—--—— 8 8 8 * 5 25 —= 5 8 5* 2 — ----—--— Leihbibliothek ibliothek ſteht zur Em⸗ eden Tag von Morgens 5 1. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchern: auf 1 Monat: 1 Nr. Pf. 1 NMl. 50 Ff. 2 MNt. f 11„ 2 1 9—„ 9—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Buͤcher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. . Lrszaneeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ —ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Das Grillchen auf dem Heerde. Ein Feemährchen aus traulicher Häuslichkeit. Von Charles Dickens (Boz.) Frei nach dem Engliſchen von Erwin von Moosthal. Zwei Theile. —j j— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. An den Leſer. Zum Verſtändniß des Titels erlaubt ſich der Ueberſetzer hier einen kurzen Vorbericht. Man hat von jeher gewiß Thieren, Pflanzen oder Natur⸗ Erſcheinungen glückverheißende Bedeutung zugeſchrie⸗ ben,(man erinnere ſich hier nur der altrömiſchen Auſpicien, Auguren ꝛc. ꝛc.); nur wechſeln die ört⸗ lichen Unterſchiede und Begriffe hinſichtlich der Wahl der Thiere. Bei uns in Deutſchland ſind die glückbringenden Thiere hauptſächlich die Schwalben und Spinnen, unter den Pflanzen ſchreibt man dem Mäuſeöhrchen oder Pfingſtblümchen(Myosotis) vorzugsweiſe günſtige Kräfte zu, wie in England der immer grünen Miſtel. Im ſüdlichen Deutſchland findet man die Kränze oder Sträußchen vom Mäus⸗ öhrchen faſt in jedem Hauſe aufgehangen, um es vor himmliſchem Feuer und Seuchen zu bewahren. In England herrſcht eine alte Tradition, deren Herkunft ſich in weite Fernen verliert, daß„ein Heimchen auf dem Heerde das glücklichſte Ding auf Erden ſey,“ wie Mrs. Peerybingle in unſerer Erzählung ſagt; es befeſtigt, ſagt man, eheliche Liebe und Treue, ſpendet Frieden und Zufriedenheit, und kündet mit ſeinem Zirpen nahendes Glück. Auf dem Heerde eines Geizigen, eines Zänkers, —— —— 3— Wucherers, Diebs und Mörders läßt es ſich nie vernehmen. Erſchlägt man das Grillchen, ſo ent⸗ ſteht Zank, Seuche und Unfrieden im Hauſe, und der Mann wird zum Hahnrei gemacht, die Frau verliert die pflichtſchuldige Liebe und Achtung vor ihrem Eheherrn u. ſ. w. Das iſt's, was Boz eigentlich ſagen will, wenn er dem ungleichen Ehe⸗ paar ein Grillchen auf dem Heerd giebt; trotz ihres beſcheidenen Einkommens, trotz der Ungleichheit des Alters zwiſchen beiden ſind dieſe beiden Leutchen, weil ſie das Heimchen lieben, doch glucklicher als der reiche Tackleton, der ſeine Heimchen erſchlägt, — gerade wie man es bei uns für eine ſchwere, die Rache des Schickſals herausfordernde Sünde hält, eine Hausſchwalbe zu tödten, oder ihre Neſt⸗ chen zu zerſtoͤren,— und die Art und Weiſe, wie er den Volksglauben am Schickſale der beſcheidenen Helden ſeiner Geſchichte interpretirt, iſt ebenſo ge⸗ müthlich als intereſſant für Freunde der Sittenge⸗ ſchichte, die engliſches Volksleben kennen lernen wollen.— Erſtes Kapitel. Sein erſtes Zirpen. Der Theekeſſel fieng zuerſt an. Wendet mir nur nicht ein, was Mrs. Peerybingle etwa geſagt haben mag, denn ich weiß es beſſer. Mrs. Peerybingle kann's ur⸗ kundlich beſtätigen, daß ſie nicht wußte, welches von beiden angefangen hat; aber ich behaupte, der Keſſel fieng an. Ich muß es doch hoffentlich wiſſen! Der Keſſel hat angefangen, der kleinen Wanduhr mit dem gefirnißten Zifferblatt in der Ecke zufolge juſt fünf Minuten bevor das Grillchen zu zirpen anhub. Als ob die Glocke nicht zu Ende geſchlagen und der krampfhaft zuckende kleine Heumähter oben darauf, der vor dem mauriſchen Palaſte mit ſeiner Senſe hin und herfuhr, nicht wenigſtens einen halben Morgen imaginären Graſes niedergemäht hätte, bevor das Heimchen überhaupt in den Lärm einſtimmte. Nicht wahr, ich bin gewiß von Natur aus nicht zankſüchtig; dieß Zeugniß giebt mir Jedermann. Ich würde gewiß nicht der Mrs. Peerybingle gegenuber auf meiner Meinung beſtehen, wenn ich nicht in jeder Be⸗ ziehung davon ganz feſt überzeugt wäre. Kein Menſch unter der Sonne würde mich nicht dazu bewegen, wenn es ſich nicht hier darum handelte, eine Thatſache zu erhär⸗ ten, und Thatſache iſt es, daß der Theekeſſel zuerſt anfing, und zwar wenigſtens fünf Minuten bevor das Heimchen überhaupt ein Lebenszeichen von ſich gab. Wollt ihr mir aber widerſprechen, 85 behaupte ich gar, es ſeyen zehn Minuten geweſen. Laßt mich haarklein erzählen, wie es ſich zutrug. Ich hätte es eigentlich gleich von Anfang thun und vorausſchicken ſollen, allein ich hatte meinen Grund dazu, daß ich's nicht that.— Wenn ich eine Geſchichte erzah en ſoll, ſo muß ich gleich von Anfang anheben; 8 und wie iſt es möglich, mit dem Anfang anzuheben, wenn ich nicht gleich mit dem Keſſel beginne? Ihr müßt nämlich wiſſen, es erſchien mir juſt wie eine Art Wetteifer oder Wettkampf der Geſchicklich⸗ keit, was zwiſchen dem Keſſel und dem Heimchen ſtatt⸗ fand. Und was dazu führte, und wie es dabei herging, war in Kürze Folgendes: Als Mrs. Peerybingle in die düſtere Abenddämme⸗ rung hinausging und über die naſſen Steine in einem Paar Holzſchuhen hinklapperte, welche unzählige rohe Abdrücke von der erſten Propoſition Euklids über den ganzen Hof hin verbreiteten, füllte Mrs. Peerybingle am Brunnen den Theekeſſel mit Waſſer. Eine Weile ſpäter kehrte ſie in's Haus zurück, doch nach Abzug der Holzſchuhe; aber der Abzug war gar kein unbedeutender, denn die Holzſchuhe waren hoch und Mrs. Peerybingle war von Natur aus etwas kurz ausgefallen. Jetzt ſetzte ſie den Keſſel zum Feuer, aber ſie verlor dabei ihre gute Laune oder verlegte ſie wenigſtens auf einen Augenblick, denn das Waſſer— das vor unbehaglicher Temperatur und in jenem eiſigen, beißenden, ſtechenden, unheimlichen Zuſtande war, in welchem es Stoffe aller Art und ſelbſt hölzerne Ueberſchuhe zu durchdringen ſcheint— war mit Mrs. Peerybingle's Zehen in Berührung gekommen und gar an ihren Waden emporgeſpritzt. Und wenn man ſich nun— und zwar mit Fug und Recht— etwas auf ſeine Waden zu Gute thut, und hinſichtlich der Strümpfe auf Reinlichkeit und Anſtand hält, ſo mag dies wohl für einen Augenblick Einen etwas aus der Laune bringen. Außerdem war der Keſſel gar eigenſinnig und wider⸗ ſpenſtig. Er wollte ſich durchaus nicht an den Kamin⸗ henkel hängen laſſen; er wollte ſich gar nicht dazu ver⸗ ſtehen, ſich gutwillig in die Kohlenſtücke zu ſchicken; er wollte durchaus wie ein Betrunkener vorwärts lehnen und— ein wahrer Tölpel von einem Theekeſſel— durch⸗ aus auf den Heerd tröpfeln. Er war händelſüchtig und ziſchte und ſpuckte mürriſch ins Feuer, Das Aergſte Vͤ—AV ——9—ℳ———6 9 aber war, daß der Deckel, nachdem er lange Mrs. Peery⸗ bingle's Fingern Widerſtand geleiſtet, zuerſt einen Pur⸗ zelbaum ſchlug und dann mit einer ſcharfſinnigen Hart⸗ näckigkeit, die einer beſſern Sache werth geweſen wäre, ſeitwärts in den Keſſel plumpte und bis auf den Boden hin⸗ unterſank. Meiner Treu, der Rumpf des Royale George hat ſich nicht halb ſo ſehr geſperrt, wie man ihn aus den Wellen zog, als der Deckel dieſes Theekeſſels gegen Mrs. Peerybingle, ehe ſie ihn wieder heraufbekommen konnte. Und ſelbſt dann ſchaute er recht mürriſch und eigen⸗ ſinnig drein; er ſtreckte mit wahrhaft herausfordernder Miene ſeinen Handgriff Mrs. Peerybingle entgegen und drehte ihr recht ſpöttiſch und bösartig die Schnauze zu, als ob er ſagen wollte: ich will nicht ſieden; nichts ſoll mich dazu bringen! Mrs. Peerybingle hatte aber inzwiſchen ihre gute Laune wieder gewonnen, rieb ihre froſtgepeinigten dicken Händchen an einander, ſetzte ſich hart vor dem Keſſel nieder und lachte gutmüthig. Indeſſen züngelte die luſtige Flamme auf und ab, und warf ihr flackerndes Licht auf den kleinen Heumähter oben auf der Holländer Uhr, bis man hätte glauben ſollen, er ſtehe ſtockſteif vor ſeinem Mohrenſchloſſe und es bewege ſich nichts als die Flamme. Und dennoch bewegte er ſich, und ſchüttelte ſich zweimal in der Sekunde ordentlich krampfhaft. Seine Schmerzen aber, wenn die Uhr ſchlagen ſollte, waren fürchterlich anzuſchauen: und wenn gar ein Kukuk aus einer Fallthür im Mohrenſchloſſe hinausſchaute und ſechs Mal ſeinen Ruf erſchallen ließ, ſchüttelte es ihn jedes⸗ mal wie Geiſterſtimmen— oder wie Drahtnadeln, die ihn in die Waden ſtachen. Erſt wenn die heftige Bewegung und ein knarrender Lärm in den Gewichten und Schnüren unter ihm ſich ganz gelegt hatte, ſchien dieſer erſchreckte Heumähter ſich wieder zu erholen. Auch hatte er ſich nicht ohne Grund ſo entſetzt, denn dieſe knarrenden Knochengerippe von Uhren ſind höchſt mißtönig in ihren Funktionen und 1⁰ ich muß mich ordentlich wundern, wie irgend einer Men⸗ ſchenklaſſe, am meiſten aber den gemüthlichen Holländern, der Einfall kommen konnte, etwas Derartiges zu erfinden. Denn es iſt eine allgemeine Annahme der Leute, daß die Holländer geräumige Hülſen und warme Bekleidung für den untern Theil ihres werthen Selbſt lieben und ſie hätten wahrlich etwas Beſſeres thun können, als ihre Uhren ſo gar ſchmächtig und unbeſchützt zu laſſen. Ihr müßt bemerken, daß der Theekeſſel gerade jetzt anfing, ſich ſein Abendvergnügen zu machen. Jetzt erſt begann der Keſſel melodiſch und ſingluſtig zu werden, räuſperte ſich auf eine unausſprechliche Weiſe in der Kehle und huſtete und ſchnarchte in kurzen, hellen Tönen, die er von Zeit zu Zeit wieder im Kehlkopf erſtickte, als ob er wirklich noch nicht ganz mit ſich im Reinen ſeye, ob er luſtig und guter Dinge werden ſolle oder nicht. Nachdem er aber noch ein paar vergebliche Ver⸗ ſuche gemacht hatte, ſeine frohe Laune zu unterdrücken, entſchlug er ſich alles Trübſinns, aller Zurückhaltung und brach in ein ſo koſendes ſideles Liedchen aus, wie es die begei⸗ ſtertſte Nachtigall nie zu erfinden im Stande geweſen wäre. Das Liedchen war deutlich genug! Meiner Treu, man hätte es verſtehen können, wie ein Buch— ja viel⸗ leicht noch beſſer als manche Bücher, die ihr und ich namhaft machen könnten. Er blies ſeinen warmen Athem in einem feinen, leichten Wölkchen aus, der luſtig und anmuthig ein paar Fuß in die Höhe zog und dann um die Kaminecke hin, als wäre das ſein heimathliches Firmament; er jodelte ſein Lied mit ſolcher Kraftäuße⸗ rung von Heiterkeit, daß ſein eiſerner Leib über dem Feuer brummte und wackelte, und ſogar der Deckel ſelbſt, der noch ſo eben ſo widerſpenſtig geweſen war,— von dem guten Beiſpiele auf beſſere Grundſätze gebracht, eine Art Tanz aufführte und klapperte wie ein taub⸗ ſtummes, junges Becken, das ſein Lebtag noch nicht erfahren hat, wozu es einen Zwillingsbruder braucht. Es konnte gar kein Zweifel vorwalten, daß dieſes RN —— ◻⏑ᷣ—-6 8— ͤ3= 8—O 8—B——8 G˖ g K 11 Liedchen des Keſſels ein willkommnes Lied und eine Ein⸗ ladung für Jemanden war, der ſich dermalen noch draußen unter freiem Himmel befand— für Jemanden, der in dieſem Augenblick dem niedlichen kleinen Häuschen und kniſternden Feuer zuſteuerte. Mrs. Peerybingle verſtand es auch vollkommen, wie ſie ſo gedankenvoll hier vorm Heerde ſaß.— Es iſt eine düſtre Nacht, ſang der Keſſel, und die welken Blätter liegen am Wege; und droben iſt alles Nebel und Finſterniß und am Boden alles Koth und Schmutz und dies hier iſt der einzige Troſt in der düſtern, dicken Luft, und ich weiß nicht einmal, daß es nur einer iſt, denn es iſt nur ein Fleck von dunklem, zürnenden Roth, wo die Sonne und der Wind mit einander den Wolken gewiſſermaßen ein Brandmal aufdrücken, daß ſie ſo abſcheuliches Wetter aufgebracht. Und das weiteſte, offene Land iſt nur ein trüber, langer Streifen von unheimlichem Schwarz; auf dem Wegzeiger glänzt der Reif, und froſtiger Thau blickt von der Weg⸗ ſeite; und das Eis iſt nicht Waſſer und das Waſſer iſt nicht frei; und kein Menſch könnte ſagen, daß irgend etwas ſo wäre, wie es eigentlich ſeyn ſollte;.... aber er kommt, er kommt, er kommt!— Und hier erſt, wenn ihr mir's erlaubt, fiel das Heimchen mit in den Geſang ein und zwar mit einem ſo lauten zirp, zirp, zirp, das wie ein Chor klang— mit einer ſo wunderbaren, unverhältnißmäßig lauten Stimme, wenn man ſeine Größe mit der des Keſſels verglich(ſeine Größe? konnte man es denn ſehen?), daß wenn es hie und da geplatzt wäre, wie eine über⸗ ladene Flinte, wenn es als Opfer ſeines Sangeseifers zur Stelle geblieben wäre und ſeinen kleinen Körper in fünfzig Fetzen auseinander gezirpt hätte,— dieß nur eine natürliche und unvermeidliche Folge geſchienen hätte, der das Thierchen gleichſam entgegengegangen wäre. Der Sologeſang des Keſſels hatte nun ein Ende; er fuhr zwar mit unvermindertem Eifer zu ſingen fort, aber das Heimchen ſpielte jetzt die erſte Violine und 12 füͤhrte ſie auch durch. Du lieber Gott, wie es zirpte! Sein ſchrilles, helles, Mark und Bein durchdringendes Stimmchen ſcholl durch das ganze Haus und ſchien noch durch die dunkle Nacht draußen zu blinken wie Sternen⸗ licht. Und wenn es am lauteſten war, lag ein unbe⸗ ſchreibliches Frohlocken und Tremolo darin, daß man faſt vermuthen mochte, es ſpringe vor Freude und vor eigenem inneren Enthuſiasmus in die Höhe und tanze auf dem Heerde herum. Doch ſtimmten ſie beide recht gut zuſammen, das Grillchen und der Keſſel. Der End⸗ reim des Liedes blieb immer derſelbe; nur ſangen ſie ihn in ihrem Wetteifer immer lauter und lauter. Die hübſche kleine Horcherin— denn hübſch war ſie und jung ebenfalls, obwohl etwas von der trallen Art, doch das iſt in meinen Augen kein Fehler— zündete jetzt ein Licht an, blickte auf den Heumähter oben auf der Uhr, der eben eine tüchtige Ernte von Minnten ein⸗ brachte und blickte aus dem Fenſter, wo ſie freilich we⸗ gen der herrſchenden Dunkelheit nichts ſah; aber ihr eigenes Geſichtchen ſpiegelte ſich wenigſtens im Glaſe. Und meine Anſicht iſt(und wahrſcheinlich wäret ihr mit mir darin einverſtanden geweſen). daß ſie ſich hätte weit umſehen müſſen, um etwas ſo Niedliches zu ſehen, wie ihr Geſicht war. Als ſie vom Fenſter zurückkehrte und ſich wieder auf ihr voriges Plätzchen ſetzte, ſangen Heim⸗ chen und Keſſel noch mit einer wahren Wuth im Wett⸗ kampf ihr Liedchen fort. Der Keſſel fehlte nur etwa darin, daß er nicht wußte, wann er den Kürzeren zog. Es lag die ganze Aufregung eines Wettrennens in dieſem Wetteifer, zirp, zirp, zirp! ſang das Heimchen eine Meile voran. Hum, hum, hum— m-m, brummte der Keſſel aus der Ferne wie ein großer Topf(Kreiſel). Zirp, zirp, zirp! rief das Heimchen aus der Ecke. Hum, hum, hum-m-m, brummte ihm der Keſſel auf ſeine Weiſe zu, und denkt noch gar nicht daran, ihm das Feld zu räumen. Zirp, zirp, zirp, pfeift das Heimchen friſcher als je. Hum, hum, hum—m-m, ſummt der 13 Keſſel langſam und beharrlich. Zirp, zirp, zirp⸗ kreiſchte das Heimchen und ſchien es ordentlich darauf anzulegen, den Keſſel aus dem Felde zu ſchlagen. Hum, hum, hum—m-m, murrt der Keſſel hinterdrein, der ſich nicht zum Schweigen bringen laſſen will: bis beide in der Eile und dem Saus und Braus des Eifers ſich ſo anſtrengen, daß ein klarerer Kopf als der eurige oder der meinige dazu gehört haben würde, um mit einiger Gewißheit zu entſcheiden, ob der Keſſel zirpte und das Grillchen ſummte oder ob beide zirpten und beide ſummten. Soviel iſt übrigens ganz gewiß, daß der Keſſel und das Heinichen in demſelben Augenblick und in Folge derſelben Wahl⸗ verwandtſchaft, die ſie ſelbſt beide am beſten kennen wer⸗ den, je ihren traulichen, behaglichen Geſang einem Streifen Lichtſchimmer zuſandten, der durchs Fenſter und ein gutes Stück weit in die Gaſſe hineinſchien. Und dieſer Lichtſchimmer, der auf eine gewiſſe Perſon, welche in dieſem Augenblick durch die Finſterniß draußen dar⸗ auf zugieng, ſiel, erklärte im Nu das Ganze und rief buchſtäblich und in hellem Ton: Willkommen daheim, alter Junge! willkommen zu Hauſe, mein Schatz! Wie ſie dieſen Zweck erreicht hatten, ſprudelte der aus dem Felde geſchlagene Keſſel über und ward vom Feuer genommen. Mrs. Peerybingle lief dann eilends der Thüre zu, jenſeits welcher uüber dem Räderknarren eines Karrens, dem Getrappel eines Pferdes, der Stimme eines Mannes, dem freudigen Knurren und Hin⸗ und Herrennen eines erfreuten Hundes und der unerwarteten geheimnißvollen Erſcheinung eines Wickelkindes alsbald der leibhaftige Teufel los zu ſeyn ſchien. Woher der Säugling kam, oder wie ihn Mrs. Pee⸗ rybingle in dieſem Nu auf einmal auf den Arm bekom⸗ men hatte, weiß ich nicht. Soviel aber iſt gewiß, daß ſie einen lebendigen Säugling in den Armen hielt und nicht wenig ſtolz darauf zu ſeyn ſchien, als ſie eine vierſchrötige Mannesgeſtalt, viel größer und weit älter als ſie ſelbſt, zum Feuer zog. Ja wahrhaftig, der Mann 14 war groß, denn er mußte ſich ziemlich tief bucken, um ſte küſſen zu können. Es war aber auch der Mühe werth, ihr einen Kuß zu geben; ein Burſche von ſechs Fuß ſechs Zoll hätte es gethan, auf die Gefahr hin, das Len⸗ denweh davon zu bekommen. „Ei du liebe Zeit, John!“ rief Mrs. Peerybingle; „in was für einem Zuſtande kommſt Du heute nach Haus, bei dieſem Wetter?“ Es war freilich nicht zu läugnen, daß er ſchlimm genug zugerichtet war. Der dicke Nebel hieng wie gefrorner Thau in Klümpchen in ſeinen Wimpern, und zwiſchen Nebel und Feuer ſchillerten Regenbogen in ſeinem Backenbart. „Je nun, ſieh, Dot!*)“ verſetzte John ſo langſam, als er ein langes Tuch von ſeinem Halſe abwickelte, undwärmte ſich dann die Hände am Feuer;—„je nun, Dot, wir haben heute auch kein Sommerwetter und ſo darf Dich's denn nicht wundern!“ „Es wäre mir lieber, Du nennteſt mich nicht mehr Dot, John! Der Name gefällt mir nicht!“ erwiederte Mrs. Peerybingle und ſchmollte dabei auf eine Weiſe, welche offenbar zeigte, daß ſte es ſehr gerne leiden mochte. „Aber was biſt Du denn ſonſt?“ meinte John, der mit freundlichem Lächeln zu ihr herabſchaute und ihr einen ſo leichten Schlag auf die Hüfte gab, als ſeine plumpe Hand und ſchwere Arme erlaubten;— ein Punkt und— dabei blickte er auf den Säugling— ein Punkt und ein Pünktchen— ich ſollte es eigentlich nicht ſagen, denn ich fürchte faſt, ich ärgere Dich, und da hätt ich faſt einen Witz gemacht— ja wahrlich, ich wüßte nicht, daß ich je näher daran geweſen wäre..“ Er war oft daran, wie er ſelbſt ſagte, einen Witz oder ſonſt einen geſcheiten Streich zu machen, dieſer vierſchrötige, gemächliche, ehrliche John; ja wohl, der wackere Burſch war ſo ſchwerfällig von Weſen, wie leicht und heiter von Gemüth; ſo rauh von Außen und doch *) Wörtlich Punkt, Tüpfelchen auf einem i. 15 ſo wacker und ſanft im Innern, ſo ſchwerfällig und plump an der Oberfläche, und doch Innen ſo lebhäft und ſo zartfühlend; ſo altgebacken von Außen und doch im Herzen ſo gutmüthig! O Mutter Natur, gieb allen Deinen Kindern die wahre Poeſie des Herzens, die in dieſes armen Kärrners Bruſt verborgen lag— denn John war beiläufig geſagt, nur ein Frachtfuhrmann— und wir wollen es alsdann gerne hinnehmen, daß ſie in Proſa reden und ein proſaiſches Leben führen, und ſey alsdann verſichert, daß wir Dich für ihren Umgang ſegnen werden! Man konnte nichts Hübſcheres ſehen als Dot mit ihrer kleinen, runden Geſtalt und ihren Sänglina auf dem Arme— eine wahre Puppe von einem Kinde. Mit kokettem Nachdenken ſchaute ſie in's Feuer und neigte ihr feines, zartes Köpfchen juſt ſo weit auf die eine Seite, um es auf eine gar ſeltſame, halb natürliche, halb affektirte aber gar trauliche und anmuthige Weiſe an der vierſchrötigen Schulter des Kärrners ruhen zu laſſen. Und lieblich war es anzuſehen, wie er mit ſei⸗ ner täppiſchen Zärtlichkeit ſich Mühe gab, der zarten Laſt ſeine ungeſchlachte Geſtalt als Stützpunkt unter⸗ zuſchieben und aus ſeinem männlichen, rieſigen Körper einen paſſenden Stab für ihre blühende Jugend zu ma⸗ chen. Es war ferner gar frenndlich anzuſchauen, wie Tilly Slowboy, die lang aufgeſchoſſene hagere Dirne, die kaum die Kinderſchuhe zertreten zu haben ſchien, im Hintergrund auf den Säugling wartete und ein beſon⸗ deres Augenmerk auf dieſe Eheſtandsgruppe richtete; das Mädchen ſperrte Mund und Augen weit auf, hieng den Kopf vorwärts, und ſtierte drein, als ob es die drei Weſen vor ſich aufſchnappen wollte. Und einen ebenſo freundlichen Anblick gewährte es, zu ſehen, wie John der Kärrner, als Dot ihn auf den vorerwähnten Klei⸗ nen aufmerkſam machte, behutſam die Hand zurückzog, womit er den kleinen John hatte berühren wollen, als ob er ſich fuͤrchte, er möchte es zerbrechen, und wie er ſich dann hückte und es aus wohlbedachter Entfernung 16 anſchaute, wie mit einer Art verlegenen Stolzes— etwa gerade ſo, wie ein zahmer Haushund ſich etwa gebehr⸗ den möchte, wenn er ſich eines Tages als Vater eines jungen Kanarienvogels ſähe. „Iſt er nicht allerliebſt, John?“ fragte Dot lächelnd; „ſieht er nicht köſtlich aus in ſeinem Schlaf?“ „Sehr köſtlich,“ verſetzte John;—„über die Ma⸗ ßen köſtlich, er ſchläft wohl beſtändig, nicht wahr?“ „Du lieber Gott, John! Ei du meine Güte! warum nicht gar?“ rief Dot verwundernd und blickte John faſt tadelnd in's Geſicht. „Ach ſo!“ ſagte John nachdenklich,„ich meinte nur er habe immer die Augen geſchloſſen. Hollah!“ „Ei du meine Güte!“ rief Dot,„wie magſt Du mich ſo erſchrecken!“ „Es thut dem Kinde nicht gut, wenn es die Augen auf dieſe Weiſe verdreht, nicht wahr?“ fragte der Kärr⸗ ner verwundert,„ſieh nur, wie es mit beiden zugleich zwinkert. Ei ei, es ſchnappt ja gerade wie ein Goldfiſchchen.“ „Du biſt gar nicht werth, daß Du ein Vater biſt — gewiß nicht,“ ſagte Dot, und gab ſich ganz die Würde einer erfahrenen Matrone,—„aber wie ſollteſt Du Dich auch darauf verſtehen, was ſo'nem armen Kinde eigent⸗ lich fehlt, John. Du verſtändeſt Dich ja nicht einmal auf die Namen der Krankheiten, Du einfältiger Burſch!“ Damit legte ſie das Kind vom rechten auf den linken Arm herüber, tätſchelte es zur Stärkung anf dem Rücken und kneipte dann lachend ihren Mann in's Ohr. „Nein wahrlichi“ rief John, und zog ſeinen Ueber⸗ rock herunter;—„Du haſt ganz recht, Dot, ich ver⸗ ſtehe mich nicht ſonderlich darauf. Ich weiß nur, daß ich heute Abend recht tüchtig vom Winde zu leiden hatte, auf dem ganzen Heimwege hat es aus Nordoſt gepfiffen, gerade in den Wagen herein!“ „Wirklich?... Du armes Männchen!“ rief Mrs. Peerybingle und entfaltete plötzlich eine überraſchende Thätigkeit,— Komm, Tilly, nimm den lieben Kleinen 12—O—9„,SS — ——————— 17 hier, daß ich ſelbſt Hand anlegen kann. Du lieber Gott, ich könnte das Würmchen zu Tode küſſen, meiner Treu das könnt' ich. Leg Dich, Hundchen! fort Borer, thö⸗ richter Burſch! Laß mich nur erſt den Thee machen, John, dann will ich Dir bei den Packeten helfen, wie eine fleißige Biene—„Wie macht's die kleine Biene“ — u. ſ. f., das ganze Liedchen hindurch, Du kennſt's ja ſchon, John! haſt Du auch das Liedchen:„wie macht's die kleine Biene“ auswendig lernen müſſen, John, als Du noch in die Schule giengſt?“ „O ia, aber nicht ſo, daß ich's auswendig konnte,“ verſetzte John,„doch war ich einmal nahe daran. Aber ich hätte es nur verketzert, glaube ich.“ „Ha, ha, ha,“ lachte Dot herzlich. Sie hatte das anmuthigſte und anſteckendſte Gelächter, das man weit und breit hören konnte.„Was für ein lieber, alter, brrioüe Kauz biſt Du doch, John! Ja wahrlich, das i u.“ John hatte nichts dagegen einzuwenden, ſondern gieng hinaus, um nachzuſehen, ob der Stallbube, der wie ein Irrlicht mit der Laterne vor dem Hauſe hin und her tanzte, ſich auch des Pferdes recht annähme, das fetter war, als Ihr mir glauben würdet, wenn ich Euch ſein Maaß angäbe und ſo alt, daß ſich ſein Ge⸗ burtstag in nebelgrauer Ferne verlor. Borer, der Haus⸗ hund, ſprang in dem Bewußtſeyn, daß ſeine Aufmerk⸗ ſamkeiten der Familie im Allgemeinen zuſtünden und daß er ſie daher zwiſchen den verſchiedenen Gliedern mög⸗ lichſt unparteiiſch austheilen müſſe, mit keuchender Ge⸗ ſchäftigkeit und unſinniger Unbeſtändigkeit ein und aus; jetzt beſchrieb er bellend einen Kreis um das Pferd, das eben an der Stallthüre abgerieben wurde, dann nahm er einen Anlauf, um wie wüthend auf ſeine Herrin loszuſpringen, hielt aber mitten im Anlauf ploͤtzlich an; dann entlockte er Tilly Slowbey einen Schrei des Schreckens, wenn er ihr, die auf dem niedern Kinder⸗ Boz, Grillchen auf dem Heerde. 2 18 ſtuhle beim Feuer ſaß, plötzlich ſeine naſſe, kalte Naſe im Geſicht abrieb, dann ſchien er ſich wieder auf höchſt zudringliche Weiſe um den kleinen Säugling bekümmern zu wollen, oder ſtrich um den Heerd herum und legte ſich vor ihm nieder, als ob er hier ſchon für die ganze Nacht ſein Obdach gewählt hätte, alsdann aber ſprang er plötz⸗ lich wieder auf und ſtreckte das Stümpfchen ſeines Schweifes in die kalte Nachtluft hinaus, als ob er ſich eben eines Stelldicheins erinnere und aus Leibeskräften davoneile, um es ja nicht zu verſäumen. „Komm, da ſteht ſchon die Theekanne auf dem Heerde parat,“ rief Dot und tummelte ſich ſo rüſtig, wie ein Kind, das in ſeiner Puppenküche ſpielt,—„und da iſt das kalte Schinkenbein, und hier iſt die Butter und hier das kruſtige Brodlaib— es iſt ſvon Alles bei einander. Hier iſt auch ein Handkorb für die kleinen Packete, John, wenn Du welche mitgebracht haſt— wo ſteckſt Du denn, John? Laß mir ja das liebe Kind nicht unter den Heerdroſt fallen, Tilly, ich rathe Dir's.“ Wir müſſen hier einſchieben, daß Miß Slowboy, wiewohl ſie dieſe Warnung mit ziemlich lebhafter Ent⸗ rüſtung von ſich wies, doch gar ein abſonderliches und überraſchendes Talent beſaß, das Wohl dieſes Säuglings zu gefährden und daß ſie ſchon zu verſchiedenen Malen des Kindes kurzes Daſeyn auf ihre eigenthümliche ruhige Weiſe in Gefahr gebracht hatte. Beſagtes junge Frauen⸗ zimmer war von hagerer, hochaufgeſchoſſener Geſtalt, ſo daß ihre Kleider beſtändig Gefahr zu laufen ſchienen, von den Spitzenpflöcken ihrer Schultern, woran ſie loſe hiengen, herabzufallen. Ihre Kleidung war beſonders merkwürdig, weil überall und bei jeder möglichen Ge⸗ legenheit ein gewiſſes, flanellenes Kleidungsſtück von eigenthümlicher Conſtruction ſich theilweiſe zu Tage drängte, und weil ſie in der Gegend des Rückens be⸗ ſtändig eine Art Corſet oder ein paar Schnürbänder von verſchoſſener grüner Farbe zu Tag kehrte. Weil ſie ſich über alles mögliche wunderte, und überdem beſtändig in 19 beſchauliche Betrachtung der Vorzüge ihrer Herrin und des kleinen Säuglings vertieft ſchien, ſperrte Miß Tilly Slowbey beſtändig Mund und Naſe auf; wiewohl nun zwar dieſe kleinen Verirrungen ihrer Urtheilskraft ihrem Kopf und Herzen gleichviel Ehre brachten, ſo ſchien dieß für den Kopf des Kleinen doch nichts weniger als erſprießlich, weil ſie Veranlaſſung waren, daß dieſer zu⸗ weilen mit Hausthüren, Schränken, Treppengeländern, Bettpfoſten und andern fremdartigen Subſtanzen in nichts weniger als ſanfte Berührung kam. Allein man mußte dieſe kleinen Verſtöße Tilly's nachſichtig beurtheilen, denn ſie waren nur die ſchnurgerade Folge ihrer fortwähren⸗ den Verwunderung darüber, daß ſie hier einer ſo wohl⸗ wollenden Behandlung und einer ſo gemächlichen Unter⸗ kunft genoß. Vater und Mutter, welche Miß Tilly Slowboy in's Daſeyn gerufen hatten, vermag uns die Geſchichte nicht zu nennen, denn Tilly war ein Findel⸗ kind und auf Koſten wohlthätiger öffentlicher Anſtalten erzogen worden.. Wenn ihr geſehen hättet, wie die kleine Mrs. Pee⸗ rybingle mit ihrem Gatten zurückkam, wie ſie an dem Handkorbe ſchleppte und ſich die größte Mühe gab, da⸗ bei doch nichts zu thun(denn er trug ihn ja allein), ſo würdet ihr euch faſt eben ſo ſehr gefreuet haben, wie John ſelbſt. Schien es ja doch ſelbſt dem Heimchen Vergnü⸗ gen zu machen, das auf einmal in ein recht luſtiges, heftiges Zirpen ausbrach. „Juchhe!“ rief John in ſeiner gemächlichen Weiſe, 8 mir ſcheint, unſer Grillchen iſt heute Abend luſtiger als je.“ 8 „Gewiß bedeutet das Glück für uns, John!“ rief Dot luſtig;—„es iſt noch von jeher eingetroffen. Ein Heimchen auf dem Heerde zu haben iſt gewiß das glück⸗ lichſte Ding auf der ganzen Welt!“ John ſchaute ſie jetzt an, als wenn ihm der Ge⸗ danke gekommen wäre, ſie ſey ſein beſtes Heimchen, und 2* 8 29 er ſtimmte ihrer Anſicht unbedingt bei. Vermuthlich aber wollte er nicht wieder beinahe einen Witz machen, denn er ſchwieg mäuschenſtille. „Weißt Du noch, John,“ ſagte Dot,„wie ich das erſte Mal den heitern Geſang des lieben kleinen Ge⸗ ſchöpfs hörte?... Es war juſt an dem Abend, wo Du mich hieher, in Deine Behauſung brachteſt, wo Du mich als die kleine Gebieterin Deines kleinen Hausweſens hier einführteſt! Es wird nun bald ein Jahr ſeyn. Denkſt Du noch daran, John?“ Ei freilich erinnerte er ſich noch, wie hätte er das vergeſſen haben ſollen. „Das Zirpen des Heimchens war ein wahres Will⸗ kommen für mich!“ fuhr Dot fort;„es ſchien mir ordent⸗ lich Hoffnung und Ermuthigung einflößen zu wollen. Es war mir, als ſage das Thierchen, Du wolleſt gut und artig gegen mich ſeyn, und erwarteteſt gar nicht (wie ich damals zuweilen befürchtet hatte), einen alten Kopf auf dem Rumpfe eines närriſchen kleinen Weib⸗ chens zu finden.“ John klopfte ſie gedankenvoll auf die eine Schul⸗ ter und dann auf den Kopf, als wollte er ſagen;„nein, nein, ich hatte gar nie eine ſolche Erwartung gehegt, und war recht froh, daß ich ſie bekam, wie ſie ſind.— Und er hatte in der That auch recht, denn ſie waren beide ſehr hübſch. „Es hat auch wirklich die Wahrheit geſprochen, John, wie es das zu ſagen ſchien!“ hub Dot von Neuem an,—„denn Du warſt gegen mich immer der beſte, der zärtlichſte und nachſichtigſte Gatte. Das Häuschen hier war eine recht liebe, glückliche Heimath für mich, John, und ſchon aus dieſem Grunde bin ich dem Heim⸗ chen ſo gut.