4. SDeih- u— dingungen. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ gnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Mrorgens Dr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird vo n Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ngenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe legen, w llche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —. 2 M. Ff. 4 7 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4— 8X Große Erwartungen. Dritter Band. Große Erwartungen. Von Charles Dickens(Boz). Aus dem Engliſchen von Heinrich von Hammer. Dritter Wand. Wien, H. Markgraf& Comp. 1862. Erſtes Kapitel. Es war ſehr gut, daß ich Vorſichtsmaßregeln treffen mußte, um ſo weit es an mir lag, die Sicherheit meines gefürchteten Gaſtes zu bewerkſtelligen, denn ſeitdem dieſer Gedanke mich feſſelte, nachdem ich erwacht war, wurden andre Gedanken in verworrener Kette ferner gehalten. In meinen Zimmern konnt ich ihn nicht verbergen, der Verſuch ſchon würde Argwohn erregen. Der Rachegeiſt war allerdings nicht mehr in meinem Dienſte, allein doch ein aufgeregtes altes Frauenzimmer, welche ſich von einer lebendigen Garderobe, die ſie ihre Nichte nannte, unter⸗ ſtützen ließ, und wer ein Zimmer vor ihnen hätte verbergen wollen, würde Neugier und Uebertreibung hervorgerufen haben. Beide hatten ſchwache Augen, was ich ihrer Ge⸗ wohnheit, durch Schlüſſellöcher zuſ ehen, zuſchrieb und waren immer zur Hand, wenn man ſie nicht brauchte. Dieſe Eigen⸗ ſchaften und ihre Unterſchleife waren allein zuverläſſig. Ich beſchloß gleich früh die unerwartete Ankunft eines Oheims vom Lande anzuzeigen, damit vor dieſen Leuten kein Geheimniß bewahrt würde. Ich faßte dieſen Beſchluß, als ich noch im Dunkel ſuchte, wie ich mir Licht verſchaffen könne. Als ich endlich Charles Dickens, Große Erwartungen. III. 1 — 8 2 keines finden konnte, mußte ich zur benachbarten Loge gehen und den Wächter erwecken, daß er mit der Laterne komme. Als ich die dunkle Treppe hinabſtolperte, fiel ich über etwas, und dieſes Etwas war ein Mann, der in einer Ecke niedergekauert war. Da er nicht antwortete, als ich ihn anrief, was er mache, und meiner Berührung ſtillſchweigend auswich, lief ich zum Wächter und bat ihn raſch zurückzukommen, indem ich ihm auf dem Rückwege dieſen Vorfall erzählte. Da der Wind noch ſo ſehr wüthete wie früher, ſo wollten wir das Licht in der Laterne dadurch nicht gefährden, daß wir die erloſchenen Lampen am Treppengeländer wieder anzün⸗ deten, unterſuchten aber die Treppe von oben bis unten und fanden Niemand. Der Mann konnte ſich möglicher⸗ weiſe in meine Zimmer geſchlichen haben, ich zündete alſo mein Licht an, ließ den Wächter an der Thür ſtehen und unterſuchte alle Zimmer, auch das, in welchem mein ge⸗ fürchteter Gaſt ſchlief. Alles war ſtill, es war gewiß kein anderer Menſch in jenen Räumen. Es war mir unangenehm, daß gerade in dieſer Nacht Jemand auf der Treppe aufgelauert hatte und ich frug den Wächter, um irgend eine befriedigende Erklärung zu er⸗ langen, als ich ihm einen Trunk an der Thür reichte, ob er bei ſeinem Thor irgend welche Herren eingelaſſen habe, die auswärts geſpeiſt hätten. Er bejahte dies, er hatte zu verſchiedenen Zeiten drei Perſonen eingelaſſen. Der eine wohnte in Fountain⸗Court, die beiden andern in der Straße und er hatte ſie nach Hauſe gehen ſehen. Der an⸗ dere Herr, der außer uns in dem Hauſe wohnte, zu dem meine Zimmer gehörten, war ſeit einigen Wochen aufs 1 3 Land und nicht zurückgekehrt, denn wir ſahen, als wir die Treppe hinaufſtiegen, daß ſeine Thür noch ver⸗ ſiegelt war. „Da die Nacht ſo abſcheulich geweſen,“ ſagte der Wäch⸗ ter und gab mir das Glas zurück,„ſo hab' ich nur ſo wenige Perſonen eingelaſſen. Außer dieſen drei Herren, die ich be⸗ zeichnet habe, weiß ich Niemand anders, als einen Frem⸗ den, der nach elf Uhr ſich nach Ihnen erkundigte.“ „Mein Oheim, ja,“ murmelte ich. „Sie haben ihn geſehen?“ „Ja, gewiß.“ „Auch die Perſon mit ihm?“ „Mit ihm?“ wiederholte ich. „Ich meinte, ſie wäre mit ihm,“ antwortete der Wächter.„Sie blieb ſtill ſtehen, als er ſtill ſtand, um ſich nach Ihnen zu erkundigen und ging hierher, als er hier⸗ her ging.