ich einen leiſen Vorgeſchmack davon bekam, wenn ſich die große Tiefe in der Nacht erhebt. Indeß überlegte ich mir, wie ich mich ja doch in einem Boote befände, und wie es für den Fall, daß etwas paſſirte, kein übler Troſt ſei, Mr. Peggotty an Bord zu haben. Es paſſirte jedoch nichts, als daß es Morgen wurde. Nicht ſobald erglänzte er auf dem Auſterſchalenrahmen meines Spiegels, als ich aus dem Bette und mit Klein⸗ Emilchen zur Thür hinaus war, um auf dem Strande Steinchen aufzuleſen. „Du biſt vermuthlich ein vollkommener Matroſe?“ ſagte ich zu ihr. Ich weiß zwar nicht, ob ich etwas der⸗ artiges wirklich vermuthete, aber ich hielt es für ein Er⸗ forderniß der Galanterie, etwas zu ſagen, und ein weißes Segel in unſerer Nähe ſpiegelte in dieſem Augenblicke ſein Bildchen ſo hübſch in ihrem glänzenden Auge ab, daß mir gerade dieſe Frage in den Kopf kam. „Nein,“ erwiederte Emilchen, den Kopf ſchüttelnd. „Ich fürchte mich vor der See.“ „Fürchten?“ ſagte ich, indem ich eine Heldenmiene annahm und einen ſtolzen Blick auf den mächtigen Ocean warf.„Ich fürchte mich nicht.“ „Ah, ſie iſt aber ſehr grauſam,“ entgegnete Emilie. „Ich habe ſie ſehr grauſam gegen mehre von unſern Leuten geſehen. Ich ſah ſte ein Boot ſo dick wie unſer Haus in Stücke reißen.“ „Ich hoffe, es war nicht jenes Boot, wo—* 62 David Kopperfield. „Wo Vater drin ertrank?“ ſagte Emilie.„Nein, dieſes nicht. Ich habe dieſes Boot niemals geſehen.“ „Auch ihn nicht?“ Klein⸗Emilchen ſchüttelte den Kopf.„Nicht daß ich mich erinnerte!“ Hier war ein Punkt, in dem unſer Schickſal zuſammen⸗ traf. Ich begann au nerlcſi eine Auseinanderſetzung, wie auch ich miemalN mei ater geſehen, und meine Mutter und ich für uns allein in dem glücklichſten Ver⸗ hältniß, das man ſich nur denken könne, gelebt hätten und noch ſo lebten und immer zu leben gedächten, und wie meines Vaters Grab auf dem Kirchhofe nahe bei unſerm 2 Hauſe, und wie es von einem Baume beſchattet ſei, unter deſſen Zweigen ich ſo oft an einem ſchönen Morgen herumgegangen und die Vögel ſingen gehört. Da ergab's ſich denn freilich, daß zwiſchen Emiliens Verwaiſtheit und der meinen ein ziemlich großer Unterſchied ſei. Sie hatte ihre Mutter vor ihrem Vater verloren, und von der Grab⸗ ſtätte ihres Vaters wußte niemand etwas, als daß ſie irgendwo in dem Abgrunde der See ſei. ⸗ „Außerdem,“ ſagte Emilie, während ſie ſich nach 1 Muſchelſchalen und Kieſeln umſah,„war Dein? vornehmer Herr, und Deine Mutter iſt eine zun mein Vater war ein Fiſcher und meine 2 haigihter und mein Onkel Dan iſt auch ein Fiſchers „ Tn „ Dan,,» Nicht wahr?“ ſagte ich. „Onkel Dan— da da e vortete Emilie, in⸗ dem ſie mit dem Kopfe nach dem C. ſe hinüberdeutete. „Ja. Ihn meine ich. Er muß ſehr gut ſein, ſollt' ich denken?? David Kopperfield. 63 „Gut?“ ſagte Emilie.„Wenn ich jemals eine vor⸗ nehme Dame werden ſollte, ſo würde ich ihm einen himmelblauen Rock mit Diamantknöpfen, Nankinhoſen, eine rothe Sammetweſte, einen aufgekrämpten Hut, eine große goldne Uhr, eine ſilberne Pfeife und einen Kaſten voll Geld geben.“ Ich ſagte, daß ich keinen Zweifel⸗habe, Mr. Peggotty verdiene dieſe Schätze; doc ß ich bekennen, daß es mir ſchwierig vorkam, mir von ihm in der Tracht, die ſeine dank⸗ bare Nichte für ihn vorſchlug, ein deutliches Bild zu machen, und daß ich beſonders zweifelhaft war, ob der aufge⸗ 2 krämpte Hut klug gewählt ſei; indeß behielt ich dieſe Ge⸗ danken für mich. Klein⸗Emilchen war während der Aufzählung dieſer Artikel ſtehen geblieben und hatte gen Himmel geblickt, als ob ſie dieſelben dond in einer leuchtenden Viſton ſchaute. Dann gingen wir weiter und ſammelten wieder unſere Muſcheln und Kieſel. „Du möchteſt wohl gern eine vornehme Dame ſein?“ ſagte ich nach einem Weilchen. Emilie ſah mich an und lachte und nickte„Ja!“ * würde ſehr c gern eine ſein. Wir würden dann inder vornehme Herrſchaften ſein! ich und und Ham und Mrs. Gummidge. Wir würden däre. Nicht unſertwegen, meine ich, Wixordi„s wegen 4 der armen Fiſchersleutenf würden ihnen mit Geld helfen, ne u ein Unglück beträfe.“ Dies erſchien mir als an ſehr befriedigendes und deshalb in keiner Weiſe zu tadelndes Bild von der Zu⸗ kunft. Ich drückte mein Vergnügen ah deſſen dann nicht drum kümmern, ob ſtürmiſches Ftter 64 David Kopperfield. aus, und Emilchen wurde dadurch ſo kühn gemacht, daß ſie ſchüchtern ſagte: „Nun, fürchteſt Du Dich auch jetzt noch nicht vor der See?“ Das Meer war ruhig genug, um mir Muth einzuflößen; aber ich zweifle nicht im Geringſten, daß ich, wäre auch nur eine mäßig große Welle herangebrauſt, mit der ſchrecklichen Erinnerung an ihre ertrunkenen Verwandten im Gedächtniß, auf der Stelle Ferſengeld gegeben haben würde. Indeß ſagte ich„Nein,“ und fügte hinzu:„Auch Du ſcheinſt nicht furchtſam zu ſein, wenn Du es gleich behaupteſt.“ Sie ging nämlich viel zu nahe an dem Rande eines alten überhängenden Holzdammes, auf den wir hinaufgeſprungen waren, und ich fürchtete, ſie werde drüben hinunterfallen. „O, hiervor fürchte ich mich nicht!“ ſagte Emilchen. „Aber ich wache auf, wenn es ſtürmt, und zittere, wenn ich an Onkel Dan und Ham denke, und glaube ſie um Hülfe ſchreien zu hören. Das iſt's, warum ich ſo gerne eine vornehme Dame wäre. Aber hiervor fürchte ich mich nicht. Nicht ein Bißchen. Sieh' mal her!“ Sie ſprang von meiner Seite und lief auf einem eingekerbten Balken, welcher von dem Orte, auf dem wir uns befanden, hervorſtand und in einiger Höhe ohne den ge⸗ ringſten Anhalt über dem tiefen Waſſer hing. Dieſer Anblick iſt meinem Gedächtniß ſo deutlich eingeprägt, daß ich behaupten möchte, ich würde ihn, wenn ich ein Maler wäre, genau ſo abbilden können, wie ich ihn dieſen Tag vor mir hatte, und wo Klein⸗Emilchen mit einem mir unvergeßlichen, gerade in die See hinaus gerichteten Blicke nach vorwärts— wie mir ſchien— in ihren Tod ſprang. David Kopperfield. 65 Die leichte, kühne, flatternde kleine Geſtalt wandte ſich und kehrte wohlbehalten zu mir zurück, und bald lachte ich über meine Befürchtungen und über den Angſt⸗ ſchrei, den ich ausgeſtoßen; jedenfalls nutzlos; denn es war Niemand in der Nähe. Aber ſeitdem iſt's vorge⸗ kommen, und ſeit ich Mann geworden, oft vorgekommen, daß ich mir die Frage vorgelegt habe, ob wohl unter den Möglichkeiten der unſern Augen verborgenen Dinge auch die Möglichkeit geweſen ſei, daß in der Unbeſonnenheit und Tollkühnheit des Kindes und ſeinem wilden Blicke in die Ferne hinaus ſich ein geheimnißvolles Etwas, welches ſie aus Erbarmen in den Untergang zog, oder eine Wirkung ihres todten Vaters kundgab, dem es ge⸗ ſtattet war, ſie zu ſich hinabzurufen, damit ihr Leben an dieſem Tage vielleicht ein Ende finde. Es iſt eine Zeit geweſen ſeitdem, wo ich hätte wiſſen mögen, ob ich, wenn ihr nachfolgendes Leben mir damals auf einen Blick geoffen⸗ bart und ſo geoffenbart worden wäre, daß ein Kind es vollſtändig hätte begreifen können, und wenn ihre Er⸗ haltung nur von einer Bewegung meiner Hand abge⸗ hangen,— ob ich dann die Pflicht gehabt hätte, ſie aus⸗ zuſtrecken zu ihrer Rettung. Es iſt eine Zeit geweſen ſeitdem— ich will nicht ſagen, daß ſie lange gedauert, aber da geweſen iſt ſie— wo ich mir ſelbſt die Frage vorgelegt habe, ob es nicht beſſer geweſen ſein würde für Klein⸗Emilchen, wenn ſie an jenem Morgen vor meinen Augen in die Wellen hinabgeſunken wäre; und wo ich mir geantwortet habe: Ja, es würde beſſer geweſen ſein. Dies mag ein Vorwegnehmen der Geſchichte ſein, und ich habe es vielleicht zu zeitig niedergeſchrieben. Doch, es mag ſtehen bleiben. Wir ſchlenderten eine weite Strecke, beluden uns mit David Kopperſield. 1. 5 — — —-—— 66 David Kopperfield. Dingen, welche uns hübſch oder ſelten zu ſein ſchienen, und warfen mehre auf den Strand gerathene Sternfiſche ins Waſſer zurück— ich kenne in dieſem Augenblicke dieſe Race kaum hinreichend, um ganz ſicher zu ſein, ob ſte Grund hatten, ſich uns verpflichtet zu fühlen, daß wir ſo thaten, oder ob das Gegentheil ſtattfand— und dann gingen wir nach Hauſe, zu Mr. Peggotty's Wohnung zurück. Wir blieben hinter dem Hummerhauſe ſtehen, um einen unſchuldigen Kuß zu wechſeln, und gingen dann hinein zum Frühſtück, glühend von Geſundheit und Ver⸗ gnügen. „Wie ein paar junge Zippen!“ ſagte Mr. Peggotty. Ich wußte, das hieß in der Sprache der Gegend: wie ein paar junge Droſſeln, und nahm es als ein Compli⸗ ment auf. Natürlich war ich in Emilchen verliebt. Und ich bin gewiß, ich liebte dieſes kleine Püppchen ganz ebenſo treu und ebenſo zärtlich, und reiner und uneigennütziger, als die edelſte Liebe in der ſpäteren Lebenszeit ſein kann, wie erhaben und vergeiſtigend ſie auch ſein mag. Ich bin gewiß, meine Phantaſie umgab dieſes blau⸗ äugige Kind mit Aetherglanz und machte einen wahren Engel aus ihr. Wenn ſie an irgend einem ſonnigen Vormittage ein kleines Flügelpaar entfaltet hätte und vor meinen Augen aufgeflogen wäre, ſo glaube ich nicht, daß ich es als etwas Außerordentliches und Unerwartetes angeſehen haben würde. Wir pflegten in der Weiſe von Liebesleuten ſtunden⸗ lang auf jenem öden, alten Strande bei Yarmouth ſpa⸗ zieren zu gehen. Die Tage wurden von uns mit Ver⸗ gnügungen verbracht, als ob Mutter Zeit ſelbſt noch keine Erwachſene, ſondern noch ein Kind und immer zum Spie⸗ David Kopperfield. 67 len geneigt wäre. Ich ſagte Emilien, daß ich ſie anbete und daß, wenn ſie nicht geſtehe, auch ſie bete mich an, ich mich in die Nothwendigkeit verſetzt ſehen würde, mich ſelbſt mit einem Degen umzubringen. Sie ſagte, ſie bete mich an, und ich habe keinen Zweifel, daß es ſich in der That ſo verhielt. Was nun irgend einen Gedanken an die Ungleichheit unſres Standes, oder unſre große Jugend, oder eine an⸗ dere Schwierigkeit auf unſerm Wege betrifft, ſo machten Emilchen und ich ſich darüber keine Sorge, weil wir noch nicht an die Zukunft dachten. Wir richteten unſre Blicke nicht mehr aufs Aelterwerden, als wir ſie aufs Jünger⸗ werden richten konnten. Wir waren ein Gegenſtand der Bewunderung für Mrs. Gummidge und Peggotty, welche ſich nach ſolchen Abenden, wo wir liebend Seite an Seite auf unſrer kleinen Kiſte geſeſſen, ein„Herrje! war das nicht wunderhübſch!“ zuzuflüſtern pflegten. Mr. Peg⸗ gotty lächelte hinter ſeiner Pfeife über uns, und Ham that den ganzen Abend nichts Anderes, als freundlich grinſen. Wir machten ihnen vermuthlich jenes Ver⸗ gnügen, welches ſie an einem hübſchen Spielzeuge, oder an einem Taſchenmodell vom Coloſſeum gehabt haben würden. Ich wurde bald gewahr, daß Mrs. Gummidge ſich nicht immer ſo vergnügt zeigte, als man nach ihrem Zu⸗ ſammenleben mit Mr. Pegotty hätte erwarten ſollen. Mrs. Gummidge war vielmehr von verdrießlicher Ge⸗ müthsart, und ſie klagte und winſelte manchmal mehr, als für die andern Bewohner dieſes ſo engen Raumes angenehm war. Sie dauerte mich ſehr, indeß gab es Augenblicke, wo mir der Gedanke kam, es würde doch hübſcher ſein, wenn Mrs. Gummidge ein paſſendes Zim⸗ ———— —— — 68 David Kopperfield. mer für ſich hätte, wohin ſtie ſich zurückziehen und dort verbleiben könnte, bis ihre Laune ſich wieder aufgeheitert. Mr. Peggotty ging gelegentlich in eine Schenke, welche den Namen„zum guten Willen“ führte. Ich machte dieſe Entdeckung, als er am dritten oder vierten Abend unfres Beſuchs ausblieb, und Mrs. Gummidge zwiſchen acht und neun nach der Schwarzwälder Uhr in die Höhe ſah und ſagte, daß er dort ſei, und daß ſie, was noch mehr war, am Morgen ſchon erfahren habe, er werde dahin gehen. Mrs. Gummidge war den ganzen Tag verdrießlich geweſen und am Vormittage, als der Ofen rauchte, gar in Thränen ausgebrochen.„Ich bin ein armes unglück⸗ liches Geſchöpf,“ waren ihre Worte, als dieſe Unannehm⸗ lichkeit vorfiel, und Alles geht mir der Quere!“ „O, es wird bald aufhören,“ ſagte Peggotty,— hier meine ich wieder unſre Peggotty—„und überdies wiſſen Sie ja, daß es Sie nicht mehr beläſtigt, als uns.“ „Ich fühle es mehr,“ ſagte Mrs. Gummidge. Es war ein ſehr kalter Tag, und ein ſchneidender Wind blies. Der Winkel am Ofen, welcher Mrs. Gum⸗ midge gehörte, ſchien mir der wärmſte und behaglichſte im ganzen Hauſe zu ſein; ihr Stuhl wenigſtens war ge⸗ wiß der bequemſte; dennoch wurde ſie ſeiner den ganzen Tag nicht froh. Sie klagte in einem fort über die Kälte, und daß ihr dieſelbe gelegentlich einen Beſuch auf ihrem Rücken abſtatte und ſie mit Gänſehaut überliefe. Zuletzt vergoß ſie Thränen darüber und bemerkte abermals, daß „ſie ein armes unglückliches Geſchöpf ſei, dem alles der Quere ginge.“ „Es iſt gewiß recht kalt,“ ſagte Peggotth,„Jeder⸗ mann muß dies fühlen.“ David Kopperfield. 69 „Ich fühle es mehr als andere Leute,“ ſagte Mrs. Gummidge. Eben ſo war's auch beim Eſſen, wo Mrs. Gummidge immer gleich nach mir bedient wurde, dem, als einem vornehmen Beſuche, der Vorrang gegeben wurde. Die Fiſche waren klein und voll Gräten, und die Kartoffeln ein wenig verbrannt. Wir Alle erkannten an, daß uns dies unangenehm ſei, aber Mrs. Gummidge ſagte, ſie empfände es mehr, als wir. Und wieder vergoß ſie Thränen, und wieder gab ſie die vorige Erklärung mit großer Bitterkeit ab. Als Mr. Peggotty gegen neun Uhr nach Hauſe kam, ſaß dieſe unglückſelige Mrs. Gummidge in der kläglich⸗ ſten und jämmerlichſten Laune in ihrem Winkel und ſtrickte. Peggotty hatte munter gearbeitet. Ham hatte ein paar große Waſſerſtiefeln geſchmiert, und ich, Emil⸗ chen neben mir, hatte ihnen vorgeleſen. Mrs. Gummidge hatte ſeit dem Thee nichts als dann und wann einen leiſen Seufzer hören laſſen und nicht ein einziges Mal die Augen erhoben. „Nun, Leutchen,“ ſagte Mr. Peggotty, indem er ſich ſetzte,„wie gehts, wie ſtehts?“ Wir alle ſagten etwas oder blickten ihn an, um ihn zu bewillkommnen, nur Miß Gummidge nicht, welche blos ihren Kopf über ihrem Strickſtrumpfe ſchüttelte. „Was fehlt Dir,“ ſagte Mr. Peggotty, ihr einen Klaps mit der Hand gebend.„Luſtig, auf, altes Weibſen!“(Mr. Peggotty wollte ſagen, altes Frauen⸗ zimmer). Mrs. Gummidge ſah nicht danach aus, als ob ſie im Stande wäre, luſtig zu ſein. Sie nahm ein altes ſchwarzſeidnes Schnupftuch heraus und wiſchte ſich die 70 David Kopperfield. Augen; aber anſtatt es wieder in die Taſche zu ſtecken, behielt ſie es außen und wiſchte ſie abermals, und behielt es noch immer außen zum Gebrauche bereit. „Wo fehlts, Madamchen?“ ſagte Mr. Peggotty. „Nichts fehlt mir,“ erwiderte Mrs. Gummidge.„Du kommſt aus dem guten Willen, Daneel?“ „Ei freilich, ich habe mich heute Abend ein wenig im guten Willen herumgetrieben.“ „Es thut mir leid, ich hätte Dich wohl eigentlich von dort herführen ſollen,“ ſagte Mrs. Gummidge. „Herführen? Ich brauche Niemand, der mich führt,“ entgegnete Mr. Peggotty mit einem tüchtigen Lachen. „Ich ging nur zu zeitig fort.“ „Ei ja, ſehr zeitig, in der That,“ ſagte Mrs. Gum⸗ midge, indem ſie mit dem Kopfe ſchüttelte und ſich die Augen wiſchte.“„Ja, ja, ſehr zeitig! Ich beſorge, es iſt meinetwegen geſchehen, daß Du ſo zeitig kommſt.“ „Deinetwegen? Es war nicht Deinetwegen,“ ſagte Mr. Peggotty.„Nicht wahr, Du glaubſt ſelbſt nicht ein Bischen daran?“ „Ja, ja, es iſt ſo,“ ſchrie Mrs. Gummidge.„Ich weiß, was ich bin. Ich bin ein armes unglückliches Ge⸗ ſchöpf, und es geht nicht nur mir alles der Quere, ſon⸗ dern auch ich ſtehe Jedermann der Quere im Wege. Ja, ja. Ich fühle es mehr, als andere Leute und laſſe mirs auch mehr merken. Es iſt meine unglückliche Natur.“ Ich konnte wirklich, als ich daſaß und alles dies hörte, nicht umhin, zu meinen, daß dieſe unglückliche Natur auch mehrere andere Glieder der Familie außer Mrs. Gummidge mit ihrer unangenehmen Wirkung berühre. Aber Mr. Pegotty gab keine derartige Antwort, ſondern David Kopperfield. 71 erwiderte Mrs. Gummidges Klaglieder nur mit der wiederholten Aufforderung an ſie, luſtig zu ſein. „Ich bin nicht ſo, wie ich mich haben möchte,“ ſagte Mrs. Gummidge.„Ich bin weit davon entfernt. Ich weiß, was ich bin. Meine Leiden haben mich querköpfig gemacht. Ich fühle meine Leiden, und ſie machen mich querköpfig. Ich wollte, ich fühlte ſie nicht, aber ich fühle ſie. Ich wollte, ich könnte mich gegen ſie abhär— ten, aber ich bins nicht im Stande. Ich ſtöre das Haus in ſeiner Ruhe. Ich wundre mich nicht drüber. Ich habe Deiner Schweſter und Musje David den ganzen Aufenthalt verleidet.“ Hier thaute ich plötzlich auf und ſchrie mit dem Tone größter Betrübniß:„Nein, nein, das haben Sie nicht, Mrs. Gummidge!“ „Es wäre ein großes Unrecht, dies ferner zu thun,“ fuhr Mrs. Gummidge fort.„Ich bin nicht im Stande, davon zurückzukommen. Ich werde beſſer thun, in mein Haus zu gehen und zu ſterben. Ich bin ein armes un⸗ glückliches Geſchöpf und thäte beſſer, wenn ich mich hier nicht in den Weg ſtellte. Wenn mir's der Quere geht und ich mir ſelber der Quere im Wege bin, ſo laß mich nur getroſt in mein Dorf zurückkehren. Daneel, ich thäte beſſer, in mein Haus zu gehen und zu ſterben und Euch von meiner Gegenwart zu erlöſen.“ Mit dieſen Worten zog ſich Mrs. Gummidge zurück und begab ſich in ihr Bett. Als ſie fort war, ſah uns Mr. Peggotty, der keine Spur einer andern Empfindung als das tiefſte Mitleid gezeigt hatte, der Reihe nach an, neigte den Kopf mit einem lebhaften Ausdrucke dieſer Empfindung, die ſich noch auf ſeinen Geſichte ausſprach, und ſagte flüſternd: 72 David Kopperfield. „Sie dachte an den Alten!“ Ich begriff nicht ganz, auf welchen Alten Mrs. Gum⸗ midge's Gedanken gerichtet geweſen ſein ſollten, als bis mir Peggotty, ſehend, daß ich zu Bett war, erklärte, daß es der verſtorbene Mr. Gummidge ſei, und daß ihr Bruder bei allen ſolchen Gelegenheiten es für eine ausgemachte Wahrheit hielt, daß ſie ſeinetwegen ſo betrübt ſei, und daß dies immer eine rührende Wirkung auf ihn äußere. Er war dieſen Abend ſchon einige Zeit in ſeiner Hängematte, als ich ſelbſt ihn zu Ham gekehrt wiederholen hörte:„Das arme Thier! Sie dachte an den Alten!“ Und wenn Mrs. Gummidge während der Dauer unſres Aufenthaltes dort irgend wieder von ähnlichem Trübſinn überkommen wurde— was noch einige Male geſchah— ſo hatte er alle Mal dieſelbe Erklärung des Umſtandes zur Hand, und ſtets mit dem Ausdrucke zärtlichſten Mitleids. So vergingen die vierzehn Tage ohne einen andern Wechſel, als den der Ebbe und Fluth, durch welchen in Mr. Peggottys Gehen und nach Hauſe Kommen und ebenſo in Hams Beſchäftigungen einige Verſchiedenheit kam. Wenn der letztere nichts zu thun hatte, ging er mit uns, um uns die Boote und Schiffe zu zeigen, und ein oder ein paar Mal ruderte er uns ein Stück in die See. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ſich an einen Ort eine deutlichere Reihe von Eindrücken knüpft als an einen andern, obſchon ich glaube, daß ſich dies bei den meiſten Leuten, vorzugsweiſe in Bezug auf die Verbin⸗ dungen ihrer Kindheit, vorfindet. Ich höre weder den Namen Yarmouth, noch leſe ich ihn, und dennoch erin⸗ nere ich mich eines gewiſſen Sonntagsmorgens dort, wo wir am Strande waren, und die Glocken in die Kirche läuteten, und Emilchen an meiner Schulter lehnte, und David Kopperfield. 