Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatun Eduard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 22. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird vo jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen.— 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahn eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sumn hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatt wird. Morgen 4. Abonne beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —, ⁰’————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Wi.— Pf der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſe 6. Schadenersatz. 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Ein jeglich⸗ himmliſches Gefühl.— O, ich will Troſt Dir . bringen,— Komm Gramerfüllter zu mir ber, und laß mich mit Dir weinen, Und mit den Deinen meine Thränen einen. Thomas Moore. Karoline,“ ſagte der indem er ſein großes und mit freundlicher welche der jungen Frau über die bleichen Wangen rangen lich und entzog ſich dem Kuß, welchen er, gleichſam zum Pfande des Friedens, auf ihre Stirne drücken wollte; „ſag lieber: egoiſtiſch, denke nur an Deine eigene Be⸗ quemlichkeit, und laß den armen, kleinen Wurm, welcher jedoch nicht Dein eigen iſt, verſchma „Du haſt ſehr Unrecht, beſte Lina,“ erwiederte Bundler, nunmehr in vollem Ernſte .„Habe ich Dir andlung Anlaß r Vermuthung gegeben, mein Herz kenne keine ter ſ und ſei für Menſchenliebe ka und entgegnete Karoline, etwas verdrieß⸗ chten und hilflos 3 daß Du Dich ſelbſt, Deine Geſundheit, ja Dein Leben aufs Spiel ſetzeſt, wirfſt Du mir kalten Egoismus und Mangel an Gefühl für das hil loſe Kind vor.“ „Vergieb mir, liebſter, beſter Bundler,“ bat Karoline in ſanftem Tone, und fuhr ſchmeichelnd mit der Hand über ihres Gatten gerunzelte Stirne.„Vergieb mir, liebſter, beſter Bundler. Ich gebe gerne zu, daß ich ſehr unpaſſend, und gegen meine eigene Ueberzeugung geſpro⸗ chen habe, denn wer kann Dich beſſer kennen und höher ſchätzen als ich, welche tägliche Zeugin aller Deiner . Handlungen, all' Deines Thuns and Laſſens iſt, in Deinem Innern leſen kann, und Alles mit Dir theilt, was Dein Herz bewegt; aber, liebſter Bundler, der Schmerz verwirrt mir den Kopf. Nur Eins iſt mir klar, und dieß iſt der Gedanke, daß, obgleich Du glaubſt meine Geſundheit werde darunter leiden, wenn mein Wunſch in Erfullung geht, ich im Gegentheile der feſten Ueberzeugung bin, daß ſie nur dann wirklich Schaden leiden wird, wenn ich ihn mir verſagen muß. Ja, glaube mir, Liebſter, es iſt wahrlich ſo. Tag und Nacht würde Bertha's Schatten mir vor Augen ſchweben, Nacht für Nacht würde ich ihre klagende Stimme hören, wie ſie mir vorwirft, daß ich mein Gelübde gebrochen, und bald würde der Gram darüber mich eines ſolchen Bruchs, der die Ruhe der Entſchlafenen ſtört, ſelbſt anklagen zu müſ⸗ ſen, tödtliches Gift in meine Adern gießen; und wenn wir uns dann dort oben endlich wieder treffen, und Du hier mit Deinen jungen mutterloſen Waiſen alleln zurück⸗ bleibſt, dann, Geliebter, wirſt Du Dich zu ſpät über Deine Hartnäckigkeit grämen, ſo vortrefflich Deine Abſicht auch dabei geweſen ſein mag 1 „Schwärmerin!“ ſchmählte er, und zog ſeine Gattin an ſein noch unruhiger klopfendes Herz. Der gute Dok⸗ tor getraute ſich nicht ſeiner Gattin in das thränenfeuchte, fanftflehende Auge zu blicken, denn er kannte ſeine Schwachheit, und fürchtete am Ende, gegen ſeine beſſere Ueberzeugung als Arzt und Gatte nachgeben zu müſſen. — 7 Aber ſchnell flog ihm ein Gedanke durch den Kopf, einen letzten Verſuch zu wagen, er beugte ſich zur Seite, und nahm aus der kleinen Wiege, welche neben ihnen ſtand, ein kaum zwei Monate altes Kind, einen kleinen Knaben mit ſchwarzen Haaren.— „Karoline, gellebte, beſte Gaitin,“ ſagte er weich, und legte ihr das Kind in den Schooß,„ſo laß denn unſern kleinen Engel Dich erbitten, wenn Deines Gatten Flehen und Vorſtellungen nichts mehr fruchten. Sieh' wie er lächelt, wie er ſeine kleinen Händchen nach ſeinem rechtmäßigen Eigenthum ausflreckt. Kannſt Du ihm rauben, was ihm allein gehört, kannſt Du zuſehen wol⸗ len, wie unſer theures, heißgeliebtes Kind, das jetzt noch munter und ſtark iſt, aus Mangel an hinrelchender Nah⸗ rung dahinſchmachtet und verwelkt?“ Mit warmer Mutterzärtlichkeit drückte Karoline den 4. Kleinen an ihre Bruſt, allein ihr Entſchluß blieb uner⸗ ſchütterlich. „Liebſter Bundler,“ liſpelte ſie in einem Tone, der ihm bis ins innerſte Herz drang,„Du weist, wie treu, wie innig, wie unausſprechlich ich Dich und unſer Kind 3 liebe. Kannſt Du glauben, daß ich, bei dem lebendigſten ie Gefühle meiner Pflichten, als Mutter und Gattin, Euch ——— འ5—— 83606988=S ld zu übervortheilen gedenken könnte, wenn ich nicht der er feſten, zuverläßigen Ueberzeugung wäre, daß ich mit dem ſ⸗ nagenden Bewußtſein meines gebrochenen Wortes, nie, in niemals im ganzen Leben je wieder Ruhe und Frieden du zu finden vermochte. Sieh', liebſter Mann, dann könnte k⸗* erſt unſerm kleinen Gotthardt in der That die nährende er Quelle verſiegen, oder würde noch ſchlimmer, durch den ht zehrenden Gram vergiftet, und die kräftige geſunde Milch zur todbringenden Nahrung werden!“ tin Der Doktor ſchwieg, er ſah ein, daß es verlorne k⸗ Mühe war noch weitre Vernunftgründe geltend machen te, zu wollen. Beide fühlten, daß dieſes Schweigen den ine Streit entſcheide. Karolinen pochte das Herz gewaltſam. 8 4 Sie hatte den heimlichen Entſchluß gefaßt, nicht weiter zu gehen, es möge nun kommen, wie es wollte, denn ſie verehrte ihren Gatten ſehr hoch, und wollte ihm durch keine zu weit getriebene Hartnäckigkeit gegen ſeine Anſicht ferner zu nahe treten. Aber vollſtändig ihrer Lieblings⸗ idee hingegeben, an welcher ſie mit der ganzen ſchwär⸗ meriſchen Heftigkeit eines Weibes hing, wenn es gilt, ſie gegen eine feindliche Ueberzeugung zu vertheidigen, er⸗ wartete ſie faſt mit Todesangſt den Ausſchlag Bundlers, auf ihre letzte Einwendung. Endlich preßte Bundler mit einem tiefen Seufzer die bedeutungsvollen Worte heraus:„Nun denn, in Got⸗ tes Namen, liebe Karoline! Ich vermag Deine Thrä⸗ nen und Bitten keinen längern Widerſtand entgegenzu⸗ ſetzen. Mögen Sie ſich in des Himmels Namen in Deine Milch und in die Zärtlichkeit der alten Liſe theilen. Gott gebe, daß mich meine allzugroße Nachgiebigkeit gegen Deinen Wunſch nie reuen möge! „O dieß wird, dieß ſoll gewiß nie der Fall ſein, mein liebſter, einziger Bundler,“ verſetzte Karoline ver⸗ trauensvoll, ſchlang den einen Arm um dem Hals des Gatten und drückte mit dem andern ihr Kind näher an die junge, von den füßeſten, reinſten Gefühlen ſchwellende Mutterbruſt. Glaube mir, dieſer Schritt wird keine ſo bittre Folgen nach ſich ziehen, wie Du zu fürchten ſcheinſt. Nein, ſicher nicht! Mein Herz ſagt mir, daß es uns die edelſten Früchte bringen und unſre ſpäteſte Zukunſt noch verſchönern wird.“ Jetzt öffnete ſich die Thüre, ein junger, blaſſer Mann in tiefſter Trauer trat ein, und näherte ſich der häus⸗ lichen Gruppe. Karoline ſtand auf, legte ihr Kind raſch in die Wiege, deckte es ſorglich zu, um es vor dem leiſe⸗ ſten Luftzuge zu ſchützen und reichte mit dem Ausdrucke des innigſten Mitgefühls dem Fremden die Hand. Ihre Theilnahme ſchien ihm wohl zu thun! denn ein leichtes, faſt unmerkliches Lächeln, deſſen Grund leicht zu errathen war, zog über ſeine zitternden Lippen, als er Karollnens warmen Handdruck fühlte. Dann ließ er ſich von Bundler zum — 4 — 2ε—-——V S S0oàA— 3 9 Sopha führen, und mechaniſch Alles mit ſich machen, was der gute Doktor in ſeiner freundlichen Fürſorge mit ihm vornehmen wollte. Der blaſſe junge Mann hieß Dahl, war ein reicher Holz⸗ und Getreldehändler aus der Stadt M.... und hatte vor kaum einem Jahre Karolinens Schweſter ge⸗ ehelicht. Er und der Doktor hatten etwa zu derſelben Zeit um ihre Bräute geworben und nach erhaltenem Jaworte die Hochzeit an einem Tage gefelert. Jetzt aber ſielen die Looſe des Schickſals ungleich. Ein Jahr verſchwand zwar beiden jungen Paaren in ſo ungetrüb⸗ ter Seligkeit, als ſie die Welt nur immer zu bieten vermag, aber wie gewöhnlich, ſolgte auch hier das Un⸗ glück dem Glück auf dem Fuße nach. Die unerbittlichen Mächte ſordern ſtrenge ihren Zoll— und nur wenige Augenblicke laſſen ſie das menſchliche Herz die Süßig⸗ keiten eines glücklichen Lebens genießen, um es die Bit⸗ terkeit, mit welcher ſie es lücklſch erfüllen, nur noch her⸗ ber fühlen zu laſſen. Oft, wenn die Männer durch ernſthaſtere Geſchafte gehindert waren, ihren jungen Frauen Geſellſchaft zu leiſten, ſaßen dleſe allein zu Hauſe, und das Thema ihres nie ruhenden Zweigeſprächs waren ihre Hoffnungen auf die Zukunſt, welche den angehenden Müttern noch unter dem Herzen ſchliefen. Welch' reicher Stoff für zarte ächt weibliche Weſen, die der Schöpfer zu dem ſeligen Mutterberufe beſtimmt hat! Bertha und Karoline fühlten beide die Wichtigkeit dieſer Bedeutung, und wie glücklich waren ſie ulcht in jenen Augenblicken, wo ſie einander ihre Gefühle, ihre Anſichten, ihre Hoffnungen und zuweilen auch ihre Befürchtungen mittheilten; denn welchen Weibern ſollten in einer ſolchen Lebensepoche dieſe nicht aufſteigen! 8 Eines Abends, da ſie wieder vertraulich beifamen ſaßen und an dem Kinderzeug für die zu ermartenden eeblinge nähten, ſagte Bertha, indem ſie der Schweſter 40 ihre Arbeit hinreichte:„Was meinſt Du, liebe Lina, ich glaube faſt das Kittelchen hier wird zu klein?“ „Zu klein?“ erwiederte Karoline und lachte herz⸗ lich;„Bei Dir wird Alles zu groß, Bertha! Du machſt Dir wohl auf einen kleinen Rieſen Rechnung, oder iſt es Sparſamkeit von Dir, daß Du meinſt das Zeug ſolle ein ganzes Jahr lang aushalten?“ „Oder auch, Karoline,“ fiel Bertha ein, und eine Thräne, welche in ihrem Auge perlte, ſiel auf die Arbeit nieder,„weil ich zuweilen denke, daß dies das Erſte und Letzte iſt, das ich für mein Kind arbeite, und deßhalb Alles hübſch und recht machen will, damit ihm nicht all⸗ zufrüh eine fremde Hand Neues fertigen möge.“ „O Bertha, Bertha, gellebte Schweſter, ſprich nicht ſol“ bat Karoline zitternd und ſiel ihr um den Hals, „Du erſchreckſt mich; Deine Stimme klingt ſo ernſt, ſo beweglich, daß ſie mich ſchaudern macht. Du, meine holde, gute Bertha, Du, die Hälfte meines Lebens, ſollteſt von mir ſcheiden, Deinen Gatten verlaſſen, den Du ſo innig liebſt, der Dich faſt anbetet, und Dein Kind, das Dir des Himmels Seligkeit bereiten wird— Du ſollteſt das ſchöne, heitre Leben verlaſſen wollen! Nein, gute Bertha, glaub' das nicht, vergönne ſolchen düſteren Gedanken keine Macht über Dich, verſprich mir dies, hörſt Du Bertha! Du mußt es mir hellig verſprechen.“ Bertha erzwang ein mattes Lächeln, ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken und gab keine Antwort. Da ergriff Karoline wieder das Wort:„Du weißt, beſte Schweſter, ich bin vier Jahre älter als Du, und unſere Mutter hat Dich auf ihrem Todenbette meiner zärtlichen Liebe übergeben, und mir befohlen, Dich vor dem Einfluſſe der krankhaften Ausgeburten Deiner Ein⸗ bildungskraft zu wahren, welche nicht ſelten Herr über Dein Gemüth zu werden pflegten. Du weißt, daß ich ihr dies verſprochen habe, und was ſoll ich nun an jenem großen Rechenſchaftstage antworten, wenn ſie findet, daß meine Bemühung mir nicht gelungen iſt?“ ————=“ —— ᷣ— △☛ S6+ ¹8+ —, ⁸8 11 „Gelliebte, beſte Karoline, ich will mich dieſer ſchwar⸗ zen Gedanken entſchlagen,“ erwiederte Bertha mit erzwun⸗ gener Faſſung.„Da wir nun aber auf dieſen Gegen⸗ ſtaud gekommen find, ſo laß uns einander ein Gelübde geben, welches ich mir oft als etwas ſo Schoͤnes und Beruhigendes für uns Beide gedacht habe, denn auch Du, theure Schweſter, biſt derſelben traurigen Möglich⸗ keit unterworfen.“ Sie ſchwieg und war unentſchloſſen, ob ſie weiter reden ſollte. „Nenne es, liebſte Bertha,“ verſetzte Karoline eifrig, „laß mich vernehmen, was Du meinſt. Vielleicht iſt der⸗ ſelbe Gedanke auch in mir rege geworden, denn auch in meinem Herzen ſtreiten Unruhe und Hoffnung. Ja, ja, ich bin ſicher, daß unſre Gedanken ſich begegnen.“ „Gott gebe, daß es ſo iſt,“ ſchluchzte Bertha. Sieh' gute Lina, ich meinte, daß wir— freilich nur wenn wir der feſten Ueberzeugung ſind, unſer Verſprechen halten zu können, einander die Zuſage geben wollten, wenn Eine von uns ſterben muß, die überlebende das mutterloſe Kind wie ihr eigenes annehmen will, nicht allein mit dem ihrigen alle mütterliche Zärtlichkeit und Fürſorge theilen läßt, ſondern auch ihm dieſelbe Nahrung aus der Mut⸗ terbruſt reichte.“ „Bertha,“ rief Karoline aus, ernſt und von einem heiligen Schauder ergriffen:„Daſſelbe war mein Ge⸗ danke. Laß uns einander die Hand darauf geben, zum treuen Bunde, der über das Eeben hinaus gilt, bis in die ſeligen Räume der Ewigkeit, in welcher wir uns früher oder ſpäter wieder finden!“ 1 Bebend reichte ihr Bertha die Hand über den Tiſch. Ein paar Minuten hielten ſich die zarten, weißen Finger feſt umſchloſſen, als ſie aber die Hände zurückzogen, ſtieß Bertha mit dem Arm an die einzige Kerze, welche das Zimmer erleuchtete. Dieſelbe ſiel um und ſtürzte mit raſſelndem Getöſe auf den Boden.— Alles war dunkel und ſtumm. „Siehſt Du, Karoline,“ flüſterte endlich Bertha, und 12 ein leichtes Beben durchſchauerte ihr ganzes Weſen;„ſiehſt Du, ich wußte es ja.— Das war kein gutes Zeichen.“ „Ein bloßer Zufall war es, Liebſte,“ tröſtete ſie Karoline und klingelte nach Licht. Indeſſen ſchien dieſer Zufall doch nicht ganz ohne Vorbedeutung zu ſein. Karoline war ſchon ſechs Wochen Mutter, als auch Bertha ihrem Gatten einen Sohn ſchenkte. Jedoch war die Freude über den Neugebornen nur kurz; ſeiner Ankunft in dieſer Welt folgte in kurzem Bertbas Hinübergang in das Land, zu welchem wir Alle mit Glauben und Hoffnung emporblicken. Kaxoline und der auf ſeinen Verluſt ſchon vorberei⸗ tete Gatte knieten an ihrem Lager; auf dem Antlitze der jungen Mutter ſtrahlte ein ſeliger Friede.—„Ich war ja ein ganzes Jahr ſo glücklich, als eine Sterbliche nur immer ſein kann,“ ſagte ſie langſam.„Ich murre nicht — bin zufrieden; denn ich laſſe mein Kind zurück und weiß, daß es, obgleich ich hinübergehe, doch nicht mut⸗ terlos iſt.“— Voll Zuverſicht fiel ihr umflorter Blick auf Karoline, welche ſchluchzend ihre Hand an die Lip⸗ pen zog, und kaum hörbar ſtammelte:„Ja, Bertha, ja, * ich habe von nun an zwei Söhne, ſie ſollen Zwillings⸗. brüder ſein, und ſo lange mein Herz ſchlägt, ſoll es für den einen ſo warm wie für den andern ſchlagen.“. Schwach beantwortete Bertha den Händedruck ihrer ſchweſterlichen Freundin, wandte dann ihre Angen voll Zärtlichkeit auf den gramerfüllten Gatten, und ſagte mit gebypchener Stimme:„Mein Eberhard, wenn Du einſt An Kine zweite Wahl denkſt, ſo erinnre Dich an die Bitte Deiner ſterbenden Gattin; ſieh' auf nichts Anderes, als auf ein gutes Herz. Dieß iſt die beſte Tugend, welche einem Weibe inwohnen kann, und vor Allem muß diejenige ſich derſelben rühmen können, welche ſich dem ſchweren und gewichtigen Berufe unterziehen ſoll, dem Kinde Mutter zu ſein, welches unter dem Herzen ihrer Vorgängerin geruht hat.“ Sie ſchwieg; die ſchwache Kraft verließ ſie. 3 oft wir uns ſelbſt täuſchen über die ſogenannte Ewig⸗ 13. Tief ergriſſen, vermochte Dahl kein Wort hervorzu⸗ bringen. Seine von Fieberfroſt bebenden Lippen preßten ſich auf die Hand ſeiner jungen Gattin und aus ſeinem thränenfeuchten Auge ſprach die Bitte, ihn mit der ſo ſchmerzlichen Anſpielung auf eine zweite Wahl zu ver⸗ ſchonen. Schon die entfernteſte Hindeutung riß die blutige Wunde in ſeinent Herzen noch mehr auf. O, in ſolchen Stunden des brennenden Schmerzes und des gewaltigen Kampfes haben wir keine Ahnung davon, daß wir jemals unſerem Abgott untreu werden. könnten, den wir uns ſiets gleich heilig der unwandel⸗ barſten Zärtlichkeit und des fortdauernden Andenkens für werth halten!— Die große Lehrmeiſterin, Erfahrung, zeigt aber, wie keit unſrer Neigungen, über die Macht unſrer Gelübde, nebſt aller Zärtlichkeit, von der man ſich eine nie endende Dauer verſpricht, und welche doch die allerverg anglichſte unſrer Empfindungen iſt. Bertha ſah welche Qual ihr Gatte litt. Ihr ſchon vom Todesengel berührtes Herz verſtand ihn, ihre blaſſen Lippen ſchloſſen ſich und mit dankbarer Ergebenheit in den Willen ihres himmliſchen Vaters entſchwebte ihre Seele zu der Heimath der Engel. Zweites Kapitel. — , Kehr um—„wohin?“— ich frag—„wo findet ſich der Frieden?— 5 Gib mir ein Licht, das weiter ſcheint als nur hienieden.“ 3 Prafſtröm. Wir führen unſern Leſer am Abend nach dem Begräb⸗ ißtage in das Haus des braven und wohlwollenden Doktors undler. Karoline hatte die ganze betrübte Zwiſchenzeit — ——— — ———————— 14 unausgeſetzt bei ihrem Schwager zugebracht und Alles ſowohl für die traurige Feier als auch für die Tauf⸗ handlung des Neugebornen beſorgt, der durch dle über⸗ nommenen Mutterpflichten jetzt ihr zweiter Sohn gewor⸗ den und den Namen Hermann erhielt. Sie war jetzt in ihre Wohnung zurückgekehrt und nach unzähligen Bitten und Vorſtellungen glückte es ihr endlich, wie wir geſehen haben, ihren Gatten zu vermögen, daß er ihrem edlen Vorhaben beiſtimmte, beide Knaben ſelbſt ſäugen und Beiden eine gleichaufopfernde Mutter ſein zu dürfen; und Karolinens ſeelenvolle Augen ſtrahlten nun wieder von inniger Dankbarkeit, dem reinſten Gefühle, welches je in einem Buſen eines Weibes lebt. Beide Gatten beeiferten ſich um die Wette ihren gebeugten Gaſt zu tröſten und zu zerſtreuen. In tiefes Schweigen verſunken ſaß der junge Mann da und be⸗ deckte ſein Geſicht mit den Händen; er ſchien faſt gänz⸗ lich gefühllos.„Beſter Dahl,“ ſagte der Doktor und zog ihm mit ſanfter Gewalt die Hände von den thränen⸗ ſchweren Augen,„blick' doch meine Karoline an, ſie ver⸗ dient es wahrlich für ihre unermüdete Sorge. Du hörſt aber gar nicht auf ſie und doch bittet ſie Dich ſo beweg⸗ lich auf ihre Worte zu horchen.“ „Was denn, was iſt's denn?“ fuhr Dahl plötzlich aus ſeinen Träumereien auf.„Was willſt Du von mir, beſte Karoline? Sag' an, ich höre, ich will Dir ja ſo gerne zuhören. Sie hat Dich ja innig geliebt und Du warſt es, die ihren letzten Blick, ihr letztes Wort mit mir getheilt hat. O Karoline, wie es hier tobt und brennt!— O weh' mir!“— Er drückte ihre Hand an ſein ſchmerzlich ringendes Herz und verbarg den brennen⸗ den Kopf in dem Sophakiſſen.„Armer Dahl,“ flüſterte Karoline mit ihrer freundlichen Stimme,„wohl haſt Du Grund zu klagen; ich nicht minder, und doch kann ich nicht von mir reden, wenn ich Dich anblicke. Laß uns aber den Gedanken an Grab und Tod vergeſſen, welche uns das genommen haben, was Dein Alles war, und 15 wende Dich zu Deinem Sohne, durch den Du auf ewig mit dem ſeligen Geiſte vereinigt biſt.“ „Ja, mein Sohn, mein armer Sohn, was ſoll aus ihm werden, ohne eine Mutter, welche ſeine erſte Schritte auf der unſichern Lebensbahn leiten kann? O, des Le⸗ bens edelſte, uneigennützigſte Gabe, die Liebkoſungen einer zärtlichen Mutter, ihre aufopfernde Liebe, wird er nie⸗ mals kennen lernen!“ „Und doch,“ entgegnete Karoline ſanft,„ging unſre theure Bertha mit der Ueberzeugung hinüber, daß ihrem Abbilde hienieden eine Mutter bleibe. Glaubſt Du dies nicht auch, beſter Dahl?“ m Stumm drückte ihr der gebeugte Wittwer die Hand und wandte den Kopf nach der Wiege, in welcher der kleine Gotthard ſchlummerte. „Ich verſtehe Dich,“ erwiederte Karoline und ein leichter Purpur überzog ihre feinen blaſſen Wangen;„Du hältſt es nicht für möglich, Dahl, daß ein Weib, welches ſelbſt Mutter iſt, ein ſo uneigennütziges Gefühl hegen könne. Allein mit Gottes Hilfe und bei dem Andenken an unſre Bertha, welche mich beſſer kannte, ſchwöre ich ihrem Gatten, daß mir Euer Kind eben ſo lieb und theuer ſein ſoll, wie mein eigenes. Beide ſollen mir gleich nahe ſtehen, und damit von Anbeginn auch nicht der geringſte Vorzug zwiſchen ihnen ſtattſinde, werde ich Beide ſelbſt ſäugen. Biſt Du damit zufrieden, Dahl?“ „Du gute Karoline, mein Dank findet keine Worte, ich fühle ihn jedoch darum nicht minder warm. Aber ich fürchte, es iſt Unrecht von mir, Dein großes, hoch⸗ knniges Anerbieten anzunehmen;— was ſagt Bundler azu?“ „Wenn ich aufrichtig ſein ſoll,“ entgegnete Dieſer, „ſo kann ich nicht bergen, daß mir im Anfange ihr Plan nicht geſtel, denn ich fürchte, Karolinens Kräfte ſind der Ausführung ihres heldenmüthigen Entſchluſſes nicht ge⸗ wachſen. Nachdem wir uns indeſſen darüber beredet haben, bin ich zu einer andern Ueberzeugung gelangt, * —— denn ich fand, daß die Brechung des unſrer armen Bertha gegebenen Gelöoͤbniſſes ſie mehr koſten würde, als die Erfüllung deſſelben.“ „Außerdem kann ja Eure Liſe mit dem Knaben her⸗ überziehen. Die Alte iſt verſtändig, und wir wollen gemeinſchaftlich ein Auge darauf haben, daß die jungen Herren auch noch mit einer weitern Nahrung bedacht werden, als nur mit dem mütterlichen Nektar; im Uebri⸗ gen, liebſter Bruder, darfſt Du darauf bauen, daß meine Augen ſowohl über Mutter als Kind wachen werden.“ Dahl reichte Bundlern und Karolinen die Hände und dräckte ſie mit einem Gefühle, welches beſſer als Worte kund gab, was in ſeinem Herzen vorging,— dann ſtand er auf, um wegzugehen. Weder der Doktor noch ſeine Gattin konnten ihn zurückhalten; er ſehnte ſich nach Hauſe, nach dem Kämmerlein, wo ſeiner geliebten Bertha Leiche geſtanden. Da ſaß er dann einſam, in Träumereien verſunken, nur mit ihrem Bllde beſchäftigt. Nichts ver⸗ mochte ihn zu ſtören und von ſeinem Gedanken abzu⸗ bringen, denn ſein einziger Troſt war— Nahrung für ſeinen Schmerz zu ſuchen. Am nämlichen Abende noch wurde der kleine Her⸗ mann nebſt Wiege und Amme in Doktor Bundlers Haus übergeſiedelt. 4 Ein kleines Kabinet neben dem Schlafzimmer des Ehepaars ward für die beiden Milchbrüder eingerichtet. Hier ſchliefen ſie in ihren niedlichen Bettchen, und die ſorgliche alte Liſe, welche ſchon die junge verblichene Frau aufgezogen hatte, und ſeitdem ſtets mit der größten Liebe ihrer Gebieterin zugethan blieb, ſaß ſtill auf einem Schemel zwiſchen den beiden Kleinen, eine Schnur in den Händen, welche an jeder Wiege befeſtigt war. So⸗ bald ſie den geringſten Laut hörte, zog ſie an der Schnur, woher der Ton kam, und ſummte mit leiſer Stimme ein Schlafliebchen. Sohald Alles wieder ruhig war, holte ſie die Schnupftabaksdoſe hervor, nahm eine Prieſe, 8* ₰ drückte eine Thräne aus den ſtets feuchten Augen, und — A³ 17 begann emſig an einer Wickelbinde für den kleinen Her⸗ mann zu ſtricken. So vergingen Wochen und Monate, Dahls tiefer Schmerz blieb ſich ſtets gleich; Berthas Zimmer war noch immer ſein Lieblingsplatz; der einzige Ort, den er ſonſt noch beſuchte, war das Haus ſeines Schwagers,— dorthin ging er täglich, um das halberſtorbene Herz an dem Anblicke ſeines Sohnes zu erquicken, welcher unter Karolinens liebender Fürſorge herrlich gedieh. Friſch und ſtark ſchoß der Kleine empor, und obgleich ſein Bruder Gotthard faſt ſechs Wochen älter war, ſo konnte doch Niemand, der nicht darum wußte, ſagen, wer der ältere ſey. Und Karoline, das gute, edle Geſchöpf, weit entfernt irgend ein Mißvergnügen darüber zu empfin⸗ den, war ſogar noch ſtolz darauf, und fühlte ſich nie glücklicher, als wenn Fremde, denen ſie ihre kleinen Lieblinge zeigte, nicht zu ſagen wußten, welcher von Belden der ihrige ſeyn möchte. „Sie find Beide mein,“ ſagte dann jederzeit Koro⸗ line mit der reinſten Freude, die kleinen quabbelichen Buben an ihr glückliches Herz drückend, und ſetzte ſie dann auf den Boden nieder, wo ſie auf einen, für ſie eigens beſtimmten Teppiche herumpurzeln konnten. Gotthard zählte jetzt ein Jahr, Hermann eilf Monate und dleſe Zeit war, wie Frau Lenngren ſo treffend ſagt, im Kinderröckchen und in Unſchuld“ vergangen. Ihre bequeme Kleidung erlaubte ihnen auf allen Vieren um⸗ herzukriechen, üͤber einander zu purzeln und ſich wieder aufzurichten; aber ſchon in ihrem zarteſten Jugendalter trat deutlich die Ungleichheit ihrer Charaktere hervor, welche ſie auf ihrer ganzen fernern Lebensbahn begleiten ollte. Wenn Gotthard hinſiel, ſo blieb er liegen und ſchrie ketzerlich ohne Unterlaß, bis Liſe, obgleich es ihr vom Doktor und ſeiner Frau ſtrenge unterſagt war, herbeigelaufen kam und ihn aufhob. Wenn aber Her⸗ mann ſo etwas paffirte, zerarbeitete ſich dieſer ſtilt und Die Milchbruüder. I. 2 18 geduldig mit Händen und Füßen, bis er, kirſchroth in ſeinem Vollmondsgeſichtchen, wieder gehörig auf dem Teppiche ſaß; oder ein ander Mal, da Gotthard in einem Korbe voll Pfeifchen, Klappern und ſonſtigem Spielwerk eifrigſt kramte, und Hermann auch ſein Händchen aus⸗ ſtreckte, um an der Herrlichkeit Theil zu nehmen, begann jener dem Eindringling aus allen Kräften auf den Kopff zu pauken, und als dieſer, trotz dem, mit gleicher Tapfer⸗ keit ſeinen Antheil am Korbe feſthielt, und beide ordent⸗ lich mit einander rauften, begann auf einmal Gotthard, wie gecböhnlich, aus vollem Halſe zu ſchreien, worauf Hermann, überwunden, ganz mäuschenſtille, ohne Etwas von dem Spielzeuge mitzunehmen, an das andere Ende des Teppichs kroch, wo er die großen Bohnen auflas, welche er kürzlich von der alten Liſe erbeutet hatte— und damit ſpielte. Als Liſe, welche beſtändig bei der Hand war, den kleinen Auſtritt gewahrte, machte ſie dem kleinen Gott⸗ hard eine Fauſt, murmelte leiſe:„das iſt ein ‚verbeinter“ Junge mit ſeiner Gewaltthätigkeit!“ und brachte ihrem Augapfel einen ganzen Haufen Sachen, um ihn für das entzogene Splelzeug zu entſchädigen, welches ſie dem klei⸗ nen Tyrannen nicht zu entreißen wagte, denn neben daran war das Arbeitszimmer des Doltors, und dieſer öffnete in der Regel, wenn er Gotthards wohlbekanntes Kampf⸗ geſchrei hörte, die Thüre, und pflegte zu nicht geringem Aergerniß der Alten, verdrießlich zu ſchelten: „Was zum Henker, Liſe, kann ſie denn nicht auf die Kinder Acht haben, damit ſie keinen ſolchen Satanslärm Es war in der Mitte des Mai, ein ſehr ſchöner Nachmittag. Doktor Bundler ſaß mit ſeiner Familie in verführen!“. dem Gärtchen, das ſeine Wohnung umgab. In einer 5 — 4 gruͤnen Laube ſtand der einladende Kaffeetiſch, und Karo⸗ line, welche zwiſchen ihrem Gatten und ihrem Schwager ſaß, ſchenkte eben zum zweiten Male ein. Die Buben ſpielten vor ihnen auf dem Raſen. . * 7 n„Es iſt doch etwas Herrliches,“ begann der Doktor, n„ſo hier im Freien zu ſitzen mit ſeiner Pfeife und Kaffee, 3 die kleinen Schreihälſe um ſich und...“ da ſchwieg er plötzlich und ſchlang ſeinen Arm um Karolinens Hüfte. ⸗„Und mit ſeinem geliebten Weibe,“ ergänzte Dahl n den abgebrochenen Satz, waͤhrend ein tiefer Seufzer ſeinen f Lippen entſchlüpfte und er in ſtärkeren Wolken den Rauch ⸗ aus der Pfeife blies. -„Du haſt es ziemlich getroffen,“ bemerkte der Doktor.— ,„Aber biſt Du denn gemeint, lieber Dahl, Dein if ganzes Leben ſo einſam fort zu vertrauern. Alles in der 18 Welt hat Maß und Zliel, auch der Kummer. Wenigſtens de ſollteſt Du mehr Rückſicht auf Deine eigene Geſundheit 3, nehmen, inſofern Dir, um Deines Sohnes willen, an 5 Deinem Leben etwas liegt, denn um Deinetwillen, weiß ich wohl, machſt Du Dir nicht viel daraus.“ n—„Gewiß nicht,“ entgegnete Dahl,„ich bin ja aber 1 doch nicht krank, lieber Bruder.“ „Ja, aber verdammt nahe daran;“ verſetzte der n Doktor. 68„Du biſt auf dem beſten Wege zum Allerſchlimmſten —1 was einem paſſiren kann, auf dem Weg ein Grübler, n ein Schwärmer, ein Träumer zu werden. Sowohl Dein te Geſchäft, als das Erbe Deines Sohnes geht geraden 4 Weges zum Kukuk, wenn Du Dich nicht zur Arbeit er⸗ n mannſt und wieder vernünſtig und thätig wirſt.“ „Du haſt gut predigen,“ entgegnete Dahl etwas ver⸗ e drüßlich;„ſag' mir nur, wie ſoll ich wieder Luſt zu Arbelt n und Thäͤtigkeit gewinnen?“ „Das will ich Dir ſagen,“ erwiederte ihm Bundler r 4 keernſt.„Du wirſt auf einige Zeit Dein Haus und unſere n. gute Stadt verlaſſen, und da die Jahreszeit vollkommen r günſtig iſt, an einen Kurort reiſen, in eines unſerer treff⸗ lichen Bäder; ich ſtehe Dir dafür, dieß wud auf Dein 4 rrankes Gemuͤth eine erſtaunliche Wirkung äußern. Du wirſt als ein ganz an enſch zurückkommen.. — 8 ———— — 5— 8— 5 20— „Hm,“ meinte Dahl,„daran habe ich noch nicht gedacht.“ „So thu' es jetzt, beſter Schwager,“ fiel Karoline ein und vereinigte ihre Ueberredungsgabe mit der ihres Mannes.„Bundler hat Recht; Du brauchſt Zerſtreuung, ☛ welche Du hier weder haben kannſt noch magſt. Du mußt Leute um Dich haben, ein geſchäftiges Treiben, friſche, andere Luft und Gott weiß, was noch Alles, um wleder der verſtändige und umgängliche Menſch zu werden, der Du vordem geweſen.“ 3 „Beſte Karoline,“ verſetzte Dahl mit ſchmerzlichem Lächeln,„Du meinſt es von Herzen gut mit mir, das weiß ich wohl! Deßhalb ſollt Ihr mir den Rath auch nicht umſonſt gegeben haben. Ich lege Alles in Deine Siehe„Bundler; ſchicke mich, wohin Du willſt— ich reiſe.“.— „Gut, lieber Bruder,“ ſagte der Doktor und auß— ſeinem Geſichte ſpiegelte ſich ‚die größte Zufriedenheit. „Laß Du Deinen Reiſewagen in Stand ſetzen,— ich 4 werde die Marſchroute ſchreiben!“ Drittes Kapitel. Stürz' in die Wogen dich und bebe nicht! Mann iſt, wer kecklich wagt, und hat ſchon halb geſtegt. Dahlgren. Wie aus dem dornigen Buſch die duftende Roſe ſich windet So aus beharrlichem Fleiß blühet uns Freude Pnid Wohl. arlén. An einem ſtillen, hübſchen Sonntagsmorgen, in den letzten Tagen des Juni, trat Dahl, begleitet von den heißen Segenswünſchen der Seinigen, den großen Weg an. Anfangs hatte die Rei die mindeſte Wirkung auf ihn. Die Ausſichten it und ſonders von der Art, wie er ſie bereits Mal geſehen hatte, chaukeln des Wagens hinlänglich bequem, um 21 den gewohnten Grübeleien und Träumereien nachzuhän⸗ gen, an welchen er ſo viel Behagen fand. Deßhalb unterbrach auch nichts die alte Einförmigkeit. Den Tag über war es ſchwül geweſen, der Abend brachte aber ein wohlthuendes Lüftchen, deßhalb kündigte Dahl ſeinem Diener an, daß er die ganze Nacht über fahren und lieber den nächſten Tag in B.. zubringen wolle, wo man mit Tagesanbruch ankommen mußte. Nach dieſer Erklärung ging wieder Alles im alten Geleiſe; vor jedem Poſthauſe wurde aus und wieder eingeſpannt, ohne daß Dahl nur ein einziges Mal gewahr wurde, wie lange es dauerte, bis die Pferde herbeikamen. Da dieß nun nirgends ſehr ſchnell ging und Niemand ſich Mühe gab zu treiben, ſo war es natürlich, daß man ſtatt Morgens früh erſt gegen Mittag in B.. ankam. In dem höchſt vortrefflichen Gaſthauſe war, der Verſicherung des Wirths zufolge, außer einem elenden Dachkämmerchen kein einziges Zimmer mehr frei. „Meinetwegen,“ ſagte Dahl gleichgültig, ließ ſeine Sachen hinaufbringen und ging hinterher. Als unſer Reiſender das ſchwarze, unbehagliche, höchſt uneinladende Loch betreten hatte, welches in Anſehung ſeiner Verwand:⸗ ſchaft und Nachbarſchaft mit den übrigen Bodenkammern der Wirthin, ſonſt noch zu allerlei wirthſchaftlichen Zwecken gebraucht zu werden ſchien, warf er ſich, ſonſt an alle möglichen Bequemlichkeiten gewöhnt, in einen alten wackelichen Lehnſtuhl und ſah ſich höchſt unzufrieden rings um, während ſeine feinen Riechorgane durch häufiges, ſehr merkliches und vernehmliches Nieſen ihre Unbehag⸗ lichkeit zu erkennen gaben. „Das iſt eine verdammte Schweinerei!“ brummte er und ſchob eine Flaſche mit altem grünlichem Waſſer zur Seite.„Dieß ſollte man denn doch wenigſtens gut und rein halten können „Sehr gutes hätte der Doktor ſagen müſſen, wäre er in der Nähe Zeuge ſeines Unwillens ge⸗ weſen, denn dieß war die erſte derartige Aeußerung Dahls 22 ſeit einem ganzen Jahr. Und unmittelbar würde er hin⸗ zugeſebt haben:„Es geht doch Nichts über das Reiſen. wird der Geiſt aus ſeinem gewöhnlichen träumeriſchen Schlendrian gehörig aufgerüttelt.“ Dahl war indeſſen noch weit entfernt, ſich bei ſeinem tlef eingewurzelten Gram von dergleichen unbedeutenden Außenſachen, wie wir ſie nennen wollen, afficiren zu laſſen und ihnen großen Eindruck auf ſein Gemüth zu geſtatten. In Folge davon faßte er den lobenswerthen Entſchluß, in Gottes Namen das nicht ſehr ſaubere Bett in Beſitz zu nehmen, um von den wahren Träumereien der vergangenen Nacht auszuruhen. Beſchließen und han⸗ deln ſind aber in der Regel leider ein paar ſehr ver⸗ ſchiedene Dinge; bekanntlich macht man die Rechnung zuweilen ohne den Wirth, und ſo auch hier; daran war uͤbrigens eine Legion zudringlicher Nachbarn Schuld, welche aus den Ritzen der Wände des Bettes hervorſpazirten, und mit Hintanſetzung aller Billigkeitsrückſichten über den neuen Ankömmling mit Mörderzähnen herzufallen be⸗ gannen. Raſend ſprang Dahl von der Folterbank auf und rief mit Donnerſtimme die Kellnerin herbei. Nach langem Harren kam endiich dieſe, ein altes, rothhaariges, mürriſch blickendes Inventarienſtück und fragte verdrieß⸗ lich, was denn das Zetergeſchrei zu bedeuten habe. „Etwas höchſt Natürliches, Du alte Eule,“ brauste Dahl heftig auf.„Iſt das ein Ort, wo man Reiſende einlogirt; in dem verdammten Loche da findet ſich ja alles mögliche Satansungeziefer!“. „Nun da ſeh' mal Einer, Gott verzeih' mirs, was iſt denn der Herr für eine vornehme Perſon!“ keifte die feuerlockige Nymphe und ihre Stimme zitterte vor Zorn, „was bildet ſich der Herr denn ein? man ſoll ihm wohl ſtets eine Stube in Bereitſchaft halten, daß er ſich, ſowie er kommt, nur mir nichts dir ts breit hineinſetzen kann, und ſchickt nicht ein e andere ordentliche Leute, eine Beſtellung voraus!„nein, hier in B.. wiſſen wir recht wohl, was ein Reiſender verlangen kann, 5 5 23 und wenn Einer kommt und die guten Zimmer find ſchon beſetzt, ſo muß er eben mit dem vorlieb nehmen, was er bikommt. Er hat ja geſehen, daß außer der Bodenkam⸗ mer Nichts mehr leer iſt, und wenn ihm dieſe nicht an⸗ ſteht, ſo mag er ſich einen Stecken dazu ſtecken und ſehen, wo er eine beſſere herkriegt.“ „Solch ein Satan iſt mir doch noch nicht vorge⸗ kommen,“ dachte Dahl heimlich, um aber die Barin nicht ferner zu reizen, entgegnete er in größter Sanftmuth: „Kann Sie mir nicht ſagen, Jungfer, ob in der Nach⸗ barſchaft vielleicht Leute wohnen, welche Zimmer an Reiſende vermiethen. In dieſem Fall will ich ſehen, ob ich nicht ein anderes bekommen kann.“ „O, damit hat es keine Noth, ſolche gibt's ſchon. Im dritten Hauſe hier neben an wohnt eine arme Wittwe, welche herzlich froh iſt, wenn zuweilen Jemand bei ihr wohnen will.“— „Ha, zum Teufel— daß ich doch auch ſo dumm ſeyn und Peter ausgehen laſſen mußte, um ſich das ver⸗ dammte Hundeneſt zu beſehen. Vor Abend kommt er ge⸗ wiß nicht heim, denn er iſt der feſten Meinung, daß ich ihn nicht früher brauche. Heda, Jungfer, hör' Sie, warte Sie noch ein Bischen!“— Die Wirthshausbärin ſchaute über die Schulter zurück, als ſie aber bemerkte, daß Dahl ihre zur Verſöhnung gebotene Hand auf keine andere Weiſe und nicht beſſer zu ſchätzen wußte, als daß er ſteif daſtand und, ohne weitere Notiz von ihr zu nehmen, Fluche zwiſchen den Zähnen murmelte, drehte ſie ſich um, ſchlug ſcheltend die Thüre zu und flog die Treppe hinab in ihre Kuche.*—. Aergerlich warf ſich unſer Reiſender wieder in den armſeligen Lehnſtuhl, allein dieſer war ſo breſthaft, daß die Hinterbeine zu wanken und bedrohlicherweiſe nachzu⸗ geben begannen, alſo ſprang er abermals auf, ſchleuderte die Reliquje des Alterthums an das andere E. Stube und maß mit ſchnellen Schritten ſer weites Käſicht. 5 4 —— ͦ— dar ——— 24 „Nein, das iſt nicht zum ertragen!“ rief er endlich aus, mit dem feſten Vorſatze unter allen Umſtänden eine Aenderung ſeiner traurigen Lage zu bewerkſtelligen.„Peter kommt ſo bald noch nicht, das iſt keine Frage.— Ich könnte ja aber ſelbſt ausgehen und mich nach einem Zimmer umſehen. Das iſt freilich im höchſten Grade unangenehm, indeſſen doch nicht halb ſo ſchlimm als das Hierbleiben. Allein wenn ich es abermals mit einer ſolchen alten Here zu thun bekäme— das wäre doch des Teufels; So iſt mir noch Keine vorgekommen. Doch, was plage ich mich mit Vorausſetzungen, welche jedenfalls ganz unnothig ſind. Eine Wittwe ſagte ſie; eine Witt⸗ frau kann ja deßwegen immer noch jung, anſtändig und recht annehmbar ſeyn. Ich werde es probiren,— es mußte ja mit dem Henker zugehen, wenn die Sache nicht beſſer ausſiele, als ich fuͤrchte.“ Mit dieſen Worten kleidete ſich unſer milzſüchtiger Freund an und ſetzte ſich in den Stand einen kleinen Spaziergang drei Häuſer weit zu machen. Er öffnete ſeine Retſetoilette, und als er ſein bleiches, früher ſo hübſches, nun ganz eingefallenes Geſicht in dem Spiegel betrachtete, ſah er wohl ein, daß er dieſes einer Waſchung unterwerfen, und ſich, wohl oder übel, des hellgruͤnen Waſſers dazu bedienen müſſe. Bei jeder neuen Üngele⸗ genheit brummte Dahl über das Verdrießliche des Reiſens und über die Dummheit, ſeinen Diener ausgehen zu laſſen. Endlich war er fertig, zupfte ſeinen Halstuch⸗ knoten noch zu Recht, der offenbar ſchief ſaß, knöpfte den Rock zu und nahm den Stock und Hut. „Na, in Gottes Namen vorwärts!“ ſagte Dahl und ſchloß die Thüre. Dieß war die größte Anſtrengung ge⸗ weſen, die er in einem ganzen Jahre gemacht hatte, denn ſeit ſeiner Wittwerzeit waren bis auf die heutige Stunde niemals äußere Umſtände im Stande geweſen, irgend einen Eindruck auf ihn zu machen. Und da gerade dieſe Stumpfheit es war, welche ſein Schwager fürchtete, ſo hatte dieſer ihn zu einer Reiſe vermocht, welche ſeinem & — 25 trägen Sinnen neues Leben und Bewegung geben ſollte. Wir werden ſehen, ob Bundler ein Menſchenkenner war, oder nicht. Sobald unſer Reiſender mit heiler Haut auf der Straße angekommen war, begann er ſeine Rechnung wegen des Hauſes.„Eins, zwei, drei!— Ja, das wäre, beim Henker, ſo übel nicht, aber da ſind zwei Straßen und noch zwei Gäßchen, welche alle mit dem nächſten Hauſe da, dem Eckhauſe, in Verbindung ſtehen! Wenn nur den Peter, das Vieh, der Teufel holte, dey Schuft kann doch ſein Lebtage nie daheim bleiben! Iſt das wohl in der Ordnung, wenn man ſich einen Kerl hält, und dann ſelbſt noch ſo in der Welt herumrennen muß?“ Eine Zeitlang blieb Dahl unſchlüſſig ſtehen; endlich begann er ſeine erſte Entdeckungsreiſe die Straße hinauf. Als er am dritten Hauſe angekommen war, nahm er vorerſt das Aeußere in Augenſchein. „Hm! hier kann's nicht wohl ſeyn,“ ſagte er halb⸗ laut.„Rothe Drapperien an den Gardinen— hohe Fenſter— nein, da iſt Nichts.“ „Was meinen See damit, daß da Nichts ſey, mein Freund?“ fragte auf ein Mal ein dicker aufgedunſener Herr, welcher im Fenſter lag und mit neugierigen Blicken unſern armen Dahl betrachtete, der in Nachdenken ver⸗ ſunken, ohne es zu wiſſen, gerade vor dem Hauseigen⸗ thümer ſtand, und ohne weitere Umſtände ſeinen Gedan⸗ ken über das, was er ſuchte und nicht fand, Worte lieh. Die Frage des dicken Herrn brachte ihn in einige Verlegenheit, er verbeugte ſich höflich, zog den Hut ab, bat wegen ſeiner Zerſtreutheit um Vergebung und ging eiligen Schrittes nach dem Wlrthshauſe zurück. „Na, da wäre ich unverrichteter Sache wieder,“ dachte er nun weiter, denn laut zu ſprechen fürchtete er ſich. „Soll ich jetzt die Straße links gehen, damit mich die Leute für einen Tollhäusler halten? Peter, der Hund, kommt immer noch nicht nach Hauſe! Bundler, die ehr⸗ liche Seele meint vermuthlich wenn man ſagt;„du mußt —— ———— —— 26 reiſen!“ ſo ſey damit ſchon Alles gethan. Ja, ja, wenn man einmal hinauskommt, ſo iſt es, mein Seel', etwas ganz anderes. Es wäre wohl am Ende das Beſte, wenn ich rechtsumkehrt machte und wieder heim reiste, da iſt es ſo ruhig, ſo behaglich gegenüber von einem ſolchen Herumflankiren. Aber Bundler und Karoline würden mich auslachen, und ich müßte mich in alle Ewigkeit mit der verunglückten Reiſe aufziehen laſſen. Deßhalb muß es biegen oder brechen. Nun, wo bin ich denn jetzt? Eins— zwei— drei!— Nein, iſt denn der Satan vollkommen los und ledig? Bin ich ja die halbe Straße herunter gekommen!“ Aergerlich über ſich ſelbſt, über ſeinen Schwager, über ſeinen Peter und hauptſächlich über alle Wirths⸗ häuſer, kehrte Dahl um und rannte ohne weitere Rück⸗ ſicht auf Fenſter und Draperien gerade über die Treppe in das vorgenannte Haus hinein, klopfte an der erſten beſten Thüre und eine helle Frauenſtimme rief:„Herein!“ „Da wäre ich nun alſo,“ dachte Dahl und trat keck hinein. In einem großen, recht hübſchen Zimmer ſaß ein ältliches Frauenzimmer und legte Patience. Ein paar ungeheure Brillengläſer, welche über der ſchönſten Spitz⸗ naſe thronten, die man nur ſehen konnte, wurden mit einem ganz eigenen Ausdrucke abgenommen, und mit ihren natürlichen, grauen, ſtechenden Aeuglein muſterte nun die Dame unſern Reiſenden von Kopf bis zu Fuß. Dieſer brachte mit wenig Worten ſein Anliegen vor: ein Zimmer mit einem guten Bette und vor Allem friſches, reines Waſſer. „Glauben Sie denn, mein Herr, hier in meinem Hauſe alle dieſe Ihre Bedürfniſſe zu finden?“ fragte die ältliche Dame in einem Tone, welcher zu gleicher Zeit Verwunderung, Sorgen und Furcht ausdrückte, denn der Menſch konnte ja möglicherweiſe ſeine fünf richtigen Sinne nicht alle bei einander haben. In ihrer Bangtgkeit blickte ſie nach dem anſtoßenden Zimmer und rief:„Stina, 27 Stina, biſt Du drinnen? Lauf doch und ſieh' nach meinem Manne! Es ſey ein Herr da, der ihn zu ſprechen ver⸗ langt?“ „Keineswegs,“ entgegnete Dahl—„ich habe mit dieſem ganz und gar nichts zu ſchaffen. Ich war, kurz geſagt, der Meinung, ein Frauenzimmer vor mir zu haben, welches keinen Mann hat, und..“ „Was? Herr!“ rief die beleidigte Dame aus, und ihre alten Wangen veranderten ihr bisheriges Gelb in das allerſchönſte Karmoiſinroth:„Schämen Sie ſich nicht, elner ehrlichen Frau in dieſer Weiſe zu kommen! Gehen Sie! auf der Stelle! ſag' ich Ihnen, ſonſt werde ich meinen Mann rufen, daß er Sie hinauswerfen läßt.“— Sie war aufgeſtanden, ſiel aber aus Ermattung, infolge ihrer heftigen Gemüthsbewegung, auf den Sopha zurück. Hier lag ein Mops und ſchlief; bei der unge⸗ ahnten rauhen Berührung wachte dieſer auf, ſprang in die Höhe und ſchrie erbärmlich. „Charmantele, Charmantele!“ kreiſchte die Dame und kam nun erſt wieder ganz zur Beſinnung, da ſie ſich nicht mehr allein wußte, und zu ihrem Glück einen ſol⸗ chen Beſchützer hatte,„faſſ', mein Junge, faſſ', igi!“ Alsbald ſtürzte Charmantele auf den nicht minder verwunderten Dahl los, ſo daß dieſer alle Mühe hatte, durch ſchleunigen Rückzug ſeinen Rock in Sicherheit zu bringen. Endlich lief er wieder glücklich in den ſichern Port ſeines Wirthshauſes ein, und da Charmantele alle ſeine Bemühungen als fuuchtlos erkannte, und ſeinen Gegner nicht weiter verfolgen konnte, kehrte auch er wieder heim, um als Belohnung für ſeine Tapferkeit ein Stückchen Zwieback oder einige Küſſe ſeiner Gebieterin in Empfang zu nehmen..— Unterdeſſen ſtand Dahl unter dem Thorbogen, die eine Hand an dem Drucker, die andere in der Rocktaſche und lachte, das erſte Mal, ſeit er Wittwer ——— 28— hell und klar vor ſeinen Augen und er wünſchte Nichts, als daß der Doktor mit zugegen geweſen wäre.—„Nun, ein ander Mal werde ich geſcheidter ſeyn!“ ſagte er und nahm ſich vor, von nun an ſeine fünf Sinne zu Rath zu ziehen; ging dann in die Kuͤche, wo er das rothhaarige— Weibsbild fand, drückte ihr ein paar Schillinge in die Hand und bat ſie mit größter Höflichkeit, ihm das Haus zeigen zu wollen, wo die Frau wohne, welche Zimmer vermiethe. „Nun, mein Sir, jetzt ſehe ich doch, daß er ver⸗ nunftig geworden iſt,“ murmelte das Wirthshausfräulein, ſteckte das Geld in die Taſche und ging, ohne ein Wort zu verlieren, die Straße hinauf voraus; am dritten Hauſe blieb ſie ſtehen und ſagte vernehmlich:„Da die Thüre links! Sie können nicht fehlen, gerade der Leinwandbude gegenüber.“ „Gut,“ erwiederte Dahl und konnte ſich unmöglich— den Wanſch verſagen, wie das erſte Mal, einen Blick auf die Fenſter und Gardinen zu werfen.—„Ach, wäre ich nur gleich hieher gekommen, da wäre ich nicht fehl⸗ gegangen!“ Dieſe Schlußfolgerung zog er ſicher aus den kleinen, kaum zwei Scheiben hohen Fenſtern, den weißen, aber etwas knappen Vorhängen und den vielen hübſchen Blumen, in beſcheidenen irdenen Töpfen, auf den Fenſter⸗ geſimſen; Alles zeugte von Geſchmack im Verein mit nothgedrungener Sparſamkeit. Dahl trat auf die Haustreppe und klopfte mit einiger Schüchternheit(eine Folge ſeines erſten Irrthums) an der bezeichneten Thüre. Leichte Schritte näherten ſich, ᷣ innen wurde ein Riegel zurückgeſchoben, die Thüre ging auf und es ſchaute ein Kopf heraus, welcher auf unſern. Reiſenden einen um ſo vortheilhafteren Eindruck machte,. als ihn die rothhaarige Nymphe und die ſpitznaſige alte. Dame noch unaufhörlich in Gedanken verfolgten. Der fragliche Kopf war mit einem großen blauen 4. ſprechenden Augenpaar verſehen, einer weißen Stirne, über welche das glänzendſte braune Haar, das man nur ſehen mochte, ſchlicht zu beiden Seiten niedergekämmt war, und von einem dicht anliegenden blendend weißen Häubchen überſchattet. Weiter befand ſich an dem Kopfe ein kleiner allerliebſter Mund mit ganz erſtaunlich hübſchen Zähnen, und einem Kinn, deſſen ehemalige feine Rundung etwas abgemagert ſchien, ſowie die Wangen, welche ſtatt des friſchen Purpurs der Geſundheit und Freude mit Lilienbläſſe bedeckt waren, was ſie übrigens keineswegs ſchlecht kleidete. „Ergebenſter Diener; ich bitte um Entſchuldigung;“ ſagte Dahl und nahm, gleichſam inſtinktmäßig, ſein fruheres höfliches Weſen wieder an.„Ich bin auf der Reiſe und ſuche ein Zimmer, da im Gaſthofe Alles be⸗ ſetzt iſt. Bin ich wohl hier Recht, wenn ich mir die Freiheit nehme, dieſe Frage an Sie zu ſtellen?“ „Ja, mein Herr, ich habe ein paar kleine Zimmer zu vermiethen. Wollen Sie die Güte haben und herein⸗ treten!“ Dahl ließ ſich dieß nicht zweimal ſagen. Kaum hatte ſie den reizenden Kopf zurückgezogen, ſo folgte er nach und ſtand nun mit einer höflichen Verbeugung, den Hut in der Hand, im Zimmer vor einem jungen Frauenzimmer von höchſtens dreiundzwanzig Jahren, welches ohne alle Frage ganz hübſch und eben ſo anſpruchslos in ihrer Kleidung, als in ihrem ganzen Weſen und ihren Worten war. Sie erwiederte ſeine Begrüßung weder ſteif noch erkünſtelt, und führte ihn dann zu zwei kleinen Zimmern neben dem, welches ſie ſelbſt bewohnte. Dahl blickte ſehr zufrieden um ſich: Alles war einfach und ſpärlich, aber nett und reinlich.— „Hier werde ich mich vortrefflich befinden,“ ſagte er. „ Das ſoll mich freuen,“ entgegnete die junge Wittwe freundlich.„Brauchen Sie Etwas, ſo wollen Sie nur klingeln. Dieſe Thüre führt auf die Straße.“— Damit machte ſie abermals eine Verbeugung und wollte ſich entfernen, als Dahl ſie mit den Worten zurückhielt:„Ich bitte um Vergebung, Madame““ —— ſW ——,— — ——— —44—— * Sie blieb ſtehen und blickte ihn fragend an. Dahl war in keiner geringen Verlegenheit. Ohne ſich eigentlich Rechenſchaft über das Warum geben zu können, waren ihm die Worte:„Ich bitte um Vergebung, Madame,“ entfahren. Bielleicht war es ein gewiſſer un⸗ beſtimmter Wunſch, ſie zurückzuhalten, und jetzt, als ihre, ſanften blauen Augen fragend auf ihm ruhten, wünſchte er lieber Nichts geſagt zu haben. „Befehlen Sie vielleicht noch Etwas?“ fragte ſie und warf dabei einen prüfenden Blick im Zimmer umher, um zu ſehen, ob vielleicht irgend Etwas fehle. „Ich wollte Sie blos bitten, Jemanden nach dem Gaſthofe zu ſenden, wo meine Sachen zurückgeblieben ſind. Laſſen Sie gefälligſt dorthin ſagen, ich bleibe hier, und wenn mein Diener nach Hauſe kommt, ſolle er ſich ſchleunig hieher begeben und den Schlüſſel zu dem Zim⸗ mer holen, wo mein Koffer ſteht.“ „Es ſoll Alles beſorgt werden,“ verſicherte die Frau mit einem anmuthigen Kopfnicken und verſchwand, ohne daß Dahl, ganz gegen ſeinen Willen, ſie noch ein Mal zurückzuhalten wagte. Viertes Kapitel. Malſt du mir das Bild des Todes Hier auf ſchönem zartem Stengel, Mit der Hülle um die Knospe? Nein——————— — unter Blumen ſteht ein Engel Aus geborſt'nem Grabe auf. Franzén. Unſer Reiſender ſtreckte ſeine müden Glieder auf ein eben ſo ſauberes als bequemes Bett, und ſchlief ſchon ein paar gute Stunden herrlich, als Peter nach Hauſe 3 kam. Dieſer wußte wohl, wie ſehr ſein Herr nach ſo ungewohnten Strapatzen der Ruhe bedürfe und nahm — ☛ 31 ſich deßhalb ſehr in Acht ihn aufzuwecken. Sachte ſchlich er zum Tiſche, wo der Schlüſſel lag und bewerkſtelligte in aller Stille den Umzug. Dahl blieb deßhalb unge⸗ ſtört, bis am andern Morgen die Sonne am Himmel ſtand. Er erwachte, rieb ſich die Augen, ſah nach der Uhr und rief:„Peter, wo ſteckſt Du denn, Du ſaker⸗ mentiſcher Schlingel?“ Peter, der im äußern Zimmer auf dem Sopha lag, hätte ſich beinahe auf den Kopf ſtatt auf die Füße ge⸗ ſtellt, ſo verwundert und erſchrocken war er, als auf ein⸗ mal die alte wohlbekannte Stimme ſeines Herrn erſcholl, denn einen ſolchen Donner hatten ſeit Jahr und Tag ſeine Ohren nicht vernommen; der Gram und die daraus erfolgte Stumpfheit, welche ſich ſeit dem Tode ſelner Gattin unſers Dahls bemächtiget hatten, gingen ſo weit, daß er ſich nicht einmal durch einen Fehler ſeines Dieners, wenn dieſer eine Zurechtweiſung verdient hatte, aus dem gewöhnten Geleiſe ſeiner theilnahmloſen düſtern Gemüths⸗ ſtimmung reißen ließ. Peter nahm ſich nicht einmal ſo viel Zeit, den Rock vollſtändig anzuziehen; den einen Stiefel am Fuße, den andern in der Hand, präſentirte er ſich ſeinem Herrn mit der Frage, was er ſo früh befehle. Es ſey ja erſt vier Uhr.— „Drei Viertel auf ſechs iſt es, Du Schlafhaube!“ fiel ihm ſein Herr noch immer in demſelben heftigen Tone in's Wort.„Wo haſt Du geſtern geſteckt, waͤhrend ich wie beſeſſen in allen Straßen nach einer Wohnung umherrennen mußte?“ „Ich bitte unterthänigſt um Verzeihung, Herr Pa⸗ tron,“ erwiederte Peter;„Sie haben ja die Güte gehabt und geſtern, wie ſchon oft, ſelbſt geſagt, als wir im Wirthshauſe angekommen waren: Pet.r, haben Sie ge⸗ ſagt, Du kannſt gehen und magſt treiben, was Du wallſt, ich will allein ſeyn, haben Sie geſagt.“ Dahls Oberlippe kräuſelte ſich zu einem nicht ganz unmerklichen Lächeln; dann ſagte er:„Gut, Peter —— —— —-— — ñ—— ———— —— —y—— nun an wirſt Du nicht mehr ſo viel Freiheit haben. Ich finde, daß es für den Dienſt nicht gewaltig erſprieß⸗ lich iſt, wenn Du Dich allzuviel auf eigene Fauſt herum⸗ treibſt. Geh' und ſieh' zu, ob ich Kaffee haben lann. Dann bringſt Du meine Sachen.“ „Sehr wohl, Herr Patron! Die Sachen find aber ſchon hier; ich habe bereits geſtern Abend Alles in Ord⸗ nung gebracht.“ „Schön von Dir, Peter! Sorge nur, daß ich bald Kaffee bekomme und einen ordentlichen Teller mit Zwie⸗ back dazu. Ich bin hungrig wie ein Wolf!“ Mit geflägelten Stiefeln flog Peter, ein ehrlicher, anſtelliger Burſche, den Auftrag ſeines Herrn auszurich⸗ ten; während das Dienſtmädchen drinnen bei der Frau war und das einfache Kaffeeſervice zurecht machte, erwog Peter in ſeinem Kopfe die ſchnelle Veränderung, welche mit ſeinem Herrn vorgegangen war. Obſchon er nicht begreifen konnte, woher dieſe Umwandlung gekommen, freute er ſich doch herzlich darüber, denn er war geſcheidt genug, um einzuſehen, daß ſie für ſeinen Herrn nur von Nutzen ſeyn könne. Auch freute er ſich über den Wechſel ſelbſt, denn ſein Herr, ſtatt, wie gewöhnlich, leidend und krank auezuſehen, hatte heute ganz und gar das Anſehen eines Mannes in voller Kraſt und Stärke.„Es iſt alſo doch ſo, wie der Doktor geſagt hat,“ ſchloß Peter ſeinen Gedankengang.„Kaum iſt er auf der Reiſe, ſo kommt er wieder auf den Strumpf.“ Als der Diener mit dem Kaffee eintrat, war Dahls erſte Frage:„Weißt Du, wie die Frau heißt, bei der wir wohnen?“ „Ei freilich weiß ich das; Ahlberg heißt ſie, und iſt die Wittwe eines kleinen Kaufmanns, der im vorigen Jahre geſtorben iſt, ohne ihr einen Pfenning zu hinter⸗ laſſen. Sie waren vier Jahre geheirathet und er hat ſeit dem Hochzeltstage an der Schwindſucht laborirt, deßhalb kam er auch in Schulden bis über die Ohren und das ganze Haus war voll von Kreuz und Elend, als er ſtarb. 33 „Der arme Mann,“ ſeufzte Dahl.„Es muß der guten Frau ſauer geworden ſeyn, ſich durchzuſchlagen, aber es iſt Alles ſo ſauber um ſie her und die ſämmt⸗ lichen Sachen hier ſind zwar einfach, aber deuten doch gerade auf keine eigentliche Dürftigkeit hin.“ „Ja, ja, es iſt Alles ganz nett, was da im Zimmer ſteht,“ erwiederte Peter, innig vergnügt, daß er wieder ein Mal um Etwas gefragt wurde. Er, der beſtändig über Alles ſo genau Beſcheid wußte, hatte über Nichts eine größere Freude, als wenn man ſeinen Vorrath von Neuigkeiten in Contribution ſetzte. „Woher weißt Du denn dieß Alles, Peter?“ fragte ſein Herr erſtaunt. „Ja, Herr Patron, man erfährt Allerlei, wenn man ſeine Augen und Ohren gehörig gebraucht. Als das Mäd⸗ chen von ihrer Frau herauskam und die Sachen zum Kaffee brachte, fragte ich: Wo iſt die Zuckerzange, mein Herz? fragte ich.— Die Zuckerzange, Herr Peter? fragte ſie; wir brauchen keine, deßhalb hat meine Frau auch keine. — Was, ſage ich, ſie hat keine Zuckerzange?— Nein; hör er, ſagte das Mädchen ganz verdrießlich, wenn ihm das ſo ſeltſam vorkommt, ſo kann ich ihm ſagen, daß meine Frau außer dem dünnen Löffelchen, welches da bei der Taſſe liegt, ſagte ſie, kein Silber in ihrem Vermö⸗ gen hat.“ „Ei, ei, Jungfer, das iſt wunderlich, ſagte ich, es ſind doch allerhand hubſche Sachen in unſerem Zimmer und da habe ich gedacht..— Ach, das iſt auch der Mühe werth, ſiel ſie mir in die Rede, daß er ſich um andrer Leute Sachen bekümmert; ich darf ihm aber ſchon ſagen, denn ich ſehe keine Heimlichkeit darin, Alles, was er hier ſieht, haben die Verwandten der Frau in der Auktion nach dem Tode des ſeligen Herrn für ſie erſtanden. Es war wohl ſchön, daß ſie Alles verſteigern ließ, um ihres Mannes Ehre zu retten, allein das Silber iſt dabei draufgegangen; ſoviel blieb ihr nicht übrig, daß ſie das wieder hätte an ſich bringen können.“ Die Milchbrüder, 1. 3 — 5—— —— ————————— — — ſber es wollte nicht recht damit gehen; ſeine Gedanken Wwaren ſtets bei der armen jungen Frau, deren bleiches, hübſches, gramvolles Bild ihm beſtändig vor Augen könnte ich ihr übrigens doch machen, da ich ja ohnehin Sierauf rief er ſeinen Peter und befahl ihm, der Jungfer 34 „Gut, Peter, gut!“ ſchloß Dahl ſeinem redſeligen Diener den Mund.„Wenn man ein Mal nur die min⸗ deſte Frage an dich richtet, ſo iſt es gerade, als ob man an einem Faſſe den Zapfen zieht, das läuft unaufhörlich in vollem Strome hinaus, bis...“ Hier hielt Dahl mit ſeiner Rede inne,— ſeine Ge⸗ danken kamen auf etwas Anderes. „Bis man den Zapfen wieder hineinſchlägt,“ ergänzte Peter ſehr nav.—„Soll ich jetzt gehen und Pferde be⸗ ſtellen 2. „Pferde! Hm, nein, es iſt heute ſo warm, Peter. Wir wollen bis gegen Abend hier bleiben, bei der luftigen Kühle fährt es ſich angenehmer.“ „Ja, daran fehlt es gar nicht; Euer Gnaden werden ſchon Bekanntſchaft mit der luftigen Kühle machen. Es bläßt draußen ein Wind, daß nur ſo die Stücke umher⸗ fliegen.“ „Bläst er? um ſo ſchlimmer; ich habe nicht Luſt, mich ausblaſen zu laſſen; auf den Abend werden wir ſehen. Du kannſt einſtweilen auspacken, die Kleider reini⸗ 3 gen und ausbürſten; vielleicht gehe ich heute ein wenig aus— mir die Stadt zu beſehen.“ Sobald Dahl allein war, ging er nachdenklich im Zimmer auf und ab. Er gab ſich Mühe, an ſeine Freunde zu Hauſe, an ſeinen kleinen Hermann zu denken, ———᷑—ÿ—x—:—— ſtand.„Wenn ich nur Etwas für ſie thun könnte’“ gab er ſeinen Gedanken Worte;„allein was? Ich kan ihr doch, als ein durchaus Unbekannter, keine Unterſtützung anbieten.— Dazu wäre eine nähere Bekanntſchaft er⸗ forderlich,— ein vertrauteres Verhältniß. Einen Beſuh heute hier bleibe. Was ſoll ich auch Anderes anfangen?“ X ——— —+— 1* Guſtel zu ſagen, ſie möge Herrn Dahl bei Frau Ahlberg anmelden. Nach ein paar Minuten kam Peter wieder zurück, mit einer Empfehlung an ſeinen Herrn, und er werde willkommen ſein. „Gut,“ ſagte Dahl,„gib mir den olivengrünen Frack, Peter, und bürſte den Hut aus, ich will einſtweilen mein Halstuch umknüpfen.“ Heute ſaß die Schleife nicht auf der Seite, die Cravatte war in ſchönſter Ordnung und die Demantnadel verbarg ſich ſchüchtern unter der Aegide der bauſchenden Halstuchzipfel. Bald darauf trat Dahl in Frau Ahlbergs Zimmerchen. Er machte eine ſehr vortheilhafte, an⸗ genehme Figur. Sie ſaß am Fenſter und ſtickte. Als Dahl auf ſie zuging, ſtand ſie auf und bot ihm mit freundlichem Lächeln einen Stuhl nicht weit von dem ihrigen an. „Verzeihen Sie, wenn ich ſtöre, Madame,“ begann Dahl im weichſten Tone, deſſen ſeine Simme fähig war. „Ich konnte dem Drange nicht widerſtehen, Ihnen für die angenehme Nachtruhe, welche ich in Ihrem Hauſe genoſ⸗ ſen, meinen Dank auszudrücken. So gut habe ich ſeit langer, ſehr langer Zeit nicht geſchlafen.“ „Das freut mich unendlich,“ entgegnete ſie mit un⸗ gekünſtelter Herzlichkeit.„Sie ſehen auch in der That heute viel beſſer,— das heißt, viel friſcher aus, als geſtern Abend bei Ihrer Ankunft.“ „Sie ſind allzugütig, ſo etwas zu bemerken,“ ver⸗ ſetzte Dahl, und ein angenehmes Gefühl, welches ihm längſt fremd geworden war, bemächtigte ſich ſeiner.„Sie mögen aber wirklich nicht Unrecht haben,“ fuhr er fort, „es iſt heute das erſte Mal, ſeit ich das Ungluüͤck hatte, Wittwer zu werden, daß ich eine Art von Wohlbeſinden ſpüre, ein Erwachen zum Leben und zu neuer Thätigkeit; ich fange in der That an zu glauben, daß mein Schwa⸗ ger, welcher Arzt iſt, mit ſeiner Behauptung Recht haben — —õ— — —õ — — —— — —————— mag, daß nur eine Reiſe helfen könne, und dieſe mir Leib und Seele wieder geſund und kräftig machen werde.“ „Ach, Sie ſind Wittwer,“ erwiederte Frau Ahlberg, und in ihrer Stimme lag eine ſchmerzliche Wehmuth. „Unſer Loos iſt ſich alſo darin gleich. Seit einigen Monaten bin auch ich allein, ganz allein. Ich hatte ein Kind, es folgte aber bald ſeinem Vater, und Nichts blieb meinem Herzen— da iſt es jetzt öde und leer.“ Eine Thräne fiel aus den langen Augenwimpern nieder auf ihre Hand, welche auf der Stuhllehne ruhte. Ueber die Empfindung, welche ſich jetzt in Dahls Bruſt regte, können wir keine Rechenſchaft geben; er wußte ſich ſelbſt nicht zu erklären, was ihn dazu trieb, ſich zu bücken und die Thräne aufzuküſſen; kaum hatte er es gethan, ſo brannte ihm der Tropfen wie Feuer auf den Lippen und durch ſein ganzes Weſen. Er ſtand auf, wagte nicht, ſeine junge Wirthin anzuſehen und ging ſchweigend und gedankenvoll durch das Zimmer. Allein die Töchter Eva's haben von jeher ein ſcharfes Auge; auch Frau Ahlberg war nicht aus der Art ge⸗ ſchlagen. Dieß ging deutlich aus ihrem Benehmen her⸗ vor; ſie behandelte die kleine Epiſode als einen natürlichen Zufall, welcher auf Rechnung ſeiner aufgeregten Gefühle kam und ſetzte das Zwiegeſpraͤch ſo ungezwungen und freundlich wie vorher fort. „Sind Sie ſo glücklich, daß Ihnen Ihre Frau Ge⸗ mahlin ein oder vielleicht mehrere Kinder hinterlaſſen hat?