“ „Was war das für eine Perſon?“ Der Wächter hatte nicht beſonders acht darauf ge⸗ geben, er meinte, es wäre ein Arbeiter geweſen; ſo weit er ſich entſinne, habe er unter einem dunklen Rocke ſtaub⸗ farbige Kleider getragen. Der Wächter betrachtete die Sache oberflächlicher als ich, weil er nicht meine Gründe hatte, Werth darauf zu legen. Als er fortgeſchickt war, was mir zweckmäßig ſchien, um die Erklärungen nicht zu verlängern, beunruhigten mich dieſe Umſtände. Einzeln betrachtet waren ſie leicht zu löſen— eine Perſon, die auswärts oder zu Hauſe ge⸗ ſpeiſt, mochte nicht an das Thor jenes Wächters gekom⸗ men, allein bei meiner Treppe eingeſchlafen ſein oder mein 1* 4 namenloſer Gaſt konnte Jemand mitgebracht haben, um ihm den Weg zu zeigen— zuſammengenommen waren ſie— mir nicht angenehm, da ich ſeit einigen Stunden miß⸗ trauiſch oder furchtſam geworden war. Ich zündete das Feuer an, das zu jener Zeit des Mor⸗ gens nur matt flackerte und ſchlummerte davor ein. Als V die Uhr ſechs ſchlug, war mirs als ob ich die ganze Nacht geſchlummert hätte. Da noch anderthalb Stunden bis Tagesanbruch waren, ſo ſchlummerte ich wieder ein, wachte aber dann und wann auf, bald mit lebhaften Unterhal⸗ tungen in meinen Ohren, bald weil der Wind im Kamine donnerte, bis ich endlich in einen tiefen Schlaf verſank, aus welchem ich bei Tageslicht plötzlich erwachte.— Meine eigene Lage hatt' ich dieſe ganze Zeit gar nicht erwägen können und konnt' es noch nicht. Dazu fehlte es mir an Kraft. Ich war niedergeſchlagen und betrübt, allein im allgemeinen Sinne des Wortes, irgend ein Plan für die Zukunft war mir gänzlich fern. Als ich die Fenſter⸗ laden öffnete und den bleichen, naſſen Morgen ſah, als ich von Zimmer zu Zimmer ging, als ich vor meinem Feuer zitternd ſaß, bis die Aufwärterin käme, dacht' ich wohl an mein Elend, allein weshalb und ſeit wann ich es wäre, ob ich ſelbſt dieſe Erwägung machte und an welchem Tage ich es überlegte, wußt' ich nicht. Endlich kam die alte Frau mit ihrer Nichte— letztere mit einem Kopfe, der ungefähr wie ihr Staubbeſen aus⸗ ſah— und war über das Feuer und über mich verwun⸗ dert. Ich ſagte ihnen, mein Onkel ſei in der Nacht ange⸗ kommen und ſchlafe noch, man möge darnach die Früh⸗ ſtücksanordnungen verändern. Ich wuſch mich und kleidete 5 mich, indeß ſie abſtäubten und die Möbel hin und her ſchoben, bis ich in halbem Traume oder ſchlaftrunken aber⸗ mals am Feuer ſaß und ihn erwartete. Endlich öffnete ſich die Thür und er trat ein. Ich konnte mich nicht dazu bringen, ihn anzuſehen und er ſchien bei Tage noch ſchrecklicher ausſehen zu müſſen. Als er ſich an den Tiſch ſetzte, ſagte ich leiſe:„Ich weiß nicht, wie ich Sie benennen ſoll. Ich habe geſagt, Sie wären mein Oheim.“ „So iſt es recht, lieber Junge, nenne mich Oheim.“ „Auf dem Schiffe haben Sie doch einen Namen ge⸗ führt?“ „Allerdings. Ich hieß Provis.“ „Wollen Sie dieſen Namen beibehalten?“ „Ja, lieber Junge, ein Name iſt ſo gut wie der andere, oder haſt Du einen andern lieber?“ „Wie iſt Ihr wirklicher Name?“ flüſterte ich. „Magwitch,“ antwortete er ebenſo,„Abel mein Vor⸗ name.“ „Wozu ſind Sie erzogen worden?“ „Zu einem Wurm, mein Junge.“ Er antwortete ernſthaft und gebrauchte das Wort, als ob es ein Handwerk wäre. „Als Sie letzte Nacht in den Temple kamen“—(wo⸗ bei ich mich ſelbſt unterbrach, da ich mir kaum denken konnte, es ſei wirklich nur eine Nacht vergangen). „Nun?“ „Als Sie ins Thor traten, und den Wächter nach dem Wege zu mir fragten, hatten Sie einen Begleiter?“ „Ich? Niemand war mit mir.“ 6 „Es war aber doch Jemand da?“ „Ich gab nicht genau acht, da ich den Weg nicht kannte. Aber ich meine, es war da Jemand, der mit mir entlang gekommen war.“ „Sind Sie in London erkannt?“. „Hoffentlich nicht,“ ſagte er und gab ſeinem Halſe einen Stoß mit dem Zeigefinger, daß mir unwohl wurde. „Waren Sie früher in London bekannt?“ „Nicht ſehr, lieber Junge, ich war meiſt in den Pro⸗ vinzen.“ „Standen Sie in London— vor Gericht?“ „Wann?“ frug er mit ſchlauer Miene. „Das letzte Mal.“ Er nickte mir zu.„Habe Herrn Jaggers zuerſt ſo ken⸗ nen gelernt. Jaggers war für mich.