73 Ham langſam Steine ins Waſſer fallen ließ, und die Sonne über der See eben durch den dicken Nebel brach und uns die Schiffe, ſchwarzgrau wie ihre eigenen Schatten zeigte. Endlich kam der Tag unſrer Heimkehr. Ich ſtemmte mich gegen die Trennung von Mr. Peggotty und Mrs. Gummidge, aber ein wahnſinniger Schmerz ſchnitt mir beim Abſchiede von Klein⸗Emilchen durchs Herz. Wir gingen Arm in Arm nach dem Wirthshauſe, wo der Bote ſein Abſteigequartier hatte, und ich verſprach ihr, ſchon auf der Straße, zu ſchreiben(ein Verſprechen, welches ich ſpäter erfüllte, und zwar in Schriftzügen größer und dicker als die, mit welchen man gewöhnlich die zu ver⸗ miethenden Zimmer anzeigt). Wir waren ganz hin beim Abſchiede, und wenn jemals in meinem Leben, ſo fühlte ich dieſen Tag eine Leere in meinem Herzen. Die ganze Zeit über, welche ich auf Beſuch geweſen, hatte ich undankbarer Weiſe wenig oder gar nicht an die Heimat gedacht. Jetzt aber hatte ich nicht ſobald nach ihr umgelenkt, als mein vorwurfsvolles junges Gewiſſen wie der Finger eines Wegzeigers nach dieſem Punkte hinzu⸗ weiſen ſchien; und je trübſinniger ich wurde, deſto mehr fühlte ich, daß es mein Neſt, und daß meine Mutter meine Wohlthäterin und meine Freundin war. Dieſer Gedanke machte ſeinen Einfluß geltend während unſerer Fahrt, ſo daß in demſelben Maße, als wir näher kamen und als die Dinge bekannter wurden, an denen wir vorüberfuhren, auch meine Sehnſucht, dorthin zu ge⸗ langen und in ihre Arme zu eilen, wuchs. Peggotth aber, anſtatt dieſe aufwallenden Gefühle zu theilen, ver⸗ ſuchte eher, ſie zu zerſtreuen(obwohl auf milde Weiſe) und ſah ſehr verſtört und verdrießlich aus. 74 David Kopperfield. Blunderſtone Rookery mußte jedoch, trotz ihrer Unluſt kommen, wenn es unſerm Karrengaule recht war,— und es kam denn auch. Wie gut erinnere ich mich ſeiner, als wir es an einem kalten grauen Nachmittage erblickten, wo der düſtre Himmel voll Regen hing. Die Thür öffnete ſich, und ich ſah mich, halb lachend, halb wennd vor freudiger Erregung, nach meiner Mutter um. Sie war es nicht, die uns aufgemacht, ſondern eine fremde Magd. „Ei, iſt ſie denn noch nicht nach Hauſe gekommen, Peggotty?“ fragte ich in weinerlichem Tone. „Ja wohl, Musje Davidchen!“ ſagte Peggotty.„Ja wohl iſt ſie nach Hauſe zurückgekommen. Aber wart mal ein Bischen, Musje D Daochen, ich will— ich werde Dir was erzählen.“ Auf der einen Seite von ihrer Aufregung ergriffen, auf der andern von ihite angebornen Unbehülflichkeit beim Herausſteigen aus dem Karren gehalten, hing Peg⸗ gotty ſich ſelbſt als ein höchſt wunderliches Blumengewinde an den Leiterbaum des Wagens, aber ich war zu wüſt und toll im Kopfe, um ihr das zu ſagen. Als ſie ſich hinuntergearbeitet, nahm ſie mich bei der Hand, führte mich— ſonderbar!— in die Küche und ſchloß die Thür. „Peggotty!“ ſagte ich voller Angſt.„Was ſoll das heißen? „Nichts ſoll's heißen, Gott bewahre, Musje Dav⸗ chen,“ antwortete ſie, indem ſie eine luſtige Miene an— nahm. „Gewiß iſt was vorgefallen. Wo iſt Mama?“ „Wo Mama iſt, Musje Davchen?“ wiederholte Peggotty. David Kopperfield. 75 „Ja. Warum iſt ſie nicht hinaus an die Gartenthür, gekommen, und weshalb ſind wir hier herein gegangen? O Peggotty!“ Meine Augen füllten ſich mit Thränen, und mir war's, als ob ich nahe daran wäre, auf den Boden hinzuſchlagen. „Gott, über das prächtige Kind!“ ſchrie Peggotty, indem ſie mich aufrecht hielt.„Was iſt Dir? ſprich, mein Goldherzchen!“ „Nicht todt! O nicht wahr, ſie iſt nicht todt, Peggotty?“ Peggotty ſchrie mit einer erſtaunlichen Kraft der Stimme: Nein! und dann ſetzte ſie ſich wieder und begann zu ächzen und tief aufzuathmen und ſagte, ich hätte ihr einen ſchönen Stoß gegeben. Ich ſchloß ſie in die Arme, um die Wirkung des Stoßes aufzuheben oder ihr einen andern Stoß in der rechten Richtung zu geben, und dann trat ich vor ſie hin mit einem Blick ängſtlicher Frage. „Du ſiehſt jetzt, lieber Junge, was ich Dir ſchon vorher erzählt haben ſollte,“ ſagte Peggotty.„Aber ich hatte keine paſſende Gelegenheit. Nun ſollte ich dieſelbe zwar vielleicht geſucht haben, aber ich hatte immer keinen rechten Muth dazu.“ „Weiter, Peggotty,“ ſagte ich in größerer Angſt als zuvor. „Musje David,“ ſagte Peggotty, indem ſie ihre Haube mit zitternder Hand losband und indem ihr der Athem ausgehen wollte.„Was ſagſt Du dazu?— Du haſt einen Papa bekommen.“ Ich zitterte und erblaßte. Ein Etwas— ich weiß 76 David Kopperfield. nicht, was oder wie— verbunden mit dem Grabe auf dem Kirchhofe und der Auferſtehung der Todten, ſchien mich wie ein unheimlicher Wind anzuhauchen. „Einen neuen,“ fuhr Peggotty fort. „Einen neuen?“ wiederholte ich. Peggotty ſchnappte nach Luft, als ob ſie etwas ſehr Hartes hinunterzuſchlucken habe, und indem ſie ihre Hand ausſtreckte, ſagte ſie: „Komm und beſieh Dir ihn.“ „Ich mag ihn nicht ſehen.“ „— Und Deine Mama auch nicht?“ ſagte Peggotty. Ich ſtemmte mich nicht mehr, und wir gingen gerade⸗ wegs nach dem Putzzimmer, wo ſie mich verließ. Auf der einen Seite des Kamins ſaß meine Mutter, auf der an⸗ dern Mr. Murdſtone. Meine Mutter ließ ihre Arbeit fallen und ſtand haſtig, obwohl, wie mir ſchien, ver⸗ legen, auf. „Jetzt, Clara, meine Liebe,“ ſagte Mr. Murdſtone, „erinnere Dich! Hab Acht auf Dich, immer hab Acht auf Dich ſelbſt! David, Junge, wie geht's?“ Ich gab ihm meine Hand. Nach einem Augenblicke Zögerns ging ich zu meiner Mutter und küßte ſie; ſie küßte mich, klopfte mir ſanft auf die Schulter und ſetzte ſich wieder an ihre Arbeit. Ich konnte ſie, ich konnte ihn nicht anſehen; ich wußte ſehr wohl, daß er uns beide beobachtete, und ſo trat ich an's Fenſter und blickte dort hinaus auf einige Sträucher, welche ihre Wipfel vor der Kälte beugten. Sobald ich mich davon ſchleichen konnte, ſchlich ich mich die Treppe hinauf. Meine alte liebe Schlaf kammer David Kopperfield. 77 war verändert, und ich ſollte weit davon liegen. Ich rannte wieder herunter, um nach etwas zu ſuchen, was ſich ſelbſt noch gliche, ſo aerwandelt ſchien Alles im Hauſe. Ich ſchweifte nach dem Hofe hin, aber ich fuhr ſehr bald zurück; denn in dem leeren Hundeſtalle wohnte jetzt ein großer Hund— tiefſtimmig und ſchwarzhaarig, gleich⸗Ihm— welcher, als er meiner anſichtig wurde, ſehr böſe war und auf mich losſprang, um mich zu faſſen. Viertes Kapitel. Ich falle in Ungnade. Wenn das Zimmer, wohin man mein Bett gebracht hatte, ein fühlendes Weſen wäre, welches Zeugniß ab⸗ legen könnte, ſo würde ich mich jetzt— möchte wiſſen, wer jetzt dort ſchläft!— an daſſelbe wenden, mir Zeuge zu ſein, was für ein ſchweres Herz ich zu ihm mitbrachte. Ich ging hinauf nach ihm, indem ich den Hund im Hofe die ganze Zeit über, während ich die Treppe hinaufſtieg, hinter mir bellen hörte, und blickte mit ſo leerem und verſtörtem Blicke auf das Zimmer, wie das Zimmer auf mich, und ſetzte mich dann, meine kleinen Hände gefalten, nieder und verſank in Nachſinnen. Ich dachte an die wunderlichſten Dinge. An die Ge⸗ ſtalt des Zimmers, an die Riſſe in der Decke, an die Tapeten an der Wand, an die Sprünge im Fenſterglaſe, welche an dem Bilde der Gegend draußen kleine Wellen und Grübchen ſehen ließen; dann an den Waſchtiſch mit David Kopperfield. 79 ſeinen drei verkrüppelten Beinen und ſeiner verdrießlichen Miene, mit der er mir Mrs. Gummidge in's Gedächtniß zurückrief, wie ſte ausſah, wenn die Kälte ihren Einfluß auf ſie übte. Ich weinte ffortwährend; jedoch bin ich ſicher, daß ich, wenn ich das Bewußtſein ausnehme, ent⸗ täuſcht und niedergeſchlagen zu ſein, ſicher nicht daran dachte, warum ich weinte. Zuletzt begann ich in meiner Verzweiflung zu überlegen, wie ich doch ſo ganz entſetzlich in Klein⸗Emilchen verliebt und wie ich von ihr hinweg⸗ geriſſen worden ſei, um hierher zu kommen, wo Niemand ſich nach mir zu ſehnen, oder ſich auch nur halb ſo ſehr als ſie um mich zu kümmern ſchien. Bei dieſem Gedanken wurde mir ſo erbärmlich zu Muthe, daß ich mich in meine Bettdecke rollte, zuſammenkroch und weinte und heulte, bis ich einſchlief. Ich erwachte, indem ich Jemand neben mir ſagen hörte:„Hier iſt er!“ und indem man mir die Decke von dem heißen Kopfe wegzog. Es waren meine Mutter und Peggotty, welche gekommen waren, um nach mir zu ſehen, und eine von ihnen war es, welche geſprochen und mich aufgedeckt hatte. „David,“ ſagte meine Mutter,„was haſt Du?“ Ich hielt es für ſehr ſonderbar, daß ſie mich darnach fragte, und antwortete:„Nichts.“ Dann wendete ich mich um und legte mich auf mein Geſicht, um meine zuckenden Lippen zu verbergen, welche ihr mit größerer Wahrhaftigkeit Antwort gaben. „David,“ ſagte meine Mutter,„Daochen, mein Kind!“ Ich möchte ſagen, daß keine andere Aeußerung von ihr einen ſo tiefen Eindruck auf mich gemacht haben würde, als die, daß ſie mich ihr Kind nannte. Ich verbarg meine 80 David Kopperfield. Thränen in den Betttüchern und drängte ſie mit der Hand von mir weg, als ſie mich in die Höhe haben wollte. „Das iſt Dein Werk, Peggotty, Du greuliges Weſen!“ ſagte meine Mutter.„Daran zweifle ich nicht im Ent⸗ fernteſten. Ich begreife nicht, wie Du es vor Deinem Gewiſſen verantworten kannſt, mein eigenes Kind gegen mich einzunehmen, oder gegen irgend Jemand, der mir theuer iſt? Was ſoll das heißen, Peggotty?“ Die arme unſchuldige Peggotty hob ihre Hände und Augen gen Himmel und antwortete nur, in einer Art Umſchreibung des Gratias, welches ich gewöhnlich nach dem Mittagseſſen wiederholte:„Gott verzeih Ihnen, Mrs. Kopperfield, und mögen Sie niemals ernſtlich zu bereuen haben, was Sie in dieſer Minute ſprachen!“ „Es iſt genug, mich im Innerſten meiner Seele zu verletzen,“ ſchrie meine Mutter.„Und noch dazu in meinem Honigmonate, wo man denken ſollte, mein ärgſter Feind würde in ſich gehen und mich nicht um ein wenig Gemüthsruhe und Glück bringen wollen. David, Du bodenböſer Bube! Peggotty, Du herzloſes Geſchöpf? Ach mein Gott!“ ſchrie meine Nutter, indem ſie ſich in ihrer ärgerlichen und hartnäckigen Weiſe bald an das Eine, bald an das Andre von uns wendete.„Was iſt dies für ein Jammerthal von einer Welt, während Eines doch mit dem größten Rechte erwarten dürfte, daß ſte ihm alle nur mögliche Annehmlichkeit böte.“ Ich fühlte, wie mich eine Hand berührte, von der ich wußte, daß ſie weder ihre, noch Peggotty's Hand war, und welche nach meinen Füßen an der Seite des Bettes hinglitt. Es war Mr. Murdſtone's Hand, und er legte ſte auf meinen Arm, indem er ſagte: David Kopperfield. 81 „Was iſt das? Clara, meine Liebe, haſt Du ver⸗ geſſen?— Feſtigkeit, meine Theure.“ „Ich bin recht traurig, Eduard,“ ſagte meine Mutter. „Ich meinte, es würde mir ſo gut gehen, und nun habe ich ſolchen Verdruß?“ „In der That,“ antwortete er.„Das iſt mir nicht lieb zu hören,— ſo bald, Clara.“ „Ich ſage, es iſt ſehr hart, daß ich jetzt ſo behandelt werde,“ entgegnete meine Mutter ſchmollend,„und es iſt — ſehr hart— iſt es nicht wahr?“ Er zog ſie an ſich, flüſterte ihr etwas ins Ohr und küßte ſie. Ich wußte damals, als ich den Kopf meiner Mutter auf ſeiner Schulter lehnen und ihre Arme ſeinen Hals umſchlingen ſah— ich wußte es damals eben ſo gut, daß er ihrer biegſamen Natur jede ihm beliebende Form geben konnte, wie ich jetzt weiß, daß er dies wirklich gethan hat. „Geh Du nun hinunter, meine Liebe,“ ſagte Mr. Murdſtone,„David und ich wollen zuſammen nachkommen. Und Sie, meine Freundin,“ wandte er ſich mit einem finſtern Geſichte nach Peggotty, nachdem er meine Mutter noch einmal ſcharf angeſehen und ſie dann mit einem Kopfnicken und einem Lächeln entlaſſen hatte.„Wiſſen Sie den Namen Ihrer Gebieterin?“ „Sie iſt ſo lange Zeit meine Gebieterin geweſen, Herr,“ antwortete Peggotty,„daß ich ihn wohl kennen ſollte.” „Das iſt wahr,“ erwiderte er,„aber mir war, als hätte ich, wie ich die Treppe herauf kam, gehört, daß Sie ſie mit einem Namen anredeten, welcher nicht der ihre iſt. Sie hat, wie Sie wiſſen, den meinen angenommen; wollen Sie ſich deſſen in's Künftige erinnern?“ David Kopperfield. I. 6 82 David Kopperfield. Peggotty warf einen traurigen Blick auf mich und knirte aus dem Zimmer hinaus, ohne etwas zu entgegnen, indem ſie vermuthlich einſah, daß man ihr Gehen erwar⸗ tete, und daß ſie keine Entſchuldigung habe, wenn ſier zurückbliebe. Als wir Beide allein gelaſſen waren, ſchloß er die Thür, ſetzte ſich in einen Stuhl und ſah mir, wäh⸗ rend er mich vor ſich zwiſchen ſeinen Knien ſtehend hielt, unverwandt in die Augen. Ich fühlte auch meine Augen, nicht weniger unverwandt, nach ihm hingezogen. Wenn ich mich erinnere, wie wir uns ſo, Geſicht zu Geſicht gegenüberſtanden, ſo iſt mir's wieder, als hörte ich mein Herz ſchnell und laut klopfen. „David,“ ſagte er, indem er ſeine Lippen auf ein⸗ ander preßte,„wenn ich mit einem widerſpänſtigen Pferde oder Hunde zu thun habe, was, denkſt Du, werde ich mit ihm machen?“ „Ich weiß nicht.“ „Ich ſchlage es.“ Ich hatte in einer Art athemloſen Flüſterns geant⸗ wortet, aber ich fühlte, während ich ſchwieg, daß mir der Athem jetzt noch mehr ſtockte. „Ich haue es, daß es ſich krümmt und windet vor Schmerz. Ich ſage zu mir: ich will dieſen Burſchen ſchon kriegen; und ſollte es all das Blut koſten, das er im Leibe hat, ich würde es durchſetzen. Was iſt das da auf Deinem Geſichte?“ „Schmutz,“ verſetzte ich. Er wußte ſo gut wie ich, daß es die Spur von Thrä⸗ nen war. Aber wenn er mich zwanzigmal dieſe Frage gefragt und jedesmal zwanzig Hiebe hinzugefügt hätte, dennoch, glaube ich, würde eher mein kleines Herz ge⸗ brochen ſein, als daß ich ihm dies geſtanden hätte. David Kopperfield. 83 „Du haſt ein gutes Theil Klugheit für einen ſo kleinen Buben,“ ſagte er mit dem ihm eignen finſtern Lächeln,„und Du verſtehſt mich, wie ich ſehe, recht wohl. Waſch Dir dieſes Geſicht ab und komm hinunter mit mir.“ Er wies nach dem Waſchtiſche hin, den ich vorher ſo glücklich mit Mrs. Gummidge verglichen, und bewog mich mit einer Bewegung ſeines Kopfs, augenblicklich zu gehorchen. Ich zweifelte damals nur wenig und zweifle jetzt noch weniger daran, daß er mich ohne die geringſte Gewiſſensregung zu Boden geſchlagen haben würde, wenn ich gezögert hätte. „Clara, meine Theure,“ ſagte er, als ich gethan, wie er geboten, und er mit mir, mich immer noch am Arme haltend, ins Zimmer meiner Mutter getreten war;„man wird Dir keinen Verdruß mehr machen, hoffe ich. Wir werden Dir bald die frohe Laune Deines jugendlichen Gemüths wiedergeben.“ Guter Gott! Ich würde für mein ganzes Leben zu guter Laune geſtimmt, ich würde vielleicht zu einem ganz andern Geſchöpfe geworden ſein, wäre mir in dieſer Zeit ein einziges freundliches Wort zu Theil geworden! Ein Wort der Aufmunterung und Erklärung, ein Wort des Mitleids für meine kindiſche Unkenntniß der Verhältniſſe, ein Wort, das mich im Vaterhauſe willkommen geheißen, das mir Muth eingeſprochen und mir die Verſicherung gegeben hätte, daß ich mich wirklich im Vaterhauſe befand, es würde mich ihm vom Herzen, anſtatt nach meiner ge⸗ heuchelten Außenſeite ergeben gemacht und mir Ehr⸗ erbietung vor ihm, anſtatt Haß gegen ihn eingeflößt haben. Mir ſchien es, als ob meine Mutter ſich gräme, wenn ſie mich ſo ſcheu und ſchüchtern im Zimmer ſtehen ſah, und als ob ſie, wenn ich mich nach einem Stuhle 6* 84 David Kopperfield. hinſchlich, mir alsbald mit den Augen noch betrübter folge— ſie vermißte vielleicht die frühere Unbefangenheit an meinen kindlichen Tritten— aber das Wort, das ihrem Gefühle hätte Ausdruck geben ſollen, wurde nicht geſprochen, und die rechte Zeit, wo es noch geſprochen werden konnte, ging ungenutzt vorüber. Wir Drei ſpeiſten allein. Er ſchien meine Mutter ſehr lieb zu haben— ich muß zu meiner Schande ge⸗ ſtehen, daß ich ihn dieſes Umſtands wegen um ſo weniger leiden konnte— und ſie wieder ſchien ihn ſehr lieb zu haben. Aus den einzelnen Aeußerungen, welche zwiſchen ihnen fielen, hörte ich heraus, daß eine ältere Schweſter von ihm kommen werde, um bei ihnen zu wohnen, und daß dieſelbe dieſen Abend erwartet werde. Ich weiß nicht, ob ich damals oder erſt ſpäter erfuhr, daß er, ohne des⸗ halb eigentliche Geſchäfte zu haben, einen Antheil oder einen jährlichen Anſpruch auf den Gewinn einer Wein⸗ handlung in London hatte, mit welcher ſeine Familie ſeit ſeines Urgroßvaters Zeiten in Verbindung geſtanden, und an welches ſeine Schweſter ähnliche Anſprüche hatte. Indeß iſt dies nur eine vorübergehende Bemerkung. Nach Tiſche, als wir am Kamin ſaßen, und ich mir eben überlegte, wie ich ohne die Kühnheit, geradeswegs zu entſchlüpfen, womit ich den Herrn des Hauſes beleidigt haben würde, einen Rückzug zu Peggotty bewerkſtelligen könnte, fuhr eine Kutſche an der Gartenthür vor, und er ging hinaus, um den Beſuch zu empfangen. Meine Mutter folgte ihm. Ich folgte ihr ſchüchtern; da wandte ſte ſich an der Stubenthür, in der Dunkelheit um, um⸗ armte mich, wie ſie's früher gethan, und bat mich flüſternd, meinen neuen Vater zu lieben und ihm gehorſam zu ſein. Sie that dies ſo eilig und verſtohlen, als ob es —— David Kopperfield. 85⁵ etwas Unrechtes wäre, aber mit zärtlichen Worten; und ihre Hand hinter ſich ausſtreckend, hielt ſie die meine darin, bis wir dahin kamen, wo er im Garten ſtand, und wo ſie meine Hand los ließ, um die ihre durch ſeinen Arm zu ſtecken. Es war Miß Murdſtone, welche angekommen war. Sie war eine finſter ausſehende Dame, ſchwarzhaarig wie ihr Bruder, dem ſie in Geſicht und Stimme ſehr ähnelte; und mit ihren dichten Augenbrauen, welche bei⸗ nahe bis auf ihre große Naſe hinabliefen, machte ſie den Eindruck, als ob ſie, nach der unglücklichen Beſtimmung ihres Geſchlechtes unfähig, einen Backenbart zu tragen, als Erſatz dieſen Schmuck über den Augen ſich angeſchafft hätte. Sie brachte mit ſich zwei unnachgiebig harte ſchwarze Koffer, auf deren Deckeln die Anfangsbuchſtaben ihres Namens in harten Meſſingnägeln angebracht waren. Als ſie den Kutſcher bezahlte, nahm ſie ihr Geld aus einer harten Stahlperlenbörſe; die Börſe befand ſich in einem wahren Kerker von einer Reiſetaſche, die ihrerſeits wieder an einer ſtarken Kette an ihrem Arme hing und wie ein Gebiß aufſchnappte. Ich hatte bis zu der Zeit noch nie⸗ mals eine ſolche über und über metallene Dame geſehen, wie Miß Murdſtone war. Sie wurde mit allen Zeichen, daß ſie willkommen ſei, in das Zimmer geführt, und dort erkannte ſie denn meine Mutter als neue nahe Verwandte förmlich an. Dann blickte ſie auf mich und ſagte: „Iſt das Ihr Knabe, Schwägerin?“ Meine Mutter antwortete mit Ja. „Im Allgemeinen,“ ſagte Miß Murdſtone,„bin ich keine Freundin von Knaben. Wie geht's, Knabe?“ Ich antwortete, auf dieſe Weiſe ermuthigt, daß ich 86 David Kopperfield. mich ganz wohl befände und hoffte, es wäre bei ihr daſ⸗ ſelbe der Fall; indeß that ich dies in ſo gleichgültigem Tone und mit ſo wenig Umſtänden, daß Miß Murdſtone ihr Urtheil über mich in drei Worten abgab: „Hat keine Lebensart!“ Nachdem ſie dies mit großer Beſtimmtheit geäußert, bat ſie, man möge die Güte haben, ſie in ihr Zimmer zu weiſen, welches von dieſer Zeit an für mich ein Ort des Jammers und Schreckens wurde, wo die zwei ſchwarzen Koffer nimmer offen geſehen oder unverſchloſſen gelaſſen wurden, und wo(denn ich lauſchte ein paar Mal hinein, als ſie ausgegangen war) gewöhnlich eine Menge kleiner ſtählerner Ketten und Nadeln, mit denen Miß Murdſtone ſich ſchmückte, wenn ſie ſich anzog, entſetzlich, gleich einer lanzengeſpickten Schlachtordnung auf dem Spiegel hingen. Soviel ich unter der Hand wahrzunehmen vermochte, war ſie für immer hierher gekommen und hatte nicht die Ab⸗ ſicht, je wieder zu gehen. Sie begann den nächſten Morgen meiner Mutter zu„helfen“ und fuhr den ganzen Tag Thür aus Thür ein in der Vorrathskammer herum, indem ſte die Dinge in Ordnung brachte und unter den alten Einrichtungen herumwüſtete. Die erſte wunderliche Eigen⸗ thümlichkeit, welche ich an Miß Murdſtone beobachtete, war, daß ſie fortwährend wie von einer wahren Geſpenſter⸗ furcht von dem Verdachte geängſtigt wurde, daß die Dienſt⸗ boten irgendwo in den Räumlichkeiten des Hauſes eine Mannsperſon verſteckt haben könnten. Unter dem Ein⸗ fluſſe dieſer Einbildung ſtieg ſte zu den unpaſſendſten Stunden in das Kohlenbehältniß hinab, und kaum öff⸗ nete ſie irgend einmal die Thür eines dunkeln Küchen⸗ ſchrankes welche ſie nicht in dem Glauben, Einen gefangen zu haben, wieder zugeklappt hätte. —, , David Kopperfield. 