“ „Ja, einen Sohn von einem Jahr; meine Schwä⸗ gerin, eine höchſt vortreffliche Frau, zieht ihn auf. Sie theilt ihre mütterliche Sorgfalt zwiſchen ihm und ihrem eigenen Kinde.“ „Dieß iſt ein großer und reicher Troſt für Sie, Herr Dahl,“ ſagte Frau Ahlberg.„Ihnen iſt noch viel Glück geblieben!’“* „Gewiß; aber doch liegt eine große Kluft zwiſchen F — 8— 37 8 dieſem Glücke und dem, was ich verloren habe. Gleich⸗ wohl... Dahls fernerer Gedankengang ward durch ein Klopfen an der Thüre unterbrochen; unmittelbar darauf traten ein paar gutgekleidete Frauenzimmer ein, welche der bedürftigen Frau Ahlberg Stickereien zur Arbeit brachten. Während der Berathungen über Tüll, Stick⸗ muſter und Wolle, verbeugte ſich Dahl und kehrte auf ſein Zimmer zurück, wo er den ganzen Tag an Nichts, als an Frau Ahlberg dachte, an die Thräne und an den Kuß, den er auf ihre Hand zu drücken gewagt häie. Der kommende Morgen fand ihn noch in B. ebenſo der folgende und der nachfolgende; da er am Ende aber einſah, daß ein ſolches Hängenbleiben doch allzutoll ſey, nahm er nachgerade Abſchied von ſeiner reizenden Wirthin, behielt die Wohnung bis zu ſeiner Rückkunft aus dem Bade und bezahlte die Miethe im Voraus, um, wie er auf Frau Ahlberas Weigerung, das Geld anzunehmen, mit vieler Dellkateſſe verſicherte:„ge⸗ wiß zu ſeyn, die Zimmer bei ſelner Rückreiſe wieder zu bekommen.“ „Nun, Gott Lob und Dank!“ meinte Peter, als ſie endlich im Reiſewagen ſaßen(der Herr drinnen und Peter auf dem Bocke).,„Gott Lob und Dank,— ich habe in der That ſchon geglaubt, wir würden in B... ſitzen bleiben“ „Peter,“ bedeutete Dahl ſeinem Begleiter etwas ſtreng, während er ſich zurecht ſetzte und vergebens einen ſo angenehmen und vortrefflichen Platz herauszufinden be⸗ müht war, wie er auf dem Wege nach B.... einen ge⸗ habt hatte:„ich verbiete Dir irgend Etwas zu glauben, in Bezug auf meine Reiſe nämlich,“ ſetzte er mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, als er ſah, daß Peter ſich eben anſchickte, eine gehorſame Einrede gegen ein ſo hartes Anſtnden vorzubringen. „Ja ſo, das iſt etwas Anderes, 4 murmelte Peter halblaut und ſetzte ganz lei hingn: 1 „Ich bin aber ... — s rereenen—ſſn—— 38 ſo dumm. Ich habe wohl geſehen, wo Barthel den Moſt vpolt; ſo oft ich Morgens fragte: wenn ſoll ich die Pferde beſtellen? behauptete er mit aller Gewalt, es ſey ſo ſchwü⸗ les, dumpfiges Wetter, wenn es gleich regnete und windete, und beim ſchönſten, klarſten Himmel beſtand er wieder ſteif und feſt darauf, wir würden Sturm oder gar Nebel bekommen. Ja, ja, ſo ganz blind bin ich, Gottlob, auch nicht!— Was werde ich nicht Alleg. zu erzählen wiſſen, wenn wir erſt wieder zu Hauſe ſind!“ Unſern Dahl auf ſeine ganze Reiſe und in das Bad zu begleiten, erlaubt weder die Zeit noch der Raum unſrer Blätter, welche eigentlich einzig und allein für unſre Helden, die beiden Milchbrüder, beſtimmt find. Wir müſſen uns deßhalb möglichſt einſchränken und kön⸗ nen nur kurz berichten, daß Dahl bei ſeiner Zurückkunft nach B.. von wo er ſechs Wochen abweſend war, folgenden Brief an ſeinen Schwager, den Doktor Bund⸗ ler, ſchrieb: „Beſter Bruder! Da Du aus allen meinen bisherigen Briefen erſehen haben mußt, daß nicht nur mit meiner Gemüthsſtimmung und Geſundheit eine namhafte Veränderung vor ſich ge⸗ gangen iſt, ſondern daß auch Zeit und Umſtände einen höchſt wohlthätigen Einfluß auf Herz und Seele geäußert haben, ſo wird es weder Karolinen noch Dich ſehr wundern, wenn ich Euch melde, daß ich, um es gerade heraus zu ſagen,— denn die Umſchweife ſind uns Bei⸗ den verhaßt— geſonnen bin, mich wieder zu verheirathen. — Ja, Bruder, es iſt wirklich ſo.— Nicht, daß ich eigentlich liebte,— nein, dieß konnte ich nur Ein Mal; — aber ein anderes damit verwandtes Gefühl beherrſcht mich jetzt; dieſes hat meine kleine Wittwe, von welcher ich Dir ſchon früher geſchrieben, in mir erweckt und auch während ich ferne von ihr war, ganz hübſch zu 1 erhalten und ſogar zu ſteigern gewußt. Elfride iſt eben 4 ſo hübſch als liebenswürdig; allein dieß hat mich weniger gefeſſelt, als ihr ſtilles ſanftes Weſen, ihre milde reine +— 852 9 39 Weiblichkeit. Meine ewig unvergeßliche Bertha ſagte auf ihrem Todtenbette: Wenn Du einſt an elne zweite Wahl denkſt, ſo erinnere Dich an die Bitte Deiner ſterbenden Gattin: ſieh auf nichts Anderes als auf ein gutes Herz! — Dieſe Worte haben mir ſtets vorgeſchwebt, und deß⸗ halb habe ich Elfride gewählt, ſo arm ſie auch ſeyn mag, ſie iſt wuͤrdig, Berthas Nachfolgerin zu werden, eine gute Mutter für meinen Hermann und eine liebende Schweſter für unſre vortreffliche Karollne. Da weiter Nichts im Wege ſteht und mein Haus, je eher je beſſer, einer ordnenden Hand bedarf, welche es ſo lange vermißte, werde ich in den nächſten Tagen das Aufgebot beſorgen laſſen. In drei Wochen komme ich nach M...., um mit Beihülfe unſrer guten Karoline eine kleine Generalmuſterung in Haus, Keller und Hof abzuhalten, dann reiſen wir, ſo Gott will, Alle ſammt und ſonders, die Buben mit, nach B.. und halten Hochzeit. Und nun ſey Gott mit Dir, beſter Bruder! Grüße Deine Karoline aufs herzlichſte, küſſe mir die Kleinen und nimm die Verſicherung unwandelbarer Freundſchaft und Liebe von Deinem Eberhard Dahl.“ „Was habe ich immer von dem Nutzen der Reiſe geſagt?“ fragte der Doktor lächelnd, als er den Brief durchgeleſen hatte, und reichte dieſen mit ſichtbarer Freude ſeiner Gattin. Karoline ahnte den Inhalt und griff haſtig nach dem bedeutungsvollen Blatte. Lange blieben ihre Augen dar⸗ auf haften und als ſie wieder aufſah, war ihr Blick von Thränen umſchleiert und mit einem Seufzer flüſterte ſie: „Ein Jahr und ein paar Wochen! Bertha hatte Recht, ſie ſollte bald vergeſſen ſeyn. O Männer!“ „Na, das iſt wahr, ihr Weiber ſeyd doch ſonderbares Volk;“ entgegnete Bundler, halb verdrießlich.„Wie oft haſt Du nicht ſelbſt den Wunſch ausgeſprochen, da Du den betrübten Zuſtand des armen Dahls ſahſt, wenn es denn die Herrſchaft war nach B..., zur Hochzeit, ge⸗ ten angeordnet, wozu alle Kaufleute der Stadt mit ihre nur ein Mittel gäbe, ihn aus ſeiner Betäubung, aus ſeinem gleichſam lebendigen Todesſchlummer aufzuruͤtteln! nun ſich das Mittel glücklich gefunden hat, fängſt Du ein Wehklagen über ein Ereigniß an, das dem Staate einen nützlichen Bürger, meinem Lieblinge, dem kleinen Her⸗ mann, einen Vater zurückgibt, der für ſeine Zukunſt ſor⸗ 5 gen kann und will, und welches Dir ſelbſt eine Freundin bringt, die Du ſo ſchmerzlich vermiſſeſt.“ „ Ja, es war kindiſch von mir, lieber Bundler,“ erwiederte Karoline, reichte ihrem Gatten die Hand und lächelte durch Thränen.„Es war auch nur der erſte Eindruck, welcher mich ſo reden ließ. Ich ſehe ein, daß ich Unrecht hatte und wünſche von ganzem Herzen, daß dieſe Elfride in der That ſo ſeyn möge, wie er ſie ſchil⸗ dert. Kann ſie ihm eine zweite Bertha werden und unſern Hermann lieben wie ich es thue, ſo ſoll ihr, weiß Gott, mein Herz gleich einer Schweſter entgegenkommen und ich will die Stunde ſegnen, welche ihn nach B.... geführt hat.“ „Amen,“ ſagte Bundler;„hoffen wir das Beſte!“ Fünftes Kapitel. Kurz, auf dieſem Erdenballe, Was ſie ſind, das träumen Alle. Denn ein Traum iſt unſer Leben, Und die Träume ſelbſt ſind Traum.— Calderon de la Barca. In Dahls Hauſe wurde gefegt, geſcheuert und geputzt, vom oberſten Speicher bis zum unterſten Keller. Die alte Liſe führte die Oberaufſicht über alle Zurüſtungen, reist. Der Doktor und ſeine Frau hatten vor ihrer Ab reiſe ein großes Frühſtück zum Empfange der Neuvermäh Frauen nebſt den übrigen Freunden des Bräutigams ein⸗ geladen waren. Als der Reiſewagen an der Treppe von Dahls großem, ſchönem, am Markt gelegenen Hauſe hielt, war * die neue Gebieterin nicht wenig überraſcht, als ſie alle Fenſter mit Damenkleidern, Locken, Bändern und Blumen beſetzt fand. Auf der geräumigen Hausflur ſtanden zwei doppelte Reihen feſtlich gekleideter Herren, und, ebenſo⸗ wenig an dergleichen Aufmerkſamkeiten als an große Ge⸗ ſellſchaft gewöhnt, blickte die junge Frau faſt ängſtlich und fragend auf ihren Gatten, während ſie den kleinen Hermann, der auf ihrem Schooße ſaß, feſter an's Herz drückte, um ſich zu vergewiſſern, ob ſie nicht träume, ob ſie es wirklich ſey, die arme unbeachtete Elfride, welche jetzt die Mutter dieſes hübſchen Kindes, die Gattin des beſten Mannes und bald dle Gebieterin dieſes prächtigen Hauſes ſeyn ſollte. Dahl ſah, was in ihr vorging, es war nicht ſchwer zu errathen; freundlich aufmunternd ſagte er deßhalb; „Dieß Alles, meine Elfride, geſchieht der jungen Frau zu Ehren; Bundler und unſrer guten Karoline haben wir dafür zu danken. Du mußt aber nicht verlegen ſeyn, Ge⸗ liebte,“ ſetzte er bittend hinzu und eine leichte Unruhe malte ſich in ſeinem Geſichte;„ich wünſchte, daß alle unſre gegenwärtigen Freunde, gleich mir, ſinden möchten, daß Elfride des Platzes würdig iſt, den ſie von nun an einnehmen ſoll.“ 2 8 Elfride konnte nur durch einen leichten Händedruck ihrem Gatten zu verſtehen geben, daß ſie Alles aufbieten werde, ſeiner Hoffnung zu entſprechen. Es kam ihr vor, als ob das Vertrauen, welches er in ſeinen letzten Worten ausgeſprochen hatte, auch in der That auf ſie übergegangen ſei,— mit Leichtigkeit und würdevoller Anmuth reichte ſie ihrem Gatten die Hand, als dieſer ſie aus dem Wagen hob. Den kleinen Hermann auf dem Arme ging Elfride an ihres Mannes Seite durch ie lange Reihe der Glückwünſchenden. Ein bezauberna ehrliche Mann Recht hatte, wird die Folge zeigen. des Lächeln lag auf ihren Lippen und ſie wußte die artigen Glückwünſche von Rechts und Links mit den verbindlich⸗ ſten Worten zu erwiedern. „O, ſie iſt zu lieb,“ flüſterte Karoline ihrem Manne zu, als ſie ſich einen Augenblick von der Menge von Bekannten los zu machen wußte, welche ſie mit Fragen und Freudenbezeugungen über ihre glückliche Rückkunft beſtürmten. „ Ja, ſie benimmt ſich recht hübſch,“ entgegnete der Doktor;„auf Ehre, ganz wie eine Dame, welche an täg⸗ liche Huldigungen gewöhnt iſt!“ Als man im Saale mit den großen Gratulations⸗ und Präſentationsfeierlichkeiten fertig war, hielt der Bür⸗ germelſter zu Ehren der Neuvermählten eine Rede, welche hauptſächlich darauf hinauslief, daß nach der heiligen Schrift das Weib dem Manne unterthan ſeyn ſoll und wenn ſie ihn auch nicht ſtets ihren Herrn nenne, doch niemals vergeſſen dürfe, daß er ein ſolcher in ſeinem Hauſe ſey und ſeyn müſſe. Der Bürgermeiſter war ein unüber⸗ trefflicher alter Herr und ſeine Rede eine Miſchung von Scherz und Ernſt; ſpäter, bei Tiſche, wo er der Nachbar der jungen Frau war, flüſterte er ihr ins Ohr: „Ja, ja, die Gewalt im Hauſe gehört dem Manne, 5 ſonſt kommt die Eva und führt das Pantoffelregiment in. Sind Sie nicht auch der Meinung, junge Frau?“ 4 „O gewiß!“ gab ſie verſchämt und hocherröthend über den Scherz zur Antwort,„davon kann aber keine Rede ſeyn.“ „Hm, hm, wer kann's wiſſen,“ entgegnete der Bür⸗ germeiſter;„nach zehn Jahren wollen wir wieder nach⸗ fragen. Das Hausregiment zu führen iſt gar keine ſo üble Sache, und mancher Mann befindet ſich beſſer dabei, wenn die Frau die Hoſen an hat.“ In wie weit der Nach kaum einem Jahr ſchenkte unſerm Dahl ſelne 85 neue Gattin auch einen Sohn. Seine Zärtlichkeit, faſt.. könnte man ſie Schwachheit nennen, für ſeine Frau nahm 43 mit jedem Tage zu, und oft ſagte Bundler mit mißmuthig verzogener Oberlippe:„Hör, lieber Bruder, Du verwöh⸗ neſt Deine Elfride. Sie war auf dem beſten Wege, elne treffliche Hausfrau zu werden, wenn Du aber fortfährſt, allen ihren Wünſchen, ich möchte faſt, ſagen, Launen, blindlings nachzukommen, ſo kann ich Dir im Voraus ſagen, daß Du Dir eine Haustyrannin erziehſt, ſtatt einer zärtlichen Gattin oder theilnehmenden Freundin. Auſſer⸗ dem“ „Pah!“ ſiel ihm Dahl etwas pikirt in die Rede; „ich muß ſelbſt melne Stellung am beſten kennen. Elfride Vt irſgens keine Launen, ſie weiß nicht einmal, was dieß iſt.“ „O, dieß welß ſie recht wohl,“ entgegnete der Doktor und ſuchte ſeine Behauptung eben ſo eifrig zu vertheidi⸗ gen,„ſie hat nicht allein welche, ſondern weiß ſie auch trefflich geltend zu machen. Oder was war es ſonſt als * Laune, daß ſie Dich zu uberreden gewußt hat, Karolinen den Kummer zu bereiten, den kleinen Hermann von uns weg holen zu laſſen?“ „Hm! damit kommſt Du immer! Vernünftige Ueber⸗ zeugung war es von Elfride und keine Laune!“ „Was, zum Henker,“ fuhr der Doktor mit ſteigender Hitze auf,„vernünftige Ueberzeugung, ſagſt Du? Sey 8 ſo gut und erkläre mir den Grund, worauf ſich dieſe ützte.“ ͤ.„Auf den beſten von der Welt, liebſter Bruder! Der Junge wurde ja rein verwöhnt. Karoline, welche ich, Gott weiß es, nach Elfriden als das beſte Weih unter N der Sonne liebe und verehre, hat nichtsdeſtoweniger eine zu wett getriebene Schwachheit für den Knaben. Sobald Elfride den Jungen ein Mal zurechtweiſen will, oder nur im Geringſten etwas ſagt, daß es ſo oder anders ſeyn müſſe, wird Karoline uͤber und über roth und wenn ſte auch gleich Nichts ſagt, ſo ſieht man doch deutlich, daß ſie die Einmiſchung meiner Frau offenbar ungern ſieht. 2—* 22 ———ͤ, Euch wieder ſchicken will. Ich werde heute Abend noch ——õõ——ÿ—ÿ—B— 44 4 A⁴ Und da ſie ſeine Mutter iſt, ſo ſollte ich doch meinen, daß ſie auch ein Recht habe, ein Wort mitzuſprechen.“ r „Hör' ein Mal, Dahl,“ ſagte jetzt Bundler und das t gewöhnliche friſche Roth auf ſeinen Wangen wich einer d Bläſſe, welche ſeine gewaltige Aufregung beurkundete, n „als Karollne aus reinem heiligem Pflichtgefühle, wie* es nur je im Buſen eines Weibes lebte, aus heißer Zärt⸗ 6 lichkeit für ihre verblichene Schweſter ihr nachgelaſſenes Kind zu ſich nahm,— nicht bloß in ihr Haus, ſondern e auch an ihr Herz,— als ſie ihrem eigenen Sohne einen l Theil der Nahrung, welche ihm gehörte, entzog, um ihn 1 dem Deinigen zuzuwenden, als ſie manche lange Nacht 9 unter Angſt und Gebet an ſeinem Krankenlager wachte, T als er die Pocken, das Scharlachſieber und andere Kinder⸗ n krankheiten hatte, als ſie Ruhe, Geſundheit und Kräfte w opferte,— da erkauſte ſie ſich den theuern und ſeligen 1 Namen Mutter. Hermann iſt deßhalb von Rechtswegen fi ihr Kind und Deine Frau ein herzloſes, ich möchte faſt 4 A ſagen, unedles Weſen, wenn ſie es über ſich gewinnen m kann, Karolinen dieſen Kummer zu bereiten.“ „Na, aber liebſter, beſter Bruder, ſo ereifere Dich doch nicht ſo ſehr,“ erwiederte Dahl, welcher bei Auf⸗ zählung aller der Opfer, die Karoline um ſeines Sohnes willen gebracht hatte, ganz weich geworden war.„Ich gebe ja zu, und zwar herzlich gern, daß Niemand ihm näher ſteht, als Karoline, aber Du ſiehſt doch auch auß der andern Seite ein, daß ich meiner Frau, namentlich unter den damals obwaltenden Umſtänden, nicht wohl die Freude verſagen konnte, den kleinen Hermann zu ſich zu nehmen. Jetzt hat ſie aber ihr eigenes kleines Ebenbiild zum Zeitvertreibe und da bin ich ſicher, daß ſie nicht gegen meinen Wunſch ſeyn wird, wenn ich den kleinen Hermann mit ihr reden.“.“ „Gut,“ entgegnete der Doktor verſöhnt und reichlte ſeinem Schwager die Hand,„ich will hoſſen, daß Du u Stand hältſt. Morgen komme ich und hole den Knabenz 1 ——/&——————. — 9. —* 45 was übrigens das Verwöhnen und dergleichen Poſſen be⸗ trifft, ſo ſoll Deine Frau nur bei ihrem eignen Sohne drauf ſtudiren, ihn gehörig zu erziehen; daß Hermann nicht vernachläßigt wird, dafür wollen wir ſorgen!“ Sobald Dahl gegen Abend ſeine Geſchäfte auf dem Comptoir abgemacht hatte, begab er ſich zu ſeiner Gattin. Elfride, von ihrer Krankheit her noch bleich und etwas matt, ruhte, auf ein paar Kiſſen geſtützt, in halb liegender Stellung auf dem Sopha. Sie las in einem neuen Roman, welcher ihre Aufmerkſamkeit dergeſtalt in Anſpruch nahm, daß ſie es nicht einmal merkte, als die Thüre aufging und ihr Mann eintrat. Dieſer hatte dem⸗ nach Zeit, einen forſchenden Blick im Zimmer umher zu werfen. Ein paar Sekunden ruhten ſeine Augen mit innigem Wohlbehagen auf der jungen reizenden Frau, fielen dann auf die kleine Wiege, in welcher der neue Ankömmling ſchlummerte, ſanft eingelullt von dem Dienſt⸗ mädchen, welches Elfriden von ihrem früheren Wohnorte nachgeſolgt war. Wo war aber Hermann? Halb und halb ahnend ſchaute der Vater nach dem Ofenwinkel; da ſtand der nun etwas mehr als zweijährige Knabe ſtill und ruhig, mit der Ruthe in beiden Händchen. Er ſchluchzte nicht, aber eine Thräne nach der andern rollte ihm in großen Tropfen über die Wangen auf das Kinn herab, wo er ſie inſtinktmäßig mit den Lippen auffing. „Papa,“ ſagte der Kleine laut und deutlich, als Dahl ſich ihm näherte,„Hermann hat Hunger.“ Bei der Stimme des Jungen, welche ſo ſchmerzlich klagend lautete, richtete ſich Elfride halb auf.„Ei, Du armes Kerlchen,“ ſoagte ſie freundlich,„ſtehſt Du denn immer noch da! Komm her, Hermaͤnnchen! So, jetzt biſt Du ein braver Junge— halte nur Deine Ruthe immer in Ehren! Komm her und küſſe der Mama die Hand— ſo!— Da haſt Du eine Bretzel. Nun geh' und ſetze Dich hübſch ondentlich auf den Schemel dort; Friederike ſoll Dir Deine Spielſachen geben.“ Hermann gehonchte und ſprang vergnügt, mit ſeiner 46 großen Bretzel im Händchen, nach dem angewieſenen Ort, wo er bei ſeinen Spielſachen bald die verfloſſene bittere Stunde vergaß. „Was hatte denn der Junge angeſtellt?“ fragte Dahl in ernſtem Tone, wie er ihn noch nie angenommen hatte, „und wie konnteſt Du denn vergeſſen, Elfride, daß Du ihn in die Strafecke verwieſen hatteſt?“ „„Was er angeſtellt hat!“ rief die Frau beleidigt aus. „Kannſt Du denn glauben, ich werde ihn abſtrafen, wenn er es nicht verdient hat, und daß ich ihn vergeſſen habe, geſchah deßhalb, weil er ſo ſtill war, da glaubte ich, er ſey eingeſchlafen.“ „Du haſt mir aber noch nicht auf meine Frage ge⸗ antwortet, Elfride, ich wollte wiſſen, was er gethan hat, daß Du ihn zu ſtrafen für nöthig hielteſt.“ „Nun, wenn Du es ſo umſtändlich wiſſen willſt, er ſchrie und weckte den Kleinen mit ſeinem Laͤrm auf, als Doktors Liſe vorhin da war. Er wollte durchaus mit zu ſeiner lieben Mama, welche ihn ſo ſchön zu verziehen wußte.“ „Und deßhalb, weil er ſich nach der einzigen Heimath ſehnte, die er kennt, verdiente er Strafe und mußte mit der Ruthe in der Hand Schildwache ſtehen! Da hatteſt Du nicht Recht, Elfride! Der Kleine fühlt ganz natür⸗ lich; und daß er nicht verzogen iſt, geht daraus hervor, daß er ſtill und ruhig, ohne Murren und Klagen, in der Ecke ſtehen blieb, wo Du ihn hingeſtellt hatteſt,— aus blinder Vorliebe für Dein eigenes Kind.“* „Ich hatte heute den ganzen Tag ſo heftige Bruſt ſchmerzen,“ erwiederte die junge Frau abbrechend mit halbunterdrücktem Schmerzenslaut;„ich fürchte faſt, es gibt eine Milchverſetzung, mit welcher in der That nicht zu ſpaſſen iſt,— ſie hat ſchon mancher jungen Frau das Leben gekoſtet.“ „Was ſagſt Du, Liebe!“ ihr Dahl höchſt beun⸗ ruhigt in's Wort und damit war der kleine Hermann, ſeine Kraͤnkung und Strafe ga nz und gar vergeſſen. 47 „Du biſt krank und haſt mich Nichts davon wiſſen laſſen; ich will nur meinen Hut holen, dann laufe ich ſchnell zu Bundlern.“ „Nein, nein, Lieber, heute Abend nicht mehr. Es würde mir nur noch ſchlimmer werden, wenn Du von mir giengſt.“ „So ſoll Friederike gehen, ich will ſo lange auf die Wiege Acht haben. Du mußt nicht eigenſinnig ſeyn, liebſte Elfride; Deine Geſundheit iſt, wie Du ſelbſt weißt, ſo zart, daß ich allezeit in Furcht darüber lebe.“ „Ja, aber, lieber Dahl, es iſt ja nur Vermuthung von mir; Bundler wäre am Ende im Stande, mich aus⸗ zulachen— es würde nicht das erſte Mal ſeyn— wenn man wieder zu ihm ſchickte, in der Meinung, ſeine Gegen⸗ wart ſey nöthig. Laß uns lieber bis morgen warten, oder wenigſtens bis ſpäter; wenn es mir ſchlimmer wer⸗ den ſollte, iſt es ja immer noch Zeit.“ Da ſich Dahl erinnerte, wie es wirklich ſchon ein paarmal der Fall geweſen war, daß ſein Schwager, ſonſt ein ſehr geſchickter und theilnehmender Arzt, Elfridens Unpäßlichkeiten leicht behandelt hatte, ſo beſchloß er, wie gewöhnlich, dem Willen ſeiner Frau nachzugeben; da es ihr auch in der That bald wieder beſſer ward, brachte er das Geſpräch wieder auf den kleinen Hermann, dießmal aber auf andere Art. „Liebſte Elfride,“ begann er,— ihr Uebelbefinden, ihre Geduld und ihre Liebkoſungen hatten ihn weich ge⸗ macht, wie Butter an der Sonne,—„meine gute, füße Elfride, Du vermagſt dieß nicht Alles auszuhalten. Du haſt bereits genug Mühe und Sorge mit unſerm kleinen Ludwig. Hermann macht Dir zu viel zu ſchaffen, deßhalb wollen wir ihn lieber wieder meinem Schwager geben. Karoline iſt ſo ſehr an die beiden Knaben gewöhnt, daß ſie den unfrigen herzlich gern wieder nimmt, auch wäre es ja eine Sünde, die kleinen Spielkameraden und Milch⸗ brüder zu trennen.“* „Wenn es eine Sünde iſt,“ meinte Elfride ſpitz⸗ Fall iſt, von Jedermann, der ſie kennt, ſo entſchi gezollt wird. Laß uns darum nicht ferner über dieſ 48* „ſo können ſie ja den Gotthard hierher ſchicken; Hermann iſt nun bereits zwei Jahre bei ihnen geweſen.“— „Das kann nicht Dein Ernſt ſeyn,“ entgegnete Dahl. „Sollen wir denn alle Drei behalten und ſie Keinden haben? So unbillig kannſt Du doch unmöglich fehn,„ liebes Kind. Auſſerdem mußt Du auch bedenken, daß Du es nicht auszuhalten im Stande wäreſt, wenn ein ſolcher Zuwachs in unſer Haus kommen ſollte.“ „Ja, aber den Hermann gebe ich nicht wieder her; er ſoll zu Hauſe ſeyn, wohin er gehört, um ſeinen kleinen Bruder bei Zeiten lieben zu lernen. Denn bleibt er bei Doktors, ſo wird ſich ſein Herz ganz von uns abwenden; er lernt dann Niemand lieben, als ſeinen Milchbruder und ſelne liebe, ſüße Mama, in welche er ohnehin ſchon ganz vernarrt iſt.“ „Sprich nicht ſo, beſte Elfride! Bei Bundlers wird ſich das Herz des Knaben niemals von ſeinen Eltern„ wenden, darauf kannſt Du Dich verlaſſen; auch darfſt Du überzeugt ſeyn, daß er ſeinen leiblichen Bruder, wen er auch nicht mit ihm zuſammen aufwächst, eben ſo lieb haben wird, wie ſeinen Milchbruder, den er beſtändig um ſich hat. Dieß hängt von ihrer beiderſeitigen Gemüths⸗ art ab; der kleinſte Theil beruht auf der gemeinſamen Erziehung, welche nach meiner innigen Ueberzeugung in eine beſſre, als in Bundlers und ſeiner Gattin Hände gelegt werden kann.“ „Du haſt alſo zu Karolinen mehr Vertrauen, als zu Deiner eignen Gattin?“ Bei dieſen Worten begann El⸗ fride zu weinen und mit der heftigen Aufregung kehrten auch die vorigen Schmerzen zurück. Dahl ſchüttelte den Kopf, er wußte nicht recht, wa er machen ſollte.„Liebſte Elfride, in kein Weib der Welt ſetze ich mehr Vertrauen, als in Dich, a ich kann doch deßhalb Andern meine Achtung nicht ſagen, namentlich wenn dieſe, wie es bei Karolinen „ ͤSG 160——— 4 R— — ——) — — 49 Gegenſtand ſtreiten; Bundler iſt heute Nachmittag da geweſen, hat mit mir darüber geſprochen und meine Zuſage erhalten, daß morgen der Knabe wieder zu ihnen kommen ſoll.“ „So? Hermann ſoll wieder fort von uns, und mir ſagſt Du kein Wort davon? Dein Schwager will da eine Herrſchaft ausüben, und Du kannſt Dich ſo geradezu darein ergeben?— Mich, Deine Frau, ſieht er, wie es ſcheint, ohnedieß für eine Null an. O mein Gott,“ fuhr ſie fort zu klagen,„das kömmt davon, wenn ein armes Weib einen reichen Mann heirathet! Sie wird hintangeſetzt, mißhandelt, mit Füßen getreten und für Alles eher angeſehen, als für die Frau, welche das Haus regieren ſoll.“ „Elfride, liebſte, beſte Elfride, was kömmt Dich an?“ fragte Dahl höchſt erſtaunt und ſah mit ängſtlichem Auge die Veränderung, welche in den Zügen ſeiner Frau vor ſich ging. Er hatte nicht gedacht, daß die häßliche Lei⸗ denſchaft, welche nie Frauen im Herzen wohnen ſollte, — denn ſie raubt dem Weibe alle Anmuth und kann den Engel plötzlich zur Furie machen— der Zorn, Elfridens hübſches ſanftes Geſicht dergeſtalt umwandeln und eine Glut in ihren Augen anzünden könnte, welches ſo himmelweit von dem milden Feuer der Zaäͤrtlichkeit entfernt war. Dahl wußte ſelbſt nicht, was er glauben ſollte. Gelaſſen fragte er ſie zum zweiten Male:„Elfride, liebſtes Weib! ſag, was kömmt Dich denn an, biſt Du etwa krank?“ „Ja!“ fuhr ſie faſt krampfhaft auf, ſank auf den Sopha zurück und verbarg ihr Antlitz in den Kiſſen. Elfride war nicht ohne Erfahrung. Sie wußte recht gut, welch gewagtes Spiel ſie ſpielte, ſie wußte, daß dieſer Augenblick entſcheidend war und ſie den Gatten nicht in ihr Herz blicken laſſen dürfe, ſonſt möchte er leicht dort Gefühle entdeckt haben, welche ein minder partheiiſcher Beobachter ſchon klar in ihrem Geſichte hätte leſen können. Die Milchbrüder. 1. 4 —— ——— —j —————— chen.“— Sie richtete ſich halb empor, reichte Dahl mit weiß, Geliebter, was mich heute anfommt. Ich habe wohl beſſer, aber ich habe Alles rein vergeſſen.“ mehr daran hindern, klar darüber denken kann, finde ich So lange als möglich, ja bis in alle Ewigkeit, wollte Elfride in den Augen ihres Gatten, das milde, ruhige, liebenswerthe Weſen beibehalten, welches ihn ſo hoch be⸗ glückte, und ſich auf der andern Seite wohl mit den 1 kleinen intereſſanten Launen, in welche er ſich geduldig= fügte, aber doch keineswegs mit einem heftigen lelden⸗ ſchaftlichen Aufbrauſen, wie vorhin, vereinigen ließ, denn dieß müßte ihn nothwendig verletzen. Sobald er einmal entdeckte, daß ſie ein ganz alltägliches Weib war, welches Nichts welter beſaß, als die gewöhnliche Doſis natürlicher 3 Gefallſucht, mit welcher ſie ihm wohl eine Zeitlang de Binde vor den Augen halten konnte, dann war es bald 8 und für immer mit ihrer Macht vorbei, ſeine Neigung mußte nothwendig erkalten und ihr beiderſeitiges Eheglück war dahin.. „Ich bin zu weit gegangen,“ dachte Elfride und drückte, immer noch leiſe weinend, das Taſchentuch vor die Augen.„Nun muß ich einlenken, den Knaben fahren laſſen und durch Nachgiebigkeit ſein erwachtes Mißtrauen, welches ich ihm an den Augen angeſehen habe, verſcheu⸗ dem bezaubernſten Lächeln die Hand und ſagte:„Gott Fieber, denn der Kopf brennt mir und ich weiß ſelbſt nicht, was ich ſage und thue. Von was haben wir den eigentlich geſprochen?— es iſt mir zwar jetzt ein weng „Von dem kleinen Hermann haben wir geſprochen, liebſte Elfride; ich verſtehe aber gar nicht, was Dich an⸗ kam, als ich Dir mittheilte, daß der Junge wieder zu Bundlers zurück ſolle.“. „Zurück ſoll er, liebſter Dahl?— ach, nun befſine ich mich wieder. Es war mir— und es ſchmerzte mich tief— Du könnteſt glauben, ich wäre im Stande, die Mutterpflichten an Deinem Kinde zu vernachläßigen. In⸗ deſſen da ich jetzt, wo mich keine körperlichen Schmerzen — 2——2 8⁊¼N ——-—6— 7 —— 280 54⁴ ſelbſt Dein Verlangen ganz natürlich, und wenn Du es wünſcheſt, bin ich weit entfernt mich zu widerſetzen, lie⸗ ber Mann.“ „Ach, Du liebe, gute, himmliſche Elfride! ich wußte ja, daß Du ein Engel biſt, ein frommer Engel, den mir Gott in ſeiner unendlichen Güte, zur Lebensgefährtin ge⸗ geben hat. O, möchte Jedem ein ſolcher zur Seite ſtehen, daß er eben ſo glücklich, eben ſo ſelig ſeyn könnte, wie ich.“ Bon ganzem Herzen bat er jetzt ſeinem Weibe heim⸗ lich den ungerechten Gedanken ab, der ſich bei ihm hatte einniſten wollen und Elfridens klarer reiner Seele bei⸗ nahe einen häßlichen ſchwarzen Fleck aufgedrückt hätte. m andern Tage kehrte der kleine Hermann in ſeine vorige Heimath zuruͤck und mit ihm der Friede zwiſchen Heien Familien— gleichwohl aber nur auf unbeſtimmte eit. Sechstes Kapitel. Als vom Feuer im Kamine Ahnenbilder ſcharf beleuchtet, Ehrſam und mit ernſter Miene Sah'n auf unſer junges Treiben, Wir noch ſpielten nach der Vaäͤter Weiſe, Alter Brauch noch galt in unſerm Kreiſe— O du ſchöne Zeit! Euphroſyne. Wir überſpringen einen Zeitraum von einigen Jahren. Eben begann die Dämmerung ihren dunkeln Schleier aauszubreiten, als drei junge Schneeballſchützen von dem großen Platze am Hafen herkamen„ wo ſie ſich ihrem Lieblingsſpiele überlaſſen hatten. Wir brauchen wohl kaum zu ſagen, daß zwei davon unſere beiden Helden ſind, die jetzt eilfjährigen Milchbrüder, wie ſie immer noch heißen, der dritte iſt Hermanns Bruder, der neun⸗ jährige Ludwig. 38 „Hör' ein Mal, Gotthard,“ ſagte Hermann und auch mitgebracht, Her 52 peſchleunigte immer mehr ſeine Schritte,„ich glaube, wir thäten beſſer, wenn wir uns das Vergnügen verſagten. Tante Karoline verginge vor Angſt, wenn ſie wüßte, was wir vorhaben.“ „Wie kann ſie es aber denn erfahren?“ entgegnete Gotthard.„Ich laufe ſchnell hinauf in unſere Kammer noch eine Weile ſchneeballen wollen. Wir kommen ja niemals ſo früh nach Hauſe, auch ſcheint heute Abend der Mond und es iſt ſo hell wie am Tage.“ „Das mag wohl ſeyn,“ verſetzte Hermann,„es iſt aber jedenfalls Unrecht, und gewiß am beſten, wenn wir heim gehen. Komm' Gotthard, komm' Ludwig, wir gehen und ſpielen zu Hauſe, ich habe keine Luſt noch ein Mal auszugehen.“„ „So thu' was Du wlllſt,“ erwiederte Gotthard mit Beſtimmtheit,„aber wenn ich Etwas beſchloſſen habe, ſo wird es auch ausgeführt, und Du, Ludwig, mußt mit mir gehen.“ „Ludwig darf aber nicht mitgehen, ſoviel ſage ich Dir,“ entgegnete Hermann;„ich muß auf ihn Acht geben und. „Du willſt immer befehlen,“ fiel ihm Ludwig weiner⸗ lich in's Wort,„als wenn Du ein großer Herr wärſt, während Du doch Nichts weiter biſt als auch ein Knabe. Ja, ich gehe mit, Gotthard, ich will es und thu' es, denn Mama hat geſagt, Du habeſt mir nichts zu befehlen.“ „Ich will Dir auch nichts zu befehlen haben,“ ſagte Hermann ganz ruhig,„wenn aber die Mutter wüßte, von was die Rede iſt, ſo würde ſie mir ganz beſtimmt Recht geben.“— 1 Während die beiden Brüder ſich ſo ſtritten, war Gotthard eilig hinauf in die Kammer der Knaben ge⸗ laufen und kam bald mit einem Bündel unter dem Arme wieder.—„Nun, wie wird es?⸗ rief er ſeinen Kameraden entgegen.„Wollt ihr mit oder nicht? Ich habe Deine und wenn mir Jemand begegnet, ſo ſage ich, daß wir* in, wenn Du ſie wilſf. Nagt 53 Du, ſo komm', ich warte keine Minute länger.“ Mit dieſen Worten rannte er in vollem Laufe die Straße ent⸗ lang und Ludwig ſpornſtreichs hinterher. „Da ſie keinen Rath annehmen und ich es alſo nicht hindern kann, ſo wird es das Beſte ſeyn, wenn ich ihnen nachgehe,“ ſagte Hermann vor ſich hin und ſchlug die Richtung nach dem Hafen ein, wo er Gotthard ſchon auf dem ſpiegelglatten Eiſe traf. „Deine Schlittſchuhe liegen an dem großen Pflock,“ rief ihm Gotthard zu, der ſich voll Freude in immer größeren Kreiſen umherſchwenkte.„Es iſt herrlich und geht ſo prächtig als man ſich nur denken kann 3“ damit uhr er immer weiter hinaus. „Lieber Hermann,“ bat Ludwig,„leih' mir Deine Schlittſchuhe. Ich möchte ſo gern auch auf's Eis, aber mit bloßen Stiefeln falle ich unaufhörlich hin, auch geht es ſo langſam.“ „Nein, Ludwig, das kann nicht ſeyn, ich muß ſie ſelbſt anziehen. Nicht weil ich ſelbſt gerne fahren möchte, ſondern damit ich ſchnell bei der Hand bin, wenn Gott⸗ hard ein Unglück zuſtoßen ſollte.“— Und damit rief er ſo laut als möglich:„Gotthard, Gotthard! um des Himmels willen, gehe nicht ſo weit hinaus; Du weißt ja, das Eis iſt ſo unſicher, daß ſich nicht leicht Einer noch hinausgewagt hat ſeit dem letzten Thauwetter!“ „Nun, ſo wage ich mich hinaus!“ rief Gotthard in wildem Uebermuth zurück;„ich bin kein ſolcher Haſen⸗ fuß! ich riskire es,“ und.. krack, krack, krack, brach das Eis unter ihm, und mit einem gellenden Schrei, den man weit umher hörte, verſank der tollkühne Junge. Augenblicklich war Hermann auf den Füßen.„Lauf', Ludwig, nach jenem Hauſe, dort wohnen Schiffer, ruf' nuch Hülfe! Gotthard ertrinkt, vielleicht ertrinken wir eide.“ In größter Eile flog er, buchſtäblich auf der glatten Fläche dahin. Eben war der Mond aufgegangen und warf ſeine hellen Strahlen auf das gräßliche Schauſpiel. . Gotthard kämpſte zwiſchen Eisſtücken im Waſſer; wo er ſich feſt halten wollte, brach eines los, und er mußte 54 alle Kräfte anſtrengen, um ſich oben zu halten. Da kam Hermann an. Er verzweifelte an der Möglichkeit, den geliebten Milchbruder retten zu können, allein lieber wollte er mit ihm ſterben, als ohne ihn zu ſeiner lieben, guten Tante heimkehren. Er legte ſich platt auf das Eis nieder, mit halbem Leibe über das Waſſer hinaus, worin Gott⸗ hard kämpſte. „Schling' die Arme um meinen Hals, Gotthard,“ rief er ihm zu,„ſchwing' Dich ſo herauf!“ Freudig griff Gotthard nach dieſem Rettungsmittel. Außer der Hoffnung hatten ihn alle andern Gedanken verlaſſen; Hermann, kaltblütiger als er, befahl dem Him⸗ mel ſeine junge Seele. 1 Er fürchtete, das Eis möchte mit dem ſchweren Ge⸗ wichte unter Beiden brechen; ſo kam es auch, und im Augenblicke ſanken Beide unter. Mit der äußerſten An⸗ ſtrengung gelang es ihnen, ſich wieder emporzuarbeiten. Hermann ſchlang den einen Arm feſt um ſeinen Bruder und arbeitete mit einer Kraft und Geiſtesgegenwart, welche weit über ſeine Jahre gingen. Dieß war aber auch um ſo nothwendiger, als Gotthard durch die Kälte und Anſtrengung ganz erſchöpft war und nur dadurch oben blieb, daß er Hermann feſt umklammerte, der ſich auch treulich für ihn aufzuopfern bereit war. Endlich erſchien Hülfe vom Strande. Drei Burſche naäherten ſich und warfen ihnen eine Leine zu.„Nicht mehr als Einer auf ein Mal,“ riefen die Schiffer,“ die Entfernung iſt zu groß; wenn Beide kommen, ſo ziehen wir euch nicht heran,“—„fort, fort, Gotthard, halt feſt,“ ſagte Hermann und ſuchte deſſen umklammernde Arme von ſich los zu machen. men. „Nein, ich nicht, Du, Du Hermann!“ entgegnete Gott⸗ haard ablehnend.„Laß mich hier bleiben; Du trägſt keie Schuld, wie ich, Du biſt um meinetwillen hieher gee⸗— „— — 5⁵ „Schnell, ſchnell, beeile Dich nur,“ rief Hermann ungeduldig:„Du kennſt mich, Gotthard, greifſt Du nicht ſogleich nach der Leine, ſo laß ich mich untergehen. Glaubſt Du, ich werde allein heim kommen wollen?“ Zu fernerem Streit war keine Zeit mehr. Gotthard faßte das Tau und kam auf dieſe Weiſe glücklich an's Land; ein paar Minuten ſpäter lag er in den Armen ſeines Vaters. Ludwig war heimgelaufen, hatte den Doktor glücklicherweiſe auf der Straße getroffen und dieſer ihm ſtreng verboten, der Tante ein Wort davon zu ſagen, bis er ſelbſt nach Hauſe kame. Als der Doktor am Ufer an⸗ langte, lag Gotthard ſchon auf dem Lande und die Schiffer verſuchten jetzt auch Hermann zu retten; der gute Exfolg ſchien aber zweifelhaft, denn ſeine Kräſte waren faſt gänzlich erſchöpft, er tappte nach dem Tau und mit größter Muhe nur gelang es thm ſich daran feſt zu halten; mehrmals war er nahe daran, es wieder fahren zu laſſen. Endlich gelangte er aber doch an das feſte Eis, der Doktor zog ihn kräftig empor und ſo kam der Junge glücklich an's Land. Den andern Tag, nach dem Unglücksfalle, finden wir Karoline in dem Zimmer, wo ihre Lieblinge, nach dem gefährlichen Kampfe mit den Wellen„ auf ihren Betten lagen. Beide hatten, in Folge der heftigen Er⸗ kältung, ſtarkes Fieber, und jeder ſchlummerte, glühend⸗ roth vor Hitze, auf ſeinem Lager. In Karolinens from⸗ men Augen glänzten Thränen der höchſten Dankbarkelt, ſie heftete ihren Blick bald auf den Einen bald auf den Andern, faltete die Hände im ſtillen Gebete und der Dank⸗ ſeufzer, welcher ihrer Bruſt entſtieg, ſchwebte auf den Schwingen der reinſten Andacht zum Allvater empor. Bald lauſchte ſie auf des Einen, bald auf des An⸗ dern heftiges Athemholen, und ſah alle Augenblicke nach der Uhr oder nach den Medizingläſern. Hermann lag im Schweiße und Karoline ſtrich ihm die ſchwarzen Locken aus der mit Binden umwickelten Stirne; die Eisſtücke hatten ihm mehre Wunden beigebracht. Mit leichter Hand ——— — trocknete ſie ihm die großen Schweißtropfen von dem Ge⸗ ſichte, endlich beugte ſie ſich auf ihn nieder und berührte ſeine Wange mit den Lippen. Hermann ſchlug die Augen auf, blickte ſeine freund⸗ liche Wärterin zärtlich an und ſagte:„Llebſte, beſte Karoline, eben träumte mir, daß Du, wie es jetzt wirk⸗ lich iſt, an meiner Seite ſtündeſt und ſo lieb und gut auf mich blickteſt.“ 1 „Mein lieber, guter Sohn,“ flüſterte Karoline und küßte ihm noch ein Mal die glühende Wange,„auf Dich kann ich ja nicht anders als lieb und gut blicken. Gott⸗ hard, der kleine verwegene Range, hat mir Alles erzählt; er hat offenherzig gebeichtet und ich weiß, daß ich ohne Deine edelmüthige Aufopferung, welche Dich ſo leicht das Leben hätte koſten können, mein Kind niemals wiederge⸗ ſehen hätte.“ 5 „O, das war keine Aufopferung,“ verſetzte Her⸗ mann;„wie hätte ich denn ohne Gotthard heimkommen ſollen; und wenn ich auch, um ihn zu retten, ertrunken wäre, ſo glaube mir, ich hätte gern ſterben wollen, um Dir eine ſo große Freude zu bereiten.“ „Glaubſt Du denn, lieber Hermann, dieß wäre mir noch eine Freude geweſen, wenn ich den Einen mit dem Verluſt des Andern hätte erkaufen müſſen?“ heiße Thränen fielen bei dieſen Worten auf Hermanns Wangen nieder. „Nein, liebſte Tante, das glaube ich nicht,“ ver⸗ ſicherte der Knabe.„Aber weine nicht,“ bat er beweg⸗ lich;„denn dieß thut mir weher, als die Wunden am 5 Kopfe, obgleich dieſe mich heftig ſchmerzen. Allein ich halte auch mehr auf meine gute Tante Karoline, als auf irgend Jemand in der Welt, mehr als auf Papa, auf Mama, auf den Oheim, auf Gotthard und auf Liſe.“ —„Aber doch nicht mehr als auf Hulda?“ ließ ſich ein zartes helles Stimmchen vernehmen, und ein kleiner gooldgelocter Engel kam hinter dem Bettſchirm hervor unnd ſprang an Hermanns Lager hinauf. Es war Karo⸗ linens zweites Kind, eine Tochter von fünf Jahren. ☚— 2— — ————— —e ₰ „Ach, Hulda, biſt Du es?“ damit ſtreckte Hermann die Arme aus; Hulda kletterte ohne Weiteres an dem Bette empor und ſchlang ihre Aermchen um ſeinen Hals. „Das iſt wahr, Du kleines Zauberkind,“ verſetzte er,„auf Dich halte ich eben ſo viel, Denn Du gleichſt Deiner Mutter ſo ſehr, Du haſt ihre Augen, ihr Haar, ihren Mund.“ „Alſo bin ich auch ſo hübſch,“ fiel die kleine Un⸗ ſchuld ein;„Alle, die mich ſehen, ſagen, es ſey eine wahre Freude.“ „Gott ſtehe dem Mädchen bei,— es iſt ſchon ganz verdorben durch lauter Schmeicheleien!“ ſeufzte Karoline mit mütterlicher Bekümmerniß, konnte aber doch ein leiſes Lächeln über die ernſthafte Verſicherung der Kleinen nicht unterdrücken. „Ja, hübſch biſt Du freilich,“ erwlederte Hermann; „aber wenn Dein Herz nicht eben ſo mild und gut iſt, wie Mama's, ſo wird gewiß Dein Geſicht garſtig, noch viel häßlicher als das der alten Liſe, denn dieſe iſt Trotz dem brav und gut.“ „Wird man denn häßlich, wenn man nicht brav iſt?“ fragte Hulda und ſah ganz bekümmert aus. „Ja, Hulda, in meinen Augen; aber Du bleibſt eben ſo fromm, als Du hübſch biſt— das weiß ich gewiß!“ Jetzt trat Frau Dahl in das Zimmer, grüßte ihre Schwägerin und äußerte das herzlichſte Bedauern über das unglückliche Ereigniß, zugleich aber auch ihre innigſte Freude die Knaben gerettet und außer Gefahr zu ſehen. Elfridens Benehmen war durchaus untadelhaft, allein in ihrer Liebenswürdigkeit lag doch etwas Erzwungenes, welches bei Karoline nie der Fall war; bei ihr war die gute reinſte Natur, edler Trieb ihres offenen Herzens und ihr anmuthiges einnehmendes Weſen war ungeſucht— mit einem Worte, es war ihr eigen und angeboren. „Wie geht es Dir, lieber Hermann?“ fragte Frau Dahl ihren Stiefſohn und ſetzte ſich zu ihm an das Bett. „Ich danke herzlich,“ antwortete Hermann und küßte 5 ſeiner Stiefmutter pflichtſchuldig die Hand.„Es geht ſo ziemlich, nur ſchmerzt mich meine Stirne ſehr.“ „Ja, ja, mein lieber Sohn, wir wollen wünſchen, daß es ohne weitere ſchlimme Folgen abgeht,“ verſetzte die Mutter mit großer Freundlichkeit.„Indeſſen war es ein großes Glück, daß der kleine Ludwig ſo viele Geiſtesge⸗ genwart hatte und um Hülfe rief. Dennoch habe ich ihm einen ernſthaften Verweis gegeben, daß er an einem ſo gefahrvollen Vergnügen Theil nehmen wollte und hoffentlich hat man dieß euch Beiden auch nicht geſchenkt.“ „Wir haben noch nicht Zeit für etwas Anderes ge⸗ habt, als Gott für die Rettung unſerer Kinder zu danken,“ verſetzte Karoline etwas mißmuthig,„ich glaube übrigens, daß ihnen der unglüͤckliche Vorfall ſelbſt die kräftigſte Warnung ſeyn wird, ein anderes Mal kein ſolches Wag⸗ ſtück mehr zu unternehmen. Eigentlich wäre es auch nur Gotthards Sache, wenn von einem Verweis die Rede iſt. Hermann hatte nie im Sinn mitzugehen; er iſt immer vernünftig und hat ſowohl Gotthard als Ludwig gewarnt.“ „Ach, was Ludwig betrifft, ſo wollte der nur zum Hafen laufen und nach den beiden Andern ſehen. Er iſt vebrlich nicht ſo erzogen, daß ich ihm rathen wollte, ch nach dem ausdrücklichen Verbot ſeiner Mutter zur Zeit des völligen Thauwetters auf's Eis zu wagen. Nein, nein, die jungen Herren müſſen oſſenbar etwas ſtrenger gehalten werden! Du warſt von jeher immer etwas zu nachſichtig, liebe Schwägerin.“ „Es iſt doch heute gar zu ſchönes Wetter;“ damit brach Karoline ein Geſpräch ab, welches ſie in Gegen⸗ wart der Kinder nicht für ſehr paſſend hielt. a, ich will es mir auch zu Nutze machen und einige V.ſiten abthun;“ erwiederte Elfride; damit ſtaeoed ſie auf.„Leb' wohl, lieber Hermann, und werde bald wieder geſund; der Vater wird heute auch kommen und nach Dir ſehen.“— Als Frau Dahl Abſchied genommen hatte, ſagte Karoline freundlich zu Hermann, der etwas betrüht ausſah:„Deine Mutter meint es ſtets gut mit 4 Dir, lieber Hermann, wenn ſie es gleich nicht immer ge⸗ hörig auszudrücken weiß.“ „Ja, bei Dir iſt es aber ganz anders, Tante Karo⸗ line.— Mama glaubt Wunder wie gehorſam der Ludwig ſey, ich weiß es aber beſſer, wie gern er auſ's Eis ge⸗ gangen wäre, wenn er meine Schlitiſchuhe gehabt hätte.“ „Siehſt Du, lieber Hermann, er iſt eben ihr Kind, und deßhalb iſt ſie auch manchmal ein wenig ſchwach gegen ihn, wie ich es auch gegen Dich und Gotthard bin.“ Als nach acht Tagen die Knaben wieder vollkommen hergeſtellt waren, gab ihnen Karoline ein kleines Feſt, zu welchem ſie mehrere andere Knaben von gleichem Alter einlud. Nachdem dieſe ſich auf allerlei Weiſe herumge⸗ tummelt und unterhalten hatten, wurden kleine Spiel⸗ tiſche zurecht gemacht, und die jungen Herren griffen die Sache mit einem Eifer an, wie man ihn nicht ſelten in dieſen Jahren zu beobachten pflegt. An Gotthards Tiſche erhob ſich bald ein Streit zwiſchen ihm und einem ſeiner Mitſpieler.„Du haſt nicht Recht,“ rief Gotthard,„ich habe es wohl geſehen, wie Du die Karte unter den Tiſch warfſt.“ „Schämſt Du Dich nicht, ſo Etwas zu behaupten!“ verſetzte der Andere beleidigt.„Wenn Du es noch ein Mal ſagſt, ſo werfe ich die Karten auf den Tiſch und ſpiele nie mehr mit Dir.“ „Und ich werfe Dir die meinigen in's Geſicht und ſage es noch ein Mal und noch hundert Mal, daß es Unrecht von Dir iſt, und daß Du Dich ſchämen ſollteſt, auf ſolche Weiſe zu ſpielen!“ Im Augenblick waren belde Knaben auf den Füßen. Eben ſo hitzig, als gälte es die empfindlichſte Ehre von ein paar zwanzigjährigen Lieutenants, ſtellten ſie ſich mit funkelnden Augen einander gegenüber. Nun trat Hermann dazwiſchen; er wollte den Ver⸗ mittler ſpielen.—„Gotthard“ wiſperte er ihm in's Ohr, „bedenke, daß Du Wirth biſt; es paßt ſich nicht, ſeine Gäſte zu inſultien und Du haſt angefangen.“ „Ja, allerdings; aber, Gaſt oder nicht, ſo leide ich doch nicht, daß Einer etwas Unrechtes thut.“ „Ja, er hat mich beleidigt,“ verſetzte Wilhelm Brun, Gotthards Gegner,“ und ich verlange, daß er mich um Verzeihung butet.“ „Dich um Verzeihung bitten!“ rief Gotthard;„da wird nun und nimmermehr etwas daraus.“ „So nehmt doch Vernunft an, Jungens,“ bat Her⸗ mann,„glaubt Ihr denn, wir Andern hätten großen Spaß an CEurem Zwiſte. Ihr ſtört ja die ganze Freude, und wenn ſie unten Etwas davon inne werden, ſo kommt der Oheim und fragt was es giebt,— das werdet Ihr doch ſchwerlich wollen.“ „Ich mache mir Nichts daraus,“ erwiederte Wilhelm „meinetwegen mag kommen, wer da will. Ich werde dann dem Herrn Doktor ſagen, wie artig ſein Sohn gegen ſeine Gäſte iſt, und Morgen in der Schule ſollen es auch der Herr Rektor und alle übrigen Jungen erfahren. Wenn mich aber jetzt Gotthard, ſo daß es Alle hören, um Ver⸗ zeihung bitten will, ſoll nicht weiter davon die Rede ſcyn.“ „Rede davon ſo viel und ſo oft Du wlllſt,“ ſiel ihm Gotthard ſchaäumend vor Zorn in's Wort,„da haſt Du noch Eins, Du feige Memme, welche doch Nichts welter kann, als lügen und angeben!“ Damit gab Gotthard ſeinem Gegner mit aller Kraft einen tüchtigen Fauſt⸗ ſchlag in's Geſicht, daß ihm das Blut zu Mund und Naſe herauslief; alle Jungen ſchrieen wild durchelnander und ergriffen fur und wider Partie. Ein paar Spiel⸗ tiſche wurden umgeworfen, rechts und links flogen Stühle, und mitten in der Verwirrung, welche ſowohl in den Köpfen wie in dem Zimmerherrſchte, öffnete der Doktor 5 die Thüre und fragte, was die jungen Herrn denn vor⸗ hätten. Auf ein paar Augenblicke trat allgemeines Still⸗ 4 ſchweigen ein, dann begann aber eine ſolche Menge von Erklärungen für und wider, daß Bundler beide Hände 61 vor die Ohren hielt und ſchrie:„Stille, ſtille, oder ich werde taub! Wo iſt Hermann?“ Bei dieſen Worten öffnete ſich die dichte Maſſe; der Doktor trat in die Mitte des Zimmers, wo Wilhelm Brun auf einem Stuhl ſaß und wie ein Halbtodter ausſah. Gotthard hielt ihm den Kopf— ſobald er Blut ſah, hörte auch von ſeiner Seite aller Groll auf. Hermann ſtand neben dem Verwundeten und wuſch ihm aus der Limonadebowle, welche freilich zu einem andern Zwecke da war, die blutende Naſe mit ſeinem Taſchentuche. „Na,“ ſagte der Doktor mit einer wahren Donner⸗ ſtimme,„was habt ihr denn vor, ihr Herren? Wer hat das gethan und was gab die Veranlaſſung dazu?“ Alles ſchwieg; Gotthard richtete ſich aber empor und ſagte dreiſt:„ich habe es gethan, Papa. Wir bekamen Streit beim Spiele!“ „Du! J das iſt ja ein ganz herrliches Betragen von einem Wirth gegen ſeine Gäſte! Du ſollteſt Dich ſchämen, Junge, daß Du Deine Hitze nie zu zügeln weißſt. Nur jetzt ſogleich, in Gegenwart aller Kameraden, den Wll⸗ helm um Verzeihung gebeten! und Morgen gehſt Du zu ſeinen Aeltern und thuſt daſſelbe.“ „Ja, gerne will ich Wilhelm deßhalb um Verzeihung bitten, weil ich ihn geſchlagen habe,“ verſetzte Gotthard, „und thue es jetzt von ganzem Herzen. Verzeih' mir, Wilhelm, ich habe Unrecht daran gethan, das erkenne ich. Aber euch Allen, wie ihr hier zugegen ſeid, nehme iehe zu Zeugen, daß es nur deßhalb geſchieht, weil ich ihn hezue habe— wegen des Vorwurfs, den ich ihm vorhin machte, bitte ich ihn nicht um Verzeihung,— wohl gemerkt!— Denn daß er betrogen hat, behaupte ich in alle Ewigkeit.“ Der Doktor, welcher den unbeugſamen Charakter ſeines Sohnes wohl kannte, hielt jede weitere Anmerkung für überfluſſig und ſagte nur freundlich:„Beruhiget euch jetzt, ihr Jungen, ich werde euch andere Limonade herauf ſchicken und Wilhelm ſoll die ſchoͤne Farbenſchachtel haben, 62 die Gotthard heute zum Geſchenk bekommen hat,— da⸗ bei bleibt es.“ Den andern Tag, als die Sache vor den Rektor kam, gab dieſer Gotthard einen tüchtigen Verweis und ſechs Stunden Arreſt. Als dieſer aus der Schule ging, ſagte er mit lauter Stimme:„Und doch bleibe ich bei dem, was ich geſagt habe!“ Siebentes Kapitel. Tugend iſt für ſich ſelbſt genug, ohne Vorſchrift, ohne Worte, ohne Wirkung nach Außen. Bode. Schüchtern blühet die Blum', rein, un⸗ ſchuldig und ſchön; Selbſt zog der Himmel ſie groß. O gib ihr jetzt Licht nur und Wärme, Daß in Frieden ſie blüh', reife zur herr⸗ lichſten Frucht.. Nicander. Im Verlaufe der nächſten Jahre entwickelten ſich die ungleichen Charaktere unſerer Helden immer mehr Gott⸗ hard war feurig, kühn, entſchloſſen, und beſaß das beſte Herz von der Welt, welches er von Karoline geerbt hatte, aber ſein wilder Sinn und ſeine heftige Gemüthsart waren von einer nicht zu bezwingenden Feſtigkeit. Dieſe war übrigens eigentlich nur ein höherer Grad von Eigen⸗ denn Gotthard gab nie eine Behauptung auf, welche nmal widerſprochen hatte, auch wenn er einſah, daß das Unrecht auf ſeiner Seite war. Sonſt mußte er für einen artigen, liebenswürdigen, wohlerzogenen Jungen gelten, und der vorerwähnte Charakterzug trat mit den Jahren minder ſchroff hervor Als er Jüngling geworden, ſchienen zuweilen andere Gefühle ſeinen Widerſpruchs⸗ geiſt etwas in den Schatten zu ſtellen; in dem Hinter⸗ — 63 grunde ſeiner Seele ſchlummerte er aber nichts deſtoweni⸗ ger und er war es gerade, der den Hauptzug in ſeinem Charakter bildete. Hermann hatte einen viel ernſtern Charakter; gründ⸗ licher als Jener, fand ſein Geiſt frühe Geſchmack an Lebensbeſchreibungen und Thaten berühmter Männer und an Geſchichten mit ihren Quellen, welchen nachzuſpüren ihn ſehr intereffirte. Er war fleißig, hatte aber nicht ſo viel natuͤrliches Talent wie Gotthard, namentlich in Be⸗ zug auf Faſſungskraft und Anwendung, denn Letzterem ging ſeine Arbeit ſtets ſchneller und leichter von der Hand. Allein Hermanns Beharllichkeit machte, daß er nie zu⸗ rück blieb, was er einmal wußte, das behielt er auch, während Gotthard leicht wieder vergaß, was er begriffen hatte. Hermann beſaß das entſchloſſenſte und doch das weichſte Gemüth, es war von den beſten und edelſten Eigenſchaften menſchlicher Natur zuſammengeſetzt. Gut⸗ müthigkeit, Stärke, Entſagung, feſte, unerſchütterliche Redlichkeit, kurz, Kopf und Herz waren bei ihm auf dem rechten Flecke. Mit der innigſten Freundſchaft hing er an ſeinem Milchbruder und war beſtändig bemüht, die ſcharfen Ecken von deſſen Charakter zu ebnen und aus⸗ zugleichen. War Hermann an ſeiner Seite, ſo machte Gotthard bei weitem weniger tolle Streiche, als wenn er auf eigene Fauſt handelte. Er liebte ſeinen Hermann zärtlich, und nächſt ſeiner Mutter, welche beide Knaben anbeteten, vermochte dieſer mehr als irgend ſonſt Jemand über ihn. Als die Zeit gekommen war, wo die Brüder das Gymnaſtum beſuchen ſollten, rief Karoline eines Tages ihre Söhne in das kleine Kabinet, wo Beider Wiegen geſtanden hatten, faßte ihre Hände in die ihrigen und— ſprach zu den Jünglingen, welche nun hinaus ſollten in die Welt um die große Feuerprobe durchzumachen, mild und beweglich: Meine Söhne, meine geliebten Kinder)“ ſagte ſie mit langſamer, faſt von Thränen erſtickter Stimme und ſchloß ihre Hände feſt in die ihrigen,„ihr habt zwar — 64 nicht unter Einem Herzen, aber an Einer Bruſt gelegen. Ich habe meine Zärtlichkeit gleichmäßig zwiſchen Euch getheilt und ihr Beide ſind ſo innig mit meinem ganzen Weſen und Sinn verflochten, daß wir nur Eins aus⸗ machen. Das Leid, welches Euch trifft, fühle ich doppelt, die Freude, welche Euch widerfährt, erfüͤllt mich mit Ent⸗ zücken. Möge nie durch tadelnswerthes Benehmen ein Flecken auf Eure Ehre oder Eure Seele fallen; dieß würde mein Leben mit namenloſer Bitterkeit erfüllen und bald ein Herz brechen, welches ewig mit unausſprechlicher Mutterzaͤrtlichkeit für Euch ſchlägt. Gelobt mir deßhalb, gelobt mir heilig, und namentlich Du, Gotthard, deſſen heftiger, faſt wilder Charakter mich oft erſchreckt und mich manche ſchlafloſe Nacht gekoſtet hat, gelobe mir über Dich zu wachen, Deine aufbrauſende Leidenſchaftlichkeit zu zügeln, damit ſie nicht Herr werde über Dein beſſeres Ich, denn ſonſt ſtürzſt Du blindlings in den Abgrund und gehſt rettungslos unter in ſeiner bodenloſen Tiefe.“ Unter heißen aufrichtigen Thränen drückte Gotthard ſeine glühenden Lippen auf die Hand der Mutter:„Liebſte, beſte Mutter, ich war bisher ein Hitzkopf,“ ſchluchzte er in reumüthiger Bewegung, bei dem Gedanken an die herannahende Trennung von der mildeſten und liebe⸗ vollſten der Mütter.„Ja ich bin ein Tollkopf geweſen; niemals habe ich dieß ſo klar erkannt als jetzt und ich ſchwöre es Dir heilig, mich nie wieder ſolcher Thorheiten ſchuldig zu machen, wie ſie meine jüngeren Jahre be⸗ zeichnet haben. Ich will beſſer werden, geſetzt und be⸗ ſcheiden, wie Hermann!”“ Engels. Karoline lächelte; es war das friedvolle Lächeln ei⸗ „Mögeſt Du Wort halten, geliebter Sohn,“ erwie⸗ ſie,„dann wirſt Du mein Herz mit unendlicher Seligkeit erfüllen. Werde Hermann gleich, mehr vere lange ich nicht. Und Du, mein Hermann, Ebenbilild meiner verklärten Bertha, ſtehe in allen Wechſelfälleen meinem Gotthard, eine getreue Stütze zur Seite, liee 6⁵ ihn ferner ſo innig und warm, wie es Dein reiches Herz ſo mächtig vermag. Ueberſieh keinen ſeiner Fehler, ſon⸗ dern halte ſie ihm liebevoll vor, mache ihn freundlich auf die Folgen aufmerkſam, welche Dir Dein ausgebll⸗ deter Verſtand, Dein ſchärferes Nachdenken und Dein ſtrenges Gefühl fur Recht und Wahrheit bezeichnen werden.“ „O Tante Karoline, gute, geliebte Tante, meine wahre Mutter, die ich liebe und verehre, mehr als irgend ein anderes Weſen auf Erden,“ verſetzte Hermann gerührt, „ſo wahr ich einſt dort oben das geliebte Weſen wieder⸗ zufinden hoffe, welches ich nur in meinen ſtillen Träu⸗ men geſchaut, die holde Gute, welche ihr Leben für mich hingegeben und mich der Fürſorge der zärtlichſten Schwe⸗ ſter hinterlaſſen hat,— ſo wahr will ich mein Wort halten, und durch die treueſte Bruderliebe gegen Gott⸗ hard einen Theil jener großen Schuld abtragen, welche ich nicht einmal mit meinem Leben bezahlen könnte. Ich ſage nicht mehr, Tante, meine Handlungen ſollen für mich ſprechen!“ Karoline ſchloß die beiden Knaben ſprachlos an ihr Herz. Ihre Lippen ruhten auf den glühenden Stirnen Beider, ihre Thränen befeuchteten ihre Wangen. Sie gab Beiden, gleich warm, ihren beſten Segen. Es war ein ernſter und bedeutungsvoller Augenblick, ein heller Lichtpunkt für die Zukunft in dem Leben der Jünglinge. Sie waren jetzt vierzehn Jahre alt und ver⸗ ließen ihr Vaterhaus um das Gyamnaſtum zu Skara zu beziehen. Karoline hatte verlangt, daß ſie Tagbücher führen und darin ſowohl jeden äußern Vorfall in ihrem neuen Kreiſe, als auch, vor Allem, ihre Gedanken und Empfin⸗ dungen, ſowie das bunte vielgeſtaltete Leben, welches ſich in ihrem Innern bewegte, getreulich aufzelchnen ſollten. Pflichtmäßig hielten die Knaben ihr Verſprechen. Jeden Sonnabend erhielt Karoline ein paar Bögen mit den unbedeutenden Lebensvorfällen ihrer Söhne, gewürzt mit Die Milchbrüder. 1. 5 66 manchen kleinen, recht braven Schnurren, welche keinem 1 Tagebuch Schande gemacht hätten. Weihnachten und die 4 Sommerferien brachten ſie jederzelt zu Hauſe zu; da gab nt es nicht ſelten Auftritte zwiſchen belden Familien, wozu. Elfride und hie und da auch Dahl Veranlaſſung waren, 8 indem Beide nicht immer ihren Neid darüber zu unter⸗ ar drücken vermochten, wenn ſie ſehen mußten, wie weit de Gotthard und Hermann im Vergleich zu Ludwig voran H waren, welcher Letztere zwar in allen kleinen liebens⸗ g würdigen Schelmſtücken bewandert und darin der Erſte tre war, dagegen aber in Bezug auf das Lernen ſehr träg za und kein ſehr rüſtiger Wanderer auf der Bahn der Wiſſen⸗ 5 ſchaft genannt werden konnte, auf welcher ſeine Aeltern die ihn ſo gerne geſehen hätten. 2 Es würde indeſſen allzuweitläufig ſeyn, wenn wir jet unſren Helden durch die langen Gymnaſiumsjahre ſtets 8 zur Seite bleiben wollten. Wir beſchränken uns deßhalb unt darauf, daß ſie mit ehrenvollen Zeugniſſen verſehen, Skara der verließen, um nach Upſala zu gehen, und erſt nach einem nu zweijährigen Aufenthalte auf der Univerſttät finden wir die Jünglinge wieder zu Hauſe. Es war im Herbſte des Di Jahrs 1824; ſelbſt die Ferien waren zu fleißiger Arbeiltt abe angewandt worden und nur drei Wochen davon dazu be⸗ ſch ſtimmt, im trauten Kreiſe der Angehörigen und Freunde ſei zuzubringen. Eines Tags waren Bundlers und ſeines Schwagers un Familie bei Erſterm verſammelt. Die ältern Herren Er unterhielten ſich in einem entfernten Fenſter mit Schacha wei ſpielen; Elfriede und Karoline arbeiteten an der Auss⸗ me ſtattung ihrer Söhne, denn Ludwig ſollte jetzt ebenfalls ſeinen erſten Ausflug in die Welt, nach Skara antreten geſ und Gotthard zeichnete den Entwurf zu einer Familien: gruppe, welche er als Andenken für ſeine Mutter aus⸗ führen wollte, und Ludwig legte ſich wie gewöhnlich 4 die faule Haut„ d. h. er lag entweder am Fenſter und guckte auf die Straße, oder ſah dem Schachſpiele zu, vder war bei Gotthard oder bei den älteren Traukn — 67 zimmern, plauderte, muſterte und bekrittelte Alles mit einem Muthwillen, den ſelbſt die gute Tante Karoline nicht umhin konnte, mit dem Namen unerträglicher Un⸗ gezogenheit zu belegen. In einer Fenſterniſche am andern Ende des Saals ſaß die bald dreizehnjährige Hulda und arbeitete emfig an einem Hoſenträger von weißem Sei⸗ denſtramin, auf welchem ihre eben ſo weißen Finger mit Hilfe der magiſchen Nadel die ſchönſten Roſen und Ver⸗ gißmeinnichte ſtickten. Hermann ſaß neben ihr und be⸗ trachtete mit Wohlbehagen die ätheriſche Geſtalt, deren zarte aber ſymmetriſche Formen zu den ſchönſten Hoff⸗ nungen berechtigten. Er wickelte Seide für Hulda, als dieſe mit ihrem gewöhnlichen Lächeln aufſah und ſagte: „Ach, es iſt aber gar zu langweilig, Hermann, daß Du jetzt wieder fort mußt. Du biſt viel ordentlicher als Gotthard; reizeſt und plagſt mich nicht, noch bringſt Du mich zum Weinen wie er immer thut. Deßhalb iſt auch der Hoſenträger da für Dich beſtimmt und er bekommt nur ein Uhrband.“ „Und Trotz dem hält Gotthard eben ſo viel auf Dich, als ich, liebe Hulda;“ bei dieſer Verſicherung flog aber doch eine Röthe über ſein Geſicht, welche anzudeuten ſchien, daß er wohl fühlte, wie er zum erſtenmal gegen ſeine Ueberzeugung geſprochen habe. „Warum thut er aber denn nie was ich wünſche, und hilft mir nie bei meinen Ueberſetzungen, wie Du? Er ſagt alle Augenblicke ich ſey naſeweis und eigenſinnig, wenn ich nicht will, was er will, und ich bin ſchon mehr als ein Mal um ſeinetwillen von der Mutter aus⸗ gezankt worden, denn ſie meint Gotthard ſey in Allem geſcheidter als ich.“ In dem Augenblicke ſchlug Ludwig ein ſchallendes Gelächter auf; er lag mit beiden Armen auf die Fen⸗ ſterbrüſtung gelehnt und reckte den Kopf möglichſt weit zum Fenſter hinaus um den Auftritt zu betrachten, der ſeine Lachmuskeln ſo ſehr in Bewegung ſetzte.— Auch Hulda und Hermann ſehen auf die Straße hinab und 68 dieſer rief mit einem mißbilligenden Blick auf ſeinen leicht⸗ ſinnigen Bruder:„Pfui, Ludwig, wie kannſt Du ſo herzlos ſeyn! Wie mag man über ein ſolches Unglück noch lachen!