“ „So geht mir's juſt auch,“ ſagte der Kärrner,— „ich bin dem Heimchen ebenfalls gut, Dot.“ „ Ich liebe es um ſo mehr, weil ich es ſo gar oft gehört habe und weil mich ſeine harmloſe niedliche Muſik 21 auf ſo mancherlei Gedanken gebracht hat,“ fuhr Dot fort,— „wenn ich manchmal in der Dämmerung hier ſaß und mir ſo einſam und niedergeſchlagen zu Muthe war, John— bevor nämlich das Kind da war, das mir Geſellſchaft leiſtet und muntern Lärmen in's Haus bringt— wenn ich damals dachte, wie verlaſſen Du ſeyn würdeſt, falls ich ſterben ſollte, oder wie einſam ich wäre, wenn ich erfahren müßte, daß Du aufgehört hätteſt mich lieb zu haben,— alsdann, liebes Maͤnnchen, ſchien mir ſein Zirpen auf dem Heerde eine andre kleine Stimme, die mir ſo ſüß und ſo gar theuer war, zu verkünden, vor deren freundlichen Tönen mein Kummer verſchwand wie ein Traum. Und wenn ich zuweilen unwillkürlich fürch⸗ tete— und ich habe den Gedanken nicht unterdrücken können, John, denn ich war ja noch ſo jung, wie Du weißt— daß unſere Ehe keine glückliche werden möchte, weil ich noch ein ſolches Kind und Du eher mein Vor⸗ mund als mein Gatte warſt, und daß Du, wie ſehr Du Dir auch Muhe gabſt, mich nicht lieb gewinnen könnteſt, wie Du es hoffteſt und erbeteteſt— alsdann hat mich ſein freundliches Zirpen wieder aufgeheitert und mit neuem Troſt und Zuverſicht erfüllt. Erſt heute Abend dachte ich daran, John, wie ich hier ſaß und auf Dich wartete, und weil mich das Heimchen wieder an alle dieſe Dinge erinnerte, ſo liebe ich's jetzt nur um ſo mehr.“ „So geht mir's ebenfalls,“ entgegnete John;— „aber was fällt Dir ein, Dot? Wie hiätte ich erſt hoffen und beten ſollen, um Dich liebgewinnen zu ler⸗ nen? Ich wußte ja das Alles längſt ſchon, ehe ich Dich hieher brachte, um des Heimchens kleine Herrin zu werden!“ Sie legte ihre Hand einen Augenblick auf ſeinen Arm und blickte mit tiefer Rührung in den Zügen ihm in die Augen, als ob ihr etwas auf dem Herzen liege, das ſie ihm hätte anvertrauen mögen. Sie verſchwieg es aber und kniete ſchon im nächſten Augenblick vor dem 22² Korb mit den Packeten auf den Boden nieder, wühlte in den kleinen Päcken und rief in heiterem Tone: „Du bringſt heute Abend nicht viel mit, John, aber ich ſah vorhin ein paar größere Ballen hinten auf dem Karren, und wenn ſie vielleicht auch mehr Mühe machen, ſo werden ſie doch darnach bezahlt, und ſo haben wir gewiß keinen Grund, darüber zu murren, nicht wahr? Auch brauche nicht erſt zu fragen, ob Du nicht ſchon auf dem Herwege einige davon abgeliefert haſt? „O ja,“ meinte John;„ich habe ziemlich viele abgegeben.“ „Ei, was iſt denn in dieſer runden Schachtel?“ rief Dot;—„Du lieber Gott, John, das iſt gewiß ein Hochzeitkuchen!“ „So etwas kann nur ein Frauenzimmer heraus⸗ bringen!“ ſagte John voll Bewunderung;—„ein Mann wäre gewiß nie auf dieſen Einfall gekommen! Ja wahrhaftig, wenn man einen Hochzeitkuchen in eine Theekiſte oder in einen Betttiſch, oder in ein Lachsfäß⸗ chen oder in irgend etwas anderes einpackte, eine Frau würde es gewiß im Augenblick errathen. Nun ja, ich mußte ihn beim Paſtetenbäcker abholen.“ „und wie ſchwer es iſt!— ein paar Centner ſchwer!“ rief Dot, welche ſich vergebens Mühe gegeben hatte, die Schachtel aufzuheben.—„Wem gehöͤrt er denn, John? Wer ſoll ihn haben?“ „Lies nur die Aufſchrift auf der anderen Seite!“ ſagte John. „Iſt's möglich, John! Ei du liebe Zeit, John!“ „Ja, ja, wer hätte das gedacht!“— verſetzte John gedankenvoll. „Du wirſt mir doch nicht glauben machen wollen, John,“ fuhr Dot fort, die am Boden ſaß und ihn kopf⸗ ſchüttelnd anblickte,—„daß er für Gruff*) und Tack⸗ leton den Spielzeughändler beſtimmt iſt?“ *) Wörtlich Sauertopf. 0„–„ͤ— 23 John nickte bejahend. Mrs. Peerybingle ſchüttelte wohl fünfzigmal zwei⸗ felnd den Kopf, und war in eine ſtumme mitleidige Be⸗ ſtürzung verſetzt; ſie verzog dabei ordentlich das Münd⸗ chen und zwar mit aller Gewalt(denn ich verſichere Euch, das Mündchen war gar nicht zum Schmollen ein⸗ gerichtet), und ſchaute den Kärrner gedankenvoll und for⸗ ſchend an. Mrs. Slowboy aber, welche eine beſondere maſchinenmäßige Gabe beſaß, zum Ergötzen des kleinen Säuglings fragmentariſche Fetzen eines angehörten Ge⸗ ſprächs zu wiederholen, nachdem ſie allen geſunden Menſchenverſtand darin ausgebeint und alle Hauptwörter in die Mehrzahl umgeſetzt hatte, fraate mittlerweile laut das kleine Geſchöpf, ob es denn wirklich Gruff und Tack⸗ letons die Spielwaarenhändlers wären und ob es Hoch⸗ zeitskuchens bei Zuckerbäcker abholen wolle und ob ſeine Mütters wirklich die Schachteles kennen, wenn ſeine Väters ſie nach Hauſe brächten? und ſo fort. „So ſoll es alſo wirklich noch dazu kommen?“ ſagte Dot;—„Du lieber Gott, John, ſie und ich ſind miteinander in die Schule gegangen!“ Er mochte ſich jetzt eben vorſtellen oder faſt gar vergegenwärtigen, wie ſie ausgeſehen haben mochte, als ſie noch in die Schule gieng. Er blickte ſie in ver⸗ gnügter Zerſtreuung an, gab aber keine Antwort. „Und er iſt ſo alt! So ganz und gar Dir unähn⸗ lich!“ fuhr Dot fort;„ſag' mir nur, John, um wie deß Fahre iſt wohl Gruff und Tackleton älter als Du, ohn?“ „Ich möchte wiſſen, wie viele Taſſen Thee ich heute Abend auf einem Sitz mehr trinken müßte, um ſo Altes herauszukriegen, wenn jede Taſſe für vier Jahre zählte!“ erwiederte John gutmüthig, zog ſich dabei einen Stuhl zu dem runden Tiſche und machte ſich über das Schinkenbein her;—„was das Eſſen anbelangt, ſo leiſte ich freilich nur wenig darin, aber das Wenige laß ich mir ſchmecken, Dot!“ Sogar die⸗ 24 ſer Spaß, ſein gewöhnlicher Wahlſpruch zur Eſſenszeit, und eine ſeiner unſchuldigen Lügen(denn ſein Appetit war immer der allerbeſte und widerſprach ihm ſchnur⸗ gerade) rief kein Lächeln auf das Geſicht ſeines kleinen Weibchens, das mitten unter den Packeten ſtand, die Kuchenſchachtel langſam mit dem Fuße fortrollte und gar nicht mehr darauf herabblickte, obwohl ihr Auge auf dem niedlichen Schuh ruhte, den ſie ſonſt ſo ſorg⸗ ſam ſchonte. In tiefen Gedanken verloren ſtand ſie da und kümmerte ſich weder um den Thee noch um John, obwohl er ſie herbeirief und mit dem Meſſer auf den Tiſch klopfte, um ſie aus ihrem Nachdenken aufzuwecken, bis er endlich aufſtand und ſie auf den Arm klopfte. Nun erſt ſchaute ſie ihn einen Augenblick an, eilte dann an’s Theebrett und lachte über ihre eigene Vergeßlichkeit, aber nicht, wie ſie ſonſt zu lachen pflegte; die Art und der Ton, wie ſie lachte, waren ganz anders. Das Heimchen hatte ebenfalls ſein Zirpen eingeſtellt und das Stübchen erſchien bei weitem nicht mehr ſo traulich als zuvor. „Das ſind alſo wohl alle Packete, John?“ ſagte ſie und brach damit eine lange Pauſe ab, welche der ehrliche Fuhrmann ſeither der praktiſchen Bewährung eines Theils ſeines Lieblingsſpruches gewidmet hatte— daß er nämlich ſich tüchtig ſchmecken ließ, was er aß, wenn man auch nicht zugeben konnte, daß er nur wenig aß.—„Das ſind alſo wirklich alle Packete, John, nicht wahr?“ „Es ſind Alle,“ ſagte John.—„Doch nein— da fällt mir eben bei, daß ich...,“ er unterbrach ſich plötzlich mit einem langen Athemzuge und ließ Meſſer und Gabel fallen—„da fällt mir eben bei.... daß ich den alten Herrn ganz vergeſſen habe.“ „Was für einen alten Herrn?“ fragte Dot. „Draußen im Karren,“ gab John zur Antwort.— „Er ſchlief im Stroh, wie ich ihn das letzte Mal ſah. Es iſt mir beinahe ſchon zweimal eingefallen, ſeit ich heim⸗ 1 „ 2⁵ kam, aber ich habe ihn immer wieder vergeſſen.— Hollah! hellauf! Aufgeſtanden! Wir ſind zur Stelle, Alter!⸗ Die letzten Worte rief John draußen vor der Thüre, wohin er mit dem Lichte geſprungen war. Miß Slowboy mochte denken, es liege irgend eine geheimnißvolle Beziehung der Erwähnung des alten Herrn zu Grunde und verband damit in ihrer getäuſch⸗ ten Phantaſie gewiſſe ehrfurchtsvolle Begriffe; deshalb fand ſie ſich aus ihrer Gemüthsruhe ſo aufgeſtört, daß ſie haſtig von dem niedern Schemel am Feuer aufſprang und hinter dem Rücken ihrer Herrin Schutz ſuchen wollte. Wie ſie aber an der Thüre vorüberging, ſtieß ſie plötzlich mit einem alten fremden Manne zuſammen, gegen welchen ſie ſich inſtinktmäßig mit der einzigen Trutzwaffe, die ihr zu Gebote ſtand, in Parade aus⸗ legte; dieſe Trutzwaffe war aber zufällig der Säugling, und ſo brachte ihr Verfahren große Aufregung und Un⸗ ruhe hervor, welche Boxrers Scharfſinn womöglich noch vergrößerte. Der wackere Hund nämlich, vorſichtiger als ſein Herr, hatte, wie es ſchien, den alten Herrn in ſeinem Schlafe bewacht, damit er nicht mit ein paar jungen Pappelbäumen, die hinten auf den Wagen ge⸗ bunden waren, davon laufe, und hielt noch immer ein wachſames Auge auf ihn, indem er ihn an ſeinen Ka⸗ maſchen zauste und ganz verzweifelt nach den Knöpfen ſchnappte. „Ihr habt meiner Treu einen merkwürdig guten Schlaf, Sir!“ hub John an, als der Friede wiederher⸗ geſtellt war; der alte Herr war nämlich inzwiſchen ent⸗ blösten Hauptes und ſteif und ſtarr mitten im Zimmer geſtanden;—„Ihr habt ſo feſt geſchlafen, daß ich faſt auf den Einfall käme, Euch zu fragen, wo Ihr die andern Sechs gelaſſen habt, wenn das nicht ein Jux wäre, den ich bloß verderben würde! Aber beinahe,“ ſetzte der Fuhrmann kichernd hinzu,—„beinahe hätte ich einen Witz gemacht!“ 26 Der Fremde, der langes weißes Haar und freund⸗ liche, für einen alten Mann noch ziemlich wohlerhaltene Züge von kühnem Schnitt, und dunkle, glänzende, durch⸗ dringende Augen hatte, ſchaute ſich lächelnd um und grüßte des Fuhrmanns Weib mit einem ernſten Kopfnicken. Seine Tracht war höchſt ſeltſam und auffallend— ſo altväteriſch, daß ſie längſt ſchon aus der Mode gekommen ſeyn mußte. Das ganze Gewand war von brauner Farbe. In der Hand trug er einen großen braunen Knittel oder Spazierſtock, den er jetzt auf den Boden ſchlug, daß er auseinanderſiel und einen Stuhl bildete, auf welchem ſich der Alte mit aller Gemüthsruhe niederließ. „Siehſt Du,“ ſagte der Fuhrmann zu ſeinem Weibe,—„juſt ſo fand ich ihn an der Straße ſitzen, ſtarr und ſteif wie ein Meilenzeiger und faſt eben ſo taub!“ „Unter freiem Himmel?“ fragte das Weibchen. „Ja, im Freien, und gerade mit Einbruch der Nacht!“ erzählte der Kärrner weiter;—„„hier iſt mein Fuhrlohn,““„ſagte er, und gab mir achtzehn Pence, dann kroch er in den Wagen und hier iſt er nun.“ „Er will, glaub' ich, fortgehen, John,“ ſagte Dot. Das war aber keineswegs der Fall— der Fremde wollte nur ſprechen. „Wenn Ihr's erlaubt,“ ſagte er milde,—„ſo laßt mich hier, bis man mich abholt, wie man mir verſpro⸗ chen hat! Laßt Euch nicht ſtören!“ Mit dieſen Worten zog er eine Brille aus einer ſehr großen Taſche, und ein Buch aus einer andern, fing ſtille und eifrig darin zu leſen an und fümmerte ſich um den knurrenden Borer nun kein Haar mehr, als wenn er ein zahmes Lämmchen geweſen wäre. 4 Der Kärrner und ſein Weibchen tauſchten einen ver⸗ legenen Blick mit einander aus, und da in dieſem Augen⸗ blick der Fremde zufällig aufſchaute, blickte er Eines um das Andere forſchend an und fragte: „Iſt das Eure Tochter, guter Freund?“ 27 „Mein Weibchen,“ gab John zur Antwort. „Nichte?“ fragte der Fremdling. „Mein Weib!“ brüllte John. „Warum nicht gar?“ wandte der Fremde ein;„iſt's Euer Ernſt? Sie iſt noch ſehr jung!“ Dann wandte er ſich ruhig wieder ab und las weiter; ehe er zwei Zeilen geleſen haben mochte, unter⸗ brach er ſich wieder mit der Frage: „Euer Kind, Kärrner?“ John bejahte es mit einem gigantiſchen Kopfnicken, das die Stelle eines durch's Sprachrohr gebrüllten Ja vertrat. „Ein Mädchen?“ fragte der Alte. „Ein Knabe!“ bruͤllte John. „Wohl noch ſehr jung, wie?“ Mrs. Peerybingle fiel jetzt ein:„Zwei Monate und Tage!“ ſchrie ſie, ſo laut ſie konnte, und legte ihre ganze Kraft auf die Schlußworte;—„erſt ſeit ſechs Wochen geimpft! Hat gar ſchöne Narben bekom⸗ men. Sey ein wunderſchönes Kind, hat der Doktor geſagt. Schon ſo groß, wie andere Kinder erſt mit fünf Monaten! Steht Euch ſchon aufrecht hin, mei⸗ ner Treu! wenn's Euch auch kaum glaublich ſcheint!“ Hier hielt die kleine Mutter athemlos inne, denn ſie hatte ihm dieſe kurzen Sätze mit ſolcher Anſtrengung ins Ohr geſchrieen, daß ihr hübſches Geſichtchen davon ganz mit Purpur überlaufen war; jetzt hielt ſie ihm das Kind als ſchlagenden ſiegreich en Beweis unter die Augen, während Tilly Slowboy mit unverſtändlichem Jubel um das unſchuldige Würmchen herumſprang, wie eine Kuh in der Wieſe!— „Höre nur! gewiß holt man ihn jetzt ab!“ ſagte Jehn— pes iſt Jemand vor der Thür; mach' auf, i 91“ Ehe Tilly aber noch die Thüre erreichen konnte, ward dieſe von außen geöffnet, denn es war eine gar eigenthümlich höchſt einfache Art von Thüre, mit einer dem zerſtreuten Weſen eines Mannes, der mindeſtens 28 Klinke, die Jeder nach Belieben aufmachen konnte; was ſich auch eine große Anzahl Leute zu Nutze machte, das verſichere ich Euch; denn alle Nachbarn planderten gerne ein paar Wörtchen mit dem Kärrner, obwohl er kein ſonderlicher Freund vom Plaudern war. Die Thüre alſo gieng, wie geſagt, auf und herein trat ein kleiner, hagerer, gedankenvoller Mann mit einem kränklichen, bleichen Geſicht, der ſich aus dem packleinwandenen Ueberzug irgend einer alten Kiſte einen Oberrock gemacht zu haben ſchien; denn als er ſich umwandte, um die Thüre zuzuſchließen und die Zugluft abzuhalten, zeigte er auf dem Rücken beſagten Kleidungsſtückes ſowohl das Zeichen S. et T. als auch das Wort Glas in großen ſchwarzen, trotzigen Buchſtaben. „Guten Abend John,“ rief der kleine Mann:— „guten Abend Madamm. Guten Abend Tilly. Guten Abend Unbekannter. Was macht die kleine Madamm? Borer iſt hoffentlich wohl auf?“ „Alles im beſten Wohlſein, Kaleb!“ verſetzte Dot;— „Ihr dürft nur das liebe Kindchen anſehen, um Euch davon zu überzeugen.“ „Und Euch, Madamm, um mir die Nachfrage zu erſparen?“ fragte Kaleb. Und dennoch ſah er ſie nicht einmal an, denn ſein Auge war unruhig und ſein Blick ſinnend, wie wenn er immer an einen andern Ort und in eine andere Zeit hinausblicke, was auch immer ſeine Lippen dabei ſagen mochten; dieſe Eigeuſchaft ließ ſich aber auch ſeiner Stimme beimeſſen. „Oder John,“ fuhr Kaleb fort,„um ein anderes Beiſpiel davon zu haben. Oder Tilly, ſo weit es in ihrer Art liegt. Oder Borxer, da trifft man's ganz gewiß“ 3 „Habt wohl viel zu thun, Kaleb?“ fragte der Kärrner. „O ja, ziemlich viel, John!“ verſetzte Kaleb mit was das gerne kein hüre iner, chen, enen nacht die eigte das oßen uten 1m? 3— Luch zu ſein er Zeit gen iner eres in anz der mit ens 29 über den Stein der Weiſen brütet.—„Ziemlich viel, Gottlob, es iſt eine ſtarke Nachfrage nach Archen Noah's dermalen. Ich hätte gerne die Familie beſſer hergeſtellt, aber ich kann nicht einſehen, wie ich's zu dieſem Preis thun kann. Es gereichte mir ſelbſt zur groͤßten Be⸗ ruhigung, wenn ich's deutlicher machen könnte, wer Sem und wer Ham iſt und welches die Weibsleute ſind. Nach Drachen iſt jetzt gar keine Nachfrage, dafür aber deſto mehr nach Elephanten, wie Ihr wißt! Aber beiläufig geſagt, lieber John, habt Ihr nicht auch ſo'ne Art Packet für mich?“ Der Kärrner fuhr mit der Hand in eine der Taſchen des Rockes, den er vorhin abgelegt hatte, und zog daraus einen ſorgfältig in Moos und Papier verpackten zierlichen Blumentopf hervor. „Da iſt es,“ ſagte er, und reichte ihn Kaleb ſorgfältig hin;—„gebt Acht, es iſt kein Blatt verdorben. Alles voller Knospen!“ Kalebs trübes Auge glänzte, als er den Blumen⸗ ſcherben nahm, und er dankte dem Kärrner herzlich! „Er war theuer,“ ſagte der Kärrner;—„ſehr theuer zu dieſer Jahreszeit.“ „Das thut nichts;— er wäre wohlfeil für mich, wenn er auch noch ſo viel koſten würde!“ verſetzte der kleine Mann;„habt Ihr ſonſt noch was für mich, John?“ „Eine kleine Schachtel,“ gab der Fuhrmann zur Antwort;„da iſt ſie!“— „An Kaleb Plunner,“ las der kleine Mann, nachdem er die Adreſſe mühſam heraus buchſtabirt hatte;—„mit Vorſchuß.— Mit Vorſchuß, John? dann kann ſie un⸗ möglich für mich ſeyn!“ „Mit Vorſicht,“ berichtete der Kärrner, der ihm über die Schulter geblickt hatte;„wie könnt Ihr nur auch Vorſchuß leſen?“ „Ach ja, Ihr habt Recht! freilich,“ ſagte Kaleb;— „mit Vorſicht, heißt es. Ja, ja, das geht mich an. Es hätte freilich auch Vorſchuß drin ſeyn können, wenn 30 mein lieber Junge im Goldland in Südamerika noch am Leben wäre, John. Ihr liebtet ihn ja, wie Euren Sohn; nicht wahr? Ihr braucht es nicht erſt zu beſtä⸗ tigen— ich weiß es ja ſelbſt.— Kaleb Plunner, mit Vorſicht.— Ja, ja, es iſt ganz in Ordnung. Es iſt eine Schachtel voll Puppenaugen für meiner Tochter Arbeit. Ich wollte, es wären auch Augen für ſie in der Schachtel, John.“ „Ich wollte auch, das wäre möglich!“ ſagte der Kärrner. „Ich danke Euch,“ verſetzte der kleine Mann,„Ihr ſprecht mir recht ordentlich zum Herzen, John. Ach Gott, es ſchneidet mir tief in die Seele, daß ich denken muß, ſie ſollen die Puppen niemals ſehen können, wäh⸗ rend dieſe ihr den ganzen Tag ſo ſtarr ins Geſicht ſehen. Iſt das nicht Jammerſchade, John? Was bin ich Euch ſchuldig, John?“ „Fragt ja nicht, ſonſt macht Ihr Euch eines großen Vergehens ſchuldig!“ rief John.„Merkſt Du's, Dot? faſt hätt' ich wieder einmal.... „Nun ja, Ihr macht mir's immer ſo,“ wandte der kleine Mann ein.„Das iſt nun einmal Eure Weiſe, Eure gute liebe Weiſe. Laßt ſehen, ich glaube, das iſt jetzt Alles.“ „Ich glaube kaum,“ verſetzte der Kärrner.„Be⸗ ſinnt Euch nur einmal.“ „Iſt noch etwas für meinen Herrn da?“ fragte Ka⸗ leb nach kurzem Beſinnen;„natürlich ja, eben deßwegen kam ich ja auch hieher; aber mein Kopf iſt ſo voll von Noahs Archen und andern Dingen, daß ich mich gar nicht mehr recht befinnen kann!— Iſt mein Herr noch nicht hier geweſen?“ „Nein noch nicht!“ gab der Kärrner zur Antwort; —„ſeit er auf Freiers Füßen geht, hat er zu viel zu thun.“ „Dann kommt er noch nach,“ ſagte Kaleb;— „denn er trug mir auf, ich ſolle auf dem Heimwege den 31 nähern Weg einſchlagen, und ich moͤchte darauf wetten, er hätte mich noch eingeholt, wie er gewollt hatte, wenn er ſchon ausgegangen wäre.“ „Beiläufig geſagt, thäte ich indeß beſſer daran, wenn ich jetzt aufbräche!— Wollt Ihr wohl ſo gut ſeyn, Madamm, mir zu erlauben, daß ich Borer nur auf einen Augenblick in den Schwanz kneipe. Darf ich?“ „Ei, ei, Kaleb, was fällt Euch ein?“ „O, gar nichts, Madamm,“ gab Kaleb zur Antwort. „Es iſt ihm vielleicht nicht wohl dabei, aber ſeht, da iſt ein kleiner Auftrag für bellende Hunde eingelau⸗ fen, und die möchte ich denn ſo getreu nach der Natur machen, als ich's für ſechs Pence thun kann. Das iſt das ganze Geheimniß, Madamm. Nehmt mir's nur nicht übel.“ Es begab ſich eben glücklicher Weiſe, daß Borer ohne die erwähnte Anregung plötzlich mit großem Eifer zu bellen anhub. Da dies aber nun zugleich auf die Ankunft eines neuen Beſuches deutete, ſo verſchob Kaleb ſeine Studien nach dem Leben auf einen günſtigeren Zeitpunkt, hob die runde Schachtel auf die Schulter und nahm eiligſt Abſchied. Er hätte ſich indeſſen dieſe Mühe erſparen können, denn er ſtieß mit dem Ankömmling auf der Schwelle zuſammen. „Ah, ſeyd Ihr da? ſo, ſo, nun, wartet ein Bischen, ich will Euch mit nach Hauſe nehmen. Ergebenſter Diener, John Peerybingle. Empfehle mich beſtens, hüb⸗ ſche junge Frau. Werdet alle Tage hübſcher! Auch beſſer, wo möglich, nicht wahr? Und jünger,“ ſetzte der Sprecher nachdenklich und mit leiſer Stimme hinzu,— „das iſt eben der Teufel.“ „Ich könnte mich wundern, daß Sie auf einmal ſo höflich geworden ſind, Mr. Tackleton,“ ſagte Dot, nicht eben mit der freundlichſten Miene,—„wenn ich nicht bedächte, in was für einer Lage Sie jetzt ſind?“ „Wißt Ihr denn auch ſchon darum?“ fragte Mr. Tackleton. 32 32 „Ich habe mich freilich zwingen müſſen es zu glau⸗ ben,“ verſetzte Dot. „Ich glaube es, daß es Euch harten Kampf gekoſtet hat, nicht wahr, Frauchen?“ ſagte Tackleton. „Allerdings,“ gab Dot zur Antwort, und ſchaute bei Seite. r Tackleton, der Spielzeughändler, allgemeiner bekannt als Gruff und Tackleton— ſo hieß nämlich die Firma, obwohl Gruff ſchon vor langen Jahren aus dem Ge⸗ ſchäfte getreten war und nur noch ſeinen Namen und deſſen Bedeutung, über welche jedes Wörterbuch Aus⸗ kunft geben kann, im Geſchäfte gelaſſen hatte— Tackle⸗ ton, der Spielzeughändler, war ein Mann, deſſen inne⸗ ren Beruf ſeine Lehrer und Erzieher ganz verkannt zu haben ſchienen. Hätten ſie ihn zu einem Wucherer, zu einem Winkeladvokaten, zu einem Gerichtsdiener oder einem Pfandverleiher gemacht, ſo hätte er ſeine Galle ſchon in ſeiner Jugend los werden und nach Ablauf und freiwilliger Entleerung ſeiner Unmuthsgefäße und Gallen⸗ drüſen zuletzt noch als Erholung und um der Abwechs⸗ lung und Neuheit wegen noch ein ganz liebenswürdiger Mann werden können. So aber, da ihn ſein Unſtern in das friedliche Gewerbe eines Spielzeughändlers her⸗ eingeführt und in demſelben hatte verkommen laſſen, war er in ſeinem eigenen Hauſe ein wahrer Menſchen⸗ freſſer, der ſich ſein Leben lang nur von Kindern ge⸗ nährt und ihnen unverſöhnliche Feindſchaft geſchworen hatte. Er haßte alles Spielzeug; nicht um eine Welt hätte er ſich dazu entſchließen konnen, eines zu kaufen; es gewährte ihm in ſeiner Bosheit ein ordentliches Ver⸗ gnügen, darauf hinzuwirken, daß die Geſichter der Bauern aus Pappe, welche Schweine zu Markte trieben, der Ausrufer, welche verloren gegangene Advokatenge⸗ wiſſen ausſchellten, der beweglichen alten Damen, welche Strümpfe ſtopften oder Kuchen ſchnitten, und anderer derartigen Gegenſtände ſeiner Handelsthätigkeit zu den abſcheulichſten Grimaſſen verzerrt wurden. In entſetzlichen ſtet ute nnt ma, Ge⸗ und lus⸗ ckle⸗ ine⸗ zu zu oder alle und llen⸗ ichs⸗ iger tern her⸗ ſſen, hen⸗ ge⸗ oren Welt fen; Ver⸗ der eben, enge⸗ velche derer 1 den ichen 33 Masken, abſcheulichen, behaarten, rothäugigen Do⸗ ſenteufeln, in ſcheußlich bemalten Papierdrachen, in dä⸗ moniſchen Holdermännchen, welche nie ſtille liegen woll⸗ ten und beſtändig vorwärts drängten, empfand er allein Befriedigung für ſein zartes Gemüth. Sie bildeten ſeinen einzigen Troſt und den Abzugskanal ſeiner übeln Laune in ſeinen Berufsgeſchäften. In ſolchen Erfindun⸗ gen war er aber auch unvergleichlich groß; was nur immer im Stande ſeyn konnte, einem Andern Alpdrücken zu verurſachen, war ihm ein wahrer Genuß. Er hatte ſo⸗ gar Geld verſpielt(denn dieſe Spielwaare freute ſich ſeiner beſondern Zuneigung), als er geſpenſtige Gläſer für Zauberlaternen malen ließ, auf welchen die Mächte der Finſterniß als eine Art übernatürlicher Schalthiere mit Menſchengeſichtern dargeſtellt waren. Er hatte ein kleines Kapital daran gerückt, um die Scheußlichkeit der Menſchenfreſſer und Rieſen, die er anfertigen ließ, zu vergrößern, und obwohl er ſelbſt kein Maler war, konnte er doch zu Nutz und Frommen ſeiner Künſtler mit einem Stückchen Kreide eine Art flüchtigen Umriſſes für die Geſichter dieſes Ungeheuer entwerfen, der zuverläſſig den Seelenfrieden eines jeden jungen Herrn zwiſchen ſechs und eilf Jahren auf die ganze Zeit der Weihnachts⸗ und Sommerferien zerſtörte. Wie er in Spielſachen dachte, ſo gab er ſich auch (wie die Männer meiſt ſind) in allen andern Dingen. Ihr könnt Euch daher wohl denken, daß in dem großen Umwurfmantel, der ihm bis zu den Beinen herabreichte, ein ungewöhnlich kurioſer Kauz bis au's Knie eingeknöpft war, und daß er deßwegen ein ſo witziger Kopf und an⸗ genehmer Geſellſchafter war, als je Einer in ein Paar blank gewichsten, rindsledernen Stiefeln mit gelben Kap⸗ pen ſtand. Trotzdem aber ging Tackleton der Spielzeughändler auf Freiers⸗Füßen; trotzdem wollte er ſich verheirathen Boz, Grillchen auf dem Heerde. 3 34 und zwar mit einer jungen Frau, mit einem ausnehmend ſchönen Frauenzimmer. Er ſah freilich nicht wie ein Bräutigam aus, als er ſo in des Kärrners Küche ſtund, einen ſauertöpfiſchen Zug in ſeinem welken Geſicht, ein unheimliches Schnar⸗ chen in ſeinem Leibe, den Hut bis auf die Naſe in's Geſicht gedrückt, beide Hände in den Abgrund ſeiner Taſchen vergraben, während ſeine ganze ſpöttiſche, übel⸗ gelaunte Perſönlichkeit aus einem kleinen Winfelchen ſei⸗ nes Einen ſchlauen Auges herausſchaute, wie die concen⸗ trirte Eſſenz einer beliebigen Anzahl Raben. Aber trotz⸗ dem gab er ſich das Anſehen eines Bräutigams. In drei Tagen mache ich Hochzeit,“ ſagte er;— „nächſten Donnerſtag unfehlbar. Am letzten Tage des erſten Monats im Jahre will ich Hochzeit machen.“ Habe ich ſchon erwähnt, daß Tackleton ſtets das eine Auge weit aufriß und das andere faſt ganz ge⸗ ſchloſſen hielt, und daß gerade das faſt ganz geſchloſſene Auge ſtets das ausdrucksvollere war? Ich glaube kaum, daß ich es ſchon erwähnte. „Das ſoll mein Hochzeitstag ſeyn,“ ſagte Tackleton und klimperte in der Taſche mit ſeinem Gelde. „Eil“ rief der Kärrner,— das iſt ja gerade auch unſer Hochzeitstag.“ „Hahaha,“ lachte Tackleton;—„Drum ſeyd Ihr ge⸗ rade auch ein ſolches Paar; wir gleichen uns juſt auf ein Haar hin!“. 7 Dot's Entrüſtung über dieſe anmaßende Behauptung läßt ſich gar nicht beſchreiben. Das wäre ſchön; was für weitere Aehnlichkeit wollte Tackleten am Ende gar noch finden? Vielleicht dachte ſich ſeine Phantaſie gar noch die Möglichkeit eines ähnlichen Winkelkindes? Der Mann war offenbar verückt. „Heda, ein Wörtchen mit Euch!“ flüſterte Tackleton und ſtieß den Kärrner mit dem Ellenbogen an, um ihn ein wenig bei Seite zu nehmen;„Ihr werdet doch auch 35 zur Hochzeit kommen? Ihr wißt ja, wir ſtecken in den⸗ ſelben Schuhen! „Inwiefern in denſelben Schuhen?“ fragte der Kärrner. „Je nun, wegen der kleinen Ungleichheit der Jahre!“ ſagte Tackleton und ſtieß ihn von Neuem an.—„Zuvor aber müßt Ihr mir verſprechen, vor meinem Hochzeits⸗ tage noch einen Abend mit uns zuzubringen. „Zu welchem Zwecke?“ fragte John, den dieſe auf⸗ dringliche Gaſtlichkeit nicht wenig wunderte. „Zu welchem Zwecke?“ wiederholte der Andere.— „Das iſt eine ganz neue Mode, eine Einladung anzu⸗ nebmen!— Je nun, zum Zweck des Vergnügens, der Geſelligkeit und dergleichen; Ihr werdet mich ſchon ver⸗ ſtehen!“ „Ei, ich dachte, Ihr wäret noch nie ein Freund von Geſelligkeit geweſen!“ ſagte John in ſeiner ungezwunge⸗ nen Weiſe.. „Alle Wetter! ich ſehe ſchon, mit Euch muß man unwillkürlich geradezu von der Leber wegreden!“ ſagte Tackleton:—„nun denn, offen geſtanden, Ihr habt ſoen behagliches trauliches Weſen igin einander, Ihr und Eure Frau.... Ihr verſteht mich ja ſchon! Ihr müßt mich verſtehen, wenn auch....“ „Nein, wir können Euch nicht verſtehen!“ verſetzte John;—„was wollt Ihr denn eigentlich damit ſagen?“ „Nun jg, Ihr verſteht mich alſo nicht?“ ſagte Tackleton; —„ich will zugeben, das Ihr mich nicht verſteht; wie es Euch beliebt, was liegt auch am Ende daran! Ich wollte nur ſagen: da Ihr nun einmal ein ſolches Aus⸗ ſehen habet, werde Eure. Geſellſchaft auf die zukünftige Mrs. Tackleton einen recht günſtigen Eindruck machen. Und obwohl ich nicht gerade vermuthen darf, daß Euer liebes Weibchen in dieſer Sache gar ſonderlich gut auf mich zu ſprechen iſt, ſo kann ſie doch nichts dafür, daß ich nun einmal mein Auge auf ſie geworfen habe, denn 3* 36 ſte hat halt etwas ſo Trauliches, Behagliches und Zuthun⸗ liches in ihrem Weſen, ſelbſt bei Dingen, die ihr ganz gleichgültig ſind, daß ſie Einen unwillkürlich anſprechen muß. Nicht wahr, Ihr ſagt mir's zu, daß Ihr kommt?“ „Wir haben ſchon ausgemacht, daß wir unſern Hochzeitstag zu Hauſe feiern wollen, wenn's irgend an⸗ geht, ſagte John;— wir haben uns ſchon ſeit ſechs Monaten darauf vertröſtet; ſeht, Mr. Tackleton, daß man zu Hauſe...“ „Bah, was iſt zu Hauſe?“ rief Tackleton;—„vier Wände und'ne Decke!(Warum bringt Ihr denn das Grillchen nicht um, das hätte ich ſchon lange gethan; — ich mach's immer ſo, ihr Geräuſch iſt mir in der Seele zuwider!) In meinem Hauſe habt Ihr auch vier Wände und'ne Decke— kommt zu mir!“ „Wie, Ihr bringt Eure Grillchen um?“ fragte John. „Ja, Sir, ich zertrete ſie!“ verſetzte der Andere und ſtieß mit der Ferſe heftig auf den Boden;—„aber nicht wahr, Ihr verſprecht mir doch, daß Ihr kommt? Seht Ihr, Ihr habt ja eben ſo großes Intereſſe daran, als ich, daß ſich die Weiber gegenſeitig überreden, ſie ſeyen glücklich und zufrieden 8⁸ könnten's nicht beſſer haben. Ich kenne ihre Weiſe. as die eine Frau nur immer ſagen mag, daran hält die andere feſt wie am Evange⸗ lium. Es liegt im Nachahmungstrieb bei den Weibern, Sir, daß wenn Eure Frau zu der meinen ſagt: ich bin die glücklichſte Frau auf Erden, und habe den beſten Ehmann von der Welt, und bin ihm von Herzen gut— meine Frau alsdann daſſelbe oder noch mehr zu der Eu⸗ ren ſagt, und es am Ende zum Theil geglaubt.“ „Wollt Ihr denn damit ſagen, ſie thun es nicht von ſelber?“ fragte der Kärrner gedankenvoll. „Von ſelber?“ rief Tackleton mit gellendem Ge⸗ lächter;„was thun ſie nicht von ſelber?“ Dem Kärrner hatte es ſchon auf der Zunge gelegen, hinzuzuſetzen: Euch lieb haben;— wie er aber zufällig 37 dem halb zugedrückten Auge Tackleton's begegnete, das über den aufgeſchlagenen Mantelkragen, welcher es um. ein Haar ausgeſtochen hätte, herüber blickte, verzweifelte er ſo an jeder Möglichkeit der Liebenswürdigkeit Tackle⸗ ton's, daß er ſich corrigirte und lieber ſagte:„daß ſie es nicht von ſelber glaubt?“ „Ei, Ihr Schalk, Ihr habt mich zum Beſten!