“ Ich wollte ſchon fragen, was er verbrochen hatte, allein er nahm ein Meſſer, ſchwenkte es und ſagte:„Was ich ge⸗ than, iſt abgearbeitet und bezahlt,“ worauf er ſich ans Früh⸗ ſtück ſetzte. Er aß in gieriger Weiſe, die ſehr unangenehm war, alle ſeine Handlungen waren ungelenk, lärmend und thie⸗ riſch. Einige Zähne hatte er verloren, ſeitdem ich ihn auf der Marſch hatte eſſen ſehen und wie er die Speiſe im Munde herumwarf und den Kopf ſchräg bog, um die ſtärk⸗ ſten Zähne dabei zu verwenden, glich er ſehr einem hung⸗ rigen alten Hunde. Hätt' ich mit Appetit angefangen, ſo hätt' er ihn benommen; eine unüberwindliche Abneigung ſtieß mich von ihm zurück und ich ſah betrübt auf das Tiſchtuch. „Ich bin ein ſchwerer Verzehrer, lieber Junge,“ ſagte — 7 er, als eine Art von Entſchuldigung, nachdem er abgeſpeiſt hatte,„das bin ich immer geweſen. Hätt' es in meiner Con⸗ ſtitution gelegen, ein leichterer Verzehrer zu ſein, ſo hätt' ich auch leichtere Sorgen gehabt. Ebenſo muß ich rauchen. Als ich auf der andern Seite der Welt zuerſt als Schäfer vermiethet war, wäre ich ſelbſt ein melancholiſch tolles Schaf geworden, wenn ich keinen Tabak gehabt hätte.“ Er ſtand auf, ſteckte die Hand in die Bruſttaſche ſeiner Jacke, holte eine kurze ſchwarze Pfeife heraus und eine Hand voll loſen Tabak von der Sorte, die man Negerkopf nennt. Nachdem er die Pfeife gefüllt, ſteckte er den übrigen Tabak wieder ein, als ob ſeine Taſche ein Schubfach wäre. Dann nahm er mit der Zange eine glühende Kohle, zün⸗ dete die Pfeife an, ſtellte ſich an den Kamin, mit dem Rücken ans Feuer und ſtreckte wieder nach ſeiner beliebten Manier beide Hände mir entgegen. „Das alſo iſt der Gentleman, den ich gemacht habe!“ ſagte er, paffte und ſchlenkerte meine Hände auf und nie⸗ der;„der echte, wirkliche! Es thut mir gut, Dich anzu⸗ ſehen. Ich verlange nichts weiter, als neben Dir zu ſtehen und Dich anzuſehen, lieber Junge!“ Ich machte meine Hände ſobald als möglich frei und fing allmälig an, meine Lage zu überlegen. Ich erkannte, woran ich feſtgeſchmiedet war, da ich ſeine heiſere Stimme hörte und ſeinen gefurchten kahlen Kopf mit eiſengrauem Haar auf beiden Seiten ſah. „Mein Gentleman darf nicht den Schmuz in den Straßen ſehen— auf ſeinen Stiefeln darf kein Koth liegen. Mein Gentleman, Pip, muß Pferde haben. Pferde zum Reiten und Pferde zum Fahren(und zwar Vollblut, 8 wenns gefällig iſt) und Pferde für ſeine Bedienten auch zum Reiten und zum Fahren. Coloniſten ſollten ihre Pferde haben und mein Londoner Gentleman keine? Nein, nein, wir wollen ihnen etwas anderes zeigen, nicht wahr, Pip?“ Dabei nahm er ein großes dickes Taſchenbuch heraus, (es platzte faſt vor Papiergeld) und warf es auf den „Tiſch. „In dieſem Buche liegt genug zum Ausgeben. Es iſt Dein, alles was ich beſitze iſt nicht mein, es iſt Dein. Sei nicht bange. Wo dies herkommt, iſt noch mehr. Ich bin in die alte Welt gekommen, um zu ſehen, wie 3 mein Gentleman ſein Geld wie ein Gentleman ausgiebt. 1 Das wird mein Vergnügen ſein. Mein Vergnügen iſt zu ſehen, wie er es macht. Hol euch alle...!(ſo— fuhr er fort, ſah ſich im Zimmer umher und ſchnalzte mit den Fingern) hol euch alle der Teufel vom Richter in der Perrücke bis zum Coloniſten, der Goldſtaub aufſucht. Ich will einen beſſern Gentleman zeigen, als ihr alle zu⸗ ſammen ſeid.“ „Halt, rief ich in Furcht und Widerwillen halb wahn⸗ ſinnig aus.„Ich muß mit Ihnen ſprechen. Ich muß hören, was zu thun iſt. Ich muß wiſſen, wie ich Sie vor Gefahr ſchützen ſoll, wie lange Sie hier bleiben wollen, welche Pläne Sie haben.“ „Gib acht, Pip,“ ſagte er in veränderter und ergebener— Manier, wobei er den Arm auf die Schulter legte:„gib acht. Ich habe mich vor einer halben Minute vergeſſen. Was ich geſagt, war niedrig; das war es: niedrig. Bitte, Pip, überſieh es. Ich will nicht niedrig ſein.“ „Vor allem,“ fuhr ich ſtöhnend fort,„welche Vorſichts⸗ 9— maßregeln ſind zu ergreifen, damit Sie nicht erkannt und verhaftet werden?“ „Nein, Lieber, das iſt nicht das Erſte,“ fuhr er im früheren Tone fort.