“ „Ach, halt's Maul, Du Sittenprediger,“ entgegnete Ludwig und lachte abermals aus vollem Halſe.„Wer, außer Dir, kann denn bei einem ſo tollen Auftritte das Lachen halten? Ein alter Kerl iſt auf höchſt komiſche Weiſe hingepurzelt und hält dabei ſeine große Geige hoch in die Luft, damit ſie bei dem Falle keinen Schaden nimmt.“. „Ach Gott, der arme Mann,“ ſeufzte Hulda;„ſieh wie ihm das Blut am Kopfe herabläuft und wie das arme junge Mädchen, welche ich gewöhnlich in der Be⸗ gleitung des Alten ſehe, weint und mit ihrer Schürze das Blut zu ſtillen ſucht!“— Und nun weinte Hulda auch, wandte ſich troſtlos zur Seite und fragte:„Her⸗ mann, weißt Du keinen Rath? Könnten wir ihm nicht helfen?“ Aber der, deſſen Auge ſie ſuchte, war ſchon fort und ſtand bereits nebſt Gotthard bei den unglücklichen Leuten auf der Straße. Es war ein alter Mann in der Uniform eines Muſikanten, und daß er Letzteres ſeyn mußte, ließ ſich wenigſtens aus den Ueberreſten einer ſolchen Kleidung ſchließen. Uebrigens war dieſe mit ſo vielen Lappen von ungleicher Farbe und Alter beſetzt und geflickt, daß man wohl ſah, die knappen Verhältniſſe des Eigenthümers haben ihm keine andere Verbeſſerung ſeiner Garderobe erlaubt, als eben gerade ein nothdürftiges Herausflicken der Löcher, welche der unerbittliche Zahn der Zeit hin⸗ eingeriſſen hatte. Indeſſen verrieth die Art der Aus⸗ beſſerung ſowohl, als die reine, obgleich grobe Wäſche des Alten, daß eine freundliche und fleißige Hand für ihn zu ſorgen gewohnt war. Der Alte lag beſinnungs⸗ 3 los auf dem Boden. Seine ſilberweißen Haare, über der hohen gefurchten Stirne in Locken geſcheitelt, waren 69 voll Blut, und ſeine Hand hielt immer noch krampfhaft eine alte Violine. Dieß Kleinod verſchaffte ihm und ſeiner Tochter ihr ſaures Stückchen Brod. „ Iſt dieß Dein Vater, armes Kind?“ fragte Gott⸗ hard freundlich und betrachtete das Mädchen, welches ſchluchzend an der Seite des Alten kniete, mit unbe⸗ ſchreiblicher Theilnahme. Sie antwortete mit einem leiſen:„Ja“ und Gott⸗ hards Augen konnten ſich von dem ſeelenvollen Geſichte gar nicht losreißen. Man konnte das Mädchen eigent⸗ lich nicht ſchön nennen, nicht einmal hübſch; allein es prägte ſich in den Zügen eine Feinheit und ein Adel aus, welche ihn entzückten. Gotthard war leidenſchaftlicher Maler und vereinte damit eine Paſſion für ſchöne Mo⸗ delle, wo auch immer er ſie fand. „Aber Gotthard, ſteh' doch nicht ſo hölzern da,“ rief ihm Hermann zu,„Du ſiehſt ja, daß hier wirkſame Hilfe nöthig iſt. Komm, ſpute Dich! Wir müſſen ihn in znſer Kammer hinauf tragen und dann Deinen Vater rufen.“ Hermanns Aufforderung zufolge, legte Gotthard ſo⸗ gleich hilfreiche Hand an, und mit ſtarken Armen trugen Beide den Greis die Treppe hinauf, in das Haus, wo das Zimmer der Jünglinge glücklicherweiſe zu ebener Erde lag. „So wahr ich lebe,“ rief Ludwig aus und ſchlug die Hände vor Verwunderung zuſammen,„ſie bringen ihn herein und das Mädchen trippelt mit Hut und Geige hintenher. Na, das muß ich ſagen— ein höchſt rüh⸗ render Auftritt!“ „Was gibt es denn eigentlich mein lieber Junge?“ fragte Elfride lächelnd und ſah von ihrer Arbeit auf. „Ach, eigentlich Nichts, als daß ein armſeliger, ab⸗ gedankter Muſikant, der mit ſeiner Geige und Tochter auf den Straßen einherzieht, ſehr natürlicher Weiſe, weil er blind iſt, über ein paar Steine ſtolperte und einen 70 Purzelbaum machte, der zum Anſchauen mindeſtens zwoͤlf Schillinge werth war.“ d Die Mutter ſchwieg, und vielleicht war es jetzt das n erſte Mal, daß ihr Lächeln den leichtſinnigen Günſtling iſ nicht zum Weiterreden aufforderte. Elfride war eigentlich nicht ſchlecht und hatte von der Zeit her, wo ſie ſelbſt 8 arm geweſen noch ein natürliches Gefühl von ungeheuchel⸗ ter Theilnahme für alle Nothleidenden beibehalten. Deſſen⸗ U ungeachtet fiel es ihr aber doch nicht ein, ihm einen il ernſten Verweis zu geben; ſie begnügte ſich mit Schwei⸗ 31 gen, denn Ludwig, ihr Augapfel, war ja noch ſo jung, 7r hatte keine Erfahrung in der Welt, und ſah das Leben für ein muntres Spiel an; wie konnte man eine ſolche 3 Kinderei ſtreng nehmen oder ihn gar dafür ſtrafen? T Karoline dachte anders; als ſie aufſtand, um ſich ſelbſt nach dem Auftritte zu erkundigen, traf ihr Blick ſc mit dem Ausdrucke ſchmerzlicher Verwunderung Ludwigs ſi lachende gedankenloſe Augen. Er ſchlug ſie nieder und 31 ging an das Fenſter, wo Hulda aß, um mit ihr zu plaudern. Verächtlich wandte aber dieſe ihr Köpfchen S von ihm und ſagte ſtockend:„Es wäͤre viel beſſer, wenn A Du hinab giengſt und dem armen alten Manne die x. zwölf Schillinge gäbſt, welche er durch ſeinen unglück⸗ f lichen Fall bei Dir verdient hat, als daß Du mir da K meine Seide verwirrſt;— ich will Nichts von Dir f wiſſen.“. b. Der Doktor und Dahl waren in ihr Spiel vertieft di und ſchon ſehr an die kleinen Streitigkeiten des jungen d Volkes gewöhnt, daß ſie auf den Vorfall nicht im min⸗ deeſten Acht gaben, bis Hermann kam, zu Bundler hin. u trat und ſagte:„Liebſter Oheim, komm und ſieh jetzt nach m dem Alten. Wir fürchten er möchte ſich gefährlich ver⸗ 2 letzt haben.“ 3 „Was meinſt Du mein Sohn?“ fragte der Doktor ſe verwundert.„Ich weiß ja von gar Nichts. Du fängſt wohl ſchon an, Dir Patienten zum Beginn Deiner künf⸗ 1 tigen Praris anzuſchaffen?“ — 8,. 8 ————— 71 „Ach, nein,“ antwortete Hermann ein wenig unge⸗ duldig;„ich glaubte, Sie hätten Alle mit angeſehen, was vorhin für ein Unglück auf der Straße paſſirt iſt.“— Bei dieſen Worten ſtand Bundler auf und ging mit Hermann in das Zimmer der Studenten. Der arme Muſtkant lag ausgeſtreckt auf dem Sopha. Ueberraſcht betrachtete der Doktor ſein Geſicht, welches ihm bekannt zu ſeyn ſchien, obgleich er ſich nicht mehr zu exinnern wußte, wo, und unter welchen Verhältniſſen er es geſehen hatte. Am Kopfende des Lagers kniete das reizende Mäd⸗ chen und badete das blutige Haupt ihres Vaters mit Waſſer und Thränen. „Aber was, zum Kuckuck, iſt denn das, Jungens?“ ſagte der Doktor, nachdem er den Puls des Alten unter⸗ ſucht hatte, und trat etwas zurück.„Wie ſind Ihr denn zu den Leuten da gekommen?“ Gotthard erzählte; der Vater fand den Hergang der Sache ſehr natürlich, ordnete als erfahrener Arzt paſſende Mittel an und die Beſinnung des Alten kehrte bald zu⸗ rück. Voll Verwunderung vernahm dieſer die vielen fremden Stimmen um ſich her, ſobald er aber die ſeiner Tochter darunter erkannte und fühlte wie ihre gewohnte freundliche Hand ſeinen Kopf in eine bequemere Lage zu bringen ſuchte, fragte er in einem Tone, in welchem ſich die höchſte Unruhe ausſprach:„Hedda, mein Kind, iſt die Geige zerbrochen, oder iſt ſie noch ganz?“ „Sie iſt noch ganz, Vater,“ antwortete das Mädchen und ihre Stimme drückte ſo viel wahre Freude aus, daß man wohl ſehen konnte, welche große Bedeutung für Beide in den vier Worten lag:„ſie iſt noch ganz!“ Der Greis faltete die Haͤnde und ſagte leiſe:„Gott ſey Dank!l ſonſt hätten wir verhungern müſſen!“ „Na, ihr wackern Burſche,“ ſagte Bundler, welcher ſich immer noch vergebens auf die Züge des armen Muſikanten beſann:„Wir wollen jetzt den alten Mann — 72² behutſam nach Hauſe bringen und Sorge tragen, daß er bekömmt was er braucht, denn es gibt Manches„das beſſer angelegt iſt als Medizin.“— Dabei griff der Doktor in die Taſche, gab Gotthard einiges Geld, wandte ſich dann zu dem Mädchen und ſagte:„Folge Du mir, mein hübſches Kind, Du ſollſt allerlei bekommen„ was meine Frau unterdeſſen zuſammengeſucht haben wird.“ Nach ein paar Stunden, als ſowohl Vater wie Tochter einige Erfriſchungen geuoſſen hatten, deren ſie längſt nicht mehr gewohnt waren, begaben ſie ſich in Begleitung der beiden Jüͤnglinge auf den Heimweg nach ihrer armſeligen Wohnung. Hermann unterſtützte den Greis und Gotthard ging neben dem Mädchen her, das er durch freundliches Zureden zu tröſten ſuchte. „Iſt denn Dein Vater ſchon lange ſo arm, liebe Hedda?“ fragte er endlich, um etwas mehr als bisher von der Lage der bedauernswerthen Leute zu erfahren. „Ach Golt, ja, ſchon ſehr lange,“ antwortete ſie leiſe, damit es der Alte nicht hörte, denn dieſer ſah den Gegenſtand nicht gerne berührt.„Mein Vater hat ſchon vor mehreren Jahren ſeinen Abſchied erhalten und iſt ſeitdem immer weiter heruntergekommen, bis ihm auch der Herr noch das Kreuz ſchickte und ihn blind werden ließ. Ach, Herr Bundler, wenn ſie wüßten, wie gut, wie geduldig und gottesfürchtig mein Vater iſt, Sie würden ihn gewiß ſehr verehren. Er hat viel und bitter leiden müſſen;“ flüſterte fie,„früher haben mir beſſre Tage geſehen.“ In der zarten klangvollen Stimme des Mädchens lag ein eigner unbeſchreiblicher Reiz. Die Art wie ſie ſich ausdrückte, ſowie ihre Sprache zeugten von einer feinern Bildung als man aus ihrer groben Kleidung und wandernden Lebensart hätte ſchließen ſollen, und auf Gotthard machte dieß einen tiefen, ſüßen Eindruck. Siie bogen nun in eine Nebengaſſe ein, wo kein Menſch zu ſehen war; der ſonſt ſo ſtolze Jüngling beugte — 73 ſich zu dem Mädchen nieder und bat, daß ſie ihm erlau⸗ ben möge, ihr Bündelchen zu tragen. Sie ſchüttelte nur verneinend den Kopf. Je länger Gotthard, deſſen Augen unverwandt auf Heddas feinem, bleichem, von dem letzten Purpurſchimmer der Abend⸗ ſonne wunderſam beleuchteten Geſichte hafteten, die lieb⸗ lichen Züge des Mädchens betrachtete, deſto mehr kam es ihm vor, als ob in ihrem ganzen Weſen etwas viel zu Edles und Erhabenes liege, als daß ihn ein ſolcher Dlenſt herabwürdigen könne. „Gib mir das Bündelchen und den Krug, Hedda,“ wiederholte er angelegen und eindringlich. „Nein, gewiß nicht,“ entgegnete ſie freundlich aber feſt,„es ſchickt ſich nicht.“ „Aber ich will es ſo haben,“ verſetzte Gotthard, und Hedda, gleich als ſey es ihr unmöglich ſich ferner ſeinem Willen entgegen zu ſetzen, der ſich nicht nur in Worten, ſondern auch in den Augen und ſeiner ganzen Haltung ausſprach— gab ihm ſchweigend und gehorſam das Bündelchen.—„Den Krug aber bekommen Sie nicht, ſie müßten ihn nur mit Gewalt nehmen, wobei ſammt dem Gefäſſe auch leicht die Staͤrkung für meinen armen Vater zu Grunde gehen könnten.“ Gotthard begnügte ſich mit dem was er bekommen. Bald darauf trat unſere kleine Geſellſchaft auf einen ganzen Rudel Gymnaſiſten, welche ſich in dem Ueber⸗ muthe baldiger Studentſchaft für berechtigt hielten, in allen Straßen und Gaſſen der Stadt die unumſchränkten Herrn zu ſpielen. „Holla, ihr Burſche! was habt Ihr da aufgegabelt? her mit der Beute; laßt einmal ſehen!“— Einige um⸗ ringten Hermann, andere Gotthard. „Pfui!“ ſagte Hermann mit ſeiner tiefen vollen Stimme,„ſchämt Euch, Leute zu inkommodiren, welche Nichts von Euch wollen. Geht Eurer Wege, wir haben Nichts mit einander zu ſchaffen.“— „Aus dem Wege ihr Lümmel!“ rief Gotthard und 74 ſtieß ein paar verwegene Junker auf die Seite, welche Hedda am Arm faßten und ihr in das Geſicht ſehen wollten. „Ahal hübſch— prächtig— hieher, meine Herren,“ ließ ſich ein langer Rieſe vernehmen, der um einen gan⸗ zen Kopf über ſeine Kameraden empor ragte.„Nicht ſo ſtolz!— das leiden wir nicht! Wenn Ihr gleich ſchon ſeit ein paar Jahren Studenten ſeyd, ſo ſtehen hier ihrer Sechſe gegen zwei. Da möchte die Partie doch etwas ungleich ausfallen, denn wir ſind Burſche, die Haare auf den Zähnen haben. Mein Vorſchlag iſt deßhalb, daß wir die Sache in Gutem abmachen. Unſere Anfrage iſt ja außerdem ſo billig als Etwas von der Welt, wir wollen lediglich wiſſen, was Ihr da für einen Fang ge⸗ macht habt, und was der verteufelte Hermann da, mit dem alten Perückenſtocke von Steifbettler vor hat. Gott⸗ hard hat unläugbar den beſten Theil erwählt.“ Gotthards heißes Blut war nahe daran überzuſchäu⸗ men; allein Hermann, in ſeiner kalten Selbſtbeherrſchung, faßte ihn am Arm und flüſterte ihm in's Ohr:„Was meinſt Du denn, daß die Folge einer Prügelei auf der Straße ſeyn wird? Denk' an den blinden Bettler und das arme junge Mädchen. Sey ſtill und laß mich reden.“ Hermann wandte ſich zu den Andern, welche ſchon zum ngriſfe quer über die Straße aufgeſtellt waren und agte: „Freunde und Kameraden, Eure Forderung iſt zwar eine unbillige, aber Brüdern gegenüber läßt ſie ſich allen⸗ falls noch hören. Wir haben ſchon manches Abenteuer mit einander beſtanden und hoffen noch manches mit ein⸗ ander zu beſtehen, deßhalb wäre es Unrecht von uns, wwenn wir Euer Begehren verweigern wollten. Der alte Mann hier ſſt ein abgedankter Mufikant, welcher im Lande umherzieht und ſich mit ſeiner Geige ernährt; das Mädchen da, ſeine Tochter, führt ihn, denn er iſt blind. Nun hat das Unglück gewollt, daß der Alte vor ein paar Stunden geſtolpert iſt und ſich, gerade unter unſern Fen⸗ ſtern, den Kopf blutig gefallen hat. Wir haben ihn 75 aufgehoben, Doktor Bundler hat ihn verbunden und nachdem er ſich wieder erholt und das Mädchen von mei⸗ ner Pflegmutter einige Unterſtützung erhalten hatte, denn die Leute find ſehr arm, beſchloſſen Gotthard und ich, ſie in ihre Wohnung zu begleiten und zu ſehen, was ſich ferner für ſie thun laſſe. Ich brauche weiter Nichts mehr zu ſagen, denn ich kenne Euch als brave Kerls, die unter ähnlichen Umſtänden daſſelbe gethan haben würden, und weiß, daß Ihr uns jetzt nicht länger aufhalten werdet. Dem Greis da drohen ſeine ſchwachen Kräfte bereits wieder zu verlaſſen, und es wäre leicht möglich, daß ihm abermal ein Unglück zuſtieße.“ „Du biſt ein braver Burſche, Hermann Dahl!“ rief die ganze Truppe,„und ein geſcheidter Kerl biſt Du auch! Wir halten deßhalb Deine Erklärung für genehm, und wollen Euch als Ehrenwachen auf Eurer Ritterfahrt begleiten.“ Hermann ſchwieg und ſetzte ſeinen Weg fort; Gott⸗ hard folgte ihm mit Hedda und dachte nun mit mehr Ueberlegung darüber nach, wie gut es ſeyn würde, wenn er ſich Hermanns verſtändiges Benehmen und deſſen Selbſtbeherrſchungskraft ebenfalls aneignete. Der ganze Gymnaſiſtentrupp zog Paar und Paar hinterher, ſo ſtill und ordentlich, wie wenn es einer Leichenprozeſſion gälte.„Hier wohnen wir,“ ſagte endlich das Maͤdchen und blieb vor einem elenden Hauſe ſtehen. Sie ſprang vor, öffnete und bald war die ganze Schaar in einer kleinen armſeligen Kammer, deren Wände alle Augenblicke die Einwohner zu begraben drohten, ſo bau⸗ fällig waren ſie. Der frühere Verputz war hie und da abgefallen, und durch die offenen Ritzen ſchlug Wind und Regen herein. Das wenige Hausgeräthe, welches ſich im Zimmer befand war übrigens rein und ſauber, und zeugte von einer ordnenden Hand. Der alte Sopha hatte eine reinliche Strohmatratze, nebſt Kiffen von derſelben Art; auf ihn ſetzte Hermann den Greis nieder. Hedda haͤngte die Geige an einen Nagel über dem Kopf des 76 Vaters und ſtellte dann die mitgebrachten Sachen auf den ſe zwar plumpen, aber reingeſcheuerten Tiſch. ſe „Hol' mich.. ſagte der lange Rieſe, welcher der Wortführer der Rotte zu ſeyn ſchien, als er Hermann ſa das Geld herausziehen ſah und dieſer dem Mädchen An⸗ de weiſung gab, was ſie Alles dafür einkaufen müſſe„„hol mich Dleſer und Jener, wenn wir nicht auch zu dem kl Schmauſe beitragen wollen! Wir haben zwar Alle nicht viel zum Beſten, aber ein paar Spieße wird wohl Jeder al bei ſich haben;— her damit!“ Er hielt ſeinen Hut E hin, worauf jeder Gymnaſiſt ſein Scherflein hinein warf; P dann ſchüttelte er das Ergebniß der Collekte dem Mäd⸗ ve chen in die Schürze, und als ſie, mit Thränen in ihren ſchwarzen, glänzenden Augen die Gabe betrachtete, meinte H der Lange mit gedämpfter Stimme, indem er ſeinen Kameraden einen Wink gab, ihm zu folgen:„Leb' wohl, un Mädchen! Wir werden Dir nicht mehr beſchwerlich m fallen. Dieß iſt das beſte Verſprechen, welches wir Dir T geben können.“ ſe Darauf entfernten ſie ſich ſtill; auf dem Heimwege ſagte Hermann zu Gotthard während Arm drückte:„Mein Herz ſchlägt vor Seligk gend auch in der Bruſt Derer, welche ſich ſonſt Anmaßung über Alles erheben, reine und heilige erweckt.“ er ihm heftig den eit, vor unnennbarer Luſt, wenn ich ſehe, wie Unſchuld und Tu⸗ in ſtolzer Gefuhle Gotthard ſchwieg; er fühlte lebhaft was ſein Freund meinte. Von ganzem Herzen dankte er Gott, daß die ſchuchternen Leute nichts mehr von jenen Wildfängen zu Abenteuer noch ein Mal überdachten, ſagte H „Ich will noch etwas Beſſeres für ſie thun, als nur Das, was heute zur Linderung ihres Elendes geſchehen iſt. Ich will, wenn ich nur die Mittel dazu wußte ein ordentliches Zimmer miethen, wo ſie im Win bekfürchten haben ſollten,— er ſelbſt hatte aber gar nicht im Sinne auf ähnliche Weiſe zu handeln. Als die Brüx ha der Abends allein auf ihrem Zimmer waren und ihr— uu ermann: S m ihnen m ter nicht he 77 ſo ſchlimm daran ſind, als dieß in ihrer jetzigen arm⸗ ſeligen Wohnung der Fall ſeyn muß. „Wir wollen es gemeinſchaftlich thun, Hermann!“ ſagte Gotthard;„und ich habe ein Mittel dazu gefun⸗ den!“ „Was für eines?“ fragte Hermann.„üUnſre eignen kleinen Erſparniſſe reichen kaum auf drei Monate.“ „Aber dieß hier reicht auf ſechs Monate, es reicht auf ein ganzes Jahr,“ rief Gotthard, und brachte eine Guinee hervor, welche er von ſeinem Oheim Dahl als Pathengeſchenk erhalten hatte und bei andern Andenken verwahrte. 1 „Ja, das läßt ſich nicht beſſer anwenden,“ meinte Hermann. Des andern Tages wurde das Goldſtück gewechſelt, und der Muſikant mit ſeiner Tochter bekam eine Kam⸗ mer, deren wohnliches Anſehen den Alten, wie ſeine Tochter, mit einer Freude erfüllte, welche Gotthard für ſein Opfer reichlich belohnte. Achtes Kapitel. Was ich mir gelobt In jenes Augenblickes Höllenqualen, Iſt eine heil'ge Schuld, ich will ſie zahlen. Schiller. Die Ruhe⸗ und Freudentage waren vorüber. Sie hatten mit der Ausſicht auf den bevorſtehenden Abſchied und mit allerlei Beſuchen und Ausflügen in und um die Stadt abgewechſelt. Unfre Helden wurden überall gern geſehen, und dieß mit Recht, denn ſie waren das geworden, was die Mutter mit froher Ahnung ſchon den Knaben heimlich prophezeiht hatte:„ein paar herrliche Jünglinge.“ ddas erſtemal Halt zu machen gedachten. Es war Meilen von BN. 78 Beide waren hoch und kräftig gewachſen und konn⸗ ten für ausgezeichnet hübſch gelten. Gotthard war blond, ob hatte die klarſten dunkelblauen Augen, aus welchen Feuer§H und Leben blitzte— ganz das Bild ſeiner kühnen Seele, ſo ſeines frohen leichten Sinnes. Um die friſchen rothen ko⸗ Lippen ſpielte ein ſeiner Zug jugendlichen Uebermuthes, ne und den Kopf, mit den reichen zierlich geordneten Locken, ge trug er ſtolz wie ein Halbgott, was er auch in den Au⸗ un gen manches Mädchens wirklich war. Außerdem lag in S ſeinem ganzen Thun und Laſſen ein Anſtand und eine wi Anmuth, welche nicht leicht an ſeine neunzehn Jahre ſta erinnerte— man hielt ihn kaum für einen Jüngling ha ſondern für einen vollſtändig ausgebildeten Mann. ha Hermann war ſchwarz, und ſein dunkles krauſes Haar, der ernſte, oft ſcharfe Blick ſeiner dunkelbraunen ſch lugen, im Vereine mit ſeinem etwas bleichen Geſichte, Ge eine Folge angeſtrengter Arbeit, verliehen ihm zwar einige Aehnlichkeit mit einem Sohne des alten Teſtaments,— hat aber die freie Stirne, welcher Rechtlichkeit und feſter Be Muth ihren Stempel aufdrückten, das ſanfte wohlwollende lie Laͤcheln, welches ſo gerne auf ſeinen Lippen wellte, nebſt ver der edlen Haltung und der gebildeten, gewandten Aus⸗ mit drucksweiſe widerſprachen dagegen jeder Vermuthung einer orientaliſchen Abkunft. lich Außer ihrem glücklichen Aeußern beſaßen unſre Milch⸗ brüder auch noch eine Menge vortrefflicher Geſellſchafts⸗ che talente, ſo daß man ihre Jugend überſah und ſie in allen Th geſelligen Kreiſen von M.. als vollendete junge Maͤnner bef und unentbehrliche Tänzer galten. Die luſtige Ferienzeit war nun vorüber; Ranzen d Brodkörbe lagen wohl gepackt im Wagen, welcher vor der Thüre harrte. Bald war auch der Abſchied überſtanden, aber die Wangen unfrer jungen Freunde waren noch immer nicht ganz von Thränen trocken, als ſie in den Hof von Mörken's Gaſthaus einfuhren, w 79 Unterwegs war Gotthard duſter und verſchloſſen; obgleich er kein Wort darüber fallen ließ, ſo merkte doch Hermann wohl, daß ſeinem Bruder noch nie ein Abſchied ſo ſchwer gefallen war, als der letzte,— das Warum konnte er aber nicht ergründen. Indeſſen ſuchte er ſei⸗ nen Begleiter aufzumuntern, ſprach mit ihm von ihren gelungenen wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen und wie ſchön und luſtig es ſeyn werde, wenn ſie in den künftigen Sommerferien denſelben Weg wieder mit einander machen würden.„Da,“ ſchloß Hermann,„ſingen wir ein Tedeum ſtatt des jetzigen Klagliedes, zu welchem Du mir wahr⸗ haftig eben große Luſt zu haben ſcheinſt, lieber Gott⸗ ard.“— 1„Sag lieber einen Bußpſalm,“ ſiel Gotthard dazwi⸗ ſchen, und ein ſeltſam bittres Lächeln verzog ſein huͤbſches Geſicht. „Nun ja,“ entgegnete Hermann ſcherzend;— er hatte die Augen auf das Wagenrad und nicht auf ſeines Begleiters Geſicht geheftet—„das meine ich gerade, lieber Gotthard. Du haſt es mit Deinem Lieblingsfehler verdient, denn wenigſtens zehnmal im Tage haſt Du Dich mit unſrer lieben guten Hulda gezankt.“ „Pahl das ſind Lappalien!“ fuhr Gotthard verdrieß⸗ lich auf—„Nichts weiter davon!“ „Was iſt Dir denn Bruder?“ fragte Hermann, wel⸗ chen die Gemüthsſtimmung ſeines Freundes nun in der That zu beunruhigen begann.„Du wirſt doch wohl nicht befürchten, daß wir dießmal beim Eramen nicht beſtehen möchten,— wir wiſſen ja doch, ohne Prahlerei zehnmal ſo viel als mancher Andre, und..“ „Ach Geſchwätze!“ unterbrach ihn Gotthard ſtolz, „was hraucht man ſich noch über Etwas Gedanken zu machen, was ſich von ſelbſt verſteht! Ich ſage Dir, Hermann, ich will lieben in einem halben Jahre das Licentiateneramen machen, als... aber gleich viel— es iſt mir nicht ganz wohl, darin liegt es. Allein jetzt 80 noch ein Wort, Hermann, haushälteriſch leben.“ „Was, Du willſt mir Sparſamkelt predigen?“ fragte Hermann und ſah ſeinen Freund lächelnd und mit großer Verwunderung an. Der düſtere Ausdruck von Gotthards Geſicht beurkundete übrigens, daß es ihm völlig Ernſt wwmar. Hermann ſchüttelte den Kopf und fuhr fort:„Ich verſtehe Dich nicht recht, Gotthard, indeſſen denke ich, wir werden gerade ſo leben, wie ſonſt, weder als Ver⸗ ſchwender, noch als Knicker. Unſer Wechſel erlaubt uns den goldenen Mittelweg zu gehen.“ „Nein, das thut es nicht,“ fuhr Gotthard mit bei⸗ nahe fieberhafter Heftigkeit auf;„wir müſſen ſparen, Hermann, jeden Stüber müſſen wr zu Rath halten, ſonſt reicht es nicht.“ 5 „Biſt Du krank, Freund?“ fragte Hermann mit freundlicher Theilnahme und faßte Gotthard am Arm, „ſchier möcht ich es glauben. Deine Wangen glühen ja wie Feuer und Dein Puls geht heftig. Bei Gott, es wird das Beſte ſeyn, wir kehren um.“ „Umkehren!“ rief Gotthard, mit dem offenbarſten Widerwillen.„Nein, Hermann, laß Dir ſo Etwas nicht einfallen. Es iſt wahr, ich fühle mich nicht ganz wohl — aber es wird ſchon beſſer werden, wenn ich es mehr gewohnt bin.“) „Was gewohnt?— krank zu ſeyn?“ Z Ach, wenn Du nur ſchweigen und mich in Ruhe laſſen wollteſt,“ verſetzte Gotthard ärgerlich, zog den Kra⸗ gen über die Ohren, denn es begann zu regnen, ſetzte ſich im Wagen zurück und ließ Hermann, ſo gut dieſer wollte und konnte, in dem immer zunehmenden Unwetter doahin kutſchiren. Spo waren endlich die Reiſenden zu Mörken's Gaſt⸗ haus gekommen. Sie ließen ſich ein Zimmer geben und Hermann äußerte er wolle Milktageſſen beſtellen. , Ich werde von unſerer kalten Küche eſſen,“ ſagte Gpotthard mit beſtimmtem Tone. — wir müſſen erſtaunend 81 „Das kannſt Du halten, wie Du magſt,“ entgegnete Hermann;„aber ich will bei einem ſolchen Wetter warm eſſen; wir ſind ja naß bis auf die Haut.“ 3 Gotthard biß ſich in die Lippen. Als das Eſſen kam, aß er nicht einen Biſſen davon, ſprach auch kaum dem mitgebrachten kalten Speiſevorrath zu;— man ſah wohl, daß er es nur deßhalb that, weil er ſelbſt vorhin den Vorſchlag gemacht hatte. Ludwig wollte ſich, nach ſeiner liebenswürdigen Ge⸗ wohnheit über Gotthards ſchlechte Laune luſtig machen, aber dieſer warf ihm einen Blick zu und kniff ihn ſo be⸗ deutſam zurückweiſend in den Arm, daß er ſchwieg. Uebri⸗ gens nahm ſich der junge Herr vor, in ſeinem nächſten Briefe der Mutter darüber zu berichten. Es ſollte Gott⸗ hard in's Wachs gedrückt werden. Am andern Abende trafen unſre Reiſende in Skara ein. Gotthard war ſich auf dem ganzen Wege gleich ge⸗ blieben, düſter, wortkarg und höchſt ſparſam. Am näch⸗ ſten Morgen, nachdem die ſchuldigen Beſuche bei Ludwigs künftigen Profeſſoren vorbei waren, erhielt dieſer noch manche gute Lehre, dann ſetzten unfre Studenten ihre Reiſe fort, zur nicht geringen Freude des jüngern Bru⸗ ders, denn dieſer konnte nun nach ſeiner Meinung thun und treiben, was ihm gutdünkte. Eine kleine Tagereiſe von Upſala hielten unſre Rei⸗ ſenden ihr letztes Nachtquartier und kamen ſie hier aber⸗ mals wegen der lumpigen Frage in Streit, ob man warm zu Abend eſſen ſollte, wofür Hermann ſehr eingenommen war. „Ich weiß gar nicht, was Dich für eine Knickerei ankemmt!“ rief Hermann verdrießlich aus.„Wir können eine warme Mahlzeit bezahlen, deßhalb ſehe ich gar nicht ein— doch dieß iſt ein Gegenſtand, den ich nicht für der Mühe werth halte, darüber zu ſtreiten.“ „Meinethalben; aber ich führe die Kaſſe,“ entgegnete Gotthard mit ganz eignem Tone. Die Milchbrüder. 1.. 6 82 „Ob Du die Kaſſe führſt oder ich,“ erwiederte Her⸗ mann,„jedenfalls muß doch ordentlich gelebt ſeyn. Wenn es Dir aber nicht behagt, ſo laß uns, nach Abzug der Reſekoſten und der erſten Vierteljahrsmiethe, die Kaſſe theilen. ie Reihe, Kaſſier zu ſeyn, iſt gegenwärtig an Dir, und am Abende vor der Abreiſe haben Dir unſre Väter 200 Reichsthaler Banko für uns Beide gegeben. Biſt Du es wirklich müde, ſo laß uns meinem Vorſchlage folgen, denn es iſt jedenfalls weit beſſer, wenn jeder für ſich wirthſchaftet, als daß wir in ewigem Streit und Hader über ſolche Bagatelle leben.“— Während Hermanns kurzer Rede ſaß Gotthard zu⸗ ſammengekauert auf dem Sopha. Er hatte den Kopf auf die Hände geſtützt und blieb ſo eine gute Weile in Schwei⸗ gen vorfunken. Endlich erhob er ſich mit gewaltſamer Anſtrengung. Sein Antlitz war ganz blaß, er ſah wild und entſtellt aus. Betroffen ſtand Hermann mit gekreuzten Armen vor ihm. Ihre Blicke begegneten ſich. Haſtig zog Gotthard ſeine Brieftaſche heraus, warf ſie auf den Tiſch und ſtieß nur das einzige Wort heraus:„Theilen!“— Dann ſank er wieder auf den Sopha zurück und verbarg ſein Geſicht in die Kiſſen. MNiit ganz beſonderm Gefühle— halb Furcht, halb Aerger— ergriff Hermann die Brieftaſche und öffnete ſie langſam. Todtenſtille herrſchte im Zimmer und mehr als zehnmal drehte er das von einer Schnur umwundene Päckchen mit den Kaſſenſcheinen in der Hand herum, ehe er ſich entſchließen konnte, es aufzumachen, um den In⸗ halt zu berechnen. Während dieſes Geſchäftes wurde Hermann faſt eben ſo blaß als Gotthard. Er rechnete 4 und rechnete; die Reiſeausgaben waren auf einem dabei⸗ liegenden Blatte verzeichnet und es ſtellte ſich unſchwer heraus, daß 125 Reichsthaler Banko fehlten.„Gotte: hard,“ ſagte Hermann in dem theilnehmendſten Tone,, „Du haſt das Ungluck gehabt eine namhafts Summe zu 5— lich, als ihm die Aufregung erlaubte, ſeinem Gefühle Luft 83 verlieren. Warum haſt Du mir dieß nicht ſchon früher geſagt?“ Er trat näher zu ſeinem Freunde. „Ich habe Nichts verloren,“ entgegnete Gotthard dumpf. „Wo hin haſt Du ſie denn gebracht?“ fragte Her⸗ mann mit der offenbarſten Verwunderung. „Ich habe ſie ausgegeben.“ 5 „Ausgegeben?— ſo viel Geld ausgegeben? Du haſt ja auf der ganzen Reiſe keinem Handwerksburſchen, keinem Bettelkinde auch nur einen Pfennig geben wollen! Wie iſt dieß möglich?“ „Doch iſt es möglich,“ fuhr Gotthard auf;„und ich habe noch etwas ganz Anderes hingegeben, was un⸗ endlich mehr werth war, als das lumpige Geld— meinen innern Frieden. O Hermann! Hermann!“ und nun brach ſein kalter Ton, die Eisrinde um ſein gepreßtes Herz ſchmolz, und mit einer Stimme, welche ſeinem Bru⸗ der durch die Seele ging, flüſterte er:— Hedda! Im Augenblicke lag er ſeinem Freunde in den Armen und Beide ſchluchzten laut: „Gotthard, Bruder, Freund!“ ſagte Hermann end⸗ zu machen;„willſt Du aufrichtig gegen mich ſeyn? Ich faſſe das nicht; ich habe nie gehört, daß Du das Mäd⸗ chen beſucht haſt,— außer an dem Tage, wo wir ihr die beſſere Wohnung ſchafften.“— „Und doch war ich jeden Tag ein paar Mal, bald unter dieſem, bald unter jenem Vorwande bei ihr. Am Ende brauchte es eines ſolchen nicht mehr, denn Hedda ſah mein Kommen eben ſo gerne, als ich mich beſtändig ſehnte bei ihr zu ſeyn. Ich weiß ſelbſt nicht, was füur ein böſer Dämon es mir eingegeben hat, dieſe Beſuche vor Dir zu verheimlichen; aber das ſchwöre ich Dir heis lig, daß es aus keiner ſchlimmen Abſicht geſchah; denn die Gefühle, welche mich zu der armen Hedda hinzogen, waren im Anfange ſo rein und heilig, als ſie nur je⸗ mals im Herzen eines Jünglings loderten. Ich wollte —— aber den Schatz für mich allein haben. Nicht einmal Du ſollteſt darum wiſſen.— Und was war die Folge davon?— Mit meinem Herzblut hätte ich ſie vor jeder Verführung ſchützen mögen, und konnte dennoch in ihr ſchuldloſes Herz das Gift der bittern Reue gießen. O 35 Hermann! Hermann! Höllenqual habe ich ſeitdem ge⸗ litten! Bei unſerer Abreiſe drang ich ihr mit Bitten und 3 Zwang die Summe auf, welche jetzt fehlt, damit ſie doch wenigſtens im Winter keinen Mangel lelden möchte. Hät⸗ teſt Du ſie da geſehen, Hermann, Du wäreſt mit mir wie vor einem Heiligenbilde vor ihr niedergekniet. Die höchſte, reinſte Entſagung lag in ihrem Blick, in ihrer Stimme, als ſie auf ihren blinden Vater zeigend, leiſe flüſterte: ‚Sieh', Gotthard, das Geld brennt mir wie Feuer auf der Seele; aber gleichwohl will ich es um ſeinetwillen behalten, um ſeinetwillen die Qual leiden, ſo oft ich einen Pfennig anrühre.“ Hier ſchwieg Gotthard 2 und ein paar helle Tropfen entfielen ſeinen Augen. ermann athmete tief; er litt faſt eben ſo viel als SGCodtthard ſelbſt. Sein reines, ſtreng moraliſches Gefühl verabſcheute den Leichtſinn ſeines Freundes, allein er wußte Schwachheit von Schlechtigkeit zu unterſcheiden, und obgleich ſie in ihren Folgen dieſelben waren, ſo konnte er es doch nicht über ſich gewinnen, Gotthard zu verdammen, der ſelbſt ſo lebhaft und reumüthig den Fehl⸗ tritt fühlte, welcher ihn ſo tief in den Abgrund der Sinn⸗ lichkeit hinabgeſtürzt hatte. Dem verſtändigen Hermann ſagte ſein feines Gefuͤhl, daß Gotthard in dieſem Augenblick ſeinen Fehler viel kiarer und beſtimmter erkannte, als wenn er ihm ſtunden⸗ lang darüber hätte predigen wollen. Deßhalb begab er ſich all' der ſalbungsvollen Reden und Mienen, welche die ſtrengen Moraliſten nie unterlaſſen zu dürfen glauben, womit ſie aber in der Regel eher Erbitterung als Beſſe⸗ rung zu Wege bringen. So jung Hermann auch war, kannte er doch ſchon das menſchliche Herz und die Mittel, mit denen man ſicherer einen Verirrten zurückbringt, —— 9 waren ihm nicht ganz fremd. Für den Anfang verſuchte er ſeinen Freund zu tröſten und aufzurichten, dann brachte er ihn, ohne ſeinen eigenen Grundſätzen dabei zu nahe zu treten, auf den Punkt, wo Gotthard ſeine That ſowohl von moraliſcher als weltlicher Seite betrachten und ſich das endloſe Unglück, welches er über die arme Hedda ge⸗ bracht hatte, klar vergegenwärtigen konnte. Was Hermann ſagte, war Gotthard von mehr Nutzen, als jeder andere Beweis von Theilnahme. Es gluͤckte ihm, ſeinen Freund zu überzeugen, daß Der, welcher mit Kraft und Entſchloſſenheit nach einer Verirrung wieder auf den rechten Weg einzulenken weiß, wer mit aller Aufopferung ſeinen Fehler wieder gut zu machen ſucht, gerade in der bitteren Erfahrung, die er gemacht, einen Schutzengel gefunden hat, der ihm warnend die rechte Bahn zeigt, wenn im Wechſel der eilenden Jahre der Wanderer unentſchloſſen an dem Scheidewege ſteht, der die beiden Pfade trennt. Ebenſo wußte auch Hermann, daß, wenn es ihm nicht gelingen ſollte, Gotthard ſeine Achtung vor ſich ſelbſt wieder zurückzugeben, dieſer ganz und gar verloren ſeyn würde; denn er gehörte zu den ſtolzen Naturen, welche, im Bewußtſeyn ihres höhern Werthes, Alles können, die kräftigſte Anſtrengung für Spielwerk anſehen, ſobald ſie ſich ein Mal Etwas be⸗ ſtimmt vorgenommen haben, dagegen aber mit ſich ſelbſt zerfallen und zu Grunde gehen, wenn die Federkraft, welche jeder Nerve Leben und Bewegung mittheilte, ge⸗ waltſam gebrochen iſt. „Nein, Hermann, wir kommen zu weit von unſerm Gegenſtande ab,“ ſagte Gotthard in ſeinem natürlichen Tone, denn er war wieder vollkommen zur ruhigen Be⸗ finnung zurückgekehrt.„Du mußt mit mir theilen, Bru⸗ der; denn es iſt billig, daß ich allein die Folgen meiner Verirrung trage.“ „Niemals!“ entgegnete Hermann beſtimmt;„von einer Theilung kann keine Rede ſeyn. Freunde im Leben und im Tode!“ Er reichte ſeinem Milchbruder die Hand. Vertrauen nicht mißbrauchen. Aber ich fühle ſelbſt, an Deiner Stelle würde ich gerade ſo gehandelt haben und dabei bleiben, die ausgegebene Summe auf irgend eine Weiſe wieder zu ergänzen, denn ſonſt, das ſiehſt Du ſelbſt ein, können wir uns nicht helfen.“ „ Darin haſt Du vollkommen Recht,“ meinte Her⸗ mann, „ Ja, Freunde im Leben und im Tode; das iſt mein Troſt, mein Stolz!“ rief Gotthard.„Aber theilen müſſen wir deßhalb dennoch, denn gemeinſchaftliche Kaſſe können wir nun nicht mehr führen. Ich fühlte es wohl ſchon in dem Augenblick, wo wir unſere Reiſe antraten, allein der Hochmuthsteufel hatte mich in ſeinen Krallen und bielt mich zurück, ſo oft ich Dir ein aufrichtiges Bekennt⸗ niß ablegen wollte. O Hermann! vergib mir meine Zu⸗ rückhaltung, vergib mir die lächerliche Launenhaftigkeit auf der Reiſe! Wenn Du wüßteſt, was das bloße Wort Demüthigung für ein Höllengefühl erregt, ſo würdeſt 1...“ „Kein Wort weiter,“ fiel ihm Hermann herzlich in die Rede,„weder von dem Einen noch von dem Andern; es bleibt bei dem, was ich geſagt habe.“ „Nein, Hermann, dahei bleibt es nicht! Sobald wir nach Upſala kommen, werde ich mich, gleich vielen Andern, umſehen, ob ich nicht irgend Geld geliehen be⸗ kommen kann. Dann will ich Tag und Nacht arbeiten, und durch das, was ich weiß und gelernt habe, Mittel zu ſchaffen ſuchen, um das Anlehen wlieder zu decken; denn das verſteht ſich von ſelbſt, daß ich vor Ablauf der beſbinnten Zeit den Vater um keinen Pfennig angehen werde.“. „Von Fremden willſt Du alſo leihen,“ rief Hermann ſchmerzlich aus,„und nicht von Deinem Freunde, Deinem Bruder! Willſt Du mich kränken, Gotthard, oder auf die Probe ſtellen?— Beides hätteſt Du Dir ſparen können!“ „Keineswegs, beſter Hermann; ich will nur Dein deßhalb gehe ich auf Deinen Vorſchlag ein, muß aber naber miteinander wollen wir dafür a 3 rbeiten. Ja, ¹ 87 Gotthard, Alles ſey zwiſchen uns gemeinſchaftlich, die ſchlimmen Tage, ſowie dle guten,— Arbeit, Kaſſe, Herz und Ehre! Laß uns nur Eins ausm achen l „Amen!“ rief Gotthard aus. Die Jüng gling fielen einander in die Arme und genoßen einen A uge enblick der reinſten lauterſten Freude, wie ſie uns das Mannesalter, mit ſeinen ſo oft getäuſchten Gefühlen, nur ſelten mehr bietet. Neuntes Kapitel. ——— Selten trügt die Zukunft, Wenn Schünmes ſie verkündet. Nur das Gute Iſt zweifelhaft, das Böſe nie. Calderonde la Barca. Hermann und Gotthard hielten redlich Wort. Man ah ſie fleibig in ihren Collegien, keine Vorleſung ward verſaͤumt; dagegen traf man ſie nie in einem Wirthshauſe, nie auf Bällen oder bei andern Luſtbarkeiten. Gotthard namentlich, welcher ſonſt immer bei luſtigen Streichen der Erſte geweſen, ſaß nun eingezogen auf ſeiner Stube, arbeitete faſt mit noch mehr Anſtrengung als Hermann und ſuchte einzig ſeine Erholung in einem Abendſpazier⸗ gange. Kameraden, welche ſie beſuchen wollten, waren ſtets willkommen; allein da unſere Frrunde ihnen Nichts an⸗ zubieten hatten, als eine freundliche Unterhaltung und ein Glas Waſſer, ſo wurden die Beſuche minder häufig und am Ende überließ man die„Stubenhocker,“ wie unſere Helden aus Spott hießen, ihren eigenen Grübeleien. Gotthard und Hermann ſchloßen ſich immer näher an einander und ſelbſt als ſie wieder anſe huliche Geldſen⸗ dungen von Hauſe erhielten, blieben ſie bei ihrer bisheri⸗ gen Lebensweiſe, denn Gotthard hatte Hermann and Rraut, er haüe Hedda gebeten, ihm zu ſöhrele. ſobaid. 88 „Ich verſtehe,“ unterbrach ihn Hermann,„wir müſ⸗ ſen ſparen. Wenn wir auch vielleicht hoffen können, daß es nicht ſo nöthig ſeyn wird als wir fürchten, ſo iſt es dennoch, nach melner Ueberzeugung, ſtets Deine Pflicht, das Mädchen und ihren Vater, ſoweit es in Deinen Kräf⸗ ten ſteht, vor Mangel und Noth zu ſchützen, denn wer weiß, wohin die Noth das arme Kind bringen könnte, wenn ſie... Aber Gott ſoll mich bewahren, ſo etwas im Ernſte zu denken!“ fügte Hermann haſtig hinzu, als er Gotthard zum Tode erbleichen ſah.„Ich bin nur der Anſicht, daß ein Mann, der mit roher Hand leichtſinnig eine Roſe gebrochen hat, ſtatt ſie nun verächtlich von ſich zu werfen, wenigſtens ſo viel Sorge für ſie zu tragen verpflichtet iſt, daß nicht jeder Vorübergehende die ge⸗ knickte Blume in den Staub tritt. Mit einem Worte, Bruder, Du mußt für die unglückliche Hedda arbeiten, ohne ſie übrigens jemals wieder zu ſehen. Gelobe mir dieß, Gotthard! Auch wenn wir wieder nach M.. zu⸗, rückkommen, darfſt Du ſie nicht mehr aufſuchen; gib mir Dein Wort darauf!“ „Ich weiß nicht, ob dieß Begehren billig iſt,“ ent⸗ gegnete Gotthard.„Was muß das ſanfte gute Geſchöpf von einem ſolchen Benehmen denken!— wäre es nicht herzlos von mir?“ „Keineswegs, Gotthard; ſowohl die Pflicht gegen Dich ſelbſt, als gegen das Mädchen gebietet Dir ſo zu handeln. Indeſſen— der Stärkſte kennt ſeine Schwach⸗ heit nicht. Du darfſt ſie nicht wiederſehen! Da gibſt mir Dein Wort, dagegen verſpreche ich Dir, daß ich ſie be⸗ ſuchen und ihr die Ueberzeugung geben werde, daß es ſo am beſten für euch Beide iſt. Im Uebrigen kannſt Du getroſt ſeyn. Ich werde ſie niemals verlaſſen und ſie ſoll immer durch mich Deine Unterſtützung erhalten.“ „Nun denn, in Gottes Namen! da haſt Du mein Wort, Hermann!“ feſt und zutrauensvoll drückten ſie einander die Hände, Gotthard aber ſagte leiſe:„Was ich gelobt habe, weißt Du, werde ich ſtets halten, aber glaube * 6. — N ³ 2ᷣ☚ ——&—*— 8132 — 89 mir, es wird mir das Herz brechen, denn ſo einfach und ohne äußere Bildung auch Hedda ſeyn mag, ſo iſt ſie mir doch unausſprechlich theuer. Sie war meine erſte Liebe, und meine Gefühle müßten ſich ſehr ändern, wenn ein anderes Weib je den Platz einnähme, den ſie inne hat.“ Hermann war zu klug, um ihm etwas Weiteres zu entgegnen, als:„Ich habe Dein Wort, Gotthard, und weiß, daß ich darauf bauen darf.“ Indeſſen vergingen Wochen und Monate, Poſttag um Poſttag.—„Gott ſey Dank,“ ſagte Gotthard, der ſich jetzt wieder hie und da in einem geſelligen Kreiſe ſehen ließ und überall, wie vordem, die Seele des Zirkels war.„Gott ſey Dank, Hermann! ich fange von Neuem an, freier zu athmen; ich war auf dem Wege aus Sorge für das arme Mädchen krank zu werden. Nun wird mir aber wieder beſſer, denn ich kann arbeiten und fühle gleich⸗ ſam ein friſches Leben in mir.“ Hermann ſagte innerlich Amen und ſtrich einen kräf⸗ tigen Accord auf ſeinem Violoncell dazu. Er freute ſich herzlich über die Hoffnung und die fröhliche Sinnesände⸗ rung ſeines Freundes. Obgleich ſich ſein ſtreyges Rechtsgefühl dagegen ſträubte, ſo liebte er doch ſeinen Gotthard viel zu innig, als daß er nicht hätte wünſchen ſollen, die harte Buß⸗ übung, welche er ſich aufgelegt hatte, möchte etwas nach⸗ laſſen, was auch in der That nöthig war, wenn nicht ſein feuriger Geiſt darüber zu Grunde gehen ſollte. Eines Morgens, gegen das Ende des Februars, als Hermann auf die Poſt gegangen war, empſing er, unter anderen Briefen, auch einen von unbekannter Hand, mit dem Poſtzeichen M.. an Gotthard Bundler adreffirt. Ein Schauder durchzuckte den jungen Mann. Ganz gegen ſeine Gewohnheit trat er in ein Wirthshaus und ließ ſich ein Zimmer geben, ging darin mit großen Schritten auf und ab, den Brief feſt in die Hand geklemmt und jallerlei ſonderbare Gedanken durchkreuzten ſeinen Kopf. 90 „Soll ich, oder ſoll ich nicht?“ fragte er ſich un⸗ ſchlüſſig.„Soll ich ihm den Brief geben, und ihn, da er jetzt wieder ruhig geworden und gehörig zu Verſtand gekommen iſt, abermals in einen Abgrund von Schmerz, Liebe, Schaam und Gewiſſensqual ſtürzen?— Denn un⸗ willkührlich muß dieſer Brief die halbverharrſchte Wunde wieder aufreißen. Und was gewinnt er dabei?“ fragte ſich der redliche Freund heimlich.„Nichts, ſo viel ich einſehen kann. Aber Schaden muß es ihm offenbar brin⸗ gen. Es wird ihm jedenfalls ganz und gar unmöglich ſeyn, ſich zu dem kommenden Erxamen vorzubereiten, und dann weiß Gott, was für Grillen die Nachricht wieder in ſeinem Hirn erzeugen könnte. Nein, er ſoll— er darf Nichts davon wiſſen. Ich will Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, und ſtreng genommen, mehr als ich Recht dazu habe. Nun will ich aber ſehen, was eigentlich darin ſteht.“— Er hielt den Brief in die Höhe, ließ die Hand aber wieder ſinken. „Hm, eine recht nette Frauenzimmerhand; der Alte war ein fürſorglicher Vater.“— Hermann glaubte für den wichtigen Augenblick nicht ruhig genug zu ſeyn, wo er eine ſo große Verantwortung auf ſich zu nehmen und den Rechten eines Dritten ſo nahe zu treten im Begriffe ſtand.—„Es iſt eine kitzliche Sache,“ meinte er nach kurzem Befinnen;„aber Gott ſey mein Zeuge: meine Abſicht iſt lauter und rein. Ich will ihn vor einem neuen Räckfall in ſeine Leidenſchaft behüten; ich will ſeinem Herzen den Frieden wiedergeben und ſeine edle, aber noch ungezügelte Kraft auf des Lebens höhere Bedeutung rich⸗ ten, auf das ſchöne Ziel unſere moraliſche Entwicklung in die größtmöglichſte Harmonie mit dem Urquell aller Vollkommenheit zu bringen.“. „ Und noch ein Punkt,“ rief er mit ſtrahlendem Blicke aus;„iſt die Sache meiner Ehre, meinem Herzen anver⸗ traut, dann wird auch die beſte und zärtlichſte der Muͤtter keinen Anlaß zur Bekümmerniß haben. Tante Karolinens Grundſäͤtze ſind ſtrenge, und— doch genug hlevon. Der⸗ * —.ͤ„8..ßöö—— nd rz, n⸗ te einſt, wenn ich ihn ohne weitere Beſorgniß darum wiſſen laſſen darf, wird er es mir danken. Und wenn ich es ihm auch nicht länger als bis zu unſerer Heimkehr ver⸗ hehlen kann, ſo iſt doch mindeſtens Zeit gewonnen und ſeine Studien leiden keine Störung.“ Mit dieſen Worten erbrach Hermann das Sigel, zog aus dem Umſchlag ein kleines Briefchen und las: „Ehe ich Dich kennen lernte, Gotthard, war ich arm, aber glücklich,— denn ich war ſchuldlos. Dann kam eine kleine Zeit,— ach, wie kurz war ſie!— wo ich in unſerm Kämmerchen an Deiner Seite ſaß— wo ich mein Loos mit keiner Sterb⸗ lichen hätte vertauſchen mögen. Darauf aber,— o mein Gott!— kam eine andere— doch ſtille, füllle; ich will Dich nicht damit quälen! Als ich noch mit meinem Vater umherwanderte, da er auf ſeiner Geige ſplelte und ich meine Liedchen dazu ſang, hatte ich nur zwei Wünſche, den erſten, Ar⸗ beit zu haben, den zweiten, daß mein Verdienſt zu Holz für den Winter reichen möchte— mein guter Vater ſitzt ſo gern hinter dem warmen Ofen— und zu Tabak für ſeine Pfeife;— das war das Höchſte, wornach wir ſtrebten. Nun ſitzt mein Vater hinter ſeinem warmen Ofen, ſeine geliebte Pfeife dampft, aber er hat keine Freude mehr daran, denn er hört wie ſein Kind ſeufzt, er fühlt wie die Thränen ſeiner Tochter ſeine Hände be⸗ netzen, und er weint mit mir, er ſeufzt mit mir! Kein Vorwurf iſt noch über ſeine Lippen gekom⸗ men; er iſt ruhig und geduldig, er ermahnt mich ſogar es auch zu ſeyn. Ja ich will geduldig und ergeben ſeyn. Aber Gotthard, Eines mußt Du mir verſprechen:— laß meinen alten Vater nie darben! Ich habe das Recht auf Deine Sorge für ſeine alten Tage theuer erkauft;— im Fall ich ihn ſollte verlaſſen müſſen, ſo lange ich am Leben bin, wirſt Du uns nicht dem Elende preisgeben. eidet, was der alte, tief beküm eiskalten Blick auf die ele Täglich bete ich zu Gott für Dich; aber Deinen Namen nennt nur meine Seele, kein Menſch hört ihn; Niemand ſoll ihn hören, darauf kannſt Du ſicher bauen, Gotthard. Das große Glück, Dir in meiner qualvollen Bekümmerniß ſchreiben, meine Gedanken in Worte eiden zu können, habe ich meinem Vater zu verdanken. Viel Schönes und Nützliches hat er mich gelehrt, Sachen, von denen Mädchen meines Standes Nichts wiſſen. Eben ruft er mich,— ch ſchließe meinen Brief mit der heißeſten Bitte, doch ja recht bald ein paar tröſtende Worte zu ſenden Deiner armen Hedda Klinting. ft herzlos und höhnend einen nden Wohnungen der Armuth wirft, oder auf die ſchlechten Lumpen, welche die Dürflig⸗ keit decken.— Arme Hedda! Ich wil will Dir ein Freund I Dich tröſten, ich ſchutzlos bleib 8, ein Bruder ſeyn. Du ſollſt nicht utzlos bleiben, De wenn es in menſchlicher Kraft ſteht, ſo will ich die junge Mutter mit dem Mißgeſchick verſöhne und unwiderruflich einen dunkeln ſo ſchuldloſes und friedliches Leben Hermann erfüllte ſein Gelübde. keine Silbe von dem Briefe, und in Kind ſoll das meinige ſeyn, und n, welches auf immer 3 Nebel über ihr ſonſt gebreitet hat.““ Gotthard ahnte da eine 1 ſo lange Zeit d Nachrich von Hedda verſtrichen war, wurde —& α— —&☛ OG ——— 0 93 er immer ruhiger, und endlich, mit Ausnahme ſeltner Augenblicke, ganz wieder der Nämliche, wie er früher ge⸗ weſen, froh, ungebunden, heftig, zuweilen ſogar ſtolz. Was er übrigens niemals vergaß, war: gewiſſe kleine Erſparniſſe ohne ein Wort Hermann einzuhändigen, wel⸗ cher den Auftrag hatte, ſo oft er es für dienlich hielt, ſolche der armen Hedda zu ſenden. Hermann hatte dem Mädchen einen langen herz⸗ lichen Brief geſchrieben, worin er ihr einfach und klar ſeine Anſichten entwlckelte und die Nothwendigkeit vor⸗ ſtellte, warum ſie und ihr Geliebter einander nicht mehr ſehen dürften. Deßhalb gab er ihr das Verſprechen, welches er ſich ſchon ſelbſt gegeben hatte, und Hedda's Antwort athmete die innigſte Dankbarkeit, die größte Er⸗ gebung. Willig und gern gelobte ſie Hermanns Rath in Allem zu befolgen, und ihr angebornes Zartgefühl er⸗ kannte, daß der edle junge Mann vollkommen Recht habe, und ſeine Anſicht aus denſelben Gefühlen entſprang, die, obgleich noch unentwickelt, in ihrer eigenen Bruſt wohn⸗ ten.—„Meinen innigſten Dank dafür,“ ſchrieb ſie;„ich fühle die Wahrheit Ihrer Worte und begebe mich jedes Wunſches Gotthard wieder zu ſehen, obgleich ſein Bild ohne Unterlaß in mir lebt und beſtändig in mir leben wird.“ „Das Mädchen hätte ein beſſeres Loos verdient,“ murmelte Hermann,„aber wer weiß, was die Zukunft bringen kann?“ Manches, zwar noch formlos, ging ihm durch den Sinn; er fuhr mit der Hand über die Stirne, um ſich die ſchwarzen reichen Locken aus dem Geſichte zu ſtreichen, und flüſterte ſo leiſe, daß es kaum wie ein Wind⸗ hauch klang:„Bin ich das geweſen?“ Der Winter war vorüber. Der Mai ſtand da in ſeinem Hochzeitſchmucke, und unſere Helden dachten mit Luſt an die herannahende Zeit ihrer Abreiſe nach M.„ Sie freuten ſich, nach ſo langer, in angeſtrengter Arbeit verbrachten Zeit endlich wieder ein Mal in Gottes freier, herrlicher Natur friſche Luft zu athmen. 94 Mit dem Schluſſe des kommenden Jahres ſollte Hermann ſein mediziniſches Examen machen, und Gott⸗ hard wollte als Referendär belm Hofgerichte zu Gothen⸗ burg eintreten. Unter ſo angenehmen Aueſichten auf die Zukunft, welche ſie ihrem Fleiße und ihrer Beharrlichkeit zu danken hatten, war es ſehr natürlich, daß unſere beiden Freunde eine Zufriedenhelt mit ſich ſelbſt fühlten, einen innerlichen Frieden und eine Luſt, welche den aller⸗ gluͤcklichſten Einfluß auf ihre Gemüthsſtimmung äußern † mußte. Um dieſe Zeit erhielt Hermann den erſten Brief, den er je von ſeiner Stiefmutter bekommen zu haben ſich erinnern konnte. Elfride ſchrieb: 4 „Mein zaͤrtlich geliebter Sohn! Mit der reinſten Mutterfreude und mit frohem Stolze habe ich von Zeit zu Zeit gehört, welche bedeutende Fortſchritte Du auf der Bahn der Wiſſenſchaften gemacht haſt, und danke Gott von ganzem Herzen, daß Du durch Deinen Verſtand, Deinen Fleiß und Deine muſterhafte Aufführung Dich ſo vortheilhaft vor einer Menge von Jüngg w lingen Deines Alters auszeichneſt. Was mich aber üf am meiſten beglückt— denn dieß, mein Sohn, E bleibt doch das Beſte— iſt der Adel Deiner Seele. A Ich habe gedacht, mein guter Hermann, daß Dein täglicher Umgang viel, ja ganz gewiß Alles daau er bbeitragen müſſe, Deinem Bruder Ludwig die Feſtig⸗. da eit des Charakters zu geben, welche ihm noch hi mangelt, obgleich er ſonſt die beſten Anlagen hat; mi aaußerdem werden Dein Beiſpiel und Deine Er⸗ Lu mahnungen zum Fleiße nicht verfehlen einen vor⸗ an theilhaften Eindruck auf ihn zu machen, indem der ſein lebhafter froher Sinn ſich nicht gern inn in Feſſeln ſchlagen läßt und er an ernſthaftern Ge⸗ genſtänden bisher keine große Freude hatte. Ja, ollte mein geliebter Sohn, ich gebe mich der frohen ott⸗ Hoffnung hin, daß Du Dich während Deiner Ferien hen⸗ wie es ſich einem ältern Bruder und einem jungen die Manne von Deiner Denkungeweiſe geziemt, des keit Juͤngern annehmen wirſt; deßhalb iſt mein herz⸗ ſere licher Wunſch und mein inniges Verlangen, daß. ken, Du bei Deiner balvigen Hieherkunft ſtatt, wie ſonſt, er⸗ bei Doktors zu wohnen, Dein Abſteigequartier im älterlichen Hauſe nehmen möchteſt, was ich auch, ern 1 aufrichtig geſagt, für das Natürlichſte halte. lef, Ich werde mit Freuden Alles thun, um Dir den Deinen Aufenthalt angenehm zu machen, und bin überzeugt, daß Du mir meine erſte Bitte nicht abſchlagen wirſt. Deine zärtliche Mutter. Elfride Dahl.“ „N. S. Ich brauche wohl nicht hinzuzuſetzen, daß eine abſchlägige Antwort auf unſere wohl⸗ meinende Einladung den Vater ſehr betrübeu würde.“. Hermann reichte Gotthard den Brief, und dieſer wurde, je weiter er las, immer mißvergnügter.„Das liſtige Weib,“ ſagte er höchſt verdrießlich;„ſobald der Eigennutz mit ins Spiel kommt, dann ſieht ſie Deinen Werth ein. Nun, Du ſchlägſt es doch natürlich aus?“ „Ausſchlagen bei meinem Vater zu wohnen, wenn er mich darum bittet oder es befiehlt? Nein, Gotthard, das geht nicht an, das kann unmöglich ſeyn. Ich gehe hin und wohne dort, ſo lange meine verehrte Stiefmuttern mit melnen Bemühungen zufrieden iſt. Freilich wird Herr Ludwig zu eigenfinnig und zu trotzig ſeyn, um Vernunft anzunehmen; aber, aufrichtig, ich habe ſchon längſt in der That gewünſcht, meine Mutter ſetzte das Vertrauen in mich, mir den jetzt zugedachten Poſten zu verleihen, 1 ſo bbiſt ich denn in Gottes Namen den Verſuch machen 1 4 8 und. ℳ g—4õÿj„—— 2 2 8 ☚ ESBSSSSSSZS2 * 7 96* „Nichts als Undank, Hader, Kränkung und Gott weiß was all' für Unannehmlichkeiten noch zum Lohne ärnten!“ fiel ihm Gotthard in die Rede. „Sey es d'rum! Habe ich dann doch meine Pflicht gethan, und dieſer will ich mich nicht entziehen, obgleich es mich ſchwer ankommt, nicht in meiner alten Heimathh wohnen zu können, und meinen Frühſtuckskaffee nicht aus 1 Tante Karolinens lieber Hand zu empfangen. Es lann 9 aber Nichts helfen. Man muß bei Zeiten gewohnt wer⸗ 4 W den ſich auch Etwas verſagen zu können.“ Gotthard ſchwieg. Er kannte ſeinen Hermann und — GOS — wußte, daß wenn er einen Entſchluß gefaßt hatte, den f ſeine Vernunft billigte, alle und jede Einwendung frucht⸗ 3 los war. Die Sache war abgemacht und keine weitere 8 Rede davon, bis die Jünglinge nach der Heimkehr von 9 der Hochſchule auf der Straße ihrer Vaterſtadt ſich tren⸗ 8 nen wollten. „Du gehſt doch zuerſt mit in unſer Haus, Hermann?“ be ſagte Gotthard, und in dem fragenden Tone lag der zu Ausdruck einer beſtimmten Vermuthung. d „Nein, Bruder! das würde gegen meine Eltern dt wenig Zartgefühl beweiſen, da ich nun bei ihnen wohnen J ſoll; ihr Haus liegt am Markte, dicht hier nebenan, da B kann ich doch unmöglich vorbei gehen, um dann wieder 3 den nämlichen Weg zurück zu machen. Es geht nicht an, Gotthard, wie gerne ich auch möchte; lange wird es aber ih nicht anſtehen, ſo bin ich bei euch. Adieu!“ k Damit trat Hermann in den Hof des väterlichen Hauſes. Kaum hatte man ihn von oben bemerkt, ſo un kam Elfride, höchlich von ihres Sohnes Aufmerkſamkeit G geſchmeichelt, eilends die Treppe herab und empfieng ihn Et mit offenen Armen; für Hermanns einfachen, argloſen W Sinn war auch dieſe Herzlichkeit etwas ſo Naturliches, un daß er keinen Augenblick anſtand, Alles für baare Münze ne⸗ zu nehmen. 3 Papa Dahl freute ſich von ganzem Herzen bei dr Anblick ſeines Sohnes Er war hoch und ſchön gewahe 97 und vollkommen ausgebildet; auf ſeinem Geſichte lag der Ausdruck eines edlen, ernſten, aber gleichwohl ſanften Gemüthes und ſein Benehmen war das eines geſetzten, gebildeten, liebenswürdigen Mannes. Ludwig war artig, ja ſogar aufmerkſam, und half mit großer Dienſtfertigkeit Hermanns Effekten in ein paar hübſche, bequeme Zimmer bringen, welche die Mutter für ihn eingerichtet hatte und die mit Ludwigs Stube in Verbindung ſtanden. Sobald das Mittageſſen vorüber war, denn Her⸗ mann kam vor Tiſch an, führte Elfride ihren Stiefſohn ſelbſt in ſeine neue Wohnung ein. Ludwig wurde be⸗ ordert mitzugehen, die Mutter hatte ſich in den Kopf geſetzt, eine kleine Nachahmung einer ähnlichen frühern Scene in des Doktors Hauſe zu ſpielen: ſte wollte Karo⸗ linens Rolle übernehmen und die beiden jungen Leute in beweglichen Redensarten mit obligaten Rührungsthränen zuſammenführen und vereinen. Allein Hermann merkte bald an Ludwigs Geſicht, daß es auf einen Theatercoup abgeſehen war, und unter⸗ brach daher die Komödie zwar artig, aber doch etwas kalt: „Beſte Mutter, ſeyen Sie überzeugt, daß ich Ludwig als Bruder liebe, und glauben Sie deßhalb meiner heiligen Verſicherung, daß ich Alles, was ich vermag, thun werde, ihn in ſeinem Studium zu unterſtützen, um die Bildung ſeines Verſtandes und Herzens möglichſt zu befördern. Aber jetzt muß ich zu Oheim Bundlers. Ich ſehne mich unendlich nach meiner alten, lieben Heimath.“ Dieß lag zwar keineswegs in Elfridens Plan; allein Etwas war mindeſtens gewonnen, denn auf Hermanns Wort konnte man bauen. Mit einem kleinen Seufzer und dem wehmüthig geäußerten Wunſche, daß ihm ſeine neue Heimath nur wenigſtens halb ſo theuer werden möchte, als ihm die alte ſey, verließ ſie das Zimmer und winkte Ludwig ihr zu folgen. Kaum war Hermann allein, ſo kleidete er ſich raſch Die Milchbrüder. I. 7 4 98 um und eilte dann mit faſt beflügelten Schritten nach Doktor Bundlers Haus. Zehntes Kapitel. Weh' weh', iſt der rechte Name für des Lebens harten Hammer Der den heißen Stabl des Herzens ſchmiedet in des Buſens Kammer 4. In wildem Schlage klopft und ſchlägt er dumpf, dumpf und ſchwer. Nicander, Die Bundlerſche Familie war im Saale verſammelt, und im Augenblicke wo Hermann eintrat, lag er auch in den Armen ſeiner Pflegemutter. „Nun, ſo laß ihn doch endlich einmal los,“ ſagte ter Doktor;„ich will auch Etwas von ihm haben. Will⸗ kommen, Herzensjunge! Du wohnſt bei Deinen Eltern, hör' ich. Na, na, ſo lange der Wind aus der Ecke bläst, läßt ſich Nichts dagegen ſagen, ſollte er aber umſchlagen und Sturm und Regen kommen, ſo weißt Du wo Du einen Platz findeſt,— an meinem Tiſche und an meinem Herzen.“ Mitt ſtillem Danke drückte Hermann die Hand ſeines braven Pflegvaters, welcher, den Jüngling von oben bis unten betrachtend, hinzuſetzte:„Ihr ſeyd ein paar wackere Geſellen geworden, und ſo Gott will, gleich friſch an Leib und Seele.“ Das ſchwöre ich Dir für uns Beide,“ ſagte Her⸗ mann in frohem, zuverſichtlichem Tone.„Allein wo iſt denn Hulda?“ dabei ſah er ſich überall um. Mitten im Zimmer ſtand das Mädchen und hatte ſchon lange gewartet, daß man ſie bemerken würde. Seit dem letz en Abſchiede war noch kein Jahr verfloſſen, allein 4 die junge Roſenknoſpe hatte ſchon manches hübſche Blatt getrieben. Mit holdem Erröthen heftete ſie ihr ſtrahlen g 1 3 3 5 8 des Auge auf den Ankömmling. ₰. 282——+———— α△— ach 99 „Sieh' da, Hulda!“ rief er innig entzückt aus; „Du ſchönes, liebliches Kind!“ dabei ſchloß er ſie in ſeine Arme und ein— zwei— drei Küſſe brannten auf ihren friſchen Lippen; als ſie aber verſchämt und wider⸗ ftrebend das Köpfchen wegwandte, legte er das beinahe verzagte Kind der Mutter in die Arme und ſagte halb lächelnd, halb verdrießlich:„Ich glaube gar, ſie fürchtet ſich vor mir.“ 3 „Du biſt auch immer ſo heftig, Hermann,“ meinte Tante Karoline, mit einem leichten Lächeln und hob im Spaſſe drohend die Hand in die Höhe.„Du mußt nicht vergeſſen, daß ſich Hulda Dich nicht anders denken kann, als wie Du ſtets geweſen biſt, als ihren freund⸗ lichen, ernſthaften Lehrer; aber ihr werdet ſchon bald wieder gute Freunde werden, wenn ihr nur erſt mit einander in's alte Geleis gekommen ſeyd. Geh' jetzt in's Nebenzimmer, Hulda, und mache den Kaffeetiſch zu⸗ recht, damit Deine Brüder ſehen, was Du fur eine ge⸗ ſchickte Haushälterin im letzten Jahre geworden biſt.“ Gleich einer Sylphe verſchwand Hulda aus dem Saale; hoch erröthend beugte ſich Hermann auf Karo⸗ linens Hand und flüſterte:„Wie ſie ſchön und reizend iſt! Darf ich dem Gedanken in meinem Herzen Raum geben, daß ſie einſt die Meinige werden kann, daß dieſe geltebte Hand meinem Lebensglück die Krone aufſetzen wird, wenn ich einer ſolchen Seligkeit nicht unwürdig bin?“ „Ja, Hermann,“ antwortete Karoline und begleitete ihre Worte mit einem Blicke voll Zärtlichkeit,„dieß iſt auch mein höchſter Wunſch. Aber vergiß nicht, daß ſie noch ein Kind iſt, und gelobe mir, in ihrem jungen Herzen jetzt noch keine Gefühle zu wecken, welche ihrem kindlichen Unſchuldsſinn eine andere Richtung geben könn⸗ ten. Laß ſie ihren eigenen bisherigen Weg wandeln, bis ſie erſt zum Abendmahl gegangen ſeyn wird*). Ich weiß gewiß, Du biſt darin ganz meiner Meinung.“ ²) In Schweden mit dem ſechzehnten Jahre. 100 , Das bin ich auch,“ entgegnete Hermann aus vollem erzen;„fürchte Nichts, beſte Tante, meine junge zarte Roſe iſt mir ſo heilig, daß ich ſie kaum mit einem Hauche zu berühren wage, und nie ſoll ein unüberlegtes Wort — ja nicht einmal ein Blick Gefühle in ihr erregen, welche noch in ihrer unſchuldigen Bruſt ſchlummern— ſo lange nicht ihr Herz und ihr Verſtand ſie zu faſſen im Stande ſind und den Ausſchlag zu geben vermögen.