N X ——— ugnr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cantion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnament. beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: 3 „ Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— 5— 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 59 Pf. 2 Mk.— Pf. 4 4 1— 1— 71 71— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. kus beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 3 0* 2 Die Milchbrüder. 7 Roman von Frau Emilie Flygare⸗Carlén. — Aus dem Schwediſchen von K. Stein. ¹ Vierter bis letzter Theil. 4 — 3-OOee Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1844. . 4 1 0 1— ₰ 8 1 „ 4— 1 X 4 4 . 7 3 “ . 1 / 1 —.. A. 4 8—* 8 1 6 1 Erſtes Kapitel. Weißt Du noch, wie ich meine Hand auf Deinen Arm legte und zu Dir ſaate: Dein Leben iſt in meiner Gewalt? Die Verachtung, welche Du gegen meine Drobung, gegen mich ſelbſt gezeigt haſt——— laſſen mich Dich als einen Auser⸗ wählten anſehen.——— Wir werden einander niemals hindernd in den Weg treten. Bulwer. Als ſich Gotthard am folgenden Morgen zum Früh⸗ ſtück ankleidete, trat der Amtmann zu ihm in das Zim⸗ Ver Er hielt einen ſchwarz geſiegelten Brief in der and. „Alſo doch!“ rief Gotthard aus und erblaßte;— „iſt der brave Mann heimgegangen? Er war ein edler, trefflicher Bürger; mancher Seufzer aus dankbarem Her⸗ zen, deſſen Stütze er in der Noth geweſen, wird ſeinem Andenken geweiht werden! Geben Sie mir den Brief, Oheim.“ Er war von Gotthards Bater und enthielt auſſer der Trauerpoſt das verlangte von Hermann unterzeichnete Dokument. Zugleich lag eine Vollmacht für den Nota⸗ rius Bundler bei, vermöge welcher dieſer, von Fuſelberg alle auf den Streit über Wallby bezüglichen Akten in Em⸗ fang zu nehmen habe, indem durch den Tod des bisherigen Gläubigers die Sache eine andere Wendung genommen hätte. Von Hermanns Hand waren nur die wenigen Zeilen: „Beſter Bruder! In dem Zuſtande, worin ich mich jetzt befinde, kann ich Dir nichts weiter ſagen, als daß ich Dir für das Vertrauen, welches Du ſowohl in meinen entſchlafenen Vater als auch in meine Ehre geſetzt haſt, von Herzen dankbar bin. Die Beſtäͤtigung davon findeſt Du in der Anulage. Verſichre den Baron Silberſparre meiner Achtung und Theilnahme. Von unſrer Seite kann er ganz ruhig ſein; und weit entfernt, daß er uns dafür verbunden ſein ſoll, iſt es im Gegentheil ein Vortheil für uns, wenn das Geld auf ſeinem Gute ſtehen bleiben kann. Sobald die Trauer⸗ anſtalten überſtanden find, ſollſt Du mehr hören von Deinem Hermann.“ An demſelben Abende ritt Gotthard hinüber nach Hochhaus, dem Beſitzthum des Diſtrikserekutors Fuſelberg, und präſentirte dem Eigenthümer mit einem feinen Lächeln, welches nicht ganz frei von heimlichem Triumphe war, das von M.... erhaltene Dokument, ohne übrigens mit einem Worte deſſen Inhalt zu verrathen. „Was ſteht zu Befehl, mein verehrteſter Herr? Darf ich bitten, Platz zu nehmen.“ Der Diſtriktserxekutor ſuchte in ſeinen ungeheuren Taſchen nach der Brille, fand ſie endlich, zog ſie aus dem Futteral und ſetzte ſie mit vieler Gravität auf die Naſe, welche ſich während des Leſens auf erſtaunenswerthe Weiſe verlängerte. „Ich weiß nicht, ich begreife nicht, mein Herr, was dieß für Narrenſtreiche find,“ ſtotterte der Diſtriktsereku⸗ tor, blutroth im Geſichte und zitternd vor Aerger. „Zuerſt ſchreibt man und überträgt mir die Sache, dann — und dann.“ „Schreibt man und verlangt die Akten zurück. Nichts kann einfacher ſein. Der Gläubiger oder ſeine Erben haben gefunden, daß ihr Sachwalter die Ange⸗ legenheit viel eifriger betrieb, als zu ihrem Vortheile nöthig war. Mir ſcheint überhaupt dieſer Prozeß mit ſo vielen Unannehnlichkeiten verbunden zu ſein,— die Lage der Familie Silberſparre iſt Ihnen ja ſelbſt bekannt — daß ich Ihnen einen Dienſt damit zu erweiſen glaubte, Herr Diſtriktserekutor, wenn ich Sie aller weiteren Schritte darin überhebe.“ „Sehr dankbar für Ihre Bemühung, Herr Nota⸗ rius,“ entgegnete Fuſelberg mit ſchlecht verhehltem Aerger; — 3.— 7 „Sie werden mir aber doch zugeſtehen, daß Ihre Gefäl⸗ ligkeit einen andern Beweggrund hat, als nur das Inte⸗ reſſe der allgemeinen Rechtsliebe. Sie erlauben mir, Ihnen ferner zu bemerken, mein Herr, daß junge Juriſten, welche auf derartigen Schleichwegen gehen, um einen ehr⸗ lichen Mann in der Verfolgung ſeiner gerechten Sache zu hindern, ſelten taugliche oder geachtete Richter werden, wenn ſie überhaupt je zu einem ſolchen Poſten gelangen: denn dergleichen Geſchichten bleiben nicht verſchwiegen, ſondern breiten ſich zum Erſtaunen ſchnell aus und ſind nicht geeignet, weder bei dem Hofgerichte, noch bei den Leuten, welche gern deren Dienſte als Rechtsanwälte in Anſpruch nehmen möchten, zu recommandiren.“ „Still, Großſprecher!“ donnerte Gotthard ihm auf⸗ gebracht entgegen,„ſchämen Sie ſich, wenn Sie noch können, die offene Handlung eines ehrlichen Mannes mit dem Namen von Schleichwegen zu bezeichnen. Ihr eigenes Benehmen in dieſer Sache, mein Herr, fließt aus dieſer unlautern, verächtlichen Quelle, und ich habe Ihre Pläne durchkreuzt, damit Sie nicht, um eine Privatrache zu be⸗ friedigen, den ehrlichen Namen eines Biedermannes ferner beſudeln können. Jetzt kein Wort weiter; liefern Sie mir die Akten aus.“ „Zum Henker auch! glauben Sie denn, daß ich da nur ſo ſtehenden Fußes aufwarten werde? Erſt muß ich meine Defervitenrechnung machen. Wiſſen Sie nicht ein⸗ mal ſo viel von der Juriſterei, daß Ihnen unbekannt iſt, wie man keinen Prozeß für Nichts und wieder Nichts führt? Ich brauche Zeit; das läßt ſich nicht ſo über das Knie abbrechen; auſſerdem habe ich auch nicht alle Akten bei der Hand, das werden Sie wohl begreifen.“ „Geben Sie was Sie haben; was noch auf der Regiſtratur liegt, werde ich ſchon ſelbſt ſuchen und finden. „Schreiben Sie Ihre Rechnung heraus. Der Prozeß dauert noch nicht ſo lang, daß ſie groß und weitläufig ſein könnte. Ich warte gerne ſo lange.“ Als Fuſelberg ſah, daß der junge Notar durchaus nicht im Sinne hatte, mit ſich ſpaſſen zu laſſen, ſo mußte er ſich endlich der ſchmerzlichen Nothwendigkeit fügen und die Akten herausgeben. Die im höchſten Grade unbillige Rechnung bezahlte Gotthard ohne ein Wort zu ſagen, ſteckte die Dokumente in die Bruſttaſche, ſchwang ſich in den Sattel und ritt heim. m Morgen nach dieſem Vorfall, welcher dem rach⸗ gierigen Fuſelberg einen ſo häßlichen Strich durch ſeinen guteingefädelten Plan gemacht hatte, ſetzte ſich dieſer mit wieder aufgeklärtem Geſicht in ſeine grüne Chaiſe und ließ das ſtarke Roß auf dem Wege, welcher zu einem zwei Meilen von Hochhaus entfernten Bauernhofe führte, luſtig dahin traben. Bei ſeiner Ankunft wurde er am Gitterthore von dem Eigner mit einem tiefen Bückling empfangen; dieſer konnte, demüthig die Mütze in der Hand, nicht genug die Ehre preiſen, welche ihm durch den Beſuch des Herrn Diſtriktserekutors wiederfuhr. „Dank, dank, Vater Lars,“ erwiederte Fuſelberg mit vornehmer Herablaſſung.„Sorgt für das Pferd; ich will eine Stunde anhalten, damlt es ein wenig ausſchnau⸗ fen kann.“ Der Bauer entfernte ſich, um dem Befehl nachzu⸗ kommen, und kehrte dann bald wieder ſchmunzelnd in die Stube zurück, um des Herrn Commiſſärs Gnaden in Un⸗ terthänigkeit die Hand zu reichen und ihm zugleich einen vortrefflichen Schnaps anzubieten,„Kümmel oder Pome⸗ ranzen,“ wie die Hausmutter hinzuſetzte. „Ja, der Branntwein iſt in der That köſtlich,“ ſagte der Diſtriktserekutor, nachdem er nur einen ganz kleinen Schluck unter ſchrecklichen Grimaſſen zu ſich genommen hatte. Ohne Zweifel wird Mutter Grete ihn zur Hoch⸗ zeit angeſetzt haben. Nicht wahr, Eure älteſte Tochter Entzückt über eine ſo ſeltene Gnade und Güte breiteten ſich nun Vater Lars und ſeine Hausehre ſowohl über den Branntwein, als auch über die Verdienſte ihrer Tochter A8&ᷣ 2ͤ1 d. und des künftigen Eidams auß. Fuſelberg ließ ſie reden ſo weit er ſie haben wollte, dann fiel er ein: „Na, das freut mich zu hören. Ich halte Etwas auf arbeitſame und ehrliche Leute. Auch wird Liſe, wie ich denke, keine ſchlechte Mitgift bekommen.“ „Ach, die wird nicht groß ausfallen,“ verſetzte Lars. „Des Herrn Diſtriktserekutors Gnaden wiſſen ja, daß das Erbtheil, welches dem Mädchen von meiner erſten Frau zukommt, auf Wallby ſteht, und man Gott danken muß, wenn man nur die Zinſen von ſeinem Kapital gehörig bekommt. Sven, mein zukünftiger Schwiegerſohn, hat im Frühjahr mit dem Baron davon geredet; aber da war Nichts zu holen, auch haben wir bisher keinen Pfennig geſehen; es iſt gerade ſo gut als ob unſer Geld in der Erde läge. Wenn das Gut ein Mal verkauft wird, fallen wir am Ende gar auch noch durch.“ „Das iſt nicht unwahrſcheinlich,“ meinte Fuſelberg und zuckte bedauernd die Achſeln.„Es haben ſo viele Leute daran zu fordern, daß wenn man den Hof auch ver⸗ kauft, kaum die Häͤlfte der darauf haftenden Schulden erlöst wird. Ihr habt auch wohl gehört, Vater Lars, daß ich für ein Handelshaus in M... eine Klage gegen Wallby angeſtellt habe. Wenn dieſe durchgeht, ſo koͤnnen die Andern ſehen, wie und wo ſie zu Etwas kommen.“ „Herr Jeſus, was iſt da zu machen!“ rief Lars höchſt betroffen aus.„Meinen Sie denn nicht, Herr Diſtrikts⸗ exekutor, daß es Etwas helfen könnte, wenn man die Sache zum nächſten Herbſtgerichte anhängig machte?“ „Ja, bis zum nächſten Herbſtgerichte, mein ehrlicher Vater Lars,— da iſt der Prozeß aus. Das heißt, bis dahin iſt Alles ausgepfändet. Die Zeiten ſind ſchlecht un es koſtet Mühe, wenn man mit Ehren durchkommen will. „Ja, das iſt leider wahr, wir haben zu waten und zu ſchwimmen mein Schwiegerſohn und ich; meinen denn aber Euer Gnaden nicht, daß ſich vielleicht noch Etwas herausſinden ließe. Gott wird es Ihnen lohnen, befinnen 10 Sie ſich; denn mir iſt der Schrecken ſo in alle Glleder geſchlagen, daß mir der Kopf tanzt. Die arme Liſe— die wird am Ende keinen Pfennig kriegen!“ Fuſelberg legte mit höchſt wichtiger Miene den Zeigfinger an die Naſe und blieb eine Weile, anſcheinend in tiefen Gedanken, verſunken. Dann ſagte er, gleich⸗ ſam gerührt:„Es thut mir um das Mädchen und um Syen in der That leid, denn er iſt ein braver Burſche und hätte wohl ein Weib verdient, das ihm auch Etwas zuhrächte. Aber, lieber Gott, es ſieht ſchlimm aus. Ich weiß nur allenfalls eine Möglichkeit, und dieß iſt auch gewaltig unſicher.“ „Was für eine, gnädigſter Herr Diſtriktserekutor?“ „Wenn Euch Jemand Eure Forderung abkaufte.“ „Ach, da wird in Ewigkeit Nichts daraus; wer wird denn ſein Geld hinauswerfen wollen?— Nein, Du lieber Himmel, ſo dumm iſt Keiner!“ „Freilich wird ſich Niemand zu dem vollen Betrag der Summe verſtehen, welche ſo unſichtbar ſteht; allein bei einem gewiſſen Nachlaſſe wäre vielleicht doch Etwas zu machen.“ „Ach, da könnten wir noch Gott danken,“ meinte dan,„wenn man nur wüßte, an wen man ſich wenden ollte. „Gebt ein Mal die Verſchreibung her, daß ich ſie ſehen kann.“ 4 Lars zog ein eiſenbeſchlagenes Kiſtchen unter der Bettſtelle hervor und öffnete es vorſichtig. Zwiſchen allerlei Gerichtspapieren, Citationen, Steuerzetteln, Quit⸗ tungen, Pferdepulver, Nägeln, Blättertabak, einer Blech⸗ flaſche, einer alten Feder und einem paar alter, ver⸗ rauchten Pappſchachteln, neben einer ledernen Brieſtaſche mit einigen Bankozetteln, lagen in graues Papier einge⸗ ſchlagen, zu unterſt auf dem Boden, die Dokumente, welche auf Wallby Bezug hatten. Vater Lars blies den Staub davon weg, und reichte ſie Fuſelberg. Nachdem dieſer eine Weile darin geblättert hatte, — 11 wobei ein anderer Beobachter als Lars, in ſeinen Augen den höchſten Grad hämiſcher Schadenffreude entdeckt haben würde, ſagte er endlich:„Ja, es ſteht ſchlimm,'s iſt eite verdammte Geſchichte, daß Ihr da ſo ganz leer ausgehen ſollt. Das Schlimmſte dabei iſt, daß die arme Liſe keine Mitgift bekommt, und wenn ich nur ſicher wäre, nicht Alles dabei zu verlieren, könnte ich mich ſchon ent⸗ ſchließen, Euch, aus alter Freundſchaft, die Forderung abzunehmen.“ „Gott lohne Ihnen dieſes Wort, gnädigſter Hert Diſtriktgerekutor! Wer ſich auf ſolche Sachen verſteht, weiß, wie man es anpacken muß; aber was kann rin armer Bauer anfangen, wenn man mit vornehmen Leuten proceſſirt, kommt unſer eins immer zu kurz da⸗ bei; man muß noch obendrein die Koſten bezahlen, und hat am Ende doch keinen Pfifferling gewonnen!“ „Allerdings, allerdings, Vater Lars. Ihr ſeht die Sache von der richtigen Seite an; um Euch einen Dienſt zu erweiſen, will ich, wie geſagt, die Forderung an mich kaufen. Aber mehr als zwei Drittheile gebe ich nicht dafür, ein Drittheil müßt Ihr nachlaſſen, denn es kann ja leicht der Fall eintreten, daß ich Alles verliere. Seyd Ihr dieß zufrieden, ſo gebt Dinte, Feder und Papier, dann ſollt Ihr eine Verſchreihung haben, welche ich an Liſens Hochzeittag baar einlöſe.“ Lars ließ ſich dieß nicht, zwei Mal ſagen; als er das Papier mit der gewichtigen Unterſchrift des Kron⸗ lehnsmanns und königlichen Diſtriktsexekutors nebſt bei⸗ gefügtem Sigill in die Hand bekam, verbeugte er ſich in tiefſter Unterthänigkeit. Der Bauer konnte keine Worte finden, um ſeine Dankbarkeit auszudrücken und weinte faſt vor Freude, daß er ſo unvermuthet und auf ſo über⸗ aus glücklichs Weiſe zu dem größten Theile ſeines Gel⸗ des kam.—„Wer hätte glauben ſollen, daß der Herr Diſtriktserekutor, ein ſo großer, vornehmer Herr, ſich mit einem armen Schlucker, wie ich einer bin, ſo gemein und nieberträchtig machen würde!“ 12 Fuſelberg ſchnitt alle welteren Ergüſſe der Erkennt⸗ lichkeit ſeines Untergebenen ab und verlangte blos als Beweis ſeiner Dankbarkeit, daß er reinen Mund halten ſolle.„Denn wenn ich höre, daß Ihr nur das Mindeſte aus der Schule geſchwatzt habt,“ ſchloß der Diſtrikts⸗ erekutor ſeine Anrede, wobei er aufſtand und die Papiere in die Taſche ſteckte,„ſo erinnert Euch, daß Der, wel⸗ chem Ihr jetzt dieſen Liebesdienſt zu danken habt, Euch auch ein Mal ein Bein ſtellen kann. Ihr kennt mich hoffentlich und wißt, daß nicht mit mir zu ſpaſſen iſt, wenn man mich in Harniſch gebracht hat.“ „n tieſſter Unterwürfigkeit und faſt zitternd vor em düſtern Blick aus den Augen des Beamten, be⸗ theuerte Lars, daß, ehe der gnädige Herr nicht ſelbſt Etwas davon bekannt mache, über ſeine Lippen kein Büchſtabe kommen ſollte, und lief dann hinaus, um einzuſpannen; als das Gefährt des Gefürchteten ſchon lange verſchwunden war und man nur noch das Geraſſel des Wagens in der Ferne vernahm, ſtand der Bauer noch da, und es war ihm faſt, als wie ein Traum, daß der gnädige Herr Diſtriktsexekutor ſein geringes Haus beehrt und Glück und Segen über ſeine Schwelle gebracht habe.“ Inzwiſchen ließ Fuſelberg ſein Pferd langſam der Heimath zuſchlendern. Er ſelbſt ſaß bequem zurückge⸗ lehnt und um ſeine dünnen Lippen ſpielte ein boshaftes 1 Lächeln.— „Jetzt, meine Herrſchaften murmelte er zwiſchen den Zähnen,—„wollen wir einmal ſehen, ob Fuſelberg ſich auf der Naſe tanzen läßt, oder ob man ihm ein X für ein U machen und eine Sache aus der Hand ſpielen kann, die er, ſo lange es ihm beliebt, feſtzuhalten ſich vorgeſetzt hat. Ha, das wird einen Rumor geben! ein prächtiges Spektakel! Schon allein der Gedanke an den Spaß, der Vorſchmack davon iſt mir ſchon hinreichender Erſatz für die Schmach von geſtern. Das hochmuthige „ —1“ ——————— „ 2 n 8 5 1 * f 13 Pack ſoll ſammt und ſonders erfahren, was es heißt, den Löwen zu reizen.“ Ruhig und zufrieden mit ſich ſelbſt, ohne die ge ringſte Ahnung von den finſteren Plänen, die Fuſelberg ſchmiedete, legte ſich Gotthard nach ſeiner Heimkehr zu Bette. Die ganze Nacht träumte er von der angeneh⸗ men Ueberraſchung, welche er Karl bereiten würde, wenn er ihm die gefährlichen Papiere einhändigte, die in dem Beſitze des Diſtriktserekutors eine ſo ſcharfe Waſſe gegen die Ruhe ſeiner Familie waren„ und welche nun, voll⸗ fländig unſchädlich, Nichts als Freude mit ſich brachten, Sobald es am andern Morgen der Anſtand erlaubte, der Baronin Silberſparre einen Beſuch zu machen, kleidete ſich Gotthard höchſt ſorgfältig an, ſteckte die ſchätzbaren Dokumente in die Taſche und ging in den Hof hinab, um nachzuſehen, ob ſein Pferd geſattelt ſel. Unterwegs nach dem Stalle, auf dem großen, mit Bäu⸗ men umgebenen Platze, begegnete ihm Hortenſe, welche eben aus dem Garten kam. Sie trug ein niedliches Wieedenkörbchen, voll ausgeſucht ſchöner Blumen in der Hand. „Guten Morgen, mein Fräulein,“ ſagte Gotthard und grüßte das reizende Mädchen mit einer leichten, anmuthigen Verbeugung.„Ich habe nicht das Glück gehabt, bei dem Fruͤhſtuͤcke auch nur einen Schatten von Ihnen zu ſehen.“ „Ich hatte glücklicherweiſe Nichts im Saale zu be⸗ ſorgen.“ „Glücklicherweiſe!“ wiederholte Gotthard;„iſt es denn eine ſo große Plage fuͤr Sie, Ihrem Vater die kleinen Aufmerkſamkelten zu erweiſen, welche er ſo gern von Ihnen annimmt?“ „Nein, gewiß nicht; wäre mein Vater allein ge⸗ weſen, ſo... Allein, da ja mehrere Herrn im Hauſe ſind, kann man es mir um ſo eher zu gut halten, daß ich mich erſt um Mittag ſehen laſſe, wo die Mutter auch zugegen iſt.“ Dieß ſagte Hortenſe mit einem Ton, 9 14 der ganz deutlich zeigte, wie ſehr ſie Luſt zu abermaliger Neckeret mit Gotthard hatte:— eine Folge ſeiner geſtri⸗ gen Spitzſindigkeiten, wegen der Macht der Frauen. Obgleich ſie uͤbrigens auf das anmuthsvollſte dazu lächelte, verſehlte ſie doch ihren Zweck; der junge Notarius war aallzu ernſthaft geſtimmt„ um darauf einzugehen, und aantwortete: Allgemeinen liebe ich das Frühſtücken nicht eind will auch in Zukunft die Gewohnheit gänzlich ab⸗ Iegen, da die einzige eigentliche Anziehungskraft, welche mich dazu führte, die muntere, liebenswürdige Hortenſe, mir ſo ungern ein freundliches Wort ſchenkt.“ Der ruhige und ernſte Ton, welcher in Gotthards Stimme lag, benahm Hortenſe alle weitere Luſt zum Sppoott, und durch einen der ſchnellen Uebergänge, welche bei jungen, unſchuldigen weiblichen Geſchöpfen häufig und merklich vorkommen, ſo lange ſie noch nicht durch Erfahrung und Kunſt ihre Gefühle unter einer ange⸗ nommenen Maske zu verbergen gelernt haben, rief ſie aus:„O Bundler! wenn ich Ihnen wehe gethan habe verzeihen Sie mir. Es war nicht meine Abſicht.“— Dabei ſah ſie ihm ſo gutmüthig und herzlich in die Augen, daß es Gotthard ganz warm umss Herz wurde. Völlig gegen ſeinen Willen ſtrahlte dieſe innerliche Glut wie aus einem Reflexionsſpiegel auf ſein Geſicht zurück und verrieth ſich, trotz ſeiner männlichen, dunkeln Geſichts⸗ farbe, durch leichte Färbung, wie bei den Wolken am abendlichen Himmel. „Ich habe gar Nichts zu verzeihen, beſte Hortenſe,“ antwortete er ausdrucksvoll,„bin Ihnen dagegen un⸗ endlich viel Dank ſchuldig. Sie haben mir ſo eben eine nicht minder edle als liebenswürdige Seite Ihres Ge⸗ müthes gezeigt, und „Wollen von nun an wieder zum Frühſtück kommen;“ unterbrach ihn Hortenſe lächelnd und zerpflückte ein Roſenblatt. Ja, wenn. 15 aliger„Sle wollen wohl ausreiten, Herr Notarius? Ich geſtri⸗ ſehe dort den Stallknecht mit Ihrem Pferde. Ohne auen. Zweifel nach Wallby?⸗ helte,„Ja, ich habe im Sinne„heute meine erſte Viſite war dort zu machen.“ und„Sie werden hoch willkommen ſein; ich weiß auch vom Papa, wie ſehr Sie es verdienen. Grüßen Sie die nicht jungen Damen und kommen Sie bald und gut wieder ab⸗ nach Hauſe.“ eelche Mit einem leichten Kopfnicken nahm ſie Abſchied enſe, und ging weiter. Gotthard folgte ihr ein paar Schritte. „Hortenſe!“ Seine Stimme hatte dabei eine gewiſſe, ards fruͤher nie gezeigte Weichheit.— zum Sie drehte ſich ſchnell um.„Haben Sie Etwas elche geſagt?“—. ufig„Ja; ein dreiſter Wunſch iſt in mir aufgeſtlegen! urch werden Sie mir nicht zürnen, wenn ich ihn ausſpreche?2 nge⸗„Wie kann ich dieß im Voraus wiſſen?“ fragte da⸗ f ſie gegen Hortenſe in ihrem alten, ſchelmiſchen Ton. habe„Wollen Sie mir nicht einen Augenblick ſitzen? — Ich möchte Sie gern zeichnen, am liebſten ſo, wie Sie die jetzt vor mir ſtehen. Ach, warten Sie, warten Sie! rde. Bleiben Sie ſo ſtehen, in dieſer Stellung.“ Blut Gotthard zog haſtig ſeine Schreibtafel hervor, rieß rück ein Blatt heraus, ergriff die Bleifeder, ſetzte ſich auf hts⸗ eeine Gartenbank, an den alten ſteinernen Tiſch, und be⸗ am gann mit dreiſten Umriſſen die Geſtalt der kleinen Zau⸗ berin hinzuwerfen, ſo lieblich und reizend, wie ſie vor ſe, 9 ihm ſtand, mit dem netten Strohhut auf dem Köpfchen un⸗ und dem Blumenkorbe in der Hand. Lächelnd und ge⸗ ine duldig ſtand Hortenſe mäuschenſtille und blickte mit ihren Be⸗ hellen, freundlichen Augen dem Künſtler auf die ge⸗ übte Hand, welcher mit ein paar raſchen, kecken Zügen 1; ihr Bild entwarf.— Als die ſchnelle Arbeit fertig war ein und er aufſtand, um ihr zu danken und noch ein Mal die Skizze mit dem Original zu vergleichen, las Hor⸗ tenſe in Gotthards Blicken eine beredtere Sprache, als ſeine Lippen auszudrücken vermochten. Hoch erröthend ſenkte ſie den Blick und ſagte langſam: „Im nächſten Monate iſt Papa's Geburtstag, und 3— 4½ nnn wollen wir ihn mit dem Bilde überraſchen;“ ftel Gatthard dazwiſchen, der wohl merkte, was ſie da⸗ mit wollte.„Aber— eine Kopie darf.“ 1„Adjeu, Herr Notartus!“ Hortenſe hörte Nichts mehr, ſondern ſlog leicht wie ein Reh über den Hof.— „War es Zufall, oder ein Zeichen von erwachendem Gefühl in der jungfräulichen Bruſt?— Genug— im Graſe lag eine ihrer ſchönſten Roſen.— Gotthard hob ſie haſtig auf und ſteckte fie in das Knopfloch. Dann trat er in den Hinterhof und beſtieg ſein bereitſtehendes Pferd; als er ein Stückchen weit geritten war, wo kein neugieriger Blick ihn mehr verfolgen konnte, druͤckte er die Blume an ſeine Lippen— ein Maneuvre, welches er auf dem ganzen Wege nach Wallby alle fünf Minuten wiederholte. Zweites Kapitel.. 3 Ich ſah ein Wölkchen roſenroth Am Himmelsbogen ſtehn. Doch ſchnell den Abſchiedsgruß es bot— Und ließ ſich nicht mehr ſehn. Runeberg. Das Leichenbegängniß des allgemein bedauerten und geachteten Herrn Dahl war vorüber. Der brave Schwa⸗ ger des Verblichenen beſorgte, wie es in ſolchen Fällen üblich iſt, in Gemeinſchaft mit dem hochlöblichen Magi⸗ ſtrate die Auseinanderſetzung der Verlaſſenſchaft und auch Hermann verſagte ſeine Beihilfe nicht, wenn ſeine Ge⸗ genwart erforderlich war, allein man ſah wohl, daß er das Geſchäft herzlich gerne ſeinem Pflegvater überließ. SNͤSARA Ae 17 Hulda war unmittelbar nach dem Todesfalle in das älterliche Haus zurückgekehrt, und obgleich die alten lieben Zimmer in des Doktors Haus für Hermann zurecht gemacht waren und leer ſtanden, ſo hielt ihn doch ein gewiſſes Zartgefühl in dem Hauſe ſeiner Stief⸗ mutter zurück. Uebrigens beſuchte er ſeine lieben Ver⸗ wandten jeden Tag ein oder mehrere Male, und zwiſchen ihm und ſeiner Baſe ſchien wieder die alte geſchwiſterliche Vertraulichkeit, in gewiſſem Grade wenigſtens eingetreten zu ſeyn. Allein weder im Beiſeyn der Aeltern, noch unter vier Augen ließ er jemals auch nur ein Wort fallen, welches im Geringſten dem gleich geweſen wäre, das an jenem erſten Morgen in der überſtrömenden Se⸗ ligkeit des Herzens ſeinen Lippen entſchlüpft war. Selbſt ſeine Blicke ſuchte er zu beherrſchen; und als Hulda nicht mehr vor den Flammenblitzen ſeiner Augen zurück⸗ zuſchaudern brauchte, kam ſie endlich von ſelbſt, gleich einer verſcheuchten Taube, welche beim ſchmeichelnden Ton einer bekannten Stimme umkehrt. Oſt ſaßen ſie allein mit einander auf dem grünen Sopha in dem kleinen Kabinet, wo Hermann ſie als ein kleines Kind unzählige Male auf den Armen ge⸗ ſchaukelt, ſpäterhin, wie jetzt, an ihrer Seite ſitzend, ihren Verſtand, ihr kindiſch ſchönes Herz fuͤr die Ein⸗ drücke des höhern Lebens geöffnet und Sie durch ſeine Augen Dinge hatte ſehen laſſen, die ſie nicht anders 3 faſſen vermochte, und wo er gleichſam die reinen, klaren Empfindungen ſeiner eignen Seele in die ihrige zu gießen wußte. Bei der Erinnerung an dieß Alles, bei den Ge⸗ danken an die ſchöne Hoffnung, welche ihm ſo oft das Herz höher ſchlagen gemacht hatte, ſeufzte Hermann und ſein wehmuthevoller Blick ſenkte ſich, um nicht dem ihri⸗ gen zu hegegnen, welcher mit ſanſtem Lächeln auf einer Menge Zeichnungen aus ihrer Kinderzeit weilte. So ſaßen ſie abermals elnes Abends ſlill auf dem gewöhnlichen Plätzchen, welches Hermann ſo theuer war. Die Milchbrüder. II. 18 Tante Karoline beſuchte eine Freundin„ der Doktor ſeine Patienten. Hulda hatte ihren Stickrahmen vor ſich und arbei⸗ tete an einem Reiſeſack für Hermann. Dieſer las ihr aus Degners Arel vor, hatte aber gerade das Buch weg⸗ gelegt, Beide ſchwlegen. „Biſt Du ſchon müde, Hermann?“ fragte Hulda freundlich und trocknete eine Thräne ab, die noch in den langen, ſeidenen Wimpern hing, welche den nebelum⸗ hüllten Himmel ihres Auges beſchatteten.—„Es iſt mir, als ob D Bruſt angegriffen wäre, Hermann. Du athmeſt zu Zeitn ſo kurz und fährſt häufig mit der Hand ‚NVag' mir, biſt Du krank?“ „M ank bin ich nicht; allein bei der Herreiſe habz ich mich in der feuchten Nachtluft ein wenig Huſten, dieſer iſt mir läſti am unausgeſetzten Wei⸗ terleſen.“ „Hoffentli bald Mrüber gehen,“ lächelte ulda,„Du biſt Arzt und da dünkt mich, ſollte es Dir nicht ſchwer Sald wieder geſund zu werden.“ „Vielleicht,“ e 8* ermann,„vielleicht au nicht;“— und bei dilhan ni Gt fuhr ein dunkler Schat⸗ er ſanft und ſeine Stimme verrieth Bewegung, über welche er ſichtbar „Das kann ich Dir exe. antwortete Mühe gab. ſchien in ſeinem Schooße die Entſcheidung für ihr gan⸗ zes Leben zu tragen; aber eine andere, gleich mächtige tdor ſeine d arbei⸗ las ihr ch weg⸗ Hulda in den belum⸗ Es iſt mann. nit der hei der uchten dieſer Wei⸗ ichelte follte den.“ auch ſchat⸗ hnell mit elnd rtete tige ſich 2 —— 4 3 Empfindung hielt ſie zurück, flehend faltete ſie die Haͤnde und heftete ihr thränenſchweres Auge auf Hermann. „Bruder, theuerſter Freund!“ flüſterte ſie und lehnte ihren Kopf an Hermanns Schulter,„ſprich, was bewegt Dich ſo heftig?“ Ein paar Sekunden verweilte ſein Blick auf ihrem ſchönen Geſichte, welches er in die Höhe hob und das in dieſem Momente den Ausdruck heiliger Entſagung trug, einen Ausdruck von Liebe,— aber nicht irdiſcher — nein ein Abglanz himmliſcher Liebe lag darin. Her⸗ mann war in ihr Anſchauen verloren, er ſchlang ſanft ſeinen L um ihren zarten Leib.—„Willſt Du es wiſſen, Hulda! Willſt Du wiſſen, was hier tobt?“ fragte er ſanft, und legte ihre Hand auf ſein hochſchlagendes Herz. Die einzige Antwort des Mädchens waren Thränenz ſie zitterte ſo heftig, daß ſie nicht ſprechen konnte. „O weine nicht ſo,“ bat er mit beweglichem Tone und der innerliche Schmerz war deutlich⸗ auf ſeinen edlen Zügen zu laſen.„Beruhige Dich, ich will ſchweigen! Fürchte Nichts; Du biſt mir allzu theuer, als daß ich aus der Aufregung dieſes Augenblicks Vortheil ziehen möchte. Niemals wird Hermann ſein Lebensglück durch eine Kränkung der heiligſten Rechte eines Frauenherzens erkaufen.“ Damit ſtand er auf, legte ihren Kopf ſachte auf das Sophakiſſen und verließ, mit männlicher Kraft die in ſeiner Bruſt tobenden Leidenſchaften bekämpfend, das Zimmexr.. Als Hulda allein war, ſtreckte ſie ihre Arme nach dem Entfernten aus.„O Hermann, Hermann!“ rie dieß der Lohn für all' deßhalb zu der Hälfte Deines Ich's gemacht— damitz Hir einſt mit dem bit⸗ terſten Undank für Delne Zärgichkeit gelohnt werden ſollte? Jetzt iſt die Binde von meinen Augen gefallen: jetzt weiß, jetzt erkenne ich Deine Gefühle. Gott! war⸗ um bin ich ſo unglücklich, daß ich ſie nicht ſo zu — erwiedern vermag, wie er es fordern könnte, wenn.. O Hermann, ich will Dich ewig lieben, wie eine treue Schweſter, ich will Deine Sklavin ſeyn, Alles thun, was Du befiehlſt, ja, ich will für Dich ſterben; aber... Deine Gattin.... nein, nein, dagegen erhebt ſich eine Empfindung in meiner Bruſt.— Und dennoch, wenn er es will,— könnte ich dann nein ſagen?— Wagte ich es?— O Gott, o Gott!“— Hulda weinte ſo lange, bis die heftige Gemüthsbewegung ihre Kräfte erſchöpfte und ſie in ſtille Betäubung verſank. Inzwiſchen wandelte Hermann die dunkeln Gänge in ſeines Pflegvaters Garten auf und nieder. Hier, wo er als Knabe geſpielt, als Jüngling geträumt hatte, hier kämpfte jetzt der Mann mit den ſtreitenden Mächten, welche wechſelweiſe über ſelne kräftige Seele die Ober⸗ hand gewannen. Es war ihm unmöglich die Wurzel der Hoffnung gänzlich aus dem Herzen zu reißen. Bel dem Gedanken an die tiefe, ewig blutende Wunde, welche in einem ſolchen Falle ſich öffnen und zu unermeßlichem Umfange in ſeiner Bruſt ausdehnen würde, bewegte ihn eine Art Mitleid mit ſeiner eigenen Qual es ſich zu ver⸗ hehlen, daß ſeine Vernunft auf der Seite der unruhigen Ahnungen ſeines Herzens war.—„Sie liebt mich nicht, jetzt noch nicht!“ preßte er zwiſchen den zitternden Lippen hervor; aber nie kamen die Worte darüber, welche ihm eine düſtere Geiſterſtimme unaufhörlich in die Ohren flüſterte:„Sie liebt einen Andern!“—„Nein, nein, nein!“ murmelte er undeutlich und auf ſeinen bleichen Zügen war die Angſt zu leſen, welche ſein ganzes Innere einnahm.„Ich muß Licht haben in dieſem Dunkel,“ rief er endlich aus;„ich will jenes abgebrochene Geſpräch mit Tante Karoline wieder anknüpfen.— Morgen, Mor⸗ gen!“— ſagte er noch leiſer und ging ſeiner Wohnung zu. Nach kurzem unruhigem Schlummer erwachte Her⸗ mann mit demſelben Entſchluſſe, den er am Abend ge⸗ faßt hatte. Um die Zeit, wo der Doktor ſeine gewöhn⸗ liche Runde bei den Patienten zu beginnen pflegte, machte — ,,—————“— 1 4 er ſich auf den Weg; das Herz war ihm ſchwer und es kam ihm vor, als ſey er auf dem Wege, die frühe er⸗ blühten und ſo ſchnell wieder verwelkten Hoffnungen ſeines jungen Lebens zu Grabe zu tragen. Karoline war allein. Hulda ließ ſich nicht ſehen— weder im Saal noch im Zimmer der Mutter. Ohne Zweifel lag in Hermanns Weſen etwas Be⸗ ſonderes, ungewöhnlich Förmliches, faſt Steifes, als er ſich ſeiner Tante näherte und um eine geheime Unterre⸗ dung bat, denn ſie betrachtete ihn mit Verwunderung und fragte— es überſiel ſie eine bei den Frauen ſo häufige ängſtliche Ahnung—:„Hermann! Du haſt doch keine ſchlimmen Nachrichten von Gotthardt mitzutheilen?“ „Mitzutheilen habe ich keine ſchlimme Nachrichten, beſte Tante, im Gegentheil, ich bin gekommen, ſolche ein⸗ zuziehen. Aber laß mich zuvörderſt fragen, was Hulda macht?“ „Es geht ihr ganz gut, ſie iſt heute Morgen ein wenig ausgegangen, ſie ſagte mir, ein heftiges Kopfweh habe ſie geſtern früh zu Bette zu gehen veranlaßt. Ich kam erſt ſpät nach Hauſe und habe ſie nicht mehr getroffen.“ Hermann ſchwieg ein paar Momente; dann ſagte er haſtig und nicht ohne Anſtrengung:„Beſte Tante, das Geſpräch, welches damals abgebrochen wurde, als man mich zum Sterbebette meines Vaters rief, wünſchte ich jetzt fortzuſetzen. Ich beſchwöre Dich, ſey aufrichtig ge⸗ gen mich; es iſt beſſer, wenn ich vollſtändig weiß, was ich zu hoffen oder verloren habe, als wenn ich meine Kraft in dieſem Kampfe verſchwende.“— Mit krampf⸗ hafter Ungeduld zog er Karoline auf den Sopha, ſetzte ſich zu ihr und ſah ſie an, als hinge Leben oder Tod an ihren Lippen. „Du biſt doch ein Mann, Hermann, geliebter Sohn?“ ſagte Karoline und legte zärtlich ihren Arm um ſeinen Nacken.„Du biſt allzeit ſtark geweſen, Hermann; ſey es auch jetzt, ſo wird Alles gut werden; denn es iſt bei weitem nicht ſo ſchlimm, als Du es Dir vorſtellſt. Wenn 22 Du mich ruhig anhören willſt, ſo werde ich Dir Alles getreulich berichten.“ „Ich bin ruhig, beſte Tante,“ entgegnete Hermann und ſein Ton war kalt wie Eis.— Eine tödtliche Kälte zog ihm die Bruſt zuſammen.„Ich bin ruhig, ſprich!“ „Du biſt nicht ruhig, Du biſt in einem unnatür⸗ lichen, aufgeregten Zuſtande. O Kind meines Herzens!“ bat ihn klagend ſeine fromme Pflegmutter und ihre heißen Thränen vermiſchten ſich mit den kalten Schweißtropfen ſeiner Stirne;„faſſe Dich, beherrſche Deine Leidenſchaft; es koſtet uns Alle Frieden und Seligkeit, wenn Dich dieß⸗ mal die Kraft verläßt, welche bisher den Hauptzug Deines Charakters ausgemacht hat. Glaube mir, Hermann, wenn Du in dieſem wichtigen Augenblicke Deines Lebens über Deine Leidenſchaſt Herr wirſt, ſo wird Dir ſicher⸗ lich die Zukunft Erſatz geben. Ich beſchwöre Dich, Her⸗ mann, beherzige die Worte derjenigen, welche Dich mehr als eine Mutter liebt, und der es das Leben koſten würde, wenn ſie Dich im Wahnſinne der Leidenſchaftlichkeit un⸗ tergehen ſähe.“ „Mutter,“ erwiederte Hermann langſam,„Du ſollſt nicht vergebens um mich gelitten und gewacht haben, nicht umſonſt ſoll es das Streben Deiner unendlichen Liebe geweſen ſein, das Glück des Weſens zu gründen, welches Deinem Herzen ſtets ſo nahe lag. Sanftere Em⸗ pfindungen ziehen in meine Bruſt ein; ſprich jetzt! Ich will ein Mann ſeyn, ich will, ſo wahr mir Gott helfe, mich ſelbſt verläugnen und mit Muth ertragen, was Du mir mitzutheilen haſt.“ Ruhiger ſtand Karoline auf, denn ein Verſprechen aus Hermanns Munde war ein heiliges Kleinod; ſie faßte ſelne beiden Hände und begann die Erzählung eines Vor⸗ falls, welcher bis jetzt nur wie ein dunkler Punkt durch den Verlauf unſerer Begebniſſe durchſchimmerte. 23 Drittes Kapitel. Im Arm der Liebe rein und hold Vergißt man, ohne Rang und Gold, Wohin des Schickſals Kugel rollt. Bouterweck. ———— Haſſe jede That, Die nicht den freien Blick zur Sonne wendet. Theodor Körner. „Es war im vergangenen Fühjahre, als, wie Du Dich erinnern wirſt, Hulda an einem bösartigen Fieber erkrankte. Da ſie ſich nur langſam erholte, ſo war der Vater der Meinung, ein Sommeraufenthalt von einem Monate auf dem Lande werde hauptſächlich dienlich ſeyn, ihr die gehörigen Kräfte ſchneller wieder zu geben. Wir beſchloſſen deßhalb, das ſchon öfters erneuerte Anerbieten einer Jugendfreundin, der Majorin W.. anzunehmen, und unſere Abreiſe wurde dergeſtalt feſtgeſetzt, daß wir am Johannistage zu Billingsthal eintreffen konnten. Major W-— s Haus war jederzeit der gaſtfreie Sam⸗ melplatz von Freunden und Nachbarn geweſen, namentlich im Sommer. Dieß wußte ich im Voraus und wunderte mich deßhalb gar nicht, als wir bei unſerer Ankunft eine große Anzahl von Gäͤſten vorfanden. Bei unſerm erſten Eintritt in den Saal wurden wir natürlich nicht ſogleich näher mit den Anweſenden bekannt; als wir uns aber umgekleidet hatten und die Geſellſchaft im Garten ver⸗ ſammelt war, bemerkte ich einen jungen Offtzier von ungewöhnlich edlem und gefälligem Ausſehen, welcher in einiger Entfernung von uns ſtand und mehr durch freund⸗ liche Blicke, als durch die That an der Unterhaltung der übrigen jungen Leute Antheil zu nehmen ſchien. Er näherte ſich uns und der Major ſtellte ihn uns vorz es war ein Baron Silber „Ha,“ unterbrach Hermann heſtig die Sprecherin, 24 „Baron Silberſparre. Hat es doch meiner Seele ſeit dem erſten Augenblicke, wo ich von dieſem Menſchen ſprechen hörte, geahnt, daß er in mein Schickſal eingreifen würde! Nun verſtehe ich Alles.„Indeſſen“— er legte die Hand an die Stirne, ſie glühte wie Feuer—;„ſprich weiter, Tante,“ bat er mit erzwungener Faſſung. „Ja, Hermann, der war es. Es war der arme, un⸗ glückliche Edelmann, welcher jetzt um eine Freiſtätte für die noch übrigen Tage ſeiner verlaſſenen Mutter ſtreitet. Er war in Trauer um ſeinen Vater, und man ſah es ſeinem ganzen Weſen deutlich an, daß er nicht blos äußer⸗ lich, ſondern auch im Herzen trauerte. „Da Hulda, obgleich ſie große Luſt dazu hatte, nicht mit der übrigen Jugend herumſpringen durfte, ſetzte ſie ſich zu mir auf die grüne Gartenbank. Der Baron ſchloß ſich an uns an und wußte eine feine und lebendige Unter⸗ haltung zu führen; ich geſtehe Dir, Hermann, daß ſein gefälliger Umgangston einen angenehmen Eindruck auf mich machte. Es entging mir übrigens ſchon an jenem Abende nicht, daß er ſich mehr mit Hulda, als mit irgend einem andern Mädchen beſchäftigte. Allein ich fand von ihrer Seite weiter kein lebhafteres Intereſſe für ihn und beruhigte mich dabei; aber,— Tag für Tag dieſelbe gefährliche Geſellſchaft war doch auf die Länge eine all⸗ zugroße Probe für ein junges Herz, welches noch nicht erwacht war, und das Einzige, was ich mir wirklich in der Sache vorzuwerfen habe, iſt, daß ich nicht ſogleich bei dem erſten Anzeichen ihrer erwachenden Neigung Billingsthal mit ihr verließ. Allein es kam mir thoricht vor, aus einer Fliege einen Elephanten zu machen, und da der Baron mit der Zeit mehr auf ſich Acht gab, ja ſogar ſich faſt zurückzog, was ich als eine Folge meiner ſteten Vorſicht anſah, ſo glaubte ich, die Sache ſei weder von Wichtigkeit, noch könne ſie es je werden. Inzwiſchen äußerte die Landluft den glücklichſten Einfluß auf Hulda's Geſundheit; vielleicht hatte es aber auch— was ich jetzt 25 nicht mehr wohl bezweifeln kann— einen andern Grund, warum ihre Wangen wieder friſcher blühten als ſonſt. „So war der beſtimmte Monat vergangen, es waren nur noch wenige Gäſte da; weil ſich aber der Baron unter dieſen befand, ſo beharrte ich feſt auf meiner Wei⸗ gerung, noch ein paar Wochen zuzugeben, obgleich mein Mann, deſſen Zuſtimmung der Major eingeholt hatte, damit zufrieden war. Vergebens bot meine Freundin und ihr Gatte Alles auf, um mich zu bereden. Was mir unter dem Geräuſche einer großen Geſellſchaft von nicht großer Bedeutung geſchienen hatte, konnte und mußte jetzt erſt einen gefährlichen Charakter annehmen, da der Zirkel kleiner ward und unter den noch Bleibenden natür⸗ lich eine vertraulichere Annäherung gar nicht ausbleiben konnte. Der 25. Juli wurde zur Abreiſe feſtgeſetzt. Am Vorabende hinderte mich ein heftiges Kopfweh an dem gewöhnlichen Spaziergange der ganzen Geſellſchaft zum Fluß Theil zu nehmen, wo es die Lieblingsunterhaltung war, Krebſe zu angeln. Allein es überſiel mich eine un⸗ widerſtehliche Unruhe, und als ich durch das Fenſter ſah, wie der Baron, was er lange nicht gethan hatte, Hulda den Arm bot, beſchloß ich, trotz meiner Unpäßlichkeit, nachzugehen. Als ich zum Fluſſe kam, fand ich nur un⸗ ſere Wirthsleute und einige ältere Perſonen. Mit erzwun⸗ genem Lächeln fragte ich, wo die jungen Leute hinge⸗ kommen ſeyen.“ „Sie haben einen Gang in den Park gemacht, um zu ſehen, ob... Was ſie ſehen wollten, bekam ich nicht zu hören, denn der gute Major zog in dem Augenblick einen ganzen Hahmen voll Krebſe heraus und dieß machte aller Weiterrede ein Ende: es war von Nichts mehr, als von den herrlichen Krebſen die Rede. Die Urſache ihrer Entfernung war mir auch ſehr gleichgültig, denn nur die allenfallſige Wirkung beunruhigte mich; ich lenkte deßhalb, unter dem Vorwande, ein Spaziergang ſchiene mir für mein Kopfweh am zutraͤglichſten, ſogleich meine 26 Schritte nach dem Park. Mit einer ernſthaften Verbeu⸗ gung erwiederte ich das bedeutungsvolle Lächeln, womit ſie ihren Abſchiedsgruß begleiteten. „Nun iſt der Park von Billingsthal nicht im neue⸗ ſten Geſchmacke angelegt, ſondern eine unzählige Menge von Gängen durchkreuzen ihn nach allen Richtungen.— Alſo mußte ich mich rein dem Zufall überlaſſen, trat in einen der Hauptgänge, wo ich friſche Fußtritte im Sande wahrzunehmen glaubte; bald aber theilte ſich jener in ſo viele Seitenpfade, daß ich einige Augenblicke unſchlüſſig war, welchem ich folgen ſollte. Endlich beſchloß ich, mich links zu wenden und blieb auch beſtändig auf dieſer Seite, da ich— Du mußt den Grund dazu wiſſen— nur die Fußtritte von zwei Perſonen hier bemerkte. Der nämliche Fall war auch bei einigen ſpäter einmündenden Gängen, Hulda's Füße ſind aber ſo klein und die Augen einer Mutter ſo ſcharf,— genug, der Inſtinkt leitete mich zumm Ziele und plötzlich ſah ich durch das dunkelgrüne Ge⸗ ſträuch, nicht weit von mir, den Baron mit Hulda auf einer Raſenbank ſitzen und..“ hier hielt Karoline ein wenig inne. „Mutter,“ ſagte Hermann mit wunderbar leiſer Stimme, indem er ein Mal uͤber das andere mit dem Taſchentuche über die brennende Stirne fuhr,„Mutter, ich beſchwöre Dich, ſage mir die Wahrheit, verſchweig' mir nicht das Geringſte; Alles, Alles will ich wiſſen!“ „Ich werde Dir Nichts verſchweigen, Hermann. Ich gelobe Dir Wahrheit, ſo rein, ſo heilig, als ob ich vor Gott ſtünde.“”“ „Sie ſaßen auf der Bank, ihre Hand ruhte in der ſeinigen.“ Ein Schauder durchfuhr Hermann. „Wie ſah ſie dabei aus?“ fragte Hermann kaum hörbar. „Glücklich, faſt verklärt,“ antwortete Karoline. „Und er,— ach Mutter...“ „Er?— O— als wenn er vergäße, daß es noch etwas Anderes, als dieſen Augenblick gebe.— Er ſchien, a 1 — —ιο A —— 8r† —nR ndonͤS᷑ 27 gänzlich in ihr Anſchauen verſunken, nur an die Gegen⸗ wart zu denken.“ „Was ſprachen ſie?“ „Im Augenblick kein Wort; als aber Hulda, gleich⸗ ſam aus einem Traume erwacht, eine Bewegung machte, um aufzuſehen, ſagte er mit tiefer wehmüthiger Stimme: „Hulda, Sie wiſſen, ich ſehe es, daß Sie wiſſen, wie ich Sie über Alles liebe;— allein ich bin arm, ſo arm, daß ich es nicht wagen darf...“ Weiter wollte ich Nichts mehr hören; um ihn zu unterbrechen und mich bemerkbar zu machen, huſtete ich heftig. Beide ſtanden auf, wechſelten einen Blick, welcher Alles enthielt, was man ſich in einem ſolchen Augenblicke ſagen kann, und der Baron gab ſeiner Gefährtin den Arm. Crröthend, aber mit Faſſung grüßte er mich. Hulda's Wangen glühten wie Purpur, mit dem lieblichſten und unſchuldig⸗ ſten Erſtaunen warf ſie ſich mir an die Bruſt und ver⸗ barg da die verrätheriſchen Thränen, welche ihr die Selig⸗ kelt und der Schmerz des Augenblicks erpreßten. Mein Mutterherz blutete— allein es blieb ſtark. ‚Darf ich Sie bitten, Baron Silberſparre, ein wenig voraus zu gehen? ſagte ich zlemlich froſtig.„Wir kommen bald nach.“— Er verbengte ſich ſtumm; allein der Blick qual⸗ voller Unruhe, welcher mich aus ſeinen Augen traf, ging mir durch die Seele. „Sobald ich mit Hulda allein war, öffnete ſie mir ihr Herz und zagend blickte ich in dieſes Heiligthum, wo ich überall das Bild des Barons antraf. Unendliche Angſt preßte mir die Bruſt zuſammen. Ich ſah ſchon wie Dein vorwurfsvoller Blick mich traf, und war in dem Augen⸗ blick unſchlüſſig, ob ich ihr nicht mittheilen ſollte, daß ſie für Dich beſtmmt ſey; aber die Vorſicht ſiegte über meine aufgeregte Stimmung; ich ſchlug einen andern Weg ein und ſuchte ſie möglichſt zu beruhigen. Weit entfernt, durch Vorwürfe ihre Gefühle zu ſteigern, be⸗ mühte ich mich ſie auf die ſanfteſte und ſchonendſte Weiſe zu überzeugen, daß ein Mann wie Silberſparre, bei —X†—— ſeiner Armuth und zugleich einem ſo hohen Begriff von Ehre, nie den Verſuch machen könne und dürfe, das Herz eines Weibes, das er liebe, zu gewinnen, wenn auch ein unbewachter Augenblick ihr habe verrathen können„wie theuer ſie ihm ſey. „Weinend flüſterte Hulda ein paar Worte von der Wohlhabenheit ihres Vaters, und daß ſie beide gewiß mit Wenigem zufrieden wären. „Das kann ſeyn, liebes Kind,“ entgegnete ich; jedoch bin ich uͤberzeugt, daß der Baron bei ſeinem Charakter niemals die Abſicht haben kann, von ſeiner Gattin die Mittel zu dem gemeinſamen künftigen Lebensunterhalte anzunehmen; ſollte er ja anders denken, ſo möͤchte ihn dieß bei Deinem Vater nicht in das beſte Licht ſetzen. Ich kann Dir beinahe im Voraus ſagen, daß dieſer die Werbung eines Mannes zuruͤckweiſen wird, der nicht mehr bieten kann, als ſein Herz und ſeinen Namen. darum, daß er bei ſeinem künftigen Schwiegerſoh Reichthum ſieht, ſondern lediglich aus dem Grunde, weil er einen ſolchen Mangel an Zartgefühl als eine ſchlechte Bürgſchaft für das künftige Glück ſeines Kindes anſehen müßte. „Iſt denn gar leine Hoffnung vorhanden, nicht die ängſt⸗ lich nach dem Ausdruck meines Geſichtes. O, was hat dabei mein armes Mutterherz gelitten! wäre ich nicht damals, ſo wle jetzt und in Ewigkeit überzeugt ge⸗ weſen, daß ich das irdiſche Glück meines Kindes in keine beſſeren Hände legen kann, als in die Deinigen— ihr Blick hätte mich weich gemacht und zur Nachgiebigkeit bewegt. Tief ergriffen drückte ich das zagende Weſen an meine Bruſt und ſagte:„Gar keine, Hulda! Dieſer kurze Traum Deiner Jugendliebe wird„ wie manche an⸗ dere Roſe im Leben, bald erbleichen. Sag', willſt Du dem, welchen Du liebſt in den Augen der Welt, ſogar in den Augen Deines Vaters, als einen eigennützigen Glücks⸗ jäger daſtehen ſehen? Ich bin ſicher, ſeine Ehre iſt Dir geringſte?“ fragte ſie zitternd und ihr Blick forſchte ₰ “ 29 theurer als ſeine Liebe. Haſt Du mich verſtanden, ge⸗ liebte Tochter?“ „Nein, Mutter,“ antwortete ſie voll Angſt,„ich ver⸗ ſtehe es nicht ganz; allein ich weiß, daß Du es verſtehſt, und ſo will ich mich denn unterwerfen. Nicht um aller Welt Seligkeit wollte ich, daß auch nur ein Schatten auf ſeine Ehre fiele.“ „Was für einen Eindruck dieſe kindliche, zarte Hin⸗ gebung auf mich machte, kann ich nicht beſchreiben;— im Vereine von Mutter und Tochter liegt eine ſo hohe und reine Liebe, daß Nichts mit ihr den Vergleich aus⸗ hält. Ich brachte ihr Herz zur Ruhe. „Am andern Morgen früh, als Hulda noch ſchlief, ging ich hinab in den Garten, ich wußte, daß der Baron um dieſe Zeit dort ſein würde, und in der Ueberzeugung, daß ich mich auf ſeinen Seelenadel und ſeine Ehrenhaf⸗ tigkeit verlaſſen könne, beſchloß ich, ihn ohne Weiteres zu meinem Vertrauten zu machen. Ich fand ihn bald in einer dunklen Grotte ſitzen; er heftete den Blick gedan⸗ kenvoll auf den Boden.“ „Guten Morgen, Herr Baron,“ begann ich ſo ruhig wie möglich;„es freut mich, Sie hier zu treffen.“ „Er ſtand auf, mit einer Würde, in welcher ſo viel Anmuth als Ernſt lag. Nach einer höflichen Begrüßung ſetzten wir uns, und ich ſagte ihm, daß ich geſtern Zeuge ſeines Geſprächs mit meiner Tochter geweſen ſey, welches mein Mutterherz in die höchſte Unruhe verſetzt habe.“ „Ich bemerkte dieß mit Schmerzen,“ entgegnete er düſter;„die Kälte in Ihrem Ton hat mir hinlänglich geſagt, daß ich die Hoffnung, welcher ſich meln Herz hin⸗ gegeben hatte, auf ewig daraus verbannen muß. Es war auch eine Thorheit von einem armen Lieutenant, nach einem Glücke zu ſtreben, wie die Hand, oder noch mehr, die Liebe Ihrer Tochter.“ „Nicht ſo, Herr Baron,“ verſetzte ich gerüͤhrt.„Der ärmſte Mann, mit Ihrem Charakter und einem Herzen, wie ich es Ihnen zutraue, ſollte uns als Sohn hoch will⸗ kommen ſeyn, wenn nicht ein älteres Verſprechen eine andere Wahl verböte. Hulda ſelbſt weiß noch nicht, daß das Glück ihrer Zukunft durch die reinſte Zärtlichkelt des edelſten Mannes, als Freunde ihrer Jugend, beſtimmt und geſichert iſt. Wir wollen ihrer Neigung keineswegs Zwang anthun, deßhalb haben wir bisher geſchwiegen und werden noch ein ganzes Jahr ſchweigen, wo er dann ſelbſt kommen und um das Herz ſeiner jungen Braut werben wird. Um wie viel ſchwerer ihm jetzt der Sieg werden mag, ahnen Sie wohl; allein im vollen Vertrauen auf Ihren Edelmuth wende ich mich jetzt an Sie und bitte, das Geſpräch mit meiner Tochter, welches ich geſtern ab⸗ gebrochen habe, auf keine Weiſe je wieder anzuknüpfen. Mit Hulda habe ich den elnzigen Weg eingeſchlagen, der mir offen ſtand; ich habe Sie in ihrer Achtung noch ge⸗ hoben, ihr aber zugleich alle Hoffnung benommen, indem ich ſie zu überzeugen ſuchte, daß ein Mann mit Ihren hohen Begriffen von Ehre es über ſich weder gewinnen kann noch darf.. Ich bitte, erſparen Sie mir den Schluß;— Sie verſtehen mich.“ „Ja, ich verſtehe, und Ste ſind der Wahrheit viel⸗ leicht näher gekommen, als Sie ſelbſt glauben. Ich danke Ihnen, daß Sie mich eines längern Streits zwiſchen meinem Herzen und meinem Stolze überhoben haben. So lange ich lebe, werde ich Hulda lieben, aber bei meiner Ehre ſchwöre ich Ihnen, von dieſem Augenblick an werde ich niemals auch nur den geringſten Verſuch machen, ſie wiederzuſehen;— ich werde noch dieſen Mor⸗ gen abreiſen, um uns Beiden den Schmerz des Abſchieds zu erſparen. Wäre meine Stellung eine andere, beſäße ich Vermögen genug, um ihr ein ſorgenfreies Leben zu bereiten, dann dürften ſie überzeugt ſeyn, daß ich meine Anſprüche nicht ſo leicht aufgeben würde. ich kein Mittel unverſucht, Ihnen und Ihrem Herrn Ge⸗ mahl die Ueberzeugung zu verſchaffen, daß das Glück des Weibes einzig und allein in der Liebe liegt. So dage⸗ gen— ſeine Stimme bebte, ſeine Wangen brannten Dann ließe 31 und ſeine ſtolze Bruſt arbeitete, um die mühſam errun⸗ gene Faſſung zu erhalten— ſo dagegen bin ich ein Sklave unter dem eiſernen Joche der Dürftigkeit und kenne meine Pflicht, welcher ich folgen werde, wenn auch mein ge⸗ quältes Herz bei dieſem Streite auf ewig ſiille ſtehen ſollte.“ Er verbeugte ſich mit edler, ja ſtolzer Haltung und eilte davon. „Kurz darauf verließen wir Billingsthal. Ich erklärte Hulda den edlen Beweggrund, warum der Baron bei un⸗ ſerer Abreiſe unſichtbar blieb, machte ihn aber zugleich begreiflich, daß gerade dieſes Benehmen am kräſtigſten für meine Anſicht ſpreche. Sie begann dieß ſelbſt einzuſehen und ich bemerkte wohl, wie ſie ſich Mühe gab, ruhiger und gelaſſener zu erſcheinen. „Anfangs ſprach ich mit ihr ſo viel und ſo oft ſie wollte von dem Baron, aber allmälig ſchien ſie ſelbſt dle⸗ ſen Gegenſtand zu vermeiden, und noch ehe wir M... erreichten, waren wir übereingekommen, ſeinen Namen nicht mehr zu nennen, bis ſie ihn ruhiger anhören könnte. Nach unſerer Heimkehr wollte ich meinen Mann nicht betrüben, um nicht einen Tropfen Galle in den Becher der Freude zu gießen, welche ihm die wiedergewonnene Geſundheit der Tochter bereitete; als er aber trotz ihres friſchen Aus⸗ ſehens, dennoch eine gewiſſe Veränderung an ihr wahr⸗ nahm, gab ich ihm einen kleinen Wink über das Vorge⸗ fallene, doch nach der Männer gewohnter Art, hielt er die Sache für unbedeutend und längſt vergeſſen. Mich dagegen haben ſchon öfters allerlei Anzeichen beunruhigt, welche mir andeuteten, daß Hulda jene Zeit noch keines⸗ wegs ganz und gar vergeſſen hat. Uebrigens habe ich ſie, ſeit Deiner Heimkehr, ſtets ſo ruhig, zutraulich und herzlich gegen Dich gefunden, daß ich immer das Beſte gehofft habe und noch hoffe, wenn Du nur Geduld haben willſt, lieber Hermann, und nur allmälig— aber ja nicht im Sturme— den Weg zu ihrem Herzen ſucheſt.— Nun, geliebter Sohn, weißt Du Alles. Du verdammſt mich doch nicht?“ 32 Ein dumpfes„Nein“ ging tonlos über Hermanns Lippen; dann erhob er ſich raſch und war fort, ehe Ka⸗ roline ihn halten konnte. Drei lange Tage ſah man Nichts von ihm. Au im Hauſe ſeiner Stiefmutter war er nicht zu finden. Viertes Kapitel. —x; Ich möchte klar und deutlich ſehen in der Sache. Tegnér. Zwei Mächte ſind es, die die Welt regieren— Die eine Schwäche und die andere Stärke. Oehlen ſchläger. „Verdammt dumme Geſchichten!“ Bundler und zupfte ſich heftig am Backenbart.„Hat ünden willen in die Welt gekommen; Ruhe und Frie⸗ den iſt ihnen in den Tod zuwider; drunter und drüber kehren, Haus, Herz und das Anderer— zum H die Geduld ſchon verlieren! Iſt da wo Verſtand darin, eine Theaterſcene zu ſpielen u gen wie einen Narren in die weite Welt hinauszujagen? a, flennt nur, hängt das Maul und ringt die Hände, wenn es zu ſpät und der Karren ſo verſchoben iſt, daß ein ehrlicher Kerl nicht weiß, wo aus und wo ein! Hätte gewußt, wie die Sachen hängen, ſo wäre Alles mit ein paar Worten abgemacht geweſen und eure ſentimentalen Weiberlitaneien hätten nicht all' das Uebel angerichtet, das uns nun über den Hals gekommen iſt.“ Nie hatte man Bundler war am dritten Abende nach und Karoline, welche ihrer Angſt nicht mehr den konnte, hatte ihrem Manne Alles geſtanden. ——— —— — —— 8od- R 33 Still und ergeben hörte ſie die Vorwürfe ihres er⸗ zuͤrnten Gatten an, der heftig im Zimmer auf und ab ging. Nur eine hie und da über die Wange rinnende Thräne verrieth ihre gräßliche Seelenangſt— ihr Geſicht war todtenbleich. Als Bundler endlich ruhiger wurde, traf ſein Blick die tief gebeugte Karoline und ein ſcharfer Stich ging ihm dabei durch ſein warmes, biederes Herz, denn es that ihm innig leid, daß ſeine Heftigkeit ihn veranlaßt hatte, ihr wehe zu thun. „Na, na! Du mußt dieß nicht ſo ſchlimm aufneh⸗ men! Du weißt wohl, die Männer ſind nicht allezeit Herr über ſich. Aber es iſt doch auf Ehre kein Spaß, und da die ganze Zeit Alles in beſter Reihe war, ſo begreife ich gar nicht, wie Du das alte Zeug aufrühren mochteſt. Du weißt, daß der Burſche Feuer in den Adern hat, und konnteſt Dir denken, daß es da ſchief gehen müſſe.“ „Es iſt gar nicht ſo unbedeutend, wie Du Dir ein⸗ bildeſt, mein Freund. Hermann ſſieht recht wohl, daß ihn Hulda nicht liebt, und daß eines andern Mannes Bild in ihrem Herzen lebt.“ „Ach, den Teufel auch! Sie hat wohl mehr Verſtand, als daß ſie wegen einer Kinderliebſchaft von ein paar Tagen in alle Ewigkeit den Kopf hängt. Sie war ja damals noch keine ſiebenzehn Jahre alt. Außerdem möchte ich denn doch auch den Mann ſehen, der ſich mit Her⸗ mann meſſen könnte. Iſt nicht eine Anmuth, eine Würde, kurzum ein Weſen in dem Jungen, daß man in der That ſtolz darauf ſeyn kann, ihn Schwiegerſohn zu nennen? Und dieß ſoll er auch werden! Karoline, hörſt Du?— das muß er werden!“ „Ja, ja, liebſter Mann, Gott gebe, es wäre ſchon ſo weit; glaubſt Du denn aber, daß er das Mädchen wird haben wollen, wenn bei der Hand nicht auch das Herz iſt? „Pah! das iſt dabei, ſag' ich. Du haſt eine ganz beſondere Liebhaberei für den Widerſpruch, Karoline, ich Die Milchbrüder. II. 3 34 habe dieß doch früher nicht ſo bemerkt. Es ſicht mich aber nicht an.“ Seine Gattin ſeufzte und ſchwieg. „Ja, Seufzen und Weinen, damit ſeyd ihr ſtets bei der Hand. Woher weißt Du denn, daß Hulda unſern Hermann nicht liebt? Haſt Du ſie gefragt, oder hat ſie es Dir aus frelen Stücken geſtanden?ℳ „Keines von Beiden; alleln man fieht es leicht.“ „Na, da will ich denn doch auch ſehen, und klar ſehen. Ich werde fie ſelbſt ins Gebet nehmen, denn Um⸗ wege ſind nicht meine Sache. Ruf' ſie her, Mutter, ſie ſoll mir Rede und Antwort ſtehen.“ „Aber liebſter Bundler, Du bedenkſt nicht..“ „Hör' Liebe, ruf' mir das Mädchen und bekümmere Dich nicht. Ich halte zu viel auf ſie, als daß ich ihr den Kopf abreißen könnte, was Du nach Deinem Aus⸗ ſehen ſchier zu fürchten ſcheinſt.“ Bald darauf kam Karoline mit ihrer Tochter zurück. Hulda ſah ſehr verweint aus, ſie zitterte wie Eſpenlaub, als ſie zu ihrem Vater in das Zimmer trat. „Komm' her meine Tochter! Warum ſiehſt Du denn ſo verſtört aus?“ fragte der Doktor ſanft.„Was hat Dich denn ſo aufgeregt?“ „Daß Hermann fort iſt, Papa.“ „Und warum denn dieß, mein Kind 2“ „Ach! weil er am Abend vorher, wo wir allein bei⸗ ſammen waren, gewiß böſe auf mich geworden iſt. Mein Herz war betrübt und ich weinte vor Angſt.“ „Und warum warſt Du betrübt, mein Kind? Sag' es uns aufrichtig.“ „Ich weiß es ſelbſt nicht recht; aber Hermann ſagte Etwas, das mich auf's Heftigſle ergriff.“ „Und als Du da weinteſt, was ſagte er dazu?“ „Er bat mit einer Stimme, deren düſterer ſchmerz⸗ voller Ton noch immer in meinen Ohren wiederklingt, ich möge mich beruhigen. Er wolle ſchweigen und nie⸗ mals die Seligkeit ſeines Lebens durch eine Kränkung der heiligſten Herzensrechte eines Weibes erkaufen.“ „Nun da, zum Henker, da haben wirs!“ platzte der Doktor heraus, mäßigte ſich aber ſchnell wieder und fuhr mit erzwungener Ruhe fort:„Na, mein Kind, was glaubſt Du denn, daß er damit hat ſagen wollen? Oder was verſtehſt Du denn ſelbſt unter einer Kränkung der heilig⸗ ſten Herzensrechte des Weibes?“ „Vater!“ ſtammelte Hulda ſchüchtern und verlegen. „Sprich ohne Furcht, Kind!“ „Nun ja, wenn Hermann— mich..“ hoch er⸗ röthend ſchwieg ſie. 3 „Nun ja, wenn Hermann Dich liebt und zu ſeiner Frau haben will,“ half der Vater nach. „Ja, wenn es ſo wäre, ſo glaube ich, daß er den Gedanken aufgeben würde, wenn ich ſeine Gefühle nicht theilte.— Denn handelte er anders, ſo würde er gerade die Rechte kränken, welche er vertheidigen will.“ „Du machſt ganz abſonderliche Schlußfolgerungen, mein Kind! Wenn Du ihn nicht liebteſt! Ein ſolcher Fall kann ja gar nicht eintreten. Haſt Du ihn nicht ſchon geliebt ſeit Du denken kannſt? Er hat ja mehr an Dir gethan, als ſelbſt wir. Haſt Du nicht ſeiner Liebe und Geduld das Viele zu danken, was Du weißt und gelernt haſt? Wer hat Dein Herz für das Gute empfäng⸗ lich gemacht, wer Deinen Verſtand gebildet, wer mit un⸗ ſäglicher Liebe und Treue für Dich geſorgt, ſeit Du das Licht der Welt erblickt haſt? Wer ſpielte mit Dir als Kind, wiegte Dich in Schlaf wenn Du weeinteſt und wachte bei Dir wenn Du krank warſt? Und wer kann Dich ſo lieben wie Er? Du biſt doch kein ſolches Unge⸗ heuer von Undankbarkeit? Nun, ſprich!“ „O Vater!