87 Obſchon Miß Murdſtone nicht eben ſehr viel Aetheri⸗ ſches an ſich hatte, ſo war ſie doch im Punkte des Früh⸗ aufſtehens eine vollkommene Lerche. Sie war auf(und zwar, wie ich bis dieſer Stunde glaube, um ſich nach jener Mannsperſon umzuſehen) ehe ſich irgend eine Seele im Hauſe regte. Peggotty ſagte mir ſogar, wie ſte die An⸗ ſicht habe, daß ſie nur ein Auge beim Schlafen zumache. Hiermit konnte ich mich jedoch nicht einverſtanden erklären, da ich es, nachdem ich dieſe Vermuthung vernommen, ſelbſt verſucht und gefunden hatte, daß es nicht angehe. Gleich den erſten Morgen nach ihrer Ankunft ſ ſtand ſie mit dem Hahnenſchrei auf und klingelte. Als meine Mutter zum Frühſtück herunterkam und im Begriffe war, den Thee zu machen, pickte ihr, wenn ich ſo ſagen darf, Miß Murdſtone auf die Wange,— weiter, das heißt zu einem wirklichen Kuſſe brachte ſie's nicht— und ſagte: „Nun, meine liebe Clara, ich bin hierher gekommen, um Ihnen ſo viel von Ihren Sorgen und Laſten abzu⸗ nehmen, als ich vermag. Sie ſind viel zu hübſch und zu ſorglos—“ meine Mutter erröthete hier, aber lächelnd, und ſchien ſich über dieſen Charakter nicht zu ärgern— „um irgend ſolche Pflichten Ihnen obliegend zu haben, welche ich auf mich nehmen kann. Wenn Sie ſo gut ſein wollten, meine Liebe, mir Ihre Schlüſſel anzuver⸗ trauen, ſo würde ich in's Künftige allen hierher gehörigen Dingen meine Aufmerkſamkeit widmen.“ Von dieſer Zeit verwahrte Miß Murdſtone am Tage die Schlüſſel in ihrem eignen Verſchluß— dem erwähnten kleinen Kerker— des Nachts aber unter ihrem Kopf⸗ kiſſen, und meine Mutter hatte mit ihnen nicht mehr zu ſchaffen, als ich. Meine Mutter ertrug den Gedanken des Uelergangs 88 David Kopperfield. ihrer häuslichen Oberherrlichkeit auf eine andre Perſon nicht ohne einen ſchwachen Anlauf zu einem Einſpruch. Eines Abends, als Miß Murdſtone ihrem Bruder gewiſſe Anordnungen im Haushalte auseinandergeſetzt und von ihm ſeine Billigung erhalten hatte, begann meine Mutter plötzlich zu weinen und ſagte, ſie dächte, daß man ſie wohl auch hätte um ihre Meinung fragen können. „Clara!“ ſagte Mr. Murdſtone ſtreng.„Clara! Ich muß mich wundern über Dich!“ „O, es iſt ſehr leicht geſagt, daß Du Dich wunderſt, Eduard!“ rief meine Mutter,„und es klingt ſehr hübſch von Dir, wenn Du von Feſtigkeit ſprichſt, aber Du würdeſt Dir's ſelbſt nicht gefallen laſſen!“ „Feſtigkeit,“ muß ich bemerken, war die erhabene Ei⸗ genſchaft, innerhalb welcher ſowohl Herr als Fräulein Murd⸗ ſtone ihren Standpunkt einnahmen. Wie ich auch, im Fall ich dazu aufgefordert worden wäre, meine Auffaſſung dieſes Begriffs in jener Zeit ausgedrückt haben würde, ich für meine Perſon war mir völlig klar darüber, daß er nur ein anderer Name für Tyrannei und für eine gewiſſe finſtre, anmaßende teufliſche Gemüthsart war, welche ſie beide beſeelte. Ihr Glaubensbekenntniß, wie ich's jetzt zu ent⸗ wickeln habe, war dieſes: Mr. Murdſtone war feſt, Nie⸗ mand in der Welt war ſo feſt als Mr. Murdſtone, Niemand in dieſer Welt konnte überhaupt ſo feſt wie er ſein; denn Jedermann hatte ſich ja vor ſeiner Feſtigkeit zu beugen. Miß Murdſtone war eine Ausnahme von der Regel. Sie mochte feſt ſein; doch nur durch ihre Verwandtſchaft und in einem geringeren Grade, wie ihn die Stellung tributpflichtiger Vaſallen zuläßt. Meine Mutter war eine zweite Ausnahme. Sie durfte, ja ſie mußte feſt ſein, aber David Kopperfield. 89 nur indem ſie die Feſtigkeit jener Beiden ertrug und indem ſte feſt glaubte, es gäbe keine andere Feſtigkeit auf Erden. „Es iſt ſehr hart,“ ſagte meine Mutter,„daß in meinem eignen Hauſe—“ „Meinem eignen Hauſe?“ wiederholte Mr. Murd⸗ ſtone.„Clara!“ „Unſerm eignen Hauſe, wollt' ich ſagen,“ ſtotterte meine Mutter, augenſcheinlich eingeſchüchtert.„Ich hoffe, daß Du verſtehſt, wie ich's meine, Eduard— es iſt ſehr hart, daß in Deinem eignen Hauſe ich nicht ein Wort hin⸗ einreden darf in die häuslichen Angelegenheiten. Ich wirth⸗ ſchaftete doch ſicherlich ganz gut vor unſrer Verheirathung. Das kann man mir bezeugen,“ ſagte meine Mutter ſchluch⸗ zend;„frag Peggotty, ob ich meine Sache nicht ganz gut machte, als ſich Niemand hinein mengte.“ „Eduard,“ ſagte Miß Murdſtone,„laß es gut ſein. Ich gehe morgen.“ „Jane Murdſtone,“ ſagte ihr Bruder,„Du biſt ruhig! Wie kannſt Du mir eine ſolche Zumuthung machen, als ob Du meinen Charakter nicht beſſer kennteſt, wie Deine Worte verrathen?“ „Ganz gewiß,“ fuhr meine Mutter mit vielen Thränen darüber, daß ihre Einwendung ſo ohne allen Erfolg war, fort,„ich hege nicht die geringſte Sehnſucht darnach, daß Jemand geht. Ich würde ſehr betrübt und unglücklich ſein, wenn Jemand die Abſicht hätte, zu gehen. Ich verlange nicht viel. Ich bin nicht unzugänglich für Gründe. Ich wünſche nur, daß mir dann und wann das Wort vergönnt werde. Ich bin Jedermann äußerſt verpflichtet, welcher mir bei⸗ ſteht, und ich wünſche nur der Form wegen manchmal um meine Meinung befragt zu werden. Ich dächte, Du hätteſt Dich einſt darüber gefreut, daß ich ein wenig unerfahren 90 David Kopperfield. und mädchenhaft bin, Eduard— wenigſtens ſagteſt Du ſo— aber Du ſcheinſt mich jetzt deshalb zu haſſen; ſo ernſt und ſtreng biſt Du.“ „Eduard,“ ſagte Miß Murdſtone wieder,„laß es gut ſein. Ich gehe morgen.“ „Jane Murdſtone,“ donnerte mein Stiefvater.„Willſt Du gleich Ruhe halten! Wie kannſt Du Dich unterſtehen?“ Miß Murdſtone befreite ihr Taſchentuch aus dem kleinen Kerker und hielt ſich's vor die Augen. „Clara,“ fuhr er, jetzt zu meiner Mutter gewendet, fort,„ich wundre mich über Dich! Ich erſchrecke über Dich. Ja, es iſt wahr, ich fand eine Genugthuung in dem Gedanken, eine unerfahrene und unverkünſtelte Perſon zu heirathen und ihren Charakter zu bilden und ihm etwas von jener Feſtigkeit und Entſchiedenheit einzuflößen, deren er bedurfte. Aber wenn Miß Murdſtone ſo freundlich geweſen iſt, herzukommen, um mir in dieſem Beſtreben Beiſtand zu leiſten und um meinetwillen eine Stellung einzunehmen, wie ſie etwa eine Wirthſchaftsmamſell innehat, und wenn ihr da ein ſo übler Dank dafür zu Theil wird—“ „O bitte, bitte, Eduard,“ ſchrie meine Mutter,„klage mich nicht der Undankbarkeit an. Ich bin ganz gewiß nicht undankbar. Niemals je zuvor hat Jemand dies mir nachgeſagt. Ich habe manchen Fehler, aber dieſen nicht. O verſchone mich damit, mein Lieber.“ „Wenn Jane NMurdſtone ein ſo übler Empfang zu Theil wird, ſage ich,“ fuhr er fort, nachdem er gewar⸗ tet, bis meine Mutter ſchwieg,„ſo erkaltet dies Gefühl und verwandelt ſich in ein anderes.“ „O ſprich doch nicht ſo, mein Herz,“ flehte meine Mutter äußerſt kläglich.„O ſprich nicht ſo! Ich kann's nicht ertragen, es zu hören. Wie ich auch ſein mag, ich * . —yyp— „. David Kopperfield. 91 habe ein liebevolles Gemüth. Ich weiß es, ich bin liebe⸗ voll. Ich würde es nicht ſagen, wäre ich nicht gewiß, daß ich's bin. Frag Peggotty. Ich bin gewiß, ſie würde Dir ſagen, daß ich liebevoll bin.“ „Und wenn Du noch ſo viel Weichherzigkeit ent⸗ wickelſt, Clara,“ ſagte Mr. Murdſtone,„ſo legt das bei mir nicht das geringſte Gewicht in die Wagſchale. Du verſchwendeſt nur unnützer Weiſe den Athem dabei.“ „Bitte, laß uns wieder Freunde werden,“ ſagte meine Mutter,„ich könnte nicht leben, wo es kalt und unfreundlich zuginge. Ich bin ſo betrübt. Ich weiß, daß ich eine große Menge Fehler an mir habe, und es iſt gut von Dir, Eduard, daß Du, mit Deiner ſtarken und ſtren⸗ gen Gemüthsart, Dir die Mühe giebſt, ſie ſtatt meiner auszurotten. Jane, ich habe nichts dagegen, machen Sie Alles, wie Sie wollen. Ich würde ſehr unglücklich ſein, wenn Sie noch daran dächten, unſer Haus—“ Meine Mutter wurde hier von ihrer Betrübniß zu ſehr über⸗ wältigt, um weiter ſprechen zu können. „Jane Murdſtone,“ ſagte Mr. Murdſtone zu ſeiner Schweſter,„harte Worte ſind, wie ich hoffe, zwiſchen uns etwas Ungewöhnliches. Meine Schuld iſt's nicht, wenn ein ſo ſeltnes Vorkommniß dieſen Abend dageweſen iſt. Ich wurde dazu durch einen Andern verleitet. Es iſt auch nicht Deine Schuld. Auch Du wurdeſt von einem Andern dazu verleitet. Verſuchen wir Beide es zu vergeſſen. Und da ſich dieſe Scene,“ fuhr er nach dieſen großmüthigen Worten fort,„nicht für den Knaben ſchicken will— ſo geh zu Bett, David.“ Ich vermochte durch die Thränen, welche mir in den Augen ſtanden, kaum die Thür zu finden. Ich war ſo unglücklich, meine Mutter traurig zu ſehen; indeß fand 8 92 David Kopperfield. ich mich hinaus und taſtete mich im Dunkeln die Treppe hinauf, ohne das Herz zu haben, auch nur Peggotty gute Nacht zu ſagen. Als ſie, etwa eine Stunde nachher, herauf kam, um nach mir zu ſehen, wachte ich auf, und ſte ſagte mir, daß meine Mutter wegen Unwohlſeins zu Bett gegangen ſei, und daß Mr. und Miß Murdſtone allein unten ſäßen. Als ich am nächſten Morgen zeitiger als gewöhnlich hinunterging, blieb ich vor der Stubenthür außen ſtehen, indem ich drinnen die Stimme meiner Mutter hörte. Sie bat in allem Ernſte und mit großer Demuth Miß Murd⸗ ſtone um Verzeihung, welche dieſe Dame denn auch ge⸗ währte, ſo daß eine vollkommene Verſöhnung ſtattfand. Ich hörte ſpäter nie meine Mutter eine Meinung über irgend eine Angelegenheit äußern, wo ſie ſich nicht zuerſt auf Miß Murdſtone berufen oder wo ſie ſich nicht vorher durch gewiſſe ſichere Mittel verſichert hätte, was Miß Murdſtone's Anſicht ſei; und nie ſah ich dieſe Dame, wenn ſte nicht auf Laune war(hierin war ſie nämlich nicht„feſt“) eine Handbewegung nach ihrer Taſche machen, als ob ſie die Schlüſſel herausnehmen und meiner Mutter anbieten wollte, auf die Führung derſelben zu verzichten, wo ich meine Mutter nicht in ſchreckliche Angſt gerathen ſah. Die dunkle Farbe im Blute der Murdſtone verdüſterte auch die Religion der Murdſtone, welche den Charakter der Strenge und des Ingrimms trug. Ich habe ſeitdem nachgedacht und gefunden, wie der Umſtand, daß ſie dieſen Charakter annahm, eine nothwendige Folge von Mr. Murd⸗ ſtone's„Feſtigkeit“ war, die ihm nicht erlaubte, jemandem etwas an dem Gewichte der ſtrengſten Strafen zu erlaſſen, für welche er nur irgend eine Entſchuldigung finden konnte. Sei dem, wie ihm wolle, ich erinnere mich ſehr wohl David Kopperfield. 93 der ſchrecklichen Geſichter, mit denen wir in die Kirche zu gehen pflegten, und des veränderten Ausſehens dieſes Ortes. Wieder ſeh ich den gefürchteten Sonntag ſich nahen, und ich zwänge mich zuerſt in den alten Kirchen⸗ ſtuhl hinein, gleich einem wohlbewachten Gefangnen, der zu der Strafarbeit abgeführt wird, zu der er verurtheilt iſt. Wieder erblick' ich Miß Murdſtone, welche in ihrem ſchwarzen Sammetkleide, das ausſieht, als wär's aus einem Leichentuche gemacht, hart hinter mir folgt; dann meine Mutter; und endlich ihr Mann. Keine Peggotty iſt jetzt da, wie in der alten Zeit. Und dann wieder horch ich auf Miß Murdſtone, welche die Reſponſorien murmelt und alle die furchtbaren Worte mit grauſamem Behagen betont. Und dann wieder ſeh' ich, wenn ſie die Worte „elendige Sünder“ zu ſprechen hat, ihre dunkeln Augen durch die Kirche rollen, als ob ſie die ganze Verſammlung beim Namen riefe. Und dann wieder wird mir von meiner Mutter, welche ängſtlich zwiſchen dieſen Beiden ihre Lippen bewegt, ein ſeltener Blick zu Theil,— dieſen Beiden, von denen Eines an jedem ihrer Ohren murrt und mur⸗ melt, wie fernrollender Donner. Und dann wieder frage ich mich in plötzlicher Furcht, ob es wohl glaublich, daß unſer guter alter Geiſtlicher Unrecht und die Geſchwiſter Murdſtone Recht haben, und daß die Engel im Himmel andern Engeln Verderben bringen können. Und dann wieder, wenn ich einen Finger rühre oder mit einer Mus⸗ kel meines Geſichts zucke, knufft mich Miß Murdſtone mit ihrem Gebetbuche, daß mir die Seite ſchmerzt. Ja und dann, wenn wir nach Hauſe gehen, bemerke ich, wie mehre Nachbarn auf meine Mutter hinſehen und dann auf mich, und flüſternd die Köpfe zuſammenſtecken. Und dann wieder, wenn die Drei Arm in Arm weiter 8 94 David Kopperfield. ſchreiten und ich allein hinterher lungere, ſo folge ich manchen von dieſen Blicken, und frage mich, ob denn meiner Mutter Schritt wirklich nicht mehr ſo leicht, als ich ihn geſehen, und ob ihre heitere Schönheit denn wirk⸗ lich ſchon hinweggeſchwunden iſt. Und dann wieder frage ich mich, ob ſich jemand von den Nachbarn gleich mir entſinnt, wie wir, ſie und ich, dereinſt mitſammen ſpazieren zu gehen pflegten; und ich frage mich und frage mich in meiner Thorheit darüber den ganzen wüſten freuden⸗ leeren Tag.. Es war gelegentlich die Rede geweſen, daß ich in eine Penſion gethan werden ſollte. Mr. und Miß Murd⸗ ſtone hatten den Gedanken aufgebracht, und meine Mutter hatte natürlich ihre Uebereinſtimmung erklärt. Indeß war in dieſer Angelegenheit noch kein Beſchluß gefaßt, und inzwiſchen hatte ich Unterrichtsſtunden im Hauſe. Nimmer werde ich dieſe Unterrichtsſtunden vergeſſen! Dem Namen nach führte meine Mutter dabei den Vorſttz, in Wahrheit aber nahmen ihn Mr. Murdſtone und ſeine Schweſter ein, welche ſtets gegenwärtig waren und in ihnen eine günſtige Gelegenheit fanden, meiner Mutter Lectionen in jener verwünſchten„Feſtigkeit“ zu ertheilen, welche das Verderben unſeres Lebens war. Ich glaube, man behielt mich um dieſes Zwecks willen zu Hauſe. Ich hätte ſowohl die Fähigkeit, als auch den Willen gehabt, etwas zu lernen, wenn ich und meine Mutter allein gelebt hätten. Ich erinnere mich dunkel, daß ich das Abe auf ihren Knieen lernte. Noch bis dieſen Tag ſcheinen ſich, wenn ich die fetten ſchwarzen Buchſtaben des Elementar⸗ buchs anſehe, das Verwunderliche und Neue in ihrer Ge⸗ ſtalt und das leichte gefällige Ausſehen von O, Q und S mir vor Augen zu ſtellen, ganz wie ſie einſt mir vor Augen —,— David Kopperfield. 935 traten. Aber ſie rufen kein Gefühl von Unluſt oder Wider⸗ willen in mir zurück. Im Gegentheil, es kommt mir vor, als wäre ich einen Pfad von Blumen gewandelt, ſo lang als das Krokodilbuch war, und hätte mich den ganzen Weg entlang über die Zartheit der Stimme und der Lehrweiſe meiner Mutter gefreut. Aber dieſer feierlichen Unterrichtsſtunden, welche auf jene folgten, erinnere ich mich als eines Todesſtreiches auf meinen Seelenfrieden und als einer jammervollen täglichen Plackerei und Quälerei. Sie waren ſehr lang, ſehr zahlreich, ſehr ſchwierig— mehre von ihnen völlig unverſtändlich für mich— und ich wurde gemeiniglich eben ſo irr und wirr im Kopfe durch ſie, als meine arme Mutter wahrſcheinlich ſelbſt. Laßt mich mal nachdenken, wie es in ihnen zuzugehen pflegte, und einen jener Morgen wieder heraufrufen aus der Vergangenheit. Ich komme in das zweit-⸗beſte Zimmer nach dem Früh⸗ ſtücke mit meinen Lehrbüchern, einem Schreibebuche und einer Schiefertafel. Meine Mutter ſitzte vor ihrem Schreibe⸗ pulte und iſt in Bereitſchaft für mich, aber nicht halb ſo ſehr in Bereitſchaft, als Mr. Murdſtone in ſeinem Polſter⸗ ſtuhle am Fenſter(obſchon er thut, als ob er ein Buch läſe), oder als Miß Murdſtone, die neben meiner Mutter ſteht und Stahlperlen aufreiht. Der bloße Anblick dieſer Zwei hat ſolch' einen Einfluß auf mich, daß ich zu fühlen beginne, wie die Worte, welche ich mit unendlicher Mühe in den Kopf gezwängt, alle wieder hinausgleiten und ich weiß nicht wohin gehen. Ich frage mich, nebenbei be⸗ merkt, wohin ſie gehen mögen. Ich händige das erſte beſte Buch meiner Mutter ein. Vielleicht iſt’'s eine Gram⸗ matik, vielleicht ein Geſchichtsbuch oder eine Geographie. Ich werfe noch einen letzten verſchwimmenden Blick auf 96 David Kopperfield. die aufgeſchlagene Seite, wenn ich's ihr in die Hand gebe, und mache mich augenblicklich daran, ſo ſchnell wie möglich meine Seite herzuſagen, während ich ſie mir von Friſchem wieder in's Gedächtniß gebracht. Ich laſſe ein Wort aus. Mr. Murdſtone blickt in die Höh'. Ich übergehe abermals ein Wort. Miß Murdſtone blickt in die Höhe. Ich werde roth, ſtolpere über ein halbes Dutzend Worte, ſtocke und kann nicht weiter. Ich denke, meine Mutter würde mich in’s Buch ſehen laſſen, wenn ſie ſich's getraute, aber ſte getraut ſich's nicht, ſondern ſagt ſanft: „O Davchen, Daochen!“ „Jetzt, Clara,“ ſagt Mr. Murdſtone,„zeige dem Jungen gegenüber Feſtigkeit, ſprich nicht immer: O, Dav⸗ chen, Daochen! Das iſt kindiſch. Es fragt ſich hier blos, entweder weiß er ſeine Aufgabe, oder er weiß ſie nicht.“ „Er weiß ſte nicht,“ poltert Miß Murdſtone mit ihrer groben Stimme zu meinem Entſetzen dazwiſchen. „Ich fürchte wirklich, daß er ſie nicht weiß,“ ſagt meine Mutter. „Dann, ſehen Sie, Clara,“ entgegnet Miß Murd⸗ ſtone,„dann müſſen Sie ihm eben das Buch zurückgeben und dafür ſorgen, daß er ſie weiß.“ „Ja, ja, ei gewiß,“ ſagt meine Mutter,„das iſt's, was ich zu thun beabſichtige, meine liebe Jane. Nun, Daochen, verſuch's noch einmal, und ſei kein Dummkopf.“ Ich gehorche dem erſten Punkte dieſes Befehls, indem ich's noch einmal verſuche, habe aber keinen ſo guten Er⸗ folg mit dem zweiten, weil ich in dieſem Augenblicke wirklich ein Dummkopf bin. Ich werfe um, bevor ich auch nur bis an die Stelle gelangt bin, wohin ich beim erſten Aufſagen kam, an einem Punkte, wo mir vorher kein Wort fehlte, und halte an, mich zu beſinnen. Aber ich kann meine David Kopperfield. 97 Gedanken nicht nach der Aufgabe hinbringen. Ich denke an die Zahl der Maſchen in Miß Murdſtone's Haube, oder an den Preis von Mr. Murdſtone's Schlafrock, oder an irgend ein anderes derartiges lächerliches Problem, das mich nichts angeht, und um das ich mich überhaupt nicht zu kümmern brauche. Mr. Murdſtone macht eine Bewegung der Ungeduld, welche ich ſchon lange erwartet habe. Miß Murdſtone thut desgleichen. Meine Mutter wirft einen ängſtlichen Blick auf ſie, ſchließt das Buch und legt es bei Seite, als einen Rückſtand, welcher abzumachen ſei, wenn die übrigen Aufgaben abgethan ſind. Sehr bald entſteht eine wahre Säule von ſolchen Rückſtänden, und ſie ſchwillt und wächſt wie ein rollender Schneeball. Je dicker ſie wird, deſto vernagelter werde ich. Der Fall iſt ſo hoffnungslos, und ich fühle, daß ich mich in einem ſolchen Moraſte von Unſinn herumwälze, daß ich jeden Gedanken an ein Herauskommen aufgebe und mich meinem Schickſale überlaſſe. Der verzweifelte Blick, mit welchem meine Mutter und ich uns einander anſehen, wenn ich weiter ſtolpere, iſt wahrhaft melancho⸗ liſch. Aber das größte Unglück bei dieſen jammervollen Unterrichtsſtunden iſt, wenn meine Mutter(im guten Glauben, daß ſie Niemand beobachte) mir durch eine Be⸗ wegung ihrer Lippen auf die Sprünge zu helfen ſucht. In dieſem Augenblicke ſagt Miß Murdſtone, welche die ganze Zeit über nach nichts Anderem auf der Lauer gelegen hat, mit tiefer, warnender Stimme: „Clara!