„Niedrigkeit iſt das erſte. Ich habe nicht ſo viele Jahre gearbeitet, um einen Gentleman zu machen, ohne zu wiſſen, was man ihm ſchuldig iſt. Sieh, Pip. Ich war niedrig; das war ich, niedrig. Ueberſieh es, lieber Junge!“ G Eine kurze Empfindung des Gräßlichlächerlichen erfaßte mich und ich mußte ärgerlich lachen, als ich antwortete: „Ich habe es überſehen. Um des Himmels Willen, laſſen Sie das vorüber ſein.“ „Ja, aber ſieh doch nur, daß ich nicht ſo weit herge⸗ kommen bin, um niedrig zu ſein. Nun weiter, lieber Junge. Du ſagteſt eben—“ „Wie man Sie vor der Gefahr bewahren kann, der Sie ſich ausſetzen?“ „Nun, lieber Junge, die Gefahr iſt nicht ſo groß. Wenn man nicht angibt, hat die Gefahr nicht viel zu bedeuten. Da iſt Jaggers, und da iſt Wemmick und da biſt Du. Wer weiter ſoll mich angeben können?“ „Gibt es Niemand, der Sie zufälligerweiſe auf der Straße erkennen könnte?“ „Viele gibt es nicht,“ erwiderte er. Ich will keine Anzeige in die Zeitungen erlaſſen, daß A. M. von Botany⸗ Bay zurückgekehrt iſt, Jahre ſind vergangen und wer hätte einen Nutzen davon? Allein ſieh, Pip, wäre die Gefahr funfzig Mal größer geweſen, ſo wäre ich doch gekommen, um Dich zu ſehen.“ „Wie lange bleiben Sie hier?“ 10 „Wie lange?“ ſagte er, nahm ſeine ſchwarze Pfeife aus dem Munde und ſtarrte mich an.„Ich gehe nicht zurück. Ich bin in guter Abſicht hier.“— „Wo wollen Sie leben? Was ſoll ich mit Ihnen anfangen? Wo ſind Sie ſicher?“ „Lieber Junge,“ antwortete er,„für Geld kann man Perrücken kaufen, die einen verkleiden, oder Haarpuder, oder Brillen, oder ſchwarze Anzüge, kurze Hoſen und was nicht alles. Andere haben es früher ohne Gefahr gethan und was andere früher gethan, können andere wieder thun. Das wo und wie zu leben, iſt eine Sache, worüber Du mir Deine Meinung ſagen mußt.“ „Jetzt nehmen Sie es ſehr leicht, vorige Nacht waren Sie ſehr ernſt, als Sie ſchworen, es handle ſich um Tod und Leben.“ „So ſchwöre ich noch,“ ſagte er und ſteckte die Pfeife in den Mund,„es iſt der Tod am Galgen auf der offenen Straße nicht weit von hier und es iſt ernſt, daß Du davon genau unterrichtet biſt. Und wenn das vorüber iſt? Ich bin hier. Zurückzukehren wäre ſo ſchlimm, als hier es zu wagen— ſchlimmer. Und ich bin hier, Pip, weil ich es Jahre lang überlegt habe. Was ich dabei wage? Nun ich bin jetzt ein alter Vogel, der ſo vielen Schlingen getrotzt, ſeitdem er flügge geworden und ich bin nicht ängſtlich, mich auf einer Vogelſcheuche niederzulaſſen. Steckt der Tod darunter, ſo iſt es gut, ſo mag er herauskommen, ich ſehe ihm ins Geſicht und glaube erſt dann an ihn und nicht früher. Nun aber will ich erſt meinen Gentleman wieder einmal beſehen.“ Abermals faßte er mich an beiden Händen und beſah 14 mich mit einer Art von bewunderndem Eigenthumsrecht, wobei er unausgeſetzt mit großem Wohlbehagen rauchte. Es ſchien mir das beſte, ihm eine ſtille Wohnung in der Nähe zu verſchaffen, die er bei Herbert's Rückkehr beziehen könne, da ich dieſen in zwei bis drei Tagen erwartete. Herbert mußte das Geheimniß durchaus erfahren, abge⸗ ſehen davon, daß dieſe Mittheilung eine große Erleichterung gewähren müſſe. Herr Provis(ſo wollte ich ihn nennen) theilte dieſe Anſicht nicht ſo ſehr und beſchloß ſeine Einwil⸗ ligung zu Herbert's Mitwiſſenſchaft erſt dann zu geben, wenn er ihn geſehen und einen günſtigen Eindruck von ſeiner Phyſiognomie gewonnen habe.„Und ſelbſt dann muß er ſchwören,“ ſagte er und holte eine ſchmuzige, ſchwarze Bibel aus der Taſche. Mein ſchrecklicher Patron trug wahrſcheinlich dies kleine ſchwarze Buch durch die Welt, um Leute in dringen⸗ den Fällen darauf ſchwören zu laſſen— zwar weiß ich das nicht beſtimmt, allein ich habe ihn niemals eine andere Anwendung davon machen ſehen. Das Buch ſchien aus einem Gerichtshofe geſtohlen zu ſein und vielleicht verließ er ſich, aus der Kunde von deſſen früherer Anwendung und ſeiner eigenen Erfahrung auf deſſen Macht, als ob es ein geſetzliches Zaubermittel wäre. Als er es zum erſten Male hervorzog, fiel mir ein, daß ich ihm vor vielen Jahren auf dem Kirchhofe hatte Treue ſchwören müſſen und daß er nach ſeiner letzten Erzählung alle ſeine Beſchlüſſe immer beſchworen hatte. Da er