“— Hulda ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt. —„Sey mir nicht böſe! Ich habe unnatürlich gehandelt, ich bin undankbar geweſen; das Bild eines andern Mannes hat in meinem Herzen gelebt und lebt noch darin, aber 36 ich will— ja ich will es herausreißen. Ach! Hermann ſoll nur zurückkommen, laßt mir nur Zelt mich an meine neue Lage zu gewöhnen, dann ſollt Ihr keinen Grund zur Klage mehr haben. Ich liebe ja auch ihn unſäglich, nur auf andere Weiſe.“ „Nun, liebe Tochter, biſt Du wieder vernünftig, wie Du ſtets geweſen. Gott, wenn nur Hermann da wäre! Das wundert mich am meiſten, daß er keinem Menſchen auch nur ein Wörtchen von ſeiner Entfernung geſagt und nichts als ſein Pferd mitgenommen hat.“ „S't!“ ſagte Karoline haſtig, faſt athemlos;„ich höre Tritte auf dem Gang.“ „Das iſt er! o das iſt er!“ rief Hulda aus, flog ſchnell wie ein Geiſt durch das Zimmer, riß die Thüre auf und ſank mit einem Schrei, in welchem Freude und Schmerz ſich vereinigte, an Hermann's Bruſt. eſt preßte er ſie an ſein Herz und ſtand beinahe regungslos da; ſein Geſicht war bleich, faſt aſchgrau, Haar und Bart in Unordnung, und in den Augen glühte ein ſonderbares, ſtechendes Feuer. „Hulda, liebſte, theuerſte Schweſter!“ ſagte er mit leiſer, bebender Stimme„„ſey nicht beſorgt um mich! Ich wäre nicht ſo gekommen, wenn mir nicht Peter, die ehrliche Seele, als er das Pferd abnahm, geſagt hätte, ihr wäret Alle in größter Angſt um mich.“ „Ja, Hermann„ in unſäͤglicher Angſt waren wir,“ erwiederte Hulda;„ich wäre geſtorben, wenn Du nicht wieder gekommen wäreſt.“ ermann lächelte; es war aber ein ſeltſames Lächeln und ein trüber Schleier lag dabei über ſeinen Augen. Dann reichte er den geliebten Pflegeltern, welche aus lauter Schrecken noch nicht ein Wort hatten hervorbringen können, die Hand. „Hermann, liebſter Sohn,“ ſagte endlich der Doktor vorwurfsvoll,„wo biſt Du geweſen, was haſt Du ge⸗ macht? Es war nicht Recht von Dir, uns ſo in Unruhe zu laſſen.“ 37 „Hat denn Ludwig nceſas Ich wollte hinaus botaniſiren, und habe ihn geßeten, es euch zu ſagen.“ „Verfluchter Junge!“ rief Bundler aus,„ſieht unſere Unruhe und ſagt aus purer Schadenfreude und Nieder⸗ trächtigkeit kein Wort. Aber das ſoll ihn reuen! Ich habe ſchon an ein Handelshaus in Gothenburg um eine Stelle für den jungen Herrn geſchrieben, wo er, ſo wahr ich ehrlich bin, kurz genug gehalten werden und nach einer andern Pfeife tanzen lernen ſoll, ehe er wieder heimkommt, um mit ſeinen Teufeleien Alles unter einander zu bringen. Und bis der Racker fort iſt, mußt Du bei uns wohnen, Hermannz verſprich es mir! Ich laſſe ſo⸗ gleich Deine Sachen holen; Hulda hat Dein Zimmer ſchon längſt herrlich in Ordnung gebracht.“ „Nein, liebſter Vater, ich werde überhaupt nur noch ſo kurze Zeit hier bleiben, daß ſich eine Wohnungsver⸗ änderung nicht mehr der Mühe verlohnt.“ „Wie, was? kurze Zeit! Du haſt ja ein paar Monate hier bleiben wollen und nun willſt Du, wie das Weiber⸗ volk, die Wetterfahne machen. Was fällt Dir denn ein?“ „Ich muß, Vater, ich muß!“ „Nein, ſage ich, Du mußt nicht! Hulda, mein Kind, ſprich Du; willſt Du Hermann reiſen laſſen?“ „Nein; Hermann, wenn ich Etwas über Dich ver⸗ mag, ſo bleib' noch da und bereite uns nicht dieſen Kummer!“ „Und was meinſt Du denn, daß ich mir durch mein Dableiben ſelbſt bereite?“ fragte er nicht ohne Bitterkeit. Hulda erröthete und ſchwieg; an ihrer Stelle er⸗ wiederte der Vater: „Du bereiteſt uns die große Freude, Deine Ver⸗ lobung mit Hulda feiern zu können. Die Auserwählte Deines Herzens iſt nicht ſo hart, wie Du Dir einbildeſt; ſte hat mir bereits gebeichtet.“. „Was, o Gott! Nein, ihr habt ſie überredet!“ rief Hermann heftig aus.„Aber ſey ruhig, liebſte Schweſter, 38 ich mache nicht den geringſten Anſpruch, welchen Dein Herz nicht billigt.“ „Zum Kuckuck mit all' dem abgeſchmackten ſentimen⸗ talen Gewaͤſche!“ ſiel der Doktor ärgerlich ein.„Was Schweſter! Deine Braut iſt ſie, Deine geliebte, liebevolle Braut, welche Todesqual ausgeſtanden hat, während Du fort warſt. Alles iſt im Reinen und abgemacht, wenn Dir nur nicht wieder der Teufel in den Leib fährt, Her⸗ mann. Du kannſt doch nicht verlangen, daß das Mädchen ſich Dir an den Hals werfen ſoll. Willſt Du ſie haben, — gut!— dann ſey aber auch vernünftig, daß wir nicht wieder durcheinander laufen als wären wir im Kopfe nicht richtig.“ „O Vater! Du thuſt nicht recht,“ ſagte Hermann ernſt.—„Hulda iſt weich wie Wachs. Sie kann mich nicht leiden ſehen und ſagt lieber ja, als daß ſie die Urſache von Mißhelligkeiten zwiſchen Denen ſeyn will, die ihrem Herzen ſo theuer ſind. Laßt ihr Zeit, ich will da bleiben; ſpricht am Schluſſe der zwei Monate, ohne alle Einwirkung, Zwang oder Ueberredung, ihr Herz für mich, dann werde ſie die Meine, und das Streben meines ganzen Lebens, die höchſte, heißeſte Liebe wird nicht genug ſeyn, ihr dafür zu danken. Denkt ſie aber anders— ſo bleibt fie dennoch die theuerſte Hälfte meines Ichs, und meine ſchönſte Aufgabe ſoll, wie jetzt, ſo immer, ihr Glück ſeyn.“ „Hermann, braver, herrlicher Junge!“ rief Bundler gerührt und ſchloß den jungen Mann in ſeine Arme;„ſo ſey es! Ich werde kein Wort mehr über die Sache reden; aber wenn ſie meine Tochter ſeyn will, wenn ſie ein Herz hat, welches deſſen würdig iſt, der ſie ſo unendlich liebt, 0 „Halt, Vater!“ fiel ihm Hermann ins Wort,„laſſen wir dieß. Hulda bedarf der Ruhe, um ſich zu erholen; wir haben ſie mit unſrer Heftigkeit allzuſehr in Schrecken geſetzt.“ Mit einem Blick des Dankes auf ihren geliebten 39 Pflegbruder eilte Hulda hinaus, in ihr Zimmer. Hier ließ die heftige Spannung ihrer Seele allmälig nach. Gleichwohl gab ſie ſich das heilige Verſprechen, nie ſeines Edelmuthes unwürdig ſeyn zu wollen. Den Tag nach dieſem Auftritt kam Doktor Bundler mit einem Brief in der Hand zu ſeiner Schwägerin. In tiefſter Trauer ſaß dieſe in dem großen Lehnſtuhle ihres verſtorbenen Mannes und dachte darüber nach, wie ſie Hermann überreden könne, daß dieſer den Doktor an⸗ ginge, um zu einem eigenen Etabliſſement Ludwigs ſeine Zuſtimmung zu geben, denn der theure Liebling lag ihr unaufhörlich in den Ohren und klagte ihr täglich und ſtündlich, es ſey ihre Pflicht, dafür zu ſorgen, daß er von ſeinem Vormünder nicht mehr wie ein Knabe be⸗ handelt werde; von Elfridens Rath, welche ihm zumuthete, ſelbſt für ſich zu reden, wollte er Nichts wiſſen. Ludwig fand es immer viel bequemer, ſich aufwarten zu laſſen; ſelbſt Etwas in der Sache zu thun— das hatte, bei einem ſo eigenſinnigen Menſchen wie der Doktor, ſeinen Knoten, und arbeiten,— in dieſer Schule war er nicht aufgewachſen. Als Bundler in das Zimmer trat, glaubte ſie auf ſeinem Geſichte eine gewiſſe Heiterkeit zu leſen, welche ſie ſich um ſo weniger zu erklären wußte, als ſie durch Her⸗ mann erfahren hatte, daß Ludwig mit Fleiß ſowohl ihr, als allen Uebrigen die aufgetragene Botſchaft von Her⸗ manns Wegreiſe verſchwiegen habe und ſich alſo mit hämiſcher Schadenfreude an der Angſt der Famtlie weiden und ſie über den Grund von Hermanns Entfernung, welcher ihm wohl bekannt war— er hatte im Sinne, eine ſchon längſt beabſichtigte botaniſche Excurſion von ein paar Tagen zu machen— in völliger Unwiſſenheit laſſen wollte. Elfride machte ſich deßhalb wenig Hoff⸗ nung, weder bei Hermann, noch bei Bundler Etwas zu Gunſten ihres Lieblings auszurichten, allein das freund⸗ liche Ausſehen des Doktors, ſein ungewöhnlich herzliches „Guten Morgen, Frau Schwägerin,“ weckte bei ihr doch 40 ein kleines Fünkchen von Möglichkeit des Gelingens. Sie ſtand auf und begrüßte ihren Schwager mit dem ſüßeſten „Seyn Sie mir willkommen!“ „Das ſoll mir lieb ſeyn,“ erwiederte Bundler. „Auch bringe ich eine Nachricht, Frau Schwägerin, welche Sie ohne Zweifel freuen wird, denn Sie ſind eine zärt⸗ liche, faſt allzuzärtliche Mutter, ſollte ich ſagen. Als Ludwigs Vormund liegt es mir am Herzen, Alles zu ſeinem Beſten zu thun und ich bin gewiß, daß Sie alle Mittel und Wege, welche ich dafür einzuſchlagen für gut gefunden habe, billigen werden.“ „Laſſen Sie hören, liebſter, beſter Schwager, laſſen Sie hören! Ich weiß und bin feſt überzeugt, daß obgleich wir zu Lebzeiten meines ſeligen Mannes, oft verſchiedner Anſicht waren, Sie es doch ſtets gut gemeint haben, wenn ich es auch, als ein ſchwaches Weib, nicht allezeit be⸗ grelfen konnte, wie jetzt, wo Kummer und Sorge meinen Blick geſchärft haben.“ „Potz tauſend, Frau Schwägerin! was iſt auf ein Mal für ein anderer Geiſt in Sie gefahren?“ fragte der Doktor erſtaunt und ſah Elfriden mit einem ganz eignen Ausdruck ſeiner großen ſchwarzen Augen an.—„Na, ich habe Nichts dagegen, wenn der Verſtand ein Mal kommt; beſſer ſpät als niemals. Wir werden gleich ſehen, ob er von der rechten Art iſt.“— Bundler ent⸗ faltete ſeinen Brief und las mit lauter Stimme: „Hochgeehrteſter Herr und Freund! Dero werthes vom erſten hujus haben richtig erhalten und deſſen Inhalt gehörig obſerviret. Mit Rückſicht auf Dero Rekommandation nehmen wir den jungen Mann um ſo lleber in unſer Haus auf, und wird ſeine Stellung von ſeiner eignen Aufführung abhängen. Betreffend ſeinen Hang zum Leichtſinn, welchen Dieſelben erwähnen, ſo iſt dieß nichts Seltenes bel der heutigen Jugend; da wir übrigens gewohnt ſind mit jungen Leuten 89—S on 1 41 viel umzugehen, und ſolche zu brauchbaren Män⸗ nern in unſerem Fache zu bilden und angelegen ſeyn laſſen, ſo können wir Demſelben die Ver⸗ ſicherung geben, daß wir ihm ſchon den Daumen auf das Auge halten werden. Sein Salär u. ſ. w. anlangend, werden wir dann übereinkommen, wenn wir erſt wiſſen, was er zu leiſten im Stande iſt. Mit ſteter Achtung und Freundſchaft dero ꝛc. ꝛc. Berg und Comp.“ Gothenburg den 1828. Mit weit aufgeriſſenen Augen und bebenden Lippen ſprang Elfride von ihrem Stuhl auf, ſchlug heftig die Hände zuſammen und ergoß ſich in einen Strom von Klagen und Vorwürfen gegen den Doktor, welcher ſie ruh anhörte und den Brief langſam wieder zuſammen⸗ altete. Als endlich Elfride eine kleine Pauſe machte, um Athem zu ſchöpfen, nahm Bundler die Gelegenheit wahr, die Bemerkung einzuſchalten:„die Frau Schwägerin habe ja ſo eben erſt erklärt, daß ſie in Bezug auf ſeine Hand⸗ lungsweiſe jetzt auf ganz andre Gedanken gekommen ſey.“ „Ja, gerade eben, das glaube ich! meinen Sie denn, ich haͤtte denken oder ahnen können, daß der Mann, wel⸗ chen mein armer ſeliger Dahl ſeinen beſten Freund nannte, ſo barbariſch mit ſeinem Sohne, ſeinem Aug⸗ apfel, ſeinem Ludwig, verfahren könnte— ihn als einen elenden Kommis in fremden Dienſt ſchicken würde, wo⸗ gegen er ſchon längſt gewohnt war, das Comptoirperſonal ſeines Vaters zu gouverniren?“ „Juſt deßwegen, Frau Schwägerin, juſt deßwegen ſoll er nun auch ein Mal ſich fügen lernen. Es iſt freilich traurig, daß ſeine Erzlehung eine derartige Wen⸗ dung genommen hat; allein mit Gottes Hilfe wollen wir eine neue beginnen, gerade wie ich vorhin in Bezug auf Sie ſelbſt geſagt habe: beſſer ſpät als niemals. Ich kann Ihnen verſichern, daß, die Herren Berg und 42 Blum ein ſehr geachtetes Haus find und tüchtige junge Leute bei Ihnen gezogen werden, ſo weit es in menſch⸗ lichen Kräften ſteht, ſolche zu Recht zu bringen.“ „Ja, aber daraus wird Nichts, ſage ich! Ich bin Mutter und habe auch ein Wort mit zu ſprechen. Lud⸗ wig bleibt hler.“ „Den Henker wird er! Ich bin ſein Vormund, habe nicht ein Haarbreit von meinem Rechte abzugehen im Sinne, und werde durchſetzen, was ich in dreifacher Eigen⸗ ſchaft, als Verwandter, Vormund und Bevollmächtigter ſeines ſeligen Vaters zu ſeinem Beſten beſchloſſen habe; deßhalb thun wir am geſcheidteſten daran, keine weiteren unnöthigen Worte über den Gegenſtand zu verlieren, denn, mögen Sie gleich Himmel und Erde in Bewegung ſetzen, es bleibt dabeil Heute haben wir Dienſtag, in acht Tagen kann Alles in Ordnung ſeyn— alſo macht ſich am nächſten Montag der junge Herr auf den Weg. Ich werde deßhalb zuvor ein Wörtchen mit ihm reden und ihm meine Ermahnungen gehörig an das Herz legen.“ Nun begann Elfride zu ſchluchzen und den Schatten ihres verſtorbenen Mannes um Schutz und Gerechtigkeit gegen die unverantwortliche Handlungsweiſe ihres Schwa⸗ gers anzurufen.—„Ach ich durchſchaue wohl den ab⸗ ſcheulichen Plan,“ ächzte ſie.„Ihr wollt das einzige Weſen, welches mich liebt, das einzige, welches mir armen verlaſſnen Wittwe Schutz und Beiſtand gewähren kann, aus meiner Nähe vertreiben!“ „Brauchen Sie Ihre Vernunſt,“ verſetzte der Dok⸗ tor ernſt,„und verfündigen Sie ſich nicht durch ſolche Klagen an Gott und dem Verſtorbenen. Glauben Sie meinem Worte, Ludwigs Zärtlichkeit und Schmeicheleien dauern nur ſo lange, als er Ihrer Hilfe, Ihrer Spar⸗ pfennige bedarf. Laſſen Sie ihn ein Mal ſein eigner Herr und nur von ſeinem Willen abhängig ſeyn, ſo wird ſich das Blättchen bald wenden; Sie werden dann ſehen, das ſag ich Ihnen, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin— daß er ein Tirann wird; und je größre Schwachheit und 43 Nachſicht Sie gegen ſeine Fehler zeigen, deſto mächtiger werden ſeine böſen Leidenſchaften hervortreten, und ſtete Neue über Ihre thörichte Blindheit wird Ihr Loos ſeyn. Eine verſtändige Liebe, welche das zuküͤnftige Wohl des Kindes im Auge hat, für die Entwicklung ſeiner morali⸗ ſchen und phyſiſchen Kräfte ſorgt, wird ſich mit Dank⸗ barkeit belohnt ſehen; aber eine übertriebne maß⸗ und zielloſe Nachgiebigkeit gegen alle ſeine Wünſche und Be⸗ gierden, eine ſolche Liebe— wenn man ja die Schwach⸗ heit ſo nennen kann— wird früher oder ſpäter mit Undank vergolten werden. Bedenken Sie jetzt meine Worte,— es wird eine Zeit kommen, wo es zu ſpät ſeyn dürfte.“ Bundler entfernte ſich und ungeachtet ihrer unbe⸗ greiflichen, mehr als weibiſchen Schwachheit für Ludwig, erinnerte ſich Elfride doch an manchen Zug ſeines Cha⸗ rakters und an mehr als Einen Vorfall, welcher leider für die Behauptung des Doktors zu ſprechen ſchien. Still und in ſich gekehrt begann ſie mit den Vorberei⸗ tungen zur Reiſe; und als Ludwig, bei der Kunde da⸗ von, nahe daran war, das Haus zu ſtürmen, um die ſchlafende Mutterzärtlichkeit zu wecken, ſo blieb es dieß Mal doch ohne Wirkung. Ein paar Drohungen, welche ihm in der Hitze entfuhren, befeſtigten die Mutter in ihrem Vorſatze, und obgleich ſie in der Abſchiedsſtunde gewaltig ſchwach wurde, und es ſie beinahe gereut hätte, ſo ging die Reiſe nichtsdeſtoweniger vor ſich und Elfride weinte ihrem Lieblinge eine Fluth von Thränen nach. 44 Fünftes Kapitel. Die Norne klag' an, deren düſtere Looſe Der Menſch nicht verrückt; denn vom Himmel fällt So Gutes wie Schlimmes dem Sohne der Welt. egnér. „Geb' mir die Spitzenhaube mit dem violetten Bande, liebe Selma, und Du Ebba„ hol' mir meinen ſeidnen Mantel. Sieh' nach, Kind, ob ihm die Motten keinen Schaden gethan haben, ſeit er nicht mehr aus dem Ka⸗ ſten gekommen iſt, und leg ihn auf dem Rücken in eine Falte, damit man die großen gelben Flecken nicht be⸗ merkt.“ Dieſe Befehle kamen aus dem Munde der alten Baronin Silberſparre. Sie ſaß in ihrem Schlafzimmer, vor einer etwas ſonderbar ausgeſtatteten Toilette, und heftete ihr graugemiſchtes Haar auf eine Weiſe zurück, daß es nicht allzuſehr gegen die braunen Seitenlocken abſtechen möchte. Fräulein Charlotte Antoinette ſaß in einer Ecke und las in Harms Predigten. „Liebe Schweſter,“ begann die Baronin und ſchüͤt⸗ telte ein wenig den Kopf, mhaſt Du denn wirklich im Sinne heute nicht mit uns zur Kirche zu gehen? Karl hat ja, auf meine ausdrückliche Bitte, den Wagen aus⸗ beſſern laſſen, die Mädchen haben den zerriſſnen Ueberzug geflickt und die Pferde laufen ſchon zwei Tage auf der Kuhweide, um ein beſſres und volleres Anſehen zu unſrer Fahrt zu gewinnen. Wir können uns alſo mit allem Anſtande und ziemlich unſerm Range gemäß zeigen, be⸗ ſonvers da Magnusſon ſeinen alten Mantel herausſtaffirt und die alte Borte an ſeinem Hut geputzt hat, ſo daß er auf ſeinem hohen Bock ganz brav und reputirlich ausſieht; auch hat Ebba, die immer Etwas weiß, mit — —ü ein paar abgelegten Silbertreſſen dem Ochſenknecht ſeine blaue Sonntagsjacke ſo köſtlich hergerichtet, daß er darin wie ein leibhaftiger Lakai ausſieht. Ich habe ordentlich meine Freude daran; ſo Etwas ſetzt das Bürgervolk ge⸗ hörig in Reſpekt, und wenn Fuſelberg der„rauhborſtige“ Tölpel, zugegen iſt, ſo freue ich mich ſchon in Gedanken,“ wie er ſich Mühe geben wird, den Aerger über ſeine fehl⸗ geſchlagene Hoffnung zu verbeißen. Gott ſey Lob und Dank!— Iſt die Noth am größten, ſo iſt die Hilfe am nächſten. Ein äußerſt angenehmer Menſch, der Notarius Bundler! Ton, Haltung, Ausſehen, ganz wie ein Kava⸗ lier, wirklich ein charmanter junger Mann. Es kam mir vor, als ob er Selma auszeichnete; ich habe es ja immer geſagt, Nichts rekommandirt ein junges Mädchen mehr bei Männern von Welt, als wenn man weiß, daß ſie ſchon ein Mal eine vortheilhafte Partie ausgeſchlagen hat, um die Selbſtſtändigkeit ihres Charakters feſtzuhal⸗ ten. Ich weiß ſelbſt nicht, wie mir iſt, allein ich meine, Selma ſey ſeither ſogar gewachſen.— Aber, wie geſagt, Charlotte Antoinette, willſt Du denn nicht mit zur Kirche fahren und Zeugin meines Triumphs ſeyn? Auf das Geſicht der Amtmännin bin ich nur begierig!“ „Ich bleibe zu Hauſe,“ entgegnete das Fräulein be⸗ ſtimmt;„es verlangt mich gar nicht die gerechten Stiche⸗ leien der Amtmännin anzuhören, und ebenſowenig bin ich auf das Hohnlächeln der Leute begierig, wenn ſie die glänzende Equipage von Forshälla, die ſpiegelglatten Apfelſchimmel des Amtmanns mit unſrem altmodiſchen Rumpelkaſten, den abgemagerten Kracken und den Bauern⸗ tölpeln in ihren Narrenjacken vergleichen. Nein, da bin ich, Gottlob, zu ſtolz. Lieber bleibe ich zu Hauſe ſitzen, wie Karl, der ſich ebenfalls ſchämt, Euch in dieſem Auf⸗ zuge zu begleiten.“ Die Baronin gab hierauf keine Antwort. Sie ſah wohl ſelbſt das Armſelige ihrer Kirchenauffahrt ein, allein ihre Citelkeit ſiegte über Charlotten Antoinettens Stolz, welcher hier nicht am unrechten Platze war. Die alte 46 Dame glaubte ihre Anordnung ſo getroffen zu haben, daß Fuſelberg vor Zorn und vereltelter Rachſucht aus der Haut fahren möchte, und dieß war hinreichend, ſie zum Fahren zu veranlaſſen. Als die Baronin nebſt ihren Töchtern zur Abfahrt fertig war, Ebba ſtrahlend vor Freude, Selma ſchüchtern und niedergeſchlagen, trat der Baron ein„ um Ihnen Adieu zu ſagen. Sein Ausſehen war ernſt; bei dem Anblicke aller dieſer eiteln Zurüſtungen ſchien ſich ſeiner eine Art Unruhe zu bemächtigen. Als er übrigens die faſt kindiſche Freude ſeiner Mutter ſah, ſchwieg er mit einem Seufzer, bot ihr den Arm und führte ſie zum Wagen. Magnusſon, mit ſauber ausgebürſtetem Mantel und der Borte auf dem zerknitterten Hut, ſaß ſchon auf ſeinem hohen Throne, Peter, der Stallknecht, ſtand grin⸗ ſend auf ſeinem Lakaienplatz und brüſtete ſich höchlich, daß er, ſeiner Meinung nach, geputzt wie ein Bräutigam, zur Kirche fahren durfte, und dieß noch gar in Geſell⸗ ſchaft von Ihro Gnaden. Sobald die Verpackung in die Familienſchachtel be⸗ werkſtelligt war, erhielt Magnusſon von der Baronin den Befehl im Anfange tüchtig zuzufahren, dann aber immer langſamer zu thun, je näher man der Kirche käme. Sämmtliche Damen nickten Karl ihr Lebewohl zu und der Wagen rollte dahin. Bei ihrer Ankunft auf dem großen Platze vor der Kirche war das Erſte, was der Baronin unangenehm in die Augen fiel, der von der andern Seite daherbrauſeude Wagen von Forshälla, in welchem die Amtmännin ſaß, in einem funkelnagelneuen eleganten Seidenmantel, und auf dem modernen Hute einen weißen Schleier, welchen Hortenſes kunſtrelche Finger ſelbſt geſtickt hatten. Weit baſin und dem italieniſchen Strohhute mit elner einzigen Blume, ſaß die Tochter an der Seite der Mutter. Ge⸗ enüber von Hortenſe hatte Notarius Bundler ſeinen Plat, und ein aufmerkſamer Beobachter konnte bemerken, —ſſſ einfacher in ihrem Mäntelchen von lichtbraunem Bom⸗ 1* 4 4 1* 88 A 47 wie der große Schleier an Hortenſes Hut eine vortreff⸗ liche Schutzwehr gegen die Entdeckung der Blicke abgab, welche wie Contrebande, geſchickt hinüber und herüber praktizirt wurden. „Es iſt doch abſcheulich,“ ſagte die Baronin Sil⸗ berſparre zu ihren Töchtern,„in der That unverantwort⸗ lich, wie das Bürgervolk einherſtolzirt. Heut zu Tage ſchämt man ſich auch nicht ein Bischen mehr, und es wird nlicht lange anſtehen, ſo verlieren alle Bürgerweiber den Verſtand vor lauter Hochmuth und Eitelkeit, wenn nicht die Regierung eine Verordnung ergehen läßt, welche ſolchen Weibern bei Leibesſtrafe Alles andre außer Kattun oder Bombaſin zu tragen verbietet.“ Während die Baronin durch dieſen Erguß ihrer Galle etwas Luft machte, fuhr der Wagen der Amtmännin vorbei und Frau Thorſen bückte ſich mit einem vorneh⸗ men Lächeln vorwärts. Steif wie eine Bildſäule ſaß die gnädige Frau da, ſie bewegte nicht ein Mal den Kopf, blos ein leiſes Zucken mit den Augbrauen konnte für eine Erwiederung des Grußes gelten. Auf dem Wege bis zur Kirche wurde nicht viel ge⸗ ſprochen. Der Baronin war daran gelegen, ſo ſchnell wie möglich aus dem Wagen zu kommen, um mit ihren Töchtern zuerſt die Kirchthüre zu erreichen; die Satis⸗ faktion wurde ihr auch dadurch zu Theil, daß die Amt⸗ männin unterwegs ſiehen bleiben mußte, um ein paar Worte mit der Frau Pfarrerin zu reden. Im Chor waren die Kirchenſtühle von Forshälla und Wallby einander gegenüber. Die Baronin mußte alſo zu ihrem großen Verdruß während des ganzen Got⸗ tesdienſtes die elegante Garderobe der Amtmännin vor Augen haben, und dieſer Umſtand, im Verein mit der Bemerkung, daß Notarius Bundler unter der ganzen Predigt ununterbrochen ſeine Augen auf Hortenſe, Statt auf den Geiſtlichen oder— Selma heſtete, ſtörte ihre Andacht bedeutend.— Endlich ſagte der Pfarrer„Amen“ und nun begann 48 das Verlefen der Publikationen, unter welchen Eine großes Aufſehen erregte. Sie lautete folgendermaßen: „Freitag den 18. dieſes, wird in Folge öffentlichen Zugriffverfahrens der Antheil des Hofguteigners Olaus ehrſon an dem Hofe Wallby verſteigert werden, wofern nicht von der Baronin Silberſparre die deßfallfige Schuldforderung, Kapital und Zinſen, eingelöst wird, welche durch geſetzlichen Kauf an den Diſtriktserekutor Mathias Fuſelberg übergegangen iſt. Wieghult den 13. September 1828. Nils Ohlsſon, Auktionator.“ Ein paar Minuten ſaß ſie mit kreideweißen Wan⸗ gen aufrecht da, dann ſank ſie ohne Lebenszeichen rück⸗ lings auf die Stuhllehne zurück. Die armen Fräulein e geſchaudert, wenn ſie es hätte ſehen können— einem dienſtfertigen Bauersmann in die Sakriſtei getragen, wo man Alles anwandte, um fie wieder in das Leben zurück zu rufen. Die Amtmännin wußte bei ihrem von Natur guten Herzen nichts von Schadenfreude. Sie und Hor⸗ tenſe thaten Alles, was ſie vermochten, aber lange Zeit ohne Erfolg. Als die alte Dame endlich wieder erwachte, war ihr Blick ſtarr, ihre Lippen bleich und ſtumm, ihre Hände kalt. In dieſem Zuſtande konnte man ſie un⸗ möglich nach Hauſe bringen. Es wurde ein Bote nach Wallby zu Karl und dem alten Fräulein geſchickt, ein andrer holte den Bezirksarzt und inzwiſchen brachte man die Todtkranke nach dem Pfarrhauſe. Die Amtmännin und die Pfarrerin ſaßen an ihrem 49 Bette. Hortenſe ſuchte die armen Fräulein, welche gänz⸗ lich auſſer ſich waren, ſo gut wie möglich zu tröſten und Gotthard ſorgte mit größter Geiſtesgegenwart für Alles, was in einer ſo verzweifelten Lage geſchehen konnte. Dann ſandte er einen dritten Boten mit einem Briefe, an Fuſelberg ab, worin er dieſem die größten Vorwürfe, beinahe Grobheiten über ſein ſchaͤndliches und geſetzwidri⸗ ges Benehmen machte, daß er ſich nicht entblödet habe, auf ſchamloſe, gänzlich unbefugte und ungeſetzliche Weiſe eine öffentliche Auktion bekannt machen zu laſſen, ohne vorher der unglücklichen Familie in vorgeſchriebener Form aufzukündigen.—„Allein, warten Sie, mein Herr,“ ſchloß Gotthard,„die Wiedervergeltung wird nicht aus⸗ bleiben; machen Sie nicht ſogleich die Verſteigerung rückſtellig, ſo verlaſſen Sie ſich darauf, daß Ihre Frech⸗ heit Sie mehr koſten ſoll, als Ihnen lieb ſeyn wird. Sie find der Mörder der alten Frau Baronin und müßten ein wahrer Teufel ſeyn, wenn Sie Ihre niedrige Rache noch weiter treiben wollten.“ Ein paar Stunden ſpäter galoppirte Baron Silber⸗ ſparre in den Pfarrhof. Fräulein Charlotte Antoinette kam nach, da der Falbe die ſchwere Chaiſe nicht ſo ſchnell fortſchleppen konnte. Als Karl in das Zimmer trat, in welchem ſeine Mutter, gleichſam ſchon von der Hand des Todes berührt, auf dem Bette lag, ſchauderte er gräßlich, ſtürzte er auf ihr Lager zu, warf ſich auf die Knice, lehnte ſeinen Kopf an die kalte Hand der Mutter und ließ zwei große Thränen darauf fallen.„Der Bube hat ſie durch ſeine heilloſe Rachgierde ermordet,“ mur⸗ melte er zwiſchen den Zähnen.„O Mutter, geliebte Mutter: hörſt Du Deinen Sohn Karl nicht mehr? Allmächtiger im Himmel!“ ſtammelte er mit bleichen Lippen, als ſie ſtumm blieb,„dieſer Kelch iſt bitter;z möchte mein Herz zugleich mit dem brechen, unter welchem es gelegen hat!“ Tiefe Stille herrſchte in dem düſtern Zimmer. Ge⸗ gen Abend kam der Arzt. Er gab keine trügeriſche Die Milchbrüder. II. 4 * — Hoffnung, ſondern erklärte dem Baron unter vier Augen, da er fürchte die Kranke werde den folgenden Abend nicht erleben. Uebrigens hoffe er, daß vorher ihr Bewußtſeyn wiederkehren werde.— Die Erſchütterung war zu heftig für ihre ſchwachen Nerven geweſen; der Pfeil hatte. ge⸗ troffen, das Herz zum Tode getroffen. Stumm ging Karl im Kraukenzimmer auf und ab. Mit inniger Theilnahme waren die Amtmännin und Hortenſe von den armen Geſchwiſtern mit dem Verſpre⸗ chen geſchieden, am andern Morgen wieder zu kommen. Gotthard blieb da, um Karl beizuſtehen. Fraͤulein Char⸗ lotte Antoinette wachte am Kopfende des Krankenbettes, die weinenden Mädchen zu Füßen der Mutter. Es war zwei Uhr. Da bemerkte man eine ſchwache Bewegung an der einen Hand der Kranken und ein paar leiſe Worte aus ihrem Munde ſchlugen kaum hörbar an das Ohr ihrer Kinder. Karl und ſeine Schwe hinzu und der erſte Blick der Mutter ſagte ihnen, daß ſte die Ihrigen erkannte. Ein ſchwacher Freudenruf fuhr über die Lippen der Geſchwiſter; um die Wette ergriffen ſie ihre Hände, einen Blick aus der erhaſchen, der ihre Angſt lindern könnte. Ein kaum merkliches, unendlich mildes Lächeln ſpielte um den ein⸗ geſunkenen Mund.— „Es iſt vorbei mit mir;“ flüſterte ſie leiſe.„Mein Leben war in den letzten Jahren freudlos, aber Eure Liebe, meine Kinder, hat mir den Dornenpfad geebnet.— Dankt Gott, daß ich zur Ruhe gehe!— O weinet nicht! ich ſegne Euch.. Segnet auch ihr das Andenken Eurer Muttter! Ich habe Euer Beſtes gewollt, wenn ich mich auch in den Mitteln dazu täuſchte.“ Sie ſchwieg; als nun auch ihre alte Schweſter her⸗ anſchlich, reichte die Baronin dieſer die Hand. Kaum hörbar flüſterte ſie:„Dank—... habe Dank für Deine Liebe und Treue, in frohen wie in kummervollen Ta⸗ gen!..— Karl,“ kaum vermochte ſie die Worte her⸗ vorzupreſſen,„Deine Schweſtern....„“ Nun blieb ſie 2 — 222 2. 2 C9 2 8 2u 8 x2 ——,——,———* E—:—, 51 einige Stunden ruhig und ſtumm. Um ſechs Uhr Mor⸗ gens entſchlief die Baronin Silberſparre zur ewigen Ruhe. 4 Und, ſiehe da, nun zeigte ſich der Amtmann und ſeine Gattin im beſten Lichte. Sie boten der armen Familie einen Influchtsort zu Forshälla an, bis ihre Angelegenheiten geordnet wären; der Baron und das alte Fräulein nahmen das Anerbieten für die jungen Mädchen an. Sie ſelbſt begaben ſich Beide nach dem Leichenbegängniſſe der Baronin auf einige Zeit nach Wallby, denn Fuſelbergs Forderung war durch einen Machtſpruch des Amtmanns bis zur ordentlichen zwei⸗ monatlichen Auffündigung fiſtirt worden. Inzwiſchen wurde die freiwillige Verſteigerung des ſtreitigen Wallby proklamirt und der Verkauf von Haus und Hof, Schiff und Geſchirr deckte vollſtändig alle darauf ruhenden Schulden, unter welchen Dahls Forderung wie ein Stein auf Karls Herzen lag, deren unverweilte Ab⸗ zahlung dieſer dem Käufer zur Bedingung machte. Nachdem Karl mit treuer Beihülfe ſeines Freundes Gotthard alle dieſe bittern ökonomiſchen Angelegenheiten männlich und kräftig beſeitigt hatte, ſchritt man zu dem Zweiten, Schwerern, die Trennung der Familie. Fräu⸗ lein Charlotte Antoinette brachte Ebba in die„Verſor⸗ gungsanſtalt von Jaquette du Rietz,“ wo ſie in Anſehung ihrer wankenden Geſundheit bis auf Weiteres bleiben ſollte. Das alte Fräulein zog zu einem weitläuſigen Better, einem alten Junggeſellen, welcher Jemand brauchte, 8 um ſeinem Hausweſen vorzuſtehen. Der guten Selma bot die Amtmännin, mit Zuſtimmung ihres Gatten, aus Antrieb ihres wohlwollenden Herzens, eine bleibende Zu⸗ fluchtsſtätte zu Forshälla an; ſie ſollte Hortenſes Zim⸗ mer, Zeitvertreib, Arbeit und Vergnügen theilen;— der Baron ſelbſt begab ſich zu dem obengenannten Major W.. in Koſt und Wohnung. Sein Zartgefühl erlaubte ihm nicht die Einladung des Amtmanns zu einem längern Aufenthalt in Forshälla anzunehmen. 52 So war nun das ganze Geſchlecht der Silberſparre getrennt und zerſtreut. Ein einziger Schlag hatte elektriſch Alle getroffen. Und Fuſelberg— kam der ungeſtraft davon? Ja, der liſtige, berechnende, unentb kluge Schleicher hielt ſich, glatt wie e Oben auf der Brandung des Lebe zu einer gewiſſen Zeit. Stolz hob Fuſelberg das Haupt empor und lächelte höhniſch auf die Folgen ſeiner That herab. Er ſaß im Sichern, denn die kleinen Mächte ſi den großen verbunden, daß eine Tre allzugroße Umwälzung zur Folge haben würde; um dieß zu vermeiden läßt man lieber Manches was einen Zwie⸗ ſpalt herbeiführen könnte, ungeſehen und ungehört. iedurch wollen wir übrigens keineswegs einen Schatten auf des Amtmanns Ehre werfen; ein Amtmann iſt nicht immer ſo mächtig wie ein Lehensmann. Am Abende vor der Abreiſe nach Billingsthal ſaßen nach dem Abendeſſen bei Amtmanns, Karl und Gotthard allein in dem Zimmer des Letztern, wo der Baron die Nacht vor ſeiner Abreiſe bei dem Freunde zubringen wollte. Zutrauensvoll öffneten ſie einander gegenſeitig das Herz, und Gotthard ſagte zu ſeinem Geſellſchafter: „Hör' Karl, nun da die Trennung vor der Thüre iſt, müſſen alle Heimlichkeiten zwiſchen uns aufhören. Sag' mir, warum haſt Du einen ſo unbegveiflichen Widerwillen dagegen, mit meinem edlen Hermann in Berührung zu ſtehen?— Du haſt Dich öfters ſo ſonderbar geäußert, daß meine Neugierde dadurch heftig geweckt iſt;— ſey jetzt aufrichtig.“ „Nun zut, Gotthard, ich will es ſeyn; ſeit die Sache im Reinen iſt, bin ich auch ruhiger geworden und es verlangt mich auſſerdem nach einem Urtheil von Dei⸗ ner Seite, denn die Ungewißheit darüber hat ſeit langer Zeit mein Herz gequält, indem ich in einem gewiſſen Momente meines Lebens nicht ſo ſtreng moraliſch recht ine Schlange, immer ns— wenigſtens bis nnung Beider eine ehrliche, welt⸗ nd oft ſo enge mit gehandelt habe, als ich unter meinen Verhältniſſen geſollt ätte, „Wohin ſoll dieß führen?“ fragte Golthard höchlich erſtaunt.„Rede ohne Umſchweife, Karl.“ „Ja, ohne Umſchweife, das will ich auch:— ich liebe— Deine Schweſter— und werde ſie ewig lieben.“ „Hulda!— Ach, jetzt geht mir ein Licht auf. Daran iſt die Langſamkeit Schuld, mit welcher Hermann ſeine Werbung betreibt! Dieß iſt alſo die Urſache ſeines ge⸗ heimen Schmerzes, der Unruhe meiner Mutter und des Brummens meines Herrn Papa, wovon alle Briefe reden, ohne ſich in nähere Erörterungen einzulaſſen. Allein ſag' mir, wie hängt dieß zuſammen? Wie biſt Du dazu ge⸗ kommen, faſt hätte ich geſagt, dieſen Kirchenraub zu be⸗ gehen und das Herz eines Mädchens zu ſtehlen, welches für Hermann beſtimmt war, für meinen armen, biedern Hermann, der wie ein liebender und beſorgter Gärtner ſeine ſchöne Blume aufgezogen hat, um ſich einſt an ihrer vollſtändigen Entwicklung zu freuen, aber nun Statt deſſen ſehen muß, daß ein Anderer die Frucht ſeiner Mühe erntet?“— Gotthard ging bei dieſer Rede heftig im Zimmer auf und ab; ſeine aufbrauſenden Gefühle umdüſterten, nicht zum erſten Male, den klaren Blick ſeines Verſtan⸗ des und guten Herzens. Er war über Karl aufgebracht, über Hulda, ja über die ganze Welt; denn das Herz ſeines Hermanns, des beſten, edelſten Menſchen, konnte auf immer gebrochen ſeyn.„Niemand kennt ihn ſo wie ich,“ murmelte er leiſe und langſam.„Geht eine einzige Froſtnacht darüber, ſo tödtet ſie das friſche Leben mit ihrer eiſigen Kälte und nimmt Blatt, Knospe und Blüthe mit hinweg.“— Eine Thräne zitterte bei dieſen Worten in Gottharde Auge.—„Alles iſt jetzt vorbei,“ rief er mit gewaltſamer Heftigkeit aus.„Karl, Du haſt den Frieden des beſten Menſchen gemordet, ja den Frieden einer ganzen Familie! Ich ſollte Dich haſſen, ich ſollte Dir das Herz aus der Bruſt reißen können, wenn nur 54 nicht das Unglück im Wege ſtünde— daß ich Dich liebte.“ Er ſtürzte auf Karl los und ſchloß ihn in ſeine Arme; allein dieſer litt ſelbſt zu große Qual, um Gott⸗ hards Seelenkampf gehörig faſſen zu können, den Wechſel in dem Kopf und Herz des feuervollen Jünglings. Sachte drängte er ihn zurück und ſagte tief Athem holend: „Und mir ſteht nur das Unglück im Wege, daß Du mich verkennſt. Wußte ich denn, konnte ich denn ahnen, konnte ſie ſelbſt es wiſſen, als wir uns damals in Billingsthal begegneten, daß ſie verloht war?“ „Ha! ſchon ſo lange iſt es her? Meine Mutter war ſelbſt mit dort? O traurig, traurig— die Mütter, ſeße die beſten ſind ſtets blind, laſſen ſich immer hinter⸗ gehen!“ „Was meinſt Du? Du bedenkſt nicht, was Du ſagſt!“ erwiederte Karl und das Blut ſchoß ihm in das Geſicht. „Laſſen ſich hintergehen? Glaubſt Du, daß ich, daß ſie, die Unſchuldsvolle, Reine, dieß verſucht haben könnte? Dieſe Schmach,“ ſetzte er hinzu und ſprang heftig auf, „hätteſt Du mir erſparen dürfen und hätteſt es gekonnt, wenn Du eine ſolche Handlung mit meiner Denkungsart verglichen, oder Deine Mutter gefragt hätteſt.“ „Nun, ſo ſprich von der Sache ſelbſt und laß die emonſtrationen,“ entgegnete Gotthard etwas gefügiger, „denn noch ſehe ich nicht klar.“ „Das wird bald geſchehen ſeyn. Ich liebte ſie bei⸗ nahe von dem erſten Augenblick an, wo ich ſie ſah. Soviel Schönheit, Unſchuld und herzliche Einfachheit mußten mein bisher freies Herz feſſeln. Unwiderſtehlich zog mich die Uebermacht der Leidenſchaft, trotz allem Wi⸗ derſtreben meines Pflichtgefühls, zu ihr. So vergieng unter unaufhörlichem Kampfe jener Monat, ein ſteter Wechſel von Qual und Seligkeit. Oft zog ich mich zu⸗ rück, mit dem Worſatze, in Ewigkeit zu ſchweigen— denn — ich war arm, und mein Stolz fühlte vollſtändig die Demüthigung, durch die Liebe eines Weibs den Grund 5⁵ lichen Gluͤck legen zu ſollen. Ich habe Grundſatze gehuldigt, daß der Mann, um jebten Gattin ganz glücklich zu ſeyn, ihren gemeinſamen Bedarf aus eigenen Mitteln müſſe beſtreiten können. Gleichwohl ließ ſich noch eine andere Stimme in meinem Innern vernehmen, welche mir zuflüſterte: von dem Weibe, das man liebt, kann man, ohne ſeine Ehre zu verletzen, Alles annehmen. Glaube mir, Gotthard, ein ſolcher Kampf zwiſchen Liebe und Verſtand, Schwachheit und Stolz, Pflicht und Ehre, iſt kein Kinderſpiel. Er frißt ſich in das innerſte Herz ein.— Wahrſcheinlich, ja gewiß würde ich den Sieg davon getragen haben, wenn nicht der Zufall, am letzten Abende vor ihrer Abreiſe, uns unter vier Augen zuſam⸗ mengeführt hätte. Die jungen Leute gingen im Park ſpazieren und man machte den Vorſchlag, daß man ſich, wie ſchon manchmal, theilen und in verſchledenen Rich⸗ tungen entfernen ſollte, um zu ſehen, wer zuerſt inner⸗ halb einer gewiſſen Zeit im Hauptgange eintreffen würde. Der Einfall war dumm.— Früher traf es ſich niemals, daß ich bei einem ſolchen Spiele Hulda's Gefährte wurde; ich hatte ihr aber eben erſt den Arm geboten und fand es jetzt lächerlich, ſie einem Andern zu uberlaſſen. Wir gingen fort, Keines ſprach ein Wort; nahe am Ziele ſetzten wir uns auf eine Bank, denn es erſchien noch Niemand von den Andern. Der Augenblick war gefährlich, ſehr gefährlich für unſre Ruhe. Der Kopf ſchwindelte mir. Ich wagte ein paar Worte von Liebe zu ſprechen, Worte, welche ich, wenn ſie ihren Seelenfrieden geſtört haben ſollten, mit meinem Herzblute zurückkaufen möchte. Beinahe in demſelben Momente ſtand Deine Mutter vor uns. Streng befahl ſie mir, mich zu entfernen. Am andern Morgen ſuchte ſie mich im Garten auf. Deine Mutter, Gotthard, iſt eine ver⸗ ſtändige, treffliche Frau; ſte wählte den beſten Weg und theilte mir, im Vertrauen auf meine Ehre, Alles mit. Ich habe weiter Nichts hinzuzuſetzen; zuverſichtlich kann zu meinem zeit von jeher dem in dem Beſitze einer gel 56 Deine Mutter auf eine Verſt mit meiner Ehre beſiegelt habe. Ehe Hulda am Morgen aufſtand, war ich ſchon weggeritten, und von der Stunde an, wo meine Schwachheit über meine beſſre Ueberzeugung den Sieg davon trug, habe ich ſie nicht mehr geſehen.“ „Ich kann Dich nicht verdammen,“ verſetzte Gott⸗ hard bewegt; im Gegentheil, Karl, bitte ich Dir meinen Verdacht ab. Im Bergleich mit mir biſt Du ein Hei⸗ liger. Aber nimm meine Worte nicht übel auf— ſo Hermann hätte ihn nicht begangen. Er iſt beſſer, als w— halb ſiehſt Du— leide ich fürchterlich bei dem Gedan⸗ ken, daß ſeine i ganze irdiſche Seligkeit in dieſem Sturme Schiffbruch gelitten hat.“ Und daß mein Herz und vielleicht au darüber bricht,“ rief Karl aus,„das iſt eine Kleinigkeit welche nicht werth iſt, daß man nur daran denkt.“ „Karl!“ ſagte Gotthard ernſt,„Du bi um Egoiſt zu ſeyn. Du haſt Deinen eignen Frieden zerſtört, das iſt wahr, allein iſt es denn nicht noch bitterer, ich ſagen zu müſſen, daß man den Frieden eines Men⸗ ſchen zerſtört habe, deſſen ganzes Glü cherung bauen, welche ich ch das ihrige „Und dann noch ſeine Wohlthaten angenommen!“ lachte Karl bitter— und zernichtende, mächtige Gefühle tobten in ſeiner Bruſt.„Aber dieß kannſt Du nicht faſſen, Gotthard, wel he Höllenq as Herz zerriß, als ich erfuhr, daß eben dieſer Hermann Dein Milchbruder, der Jugendfreund war, deſſen Deine Mutter erwähnte, ohne ſeinen Namen zu nennen.— In der Schuld deſſen zu ſtehen, dem man Alles geſtohlen hat, und am Ende Gott danken zu müſſen— begreifſt anken zu müſſen, daß der herz gebrochen und mir dadurch den einzigen möglichen Ausweg geboten hat, einer Schuld quitt zu werden, die mit Zentnerſchwere auf mir laſtete! he 8 38— N ½ 8 Q&——— 70) 83(☛— —— 4 A— 9 57 Rechne noch dazu den Anblick der geliebten, verlaſſenen Schweſtern, hinausgeſtoßen in die Welt, um unter frem⸗ dem Dache Schutz zu ſuchen— dann wlll ich ſehen, ob Du noch einen Tropfen Wermuth in den übervollen Becher gießeſt, den mir der Gram darreicht,“ „Da ſey Gott vor!“ ſagte Gotthard weich und zog den hoch aufgeregten Freund an ſeine Bruſt; Beider Herzen ſchmolzen in einer langen brüderlichen Umarmung zuſammen. Erſt nach langem Streite erhob ſich ihre männliche Seele aus dem Zuſtande der Betäubung, wel⸗ cher auf dieß Geſpräch folgte. Ruhig, aber blaß und ernſt, ſaßen Beide noch, als ſchon die erſten Morgenſtrahlen durch das Fenſter herein ſielen, Hand in Hand, Aug' in Aug'. Die ſchmerzliche Stunde des Abſchieds nahte. Es däuchte ihnen, als hätte mit dieſer Nacht die Periode eines neuen innern Lebens bei ihnen begonnen. Der Sturm hatte ſich gelegt. In Karls Blick, auf ſeiner edlen Stirne ſtand Kraft und Entſchloſſenheit, mit ſtiller Wehmuth gepaart. Der Ausdruck in Gotthards Zügen war eine tiefe innige Theilnahme, verbunden mit einem Vorgefühl, daß noch Alles gut werden würde. In ſeinem leichtbeweglichen Gemüthe ſchlug die Hoffnung immer wieder neue Wurzeln. Der Abſchied zwiſchen Karl und Selma war bitter. Sie blieben lange allein; als ſie aber wieder zur Ge⸗ ſellſchaft kamen, wußten ſich Beide zu beherrſchen. Mit aufrichtigen und herzlichen Worten, wie ſie heiß aus ſeinem warmen Herzen hervorquollen, dankte Karl dem Amtmann und ſeiner Gattin für ihren Edelmuth, der armen Selma eine Freiſtatt in ihrem Hauſe zu gönnen. Die Amtmännin, welche trotz des Barons ſonderbarem Weſen doch noch einige Hoffnung hegte, bat ihn dringend, bald wieder zu kommen, und der Amtmann ſetzte freund⸗ lich hinzu:„Sie ſind uns ſtets willkommen, Herr Lieu⸗ tenant, ſehen Sie, ſo oft Sie wollen, Forshälla als Heimath an.“ Hortenſe gelobte ihm ſeine Selma mit 58 ſchweſterlicher Zärtlichkeit zu lieben und v Bitten mit denen in Forshälla ſehen laſſen möge. ſich der Baron in den Wagen. gleiten. Sechstes Kapitel. — Der mächtigſte von allen Herrſchern iſt der Augenblick. chiller. Der Werth liegt im Gemüthe. Müller. Während ſich dieſe verſchiedene Vorfälle bei dem einen Theile unſrer Bekannten anhäuften und dieſe wie Spreu im Winde zerſtreuten, waren auch in M.. dle beiden Monate verſtrichen, nach deren Aolauf Hermanns Rückreiſe nach Stockholm und von da nach Upſala be⸗ ſtimmt war. . Es herrſchte um jene Zeit ein eignes, nicht recht glückliches Verhältniß in der Bundlerſchen Familie. Her⸗ mann war ſanff, liebevoll und ernſt. Wie ſich die Rie⸗ ſenkraft losgelaſſener Elemente an einander bricht, ſo hatte in jenen drei Tagen, wo Hermann in der wilden, un⸗ wirthſamen Gegend umhergeirrt war, ſeine Vernunft mit ſeiner Liebe gerungen, und die erſte war endlich Siegerin geblieben. Als er in ſeines Pflegvaters Haus zurückkam, begleitete ihn der feſte Vorſatz, in Hulda von jetzt an nur eine geliebte Schweſter zu ſehen, denn ſo ſchwer ihm auch die Entſagung fiel, war ihm dieſe doch minder bitter, als der Gedanke, ein Weib als Gattin an feine Bruſt zu drücken, deren Herz ihm nicht gehörte. Weder der Auftritt, welcher bei ſeiner Ankunft ſtattfand, noch Hulda's Angſt, noch ihre Bereitwilligkeit, dem Vater zu gehorchen, ereinte ihre ihrer Eltern, daß er ſich bald wieder Tief ergriffen warf Gotthard ſetzte ſich neben ihn; er wollte den Freund ein Stück Wegs be⸗ —2 ——.=S, ihre vieder warf ſich 3 be⸗ ja nicht einmal ihre freundlichen Schmeicheleien, ihr Bitten, dazubleiben, konnten den ſcharfſichtigen Hermann täuſchen. Er kannte das Geſchöpf, welches er gebildet hatte, von Grund aus, und wußte wohl, daß es den drückenden Gedanken nicht ertragen konnte, ſeine Hoffnung auf Seligkeit zerſtört zu haben. Um dem dringenden Begehren ſeines Pflegvaters ein Ziel zu ſetzen, beſtimmte er ſelbſt, aber ach, mit wie wenig Hoffnung auf einen günſtigen Erfolg!— jene zwei Monate, gleichſam zu einer Prüfungs⸗ und Bedenkzeit für Hulda. Er hatte es ſich zur ſtrengen Aufgabe gemacht, kein Wort von Liebe mit ihr zu ſprechen, weder durch Blicke Seufzer noch andere Zeichen ſeine Schwachheit zu ver⸗ rathen. Er ſtellte ſich, als liege er mit Eifer ſeinen Studien ob, aber ſo viel Mühe er ſich auch gab, ſeine Aufmerkfamkeit dadurch zu feſſeln, ſo ſelten glückte es ihm. Stundenlang ging er nachdenklich in ſeinem Zim⸗ mer auf und ab und eine Unruhe, welche um ſo heftiger war, als ſie der Zwang, den er ſich in Hulda's Ge⸗ genwart anthat, noch ſteigerte, verzehrte ſein Herz wie Feuer. Bundler, elner der beſten Ehemänner auf der Welt, das Muſter eines Vaters und ein grundehrlicher, braver Mann, war nie ſo verdrießlich und ſo ſchwer zu be⸗ handeln, nie ſo unzufrieden mit ſich und der ganzen Welt geweſen, als in dieſer Zeit der Unruhe und Ver⸗ wirrung, da ſein Hausſtand, das erſte Mal in ſeiner vierundzwanzigjährigen Ehe, zwiſchen Frieden und Un⸗ frieden ſchwedte. „Ich will kein Wort zu ihr ſagen, nein, kein Wort. Sie ſoll nicht behaupten können, daß ich ſie gezwungen hätte,“ pflegte der gute Doktor oft in Gegenwart ſeiner Frau zu ſagen, ſetzte aber dann gewöhnlich hinzu:„Aber Du, Karoline, haſt durch Deine unbegreifliche Nachſicht und Blindheit Dich ſo ſchmählich hintergehen laſſen, deßhalb iſt es Deine Pflicht, ſie wieder zur Vernunft und zum Nachdenken zurückzuführen.“ „Niemand ſoll ſie führen, lieber Mann, laß ſie 60 ihren Gang allein gehen. Wir können und dürfen ihr Nichts in den Weg legen.“ „Paperlapap,— dummes Geſchwätz! Wer vermag einem Mäͤdchen den verdrehten Kopf, oder das verherte Herz zu Recht zu ſetzen, wenn es nicht eine zärtliche und verſtändige Mutter kann, welche ihre Pflicht kennt und ſie auch thun will?“ Karoline ſeufzte, ſo harte Worte hatte ſie nie von ihrem Gatten gehört. Geduldig entgegnete ſie:„Bundler, liebſter, einziger Freund, iſt es denn nicht Hermanns ausdrücklicher Wille, daß wir nicht die geringſte Einwir⸗ kung weder auf ihr Herz, noch auf ihren Verſtand, Ge⸗ müth oder Gefühl verſuchen ſollen?“ „Hermann,— ja, das glaube ich! Er iſt wie ſie, wie Du, und ich mit, auf dem Holzwege! Was wäre ſonſt einfacher, als zu ſagen: Weg mit den Poſſen, Jungfer! Da, gib ihm die Hand, laß Dir den Ring anſtecken und damit baſta! Aber nun ſoll man wie die Katze um den heißen Brei herum gehen und dazu iſt ein Gewinſel und Geäͤchze, als ob das ganze Haus in ein Krankenhaus umgewandelt und ſie eine Todtenbraut wäre, ſtatt eines jungen, friſchen, lebensfrohen Mädchens, von den man Nichts weiter verlangt, als daß ſie heirathen 8.4 Karoline ſchwieg. „Ja, Du ſchweigſt; ſo macht ihr Weiber es immer, wenn ihr nichts Beſſeres zu thun wißt; aber plappern könnt ihr, wo es am wenigſten nothwendig iſt.— Du haſt doch wohl nicht, gegen meinen ausdrücklichen Willen, dem Gotthard von der dummen Geſchichte geſchrieben? Du kennſt ſeine Heftigkeit und weißt, daß es ſicher einen Auſtritt zwiſchen ihm und ſeinem neuen Freunde geben würde, den ich ſchon lange dahin gewünſcht habe, wo der Pfeffer wächst. Na gleichviel, der arme Teufel hat ſchon ohnedieß genug Trübſal auf dem Halſe, daß es Unrecht wäre, wenn man ihn auch noch vollends an die unſelige Reiſe erinnern wollte. Mit ſeinem Freunde Gotthard — —„—,——— 1g te )n —*—23—9 ͤ—— 8½ 61 im Bunde, könnte er irgend einen Teufelsſtreich aufs Tapet bringen, und es iſt, Gott weiß, ſchon ohnehin Ver⸗ wirrung genug im Lande.“ „Ich habe an Gotthard keine Silbe davon geſchrie⸗ ben,“ verſicherte Karoline traurig.„Seit wann habe ich denn aufgehört, mich in Allem nach Deinem Willen zu richten, lieber Mann 24 Die fromme Ergebenheit, welche in dieſen Worten lag, entwaffnete unſern guten Doktor etwas, und freund⸗ licher geworden, ſagte er: „Das iſt auch wahr, Alte! und wenn ich zuweilen ſpreche, als ob ich vergäße, daß Du das beſte Weib biſt, womit der Himmel einen Mann ſegnen konnte, ſo iſt doch ſtets wieder Etwas in meinem Herzen, das mich daran mahnt. Aber aufrichtig ſage ich; Herr, ach hilf, laß wohl gelingen! Denn wenn, was Gott verhüten wolle, Hulda uns den Kummer bereiten und... ich kann es nicht ausſprechen... ſo verſtoße ich ſie aus meinem Vaterherzen.“ Während dieſer Beſprechung in dem Zimmer der Aeltern ſtattfand, ſaß die, von der die Rede war, einſam auf ihrer Kammer. Sie faltete die Hände zum ſtillen Gehete und heiße Thränen, welche in ihren blauen Augen zitterten, ſielen, ohne daß ſie es wußte, auf die Stickerei, welche für Hermann beſtimmt war. Es waren ſchon ſo viele Thränen darauf gefallen, daß die blaßrothen Blumen faſt weißer wurden, als ein Kunſtkenner billigen konnte. Jeder Tag, welcher näher zu dem Schluſſe der feſtgeſetzten Zeit führte, wurde Hulda ſcheinbar ruhiger. Sie ſuchte ſogar Hermanns Geſellſchaft und erwies ihm alle jene kleinen, zarten Aufmerkſamkeiten, welche ein liebendes Herz ſo hoch ſchätzt. Der Doktor wurde immer heiterer und freundlicher. Karoline lächelte hoffnungsvoll, auch in Hermanns Herz ſiel zuweilen ein Strahl von Helle. Der erſte Tag der letzten Woche erſchien. Am Morgen hatte der Doktor ſeinen Pflegſohn beſucht und ihm vorgeworfen, daß er die wenige ihm noch übrige Zeit nicht gehörig benütze. Hermanns Wangen glühten, er drückte ſeinem väterlichen Freunde die Hand und ſagte: „Heute ſoll es ſich entſcheiden.“ Der Doktor ging nach Hauſe. Niemals war er ſo weich geſtimmt und ſo zärtlich gegen ſeine Tochter ge⸗ weſen. Ueber ſeine Lippen kam kein Wort, aber ein Mal über das andere drückte er ſie ſtumm an ſeine Bruſt, und das leiſe Zucken ſeiner Augenbrauen gab zu erkennen, daß er manchen Tropfen zerdrückte, welcher ſonſt ſeine Gemüthsbewegung verrathen hätte.“ Hulda ſah ein, daß die Stunde gekommen ſey; ſie war ſtill, gut und fromm, wie ein Engel. In ihrem Innern war es Licht und Frieden. Sie liebte zwar Her⸗ mann nicht mit demſelben Gefühl, wie den Baron, allein er war ihr dennoch unendlich theuer, und ſollte dieß denn nicht genug ſeyn. Schlag ſechs Uhr Abends kam Her⸗ mann. Er trat in das Kabinet, wo Hulda ſaß. In dieſem Augenblicke ſchwindelte und wirbelte es ihr im Kopfe. Sie wollte aufſtehen, allein heftige innere Bewegung hielt ſie zurück. Hermann nahte ſich und faßte ihre Hand.„O Hulda!“ war Alles, was er ſagte. „Mein Hermann!“ flüſterte ſie und eine zarte Pur⸗ purwolke flog ihr über Wangen und Stirne, denn es war das erſte Mal, daß das Wörtchen„Mein“ über lhre Lippen kam.„Mißdeute meine Bewegung nicht, ſie iſt nicht die Folge des Verluſtes aus einer Zeit, welche längſt hinter mir liegt und deren Erinnerung auch in Kurzem ganz verſcheiden wird. Nein, das ſſt es nicht, nur die Furcht, Deiner nicht würdig zu ſeyn, quält mein Herz, die Furcht, daß Du nicht volles Vertrauen zu mir haben möchteſt.“ „Geliebteſte, theuerſte Hulda!“ erwiederte er, aufs Höchſte überraſcht von dem unerwarteten Glücke, ſie ſelbſt den Gegenſtand des abgebrochenen Geſprächs zuerſt be⸗ rühren zu hören. Wenn es Jemanden auf der Welt gibt, der weiß, wie ſehr Dein reines Herz des vollſten Bertrauens würdig iſt, ſo bin ich es. Aber ſo hoch, ſo -—-9AGSg —+O₰ 8 z⸗z 63 über Alles in der Welt hoch ich das Glück ſchätze, Dich mein Weib nennen zu dürfen, ſo will ich dieſem doch lieber entſagen, als es mit der Ueberzeugung erkaufen, daß es Dich Thränen koſtet, bittre Thränen, welche mir in alle Zukunft auf der Seele brennen und den Frieden meines Herzens zerſtören würden.“ „Fürchte dieß nicht, Hermann,“ bat ſie mit ſüßer Ueberredung.„Mein Glück ſoll an Deiner edlen, treuen Bruſt blühen und keine Thräne ſoll darauf fallen.“ „Aber doch ſind ſie auf Deine erſte Brautgabe ge⸗ fallen,“ ſagte er und küßte die Stellen an der Stickerei, welche unter ihren Thränen gebleicht waren.„Hierher ſind doch welche gefallen, meine Hulda.“ „Ja, Hermann, das ſind ſie, ich will es nicht läug⸗ nen; allein ſie waren auch das Zeichen des letzten Kampfes mit meinem ſchwachen Herzen. Ich war ja noch ein Kind, Hermann, habe noch nicht gewußt, daß Du mich mehr als wie eine Schweſter liebteſt; man hätte mir dieß nicht verheimlichen ſollen, dann wäre ich Dir auch nie⸗ mals untreu geworden. Jetzt aber, Hermann, welß ich Alles, weiß, wie lieb Du mich haſt und bin jetzt auch, — namentlich durch die zweimonatliche Prüfung meines Herzens— überzeugt, daß auch ich Dich liebe, mehr liebe, als— einen Bruder.“ Hulda war in dieſem Augenblick himmliſch ſchön; die zarten, friſchen Lippen lächelten ſo hoffnungsvoll und in dem klaren, ſeelenvollen Auge ſtand das Gelübde der Treue und Glückſeligkeit geſchrieben. Ueberwunden, ſelig, ſo ſehr dieß nur ein Menſch auf Erden ſeyn kann, drückte Hermann ſeine junge Braut an ſein vor heiliger Freude hoch ſchla gendes Herz. Aber ſelbſt in dieſem Uebermaße des reichſten Genuſſes, ſelbſt in dem erwiederten erſten Kuſſe, lag für ihn eine Ahnung, ein dunkles ſchweres Vorgefühl, welches den klaren Spie⸗ gel ſeiner Freudenquelle trübte.„Nun biſt Du mein— mein,“ ſagte er leiſe.„Vergiß nie, daß Du die Hälfte meiner Seele biſt, daß ich Dir eine Prüfungszeit gege⸗ 64 ben, und wiſſe, wenn ich einſt die Ueberzeugung erlangen ſollte, daß die Worte, welche mich jetzt zu neuem Leben erweckt haben, nur Luftblaſen geweſen ſind, womit Du Dich und mich betrogen haſt, ſo wird dieß— mein Tod ſein. Denn ein ſolcher Sturz aus der Höhe der Selig⸗ keit in den Abgrund des Elends ginge über meine Kräfte.“ Hulda zitterte bei dem feierlichen Ernſte in Her⸗ manns Stimme und verbarg ihr Haupt an ſeiner Bruſt. „Sprich nicht ſo,“ bat ſie ſchmeichelnd; nie, nie wirſt Du dieſe Erfahrung machen.“ „Gott gebe dieß!“ erwiederte er und ſchloß ſeine Braut feſter an ſein Herz. Da erſchien der Doktor an der Thüre:„Bravo!“ rief er mit triumphirender Stimme ſeiner Gattin zu, welche zagend im Nebenzimmer ſaß. „Komm Alte, der lange Zauber von zwei Monaten iſt gelöst und wir können luſtig Hochzeit halten!“ Was nun folgt, kann ſich der Leſer auch ohne unſre Beſchreibung leicht denken; wir wollen nur noch eines Briefes erwähnen, welchen Hermann einige Tage vor ſeiner Abreiſe an Gotthard ſchrieb. „Mein lieber, braver Gotthard! Durch unſre liebe Mutter, welche Dir ſchon am Morgen nach meiner— ja, wie ſoll ich es nennen?— ich weiß nichts Beſſeres als— Auferſtehung von den Todten, Alles geſchrieben hat, was ſich in der letzten Zeit mit und bei uns zugetragen, weißt Du ſchon, daß Hulda— meine Braut iſt. O Gotthard, ich habe viel ausgeſtanden, aber jetzt iſt es vorüber und in mei⸗ nem Herzen blühen nunmehr die ſchönſten Lebensroſen, die heiligen Roſen aus unſrem eigentlichen Vaterlande, Liebe und Hoffnung. Dir, den ich ſo ſehr liebe, der meine Gedanken und Gefühle getheilt hat, ſeit ich mich zu ſeyn erinnere, Dir will ich übrigens nicht verhehlen, daß meiner jetzigen Seligkeit doch noch ein Tropfen Bit⸗ terkeit beigemiſcht iſt. Du weißt— aus mehreren An⸗ ſpielungen in Deinen letzten Briefen ſchließe ich es— 3 daß ſie früher geliebt— den Baron Silberſparre geliebt 65⁵ hat. Ich ſpreche dieſen Namen ohne Widerwillen aus; er hat ja nicht gewußt, daß er einen Schatz raubte, der für elnen andern beſtimmt war. Sein Benehmen war außerdem edel, ich achte ihn und möchte ihn als Bruder an mein Herz drücken. Aber Gotthard, in einem Herzen wie Hulda's, ſchlägt die erſte Liebe tiefe Wurzeln; ſie kann ſogar tiefere Wurzeln ge⸗ ſchlagen haben, als ſie ſelbſt nur ahnt. Sie liebt mich zwar— davon glaube ich überzeugt ſeyn zu können— allein in welchem Grade, weiß ich noch nicht, und bin nicht gewiß, welches Gefühl in ihrer Bruſt die Oberhand gewinnen wird, denn ſie kämpfen noch immer mit einan⸗ der um den Sieg. Ich glaube, Gotthard, daß ein Mann mit einem Weibe unſäglich glücklich ſeyn kann, auch wenn er nicht ihre erſte Liebe war. In der reinen, ſchönen Ergebenheit, welche ein edles Weib für den faßt, an welchem das Glück ihrer Zukunſt hängt, in der innigen durch Blick und That beurkundeten Dankbarkeit für die treue Sorge, womit er ihr das Leben angenehm und leicht zu machen ſucht, liegt ein Himmel, ſchöner und ſturmfreier, als der berauſchende, vielleicht überſchwengliche Strahlenglanz der erſten Liebe. Du lachſt vielleicht, Gotthard, denkſt am Ende gar an die Fabel vom Fuchs mit den Weintrauben; Du magſt Recht haben! Ich werde jetzt und alle Zeit jede Kraft aufbieten, um mich mit Entſchloſſenheit und Selbſt⸗ ſtändigkeit in das Unahänderliche zu fügen und dem Leben ſoviel Honig abzugewinnen ſuchen, als es mir bieten will. Es iſt eine gefährliche Sache um den Sturm der Leiden⸗ ſchaft in der Bruſt des Mannes; ich habe dieß erfahren und Gott bewahre mich davor, daß ich abermals unter dieſen Einfluß gerathe. Mit Muͤhe habe ich die Ober⸗ hand darüber gewonnen und die friedvolle Seligkeit, welche ich jetzt in ſo hohem Grade mein nenne, wenn Hulda ſchmei⸗ ꝛchelnd die Wolken von meiner Stirne küßt oder freundlich (und hold mit einem Anfluge von ſtiller Trauer meine Die Milchbrüder. II. 5 1 66 Sachen zur Reiſe ordnet.