“ Meine Mutter erſchrickt wechſelt die Farbe und lächelt ängſtlich. Mr. Murdſtone kommt aus ſeinem Stuhle, nimmt das Buch, wirft mir's an den Kopf, oder ſchlägt David Kopperfield. I. 7 98 David Kopperfield. mich damit um die Ohren, kriegt mich bei den Schultern und wirft mich zur Thüre hinaus. Selbſt wenn die Unterrichtsſtunden vorbei ſind, iſt die Quälerei noch nicht aus, ſondern das Schlimmſte kommt erſt noch. Dies iſt die Auszählung einer erſchrecklichen Summe. Das Exempel iſt eigens für mich erfunden und mir mündlich durch Mr. Murdſtone mitgetheilt worden und beginnt, wie folgt:„Wenn ich in den Laden eines Käſehändlers gehe und fünftauſend Doppelgloueeſterkäſe kaufe, das Stück zu vier Pfennig, augenblickliche Zahlung—“ worüber ſich Miß Murdſtone ſichtlich vor geheimer Freude nicht zu laſſen weiß. Ich brüte über dieſen Käſen, ohne im Geringſten zu einem Ergebniß oder zu einiger Klarheit zu gelangen, bis es Eſſenszeit iſt, wo ich denn, da ich mich durch Hinein⸗ wiſchen des Schmutzes der Schiefertafel in die Poren meiner Haut in einen Mulatten umgewandelt habe, eine Schnitte Brot bekomme, um ſie zu den Käſen zu eſſen, und den ganzen Abend als ein in Ungnade Gefallener und vom Tiſche Verbannter betrachtet werde. Es ſcheint mir nach dem Zeitraume, der zwiſchen da⸗ mals und jetzt liegt, als ob meine unglückſeligen Studien gewöhnlich dieſen Verlauf genommen hätten. Alles hätte recht gut gehen können, wenn die Murdſtones nicht dabei geweſen wären, aber die Einwirkung dieſer Beiden auf mich glich der Bezauberung von zwei Schlangen auf einen unglücklichen jungen Vogel. Selbſt wenn ich am Morgen mir auf erträgliche Weiſe durchhalf, war nichts als ein Mittagseſſen gewonnen. Denn Miß Murdſtone konnte es nimmer ertragen, mich ohne Aufgabe zu ſehen, und wenn ich unverſehens einmal merken ließ, daß ich ohne Beſchäf⸗ tigung ſei, gleich lenkte ſie ihres Bruders Aufmerkſamkeit auf mich, indem ſie ſagte:„Ach liebſte Clara, es geht doch —,— 44 — — 8 David Kopperfield. 99 nichts über die Arbeit. Geben Sie Ihrem Knaben doch etwas auswendig zu lernen,“ was die Wirkung hatte, daß ich aufs Neue an die Arbeit mußte. An eine Erholung mit andern Kindern von meinem Alter war wenig zu denken. Denn die finſtere Theologie der Murdſtones be⸗ trachtete alle Kinder als ein Gezücht kleiner Vipern(trotz⸗ dem, daß einſt ein Kind mitten unter die Jünger geſtellt worden war) und hielt dafür, daß ſie einander nur be⸗ fleckten und verdürben. Ddie natürliche Folge dieſer Behandlung, welche ver⸗ muthlich ſechs Monate oder länger fortdauerte, war, mich verdreht, dumm und tückiſch zu machen. Das Gefühl, daß ich täglich mehr und mehr von meiner Mutter aus⸗ geſchloſſen und ihr entfremdet wurde, trug nicht am wenig⸗ ſten dazu bei, mich ſo zu machen. Ich glaube, ich würde ſchier ganz und gar verdummt ſein, hätte ſich dem nicht ein gewiſſer Umſtand entgegengeſtellt. Es war dieſer: Mein Vater hatte eine kleine Bücher⸗ ſammlung in einem Kämmerchen oben hinterlaſſen, zu welchem ich, da es an mein Zimmer ſtieß, Zutritt hatte, und welches von Niemand anders im Hauſe jemals in ſeiner Ruhe geſtört wurde. Aus dieſem kleinen Kämmer⸗ chen, das Gott ſegnen möge, kamen Roderick Random, Peregrine Pickte, Humphrey Clinker, Tom Jones, der Vikar von Whakefield, Don Quixote, Gil Blas, und Robinſon Cruſoe heraus in glänzendem Zuge, um mir Geſellſchaft zu leiſten. Sie hielten mein Phantaſie wach und ließen mich hoffen, daß es über dieſen Ort und dieſe Zeit hinaus noch etwas Anderes gebe,— ſie und die arabiſchen Nächte und die Geſchichten von den Genien,— und gaben mir keinen Grund zur Betrübniß; denn was auch in einigen von ihnen Trübes ſein mochte, es war 7* 100 David Kopperfield. für mich nicht da, ich verſtand nichts davon. Ich erſtaune jetzt darüber, wenn ich daran denke, wie ich inmitten meines Stierens und Stolperns über ſchwere Aufgaben die Zeit fand, jene Bücher zu leſen. Es erſcheint mir ſonderbar, wie ich mich jemals über meine kleinen Leiden (welche für mich allerdings groß genug waren) damit tröſten konnte, daß ich meine Lieblings⸗Charaktere mit ihnen umgab und mir unter den ſchlechten Perſönlichkeiten in den Geſchich⸗ ten immer Mr. und Miß Murdſtone dachte. Ich bin Tom Jones(ein harmloſes Geſchöpf, der Tom Jones eines Kindes!) eine ganze Woche lang geweſen. Ich habe meine eigene Vorſtellung von Roderick Randoms Aeußern, ich glaube wahrhaftig einen vollen Monat hindurch, mit mir herumgetragen. Ich hatte eine an Gier grenzende Vor⸗ liebe für einige Bände Reiſen und Reiſebeſchreibungen, — ich weiß jetzt nicht mehr, welche— die ſich auf jenem Bücherbrette befanden, und ich kann mich entſinnen, Tag für Tag meinen Umzug durch die mir gehörende Region unſres Hauſes gehalten zu haben, bewaffnet mit dem Mittelſtück eines alten Stiefelputzholzes,— den leib⸗ haftigen Kapitain Somebody von der königlich großbritan⸗ niſchen Marine vorſtellend, wie er in Gefahr ſchwebt, von den Wilden angefallen zu werden, und entſchloſſen iſt, ſein Leben theuer zu verkaufen. Der Kapitain verlor niemals ſeine Würde, weil ihm die lateiniſche Grammatik um die Ohren geſchlagen worden wäre. Ich freilich verlor ſte; aber der Kapitain war auch ein Kapitain und ein Held obendrein, trotz aller Grammatiken über alle Sprachen der Welt, todte und lebende. Dies war meine einzige und meine beſtändige Freude. Wenn ich daran denke, ſo erhebt ſich in meinem Gemüthe ſtets das Gemälde eines Sommerabends, wo die Knaben David Kopperſield. 101 auf dem Kirchhofe ſpielen und ich auf meinem Bette ſitze und leſe, als ob's um's Leben ginge. Jede Scheune in der Nachbarſchaft, jeder Stein an der Kirche, jeder Fuß breit Landes auf dem Gottesacker ſtand in meinem Ge⸗ müthe in einer gewiſſen Verbindung mit dieſen Büchern und bedeutete mir eine beſtimmte durch ſie merkwürdig gewordene Oertlichkeit. Ich habe Tom Pipes den Kirch⸗ thurm hinauf klettern ſehen; habe Strap beobachtet, wie er, den Schnappſack auf dem Rücken, ſtillſtand, um ſich am Gitterpförtchen auszuruhen; und ich weiß, daß Com⸗ modore Trunnion jenen Club mit Mr. Pickle hielt, und zwar im Gaſtzimmer unſrer kleinen Dorfſchenke. Der Leſer hat jetzt einen ebenſo genauen Begriff, wie ich ſelbſt, von dem, was ich zu dem Zeitpunkte meiner Jugendgeſchichte war, zu dem ich nun wieder komme. Eines Morgens, als ich mit meinen Büchern in's Zimmer trat, fand ich meine Mutter ſehr ängſtlich, Miß Murdſtone ſehr„feſt“ ausſehend, während mein Stief⸗ vater etwas um das Ende eines ſpaniſchen Rohres band — ein ſehr geſchmeidiges und biegſames Rohr, welches er, als ich herein kam, zu umwickeln aufhörte und ein paar Mal zur Probe durch die Luft pfeifen ließ. „Ich ſage Dir, Clara,“ bemerkte Mr. Murdſtone, „ich ſelbſt habe oft Prügel bekommen.“ „Ei freilich; verſteht ſich,“ ſagte Miß Murdſtone. „Gewiß, ich geb' es zu, liebe Jane,“ ſtotterte meine Mutter.„Aber— aber, denken Sie, daß es Eduard gut gethan hat.“. „Denkſt Du, daß es Eduard was geſchadet hat, Clara?“ fragte Mr. Murdſtone ſtreng. „Darum handelt ſich's,“ ſagte ſeine Schweſter. 102 David Kopperfield. Ich merkte, daß dieſes Zwiegeſpräch mich perſönlich anging, und ſuchte Mr. Murdſtones Auge, als es nach dem meinen hinblitzte. „Nun, David,“ ſagte er— und wieder blitzte ſein Auge, als er das ſprach—„Du mußt Dir heute bei Weitem mehr Mühe geben, als gewöhnlich.“ Und wieder ließ er das Rohr, ſeine Wucht probirend, durch die Luft pfeifen, und nachdem er die Vorbereitung deſſelben vol⸗ lendet, legte er es mit einem bedeutſamen Blicke neben ſich und ſchlug ſein Buch auf. Das war gerade die rechte Anregung, um gleich zu Anfang meine Beſonnenheit zu nichte zu machen. Ich fühlte, wie die Worte meiner Auf⸗ gaben mir aus dem Kopfe entſchlüpften, nicht eins nach dem andern, nicht Zeile nach Zeile, ſondern gleich die ganze Seite auf einmal. Ich verſuchte ſie zurückzuhalten, aber ſie ſchienen, wenn ichs ſo ausdrücken darf, Schlitt⸗ ſchuh angelegt zu haben und von mir mit einer Gewand⸗ heit hinweg zu gleiten, der ſich nicht Einhalt thun ließ. Der Anfang ging ſchlecht, der weitere Verlauf noch ſchlechter. Ich war mit einer hohen Idee von mir ſelbſt hereingekommen, indem ich mich für ſehr wohl vorbereitet hielt; aber dieſelbe erwieß ſich als ein vollkommenes Miß⸗ verſtändniß. Buch nach Buch wurde auf den Haufen meiner Unterlaſſungsſünden gelegt, wobei Miß Murdſtone uns die ganze Zeit über ſcharf beobachtete. Als wir zu⸗ letzt zu den fünftauſend Käſen(er ließ es dies Mal, wie ich mich erinnere, ſpaniſche Röhre ſein) ſo brach meine Mutter in lautes Weinen aus. „Clara!“ ſagte Miß Murdſtone mit ihrer warnenden Stimme. „Ich glaube, ich bin nicht ganz wohl, liebe Jane,“ ſagte meine Mutter. —,— David Kopperfield. 103 Ich ſah, wie er ſeiner Schweſter einen vielſagenden Wink gab, als er aufſtand und das Rohr ergriff und ſich zu uns wandte. „Höre, Jane, wir können kaum erwarten, daß Clara mit vollkommener Feſtigkeit die Qual und Marter ertra⸗ gen wird, welche David ihr heute bereitet hat. Das würde eine ſtoiſche Geſinnung vorausſetzen. Clara iſt be⸗ deutend weiter gekommen und hat ſehr an Seelenſtärke zugenommen, aber wir können kaum ſoviel von ihr er⸗ warten. David, Junge, wir wollen beide hinaufgehehen.“ Als er mich nach der Thür zog, rannte meine Mutter auf uns zu. Miß Murdſtone ſagte:„Clara, Sie ſind eine vollkommene Närrin,“ und trat ihr entgegen. Ich ſah, wie meine Mutter ſich hierauf die Ohren zuhielt und hörte, wie ſie laut weinte. Er ging mit mir hinauf nach meinem Zimmer, lang⸗ ſam und feierlich,— ſicherlich hatte er ſeine Freude an dieſer förmlichen Exekutionsparade,— und als wir dort angekommen, ſteckte er plötzlich meinen Kopf unter ſeinen Arm. „Mr. Murdſtone, Herr!“ ſchrie ich,„o laſſen Sie mich gehen! Bitte, ſchlagen Sie mich nicht. Ich habe zu lernen verſucht, aber ich kann nicht lernen, wenn Sie und Miß Murdſtone dabei ſind. Ich kann's wahrhaftig nicht.“ Er hielt meinen Kopf wie in einen Schraubenſtock ge⸗ klemmt, aber ich wand mich hin und her um ihn, und hinderte ihn einen Augenblick, loszuſchlagen und bat ihn, dies doch ja nicht zu thun. Es war nur einen Augenblick, daß ich ihn aufhielt; denn gleich darauf bekam ich einen tüch⸗ tigen Hieb. Aber in derſelben Sekunde erwiſchte ich die Hand, mit welcher er mir den Mund zuhielt, mit meinen 104 David Kopperfield. Zähnen und biß ſie durch und durch. Der bloße Gedanke daran macht mich noch jetzt die Zähne auf einander knirrſchen. Hierauf ſchlug er mich, als ob er mich todtſchlagen wollte. Zwiſchen all' dem Lärmen hindurch, den wir mach⸗ ten, hörte ich, wie man die Treppe heraufkam und kläg⸗ lich ſchrie. Ich hörte meine Mutter ſchreien und Peg⸗ gotty. Dann ging er ſeiner Wege, und die Thüre wurde von außen verſchloſſen, und ich blieb auf der Diele liegen, fiebernd und heiß, verrenkt und zerbläut und raſend auf erbarmenswürdige Weiſe. Wie gut beſinne ich mich darauf, was für eine un⸗ heimliche Stille, als ich ruhig geworden, im ganzen Hauſe zu herrſchen ſchien! Wie gut erinnere ich mich daran, wie verworfen ich mich zu fühlen begann, als mein Schmerz und meine Wuth ſich abzukühlen anfingen! Ich ſaß und horchte eine lange Weile, aber es ließ ſich auch nicht das leiſeſte Geräuſch vernehmen. Ich krab⸗ belte mich auf von der Diele und ſah mein Geſtcht im Spiegel ſo geſchwollen, ſo roth, und ſo garſtig, daß ich mich ſchier vor mir ſelber fürchtete. Die Hiebe, die ich bekommen, ſchmerzten mich ſehr und machten mich ganz ſteif, ſo daß ich von Neuem zu weinen anfing, als ich mich bewegte; aber ſie waren nichts gegen die Schuld, die ich auf mir laſten fühlte. Sie lag ſchwerer auf meiner Bruſt, als wenn ich wahrhaftig der abſcheulichſte Verbrecher ge⸗ weſen wäre. Es hatte angefangen dunkel zu werden, und ich hatte das Fenſter geſchloſſen.(Ich hatte nämlich meiſtentheils mit meinem Kopfe auf dem Fenſterbrette gelegen, bald weinend, bald ſchlummernd, bald verdroſſen hinausſtar⸗ rend.) Da drehte ſich der Schlüſſel, und Miß Murdſtone kam mit etwas Brod und Fleiſch und Milch herein. Die⸗ David Kopperfield. 103 ſes ſtellte ſie, ohne ein Wort zu ſprechen, auf den Tiſch, ſah mich mit dem Ausdrucke eremplariſcher„Feſtigkeit“ an und ging dann wieder, die Thür hinter ſich abſchlieſtend. Lange nachdem es dunkel geworden, ſaß ich noch da und wunderte mich, warum gar Niemand anders kommen wollte. Als ſich dies für dieſe Nacht nicht mehr glaublich erwies, zog ich mich aus und ging ins Bett, wo ich mich ängſtlich zu fragen begann, was nun mit mir geſchehen werde. Ob es wohl ein Criminalverbrechen ſei, was ich begangen? Ob ich wohl in Gewahrſam gebracht und ins Gefängniß geworfen werden würde? Oder ob ich am Ende gar in Gefahr ſchwebte, an den Galgen zu kom⸗ men? Niemals werde ich mein Erwachen am nächſten Mor⸗ gen vergeſſen, wie ich ſo fröhlich und friſch war für den erſten Augenblick, und dann ſo zu Boden gedrückt durch das Gewicht meiner wüſten und unheimlichen Erinnerung. Abermals erſchien Miß Murdſtone, bevor ich aus dem Bette war, ſagte mir mit vielen Worten, daß ich die Frei⸗ heit habe, eine halbe Stunde, aber nicht länger, im Gar⸗ ten ſpazieren zu gehen und zog ſich zurück, indem ſie die Thür offen ſtehen ließ, damit ich von dieſer Erlaubniß Gebrauch machen könne. Ich that ſo, und dieß wiederholte ſich jeden Morgen meiner Einſperrung, welche fünf Tage dauerte. Wenn ich hätte meine Mutter allein ſehen können, ſo würde ich vor ihr auf die Knie gefallen ſein und ſte um ihre Ver⸗ zeihung angefleht haben. Aber ich ſah außer Miß Murd⸗ ſtone Niemand während der ganzen Zeit— ausgenom⸗ men beim Abendgebet im großen Zimmer, wohin ich durch Miß Murdſtone eskortirt wurde, nachdem Jedermann be⸗ reits ſeinen Platz eingenommen hatte, und wo ich als ein 106. David Kopperfield. junger Ausgeſtoßener meinen Platz ganz allein für mich an der Thür einnehmen mußte, und von wo ich von mei⸗ nem Kerkermeiſter regelmäßig wieder abgeführt wurde, bevor irgend Eines von ſeiner betenden Stellung ſich erhob. Ich bemerkte nur, daß meine Mutter ſo fern von mir ſtand, als ſie nur konnte, und daß ſie ihr Geſicht von mir abge— wendet hielt, ſo daß ich es niemals zu ſehen bekam; und daß Mr. Murdſtones Hand mit einem dicken Leinwand⸗ verbande umwickelt war. Von der Länge dieſer fünf Tage kann ſich gar Niemand einen Begriff machen. Sie neh⸗ men den Raum von Jahren in meinem Gedächtniſſe ein. Die Art und Weiſe, in welcher ich auf alle Vorgänge im Hauſe lauſchte, die ſich mir vernehmlich machten, auf den Klang der Klingeln, das Oeffnen und Schließen der Thüren, das Murmeln von Stimmen, die Tritte auf der Treppe; auf irgend ein Lachen, Pfeifen oder Singen draußen, welches mich in meiner Einſamkeit und Ver⸗ bannung trauriger als alles Andere machte— der unge⸗ wiſſe Verlauf der Stunden vorzüglich bei Nacht, wo ich oft mit dem Gedanken erwachte, daß es Morgen ſei, und dann fand, daß die Familie noch nicht einmal zu Bett gegangen, und die ganze lange, langweilige Nacht erſt noch kommen ſollte— die ſchweren und beklommenen Träume, welche ich hatte— die Wiederkehr des Tages, des Mittags, des Nachmittags, des Abends, wenn die Knaben auf dem Kirchhofe ſpielten und ich ſie von einer gewiſſen Entfernung innerhalb des Zimmers aus beobach⸗ tete, indem ich mich ſchämte, mich am Fenſter zu zeigen, weil ſie ſonſt gemerkt haben würden, daß ich ein Gefan⸗ gener ſei— das ſonderbare Gefühl, niemals mich ſelbſt ſprechen zu hören— die flüchtigen Unterbrechungen durch etwas, das wie Fröhlichkeit ausſah und mit dem Eſſen — — David Kopperfield. 107 und Trinken kam, aber auch mit ihm entſchwand— das Heranziehen einer Regenwolke eines Abends mit einem friſchen Winde und ihr Niederſinken dichter und dichter zwiſchen mich und die Kirche, bis ſie und die anbrechende Nacht mich in Jammer und Furcht und Gewiſſensbiſſen zu erſticken ſchienen: Alles dies ſchien ſich innerhalb eines Zeitraumes von Jahren, anſtatt von Tagen ereignet zu haben, ſo lebhaft und tief iſt es meinem Gedächtniß ein⸗ geprägt. In der letzten Nacht meiner Haft erwachte ich, indem ich meinen Namen flüſternd ausſprechen hörte. Ich fuhr im Bette in die Höhe, breitete meine Arme in der Finſterniß aus und ſagte: „Biſt Du’s, Peggotty?“ Ich hörte keine augenblickliche Antwort, aber ich ver⸗ nahm meinen Namen noch einmal und zwar in einem ſo geheimnißvollen und geiſterhaften Tone, daß ich glaube, ich würde darüber in Ohnmacht gefallen ſein, wäre es mir nicht beigekommen, daß der Ton durch's Schlüſſelloch hereindrang. Ich tappte nach der Thür, legte meine Lippen eben⸗ falls an's Schlüſſelloch und flüſterte: „Biſt Du's, meine liebe Peggotty?“ „Ja, mein liebſtes, allerbeſtes Davchen,“ erwiederte ſie,„ſprich' aber ja ſo leiſe, wie ein Mäuschen, ſonſt hört uns die Katze.“ Ich verſtand, daß ſie damit Miß Murdſtone meinte, und war mir der Gefahr ſehr wohl bewußt, da ihr Zim⸗ mer ganz in der Nähe war.. „Was macht Mama, liebe Peggotty, ſie iſt wohl ſehr böſe auf mich?“ — — — 108 David Kopperfield. Ich konnte hören, wie Peggotty an ihrer Seite des Schlüſſellochs leiſe weinte, eben ſo wie ich an der meini⸗ gen, bevor ſie antwortete: „Nein, nicht ſehr.“ „Was ſoll mit mir geſchehen, liebe Peggotth? Weißt Du es vielleicht?“ „In die Schule, bei London,“ war Peggottys Ant⸗ wort. Ich war gezwungen, es mir von ihr wiederholen zu laſſen; denn ſie ſprach es das erſte Mal mir gerade in den Mund und die Kehle hinein; eine natürliche Folge davon, daß ich vergeſſen, meinen Mund vom Schlüſſelloch zu entfernen und ſtatt deſſen mein Ohr daran zu legen. Und obſchon mich ihre Worte gar nicht wenig kitzelten, hörte ich ſie doch nicht. „Wenn, Peggotty?“ „Morgen.“ „Iſt das der Grund, weshalb Miß Murdſtone die Wäſche aus meiner Kommode nahm?“ Dies nämlich hatte ſie gethan, obſchon ichs vergeſſen zu erwähnen. „Ja,“ ſagte Peggotty.„In den Koffer.“ „Soll ich Mama nicht noch' mal ſehen.“ „Ja,“ ſagte Peggotty,„morgen früh.“ Dann brachte Peggotty ihren Mund nahe an das Schlüſſelloch und ſprach durch daſſelbe mit ſo viel Gefühl und Wärme, als jemals ein Schlüſſelloch, wie ich zu be⸗ haupten wage, durch ſeine kleine Röhre zu Jemands Ohr und Herzen leitete, indem ſie bei jedem abgebrochnen klei⸗ nen Satze von einem krampfhaften Schluchzen ergriffen wurde: „Davchen, liebes Kind!— wenn ich neulich— nicht ſo ganz gut war mit Dir, als ich ſonſt war,— ſo war — David Kopperfield. 109 das nicht, weil ich Dich nicht lieb hätte.— Gerade noch ſo ſehr und noch mehr, mein Herzensjüngelchen!— Es war, weil ich's ſo für beſſer hielt— für Dich— und für noch jemand anders.— Daochen, mein Goldkind, hörſt Du auf mich?— Kannſt Du mich verſtehen?“ „Ja— a— a— a, Peggotty!“ ſchluchzte ich. „Mein Herzchen!“ ſagte Peggotty, mit unendlicher Betrübniß und Liebe im Ausdrucke.„Was ich Dir ſagen wollte, iſt dies,— daß Du mich niemals vergeſſen darfſt — denn auch ich werde Dich niemals vergeſſen.— Und ich will für Deine Mama ſo viel Sorge tragen, Davchen — als ich jemals für Dich trug.— Und ich werde ſie nicht verlaſſen.— Vielleicht kommt einmal der Tag, wo ſte froh ſein wird— ihren armen Kopf— wieder auf ihrer einfältigen, querköpfigen alten Peggotty Arm legen zu können.— Und ich will an Dich ſchreiben, mein lieber Junge,— wenn ich auch kein Gelehrter bin.