augenblicklich eine Art von Matroſenkleidung trug, in welcher er ausſah, als ob er Papageien und Cigarren zu verkaufen hätte, beſprach ich zunächſt ſeine 12 Kleidung. Er hatte beſondere Vorliebe für kurze Hoſen als Verkleidung, und hatte ſich eine Art von Anzug erdacht, daß er wie ein Mittelding zwiſchen einem Dechanten und einem Zahnarzte ausgeſehen hätte. Mit großer Mühe brachte ich ihn dazu, ſich etwa wie ein wohlhabender Päch⸗ ter zu kleiden; er ſollte ſich die Haare beſchneiden und etwas Puder tragen. Da meine Wäſcherin und deren Nichte ihn noch nicht geſehen hatten, ſo ſollte er dieſe vermeiden, bis er zu ſeinem neuen Anzuge gekommen war. Es ſcheint vielleicht ſehr einfach, dieſe Vorſichtsmaß⸗ regeln zu treffen, allein ich war ſo verworren, daß ich erſt um zwei Uhr Nachmittags dazu gelangte, zu dieſem Behufe auszugehen. Er ſollte in meiner Abweſenheit ein⸗ geſchloſſen bleiben und in keiner Weiſe die Thür öffnen. Da in Eſſex⸗Street ein anſtändiges Haus lag, deſſen Hinterzimmer auf den Temple hinausgingen und beinahe von meinen Fenſtern geſehen werden konnten, ging ich zuerſt nach dieſem Hauſe und miethete den zweiten Stock für meinen Oheim, Herrn Provis. Dann beſuchte ich ver⸗ ſchiedene Läden, um alles einzukaufen, was ſein Aeußeres verändern könnte. Nachdem alles das geſchehen war, begab ich mich um meiner ſelbſt willen nach Little britain. Herr Jaggers ſchrieb am Pulte, ſtand jedoch gleich auf, als er mich kommen ſah und ſtellte ſich vor das Feuer. „Nun, Pip, ſei vorſichtig,“ ſagte er. „Das werde ich ſein,“ ſagte ich, denn ich hatte auf dem Hinwege meine Aeußerungen genau überlegt. „Bringen Sie ſich nicht in Noth und bringen Sie keinen andern hinein. Sie verſtehen— keinen andern. Erzählen Sie mir nichts, ich bin nicht neugierig.“ *] * 1 — 13 Er wußte alſo von der Ankunft des Mannes. „Ich wollte nur wiſſen, ob alles wahr iſt, was man geſagt hat. Ich hoffe nicht, daß es unwahr iſt, möchte jedoch deſſen Beſtätigung erhalten.“ Herr Jaggers nickte.„Sagten Sie geſagy oder„mit⸗ getheilt?“ frug er, ohne mich anzuſehen und warf ſeinen Blick auf den Boden.„Geſagt könnte auf mündliche Mittheilung gedeutet werden. Mit einem Manne in Neu⸗Süd⸗Wallis können Sie keine mündliche Verbindung haben. „Ich werde ſagen„mitgetheilt“, Herr Jaggers.“ „Sehr gut.“— „Ich habe alſo von einer Perſon, Namens Abel Mag⸗ witch mitgetheilt erhalten, daß er der mir ſo lange unbe⸗ kannte Wohlthäter iſt.“ „Das iſt der Mann in Neu⸗Süd⸗Wallis.“ „Und nur er?“ „Und nur er,“ antwortete Herr Jaggers. „Ich bin nicht ſo unvernünftig, Sie für meine Irrthümer und falſchen Schritte verantwortlich zu machen, ich hielt aber immer Fräulein Havisham dafür.“ „Wie Sie ſagen, Pip,“ erwiderte Herr Jaggers, ſah mich kaltblütig an und kaute am Zeigefinger.„Ich bin durchaus nicht dafür verantwortlich.“ „Und doch war es ſo wahrſcheinlich,“ bemerkte ich mit niedergeſchlagenem Herzen. „Nicht ein bischen Beweis,“ antwortete Jaggers, indem er den Kopf ſchüttelte und die Rockſchöße zuſammennahm. „Kümmern Sie ſich niemals um Wahrſcheinlichkeit, iumer um Beweiſe, das iſt die beſte Vorſchrift.“ 14 „Ich habe nichts mehr zu ſagen— meine Mittheilun⸗ gen ſind beſtätigt und es hat nun ein Ende.“ „Und Magwitch— in Neu⸗Süd⸗Wallis hat ſich jetzt enthüllt“— fuhr er fort.„Sie werden geſtehen, Pip, daß ich bei allen Verbindungen mit Ihnen die ſtrengſte Wahr⸗ heit befolgt habe. Ich habe niemals die ſtrenge Wahrheit verlaſſen, das räumen Sie doch ein?“ „Durchaus, mein Herr.“ „Ich theilte Herrn Magwitch in Neu⸗Süd⸗Wallis, als er zuerſt— aus Neu⸗Süd⸗Wallis— an mich ſchrieb — die Warnung mit, er möge nicht erwarten, daß ich jemals von der ſtrengſten Wahrheit abweichen werde. Ich empfahl ihm noch eine andere Vorſicht. Er ſchien mir in einem Briefe eine ferne Abſicht, Sie in England zu be⸗ ſuchen, angedeutet zu haben. Ich warnte ihn, nichts mehr davon hören zu wollen, er ſei für ſein ganzes Leben aus dem Vaterlande verbannt und ſein Erſcheinen in demſelben wäre eine Handlung der Felonie, welche ihn der ſtrengſten Strafe des Geſetzes unterwerfe. Ich gab ihm dieſe War⸗ nung, ich ſchrieb ſie ihm nach Neu⸗Süd⸗Wallis. Er hat ſich gewiß darnach gerichtet.