— Dieſe ſelige Ueberzeugung iſt im Vergleiche mit meinem frühern Zuſtande, wie die klare Abendröthe eines Sommerabends gegen das ſtürmi⸗ ſche wilde Toſen einer Oktobernacht. Genug, Gotthard, ich bin glücklich, möge es auch ſo bleiben! und nur Eins könnte den neu eingerichteten Tempel in meinem Herzen ſtören, aber auch dergeſtalt, daß er ſich nie mehr erheben würde. Dieß wäre, wenn Hulda ſich und mich betrogen hätte, wenn meine heiße Liebe nicht im Stande wäre, ſein Bild aus ihrem Herzen zu vertreiben, denn ich kann nicht zugeben, daß neben mir ein Anderer in dieſer Bruſt lebt, wo ich nur allein herrſchen darf oder... Kein Wort mehr davon! Schreib mir nach Stockholm, dort werde ich meinen unterbrochenen Weg fortſetzen und dann, ſo Gott will, nach Upſala gehen. Nach Hauſe komme ich nicht, bevor der Doktorhut auf meinem Kopfe ſitzt und ich das Staatsexamen in Stockholm hinter mir habe. Ich mache in ſolcher Weiſe die Sache auf ein Mal ab und das Glück, welches mich bei meiner Heim⸗ kunft erwartet, ſoll mich zur möglichſten Anſtrengung und zu zehnfachem Fleiße anſpornen. Ich kann mir wohl denken, daß den Baron Silber⸗ ſparre die Schuld an mich ſehr drücken mag und achte ihn ob ſeines Zartgefühls; da ich aber mündig und Eigenthümer eines, wie Du weißt, nicht unbedeutenden Vermögens bin, ſo iſt mein innigſter Wunſch, wo möglich etwas für ihn thun zu können, nicht perſönlich durch mich ſelbſt, ſondern durch Dich oder auf irgend eine Weiſe, die Dein kluger Kopf ausfinden mag. Wie wäre es— er iſt nur ein armer Lieutenant— ließe ſich ihm nicht eine Rittmeiſtersſtelle kaufen? Bedenk Dir die Sache und handle für mich, wie Du ſelbſt in einem ſolchen Falle handeln würdeſt. Ich glaubte eine Zeit lang, er habe einige Neigung für des Amtmanns Tochter, die gepriſene, liebenswürdige Hortenſe; wie konnte ich aber auch glauben, daß, wer Hulda geliebt hat, je wieder für eine Andere ſeufzen könne. ung die rmi⸗ ard, nur nem nehr nich ande denn - in .. Alm, und auſe opfe mir ein eim⸗ und ber⸗ ichte und nden glich urch eine väre ihm ache chen . er die aber für 67 Aber Du, mein Herzensjunge, Du kannſt nicht läug⸗ nen, daß ſie Dein Herz in Bande gelegt hat. Wie ſie es behalten will, iſt ihre Sache. Deine Beſchreibungen von ihr werden immer glühender, daraus ſchließe ich, daß Du am Brennpunkte ſtehſt, nahe daran biſt, in Flammen auszubrechen. Aber als Dein beſter, aufrich⸗ tigſter Freund bitte ich Dich, gib genau auf Dich Acht und traue nicht zu ſehr auf die Wahrhaſtigkeit Deiner Gefühle, bevor Du ſie ſtreng geprüft haſt. Damit will ich ſagen, thue keinen übereilten Schritt, der Dich in ein neues Meer von Reue ſtürzen könnte. Du mußt mich aber recht verſtehen, ich meine nur, entdecke Dich ihr nicht, begehre nicht ihre Gegenliebe, bis Du gewiß, völlig gewiß biſt, daß nicht ein abermaliger Windhauch Dein Herz auf ſeinen Schmetterlingsflügeln davon führt. Vergib, wenn meine Aufrichtigkeit Dir nicht behagt; Du weißt, daß mir nur die reinſte brüderliche Liebe jedes Wort diktirt. Dein Hermann.“ Siebentes Kapitel. „Ihr müßt wiſſen, daß ich ſehr reizbar und zum Mißtrauen geneigt bin,“— Sie ſetzte ſich in die Ecke des Kanapee's und hielt die Hand vor die Augen Mellin 1. Es war Weihnachtsabend. In Forshälla war Alles Leben und Bewegung, wie es um dieſe fröhliche Feierzeit gewöhnlich überall der Fall zu ſeyn pflegt. Vor einem Chiffonier ſaß der Amtmann und ließ einen Thalerſchein um den andern durch die Finger lau⸗ fen. Dann legte er ſie in ungleiche Häuſchen zurecht, und ſobald er wieder ein ſolches bei Seite ſchob, nannte 68 er leiſe immer einen neuen Namen. Als er an Lidner kam, gab es eine Pauſe, doch ohne ſich weiter zu befin⸗ nen, that er einen friſchen Griff in die Kaſſe, faßte zehn Stuͤcke und legte ſie zu Lidners Anthell. Jetzt öffnete Jemand behutſam die Thüre und die Amtmännin, von ihrem großen Tuche umflattert, trat in das Zimmer, ſtellte ſich neugierig hinter den Stuhl ihres Mannes und rechnete die verſchiedenen Beweiſe der Freigebigkeit deſſelben zuſammen. „Was bekommt denn Bundler?“ fragte ſie endlich. „Bundler? Was denkſt Du denn, Alte? Glaubſt Du, ich ſoll ihn mit Geld ablohnen, wie meine Schreiber oder Dienſtboten? Daß Du doch nie den Unterſchied zwiſchen ihm und den Andern einſehen willſt; auſſerdem, daß er mein Aſſiſtent und nicht mein Schreiber iſt, habe ich noch einen weit höhern Titel für ihn, er iſt mein Freund, mein Sohn, ja meine rechte Hand. Er hat ſich in dem letzten halben Jahre mir ſo unentbehrlich gemacht, daß ich ihm ſeinen Fleiß und Eifer nicht mit Geld be⸗ zahlen kann!“ „Na, das muß ich ſagen! ich bin doch begierig, mit was Du ihn bezahlen willſt?“ Die Stimme der Amt⸗ männin zitterte nicht unbedeutend bei dieſer Frage. „Hm! es kommt darauf an, was er ſich wünſcht.“ „Was ſoll er denn wünſchen? Wie Du auch reden magſt! Denk einmal, wenn es ihm nun einfiele... ſo unverſchämt wird er denn aber doch wohl nicht ſeyn.“ „Da ſehe ich nichts weniger als eine Unverſchämt⸗ heit darin,“ ſiel der Amtmann ein, der den Gedanken⸗ gang ſeiner Gattin vollkommen verrieth.„Ich bin im Gegentheil der Meinung, daß dieß gar nicht ſo ſtbel wäre. Die Amtmännin wurde ſo weiß wie ihre Schlaf⸗ haube.„Thorſen, liebſter Mann,“ ſagte ſie mit herz⸗ brechendem Tone,„dieß wird doch hoffentlich nur Spaß ſeyn ſollen?“ „Durchaus nicht, was ich geſagt habe, iſt mein völ⸗ liger Ernſt.“ idner befin⸗ zehn d die trat Stuhl 2 der ich. nubſt eiber ſchied dem, habe mein ſich acht, be⸗ mit lmt⸗ t. eden . ſo 44ʃ imt⸗ ken⸗ im re. ℳ Haf⸗ herz⸗ paß völ⸗ 69 „Großer Gott!“ ſeufzte die Amtmännin, und zwei große Thränen ſuchten den weiten Weg über ihre Wan⸗ gen herab.„Habe ich ihr deßhalb eine ſolche Erziehung gegeben und weder Zeit noch Mühe geſpart, um ſte für die höhere Welt zu bilden, daß ich ſie am Ende einem armſeligen Schreiber an den Hals werfen ſoll?“ „Weib, brauche Deine Vernunft!“ donnerte ihr der Amtmann in ſo barſchem Tone entgegen, daß ſie mit ſo viel Anmuth als die kurze Zeit erlaubte, der Länge nach auf den Sopha plumpte und nur die drei Worte zu ſtam⸗ meln vermochte:„Waſſer, ich ſterbe!“ „Ach Weibervolk!“ brummte der Amtmann, ſprang auf und tappte in ſeiner Verwirrung nach Waſſer ih Zimmer umher. Er fand eine volle Flaſche, trat damit zum Sopha, ſah eine Frau mit geſchloſſenen Augen da⸗ liegen, das Haar in Unordnung, die Schlafhaube ver⸗ ſchoben, kurz, ein ſolches Bild des Jammers, daß der Amtmann den trefflichen Spruch:„Maaß zu halten, iſt gut,“ gänzlich vergaß, und ſtatt mit ein paar Tropfen ihre Lippen zu erquicken in ſeiner Herzensangſt den gan⸗ zen Inhalt über ſie ausſchüttete. Es iſt ſehr glaublich, daß bei einer ſolchen Sünd⸗ fluth die Amtmännin ſchnell auf den Beinen war.„Biſt Du denn rein toll, Thorſen?“ Du willſt mich wohl er⸗ ſäufen!“ rief ſie mit Ungeſtümm, bückte ſich nieder und ſchüttelte in der Verzweiflung dergeſtalt ihr friſchgetauftes Haupt, daß ein förmlicher Platzregen entſtand, deſſen Waſſerſtrahlen nicht nur das Geſicht ihres halbverſteiner⸗ ten Mannes über pritzten, ſondern auch noch alle Banko⸗ zettel durchnäßten. „Potz Heaker, Alte,“ ſagte der Amtmann, lamm⸗ fromm in Worten und Mienen,„ich habe geglaubt, Du wollteſt ſterben.“. „Es war mir auch ſo,“ polterte die Amtmännin, „aber— aber“— „Aber ich habe Dich zu zeitig geweckt, nicht wahr, mein Schatz? Na, das war, auf Ehre, ein recht kurz⸗ 70 weiliger Spaß. Ich glaubte, Du hüätteſt die Geſchichte aus der erſten Zeit unſrer Ehe ganz und gar vergeſſen, aber ich ſehe, liebſte Luiſe, daß Dein Gedächtniß nicht ſchlecht iſt, und ich muß ſagen, Du haſt Deine Sache eben ſo gut gemacht, wie damals, als Du mich ſo mei⸗ ſterlich hinter das Licht zu führen wußteſt, daß ich meine Zuſtimmung zu der bewußten Reiſe gab.“ „Ach, das iſt ſchon lange her,“ verſetzte die Amt⸗ männin und warf ſich in die Bruſt, ſchüttelte das Waſſer vollends aus den Haaren und ſuchte ihren Morgenanzug wieder, ſo gut es angehen wollte, in Ordnung zu bringen. „Du nimmſt einen Ton gegen Deine Gemahlin an, als ob Du eine Comödiantin und nicht eine ehrbare Frau vor Dir hätteſt. Laß das unterwegs! es paßt nicht für unſre Jahre; überhaupt verbitte ich mir in allem Ernſt jedwede Stichelei über dieſen Punkt.“ Als die Amtmännin mit dieſer Herzensergießung fertig war, öffnete ſie die Thüre und rauſchte hinaus. Auf der Treppe begegnete ihr Hortenſe; da dieſe, mit großer Verwunderung über den Zuſtand der Mutter, ſtehen blieb, ſagte dieſe mit der größten Geiſtesgegenwart: „Du ſiehſt mich erſtaunt an, mein Kind, ich muß aber auch in der That ſchön ausſehen. Denke Dir nur, ich hatte ſchon den ganzen Morgen heftiges Kopfweh, wollte mir deßhalb ein paar Tropfen Waſſer auf den Scheitel gießen, bekam aber im Augenblick einen Schwindel und verſchüttete die ganze Flaſche, ſo daß ich nun naß bin, wie eine gebadete Maus. „Ach wie unangenehm!“ erwiederte Hortenſe.„Wenn Du nur nicht krank davon wirſt, llebe Mutter.“ „Ach, ich hoffe, es ſoll nichts ſchaden, das kalte Waſſer hat mir für mein Kopfweh ſehr gut gethan.“ Hortenſe wollte ihrer Mutter folgen, um ihr beim Um⸗ kleiden zu helfen; da aber die Amtmännin ihre Hilfe ablehnte, ſo flog ſie leichten Schritts an der Thüre des Vaters vorüber, den Gang vorwärts bis zu einem kleinen Gemache, oder eigentlich beſſer einen Winkel, welchen 1 bichte eſſen, nicht Sache mei⸗ neine Amt⸗ aſſer nzug igen. als Frau für Ernſt Bung naus. mit atter, vart: aber „ich vollte heitel und bin, Venn kalte jan.“ Um⸗ Hilfe e des einen lchen 71 man Lidner, auf ſeine Bitte, überlaſſen hatte, indem er ſeine eigene, wenn auch noch ſo kleine Reſidenz, dem großen Zimmer vorzog, welches die Schreiber gemein⸗ ſchaftlich inne hatten. Hortenſe blieb mit einigem Herzklopfen vor der Thüre ſtehen und horchte, ob ſie nicht außer Lidners gewöhn lichem taktmäßigen Hüſteln noch etwas Andres höre; es war aber Alles ſtille. Sie machte leiſe die Thüre auf, ſteckte ihr Köpfchen hinein und ſah, daß Lidner allein war. Er ſaß über ſelne Schreiberei gebückt und ſah und hörte Nichts, bis Hortenſe, deren leichter Fuß ſich noch nie in dieſe„gefeiten“ Regionen des Kanzleiflügels ver⸗ irrt hatte, ſeine Schulter leicht mit der einen Hand be⸗ rührte und mit der andern ihn bedeutete, ſtill zu ſeyn, damit man ſie im naächſten Zimmer nicht hören möchte. Lidner fuhr zuſammen, warf Papier und Feder auf die Seite, prallte auf und blieb dann, bei ihrem Zeichen, unbeweglich ſtehen, ein Bild des perſonifizirten Exſtaunens. Hortenſe begann ihm nun leiſe ihr Verlangen auseinan⸗ derzuſetzen; jetzt kam auch Lidner nicht alleinsdie Befin⸗ nung zurück, ſondern es fuhr ihm auch wie Queckſilber durch den Leib. Ohne auf ihre Worte zu hören, flog er ganz außer ſich im Zimmer umher, um alle mögliche Curioſitäten aufzuräumen; bei jeder Wendung verbeugte er ſich und bat um Verzeihung, daß Alles bei ihm in ſolcher Unord⸗ nung ſey, er habe aber eine ſolche Ehre nicht erwartet. Was ihn am meiſten zu geniren ſchien, war ſeine eigene „Perſönlichkeit, welche in einem ſehr langen grauen Ueber⸗ rocke ſtack, welcher ihm Jahr aus Jahr ein als Schreib⸗ ſtubenkittel diente und in Folge ſeiner treu ergebenen, langjährigen Dienſte auf dem Wendepunklt zwiſchen Seyn und Nichtſeyn ſtand. Deſſenungeachtet konnte Liduer, welcher ſeine beiden Röcke leidenſchaftlich liebte, ſich nicht von ihm trennen, ſondern wollte ihn in ſeinem Beruſe ſterben laſſen. Dieſer Hausrock war ihm zudem ſogar 72 heurer noch als ſein Frack, und er hatte ſchon manch⸗ ſas Frühſtück und ſelbſt das Mittageſſen in die Schanze geſchlagen, um ihn nur nicht durch öfteres Aus⸗ und Anziehen abzunutzen. Allein trotz dieſer rührenden Zärtlichkeit war es ihm doch etwas Schauerliches, beſonders von Mamſell Hor⸗ tenſe in dieſem Coſtüm überraſcht zu werden, und wäh⸗ rend er mit der einen Hand, ſo gut ſich dieß thun laſſen wollte, die Fragmente zuſammenhielt, bemühte ſich die andere, eine Stuhlecke abzuräumen, damit der unvermu⸗ thete Beſuch Platz nehmen könne. Hortenſe wäre mehrere Male gern in herzliches Lachen über Lidners Verwirrung ausgebrochen, wenn ſie ſich nicht, aus Furcht, gehört zu werden, hätte bezwingen müſſen, als ſie nun aber, um Gehör zu bekommen, Lid⸗ ner am Rockſchoß erwiſchte, ſo hielt ſie, zu ihrem großen 4 Erſtaunen und Schrecken, um bibliſch zu reden, ein Stück von ſeinem Mantel in der Hand. Nun war es freilich mit der Selbſtbeherrſchung des jungen muntern Mädchens vorbei; die Lächerlichkeit des Auftrittes überwältigte ſie, aus vollem Halſe lachend ſank ſie, die graue Fahne in der Hand, auf Lidners großen Koffer nieder. Stumm, mit geſenktem Blicke betrachtete der arme Mann den Untergang ſeines zweiten Ich's und ſobald Hortenſe ſich gefaßt und zu ihrer großen Zufriedenheit vernommen hatte, daß kein Menſch ihr Tete à Tete mit Lidner hören oder ſtören könne, betheuerte ſie ihm, daß dieſer anſcheinend gräßliche Vorfall ein wahres Glück ſey, indem ſie ſonſt ihren ehrlichen gefälligen Lidner ſicherlich niemals dazu gebracht habern wuͤrde, von dem warmen, trefflichen Schlaf⸗ rock Gebrauch zu machen, welchen ſie ihm mit eigenen Händen gefertigt habe, von dem ſie übrigens nicht ent⸗ fernt behaupten wolle, daß er ihn über den ſo eben erlit⸗ tenen Schaden werde tröſten können. Wie hätte auch Lidner über ein ſo zauberiſches Elfen⸗ kind böſe ſeyn können. Er dankte mit unzähligen Vück⸗ 73³ lingen für ihre Güte und fragte, womit er ihr zu Dienſt ſeyn könne. „Nun, Gott ſey Dank, daß Sie endlich eine ver⸗ nünftige Frage thun,“ ſagte ſie und brachte unter ihrer Schürze ein Päckchen hervor, das noch in ein beſonderes Papier eingeſchlagen war, worauf Lidner die Adreſſe ſchreiben ſollte, über welche er allerlei ausführliche Vor⸗ ſchriften erhielt. Von dem Vertrauen geſchmeichelt, wel⸗ ches Hortenſe in ſeine Geſchicklichkeit und Verſchwiegenheit ſetzte, gelobte er auf das Strengſte, reinen Mund zu hal⸗ ten; hurtig und froh eilte Hortenfe über den langen Gang zurück, die Treppe hinauf in ihr Zimmer, wo ſie ſich ge⸗ hörig mit Lachen ausſchüttete. Allein ihre luſtige Laune verſchwand auf einmal, als ſie Selma weinend in einer Sophaecke ſitzend fand. „Ach, wie bitter iſt es doch, keine Heimath zu haben,“ dachte die ſanfte Hortenſe und ſchloß das arme Geſchöpf in ihre Arme; ohne Selma um die Urſache ihrer Thrä⸗ nen zu fragen, weinte ſie mit ihr. Selma ward ruhiger, während ihr Haupt an dem liebevollen Herzen der Freun⸗ din ruhte.„O,“ flüſterte ſie,„wenn ich nur jetzt ſter⸗ ben funnie⸗ wo ich Dich ſo innig, ſo unausſprechlich liebe!“ „Wird denn dieß nicht immer der Fall ſeyn?“ fragte Hortenſe verwundert.„Ich werde Dich ſtets lieben, wie jetzt.“ Selma erröthete.„Gewiß, gewiß!“ ſagte ſie leiſe; „aber dennoch, theuerſte Hortenſe, je früher die unbedeu⸗ tende, farbloſe, unbeachtete Blume vergeht, deſto beſſer iſt es; ſie fühlt es dann nicht mehr, wie ſie von der Glelch⸗ gültigkeit niedergetreten wird.“ „Liebſte, einzige Selma,“ flüſterte Horteuſe, an welche nun die Reihe zu erröthen kam,„Du biſt ſtets ſo hoch⸗ ſinnig und edel und kannſt jetzt auf ſolche Kleinigkeiten ſehen, womit er gar Nichts, wenigſtens nichts Böſes meint! Er denkt an ſo Etwas gar nicht.“ „Wen meinſt Du?“ fragte Selma, zugleich ſprang 74 eine Ader ihres angeborenen Familienſtolzes und färbte ihre Wange mit höherem Roth. „Ich meine Bundlern, welcher, durch die natürliche Gewohnheit der Tochter des Hauſes eine Menge kleiner Aufmerkſamkeiten zu erzeigen, die ſich eher fühlen als aufzählen laſſen, öfters, was ich freilich leider zugeben muß, der Freundin derſelben die nämliche Artigkeit zu erweiſen verſäumt. Du mußt ihn aber deßhalb nicht ver⸗ kennen, Liebe; ich habe ſchon mehr als einmal gehört, wie er ſich mit ausgezeichneter Achtung und Freundlich⸗ keit uͤber Dich geäußert hat und namentlich ſehr oft, wenn er mit mir ſpricht.“ Das Geſpräch der Mädchen wurde jetzt durch eine Botſchaft von der Amtmännin unterbrochen, welche ſie zu ſich entbot. Machen wir nun einen Beſuch in dem Zimmer des Notarius. Wir finden hier einen ganzen Malerapparat auf Stühlen und Tiſchen umher liegen; er ſelbſt ſteht mit aufgeſtülpten Rockärmeln vor ſeinem ſo eben fertig gewordenen Werke. In ſeinem geſpannten entzückten Blick liegt mehr als künſtleriſcher Enthuſiasmus über die ge⸗ lungene Arbeit— er drückt eine entſchiedene Bewunderung des Originals aus. Das Gemälde, zum Weihnachtsge⸗ ſchenk für den Amtmann beſtimmt, war das kurz erſt beendigte Bild Hortenſe's, welches er vor mehreren Mhannie bei jener zufälligen Begegnung flüchtig ſkizzirt atte. „Sie iſt doch das Schönſte, was Gott geſchaffen hat, ſagte Gotthard mit inniger Freude und Ueberzeugung, ſetzte aber ſchnell hinzu, was jeder Liebhaber bedenken ſollte,—„wenigſtens in meinen Augen; Hermann mag predigen, ſoviel er will, es iſt doch ſo klar wie der Tag, daß mein Herz nie die Kette von ſich werfen wird, welche zu tragen ich ſtolz bin. Aber,“ bei dieſem langen Aber holte Gotthard einen tiefen Seufzer, welcher für ein paar Sekunden den ſtrahlenden Glanz ſeiner Augen in der That verdunkelte. Bald darauf ſetzte er leiſe hinzus ſ— ͤ——oh he ls „Es iſt ja klar, ſie will vergeſſen ſeyn, wie ſie ſelbſt ver⸗ geſſen hat; ſonſt hätte ſie doch in mehr als drei Jahren Etwas von ſich hören laſſen.“ Er fuhr mit der Hand über die Stirne, um das Bild zu verjagen, welches ſich ſtets zwiſchen ihn und Hortenſe drängte. Es wollte aber Nichts helfen. Deutlicher als je ſtand ſie vor ſeinem geiſtigen Auge und ſchwebte ſogar vor ſeiner aufgeregten Phantaſie über die Leinwand, von welcher Hortenſe ihm entgegenlächelte: Hedda's bleiches, liebliches, von Thränen übergoſſenes Antlitz war ein ſchrecklicher, herzzerreißender Gegenſatz zu Hortenſe's von Leben und Geſundheit ſtrotzen⸗ dem Geilchtchen. Erſchöpft von dem Spiele ſeiner Ein⸗ bildungskraft nahm er das theure Kleinod von der Staf⸗ felet und verſchloß das Zimmer. Erſt am Nachmittage, wo er es in den vergoldeten Rahmen ſetzen konnte, wollte er es wieder ſehen. Hell und wohlthuend, ein Bild der Freude und Be⸗ haglichkeit, loderte das Feuer in dem großen Saal⸗ kamin. In der Mitte des Zimmers ſtand der Weihnachts⸗ theetiſch, an welchem die jungen Mädchen mit der Be⸗ reitung des köſtlichen Tranks beſchäftiget waren. Hinter Selma's Stuhl„ſchilderte“ ein neuangekommener, junger Juriſt, und Gotthard ſtand als treuer Ritter neben Hortenſe. Einige Verwandte, ältere und im Allgemeinen nicht ſehr intereſſante Leute ſaßen theils auf dem Sopha, theils bildeten ſie einen Kreis um den Kamin. Die Amtmännin„ſchetterte“ hin und her, der Amtmann winkte den Herren, Pfeifen zu nehmen und die unter⸗ geordneten Schreiber— die Sekretäre waren verreist— ſtanden an der Thür, zupften an den Vatermördern und ſpielten mit den Uhrketten. Nur Lidner, jetzt wie allezeit einſam, ſaß, ohne weitere Geſellſchaft als die Knöpfe an ſeinem Ingenieuruniformsfrack, auf der Ecke der großen Kiſte, worin der Leinwandvorrath der Amtmännin ver⸗ wahrt lag. Die ganze Scene bot ein Bild großer Be⸗ haglichkeit dar; allein das Vornehmſte bei einem ſolchen Feſte fehlte, Kinderlärm und Chriſtb aum. Alles 76 ging ſtill und ordentlich zu, bis die Geſchenke kamen und Leben in die Geſellſchaft brachten. Am glücklichſten in ihren Sachen waren der Amt⸗ mann, Gotthard und Hortenſe. Der erſte fiel in eine wahre Verzückung bei dem Anblick ſeiner auf die Lein⸗ wand hingezauberten Tochter, wie ſie leibte und lebte, in der anmuthsvollen Stellung mit dem Blumenkörbchen am Arme, den Hut etwas im Nacken und die Locken im Winde flatternd.—„Du haſt außer Deiner gewöhnlichen Kunſt noch eine Zauberei im Solde, Du Schelm!“ wis⸗ perte der Amtmann Gotthard in das Ohr. Dieſer nickte dreiſt mit dem Kopfe und erwiederte ſeelenvergnügt den traulichen Handſchlag des nicht wenig ſtolzen Vaters. Hortenſe hatte eine kindiſche Frende an einem prächtigen goldnen Kreuze, deſſen eingravirte Aufſchrift ihre Wangen eben ſo hochroth färbten, als die Rubinen waren, welche das Kreuz einfaßten.—„Der Notarius iſt ein höchſt ge⸗ ſchickter, junger Mann, er kann auch recht hübſch gravi⸗ ren,“ ſagte der Papa mit einem leichten Lächeln und warf uͤber Hortenſes Schulter einen Blick auf den hüb⸗ ſchen Schmuck, welchen die Eigenthümerin indeſſen ſchnell in das Sammtfutteral verſchloß. Gotthard zog, ſtolz wie ein Gott, aus dem von Lidner beſorgten Packet ein langes, prächtiges, mit vielem Geſchmack gewirktes Reiſehalstuch, und als ſämmtliche Schreiberſchaft mit tiefen Bücklingen ihre Bankozettel in die Taſchen ſteckte, öffnete Gotthard ſein von dem Amt⸗ manne bei dem Hoſgerichte erwirktes Vicediſtriktsrichters⸗ patent. Alle waren mehr oder minder über das an dieſem Abende gezogene Glücksloos erfreut, und vor Selma lag ein ganzer Haufen von Weihnachtsgaben, als Beweis des Wohlwollens alle Glieder der Famtlie, in deren Kreis ſie als Tochter aufgenommen war. Sie war auch herzlich dankbar dafür, aber doch fühlte ſie, daß ſie ein Fremdling ſey, daß ſie allein ſtand und aus einem ganz eignen Inſtinkt beſchäftigte ſie ſich faſt den ganzen Abend mit dem armen Lidner, welcher Hortenſes 77 wohlbedachte Gabe, den weichen, warmen Schlafrock, im Arme hielt und nur durch Bücklinge und einſilbige Worte ſeinen Dank zu erkennen gab. — Achtes Kapitel. Was ſeh' ich da draußen?— Mir ſchwindelt das Hirn, All' drunter und drüber hör' ich brauſen. Es ſinkt mir die Stirn'. Schwer auf die Schulter hernieder. In ſchwindelndem Kreis dreht die Erde ſich, Und Blitze umfliegen kniſternd mich. Der Sohn im Adlerforſt. Am Dreikönigstage ſollten ſämmtliche Notabilitäten der Gegend an einem großen Subſcriptionsball zu Bro⸗ banda Theil nehmen,— im Gerichtsſaale wollte man tanzen. Gotthard war einer der Feſtordner und hatte ſich weder Mühe noch Koſten verdrießen laſſen, um das Heiligthum der Juſtiz zu einem vollſtändigen Tempel der Grazien herzurichten. Indeſſen hatte unſer Vicediſtrikts⸗ richter Alles mit ſo viel Eifer beſorgt, daß er um die Mittagszeit wieder in Forshälla zurück war, zum großen Verdruſſe der Frau Amtmännin, welche gehofft hatte, er werde zu Brobanda bleiben, um ſie dort zu empfangen. Die vortreffliche Frau hegte ganz eigne Beſorgniſſe in Bezug auf die weite Schlittenfahrt von ein paar Mellen, im Fall.... und dieß war ſo ziemlich gewiß,„denn warum wäre er ſonſt heimgekommen?“ „Gott bewahre!“ rief ſie beim Mittageſſen mit treff⸗ Verwunderung aus,„Sie ſind ſchon wieder zurück, Herr Vicediſtriktsrichter? Es kann doch wahrlich kein großes Vergnügen ſeyn, auf der Landſtraße ſo hin und her zu„handern!“ 11 Aee lich verſtellter 78 „Ich hatte meinen Ballanzug nicht bei mir,“ er⸗ wiederte Gotthard mit feinem Lächeln;„deßhalb mußte ich nothwendig vorher nach Hauſe.“ „Dieß ſehe ich juſt nicht ein; ein Billet an einen der andern Schreib..“ ein Blick vom Amtmann hielt ihre Zunge im Zaum; ſie verbeſſerte ſich und endete: „ein Billet an Lidner hätte daſſelbe gethan. Er würde Ihnen Alles aufs Beſte beſorgt und mitgeſandt haben.“ „Ich beläſtige nicht gerne Andre, wenn ich Etwas ſelbſt thun kann;“ erwiederte Gotthard,„außerdem...“ Even präſentirte ihm Hortenſe eine Sauciere; Gott weiß, wie es aber kommen mochte, auf einmal lag der Inhalt auf dem Tiſche. Jetzt hatte Gotthards Verhör ein Ende, und froh, einen Ableiter für ihren Aerger zu haben, hielt die Mutter der Tochter elne derbe Straf⸗ predigt über ein ſolches Verſehen gegen alle Art und Sitte. Als man vom Tiſche aufgeſtanden, nahte ſich Gotthard dem Amtmann mit aller Freimüthigkeit, welche ein erklärter Günſtling ſich erlauben darf.„Beſter Oheim,“ ſagte er leiſe und führte ihn in eine Fenſter⸗ niſche,„helfen Sie mir aus der Klemme. Sie werden wohl merken, warum mir ſo viel daran lag, nach Hauſe zu kommen. Hortenſe hat mir verſprochen, daß ich ſie fahren dürfe, vorausgeſetzt, daß es Mama erlaubt. Aber eben ſo gut könnte ich von der Marmorſtatue im Garten drunten eine günſtige Entſcheidung erwarten, als von der Tante, welche mich, gerade wie jene, gar keiner Antwort würdigen wird, außer allenfalls eines abſchlägi⸗ gen Kopfſchüttelns.“ „Sey deßhalb unbeſorgt mein Junge,“ meinte der Amtmann;„mache Dich nur fertig, an der Dame ſoll es nicht fehlen. Ich will es bei meiner Alten ſchon machen.“ „Hortenſe, Hortenſe!“ hörte man in dem Augen⸗ blick die Stimme der Amtmännin,„komm ich habe Allerlei zu thun für Dich.“ 79 Als Hortenſe in das Zimmer ihrer Mutter kam, fand ſie alle Hände voll zu thun für die knapp zugemeßne Zeit bis zur Abfahrt. Toilette ſollte erſt im Gerichts⸗ hauſe gemacht werden, wozu das Zimmer des Vieediſtrikts⸗ richters beſtimmt war. „Biſt Du da, Alte?“ Der Amtmann ſteckte zuerſt den Kopf zur Thüre hinein, folgte dann mit dem übrigen Körper nach und fand ſeine Frau, wie ſie vor dem Spiegel einen blauen Florhut mit weißen Bändern auf⸗ probirte. „Ja— aber ſoll man denn keine Minute Ruhe haben?“ „Pah, meln Schatz! ich wollte Dir blos ſagen, daß Hortenſe mit dem Vicediſtriktsrichter fährt und Selma mit unſerm andern jungen Herrn, wir beide packen uns in den bedeckten Kaſtenſchlitten.“ Da nun, wie der Amtmann wohl wußte, Hortenſe gerade zugegen war, ſo wollte die Mutter ihrer Würde Nichts vergeben und ließ ſich deßhalb auf keine Weigerung ein, denn ſie wußte wohl, daß der Vater zuerſt im Scherz und, wenn dieß Nichts helfen ſollte, im Ernſte ſeinen Willen durchſetzen würde. Kirſchroth im Geſicht und zitternd vor Aerger ſtotterte ſie blos die Bemerkung heraus: im Kaſtenſchlitten ſey genug Raum für die Mädchen und es paſſe ſich weit beſſer für dieſe, mit den Eltern, als mit den jungen Herren zu fahren. „Paſſen oder nicht paſſen,“ ſiel der Amtmann ein wenig äsgerlich ein;„es iſt in der ganzen Welt Brauch, daß die jungen Leute miteinander fahren. Außerdem liebe ich es nicht, ſo eng zu ſitzen, und auch Du wirſt, denke ich, für alle Deine Kiſten und Kaſten Platz genug nöthig haben. Ich halte Dich aber nur auf; praͤcis um drei Uhr wird abgefahren.“— Damit machte der Amtmann die Thüre zu; die Amtmännin ſchickte Hortenſe fort und murmelte, ver⸗ drießlich über ihre mißglückten Vorſichtsmaßregeln:„Das 80 geht nun und nimmermehr gut! nein— nun und nim⸗ mermehr!“ Von dem hellerleuchteten Tanzſaale her rauſchten die für junge Mädchen ſo verführeriſchen Töne der erſten Anglaiſe. Die Amtmännin Thorſen, in ſchwarzſeidnem Kleide, den langen Shawl hinter ſich herſchleppend und den blauen Florhut mit weißen Bändern auf dem ſtolzen Haupte, ging mit der Haltung einer Königin grüßend auf den Saal los. Hortenſe, in weißem, mit Roſen⸗ guirlanden garnirtem, Gaskleide, eine von den damals modernen Bajaderen leicht umgeworfen, ſah aus, wie der Engel des Lebens, Hand in Hand mit dem Todesengel; denn Selma, in ihrer ſchwarzen Florrobe über dem weißen Atlaskleide und der ſchwarzen Perlenſchnur um den marmorweißen Nacken, glich, in die dunkeln Wolken ihres Anzuges gehüllt, vollſtändig dem Bilde des Letztern. Natürlich kam durch die verſchiedenen Begrüßungen und das gegenſeitige Präſentiren, ſowohl der Amtmännin und ihrer Schützlinge, als auch der wandernden Theebretter eine große Unordnung in die Anglaiſe. Dieß wollte aber gerade die Amtmännin. Unter dem Vorwande, es ſey ihr noch ſo zu kalt im Tanzſaale, wo ſie erſt dann Poſto faſſen wolle, wenn er gehörig durchwärmt ſey, wartete ſie jederzeit, bis der erſte Tanz in vollem Gange war, um dann durch ihr perſönliches Auftreten mit ihrer hübſchen Tochter und der ganzen Schleppe von jungen Mädchen, welche die Frauen aus der Nachbarſchaft ihr gewöhnlich zur Bemütterung zuſchickten,— eine wahr⸗ hafte Revolution im Saale zu erregen. Sie hatte auch dießmal ihren Zweck erreicht und lächelte mit vornehmer Herablaſſung über die Fehler, welche im Tanze gemacht wurden, wenn Kreuz ſtatt Promenade, oder Chaine ſtatt Ronde gemacht, oder andere gewöhnliche Böcke geſchoſſen wurden. „Es thut mir angemein leid, daß ich jedesmal ſo großen Aufruhr mit meiner Ankunft veranlaſſe,“ wieperte 81 ſie der Frau Probſtin zu;„Sie ſind glücklich, Frau Schweſter, bei Ihnen iſt dieß weniger der Fall.“— „Daß ich nicht wüßte,“ entgegnete die Probſtin ſpitz. „Wenn ich auch jedesmal ſo ſpät kommen wollte, wuͤrde es gerade ſo gehen; die ganze Unordnung kommt übrigens offenbar von dem Herumgeben der Theebretter her, welche zwiſchen den Sitzenden und Tanzenden ſchwer durchzu⸗ kommen haben.“ Die Amtmännin biß ſich in die Lippen, da aber die Anglaiſe in dem Augenblick zu Ende war und ein ganzer Haufen junger Herren herbeiſtürzte und ſich um die Chre riß, von Fräulein Hortenſe einen Tanz zu erhalten, ſo richtete die Amtmännin ihre Aufmerkſamkeit darauf und war nicht wenig erſtaunt, daß Hortenſe, welche noch mit keinem Menſchen geſprochen hatte, ſchon auf drei oder vier Tänze engagirt war, natürlich in gehörigen Zwi⸗ ſchenräumen.„Habe ich es nicht geſagt?“ dachte die Amtmännin;„es mußte ja ſo kommen! Ich glaube, Thorſen hat weder Augen noch Ohren mehr; ich will ihnen aber ſchon einen Strich durch die Rechnung machen. Präcis eilf Uhr werde ich unwohl und dann hat der Spaß ein Ende.“— Dabei wedelte die Amtmännin mit ihrem Taſchentuche hin und her, um jetzt bereits anzu⸗ deuten, daß ihr die Wäͤrme gewaltig läſtig ſey. Gotthard, welcher dieß bemerkte, eilte herbei.„Befehlen Sie pielleicht ein Glas Limonade, gnädige Tante?“ „Ja, aber recht friſch; es iſt ja abſcheulich, wie Sie feuern laſſen, Herr Vicediſtriktsrichter. Ich weiß ſchon gar nicht mehr, wo mir der Kopf ſteht.“ „Aber, gnädigſte Tante, Sie haben mir ja befohlen, den Saal tuͤchtig heizen zu laſſen. Auſſerdem ſehe ich auch in der That noch eine Menge Damen, welche faſt mit den Zähnen vor Froſt klappern, obgleich ich mit dem beſten Willen bei der ſtrengen Kälte nicht im Stande ge⸗ weſen bin, den Saal gehörig warm zu machen.“ „Hier iſt es zum braten,“ verſetzte die Amtmännin entſchieden; Gotthard, welcher gar nicht begreifen konnte, Die Meilchbrüder. U. 6 8² warum ſie gerade etwas behauptete, für deſſen Gegentheil er ſich auf einen Beweis gefaßt gemacht hatte, eilte nach der Limonade, denn eben ging der Walzer an, den er, o Seligkeit, mit Hortenſe tanzen ſollte. Wie ſchnell ſind auf einem luſtigen Ball ein paar frohe Stunden verflogen! Der dritte Walzer kam,— allein, o Schmerz! der Zeiger ſtand auch auf eilf und die Amtmännin, auſſer Stand, es in dieſem Getümmel noch länger auszuhalten, denn ihr Unwohlſeyn nahm von Minute zu Minute zu, verkündigte ihren Mädchen, daß ſie ſich anſchicken ſollten, mit ihr den Ball zu verlaſſen. Hortenſe's Blicke trübten ſich merklich und bedeutend bei dieſer Hiobspoſt, Selma aber, welche nicht tanzte, war ſehr zufrieden damit und machte ſich ſogleich fertig. Mit Hortenſe's Shawl ging es etwas langſamer und ſie hatte ihn noch nicht über die Schulter geworfen, als Gotthard in Begleitung der übrigen Feſtordner herzueilte, um vermöge ihrer gemeinſamen Redſeligkeit die Amtmännin zum ferneren Dableiben zu veranlaſſen. „Es iſt unmöglich, meine Herren. Um Ihr Ver⸗ gnügen nicht zu ſtören, bin ich ſchon überlang geblieben; ich wäre des Todes, wenn ich es noch länger aushalten müßte.“ Mit dem Schmerze fehlgeſchlagener Hoffnung auf den Geſichtenn ſahen ſich Goithard und Hortenſe an. Ein paar nchifibende Frauen erboten ſich freundlich gegen die Amtmännin, die jungen Damen unter ihre Fittige zu nehmen,— Gotthard wollte aber dieſen Vorſchlag mit keinem Worte unterſtützen. Er ſah, daß durch den Eigen⸗ ſinn der Amtmännin die ganze Ballfreude geſtört war und merkte wohl, worin die nie zuvor ihm erwieſene Gnade, ſeinen Arm zu nehmen, ihren Grund hatte; feierlich rechts und links grüßend marſchirte ſie gravitätiſch aus dem Saal in das für ſie beſtimmte Zimmer, wo ſie ſogleich zu Bette gehen wollte. Gotthard konnte kein Wort mit Hortenſe ſprechen, er kehrte traurig zur Geſellſchaft zurück, um ſeine Schul⸗ —eͤͤ — 1— 8³ digkeit als Wirth ferner zu thun, woran er übrigens keine große Freude mehr hatte. Der Amtmann, welcher in einem entfernten Zimmer am Sprieltiſche ſaß, ahnte keine Silbe von dem Unſtern ſeines Lieblings, bis es um zwei Uhr zum Souper gehen ſollte.„Wo haſt Du die Frauenzimmer?“ fragte er Gotthard in beſter Laune und blickte verwundert im Saale umher. „Die Tante iſt ſchon um eilf Uhr weggegangen,“ antwortete unſer Held ganz verdrießlich;„all unſer Zu⸗ reden war vergeblich.“ „Hätteſt Du mir nur eine Silbe davon geſagt!“ verſetzte der Amtmann, nicht wenig ärgerlich über den Ei⸗ genſinn ſeiner Frau, deren Abſicht er gar gern durch einen Machtſpruch von ſeiner Seite vereitelt hätte. „Ich konnte nicht weglaufen und Sie beim Spiele ſtören, denn ſie ſtand ſchon ſir und fertig zum Gehen be⸗ reit. Wenn ich es gethan hätte, wäre ich auf ewige Zeiten in Ungnade gefallen.“ „Freilich, mein Junge, es blieb Dir nichts Anderes übrig; aber wir halten nächſtens auch einen Ball, ſo ſehr mir der Spektakel auch zuwider iſt, und da kannſt Du das heute Verſäumte nachholen.“ Etwas aufgeheitert eilte Gotthard fort, um ſeinen Wirthspflichten nachzukommen, und erſt um ſechs Uhr konnte er ſich müde und matt auf einen Sopha werfen, um ein Wenig zu ruhen. Nach zehn Uhr verließ die Amtmannsfamilie Bro⸗ banda, und als Gotthard Hortenſen den Pelzüberwurf zurecht machte, ſich neben ſie ſetzte und einen Blick aus ihren hübſchen, hellen Augen nebſt einem freundlichen Lächeln von ihren friſchen Lippen erhaſchte, wer war glück⸗ licher, als er? Ball, Walzer, Amtmännin, die ganze Welt, auſſer der Angebeteten, war vergeſſen. „Ich weiß nicht, warum ich länger ſchweigen ſollte; — warum ſoll ich mein Glück verzögern?— und wenn mit's auch ſo ſiedheiß dabei werden ſollte, daß mir Hören 84 und Sehen verginge und ich mitten im tiefſten Schnee umwürfe—!"⁰ So argumentirte Gotthard bei ſich mit geſchloßnen Lippen, die Augen beſtändig auf das Pferd gerichtet, um es nicht durch leichtſinnige Seitenblicke zu gefährlichen Seitenſprüngen zu veranlaſſen. „Warum ſind Sie ſo ſtill, Herr Vieediſtriktsrichter?“ fragte Hortenſe, ohne im Geringſten Etwas von Gotthards tieffinnigen Spekulationen zu ahnen. Das Wetter iſt ſchön, herrlicher Sonnenſchein und vortreffliche Bahn. Ich dächte, unter ſolchen Umſtänden dürfte auch Ihre Laune heiter ſeyn. Sie ſchweigen aber hartnäckig, alſo ſcheint mir dieß nicht der Fall.“ „Das iſt, bei Gott, eine ſehr unrichtige Folgerung! Nie, niemals war ich froher, ſeliger, als in dieſem Au⸗ genblick; es iſt im Gegentheile das Gefühl meines Glückes, was mich ſtumm macht, und...“ „Halt, halt, um Gotteswillen! Ziehen Sie die Zügel an!“ kreiſchte Hortenſe, denn hart am Wege lag eine während der Nacht zuſammengetriebene Windwehe; allein die Warnung kam zu ſpät: Hortenſe, Fuhrmann, Pferd und Schlitten lagen im Nu in dem Schnee. Mit einer kräftigen Anſtrengung arbeitete ſich Gotthard her⸗ vor. Er war unter den Schlitten gekommen und hatte ſich in die Zügel verwickelt, deßhalb brauchte er eine Weile, um ſich aufzuarbelten. Als er ſich endlich los⸗ gemacht hatte und blaß von Angſt zu Hortenſe eilte, fand er dieſe zu ſeiner unbeſchreiblichen Freude ſchon auf den Füßen und durchaus unbeſchädigt, obgleich über und über mit Schnee bedeckt. Bei der Anſtrengung, welche jetzt nöthig war, um den Schlitten wieder in die Höhe zu bringen, fühlte er, daß er ſich den rechten Arm ausgerenkt hatte; er wäre auch mit ſeiner Arbeit nicht zu Stande gekommen, wenn nicht der zweite Schlitten, in welchem Selma und der Sekretär ſaßen, mit ſeinem ſchnaubenden Roſſe wie eine Windsbraut zu Hilfe ge⸗ kommen wäre. 8 1 4 —————— — e 2ᷣ 8UAà n N= 8oͤ=ͤ V & 8⁵ Endlich war Alles nicht ohne Schwierigkeit wieder in Ordnung. Gotthard verbiß den Schmerz ſeines ver⸗ ſtauchten Armes, bat Hortenſe um Verzeihung und erhielt ſie auch; ſie war nur durch den Gedanken beunruhigt, er könne ſich Schaden gethan haben;„denn,“ ſagte fie,„Sie ſchnitten erſchreckliche Geſichter, als Sie den Schlitten empor hoben.“ „Hat gar Nichts zu ſagen,“ verſicherte Gotthard. Es hatte aber doch ſo viel zu ſagen, daß er nicht weiter fahren konnte, denn er vermochte die Zügel nicht mehr zu halten; deßhalb mußte der Junge, welcher bei dem zweiten Schlitten hinten auf ſaß, das Kutſcheramt über⸗ nehmen— zu Gotthards nicht geringem Verdruß, denn er war feſt entſchloſſen geweſen, ſich den zweiten Theil des Wegs beſſer zu Nutze zu machen, als den erſten. Nun nöthigte ihn aber der widerwärtige Zeuge, ſich auf eine gewöhnliche Unterhaltung zu beſchränken, doch aber nicht ohne die eine oder die andre Anſpielung, welche der unberufene Zuhörer nicht verſtehen konnte. „Sagen Sie mir jetzt aufrichtig, ob Ihnen der Arm nicht ſehr wehe thut; glauben Sie nicht, daß er ausge⸗ renkt ſey?“ „Ich glaube es allerdings; allein er iſt leicht wieder einzurichten und die Schmerzen ſind eine Kleinigkeit im Vergleich mit dem Aerger darüber, mich ſo ungeſchickt benommen zu haben. Sie werden ſich gewiß nie mehr von mir fahren laſſen?“ „Dieß wäre ſehr unrecht,“ erwiederte Hortenſe mit einem leichten Lächeln.„Auſſerdem habe ich Sie auch durch mein Geplauder irre gemacht, ſo daß...“ „O nein, das müſſen Sie nicht ſagen! Ich war ſchon ganz in Gedanken und faſt irte im Kopfe, als Sie anfingen. Aber, Hortenſe, Sie werhen oohl nicht glau⸗ ben, daß ich an etwas ſo Sün ge. det als an das, was wirklich eingetroffen iſt, Ka ich des wenn ich die Phantaſieen, welche mir vorſchnebteneu Worte kleiden ſollte, ich richtig den Kopf verlieren müte, und unter 8 ſolchen Umſtänden wiſſen Sie wohl, daß man nicht ordent⸗ lich fahren kann.“ Eine heiße Glut verbreitete ſich über Hortenſe's ſchon vorher durch die Kälte hochgefärbte Wangen; ſie ſchwieg und ſo ſchwiegen Beide. Bei ihrer Ankunft auf dem Amthofe gab es einen ſchrecklichen Lärm über den unſeligen Vorfall. Die Amt⸗ männin hatte es ja vorausgeſagt, daß dieß das Ende vom Lied ſeyn würde, und Hortenſe, obgleich unſchuldig an der Geſchichte wie ein neugebornes Kind, war von ihrer Mut⸗ ter noch nie ſo oft und viel ausgezankt worden, als in den nächſten acht Tagen. Indeſſen mußte Gotthard das Zimmer hüten und der Amtmann war ſelbſt zugegen, als man ihm den Arm wieder einrichtete. Unaufhörlich wurden kalte Ueberſchläge gemacht. Trotz allen Vorkehrungen nahmen aber Schmer⸗ zen und Geſchwulſt bedeutend zu und unſer armer Diſtrikts⸗ richter konnte am Mittage nicht bei Tiſch erſcheinen;— dieß war übrigens noch ein Glück, denn durch die ſcharfen Ausfalle und ſpitzigen Worte der Frau Amtmännin wurde es eine ſehr ſtürmiſche Mahlzeit. Frau Thorſen war be⸗ deutend ſchlechter Laune und konnte gar nicht aufhören, über die einfältige Fahrt und den dummen Ball zu zanken. Als man endlich vom Tiſche aufſtand, ging ſie auf ihr Zimmer, um bei einem Mittagsſchläſchen zu überdenken, wie ſie es anzufangen habe, um ihrem Manne den Kopf zurecht zu ſetzen und ihm ein wenig Vernunft beizubrin⸗ gen. Mit den Gedanken an dieſen kitzlichen Punkt ſchlief ſie ein; allein unruhige Träume, ſchrecklicher als die Wirklichkeit ſelbſt, ließen ihr keine Ruhe. Eins um das Andre ſchlich aus dem Saal. Selma hatte Kopfweh und machte es wie die Amtmännin. Hortenſe ſetzte ſich in die Ecke des Sophas im Vorzim⸗ mer, wo ſie allein war und die ganze Reiſe hin und her in Gedanken an cch vorübergehen ließ.—„Ich hoffe zu Gott, daß er. ſe. keinen Schaden gethan haben wird,“ flüſterte ſie ganz ife— und gleichſam als Antwort auf — — 87 die daraus folgenden Gedankenverbindungen ließen ſich Tritte auf dem Gange hören, dann ging nach kurzer Stille die Thüre auf, und trotz der Dämmerung konnte man Gotthards hohe Geſtalt unterſcheiden. Er trug den Arm in der Binde; deſſenungeachtet war er herabgekommen in der Hoffnung, ſie zu treffen,— eine gleiche Ahnung ſchien auch ſie zuruckgehalten zu haben. Er ſetzte ſich neben ſie. Eine ungewöhnliche Schüch⸗ ternheit und Angſt bemächtigte ſich ihrer. Schon oft, ſchon ſehr oft hatte ſie der Zufall allein mit Gotthard zuſammengeführt, aber es war ihr noch nie ſo eng um das Herz geweſen, wie jetzt. „Ich glaube, Sie fürchten ſich vor mir, Hortenſe 2 fragte Gotthard, ungewiß, ob ihr nicht ſeine Gegenwart in dieſem Augenblick mißfalle.„Wenn Sie mich los ſeyn wollen, ſo gehe ich ſogleich.“ „Nein, gewiß nicht.“ „So darf ich bleiben, Hortenſe? Darf ich ein Weil⸗ chen mit Ihnen plaudern?“ Sie gab keine Antwort, allein Gotthard wußte wohl, was er daraus ſchließen durfte. Gleichwohl ſchwieg er noch, denn Vergangenheit und Ge⸗ genwart kämpften den letzten Kampf,— voll Sekunde zu Sekunde war letztere überlegener. Er rückte ihr näher und ergriff ihre Hand. Von einem böſen, ſchrecklichen Traume aufgeſcheucht, fuhr die Amtmännin empor; es war faſt Nacht. Von qualvollen Ahnungen gejagt, ſprang ſie auf und klingelte nach Licht. In größter Haſt ſetzte ſie die falſchen Locken auf, zog Ueberrock und Shawl an, ſchleuderte die Pan⸗ toffeln weg, fuhr in die Schnürſtiefel, und eilte mit dem Lichte in der Hand hinaus. Auf der Treppe begegnete ſie ihrem Manne, der gähnend fragte:„Was gibts Alte? Ich warte ſchon lange auf meinen Kaffe. Sonſt iſt es, mir aber ganz behaglich.“ 325 „Ja, das ſoll Gott wiſſen, Dir iſt es ganz behaglich am hellen Tage, mit geſchloßnen Augen,“ verſetzte die Amtmännin ärgerlich und flog vorais über den Gang. 88 Neugſerig ſchlich der Amtmann nach und ſtand gerade auf der Schwelle des Vorzimmers, als ſeine Frau die Thüre aufſtieß und mit einem durchdringenden Schrei ſich am Thürpfoſten hielt, um nicht umzufallen. Der Amtmann nahm ihr das Licht aus der Hand und beleuchtete die Gruppe auf dem Sopha;— ſie war nicht unintereſſant. „Aha, ſtehen die Aktien ſo?“ Na, das iſt recht brav. Ich war ſchon lange um eine Veranlaſſung zu unſerm Ball verlegen. Jetzt können wir die Verlobung damit feiern.“ In dieſem Augenblick ſank die Amtmännin mit einem abermaligen Schrei des Entſetzens in Ohnmacht. „Soll ich Waſſer holen, Alte?“ „Gott,“ ächzte ſie,„ein Schreib.“ Der Amtmann ſchloß ihr den Mund mit einem Kuß und fluͤſterte ihr in das Ohr:„War ich etwas Anderes, als ich um Dich freite und Dein Jawort erhielt?“ Neuntes Kapitel. Im Norden mächtig ein Felsgebirg' ſteht, Stolz hebt es das Haupt in die Lüfte; Von Klippe zu Klippe der Sturm ſtets weht, Und pfeifend durchſtobt es die Klüfte. Und die Winde in raſendem Wirbeltanz Umkreiſen des Schroffen mooſigen Kranz. Da ſitzt eine Jungfrau mit güld'nem Haar, Sanft ſpielt ihr der Wind in den Locken, Ihr Herz iſt jeglicher Freude baar, Die Wang' wird von Thränen nicht trocken, So Luſt als Schmerz zeigt ihr Angeſicht, Und nordiſcher Ernſt ans den Zügen ſpricht. Der Sohn im Adlerforſt. In einem der großartigen, wildſchönen Landſtrichen, wo die Gränze von Dahlsland ſich dem öſtlichen Theile der Felzengebirge Norwegens nähert, liegt ein kleines 5 —— ———;-— 89 Gehöfte, deſſen maleriſche Lage zwiſchen rieſenhaften Föhren, rauhen Bergen und ſchäumenden Waldbächen den Reiſen⸗ den oder zufälligen Beſchauer mit wunderbarer Macht feſſelt. In dieſe romantiſche Einſamkeit hatte ſich der Eigenthümer deſſelben ſchon ſeit geraumer Zeit aus dem geräuſchvollen Weltleben zurückgezogen; nicht doß er ge⸗ rade ein beſonderer Freund des Romantiſchen geweſen wäre, denn es konnte nicht leicht ein proſaiſcheres Gemüth geben— aber einſam und kinderlos und ziemlich vermb⸗ gend, ſah er nicht ein, warum er noch weiter ſich plagen und arbeiten ſolle, namentlich, da ihn ſeine allmälig ab⸗ nehmende Geſundheit an die Nichtigkeit alles Irdiſchen erinnerte. Er machte es alſo wie viele Andere vor ihm, gab ſein Geſchäft auf, kaufte ſich ein Landgut, und legte den Reſt ſeines Vermögens ſo an, daß es ihm eine gehörige Rente abwarf. Kaum war er in ſeiner neuen Heimath eingewohnt, ſo fühlte er ſich mit jedem Tage kräftiger, Körper und Geiſt gewannen neue Glaſtizität, es kam friſches Leben in ihn und der alte Herr war bald ein vor⸗ trefflicher Landwirth, pflügte ſeinen Boden, beſäte ſeine Felder, verſchrieb neue Ragen von Schafen und Rindvieh, ließ ſeinen Wald hauen und Holz verſchiffen. So weit wäre nun Alles recht gut geweſen; allein die Winterabende waren lang und einförmig, und wenn ſeine grwöhnliche Unterhaltung, das Hauptibuch zu durch⸗ blättern und die eingegangenen Gelder zu berechnen, vor⸗ über war, ſo ſchlichen die Stunden in den einſamen Ber⸗ gen, durch welche der heulende Sturm ſein ſchauerliches Spiel trieb, gar zu langſam dahin Die Pfeiſe ging ihm ein Mal über das andere aus, ſeine Gänge in dem großen öden Saale, wo das flackernde Kaminfeuer kein Weſen außer ſeiner eignen düſtern Geſtalt beleuchtete, ließen nach, bis endlich der wandernde Rieſenſchatten hin⸗ ter ſeinem Herrn auf dem zuſammengeſeſſenen Sopha im tiefen Hintergrunde verſchwand. Jeden Abend kämpfte der alte Mann tapſer gegen 90 die heimliche Macht, welche ſeine von des Tages Laſt und Hitze müden Glieder auf den Sopha zur Ruhe hinzog. Allein er mußte doch am Ende nachgeben und die Seufzer, welche ſeiner gepreßten Bruſt entſtiegen, waren ſo ſchwer, daß man wohl auf die Vermuthung kommen lonnte, dunkle Geiſter treiben ihr Spiel mit ihm aus dem Winkel hervor, und ſchütteln ihn mit überirdiſchen Armen. Erinnerung und Gewiſſen haben mächtige Bundes⸗ genoſſen an Einſamkeit und Nacht. Schlummern ſie auch unter der Arbeit oder Zerſtreuung des Tages, ſo ſinden ſie ſich, gleich treuen Begleitern, wieder ein, wenn Körper und Geiſt ermattet in halbe Betäubung verſinken. Eine leiſe Berührung ihres eigenen Odems— und der Geiſt weicht von der Materie und jagt durch die unermeßliche nebelgraue Ferne, verdammt, bei den winkenden Bildern der Vergangenheit zu verweilen. „Was ſoll ich anfangen? was ſoll ich thun, um ein Mal Frieden zu erringen?“ ſeufzte der alte Herr, und in ſeinem Ton lag tiefer Schmerz. Er hatte die Frage noch nie in dieſem Sinne gethan, und wie die grauen Schleier der Nacht immer dünner werden, um dem Pur⸗ purſaum des erſten Morgenſtrahls Raum zu geben, ſo be⸗ gann auch in ſeiner Seele ein ſchönerer, herrlicherer Mor⸗ gen zu tagen, als der, an welchem er zuerſt das Licht des Lebens erblickt hatte. Raſch und wunderbar belebt ſprang er auf, ging an ſeinen Schreibtiſch und zog ein paar vergelbte Briefe her⸗ vor. Bei dem Lichte des hochflackernden Kaminfeuers durchlief er den Inhalt, und Thränen, ſeltene Gäſte, träu⸗ felten in den grauen Bart nieder. „Ich bin nie ein Bruder geweſen, nein, ein Teufel war ich, der nie ein Scherflein des Ueberfluſſes mit dem getheilt hat, welcher eben ſo viel Anſpruch darauf hatte, als ich, obgleich ein ungerechtes Teſtament des Vaters Alles in meine Hände gab. Grauſam und unmenſchlich war ich in meinem Stolz und Eigennutz, als ich mir vornahm, keine weitere Kenntniß von ihm zu nehmen, U N N R A 8d dà 794—A A 91 8 und Dürftigkeit und Verlaſſenheit ihn nöthigten, gleich einem wandernden Schulmeiſter mit ſeinem ABC⸗Buche und der alten Geige, der Urſache ſeines Elends, in der Welt umherzuziehen. Dieſen Brief, aus den erſten Jahren ſeines Unglücks, welcher ſeine Qual und Reue über die leichtſinnige Verirrung, die ſo beiſpiellos hart geſtraft wurde, ſchildert, habe ich unbeantwortet gelaſſen; endlich verſchwand auch wohl aus dem Herzen des Bedauerns⸗ werthen das Andenken an einen Bruder, der ſich dieſes Namens ſo unwürdig gezeigt hatte, denn ſeit er, das Letzte, was ich erfahren, als Hoboiſt Dienſte bei einem Infanterieregimente genommen, hat er mir nie wieder geſchrieben. Ich habe nachher alle Gemeinſchaft mit meiner Vaterſtadt abgebrochen, weiß deßhalb auch nicht, ob man dort in ſpäteren Jahren Etwas von ihm gehört hat. Jetzt will ich aber an den Kapellmeiſter ſchreiben, deſſen Name mir noch erinnerlich iſt, und bei ihm Er⸗ kundigung über den verſchwundenen Bruder einziehen, was ich ſchon längſt hätte thun ſollen.“ Mit dieſem Vorſatze ging der alte Klinting zu Bett und ſchlief, im Bewußtſeyn ſeiner guten Abſichten, ſanft und ruhig ein. Eine nähere Nachricht über das Verhältniß der beiden Brüder wird wohl nicht nöthig ſeyn, indem ſich der Leſer wahrſcheinlich der oben angeführten, kurzen Epiſode erin⸗ nert, welche von den Lebensumſtänden und dem Tode des wandernden Muſtikanten handelt. Am andern Morgen ſchrieb Klinting. Die Antwort darauf enthielt die Nachricht, der in Frage ſtehende Mufi⸗ kant habe ſchon vor mehren Jahren ſeinen Abſchied erhal⸗ ten und ſey dann mit einer kleinen Penſion und ſeiner Geige nach ſeiner Vaterſtadt gezogen, wo er ſich mit einer Tochter, die er bei ſich habe, wohl noch aufhalten werde. Jetzt ſchrieb Klinting an den Pfarrer in M.. und bat ihn um alle möglichen Nachweiſungen über ſeinen Bruder und deſſen Tochter, verbot ihm aber ausdrücklich, 9² dieſen irgend Etwas davon mitzutheiten, bis abermals ein Brief von ihm anlangen werde. Die Antwort, welche Klinting auf ſeinen Brief von dem Geiftlichen erhielt, verwundete auf's Tieſſte ſowohl ſein Gefühl, als auch ſeinen Stolz. Er hörte, in welch' entblößtem und elendem Zuſtande ſich ſein Bruder befand, daß der abgedankte Muſtkant eine ſchöne, unſchuldige, lie⸗ benswürdige Tochter mit nach ſeinem Geburtsorte gebracht habe, wo dieſe das Opfer der Verführung eines jungen Mannes geworden ſey— indeſſen habe man ſeit jener Zeit nichts Ehrenrühriges mehr von ihr vernommen. Sie ſchiene blos für die Pflege ihres blinden Vaters zu leben und beweine ihr kürzlich verſtorbenes Kind mit ſo auf⸗ richtigem Schmerz und zeige ſo viel wahre Reue, daß der Geiſtliche überzeugt ſey, ſie werde ſich hinfort vor jedem ähnlichen Fehltritte auf das Gewiſſenhafteſte hüten. Tief ergriffen ging der alte Klinting, den Brief in der Hand, im Zimmer auf und nieder. Er lebte zwar wohl an einem ſehr einſamen Orte, von dem früheren Kreiſe ſeiner Freunde gänzlich geſchieden, allein er wollte die wenigen Bekannten, welche er in der Gegend hatte, durchaus Nichts von dem ſo nnvortheilhaften Gerüchte wiſſen laſſen, welches einen dunkeln Schatten auf ſein bie⸗ her in den Augen der Welt unbeflecktes Leben hätte wer⸗ fen können. Deßhalb war die größte Vorſicht nöthig; allein mit Beihilfe des braven Geiſtlichen zu M...„ welcher durch die Darlegung der Beweggründe zu einer ſolchen Handlungsweiſe und nicht weniger durch einen reellen Beweis von Dankbarkeit für den Plan entſchieden gewonnen war, hoffte Klinting die Angelegenheit nach Wunſch in Ordnung zu bringen. Mit umgehender Poſt ſchrieb er deßhalb zwei Briefe, einen an ſeinen Bruder, den andern an den Pfarrer. Wir haben ſchon früher geſehen, was für einen Eindruck jener auf den armen Muſtikanten gemacht hat. Der ältere Klinting hatte ſich nicht gedacht, daß die Krankheit ſeines ——— 93 Bruders eine tödtliche ſeyn werde und ſchlug ihm deßhalb in ſeinem Briefe, welchen er mit einer kurzen reuigen Herzensergießung über die vieljährige Verſäumniß ſeiner Pflichten begann, vor, er möge mit Hedda zu ihm ziehen, allein ihre Reiſe müſſe, nach der Anordnung des Pfarrers, auf das Allervorſichtigſte in's Werk geſetzt werden, ſo daß kein Menſch in M... ahne, welchen Weg ſie genommen hätten; denn ſowohl in Anſehung des bedauerlichen Vor⸗ falls mit dem Mädchen, als auch mancher andrer Ur⸗ ſachen halber, wolle er jede Erinnerung aus früherer Zeit, ſowohl hier als dort, auf das ſtrengſte vermieden wiſſen. Uebrigens war der Brief in den freundlichſten Aus⸗ drücken abgefaßt, ſo weit es dem allenthalb erſtarrten Junggeſellen möglich war, ſeine verdrockneten Gefühle kund zu geben, und machte auf Vater und Tochter den Eindruck einer Himmelsbotſchaft. Am nämlichen Abende beſuchte ſie der Geiſtliche und verſprach dem blinden Kranken in die ſchon erkaltende Hand, für Hedda's Reiſe und für die genaue Befolgung der Wünſche ſeines Bruders ſorgen zu wollen. Der Paſtor hielt Wort. Er ließ Hedda durch einen treuen, zuverläßigen Mann nach einer, acht Meilen von ihres Oheims Landgute gelegenen Stadt bringen, wo ſie deſſen Wagen erwartete. Mit welchen Dankgefühlen be⸗ ſtieg Hedda dieſen, und wie heiße Gebete ſchickte ſie zum Allvater empor, daß es ihr gelingen möge, die Liebe und das Vertrauen ihres alten Oheims zu gewinnen. Mit jeder Meile, welche ſie dem Ziele ihres künftigen Lebens näher brachte, ſchlug ihr Herz unruhiger. Schnell rollte der Wagen durch dichte Wälder, himmelhohe Berge hinauf und hinab. Bald ſchloß ſich der Weg ganz und tief unten in einem wildromantiſchen Thale, von rauſchen⸗ den Waldbächen umgeben, über welche moosbedeckte Fels⸗ klippen hereinſchauten und ihr Haupt in den blauen Wellen ſpiegelten, lag Skogeborg, das Eigenthum ihres Oheims, von der letzten Glut der Abendſonne vergoldet. 94 Das ſchöne Bild, im Vereine mit den wunderſam mächtigen Gefühlen, daß ſie ſich nun ihrer künftigen Hei⸗ math nähere, ergriff Hedda auf's Höchſte. Der Wagen hielt und ein hochgewachſener Mann, mit noch ziemlich hübſchen, ogleich etwas ſcharfen Zügen, ſtand zu ihrem Empfang auf der ſteinernen Haustreppe. Kaum war Hedda an ſeiner Hand in den Saal ein⸗ getreten, ſo kniete fie vor ihm nieder, lehnte ihr von Thränen überſließendes Geſicht auf ſeine Hand und bat ihn mit einfachen, aber innigen Worten der tiefſten Rührung um ſeinen Segen für eine Verlaſſene, welche ſchuld⸗ und reuevoll zu ſeinen Füßen liege und um ſeine Vaterliebe flehe. Dieſe unſchuldige, reine Hingebung, dieſes offene, un⸗ beſchönigende Erkennen ihres Fehlers geſielen dem Greiſe; er drückte ſie an ſeine Bruſt und erwiederte ihr mit tiefer, von Rührung gewaltſam gepreßter Stimme:„Möge Gott den Buben ſtrafen, der Deinen Frieden geſtört hat! Ich will ſeinen Namen nicht wiſſen, auch nie Etwas von ihm hören; aber Eines will ich geloben und werde es auch halten: Du ſollſt meine Tochter ſeyn, meine liebe Tochter, und mit dieſem Vaterkuß gebe ich Dir meinen Segen und die Verſicherung, daß Du jetzt und für alle Zeit eine Heimath gefunden haſt, wo Du Dich beſtreben magſt, Dein Herz zur Ruhe zu bringen, und ſicher hoſſen darfſt, daß Dir mein Haus ein Schild gegen jede Verfolgung ſeyn werde.“ Gerührt, überſelig vernahm Hedda dieſen ungekünſtel⸗ ten Beweis von ihres Oheims reinem Wohlwollen, und nicht minder heilig als das von ihm gegebene Verſprechen, wax auch das Gelübde, welches fie ſich innerlich ablegte, ſtete ſeiner Güte würdig zu blelben. Als ſich der erſte Sturm der Gefühle gelegt hatte, äußerte ihr Oheim den Wunſch, daß fie von nun an Alles ſo anſehen möge, als beginne ſie ein neues Leben. Deß⸗ halb ſollte der Vergangenheit auch nicht die geringſte Erwähnung geſchehen und Hedda auf dem Fuße leben, — rper — 95 wie es die Wohlhabenheit des Oheims mit ſich brachte und es ihr Kreis von Bekannten aus der Umgegend er⸗ forderte. Hedda war ſehr bald in ihren Wirthſchaſtsgeſchäften zu Hauſe. Die Tage vergingen unter abwechſelnder Arbeit und die Abende waren nicht mehr einſam. Während der alte Klinting ruhig auf ſeinem Sopha ſaß, ſpielte Hedda auf ihrer Guitarre und vereinigte ihre hübſche melodiſche Stimme mit den Tönen des Inſtruments. Dieß war dem Greiſe ein eben ſo neuer als erwünſchter Genuß, die wunderbare, entzückende Macht der Muſik auf Sinn und Gefühl war ihm bisher fremd geweſen. Wenn Hedda die Guitarre weglegte, nahm ſie ein Buch und da ſie früher viel gewohnt war, ihrem blinden Vater vorzuleſen, ſo hatte ſie dieſe Kunſt vollkommen in ihrer Gewalt und der zarte Wohlklang ihrer Stimme wiegte den Greis in eine Seelenruhe, daß er mit ſich, mit Gott und der ganzen Welt zufrieden ward. Wie oft und viel dankte nicht Hedda im Stillen dem edlen hochſinnigen Hermann, welcher nicht blos die kleine Geſchicklichkeiten, welche ſie von ihrem Vater beſaß, in ihr ausgebildet, ſondern auch hauptſächlich eine neue reiche Welt in ihrem Innern eröffnet, eine bisher noch ſchlum⸗ mernde Welt in ihr zum Leben erweckt hatte, welches mit jedem Tage ſeine ruhige zarte Farbenpracht herrlicher ent⸗ wickelte. Unter den Nachbarn in der Umgegend waren Leute von Bildung und Geſchmack,— zu ihnen fühlte ſich Hedda hingezogen. Das angeborne Talent, ſich in jede fremde Lage zu ſchicken und zu finden, in welche man ſowohl im größern als im kleinern Weltkreiſe, oder im häuslichen Leben verſetzt werden kann— kurz, das was man Takt heißt— beſitzt man entweder durch natürliche Anlage, oder erwirbt ſich daſſelbe durch Erziehung, Bildung und Gewohnheit. Letzteres macht dabei das Hauptſäch⸗ lichſte aus, und bald hatte Hedda jene Eigenſchaft in eben ſo hohem Grade gewonnen, als wenn ſie den Welt⸗ 96 ton unter Anleitung von einem halben Duzend Tanten ſtudirt hätte.— Nach Verlauf von drei Jahren, welche unſer Paar in Ruhe und Zufriedenheit verlebte, kam auf ein Mal der alte Herr auf den Gedanken, eine Reiſe zu machen. Er ſelbſt hatte noch nie die Haupiſtadt geſehen, beſchloß deßhalb, ſich und ſeinen Llebling, der ihm ſo theuer ge⸗ wordnen Hedda, dieſes Vergnügen zu machen. Da bei Klinting Beſchließen und Handeln Eins war, ſo vergingen nicht vierzehn Tage, als ſie ſchon im Wagen ſaßen, und bald lag Stockholm mit ſeinen herrlichen Umgebungen in dem luſtigen ſchönen Kleide der Sonnenpracht vor ihren entzückten Augen. An dem Tage bevor ſie wieder abreisten, beſuchten ſie das Thiergartentheater, und dort traf ſie Hermann, welcher, wie ſich der Leſer erinnern wird, einen Platz hinter ihnen eingenommen hatte. Aber wie den Schwall von Gefühlen ſchildern, welche auf Hedda's Herz einſtürmten, als ſie Hermann wieder ſah, den ſo hoch verehrten Freund, an welchen ſie durch nie ſchlummernde Bande der Erinnerung gekettet war. Gleich Feuer und Els fluthete es wechſelweiſe durch ihre Adern. Sie hätte ihr Leben für eine ungeſtörte Stunde des Zuſammenſeyns mit ihm geben können; allein weit theurer als das Leben war ihr die Ruhe ihres geliebten Oheims. War nicht Er es, der ſie mit dem Leben in dem Augenblicke wieder verſöhnt hatte, wo ihr nur der Tod willkommen ſeyn konnte? War es jetzt nicht Pflicht für ſie, ihren höchſten Wunſch ihm zu opfern? Sie that dieß auch; denn ſie wußte, daß ihn die Erinnerung an jene Biit, welche er gänzlich vergeſſen zu haben ſchien, auf das Heſtigſte ergreifen müſſe und eine ſchmerzhafte Wunde in ſeinem Herzen aufreißen werde, welches, wie Hedda wohl wußte, keineswegs frei von Weltſtolz war. Wäre indeſſen ihr Herz nicht ſo rein wie ein Thau⸗ tropfen des Himmels geweſen, ſo hätte ſie wohl mehr als einen Ausweg finden, mit Hermann ſprechen, und ——J—.