“ „Gut, lieber Hermann! Küſſe ſie nicht mehr! So etwas könnte gerade Deine gute Abſicht vereiteln,“ meinte Tante Karoline. „Das iſt aber gar zu hart,“ erwiederte Hermann. „Feiertage, Geburtstage und Abſchied dürſen doch eine Ausnahme machen— aber wohlverſtanden— ſehr be⸗ ſcheiden. Ich werde ſie nicht wieder erſchrecken, wie vorhin, das verſpreche ich Dir!“ „Was habt ihr denn da ſo eifrig mit einander?“ fragte der Doktor, welcher mit Gotthard auf den Sopha zukam, wo Hermann und ſeine Tante ſaßen. „Ich ſehe dieß ſchon an dem Feuerblick unſers Phi⸗ loſophen,“ fiel Gotthard ein.„Sieh' nur, Vater, wie ſeine Wangen glühen und brennen— fur unſre kleine vierzehnjaͤhrige Zauberin.“ „ Poſſen, Poſſen!“ unterbrach ihn der Doktor, ſah aber dabei nichts weniger als ungehalten über die Ent⸗ deckung aus, welche feine Augen gleichfalls gemacht hatten. „‚Das iſt eine Sache, Kinder, welche ſehr zart be⸗ handelt werden will!“ Er blickte nach der Thüre, durch welche Hulda verſchwunden war.„Im Uebrigen aber,“ fuhr Bundler fort und reichte Hermann, deſſen offenes Auge eine Antwort zu erbitten ſchien, die Hand,„üͤber⸗ laſſen wir's dem Himmel; und wenn es ſein Wille iſt, 3 daß es ſo kommt, wie wir Alle wünſchen, ſo ſage ich— von ganzem Herzen Amen!“ Hermanns Bruſt ſchwoll bei dieſen Worten von nie gekannten Gefüͤhlen, und es dünkte ihm dieſe Stunde eͤ- SͤSSͤSceͤ—=de——S —— ——..,—-9neee— 101 die ſeligſte und bedeutungsvollſte, welche er je erlebt hatte. Hulda, der Gegenſtand derſelben, war zwar elgentlich noch ein Kind, allein dieſem Kinde war er, ſeit er denken konnte, mit der innigſten Zärtlichkeit zugethan. Er hatte ſie ja auf ſeinen Armen getragen, hatte ſie über den Verluſt ihrer geliebten Puppen durch den Ankauf von neuen getröſtet, wozu er ſeine eignen dürftigen Spar⸗ pfennige verwandte; dann hatte er ſie leſen und die erſten Buchſtaben malen gelehrt, indem er ihr mit feſter Hand die kleinen weißen Finger führte, damit ihnen die Feder nicht entfiel. Mit Einem Worte, Hermann hatte ſich gewöhnt, Hulda als ſeine Schöpfung, als ein mit ſich ſelbſt innig vereintes Weſen zu betrachten, ſo daß er ſich keine frohe glückliche Zukunſt denken konnte, wenn ſeine Freundin ſie nicht mit ihm theilte. Dieſe Gefühle, welche bisher von der ruhigſten Art geweſen, nahmen bei dem Wiederſehen einen andern, freiern, glühendern Schwung, als er in der ſchlanken, hochaufgeſchoſſenen Jungfrau mit den ſchönen, ausdrucks⸗ vollen Zügen eher ein entzückendes Engelsbild erblickte, als ſeine frühere kleine Spielgenoſſin. Es war das erſte Erwachen von Hermanns Herzen, und gewohnt, Tante Karoline ſtets in die innerſten Falten deſſelben blicken zu laſſen, vertraute er ihr auch jetzt, ohne Umſchweife, den Wunſch, welcher es in gewaltigeren Schlägen als je klopfen machte. Bei der freundlichen Antwort ſeiner Pflegeältern hob und ſenkte ſich ſeine Bruſt von ſeligen Ahnungen. Es war ein ſo ſüßes, beruhigendes Bewußt⸗ ſeyn, ein Recht auf dieſes fromme, reine Herz gewonnen zu haben, das einſt— wie er mit allem Vertrauen hoffte— im Leben und im Tode nur fur ihn ſchlagen würde. „Der Menſch denkt und Gott lenkt,“ ſagte Doktor Bundler mit einem gewiſſen bedächtigen Ernſte.„Doch führt er Alles zum Beſten!“ Drauf ging man in das Rebenzimmer, wo Hulda mit dem Kaffee wartete. 102 Als Hermann am Abende, den Himmel im Herzen Bundlers Haus verließ, ſchlug er den Weg nach einem, entlegenen Stadttheile ein. Bald ſtand er vor einem kleinen, aber ſaubern Häuschen und war offenbar unent⸗ ſchloſſen, ob er hineingehen oder wieder umkehren ſolle, entſchloß ſich indeſſen zum Erſten und klopfte. „Herein!“ rief eine ſanfte, freundliche Stimme. Er öffnete die Thüre und trat mit einer gewiſſen vorſichtigen Aengſilichkeit über die Schwelle. Es war eine ärmliche, aber ſaubere, nette Kammer. In einem Bette mit reinen weißen Linnen lag der alte Muſikant. Er war ſchon zur Ruhe gegangen, denn die Abendglocke hatte bereits geläutet,— an der andern Seite der Stube ſaß Hedda auf einem Schemel und wiegte ihr Kind. Halbverhaltene Seufzer unterbrachen zuweilen ihr leiſes Wiegenliedchen. Hermann nahte mit leiſen Schritten, um den Alten nicht aufzuwecken.„Guten Abend, liebe Hedda,“ flüſterte er.„Wie ſteht es mit Deiner Geſundheit? Kennſt Du mich denn nicht?“ „O ja, Herr Dahl, wie ſollte ich nicht!“ antwortete ſie ſanft und lächelte durch die Thränen, welche ibre Augen umflorten.„Sollte ich Den nicht kennen, deſſen freundliche Zeilen mich immer ſo ſehr beglückt und ge⸗ tröſtet haben?— Ja, glauben Sie, ich bin Ihnen ſehr viel Dank dafür ſchuldig, denn Ihr Brief hat mich beſſer, ruhiger und geduldiger gemacht. Ueber meine Geſund⸗ heit kaun ich nicht klagen; ich bin ziemlich munter und wohl auf.“ „Und dennoch finde ich Dich in Thränen, arme Hedda,“ ſagte Hermann mit vieler Theilnahme.„Du fiehſt ſo bleich und leidend aus.“ „Ja, ich habe auch viel gelitten,“ erwiederte ſie und kreuzte mit ſtiller Ergebenheit ihre Hände über die Bruſt; „aber dieß weiß nur Gott allein; kein Wort der Klage iſt über meine Lippen gekommen ob des Mißgeſchickes, welches ich mir ſelbſt bereitet habe. Aber wollen Sie 103 mein Kind nicht ſehen, Herr Dahl? Das iſt mein ein⸗ ziger Troſt, meine einzige Freude, daß ich in ſtiller Nacht, wenn ſich der Vater gelegt hat, hier an dem Bettchen ſitze, den Kleinen wiege, dazu ſinge und weine. Dieß thut meinem Herzen ſo wohl, und wenn der Morgen kommt, habe ich wieder friſcheren Muth und gehe raſcher und freudiger an die Arbeit.“ „Du gute, gute Hedda!“ Hermanns Stimme zitterte vor Rührung, er nahm den Kleinen, drückte einen Kuß auf ſeine Stirne und ſagte langſam:„Ich will Dein Vater ſeyn, will Dich nie verlaſſen, Du zartes, ſchutz⸗ loſes Weſen! Und auch Dir, Hedda, will ich Freund und Bruder ſeyn! Sey unbekümmert um Deine und Deines Kindes Zukunft. Aber Gotthard, der ſo viel bei dem Elende gelitten hat, das er angerichtet, darf Nichts davon wiſſen, wenn nicht irgend ein Zufall ihm unſer Geheimniß entdeckt. Biſt Du damit einverſtanden, liebe Hedda?“ „Ja, Herr Dahl! Ich will ihn nie wiederſehen. Schaam und Angſt tödten mich faſt, wenn ich nur daran denke, daß er hieher kommen könnte. Nein, es bleibt am Beſten ſo, wie es iſt“ Dabei blieb es auch. Gotthard fragte oft ſeinen Bruder Hermann nach Hedda, beſuchte ſie aber ſelbſt niemals, ſo viel es ihn auch Ueberwindung koſtete und ſo ſehr ihn ſein Herz zu ihr hinzog.— „Wenn Du nicht mein Wort hätteſt, Hermann,“ pflegte er hie und da zu ſagen,„ſo“ „Würdeſt Du deſſenungeachtet nicht ſo niedrig denken,“— ergänzte Hermann ſeines Bruders Worte. „Nein, Gotthard, auch dann würdeſt Du nicht mit der Verſuchung ſpielen wollen, könnteſt nicht mit unvorſichtiger Hand eine Verbindung abermals anknüpfen, nachdem jetzt das arme Mädchen ſeine Gemüthsruhe wieder erlangt hat und die ſchmerzliche Wunde ihres Herzens allmälig zu heilen beginnt.“ Gotthard ſchwieg. Sein Wort war ihm eben ſo 104 heilig, als Hedda's Ruhe; aber in ſeiner Seele, in ſeiner Etinnerung ſtand das Bild des Mädchens heller und klarer als je. Hermann beſuchte häufig die armen Leute und ver⸗ brachte manche Stunde mit dem Vater, welcher nie glücklicher war, als wenn der junge Mann neben ihm ſaß und geduldig mit inniger Theilnahme die Geſchichte ſeiner früheren Jahre des Truͤbſals anzuhören. Dieſe waren weder reich an Merkwürdigkeiten noch an vieler Abwechslung, denn ihre Farbe war ſtets düſter und ſchwarz geweſen. Hermann erfuhr in Kurzem Fol⸗ gendes: Der alte Klinting war in M... geboren und der Sohn eines daſigen vermöglichen Bürgers, welcher noch einen ältern Sohn hatte, des Vaters erklärten Güunſtling. Während dieſer, zum Kaufmann beſtimmt, auf einer längeren Reiſe im Ausland begriffen war, wurde der jüngere Klinting nach Lund auf die Univerſität geſandt, um dort ſeine Studien zu vollenden. Er hatte eine muntere, leichte, joviale Gemüthsart, und da ſich ſein Sinn mehr dem Apollo als der Minerva zuwandte, ſo kam er nicht ſelten in allerlei luſtige ungebundene Ge⸗ ſellſchaft, deren Glieder, mit gleicher Liebhaberei, leider auch noch andere ſchlimme Eigenſchaften beſaßen, welche er zwar keineswegs billigte, die ihm aber doch durch den gewohnten Kreis ſeiner Umgebung nicht ganz fremd bleiben konnten. Er hatte eine beſondere Liebhaberei für Muſik und vernachläßigte darüber alles Andere. Vergebens hatte er ſeinem Vater angelegen, ihn in ein Orcheſter treten zu laſſen und ſich ausſchließlich dieſer ſeiner Lieblingsbeſchäftigung widmen zu dürfen, indem ihm alle Neigung zu den Studien fehlte. Inſonderheit für den Beruf, wozu ihn ſein Vater beſtimmt hatte. Umſonſt. Ob er wollte oder nicht, es blieb beim Alten. Die Zeit verfloß, die tägliche Geſellſchaft, in welche Klinting durch ſeine Liebhaberei für Muſik gerathen war, 1 artete immer mehr aus. Nach und nach verlor er ſeine &8 2 8 SSASPESSSER ———4 8 2 105 urſprüngliche Abneigung gegen die bachanaliſchen Freu⸗ den, und im jugendlichen Uebermuthe begieng er manche Thorheit. Eine davon, deren Erzählung hier zu weit⸗ läufig wäre, hatte indeſſen die traurige Folge, daß er, mit einigen Kameraden, von der Hochſchule verwieſen ward. Seinerſeits machte ſich eigentlich Klinting wenig daraus, denn er kannte keinen höhern Wunſch, als einen andern Beruf zu wählen; er ſchrieb deßhalb einen flehent⸗ lichen, reuevollen Brief an ſeinen Vater, allein dieſer, aufs äußerſte empört, ſagte ihm alle weitere Unterſtützung auf, und verbot ihm für alle Zeit die Schwelle des väterlichen Hauſes.. Nun begann für unſern Klinting eine Zelt der Reue, des Bekümmerniſſes und Elendes. Sein früheres Leben ſtand deutlich und anklagend vor ihm, ſeine Zu⸗ kunft war düſter und drohend. Er fühlte lebhaft und feſt, daß die Verzeihung ſeines Vaters und die Erlaub⸗ niß, einen andern erſehnten Wirkungskreis betreten zu dürfen, ihn wieder aufgerichtet und den Schandfleck ver⸗ wiſcht hätte, welchen ihm, wie er glaubte, Jedermann an der Stirne mußte leſen können. Allein daran war jetzt nicht mehr zu denken. Dennoch machte er einen Verſuch, kehrte in ſein Vaterhaus zurück und fiel, unter heißen Thränen, dem Unbeugſamen zu Füßen.—„Fort von mir, du Schandfleck meines Namens!“ waren die einzigen Worte, welche der Erboßte ausſließ und dabel mit den Füßen nach dem knieenden Sohne trat. Da ſprang der junge Klinting auf. Schwarze Gedanken ſtürmten in ſeinem von Fiebergluth qualvoll brennenden Kopfe;— er ſtürzte hinaus und kehrte ſeiner Vaterſtadt für immer den Rucken. Ein ganzes Jahr lang zog der Verlaſſene, ohne Freunde, ohne Heimath, ohne Obdach umher, weit von der Stätte, welche ihn in beſſeren Tagen geſehen hatte. Mühſam und kümmerlich friſtete er ſein Leben; bald gab er Bauernkinder Unterricht, bald ließ er auf den Herren⸗ höfen bei allerlei Veranlaſſungen ſeine Geige hören. 106 Endlich wurde er dieſes Wanderlebens ſatt und trat in die Muſikbande eines Infanterieregiments. ſ Nach einem Zeitraum von fünf und zwanzig Jah⸗ n ren kehrte er in ſeine Heimath zurück, dürftig verab⸗ u ſchiedet, mit einer armſeligen Penſion, welche kaum zur fr Hälfte füͤr ſeine beſcheidenen Bedürfniſſe hinreichte. Er N brachte eine fünfjährige Tochter mit, denn er war mit te einem armen Mädchen von beſſerer Familie verheirathet S geweſen, welches eben ſo einſam in der Welt ſtand. Nach t zwölfjähriger Ehe war ſeine Gattin geſtorben, nachdem ih ſie Freud und Leid in aufopferndſter Genügſamkeit mit h n getheilt hatte. Klintings eigentlicher Reiſezweck A war, noch Etwas aus der Verlaſſenſchaft ſeines ſchon E vor vielen Jahren verſtorbenen Vaters zu erhalten, von ſch dem er nie mehr gehört hatte, obgleich er ihm einige er Mal geſchrieben. Allein er fand in M..... kaum noch T Einen Menſchen, der ihn kannte oder kennen wollte. 9 Zwanzig Jahre verändern gar gewaltig die Verhältniſſe ar und Umſtande; auch verſchwand jede Hoffnung auf eine L Erbſchaft ganz und gar, denn er erfuhr, daß ſein Bru⸗ ih der, welcher als alleiniger Teſtamentserbe eingeſetzt war, er bald nach dem Tode des Vaters M.... verlaſſen und er ſeinen Wohnort ſo oft gewechſelt hatte, daß man nicht w erkunden konnte, wo er ſich im Augenblicke aufhielt. fr In tiefſter Bekümmerniß, hauptſächlich ſeiner Toch⸗ de ter halber, vernahm der arme Klinting dieſe nieder⸗ ih ſſcchlagenden Berichte. Jahre und Gram hatten ihn nie⸗— dergedrückt und ſchon lange den frommen, faſt könnte B man ſagen, ſchwachen Naturen beigeſellt, welche ſich in al Gottes Namen in ihr hartes Schickſal ergeben und keiner H kraftvollen Anſtrengung fähig ſind, ihre traurige Lage zu verbeſſern. Solche Menſchen ſind eine Miſchung von S Muth und Muthloſigkelt.„ le „Es iſt des Herrn Wille!“ ſagte Klinting tröſtend zu ſich ſelbſt;„mein Leben ſoll eine fortlaufende Kette tã von Widerwaͤrtigkeiten ſeyn.“ ar Er miethete ſich ein elendes Käͤmmerchen, wo er, 107 einſam und von allen früheren Bekannten vergeſſen, mit ſeiner Tochter ein dürftiges Leben führte. Aber es ſollte noch ſchlimmer kommen. Er verlor das Geſicht,— es war ſchon lange ſchwach geweſen.— Auch da blieb er fromm und gottergeben:„Es iſt des Herrn Wille!“ Nun nahm er ſein Inſtrument, und da ihm Nichts wel⸗ ter übrig blieb, zog er, auf Hedda geſtützt, durch die Straßen, ſpielte und ſang oder ließ die Tochter zu ſeiner treuen Geige ſingen. Mancher Vorübergehende ſpendete ihm ſein Scherflein aus Freude über den Anblick des hübſchen Mädchens mit der klaren, vollen Stimme; Andre, weniger enthuſiasmirt für das Schöne, galtn Etwas aus Mitleid mit dem blinden Greiſe, und man⸗ cher Bekannte, der ſich deſſelben noch aus alten Tagen erinnerte, warf eine kleine Gabe in die Schürze der Tochter und ſchauderte über den Wechſel des menſchlichen Lebens So waren drei Jahre vergangen. Zwar arm an irdiſchen Gütern, waren ſie dagegen reich an Glaube, Liebe und Hoffnung, und wenn Hedda am Abende bei ihrer Arbeit auf die Erzählungen des Vaters hötte, was er all' für wunderbare Abentheuer im Kriegsgetümmel erlebt hatte, oder, was für Hedda noch anziehender klang, wenn er von ſeinem Vaterhauſe ſprach, welches nun in fremden Händen war, von ſeiner zärtlichen Mutter und deren frühem Ableben, von der Härte ſeines Vaters, der ihn in die Welt hinausgejagt und für immer verlaſſen — da bebte ein ſchmerzlicher Schauder durch Heddas Bruſt, und ſie verdoppelte ihre Bemühungen, fuͤr den alten Vater zu ſorgen, und Troſt und Friede in ſein Herz zu gießen. Um jene Zeit ereignete ſich der Unſall, auf der Straße, welcher ihre Bekanntſchaft mit Gotthard Bund⸗ ler und ſeinem Freunde herbeiführte. Wir haben bereits geſagt, daß Hermann oft, ja täglich Hedda beſuchte; ſeine eigne, edle Seele fand einen angenehmen Zeitvertreib darin, ſich mit der Ausbildung der reichen Anlagen zu beſchäftigen, womit die Natur 108 das Mädchen ausgerüſtet hatte. Er brachte ihr Ge⸗ ſcchmack am Leſen bei, und waͤhlte mit richtigem Tacte das für ſie aus, was er für paſſend zur Ausbildung ihres Verſtandes und Veredlung ihres Herzens hielt. Er lehrte ſie zeichnen und zur Guitarre neue kleine Lied⸗ chen ſingen, die er ihr brachte; denn die alten, welche ſie bei ihrem Wanderleben geſungen, erfüllten ſie, ver⸗ möge des Bezugs auf Gotthard, nur mit Schmerz. Bewundernswürdig leicht faßte Hedda Alles, und die neue Welt, welche ihr aufgieng, breitete einen immer dichtern, faſt lönnte man ſagen, jungfräulichen Schleier über ihren beinahe unbewußten Fehltritt. Sie lebte nur für ihr Kind, für ihren Vater und ihre neuen Beſchäf⸗ tigungen, und jeder Gedanke, jeder Wunſch nach eine Wiederſehen trat, je länger deſto mehr, in den Hinter⸗ grund ihres reinen, ſich immer mehr ausbildenden weib⸗ lichen Herzens. Sie wünſchte ganz und gar vergeſſen zu können, daß es eine Zeit vorher gegeben. Wenn ſich Hedda's klangvolle Stimme mit den einfachen Tönen des neuen Inſtruments vermiſchte, war der Alte ſo glück⸗ lich, wie er es nie im Leben geweſen. Oft griff er dann nach ſeiner Geige, und Vater und Tochter waren dabei ſeliger, als kaum die ſind, welche den Tönen der größten Meiſter der Welt lauſchen. Ihre Luſt war ſo rein, wie die der Staubentkleideten bei den Chören der Engel im Himmel. Und wie freute ſich Hermanns Herz, wenn er das ſtille Glück ſah, welches er Anderen bereitete. Zu⸗ weilen kam es ihm freilich vor, als ob er nicht Recht thue, Hedda eine ſolche Menge Sachen zu lehren, welche ihr in Zukunft wohl wenig Nutzen bringen möchten; allein Hermann unterdrückte dieſe Stimme, obgleich er ſonſt gerne ſeinen geſunden Verſtand ſprechen ließ. Bei 2 Hedda's Unterricht zog er nur ſein Gefühl zu Rathe, und eine gewiſſe Ahnung ſagte ihm, daß ihre kleinen Talente, dieſe Bildung uͤber ihren Stand doch noch einſt ein Gewinn für ſie ſeyn könnten. Hermann geſtand ſich dieſes ſelbſt nicht ein Mal recht, widmete aber Hedda's 109 begonnener Erziehung fort und fort einen Eifer, welcher bewies, daß die Vollendung derſelben ihm nicht wenig am Herzen lag. Wurden aber Hermanns Bemühungen auf der einen Seite mit Erfolg gekrönt, ſo glückten fie ihm um ſo weniger mit ſeiner Mentorſchaft bei Ludwig, welcher faul, eigenſinnig und gedankenlos war. Zwar führte er ſich, auf Zureden ſeiner Mutter, Anfangs ſtill, artig und beſcheiden auf, um ſich bei Hermann einzuſchmeicheln; allein kaum war eine Woche herum, ſo hatte er die neue Ordnung der Dinge ſchon vollſtändig ſatt. Hermann ſtand um vier, ſpäteſtens um fünf Uhr Morgens auf und arbeitete bis acht Uhr, wo man ſich dann im Saal zum Kaffee verſammelte. Den erſten, zweiten und auch noch den dritten Tag fand ſich Ludwig in ſein Schickſal, obgleich unter ſchwe⸗ ren Seufzern, wenn Hermann an ſein Bett kam und ihn freundlich ermahnte:„Steh' auf, Bruder, wir wol⸗ len Dieß oder Jenes mit einander durchgehen,“ und ſputete ſich, ſo ſehr er konnte, um Hermanns Zufrieden⸗ heit zu gewinnen. Da es aber nicht allein darauf an⸗ kam, ſich auf die Beine zu machen, ſondern die Haupt⸗ ſache darin lag, fleißig zu arbeiten, ſo ſeufzte Ludwig in heller Verzweiflung, und ſtellte ſich bald krank, bald ſuchte er den einen, bald den andern Vorwand, um los zu kommen. Da wurde Hermann am Ende ungeduldig und las dem jüngern Herrn tüchtig den Tert; nun lief Ludwig zu ſeiner Mutter und verſicherte hoch und theuer, daß bei Hermanns Unterricht unmöglich Etwas herauskom⸗ men könne, denn dieſer höre gar nie auf zu brummen und zu ſchelten. Mit anſcheinend großer Würde warf Elfriede ihrem Stieffohne ſeinen Mangel an Geduld vor; dagegen er⸗ klärte Hermann ohne Umſchweife den Ludwig für einen Taugenichts, der nie Etwas lernen werde, und daß an 110 1 ihm Hopfen und Malz verloren ſey, wenn man nicht einen andern Weg mit ihm einſchlage. „Lediglich Mangel an Liebe zu Deinem jüngern Bruder hat Dir eine ſo ſchiefe Anſicht von ihm beige⸗ bracht,“ entgegnete Elfriede verweiſend,„Du haſt für Nichts Herz und Gedanken, als was mit Bundlers im Zuſammenhange ſteht.“ „Es iſt kein Mangel an brüderlicher Liebe von mir, beſte Mutter,“ erwiederte Hermann gelaſſen, aber beſtimmt, „ſondern, wenn Sie mir erlauben zu ſagen, wo der Feh⸗ ler bei Ludwig ſteckt:— es iſt Mangel an Zucht. Er iſt rein verzogen.“ „O Du egoiſtiſcher, undankbarer Menſch!“ fuhr Eifriede zornig heraus.„Iſt dieß die Ehrerbietung, welche Du mir dafür ſchuldig biſt, daß ich ſtets Deine zärtliche Mutter war? Iſt dieß mein Lohn, daß Du Uneinigkeit zwiſchen Aeltern und Kind ſtiſteſt? Ja, nun begreife ich Alles, jetzt ſehe ich, worin Delnes Vaters Ungerechtigkeit gegen den armen Jungen ihren Grund hat,— von Deinen ſchönen Predigten, womit Du ihn bei ihm anſchwärzeſt, kommt ſie her! Aber warte nur, mein ſtolzer Herr! Es iſt noch nicht aller Tage Abend, und Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß ich Deinen Uebermuth nicht vergeſſen werde.“ Hermanns Wangen erglühten. Er war nahe daran, ſeiner Mutter eine bittere Antwort zu geben, hielt aber an ſich, und verließ mit einer ehrerbietigen Verbeugung das Zimmer. Elfriede machte ſich auf eine Scene mit ihrem Manne gefaßt, denn ſie zweifelte nicht, Hermann werde ſich an den Vater mit der Erklärung wenden, daß er heute noch das älterliche Haus verlaſſen und zum Doktor ziehen würde;— allein ſie betrog ſich. Hermann überr ging den ganzen Vorfall ſtillſchweigend— aber mit dem anſcheinend guten Vernehmen war es vorbei. Elfriede wartete nur auf eine paſſende Gelegenheit, um für die Berletzung, ja für den Schimpf, welchen ihr Stolz hatte erle traꝛ laß ht —— ⏑——(2 111 erleiden müſſen, gehörige Rache zu nehmen;— leider trat das Verhängniß mit ihr in den Bund, und der An⸗ laß dazu fand ſich bald. CGNES. 2 2 Eilftes Kapitel. Foj, Schon zu lange war es Friede: Feuer! Feuer! nochmals Feuer!— Stille ſoll mein Werk nicht ſteh'n! Nicander. Eines Nachmittags, im Anfange des Septembers, ſaß Elfriede einſam an ihrer Arbeit und dachte mit müt⸗ terlicher Bekümmerniß an Ludwig und ſeine Zukunft. Trotz ihrer thörichten Blindhelt für ihn, mußte ſie ſich doch ſelbſt bekennen, daß es ganz zweifelhaft mit den großen und glänzenden Hoffnungen ausſah, welche ſie auf das Genie und die außerordentlichen Anlagen ihres Lieblings baute; denn eigentlich waren es eben ſo viele Untugenden, in welchen die mütterliche Befangenheit Nichts als liebenswürdige Eigenſchaften ſah. Wie dieß in der Regel der Fall iſt, verwandelte ſich Elfridens ſchlimme Laune in Neid und Mißgunſt gegen ihre nächſte Umgebung, gegen Gotthard, namentlich aber gegen Her⸗ mann, den ſie nun beinahe haßte, ſeit ſie die Hoffnung aufgab, daß er Ludwig zurecht bringen werde. Düſtre Gedanken fuhren Elfriden durch den Kopf, allein ſie waren ihr nicht gehörig klar. Da pochte es leiſe an der Thüre, Frau Dahl fuhr zuſammen; auf das gewöhn⸗ liche:„Herein!“ ging die Thüre langſam auf, und zu ihrer großen Verwunderung trat ein junges, wohlgekleide⸗ tes Mädchen, mit einem Kinde auf dem Arme, in das Zimmee/f Schüchtern und demüthig blieb die Fremde an der Thüre ſtehen; als aber Elfriedens Auge forſchend auf ihr ruhte, überfiel dieſe ein heftiges Zittern; ihre Wangen 112 übergoß ein dunkler Purpur, und es ſchien, ſie finde jetzt erſt etwas Unpaſſendes und Unſchickliches in dem Schritte, deer ſie dahin gebracht hatte, wo ſie jetzt ſtand— ſo daß ſie nahe daran war, in Thränen auszubrechen. „Wer ſeyd Ihr, Frau, und was iſt Euer Begehren?“ fragte Clfride; ſie wußte nicht, in welchem Tone ſte eigentlichmit der Fremden reden ſollte, indem ſie etwas Edles, beinahe Würdevolles fand, das ihr Achtung gebot, obgleich aus dem demuͤthigen Senken des Kopſes deut⸗ lich zu erkennen war, daß ſie zu der niedern Klaſſe ge⸗ hörte. „Ich heiße Hedda Klinting,“ ſagte die Befragte faſt unnhörbar.„ „Hedda Klinting, hm, den Namen habe ich noch nie gehört. Ah, nun erinnere ich mich, die Tochter des Muſikanten! Ihr zieht ſchon lange nicht mehr auf den Straßen umher; Sie iſt verheirathet, wie ich ſehe, und Ihr Mann wird wohl auch für den alten Vater ſorgen.“ „Ich bin nicht verheirathet!“ ſtammelte Hedda;z eine noch höhere Gluth färbte ihre Wangen und zwei große Thräntn fielen auf das Kind nieder, welches ſie feſt an den Buſen drückte. „Was, nicht verheirathet!“ rief Frau Dahl mit dem ganzen niederſchmetternden Stolz ihres Geſchlechts aus.„Was will Sie hier? Pfui, Sie ſollte ſich ſchä⸗ men, in ein ehrliches Haus zu treten, wenn Sie zu der Klaſſe von Weibern gehört. Was will Sie hier? Wen ſucht Sie?“ „Herrn Hermann,“ ſchluchzte das Mädchen. Elfri⸗ dens harter Ton und ſcharfer durchbohrender Blick waren ihr wie ein Dolch durch's Herz gegangen. Jetzt erſt fühlte ſie klar ihr Urtheil. Sie fank faſt zu Boden vor Schmerz und Schaam, und bitter, obgleich zu ſpät, be⸗ reute ſie die Unvorſichtigkeit, mit dem Kinde Hermann aufgeſucht zu haben, ſo viel ihr auch daran gelegen war, ihn in dieſem Augenblicke zu treffen. *. r Elfriedens chaotiſchen Gedanken war indeſſen ein 3 113 helles Freudenlicht aufgegangen, ſie ſah eln, wie koſtbar jedes Wort war, welches ſie dem unerfahrenen Mädchen ablocken konnte, änderte deßhalb ſchnell ihren Ton und ſtatt des kränkenden Uebermuthes eines Weibes, welches auf eine nie in Verſuchung gekommene Tugend pocht, ſtimmte ſie ihn zur einſchmeichelndſten Theilnahme herab — gleich einer Schlange, welche erſt den Gegenſtand be⸗ zaubert und einſchläfert, den fie mit ihrem Gifte verder⸗ ben will.— „Was ſuchſt Du, armes Kind? Hermann ſuchſt Du?“ dabei blitzten Elfridens Augen von boshaftem Feuer. „Ja,“ erwiederte Hedda leiſe;„iſt er zu Hauſe?“ „Nein, im Augenblicke nicht, aber er wird nicht lange mehr ausbleiben! Setze Dich ein wenig; Du ſiehſt ſo angegriffen und bang aus. Sey ohne Furcht, Du kommſt wohl, Geld bei ihm zu holen?“ „O nein!“ antwortete Hedda und ging in ihrer Un⸗ ſchuld der liſtigen Elfride in die Falle.„Deßhalb wäre ich gewiß nicht gekommen, das bringt er mir ſtets richtig und ordentlich; aber mein armer Vater iſt ſo heſtig er⸗ krankt und fragt unaufhörlich mit größter Sehnſucht nach Herrn Hermann, welchen wir ſeit ein paar Tagen nicht geſehen haben.“ „Seit ein paar Tagen; na, das muß ich ſagen, es iſt auch entſetzlich, Jemanden ſo lange warten zu laſſen!“ ſagte die ſtolze Frau mit ſpöttiſchem Lächeln.„Er pflegt alſo öfters zu Euch zu kommen?“ „Ja, faſt jeden Abend.“ 3 Jetzt hatte Elfride genug gehört; haſtig entrieß ſie der widerſtrebenden Hedda das Kind und ſprang mit ihm in’s nächſte Zimmer, wo ihr Gemahl an ſeinem Schreib⸗ tiſche ſaß. „Ja, Du biſt mir ein ſchöner Vater, ein recht ver⸗ ſtändiger Vater, das muß ich ſagen!“ polterte ſie heraus, zitternd vor Heftigkeit und Aufregung, denn ſchon lange hielt ſie es nicht mehr der Mühe werth, ihre Zornes⸗ Die Milchbrüder. 1. 8 3 114 äußerungen unter dem Feigenblatte der Welblichkeit zu verbergen.„Ja, ja, ein ganz exemplariſcher Vater biſt Du; den ganzen Tag kannſt Du Nichts thun, als auf Deinen eigenen Sohn brummen und zanken, deſſen größ⸗ ter Fehler, wenn es ja einer ſeyn ſollte, ein leichter Sinn und Hang zu luſtigen Streichen iſt, während Du den andern hegſt und hätſchelſt, einen leichtfertigen Schlingel, der das Geld, welches Du in Deiner thörichten Verblen⸗ dung an ihn verſchleuderſt, ſchamlos verthut.— Sieh hier, was die treffliche Erziehung in Deines Herrn Schwa⸗ gers geprieſenem Hauſe für lebendige Fruüchte getragen hat!“— Damit hielt ſie ihm das, über eine ſo unge⸗ wohnte Behandlung erſchrockene, mörderlich kreiſchende Kind entgegen. „Potz tauſend, Elfride, Alte, biſt Du denn ganz und gar raſend geworden?“ fragte Dahl in großer Verwun⸗ derung, legte ſeine Papiere zuſammen, ſtand auf und zog ſich dret Schritte zurück, als ihm ſeine erboßte Gattin mit der Frucht der ſchwägerlichen Erziehung immer näher auf den Leib rückte. „Was kommt Dich denn an, Liebe? So nimm um des Himmels Willen doch Vernunft an; wenn ſich auch die Sache ſo verhalten ſollte, wie Du ſagſt, ſo bin ich doch durchaus unſchuldig dabei. Uebrigens, mein Schatz, iſt die ganze Geſchichte gar nichts ſo Wunderbares, im Gegentheil das Allernatürlichſte, was man ſich denken kann, obgleich ich geſtehen muß, daß ich ſo Etwas von Hermann nicht erwartet hätte.“ Nach dieſer höchſt unvermutheten Reſolution trat eine kurze Pauſe ein..* Elfride war dergeſtalt außer ſich, daß ſie nur mit Miühe ihre Faſſung wieder zu gewinnen vermochte; end⸗ einer Ecke des Zimmers in die andere floh, während Elfride ihn unaufhörlich verfolgte und ihm unter ſort⸗ 1 lich löste ſich abermals das Band ihrer Zunge und über ihre bebenden Lippen ergoß ſich ein ſo brauſender Wortſtrom, daß Dahl, beide Hände vor den Ohren von ——— wäh als zu l Auf trat gefa rief ſein ruhi hand aus kann von werd digen biſt da k ziehn Zitte in e hatte trat Elfr in d in's einer der einen Wir Unſe 1 gegen 115 währender eindringlicher Erinnerung, daß es ſeine Pflicht als Vater ſey, dem ſaubern Hermann gehörig den Text zu leſen, das kreiſchende Kind vorhielt. Während dieſes zugleich ergötzlichen und betrübenden Auftrittes öffnete ſich plötzlich die Thüre und Hermann trat ein; er erkannte auf den erſten Augenblick, was vor⸗ gefallen war. „Da iſt er ja, der ehrvergeſſene, ausgeartete Burſche!“ rief die Stiefmutter aus.„Nun rede, Dahl; Du biſt ſein Vater!“ „Um was handelt es ſich denn?“ fragte Hermann ruhig, faſt kalt. Ganz ärgerlich erwiederte Dahl:„Um das Kind da handelt es ſich. Soll jch vielleicht vor dem Kindergeſchrei aus dem Hauſe laufen, was wohl am Ende geſchehen kann, wenn Du nicht ſchleunigſt Anſtalt triffſt, daß ich von dem Anblicke der Folgen Deines Leichtſinnes befreit werde.“* „Ein ſchönes Beiſplel für meinen geſitteten, unſchul⸗ digen Ludwig,“ bellte Elfride dazwiſchen.„Ja, ja, Du biſt ein ſchöner Menſch, ein ganz charmanter Burſche; L da haben wir's aber mit der ruhrenden, vortrefflichen Er⸗ ziehungsmethode von Frau Tante Karoline!“ Bei dieſen giftigen Worten fühlte Hermann ein Zittern durch alle Nerven, ein Beweis, daß ſein Blut in einer ganz ungewöhnlichen Wallung war. Dennoch hatte er ſo viel Gewalt über ſich, daß er gelaſſen vor⸗ trat, mit einem:„Sie erlauben, Mutter,“ das Kind Elfriden abnahm, es der vor Angſt halb todten Hedda in die Arme legte, die Thüre öffnete und dem Mädchen in’'s Ohr flüſterte:„Beruhige Dich, armes Kind; in einer Stunde bin ich bei Euch.“— Dann wandte ſich der Jüngling wieder zu ſeinen Aeltern und ſagte mit einem Blick und einer Haltung, welche auf beide ihre Wirkung nicht verfehlten, ohne ſie übrigens von ſeiner Unſchuld zu überzeugen, denn der Schein war allzu grell gegen ihn:„Ich ſorgte bisher für dieſes Mädchen und 116 ihr Kind; nicht weil ich Schuld an ihrem Unglücke bin, ſondern weil es meinem Herzen wohl that, der Armen ihre Ruhe und ihren Seelenfrieden wieder zu geben,— ſo lange ich arbeiten kann und ſie meiner Hilfe bedarf— ſoll es auch ſo bleiben!“ „Dieß iſt und bleibt Deine Sache,“ erwiederte ſein Vater, der wohl einſah, daß er ſich hier in der Rolle eines Sittenpredigers nicht beſonders gut ausnehmen würde, namentlich gegenüber einem Sohne, der von Jugend auf immer ein Muſter der ſtrengſten Sittlichkeit geweſen und deſſen unbedentendſte Handlungen ſtete Beweiſe ſeines lebendigen Gefühls für Pflicht und Ehre waren.„Das iſt Deine Sache!“ bei dieſen Worten ſetzte ſich der Vater wieder an ſeinen Schreibtiſch.. Hermann machte ſeinem Vater eine ehrerbietige Ver⸗ beugung und verließ, ohne einen Blick auf ſeine Stief⸗ mutter zu werfen, das Zimmer. Jetzt wollte aber Elfride keinen Augenblick verſäumen; ſie kleidete ſich eiligſt an, um bei Doktors einen Beſuch zu machen. wie dauerſt Du mich, liebſte, beſte Karoline! Welcher Schlag für Dein Herz, daß Du zum Dank für Deine Mühe und Sorge nun ſehen mußt, daß Alles ver⸗ gebens war, daß Dein guter Saamen auf Felſen gefallen iſt! O was muß eine Mutter dabei leiden!“— Elfride ſchlug ihre Augen mit dem Ausdrucke der größten Theil⸗ nahme in die Höhe, heftete aber dann ihren liſtigen, durchbohrenden Blick auf die erbleichende Karoline, welche den Kopf auf die Hand hatte ſinken laſſen. Die beiden Frauen waren allein. „Was meinſt Du damit?“ fragte Karoline und ihre Bruſt hob ſich vor unruhiger Ahnung. Elfride weidete ſich an ihrer Angſt.—„Ach, haſt Du denn noch Nichts davon gehört!“ rief ſie mit meiſter⸗ haft verſtellter Verwunderung aus.„Arme Karoline! ich wollte nicht die Erſte ſeyn, welche es Dir mittheilte.“ „Um des Himmels Willen, beſte Elfride, rede doch 117 aus! Was es auch ſeyn mag— es kann mich nicht ſo peinigen, als wenn ich ſo hier auf der Folterbank liege.“ „Nun denn, wenn Du es nicht anders haben willſt, Beſte! Erinnerſt Du Dich noch des armen blinden Muſi⸗ kanten und ſeiner hübſchen Tochter, welche mit ihm ging und ſang?“— „O ja, recht gut; es iſt etwa ein Jahr her. Ich habe lange nichts mehr von ihnen gehört. Im Anfange, nach dem Unfalle des Alten, ſchickte ich ihm öfters Eſſen und ſonſt Etwas; ſeit aber das Mädchen nicht mehr kommt, habe ich auch nicht weiter an die Leute gedacht.“ „Sie hatte wohl ihre gute Urſache wegzubleiben,“ meinte Elfride und ihre Stimme ſank dabei zu einem be⸗ deutungsvollen Fliſtern herab:„Denke Dir, dieſes Mäd⸗ chen, welches den einzigen Troſt ihres Vaters ausmachte, die Hoffnung und die Stütze ſeines Alters,— denn er durfte mit Gewißheit annehmen, daß ein ſo ſittſames und hübſches Mädchen auch einen braven Mann ihres Standes finden werde;— um dieſe letzte Hoffnung hat man den armen Mann freilich ſchnöderweiſe gebracht, und der⸗ jenige, welcher ſo unbarmherzig war, den armen Leuten ihr Einziges, was ihnen noch blieb, einen unbefle ten Namen, ein ruhiges Gewiſſen ſo ſchmählich zu rauben, iſt Niemand anderes als Hermann. Ich habe es aus des Mädchens eignem Munde; ſie war ſo eben ſelbſt bei mir.“ „Hermann,“ ſtammelte Karoline.„Das ſollte er im Stande geweſen ſeyn!...“ Die Worte erſtarben auf ihren Lippen. „Ein Schurkenſtreich iſt es von ihm!“ fuhr Elfride fort.„Ja, ja, Du kannſt Dich darauf verlaſſen, die Sache hat ihre Richtigkeit. Er unterhält das Mädchen und hat vor kaum zehn Minuten noch erklärt, in meiner und ſeines Vaters Gegenwart, daß er für ſie ſorgen werde, ſo lange er arbeiten könne.“ „Ja, das glaube ich gerne,“ erwiederte Karoline. „Iſt er in der That der Schuldige, dann vergißt er auch 118 gewiß ſein Opfer nicht. Aber verlaß mich jetzt, beſte Elfride, Deine Erzählung hat mich dergeſtalt angegriffen, daß ich der Einſamkeit bedarf und gern mit meinen Ge⸗ danken allein ſeyn möchte.“ 3 Elfride ſtand auf und nahm Abſchied; der Pfeil hatte getroffen,— mit hölliſcher Schadenfrende im Herzen und dem falſchen Ausdrucke inniger Theilnahme auf dem Ge⸗ ſichte, entfernte ſie ſich. Einige Zeit darauf trat Hermann zu Karoline, welche ihn hatte her beſcheiden laſſen, in's Zimmer. Sie waren allein. „Hermann!“ „ Liebſte Tante!“ Beide ſchwiegen, mit ihren aufge⸗ regten Gefühlen kämpfend. Endlich ſagte Karoline weich und ihre Augen hafte⸗ ten mit dem ſprechendſten Ausdrucke der Unruhe auf dem Manne, der in einer etwas gebeugten Stellung ihr ſtand:„Hermann, geliebter Sohn, haſt Du... ädchen verführt?“ ließ war für Hermann eine harte Probe— eine bittre Prüfungsſtunde. Seinen Bruder Gotthard ver⸗ rathen, wollte und konnte er nicht; aber ſollte er der Frau, die er vor Allen auf der Welt am höchſten ehrte, eine Unwahrheit ſagen, welche ihn unter bewandten Umſtäͤnden tief in ihrer Achtung herabſetzen mußte— nein, das war zu viel. Er war unentſchloſſen, im Zweifel kämpfte er mit ſich ſelbſt— die Freundſchaft gewann aber doch end⸗ lich die Oberhand. Er ſchwieg; aber ſein Auge, das reine offne Auge, welches er auf ſie heftete, ſagte mehr, als der gewaltigſte Schwur⸗ „Du biſt unſchuldig, Hermann,“ rief Karoline mit ſteigender Hoffnung aus.„Ich ſehe, Du biſt es, und ich weiß, daß Du bei Deiner innigen, reinen Liebe zu meiner Hulda unmöglich einer ſolchen Niederträchtigkeit fähig geweſen ſeyn kannſt. Nein, obgleich ſie nur er 119 noch ein Kind iſt, vermagſt Du doch nicht die ſo zu b leidigen, welche einſt Deine Gattin werden ſoll.“ „Nein, geliebte, theure Tante, das hätte ich nicht gekonnt,“ verſetzte Hermann und drückte ihre Hände an Herz und Lippen.„Aber nun frage mich nicht weiter— mehr kann ich nicht ſagen.“. „Wenn Du keine Schuld dabei trägſt, Hermann, was braucht es denn noch für Heimlichkeiten?“— Karo⸗ line war ein edles Weib— aber ſie war dennoch ein Weib. Hermann ſah ängſtlich bittend ſeiner Tante in die Augen; dieſe ſchwieg und ſeufzte. Es war ihr ſo ſchwer um's Herz, und als Hermann nach der Thüre ging, über⸗ fiel ſie eine förmliche Angſt.—„Du haſt meine Zweifel noch nicht alle gelöst, Hermann;“ ſagte ſie leiſe. Mit einem unausſprechlich ſchmerzlichen Blicke drehte er ſich um, legte die Hand auf's Herz und flüſterte das Eine Wort:„Hulda;“ dann ſtürzte er, das erſtemal in ſeinem Leben, mit Tante Karolinens Unzufriedenheit, ja beinahe mit ihrem Unwillen beladen, hinaus. 8 Zwölftes Kapitel. Zum Grabesgange iſt mein Weg bereitet, Und eiſig weht des Todesengels Fittich. Thomas Moore. Am andern Morgen ging Bundler, welcher durch ſeine Gattin bereits von der fatalen Geſchichte wußte, zu Gotthard hinauf in deſſen Zimmer.. 6 Der Doktor hatte ſeine eigene Gedanken uͤber die ache. Nachdem ſie eine Zeitlang über gleichgültige Dinge ge⸗ redet, fragte der Vater ſchnell:„Wie hat Hermann eigentlich gelebt; hat er nie Beweiſe von Leichtſinn gegeben, nament⸗ lich in Beziehung auf das weibliche Geſchlecht, meine ich?“ „Hermann, mein Vater? O, weit entfernt! kein junger Menſch auf der ganzen Welt kann ſittſamer und ordentlicher in dieſem Punkte ſeyn als er. Er war auch dafür als die Krone aller unſrer Landsleute auf der Hoch⸗ ſchule bekannt.“ „Gut! ich habe es auch immer geglaubt. Aber das ſpricht doch nicht ſehr zu ſeinem Vortheil, daß er die Tochter des alten Klinting verführt hat, die ſchöne Hedda. Dieß war ein ſchlechter Streich von Hermann.“ „Von Hermann!“ rief Gotthard aus, dabei erröthete er bis in die Stirne hinauf und ſeine Wangen brannten wie Feuer.„Das iſt eine ſchwarze Lüge, Vater! Wer hat ſich unterſtanden ſo Etwas zu ſagen?“ „Tante Dahl war geſtern Abend da; ſie hat die ganze ſchöne Geſchichte Deiner Mutter hinterbracht. Die Sache wird um ſo wahrſcheinlicher, weil ſich ſonſt kein Grund einſehen läßt, warum das Mädchen mit ihrem Kinde dei Hermanns Aeltern war.“ „Mit ihrem Kinde!“ wiederholte Gotthard langſam und ward nun mit einem Male eben ſo bleich, als er vorher roth geweſen.„O Hermann, Hermann! Und ohne eine weitre Erklärung zu geben, ſtürzte er hinaus. „Gerade ſo, wie ich es mir dachte!“ murmelte unſer ehrlicher Doktor und zupfte heftig an ſeinem Backenbart, dieß war bei ihm ein Zeichen von heftigem Aerger. „Gerade ſo, wie ich es mir dachte! Der Junge hat den Teufel im Leibe; nun wird die Frau Dahl erſt zu lau⸗ fen haben. Woher aber nur ſeine außerordentliche Ver⸗ wunderung? Sollte er ſie vielleicht ſeit ſeinem Hierſeyn nicht geſehen haben? und alſo am Ende gar Nichts von den Folgen wiſſen? Verdammte Geſchichtel ſo Etwas kann einem ordentlich den Kopf verwirren! Aber, bei meiner Seele, ſo wahr ich ſein Vater bin, der junge Herr ſoll mir fort und zwar auf der Stelle! So wie er mit ſeinem Examen fertig iſt, muß er mir unverzüg⸗ — —u—88A 2 8 121 lich nach Jönköping und von da ſtraks nach Forshälla, zu einem alten Freund, dem Amtmann Thorſén,— der ſoll ihn dergeſtalt unter alle möglichen Akten vergraben, daß er ſich ſchon die verteufelten Grillen aus dem Kopfe ſchlagen wird. Aber das Mädchen? Was fangen wir unterdeſſen mit ihr und dem Kinde an? Ich muß ein paar Gläſer friſches Waſſer auf den Schrecken trinken und dann die Sache mit Karoline überlegen.“ Während Bundler allmälig ſeine Faſſung wieder ge⸗ wann und ſorgfältig die Schlafzimmerthüre verſchloß, um ungeſtört mit ſeiner Gattin Rath pflegen zu können, rannte Gotthard zu ſeinem Milchbruder. Athemlos ſtürzte er in's Zimmer, wo Hermann am Arbeitstiſche ſaß, aber nicht im Stande war, irgend einen vernünftigen Gedanken zu faſſen, der mit ſeinen Studien in Verbindung ſtand. Er hatte den Kopf in eine Hand geſtützt und faſt bewußt⸗ los nannten ſeine Lippen den Namen, welcher für ihn Alles in der Welt war und in dem alle ſeine künftigen Hoffnungen noch im Keime ſchlummerten. Aus hieſen wachenden Träumen wurde er durch Gotthards Stimme aufgeſchreckt: „Hermann, Hermann, das haſt Du gethan? Um mich, um mein Gefühl zu ſchonen, damit mir nicht das Herz vor Gewiſſenequal brechen ſollte, haſt Du die ganze Sorge allein übernommen! Du haſt für die Aermſte ge⸗ ſorgt, haſt ſie getröſtet, als ſie einſam und verlaſſen war und hätteſt faſt auch meine Schuld auf Dich genommen. O ſie, der ſanfte, geduldige Engel, was muß ſie gelitten haben! Wie haſt Du ſie gefunden? Sag' mir Alles, verſchweige mir Nichts! O Hedda, Hedda, haſt Du Schmerz und Schmach erlitten, ſo ſoll Dir einſtens auch Erſatz dafür werden! Ja, der ſoll ihr werden, Hermann, und zwar ſogleich! Ich muß fie ſehen, muß das Kind ſehen und ihr ſagen, daß ich es jetzt und in Ewigkeit für das Meinige erkenne!“ „Sachte, ſachte, Gotthard!“ bat ihn Hermann und legte die Hand auf ſeine Schulter.„Ich habe Dein 122 Gelübde; dieſes kannſt und darfſt Du nicht brechen. Wenn 2 Du mich liebſt, wenn Du den mindeſten Werth in meine 2 gute Meinung ſetzeſt und im Geringſten Dein eigenes 2 Beſte im Auge haſt, ſo gehſt Du nicht zu Hedda. Für ſie zu arbeiten iſt Deine Schuldigkeit, allein das iſt auch. das Einzige, was Du für ſie thun kannſt. Niemals darfſt 5 1 Du wieder eine Verbindung anknüpfen, welche für alle Zeit vergeſſen und begraben ſeyn muß.“ a —„ und das kannſt Du von mir verlangen, Hermann?—e Ich ſollte von hier weggehen, ohne ihre Verzeihung mit ſ mir zu nehmen, ohne mein Kind geſehen zu haben? Das iſt nicht Recht von Dir!— Nicht Jedermann hat Deine Eisnatur!“ „Die habe ich auch nicht, Gotthard; Du läßt Dich zur Ungerechtigkeit verleiten, ich verzeihe Dir aber gerne. Gleichwohl ſind mir die Geſetze der Ehre theuer und ge⸗ rade Du, der Du mein Freund biſt, mußt ſie achten. Be⸗ denke wohl, was ich jetzt ſage. Beſuchſt Du Hedda, ſo ſtörſt Du, durch neue Zuſagen, durch leere Hoffnungen, welche Du dem armen Kinde gibſt, und von denen Du ſelbſt weißt, daß ſie die Zeit nie erfüllen kann, die Ruhe und den Seelenfrieden, den ich dem Mädchen nach und nach zu geben vermochte. Dann, Gotthard— und Du darfſt es mir auf's Wort glauben— dann ſind wir auf immer geſchieden. Wir werden wohl allezeit Brüder dem Namen nach ſeyn, allein die wahre aufrichtige Freund⸗ ſchaft, welche auf gegenſeitiger Achtung beruht und auf der Ueberzeugung von gegenſeitiger Ehrenhaftigkeit und Rechtlichkeit, dieſe hat dann Deine leichtſinnige und unbe-— SSESeon ᷣ SO2Sͤg & 2 dachtſame Handlungsweiſe gemordet, ſo daß ſie niemals wieder zum Leben erwachen kann.“ Ein Stillſchweigen von ein paar Minuten trat eln. d Gewaltſam kämpſten in Gotthard Gefühl und Pflicht den ſchmerzhaften Streit, und das Schlimmſte dabei war, daß ſein im Augenblicke umnachteter Verſtand nicht klar einſah, daß Hermann Recht habe. Nur Eines eempfand er mit Gewißheit, nämlich daß der Verluſt de 123 Achtung und Freundſchaft von Seiten ſeines geprüften Milchbruders ein Unglück ſey, welches keine Zeit und kein Verhalten erſetzen könne. Schweigend ſtanden beide Jünglinge einander gegen⸗ über. Endlich reichte Gotthard ſeinem Bruder die Hand. „Du haſt geſiegt,“ ſagte er langſam,„aber ſag' ihr, daß ich nur auf Dein Zureden, von meinem liebſten Wunſche abgeſtanden bin. Sag' ihr Alles, was Dir Dein Herz eingibt, ſag' ihr, daß ſie für ihre Zukunft ohne Sorgen ſeyn ſoll.“ „Sey auch Du unbeſorgt, Gotthard,“ erwiederte Her⸗ mann mit freudeſtrahlenden Augen.„Hedda iſt mir ſo lieb und werth, wie eine Schweſter. Auch beſitze ich ihr Zutrauen, und ſie ſoll Dein Benehmen achten lernen, wo⸗ gegen ſie es ſonſt leider verachten müßte.“ Nachdem ſich die Jünglinge erſt über das beſprochen hatten, was Gotthard noch nicht recht klar in der Sache war, gingen ſie Arm in Arm nach des Doktors Haus. Im Saale ſaß Hulda allein. Ihre jugendfriſche heitere Laune ſchien verwandelt, denn ſie ſah und hörte Nichts von den Eintretenden. Sie hatte die Schürze gleich einem dichten Schleier über ihr liebliches Köpfchen gezogen und lehnte ſich, auf einem Schemel ſitzend, mit halbem Leibe über ein Tabouret. 4 „Was bedeutet dieß?“ fragte Hermann und in dem Tone ſeiner Stimme lag ſchier Unwillen. Die dunkeln Blitze ſeiner Augen trafen zuerſt auf Gotthard und fielen dann durch die offene Thüre in's Nebenkabinet, von wo er die Stimme ſeiner Tante vernahm, aber doch nicht laut genug, um zu unterſcheiden, wovon die Rede war. „Begreifſt Du es, Gotthard?“— Hermann faßte den lauſchenden Freund am Arm und zeigte auf Hulda. „Sollte die Tante ſo unbedachtſam geweſen ſeyn und gegen ſie...“— Hermann konnte nicht ausreden; aber die dunkle Röthe auf ſeinen Wangen und die tief gefurchte Stirne deuteten den höchſten Grad von Verdruß und Schmerz an. „Denk' doch an ſo Etwas nicht,“ entgegnete Gott⸗ hard und ſuchte ihn zu beruhigen.„Wie kannſt Du nur glauben, daß Mama.. 2 Aber— da bleib';— ich will allein hinein gehen.“— Gotthard öffnete die Thüre zum Nebenzimmer, während Hermann ſich Hulda näherte und ihr mit ſanfter Gewalt die Schürze vom Kopfe zog. Sie ſah zu ihm auf; ihre Augen ſchwemmten in Thränen. „Was hat Dich denn ſo betrübt, liebe Hulda?“ fragte Hermann freundlich, aber mit heftigem Herz⸗ klopfen. „Setze Dich zu mir, Hermann, dann will ich es Dir ſagen,“ antwortete ſie leiſe. Er erfüllte ihren Wunſch und ſetzte ſich auf das Tabouret; ſie lehnte in ihrer füßen Unſchuld das Köpfchen an ſein Knie und begann: „Geſtern Abend, als ich von einem Beſuche nach Hauſe kam, begegnete ich Tante Dahl auf der Treppe. Sie ſchien ſo ungewöhnlich freundlich und vergnügt zu ſeyn, daß ich ſie um einen kleinen Dienſt anzugehen wagte, den ich längſt von ihr hatte erbitten wollen.„Liebe gute Tante,“ ſagte ich,„bleib noch ein wenig da und ſey ſo gut, mir die Haube zuzuſchneiden, welche ich gerne für Mama ſticken möchte. Ich bin eben ausgeweſen und habe mir von einer Bekannten ein ganz hübſches neues Muſter dazu geliehen.“ „Heute kann es nicht ſeyn, Liebe; ich habe keine Zeit dazu.“ „Aber Mama's Geburtstag iſt in der nächſten Woche und ich muß mich bei Zeiten daran machen,“ entgeg⸗ nete ich.“ 1 „ Ja, aber Deine Mutter hat andre Sachen im Kopfe, als Hauben und Geburtstag. Sie hat jetzt keine Zeit, an ſolche Lappalien zu denken.“ „Als ich die Tante ſo reden hörte, ward mir derge⸗ ſtalt bange, daß ich mich kaum auf den Fußen halten konnte; ich bat ſie inſtändig, mir doch zu ſagen, was es mit der Mutter ſey.“ 1 ——— 1 E En& x& CC=SͤSSSͤͤ—&—j.j,y—O= — 125 Sie lachte nur, ſprang die Treppe hinab und rief zurück:„Ueber den lieben ſaubern Herr Hermann weint Deine Mutter.“ Da ich nun weiß, daß Tante Dahl manchmal recht boshaft ſeyn kann, ſo dachte ich, ſie wollte mich foppen und lief deßhalb eiligſt durch alle Zimmer um Mama zu ſuchen. Endlich klopfte ich auch an ihrem Kabinet; die Thüre war verſchloſſen; ich bat ſie möge mich einlaſſen. „Nein, mein Kind, ich muß allein ſeyn,“ hörte ich die Mutter ſagen, aber mit ſo veränderter Stimme, daß ich deutlich merkte, wie ſehr ſie aufgeregt ſeyn mußte. Betrübt ging ich nun auf meine Kammer und als ich gegen Abend herab kam, war Mama unwohl und kam nicht zu Tiſche; ebenſowenig durfte ich zu ihr um gute Nacht zu ſagen. Da fie ſich nun auch den ganzen Mor⸗ gen mit Papa eingeſchloſſen hält, ſo begreife ich jetzt wohl, daß etwas Störendes paffirt iſt, was Dich angeht, Hermann. Siehſt Du, deßhalb muß ich weinen,“ ſchluchzte Hulda und hob ihre hellen Augen zu Hermann empor, der ſich mit unausſprechlicher Rührung zu ihr nieder⸗ beugte. Er ſtreichelte ihr die glühenden Wangen und ſuchte ſie damit zu beruhigen, daß Alles bald wieder gut ſeyn würde.„Es war bloß ein kleines Mißverſtändniß, ſo wie ſie in Familien zuweilen vorfallen, wenn die Mutter allem Geſchwätze ein Ohr leiht. Beunruhige Dich nicht länger darüber, liebes Kind.“ „Nein, gewiß nicht! Ich dachte auch nicht, daß Du etwas ſo Schlimmes gethan haben könnteſt, worüber Mama Urſache hätte zu weinen. Aber Tante Dahl iſt eine böſe Frau; es iſt nicht das erſte Mal, daß ſie mit ihren Klatſchereien die Mutter gekränkt hat.“ „Pah, es lohnt ſich nicht der Mühe nur noch eine Sekunde länger an die ganze Geſchichte zu denken,“ ſagte Hermann und lachte; dann ſtand er auf und ſchlang mit freundlichem Lächeln ſeinen Arm um den zarten Leib des Maͤdchens. 126 „Komm, liebes Kind, wir wollen unſre Zeichnung vollenden. Das iſt beſſer, und dann magſt Du auch an Deine Haube und an den Geburtstag denken. Warte nur, Du ſollſt ſehen, was für ein ſchönes Transparent wir machen wollen, mit Kränzen, Engeln und allerlei Herrlichkeiten.“— Und Hermann, der ernſthafte Her⸗ mann tanzte bei dieſen Worten mit ſeinem Bräutchen den Saal hinab ins Vorzimmer.— Alles um ſein Herzblätt⸗ chen wieder munter und luſtig zu machen, was ihm auch auf's Beſte gelang. Was unterdeſſen im Kabinet vorſiel, wiſſen wir nicht; als aber der Doktor, welcher zuerſt herauskam, in das Vorzimmer trat, drückte er Hermann mit einem Blick, den dieſer wohl zu deuten wußte, die Hand. Erſt beim Mittagtiſche wurde Karoline ſichtbar; ſte ſah etwas blaß und Gotthard ungewöhnlich ernſt aus; allein es war doch Alles gut zwiſchen ihm und ſeinen Aeltern. Nach einem freundlichen Worte der Mutter verlan⸗ gend, ſchmiegte ſich Hulda ſchmeichelnd ihr an die Bruſt. —„Haſt Du Hermanns gpegen geweint, liebes Mama⸗ chen? Er wird es gewiß bald wieder gut zu machen wiſſen.“ 1 „Wegen Hermann?“ fragte Karoline etwas verlegen, und drückte ein paar herzliche Küſſe auf die Stirne der geliebten Tochter.„Warum juſt ſeinetwegen?“ Nun wandte ſich Hermann ſchnell zu ſeiner Tante und ſagte ihr einige Worte über das ins Ohr, was Elfride gegen das Maͤdchen geäußert hatte. Karoline ſchüttelte mißbilligend den Kopf, wandte ſich dann zu ihrer Tochter und ſagte:„Es iſt ein Irrthum von Tante Dahl, liebe Hulda. Sey ganz ruhig, Hermann iſt ſo bray und verſtändig, daß er mir nie etwas Anderes als immer nur Freude gemacht hat.“ meghleich nach Liſche begab ſich der Doktor in das Haus ſeines Schwagers und theilte dort in kurzen Wor⸗ ten mit, daß Gotthard und nicht Hermann der Schuldige — 12 22——————————,——————— S 127 ſey. Er richtete ein paar Worte an Elfriede beſonders, und bat ſie ſehr artig aber ziemlich entſchieden, wenn ihr an ihren Verwandten und an der Familieneintracht Etwas läge, ſo möge ſie nie wieder in Gegenwart der Kinder den bewußten Gegenſtand erwähnen, denn dieſer ſolle, wie hisher, auch in Zukunft ein Geheimniß bleiben. Elfride biß ſich in die Lippen, ſchwieg aber. Sie hatte ſtets großen Reſpekt vor Bundler und fügte ſich gewöhnlich in Das, was er verlangte, aus Furcht vor ſeinen oft recht bittern Sarkasmen. Deßwegen ließ ſie es dabei bewenden; ihre Antwort durch ein Neigen des Kopfes und ein ſtummes Einkneifen des Mundes zu er⸗ kennen zu geben. „Gut,“ ſagte der Doktor, welcher dieſe alte Sprache ſchon verſtand, wenn eine böſe Laune ſeine Schwägerin hinderte, deutlicher zu reden.„Gut! Sie würden indeſſen auch wenig Ehre davon haben, Frau Schwägerin, wenn Sie die Geſchichte in Umlauf zu ſetzen ſich beigehen laſſen wollten, dann natürlicherweiſe müßte der lächerliche Auf⸗ tritt von geſtern in dem Stücke nothwendig mit vorkom⸗ men. Sie würden ſonſt bedeutend an Effekt verlieren.“ Bundler nahm ſeinen Hut und zitternd vor Aerger rückte Elfride mit ihrem Stuhl hin und her.„Der Menſch bringt mich noch um!“ ſagte ſie, nachdem der Doktor die Thüre im Rücken hatte.„Hol' mir meine Tropfen, Dahl! Du ſtehſt auch immer da wie das fünfte Rad am Wagen!“ Nach dieſen Vorfällen trat zwiſchen beiden Familien eine Art neutraler Stillſtand ein, welcher fortdauerte ſo lange die Jünglinge noch zu Hauſe waren. Aber für die arme Hedda war ihr unglücklicher Beſuch im Dahl'ſchen Hauſe der Anfang einer Reihe von neuem Kummer und Gram. Zu Hauſe wachte ſie in unaufhörlicher Angſt am Krankenlager ihres Vaters. Ging ſie aus, ſo mußte ſie manche Spottreden hören, welche ihr ſchneidend durchs Herz fuhren und die offenbar aus dem Dahl'ſchen Hauſe herkamen, entweder von der Frau oder den Dienſtboten. Genug, ihr kurzer Friede war auf das Bitterſte geſtört, 128 und kaum vermochten Hermanns tröſtende Freundesworte ſt ihr auf wenige Augenblicke Linderung zu geben. Bei der Abreiſe ihres einzigen Freundes brannte ihres Vaters Lebenslampe zwar noch, aber ſchwach genug, und nur 3f mit großer Mühe konnte er ſtammelnd die Bitte an den 8* edlen jungen Mann richten, daß er Hedda nicht verlaſſen 9 möge. Hermann war abgereist und ein paar Wochen erl darauf— der Alte rang immer noch zwiſchen Tod und Leben— lag Hedda am Sterbebette ihres Kindes auf Th den Knieen. Eine anſteckende Krankheit hatte es dahinge⸗ jm rafft; alle Bemühungen Doktor Bundlers waren vergeb⸗ G lich geweſen, obgleich dieſer jeden Tag kam, um ſowohl ar dem jungen Sprößling, als dem alten Stamme ſeine de Kunſt zu widmen. 4 Hedda's Herz wollte brechen bei dem doppelten d Schlage. Das Kind war ihr ſo unſaͤglich theuer geweſen; l es wurde ihr um ſo lieber, je mehr ſie um ſeinetwillen ich zu leiden hatte; und nun ſtand ſie auf einmal allein in fah der Welt, mit ihrer verlornen Ehre und gebrochenem Herzen. Erſt neunzehn Jahre und ſchon der Welt ſo rü ſatt!— vergeblich ſuchte Karoline ſie mit der freund⸗ r lichen Verſicherung zu tröſten, daß ihre ſchutzloſe Jugend ihr in ihr eine mütterliche Freandin finden ſolle. Das arme ef Opfer war zwar herzlich dankbar dafür, allein es wollte bn ſich dennoch kein Troſt in ihr wundes Herz ſenken. Der Ru Kleine lag ſchon tief in ſeiner kalten Behauſung gebettet, 1 1 als Hedda eines Abends, einen Korb mit Herbſtblumen ein im Arme an ſeinem Grabe kniete. Nachdem ſie den grü-⸗- als nen Hügel mit friſchen Kränzen geſchmückt und die alten mar vertrockneten mit ihren Thränen befeuchtet hatte, küßte ſie künf zum Abſchiede noch das kleine Kreuz und trat den Nach⸗ hauſeweg an. Bei Hedda's Weggehen aus dem Hauſe hatte der Alte geſchlummert und ſie hoffte, ehe er auf⸗ wachen würde, wieder daheim zu ſeyn; als ſie nun aber von in das Zimmer trat, lachte ihr der Greis in faſt kindlicher 4 Bun Freude entgegen und ſchwenkte einen Brief, den er in der A am Hand hielt.— — 129 „Biſt Du es, mein Kind?“ fragte er mit ſchwacher, ſtotternder Stimme. „Ja, lieber Vater! ſeid Ihr ſchon wach?“ „Der Poſtbote war hier und brachte dieſen Brief. Iſt er von Hermann? Setz' Dich her und lies mir ihn vor.“ „Das iſt nicht ſeine Handſchrift,“ ſagte Hedda und erbrach das Sigel. Den Inhalt des Briefs wollen wir für einen andern Theil unſerer Erzählung ſparen;— auf die Kniee ge⸗ ſunken las Hedda mit gefalteten Händen dem Alten das Schreiben ein Mal um das andere vor, und dieſer konnte gar nicht müde werden ihr zuzuhören und den Namen, welcher darunter ſtand, immer halblaut zu wiederholen. Als Hedda endlich den Brief wieder zuſammenfaltete und ihn nach des Vaters Begehren unter ſein Kopfkiſſen legte, ſagte er in frommer andächtiger Rührung:„Herr ich danke dir; denn nun kann dein Diener im Frieden fahren!“ Drei Tage ſpäter ging der arme, redliche, hart ge⸗ prüfte Klinting zu ſeiner Ruhe ein. Das größte Gluck, welches ihm je im Leben zu Theil geworden war, erreichte ihn auf dem Todtenbette und das entzückende Freuden⸗ gefühl,— etwas für ihn ſehr ungewöhnliches— erlöste ihn ein paar Tage früher von ſeinen körperlichen Leiden. Ruhig und ſtill ſchlief er ein und ſein letztes Wort war ein inniger Segen fur ſein frommes Kind. Doktor Bundler beſorgte das Begräbniß des Alten; als Karoline der tiefbetrübten Hedda die Mittheilung machte, daß ein ſtilles Pfarrhaus auf dem Lande zu ihrem künftigen Aufenthaltsorte auserſehen ſey, dankte dieſe ge⸗ rührt für die milde Fürſorge, bat aber, man, möge ſie noch ein paar Tage allein ſich ſelbſt überlaſſen. Der Doktor und ſeine Gattin fanden dieß Begehren von einer trauernden Tochter ganz natürlich: als aber „Bundler nach einigen Tagen in Hedda's Wohnung kam, um ſie abzuholen, war das Mädchen verſchwunden und Die Milchbrüder. I. 9 130 ein zurückgelaſſenes Blatt Papier, welches auf dem Tiſche lag, war Alles, was von ihr zu ſinden war. Bundler nahm es und las: „Weit entfernt, undankbar zu ſeyn, kann kein Herz von heißerer Dankbarkeit ſchlagen als das meinige; allein Umſtände, welche ich nicht zu nennen wage, veranlaſſen mich, unbemerkt die Stadt zu verlaſſen. Mögen die, welche für mein Wohl beſorgt ſind, nicht für meine Zukunft bange yn. Der Schmerz der Erinnerung wird mich berall hin begleiten— aber ſonſt gehe ich einem ruhigen Leben entgegen— das Höchſte, was ich noch verlangen kann. Hedda Klinting.“ Erſtaunt hielt unſer ehrlicher Bundler das Billet in der Hand.„Was Henkers ſoll das bedeuten?“ fragte er ſich ſelbſt und richtete dieſelbe Frage an eine Nachbarsfrau, welche oft zu Hedda gekommen war. Allein dieſe konnte ihm keinen weitern Aufſchluß geben, als daß Jungfer Klinting geſtern noch zu Hauſe geweſen ſey, aber viel mit ihrem Auszuge zu ſchaffen gehabt habe. Mißmuthig begab ſich der Doktor zu dem Pfarrer des Kirchſpiels, allein da er mit dieſem nur ſehr ober⸗ flächlich bekannt war, ſo bekam er auf ſeine Frage, ob das Mädchen ſich habe kein Zeugniß geben laſſen, eine kurze, ausweichende Antwort; und da alle weitern Nach⸗ forſchungen nach der Verſchwundenen, wohin man ſich auch wenden mochte, umſonſt blieben, ſo mußte ſowohl der Doktor, als auch die ganze Stadt, deren Neugierde auf's Höchſte in Anſpruch genommen war, am Ende jede weitere Nachfrage, als ein vergebliches Beginnen, auf⸗ 4 geben. Natürlicherweiſe wurden auch hier, gleich wie bei andern Begebenheiten, die in Umtauf kommen, allerhand Zuſatze und Veränderungen gemacht, und dieſe gaben Veranlaſſung, daß man nicht ohne ſcheinbaren Grund 888ARAEAS 13¹1 auf die Vermuthung kam, als hätte Hedda ſelbſt ihrem Leben ein Ende gemacht. Jedenfalls war und blieb Hedda verſchwunden, und noch viele Jahre lebte das Andenken an Hedda Klinting als eine hübſche Sage im Munde des Volkes, und manche Mutter erzählte ſie ihrer jungen Tochter und wies dabei nicht ohne Bedeutung heimlich auf das wahrſcheinliche Ende des„Sängermädchens“ hin, wie man die Verſchwundene noch lange zu nennen pflegte. 8 Dreizehntes Kapitel. 4 Die Adelichen ſehen keinen Bürgerlichen an, So lang als er ihnen nichts nützen kann. Die Adelichen freien gern ein burgerliches Kind, Wenn ſie bis über die Ohren in Schulden ſind. . Altes Gaſſenlied. Im dritten Sommer nach den erzählten Begebniſſen ſaß, an einem ſchönen Juniabende, ein ältlicher Mann von ehrwürdigem Ausſehen auf dem bequemen Garten⸗ kanapee vor einem großen hübſchen Wohnhauſe im neuſten Geſchmacke. Er rauchte, wie es ſchien, mit Wohlbehagen ſeine Pfeife und blickte dabei häufig, mit offenbarer Un⸗ geduld, auf die Landſtraße hinaus, welche am Hofe vor⸗ überzog. Endlich erſchien ein rothhaariger Bauerjunge mit dem Poſtfelleiſen.. „Nun kommſt Du endlich? da gehört wahrhaftig viel Geduld dazu,“ murmelte der alte Herr. Unterdeſſen war der Reiter in den Hof gekommen und nahte ſich unter demüthigen Verbeugungen, das Fell⸗ eiſen vor ſich hinhaltend. „Was bleibſt Du denn ſo lange aus, Du unver⸗ beſſerlicher Zauderer? fragte der Herr und zog eilig den Schluſſel zum Felleiſen aus der Weſtentaſche. Mit einem abermaligen tiefen Bückunge entgegnete —— — der Junge:„Mein Schimmel hat ſich einen Stein in den Huf getreten, Euer Gnaden, Herr Amtmann, und dieß hat mich aufgehalten.