“ rief Tackleton. Der Fuhrmann aber, obwohl ihm erſt allmählig der Sinn von Tackleton's Aeußerung klar wurde, blickte ihm ſo ernſthaft in's Geſicht, daß er ſich unwillkürlich etwas ausführlicher erklären mußte. „Ich habe den ſonderbaren Einfall,“ ſagte Tackleton, und ſtreckte dabei die Finger der linken Hand aus, die er mit dem Zeigefinger berührte, als ob er ſagen wollte: Das bin ich, nämlich Tackleton;—„ich habe den ſelt⸗ ſamen Einfall, Sir, ein junges und recht hübſches Weib zu heirathen;“— hier ſchnalzte er mit dem kleinen Fin⸗ ger, um die Braut zu bezeichnen, und zwar nicht etwa leiſe, ſondern heftig, mit einer wahrhaften Kraftäußerung— „Ich bin der Mann dazu, der ſeine Einfälle ausführt, und ich thue es auch.— Ich habe einmal meinen Kopf darauf geſetzt. Aber— ſeht doch einmal dort hin!“ Er dentete auf Dot, welche gedankenvoll am Feuer ſaß, ihr Grübchenkinn auf die Hand ſtützte und in die helle Glut ſchaute. Der Kärrner ſah ſie an und dann ſeinen Gaſt; dann abermals ſie und wiederum Tackleton. Offenbar begriff er ihn nicht. „Ihr wißt ja,“ ſuhr Tackleton fort,„daß ſie Euch ohne Frage liebt und ehrt und Euch gehorſam iſt: und das iſt für mich, der ich kein ſentimentaler Haſenfuß bin, ſchon genug. Aber glaubt Ihr denn wohl, daß noch irge nd etwas mehr dahinter ſteckt?“ „Ich denke,“ wandte der Kärrner ein,—„ich würde einen Jeden zum Fenſter hinauswerfen, der das Gegentheil davon behaupten würde.“ „Ganz recht,“ verſetzte der Andere und ſtimmte 38 ſchon ungewöhnlich lebhaft bei,—„ich bin überzeugt, Ihr würdet das thun; natürlich. Ich möchte drauf ſchwören. Gute Nacht! laßt Euch was Angenehmes träumen.“ Der gute Kärrner war unwillfürlich betroffen ge⸗ macht worden und ſchaute unbehaglich und unruhig drein. Er mußte es wider Willen auf ſeine Weiſe zeigen. „Gute Nacht, lieber Freund!“ ſagte Tackleton mit⸗ leidig;—„ich muß nun gehen; ich ſehe ſchon, wir ſtehen in der That in den gleichen Schuhen. Ihr wollt uns morgen Abend wohl nicht die Ehre ſchenken? Recht ſo! Uebermorgen ſeyd ihr auf Beſuch außer dem Hauſe, das weiß ich. Ich will dort mit Euch zuſammentreffen und mein zukünftiges Weibchen mitbringen. Es wird ihr gewiß gut thun. Habt Ihr etwas dagegen? Ich danke Euch. Was iſt das?“ Es war ein lauter Schrei, den des Kärrners Frau ausgeſtoßen; es war ein lauter, plötzlicher, gellender Schrei, der durch's ganze Zimmer widertönte, wie durch ein gläſernes Gefäß. Sie war von ihrem Sitz aufge⸗ ſtanden und ſtand wie von Schreck und Ueberraſchung erſtarrt. Der Fremde war nämlich zum Feuer getreten, um ſich zu waͤrmen, aber ganz ſtill, und ſtand jetzt un⸗ mittelbar hinter ihrem Stuhle. „Dot!“ rief der Karrner,—„Mary! mein Herz⸗ chen, was haſt Du denn?“ Im Augenblick drängten ſich Alle um hin her. Kaleb, der auf der Kuchenſchachtel eingenickt geweſen war, ergriff, bevor er ſich von dem Verluſt ſeiner Geiſtesgegenwart wieder einigermaßen erholt hatte, Miß Slowboy beim Haare, entſchuldigte ſich aber den Augenblick darauf angelegenheitlich. „Mary!“ rief der Kärrner, und ſchloß ſie in ſeine Arme,—„biſt Du krank? was iſt Dir? So ſprich doch, mein Herzchen!“ Statt aller Antwort klatſchte ſie in die Hände und brach in ein lautes wildes Gelächter aus. Dann aber ſank ſie aus ſeiner Umarmung auf den Fußboden, be⸗ 39 deckte das Geſicht mit der Schürze und weinte bitterlich. So trieb ſie's weiter, lachte jetzt, und weinte dann wie⸗ der; dann klagte ſie über Kälte, und ließ ſich von ihm zum Feuer führen, vor dem ſie ſich wieder niederſetzte, wie zuvor. Der alte Mann ſtand noch immer ſtumm und unbeweglich vor dem Herde.„ „Es geht wieder beſſer, John.,“ ſagte ſie;—„ich bin nun wieder ganz wohl... ich hatte nur....“ John? was wollte ſie denn von ihm? er ſtand ja auf der andern Seite. Warum wandte ſie denn dem fremden Alten ihr freundliches Geſicht zu und wollte ihn anreden? war ſie nicht recht bei Sinnen? „Es war nur ein plötzlicher Einfall, lieber John, eine Art Schrecken— ein Etwas das mir plötzlich vor die Augen trat— ich weiß ſelbſt nicht, was es war, aber es iſt jetzt vorbei, ganz vorbei!“ „Ich bin froh daß es vorbei iſt!“ murmelte Tack⸗ leton, und ſchaute ſich mit ſeinem ausdrucksvollen Auge im ganzen Zimmer um.—„Ich möchte wohl wiſſen, wohin es gekommen iſt und was es eigentlich war. Heda, Kaleb! komm' hieher! wer iſt der Burſche dort im grauen Haar?“ „Ich weiß wahrlich nicht, Sir!“ verſetzte Kaleb mit geheimnißvollem Flüſtern.—„Hab' ihn all' mein' Leb⸗ tage zuvor noch nicht geſehen. Eine köſtliche Figur für einen Nußknacker— ein ganz neues Muſter. Er müßte köſtlich ausſehen mit einer beweglichen Kinnlade, die bis in ſeine Weſte heruntergienge!“ „Behüte,“ ſagte Tackleton.—„Dazu iſt er nicht häßlich genug!“ „Oder auch für einen Feuerzeug!“ wandte Kaleb ein, der in tiefes Sinnen verloren ſchien,— vein allerliebſtes Modell! Den Kopf zum Abſchrauben, um die Zünd⸗ hölzchen hineinzuthun; den einen Fuß zum Aufdrehen, daß er zum Leuchter für's Lichtchen dienen kann; ſo wie er jetzt daſteht müßte er ein Kapital⸗Feuerzeug für die Kaminplatte eines Gentleman geben.“ 40 „Dazu iſt er noch lange nicht häßlich genug!“ ſagte Tackleton.—„Iſt nichts an dem Kerl. Kommt, Ka⸗ leb! nehmt die Schachtel mit!'s wird hoffentlich jetzt Alles in Ordnung ſeyn?“ „Ja,'s iſt Alles vorüber, iſt Alles vorbei!“ rief das kleine Weibchen und winkte ihm haſtig fortzugehen. —„Gute Nacht!“ „Gute Nacht,“ ſagte Tackleton.—„Gute Nacht, John Peerybingle! Nehmt Euch in Acht, daß Ihr mir die Schachtel ordentlich tragt, Kaleb. Ich drehe Euch den Hals um, wenn Ihr mir ſie fallen laßt! Draußen iſt's pechſchwarze Nacht, und ein wahres Hundewetter, nicht wahr? Gute Nacht!“ Er ließ noch ein Mal mit ſcharfem Blick ſein eines Auge durch, die ganze Stube ſchweifen und entfernte ſich alsdann; Kaleb mit dem Hochzeitskuchen auf dem Kopfe folgte ihm nach. Der Fuhrmann war ſo über ſein kleines Weibchen erſchrocken, und hatte es ſich ſo angelegen ſeyn laſſen, ſte zu tröſten und zu beſänftigen, daß er die Anweſen⸗ heit des Fremden kaum bemerkt hatte, bis er dieſen nun als einzigen Gaſt noch im Zimmer bemerkte. „Siehſt Du, Dot, er gehört nicht zu ihnen!“ ſagte jetzt John,—„ich muß ihm bedeuten, daß er nun auch gehen muß.“ „Ich bitte Euch um Verzeihung, guter Freund,“ ſprach der alte Herr und trat auf den Kärrner zuz— „um ſo mehr, als es ſcheint, daß Euer Weibchen nicht ganz wohl iſt; weil aber der Pfleger, den mein Gebrechen faſt unentbehrlich macht,“ ſetzte er kopfſchüttelnd hinzu und deutete auf ſeine Ohren,—„noch nicht angekom⸗ men iſt, ſo fürchte ich, es muß irgend ein Mißverſtänd⸗ niß obwalten. Das Wetter aber, das mir Euren beque⸗ men Karren zu einem ſo willkommenen Obdach machte (ich wollte, ich bekäme nie mehr ein ſchlechteres!) iſt noch ſo ungünſtig wie zuvor. Wolltet Ihr mir daher 41 in Eurer Güte erlauben, gegen Geld und gute Worte bei Euch hier mein Nachtquartier aufzuſchlagen?“ „Ja, ja, freilich!“ rief Dot;—„ja wohl, ganz gewiß!“ „Oho,“ ſagte der Kärrner, den dieſe ſchnelle Zuſtim⸗ mung nicht wenig überraſchte;—„je nun, ich habe vichts dagegen, nur weiß ich nicht gewiß, ob wir viel⸗ eicht....“ „Stille, lieber John!“ unterbrach ſie ihn;—„laß nur mich gewähren!“ „Ei was,“ wandte John ein,„er iſt ja ſtocktaub!“ „Ich weiß, daß er es iſt, aber— ja Sir, ganz ge⸗ wiß. Ei freilich!— Ich will ihm ſogleich ein Bett herrichten, John.“ Wie ſie nun forteilte, das Geſchäft zu beſorgen, war ihre geiſtige Aufregung und die Rührigfeit ihres Weſens ſo ſeltſam und befremdlich, daß der Kärrner ſtockſteif daſtand und ihr betroffen nachſchaute. „Thun Ihre Mütters Ihnen jetzt Bettens zurecht⸗ machen?“ ſchwatzte Miß Slowboy zu dem Kinde;— „und that ſein Haar nicht braun und lockig werden, wenn es ſeine Perückens abnahm und erſchreckte nicht das liebe Frauchen, wie es ſo bei dem Feuer ſaß?“ In Folge jener unerklärlichen Anziehungskraft, die oft Kleinigkeiten auf den Geiſt ausüben und welche ſo oft direkte Folge eines Zuſtandes der Ungewißheit und Be⸗ troffenheit iſt, wiederholte ſich der Kärrner, wie er lang⸗ ſam in der Stube auf⸗ und abging, ſogar dieſe thörich⸗ ten Worte innerlich manch liebes Mal, ja ſogar ſo oft, daß er ſie ordentlich auswendig lernte und noch immer darüber brütete, wie über einem Schul⸗Penſum, als Tilly bereits längſt wieder dem Kinde die Haube aufgeſett hatte, nachdem ſie das kleine kahle Köpfchen des Kindes, nach der Gewohnheit der Kindswärterinnen ſo lange mit der flachen Hand gerieben hatte, als ihr paſſend und ge⸗ ſund däuchte.. aUnd erſchreckte er nicht das liebe Frauchen, wie es — 42² ſo bei dem Feuer ſaß!“ wiederholte ſich der Fuhrmann halblaut, während er gedankenvoll im Zimmer auf und abging.—„Ich möchte wohl wiſſen, was Dot ſo in Schrecken ſetzte!“ Er verbannte zwar mit vollſtem Vertrauen die Winke des Spielwaarenhändlers aus dem Sinne, aber den⸗ noch erfüllten ſie ihn mit einem unbeſtimmten unerklärli⸗ chen Unbehagen, denn Tackleton war ſchlau und ein ge⸗ wandter Menſchenkenner, und John war ſich ſeiner be⸗ ſchränkten Verſtandeskräfte ſo ſchmerzlich bewußt, daß ihm ſchon ein verſtellter flüchtiger Wink quälende Un⸗ ruhe bereitete. Es ſiel ihm gewiß nicht ein, irgend et⸗ was von dem, was Tackleton geſagt hatte, mit dem un⸗ gewöhnlichen Benehmen ſeines Weibes in Verbindung zu bringen zaber dieſe beiden Gegenſtände ſeines Nach⸗ denkens ſtießen in ſeinem Geiſte ſtets zuſammen, und er konnte ſie durchaus nicht von einander trennen. Das Bett war bald hergerichtet und der Gaſt zog ſich zurück, nachdem er jede Erfriſchung außer einer Taſſe Thee abgelehnt hatte. Nun erſt rückte Dot— und zwar von Herzen gern, wie ſie ſagte, mit wahrem Behagen— den großen Lehnſtuhl für ihren Gatten in die Kaminecke, ſtopfte ſeine Pfeife und gab ſie ihm, und ſetzte ſich dann auf ihr kleines Schemelchen neben ihn zum Heerde. Sie wollte immer nur auf dieſem kleinen Schemel ſitzen; ich argwöhne faſt, ſie muß gleichſam geahnt haben, daß etwas gar Niedliches, Trauliches und Zuthunliches in dieſem Stuhle lag. Sie war die beſte Pfeifenſtopferin weit und breit, ja ich möchte ſagen, in allen vier Welttheilen. Es war allerliebſt anzuſehen wie ſie das niedliche runde Finger⸗ chen in den Kopf ſteckte und dann durch's Rohr die Pfeife ausblies, um Rohr und Kopf zu reinigen; und ſie wie dann, wenn ſie das Alles gethan, ſich das Anſehen gab, als glaube ſie noch immer, es ſtecke in der That etwas im Rohre, und noch ein Dutzendmal hineinblies 43 und es vor's Auge hielt wie eine Fernröhre, und dahei mit einem allerliebſten pfiffigen Zug im Geſichtchen hin⸗ durchſchaute. Was nun gar den Taback ſelbſt anlangte, ſo verſtand ſie ſich ganz prächtig darauf; und anzuſehen, wie ſie die Pfeife mit einem Stückchen Papier anzün⸗ dete wenn ſie der Kärrner im Munde hatte, und wie ſie ihn doch nicht brannte, obwohl ſie ihm ſo hart in die Nähe der Naſe kam— das, Sir, war ein Genuß! ein Hochgenuß. Das Heimchen und der Keſſel, die jetzt ihr Liedchen wieder anſtimmten, bezeugten es ebenfalls beifällig! Das helle Feuer, das wieder aufflackerte, erkannte es eben⸗ falls an! Der kleine Heumähder auf der Uhr in ſeiner unbeachteten Betriebſamkeit nickte ihr ebenfalls beifällig zu. Der Kärrner. mit der heitern Stirn und dem ver⸗ gnügt werdenden Geſichte zeigte ſich aber von Allen am bereitwilligſten, ihre Geſchicklichkeit anzuerkennen. Und als er ſo bedächtig und ſinnend ſeine alte Pfeife ſchmauchte und die Wölkchen hinausblies und als die alte Holländer⸗Uhr pickte, und das röthliche Feuer glühte und als das Heimchen wieder luſtig zirpte, kam jener Schutzgeiſt ſeines Hauſes und ſeines Heerdes— denn das war das Heimchen in der That— in Elfengeſtalt in's Zimmer heraus, ſchwirrte um ihn her und zauberte ihm mancherlei Geſtalten ſeiner traulichen Häuslichkeit in's Auge. Dots von allen Alterſtufen und Größen erfüllten das Gemach. Dots, die noch luſtige muthwil⸗ lige Kinder waren, liefen vor ihm her als ſuchten ſie Blumen in den Feldern; neckiſche, kindiſch⸗ſcheue Dots, die an ſeiner eigenen ungeſchlachten Geſtalt halv erſchra⸗ ken, und halb ein zutrauliches Intereſſe nahmen,— jüngſt verheirathete Dots, die erröthend an der Haus⸗ thüre abſtiegen und mit Verwunderung die Schluͤſſel des kleinen Hausweſens in Empfang nahmen;— mütterliche kleine Dots in Begleitung von imaginären Miſſes Slow⸗ boys, welche allerliebſte kleine Wickelkinder zur Taufe in die Kirche trugen;— herangewachſene Dots als Frauen 44 von mittleren Jahren, aber noch jugendlich und blühend, die ihre töchterlichen Dots überwachten, wenn ſie ſich in den ländlichen Reigen miſchten; dicke Dots, umſprungen und erklettert von ganzen Schaaren roſiger Enkel; an⸗ dere Dots, als verwittwete alte Mütterchen, die ſich auf Stöcke lehnten und mit dem Kopfe wackelten, wenn ſie den Weg zur Kirche entlang krochen.— Auch alte Kärr⸗ ner erſchienen ihm, mit alten blinden Borers, die ihnen zu den Füßen lagen;— und neumodiſchere Karren mit jüngeren Fuhrleuten(„Gebrüder Peerybingle“ ſtand auf der Wagendecke zu leſen);— und alte kranke Kärrner, die von den artigſten Händen gepflegt wurden; und Grä⸗ ber von dahingegangenen alten Kärrnern, die einſam auf dem Friedhofe grünten. Und als ihm das Heimchen alle dieſe Dinge zeigte— er ſah ſie Alle deutlich, wie⸗ wohl er eigentlich in's Feuer blickte— da wurde des Kärrners Herz leicht und glücklich und er dankte aus Herzensgrund ſeinen häuslichen Göttern, und kehrte ſich nicht mehr an Gruff und Tackleton, als etwan Unſer⸗ einer thut. Aber was war denn das für eine jugendliche Män⸗ nergeſtalt, die daſſelbe geſpenſtige Grillchen dort ſo nahe zu ihrem Stuhle ſtellte, und die dort ſtehen blieb, ganz einſam und allein? Warum blieb ſie denn noch immer ſo dicht bei ihr am Herde ſtehen, den Arm auf den Kaminmantel ge⸗ lehnt und wiederholte beſtändig: ein Weib und doch nicht das Meinige!? O Dot, o arme Dot! das iſt kein Platz für ihn in Deines Gatten Träumen! Warum iſt ſein Schatten auch gerade auf John's Herd gefallen!? Zweites Kapitel. Des Grillchens zweites Zirpen. Kaleb Plummer und ſeine blinde Tochter wohnten ganz allein in ihrem Hauſe, wie es in den alten Mähr⸗ nd, in gen an⸗ auf ſie err⸗ nen mit auf ꝛer, rä⸗ am hen vie⸗ des aus ſich ſer⸗ än⸗ ahe anz ihr ge⸗ icht ihn ten 4 5 chenbüchern heißt— und mein Segen und hoffentlich auch der Eurige, meine Leſer, komme über die Mähr⸗ chenbücher, weil ſie überhaupt noch etwas ſagen in unſerer nüchternen, gelderjagenden, arbeitstollen Werk⸗ tagswelt!— Kaleb Plummer und ſeine blinde Tochter wohnten ganz allein in ihrem Hauſe, in einer kleinen, zerbrochenen, uralten Nußſchale von hölzerner Hütte, die in der That nichts anderes war als ein Blätterchen auf der rothen, vorſpringenden Backſteinnaſe von Gruff und Tackleton. Die verſchiedenen Gebäulichkeiten des Hauſes Gruff und Tackleton waren nämlich die Hauptzierde der Straße; aber Kaleb Plummer's beſcheidenes Häus⸗ chen hätte man mit ein paar Hammerſchlägen nieder⸗ reißen und die Trümmer davon auf einem Karren weg⸗ führen können. Wenn irgend Jemand Kaleb Plummer's Hauſe die Ehre angethan haben würde es nach einer ſolchen Ein⸗ reißung zu vermiſſen, ſo hätte er's wahrſcheinlich nur in der Abſicht gethan, der Zerſtörung des Häuschens als einer weſentlichen Verbeſſerung zu erwähnen. Es klebte an den Gebäulichkeiten von Gruff und Tackleton, wie eine Bohrmuſchel an einem Schiffskiele, oder wie eine Schnecke an einer Hausthüre oder wie ein kleines Bündel Krötenſtühle(Pilze) an einem Baumſtamm. Gleichwohl aber war das Häuschen das Saamenkorn, aus welchem der majeſtätiſche Baum von Gruff und Tackleton ent⸗ ſproſſen war; und unter ſeinem gebrech ichen Dache hatte Gruff's Großvater im kleinſten Maßſtabe begonnen, Spielzeug für eine Generation alter Knaben und Mäd⸗ chen anzufertigen, die damit geſpielt, ihren Sinn erra⸗ then und fie zerbrochen hatten und dann ſchlafen gegan⸗ gen waren. Ich habe oben geſagt, Kaleb und ſeine blinde Tochter haben hier gewohnt; aber ich hätte eigentlich ſagen ſollen, daß Kaleb allein hier wohnte und ſeine Tochter an jedem andern beliebigen Orte— in einem verzau⸗ berten Hauſe von Kaleb's eigener Schöpfung, wo Dürf⸗ 46 tigkeit und Mangel nicht walteten, und Kummer niemals die Schwelle überſchritt. Kaleb war aber kein Zauverer als in der einzigen magiſchen Kunſt, die uns noch geblie⸗ ben iſt— der Zauberei ewiger hingebungsvoller Liebe. Die Natur hatte ihn ſelbſt dieſe Kunſt gelehrt— ſie, aus deren Unterricht alle Wunder entſpringen! Das blinde Mädchen hatte nie erfahren, daß die Decke entfärbt, die Wände von der Feuchtigkeit befleckt und an manchen Stellen ihres Gypsbewurfs baar waren — daß mächtige Riſſe, die ſich jeden Tag erweiterten, unverſtopft dem Winde freien Paß durch die Mauern ließen— daß Bälken moderten und herabzuſtürzen droh⸗ ten. Das blinde Mädchen hatte nie erfahren, daß Eiſen roſtete, Holz vermodente, Papier ſich abſchälte— daß ſelvſt die Größe und Geſtalt und die eigentlichen Verhältniſſe ihrer Wohnung allmählig zuſammenſchrumpften. Das arme blinde Mädchen hatte nie erfahren, daß ungeſtaltes Ge⸗ räthe von Thon und Irdenwaare auf dem Brette ſtund, daß Kummer und Entmuthigung in dem Hauſe wohnten, daß Kaleb's ſpärliche Haare unter ihren verblindeten Augen von Tag zu Tag mehr erbleichten. Das blinde Mädchen wußte nicht, daß ihr Brodherr ein kalter, gei⸗ ziger und theilnahmsloſer Menſch war— mit Einem Wort, ſie wußte nicht, daß Tackleton nur Tackleton war. Sie lebte vielmehr in dem Glauben, es ſey ein wunder⸗ licher, launiger Sonderling, der gerne Spaß mit ihnen treibe und jedes Wort des Dankes von ihrer Seite voll Entrüſtung abweiſe, während er doch der Schutzgeiſt ihres Lebens ſey. Und das Alles war Kaleb's Werk. Das Alles be⸗ zweckte ihr einfacher Vater! Aber auch er hätte ein Grillchen auf ſeinem Herde, und ſo oft er in früheren Jahren, da das mutterloſe, blinde Kind noch ſehr jung war, trüben Muthes ſeinem Geſange lauſchte, trat jener Schutzgeiſt zu ihm und gab ihm den Geranken ein, daß ſelbſt der Tochter großes Gebrechen ſich für ihn gewiſſer⸗ maßen noch in Segen verwandle, weil es ihn in den SSSSSSS 3 47 Stand ſetze, das gute Mädchen mit ſo geringen Mitteln glücklich zu machen. Das aanze Heinchengeſchlecht nämtich beſteht aus mächtigen Geiſtern,— obwohl ſelbſt diejenigen Leute, die Freundſchafd mit ihnen pflegen, es nicht wiſſen, was ſehr häufig der Fall iſt;— und es giebt in der unſichtbaren Welt keine holderen und wahr⸗ haftigeren Stimmen, denen man ſo unbedingt vertrauen könnte, oder die ſo zuverläſſig nur den beſten, treuſten Rath geben, als die Stimmen, in denen die kleinen Geiſter unſeres Hauſes und Herdes zu den Menſchen⸗ kindern ſprechen. Kaleb und ſeine Tochter ſaßen jetzt eben in ihrer gewöhnlichen Werkſtatt beiſammen, die ihnen ſogleich zur Alltags⸗ und Woynſtube diente. Es war gar ein ſeltſamer Ort, das muß man ſagen. Da ſlanden fertige und halb⸗ fertige Häͤuſer für Puppen aus allen Ständen; Gebäude aus der Vorſtadt fur Puppen von mäßigem Einkommen; Küchen und einzelne Zimmer für Puppen aus den un⸗ teren Ständen, und prächtige ſtädtiſche Wohnungen für Puppen vom höchſten Rang. Einige dieſer Hausweſen waren bereits nach Maßgabe und Wünſchen der Beſteller möblirt, und mit beſonderer Rückſicht auf das Bedurfniß von Puppen von nur beſchränktem Einkommen; andere konnten im Augenblick auf die koſtbarſte Weiſe ausge⸗ ſtattet werden, da ganze Rahmen voll Seſſeln, Tiſchen, Bettſtellen, Sopha's und andern Möbeln daſtunden. Der hohe und niedere Adel und das ehrbare Publikum, zu deren Behauſungen die verſchiedenen Gebäude beſtimmt waren, lag da und dort in Körben umher und ſtarrte ſchnurgerade zur Decke hinauf. Um aber ihren Stand⸗ punkt in der Geſellſchaft zu bezeichnen und ſie gewiſſer⸗ maßen auf ihre Stufen im menſchlichen Leben einzu⸗ ſchränken(was, wie die Erfahrung zeigt, in der wirk⸗ lichen Welt ungeheuer ſchwierig iſt), hatten die Verfer⸗ tiger dieſer Puppen die Natur weit überholt, die darin oft ganz eigenſinnig und verkehrt verfährt; ſie begnügten ſich nämlich bei Anfertigung dieſer Puppen nicht damit, 48 bei ſo willkürlichen und zweideutigen Merkmalen ſtehen zu bleiben, wie Atlas, Zitz und andere derartige Lümp⸗ chen und Fetzchen ſind, ſondern ſie hatten ganz bezeich⸗ nende perſönliche Unterſchiede erfunden, die gar keine Mißdeutung zuließen; ſo hatte z. B. die vornehme Puppe zum Zeichen ihrer guten Herkunft wächſerne Glieder von feinſter Symmetrie, aber auch nur ſie und ihre Verwandt⸗ ſchaft. Die nächſte Stufe auf der Leiter der bürgerlichen Geſellſchaft war ganz von Leder verfertigt, und die dritte Klaſſe beſtand nur aus grober, grauer Leinwand. Das gemeine Volk der Puppen hatte nur Schwefelhölzchen aus dem nächſten beſten Feuerzeug ſtatt der Arme und Beine, und ſtand nun da, gleichſam auf ſeinen Lebens⸗ kreis beſchränkt und außer Standes, ſich aus demſelben emporzuarbeiten. Es gab inzwiſchen auch noch verſchiedene andere Erzeugniſſe von Kaleb Plummer's Kunſtfertigkeit in ſeiner Stube. Da waren Noah's⸗Archen, worin die Thiere und Vögel auf einem fürwahr ganz ungewöhnlich engen Raume zuſammengeſtauet worden, da ſie ſeltſamer Weiſe zum Dach eingebracht und auf den allerengſten Raum zuſammengerüttelt werden konnten. In Folge einer kühnen poetiſchen Licenz hatten die meiſten dieſer Archen Klopfer an der Thüre, die vielleicht ein unnöthi⸗ ger Schmuck ſeyn mochten, da ſie unwillkürlich an Mor⸗ genbeſuche und Poſtbriefträger erinnerten, aber für das Aeußere des Hauſes ſelbſt doch eine willkommene Augen⸗ weide bildeten. Da waren melancholiſche kleine Karren ſchockweiſe aufgethürmt, die, wenn ihre Räder ſich drehten, eine höchſt klägliche Muſik machten. Außerdem gabs noch eine Menge kleiner Fiedeln, Trommeln und anderer Inſtrumente zum Ohrenzwang, und eine endloſe Maſſe Kanonen, Schilder, Schwerter, Speere und Flinten. Da waren ferner noch zu ſehen kleine Purzelmännchen in rothen Hoſen, die unaufhörlich an hohen Kletterſeilen von rothem Bindfaden hinaufkletterten und kopfüber auf der andern Seite wieder herabkamen; da waren 49 unzählige alte Herren von reſpektabelm wo nicht gar ehrwür⸗ digem Aeußern, die ſich wie wahnſinnig über horizontale Pflöcke drehten, die an ihren eigenen Hausthüren ange⸗ bracht waren. Da waren Thiere aller Arten, nament⸗ lich Pferde von allen Racen, von dem gefleckten tonnen⸗ artigen Klepper auf vier hölzernen Pflöcken mit einem Pfeifchen ſtatt des Schweifs, bis zum vollblütigſten Schaukelpferd im höchſten Sprunge. Wie es eine ſchwere Aufgabe ſeyn würde, die Dutzende und aber Dutzende poſſirlicher Figuren zu zählen, welche Thorheiten aller Art zu verrichten im Begriff waren, ſobald man nur eine Kurbel drehte, ſo würde es auch ſehr ſchwierig geweſen ſeyn, irgend eine menſchliche Thorheit, Laſter oder Schwache zu nennen, welche nicht in Kaleb Plum⸗ mer's Zimmer ihr mehr und minder äahnliches Abbild gefunden hätte, und zwar durchaus nicht übertrieben, denn ſehr kleine Kurbeln und Federn können die Menſchen, Männer wie Frauen, zu ebenſo ſeltſamen Streichen veran⸗ laſſen als ſie nur je ein Spielzeug gemacht hat. Mitten unter allen dieſen Gegenſtänden ſaßen, wie geſagt, Kaleb und ſeine Tochter bei der Arbeit. Das blinde Mädchen verfertigte die Kleider für die Puppen, und Ka eb bemalte und lackirte die vierfenſtrige Fronte eines ſehr geſchmackvollen Familienpalaſtes. Der Kummer, der ſich in den Linien von Kaleb's Angeſicht ausſprach und ſein gedankenvolles träumeriſches Weſen, das irgend einem Schwarzkünſtler oder abſtruſen Gelehrten ganz gut zu Geſicht geſtanden wäre, bildeten auf den erſten Blick einen ſeltſamen Contraſt mit ſeiner Beſchäftigung und den Gegenſtänden, die ihn umgaben. Allein derartige Spielereien, die man um des täglichen Brodes willen erfindet und betreibt, werden zu ſehr wichtigen und ernſten Dingen; und abgeſehen von dieſem Erfahrungsſatze möchte ich für meinen Theil durchaus nicht behaupten, Kaleb würde ſich, wenn er Lord⸗Kam⸗ merherr oder Parlamentsmitglied oder Advokat oder Boz, Grillchen auf dem Heerde. 4 50 ſogar ein großer Spekulant geweſen wäre, mit minder kurioſen und ſeltſamen Spielereien abgegeben haben, während ich noch ſehr bezweifeln möchte, daß ſeine Spielereien alsdann ſo unſchuldiger Natur geweſen wären. „So biſt Du alſo doch, Väterchen, geſtern Abend im Regen in Deinem ſchönen neuen Ueberrocke ausge⸗ gangen?“ ſagte Kaleb's Tochter. „Ja, in meinem ſchönen neuen Ueberrocke!“ verſetzte Kaleb und blinzelte nach einer Wäſchleine in einer Ecke der Stube auf welcher das oben beſchriebene Gewand von Packleinewand ſorgfältig zum Trocknen aufgehängt war. „Wie froh bin ich, daß Du dir's gekauft haſt, Vä⸗ terchen!“ ſagte das blinde Mädchen. „Und dazu noch von ſolch' einem Schneider!“ ver⸗ ſetzte Kaleb,„von einem ganz faſhionabeln Schnei⸗ der! Es iſt wahrlich zu gut für mich!“ Das blinde Mädchen ließ die Hände mit der Arbeit in den Schooß ſinken und brach in ein fröhliches Ge⸗ lächter aus.—„Zu gut Väterchen? Was könnte für Dich zu gut ſeyn?“ „Dennoch ſchäme ich mich beinahe, es zu tragen!“ ſagte Kaleb und belauerte aufmerkſam die Wirkung, die ſeine Worte auf die Tochter ausübten und die auf ihrem freundlichen Geſicht zu leſen war,— auf mein Wort! wenn ich die Knaben und Leute hinter mir ausrufen höre: Ei ſeht doch den Stutzer an! ſo weiß ich gar nicht wohin ich blicken ſoll. Und als der Bettler geſtern Abend gar nicht weggehen wollte, und er mir, auf meine Verſicherung, daß ich nur ein ganz gewöhnlicher Menſch ſey, zur Antwort gab: O nein, Euer Ehren! Du lieber Gott, ſagen Euer Ehren nur das nicht! da war ich or⸗ dentlich beſchämt. Es war mir grad zu Muthe, als hätte ich gar kein Recht, ein ſolches Kleid zu tragen.“ Das glückliche blinde Mädchen! wie heiter ſie war im Uebermaaß ihre Freude! „Ei liebes Väterchen!“ rief ſte und ſchlug die Hände zuſammen, ich ſehe Dich ſo deutlich, als ob ich Augen 51 hätte, die mir nie fehlen, ſo oft Du bei mir biſt. Ein blauer Rock...“ „Vom allerſchönſten Blau,“ ſagte Kaleb. „Ja, ja, vom ſchönſten Blau!“ rief das Mädchen aus und richtete ihr Freude⸗ſtrahlendes Geſicht zu ihm empor,—„das iſt die Farbe, auf die ich mich noch am Beſten beſinnen kann, weil der liebe Himmel ſie hat. Du ſagteſt mir ja ſtets, er ſey blau! Ein hellblauer Rock alſo... „Der aber den Körper loſe umſpielt!“ ergänzte Kaleb. „Ja, ja, ein recht bequemer Rock!“ rief das blinde Mädchen mit herzlichem Lachen,—„und Du darin, beſtes Väterchen, mit Deinem heitern Blick, mit Deinem fröhlichen, lächelnden Geſicht, mit Deinem fühnen, raſchen Schritt und reichen ſchwarzen Haar! Wie jung und hübſch mußt Du doch ausſehen!“ „Hollah, Hollah!“ rief der Alte,„Du machſt mich ordentlich eitel!“ „Ich glaube, Du biſt es ſchon!“ rief das blinde Mädchen und deutete in ihrer Freude auf ihn;— ich kenne Dich, Väterchen! Hahaha, ſiehſt Du nun, daß ich es errathen habe?“ Wie verſchieden war doch das Gemälde, das ſie ſich in ihrem Herzen von ihm entwarf, gegenüber von der Wirklichkeit, in welcher Kaleb ihr jetzt gegenüber ſaß! — Sie ſprach von ſeinem kühnen, freien Schritt, und darin mochte ſie wohl Recht haben, denn ſchon ſeit Jahren hatte er niemals mit ſeinem gewöhnlichen, langſamen Schritte dieſe Schwelle betreten, ſondern mit einer Raſch⸗ heit, die ihr Ohr abſichtlich täuſchen ſollte; niemals hatte er, wenn ſein Herz am ſchwerſten war, den leich⸗ ten Tritt vergeſſen, der ihr Herz ſo heiter und muthvoll machen ſollte. Der Himmel weiß es, aber ich denke, das zerſtreute irre Weſen Kaleb's mag zum Theil daraus entſtanden 4* 52 ſeyn, daß er ſich ſeiner blinden Tochter zu Liebe über ſich ſelbſt und ſeine ganze Umgebung ganz irrige Anſich⸗ ten gebildet hatte. Wie konnte der kleine Mann au anders als verwirrt ſeyn, nachdem er ſich ſchon ſo lange Jahre bemüht hatte, ſeine eigene Identität und die aller Gegenſtände, die in irgend einer Beziehung zu ihm ſtan⸗ den, zu zerſtören! „Da haben wir's nun!“ rief Kaleb und trat ein paar Schritte zurück, um ſeine Arbeit beſſer muſtern zu können;—„der Wirklichleit ſo ähnlich, wie ſechs Pence in Kupferhellern einem ſilbernen Sechspenceſtück!'s iſt nur Schade, daß die ganze Fronte des Hauſes ſich auf einmal öffnet! Wäre jetzt nur wenigſtens eine Treppe darin und ordentliche Thuren, durch die man die Zim⸗ mer beträte! Aber das iſt gerade das Schlimmſte an meinem Handwerke, daß ich ſtets mich ſelber betrügen und täuſchen muß! „Du ſprichſt ſo leiſe, Väterchen?“ fragte Bertha, —„biſt Du denn müde?“ „Müde?“ wiederholte Kaleb mit plötzlich ausbre⸗ chender Lebhaftigkeit,—„was ſollte mich denn müde machen, Bertha? Ich war noch niemals müde— was verſtehſt Du denn darunter?“ Um ſeinen Worten mehr Nachdruck zu geben, reckte und dehnte er ſich in unwillkürlicher. widerſprechender Nachahmung zweier ſich dehnenden und gähnenden Figu⸗ ren von halber Lebensgröße, die auf dem Kaminſimſe ſtunden, und von den Hüften aufwärts in einem Zuſtand ewiger Müdigkeit dargeſtellt waren und ſummte das Bruchſtück eines Liedchens. Es war ein Trinklied, etwas von einem ſchäumenden Becher, und er ſang es mit einer erheuchelten kreuzfidelen Stimme, die ſein Geſicht noch tauſendmal magerer und gedankenvoller als ſonſt machte. „Heda, Ihr ſingt gar?