—— unten Paar Mal chen. hloß ge⸗ bei igen und igen hren hten unn, latz lche eder urch var. ihre nde veit bten in der icht hat an auf nde dda au⸗ ehr ind 97 den alten über ihre⸗beiderſeitige Bekanntſchaft täuſchen können, aber in Hedda ſtieg auch nicht ein entfernter Ge⸗ danke an irgend eine ſolche Täuſchung auf, und da ſie nicht zu ſagen wagte: dieß iſt der edle Mann, welchem ich nächſt Dir, geliebter Oheim, Alles zu danken habe, ja das Keoſtbarſte, die Bildung meines Herzens und Ver⸗ ſtandes— da ſie dieß nicht ſagen konnte, ſo legte ſie ſich die Pflicht des Schweigens auf. Blos Ein Gedanke tröſtete ſie, ſowohl bei ihrem erſten Zuſammentreffen im Thier⸗ gartentheater, als bei ihrem zweiten in der Hornſtraße, nämlich der, daß Hermanns klarer Blick ihr Verhältniß erkannt und völlig demgemäß gehandelt hatte. Inzwiſchen wurde durch dieſes Wiederſehen die halb geheilte Wunde wieder aufgeriſſen und ſie blutete wieder auf's Neue, obgleich drei Jahre darüber vergangen waren. Der Schmerz wurde ſogar mit der Zeit heftiger, denn die urſprüngliche Urſache deſſelben nahm elne düſtere Ge⸗ ſtalt an, und wuchs bei jedem Rückgedanken an die Ver⸗ gangenheit zum Rieſenſchatten empor. Nach ihrer Heimkunft ſuchte Hedda häuſig die Ein⸗ ſamkeit an den wildbrauſenden Bächen. Da ſaß ſie ſchweig⸗ ſam und in ſich verſunken, blickte in den Tanz der Wellen, wie ſie ſich einander nahten, vereinten und dann in das ſchäumende Grab zurückſanken— ein Bild ihrer Liebe. Hier kam Hedda der erſte Gedanke, ſich ſelbſt zu fragen:„War es Liebe? Liebte er mich wirklich?“— Hul kälter ſind nicht die Wellen, welche in einer ſtͤrmi⸗ ſchen Oktobernacht an den Strand ſchlagen, als die Ge⸗ fühle, welche ſich nun mächtig Bahn zu Hedda's warmem Herzen brachen und das Blut in ſeinen friſchen Quellen erſtarren machten. Ihre Qual war um ſo bitterer, als ihrer reinen Seele der Gedanke daran beinahe unfaßlich war. Gleich⸗ wohl hatte eine dreijährige Erfahrung, ſowie ein tieferer Blick in ihr eigenes Innere, nach und nach, ohne daß ſie ſelbſt Anfangs wußte warum, ſie zu einem Vergleiche zwiſchen ihren eigenen Gefühlen und den ſeinigen geführt. Die Milchbrüder, Il. 7 98 Daß ſie innig liebte, und daß ihre Liebe im Laufe der Jahre mit jedem Tage feſtere Wurzel in ihrem Herzen geſchlagen, dieß wußte ſie mit Gewißheit. Daß dieß aber nicht ebenſo bei ihm der Fall war, nahm ſie mit gleicher Beſtimmtheit an, denn ſonſt— ſo ſprach unaufhörlich eine Stimme in ihr— ſonſt hätte Hermann nicht die einzige Gelegenheit vorbeigehen laſſen, wo er ſie treffen konnte, da eine zweite ſich vielleicht nie wieder darbot. „Alſo vergeſſen!— vielleicht verachtet wie... eines der elendeſten Geſchöpfe meines Geſchlechts!“ Ge⸗ waltſam preßte ſie die Hand auf die Bruſt und blickte ſehnſüchtig in die blaue Tiefe. Da unten war Friede;— aber ſie mußte Oben bleiben. Noch niemals hatte Hedda mit ſo weit umfaſſendem Blick in die tiefe Kluft geſchaut, welche ihre Jugendver⸗ irrung zwiſchen der Vergangenheit und ihrer Zukunft be⸗ feſtigt hatte. Nie, nie konnte ſie die Gattin eines Ehren⸗ mannes werden, freudearm mußte ſie ſich durch das Leben ſchleppen, die Mörderin ihres eigenen Glücks, ihres eigenen Friedens. Und Er, Er, der mit den heißeſten Betheurungen, mit den helligſten Gelübden ihr Liebe und Treue ge⸗ ſchworen, er kehrte nie wieder um ſein Wort zu halten— davon war keine Rede mehr. Selbſt Hermann, der edel⸗ herzige, aufrichtige Freund, war derſelben Anſicht, er hatte ſich ſtets ſo geäußert.—„O er war zu klug und zu gut, als daß er mir eine Hoffnung vorſpiegeln konnte, von der er wohl wußte, daß Gotthard ſie nie erfüllen würde,“ flüſterte ſie unter Thränen,„und deßhalb ſollte ich ihn auch nie wieder ſehen. Habe Dank, Hermann! Du haſt mir die Qual erſpart, den Bruch der Schwüre zu be⸗ weinen, welche er an der Wiege ſeines Kindes ſicherlich erneut haben würde. Nun iſt es vorüber, ich habe Nichts mehr zu beweinen; denn ich habe keine Hoffnung mehr zu verlieren; nur mein Herz ſoll ewig unerwiedert ſchlagen und mit jedem Schlage mich an meinen entſchwundnen Frieden erinnern, bis es ſtille ſteht und ich tief gebettet liege, — ͤ——— 99 wie die freundlichen Wellen, um von einem ſchönen Mor⸗ gen zu träumen.“ Zehntes Kapitel. Saheſt du nie die Schönheit im Augenblicke des Leidens, Niemals haſt du die Schönheit geſeh'n!— Schiller. Reich iſt die Welt— die Welt iſt meine eiane Bruſt! Carlén. Seeit der Stockholmer Reiſe unſerer Bewohner von Skogeborg waren zwei Jahre verfloſſen. Mit Hedda war eine bedeutende Veränderung vorgegangen, wenn man einen Vergleich zwiſchen dem anſtellen wollte, was ſie jetzt war und damals geweſen, als ſie ihres Oheims Haus betrat. Das zarte, von Lebensſorgen niedergedrückte, blaſſe, neunzehnjährige Mädchen war nur ein Schatten von Schönheit und Anmuth gegen das liebenswürdige, holde Geſchöpf, welches wir zuletzt an den ſchroffen Klippen, ein Bild des ſtillen Grams, der edelſten Entſagung ſitzen ſahen, und dieſes mußte wieder in den Hintergrund treten, vor dem vierundzwanzigjährigen Weibe, deſſen üppige Schönheit ſich nun erſt zum vollkommenen Einklange ausgebildet hatte. Ihr Herz war noch eben ſo unſchuldig und gut, eben ſo fromm und ergeben; aber jedes ent⸗ weichende Jahr hatte einen weitern Zug edlen Stolzes in ihr entwickelt. Ihre Thränen floſſen nicht mehr, darum, weil Der, deſſen Bild ſtets noch mit unwandelbarer Treue in ihrer Seele lebte, ſie verlaſſen und vergeſſen hatte. NRein, jene Lebensſtadien lagen hinter ihr, wo das Weib allmälig den mit Blumen der Phantaſie und grünender junger Hoffnung geſchmückten Gefilden den Rucken kehrt, und der verzehrenden Sandwüſte des Schmerzes und der Entſagung, vielleicht ſogar der Reue zupilgert und dann 100 durch Willenskraft, durch gleichſam neugeborne Gefühle, durch höhere Ausbildung des Verſtandes und Herzens in die Wirklichkeit zurückgeführt wird und zum Bewußtſeyn deſſen kommt, was ſie iſt und was ſie an dem Platze ſeyn ſoll, auf welchen die Vorſehung ſie geſtellt hat. Dieß iſt der glücklichſte Zeitpunkt für ein edleres weibliches Weſen. Sie weiß, auf was ſie ſich zu ſtützen hat und verlangt nicht mehr zu viel noch zu wenig vom Leben, ſie kennt und ſchätzt den goldenen Mittelweg, welcher ihr das wahr⸗ hafteſte Glück bereitet. Sie hatte mehre Heirathsanträge, welche ihr während der Zeit gemacht wurden, ausgeſchlagen. Wie Gottes Wort ſtand es feſt in ihrer Seele geſchrieben, daß ein Weib, welches ein Mal gefallen, und ſollte es vorher und nachher das Leben einer Heiligen geführt haben, nie einen Mann glücklich machen oder es durch ihn werden kann. Nein— mag er ſie auch noch ſo ſehr lieben, mag er ihr tauſendfache Verſicherung geben, wie hoch er ſie ſchätze, wie innig er von ihrer Herzensreinheit überzeugt ſey, er kann doch, unter Umſtänden, einen Fehltritt ver⸗ muthen und von Schwäche oder Untreue träumen, wo keine iſt, kurz, er kann ſich für berechtigt halten, an dem zu zweifeln, was ſeine eignen Augen ſehen. Von all' dieſem war Hedda feſt überzeugt; deßhalb wollte ſie ihre jetzige Ruhe durch keinen Verſuch blos⸗ ſtellen, welcher um ſo unglücklicher ausfallen mußte, als ihr Herz der erſten Liebe treu blieb und ſie auſſerdem auch von Seiten ihres Oheims nicht dem geringſten Zwang unterworfen war. Der alte Klinting ehrte ihr feines und richtiges Gefühl, billigte es auch um ſo mehr, als er in ziemlich hohem Grade Egoiſt war und wohl einſah, daß ohne Hedda's ordnende Hand ſeine Haushal⸗ tung und ſeine eigne Behaglichkeit und Bequenlichkeit nimmermehr fortbeſtehen könne. Es war in der Mitte des Sommers 1830. Klinting war nach Tiſch zu dem etwas entfernten Strande gegan⸗ gen, wo Zimmerholz geflößt wurde; er ging mit der Pfeife — — „— So 8— SDA —„ a——*———— ĩ ☛qʃ 8En— — △N 10¹1 im Munde hin und her und ſprach mit den Arbeitern, als auf der nahen Landſtraße, hoch vom Bergrücken herab, ein Fuhrwerk ſichtbar ward. Die Vorſpannpferde ſchienen ſehr ermüdet und bei jedem Schritte zuſammenſtürzen zu wollen; ein junger Mann, welcher neben dem Burſchen auf dem Bocke ſaß hielt ſie indeſſen kräftig in den Zügeln. Aber nahe an dem ſteilſten Abhange ſtolperte das eine Pferd und zog das andere mit zu Boden. Der Unfall hätte ſehr ſchlimme Folgen haben können, wenn nicht Klinting mit ſeinen Leuten herbeigeeilt waͤre, glücklich die Pferde gefaßt und den Wagen auf die Ebene herab⸗ geleitet hätte. Der junge Mann nebft den zwei andern Perſonen, welche im Wagen ſaßen, ein älterer Herr und eine hübſche, etwas erſchrockene Dame, erſchöpften ſich in den herz⸗ lichſten Dankſagungen für den kräftigen und glücklichen Beiſtand, welchen man ihnen grleiſtet hatte. Klinting, ein guter Haushälter aber dabei gaſtfreier Mann, ſagte ſchlicht und einfach:„Meine Herrſchaften, Sie können nicht weiter kommen, ehe ſie friſche Pferde haben; wollen Sie das geringe Haus eines Landmanns nicht verſchmähen, ſo ſoll es uns ein großes Vergnügen ſeyn, Sie ſo lange zu beherbergen, bis Alles wieder in Ordnung iſt.“ Der ältere Herr dankte verbindlichſt und ſtellte ſich ſelbſt als den Amtmann Thorſen vor, der auf einer Reiſe in das Bad nach Strömſtad begriffen ſey. Die junge Dame war ſeine Tochter und der Herr ſein ‚zukünftiger Schwiegerſohn, Bürgermeiſter Bundler. „Gehorſamer Dlener, gehorſamer Diener!“ Klinting verbeugte ſich höflich, und im Eifer, die Gäſte ſchnell unter ſein gaſtfreundliches Dach zu bringen, vergaß er ſeinen eigenen Namen dagegen zu nennen. Er gab ſchleunig Befehl wegen des Wagens und ging dann an des Amt⸗ manns Seite voran, mit welchem er ſich dergeſtalt in ein landwirthſchaftliches Geſpräch vertiefte, daß dieſer aus 10² Intereſſe für einen ſo unterrichteten Mann ebenfalls nicht nach deſſen Namen fragte. Die ſchöne Lage von Skogeborg entzückte die Reiſen⸗ den und nicht ohne einigen Stolz führte ſie der Eigen⸗ thümer durch die mannigfaltigen Krümmungen auf dem wohlunterhaltenen Wege nach ſeiner Wohnung. Da es ungewöhnlich warm war, ſtanden die Saal⸗ thüren offen, und beim Eintritt kam es unſern alten Freun⸗ den vor, als ob ſie in einen wahren Friedenstempel ein⸗ träten, ſo ſchön, lieblich und behaglich fanden ſie es. Das Zimmer ſelbſt, mit ſeinen offenen hohen Fenſtern, Fliederbüſchen und Roſenſtöcken davor, blühende Blumen in hübſchen Töpfen im Innern, machte einen äußerſt an⸗ genehmen Eindruck; der Abſtand dieſer friedlichen Um⸗ gebung gegen das dumpfe Toſen des Bergbachs, welcher ſich an den Umfangsmauern des Gehöfts brach, war im höchſten Grade wohlihuend. Aus einem nahen Zimmer er ſchallten die Töͤne einer melodiſchen Frauenſtimme und einfache Guitarrenaccorde.—„Hedda!“ rief der alte Herr,„komm heraus, mein Kind, es ſind Fremde da.“ Bei dem Namen Hedda durchfuhr Gotthard tödt⸗ licher Schauer und gewiß verſteinerte ſich noch niemals ein Menſch mehr zu der Aehnlichkeit mit einer Bildſäule, als er, bei dem Anblicke einer Frauengeſtalt, welche mit der liebenswürdigſten weiblichen Anmuth, in ſchuͤchterner holder Verwirrung mit einer Guitarre im Arm zur Thüre hereinſchwebte. „War dieß Hedda? War dieß das bleiche zarte Ge⸗ ſchöpf, welches mit ſeinem blinden Vater durch die Straßen ſchlich und in der Schürze Allmoſen ſammelte. War dieß ſie, die er geliebt, deren Frieden er zerſtört und dann vor dem Glücke einer neuen erwiederten Liebe gänzlich vergeſſen hatte?„Ja!“ antwortete die Stimme ſeines Gewiſſens, und jeder Zweifel verſchwand, als der Greis ſagte:„Ich heiße Klinting und dieß iſt meine gute, liebe Nichte Hedda, welche meine Einſamkeit theilt und meine alten Tage verſüßt.“ Nun wollte er ihr aber auch die ☚ N △—— ʒ 4 103 Gäſte nach des Amtmanns Angabe vorſtellen und ſagte: „Dieß iſt die Tochter des Herrn Amtmanns und der junge Herr— Du mußt Dich nicht wegwenden, mein Kind,— Du wirſt doch nicht unwohl?— ihr Bräutigam, Herr Bürgermeiſter Bundler,“(„ein junger Mann“ ſetzte er in Gedanken hinzu) und zur Ergänzung fügte der Amt⸗ mann bei:„Er iſt der Stellvertreter eines alten Mannes, nach deſſen Ableben er die oberſte Magiſtrathsſtelle zu M.. übernehmen wird.“ „Zu M. 2“ fiel ihm Klinting in die Rede und ſah dabei unwillkürlich Hedda an;— da ſtand ſie, todtenbleich, auf einen Tiſch geſtützt und ſchien ſich mit größter Anſtrengung feſt zu halten, um nicht niederzu⸗ ſinken. Ein einziger Blick— und ſie hatte ihn wieder erkannt,— als den Verlobten einer Andern, den, für welchen ſie ſeit ſechs Jahren gelitten.„Was iſt Dir, Hedda, iſt Er es?“ flüſterte der Oheim ihr in's Ohr und ein gewaltiges Zittern du chfuhr den alten Mann. Düſter zog ſich ſeine hohe Stirne zuſammen, aus ſeinen Au⸗ gen blitzte ein Feuer, welches Gotthard hätie verzehren können, wenn er es geſehen haben würde; aber auch ſein Auge ſuchte den Boden.„Iſt er es, Kind? ſprich!“ „Ja, Oheim,“ flüſterte Hedda und zog den Kopf des Greiſes näher zu ſich:„wenn Du mich liebſt, wenn Dir an unſer Beider Zukunft Etwas liegt, ſo mache nicht mehr Aufſehen als ſchon geſchehen iſt. Er darf nicht ſchaam⸗ roth werden vor— ſeiner Braut!“ Um ihretwillen, die er über Alles auf der Welt liebte und hoch hielt, beherrſchte ſich der greiſe Klinting und ſagte zum Amtmann gewendet:„Ich gehe um Ihnen meine beſten Pferde vorſpannen zu laſſen; dieſe ſollen die Herrſchaften bis zur nächſten Station führen.“ Der Amtmann Thorſen, welcher mit größtem Er⸗ ſtaunen den ſonderbaren Auftritt angeſehen hatte und mit Beben ahnte, daß zwiſchen Gotthard und dem jungen Frauenzimmer ein Geheimniß obwalten müſſe— die Wahrheit ahnte er indeſſen nicht— war nnn eben ſo 104 froh dieſen Ort zu verlaſſen, als ihm das freundliche Ob⸗ dach vorhin angenehm geweſen war. Und wie fand ſich Hortenſe in dieſe ſeltſame Lage? Gleichſam vernichtet ſaß ſie da; ein einziger Blick in Gotthards Augen verrieth ihr ſeine Schuld. Thränen, heiße, glühendheiße Thränen traten ihr in die Augen und die Gluth auf ihren Wangen brannte wie Feuer. Aber mit dem Ausdrucke der ſchönſten, reinſten Theilnahme nahte ſich Hedda ſobald ſie einige Faſſung gewonnen hatte, der Zernichteten, und bat ſie um Ver⸗ zeihung, daß ſie ihre Pflichten als Wirthin bisher ſo gröblich vernachläßigt habe. Hortenſe erwiedert kein Wort, aber in Hedda's offnem klarem Blicke lag ſo viel herz⸗ liche Theilnahme, daß ſie, außer Stand zu widerſtehen, ihren Kopf an die Bruſt des hochſinnigen Mädchens lehnte und ihre glühenden Wangen und hervorbrechenden Thränen verbarg. Bald kam der Alte zurück und verkündigte, daß Alles zur Abreiſe der Herrſchaften bereit ſey. Da fuhr Gott⸗ hard wie aus einem qualvollen Todesſchlafe auf. Er nahte ſich Hedda, während der Amtmann, Hortenſe führend, dem vorangehenden Greiſe folgte. „Hedda! Hedda! was habe ich gethan!“ rief er in höchſter Verwirrung und Aufregung.„Du hatteſt die heiligſten Anſprüche an mich und doch gehört meine Treue jetzt einer Andern! O Gott, Hedda, warum haſt Du Dich ſo ſorgfältig meinen Späherblicken entzogen, welche Dich in den erſten Jahren,— ach, wie ſchmerzlich!— ſuchten?“ „Sprich nicht davon, Gotthard,“ erwiederte ſie ge⸗ faßt und reichte ihm mit ſchweſterlicher Huld die Hand. „Was Du gegen mich verbrochen haſt“— ein hohes Roth übergoß ihre Wangen—„war unſere gemeinſame Schuld. Kein bindendes Gelübde feſſelte Dich an mich, und da ich nicht das Weib war, welches Deine Lebensgefährtin werden durfte, wollte ich Dich auch nicht wiederſehen. Und nun leb' wohl, Gotthard. Liebe die — —4v mRn △ Rà O B8 U ‿ —„ — K α₰ 105⁵ ſchöne Roſe, welche nun an Deiner Seite blüht, treuer— und Hedda wird für euer Glück beten.“ Mit ſanfter Gewalt führte ſie ihn zur Thüre und eilte dann auf ihre Kammer, wo ſie ihren gewaltſam un⸗ ierdrückten Gefühlen durch Thränen Luft machte. Und unſeren Neiſenden? In deren Herzen und Köpfen ſah es ſonderbar aus. Jedes ſcheute die Blicke des An⸗ dern; dem Amtmann, der ehrlichen Seele, kam es, während er ſtill und abgemeſſen dem Wagen zuſchritt, vor, als ob ſie alle drei in Feigenblätter gekleidet wären. Als man von dem Herrn dieſes verzauberten Hauſes Abſchied genommen, ſtieg der Amtmann in den Wagen, half Hortenſe ſelbſt hinein und ſagte ziemlich unwirſch zu Gotthard:„Hler ſetze Dich uns gegenüber; der Knecht kann ſchon fahren, ohne daß Du bei ihm auf dem Bocke e.ℳ4 Mechaniſch gehorchte Gotthard und der Wagen rollte weiter. Niemals befanden ſich drei Menſchen, welche ei⸗ nander ſo herzlich gut waren und ſich gegenſeitig das höchſte Vertrauen ſchenkten, in einer peinlicheren Lage. Der Amtmann fuhr ein Mal über das andere mit der Hand über die Stirne— allein es wollte nicht gehen. Hortenſe zog den Schleler vor das Geſicht, und Gotthard, der arme Gotthard, denn nun war er in der That zu be⸗ dauern, ſaß da, wie die leibhaftige Schaam, ohne die Augen zu erheben, weder gegen ſeine Braut, noch gegen ſeinen künftigen Schwäher. Der Amtmann konnte nicht länger ſchweigen. Mit einer Stimme, als wenn er zu Gericht ſäße, fragte er barſch:„Was für vertrackte, verdammte Teufelshiſtorien ſind denn das? Sitze ich nicht da wie ein armer Sünder? Ging ich nicht davon, wie Adam aus dem Paradieſe? und iſt es mir nicht, ſeit ich im Wagen ſitze, als drückte mich der Alp? Ich kann kaum Athem holen und Deine Braut iſt faſt des Todes vor Schrecken und Angſt! Was haſt Du gemacht? Ich will es wiſſen!“ „Vor ſechs Jahren habe ich eine Schuld auf mein 106 Haupt geladen, deren Folgen mich in dieſem Augenblick faſt zernichten;“ antwortete Gotthard finſter.„Aber ich beſchwöre Sie, Oheim, erſparen Sie mir eine nähere Auseinanderſetzung, wenigſtens bis wir allein ſind. Da ſollen Sie, ſo wahr und offen, als ob ich vor Gott ſtände, meine Beichte hören, und ich will mich und das Wohl oder Wehe meiner Zukunft in Deine Hände geben, meine Hortenſe. Du magſt Dein Urtheil über den ſinen„ deſſen Herz jetzt unter den namenloſeſten Qualen leidet. „Na, na, da will ich denn doch auch ein Wort mit ſprechen!“ fiel der Amtmann ein.„Es war übrigens eine Gnade von Gott, daß meine Frau nicht bei uns war, da warſt Du, meiner Seele, ſchön angekommen. Ich kann Dir aber offen ſagen’, daß es mir eine wahre Herzensſorge iſt, gegen welche ſelbſt die verdammten Gichtſchmerzen Wolluſt ſind— ob Du Dich wirſt ver⸗ theidigen können. Aber der Triumph meiner Alten hätte noch das Maß des Elends voll gemacht!— dankt Gott dafür, Kinder, daß ſie den glücklichen Einfall hatte, nicht mit reiſen zu wollen!“ 3 Aufrichtig thaten dieß Hortenſe und Gotthard in ihren Herzen: allein wir ſind ungewiß, ob nicht die junge Braut zugleich es heimlich ihrem Vater verdachte, daß er die unſelige Thorheit begangen und den Weg über Dahlsland gewählt hatte; denn hätte man den etwas weitern Weg genommen, ſo wäre die ganze ſchlimme Geſchichte nicht paſſirt, deren Folgen vielleicht ſowohl den ſchönen Himmel ihrer Liebe, als die Ruhe ihrer Zu⸗ kunft zerſtören konnten. 107 Elftes Kapitel. Ich ſitz', o Quell, an deinem Rand, Schau drinn der Wolken Zug, Geführt von unſichtbarer Hand In wechſelvollem Flug. Des Spiegels Dunkelheit und Licht Bewirkſt, o Quelle, Du!— O Quell', wann iſt das Spiel denn aus 2 Wann hat die Welle Ruh? Runeberg. Ehe wir in unſrer Erzählung fortfahren, wollen wir einen ſchnellen Rückblick auf den verfloſſnen Zeit⸗ raum werfen. Der Leſer erinnert ſich, daß unſre letzte Anweſenheit in Forshälla mit dem großen Donnerſchlag endete, welchem der ſchreckliche Blitz voranging, der die Amtmännin gerade in's Auge traf, als ſie die Vorzimmerthüre öffnete. Seine Wirkung war ſo heftig, daß ſie nicht ein Mal Zeit hatte in Ohnmacht zu fallen, auch beſaß unfre vortreffliche Frau Thorſen zu viel Erfahrung, um nicht zu wiſſen, wie wenig ſie mit ſolchen Extravaganzien ausrichtete. Sie ließ es deßhalb bei den beiden durchdringenden Schmerzensrufen bewenden. Nicht ſo der Amtmann, ein Mann, bei welchem Alles immer richtig und klar in Ordnung ſeyn mußte. Kaum hatte er deßhalb ſeiner Hausfrau die bedeutungs⸗ vollen Worte zugeflüſtert, als er ſeine Hand gegen Gott⸗ hard und Hortenſe ausſtreckte, worauf ſich dieſe ihm denn auch langſam, mit dem ſeligen Ausdrucke auf ihren Ge⸗ ſichtern näherten, welchen gewöhnlich eine ausgetauſchte Erklärung der Art auf dem Antlitze beider Contrahenten zurückläßt. „Na, kommt her, Kinder,“ rief der Amtmann in herzlichem und ermuthigendem Tone,„kommt her und 108 nehmt meinen Segen. In vierzehn Tagen kannſt Du Antwort von Deinen Aeltern haben, und da an ihrer günſtigen Entſcheidung nicht zu zweifeln iſt, ſo beſtim⸗ men wir unſern Ball auf— oder was ſagſt Du dazu, Mutter?“ „Ich ſage gar Nichts dazu,“ antwortete die Amt⸗ männin, roth vor Zorn und Aerger.„Es hat Niemand für nöthig gehalten, mich um Rath zu fragen und meinen Willen zu hören, darum habe ich auch nicht im Sinne, an dem beabſichtigten Feſte als Wirthin zu fungiren, denn die angenehme und zufriedene Schwiegermutter könnte ich doch nicht ſpielen,— das ſage ich Euch im Boraus.“ „Und ich ſage im Voraus, Luiſe,“ ließ ſich der Amtmann ernſtlich vernehmen, zwar nicht ſtreng, allein doch mit nachdrücklichem Tone,„ich ſage, merk' Dir's, daß wenn Du mir... Aber gleichviel, davon nachher,“ unterbrach er ſich ſelbſt plötzlich, denn er bedachte, daß er in Gegenwart der jungen Leute die ſtolze Frau nicht allzuſehr demüthigen dürfe,—„ja davon nachher, liebe Luiſe. Gotthard wird ſchon noch Deine mütterliche Liebe zu gewinnen wiſſen, wenn Du ein Mal die Sache vom richtigen Geſichtspunkte aus zu betrachten gelernt haſt. Uebrigens biſt Du zu ſehr angegriffen und aufgeregt, als daß Du dieß jetzt thun könnteſt. Laß uns auf Dein Zimmer gehen, Du ſollſt Dich zu Bett legen, Hoffmänn'⸗ ſche Tropfen nehmen, ein paar Taſſen Fliederthee trin⸗ ken und ſchwitzen, dann bin ich gewiß, Du wirſt⸗Morgen ſoweit hergeſtellt ſeyn, daß wir ein vernünftiges Wort mit einander reden können.“ Da die Amtmännin ſelbſt einſah, daß ſie im Au⸗ genblick keineswegs eine ſehr vortheilhafte Rolle ſpielte, ließ ſie ſich gutwillig wegführen; was der Amtmann ſpäter für eine erbauliche Rede hielt oder ob er ſeine Autorität geltend machte, kann uns ziemlich gleichgültig ſeyn. Genug, der Erfolg zeigte, daß er die vortrefflichſten Ueberzeugungsgaben beſitzen mußte, welche ſich ein Mann coE SASSSHS — 12 ——. ͤön—,—=— 109 nur immer wünſchen kann; denn als am beſtimmten Tage dle freudige und dankbare Zuſtimmung von Doktor Bundler und ſeiner Gattin eintraf, machte an demſelben Abende die Amtmännin auf dem Verlobungsballe die charmanteſte Wirthin von der Welt, der Amtmann den trefflichſten und munterſten Wirth und unſer junges Paar war ſo verliebt und überſelig, wie es ſich gehört und gewöhnlich, der Fall iſt, wenn das Herz bei der Wahl den Ausſchlag gibt. Auf die Verlobung folgte eine lange Reihe von Tagen der Seligkeit, der Himmel hieng dem neuen Paare voll Geigen, nur Eins fehlte— denn auf unſrer wan⸗ delbaren Erde muß immer noch Etwas zu wünſchen übrig bleiben— und dieß Eine, was Gotthard fehlte, war Hermanns voller ungetheilter Beifall. Den hatte er nicht; ſein Milchbruder ſchrieb: „Daß Du Hortenſe liebſt, Gotthard, daß Du ſie Dir zur Gattin wünſchen konnteſt, ungeachtet Du Dir tauſend Mal ſelbſt das Gelübde abgelegt haſt, die Treue Demes Herzens Der zu bewahren, welche ältre Anſprüche darauf hat, kann ich begreifen; ich will weder, noch kann ich es verdammen, denn ich weiß, welchen mächtigen Ein⸗ fluß die Liebe auf unſer Herz äußert. Außerdem weiß ich, daß Du bei Deinem leicht entzundbaren Weſen dem Andenken an Deine erſte Liebe nicht treu bleiben konn⸗ teſt,— aus dem Lichte betrachtet, aus welchem Du die Sache jetzt anſiehſt. Aber, Gotthard, was ich nie billi⸗ gen, was ich nie für Recht erkennen kann, iſt die Raſch⸗ heit, mit welcher Du Dich von Deinem Gefühle fort⸗ reißen ließeſt. Du hätteſt Dich ernſtlicher prüfen ſollen, und gebe Gott! liebſter Bruder, gebe Gott! daß nicht einſt die Reue ihr bittres Gift in den Becher Deiner Seligkeit miſcht. Ich will Dich nur daran erinnern, wie Du damals in gewaltſamer Aufregung, unverzüglich zu der eilen wollteſt, welche Du nun vergeſſen haſt, um ihr, mit neuerwachtem glühenden Gefühle, abermals den Schwur ewiger Liebe und Treue zu leiſten. Der Grund, 110 warum ich Dich damals abhielt, war der, weil ich Dir Zeit laſſen wollte, durch Nachdenken Dich zu prüfen, wie weit Deine Kraft, wie weit Dein Gefühl gienge. Wäre Dein Entſchluß etwas Anderes geweſen, als nur ein flüchtiges Aufbrauſen ſtürmiſcher Leidenſchaft, ſo würde er Dir, auch ohne neuen Schwur gleich heilig geblieben ſeyn; und wenn Du ein Mal, als gefaßter Mann, im Stande warſt, ſowohl die Angelegenheiten Deines Herzens, als auch die Vorurthelle der Welt und vornämlich Alles, was Pflicht und Ehre von Dir ver⸗ langten, aus dem richtigen Geſichtspunkte zu betrachten, dann hätteſt Du die Sache nochmals in gründliche Er⸗ wägung gezogen und Schritte gethan, ihren Aufenthalts⸗ ort zu ergründen und würdeſt mit feſtem Willen und Kraft auch Deinen Zweck erreicht haben. So glaube ich wenigſtens. Ich ſage dieß nicht, um Dir einen Vor⸗ wurf über Dein früheres Benehmen zu machen; dieß liegt hinter uns und die That des Mannes muß eine freie ſeyn, auch ſein beſter Freund darf nicht darauf ein⸗ wirken. Ich habe Dir meinen Satz bewieſen, denn auf⸗ gedrungen habe ich Dir meine Ueberzeugung nie, aber ein Rath iſt erlaubt, ſogar eine Prüfung, und ich habe Dir dieß Bild aus Deinem vergangenen Leben als eine Warnungetafel für die Zukunft aufſtellen wollen. Dein Loos iſt nun geworfen, laß es auch ſo bleiben. Ohne Zweifel haſt Du dem Amtmanne das Frühere anver⸗ traut. Gib ſtreng Acht auf Deine Gefühle, ſtähle Dein Herz, waffne Dich gegen die Macht Deiner Leidenſchaften und glaube nicht, daß Du über alle Prüfungen hinweg ſeyeſt. Ich bin gewiß, daß es noch mehr zu kaͤmpfen geben wird; aber nimm Dich in Acht, Gotthard, daß nicht einmal ein Kampf. entſteht, bei welchem die Pflicht zu kurz kommt. Du kennſt meine Anſicht über die Wichtigkeit des Schrittes, den Du gethan haſt; er muß unwiderruflich ſeyn und das Welb, welches Du ge⸗ wählt, muß allein und ausſchließlich in Deinem Herzen herrſchen. Es gidt nichts Empfindlicheres als die Blume „n 2- S ————,—— —&⏑ 111 der Liebe,— laß nur Einen giftigen Hauch ſie anwehen, und ſie wird das Haupt ſenken, welken und ſterben. Hüte Dich, Gotthard, daß Du nicht am Grabe der Blume weinen mußt!“ Dieß waren Hermanns Worte; mit einem Lächeln auf den Lippen, obgleich ihm ein Stich durch das Herz ging, faltete Gotthard den Brief zuſammen und war feſt überzeugt, daß ſein Bruder in dieſem Falle Unrecht habe, haben mußte. Das wußte er ja ſelbſt am beſten. Hortenſe's Liebe war ſeine Welt, hier herrſchte ſie allein. und Nichts konnte, Nichts durfte kommen, um ihr den Platz ſtreitig zu machen. So verging das erſte Jahr; und als Gotthard bei deſſen Schluß an Hermann ſchrieb, und eine leichte neckende Anſpielung auf ſein Mißtrauen mit einfließen ließ, antwortete dieſer mit ſeiner gewohnten Ruhe nur: „Gott gebe, daß Du Recht haſt und ich Unrecht; aber ein Jahr iſt noch keine Ewigkeit.“ Um jene Zeit beſchloß die Bürgerſchaft der guten Stadt M...., daß in Anbetracht des hohen Alters des Bürgermeiſters, welches ihm in der eifrigen Betreibung der ſtädtiſchen Angelegenheiten hindere, einen jungen kräf⸗ tigen Stellvertreter zu ernennen, und das große Anſehen, in welchem Doktor Bundler ſtand, ſowie die perſönliche Achtung und Zuneigung, welche ſich Gotthard in ſeinem Geburtsorte zu erwerben gewußt hatte, lenkten die Wahl auf dieſen. Unſer Held war durch die baldige Ausſicht auf Er⸗ reichung ſeines erſehnten Zieles höchſt angenehm über⸗ raſcht. Bei der gewiſſen Hoffnung auf das Bürgermei⸗ ſteramt und bei einem nicht unbeträchtlichen, eigenen Ver⸗ mögen brauchte die Heirath nicht lange mehr aufgeſchoben zu werden, und da die Amtmännin ſelbſt, ziemlich ausge⸗ ſöhnt durch den Bürgermeiſtertitel, bedachte, daß die Sache ja doch auf allen Fall durchgehen ſollte, alſo ebenſogut jetzt als ſpäter geſchehen könnte, wurde ein⸗ ſtimmig beſchloſſen, daß Gotthard in einem Jahre wieder ———— 112 von M.. kommen und dann die Hochzeit ſeyn ſolle. Glückſelig und voll der beſten Hoffnung reiste Gotthard in die geliebte Heimath, um ſein neues Amt anzu⸗ treten. In dem Hauſe des Amtmanns hatte ſeither eine Perſon gelebt, welche dem Leſer wohl nicht viel Intereſſe eingeflößt hat; denn leider gehörte ſie zu den minder begünſtigten Geſchöpfen, welche, mit wenig Ausnahme, ihre ganze Erdenzeit durchleben können, ohne daß man etwas Anderes von ihnen weiß, als daß ſie da ſind, allein dennoch in ſich ſelbſt eine ganze Welt von Gedan⸗ ken, Gefühlen und Anſichten tragen, welche nicht ſelten von mehr wirklichem Gehalte ſind, als bei Solchen, welche beſtändig gehört, geſehen und bewundert werden. Wir meinen die arme Selma, den Schützling der Amt⸗ männin. Ihr Leben hatte, im Laufe dieſes Jahrs in mehr als Einer Hinſicht an Bitterkeit zugenommen. Zuerſt war die Amtmännin, als ſie ſich genöthigt ſah, den Heirathsplan mit Baron Karl aufzugeben, bedeutend kälter gegen dieſes Verbindungsglied geworden, welches ſie bisher gleichſam als Geiſel für ihre längſt genährten Hoffnungen behalten hatte. Da nun ſowohl Furcht als Hoffnung in dieſer Beziehung verſchwunden waren, nahm es die Amtmännin jetzt weniger genau mit ihr, denn was ſie that, war doch immer noch ein Werk der Barm⸗ herzigkeit, und nicht ſelten fühlte Selma ihre Wangen vor Schaam und Unwillen brennen, wenn die Amt⸗ männin bei Vorſtellungen das gewöhnliche Formular wiederholte:„Fräulein von Silberſparre, welche ſo gütig iſt, bei uns zu wohnen, da das arme Kind weder Freunde noch Verwandte hat, welche ſich ſeiner annehmen.„Dieß war die eine Seite von Selma's Kummer; die andere war nicht weniger dunkel, außerdem auch weit hoffnungs⸗ loſer, nämlich die Morgendämmerung eines Gefühls, welches ewig unerwiedert bleiben ſollte. Bedauernswerthe Selma! ſie war verurtheilt, beſtändig unter der eiskalten, 113 grabfinſtern Zone zu leben, wo die Sonne niemals auf⸗ geht, um dem armen Schatten Licht zu ſpenden. Mit ihrem Kummer allein, verbarg ſie ihren Schmerz eben ſo ſorgfältig, wie das glückliche Weib ihre Seligkeit vor neidiſchen Blicken bewahrt. Ach! Schmerz, Gram und Verlaſſenheit mißgönnt uns Niemand und doch verbergen wir ſie ſo gern und ſo ängſtlich, weil wir keine anderen Schätze beſitzen; auch ſind jene ſtets am empfindlichſten für die Sonnenblicke, welche man Thellnahme nennt. Acht Monate war Selma ſchon zu Forshälla, da kam eines Tags Baron Karl an, und in ſeine Begleitung ein gut ausſehender Mann von mittlerem Alter. Kapitän Adlerbranth hatte Fräulein von Silberſparre ſchon vor mehren Jahren gekannt, ebenſo ſeine Frau, welche vor einem Jahr an der Schwindſucht geſtorben war und ihm zwet unmündige Kinder hinterlaſſen hatte. Unter vier Augen erfuhr Selma von ihrem Bruder, daß Kapi⸗ tän Adlerbranth im Sinne habe, ſich wieder zu verehe⸗ lichen, wobei er übrigens nur eine gute, liebevolle Mutter für ſeine Kinder ſuche. Außer ſeinem Solde beſaß er noch ein kleines Gut und ſah deßhalb nicht auf Geld; er hatte oft Gelegenheit gehabt die ſtille freundliche Duld⸗ ſamkeit zu beobachten, womit Selma ihr Schickſal ertrug und kam nun in der Eigenſchaft als Freier. Jene feurige Leidenſchaft, welche das erſte Erwachen des Herzens be⸗ zeichnet, konnte er weder bieten, noch verlangte er eine ſolche; er bat nur um Das, was er ſelbſt zu geben ver⸗ mochte, Achtung, Freundſchaft und Vertrauen. Selma brauchte keine lange Bedenkzeit. Sie war mit ſich über die Pflichten, welchen ſie ſich nun unter⸗ ziehen follte, einig, gab ihr Jawort und nicht lange nach Gotthards Abreiſe feierte ſie ihre Hochzeit mit dem Kapi⸗ tän. Eine kleine Erbſchaft, welche dieſem bald darauf zuſiel, veranlaßte ihn, um die Geſundheit ſeiner jungen kranklichen Gattin zu ſchonen, die beſchwerliche Land⸗ wirthſchaft aufzugeben und in irgend eine Stadt zu ziehen, in deren Nähe ſein Regiment lag; dazu war M.. am Die Milchbrüdver. II. 8 114 geeignetſten. Vorher verkaufte er ſein Gut ſehr vortheilhaft, ließ ſich in M... nieder und bot ſeinem Schwager eine Wohnung in ſeinem Hauſe an. Karl, der weder für ſich noch für die, welche er anbetete, irgend eine Gefahr darin ſah, mit ihr in einer Stadt zu leben, nahm den Vor⸗ ſchlag an, denn ſie war ja ſchon länger als ein Jahr, und zwar aus freiem Willlen, die Verlobte eines Andern. Es verlangte ihn ſo innig nach einer Heimath, wo warme Herzen an ſeiner faſt halberſtarrten Bruſt ſchlagen würden. Gegen Ende des Monats Mai zog die neue Familie in ihre einfache aber hübſche Wohnung zu M... Der junge Bürgermeiſter Bundler beſuchte ſogleich ſeinen Freund, und eine Thräne trat ihm in das maͤnnliche Auge, als er Karl an ſeine Bruſt drückte. Mit dem Baron war im Verlaufe des letzten Jahrs, ſogar in den letzten Monaten, eine merkliche Veränderung vor ſich gegangen. Der ewige Streit mit ſeiner Liebe, welche, obgleich gedämpft, immer noch in ſeiner Bruſt lebte, hatte fortwährend verzehrend auf ihn gewirkt, ſeit er das, was er längſt erwartete, ihre offenkundige, ganz freiwillige Verlobung erfahren hatte. Er kämpfte ſtill und im Verborgenen mit ſich, allein auf den bleichgelben Wangen und auf der gefurchten Stirne ſtand es leſerlich geſchrie⸗ ben. Gang und Haltung waren immer noch edel und ſtolz, aber das geſenkte Haupt deutete an, daß die Kraft des ſtarken Mannes manchen fühlbaren Stoß erlitten. Und ſo war es auch. Seine hoffnungsloſe Liebe hatte dieß nicht allein bewirken können— denn hoffnungslos war ſie ja ſtets geweſen;— ſondern die Gewißheit, daß Die, welche er ſo heiß, ſo innig liebte, nun nicht das Geringſte mehr für ihn ſey, in Verbindung mit ſeiner Armuth, welche ihm keine Mittel gab, ſich auch nur den einfachſten Lebensgenuß zu erlauben, ſo daß er ſich jeder Zerſtreuung ſeines kranken Gemüths verſagen, und ihn nagender Gram über das für einen hohen Sinn bitterſte und widerlichſte Gefühl erfüllen mußte:— materielle Dürftigkeit,— dieß zuſammengenommen, nebſt dem ͤ „ ͤe S 115, Tode ſeiner Mutter, der ihn aufs heftigſte ergriffen hatte, und das bittere Gefühl, nur in ihrem Ableben das Mittel gefunden zu haben, die drückendſte Schuld, welche ihm ſo ſchwer auf dem Herzen lag, los zu werden— beugte ſeine Kraft und machte die ſonſt ſo friſchen Lebens⸗ adern verſiegen. Unausſprechlich war Gotthards Schmerz beim Wie⸗ derſehen. Von Hulda wurde kein Wort geſprochen und aus leicht begreiflichen Gründen war auch nicht die Rede davon, den Kapitän Adlerbranth mit Familie im Bund⸗ ler'ſchen Hauſe einzuführen; aber jede freie Stunde wid⸗ mete Gotthard ſeinem Freunde, und als Karl ein Mal, aber auch nur Ein Mal, ihn fragte, ob Hulda glücklich ſey, antwortete Gotthard:„Ja, das iſt ſie, Karl, und hat auch die vollkommenſte Urſache dazu, denn ſie iſt die Braut des edelſten Menſchen.“ Dieſes Geſpräch führten ſie auf einem Spaziergange vor dem Stadtthore, wo ſie ſich in einer der hübſchen Alleen, welche den Stolz der Stadt M.. ausmachen, Arm in Arm ergingen. In Gedanken vertieft gaben ſie nicht Acht darauf, daß ſie ganz in die Nähe einer andern Gruppe von Spaziergängern kamen und beinahe an einen Herrn ſtießen, welcher an der Seite ging. „Was Henkers! willſt Du Deinen eigenen Vater über den Haufen rennen!“ Dieſe Worte weckten die Freunde aus ihren Betrachtungen. Sie ſahen auf; Doktor Bund⸗ ler mit Frau und Tochter gingen eben vorbei. Karls Blick ſog das tödtliche Gift ein, welches ſchnell den Weg zu ſeinem Herzen fand. Hulda erblaßte; eine zitternde Lilie ſank ſie ihrem Vater in den Arm und dieſer trug ſie mehr als er ſie führte, von dem Unglücksorte. Karo⸗ linens Augen füllten ſich mit Thränen inniger Theil⸗ nahme, ſie blieb einen Augenblick zurück, drückte Karl die Hand und ſagte leiſe:„Waffnen Sie ſich mit Muth und laſſen Sie Ihre Jugendkraft nicht von dem Feuer einer Leidenſchaft verzehren, welche Ihr edler, ſtarker Geiſt zu beherrſchen wiſſen wird. Hulda hat Sie nicht vergeſſen, 116 Ihr Andenken iſt ihr theuer, allein ſie denkt auch nur noch an ſie. Sie iſt glücklich. Kämpfen Sie wie ſie, ſo werden ſie auch ſiegen.“ Karoline eilte den Ihrigen nach und mit feſt zu⸗ ſammengepreßten Lippen murmelte Karl faſt tonlos: „gewiß werde ich ſiegen, bezweifle dieß nicht Gotthard. Noch brennt ein Vulkan in mir, der Alles zu verzehren droht; wenn er aber ausgebrannt hat, dann iſt der Kampf vorbei und der Siegeskranz winkt mir,— wenn auch ohne Myrthe.“ Gotthard antwortete Nichts. Stumm drückte er ſeinem Freunde die Hand, und dieſer war ihm dankbar dafür, daß er ihn mit eitlen Troſtgrüͤnden verſchonte. Einige Tage nach dieſem Vorfall reiste Karl zu ſeinem Regimente. Er ſollte ein paar Monate ausbleiben und Gotthard dankte dem Himmel dafür; denn an den thrä⸗ nenſchweren Augen ſeiner Mutter, an Hulda's bleichen Wangen und an dem Brummen ſeines Vaters merkte er wohl, daß die Begegnung zwiſchen Hulda und Karl nicht ohne einen häuslichen Auftritt abgelaufen war. Gotthard nahm die erſte beſte Gelegenheit wahr, um ſeinen Vater von der Abreiſe des Barons und ſeinem längern Ausbleiben in Kenntniß zu ſetzen.„Das iſt gut,“ meinte der Doktor.„Es iſt eine edle, ſtolze Geſtalt; ich für meinen Theil wünſche aber, er wäre ſchon da, wo er in aller Ruhe ſich mit den Schatten ſeiner Ahnen er⸗ gehen könnte, denn auf dieſer Welt ſcheint er mir nicht viel mehr zu beſtellen zu haben. Und doch wäre es nicht unmöglich, daß er noch etwas Schlimmes anrichten könnte; denn— Du weißt Gotthard— die Weiber find gar wunderliche Dinger. Es iſt als wenn eine Todten⸗ luft mit ihm ins Haus gekommen wäre;— da er nun aber fort iſt, ſo wollen wir den ſchlimmen Dunſt aus⸗ räuchern. Gottlob, gegen Ende Juli kommt unſer junger Doktor, und macht der ſie nicht friſch und geſund, ſo— doch dieß thut er, denn ich weiß gewiß„ daß ſie ihn liebt. Glaubſt Du dieß nicht auch, Gotthard?“ —— 117 „Ja Vater,— ich hoffe es.“ „Hoffe!“ wiederholte der Doktor finſter.„Kann eine Braut wärmere Briefe ſchreiben? Kann ein Mädchen ſehnfüchtiger nach ihrem Bräutigam verlangen? Was?“ Dieſe Frage hätte Gotthard leicht durch die Mittheilung eines von Hortenſe's feuervollem Schreiben niederſchlagen können, worin alle ihre Gefühle und der Ausdruck glühen⸗ der Sehnſucht in lebendige Form gegoſſen waren; aber — er hatte nicht das Herz, ſeinem Vater die Ueberzeu⸗ gung zu geben, daß Hulda's Liebe, ſo ſanft, ruhig und geduldig— ganz andrer Art ſey. Deßhalb ſchwieg er lieber. Unſer ehrlicher Doktor hatte, ſelbſt in ſeiner Jugend, nicht ſo viel über das Kapitel von der Liebe ge⸗ grübelt als jetzt. Stundenlang konnte er ſeine Frau ver⸗ hören, wie es mit ihnen damals geweſen ſey. Fiel die Antwort gegen ſeinen Wunſch aus, ſo wurde er grimmig und unleidlich; kamen aber dieſelbe Symptome, wie bei Hulda, zum Vorſcheine, dann war er luſtig und guter Dinge, und pflegte Höchſt vergnügt zu ſagen:„Na, na, das geht ſchon. Ich bin mit Dir ſtets zufrieden geweſen, ſo lange wir ein Paar find, und ſtehſt Du, Alte,— Du haſt gerade ſo geliebt, wie Deine Tochter.“— Karoline lächelte, ſie verſtand ihn, und von nun an hatte er immer alle Urſache mit ihrer Antwort zufrieden zu ſeyn. In der Mitte des Juni nahm Gotthard Urlaub, um ſeine Braut zu beſuchen und ſie nebſt dem Schwieger⸗ vater in das Bad nach Strömſtad zu begleiten, wo der Amtmann wegen ſeines Podagra vier Wochen bleiben wollte. Wir haben unſre alten Bekannten auf der Reiſe getroffen und wollen ſie jetzt wieder aufſuchen, um in ihrer gegenwärtigen kitzlichen Lage etwas Weiteres von ihnen zu erfahren. 118 Zwölftes Kapitel. Bekannte Töne ſchlugen an mein Ohr, Mich dünkt' ich hab' ſie ſchon gehört zuvor, Und lange ſtand ich, von Verehrung ſtumm, Eh' ich betrat des Waldes Heiligthum. Doch nicht vergebens bärmt mein Herz ſich ab, Und nicht umſonſt wein' ich an deinem Grab. Iſt Hoffnung todt, denk ich doch immer dein— Für Jugendleichtſinn muß ein Opfer ſeyn! Nicander. .„Pferde in zwei Stunden!“ befahl der Amtmann Thorſen mit ſeiner Baßſtimme und wandte ſich auf der Schwelle zwiſchen Wirthsſtube und Gaſtzimmer zu dem Wirthe, um ſeinem Begehren den gehörigen Nachdruck zu geben, was jeder Reiſende, welcher ohne Laufzettel durch die Felswege Dahlslands nach Frederikshall oder Strömſtad reist, ſehr natürlich finden wird, indem die Pferde in jener Provinz die Freiheit genießen, in Horden die weitläufigen Wälder zu durchſtreifen und die ſoge⸗ nannten Gaſtwirthe das für den Reiſenden nicht minder angenehme Vergnügen haben, ſich jedes Mal herumzanken zu müſſen, an wem die Reihe des Vorſpanns iſt. „Hübſch iſt die Gegend,— aber ſchlechte Einrich⸗ tung! heillos ſchlechte Einrichtung,“ ſagte der Amtmann und ſetzte ſich in einen alten Lehnſtuhl.„Es reut mich, daß ich auf dieſen Einfall kam— ja mein' Seel, es reut mich!“ „s wäre freilich beſſer geweſen, von Strömſtad aus einen Abſtecher nach Frederikshall zu machen,“ bemerkte Hortenſe,„als zuerſt Norwegen zu beſuchen. Wenn Du, wie Anfangs beſchloſſen war, einen Laufzettel vorausge⸗ ſchickt hätteſt, ſo wären wir der erſten Marſchroute ge⸗ folgt und da—“ hier brach ſie mit einem Seufzer ab. „Da ich aber auf Reiſen Umwege nehmen will, wie 119 es mir gefällig iſt, ſo binde ich mich durch keinen Lauf⸗ zettel,“ erwiederte der Vater etwas barſch.„Uebrigens,“ ſetzte er hinzu, als ihm der Diener aus dem Oberrock in den Schlafrock geholfen und dann auf einen Wink das Zimmer verlaſſen hatte,—„weiß ich nicht, für was wir uns über dergleichen Lappalten herumzanken, während wir etwas Wichtigeres zu thun haben. Gib mir Pfeife und Tabaksbeutel her, Hortenſe, ich will eins ſtopfen und dann kannſt Du uns auf eine Zeit lang allein laſſen; ich will mit.“ Der Amtmann ſprach nicht aus, aber unſer armer Held, welcher am Fenſter ſtand und in einer Stimmung, welche, wie der Leſer hoffentlich zugeben wird, nicht zu den angenehmſten gehört, die Blumen zerpflückte, welche die Wirthin in einem grünen und einem weißen Por⸗ zellankruge aufgeſtellt hatte, befand ſich in der qualvoll⸗ ſten Angſt, denn er ſah wohl, was nun kommen ſollte; und als der Amtmann ſogleich darauf rief:„So!“ drehte er ſich um; aber nicht ein Schatten von dem muntern, lebensfriſchen, jungen Manne war in ſeinem Geſicht mehr zu erkennen. Er war blaß, das Feuer ſeiner Augen ſchien erloſchen, ſein Blick war finſter und unſicher. „Ich höre!“ ſagte der Amtmann mit gewichtiger Amtsmiene, lehnte ſich in ſeinem Sorgenſtuhl zurück und blies gewaltige Wolken aus ſeiner Pfeife. Gotthard holte tief Athem und erzählte nun von dem Leichtſinne ſeiner Jugend, ſeiner Liebe, ſeiner Qual, ſeiner Reue und ſeinem endlichen Vergeſſen des Gegen⸗ ſtandes derſelben. Er erzählte, was Hermann für ihn gethan und erkannte die Klugheit ſeines Rathes, welcher nicht habe zugeben wollen, daß er durch Schwur ſeine Treue binde. Dann folgte Hedda's Verſchwinden, ſeine zuerſt eifrigen, dann immer läſſiger gewordenen Nach⸗ forſchungen, endlich ſeine Ankunft zu Forshälla, der Streit zwiſchen ſeiner Pflicht und der neuen heißen Liebe, welche 120 nach ſchwachem Widerſtande bald den Sieg über ſein Gew iſſen davon getragen. „Haſt Du Alles und nichts als die Wahrhelt ge⸗ ſagt?“ fragte der Amtmann in einem ſo ruhigen und unerſchütterlichen Tone, daß ſich daraus auch nicht das Geringſte von dem Ausgange abnehmen ließ. „Alles!“ antwortete Gotthard. Ein gewiſſes Schaam⸗ gefühl hielt ihn übrigens ab, der Wahrheit vollkommen getreu zu bleiben; ſonſt hätte er ſagen müſſen, was be⸗ reits klar vor ſeiner Seele ſtand, daß das Wiederſehen ſeiner frühern Gellebten die vorigen Gefühle für ſie nicht nur wieder erweckt, fondern ſogar noch geſteigert habe. So tief konnte er ſich aber nicht erniedrigen; er müßte faſt verächtlich, ja lächerlich werden, wenn er mit einem ſolchen Bekenntniſſe herausruckte, deßhalb antwortete er auch, als der Oheim ſeine Frage wiederholte, abermals: „Alles, Oheim!“ „Gut,“ ſagte der Amtmann.„Das Kind ſtarb, Du warſt durch kein Gelübde gebunden. Mamſell Klinting ſchien gluͤcklich und zufrieden zu ſeyn, ihr langes Still⸗ ſchweigen hat bewieſen, daß ſie keine Anſprüche weder auf Dein Herz noch auf Deine Hand mehr zu haben glaubte. Als Richter habe ich keinen Grund, Dir Dein jetziges Glück abzuſprechen, als Vater hingegen kann ich andrer Meinung ſeyn. Demungeachtet will ich Alles dem Ausſpruche Hortenſe's anheimſtellen. Wenn ſie ſich nach dem, was vorgefallen iſt, das Herz eines Mannes, der ſich ſo unbeſtändig in ſeiner Liebe gezeigt hat, noch feſſeln zu können getraut, kurz, wenn ſie es wagen will, ihr künſtiges Lebensglück in Deine Hände zu legen, ſo iſt meine vaterliche Liebe, ich dürfte ſie wohl Schwachheit nennen, für Dich noch groß genug, um das frühere zu vergeſſen, obgleich es Deine Schuldigkeit geweſen wäre, mich von den zweideutigen Umſtänden in Keuntniß zu ſetzen, damit wir den Aufenthaltsort des Mädchens hätten ausforſchen und hören können, ob ſie Anſprüche macht oder hat, kurz, mit Einem Wort, die Sache auf die eine 121 oder die andere Weiſe in die gehörige Reihe gebracht haben würden. Denn es iſt eine verdammt ſchlimme Geſchichte für einen jungen Mann, wenn er nicht Alles, namentlich derartige Affaͤren, ſo in Ordnung hat, daß ſeine Braut nach der Verlobung im ganzen Königreiche umher reiſen kann, ohne auf ſolche ſakermentsdumme Abentheuer zu ſtoßen. Gotthard ſtand ſtumm da, wie ein Schuljunge, der Schläge verdient hat, vor dem geſtrengen Herrn Rektor. Eine Pauſe des Stillſchweigens trat ein, dann ſtand der Amtmann auf und ſagte:„Ich will nun die ganze Sache Deiner Braut mittheilen. Erwarte uns hier und tröſte Dich unterdeſſen mit der Hoffnung, daß ich nicht verſäumen werde, ihr Alles der Wahrheit gemäß, jedoch mit ſo leichten Farben als möglich, vorzutragen.“ Nach dieſem Troſte entfernte ſich der Amtmann, da es aber einen ſo kitzlichen Gegenſtand betrifft, ſo dürfen wir ihm nicht folgen, um zu hören und zu ſehen, wie er ſeine Sache macht. Nur ſo viel können wir fagen, daß er erſt nach einer Stunde mit Hortenſe zurückkam und dieſe ſich zitternd und mit brennend rothen Wangen nahte. „Na, Kind,“ ſagte der Vater ſanft und liebevoll, „ſo blick' wenigſtens den armen Sünder an, er hat ja nicht das Herz, ſich Dir zu nähern. Sag', liebe Tochter, kannſt Du ihm nicht verzeihen? Die Sache iſt einmal geſchehen, und zwar, ehe er Dich gekannt hat, ſein größter Fehler iſt der, daß er nicht wußte, wie er mit Jener daran war, ehe er ſich in Dein Herz ſtahl.“ „Wenn er aber auch einmal mich zu lieben aufhört!“ ſchluchzte Hortenſe und der Blick tiefen, tödtlichen Schmer⸗ zes, welcher aus ihren ſchönen, thränenſchweren Augen auf Gotthard ſiel, löste für den Augenblick die Zauber⸗ macht von Hedda's Wiederſehen und das Herz ſchwoll ihm vor Reue und Zärtlichkeit. „Kannſt Du mir verzeihen, Du Reine, Engelsgute 2 ſagte er, ſtürzte vor und ſchloß ſie in ſeine Arme.„O 122 meine Hortenſe, mein holdes, theuer geliebtes Mädchen, kannſt Du vergeben und vergeſſen?“ „Alles, Gotthard, Alles kann ich vergeben und ver⸗ geſſen, nur nicht, daß ſich Dein Herz von mir wendet; aber Deine Blicke auf ſie waren ſo... ſo... ach, ich kann gar nicht ſagen, was Alles darin lag. Du warſt freilich in ſchrecklicher Aufregung, Du wußteſt wohl ſelbſt nicht, was Du gedacht oder geſagt haſt.“ „Wahrhaftig, Hortenſe, ich habe es auch nicht ge⸗ wußt; es war ein furchtbarer Augenblick. Schaam und Reue ſchlugen in vereinter Macht ihre blutigen Krallen in mein Herz und preßten es ſchrecklich zuſammen. Nun iſt mir aber wieder beſſer und obgleich ich mich ewig als den Mörder des Friedens jenes edlen Mädchens anzu⸗ klagen habe, als den Zerſtörer der wenigen, nun verwelk⸗ ten Roſen ihrer Jugendjahre und deßhalb nie zu voll⸗ kommener Ruhe und Zufriedenheit gelangen werde— ſo hoffe ich, mit ihrer Vergebung und ihren frommen Wünſchen für unſer Heil, an Deiner Hand, an Deiner geliebten Engelshand, doch noch den Himmel auf Erden zu finden.“ 4— Stumm lehnte Hortenſe ihren Kopf an die Schulter des Geliebten, vertrauensvoll lauſchte ſie ſeinen Worten. O, ſie wußte noch nicht, wie über des Mannes Lippen Worte— lieblich, melodiſch und beſänftigend— gehen können, während ſeine Seele mit ſtürmenden Leidenſchaften ringt und kaum eine Ahnung von dem Inhalte der Töne hat, womit er ſchmeichelnd das bebende Herz des Weibes einwiegt, gerade wie eine Mutter in angſtvollen Stunden dennoch taktmäßig das leiſe„Ws, Ws“ über ihre Lippen gleiten läßt. Mit etwas mehr Erfahrung hätte Hortenſe einen gewiſſen, ja einen beſtimmten Widerſpruch in den Worten ihres Liebhabers finden oder ihn ſelbſt wegen des Leichtſinns verachten müſſen, welcher ihn zu gleicher Zeit die ganze Qual natürlicher Reue empfinden und doch wieder höhere Hoffnung auf käünftige Seligkeit faſſen ließ. Allein Hortenſe prüfte nicht, ſie hoffte blos. Ach,⸗ 123 wie glücklich zu preiſen, wie beneidenswerth iſt nicht die⸗ ſes herzliche, warme, zuverſichtliche Vertrauen der Jugend. Wenn der Sturm ſich erhebt, wenn die Herbſtwinde der Erfahrung den Nebel der Illuſionen zerſtreut haben, dann ſchrumpft jener ſchöne Glaube zuſammen, und ſelbſt die Quelle, welche ihm Nahrung gab, vertrocknete. Wie ſah es in Gotthards Innerem aus? Eine Maſſe verworrener Gefuhle, Bilder und Vorſtellungen tummelten ſich hier in wildem Kampfe. Seine Ehre und der Troſt, welcher ihm die neue Hälfte ſeiner Seele zuſprach, ge⸗ boten ihm, Hortenſe zu beruhigen; ſie war ja ſeine Braut, ſollte ſeine Gattin werden. In dieſem Geiſte redete er auch zu ihr, ohne daß übrigens die Ueberzeugung ſeiner Seele dabei geweſen wäre; dieſe ſtritt noch dafür und dawider, bald mit Grund, bald mit Schein;— es war ein ſchrecklicher Zwieſpalt. Unſer ehrlicher Amtmann hörte kein Wort von dem, was Gotthard zu Hortenſe ſprach, er hielt es für einen gewöhnlichen Liebesſtreit, worauf unwillkührlich eine Ver⸗ ſöhnung folgen muß. Uebrigens wird der Leſer finden, daß der ſonſt ſo klar ſehende Mann ſich in dieſer Ange⸗ legenheit ziemlich leicht von ſeinem Gefühle und ſeiner Einſeitigkeiten beſtechen ließ. In einer Sache, wobei nicht er ſelbſt und ſeine Lieblingswünſche betheiligt waren, ware ſein Urtheil ſicher ganz anders ausgefallen, aber er ſah ſeinem Gänſtlinge allzuviel nach und ſagte, auf⸗ ſtehend:„Laßt nun die Geſchichte ruhen. Du biſt, wie ich ſehe, nicht unerbittlich, Hortenſe und ich will es noch weniger ſeyn, ſuchen wir die ganze Sache zu vergeſſen! Sieh' einmal nach, Kind, ob Svenſon unſern Proviant ausgepackt hat. Ich habe mein' Seel' Hunger wie ein Wolf, und ein Stück kaltes Geflügel nebſt einem Glas Madeira ſoll mir trefflich ſchmecken.“ Nachdem die Reiſenden ſchnell ihr Mittagsmahl ein⸗ genommen hatten, ſetzten ſie ſich wieder in den Wagen. Aber— ſtiegen wohl auch die freundlichen Genien des vorigen Friedens und der Gluͤckſeligkeit mit hinein? — n— 1——x 124 Nein, dieſe waren leider in Skogeborg zurückgeblieben und vergebens ſuchte man ihren leeren Platz durch unab⸗ läßiges Zurſchautragen von Zufriedenheit und herzlicher Freundlichkeit zu erſetzen. Keines wollte eingeſtehen, und doch war es ſo, daß alle Freude der Reiſe ſich in Leid und Plage verwandelt hatte. „Gott ſey gedankt!“ ſeufzte der Amtmann, als die Feſtung Frederikshall am andern Morgen im Sonnen⸗ lichte vor ihnen lag und Anlaß zu einem gemeinſamen Geſpräch gab, welches natürlich auf den Tod des Helden⸗ königs überging. Was nun weiter ſolgte, weiß Jedermann, der wäh⸗ rend eines Aufenthalts im Bade zu Strömſtad einen Ausflug in die nächſte Stadt des Bruderreichs gemacht hat. Auch wer nicht da geweſen, würde es gewiß ziem⸗ lich unintereſſant ſinden, wenn wir erzählen wollten, wie unſere Reiſenden die Feſtung und die Stelle beſuchten, wo Karl XlII. ſiel, die Induſtrie der Gefangenen bewun⸗ derten und bei dem gräßlichen Geklirr ihrer Ketten zu⸗ ſammenſchauderten; wie ſie die ſchöne Ausſicht bewunder⸗ ten, einen Spaziergang um die Stadt machten und dann bei Pahlſons eine Menge Frauenzimmerkram einkauften. —— Allles dieſes übergehen wir, ſowie die Beſchreibung des Aufenthaltes im Bade ſelbſt. Denn unſre Geſchichte eilt vorwärts und zu Strömſtad ereignete ſich Nichts weiter, als daß der Amtmann badete, über den ver⸗ dammten Schlammgeruch fluchte, Auſtern und Hummern verſchlang wie ein Haiſiſch, Dorſche und Wittlinge fing und ſich jeden Tag ärgerte, daß er Lidner nicht mitge⸗ nommen. Hortenſe war traurig und weinte nicht ſelten; denn Gotthards Stimmung wurde mit jedem Tage finſterer. Alle Morgen ging er an den Strand hinab, ſetzte ſich eine Weile hin und blickte in das Meer hin⸗ aus. Mechaniſch folgte ſein Auge dem einen oder andern hinauseilenden Boote. Er wünſchte darin zu ſitzen, hätte aber ſeine Fahrt nicht ſo ſchnell beendigt. Weit, weit fort zog es ihn, hinaus in die unermeßliche — 125 Ferne, um dort Ruhe für ſeine tobende Bruſt zu finden. Oft kam er erſt ſpät am Vormittage nach Hauſe, ſchweifte über die Höhen der Umgegend und irrte in den kahlen Felsbergen umher, bis er faſt ſelbſt verwilderte und es in ſeinem Herzen eben ſo öde ausſah, wie in der ihn umgebenden Natur, deren einzige Vegetation in ein paar einzelnen Hagedornbüſchen beſtanrd. Unterdeſſen lag Hortenſe im Fenſter und bllckte ſehn⸗ ſuchtsvoll auf die Straße nach dem Geliebten, und wenn ſie endlich den erſten Blick von ihm erhaſchte, lächelte ſie durch Thränen und winkte ihm mit dem Tuche einen herzlichen Gruß entgegen. Ihr ſanftes, zuweilen ſogar munteres, aber ſtets gleich liebreiches Weſen verſcheuchte Gottharden manche trübe wehmuthsvolle Stunde, manche Wolke von ſeiner Stirne, allein oft gelang ihr dieß leider auch nicht. Selbſt der Amtmann ſchien verſtimmt; das alte vertrau⸗ liche Benehmen gegen Gotthard verwandelte ſich nicht ſelten in ein mißvergnügtes Brummen über: phanta⸗ ſtiſche Grübeleien und dummes Teufelszeug, deren eine uein und beſäße ſie Engelsgeduld, endlich müde werden müſſe. Aber Hortenſe wurde es nicht überdrüſſig. Uner⸗ müdlich in ihren Beſtrebungen, Gotthards tiefe Nieder⸗ geſchlagenheit zu zerſtreuen, beſchäftigte ſie ſich unaufhör⸗ lich mit ihm. Dieß war übrigens bei einem Gemüthe wie das ſeinige, nicht der rechte Weg, denn je mehr man es hätſchelte, deſto kränker wurde es. Ja es gab Augen⸗ blicke, wo er ſo gleichgültig war, daß er ihr nicht einmal für ihre Mühe dankte. So ſtanden die Sachen, als man nach beendigter Badekur wieder nach Forshälla zurück⸗ reiste. Die Amtmännin, welche ihre Tochter, ſtrahlend vor Geſundheit, Leben und Freude, wieder zu ſehen er⸗ wartete, war nicht wenig erſtaunt, die ſonſt ſo muntre, immer ſcherzende Hortenſe ernſthaft, ja betrübt, ſtumm und verſchloſſen wieder zu ſehen. Was ſein Podagra 126 betraf, befand ſich der Amtmann vortrefflich, war aber nichtsdeſtoweniger mürriſch und verdrüßlich. Und Gotthard, der lebensfrohe, junge Mann, wel⸗ cher ſonſt Alles that, was er ſeiner künftigen Schwieger⸗ mutter nur an den Augen anſah, was war aus deſſen munterer Laune, ſeiner Artigkeit, ſeinem geſprächigen feurigen Weſen geworden? Er war finſter und verdroſſen wie ein abgelebter Greis. Die Amtmännin wußte gar nicht, was ſie dazu ſagen ſollte. „Was habt ihr denn vor? was ſoll denn das be⸗ deuten? Seid ihr denn Alle drei verhext worden in dem unſeligen Strömſtad? Ich danke Gott, daß ich ſo ge⸗ ſcheidt war und nicht mit ging. In des Himmels Namen, ſo redet doch! Die Seeluft kann doch keine ſo große Veränderung in eurer Laune und eurem Ausſehen bewirkt haben?“ „Iſt mein Bett zurecht gemacht? ich bin müde,“ ſagte der Amtmann, ſiand auf, nahm ſeine Pfeife nebſt Zeitungen und entfernte ſich„ um einmal wieder ordent⸗ lich in ſeinem eigenen Bette auszuſchlafen. „Das iſt doch wahrhaftig kurios,“ äußerte die Amt⸗ männin abermals und ſah Gatthard und Hortenſe an. „Was iſt denn mit dem Vater und mit Euch? Ihr werdet doch hoffentlich nicht auch ſtumm geworden ſeyn!