“ Der Amtmann Thorſen, welcher ſchon mit ſeinen Zeitungen und dem Aufmachen ſeiner Amts⸗ und Privat⸗ ſchreiben beſchäftigt war, gab auf die vorgebrachten Ent⸗ ſchuldigungen weſter nicht Acht, deßhalb zog ſich der Pfleger des Schimmels leiſe zurück und eilte mit ſeinem Stallkameraden der Haferkrippe zu. Der Amtmann hatte ſeinen Brief mit großer Auf⸗ merkſamkeit und vielem Intereſſe geleſen; zuweilen lockten ihm die Zeilen ein gutmüthiges Lächeln ab, wozu er ein „paar Worte ſagte, wie z. B.:„Ja ja, es iſt eine ſchöne Zeit her; mancher Frühling hat ſeitdem gebluͤht, mancher Herbſt kaum geahnte Früchte gebracht, aber auch manches Vielverſprechende zerſtört.— So iſt eben der Welt Lauf. Von Herzen freut es mich aber, daß mein alter Bruder ſich treu geblieben iſt. Derſelbe kernhafte, kräftige und redliche Wille, wie es bei dem Jünglinge war, nur jetzt zur geziemenden Mannesſtärke gereift.—“ Mit einem Lächeln voll Wohlwollen legte er den Brief auf die Seite und hatte eben mit Leſung den intereſſanteſten Zeitungs⸗ artikel begonnen, als ein Frauenzimmer von mittleren Jahren, ausgeſuchter gekleidet, als die Morgentollette auf dem Lande fordert, langſam die breite Treppe herab kam und ſich neben den Leſenden auf das Kanapee ſetzte. Nachdem ſie eine Zeitlang vergeblich gewartet hatte, daß der alte Herr Notiz von ihr nehmen ſolle, fragte endlich die Dame, in welcher wir hiemit dem Leſer das Orakel der Gegend, die Frau Amtmännin Thorſen vor⸗ zuſtellen die Ehre haben. „Was gibt es Neues, Liebſter? Iſt kein Brief für mich da?“ D ja, warte nur ein wenig, Du ſollſt ihn ſogleich haben.“ Der Amtmann las ſeinen angefangenen Artikel in aller Ruhe zu Ende und zog dann drei Briefe hervor⸗ — 8⁸&1D—„,———— 2 HSͤESgEEA=N d al * 133 in„ Hier, mein Schatz, Einer an Dich und zwei an Hortenſe. ud un. Peün das Mädchen noch immer nicht von Wallby zu⸗ rü 44 en„Noch immer nicht!“ erwiederte die Amtmännin. at„Na, das wäre doch wahrlich früh genug. Uebrigens nt⸗ glaube ich, daß ſie Alles aufbieten werden um ſie zurück⸗ der zuhalten. Aufrichtig geſagt, Liebſter, habe ich, als wir em letzten Sonntag auf dem Wege nach der Kirche eine Welle mit einander plauderten, aus einigen Aeußerungen der uf⸗ Baronin gemerkt, daß man im Sinne hat, ſie auf längere den Zeit dort feſtzuhalten. Na, na, lieber Thorſen, ſo mach' ein nur kein ſo bärbeißiges Geſicht. Du verſtehſt mich ja.— zne Wn wir das Mädchen auch heimholen, ihr Herz bleibt och dort. hes„Es iſt Etwas an dem Baron Karl, was mir nicht uf. behagen will,“ verſetzte der Amtmann ausweichend,„und der ich höre nicht gern von der Sache;— apropos, auf die und nächſte Woche werden wir einen neuen Hausgenoſſen be⸗ etzt kommen, den Hofgerichtsnotar Bundler.— Auf dieſe dem Nachricht erwiederte die Amtmännin blos ein kurzes: eite„So!“ ihr Herr und Gemahl fuhr dann fort:„Soeben gs⸗ habe ich einen Brief von ſeinem Vater, meinem alten ren Jugendfreunde und Univerſitätskameraden erhalten; Du auf weißt ja, es iſt längſt ausgemacht, daß der junge Juriſt am unter meiner Anleitung ſeine Praxis beginnen ſoll. Es wird dem Burſchen auch nicht ſchwer werden, ſeinen Weg tte, zu machen. Der Doktor iſt ein vermöglicher Mann, hat igte nur zwei Kinder und ſteht zu M... in großem Anſehen; das auch ſoll es ſo gut wie abgemacht ſeyn, daß, wenn ſich dor⸗ der alte Bürgermeiſter zu ſeinen Vätern verſammelt, der allgemein geachtete junge Mann ſein Nachfolger wird.“ für„Das iſt Alles recht ſchön und gut, lieber Mann,“ erwiederte die Amtmännin offenbar verdrießlich,„ber ich leich begreife nicht, wie dieß mich intereſſiren ſoll. Ich glaube man hat mit ſeinen eigenen Angelegenheiten genug zu thun, in als daß man ſich noch mit den Plänen und Hoffnungen vor. von Fremden zu befaſſen brauchte. Wenigſtens iſt dieß gerade keine Liebhaberei von mir.“ „Aber von mir,“ verſetzte der Amtmann nachdrücklich, „iſt es eine Liebhaberei das Verdienſt zu würdigen, die Leute mögen mir bekannt ſeyn oder nicht, und ich habe ganz genaue Nachrichten, daß Bundler ein ſehr fleißiger brauchbarer, talentvoller junger Mann iſt.“ „Nun, und was ſoll daraus folgen?“ fragte die Amtmännin; in ihrem Tone lag etwas ganz Eigenes. „Was daraus folgen ſoll?“ entgegnete Thorſen und ſah ſeine Frau dabei ſcharf an, ſo daß dieſe ſich veran⸗ laßt ſah einzulenken und in ganz verändertem Tone hin⸗ zuſetzte: „Lag denn etwas Unrechtes in meiner Frage, lieber Mann?“ „Das weiß ich nicht, Luiſe; aber wenn ich die Wahr⸗ heit ſagen ſollte, glaube ich nicht gerade daß viel Gutes darin lag. Ueberhaupt kenne ich Dich gar nicht mehr ſeit im verfloſſenen Jahre die freiherrliche Familie nach Wallby gezogen iſt. Das iſt ein unaufhörliches Viſiten⸗ Shalten, Abendkränzchen, Wochenſoireen und wie das Teufels⸗ zeug all' noch heißt. Mit einem Worte, es ſoll mich gar nicht Wunder nehmen, wenn die Nachbarn ſich näch⸗ ſtens in die Ohren flüſtern, die Frau Amtmännin Thorſen arbeitete mit Haͤnden und Füßen daran, eine Partie zwiſchen ihrer Tochter und dem jungen Baron zu Stande zu brin⸗ gen, und ihr eigenes Ziel ſey, daß Hortenſe mit aller Gewalt gnädige Frau werden ſolle.“ „Ach Gott, welche Thorheit!“ ereiferte ſich die Amt⸗ männin und ſchlug die Hände zuſammen.„Ich, ich ſoll mit Händen und Füßen arbeiten! Nein, Gott ſey Dank! das habe ich nicht nöthig, meine Tochter wird, ohne daß man ſich ſolche Mühe zu geben braucht, noch einen Mann bekommen. Wenn aber die Leute durchaus Etwas zu ſchwatzen haben wollen, ſo kann ich Dir nur ſagen, daß es gerade umgekehrt iſt. Sie müſſen ſagen, daß die Baronin —— 135⁵ Silberſparre zu Gunſten ihres Sohnes manche Angel nach der hübſchen Tochter in Amtmann Thorſens reichem und geachtetem Hauſe auswirft.“ „Ja, ja, liebes Weib, der Schluß war ſo ganz un⸗ richtig nicht. Ereifre Dich nur nicht ſo heftig, ſondern höre mich an und antworte mir ruhig; denn da wir nun einmal auf dieſes Kapitel gekommen find, ſo will ich Dir auch meine Anſicht über die Sache mittheilen. Wenn, wie Du mit Grund vermutheſt, die alte hochaoelige Frau Baronin Silberſparre in der That den Wunſch hegt, eine Verbindung mit unſerem Hauſe einzugehen, was glaubſt Du denn wohl, daß ſie dazu eigentlich veranlaßt?“ „Ach Gott, lieber Mann, das iſt ja doch wahrlich ſonnenklar. Hortenſe, das ſchönſte Mädchen in der ganzen Gegend, reich und liebenswürdig— welche Mutter ſollte nicht darauf ſtolz ſeyn, ſie ihre Tochter zu nennen?“ „Ja, ja, das iſt Alles recht ſchön und gut; allein Hortenſe iſt ein rein bürgerliches Mädchen, und wenn ſie noch einmal ſo liebenswürdig und noch einmal ſo reich wäre,(was mit Gottes Hülfe noch der Fall werden könnte) ſo hätten Ihro Gnaden auf Wallby ganz gewiß niemals hochdero Blicke auf ſie gerichtet, wenn nicht pekuniäre Verhältniſſe es wünſchenswerth, ſogar noth⸗ wendig machten, das erſte beſte Rettungsmittel zu er⸗ greifen, ſowohl zu Nutz und Frommen des hochadeligen Hauß ſelbſt, als guch um den jun gen Herrn Baron zu ſeinem weitern Forkeommen behülflich zu ſeyn; denn ſonſt wird er wohl, wenn nicht vielleicht andere Leute ihm kräftig unter die Arme greifen, ewig da ſitzen bleiben, wo er fitzt. Denn, Du mußt wiſſen, mein liebes Kind, für einen armen Kavalier, welcher ſeiner Descendenz Nichts weiter zu bieten vermag, als einen Antheil an ſeinem adeligen Namen oder einem leeren Titel, der in unſern Zeiten blutwenig mehr gilt, da ſich Jedeimann nach Luſt und Liebe einen kaufen kann, iſt es eine ver⸗ dammt ſchwere Sache, eine vortheilhafte Partie in ſeinem eignen Stande zu machen, und deßhalb werfen ſie, unter der Aegide der Mutter und Tanten gewöhnlich ihre Netze nach den Bürgerstöchtern aus.“ Die Amtmännin ſaß mäuschenſtille da und zerknitterte den Umſchlag ihres Briefs. Der Amtmann fuhr fort: „Die ganze Gegend weiß es, daß, als der Vater des Herrn Barons, hochſeligen Angedenkens, die letzten zwei Jahre in Stockholm wohnte, das anſehnliche Vermögen der Fa⸗ milie Silberſparre vollends buchſtäblich drauf ging und das unbedeutende Gut Wallby, offenbar keine paſſende Wohnung für die freiherrliche Wittwe, Alles war, was übrig blieb, wo noch dazu faſt jeder Ziegel auf dem Dache verpfändet iſt. Da indeſſen die eiſerne Nothwendigkeit das hohe Geſchlecht von aller Pracht und allem Ueberfluſſe auf die jetzige leere, glanzloſe Wirklichkeit reduzirt hat, ſo wiſſen ſie keinen beſſern Rath, um nicht die Schwind⸗ ſucht vor Langeweile zu bekommen, als ſolche Bekannt⸗ ſchaften aufzuſuchen und zu kultiviren, wie man ſie eben auf dem Lande haben kann, und da man ſo von unge⸗ fähr eine junge, reiche Erbin ergattert hat, entwirft man in aller Eile ein Plänchen, geht ſeufzend über den Stamm⸗ baum der hohen Familiennamen weg, ſchmeichelt den ſchwachen Aeltern, vor Allem aber der etwas eitlen Mutter und wird auf einmal ſo herablaſſend, ſo bekannt, ſo freundſchaftlich, daß man nur Ein Haus und Eine Fa⸗ milie ausmachen will.“ „Aber liebſter, beſter Thorſen,“ begann jetzt die Amt⸗ männin in ſehr mildem, aber höchſt feierlichem Tone,„wenn ſich die Sache ſo verhält, wie Du ſo eben ſagſt, ſo iſt es jeden⸗ falls eine Ehre für Hortenſe, und da ſie den erſten Schritt thun, ſo ſehe ich wahrlich nicht ein warum wir nicht.. „Ihnen in aller De⸗ und Wehmuth den Rock huſen ſollen,“ fiel der Amtmann ärgerlich dazwiſchen.„Ge⸗ horſamer Diener! Bedanke mich für die Ehre;— ich habe in der That geglaubt, das was ich eben ſagte, werde Dir den Verſtand öffnen; da indeſſen, wie es ſcheint, all'„ meine Mühe vergeblich geweſen iſt, ſo ſage ich dir nun meine unabänderliche unumwundene Meinung, und diee 137 iſt: daß ich mich nicht mein ganzes Leben im Schweiße meines Angeſichts abgearbeitet haben will, um mein müh⸗ ſam erworbenes Vermögen, die Frucht von mancher durch⸗ wachten Nacht, zur Leiter werden zu ſehen, auf welcher ein armer Kavalier zu dem Ziele ſeines Ehrgeizes empor⸗ klettert, und meine Tochter nicht einem Leben von tauſend Unannehmlichkeiten entgegen ſchicken werde, wo, unter lachenden Roſen verborgen, zahlloſe Dornen ihrem heitern unſchuldsvollen Herzen tauſend Wunden reißen, welche keine Zeit zu heilen vermag. Nein, Luiſe— ich habe es einmal geſagt! das Mädchen ſoll mir keine gnädige Frau werden, und damit Punktum!’¹? Den Ton, in welchem der Amtmann Thorſen ſo eben geſprochen hatte, pflegte er ſelten anzunehmen, denn im gewöhnlichen Leben ließ er ſeine Gattin treiben und machen was ſie wollte, ſobald aber eine Sache von Be⸗ lang zur Sprache kam, da war der Amtmann Herr in ſeinem Hauſe; wenn er ſein„und damit Punktum!“ aus⸗ ſprach, ſo konnte ſeine Frau an ihren fünf Fingern ab⸗ zählen, daß weiter keine Appellation mehr ſtattfand— und ſie wenigſtens eine andere Zeit abzuwarten genöthigt war, ehe die Sache wieder auf's Tapet gebracht werden durfte, und auch da mußte ſie ihrem Projekte wieder eine andere Seite abzugewinnen ſuchen, ſo daß es als etwas völlig Neues erſchien. Frau Thorſen nahm deßhalb zu ihrem gewöhnlichen Hülfsmittel in ſolchen Fällen ihre Zuflucht, das heißt, ſie ſchwieg.— Der Amtmann griff wieder nach ſeinen Zeitungen wie wenn Nichts vorgefallen wäre, und als ſeine Gattin aufſtand, um ſich in das Haus zu begeben, ſagte er gleich⸗ ſam im Vorbeigehen:„Wie iſt es, liebe Luiſe? ich habe Dir geſagt, daß der Notar Bundler zu Anfang der nächſten Woche kommen wird, ſey deßhalb ſo gut und laß für ihn ein paar Zimmer im Flügelgebäude zu Recht machen, allenfalls die grüne Gaſtſtube mit dem Schlafkabinet. Die Zimmer ſind ganz hübſch und liegen gerade über den meinigen. Ich denke, er wird damit zufrieden ſe yn.“ 138 „Wasd! zwei Zimmer ſoll er haben?“ rief Frau Thorſen verwundert aus und blieb auf halbem Wege ſtehen.„Ich möchte faſt ſagen, daß Du mit dem jungen Menſchen zu viel Umſtände machſt. Der Vieediſtrikts⸗ richter Rehnsköld hat ſich mit einem Gibelzimmer be⸗ gnügt, und ich ſollte meinen, da wäre denn doch ein Unterſchied!“ „Ja, allerdings, Alte, ſieh', dieß iſt gerade was ich auch meine,“ entgegnete lächelnd der Amtmann.„Der Vicediſtriktsrichter Rehnsköld war ein untauglicher Stüm⸗ per, und zu Nichts Nutz, als Deine Einladungsliſten aufzuſetzen, Deine Partien zu arrangiren, den Wein auf⸗ zuſtellen u. dgl. Er brauchte nicht mehr Raum, als nebſt ſeiner eigenen winzigen Perſon in einem mäßigen Vogelkäſicht Platz gehabt haätte. Das große Giebelzimmer war deßhalb gewiſſermaßen ein Salon für ihn, Was da⸗ gegen Bundler betrifft, ſo— doch, ich rede mich ja ganz heiſer heute Abend! Kurz, wenn es an weiter Nichts fehlt, als an dem Diſtriktsrichtertitel, um Deine Gunſt zu gewinnen, da kannſt Du ganz ruhig ſeyn. Ich will ihm nächſten Herbſt die große Gerichtsverhandlung über⸗ tragen, dann wird ſich die Sache ſchon machen.“ Die Amtmännin erwiederte kein Wort, allein ihr ſcharffichtiger Eheherr bemerkte wohl, welche Mühe es ſie koſtete ihre Zunge im Zaum zu halten. Sie beſchloß, vorderhand keine Silbe mehr über den neuen Hausge⸗ noſſen zu verlieren. „Geduld und Klugheit ſind immerhin zwei hühſche Sachen,“ murmelte der Amtmann, als der letzte Zipfel von ſeiner Frau großem Shawl in der Hausthüre ver⸗ ſchwand. Kurz darauf hörte man einen luſtigen Lärm auf der Landſtraße. Amtmann Thorſen ſah in die Höhe, ſetzte die Brille auf und rief aus:„Was Henker, kommt denn da? Haben wir nicht an den hochadeligen Biſiten von Wallby ſchon mehr als genug! doch, was ſehe ich? iſt ☛+——y GO=SSSEASSSSSode d 5 139 denn dieß nicht die alte Tante, Ihrer Gnaden auf Wallby Schweſter, Fräulein Charlotte Antoinette Heloiſe Eleonore von Schmoll? mit ihrem ellenlangen Namen. Schöne Geſchichte! Gott ſey es geklagt, das wird einen prächti⸗ gen Abend geben! O wäre ich doch nicht auf den unglückſeligen Gedanken gekommen, den ſchönen Abend mit der Pfeife im Munde und der Zeitung in der Hand zu genießen, ſondern lieber in aller Ruhe auf meiner Amtsſtube ſitzen geblieben. Nun haben ſie mich geſehen und ich kann die Ehre haben, den Herrſchaften entgegen zu gehen.“. Indeſſen kam die Cavalkade näher. Voraus auf einem mausgrauen Klepper, welchem langjährige Arbeit vor dem Pfluge das wenige Fleiſch noch nicht bis ganz zum Skelette hatte aufzehren können, erſchien eine ſehr lange Dame, in höchſt ſeltſamem Aufzuge. Es war Fräulein Charlotte Antoinette von Schmoll. Sie hatte ein paar Beinkleider von weißem engliſchem Leder an, welche ihrem Neffen, dem Baron Karl gehörten; da aber der Unſtern wollte, daß des Fräuleins Beine von einer Länge waren, wie ſie einem Grenadier Karls des zwölf⸗ ten Ehre gemacht haben würden, ſo mußten die Bein⸗ kleider natürlicherweiſe um einen halben Schuh zu kurz ſeyn. Dieſer Umſtand, verbunden mit der nothwendigen Folge von dem hoppelnden Gange des Mauefalben, er⸗ öffnere dem Liebhaber von dergleichen Raritäten den freien Blick auf die unteren Dimenſionen unſerer ritterlichen Dame, welche in ein paar Strümpfe gehüllt waren, die man mindeſtens von dem Vorwurfe freiſprechen mußte, als wagten ſie es, mit dem Schnee in die Schranken treten zu wollen. Ueber beſagte weiße Beinkleider trug Fraͤulein Charlotte Antoinette eine von den ehemaligen Feſtroben ihrer Frau Schweſter, in welcher dieſe an König Guſtav des Dritten Hof ſo viel Aufſehen erregt hatte. Um dem Ganzen ein noch glänzenderes Anſehen zu ver⸗ leihen, war das Kleid vorn aufgeſteckt, daß die Schöße zu beiden Seiten flatterten und bildete ſo ein ganz bequemes 140 Reitkleid. Auf den ſpärlichen, aber höchſt zierlich auf⸗ geſtützten Locken ſaß eine grüͤne Saffianmütze mit großem Schirm, welcher die Augen der ſchönen Trägerin vor Sonne und Wind ſchützen ſollte, und als endliches Zeichen ihrer Ritterwürde hielt ſie eine kleine Gerte in der Hand, womit ſie alle Augenblicke dem Mausfalben ein paar Ermunterungshiebe zukommen ließ, um ihn nicht in ge⸗ dankenvolle Zerſtreutheit verfallen zu laſſen. Nach der Tante, welche den Vortrab bildete, kamen zwei jugend⸗ liche, aber deßhalb noch keineswegs hübſche Geſtalten. Es waren die beiden Töchter der Baronin Silberſparre, Selma und Ebba, bleiche, zarte, magere, übelſichtige Mädchen, mit himmelblauen Augen und weißem Seiden⸗ haare, welches in dünnen Löckchen unter den Tüllhauben hervorſah, die ſich dicht an die Lilienwangen anſchloßen. An der Seite der jungen Damen ritt eine der Notabili⸗ täten der Gegend, ein kleiner dicker Herr, mit zinnober⸗ rothem Vollmondsgeſichte, feuerfarbenem Backenbarte und ditto Haare. Dieß war der Hofkammerer, Herr Mathias Matthinſon Fuſelberg, deſſen Genealogie wir zwar ohne Umſtände mit größter Genauigkeit aufführen könnten, was wir aber doch aus ſchuldiger Achtung für die letzten Perſonen uns auf ein ander Mal vorbehalten. Der Hofkammerer ritt im Hundstrabe, um mit den jungen Damen gleichen Schritt zu halten, denn dieſe konnten Trotz dem, daß ſie die Wagenpferde der gnädigen Frau Mama ritten, welche natürlich raſcher gingen als der Mausfahle, dennoch, vermöge der ungewohnten Beläſti⸗ gung, nur Schritt vor Schritt vorwärts kommen. Den Zug ſchloßen zwei Perſonen, welche wir der Aufmerkſamkeit des Leſers beſonders empfehlen, nämlich Baron Karl Silberſparre und Hortenſe Thorſen. Auf einem kohlſchwarzen Vollbluthengſte, welcher das ganze weſentliche Beſitzthum des Lleutenants Silberſparre aus⸗ machte, ſaß er ſelbſt, in ſeiner gewöhnlichen ſtolzen Hal⸗ tung, mit angeborner Anmuth und Leichtigkeit. Der Baron war etwa fünfundzwanzig Jahre alt, gerade nicht 141 von herkuliſcher Geſtalt, aber doch von ausgezeichnet regelmäßigen und hübſchen Formen, und in ſeinem ein⸗ nehmenden männlichen, von der Sonnenhitze ziemlich ge⸗ bräunten Geſichte lag ein ſcharf ausgeprägter Zug von Feſtigkeit und Adel, welcher ganz gut zu dem etwas hoch⸗ getragenen Kopfe paßte. Hortenſe war noch nicht ganz ſiebenzehn Jahre alt. In dem erſten üppigen Morgenglanze der Schönheit lachte ſie ſelbſt das Leben an, ſo wie das Leben ihr lachte. Die Mutter hatte Recht, wenn ſie von ihrer Tochter ſagte, ſie ſey hübſch; man konnte ſie faſt ſchön nennen, wenigſtens in dieſem Augenblicke. Ein zierlich, geſchmackvolles, modernes Reitkleid von grünem Seiden⸗ zeuge ſchmiegte ſich in reichen Falten um ihren zarten Körper. Der kleine gefällige Strohhut war in Folge des warmen Wetters zuruͤckgeſchlagen und ließ die glänzend ſchwarzen Locken ſehen, welche in leichten Wellen um die hochgewölbte weiße Stirne ſpielten. Friſche Purpurglut bedeckte ihre Wangen und ein trotziges Lächeln ſchwellte ihre Lippen, während ſie halblaut mit ihrem Ritter plauderte. Als man auf dem Amthofe angekommen war, hob er ſie höchſt artig vom Pferde, aber auch der ſcharf⸗ ſichtigſte Beobachter konnte nicht das geringſte Zeichen bemerken, welches die Vermuthung der Frau Amtmännin gerechtfertigt hätte. Wollte man dagegen ſehen, wie ein Liebhaber ſich beträgt, der ſeine Sache ſo gut macht als er kann, und ſie gern noch beſſer machen möchte, ſo brauchte man nur den Herrn Hofkammerer Fuſelberg anzuſchauen, der ſeine breite Tatze Fräulein Selma hin⸗ hielt, damit ſie dieſelbe würdigen möchte, ſich ihrer als Steigbügel zu bedienen. Strahlend vor Seligkeit ſtand Herr Mathias in gebückter Stellung da und grinzte höchſt annehmlich, als das Fräulein leichten Fußes herabhüpfte; als ſie glücklich auf dem Boden ſtand, beugte er ſich bis zur Erde nieder und ſagte mit einem Blicke, welcher ſeinen Worten erſt noch die rechte Bedeutung geben ſollte: aufbieten mußte, um mit der unerwarteten Laſt nicht „Ach, wie leicht ſind Sie doch, mein Fräulein! Ich würde mich nicht beſinnen, Sie durchs ganze Leben zu tragen.“ Mit einem Blicke, vor welchem des Hofkammerers anſpruchsloſe Wohlredenheit ihm in den Magen zurück⸗ ſchlug— denn von ſeinem Herzen hörte man nie Etwas, außer wenn er mit einem Gegner vor Gericht ſtand— ging Fräulein Selma, mit ſtolz zurückgeworfenem Köpf⸗ chen an ihm vorüber— und der Hofkammerer lehnte ſich, nach Luft ſchnappend, über den glücklichen Sattel, welcher ſeine Göttin getragen hatte. — Vierzehntes Kapitel. Vergebens lispelt Troſt die Hoffnung zu. ——— Es lagern Stets dichter an dem Himmelsthor die Wolken, Und ihre Rabenfitt'ge breitet aus die Nacht. Nicander. „Unterthäniger Diener, unterthäniger Diener!“ ſagte der Amtmann Thorſen, ſtand von ſeinem Kanapee auf und näherte ſich Fräulein Charlotte Antoinette's Pferd, um der Reiterin die Hand zum Abſteigen zu bieten. „Danke, danke, Herr Amtmann,— gar zu gütig. Sie machen ſich viel Mühe, aber, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll— Hier hielt das Fräulein inne; während ſie ſich mit der einen Hand auf die Schulter des Amtmanns ſtützte, balancirte ſie mit einem Fuß im linken Steigbügel und bemühte ſich mit ſichtlicher Anſtrengung, den andern aus ſeiner Gefangenſchaft zu befreien. Nach einiger Mühe gelang endlich das Manöver und faſt unwillkührlich ſank ſte dem guten Amtmann in die Arme, welcher alle Kraft umzupurzeln. 1—— 0⁵—— O———ℳ:—-——, ———„—— ,/·— 14³3 Sobald ſich das Fräulein erholt hatte, nahm ſie den auf ein paar Augenblicke verlornen Faden des Ge⸗ ſpraͤches wieder auf:„Ja, wie geſagt, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, um wieder auf die Mühſeligkeiten des Reitens zu kommen, es bedurfte keiner geringen An⸗ ſtrengung, um ordentlich vorwärts zu kommen. Der Mausfahle iſt erſchrecklich faul! Na, freilich darf man ſich juſt nicht ſehr darüber wundern; der Ueppigkeit hal⸗ ber hält man ſich keine Pferde. Nutzen, Nutzen, Herr Vetter, das iſt ein Wort von großer Bedeutung in unſern Tagen. Wir haben uns aber heute eigentlich um deß⸗ willen zum Ritt entſchloſſen, weil unſer Wagen nicht ganz in Ordnung iſt und in der Jagdkaleſche nicht Alle Platz gehabt hätten. Und da die Kinder auch ihre Freude haben und reiten wollten, ſo kam es eben wie immer.— Tante Charlotte Antoinette mußte auch mit dran. Unter⸗ wegs trafen wir den Hofkammerer Fuſelberg, einen ganz artigen, jungen Mann, beſonders ſehr beſcheiden.— Im Vertrauen, Herr Vetter, ich möchte Sie doch wohl fragen. 3 Eben erſchien zu des Amtmanns unausſprechlicher Freude ſeine Gattin unter der Thüre; das Fräulein nickte, wisperte dem Amtmann in das Ohr:„Auf ein ander Mal!“ ließ dann ſeinen Arm los und flog, wäh⸗ rend der Amtmann ſeinem Schöpfer für die Erlöſung dankte, auf ihre liebe Freundin zu. Während die beiden älteren Damen die Treppe hin⸗ auf voraus gingen, gruͤßte der Amtmann die jungeren, küßte Hortenſe auf die Stirne, drückte dem Baron und dem Hofkämmerer leicht die Hand und bat ſie um Ver⸗ zeihung, daß unverſchiebliche Geſchäfte ſeine Anweſenheit in der Schreibſtube nöthig machten. Bei dieſem heute nicht zum erſten Male vorkommenden Mangel an Auf⸗ merkſamkeit von Seiten des Amtmanns ſlog ein leichtes Roth über das Geſicht des Barons und er erwiederte die Entſchuldigung blos mit einem ſteifen Bückling. Die Amtmännin, welche es vortrefflich verſtand, 144 zugleich in die Zukunft und in die Vergangenheit zu ſehen, wenn ſie nämlich wollte, brachte die Sache ſchnell wieder ins Geleiſe, ſo daß die nothwendigen Geſchäfte ihres Mannes wenlgſtens einen Anſtrich von Wahrſchein⸗ lichkeit erhielten, indem ſie erzählte, der eine Schreiber ſey abweſend und der andere plötzlich erkrankt, dazu komme noch, daß die Gerichtsſitzungen vor der Thüre ſeyen. Kurz, die Amtmännin war ganz charmant und wußte ſoviel zu ſagen und zu erzählen, daß ſie in der That vollſtändig zwei Plätze ausfüllte. Bald ſaß der ganze Beſuch von Wallby auf dem Balkon, welcher durch Glasthüren mit dem Vorzimmer in Verbindung ſtand, wo Hortenſe unterdeſſen einen Tiſch mit Erfriſchungen zurecht machte. Das allgemeine Ge⸗ ſpräch ging nun mehr in einzelne Unterhaltungen über und während die Amtmännin nebſt Fräulein Charlotte Antoinette ſich in eine Ecke zurückzogen, näherte ſich der Hofkammerer Fuſelberg in aller Unterthänigkeit ſeiner angebeteten Selma. Er ſtand in der ehrfurchtsvollſten Stellung vor ihr und machte in lispelndem Tene einen Antrag, vor welchem die junge Dame erbleichte und den Kopf ſenkte. Als ſie nach einigen Augenblicken den Blick wieder erhob, ſchienen Stolz, Furcht und Schmerz in ihrem Innern zu ſtreiten, denn dieſe ſämmtlichen Gefühle ſpiegelten ſich auf ihrem Antlitze. Endlich ſagte ſie, jedoch ziemlich ruhig:„Für einen ſo delikaten Gegenſtand häͤtten Sie denn doch eine beſſere Gelegenheit abwarten ſollen, Herr Fuſelberg. Indeſſen wollen wir ſehen...“ „Verzeihen Sie, mein Fräulein, eine günſtigere Gelegenheit trifft ſich wohl lelder nicht ſo ſchnell wieder und da ich nicht ſo glücklich war, Sie daheim zu treffen, meine Gnädigſte, ſo..“ „Die Fliegen ſind heute unerträglich,“ ſagte das Fräulein, ſtand auf und nahm ihre Schweſter beim Arm. „Komm, Ebba, laß uns ein wenig auf den Altan gehen.“ Den Blick von der Außenwelt abgezogen und in ſich verſenkt, ſtand Baron Karl während dieſes kleinen Q 8 8SS8RN * 88 — 145 Auftritts auf der Schwelle zwiſchen Balkon und Vor⸗ zimmer. Es lag ein nachdenklicher, faſt könnte man ſagen, ſchwermüthiger Zug auf ſeinem Antlitze und mit gewaltſamer Anſtrengung ſchienen ſeine Gedanken ſich von der Umgebung loszureißen. Haſtig trat er an den Tiſch, deſſen Arrangement Hortenſe ſo eben durch ein paar Vaſen mit herrlichen Blumen die Krone aufeetzte. „Was doch Forshälla für eine göttliche Lage hat!“ menie er und zeigte mit der Hand gen Weſten, wo ge⸗ rade die Sonne herabſank und ihre Strahlen auf den ſchlängelnden Strom warf, über welchen hohe Birken thre Kronen hereinbeugten. „Ja, iſt nicht unſer liebes Forshälla der hübſcheſte Wohnfitz, den man ſich nur wuͤnſchen mag?“ entgegnete Hortenſe lebhaft.„Sie ſollten einmal die Ausſicht von der Höhe dort durch Papa's Tubus betrachten.“ „Das wünſchte ich ſchon längſt,“ erwiederte der Ba⸗ ron,„und wenn ich wieder auf der Jagd Morgens nach Forshälla komme, ſo ſind Sie vielleicht ſo gütig...“ „Wie Sie befehlen,“ verſicherte Hortenſe.„Aber, Herr Baron, Sie wiſſen wohl gar nicht, daß wir auch innerhalb des Hauſes etwas Schönes beſitzen, das ſich. wohl vor Kunſtfreunden ſehen laſſen darf.“ „O, ganz gewißee verſetzte Baron Karl, mit einem feinen Lächeln, welches dem Mädchen das Blut in die Wangen trieb; ſie faßte ſich aber ſchnell, machte ein etwas erſtauntes Geſicht und verſicherte den Baron, er habe eben mehr geſagt, als er eigentlich behaupten könne, „Denn der Schatz, den ich Ihnen zeigen will,“ ſchloß ſie ihre Rede,„iſt erſt ganz kürzlich angekommen. Es iſt ein großes Bild und hier dicht neben an aufgehaͤngt, wenn Sie es vielleicht zu ſehen Luſt haben.“ Der Bakon verbeugte ſich artig und Hortenſe öffnete die Thüre. An der Wand hieng ein großes Oelgemälde in gold⸗ nem Rahmen, mit einem grünen Schleier verhängt. Die Milchbrüder. 1. 140 146 Hortenſe ſprang leichten Fußes auf ein Tabouret und zog den Vorhang weg. Mit gekreuzten Armen und geſpannten Blicken be⸗ trachtete der Baron das Bild; der wechſelnde Ausdruck ſeines Antlitzes verrieth, daß es einen tiefen Eindruck auf ihn machte. „Jſt das nicht ſchön, nicht herrlich?“ rief Hortenſe jubelnd aus. Nun werde ich Ihnen aber auch alle dieſe Figuren erklären. Sie müſſen wiſſen, es iſt ein Familienbild, welches Papa von ſeinem Jugendfreunde, dem Doktor Bundler in M..., zum Geſchenk erhalten hat. Das Paar unter der Geisblattlaube iſt der gute Doktor ſelbſt mit ſeiner Gattin. Beide ſind ſehr gut getroffen und obgleich für ſie der Frühling und Sommer des Lebens vorüber ſind, ſo hat es doch der Kunſtler meiſterlich verſtanden, in ihre Bllder den Ausdruck reiner Frömmigkeit zu legen, welche den auptzug ihres Cha⸗ rakters bildet;— aber Sie hören mich ja gar nicht, Herr Baron! Aha, Ihre Augen haften auf der andern Gruppe, welche ich bis zuletzt aufſparen wollte. Die beiden jungen männlichen Figuren ſind die Söhne des Doktors und das Mädchen mit dem Engelsgeſichtchen, welches eine Guitarre in der kleinen hübſchen Hand hält, iſt des Doktors einzige Tochter. Was ſagen Sie zu einer ſolchen Geſtalt, zu dieſer Stirne und dem ſprechen⸗ den Ausdruck in den Augen? Haben Sie je ſchon etwas Aehnliches geſehen? Ich glaube gar, Sie ſind verhert, Herr Baron und haben wohl am Ende kein Wort von allem Dem gehört, was ich eben ſagte.“ Jetzt rief die Amtmännin draußen:„Hortenſe, Hortenſe! Wo ſteckſt Du denn? So komm doch und ſervire unſern Gäſten Erfriſchungen!“ 3„Kommen Sie, kommen Sie!“ rief das Mädchen 86 4 ihrem Begleiter zuz als dieſer aber auf den freundlichen Zuruf nicht hören wollte, nahm ſie ihn ohne Komplimente beim Arm und ſagte mit erhöhter, etwas unwilliger Stimme:„Hören Sie denn nicht, Herr Baron, daß man uns bei der Geſellſchaft zur Limonade erwartet?“ Langfam, faſt mechaniſch, zog der junge Mann eeinen Blick von dem Bilde ab und fragte ganz verwirrt:„Limo⸗ nade befehlen Sie, mein Fräulein?“ K.* „Wenn ich Etwas befehlen möchte,“ erwiederte Hor⸗ tenſe munter,„ſo wäre es, daß Sie mein ſchönes Bild nicht mit den Augen verſchlingen ſollen.“ 4 Bei dieſen Worten ſprang ſie wie der Blitz auf den Stuhl, zog die Gardine vor und lief in das Zimmer voraus. Langſam folgte ihr der Baron. „Aha, da kaun man ſehen!“ meinte Tante Charlotte Antoinette, mit einem bedeutungsvollen Lächeln und kaiff die Amtmännin in den Arm.„Was meinen Sie, Frau Baſe, das wäre in der That kein übles; Pärchen?“ „Aber, liebe Hortenſe,“ ſagte die Mutter und drohte ihr ſcherzhaft mit dem Finger,„iſt es auch Recht, ſeine Gäſte ſo zu vergeſſen.“ „Ach, daran bin ganz allein ich Schuld,“ fiel der Baron entſchuldigend ein. Er nahm es für ausgemacht an, daß die Amtmännin es auf das Bild bezöge; als aber Frau Thorſen ihn etwas verwundert anblickte, ſetzte er ſchnell hinzu:„Verzeihen Sie, meine gnädige Frauz ich war in ſolche Bewunderung verſunken, daß ich meine Augen gar nicht losreißen konnte.“ „Nun, Du biſt doch ſehr offenherzig, Karl,“„lispelte Fräulein Ebba und brach in ein herzliches Lachen aus, in welches Tante Charlotte Antoinette und felbſt Herr Matthias gewaltig einſtimmten. Nur Selma ſchwieg. Die Amtmännin knopperte heimlich lächelnd an einem Stücke Zwieback. „Liegt denn etwas Lächerliches daran, wenn man Sinn für ein ſchönes Gemälde zeigt?“ fragte Karl einiger⸗ maßen argerlich und bliate eines um das andere vall mitleidiger Verwunderung au. 2 8 „Ein ſchönes Gemaͤldel“ platzte die Amttaͤnuin — heraus.„Wenn Sie das Sudelbild da drinnen bewun⸗ dert haben, Herr Baron, ſo muß ich freilich geſtehen, daß keine geringe Quantität Sinnes⸗ und Enbildungskraft dazu gehört, um etwas Schönes heraus zu finden. Das Kunſtwerk iſt von einem Schreiber, den mein Mann in der nächſten Woche erwartet, und foll ſeine Angehörigen vorſtellen, Leute, welche ich zwar nicht kenne, die uns aber Wunder was für eine Freude mit der Lapperei zu machen geglaubt haben.“ Die heftige, mit ſo vieler Bitterkeit vorgebrachte Er⸗ karun dn r nnrü erweckte ganz verſchiedene Ge⸗ fuhle bei ihren Zuhörern. Die Wangen des Barons überliefen dunkelroth und in dem Tone, womit er eine Antwort gab, lag etwas Stechendes:„Mit aller Achtung vor Ihrem Urthelle, meine Gnädigſte, welches ſich ohne allen Zweifel auf einen ausgebildeteren Geſchmack gründet, als der meinige iſt, kann ich doch nicht umhin, mich dahin auszuſprechen, daß nach meinem Dafürhalten die fragliche Arbeit von nicht geringem Werthe und mit einem keineswegs gewöhnlichen Talent ausgeführt zu ſeyn ſcheint. Es liegt Geiſt und, wie mich bedünkt, wahre Kunſt in dem Bilde.“ „Geiſt und Kunſt!“ rief die Amtmännin erboßt aus und wurde zinnoberroth vor Aerger.„Warum nicht gar!“ „Na, liebſte Frau Schweſter, was ſind es denn eigent⸗ lich für Leute, die das Bild vorſtellen ſoll 2“ fragte das elte Fräulein neugierig. „Einen Arzt in einem Landſtädtchen mit ſeiner Ehe⸗ hälfte und einer Portion Kinder. Das Mädchen ſitzt auf dem Raſen, hat eine Gultarre in der Hand und guckt in den Mond. Schade, daß ſie nicht ein Lamm im Arm hält, ſonſt, könnte man das Ding fuͤr ein l ausgeben, 3 dann hätte es doch noch einiges Intereſſe, welches im freilich ſo ganz abgeht.““ „J bewahre!“ meinte Fräulein Charlotte Antoinette; „das iſt wohl auch der Mühe werth, ſo etwas auf L wand zu pinſelu.„Iſt denn der Schreiber, von d 4. 149 te Sie vorhin ſprachen, auch mit unter den gemalten Herr⸗ 5 ſchaften?0 ft„Ei gewiß, meine Beſte! Das iſt der eine Sohn und 8. zugleich juſt der talentvolle Maler ſelbſt, welcher erſt vor 3 Kurzem mit ſeinem großen Kunſtwerke fertig geworden iſt. n Der eigentliche Grund aber, warum ſie dieſen ihren Schatz 6 uns hergeſandt haben, liegt wohl darin, daß die guten 3 Leutchen uns eine Aufmerkſamkeit dadurch zu erweiſen meinen; vielleicht auch, um uns zu zeigen, was ſie für 2 einen gewaltig hochgebildeten Herrn Sohn beſtze oder endlich,“ ſchloß die Amtmännin unter Lachen ihren Ser⸗ mon,„um ihm die unſchätzbare Freude zu bereiten, daß — er bei ſeiner Ankunft in Forshälla die ganze Familie ſchon im Voraus dort trifft.“ 4„Liebes Mätterchen,“ fiel hier Hortenſe im mildeſten 1 6 Tone ihrer Mutter in das Wort, denn ſie konnte nicht . umhin, die Schlußfolgerung herſelben etwas bitter zu finden,—„der Hauptgrund war wohl der, daß Doktor Bundler, welcher Papa's vertrauteſter Jugendfreund iſt, den er heute noch auf's Höchſte ſchätzt, durch dieſes be⸗ 5 ſondere Geſchenk dem Vater das Herz erfreuen und er⸗ wärmen wollte, indem es ihn an die alten frohen Tage 4 erinnerte, wo Beide noch in voller Jugendkraft waren.“ „Hortenſe!“ ſagte die Amtmännin, und der ſcharfe Ton, welchen ſie in dos Eine Wort legte, ſammt dem Blick, welcher es begleitete,— ein Blick, den Hortenſe nur zu wohl verſtand— war das gewiſſe Vorſpiel zu einer ernſten Abendlektion. 8„Reich' mir die Créme her, Hortenſe,“ ſetzte die Amtmännin hinzu; denn es entging ihr nicht, daß ſie die Aufmerkſamkeit der Gäſte erregt hatte, und dieſe mußte wieder abgelenkt werden. Um wieder Leben in die Un⸗ terhaltung zu bringen und zugleich eine lobenswerthe Wißbegierde zu befriedigen, meinte das alte Fräulein, ob man denn die fragliche Merkwürdlgkeit nicht zu ſehen pekommen könne; allein dieß ſchlug die Amtmännin u Vorwande, daß es ſchon zu dunkel ſey, ru dabei nahm ſie ſich im Stillen vor, das Unglücksbild, auf welches Jedermann ganz unbegreiflicher Weiſe ver⸗ ſeſſen ſchien, unverweilt wegzuſchaffen. 3 r Bald darauf gab Fräulein Charlotte Antoinette das Zeichen zum Aufbruche und man ſchied, von Seiten der Amtmännin mit einer gewiſſen Kälte, eine Folge der Aufführung des Barons; der hohe Beſuch kehrte zu ſeiner nichts weniger als freiherrlichen Behauſung nach Wallby zurück, wohin wir ſchnell vorauseilen wollen, während der Hofkammerer Fuſelberg mit einer ſehr langen und, wie es ſchien, kitzlichen Unterhaltung dem Baron Karl Zeit und Geduld vertrieb, bis man endlich am Kreuzwege ein⸗ ander gute Nacht wünſchte und dieſer ſagte:„Nun ja, genug für heute! Das iſt eine Sache, welche erſt noch Bedenken erfordert! Gehorſamer Diener!“ „Unterthänigſter Dlener!“ tönte es von Fuſelbergs Lippen, während er ſein glänzendes Vollmondsgeſicht noch einmal gegen Fräulein Selma wandte, welche mit leich⸗ tem Nicken ſeine demüthige Huldigungen erwiederte. Eilen wir jedoch nach Wallby. Zu dem fruͤher nicht unanſehnlichen, jetzt aber ver⸗ fallenen Gebäude führte eine baufällige Treppe und durch einen langen dunkeln Gang kam man in einen großen düſtern Saal. Da beinahe kein einziges Zimmer im Erdgeſchoße und faſt ebenſowenige im obern Stocke bewohnbar waren, ſo bildete der Saal zugleich Vorzim⸗ mer, Geſellſchaftsſalon und Wohnſtube. Es war hier Alles vereinigt, was aus einem früheren Leben voll Ehre* und Macht,— was von der nun in Staub zerfallenden glänzenden Herrlichkeit noch übrig war. Wunderbar ſtachen die ſeidegepolſterten Mahagoniſtühle gegen die ſchmutzige Wand ab, von welcher hie und da ein Stück des Bewurfs abgefallen war und deren zahlreiche Riſſe nur unvollkommen von den hochachtbaren ſtolzen Ahnen⸗ bildern bedeckt wurden, die, mit Oelfarbe gemalt, in* vollen Ruſtungen, verwundert auf die ſeltfame Umge⸗ 1 bung einer neuern Welt herabzublicken ſchienen. Die 838 8SS& „,ee e— ͤSͤ——eͤ— ,Sͤe „ uU —— aA Aũ 8888 — 151 hohen Spiegel mit ihren goldenen Rahmen, welche mit Mühe aus der großen Verwüſtung gerettet worden waren, reichten mit ihrem Laubwerkſchmucke bis an die räuche⸗ rige Decke und vor den, in allen Regenbogenfarben ſchimmernden Fenſtern, in denen manche Scheibe fehlte, hingen lange, ſchwere, verblichene Seidenvorhänge mit Stickereien und Zierrathen, welche, ſtatt des früheren Glanzes, nun feuchter Schimmel deckte. Im Schatten dieſer Herrlichkeit, welche mit drückendem Gefühle die Erinnerung an untergegangene Größe erweckte, ſaß in einer Fenſterniſche, auf einem hocharmigen Lehnſtuhle, die alte Baronin Silberſparre; ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ihrer gepreßten Bruſt, als ſie Sohn und Töchter nebſt ihrer Freud und Leid mit ihr theilenden Schweſter herankommen ſah. Ganz anders hatte ſie ſich noch vor zehn, ja noch vor fünf Jahren in ſtolzen Träumen gewiegt und des Zeitpunkts gedacht, wo ihre Kinder in gereifter Jugend⸗ friſche daſtehen würden. Karl war jetzt der einzige, an welchen das ſorgſam bange Mutterherz noch eine Hoffnung knüpfte; allein der duſtere Ernſt, welcher ſich ſeit einem Jahre in ſeinem ganzen Weſen entwickelt hatte, griff ihr tief und ſchmerzlich in die Seele. Ihre Töchter, von Natur aus nichts weniger als ſchön, waren in Künſten, die ihnen in ihrer Armuth hätten nützen können, wenig erfahren und durch die Umgebung, in welcher ſie aufgewachſen, leider nicht frei von Eitelkeit und Hochmuth geblieben; auf ſie konnte die Mutter rückſichtlich vor⸗ theilhafter ſtandesmäßiger Verſorgung nicht bauen, und wenn ſie auch herabſteigen wollten, ſo war kaum eine ſolche Hoffnung vorhanden, wenn ihnen nicht ein beſon⸗ ders glücklicher Zufall günſtig war. An den tiefen Verfall und das geſunkene Anſehen ihres Geſchlechts reihte ſich bei der alten Edeldame der Gedanke an den ſteinreichen Kronlehensmann und Diſtriktserekutor Herrn Matthias Fuſelberg, und mit einem ſchweren Seufzer gedachte ſie, wie er ſchon ein oder das andere Wort von — 15⁵² ſeinem Sohne hatte fallen laſſen, wenn er hie und da in Wallby einſprach, um eine eingegangene Klage wegen rückſtändiger Zinſen zu produziren, oder bald mündliche bald ſchriftliche Drohung einer Kapitalaufkündigung, oder die Inſinuation einer cedirten Obligation und dgl. zu überbringen. So lange es aber nicht anders hieß, als nur ſchlechtweg„mein Sohn Mathias,“ ſo konnte nicht im Geringſten von einer Annäherung der alten Baronin die Rede ſeyn. Der alte Fuſelberg, welcher ſich nun einmal in den Kopf geſetzt hatte, der„liebe Papa“ eines altadeligen Fräuleins von Gott weiß wie viel Ahnen zu heißen, beſchloß einen Rieſenſchritt zu thun. Er ſchrieb an einen Freund in Stockholm, legte einen Bankzettel von hundert Thalern bei, und als der Herr Diſtriktserekutor das nächſte Mal auf dem CEdeſſttze erſchien, um zu melden, daß ſo eben die Anzeige gemacht worden ſey, der Hauptgläubiger habe ſeine Forderung anf Wallby einem Andern cedirt, ſo hieß es:„Mein Sohn, der Hofkammerer, welchem ich das ſchöne Rittergut Wingacker zu kaufen beabſichtige, iſt von dem lieben kleinen Fräulein Selma ganz verhext; und.....“ Hier hielt der Herr Diſtriktserekutor inne, allein die Baronin verſtand ihn nur zu gut. Aber in dieſem Augenblick, wo wir den Leſer zum erſten Male bei der alten Baronin Sllberſparre ein⸗ führen, leitete Unruhe und Furcht vor der finſtern un⸗ gluckſchwangern Zukunft ihre Gedanken auf den jungen Fuſelberg. Zum zehnten Male wohl ſeufzte die alte 65 Dame, als die Reiſegeſellſchaft beim Vorüberreiten unter ihrem Fenſter mit den Reitpeltſchen ſalutirte; bald darauf war ſie von ihren Kindern umgeben. Mit Ausnahme von Tante Charlotte Antoinette, welche ſogleich auskramte und haarklein den Vorfall zwiſchen der Amtmännin und Karl erzählte, waren Alle ganz ſtille, und in gedrückter Stimmung bot man einander gute Nacht. Das alte„ Fräulein folgte, auf einen Wink ihrer Schweſter, dleſer in die Schlaſſtube nach. — — 153 a n Fünfzehntes Kapitel. je — 1 5 DO Sonne, die du freundlich, hell und warm 8 Auf meine Jugend niederblickteſt,— ach wo biſt du? 5, 1 Thomas Moore. 8 te n Juckend ſagt mein Daumen mir, 5 3 Ftwas Schlimmes naht ſich bier.* he Sachte, ſachte, laßt uns weiter⸗ bören. le Shakſpeare. 3 Am andern Morgen, eine halbe Stunde vor dem 3 Frühſtück, berief ein alter Diener des Hauſes den jungen — Herrn Baron zu einer vertraulſchen Unterredung mit der e gnädigen Frau Karl lag im Fenſter, rauchte eine Ci⸗ t garre und hlickte hinüber nach dem hohen Balkon von 9 Forshälla, welcher zwiſchen den Baͤumen hervorſah. 3„Wieder eine Predigt,“ murmelte er, zog den Schlaf⸗ e 1 rock ſorgfältiger um ſich, ſetzte, mit einem flüchtigen 4 Blick in den Spiegel, die kleine rothe Hausmütze zu⸗ recht(denn er kannte die ceremoniöſen Eigenbeiten der . Mutter), und ging mit nicht ganz leichtem Muthe in 1 das Geſellſchaftszimmer, wo die Baronin bereits an 1 ihrem gewöhnlichen Platze ſaß,— auf dem großen 5 ſammtnen Lehnſtuhle, von welchem aus ſie ſchon man⸗ ches Jahr die Honneurs als Wirthin zu machen pflegte 3 1— aber ach, in welcher Umgebung jetzt! 1— r 6 Da ſaß Ihro Gnaden, und dachte zurück f Der Tage, da glänzend noch ſtrablte 1 Der prunkende Stammbaum, der jetzt ihrem Blick 8 e Entſchwund'ne Geſchlechter nur malte; 6 e Und jeglichen Troſtes der Zukunft baar 6 d 1 Beſeufzte die Stolze ihr greiſes Haar. r„Guten Morgen, beſte Mutter!“ Ehrfurchtsvoll zog 6 44 der Baron ihre dargereichte Hand an ſeine Lippen. „Guten Morgen, Karl! Setze Dich zu mir, wir erklären find allein, deßhalb wünſche ich, daß Du mir 154 moͤgeſt, warum Du Dich geſtern auf eine ſo, gelinde geſagt, unpaſſende Weiſe betragen haſt.“ „Unpaſſend?“ fragte der Baron verwundert. „Ja, einen gelindern Ausdruck weiß ich in der That nicht. Die Amtmännin, eine höchſt ämable, charmante Dame, iſt erſtaunt darüber, Daß Du, ſtatt ihrer reizen⸗ den Tochter Deine Aufmerkſamkeit zu erweiſen, ein lumpiges Bild bewunderſt; und da ſie ſich eiwas pikirt darüber äußert, ſo läßt Du Dir beigehen, dem miſerab⸗ len Zeug eine Schutzrede zu halten, als ob Du Deine Ehre für den unſchätzbaren Werth der Sudelei zum Pfande einſetzen wollteſt.“ „Das will ich auch, gnädigſte Mutter, und betheure Dir, daß die Arbeit von hohem Werthe iſt, ſowohl für den Kunſtliebhaber, als.... „Meinetwegen,“ fiel ihm die Baronin in's Wort; „wer wird denn aber über ein Bild in ſolche Extaſe kommen und gleſch empfindlich werden, wenn Andere nicht ebenfalls in Entzücken gerathen?“ „Wenn ich etwas ſpitzig geweſen bin, ſo ſey über⸗ zeugt, daß es der bittere Ausfall der Amtmännin ver⸗ dient hat“ „Laſſen wir das, Karl; jedenfalls ſollteſt Du Rück⸗ ſicht auf eine Frau nehmen, bei deren Einfluß auf ihren Mann Dein ganzes Glück in ihrer Hand liegt.“ „Was!“ fuhr der Baron erſtaunt auf,„liegt mein Glück in den Händen der Amtmännin Thorſen? Dieß kann ich in der That nicht begreifen!“ „DDu willſt mir ausweichen, Karl,“ entgegnete die Baronin vorwurfsvoll.„Wirf einen Blick um Dich her! Sieh Dein armſeliges, verſchuldetes Vatergut an, welchem ja ſogar das Zugvieh fehlt, um hinlänglich gebaut wer⸗ den zu können, und deßhalb auch nicht ein Mal das tägliche Brod für uns abwirft. Betrachte weiter das verfallene Wohnhaus, in dem kaum der elendeſte Pächter würde wohnen mögen, deſſen Mauern vor Alter und Baufalligkeit einzufallen drohen! O Karl, iſt dieß wohl ρ ————— 112=2IeASS. ein paſſender Aufenthaltsort für die letzten Sprößlinge des edlen Geſchlechts der Silberſparre? Hör' mich an, mein Sohn: Wir waren gezwungen, den ſeit vielen Jah⸗ ren behaupteten Platz in der haute société, wo wir hingehören, aufzugeben, wir mußten uns aller Pracht, aller Luſt, jedes verfeinerten Lebensgenuſſes, den wir ge⸗ wohnt waren, entſchlagen, und all' dieß haben wir gethan und uns lebendig in eine Wüſte begraben, um unter einem Dache zu wohnen, welches eigentlich nur die Schwalben als ausſchließliches Eigenthum anzuſehen berechtigt ſeyn ſollten. Alles dieſes, Karl, iſt ſchwer, ja bitter,— nieder⸗ ſchmetternd, weniger um meiner ſelbſt willen, als Deinet⸗ halben und Deiner armen Schweſter wegen. Sag' ſelbſt, iſt es nicht Deine Pflicht, als einzige Stütze der Familie auf einen Ausweg zu denken, wie ihr Loos verbeſſert wer⸗ den kann. Karl, biſt Du ein ſo unnatürlicher Sohn und Bruder, daß es Dich nicht rührt, Deine Mutter und Schweſtern in einer ſolchen Lage zu ſehen?“ Baron Karl erhob ſein geſenktes Haupt und fuhr mit der Hand über die tiefgefurchte Stirne. Dunkle Blitze ſchoßen aus den ſchwarzen Augen und krampfhaft hob und ſenkte ſich ſeine Bruſt. „Ob es mich nicht rührt!u rief er endlich aus und ſeine Stimme zitterte wunderbar, gleich den Tönen hal ⸗ zerriſſener Saiten.„Ja, Mutter, ich glaube, Du hätteſt dieß ſehen können! Mein ganzes Leben iſt ja Nichts als eine fortgeſetzte Todesqual, ein tiefes, grimmiges Schmerzgefühl, welches mir das Herz frißt. Geborner Edelmann, durch und durch von edlem Stolze erfüllt, zu fühlen, daß man auf dem Standpunkte, wohin man gehört, wirken könnte, aber durch ein tückiſches Schic ſal herabgeſtoßen zu ſeyn,— dieß iſt eine Qual, der Fürſt der Hölle ſelbſt erfunden haben muß, denn n raffinirt und zugleich wie grauſam iſt ſie ausgedacht. Edelmann kann ja nicht ein Mal, gleich dem ärmſten Taglöhner, zum Bauern gehen und um's tägliche Brod arbeiten, denn er muß ſeine armſelige Ehre vor dem geringſten Makel bewahren. Er muß die Seinigen in Schmerz, vielleicht in Mangel und Elend vergehen ſehen und— muß mit ihnen vergehen, denn ein armer Edel⸗ mann iſt eben ſo weit, ſo himmelweit von dem Stande geſchieden, dem er angehört, als von dem, welchem er⸗ ſich nähern will Vom Adel verachtet, von dem reichen Bürger mit Stolz und Uebermuth über die Achſel ange⸗ ſehen, ſteht er einſam da,— Nichts bleibt ihm.— Und bei ſolchen Empfindungen, bei dieſem nagenden Wurm, der mir üuberall hin folgt, der nimmer ſtirbt, kann meine Mutter fragen, ob ich kein Gefühl für dieſes mehr als eiſerne Joch habe, das auf meinen Schultern laſtet?“ „Du biſt ſo heftig, lieber Karl,“ erwiederte die Baronin ein wenig erſchrocken, und ſah ihm mit dem beredten Blicke der Mutterliebe in die Augen.„Wozu hilft dieß, mein Sohn? Mögen wir noch ſo viel über dieſen Punkt ſprechen, ſo kommen wir doch um kein haarbreit weiter, wenn wir uns zu keiner That entſchlieſ⸗ ſen. Nein, Karl, ein Entſchluß, ein kräftiger Schritt iſt erforderlich,— und mich dünkt, ein ſolcher könnte Dir nicht ſchwer fallen. Hortenſe Thorfen iſt ein aus⸗ gezeichnet reizendes Mädchen, und kann, trotz ihres bür⸗ rlihen Namens und zuweilen noch etwas bürgerlichen MNanieren, mit leichter Mühe ſoweit gebracht werden, daß ſie jedem Kreiſe Ehre macht. Zudem beſitzt der Amt⸗ mann ein Vermögen, welches, im Fall Du das Mädchen gewinnſt(woran nicht der geringſte Zweiſel ſeyn kann), Dich und uns in eine glückliche, forgenfreie Lage ver⸗ ſetzt.. Mit dem Ausdrucke von Trauer und Widerwillen ſchüttelte Baron Karl den Kopf.„Das geht nicht“ ſagte er langſam, als ob es ihm wehe thäte, ſeiner Mutter ihre letzte Hoffnung rauben zu müſſen.„Es find zwei Klippen, an welchen Dein Plan ſcheitern muß. Einmal liebe ich das Mädchen nicht, ſo unendlich liebenswerth ſie auch iſt; und dann behandelt mich der ————— ⁸ ͤ— N — -2N N N AN d+ —— 157 Amtmann in der Regel mit ſo wenig Aufmerkſamkeit, daß deutlich daraus hervorgeht, wie er eine vorgefaßte Meinung gegen meinen Stand, vielleicht ſogar gegen meine Perſon ſelbſt hat, namentlich im Falle er Etwas von der Sachr ahnt, welche wir ſo eben abhandeln. Kurz, ſo brav und rechtlich denkend der Amtmann auch ſein mag, in ſeinem Weſen liegt dennoch Etwas, woran man den prahleriſchen Bürgerſtolz eines Mannes erkennt, der ſagen kann:„Ich gebe meiner Tochter eine Tonne Goldes zur Mitgift.“. „Ach, wie magſt Du nun ſo reden!“ ſiel die Baronin ein und ging mit Fleiß uber den letzten Theil der Rede ihres Sohnes hinweg.„Was Du redeſt! Hortenſe nicht lieben, das ſchönſte, lieblichſte Weſen auf Gottes weiter Erde! Ja, mein lieber Junge, Du llebſt ſie, ich habe dieß wohl ſchon bemerkt; aber Dein Stolz iſt es, das Gefühl, daß Du Dir durch Dein Herabſteigen zu ihr Etwas vergiebſt, das iſt es, was Dich hindert.... „Nein, bei Gott, Mutter, da biſt Du in einem großen Irrthum,“ unterbrach ſie der Baron.„H erab⸗ ſteigen, vergeben! Nein, liebſte Mutter, die Zeiten ſind längſt vorbei. In Deiner Jugend galten vielleicht ſolche Anſichten, jetzt ſind ſie aber veraltet. Dieß iſt je⸗ doch das Geringſte; wären nicht mächtigere Hinderniſſe, ſo... „Nun, iſt es denn die Furcht vor einer abſchlägigen Antwort des Amtmanns, welche Dir im Wege ſteht? Lebſter Karl, dieß darfſt Du Dich nicht anfechten laſſen; ich habe der Amtmännin auf den Zahn gefühlt und weiß, was ich weiß. Sie greifen zu, und zwar mit beiden Händen.“ 3 „Es wäre ſehr Unrecht, wenn Du derartige And tungen gemacht hätteſt, liebe Mutter,“ erwiederte K. „denn wenn ich die Wahrheit geſtehen ſoll, ſo iſt es mir rein unmöglich, die Hoffnungen zu rechtfertigen, welche Du auf Deinen Plan gründeſt.“ 8 „Warum denn aber nicht, was haft Du denn für einen Grund? Du zeichneſt ja Hortenſe ſtets aus, ſprichſt auf eine Weiſe mit ihr, daß Jedermann ſieht, Du habeſt mehr als nur gewöhnliches Intereſſe für ſie. Uebrigens kann ich auch nun und nimmermehr begreifen, warum Du ſie nicht lieben ſollteſt.“ „Ja, wer mir den Knoten löſen könnte!“ bemerkte der Baron mit einem eigenen Lächeln.„Laß uns von der Sache abbrechen, theuerſte Mutter. Haſt Du noch nicht mit Selma geſprochen,— wegen der Werbung des Hof⸗ kammerers Fuſelberg?“ „Noch nicht,“ antwortete die Baronin, etwas un⸗ willig über ſein Ausweichen.„Ich hatte mir geſchmei⸗ chelt, daß dieſer— faſt hätte ich geſagt— Skandal nicht zur Sprache kommen ſollte. Allein Du ſchemſt leider Nichts thun zu wollen, um ihm vorzubeugen. Uihit,pens eilt es auch mit unſerem Beſchluſſe nicht ſo ehr.“ 4„Doch, liebe Mutter, es eilt,“ erwiederte Karl ſo aͤanft wie möglich, um jeden bittern Vorwurf zu vet⸗ maeiden.„Der jüngere Fuſelberg war geſtern auf dem Wege hier her, um im Aunftrage ſeines Vaters einen neuen Sturm zu verkündigen welcher gegen uns im An⸗ zuge iſt.“ * 3*„Was kann denn noch Schlimmres kommen?“ fragte die Baronin mit merklich zitternder Stimme. „Das Letzte und Schlimmſte,“ entgegnete Karl; „daß wir wahrſcheinlich Wallby verlieren,— alſo Alles. Wir wiſſen, daß der Mann, welcher am meiſten auf unſer Gut zu fordern hatte, ſein Guthaben an ein Handlungshaus zu M... verkauft hat; der jetzige 8* iſt in Fuſelbergs Hände gegeben, und wenn wir von der Gläubiger aber, ein Herr Dahl, hat nicht im Sinn, 55 Geld ſtehen zu laſſen, wie wir uns ſchmeichelten, ſondern an den Diſtriktgexekutor Fuſelberg wegen der Auseinanderſetzung geſ drieben, und dieſe läuſt, nach Kaufmannsart auf nichts mehr und nichts weniger hin⸗ aus, als daß er ſein Geld haben will. Die ganze Sache — De 8&=ES—- 8 159 nächſten Gerichtsſitzung keine Friſt erwirken können, ſo ſt kommt es zur Klage, und das Ende davon iſt Exekution ſt p und öffentliche Verſteigerung von Haus und Hof, Schiff s und Geſchirr.“ n Todtenbleich,— nein aſchenfahl— ſaß die hohe / Dame da. te„Karl,“ ſagte ſie kaum hörbar,„das iſt nicht Alles, r der Hofkammerer hatte noch Etwas?“ t„Ja, Mutter, das bisher Geſagte war nur erſt die 4 Hälfte. Der Diſtriktsexekutor verſpricht nicht nur die Forderung des Handlungshauſes zu bezahlen, ſondern 2 auch alle übrigen Pfandſcheine von Wallby einzulöſen, 3 ſo daß es vollkommen frei wird, unter der Bedingung, 1 daß er vor der nächſten Gerichtsſitzung das beſtimmte Ja⸗ t wort von unſrer armen Selma hat. Der Alte will ferner, daß ſie bis Neujahr als Gattin des widerlichen Halb⸗ 9 4 menſchen, des Matthias junior, auf dem ſchönen Wing⸗ acker einziehen ſoll, wo Alles zu ihrem Empfange be⸗ 4 reit ſeyn werde.“ 4 4„Großer, allmächtiger Gott!“ ſeufzte die Baronin 1 andächtig,„der Sohn eines Lehensmannes und ein hoch⸗ 1 wohlgebornes Fräulein aus dem altadeligen Geſchlechte M der Silberſparre! Das iſt der Nagel zu meinem Sarge, Karl; gibt es denn kein Mittel zur Rettung?“ lag ein ſanfter Vorwurf,„ſprich nicht davon, hänge nicht ſo ſehr an den armſeligen Vorzügen, welche, ſtatt eeinne Quelle von Freuden zu ſeyn, nur ein Hinderniß ₰ bei jeder Bemühung ſind, uns aus der Noth zu helfen. Gott gäbe, es wäre von nichts weiterm die Rede, als von einer ſogenannten Mesalliance, dieß ließe ſich leicht verſchmerzen, aber hier treten noch andere Anſtände el vor Allem, iſt es nicht barbariſch, ja abſcheulich, wenn wir das arme Geſchöpf überreden, einen Schritt zu thun, zu welchem ſie ſich nur gezwungen verſtehen kann, einen Schritt, welchen ſie und wir mit den heißeſten Thränen nicht mehr ungeſchehen machen können, denn dann iſt e „O Mutter!“ bat Karl, und in ſeiner Stimme 160 zu ſpät zu irgend etwas Anderm, als in fruchtloſer Qual unſern Jammer auszuhauchen. Wenn er noch ein Menſch wäre, nur Gefühl, Sinn für irgend Etwas, oder nur den geringſten Grad von Bildung hätte, ja nur gewöhnlichen Menſchenverſtand beſäße, ſo wäre es denn doch wenigſtens Etwas; aber ſo gehört er zu den trägen, ſeelloſen Mitteldingern zwiſchen Menſch und Vieh, dee ſich inſtinktmäßig der Leitung hingeben, welche ſie ein Mal gewohnt ſind. Solche Menſchen ſtehen tauſend Mal tiefer, als gut dreſſirte Hunde! Und..... „Halt ein, Karl, halt ein!“ unterbrach ihn die Mutter und hielt beide Hände vor das Geſicht,„glaubſt Du denn nicht, daß ich mir ſelbſt ſein Bild entwerfen kann? Aber was iſt nun zu thun? es wäre beſſer, wenn Du Dich darüber ausſprächeſt.“ Mit düſterflammendem Blicke ſchlug ſich Karl mit der Hand vor die Stirne. Es trat ein langes, pein⸗ liches Schweigen ein. „Du, Du könnteſt dem Elende vorbeugen, wenn Du nur wollteſt,“ nahm endlich die Baronin wieder das Wort;„aber leider biſt Du ſelbſtfüchtig genug, lieber Deine Schweſter aufzuopfern, als mit einer einzigen kräftigen That uns Alle aus dem Abgrunde zu reißen. Es thut Dir weh, uns leiden zu ſehen, das iſt aber aauch Alles.“ 4 „Mutter, was iſt Deine Abſicht, was ſoll ich thun?“ Bei dieſen Worten richtete ſich Karl heſtig empor, ſetzte ſich aber ſogleich wieder. Der Angſtſchweiß ſtand ihm auf der Stirne. 15 437 „Wenn Du die Partie mit Hortenſe meinſt,— ſo läßt ſich dieſes nicht ſo ſchnell abmachen, und in vier⸗ zehn Tagen iſt die Gnadenfriſt verſtrichen. Er iſt ſchreck⸗ lich rachgierig, dieſer Fuſelberg; er wird ſich mit einer oſchlagtgen Antwort, wenn ihr nicht die Tilgung der ganzen Summe auf dem Fuße folgt, nicht abſpeiſen laſſen und keine Ruhe haben, bis er uns ſo weit ge⸗ trieben hat, als er will, und dieß wird weit genug ſeyn. 161 An eine freundſchaftliche Auseinanderſetzung iſt auch kaum zu denken, ſelbſt wenn ich unter der Zeit irgend einen Ausweg zu einem neuen Anlehen aufzufinden wüßte, und..“ „Und noch weniger kann man Hoffnung auf ein Anlehen haben, wenn man Nichts dagegen ſetzen kann,“ fiel ihm die Baronin in vollem Unwillen in die Rede. „Nein, Karl, es gibt nur Einen Ausweg, nur einen ein⸗ zigen. Du wirbſt, und zwar unverzüglich, um Horten⸗ ſen und vertrauſt unſre mißliche Lage dem Edelmuthe des Amtmanns an. Kann die Sache nicht vor der erſten Gerichtsſitzung abgemacht werden, was ich übrigens glaube, ſo laßt in Gottes Namen den Lehensmann gewähren. Vor einem halben Jahre kann er uns nicht hinaustreiben. Solche Sachen ziehen ſich immer in die Länge, wie ich von alten Zeiten her weiß.“ „Es iſt ein hohes Spiel, Mutter, was Du ſpielſt,“ betheuerte Karl,„der Gewinnſt unſicher, aber der Verluſt gewiß, wenn es mißgluckt.“ Jetzt griff die Baronin zum Taſchentuch; wenn es ſchicklich geweſen wäre, haͤtte Karl gern bei dieſem letz⸗ ten und ſchwerſten Angriffe die Finger in die Ohren geſteckt, um ſeine Mutter nicht weinen und klagen zu hören; es hätte aber auch am Ende wenig geholfen, denn die alte Dame bekam auf ein Mal Krampfanfälle und preßte unter convulſiviſchem Schluchzen die Worte her⸗ aus:„Dieß war meine letzte Hoffnung, Karl, meine letzte! Gott gebe, daß Deine arme Mutter im Grabe liegt, ehe der Herbſtſturm dieſes öde Haus umtobt, denn in ewiger Finſterniß zu weilen, wenn alle Sterne an unſerm Lebenshimmel untergegangen ſind— dieß wäre doch allzu hart. Ich hofſe auch, Gott wird meine Bitte erhören und Dich von dem Kummer befreien, noch län⸗ ger das bleiche Antlitz Deiner Mutter und ihre verfal⸗ lene Geſtalt Schritt vor Schritt dem Grabe zuwanken zu ehen.". ſeh Die Milchbrüder. I. 41 „O Mutter brich mir nicht vollends das Herz und rede nicht auf ſolche Weiſe von Deinem Heimgange in das Land des ewigen Friedens, welchen ich Dir ſonſt ſo gerne gönnte, denn da ich Deine alten Tage auch nicht mit einer einzigen armſeligen Roſe der Freude ſchmücken kann, ſo wäre es die ſchnödſte Selbſtſucht wenn ich Deine Leiden zu verlängern wünſchte. Es iſt eine ſeltſame, unnatürliche Lage für einen Sohn, und wenn es von mir abhinge, theuerſte Mutter, ſo ſollte es bei Gott anders werden, denn von der heutigen Stunde an, ja noch früher, hat mein Herz ſeine Anſprüche an die Seligkeit, welche die Welt zu bieten vermag, aufgegeben; allein mein Wille, mein Verſprechen iſt in dieſer mißlichen Sache von kei⸗ nem Belang. Wir müſſen dabei Hortenſens Glück im Auge haben. Wir können nicht ſo unedel denken, daß wir ſie für unſer zeitliches Wohl werden aufopfern wollen. Ich glaube nicht, habe ſogar nicht die geringſte Veran⸗ laſſung zu glauben, daß ſie mich liebt;— und nun, Mutter, was werden wir gewinnen? nur ein ſtolzes Nein. Und doch, aus Liebe zu Dir,“— er holte tief Athem— „will ich, wenn Du es durchaus verlangſt, mich einer abweiſenden Antwort ausſetzen.“— Baron Karl lehnte die brennende Wange auf die Hand ſeiner Mutter; er wollte ihr den Kampf, welcher ſich auf jedem ſeiner Züge ausprägte, verbergen— einen Kampf, der mit Flammen⸗ 4 ſchrift in ſein Herz geſchrieben war. „Gott ſegne Dich, für dieſe Stunde, mein Sohn! Das iſt die reichſte Freude, welche ich ſeit vielen Jahren empfunden habe!“ ſagte die Baronin und legte die Hand auf das gebeugte Haupt ihres Sohnes.„Allei die Sache muß veruünftig und mit Bedacht betrieben werden,“ fuhr ſie fort und verſiel wieder in ihre gewöhnliche Predigt⸗ weiſe.„Du mußt, gleich andern, die auf die Freieret gehen, damit beginnen, Dich artig zu zeigen, zärtlich und aufmerkſam gegen Deine Auserwählte, mußt drei bis vier Mal in der Woche hinuͤber reiten, hauptſächlich die Amtmännin cacholiren und mit dem Amtmann eine bür⸗ gerlich verſtändige und offen kſare Sprache reden.