“ rief Tackleton, der den Kopf zur Thüre hereinſteckte;—„alle Wetter! ich kann nicht ſingen! Das würde auch in der That Niemand bei ihm O N — 80 6e 1SS8SNSS E 8SZ 53 geſucht haben; er hatte auch durchaus nicht das, was man im gemeinen Leben ein lebensfrohes Geſicht nennt. „Ich kann's gar nicht über mich gewinnen, zu ſin⸗ gen;— iſt mir aber lieb, daß Ihr's könnt; hoffentlich könnt Ihr aber dabei auch noch Zeit zur Arbeit ſinden; ver⸗ trägt ſich zwar beides ſchlecht zu gleicher eit, ſollte ich meinen.“ „Wenn Du nur ſehen könnteſt, Bertha, wie er mir mit den Augen zublinzelt,“ flüſterte Kaleb,—„gar ein ſcherzhafter Herr! wenn Du ihn nicht kennen würdeſt, Du würdeſt faſt denken, er meine es im Ernſte, nicht wahr?“ uir3ag blinde Mädchen nickte ihm lächelnd zu und ſchwieg. „Der Vogel, der ſingen kann und nicht will, den muß man zum Singen zwingen, ſagt das Sprichwort!“ brummte Tackleton vor ſich hin;„was aber die Eule an⸗ langt, die kann nicht ſingen und darf nicht ſingen, wenn ſie's gleichwohl möchte; das ſoll mir Einer ſagen, wie er's angreift, um ſie zum Singen zu bringen!“ „Du ſollteſt nur ſehen, wie ſpaßig er mir jetzt zu⸗ winkt!“ flüſterte Kaleb ſeiner Tochter zu;„ei Du meine Güte!“ „Er iſt doch immer luſtig und guter Laune, ſo oft er zu uns kommt!“ rief Bertha lachend. „Ah ſo! biſt Du auch da, arme Blödſinnige!“ brummte Tackleton. Er hielt ſie in der That für blödſinnig nnd ſtützte dieſe vorgefaßte Meinung— ob abſichtlich oder nicht, laſſen wir dahingeſtellt— auf die Beobachtung der Zu⸗ neigung, die ſie für ihn an den Tag legte. „Wohlan denn, da ich nun einmal hier bin, ſo laßt hören, wie's Euch geht!“ rief Tackleton in ſeiner ge⸗ wöhnlichen ſauertöpfiſchen Weiſe. „O gut, ganz gut!“ rief Bertha freundlich;—„ich bin ſo glücklich, als Sie es nur immer für mich wün⸗ ſchen könnten— ſo glüͤcklich, als Sie die ganze Welt machen würden, wenn es in Ihrer Macht ſtuͤnde!“ 54 „Armes, blödſinniges Ding! brummte Tackleton; —„fkein Fünkchen Verſtand, in der That kein Fünkchen! Das blinde Mädchen ergriff ſeine Hand und küßte ſie; hielt ſie dann eine Weile zwiſchen ihren eigenen bei⸗ den Händen und führte ſie noch zärtlich an ihre Wange, bevor ſie ſie losließ. Es lag eine ſo unausſprechliche Liebe und innige Dankbarkeit in dieſem Benehmen, daß Tackleton ſelbſt einigermaßen davon ergriffen wurde und minder ſauertöpſiſch als ſonſt die Frage that: „Was haſt denn Du?“ „Ich ſtellte es geſtern Abend dicht neben mein Kopf⸗ kiſſen, als ich zu Bette gieng, und träumte die ganze Nacht davon; und als der Tag anbrach und die glor⸗ reiche rothe Sonne... nicht wahr, Väterchen, die Sonne iſt roth?... „Roth am Morgen und am Abend, Bertha!“ ver⸗ ſetzte Kaleb, und warf einen wehmüthigen feuchten Blick auf ſeinen Brodherrn. „Und als die rothe Sonne aufſtieg und das helle, glänzende Licht, an dem ich mich faſt zu ſtoßen fürchte, in's Zimmer ſtrahlte, da drehte ich ihm das kleine Bäumchen zu und ſegnete den Himmel, der ſo ſchöne Dinge erſchaffen hat, und pries Sie, der Sie das Roſen⸗ ſtöckchen zu einem Angebinde für mich hieher geſandt hatten! Ach es hat mir vielen Troſt gewährt!“ „Sie iſt dem Irrenhauſe entſprungen!“ ſagte Tackleton zu ſich ſelber;—„es fehlt nicht mehr viel, ſo muß man ihr die Zwangsjacke und Handſchellen an⸗ legen. Es wird immer ſchlimmer mit ihr.“ Kaleb, der die Hände leicht gefaltet hatte, ſtierte gedankenlos vor ſich hin, während ſeine Tochter ſo ſprach, juſt als ob er in der That mit ſich in Zweifel geweſen wäre— und ich bin überzeugt, er war's— ob Tackle⸗ ton etwas gethan habe um ihren Dank zu verdienen, oder nicht. Hätte man ihm in dieſem Augenblicke voll⸗ kommen freie Wahl gelaſſen, ob er entweder ſtraflos den Spielwaarenhändler umbringen oder demſelben nach 3 7 5⁵ Maßgabe ſeiner Verdienſte zu Füßen fallen wolle, ich glaube er hätte es geradezu dem Zufall anheimgeſtellt, welchen Weg er eigentlich einſchlagen ſolle. Und doch wußte Kaleb, daß er mit ſeinen eigenen Händen das kleine Roſenſtöckchen für ſie nach Hauſe gebracht und ihr damit eine Freude bereitet hatte, und daß er mit ſei⸗ nem eigenen Munde ihr die unſchuldige Täuſchung beige⸗ bracht hatte, in Folge deren ſie nie argwöhnen ſollte, wie viele, ja wie unendlich viele Entbehrungen er ſich täglich auferlegte, damit ſie deſto glücklicher ſey. „Bertha,“ ſagte Tackleton und nahm für den Augenblick einen herzlicheren Ton an,—„komm' einmal hieher!“ „SO,“ verſetzte ſie; ich kann ganz gerade zu Ihnen hinkommen! Sie brauchen mich gar nicht zu führen!“ „Soll ich Dir ein Geheimniß mittheilen, Bertha?“ fragte Tackleton. „O ja, wenn Sie ſo gut ſeyn wollen!“ entgegnete ſie haſtig. O wie erglänzte da das Geſicht mit den armen, lichtloſen Augen! Wie freundlich ſtrahlte der hinhor⸗ chende Kopf von innerem Lichte! „Nicht wahr, heute iſt der Tag, an welchem das kleine Dings da, das verzogene Kind, Peerybingle's Weib, Euch ihren gewöhnlichen Beſuch macht? wo ſie Euch den phantaſtiſchen Picknick gewöhnlich giebt?“ fragte Tackleton mit unverkennbarem Ausdruck des Mißfallens an der ganzen Sache. „O ja!“ verſetzte Bertha,„heute iſt der Tag!“ „Ich dachte mir's doch gleich!“ ſagte Tackleton; —„je nun, es wäre mir lieb, wenn ich an der Geſell⸗ ſchaft Theil nehmen dürfte!“ „Haſt Du es gehört, Väterchen?“ rief das blinde Mädchen in namenloſem Entzucken. „Ja, ja, ich höre es!“ murmelte Kaleb leiſe, mit dem ſtieren Blicke eines Nachtwandlers,„aber ich kann's nicht glauben,— ich mochte es beſchwören, es iſt eine meiner Lügen!“ 56 „Seht Ihr!“ ſagte Tackleton faſt verlegen,—„ich mochte gerne die Peerybingle's etwas mehr mit Jungfer Fielding zuſammenbringen, denn ich bin im Begriffe, die Jungfer zu heirathen!“ „Heirathen?“ rief das blinde Mädchen, und prallte vor Ueberraſchung von ihm zurück. „Sie iſt ein ſolch verteufelt blödſinniges Geſchöpf,“ brummte Tackleton,„daß ich fürchten konnte, ſie werde mich niemals verſtehen.— Ja, Bertha, heirathen!“ ſetzte er laut und mürriſch hinzu;—„Kirche, Pfarrer, Gemeindeſchreiber, Kirchendiener, Glaskutſche, Glocken⸗ geläute, Frühſtück, Hochzeitkuchen⸗ Bandſchleifen, Klari⸗ netten, Hackbrett und die ganze Summe der Thorheiten. Eine Hochzeit, verſtehſt Du? eine Hochzeit. Weißt Du nicht, was eine Hochzeit iſt?“ „O ja, ich weiß es!“ gab das blinde Mädchen halb⸗ laut zur Antwort,—„ich verſtehe!“ „So, ſo?“ brummte Tackleton,„das geht über meine Erwartung.— Je nun, aus dieſem Grunde möchte ich auch mit von der Parthie ſeyn und meine Jungfer Braut und ihre Mutter hieher bringen. Ich will auch noch vor Nachmittage meine Beiſteuer zum Imbiß herſchicken— eine kalte Schöpſenkeule, oder ſonſt eine ſchmackhafte Kleinigkeit der Art. Wollt Ihr mir erlauben, daß ich mich einfinde?“ „O ja!“ gab ſie zur Antwort. Sie hatte das Köpfchen ſinken laſſen und ihr Ge⸗ ſicht abgewandt und ſtand nun mit gefalteten Händen gedankenvoll da. „Ich glaube es kaum, daß Du mir's erlauben willſt!“ murmelte Tackleton und ſchaute ſie von der Seite an,—„denn Du ſcheinſt ſchon Alles wieder ver⸗ geſſen zu haben. Heda, Kaleb!“ „Ich denke, ich darf jetzt ſchon mich zu melden wagen,“ dachte Kaleb.„Was beliebt, Sir?“ „Sorge Du dafür, daß ſie nicht vergißt, was ich ihr eben geſagt habe!“ verſetzte Tackleton. 57 „O, ſie vergißt nie etwas!“ ſagte Kaleb,— „das iſt eines von den wenigen Dingen, auf die ſie ſich nicht verſteht!“ „Jedem Narren gefällt ſeine Kappe,“ murmelte der Spielzeughändler, achſelzuckend,—„armer, dummer Teufel!“ A Als er ſich mit unausſprechlicher Verachtung dieſer geiſtvollen Bemerkung entledigt, entfernte ſich der alte Gruff und Tackleton mürriſch. Bertha blieb in tiefes Sinnen verloren auf dem Platze ſtehen, wo er ſie verlaſſen hatte. Aller Frohſinn war von ihrem niedergeſchlagenen Geſicht entwichen und ihre Mienen wurden ſehr traurig. Sie ſchüttelte ein paar Mal den Kopf. als betraure ſie irgend eine Erin⸗ nerung oder einen Verluſt, allein ihre bekümmerten Ge⸗ danken ließen ſich nicht in Worten kund geben. Erſt nach einer Weile, als Kaleb ein Geſpann höl⸗ zerner Pferde vor einen Wagen geſpannt hatte, indem er mit höchſt ſummariſchem Prozeß ihr Geſchirr an die edelſten Theile ihres Körpers annagelte, trat ſte zu ſei⸗ nem Werkſtuhle, ſetzte ſich neben ihn und ſagte: „Väterchen, mir iſt ſo einſam und öde im Dun⸗ keln! Ich brauche meine Augen, meine geduldigen wohlwollenden Augen“ „Hier ſind ſie!“ ſagte Kaleb,—„immer zu Deinem Dienſte bereit! Sie gehören überhaupt mehr Dir, Bertha, als mir, im jeden der vier und zwanzig Stunden des Tages. Was ſollen denn Deine Augen für Dich thun, Liebchen?“ „Sieh' Dich in der Stube um, Väterchen!“ ſagte ſie. „Es iſt Alles in Ordnung, Bertha!“ gab Kaleb zur Antwort;„'s iſt ſo ſchnell geſchehen, als Du mir's geheißen haſt!“— „So ſag' mir, wie es ausſieht!“ „'s iſt faſt ganz ſo, wie gewöhnlich!“ meinte Ka⸗ leb;—„häuslich, heimiſch, aber recht niedlich und be⸗ quem. Hübſche Tapeten von heiterer Farbe an den 58 Wänden. ſchöne Blumen auf Schüſſeln und Tellern, das blank gebohnte Holz, wo irgend Balken oder Getäfel zu ſchauen, die freundliche Helle, Reinlichkeit und Niedlich⸗ keit des Gebändes im Allgemeinen machen es zu einem allerliebſten kleinen Aufenthalt.“ Heiter und reinlich war auch in der That Alles, woran Bertha ſelbſt die geſchäftigen Hände anlegen konnte. Aber ſonſt war auch nirgends in dem gebrechlichen, bau⸗ fälligen Schuppen, den Kaleb's Phantaſie ſo umgewan⸗ delt und verſchönert hatte, Heiterkeit, Behaglichkeit und Reinlichkeit möglich. „Du haſt jetzt Deine Werktagskleider an, Väter⸗ chen, und da biſt Du nie ſo ſchön geſchmückt, als wenn Du den neuen Ueberrock trägſt!“ ſagte Bertha, und be⸗ taſtete ihn mit prüfender Hand. „Nein, nicht ganz ſo ſchmuck!“ verſetzte Kaleb,— aber doch immer ziemlich hübſch und eitel.“ „Vater,“ ſagte das blinde Mädchen, indem es hart an ſeine Seite rückte und leiſe einen Arm um ſeinen Nacken ſchlang,—„erzähle mir doch auch etwas von Jungfer Fielding, Tackleton's Braut! Sie ſoll ſo ſehr hübſch ſeyn?“ „Meiner Treu, das iſt ſie!“ ſagte Kaleb, und ſie war es auch in der That. Es mochte Kaleb ganz neu und ſeltſam vorkommen, wenn er der Wirklichkeit nicht eine ſeiner Erfindungen unterſchieben durfte. „Ihr Haar iſt dunkel,“ ſagte Bertha nachdenklich, „dunkler als das meinige. Auch weiß ich, daß ihre Stim⸗ me ſüß und melodiſch iſt; ich habe ſie oft gerne gehört. Ihr Wuchs.... Er hielt plötzlich inne, denn Bertha hatte ſich enger an ſeinen Hals geſchmiegt und in dem Arme, der um ſeinen Nacken lag, empfand er ein warnendes Zucken, das er nur allzugut verſtand. — Q— 59 Er hüſtelte einen Augenblick, hämmerte dann wie⸗ der eine Weile und ſtimmte ſein altes Lied vom funkeln⸗ den Becher wieder an, das ſeine unfehlbare Zuflucht in allen derartigen Verlegenheiten war „Unſer Freund, Väterchen, unſer Wohlthäter. Du weißt ja, daß ich nie müde werde von ihm reden zu hören!— auch bin ich's noch nicht geworden, nicht wahr?“ ſetzte ſie haſtig hinzu. „Nein, wahrlich nicht!“ verſetzte Kaleb,„und zwar mit Fug und Recht.“ „Ach und mit wie viel Recht,“ rief das junge Mäd⸗ chen inbrünſtig, daß Kaleb, obwohl ſeine Gründe die edelſten waren, ihr doch nicht in's Geſicht blicken konnte, ſondern die Augen niederſchlug, als ob ſie in denſelben die unſchuldige Täuſchung zu leſen vermocht hätte, die er ſich gegen ſie erlaubt hatte. „Darum erzähle mir abermals von ihm, liebes Väterchen!“ rief Bertha;—„erzähle mir noch recht oft und viel. Nicht wahr, ſein Geſicht iſt voll Wohlwollen, Freundlichkeit, Gutmüthigkeit und Zärtlichkeit? Daß es treu und ehrlich iſt, das weiß ich ſchon im Voraus ge⸗ wiß. Das männliche Gemüth, das jede holde Regung und jede Wohlthat unter anſcheinender Barſchheit und ſauertöpfiſchem Weſen zu verdecken ſucht, ſpricht gewiß aus jedem Blick und Miene.“ „Und verleiht ihm Adel!“ ſetzte Kaleb in ſeiner ſtil⸗ len Verzweiflung hinzu. „Ja, es verleiht ihm Adel!“ rief das blinde Mäd⸗ chen;—„Nicht wahr, Vater, er iſt ein Bischen älter, als die Jungfer Braut?“ *„Ja, ja,“— verſeßte Kaleb widerſtrebend;—„er iſt ein klein wenig älter als die Jungfer Braut, aber das hat nichts zu bedeuten! „O ja, Vater, doch!“ verſetzte Bertha;—„welches Vorrecht muß das ſeyn, ſeine geduldige Gefährtin in Schwäche und Hinfälligkeit, ſeine treue ſorgliche Pflegerin in Krankheit und ſeine beſtändige Freundin in Kummer 6⁰0 und Leiden ſeyn zu dürfen! Keine Ermüdung oder Läſ⸗ ſigkeit zu kennen, ſo lange man für ihn arbeitet; über ihn zu wachen, ihn zu verpflegen, wenn er hinfällig iſt, an ſeinem Bett zu ſitzen und mit ihm zu plaudern, wenn er wacht, und für ihn zu beten, wenn er ſchläft! welche günſtige Gelegenheit muß das für ſie ſeyn, um alle ihre Treue und Ergebenheit gegen ihn an den Tag zu legen! Wird ſie das wohl Alles thun, Väterchen?“ „Ohne Zweifel!“ ſagte Kaleb. „Ich bin ihr gut, Väterchen, ich kann ſie ſo recht aus Herzensgrunde lieben!“ rief das blinde Mädchen und legte bei dieſen Worten ihr armes geſichtloſes Antlitz auf Kaleb's Schulter und weinte ſo bitterlich, daß er ſich faſt Vorwürfe machte, dieſe thränenvolle Glückſeligkeit bei ihr hervorgerufen zu haben.— Inzwiſchen war in John Peerybingle's Hauſe eine ungewöhnliche Geſchäftigkeit und Rührigkeit zu bemerken geweſen, denn die kleine Mrs. Peerybingle konnte ſich natürlich nicht an den Gedanken gewöhnen, irgend einen Ausgang ohne das Wickelkind zu machen; und das Kind ſegelfertig zu machen und fuͤr einen derartigen Ausgang aufzuputzen, war keine leichte Sache und erforderte viele Zeit. Wir wollen damit keineswegs ſagen, das Kind ſey ein Gegenſtand geweſen, der großes Gewicht und Raum eingenommen hätte— o keineswegs; aber es war un⸗ geheuer viel an ihm und mit ihm vorzunehmen und mußte Alles in gewiſſen bequemen Zeiträumen geſchehen. Zum Beiſpiel: Wenn das Wickelkind allmählig bis auf einen gewiſſen Grad angezogen war und unſer Eines mit Recht gemuthmaßt haben würde, daß nur noch ein Paar Hand⸗ griffe ſeine Toilette vollenden und es zu einem Wickel⸗ kinde erſter Qualität machen würden, das recht ordentlich die ganze Welt herausfordere, wurde es ganz unerwartet in ein flanellenes Umſchlagetuch gewickelt und zu Bette gebracht, wo es(um mit dem Kochbuche zu ſprechen) zwiſchen zwei Teppichen eine gute Stunde lang dünſten mußte. Dieſem Zuſtande der Unthätigkeit wurde es als der neh Int bing ſor irg⸗ des eine Fac ſelb ſtan knit Bal verf der gen rah ban gele Har mel des ung von teſt und nach Wa Pe mir Jol ben ſaß und nur 61 alsdann ordentlich ſchweißtriefend und laut ſchreiend wie⸗ der entriſſen, um eine genügende Mahlzeit zu ſich zu nehmen, worauf es abermals zu Bette gieng. Dieſes Intermezzo oder Zwiſchenzeit machte ſich Mrs. Peery⸗ bingle zu Nutze, um ſich ſelbſt auf anſpruchsloſe Weiſe ſo niedlich herauszuputzen, als Ihr nur all Euer Lebtage irgend ein Frauenzimmerchen geſehen habt; und während des kurzen Waffenſtillſtands ſchlüpfte Miß Slowboy in einen Spenſer von ſo wunder icher und überraſchender Facon, daß er durchaus in keinem Verhältniſſe zu ihr ſelbſt oder irgend einem andern Ding unter der Sonne ſtand, ſondern als ein vereinzeltes, verſchrumpftes, zer⸗ knittertes Faktum in der Welt daſtand das ſeine einſame Bahn ohne die mindeſte Rückſicht auf irgend Jemanden verfolgte. Hierauf wurde das Kind, das inzwiſchen wie⸗ der geweckt worden war, durch die vereinten Bemühun⸗ gen der Mrs. Peerybingle und Miß Slowboy mit einem rahmfarbigen Mantel für ſein Körperchen und einer tur⸗ banartigen Nankingmütze für den Kopf bekleidet; und ſo gelangten denn mit Zeit und Weile alle Drei vor die Hausthüre hinaus, wo der alte Gaul ſtand und ſchon mehr als den vollen Werth ſeines täglichen Chauſſeegel⸗ des aus der Landſtraße geſtampft hatte, weil er ſeine ungeduldigen Autographen in das Pflaſter grub, und von wo aus man Borer nur noch undeutlich in der wei⸗ teſten Ferne erblickte, wie er ſich umſchauend daſtund und gleichſam den Gaul aufmunterte, ihm ungeheißen nachzukommen.— Wenn Ihr etwa glaubet, es ſeye ein Stuhl, ein Wagentritt oder ſonſt etwas nöthig geweſen, um Mrs. Peerybingle in den Wagen zu bringen, ſo ſchmeichle ich mir, nachweiſen zu können, daß Ihr darin den guten John Peerybingle ſehr ſchlecht kennet. Ehe nur Jemand bemerkt haben konnte, daß er ſie vom Boden aufhebe, ſaß ſie ſchon friſch und wohlbehalten auf ihrem Plätzchen und ſagte ſchmollend:„Ei, ei, John! wie magſt Du doch nur?.... Denke nur an Tilly!“ 6² Wenln es mir erlaubt wäre, auf irgend eine Weiſe der Beine eines jungen Frauenzimmers zu erwähnen, ſo möchte ich hier die Bemerkung einſchalten, daß über denen der Miß Slowboy ein wahrer Unſtern waltete, in Folge deſſen ſie ganz eigenthümlich befähigt war, ſich wund zu ſtoßen; und daß ſie nie über das geringſte Hemm⸗ niß hinauf⸗ oder herabklettern konnte, ohne dieſes Er⸗ lebniß mit einer Kerbe ſo zu bezeichnen, wie Robinſon Cruſoe die Tage auf ſeinen hölzernen Kalender anzu⸗ merken pflegte. Da mir dieß aber leicht als ein Ver⸗ ſtoß gegen die gute Sitte ausgelegt werden könnte, will ich mir's erſt noch genauer überlegen. „Haſt Du den Korb mit der Kalbfleiſch⸗ und Schin⸗ kenpaſtete und den andern Sachen und mit den Bierfla⸗ —— ſchen eingepackt?“ fragte Dot!—„wenn Du es ver⸗ geſſen haſt, ſo mußt Du ſogleich wieder umkehren, auf der Stelle!“ „Da kommſt Du mir ſchön an, Frauchen;“ verſetzte der Kärrner;„wenn Du mir wieder vom Umkehren ſprichſt, nachdem Du mich ſchon eine ganze Viertelſtunde über meine Zeit aufgehalten haſt!“ „Es thut mir wahrlich leid, John!“ ſagte Dot in großem Eifer,— nallein ich könnte mir's ſüglich nicht einfallen laſſen, ohne die Fleiſchpaſtete, die andern Sa⸗ chen und die Bierflaſchen zu Bertha zu gehen,— wahr⸗ haftig, John, unter keiner Bedingung könnte ich's thun! — Hü!“ Dieſer freundliche Zuſpruch war an den Gaul ge⸗ richtet, der aber gar keine Notiz davon nahm. „Bitte John! ſage Du Hu!“ rief das Frauchen; —„das Thier verſteht mich noch nicht!“ „Es wird Zeit genug dazu ſeyn,“ meinte John,“ „wenn ich erſt einmal anfange etwas zu vergeſſen. Der Korb iſt wohl aufgehoben hier im Wagen.“ „Ei, ei, was für ein hartherziger Unmenſch biſt Du doch geweſen, John, daß Du mir das nicht ſogleich ge⸗ ſagt und mir den großen Schrecken erſpart haſt!“ rief —,— 63 Dot;—„ich ſage Dir, John, ich möchte um alles Geld in der Welt nicht ohne die Fleiſchpaſtete u. ſ. w. und die Bierflaſchen zu der armen Bertha gehen. Schon ſeit unſerer Verheirathung, John, haben wir regelmäßig alle vierzehn Tage unſern kleinen Picknick dort gehalten. Wenn mir irgend einmal etwas dabei paſſiren ſollte, könnte ich mein Lebtage nicht wieder mit mir zufrieden ſenn⸗ und würde glauben, wir hätten gar kein Glück mehr!“ „Es war doch ein recht wackerer guter Gedanke von Dir, daß Du dieſe Leutchen mit Deinem Picknick erfreuen wollteſt,“ ſagte der Kärrner,„und ich ehre Dich dafür, liebes Weibchen!“ „Lieber John, rede doch nicht davon, daß Du mich ehren wolleſt!“ ſagte Dot und war wie mit Purpur über⸗ goſſen;—„Du lieber Gott!“ „Beiläufig bemerkt,“ ſagte der Kärrner,„der alte Herr.... Woher kam es wohl, daß Dot abermals ſo ſichtlich und ſo plötzlich in Verlegenheit kam? „Der alte Herr iſt ein kurioſer Kauz!“ ſagte der Kärrner und blickte ſtier vor ſich hin die Straße entlang; —„ich kann gar nicht aus ihm klug werden; ich glaube aber nicht, daß irgend etwas Unrechtes an ihm iſt!“ „O gewiß nicht,“ meinte Dot;„ich bin feſt über⸗ zeugt, daß er ein ganz harmloſer Menſch iſt!“ „So?“ ſagte der Kärrner, und der ernſthafte Ton ihrer Stimme zog ſeinen Blick unwillkürlich auf ihr Ge⸗ ſicht;—„'s iſt mir ſehr lieb, daß Du davon ſo über⸗ zeugt biſt, weil es gewiſſermaßen zur Beſtätigung für mich dient. Es iſt doch ſonderbar, daß er ſich's gerade in den Kopf geſetzt hat, uns um ein Obdach zu bitten und bei uns wohnen zu wollen, nicht wahr? Es paſſiren doch ſeltſame Dinge!“ „Sehr ſeltſame,“ ſetzte ſie leiſe hinzu, ſo leiſe, daß man es kaum hörte. „Er iſt übrigens ein ſehr gutmüthiger alter Herr!“ 64 ſagte John,—„er bezahlt uns wie ein Ehrenmann und wir können uns auch auf ſein Wort verlaſſen, wie auf das eines Ehrenmannes. Ich hatte heute früh ſchon eine lange Unterredung mit ihm. Er verſteht mich jetzt beſſer, wie früher, ſagte er mir, weil er ſich mehr an meine Stimme gewöhnt hat; er erzählte mir viel von ſeinem eigenen Leben, und ich gab ihm Einiges aus dem meinigen zum Beſten, und er richtete eine ganze Laſt von Fragen an mich. Ich gab ihm darüber Auskunft, wie ich in meinem Geſchäfte eigentlich zwei Straßen zugleich befahre, nämlich den einen Tag rechts von un⸗ ſerem Hauſe weg und wieder zurück, den andern nach der Linken hin und wieder retour(denn er iſt hier fremd und fennt die Namen der Orte in unſerer Gegend noch glaubte, Ihr kämet aus einer ganz entgegengeſetzten Rich⸗ nicht wieder ſo tief einzuſchlafen!— Meiner Treu, er hat damals recht geſund geſchlafen!.... Ei Dot, wa⸗ rum ſo gedankenvoll, was geht denn Dir durch Dein Köpfchen?“ =S—— —— 1 d ₰ 2— 2 — — — SGeS2SZ. — 65 That manchmal ſonſt nichts, aber es gehörte doch, um es mit entſprechender Herzlichkeit und Anmuth zu erwi⸗ dern, nicht nur ein Kopfnicken und ein Lächeln dazu, ſondern auch eine ebenſo heilſame Bewegung der Lungen, als zu einer weitläufigen Parlamentsrede. Manchmal ſchloſſen ſich Fußgänger oder Reiter auf ein Stück weit an den Wagen an, um Einiges zu plaudern, und trabten eine Weile neben dem Wagen her, wo es denn auf bei⸗ den Seiten an Stoff zu dem Geſpräche gar nicht fehlte. Auch Borer gab dem Kärrner da und dort zu mehr freundlichen Erkennungsſcenen Gelegenheit, als ein hal⸗ bes Dutzend Chriſtenkinder! Jedermann kannte ihn den ganzen Weg entlang, hauptſächlich aber das Geflügel und die Schweine, die, wenn ſie ihn herankommen ſahen (den ganzen Leib nach einer Seite hingedreht, mit hor⸗ chend geſpitzten Ohren und rüſtigem Wedeln des kleinen Stumpfſchwänzchens), ſich alsbald in die fernſten Hinter⸗ häuſer zurückzogen, ohne die Ehre einer nähern Bekannt⸗ ſchaft abzuwarten. Boxer machte ſich allenthalben etwas zu ſchaffen: er mußte hinter alle Ecken gehen, in alle Brunnenblicken, in allen Hütten aus⸗ und einlaufen, ja ſogar in das Heiligthum der Mädchenſchule einbre⸗ chen; er verſcheuchte alle Tauben, verlängerte die Schwänze aller Katzen, und gieng in jedem Wirthshauſe ab und zu, wie ein regelmäßiger Stammgaſt. Wo er auch gieng oder ſtund, hörte man gewiß Jemand rufen: Holla, da iſt ia Borer! Und alsbald kam gewiß dieſer Jemand in Begleitung von etlichen andern Je⸗ manden zur Thüre heraus, um John Peerybingle und ſeinem hübſchen Weibchen guten Tag zu bieten. Des Gepäckes und der Pakete, die man dem vor⸗ beifahrenden Karren anvertraute, gab es eine wahre Unzahl, und man mußte natürlich eben ſo oft anhalten, um derartige Gegenſtäͤnde einzunehmen oder die Fracht⸗ ſtücke abzugeben; und dieſe Pauſen bildeten bei weitem Boz, Grillchen auf dem Heerde. 5 66 nicht den ſchlimmſten Theil der Reiſe. Manche Leute waren ſo erpicht und voll Erwartung wegen ihrer Pa⸗ kete und andere ſo voll Verwunderung über ihre Fracht⸗ ſtucke, und wieder andere Leute waren wegen der Beſtel⸗ lung derſelben ſo unerſchöpflich in Rathſchlägen, und John nahm ein ſo lebhaftes Intereſſe an jedem Packchen, daß das Ganze einer wahren Komödie glich. Außerdem waren auch noch Gegenſtände fortzuſchaffen, die gar reif⸗ licher Erwägung und Berathung bedurften, und wegen deren Unterbringung und Bequemlichkeit die Verſender mit dem Fuhrmann gewiſſermaßen erſt Kriegsrath zu halten ſchienen, welchem Boxer natürlich auch anwohnte, wobei er ſeine tiefſte Aufmerkſamkeit in kurzem Gebell und ſeine Theilnahme in ewigem Umherrennen und Um⸗ kreiſen der verſammelten Weiſen zu erkennen gab und ſich bei dieſer Bemühung faſt heiſer bellte. Bei all' die⸗ ſen kleinen Zwiſchenfällen war Dot eine freundliche, auf⸗ merkſame Zuſchauerin von ihrem Sitze im Wagen aus; und wie ſie ſo daſaß und herausblickte— ein allerlieb⸗ ſtes kleines Porträt, das die Wagendecke auf's Niedlichſte einrahmte,— da fehlte es nicht an nickenden Winken, an neidiſchen und bewundernden Blicken, an Ellenbogenſtößen und Geflüſter unter den jüngern Mannern, das kann ich Euch verſichern. Und dies freute John, den Kärrner, über alle Maßen, denn es machte ihn ordentlich ſtolz, wenn man ſein niedliches Weibchen bewunderte; wußte er ja doch, daß ſie ſich darum gar nicht bekümmerte, ja daß es ihr im Gegentheile nicht einmal geſtel. Das Wetter für die Spazierfahrt war freilich etwas nebelig, wie es im Januar gewöhnlich iſt, und etwas kalt und rauh. Aber wer kümmerte ſich um derartige Kleinigkeiten? Dot gewiß nicht. Auch Tilly Slowboy nicht, denn der ſchien es unter allen Umſtänden der höchſte Genuß auf Erden, in einem Wagen fahren zu dürfen; wenn ſie das konnte, waren ihre kühnſten, irdi⸗ ſchen Wünſche gekrönt. Das Wickelkind auch nicht, das will ich beſchworen; denn es liegt nicht in der Natur eines Kindes, wärmer zu liegen und geſünder zu ſchla⸗ fen, als dem lieben kleinen Peerybingle auf dem ganzen Wege begegnete, obwohl die kleinen Wickelkinder in die⸗ ſer Beziehung ganz abſonderliche Fähigkeiten an den Tag legen. Natürlich konnte man im Nebel nicht weit ſehen; aber man konnte dafür viel ſehen, unendlich viel!— es iſt merkwürdig, wie viel man ſelbſt noch in einem weit dichteren Nebel, als dieſer war, ſehen kann, wenn man ſich nur die Mühe nehmen will, darnach umzu⸗ blicken. Ja ſelbſt die Beobachtung der Elfenringe in den Feldern und der Flecken von Reif, die noch an Hecken und unter Bäumen im Schatten lagen, war eine angenehme Beſchäftigung— der unerwarteten poſſier⸗ lichen Geſtalten gar nicht zu erwähnen, in welchen die Bäume aus dem Nebel hervortraten und ſich wieder darin verſteckten. Die Hecken waren alle kahl und kraus und wogten im Winde wie eine Reihe verwelkter Kränze; aber es lag durchaus nichts Trauriges, Entmuthigendes darin, ſondern war vielmehr gar lieblich anzuſchauen, denn es machte für jetzt das warme Eckchen am Kamin um ſo traulicher und den künftigen Sommer um ſo grü⸗ ner und hoffnungsvoller. Der Fluß war zwar froſtig anzuſchauen, aber er zeigte doch Bewegung und rauſchte mit raſchen Schritten dahin, und das war ſchon viel. Der Kanal war dafür eher träge und langſam, das mußte man zugeben; es ſchadete aber nichts, denn dafür überfror er auch um ſo raſcher, ſobald Froſt eintrat, Mid dann gab's Schleifen und Schlittſchuhlaufen auf dem Eiſe den lieben langen Tag, und die ſchwerfälligen alten Barken und Fuufſchiffe, welche eingefroren am nächſten beſten Landungsplatze lagen, ließen dann ihre eiſernen, roſtigen Kamine den ganzen Tag rauchen und hatten eine müßige, faule Zeit. Auf einer Stelle brannte ein großer Haufen Bin⸗ ſen, Unkraut oder Stoppeln; da konnte man dann das 5* 68 Feuerchen beobachten, das im Tageslicht ſo weiß durch den Nebel ſchien und nur da und dort rothe Funken ſprühen ließ, bis Miß Slowboy zu huſten anhub, weil ſie Rauch geſchluckt habe, wie ſie vorgab(ſie konnie überhaupt bei der geringſten Veranlaſſung in eine derartige Lungenbewegung ausbrechen), und das Kind aufweckte, das nun nicht wieder einſchlafen wollte. Boxer aber, der dem Wagen um eine Viertelmeile etwa voran⸗ geeilt war, hatte ſchon das Weichbild der Stadt über⸗ ſchritten und die Ecke des Gäßchens erreicht, in welchem Kaleb und ſeine Tochter wohnten; und lange bevor der Wagen mit ſeiner theuern Fracht bei dem Häuschen an⸗ kam, wartete er ſchon mit dem blinden Mädchen auf dem Pflaſter vor dem Hauſe, um ſeine Herrſchaft zu bewillkommnen. Borer hatte, beiläufig geſagt, ſeine eigene zart⸗ fühlende Weiſe, mit Bertha zu verkehren, aus welcher ich zuverlaſſig ſchließe, er müſſe gewußt haben, daß ſie des Geſichtsſinnes beraubt ſey. Er ſuchte nämlich ihre Aufmerkſamteit niemals dadurch auf ſich zu ziehen, daß er ſie anblickte, wie er es meiſt bei andern Leuten zu thun pflegte, ſondern er berührte ſie beſtändig oder gab ſich ihr wenigſtens durch Laute zu erkennen. Ob er dieſe Erfahrung je an blinden Hunden oder blinden Leuten ſich erworben, vermöchte ich wahrlich nicht zu ſagen. Soviel iſt gewiß, er hatte nie einen blinden Herrn gehabt; auch war weder Mr. Boxer der Vater, noch Mrs. Boxer die Mutter, noch irgend ein anderes —1',— — Mitglied ſeiner Familie von beiden Seiten her mit Blind⸗ heit behaftet geweſen, ſoviel ich weiß. Er mag vielleicht ſelbſt auf dieſe Entdeckung gekommen ſeyn, vielleicht hat ſie ſich auch ihm nur als Bemerkung irgendwo aufgedrängt; ſoviel iſt aber jedenfalls gewiß, daß er ſie ſich zu Nutze gemacht hatte, und darum hielt er auch Bertha an einem Zipfel ihres Kleides feſt und ließ ſie nicht eher los, als bis Mrs. Peerybingle mit dem Kleinen und Miß Slow⸗ — —1',— — 69 boy mit dem Proviantkorbe wohlbehalten in's Haus ge⸗ langt waren. 3 Jungfer Fielding war bereits da, und ihre Mutter ebenfalls— ein kleines zankſüchtiges Rippenſtück von halbvornehmer Matrone mit einem ärgerlichen Geſicht, die, weil ſie ſich ihre Taille ſo dürr erhalten hatte wie einen Bettpfoſten, für wunderſchön gewachſen gelten wollte; und die, weil ſie ſich einſt in beſſern Umſtänden befunden hatte—(oder wenigſtens an der firen Idee litt, dieß würde der Fall geweſen ſeyn, wenn irgend etwas eingetroffen wäre, was übrigens nie eingetroffen war und auch wahrſcheinlich nie eintreffen zu wollen ſchien oder vermochte)— doch das bleibt ſich für uns gleich— ein äußerſt herablaſſendes, leutſeliges aber vornehmes Weſen annahm. Gruff und Tackleton war ebenfalls hier und ſpielte bei ſeiner Braut den Angenehmen, allein man ſah's ihm deutlich an, daß er darin ebenſo voll⸗ kommen ſich heimiſch und ebenſo unzweifelhaft in ſeinem Elemente fühlte, als eine lebendige junge Lachsforelle, die man auf die Spitze der großen Pyramide gebracht haben würde. „Mathilde! meine liebe, alte Freundin'“ rief Dot hocherfreut und ſprang der Jungfer Fielding entgegen; —„welches Glück für mich, Dich wiederzuſehen!