“ „Beſte Tante!— liebes Mütterchen! Es iſt ja gar Nichts, wir find nur müde von der Reiſe,“ verſicher⸗ ten Beide zugleich. 3 Die Amtmännin ſchüttelte den Kopf, man aß früher als gewöhnlich zu Abend; als Gotthard auf ſein Zim⸗ mer gegangen war, ſchlich die Mutter Hortenſen auf ihre Kammer nach und plagte hier das arme Kind mit ſovlel mütterlicher Theilnahme, mit Bitten und am Ende Thrä⸗ nen, bis der ohnedieß nicht ſehr große Vorrath von Klugheit und Vorſicht der Tochter erſchöpft war. Vör Schmerz vergehend ſank ſie der Mutter an die Bruſt und geſtand Alles.. Wer irgend ein Freund ſchauerlicher Naturſcenen 1 — ———.—— ☛&☛ â 1 ee ———— —2———————— 1 — 127 iſt, dem wünſchen wir, daß er durch die Scheiben in die ſonſt ſo friedliche Zimmerchen, wo die junge, unſchuldige Hortenſe zu ſchlafen pflegte, hätte blicken können. An der Stelle lächelnder Engel, welche ſonſt ihre Träume umgaben, ſaß jetzt eine rachgierige Nemeſis zu den Füßen des Bettes; ſie hatte die Geſtalt der Mutter angenommen und peinigte die arme, ſchon ohnehin ſo tief betrübte Tochter auf das Grauſamſte. Das hörbare Zäͤhnklappern der Amtmännin, das wachſende Schaudern und Zittern, welches ihr durch den ganzen Körper fuhr, waren die erſten Zeichen eines Or⸗ kans, deſſen Ausbruch um ſo gewaltiger zu werden drohte, als die Vorboten langſam kamen, gleich dem dumpfen „Rollen, welches dem Tumulte der ſtreitenden Naturkräfte voranzugehen pflegt. Stumm und angſtvoll, mit gefalteten Händen, ſaß Hortenſe auf dem Rande des Bettes, getraute ſich nicht die Augen aufzuſchlagen,— ſie war halb todt vor Schrecken. „Und Du haſt dabei geſtanden!“ brach die Amt⸗ männin endlich mit tiefer, bebender Stimme los:„Dabei geſtanden, Du einfältige Gans, über und über roth vor Schaam, wie Dein vortrefflicher Herr Bräutigam ſeiner ſaubern Geliebten begegnete? Ja, ja, eine ſehr erbauliche Scene für ein anſtändiges Mädchen! Und Dein Vater, — ja der war von jeher blind und taub, ſeit der Vogel „in das Haus gekommen iſt— und Dein Vater läßt ihn mit Euch weiter reiſen, verzeiht ihm und wirft Dich dem Taugenichts wieder in die Arme! Und Du kannſt ſo ſehr alle Weiblichkeit und alles Zartgefühl auf die Selte ſetzen, daß Du ſogleich auch bereit zur Verſöhnung biſt, was er Dir nicht einmal dankt, ſondern ſich im Gegen⸗ theile für berechtigt hält, die Empfindſame zu verachten, welche aus purer Zärtlichkeit und Schwachheit alle Würde ihres Geſchlechtes mit Füßen tritt. Nun ſage aber ich, die Sache hat ein Ende. Wenn Thorſen auch Himmel und Erde in Bewegung ſetzte und hundert Mal Herr in .128 ſeinem Hauſe wäre, ſo bin ich Deine Mutter! Gib mir den Ring und danke Gott, daß Du verſtändig genug wareſt, Dich Deiner Mutter anzuvertrauen, ſo lange es noch Zeit iſt!“ „O Gott, Mutter! liebſte Mutter, nimm mir ihn nicht!“ bat Hortenſe und fiel wimmernd auf die Knie und bemühte ſich, die Hand zu verbergen, an welcher der Ring ſaß. Allein vergebens war alles Bitten und Wei⸗ nen; eben ſo leicht hätte ſie ſich aus den Klauen einer Tigerin, als in dieſem Augenblicke von ihrer Mutter los⸗ machen können. Kaum ein paar Minuten lang vermochte Hortenſe ihren Schatz zu vertheidigen, für den ſie, wenn es die letzte Wahl gegolten, ihr Leben hätte hingeben mögen; die Mutter ſtieß ſie gewaltſam auf die Seite, bemächtigte ſich ihrer Hand und riß ihr den Ring vom Finger. Ohne Beſinnung ſank Hortenſe bei dieſer ſchonungs⸗ loſen Behandlung zu Boden. Als ſie aus der Ohnmacht erwachte, glühte Fieberhitze in ihren Adern. Sie lag ausgekleidet im Bette, die Mutter war noch da, entfſernte ſich aber, ſobald ſie ihr ein Pulver eingegeben hatte, welches Hortenſe geduldig und ſtumm nahm. Unter düſtern Phantaſien zerſiel ſie in einen Mittel⸗ zuſtand zwiſchen Schlaf und Wachen. In wirren Bildern lag das Vergangene vor ihren Blicken. Der Kof ſchwin⸗ delte ihr, ſie konnte die Gedanken nicht gehörig zuſam⸗ menbringen. Nur der letzte Auftritt ſchwebte ihr unauf⸗ hörlich vor und in heißen Thränen betrachtete ſie ihre linke Hand und küßte den Fleck am Finger, wo der Ring geſeſſen hatte. Hortenſe liebte ſo innig, mit einer Hingebung, einer Entſagung, wie nur wenige Weiber lieben. Sie bedachte nicht, ſie wollte und konnte nicht alle Gründe einſehen, welche ihre Mutter zu einer ſolchen Grauſamkeit veran⸗ laßten, blos Eins fühlte und beherzigte ſie: die Allge⸗ walt der Liebe. Sie fuͤhlte, daß ſie Alles dulden und leiden könne, nur keine Trennung von dem Gegenſtande, 2 129 der ſie einzig und allein feſſelte. Selten liebt ein Weib ſo, wie Hortenſe liebte. Sie war ein Weib in dos Wor⸗ tes ſchönſter und beſter Bedeutung. Dreizehntes Kapitel. Es lacht der nächtlichen Geiſter Chor Wenn die Feinde uns überfallen. Nicander. „Da ſeht! der Herr hat Alles wohl gemacht!“ ſagte Doktor Bundler mit dem Ausdrucke der frohſten Dank⸗ barkeit und legte das Zeitungsblatt vor ſich auf den Tiſch. „Alles gut! Da ſein Regiment ſo nahe liegt, kann er ſeinen Wohnſitz in der Stadt nehmen; was können wir Schönres wünſchen? Aber nun laßt uns die Zeit nicht mit Unthätigkeit verlieren, wir miethen ihm eine Wohnung, richten ſie hübſch ein und bis zum Oktober, längſtens November iſt Hochzeit, ſo daß die junge Frau auch dabei ſeyn kann, wenn wir ſammt und ſonders die große, längſt beſprochene Reiſe nach Forshälla machen— zu Gott⸗ hards Hochzeit!“ 8 „Ach, das werden ſchöne, herrliche Tage werden!“ erwiederte Karoline mit freudeſtrahlendem Blicke.„Wie verlangt mich darnach, die holde Braut meines Sohnes zu ſehen! Aber ließ es noch einmal, lieber Bundler, daß wir Gott recht innig für ſeine Gnade danken können!“ Bereitwillig nahm der Doktor das Blatt wieder zur Hand und las unter dem Artikel: Ernennungen: „Zum Bataillonsarzt im Königlichen W.. ſchen Regimente iſt ernannt: der Doktor der Mediein und Chtrurgie, Hermann Dahl u. ſ. w.“ „Ach, das iſt ein großes Glück!“ nahm Karoline das Wort.„Wäre er zu einem andern Regimente be⸗ ſtimmt worden, ſo hätte ich mich von meiner Hulda tren⸗ Die Milchbrüder. II. 9 130 nen müſſen, ſo aber kann ich, Gott ſey Dank, täglich Zeugin ihres häuslichen Glückes ſeyn.“ „Was glaubſt Du aber, daß Hermann zu den lilien⸗ bleichen Wangen ſagen wird? Wird er glauben, daß ſie von Sehnſucht herruhren. Ei, ei, Alte, Du wirſt mir ja roth. Na, na, das wird ſich ſchon geben; ein Unglück iſt es aber, daß Adlerbranths gerade hieher ziehen muß⸗ ten; ſeit dem verdammten Begegnen iſt das Mädchen wie umgewandelt!“ „Sie iſt nicht ganz wohl,“ verſetzte Karoline leiſe; „ſie hat auch ſchon ein paar Mal Blut geſpieen.“ „Wie?“ fuhr Bundler erblaſſend auf;„dieß ſagſt Du mir erſt jetzt?“ „Ich wollte Dich nicht gern erſchrecken, es iſt aber von keiner Bedeutung, deßhalb that ich ihr den Willen und ſagte Dir Nichts.“ „Macht ihr das vielleicht bange, Karoline, daß es nur noch acht Tage anſteht, bis Hermann kommt?“— Wer in dieſem Augenblicke den Ton des Doktors hörte, müßte glauben, von der Antwort hienge Leben oder Tod ab. „Nein, keineswegs macht ihr das bange,“ verſicherte Karoline,„im Gegentheil, ſie ſehnt ſich darnach; aber in ihrer Stimme, in ihren Zügen verräth ſich öfters eine fieberhafte Ungeduld. Ich bin gewiß, ſie liebt unſern Hermann, allein es ſcheint mir, eine krankhafte Schwäche in ihr zu liegen.“ „ Hat ſie von dem Baron geſprochen, ſeit ſie welß, daß er hieher gezogen iſt?“ „Kein Wort, auch nicht ſeit jenem Wiederſehen. Ich habe den Gegenſtand nie zu berühren gewagt.“ „Das war ſehr verſtändig, liebe Alte! Wir müſſen ſie Jsländiſches Moos trinken laſſen und ſonſt noch Etwas geben; denn übel ſieht ſie aus, dieß iſt leider wahr. Ich denke aber, ſie muß jetzt bald nach Hauſe kommen; es verlangt mich, zu hören, was ſie zu ſeiner Ernennung ſagen wird.“ ———„— ——— ☛⏑̈ 2 10——— — 131 Eben trat die Erwartete in das Zimmer. Sie hatte den Abend bei einer Freundin zugebracht, deren Geburts⸗ tag mit einem großen Feſte gefeiert wurde; allein Hulda hatte ihrer Mutter verſprochen, bald heim zu kommen. Sie war bleicher als gewöhnlich und das ſanfte Lächeln, welches ſie ſo unausſprechlich reizend machte, ſchwebte ſchöner und verklärter als je über ihren Lippen. Mit liebevollem Ungeſtümm ſchloſſen die Eltern die theure Tochter in die Arme und betrachteten mit ſtiller Luſt das anmuthige Geſchöpf. Man konnte Huldas zarte ſymetriſche Figur beinahe vollkommen nennen. Ihre Formen hätten vielleicht voller ſeyn dürfen, allein trotz dieſem war es doch eine ent⸗ zckende Geſtalt und nie ſah ein⸗Fremder dieſen zarten, edlen Wuchs, dieſes feine ovale Geſicht, über deſſen Schnee ein Schimmer, gleichwie von der Glut der Abendſonne ſeine Purpurflammen ausgoß, ohne zu einer Bewunderung hingeriſſen zu werden, welcher bei weitem den Eindruck überwog, den ein nur ſchönes Weib zu erwecken pflegt. In Hulda's blauen Augen lag etwas, das Jedem wohl⸗ thun, Jeden entzücken und feſſeln mußte. Ein ſo reines, frommes, hingebendes Weſen ſpiegelte ſich darin und auf der klaren Marmorſtirne lagen Unſchuld, Heiligkeit und edle Schüchternheit in ſchönſtem Vereine. „Du ſiehſt nicht ganz wohl aus,“ begann der Doktor, ſtrich ihr ſchmeichelnd die Locken aus dem Antlitze und legte ſeine Hand auf ihre Stirne.„Iſt Dir Etwas geſchehen?“— Hulda antwortete nicht; allein die gewöhnliche Verrätherin der Weiber, Schaamröthe und geſenkte Au⸗ genlider, ſprachen laut genug. Bundler ſah ſeine Frau an; ein leichtes Kopfſchutteln ſagte ihm, daß ſie ſich verſtanden. Indeſſen fand es unſer guter Doktor für das Beſte, nicht zu thun, als hätte er Etwas geſehen.— „Sieh hier, liebe Tochter; Du ſollſt etwas Erfreuliches vernehmen. Der Zeitungsartikel wurde abermals ver⸗ eſen. 13²2 „Gott ſey Dank!“ ſagte Hulda und faltete mit dem rührendſten Ausdrucke die Hände,„jetzt kommt er doch a d 7 „Allerdings, mein gutes Kind, und Du wirſt doch gern, ſo recht mit Herz und Seele, ſeine Gattin, nicht wahr?“ „Ja Vater, ich freue mich jedes Tags, welcher mich näher ans Ziel bringt, denn wenn ich erſt ſeine Gattin bin.“ Sie ſchwieg einen Augenblick, ſetzte dann aber ſchnell hinzu:„Dieß iſt ein heiliger Name; ich bin gewiß, daß ich mich nie deſſen unwürdig machen werde. O trüge ich ihn nur ſchon!“ „O, wenn Dich weiter Nichts beunruhigt,“ meinte der Vater mit einem Lächeln, welches zugleich Furcht und Hoffnung, Seligkeit und Schmerz ausdrückte,—„da ſollſt Du nicht lange mehr vergeblich warten. Längſtens bis zum Oktober feiern wir Eure Hochzeit.“ „Gewiß!“ entgegnete Hulda und ihre Wangen überzog ein ſo ſchöner Purpur, daß man verſucht war, ſie fuͤr die glücklichſte Braut zu halten, wenn nicht eine Perle in den langen Augenwimpern ihre getheilte Gefühle verrathen hätte. Gleichwohl ſehnte ſie ſich innig nach Hermann, an deſſen Bruſt ſie Ruhe und Schutz gegen die treuloſen Feinde zu finden hoffte, welche im Hinter⸗ grunde des Herzens ihren gewonnenen Frieden zu unter⸗ graben drohten. In der Abendgeſellſchaft, wo Hulda geweſen, hatte ſich auch Capitain Adlerbranth mit ſeiner Gemahlin be⸗ funden. Es war das erſte Mal, daß ſie Karl's Schweſter ſah, und ein unwiderſtehliches Verlangen zog ſie näher zu der jungen Frau, welche ihr als genaue Bekannte von Huldas künftiger Schwägerin, der liebenswürdigen Hortenſe, viel zu ſagen wußte, was ſowohl die Zuhörerin als die Erzählerin feſſelte. Als beide Damen im eifrigſten Geſpräche begriffen waren, nahte ſich ihnen der Wirth vom Hauſe und fragte die Baronin Adlerbranth im Tone ſehlgeſchlagener Hoff⸗ 7 * * 133 nung:„Werden wir denn heute Abend nicht das Ver⸗ gnügen haben, Ihren Herrn Bruder, den Baron Silber⸗ ſparre zu ſehen, gnädige Frau?“ „Hat ihn denn mein Mann nicht bereits entſchuldigt?“ verſetzte Selma.„Mein Bruder iſt erſt ſeit ein paar Tagen wieder von ſeinem Regiment zurück und beſindet ſich ſo unwohl, daß er das Zimmer nicht verlaſſen kann. Er war ſchon vor der Reiſe unpäßlich und jetzt hat ſich ſein Ausſehen unglaublich verſchlimmert. Die vielen Strapatzen der Muſterung haben ihm bedeutend zugeſetzt“ „Das iſt ſehr zu beklagen,“ erwiederte der Hauswirth. „Die jungen Leute hatten ſich an ihm ſchon einen treuen Bundesgenoſſen zu der Freude des Tages verſprochen, denn junge Militalrs pflegen wackre Tänzer zu ſeyn.“ „Karl wenigſtens iſt dieß nicht,“ verſicherte Selma. „Er hat ſich ſeit ein paar Jahren ſo verändert, daß ihn ſeine beſten Freunde kaum mehr kennen. Er iſt faſt nur noch ein Schatten von dem, was er früher war.“ Jedes dieſer Worte ging Hulda wie ein Dolchſtich durch das Herz. So wie ſie ihm auf der Promenade begegnet hatte, bleich, düſter, von Kummer gebeugt, ver⸗ zehrt von der langſamen Qual hofſnungsloſer Liebe, ſtand er beſtändig vor ihr, und ſie litt doppelt, indem ſie ſich unaufhörlich mit dem Vorwurfe quälte, daß Karls Bild neben Hermann in ihrem Herzen lebte. Sie wollte es herausreißen, vermochte es aber nicht, und ihre einzige Hoffnung lag in der Ueberzeugung, daß wenn ſie erſt Hermanns Gattin ſeyn würde, ſich ihr die Verſuchung nicht unter dieſer Geſtalt mehr nahen würde. Sie liebte Hermann auch, dieß war außer Zweifel; und wenn es ihr frei geſtanden hätte, zwiſchen Beiden zu wählen, ſo wäre ihr die Wahl nicht ſchwer geworden, da ſie Hermanns edlen Charakter, ſein Zartgefühl und ſein biedres, war⸗ mes Herz vollkommen würdigen gelernt hatte. Aber um allen Zwieſpalt zu vermeiden, hätte gewiß ihr frommes Herz den Entſchluß gefaßt, Keinem anzugehören. Sie würde dann zwiſchen Beiden ihr Herz getheilt haben; 134 allein das Loos war einmal geworfen, und eine Stimme in ihrem Innern, welche ſie nicht zum Schweigen bringen konnte, ſagte ihr, zu ihrer Qual und Pein,— daß jenes nicht ſeyn dürfe. Und doch, wenn ſie ihr eignes Weſen klar aufzufaſſen vermocht hätte, brauchte ſie nicht zu beben; es war nur Reinheit und Licht. An einem ſchönen Juliabende ſaß Hulda im Garten und zerpflückte gedankenvoll die Blätter eines Weidenzweigs, mit welchem ſie ſich Kühlung zugefächelt hatte. Sie hörte nicht, daß ſich leiſe Tritte näherten, bis dieſe dicht hinter ihr waren; ſie drehte ſich haſtig um und lag im Augen⸗ blick an der Bruſt des Kommenden,— es war Hermann. Minuten vergingen; dem Glücklichen ſchlägt keine Stunde. Immer feſter drückte Hermann den Bürgen ſeiner künftigen Erdenſeligkeit an ſein Herz, lieblich durch Thränen lächelnd legte ſie hingebend ihren Kopf an ſeine Bruſt; hier fand ſie Schutz und Frieden. Dennoch mußte ſie weinen, denn es bangte ihr, Hermann möchte fragen. Er fragte aber nicht, küßte ihr nur die Thränen weg und aus ſelnen großen ſchwarzen Augen blitzte ein Strahl aus höherer Welt. Es war nicht ſtürmiſche Leidenſchaft, welche ihre Glut darin wiederſpiegelte, es war die reine, klare Flamme der beſten Liebe, und unermeßlich reich fühlte ſich ſein Herz in dieſem Augenblicke. Durch den Gartenzaun hatte Hermann Hulda bemerkt, war blitzſchnell von ſeinem Wagen geſprungen und im Nu durch das halbangelehnte Thor. Er konnte es ſich nicht verſagen, ſie zu uͤberraſchen und ſeine Bruſt wogte auf und nieder bei dem Gedanken, wie ſie, ſo gänzlich unvorbereitet, ihn empfangen würde. Hermanns Blick war ſcharfſichtig; ſein Mißgeſchick in der Liebe hatte ihn geſchärft. Gleichwohl dünkte es ihm bei dem erſten Wiederſehen, als bemerke er an ſeiner Braut, ſelbſt in der ſtillen Ergießung ihrer Empfindungen, Nichts, das ihn nicht vollig zufrieden geſtellt hätte. Nach einer anderthalbjährigen Abweſenheit hatte er dieß kaum zu —— ,— 135 hoffen gewagt, und nie trieb die Hoffnung ſchönre Bluͤthen in ſeinem Herzen, als dieſer Augenblick. Unterdeſſen hatten Bundler und ſeine Frau einen leichten, bepackten Jagdwagen in den Hof fahren ſehen. Sie ahnten, wem er gehörte, und da ſie wußten, daß Hulda in dem Garten war, eilten ſie dorthin. Niemals ſpiegelte ſich auf menſchlichen Geſichtern eine reinere und ungemiſchtere Freude, als da ſie ihren Pflegſohn auf der ſchwellenden Moosbank mit ſeiner Braut auf dem Schooße ſitzen ſahen; ihre Arme umſchlangen ſeinen Hals und er umfaßte ihren ſchlanken Leib. Der Doktor nickte und blinzelte ſeiner Frau zu. „Was habe ich geſagt, Alte?— Wie?“ Hulda hörte ſprechen, hob ihr Köpfchen empor und machte ſich aus Hermanns Armen los, um den langver⸗ mißten Pſtegſohn den Eltern zur Umarmung zu über⸗ laſſen. Einen ſo ſchönen Augenblick hatte man ſeit Jahren im Bundlerſchen Hauſe nicht gefeiert. Weder Zweifel noch Unruhe war mehr auf irgend einer Seite. Selbſt die junge, reizende Braut überzeugte ſich im Ver⸗ laufe des Abends völlig, daß Karls Bild nie mehr in ſeiner gefährlichen Eigenſchaft ihrem Herzen erſcheinen würde. 3 Die Abendmahlzeit war ein Friedensfeſt, und heiter und zufrieden begaben ſich Alle zur Ruhe. Obgleich Hermann von der Reiſe ermüdet war, konnte er doch nicht ſchlafen; der Gedanke, wie nahe er nun dem Ziele ſey, nach welchem er ſeit Jahren ſtrebte, erfüllte ihn mit viel zu viel Glückſeligkeit, als daß nicht ſeine Phantaſteen die Müdigkeit überwunden hätten; im Gegentheile fühlte er ſich nie munterer; ſeine heiteren Gedanken ſchwärmten auf den friſchen, grünen Blumen⸗ matten, welche ihm die Zukunft vorzauberte, bis es ihm zu eng wurde und eine unendliche Sehnfucht nach friſcher Luft ſich ſeiner bemeiſterte. Eben gegen Mitternacht ſtieg Hermann auf, ſchlüpfte in ſeinen Schlafrock und trat an das Fenſter, welches in den Garten ging. Das andre, 136 gegenüber, lag an der Ecke zwiſchen einer Straße und einem unüberbauten Platz, welcher hinten an den Bundler'⸗ ſchen Garten ſtieß. Als Hermann ſich etwa eine Viertelſtunde an der erfriſchenden Nachtluft erquickt hatte, hörte er zu ſeinem großen Erſtaunen Tritte in einer der Seitenalleen und ſah eine weibliche Geſtalt hervorkommen. Sein ahnendes, hoch ſchlagendes Herz ſagte ihm, es ſey Hulda, welche, wahrſcheinlich in gleichem Grade aufgeregt, wie er, ihr Zimmer verlaſſen habe, um ebenfalls friſche Luft zu ſchöpfen. Uebrigens machte ihm die Vorſtellung, daß ſie ſich vielleicht erkälten könne, große Unruhe; das Gras lag voll Thau, und ſo ſchön die Julinacht auch ſeyn mochte, war ſtie doch nicht ohne Feuchtigkeit und Nebel, welche ihrer ſchwachen Bruſt ſchädlich ſeyn konnten. Was ſollte er thun? Er wollte nicht rufen, um die ſchüchterne Taube nicht zu erſchrecken, ebenſowenig mochte er um dieſe Zeit hinabgehen, um ſie auf ſeinen ſtarken Armen ſtracks zurück zu tragen, wozu er gute Luſt hatte; denn er mußte fürchten, daß noch Jemand von den Leuten im Hauſe wach ſeyn, ihn ſehen und allerlei kurioſe Folgerungen daraus ziehen könnte; mithin legte er ſeinem Wunſche Zügel und Bande an. Wäaͤhrend dieſer Ueberlegungen waren auch die Tritte verhallt und da Hermann hoffte, ſie werde jetzt hinein gehen, eilte er zu dem andern Fenſter, von wo aus man hinab zu ihren Fenſtern ſehen konnte, welche einen Stock niedriger lagen und wo er wahrſcheinlich würde entdecken können, ob ſie in ihr Zimmer zurückgekehrt ſey. Nachdem er eine Weile vergebens gewartet, fielen plötzlich ſeine Blicke auf einen rieſengroßen Schatten, deſſen Umriſſe ſich deutlich auf dem erwähnten leeren Platze zeigten. Hermann war bei dieſem Anblicke wun⸗ derbar überraſcht, wendete die Augen nach der Straßen⸗ ecke und hier ſtand, faſt ihm gegeuuüber, eine hohe Geſtalt in einem vunkeln Mantel. Ein Fleck des gelben Futters ſagte ihm, daß der Eigenthümer Offtzier ſeyn müſſe und —ͤͤͤͤͤͤͤͤſͤͤſſſſſ‧⁄ S S E 137 Hermann bemühte ſich, ſeine Blicke bis zu den Zügen des Mannes durchzubohren;— dieſes war indeſſen nicht leicht, denn er hatte den Mantelkragen hoch herauf gezo⸗ gen und um das Geſicht geſchlagen, auch ſaß ihm die Mütze tief in der Stirne. Mit gekreuzten Armen ſtand der Unbekannte da und ſtarrte nach demſelben Fenſter, welches Hermann eben betrachtet hatte. Endlich nahm er die Mütze ab und fuhr mit der Hand über Stirne und Augen; da ſah unſer Held ein bleiches, abgemagertes Geſicht mit ſchönen, edlen Zügen. Was Hermann in dieſem Augenblicke empfand, läßt ſich nicht beſchreiben. Er wußte nicht, daß Baron Silberſparre zu M.... wohnte, denn Doktor Bundler hatte es für das Beſte gehalten, dieſe Mittheilung bis auf mündllche Beſprechung zu verſparen; Hermann war indeſſen überzeugt, daß es kein Andrer ſeyn könne, und plötzlich, doch unter ganz andrer Geſtalt, als er es bisher angeſehen, flog die Stunde des Wiederſehens durch ſeine Erinnerung. Hulda's Thränen, die faſt krampfhafte Heftigkeit, womit ſie ihn in die Arme ſchloß, ihre ſüßen Schmeichelworte, Alles ſtand jetzt in einem völlig andern Lichte vor ihm;— und eudlich die ſpäte Wanderung im Garten.— Der Angſtſchweiß floß Hermann in großen Tropfen von der Stirne, und ſeine Qual, ſelne wilden Einbildungen ſteigerten ſich zu einer ſchrecklichen Höhe, als er einen weitern Schatten an dem Gartenzaune hinſchleichen und im Halbdunkel unter den zwei großen Säulen verſchwinden ſah, welche den niedern Thorbogen trugen, der zu den Gemächern ſeiner Braut führte. Was Hermann im Verlaufe der folgenden Woche litt, getheilt zwiſchen allen den verzehrenden Qualen der Eiferſucht und der Stimme ſeiner Vernunft, den klareren Sonnenblicken einer beſſern Ueberzeugung, welche ihm das Unſinnige eines Verdachtes gegen das reine, unſchul⸗ dige Geſchöpf vorwarf, das erſt vor ein paar Stunden ihm ſo gern und hingebend an die Bruſt geſunken war, — kann nur der faſſen und verſtehen, wer ſich ſchon 138 ſelbſt unter dem drückenden Einfluſſe dieſer ſtreitenden Mächte befunden hat.— „Was macht ſie? Was für einen Weg hat ſie genommen?“ fragte er ſich alle Augenblicke.„Für was wartet er dort? warum geht er nicht ſort?“ wisperte ihm der dienſtbare Asmodi ins Ohr, welcher ſich ſonſt ſelten Hermann zu nahen wagte. „Hebe dich hinweg, Satan! Ich will weder hören noch ſehen!“ rief er mit gewaltſamer Heftigkeit und ſchlug das Fenſter dergeſtalt zu, daß eine Scheibe klirrend auf das Straßenpflaſter ſiel. Ach! hätte Hermann nur noch einmal aufgeſchaut, um wie Vieles ruhiger wäre er ent⸗ ſchlafen; denn da hätte er geſehen, wie eine kleine Hand ſchnell die herabgelaſſene Gardine auf die Seite ſchob, das niedre Fenſter öffnete und ein Kopf, von den ſchönſten Goldlocken umflattert, zum Vorſchein kam und verwundert zu ſeinem Zimmer emporblickte. Aber Hermann ſah dieß nicht; er warf ſich ins Bett und ſchlief endlich unter un⸗ ruhigen Fieberphantaſieen ein. Als unſer junger Doktor am andern Morgen bei dem Frühſtücke erſchien, zeugte ſein Ausſehen von der Veränderung, welche in ſeinem Innern vorgegangen. Er bemühte ſich wohl, alle Selbſtbeherrſchung zu bewahren, deren ſeine ſtarke Seele fähig war, aber deſſen ungeachtet entging weder ſeinen Pflegeltern noch Hulda die Wolke auf ſeiner Stirne; Letztere nahte ſich ihm mit lieblichem Lächeln und fragte:. „Haſt Du nicht gut geſchlafen, lieber Hermann 2 „Nicht ganz; ſchwarze Träume haben mich geäng⸗ ſtiget,“ antwortete er langſam und wider ſeinen Willen brannte ein dunkles Roth auf ſeinen Wangen. „Und doch, glaube ich, warſt Du einen guten Theil der Nacht auf,“ verſetzte Hulda.„Dein Fenſter war zuerſt offen und dann höͤrte ich es mit ſolcher Kraft zu⸗ ſchlagen, daß eine Scheibe zerſprang.“ „Wirklich!“ erwinderte Hermann mit wachſender 8 (SBE 82 139 Aufregung.„Wo warſt Da denn da ſelbſt, Geliebte, daß Du dieß ſo gut hören und ſehen konnteſt?“ „Ich? wo ſoll ich anders geweſen ſeyn, als in mei⸗ nem Zimmer, welches, wie Du weißt, gerade unter dem Deinigen liegt. Ich war nicht ſchläferig und deßhalb noch nicht zu Bette gegangen...“ Selbſt die Unſchuld mußte erröthen und bei ſolch einem Blicke verlegen werden, wie er aus Hermanns Auge die ſchüchterne Braut traf. Man ſetzte ſich zum Frühſtück. Der Doktor wollte Nichts ſagen, bevor er nicht mit Hermann unter vier Augen war; er ſah, daß nicht Alles richtig ſey und eilte deßhalb möglichſt. Sobald man fertig war, nahm er ſeinen Pflegſohn unter den Arm und ging mit ihm auf ſein Zimmer. „Was haſt Du denn, was iſt Dich angekommen? war Bundlers erſte Frage, während er zugleich die Thüre verſchloß. Hermann antwortete mit einer neuen Frage:„Be⸗ findet ſich Baron Silberſparre in der Stadt?“ „Das weiß ich, meine Seel', nicht gewiß; wenn aber, muß er erſt kürzlich gekommen ſeyn. Er zog im Mai mit ſeinem Schwager, Kapitän Adlerbranth, hierher, ging aber bald darauf zur Muſterung ſeines Regiments ab, welche ihn, wie Gotthard glaubte, ein paar Monate fern halten wuͤrde. Ich dachte: Bis dorthin iſt Hermann zurück und wir erwähnen am Beſten nicht früher einer Sache gegen ihn, die wir doch nicht ändern können. Denn zum Henker! Du begreifſt ja wohl, daß ich den Leuten nicht verbieten kann, in die Stadt zu ziehen!“ Der Doktor gerieth völlig in Harniſch, während er Hermann erblaſſen und alle Zeichen der heftigſten Ge⸗ müthsaufregung geben ſah.„Hat der Baron Hulda wiedergeſehen?“ fragte er und kämpfte mit gewaltſamer Erſchütterung. „Bloß einmal flüchtig auf dem Spaziergange, in Gegenwart meiner und meiner Frau. Im Uebrigen, 140 meine ich, ſollteſt Du mit Hülfe Deiner eigenen natür⸗ lichen Augen gewahr werden, daß Hulda nicht mehr an das denkt, was geweſen iſt, das ſieht man ja klar genug.“ „Weit entfernt,“ entgegnete Hermann mit gepreßter Stimme;„im Gegentheil iſt es finſter, wie die Nacht des Zweifels. Baron Silberſparre iſt heute Nacht um Ein Uhr an ihrem Fenſter geſtanden und hat ſich dann längs des Gartenzauns entfernt.“ 2 „Das wäre der Teufel!— Alleit ich ſehe nicht ein, warum ſie nicht völlig unſchuldig daran ſeyn kann.“ „Wir wollen hoſſen. Ich ſuchte mich meiner See⸗ lenruhe halber davon zu überzeugen; jedoch...“ Hermann wagte nicht, zu ſagen, daß er glaube, Hulda ſey im Garten geweſen; er ſchwieg deßhalb. „Jedoch.“ wiederholte Bundler.— „Sagte ſie nicht, ſie habe nicht ſchlafen können und ſey auf geweſen?“ fiel Hermann ein, ſchämte ſich aber doch zu gleicher Zeit der ſchwarzen Gedanken, welche ſich in ſeinem Kopfe kreuzten und ihm das Hirn zu verwir⸗ ren drohten. „Na, zum Henker, Du wirſt doch damit nicht ſagen wollen, daß ſie auf war und ihn erwartet hat? Hör' 'mal, Hermann, wenn es mir nicht leid um Dich thäte, könnte ich mich verſucht fühlen, Dir in allem Ernſte zu zurnen; aber jetzt bitte ich Dich, als Vater und Freund, laß nicht den Kameraden der Liebe, den Eiferſuchtsteufel, mit Deinem geſunden Verſtande davon laufen, ſondern Rath und iſt ſie nicht rein wie das Sonnenlicht, ſo will ich verdummt ſeyn. Amen!“ Nit dieſen Worten nahm Doktor Bundler Stock und ut und eilte fort, um unter Gottes freiem Himmel ſein mehr als ſonſt aufgeregtes Blut etwas abzukühlen. nimm Deine Braut in die Beichte;— dieß iſt mein 4*☛ 141 Vierzehntes Kapitel. Warum ſtürmts ſo wild in meiner Bruſt, Warum ſtreiten miteinander Schmerz und Luſt? Was bedeutet dieſer Herzensbrand? Sag', was ſoll dieß Feuer mir den frommen? Kann von mir des Räthſels Löſung kommen, Welchen ſchlug des Schickſals Seherband? Der Sohn im Adlerforſt. An dem Kai zu M... läuft eine kleine Quergaſſe aus, deren Häuſer vielleicht die ſchönſte Lage haben, welche die Stadt bietet. Unter den Wohnungen, welche in jener Gegend liegen, befindet ſich eine ſehr niedliche, welche Kapitän Adlerbranth mit ſeiner Familie gemiethet hatte. Wir wollen den Leſer einführen. Auf der einen Seite des Vorſaals liegen die Zimmer, welche das glückliche, völlig zufriedne Ehepaar bewohnte, auf der andern Seite hauste Baron Karl in einem hübſchen, luftigen Zimmer, mit der Ausſicht auf das Meer. Den erſten Auguſt, alſo einige Tage nach den erzählten Vorfällen, treten wir in dieſe uns bis jetzt fremden Räume und verfügen uns nach Karls Wohnung. Die grünen Wände und die herabgelaßnen Gardinen bildten ein magiſches Halbdunkel, welches nur dann eine genauere Ueberſicht des Innern geſtattete, wenn der Wind, welcher durch das offene Fenſter hereinſpielte, die Vorhänge leicht hin und her bewegte, zwiſchen denen zu⸗ weilen ein Sonnenſtrahl hereinſtel, um ſeinen röthlichen Schimmer über die bleiche Geſtalt auf dem Sopha zu werfen. Der Baron ſchlummerte; den einen Arm hatte er unter dem Kopfe liegen, der andere hieng nachläßig über den Sopha herab und es ſah aus, als habe er ihn, im Augenblicke des Einſchlafens, von ſich geworfen, um da⸗ mit gleichſam alle Bekümmerniſſe, alle langſam zehrende Qual zugleich mit weg zu ſchleudern, welche ſeine Seele 14² einer Gewalt unterwürfig zu machen drohten, gegen die er ſeit Langem ſchon gekämpft hatte. „ Auch ſtand dieſer Kampf deutlich auf jedem ſeiner Züge, welche früher das Bild eines männlich ſchönen Mannes geweſen waren. Seine Wangen waren gelb und eingeſunken, die Stirne düſter und gefurcht, die Lippen dünn und trocken und die blauen Adern der Hände ſchwollen weit über die weiße, abgemagerte Haut hervor. Ach! ſo wie er jetzt da lag, war kein Funke mehr von dem alten, edlen, männlichen Stolze ſichtbar; bloß Ein düſtrer Zug beſchattete den immer noch ſchön gewölbten Bogen ſeiner Augbrauen; es war der Schmerzenszug des Leldens. Leiſe ging eine Seitenthüre auf und Selma trat ein; ſie hatte ein kleines Präſentirbrett in der Hand, auf welchem zwei Gläſer mit kühlender Limonade nebſt einem Teller mit Manteltorten ſtanden. Bei dem leichten Geräuſche ihrer Schritte fuhr der Baron heſtig auf.„Verzeih', beſter Karl“ ſagte ſie freundlich;„ich habe Dich wohl erſehreckt. Du biſt ein⸗ geſchlafen, während ich draußen war.“ „Ja, liebe Selma, ich bin immer ſo ſchrecklich müde und matt. Nach der Muſterung wird mir immer unwohl.“ „Ach ja, es war auch nicht Recht, daß Du keinen Urlaub verlangteſt. Ich habe Dich doch ſo innig gebeten. Aber Du biſt manchmal zu elgenſinnig, lieber Karl! Und doch auch wieder ſo gut und geduldig, daß ich nicht das Herz habe, mit Dir zu zanken. Nun mußt Du mir auch meinen Willen thun und hier ein Bischen verſuchen; ich habe ſie ſelbſt gemacht,— nach Tante Charlotte Antoinettens Rezept. Du biſt ja ein Freund davon, Karl, wenigſtens warſt Du es ſonſt; Adlerbranth hat davon gekoſtet und verſichert, ſie ſey vortrefflich gerathen.“ Karl lächelte; aus den hübſchen, ſchwarzen, aber tief eingefallnen Augen blitzte ein helles Feuer.— „Freundliche, gute Selma, Du biſt ſo gütig und ſorgſam für mich, als waͤrſt Du mein Weibchen.“ — 22—— ☛ 22 R S dcSSG— 143 „Es freut mich, daß Du ſo denkſt,“ fiel ſie herzlich lachend ein;„armer Karl, eine Andre willſt Du ja doch nicht.“ „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte er in einem Tone, bei welchem der liebenden Schweſter ganz bange wurde. Eifrig bat ſie ihn, von der guten Torte zu koſten. Um ſie nicht zu beleidigen, nahm er ein Stückchen, und kühlte ſeine brennenden Lippen mit dem labenden Tranke.„Nun darfſt Du aber Deinen Adlerbranth nicht länger allein laſſen,“ ſagte Karl,„ich weiß, er wird Dich vermiſſen.“ „Er geht heute Abend aus und da muß ich ihm noch vorher ſeine Sachen zurecht machen; wenn ich aber dieß beſorgt und die Kinder zur Ruhe gebracht habe,— Du weißt, daß ich faſt ſtets bei ihnen ſeyn muß— ſo komme ich wieder und bleibe dann bei Dir.“ Sie küßte den Bruder auf die Stirne und entfernte ſich mit freundlichem, zur Geduld ermahnendem Blicke. Sobald Karl allein war, ſtreckte er ſich wieder auf dem Sopha aus, legte die Hände über der Bruſt zuſam⸗ men und blieb ſo in nachdenklicher Stellung, bis ein leiſes Klopfen an der Saglthüre die Ankunft irgend eines Fremden verkündete. „Herein!“ ſagte der Baron mit einer Stimme, wel⸗ cher man es wohl anhörte, daß er keine große Freude an der Störung hatte. Die Thüre öffnete ſich leiſe und auf der Schwelle erſchien ein großer, junger Mann, von ſehr einnehmendem Aeußern. Baron Karl erhob ſich etwas, und gleichſam unwillkührlich kehrte ſein gewöhnlicher, freundlicher Aus⸗ druck zurück. Es war nur der Schlaf, oder ein Zuſtand großer Mattigkeit, welcher die ihm inwohnende Kraft zu unterdrücken vermochte, deren deutlicher Spiegel ſeine Geſtalt und ſelbſt ſeine Geſichtszüge jederzeit waren— nicht ſeines innern Adels, denn dieſes Gepräge konnte ſelbſt der Tod ſeinem Antlitze nicht rauben, ſondern wir 144 meinen ſeinen angebornen, in allen Wechſelfällen des Lebens ſich gleichbleibender Stolz. Der Unbekannte verbeugte ſich höflich; ſein Blick ſchien indeſſen einen hohen Grad von Erſtaunen auszu⸗ drücken.—„Habe ich die Ehre, den Herrn Baron Sil⸗ berſparre vor mir zu ſehen?“ fragte er mit wohltönender Stimme. „Allerdings,“ antwortete Baron mit einer höflichen Neigung des Kopfes. „Es könnte unartig erſcheinen,“ nahm der Fremde wiederum das Wort,„daß ich mich ſelbſt vorſtelle; allein ich finde hier Niemand, der es thun könnte. Mein Name iſt Dahl; ich bin Arzt und hoffe, Ihnen durch unſern gemeinſchaftlichen Freund, den Bürgermeiſter Bundler, hinlänglich bekannt zu ſeyn, um Ihre Verzeihung dafür zu erlangen, wenn Ihnen nicht mein Wunſch, Ihre per⸗ ſönliche Bekanntſchaft zu machen, als Entſchuldigung gilt.“ Karl ſetzte ſich in die Höhe und man konnte faſt ſagen, daß die jungen Männer einander mit den Blicken verſchlingen zu wollen ſchienen Endlich ſagte er artig: „Ich fuhle mich durch Ihren Beſuch beehrt, Herr Doktor, und bin Ihnen ſehr verbunden dafür.“ „Dieß war es, was ich wenigſtens wünſchte,“ erwie⸗ derte Hermann mit mehr Herzlichkeit, als bisher in ſeinem Tone lag.„Ich bin Ihnen wohl ſchon um unſers Freundes Gotthard halber nicht unwillkommen und“ ſetzte er hinzu, während er den Stuhl einnahm, den ihm der Baron mit einer Handbewegung anbot,„habe im Sinne, wenn Sie es erlauben, meinen Beſuch ſo oft zu erneuen, bis ich meine Abſicht erreicht habe.“ Es lag etwas ſo Edles, Herzliches und Offenes auf Hermanns Antlitz, in ſeiner Stimme ganzem Weſen, wel⸗ ches ſelbſt ſein Nebenbuhler anerkennen mußte. Schweigend reichte Karl ſeine heiße, abgemagerte Hand dem Manne, welchen er aufrichtig achtete, aber doch nicht lieben konnte; zu ſprechen vermochte er nicht. „Sie ſind krank,“ begann Hermann theilnehmend 8K& ¼S 145 und ſeine Finger fühlten des Barons heftig ſchlagenden Puls;„brauchen Sie keinen Arzt?“ „Nein, ich habe die mich zuweilen überfallende Un⸗ päßlichkeit noch nicht für ſo wichtig gehalten, um ſie als ernſtliche Krankheit behandeln zu laſſen.“ „Und doch iſt es höchſt nothwendig, daß Sie dieſelbe keineswegs vernächläßigen,“ bemerkte Hermann.„Ihre Farbe, Ihr ganzes Ausſehen zeigt, daß es die höchſte Zeit iſt, einen Arzt zu rufen.“ „Nun, ſo ſollen Sie es. ſeyn!“ ſiel ihm der Baron mit ſeltenem Ausdrucke in die Rede, „Warum auch nicht?“ erwiederte Hermann und drückte ihm mit hoher Rührung die Hand;„warum nicht? Vielleicht iſt es nur mir vorbehalten, wieder die friſche Farbe der Geſundheit auf dieſe jetzt ſo blaſſen Wangen zurückzuführen.“ „Da trauen Sie Ihrer Kunſt zu viel zu,“ ent⸗ gegnete Karl ſchmerzlich ergriffen.„Um ganz aufrichtig zu ſeyn, will ich Ihnen ſagen, daß kein Arzt im Stande iſt, dem Lebensquell, welcher bald ganz und gar ver⸗ trocknet ſeyn wird, friſche Kraft der Geſundheit einzu⸗ gießen.“ Einige Sekunden ſchwiegen Beide. „Sie ſiud zuweilen des Abends außen, glaube ich,“ begann Hermann und gab ſich alle Mühe, ſeiner Stimme die möglichſte Feſtigkeit zu geben. „Sehr ſelten,“ antwortete der Baron.„Blos ein Mal, ſeit ich von der Muſterung zurück bin, war ich Abends aus und habe mich bei dieſer Gelegenheit, von einem mächtigen Drange getrieben, in eine Stadtgegend verirrt, welche ich noch ſelten, blos zwei oder drei Mal vorher beſucht hatte; und wenn mir nicht die Schatten der Nacht Etwas vorgegaukelt haben,“ ſetzte er erröthend hinzu,“ ſo bemerkte ich in dem Augenblicke, wo ich mich entfernte, die Geſtalt des hochſinnigen Mannes, melcher zu erhaben iſt, um mißtrauiſch zu ſeyn.“ Nun war es an Hermann, zu erröthen. Er mußte Die Milchbrüder. I 10 146 ſich ſagen, vielleicht das erſte Mal in ſeinem Leben, daß er der Offenherzigkeit des Barons nicht werth ſey, allein der Schein war gegen jenen geweſen— und doch war es ihm noch nicht recht klar, obgleich ihm ſeine Vernunft längſt geſagt hatte, daß Hulda unmöglich auch nur ent⸗ fernt eine Schuld tragen könne. „Erlauben Sie mir die Frage, Herr Baron, wohin ſind Sie damals gegangen?“ „Ich ging zu der untern Gartenthüre, wo ich eine Weile ſtehen blieb und die Blumen beſchaute, und wäre wohl da bis zum Morgenroth geſtanden, wenn ich nicht am Ende gefunden hätte, daß ich ein Paar Leute ſtöre, von denen das Eine, ein Mann aus der niedern Klaſſe, wahrſcheinlich unbemerkt entſchluͤpfte, während dae Andere, eine leichtfüßige Mädchengeſtalt, die Flucht ergriff, als ſie ſich von einem unberufenen Zeugen entdeckt ſah,— ohne Zweifel eine Magd aus des Doktors Hauſe.“ „Ganz ſicher! ganz ſicher!“ verſetzte Hermann mit einer Warme, welche Karl etwas verdächtig vorkam, und ſein reiner, offener Charakter konnte nicht umhin, ihm als Folge des Gedankengangs, welcher ihm wie ein Blitz den eigentlichen Zuſammenhang der Dinge aufhellte, eine Erklärung zu machen, die er ſonſt ſicher niemals gegeben ätte. J„Herr Doktor Dahl!“ ſagte der Baron mit edler Würde, Maͤnner welche einander zu ſchätzen wiſſen, können, wie ich glaube, ohne eine Verwundung ihres Ehr⸗ gefühls befürchten zu müſſen, ganz aufrichtig gegen einan⸗ der ſeyn, ſobald es die Nothwendigkeit fordert, der Punkt mag auch noch ſo zarter Natur ſeyn. Ich habe Ihre Braut geliebt, will auch bekennen, daß mein Gefühl für ſie erſt mit meinem Leben enden wird; allein für dieſe offene Erklärung fordere ich, daß Sie mir glauben, wie ich Ihnen bei meiner Ehre verſichere, daß ich von dem Augenblicke an, wo ich erfuhr, ſie ſei die Verlobte eines Andern, ſie nut ein einziges Mal wieder geſehen habe. Dieß war bei ginem zufaͤlligen Spaziergange„ und die —— 18⁄ 147 Macht, welche vor ein paar Tagen mein unruhiges Herz in ihrer Nähe verweilen hieß, war die Sehnſucht nach dem einzigen armſeligen Genuß, welchen ich, ohne Je⸗ mands Rechte zu nahe zu treten, mir vergönnen zu dürfen glaubte, nämlich den, noch ein Mal ihr Fenſter zu be⸗ trachten. Schon zwei Mal vorher habe ich mir dieſelbe Schwachheit erlaubt, aber früher am Abende. Sie hatte Licht und ich ſah ihren leichten Schatten, wie ſie, in ein Buch vertieft, an einem Tiſchchen in der Fenſter⸗ brüſtung ſaß. Dießmal war es finſter im Zimmer und die Vorhänge niedergelaſſen, dennoch glaubte ich aus einer leichten Bewegung deſſelben ſchließen zu dürfen, daß ſie noch auf ſey, und dieß gerade veranlaßte mich, den Rück⸗ zug zu nehmen.“ Auf das tiefſte ergriffen und mit der geſpannteſten Theilnahme hatte Hermann der freiwilligen, edelmuthigen Mittheilung des Barons zugehört. Er wußte dieſe auch vollſtändig zu würdigen, nicht allein deßhalb, weil da⸗ durch die drückenden Nebel, welche in den letzten Tagen ſeine Seele umdüſtert hatten, völlig verſchwanden, ſondern hauptſächlich darum, weil ſie ein entſcheidendes Zeugniß für Karls feine Urtheilskraft und den Edelmuth ſeines Charakters und Herzens abgab. Der Leſer wird im Ver⸗ laufe unſerer Erzählung erfahren, daß die Kenntniß hie⸗ von das Intereſſe unſeres Hermanns auf das Lebhafteſte rege machte und dieſes in dem Maße wuchs, als ſelne Sorge um die Herſtellung des Barons zunahm. Als unſer junger Doktor heimkam, ſuchte er ſogleich ſeine Braut auf. Sie befand ſich auf ihrem Zimmer, wo Hermann ſie beſuchen durfte, wenn ſie mit Arbeit be⸗ ſchäftigt war. Er machte die Thüre auf und ſah, daß Hulda allein war; fie ſtand in tief niedergebeugter Stel⸗ lung an das Kamin gelehnt. Hermann flog auf ſie zu und ſah mit Beſtürzung, ja mit wirklicher Angſt, Blut⸗ flecken auf dem Boden. „Gott, was iſt das?“ rief er ungeſtüm aus, nahm das bleiche Mädchen in ſeinen Arm und trug ſis auf den * 148 Sopha.„Geliebte, was iſt geſchehen, habe ich— O Hulda, habe ich Dir durch irgend Etwas wehe ge⸗ than, ſollte ich die zarte Lilte, welche meiner Obhut an⸗ vertraut iſt, nicht beſſer in Acht genommen haben?“ Mit dem Ausdrucke qualvoller Unruhe und einem Blick in welchem die höchſte, reinſte Liebe lag, dergleichen je in eines Mannes Herzen loderte, betrachtete er ſie, wie ſie an ſeine Bruſt gelehnt lag. „Geliebter, beſter Hermann,“ antwortete Hulda und auch aus ihren ſchönen, klaren Augen ſtrahlte ſtiller Liebesfriede,„ſey unbeſorgt! Es iſt dieſes ſchon öfter der Fall geweſen, ehe Du gekommen biſt, und ich habe nicht viel Schmerz in der Bruſt, nur ein klein wenig und der Vater ſagt auch, daß es nicht gefährlich ſey. O ſieh' nicht ſo betrübt aus, mein Hermann; es wird ſchon wieder beſſer werden, gewiß wird es das.“ Stumm drückte ſie Hermann an ſeine Bruſt, eine große Thräne fiel aus ſelnem Auge auf ihre Wange. Der Schmerz, welcher in dieſem Momente ſeine männliche Bruſt zuſammenſchnürte, war mit Nichts zu vergleichen, was er bisher erfahren hatte. Es war der Tod, welcher mit kalter Hand ihm in das Herz griff, und alle Schätze von Glaube und Hoffnung, welche er ſich geſammelt hatte, daraus wegraubte. „Du Hälfte meiner Seele, Du Schöne, Herrliche, welche ich über Alles auf der Welt liebe,“ flüſterte er in leiſen aber ergreifenden Tönen, gleich der wunder⸗ baren Zitterpapel—„mein Leben wollte ich für Dein Glück geben. Sey unbeſorgt, lege vertrauensvoll Dein Haupt an meine Bruſt, weliche lieber erkalten ſoll, als daß ſie aufhört, mit ihrer Wärme, neues Leben in Dein Herz zu gießen. O meine Hulda, Du haſt doch Ver⸗ trauen zu Deinem Freunde, Deinem Bruder,— willſt Du ſeiner Liebe vertrauen?“ „Auf Deine Liebe, mein Hermann, auf Dein Herz will ich ruhig vertrauen im Leben und im Tode;“ er⸗ wiederte ſie zuverſichtlich.„Aber nun ſag' mir, warum 149 biſt Du in den letzten Tagen ſo ganz anders geweſen, als an dem erſten? Ich habe geſehen, daß Du Dir Mühe gabſt, Herr über Deine ſtarke Seele und den Ausdruck Deines Geſichts zu werden, und gleichwohl bemerkte ich mit Unruhe und Furcht, daß Etwas in Dir war, welches Du nicht beherrſchen konnteſt. Sage was dieß iſt, laß mich Deine Gedanken theilen, denn ſchon in jener Nacht, da Du das Fenſter ſo heftig zuſchlugſt, war es mir, als wenn nicht Alles ſo mit Dir wäre, wie es ſeyn ſollte.“ „Ja, dieſes Vertrauen ſoll Dir werden, meine Hulda, ſobald Du mir auch ſagen willſt, warum Du ſelbſt in jener Nacht auf warſt. Sicher quälte Dich eine heimliche Unruhe und machte es Dir unmöglich zu ſchlafen.“ „War es auch eine heimliche Unruhe, welche Dich zwang, aufzuſtehen, lieber Hermann?“ fragte ſie und blickte ihm herzlich in die Augen. „Weit entfernt, Theuerſte. Es war das Uebermaß meiner Seligkeitsträume von der Zukunft, welches den Schlaf von meinem Lager verſcheuchte; deßhalb verließ ich das Bett, denn ich war zu aufgeregt um ſchlafen zu können.“ „Und ich, Hermann, ſchlief ſchon, als der Laut Deiner Schritte mich weckte. Ich ſtand auf, denn ich hörte Dich ſo heftig auf und ab ſchreiten, daß ich fürchtete, Du möchteſt unwohl ſeyn. Ein Mal war ich ſogar ver⸗ ſucht, denn ich hörte, daß Dein Fenſter offen war, Dir zuzurufen; da ich aber den Vorhang wegziehen wollte, erſchreckte mich die Geſtalt eines großen Mannes. Ich getraute mich nicht mehr, zum Fenſter hinaus zu ſehen, bis ich eine Scheibe herabfallen hörte, da warſt Du aber von Deinem Fenſter verſchwunden und ich vernahm Nichts es weßhalb ich dachte, Du müßteſt zu Bette gegangen eyn.“ „Ach, wie hat mich in jener Nacht Alles irre ge⸗ führt und verblendet!“ ſagte Hermann.„Ich wollte meinen eigenen Augen nicht trauen, und habe mich heute ſchon einmal überzeugt, wie ſehr ich mich betrog. Gleich⸗ 150 wohl war jene Zwieſprache wohlthuend für mich. Was mich verſtimmt hat, war ein Traum, ein unnatürliches Gaukelſpiel, welches mir Deine Geſtalt in einer Garten⸗ allee vorſpiegelte, gerade um Mitternachtszeit. Ich glaubte, ich ahnte, daß peinliche Unruhe, den Tag über unterdrückt, des Nachts ihre Feſſeln geſprengt und Dich aus dem Zimmer unter den freien Himmel geführt habe. Und dann weiß Gott, was ich Alles noch dachte! Es war eine Thorheit, Geliebte, wie ſie nur dann des Mannes Bruſt beherrſchen kann, wenn ſtürmende Leidenſchaften, bis zum höchſten Aufruhr gebracht, ſich durch Willenskraft und Vernunft nicht mehr zügeln laſſen. 3 Hermann fand es am klügſten, Etwas nicht weiter zu berühren von dem Hulda Nichts ahnte, denn ſie hatte den Baron nicht erkannt. Mehr zu wiſſen konnte ihr nur Schmerz verurſachen, deßhalb ließ er es bei der gegebenen Erklaͤrung bewenden. Hulda war ſtille; ihr Kopf ruhte auf ihrer Hand. „Du biſt böſe auf mich?“ fragte Hermann unruhig. „Nein, nein; aber ich verſtehe Dich nicht ſo klar, wie ich wünſchte. Oder auch, verſtehſt Du mich nicht, liebſter Hermann. Glaubſt Du, daß ich irgend eine Qual zu überwinden habe, welche ſich nur um die Zeit der düſtern Nachtſchatten einſtellt?“ „Du Reine, Heilige, ich weiß, daß Dein Herz ein Tempel iſt, wo die Engel Gottes wohnen könnten, und bin ſo gewiß von Deiner Unſchuld überzeugt, als von meiner Ehre. Wenn übrigens in Deiner Seele Etwas lebt und ſich regt, was Du nicht bekämpfen kannſt, ſo... o Geliebte, leg' es vertrauensvoll an mein Herz! Niemand verſteht Dich beſſer.“ O+O wie weich, wie überredend war ſeine Stimme! Hulda konnte nicht widerſtehen. Leiſe weinend und von ſeligen Gefühlen durchbebt, die ſie all Dem opfern wollte, den ſie in dieſem Augenblicke innig zu lieben ſich bewußt war, flüſterte ſie:„Ich wollte Karls Bild aus meinem Herzen reißen, allein es bleibt feſt darin, wie ein trauernder ₰ 12- ͤ— &☛ 8ͤee. 12 σᷣ AN A — — ᷣ— — 8 Æ☛ —x— 151 Schatten, neben Dir, mein Bräutigam. Iſt dieß eine Sünde, Hermann, ſo vergib mir, aber ſo oft und ſo viel ich allein bin, ſchwebt er an mir vorüber, wie ich ihn vor ein paar Monaten geſehen habe. Ich will ihm zulächeln, es iſt mir, als fühle ich einen Drang, ihm die Hand zu reichen und ihn zu bitten, nicht für mich zu ſterben— allein da dünkt es mich, wieder ein Naub an Dir zu ſeyn, an Dir, der Du die Häalſte, meines Ichs, meiner Seele biſt.“ 4 Vereint floßen jetzt ihre Thränen. Ein heißer Kuß brannte auf ihrer Stirne, er ſtreichelte ihr die glänzenden üppigen Locken und ſagte ruhig und helter„obgleich ſein Herz am Zerſpringen war:„Dank, Geliebteſte, Du ſollſt mir Dein unſchuldiges Herz nicht umſonſt geöffnet haben. Nimm dagegen mein Gelübde, daß ich Dir entweder einen Tempel bauen will, wo Dein Glück höher und ſchöner blühet, als jetzt oder auch“ „Hermann! Hulda! Karoline! wo ſteckt Ihr Alle mit einander?“ tönte Bundlers Baßſtimme viel tiefer als ge⸗ wöhnlich durch das Haus,„wo ſeyd Ihr? Kommt hieher, Neuigkeiten, welche mich ganz toll machen.“ Karoline war bereits im Saal; Hermann, den Arm um Hulda geſchlungen, welche ſich zitternd an ihn ſchmiegte, eilte gleichfalls dahin. „Man hört es dem Vater an, daß er ernſtlich böſe iſt,“ ſagte Hulda,„ich kann mir gar nicht denken, was es ſeyn ſoll.“ Allein ſie ſollten darüber nicht lange in Ungewißheit ſchweben; denn kaum erblickte ſie der Doktor, ſo rief er aus, während er mit elnem großen Briefe in gewaltigem Eifer hin und her fuhr:„Ja, das ſind, mein' Seel', ſaubere Hiſtorſen; wo zum Henker der Junge nur ſeinen Weg hin genommen haben mag. Da werde mir Einer klug daraus!“ hierauf begann der Doktor zu leſen: „Geehrteſter Freund und Bruder! Ich bin überzeugt, daß Du unſere Handlungsweiſe nicht mißdeuten wirſt, denn was, zum Henker, war zu 15²2 machen? Meine Frau— Du weißt, in ſolchen Dingen ſind die Frauen verdammt kitzelich— wollte ſich auf keine Weiſe zufrieden geben; und wenn ich nicht auf ewig allem Hausfrieden entſagen wollte, ſo mußte ich, wohl oder übel, dießmal nachgeben. Und, unter uns geſagt, obgleich mir das Herz blutet, wenn ich daran denke, daß der muntere Burſche nicht mein Eidam werden ſoll, kann ich doch nicht umhin, mir heimlich zu geſtehen, daß er Hortenſe nicht verdiente. Denn Du mußt wiſſen, ſeit dem Augenblicke, welchen ich ewig zum Satan wün⸗ ſchen möchte, wurde ſeine Liebe gegen ſie kalt wie ein Schneebett. Daß es ſo war, merkte ich ſchon während unſers ganzen Aufenthaltes im Bade, drückte aber ein Auge zu, weil ich hoffte, es werde ſich ſchon wleder geben. Aber den Teufel auch hat es ſich gegeben. Er wurde melancholiſch, nachdenklich und kalt gegen das Mädchen, welches ihn nichtsdeſtoweniger treu liebte und ihm Alles nachſah. So kamen wir heim und— allein für was ſoll ich wiederholen, was Du gewiß ſchon längſt weißt. Aber höre, Bruder, Du mußt nicht zu ſtrenge mit ihm verfahren; ſo Etwas hätte uns in jungen Jahren auch paſſiren können, und ich bin nur deßhalb wild auf ihn, weil er ſo wenig Werth auf Hortenſe ſetzen konnte, die ſich— obgleich ich ihr Vater bin, muß ich ihr doch das Zeugniß geben— die ganze Zeit mit einer wahren Engels⸗ geduld betragen hat.“ „Mit meinem Podagra geht es ſeit dem Bade bei weitem beſſer; aber dieſe Geſchichte hat mir einen Stich in das Herz gegeben, welchen nur die Zeit heilen kann. Von meiner Tochter will ich gar nicht reden; das arme Kind! ſie iſt nicht an Gram und Sorgen gewöhnt.“ „Gott ſey mit Dir, Bruder! Wir bleiben Freunde nach wie vor. Grüße Deine Frau und Tochter, auch Gott⸗ hard. Ich habe den jungen geliebt, äls wäre er mein eigener Sohn; ja, mein Seel' das habe ich.“ Dein treuer Freund Forshälla, den 24, Juli 1830. Thporſen.“ 153 Das höchſte Erſtaunen malte ſich auf den Geſichtern der Zuhörer. Nur Hermann ging eine ſchwache Ahnung auf, jedoch war ſie zu undeutlich, als daß er ſie hätte in Worte kleiden können. „Begreift Ihr dieß, ſo ſprecht,“ ſagte der Doktor und war boͤſe darüber, daß Niemand mit ihm über dieſen ab⸗ ſonderlichen Kaſus disputiren zu wollen ſchien. „Den wie Vielſten haben wir heute?“ fragte endlich Karoline mit tödtlichem Schrecken.„Der Brief iſt un⸗ mittelbar nach ſeiner Abreiſe geſchrieben; was kann er alſo für einen Weg genommen haben?“ „Das iſt ja, was ich ſchon lange meine,“ ſiel Bundler ein,„aber ihr Weiber könnt nie fertig werden. Nehmen wir nun an, er ſey ein paar Tage vorher abgereist— der Brief iſt vom vierundzwanzigſten— warum iſt er da noch nicht heim gekommen?“ „Er kann einen andern Weg genommen haben,“ be⸗ merkte Hermann. „Einen andern Weg? Na, das muß ich ſagen! was das für Dummheiten ſind! Iſt es jetzt Zeit, in der Welt herumzureiſen, wenn er, der Henker, weiß, was für eine Tollheit gemacht hat! außerdem iſt auch ſein Urlaub ſeit acht Tagen abgelaufen.“ „Wenn er aber irgendwo krank läge, Vater?“ ſagte Hulda und wurde bleich. „Krank? Auf folche Sachen verſtehſt Du Dich nicht, mein Kind; es kommt mir freilich vor, als ob er nicht recht bei Verſtand wäre!“ „Großer Gott! wenn ihm nur kein Unglück zugeſto⸗ ßen iſt! Denkt ein Mal, wenn er den Hals gebrochen haͤtte!“ jammerte Karoline. „Ja, ja, laßt jetzt nur das Maul hängen! Mit dem Thränenquell der Weiber iſt es gerade, wie mit dem Faß der Danaiden, ſchöpfe einer ſo viel hinein, als er will, es wird beſtändig wieder unten hinaus rinnen. Kannſt Du denn nicht ein Mal geſcheidt werden, liebſte Karoline, und einſehen, daß die Leute nicht ſogleich Arm und Bein 154 brechen, wenn ſie ein Mal länger ausbleiben als ſie ſollten. Es kann ja hunderttauſend Urſachen dazu geben, die wir uns hier nicht träumen laſſen.“ Der gute Doktor merkte gar nicht, daß er ſich jetzt gerade ſelbſt auf den Mund ſchlug. Er befand ſich in einer allzugereizten Stimmung, um ſeine Inconſequenz einzuſehen. Unterdeſſen wuchs die Unruhe der Familie mit jed er untergehenden Sonne, welche den Erwarteten nicht heim brachte. Es war ſchon eine ganze Woche ſeit der Ankunſt des Briefs vom Amtmanne verfloſſen, und noch hörte man keine Silbe von Gotthard. Fünfzehntes Kapitel. Nun iſt'’s vorbei. Laß ſinken, blaſſe Taube. Dein junges Haupt, doch nicht an Freundes Bruſt: Ein fühlend Herz wär' allzuweich für dich. Such, dir ein Lager auf der eiſigen Klippe dort, Verbirg das Haupt in deiner Flügel Schnee, Denn über's Meer reißt's deinen Liebling fort.— Gleich ſchwer trägt ſich des Lebens wie des Todes Weh. Nieander. Mit Erlaubniß des Leſers wenden wir uns jetzt zu unſerm andern Helden und begleiten ihn auf ſeiner irren⸗ den Ritterfahrt. Ohne das Geringſte von dem Gewitter, welches die Amtmännin an ſeinem Himmel herauf beſchwor, zu ahnen, ging er am Morgen nach der Heimkehr aus dem Bade allein im Saal auf und ab und wartete auf ſeine Braut, welche, mit eremplariſcher, ächt weibllcher Entſagung, ſeine trübſelige Laune auf alle mögliche Weiſe abzulelten wußte; allein ſtatt Hortenſe's leichtem Tritte hörte er das würdevolle abgemeſſene Knarren der Marokinpantoffel der Frau Amtmännin, und ehe Gotthard ſich noch der Thüre nähern konnte, ſtanden Ihro Gnaden mitten im dir Zimmer, oder vielmehr Ihro Ungnaden, denn Hochdie⸗ ſelben ſehen eher jedem Andern gleich, als einer Troſt⸗ bringerin. „Ich habe mit Erſtaunen und Kummer vernommen,“ begann ſie mit aller Würde und Kälte, welche die ſtolze Frau in ihrer Macht hatte,„daß Sie meine Tochter auf die kränkendſte und ehrenrührigſte Weiſe beleidiget haben, ein Mal mit der leichtſinnigen Verbindung, in welche ſie vor Ihrer Werbung verſtrickt waren, und dann durch die unverzeihliche unwürdige Gleichgültigkeit, womit es Ihnen beliebt hat, das junge, unerfahrene Kind zu negligiren, welches auf kelne andere Weiſe ihre weibliche Würde zu wahren wußte, als durch die Geduld, womit ſie das litt, was ſie nie hätte leiden ſollen. Ich will uns Beiden alle weiteren Vorwürfe erſparen. Wir ſind von nun an ge⸗ ſchiedene Leute, und während ich Ihnen dieß gebe“— dabei reichte ſie ihm Hortenſe's Ring—„bitte ich Sie blos, mir gefälligſt den dagegen einhändigen zu wollen, welchen ein allzuleichtgläubiger Vater Ihnen in dem Uebermaße ſeiner Thorheit gegeben hat.“ Es wäre ſchwer die Empfindungen zu beſchreiben, welche bei dieſer Erklärung Gotthards Bruſt durchtobten: Zorn, Schmerz, Raſerei, verwundeter Stolz und im Hin⸗ tergrunde von Allem ein Funke, ſo klein, ſo klein, aber doch ein Funke, welcher nur des Anblaſens bedurfte, um Alles in Brand zu ſtecken. Bleich und zitternd, während ſeine Augen Blitze auf die Amtmännin ſprühten, fragte er dieſe, indem er den Ring nahm:„Iſt dieß Hortenſe's freiwillige Gabe an ihren Bräutigam?“ „Ich könnte ja“ ſagen,“ antwortete ſie ſtolz;„allein ich verachte die Umwege, deren Sie ſich bedient haben, und bekenne Ihnen, daß meine irregeleitete Tochter noch nicht ganz einſteht, an welch' tiefem Abgrunde ſie ſtand; aber verlaſſen Sie ſich darauf, mein Herr, daß es meine Sache ſeyn wird, ſie von der Unermeßlichkeit der Scheide⸗ wand zu überzeugen, welche ſich jetzt zwiſchen Ihnen und ——- 156 ihr erhoben hat. Außerdem iſt ſie zu gut erzogen, als daß ſie glauben könnte, ihre Mutter werde auf Etwas dringen, welches nicht zu ihrem eigenen Beſten gereicht. Sie hat ſich gehorſam und unterwürfig in ihr Schickſal ergeben,— und weiter braucht es für jetzt Nichts.“ „Und der Herr Amtmann?“ „Iſt gleichfalls meiner Anſicht. Ich habe bereits mit ihm geſprochen, und wenn Sie mir nicht glauben, ſteht es Ihnen frei, ſich ſelbſt die Ueberzeugung davon zu verſchaffen. Sie werden übrigens die Güte haben, mir vorderhand Ihren Ring zu geben.“ „Nein, Madame, noch nicht; zuerſt muß ich mit Hortenſe'’s Vater ſprechen.“— Gotthard machte eine kurze Verbeugung und eilte über den Hof nach dem Flü⸗ gel, wo der Amtmann ſein Zimmer hatte.— „Oheim! großer Gott, was iſt das? Wollen Sie mich denn noch wahnſinnig machen? Leide ich nicht vor⸗ her ſchon genug?“— Er zeigte mit der Gebärde wilden Schmerzes den zurückgegebenen Ring. „Es iſt ſo, mein Sohn,“ entgegnete der Amtmann kopſſchüttelnd.„Du mußt wiſſen, die Mutter hat dem armen Mädchen in ſeiner Betrübniß das Geheimniß zu entlocken gewußt, und Du wirſt Dich nun ſchon in Dein Schickſal finden müſſen; denn Du biſt zu geſcheidt, um Dir einzubilden, daß irgend von einer Verſöhnung die Rede ſeyn kann, wenn meine Frau ein Mal den Stand der Sache kennt. Du warſt zu ſicher bei Hortenſe und haſt ſie in der Zeit nicht genng geſchont, wo ſie Alles hätte vergeben und vergeſſen können.“ „Sie ſprechen mir alſo daſſelbe Urtheil, Oheim?“ verſetzte Gotthard mit gepreßter Stimme. „Es bleibt uns keine andere Wahl; aber glaub' mir, mein Junge, dieſer Tag läßt hier Etwas zurück“— hiebei legte der alte Biedermann die Hand auf die Bruſt —„welches keine Zeit zu heilen vermag.