— Und ich will— ich will“— Peggotty fiel nieder, um das Schlüſſel⸗ loch zu küſſen, da ſie mich nicht küſſen konnte. „Ich danke Dir, meine liebe gute Peggotty!“ ſagte ich.„O ich danke Dir! ich danke Dir! Aber willſt Du mir nur Eines verſprechen, Peggotty? Willſt Du Mr. Peggotty ſchreiben und ihm und Emilchen und Mrs. Gum⸗ midge und Ham erzählen, daß ich nicht ſo ſchlecht bin, wie ſie vielleicht meinen— und daß ich ſie alle von ganzem Herzen grüßen laſſe,— beſonders Emilchen? Willſt Du das thun, Peggotty?“ Die gute Seele verſprach es mir, und wir beiden küßten das Schlüſſelloch mit der größten Inbrunſt, ja ich ſtreichelte es ſogar mit der Hand, als ob es ihr ehrliches gutmüthiges Geſicht geweſen wäre; dann ſchieden wir. Von dieſer Nacht an erwuchs in meiner Bruſt ein Gefühl — 110 David Kopperfield. für Peggotty, welches ich nicht ganz deutlich zu bezeichnen vermag. Nicht, daß ſte mir meine Mutter erſetzt hätte— Niemand konnte das—, aber ſie nahm einen leeren Platz in meinem Herzen ein, der ſich über ihr ſchloß, und ich fühlte für ſie etwas, was ich nimmer für ein anderes menſchliches Weſen gefühlt habe. Es war etwas Komi⸗ ſches dabei, und doch wüßt' ich nicht, was ich gethan hätte, wenn ſie geſtorben wäre, oder wie ich das Trauerſpiel aus⸗ geſpielt haben würde, das dieſes Ereigniß für mich ge⸗ weſen wäre. Am Morgen erſchien Miß Murdſtone wie gewöhnlich und ſagte mir, daß ich in eine Schule käme; was für mich keine ſo überraſchende Neuigkeit war, als ſie vermuthet haben mochte. Sie belehrte mich desgleichen, daß ich, ſo⸗ bald ich angezogen ſei, hinunter in die Wohnſtube kom⸗ men ſolle, um zu frühſtücken. Dort fand ich meine Mutter, ſehr bleich und mit rothgeweinten Augen, in deren Arme ich eilte und ſie reuig um Vergebung flehte. „O Davchen!“ ſagte ſie,„daß Du Jemand wehe thun konnteſt, den ich liebe! Verſuch es, beſſer zu werden, bitte Gott, daß er Dich beſſer werden läßt! Ich verzeihe Dir, aber tief kränke ich mich, Davchen, daß Du ſo ſchlimme Leidenſchaften in Deinem Herzen haben ſollſt.“ Man hatte ſie überredet, ich ſei ein gottloſer Bube, und ſie betrübte ſich darüber mehr, als über mein Weg⸗ gehen. Ich fühlte dies ſchmerzlich. Ich verſuchte mein Abſchiedsfrühſtück zu eſſen, aber meine Thränen tropften auf mein Butterbrod und fielen in meinen Thee. Ich ſah, wie meine Mutter dann und wann nach mir hin blickte, dann nach der wachſamen Miß Murdſtone, und dann die Augen niederſchlug oder wegſah. — David Kopperfield. 111 „Musje Kopperfields Koffer dorthin!“ ſagte MißMurd⸗ ſtone, als ſich am Thore ein Wagen hören ließ. Ich dachte, es ſei Peggotty, aber es war weder ſie, noch Mr. Murdſtone, der erſchienen. Meine Bekanntſchaft von früher, der Bote, war an der Thür, und der Koffer wurde nach ſeinem Karren hinausgebracht und hinein ge⸗ hoben. „Clara!“ ſagte Miß Murdſtone in ihrem warnenden Tone. „Schon gut, meine liebe Jane,“ erwiederte meine Mutter.„Geh Dir's wohl, Davchen. Du kommſt zu Dei⸗ nem eignen Beſten fort. Geh Dir's wohl, mein Kind. Du wirſt in den Ferien nach Hauſe kommen und ein beſſe⸗ rer Junge geworden ſein.“ „Clara!“ wiederholte Miß Murdſtone. „Ganz recht, meine liebe Jane,“ erwiederte meine Mutter, die mich bei den Händen hielt.„Ich vergebe Dir Alles, mein liebes Kind. Gott ſegne Dich!“ „Clara!“ wiederholte Miß Murdſtone abermals. Miß Murdſtone hatte die Güte, mich nach dem Kar⸗ ren hinauszuführen und mir auf dem Wege zu ſagen, wie ſie hoffe, daß ich in mich gehen werde, bevor es ein ſchlech⸗ tes Ende mit mir nähme. Dann ſtieg ich in den Karren, und der träge Gaul ſetzte ſich mit ihm in Bewegung. Fünftes Kapitel. Ich werde aus dem Hauſe gethan. Wir mochten etwa eine halbe Meile gefahren ſein, † und mein Taſchentuch war bereits durch und durch naß geweint, als der Fuhrmann plötzlich anhielt. Als ich hinausſah, um zu erfahren, weshalb, erblickte ich zu meiner Verwunderung Peggotty, welche aus einer Hecke fuhr und in den Karren hereinkletterte. Sie nahm mich in beide Arme und preßte mich gegen die Kehlbänder ihrer Haube, bis die Quetſchung auf meine Naſe mich ſo ſehr ſchmerzte, daß ich's kaum noch aushalten konnte, ob⸗ wohl ich deſſen erſt ſpäter gewahr wurde, wo ich es aber mit ihrer großen Zärtlichkeit entſchuldigte. Nicht ein einziges Wort ſprach Peggotty. Indem ſie einen ihrer Arme losließ, ſteckte ſie ihn bis an den Ellbogen in ihre Taſche und brachte aus dieſer mehre Papierdüten voll Kuchen, die ſie mir in die Taſchen ſchob, ſowie einen Beutel, den ſie in meine Hand legte; alles aber ohne 2 David Kopperfield. 113 Wort zu ſagen. Nach einer zweiten und letzten Umarmung mit beiden Armen ſtieg ſie wieder aus dem Karren und rannte davon, und zwar, wie ich glaube und immer ge⸗ glaubt habe, ohne einen einzigen Knopf an ihrem Kleide. Ich las einen von den verſchiedenen herumrollenden auf und bewahrte ihn lange Zeit hindurch als ein An⸗ denken auf. Der Fuhrmann ſah mich an, als wollte er fragen, ob ſie wiederkommen werde. Ich ſchüttelte den Kopf und ſagte, ich dächte, nicht.„Dann hoi! vorwärts!“ ſagte der Fuhrmann zu dem faulen Pferde; welches hierauf vorwärts ging. Nachdem ich bis dahin ſooiel, als die Möglichkeit mir erlaubte, geweint und geſchrien, begann ich jetzt nachzu⸗ denken, daß es doch zwecklos ſei, noch mehr zu ſchreien, insbeſondere, da weder Roderick Random noch jener Ka⸗ pitain von der königlich großbritanniſchen Marine, ſoweit ich mich entſinnen konnte, jemals geweint und geſchrien hatten, wenn ſie in Lagen geweſen waren, die dazu ver⸗ ſuchten. Der Fuhrmann, mich ſo gefaßt ſehend, machte mir den Vorſchlag, mein Taſchentuch auf den Rücken des Pferdes zu breiten, damit es trockne. Ich dankte ihm und nahm ſein Anerbieten an, und das Tuch ſah außerordent⸗ lich klein aus unter dieſen Umſtänden. Ich hatte nun Muße, den Beutel zu unterſuchen. Es war eine ſteife Lederbörſe mit einem Schlößchen zum Zu⸗ ſchnappen und enthielt drei glänzende Schillinge, welche Peggotty jedenfalls mit Putzpulver zu meinem größeren Vergnügen aufpolirt hatte. Aber der werthvollſte Inhalt derſelben waren zwei halbe Kronen, die in ein Stück Papier gewickelt waren, worauf mit meiner Mutter Hand geeſchrieben ſtand:„Für Daochen. Zugleich mit meiner David Kopperfield. 1. 8 114 David Kopperſield. Liebe!“ Ich war hiervon ſo gerührt, daß ich den Fuhr⸗ mann bat, ſo gut zu ſein und mir mein Schnupftuch wieder zu reichen. Aber er ſagte, ſeine Meinung ſei, daß ich beſſer ohne daſſelbe verkommen werde, und ich dachte, er habe Recht, und ſo wiſchte ich mir die Augen mit dem Aermel und hielt an mich, nicht zu weinen. Es glückte mir auch: obſchon ſich mir, in Folge meiner vorherigen Aufregung, noch gelegentlich ein ſtürmiſcher Seufzer entwand. Nachdem wir ein kleines Weilchen weiter geklappert waren, fragte ich den Fuhrmann, ob ich den ganzen Weg mit ſeinem Geſchirr machen werde. „Den ganzen Weg wohin?“ fragte der Fuhrmann. „Nun, dahin,“ ſagte ich. 8 „Wo iſt dahin?“ fragte der Fuhrmann. „Bei London,“ entgegnete ich. „Ei der Tauſend! das Pferd hier,“ ſagte der Fuhr⸗ mann, indem er es mit dem Zügel auf den Rücken klatſchte, um mir zu zeigen, welches Pferd gemeint ſei, „würde todter als ein ausgeſchlachtetes Schwein ſein, ehe es nur über halb ſo viel Land gelaufen wäre.“ „Dann fahren Sie nur bis Yarmouth?“ fragte ich. „Das trifft zu,“ antwortete der Fuhrmann.„Und dort, da ſoll ich Sie in die Poſtkutſche abliefern, und die Poſtkutſche, die wird Sie abliefern— nun, irgendwo.“ Da dieſe Reden dem Fuhrmann, deſſen Name Mr. Barkis, und der, wie ich in einem früheren Kapitel be⸗ merkte, phlegmatiſcher Gemüthsart und im Geringſten nicht geſprächig war, große Mühe koſteten, ſo bot ich ihm als ein Zeichen der Erkenntlichkeit einen Kuchen an, den er auf einen Biſſen verſchlang, ganz wie ein Elephant, und der auf ſein feiſtes Geſicht nicht mehr Eindruck machte, als auf das eines Elephanten. David Kopperfield. 1 15 „Hat Sie ſie gebacken?“ verſetzte Mr. Barkis, der in ſeiner ſchlottrigen Weiſe, die Arme auf die Kniee ge⸗ 4 ſtemmt, ſortwährend nach dem Fußbrette vornüber lehnte. „Meinen Sie Peggotty, Herr?“ „Ah!“ ſagte Mr. Barkis.„Sie.“ „Ja. Sie macht alle unſre Paſteten und beſorgt unſre ganze Küche.“ „Ei das wäre, macht ſie das?“ ſagte Mr. Barkis. Er ſpitzte ſeinen Mund, als ob er pfeifen wollte, aber 4 er pfiff nicht. Er ſaß ſtill da und guckte auf die Ohren ſeines Pferdes, als ob er dort etwas Neues ſähe, und ſo ſaß er eine geraume Zeit. Endlich ſagte er: „Kein Schätzchen, glaub' ich?“ „Plätzchen, Zuckerplätzchen ſagten Sie, Mr. Barkis?“ Ich dachte nämlich, er wünſchte noch etwas anderes zu . eſſen und hätte mir mit ſeiner Frage zu verſtehen gegeben, ihm noch eine Erfriſchung zukommen zu laſſen. „Schätzchen,“ ſagte Mr. Barkis.„Liebhaber mein' ich. Ich fragte, ob keine Perſon mit ihr gehen thäte!“ „Mit Peggotty?“ „Ah!“ ſagte er.„Ja, mit ihr.“ „O nein! Niemals hat ſie einen Liebhaber gehabt.“ „Ei das wäre!“ ſagte der Fuhrmann. V Und wieder ſpitzte er den Mund, wie zum Pfeifen, und wieder pfiff er nicht, ſondern ſaß da und ſah auf die Ohren ſeines Pferdes. So thut ſie wohl auch alle die Aepfelbarſteten backen,“ ſagte Mr. Barkis nach langem Nachdenken,„und die ganze Kocherei beſorgen, nicht wahr?“ Ich erwiderte, daß dies ſich ſo verhielte. „Gut denn! So will Ihnen mal was ſagen,“ ver⸗ ſetzte Mr. Barkis.„Vielleicht ſchreiben Sie ihr mal?“ 4 4 8* 116 David Kopperfield. „Ich werde ihr ganz gewiß ſchreiben,“ erwiderte ich. „Ah,“ ſagte er, indem er langſam ſeine Augen nach mir hinwendete.„Gut! Wenn Sie an ſie ſchreiben, ſo 3 erinnern Sie ſich vielleicht daran, ihr zu ſagen, daß Barkis willens wäre? Wollen Sie?“ „Daß Barkis willens iſt?“ wiederholte ich in meiner Unſchuld.„Iſt das der ganze Auftrag?“ „Ja— a,“ ſagte er überlegſam.„Ja, Barkis iſt willens.“ „Aber Sie werden ja morgen wieder in Blunderſtone ſein, Mr. Barkis,“ verſetzte ich, indem ich bei dem Ge⸗ danken, dann fern hinweg von da zu ſein, ein wenig mit der Stimme zitterte,„und könnten dann vielleicht beſſer Ihre Botſchaft ſelbſt beſorgen.“ Als er jedoch dieſen Einwurf mit einem Köpfſchütteln zurückwies und noch einmal ſein vorhergängiges Verlangen beſtätigte, indem er mit dem Tone tiefſten Ernſtes ſagte: „Barkis iſt willens. Das iſt der Auftrag,“ ſo übernahm ich bereitwillig ſeine Beſorgung. Während ich im Gaſt⸗ hofe zu Yarmouth auf die Poſtkutſche wartete, dieſen ſelben Nachmittag noch, verſchaffte ich mir einen Bogen Papier und ein Tintenfaß und ſchrieb einen Brief an Peggotty, der folgendermaßen lautete: „Meine liebe Peggotty! Ich bin glücklich hier angekommen. Barkis iſt willens. Biele Grüße an Mama. Dein „ Dich liebender 5 David K. p. 8. Er ſagt, daß er Dich gerne kennen lernen möchte. Barkis iſt willens.“ Als ich dieſen Auftrag vorher auf der Straße auf — 8. David Kopperfield. 117 mich genommen, ſo verſank Mr. Barkis in ein vollkomme⸗ nes Schweigen, und ich, ganz abgemattet von dem, was ſich den Tag über ereignet hatte, legte mich auf einen Sack im Karren und ſchie ein. Ich ſchlief, wie ein Ratz, bis wir nach Yarmouth kamen, welches mir von dem Hofe des Gaſthauſes aus, wohin wir fuhren, ſo völlig neu und fremd vorkam, daß ich plötzlich die bis dahin ge⸗ hegte heimliche Hoffnung verlor, mit Jemand von Mr. Peggotty's Familie dort, ja vielleicht gar mit Klein⸗ Emilchen ſelbſt zuſammenzutreffen. Die Poſtkutſche ſtand im Hofe, glänzend über und über, aber noch kein einziges Pferd vorgeſpannt, und ſie ſah in dieſem Zuſtande aus, als ob nichts unwahrſchein⸗ licher wäre, als daß ſie je nach London gehen werde. Ich überlegte mir eben dies und fragte mich, was am End e aus meinem Koffer werden würde, welchen Mr. Barkis mit dem Hebebaum auf das Pflaſter des Hofes heruntergehoben hatte, als er, um mit dem Karren um⸗ zulenken, den Hof entlang fuhr; und ebenſo, was endlich aus mir ſelbſt werden würde: als eine Frau aus einem Bogenfenſter guckte, an dem mehre Stücke Geflügel und verſchiedene Braten aufgehangen waren, und ſagte: „Iſt dies das Herrchen von Blunderſtone? 2 „Ja, Madamchen,“ ſagte ich. „Wie war der Name?“ fragte die Frau. „Kopperfield,“ ſagte ich. „Das iſt nicht der rechte,“ entgegnete die Dame, „Niemandes Mittagseſſen iſt auf dieſen Namen bezahlt.“ „Hieß es etwa Murdſtone, Madamchen?“ fragte ich. „Wenn Sie Musje Murdſtone ſind, warum kommen Sie erſt und geben ſich einen andern Namen?“ 118 David Kopperfield. Ich erklärte der Dame, wie ſich die Sache verhielte, welche hierauf eine Glocke läutete und laut rief:„William, führe den Herrn in's Kaffeezimmer!“ Worauf ein Kellner aus der Küche, auf der entgegengeſetzten Seite des Hofes, gerannt kam, mich dorthin zu weiſen, der nicht wenig verwundert ſchien, als er fand, daß er nur mich allein dorthin weiſen ſolle. Es war ein langes, breites Zimmer mit mehren großen Landkarten darin. Ich zweifle, ob ich mich fremder gefühlt haben könnte, wenn die Landkarten wirkliche fremde Länder geweſen wären und ich in der Mitte von ihnen Schiffbruch gelitten hätte. Ich glaubte, es hieße, ſich eine große Freiheit nehmen, wenn ich mich, meine Mütze in der Hand, auf den der Thüre am nächſten ſtehenden Stuhl ſetzte; und als der Kellner für mich ein Tiſchtuch auf legte und Eſſig und Oel darauf ſtellte, muß ich meiner Anſicht nach über und über roth geworden ſein vor Be⸗ ſcheidenheit. Er brachte mir verſchiedene Braten, Zugemüſe und Salate und nahm die Deckel von den Schüſſeln in ſolch einer geräuſchvollen Weiſe ab, daß ich fürchtete, ich müßte ihn mit irgend etwas beleidigt haben. Aber er nahm mir dieſen Stein vom Herzen, indem er einen Stuhl für mich an den Tiſch ſtellte und ſehr leutſelig ſagte:„Nun, Rieſe, friſch drauf los.“ Ich dankte ihm und nahm meinen Sitz an der Tafel ein, fand es jedoch außerordentlich ſchwierig, Gabel und Meſſer auch nur einigermaßen mit Gewandtheit zu hand⸗ haben, oder es zu vermeiden, daß ich mich nicht mit der Bratenbrühe beſpritzte, indem er mir gegenüberſtand, mich unverwandt an tarrte und jedesmal, ſo oft ich mit ſeinem Auge zuſammentraf, mich in der ſchrecklichſten Weiſe er⸗ ſ David Kopperfield. 119 röthen machte. Nachdem er mich bis zum Angriff auf den zweiten Braten beobachtet, ſagte er: „Da iſt auch eine halbe Pinte Ale für Sie. Wollen Sie ſie jetzt haben?“ Ich dankte ihm und ſagte:„Ja,“ worauf er es aus einem Kruge in ein großes Kelchglas goß und es gegen das Licht hielt, um ſeine ſchöne Farbe zu zeigen. „Ei tauſend, meine Augen,“ ſagte er,„das ſieht nicht übel aus, dächte ich.“ „Ganz und gar nicht übel,“ antwortete ich mit einem Lächeln; denn es war mir ſehr vergnüglich, in ihm einen ſo angenehmen Mann zu finden. Er blinzelte mit den Augen, hatte ein Kupfergeſicht, und die Haare ſtanden ihm alle mit einander aufrecht auf dem Kopfe, und als er ſo daſtand, den einen Arm in die Seite geſtemmt, das Glas mit der andern Hand nach dem Lichte emporhaltend, ſah er ganz freundſchaftlich aus. „Da war geſtern ein Herr hier,“ ſagte er,—„ein großer ſtarker Herr, Namens Topſawyer,— Sie kennen ihn vielleicht.“ „Nein, nicht daß ich wüßte.“— 3„In kurzen Hoſen und Gamaſchen,— breiträndriger Hut, grauer Rock, geblumtes Halstuch,“ ſagte der Kellner. „Nein,“ ſagte ich ſchüchtern und beinahe beſchämt, „ich habe nicht das Vergnügen.“— „Er kam hier herein,“ ſagte der Kellner, indem er wieder durch das Kelchglas nach dem Lichte ſah,„befahl ein Glas von dieſem Ale— wollte es befehlen— ich ſagte ihm, er ſollte es ſein laſſen,— er aber blieb dabei, trank es und— fiel todt nieder. Es war zu alt für ihn. Es durfte nicht auf einen Zug geleert werden; das iſt die Sache.“ 120 David Kopperfield. ¹ Ich war äußerſt entſetzt, als ich von dieſem betrüben⸗ den Ereigniß hörte, und ſagte: ich dächte, ein Glas Waſſer würde mir beſſer ſein. „Ei, ſehen Sie,“ ſagte der Kellner, noch immer, das eine Auge zugedrückt, durch das Kelchglas nach dem Lichte ſehend,„unſre Leute können es nicht leiden, wenn etwas erſt beſtellt und dann wieder abbeſtellt wird. Es belei⸗ digt ſie; aber— ich will's trinken, wenn Sie erlauben. Ich bin daran gewöhnt, und Gewohnheit thut Alles dabei. Ich denke nicht, daß es mir etwas anhaben wird, wenn ich den Kopf recht weit zurückwerfe und es ſchnell hintergieße. Soll ich?“ Ich antwortete, daß er mir einen großen Gefallen thun würde, wenn er's tränke, vorausgeſetzt, daß er dächte, er könne es ungefährdet thun, ſonſt aber um Gotteswillen nicht. Als er ſeinen Kopf zurückwarf und es ſchnell hin⸗ untergoß, war ich, wie ich bekennen muß, in einer ſchreck⸗ lichen Angſt, daß es ihm wie dem beklagenswerthen Mr. Topſawyer gehen und er leblos auf die Diele fallen möchte. Aber es that ihm nichts. Im Gegentheile, mir kam's vor, als ob er nur um ſo friſcher davon ausſehe. „Was haben wir denn hier bekommen?“ verſetzte er, indem er mit einer Gabel in meine Bratenportion hinein⸗ ſtach.„Iſt das nicht Schöpſenbraten?“ „Schöpſenbraten,“ ſagte ich. „Ei, Gott ſtärke mich,“ rief er aus.„Wußte ich nicht mal, daß das Schöpſenbraten wäre! Ei. Schöpſen⸗ braten iſt ja gerade das rechte Ding, um die üblen Wir⸗ kungen von dieſem Biere hinwegzunehmen. Trifft ſich das nicht ganz vortrefflich?“ So nahm er denn ein Stück bei dem hervorſtehenden „ Niypentnoehen in die eine Hand und eine Kartoffel in die David Kopperfield. 121 andre und ſchnabelirte ſie mit dem beſten Appetite und zu meiner größten Genugthuung hinter. Dann nahm er wieder ein Stück Fleiſch und wieder eine Kartoffel, und hierauf abermals ein Stück Fleiſch und abermals eine Kartoffel. Als wir damit fertig waren, brachte er mir einen Pudding, und nachdem er ihn vor mich hingeſtellt, ſchien er nachzuſinnen und mehre Augenblicke ganz in ſich verſunken zu ſein. „Wie ſchmeckt die Paſtete?“ ſagte er, nachdem er wieder zu ſich gekommen. „S iſt ein Pudding,“ gab ich zur Antwort. „Pudding!“ rief er aus.„Ei wahrhaftig,'s iſt richtig— aber was?“ ſagte er, indem er ihn ſich näher betrachtete.„Sie wollen doch nicht behaupten, daß es ein Reibepudding iſt?“ „Ja, allerdings iſt's einer.“ „Ei tauſend, ein Reibepudding!“ ſagte er, indem er einen Eßlöffel ergriff.„Dies iſt ja mein Leibpudding! trifft ſich das nicht ganz vortrefflich? Komm heran, und friſch drauf los, Kleiner, und laß uns ſehen, wer das Meiſte kriegt.“— Der Kellner bekam ohne alle Frage das Meiſte, er bat mich zwar mehr als einmal, mich tapfer zu halten und zu gewinnen. Aber wie in aller Welt mußte er, mit ſeinem Eßlöffel gegen meinen Theelöffel, mit ſeiner Schnel⸗ ligkeit gegen meine Schnelligkeit und mit ſeinem Appetit gegen meinen Appetit, nicht der Erſte ſein! Schon bei dem erſten Mundvoll blieb ich weit hinter ihm zurück und hatte nicht die geringſte Ausſicht gegen ihn. Niemals, ſo wiel ich mich erinnere, ſah ich Jemand ſich einen Pudding ſo gut ſchmecken laſſen; und er lachte, als das Ganze ver⸗ tilgt war, als ob es ihm noch immer gut ſchmecke. 122 David Kopperfield. Als ich in ihm einen ſo freundlichen und zuthulichen Geſellen fand, ſo fragte ich nach Feder, Tinte und Papier, um den vorhin erwähnten Brief an Peggotty zu ſchreiben. Er brachte es nicht nur augenblicklich, ſondern war auch gut genug, mir wie ein Lehrer über die Schulter zu ſehen, während ich den Brief ſchrieb. Als ich ihn vollendet hatte, fragte er mich, wohin ich in die Schule gehen würde. Ich ſagte, in die Gegend von London. Dies war nämlich Alles, was ich darüber wußte. „Ach, du meine Güte!