“ Ihre alte Freundin war im Grunde ebenſo hoch⸗ erfreut und ſo herzlich wie ſie, und Ihr dürft mir glauben, es war wirklich allerliehſt anzuſehen, wie ſich Beide umarmten. Es ſtand außer aller Frage, daß Tackleton ein Mann von Geſchmack ſey, denn Mathilde war ein ſehr hübſches Mädchen. Ihr habt gewiß ſchon zuweilen die Erfahrung ge⸗ macht, daß ein hübſches Geſicht, an das Ihr einiger⸗ maßen gewöhnt ſeyd, für einen Augenblick alltäglich und minder ſchön zu ſeyn und kaum die hohe Meinung zu verdienen ſcheint, die Ihr davon hegt, ſobald es in Be⸗ rührung mit einem andern neuen, hübſchen Geſichte kommt. Dieß war aber hier durchaus nicht der Fall, 7⁰ weder bei Mathilde noch bei Dot, denn Mathildens Geſicht bildete eine Folie für Dots, und Dot's Geſicht⸗ chen hob das Mathildens auf ſo natürliche und ange⸗ nehme Weiſe hervor, daß ſie, wie John Peerybingle beinahe geſagt hätte, als er in's Zimmer trat,— eigent⸗ lich füglich haätten Schweſtern ſeyn müſſen— die ein⸗ zige Verbeſſerung, welche man ihnen billigerweiſe hätte zumuthen können. Tackleton hatte ſeine Hammelskeule mitgebracht und — eine wunderbare Großmuth!— noch eine Torte da⸗ zu;— aber man äſtimirt eine kleine Verſchwendung nicht, wenn es ſich um eine Braut handelt; man ver⸗ heirathet ſich ja nicht alle Tage;— und als Zubuße zu dieſen Leckerbiſſen war noch die Schinken⸗ und Kalbfleiſch⸗ paſtete und die„andern Dinge“ da, wie Mrs. Peery⸗ bingle ſie nannte, welche beſagte Dinge hauptſächlich in Nüſſen und Orangen, in Kuchen und andern Kleinig⸗ keiten beſtunden. Als das Mahl auf den Tiſch geſetzt wurde und Kaleb's Beitrag, der in einer großen, höl⸗ zernen Schüſſel voll dampfender Kartoffeln beſtund(es war ihm nämilich durch feierlichen Vertrag verboten, eine andere Speiſe vorzuſetzen), ebenfalls aufgetragen wurde, führte Tackleton ſeine präſumtive Schwiegermut⸗ ter an den Ehrenplatz. Um dieſem Stuhle und dem hohen Feſte deſto mehr Ehre zu machen, hatte ſich die maje⸗ ſtätiſch, liebe, alte Seele mit einer Haube herausgeputzt, die auch den Leichtfinnigſten Anwandlungen der innigſten Ehrfurcht abzunöthigen geeignet war. Sie trug heute auch Handſchuhe;— nur nobel, oder lieber ſterben! Kaleb ſaß neben ſeiner Tochter; Dot und ihre alte Schulgefährtin ſaßen neben einander; der gute, alte Kärrner ließ ſich am Ende des Tiſches genügen. Miß Slowboy ſaß vorerſt ganz allein, denn man hatte ſie von allen möglichen Gegenſtanden des Meublements, mit Ausnahme des Stuhls, worauf ſie ſaß, iſolirt, damit ja nichts um den Weg ſey, woran ſie den Kopf des Kin⸗ des ſtoßen könnte. —————.—-- e— 71 Wie Tilly alle die Puppen und Spielſachen um ſich her mit großen Augen anſtarrte, ſo ſchauten auch dieſe ſie und die ganze Geſellſchaft an. Die ehrwürdigen alten Herrn vor den Hausthüren(die Alle in vollſter Rüh⸗ rigkeit waren) zeigten ein beſonderes Intereſſe an der Geſellſchaft, indem ſie zuweilen inne hielten, bevor ſie ſich umſchwangen, als ob ſie einen Augenblick der Un⸗ terhaltung lauſchten, und dann wilden Muthes viel Dutzend Mal ſich um und um ſchwangen, ohne anzuhalten um Athem zu ſchöpfen— wie in aberwitzigem Entzücken über das, was um ſie her vorgieng. Wenn allerdinas dieſe alten Herren irgend aufge⸗ legt waren, eine teufliſche Freude uͤber die Betrachtung der ſchlimmen Laune des alten Tackleton zu empfinden, ſo hatten ſie allen Grund damit zufrieden zu ſeyn. Tack⸗ leton konnte ſich durchaus nicht in ſeine Lage finden, es war ihm nicht möglich, es ſich behaglicher zu machen; je luſtiger ſeine künftige Braut in Dot's Geſellſchaft wurde, deſto mehr verdroß das ihn, obwohl der alte Nußknacker ſie ja eigens zu dieſem Zweck hiehergebracht hatte. Nußknacker? ja, das iſt das rechte Wort für Tack⸗ leton, denn wenn ſie lachte, und er natürlich nicht ein⸗ ſtimmen konnte, ſetzte er ſich's ſtet und feſt in den Kopf, ſie lachte über ihn. „Ach, Mathilde!“ ſagte Dot,—„du liebe Zeit, wie ändert ſich doch Alles in der Welt! Es macht Einen ordentlich wieder jung, von den luſtigen Tagen unſerer Schulzeit zu plaudern!“ „Oho,“ brummte Tackleton,—„ich denke, Ihr ſeyd jedenfalls noch nicht ſonderlich alt!“ „Seht nur meinen guten, ernſten, gedankenvollen Mann dort an!“ fuhr Dot fort;—„er macht mich wenigſtens um zwanzig Jahre älter,— nicht wahr, John?“ „Um vierzig Jahre!“ ſagte John lächelnd. „Um wie viel Jahre Ihr Mathi lden älter macht, das kann ich wirklich nicht errathen!“ ſa gte Dot lachend 7² zu Tackleton;—„aber das weiß ich, daß ſie an ihrem nächſten Geburtstag kaum weniger als hundert Jahre zählen kann!“ „Hahaha!“ lachte Tackleton, zwar ſo hohl wie eine Trommel, aber es war doch gelacht;— auch ſchaute er ganz drein, als ob er ohne ſonderliches Mißbehagen dafuͤr Dot hätte den Hals umdrehen können. „Du lieber Gott!“ rief Dot,„wenn ich noch daran denke, was wir uns in der Schule für Pläne von den Männern machten, die wir uns ausſuchen wollten! Ich weiß gar nicht mehr, wie jung und wie hübſch und wie luſtig und wie zuvorkommend der Meinige hätte ſeyn ſollen!... Und nun gar der Deinige, Mathilde!— Du lieber Gott, ich weiß nicht, ob ich lachen oder wei⸗ nen ſoll, wenn ich dran denke, was für thörichte Mäd⸗ chen wir damals waren!“ Mathilde ſchien zu wiſſen, was ſie darüber thun ſollte; ihre Wange überlief auf einmal purpurroth und in ihrem Auge perlte eine Thräne. „Selbſt die Perſonen— wirkliche lebendige junge Männer— ſuchten wir uns damals zuweilen aus!“ fuhr Dot fort;„wir hatten freilich keine Ahnung davon, wie es noch mit uns gehen würde. Soviel weiß ich gewiß, daß ich mir damals John nicht wählte! Ich dachte nicht an ihn. Und wenn ich Dir damals geſagt hätte, Du ſollteſt je noch Mr. Tackleton heirathen, Mathilde, Du häͤtteſt mir wahrſcheinlich einen Klaps gegeben! Hab' ich nicht Recht. Mathilde?“ Obwohl Mathilde nicht Ja ſagte, ſo ſagte ſie gewiß auch nicht Nein, nicht einmal mit der leiſeſten Miene. Tackleton lachte— ja er wieherte ſogar, ſo laut war ſein Gelächter. John Peerybingle lachte ebenfalls, aber auf ſeine gewöhnliche, gutmüthige und beſcheidene Weiſe, aber Tackleton's Lachen gegenüber war das ſeinige nur das Flüſtern eines Gelächters. „Es half Euch doch Alles nichts, ſeht Ihr! Ihr konntet uns doch nicht widerſtehen!“ rief Tackleton;— 73 „da ſind wir nun, wohl beſtellt und leibhaftig, und wo ſind denn Eure jungen, luſtigen Bräutigame geblieben?“ „Cinige davon ſind todt!“ verſetzte Dot halblaut; —„und Einige davon ſind vergeſſen. Einige davon, wenn ſie in dieſem Augenblick unter uns treten könnten, würden nicht glauben, daß wir noch dieſelben Geſchöpfe ſeyen— ſie würden ihren Augen und Ohren nicht trauen noch glauben, wir haben ſie ſo vergeſſen können.— Nein, gewiß würden ſie kein Wort davon glauben.“ „Warum nicht gar, Dot!“ rief der Kärrner;— „ſchelmiſches Weibchen!“ Sie hatte mit ſolchem Ernſte und Feuer geſprochen, daß ſie allerdings einer kleinen Anmahnung bedurfte. Ihres Gatten Tadelwar äußerſt zart, denn er ſchlug ſich nur in's Mittel, weil er glaubte, Tackleton müſſe ſich hierüber ärgern, und weil er ihm dieß in ſeiner Gemüthlichkeit erſparen wollte; allein der Wink ergab ſich als ſehr wirkſam, denn Dot brach plötzlich ab und äußerte kein Wörtchen mehr. Es lag eine ungewöhnliche Aufregung ſogar noch in ihrem Stillſchweigen, die dem ſchlauen Tackleton nicht entgieng, als er ſie mit ſeinem einen Auge beobachtete; er behielt es auch in gutem Gedächtniſſe, wie man bald ſehen wird. Mathilde gab weder in Gutem noch in Böſem ein Woͤrtchen von ſich, ſondern ſaß ganz ſtille und nahm an Allem, was um ſie her vorgieng, auch nicht den min⸗ deſten Antheil. Ihre Mutter, die gute Dame, ſchlug ſich jetzt in's Mittel mit der Bemerkung: erſtens ſeyen Mädchen Maͤdchen, und vergangen ſey vergangen, und ſo lange junge Perſonen noch jung und leichtſinnig ſeyen, würden ſie ſich vermuthlich auch wie junge und leicht⸗ ſinnige Perſonen betragen— nebſt noch etlichen anderen Erfahrungsſätzen von nicht minder folgerichtiger und un⸗ beſtreitbarer Art. Alsdann bemerkte ſie mit ſehr from⸗ mer Miene: ſie danke dem Himmel, daß er ſie an ihrer Tochter Mathilde ſtets ein gehorſames, gutes Kind habe finden laſſen, womit ſie ſich eigentlich gar nicht rühmen 74 wolle, obwohl ſie alle Urſache habe zu glauben, dieß rühre ganz allein von der Erziehung her, die ſie ihrer Tochter gegeben. Was nun Mr. Tackleton anbelange, meinte ſie, ſo ſey er vom moraliſchen Geſichtspunkte aus ein ganz untadelhafter Menſch, und in Beziehung auf ſeine Qualification zum Ehemann werde ihr gewiß Niemand beſtreiten können, daß er in jeder Hinſicht ein ganz trefflicher Tochtermann für ſie ſey.(Darauf legte ſie auch einen ganz beſondern Nachdruck.) In Betreff der Familie, in welche Mr. Tackleton nach unterſchiedlichem Bedenken nun endlich in Bälde aufgenommen werden ſolle, ſetzte ſie voraus, Herr Tackleton wiſſe, daß ſie trotz ihrer herabgekommenen Vermögensumſtände dennoch noch einigen Anſpruch auf vornehme Abkunft habe; und daß, wenn gewiſſe Umſtande, die— ſie wolle es hier nur kurz berühren— mit dem Indigohandel zuſammen⸗ hängen, ein anderes Ende genommen hätten, ihre Fa⸗ milie jetzt vielleicht im erwünſchteſten Wohlſtande wäre. Hierauf bemerkte ſie, ſie wolle nicht auf die Vergangen⸗ heit anſpielen und nicht davon reden, daß ihre Tochter eine Zeit lang Mr. Tackleton's Bewerbungen ausgeſchla⸗ gen habe; ſie wolle auch nicht von manchen andern Din⸗ gen reden— die ſie gleichwohl des Langen und Breiten noch berichtete. Schließlich gab ſie noch als allgemeines Ergebniß ihrer Beobachtung und Erfahrung zum Beſten, daß diejenigen Ehen, wobei am wenigſten von Dem in's Spiel komme, was man romantiſcher und thörichter Weiſe Liebe nenne, ſtets die allerglücklichſten ſeyen; und daß ſie von der bevorſtehenden Heirath den größtmög⸗ lichſten Grad von Glück— nicht von überſchwenglichem, phantaſtiſchem Glück, ſondern von der dauerhaften, an⸗ haltenden Gattung— erwarte. Zu guter Letzt ſetzte ſie noch die Geſellſchaft davon in Kenntniß, daß morgen der Tag ſey, für welchen ſie ausdrücklich gelebt habe, und daß ſie, wenn er vorüber ſey, keinen andern Wunſch hege, als ihr Bündel ſchnüren zu dürfen, um nach irgend einem ſtandesgemäßen Begräbnißplatze gebracht zu werden. —— hab wel gen Ge Ste Auf keu⸗ flaſe ein und deſſ fort kur; und bis Rü kur Hei jede ma Per ſehr die une wa⸗ Uel bin nic Eu jed⸗ bey 7⁵ Da dieſe Bemerkungen über allen Widerſpruch er⸗ haben waren und einer Erwiderung gar nicht bedurften, welche glückliche Eigenſchaft allen denjenigen Erörterun⸗ gen zukommt, die ſich in genügender Entfernung vom Gegenſtand der Rede halten— ſo änderten ſie auch den Standpunkt des Geſprächs und lenkten die allgemeine Aufmerkſamkeit auf die Fleiſchpaſtete, die kalte Hammels⸗ keule, die Kartoffeln und die Torte. Damit die Bier⸗ flaſchen nicht vergeſſen würden, brachte John Peerybingle einen Trinkſpruch auf Morgen als den Hochzeitstag aus und bat die Anweſenden, mit ihm ein Glas zu Ehren deſſelben zu leeren, bevor er ſeine Wanderung weiter fortſetze. Ihr müßt nämlich wiſſen, daß John hier nur eine kurze Raſt machte, und ſeinem alten Gaule etwas Salz und Brod vergönnte. Er hatte wenigſtens noch fünf bis ſechs Meilen zurückzulegen, wollte Abends auf dem Rückwege Dot hier abholen und dann abermals eine kurze Raſt im Hauſe machen, bevor er den Reſt des Heimweges zurücklegte. Das war die Tagesordnung für jede Picknickparthie, und war ſeit deren Errichtung jedes⸗ mal getreulich befolgt worden. Außer Braut und Bräutigam waren aber noch zwei Perſoneu unter den Anweſenden, die den Trinkſpruch ſehr gleichgültig aufnahmen. Die eine davon war Dot, die allzu verlegen und aufgeregt war, um ſich in den unerwarteten Zwiſchenfall finden zu können; die andere war die arme Bertha, die eilends und noch vor den Uebrigen aufſtund, und den Tiſch verließ. „Gott befohlen!“ rief der ſtämmige John Peery⸗ bingle und ſchlüpfte in ſeinen dichten, warmen Ueberrock; „ich werde zur gewohnten Zeit wieder hier ſeyn. Behüte Euch Gott ſammt und ſonders!“ „Behüte Euch Gott, John!“ ſagte Kaleb. Er ſchien es jedoch ganz gedankenlos zu ſagen und ihm auf dieſelbe un⸗ bewußte Weiſe mit der Hand zuzuwinken, denn er beobachtete 7 76 eben Bertha mit ängſtlichem, verwundertem Geſicht und wandte kein Auge von ihr ab. „Gott behute Dich, kleiner Schelm!“ rief der mun⸗ tere Kärrner und beugte ſich über ſein Kind, um es zu küſſen, denn Tilly Slowboy, die jetzt mit Meſſer und Gabel handtierte, hatte den ſchlafenden Kleinen(und merkwürdiger Weiſe dieß Mal ohne Schaden) in ein kleines Wiegenbette von Bertha's kunſtfertiger Hand niedergelegt;—„Gott befohlen, mein Kleiner! die Zeit wird hoffentlich auch noch kommen, wo Du in die kalte Luft hinausgehen und Deinen alten Vater ruhig im Genuß ſeiner Pfeife und ſeiner Gicht in der Kaminecke ſitzen laſſen wirſt, kleiner Schelm! He, wo iſt denn Dot?“ „Hier bin ich, John!“ rief ſie und ſprang vom Stuhle auf. „Komm, komm!“ rief der Kärner und kaatſchte laut in die Hände;—„wo iſt meine Pfeife?“ „Ach die Pfeife habe ich ganz vergeſſen, John!“ gab ſie mit verlegenem Erröthen zur Antwort,— die Pfeife vergeſſen? Sie hatte die Pfeife vergeſſen? Hatte man je etwas Derartiges erhört? .„Ich will— ich will ſie ſogleich ſtopfen; es iſt gleich geſchehen!“ rief ſie, ſich entſchuldigend. Es war aber nicht ſo ſchnell geſchehen. Die Pfeife ſtack nämlich an ihrem gewöhnlichen Plätzchen in der Taſche des warmen Winterrocks ſammt dem kleinen Tabaksbeutel, den ſie ſelbſt verfertigt hatte und aus dem ſie die Pfeife zu ſtopfen pflegte; allein ihre Hand zitterte ſo ſehr, daß ſie ſich in den Schnüren verwickelte (und ihre Hand war klein genug, um ſich darin zu ver⸗ fangen) und gar nicht damit vom Flecke kam. Das Stopfen und Anzünden der Pfeife— dieſe kleinen Dienſtleiſtungen, in welchen ich ihr ſchon oben beſondere Kunſtfertigkeit zugeſchrieben habe, wenn Ihr Euch noch deſſen entſinnt, gelangen dieß Mal nur ſchlecht. Wäh⸗ rend des ganzen Prozeſſes ſchaute Tackleton ſie mit ſei⸗ 77 nem halbgeſchloſſenen Auge an, und dieß vermehrte ihre Verlegenheit noch, ſo oft ſie es gewahr wurde. „Ei, ei, wie ungeſchickt Du heute biſt, Dot!“ rief John;—„ich glaube wahrlich, ich ſelbſt hätte es weit beſſer beſorgt!“ Mit dieſem gutmüthigen Tadel entfernte er ſich und man hörte ihn einen Augenblick ſpäter mit Borer, dem alten Gaul und dem Wagen muntere Muſik die Straße entlang machen. All dieſe Zeit über ſtand der träumeriſche Kaleb ganz ſtille und beobachtete noch immer mit unverändertem Ausdruck ſeines Geſichts ſeine blinde Tochter. „Bertha,“ fragte Kaleb ſanft,—„was iſt geſche⸗ hen? Wie ſehr haſt Du Dich doch in den paar Stun⸗ den ſeit heute früh verändert, mein gutes Kind? Du biſt ja den ganzen Tag ſchon wortkarg und traurig; was ſoll denn das heißen? Sprich!“ „O Vater, Vater!“ rief das blinde Mädchen und brach plötzlich in Thränen aus:—„ach, mein hartes, ſchweres Geſchick!“ Kaleb fuhr mit der Hand über die Augen, bevor er ihr zu antworten vermochte. „Aber denke nur, wie fröhlich und wie glücklich Du geweſen biſt, Bertha!“ flüſterte er;—„wie gut Du warſt und wie lieb Dich ſo viele Leute hatten!“ „Das bricht mir noch das Herz, beſter Vater!“ fuhr ſie fort;—„ſie war immer ſo ruͤckſichtsvoll gegen mich, ſo gütig und wohlwollend!“ Kaleb war viel zu ſehr verwirrt, als daß er ſie hatte verſtehen koͤnnen. „Blind— blind zu ſeyn, Bertha, mein liebes armes Kind, iſt freilich ein großes Unglück!“ ſtammelte er;„allein...“. „Ich habe dies Unglück nie gefühlt!“ rief das blinde Mädchen,„ich habe es wenigſtens nie in ſeiner ganzen Größe gefühlt! Niemals.— Zuweilen habe ich freilich gewünſcht, ich könnte Dich oder ihn ſehen; nur 78 ein einziges Mal, beſtes Väterchen, nur für eine einzige kurze Minute, damit ich wenigſtens wiſſe, was ich hier“ — dabei legte ſie die Hand auf die Bruſt—„was ich hier aufſtaple und aufbewahre! damit ich gewiß wäre, daß ich Recht habe!— Und zuweilen habe ich freilich (beſonders noch in meinen Kinderjahren) bei Nacht bit⸗ terlich geweint und gebetet, bei dem Gedanken, Eure Bilder, wenn ſie aus meinem Herzen zum Himmel ſtei⸗ gen, könnten nicht die rechten Ebenbilder von Euch ſeyn. Aber niemals habe ich derartige Empfindungen lange aufbewahrt; ſie ſind an mir vorübergezogen und haben mich hernach ruhig und zufrieden gelaſſen.“ „Sie werden auch jetzt wieder verſchwinden!“ ſagte Kaleb. „Ach Väterchen, liebes, beſtes Väterchen! habe Nachſicht mit mir und vergieb mir, wenn ich Unrecht thue!“ rief das blinde Madchen;—„dieß iſt nicht der Kummer, der mich jetzt ſo niederdrückt!“ Ihr Vater konnte unmöglich den freien Lauf ſeiner Thränen verbergen, als ſie ſo ernſt und ſo rührend zu ihm ſprach; allein noch immer verſtand er ſie nicht. „Bring' ſie zu mir her!“ rief Bertha;„ich kann es nicht bei mir behalten und in meinen Buſen zurück⸗ reren; ich bitte Dich Väterchen, bring' ſie zu mir er!“ Sie merkte, daß er zögerte, und ſagte:„Bring' Mathilde, bring' ſie zu mir her!“ Mathilde hörte ihren Namen nennen, trat auf das blinde Mädchen herzu und tippte ſie auf den Arm Die Blinde wandte ſich haſtig um und erfaßte ſie mit beiden Händen. „Blicken Sie mir in's Geſicht, liebes, gutes Herz⸗ chen!“ ſagte Bertha zu ihr;—„leſen Sie es ſelbſt mit Ihren ſchönen Augen und ſagen Sie mir, ob nicht die Wahrheit darauf geſchrieben ſteht!“ *i freilich, liebe Bertha!“ verſetzte das Mädchen. Die Blinde, über deren augenloſes Antlitz noch . 79 immer dicke Thränen herabrannen, erhob jetzt den Kopf gen Himmel und redete ſie folgendermaßen an: „Es lebt kein Wunſch oder Gedanke in meiner Seele, der nicht Ihr Wohl beträfe, ſchöne Mathilde! Es iſt keine dankbare Erinnerung in meinem Gemüthe ſtärker als der Gedanke an die manchen lieben Male, wo Sie, in der vollen Blüthe der Schönheit und der Sehkraft, der armen blinden Bertha freundlich begegne⸗ ten, ſelbſt als wir noch Kinder waren, oder als die arme Bertha noch ſo kindiſch war, wie ſie es bei ihrer Blind⸗ heit nur ſeyn konnte!— Aller Segen des Himmels komme auf Ihr Haupt! Alles Licht auf Ihre fernere glück⸗ liche Laufbahn! Wenn gleichwohl, meine gute Mathilde!“ ſetzte ſie hinzu, und zog das Mädchen in feſterer Um⸗ armung an ſich,—„wenn gleichwohl, mein gutes Mädchen, mir heute der Gedanke, daß Sie ſeine Gattin werden ſollen, beinahe das Herz abgedrückt hat!— Vater, Mathilde, Mary! Ach vergebt mir, daß es ſo iſt, um alles Deſſen willen, womit er die Langeweile und Oede meines dunkeln Lebens aufzuhellen und zu tröſten bemüht war und um des Zutrauens willen, das Ihr in mich ſetzt— vergebt mir, wenn ich den Him⸗ mel zum Zeugen aufrufe, daß ich ihm keine Frau wün⸗ ſchen konnte, die ſeines guten Herzens würdiger wäre.“ Mit dieſen Worten hatte ſie Mathilde Fielding's Hände losgelaſſen, ihre Kleider erfaßt, und eine Stellung angenommen, die zugleich Flehen und Liebe ausdrückte; während ſie aber dieſes ſeltſame Bekenntniß ablegte, ſank ſie immer tiefer herab, bis ſie am Ende zu den Füßen ihrer Freundin auf den Knieen lag und ihr blindes Ge⸗ ſicht in den Falten ihrer Kleider verbarg. „Allmächtiger Gott!“ rief ihr Vater, dem ſich nun mit einem Male die ganze Wahrheit kundthat,—„habe ich ſie von Kindheit auf betrogen, um damit am Ende gar noch ihr das Herz zu brechen?“ Es war für ſie Alle ein glücklicher Zufall, daß Dot, das muntere, rührige, geſcheidte, hübſche Weibchen 8⁰ — denn das war ſie bei allen ihren Fehlern, und wie⸗ wohl Ihr ſie bald noch recht haſſen lernen werdet— es war für ſie Alle ein glücklicher Zufall, ſage ich, daß Dot hier war, ſonſt mag kein Menſch wiſſen, wie das noch geendet hätte. Allein Dot, die plötzlich ihre Geiſtes⸗ gegenwart wieder gewonnen hatte, ſchlug ſich in's Mittel, ehe Mathilde noch antworten oder Kaleb ein Wörtchen mehr äußern konnte. „Komm', meine liebe Bertha! Komm' mit mir! Gieb ihr den Arm, Mathilde. So, ſeht nur, wie ruhig ſie bereits wieder iſt, und wie lieb ſie iſt, daß ſie auch wieder an uns denkt!“ rief das heitere junge Weibchen und küßte die Blinde auf die Stirn;—„komm mit uns, liebe Bertha! Komm! Dein lieber Vater hier muß auch mit uns kommen; nicht wahr, Kaleb? Ei natürlich!“ Ja, ja, Dot war in ſolchen Sachen ein ganz ver⸗ führeriſches Weſen, und es hätte eine recht verſtockte Natur dazu gehört, um ihrem Einfluſſe zu widerſtehen. Als ſie den armen Kaleb und ſeine Tochter bei Seite gebracht hatte, damit ſie ſich Beide tröſten und beruhigen möchten, wie ſie es allein verſtanden, kam ſie ſogleich wieder zurückgeſprungen— um bei dem mißtrauiſchen, alten Frauenzimmer in der Haube und den Handſchuhen ge⸗ wiſſermaßen Schildwache zu ſtehen, und die kurioſe, alte Haut von möglichen Entdeckungen abzuhalten. „Nun bring' mir einmal das liebe Kindchen hie⸗ her, Tilly!“ rief ſie jetzt und zog ſich einen Stuhl vor's Kamin;—„und während ich es hier in meinem Schooße wiege, Tilly, wird die liebe Mrs. Fielding hier mich in der Behandlung und Pflege kleiner Kinder un⸗ terrichten, und mir in zwanzigerlei Punkten, über die ich ganz und gar nicht mit mir im Reinen bin, die nöthige Zurechtweiſung ertheilen. Darf ich Sie dar⸗ um bitten, Mrs. Fielding?“ Ihr hättet ſehen ſollen, wie bereitwillig und arglos die eitle alte Dame in dieſe Falle gieng, ſo ſchlimm ſie 81 auch in dieſem Augenblicke gelaunt war. Der Umſtand, daß Tackleton ſich entfernt hatte, ſowie, daß ein paar Perſonen in einiger Entfernung von ihr eine Weile plau⸗ derten, ohne ſich weiter um ſie zu kümmern, hatte hin⸗ gereicht, ihr Zartgefühl und ihren Ehrgeiz zu verletzen, und ſie für einen ganzen Tag an das Fehlſchlagen jener geheimen Speculation im Indigohandel zu erinnern. Allein dieſe demüthige Anſprache an ihre Erfahrung von Seiten der jungen Mutter war jetzt ſo unwiderſtehlich, daß ſie nach kurzem Demuthsheucheln mit der größten Be⸗ reitwilligkeit ihren Vortrag begann und, ſtockſteif der verſchmitzten Schelmin gegenüberſitzend, in einer halben Stunde mehr untrügliche Hausmittelchen und Verhal⸗ tungsmaßregeln für Mütter und Kinder zum Beſten gab, als im Falle der Anwendung hingereicht haben würden, einen jungen Simſon, geſchweige denn einen jungen Peerybingle umzubringen. Um einige Abwechslung in die Unterhaltung zu bringen, nähte Dot ein Wenig— ſie trug immer den Inhalt eines ganzen Arbeitstiſchchens in der Taſche, aber Gott weiß, wie ſie das anſtellte;— dann hätſchelte ſie wieder den Kleinen; dann gab's wieder zu nähen; dann hatte ſie wieder Etwas mit Mathilden zu wiſpern, während die alte Dame ſchlief, und ſo gieng es fort in allerhand kleinen Geſchäften, bis der ganze Nachmittag um war, der ihr gar nicht langweilig wurde. Als es endlich dunkelte, machte ſie(da es ein ausdrücklicher Paragraph in den Statuten der Picknick⸗Parthie war, daß Dot an dieſem Tage der armen Bertha alle Wirthſchafts⸗Ge⸗ ſchäfte abnehme) das Feuer wieder auf, ſcheuerte den Herd, ſetzte das Theebrett heraus, zog die Vorhänge des Fenſters zu und ſteckte eine Kerze an. Hierauf ſpielte ſie ein paar Weiſen auf einer kunſtloſen Harfe, welche Kaleb für die arme Bertha verfertigt hatte, und ſpielte ſie recht hübſch; denn die gütige Natur hatte ihr ein ausgezeichnetes Gehör für Muſik gegeben, einen köſt⸗ Boz, Grillchen auf dem Heerde. 6 82² lichen Schatz für ein Ohr, der die reichen Juwelen voll⸗ auf erſetzte, die andere, minder begabte Damen der höhern Stände dort tragen. Unter derartigen Geſchäften kam denn allmählig die anberaumte Zeit für den Thee heran, und Tackleton ſtieß wieder zur Geſellſchaft, um an dem Mahle theilzunehmen, und den Abend im Kreiſe unſerer Bekannten zuzubringen. Kaleb und Bertha waren ſchon etwas früher in's Zimmer zurückgekehrt, und Kaleb hatte ſich zu ſeinem gewohnten Tagewerke geſetzt; allein er konnte nicht da⸗ mit zu Stande kommen, der arme Mann, weil ihn Sorge für ſeine Tochter und Reue über die Täuſchung, die er ſich mit ihr erlaubt hatte, quälten. Es war gar rührend anzuſehen, wie er hier müßig auf ſeinem Werk⸗ ſtuhle ſaß und ihr ſo beſorgt und forſchend in's Ange⸗ ſicht blickte, und ſich immer im Stillen den Vorwurf voorhielt:„So hab' ich ſie alſo von Jugend auf täuſchen und hintergehen müſſen, um ihr endlich damit das Herz zu brechen.“ Als es Nacht und das Theetrinken vorüber war und Dot auch mit dem Auswaſchen der Taſſen und Schüſſeln längſt zu Stande gekommen— mit einem Worte, als die Zeit herannahte, wo man bei jenem fernen Räderrollen die Rückkehr des Fuhrmanns erwar⸗ ten mußte, änderte ſich ihr Betragen abermals; ſie wech⸗ ſelte mehrmals die Farbe und wurde ſehr unruhig, aber nicht ſo, wie gute Frauen es gewöhnlich ſind, wenn ſie auf ihre Männer warten— o nein, es war eine ganz andere Art von Unruhe! Jetzt hörte man Räder knarren, Pferdehufe trap⸗ peln, einen Hund bellen— kurzum das allmählige Herannahen aller dieſer Töne, bis endlich Borer's Pfote gar noch an der Thuͤre kratzte. „O Gott, was iſt das? Weſſen Tritt iſt das?“ rief Bertha zuſammenſchreckend und ſprang vom Stuhle auf. „Weſſen Tritt?“ verſetzte der Kärrner, der noch unter der Hausthüre ſtand, und deſſen braunes Geſicht 1 83 3 von der ſcharfen Abendluft jetzt ſo roth war wie eine Winterbeere;—„je nun, der meinige!“ „Aber der andere Tritt?“ ſagte Bertha—„der Tritt des Mannes hinter Euch?“ „Sie läßt ſich wahrlich nicht täuſchen!“ verſetzte der Kärrner lachend;—„kommt nur herein, Sir! Ihr werdet Allen willkommen ſeyn. verlaßt Euch drauf! Er ſprach das mit ſehr lauter Stimme, und wäh⸗ rend er noch ſo ſprach, trat der taube alte Herr herein. „Er iſt Euch nicht ſo fremd, Kaleb, daß Ihr ihn nicht ſchon einmal geſehen hättet!“ ſagte der Kärrner; —„wollt Ihr ihm hier ein Obdach gönnen, bis wir gehen?“ „Ei freilich, John,“ meinte Kaleb,„es iſt uns'ne Ehre, daß er nur bei uns vorſpricht.“ „Er iſt der beſte Geſellſchafter auf Erden, wenn man Geheimniſſe zu verhandeln hat,“ ſagte John gut⸗ müthig;—„ich hab' ein paar leidlich gute Lungen, aber ich verſichere Euch, er ſtellt ſie auf die Probe. Setzt Euch, Sir, Ihr ſeyd hier unter guten Freunden, und ſeyd Allen hier willkommen.“ Als er dieſe Zuſicherung dem Fremden mit einer Stimme mitgetheilt hatte, welche John's Behauptung von ſeinen Lungen vollauf zu beſtärken ſchien, ſetzte er in ſeinem gewöhnlichen Tone hinzu:„Der gute Menſch verlangt nicht mehr, als einen Stuhl in einer Kamin⸗ ecke und die Erlaubniß, ganz ruhig daſitzen und ſich freundlich umblicken zu dürfen. Er iſt leicht zufrieden zu ſtellen.“ 3 Bertha hatte lange aufmerkſam zugehört: jetzt rief ſie Kaleb an ihre Seite heran, wo ſie ihm einen Stuhl zurecht rückte und bat ihn leiſe, ihr den fremden An⸗ kömmling zu beſchreiben. Als er dieß gethan hatte, und zwar dieß Mal mit gewiſſenhafter Treue, ruͤhrte ſie ſich zum erſten Male, ſeit er eingetreten war, ſeufzte und 6 84 ſchien keinen weitern Antheil an ſeiner Perſon an den Tag zu legen. Der Kärrner war in beſter Laune, wie er denn überhaupt ſtets ein guter Kerl war; heute aber ſchien er ſeinem hübſchen Weibchen noch holder zu ſeyn als je. „Sie war heute Nachmittag eine ungeſchickte Dot!“ ſagte er und umſchlang ſie mit ſeinen derben Armen, während ſie etwas entfernt von den Andern beiſeite ſtund;—„und doch bin ich ihr ſo herzlich gut. Schau' einmal dorthin, Dot!“ 3 Er deutete auf den alten Mann; ſie ſchaute zu Boden, und ich möchte faſt behaupten, ſie zitterte in dieſem Augenblick. „Er iſt,— hahaha!— voll Bewunderung für Dich, Dot,“ ſagte der Kärrner;„auf dem ganzen Wege hie⸗ her ſprach er einzig nur von Dir. Je nun, s iſt ein wackerer alter Kerl, und ich bin ihm dafür gut!“ „Ich wollte, er hätte ſich einen beſſern Gegenſtand gewählt, John!“ ſagte Dot und warf einen unbehag⸗ lichen Blick im ganzen Zimmer umher, beſonders aber auf Tackleton. „Einen beſſern Gegenſtand?“ rief der luſtige John; —„einen ſolchen giebt's gar nicht. Komm', Dot! her⸗ unter mit dem Oberrock, herunter mit der dicken Hals⸗ binde und den ſchweren Pulswärmern! Jetzt gilt's ein trauliches halbes Stündchen am Feuer! Ergebenſter Diener, Madame. Beliebt Ihnen vielleicht ein Spiel⸗ chen Cribbage mit mir? Ei das iſt ſchön! Geſchwind, Dot, das Brett und die Karten her! Und mir ein Glas Bier, wenn noch eins übrig iſt, kleines Weibchen!“ Seine Aufforderung galt der alten Dame, die ſie mit huldvoller Bereitwilligkeit annahm, und ſie huben ſogleich zu ſpielen an. Anfangs ſah ſich ber Kärrner zuweilen lächelnd um oder rief hie und da Dot herbei, damit ſie ihm über ſeine Schulter in die Karten blicke und ihm bei irgend einem kritiſchen Stich ihren Rath er⸗ theile. Da aber ſeine Gegnerin es mit den Spielregeln ——V—᷑—᷑—᷑—᷑—ꝛ—ꝛ—ꝛ—x— ſehr ſtrenge nahm und auch gelegentlich an einer gewiſ⸗ ſen Vergeßlichkeit litt, in Folge deren ſie ihm mehr Punkte vorſteckte, als ſie eigentlich hätte dürfen, mußte er ſo auf ſeiner Hut ſeyn, daß er weder Augen noch Ohren für etwas Anderes hatte. So wurde ſeine ganze Aufmerkſamkeit allmählich von dem Kartenſpiel in An⸗ ſpruch genommen, und er dachte an nichts Anderes mehr, bis ihm Tackleton endlich eine Hand auf die Schulter legte, und ſich ihm in's Gedächtniß rief. „Es thut mir leid, daß ich Euch ſtören muß, John, — aber ſchenkt mir nur auf einen Augenblick Gehör!