“ Er reichte Gotthard die eine Hand und zerdrückte mit der andern eine Thräne in ſeinen grauen Augenwimpern. vor⸗ lden nann dem 5 zu Dein um die gtand und Alles m 2 4 laub' 77 Bruſt eichte ndern Der junge Mann blieb ſtumm ſtehen. Die väterliche Zärtlichkeit, die Achtung und das aufrichtige Wohlwollen, welche ihm ſeit ſeinem erſten Auftreten in dieſem Hauſe von dem redlichen Manne zu Theil geworden, traten in hellen Umriſſen vor ſeine Seele. Unerhört bitter war das Bewußtſeyn, ſich durch eigene Schuld aus dem Eden ver⸗ wieſen zu ſehen, wo ihm das Gluͤck der Liebe ſo ſchön aufgegangen war, Knoſpen und Blumen getrieben, jetzt aber gleichſam all' die theuern Bande zerriſſen hatte, mit denen es ihn umſchlungen. „Gotthard, mein Sohn, laß uns Männer ſeyn!“ nahm der Amtmann wleder das Wort.„Du weißt, was geſchehen iſt, läßt ſich nicht mehr ändern. Gib mir den Ring und reiſe dann mit Gott. Wohin Du Dich auch wenden magſt, überall hin wird Dich mein Segen be⸗ gleiten.“ Stumm zog Gotthard das theure Kleinod vom Fin⸗ ger.—„Vater,“ ſtammelte er leiſe,„laß mich ſie nur ein paar Augenblicke ſehen!“ „Nein, mein Junge, nein, das geht nicht an! Zu was ſollte es auch führen? Ich muß Dir dieſen letzten Troſt verſagen, denn Euer Beider Ruhe verlangt es, daß ein ſo ergreifender Auftritt vermieden wird.“ Gotthard bat nicht mehr weiter. Er konnte vor Bewegung kein Wort ſprechen, warf ſich dem Amtmann in die Arme, und wie in der erſten Willkommſtunde lag er wieder an der Bruſt des braven Mannes; aber ach, wie ganz anders waren heute ihre Empfindungen! Eine Stunde darauf, als Hortenſe aus ihrem un⸗ ruhigen Schlummer erwachte und in ſtummem Schmerz den leeren Platz betrachtete, wo das Symbol ihrer Liebe geſeſſen, welches ſie jeden Morgen geküßt hatte, hörte ſie Wagengeraſſel auf dem Hofe und vernahm mit peinlicher Genauigkeit, wie der Hofthorriegel zurückgeſchoben wurde. „Was iſt das?“ fragte Hortenſe zitternd ihre Dienerin, welche an das Fenſter trat. 158 „Bürgermeiſter Bundler; ſein Wagen iſt ſchon halb die Allee hinab, er fährt, daß die Stücke umherfliegen.“ Ein tödtlicher Stich ging bei dieſen Worten Hortenſe durch das Herz, allein mit einem Blicke ſtiller Ergeben⸗ heit zum Himmel faltete ſie die Hände. Dann ließ ſie ihren Kopf auf die Schulter ſinken und blieb ſprach los in ſich verſunken. Faſt im Traume langte Gotthard in dem nächſten Gaſthofe an. „Befehlen der Herr Pferde?“ fragte der Wirth. „Nein!“— Gotthard trat in ein Gaſtzimmer, rie⸗ gelte die Thüre zu und warf ſich auf den Sopha. Hier lag er ein paar Stunden, ohne ſich aus dem Chaos los⸗ arbeiten zu können, welches ſein ganzes Weſen und Denken wie in einen Nebelſchleier einhüllte. Wo er auch einen Ausgang ſuchte, fand er keinen; es wirbelte ihm im Kopfe und er kam ſich wie an ein Mühlrad angekettet vor, welches ſich in gewaltigen Schwingungen umdrehte und ihn bald wieder in das wilde Getümmel des Waſſer⸗ falls ſtürzte, bald wieder, in beſtändigem Wirbel, empor in die Lüfte riß. Es war Abend, und als die Schatten ſich verlänger⸗ ten und die Sonne hinter den Bergen zur Ruhe ging, zog eine erquickende Kühle durch ſeinen glühenden Körper und verfehlte zugleich nicht die wohlthnende Wirkung auf ſeinen Geiſt. Er blieb hier über Nacht, verbrachte aber alle Stunden mit Wachen, denn er konnte jetzt wieder richtig denken; er überlegte, was Pflicht und Chre ihm in dieſer verzweifelten Lage zu thun geböten. Früh am Morgen ſchrieb er einen Brief an den Amtmann und einen an Hortenſe. Den Inhalt brauchen wir wohl nicht mitzutheilen; es genügt, daß der erſte Alles enthielt, was ein Mann von Ehre und Gefühl ſagen kann, der ſeinen Fehler erkennt, abbittet und die treuſte Pflichterfüllung für die Zukunft verſpricht. Der an Hortenſe athmete eine noch tiefere Reue. Es war die glühende, innige Sprache eines Liebhabers zu der, würden mich nur entehren 159 welcher er von dem erſten Augenblicke an ſeine Huldigung geweiht und dieſe auch da nicht vergeſſen hatte, wo ſich ſein Herz verirrte oder ſeine irre geleitete Leidenſchaft alle äußeren Formen hintanſetzte. Nachdem er die Briefe abgeſandt hatte, wurde er ruhiger. Man ſah, ſein Entſchluß war gefaßt, es mochte kommen, wie es wollte. Nach vier langen Stunden kehrte der reitende Bote zurück und brachte eine Antwort von dem Amtmanne. Ein Schauder durchfuhr Gotthard, als er das Sigel erbrach; aber alles Blut ſtieg ihm in's Geſicht und färbte es bis unter die Haare, als er ſeinen eigenen Brief an Hortenſe dem ihres Vaters wieder beigeſchloſſen fand. Der Amtmann ſchrieb: „Warum uns Beide auf dieſe Art noch aufregen, iebſter Junge? Sey ein Mann, Du kannſt Dich uber den Weg, welchen Du jetzt zu nehmen haſt, nicht täu⸗ ſchen, denn der Rückweg iſt Dir für alle Zeit verſchloſſen. Nimm es nicht übel auf, daß ich Dir Deinen Brief an Hortenſe zurückſchicke; ich kann mir denken, was er ent⸗ hält und ſie ſoll keine Verſicherungen einer Liebe mehr hören, welche auf immer todt für ſie ſeyn muß u. ſ. w.“ Ein paar Minuten lang ſtand Gotthard nach Leſung dieſer einfachen, aber ganz verſtändlichen Zurückweiſung ſtumm da, die Hand gewaltſam an die Stirne gedrückt. Dann rief er in einem Tone, welcher ſeinen feſten Ent⸗ ſchluß verkündigte:„Nun wohl, der Würfel iſt gefallen, klagen wäre unmännlich, wo es die That gilt. Ich habe Alles gethan, Alles, was Ehre und Pfli latentzictenla“ wiederholte er, gleichſam um ſich ſa daß es ſo war,„um gut zu mache habe. Sie jagen mich davon, kleinſten Schimmer von H ändern. Geſchieden— alſ Hortenſe, Hortenſe,“ ſetzte er hätte einen beſſern Gegenſtan 160 ich Dich mit dieſem getheilten Herzen doch nicht glücklich machen können!“ „Aber weg jetzt mit den Grübeleien!... Pferde, Wirth!“ rief er durch die Thüre und ward nun auf ein⸗ mal ſo lebhaft und thätig, als er vorher finſter und gleichgiltig geweſen. Bald ſaß er im Wagen, welcher plötzlich in einen andern Weg einbog, als den, der nach M... führte. Gotthards Reiſe ging mehrere Tage ununterbrochen lands hohen waldbewachſenen Felsbergen vor ihm. Berg auf Berg ab ging es mit halsbrechender Schnelle; ver⸗ gebens erzählten ihm die Vorſpannbauern von einer Menge Reiſender, welche in dieſer Gegend den Hals gebrochen hätten, würzten ihre wahrhaftigen Geſchichten mit Sagen von Waldgeiſtern, welche unſichtbar die Pferde mitten auf der Spitze des Berges anzuhalten pflegten, daß ſie ſich nicht mehr rühren konnten, ſo eifrig man auch dar⸗ auf lospeitſchte. Mehrere Reiſenden hatten auf dieſe Weiſe warten müſſen, bis aus dem entfernten Wirihs⸗ hauſe andere Pferde herbeigeholt waren, aber auch dieſe ſeyen nicht im Stande geweſen, den Wagen weiter zu bringen, welcher wie durch Zaubermacht hinter ſich ge⸗ gangen ſey, bis in die Ebene hinab, und ſolche geheim⸗ nißvolle„Teufelsſtreiche“ ſeyen ſtets die Folge von dem unſinnigen Fahren der Reiſenden. Gotthard hörte kein Wort von den wohlgemeinten Warnungen; ſeine Gedanken waren ganz wo anders, bis einmaleneanderer Fuhrmann, welcher mehr Muth hatte, vollſtändiger Rieſe an Geſtalt, ihm gus der Hand nahm und ſagte: une, mich und das Fuhrwerk Wenn Ihr nicht die Zügel eute, ſo iſt es am beſten, Ihr 71 — entdeckte, daß er ſich am fort und in Kurzem lag das langerſehnte Bild von Dahls⸗ lich rde, ein⸗ und cher aach chen hls⸗ Berg ver⸗ enge chen agen itten ſie dar⸗ dieſe cths⸗ dieſe r zu ge⸗ eim⸗ dem nten „bis gatte, ihm e: werk zügel Ihr am 161 Anfangs eines langen, krummen Hohlwegs befand, welcher durch die Felſen geſprengt und ſo ſteinig und holperig war, daß er vor ſeiner eigenen Tollkühnheit erſchrack. „Fahr' ſelbſt; wenn Du tüchtig zufährſt, ſollſt Du ein doppeltes Trinkgeld haben,“ ſagte er und blickte ſeinen Nebenmann an. „Ja, ja, ſobald Ihr ordentlich ſeyn wollt, kommen wir gewiß gut miteinander aus und ich führe Euch viel⸗ leicht noch eine Station weiter.“ „Das iſt brav. Du kannſt mich vollends bis Sko⸗ geborg fahren.“ 3 „Skogeborg, ſagt Ihr? Meint Ihr die Schneide⸗ mühle des Herrn Klinting?“ „Ja, da will ich hin.“ „Potz tauſend, warum habt Ihr dieß denn nicht früher geſagt, als wir daran vorbei gefahren ſind? Skogeborg liegt eine gute Meile weiter zurück.“ „Verdammte Zerſtreutheit!“ murmelte Gotthard; dann ſagte er laut:„Ich habe mich im Wege geirrt, wende um, Dein Trinkgeld ſoll nicht fehlen.“ „Mit dem iſt es unter dem Hute nicht richtig,“ dachte der Fuhrmann, ſtieg ab und brachte nur mit vieler Schwierigkeit den Wagen auf dem engen Wege herum. Es war etwa ſechs Uhr Abends, als die hohen Fen⸗ ſter von Skogeborg im Golde der untergehenden Sonne Gotthards unruhigen Sehnſuchtsblicken entgegenfunkelten. Der alte Klinting ſtand auf der Treppe, um den Fremden zu bewillkommnen; allein finſter runzelte er die Stirne, als er ſeinen Gaſt erkannte. Kaum beantwortete er Gotthards freundllichen Gruß und fragte barſch:„Was führt Sie wieder her, mein Herr?“ „Meine Pflicht,“ erwiederte Gotthard leiſe.„Wenn Sie erlauben, Herr Klinting, daß ich für heute Nacht Ihre Gaſtfreiheit in Anſpruch nehme, ſo werden Sie bald anders von mir denken, denn ich hoffe, Sie ſind überzeugt, daß ich nicht ſo dreiſt wäre, abermals zu Ihnen zu Die Milchbrüder. II. 11 162 kommen, wenn ich nicht die Abſicht hätte, Alles wieder gut zu machen.“ „Nun, Sie wiſſen Ihre Worte meiſterlich zu ſetzen,“ erwiederte der Greis; allein ſeine Stimme war nicht mehr ſo rauh, wie im Anfange.„Sie ſollen mir in meinem Eigenthume willkommen ſeyn; meine Nichte iſt ausgegangen und ich habe Manches mit Ihnen zu reden.“ Die Pferde wurden ausgeſpannt, das Gepäck in da Haus getragen, der Wagen in die Remiſe geſchoben. Als dieß Alles in Ordnung war, führte der Wirth ſeinen Gaſt in den Saal und ließ Pfeifen bringen. Eine Flaſche nebſt Glas kam auch, wurde aber auf Klintags Befehl zur Seite geſtellt. „Eye wir den Willkommbecher miteinander leeren und ehe wir einen Schritt weiter gehen, ſagen Sie mir offen und ehrlich, was Ihr Begehren iſt,“ ſagte Klinting. „Um Hedda's Hand zu bitten. Meine Verbindung mit Amtmann Thorſens Tochter iſt aufgelöst und von dem Augenblicke an, wo dieß der Fall war, ſah ich mich, ſowohl aus Neigung als aus Pflichtgefühl füͤr verbunden an, Hedda meine Hand zu bieten.“ „Ein altes Sprüchwort ſagt: Beſſer ſpät, als nie⸗ mals,“ meinte Klinting.„Jetzt wollen wir ein Glas auf den glücklichen Ausgang Ihres Vorhabens miteinander trinken, dann will ich Ihnen ſagen, daß Sie wie ein verdammt ſchlechter Kerl gehandelt haben, denn.. doch davon nachher.“ Gotthard ſchwieg und verſchluckte die bittre Pille ſowie den guten Wein. Dann ſetzten ſich die Herren, um ehrlich und offen miteinander zu reden, und unſer Held wußte ſeine Sache ſo meiſterlich zu führen, daß der alte Klinting bei dem Schluſſe des Verhörs die eine Hälfte ſeiner Schuld auf Rechnung der Umſtände ſchrieb und den andern durch ſein jetziges Vorhaben für gut gemacht anſah. Es iſt doch eine koſtbare Sache um die Juriſterei! Gotthard ſchlief herrlich. Glücklich wie ein Gott 163 wachte er am andern Morgen auf, eilte hinab, um zu hören, ob Hedda noch nicht zurückgekommen ſey. Sie war am vorigen Abende ausgegangen, um bei einer kran⸗ ken Freundin zu wachen, ſollte aber bald heim kommen. Klinting war allein im Saale und ermahnte ſeinen Gaſt, ſich ſo gut wie möglich mit dem Frühſtücke zu behelfen, denn von der Wirthin ſey noch Nichts zu hören noch zu ſehen. Etwas entmuthigt ſuchte ſich Gotthard in ſein Schick⸗ al zu ſinden; ſobald aber das Frühſtück vorüber war, trat er mit Klintig in ein Fenſter, welches die Ausſicht nach der Seite hatte, woher Hedda kommen mußte. Ein paar Stunden lang hielt er getreulich Wache und wurde endlich mit dem erſten Blicke auf einen langen, weißen Schleier belohnt.„Das iſt ſie!“ ſagte er und ſein Herz klopfte hörbar;„das iſt ſie,“ wiederholte er mit halbge⸗ ſchloſſenen Lippen und auch Klinting ſprach die magiſchen Worte:„das iſt ſie!“ und legte dabei die Hand mit kräftigem Drucke auf Gotthards Schulter. „Laſſen Sie mich gehen, ich will ihr entgegen!“ rief er ungeſtüm, legte die Cigarre weg und griff nach ſeiner Mütze. „Nein, nein, guter Freund, daraus wird Nichts! Ich will kein Liebesgegirre im Walde da; das iſt nur dummes Zeug. Gehen Sie hübſch hinauf in Ihr Zim⸗ mer und wenn ſie das Mittageſſen fertig gemacht und ſich ein wenig angezogen hat, werde ich Sie rufen. Aber alle Erklärungen müſſen auf Nachmittag aufgeſchoben werden. Während ich mein Mittagſchläfchen halte, könnt Ihr bis zum Kaffee die Sache abmachen.“ Daß ein ſolcher Vorſchlag die ohnehin nicht ſehr große Geduld unſres Helden auf eine ſehr peinliche Probe ſetzen mußte, iſt ganz natürlich; allein der alte Klinting war gewohnt, ſeinen Willen durchzuſetzen, und ſo wider⸗ ſinnig und abgeſchmackt proſaiſch es auch Gotthard im Augenblicke vorkommen mußte, konnte er nicht umhin, ſich darein zu fügen. Mit einem unterdrückten Seufzer 164 über die grimmige Nothwendigkeit, welche ihm befahl, ſein Glück ſolange aufzuſchieben, ging er auf ſein Zim⸗ mer, wo er hinter den Vorhängen hervor in den Hof hinab lugte und mit glühenden Wangen und klopfenden Pulſen, mit unnennbarem Entzücken Hedda nahen ſah. Sie hatte den Schleier zurückgeſchlagen und das ſchöne, ſanfte Antlitz, über welches ein Zug von ſtiller Schwer⸗ muth ſchwebte, kam ihm ſo anmuthig, unaus ſprechlich reizend vor, daß er in dieſem Augenblick nicht nur das frühere Bild derjenigen vergaß, welche ihm jetzt in einem ganz neuen Lichte erſchien, ſondern ſelbſt die liebenswür⸗ nae kindlichfrohe Hortenſe in das Halbdunkel zurucktreten mußte. Sechszehntes Kapitel. Mit Liebe, ſo offen, Mit Treue und Hoffen Mög' Freud' unſer Leben umgaukeln Wie Bienen auf Blumen ſich ſchaukeln, Ein freudiger Tag— bis am Abend, zur Ruh, Vereint uns ein Engel die Augen drückt zu. Thomas Moore. Hab Dank— wenn mir das Herz auch brechen muß,— Auf Ewig Dank für Deinen letzten Kuß. icander. Der Mittagstiſch war für drei Perſonen gedeckt. Hedda war noch ordnend damit beſchäftigt und fragte mit ſanftem Lächeln:„Nun, wo bleibt unſer Gaſt, Oheim? Sie haben mir verſprochen, zu ſagen, wer es iſt, ſobald ich fertig bin.“ „Das ſoll geſchehen, Kind; ich gehe und hole ihn.“ Hedda horchte aufmerkfam, wie ihr Oheim die Treppe hinauf in das Gaſtzimmer ging und unmittelbar wieder mit Jemand herabkam. Neugierig blickte ſie auf die Saalthüre und fuhr mit einem ſchwachen Ausruf zurück, ahl, im⸗ Hof den ſah. one, ver⸗ lich das nem bür⸗ eten 165⁵ als der nächſte Moment ihr das Bild des Mannes zeigte, welchen ſie niemals hatte wiederſehen wollen. Mit einem ganz andern Ausdrucke im Geſichte, als damals, wo er das erſte Mal zu Skogeborg aufgetreten war, flog Gotthard auf ſeine frühere Geliebte zu.„Hedda, theure Hedda, wie glücklich macht es mich, Dich wieder⸗ zuſehen!“ Schüchtern und zitternd, aber mit einer anmuthigen Beugung des Kopfes grüßte ſie ihn, ſprach aber kein Wort. „Nun, nicht wahr, das war eine Ueberraſchung, und daß Dein eigener Oheim ihn Dir zuführen mußte, Hedda! Na, Du brauchſt nicht roth zu werden, Kind, Du biſt ein zu verſtändiges Mädchen, als daß Du nicht einſehen ſollteſt, ich würde es nicht gethan haben, wenn er nicht frei wäre.“ „Was,“ rief Hedda aus und Todtenbläſſe verdrängte den flüchtigen Roſenſchimmer;„freil hat denn der Bür⸗ germeiſter Bundler mit ſeiner Braut gebrochen?“ „Nein, Hedda, ſie haben gebrochen und..“ „Und nun müſſen wir zu Tiſche gehen, ſonſt wird das Eſſen kalt,“ ſiel ihm Klinting in das Wort;„nach⸗ her iſt noch Zeit genug zu Erklärungen.“ So geſchah es auch; aber nach Tiſche, als Alles ſtill blieb, nahm der Alte ſeine Pfeife, nickte ſchelmiſch mit dem Kopfe, ſah nach der Uhr und ſagte:„Zwei Stunden, Kinder! Um vier Uhr wird Kaffee getrunken, wie gewöhnlich, und da muß Alles in Richtigkeit ſeyn.“ Mit dieſen Worten ließ er ſie allein. „Ihre Verbindung mit Fräulein Hortenſe iſt alſo abgebrochen?“ fragte Hedda; ein Gemiſch von Schmerz und Unwille lag in ihrem Ton, welcher auf Gotthard einen ebenſo unangenehmen Eindruck machte, als die, wenigſtens ſcheinbare Gleichgültigkeit, womit Hedda einen Gegenſtand zur Sprache brachte, von dem er geglaubt hatte, daß er ſie in die lieblichſte Verwirrung bringen werde. „Sie haben gebrochen, Heddaz warum mißfaͤllt Dir dieß?“ 166 „Deßhalb Gotthard, weil ich weiß, daß Sie Veran⸗ laſſung dazu gegeben haben.“ „Und wenn dieß wirklich der Fall wäre, haſt Du, liebe Hedda,— o ſieh mich nicht ſo ſtreng an— haſt Du Urſache, darüber zu zürnen?“ „Ich zürne nicht darüber, Gotthard, dazu habe ich 4 kein Recht, allein es ſchmerzt mich tief, daß Sie ein Frauenherz ſo verkennen und kränken konnten, und zwar eines, das mir ſo gut, ſo kindlich⸗freundlich und Ihnen ſo ergeben ſchien.— Darüber darf ich klagen.“ „Du denkſt nicht an Dich ſelbſt, Hedda?“ „O ja, Gotthard, ſehr! Ich weiß, was ich ſelbſt gelitten habe; deßhalb empfinde ich auch tief, was ſie gelitten haben muß. Das Herz blutet mir, wenn ich daran denke, was das junge, mit Kummer bisher ganz unbekannte Kind gelitten haben muß, als es alle ſeine ſchönen und frohen Hoffnungen in Rauch aufgehen ſah.“ „O Hedda! Du biſt ſehr ſinnreich in Deinen Qua⸗ len!“ ſagte Gotthard, nahte ſich ihr mit flehendem Blicke und ergriff ihre Hand.„Kannſt Du nicht faſſen, willſt Du nicht faſſen, daß es ſeit dem Augenblicke, wo ich Dich wiederfand, ohne Dich kein Glück mehr gab? Ich habe Hortenſen nicht aufgeſagt,— dieß hätte ich nie gethan. Gleichwohl mußte ich, damals wie jetzt, mir ſelbſt be⸗ kennen, daß ihr kein Glück an der Bruſt des Mannes blühen konnte, der für ihre Nebenbuhlerin glühte.“ „Dieſen Glauben hat Dir nur der mächtige Einfluß des Augenblicks eingegeben,“ entgegnete Hedda.„Ihre Neigung gehörte ja damals ſchon längſt einer Andern, als Sie ſich in Hortenſe verliebten; Sie ſehen, wie man vergeſſen kann und dieß mag Ihnen ein neuer Beweis der Unbeſtändigkeit Ihrer Gefühle ſeyn, da Sie ſchon jetzt mit ſo viel Kälte von einer Geliebten ſprechen kön⸗ nen, welche Sie vor Kurzem noch vergöttert haben.“ „Hedda, theure Hedda! wie ſehr biſt Du Dir un⸗ ähnlich geworden!“ „Ich bin älter geworden, Gotthard; ich habe gelernt hon n⸗ un⸗ ernt 167 eitle, nichtige Luftblaſen von den edlern Gefühlen zu unterſchelden; ich laſſe den nothwendigen Verhältniſſen im Leben Gerechtigkeit widerfahren, wir muſſen ſie achten und heilig halten.“ „Das habe ich gerade gethan; mein innigſter Wunſch war, das gut zu machen, was ich, gegen meinen Willen, verbrochen habe. Hier lies die Beweiſe und Du wirſt mich dann weniger ſtreng richten.“ Mit dieſen Worten reichte er ihr die Antwort des Amtmanns ſammt dem Brief an Hortenſe, welchen er haſtig erbrochen hatte. Hedda nahm beide, durchlas ſie aufmerkſam und ſagte dann:„So, wie es nun ſteht, hat der Amtmann Recht; allein die Zeiten können ſich ändern, im Falle Sie zeigen, daß es Ihr ernſtlicher Wille iſt. Was Ihren Brief an Hortenſe betrifft, ſo müſſen Sie zugeben, daß der für meine vorige Behauptung ſpricht. Wie konnten Sie ſo ſchreiben, wenn Sie nicht überzeugt wären, wenigſtens einigermaßen Ihr Gelübde erfüllen zu können?“ Dieſe Aeußerung ſetzte unſern armen Gotthard in große Verlegenheit; er verwünſchte ſich ſelbſt, daß er ſo ſchnell mit dem Vorzeigen der Briefe bei der Hand gest weſen; allein er war auch nicht darauf gefaßt, Hedda ſo ſcharffinnig zu finden. Ueberhaupt wußte er gar nichte was er zu dieſem neuen, umgekehrten Verhältniſſe ſagen ſollte. Er konnte gar nicht begreifen, daß dieß Hedda ſeyn könne, daſſelbe arme Mädchen, welches mit ſeinem alten, blinden Vater auf den Straßen herumgeſungen und in ihre Schürze Allmoſen geſammelt hatte; daß ſie es war, das ungekünſtelte, unkundige, unſchuldige Ge⸗ ſchöpf, deren Gefühle er zuerſt zum Leben geweckt, in Flammen geſetzt, mit welcher er die roſenumhüllte, ge⸗ fährliche Sprache geredet, die er an den Rand des Ab⸗ grundes geführt und dann hinabgeſtürzt hatte. Dieſe nämliche Hedda, deren ganzes Thun und Laſſen nur von ihm, nur von ſeinem Wink abgehangen, ſie, welche bei dem bloßen Gedanken an eine Trennung vor ihm tauſend 168 Thränen geweint hatte,— da ſaß ſie jetzt, mit einer Ruhe, einer Würde, einem Ernſte, einer Miene von Ebenbür⸗ tigkeit und doch mit ſo viel Anmuth, Weiblichkeit und Liebenswürdigkeit, daß er ganz verwirrt und mit ſo hoher Achtung und einer Demuth erfüllt wurde, wie er ſie noch nie irgend einem Weibe gegenüber gefühlt hatte und welche noch überdieß ſeinen Wunſch, ſie für ſich zu ge⸗ winnen, auf das Höchſte ſteigerten. Hedda bemerkte ihren Vortheil vielleicht nicht ohne heimlichen Triumph, als ſie ſah, wie ganz andere Gefühle ſie dem Manne jetzt eingeflößt, den ſie allein und aus⸗ ſchließlich geliebt hatte, und trotz all' ſeines Leichtſinnes noch liebte. Indeſſen ſchmerzte es ſie doch, ihn in ſolcher Verlegenheit zu ſehen und ſie hielt es für Unrecht, das Vertrauen, welches er ihr ſo eben erwieſen, ſo zu miß⸗ brauchen. Mit dem Tone der innigſten Ueberzeugung ſagte ſie deßhalb:„Mißdeuten Sie meine Aufrichtigkeit nicht, beſter Gotthard! Sonſt und jetzt war nur Ihr Wohl mein Wunſch, Sie zu beleidigen, war nie meine Abſicht. Wenn Sie aber irgend einen Werth darein ſetzen, daß ich Ihr Vertrauen vergelte, ſo laſſen Sie ſich ſagen: ſo, wie ich Hortenſe gefunden habe,— denn der Augenblick war eine Feuerprobe für eine junge Verlobte und ihr damaliges Benehmen ſprach mir für ihr gutes Herz und ihren vortrefflichen Charakter, als Jahre, unter gewöhnlichen Verhältniſſen verlebt, zeigen konnten— ſo, wie Hortenſe vor mir ſtand, iſt meine innige Ueberzeu⸗ gung und wird es allezeit bleiben, daß ſie die paſſendſte Lebensgefährtin für Sie iſt. Ihre Milde und Seelen⸗ relnheit, vereint mit dem feinen Gefühle des liebenden Weibes, werden Ihren Gefühlen entgegenkommen, die dunkle Wolke durch Sonnenblicke zerſtreuen und Harmo⸗ nie in Ihr äußeres und inneres Leben bringen. Ebenſo werden ihre Bildung, ihre Talente und ihr Welttakt Ihr Haus zieren und Sie und Ihre Umgebung froh und glücklich machen.“ Hedda ſchwieg und ihre bisher niedergeſchlagenen 169 Augen blickten Gotthard an. Sie ſah, wie er ein Bild von Erſtaunen, Schmerz, Gram und fehlgeſchlagener Hoffnung mit gekreuzten Armen vor ihr ſaß. Sein Blick war auf ſie gerichtet und nie hätte ſie geglaubt, daß ſeine Augen eine ſolche Miſchung von Liebe und Qual auszu⸗ ſprechen vermöchten. Deßhalb verſtummte auch ſie und eine heiße Röthe, das erſte Zeichen ihrer im tiefſten Herzen verſchloſſenen Empfindungen, färbte ihre bleichen Wangen. Lange ſchwiegen Belde. Endlich ſagte Gotthard mit einer Stimme, welche deutlich verkündete, wie namenlos er litt:„Sie haben gelernt, mich zu verachten, Hedda! Ich kam hieher, glücklich in dem Gedanken, Ihnen einen geringen Erſatz für die jahrelangen Leiden zu bieten, allein Sie haben mir gezeigt, wie tief ich in Ihrer Achtung geſunken bin und— vielleicht kann Ihnen dieß einige Genugthuung geben— auch in der meinigen.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und durchmaß mit langen Schritten das Zimmer, während Hedda ſich be⸗ mühte, ungeſehen ein paar hervorquellende Thränen ab⸗ zutrocknen. Sie blieben aber nicht unbemerkt. Unaus⸗ ſprechlich bewegt nahte er ſich ihr, ſah ihr tief in die Augen und fragte: „Hedda, verachten Sie mich? Nicht wahr? ſprechen Sie es aus.“ „Nein!“ antwortete ſie leiſe;„aber ich bedaure Sie.“ „O weh,“ murmelte er tonlos.„Verachtung iſt minder bitter als ſolches Mitleid. Bin ich denn ſo elend, daß Sie mich für bedauernswerth halten?“ „Nicht ſo, Gotthard; ſo habe ich es nicht gemeint. Ich ſehe Ihre Unruhe, Ihre Bekümmerniß, Ihre Ver⸗ legenheit und dieß betrübt mich; was können Sie darin Schlimmes finden?“ Gotthard wußte nichts zu antworten; die Thüre ging auf und der alte Klinting ſteckte den Kopf herein. „Es iſt vier Uhr, iſt der Kaffee fertig; ſeyd Ihr mit dem Uebrigen im Reinen? Was ſoll das aber bedeuten? 170 Ich glaube, die Arbeit iſt noch nicht ein Mal halb gethan.“ Gotthard trat zum Fenſter. Hedda eilte in die Küche, um den Kaffee bringen zu laſſen. „Nun, Herr Bürgermeiſter, haben Sie Ihre Zeit nicht benützt?“ fragte Klinting.„Ich ſollte doch meinen, die Sache wäre bald abzumachen geweſen. Chrliche Frage dun offene Antwort; haben Sie nicht gefragt?“ e n 46 „Na, was Teuſels haben Sie denn gethan? Deß⸗ halb ſind Sie ja hergekommen!“ „Allerdings; aber Hedda iſt ganz anders geworden. Ich habe ſie wohl meine Abſicht deutlich ahnen laſſen; allein ich fürchte nicht ohne Grund, daß ſie am wenigſten Freude daran hat.“ „Ah, das ſieht vielleicht nur ſo aus,“ meinte Klin⸗ ting.„Ich weiß in der That auch nicht warum... Da iſt ſie;— Nun kann vor Morgen Nachmittag keine Rede mehr davon ſeyn. Es kommen heute Abend ein paar Nachbarn.“ Gotthard brachte den ganzen übrigen Tag und den nächſten Vormittag in der allerunbehaglichſten Stimmung zu,— Hedda war von den gewöhnlichen Haushaltungs⸗ geſchäften in Anſpruch genommen und nicht ſichtbar. Endlich kam der Mittag, nach ihm die zugleich ge⸗ fürchtete und erſehnte Zeit zwiſchen dem Mittagsſchläfchen des Alten und dem Kaffee. „Machen Sie nun Ihre Sachen beſſer als geſtern,“ ſagte Klinting leiſe zu Gotthard.„Ich habe kein Wort mit ihr darüber geſprochen; ſie ſoll ihre Freiheit haben und ſo handeln, wie ſie es für ihr Glück am dienlichſten ält.“ h Damit ging er; Hedda nahm ihre Arbeit zur Hand und ſetzte ſich in ein Fenſter. Aber Gotthard— war er heute muthiger als geſtern? Nein! In Verzweiflung über ſeine unbegreifliche Unbe⸗ holfenheit, zog und zupfte er mit bewußtloſer Heftigkeit 171 an einer Haarkette, welche er um den Hals trug, bis endlich eines von den Glliedern riß und ihm ein Stück in der Hand blieb. Da ſchoß ihm das Blut nicht allein in die Wangen, ſondern auch zum Herzen; denn die Kette war von Hortenſe's Haar, ihr erſtes Brautgeſchenk, von deren Rückgabe bei ſeiner ſchnellen Abreiſe von Forshälla keine Rede geweſen war. „Wenn Sie mir die Kette anvertrauen wollen, ge⸗ traue ich ſie mir wieder ſo herzuſtellen, daß man den Schaden nicht bemerkt,“ ſagte Hedda und bückte ſich in ihr Nähkörbchen nach Seide u. ſ. w. „Ich bin Ihnen ſehr dankbar.“— Nicht ohne eine Anwandlung von Reue nahm er die Kette ab, reichte Hedda das Geſchenk, welches ihm vor anderthalb Jahren zum glücklichſten Menſchen gemacht hatte. „Was ein ſchönes Haar, wie Seide bemerkte ſie; „es iſt wohl von der ſchönen Hortenſe?“ Gotthard nickte ſtumm mit dem Kopfe.“ Während der Arbeit ſprach Keines ein Wort; als die Kette fertig war, äußerte Hedda ihre Verwunderung darüber, daß er ſie, ſtatt an den vorigen Platz, ſorg⸗ fältig in ein Stückchen Poſtpapier einſchlug und in die Bruſttaſche ſteckte. „Sie können ſte ohne Gefahr tragen,“ verſicherte Hedda;„ſie hält jetzt wieder ebenſogut wie vorher.“ „Ach nein,“ entgegnete Gotthard heftig,„die Glieder find einmal geriſſen und ich will ſie nun wie eine Re⸗ liquie verwahren, wenn ſie nicht zurückgefordert wird; denn Sie werden zugeben, liebe Hedda, daß ich jetzt kein Recht mehr habe, ſie zu tragen.“ „Daß ich nicht wüßte.“ „Ja, das wiſſen Sie. O Hedda! Sie kennen und begreifen jedes Gefühl, das in meiner Bruſt lebt. Ich habe nie auſgehört, Sie zu lieben, obgleich es eine Zwi⸗ ſchenzeit gab— dieſe war, als ſch alle Hoffnung verloren hatte, Sie je wiederzuſehen,— wo mein Herz anderen Banden huldigte. Doch geſchah dieß nicht ohne Kampf. 172 Nein, bis zum letzten Augenblicke ſtand Ihr Bild warnend zwiſchen mir und Hortenſe; Sie waren es, Hedda, welche den eigentlichen erſten Anſpruch auf meine Liebe, auf meine Hand hatten. Das habe ich nie vergeſſen. Aber... ich erkenne, daß ich wenig zu meiner Entſchuldigung an⸗ zuführen habe, denn ich hörte nicht auf die Stimme der Pflicht und Ehre in meiner Bruſt, bis ich Sie aufs Neue ſah, theuerſte Hedda und aus meinen Träumen zur Wirklichkeit erwachte.“ .„Und dann unmittelbar wieder zu träumen anfingen,“ ſetzte Hedda hinzu;„aber Ihre Phantaſien nahmen nur eine andere Form an.“ „Ja, eine ſchönere, beſſere, freudigere, als jemals. Jetzt hängt es nur von Ihnen ab, dieſe Träume in die wahrhaftigſte Wirklichkeit zu verwandeln. Sagen Sie, Hedda, theures, geliebtes, unvergeßliches Mädchen, Du meine erſte Jugendliebe und die Wahl meines reiferen Alters, ſag, willſt Du die Hand des Mannes annehmen, der ſtolz iſt, Dich als Gattin in ſein Haus einzuführen?“ „Ich danke Ihnen, Gotthard, daß Sie mich für würdig halten, dieſen Platz einzunehmen; allein ich würde Ihnen das Opfer, welches Sie um meinetwillen bringen wollen, ſchlecht lohnen, wenn ich Ihr Anerbieten annähme. Hier iſt mein Platz und ſoll es auch bleiben. Sie ſollen in Ihr Geburtsort kein Weib als Gattin heimführen, welches durch den Fehltritt ihrer Jugend mit Schande gebrandmarkt iſt. Die Leute würden ſich Lon der wan⸗ dernden Bettlerin in die Ohren raunen und Worte hin⸗ zuſetzen, welche wir vielleicht Beide nicht zu ertragen im Stande wären.“— „Und wer anders als ich iſt Schuld an dem Falle dieſes reinen Engels?“ flüſterte Gotthard in ſchmerzlichſter Angſt;„wer als ich muß Deine Ehre vor der Welt wiederherſtellen?“— Er kniete vor der zitternden Hedda nieder und drückte ihre Hände an ſeine brennenden Lippen. „O ich beſchwöre Dich, meine Hedda, meine Theuerſte, Geliebteſte, ſprich nicht mehr ſo ſchreckliche Worte, gleich 173 giftigen Dolchen durchbohren ſie mein Herz. Sieh, Hedda, ich will fromm werden, fromm wie ein Lamm; nie mehr haſtig, nie mehr leichtſinnig ſeyn, ich will Dir das Lehen zu einem Paradieſe machen, nur werde mein, mein vor Gott und Menſchen!“ „Ich kann es nicht, Gotthard, ich kann es nicht; aber ſteh' auf, ich höre den Oheim kommen: Morgen will ich es Dir erklären.“— Sie entfernte ſich, ehe der Greis die Thüre öffnete. Gotthard war aufgeſtanden aus ſeinen Augen blitzte Verdruß und Zorn auf den unwillkommenen Störer. „Wie nun? iſts heute beſſer gegangen als geſtern?“ fragte Klinting und ſah ſich verwundert nach ſeiner Nichte um.. „Es iſt weder beſſer gegangen, noch kann es beſſer gehen, wenn man ſeine Reden nach dem Zollſtabe meſſen ſoll,“ antwortete Gotthard ärgerlich. „Vereifern Sie ſich nur nicht ohne Grund und Veranlaſſung. Zweimal zwei Stunden, gibt vier, und wer in dieſer Zeit nicht ſo weit kommt, daß er fragt: willſt Du mich haben? und dann das Ja oder Nein er⸗ wartet, der thäte meiner Meinung nach beſſer, ſich nie⸗ mals mit Freierei zu befaſſen, denn dem fehlt es offen⸗ bar an aller Theorie und aller Praris.“ „Ich meine indeſſen doch, daß es mir weder an der einen noch an der andern fehlt,“ bemerkte Gotthard. „Um ſo ſchlimmer,“ verſetzte Klinting ruhig.„Dieß iſt ein Zeichen, daß der Freier alle Augenblicke mit einem andern Herz bei der Hand zu ſeyn pflegt, und dieſe Artigkeit macht gewöhnlich bei den Weibern auf die Dauer nicht viel Glück.“ „Gotthard biß ſich in die Lippen, daß ſie bluteten ſchwieg aber. Er ſchwor jedoch heimlich einen theuern Eid, ſich am dritten Nachmittage nicht wieder zum Ge⸗ ſpötte zu machen. Daß er ſich bis dahin abermals gedulden muſſe, war klar, denn der alte Klinting hatte 174 die abſcheuliche Artigkeit gehabt auf den Abend Geſell⸗ ſchaft zu bitten. Nach Verlauf mancher peinlichen Stunde, welche Gotthard wie eine Ewigkeit vorkamen, ſchlug endlich die Glocke zum dritten Mintagsſchläſchen. „Heute wollen wir den Kaffee erſt um fünf Uhr trinken,“ ſagte der alte Klinting mit exemplariſcher Ge⸗ duld;„ſeid ihr aber dann noch nicht zum Schluſſe ge⸗ kommen, ſo jage ich Alles zum Henker.“ „Laß' uns die knapp zugemeſſene Zeit nicht verlieren, theuerſte Hedda,“ begann Gotthard und ſetzte ſich neben ſie, ſobald der Alte die Thüre hinter ſich zugemacht hatte. „Du wollteſt mir geſtern Etwas ſagen, und ich brenne vor Verlangen, es Dir zu widerlegen.“ „Das kannſt Du nicht, Gotthard,“ erwiederte Hedda, in ſanftem, leiſem, wunderbar weichem Ton.„Ich will alles fremde ablegen, denn mir ſagt eine Ahnung, daß wir nie mehr ſo hier ſitzen werden. Ich will ganz auf⸗ richtig gegen Dich ſeyn. Du ſollſt in meinem Herzen leſen und Dich überzeugen, wie ſehr ich Recht habe, wenn ich Dir die Verſicherung gebe, daß ich nicht das Weib bin, welches Du als Gattin heimfuhren darfſt.“ „Nie, nie wirſt Du mich davon überzeugen; aber ſprich, damit ich in den verborgenſten Winkeln Deines Herzens leſen kann. „Sieh' Gotthard, als ich Dich kennen lernte, war ich ein Kind, unerfahren in Allem, außer Stand Gutes und Böſes, Schein und Wahrheit zu unterſcheiden. Arm, zu der Erniedrigung verdammt, auf den Straßen für Geld zu ſingen, um am Abende unſer dürſtiges Mahl beſtreiten zu können, dünkte ich mich durch Deine freund⸗ liche Fürſorge bis in das Paradies verſetzt, als Du mich und meinen zärtlich geliebten Vater in die von Dir ge⸗ miethete freundliche Wohnung brachteſt. Auch den edlen Hermann, dieſen redlichen Freund, ſchloß ich in mein Herz ein, gleich einem Gott; aber da er weg blieb und nur Du kamſt, ſo wandten ſich alle Gefühle meiner 175 Seele Dir zu. Mit wunderſamer Schnelligkeit ging dieſe ſonderbare Umwandlung vor ſich, und an den Abenden, wo mein Vater bei unſerm gefälligen Nachbar ſaß und ſeine Pfeife rauchte, ward es mir wohl zuweilen Angſt, ſo allein bei Dir zu ſitzen, aber Deine ſchmeichelnde Zauber⸗ ſtimme ſchläferte mich ein; ich träumte im Himmel zu ſeyn, indeß ich wachend am Abgrunde ſtand. „O wie furchtbar bitter war die Abſchiedsſtunde! Tauſendmal wollte mir das Herz brechen,— doch ich mußte leben, und der einzige Lichtſtrahl, welcher meinen dunkeln Pfad erleuchtete, war der Gedanke an Deine Liebe. Ich ſage Liebe, denn damals hielt ich Deine Gefühle für dieſelbe reine, helle, heilige Flamme, wie ſie in meiner eignen Bruſt loderte.“ 3 „Später, als meinem gequälten Herzenskummer kein andrer Ausweg blieb, ſchrieb ich an Dich. Hermann ant⸗ wortete,— und dieſer Brief lehrte mich unſer Verhältniß aus einem andern Geſichtspunkte, als bisher zu betrachten. Nun überkam mich zuerſt das Schamgefühl, welches ſo lange geſchlummert hatte, und gern ging ich auf Hermanns Freundesrath ein, Dich nie mehr ſehen zu wollen. Nicht, weil ich an Deiner Liebe zweifelte, ſon⸗ dern weil ich begriff, daß Du mich nie heirathen durf⸗ teſt und konnteſt. Außerdem warſt Du ſo jung, daß auch die Möglichkeit davon noch immer im weiten Felde ſtand.“ „Was dann folgte weißt Du. Hermanns edle Hand⸗ lungsweiſe iſt eine der ſchönſten Erinnerungen meines Lebens. Ihr reistet ab. Der Gott, welcher am beſten weiß, was uns gut iſt, löste alle Bande. Tief brannte es mir in's Herz, denn hier war es feſtgewachſen;— ich konnte aber nur leiden! Mein Oheim, der nicht ha⸗ ben wollte, daß meine Trauergeſchichte bekannt würde, trug Sorge, daß ich, ſicher gegen alle Spaͤherblicke, in meine neue Heimath kam, und hier habe ich das gefun⸗ den, um was ich ſchon ſo lange ſuchte und kämpfte: „Frieden.“ 176 „Jahre vergingen, mein Herz und Verſtand bildeten ſich. Der Same, welchen Hermann ausgeſtreut hatte, trug Früchte; allein mein Herz hielt ſeine erſte unſchul⸗ dige Treue feſt. Ich erwartete Dich zwar eigentlich nicht, aber ich glaubte, daß Du mich liebteſt, und viel⸗ leicht einſt aufſuchen würdeſt. Ich dachte mir meine veränderte Lage möchte uns wohl einmal näher zu⸗ ſammenführen; andre Umſtände, gerade die weſentlichſten, zog ich nicht in Betracht. Deßhalb, Gotthard, gab ich mir Mühe, Bildung und Geſchicklichkeit zu erwerben, ſo weit ich dieß vermochte, und bet jedem Schritte, den ich vorwärts that, dachte ich: vielleicht freut er ſich ein Mal darüber. Allein der Traum verſchwand, ein kurzer Au⸗ genblick änderte meine Gedanken; er war bitter, aber heilte mich. Im Sommer 1828 beſuchte ich mit meinem Oheim die Hauptſtadt, ſah hier Hermann zweimal, ohne übrigens mit ihm zu ſprechen; denn ich wollte meinen Oheim nicht beunruhigen, welchen die geringſte Hindeutung auf meine Vergangenheit, jederzeit in große Aufregung verſetzte. Wir erkannten einander, und als ich nach Hauſe kam, wußte ich, daß, wenn ich von Dir noch geliebt wäre, Hermann ganz gewiß die Gelegenheit benützt hätte, unſre Bekanntſchaft wieder zu erneuern.“ „Auf jene Reiſe, Gotthard, folgten Tage und Nächte der Schmerzen, von denen ich Dir nicht ſprechen will. Genug, es ſtand mir klar vor der Seele, was ich für Liebe gehalten, war nur das Aufflammen Deines Leicht⸗ ſinns, und eine ſolche Entdeckung iſt für ein wirklich liebendes Weib die häͤrteſte Demüthigung. Später konnte ich freilich klarer darüber denken und ſah ein, daß, wie die Umſtände waren, ich keine Anſprüche weder auf Deine Hand noch auf Deine Treue hatte. Kein Gelübde band Dich, und dieß war auch gut, denn eine ſogenannte Schad⸗ loshaltung hätte mir nicht genügen können. Mein Herz verlangte nur Liebe. Da es einmal darum betrogen war, forderte es Nichts weiter. Ich will meine Erzäh⸗ lung nicht damit verlängern, daß ich Dir beſchreibe, wie ich nach und nach zu dieſer Ruhe, ja ich kann faſt ſagen Selbſtſtändigkeit gekommen bin, welche mir endlich nach jahrelangem Kampfe zu Theil wurde. Genug, als wir uns wieder trafen betrachtete ich das Leben, ſeine Stel⸗ lungen und Verhältniſſe aus einem ganz andern Geſichts⸗ punkte.“, „Das habe ich gefunden!“ fuhr Gotthard auf.„Du biſt nicht mehr dieſelbe Hedda, welche ich mit vergäng⸗ licher Liebe liebte.“ Jetzt biſt Du ein herrliches, durch Widerwärtigkeiten und Entſagung geprüſtes und gebil⸗ detes Weib, eines beſſern, wahrhaftigern, innigern Gefühls würdig, als ich Dir früher geweiht habe. Jahre der Liebe und Zärtlichkeit können nicht vergelten, was Du für mich gelitten haſt, aber Du mußt meine holde, liebe Gattin werden und...“. „Nein, Gotthard!“ unterbrach ſie ihn,„dieſe kann ich niemals werden. Glaubſt Du ich hätte all' dieſe ſchmerzlichen Wunden darum aufgeriffen, um den Genuß zu haben, ſie ohne Zweck auf's Neue bluten zu machen? Du verſtehſt mich nicht; von dem Augenblicke an, wo ich wußte, daß Du mich nie geliebt habeſt, daß Du mich vergeſſen, und meinem Schickſale überlaſſen hatteſt, von dem Augenblicke an wußte ich auch, daß ich Dir nicht mehr angehören wolle. Ohne Neid ſah ich Dich als den Bräutigam einer Andern; und tief ſchmerzte es mich, Euer Band zerriſſen zu ſehen, indem eine neue Leiden⸗ ſchaft in Deinem Herzen glühte. Ich ſah wohl, daß es nicht Deine erſte Jugendliebe war, welche Du aufs Neue liebteſt. Nein, es war ein Dir zugleich fremdes und doch ſo nahe verbundenes Weib, welches gerade durch das Myſtiſche dieſes Bandes Dein Herz abermals in Feuer ſetzte. Aber, glaub' mir, Gotthard, ſie würde bald ver⸗ löſchen dieſe Flamme, wenn Dein Wunſch erfüllt wäre. Die geringe vergängliche Schönheit, welche mir vielleicht geblieben, iſt in ein paar Jahren gänzlich dahin. Dann würdeſt Du kalt werden, dann würdeſt Du Deine Thor⸗ heit einſehen, vielleicht bereuen und es hliebe Dir Nichts Die Milchbrüder. II. 12 9 A 178 mehr von Deinem ſchönen Traume übrig, als die Erinne⸗ rung an eine erfuͤllte Pflicht, an eine abgetragene Ehren⸗ ſchuld; keines wäre aber genug zu Deinem Glücke, und es würden manche bittre Stunden kommen, wo die Erinnerung an frühere Zeiten, gleich dunklen Schatten, an Dir vorüberſchliche und Dir Deine Schwäche vor⸗ würfe. Uuberechenbares Elend, noch gar nicht geahnte Folgen wurde eine ſolche Verbindung nach ſich ziehen. Glaube mir, ich habe es lange und ernſtlich überlegt. Ich werde niemals die Deinige werden; denn der Todten⸗ ſchleier, welcher über meinen früheren Jugendjahren liegt, deckt auch theilweiſe meine Zukunft. Ich liebe Dich noch zu rein, zu innig, als daß ich, wenn Du auch meine Gefühle zu erwiedern vermöchteſt, Dein Weib werden könnte. Einſam bin ich durch das Leben gegangen, ein⸗ ſam will ich den Abend abwarten, und einſam werde ich auch ſterben.“— Helle Thränen zitterten in ihren Augen, ihr Haupt ſank auf die Bruſt. Stumm bewundernd und anbetend ſtand Gotthard vor ihr. Die Glocke ſchlug halb fünf. Eine ſchreckliche Angſt ſchnürte ihm die Bruſt zuſammen.—„O Hedda, Hedda! erbarme Dich über den Unglückſeligen, der Dir den Frieden Deiner Seele geſtohlen, Dir durch eine Todfünde Dein irdi⸗ ſches Glück entriſſen, alle Deine Lebensblumen zertreten hat! Werde mein, auf daß ich durch dieſes Sühnopfer meine übrigen Tage heiligen möge!“— Auf ſeinen Knieen bettelte der vordem ſo ſtolze und leichtſinnige Mann um Herz und Hand derjenigen, von welcher er vor zwei Jahren an Hermann geſchrieben hatte:„Unſer Bil⸗ dungsgrad iſt ein zu verſchiedener, und dann iſt auch— um aufrichtig zu ſeyn— das Gefühl, welches Alles aus⸗ glich, ſo vollſtändig verſchwunden, daß alle ſeine Beſtand⸗ theile in Staub verflogen ſind.“— Wunderbar ſind die verworrenen Labyrinthe des Le⸗ bens, das wunderbarſte iſt aber doch ein Menſchenherz. „Sey mein!“ bat er auf's Neue. Er war todtenbleich. Auf ſeiner ſonſt ſo klaren 179 Stirne ſtand der Angſtſchweiß, gewaltiges Zittern durchflog ſeinen Körper, er lehnte den Kopf an ihre Kniee. Da beugte ſich Hedda herab, legte ihren Arm um ſeinen Hals und flüſterte:„Niemals!— Ich liebe Dich, allein Deine Gattin werde ich nicht. Laß uns ſcheiden, Gotthard! Iſt einmal Hortenſe, wie ich hoffe, Deine Gattin, dann will ich Deine treue, ergebene Schwe⸗ ſter ſeyn. Bis dahin, lebe wohl! Nimm dieſen Kuß, den letzten, als eine Erinnerung an meinen lliebſten Wunſch.“ Ihre Lippen weilten eine lange heilige Sekunde auf den ſeinigen! Er ſprang auf. Es war vorbei!— Auf der Schwelle wandte er ſich noch ein Mal um.— „Steht Dein Beſchluß feſt? O Hedda, Hedda!“— Er zog ſie mit krampfhafter Heftigkeit an ſeine Bruſt. „Unwiderruflich feſt, für unſer Beider Wohl!“ Noch einmal, eine ewig unvergeßliche Minute, ſchlugen ihre Herzen gegen einander. Eine Stunde ſpäter lag Skogeborg ſchon laͤngſt hinter dem in raſtloſer Unruhe forteilenden Gotthard. Ihr Kuß, der letzte, brannte auf ſeinen Lippen; Reue, ver⸗ lorner Friede tobte in ſeiner Bruſt.— Jetzt war Alles vorbei. Der Nachtthau vermochte nicht das Feuer in ſeinem Innern zu kühlen und als bei dem erſten Gruß des Morgenſtrahls ſich der nächtliche Nebelſchleier nieder⸗ ſenkte, bemerkte er Nichts davon, denn der trübe Nebel in ſeinem Innern wollte nicht weichen, kein freundlicher Son⸗ nenſchimmer in ſeiner düſtern Tiefe einkehren. 180 Siebenzehntes Kapitel. Leergebrannt Iſt die Stätte, Wilder Stürme rauhes Bette; In den öden Fenſterhöhlen Wohnt das Grauen, Und des Himmels Wolken ſchauen Hoch hinein. Schiller. „Er hat Recht, bei meiner armen Seele, er hat Recht!“ ſagte Doktor Bundler, zupfte heftig an ſeinem Backenbarte und rückte von einer Ecke des Sopha's in die andere, aber nirgends wollte es ihm bequem genug ſeyn. Iuldi legte ihm mit freundlicher Hand die Kiſſen zurecht. „Danke, danke, Kind! Es wird darum doch nicht beſſer; wenn die Unruhe in der Seele ſitzt, ſo iſt auch dem Körper Nichts Recht. Aber es iſt nicht der Mühe werth, davon zu reden. Wann willſt Du fort, mein Sohn?“ „Morgen, heute, im Augenblick, nur ſchnell. Ich will, ich muß fort, wenn ich nicht wahnfinnig werden ſoll,“ antwortete Gotthard und ging heftig auf und nieder. Karoline weinte bittre, ſchmerzliche Thränen, wie ſie nur eine Mutter weinen kann, welche ihr Kind, ihren Abgott unter den Folgen ſeines eignen Leichtſinnes leiden ſieht. Das laſtet ſchwer; jeder Seufzer, der aus dem beklemmten Herzen emporſteigt, nimmt einen Funken von dem Lebensfeuer mit ſich. So waren Karolinens Seußzer. Hermann ſtand neben ihr.—„Ol traure nicht ſo, theuerſte Mutter; ein treuer Frennd wird ihm zur Seite ſeyn und, ſo Gott will und der Kampf vorüber iſt, ihn Dir geheilt wieder in die Arme führen. Widerſetze Dich Kal eine oder Sti nich ſein floß mat bege 181 deßhalb nicht ſeiner Abſicht, das Einzige nach welchem ſein gebrochenes Herz verlangt, und in Wahrheit auch das Einzige, was ihm ſeine friſche männliche Kraft wieder geben kann, die jetzt in der Menge von Stürmen, welche in ſo kurzer Zeit ſeine Bahn in allen Richtungen durch⸗ kreuzt haben, unterlegen iſt.“ „Du ſagſt wohl ſo, Hermann; aber draußen, weit draußen in fremden Ländern, wird kein theilnehmender Freund ihm den Weg ebnen, Niemand wird ſeinen Kum⸗ mer theilen; er wird ſich allein fühlen, ſchrecklich allein, dahinwelken, vielleicht ſterben!— O mein Sohn, mein Gotthard!“— Schwere Seufzer entſtiegen ihrer Bruſt. Da trat Gotthard heran. Sein faſt ſtarrer Blick bekam neues Leben, in warmen Strömen drängte ſich das Blut zu ſeinem Herzen. Wer hatte ihn ſo geliebt, wie ſeine Mutter? Wen bekümmerte ſo ſein Kummer wie ſie? Er beugte ſich zu ihr herab, zitternd umſchloß er ſie.—„Weine nicht!“ bat er im weichſten Tone,„wie glühende Tropfen brennen dieſe Thränen auf dem Herzen; weine nicht, Mutter, ich will ruhig ſein!“ Hulda war hinausgegangen; der Auftritt ergriff all⸗ zuſehr das ſonſt gefühlvolle Kind; einſam wollte ſie über Gotthards Gram nachſinnen. Er hatte in dem trauten Famllienkreiſe Alles erzählt und als letzten beſtimmten Wunſch gusgeſprochen, eine Reiſe von ein paar Jahren in das Ausland zu machen. Kalt, ſchwarz und düſter war Alles in ihm, kein Strahl einer mildern Stimmung zeigte ſich auf ſeinem Antlitze oder in ſeinem Benehmen, während der vierundzwanzig Stunden die er im Vaterhauſe zubrachte. Erſt bei dem nicht länger zu bekämpfenden Schmerz der Mutter brach ſeine ſanftere Natur hervor; in langer ſtummer Umarmung floßen vereint ihre Thränen. 8 „Wir wollen ſie allein laſſen, Oheim!“ ſagte Her⸗ mann leiſe.„Ich habe Etwas mit Dir zu reden.“ In dem Arbeitszimmer des Doktors angekommen, begann dieſer:„Na, was ſagſt Du dazu, lieber Her⸗ 182 mann? Iſt es nicht ein elend jämmerlich Ding um unſer Leben hier? Heute Luſt und Freude, Morgen Sorge und Sturm, und kein Sturm geht über den hauslichen: Der verdammte Junge!— Habe ich doch zum Henker mein' Tage noch keine ſolche Geſchichte erlebt; oder Du Hermann?“ „Nein, Oheim, der Art nicht. Nun iſt er aber in der That zu bedauern; ja, wahrlich ſein Anblick ſchneidet mir in's Herz. Und doch hat er, wie mich dünkt, in heiden Fällen gehandelt wie nur ein Ehrenmann handeln ann.“ „So denke ich auch. Allein was kann das helfen, es will ihn ja doch Keine haben! Aber, ſiehſt Du, Her⸗ mann, Du weißt es eben ſo gut wie ich, daß ſein eigner verdammter Leichtſinn ihn ſo weit gebracht hat, und darin, dünkt mich, liegt wenig Ehre.“ „Wohl wahr, Oheim, allein es war eine Jugend⸗ thorheit. Wenn alle für einen ſolchen Fehler ſo hart buͤßen müßten, ſo wäre die Welt ſicher bedeutend ſitt⸗ ſamer; aber es gibt auch nicht viele dergleichen Opfer wie Hedda, gewöhnlich ſind es unmoraliſche, ſchwache Ge⸗ ſchöpfe, welche geradezu dem Verderben in die Arme rennen. Und dieß, Oheim,— ein ſolches Weſen zu dem gemacht zu haben, was ſie geworden, eine ſolche Schuld auf dem Gewiſſen zu tragen iſt mehr, als was ſich Gott⸗ hard vorzuwerfen hat; allein daran denkt Niemand. Sein Vergehen, obgleich es bei weitem minder unmora⸗ liſch iſt, als Hundert Andre, wird als ein Ausbund von Leichtſinn getadelt, weil es nun ein Mal mit allen ſeinen wahren und unwahren Nebenumſtänden im Munde der Leute iſt.“ „Du haſt Recht, Hermann. Fort muß er, das iſt klar. Aber was haſt Du mir denn eigentlich ſagen wollen?“. „Daß ich ihn begleiten will, Oheim.“ 1 „Was, begleiten, Du? Biſt Du denn rein oll? Haben wir denn nicht ſchon vorher genug Kummer und 183 Unruhe, daß Du jetzt auch noch kollerig wirſt! Was glaubſt Du denn, daß Hulda dazu ſagen wird? Nimm Dich in Acht, Hermann, wir ſind Beide Aerzte; aber Du als Liebhaber fiehſt nicht ſo ſcharf als ich. Denk' an meine Worte, ſie iſt zart gebaut, ſogar ſchwächlich; es braucht bei ihr nicht viel Herzensqual, ſo fällt die Roſe vom Stengel und da— da...“ Der Doktor ſprach nicht aus, aber an dem Zucken ſeiner Lippen ſah man deutlich ſeine tiefe Rührung, welche ihn am Weiter⸗ reden hinderte. „Hermann verſetzte:„Ich habe Alles geſehen, Vater und noch mehr als Du. Das Uebel, welches ihr zuweilen Schmerzen macht, für welches ſie ſelbſt keinen Namen weiß— dieß ſitzt ihr tief im Herzen.— es iſt die Trauer darüber, ſich von dem kurzen aber ſchönen Traume ihrer Jugendliebe losſagen zu müſſen.“ „Poſſen, verdammt dumme Poſſen! Sie liebt Dich und keinen Andern. Es braucht keinen beſondern Scharf⸗ ſinn um einzuſehen, daß ſie ſo treu und ſo feſt an Dich gekettet iſt, wie die Ranke an den Stamm. Ich will weiter Nichts mehr von ſolchen Dummheiten hören.“ „Nun ſo kann ich ſchweigen; aber in meinen Ar⸗ men ſoll ſie nicht dahin ſchwinden.“ „Was ſoll das heißen, Du wirſt ſie doch nicht auf⸗ geben wollen?“ „Ich habe im Sinne ihr Glück auf eine Weiſe zu gründenz wie ich es für das Beſte halte; dazu bedarf es aber vor allen Dingen Deines Beitritts, Oheim. Wir Beide lieben ſie zu ſehr, als daß wir ſo eigennutzig ſeyhn könnten, dabei an uns ſelbſt zu denken. So iſt es wenig⸗ ſtens bei mir; ſollte die Vaterliebe nicht derſelben Ent⸗ ſagung fähig ſeyn, wie ein Liebhaber?“ „Wo willſt Du damit hinaus? GSprich! Ich will mich hängen laſſen, wenn ich ein Wort von dieſem Galli⸗ mathias verſtehe.“. „Nun ſo erlaube mir, liebſter Oheim, ehe ich mit Gotthard abreiſe, Dir den Mann vorzuſtellen, welcher in 184 Hulda's Herzen lebt. Nimm ihn als Sohn auf, mache Hulda glücklich; auf andre Weiſe kann ſie dieß nicht werden.“ „Hermann, liebſter Junge,“ ſagte der Doktor mit vieler Ruhe und Sanftmuth,„Gott helfe mir in dieſem Jammerthal! aber ich glaube Du biſt nicht recht richtig im Kopfe. Zuerſt willſt Du behaupten, Deine Braut liebe Dich nicht, und doch ſieht die ganze Welt, wenigſtens alle geſcheidten Leute, daß es ſo iſt; aber nicht genug da⸗ mit, willſt Du ſie auch noch einem Andern an den Hals werfen. Liebſter Hermann, laß die Narrheiten bleiben, ſonſt wird wahrhaftig unſer liebes ſchönes Haus am Ende zum Tollhaus.“ „Oheim, liebſter Oheim, es ſind keine Narrheiten. Könnteſt Du in dem Herzen Deiner Tochter leſen wie ich, ſo würdeſt Du nicht zweifeln. Aber vergib mir, Du glaubſt blind an Alles, wovon Du einmal überzeugt zu ſeyn wähnſt, es mag nun wahrſcheinlich ſein oder nicht.“ „Na, das müßte denn doch des Teufels ſeyn, wenn wir mit einander dieſelbe Krankheit hätten, liebſter Her⸗ mann,“ erwiederte der Doktor; aber ſchnell ſetzte er hinzu und in ſeinem Ton lag Aerger und Bitterkeit:„Liebſt Du vielleicht Deine Braut nicht mehr? Deine tolle Rede könnte mich an ein Wunder glauben machen, wenn ich Dich nicht beſſer kennte.“ „Ob ich ſie nicht liebe?“ rief Hermann aus.„O, Vater, wüßteſt Du, was hier vorgeht—“ er legte die Hand auf das Herz—„ſo würdeſt Du nicht ſo fragen. Keiner, Keiner kann ſie ſo lieben wie ich, aber gerade weil meine Liebe keine Selbſtſucht kennt, ſondern ihr gern Alles zum Opfer bringt, iſt es,— ſeit dem Augenblicke, wo ich weiß, daß ihr Herz, trotz allem Anſchein von Ruhe, welchen ſie ſich gibt, den kalten Weg der Pflicht zu gehen, ihm gehöre, mein feſter Entſchluß— mein Erdenglück füͤr das ihrige hinzugeben.“ will 185 „Gut, Hermann! Wie weißt Du aber, daß dieſes auf dem Wege geſchieht, den Du einſchlagen willſt?“ Hermann machte nun ſeinem Pflegvater eine ge⸗ naue Mittheilung des ganzen Sachverhalts, und ſtützte ſich dabei hauptſächlich auf Hulda's eignes unſchuldiges Bekenntniß. „Der Schein iſt gegen ſie,“ ſagte Bundler,„dem⸗ ungeachtet bin ich gewiß, daß ſie ihn nicht will, und glaube beſtimmt, daß ſie bei freier Wahl zwiſchen Euch Beiden, Dich vorzöge.“ „Niemals, ſobald ihr Herz den Ausſchlag gäbe!“ „Hm, mich dünkt, er ſteht wie ein Kirchhofscandidat aus, der Baron.“ „Armuth und unglückliche Liebe, nebſt elner unzäh⸗ ligen Menge anderer Sorgen haben ſeine Wangen ge⸗ bleicht und den Keim einer ernſten Krankheit in ſeine Bruſt gepflanzt, allein bei der Hoffnung auf ein ſolches Glück wird er wohl wieder zum Leben erwachen, das glaube ich gewiß annehmen zu dürfen; und, ſo ſonderbar es auch lautet, ſogar wenn ſie in ein paar Jahren Wittwe werden ſollte, wäre ſie doch glücklicher als jetzt; denn dann hätte ſie das Recht, ihren Gatten zu beweinen, und dieß iſt immer ein Troſt.“ „Ach, ſolchen Troſt mag der Henker holen! Nun biſt Du rein toll, das ſey Gott geklagt, ich der einzige vernünftige Menſch in einem ganzen Hauſe voll Narren!“ — Der Dobktor fuhr mit der Hand durch ſeine dünn ge⸗ wordenen Haare; er war nie in einer ſo verzweifelten Lage geweſen. „Beſter, theuerſter Oheim, die Zeit iſt kurz; Du mußt einen Entſchluß faſſen, wodurch Ihr wenigſtens zwei glückliche Weſen um Euch habt, wenn wir fort ſind.“ „Hm, ich werde mit meiner Frau reden.“ „Unterdeſſen will ich einen Beſuch bei dem armen Baron machen.“ „Nein, nein, ſage ich; kein Wort zu ihm! Vorerſt will ich mich mit Karolinen berathen.“ 186 Am Abende, während Hermann und Gotthard ihre geheimſten Gefühle und Gedanken austauſchten und der Letztere, durch ſeine wirkſame Einmiſchung in die Ange⸗ legenheiten ſeines Freundes, zu einer Art von Leben er⸗ weckt wurde, hielt das alte Ehepaar eine lange und eifrige Berathſchlagung, deren Reſultat war, daß Karoline ihre Tochter ausforſchen und dann ihrem Manne rapportiren wollte, wie es eigentlich mit ihrem bräutlichen Herzen ausſehe. Hatte Hermann Recht, ſo... ſie ſchauderte vor der Moglichkeit, denn Hermanns düſtere, qualvolle Zukunſt lag ihr ſchwer auf der Seele; und der Gedanke, ihn zu verlieren, erfüllte ſie mit einer Bekümmerniß, welche, wie ſie tief fühlte, weder Zeit noch ſonſtiges Glück zu erſetzen im Stande war. Aber auf der andern Seite, warum ſie zu einer Seligkeit zwingen, an welche ſie ſelbſt nicht mehr glaubte? Außerdem war aber auch voraus⸗ zuſehen, daß wohl eine Zeit kommen würde, wo die in ihrem edlen, aller Selbſtaufopferung fähigen Herzen auf⸗ ſteigenden Zweifel ſie mit der Vorſtellung peinigen muß⸗ ten, daß Der, welcher ſie anbetete, unglücklich ſey; und endlich, das Letzte, daß ſie es ſelbſt werden müſſe— allein dieſer große entſcheidende Augenblick forderte nothwendig einen Beſchluß— und deßhalb ſollte, im Fall Hermann Recht hätte, Baron Silberſparre ſeinen Platz einnehmen; aber dieß fühlten beide Aeltern nur zu wohl, in ihrem Herzen würde dieſer den ewig leeren Platz ihres geliebten, hochgeſinnten Pflegſohns nie ausfüllen. „Liebe Hulda,“ ſagte die Mutter am andern Mor⸗ gen, als ſie allein beiſammen im Saale ſaßen,„haſt Du gehört, daß unſer alter Bekannter, der Baron Silber⸗ ſparre, bald wieder nach M.... zurückkommen ſoll? Ich wollte es wäre nicht der Fall.“ „Warum das, liebe Mutter? Er hat ja keine andere Heimath als bei ſeinem Schwager und der arme Baron ſcheint mir in der That eine zu bedürfen.“ „Meinetwegen überall, nur nicht hier!“— Karoline ihre der ige⸗ er⸗ rige ihre ren zen erte olle nke, niß, luck eite, lbſt us⸗ in uf⸗ uß⸗ und lein dig ann en; rem ten, or⸗ Du ber⸗ ll? dere ron line 187 legte den Nachdruck auf das letzte Wort, denn dem ſchar⸗ fen Blicke des Mutterauges war der Wechſel auf Hulda'e Wangen nicht entgangen. „Nicht hier!“ Die Befürchtung, welche ſich in den Worten der Mutter ausſprach, ließ Hulda einen Sinn vermuthen, den ſie zu errathen ſchauderte. Sie war viel zu unſchuldig und kannte ihr Herz viel weniger, als irgend Jemand von ihrer Umgebung, folglich noch minder ſie ſelbſt einſah; der bloße Gedanke, daß ihre Mutter, welche natürlich die Gefahr weit klarer erkannte, als ihr ſelbſt möglich war, ſich darüber ängſtigen könne, erfüllte ihr Herz mit bangem Zweifeln.— Abwechſelnd erblaßte und erröthete ſie. „Er hat Recht,“ dachte Karoline, drückte die geliebte Tochter an ihren Buſen und ſagte beinahe tonlos:„Ge⸗ hört Dein Herz nicht Hermann allein?“ Bei dieſen Worten, welche Hulda gleich einem Dolch⸗ ſtiche durch das Herz gingen, fuhr ſie auf, riß ſich aus den Armen der Mutter los und floh auf ihr Zimmer. Dort ſiel ſie auf die Kniee, hob die gefalteten Hände zum Himmel empor und ſagte leiſe:„O Gott, mein Gott! nur Du weißt es, nur Dir kann ich es ſagen, wie ſehr, wie innig ich liebe. Warum plagen ſie mich denn ſo, warum werfen ſie ſo gräßliche Zweifel in mein Herz, daß mein und ſein Friede darüber zu Grunde geht? O ich habe wohl geſehen, daß er mich nicht begriff, als ich ihm mein Innerſtes aufſchloß, als ich ihn meine geheim⸗ ſten Empfindungen leſen ließ, wie in einem Buche. Vater im Himmel, zerſtreue die Nacht, welche meine Seligkeit verdunkelt. Lehre mich vergeſſen— wenn es eine Suͤnde iſt, an den armen Karl zu denken!“—— 86 4½* „Nun, was haſt Du erfahren?“ fragte der Doktor mit einem eigenen unruhigen Ausdrucke, als ſeine Frau in das Zimmer trat. 188 Einen Augenblick lehnte ſie ſich ſtillſchweigend an ſeine Schulter; ſie war keines Wortes mächtig. „Hatte er Recht? Ja oder nein; Hinrichtungen müſ⸗ ſen ſchnell geſchehen!“ „Ja, er hatte Recht; all' unſere Hoffnung iſt dahin!“ „Das iſt mein Todesſtoß!