“ ſchrie er mit einer ſehr be⸗ trübten Miene.„Das wird'ne ſchöne Geſchichte werden!“ „Warum?“ fragte ich. „O, du lieber Herrgott,“ ſagte er, den Kopf ſchüt⸗ telnd,„das iſt die Schule, wo ſie dem Jungen die Rippen zerbrachen— zwei Rippen ein kleiner Junge war's. Ich könnte ſagen, wer's war— laß mal ſehen.— Wie alt ſind Sie ungefähr?“ Ich ſagte ihm:„Zwiſchen acht und neun Jahr.“ „Das iſt gerade ſein Alter,“ verſetzte er,„er war acht Jahr und ſechs Monate alt, als ſie ihm ſeine erſte Rippe zerbrachen; acht Jahr acht Monate, als ſie ihm die zweite zerbrachen und ihm den Reſt gaben.“ Ich konnte weder mir noch dem Kellner verhehlen, daß dies ein unangenehmer Vorfall ſei, und fragte, wie es ſo gekommen wäre. Seine Antwort war nicht von der Art, daß ſie mir beſonders viel Muth gemacht hätte; denn ſie beſtand aus den zwei unheilvollen Worten:„Durch Entzweiſchlagen.“ Das Blaſen des Poſthorns im Hofe machte zu rechter Zeit dieſem Geſpräche ein Ende, indem ich jetzt aufſtand und in dem gemiſchten Gefühle von Stolz und Mißtrauen, welches aus dem Bewußtſein, eine Börſe zu haben, ent⸗ David Kopperfield. 123 ſprang(die letztere zog ich aus der Taſche), fragte, ob ich etwas zu bezahlen hätte. „Da iſt ein Bogen Briefpapier,“ erwiederte er. „Haben Sie ſich ſchon einmal einen Bogen Briefpapier gekauft?“ Ich konnte mich nicht beſinnen, dies jemals gethan zu haben. „Es iſt theuer,“ ſagte er,„wegen der Steuer. Zwei Groſchen, das iſt die Zollabgabe in dieſer Gegend. Weiter iſt nichts zu bezahlen, als eine Vergütung für den Kellner. Die Tinte macht nichts. Ich verliere hieran noch.“ „Was würden Sie— was könnte ich— wie viel müßte ich— was hätte denn eigentlich der Kellner zu bekommen? Wollten Sie ſo gefällig ſein, mir dies zu ſagen?“ ſtammelte ich erröthend. „Wenn ich nicht Familie, und wenn dieſe Familie nicht die Kuhpocken hätte,“ ſagte der Kellner,„ſo würde ich nicht einen Groſchen annehmen. Hätte ich nicht einen betagten Vater zu unterſtützen und eine liebenswürdige Schweſter,— hier war der Kellner ſehr gerührt— ſo würde ich nicht einen Pfennig annehmen. Wenn ich hier eine gute Stelle hätte und wohl behandelt würde, ſo würde ich bitten, von mir eine Kleinigkeit anzunehmen, anſtatt ſelbſt etwas zu beanſpruchen. Aber ich lebe von den Brocken und Knöchelchen, welche die Gäſte auf den Tellern laſſen— und ſchlafe in der Kohlenkammer“— hier brach der Kellner in Thränen aus. Ich fühlte großes Mitleid mit ſeinen traurigen Ver⸗ hältniſſen und war überzeugt, daß eine Erkenntlichkeit von weniger als acht Groſchen nichts als Brutalität und Hartherzigkeit ſein werde. Deshalb gab ich ihm einen von meinen drei glänzenden Schillingen, welchen er mit 124 David Kopperfield. viel Demuth und Ehrerbietigkeit empfing und gleich dar⸗ auf zwiſchen die Finger nahm, zu unterſuchen, wie gut ich's mit ihm gemeint. Es war ein wenig ſtörend für mich, zu finden, daß man mich, als ich hinten auf die Kutſche hinaufgehoben wurde, in dem Verdachte hatte, das ganze Mittagseſſen allein, ohne irgend einen Bei⸗ ſtand, aufgegeſſen zu haben. Ich ſchloß dies daraus, daß ich die Wirthin in dem Bogenfenſter zu dem Schaffner ſagen hörte:„Trage Sorge für das Kind, George, oder es wird platzen!—“ und dann daraus, daß ich beobachtete, wie die Mägde des Gaſthauſes herauskamen, um mich zu betrachten und über mich zu kichern, als über ein junges Meerwunder. Mein unglückſeliger Freund, der Kellner, welcher ſich aus ſeiner Betrübniß vollſtändig wieder in die gute Laune zurückgefunden hatte, ſchien ſich hierdurch nicht im Geringſten anfechten zu laſſen, ſondern nahm Theil an der allgemeinen Bewunderung meiner, ohne alle Verlegenheit. Wenn ich irgend einen Zweifel an ſeiner Wahrhaftigkeit hegte, ſo erweckte dieſe Beobachtung ihn halb und halb; indeß bin ich geneigt zu glauben, daß ich bei der Einfalt und Leichtgläubigkeit und dem natürlichen Vertrauen, welche Kinder älteren Leuten gegenüber haben(Eigenſchaften, von denen ich ſehr un⸗ gern ſehen würde, wenn ſie bei irgend einem Kinde zu zeitig für Klugheit ausgetauſcht würden), im Grunde ſelbſt da noch kein ernſthaftes Mißtrauen gegen ihn hatte. Ich muß geſtehen, daß es mich ſehr kränkte, hierdurch, ohne es zu verdienen, zum Gegenſtande von Witzen zwiſchen dem Poſtillion und dem Schaffner geworden zu ſein, wie zum Beiſpiel: daß die Kutſche hinten in Folge davon, daß ich dort ſäße, ſchwer nachſchleppe, oder daß ich viel ſchneller vorwärts kommen würde, wenn ich David Kopperfield. 125 in einem Frachtwagen reiſte. Die Geſchichte von meiner vermeintlichen Freßgier ging wie ein Lauffeuer unter den Paſſagieren auf dem Verdecke der Kutſche herum; ſte waren ebenfalls ſehr vergnügt über dieſelbe und fragten mich, ob man für mich in der Schule zwei oder drei Tiſche bezahlen werde, und ob ich einen Contract hinſichtlich der Verpflegung abgeſchloſſen habe oder auf die allgemeinen Beſtimmungen hin in die Penſion ginge. Außeudem andre hübſche Fragen; aber die ſchlimmſte Folge d des Miß⸗ verſtändniſſes war die, daß ich wußte, i mich nun ſchämen, irgend etwas zu eſſen, wenn ſie darböte, und ich würde nach einem lei die ganze Nacht über hungern müſſen Kuchen hatte ich in der Eile im Gaſthofe henlaſſen. Meine Befürchtungen trafen ein. Als wir anhiehich⸗ um ein Abendeſſen zu genießen, hatte ich nicht den Muth, einen Platz am Tiſche einzunehmen, obwohl ich dies ſehr gern gethan hätte, ſondern ſetzte mich an das Feuer und ſagte: ich brauchte nichts. Das ſchützte mich nicht vor mehr Witzen; denn ein Herr mit einer heiſern Stimme und einem rohen Geſicht, welcher beinahe den ganzen Weg über aus einer Schachtel mit Würſten gegeſſen und nur dann eine Pauſe gemacht hatte, wenn er der Flaſche zuſprach, bemerkte, ich wäre wie eine Boa conſtrictor, welche auf eine Mahlzeit ſich für lange Zeit voll Nahrung ſtopfte, worauf er richtig wieder eine Butterbemme mit geſottenem Rindfleiſch hervorzog. Wir waren von Yarmouth um drei Uhr des Nach⸗ mittags aufgebrochen und waren punkt acht am nächſten Morgen in London. Es war ein Wetter, wie es um die Mitte des Sommers zu ſein pflegt, und der Abend war ſehr angenehm. Wenn wir durch ein Dorf fuhren, 126 David Kopperſield. ſo malte ich mir aus, wem das Innere der Häuſer gliche, und von welcher Art die Bewohner wären; und wenn die Jungen hinter uns her gerannt kamen und hinten aufſtiegen und ſich ein Stück Weges mitnehmen ließen, ſo war ich neugierig, ob wohl ihre Väter noch am Leben und ob ſie wohl zu Hauſe glücklich wären. Ich hatte vollauf daran zu denken, beſonders da ſich mein Geiſt fortwährend mit der Beſchaffenheit des Ortes beſchäftigte, wohin ich ging— welches mir ein ſchrecklicher Gedanke war. Man lerinnere ich mich, zu Gedanken an die Heimat Peggotty und zu dem Verſuche umge⸗ kehrt zu die wirr in meinem Gedächtniſſe ſich ab⸗ ſpiegeln aangenheit zurückzutappen und mich zu er⸗ innern, wie ich gedacht und gefühlt, und was für eine Sorte Kind ich geweſen ſei, bevor ich Mr. Murdſtone gebiſſen. In dieſer Beziehung konnte ich mir jedoch keine befriedigende Antwort geben, in ſolch' einem grauen Alterthume ſchien ich mir ihn gebiſſen zu haben. Die Nacht war nicht ſo angenehm als der Abend; denn es war froſtig, und da man mir, um mein Herunter⸗ fallen von der Kutſche zu verhüten, meinen Platz zwiſchen zwei Herren(dem mit dem groben Geſichte und einem andern) angewieſen hatte, wurde ich, als ſie einſchliefen und mich mit der Laſt ihrer Körper vollſtändig von oben zudämmten, beinahe erſtickt. Sie quetſchten mich manch⸗ mal ſo heftig, daß ich nicht umhin konnte, laut zu ſchreien: „O, ſein Sie doch ſo gefällig!“— was ihnen gar nicht beſonders gefiel, indem es ſie aufweckte. Mir gegenüber ſaß eine ältliche Dame in einem großen Pelzmantel, welche in der Dunkelheit eher wie ein Heuſchober, als wie eine Dame ausſah, zu ſolch' einer Höhe und Dicke war ſie eingewickelt. Dieſe Dame hatte einen Korb bei ſich, und David Kopperfield. 127 lange Zeit hatte ſie nicht gewußt, wo ſie ihn hinſtellen ſollte, bis ſie die Entdeckung machte, daß er, da meine Beine kurz ſeien, unter mich geſtellt werden könne. Er zwängte und drängte mich ſo, daß ich mich wahrhaft jämmerlich befand; aber wenn ich mich nur im Geringſten rührte und dadurch bewirkte, daß ein Glas, welches im Korbe war, an etwas Anderes darin klirrte(wie dies denn ſicherlich geſchehen mußte), ſo gab ſie mir den grau⸗ ſamſten Stoß mit dem Fuße und ſagte:„Höre, mach' Du Dich nicht mauſig. Deine Knochen ſind wahrhaftig jung genug.“ Endlich ging die Sonne auf, und meine Bankkame⸗ raden ſchienen jetzt ſanfter zu ſchlafen. Die Schwierig⸗ keiten, mit denen ſie die ganze Nacht zu kämpfen gehabt, und welche ihre Aeußerung in dem fürchterlichſten Schnau⸗ fen und Schnarchen gefunden hatten, übertreffen alle Be⸗ griffe. Als die Sonne höher ſtieg, ward ihr Schlaf leich⸗ ter, und ſo erwachte nach und nach einer nach dem an⸗ dern. Ich erinnere mich, wie ſehr ich verwundert war über die Finten, die jeder dann entwickelte, wenn er be⸗ hauptete, nicht ein Bißchen geſchlafen zu haben, und über die wunderbare Entrüſtung, mit welcher ein Jeder den darin liegenden Angriff zurück wies. Ich verwundere mich ganz in derſelben Weiſe noch heutigen Tages, indem ich aller Orten ohne Ausnahme beobachtet habe, daß von allen menſchlichen Schwachheiten die Schwachheit, in einer Kutſche eingeſchlafen zu ſein, unbegreiflicher Weiſe die⸗ jenige iſt, zu der ſich unſre allgemeine Natur am ungern⸗ ſten bekennt. Was für ein erſtaunenswerther Platz für mich Lon⸗ don war, als ich es von fern erblickte, und wie ich glaubte, daß all die Abenteuer von meinen Lieblingshelden fort⸗ 8 128 David Kopperfield. während dort vorkämen und ſich wiederholten, und wie ich die unbeſtimmte Vorſtellung hatte, es müſſe mehr Wunder und Sünden in ſich haben, als alle Städte der Erde— ich brauche mich hier nicht aufzuhalten, dies auseinander zu ſetzen. Wir näherten uns nach und nach der Stadt und kamen zu rechter Zeit in den Gaſthof im Diſtrikte von Whitechapel, wohin unſre Beſtimmung lautete. Ich habe vergeſſen, ob es der blaue Ochſe oder der blaue Eber war. Indeß ſoviel weiß ich, daß es ſich bei dem Namen blaute, und daß das Zeichen des Gaſt⸗ hofs auf den Rücken der Kutſche gemalt war. Das Auge des Schaffners wandte ſich auf mich, als er abſtieg, und er ſagte an der Thür der Einſchreibeſtube: „Iſt etwa Jemand hier, der auf einen jungen Men⸗ ſchen wartet, welcher auf den Namen Murdſtone von Blunderſtone, Suffolk, eingeſchrieben iſt und hier bleiben ſoll, bis man ihn abholt?“ Niemand antwortete. „Verſuchen Sie's mit Kopperfield, mein Herr, wenn Sie ſo gut ſein wollen,“ ſagte ich, verlegen zu Boden blickend. „Iſt denn Jemand hier, der auf einen jungen Men⸗ ſchen wartet, welcher auf den Namen Murdſtone von Blunderſtone— Suffolk, eingeſchrieben iſt, aber Kopper⸗ field heißen will, und hier bleiben ſoll, bis man ihn ab⸗ holt?“ ſagte der Schaffner.„Nun, iſt Jemand da?“ Nein. Niemand war da. Angſtvoll ſah ich mich um, aber die Frage machte auf keinen Einzigen von den Umſtehenden irgend Eindruck. Ich müßte denn einen Mann in Gamaſchen ausnehmen, der nur ein Auge hatte, und welcher ſich die Bemerkung er⸗ . David Kopperfield. 129 laubte, man würde beſſer gethan haben, mir ein Meſſing⸗ halsband anzulegen und mich im Stalle anzubinden. Man brachte eine Leiter, und ich ſtieg gleich nach der heuſchobergleichen Dame hinunter, wobei ich mich jedoch nicht eher zu rühren wagte, bis der Korb weggenommen war. Die Kutſche hatte ſich während deß ihrer Paſſagiere entledigt, das Gepäck wurde ſehr bald herausgeſchafft, die Pferde waren ausgeſpannt worden, ehe man abge⸗ packt, und nun wurde die Kutſche ſelbſt von einigen Haus⸗ knechten aus dem Wege und hinter in den Schuppen ge⸗ rollt. Noch immer erſchien Niemand, um den beſtaubten jungen Menſchen von Blunderſtone, Sufefolk, ſich verab⸗ folgen zu laſſen. Einſamer und verlaſſener als Robinſon Cruſon, wel⸗ cher niemand hatte, der nach ihm ſah und ihn in ſeiner Einſamkeit erblickte, ging ich in die Einſchreibeſtube, begab 3 mich auf Einladung des dortbefindlichen Schreibers hinter den Zähltiſch und ſetzte mich auf die Wage nieder, mit welcher ſie die Frachtgüter wogen. Während ich hier ſaß und auf die Kiſten und Kaſten und Bücher ſchaute und den Duft der Ställe einathmete, der ſich ſeitdem ſtets mit meiner Erinnerung an dieſen Morgen verbindet, begann eine Proeeſſion entſetzlicher Gedanken durch mein Gehirn zu marſchiren. Geſetzt den Fall, daß niemand mich ab⸗ holte: wie lange würde man mich hier dulden? Würde man mich lange genug da laſſen, um meine ſieben Schil⸗ linge zu verthun? Mußte ich vielleicht die Nacht über in einer dieſer hölzernen Kiſten ſchlafen, bei dem Gepäck, und mich dann am Morgen an der Plumpe im Hofe waſchen; oder würde ich am Ende gar jede Nacht hinausgeſteckt werden, in der Erwartung, daß ich am Morgen, wenn das Burcau geöffnet würde, mich wieder einſtellen werde, bis man nach David Kopperfield. I. 9 130 David Kopperfield. mir frage? Angenommen, daß hier kein Mißverſtändniß obwaltete und Mr. Murdſtone dieſen Plan ausgeheckt, um mich los zu werden, was ſollte ich machen? Wenn man mir auch erlaubte, dort zu bleiben, bis meine ſieben Schillinge verzehrt waren, ſo konnte ich doch nicht hoffen, noch dort gelitten zu werden, wenn ich zu verhungern be⸗ gann. Es ſprang in die Augen, daß dies unbequem und unangenehm für die Fahrgäſte geworden ſein würde, ganz abgeſehen von den etwaigen Begräbnißkoſten, welche die⸗ ſer Fall dem blauen— Was war's nur gleich? zugezogen haben würde. Wenn ich aber einen ſchnellen Entſchluß faßte, aufſprang und den Nachhauſeweg zu finden ver⸗ ſuchte, wie in aller Welt hätte ich ihn finden, wie ſo weit gehen, wie irgend jemand außer Peggotty von meiner Rückkehr unterrichten können, ſelbſt wenn ich dieſe glück⸗ lich bewerkſtelligt hätte? Und wenn ich dann die nächſte beſte Behörde ausfindig machte und mich zum Soldaten oder Matroſen anbot, ſo war ich ein ſo kleines Bürſch⸗ chen, daß es höchſt wahrſcheinlich war, man würde mich nicht annehmen. Dieſe Gedanken, und hundert andere derartige Gedanken, jagten mir eine brennende Hitze in's Geſicht und machten mich ſchwindeln vor Angſt und Schrecken. Mein Angſtfieber hatte ſeinen Höhepunkt er⸗ reicht, als ein Mann eintrat und dem Schreiber etwas zuflüſterte, der mich ſogleich mit der Wage herumſchwenkte und zu ihm hinſchob, wie als ob ich gewogen, gekauft, abgeliefert und bezahlt wäre. 1 Als ich nun Hand in Hand mit dieſer neuen Bekannt⸗ ſchaft das Bureau verließ, warf ich verſtohlen einen Blick auf ihn. Er war ein hagerer, fahler junger Mann, mit hohlen Wangen und einem Kinn beinahe ſo ſchwarz als Mr. Murdſtone's Kinn. Aber hier war die Aehnlichkeit David Kopperfield. 131 zu Ende; denn ſein Bart war abraſirt, und ſeine Haare, anſtatt glatt geſcheitelt zu ſein, waren verwirrt und trocken. Er trug einen ſchwarzen Anzug, der ziemlich unordentlich und abgeſchabt und ſehr kurz in den Aermeln und Knöcheln war, und ein weißes Halstuch, welches nicht übermäßig reinlich ausſah. Fern war und fern iſt noch jetzt von mir die Vermuthung, daß dieſes Halstuch das einzige Leinen⸗ zeug geweſen, das er getragen habe, aber es war das ein⸗ zige, das er zeigte oder errathen ließ. „Sie ſind der neue Knabe?“ ſagte er. „Ja, mein Herr,“ antwortete ich. Ich vermuthete, daß ich's ſei, wußte es aber nicht. „Ich bin einer der Lehrer in Salem Houſe,“ ver⸗ ſetzte er. Ich machte ihm eine Verbeugung, und ein großer Reſpect fuhr mir in den Leib. Ich war ſo eingenommen von plötzlicher Ehrfurcht vor ihm, und ſchämte mich ſo ſehr, ein ſo alltäglich gemeines Ding, wie meinen Koffer, vor einem Gelehrten und Lehrer von Salem Houſe in den Mund zu nehmen, daß wir ſchon ein hübſches Stück von dem Hofe entfernt waren, als ich mir endlich den Muth faßte, ſeiner zu erwähnen. Auf meine demüthige Vor⸗ ſtellung, daß er mir ſpäter von Nutzen ſein könne, kehrten wir um, und er ſagte dem Schreiber, daß der Bote beauf⸗ tragt ſei, ihn den Nachmittag abzuholen. „Ach, darf ich wohl fragen, mein Herr,“ verſetzte ich, als wir etwa wieder ſoweit gegangen waren wie zuvor, „haben wir noch weit?“ „S liegt unten bei Blackheath,“ antwortete er. „Und iſt das weit?“ fragte ich beſorgt. „S iſt ein gutes Stück Weges,“ ſagte er.„Indeß gehn wir mit der Poſtkutſche hin. S iſt etwa ſechs Meilen.“ 9*X 132 David Kopperfield. Ich war ſo matt und müde, daß die Idee, noch ſechs Meilen aushalten zu müſſen, zu viel für mich war. Ich nahm mir ein Herz, erzählte ihm, wie ich die ganze Nacht nicht einen Biſſen genoſſen habe, und ſagte ihm, daß er mich ſehr verpflichten werde, wenn er mir die Erlaubniß geben wollte, mir etwas zu eſſen zu kaufen. Er ſchien hierüber ſehr verwundert— ich ſehe ihn noch ſtehen blei⸗ ben und mich anſtarren— aber nachdem er ſich einige Augenblicke beſonnen, ſagte er, er wünſche eine alte Per⸗ ſon nicht weit davon zu beſuchen, und das Beſte für mich werde ſein, mir etwas Brot oder was ich ſonſt Paſſendes gern haben möchte, zu kaufen und mir davon ein Früh⸗ ſtück in ihrem Hauſe zu bereiten, wo wir auch Milch dazu bekommen könnten. So traten wir an das Fenſter eines Bäckers, und nachdent ich eine lange Reihe von Vorſchlägen im Hin⸗ blicke auf alle die verſchiedenen eßbaren Gegenſtände im Laden gemacht und er dieſelben einen nach dem andern verworfen hatte, entſchieden wir uns zu Gunſten eines hübſchen kleinen braunen Brotes, welches mich drei Pence koſtete. Dann beſorgten wir uns in einem Material⸗ waarenladen ein Ei und eine Schnitte Schinken mit einem Speckſtreifen dran, wobei mir von dem zweiten funkeln⸗ den Schilling noch kleines Geld übrig blieb, ſo daß ich einen guten Handel gemacht zu haben meinte und London für eine Stadt hielt, in der ſich's recht wohlfeil leben ließe. Nachdem wir dieſe Vorräthe eingeſteckt, gingen wir durch großen Lärm und ein Menſchengewühl, welches meinen müden Kopf über alle Beſchreibung wirr und wüſt machte, nun über eine Brücke, welches ohne Zweifel Lon⸗ don Bridge war(mir iſts in der That ſo, als ob er ſie ſo genannt, aber ich war halb im Schlafe), bis wir an David Kopperfield. 133 das Haus jener armen Perſon kamen. Dieſes gehörte zu einer Reihe von Freiwohnungen für arme Leute, die ſich mir als ſolche durch ihr Ausſehen, ſowie durch eine Aufſchrift auf einem Steine über der Thür ankündigten, welche beſagte, daß ſie für fünf und zwanzig arme Weiber eingerichtet wären. Der Lehrer von Salem Houſe drückte auf die Klinke einer von mehren kleinen ſchwarzen Thüren, welche ſich alleſammt glichen und jede ein kleines, erblindetes, in allen Farben des Regenbogens ſchillerndes Fenſter an der einen Seite und ein zweites kleines, blindes, in allen Farben des Regenbogens ſchillerndes Fenſter oben hatten; wir gingen in das Haus einer dieſer armen alten Weiber und trafen die Bewohnerin, wie ſie das Feuer anfachte, um eine kleine Bratpfanne ſieden zu machen. Als ſie den Lehrer eintreten ſah, ließ ſie den Blaſebalg in den Schoos fallen und ſagte etwas, was mir wie:„Mein Karlchen!“ klang; als ſie aber auch mich herein kommen ſah, ſtand ſie auf und machte, ſich die Hände reibend, eine miß⸗ glückende Art von halbem Knir. „Wollten Sie wohl ſo gut ſein und dieſem jungen Herrn ſein Frühſtück kochen, wenn's Ihnen möglich iſt?