“ ſagte Tackleton. „Ich muß eben ausſpielen,“ verſetzte der Kärrner; —„iſt es eine Sache von Bedeutung?“ „Allerdings,“ gab der Spielzeughändler zu Ant⸗ wort;—„kommt nur auf einen Augenblick mit mir, Gevatter!“ Es lag etwas in Tackleton's bleichem Geſicht, das den Andern plötzlich aufſpringen machte und zu der eili⸗ gen Frage veranlaßte, was es denn eigentlich gäbe? „Nur ſtille, John Peerybingle!“ ſagte Tackleton; —„es thut mir leid für Euch, mein Wort darauf. Ich bin ordentlich darüber erſchrocken, allein ich hab's vom Anfang an vermuthet.“ „Was gibt es denn, Sir?“ fragte der Kärrner mit ganz verſtörter Miene. „Nur ſtille, Gevatter! Ich will Euch Alles zeigen, wenn Ihr mit mir gehen wollt!“ Der Kärrner begleitete ihn, ohne ein Wort weiter zu ſagen. Sie giengen über einen Hof, auf den die Sterne freundlich herabſchienen, dann traten ſie durch ein kleines Seitenthürchen in Tackletom's Comptoir, von wo ſie durch eine Glasthüre in's Magazin ſchauen konn⸗ ten, das der Nacht wegen bereits verſchloſſen war. Im Comptoir ſelbſt war kein Licht, aber in dem langen, ſchmalen Magazin hiengen mehrere Lampen, und ver⸗ breiteten eine ziemliche Helle bis zum Fenſter her. 86 „Wartet noch einen Augenblick!“ ſagte Tackleton; —„glaubt Ihr, Ihr könnt es über Euch gewinnen, durch das Fenſter da zu blicken?“ 1 „Warum denn nicht?“ meinte der Kärrner. „Wartet nur noch einen Augenblick!“ wiederholte Tackleton;—„begeht ja keine Gewaltthat; es nützt ja doch zu nichts und iſt nur gefährlich für Euch. Ihr ſeyd ein ſtarker Mann und könntet einen Mord begehen, be⸗ vor Ihr Euch's nur einfallen laßt!“ Der Kärrner blickte ihm in's Geſicht und bebte einen Schritt zurück, als ob er von einem Streich getroffen wäre. Mit einem einzigen Schritt ſtand er dann an dem Fen⸗ ſterchen und ſah... O Schatten auf dem Herde! O glaubwürdiges Heimchen! O treuloſes Weib! Er ſah ſie hier mit dem alten Mann beiſammen ſtehen, aber der war nun nicht länger alt, ſondern ſtand gerade und kräftig da und trug in der Hand die falſche weiße Perücke, mittelſt derer er ſich den Weg in das nun öde und unglückliche Haus gebahnt hatte. John ſah, wie ſie ihm zuhörte, als er den Kopf herabbeugte, um ihr in's Ohr zu flüſtern; er ſah, wie ſie litt, daß er ſie um die Hüfte faßte, als ſie langſam miteinander den dämmernden hölzernen Gang hinabſchritten, der Thüre zu, durch welche ſie herein⸗ getreten waren. Alsdann ſah er ſie ſtille ſtehen— ſah wie ſie ſich umwandte— ſeine eigenen Augen mußten in das Geſicht blicken, das er ſo ſehr liebte— er ſah, wie ſie mit eigenen Händen dem Fremden das lügneriſche Haar wieder auf den Kopf drückte und dazu lachte, als verhöhne ſie ſeine eigene Argloſigkeit! Er ballte zuerſt ſeine kräftige Rechte, als ob er damit einen Löwen niederſchmettern wollte. Dann aber öffnete er ſie raſch wieder, denn er liebte ſie ſogar jetzt noch trotz ihres Fehlers;— als ſie aber draußen waren, ſank er auf ein Pult nieder und war ſo ſchwach wie ein Kind. Er hatte ſich bis an's Kinn eingeknöpft und machte 87 ſich mit dem Pferde und den Paketen zu thun, als ſie wieder in's Zimmer trat und zur Heimfahrt gerüſtet war. „Nun, lieber Jehn, laß uns aufbrechen! Gute Nacht, Mathilde! Gute Nacht, Bertha!“ rief Dot. Konnte ſie die Freundinnen küſſen? Konnte ſie beim Abſchiede fröhlich und wohlgemuth ſeyn? Konnte ſie es wagen, ihnen ihr Angeſicht zu zeigen ohne zu errö⸗ then? Ja, ſie konnte es. Tackleton beobachtete ſie ſcharf und ſie that das Alles. Tilly hätſchelte den Kleinen, wiegte ihn in den Armen, gieng wohl ein Dutzend Mal vor Tackleton hin und her und wiederholte wie ſchlaftrunken: „Bringt es ſeine Herzen nicht faſt zum Brechen, daß es weiß, ſie ſollen ſeine Frauens werden, und täuſch⸗ ten's ſeine Väter nicht von Kindheit auf, um zuletzt ſeine Herzen zu brechen!“ „Komm', Tilly, gieb mir den Kleinen!“ rief Dot noch aus dem Wagen;„gute Nacht, Mr. Tackleton! Um Gotteswillen, wo iſt denn John?“ „Er will neben dem Pferde hergehen,“ ſagte Tack⸗ leton, der ihr in den Wagen geholfen hatte. „Ei, ei, lieber John! Du willſt heute Nacht gehen?“ rief ſie. Die eingehüllte Geſtalt ihres Gatten antwortete mit einem heftigen bejahenden Kopfnicken und das alte Roß brach auf, nachdem auch der zweideutige Fremde und die kleine Kindsmagd ihre Plätze eingenommen hatten. Borer, der argloſe Boxer rannte hin und her und um ben Wagen herum, und bellte ſo frohlockend und luſtig als je. Als Tackleton in Begleitung Mathildens und ihrer Mutter ſich ebenfalls auf den Heimweg begeben hatte, ſetzte ſich der arme Kaleb wieder am Feuer neben ſeiner Tochter nieder; er war im tiefſten Herzen betrübt und reumüthig und wiederholte ſich noch immer, wie er ſie ſo ſchmerzlich und angſtvoll betrachtete: So habe ich ſie 88 alſo von Kindheit auf getäuſcht, um ihr endlich das Herz zu brechen! Die Spielzeuge, die man dem Kinde zulieb in Be⸗ wegung geſetzt hatte, waren nun längſt abgelaufen und zur Ruhe gegangen. Man hätte in dem ſchwachen Lichte und tiefen Schweigen glauben mögen, die ruhigen, ungelenken Puppen, die wilden Schaukelpferde mit den funkelnden Augen und ſchnaubenden Nüſtern, die gebeug⸗ ten alten Herren an ihren Hausthüren, die auf ſchwan⸗ ken Knieen ſich zum Schwunge rüſteten, die Nußknacker mit den verzerrten Geſichtern, ja ſogar die wilden Thiere, die zwei und zwei wie Schulkinder in ihre Arche mar⸗ ſchirten, ſeyen plötzlich erſtarrt und verſteinert vor Ver⸗ wunderung, daß unter irgend einer Combination von Umſtänden Dot falſch ſeyn oder Tackleton wirklich ge⸗ liebt werden könnte. Drittes Kapitel. Das Heimchen zirpt zum dritten Male. Die Holländer Uhr in der Ecke ſchlug die zehnte Stunde, als der Kärrner ſich zum Feuer ſetzte. Er war ſo kummervoll, und von wildem Schmerz ergriffen, daß er ſogar den Kuckuk zu verſcheuchen ſchien, der ſeinen melodiſchen Zehnuhrruf ſo haſtig wie möglich abthat, in ſeinen mauriſchen Palaſt zurückſprang und die kleine Thüre hinter ſich ſo jählings zuwarf, als ob er dieſen zucwohnin Anblick durchaus nicht zu ertragen vermocht ätte. Hätte der kleine Heumähder die ſchärfſte Senſe ge⸗ führt, und mit jedem Streich in des Fuhrmanns Herz geſchnitten, er hätte es nie ſo zerreißen und verwunden können, wie Dot gethan hatte. Sein Herz war ſo voll von Liebe für ſie, von un⸗ zähligen Fäden holder Erinnerungen ſo zuſammengehal⸗ nte var daß nen in ine ſen cht ge⸗ erz den un⸗ al⸗ 89 3 ten und gefeſſelt, die ſie durch das tägliche Zutagekehren ihrer mancherlei liebevollen Eigenſchaften um ihn ge⸗ ſponnen hatte; ſie hatte ſich ſo tief und liebevoll in ſein Herz eingeſchloſſen,— in ein Herz, das in ſeiner Treue ſo einfach und ſo ernſt, ſo ſtark im Guten und ſo ſchwach im Unrechte war,— daß es auf den erſten Anlauf weder Leidenſchaft noch Rache nähren konnte, ſondern nur Raum für das zerbrochene Bild ſeines Idols hatte. Allein allmählich, wie der Kärrner brütend ſo vor ſeinem jetzt kalten und dunkeln Heerde ſaß, begannen andere wildere Gedanfen in ihm außzuſteigen, wie ſich ein jäher Wind in der Nacht erhebt. Der Fremde war noch un⸗ ter ſeinem beſchimpften Dache; drei Schritte konnten ihn an die Thüre der Kammer bringen, wo er ſchlief, ein einziger Streich konnte ſie einſchlagen.—„Ihr könn⸗ tet einen Mord begehen, bevor Ihr's Euch verſeht!“ Konnte das aber ein Mord ſeyn, wenn er dem Schur⸗ ken Zeit gab, Mann gegen Mann mit ihm zu ringen, da der Frevler doch der Jüngere war. Ja, er war der Jüngere!— Ja, ja, er war ein Liebhaber, der das Herz gewonnen hatte, das John nie zu rühren vermocht. Irgend ein Liebhaber aus früheren Jahren, an den ſie gedacht und von dem ſie geträumt, nach dem ſie ſich vielleicht fort und fort geſehnt hatte, während er ſie ſo glücklich an ſeiner Seite wähnte. O, es lag ein namenloſer Schmerz in dieſem Gedanken! Sie war mit dem Kleinen, den ſie zu Bette ge⸗ bracht hatte, im obern Stock geweſen; wie er ſo brütend und gedankenvoll am Herde ſaß, kam ſie ganz in ſeine Nähe, ohne daß er es merkte— vor lauter Schmerz hatte er für alles Weitere um ihn her Auge und Sinn verloren— und rückte ihren kleinen Stuhl hart vor ſeine Füße. Er bemerkte es erſt, als er ihre Hand in der ſeinigen fühlte und ſie zu ſich auf und in ſein Ge⸗ ſicht blicken ſah. Aber nicht mit Verwunderung blickte ſie ihn an, 9⁰ ſondern mit einem ſcharfen, ängſtlichen, forſchenden Auge. Zuerſt war ihr Blick unruhig und ernſt, dann verwan⸗ delte ſich ihre Miene in ein wildes ſchmerzliches Lächeln der Verachtung, als ſie ſeine Gedanken errieth, und end⸗ lich barg ſie das Geſtcht in die Hände, ließ den Kopf ſinken und verſank in ein ſchmerzliches, ſtilles Weinen. Wenn ihm in dieſem Augenblicke auch übermächtige Gewalt gegeben geweſen wäre, ſo hatte er doch noch zu viel von der göttlichen Tugend der Barmherzigkeit in ſeinem Buſen, als daß er auch nur einen Gedanken von Zorn in dieſem Augenblick auf ſie geworfen hätte. Es war ihm aber unmöglich, ſie hier auf dem kleinen Stuhle ſitzen zu ſehen, wo er ſie ſo oft in ihrer heitern Unſchuld mit allem Stolze ſeiner Liebe beobachtet hatte; und als ſie endlich aufſtund und ihn verließ, und im Weggehen bitterlich weinte, da gereichte es ihm eher zum Troſte, den Raum neben ihm leer zu ſehen, als ihre ſonſt ſo holde Gegenwart zu genießen. Dieß an und für ſich war der bitterſte Schmerz, der ihn betrof⸗ fen hatte, denn er zeigte ihm, wie allein und verlaſſen er nun geworden ſey und wie das größſte Band ſeines Lebens nun einen plötzlichen, unheilbaren Riß bekommen. Je mehr er dieß fühlte und zur Erkenntniß kam, daß er ſie weit eher auf frühem Todbette ſammt dem Kinde an ihrer Bruſt vor ſich liegen geſehen haben würde, deſto höher ſtieg ſein bitterer Groll gegen ſei⸗ nen Feind. Er ſah ſich in der That jetzt nach einer Waffe um. Dort hieng eine Flinte an der Wand, die er her⸗ abnahm und mit der er ein paar Schritte auf die Thüre des Zimmers zugieng, worin der treuloſe Gaſt ſchlief. Er wußte, daß die Flinte geladen war. Er hegte ſogar eine dämmernde Ahnung, es wäre Recht geübt, wenn er die en Menſchen wie ein wildes Thier niederſchöſſe, und dieſer Gedanke wuchs in ſeinem Geiſte ſo heran, daß er zu einem rieſigen Dämon wurde, der ſich ſeiner voll⸗ 91 kommeun bemächtigte, alle milderen Gedanken austrieb und ihn umumſchränkt beherrſchte. Dieſer Ausdruck iſt eigentlich falſch, denn ſeine milderen Gedanken wurden nicht ausgetrieben, ſondern vielmehr nur künſtlich und argliſtig umgewandelt; ſie verkehrten ſich in Geißeln, die ihn vorwärts trieben; ſie verkehrten ihm Waſſer in Blut, Liebe in Haß, Sanft⸗ muth in blinde Wuth. Ihr Bild, wenn auch kummer⸗ voll, gedemüthigt und gewiſſermaßen entweiht, kam doch nie aus ſeiner Seele, ſondern flehte ihn mit unwider⸗ ſtehlicher Macht um Liebe und Erbarmen an; wie er aber hier ſtand, drängte es ihn zu jener Thüre, zog die Waffe zu ſeiner Schulter herauf, zuckte krampfhaft ſeine Finger nach dem Drücker hin und rief ihm zu: er⸗ ſchlage ihn in ſeinem Bett! Er drehte die Flinte um, um mit dem Kolben an die Thüre zu pochen, er hatte ſie ſchon in die Luft er⸗ hoben um zuzuſchlagen,— irgend eine unklare Gewalt drängte ihn jetzt, dem Fremden zuzurufen, er ſolle um Gottes willen durch's Fenſter entfliehen.... Da ward auf einmal das verglimmende Feuer wie von überirdiſcher Gewalt angefacht, das ganze Kamin war von hellem Lichtſchein erfüllt und das Grillchen auf dem Heerde begann auf einmal zu zirpen! Kein Ton, den er hätte hören können, keine menſch⸗ liche Stimme, ſelbſt die ihrige nicht, hätte ihn ſo zu rühren vermocht. Die kunſtloſen Worte, in welchen ſie ihm ihre Liebe zu eben dieſem Heimchen geſtanden hatte, klangen auf einmal wieder von Neuem in ſeine Ohren; er ſah gleichſam von Neuem, wie ernſt, gerührt und er⸗ griffen ſte damals geweſen; ihre holde Stimme durch⸗ tönte ſein beſſeres Weſen und rief es von Neuem zu Leben und Thatkraft auf. Er ſtürzte von der Thüre zurück, wie ein Schlaf⸗ wandler, der aus einem fürchterlichen Traume erweckt witd, und ſtellte die Flinte bei Seite. Das Geſicht in ſeine Hände verbergend, ſetzte er ſich alsdann wieder zum 92 Feuer, und fand in Thränen Erleichterung für ſein ſchmerzbewegtes Herz. Das Heimchen auf dem Herde trat in's Zimmer heraus und ſtand in Elfengeſtalt vor ihm. „Ich liebe es,“ ſagte die Elfenſtimme, ihm wohl⸗ bekannte Worte wiederholend,—„weil ich es ſchon manch liebes Mal gehört, und weil mir ſeine harmloſe Melodie ſchon ſo manchen holden Gedanken gegeben hat!“ „Es iſt wahr,“ ſagte der Kärrner,—„ſo ſprach ſie einſt!“ „Dieß Haus war mir eine glückliche Stätte, John, und ich liebe das Heimchen um ihretwillen!“ „Gott weiß es, daß es eine glückliche Stätte war!“ verſetzte der Kärrner.—„Sie hat es glücklich gemacht, allezeit, bis auf den heutigen Tag!“ „Sie iſt ſo anmuthig, ſo gutmüthig, ſo häuslich, geſchäftig und muntern Sinnes!“ ſagte die Elfen⸗ ſtimme. „Ja, das iſt ſie,“ gab der Kärrner zur Antwort, „ſonſt würde ich ſie auch nicht ſo geliebt haben!“ „Lieben!“ verbeſſerte ihm das Elfenheimchen. Der Fuhrmann wiederholte:„Geliebt haben;“— allein es war ihm nicht recht Ernſt; ſeine Stimme war nicht feſt, ſeine ſtammelnde Zunge widerſtand ſeinem Willen und wollte ſich, um ſeinet⸗ wie um ihretwillen, auf ihre eigene Weiſe ausſprechen. Die Elfengeſtalt erhob ihre Hand wie beſchwörend und ſagte: „Auf Deinem eigenen Heerde....“ „Auf dem Heerde, den ſie unglücklich gemacht hat!“ wandte der Kärrner ein. „Auf dem Heerde, den ſie ſo oft glücklich gemacht und geſegnet hat,“ ſagte das Heimchen;—„auf dem Heerd, der ohne ſie nur ein Haufen Steine und Back⸗ ſteine und roſtiger Eiſenſtangen wäre, den ſie aber durch ihren eigenen Zauber zu einem Altar Deines Hauſes gem Leid ein über aus zum je Ten eige von er h die Kär ner verſ die die Stu Ged vor, einſ aus aus aus Sti und oder ung hau ſteh tig anz zud ſich her ſein nmer vohl⸗ ſchon mloſe geben prach John, var!“ aacht, lich, lfen⸗ vort, 4 war inem illen, Brend 19 at!“ nacht dem Back⸗ durch uſes 93³ gemacht, worauf Du allnächtlich irgend eine kindiſche Leidenſchaft, Selbſtſucht oder Sorge geopfert und ihr ein friedliches Gemuͤth, ein vertrauendes Weſen und ein überſtrömendes Herz gewidmet hatteſt, ſo daß der Rauch aus dieſem armſeligen Kamin mit köſtlicherem Dufte zum Himmel emporſtieg als der beſte Weihrauch, der je vor den reichſten Götzenbildern in alten prächtigen Tempeln dieſer Welt verbrannt worden iſt,— auf Deinem eigenen Heerde, in ſeinem ſtillen Heiligthume, umgeben von all' ſeinem holden Einfluſſe und den Gedanken, die er hervorruft, höre ſie! höre mich! höre auf Alles, was die Sprache Deines Herdes und Deiner Heimath redet.“ „Spricht das Alles aber auch für ſie?“ fragte der Kärrner. „Alles, was die Sprache Deines Heerdes und Dei⸗ ner traulichen Häuslichkeit redet, muß für ſie ſprechen!“ verſetzte das Heimchen,—„denn alle dieſe Dinge reden die Wahrheit.— Während der Kärrner, den Kopf in die Hände geſtützt, noch immer nachdenklich auf ſeinem Stuhle ſaß, trat die Gegenwart zu ihm, erhaſchte ſeine Gedanken durch ihre Macht und ſtellte ſie ihm wieder vor, wie in einem Spiegel oder Gemälde. Es war kein einſames Bildniß, denn vom Heerdſteine, vom Kamine, aus der Uhr, aus der Pfeife, dem Keſſel und der Wiege, aus dem Boden, den Wänden, der Decke und der Treppe, aus dem Karren draußen, und dem Schranke in der Stube, aus allen Hausgeräthen und aus jedem Ding und jedem Orte, womit ſie je in Berührung gekommen, oder womit ſich eine Erinnerung an ſie im Geiſte ihres unglücklichen Gatten verband— kamen die Elfen jetzt haufenweiſe hervor. Sie blieben aber nicht neben ihm ſtehen wie das Heimchen, ſondern wimmelten geſchäf⸗ tig durcheinander, um ihrem Bilde alle mögliche Ehre anzuthun, um ihn am Rocke zu zupfen und darauf hin⸗ zudeuten, ſo oft er erſchien, um das Bild zu umarmen, ſich an daſſelbe anzuſchmiegen und Blumen vor ihm herzuſtreuen. Sie verſuchten es, das hübſche Köpfchen 94 des Bildes mit ihren feinen Händchen zu krönen, ſie wollten zeigen, daß ſie es liebten und verehrten, und daß kein einziges häßliches, tückiſches oder verdächtigendes Weſen dawider aufſtehe, ein Zeugniß davon abzulegen— ſondern daß nur die munteren, freundlichen kleinen Elfen⸗ geſtalten es umſpielen dürften. Seine Gedanken hielten getreulich bei ihrem Bilde aus, denn es ſtand immer vor ihm. Da ſaß ſie mit ihrer Nadelarbeit vor dem Feuer und ſang ſich ein Liedchen. Ein allerliebſtes, geſchäftiges, emſiges, kleines Weibchen! Die Feengeſtalten wandten, als hätten fie es untereinander abgemacht, alle zu gleicher Zeit einen ſtie⸗ ren, wunderbaren Blick auf ihn und ſchienen ihn zu fragen: iſt dieß das leichtſinnige Weib, das Du be⸗ trauerſt? 4 Heitere Töne drangen von Außen herein: Muſik und Gelächter und fröhliches unbefangenes Geplauder. Eine ganze Menge fröhlicher junger Paare ſtrömte her⸗ ein, darunter auch Mathilde Fielding und ein Dutzend hübſcher Mädchen. Dot war die hübſcheſte von Allen und ebenſo auch die jüngſte der ganzen Schaar. Sie waren gekommen um Dot einzuladen, daß ſie an ihrem Vergnügen Antheil nähme;— ſie wollten ſie zum Tanze führen. Wenn je ein kleiner Fuß zum Tanzen geſchaf⸗ fen war, ſo war es ſicher der ihrige. Aber ſie lachte und ſchüttelte den Kopf und deutete auf das Küchen⸗ geſchirr am Feuer und auf den gedeckten Tiſch mit einem ſo fröhlichen Triumphe, daß ſie dadurch nur noch hüb⸗ ſcher ſchien als zuvor. Und ſo entließ ſie ſie luſtig und verabſchiedete ihre vermeintlichen Tänzer Einen um den Andern mit einer komiſchen Gleichgültigkeit, die hinrei⸗ chend war, ſie ſogleich in's Waſſer zu treiben, wenn ſie ihre Anbeter waren— und das müſſen ſie mehr oder — weniger Alle unwillkürlich geweſen ſeyn. Und doch lag Gleichgültigkeit gar nicht in ihrem Charakter— gewiß nicht; denn gleich darauf trat ein gewiſſer Kärrner unter ſie daß ndes n— ffen⸗ Zilde mit ein ines le es ſtie⸗ n zu be⸗ duſik ider. her⸗ zend llen Sie rem anze chaf⸗ ichte hen⸗ nem hüb⸗ und den nrei⸗ ſie oder lag :wiß nter 95 die Thüre und da hättet Ihr Euch nicht wenig gewun⸗ dert über die Herzlichkeit, womit ſie ihn empfieng! Und abermals wandten die Geſtalten alle auf ein⸗ mal ihre Blicke auf ihn und ſchienen ihn zu fragen: iſt dieß das Weib, das Dir untreu geworden iſt? Ein Schatten fiel auf den Spiegel oder das Bild — wie Ihr es eben nennen wollt. Ein großer Schat⸗ ten von dem Fremdlinge, wie er damals zuerſt unter ihrem Dache ſtund. Er bedeckte die ganze Oberfläche deſſelben und verlöſchte alle andern Gegenſtände. Aber die rüſtigen Elfen arbeiteten wie die Bienen, um ihn wieder fortzuſchaffen, und Dot war abermals hier, noch immer ſchön und unbefleckt. Sie ſchaukelte den Kleinen in ſeiner Wiege, ſang ihn leiſe in Schlaf und lehnte ihr Haupt an eine Schul⸗ ter, die ihr Ebenbild an der nachdenklichen Geſtalt fand, neben welcher das elfenhafte Heimchen ſtund. Die Nacht— ich meine die wirkliche Nacht, nicht die nach der Elfen Zeitrechnung— verſtrich jetzt all⸗ mählich, und gerade bei dieſem Stadium in den Gedan⸗ ken des Kärrners brach der Mond hervor und ſchien hell am Himmel. Vielleicht war auch in ſeinem Ge⸗ müthe jetzt ein ruhiges ſtetes Licht aufgegangen und er konnte gemächlicher über das nachdenken, was ihm be⸗ gegnet war. Obwohl der Schatten des Fremden noch immer in Zwiſchenräumen auf den Spiegel fiel und zwar beſtimmt, deutlich, groß und genau zu unterſcheiden— fiel er doch nicht mehr ſo dunkel darauf wie zuvor. So oft er erſchien, ſtießen die Elfen einen allgemeinen Schrei der Beſtürzung aus und regten mit unbeſchreiblicher Ge⸗ ſchwindigkeit die kleinen Aermchen und Beinchen, um das Bild ſo viel wie möglich auszuwiſchen, und ſo oft Dot wieder zum Vorſchein kam und ſie ſie ihm aber⸗ mals zeigen konnten im Glanze ihrer unbefleckten Schön⸗ heit, brachen ſie in das begeiſtertſte Freudengeſchrei aus. Sie zeigten ihm ihr Bild niemals anders als in der reinſten Schönheit, denn ſie waren Schutzgeiſter ſei⸗ 96 nes Hauſes, die die Lüge haßten; und da ſie dieß waren, konnte Dot für ſie auch nichts anderes ſeyn, als das geſchäftige, heitere, frohe, liebe Weibchen, welche Licht und Sonne am Heerde des Kärrners geweſen war. Beſonders luſtig und aufgeregt waren die Feen, als ſie ihm ihr Bild mit dem Kinde zeigten, wie ſie mitten unter einem Haufen würdiger alter Matronen plauderte und ſich ſelber ſo zum Verwundern großmütterlich und altklug gebehrdete, und ſich auf eine ſo geſetzte, wohlbe⸗ dächtige Weiſe auf den Arm ihres Gatten lehnte, als gäbe ſie ſich— dieſer Schelm von einem hübſchen freund⸗ lichen Weibchen!— das Anſehen, als habe ſie allen Eitelkeiten der Welt abgeſchworen und ſey ſchon eine ſo gereifte Perſon, daß es ihr gar nichts Neues mehr ſey, Mutter zu heißen. Im andern Augenblick aber zeigten ſie ihm wieder Dot, wie ſie über des Kärrners unge⸗ ſchlachtes Weſen lachte und ſeinen Hemdkragen herauf⸗ ſchlug, um ihn recht elegant zu machen, und wie luſtig fie in demſelben Stübchen auf und ab hüpfte, um ihm die Anfangsgründe des Tanzens zu zeigen. Nun wandten ſie ſich wieder um und blickten ihn aufmerkſam an, als ſie ihm Dot bei dem blinden Mäd⸗ chen zeigten; denn wiewohl ſie Heiterkeit und Leben überall verbreitete. wo ſie gieng und ſtund, machte ſie doch dieſe Eigenſchaften in Kaleb Plummer's Hauſe vor⸗ zugsweiſe und im reichſten Maße geltend. Des blinden Mädchens Liebe zu ihr, ſein Vertrauen in ſie und ſeine Dankbarkeit gegen ſie, ihre eigene gutmüthige, geſchäf⸗ tige Weiſe, Bertha's Dank ſich zu entziehen; ihre ge⸗ fälligen und geſchickten kleinen Ränke, um jeden Augen⸗ blick ihres Beſuchs bei Bertha mit irgend einem nütz⸗ lichen Geſchäfte auszufüllen und in der That hart zu arbeiten, während ſie ſich einen Feiertag zu machen ſchien; ihre fürſorgliche Freigebigkeit in jenen ſtereotypen Leckerbiſſen, der Kalbfleiſch⸗ und Schinkenpaſtete und dem Flaſchenbier; die ſtrahlende Freude ihres Geſicht⸗ chens, wenn ſie in jenem Hauſe ankam oder ſich dort ren, das Licht als itten derte und hlbe⸗ als und⸗ allen ie ſo ſey, igten inge⸗ rauf⸗ uſtig ihm ihn Mäd⸗ keben e ſie vor⸗ inden ſeine ſchäf⸗ 1t ge⸗ ugen⸗ nütz⸗ rt zu achen typen und ſicht⸗ dort 97 verabſchiedete; der wunderbare Ausdruck in ihrem ganzen Weſen von ihrem hübſchen Füßchen an bis zum runden Scheitel herauf, der gleichſam zu ſagen ſchien, ſie ſey ein Theil jenes Hausweſens, eine ganz unentbehrliche Zubehör deſſelben— das alles zeigten ihm die Elfen unter lautem Frohlocken und ſchienen ſie eben darum zu lieben. Und abermals blickten ſie dann Alle zugleich bittend ihm in's Geſicht und ſchienen, während einige von ihnen Dot liebkosten und ihre Kleidung in Ord⸗ nung brachten, ihn zu fragen: Iſt dieß das Weib, das Dein Vertrauen getäuſcht hat? Noch mehr als einmal oder zweimal oder dreimal in der langen, gedankenvollen Nacht zeigten ſie ihm Dot auf ihrem Lieblingsſtühlchen mit geſenktem Kopf und verwirrtem Haar, das Geſicht mit den Händen ver⸗ hüllend,— ganz ſo, wie er ſie zuletzt geſehen hatte, und als er ſie ſo ſah, drehten ſie ſich nach ihm um und blickten nicht auf ihn, ſondern ſchaarten ſich um ſie, ſchmiegten ſich an ihren Buſen, tröſteten und küßten ſie; — ja ſie ermunterten ſich gleichſam gegenſeitig unter ſich, ihr mit Theilnahme und Wohlwollen zu begegnen, und vergaßen ihn Alle ſammt und ſonders. So verging die Nacht. Der Mond ging unter, die Sterne erbleichten, der kalte Tag brach an, die Sonne ging auf. Noch immer ſaß der Kärrner gedankenvoll in der Ecke am Kamin. Den Kopf in die Hände ge⸗ ſtützt, ſaß er da, die ganze Nacht hindurch hatte das treue Heimchen ſo Gezirpe und Geſang vom Heerde her erſchallen laſſen; die ganze Nacht hatte er ſeiner Stimme gelauſcht; die ganze Nacht hatten die holden Elfen, die wohlwollenden Schutzgeiſter ſeines Heerdes, ſich mit ihm beſchäftigt;— die ganze Nacht hindurch war Dot ihm tadellos, liebenswürdig und ſchöner als je im Spiegel erſchienen, außer wenn jener einzige Schatte auf ſie fiel. Als es heller Tag war, ſtand er auf, wuſch ſich und kleidete ſich an. Seinen gewohnten, heiteren und lieh⸗ Boz, Grillchen anf dem Heerde, 7 98 gewonnenen Berufsgeſchäften konnte er aber heute nicht uachgehen, denn es fehlte ihm an Muth dazu; doch hatte dieß heute nichts zu bedeuten, weil es ja Tackle⸗ ton's Hochzeitstag war, und er ſich ſchon im Voraus einen Stellvertreter für ſein Tagewerk beſtellt hatte. Er hatte ſich vorgenommen gehabt, an Dot's Seite vergnügt zur Kirche zu gehen; allein mit dieſen Planen war es jetzt vorbei. Heute war ja ohnedieß ihr eigener Hoch⸗ zeitstag; aber ach, wie wenig hatte er gerade heute vor einem Jahre einen ſolchen Jahresſchluß erwartet! Der Kärrner vermuthete, Tackleton werde ihm ſchon am frühen Morgen einen Beſuch abſtatten, und er irrte ſich nicht. Er war noch nicht lange vor ſeiner eigenen Thür auf und abgegangen, ſo ſah er den Spielzeughänd⸗ ler in ſeiner Chaiſe die Straße herunterfahren. Als der Wagen näher kam, ſah er, daß Tackleton ſich zu ſei⸗ ner Hochzeit bereits ganz koſtbar herausgeputzt und den Kopf ſeines Pferdes mit Blumen und Bandſchleifen ge⸗ ſchmückt hatte. Das Pferd ſah weit eher wie ein Bräutigam aus als Tackleton, deſſen halbgeſchloſſenes Auge heute einen wider⸗ wärtigeren Ausdruck hatte als je. Der Kärrner aber gab wenig Acht darauf, denn ſeine Gedanken hatten eine ganz andere Richtung genommen. „John Peerybingle!“ ſagte Tackleton mit der Con⸗ dolenzmiene eines Leichenbitters;—„guter Gevatter, wie ſteht es mit Euch heute früh?“ „Ich habe eine ſehr ſchlechte Nacht gehabt, Meiſter Tackleton,“ verſetzte der Kärrner kopfſchüttelnd;—„denn ich bin ganz aus meiner gewöhnlichen Stimmung auf⸗ geſtört und an mir ſelber irre geworden. Nun iſt's aber vorüber! Könnt Ihr mir etwa ein halbes Stünd⸗ chen zu einer Unterredung unter vier Augen vergön⸗ nen?“ „Ich kam eben in dieſer Abſicht hieher,“ erwiderte Tackleton, aus dem Wagen ſteigend;—„kümmert Euch nicht um das Pferd! Es wird ruhig ſtehen bleiben, 99 wenn Ihr die Zügel über dieſen Pfoſten hängt und ihm eine Handvoll Heu gebt!“ Als ihm der Kärrner dieß aus dem Stalle gebracht und vorgeſetzt hatte, begaben ſie ſich Beide in’s Haus. „Ihr werdet wohl vor Mittag noch nicht getraut, denk' ich?“ fragte John. „Nein!“ gab Tackleton zur Antwort;—„ich habe Zeit genug übrig— Zeit im Ueberfluß!“ Als ſie in die Küche traten, polterte Tilly Slow⸗ boy eben an der Thüre des Zimmers, das der Fremde bewohnte, und das nur ein paar Schritte von dort entfernt war. Eins ihrer ſtarkgerötheten Augen(denn Tilly hatte die ganze Nacht hindurch geweint, weil ſie ihre Herrin weinen hörte) war am Schlüſſelloche und ſie pochte ſehr laut und ſchien höchſt beſtürzt. „Ich kann mich Niemand nicht verſtändlich machen, wenn Sie's erlauben; Niemand will mich nicht hören!“ ſagte Tilly und blickt ſich rundum;—„hoffentlich wird doch Niemand nicht gegangen und geſtorben und verdor⸗ ben ſeyn, wenn Sie's erlauben!“ Dieſem philanthropiſchen Wunſche gab Miß Slow⸗ boy durch verſchiedene neue Schläge und Wirbel an die Thüre Nachdruck, allein ſie führten zu keinem weitern Reſultate. „Soll ich hingehen?“ fragte Tackleton;—„es kommt mir doch etwas ſeltſam und ungeheuerlich vor!“ Der Kärrner, der die Augen abſichtlich von der Thüre abgewandt hatte, gab ihm durch Zeichen zu ver⸗ ſtehen, er könne hingehen, wenn es ihm etwa Vergnü⸗ gen mache. Nun kam Tackleton der unbeholfenen Tilly Slow⸗ boy zu Hülfe, pochte und polterte aus Leibeskräften, er⸗ hielt aber ebenſowenig auch nur die geringſte Antwort. Endlich kam er auf den Gedanken, den Drücker der Thüre zu probiren und da ſie ſich leicht öffnen ließ, 7* 8 100 ſchielte er zuerſt hinein, ſchaute hinein, trat in die Stube und kam dann wieder alsbald haſtig herausgelaufen. „John Peerybingle,“ flüſterte ihm Tackleton in's Ohr,—„hoffentlich iſt doch heute Nacht nichts.... nichts Voreiliges vorgefallen?—“ Der Karrner drehte ſich in aller Ruhe nach ihm um. „Weil der Vogel ausgeflogen und das Fenſter offen iſt!“ fuhr Tackleton fort;—„ich ſehe freilich keine »Spuren—'s iſt zwar allerdings beinahe auf gleichem Niveau mit dem Garten— aber ich fürchtete ſchon, es habe irgend ein.... irgend ein Streit ſtattgefunden— heda, was ſagt Ihr dazu?“ Dabei drückte er das ausdrucksvolle Auge faſt ganz zu, faßte den Kärrner ſcharf in's Geſicht und gab ſei⸗ nem Auge, ſeinem Antlitz und ſeinem ganzen Weſen etwas ſo Durchbohrendes, als ob er gewiſſermaßen die Wahrheit aus ihm hätte herausſchrauben wollen. „Beruhigt Euch nur,“ ſagte der Kärrner;—„er betrat geſtern Abend jenes Stübchen, ohne daß ich ihn mit Wort und That gekränkt hätte und ſeither iſt Nie⸗ mand dort hineingekommen. Er iſt aus eigenem freien Willen auf und davon gegangen. Ich würde mit Freu⸗ den aus dieſem Hauſe treten und mein Lebenlang mein Brod vor den Hausthüren betteln, wenn ich an der Ver⸗ gangenheit das ändern könnte, daß er je in mein Haus gekommen wäre. Allein er iſt gekommen und gegangen, und ich habe ihm vergeben!“ „Oho,“ ſagte Tackleton, und nahm ſich einen Stuhl, —„je nun, ich denke, da iſt er ziemlich gut wegge⸗ kommen!“ Das höhniſche Lächeln, womit er dieſe Worte be⸗ gleitete, ging für den Kärrner verloren, der ſich nun ebenfalls ſetzte, den Kopf in die Hand ſtützte, die andere Hand über die Augen legte und eine Zeitlang ſtille brütend daſaß, bevor er wieder fortfuhr. „Ihr zeigtet mir geſtern Abend meine Frau⸗“ ſagte 6 1 101 er endlich,—„meine Frau, die ich ſo liebe, wie ſie heimlich....