“ „Ich will es verſuchen, Mutter, ob ich Hortenſens Herz gewinnen kann; allein dabei laß mich meinen eige⸗ nen Weg gehen. Ich kann unmöglich den einſchlagen, welchen Du für mich auserſehen haſt, er iſt gleich der allgemeinen Landſtraße mit ihren Stunden⸗ und Viertel⸗ ſlundenſäulen. Mein Verſprechen haſt Du, Mutter; allein dagegen mußt Du auch mir verſprechen, daß Du, weder ſelbſt noch durch Tante Charlotte Antoinette, deren Ge⸗ ſchwätzigkeit mir im höchſten Grade zuwider iſt und uns bei dem Amtmann mehr ſchadet als nützt, nicht die ge⸗ ringſte Anſpielungen in Bezug auf mein Vorhaben machſt, ſondern der Sache ihren Lauf läßt. Ich will für Eure Wünſche thun, was ich nur immer vermag.“— Bei den letzten Worten ſtand Baron Karl auf, und die Baronin verſprach mit Tante Charlolte Antoinette daruber zu reden und ihr etwas mehr Behutſamkeit und Delikateſſe in dieſem Punkte zu empfehlen, oder ſie noch lieber zu vermögen, ſich gar nicht mit der Sache zu befaſſen. Kaum war Karl auf ſeinem Zimmer angelangt, als er das Geſicht mit beiden Händen bedeckte und ſich auf den Sopha warf. Schwere Seufzer, aus der tiefſten Tiefe ſeines faſt gebrochenen Herzeus hoben ſeine Bruſt in unruhigem Wogen. Ein krampfhaftes Lachen verzog ſein ſonſt ſo ſchönes männliches Geſicht.„Herrlich!“ rief er mit dem Ausdrucke von wildem Schmerz,„in Ehre und Glanz erzogen, aufgedachſen mit der Anſicht, daß der Ebelmann auf derſelben Bahn glänzen müſſe, wo ſeine Ahnen ihre Loorbeere geſammelt haben,— und nun plötzlich zu einem erbärmlichen Glücksritter herab⸗ geſunken! Dieß iſt alſo das würdige Ziel meines Ehr⸗ getzes!“ Er ſchwieg, ſetzte aber ſogleich hinzu:„Wenn ich ſie noch lieben könnte! Die Liebe macht Alles gleich. Von ſeinem Weibe kann der Mann, ohne zu erröthen, Reichthum annehmen, den er ſelbſt nicht bieten kannz allein ohne ein ſolches Gefühl um ein junges unſchuldiges Herz 164 zu buhlen, es in das Netz kalter Berechnung und Eigen⸗ nutzes verſtricken zu wollen, das iſt abſcheulich. Auf der andern Seite dagegen eine Mutter, welche an mir mit ſchwacher, faſt abgöttiſcher Liebe von dem Augenblicke an hing, wo ſie mir das traurige Geſchenk des Lebens gege⸗ ben, eine Mutter, welche ihren einzigen Troſt auf mich ſetzt, ihre letzte Hoffnung für ein nur in Etwas ſorgen⸗ freies Alter! O Gott, welch' ſchreckliche Wahl! Aber ich bin nicht im Stande die Thränen einer Mutter und zweier geliebten Schweſtern zu ſehen— ſie brennen mich uf dem Herzen. So ſey denn das Loos geworfen!“— Bei dieſen Worten erhob er ſich—„weg mit un⸗ männlichen Klagen! keine kommen mehr über meine Lip⸗ pen! Gewinne ich das herrliche Geſchöpf, dann ſoll der zarten Blume kein Sturm auch nur ein Blatt verderben, wenigſtens müßte er zuvor den Stamm zerſplittern, an welchen ſie ſich vertrauensvoll anſchmiegt!— Was ich im Buſen trage ſoll ſie ſehen; jedes Gefühl, das ſich in meinem Herzen regt, auch das allerbitterſte, was ich zu bekämpfen hoffe, ſoll ſie deutlich leſen. Kann ich ihr Nichts weiter bieten, ſo ſey es doch mindeſtens ein unbe⸗ gränztes Vertrauen, unwandelbare Achtung und zärtliche Ergebenheit.“— Ein paar Tage darauf ritt Baron Karl eines Vor⸗ mittags hinüber nach Forshälla. Das Geſicht der Amt⸗ männin ſpielte zwiſchen fſauer und ſüß, der Amtmann war in Amtsgeſchäften abweſend, und Hortenſe, hold und freundlich wie immer, ſchien gewaltig beſchäftigt— ſie hatte heute Vorhänge aufzumachen. Der Baron grüßte die Damen leicht und freund⸗ lich, beſtellte dann ſeine kleinen Aufträge von der Mutter und Tante Charlotte an die Frau Amtmännin, ſo daß dieſe in Folge ſeines vertraulichen, herzlichen Tones und 8 ſeiner gewählten verbindlichen Worte ganz aufthaute und bald die Eisrinde um ihr Herz von den Sonnenſtrahlen ſchmelzen fühlte, welche der Baron darauf richtete. Als r t 1 2 — 5 4 — dafür beſitze.“ Augenblick Alles fertig, und da Sie ſelb 165 der alte gute Ton mit der Hausfrau wieder im Gange war, wandte ſich Baron Karl an Hortenſe mit der Frage, ob ſie ihm heute das Vergnügen machen wolle, welches ſie ihm bei ſeiner letzten Anweſenheit in Forshälla zuge⸗ ſagt habe. „Ach ja,“ entgegnete Hortenſe,„der Tubus ſteht zu Ihren Dienſten, Herr Baron; ich ſelbſt aber habe ſo viel mit den Gardinen zu thun, die ich nothwendig heute aufhängen muß, daß ich auch bei dem beſten Willen, außer Stand bin Ihnen Geſellſchaft zu leiſten. Den Weg wlll ich Ihnen beſchrelben, eer iſt gar nicht ſchwer zu finden.“ „Ich kann auch melnen Wunſch auf ein andres Mal verſchieben,“ verſetzte der Baron in einem Ton, in welchem zugleich ein williges Verſagen und doch auch ein wenig Mißmuth darüber lag. „Ach nein, das Wetter iſt heute ſo ſchön, als man es ſich nur denken kann,“ äußerte die Amtmännin da⸗ zwiſchen.„Das Stubenmädchen mag die Vorhänge auf⸗ machen; ſie kann es eben ſo gut; hat ſogar mehr Uebung darin als Du.“ „Ja, aber, liebſte Mutter, ehe der Papa fortging hat er geſagt, ich ſolle bei Allem ſelbſt Hand anlegen, wale das Zimmer bei ſeiner Ruͤckkehr in Ordnung ehen.“ Die Amtmännin ſchickte Hortenſen einen von den ſo inhaltſchweren Blicken zu, aber dieſe ſah nicht auf, ſon⸗ dern nähte fleißig an ihren Franſen fort. „Na, da machen wir eben die Gardinen zuerſt auf,“ ſagte der Baron vermittelnd.„Ich bin der Tante Char⸗ lotte Antoinette oftmals dabei an die Hand gegangen und hoffe, daß ich meine Hilfe auch hier anzubieten wagen darf; Sie ſollen ſehen, daß ich wirklich einiges Talent „So wollen wir ein Mal die Probe mache gegnete Hortenſen mit einem leichten ichebe„es Ihre G 166 lichkeit rühmen, ſo will ich Ihnen gern ein Geſchäft uͤbertragen, in welchem ich ſelbſt noch lernen kann.“ „Topp!“ erwiederte der Baron und berührte mit ſeiner Hand die außerſten Fingerſpitzen der reizenden Nähterin. 4 Die Amtmännin lüchelte und wünſchte in ihrem Herzen, daß die Amtsgeſchäͤſte thres Herrn und Gemahls heute den ganzen Tag dauern möchten, denn ſeine Ge⸗ genwart ſchien ihr jetzt höchſt überflüſſig. Hortenſe war mit ihrer Arbeit ſchnell fertig und hing die Vorhänge zlerlich über den Arm. Baron Karl nahm aus den eigenen Händen der vergnügten Amtmännin. die vergoldeten Stangen und Ornamente, worauf die jungen Leute nach dem Flügel eilten, wo die Zimmer des erwarteten Notars lagen. „Kommt der junge Bundler hier nicht trefflich und bequem zu wohnen?“ fragte Hortenſe, als ſie in einem ſchönen freundlichen Zimmer mit hübſchen Tapeten und einer entzückenden Ausſicht ſtanden. „Bundler, Bundler!“ wiederholte der Baron und der Klang dieſes Namens ſchien ſeinem Gedankengange eine andere Richtung zu geben. Hortenſe bemerkte es dieß Mal früher als damals, obgleich ſie ſich ſchon vor⸗ her über den Wechſel in des Barons Geſichtszügen ver⸗ wundert hatte, als ihre Mutter ſich über die Leute aus⸗ ließ, welche dieſen Namen trugen. Neugierig fragte ſie deßhalb:„kennen Sie ihn vielleicht?“ „Nein, durchaus nicht,“ antwortete Karl haſtig; „allein dieſer Name hat gleichwohl für mich ein eignes Intereſſe und ſteht mit einer Erinnerung in Verbindung, welche mir ewig theuer bleiben wird.“ „Waren Sie vielleicht ſchon ein Mal in M. 2“ „Niemals.“ „Na, ſo laſſen wir das, helfen Sie mir die Ringe befeſtigen, damit wir einen Anfang bekommen.“ Gehorſam und dienſtfertig half nun der ernſthafte Baron dem muntern Mädchen in der Arbeit; es ward — 3 84 b d . 8 b b E2 167 ihm ſelber dabei leichter zu Muthe und er wurde immer freundlicher, ja faſt luſtig. sr Als ſie fertig waren, wurde die Amtmännin herbei⸗ gerufen, um zu ſehen, ob Alles ſo Recht und in Ord⸗ nung ſey; ſie konnte den Geſchmack und die Geſchicklich⸗ keit des Barons nicht genug loben und preiſen. „Jetzt haben wir das Kabinet noch,“ ſagte Hortenſe und folgte ihrer Mutter, um die letzten Vorhänge zu be⸗ feſtigen. „Das Kabinet,“ wiederholte Karl, als die Frauen⸗ zimmer die Thüre aufſchloßen.„Der Herr Amtmann läßt ihn in der That ſo huͤbſch wohnen, daß man ſieht, er hält ihn für etwas Beſſeres, als nur für einen ge⸗ nößurichen Gehülfen. Ich habe mir es doch ſogleich edacht.“ Mechaniſch öffnete Karl die Thüre und der erſte Gegenſtand, auf den ſeine Augen fielen, war das bewußte Bild, welches er vor ein paar Tagen in dem Familien⸗ zimmer geſehen und das man nun auf Veranlaſſung der Amtmännin heimlich hieher gebracht hatte. Wie der Blitz wechſelten Röthe und Bläſſe auf des Barons Geſicht; das Blut ſchoß ihm in warmen Strö⸗ men zum Herzen. Es glühte und brannte, dazwiſchen fuhr es ihm wieder wie Eiskälte durch die Adern. Ein kalter feuchter Dunſt ſchien aus dieſer Miſchung ver⸗ ſchiedener Elemente empor zu ſteigen, vor deſſen nieder⸗ drückender Kraft ſich der Muth des Mannes beugte. Die Eiche ſchwankt auch wenn ein raſender Sturm ver⸗ heerend daher zieht, hat dieſer aber ausgetobt, ſo richtet ſie ſich wieder auf, wenn ſie auch ſchmerzlich empfindet, daß bei dem Kampfe ein paar junge Schoſſe zu Grunde gegangen ſind. Karl hatte ſich ſchnell gefaßt, raſch trat er vor und griff mit feſter Hand nach dem grauen Florſchleier. In⸗ deſſen blieb er doch ſtill davor ſtehen, verfenkt in das Labyrinth ſeiner Gedanken, als Hortenſe hereinkam, dem wachend Träumenden leicht auf die Achſel klopfte und ſagte. — 4168 „Das Bild hat ja einen unbeſchreiblichen Eindruck auf Sie gemacht, Herr Baron. Ich ſinde es wohl auch ſchön, und das Geſicht des Mädchens wunderlieblich und in der That engelhaft; aber auf Sie äußert es doch einen ganz andern Einfluß. Sagen Sie mir aufrichtig, was iſt es denn eigentlich, das Ihr Intereſſe ſo gewaltig in Anſpruch nimmt?“ „ Wollen Sie cs aufrichtig wiſſen, Hortenſe?“ Es war das erſte Mal, daß er den gewöhnlichen Titel weg⸗ ließ. „Ja, aufrichtig, wenn Sie wollen, Baron Karl; denn ich bekenne, daß Ihr Benehmen in hohem Grade mein Erſtaunen erregt.“ „Nun wohl, ſie iſt es“— Karl zog haſtig die Um⸗ hüllung weg und zeigte mit dem Finger auf die herr⸗ liche Geſtalt des Mädchens;— ſie iſt es, welche mein Herz mit Empfindungen füllt, die an Anbetung gränzen. Betrachten Sie ſie, gute Hortenſe, betrachten Sie ſie recht und ſagen Sie, ob es nicht verzeihlich iſt, daß man ſich tief und mächtig ergriffen fühlt, wenn man in dieſe wunderbar ausdrucksvollen Augen und auf dieſe Züge blickt, über welche die Schmerzen des Erdenlebens gewiß nie einen zerſtörenden Schrecken ziehen können, denn ihre Schönheit iſt zu erhaben, zu heilig, als daß eine irdiſche Verheerung ſie treffen könnte.“ „Aber, Baron Karl,“ wendete Hortenſe ein und ihr Lächeln war der Widerſpiegel des Schönſten, was man beim Weibe findet,(deßhalb aber auch am ſeltenſten) nämlich eines Gemüthes, ohne allen Neid bei dem Lobe einer Andern,„es iſt aber ja nur ein lebloſes Bild.— Wie kann man nur in ſolche Anbetung verfallen? Ich finde dieß ein wenig ſonderbar, wenn nicht gar heidniſch.“ „Wie edel und gut Sie doch find, Hortenſe!“ ver⸗ ſetzte Karl mit Wärme.„Sie zürnen mir nicht ob mei⸗ nes Vertrauens, und doch gibt es Manche, welche finden möchten, daß Sie in Bezug auf Schönheit mit ihr in die Schranken treten könnten.“ 2 169 das Mädchen muthwillig aus,„und wir haben noch gar nicht an unſere Vorhänge gedacht. Kommen Siel Nach⸗ her wenn Sie wollen, mögen Sie ungeſtört bleiben, woährend ich Blumen in die Krüge ſtelle.“ /„Wann kommt denn der Erwartete?“ „Morgen!“— Hortenſe eilte auf die am Fenſter ſteh nde Leiter zu und verſchwand wie eine Elfe in einer duftigen Wolke. ick„In der That!“ rief Hortenſe munter aus.„Warum ch flnden Sie es denn nicht auch? Warum ſind Sie den ad nicht auf den Gedanken gekommen mich anzubeten?“ ch„In dieſem Augenblick könnte ich mich wahrhaftig, g, 8 dazu verſucht fühlen,“ entgegnete Karl;„aber,“ ſetzte er g 8 mit innigem Ernſte hinzu,„wenn ich Ihnen auch keine 8 ſolche Anbetung zu zollen vermag, ſo ſoll Ihnen doch 8 ewig meine reinſte, höchſte Achtung, mein wärmſtes Wohl⸗ ⸗ wooöllen bleiben,— im Foll Sie es nicht verſchmähen.“ 6 „Keineswegs,“ lächelte Hortenſe ſanft und ſchalkhaft ; zugleich.„Ich ſammle ſtets gerne die Broſamen— ſie e find auch nicht u verachten— und ſage deßhalb: Dank, 8 Buaron Karl: Ich weiß die Gefühle zu würdigen, welche — 4 Sie mir zutheilen und welche, aufrichtig mir mehr Ver⸗ . annügen machen, als die, welche Sie Ihrem Ideale 1 wweeihen.“ .„Meinem Ideale, ja!“ der Baron lächelte, aber es 3 war kein gutes, ſeelenvolles Lächeln. Die böſen Mächte heatten ihren bittern Hohn darunter gemiſcht. Mit trübem 2 Blicke kreuzte er die Arme über die Bruſt und ſah Hor⸗ 1 teenſe an. „Ach, nun benjunen Sie wieder zu träumen!“ rief —y 82 7 — Sechszehntes Kapitel. Iſt das wohl recht und in der Ordnung?— Richtet nicht! Denn Sünder ſind wir Alle. Shakspeare. Gotthard Bundler an Hermann Dahl. Forshälla, den 18. Juli 1828. Nun bin ich hier, lieber Hermann, in meiner neuen Heimath, und wie wir bisher einander unſre Gedanken, Gefühle und Schickſale mitzutheilen gewohnt waren, eben ſo getreulich wollen wir auch in Zukunft unſern löbli⸗ chen Brauch fortſetzen; denn dieß iſt doch immer wenig⸗ ſtens ein Zuſammenleben, wenn auch nicht ſo ſchön und dungen und Anſichten austauſchen könnten. Der Früh⸗ ling der Jugendzeit und der Jünglingsjahre iſt nun für uns vorüber,— wir wollen ſehen ob uns das fernere Mannsgalter Roſen oder Dornen bringt! Wir ſind nun in das Leben eingetreten,— in das eigentliche Leben— um thätige Glieder in der großen Kette zu werden; wir ſind dreiundzwanzig Jahre alt, alſo Männer, ſoweit nämlich Ernſt, Kraft und Ent⸗ ſchloſſenheit den Jüngling zum Manne machen— und die erſte Probe, welche wir davon abgelegt haben, war unſre Trennung. Wir hatten übrigens eine lange Genuß⸗ und Vorbereitungszeit an dem ganzen vergangenen Jahre, vergönnte, nachdem ich, als wohlbeſtellter Hofgerichts⸗ Afleeher, meinen damaligen Aufenthalt Jönköping ver⸗ afſen he te. befriedigend als wenn wir jeden Augenblick unſere Empfin⸗ das mir mein Vater auf Deine und der Mutter Fürbitte Statt ſogleich hieher zu reiſen begab ich muüſſen, in Zukunft auf getrennter Lebensbahn zu wan⸗ regneriſchen Nachmittae, als bemeldete Perſon ihrrn) mich mit Dir nach Stockholm, und während Du Dich in den Spitälern herumtriebſt, genoß ich das friſche heitere Leben, wiewohl nie ganz vollſtändig— denn Du nahmſt keinen Theil daran. Wuͤnderbar ſchnell verging dieſes Jahr, und mit Muͤhe erbat ich mir noch zwei Monate weiter, welche ich in dem geliebten Kreiſe unſrer Famille zubringen durfte. Du bleibſt in Stockholm, denn bei Dir geht nie das Vergnügen der ſtrengen Pflicht vor. Im Herbſte aber Hermann, im Herbſte, als Du nach M.. kamſt, um nach drei Jahren angeſtrengter Arbeit ein paar Tage auszuruhen, da ſollteſt Du Erſatz für all' Deinen Fleiß finden, denn— Hulda— doch genug!— Dleß Kapitel möchte zu weitläufig werden;— ich bin auch eigentlich ganz von unſerm Gegenſtande abgekommen, denn ich wollte ſagen, daß wir uns in die Nothwendigkeit ſchicken deln, bis dieſe uns wieder zuſammenführt, während ſie uns nur gleichſam durch das Vergrößerungsglas der Hoffnung eine zeitweiſe Rückkehr in das geliebte Vater⸗ 1 haus in Ausſicht ſtellt. So müſſen wir denn nun, wohl oder übel, in den ſauren Apfel beißen, und ſollte er Dir im Halſe ſtecken bleiben wollen, ſo mach' es wie ich, Hermann, und trink' ein Glas friſches Waſſer; denn Du weißt, es ſteht zu leſen, ich weiß nicht mehr wo, Waſſer ſey für alle Krank⸗ heit gut, hauptſäch lich für Gefühlsaufwallung, Sehnſucht, Unruhe, vielleicht ſogar für die Liebe. Ich werde es wohl auch ein Mal probiren müſſen, Indeſſen wollen wir nun, nach gewöhnlicher Ordnung, mit dem Anfange anfangen, und zwar:“ Mit der Ankunft des Hofgerichtsnotars„jebzigen Vicediſtriktsrichters Gotthard Bundlers Ankunft auf dem Amtshofe zu Forshälla. Es war den fünfzehnten huj — ujus, alſo ehevorgeſtern, an einem verdam it windigen und 172 Einzug auf einem höchſt eleganten blau angeſtrichenen Sonntagskarren bielt, welchen der Gaſtwirth zu Hull, aus beſonderer Rückſicht für allenfallſigen Rath und Hilfe von Seiten des neuen Notarius, anſpannen ließ. Als eine Sache, welche ſich von ſelbſt verſteht, brauche ich nicht zu ſagen, daß der Gaſtwirth in höchſt eigener Perſon die aufgehende Gerichtsſonne kutſchirte, und nebenbei alle jemals abgehandelten, obſchwebenden und künftigen Rechts⸗ ſachen, bei löblichem Gerichte, ſo welt ſeine Erinnerung und ſein Wiſſen ſich erſtreckte, auskramte, welche belde Eigenſchaften, wenigſtens ſo wie ich die Sache anſah, mir ſowohl in Länge als Brelte etwas zu weitläufig vor⸗ kamen. Endlich waren wir am Ziel. Auf dem Hofe zeigte ſich kein lebendes Weſen, und das große gewölbte Haus⸗ thor war geſchloſſen, was in mir eine Empfindung von Unbehaglichkeit erregte, welche in dem Maße zunahm, als ich nicht die geringſte Anſtalt merkte, daß es überhaupt geöffnet werden ſollte. Durchgeblaſen, naß und verdrießlich wie ich war, hatte ich mir, namentlich während der letzten Wegſtrecke, Rech⸗ nung auf einen herzlichen Willkomm nebſt einer Taſſe guten, warmen Thee, kurz auf eine heimiſche Aufnahme gemacht. Dagegen ſtand ich jetzt, meine Hutſchachtel in der einen, den Regenſchlrm in der andern Hand, triefend vor Waſſer und kochend vor Aerger da, und ſtand und ſtand, ohne daß irgend ein menſchliches Weſen auch nur die geringſte Notiz von mir zu nehmen ſchien. „Nehm' Er den Reiſeſack ſammt der Schatoulle und folge er mir,“ ſagte ich mit meinem Kutſcher. Dann ging i —+ 173 deßhalb noch keineswegs glauben, daß ich jetzt hinein⸗. kam;— Gott bewahre! „Sind Sie der Herr Notarius?“ fragte die ſchlur⸗ fende Nymphe mit ſchnarrendem Tone und ſtellte ſich mitten auf die Schwelle. „Ja, ich glaube es wenigſtens!“ entgegnete ich mit all' dem Gewichte, das ich meinem erſten Auftreten ſchuldig zu ſeyn glaubte;„Iſt die Herrſchaft zu Hauſe?⸗ „Der Amtmann ſſt verreist, aber die gnädige Frau find daheim und laſſen dem Herr Notarius ſagen, wenn er ſich umgekleidet habe, erwarte Sie ihn.“ Ehe ich nun in meinem Berichte weiter fortfahre muß ich Dir mittheilen, warum die Amtmännin in ihrem Hauſe„gnädige Frau“ heißt. Die Sache an und für ſich wäre eigentlich Nichts, erhält aber durch beſondere Uumſtände einen ganz eigenen Anſtrich. Ich habe es von einem der Kanzliſten und erwähne es hier als einen Bei⸗ trag zu den mannichfaltigen und ſinnreichen Erfindungen der weiblichen Eitelkeit. Vor mehreren Jahren war die Rede davon, daß der Amtmann, welcher damals noch Diſtriktsrichter war, den Hofgerichtsrathstitel erhalten ſollte; da er aber dafür hätte zahlen müſſen, ſo ließ der Amtmann, als ein ver⸗ ſtandiger Mann, die Sache auf ſich beruhen und be⸗ dankte ſich höhern Ortes für die Ehre. Nicht ſo die Amtmännin; dieſer ſtack beſtändig der ſchöne Titel„Frau Hofgerichtsräthin“ im Kopfe, er blieb aber für ihre Sehnſucht viel zu lange aus. Um nun die Zwiſchenzeit nicht ohne allen Gewinnſt verſtreichen zu laſſen, rief ſie eines Tags, als der Amtmann gerade auswärts war, ihre ſäͤmmtlichen Dienſtboten zuſammen und ſoll Ihnen folgende erbauliche Rede gehalten haben: Meine Kinder! Sintemal es Guch bekannt iſt, das Se. Majeſtät der König, welche meinem Gemahl, Eurem hochverehrten ———— Gebieter, in Gaaden gewogen find, huldreichſt geruht —— — — —— 174 haben, ihn für ſeine vieljährigen treuen Dienſte zum Hofgerichtsrathe zu ernennen, ſo habe ich in Erwägung gezogen, daß der Titel, welcher mir nach Maßgabe der Standeserhöhung meines Gemahls zuſteht, nämlich Frau Hofgerichtsräthin für Euch, meine Kinder, etwas zu lang und zu ſchwer auszuſprechen ſeyn möchte, und deß⸗ halb beſchloſſen, daß Ihr in Zukunft nur ganz gewöhnlich, ſchlecht und recht„gnädige Frau“ zu mir ſagen ſollt!“ Und dabei blieb es auch.— Nun weiter im Tert. „Ihro Gnaden find daheim und laſſen dem Herrn Notarius ſagen, wenn er ſich umgekleidet habe, erwarten Sie ihn.“ „Nun, das werde ich doch nicht hier mitten im Hofe thun ſollen!“ erwiederte ich, ganz erbost über die vor⸗ nehmen Umſtände. „Er bewahre! dort in jenem Flügel ſollen Sie wohnen, Herr Notarius,“ und mit einem ſchielenden Seitenblicke auf meinen Regenſchirm, welchen ich aber nicht verſtehen wollte, trippelte meine Jungfer im Platz⸗ regen über den Hof. Ich ſtracks hinten nach und beſand mich bald in ein paar hubſchen, freundlich und behaglich ausſehenden Zimmern, welche vollkommen geeignet waren, meine gute Laune wieder herzuſtellen, da ſie mir alle Bequemlichkeit verſprachen. Alles war in beſter Ordnung. Nachdem ich meinen kutſchirenden Gaſtgeber bezahlt und ihm mühſam begreif⸗ lich zu machen verſucht hatte, daß ich jetzt vollſtandig orientirt ſey, ſkiſirte ſich endlich dieſer, und ich verfügte mich in das innere Zimmer, um mich nach Maßgabe der obſchwebenden Umſtande in Wir zu verſetzen. Aber, was meinſt Du, was ich dort zu meinem größten Erſtaunen vor Allem erblickte. Nichts Geringeres als das Familien⸗ bild, welches mich ſo viele anhaltende Arbeit gekoſtet hat und erſt kürzlich fertig geworden iſt. Mein Vater hatte ſeinem alten Freunde, dem Amtmann Thorſen, ein Ge⸗ ſchenk damit gemacht. Es war der größte Beweis von⸗ 8V—ä— õ4õ„õ 111 NSDNRbn— — auch wohl nichts Beſſeres thun, und ſa 175 Achtung, welchen er ihm geben konnte, daß er ſich eines 8 Kleinodes entäaußerte, das unſer aller Stolz war, und Du wirſt leicht einſehen, daß ich mir gar nicht denken konnte, wie dieſes Bild in mein Zimmer gekommen ſeyn ſollte. Verachtung gegen das Gemalde und den Künſtler? das war zu plump; Aufmerkſamkeit?— zu viel! Ich ſann hin und her, beſchloß indeſſen weislich, mich alles Urtheils bis Morgen zu enthalten Bald war ich umge⸗ kleidet; und als ich nach dem letzten Manoeuver mit der Haarbürſte, in den Spiegel ſah, bemerkte ich nicht ohne ein gewiſſes Wohlgefallen, wo nicht gar Stolz, daß ich in meinem eleganten modernen Anzuge gar keine üble Figur machte. Schnell fuhr ich in die Galloſchen und den Makintoſh, und, eins, zwei, drei war ich über den Hof, zu der jetzt blos angelehnten Thüre hinein, wbo meine Jungfer auf der Treppe wartete. Es kam mir vor, vielleicht war es auch ibloße Ein⸗ bildung, als betrachte ſie mich mit großem Wohlgefallen— ich mußte ſin dem naſſen Pelzkragen verdammt ſchlecht ausgeſehen haben. Jungfer Eva machte einen Knix und öffnete die Doppelthüre mit einem gewiſſen feierlichen Geräuſche. Unter tieſen Verbeugungen, den Hut in der Hand, denn die naſſe Mütze hatte ich nicht für ſchicklich gehalten, ſtand ich mitten im Zimmer, ungewiß, ob ich mich weiter vor wagen ſollte oder nicht. Auf einer Erhöhung an einem Fenſter ſaß in einem Armſtuhl die hohe Dame; ſie hatte ſicher abſichtlich den höchſten Platz im Zimmer eingenommen und ſah aus, wie wenn ſie nichts Geringeres erwarte, als daß der Ein⸗ tretende ſich auf die Erde niederwerfen und die demüthige Bitte herſtammeln ſollte, in der Nähe eines ſo ſüblimen Weſens athmen zu dürfen. Die ſcharfen anhaltenden Blicke, mit denen ſie mich von Kopf bis zu Fuß muſterte, brachten mich ein wenig aue dem Conzept; ich bückte mich noch ein Mal, konnte 8“ —— 2 gte dann Etwas, 176 das einer Präſentation meiner Perſon gleich ſah, nebſt ein paar Worten von dem Vergnügen, nach einer ſo weiten und beſchwerlichen Reiſe in einem ſo behaglichen Hafen Anker werfen zu dürfen. Ich erhielt aber einen Blick, welcher mir hinlänglich zu erkennen gab, daß ein) ſolcher Ton viel zu vertraulich war, und ohne mich eines Willkommwortes zu würdigen, erwlederte Ihre Gnaden als einzige Antwort auf meinen Vortrag, blos: „Sie haben ſchlimmes Reiſewetter gehabt, Herr Notarius.“ Ich verbeugte mich auf's Neue und bedauerte, daß der Herr Amtmann nicht zu Hauſe ſey. Ihro Gnaden winkten mir zu, Platz auf einem Stuhle am Kamine zu nehmen und fuhren fort:„Wenn wir Thee getrunken haben, den Sie heute Abend hier ein⸗ nehmen werden, wird das Mädchen Ihnen das Zimmer der übrigen Schreiber zeigen, wo Sie fich mit Ihren Herrn Collegen unterhalten können.“ Das Blut ſtieg mir in das Geſicht;„Das Zimmer der uͤbrigen Schreiber und die Herren Collegen“ klang mir gewaltig unharmoniſch in die Ohren. „Um Vergebung, Madame,“ ſagte ich und ſtand auf, „ich bin bei dem Herrn Amtmann nicht als Schreiber angeſtellt, ſondern als ſein Gerichtsafſiſtent, und...“ „Gleichviel,“ unterbrach ſie mich haſtig, und ihr flammendes Geſicht und das heftige Zittern, welches man an den Nadeln ihres Strickzeugs bemerken konnte, zeigten deutlich, daß ihre Aufregung nicht geringer war als die meinige.„Gleichviel, ich habe einmal die Gewohnheit und werde ſie auch beibehalten, alle Herren auf meines Mannes Kanzlei Schreiber zu heißen, und mache keinen Unterſchied.“ 3 Hiermtt ſchloß die Amtmännin; ich ſetzte mich nieder, ohne recht zu wiſſen, was ich vorbringen ſollte, um meine Perſon in einiges Anſehen bei der ſonderbaren Frau Ge⸗ bieterin zu ſetzen;— indem kam Jungfer Eva und mel⸗ — dete, der Thee ſey im Vorzimmer bereit. Die Amtmännin —— ——,————.*—— 177 erhob ſich und gab mir durch eine leichte Beugung des Kopfes zu verſtehen, daß ich ihr folgen folgte; und nun „Welch' neue Scene ging vor meinem Blicke auf!“ In der That, Forshälla beſitzt eine kleine Göttin, aber nicht von der gewöhnlichen Art. Die junge Hor⸗ tenſe ſaß an einem eleganten Piano, ſpielte aber nicht; eine ihrer zarten weißen Hände lag ruhig auf den Taſten, mit der andern ſtrich ſie ſich die Locken aus der Stirne. sben Hortenſe ſtand ein junger Mann von tieffinnigem, ernſtem, aber einnehmendem Ausſehen, mit einer Flöte in der Hand. Es lag etwas Seltſames in ſeinem Weſen, etwas Edles, etwas, ich möchte ſagen, zugleich Abſtoßen⸗ des und Anziehendes. Hortenſe ſtand auf und nun prä⸗ ſentirte die Amtmännin ihre Tochter und den Baron Silberſparre dem neuen Schreiber ihres Mannes, Herrn Bundler. Ich ſah wohl, wie Hortenſe über die ganz eigne Un⸗ höflichkeit ihrer Mutter erröthete.—„Ich hoffe,“ ſagte ſie und verbeugte ſich vor mir mit aller Anmuth, deren ein ſechszehnjähriges Mädchen fähig iſt,„ich hoffe, Herr Notarius, daß es Ihnen bei uns gefallen wird; denn Sie haben ſchon einen großen Stein im Brette beim Papa, Herr Notarius.“ Mit ein paar verbindlichen Worten dankte ich dem hübſchen Geſchöpfe für ſeine freundliche Aufmerkſamkeit und erwiederte dann den kräftigen, unerklärlich herzlichen Händedruck des Baron Silberſparre. Jetzt entſtand eine kleine Pauſe, welche glücklicherweiſe auf eine ſehr will⸗ kommene Art ein Ende nahm. 8 „Ach, da kommt ja der Vater,“ rief Hortenſe und eilte hinaus, ihm entgegen. Es wäre ſchwer, über die Empfindungen Rechenſchaft zu geben, welche die heran⸗ nahende Entſcheidung meiner Stellung in dem Hauſe in mir erregten, denn ſie waren geheiligter Natur. Hatte nicht der Amtmann in ſeinem letzten Briefe meinem Vater das Wort gegeben, daß ich wie ſein eigener Sohn Die Milchbrüder. 1. 2 behandelt werden ſolle? Was hatte ich aber nun, nach der Art, wie die Frau mich empfangen hatte, zu hoffen? Meine Augen waren auf die Amtmännin gerichtet und ich ſah, daß ſie irgend Etwas dachte, was ſie in Unruhe verſetzte; ihre dicken Wangen waren ſo roth und heiß, daß ſie in ſtrahlendem Glanze leuchteten. Jetzt hörte man kräftigen Männertritt auf dem Vorſaal und bald ſtand ein großer, ſtarker, ehrfurchtgebietender, ſchöner Mann vor mir. „Willkommen, Junge!“ ſagte eine tief volle Baß⸗ ſtimme, und mit ein paar gewaltigen Armen drückte er mich väterlich an ſeine Bruft. Der erſte Augenblick dieſer Aufnahme überzeugte mich, daß der Amtmann Thorſen ein Mann war, der ſein Wort zu halten pflege. Als er mich aus ſeinen Armen losgelaſſen hatte, gruͤßte er den Baron, wie mir ſchien, etwas kalt mit den Worten:„Ihr Diener, Herr Lieutenant 14— nickte ſeiner Frau freund⸗ lich zu, fragte mich über das Befinden meines Vaters und ob ich keine Briefe von ihm mitbringe. 8 Ich griff in die Bruſttaſche, gab ihm den Brief und ſagte:„Gottlob, mein Vater hat keine Urſache, über ſein Befinden zu klagen und ich bin überzeugt, daß dieſes Schreiben Alles enthalten wird, was ein zärtlicher Vater ſagen kann, um ſeinen Sohn Ihrer Wohlgewogenheit zu empfehlen.“— „Du ſiehſt mir aus, als ob Du Dich ſelbſt zu em⸗ pfehlen wüßteſt, mein Junge,“ meinte der Biedermann; „um aber gleich im Anfange allem Fremden unter uns ein Ende zu machen,“ ſetzte er hinzu,„ſo nennſt Du mich ach Oheim und dieſe da Tante;“— hiermit 8 igte er auf ſeine Frau. MNaun hätteſt Du aber die ſtolze hochmüthige Frau 4 ſehen ſollen. In tauſend Nüancen blitzten alle möglichen Regenbogenfarben auf ihrem Geſichte,— wie es in ihrem Herzen blitzte, will ich dahin geſtellt ſeyn laſſen. Mit viel gedämpfterer Sinag, als ich erwartet hatte, erwie⸗ derte ſie:„Wir ſind no ſo wenig bekannt mit einander 7 4 14 3 N N 179 daß es doch etwas kurios herauskäme, wenn man ſo ohne alles Weitere mit der Thüre ins Haus fallen wollte.“ „Hm, das kann ich durchaus nicht finden,“ entgeg⸗ nete der Amtmann,„da der junge Mann jedenſalls als ein Mitglied unſerer Familie angeſehen werden ſoll, ſo halte ich es für das Geſcheidteſte, lieber heute als morgen damit anzufangen.„Alſo bleibt es dabei.— Wie iſt es denn aber, habt Ihr ſchon Thee getrunken?“ Wie der Wimpel eines Dreimaſters im Sturme flat⸗ terte der Amtmännin ihr großes Halstuch um Schultern und Rücken, als ſie mit größter Heftigkeit auf den Thee⸗ tiſch losfuhr und, um durch irgend eine mechaniſche Be⸗ wegung ihr kochendes Blut am Ünterlaufen zu verhindern, ſich zu einem Geſchäfte herabließ, mit welchem ſie ſich ſonſt nicht befaßte, nämlich mit Einſchenken des Thees. Es blieb aber bei einem Geklapper mit den Taſſen und einem Raſſeln mit dem Theekeſſel. Da ſie dieß ſtehend verrichtete, ſo nahte ich mich ihr artig und ſagte:„Sie erlauben, daß ich Ihnen einen Stuhl anbiete, gnädigſte Tante;“ dabel ſah ich, wie ich gewiß weiß, ſo gentil wie möglich aus. Allein es traf mich ein Meduſenblick, in welchem die vollkommenſte Zurechtweiſung lag, die je einem jungen Manne zu Theil geworden iſt.„Hortenſe,“ rief die Amt⸗ männin in ſtrengem Tone,„ich denke, Du ſollteſt wiſſen, daß dieß Dein Amt iſt!“— Mit dieſen Worten ging das ſtolze, tief verwundete Weib zum Fenſter, riß es auf und ließ die friſche Abendluft ihre Wangen kühlen. Während Hortenſe einſchenkte, fühlte mir der Amt⸗ mann auf den Zahn, ob ich auch in meiner Juriſterei zu Hauſe ſey, und ich hatte das Glück, das Examen zu ſeiner großen Zufriedenheit zu beſtehen. Wenn ich da⸗ zwiſchen nach der Seite blickte, wo Hortenſe mit Baron Silberſparre plauderte und ſcherzte, ſchien er es gar nicht übel zu nehmen; im Gegentheil, er lächelte mit väter⸗ licher Güte, wenn meine Antwort, in Folge meines unfreiwilligen Lauſchens, auch ein wenig verkehrt ausfiel. * 180 Wenn Du dieß ließeſt, Hermann, ſo wirſt Du den Mund verziehen und allerlei dabei denken; denke aber, was Du willſt, ich kann Dir auf Ehre verſichern, daß ich nicht in das Mädchen verliebt bin und es auch nie zu werden hoffe. Das Kapitel von der Liebe kann ich nicht ohne Schaudern abhandeln. Es kömmt mir immer vor, als ob ich Hedda einmal wieder ſehen würde und als ob ſie ungetheilten Anſpruch auf mein Herz hätte. Und doch, Hermann, fühle ich jetzt, wo nicht mehr der Roſenglanz der Schwärmerei dem Andenken an jene Zeit ſeine reiche Farbenpracht leiht— fühle deutlich und tief, daß ein ſolches Wiederſehen, nach welchem mich ſo ſehr verlangt, mein Unglück ſeyn wird. Wir ſtehen Beide auf einer viel zu ungleichen Bildungsſtufe, und wenn ich ganz auſ⸗ richtig ſeyn ſoll, iſt das Gefühl, welches Alles ausglich, ſo ganz und gar verſchwunden, daß alle ſeine Beſtand⸗ theile in Duft und Nebel aufgelöst ſind.— Iſt dieß Leichtſinn oder Vernunft, Hermann, oder lediglich ein natürlicher Beweis, wie leicht der Menſch vergeſſen kann? Ich weiß es nicht. Eins aber weiß ich mit Gewißheit, und das iſt, daß Hedda den einzigen Er⸗ ſatz, welchen ich ihr zu geben im Stande bin, fordern kann; denn nie werde ich ſo niedrig denken, einen ſolchen für uͤberfluſſig anzuſehen, weil ſie nicht meinem Stande angehört, oder noch niederträchtiger, weil unſer Verbin⸗ dungsglied geriſſen iſt. Nein, lebt ſie noch, kann ich ſie auffinden und iſt ſie mir treu geblieben, ſo... Du weißt das aber ſchon im Voraus, wie ich darüber denke, und wiederhole dieß nur deßhalb, weil ich nicht haben will, daß Du falſche Schlüſſe daraus ziehſt, wenn ich jetzt oder künftig von Hortenſe ſpreche. Ich merke übrigens, daß ich ganz von unſerm eigent⸗ lichen Terte abgekommen bin.— Als der Thee abgetra⸗ gen war, machte die Amtmännin, welche ſich an der friſchen Luft wieder etwas erholt hatte, den Vorſchlag, 8 Hortenſe und der Baron ſollten Muſik miteinander machen. Sie gingen, ohne ſich weiter bitten zu laſſen, zum Klayier, 8 1 181 aber an dem unruhigen Hin⸗ und Herrücken des Amt⸗ manns auf dem Sopha merkte ich deutlich, daß er kein großes Gefallen daran hatte. „Spilſt Du ein Inſtrument, Gotthard?“ fragte er haſtig. Waldhorn.“ „Ja, Oheim, ein Bischen Violine. Auch blafe ich „Schön, mein Sohn, das freut mich; Du ſollſt Hortenſe zuweilen accompagniren. Ich kann die weibi⸗ ſchen Töne der Flöte für den Tod nicht lelden.“ Bei dieſen Worten ſchlug er mit nachläſſiger Gleich⸗ gültigkeit die Beine über einander und paffte hörbar aus ſeiner Pfeife. Mit finſterm Blick und einer unwilligen Bewegung die Flöte auf das Klavier und legte Baron Silberſparre griff nach ſeiner Mütze. men nicht erklären; alle Scharffinns, um zu ſehen Ich konnte mir dieſes Beneh⸗ in es bedurfte eines geringen , daß in des Amtmanns Weſen ein Grad von Aufrichtigkeit lag, welcher freilich auf nicht ſehr freundliche, aber doch ſehr verſtändliche Weiſe, in mehr als einer Hinſicht kund gab, wie er in die em Punkte dachte. Es herrſchen und ſchaffen in dieſem Hauſe viele heimliche Kräfte, welche in ganz entgegenge⸗ ſetzter Weiſe auftreten, das iſt klar.— Es bemächtigte ſich nun Aller eine Verſtimmung, welche um ſo mehr zunahm, als Baron Silberſparre haſtig ſeinen Gehrock zuknöpfte. Die Amtmännin ſchickte ihrem Manne einen vorwurfsvollen Blick zu, und Hortenſe machte ſich am Sopha Etwas zu ſchaffen, um ihrem Vater bittend in die Augen zu ſehen. Ich weiß nicht, ob der Alte ihrem Blick nicht widerſtehen konnte, oder ob er wirklich fühlte, daß er den Baron beleidigt habe— genug, er ſagte ganz freundlich: Was eilen Sie denn ſo ſehr, Herr Lieutenant Was ich von der Muſik gemeint; ich gehöre zur a auf die neue Schule.“ geſagt habe, war nicht ſo böſe lien Welt und verſtehe mich nicht Der Baron machte eine ſtumme Verbengungz man ——— 1 1 182 ſah aber dentlich daraus, daß er ſich bitter gedemüthigt fühlte. Es war mir, als höre ich das heftige Klopfen des ſtolzen Herzens, wie er die Flöte nahm, die Hand⸗ ſchuhe anzog und dann ein paar Worte des Abſchieds an die Hausfrau richtete. „Beſter Baron Silberſparre, nehmen Sie doch noch ein Butterbrod bei uns!“ bat Ihro Gnaden in ihrem füßeſten Tone. „Sie entſchuldigen, ich habe noch nothwendige Ge⸗ ſchäfte,“— abermals eine Verbeugung; dieſe galt Hor⸗ tenſe. In ihren klaren Augen ſtanden Thränen; er ſah es und dankte ihr mit einer flüchtigen Bewegung ſeiner zuſammengepreßten Lippen. Jetzt trat er vor den Amtmann. Sie empfahlen ſich einander ſchweigend; mir reichte er die Hand, und als er ein paar Augenblicke ſpäter wie der Blitz auf ſeinem ſchwarzen Renner am Fenſter vorbei flog, winkte ihm das Mädchen ihr letztes Lebewohl mit dem Taſchentuche zu; mein ehrlicher Alter, welcher ſeine großen Eigenheiten, vielleicht gar Fehler, haben muß, murmelte etwas von Armuth und Hoffarth in den Bart. Dann entſtand eine Pauſe von einigen Minuten. Endllich loͤste der Amtmann den böſen Zauber. Als wenn nichts vorgefallen wäre, ſagte er mit ſeiner freund⸗ lichen, etwas groben Baßſtimme:„Ei, mein ehrlicher Aunge, ich habe mich ja füͤr das ſchöne, werthe Geſchenk von Deiner ganzen Familie noch gar nicht bedankt; komm, und ſieh' ſelbſt, ob wir ihm nicht den Platz angewieſen haben, wo es am beſten im Licht hängt.“ „Ich bitte um Vergebung, lieber Oheim,“ erwie⸗ derte ich etwas erſtaunt;„in das kleine, nette Zimmer, welches ſo viel Schatten von den hohen Baͤumen des Gartens hat, fällt wohl kaum Licht genug für das Bild.“ 8 „Ich glaube, Du faſelſt, mein Junge,“ verſetzte der Amtmann lachend,„oder träumſt Du gar am hellen ie ganze Seite geht ja auf den Fluß und den ————— 183 Hof, wo nicht ein einziger Baum ſteht. Trotz Deinem Künſtlerblick will ich Dir beweiſen, daß Du Unrecht haſt. Geh' mit, Hortenſe, Du auch, Alte; der junge Herr ſoll es ſelbſt ſehen und zugeben, daß wir die Sache verſtehen und er im Irrthum iſt.“ „Lieber Alter, wir können es ja auf Morgen ver⸗ ſparen,“ entgegnete die Amtmännin eifrig;„ſo lange hat es doch wohl noch Zeit und Herr Bundler wird ſich auch, auf eine ſo beſchwerliche Reiſe, nach einem ſtärkenden Abendeſſen ſehnen; eine Taſſe Thee will juſt nicht viel ſagen, wenn man ein paar Tage lang auf Bauernkarren herumgeſchüttelt worden iſt.“ Du kannſt Dir denken, in welches Erſtaunen mich der Sonnenſchein der Artigkeit von der Frau Amtmännin verſetzte; der Oheim lächelte aber und meinte, daß ich wahrſcheinlich auf meiner Reiſe nicht ſolchen Hunger ge⸗ litten hätte, um nicht noch eine Viertelſtunde warten zu können, ergriff ohne weitern Zeitverluſt meinen Arm und führte mich durch einige Zimmer, welche ich noch nicht geſehen hatte, in das Kabinet, wo nach ſeiner Voraus⸗ ſetzung das Bild hieng. Ich wünſchte, Du wäreſt dabei geweſen und hätteſt geſehen, was mein Alter für Blitze aus ſeinen grauen Augen auf ſeine Frau ſchoß, welche mit Hortenſe lang⸗ ſam hinterdrein kam, als die Thüre aufgieng und, ſtatt des erwähnten Kleinods, ſein eignes Bild aus einem großen Spiegel ihm entgegenſah. „Lu ſe!“ rief er in einem Tone, welcher die Amt⸗ männin ohne Zweifel an die Gerichtspoſaune erinnerte; „Luiſe, wer hat dieß gethan?“ 1 „Ich lieber Mann; ich habe gedacht,“— dabei zit⸗ terte ihre Stimme wie Espenlaub—„es werde für Herrn Bundler eine ſehr angenehme Ueberraſchung ſein, wenn er das Bild in ſeinem Zimmer fände.“Ä“ Der Amtmann machte ſeiner Frau ein paar Augen,— ich ſage Dir, ein paar Augen, dergleichen ich im Leben nie geſehen habe, und ſagte blos: Dieſe Aufmerkſamkeit wirſt Du ihr wohl ſchenken, Gotthard. Geh', Hortenſe, ſage Berndtſon, daß er das Bild vorſichtig hieher bringt. Der Regen hat aufgehört, es wird deßhalb keinen Schaden leiden; ich ſetze mich nicht eher ruhig zu Tiſche, bevor es nicht Hiabes an ſeinem Platze iſt,— denn Ordnung muß eyn!“ Hortenſe flog hinaus, und kaum fünf Minuten nach⸗ her ſah ich das Bild zu meiner innigſten Freude wieder den Platz des Spiegels einnehmen. Die Amtmännin ſcheint meinem ganzen Geſchlechte ewigen Haß geſchworen zu haben, woher dieß aber eigentlich kommt, habe ich noch nicht ergründen können. Sobald Alles in Ordnung war, wanderten wir nach dem Speiſeſaal, wo vier Herren, die ſogenannten Schrei⸗ ber der Amtmännin, verſammelt waren. Aus ihren verſchiedenen Stellungen und den Plätzen, welche ſie im Zimmer einnahmen, konnte ich ungefähr ſchließen, welchen Grad von Würde jeder bekleidete. Zwei dieſer Herren — ſie waren noch ſehr jung— ſtanden an einem Fenſter und lehnten ſich nachläſſig an den Rahmen. Der Eine ſtrich mit der Hand ein paar Staubfäſerchen vom Frack⸗ ärmel; der Andre ſummte die Melodie eines Studenten⸗ liedes vor ſich hin und trommelte dieſe auf die Fenſter⸗ ſcheibe. Beim erſten Schimmer vom Kleide der Amt⸗ männin aber richteten ſich Beide in ihrer ganzen Länge auf und machten einen höflichen, jedoch nicht allzutiefen Bückling. Es waren zwei Studioſt juris, welche wahrend der Ferien unter der Aegide des Amtmanns den naͤchſten Gerichtsſitzungen beiwohnen wollten, und wurden als die Sekretäre Wall und Thorsmann vorgeſtellt. Nun rich⸗ tete ich meinen Blick weiter hinab, links hinter den Schenktiſch; da ſtand Einer von den Tauſenden, weiche nie weiter kommen, ſondern ewig, arme, un⸗ 8* tergrordnete Schreiber bleiben, und zu allerletzt, am Ofen, ein langer, ſpindedürrer Mann in einem fadenſcheini⸗« gen Frack, an deſſen Knöpfen man ſah, daß der Träger früher Feldmeſſer geweſen und nun— Gott —— — e——— ᷣ —& 185 weiß, wie es gekommen war— den niederſten Platz an des reichen Mannes Tiſch innahm. Nachdem wir Alle— nämlich wer wollte— un⸗ ſern„Appetitſchnaps“ genommen hatten, ſagte der Amt⸗ mann:„Komm Er her, komm er her, Lidner! Daß er dieß doch nie von ſich ſelbſt thun kann!“— Die magre Geſtalt näherte ſich unter Bücklingen und blickte dabei vorſichtig bald rechts, bald links, um ja kelner von den Damen das Kleid zu berühren, die eine Hand hielt der Demüthige faſt hartnäckig auf die Bruſt, antweder, weil er da einen Schmerz fuhlte, oder weil er furchtete, daß der mittlere Knopf, welcher offenbar etwas los war, reißen und möglicherweiſe eine Ausſicht auf die inneren Regionen verſtatten möchte, wohin— wer kann dieß dem armen Mann verdenken?— kein fremdes Auge dringen ſollte. Am Tiſche hatte Lidner den unterſten Platz an der Thüre und öffnete den Mund nur zum Kauen, bis die Amtmän⸗ nin, gleichſam im Vorbeigehen, ſagte:„Ich habe ſeit eini⸗ gen Tagen keine Fiſche geſehen!“ Dieſe mir ganz gleich⸗ gültig ſcheinenden Worte fuhren Lidnern wie ein elektri⸗ ſcher Schlag durch Leib und Seele. Gleichſam verzückt rief er aus:„Morgen iſt das Wetter ſicher günſtig, da werde ich dann wohl Abends meine Netze... Hier wurde er aber plötzlich vom Amtmann unter⸗ brochen:„Wir haben jetzt andre Arbeit als Netze ſtel⸗ len und fiſchen!“ In tiefſter Unterthänigkeit neigte der arme Mann den Kopf ſo tief, daß ſeme wenigen dünnen Haare beinahe den Teller berührten Ein leiſer Seuf⸗ zer Horienſt zog meine Aufmerkſamkeit von Lidner auf ſie. „Der arme Menſch,“ flüſterte ſie,„er hat nur Ein Gefühl, welches Leben in ihn zu bringen vermag, und dieß iſt ſeine Leidenſchaft für das Fiſchen.“ Für dießmal, lieber Hermann, Nichts weiter, als daß der Amtmann, ſeit ich am andern Tage eine lange Unterredung mit ihm hatte, noch mehr Wohlwollen für 186 ſeinen zeitigen Günſtling zu faſſen ſcheint. Gott ſey mit Dir, mein Hermann, bald ſollſt Du mehr hören von Deinem Gotthard.“ Siebenzehntes Kapitel. Auch mir lebt in der Bruſt ein Herz, das ſehnſuchtsvoll— Ein andres ſucht, das ſeine Lieb⸗ erwiedern ſoll. Drum irrt's umher, gleich einem Findelkinde, Zu ſuchen, ob es ſeinen Vater finde. Grafſtröm. In der wilden Gebirgsgegend, welche Wallby um⸗ gibt, ſinden wir ein paar Tage nach den in Gotthards Briefe angegebenen Vorfällen den Baron Karl, in tie⸗ fen Gedanken, an einen Baumſtamm gelehnt, auf dem Boden liegen. Sein Auge haftete unverwandt auf der untergehenden Sonne, deren rothgoldner Schimmer durch die grünen Baumkronen drang, und als ſchon die letzten Flammenſtrahlen hinter den Bergen verſchwunden waren, ſah er noch immer dahin, bis ſich ſeine Augen beinahe kraftlos ſchloſſen. Der graue Schleier der Nacht begann ſeine langen Schatten über die Umgebung zu werfen. Ein kalter Wind fuhr durch die Blätter und ein dichter, böſer Nebel erfüllte die Luft. Karl empfand Nichts davon. Seine Seele war ſerne, ſie durchſchweifte das weite Feld der Erinnerung. Er hatte ſich müde gedacht und gegrübelt über das menſchliche Elend auf dieſer Erde. Sein Geiſt, obgleich an den Körper gefeſſelt, fühlte ſich frei und ledig. In raſtloſem Laufe durcheilte er die Bahn der Vergangenheit; daß er indeſſen oft an⸗ hielt, ließ ſich aus den drei Worten ſchließen, welche zuweilen wie Geiſterhauch über ſeine Lippen gingen: am 23. Ju li, und gerade heute war der 23. Juli. Bei dieſer Abſonderung von der Sinnenwelt war es leicht ₰—9 ☛ 9——— — 187 begreiflich, daß er nicht bemerkte, wie es auf dem Wald⸗ pfade kniſterte und leichte, ſchleichende Tritte⸗ nahten, plötzlich ſtrich ihm eine ſchmeichelnde Hand über die ſchnell ſich aufklärende Stirne und eine weiche, bebende Stimme bat ihn freundlich, heimzukehren. Aus ſeinen Träumen zur Wirklichkeit erwacht— nicht ſelten eine bittre Täuſchung— reichte Karl der Störerin ſeines flüchtigen Glückes die Hand entgegen. „Biſt Du es, gute Selma?“ fragte er ſanft.„Wie haſt Du Dich ſo ſpät am Abend heraus in den Wald wagen mögen, vor welchem Du Dich doch allezeit ſo ſehr gefüͤrchtet haſt?“ „Karl,“ antwortete das Mädchen mit zutrauensvollem Ernſte und einer Feſtigkeit, wie ſie das zarte, faſt weich⸗ liche Geſchöpf früher nie gezeigt hatte; ich fürchte jetzt kein kleines Uebel mehr, da das größte mit jedem Tage näher kommt. Ich ſtand am Fenſter und ſah, wie Du um die Mittagszeit weg gingſt; als Du mit der Dämmerung noch nicht zurück warſt, faßte ich den Muth, und ging aus, Dich zu ſuchen. Ich fühlte zwar eine Be⸗ klemmung um's Herz, als mir das tiefe, dunkle Baum⸗ gewölbe entgegentrat, allein meine heiße Sehnſucht nach einer Unterrebung mit Dir, wie ſie mir zu Hauſe nicht möglich iſt, trieb mich vorwärts, und Gott ſei Dank, daß ich Dich gefunden habe!“— „Arme Schweſter, ich verſtehe Dich.“— Karl erhob ſich, legte Selma's Arm in den ſeinigen und ſo traten beide durch die dunkle Nacht den Heimweg nach ihrer Wohnung, dem Hauſe des Kummers, an. In dem ge⸗ quälten Herzen der Geſchwiſter war auch Alles Nacht und Kummer.„Ich ſehe es Dir an,“ begann Karl, indem er das zarte Geſchöpf mit ſeinem Mantel ſorgſam gegen die feuchte Abendkühle zu ſchützen ſuchte;„ich ſehe es Dir an, daß die Mutter ernſthafte Worte mit Dir geſprochen hat.“ „Ja, faſt harte. Seit Du ihr, nach Deiner Heim⸗ kunſt vom Amtshofe vorgeſtern Abend, die Hoffnung 188 benommen haben mußt, welche ich ſeit etlichen Tagen in ihren, nun wieder trüb gewordenen Augen leuchten ſah, ſeitdem biſt Du, lieber Karl, in dem Walde um⸗ hergeirrt und Mutter hatte ſich in ihr Schlafzimmer ein⸗ geſchloſſen, bis ſie mich heute Nachmittag ruſen ließ und — dem Narren die Hand geben müſſe, dem Hoſkammerer Fuſelberg, der nicht einmal für ſich und aus ſich ſelbſt ſpricht, ſondern immer nur im Auſtrage ſeines Vaters mich begehrt.“ „Und was haſt Du ihr erwiedert, Selma?“ Karls Stimme zitterte bei dieſer Frage. „Ich habe gar nichts erwiedert, Karl. Bekümmer⸗ niß und Thränen hatten die arme Mutter ſo entſtellt, daß ich ihr die einzige mir mögliche Antwort— eine ab⸗ ſchlaͤgliche— nicht zu geben vermochte. Ich ging auf mein Zimmer und ſchloß mich bis zum Abende ein, wo iicch Dich aufſuchen und um Deinen Rath bitten wollte. Aber ſage mir zuerſt, Karl, haſt Du im Sinn, um Hor⸗ tenſe Thorſen zu werben? „Nein, beſte Selma! Das Mädchen iſt lieblich, rein und gut, eine Perle ihres Geſchlechtes; allein ihr Vater mag mich nicht, und mein empfindliches Ehrge⸗ fühl empört ſich gegen die wiederholten Beweiſe ſeiner Mißachtung. Vor einigen Tagen, in einem Zuſtande der Aufregung, in welchem die Mutter in der That die Macht mißbrauchte, welche ein Mutterherz über einen liebenden Sohn hat, gab ich ihr, gehetzt und abgemattet, wie ein lang gejagtes Wild, das Verſprechen, verſu⸗ chen zu wollen, ob ich ihren Wunſch erfüllen könne. Der Erfolg war und bleibt offenbar ein ſo geringer, daß ich ſie noch ein Mal, wiewohl vergebens, davon zu über⸗ unſern Herzen emporgethürmt hat, ſo daß fi nicht mehr verſtehen— ſchmerzt mich am allermeiſten. Ferner erfüllt es mich mit der bitterſten Qual, daß mir alle möglichen Verſuche mißglückt ſind, eine Summe zu⸗ mir ohne Umſchweife verkündigte, daß ich— großer Gott! zeugen ſuchte. Dieſe Scheidewand, welche ſich zwiſchen 5 e einander 189 ſammen zu bringen, mit welcher ich vor Fuſelberg hin⸗ treten könnte, um die Sache auf freundlichem Wege ab⸗ zumachen. Ihr habt mich des Jagdvergnügens halber im Walde geglaubt; nein, ich bin in den letzten Tagen die Kreuz und Quer in der ganzen Gegend umhergelaufen, mein ſtolzes Herz bat ſich ſo weit heruntergelaſſen, daß ich ſogar bei ein paar reichen Bauern mein Heil ver⸗ ſuchte. Mit Hohn wurde ich zurückgewieſen; ſie meinten, ſie ſeien zu gering, um mit dem Herrn Baron in ſolche Beziehung zu treten, der ja bei den Vornehmen, bei ſei⸗ nes Gleichen, leicht das finden werde, was er ſuche, und dergleichen mehr. O, beſte Schweſter, wir haben ſchon viel Bittres im Leben erfahren! allein es gibt nichts Peinigenderes und Niederdrückenderes für Herz und Seele, als demüthig bittend, mit der ganzen Laſt drückender Verlegenheit, vor einem ſolchen rohen, ungehobelten Na⸗ turſohn zu ſtehen, eine abſchlägige Antwort mit unruhi⸗ gem Herzklopfen abzuwarten und dann ſtufenweiſe ſich auf die Folterbank ſpannen zu laſſen, ſehen zu müſſen, wie ſich ihre breiten, tabackgefärbten Lippen in zirkel⸗ förmigem Bogen bis zu den Ohren hinaufziehen, ihre Augen den Bittſteller mit dem Ausdruck dummen Hohnes anglotzen und ſie mit den ſchwieligen Händen in dem ſtruppigen Haare kratzen, um endlich, nach allen dieſen Vorbereitungen ein langgezogenes Nein herauszudrüͤcken; dieß Alles auszuhalten, dazu gehört mehr als menſchliche Geduld, und daſſelbe noch ein Mal, mit eben ſo wenig Ausſicht auf günſtigen Erfolg, durchzumachen, iſt ein reines Ding der Unmöglichkeit. Als meine Verſuche einen ſo ungünſtigen Ausgang genommen hatten, warf ich mich in dem friedlich ruhigen Walddunkel nieder— o wie wohlthuend kühlte mir der Abendthau die brennenden Wan⸗ gen und das gepreßte Herz!“ 2. Laut ſchluchzend ſchmiegte ſich das Mädchen inniger an den geliebten Bruder.„Armer Karl!“ liſpelte ſie; „was haſt Du Alles um unſertwillen leiden müſſen! 190 O wer doch ſterben könnte! Wie ſchön muß es ſeyn, unter dem grünen Raſen zu ſchlummern, wo man Nichts mehr von dem Toben der wilden Leidenſchaften hört, welche über uns den feindlichen Kampf kämpfen!“ Ein tiefer Seufzer aus Karls beengter Bruſt zeigte, daß er in dieſem Augenblicke ihre Gedanken theilte; ſeine Lippen ſchwiegen aber, er hatte nicht das Herz, ihr zu ſagen, um wie vieles ruhiger er ſein würde, wenn er ſeine bleiche, verwelkende Lilie in dem Mutterboden einer beſ⸗ ſeren Welt wüßte. Selma fuhr fort:„Wie glücklich iſt unſere Ebba; ſie iſt Stiftsfräulem und tritt nächſtens in das adeliche Stift zu Wadſtena. Was wird aber aus miß dem armen, kränklichen Edelfräulein, welchem die gewöhnliche Kunſt⸗ fertigkeit fehlt, womit bürgerliche Mädchen ihren Unter⸗ halt verdienen können? Und wenn ich artrgend Grwas der Art aufzufinden wüßte...“ Sie ſchwieg, aber trotz der Dunkelheit ſah Karl, daß ein feines Roth ihre Wan⸗ gen färbte. wüßteſt..“— wiederholte er.. 8 der Mutter. Vor einiger Zeit fing ich an, Hauben zu ſticken, um ſie durch unſer Kammermädchen, Lieſe, unter als möglich auf dem alten Fuße leben wollte, d. h. ſo lang Tante Charlotte Antoinette, welche bekanntlich nicht ſehr blöde iſt, bei den Nachbarinnen leihen, oder auf Kredit nehmen konnte, als Eier, Butter, Rahm, Mehl und dergleichen,— was unſer kleines Wallby abwirſt, daß es ſo nicht länger mehr fortgehen könne, auch der „Was? wenn Du auch irgend Etwas aufznſinden „Ja, Karl,— ſo wagte ich es doch nicht, wegen dem Slegel der ſtrengſten Verſchwiegenheit, verkaufen zu laſſen. Nun weißt Du, Karl, daß die Mutter, obgleich wir ſo weit herunter gekommen ſind, doch noch ſo lange iſt ja nicht der Rede werth, denn dafur kauft gewöhn: licch die Tante Kaffee, Thee, Zucker und Gewürz in der Stadt. Siehſt Du, lieber Karl, da ich nun merkte, Kredit allmählig aufhörte und die Unruhe der Mutter ſdie Thüre zu;— ich bereute mit heißen Thränen meine untergegangenen Hoffnungen, von denen ich mir ſo Viel verſprochen hatte, ſank auf meine Knie nie⸗ der und betete in tiefſter Bekümmerniß:„Bater im behrlichen Bedürfniſſe zu ſchaffen. Allein was geſchah? ich bis zum Abend ſchon das Geld bekäme, wofür wir dann Morgen durch den Stadtboten allerlei nothwendige Kleinigkeiten einkaufen laſſen könnten. Aber großer meine ſtille, ſchöne Hoffnung in das flakernde Kamin⸗ feuer, und mit einem Blicke der eiſigſten Verachtung brach 191 und die Verlegenheit der Tante mir nicht entging, da öfters zur großen Verwunderung der Amtmännin der Zwieback zu dem Kaffee fehlte, und der Thee am Ende gar ausblieb, da bezwang ich meinen angebornen Stolz, zerſchnitt ein früheres Ballkleid zu Hauben und Krägen und ſtickte wacker darauf los, in der Hoffnung, durch dieſen kleinen Verdienſt der Mutter die ihr ſo ſchwer ent⸗ Eines Tags kommt die Mutter in mein Zimmer und er⸗ tappt mich auf friſcher That; ich war eben daran, alle meine Sachen zu bügeln, die Frucht mancher durcht gachten Nacht, während Ebba ſchlief; dieſe wollte ich nicht davon wiſſen laſſen, weil ſie nicht ſchweigen kann.„Was haſt Du da?“ fragte die Mutter verwundert und rieß die ganze Arbeit auseinander, die ſo hübſch zuſammengelegt war.„Um aller Welt willen, was iſt dieß für Zeug, was ſoll damit werden?“ Mit zitternder Stimme entdeckte ich ihr mein Ge⸗ heimniß und ſetzte, um ſie zu beſänftigen, hinzu, daß Gott! ſo erzürnt habe ich die Mutter noch nie geſehen; eins, zwei, drei, flog all' meine Mühe und Arbeit, all' ſie in die Worte aus:„Unwürdiges, unverſtändiges Mäd⸗ chen, Du, die Tochter eines der edelſten Geſchlechter Schwedens, arbeitet für gemeines Volk um's Geld! Pfui der Schande! Glaubſt Du nicht, daß ich mir lieber Alles verſagen will, als es durch eine ſolche Erniedrigung erkauft wiſſen?“— Im größten Unwillen ſchlug ſie ———— 5 192 Himmel, was kann ich nun weiter thun, als leiden und dulden?“— Selma ſchwieg. Tief ergriffen drückte Karl ſie an die Bruſt, er fühlte, wie ſehr er bisher das ſtille, oft hintangeſetzte Mädchen verkannt hatte.„Geliebte, theuerſte Schweſter,“ ſagte er gefaßt,„wenn Du wüßteſt, wenn Du faſſen könn⸗ teſt, welch' eine Seligkeit ich in dieſem Augenblicke ge⸗ nieße, würdeſt Du mir ſicher vergeben, daß ich Dich bis⸗ her ſtets ſo ſehr verkannt habe.“ „Was meinſt Du damit, Karl?“ dabei heftete Selma ihre Augen fragend auf den Bruder. „Ich will es Dir offen geſtehen. So lange wir in dem glänzenden Kreiſe der großen Welt lebten, kamſt Du mir, wie Ebba und wie viele tauſend Mädchen vor, welche nur für den Augenblick der Freude Sinn haben, ohne an eine tiefere Auffaſſung des Lebens und ſeines eigentlichen Zweckes zu denken. Seit wir hieher gezogen find, hat mir meine, immer mehr nach innen gehende, verſchloſſene Gemuthsrichtung, meine beſtändig nagende Sorge für unſer gemeinſames Auskommen, alle Gedanken dergeſtalt in Anſpruch genommen, daß ich nicht weiter mehr auf Dich Acht geben konnte, ſondern in dem Glauben blieb, daß Du verwöhnt und eitel, ohne eigent⸗ liche Schönheit, und an Pracht und Genuß gewöhnt, Dein nunmehriges Leben in Trauer über das vergan⸗ gene verbrächteſt, wo ein mittelmäßig hübſches Mädchen, wenn ſie nur einen angeſehenen Namen und eingebil⸗ detes Vermögen beſitzt, wie der hellſte Stern ſtrahlen kann. Glaube mir, liebſte, beſte Selma, dieß war, neben der abſcheulichen Geſchichte mit Fuſelberg, mein größter Kummer. Ich fürchtete, Du würdeſt, ſtolz und ſchwach zugleich, wie Du mir vorkamſt, nicht im Stande ſeyn, Mangel zu ertragen, würdeſt icht arbeiten wollen, um Dich fortzubringen, und Dich am Ende durch 1 — den Vergleich Deiner jetzigen Lage mit dem bequemen J Leben, welches Dich erwarte, überreden laſſen, ar 5 4 193 Verbindung einzugehen, die Dein offenbares Unglück zuͤr Folge haben mußte. Jetzt, theuerſte Schweſter, fürchte ich dieß nicht mehr; mit unausſprechlicher Freude habe ich in Deiner Seele geleſen, habe Worte von Dir ge⸗ hört, welche mir von Deinen Lippen früher wie ein Traum vorgekommen wären— und mit ganzem Herzen, mit brüderlich warmem Herzen bitte ich Dich, mir mein Unrecht zu vergeben und von nun an feſt überzeugt zu ſeyn, daß es mein innigſter Wunſch iſt und bleiben wird, Dich möglichſt dafür zu entſchädigen.“ 8 „Ach Karl, wie gut biſt Du, wie glücklich machſt Du mich durch Deine freundliche Offenherzigkeit! Bleib' immer ſo gegen mich!“ erwiederte ihm Selma mit froher Rührung.—„Obgleich ich früher gedankenlos und eitel war und es vielleicht, ich weiß ſelbſt nicht wie, noch das Anſehen davon hat, was frellich nicht zu mei⸗ nen Gunſten ſpricht— ſo darfſt Du doch nicht glauben, daß ich deßhalb ohne Gefühl für ein höheres Leben, ohne beßres Wiſſen ſey. Nein, Karl, obgleich die edleren Triebe in den Blumengarten meiner Jugend unbeachtet und oft gleichgültig niedergetreten worden ſind, um andere, vielleicht gerade vom geringſten Gehalte, vorzuziehen, ſo ſind ſie doch aufgeſchoſſen; aber ſchüchtern ſchauen ſie das Tageslicht und verbergen ſich, gleich irrenden Fremd⸗ lingen, vor jedem Spaͤherauge, tief unter den Schatten des Alltagslebens, und nur in einſamen Stunden, wo das Herz ſeine Rechte geltend macht, ſcheint die Sonne hell und klar auf meine friſchen Blüthen— und daß dieſe in meiner Seele leben und weben, macht mein Leben aus.— Aber dieß muß unter uns bleiben, beſter Karl; denn wenn die Mutter die Tante oder Ebba mich ſo reden hörten, würden ſie über mich lachen und mit⸗ leidig, vielleicht gar verächtlich, die Achſeln zucken. Du thuſt es nicht,— wir haben einander verſtehen gelerntz aber dieß iſt ein Gluͤck, welches wir für uns behalten müſſen. Und nun, Karl, ſag' mir Deine Meinung, Deine reine aufrichtige Meinung; hältſt Du es für Die Milchbrüder. 1. 194 mmeine Pflicht ,„ daß ich mein ganzes Leben mit ſo gerin⸗ ger, vielleicht gar keiner Hoffnung auf irgend Glück und Irlede en, für die Wünſche unfrer Mutter, für ihr und der Unſrigen Wohl aufopfere?“ „Nein, theuerſte Selma, niemals werde ich Dir zu einem ſo trügeriſchen Schritte rathen! Zeitliche Uebel, mögen ſie auch noch ſo hart ſeyn, ſind doch nur vor⸗ übergehend. Drückend, ſchrecklich bitter iſt die Qual des Augenblicks, und Gott weiß wie es noch gehen mag, denn wir dürfen kaum wagen, mit eitlem Hoffnungsglanze eine Zukunft zu ſchmücken, welche, allem Anſchein nach, düſter und ſchwer auf uns laſten wird. Dagegen iſt Reue über einen unbedachtſamen Schritt ein ewig nagen⸗ der Wurm, der nur mit unſerm eigenen Leben ſtirbt. Laß uns deßhalb tragen und leiden, allein unſern innern Frieden und unſre Ehre laß uns bewahren.— Das Einzige, was noch übrig geblieben iſt.“ „Gott ſey gelobt!— Du haſt mir aus der Seele geſprochen,“ fluͤſterte Selma andächtig und faltete die Hände in ſillem Gebete.„Jetzt weiß ich, daß es nicht Unrecht iſt in dieſem Falle der Mutter Willen zu wider⸗ ſtreben, mag ſie befehlen oder bitten. Um uns einen ſo theuer erkauften Wohlſtand zu verſchaffen, würde ich nicht nur mich ſelbſt, ſondern auch einen Andern noch unglück⸗ lich machen, denn was wäre ich im Stande für ſein Glück zu thun? Nichts, gar Nichts!— Nein, feſt und unwandelbar ſteht mein Entſchluß: mag es gehen wie es will, ich werde nie Fuſelbergs Gattin.“ „Nun, Gott ſey Dank!