“ fragte der Lehrer von Salem Houſe. „Ob ich kann?“ ſagte die alte Frau.„Freilich kann ich!“ „Was macht Mrs. Fibbitſon heute?“ erkundigte ſich der Schulmeiſter, indem er auf eine andre alte Frau blickte, wel⸗ che in einem großen Stuhle am Feuer ſaß und ſolch ein Haufe Kleider war, daß ich bis dieſe Stunde Gott danke, mich damals nicht aus Mißverſtändniß auf ſie geſetzt zu haben. „Ach ſie iſt kränklich,“ ſagte die zuerſt erwähnte alte Frau.„ S iſt einer ihrer böſen Tage. Wenn das Feuer 134 David Kopperfield. durch irgend einen Zufall auslöſchte, ſo glaub' ich wahr⸗ haftig, auch ſie würde verlöſchen und niemals wieder in's Leben zurückkehren.“ Da ſie nach ihr blickten, that ich dies auch. Obwohl es ein warmer Tag war, ſchien ſie doch von keinem an⸗ dern Gedanken, als dem an's Feuer beſeelt zu ſein. Mir kam's vor, als ob ſie ſelbſt die Bratpfanne auf demſelben beneidete, und ich habe Grund zu der Ueberzeugung, daß ſie es ſehr übel genommen hat, als dieſelbe für unſern Dienſt, d. h. um mein Ei zu kochen und meine Schinken⸗ ſchnitte zu braten, requirirt wurde; denn ich ſah es mit meinen eignen zerſtreuten Augen, wie ſie, als dieſe kuli— nariſchen Operationen ihren Anfang nahmen und Nie⸗ mand anders ſie beobachtete, mir eine Fauſt machte. Die Sonne ſtrahlte durch das kleine Fenſter einen breiten Licht⸗ ſtrom herein, ſie aber ſaß, ihr mit ihrem eigenen Rücken und dem des großen Stuhls zugekehrt, wie ein Ofen⸗ ſchirm vor dem Feuer, als ob ſie emſig bemüht wäre, die Flamme warm zu halten, anſtatt ſich von ihr warm halten zu laſſen, und beobachtete dieſelbe mit einer höchſt miß⸗ trauiſchen Miene. Die Vollendung der Vorbereitungen zu meinem Frühſtück, durch welche das Feuer von der Pfanne befreit wurde, machte ihr eine ſo außerordentliche Freude, daß ſie laut lachte— und zwar hatte ſie, wie ich ſagen muß, eine ſehr unmelodiſche Lache. Ich ſetzte mich jetzt zu meinem Schwarzbrote, meinem Eie und meiner Schinkenſchnitte, wozu noch ein Napf Milch kam, und that eine köſtliche Mahlzeit. Während ich noch in dem vollen Genuſſe derſelben ſchwelgte, ſagte die alte Frau zu dem Schulmeiſter: „Haſt Du Deine Flöte bei Dir?“ „Ja,“ erwiederte er. David Kopperfield. 13⁵ „Ach, blas doch mal drauf,“ ſagte die alte Frau ſchmei⸗ chelnd.„Mache, ſei ſo gut!“ Der Schulmeiſter fuhr hierauf mit der Hand unter die Schöße ſeines Rockes und brachte ſeine Flöte in drei Stücken hervor, welche er zuſammenſchraubte und ſogleich zu ſpielen begann. Der Eindruck, den dies auf mich machte und den viele Jahre der Ueberlegung ſeitdem nicht veränderten, iſt der, daß nimmer ein Menſch auf dieſer Gotteswelt geweſen ſein kann, der ſchlechter geſpielt hätte. Er entlockte dem Inſtrumente die ſcheußlichſten Töne, die ich jemals auf natürliche oder künſtliche Weiſe hervor⸗ bringen hörte. Ich weiß nicht, was es für Töne waren — ob ſo etwas in ſeinem Spiele überhaupt lag, was ich jedoch bezweifle— aber die Wirkung der Melodie auf mich äußerte ſich zuerſt darin, daß ſie mir all meine trüben Tage in's Gedächtniß zurück rief, ſo daß ich zuletzt mich kaum noch der Thränen erwehren konnte; dann darin, daß ſie meinen Appetit wegnahm; endlich darin, daß ſie mich ſo ſchläfrig machte, daß ich die Augen nicht mehr offen zu erhalten vermochte. Sie beginnen ſich wieder zu ſchließen und ich fange an einzunicken, ſobald die Erin⸗ nerung daran friſch vor mir emporſteigt. Wiederum ver⸗ ſchwimmt ſie vor mir, die kleine Stube mit ihrem Schenk⸗ tiſche in der Ecke und ihren Stühlen mit den viereckigen Lehnen und ihrer winkligen kleinen Wendeltreppe, die nach oben führte, und ihren drei Pfauenfedern über dem Kaminſimſe— ich entſinne mich, beim Eintritte mich ge⸗ fragt zu haben, was wohl der Pfau gedacht haben möchte, wenn er erfahren, wohin das Schickſal ſeinen Putz ver⸗ ſchlagen— wiederum nicke und nicke ich und ſchlafe ein. Die Flöte verſtummt, dafür höre ich das Raſſeln der Kutſchenräder und bin auf meiner Reiſe. Die Kutſche 136 David Kopperfield. ſtaucht auf, ich erwache und fahre zuſammen; denn die Flöte iſt wieder gekommen, und der Schulmeiſter von Salem Houſe ſitzt mit gekreuzten Beinen vor mir und ſpielt kläglich weiter, während das alte Weib mit ver⸗ gnügter Miene ihm zuſieht. Auch an ſie kommt dann wieder die Reihe, zu verſchwinden, er verſchwindet: Alles verſchwindet, und es iſt nichts mehr da, keine Flöte, kein Schulmeiſter, kein Salem Houſe, kein David Kopperfield, nichts, gar nichts, als tiefer Schlaf. Ich träumte, und in meinem Traume kam mir'’s vor, als ob einmal, während er ſeine greulige Flöte blies, das alte Weib, die Inhaberin des Hauſes, welche ihm in ihrer begeiſterten Bewunderung näher und näher getreten war, ſich über die Lehne ſeines Stuhles gebeugt und ihn in⸗ brünſtig umarmt habe, wodurch ſein Spiel auf einige Augenblicke unterbrochen wurde. Ich war in einem Mittel⸗ zuſtande zwiſchen Schlafen und Wachen, entweder damals ſchon, oder doch gleich nachher; denn, als er wieder zu flöten begann— es war nämlich eine Thatſache, daß er mit Spielen aufgehört— ſah und hörte ich daſſelbe alte Weib Mrs. Fibbitſon fragen, ob ſie(hiermit meinte ſie die Flöte) nicht was Köſtliches wäre, worauf Mrs. Fibbitſon mit: „Ei ja, ei ja wohl!“ antwortete und nach dem Feuer hinnickte, dem ſie meiner Ueberzeugung nach das Verdienſt der ganzen muſikaliſchen Leiſtung zuſchrieb. Ich mußte eine lange Weile geſchlummert haben, als der Lehrer von Salem Houſe ſeine Flöte wieder in ihre drei Theile auseinander ſchraubte, ſie an den vorigen Ort that und mich wegführte. Wir trafen die Kutſche nahe bei der Hand und ſetzten uns auf das Verdeck; aber ich war ſo todtſchläfrig, daß man mich, als wir anhielten, um noch jemand aufzunehmen, in das Innere des Wagens David Kopperfield. 137 brachte, wo keine Paſſagiere ſich befanden, und wo ich einen tiefen Schlaf ſchlief, bis ich fühlte, wie die Kutſche einen Fußweg an einem ſteilen Hügel zwiſchen grünen Büſchen hinauffuhr. Jetzt hielt ſie an und war an ihrem Beſtimmungsorte angelangt. Ein paar Schritte brachten uns— mich und den Schulmeiſter nämlich— nach Salem Houſe, welches von einer hohen Ziegelmauer umgeben war und ſehr düſter ausſah. Ueber einem Thore in dieſer Mauer war eine Tafel befeſtigt, auf welcher Salem House ſtand, und durch ein in dieſem Thore befindliches Gitterfenſter wurden wir, als wir geklingelt, von einem ſauertöpfiſchen Geſichte in Augenſchein genommen, von dem ich, als das Thor ge⸗ öffnet worden, fand, daß es zu einem ſtämmigen Manne mit einem Stiernacken, einem hölzernen Beine, hervor⸗ ſtehenden Backenknochen und kurz abgeſchnittenen Haaren gehörte. „Der neue Knabe!“ ſagte der Schulmeiſter. Der Mann mit dem hölzernen Beine beſah mich von oben bis unten— was ihm nicht viel Zeit wegnahm, da nicht viel an mir zu ſehen war— dann ſchloß er das Thor hinter uns und zog den Schlüſſel ab. Wir gingen zwiſchen verſchiedenen dunkellaubigen, ſchläfrig die Zweige hängen laſſenden Bäumen auf das Wohnhaus zu, als er plötzlich meinem Führer nachrief: „Heda!“ Wir ſahen uns um. Er ſtand an der Thür eines Häuschens, welches ſeine Wohnung war, und trug ein Paar Stiefel in der Hand. „Hier!“ ſagte er.„Der Schuſter iſt dageweſen, wäh⸗ rend Sie aus waren, Mr. Mell, und er ſagt, er könnte ſie nicht mehr flicken. Er ſagte, es wäre nicht ein Bischen 138 David Kopperfield. von dem urſprünglichen Stiefel mehr dran, und wunderte ſich, wie Sie ſo was erwarten könnten.“ Mit dieſen Worten warf er die Stiefel Mr. Mell zu, welcher ein paar Schritte zurückging, um ſie aufzu⸗ leſen, und ſie, als wir zuſammen weiter ſchritten, mit einer, wie ich bemerkte, äußerſt verzweifelten Miene betrachtete. Ich machte ſodann die Beobachtung, daß auch die Stiefel, welche er anhatte, ein gutes Theil zu ſchlecht waren, um getragen zu werden, und daß ſeine Gamaſche an einer Stelle gerade wie eine Knoſpe aufſprang. Salem Houſe war ein viereckiges Ziegelgebäude mit Flügeln, kahl und ohne alle Zierrath von Außen. Seine ganze Umgebung war ſo ſtill, daß ich zu Mr. Mell ſagte, ich vermuthe, die Knaben ſeien ausgegangen; aber er ſchien verwundert, daß ich nicht wüßte, wie jetzt Ferien, und wie alle die verſchiedenen Knaben in ihrer Heimat ſeien; und wie Mr. Creakle, der Eigenthümer der Schul⸗ anſtalt, mit Mrs. und Miß Creakle unten an der See und wie ich zur Strafe für meine Miſſethat in der Ferien⸗ zeit hier hergeſchickt worden ſei, was er mir Alles auf dem Wege auseinander ſetzte. Das Schulzimmer, in welches er mich führte, erſchien meinen Blicken als der ödeſte und troſtloſeſte Ort, den ich je geſehen. Ich ſeh' es noch jetzt vor mir. Eine lange Stube mit drei langen Reihen Tiſche und ſechs Reihen Bänke, alle Wände von Pflöcken für Hüte und Schiefer⸗ tafeln ſtarrend. Fetzen von alten Schreibebüchern und Aufſätzen ſind unordentlich auf die ſchmutzigen Dielen geſtreut. Mehre Raupengeſpinnſte, gefertigt aus den⸗ ſelben Stoffen, finden ſich zerſtreut über den Schultiſchen. Zwei unglückſelige kleine weiße Mäuſe, welche ihr Beſitzer zurückgelaſſen, rennen in einem müffigen Schlößchen aus . David Kopperfield. 139 Pappendeckel auf und nieder und guken mit ihren rothen Aeuglein in alle Winkel, um etwas zu freſſen zu finden. Ein Vogel in einem Käfig, nur wenig dicker als er ſelbſt, macht ein eintöniges Geräuſch, indem er bald auf ſeinen zwei Zoll hohen Sitzſtengel, bald wieder herunter hüpft; aber er ſingt weder noch zwitſchert er. Die Stube erfüllt ein ſonderbarer unangenehmer Geruch, wie von müffigen Corduroys*), ſüßen Aepfeln, zu denen die Luft nicht kann, und wurmſtichigen Büchern. Es könnte nicht gut noch mehr Tinte auf den Boden geſpritzt ſein, ſelbſt wenn es von ſeiner Erbauung an ohne Dach geweſen wäre und die Wolken Jahr aus Jahr ein Tinte hinein geregnet, geſchneit, gehagelt und geweht hätten. Da Mr. Mell mich verlaſſen, um ſeine unheilbaren Stiefel hinauf zu tragen, ging ich langſam und leiſe nach dem obern Ende des Zimmers, wobei ich die eben mitge⸗ theilten Beobachtungen machte. Plötzlich ſtieß ich auf einen auf Pappendeckel gezogenen Zettel, welcher am Boden lag und in ſchön geſchriebenen Buchſtaben die Worte trug: „Nimm dich in Acht vor ihm. Er beißt!“ Augenblicklich ſprang ich auf einen der Tiſche, indem ich zum Mindeſten einen großen Hund in der Stube ver⸗ muthete. Aber obwohl ich mich mit ängſtlichen Blicken überall ringsherum umſah, konnte ich doch nichts von ihm erſpähen. Ich war noch mit dieſer Umſchau beſchäftigt, als Mr. Mell zurückkam und mich fragte, was ich da oben machte. *) Ein jetzt aus der Mode gekommenes dichtes Tuch mit er⸗ habenen Streifen, welches vorzugsweiſe zu Kinderbeinkleidern be⸗ nutzt wurde und, ſobald es in die Näſſe kam, ſehr übel roch. 140 David Kopperfield. „Bitte um Verzeihung, Herr,“ ſagte ich;„entſchul⸗ digen Sie, ich ſah mich nach dem Hunde um.“ „Hund?“ ſagte er,„was für ein Hund?“ „Iſt's nicht ein Hund?“ „Was ſoll's für ein Hund ſein?“ „Nun, vor dem man ſich in Acht nehmen ſoll, Herr, welcher beißt.“ „Nein, Kopperfield.“ ſagte er ernſthaft,„das iſt kein Hund. Das iſt ein Knabe. Mein Auftrag geht dahin, Kopperfield, dieſen Zettel Dir auf den Rücken zu hängen. Es thut mir leid, gleich von vorn herein ſo mit Dir zu verfahren, aber ich muß es thun.“. Mit dieſen Worten nahm er mich herunter und band mir den Zettel, der für dieſen Zweck paſſend conſtruirt war, um die Schultern wie einen Querſack, und wo ich ſpäter nur hinging, hatte ich den Troſt, ihn mitzu⸗ ſchleppen. Was ich von dieſem Zettel erduldete, davon kann ſich Niemand eine Vorſtellung machen. Ob es möglich war, daß mich die Leute ſahen oder nicht, immer bil⸗ dete ich mir ein, daß ihn Jemand leſe. Es half nichts, wenn ich mich umwendete und Niemand erblickte; denn wo ich nur den Rücken hinwandte, meinte ich auch, daß Jemand ſein müſſe. Jener grauſame Mann mit dem Stelzfuße erſchwerte meine Qualen noch. Er war zur Beaufſichtigung angeſtellt, und wenn er mich jemals gegen einen Baum oder eine Mauer oder das Haus lehnen ſah, brüllte er mit erſtaunlich ſtarker Stimme aus ſeiner Thür: „Heda, Sie! Sie, Kopperfield! Weiſen Sie Ihren Schand⸗ zettel her, daß man ihn gehörig ſieht, oder ich werde Sie anzeigen!“ Der Spielplatz war ein leerer, mit Kies be⸗ legter Hof, von der ganzen Hinterſeite des Hauſes und David Kopperfield. 141 allen dort befindlichen Zimmern zu überſehen; und ich wußte, daß das Geſinde meinen Zettel las, daß der Fleiſcher ihn las, daß der Bäcker ihn las; mit Einem Worte, daß Jedermann, welcher an einem Morgen, wo ich dort ſpazieren gehen ſollte, von hinten oder von vorn nach dem Hauſe kam, las, wie man ſich vor mir in Acht zu nehmen habe, da ich biſſe. Ich erinnere mich, daß ich mich nachgerade vor mir ſelbſt zu fürchten begann, als vor einer Art wildem Kinde, welches biſſe. Bei dieſem Spielplatze war eine alte Thür, in welche die Knaben ihre Namen zu ſchneiden pflegten. Sie war über und über mit ſolchen Inſchriften bedeckt. In meiner Furcht, daß nun die Ferien bald zu Ende ſein und die Knaben zurückkehren würden, konnte ich keines Knaben Namen leſen, ohne mich zu fragen, in welchem Tone und mit welcher Salbung er leſen würde:„Nimm Dich in Acht vor ihm. Er beißt.“ Da war zunächſt ein Knabe — ein gewiſſer J. Steerforth— welcher ſeinen Namen ſehr tief und ſehr oft eingeſchnitten hatte, und welcher, meiner Vorſtellung zufolge, es mit lauter Stimme leſen und dann mich bei den Haaren raufen würde. Da war ferner ein andrer Knabe, Tommy Traddles, welcher, wie ich fürchtete, einen Spaß daraus machen und ſich ſtellen würde, als ob er ſich entſetzlich vor meinem Gebiß fürchte. Da war ein Oritter, welcher, wie ich mir einbildete, mei⸗ nen Zettel abſingen würde. Ich armes zitterndes Geſchöpf blickte ſo lange auf dieſe Thür, bis die Beſitzer von allen den Namen— es waren, wie Mr. Mell ſagte. damals fünf und vierzig in der Schule— mich unter allgemeiner Beiſtimmung zum Henker gehen zu heißen und, jeder in ſeiner Art, zu ſchreien ſchienen:„Nimm Dich in Acht vor ihm. Er beißt!“ 142 David Kopperfield. Eben ſo war's mit den Plätzen an den Tiſchen und Bänken. Ebenſo mit den Fugen der verlaſſenen Bett⸗ ſtellen, ſo oft ich in meiner Weiſe, und, wenn ich drin war, in meinem Bette, nach ihnen hinlauſchte. Ich erin⸗ nere mich, alle Nächte geträumt zu haben, mit meiner Mutter wie dereinſt zuſammen zu ſein, oder bei Mr. Peg⸗ gotty einen Beſuch zu machen, oder auf dem Verdecke einer Kutſche über Land zu fahren, oder wieder mit meinem unglücklichen Freunde, dem Kellner, zu ſpeiſen, und bei all dieſen Gelegenheiten die Leute ſchreien gehört und mich anſtarren geſehen zu haben, wenn ſie die Entdeckung machten, daß ich nichts als mein bloßes Nachthemde und jenen Zettel auf dem Leibe trug. In der Einförmigkeit meines Lebens und in meiner fortwährenden Angſt vor der Wiedereröffnung der Schule litt ich unerträglich. Alle Tage hatte ich lange Uebungs⸗ ſtunden bei Mr. Mell; aber ich lernte meine Aufgaben— war doch kein Mr. und keine Miß Murdſtone zugegen— und kam, ohne in Ungnade zu fallen, durch. Vor und nach denſelben ging ich— beaufſichtigt durch den Mann mit dem Stelzfuße, ſpazieren. Wie lebhaft erinnere ich mich des Nebels um das Haus, der grasumſproßten zer⸗ ſprungenen Trottoirs im Hofe, des alten zerlöcherten Waſſer⸗ ſtänders und der entfärbten Stümpfe einiger von den dü⸗ ſtern Bäumen, deren Zweige im Regen mehr getropft und in der Sonne weniger gewedelt zu haben ſchienen als an⸗ dre Bäume. Um ein Uhr aßen wir, Mr. Mell und ich, an dem obern Ende eines langen leeren, mit tannenen Tiſchen beſetzten und von Fette duftenden Speiſezimmers. Dann hatten wir noch einige Stunden bis zum Thee, welchen Mr. Mell aus einer blauen Taſſe und ich aus einem zinnernen Becher trank. Den ganzen Tag über und bis David Kopperfield. 143 gegen ſieben oder acht Uhr Abends arbeitete Mr. Mell an dem für ihn beſonders hingeſtellten Pulte ſehr emſig mit Feder, Tinte, Lineal, Büchern und Schreibepapier, indem er, wie ich entdeckte, die Rechnungen für das verfloſſene Halbjahr auszog. Wenn er ſeine Geſchäfte für den Abend abgemacht, zog er ſeine Flöte hervor, bis ich ſchier dachte, er werde allmählig noch ſeine ganze Seele in das große Loch oben hineinblaſen und mit Haut und Haar hinter den Klappen hineinhuſchen. Ich rufe mir das Bild meines kleinen Selbſt in dem halbdunkeln Zimmer zurück, wie ich, den Kopf in die Hand gelegt, auf das weinerliche Spiel von Mr. Mell horche und mich die morgende Lection überhöre. Ich ſehe mich, nachdem ich meine Bücher zugemacht, immer noch auf das klägliche Spiel Mr. Mells horchen und durch die Töne deſſelben hindurch auf die Erinnerungen an die Heimat, auf das Sauſen des Windes am Strande von Yarmouth lauſchen und mich ſehr traurig und verlaſſen fühlen. Ich ſehe mich zu Bett gehen durch die ungewohnten Räume, und mich auf mein Deckbett ſetzen und weinen um ein freundliches Wort von Peggotty. Ich ſehe mich am Mor⸗ gen die Treppe herunterkommen und durch einen langen ſchauerlich klaffenden Spalt in der Wendeltreppe nach der Schulglocke blicken, die, einen Wetterhahn über ſich, auf dem Thürmchen eines Nebenhauſes hängt, und mich vor der Zeit fürchten, wo ſie erklingen und J. Steerforth und die Uebrigen zur Arbeit rufen wird, welches, in meiner ahnenden Furcht, nur das kleinere Unglück iſt, nachdem der Mann mit dem Stelzfuße die roſtige Gitterthür aufge⸗ ſchloſſen und den entſetzlichen Mr. Creakle hereingelaſſen hat. Ich kann mir nicht denken, daß mein Charakter hin⸗ ſichtlich einer dieſer Ausſichten gefahrdrohend war, aber ————ꝛ—ꝛ——— 144 David Kopperfield. für alle trug ich die gleiche Warnung auf meinem Rücken. Mr. Mell ſprach wenig mit mir, aber er war auch nicht barſch gegen mich. Ich glaube, wir leiſteten uns einander Geſellſchaft ohne zu reden. Ich vergaß zu er⸗ wähnen, daß er manchmal mit ſich ſelbſt ſprach und grim⸗ mig lächelte und die Fauſt ballte und mit den Zähnen knirrſchte und ſich in unbegreiflicher Weiſe in den Haaren herumfuhr. Aber er hatte nun einmal dieſe Eigenthüm⸗ lichkeiten, und wenn ſte mir auch zuerſt Furcht einjagten, ſo wurde ich ihrer doch bald gewohnt. Sechſtes Kapitel. Ich erweitere den Kreis meiner Bekanntſchaften. Ich hatte in dieſer Weiſe beinahe einen Monat ver⸗ lebt, als der Mann mit dem Stelzfuße mit einem Beſen und einem Waſſereimer herumzuhumpeln begann, woraus ich ſchloß, daß man Vorbereitungen für den Empfang von Mr. Creakle und den Knaben treffe. Ich hatte mich nicht geirrt; denn es dauerte nicht lange, ſo kam der Beſen in die Schulſtube und fegte Mr. Mell und mich hinaus, worauf wir einige Tage hindurch unſre Wohnung auf⸗ ſchlugen, wo ſich's eben machte, und uns flüchteten, wie ſich's eben machte, während welcher Zeit wir fortwährend einigen jungen Weibern in den Weg kamen, die ſich vor⸗ her ſelten gezeigt hatten, und wo wir in einem weg von einem ſolchen Staube umwirbelt waren, daß ich ſchier ſo oft nieſte, als ob Salem Houſe eine große Schnupf⸗ tabaksdoſe geweſen wäre. David Kopperfield. I. 10 146 David Kopperfield. Eines Tages wurde ich von Mr. Mell benachrichtigt, daß Mr. Creakle dieſen Abend zu Hauſe ſein werde. Am Abend, nach dem Thee, hörte ich, daß er angelangt ſei. Vor dem Schlafengehen wurde ich von dem Manne mit dem Stelzfuße geholt, um vor ihm zu erſcheinen. Der Theil des Hauſes, welchen Mr. Creakle innehatte, war um ein gutes Theil bequemer und wohnlicher, als der unſre, und es ſtieß an denſelben ein nettes Stück Garten, das gegen den ſtaubigen Spielplatz ſehr angenehm abſtach, welcher letztere eine ſolche Wüſte en miniature war, daß ich nicht glauben konnte, jemand anders als ein Kameel oder Dromedar könnte ſich dort heimiſch fühlen. Es ſchien mir, als ich zitternd zu meiner Audienz bei Mr. Creakle ging, ſelbſt die bloße Notiznahme, daß dieſer Theil des Gebäudes wohleingerichtet ſei, eine Vermeſſen⸗ heit; und als ich zu ihm hineingeführt wurde, war ich ſo verblüfft, daß ich kaum Mrs. und Miß Creakle(die beide im Zimmer gegenwärtig waren) und überhaupt nichts ſah, als Mr. Creakle, einen dicken Herrn mit einer bündel⸗ artigen Uhrkette und einigen Petſchaften unter der Weſte, der in einem Armſtuhle vor einem Römer und einer Flaſche ſaß. „So!