“ „Und zärtlich!“ ſchob Tackleton ein. „An der Verkleidung jenes Mannes mitwirkte und ihm Gelegenheit gab, allein mit ihr zu verkehren. Ich verſichere Euch, es giebt keinen Anblick in der Welt, den ich Euch weniger gegönnt hätte als dieſen; ich weiß nicht, was ich nicht lieber geſehen hätte, aber ich geſtehe Euch, auch von keinem Manne in der Welt hätte ich mir's weniger gern zeigen laſſen als von Euch!“ „Ich geſtehe,“ ſagte Tackleton,„daß ich von jeher einen gewiſſen Argwohn gehegt habe; und ich weiß, daß dieß auch die Schuld war, warum ich hier nicht ſonder⸗ lich gern geſehen wurde.“ „Aber als Ihr mir ſie zeigtet,“ fuhr der Kärrner fort, ohne auf ihn zu hören;„als Ihr ſie ſabt, mein Weib— das Weib das ich liebe“— ſeine Stimme und Auge und Hand wurden ruhiger und feſter, als er dieſe Vorte wiederholte, offenbar um einen feſten Vorſatz, be⸗ züglich deſſen er bereits mit ſich einig war, auszufüh⸗ ren;—„da Ihr ſie ſo unter dieſen ungünſtigen Umſtän⸗ den ſahet, iſt es nicht mehr als billig, als daß Ihr ſie jetzt auch mit meinen Augen ſehen und in meinen Bu⸗ ſen blicken und wiſſen ſollet, was meine Anſicht über dieſe Sache iſt. Denn ich bin jetzt mit mir einig, was ich thun ſoll,“ ſagte der Kärrner, und faßte Tackleton feſt in's Auge;—„und nichts kann mich von dieſem Vorſatze abbringen!“ Tackleton ſtammelte ein paar Gemeinplätze, welche ſeine Beiſtimmung und ſeine Anſicht von der Nothwen⸗ digkeit, dieß und jenes noch genauer zu erwägen, aus⸗ drücken ſollten, allein das Betragen des Kärrners flößte ihm ſo viele Ehrfurcht ein, daß er nichts Weiteres zu äußern wagte. So ſchlicht und ungehobelt dieſer Mann auch war, ſo lag doch in ſeinem ganzen Weſen etwas Würdiges und Edles, das nur eine edelmüthige ehren⸗ 10² hafte Seele verleihen konnte, die in dieſer ſchlichten Hülle wohnte. „Ich bin ein ſimpler, ungeſchlachter Mann,“ fuhr der Karrner fort,—„und habe nur wenig Eigenſchaf⸗ ten an mir, die mich empfehlen könnten. Ich bin kein gewandter Mann, wie Ihr wohl wißt. Ich bin auch kein junger Mann mehr. Ich liebte meine kleine Dot, weil ich ſie von Kindesbeinen an in ihres Vaters Hauſe habe aufwachſen ſehen; weil ich wußte, was für ein köſtlicher Schatz ſie war; weil ſie lange Jahre hin⸗ durch mein Augapfel und mein Lebenslicht geweſen war. Es giebt manche Männer, mit denen ich mich nicht vergleichen kann, die aber meine kleine Dot ſchwerlich ſo geliebt hätten, wie ich ſie liebe.“ Er hielt inne, trat ein paar Mal leiſe mit dem Fuß auf den Boden, und fuhr dann erſt fort: „Ich habe mich oft mit dem Gedanken getröſtet, ich könne, wenn ich nicht gerade gut genug für ſie war, doch einen wohlwollenden Ehemann für ſie abgeben; und Niemand kannte vielleicht ihren Werth beſſer als ich. Auf dieſe Weiſe machte ich mich mit jenem Gedanken vertraut, und machte mich gar glauben, es ſey möglich, daß wir uns gar noch heiratheten. Und am Ende kam es doch noch dazu, und wir wurden getraut.“ „Aha!“ ſagte Tackleton, und ſchüttelte auf ſehr be⸗ deutſame Weiſe den Kopf. „Ich hatte mich ſelber ſtudirt; ich hatte Erfahrun⸗ gen über mich gemacht, ich wußte wie ſehr ich ſie liebte und wie glücklich ich ſeyn würde!“ fuhr der Kärrner fort;—„allein ich füͤhle es jetzt ſelbſt, ich hatte ſie noch nicht gehörig kennen gelernt und in Betracht ge⸗ zogen“ „Natürlich!“ ſagte Tackleton;—„Leichtſinn, Koket⸗ terie, Flatterhaftigkeit, Eitelkeit, Sucht nach Bewunde⸗ rung! Das Alles habt Ihr nicht gehörig in Betracht gezogen! Aha, das habt Ihr Alles außer Augen ge⸗ laſſen!“ 1 10³ „Ihr würdet am Beſten daran thun, mich nicht mehr zu unterbrechen, als bis Ihr mich verſteht,“ ſagte der Kärrner mit beſonders ernſtem Nachdrucke,„und Ihr ſeyd noch ſehr weit davon entfernt. Wenn ich geſtern den Mann mit einem einzigen Streiche niedergeſtreckt haben würde, der es gewagt hätte, auch nur ein Wort der Anklage gegen ſie zu äußern, ſo würde ich ihm heute die Ferſe auf die Kehle ſetzen, und wenn es mein Bru⸗ der wäre!“ Der Spielzeughändler ſtierte ihn betroffen an, der Kärrner aber blieb noch immer ruhig. „Habe ich bedacht, als ich ſie nahm,“ fuhr der Kärrner in ſanfterem Tone fort,—„daß ich ſie in ih⸗ rem Alter und mit ihrer Schönheit von ihren jungen Geſpielinnen und den mancherlei Auftritten hinwegnahm, deren Zierde ſie war? daß ich ſie einem Kreiſe ent⸗ fremdete, worin ſie der allerhellſte Stern war, um ſie Tag und Nacht in mein ſtilles langweiliges Haus ein⸗ zuſperren, und ihr meinen langweiligen Umgang aufzu⸗ drängen? Habe ich in Erwägung gezogen, wie wenig ich zu ihrer heiteren frohen Laune paßte, und wie uner⸗ träglich ſo ein unbehülflicher Mann, wie ich, für ein Weſen von ihrer raſchen Faſſungskraft ſeyn mußte? Zog ich in Betracht, daß meine Liebe zu ihr kein Verdienſt oder kein Anſpruch auf Verdienſt war, da Jedermanu der ſie kannte, ſie auch lieben mußte? Nein, niemals habe ich das gethan. Ich machte mir ihr zutrauens⸗ volles Weſen und ihr heiteres Gemüth zu Nutze und heirathete fie. Allein ich wünſchte, ich hätte es nie ge⸗ than— nicht um ihretwillen, ſondern um meinetwillen!“ Der Spielwaarenhändler ſtierte ihm unverwandt und ohne eine Muskel zu verziehen in's Geſicht, und ſelbſt ſein halbgeſchloſſenes Auge ſtand jetzt offen. „Der Himmel ſegne ſie,“ fuhr der Kärrner fort; —„für die unverdroſſene Beſtändigkeit, womit ſie ſich bemüht hat, mir dieſe Erkenntniß vorzuenthalten! Und der Himmel verzeihe es mir, daß ich mit meinem ſchwer⸗ 104 fälligen Verſtande dieß nicht früher ſchon eingeſehen!— Armes Kind! Arme Dot! daß ich es nicht einſah, da ich ſie doch weinen ſah, als auf eine Heirath wie die unſrige die Rede kam! Ich, der ich doch hundert Mal das Geheimniß auf ihren Lippen ſah und es niemals ahnte, als bis zum geſtrigen Abende!— Wie konnte ich je hoffen, ſie werde mich lieben! Wie konnte ich gar glauben, ſie liebe mich!“ „Sie gab ſich wenigſtens das Anſehen,“ ſagte Tack⸗ leton;—„ſie gab ſich ſo ſehr das Anſehen, daß es— um Euch die Wahrheit zu ſagen— mir gerade den erſten Grund zum Argwohn gab!“ Und hiebei unterließ er nicht, Mathilde Fielding's Vorzüge herauszuſtreichen, die ſich gewiß nicht Mühe gebe, ihm gegenüber Liebe zu heucheln. „Sie hat ſich Mühe gegeben, mir ihre wahre Nei⸗ gung zu verbergen,“ ſagte der arme Kärrner mit grö⸗ ßerer Aufregung, als er bisher an den Tag gelegt hatte; —„ich lerne nun erſt einſehen, wie ſehr ſie ſich Mühe gegeben, mir ein pflichtgetreues braves Weib zu ſeyn. Ach, wie gut war ſie von jeher; wie viel hat ſie für mich gethan, was für ein gutes ſtarkes Gemüth hat ſie! Von alle dem kann das Glück Zeugniß geben, das ich unter dieſem Dache genoſſen habe. Die Erinnerung daran wird mir zu einigem Troſte und Erleichterung ge⸗ reichen, wenn ich ſpäter allein hier verweile.“ „Allein hier!“ fragte Tackleton.—„Aha, Ihr ſeyd alſo geſonnen, einige Notiz davon zu nehmen?“ „Ich bin geſonnen,“ verſetzte der Kärrner,—„ihr den größten Gefallen zu thun, der in meiner Macht ſteht, und ihr jede mögliche Sühne zu bieten. Ich kann ſie von der täglichen Pein einer unglücklichen Ehe be⸗ freien und ſie des Zwanges entheben, womit ſie mir dieſe zu verbergen ſucht. Sie ſoll ſo frei ſeyn, als ich ſie nur machen kann.“ „Ihr wollt ihr eine Sühne bieten?“ rief Tackleton höhniſch, und griff mit der Hand an ſeine großen Oh⸗ 1⁰⁵ ren;—„dann muß ich Euch falſch verſtanden haben. Das konnte doch unmöglich Euer Ernſt ſeyn?“ Der Kärrner griff mit ſeiner ſtarken Hand nach Tackleton's Rockkragen und ſchüttelte ihn wie eine Gerte. „Hört mich an,“ ſagte er,„und gebt Euch Mühe, daß Ihr mich recht verſteht! Hört mich an;— ſpreche ich Euch deutlich genug?“ „O gewiß, ſehr deutlich,“ gab Tackleton zur Ant⸗ wort. „Glaubt Ihr, daß ich im Ernſte rede?“ fragte John. „Ich glaube, daß es Euch ſehr Ernſt iſt!“ rief der Spielwaarenhändler ängſtlich. „Ich ſaß geſtern Abend und die ganze lange Nacht auf dieſem Heerde,“ fuhr der Kärrner fort;—„auf dem⸗ ſelben Flecke, wo ſie ſo oft neben mir geſeſſen, und mit ihrem lieben Antlitz mir in die Augen geſchaut hat. Ich rief mir ihr ganzes Leben Tag um Tag in’s Gedächtniß zurück, ihr eigenes liebes Ich zog in jeder Handlung, in jedem einzelnen Zuge an mir vorüber, und bei mei⸗ ner Seelel ſie iſt unſchuldig, ſo wahr es einen Richter über uns giebt, der Unſchuld und Schuld zu unterſchei⸗ den weiß!“ Wackeres Heimchen auf dem Heerde! Treue Elfen, Schutzgeiſter des Hauſes! „Leidenſchaft und Mißtrauen ſind von mir gewichen,“ fuhr der Kärrner fort,„und nur mein Schmerz iſt noch bei mir geblieben. In einem unglücklichen Augenblicke kehrte ein ehemaliger Geliebter von ihr zurück, der für ihren Geſchmack und ihre Jahre beſſer paßte, als ich; ſie hat ihn um meinetwillen vielleicht gegen ihren Willen verlaſſen müſſen. In einem unglücklichen Augenblicke der Ueberraſchung, wo ſie nicht Zeit hatte darüber nach⸗ zudenken was ſie that, machte ſie ſich zur Mitſchuldigen ſeines Verraths, indem ſie ihn verhehlte. Geſtern Nacht ſah ſie ihn unter vier Augen, wobei wir ſie beobachteten. Das war Unrecht von ihr, aber auch ihr einziger Feh⸗ 106 ler, denn ſonſt iſt ſie unſchuldig, wenn ſonſt noch Wahr⸗ heit auf Erden iſt!“ „Je nun,“ ſagte Tackleton,„wenn das Eure An⸗ ſicht iſt....“ „Deßhalb laſſe ich ſie gehen!“ fuhr der Kärrner fort;—„ſie mag gehen mit meinem Segen und mei⸗ nem Dank für die vielen glücklichen Stunden, die ſie mir bereitet hat und mit meiner Vergebung für jeden Schmerz, den ſie mir verurſachte. Sie mag gehen und all' den Seelenfrieden genießen, den ich ihr wünſche! Sie ſoll mich nicht haſſen, ſie ſoll mich beſſer kennen lernen, ſobald ich keine ſchwere Bürde mehr für fie bin und ſie die Feſſel, die ich ihr ſchmiedete, nicht mehr trägt. Heute iſt der Taa, an dem ich ſie mit ſo wenig Bedachtnahme auf ihr Glück von ihrem heimathlichen Heerde hinwegnahm. Heute mag ſie wieder dorthin zu⸗ rückkehren und ich will ihr keinen Kummer mehr berei⸗ ten. Ihr Vater und Mutter werden heute hieherkom⸗ men— wir hatten uns vorgenommen, dieſen Tag im Familienkreiſe zu feiern— und ſie ſollen ſie wieder mit ſich nach Hauſe nehmen. Ich darf ihr dort und überall ver⸗ trauen. Sie verläßt mich ohne Fehl, und ich bin über⸗ zeugt, ſie wird ihr ganzes Leben lang fleckenlos bleiben. Wenn ich ſterben ſollte— vielleicht ſcheide ich, ſo lange ſie noch jung iſt, denn ich habe in wenigen Stunden meinen ganzen Lebensmuth verloren— ſo ſoll ſie inne werden, daß ich ihrer noch freundlich gedachte und ſie bis zum letzten Athemzuge liebte! Dieß iſt die Folge von Seu was Ihr mir gezeigt habt! Nun iſt Alles vor⸗ ei!“ „O nein, John, es iſt noch nicht vorbei!“ rief Dot; —„ſage ja nicht, es ſey ſchon vorbei! Nur jetzt noch nicht! Ich habe Deine edlen Worte angehört; ich konnte mich nicht davonſchleichen und mir den Anſchein geben, als wüßte ich nicht, was mich ſo tief gerührt und zu ſo innigem Danke bewogen hat! Sage ja nicht, es ſey vorbei, als bis die Glocke wieder geſchlagen hat!“ 1⁰7 Sie war kurz nach Tackleton in's Zimmer getreten, und da geblieben; ſie ſah ſich nicht nach Tackleton um, ſondern hielt ihre Augen feſt auf ihren Gatten gerichtet; abzer ſie blieb in einiger Entfernung von ihm ſtehen und legte einen möglichſt weiten Zwiſchenraum zwiſchen ſich und ihn, und obwohl ſie mit dem tiefſten Ernſte ſprach, trat ſie doch ſelbſt dann nicht näher auf ihn zu Wie verſchieden war dieß von ihrer früheren Gewohnheit und Weſen! „Keine Hand kann die Uhr verfe rtigen, welche uns die entſchwundenen Stunden wieder ſchlagen ſoll,“ ſagte der Kärrner mit ſtillem, wehmüthigem Lächeln;„laß es dabei bewenden, meine Liebe; es wird das Beſte ſeyn. Bald wird die Stunde ſchlagen, und es würde zu nichts führen, wenn wir mehr davon ſpraͤchen. Ich würde mir gerne Muͤhe geben, Dir noch in einer ſchwereren Ange⸗ legenheit als dieſe gefällig zu ſeyn.“ „Recht ſo!“ brummte Tackleton;—„aber jetzt muß ich fort, denn wenn die Glocke wieder ſchlägt, muß ich ſchon auf dem Weg zur Kirche ſeyn. Guten Tag, John Peerybingle, es thut mir leid, daß ich des Vergnügens Eurer Begleitung eutbehren muß. Ich bedaure den Verluſt und die Veranlaſſung dazu!“ „Ich habe mich deutlich gegen Euch ausgeſprochen,“ ſagte der Kärrner, als er ihn bis zur Thüre begleitete. „Ganz gewiß,“ gab Tackleton zur Antwort. „Und Ihr werdet wohl auch nicht vergeſſen, was ich geſagt habe?“ fragte John. „Gewiß nicht,“ verſetzte Tackleton, dem eine andere Bemerkung auf der Zunge brannte, um derenwillen er jedoch zuvor Vorkehrung traf, ſich in ſeinen Wagen zu flüchten;—„je nun, da Ihr mich zwingt, dieſe Bemer⸗ kung zu machen, muß ich Euch auch ſagen: das Ganze kam mir ſo unerwartet, daß ich es ſchon deßhalb nicht vergeſſen werde! „Um ſo beſſer für uns Beide!“ verſetzte der Kaͤrr⸗ ner;„Gott befohlen, ich wünſche Euch viel Vergnügen!“ 108 „Ich wollte ich könnte es Euch auch wünſchen!“ niche ſagte Tackleton;—„da dieß aber nicht der Fall iſt, ſo Ihne danke ich Euch ſchönſtens. Unter uns geſagt, wie ich gegn Euch, glaub' ich, ſchon vorhin bemerkte— hoffe ich Au darum nichtsdeſtoweniger recht viel Freude in meinem 3 Eheſtand zu erleben, weil Mathilde ſich gar nicht zu ſehr Phre um mich bekümmert hat, oder allzuliebreich gegen mich ſchal geweſen iſt. Lebt wohl, laßt's Euch nicht zu tief zu unter Der Kärrner blieb unter der Hausthüre ſtehen und bhe blickte ihm nach, bis er in der Ferne kleiner geworden würd war, als die Bandſchleifen und Blumen ſeines Pferdes Kale in der Nähe geweſen; dann ging er mit einem tiefen die 6 Seufzer, wie ein Mann, aus deſſen gebrochenem Herzen alle Ruhe entſchwunden, unter ein paar Ulmenbäume in Deſi der Nähe auf und ab, und wollte nicht in ſein Haus auf zurückkehren als bis der Hammer der Uhr aushob, um im die nächſte Stunde zu ſchlagen. in de Sein kleines Weibchen, das er allein zurückgelaſſen Kopf hatte, weinte jetzt bitterlich; aber oft trocknete ſie wieder G ihre Augen und tröſtete ſich mit dem Gedanken, wie u u gut und wie vortrefflich ſein Herz ſey; und einige Male bei d lachte ſie mitten unter'm Weinen ſo herzlich, ſo fröhlich und unvermittelt auf, daß Tilly fich darüber ganz ent⸗ dam ſetzte. 12 1— etwas „Ach, liebe Frau, weinen Sie doch nicht ſo, wenn's und beliebt,“ ſagte Tilly weinend;—„das reicht ja hin, den mich Kleinen umzubringen und zu begraben, wenn's gefällig binz iſt!“. 4 „Höre, Tilly!“ fragte ihre Herrin, die Augen trock⸗ din nend,—„willſt Du das Kind manchmal ſeinem Vater vorhr zum Beſuche hieherbringen, wenn ich nicht mehr hier wohnſen darf und in meine alte Heimath zurückgekehrt 4 ſie ſe bin?“; „Au, reden ſie doch nicht ſo, wenn's beliebt!“ rief ſeine Tilly, die nun ihren Kopf zurückwarf und in ein lautes halte Heulen gusbrach, daß ſie in dieſem Augenblicke Boxer 1⁰9 ungewöhnlich ähnlich ſah.—„Au, thun Sie doch das nicht, wenn's gefällig iſt! Au, was hat denn Jemands Ihnen gethan, und was iſt Ihnen mit Jedermanns be⸗ gegnet, daß Sie Jedermanns ſo unglücklich machen wollen? Au, au, au!“ Die weichmüthige Jungfer Slowboy brach bei dieſer Phraſe in ein jämmerliches Geheul aus, das um ſo ſchallender und fürchterlicher war, weil ſie es ſo lange unterdrückt hatte. Sie hätte nnfehlbar das Kind auf⸗ geweckt und ſo erſchreckt, daß es ernſte Folgen, ja viel⸗ leicht Gichter für den Kleinen nach ſich gezogen haben würde, wenn ihr Blick in dieſem Momente nicht auf Kaleb Plummer und ſeine blinde Tochter gefallen wäre, die eben in's Zimmer traten. Dieſer Anblick rief das Gefühl für Schicklichkeit wieder in ihr wach; ſie ſtand mit offenem Munde einige Augenblicke ſtille, ſprang dann auf das Bett zu, worin der Kleine eben ſchlief, rannte im Wirbel wie ein mit dem Veitstanze Behafteter in der Stube auf und ab und fuhr zu gleicher Zeit mit Kopf und Geſicht unter die Betttücher, was ihr offenbar zu nicht geringer Erleichterung gereichte. „Wie, Mary?“ ſagte Bertha,„Du biſt noch nicht bei der Hochzeit?“ „Ich ſagte ihr, Ihr würdet nicht hingehen, Ma⸗ damm,“ flüſterte Kaleb;„ich hörte geſtern Abend ſo etwas. Aber ſo wahr ich lebe,“ ſagte der kleine Mann, und drückte ihr zärtlich beide Hände,—„ich kümmere mich nicht im Mindeſten um das, was ſie ſagen. Ich bin zwar kein ſonderlicher Held, aber fürwahr, was an mir iſt, das ſoll man in Stücke reißen, wenn ich nur Ein Wörtchen von dem glaube, was man gegen Euch vorbringt!“ Er legte ſeine Arme ihr um den Nacken, und drückte ſie ſo koſend und liebreich an ſich, als nur etwa ein Kind ſeiner Puppe begegnet. „Bertha konnte es heute früh nicht zu Hauſe aus⸗ halten,“ ſagte Kaleb;—„ich weiß, ſie kann die Glocken 11¹⁰ nicht läuten hören, und getraut ſich ſelbſt nicht, ihnen an ihrem Hochzeitstage ſo nahe zu ſeyn. So brachen wir denn bei guter Zeit auf und kamen hieher. Ich habe mir's nun genauer erwogen, was ich gethan habe,“ ſetzte Kaleb nach einer kurzen Pauſe hinzu;—„ich habe ſelbſt mit mir gezankt und mich getadelt, bis ich mir nicht mehr zu helfen wußte, daß ich ihr ſoviel Kum⸗ mer bereitet hatte. Nun bin ich zu dem Entſchluſſe gekommen, der auch wohl der beſte ſeyn wird, ihr Alles zu ſagen, wenn Ihr, liebe Madamm, derweilen bei mir bleiben wollt. Nicht wahr, Ihr wollt meinem Geſtänd⸗ niſſe beiwohnen?“ fragte er, am ganzen Leibe zitternd;— „ich weiß zwar nicht, was für eine Wirkung es auf ſie ausüben wird; ich weiß nicht, was ſie alsdann von mir denken wird, und ob ſie überhaupt ſich hernach noch um ihren armen Vater wird kümmern wollen. Allein es iſt am beſten für ſie, ich enttäuſche ſie jetzt, und ſo muß ich denn die Folgen tragen, wie ich ſie verdient habe!“ „Mary,“ ſagte Bertha,—„wo iſt Deine Hand? Aha, hier iſt ſie! hier iſt ſie!“— Dabei führte ſie ſie an ihre Lippen, küßte ſie lächelnd und nahm ſie unter ihren Arm.—„Ich hörte geſtern Abend wie ſie leiſe unter einander ſprachen, und einen Tadel auf Dich war⸗ fen; aber gewiß, ſie hatten Unrecht!“ Des Kärrners Frau blieb ſtille, aber Kaleb ant⸗ wortete für ſie.„Sie hatten Unrecht!“ ſagte er. „Ich wußte es wohl,“ rief Bertha ſtolz;— vich ſagte es ihnen auch; ich verwies es ihnen mit Verachtung, daß ſie mich auch nur ein Wörtchen davon ahnen ließen! Wie, ſie mit Recht zu tadeln!“ rief ſie, drückte Dot's Hand in der ihrigen, und zog ihre weiche Wange an ihren Mund;—„nein, nein, ich bin nicht ſo blind, um das zu glauben!“ Ihr Vater trat auf ihre eine Seite, während Dot auf der andern blieb und ihre Hand feſthielt. „Ich kenne Euch Alle,“ ſagte Bertha;—„ich fenne Euch beſſer als Ihr glaubt, aber Niemand iſt mir V V 111 ſo vertraut, wie ſie, ſelbſt Ihr nicht, Väterchen! Es iſt an mir ſelbſt nichts halb ſo wirklich und ſo wahr, als ſie iſt. Wenn ich in dieſem Augenblick mein Geſicht wie⸗ der erlangen würde, ich wüßte ſie aus einer ganzen Menſchenmaſſe wieder herauszufinden, ohne daß ſie auch nur ein Wort ſpräche! Liebe, gute Schweſter!“ „Bertha mein liebes Kind!“ hub Kaleb an,„ich habe etwas auf dem Herzen, das ich Dir ſagen möchte, ſo lange wir Drei noch allein beiſammen ſind. Höre mich freundlich an, denn ich habe Dir ein ſchweres Ge⸗ ſtändniß zu thun, mein liebes Kind.“ „Ein Geſtändniß, Vater?“ fragte Bertha. „Ich bin vom Pfade der Wahrheit abgewichen und habe mich verirrt, mein liebes Kind!“ ſagte Kaleb mit einer wahren Jammermiene in ſeinem ſchüchternen, ſcheuen Angeſicht;—„ich bin vom Pfad der Wahrheit abgewichen, aus lauter Liebe zu Dir, allein es hat ſich erwieſen, daß ich dadurch grauſam gegen Dich geweſen bin.“ „Grauſam?“ wiederholte ſie und wandte ihr Ge⸗ ſicht voll der lebhafteſten Ueberraſchung und Verwun⸗ derung ihm zu. „Er klagt ſich ſelber zu hart an, Bertha,“ ſagte Dot;—„Du wirſt ihm das auch ſogleich ſagen; Du wirſt die Erſte ſeyn, die ihm das gerne zugeſteht.“ „Er ſollte grauſam gegen mich geweſen ſeyn?“ rief Bertha mit ungläubigem Lächeln. „Glaube es nur, mein Kind!“ ſagte Kaleb;— „ich bin es wirklich geweſen, obwohl ich es niemals ge⸗ glaubt hatte bis zum geſtrigen Abende.— Höoͤre mich an, meine liebe, blinde Tochter, und vergieb mir! Die Welt, worin Du lebſt, mein liebes Herz, iſt in Wirk⸗ lichkeit nicht ſo, wie ich ſie Dir geſchildert habe. Die Augen, auf die Du Dich verlaſſen haſt, ſind falſch für Dich geweſen.“ Sie hatte ihm bisher noch immer ihr höchlich 112 verwundertes Angeſicht zugedreht; allein nun prallte ſie zurück, und hielt ſich feſter an ihre Freundin. „Dein Lebensweg war rauh, mein armes Kind!“ ſagte Kaleb,„und ich hoffte ihn Dir erträglicher zu machen und zu ebnen; daher habe ich Dir Gegenſtände verändert, das Weſen der Perſonen anders geſchildert als es in Wahrheit iſt, und mancherlei Dinge erdichtet, die nie vorhanden geweſen ſind, nur um Dich glücklicher zu machen. Ich habe mancherlei vor Dir verhehlt, habe Dich manchmal abſichtlich getäuſcht und— verzeihe mir's Gott!— Dich mit einer erdichteten Welt umgeben.“ „Aber lebendige Menſchen ſind keine Erdichtungen?“ rief ſie ſchnell, erbleichte plötzlich und zog ſich noch weiter von ihm zurück;—„ſie kann Niemand verändern.“ „Und doch habe ich es gethan, Bertha!“ wandte Kaleb ein;—„beſonders eine gewiſſe Perſon, die Du kennſt, mein Liebchen....“ „O, Vaterl warum ſagſt Du mir, ich kenne ſie!“ gab ſie im Tone bittern Tadeis zur Antwort;—„welche Gegenſtände und Perſonen kann denn ich kennen, ich, die ich gar keinen Führer habe— ich, die ich ſo elend und blind bin?“ In ihrem tiefen Seelenſchmerze ſtreckte ſie die Hände aus, als wollte ſie ſich ihren Weg durch Taſten ſuchen; dann barg ſie das Geſicht mit verzweiflungsvoller Trau⸗ rigkeit in die Hände. „Die Hochzeit, welche heut gefeiert wird,“ fuhr Kaleb fort,—„gilt einem finſtern, hartherzigen, filzigen, höhniſchen Manne, der ſeit Jahren ſchon für Dich und mich ein harter Brodherr war, mein Kind! Häßlich iſt ſein Ausſehen, wie ſein Weſen; fühllos und kalt iſt er innen und außen, und dem Bilde ganz unähnlich, das ich Dir von ihm entworfen habe,— ganz unähn⸗ lich in jedem Stücke.“ „O Gott!“ rief das blinde Mädchen, deſſen tiefer Schmerz faſt alles Maaß überſtieg,—„o warum haſt Du mein Herz mit ſo ſchönen Bildern und Begriffen 113 angefüllt und kamſt dann wie der Tod hinter drein, um mir Alles zu entreißen, was mir lieb und werth war? O großer Gott! warum bin ich denn blind! Warum ſo allein und hülflos!“ Ihr bekümmerter Vater ſenkte wehmüthig den Kopf, und hatte für ſie keine Antwort, als ſeinen Kummer und ſeine Reue. Sie hatte ſich erſt eine kurze Weile dieſem tiefen Seelenſchmerze hingegeben, als auf einmal das Grill⸗ chen auf dem Heerde, für jedes andre Ohr als das ihrige unhörbar, zu zirpen anhub, aber nicht luſtig und heiter, ſondern leiſe, ſchwach, in einer ſchwermüthigen Weiſe. Es klang ſo wehmüthig und klagend, daß es ihr Thränen zu entlocken begann, und als die Erſcheinung, welche die ganze Nacht hindurch bei dem Kärrner geweſen war, hinter ſie trat und auf ihren Vater deutete, ſtröm⸗ ten ihre Zähren wie Regentropfen. Sie hörte bald des Grillchens Stimme noch deut⸗ licher, und ſah trotz ihrer Blindheit, wie ſeine elfenhafte Geſtalt ihren Vater umſchwebte. „Mary!“ hub endlich die Blinde an und wandte ſich an Dot,—„ſag' mir doch, wie meine Heimath ausſieht! Schildre ſie mir, wie ſie wirklich iſt!“ „Es iſt ein armſeliges Obdach,— wirklich ſehr ärmlich und kahl, Bertha!“ ſagte Dot wehmüthig;— „das Haus hält kaum noch einen Winter das Ungemach des Wetters von Euch ab.— Es iſt ſo wenig gegen das Unwetter geſchützt, liebe Bertha!“ ſetzte Dot leiſe und beklommen, aber mit heller Stimme hinzu,—„als Dein armer Vater in ſeinem Ueberrock von Sacklein⸗ wand!“ 1 Jetzt ſtand das blinde Mädchen voll der tieſten Rüh⸗ rung auf, und zog das Frauchen des Kaͤrrners an der Hand auf die Seite. „Und die Geſchenke, die ich ſo ſorgfältig aufbe⸗ wahrte, die faſt jedem meiner Wünſche auf dem Fuße Bo 5⸗ Grillchen auf dem Heerde. 28 L v „ 114 folgten, die mich immer ſo hoch erfreuten,....“ fragte ſie haſtig und mit zitternder Stimme;—„von wem kamen ſie? Haſt Du ſie mir geſchickt?“ Dot verneinte es. „Wer denn ſonſt?“ fragte Bertha. Dot ſah, daß ſie es bereits errathen hatte, und ſchwieg. Die Blinde bedeckte abermals das Geſicht mit den Händen, aber dießmal auf eine ganz andre Weiſe. „Nur noch Eine Frage, liebe Mary!“ ſagte ſie zu ot;—„nur noch einen Augenblick ſchenke mir ge⸗ duldiges Gehör! Komm,, tritt wieder mit mir beiſeite! Sprich leiſe mit mir. Ich weiß, Du biſt wahr, Du wirſt mich jetzt nicht täuſchen wollen, nicht wahr?“ „O, gewiß nicht, Bertha!“ „Ja, ich bin's überzeugt, Du könnteſt es nicht über Dich gewinnen, Mary! Du haſt viel zu viel Mitleid mit mir! Blicke jetzt über das Stübchen hinweg, in deſſen Ecke wir nun ſtehen; ſchaue nach meinem Vater, der mir ſo gut iſt und mich leidenſchaftlich liebt!— und ſage mir, was Du an ihm ſiehſt!⸗“. „Ich ſehe,“ ſagte Dot, die ſie im Augenblick be⸗ griff,—„ich ſehe einen alten Mann, der in einem Stuhle ſitzt, ſich voll Betrübniß zurücklehnt und den ſorgenvollen Kopf in die Hand ſtützt— gerade als ob ihn ſein Kind tröſten ſollte, Bertha!“ „Ja, ja, das wird es auch!“ ſagte Bertha ſchluch⸗ zend;—„aber weiter!“ „Er iſt ein alter Mann, von Kummer, Sorgen und Arbeit faſt aufgerieben; gealtert vor der Zeit;“ fuhr Dot fort;—„es iſt ein ſchwacher, entmuthigter, betrüb⸗ ter Greis mit grauen Haaren. So ſitzt er vor mir,— muthlos, gebeugt, mit gebrochener Thatkraft. Aber ich habe ihn viel hundertmal zuvor geſehen, wie er aus allen Kräften und auf jede Weiſe auf ein großes, heh⸗ res Ziel hinarbeitete, und ich ehre und ſegne ſein graues Haupt!“. Das blinde Madchen ſprang von ihr hinweg, warf 115 ſich vor dem alten Manne auf die Kniee nieder, und zog ſein graues Haupt an ſeine gepreßte Bruſt. „Ich habe mein Geſicht wiedergefunden! ich ſehe ihn!“ rief Bertha;—„ich bin blind geweſen, aber nun ſind meine Augen geöffnet! Zuvor habe ich ihn gar nicht gekannt.— Ach, wenn ich mir denke, ich wäre geſtorben, ohne jemals meinen guten, treuen Vater, der mich ſo liebt, in ſeiner wahren Geſtalt geſehen zu haben!⸗..... Es gibt gar keine Worte für Kaleb's tiefe Rührung. .O,“ rief die blinde Tochter und hielt ihn feſt umſchlungen,—„es gibt keine noch ſo ſchöne und edle Geſtalt auf Erden, die ich ſo innig lieben und ſo von Herzensgrund aus verehren würde, als dieſe. Je grauer und gealterter dieß Haupt, theurer Vater! deſto werth⸗ voller und lieber iſt es mir. Laßt nun Niemanden mehr ſagen, ich ſey blind! Es iſt keine Furche in ſeinem Ge⸗ ſicht, keine Falte auf ſeiner Sirne, kein Haar auf ſeinem Haupte, das in meinen heißen Gebeten und in meinem Dank zum Himmel vergeſſen werden ſollte!“ „O meine Bertha!“ war Alles, was der gute Kaleb zu ſtammeln vermochte. „Und in meiner Blindheit konnte ich glauben, er ſey ſo ganz anders!“ rief das Mädchen, und liebkoste ihn mit Thränen der innigſten, zärtlichſten Liebe;— „und obwobl er Tag für Tag und Nacht um Nacht um mich war, und ſich meiner ſtets ſo freundlich und wohlwollend annahm, ließ ich mir das doch niemals träumen!“ „Der ſchmucke, friſche, kräftige Vater in ſeinem blauem Rocke, Bertha!“ ſagte der arme Kaleb;— „nun iſt er verſchwunden! nun iſt's aus mit ihm!“ „Nichts iſt verſchwunden!“ gab ſie ihm zur Ant⸗ wort;—„nein, liebſter Vater! nichts iſt verſchwunden! Alles, Alles iſt hier in Dir! Der Vater, den ich ſo innig liebte, den ich doch niemals herzlich genug liebte und niemals ganz kannte, wie er iſt! Der Wohlthäter, den 116 ich zuerſt zu verehren und zu lieben begann, weil er ſolch warmes Mitgefühl für mich an den Tag legte— Alles das iſt hier in Dir vereinigt. Nichts iſt todt für mich. Der Inbegriff von alle dem, was mir am lieb⸗ ſten und theuerſten war, iſt hier in dieſen gealterten Zügen und dieſem grauen Haar. Und ich, Vater, bin nun nicht länger blind!“ Dot's ganze Aufmerkſamkeit hatte ſich während dieſer Unterredung auf Vater und Tochter concentrirt; als ſie aber nun nach dem kleinen Heumähder auf der mauriſchen Wieſe blickte, ſah ſie, daß die Uhr binnen wenigen Minuten ſchlagen mußte, und gerieth deßhalb ſogleich in eine ungewöhnliche Aufregung. „Vater!“ ſagte Bertha zögernd;—„Mary!“ „Ja, mein Liebchen,“ verſetzte Kaleb,„hier iſt fie.“ „Nicht wahr, Vater,“ fragte Bertha,„mit ihr iſt keine Veränderung vorgegangen? Du haſt mir von ihr nichts erzählt, was nicht buchſtäblich wahr war?“ „Ich fürchte faſt, liebes Kind, ich hätte es gethan, wenn ich ſie hätte beſſer machen können, als fie zuvor war,“ gab Kaleb zur Antwort;—„allein ich würde ſie nur zu ihrem Nachtheil verändert haben, wenn ich ſie überhaupt verändert hätte! An ihr gab's nichts zu verbeſſern, Bertha.“ So zutraulich auch das blinde Mädchen geweſen war, als ſie dieſe Frage that, ſo waren doch ihr Ver⸗ gnügen und ihr Stolz über dieſe Antwort über alle Maaßen groß, und es war reizend anzuſchauen, wie ſie jetzt Dot von Neuem umarmte. „Gleichwohl mögen noch mehr Veränderungen vor ſich gehen, als Du ahnen magſt, meine Liebe,“ ſagte Dot;—„allein es ſind Aenderungen zum Guten, Ver⸗ änderungen, welche Einigen unter uns große Freude bereiten werden. Du mußſt nur darüber nicht zu ſehr erſchrecken, wenn ſich irgend eine davon ereignen und Dir nahe gehen ſollte. Hörſt Du nicht Wagengeraſſel von . 117 der Straße her, Bertha? Du haſt ja ein gutes Gehör; vernimmſt Du keinen Wagen?“ „O ja,“ verſetzte Bertha,„er fährt raſch auf uns zu.