“ verſetzte Karl mit leichterm Herzen; ſo iſt doch wenigſtens Dieſes abgethan und Eine Ungewißheit weniger in unſerm Hauſe! Aber jetzt, meine Selma, gilt es, außer Deiner Entchloſſenheit, auch noch Kraft und Muth um das auszuführen, was Du Dir vorgenommen, um, ſoweit es möglich iſt, unſrer armen Mutter den Schmerz, welchen wir ihr dadurch bereite, daß ſie ihre letzte Seifenblaſe zerplatzen ſehen muß, durch Pfichagsfuhl und Kindesliebe zu erſeten Bald werda. 1 *8 —0— ———— 820-d 8 „———— ,— ——— 195 die wenigen falſchen Bedenklichkeiten wegfallen müſſen,— kannſt Du und Ebba mit eurer Hände Arbeit Etwas ver⸗ dienen, ſo iſt dieß nicht zu verachten. Ich ſelbſt muß ent⸗ weder fort oder irgend einen Ausweg auffinden— der Himmel weiß aber welchen!— um unſerm ſinkenden Hauſe eine Stütze zu ſchaffen.“ Die Geſchwiſter ſtanden jetzt an der Thüre des Herrſchafthauſes; mit einem bedeutungsvollen, treuen Händedruck ſchieden ſie. Am andern Morgen ward ein großer und lang⸗ dauernder Familienrath in dem Schlafzimmer der Bu⸗ ronin gehalten, es ward viel hin und her geredet und geſtritten, glühende und eisalte Worte wurden gewech⸗ ſelt, je nach der Temperatur der Umſtände. Die alte Baronin predigte lange und viel, Fräulein Charlotte Antoinette ſchwatzte allerlei Zeug von romanhaften Ideen, unpaſſendem Stolze und der Nothwendigkeit den Löffel in die rechte Hand zu nehmen, u. dgl. mehr. Ebba ver⸗ breitete ſich über die frohe Ausſicht den Leuten zu zeigen, was man für ein Haus machen und ſchöne Equipagen halten könne. Selma weinte, weigerte ſich aber ſtandhaft; Karl ging mit übereinandergeſchlagenen Armen im Zimmer auf und nieder. Er hörte auf das, was die Andern ſagten, ſprach aber ſelbſt kein Wort) denn ſein Urtheil zu Selma's Gunſten war längſt fertig, und vergebens bemühte ſich die alte Baronin ihre Tochter abermals ſo uſt de bringen, als ſie dieſelbe ſchon ein Mal gehabt atte. „Nun gut, ihr undankbaren Kinder,“ rief ſie endlich aus,„Euere Verſtocktheit gräbt mir mein Grab. Eins von Euch könnte uns Alle retten, allein dieß Eine ſindet ſich nicht unter den Weſen, welche unter meinem Herzen gelegen haben. Beide wagen es nicht den Weg zu gehen, welcher uns Alle aus unſrer hülfloſen Lage reſßen konnte, und wir verfinken nun tief in die ſinſterſte Nacht— o, —— —öö—— e 196 ſo finſter, daß nicht ein einziger Sonnenſtrahl den Weg dahin finden kann!“ Dabei ſiel ihr Haupt auf die welke Hand nieder; ſie war ſo heftig angegriffen, daß ihr faſt eine Ohn⸗ macht drohte. Da näherte ſich Karl der Gebeugten, kniete vor ihr nieder und umſchlang die Wankende.—„Geliebte, 3 theuerſte Mutter,“ bat er mit tiefer, unbeſchreiblicher Rührung,„zwinge dem Herzen Deiner Kinder kein Band auf— ſie werden außerdem,— dafür ſey Gott unſer Zeuge!— nie und nimmer vergeſſen, was ſtie der zärt⸗ lichſten Matter ſchuldig ſind, und ſo lange unſre Hände arbeiten können, ſoll ihr kein Mangel nahen. Und dann, liebſte Mutter, wie viel ſchöner iſt es, wenn Dir die Dank⸗ barkeit und Liebe Deiner Kinder ein ſorgenfreies Loos bereiten, als wenn dieſes durch das hingegebene Glück ihres ganzen Erdenlebens erkauft werden ſoll? Weich und warm iſt das Bett, welches Kindesliebe mit ſtiller Aufopferung bereitet, hart und kalt dagegen das Lager, in welches eine fremde Hand uns beitet. Schlaflos wälzt ſich die von Reue gefolterte Mutter auf dieſem; an jenem dagegen hält der Engel des Friedens treulich Wache und wehrt mit ſeinen Schwingen jeden ſchlimmen Hauch ab, welcher den Schlummer der Geliebten ſtören könnte.“ Ueberwunden, aber nicht überzeugt, lehnte ſich die Mutter an die Bruſt des Sohnes; Selma hatte ſich flehend genähert und theilte den ſchönen liebevollen Au⸗ genblick. „Nun ſey weder von dem Einen noch von dem Andern mehr die Rede,“ ſagte jetzt die Baronin mit wahrem Heldenmuthe.„Du Karl, ſieh, was mit Fuſel⸗ berg zu machen iſt. Läßt ſich gar kein Aufſchub erhal⸗ 4 ten, ſo mag es in Gottes Namen kommen, wie es wil. Ich habe mir wenigſtens keine Vorw zu machen, daß ich nicht Alles hätte zum Beſten lenken wollen.“ „ Ja wollen, wollen,“ fiel Tante Charlotte Antoinette 197 dazwiſchen;„iſt es ja doch wahrhafttg, als ob Ihr Alle nicht recht bei Troſt und Verſtande wäret!— Ihr plap pert da als ob es gerade eben ſo ſchön und lieblich ſeyn müßte von der Luft zu leben. Ach, du meine Güte!— was muß ich nicht für Thorheiten erleben! Erſt gebe ich mir alle mögliche Mühe und habe Alles aufs ge⸗ ſcheidſte auskalkulirt und aufs ſchönſte planirt, um die Freierei im Amtshofe zum gedeihlichſten Ziele zu brin⸗ gen, dann läßt man aber mich und meine Ehre ſchmäh⸗ liger⸗ und unverantwortlicherweiſe im Stich und ſetzt den Leuten ohne weiteres für Nichts und wieder Nichts den Stuhl für die Thüre, und dieß aus keinem andern Grunde als weil der Amtmann kein Liebhaber vom Flötenblaſen iſt. Iſt denn da nur ein Fünkchen Verſtand darin? Nein, ſo wahr ich bis auf den heuti⸗ gen Tag in dieſem ſchauderhaften Eulenneſte gelebt und gewohnt habe, das iſt eine Tollhäuslerei! Aber gib Acht, mein Junge, es wird ſchon ein Mal die Zeit kom⸗ men, wo es Dich reut, die ſchönen Phantaſieen, von weichen warmen Betten, Engeln und Engelsfrieden mit denen Du ſo freigebig biſt, werden ſich am Ende in eine Bank von zuſammengenagelten Bretterſtücken verwandeln, auf welcher ein wenig Stroh liegt, und Deine Engel und Dein Frieden werden in Geſtalt von Hunger, Durſt, Zank und Hader ihre Aufwartung machen. Ja, ja, das wird ein ſchönes Leben ſeyn! Aber Gottlob! ich habe das nicht nöthig und Ebba auch nicht. Sie kann nach ihrem Wadſtena gehen und ich habe, dem Himmel ſey Dank!— noch manche gute Freunde, kann mich auch ſchicken und finden, ſo daß ich in keiner Verlegenheit wegen eines Unterkommens zu ſeyn brauche.“ 8 Vor der Wortfluth der Tante Charlotte Antoinette, welche im vollen Zage war ihrem Herzen Luft zu machen, hatte man das Geraäͤſſel eines anfahrenden Wagens gänz⸗ lich überhört. Der alte Diener trat ins Zimmer und meldete die Amtmännin Thorſen. 1 Wie ein elektriſcher Schlag durchzuckte der Kang ———————— 198 dieſes Namens die ganze Geſellſchaft.„Die Amtmän⸗ nin!“ ſtammelte die Baronin und war auf ein Mal ſcchrecklich böſe über ſich ſelbſt, daß ſie vorhin ſo viele Nachgiebigkeit bewieſen.„Was kann die Frau nur in Gottes Namen mit einem ſo frühen Morgenbeſuche wollen?“ „Was ſie damit will?“ entgegnete ihre Schweſter und warf den Kopf zurück.„Was anderes, als der WMunſch mit uns in der Angelegenheit zu Rathe zu gehen, welche Du und ich ſo oft bei ihr aufs Tapet gebracht haben? Ja, ja, nun ſtehen die Aktien ſchön! Ich bin nur begierig wer ihr entgegen gehen wird; ich wenigſtens werde es nach dem eben vorgefallenen Spektakel hübſch bleiben laſſen. Machen Sie es nun, wie es Ihnen be⸗ liebt, meine Herrſchaften; was man eingebrockt hat, kann man auch austunken!“ Mit einem wuͤthenden Blick auf Karl flog die Tante zum Zimmer hinaus, ſchlug die Thüre zu daß die Scheiben klirrten und rannte auf ihr Zimmer, von wo aus ſie, hinter den verwaſchenen Gar⸗ dinen hervor, ſehen konnte, wie die Amtmännin noch wartend im Wagen ſaß, mit Erſtaunen ihre Blicke bald rechts, bald links wandte, ob ſich denn kein Menſch zu ihrem Empfange zeigen würde. „Karl, Karl, Karl, Herzenskind, Sorgenkind!“ ſtammelte die Baronin in größter Angſt,„bedenk', wenn ſie ſelbſt mit dem Vorſchlage käme, der Uns Allen ſo ſehnlich am Herzen liegt, willſt Du,— ſag', daß Du willſt, und ich ſegne Dich auf meinen Knieen! Ebba, ſpute Dich und gehe ihr doch hübſch entgegen! Sag', ich ſey ein wenig unwohl, werde aber ſogleich kommen. Wus ſagſt Du, liebſter Karl, gibſt Du mir Leben oder od?— 1 Mit düſterm Ernſte ſchüttelte Karl verneinend den — Kopf.„Mutter,“ ſagte er mit größter Entſchloſſenheit, „wenn Dir Etwas an der Achtung Deines Kindes liegt, gung Deiner Wünſch ſogar das Heiligſte der Befriedi⸗ 4 opfern willſt, ſo laß dieſes Gau⸗ 199 kelſpiel. Ein Mal errangen Deine Bitten und Thränen eine Macht über mich, welches der feſte Mannesſinn nie hätte zugeben ſollen, und ich werde mich jener Stunde, der Zeugin meiner Schwachheit, ewig mit Scham und Reue erinnern, denn die Art und Weiſe, auf welche ich Alles für Dich opfern wollte, war nicht die rechte, keine ehrenvolle. Kaum hatte ich aber zwei Tage meine elende Rolle geſpielt, ſo ward ich auch ausgepfiffen. Der Amt⸗ mann durchſchaute unſern Plan, und ſo gewiß ich im damaligen Augenblicke mir auf das heiligſte gelobt habe, niemals wieder einen auch nur entfernten Gedanken an eine Verbindung mit ſeinem Hauſe zu faſſen, eben ſo gewiß, faſt noch gewiſſer, werde ich auch mein Gelübde halten. Und deßhalb, theuerſte Mutter, keinen Auftritt mit der Amtmännin! Faſſe Dich! So ſchwer es mich auch ankommt, ſo will ich zuerſt hinaus gehen und ſie empfangen, dann dableiben und ihr Geſellſchaft leiſten bis ſie wieder weggeht.“ Mit dieſen Worten ging Karl über eine Hinter⸗ treppe in ſein Zimmer, zog ſchnell einen andern Rock an, kam dann nach ein paar Minuten, von der gewöhnli⸗ chen Seite her und trat mit ſeiner eigenthümlichen leichten und anmuthigen Haltung in den Saal, wo die Amt⸗ männin gerade Fräulein Ebba mit allerlei verfänglichen Fragen zu Leibe ging. Der Baron erſchien ſeiner Schwe⸗ ſter als ein Bote des Himmels, denn ſeine Ankunft ſetzte der liebenswürdigen Wißbegierde der Amtmännin ein höchſt unwillkommnes Ziel. Karl verwickelte die Dame unverzüglich in eine ſo mannigfaltige Unterhaltung, daß ſie kaum zu Athem kommen konnte, bis die Thüre aufging und die Baronin ſtarr und ſteif, wie ſie glaubte, daß es ſich am beſten für ihren Rang ſchicke, weil denn doch jetzt ein näheres Verhältniß zwiſchen ihnen nicht zu Stande kommen ſollte, in das Zimmer trat und die ganz verblüffte Amtmännin mit abgemeſſner Höflichkeit grüßte. „Ich bedaure unendlich, daß ſich Euer Gnaden nicht wohl befinden;“ begann die Amtmännin mit einem Aus⸗ drrucke in der Stimme, welcher zu ſüß war um aufrich⸗ tig zu ſeyn. .„Ich danke,“ entgegnete die Baronin lakoniſch und 3 ließ ſich in ihren großen Andienzſtuhl nieder.„Es kommt N mir vor, als ob Sie auch nicht recht wohl ſeyn müßten, Frau Thorſen, oder iſt die ſtarke Hitze Urſache ihrer hohen gluühenden Farbe? Ich fürchte beinahe Sie haben etwas Fieber“ Im höchſten Grade erſtaunt, ſowohl über die ſpitzige Anmerkung, als auch über den magern Titel Frau Thor⸗ ſen, anflatt des gewöhnlichen, gnädige Couſine, liebe, gute, gnädige Frau Amtmännin u. dgl. m. verſetzte fie: „Gottlob, ich befinde mich volllommen wohl. Wenn dieß nicht der Fall wäre, ſo könnten Sie ſich doch wohl den⸗ ken, Frau von Silberſparre, daß ich nicht ausgefahren ſeyn würde. Ich habe nicht nöthig, mich wie andre Leute † zu placken und zu ſcheeren, wenn ich nicht ganz wohl oder nicht gut disponirt bin; da aber das Wetter ſchön war, ließ ich einſpannen, um eine kleine Morgen⸗Spazierfahrt zu machen und zugleich auch bei dieſer Gelegenheit meine 3 Gratulation abzuſtatten. Ich habe geſtern Abend von dem Lehensmann Fuſelberg gehört, daß ſein Sohn Hoff⸗ nung hat mit der freiherrlichen Familie in nähere Ver⸗ bindung zu treten.“ „Wenn Sie dieß im Sinne haben,“ erwiederte die Baronin in beißendem Ton,„ſo iſt der angebliche und der vielleicht noch im Hintergrunde liegende Zweck Ihres Beſuchs verfehlt; unſre Familie wird ſich nie mit Bür⸗ gerlichen meſallilren.“ 4½ Bei dieſen Worten wurden die Wangen der Amt⸗ männin roth wie„die Sonne in Blut“ und der Himmel weiß, wie weit es bei den zwei gereizten Weibern mit ihren ſpitzigen Reden noch hätte kommen können, wen nicht der Baron zugegen geweſen wäre, ſchnell dem Ge⸗ 5 ſpräche eine andere Wendung gegeben und dadurch alle deiteren Feindſeligkeiten in Worten ein Ziel geſetzt hätte. 2 —8 8SEN n== N A d 201 Die Amtmännin, welche ſich in der That mit ihrem Morgenbeſuche gewaltig verrechnet hatte, nahm bald ihren Rückzug und zerbrach ſich auf dem ganzen Nach⸗ hauswege fortwährend den Kopf über die Veranlaſſung zu einer ſo plötzlichen Veränderung in dem Benehmen der Leute auf Wallby.—„Sey es was es will,“ ſagte ſie endlich tröſtend zu ſich ſelbſt,„ſie verlieren dabei mehr als ich. Es iſt wahr, ich hätte viel darum gege⸗ ben, Hortenſe als Frau Baronin zu ſehen, als die Gat⸗ tin eines ſo liebenswürdigen Mannes wie Baron Karl, zumal jetzt, wo ich in der That mit Angſt die große Vorliebe meines Alten für den hergelaufenen Naſeweis bemerken muß; allein trotz dieſem fatalen Umſtand kann ich das hochmuͤthige Bettelvolk entbehren, wenn ſie mich entbehren können. Wir wollen einmal ſehen, ob ſie nicht bald wieder kommen und um ſchön Wetter bitten, wer aber dann auch ſtolz ſeyn wird, das bin ich.“ Bei dieſen Worten fuhr die Amtmännin in ihren großen weiten Hof hinein und trat in ihr ſchönes geräu⸗ miges Haus, wo Alles, von dem Herrn Amtmann bis herab zu dem ſtillen Lidner und von Lidner bis zu dem zerlumpten Hirtenjungen ihre ſchlimme Laune fühlen mußte. 3 Achtzehntes Kapitel. Da ſitzt der geſtrenge Herr zu Gericht, Im Glanz und der Pracht ſeiner Würde; Und Demuth ſpricht aus der Scabinen Geſicht, Und Reſpekt vor des Richterſtuhls Zierde, 4 Denn er legt— ſeht nur hin auf den Alten— Sein Geſicht in juriſtiſche Falten. Carlén. In der großen Kirche zu Brobenda läuteten dſe 202 nebſt Brille vor ſich hin und flüſterte, während die Bei⸗ fitzer in großer Prozeſſion einherzogen und der Glöckner aus der Sakriſtei hervor kam, um das Lied auszuhän⸗ gen, dem Notarius Bundler zu:„Gotthard, ſag' ein Mal, gerade als die Prozeſſion ſich zum Kirchgange in Bewegung ſetzte, ſprengte ein Reiter in den Hof; ſobald Fuſelberg ihn erblickte, ſchien dieſem ganz ſonderbar zu Muthe zu werden, er ſchützte Unwohlſeyn vor und kehrte um. Was meinſt Du dazu,— habe ich vielleicht falſch geſehen?“ „Ich glaube nicht; denn, ſo viel ich unterſcheiden konnte, war es der Baron von Wallby.“ „Hm!“ ſagte der Amtmann, wie im Unwlllen, „ſollte er zu Kreuz kriechen wollen? Das wäre in der That lumpig; denn er hat uns ja vor ein paar Tagen gleichſam förmlich aufgeſagt.“ „Einer ſolchen Handlungsweiſe iſt Baron Silber⸗ ſparre bei ſeiner noblen Denkungsart nicht fähig,“ ent⸗ gegnete Bundler lebhaft. „Pah, was noble Denkungsart!— nein, nobler Stolz möchie noch Etwas ſeyn, aber...“ Was der Amtmann noch weiter ſagen wollte, wurde durch das Auftreten des Glöckners abgeſchnitten. Dann erſchien der Geiſtliche und predigte gar gewaltig und ſalbungs⸗ voll über den großen Text der brüderlichen Einigkeit, von dem Splitter in des Bruders Auge und dem Balken im eignen, ein Thema, welches die Männer Gottes gar häufig ſelbſt nicht am beſten beachten. Der Vortrag des Geiſtlichen ſchloß mit ſchönen Ermahnungen an die Richter, ſowie an die verſchiednen Parteien, daß ein Jeg⸗ licher ſein Gewiſſen hauptſächlich vor dem Richterſtuhle in Acht nehmen, aber ebenſowenig ein ſchiefes Urtheil über den Ausſpruch des Gerichts ſelbſt fällen ſolle, indem jede Sache ihre zwei Seiten habe. Der Gottesdienſt dauerte ziemlich lange. Die Bauern huſteten und ſchneuzten ſich, die Beiſitzer hielten ie Hände andächtig gefaltet, 1 4 e— die Schreiber zählten ——— Sͤ „4νᷣ————23ꝗ⏑&⏑— 203 ungeduldig die Minuten und der Kronvogt gähnte und überrechnete in Gedanken, wie viele Kaufkontrakte, Auf⸗ gebote und Pfandeinträge bis ſieben Uhr Abends vor⸗ kommen möchten, wo er, wie gewöhnlich, ſeine Spiel⸗ partie zu machen gedachte. Der Amtmann ſelbſt ſaß ruhig und freundlich da; ſobald aber der Geiſtliche Amen ſagte, wiſperte er Bundlern, welcher mit aufrichtiger Ruͤhrung der Predigt zugehört hatte, in das Ohr. „Gottlob, mein Magen ſagt auch Amen; denn ich habe ſeit dem Frühſtücke noch Nichts gegeſſen. Es iſt eine ſchlechte Gewohnheit von unſerer Ehrengeiſtlichkeit, immer eine halbe Stunde länger zu predigen, als nöthig wäre.“ Während die Leute noch in der Kirche ſind, wollen wir ſchnell nach dem Gerichtshauſe eilen, welches ganz in der Näͤhe liegt. In Lehensmann Fuſelbergs Zimmer, über eine Treppe links, gingen drei Herren in haſtigem Geſpräche auf und nieder, oder beſſer geſagt, es waren eigentlich nur zwel, die das Wort führten, nämlich der Diſtriktserekutor Fuſelberg und Baron Silberſparre; der Dritte, Hofkammerer Mathias, hielt ſich ein wenig auf der Seite, an ſeinen Vater, und gab nur hie und da nach Umſtänden ſeinen Senf dazu, wenn der Alte Etwas ſagte, was ihm von beſonderm Gewichte ſchien; als zum Beiſpiel:„Bei dem Henker auch!“—„Sie ſind wohl toll?“„Natürlich, ja, ja!“— Gehorſamer Diener!“— „Durchaus nicht anders!“ u. dgl. m. Eben war eine Pauſe von ein paar Minuten ein⸗ getreten; aber die Herren gingen immer noch ſo regel⸗ recht und taktmaͤßig auf und ab wie ein gut exerzirter Zug Soldaten. Plötzlich blieb der Baron auf halbem Wege zwiſchen Fenſter und Thuͤre ſtehen.„Hören Sie, mein Herr,“ ſagte er mit einer durch gewaltige Aufregung gedämpften Stimme zu dem ältern Fuſelberg:„ Iſt denn alles Gefühl für Ehre und Rechtlichkeit von Ihnen gewichen? Können Sie ſo niederträchtig rachgierig ſeyn, daß Sie Ihre Freude daran haben, eine ſchon genug gedrückte Familie noch in neue Widerwärtigkeiten zu ͤͤͤͤͤ 204 ſtürzen, wenn ſie nicht auf einen Vorſchlag eingehen kann, welcher eher einem Handel als einer ehrlichen Werbung gleicht; können Sie es vor Gott und der Welt verant⸗ worten, daß Sie auf eine Weiſe, welche Ihrem Charakter wenig Ehre macht, ſich des Vortheils bedienen wollen, ringſte zu vergeben, keineswegs nöthig hätten, zu ſo gewaltſamen Mitteln Ihre Zuflucht zu nehmen? Ich habe, wie Sie ſelbſt hier ſehen und anerkennen müſſen, zwei vollgültige, zahlungsfähige Bürgen für die Hälfte der ſchuldigen Summe, zahlbar in zwei Monaten von heute an,“— dabei hielt ihm der Baron ein Papier hin, welches er in der Hand hatte;—„die andere Hälſte könnte Ihr Prinzipal ohne alle Gefahr noch ein halbes Jahr auf dem Gute ſtehen laſſen. Er kann unmöglich in ſeinen Forderungen ſo ſtreng ſeyn, wie Sje vorgeben, und würde es gewiß nicht billigen, wenn er erführe, daß Sie ſeinen Namen zu einer Privatrache benützen; denn Sie ſehen ganz gut ſelbſt ein, daß ſich die Sache mit Wallby nicht ſo ſchnell auseinander ſetzen läßt und Sie doch Ihr Geld, auch wenn es zur Verſteigerung kommt, nicht eine Minute früher haben, als wenn Sie meinen Vorſchlag annehmen.“ „Den Henker auch! ich kann mich durchaus auf Nichts einlaſſen, als was ich vorhin ſchon geſagt habe,“ erwiederte der Diſtriktserekutor, und Herr Mathias junior meinte mit erhabener Stimme daſſelbe. „Ich dächt wohl, Sie mein Herr, thäten beſſer, den Schnabel zu halten, als nachzuſchnattern wie ein Papa⸗ gei,“ fuhr der Baron ärgerlich heraus und maß ſeinen vorſätzlichen Schwager mit ſtolzem verächtlichem Blick. „Halten Sie Ihre Zunge im Zaum, wenn ich bit⸗ ten darf,“ ſagte der Kronlehensmann und ſtellte ſich mit der ganzen Wichtigkeit ſeiner unbeſtreitbaren Würde und Heichnams wie zum Schutze vor ſeinen Was ſollen dieſe beleidigenden unhöflichen ſeines dick Soh „ — 205 Redensarten heißen, mein Herr? Glauben Sie denn, daß ſich ein ehrlicher Bürger Etwas um einen lumpigen Edelmann ſchiert, der von Haus zu Haus laufen muß, um ſich einen armſeligen Bürgen für ſein verſchuldetes Gütchen zu erbetteln? Nein, mein Herr, laſſen Sie den Stolz nur hübſch fahren, der nur gegen Ihres gleichen an ſeinem Platze iſt; aber hier, in unſerm freien Gerichtshauſe, einem Manne gegenüber, der es in ſeiner Macht hat, den Adelshochmuth dergeſtalt in die Klemme zu nehmen und zuſammenzudrücken, daß er ſo dünn werden ſoll, wie ein Kartenblatt— da iſt er, Gott verdamm' mich! ſehr am unrechten Platz!“ Vor Baron Karl's Ohren rauſchte und brauste es gleich hohen Wellen im heftigen Sturm, und ſied heiß ſchwoll ihm in der ſtolzen Mannesbruſt das Blut zum Herzen. Trotz dieſes innern, faſt verzehrenden Brandes, war er indeſſen doch äußerlich ruhig und ſein Antlitz ſo bleich, ja faſt ſo weiß in dem Augenblicke, daß man ihn, der wie regungslos halb auf die Reitpeitſche geſtützt daſtand, für ein Marmorbild hätte anſehen können. Niemals hatte der arme Baron eine ſo tiefe Kränkung erlebt, niemals eine ſo bittere Erfahrung über ſeine bedauerliche Lage gemacht. Aber nur ein einziges Wort, nur ein halbes Wort noch an den rohen Menſchen verlieren— dieß vermochte er nicht über ſich. Schweigend ſteckte er den Bürgſchaftsſchein, welcher ihm nun zu Nichts helfen konnte, in die Taſche, ging dann mit erzwungener Hal⸗ tung nach der Thüre, die Treppe hinab in den Hof, wo er der rückkehrenden Gerichtsprozeſſion begegnete. Der Amtmann grüßte ihn mit einer tiefern Verbeugung als gewöhnlich, der Baron erwiederte den Gruß, aber nur ſehr flüchtig. Sein Pferd ſtand noch geſattelt und er war gerade im Begriff ſich in den Sattel zu ſchwingen, als es ihm einſtel, daß er das Futter für ſeinen Lieb⸗ ling noch nicht bezahlt habe. Schnell warf er die Zügel wieder über den Gatterzaun und begab ſich in die Wirths⸗ ſtube um die Zeche zu berichtigen. Als er wieder in den 206 Hof heraustrat und, ohne ſich die Mühe zu nehmen, weder rechts noch links umzuſchauen, dem Orte zueilte, wo ſein Pferd ihn wiehernd erwartete„ fühlte er, wie ſich eine Hand leicht auf ſeine Achſel legte; eine unter⸗ würfige Stimme ſagte:„Ich bitte um Vergehung, Herr Baron, daß ich ſo frei bin und Sie zu ſtören wage; aber der Herr Notarius haben mir aufgetragen, unter allen Umſtänden dafür zu ſorgen, daß Sie dieſes Billet in die Hände bekommen, ehe Sie wegreiten.“ Karl drehte ſich um und an ſeiner Seite ſtand in ehrfurchtsvoll gebückter Stellung, die eine Hand, wie ge⸗ wöhnlich, auf der Bruſt,— der gefällige Lidner und reichte ihm mit der andern ein Papier. Das Blatt ent⸗ hielt weiter Nichts, als die mit Bleiſtift geſchriebenen Worte: 6 1 „Herr Baron, wenn es Ihre Zeit erlaubt, in heutigen Sitzung mir, Sis in eine etwas ruhigere Gemüthsſtimmung verſetzen zu kön⸗ nen, als ſich gegenwärtig, wie es ſcheinen möchte, Ihrer bemächtiget hat. Hochachtungsvoll, G. Bundler.“ Ein heller Lichtſtrahl fuhr über Karls Geſicht.— „Ich will nur mein Pferd in den Stall bringen und werde Ihnen dann ſehr verbunden ſeyn, Herr Lidner, wenn Sie mir den Weg zu Herrn Bundlers Zimmer zeigen wollen.“ 1 „Unterthänigſter Diener!“— dabei verhugte ſich Lidner abermals ehrfurchtsvoll.— Er war der dienſt⸗ fertigſte und gefälligſte Menſch von der Welt und Nichts konnte ihn glücklicher machen, als wenn er Jemand einen Gefallen thun konnte.„Wenn ich mir erlauben dürfte, einen Vorſchlag zu machen,“ ſagte er langſam, und ſeine dunkelgrauen, aber von Herzen freundlichen Aeuglein blickten fragend auf den Baron,„ich habe gerade freie Zeit und da köoͤnnte ich zuerſt dem Herrn Baron das 207 Zimmer zeigen, dann auch hier für das Pferd ſorgen. Ich habe die Pferde ſo gern und das Ihrige ſoll ſo gut behandelt werden, wie die des Herrn Amtmannes, unſere prächtigen Apfelſchimmel, welche nur zum höchſten Staate eingeſpannt werden.“ „ Danke, danke, beſter Herr Lidner! Ihr Anerbieten iſt ſo gut gemeint, daß ich es nicht abſchlagen kann.“— Nun ſchritt Karl mit ſeinem Wegweiſer auf Gotthards Zim⸗ mer zu, welches dicht neben dem Gerichtsſaale lag, ſo daß man darin Alles hören konnte, was in dieſem ver⸗ handelt wurde. Ein unwiderſtehlicher Schauder durchfuhr den Baron, als er um fünf Uhr vernahm, wie ſeine Sache aufge⸗ rufen wurde und er die grobe Stimme des Diſtriktsere⸗ kutors und das Raſcheln der Papiere vernahm, als die Akten aus Fuſelbergs Händen an den Gerichtstiſch wan⸗ derten; unangenehm hallte das widrige Geräuſche in ſeinem Innern nach. Mit großen Schritten durchmaß er das Zimmer, und ſowohl der geſpannte Zuſtand ſeines Gemüths, eine Folge des heißen Auftritts von heute Morgen, ſowie der Umſtand, daß er die ganze Nacht durch geritten war, nicht geſchlafen und keinen Biſſen gegeſſen hatte; verſetzten ihn in einen fieberhaften Zuſtand, welcher von Minute zu Minute dergeſtalt zunahm, daß er endlich kraftlos auf den Sopha ſank. Etwa eine Stunde nachher trat Gotthard in das Zimmer und ſah mit innigſtem Mitleid, in welch ſchlim⸗ mem Zuſtande ſich Karl befand. Er errieth zum größten Theil die Veranlaſſung und rief ſchnell nach einer Flaſche Wein und einem gebratenen Huhn nebſt Zugehör. Nach⸗ dem Gotthard den kleinen Tiſch ſelbſt gedeckt hatte, trat er zum Baron und bat ihn angelegentlich um Verzeihung, daß er bisher für ſeinen Gaſt ſo ſchlecht geſorgt habe; „allein“ fügte er hinzu,„ich mußte unausgeſetzt am Pro⸗ tokoll fitzen und konnte keinen Augenblick loskommen. Dagegen bin ich aber auch jetzt auf den ganzen Abend mein eigener Herr, und wenn Sie vorderhand mein Mittags⸗ —— 208 mahl mit mir zu theilen nicht verſchmähen, ſo wollen wir nachher von Ihrer Angelegenheit ſprechen, über welche ich nunmehr, ſeit ich den Namen des Mannes kenne, deſſen Bevollmächtigter Fuſelberg iſt, gänzlich außer Furcht bin.“ Mit einem Blicke der innigſten Dankbarkeit auf Gotthard reichte Karl ihm ſeine ſieberglühende Hand und dieſer erwiederte mit der lebhafteſten Theilnahme den warmen Druck;— dann ſetzten ſie ſich zu Tiſche. Mit der freundſichſten Artigkeit machte Gotthard mehr den Kellner als den Wirth; er war unermuͤdlich beſchäftigt, den Wünſchen ſeines bleichen, ſtillen Gaſtes zuvorzukom⸗ men, ſo gering dieſe auch waren, denn das Unwohlſeyn des armen Barons nahm in dem Maße zu, als er ſich Mühe gab, Herr darüber zu werde freundlich gebotenen Arm geſtü Sopha zu und Beide ſetzten „Herr Notar,“ ſagte Ka ſtande muß ich es danken, d tige warme Theilnahme zeig gleich wohlthuendem Himmelsthaut n Herz erquickt? Ich habe ohnedieß in der letzten Zeit ſchon genng gelitten, und heute hat der Schurke Fuſelberg mein Blut in eine ſolche Aufregung gebracht, daß ich außer Stand bin nur einen Gedanken zu faſſen Ich verſtehe Nichts von juriſti⸗ ſchen Sachen, aber ſo wel glaube ich doch beſtimmt, daß er dießmal gegen Geſetz und Recht, ganz eigenmächtig handelt.— Aber ich laſſe Ihnen gar keine Zeit, nur meine erſte Frage zu beantworten.“ Bundler lächelte, jſah Karl offen und klar in die Augen und ſagte dann ehrlich und gutmüthig:„Ihrem Benehmen bei unſerm erſten Zuſammentreffen. Damals war ich Ihnen ſchon freundſchaftlich zugethan, jetzt bin „welchem Um⸗ eine ſo aufrich⸗ ich es Ihnen von ganzem Herzen; denn ich weiß, daß Sie leiden und dieß in apvelten Maaße bei Ihnen der Fall ſeyn uns, da die eranlaſſung dazu eine ſo elende . 21 209 nn des für ein edles ſtolzes Herz ſo unendlich ſchmerz⸗ iche iſt. Karl ſchwieg, allein in ſeinen Blicken las Gotthard mehr, als jener auszudrücken vermochte. Karls ſchwarze Augen voll Feuer, Muth und tiefem Ernſte hatten einige Aehnlichkeit mit Hermanns und Alles dieß machte auf Gotthard einen wunderbaren Eindruck; minutenlang konnte er ſich in ihr Anſchauen verlieren; es war ihm, als ſähe er in denſelben mit klaren deutlichen Zügen alle die ab⸗ wechſelnden Regungen ſeiner Seele geſchrieben; und doch lag zuweilen wieder eine dunkle Wolke über ihrem Glanze, durch deren Vorhang Gotthard nicht in das dunkle Hei⸗ ligthum zu blicken vermochte. „Laß uns Freunde und Brüder ſeyn,“ ſagte der Baron ohne alle weitere Vorbereitung;„wir können dann mit um ſo weniger Zwang ſprechen.“ „Ja, Freunde und Brüder,“ erwiederte Gotthard lebhaft.„Nächſt meinem Hermann, den ich wünſchte, daß Du kennen möchteſt, ſollſt Du mir der Theuerſte ſeyn— und nun laß uns ohne Rückhalt offen mit einan⸗ der reden. Sag' mir Alles, wie die Sache mit Fuſel⸗ berg ſteht. Geſtern habe ich von dem Amtmann gehört, um was es ſich handelt und freute mich ſchon, wenn Du ſelbſt zum Gericht kommen ſollteſt, um Deine Sache zu führen, Dir ſogleich einen guten Troſt bringen zu können, denn der Kaufmann, welcher Eigenthümer der Pfand⸗ ſcheinverſchreibung geworden iſt, iſt mein Oheim, ein her⸗ zensguter, vortrefflicher Mann, der dem Fuſelberg zwar beſtimmte Inſtruktion gegeben haben mag, auf der andern Seite aber auch mit ſich reden läßt, wenn man ihm irgend Sicherheit für ſein Geld bieten kann. Allein, wie geſagt, laß mich Alles wiſſen, ſowohl was die Schuld betrifft, als auch wie hoch ſich Fuſelbergs eingeklagter Betrag beläuft.“ Nun erzählte der Baron, wie der Diſtriktsexekutor ſchon Jahre lang auf eine Partie für ſeinen Sohn mit Die Milchbrüder. 1. 11 bis ein paar Schaufeln Erde den müden Wanderer decken. 210 Selma ſpekulire; wie vielen Verdruß er der freiherrlichen Jetz Familie ſchon gemacht und Alles aufgeboten habe, um ung zu ſeinem erſehnten Ziele zu gelangen; wie viele glänzende noch Ausſichten für die Zukunſt er ihnen als Lockſpeiſe hinge⸗ 3 ſtellt und endlich, da Alles fehlgeſchlagen ſei, mit Freude nich den Weg betreten habe, den der Zufall ihm unvermuthet Na geboten, um hoffentlich ſo doch noch ſeinen Zweck zu Fal erreichen. Als Karl ſeinem Fruunde gleichfalls den Bürg⸗ paa ſchein zeigte, den er ſich zu verſchaffen gewußt, und welchen alle Fuſelberg am Morgen ebenſowohl geſehen hatte, gerieth De Gotthard in heftigen Zorn über den alten Schurken, der ſpri mmit öintanſetzung aller Menſchlichkeit auf dieſe Art han⸗ ſpre deln konnte und dieß noch dazu im Namen eines Andern, unt hauptſächlich eines ſo ehrlichen, gutmüthigen Mannes wie es ſein Oheim. „Sei ruhig, Karl,“ ſagte er endlich und zitterte noch lich von der heftigen Aufregung,„ich will ihm, ſo wahr ich nich lebe, ſchon das Handwerk legen und die Sache ſelbſt ih eur die Hand nehmen,— meine Ehre ſetze ich Dir zum Pfande! es Laß ihn nur machen; ein paar Poſttage gehen ſchnell herum, und wenn der Schuft ſeines Raubes am ſicherſten Me zu ſeyn wähnt, haben wir ihm denſelben aus den Händen we ewunden. Verlaß Dich auf mich, wir wollen die Sache leg ſchon in Ordnung bringen!“ wa „Du biſt mein guter Engel, Gotthard, meiner Noth ges zum Troſt und zur Hoffnung geſandt,“ entgegnete der kri Baron.„Wenn Du aber wüßteſt, wenn Du ahnen könn⸗ teſt, unter welch' eiſernem Druck ich leide! Tagt es im ſch Oſten, ſo wird es Nacht im Weſten. Dem Bürgen, welchen ich mit ſo vieler Mühe aufgebracht habe, iſt mein W Sold, nebſt Allem, was uns noch an Hausgeräthe ge⸗ blieben, verpfändet. Wo will das hinaus— wie wird da dieß noch enden? Der Dornenpfad des Kummers hat zux. weilen wohl Ruhepunkte, aber bei mir nicht eher, als O Gotthard, wollte der Himmel, es wäre ſo weit mit mir, denn in meinem Herzen iſt es Nacht. Doch davon ſpäter. 211 Jetzt brennt mir der Kopf, meine Pulſe ſchlagen mit un⸗ unglaublicher Heftigkeit; ich muß aufbrechen, ſo lange ich noch heimreiten kann.“ „Dieſen Abend darfſt Du dieß nicht, Karl, dieſen nicht,“ bat Gotthard mit Wärme.„Bleibe bei mir heute Nacht; und damit die Deinigen nicht in Unruhe ſind, im Falle ſie Dich beſtimmt erwarten, ſo ſchreibſt Du ein paar tröſtende Worte, und Lidner, die gute Seele, welcher alle Leute im Gaſthofe kennt, wird dafür ſorgen, daß Dein Brief ſchleunigſt beſtellt wird. Nicht wahr, Du ver⸗ ſprichſt es mir? Bei Gott, Karl, Du mußt es mir ver⸗ ſprechen; denn ich verginge vor Angſt, wenn ich Dich unter Wegs wüßte, krank an Leib und Seele, wie Du es leider biſt. Und nun noch Eins, Karl, wenn dieß zu Deiner Beruhigung beitragen kann: ich will kein ehr⸗ licher Mann heißen, wenn ich es bei meinem Oheim Dahl nicht dahin bringe, daß die Forderung ganz ruhig auf eurem Gute ſtehen bleibt und dann, verſtehſt Du, bedarf es gar keines Bürgſcheins.“ „O ich verſtehe Dich vollkommen, Du edler, guter Menſch,“ verſetzte Karl mit tiefer Rührung;„ſpäter, wenn wir ruhiger geworden ſind und der Sturm ſich ge⸗ legt hat, ſollſt Du mich ganz verſtehen, verſtehen und faſſen, warum Du mir ſo theuer biſt, warum es mir ein ſo ſeli⸗ ges Gefühl iſt, meine brennenden Wangen an Deine warme, friedbringende Bruſt zu legen.“ Gotthard fürchtete, Karl rede irre.„Kannſt Du ſelbſt ſchreiben,“ fragte er,„oder ſoll ich es thun?“ „Nein, gib mir Feder und Papier, ich will ein paar Worte an meine arme Selma ſchreiben!“ Ueber Nacht nahm Karls Unwohlſein dergeſtalt zu, daß er am Morgen in den heftigſten Fieberphantaſien lag. Dieß war in mehr als einer Hinſicht ein großer Uebelſtand für unſern armen Gotthard, welcher es mit ſeinem Zurückhalten ſo herzlich wohl gemeint hatte und mit Recht fürchtete, der Kranke möchte in dieſem Wirr⸗ warr keiner ſo ſorgſamen Pflege theilhaftig werden, als 212 2₰ dieß zu Hauſe der Fall geweſen wäre, wo er von ord⸗ nenden und liebenden Händen umgeben war. Auch ſchien der Amtmann, gelinde geſagt, nicht ſehr zufrieden damit; obgleich er Gotthard keine Vorwürfe wegen ſeiner Be⸗ reitwilligkeit machte, womit er das Gerichtshaus zu einem Krankenhauſe umgewandelt, oder wegen der Unruhe, welche er damit unter die Schreiber gebracht hatte, von denen beſtändig Einer an Gotthards Stelle bei dem Kranken zubringen mußte, ſo war es demungeachtet klar, daß der Amtmann herzlich wünſchte, ſein jüngerer Aſſiſtent möchte ſich nicht mit dergleichen Extrageſchäften befaßt haben, indem die Sitzungen ohnedieß ſchon Arbeit genug mit ſich rachten. Allein, was einmal geſchehen war, ließ ſich jetzt nicht mehr ändern. Tag für Tag verſchlimmerte ſich der Zuſtand des Barons, und der Bezirksarzt, welchen man gerufen hatte, erklärte, daß ein Nervenſieber, wo nicht gar eine Hirnentzündung zu befürchten ſei. „Gotthard, mein liebſter Junge,“ ſagte der Amtmann eines Abends, als ihm die Geduld anfing, auszugehen, „nimm es mir nicht übel, aber es war ein verdammt dummer Einfall von Dir, den Lieutenant am Morgen, wo er wegreiten wollte, aufzuhalten. Du ſiehſt nun, daß die Folgen davon nicht die angenehmſten ſind; und außerdem, daß Du Nachts durch Wachen und am Tage durch Arbeiten geplagt und abgemattet wirſt, glaube ich auch, meiner Seele, daß der arme Lidner, den Du zum Krankenwärter beſtellt haſt, und welcher nichts deſtoweni⸗ ger am Tage ſeine beſtimmte Anzahl Bögen fertig brin⸗ gen muß, gar ſein Leben daran ſetzt; denn was er am Tage nicht fertig bringen kann, dazu muß er die Nacht nehmen. Ich habe mit Verdruß erfahren, daß er jede Nacht, wo er Dich nicht am Krankenbette ablöst, auffitzt und ſchreibt. Der arme Kerl iſt ohnedieß ſchon ſo mit genommen und durchſichtig, daß ſein alter Gottfried entweder auf der einen Seite bald eine neue Reihe Knöpfe brauchen wird, oder am Ende ganz und gar zur Ruhe geht, was er, im Vorbeigehen geſagt,“ ſetzte der 213 Amtmann mit einem gutmüthigen Lächeln hinzu,„freilich auch wohl brauchen könnte; ſchwerlich wird dieß aber bei Leb⸗ zeiten ſeines Herrn geſchehen, indem er ein ſo inniger und treuer Freundſchaftsbund zwiſchen Lidner und ſeinem Rocke beſteht, welcher ſich von dem Tage herſchreibt, wo Jener noch als wohlbeſtellter Feldmeſſer auf eigenen Füßen ſtand, daß eine Trennung nothwendig den Tod Beider herbei⸗ führen müßte. Damit iſt es aber noch nicht genug, Gott⸗ hard, das Schlimmſte iſt— hol' mich Dieſer und Jener— noch zurück, nämlich die ewigen und ſtörenden Beſuche der gnädigen Mama und der liebenswürdigen Fräulein Tante. Ich hatte die Herrſchaften ſchon lange herzlich ſatt und dachte, wenn meine Frau immer wieder mit der alten Leier kam:„Geduld, Geduld, Thorſen, wenn Du nur erſt ein Mal in Deinen Wagen ſteigſt und zu den Gerichtsſitzungen fährſt, dann kommen die Friedensengel und fächeln mit den Palmen. Ja den Teufel auch fächeln ſie! Kaum ſetze ich den Fuß auf den Voden, huſch kommt der Familienrepräſentant wie eine Windsbraut daher ge⸗ ritten, quartiert ſich in mein Gerichtshaus ein, ſtatt daß ich da der erſehnten Ruhe theilhaftig werde, zieht er den ganzen hochadeligen Schweif hinter ſich her, der mir einen Lärm und ein Spektakel verführt, als ob er zu Hauſe, in ſeinem eigenen Krähenneſt wäre.“ Hier ſchwieg der Amtmann, denn die Pfeife war ihm ausgegangen und mit ihr ging auch der Redefluß aus, welcher nicht leicht wieder in das ordentliche Geleiſe kam, wenn nicht ſeine traute, ſtete Begleiterin dampfte. Wie der Blitz eilte Gotthard nach dem Wachsſtocke, holte einen Fldibus, zündete dem Amtmann die Pfeife an und ſagte dann mit größter Ruhe und Geduld, wie er noch nie in ſeinem Leben einen Verweis aufgenommen hatte:„Beſter Oheim, Alles das iſt leider meine Schuld, und obgleich es, Gott weiß, in der beſten Abſicht geſchah, als ich ihn zurückhielt, ſo thut es mir doch unendlich leid, daß ich dadurch eine ſolche Verwirrung angerichtet habe. Am meiſten beunruhigte mich aber das, daß ich, der ich a ſo gerne mit aller möglichen Aufopferung meinem lieben Oheim jede Unannehmlichkeit erſparen möchte, daß gerade ich, in meiner unſchuldigen Abſicht, dem armen Baron Troſt und Ruhe zu ſchaffen, zu Ihrem täglichen Ver⸗ druſſe all' dieſen Wirrwarr und Durcheinander in das Gerichtshaus gebracht habe.“ Gotthards Fügſamkeit verjagte den ſchon vorher halb entwaffneten Verdruß des Amtmanns, welcher überhaupt nicht von der heftigſten Art geweſen war, vollends gänz⸗ lich, denn Gotthards unermüdlicher Fleiß, nebſt ſeiner ſtets gleichen frohen Laune und ungeſuchter Aufmerkſamkeit für ihn hatten den alten Herrn in der guten Meinung, welche er ſchon im Anfange von ihm gefaßt hatte, noch mehr beſtärkt, ſo, daß er ſeinem Lieblinge nicht im Ernſte zür⸗ nen fonnte. Als er nun deſſen Niedergeſchlagenheit be⸗ merkte und ſeine um Verzeihung bittenden Blicke ſah, glaubte unſer Biedermann doch etwas zu weit gegangen zu ſeyn.„Gotthard, mein liebſter Junge,“ ſagte er, halb weſch, halb ſcherzend,„ſteh' nicht ſo vor mir wie ein Schul⸗ junge, der die Ruthe verdient hat. Du haſt ja nichts Schlimmes gethan; was zum Henker kannſt Du dafür, daß Dein Gaſt krank geworden? Du wirſt wohl begreifen, daß ich kein ſolcher Stierkopf ſeyn kann, um Dir ernſtlich über eine Sache böſe zu ſein, welche Du nur ſehr unei⸗ gentlich verſchuldet haſt. Nein, nein, es wird ſchon recht werden, wenn Du nur dem armen Teufel aus der Klemme helfen kannſt.“ Herzlich dankbar drückte Gotthard dem Amtmann die Hand und ſagte lebhaft:„Das hoffe ich, Oheim! Mit größter Sehnſucht erwarte ich Antwort auf meinen Brief.“ 2——— — ☛— 12 CSD D 2ͤo 12 32 8 215 Neunzehntes Kapitel. Ha! güt'ger Himmel, ſie iſt's— ſie! Verſchlaf' den Gram, Du müdes Kind des Schmerzens, Träum', wie das Glück, wenn Du gebrochnen Herzens Am Grabe ſtehſt, erbettelt was ihm noch hienieden Aus ſeinem Füllhorn abging— Frieden! Rune be rg. Mit gütiger Erlaubniß des Leſers begeben wir uns jetzt nach Stockholm; die Scene ſpielt nur einige Tage ſpäter, als die eben geſchilderten Begebniſſe. Es iſt ein regneriſcher Auguſtabend, wo wir zwei Herren, Arm in Arm, wohl eingehüllt in weite Mäntel, mit raſchen Schritten auf der linken Seite des Straßen⸗ trottoirs hin eilen ſehen. Sie gehen über den Guſtav Adolphs⸗Platz, den Blaſtusholm durch die Nybroſtraße und an dem Ladugardsland⸗Platz vorüber nach dem Thier⸗ garten. Da ſich der Regen nachgerade in einen unmerklichen Duft auflöste, ſo mäßigten ſie auch ihre Schritte. Der eine unſerer Wanderer, ein kleiner, zarter, ſchmächtiger Herr, kam mit dem Kopfe aus dem Mantelkragen hervor, nahm die Brille ab und putzte ſie mit dem Taſchentuche; als er ſie wieder an die gehörige Stelle geſetzt hatte, fühlte er einen unwiderſtehlichen Drang, mit ſeinem in Schwei⸗ gen verſunkenen Geſellſchafter ein Geſpräch anzuknüpfen. „Hör' Du, ſey doch nicht ſo raſend wortkarg; den Brief kannſt Du im Zwiſchenakt leſen. Du wirſt Dich ja doch nicht damit auf die Treppe oder gar hier auf die Straße ſtellen wollen. Haſt Du geleſen, was der Argus heute bringt?“ „ Nein!“ „Wie einfältig! man kann auch gar Nichts mit Die reden! Das Allerlei wirſt Du aber geleſen haben. S Ich ſah, daß man Dir das Blatt mit dem Frühſtücke ge⸗ u bracht hat.“ d. „Ich hatte ſo viel zu thun, daß ich nicht einmal T Zeit hatte, gehörig zu frühſtücken.“ „Das iſt doch ein wahrer Sklavendienſt, den ganzen Tag im Spital ſein zu müſſen. Ich ginge, glaub' ich, m bei meiner Ehre drauf, wenn ich dergeſtalt in Galop ge⸗ b ſetzt würde. So ſehr wirſt Du Dich aber hoffentlich nicht S gegen die Literatur und die Mode des Tages verſündiget ut haben, daß Du nicht wenigſtens einen Blick in den Heim⸗ dall von heute geworfen und darin Lady Morgan's zu⸗- w verläfſige oder nicht zuverläſſige Biographie geleſen haben di wirſt, welche den Eingang zu einer Rezenſion über ihr zu neuſtes Werk Flora Macarthy bildet? Recht bra, auf Ehre! Der Henker weiß, woher die Rezenſenten all' fr das Zeug nehmen, womit ſie ihre Spalten füllen! Ich warte mit Schmerzen darauf, meinen Aufſatz, den ich vor acht Tagen eingeſandt habe, im Blatt figuriren zu ſehen. Apropos von Schriftſtellern, da erinnere ich mich eines de Satzes in der angeführten Lebensbeſchreibung, welcher lau⸗ tet:„Es gibt ſicher kein Weib auf der Welt, welches den b re größten Schriftſtellerruhm auf Koſten des Rufes der Lie⸗ benswürdigkeit erkaufen möchte!“ Ha, ha, ha, was für die ein lauwarmer Geiſteshauch muß ſo Eine inſpiriren, wenn zu dieß wirklich der Fall iſt. Im Ganzen genommen finee eir icc es aber auch ziemlich natürlich. Es iſt dem Weibe nicht gegeben, ſich auf den unabhängigen, ſelbſterrungenen der Standpunkt des Mannes zu erheben; gleichwohl ſcheint lät mir etwas recht Gewöhnliches in dem Gedanken zu liegen, me oder was meinſt Du dazu?“ „Im Gegenthell, es iſt ein recht klarer, reiner un ſchöner Gedanke und wir dürſen hoffen, daß der, welchhr ihn ausgeſprochen hat, die Natur des Weibes kennt. Ich wwenigſtens würde jedes ſchriftſtelleriſche Talent im Unter⸗ vocke bedauern, welches anders denken könnte.“ „um alles in der Welt, Freund, nur keine Predigt. 217 Du bringſt Deine Sachen immer ſo ſentimental„feierlich und ernſthaft zu Markte, daß Einem angſt und bange dabel wird. Aber Du haſt mir noch gar nicht geſagt, ob Du den Degeuſan geleſen, über welchen wir ſprechen.“ „Nein!“ „Nein— und ewig nein! Du ſchreiteſt ja gar nicht mit der Zeit voran; begräbſt Dich, die wenigen Augen⸗ blicke, welche Dir Deine Geſchäfte übrig laſſen, in alte Scharteken! Sag' an, wann wirſt Du denn einmal frei und ledig?“ „Nächſten Monat, ſo Gott will.“ Ein leichter, wie⸗ wohl nicht unmerklicher Seufzer der Sehnſucht begleitete dieſe Worte. Die Herren ſtanden jetzt an dem Eingange zum Thiergartentheater. „Willſt Du ein Glas Punſch ſetzen, Herr Bruder?“ fragte der Herr mit der Brille, der Kammerſchreiber H...; „bei einem ſolchen Schlackerwetter iſt ſo Etwas gar nicht zu verachten. Oder ſoll ich vielleicht...“ „Nein, nein, lieber H... laß mir das Vergnügen, der Bonifacius zu ſein! Ich bezahle herzlich gern.“ 3 7Se) nur nicht ſo wild,— ich laſſe ja mit mir reden!“ Als der Vorſchlag ins Werk geſetzt war, begaben ſich die Herren in eine Seitenloge der erſten Reihe, auf die⸗ zweite Bank, wo ſie nicht ohne Mühe einen Platz zwiſchen ein paar vierſchrötigen Nachbarn bekamen. Da es noch ziemlich frühe war, ſo benützte der eine der Freunde, in welchem der Leſer hoffentlich ſchon unſern längſtvermißten Helden, den Candidaten der Medizin, Her⸗ mann Dahl, erkannt haben wird, die Gelegenheit, einen der zwei Briefe, die er ſoeben von der Poſt erhalten hatte, zu öffnen, denn der erwähnte Kammerſchreiber war Schuld geweſen, daß er ihn bisher nicht leſen konnte. Hermann hatte aber kaum Zelt, ſich zu vergewiſſern, daß das Schreiben von ſeinem Pflegvater, dem Doktor Bundler, war und nicht, wie gewöhnlich, einen weiteren, kleineren Einſchluß enthielt, als das Orcheſter begann; mit einem Lelbten Verdruß, vielleicht ſogar ein wenig Schmerz, ſteckte unſer Held ſeinen Brief wieder in die Taſche und ſetzte ſich ſo bequem als möglich zu Recht, um der Muſik zu⸗ zuhören. Allein, wie es nun kam, ob der Fehler am Orcheſter, am Muſikſtücke oder an dem Zuhörer lag, wiſſen wir nicht, ſo viel können wir aber beſtimmt ſagen, daß Her⸗ manns Augen unverwandt und mit dem Ausdrucke der größten Spannung auf einen alten Herrn in ſeinem blauen Oberrocke heftete, welcher vor ihm ſaß. Hermann ſah das Profil ſeines Nachbars deutlich und deſſen Geſicht erweckte eine halbſchlummernde Erinnerung in ihm. Neben dem Alten ſaß ein junges Frauenzimmer in einem elegan⸗ ten Seldenkleide, welches ſich vortrefflich einer ſchlanken, anmuthigen Taille anſchloß. Hermann, ſonſt gerade kein Mädchenjäger, guckte indeſſen ziemlich unbeſcheiden, bald rechts, bald links, um Etwas von ihrem Antlitz zu ſehen, allein der große weiße Seidenhut verdeckte ihm alle Aus⸗ ſicht. Als ſich die junge Dame einmal bückte, kam übri⸗ gens eine Locke ihres feinen braunen Haares auf dem weißen Nacken zum Vorſcheine. Die Farbe der Haare ſchien Hermann nicht unbekannt und eine dunkle Ahnung, eine unerklärliche Macht knüpfte in ſeiner ſonſt nicht ſehr reichen Phantaſie an die Eigenthümerin der Locke eine Reihe von alten Erinnerungen. „Was Henkers kommt Dich denn an?“ flüſterte der Kammerſchreiber höchlich erſtaunt, ſeinen Freund ihm in das Handwerk pfuſchen zu ſehen. Na, das muß ich ſagen! G — habe ich mir doch in meinem Leben nicht gedacht, daß ich Dich ein Mal auf ſolchen Wegen ertappen würde. Aber laß' dieß, Du verſtehſt das Maneuvre nicht recht und machſt die Leute durch Dein ewiges Hinüber⸗ und Heerübergucken aufmerkſam.“ Hermann ſah ſeinen Geſellſchafter ſcharf an.„Was ſchwatzeſt Du da?“ erwiederte er verdrießlich, wandte ſich dann aber ſogleich wieder von ihm weg, denn die heife Glut auf ſeinen Wangen verrieth, daß er ſich wohl 219 bewußt war, beinahe unwillkührlich die Gränzen des ge⸗ wöhnlichen Anſtands faſt zu weit überſchritten zu haben. Als das erſte Stück aus war, und die Herren auf⸗ ſtanden, um entweder friſche Luft oder irgend eine andere Erfriſchung zu genießen, erhob ſich auch Hermanns Nach⸗ bar im blauen Oberrocke. Sowie er in die zweite Bank⸗ reihe kam, reckte er die Hand nach der goldnen Schnupf⸗ tabacksdoſe aus, welche er zurückgelaſſen hatte; ſchnell wie ein Gedanke faßte eine kleine Hand das auf dem Sitze liegende Kleinod, reichte es dem Eigenthümer dar und drehte ſich zugleich dabei um. Hermann hatte nun die beſte Gelegenheit, das ausgezeichnet edle, etwas blaſſe Ge⸗ ſicht und die ſchwarzen, ſtrahlenden, tief liegenden Augen zu betrachten; je mehr er darauf ſah, deſto enger wurde es ihm um das Herz— er konnte kaum athmen. Es erleichterte gleichſam ſeine gepreßte Bruſt, als er eine ihm dunkel erinnerliche Stimme mit dem reinſten Wohllaute ſagen hörte:„Bleib' nicht zu lange aus, es wird mir ſonſt ganz ängſtlich zu Muthe unter allen den fremden Leuten.“— Dann wandte ſie ſich wieder um; kein Blick war auf Hermann gefallen. Vor Hermanns Augen ſchwindelte es jetzt aber faſt. Ein Mal über das andere lehnte er ſich vorwärts; mehr als zehn Mal öffnete er die Lippen, allein die Scheu vor einem möglichen Irrthum und die Furcht, es möchte ein Blendwerk ſeiner an dieſem Abende ohnehin ungewöhnlich aufgeregten Einbildungskraft ſeyn, ſowie die Nähe des Kafe ſchrribers hielten ihn ab, ſich Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen. „Wenn Du Etwas zu Dir nehmen willſt, Bruder H.. ſo geniere Dich nicht,“ ſagte Hermann.„Es iſt heute nicht das erſte Mal, daß ich das Vergnügen Deiner Geſellſchaft im Theater habe, und ſonſt pflegteſt Du es nicht ſo genau zu nehmen.“ „Ja, das war ſonſt wohl der Fall; aber durch den Umgang mit Dir habe ich mir eine gewiſſe liebens⸗ würdige delikate Schüchternheit angewöhnt,“ entgegnete der Kammerſchreiber ſchalkhaft,„und finde jetzt, daß Du ſchon übergenug gethan haſt, mein Billet zu bezahlen, als daß ich Dir eine abermalige Ausgabe für mich zu⸗ muthen ſollte.“ Hermann biß ſich in die Lippen; er merkte wohl, was H.. bewog, die Rolle des Delikaten zu ſpielen, und nahm ſich vor, im fernern Verlaufe des Abends ſei⸗ nem fluͤchtigen Werktagsbekannten keinen weiteren Anlaß zu geben, der ihn in ſeinem vorgefaßten Verdachte beſtär⸗ ken könnte. Kaum aber war der Vorhang zum Nachſtück aufgezogen, ſo kam Hermann ein anderer Gedanke.— „Das Ding langweilt mich, ich habe es ſchon ein paar Mal geſehen,“ ſagte er zum Kammerſchreiber;„haſt Du Luſt, noch da zu bleiben, ſo thue es— ſonſt wollen wir gehen.“ 3„Ich gehe mit; wir können ja auf dem Heimwege in der ‚blauen Thüre’ einſprechen und uns einen Barſch ſchmecken laſſen.“ „Du legſt ja auf ein Mal Deine liebenswürdige Schüchternheit ab,“ meinte Hermann und lächelte dazu, obgleich er von dem Vorſchlage ſeines Freundes nicht ſehr erbaut war. „Allerdings; eine ſo charmante Eigenſchaft kommt nur in ganz beſonderen Fällen zum Vorſchein. Gehen wir?“ Nun blieb Hermann keine Wahl. Er ſtand langſam auf und war es Zufall, oder geſchah es mit Fleiß, er ließ eben einen noch unerbrochenen Brief, welchen er in der Hand hielt, auf die Bank fallen. Die junge Dame ergriff ihn, ehe er zu Boden fiel, wandte ſich raſch damit auf die Seite, und als Hermann den Brief aus ihrer Hand empfing, ſah er, wle dieſe unmerklich zitterte. Daus lebhafte Roth ihrer Wangen ging in ſichtbare Bläſſe üder. Einen Augenblick nur begegneten ſich ihre Blicke; aber es war genug. 1 4 Eben kam der alte Herr zurück und wandte ſich an ſeine junge Begleiterin. Aufgeſcheucht, wie eine Taube, um, und Hermann, welcher ihr auch die —&— 8 8 SS8eU GS be — 8 SAuR AN geringſte Verlegenheit erſparen wollte, verſchwand mit dem Kam merſchreiber aus der Loge. Es koſtete ihn Mühe, von dem ſonſt wohl gelittenen, ihm jetzt aber ſehr beſchwerlichen Kameraden loszukom⸗ men, dann eilte er, von einer Menge der verſchiedenſten Gedanken erfüllt, nach dem Königsholm zu ſeiner Woh⸗ mge drei Treppen hoch, in der Nähe des Seraphinen⸗ itals. 3„War ſie es, war ſie es wirklich?“ ſagte er vor ſich hin, während er den Schlüſſel umdrehte und in ſein behagliches Zimmer trat.„Und was ſſt ſie jetzt? Ihre Kleidung! Gott! ſollte es möglich ſein?“— Hermann überſiel eine tödtliche Angſt; allein nachdem er ſich mehre Male den Auftritt mit dem Briefe und die vorhergehen⸗ den Worte, welche ſie zu ihrem Begleiter geſagt hatte wiederholte, fühlte er ſich doch über gewiſſe unbeftimmte Beſorgniſſe beruhigt; aber deſto mehr zerbrach er ſich den Kopf darüber, wie ſie wohl nach Stockholm gekom⸗ men ſeyn möchte, über den Stand ihres Begleiters und ihre mögliche Stellung zu demſelben. Da flog ihm ſchnell der Gedanke an die auffallende Aehnlichkelt zwiſchen dem offenbar wohlhabenden Manne und dem armen Muſikan⸗ ten von M.. durch den Kopf und vertrauensvoll blieben ſeine Gedanken bei dem Wünſchenswertheſten ſtehen, das er ſich irgend vorſtellen konnte. Endlich ſchlug er, mit dem Vorſatze Morgen mehr von der Sache ausforſchen zu wollen, Licht, zog ſeinen warmen Schlafrock und die zierlichen Pantoffeln, Hulda's letztes Geſchenk, an, ſetzte ſich auf den Sopha, rückte den Tiſch näher und begann zu leſen. Allein kaum hatte er die erſten Zeilen von ſeines Oheims Brief überflogen und mit Zittern die Worte geleſen:„Mein Sohn! Mit tiefſter Bekümmerniß bin ich genöthigt, Dich auf einen harten Schlag vorzubereiten“— ſo rief er aus:„Gott, was iſt das!“— Hermann ſchloß mit Gewalt die Augen; er wollte das Weiterleſen noch ein paar Minuten verſchie⸗ ben, um ſich wo möglich zu prufen, ob ſeine Seele auch Stärke genug beſäße, das Schlimmſte zu ertragen, was ihm widerfahren könne. Der Umſtand fiel ihm auf, daß dem Briefe des Vaters nicht, wie gewöhnlich, ein Brief⸗ chen von ſeinem Herzensbräutchen beigeſchloffen war. Es wurde ihm ſchwarz vor den Augen und wie in gewiſſen Lebensaugenblicken eine Abſonderung zwiſchen der Materien und der höhern Sinnenwelt eintritt, wo eine Art Ahnungs⸗ vermögen ſich offenbart und unſer Blick in die Zukunft reicht, ſo ſtellt ſich auch hie und da ein grauenhaftes, unerklärliches Begehren ein, Vergleiche zwiſchen allen den Graden anzuſtellen, in welchen unſer Herz auf die Folter⸗ bank der Todesqual geſpannt wird. In Folge dieſer ſelt⸗ ſamen, aber wahren Ideenverbindung fragte ſich Her⸗ mann:„Würdeſt du wohl ſchwanken in der Wahl, ob du ſie lieber als eine von den Engeln entführte Himmels⸗ braut wiſſen, oder, wenn die Bluͤthen der Hoffnung und der Liebe noch tiefere Wurzeln geſchlagen haben, dein höchſtes Gut im Leben lieber dahin geben und verlieren wollteſt, wenn du ahnen, fühlen, hören müßteſt, wie ihr geliebtes Herz ſchlägt, aber nicht für dich, ſondern fuͤr einen Andern? Nein, o Gott, in dieſem Falle wäre ich entſchloſſen,“ ſagte Hermann mit lauter, erhabener Stimme; allein ſeine Wangen waren todtesbleich, ſeine Lippen beb⸗ ten und in ſeinen ſchwarzen Augen flammte ein dunkles Feuer. Heftig griff er wieder nach dem Briefe, durchflog die erſten Linien und im Nu waren die düſtern Luftbilder ſeiner Phantaſie verſchwunden und wie vom Donner ge⸗ Auhrt, fuhr er zurück, als die eiskalte Wirklichkeit, Wie⸗ wohl in einer andern Geſtalt, ihm entgegen trat. Bluuͤdndler ſchrieb: geſtern Nacht hat Deinen Vater, ohne daß er vorher eigentlich unwohl geweſen wäre, ein heſtige Schlaganfall betroffen und ihm die ganze Seite vollſtändig gelähmt. Sein Kopf iſt ve wirrt, und ohgleich er ſich möglicherweiſe wieder 8 „Mit tiefſter Bekümmerniß bin ich, genöthiget, Dich auf einen harten Schlag vorzubereiten! Vor⸗ / —-— V v 89——————8—— 4 —— N8 223 erholen kann, wozu übrigens nach meiner Anſicht nicht viel Hoffnung vorhanden, ſo iſt es doch wünſchenswerth und ſogar nothwendig, daß Du, je früher, deſto beſſer, nach Hauſe kommſt. Du haſt ja doch jedenfalls im nächſten Manate kom⸗ men wollen, und ich bin überzeugt, Du wirſt es ſo einzurichten wiſſen, daß wir Dich unverzüglich hier bei uns ſehen. Meine Schwägerin, Deine liebwertheſte Frau Stiefmama, rast in heller Ver⸗ zweiflung, allein dieß macht mir nicht bange. Gott verzeihe mir's— aber ich habe das Welb nie leiden mögen! Ludwig, der Taugenichts iſt, wie Du weißt, ſeit zwei Jahren zu Hauſe. Es heißt, er ſey im Geſchäfte und habe gewaltig viel Hang und Neigung zum Kaufmannsſtande; aber ſein Sinn ſteht ihm nach einem leichtſinnigen, bequemen und herumlungernden Müſſiggänger⸗ leben; da ſeine Eltern am Ende eingeſehen haben, daß Nichts mit ihm anzufangen ſey, nahmen ſie ihn nach Hauſe, damit er dort Alles drunter und drüber werfen, Handlungsdiener und Prinzipal hinter einander hetzen und vornämlich böſen Sa⸗ men zwiſchen Vater und Mutter ſäen konnte. Gott weiß es, ich habe ihn nicht auf meinem Gewiſſen, denn von meiner Seite hat es an guten Lehren bei dem Satansjungen nicht gefehlt; allein bei dem iſt Hopfen und Malz verloren. Er wollte nie ein vernuͤnftiges Wort annehmen, und wenn, was Gott verhüten möge, mein braver Schwager aus der Welt gehen ſollte, ehe Du ankommſt, ſo wird es hübſche Geſchichten geben. Meine Alte und Hulda ſind bei ihm, um ihn zu pflegen und nachzuſehen, ob meine Vorſchriften richtig befolgt werden. Elfride liegt auf dem Sopha, hat un⸗ aufhörlich Krämpfe und zerfließt in Thränen— ja Krokodilsthränen!— Tauſend herzliche Grüße von Deiner kleinen Braut. Verſtehſt Du, ich gebe ihr dieſen Titel, obgleich ſie noch Nichts davon w weiß und ihn erſt dann wiſſen ſoll, wann Du ihr ar ſelbſt den Ring an den Finger ſteckſt.— Du ſollſt ob uns herzlich willkommen ſeyn, lieber Junge, und la ſollte es in Gottes Rathſchluß liegen, daß Du no Deinen Vater nicht mehr findeſt, ſo bleibt Dir au doch Dein alter aufrichtiger Pflegvater gl Bundler.“ Al u Sobald Hermann den Brlef geleſen hatte, ſtand er ih auf und ging mit ſtarken Schritten im Zimmer auf und wo ab. Der heftige Kampf ſeines Gemüthes ſtand mit leſer⸗ bit lichen Zügen auf ſeinem Geſichte geſchrieben. So ging ſch er ein paar Stunden auf und nieder und betrachtete da⸗ des . zwiſchen das langſame Fortrücken des Stundenzeigers He ſeiner Wanduhr. Es war eine harte Probe für ſeine eir kindliche Liebe bis an den Morgen warten zu müſſen; in allein er hatte noch Vieles zu beſorgen, ehe er abreiſen ſey konnte. Erſt etwa um vier Uhr Nachmittags warf er Lel ſich, müde vom Umherlaufen und ſonſtiger Anſtrengung an in den Wagen. Er fuhr gen Süden, und während die Fo ewig lange Hornſtraße ſeine Geduld auf die Probe ſetzte, kam ihm erſt wieder die Erinnerung an den geſtrigen ſich Auſtritt im Theater. Da ſiand jetzt die bleiche feine ſich Geſtalt klar vor dem Auge ſeiner Seele; jeden Zug, jeden wa Ausdruck in ihrem Antlitz erkannte er wieder, auch ihr W Aeußeres, das blaue Seidenkleid, der große weiße las⸗ dür hut, auf jeder Seite eine Roſe und ein Vergißmeinnicht, abe ſogar die feine flatternde Locke im weißen Nacken— für Alles, die ganze Geſtalt, wie er ſie geſtern geſehen, ſtand lich vor ſeiner Erinnerung. Ein plötzliches:„Aufgeſchaut, ſie guter Freund, geht denn der Weg durch die Leute?—“ ſcht weckte ihn aus ſeinen Träumereien. Die Stimme wa ihr ihm nicht fremd, er kannte ſie noch von Aeflemn. mann ſah auf, woher ſie käme und erkannte den H ite ſeines lebendige im blauen Oberrocke, an der Se wordenen Traumbildes ſitzend. Es war ſie ſelbſt. Jetzt, am hellen lichten Tage erkannte er ſie wieder vollſtändig, obgleich ein edlerer feinerer Ausdruck über ihrem Geſichte lag; die geſchmackvolle zierliche Kleidung erhöhte ihre natürliche würdevolle Anmuth, ſo daß ſie ſich noch beſſer ausnahm, als in früheren Tagen. Als ihr Blick auf Hermann fiel, flog eine helle, faſt glühende Röthe über ihre Wangen. Die tief liegenden Augen ſandten ihm einen flehenden, unſäglich milden Gruß zu und eine leichte haſtige Bewegung nach der Seite, wo ihr Begleiter ſaß, der aber gerade ſeinen Blick anders⸗ wohin gerichtet hatte, ſchien Hermann um Vorſicht zu bitten. Noch ein langer zaudernder Blick, voll der ſchönſten innigſten Dankbarkeit, ein leichtes Schwenken des Taſchentuches und die Erſcheinung war verſchwunden. Hermann nahm ſich vor, dieſes Wiederſehen nur wie eine flüchtige Erſcheinung zu betrachten. Es war klar, in ihrer jetzigen Lage mußte ihr Alles daran gelegen ſeyn, daß ihr nicht die geringſte Mahnung an ihr früheres Leben in den Weg trat. Und dann— Hermann dachte an Gotthards veränderte Gefühle, an ſeinen Brief aus Forshälla. „Zu was könnte es auch helfen?“ murmelte er vor ſich hin.„Am beſten iſt es ſo wie es iſt, daß ihre Wege ſich nie mehr begegnen. Ich werde ſchweigen,— denn was ich auch ſagen könnte, kann ja doch zu Nichts führen. Wenn ſie nur glücklich iſt! O, wenn ich dieß hoffen dürfte! Das große ſprechende Auge drückte wohl Frieden, aber keine Glückſeligkeit aus.— Armes Geſchöpf; ich fürchte, dieſes Gefühl wird Dir ewig fremd bleiben. Aeußer⸗ lich iſt die Wunde wohl zugeheilt, allein inwendig brennt ſie doch fort.“ Tief beklagte Hermann ihr trauriges Ge⸗ ſchick; dankte aber Gott, daß er ſich ſtets gehütet hatte, ihr jemals eine falſche Hoffnung vorzuſpiegeln.„Die Folge,“ dachte er,„hat gezeigt, daß dieſe meine Vorſicht ihr einen Schmerz mehr erſpart hat, denn beſſer, gar kein Erſatz, als die Hand ohne das Herz, etwa wie man Die Milchbrüder. 