“ „Ohne Zweifel,“ ſagte ich. „Wemmick hat mir mitgetheilt,“ fuhr Herr Jaggers fort und ſah mich ſcharf an,„er habe einen Brief aus Portsmouth erhalten, von einem Coloniſten, Namens Purvis oder—“ „Provis,“ ſchaltete ich ein. „Oder Provis. Ich danke Ihnen, Pip. Vielleicht iſt es Provis. Vielleicht wiſſen Sie, daß es Provis iſt?“ „Ja,“ ſagte ich. 5 — 15 „Sie wiſſen, daß es Provis iſt. Ein Brief aus Ports⸗ mouth von einem Coloniſten, Namens Provis, frägt für Magwitch nach Ihrer Adreſſe. Wemmick ſchickte ihm, wie ich höre, mit umgehender Poſt den Beſcheid. Vielleicht haben Sie durch Provis die Aufſchlüſſe über Magwitch in Neu⸗Süd⸗Wallis erhalten?“ „Sie kamen durch Provis,“ antwortete ich. „Adieu, Pip, es hat mich gefreut, Sie geſehen zu haben,“ ſagte er und reichte mir die Hand.„Schreiben Sie mit der Poſt an Magwitch in Neu⸗Süd⸗Wallis oder treten Sie durch Provis mit ihm in Verbindung, ſo haben Sie die Güte zu erwähnen, daß die Details und Rechnungen unſeres langen Conto mit der Bilanz an Sie geſchickt werden, denn es iſt noch eine Bilanz vorhanden. Adieu, Pip!“ Wir ſchüttelten uns die Hände und er ſah mich ſo lange als möglich ſcharf an. Ich kehrte mich an der Thür um und er ſah mich noch immer ſcharf an, indeß die beiden gemeinen Abgüſſe auf dem Schranke die Augen offen zu reißen, und aus ihren geſchwollenen Kehlen„O welch' ein Mann“ ſchreien zu wollen ſchienen. Wemmick war nicht da und hätte mir auch an ſeinem Pulte nicht helfen können. Ich kehrte nach dem Temple, wo der ſchreckliche Provis ungeſtört Rum und Waſſer trank und Negerkopf rauchte, zurück. Am andern Tage kamen alle Kleider und er zog ſie an. Mir ſchien es leider, daß alle Anzüge ihm ſchlechter paßten als der alte. Es war etwas in ihm, welches jeden Verſuch der Verkleidung zu vereiteln ſchien. Je mehr und je beſſer ich ihn kleidete, deſto mehr glich er dem ſchlottern⸗ 146 den Flüchtlinge auf den Marſchen. Dieſe Wirkung auf meine beängſtigte Einbildungskraft entſtand gewiß theilweiſe daher, daß ſein altes Geſicht und Benehmen mir bekann⸗ ter wurden, allein er ſchien auch ſein Bein zu ſchleppen, als ob noch Eiſen auf demſelben laſte und der ganze Menſch von Kopf zu Fuß trug noch das Gepräge eines Sträflings. Ueberdies lag der Einfluß ſeines einſamen Hüttenlebens auf ihm und gab ihm ein wildes Ausſehen, das kein Kleid zu zähmen vermochte, dazu kam ſein ſpäteres gebrandmarktes Leben unter den Menſchen und endlich ſein Bewußtſein, daß er ſich jetzt verſtecke. Wie er ſaß und ſtand, aß und trank, ſein großes Meſſer mit Horngriff herausnahm, es am Bein abwiſchte und das Brot durchſchnitt, leichte Gläſer und Taſſen an die Lippen hob, als wären es plumpe Pfännchen, eine Kruſte vom Brot abſchnitt und das letzte Reſtchen Sauce vom Teller aufnahm, und dann die Finger⸗ ſpitzen daran abtrocknete und ſie verſchluckte— in allen dieſen und tauſend andern kleinen Dingen konnte man den Gefangenen, den Verbrecher, den Transportirten er⸗ kennen.— Es war ſein Einfall, etwas Puder zu tragen und ich räumte dies ein, nachdem ich die kurzen Hoſen beſeitigt hatte. Doch ſah dies' etwa ſo aus, wie Schminke bei einem Todten ſein mag; durch dieſe dünne Schicht drang das ſchreckliche Geheimniß immer mehr und er mußte es ſehr bald aufgeben und ſein graues Haar kurzgeſchnitten tragen. Mich drückte in jedem Bezuge das furchtbare Geheim⸗ niß nieder. Schlief er abends ein und hielt ſich an den Lehnen des Seſſels feſt, indeß ſeine kahle Stirn von Fur⸗ —— ——,—— 17 chen durchzogen waren, die ihm auf die Bruſt fielen, ſah ich ihn wohl an und dachte was er verbrochen haben möge; ich ſchrieb ihm alle Verbrechen des Strafgeſetzbuchs zu, bis es mir zu arg wurde und ich davonlief. Jede Stunde ver⸗ mehrte meine Abſcheu ſo ſehr, daß ich vielleicht die unbe⸗ ſonnenſten Streiche gemacht hätte, wäre mir nicht Her⸗ bert's baldige Rückkehr gewiß geweſen. Einmal ſprang ich des Nachts auf und zog mir ſchon die ſchlechteſten Kleider an, um ihn mit all' meinem Hab' und Gut zu verlaſſen und als Gemeiner nach Indien abzugehen. In dieſen einſamen Räumen, mit langen Abenden und langen Nächten, indeß Wind und Regen ringsum wüthe⸗ ten, hätte mich ein Geſpenſt nicht ſo ſehr eingeſchüchtert. Ein Geſpenſt konnte man doch nicht aufhängen. Wenn er nicht ſchlief oder mit einem ſchmuzigen Packet Karten eine verwickelte Art Patience ſpielte, die ich weder früher noch ſpäter jemals geſehen, und wobei er ſeine Gewinnſte durch Einſchnitte ſeines Meſſers in den Tiſch anſchrieb, ſo bat er mich, ihm vorzuleſen.