“ „Ich— ich— ich weiß, daß Du ein gutes Gehör haſt,“ ſagte Dot und legte ihre Hand auf ihr Herz und ſprach offenbar nur deßhalb ſo haſtig, als ſie konnte, weiter, damit ſie das Pochen und die Aufregung deſſel⸗ ben verberge;—„ich weiß, daß Du ein gutes Gehör. haſt, weil ich es ſelbſt bemerkt habe, und weil Du geſtern Abend den fremden Schritt ſo ſchnell bemerkteſt, obgleich ich nicht weiß, warum Du, wie ich mich noch erinnere genau gehoͤrt zu haben, die Frage thatſt: weſſen Schritt iſt das? und warum Du gerade dieſen Schritt ſchneller inne wurdeſt, als irgend einen andern. Allein wie ich Dir ſoeben geſagt habe, es gehen noch mehr große Ver⸗ änderungen in der Welt vor— ſehr große Veränderun⸗ gen— und wir können uns nicht beſſer darauf vorbe⸗ reiten, als wenn wir uns vornehmen, über gar nichts mehr erſtaunen zu wollen. Kaleb begriff durchaus nicht, was ſie damit meinte, da er bemerkte, daß ſie eben ſo gut mit ihm, als mit ſeiner Tochter ſprach. Zu ſeinem größten Erſtaunen ſah er ſie ſo verwirrt und betroffen, und in ſolcher Auf⸗ regung, daß ſie kaum mehr athmen konnte und ſich an einem Stuhle halten mußte, um nicht umzufallen. „In der That, ich höre einen Wagen!“ rief ſie faſt athemlos;—„er kommt immer näher! jetzt iſt er ganz nahe! und jetzt hört Ihr ihn draußen an der Garten⸗ thür anhalten! Und nun höͤrt Ihr einen Schritt draußen vor der Thüre— denſelben Tritt wie geſtern Abend, nicht wahr Bertha?— Und nun....“ Sie ſtieß einen lauten Schrei unbeſchreiblichen Ent⸗ zückens aus, ſtürzte auf Kaleb zu und drückte ihm eben ihre Hände auf die Augen, als ein junger Mann in's Zimmer hereintrat, ſeinen Hut in die Luft ſchwang und mit einem gewaltigen Satze auf Dot zukam. „Iſt es vorbei?“rief Dot. 118 Der Ankömmling bejahte. G „Iſt es glücklich vorübergegangen?“ in „Ja.“ „Erinnert Ihr Euch nicht mehr dieſer Stimme, lieber Kaleb?“ rief Dot;—„habt Ihr ſie nicht ſchon ih früher einmal gehört?“ in „O ja!“ meinte Kaleb zitternd,—„wenn mein A Junge im goldenen Südamerika noch am Leben wäre!“.. „Er iſt am Leben!“ rief Dot, nahm ihre Hände von ſeinen Augen und ſchlug ſie vor Freude zuſammen;— D „ſeht ihn nur an! ſebt wie er ſtark, geſund und wohl⸗ N behalten vor Euch ſteht!'s iſt Euer eigener lieber Sohn! I Es iſt Dein eigener theurer lebenskräftiger liebevoller wi Bruder, Bertha!“ g Gott ſegne das holde Geſchöpf für ihr Entzücken! alle Ehre für ihre Thränen und ihr Gelächter, als die er drei theuren Perſonen einander mit ihren Armen um, E ſchlangen; Gott ſegne ſte für die Herzlichkeit, womit ſie W dem ſonnegebräunten Seemanne mit ſeinem langen Haar I auf halbem Weg entgegenkam und ihren roſigen, kleinen au Mund nicht abwandte, ſondern es füglich geſchehen ließ, 1 daß er ſie küßte und an ſein jubelndes Herz drückte! di Und Ehre ſey auch dem Kuckuk— und weßhalb hi denn nicht?— daß er gerade jetzt aus dem Pförtchen O des mauriſchen Palaſtes herausbrach wie ein Dieb und. zwölfmal über die verſammelte Geſellſchaft hinkrähte, ich als ob er trunken vor Freude waͤre! O Der Kärrner, der eben eintrat, prallte zurück, und N das mußte er auch vor Ueberraſchung, daß er ſo luſtige N Geſellſchaft traf. vi „Seht her, John!“ rief Kaleb in jubelndem Ent⸗ w. zücken;—„da blickt her! Mein Sohn aus dem gol⸗ iUh denen Südamerika! Mein eigener lieber Sohn, den Ihr einſt ſelbſt zur Reiſe ausgeſtattet und weggeſandt habt—. ihn, dem Ihr ſtets ein ſo treuer Freund waret.“ m Der Kaͤrrner trat vor und wollte ſeine Hand ergrei⸗ fen; er bebte aber zurück, als irgend ein Zug ſeines ſie 119 Geſichts die Erinnerug an den tauben Mann im Karren in ihm erweckte, und rief: „Edward! warſt Du es wirklich?“ „Nun erzählt ihm Alles!“ rief Dot;—„erzählt ihm Alles, Edward, und ſchont mich nicht, denn nichts in der Welt ſoll mich je wieder veranlaſſen, in ſeinen Augen einen Hehl zu haben.“ „Ja, ich war der Mann,“ ſagte Edward. „Und Du konnteſt Dich verkleidet in das Haus Deines alten Freundes ſtehlen?“ hub der Kärrner von Neuem an;—„es gab einſt einen offenen, braven Jungen— wie viele Jahre ſind's ſchon her Kaleb, daß wir ihn für todt ausgeben hörten und es für erwieſen glaubten?— der das nie gethan haben würde!“ „ Ich hatte einſt einen edelmüthigen Freund— ja er war mir mehr ein Vater als ein Freund!“ verſetzte Edward;—„der niemals mich oder irgend einen andern Menſchen ungehört verurtheilt haben würde. Der waret Ihr, und darum bin ich überzeugt, Ihr werdet mich auch jetzt anhören.“ Der Kärrner warf einen verlegenen Blick auf Dot, die ſich noch immer in einiger Entfernung von ihm hielt und verſetzte:„Allerdings! das finde ich ganz in Ordnung; ich werde Euch anhören!“ „Ihr müßt wiſſen, John,“ ſagte Edward,—„daß ich zu der Zeit, wo ich, faſt noch ein Knabe, dieſen Ort verließ, eine Liebſchaft hier hatte, und daß das Mädchen meiner Wahl meine Liebe erwiederte. Das Mädchen war damals noch ein gar junges Ding, das vielleicht(wie Ihr mir entgegnen könntet) nicht einmal wußte, wie es um ihr Gemüth beſchaffen war. Aber ich kannte meinen Sinn und hegte eine innige Neigung u ihr.“ 1„Das hatteſt Du?“ rief der Kärrner;—„iſt das möglich?“ „Ja, ich hatte es,“ verſetzte der Andere;—„und ſie erwiederte meine Neigung. Seither hatte ich es 120 wenigſtens immer geglaubt, aber nun bin ich meiner Sache gewiß.“ „Gott helfe mir,“ rief der Kärrner;—„das iſt noch das Schlimmſte von Allem!“ „Ich war ihr getreu geblieben,“ fuhr Edward fort;—„und kehrte nach manchen Mühſalen und Ge⸗ fahren erſt neulich zurück, um unſern alten Kontrakt wenigſtens für meinen Theil zu erfüllen. Da hörte ich, zwanzig Meilen von hier, ſie ſeye falſch gegen mich geweſen, ſie habe mich vergeſſen und ſich ſelber einem andern reicheren Mann an den Hals geworfen. Es fiel mir nicht ein, ſie deßhalb zu tadeln; allein ich wollte wenigſtens ſie ſehen und es über allen Zweifel erheben, falls dies wahr wäre. Ich hoffte noch immer, ſte ſey gegen ihren eigenen Wunſch und Willen dazu genöthigt worden. Es wäre zwar nur ein geringer Troſt geweſen, aber ich hielt es doch jedenfalls für einen Troſt und reiste hieher. Um die Wahrheit, die ganze Wahrheit deſto eher zu erfahren, um ſelbſt ungezwungen beobachten und ſelber über das Verfahren meines Lieb⸗ chens urtheilen zu können, ohne einerſeits ihr gegenüber genirt zu ſeyn und ohne andererſeits einen Einfluß(wenn ich noch irgend welchen auf ſie hatte) geltend zu machen, verkleidete ich mich— Ihr wißt ja wie, und wartete an der Straße— Ihr wißt ja wo. Ihr ſchöpftet nicht den mindeſten Argwohn, und ſie“— ſetzte er auf Dot deutend hinzu—„ſie ebenſowenig, bis ich ihr hier an dieſem Heerde meinen Namen in's Ohr flüſterte, und ſie mich beinahe verrathen hätte.“ „Als ſie aber erfuhr, daß Edward noch am Leben und zurückgekommen war,“ ſchluchzte Dot, die nun ihrer⸗ ſeits den Faden der Erzählung aufnahm, wornach ſie ſich ſchon während ſeiner ganzen Rede ordentlich geſehnt hatte,—„und als ſie ſeine Abſicht erfuhr, rieth ſie ihm ſelber, unter allen Umſtänden ſein Geheimniß für ſich zu behalten; denn ſein alter Freund John Peerybingle war allzu offen in ſeinem geraden, ſchlichten Weſen und 121 zu plump für jede Art von Kunſtgriff— da er über⸗ haupt ein etwas täppiſcher Burſche iſt!“ ſchaltete Dot halb lachend, halb weinend ein;—„ſie rieth ihm, ſein Incognito für ſich zu behalten. Und als ſie— das bin ich nämlich, John,“— ſchluchzte das hübſche Weibchen,— „alles erzählt hatte, und daß ihn ſein Liebchen längſt für todt gehalten, und wie ſie in letzter Zeit von ihrer Mutter zu einer Heirath überredet worden war, die das närriſche alte Frauchen vortheilhaft nannte; und als ſie — das bin ich nämlich, John— ihm ſagte, daß ſie noch nicht verheirathet ſeyen, wiewohl es hart daran war, und daß es jammerſchade wäre, wenn die Sache wirklich zu Stande käme, da von ihrer Seite keine Liebe dabei ſey; und als er vor Freuden faſt närriſch wurde, da er das hörte, ſo ſagte ſie— das war ich nämlich, John!— ſie wolle ſich in's Mittel ſchlagen, wie ſie es ſchon in alten Zeiten oft gethan, John, und wolle ſein Liebchen ſondiren, und er dürfe überzeugt ſeyn, daß was ſie thue,— ich nämlich, John— recht beſorgt werde. Und es wurde recht beſorgt, John! und die Leut⸗ chen wurden zuſammengebracht, John! und ſie wurden getraut, John! juſt vor einer Stunde und hier iſt die Braut! und Gruff und Tackleton mag als Junggeſell Affen in die Hölle führen und ich bin ein glückliches Weibchen, Mathilde, ſo wahr mir Gott helfe!“ Sie war auch ein unwiderſtehliches Weibchen, wenn das irgend hieher gehört, und niemals ſo unwiderſteh⸗ lich, als gerade in ihrem jetzigen Freudenrauſche. Man hat gewiß noch keine ſo herzlichen und aufrichtigen Glückwünſche gehört, als die, welche ſie an ſich und das Bräutchen verſchwendete. In dieſem Tumulte und Gährung von Gefühlen und Gemüthsbewegungen in ſeiner Bruſt war der ehrliche Fuhrmann ganz betroffen dageſtanden; als er jetzt auf Dot zueilen wollte, wehrte ſie ihm mit ausgeſtreckter Rechten ab und trat abermals einen Schritt zurück. „Nein, John, nein! höre nur Alles. Liebe mich 12² nicht eher wieder, als bis Du Alles gehört haſt, was ich Dir noch zu ſagen habe. Es war unrecht von mir, daß ich ein Geheimniß vor Dir hatte, John. Ich be⸗ reue es aufrichtig. Ich ahnte nicht, daß es zu etwas Böſem führen werde, als bis ich geſtern Abend nach Hauſe kam und neben Dich auf dem kleinen Stuhl ſaß und in Deinen Zügen leſen mußte, daß Du mich mit Ed⸗ ward in dem Gange bei Tackleton hatteſt auf⸗ und ab⸗ gehen ſehen: damals wußte ich, was Du dachteſt, und fühlte, wie thöricht und unrecht ich gehandelt hatte. Aber ach, John, lieber John! wie konnteſt, wie mochteſt Du ſo von mir denken!“ Armes Weibchen, wie ſie nun wieder ſchluchzte! John Perrybingle wollte ſie in ſeine Arme ſchließen, doch nein, ſie duldete es noch nicht. „Liebkoſe mich noch nicht, guter John! bezwinge Dich noch eine Weile! Wenn mich dieſe beabſichtigte Heirath betrübte, mein Lieber, ſo geſchah es nur, weil ich wußte, daß Mathilde und Edward ſchon ſo lange ein Paar waren, und weil ich wohl ahnte, daß ihr Herz nicht bei Tackleton war. Glaubſt Du mir das nun, John? Glaubſt Du es?“ John wollte ihr abermals ſeine Antwort bringen, aber ſie wehrte ihm ab. „Nein,“ rief ſie,—„bleibe dort, lieber John! wenn ich über Dich lache, wie ich bisweilen wohl thue, John! Wenn ich Dich täppiſch nenne und meinen lieben alten Tappdrein u. dergl., ſo geſchieht's doch nur, weil ich Dir ſo gut bin, John, und weil ich ſo viel Gefallen an Deiner Weiſe habe, und weil ich Dich um kein Tü⸗ pfelchen anders ſehen möchte, und wenn Du morgen ein König werden ſollteſt!“ „Hurrah!“ rief Kaleb mit ungewöhnlicher Kraft,— „das iſt auch meine Anſicht.“ „Und wenn ich von älteren, geſetzten Leuten rede, John, und behaupte, wir ſeyen ein ungleiches Paar und gehen in ungleichem Schritte, ſo geſchieht es nur, ———— 123 weil ich noch ſo ein thörichtes, junges Ding bin, John, daß ich manchmal mit unſerm Kleinen gar Komödie ſpiele und ungereimtes Zeug ſchwatze!. Sie ſah, daß er jetzt kommen wollte und wehrte ihn abermals ab;— allein es war faſt ſchon zu ſpät dazu. „Nein, John! Verſchiebe Deine Liebkoſungen mir zu Gefallen nur noch ein paar Minuten!“ rief ſie;— „was mir am meiſten am Herzen lag, das habe ich bis zu guter Letzt geſpart. Mein lieber, guter, edler John, als wir neulich Abends vom Heimchen ſprachen, da lag mir's ſchon auf den Lippen, Dir zu geſtehen, daß ich Dir fruher nicht ſo herzlich gut war, wie jetzt; daß ich damals, als ich zum erſten Mal Dein Hans betrat, mich halb fürchtete, ich könnte Dir nicht ſo gut ſeyn, als ich es zu ſeyn wünſchte und vom Himmel erflehte, weil ich noch ſo jung war, John. Allein, lieber John, ich gewann Dich mit jedem Tag und mit jeder Stunde lieber; und wenn es irgend möglich wäre, daß ich Dich noch lieber gewänne, ſo wären die edlen Worte daran ſchuld, die ich Dich heute früh ausſprechen hörte. Allein es iſt nicht möglich, denn Alles, was ich an Liebe in meinem Buſen hatte(und es iſt eine hübſche Summe, John) das habe ich Dir ſchon lange, lange gegeben, wie Du es verdienſt, und ich habe Dir nun nichts mehr zu bieten. Und nun, mein lieber Mann, nimm mich wieder an Dein Herz auf, das iſt meine Heimath, John! und Du wirſt gewiß niemals wieder daran denken, mich hinwegzuſenden!“ Ihr würdet gewiß niemals ſo inniges Vergnügen darin geſunden haben, ein niedliches, junges Weibchen in den Armen eines Dritten zu ſehen, als wenn Ihr dem Auftritte beigewohnt hättet, wie Dot ſich in dis Arme des Kärrners warf. Es war das vollendetſte, lieblichſte, herzerfreuendſte Bild häuslichen Gluckes, das Ihr Euer Lebenlang geſehen habt. Ihr dürft mir's glauben, der Kärrner war ganz 124 weg vor Entzücken und Dot war es nicht minder, und Alle Andern waren es ebenfalls, ſelbſt Miß Slowboy mit eingeſchloſſen, die nun vor Freude überlaut weinte, und in dem Wunſche, ihren jungen Pflegbefohlenen an dem allgemeinen Austauſch von Gluͤckwünſchen theil⸗ nehmen zu laſſen, das kleine Wickelkind Allen der Reihe nach herumbot, als ob es etwas zu trinken geweſen wäre. Nun hörte man abermals draußen emen Wagen vor die Thüre heranraſſeln und Eines der Anweſenden rief, Gruff und Tackleton käme zurück. Alsbald erſchien auch wirklich beſagter Herr mit ungewöhnlicher Eile und ſah ſehr erhitzt und betroffen aus. 3 „Was Teufels iſt denn das, John Perrybingle?“ rief Tackleton;—„da muß ein Irrthum obwalten. Ich ver⸗ abredete mit Mrs. Tackleton, ſie ſolle mich an der Kirche treffen und ich will darauf ſchwören, ich begegnete ihr auf der Landſtraße, wie ſie hieher fuhr. Aha, da iſt ſie ja! Bitte Euch um Verzeihung, Sir; habe nicht das Vergnügen, Sie zu kennen; allein Sie müſſen mir ſchon den Gefallen thun, die Geſellſchaft dieſer jungen Dame vorerſt zu entbehren, da ſie heute Morgen noch ein wichtiges Geſchäft abzumachen hat!“ „Ich kann ſie aber nicht entbehren,“ verſetzte Edward; —„akein Gedanke dran, daß ich ſie nicht nur eine Minute aus den Augen laſſe!“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Ihr Schlingel?“ rief Tackleton. „Ich will damit ſagen,“ entgegnete der Andere lächelnd,„daß ich Ihrem Aerger und Ihrer Verblüf⸗ fung recht wohl Rechnung zu tragen weiß, und daher für jede Schimpfrede heute früh ſo taub ſeyn werde, als ich geſtern Abend für jede Rede überhaupt war!“ Ihr hättet ſehen ſollen, was für einen Blick Tack⸗ leton auf ihn warf und wie er plötzlich zurückprallte! „Es thut mir leid, Sir,“ fuhr Edward fort, und hielt Mathildens linke Hand und beſonders den Gold⸗ finger in die Höhe;—„es thut mir leid, daß die junge (* — 12⁵ Dame nicht mit Ihnen zur Kirche gehen kann; da ſie aber heute früh ſchon einmal dort war, werden ſelbſt Sie ſie vielleicht entſchuldigen!“ Tackleton blickte ſchnell nach Mathildens Goldſinger und nahm ein kleines Stückchen Seidenpapier, das offenbar einen Ring enthielt, aus ſeiner Weſtentaſche. „Miß Slowboy,“ ſagte er zu Tilly,—„wollt Ihr ſo gut ſeyn, das da in's Feuer zu werfen? So! ich danke Euch.“ „Es war ein altes Verlöbniß, ein ſehr alter Ver⸗ trag, der meine Frau abhielt, Ihnen Wort zu halten — mein Wort darauf!“ ſagte Edward. „Mr Tackleton wird mir wenigſtens die Rechtferti⸗ gung angedeihen laſſen, zu bekennen, daß ich es ihm unumwnnden geſtanden, und daß ich ihm gar vielmals geſagt habe, daß ich niemals vergeſſen könnte!“ ſagte Mathilde erröthend. „O gewiß, ganz gewiß!“ ſagte Tackleton;—„aller⸗ dings Es iſt ganz recht, alles in Ordnung. Mrs. Edward Plummer vermuthlich?“ „So heißt ſie jetzt,“ entgegnete der Bräutigam. „Aha, kaum hätte ich Sie wieder erkannt, Sir,“ ſagte Tackleton, der ihm ſcharf und forſchend in's Ge⸗ ſicht geblickt hatte, mit einer tieſen Verbeugung.„Mei⸗ nen herzlichen Glückwunſch, Sir!“ „Danke ſchön.“ „Mrs. Perrybinole!“ ſagte Tackleton, und drehte ſich raſch nach dem Orte um, wo dieſe mit ihrem Gatten ſtand,— nes thut mir leid. Sie haben mir zwar keinen großen Gefallen erwieſen, aber auf Ehre, es thut mir leid; Sie ſind wahrlich beſſer, als ich glaubte. John Perrybingle, es thut mir leid. Ihr verſteht mich ſchon; das genügt für uns.'s iſt Alles in Ordnung, meine Herrn und Damen, und zu allgemeiner Zufrieden⸗ heit ausgefallen. Guten Morgen!“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich und fuhr fort und davon, nachdem er ſich vor der Thuͤre nur noch ſo 2„ß 126 lange aufgehalten, bis er ſeinem Pferde die Blumen und Bänder vom Kopfe genommen und dem Thiere einen Rippenſtoß gegeben hatte, um ihm bemerklich zu machen, daß bei der ganzen Sache doch eine Schraube verloren gegangen ſey, wie er zu ſagen pflegte. Natürlich wurde es jetzt zu einer ernſten Aufgabe dieſen Tag noch auf eine ſo würdige Art zu begehen, daß er im Perrybingle'ſchen Hauskalender für ewige Zeiten ein hohes Jubelfeſt bezeichnen konnte. Deßhalb machte ſich Dot auch alsbald dran, ein Feſtmahl zu bereiten, das unſterblichen Ruhm auf das Haus und jeden ſeiner Gäſte zurückſtrahlen könnte, und in ſehr kurzer Zeit ſteckte ſte bis über die Ellbogengrüßchen im Mehl und machte jedes Mal, ſo oft John in ihre Nähe kam, einen weißen Tupfen auf ſeinem dunkeln Rock, um ihn vom Küſſen abzuhalten. Der gute Burſche wuſch das Gemüſe und ſchälte die Rüben, und zer⸗ ſchlug die Teller und ſetzte die eiſernen Töpfe mit kaltem Waſſer zum Feuer und machte ſich auf jede mögliche Weiſe nützlich, während ein paar gelernter Köchinnen, die man eilends irgend wo in der Nachbarſchaft aufgetrieben, auf Tod und Leben unter allen Thüren und um alle Ecken an einander rannten; und Jedermann ſtolperte allerwärts über Tilly Slowboy und den Kleinen. Es war dies eine Glanzperiode in Tilly's Leben, und ihre Allgegenwart der Gegenſtand allgemeiner Bewunderung. Fünfundzwanzig Minnten nach zwei Uhr war ſie ein Stein des Anſtoßes im Hausflur, mit dem Schlag halb drei ein Fallſtrick in der Küche, und fünfundzwanzig Minuten vor drei Uhr eine Schlinge im Dachſtübchen. Der Kopf des Wickelkinds war gewiſſermaßen eine Art Probirſtein für alle Arten animaliſcher, vegetabiliſcher und mineraliſcher Stoffe, und es gab kein Geräthe im Hauſe, mit dem ihn nicht zu gewiſſen Zeiten Tilly Slow⸗ boy in die nächſte Berührung gebracht hätte. Alsdann ward eine große Erpedition zu Fuße aus⸗ geſchickt, um Mrs. Fielding aufzuſuchen, vor der treff⸗ V V V 127 lichen Dame Reu und Leid zu machen und ſie im Noth⸗ fall mit Gewalt hieher zu bringen, damit ſie ſich freue und vergebe. In dem Augenblick freilich, wo die Expe⸗ dition beſagte Dame auffand, wollte ſie auf gar keine Vorſchläge hören, ſondern beklagte es nur unzählige Male, daß ſie dieſen Tag habe erleben müſſen, und konnte nichts Anderes ſagen, als:„Nun tragt mich nur in mein Grab!“ was freilich höchſt ungereimt klang, da ſie weder todt noch ſonſt etwas dergleichen war. Nach einiger Zeit verſank ſie in einen Zuſtand fürchterlicher Ruhe und bemerkte: ſie habe ſchon damals, als jenes unglückliche Zuſammentreffen von Umſtänden im Indigo⸗ handel ſich begeben, vorausgeſehen, daß ſie ihr Lebenlang mit jeder Art von Schmach und Kränkung zu kämpfen haben werde; ſie ſey nun froh, daß dieſer Fall einge⸗ troffen und bitte nur, man ſolle ſich nicht ferner um ſie bemühen— denn was ſey ſie auch! Du lieber Gott nur ein Nichts! ein Garnichts!— Man ſolle ganz ver⸗ geſſen, daß ſie lebe, und die eigenſinnigen jungen Leute ſollen ihren Lebensweg nur ohne ſie gehen. Aus dieſer bitter ſarkaſtiſchen Stimmung gieng ſie in eine ſehr zornige über, worin ſie die merkwürdige Aeußerung zum Beſten gab, der Wurm krümme ſich, wenn man auf ihn trete, und hernach ſchmolz ſie in eine ſanfte Wehmuth und meinte: wenn man ſich nur ihr anvertraut hätte, ſie hätte gewiß manchen guten Rath geben können!— Die Expedition benützte dieſe Kriſis in ihren Gefühlen um die alte Dame zu umarmen, und ſie hatte bald dar⸗ auf ihre Handſchuhe an, um ſich in einem Zuſtande un⸗ tadelhafter Vornehmheit nach John Peerybingle's Hauſe auf den Weg zu machen, webei ſie nicht vergaß, ein Päckchen in Papier mitzunehmen, das eine Staatshaube — faſt ſo ſteif und ſo hoch als eine Biſchofsmütze— enthielt. Endlich ſollten auch noch Dot's Vater und Mutter in einem andern Chaischen kommen, und blieben ſo lange über die anberaumte Zeit aus, daß man hereits 128 Befürchtungen hegte und häufig nach ihnen aus dem Fenſter die Straße hinabſchaute. Mrs. Fielding ſah jedes Mal in der falſchen und poſttiv unmöglichen Richtung nach ihnen hinaus und meinte, als man ſie darauf aufmerkſam machte: es werde ihr doch wohl erlaubt ſeyn, hinzu⸗ ſchauen, wohin es ihr beliebe. Endlich kamen ſie, ein kugelrundes Pärchen, das in jener gemüthlichen, behag⸗ lichen Weiſe daherfuhr, die nur der Familie Dot eigen zu ſeyn ſchien; und es war wunderbar anzuſehen, wenn man Dot und ihre Mutter neben einander ſtellte, wie auf's Haar ähnlich ſie einander waren. Alsdann mußte Dot's Mutter ihre Bekanntſchaft mit Mathildens Mutter wieder erneuen, und Mathil⸗ dens Mutter ſtiefte ſich immer auf ihre vornehme Ab⸗ kunft, während Dot's Mutter ſich auf nichts ſtiefte, als auf ihren rührig en kleinen Fuß. Und der alte Dot— d. h. Dot's Vater, ich vergaß, daß es nicht ſein rechter Name war, aber thut nichts zur Sache!— nahm ſich die Freiheit, beim erſten Anblick der alten Dame die Hand zu drücken, und ſchien eine Staatshaube für nichts an⸗ deres zu halten als für etwas Stärke und Mouſfelin, und bekam gar keinen Reſpekt vor dem Indigohandel, ſondern meinte, da ſey nicht mehr zu helfen; kurzum, er war nach Mrs. Fielding's Anſicht eine recht gute Haut, aber ſehr pöbelhaft, ſehr gemein! Für alles Geld der Welt hätte ich Dot— des Himmels Segen auf ihr hübſches Geſicht!— nicht da⸗ bei vermiſſen mögen wie ſie die Honneurs des Hauſes in ihrem Hochzeitskleide machte, oder gar den guten Kärr⸗ ner, der ſo fröhlich und freudeſtrahlend am Tiſche ſaß. Oder gar den braunen, kräftigen Seemann und ſein hübſches Weibchen, oder irgend ein Glied der ganzen Ge⸗ ſellſchaft. Um das Eſſen gekommen zu ſeyn, das hieße ein ſo luſtiges und kräftiges Mahl verſäumen, als irgend aufgetragen werden konnte; und der herbſte Verluſt von allen wäre geweſen, wenn man die ſchäumenden Becher nſter il in hnen kſam nzu⸗ ein hag⸗ igen hen, ellte, 129 verſäumt hätte, womit die Gäſte das Wohl des jungen Paares tranken und den Hochzeitstag hochleben ließen. Nach Tiſche ſang Kaleb das Lied von dem fukeln⸗ den Becher, und ſo wahr ich lebe, und noch ein paar Jährchen länger zu leben hoffe, dießmal ſang er es ganz aus. zund gerade als er mit dem letzten Vers zu Ende war, ereignete ſich die unerwartetſte Begebenheit des ganzen Tages. Es ward nämlich an der Thür geklopft und ehe man„herein“ rufen konnte, ſtolperte ein Mann in die Stube, der etwas Schweres auf dem Kopfe trug; er ſetzte es in die Mitte des Tiſches nieder, genau zwiſchen den Teller mit Nüſſen und den Teller mit Aepfeln hinein, und ſagte: „Mr. Tackleton's Empfehlung und da er nun den Kuchen nicht mehr braucht, würdet ihr vielleicht ſo gut ſeyn, ihn zu eſſen!“ Mit dieſen Worten ſtolperte er wieder hinaus. Ihr mögt Euch wohl denken, daß ſich die Geſell⸗ ſchaft darüber nicht wenig verwunderte. Mrs. Fielding, die eine Dame von ungemeinem Scharfſinn war, ſtellte gar die Vermuthung auf, der Kuchen ſey vergiftet, und erzählte eine lange Geſchichte von einem Kuchen, der im Kreiſe ihrer eigenen Bekanntſchaft alle jungen Damen einer Penſion in Blauſtrümpfe verwandelt hatte. Sie ward übrigens durch Zuruf überſtimmt und der Kuchen mit großer Feierlichkeit und Freude durch Mathilde angeſchnitten. 1 Ich glaube wahrlich, es hatte ihn noch Niemand verſucht, als ſchon wieder an die Thüre gepocht wurde und derſelbe Mann abermals erſchien, und dießmal mit einem großen Paket in braunem Papier unter dem Arme. „Mr. Tackleton's Empfehlung,“ rief er haſtig,— „und hier ſendet er ein paar Spielſachen fuͤr den Klei⸗ nen; ſie ſeyen gar nicht häßlich!“ Boz, Grillchen auf dem Heerde. 9 13⁰ Sobald er ſich des Auftrags erledigt, entfernte er ſich wieder. Es würde der ganzen Geſellſchaft ſchwer geworden ſeyn, Worte für ihre Ueberraſchung zu finden, ſelbſt wenn ſie Zeit dazu gehabt hätte, allein dieß war durchaus nicht der Fall, denn der Bote hatte kaum die Thüre hinter ſich zugemacht, als von Neuem angepocht wurde und dießmal Herr Tackleton in eigener Perſon hereintrat. „Mrs. Peerybingle!“ ſagte der Spielwaarenhändler, den Hut in der Hand;—„es thut mir leid; ich be⸗ daure es noch herzlicher als heute früh. Ich habe in⸗ zwiſchen Zeit gehabt darüber nachzudenken. John Peery⸗ bingle, ich bin von Natur aus ein ſauertöpſiſcher Kerl, allein ich muß unwillkürlich mehr oder minder milder geſtimmt werden, wenn ich mit einem Menſchen in Be⸗ rührung komme, wie Ihr.— Kaleb! dieß thörichte kleine Kindsmädchen da gab mir geſtern Abend einen beiläu⸗ figen Wink, zu dem ich ſeither den Schlüſſel gefunden habe. Ich ſchäme mich nun bei dem Gedanken, wie leicht ich Euch und Eure Tochter mir hätte verbinden könne n, und wie fürchterlich blödſinnig ich war, als ich Bertha dafür hielt! Lieben Freunde ſammt und ſonders, mein Haus iſt heute Abend ſehr öde und einſam; ich habe nicht einmal ein Grillchen auf dem Herde, ich habe ſie alle verſcheucht. Habt Mitleid mit mir, und laßt mich in Eurer munteren Geſellſchaft verweilen!“ Er war in fünf Minuten hier wie zu Hauſe: Ihr habt Eurer Lebtage keinen ſo kurioſen Kauz geſehen! Was mochte er nur ſein Lebenlang mit ſich begonnen haben, daß er ſich nie zuvor ſeiner großen Anlage zur innigſten Luſtigkeit bewußt geworden war! Oder was hatten die Elfen mit ihm begonnen, um eine ſolche Veränderung bei ihm hervorzurufen! „Nicht wahr, John,“ flüſterte Dot,—„Du willſt mich heute Abend nicht mehr nach Hauſe ſchicken 2 Trotzdem war er nahe genug dtan geweſen! Es fehlte nur noch ein einziges lebendes Weſen, —— 131 um die Geſellſchaft vollzählig zu machen, und in Einem Nu war es bei der Hand: recht durſtig vom raſchen Laufen und von vergeblichen Bemühungen, ſeinen Kopf in einen ſchmalen Waſſereimer zu zwängen. Er hatte zwar den Wagen bis au's Ziel ſeiner Tagereiſe beglei⸗ tet. war aber ſehr ungehalten geweſen über die Abwe⸗ ſenheit ſeines Herrn und merkwürdig rebelliſch gegen ſeinnn Stellvertreter. Nachdem er einige Zeit im Stalle herumgelungert war und vergebens verſucht hatte, den alten Gaul zu eigenmächtiger rebelliſcher Umkehr auf eigene Fauſt zu veranlaſſen, war er in die Schenkſtube gewandert und hatte ſich vor dem Feuer niedergeſtreckt. Als er aber plötzlich zu der Ueberzeugung gekommen war, daß mit dem Stellvertreter doch nicht viel anzu⸗ fangen ſey, und er verlaſſen werden müſſe, war er plötz⸗ lich aufgeſprungen, hatte Kehrt gemacht und ſich nach Hauſe begeben. Am Abend gab es gar noch ein Täuzchen. Ich könnte freilich mich mit der allgemeinen Erwahnung dieſes Vergnügens begnügen, hätte ich nicht allen Grund zu der Vermuthung, daß es ein ganz origineller Tanz und eine höchſt ungewöhnliche Tanzweiſe geweſen ſey, die an dinſem Abende aufgeführt wurde. Edward, der Seemann— gar ein kecker, hübſcher, herzhafter Kerl— hatte ihnen ſchon verſchiedene Wun⸗ der von Papagaien, Bergwerken, Mexikanern und Gold⸗ ſtaub erzählt, als er ſich's auf einmal in den Kopf ſetzte, von ſeinem Stuhle aufzuſpringen und ein Tänzchen vor⸗ zuſchlagen, denn Bertha's Harfe war bei der Hand, die ſie ſo gut zu ſpielen wußte, daß es eine wahre Freude war. Dot, die eine allerliebſte, ſchelmiſche Beſcheideu⸗ heit an ſich hatte, wenn ſie's daranf anlegte, meinte nun: ihre Tanzzeit ſey ſchon vorüber; ich glaube aber, ſte that's nur, weil der gute Kärrner mit der Efeife im Munde daſaß und es ihr am meiſten Vergnügen machte, hier nrben ihm zu ſitzen. Mrs. Gielding hatte nun natürlich keine andere Wahl, als benfalls zu ſagen, 132 ihre Tanzzeit ſey auch vorüber und das ſagten denn Alle außer Mathilde, die gleich dabei war. So machten ſich denn Mathilde und Edward dran, unter großem Applaus ein Tänzchen zu wagen und Bertha ſpielte ihre lieblichſte Weiſe. Nun geſchah's aber— Ihr dürft mir's auf's Wort glauben— daß, ehe ſie noch fünf Minuten getanzt hat⸗ ten, der Kärrner plötzlich ſeine Pfeife wegſchleuderte, Dot um den Leib packte, in die Stube hinausſprang, und mit ihr ganz verwunderlich, Abſatz Fußſpitz, im Kreiſe herumfuhr, wie'ne Wetterfahne. Tackleton ſieht dieß nicht ſobald, ſo hüpft er zu Mrs. Fielding hinüber, faßt ſie um den Leib und walzt wie der Blitz hinter⸗ drein. Kaum gewahrt das der alte Dot, ſo hüpft er wie ein Froſch in die Höhe, zerrt die alte Mrs. Dot mitten in den Tanz hinein und führt den Reigen wie ein Junger. Wie das Kaleb ſieht, faßt er Tilly Slow⸗ boy bei beiden Händen und fort geht's mit ihr wie Wirbelwind; Tilly Slowboy iſt des feſten Glaubens, daß dieß erſt der Gipfelpunkt des Tanzvergnügens ſey, wenn man ſich unverzagt unter die tanzenden Paare hineinmiſche und möglichſt viel Püffe an ſie austheile oder von ihnen hinnehme. Horch, wie das Heimchen mit ſeinem Zirpen in die Muſik einfällt und wie der Keſſel ſummt! Aber was iſt denn das? Juſt wie ich ihnen noch voll Vergnügen zuhöre und mich nach Dot umdrehe, um noch einen Blick von ihrer hübſchen runden Figur zu erhaſchen, die mir ſo wohlgefällt, iſt ſie ſammt den Uebrigen in Luft zerronnen, und ich bin hier allein. Ein einſames Heimchen zirpt auf dem Heerde, ein zerbrochenes Kinderſpielzeug liegt am Fußboden und nichts ſonſt iſt zurückgeblieben! Ende. *888AX &ďᷣ— — & —