“ ſagte Bundler mit trübem Ernſte; faltete die Hände über die Bruſt und blickte durch das offene Fenſter fragend zu dem Herrn des Welt⸗ alls empor,— dann folgte ein langes, düſteres Schweigen. „So laß uns denn in Gottes Namen zum Werk ſchreiten,“ ſagte er endlich und verließ das Zimmer. Er ging, um Hermann zu ſuchen und fand ihn auf der Treppe. Es bedurfte blos eines einzigen Blickes auf des Doktors Antlitz, um Hermann die Ueberzeugung zu ver⸗ ſchaffen, daß man ſeiner Anſicht jetzt Gerechtigkeit wlder⸗ fahren laſſe. Schweigend gingen ſie auf Gotthards Zim⸗ mer:„Nun?“ war Hermanns einziges Wort. „Alles wahr,“ antwortete der bliedere Bundler mit zitternder Stimme;„Alles wahr, meine Frau hat ſich Gewißheit verſchafft.“ Hermann ſtand ſtarr und blaß wie der Tod ſelbſt da. Er ſtrich ſich ein paar Mal mit der Hand über die Stirne und druückte die Augenlieder mit Gewalt zuſam⸗ men, aber nicht Ein Laut der Klage kam über ſeine Lippen. Der alte Doktor wandte ſich nach der Seite, aber Gotthard trat auf ihn zu und ſtreckte die Arme gegen ſeinen Milchbruder aus, und die Männer ſanken einander an die Bruſt. „ Unglücksbrüder!“ flüſterte Hermann—„ein Band mehr, das uns vereint.“ „Seyd Männer, meine Söhne!“ ſagte endlich der väterliche Freund und bekämpfte gewaltſam ſeine eigene Rſihrung. „Seyd Männer! Ihr habt Beide eine harte Prüfung zu beſtehen. Du Gotthard haſt die Deinige freilich ver⸗ dient. Hermann dagegen hätte eine andere Belohnung 189 verlangen dürfen. Allein aus der Entſagung, mit welcher er ſein Schickſal trägt, hoffe ich, wirſt Du mein Sohn auch die ſchwere Kunſt lernen, Dich zu beherrſchen. Wie bald kann Dein Urlaub eintreffen, mein armer Hermann?2“ „Wie bald? das weiß ich nicht. In acht oder vier⸗ zehn Tagen. Aber wir warten dieß nicht hier ab. Wie lange kann es dauern, bis Gotthards Dienſtangelegenhei⸗ ten geordnet ſind?“— Dieß ſagte Hermann mit unnatür⸗ licher, ruhiger Stimme. Doktor Bundler kannte den jungen Mann und zitterte vor den Folgen dieſer An⸗ ſtrengung. Er hätte Zorn, Schmerz, ſogar Raſerei lieber geſehen, als dieſe ſchreckliche äͤußerliche Kälte, welche ver⸗ rieth, daß ein Veſuv darunter brannte. „Von ſeinem Dienſt,“ ſagte er endlich, da er ſah, daß Hermann eine Antwort erwartete,„iſt Gotthard ſchnell frei. Ich werde es morgen auf dem Rathhauſe anmelden. Das Bürgermeiſteramt fällt freilich in die Brüche; ſey es, in Gottes Namen, ſind ſo viele andere ſchöne Hofſ⸗ nungen zu Waſſer geworden, meinetwegen auch noch dieſe! es iſt noch die geringſte.“ „Morgen Abend können wir reiſefertig ſeyn,“ nahm Hermann das Wort.„In W... wollen wir meinen Abſchied abwarten; Urlaub verlange ich keinen, das dauerte zu lang. Aber, laßt ſehen, jetzt iſt es eilf Uhr; da kann ich heute Vormittag noch mit dem Baron reden und bin bald wieder zurück. Hulda ſagt Ihr aber kein Wort, ich bitte Dich, Oheim, kein Wort; dieß muß ich ſelbſt thun, ich ſelbſt muß ihr die Sache ernſtlich vorſtellen. Leider iſt es keine Seligkeit ohne Schmerz. Ich ſehe das wohl ein, allein das Schlimme iſt minder ſchlimm, wenn, wie in dieſem Falle, nothwendig ein größeres Gut die Folge iſt. Dieſe letzte Arbeit will ich für den Nachmit⸗ tag aufſparen und dann bin ich reiſefertig.“— Er drückte ſeinem Oheim die Hand und ging feſten Schrittes aus dem Zimmer. „Und dieſen edlen, hochſinnigen Jüngling ſoll ich nicht Sohn nennen!“ ſagte der Doktor mit faſt herzzer⸗ 190 reißenden Tone.„Einem Fremdlinge, einem Menſchen, den ich weder liebe, noch lieben kann, ſoll ich mein theuer⸗ ſtes Kleinod überlaſſen! O Weiber, Weiber! Ich ſage Nichts, Gotthard, denn meine Seele iſt tief betrübt; kann aber Hulda glücklich werden, wenn ſie ihre irdiſche Selig⸗ keit durch das Opfer der Ruhe eines ſo edlen Mannes erkauft,— was meinſt Du, Gotthard?“ „Ich meine daſſelbe und bin feſt überzeugt davon, obgleich ich den Baron Karl, nächſt unſerm Hermann, für den Würdigſten halte, Dein Sohn zu werden, theuer⸗ ſter Vater. Du wirſt ihn kennen und ſeinen feſten bie⸗ dern Charakter ſchätzen lernen.“ „Meinetwegen; aber Hermanns Platz kann und wird er nun und nimmermehr ausfüllen, wenn er auch die Vollkommenhelt ſelbſt wäre.“ „Nein, leider wird er dieß nicht können! und ich fürchte, eine Verbindung, welche um ſolchen Preis er⸗ kauft wird.. Doch, Gott wolle Alles zum Beſten lenken! Wir leben in einer traurigen düſtern Zeit.“ „Ja, Gott wolle Alles zum Beſten lenken!“ wieder⸗ holte Bundler andächtig.„Das wird einen Abend geben, daß ſich Gott erbarme!— Es geht mir wie kaltes Waſ⸗ ſer über den Rücken, wenn ich nur daran denke.“ Achtzehntes Kapitel. Ihr klagt und ſeufzt, wie Tauben klagen, Dem Morgen entgegen, der ſich eurem Blick Nicht zeigt, bis ſchnell, wie bei Frühroths Tagen, Die Nacht weicht vor euren Augen zurück. Mondlichts Schimmer Vergeht in Nacht, So wird auch immer Euer gedacht; Und der Mond, des Himmels nie ſchlafender Wächter, Sieht kommen und gehen der Menſchen Weſchlechter. allin. „Gehorſamſter Diener, iſt Baron Silberſparre zu Hauſe?“ dn * 191 „Nein, Herr Doktor, er iſt vor einer Stunde ausge⸗ ritten;“ antwortete Frau von Adlerbranth und führte Hermann in den Saal. „Das thut mir leid. Ich hätte ihn gerne ſo bald wie möglich geſprochen— in einer wichtigen Angelegen⸗ heit.— Erlauben Sie vielleicht, gnädige Frau, daß ich in ſeinem Zimmer warte, bis er nach Hauſe kommt?“ „Sehr gerne, wenn Sie wollen.“— Selma machte eine Bewegung, womit ſie den Doktor einlud, in das Kabinet zu treten und verließ dann den bleichen Gaſt mit einer artigen Verbeugung. Hermann war jetzt allein; er warf ſich in einen Lehnſtuhl und zog die Uhr hervor. Unausgeſetzt heftete er die Augen auf den langſam fortſchreitenden Zeiger. Die raſtloſe Unruhe, welche ihn zu ſeinem Ziele vorwärts trieb, brannte ihm in jeder Fiber, ſeine Ungeduld ſtieg bis zu der peinlichen Höhe, als die Sekunde zur Minute, Minute zur Viertelſtunde und dieſe zur halben Stunde wurde. So lange hatte er unbeweglich geſeſſen, jetzt ſprang er auf und maß das Zimmer mit großen, laut⸗ ſchallenden Schritten. Auf ein Mal fuhr er heftig zu⸗ ſammen. Der Drücker an der Thüre bewegte ſich und als ſich Hermann umwandte, ſtand Karl vor ihm. „Ich bitte um Vergebung, Herr Baron, daß ich auf dieſe Weiſe Ihr Zimmer in Beſchlag genommen habe. Es iſt nicht ſehr zart von mir, allein ich wage zu hoffen, daß die Abſicht, welche mich hieher führt, Sie veranlaſſen wird, meine ſonſt vielleicht weniger ſchickliche Freiheit zu rechtfertigen.“ „Ich ſehe darin gar Nichts, was einer Entſchuldi⸗ gung bedürfte, Herr Doktor,“ erwiederte Karl ruhig und freundlich.„Ihr Beſuch wird mir mit jedem Mal lieber, und ich habe mich in meinem Leben Förmlichkeiten genug unterwerfen müſſen, als daß ich ein großer Freund davon ſeyn könnte.“ Die Herren ſetzten ſich. 19²2 „Ich kann Ihnen etwas Neues mittheilen, welches Sie vielleicht intereſſirt. Gotthard iſt da.“ „So? Das iſt ſchön! Wann iſt der liebe Freund gekommen?“ „Vorgeſtern Abend.“ „Schon ſo lange und ich habe ihn nicht geſehen!“ „Daran iſt ſeine Gemüthsſtimmung Schuld. Seine Reiſe hat ihn in ein Meer von Bekümmerniß geſtuͤrzt, unter welchen nicht die wenigſt bittere iſt, daß die Familie Thorſen mit ihm gebrochen hat.“ „Was! Seine Verbindung mit Hortenſe iſt zurückge⸗ gangen?“ „Ja, und er rüſtet ſich nun zu einer Reiſe in das Ausland; wahrſcheinlich wird er die Stadt ſchon Morgen verlaſſen.“ „Wahrhaftig, dieß ſind wichtige und traurige Neuig⸗ keiten. Ich will nicht ſo unbeſcheiden ſeyn, nach der nähern Urſache dieſer ſo plötzlichen Aenderung zu fragen. Vermuthlich habe ich das Vergnügen, Gotthard noch vor ſeiner Abreiſe zu ſehen. Er wird doch wohl M.. nicht auf ſo lange Zeit verlaſſen, ohne wenigſtens von Dem Abſchied zu nehmen, der ſich glüͤcklich ſchätzen würde, eine ähnliche Reiſe machen zu können, wie er ſie vor hat.“ „Sie werden ſich ſicher noch vorher treffen. Auch ich habe im Sinne, Gotthards Beiſpiel zu folgen und reiſe wahrſcheinlich mit ihm.“ „Sie, Herr Doktor? Nun, das iſt ſonderbar! Ich glaubte— ich meine gehört zu haben, Sie werden dieſen Herbſt noch ihre Verbindung feiern.“ „Ich hatte es im Sinne.“ Baron Karl wechſelte während des Geſpräches öfters die Farbe, aber bei den letzten Worten ſtieg ihm das Blut gewaltſam in das Geſicht. Kaum hörbar ſtammelle er:„Es wird alſo nicht der Fall ſeyn?“ „Wahrſcheinlich nicht.“ Ein tliches Schweigen trat ein. Beider Augen Iches reund n1ℳ Seine ürzt, milie ckge⸗ das rgen euig⸗ der fters das nelte ugen 193 waren auf den Boden geheftet, Beider Herzen klopften, daß ſie die Bruſt zu zerſprengen drohten. „Ich habe Ihnen Etwas mitzutheilen,“ nahm end⸗ lich Hermann mit merklich veränderter Stimme das Wort, „allein die Sache iſt ſehr zarter Art. Jedoch fordert es die Kürze der Zelt, ſo wie gewiſſe Verhältniſſe, daß das Zartgefühl dabei etwas auf die Seite geſetzt werden muß. Darf ich gerade heraus, ohne Umſchweif zu Ihnen reden, Herr Baron?“ Karl war, buchſtäblich geſprochen, außer Stand ſei⸗ nem Erſtaunen durch Worte Luft zu machen,— er nickte nur mit dem Kopfe. „Sie lieben noch den Gegenſtand eines kurzen Traumes; Sie haben mir ſelbſt geſagt, daß Hulda Ihnen theuer ſey, und daß das Gefühl, welches ſie in Ihrem Herzen geweckt habe, erſt mit Ihrem Leben enden werde.“ „So iſt es!“ verſetzte Karl leiſe. „Gut; auch ſie iſt Ihnen nicht abgeneigt,— und da meine Liebe nie ſelbſtiſcher Natur war, ſondern nur ihr Glück im Auge hatte, ſo glaube ich dieſes am beſten durch eine Verbindung mit einem Manne gründen zu können, welcher jederzeit die freie Wahl ihres Herzens geweſen wäre. Ich habe mit meinem Pflegvater ge⸗ ſprochen— er iſt berelt, Sie als Sohn aufzunehmen.“ Hermann ſchwieg erſchöpft. Unfähig, dieß Alles zu faſſen und gehoͤrig zu be⸗ greifen, ſtarrte der Baron vor ſich hin. Froſt und Fie⸗ berglut ſchüttelte ihn abwechſelnd. „Bin ich nicht deutlich genug geweſen?“ fragte Her⸗ mann, welcher bei der langen und ungewöhnlichen An⸗ ſtrengung unſäglich litt; er wollte ein Ende machen. „Sehr deuteih, wenn ich nicht geträumt habe;“ antwortete Karl langſam, während er Hermann ſcharf anſah. „Sie träumen nicht.“ „Nicht? Alſo gäbe es wirklich eine ſolche Großmuth, Die Milchbrüder. II. 13 194 welche mir unfaßlich ſcheint? Sie lieben Ihre Braut und wollen Sie Ihrem Nebenbuhler abtreten?“ „Ich will ihr Glück, und davor weichen alle andere Gefühle zurück.“ „Ich bewundre Sie, edler, ſeltner Mann,“ erwiederte Karl und drückte tief gerührt Hermanns Hand;„allein auch ich bin Ihrer Achtung nicht weniger werth. Seyen Sie gewiß, ich werde dieſes Opfer nie annehmen.“ „Wie? auch nicht um ihretwillen?“ „Auch nicht um ihretwillen,“ antwortete Karl mit mehr Faſſung, als er am Anfange dieſer ſonderbaren Er⸗ klärung gezeigt hatte,„auch nicht ein Mal um ihretwillen darf ich meine Ehre mit einem Schandfleck brandmarken, welchen keine Zeit abwaſchen könnte.“ „Lieben Sie denn nicht mehr ſo heiß wie früher?“ „Meine blelchenden Wangen und der Wurm, welcher an meinem Lebensfaden nagt, konnen Ihnen die Frage beffer Bſtworten, aber— obgleich Jahre nicht im Stande geweſen ſind, die Flamme der Leidenſchaft abzu⸗ kühlen, ſo haben ſie mich doch ſie zu beherrſchen gelehrt. Ich habe tief bereut, daß ich ſo ſchwach war, durch Blicke — und Worte eine Liebe zu verrathen, welche nie für den Gegenſtand derſelben zum Glücke füͤhren konnte, denn meine Stellung im Leben war damals und wird allezeit von der Art ſeyn, daß meine Ehre mir gebietet, jene ge⸗ fährlichen Gefühle im Keim zu erſticken.“ „Wenn nur dieß Sie zu der Verwerfung meines Anerbietens veranlaßt, ſo erlauben Sie mir die Bemer⸗ kung, daß Ihr Stolz Sie die Sache aus einem falſchen Geſichtspunkte betrachten läßt. Wenn jeder Mann, wel⸗ cher kein Vermögen beſitzt, dazu verdammt wäre, ehelos zu leben, ſo müſſen Sie ſelbſt zugeben, daß ein ſolches Verhältniß höchſt unſelige Folgen mit ſich führen würde.“ „Keine unſeligeren, als das Eingehen von einer Menge ungleicher Verbindungen, wozu entweder blinde Liebe, Eigennutz oder Leichtſinn die Triebfedern waren. Um mit dem Weibe unſerer Wahl glücklich zu ſeyn, iſt — t und indere ederte allein Seyen l mit Er⸗ villen arken, 2 elcher Frage t im abzu⸗ lehrt. Blicke r den denn Uezeit ee ge⸗ teines emer⸗ — lſchen wel⸗ helos Alches erde.“ einer linde aren. „ iſt 195 erforderlich— das weiß ich jetzt— daß unſere Vernunft unſere Liebe billigt. Bei mir kann dieſer Fall nie ein⸗ treten, ſelbſt wenn ich unwürdig genug dächte, ein Opfer znzunehmen, welches aber ein Mann von Ehre und Ge⸗ fühl nicht annehmen darf.“ „Sie verſchmähen es alſo, eine geliebte Braut aus der Hand ihres Pflegebruders, ihres beſten, treueſten Freundes anzunehmen?“ fragte Hermann, und die Glut auf ſeinem Geſichte zeigte deutlich, daß ſeine Ungeduld gereizt war. „Mißverſtehen Sie mich nicht!“ bat Karl ſchmerzlich bewegt.„Ich möchte Sie ſo gern als Bruder an mein kämpfendes Herz druͤcken, möchte gern Ihrer Achtung würdig ſeyn und Ihnen die Ueberzeugung ſchaffen, daß auch ich mich auf dieſelbe Höhe zu ſchwingen vermag, wo unſere Gefühle ſich begegnen— zu männlicher Ent⸗ ſagung.“ Im nächſten Augenblicke lagen die edelmüthigen, uneigennützigen Nebenbuhler einander in den Armen. Treuer und feſter ſchloß ſich nie Bruſt an Bruſt, dieſe Stunde blieb ihnen unvergeßlich im Leben und im Tode. „Hermann, mein Bruder, mein Freund,“ ſagte Karl, „jetzt mißverſtehſt Du mich nicht mehr.“ „Nein, Karl, das thue ich nicht;„ich ehre hoch Deinen zarten Stolz, Dein feines Gefühl; allein hier, glaube mir, hier ſind ſie am unrechten Platz. Mußt Du, um jenen zu gentgen, Dein eigenes, ja noch mehr, ihr Lebensglück und am Ende noch meinen Wunſch, meine letzte Hoffnung zerſtören? Ich bin ſo lange mit dem Ge⸗ danken umgegangen, ihr Glück zu gruͤnden, und Du machſt durch Deine Weigerung meine künftigen Lebens⸗ tage noch bitterer, als ſie ſonſt wären. Wenn Du ſie alſo liebſt, Wenn Du meine Bitten irgend einer Rückſicht werth häliſt, ſo wirf nicht von Dir, was ich Dir biete. Du darfſt es glauben, wärſt Du nicht ein Mann, den ich als meiner höchſten Achtung würdig berrachte, ſo haͤtte 196 ich Dir niemals, ſelbſt nicht um Hulda's willen, dieſen Vorſchlag gemacht.“ „Mein edler Hermann, ſo will ich dieſem Allem nur die einzige Gewiſſensfrage entgegenſetzen: Würdeſt Du, im Falle ich Dir dieſes Anerbieten gemacht hätte, daſſelbe angenommen haben? Ich beſchwöre Dich um unſrer Beider Ehre halber, rede wahr!“ Hermann ſchwieg einen Augenblick, mit unſäglichen Gefühlen kämpfend; aber die Stimme der Wahrheit, welche ſich mächtig in ſeiner Bruſt regte, antwortete: „Nein!“ und endlich ging auch das Wort, obgleich mit Widerwillen, über ſeine Lippen. „Siehſt Du,“ rief Karl aus;„jetzt iſt das Urtheil geſprochen. Schwach konnte ich ſeyn, aber Gott ſey Dank, ein ſchlechter Menſch bin ich nicht; und mein Herz ſoll nach wie vor unbefleckt bleiben. Es wird nicht mehr lange währen, Hermann, ſo wirſt Du ſehen, daß..“ „O ſchweig' davon,“ ſiel ihm Hermann in das Wort. „Unglückskameraden alle Drei, wollen wir zuſammen reiſen, vereint in Freundſchaft und Einigkeit des Lebens Kampf durchkämpfen als Männer. Oder verſchmähſt Du auch Das, biſt Du auch zu ſtolz, das anzunehmen, oder richtiger, mit mir die zufäͤlligen Vortheile zu theilen, deren ich mich ohne eigenes Zuthuͤn erfreue, und welche für mich keinen Werth haben, wenn ich nicht einem Freunde da⸗ mit helfen kann?“ „Nein Hermann, hier wäre der Stolz, wie Du ganz richtig ſagſt, am unrechten Orte. Von Keinem in der Welt würde und könnte ich Etwas dergleichen annehmen, dieß weißt Du; allein von Dir, den ich ſo hoch achte, kann ich es ohne Erröthen, und werde Dir unausſprech⸗ lich dankbar ſeyn für die Erfüllung eines ſo lange ſchon gehegten Wunſches.“ „Gut alſo, Karl; nun laß uns ſchelden, ich muß jetzt nach Hauſe. O, welch bitteres Werk ſteht mir dort noch bevor! Leb' wohl, Bruder! Morgen bin ich bei Dir. Schreibe unterdeſſen um Deinen Abſchied oder 197 Urlaub nach W..; es iſt ziemlich weit von M..dort wollen wir ſämmtlich unſere Papiere abwarten.“ Gerade wie Hermann die Thüre öffnete um zu gehen, kam des Doktors Diener, mehr fliegend als gehend, und reichte Hermann ein Billet. Aber ehe wir über deſſen Inhalt reden, wollen wir ſehen, wie die Sachen im Bundler'ſchen Hauſe ſtehen. Die Menge verſchiedener Empfindungen und Gefühle welche bei Gotthard in den letzten Tagen ſo gewaltig angeregt worden waren, hatten ſeinem Geiſte wieder eine gewiſſe Federkraft verliehen, die ihm ſeine innerliche Pein minder fühlbar machte; dieß ſoll ſo viel heißen: durch die Theilnahme an äußerlichen Dingen wurde ſie in ge⸗ wiſſem Grade eingeſchläfert. Um ſich darin noch mehr zu beſtärken, beſchloß er, ſeine Vorbereitungen zur Reiſe zu machen; er legte kräftig Hand an das Werk und ließ ſeinen und Hermanns Koffer in das Zimmer ſeines Milch⸗ bruders tragen, wo er eine Generalmuſterung über Alles zu halten anfing, was mitgenommen werden ſollte. Da⸗ durch entſtand natürlich ein gewaltiges Hin⸗ und Her⸗ laufen, denn Gotthards Eifer, welcher ihm nie erlaubte, auch nur die kleinen Nothwendigkeiten im Leben mit Ruhe und Gleichmuth zu beſorgen, wurde durch ſeine gereizte Stimmung noch geſteigert, deßhalb gab es oben einen Lärm und ein Getöſe, das man in Hulda's Zimmer, welches bekanntlich unten lag, deutlich hören konnte und mußte. Ohne gleichwohl den eigentlichen Grund davon einzuſehen, kam ſie doch mit ihrer Ahnung der Wahrheit ziemlich nahe und ward ihrer Sache um ſo gewiſſer, je mehr ſie ſich von dem ungewöhnlichen Hin⸗ und Her⸗ ſchleppen der vielen Reiſeerforderniſſe überzeugte. Ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, eilte ſie hinauf in das Zimmer ihres Bräutigams. Hier ſtanden alle Thüren offen; beinahe athemlos blieb Hulda auf der Schwelle ſtehen, als ſie Hermanns Reiſekoffer mitten im Zimmer, alle Schubladen offen und Gotthard in ſolcher Haſt und 198 Emſigkeit aus und einpacken ſah, als gälte es eine Flucht vor dem anrückenden Feinde. „Es iſt Recht, daß Du kommſt, liebe Hulda,“ rief ihr Gotthard entgegen und dachte an Nichts, als an ſein gegenwärtiges Geſchäft;„Du kannſt mir bei dem Aus⸗ einanderleſen dieſes Meeres von Allerlei helfen. Der Henker weiß, was er mit der ganzen Maſſe von Kleidern will— ſie ſollen alle mit, was doch gewiß ganz un⸗ nöthig iſt.“ „Was ſagſt Du, Gotthard? Hermanns Klelder; wo ſollen dieſe denn hin?“ „Ei, in die Koffer, liebe Schweſter! Du ſiehſt ja, daß ich alle Hände voll zu thun habe! „Aber was hat denn Hermann vor? er wird doch wohl nicht reiſen wollen?“ „Allerdings will er das, liebſte Schweſter! Er be⸗ gleitet mich nach Deutſchland, Frankreich, Italien und der Himmel weiß, wo wir all' noch hinkommen werden— jedenfalls verlaſſen wir unſer eiskaltes Heimathland, wo unſere Gefühle entweder zum Tode erdrückt werden oder zu Eis erſtarren müſſen.“ „Faſelſt Du, Gotthard?“ fragte Hulda; aber ihre Stimme zitterte nicht; ihr ganzes Weſen ſchien plötzlich verwandelt und es beſtätigte ſich abermals der Satz, daß in außerordentlichen Fällen, wo das ganze Wohl oder Wehe des Lebens auf dem Spiele ſteht, auch bei dem weichſten und blödeſten Weibe ſich ſchnell ein Muth, eine Kraft und eine Entſchloſſenheit, eine Klarheit der Ge⸗ danken und ein Scharfblick entwickelt, daß in ſolchen Fällen nicht ſelten der Mann zurückſtehen muß. Vielleicht liegt der Grund dazu in dem Umſtande, daß jene Eigen⸗ ſchaften das Eigenthum des ſtärkern Geſchlechts— näm⸗ lich Derer etwa, welche wirklich damit ausgerüſtet ſind— dieſem ſo gewöhnlich werden, wie ein paar gute Brillen⸗ gläſer ihrem Träger. Brille und Träger ſind gewiſſer⸗ maßen unzertrennlich, aber durch die Gewohnheit, ſich jener zu bedienen, verringert ſich der Vortheil für das 199 Auge immer mehr von der Zeit an, wo wir zuerſt da⸗ von Gebrauch machten. „Faſelſt Du, Gotthard?“ fragte Hulda und trat näher.„Hermann will reiſen? Wann iſt denn das aus⸗ gemacht worden? Er hat mir ja noch kein Wort davon geſagt.“ „Ach, es iſt ja auch wahr!“ ſagte Gotthard und wurde über und über roth; Du ſollteſt es erſt nach Tiſche erfahren. Es iſt dumm, daß Du da herkommſt und die Sache vorher entdeckſt; Hermann ſorgt Dir aber für einen guten Erſatz.“ Gotthard fühlte wohl, wie un⸗ edel er handelte, da er ſo ſchonungslos einer Sache er⸗ wähnte, von welcher ihm ſein Freund zu reden verboten hatte, aber er dachte, wenn Hulda dieſen hintergehen und mit der Liebe und Treue eines edlen Mannes ſpielen kann, während ihr Herz einem Andern gehört, ſo ver⸗ dient ſie keine Schonung. Auf dieſe Weiſe kam Gott⸗ hard, in Folge der Macht des gewöhnlichen Egoismus dazu, ganz und gar ſein eigenes Verhältniß zu vergeſſen, oder es doch von einem andern Geſichtspunkte aus an⸗ zuſehen. Hulda ſah wohl, daß ſich Gotthard in einem gereizten Zuſtande befand, ließ ſich aber nicht abſchrecken.„Welchen Erſatz kann mir Hermann für dieſen Kummer bieten?“ fragte ſie herzlich, aber ernſt. „Hm, denk' ſelbſt darüber nach, ſo wirſt Du ſchon auf das Rechte kommen.“ Hulda erröthete heftig und ſchlug plötzlich die Augen nieder; als ſie dieſelben aber wieder erhob und ihren Bruder anſah, lag ein ſo innig bittender Ausdruck darin, daß er ihren Blick kaum ertragen konnte.—„Beſter Gott⸗ hard, wenn Du mich jemals nur ein wenig geliebt haſt, ſo ſey aufrichtig gegen mich! Vielleicht läßt ſich die Reiſe noch hintertreiben; ſprich, ich beſchwöre Dich; ich ahne ein Mißverſtändniß. „Gebe Gott, daß es ſo wäre! aber— Du haſt ja Hermann mit eigenem Munde bekannt, daß das Bild X * hielt, 200 Deines frühern Liehhabers neben dem ſeinigen in Deinem Herzen lebe; heute Morgen hat die Mutter aus der Unter⸗ redung mit Dir das Nänliche ſchließen müſſen— ſpricht dieß Alles nicht hinlänglich dafür? Aber er, der edle, hochſinnige Mann, welchem Du Treue verſprochen haſt, will ſein Recht nicht weiter geltend machen und bietet die Frucht ſeines Abſchiedsgabe.“ 7” dieſe Gabe... 2“ ſtammelte Hulda in höchſter „Deine erſte Jugendliebe, Karl Silberſparre. Her⸗ mann hat die Einwilligung des Vaters erwirkt und iſt eben bei dem Baron, um ihn von ſeinem Glücke in Kenntniß zu ſetzen.“ „Gott im Himmel! Iſt es denn möglich, daß Men⸗ ſchen einander dergeſtalt mißverſtehen können; daß Herzen, durch die innigſte Hingebung vereint, ſich mit Gewalt von einander losreißen wollen?— Sie flog zum Schreib⸗ tiſche, warf ein paar Linien hin und ſchickte ſie eiligſt in Kapitän Adlerbranths Wohnung, zur unverzüglichen Ueber⸗ gabe in Doktor Dahls Hände. Nachdem dieß geſchehen war, ſchloß ſie ſich in ihr Zimmer ein; ſie wollte allein ſeyn, um allen weiteren Erklärungen auszuweichen, bis ſie mit Hermann ſelbſt geſprochen haben würde. Dieſer hatte inzwiſchen, im Augenblick wo er Karl verließ, das Billet erhalten. Auf der Treppe erbrach er es und las mit einer Aufregung, welche nicht mit Worten geſchildert werden kann, folgendes: Ang „Mein Hermann! Ich weiß Alles. Haſt Du bereits mit dem Baron geſprochen, ſo beſchwöre ich Dich, entweder mündlich oder durch dieſes Billet zu widerrufen, was Du ihm ver⸗ ſprochen; denn ſo gewiß ich nur Dich liebe, und nur aus kindiſcher Unerfahrenheit Karls Bild mit dem Deinigen verwechſelte und mein Gefühl gegen ihn für eine Sünde qualvollen Streites der Geliebten zur was doch in der That nicht war, wahrend ich nun 201 mit Gewißheit weiß, daß nicht Liebe, ſondern nur Ein⸗ bildung jenes mir vorzauberte— ſo gewiß iſt es auch, daß mein Herz bricht, wenn Du mich aufgibſt. Thue dieß nicht, Hermann, laß mich mit Dir leben und ſterben. Verlaß nicht Deine Hulda.“ Hermann ſprang die Treppe hinab und ſlog mehr als er ging durch die Straßen zwiſchen Kapitän Adler⸗ branths und ſeines Vaters Hauſe. „Wo iſt ſie? wo iſt ſie?“ fragte er Gotthard, welcher ihm auf der Treppe begegnete. „Auf ihrem Zimmer, wo ſie Dich erwartet, Her⸗ mann, ich glaube faſt, man hat Dich in April geſchickt; doch, wer kann ſich auf Weiber verſtehen?“ Hermann hörte Nichts; er eilte an ſeinem Freunde vorüber und blieb erſt vor der Thüre ſeiner Geliebten ſtehen. Sie hatte auf jeden Ton gelauſcht und ſeine An⸗ kunft ſchon vernommen; mit hochklopfendem Herzen zog ſie den vorgeſchobenen Riegel hinweg. Im nächſten Augen⸗ blicke war Hermann in dem Zimmer und Hulda lag in ſeinen Armen. Hulda kam zuerſt wieder zu ſich. „Alſo dieſes Opfer, dieſes höchſte Opfer haſt Du mir bringen wollen, Du Liebling meiner Seele!“ ſagte ſie endlich;„und wenn es geſchehen wäre, weißt Du, daß Deine edle Verblendung uns Beide in tiefes, bodenloſes Elend geſtürzt hätte? Denk' Dir, Hermann, wenn ich es erſt dann erfahren haben würde, als es ſchon zu ſpät war!— Gleichwohl, zu ſpät oder nicht zu ſpät, ſchwöre ich Dir bei dem Allmächtigen, der mich hört und ſieht, daß ich Karls Hand nie angenommen hätte. Ich habe ihn hoch und theuer geliebt, dieß kann und darf ich Dir jetzt offen geſtehen; allein dleſe hohe, lebendige Achtung, dieſen innigen, wohlthuenden, ſtillen Seelenfrieden, welchen nur Du mir zu geben vermochteſt und zwar in ſolchem Grade, daß meine erſte Liebe gleichſam verdunſtete oder —— 8— — — 202 in eine neue Form mit dem Gefühle, welches Du mir eingeflößt haſt, zuſammenſchmolz, dieſer ſo nach und nach ſich entwickelnde Zuſtand hat noch nie ſo klar vor meinem geiſtigen Auge geſtanden, als in dem Momente, wo die Gefahr, Dich verlieren zu können, den letzten Schleier wegriß, welchen die Einbildung uͤber melne vorigen Empfin⸗ dungen gedeckt hatte. Da ſah ich ein, daß es nur krank⸗ hafte Phantaſien waren, die mich quälten. Sieh', Her⸗ mann, ich wußte, wie ſehr ich Dich liebte, und konnte mich doch mit Porſtellungen plagen, welche mein ganzes Weſen mit Unruhe und Angſt erfüllten, und wenn ich Dir meine innerſten Gedanken anvertrauen wollte, ver⸗ mochte ich dieß nicht mit der Klarheit, daß Du vollſtändig begreifen und faſſen konnteſt, was in meinem Herzen vorging. Aber nun, ſeit meine frühere Schüchternheit und Angſt auf unbegreifliche Weiſe verſchwunden iſt, nun kannſt Du klar in meiner Seele leſen, daß Du mein Leben biſt, mein Alles! und daß Du Deine eigene Schöpfung nicht von Dir werfen kannſt, ohne ſie ganz und gar zu vernichten.“ Sie ſchwieg, aber ihre ſanften blauen Augen, in denen Kriſtalltropfen funkelten, ſahen vertrauensvoll zu ihm auf. Ein einziger Blick auf ſein Antlitz überzeugte ſte von ihrem Siege. „Mich, mich allein, ansſchließlich mich liebſt Du! O meine Hulda, Du Hälfte meiner Seele! Ich bin kein Ungläubiger, ich glaube Dir; denn ſo wie jetzt haſt Du noch nie geſprochen, ſo wie jetzt haben Deine Augen nie auf mir geruht. Ich fühle jetzt, daß der Himmel auf die Erde niederſteigen kann und wir ſeine glücklichſten Kinder find.“ „Nun, Hermann, die Koffer ſind gepackt,“ ſagte Doktor Bundler, während er mit freudeſtrahlenden Blicken und freier, klarer Stirne eintrat. Der Biedermann hatte zum erſten Male in ſeinem Leben gelauſcht, aber es lag ihm am Herzen, zu wiſſen, wie dieſe ſonderbare Geſchichte zuſammenhing. 203 „Hörſt Du Nichts, Hermann? Ich ſchreie mir ja die Lunge aus; Alles iſt in Ordnung! Gotthard hat alle Deine Sachen eingepackt.“ „Wie, die meinigen?“ entgegnete Hermann endlich halb träumend und reichte ſeinem Vater die Hand, wäh⸗ rend ſein anderer Arm die Geliebte umſchlungen hielt. „Ja, die Deinigen! Willſt Du denn nicht mit Gott⸗ hard nach Deutſchland reiſen?“ „So ferne ich nicht vor lauter Seligkeit geradewegs in den Himmel fahre, liebſter Vater,“ verſetzte Hermann und ſah Hulda tief in die ſtrahlenden Augen,„ſo reiſe ich kein Haarbreit weiter als mein Urlaub von Dieſer da lautet. Packt nur in Gottes Namen meinen Koffer wieder aus, aber ein Reiſegefährte für Gotthard iſt den⸗ noch da— unſer edler Karl reist ſtatt meiner mit ihm.“ „Gott ſey Dank, ſo iſt Alles, wie es ſoll!“ fiel der Doktor herzlich froh ein.„Jetzt laßt uns aber zur Mutter eilen, ſie vergeht vor Angſt, während wir in Luſt ſchwel⸗ gen. Kommt, ſie hat den nächſten Anſpruch darauf, die Freude mitzugenießen, welche die glückliche Loſung des Mißverſtändniſſes uns Allen bereitet. ls ſich das un⸗ ruhige Schwanken gelegt hatte, welches immer die Folge einer Aufregung der Gefühle iſt, mögen ſie froher oder trauriger Art ſeyn, ſagte Hulda und wandte ſich mit größter Herzlichkeit an Alle, vornämlich aber an Her⸗ mann: „Da es heute der letzte Abend iſt, wo wir für eine lange, ungewiſſe Zeit unſern guten Gotthard noch bei uns haben, ſo laßt uns auch ſeinen Reiſegefährten bitten. Karl wird großen Werth auf dieſes Wohlwollen von unſrer Seite legen und das mag ihn überzeugen, daß Alles ſo iſt, wie es ſeyn muß. Er reist dann ruhiger und wir können ebenfalls zufriedener von unſern Reiſen⸗ den ſcheiden und inniger für ſie beten; denn wir haben ſie als Brüder in unſerm freundlichen Kreiſe vereint geſehen.“ 3„So ſey es!“ rief Hermann aus!„dieß allein fehlte noch.“ Er flog fort und kam nach einer halben Stunde mit Baron Silberſparre zurück, welcher zu viel Edel⸗ muth und Selbſtbeherrſchung beſaß, als daß er nach Her⸗ manns Mitthellung ſich hätte weigern können, der Ein⸗ ladung zu folgen. Im Gegentheil ſehnte er ſich nach dem einzigen Glüͤcke, was ihm noch werden konnte, nach dem Glücke, Hulda die Hand als Bruder zum Abſchied drücken zu dürfen, und in ihrem Thränenblick ein Gebet für ſein Wohlwollen zu leſen. Alles bewillkommte den Gaſt mit aufrichtigem, herz⸗ lichem Wohlwollen; denn Hermann hatte ſeinem Pfleg⸗ vater ein paar Worte über ſein Zwiegeſpräch mit dem Baron in die Ohren geflüſtert; dieſe Worte waren wäh⸗ rend Hermanns Abweſenheit wie ein Lauffeuer durch die Familie gegangen und hatten ihr eine Achtung für den Baron eingeflößt, welche ihm Alle auf die unverkennbarſte Weiſe zu beweiſen ſich bemühten. Mit dem innigſten Wohlwollen, doch ohne die bange Verlegenheit, welche ſich früher ſo oft in ihrem Weſen kund gegeben hatte, reichte Hulda dem Baron die Hand.— „Wie freut es mich, wie aufrichtig freut es mich, Sie wieder zu ſehen, beſter Baron Silberſparrel Ich hoffe, es ſoll ein huͤbſcher Abend werden, und die Erinnerung daran wird ſowohl uns, als auch Denen, die jetzt in fremde Länder reiſen, um einem neuen Leben entgegen zu gehen, ein ſchönes Andenken, ein Feſt der Erinnerung ſeyn.“ Auch des Barons Gemüth wurde durch die freund⸗ liche, ungeſuchte Art, mit welcher ſich Alles um ihn be⸗ mühte und welche doch ſo voll zarter Achtung war, noch mehr beruhigt. Selige Stunden verbrachte er in dieſem Kreiſe guter, liebenswürdiger Menſchen; je weicher ſein Herz wurde, je inniger er ſich mit ihnen vereint fand, deſto minder bitter waren für ihn die Anſtrengungen, ſich zu beherrſchen, bis endlich dieſe Nothwendigkeit faſt durch⸗ 205 aus verſchwand und ſein ganzes Weſen ſich in ſtillen Frieden auflöste. Am andern Nachmittage kam Karl, nach einem herz⸗ lichen und dankbaren Abſchiede von Schwager und Schwe⸗ ſter, in das Bundler'ſche Haus, von wo aus unſere fah⸗ renden Ritter ihren Zug beginnen ſollten. Hulda brach von ihrem hübſchen Roſenſtöckchen für Jeden eine Blume, nebſt einem Zweige von dem Myrthenbäumchen, welches in Kurzem ihren Brautkranz liefern ſollte. Gotthard ſteckte ſeinen Straus in ein Knopfloch; der Baron barg den ſeinigen an einer beſſern Stelle und er folgte ihm durchs Leben und in das Grab. Der Abſchied war ſchmerzlich; er breitete ſich wie ein düſterer Schleier über die ſtille Freude der Familie, am meiſten aber empfand die liebende, fromme Karoline ſeinen fortwährenden Einfluß. In W erwmarteten die Freunde Karls Urlaub; ſo⸗ bald dieſer anlangte, zeigten ſie zu Hauſe ihre Abreiſe an. Achtzehntes Kapitel. Oft wird Jahrelang gerochen Was der Augenblick verbrochen. Tegnér. Er iſt wie ein Mädchen ſo ſchlank und ſo fein— Ich glaube am Ende er ſchnürt ſich gar ein! Carlésn. „Nein, das iſt zu ärgerlich!“ rief die Amtmännin Thorſen aus, während ſie mit flatterndem Shawl aus einem Zimmer in das andere ſegelte, beſah, ordnete, tadelte und ihre Suite von Dienſtboten auszankte.„Unter allen Titeln in der ganzen Chriſtenheit, gibt es doch keinen ärgerlichern und ſchauerlichern als„Kammerjunker.“ 206 dampfte in aller Ruhe ſein Pfeifchen. denn nicht meine Verlegenheit an, ſo oft ich einen Befehl oder eine Auskunft über irgend eine Einrichtung in den Zimmern geben muß. Ich kann doch nicht ſagen: Hier ſoll meine Tochter, die Frau Kammerjunkerin, wohnen. Das geht ein für alle Mal nicht an: und recht und ſchlecht zu ſagen: meine Tochter iſt Nichts weiter, als Frau Weſtellt, das iſt doch auch hart; faſt unerträglich iſt es aber, wenn man eine Tochter verheirathet und keine weitere Ausſicht hat, als daß ſie bei ihrem erſten Beſuche im älterlichen Hauſe noch nicht ein Mal Frau Kammer⸗ herrin heißen ſoll.“ „Kammerherrin lautet eben ſo närriſch; es ſchadet übrigens gar nichts,“ meinte der Amtmann,„wenn dieſe ohne den Wirth gemachte Rechnung andern Müttern, welche ihre Töchter um jeden Preis verheirathen wollen, zur Warnung diente, wenigſtens ſo lange damit zu war⸗ ten, bis man den erſehnten Schatz, den prächtigen Titel, wenigſtens in der Hand hat. Aber dieß iſt alles Lapperei gegen das Andere. Ein ſolches Papiermännchen! Pfui Teufel, es überläuft mich, wenn ich nur daran denke!“ „Aber, lieber Freund, was das Papier betrifft, brauchſt Du Dich nicht ſo gewaltig zu ereifern. Du biſt ja ſelbſt ein Papiermann, von Kopf bis zu Fuß in Dei⸗ nen Akten verſchanzt.“ „Und Du biſt eine Gans, Luiſe.— Es waͤre gar kein Schade, wenn Dein Herr Schwiegerſohn von Gegen⸗ ſtänden umgeben wäre, die einem ehrlichen Kerl anſtehen, aber ich glaube, er ſieht in ſeinem ganzen Leben kein Papier, außer wenn er einmal auf die Kanzlei geht. Pfui Teufel! ſage ich noch ein Malz denn ich meine, buchſtäblich geſagt, der Kerl ſieht aus, als wenn er von Poſtpapier gemacht wäre und umpurzeln müßte, wenn ihn Einer nur anbläßt.“ „Du biſt aber auch gar zu empfindlich, lieber Thorſen,. „Weßhalb?“ fragte der Amtmann ganz ruhig und „O wie magſt Du noch fragen! Merkſt Du mir und mir efehl den Hier hnen. und als glich keine uche ner⸗ adet dieſe ern, len, var⸗ itel, erei fui e!“ ifft, biſt Dei⸗ gar en⸗ en, ein ht. ne, on un en. 207 Weſtelli iſt ein charmanter, junger Mann, hat Ton und Lebensart, Talente, Kenntniſſe und Hoffnung auf Beför⸗ derung. Und da auſſerdem Hortenſe Gefallen an ihm“ „Was Teufels, Gefallen an ihm? Du“— Dabei ſchlug der Amtmann die Doppelthüre mit ſolcher Kraft zu, daß es durch das ganze Haus ſchallte,— Du ſollteſt Dich ſchämen, Luiſe, mit ſo Etwas zu kommen. Seit einem ganzen Jahre haſt Du das arme Kind mit Deinen rührenden Vorſtellungen bearbeitet.“ „Vorſtellungen? Ja, dieß war meine Pflicht, als ich ſah, wie ſie verbleichte und abnahm,— von Trauer und Gram über den Taugenichts, Deinen liebwertheſten Favorit, Herrn Bürgermeiſter Bundler, der wie ein Narr im Lande herumzog und freite, überall einen Korb bekam und endlich auſſer Land reiſte, um ſeine Schande zu ver⸗ bergen. Ja, das wäre Etwas geweſen...“ „Halt's Maul, Weib!“ fuhr der Amtmann mit einer Donnerſtimme auf.„Einen Mann, wie Gotthard, einen ſo geſchickten Juriſten und ſo fleißigen, braven Kerl findet man nicht leicht. Du haſt doch nicht im Sinne, wiin Michimpengenicht von Kammerjunker neben ihn zu ellen?“ „Nein, Gott ſey Lob und Dank, das wlll ich nicht,“ antwortete die Amtmännin beleidigt.„Ich ſetze mehr Werth auf meinen Schwiegerſohn, und wird er nur bis zum nächſten Jahre Kammerherr,— dieß kann ihm nicht fehlen— ſo.. „So bleibt es doch in alle Ewigkelt ein Haſenfuß,“ polterte der Amtmann dazwiſchen,„und an Hortenſes un⸗ glücklicher Zukunft biſt Du Schuld, Du haſt ſie mit dem fließpapiernen Geſellen, einem Kerl mit einem Körper ohne Seele, in den Nothſtall der Ehe hineingetrieben, denn Du haſt ſo lange gebrummt und gekeiſt, bis es uns Beiden am Ende ſo verleidet wurde, daß wir Dir Deinen unverſtändigen Willen thaten.“ „Gott bewahre, gezwungen habe ich ſie nicht, ſie hat freiwillig Ja geſagt.“ 208 AAllerdings, allein was haſt Du für Mittel gebraucht? Zuerſt mußte ſie nach Stockholm reiſen, um ſich zu zer⸗ ſtreuen und den gerechten und natürlichen Kummer zu vergeſſen, was aber, Trotz dem, nicht der Fall war. Das war das erſte Unglück und ich habe mir vorzuwerfen, daß ich aus reiner Schwachheit meine Einwilligung dazu gegeben habe. Dann kam das zweite Elend in Geſtalt von Weſtelli dazu, ein affektirter Herr Regierungsſekretär, der auf ſo anmuthige Weiſe ſeine Angeln ausgeworfen hat, daß er einer empfindſamen Mama natürlich den Kopf V verrücken mußte— als nämlich die erſten Spekulationen auf zwei Gardelieutenants an meinem Widerwillen gegen Militärs geſtrandet war. Das dritte Unglück kam von dem verdammten Kammerjunkerspatent, unter deſſen Aegide der Eigner im nächſten Frühjahre auf die Freierei kam und Deine Augen mit all' den Titeln blendete, welche noch nachkommen würden, ohne daß es Dir einſiel, in Betracht zu ziehen, ob er auch nur im Geringſten Ver⸗ dienſte beſitze. Nein, bewahre! dieſe beſaß er in Deiner Einbildung in hohem Grade, alle ſammt und ſonders. Nun ja, das iſt jetzt vorbei, ich will nicht aufs Neue daran denken; aber ſoviel ſage ich, dieß ewige Zanken und Keifen, Dein Zureden und Deine Klaglieder, im Verein mit der Trauer darüber, den braven Gotthard als Eidam verloren zu haben, was auch Deine Schuld war, haben mein Haar grau gefärbt und mir das Herz ge⸗ brochen. Nachdem Du endlich Hortenſen ſo weit gebracht hatteſt, daß ſie bei der Gleichgültigkeit und Abgeneigtheit, welche ſich nach dem Bruche ihrer erſten Verlobung gegen alle Männer zeigte, erklärte, es ſey ihr einerlei, was für Einen Du ausſuchen wolleſt, im Falle ſie durchaus hei⸗ rathen müſſe, da wurde auch ich der Sache überdrüſſig, und, um nur Ruhe zu haben, that auch ich Etwas, das ich mir in Ewigkeit nicht verzeihen kann, ich ſagte: Mag es in Gottes Namen ſeyn, wie ſie ſelbſt will. Ich haͤtte dieſe Worte aber nie ausſprechen ſollen, ſie ſind mir ſeit⸗ dem immer wie der letzte Federzug an einem Todesurtheil vorgekommen.“ 209 „Ach, ich weiß recht wohl, woher alle die ſchreck⸗ lichen Bedenklichkeiten kommen. Der geſtrige Brief von M... hat Dich verſtimmt.“ „Gar nicht,— vielmehr hat er mich erquickt. Mein alter Freund, der Doktor, ſchreibt, daß Gotthard in ſei⸗ nem letzten Brief gemeldet habe, die jungen Männer wür⸗ den auf den Herbſt heimkommen. Beide verlangt es nach der heimiſchen Erde, und der Baron, deſſen Geſundheit ſich in den zwei erſten Jahren ſcheinbar gebeſſert hatte, iſt nun wieder ſehr weit herunter gekommen, ſo daß dieß einen Grund mehr abgibt, nach M.... zurückzukehren, ehe der arme Mann ſeine Reiſe in das noch, unbekannte Land antritt. Die Tour war indeſſen auch lang genug. Im Herbſte werden es gerade drei Jahre, daß ſie Schwe⸗ den verlaſſen haben, und Gott weiß, wie ſehr ich mich ſehne, Gotthard wieder an mein Herz zu drüͤcken. Wird er dann nicht Burgermeiſter, obgleich mir der Alte, deſſen Amt bisher noch immer ein Rathsherr verſieht, trotz ſei⸗ nes zähen Lebens, doch auf dem jetzten Loche zu pfeifen ſcheint— ſo ſteht ihm Forshälla offen und ich will es, zum Dank für die Freude, ihn bei mir zu haben, dahin bringen, daß ihm der Vorſitz bei dem Wintergerichte übertragen wird.“ „Was, ihn, den— den.... dieß wäre wirklich Deine Abſicht? Ich denke, Dein Schwiegerſohn ſollte Dir doch wohl der Nächſte ſein?“ „Pah, das verſtehſt Du nicht. Da könnte ich ehltz den Lidner dazu brauchen, der würde ſich noch beſſer anſtellen, als der Herr Kammerjunker. Nebenbei hat die Sache noch allerlei Hacken, welche, außer dem erſten und weſentlichſten, ſich nicht ſo vorrechnen laſſen, daß Du ſie begreifſt. Da wir übrigens auf Lihner zu ſpre⸗ chen kommen,— Du mußt ihn nicht ſtets ſo comman⸗ diren und anfahren, als ob er ein Dienſtbote wäre— im Gegentheile iſt er mein älteſter, beſter und zuverläßig⸗ ſter Schreiber. Die gute Seele wird von Jahr zu Jahr dunner und durchſichtiger; indeſſen hängt er doch Gottlob Die Milchbrüder. I. 14 210 noch immer zuſammen, und ich habe mich ſo ſehr an ihn gewöhnt, wie er ſich an den immer noch ſogenannten neuen Schlafrock, den ihm Hortenſe vor vier Jahren zu Weihnachten gemacht hat. Keiner verſteht mich ſo gut und geht mir ſo trefflich an die Hand, wie Lidner, keiner bringt mich ſo oft auf mein Lieblingsthema, auf Gott⸗ hard und deſſen Brauchbarkeit; keiner ſieht es ſo gut ein, daß mit dem Kammerjunker..... Bei dieſen Wor⸗ ten ſah der Amtmann auf, um durch einen recht bär⸗ beißigen Blick ſeiner Aeußerung in Betreff Lidners den gehörigen Nachdruck zu geben,— befand ſich aber zu ſeiner großen Verwunderung allein; die Frau Amtmännin hatte ſich bei dem erſten Worte von dem alten Schreiber, dem allergleichgültigſten Gegenſtande für ſie, ohne Wei⸗ teres empfohlen, um ihre Zeit beſſer anzuwenden; und mit leichterem Herzen ſchloß der Amtmann:„Ja, ja, ſo iſt's, Niemand ſieht beſſer ein, als Lidner, wie wenig mein Herr Schwiegerſohn zu einem ernſten Geſchäfte zu brauchen iſt; ich glaube, mein eignes Vaterherz leidet nicht mehr bei dieſer Verbindung, als er. Hortenſe war die Luſt ſeiner Augen, die Freude ſeines Herzens. Wenn ſie ſein Leben verlangte, gäbe er es willig für ſie hin. Ehrlicher Lidner! Du biſt noch Her Einzige, welcher ſeinen alten Herrn verſteht und verſtehen kann, nachdem alles Andre vorbei— ab und todt iſt.“ Der Amtmann holte einen tiefen Seufzer, legte die Pfeife weg und ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken. Er war nicht mehr der ſtarke, kraftvolle Mann, welcher er vordem geweſen. Die Trauer über den Verluſt ſeiner ſchönſten Hoffnungen, im Verein mit dem Podagra, dem Eigenſinn und dem ewigen Zanken ſeiner Frau, welche beide Eigenſchaften in bedeutendem Maße zugenommen hatten, ſeit ſie nach dem großen Auftritte nach der Bade⸗ reiſe den größern Theil des Hausregiments an ſich zu reißen wußte,— dieſes Alles zuſammengenommen hatte das Feuer und das kräftige Leben in ſeinem Innern ziemlich gedämpft. Indeſſen war er noch immer der 211 Mann, um mit einem Blitz aus ſeinen ſcharfen Augen, oder mit dem Tone ſeiner tiefen Baßſtimme ſeine Ehehälfte zum Schweigen zu bringen, wenn ſie auf ein Thema kam, welches ihm nicht gefiel. Es war in der Mitte des Juni; in acht Tagen erwartete man den Kammerjunker Weſtelli mit ſeiner jungen Frau aus Stockholm. Auf Johanni war das Jahresfeſt ihrer Verbindung. Inzwiſchen verging ein Tag um den andern, die Reiſenden ließen immer noch Nichts von ſich hören oder ſehen. Das Staatszimmer war ſchon wenigſtens zehnmal ausgekehrt und abgeſtäubt und Alles ſpiegelblank. Alle Kälber, welche die Amtmännin ſchlach⸗ ten ließ, wurden eines um das andre entweder ver⸗ zehrt oder in die Stadt zum Verkauf geſchickt, ohne ihre eigentliche Beſtimmung zu erfüllen, Kuchen wurden ge⸗ backen und vertrockneten, wurden abermals gebacken, um auf's Neue zu vertrocknen. Lidner lag Tag und Nacht mit ſeinem Netze draußen und fing Fiſche, aber jederzeit mußten ſie eingeſalzen oder gedörrt werden. Die Amt⸗ männin verzweifelte, der Amtmann machte bedenkliche Geſichter, Lidner ſeufzte und bat innerlich den lieben Herrgott, daß doch dem lieben, guten Frau'chen kein Unglück möge zugeſtoßen ſeyn; an den Kammerjunker ſchien er nicht zu denken. Lidner hatte ſeine Eigenheiten; und da er zu ſeinen Andachtsſtunden juſt die wählte, wo er mit ſeinen Netzen beſchäftigt war, ſo mußten die Stoß⸗ ſeufzer für Hortenſe's Gatten zu dem großen Loche hingus geplumpt ſeyn, während die für die junge Frau ſelbſt nebſt den Fiſchen im Netze zurück blieben. Während man zu Forshälla beſtändig neue Zurü⸗ ſtungen zum Empfange des jungen Paars machte, wollen wir nachſehen, was dieſes für einen Weg ge⸗ nommen hat. Sie hatten zu beſtimmter Zeit Stockholm verlaſſen. Hortenſe ſaß aull, in ernſte Gedanken verſunken, in der einen Wagenelle; der Herr Kammerjunker in ſeinem 212 Staubmantel und einem grünen Flor vor den blöden—— Augen war in der andern halb eingeſchlafen. Gleichſam aus einem langen Traume erwacht, wandte ſich Hortenſe an ihren Gemahl.„Was ſagſt Du zu der Ausſicht, Weſtelli? meinſt Du nicht auch, daß ſie einige Aehnlichkeit mit der Gegend von Forshälla hat?“ „Ja wohl, mein Engel, prächtig;“ und ohne aufzu⸗ ſehen, drückte ſich der Kammerjunker tiefer in die Ecke, um noch bequemer zu ſitzen. Bald gab ein harmoniſches Schnarchen der jungen Frau zu erkennen, daß ihr Ehe⸗ herr eingeſchlafen war. Hortenſe ſah mit einem Blick auf ihn— mit einem Blick, wie ihn nie ein Mann in dem Auge ſeiner Gattin gerne ſieht; dann beugte ſie ſich nieder und ſpielte mit einem Kreuze, welches ſie an einer Kette um den Hals trug. Sie beſchäftigte ſich ununterbrochen damit, denn beſtändig fielen neue Thränen auf das Kreuz, welches ſie immer wieder mit dem Taſchentuche abwiſchte. Arme Hortenſe!— Sie war verheirathet worden, wie ſo viele andre Mädchen, welche mit dem Verluſte des geliebten Gegenſtandes zugleich auch alle Hoffnung und alles Zutrauen auf weiteres Glück verlieren und eine gewiſſe Gleichgültigkeit für Alles, eine Muthloſigkeit an⸗ nehmen, welche ſie verhindert, ihre Freiheit und Gerecht⸗ ſame als Weib auf die Länge zu vertheidigen. Gegenüber einer Mutter, wie die Amtmännin Thorſen, war dieſes aber überhaupt auch keine leichte Sache; vielleicht gab auch Hortenſe am Ende nur deßhalb nach, um den ewi⸗ gen, peinlichen Vorwürfen und Vergleichungen zu ent⸗ gehen, welche ihr das Herz zerreißen mußten, und mit tiefem Schmerze zwar, doch zugleich wieder mit einer ge⸗ wiſſen Beruhigung, vertauſchte ſie den vorher ſo friedlichen und lieblichen Himmel des Vaterhauſes mit der wechſeln⸗ den Temperatur des Eheſtands. Was ihren Mann betrifft, ſo braucht es wohl keiner weitern Zeichnung von ihm, als die ſchon aus dem Geſpräche des Amtmanns und ſeiner Frau abzunehmen 213 iſt. Er gehörte zu den Tauſenden von Geſchöpfen, von welchen ſechzehn auf das Duzend gehen, und die im Bauſch und Bogen genommen werden, da ſie einander ſo gleich ſind, daß man ſie nicht einzeln aufzuzählen braucht, nicht einmal in Bezug auf ihr Aeuſſeres, denn daß ſie alle pomadirt ſind, ſich ſtreng nach der neueſten Mode kleiden, Locken und Schlafmützen auf dem Kopfe und ſtets die nämlichen Phraſen auf der Zunge tragen — verſteht ſich von ſelbſt. Als ſich Hortenſe ausgeweint hatte, wozu es ihr nicht an Zeit fehlte, denn der Kammerjunker ſetzte ſich nie in große Unkoſten in Bezug auf Artigkeiten gegen ſeine Gattin, ſeit ſie einmal ein Paar waren, ſtiegen bei ihr mancherlei Gedanken anf, welche vorher nur dunkel in ihrem Innern gelegen hatten, und bildeten eine Art von Brücke, über welche ſie Schritt für Schritt alle Möglichkeiten durchging, bis ſie am Ziele ſtand; ſobald ſie dieſes erreicht hatte, fuhr ein wunderbares Leben in die vorher ſo niedergeſchlagene Hortenſe, denn beinahe mit der ganzen, friſchen, lebhaften Lebendigkeit, welche ſie früher auszeichnete, zupfte ſie ihren Mann am Arme. „Weſtelli, lieber Mann, wachſt Du? Ach, ſchlaſ' doch nicht ewig, liebes Männchen, ich will mit Dir plaudern.“ „So, mein Täubchen?“ ſtöhnte der Kammerjunker gähnend.„Nun, was willſt Du denn? Ich lag juſt ſo da und dachte über politiſche Verhältniſſe nach, aber um Deinetwillen will ich die Sache auf die Seite legen, obgleich ich nahe daran war, dem Gegenſtand gehörig auf den Grund zu kommen. Was haſt Du? Es iſt aber auch verteufelt heiß! Meine Augen, welche ich als Student durch anhaltendes Nachtwachen ruinirt habe, gehen bei dieſer Sonnenhitze vollends zu Schanden!“ „Ja, ja, mir geht es beinahe eben ſo,“ erwiederte Hortenſe und bedeckte haſtig ihre rothgeſchwollnen Augen, „und deßhalb, liebſter Weſtellt, bin ich gerade auf den Gedanken gekommen, daß die Reiſe doch etwas zu lange dauert und zu anſtrengend werden möchte, wenn wir nicht 214 einen Halt machen, um auszuruhen. Was meinſt Du, wenn wir in einer hübſchen, angenehmen Gegend ein paar Raſttage hielten? Das würde Dir ſehr gut thun. Deine Geſundheit war ohnedem in den letzten Monaten nicht die feſteſte.“ Wenn auch Hortenſe bei dieſem Vortrage den Beweis lieferte, daß ſie in Bezug auf Erfindungsgabe nicht aus der Art ihrer Mutter geſchlagen ſey, kurz, daß ſie, wie hundert andre Evastöchter, den leichteſten und geradeſten Weg zu wählen verſtand, ſo lag doch nichts Schlimmes darin. Hortenſe war ein liebenswürdiges Weib, allein durchaus nicht ohne alle Fehler:— dieſe Eigenſchaft findet ſich ſehr ſelten. „Ach, Du biſt ein Engel, die beſte Frau von der Welt!“ verſetzte der Kammerzunker, im höchſten Grade vergnügt.„Wo ſoll es ſeyn? Ich habe gar nichts dagegen, mich einige Tage lang meinen Gedanken in Ruhe zu überlaſſen, meine vielen Geſchäfte laſſen mir ſonſt ſelten Zeit dazu.“ „Sieh' einmal her, lieber Mann,“— Hortenſe rollte eine Karte auseinander—„hier liegt Karlſtad, wo wir hin müſſen. Nun meine ich aber, wir ſollten, ſtatt den nächſten, vielleicht auch beſſern Weg, auf welchem wir ſind, einzuhalten, den andern über Dahlsland nehmen. Dort finden wir himmliſch ſchöne Gegenden und an elner gewiſſen Stelle liegt zwiſchen hohen Felſen ein Landgut mit einer entzückenden Umgebung. Dorthin laß uns gehen, ich habe das ſehnſüchtigſte Verlangen, ein Frauen⸗ zimmer wieder zu ſehen, welches dort wohnt. Ach, lieb⸗ ſter Weſtelli, laß uns das thun!“. „Das iſt ja aber ein ſchrecklicher Umweg, liebe Hortenſe. Wir nehmen ja eine ganz andre Richtung.“ „Was thut das? Wir haben ja Zeit und Mittel dazu; warum ſollten wir uns nicht einen Genuß ver⸗ ſchaffen, der uns eben ſo viel Vergnügen macht, als die Reiſe ſelbſt?“„ „Ach, was dieß anbelangt, ich bliebe recht gerne — ——᷑—ͦ—O—˖ᷣ˖VVOʒ⸗:B:’y y„y:·—ͤ’;—„ 215 auf meinem Zimmer ſitzen, wenn das Reiſen nicht zum guten Ton gehörte; allein man muß in Allem den Mit⸗ telweg wählen.“ „Ja, aber es gehört auch zum guten Ton, Etwas mehr als nur Schweden geſehen zu haben,“ bemerkte die junge Frau; ich wundre mich in der That darüber, daß ein ſo kenntnißreicher und aufgeklärter Mann noch nicht einmal einen Theil des Bruderreichs geſehen hat. Wenn Du nur Luſt dazu hätteſt, ſo würde ſich dieß jetzt ganz herrlich machen laſſen, denn Skogeborg, wohin ich gern möchte, liegt nur eine kleine Tagreiſe von Fredrikshall, und Du mußt doch wirklich zugeben, beſter Weſtelli, daß man einiges Recht hat, ſich daruͤber zu verwundern, daß Du mit Ausnahme einer Dampfbootexekurſion nach Kop⸗ penhagen, in Deiner Studentenzeit, noch niemals über die Gränze von Schweden hinaus gekommen biſt. Fange damit an; im nächſten Jahre können wir eine größere Reiſe, allenfalls nach Deutſchland, oder ſonſt irgend wo⸗ hin machen.“ „Du haſt nicht ſo Unrecht, mein Engel. Ich bin wirklich noch nie auf den Gedanken gekommen; jetzt aber, wo dieß der Fall iſt, ſehe ich die Nothwendigkeit ein. Alſo ſey es beſchloſſen, wir machen eine Reiſe nach Nor⸗ wegen— gerade nicht ſo weitläufig— nur ſo, daß man ſagen kann, man ſey dort geweſen. Ich werde ein ge⸗ höriges Tag⸗ und Notizenbuch führen, um Alles zu behalten, was vorkommt.“ „Wie danke ich Dir für Deine Güte, lieber Weſtelli. Von Karlſtad ſchreiben wir nach Forshälla, daß die Eltern uns nicht vor Johanni erwarten dürfen.“ Hortenſe und ihr Gatte ſchrieben Beide und ent⸗ ſchuldigten die Verzögerung auf das Freundlichſte. Allein in Folge der vielen Geſchäfte, Gedanken und Zerſtreuungen des Kammerjunkers trug es ſich zu, daß der Brief, ſtatt auf die Poſt zu kommen, auf ein paar Minuten in den Reiſeſack geſteckt wurde, wo er dann auch richtig liegen blieb;z denn auf dem Wege nach der Poſt begegnete ihm 216 ein alter Bekannter, der ihn zum Frühſtück einlud. Da ging es munter zu und während man verſchiednen Flaſchen Madeira und Portwein den Hals brach und alte Geſchich⸗ ten in erneuerter Form auskramte und belachte, verging die Zeit— der Brief wurde vergeſſen, bis er ſich ein paar Wochen ſpäter in Forshälla bei einer großen Mu⸗ ſterung der Reiſeeffekten gelegentlich wieder vorfand. · — Zwanzigſtes Kapitel. Zeigt ſich der Glückliche mir, ich vergeſſe die Götter des Himmels Aber ſie ſtehen vor mir, wenn ich den Leidenden ſeh!⸗ Schiller. Etwa Nachmittags drei Uhr, am 9. Juni, fuhr der Wagen des Kammerjunkers Weſtelli in den Hof von Skogeborg und hielt an der Treppe. Eine magre Geſtalt mit eingefallnen Augen, ſchlep⸗ pendem Gang und gekreuzten Armen kam den Reiſenden entgegen. Es war der alte Klinting; ein nagender Her⸗ zenskummer hatte ihn mehr gebeugt, als die Jahre; ſein Blick ruhte forſchend auf den Fremden. „Sie kennen mich nicht mehr, beſter Herr Klinting,“ begann Hortenſe mit dem ſanften, lieblichen Tone, deſſen ſie ſo vollkommen mächtig war, wenn ſie ein Herz ge⸗ winnen wollte,„und wahrhaftig, ich kenne Sie auch faſt nicht mehr. Ich hieß früher Hortenſe Thorſen; nun bin ich verheirathet und hier iſt mein Mann, Kammerjunker Weſtelli. Auf einer Reiſe nach Norwegen begriffen, konnte ich unmöglich an Skogeborg vorüber reiſen, welches mir, obgleich ich früher kaum ein paar Minuten da zugebracht habe, doch ſtets unauslöſchlich im Gedächt⸗ niſſe blieb.“ „Ja, ja, das glaube ich wohl; Sie hatten Urſache, Da den ch⸗ ng ein U/ 217 es nicht zu vergeſſen, liebe Frau. Die Zeiten haben ſich gewaltig geändert. Haben Sie die Güte, einzutreten, meine Herrſchaften. Obgleich mein Haus ein Trauerhaus geworden iſt, ſo ſoll doch Niemand ſagen, daß er in Skogeborg nicht freundlich aufgenommen worden ſey.“ Hortenſe erkannte den luftigen, hübſchen Saal wie⸗ der, mit den blühenden Fliederbüſchen vor den Fenſtern, allein vergeblich ſpähte ihr forſchender Blick nach der Thüre, aus welcher damals die reizende Sängerin mit der Guitarre im Arme gekommen war. Alles war jetzt ſtill, ihr Ohr vernahm keinen Laut, weder von einer welblichen Stimme, noch von einer Guittarre. Hortenſe blieb lauſchend ſtehen; nicht der leiſeſte Tritt ließ ſich hören. „Beſter Herr Klinting,“ ſing die zunge Frau faſt bange an,„wo iſt Ihre Nichte, die liebenswürdige Hedda? Um ihretwillen bin ich hergekommen, eine heimliche Sehnſucht hat mich zu ihr gezogen. Wo iſt ſie ½“ „Gott ſegne Sie für Ihre herzlichen Worte,“ ant⸗ wortete der Greis und drückte Hortenſe freundlich die Hand.„Auch ſie hat ſich nach Ihnen geſehnt, von Ihnen geträumt und phantafirt. Es iſt gut, daß Sie kommen, etwas ſpäter hätten Sie ſie vergeblich geſucht. Meine Hedda, das fromme Kind war zu gut für dieſe Welt; ſie iſt auch bereit, in eine beßre uͤberzugehen, wenn der Herr ruft, und er wird nicht mehr lange auf ſich warten laſſen.“ Der greiſe Klinting ſprach mit all' der Ergebenheit, welche die Folge lang genährter Vorſtellung von einem unabänderlichen Uebel bei einem chriſtlichen Sinne iſt. Hortenſe weinte.„O laſſen Sie mich ſie ſehen,“ bat ſie;„aber, beſter Herr Klinting, vorher bitte ich Sie noch um ein Zimmer für meinen Mannz er iſt müde und bedarf der Ruhe.“ Hortenſe fühlte die ganze Pein ihrer Lage, einem Manne anzugehören, den ſie auf ſein Zimmer zur Ruhe ſchicken mußte, wenn ſie ganz ungeſtört ſeyn wollte. Den 218 Charakter ihres Gatten, vorausgeſetzt, daß er einen hatte, konnte ſie freilich nicht umändern, und Sentimentalitäten, wie er es nannte, waren Etwas, was ſtets ſeine Lachluſt weckte, oder ſeine widerwärtigen und ärgerlichen Anmer⸗ kungen hervorrief; deßhalb wollte ſie in dieſem Falle ihn lieber los ſeyn.“ Der Kammerjunker fügte ſich gar nicht ungern in den Wink ſeiner Gattin. Der Wirth führte ihn alsbald in ein Gaſtzimmer, und nachdem er dort mit gutem Appetit ſeinen warmen Kaffee verzehrt hatte, legte er ſich auf's Ohr, um ſeinen Gedanken ordentliche und ver⸗ nünftige Audienz zu geben, was ihm am Beſten im Schlafe gelang. Hortenſe war im Saal zurückgeblieben und horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf den Fußtritt des Alten. Sie legte leiſe ein unnöthiges Kleidungsſtück nach dem andern ab, Mantel, Hut, Unterhaube, Hand⸗ ſchuhe, Schirm u. ſ. w. Alles lag in einem Haufen auf dem Tiſche; ſie war fertig und wartete unter heftigem Herzklopfen auf die Einladung zu der Kranken. Klinting war zu ihr gegangen, um ſie auf Hortenſes Beſuch vor⸗ zubereiten. Nach einer peinlichen Viertelſtunde kam der Greis mit dem Ausdrucke ſtiller Freude anf dem Geſichte wieder.—„Gott ſey Lob und Dank, daß ihr Wunſch erfüllt worden!“ ſagte er langſam.„Wie wunderbar ſind die Wege der Vorſehung! Ihr Gebet hat Sie hie⸗ hergeführt; Sie verlaſſen ſie nun nicht mehr, nein, dieſen Kummer bereiten Sie ihr nicht; ſie hat nur noch wenige Tage zu irdiſcher Freude übrig.“ „Ach, wie gerne will ich dieſe bei ihr blelben!“ er⸗ wiederte Hortenſe herzlich.„Wir wollen ſehen, wie wir es machen. Kommen Sie, beſter Herr Klinting; laſſen Sie uns keinen Augenblick verſäumen!