„Aus fremden Sprachen, lieber Junge.“ Er verſtand kein Wort davon und ſtand am Feuer, um mich wie ein Ausſteller zu betrachten und machte vor den ſtummen Möbeln Mienen, als ob ſie ſich über meine Fortſchritte wundern ſollten. Man könnte meinen, ein ganzes Jahr müſſe ſo verfloſ⸗ ſen ſein, allein es dauerte nur fünf Tage. Ich ging nie⸗ mals aus, nur im Dunkeln machte ich einen Spaziergang mit Provis. Eines Abends, als ich nach dem Mittags⸗ eſſen vor Ermattung in einen Schlummer geſunken war — denn meine Nächte waren unruhig und voll der ſchreck⸗ lichſten Träume— hörte ich die willkommenen Tritte Charles Dickens, Große Erwartungen. III. 2 auf der Treppe. Provis war auch eingeſchlummert; bei meinem Geräuſche ſprang er auf und hatte ſchon ein Meſ⸗ ſer in der Hand. „Ruhig! Es iſt Herbert,“ ſagte ich, und Herbert ſtürzte herein mit der heitern Friſche von einer großen Reiſe. „Händel, lieber Kerl, wie gehts Ihnen, und wie gehts Ihnen, und nochmals wie gehts Ihnen? Es iſt mir, als ob ich ein Jahr fortgeweſen wäre! Das muß auch wohl ſein, denn Sie ſind dünn und blaß geworden! Händel, mein— aber ich bitte um Verzeihung!“ Er hielt in ſeiner lebhaften Unterhaltung und ſeinem Händedrucke inne, als er Provis ſah. Provis ſah ihn feſt an, legte langſam ſein Taſchenmeſſer fort und ſuchte in der Tafche nach etwas anderem. „Herbert, lieber Freund,“ ſagte ich und ſchloß die Doppelthüren, indeß Herbert verwundert mich anſtarrte, „es hat ſich etwas Seltſames zugetragen. Dieſes iſt— Lit Beſuch bei mir!“ „Es iſt Alles gut, lieber Junge!“ ſagte Provis, trat mit ſeinem ſchwarzen Buche hervor und wandte ſich an Herbert.„Nehmen Sie es in Ihre Rechte. Der Herr ſchmettere Sie unverzüglich todt nieder, wenn Sie jemals in irgend einer Weiſe ausplaudern! Küſſen Sie es!“ „Thun Sie es, wie er es wünſcht,“ ſagte ich zu Her⸗ bert. Er ſah mich unruhig und erſtaunt an und that es. Hierauf gab Provis ihm die Hand und ſagte:„Sie haben geſchworen. Und glauben Sie nie meinem Eide, wenn Pip nicht auch Sie zum Gentleman macht!“ —2 Zweites Kapitel. Das Erſtaunen und die Unruhe Herbert's, als ich mit ihm und Provis vor dem Feuer ſaß und ihm das ganze Geheimniß erzählte, laſſen ſich nicht beſchreiben. Ich ſah, wie meine Empfindungen ſich auf Herbert's Antlitz wieder⸗ ſpiegelten, und darunter auch den Widerwillen gegen den Mann, der ſo viel für mich gethan hatte. Hätte uns kein anderer Umſtand getrennt, ſo wäre ſchon ſein Stolz auf meine Geſchichte im Stande geweſen, uns zu trennen. Außer der unangenehmen Empfindung, bei einer Gelegenheit nach ſeiner Rückkehr niedrig ge⸗ weſen zu ſein— worüber er, nachdem ich meine Ent⸗ deckungen geſchloſſen, unverzüglich vor Herbert ſich ent⸗ ſchuldigte— hatte er nicht den mindeſten Begriff davon, daß ich gegen mein Vermögen etwas einzuwenden haben könnte. Er rühmte ſich, mich zum Gentleman gemacht zu haben und nun gekommen zu ſein, damit er ſehe, wie ich⸗ mit ſeinen reichen Hülfsmitteln dieſe Rolle ſpiele; und daß dieſer Stolz uns ſehr gefallen müſſe, ſtand durchaus feſt bei ihm. „Obſchon ich, merken Sie ſichs, Pip's Kamerad,“ ſagte er nach kurzer Unterhaltung zu Herbert,„ſehr wohl weiß, 20 daß ich einmal nach meiner Rückkehr eine halbe Minute niedrig geweſen bin. Ich ſagte zu Pip, ich wüßte das; darüber mögen Sie ſich beruhigen. Ich habe nicht Pip zum Gentleman gemacht und Pip ſoll nicht Sie dazu machen, ohne daß ich wüßte, was ich Beiden ſchuldig bin. Lieber Junge und Pip's Kamerad— Ihr könnt Beide immer auf mich rechnen, daß ich einen feinen Maulkorb trage. Ich habe ihn getragen, ſeitdem ich eine halbe Minute in Niedrigkeit geſunken war, ich trage ihn jetzt und werde ihn immer tragen.