1. 15 226 einen Kauf hält. Deine heiße Liebe, Du armes Maͤdchen, würde an ſeiner nun erkalteten Bruſt zu Tode erſtarren. li ei V b. Zwanzigſtes Kapitel.-4 di Fünf Tage ſpäter klopfte um Mitternacht Hermann mit ein paar leichten Schlägen an die Thüre ſeines Vater⸗ ol hauſes. Im Fenſter der Schlafkammer, ſowie in dem Nebengemache, flackerte ein Licht. Mit unruhig pocheneem Herzen klopfte er zum zweiten Male. Endlich hörte er 4 eilige Tritte die hohe Steintreppe herabkommen. Die Riegel wurden zurückgeſchoben, der alte Peter, Herr Dahls Begleiter auf ſeiner damaligen merkwürdigen Freierreiſe 3 öffnete und brach in einen Freudenruf aus, als er ſeinen lieben jnngen Herrn erblickte. „Der tauſend! ſo wahr Gott lebt, das iſt ja Herr Hermann! Was wird das für eine Freude bei Herrn Doktors ſein!“. „Was macht mein Vater?“ fragte der junge Mann ungeſtim. 3 „Ja, lieber Herr, ſo ſo. Ich glaube, und das Herr fl Doktor auch, daß er wohl nicht mehr aufſteht; allein ees n kann immer noch ein Wellchen dauern, bis der arme gute k Herr erlöst iſt.“ Hochbeglückt, daß er doch nicht zu ſpät gekommen nmn war, um dem geliebten Vater eine ſorgſame Pflege wid⸗ men und ſeinen Segen empfangen zu können, eilte Her⸗ mann die Treppe hinauf, an Peter vorbei, welcher ver⸗ gehens zur Behutſamkeit ermahnte, da ſie gerade an dem Zimmer der Frau Dahl vorüber kamen. „Wo liegt mein Vater?“ fragte Hermann und faßte die Klinke des ihm bekannten Schlafzimmers, wurde a von Peter zurückgehalten, welcher mit der Hand dazwi fuhr und gleichſam als Antwort auf ſeines jungen Herrr Frage entgegnete:.. n, —— 3 227 „Sachte, ſachte, da dürfen Sie jetzt nicht eintreten, liebſter Herr. Das Krankenzimmer des Herrn Vaters iſt eine Treppe höher; da drinnen liegt“— Peter blinzelte bedeutungsvoll mit den Augen—„ja, ja, da drinnen „liegt Mamſell Hulda auf dem Sopha. Sie iſt ſeit der Herr krank geworden bei uns hier im Hauſe, da ſie aber die letzte Zeit mehr gewacht hat als billig, ſo kam der Herr Doktor heute Nacht ſelbſt und hat das Engelskind ohne weiteres in's Bett geſchickt.“ Sachte zog ſich der Ankömmling in wunderbarer Aufregung zurück. Als Peter ſich umwandte, um voraus zu gehen, drückte Hermann ſeine Lippen auf das Schloß, welches den Gegenſtand ſeiner heiligen Liebe bewahrte. Dann folgte er ſeinem Wegweiſer und trat bald in ein großes kühles Gemach, wo ſein Vater, vom Siechthume— entſtellt, in einem ſchneeweißen Bette lag. Neben dem Lager ſtand ein großer bequemer Lehnſtuhl, aus welchem ſich die kraftvolle Geſtalt des Doktors erhob. Leiſen, aber ſchnellen Schrittes ging er dem Angekommenen entgegen und ſchloß ihn mit väterlicher Zärtlichkeit an ſein treues Herz. „Gott ſey Lob und Dank, daß er noch am Leben iſt!¹ flüſterte Hermann und kniete am Lager ſeines Vaters ieder,„Er ſchlummert; iſt ſein Bewußtſein zurückge⸗ kehrt?“. „Ja, aber er iſt ſehr ſchwach; und es ſteht ſchlimm mit ihm.“ Hermann ſeußzte tief, lehnte den Kopf an das Bett und zwei große Thränen ſielen auf ſeines Vaters Hand. „Laß ihn ruhig ſchlafen, mein Sohn,“ ſagte Bundler, „und ſetze Dich hier hinter die Gardine, daß das Lampen⸗ licht nicht auf Dein Geſicht fällt. Wenn er erwacht, möchte ihm die heftige Erregung ſchädlich ſeyn.“ Hermann gehorchte; der Doktor nahm ſeinen alten Platz im Lehnſtuhl ein, dann begann ein leiſes Zwiege⸗ fhn ch⸗ nach welchem ſich Beide ſchon ſo lange geſehnt atten. 228 „ Nun, beſter Oheim, was macht die liebe gute Tante und meine Hulda? Wie habe ich mich geſehnt, ſie zu ſehen; aber— mir bangt“— dabei druͤckte er ſeinem geliebten Pflegvater heftig dde Hand—„mir bangt bei dem Gedanken, der ſich mir oft aufdrängen und meine Hoffnung auf Erdenſeligkeit zerſtören will, daß ich viel⸗ leicht nicht im Stande bin, in Hulda daſſelbe Gefühl zu Afin⸗ welches ſchon ſo lange in meiner Bruſt für ſie üht.“ 8„Ach, damit hat es keine Gefahr,“ meinte Bundler; „die Liebe macht Dich zu ſchüchtern. Sie liebt Dich ja ſchon ſeit ſie zu denken angefangen— das macht ſich von ſelbſt.“ „Ja aber, liebſter Oheim, ich verlange mehr, etwas Höheres, als nur eine ſolche Liebe. Doch,“ brach Her⸗ mann ab, pjetzt iſt keine paſſende Zeit für ſolche Mitthei⸗ lungen.— Wie ſteht es mit meiner Stiefmutter? Es iſt ein harter, empfindlicher Schlag, einen Gatten zu ver⸗ lieren, deſſen Liebe und Geduld ſo unermüdliche Nachſicht mit ihren Fehlern hatte, und der ihr ſo gütig und lieb⸗ reich die vielen trüben Stunden verzieh, welche ihm ihre unfreundliche Laune bereitete.“ a, er war in dieſer Hinſicht ſehr ſchwach,“ ſagte der Doktor hitzig und ſaßte ſich, nach alter Gewohnheit, wenn ſein Blut in Wallung gerieth, am Backenbarte. „Du kannſt Dir keine Vorſtellung machen, wie ſie in den letzten Jahren gehaust und ihn tyrannifirt hat! Je nach⸗ giebiger er war, je mehr er ſich, des ewigen Keifens müde, ihr Regiment gefallen ließ, deſto feſter faßte ſie die Zügel. Und was der geplagte Mann unter den ver⸗ einten Bemühungen Deiner Mutter und des Unglücks⸗ vogels Ludwig gelitten hat, das weiß nur Gott und er ſelbſt. Mir hat er nie geklagt; ich merkte aber wohl wie die Sachen ſtanden, als er einmal anfing, ſie nicht mehr in Schutz zu nehmen, wenn ich von Zeit zu Zeit, ſowohl über ſie als uͤber den Jungen, meinen Aerger ausleerte. Gleichwohl hat er ſich in einem Punkte tapfer 2558—=ES— ᷣ E8 rESͤS=S8ͤERESQͤS8 — 229 und als wackerer Mann gehalten, nämlich darin, daß er ſich nicht beſtimmen ließ, den Ludwig auf eigene Fauſt zu etabliren. Gottlob, in dieſer Hinſicht ſah er vollkom⸗ men klar. Er war ſelbſt ein zu thaͤtiger und umſichtiger Geſchäſtsmann, um nicht auf ein Haar berechnen zu kön⸗ nen, daß Ludwig als eigener Herr in einem halben Jahre total fertig ſein müßte.“ „Was ſoll denn aber aus ihm werden, wenn..“ Hermann konnte es nicht über ſich gewinnen, den Satz zu vollenden. „Ja, das läßt ſich freilich ſchwer beſtimmen,“ nahm Bundler das Wort.„Sollte Dein Vater ſterben, Her⸗ mann, ſo iſt Ludwig noch ein Jahr lang unmündig und wird ohne Zweifel unter meine Vormundſchaft kommen, dann ſoll er, wenigſtens ſo lauge ich darauf zu halten vermag, nicht über die Stränge ſchlagen, und mit Gott lernen, was er ſchon längſt hätte lernen müſſen, nämlich gehorchen; denn ſonſt wird er zum Befehlen nie tauglich werden.“ Jetzt gab eine leiſe Bewegung hinter den niederge⸗ laſſenen Bettvorhängen zu erkennen, daß der Kranke er⸗ wacht war. Bundler ſtand auf, trat an einen Tiſch auf der Seite, ſah nach der Uhr, ergriff eine Medizinflaſche und näherte ſich dem Bette. „Wie geht es Dir, Herzensbruder?“ fragte der Doktor theilnehmend. „Schlecht!“ antwortete der Kranke leiſe,„ſchlecht, ſchlecht!“ wiederholte er langſam.„Deine Kunſt vermag Nichts mehr bei mir, guter Schwager; da ich aber jetzt einen lichten Augenblick habe, ſo ſetze Dich zu mir und vernimm meine Bitte.— Wenn ich nicht mehr bin, ſo ſey nicht zu ſtreng gegen Elfride, nicht zu ſcharf. Sie hat ihre Fehler, das iſt wahr, aber auch ihre quten Eigen⸗ ſchaften. Mein Haus hat ſich unter ihren fleißigen ord⸗ nenden Händen gehoben, und eine Zeitlang, im erſten Jahre unſerer Ehe, machte ſie mich zum glücklichſten Manne. Um meiner Bitte willen, Bundler, die Du nie 230 vergeſſen wirſt, mußt Du nicht zu hart gegen ſie ſeyn; ich weiß freilich, Du biſt nie ihr Freund geweſen.“ „Das iſt wahr, Dahl, ich geſtehe es; allein warum? Well ſie nie Deine nachſichtsvolle Liebe zu würdigen wußte, und noch weiter, weil ſie von Jugend auf den Ludwig verzogen und alle guten Eigenſchaften in ihm zerſtört hat. Deſſen ungeachtet ſoll Dein Wille mir ſtets heilig ſeyn, als der letzte und größte Beweis des beſten und edelſten Herzens, welches ſich ſogar im Tode noch bemüht, dem Gegenſtande ſeiner Liebe den Weg zu ebnen und leicht zu machen.“ Mit einem ſchwachen Händedruck bezeugte ihm Dahl ſeine Zufriedenheit; dann fuhr er fort:„Zufolge meines Teſtaments biſt Du zu Ludwigs Vormund beſtellt. Ich lade Dir dadurch eine große und ſchwere Pflicht auf; aber nur auf Deine Schulter konnte ich ſie getroſt legen; denn ich bin überzeugt, daß Du, beſſer als ich ſelbſt, ihn be⸗ aufſichtigen und, mit Gottes Hilfe, ihm beſſere Grund⸗ ſätze beibringen wirſt, als bisher ſein leichtſinniges Ge⸗ müth beherrſcht haben. Die Zukunft des Jungen macht mir viel Sorge und Kummer, und meine letzte Kraft will ich noch auf eine Unterredung mit ihm aufparen. Der Allmächtige gebe ſeinen Segen zu meinen ſchwachen Worten.“ Bundler ſenkte das Haupt; er war zu angegriffen, um ſprechen zu können. Nun folgte eine lange Pauſe, welche Bundler, ſo leid es ihm auch um den ſehnlich wartenden Hermann that, nicht zu unterbrechen wagte, denn er wußte wohl, daß der Kranke auf die große Anſtrengung wieder Zeit brauchte, um Kraͤfte zu ſammeln. 8— Nachdem Dahl eine Zeitlang mit geſchloſſenen Augen gelegen hatte, öffnete er ſie wieder, und ein milder, fried⸗ licher Ausdruck, wie er an ein baldiges Ende des Erden⸗ kampfes zu erinnern pflegt, welcher verkündet, daß alle. Irdiſche abgeſchüttelt iſt, und nur das beſte Theil noch bleibt— ein ſolcher ſchöner Ausdruck lag in Dahls Augen, als ſie mit zärtlicher Dankbarkeit an Bundlers —'ä„—— Lcf————2——,—— 231 thränendem Blicke hingen.„Redlicher Schwager, Du un⸗ veränderlicher Freund in Freud und Leid,“ ſagte er mit leiſer, aber klarer Stimme.„Dir und Deiner Gattin habe ich für das größte Glück zu danken, für die ſchöne ungetrübte Seligkeit, welche mir dadurch zu Theil ge⸗ worden, daß ich an mein mit Recht ſtolzes Vaterherz, in unendlicher Liebe, einen Sohn drücken konnte, deſſen ſtete Aufführung die Hoffnungen gerechtfertigt hat, welche wir ſchon in ſeiner früheſten Jugend auf ihn ſetzten. O, mein Hermann, Du Ebenbild der theuren Vorangegangenen. Sieh', Bundler, die Freude, welche er mir bereitete, hat mir Erſatz gegeben für manche bittere, freudloſe Stunde, und könnte ich ihn vor meinem Tode noch ein Mal ſeg⸗ nen, ſo wäre der einzige Wunſch erfüllt, welcher mir noch übrig bleibt. „Du weißt, wir erwarten ihn,“ ſagte Bundler vor⸗ ſichtig.„Trauſt Du Dir ſo viel Stärke zu, ihn ſehen zu können, wenn er bald käme.“ „O gewiß! Ach, daß er da wäre! Bundler, Freund, Bruder, wenn es ſo iſt, dann laß mich nicht vergeblich nach dieſer Seligkeit ſchmachten!“ Der Vorhang wich zurück und eine hohe Geſtalt trat ſchnell hervor. Dahl machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand, und im nächſten Augenblicke lag ſein Sohn über das geliebte Vaterantlitz hingebeugt. Der ſtarke, eiſenfeſte, junge Mann weinte wie ein Kind; es war einer von jenen großen, unvergeßlichen Augenblicken im Leben, welche gleich einſam funkelnden Sternen fortleben durch die Nacht der Erinnerung und der Jahre bis an den letzten unſerer Tage. Mehre Stunden vergingen. Als der Vater gegen Morgen wieder entſchlummerte, ließ ſich Hermann von Bundlern überreden, auch Ruhe zu ſuchen, oder richti⸗ ger, ſeine Gedanken zu ſammeln. Als Bundler mit eigener Hand die Thüre hinter ihm verſchloß, ſagte er mit Nachdruck:„Wann es Zeit iſt, werde ich Dich ſelbſt holen. Wir müſſen unterdeſſen den Kranken der Ruhe 232 überlaſſen, welche ihm ſo nöthig iſt; für ſeine punktliche Pflege iſt geſorgt.“ Hermann warf ſich auf den Sopha; allein der ergrei⸗ fende Auftritt der vorigen Nacht und die Ausſicht auf das, was noch kommen würde, erfüllten ihn ſo ganz und gar, daß er vergebens die Augen ſchloß und den Schlaf erwartete. Da ihm in dieſer unruhigen, unerträglichen Gemüthsſtimmung die Zeit zu lang wurde, ſo machte er ſich an das Auspacken ſeiner Koffer, um ſeine beſtäubten ſchmutzigen Reiſekleider mit andern zu vertauſchen. Nach⸗ dem auch dieß Alles in Ordnung war, ging er auf und abz die Bilder, welche er kurz erſt vor Augen gehabt hatte, tanzten noch abwechſelnd vor ihm umher und er war nahe daran, die Geduld zu verlieren, als er endlich einen feſten, kraftvollen Schritt, den wohlbekannten Gang ſeines Pflegvaters, nahen hörte. Der Schlüſſel drehte ſich leiſe um und ſehr vorſichtig ſtreckte der biedre Doktor lau⸗ ſchend den Kopf zur Thüre heein. „Nur herein, Oheim,“ ſagte Hermann ungeduldig; „an Schlaf war bei mir nicht zu denken.“ „Du Schelm, biſt Du ſchon angekleidet!“ entgeg⸗ nete Bundler und hob drohend den Finger in die Höhe; „ich glaubte, Du hätteſt Deine Zeit beſſer angewandt. Antworte mir vor allen Dingen auf eine Frage: wlllſt Du Hulda zuerſt allein ſehen, oder drinnen bei Deiner Stiefmutter? Karoline iſt nach Hauſe gegangen, ich wollte, daß ſie einmal ausſchlafen ſollte; deßhalb weiß ſie noch Nichts von Deiner Ankunft und wird dieſe erſt jetzt durch mich erfahren. Du magſt dann nachkommen.“ „Theuerſter Oheim!“ Bei dieſen Worten zuckte ein leiſes Beben durch Hermanns ganzes Weſen, er war ſo wunderbar ergriffen, daß er kaum hinzuzuſetzen vermochte: „laß' mich ſie zuerſt ſehen und zwar allein.“ „Gut, gut; ich habe es mir auch ſo gedacht. Sie macht eben den Kaffee im Vorzimmer zurecht: Dort geh' hin, ich will einſtweilen der Frau Schwägerin Geſellſchaft leiſten. Ludwig liegt noch in den Federn.“— 233 Einundzwanzigſtes Kapitel. Mit beflügelten Schritten eilte Hermann nach dem bezeichneten Zimmer, hoch klopfte ſein Herz und eine heiße Glut bedeckte ſeine Wangen. Er ſollte ſie wiederſehen, ſeine junge Braut, die er als aufbrechende Knospe von noch kaum fünfzehn Jahren verlaſſen hatte, um ſie jetzt als üppig emporgeſchoſſene Blume wieder zu finden und welcher er, o der Seligkeit und Wonnel der erſte Glück⸗ liche, Worte der Liebe in das Ohr flüſtern ſollte. Wie ſah ſie wohl aus? Wie wird ſie ihn empfangen? Wird wohl das ſchüchterne ahnende Herz der Jungfrau im erſten Au⸗ genblick fühlen, daß der Bruder, der Jugendfreund nun einem andern Platz gemacht hat? Hermann wagte ſich nicht weiter in den Bereich dieſes myſtiſchen Gebiets, faßte die Klinke und ſchritt über die Schwelle in den Raum. welcher Zeuge des Augenblicks ſein ſollte, nach dem er ſich ſchon Jahre lang geſehnt hatte. Jetzt war er darinnen. An dem Fenſter ſtand Hulda, eine hohe ſchlanke Ge⸗ ſtalt, anmuthig über die kleine Orangerie gebeugt, welche Hermann früher zum Vergnügen ſeines Vaters, der ein großer Freund von Blumen war, erzogen hatte. Durch die dunkeln Blätter hindurch ſah er, wie ihre kleinen weißen Hände damit beſchäftigt waren, ein losgegangenes Reis wieder anzubinden. Als die Thüre aufging, ſah ſie hin und bei weitem weniger erſtaunt als Hermann, der ganz in Bewunderung dieſes liebenswürdigſten Geſchöpfs verſunken war, welches jemals ſeine Augen erblickt hatte, und mit halbausgeſtreckten Armen wie angewurzelt ſtand, flog ſie ihm entgegen, der ihr Freund, Lehrer und Bruder geweſen, und erröthete hoch, gleich wie vom Scheine ben⸗ galiſchen Feuers übergoſſen, als ſie vor dem vollendeten Manne ſtand, deſſen Feuerblick ſie faſt zu verzehren drohte. Dieſer Moment entſchied für Hermanns ganzes 234 Leben. Was er bieher geliebt hatte, war nur der leiſe Schatten von der geweſen, die jetzt vor ihm ſtand, nur u die Ahnung von der einſtigen Vollendung dieſes lieblichen be Weſens, das höchſte, füßeſte und reinſte Gefühl ſeiner 1 Bruſt, die Dämmerung des nun in voller Klarheit ange⸗ ſü brochenen Tages. In Hermanns Seele ſchlummerten al tiefe, mächtige Empfindungen, erſt zum Leben erwacht, H mußten ſie auch nothwendig ihre gewaltige Macht über 8 ſein Herz ausüben, welches bisher die Kraft der Leiden⸗ m ſchaften noch nicht gekannt hatte. Da er nun ein Mall K liebte, konnte ſelne Liebe keine flüchtige, laue, gewöhnliche D Liebe ſeyn;— nein, ſie mußte ewig dauern und auf eine de Weiſe, welche in vollkommenſtem Einklange mit ſeinen 5 Begriffen vom Weibe und ihrem Einfluß auf das ſittliche S Leben des Mannes ſtand. „Kennſt Du mich denn nicht mehr, lieber Her⸗ ſe mann?“ fragte Hulda und ließ es Statt der ſchweſter⸗ a lichen Umarmung, mit welcher ſie ihn zu bewillkommen kl gedachte, bel einer einfachen leichten Berührung der Hand 3 bewenden. d „Ja und nein! Es iſt Deine Stimme; aber Dein B ganzes Weſen, o Mädchen, iſt ſo verändert, und mich“ fe —— war dieß der ruhige, ernſte Hermann, der nun ge ſprach?——„und mich— mich ergreift ein Gefuͤhl, allzumächtig, als daß ich es beſchreiben könnte— theuerſe ni Hulda!“— Er ergriff ihre dargebotne Hand und führte 94 ſie mit Feuer an die Lippen. Es war das erſte Mal, dßs ih er ſie ſo grüßte. 2 Sie war ganz verlegen und fühlte ſich offenbar nicht 9 ganz wohl dabei.„Hermann, liebſter, beſter Hermann!“ — ſie blickte ihm innig flehend in die Augen,—„es A kommt mir vor, als ob Du ganz fremd gegen mich wärſt g6 und nicht mehr ſo viel auf mich hielteſt, als da Du uns das letzte Mal verließeſt.““ „Tauſend, tauſend Mal mehr, Hulda!“ Mit b den Armen umſchloß er das ſchlanke Geſchöpf und drückte u unzählige Küſſe auf Wangen und Stirne; ihre Lippen berührte er nicht. Erſchreckt durch den heftigen Ausbruch ſeiner Ge⸗ fühle, welche Hulda ſtets nur als brüderliche Zuneigung anzuſehen gewohnt war, wich ſie zurück, doch ließ ſie ihre Hand in der ſeinigen. Sie zog ihn auf dieſe Art ſchnell mit zum Sopha, nöthigte ihn zum Niederſitzen und ſagte mit ſanftem Lächeln:„Nun mußt Du aber eine Taſſe Kaffee trinken, armer Hermann; auch den Zwieback wirſt Du Dir hoffentlich gehörig ſchmecken laſſen, denn ich weiß, bn Du ſeit Deiner Ankunft nicht das Mindeſte genoſſen aſt.“ Nie war Hermann weniger zum Genuſee irdiſcher Speiſe geſtimmt, und hatte an Huldas Anerbieten keine ſo beſondere Freude, als dieſe ſich wohl einbildete; allein als ihre hübſche Hand die Taſſen geſchäftig ordnete, den klaren Trank einſchenkte und ihm darreichte, konnte er nicht umhin, ihn anzunehmen, und als ſie ihm mit lie⸗ benswürdiger Anmuth den Präſentirteller mit Zucker und Bretzeln anbot, ergriff er die freigebige Hand und es fehlte nicht viel, ſo hätte er ſie Statt einer Bretzel auf⸗ gegeſſen. „Ach, Hermann, Du biſt zu garſtig, Du biſt gar nicht mehr wie ſonſt. Haſt Du denn dieß in Stockholm gelernt?“ fragte Hulda und rührte in der Verlegenheit ihre Taſſe um. „Nein, liebe Hulda, wenn ich wirklich unbeſcheiden bin, ſo habe ich es wenigſtens nicht in Stockholm gelernt. Erſt jetzt, erſt in dieſem Augenblick bin ich ſo geworden. Aber nun, Du liebes, gutes Kind, laß mich Dir von ganzem Herzen für die zärtliche Pflege danken, welche Du meinem armen Vater gewidmet haſt. Wir haben heute Nacht von Dir geſprochen; er liebt Dich wie ſeine eigene Tochter, gleich wie Den, der ſeit langer Zeit die Freude und Wonne ſeiner Augen, ſein Glück und ſeine Hoffnung ausmacht.“ „Ach ja, er hält viel auf mich,“ ſagte Hulda herzlich; „und ich habe ſtets auch, dieß weißt Du wohl, Hermann, Alles gethan, um ihm Freude zu machen, während er Dich entbehren mußte. Gott ſei Dank, daß Du nun hier biſt! jetzt wollen wir gemeinſchaftlich unſere heilige Pflicht an ihm üben. Biſt Du ſchon bei Tante Elfride geweſen, lieber Hermann?“ S „Noch nicht, Hulda, zuerſt mußte ich Dich ſehen; ich habe mich unausſprechlich nach dieſem Augenblicke geſehnt. Sag' mir, haſt Du denn auch einige Sehn⸗ ſucht nach mir gehabt, haſt Du manch' Mal an mich gedacht?“ *„O, jeden Tag, beſter Hermann! Bei allem was ich that, warſt Du glelchſam mein Gewiſſen. Würde Hermann dieß billigen? würde er jenes tadeln? Dieß waren die zwei wichtigſten Punkte, um welche ſich alle meine Ge⸗ danken und Handlungen drehten.“ „Auch Deine Gefühle, Hulda? War ich auch darin Dein Gewiſſen?“ „Meine Gefühle?“— Der Farbenwechſel der Roſe vom blaſſeſten Roth bis zum Purpur iſt nicht merklicher, als der leiſe Schimmer, der über die Wangen des Mäd⸗ chens flog. Hermann ſah es und was würde er darum gegeben haben, hätte er es zu enträthſeln gewußt! Allein daran war jetzt nicht zu denken. Er mußte von einem Wunſche abſtehen, welcher ſich nicht mit dem Zartgefühle vertragen wollte, das einen Hauptzug in ſeinem Charakter ausmachte. 4 „Willſt Du jetzt nicht zu der Mutter gehen, Her⸗ mann?“ nahm Hulda wieder das Wort, um das vorige Geſpräch ganz und gar abzubrechen. „Ja wohl, ſogleich; ich will nur zuerſt ſchnell meine Mutter ſehen und von meinem Vater auf eine Stunde Abſchied nehmen, im Fall er noch wacht.“ Es war auch hohe Zeit, daß Hermann daran dachte, den Zauberkreis der Seligkeit zu brechen, der ihn um⸗ Thüre und „Na, da ſeh gab; denn ſo eben öffnete der Doktor die ganz freundlich beim Eintreten: Mal Einer, ſitzen nicht die Herrſchaften da wie ein jun⸗ ges Ehepärchen bei ſeinem Morgenkaffee! Nun, Hulda, was hältſt Du von ihm— iſt er noch der Alte, ſieht er ſich noch gleich?“ „Nein, Vater, keineswegs! Ich weiß nicht recht, aber es kommt mir vor, als ob der große ſchwarze Backen⸗ bart ihn ſo verändert haben müſſe.“ „Et, Du warſt ja ſtets der Meinung, ein Backenbart kleide ein maͤnnliches Geſicht ſehr gut.“ „Ich habe nicht geſagt, daß er ihn nicht gut kleide; er macht ihn nur ſo ganz anders, und dann— dann...“ „Und dann hat er ſich wohl einige kleine Untugenden angewöhnt?“ fragte der Vater mit verſtelltem Erſtaunen. „Ja, es iſt nicht ganz ohne!“ „Liebſte, beſte Hulda, biſt Du böſe auf mich? Sollte lch blrtich zu dreiſt geweſen ſeyn?“ fragte Hermann innig. „Das weiß ich nicht— nämlich das Letzte,“ ſtotterte Hulda in ihrer Unſchuld;„aber böſe auf Dich zu ſeyn, lieber Hermann, das kann mir niemals einfallen. Ich wollte, ich wünſchte blos, daß Du ſo wäreſt, wie Du immer geweſen biſt.“ „Nun, damit hat es keine Noth,“ meinte der Vater. „Du kannſt ihn jetzt in die Schule nehmen, Hulda, halte ihn nur eben ſo ſtreng, wie er es mit Dir gemacht hat, wenn Du Deine Aufgaben nicht gelernt hatteſt. In kurzer Zeit werdet Ihr Euch dann ſchon über die richtige Me⸗ thode vereinigen.“ Darauf nahm der Doktor ſeinen zukünftigen Eidam am Arm und ging mit ihm nach dem Zimmer des Kran⸗ ken. Vor der Thüre blieben ſie ſtehen und er fragte: „Nun Hermann, was ſagſt Du zu Deiner jungen Braut?“ „O Vater, was ſoll ich ſagen? Ich bin ſo uber⸗ raſcht, ſo beſtürzt. Wird ſie mein, das heißt, kann ich ſihr Herz gewinnen, ſo— großer Gott, dieß wäre allzu- viel Seligkeit fur mich!“.— —õ 1 1* 111 4 „Pah, was ſällt Dir ein! Du biſt ja ſtets ein ſo verſtändiger Burſche geweſen, Hermann, und wirſt doch jetzt nicht auf ein Mal in die Wolken fliegen wollen!— Zum Himmel iſt es noch immer Zeit. Indeſſen freut es mich von Herzen, daß Du Dich vor der Hand mit dem irdiſchen Theile begnügen willſt. Nun adieu, komm bald nach, ſonſt verzweifelt Karoline.“ Mit dieſen Worten ſchieden die Männer und Her⸗ mann ging in das Vorzimmer ſeines Vaters. Mitten im Gemache ſtand Elfride; der Zuſatz von drei weiteren Jahren hatte ihrer äußern Anmuth bedeutenden Eintrag gethan und dieſer Mangel war um ſo fühlbarer, als ſich auf ihren bleichen Wangen keine Art von Seelen⸗ ſchönheit abſpiegelte. Das einzige, was ihr noch übrig geblieben, war das Feuer ihrer Augen, und je ſchärfer und eckichter ihre Züge geworden waren, deſto ſichtbarer wurden die Blitze, welche ihre Augen ſchoßen. „So? kommt endlich doch auch ein Mal die Mutter an die Reihe!“ begann ſie ihren nicht gewaltig zärtlichen Willkomm, als Hermann ſich achtungsvoll näherte, um ihr die Hand zu küſſen.„Ich finde, daß Du Dir gleich geblieben biſt und als Mann dieſelben edlen Eigenſchaften mit nach Hauſe zurückbringſt, welche der Jüngling mit fort genommen hat. Ich hatte gehofft, Zeit und Nach⸗ denken würden Dich lehren, derjenigen, welche Du mit dem Namen Mutter beehrſt, mehr Achtung zu erweiſen.“ „Verzeih', liebe Mutter,“ bat Hermann— das Seligkeitsgefühl, welches ſein ganzes Ich durchſtrömte, hatte ihn mild geſtimmt und ganz demüthig gemacht— „verzeihen Sie, liebe Mutter, wenn ich, von der Wonne, die Spielgenoſſin meiner Jugendjahre wieder zu ſehen, hingeriſſen, die Pflicht vergeſſen habe, welche mich zuerſt zu Ihnen hätte führen ſollen, und nehmen Sie meine aufrichtige und herzliche Verſicherung, daß, weit entfernt, Ihnen auch nur die geringſte Mißachtung bezeigen zu wollen, im Gegentheil mein fortwährendes Streben ſeyn wird, ſo viel in meinen Kräften ſteht, Ihren Befehlen gehorſam zu ſeyn und als ein ergebner Sohn in der ſchweren Prüfungsſtunde, welche uns bald erwartet, Ihnen zur Seite zu ſtehen.“ Bei dieſen mit ſo vieler Herzlichkeit vorgebrachten Worten veränderte ſich der Ausdruck in Elfridens Blick auf ſehr merkliche Weiſe. Ueber ihre verbleichten Lippen zog ſogar eine leiſe Anmahnung an das ſonſt ſo an⸗ muthige Lächeln, und während ſie ihm liebreich die ver⸗ gelbte Wange zum Kuſſe bot, ſagte ſie ſehr freundlich: „Ich danke Dir, Hermann, für dieſe Worte, und hoffe, daß ich nie Urſache haben werde, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln. Was mich ſo eben kränkte, war der Ge⸗ danke, daß die kleine Verſäumniß, welche Du Dir zu Schulden kommen ließeſt, ihren Grund in meinem Ent⸗ ſchluſſe von Deiner Seite haben möchte, ſogleich von An⸗ beginn an, Dich als würdiger Bundesgenoſſe neben Deinen Pflegvater zu ſtellen, wogegen ich, eine verlaſſne Wittwe“ — hier fand Elfride Veranlaſſung von ihrer alten Me⸗ thode mit dem Taſchentuche Gebrauch zu machen— „hülflos mit meinem unmündigen Sohne, einſam daſtehe, ohne meine Gerechtſame wahren zu können, welche er ſicher anfaſſen wird.“ „O Mutter, denke nicht ſo ſchlecht von dem braven Manne. Er wird allezeit in Deiner Perſon den letzten Willen meines Vaters ehren, ſeine letzte Bitte, und dieſe Bitte galt Dir...“ „Wirklich?“ ſagte Elfride und ihr Geſicht klärte ſich auf.„So verläßt mich doch nicht alle Hoffnung! Denn das Wort eines Sterbenden iſt etwas Helliges. Gott vergelte es ihm; er iſt während unſrer ganzen Ehe ſtets ein Engel an Geduld und Güte geweſen.“ Viel⸗ leicht war dieß das erſte Mal ſeit vielen Jahren, daß ein ſo tiefes, wahres Gefühl ſie ergriff.—„Ich war woohl auch nicht immer ſeiner gütigen Nachſicht vollkom⸗ men werth.“— Die Thränen, welche nun über Elfridens Wangen rannen, trugen das Gepräge der Natürlichkeit. 240 Entweder waren ſie die Frucht wahrer Reue, veranlaßt durch den Edelmuth ihres Gatten, oder die Folge ihrer Angſt vor den kommenden Tagen unter Bundlers Ge⸗ walt; genug, in dieſem Augenblick ſah man eine bußfer⸗ tige Magdalena. Innig bewegt und von einer gewiſſen Art zärterer Achtung ergriffen, als er ihr bisher erwieſen hatte, nahm Hermann ſeine Mutter jetzt bei der Hand und führte ſie in das innere Zimmer, an das Krankenbett des Vaters. Sobald Dahl Mutter und Sohn in dieſer Stellung mit einander ſah, ihre gemeinſame Rührung bemerkte, überkam ihn ein wunderbar ſüßes Gefühl, ein Vorſchmack von der Seligkelt des Himmels. Beide knie⸗ ten vor ihm nieder und Elfride lehnte ſchluchzend ihr Haupt an den Arm des Gatten. Ganz leiſe, nur ihm hörbar,— Hermann ahnte nur, was ſie ſagte— hauchte ſie ihre Bekümmerniß und Reue aus und flüſterte eine Bitte um Verzeihung. . In dieſem Augenblick trat Ludwig ein. Trotz dem Zuſtande tiefſter Rührung, in welchem ſict, Hermann be⸗ fand, gewahrte er doch mit Verwunderung und Beben, daß das ganze Ausſehen ſeines Bruders von einem un⸗ ordentlichen, verderblichen Leben zeugte. Ein Schauder fuhr Hermann durch die Seele; er gab ſich das heilige Verſprechen, kein Mittel unverſucht zu laſſen, um den leichtſinnigen Jüngling wo möglich auf die Bahn der Ehre und Pflicht zurückzuführen. Dahl winkte mit der Hand und die Brüder reichten ſich die Hände; allein Ludwigs Ausſehen zeugte eher von drückender Verlegenheit, als irgend von Freude oder Reue. Er ſchien verſtockt und blieb es auch bei den milden Wor⸗ ten, welche ſein Vater an ihn richtete. Endlich gab der Kranke den Wunſch zu erkennen, mit Ludwig allein zu ſeyn. Elfride begab ſich auf ihr Zimmer und Hermann eilte nach dem Hauſe des Doktors. Es wäre vergeblich, die Freude des Wiederſehens zwiſchen der liebenden frommen Karoline und dem Lieb⸗ linge ihres Herzens beſchreiben zu wollen. Dieſer ſchöne, —— 1 1 241 heilige Auftritt aus dem innerſten, zarteſten Familienleben iſt keine Aufgabe für die Feder; denn wie wollte ihn dieſe ſo klar wiedergeben, daß er nicht durch die Mit⸗ theilung entweiht würde. Wir übergehen deßhalb die erſten Ausbrüche von reicher Empfindung und Seligkeit. Endlich konnten ſie ruhig mit einander reden. Traulich, wie in den alten, lieben Tagen, ſaßen Mutter und Sohn in dem kleinen Kabinet, wo die Wiegen der Milchbrüder geſtanden hatten, und als wenn eine geheime Macht Beide abhielte, von dem Gegenſtande zu ſprechen, welcher Hermanns Herzen am nächſten lag, wurde Gotthard und ſein lieber Brief, die Erzählung ſeiner Ankunſt und Aufnahme in Forshälla, nebſt der Beſchreibung der In⸗ wohner ein angenehmes, unerſchöpfliches Thema ihrer Unterhaltung. „Seit einigen Poſttagen haben wir übrigens keine Nachricht von ihm. In ſeinem letzten Briefe ſagte er, daß die Herren zu den Gerichtsſitzungen reisten und es einige Zeit anſtehen könne, bis wir abermals Etwas von ihm hören würden.“ „Was mich eigentlich am meiſten in ſeiner Beſchrei⸗ bung angezogen hat,“ nahm Hermann das Wort,„war Das, was er von Baron Silberſparre ſagt,— in der That ein intereſſanter Charakter. Ich kann Dir ſagen, Tante, dieß hat einen ſolchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich mindeſtens vierundzwanzig Stunden lang unauf⸗ hörlich im Geiſte den Baron vor mir ſah, ich mochte ſchlafen oder wachen.“ 6 Karolinens zarte blaſſe Wangen überraſchte in dieſem Augenblick der lange nicht dageweſene Beſuch eines Ro⸗ ſenſchimmers aus fruͤherer Zeit. Gegen ihre ſonſtige Ge⸗ wohnheit hatte ſie auf ihres Lieblings Rede keine weitere Antwort, als ein langgezogenes:„So— o?“ dabei rückte und zupfte ſie an ihrer Spitzenhaube, welche uͤbrigens in der beſten Ordnung war. Hermann bemerkte dieß mit einiger Verwunderungz da er indeſſen überzeugt war, daß es nur ein Zufall ſey, Die Milchbruͤder. I. 46* ſo fragte er:„Haſt Du Dich nicht auch für ihn intereſ⸗ firt, oder hat Gotthard des Baron Silberſparre in ſeinem Briefe nicht erwähnt?“ „Allerdings, lieber Hermann; jedoch war der Ein⸗ druck, den er auf mich gemacht hat, gerade nicht der allerbehaglichſte. Davon aber ein anderes Mal. Sag' mir, wie findeſt Du den Stand der Dinge in Deinem väterlichen Hauſe?“ „ In einer Hinſicht ſehr bedauerlich, theuerſte Tante; denn in wenigen Tagen geht mein geliebter Vater zu ſeiner letzten Ruhe,— daran iſt wohl leider kein Zwei⸗ felz— fuͤr das Uebrige habe ich indeſſen einige Hoffnung. Meine Stiefmutter hat mich bei weitem beſſer und freund⸗ licher aufgenommen, als ich erwartete.“— Und nun er⸗ zählte Hermann Alles, was ſich inzwiſchen mit ſeiner Mutter zugetragen hatte.—„Was mich am meiſten und tiefſten bekümmert,“ ſchloß er,„iſt, was aus Ludwig in Zukunft werden ſoll; ſein Ausſehen, ſein ganzes Weſen rechtfertigt leider meine Furcht.“. „Ja, in dieſer Beziehung haſt Du allerdings Urſache unruhig zu ſeyn, lieber Hermann, und ich geſtehe, daß es mich namentlich oft auf Elfriden unwillig macht, wenn ich ſehen muß, wie ſie ſich bemüht, ſeine Fehler zu ver⸗ decken; ſie hat ihm aber leider ſchon zu lange durch die Finger geſehen und erſt vor Kurzem bedeutende Opfer bringen müſſen, um die Schulden zu bezahlen, welche er im Spiel gemacht hat; dieſe ſollen ſo groß ſeyn, daß man ſie einem zwanzigjährigen jungen Menſchen kaum zutrauen kann.“ „Pfui!“ murmelte Hermann.„Mit Gott will ich ihm den Zügel ſchon halten! Ich werde Nichts verab⸗ ſäumen. Nun aber, liebe Mutter, laſſen wir das; ich weiß nicht welche Blödigkeit mich bisher verhindert hat, den Gegenſtand zu berühren, der mir am meiſten am Herzen liegt.“— Hermanns Blick und ganzes Weſen waren verändert; ein uubeſchreiblicher Ausd uck des rein⸗ ſten, heiligſten Liebesentzückens war darüber verbreitet. — 3 V —yj — 243 „Du meinſt Hulda,“ verſetzte Tante Karoline lächelnd und ſtrich ihm die reichen ſchwarzen Locken, welche ſeine hohe freie Stirne beſchatten, mit der Hand zurück. Ein aufmerkſamer Beobachter hätte finden müſſen, daß in dieſem milden Lächeln gleichwohl ein leichter faſt unmerk⸗ licher Ausdruck von Schmerz oder Angſt lag.- „Ja, geliebte Tante, wen könnte ich anders meinen? Ich habe ſie nur kurz geſehen, allein die wenigen Au⸗ genblicke waren hinreichend, mir die Ueberzeugung zu geben, daß ſie einzig und allein und ewig in meinem Herzen leben wird. Ich habe ſie ſchon fruͤher ſo heiß und innig geliebt, daß ich nicht glaubte, mein Gefühl für ſie könnte ſich noch ſteigern, und doch finde ich jetzt, daß meine frühere Liebe Eis war gegen das Feuer, wel⸗ ches nun meine Seele durchſtrömt.“* „Es kommt mir ſo kühl vor,“ ſagte Karoline, von einem leichten Fröſteln befallen. „Mitten im Auguſt! Biſt Du nicht wohl, Tante?“ fragte Hermann ängftlich. „Wir haben in den letzten Tagen viel bei Deinem Vater gewacht.— Hulda war doch wohl ſehr erfreut, Dich wieder zu ſehen?“ „Ja, es ſchien wenigſtens ſo; aber ſie war mir zu ſchweſterlich. Indeſſen hoffe ich doch, daß ſie nach und nach ihr Benehmen in ein innigeres verwandeln wird. Sag' einmal, liebſte Tante, haſt Du irgend die geringſte Ahnung oder Vermuthung, daß es ſo bleiben werde?“ „Nein, Hermann, nicht im Geringſten; ich habe weder früher noch ſpäter dieſe Saite berühren wollen. Es iſt ja auch wohl am beſten, wenn ſie es zuerſt von Deinen Lippen vernimmt.“ „Gewiß, theuerſte Mutter! Dieß iſt in der That auch mein Wunſch und ich werde mich keineswegs über⸗ eilen. Sie mag dieſes neue Verhältniß nach und nach kennen lernen und ſich daran gewöhnen. Was ich für ſie fühle, liegt offen in jedem meiner Blicke, wenn ſie darin leſen will; allein in Worten werde ich es nicht . ——— —————————— 244 ausſprechen, bis ich weiß, daß ſie bei ihr lauten Anklang finden und mein Herz glaubt ſo gerne, daß das reine jungfräuliche Erröthen, welches ſo eben bei einer gewiſſen unbedeutenden Frage ihre Wangen überflog, mich zu den ſchönſten Hoffnungen berechtigt.“ „Und was haſt Du ſie denn gefragt, Hermann?“ fragte Tante Karoline in geſpannteſter Neugierde. „Als ſie in ihrer Unſchuld und Engelsgüte ſagte: Bei Allem, was ich that, warſt Du gleichſam mein Ge⸗ wiſſen, und ob Du Etwas billigen oder tadeln würdeſt, machte den Wendepunkt aller meiner Gedanken und Handlungen aus, da fragte ich: auch Deiner Gefühle, Hulda? war ich auch hierin Dein Gewiſſen?— Da er⸗ wiederte ſie blos die zwei Worte: meiner Gefühle. Ich wagte nicht weiter in das Heiligthum einzudringen. Wuͤrde ſich aber dieſes ſchüchterne, entzuckende Erröthen eingefunden haben, wenn nicht.. O Tante, in dieſem Punkte bin ich ſchwach, ſchwach wie ein Kind! Laß mich hoffen; dieß gibt mir eine Seligkeit, für welche die Sprache keine Worte hat. Und dann, warum ſollte ich denn auch nicht hoffen? Die zärtlichſte Mutter, eine Mutter, welche uns Beide ſo innig liebt, hat ja meine junge Braut ſtets ſchützend umſchwebt. Nie hat ihr noch ein Mann das Zauberwort der Liebe in die Ohren ge⸗ lispelt. Kein ſchmachtender Blick hat noch den Weg zu ihrem Herzen geſucht, noch weniger gefunden.— Oder doch?“ ſetzte Hermann haſtig hinzu und ſeine Augen hafteten mit einem Ausdrucke auf der Pflegemutter, wel⸗ cher dieſe zittern machte; ihr Stillſchweigen war es, das ihn in ſeinen ſchönſten Träumen ſtörte. „Hermann, ſey vernünftig, faſſe Dich; Du erſchreckſt mich,“ entgegnete Karoline und ſah den erbleichenden jungen Mann mit flehenden Augen an.„Ich habe mir, weiß Gott, Nichts vorzuwerfen, indeſſen...“ Hier wurde jede weitere Mittheilung durch eine Botſchaft von Elfride unterbrochen. Dahl hatte einen neuen heftigen Schlaganfall bekommen und Hermann 245 vergaß alle Beſorgniſſe eines Liebhabers über den Pflichten der Kindesliebe und eilte nach Haufe an das Sterbebett ſeines Vaters. Er machte ſich jede Stunde zum Vor⸗ wurſe, welche die gluhende Sehnſucht nach der Geliebten ſeine Gedanken von dem Vater abgezogen hatte. Jetzt wollte er aber auch keine Minute mehr von ihm weichen;. Tag und Nacht, denn der Kampf dauerte lange, wachte er unausgeſetzt an ſeinem Lager, und bis der Tod lang⸗ ſam die freundlichen Augen ſchloß, weilten ſie mit unend⸗ licher Zärtlichkeit auf dem geliebten Sohne. Zweiunndzwanzigſtes Kapitel. ——ͤ Wenn es die Leſer erlauben, ſo wollen wir mit ein⸗ ander zu den Gerichtsverhandlungen zurückkehren, damit nicht ohne uns das Endurtheil geſprochen wird. Das Befinden des Baron Silberſparre hatte ſich Etwas gebeſſert. Er phantaſirte nicht mehr, allein es war eine Mattigkeit und Reizbarkeit zurückgeblieben, welche eine aufmerkſamere Behandlung verlangten, als faſt die Krankheit ſelbſt. Er hatte ſeine Mutter und Tante zu überreden gewußt, daß ſie keinen weitern Beſuch mehr in Brobanda machten, ſondern ihn ganz und gar der Obhut ſeines neuerworbenen edlen Freundes über⸗ ließen. Karl fühlte wohl, daß er dem Amtmanne dieſen Beweis von Aufmerkſamkeit in Bezug auf ihn ſelbſt und ſein Gerichtshaus ſchuldig war, außerdem waren ihm auch die ewigen Fragen zuwider:„Wie geht es Dir, lieber Karl? Haſt Du ſchon Etwas gegeſſen? Was möchteſt Du denn gern? Du denkſt doch nicht an die Geſchichte mit Fuſelberg? Thue dieß nicht, es regt Dich nur auf u. ſ. w. u. ſ. w.“ Der Poſttag, an welchem Gotthard von ſeinem Oheim Antwort erwartete, war nahe. Am Abende vorher, nach vollendeten Amtsgeſchäften ſaß er am Bette ———— ——— ☛‿ 1 3 246 ſeines Freundes. Die Hände der jungen Männer ruhten in einander. „Du haſt wieder einen leichten Fieberanfall,“ ſagte Gotthard,„Deine Hand iſt heiß.“ „Daran iſt die innerliche Unruhe Schuld; mir iſt vor dem Briefe bange, welcher ſo entſcheidend für unſre Angelegenheit iſt. Zuerſt peinigt mich der Gedanke, daß meine Angſt noch länger dauern kann und die Sache ſich vielleicht noch ein paar Poſttage hinauszieht; dann, daß unſre ganze Hoffnung zu Schanden werden könnte, und bei der bloßen Vorſtellung rieſelt es mir eiskalt durch die Glieder. Düſtre Traͤume plagen mich. Ich ſehe, in kurzer Zukunft, meine Mutter und Schweſtern hülflos, elend, aus Wallby vertrieben, umherirren, ver⸗ gebens nach einer Freiſtatt ſich umſehen, den Sohn, den Bruder mit ihren Blicken ſuchen, während dieſer kraftlos, ohne Etwas für ſie thun zu können, verdammt iſt, ihre Qual lediglich anſehen zu müſſen und dadurch ſeine eigene Qual nur noch um ſo bitterer fühlt. Im Hin⸗ tergrunde dieſes ſchrecklichen Bildes ſteht der heilloſe Neid⸗ hart Fuſelberg und ſein Sohn:— hohnlächelnd ſtarren ſie auf uns und freuen ſich unſers Elends.“ „Karl, Freund,“ entgegnete Gotthard bekümmert, „nun kommen Deine Phantaſieen wieder. Ich habe ge⸗ hofft, wenn Deine Krankheit ſich gegeben haben würde, ſo werde auch Dein freier Geiſt ſeine Gewalt über die ſchwächere Kraft wieder gewinnen, allein durch die be⸗ ſtändige Richtung Deiner Gedanken auf denſelben Gegen⸗ ſtand unterhältſt Du mit Fleiß Deine Grillen und dieß mattet Dich ab und hindert Dich, die Sache aus klarem Geſichtspunkte zu betrachten. Wie oft habe ich Dir ſchon geſagt, daß Monate darüber hingehen müſſen, bis Fuſel⸗ berg Dir in Wirklichkeit ſchaden und ſeine Drohungen ausführen kann. Es geht nicht ſo ſchnell vorwärts auf dem Wege der Gerechtigkeit, dieſer hat gar manche Ruhepunkte, ſo daß der Wanderer ohne alle Schwierig⸗ keit, wenigſtens für eine Zeitlang, wenn er es bedarf, S8A=8G NR A g 8 KX8 DUᷣN —₰ Ið d 8. N S—— N —— 247 ſeine Ankunſt am Ziele zu verzögern vermag. Dieß iſt die eine Seite Deiner Sache, liebſter Freund. Die andre iſt die, daß wenn mein Oheim— was übrigens gänzlich undenkbar iſt, nicht darauf eingehen ſollte, die Angelegen⸗ heit in meine Hande zu geben, ich derjenige bin, welcher gegen Fuſelberg als Dein Advokat auftreten wird; und glaube mir, Bruder, er ſoll dann an mir ſeinen Mann finden, ich will ihm gehörig warm machen, ehe er Wallby in ſeine Klauen bekommt.“ Einigermaßen beruhigt, ſtützte ſich der Baron mit dem Arm auf ſein Kopfkiſſen und lauſchte aufmerkſam den Worten ſeines Freundes.—„O Gotthard, es war eine Fügung des Himmels, das einzige Glück, welches mir begegnen konnte, daß ich in dem abſcheulichen Be⸗ drängniſſe Dich kennen lernte. Du bringſt mir den Troſt der Freundſchaft, während ich, von allen möglichen Qua⸗ len gefoltert, nahe daran war, zu erliegen; was hätte ohne Deine Dazwiſchenkunft aus mir werden ſollen?“ „Du vergißſt den Amtmann, liebſter Karl! Sey überzeugt, er iſt ein Ehrenmann. Hätteſt Du Dich ſchon früher mit Vertrauen an ihn gewandt, ſo wäre gewiß Deine Lage nicht ſo drückend geworden.“ „Sprich nicht ſo, Gotthard; in dieſer Hinſicht biſt Du blind; es macht Dich dazu theils Deine eigene Vorliebe für den Mann, der ſich Dir wie ein Vater zeigt, theils Deine Unbekanntſchaft mit irgend einem Umſtande, der Deine Meinung von ihm andern könnte. Und doch dünkt mich, hätteſt Du mit Deinem ſcharfen Blick leicht heraus⸗ finden können, daß nicht Alles ſo iſt, wie es zufolge gewöhnlicher oder auch nur höflicher nachbarlicher Ge⸗ ſinnung zwiſchen dem Amtmann und mir ſeyn ſollte.“ „Ja, Karl, ich habe dieß in der That gefunden, im erſten Augenblick es geſehen. Du wirſt mich ſehr ver⸗ binden, wenn Du mich mit der Urſache bekannt machſt, denn der Amtmann kommt mir in ſeinem ganzen Weſen ſo klar und aufrichtig vor, wie ein reiner Spiegel.“ „Ja, Gotthard, Du ſollſt es auch wiſſen. Er haßt 248 den Adel im Allgemeinen und mich insbeſondere, weil er glaubt, ich habe Abſichten auf ſeine Tochter, eine Ver⸗ muthung, zu welcher er allerdings einigen Grund hatte. Meine Mutter und Tante wünſchten nämlich dieſe Ver⸗ bindung, die Amtmännin desgleichen, denn in Bezug auf den Adel hegt ſie ganz entgegengeſetzte Anſichten, als ihr Mann. Allein ihre Wünſche und Hoffnungen waren nicht die meinigen, denn längſt ſchon iſt das Loos meines Herzens entſchieden, über welchem jetzt und allezeit un⸗ günſtige Sterne walten. Meine wärmſten Gefühle ſprachen deßhalb nicht für Hortenſe, aber da ſie ſo rei⸗ zend und wahrhaft liebenswerth iſt, daß kein Mann ihr ſeine Aufmerkſamkeit verſagen kann, ſo hat meine Mutter mir in einem Augenblicke der Aufregung das Verſprechen abgelockt, daß ich es verſuchen wolle, ſie zu gewinnen. Wie weit ich mit Hortenſe gekommen wäre, ch freilich nicht wiſſen! für den Augenblick ſchien eens nicht das geringſte günſtige Anzeichen dazu vorhanden. Was mich aber hauptſächlich beſtimmte, vonſeher Bewerbung abzuſtehen, war der Umſtand, daß der Amtmann mir bei jeder Gelegenheit, groß oder klein, ziemlich rückſichtslos ſeinen Widerwillen zu erkennen gab. Da ihm indeſſen in einer ſo delikaten Angelegenheit nur mit der Zeit die Ueberzeugung werden kann, daß ſeine Beſorgniſſe durchaus ungegründet ſind, ſo beharrt er vor der Hand noch in der Erbitterung ſeines Herzens, obgleich er jetzt gerade, um Deinetwillen, einen geringen Anſchein von Wohlwollen gegen mich zeigt.“ „Ich habe mir doch gedacht, daß es irgend einen Hacken haben müſſe,“ rief Gotthard aus.„Du liebſt alſo Hortenſe nicht? Ich habe dieß wirklich geglaubt.“ „Nein, ich liebe ſie nicht. Die ganze erſte heiße Liebe meines Herzens gehört einem andern Mädchen— aber ach, Gotthard, ich liebe hoffnungslos. Du glück⸗ licher Menſch, weißt nicht, was dieß ſagen will. Du ahnſt Nichts von der Bitterkeit, welche bei dem Gedanken ſich meines Herzens bemächtiget, auf ewig verſchmäht zu A& Æ α=A* A ——— — 249 ſeyn, wenn gleich, wie ich zu meinem einzigen Troſte glaube, ihr Herz nicht ſo delkt.“ „Und wer iſt ſie, die Dich verſchmäht, wenn Du in ihrem Herzen lebſt? Iſt ſie ſo ſchwach, dann wäre ſie nicht werth, daß ihr Bild länger in Deiner treuen, männlichen Bruſt iherrſchte.“ „Ach, Gotthard, Du weißt nicht, was Du ſagſt; ich will Dich nicht auch noch mit dieſem meinem Kum⸗ mer belaſten, Dil trägſt ſchon an dem einen genug. Dein edles, friſches Herz fühlt den innigen Drang, üͤberall zu helfen und zu tröͤſten; ſollte ich Dir ein neues Feld meiner heimlichen Schmerzen eröffnen, wo Du nur mit mir leiden könnteſt und dieß zwar doppelt, indem.. kurz, Gotthard, es iſt am beſten ſo wie es iſt. Laß uns von etwas Anderem reden.“ „Du haſt kein Vertrauen zu mir, Karl, und ſprichſt deßhalb oft ſo ſonderbar. Ich bitte Dich, ſey aufrichtig; kann ich auch Nichts weiter fur Dich thun, ſo kann ich doch Deinen Schmerz theilen und Deinen Verluſt mit Dir beklagen.“ Ein paar Momente kämpfte Karl heftig mit ſich. Er blickte Gotthard in die treuen, ſeelenvollen Augen; je mehr er aber von der innigen und aufrichtigen Theil⸗ nahme ſeines Freundes uͤberzeugt war, deſto mehr richtete ſich ſein geſunkener Muth auf und mit dem Ausdrucke der ſchönſten Entſagung in ſeinem edlen Geſicht rief er aus:„Nein, Gotthard, ich ſehe, wie lieb Du mich haſt; ich wäre Deiner Freundſchaft nicht werth, wenn ich in Deine Bruſt das erſte Samenkorn der Zwietracht zwiſchen Deinen eigenen Gefühlen werfen könnte. Ich beſchwöre Dich, laß die Sache ruhen; es iſt nicht gut, davon zu reden!“ Erſtaunt, aber mit ſolcher Achtung vor Karls un⸗ beugſamer Entſchloſſenheit, ließ Gotthard das Geſpräch über dieſen Punkt fallen. Bis tief in die Nacht hinein ſprachen die Freunde von andern, weniger aufregenden Gegenſtänden. Es war noch frühe am Morgen, als ein leiſes, ganz eigenthümliches Pochen an der Thüre Lidners 250 Gegenwart verkündigte. Gatthard ahnte, was er bringe und öffnete haſtig. „Hier,“ ſagre die gefällige Seele, mit einem frohen Lä⸗ cheln auf den dünnen Lippen.„Ich wußte, wie ſehr Sie dar⸗ nach verlangten, Herr Notarius, deßhalb habe ich Schildwache geſtanden und den Poſtboten allſogleich abgefaßt.“ Mit die⸗ ſen Worten reichte er Gotthard das ſchwarze Brieffelleiſen. „Danke, danke, braver Lidnen! Mag der Inhalt ein froher oder trauriger ſeyn, e ich doch meine künftige Richterehre zum Pfande, daß ich Ihnen dafür Gelegenheit ſchaffen werde, fiſchen zu dürfen und, ſtatt am Schreibtiſche zu ſitzen, den Abend in Geſellſchaft der Najaden zuzubringen, welche den kleinen See beherrſchen.“ Lächelnd, die Hand auf der Bruſt, zog ſich Lidner rücklings zur Thüre hinaus.„Gott gebe, daß es einmal Ruhe wird,“ ſagte er und der friſche Morgenwind ſpielte mit ſeinen ſpärlichen Haaren, ſo daß die dünnen Locken um ſeine gefurchte Stirne flogen. Das kurze Zwiegeſpräch der beiden Männer hatte in dem Vorzimmer Statt, konnte alſo vom Baron nicht vernommen werden, welcher ermattet von der gewöhnli⸗ chen nächtlichen Schlafloſigkeit, gegen Morgen endlich in einen leichten Schlummer geſunken war. Leiſe ſchloß Gotthard die Thüre, warf ſich im Hintergrunde des Zimmers auf einen Sopha und öffnete das Felleiſen, wel⸗ ches ſogleich alle ſeine Reichthümer zeigte; wie ein gieri⸗ ger Schatzgräber kramte er zwiſchen all' den Zeitungen und amtlichen Schreiben, um einen Brief mit dem Poſt⸗ zeichen M.. zu erbeuten. Endlich ſiel ihm einer in die Hand; er ſah wohl, daß die Aufſchrift nicht von der Hand ſeines Oheims war; was ſollte wohl das bedeu⸗ ten? Er erbrach das Siegel; allein wie ſchildern wir ſeine Betrübniß, Kummer und Aerger, als er weiter Nichts fand, als blos folgende Zeilen von Ludwigs Hand: „Lieber Bruder! Ich bedaure, daß in dem gegenwärtigen Au⸗ genblick Nichts für Deinen Wunſch geſchehen —— „— —+—89—,———.— dCͤ& ☛ E —₰3— 1uͤ uäu sen AA 8⏑ RN AR kann. Der Vater hat einen heftigen Schlagan⸗ fall gehabt und wir können deßhalb Nichts in der bewußten Angelegenheit thun, welche ich, aufrichtig geſagt, auch in ſo guten Händen glaube, daß es von unſerer Seite nicht ſehr delikat wäre, irgend eine Veränderung zu treffen. Ludwig Dahl.“ „Verdammter Junge, was der auf einmal ſo zart⸗ fühlend wird!“ rief Gotthard unwillig aus und weckte dadurch ſeinen Freund Karl. „Ha, Du haſt einen Brief bekommen!“ rief dieſer, „was enthält er?“ „Für den Augenblick einen Strich durch unſre Rech⸗ nung, liebſter Bruder,“ antwortete Gotthard und ſuchte ſeine Aufregung zu verbergen,„allein durchaus Nichts, was die Hoffnung, welche ich Dir gemacht habe, ver⸗ nichten könnte; Du kannſt nichtsdeſtoweniger ſo feſt darauf bauen, als wenn es meine eigne Sache wäre. Da, lies! Mein Oheim iſt krank; der Brief iſt von einem aber⸗ witzigen Jungen, der ſich in dem Gedanken gefällt, auch einmal ein Wort reden zu dürfen; mit umgehender Poſt werde ich aber deßhalb an meinen Vater ſchreiben. Er wird uns die Unterſchrift meines Oheims Dahl unter das Dokument, welches wir brauchen, zu verſchaffen wiſſen. Und ſollte, was Gott verhüten möge, der Bie⸗ dermann zu ſeinen Vätern gehen, ſo tritt mein edler Hermann, als der älteſte Sohn, in die Gerechtſame ſei⸗ nes Baters und dann iſt es eine völlig abgemachte Sache, daß die Klage niedergeſchlagen wird.“ Mit einem duſtern, unwilligen Blick, den ſich Gott⸗ hard nicht zu erklären wußte, ſchüttelte Baron Silberſparre ſein kummervoll gebeugtes Haupt.„Dieß fehlte noch,“ murmelte er kaum hörbar.„Eine Verbindlichkeit gegen ihn, eine Abhängigkeit von ſeinem Edelmuthe,— dieß find drückendere Feſſeln, als Sklavenketten.“ Er drückte die Hand feſt gegen die glühende Stirne und ſank wieder auf ſein Kiſſen zurück. Vergebens waren nun alle Bemühungen Gotthards, in ihm eine Empfindung von Leben und Hoffnung zu erregen. Je mehr er von Hermanns hochfinniger Denkungsart ſprach, je mehr er deſſen edles Herz und vortrefflichen Charakter pries, deſto düſtrer ward Karls Blick und am Ende ſagte er mit zornigem, faſt befehlendem Tone: „Schweig', ich will kein Wort mehr davon hören!“ Erſtaunt und verletzt ſah Gotthard ſeinen ſonder⸗ baren Gaſt an; und hätten nicht des Barons todtenbleiche, mit kaltem Schweiß bedeckte Wangen, ihn erſchreckt und nachdenklich gemacht, ſo würde ſicher ſein natürliches, hitziges Temperament, welcher ſchon vorher durch Ludwigs Brief Feuer und Flamme war, ihn zu einer Antwort veranlaßt haben, welche er gewiß hinterher bereut hätte. So ſchwieg er aber geduldig und behandelte Karl mit aller Nachſicht, welche ein Kranker verdient. Unterdeſſen verſtrich ein Tag um den andern, die Gerichtsgeſchäfte gingen ihren gewöhnlichen taktmäßigen Gang und auch Karls Kräfte ſtellten ſich nach und nach wieder ein; allein ein tiefer, düſtrer Gram hatte ſich auf ſeiner Stirne gelagert und ſprach aus dem dunkel glühenden Feuer ſeiner Augen. Der Herr Kronlehensmann Fuſelberg hatte Alles aufgeboten, um ſeine Sache zu betreiben; allein Gotthard, der in alle juriſtiſchen Myſterien eingeweiht war, wußte, als Anwalt der Familie Silberſparre, deſſen Bemühungen zu Nichte zu machen; nichts deſto weniger reiste aber Fuſelberg mit dem feſten Entſchluß, am nächſten Sonntage die öffentliche Verſteigerung von Wallby bekannt machen zu laſſen*), von Brobanda ab. Heimlich ſchwur er einen theuern Eid, wenn er auch für den ungeſetzlichen Eifer, womit er die Sache ſeines Clienten betrieb, in Strafe verfallen ſollte, ſo müſſe er doch ſeinen Zweck erreichen und die Genugthuung haben, die hochmüthige Bettler⸗ familie von Wallby abziehen zu ſehen. Schon vor ein .. — —— *) Dieß geſchieht in Schweden von der Kanzel herab durch den Geeſſtlichen. S 3 ————= E& —— *—-o—————— 8*882 A⁸½= — 8N — 4— 25³ paar Tagen hatte Karl Brobanda verlaſſen wollen, aber unſer braver Amtmann, welchen Gotthard über den eigentlichen Stand der Dinge hinlänglich aufgeklärt hatte, kam ſelbſt zu dem Baron und bat ihn mit freundſchaft⸗ licher Höflichkeit, einen Platz in ſeinem Wagen zur Heimreiſe anzunehmen. Es blieb bei einigen Einwen⸗ dungen und als man am andern Morgen, nach den be⸗ endigten Sitzungen, ein gutes Frühſtück eingenommen hatte, wobei der Amtmann, in roſenfarbner Laune,— denn ſein Richteramt trug ihm dießmal etwas Huͤbſches ein— den Rothwein fließen und die Juſtitia hoch leben ließ, wurden die Pferde vorgeſpannt. Sämmtliche Herren liefen durch einander, um Alles zur ſchnellen Abreiſe in gehörigen Stand zu ſetzen; denn der Amtmann ſtand bereits in ſeinem weiten Kamelottmantel im Hofe und ſchuͤttelte einem andern Beamten, dem Aſſeſſor Brun, die Hand zum Abſchiede. „Willkommen, willkommen, Herzensalterchen! Ah, ſieh da, Baron Silberſparre!“ Dieſe Worte erſchollen in der lieblichſten Modulation aus dem Munde der Frau Amtmännin, welche auf der großen Treppe ſtand und ihr Taſchentuch ſchwenkte, als der Reiſewagen in den ſtatt⸗ lichen Hofraum von Forshälla rollte. Hortenſe kam haſtig die Treppe an der Mutter vor⸗ bei in den Hof herab und flog dem ſo eben aus dem Wagen ſteigenden Vater an den Hals. „Na, mein Kind, Du biſt friſch und geſund, wie ich ſehe; wie iſt es Dir in Deiner Einſamkeit gegangen, ſo lange wir Herren ſammt und ſonders fort waren?“ „Ach, Entſagung iſt des Weibes Loos,“ ſcherzte Hortenſe. „Du ſiehſt aber, lieber Vater, daß ich mir alle Mühe gegeben habe, Eure Abweſenheit möglichſt zu er⸗ tragen; indeſſen läugne ich nicht, daß mir Baron Sil⸗ berſparre's langwierige Krankheit ernſtlichen Kummer verurſacht hat. Sie ſehen auch tüchtig mitgenommen aus. Und Lidner vollends!“ rief Hortenſe und ſchlug 254 die kleinen Hände voll Verwunderung zuſammen, als der Karren, auf welchem er mit dem Gerichtswalbel ſaß, hinter dem Reiſewagen hergehoppelt kam und in gehöri⸗ ger unterthäniger Entfernung neben der Treppe hielt. „Herr Gott, ſind Sie denn auch krank geweſen? Oder haben Sie keine Gelegenheit zum Fiſchen gehabt?“ fragte Hortenſe mit herzlicher Theilnahme und lächelte wie ein kleiner Engel dem armen Lidner zu, der mit ſeinen tiefen Bücklingen faſt die Erde berührte. „Doch, Fräulein, ich bin ſo glüͤcklich geweſen,“ entgegnete er mit einem demüthigen Ausdrucke ſtillen Triumphs.„Ich habe gefiſcht und bringe manches Pfund Hechte mit; dafür habe ich aber dem Herrn Notarius zu danken, dieſer hat mir zu der Freude verholfen.“ „Ach, Herr Bundler!“ Jetzt erſt ſuchten Hortenſens Augen unſern Helden, der, auf einen gnädigen Blick von ihr wartend, im Hofe ſtand. Die Amtmännin hatte ihren Mann und den Baron bereits in den Saal hinauf geführt. „Bin ich endlich auch ſo glücklich, mich eines Blicks von Ihnen erfreuen zu dürfen?“ ſagte Gotthard etwas ſpitzig. „Freilich müſſen billigerweiſe alte Bekanntſchaften den neuen vorgehen. Ich habe kein Recht, mich darüber zu beklagen.“ „Das meine ich juſt auch,“ erwiederte Hortenſe ſchalkhaft.„Etwas mehr Anſpruchsloſigkeit ziert die Männer bei weitem beſſer.“ „Ja, ſolche Männer, deren Hauptſtudium ausmacht, den Damen zu gefallen.“. „Iſt denn dieß nicht bei Allen der Fall?“ fragte Hortenſe mit verſtellter Verwunderung. „Nein, Gottlob, das iſt es nicht! Alles hat ſeine Zeit, deßhalb auch die Periode der Weichlichkeit, wo die Männer ihre höchſte Ehre in der Frauengunſt ſuchen. Jetzt beſchäftigen uns andre Ideale, und wenn des Mannes Ge⸗ danken und Beſtrebungen einem höhern Weltzwecke gewidmet ſind, nimmt das Weib ſelten mehr den erſten Platz ein.“ „Na, das muß ich ſagen!“ Hortenſe ſchüttelte mit einer eige⸗ nen angebornen Anmuth die Locken aus der hübſchen Stirne. . ——— f———— 25⁵ „Allein es gibt doch auch Ausnahmen, wie ich Ihnen eben bemerkt habe,“ nahm Gotthard lächelnd das Wort, „ſonſt kämen wir wieder in die Zeiten der Barbarei zurück.“ „Wollt Ihr denn nicht herauf kommen, Kinder?“ fragte der Amtmann aus dem Fenſter herab.„ Ich glaube, Ihr zankt Euch zum fröhlichen Wiederſehen.“ „Ach, es war Nichts, Papachen!“ Hortenſe drehte ſich um und flog die Treppe hinauf. Gotthard verſicherte mit großer Artigkeit, daß er ſich unmöglich vor der Frau Tante ſehen laſſen könne, ohne vorher umgekleidet zu ſeyn, und trotz des Amtmanns: „Poſſen! was find dieß für Umſtände? Komm doch herauf zum Kaffee!“ eilte er auf ſein Zimmer, warf den Rock in die eine Sophaecke, die Weſte in die andere und rief aus:„Sapperment, was ſie hübſch iſt!— meinetwegen — mich ſoll ſie doch nicht kriegen— da wird Nichts daraus!— Ich hoffe, ſie weiß das auch, obgleich das ſchalkhafte Lächeln, womit ſie mir zunickte, als ſie die Treppe hinauf ſprang, dieſer Vermuthung doch auch einigermaßen zu widerſprechen ſcheint.“ Während ſich dieſes im Hofe zutrug, machte die Amtmännin im Saale oben entſchieden die Charmante. Das mehr als glückliche Anzeichen, daß der Baron mit ihrem Alten gekommen, folglich von ihm dazu eingeladen war, ſchien ſie zu den ſchönſten Hoffnungen zu berechti⸗ gen! nun waren auf einmal alle die ſtolzen Antworten vergeſſen, mit welchen ſie den Uebermuth der hochadelichen Familie niederzuſchrecken gedachte, wenn je wieder ein Glied derſelben ſich ihr zu nahen wagte. Sie war lauter Artigkeit und Aufmerkſamkeit gegen den Baron, welcher übrigens nicht ſehr davon erbaut zu ſeyn ſchien, ſondern ernſt und ſchweigſam, mit einer gewiſſen ruhigen Würde die ausgewählteſte Fürſorge für Alles, was ſie ihm nur an den Augen anſehen zu koͤnnen glaubte, annahm. Der Amtmann, welcher die Pläne wohl durchſchaute, die ſeine Frau beſchäftigten, hatte ſeine Freude daran, ſie„auf die Zinne des Tempels zu führen.“ Er hatte Schauder. Mit Mühg äußerungen und dringent als er endlich auf ſeinem 256 ſeine eignen Gedanken, und ein gewiſſes Wohlwollen, eine nicht geringe Theilnahme an der mißlichen Lage des armen Karl, welche ihm Gotthard ſo beredt geſchildert hatte, veranlaßten ihn, dem Baron eine Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken, welche ſich die Amtmännin nur auf Eine Weiſe zu erklären wußte. Sie freute ſich auch innerlich von ganzem Herzen darüber, und ſchon viele Jahre her hatte ihr Geſicht nicht den Ausdruck von Seligkeit gezeigt, wie heute und namentlich in dem Augenblicke, als ihr Mann den Baron beſtimmen wollte, zu Forshälla über Nacht zu bleiben. Dieß war aber vergebliche Mühe; ſogar Hortenſezs freundliche Bitte hatte nur ein mattes, ablehnendes Lächeln zur Folge. Er reiste in Begleitung des uner⸗ müdlichen Lidner ab; und alstier nach Hauſe kam, in ſein verfallnes Wallby eintrgtz, den letzten Zufluchtsort ſeiner unglücklichen Familig hr ihn ein leichter dun Zärtlichkeits⸗ der Seinigen, und i Zimmer ſein Lager ſuchte, empfand er eine M t des Körpers und der Seele, welche ſeinen unruhigen Weiſt auch bald in wohl⸗ thnende Bande legte.* Karl hatte viel ausgeſtanden; er hatte geſtritten wie ein Mann, in ewigem Kampfe mit dem feindlichen Geſchicke iſt, Jon deſſen Uebermacht er bei jedem ſcheinbar gewonnenen Schutte wieder uner⸗ bittlich zmückgeworfen wird. Ang Ende mußte aber nothwendig ein Ermattungsſtillſtand eintreten, in welchem die Seele zur Ruhe kommt, um neue Kraft gegen neues Mißgeſchick zu ſammeln. In einem ſolchen Zuſtande befand ſich Karl und blos. Ein Schmerz wachte einſam, aber ſtill, während der andere ſchliefs— DO ſchlaf unruhlgesherz, o ſchlaf'! 8„Vergiß des Lebens Luſt und Leiden.⸗ —— „ Pee ſehnſt Du⸗ Dich nach dem Morgen? Glaubſt, er merd für Deine Sorgen 8Dir dase Krä lein Heilung bringen? 2 e ——„ 5 8 E e Se=e— A 6—,» — 9 1 8 4 3 △ —— —— 2— 1„ e e— 5—— 2 — ——ͤ