“ ſagte Mr. Creakle.„Das iſt der junge Herr, dem die Zähne abgefeilt werden ſollen! Dreh’ ihn 1 mal'rum! Der Stelzfuß drehte mich ſo herum, daß mein Zettel gehörig in Ausſicht geſtellt wurde, und nachdem er hin⸗ reichend Zeit gewährt, denſelben zu betrachten, drehte er mich wieder mit dem Geſicht Mr. Creakle zu und poſtirte ſich an deſſen Seite. Mr. Creakle's Geſicht war feuer⸗ roth, und ſeine Augen waren klein und lagen ihm tief im ——rõüů:— David Kopperfield. 147 Kopfe; er hatte ſtark hervortretende Adern auf der Stirn, eine kleine Naſe und ein breites fettes Kinn. Sein Kopf war auf dem Scheitel mit einer Glatze geſchmückt und hatte einiges dünne naß ausſehende Haar, welches eben grau werden wollte, quer über jeden ſeiner Schläfe ge⸗ bürſtet, ſo daß die beiden Seiten ſich über ſeiner Stirn kreuzten. Der Umſtand jedoch, welcher ſich mir am meiſten einprägte, war der, daß er keine Stimme hatte, ſondern in einem heiſern Wiſpern ſprach. Die Mühe, die dies ihm koſtete, oder das Bewußtſein, in dieſer kraft⸗ loſen Weiſe zu ſprechen, machte, als er ſprach, ſein mürri⸗ ſches Geſicht nur noch mürriſcher und ſeine dicken Adern nur noch dicker, ſo daß ich, zurückblickend auf ihn, mich nicht wundere, wie gerade dieſe Eigenthümlichkeit von ihm mich vor allen andern entſetzte. „Nun,“ ſagte Mr. Creakle.„Was iſt über dieſen Jungen zu melden?“ „Bis jetzt nichts Widriges,“ erwiederte der Mann mit dem Stelzfuße.„Er hat noch keine Gelegenheit dazu ge⸗ habt.“ Mir kam's vor, als ob ſich Mr. Creakle hierdurch in ſeiner Erwartung getäuſcht ſähe. Und wieder kam mir's vor, als ob Mrs. und Miß Creakle(auf die ich jetzt zum erſten Male einen Blick warf, und welche beide magere ſchweigſame Perſonen waren) ſich nicht getäuſcht ſähen, und mit der Nachricht nicht unzufrieden wären. „Tritt hierher!“ ſagte Mr. Creakle, indem er mir winkte. „Tritt hierher!“ ſagte der Mann mit dem Stelzfuße, indem er den Wink wiederholte. 10* 148 David Kopperfield. „Ich bin ſo glücklich, Deinen Stiefvater zu kennen,“ wiſperte Mr. Creakle, mich beim Ohre nehmend,„er iſt ein wackrer Mann und von ſehr ſtrengem Charakter. Er kennt mich, und ich kenne ihn. Kennſt Du mich? He?“ ſagte Mr. Creakle, indem er mein Ohr mit grauſamem Scherze zwackte. „Bis jetzt noch nicht,“ ſagte ich, indem ich mich dieſer Quälerei zu entziehen ſuchte. „So? Bis jetzt noch nicht. He?“ wiederholte Mr. Creakle.„Aber Du wirſt bald. He?“ „Du wirſt bald. He?“ wiederholte der Mann mit dem Stelzfuße. Ich fand ſpäterhin, daß er mit ſeiner ſtarken Stimme den Dolmetſcher Mr. Creakle's bei den Knaben machte. Ich war in der höchſten Angſt und ſagte, ich hoffte ſo, wenn er's erlaubte. Ich fühlte dieſe ganze Zeit einen ſolchen Schmerz, als ob mein Ohr im Feuer wäre, ſo derb knipp er es. „Ich will Dir ſagen, was ich bin,“ wiſperte Mr. Creakle, indem er's endlich los ließ, es jedoch zum Ab⸗ ſchiede ſo zauſte, daß mir das Waſſer in die Augen ſtieg. „Ich bin ein Tartar. 5 „Ein Tartar,“ ſagte der Mann mit dem Stelzfuße. „Wenn ich ſage, ich will etwas thun, ſo thue ich's,“ ſagte Mr. Creakle,„und wenn ich ſage, ich will etwas gethan haben, ſo will ich's gethan haben.“ „— will etwas gethan haben, ſo will ich's gethan haben,“ wiederholte der Mann mit dem Stelzfuße. „Ich bin ein entſchiedener Charakter,“ ſagte Mr. Creakle,„das iſts, was ich bin. Ich thue meine Schuldig⸗ David Kopperfield. 149 keit, das iſt's, was ich thue. Mein Fleiſch und Blut,“— er blickte, als er dies ſagte, auf Mrs. Creakle,—„wenn es ſich gegen mich auflehnt, iſt nicht mein Fleiſch und Blut. Ich verleugne es. Iſt jener Kerl,“ ſagte er, zu dem Manne mit dem Stelzfuße gewendet,„wieder hier ge⸗ weſen?“ „Nein,“ war die Antwort. „Nein,“ ſagte Mr. Creakle.„Der verſteht's beſſer. Der kennt mich. Laßt ihn wegbleiben. Ich ſage, laßt ihn wegbleiben,“ kreiſchte Mr. Creakle, indem er mit der Hand auf den Tiſch ſchlug und nach Mrs. Creakle hin⸗ blickte;„denn er kennt mich. Nun haſt auch Du ange⸗ fangen, mich kennen zu lernen, mein junger Freund, und Du magſt jetzt gehen. Führe ihn weg.“ Ich war ſehr froh, hinweggemaßregelt zu werden; denn Mrs. und Miß Creakle wiſchten ſich beide die Augen, und ich bedauerte ſie eben ſo ſehr, als mich ſelbſt. Aber ich hatte eine Bitte auf dem Herzen, welche mich ſo nahe anging, daß ich, obſchon ich mich über meine eigne Cou⸗ rage dabei wunderte, es nicht laſſen konnte, zu ſagen: „Mit Ihrer Erlaubniß, Herr—“ Mr. Creakle wiſperte:„Ha? Was iſt das?“ und richtete ſeine Augen auf mich, als ob er mich damit zu Aſche verbrennen wollte. „Mit Ihrer Erlaubniß, Herr,“ ſtotterte ich,„wenn man mir geſtatten wollte,— ich bin in der That ſehr betrübt, Herr, über das, was ich gethan— wenn man mich dieſen Zettel abnehmen laſſen wollte, ehe die Knaben zurückkommen.“ Ob es nun Mr. Creakle im Ernſte meinte, oder ob er es nur that, mich zu ſchrecken, ich weiß es nicht; aber 150 David Kopperfield. er fuhr aus ſeinem Stuhl in die Höhe; ehe er mich jedoch faſſen konnte, ergriff ich eilig das Haſenpanier, ohne auf die Eskorte des Mannes mit dem Stelzfuße zu warten; und nicht eher ſtand ich ſtill, bis ich mein Schlafzimmer erreicht, wo ich, findend, daß man mich nicht verfolge, zu Bett ging und ein paar Stunden zitternd und bebend lag. Den nächſten Morgen kam Mr. Sharp zurück. Mr. Sharp war der erſte Lehrer und höher geſtellt, als Mr. Mell. Mr. Well nahm ſeine Mahlzeiten mit den Knaben ein, Mr. Sharp aber dinirte und ſoupirte an Mr. Creakle's Tafel. Er war ein ſchwächlicher, zart ausſehender Herr mit einer nicht zu kleinen Naſe, und hatte die Gewohn⸗ heit, den Kopf etwas nach der einen Seite hin zu tragen, als ob er ein wenig zu ſchwer wäre für ihn. Sein Haar war ſehr glatt und ſchön gewellt. Aber ich wurde durch den erſten Knaben, welcher zurückkam, belehrt, daß es eine Perücke ſei(und zwar, wie er ſagte, eine aus zweiter Hand gekaufte), und daß Mr. Sharp jeden Sonnabend Nachmittags ausginge, um es ſich kräuſeln zu laſſen. Es war kein anderer als Tommy Traddles, welcher mir dieſes Stück Belehrung zukommen ließ. Er war der erſte Knabe, welcher zurückkam. Er führte ſich ſelbſt ein bei mir, indem er mich berichtete, wie ich ſeinen Namen in dem Winkel zur rechten Hand der Thüre über dem oberſten Bolzen finden werde, woraufhin ich ſagte: „Traddles?“ auf welche Frage er erwiderte!„leibhaftig derſelbe,“ und dann eine genaue Auskunft über mich ſelbſt und meine Familie ſich erbat. Es war ein Glück für mich, daß gerade Traddles zuerſt zurückkam; er freute ſich ſehr über meinen Zettel und half mir aus der Verlegenheit, mich entweder ſelbſt David Kopperfield. 131 entdecken oder verbergen zu müſſen. Er ſtellte mich näm⸗ lich jedem andern Knaben, groß oder klein, welcher zurück⸗ kam, unmittelbar bei ſeiner Ankunft in dieſer Weiſe der Einführung vor:„Guck her. Das iſtn Spaß!“ Glück⸗ licherweiſe auch kam der größte Theil der Knaben in betrübter Stimmung zurück, und ſie machten ſich gar nicht ſo ſehr auf meine Koſten luſtig, als ich erwartet hatte. 'S iſt wahr, einige von ihnen tanzten um mich herum, wie wilde Indianer, und die größere Hälfte konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, ſich zu ſtellen, als ob ich ein Hund wäre, und mich zu klopfen und zu ſtreicheln, damit ich nicht beißen ſollte, und zu ſagen:„Kuſch' Dich,“ und mich Bello zu nennen. Das war nun allerdings ſtörend vor ſo vielen Fremden und koſtete mich manche Thräne; im Allgemeinen jedoch geſtaltete ſich die Sache viel beſſer, als ich mir ſie vorgeſtellt. Man ſah mich trotzdem nicht als förmlich in die Schule aufgenommen an, bis J. Steerforth angekommen war. Vor dieſen Knaben, welcher den Ruf eines großen Gelehrten hatte, ſehr gutmüthig ausſah und mindeſtens ein halbes Dutzend Jahr älter als ich war, wurde ich wie vor eine Magiſtratsperſon geführt. Er fragte mich unter einem Wetterdache auf dem Spielplatze über die Einzeln⸗ heiten meiner Beſtrafung aus und ſprach ſeine Meinung dahin aus, daß es„eine heitere Schande“ ſei, wofür ich mich ihm für die ganze Folgezeit verbunden fühlte. „Was für Geld haſt Du mitbekommen, Kopperfield?“ ſagte er, mit mir auf die Seite gehend, nachdem er über meine Angelegenheit mit dieſen Worten verfügt. Ich ſagte ihm, ſieben Schilling. „Du würdeſt beſſer thun, ſie meiner Verwaltung zu 152 David Kopperfield. übergeben,“ bemerkte er.„Wenigſtens kannſt Du, wenn Dir's beliebt. Du brauchſt aber nicht, wenn Dir's nicht beliebt.“ Ich beeilte mich, ſeinem freundſchaftlichen Vorſchlage zu entſprechen, und Peggotty's Börſe öffnend, kehrte ich ſie um und leerte ſie in ſeine Hand aus. „Willſt Du nun vielleicht etwas davon verthun?“ fragte er mich. „Nein, danke,“ erwiderte ich. „Du kannſt, wenn Du Luſt haſt. Verſteht ſich,“ ſagte Steerforth.„Sag', was Du haben willſt.“ „Nein, danke,“ wiederholte ich. „Vielleicht hätteſt Du Luſt, ein paar Schilling, oder ſo was, in einer Flaſche Johannisbeerwein zu verthun. Oben im Schlafzimmer?“ ſagte Steerforth.„Du ge⸗ hörſt zu meinem Schlafſaal, wie ich finde.“ Das war mir ſicherlich vorher nicht eingefallen, indeß ſagte ich: Ja, das könnte mir gefallen. „Sehr gut,“ ſagte Steerforth,„und dann wäre es Dir vielleicht gefällig, noch einen Schilling oder ſo was auf Mandelkuchen zu verwenden, wie ich mir vorzuſchla⸗ gen erlaube.“ 5 Ich ſagte ja, das könnte mir ebenfalls gefallen. „Und noch einen Schilling etwa für Biscuits und einen andern für Obſt. He?“ ſagte Steerforth.„Ich ſage, kleiner Kopperfield, Du wirſt damit reichen.“ Ich lächelte, weil er lächelte, aber ich war zugleich ein wenig betreten. „Gut denn,“ ſagte Steerforth.„Wir müſſen machen, daß es reicht, ſo weit wir können; das iſt Alles. Ich David Kopperfield. 153 will für Dich thun, was in meinen Kräften ſteht. Ich kann ausgehen, wenn ich Luſt habe, und den Bettel her⸗ einſchmuggeln.“ Mit dieſen Worten verſenkte er das Geld in ſeine Taſche und rieth mir freundlich, mir keine Sorge zu machen; er würde bemüht ſein, daß Alles in Richtigkeit wäre. Er war ſo gut, wie er redete, wenn nämlich Alles ſo in Richtigkeit war, wie mir eine geheime Mißbilligung meines Gewiſſens ſagte, daß es beinahe Alles unrecht ſei; denn ich fürchtete, es ſei eine Verſchwendung der zwei halben Kronen meiner Nutter, obſchon ich das Stück Papier, in das ſie gewickelt waren, aufgehoben hatte, was fürwahr eine koſtbare Erſparung war. Als wir die Treppe hinauf zu Bett gingen, brachte er den ganzen Ertrag der ſteben Schillinge hervor, breitete es auf mein Bett im Mondlichte aus und ſagte:„Da biſt Du, kleiner Kopperfield, und eine wahrhaft königliche Tafel haſt Du gedeckt für Dich.“ Ich konnte nicht daran denken, die Honneurs des Feſtes zu machen, während er, der Aeltere, dabei war. Meine Hand zitterte bei dem bloßen Gedanken daran. Ich bat ihn, mir die Ehre zu erweiſen, den Vorſitz zu führen, und da mein Verlangen von den andern Kna⸗ ben, welche in dieſem Saale lagen, unterſtützt wurde, ſo gewährte er es und ſetzte ſich auf mein Kopfkiſſen, die Speiſen herumzureichen— was er, wie ich bekennen muß, mit vollkommener Gewandtheit that— und den Johannisbeerwein in einem kleinen Glaſe ohne Fuß zu vertheilen, welches ihm eigenthümlich zugehörte. Was mich betrifft, ſo ſaß ich zu ſeiner Linken, und die Uebrigen waren um uns auf den nächſten Betten und auf der Diele gruppirt. 154 David Kopperfield. Wie gut erinnere ich mich daran, wie wir dort ſaßen und uns flüſternd unterhielten, oder vielmehr, richtiger zu ſprechen, wie ſie ſich unterhielten und ich ehrfurchtsvoll ihren Worten lauſchte. Das Mondlicht fiel ein kleines Stück durch das Fenſter in den Saal und malte ein grau⸗ ſchattiges Fenſter auf die Diele. Der größere Theil von uns ſaß im Schatten, ausgenommen, wenn Steerforth, ſo oft er nach etwas auf unſerer Tafel ſehen wollte, ein Schwefelhölzchen in's Phosphorusfläſchchen tippte und einen blauen Schein über uns verbreitete, welcher augen⸗ blicklich wieder verſchwand. Ein gewiſſes unheimliches Gefühl, eine Folge der Finſterniß, der Heimlichkeit unſeres Gelages und des flüſternden Tones, in welchem Alles ge⸗ ſprochen wurde, überkommt mich aufs Neue, wenn ich daran denke, und ich lauſche auf Alles, was ſie mir er⸗ zählen, mit einem halb feierlichen, halb furchtſamen Ge⸗ fühle, bei welchem ich froh bin, daß ſie Alle ſo nahe ſind, und mich(obwohl ich mich ſtelle, als lachte ich) abängſtige, wenn Traddles thut, als ob er einen Geiſt in der Ecke ſähe.. Ich hörte allerhand Dinge über die Schule und alle Perſönlichkeiten, die zu ihr gehörten. Ich erfuhr, daß Mr. Creakle nicht ohne Grund Anſpruch auf den Namen eines Tartaren gemacht; daß er der ſtrengſte und härteſte aller Schulmeiſter; daß er ſein Lebelang rechts und links um ſich geſchlagen und unter die Jungen drein hinein gefahren, wie ein Dragoner, und ſie unbarmherzig zu⸗ ſammengefuchtelt habe. Daß er ferner für ſeine Perſon nichts verſtände, als die Fuchtelkunſt, indem er(dies ſagte Steerforth) dümmer wäre, als der unterſte Knabe in der Schule; daß er vor einer hübſchen Reihe Jahren ein unbe⸗ deutender Tanzmeiſter im Marktflecken geweſen und das David Kopperfield. 1355 Schulmeiſtergeſchäft ergriffen, nachdem es mit der Tanz⸗ meiſterei ein Ende genommen, undeer ſich mit Mrs. Creakle's Geld davon gemacht gehabt— außerdem noch ein gutes Theil Scandal von dieſer Sorte, worüber ich mich wun⸗ derte, daß ſte's wußten. Ich erfuhr, daß der Mann mit dem Stelzfuße, deſſen Name Tungay war, ein dickköpfiger Barbar ſei, welcher früher bei der Tanzmeiſterei geholfen, aber mit Mr. Creakle in den Gelehrtenſtand getreten ſei, weil er, wie man unter den Knaben vermuthete, in deſſen Dienſten ſein Bein gebrochen, außerdem aber, weil er Schlechtigkeiten für ihn verübt habe und ſeine geheimen Angelegenheiten kenne. Ich hörte, daß, mit einziger Ausnahme von Mr. Creakle, Tungay die ganze Anſtalt, Lehrer wie Schüler, als ſeine natürlichen Feinde betrachte, und daß die einzige Freude ſeines Lebens darin beſtände, ſauertöpfiſch und boshaft zu ſein. Ich hörte, daß Mr. Creakle einen Sohn hätte, welcher dieſem Tungay nicht grün geweſen ſei, und welcher, ſeinem Vater in der Schule beiſtehend, demſelben einſt bei einer Gelegenheit, wo er ſeine Disciplin zu grauſam gehandhabt, Vorſtellungen gemacht und außerdem ver⸗ muthlich gegen die ſchlechte Behandlung ſeiner Mutter Proteſt eingelegt habe. Ich hörte, daß Mr. Creakle ihn in Folge deſſen aus der Thür geworfen habe, und daß Mrs. und Miß Creakle ſeitdem fortwährend ſchwermüthig ſeien. Aber das größte Wunder, welches ich von Mr. Creakle hörte, war, daß in der Schule ein Knabe, an welchen er ſich noch niemals Hand zu legen getraut habe, und daß dieſer Knabe J. Steerforth ſei. Steerforth ſelbſt beſtätigte dies, als es vorgebracht wurde, und ſagte, es ſollte ihm 156 David Kopperfield. Spaß machen, wegzukriegen, wie Creakle dieſe Abſicht habe. Als er von einem ſanften Knaben(nicht mir) gefragt wurde, wie er verfahren würde, wenn er merkte, daß jener wirklich die Abſicht habe, ſo tippte er ein Schwefelhölzchen in ſein Phosphorusfläſchchen, um das gehörige Licht über ſeine Antwort zu verbreiten, und ſagte, er würde damit beginnen, daß er ihn durch einen Hieb vor die Stirn mit der Sieben⸗ und Sechspfennig⸗Tintenflaſche zu Boden ſtrecke, welche ſich immer auf dem Kaminſims befand. Athemlos ſaßen wir einige Zeit im Dunkeln. Ich hörte, daß Mr. Sharp und Mr. Mell beide ver⸗ muthlich entſetzlich ſchlecht beſoldet würden, und daß, wenn es auf Mr. Creakle's Mittagstiſch warmes und kaltes Fleiſch gäbe, man von Mr. Sharp ſtets erwarte, daß er das kalte vorzöge, welches wiederum durch J. Steerforth, dem einzigen, der an dem Tiſche des Vorſtehers aß, bbe⸗ kräftigt wurde. Ich hörte, daß Mr. Sharps Perücke ihm nicht paßte, und daß er gar nicht nöthig hätte, ſo, groß⸗ brodig“— ein Anderer ſagte„großſchnauzig“— damit zu thun, da ſein eigenes rothes Haar gar zu deutlich hinten zu ſehen ſei. Ich hörte, daß ein Knabe, welcher eines Kohlen⸗ händlers Sohn ſei, als Gegenrechnung für die unbezahlte Kohlenrechnung in die Schule käme und deswegen„Wech⸗ ſel“ oder„Tauſch“ genannt werde— ein Name, der aus dem Rechenbuche entnommen warunddieſe geſchäftliche Aus⸗ gleichung ſehr wohl ausdrückte. Ich hörte, daß das Tiſchbier ein Raub an den Aeltern, und der Pudding ein Betrug wäre. Ich hörte, daß Miß Creakle von der ganzen Schule als in Steerforth verliebt betrachtet werde, und gewiß, als ich ſo im Dunkeln ſaß und an ſeine hübſche Stimme, David Kopperfield. 157 ſein niedliches Geſicht, ſein gefälliges Weſen und ſein gelocktes Haar dachte, hielt ich dies für ſehr wahrſcheinlich. Ich hörte, daß Mr. Mell kein übler Menſch wäre, aber üͤber keinen Pfennig Geld zu verfügen hätte, und daß die alte Mrs. Mell, ſeine Mutter, ſo arm wie Hiob wäre. Ich dachte dabei an mein Frühſtück bei ihr und an das, was wie mein„Karlchen“ geklungen hatte, aber ich war, wie ich mich zu meiner Freude erinnere, ſo ſtumm wie eine Maus darüber. Das Anhören von allen dieſen Dingen und noch einer guten Menge anderer überdauerte unſer Bankett noch einige Zeit. Der größere Theil der Gäſte jedoch war zu Bett gegangen, ſobald das Eſſen und Trinken vorüber, und wir, die wir flüſternd und zuhorchend halb ausgekleidet zurückgeblieben waren, begaben uns zuletzt ebenfalls zu Bett.. „Gute Nacht, kleiner Kopperfield,“ ſagte Steerforth, „ich werde Sorge für Dich tragen.“ „O, Du biſt ſehr freundlich,“ entgegnete ich dankbar. „Ich bin Dir ſehr verbunden.“ „Nicht wahr, Du haſt wohl keine Schweſter?“ „Nein,“ antwortete ich. „Das iſt ſchade,“ ſagte Steerforth,„hätteſt Du eine gehabt, ſo würde ſie meiner Meinung nach ein hübſches, ſchüchternes, kleines, helläugiges Ding von einem Mädchen geweſen ſein. Es würde mir Spaß gemacht haben, ſie kennen zu lernen. Gute Nacht, kleiner Kopperfield.“ „Gute Nacht,“ ſagte ich. Ich dachte noch vielerlei über ihn nach, als ich zu Bett gegangen, und richtete mich auf, wie ich mich ent⸗ ſinne, um nach ihm zu ſehen, wo er läge im Mondlicht, 138 Dapvid Kopperfield. ſein niedliches Geſicht nach oben gewendet und ſeinen Kopf leicht auf dem Arme ruhend. Er war in meinen Augen eine Perſon von großer Macht; das war natürlich die Urſache, weshalb ſich mein Gemüth ſo viel mit ihm beſchäftigte. Keine verſchleierte Zukunft warf ihre düſtern Augen auf ihn in den Mondſtrahlen, und kein Schatten⸗ bild ſtand auf ſeinem Pfade in dem Garten, den ich die ganze Nacht im Traume durchwandelte. Ende des erſten Theils. ———— “ 4 “ 8