“ Sie gingen auf die andre Seite des Gebäudes. Klinting öffnete ein kleines Vorgemach.—„Hier ſind ihre Zimmer. Ich laſſe Sie hier allein, damit Sie ungeſtört mit einander ſprechen können.“ Damit zeigte er e zuru thum ſah! ſchön Aust heral Erſte lang der In nach ause nebſt geack mach 8 * 219 er auf eine angelehnte Thüre und zog ſich langſam zurück, wie er gekommen war. Auf den Zehen nahte Hortenſe dem ſtillen Heilig⸗ thume, wo ihre edle Nebenbuhlerin ſchlummerte. Sie ſah beſtändig die ſchlanke, hohe Geſtalt mit den bleichen ſchönen Zügen, dem geduldigen, anziehenden, fanften Ausdrucke vor ſich, wie ſie, die Beleidigte, ſich zu ihr herabbeugte und die freundlichen Troſtesworte zu ihr, der Erſtaunten, ſprach, welche nicht damals, ſondern erſt lange hinterher, erfuhr, wie viel Hedda litt, wie ſehr ſie der höchſten Achtung, Theilnahme und Liebe würdig war. In Hermanns Brief an den Amtmann, welchen jener nach Gotthards Abreiſe ſchrieb, waren dieſe Verhältniſſe auseinandergeſetzt, um den letzten Entſchluß ſeines Freundes nebſt ſeiner Veranlaſſung zur Reiſe dem alten, ſo hoch geachteten, väterlichen Freund gehörig anſchaulich zu machen. Hortenſe blieb an der Thüre ein wenig ſtehen, um ſich zu ſammeln; ſte war ſo heſtig und mannichfach an⸗ gegriffen, daß ſte die Hände gewaltſam gegen das Herz preßte, um gleichſam deſſen heftigen Schlag zu hemmen. Endlich öffnete ſie langſam und trat über die Schwelle. Ein leiſes, aber durchdringendes„Ach!“ entfuhr ihren Lippen. Mächtig ergriff ſie der Gedanke an den Tod, deſſen Sinnbilder überall im Zimmer umher ſtanden; den mächtigſten Eindruck auf ſie aber machte der Anblick des ſchon halb verklärten Weſens, das mit einem Lächeln zu ihr herſah, welches einem Friedensgruße des Himmels an die Erde glich. Hedda, das edle, entſagende, hochgeſinnte Weib, welches ſo manchen bittern Streit im Leben durchkämpft hatte, ſie, deren Kinderjahre, Jugendzeit und reiferes Alter nur verblühende Roſen, umhullt von Diſteln und Dornen, getragen, deren Stacheln ihr tief in das Herz gegangen waren— ſie ſtand nun endlich am Ziele, an dem einzigen, nach welchem ihre Seele verlangte, ſeit ſie ſich von all' den Banden losgemacht hatte, welche ſie —— 220 an den Staub ketteten. In ihrer Bruſt brannte jetzt nur noch die reine Flamme einer höhern Liebe. Sie hatte geliebt, gelitten, gekämpft und entſagt; müde ließ ſie jetzt ihr Haupt ſinken, um das ſtiefmütterliche Erden⸗ leben gegen jenes auszutauſchen, welches wir in der Ferne durch den Dunſtkreis der Ahnung ſchauen; dahin zog ſie ihr Verlangen, wo die Wiedervergeltung uns erwartet und überſchwänglicher Friede herrſchet in Ewigkeit. Jenes letzte Zuſammentreffen mit Gotthard hatte Hedda außerordentlich angegriffen. Sie mußte alle Selbſtbeherrſchung aufbieten, um in dem Streite zu ſiegen, in welchem Liebe und weibliche Schwäche, gleich mäch⸗ tigen Feinden gegen ihr wahrhaft feines Gefühl, gegen ihren verwundeten Stolz, gegen ihre Vernunft und feſte Ueberzeugung von Recht und Unrecht auftraten. Die letzte ging indeſſen als Siegerin vom Wahlplatze. Allein dieſer Augenblick, reich an unendlichem Schmerz durch eine auf ewig dahingegebene Hoffnung auf irdiſches Glück, brach ihr auch das Herz. Der Moment der Trennung ſchwebte lange wie ein ſchwarzer Punkt über ihrem Leben; ſo wie er nach und nach lichter ward und ſich in einen ſchwach leuchtenden Schimmer auflöste, zog auch ein ſtechender Schmerz durch ihre Bruſt und zehrte ſo lange an dem wankenden Lebens⸗ faden, bis dieſer endlich, faſt aufgerieben, nur noch durch die mächtige Kraft des Geiſtes den Staub und die edleren Theile zuſammenhielt. Geduldig, wie ſie ſtets geweſen, litt Hedda die körperlichen Qualen und bemühte ſich, durch die heilige Macht der Religion, im Vereine mit der Hoffnung und dem Vertrauen, welche in ihrer eignen, ſtarken Bruſt lebten, Troſt in das ſchwerbetrübte Herz ihres Oheims zu gießen. Allmählig, denn ihr Uebergang ging durch ein langſames, jahrelanges Dahinſchwinden vor ſich, hatte ſie auch die Zufriedenheit, zu ſehen, wie der Greis ge⸗ duldig die Hände faltete und ſich mit Ergebung in den Willen des Herrn fügte. Seine einzige, feſtbegründete Uein urch luck, ein und den urch ens⸗ urch eren die lige und ruſt ims irch atte ge⸗ den dete 221 Hoffnung war die Ahnung einer baldigen Wiederver⸗ einigung. Im Lauf des letzten halben Jahrs hatte Hedda bei⸗ nahe das Bett nicht verlaſſen können und jede nieder⸗ gehende Sonne zog ihren Blick vertrauensvoller zu dem Wttrnſähurſer empor,— vor welchem ſie bald ſtehen ollte. Weiß wie eine Lilie, mit den kalten Thautropfen der Nacht beſprengt, lag ſie, als Hortenſe eintrat, auf einem Ruhebette, auf ein Polſter zurückgelehnt. Hortenſe ſchluchzte laut und beugte ſich, unfähig zu ſprechen, zu der bleichen Dulderin herab, auf deren Stirne ſich die Thränen der theilnehmenden Freundin mit den Thauperlen des Todes⸗ ſchweißes vereinigten. „O Hedda, Hedda! Du gehſt von hinnen, ich ſehe es,“ flüſterte endlich Hortenſe;„und wenn Du tief unter dem grünenden Raſen gebettet biſt, daun hat er keine, gar keine Hoffnung mehr für dieſe Welt. Armer Gott⸗ hard!“ und doppelt floßen ihre Thränen. „Ja, trauern ſoll er um mich,“ erwiederte Hedda leiſe, „aber nicht ſo heftig, nicht ſo leidenſchaftlich, wie in frü⸗ heren Tagen. Er iſt jetzt in einer neuen Schule geprüft, in der Schule des Kummers und der Entſagung. Er hat zu ertragen gelernt. Auf meinen Verluſt war er lange vorbereitet; aber er hatte noch einen andern zu überwin⸗ den.“— Hedda's Blick weilte mit ſchmerzlichem, aber zärtlichem Ausdrucke auf Hortenſe. „O, der Schmerz war Nichts gegen den, welcher ihn jetzt erwartet,“ verſetzte Hortenſe und legte ihre glutbe⸗ deckten Wangen an Hedda's leichenblaſſes Geſicht. „Und doch,— könnte ich nur ſterben, gleich Dir; wie viel ſeliger wäre dieß, als ſein ganzes Leben mit lächelndem Geſichte hinzuſchleppen, während das Herz vor Qual brechen will! Ach Hedda! wie ſchwer iſt oft das Loos der Frauen! Um ſich zuweilen eine eingebildete Ruhe zu ſchaffen, vertauſcht man ein kleineres Uebel gegen ein größeres und nun wird das ganze Leben ein 222 fortgeſetztes Bemühen, ſich in die Umſtände zu fügen, welche ſich nicht mehr ändern laſſen.“ „Arme Hortenſe,“ verſetzte Hedda;„nie beklage ich Dich; ohugeachtet Deiner vielen herrlichen Eigenſchaften geht Dir doch eine ab: der Muth, Dich durch eigne Kraft uͤber all' die unbedeutenden, kleinlichen Berechnungen zu erheben, welche unter dem Scheine von Zärtlichkeit bei Dir Eingang fanden, bis Du endlich nachgabſt und für eine ungewiſſe, eingebildete Hoffnung auf Ruhe das ganze Glück Deiner Zukunft opferteſt, welches ſchon ſo ſchöne Knospen getrieben hatte! Du armes, gutes Kind, haſt zu ſchnell Deine eigne Hoffnung aufgegeben; aber ich ehre Deinen Vorſatz,— er iſt des edlern Weibes würdig,— wenn der Würfel ein Mal gefallen iſt, treu ſeine Pflicht zu erfüllen und ſich in die Entſagungen zu fügen, welche die neue Wendung des Lebens von Dir fordert.“ Erſchöpft ſchwieg Hedda. Hortenſes einzige Antwort waren reichliche Thraͤnen, welche unaufhaltſam floßen; es war fuͤr Beide ein Genuß, ihrem ſtummen Schmerz ſo Luft zu machen. Schmeichelnd ſtrich Hedda mit ihrer abgemagerten Hand über die brennende Stirne der jungen Frau.— „Vergib mir, wenn ich zu aufrichtig geweſen,“ flüſterte ſie;„aber auf der Gränze zwiſchen zwei Welten, wie ich jetzt ſtehe, verſchwinden alle die Formen, welche ſo oft eine Scheidewand zwiſchen den Herzen bilden, die dafür geſchaffen ſind, einander zu verſtehen; und daß die unſri⸗ gen dieſes ſind, theure Hortenſe, fühlten wir Beide wohl bei dem erſten Zuſammentreffen, obgleich gerade dieſe Formen uns damals trennten. Was war es denn Anderes, als die Macht der Sympathie, welche beſtändig meine Gedanken zu Dir zuruͤck führte? Und was Anderes als dieſe konnte Dich vermögen, Deinen Gatten zur Neiſe nach Skogeborg zu uͤberreden? Gute, beſte Hortenſe, unfäg⸗ lich hat es mich verlangt, noch ein Mal mit Dir zu reden; beſſer— wenn es fruher geſchehen wäre, doch 223 glücklich— daß mir dieſe letzte Freude doch noch wurde! Wie lange darf ich Dich behalten?“ „Ich weiß dieß nicht, Hedda; allein ich will es ver⸗ ſuchen, ob ich Weſtelli bereden kann, ſeine Tour nach Norwegen allein zu machen. Ich denke, er wird mir dieſe meine erſte Bitte nicht abſchlagen, damit ich ein paar Tage bei Dir bleiben kann.“ Der Kammerjunker gab den rührenden Thränen und flehentlichen Bitten ſeiner Gattin nach, und am andern Morgen reiste er allein ab, mit dem Verſprechen, erſt in acht Tagen wieder zu kommen, um ſeine Frau zu holen, welche indeſſen ſich ganz und gar ihrer leidenden Freundin widmen konnte. Die erſten Tage war Hedda ſchwächer als ſonſt; das Wiederſehen und das ungewohnte viele Sprechen hatten ihre Kraͤfte ſehr in Anſpruch genommen; ſie war faſt immer ſtill, obgleich aus ihren Blicken das Glück ſtrahlte, dieſes freundliche und liebend ſorgende Weſen um ſich zu haben. Am vierten Tage, gegen Abend, wollte ſie verſuchen, ſich ein wenig im Bette aufzuſetzen; mit gewohnter ſorg⸗ licher Hand machte ihr Horenſe die Kiſſen zurecht. „Ich will mit Dir ſprechen, Liebe,“ ſagte Hedda mit matter, jedoch deutlicher Stimme;„Ich fühle, es iſt mir nun beſſer.“ Hortenſe zog ihren Stußl näher; ihr Herz klopfte hörbar; ahnend horchte ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Hedda wollte gewiß von Gotthard reden und Hortenſe be⸗ trog ſich nicht. „Das letzte Jahr,“ begann die Kranke,„iſt trotz Allem doch das ſchönſte meines Lebens geweſen. Alle übrigen haben mehr oder minder den Stempel des harten Geſchicks getragen, welches mich von der Wiege an ver⸗ folgt hat, aber ſeit ich den letzten Kummer, die freiwil⸗ lige, nothwendige Trennung von Ihm überwunden habe, ſeit der Zeit iſt in dem Maße, wie körperliche Qualen an meinem Lebensfaden genagt haben, ein Friede, eine Se⸗ 224 ligkeit, eine Hoffnung in meine Bruſt eingezogen, welche ich nicht gegen das höchſte irdiſche Glück vertauſchen möchte. Indeſſen iſt mir auch dieß letztere in dem ver⸗ floſſenen Jahre in ſo reichem Maße zu Theil geworden, daß mir kein fernerer Wunſch übrig bleibt. Vor länger als einem Jahre ſchrieb ich an Doktor Dahl, Gotthards Milchbruder. Ich wollte ihn wegen meiner Geſundheit um Rath fragen und zugleich,— warum ſollte ich es läugnen?— Erkundigungen über den Mann einziehen, welcher mir unvergeßlich iſt. Die Antwort war der ſchönſte Beweis ſeines edlen Herzens, ſeiner unwandel⸗ baren Freundſchaft: er kam ſelbſt. O welches Feſt! Dort auf dem Sopha, wo jetzt meine Guitarre ſtumm liegt, dort ſaß er. O wenn Du ihn geſehen hätteſt, Hor⸗ tenſe, wenn Du die ſchönen kraftvollen Worte des Tro⸗ ſtes und der Theilnahme gehört hätteſt, welche ſeinen Lippen entſtrömten! So wie Hermann gibt es wenige Männer; wie glücklich muß ſie ſein, dieſe Hulda, welche er ſo unausſprechlich liebt, und von welcher er mit einer Empfindung, in einer Sprache ſpricht, welche man ſonſt von dem ernſten, von aller Schwärmerei freien Manne gar nicht zu hören gewohne iſt. Ganze Stunden lang beſchrieb er mir ſein ſtilles häusliches Glück; ſeine Gattin zuerſt und zuletzt, ſeinen lieben Schwiegervater und die zärtliche Pflegemutter, mit einem kleinen Engel auf den Knieen, deſſen Ankunft ein paar Monate vorher die Se⸗ ligkeit erhöht hatte.“ Sie hielt erſchöpft inne. „Aber,“ nahm ſie nach einer ſehr langen Pauſe wieder das Wort,„dann ſprach er auch von mir, von Gotthard— von Gotthard, welcher jetzt, von ſeinem Leichtſinn zurückgekommen, deſſen Folgen ihm früher ſo manchen bittern Schmerz bereiteten, der ein Mann ge⸗ worden iſt und mit Kraft und Entſchloſſenheit kämpft, um die Selbſtſtändigkeit und Feſtigkeit des Willens im Thun und Laſſen zu gewinnen, welche ihm bisher fehl⸗ ten. Mit tiefer Reue blickte er auf ſeine früheren Ver⸗ irrungen zurück, auf ſein Unrecht gegen mich und— 22⁵ gegen Dich. Und endlich ſein Streben, durch das Sühn⸗ opfer eines ganzen Lebens es zu heiligen durch... Du verſtehſt mich, Hortenſe! Und dieß war gerade ein Grund für Hermann, hierher zu kommen. Allein mein Aus⸗ ſehen, gleichwie meine Worte, überzeugten ihn, daß da⸗ von keine Rede mehr ſein könne; ſeyn arztlicher Blick ſagte ihm, was er mir auf mein dringendes Bitten nicht verſchwieg, daß ich längſtens noch ein paar Jahre zu leiden haben würde.— So lange Hermann hier war, ſchrieb ich an Gotthard. Es war der Schwanengeſang meiner irdiſchen Liebe; ich hatte die Genugthuung, eine Antwort zu erhalten, welche mein Herz mit ſtillem, hol⸗ dem Frieden erfüllte; denn keine brauſende Leidenſchaften tummelten ſich in den ſenigen mehr in wildem Kampfe. Nein, es ſprach ſich in ſeinem Briefe ein inniger Schmerz, eine Ergebung beſſrer Art aus.— Dieß war ein ſchö⸗ neres Sühnopfer, als der kurze, wandelbare Seligkeits⸗ traum des Erdenlebens.— Dieſen Brief darfſt Du nicht ſehen; kein andres Auge, als das meinige, darf ihn ſchauen. Wenn ich todt bin und Du noch bei mir biſt, ſo leg' mir ihn unter den Kopf. O, wie ſchön werde ich auf dieſem Kiſſen ſchlafen, auf dem erſten und letzten Briefe meines geliebten Gotthards, dieſem lebendigen Erguſſe der edelſten und herrlichſten Empfindungen ſeiner Seele!“ Hier ſchwieg Hedda; ſie lag ſtill mit geſchloſſenen Augen und über die Bruſt gefalteten Händen; nur ganz ſchwach und in kurzen Abſätzen ging der Athem über ihre ppen.. „O mein Gott, wer ſo einſchliefe, wie ſie!“ betete Hortenſe leiſe.„Sie iſt geliebt und wird tief betrauert; ich— welches Leben voll Kampf wartet mein! aber Nie⸗ mand, Niemand, ſelbſt Er nicht, wenn er einſt wieder⸗ kommt, ſoll ahnen, was die arme Hortenſe leidet. Ruhig und geduldig, wie ſie, will ich ſeyn, bis auch für mich der Morgen eines ſchönern Lebens tagt.“ So leiſe Hortenſe auch ſprach, ihre Worte gingen doch für Hedda nicht verloren. Mit ſchwacher, immer Die Milchbrüder. II. 15 226 matter werdender Stimme ſagte ſie:„Gott beſtärke Dich in dieſem Entſchluß! Sey geduldig und ſtandhaft, wir tragen die Belohnung in uns. Du wirſt dieß ſpäter ſelbſt finden, Hortenſe; nur Eins will ich Dir an das Herz legen: halte Dich nie für ſtark, im Falle Dich ein⸗ mal, viellelcht unter ſpätern Verhältniſſen, das Geſchick mit dem Manne Deiner Liebe zuſammenführen ſollte. Vermeide es lieber, um Deines eigenen, um ſeines und Deines Gatten Frieden willen.— Sieh, Hortenſe, ſelbſt ich, die ich geläutert durch das Fegfeuer irdiſcher Liebe gegangen bin, ſelbſt ich will meine Ruhe und die xreinere Erhebung der Seele nicht durch ein Wiederſehen ſtören, ſo ſchön und lieblich dieß auch wäre. Ein Wort von mir hätte ihn zuruͤckrufen können, aber ich wollte es nicht ausſprechen; nur neuer Streit und neue Qual wären die Folge davon geweſen, und nicht eher, als bis der Raſen auf meinem Grabhügel grünt, darf Gotthard wieder hie⸗ her kommen. Er iſt jetzt weit, weit weg, aber mein gei⸗ ſtiges Auge ſolgt ihm von hier und von droben, mein heißeſtes Gebet, mein letzter Gedanke gehören ihm.“ Jetzt trat der alte Klinting in das Zimmer und nahte ſich mit leiſem Tritte Heddas Lager. Aus den langen, grauen Augenwimpern fielen ein paar Thränen auf die Wangen der geliebten Tochter, als er, über ſie hingebeugt, das gewöhnliche:„Wie geht es Dir, mein Kind?“ lispelte. „Dank, lieber, guter Oheim!“ antwortete ſie leiſe, „es iſt mir lange nicht ſo wohl geweſen, wie heute. Die Schmerzen ſind faſt ganz verſchwunden, nur fühle ich mich etwas matt. Ich habe mich aber auch mehr als gewöhnlich angeſtrengt.“ „Das ſollteſt Du nicht thun, mein Kind,“ ſagte der Greis im Ton der zaͤrtlichſten Bitte. „Ach, Oheim, nun thut das Nichts mehr,“ lächelte ſte und ſtreichelte leicht ſeine runzeliche Hand, welche auf ihrer Decke lag.„Die Schmerzen ſind vorbei; bald, bald iſt es aus; es wird ſo lieblich und ſtille, wie die 227 Tage des Friedens, welche ich bei Dir verlebt habe, Vater. Habe Dank, herzlichen Dank, für all' die reine ſchöne Liebe, welche mich auf meinem einſamen Wege doch auch Roſen hat ſammeln laſſen!— das Andenken— das Andenken an Deine unendliche Güte nehme ich mit mir in die— ſchönere Helmath.“ Tief ergrifſen, ließ der arme alte Mann, welcher bald ganz verlaſſen ſeyn ſollte, ſeln Haupt auf die Stuhl⸗ lehne niederſinken. Er bedeckte die Augen. Hortenſe ging ſchweigend, mit leiſem Schritte im Zimmer auf und nieder Da hörte man Wagengeraſſel auf dem Hofe. Zit⸗ ternd eilte Hortenſe an das Fenſter; ſie fürchtete, ihr Mann könnte ſchon zurück ſeyn; aber ein ihr völlig unbekannter Herr ſprang aus dem Wagen und ging ſchnell auf das Haus zu. „Es iſt ein Fremder gekommen,“ wisperte Hortenſe dem Greiſe in das Ohr. „Ach, Gott ſei Dank! Er iſt's!“ erwiederte Klinting, gleichſam neu auflebend.„Der brave Doktor aus M.., mit welchem wir ſchon ſeit einem Jahre Briefe wechſeln, hat mich gebeten, ihn zu benachrichtigen, wenn ich glaube, daß ſie ihrer Auflöſung nahe ſey. Ich habe dieß gethan, und er will mich alten Mann nicht allein in meinem Trübſal laſſen.“ „Wovon hatte er geſprochen?“ fragte Hedda, als der Grels die Thüre hinter ſich zuzog. Hortenſe ſagte, ein Reiſender ſey gekommen und der Oheim glaube, es ſey Doktor Dahl. „Hermann! O mein Gott!“ Ein ſchwaches Roth überflog auf ein paar Sekunden ihr blaſſes Geſicht, un⸗ verkennbare Freude ſtrahlte aus ihren dunklen Augen. Kurz darauf kam der alte Klinting zurück, um ſie auf den lieben Beſuch vorzubereiten. „Laß ihn nur ſchnell kommen,“ bat ſie ungeduldig. Doktor Dahl trat ein. In ſeinem ganzen Weſen lag hoher Ernſt und die wärmſte brüderliche Theilnahme. 228 Mit einer leichten, achtungsvollen Verbeugung ging er an Hortenſe vorüber und blieb mit einem flummen, aber ausdrucksvollen Kopfſchütteln vor Hedda's Lager ſtehen. Die Hände der Kranken lagen bereits in den ſeinigen; ihre Blicke redeten eine Sprache, welche ſie ſelbſt am beſten verſtanden. „Hermann, edelmüthiger Freund, dieſe Reiſe haſt Du um meinetwillen gethan.“ „ Ja, Du Reine, Hellige, ich komme, um Deinen Abſchiedsſegen zu holen.“— Er beugte ſich nieder und drückte ſeine Lippen auf ihre Hände; ſie waren kalt und feucht;— ſo waren ſie ſchon ſeit einigen Stunden. In der Nacht wurde ſie immer ſchwächer. Der alte Klinting wollte nicht zu Bette gehen, aber ihr bit⸗ tender Blick und ihre ſanft ſchmeichelnde Gebärde ver⸗ mochten ihn dazu. Hermann und Hortenſe blieben allein zurück; während Hedda ſchlummerte, bemühte ſich der junge Arzt, mit dem ihm eignen feinen Takt, der ſich unter allen Umſtänden bei ihm verrieth, theilnehmend und freundlich ein Herz zu tröſten, welches bei weitem mehr, als die Sterbende, Linderung und Troſt bedurfte. Es war dieß das erſtemal, daß er die geweſene Braut ſeines Freundes ſah; aber ihr ganzes Weſen, ihr Aeußres ſowie Innres, in dieſem Augenblicke von allem Zwange frei, lag offen vor ſeinem forſchenden Blick, Alles zog ihn an und gewann ſeine Theilnahme für das junge leidende Weib, deſſen geſtörter Friede ebenfalls Gotthards Werk war. Gegen drei Uhr Morgens erwachte Hedda. Sie ſah auf; aber ihr Blick hatte einen eignen, ſcharfen Ausdruck. Sie ſprach nur undeutlich. Hermann ſchüttelte den Kopf, Hortenſe weinte. „Weine nicht um mich spelte Hedda mit An⸗ ſtrengung;„ich bin ja ſo glücklich... Hermann,— Hortenſe— kommt näher. Guter Hermann, Du ſollſt ihm ſagen, wie ſehr, wie treu, wie heiß ich ihn geliebt habe, und Hortenſe ſoll mir die ſchönſte Locke abſchneiden. ———— 229 Thu' das, Hortenſe! Hermann, ſchicke ſie ihm! Zieht die Vorhänge auf, damit es heller wird.“ Hermann that nach ihrem Willen; allein Hedda klagte immer noch, daß es ſo dunkel ſey. Sie wollte die Locke ſehen, welche Hortenſe ihr abgeſchnitten hatte und mit zitternder Hand hin hielt. „Sieh, Hedda, wie ſchön ſie iſt,“ ſagte Hortenſe tief ergriffen,„glänzend ſchwarz und wie Seide! Was er ſich freuen wird.“ Hedda uahm ſie in die Hand.„Ich ſehe ſie nicht,“ erwiederte ſie kaum hörbar und berührte die Locke mit den Lippen.„Aber— mit meinem letzten Kuſſe bring ſie ihm.— Und nun, habt Dank, Hermann!— Hortenſe! Es iſt mir eine große, eine unausſprechliche Seligkeit, daß Ihr bei mir ſeyd. Hermann verlaß meinen alten Oheim nicht zu ſchnell!“— Sie ſchwieg einige Augen⸗ blicke; dann öffnete ſie abermals ihre Lippen und ver⸗ nehmlich, obwohl leiſe, und mit wunderbar holdem Tone, ſprach ſie einen Vers, den ſie ſchon oft wiederholt hatte: Führ' mich aus der Welt Getümmel In die Stille ſanft zurück! Zeig im Leiden mir den Himmel Im Verluſt der Zukunft Glück; Heb' mich von dem Grabeshügel Auf der Andacht hohem Flügel In die ewig heitern Höhn, Wo die Siegespalmen wehn. Auf den Knieen lagen Hermann und Hortenſe zu den Füßen des Bettes und lauſchten lange bis der letzte Ton verklungen war. Da ging ein leiſer Laut durch das Zimmer; es klang wie Geiſtergelispel.— Hedda's treues Herz hatte ausgeſchlagen. —f 230 Einundzwanzigſtes Kapitel. Es waren ein paar Monate vergangen, die gelben Herbſtblätter bedeckten die Erde und die wachſenden Stürme verkündeten das Beginnen der Jahreszeit, wo die weißen hoch ſchwellenden Wogen ihr großes Todten⸗ feſt feiern, zu welchem jedes Volk auf Erden ſeine Opfer geben muß. Es war ein Abend im Anfange des Oktober. Dok⸗ tor Dahls Haus war hell erleuchtet, ein Zeichen, daß ein Familienfeſt gefeiert werden ſollte,— der Geburtstag von Doktor Dahls zweijährigem Sohne Eberhard. Die junge Wirthin, die relzende Hulda, welche das ohrenfeſte, feine Spitzenhäubchen und der Schlüſſelbund an der Seite unvergleichlich kleideten, ging, ihre kleine Tochter auf dem Arme, im Zimmer umher und wiſchte da und dort ein Stäubchen mit dem Taſchentuche ab, während ſie entweder mit dem Kinde koste oder horchte, ob ſie nicht den Tritt ihres Mannes von der Treppe her höre. Sie vernahm jetzt das wohlbekannte Geräuſch der Klinge und mit einem ſo hellen Freudenroth auf den Wangen, wie eine liebende Braut bei dem Nahen des Geliebten, eilte Hulda durch das Vorzimmer in den Saal, gerade in die geöffneten Arme ihres Gatten. „Drei ganze Tage biſt Du fort geweſen!“ ſchmählte ſie.„Es iſt doch ſchrecklich mit dem ewigen Reiſen, Krankenbeſuchen, Berathungen u. dergl., welche Dich uns immer entführen. Es iſt Dir doch nicht ſchlimm gegan⸗ ſen 7'eber Hermann; der Weg wird doch nicht ſchlecht eyn 64 „Ach was! Alles Elend, alle Mühſeligkeit und Be⸗ ſchwerde iſt vergeſſen; es gibt keine mehr und hat keine gegeben, wenn ich Dich in meinen Armen halte. O Du, gute, liebe, theure Hulda, jedesmal, ſo oſt ich wieder in mein liebes Haus heimkehre, danke ich Gott inniger für 231 mein Glück. Laß ſehen, Du kleiner Engel,“ ſetzte er hinzu und drückte heiße Küſſe auf die Stirne des Kindes, „laß ſehen, ob Du auch ſo brav, gut und verſtändig biſt, wie Deine Mutter. Aber wo iſt Eberhard? er iſt doch wohl? Ich horche vergebens auf ſein muntres Toben mit dem Steckenpferde?“ „Er ſchläft; ich habe ihn nur ſchwer zur Ruhe ge⸗ bracht; er iſt dann am Abende um ſo muntrer. Ich hoffe die Aeltern werden bald kommen. Willſt Du nicht vorher eine Taſſe Thee nehmen, um Dich zu erwärmen, lieber Hermann? er iſt ſchon fertig.“ „Dank, Liebe, er ſoll mir trefflich ſchmecken und Du magſt dazu ſo viel Bretzeln bringen als vor ſechs Jah⸗ ren, wo ich von Stockholm kam. Weißt Du noch, an jenem Morgen, mein Engel, wie huldreich Du warſt, mit den Bretzeln nämlich. Du ließeſt mir damals nicht viel weiter zukommen, kaum einen Handkuß zum Will⸗ komm.“ „Ach, was fängſt Du auch damit an!“ meinte Hulda lächelnd, und Hand in Hand eilten die Glücklichen nach dem kleinen Wohnzimmer, wo die junge Frau, nachdem ſie das Kind der Amme übergeben, ſich neben Hermann auf den Sophn ſetzte, den Theetiſch näher zog und während des freundlichſten Geplauders mit ihrem Gatten dieſen mit Allem zu verſehen begann, was Leib und Seele erfreuen konnte, Thee, Bretzeln und Küſſe. „Liebe Hulda, wen haſt Du noch auſſer den Aeltern gebeten?“ fragte Hermann. „Tante Elfridel oder meine Schwiegermutter, wie ich eigentlich ſagen ſollte, und Ludwig— ach der widerwär⸗ tige Ludwig! aber dieß unter uns. Auch Kapitän Adler⸗ branths habe ich gebeten.“ „Ganz recht. Hätten wir nur auch Gotthard und Karl! ſie haben in den letzten Tagen guten Wind ge⸗ habt, und wenn ſie, nach Gotthards Schreiben, mit Kapitän Müllers Schooner kommen, ſo können ſie nicht mehr lange ausbleiben. Ich weiß, daß ſie wegen des 232 Barons Geſundheit nicht länger zu zögern wagen; er iſt ſehr weit herunter.“ „Ach Gott, wenn nur dem armen Karl nicht unter⸗ wegs Etwas zuſtößt!“ ſeufzte Hulda.„Hätten wir ihn nur erſt hier, um ihn pflegen zu können. Das erſte, was ihn erwartet, iſt leider eine Trauerpoſt.“ „Was willſt Du damit ſagen, liebe Hulda?2 „Seine Schweſter Ebba, welche in der Verſorgungs⸗ anſtalt war und dann zu einem alten Verwandten müt⸗ terlicher Seite kam, iſt geſtorben.“ „Ihr iſt wohl; Karl wird dieſen Verluſt mit ſeiner gewohnten Kraft zu tragen wiſſen.“ „Aber, was ſagſt Du zu unſerm armen Gotthard, wenn der wlederkommt und ſeine eine Geliebte todt, die andre verheirathet findet? Das iſt wohl ein harter Schlag.“ „Ja, das weiß Gott! Er muß ſeine Jugendſünden ſchwer büßen. Was Hedda, die ſchöne, herrliche Seele betrifft, da war es wohl das Beſte, daß ſie ſtarb. Es iſt ihr nicht beſtimmt geweſen, daß ihr Glück hier blühen, viel weniger Früchte tragen ſollte. Sie war ein hochſin⸗ niges Weib, und daß Gotthard ihren Verluſt männlich trägt, weiß ich aus ſeinem Briefe. Sie waren ſo innig verſöhnt,— das iſt ein großer Troſt für ihn.— Friede ſey mit ihrer Aſche!“ „Du liebteſt die gute, edelmüthige Hedda wie ein leiblicher Bruder,“ bemerkte Hulda.„Uebrigens glaube ich, ſeit Du Hortenſe kennen lernteſt, warſt Du der An⸗ ſicht, daß ſie für Gotthard beſſer paſſe.“ „Ja, Hulda, das glaube ich auch. Mit der Erſten war es eine ſehr zarte, kitzeliche Sache und die Verhält⸗ niſſe waren von der Art, daß eine abermalige Verbindung mit ihr, manche alte Wunde aufgeriſſen und vielleicht wohl auch neue geſchlagen hätte. Mit Hortenſe würde er aber in jeder Beziehung beſſer geweſen ſeyn; ſie wäre gerade die rechte Frau für Gutthard geweſen. Sie iſt ein liebenswüͤrdiges, anmuthiges Weib, hat ſo viel Lieb⸗ V 233 liches und Einnehmendes in ihrem ganzen Weſen und weiß ihr nicht ganz glückliches Loos mit einer Ergebenheit zu tragen, welche hohe Achtung verdient. Ich habe ſie in Stunden des Schmerzes geſehen, wo kein Schleier das Innere des ungekünſtelten Weſens bedeckte, noch bedecken konnte, und da ward es mir klar, mit wie inniger und treuer Liebe ſie leider noch an Gotthard hängt. Du hät⸗ teſt nur ſehen ſollen, mit welch liebenswürdiger Schaam⸗ haftigkeit ſie vor mir, ſeinem Freunde, alle dieſe verrä⸗ theriſchen Zeichen zu verbergen trachtete, ſobald ihre zarte Weiblichkeit die Oberhand über ihre Gefühle gewann. Und als nun nach Ablauf der beſtimmten Zeit, das Ge⸗ raſſel von ihres Mannes Wagen im Hofe laut wurde, da hätte ich gewünſcht, Du wäreſt Zeuge geweſen, wie ſie, gleichſam unbewußt, die Hand auf die Bruft legte, um alle Schmerzen in deſſen Tiefe zurück zu drücken, damit Niemand ſehen oder errathen könne, was ſie in dieſen Tagen der Aufregung gelittten habe. Dann breitete ſie mit einem ganz eigenen Blick den weißen Schleier über Hedda, welche nun ruhig und lieblich ſchlummerte, während in Hortenſe's Buſen die unruhigen Wogen des Lebensſturmes hoch anſchwollen und, jeden Damm durch⸗ brechend, bis zu dem bangen Herzen drangen. Das arme Kind ging ſeinem Manne entgegen, und nie war ich einem Menſchen mehr gram, als dem zuckerſüßen Kammerjunker mit ſeinem grünen Flor, ſeinen unzähligen kleinlichen Bedürfniſſen und ſeiner lispelnden Weiberſtimme. Wie Den Hortenſe nehmen konnte, geht über meinen Verſtand; aber die Amtmännin wußte die Karten fein zu miſchen. Sie muß das Pantoffelregiment gehörig zu führen wiſſen und zwar faſt mit ebenſo viel Nutzen, wie meine lieb⸗ wertheſte Frau Stiefmama in vorigen Tagen gethanu.“ „Arme Hortenſe!“ ſeufzte Hulda.„Sie hatte Nichts mehr von ihrem frühern Glück zu hoffen und wurde am Ende bei dem ewigen Gekeife der Mutter ſo gleichgiltig und verdroſſen, daß ſie ich leiten ließ, wie ein geduldiges Kind. Mit dem Amtmanne, der ein trefflicher, biederer 234 Alter ſeyn ſoll, iſt es nach der Trennung von ſeinem Lieblinge Gotthard wohl ebenſo gegangen. Indeſſen ſoll er mit ſeinem Schwiegerſohn höchſt unzufrieden ſeyn und es that auch, wie man hört, kaum vier Wochen zu Fors⸗ hälla gut, wo Hortenſe, um des lieben Hausfriedens willen, ſtets die Vermittlerin zwiſchen allen Parteien machen mußte.“ „Woher in aller Welt weißt Du nur dieß Alles, liebe Alte? Soviel mir bekannt iſt, beſuchſt Du doch die Klatſchthee's der Mamſells B... nicht, und außer dieſer Quelle...“ „Gibt es noch viele andere,“ fiel ihm Hulda lä⸗ chelnd in die Rede. Die Baronin Adlerbranth war vor⸗ geſtern bei mir; dieſe hat kürzlich Briefe von einer Be⸗ kannten aus jener Gegend erhalten. Daraus erklärt ſich Alles und meine Nachrichten ſind ganz zuverläßig.— Aber ich höre Tritte im Saale. Komm, Hermann, es ſind wahrſcheinlich die Aeltern.“ Aber es war nicht ſo. Die Kommende war ein älteres Frauenzimmer, mit magerem, ſchon runzelichen Geſichte, welchem Kummer und Kränklichkeit ihren Stem⸗ pel aufgedrückt hatten, und ein höchſt eingebildeter, etwas mitgenommen ausſehender, junger Herr. Seine Kleidung eigte eine gewiſſe berechnete, aber ſorgloſe Zierlichkeit, ſeine Haltung und ganzes Weſen verriethen ein abge⸗ ſchmacktes Haſchen nach Theatereffekt. Es war Tante Elfride mit ihrem Sohne Lndwig, ſeit drei Jahren be⸗ reits Großhändler zu M.. ſowie Disponent über ſeiner Mutter Haus und Perſon. Doktor Bundler und Her⸗ mann thaten Alles, um dieſe ſchon allzuinnige Gemein⸗ ſchaft nicht noch weiter kommen zu laſſen, allein der liſtige Ludwig verſtand, nach ſeiner Heimkunft von Go⸗ thenburg, der Eitelkeit ſeiner Mutter ſo gut zu ſchmei⸗ cheln, daß ſie, durch ſeine Umwandlung bewegt, und blind wie immer, von der Ueberzeugung, von deren Wahrhaf⸗ tigkeit, ihm ihr Privatvermögen anvertraute, damit er ſein Geſchäͤft ausdehnen könne; und deer ſich bald zu 84 23⁵ verheirathen gedachte und deßhalb das ganze Haus re⸗ parirt werden ſollte, war ſie in ein paar kleine Zimmer, ehedem die Wohnung der Haushälterin, gezogen. Mehrere Male bot ihr Hermann ein Aſyl in ſeinem Hauſe an, aber ſie ſtand ſo ſehr unter dem Commando ihres Sohnes, daß ſie nie auf den Vorſchlag einzugehen wagte, welcher ſeine eingebildete Ehre allzuſehr gekränkt haben würde; ſie verſicherte beſtändig, Alles ſey wohl und gut und aus vollem freien Willen habe ſie, nur Ludwigs halber, ihre Zimmer im erſten Stock aufgege⸗ ben; ſie ſey ja nun alt und brauche Nichts weiter u. ſ. f. Allein die Klagen, welche ihre Lippen verſchwiegen, ſtan⸗ den leſerlich auf ihrem Antlitze geſchrieben und die vor⸗ dem ſo hoch fahrende, ſtolze Elfride war jetzt eine fromme, demüthige und bußfertige Magdalena. Die einzige Freude, welche ſie genoß, war die, daß Schwager und Stiefſohn ihre Aufmerkſamkeit für ſie verdoppelten, doch mußte ſie auch zuweilen in den Augen des Erſten manchen Blick des Vorwurfs über ihre allzu⸗ große Schwachheit leſen. Bald vermehrte Doktor Bundler und ſeine Gattin den freundlichen Familienkreis. Der kleine Eberhard war erwacht, ſprang lärmend von dem Einen zu dem Andern und bekam, außer unzähligen Liebkoſungen, eine faſt eben ſo große Menge von Spielſachen, welche aus den tiefen Taſchen des Großvaters und dem unermeßlichen Arbeits⸗ beutel der Großmutter hervorſpazierten. Alles war Leben und reinſte Freude; denn auf Aller Lippen ſchwebten die Worte!„In ein paar Tagen kann Kapitän Müllers Schooner kommen.“— Nur auf Adlerbranths wartete man noch. „Ich will einmal hinſchicken und fragen laſſen,“ ſagte Hulda. Aber kaum hatte ſie die Treppenthüre geöffnet, als ſie mit einem lauten Freudenruf zurücktau⸗ melte; ein paar kräftige Arme umſchloßen ſie und drück⸗ ten ſie an eine hochklopfende Bruſt. „Der Hümmel ſey gelobt! Gotthard!“ riefen Alle. — 13—2 236 Faſt ohnmächtig ſank Karoline dem herzueilenden Sohne in die Arme. Die Ueberraſchung war ſo groß, daß Niemand ſeinen Gefühlen Worte zu verleihen vermochte; viellelcht lag auch Etwas in Gotthards Ausſehen, welches die Augen ſowie die Zungen bannte. Die drei Jahre hatten ihn unglaublich verändert. Von den feinen, friſchen, lächeln⸗ den Zügen, welche dem jungen Notarius„einem vollſtän⸗ digen Damenhelden, ſo wohl ſtanden, war ebenſo wenig mehr übrig, als von dem verzweifelten, halb wahnſin⸗ nigen, verſchmähten Liebhaber, welcher in dem aufgereg⸗ teſten Zuſtande den vaterländiſchen Boden verlaſſen hatte. Von all' Dieſem ſagte ſein Geſicht nichts mehr; es ſtrahlte jetzt von der Freude des Wiederſehens und ſchien von einem Seligkeitsgefühle übergoſſen, deſſen Waͤrme von dem Herzen auf die von der Reiſe und der Sonnen⸗ hitze dunkel gefärbten Wangen emporſtieg. Gotthard war zum Manne gereift. Herz und Seele, ſein ganzes Weſen deigte, daß ſeine Jünglingsjahre mit all' ihrem reichen Unhange von Freude und Schmerz, Leichtſinn und Thor⸗ heiten mancherlei Art hinter ihm lagen. Aber er hatte dieſe Schule der Erfahrung nicht durchgemacht„ohne die Erinnerung daraus mitzunehmen, deren Bitterkeit einen Schatten von Ernſt, oder beſſer, Schwermuth, über ſein ganzes Weſen warf, ſo daß gleichſam ein nie zu lüften⸗ der Schleier auf der muntern Lebhaftigkeit ſeines Ge⸗ müthes lag. Uebrigens ſprach ſein Benehmen etwas ſo Edles, Männliches und eine ſolche Freundlichkeit aus, daß alle, ohne Ausnahme, der Anſicht waren, daß wenig⸗ ſteus ſein aͤußerer Menſch unendlich viel durch die Reiſe in das Ausland gewonnen habe. Bald ließ der Zauber der Ueberraſchung nach und herzliche Worte, Fragen und Antworten folgten einander um die Wette.—„Wo iſt Karl? wo iſt Karl?“ hörte man beſtändig, aber ſtets noch ohne Antwort, bis endlich Hermann den Hut nahm und ausrief:„Ich habe auch ein Recht auf meinen braven Silberſpgreene Er iſt wohl F 237 & geradewegs zu Adlerbranths gegangen, das kann ich mir denken, aber heute ſollen Alle hier ſeyn und wenn ich ihn hertragen müßte.“ Da näherte ſich ſchnell Gotthard ſeinem Freunde und zog ihn am Arme zuruck.„Warte noch,“ ſagte er faſt undeutlich,„er iſt noch nicht am Lande. Ich bin ſchon bei Adlerbranths geweſen.“ „Wie, noch nicht am Lande?“ wiederholte Hulda fragend.„Iſt er denn ſo krank, liebſter Gotthard?“ „Ach, gerade nicht ſehr, allein es war bereits finſter, als Kapitän Müller Anker warf, und da gegen Abend der Wind zunahm und wir in offener Schaluppe an das Land fahren mußten, ſo ging dieß nur für mich an und für Solche, die geſund und ſtark find.“ Dieſe Worte ſprach Gotthard mit etwas unſicherer Stimme; ſie hatte einen eigenen Ausdruck, welcher die Zuhörer mit einer ſchwarzen Ahnung erfüllte. Wir werfen einen Schleier über die Empfindungen, welche an dieſem Abende die reine Freude des Wiederſehens ver⸗ dunkelte.— Es war etwa halb Zwölf in der Nacht. Der Sturm hatte ſich gelegt, friedlich und langſam begegnete ſich die Welle in ihrer ſchäumenden Umarmung. Der Mond ſchien, von keiner einzigen Wolke verdüſtert, hell auf den weiten, blauen Raum nieder, über deſſen Oberfläche ein lleiner, ſchwarzer Punkt leicht hinglitt und auf einen größern, etwas mehr abgelegeneren zueilte. An der Brücke von M.. ſtanden die Herren in Mäntel gehüllt. Es war Bundler, Hermann und Kapitän Adlerbranth. Gott⸗ hard ſaß in der Schaluppe, welche mit taktmäßigem Ruderſchlage auf den Schooner zufuhr. Die Zurückge⸗ bliebenen ſahen ihn endlich verſchwinden, hörten das An⸗ rufen und Beilegen, mehr konnten ſie nicht vernehmen. Es mochte eine halbe Stunde verfloſſen ſeyn. Mit trüben Blicken und tiefem, ſchmerzlichem Ernſte auf dem Geſichte, bückten ſich die drei Männer über das Brücken⸗ geländer. 38. „Sie kommen!“ ſagte Hermann und erbleichte.„Hört Ihr den dumpfen Ton der erſten Ruderſchläge?“ Niemals hatten die Sterne und der Mond einer Herbſtnacht heller geſtrahlt; jeder Gegenſtand war be⸗ leuchtet. Die Schaluppe kam näher, eine kleine, ſchwarze Flagge bewegte ſich im Winde hin und her. Es war der Gruß des Todes an das Leben. Der Ruderſchlag verſtummte, man legte an der Brücke an und langſam hob ſich, auf Gotthards Befehl, ein Sarg empor, wel⸗ cher den letzten Sprößling eines uralten Geſchlechtes, den enao Sſtanigen, ungluͤcklichen Baron Karl Silberſparre enthielt. Obwohl noch jung, doch ſchon eines Lebens müde, welches ihm nicht viel mehr als Schmerzen und Kämpfe bot, hatte er ſein Haupt zur langen Ruhe gebeugt, in dem Augenblicke, wo er ſein Paterland, das Ziel ſeiner innigen Sehnſucht, wieder ſehen ſollte. Er ſollte die Seligkeit der Erfüllung dieſes ſeines letzten Wunſches nicht ſchmecken; aber auch jetzt, wie im⸗ mer, ergeben, ſüützte ſich ſeine Hoffnung auf einen beſſern Grund als die Erde, auf ein ſchöneres, unvergängliches Wiederſehen. Mit Zuverſicht und feſtem Vertrauen hob er ſeinen Blick zu dem hohen Raume empor, vor wel⸗ chem ſein Geiſt, nach Erlöſung ſchmachtend, ſchon längſt ſchwärmte, und das Haupt an Gotthards treue Bruſt gelehnt, flüſterte er einen Gruß an Hulda, und ſeine Seele entſloh ſo leicht ihrer irdiſchen Feſſel, daß kaum ein Zucken die edlen Züge entſtellte. Der Baron hatte verlangt, daß ſeine Aſche in dem Lande ſeiner Väter ruhen ſolle. Dieſer Wunſch war Gott⸗ hard heilig; mit den irdiſchen Ueberreſten des theuern Freundes ſchiffte er ſich auf einem Fahrzeuge ein, welches nach ſeiner Vaterſtadt unter Segel ging. Und nun, in der dunklen Nacht, um jeden Auflauf und die Späherblicke unwillkommener Neugierde zu ver⸗ meiden, hatten die gemeinſchaftlichen Freunde beſchloſſen, dem edlen Dahingeſchiedenen den letzten Dienſt zu er⸗ weiſe und bran Das ſchwe Wan ware mit Schr wuß geho heiße weld feſte Uebe ihm penſ Frei ungl kann läng Hedda der Fall war, deren Glück doch nicht hienieden 239 weiſen. Die vier Männer hoben die ſchwarze Kiſte empor und trugen ſie ſchweigend, aber tief ergriffen, nach Adler⸗ branths Wohnung, welche ganz nahe am Strande lag. Das vordere Zimmer des Barons war erleuchtet und eine ſchwarzgekleidete Geſtalt, mit Thränen auf den blaſſen Wangen, ſchwebte darin auf und ab. Dieſem Weſen waren Thränen nicht fremd. Wie manche Nacht war ſie mit naſſen Wangen entſchlummert! Es war Selma. Ihr Schmerz war ſtumm— aber deſto tlefer. Sie hatte ge⸗ wußt, was Karl litt, aber ihr zum Sternenhimmel empor⸗ gehobenes Auge brachte dem Lenker der Schickſale ein heißes Dankopfer dar. Vielleicht gab es noch ein Herz, welches in dieſer Nacht daſſelbe that! Vierzehn Tage nach dieſem ſtillen, heiligen Trauer⸗ feſte wurde Baron Sillberſparre's Begräbniß gefeiert. Ueber dem Grabe des letzten männlichen Sproſſen des mit ihm ausgeſtorbenen Geſchlechtes wurde ſein adeliges Wap⸗ penſchild zerbrochen; aber in den treuen Herzen ſeiner Freunde, welche den feſten, mannhaften Sinn des edlen, unglücklichen Karl und ſeinen hohen, feurigen Geiſt ge⸗ kannt hatten, lebte ſein Andenken fort, nachdem ſchon längſt ſein Name nicht mehr unter den Lebenden war. Gleich des Feldes Blumen ſchwindet Was da lebet um uns her, Trauernd ſucht der Freund und findet Den geliebten Freund nicht mehr. Vor dem welken Greis am Stabe Sinkt der Jüngling und der Knabe, Vor der Mutter ſinkt ins Grab Oft die junge Braut hinab. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Nachdem der tiefe Schmerz über Karls Verluſt in eine ruhigere, ſtille Trauer übergegangen war, da die Rückbleibenden die frohe Ueberzeugung hatten:„Was Gott thut, das iſt wohlgethan,“ wie dieß mit Karl und blühen konnte,— ſchlangen die Genien des Friedens und der Liebe ihre ſtarken Bande immer feſter um die Herzen, welche einander nun aueſchließlich gehörten. Gotthard ſchloß ſich treu und innig an die Seinigen an, kein an⸗ deres Band feſſelte ihn nun mehr; es war, als wären Alle Ein Herz und Eine Seele. Während des Herbſtes machte er einen Beſuch zu Forshälla, wohin ihn der Amtmann auf das Freundſchaft⸗ lichſte und ziemlich gebieteriſch eingeladen hatte. Was hier in mancher einſamen Stunde innerhalb der vertrau⸗ lichen Wände von des alten Amtmanns Schreibſtube ver⸗ handelt wurde, oder was Gotthard empfand, wenn er einſam in der Ecke des Sopha's ſaß, an dem Platze, wo ihm Hortenſe Treue gelobt und er ſo heiß ſeine Liebe betheuert hatte, wagen wir nicht zu beſchreiben; ſoviel iſt aber gewiß, daß dem Amtmann gleichſam wieder ſeine alte, barſche Manneskraft auflebte, ſo oft er Etwas bei ſeiner Frau anzubringen hatte, und gewöhnlich hieß es am Schluſſe:„An all' den dummen Verhältniſſen und verhenkerten Umſtänden biſt Du Schuld; ja Deine Schuld iſt es einzig und allein und ihr Unzlück bringt mich noch ins Grab.“ Glücklicherweiſe hatte indeſſen unſer ehrlicher Alter ein zähes Leben und Nichts auf der Welt iſt wandelbarer als Verhältniſſe und Umſtände. Nach einem Aufenthalte von ein paar Wochen kehrte Gotthard wieder nach M. zurück. Dankbar, aber be⸗ ſtimmt hatte er das Anerbieten des Amtmanns, ihn ſtatt ſeiner zu dem Wintergerichte zu ſubſtituiren, abgelehnt. Sein Herz litt allzuviel bei dem Aufenthalte zu Forshälla. Außerdem zog es ihn auch wiederum zu den Seinigen. Das Bürgermeiſteramt war ihm mit Gewißheit zugeſagt, denn er war ein zuverläſſiger und verſtändiger Geſchäfts⸗ mann, auch hatte er ſeine Abſicht erklärt, ſich jedenfalls ganz und gar in ſeiner Vaterſtadt niederzulaſſen. Auf der Nachhauſereiſe machte er einen Umweg über Skogeborg. Er wollte Hedda's Grab beſuchen und ihrer 3 und rzen, hard an⸗ ären . zu haft⸗ Was rau⸗ ver⸗ n er wo Liebe oviel ſeine 3 bei ß es und huld noch Alter darer ehrte be⸗ ſtatt ehnt. älla. igen. ſagt, äfts⸗ falls über ihrer nahte, verſuchte er ſeine ganze Ueberredungsgabe, um den 241 Aſche eine Thräne der Liebe und der Trauer weihen. Auch wollte er hören, wie es dem alten verlaſſenen Manne gehe; ihre Herzen verſtanden ſich am Beſten. Ein bittres Gefühl der Wehmuth zog ſeine Bruſt zuſammen, als er zum dritten Male in den Weg einbog, der ihn zu dem Thal führte, wo ſie, das geliebte, ver⸗ ehrte, tief betrauerte Weib lebte und ſtarb. Als er auf den Hof kam, war es ſchon dämmerig. Er trat in den Saal. Schwach glimmte das Feuer im Kamine; es war am Auslöſchen. Bei dem hin und herflackernden Schimmer wurde er den alten Klinting gewahr; dieſer ſaß in einem großen Lehnſtuhl. Er war allein, ſchwere, langgezogene Seufzer hoben zuweilen ſeine Bruſt, ſein Kopf war tief herabgeſunken auf die magere, runzelvolle, zitternde Hand.. „Guten Abend, Vater Klinting!“ tönte eine von Rührung halberſtickte Stimme. Der Greis wandte ſich um. „Ach, ſind Sie es, Herr Bundler? Haben Sie Dank, herzlichen Dank, daß Sie mich noch einmal beſuchen! Sie ſehen, hier ſitze ich, einſam und verlaſſen. Dort liegt die Guitarre in der Sophaecke, gerade wie ſie dieſelbe hinzulegen pflegte. Hier ſteht ihr Arbeitstiſchchen, da liegen ihre Bücher.— Es iſt mir ein trauriger Genuß, aber doch immer ein Genuß, Alles ſo zu ſehen, als ob ſie jeden Augenblick kommen könnte.“ Von Rührung übermannt, drückte ihm Gotthard die Hand, ihre Thränen und ihr Schmerz waren dieſelben. Vierzehn Tage blieb Gotthard bei dem alten Klin⸗ ting; oft war er in dieſer Zeit zu Hedda's Grab ge⸗ wallfahrtet und hatte den traurigen Troſt genoſſen, ſeine heißen Lippen auf das kalte Kreuz zu druͤcken, welches ihren Grabhügel bezeichnete. Als die Zeit der Abreiſe reis zu veranlaſſen, Skogeburg zu verkaufen und zu ihen nach M.. zu ziehen;„ſie beduͤrften ja Beide der Geſellſchaft und könnten einander am beſten tröſten,“ meinte Gotthard. Die Milchbrüver. I. 16 Allein Klinting wollte den theuren Ort, wo ſie ruhte, nicht verlaſſen; er wollte ſeine wenigen noch übrigen Tage hier beſchließen und dann neben feiner Hedda ruhen. Er dankte ſeinem Gaſte auf das wärmſte für ſein edles Anerbieten und tief ergreifend war für Beide die Ab⸗ ſchiedsſtunde. Kaum ein halbes Jahr ſpäter, ward der Wunſch des Alten erfüllt. Außer etlichen kleinen Legaten für arme Wittwen und Waiſen wurde ſein Vermögen, in Folge ſeines letzten Willens, in zwei Theile getheilt und dieſe ſielen Hermann und Gotthard zu, als ein Andenken an die Freundſchaft, welche er für ſie gefaßt hatte. Bald nach Neujahr 1834 wurde der Vicediſtrikts⸗ richter Bundler durch einſtimmige Wahl Bürgermeiſter der Stadt M.... Dankbar für das Zutrauen ſeiner Mitbürger übernahm er mit Eifer und Kraft die neuen Pflichten und ſeine unverdroſſene Bemühungen zum Beſten der Stadt, die vielen nützlichen Anſtalten, welche er ver⸗ mittelſt ſeines warmen Gefühls und der kraftvollen Le⸗ bendigkeit ſeiner Rednergabe zu gründen verſtand, gaben den Beweis, daß er der Mann zu einem ſo wichtigen Amte war. Wenn die Bruder den Tag in abwechſelnder emfiger Arbeit, der Eine mit Rechtſprechen, der Andre mit Troſt und Hülfe am Krankenbette, zugebracht hatten, kamen ſie am Abende entweder bei Hermann oder in dem gemein⸗ ſchaftlichen Vaterhauſe zuſammen. Dieß war die Zeit des Genuſſes, der herzlichen Familienfeſte, zuweilen uoch durch auswärtige, vertraute Freunde vermehrt und belebt. Frühling und Sommer vergingen; der letzte brachte die Cholera. Da gab es nach allen Seiten hin zu thun; die Stadt M... kam übrigens leicht dabei weg. Die Einwohner litten am meiſten durch die beſtändigen Todes⸗ botſchaften von auswärts her. „Abermals eine Trauerpoſt! Herr Gott, wem wird dieß wohl gelten 2“ ſagte Doktor Bundler eines Tags, durchräucherte einen ſchwarz geſiegelten Brief und bemühte ſich, die Handſchrift zu erkennen. ziemlich gut mit einander gelebt. Sie hat M Indem trat der junge Bürgermeiſter ein. „Die Handſchrift iſt mir bekannt; weißt Du nicht, von wem ſie iſt, Gotthard?“ fragte der Vater. „Großer Gott, der Brief iſt von Forshälla; es iſt Lidners Hand.“. Gotthard wurde leichenblaß; der Gedanke an ſeinen biedern Freund, ſeinen zwelten Vater, den edlen, alten Thorſen, fiel ihm mit Zentnerſchwere auf das Herz. Zitternd ſetzte der Doktor die Brille auf und erbrach das Sigel; kaum hatte er aber hineingeſehen, ſo ſchöpfte er tief Athem, denn es bemächtigte ſich ſeiner ein Gefühl, welches zu damaliger Zeit ſelten war, nämlich Freude. Die Unterſchrift des Amtmanns ſtand unter dem Briefe, welcher Folgendes enthielt: „Lieber, alter Freund!“ Wenn auch nicht in gehöriger Form, was auch in ſo betrübten Zeiten gleichgültig ſeyn kann, wo alle Formen und Rückſichten wegfallen, melde ich Dir, daß mein Schwiegerſohn, der Herr Kammerjunker Friedrich Wilhelm Weſtelli bei ſeiner Reiſe von Stockholm nach Forshälla zu B... an der Cholera erkrankt und geſtorben iſt. Obgleich die arme Hortenſe ſeine Wärterin war, blieb ſie doch glücklich verſchont und iſt nun, Gott ſey Dank, bei ihren Eltern. Heucheln konnte ich nie, das weißt Du, Bruder; deßhalb ſage ich: der Wille des Herrn ſey geprieſen! Er thut, was er für das Beſte hält. Weſtelli hatte einen paniſchen Schrecken vor der Cholera und wollte ihr, ſo wie ſie nach Stockholm kam, entfliehen. Auf dem Lande hielt er ſich am ſicherſten vor der Peſt⸗ luft, kam aber kaum halbwegs Forshälla, als ihn die gefürchtete Feindin ſchon faßte. Meine Frau und die junge Wittwe ſeufzen um die — Wette. Daß Hortenſe ihren Mann nicht liebte, wiſſen wir wohl; allein ſie war eine ſanfte und verſtändige —§attin und die Gewohnheit thut auch das ihrige, das fißt ſich nicht läugnen. Deßhalb haben ſie, wie man es 1 während ihres letzten Beſuchs bei uns manchen Verweis um ſeinetwillen bekommen. Sie war Gattin und mußte mehr zu ihrem Manne als zu ihrem Vater halten. Alles gut— mag ſie eine Weile trauern. Sein unerwartet ſchneller Hintritt hat ihr gefühlvolles Herz ſehr ange⸗ griffen; allein die Zeit wird ihre Trauer ſchon heilen, ohnehin kann dieſe keine ſehr tiefe Wurzeln ſchlagen. Da der ſelige Kammerjunker nun in ſchönſter Ruhe ſchläft, können wir vielleicht, mit Gottes Hülfe, hoſſen, daß unſre alten Hoffnungen neue Schoſſe treiben, verſteht ſich, zu ſeiner Zeit. Hortenſe wird Ihr Trauerjahr zu Forshälla zubringen. Freundliche Gruͤße an Dein ganzes Haus von Deinem alten Thorſen.“ Daß dieſer Brief von der Bundler'ſchen Familie, ungeachtet des ſchwarzen Sigels, als kein Trauerbrief angeſehen ward, verſteht ſich von ſelbſt. Uebrigens wurde ſeiner nachher nicht mehr erwähnt; denn offenbar hatte der junge Bürgermeiſter keine Freude daran wenn man den Gegenſtand berührte. Zwiſchen den Alten behielt der Briefwechſel nach wie vor ſeinen Fortgang; allein es verfloßen Wochen, Monate, ein halbes Jahr, ja faſt das ganze Wittwenjahr, ohne daß Gotthard auch nur eine Silbe von einer Reiſe geſprochen hätte. Alle beſaßen zu viel Zartgefühl, um deßhalb eine Frage an ihn zu ſtellen; man wunderte ſich bloß darüber und konnte es nicht begreifen. Nur Her⸗ mann ſagte immer:„Laßt ihn gewähren, er wird ſeinen Entſchluß ſchon auf eigne Hand faſſen.“. Still und ernſt beſorgte unterdeſſen Gotthard ſeine Geſchäfte und ſchien mehr an die Angelegenheiten der Stadt, als an die ſeinigen zu denken. In Wirklichkeit. b dachte er aber nicht minder an die letzteren; allein er that dieß mit Verſtand und von einem ganz andern Ge⸗ ſichtspunkte aus, als früher. Es war nicht mehr das ——⏑9—* ͤ—— ſtürmende, überſchwellende Gefühl, welches den Himmel zur Erde herabreißen wollte und, um ſeinen Egoismus 1 245 zu befriedigen, über alle Bedenklichkeiten weg ſprang. Nein, es war das ruhige, aber doch innige Streben nach häuslichem Glück, wie er es nun genießen konnte, nicht überſpannt, nicht überſchwänglich, aber doch groß genug, um den leeren Raum in ſeiner Seele auszufüllen, welche ſehnlich darnach verlangte. Wird Hortenſe, nachdem ſie die Gattin eines Andern geweſen, dieß können? wird ſie mit ſolcher Hingebung und Innigkeit und— mußte er hinzuſetzen— Verträg⸗ lichkeit und Duldſamkeit lieben, wie früher?— Auf der Lebensbahn des Mannes liegen ſo viele tauſend Steine des Anſtoßes, welche ihn oft mißlaunig machen. Dann muß die Frau nicht allein ein Auge zudrücken, ſondern auch den feſten Willen haben, freundlich und mit leichter Hand, ſo viel ſie vermag, dieſe Störung wegzuräumen. Alles dieß bedachte Gotthard, denn er kannte jetzt das Leben, er kannte ſich ſelbſt; aber er wußte auch, daß, wenn ſie die Seine werden wollte, ihr Glück ſein heißeſtes Streben ſeyn wuͤrde. Er dachte an Hermann's und Hulda's häusliches Leben.— Nachdem er Alles viel und ernſt uͤberlegt hatte, verkündete er zuerſt im Familien⸗ rathe und dann am nächſten Montage auf dem Rathauſe, daß der Bürgermeiſter eine Reiſe im Sinne habe, wozu er ſich einen Urlaub von vier Wochen ausbat. Eilen wir ſchnell nach Forshälla voraus Es war gerade ein Monat nach Ablauf des Witt⸗ wenjahres. ortenſe trug indeſſen noch immer ihr Trauerkless dh hattte manchen Streit deßhalb mit der welchchr heftig anlag, ſie ſolle bei Gelegenheit 2s großen itttageſſeng, welches den Tag darauf in der ichöuiß gegeben wurde, ein farbiges Seidenkleid anziehen. „Ach, liebezutter, muß es denn ſeyn? Die Freude iſt nicht mehr me Farbe.“ „In dieſem le hat Deine Mutter Recht, Hortenſe,“ ſagte der Amtmarwelcher ſo eben eintrat.„Ich meine, 8 246 Du haſt lange genug um den Seligen getrauert; ja, mein' Seel, das haſt Du!“ Hortenſe wurde roth; in ihrem Herzen regten ſich wunderliche, nicht ganz ausgeſprochene Gefühle; es war ihr, als hätte ſie noch Urſache zur Trauer. Da kam Lidner hereingeſturzt; denn daß er ging, konnte man unmöglich ſagen.„Ach, Herr Gott! Herr Gott!“ war Alles, was er in ſeiner Eile und Freude vorbringen konnte. „Was gibt es, Lidner? Hat Er den Verſtand ver⸗ loren, oder was hat Er gemacht?“ fragte der Amtmann. „Nein, nein; aber die Freude, das Erſtaunen! Der Herr Bürgermeiſter Bundler ſind gekommen!“ „Was der Tauſend!“ endlich einmal,“ rief der Amt⸗ mann aus und machte einen Satz, als ob Gicht und Podagra nur in alten Traditonen zu finden wären. „Stehen die Sachen ſo?“ ſagte die Amtmännin und kniff mit einem bedeutungsvollen, etwas verächtlichen Lä⸗ cheln den Mund ein. Aber ihr Mann warf ihr im Vorbeirennen einen Blick zu, welcher ſeine Meinung hinlänglich ausdrückte. Die Amtmännin wußte, daß es nun mit ihrem Pantoffel⸗ regiment nicht mehr weit her ſey, beſchloß deßhalb, vor der Hand keinen großen Widerſpruch entgegenzuſetzen. Frau Bürgermeiſterin Bundler klang jedenfalls beſſer, als nur ſo ſchlecht und recht Frau Weſtelli. Hortenſe ſaß, wie zu einem Marmorbild geworden, da; kein Wort ging über ihre Lippen Iſie wagte kein Auge zu erheben. „Herzensjunge, liebſter, einziger Hottha Schelm, den ich ſo lieb habe, daß Uin meinen Tagen ſchier ein Narr werden könnte ſchrie der Amgs mann und drückte unſern Helden einm über das andre an ſeine frohe Bruſt.„Komm herei Du mußt Dich auch von den Uebrigen begrüßen laſſ 4 Die Amtmännin kam ihrem(ie höflich entgegen und hieß ihn mit der ſüßeſten Freu hkeit wilkommen. en 247 Gotthard küßte ihr pflichtſchuldigſt die Hand und ſagte ein paar Worte, in welchen nicht viel Sinn und Zu⸗ ſammenhang lag, denn ſeine Augen hafteten auf Hortenſe, welche ebenfalls aufgeſtanden war und, von Kopf bis zu Fuß zitternd, ſich alle Mühe gab, ihn ruhig zu empfangen. Ein paar Augenblicke betrachtete er die holde, wirklich edle, verſchönerte Geſtalt. Die brennenende Röthe auf ihren Wangen und ihre offenbare Bewegung verrieth ihm, was er wiſſen wollte.„Theure Hortenſe!“ ſagte er und bekämpfte mit Gewalt ſeine Gefühle; denn er ſollte jetzt den Lohn für vier Jahre der Entſagung ärndten.„Ihr Anblick erinnert mich, wie unſere Schickſale auf mannich⸗ fache Weiſe gewechſelt haben— doch ſprechen wir davon jetzt nicht. Wir kennen ja unſern gegenſeitigen Standpunkt.“ Hortenſe fühlte ſich ſehr erleichtert, daß der erſte, ſchwere Augenblick überſtanden war und wagte aufzuſehen; aber ihr Blick ſtrafte ſich ſelbſt; ſie bekam noch heftigeres Herzklopfen, als vorher. „Die kommen heute Abend nicht mehr zu ſich; aber es wird ſich ſchon machen,“ dachte der Amtmann und umarmte in der Freude ſeines Herzens Alles, was ihm begegnete, ſogar Lidnern. 82 Dieſer wurde nach dem Eſſen zu dem Bürgermeiſter auf ſein Zimmer berufen, woö Beide die halbe Nacht auf blieben und plauderten, was indeſſen auf keine Weiſe unſern Reiſenden einſchläferte, denn dieſer hörte, halb liegend, mit aufgeſtütztem Ellbogen, in geſpannteſter Aufmerkſamkeit guf alle die hundert kleinen Umſtände, on Hortenſe zu erzählen wußte und die Achlicum den Einen Pankt drehen, um die wung, ja ſwißheit, daß in dem vergangenen Jahre Froßer Theil per früheren Gefühle für den vorigen erlobten wieder etacht ſeyen, wie Lidner ſich ausdrückte. Am andern ag ging es ein wenig beſſer; man konnte miteinander teden und einander anſehen. Am dritten gab es kleine Spaziergänge, wobei natürlich die ſus Tage zur Stache kommen mußten, und am 248 vierten, denn weiter kamen ſie nicht, war Alles in ſchönſter Ordnung. Arm in Arm kamen ſie aus dem Park zurück. „Ich habe Dir jetzt vollſtändig gebeichtet,“ ſagte Gotthard mit freudenſtrahlenden Augen.„Glaubſt Du 4 in der That, daß Du mich jetzt ſo lieben kannſt, freilich gebeſſert, aber doch nicht ganz ohne Fehler?“ „Ich glaube, daß ich eher ſterben als aufhören könnte, Dich zu lieben,“ antwortete Hortenſe zärtlich; „und Du wirſt mir auch gut bleiben, mein Gotthard, das weiß ich gewiß.“ „O Gott, geliebteſte Hortenſe, was müßte ich werth ſeyn, wenn es nicht ewig mein heißeſtes Streben wäre, Dich glücklich zu machen!“ „Habe ich Euch!“ rief des Amtmanns Baßſtimme herzlich und zugleich mit komiſchem Ausdrucke. Die jungen Leute ſahen auf; im Spaſſe ſein ſpa⸗ ⸗ niſches Rohr in der Luft ſchwingend, ſtand der Ehren⸗ mann vor ihnen, und einen Moment darauf lagen ſie in ſeinen Vaterarmen. „Lidner!“ rief der Amtmann dieſem zu, welcher hintendrein kam, gehe Er hinauf zu meiner Fran, ſag' Er ihr, was Er geſehen hat und grüße Er ſie von mir, mit dem Bedeuten, wenn e wieder Luſt zu einer Ohn⸗— macht habe, ſo müſſe ſie dieß 1 größter Schnelle abma⸗ chen, denn wir kommen ſtracks usch.“ „Pfui, Thorſen, iſt dieß ein Auftrag an Deine Ge⸗ mahlin? compromittirſt Du dergeſtal ihre Würde vor einem Schreiber? Du biſt und bleibſt eſt d in alter Bär.“ Blutroth im Geſicht ſtand die Amtmännimitte „Und Du, mein Schatz, biſt ein Ruſter einem Weibe, eine Frau, welche verdiente, d man ſie in Ns und Rahmen faßte, weil Du Dit endlich einmal 8 menagiren weißt und unter ſolchen Vſtänden Schrei al Ohnmacht bei Seite läſſeſt. Kinder, s bedeutet Glü (Ende.)