“. „Gewiß,“ ſagte Herbert mit einer Miene, als ob darin kein beſonderer Troſt läge. Wir erwarteten, er werde nun bald nach Hauſe gehen; allein er ſchien uns nicht gern allein zu laſſen und blieb lange da. Um Mitternacht führte ich ihn nach der Eſſexſtraße und ſah ihn ſicher in ſeine Thür eintreten. Als dieſe geſchloſſen war, trat für mich der erſte Augenblick der Ruhe ſeit ſeiner Ankunft ein. Der Mann auf der Treppe hatte mich noch immer be⸗ ängſtigt; ich hatte mich umgeſehen, wenn ich meinen Gaſt Abends ausführte oder nach Hauſe brachte, und ich ſah mich auch diesmal um. So ſchwer es in einer großen Stadt iſt, den Argwohn zu meiden, daß man beobachtet werde, ſobald man ſich einer ſolchen Gefahr bewußt iſt, konnte ich mir nicht einbilden, daß irgend Jemand ſich um mein Treiben kümmere. Die wenigen Vorübergehenden gingen ihres Weges und die Straße war leer, als ich zum Temple zurückging. Niemand war zur Thür mit uns herausgegangen, Niemand ging zur Thür mit mir herein. Als ich bei der Fontaine an ſeinen Fenſtern vorbeikam, war das Licht ſeines Hinterzimmers hell und ruhig, und als ich 21 einige Augenblicke im Thore meines Hauſes ſtillſtand, ehe ich die Treppe hinaufſtieg, war Gardencourt ſo leblos wie die Treppe. 5 Herbert empfing mich mit offenen Armen und 19 hatte bis jetzt noch gar nicht den wohlthätigen Eindruck empfun⸗ den, wie viel ein Freund werth ſei. Nachdem er einige verſtändige Worte der Sympathie und Aufmunterung ge⸗ ſprochen hatte, ſetzten wir uns nieder, um zu überlegen, was zu thun ſei. Da der Stuhl, auf dem Provis geſeſſen, noch am alten Platze ſtand— denn er hatte die Kaſernenmanier an ſich, auf einem Flecke in unruhiger Weiſe zu verharren und nach⸗ einander mit Pfeife, Negerkopf, Meſſer und einem Paquet Karten immer dieſelben Bewegungen zu machen— da alſo der Stuhl noch daſtand, ſo nahm ihn Herbert, ſprang aber gleich wieder auf, ſtieß ihn fort und ſetzte ſich in einen andern. Er brauchte mir nun nicht erſt zu ſagen, daß er eine Abneigung gegen meinen Gönner habe, und ich brauchte ihm die meinige nicht auseinanderzuſetzen. Wir tauſchten dies Vevtwauen aus, ohne ein Wort laut werden zu laſſen. „Was iſt zu thun?“ ſagte ich, als Herbert in einem andern Stuhle ſicher war. „Lieber, armer Händel, ich bin,“ erwiderte er und hielt ſich den Kopf feſt,„allzu betäubt, als daß ich denken könnte.“ „So war mir es zuerſt, als der Schlag niederfiel. Allein es muß doch etwas geſchehen. Er beabſichtigt ver⸗ ſchiedene neue Ausgaben, Pferde, Wagen, verſchwenderiſche Anſchaffungen Ferſchiedener Art. Er muß irgendwie zurück⸗ gehaalten 8 „Sie meinen nicht annehmen zu dürfen—?“ „Wie kann ich?“ unterbrach ich ihn.„Denken Sie an ihn, ſehen Sie ihn nur an!“ Ein unwillkürliches Schaudern ergriff uns Beide. „Und dazu iſt es leider eine ſchreckliche Wahrheit, daß er mir zugethan iſt. Welch' ein Geſchick!“ „Lieber, armer Händel!“ wiederholte Herbert. „Wenn ich nun einhalte und keinen Heller mehr von ihm annehme,“ ſagte ich,„ſo bin ich ihm doch ſchon ſo viel ſchuldig! Ferner habe ich Schulden, die für mich bedeutend ſind, da mir jetzt alle Erwartungen fehlen, und ich bin für keinen Beruf erzogen und tauge zu nichts.“ „Nun, nun,“ warf Herbert ein,„zu nichts heißt doch zu viel geſagt.“ „Wozu tauge ich denn? Höchſtens könnte ich als Soldat dienen. Und ich wäre ſchon fort, wenn ich mir nicht vor⸗ genommen hätte, mich mit Ihrer Freundſchaft zu berathen.“ Ich brach dabei in Thränen aus, Herbert ſtellte ſich, als ob er nichts merke und gab mir einen warmen Hände⸗ druck. „Der Dienſt als Soldat nützt gar nichts,“ bemerkte er.„Wenn Sie jenem Gönner und jenen Begünſtigungen entſagen wollen, ſo thun Sie es doch mit der ſchwachen Hoffnung, auch das, was Sie ſchon erhalten haben, dereinſt zurückbezahlen zu können. Dieſe Hoffnung wäre ſehr ſchwach, wenn Sie als Soldat fortgingen! Das Ganze iſt abgeſchmackt. Es ginge Ihnen weit beſſer in Clarriker's Haus, wenn es auch noch klein iſt. Sie wiſſen, daß ich bald Compagnon zu werden hoffe.“ Guter Menſch! Er ahnte nicht, durch nioe 1. f „Es handelt ſich aber um noch etwas,“ ſagte Herbert. „Es iſt ein unwiſſender, entſchloſſener Mann, der lange eine feſte Idee gehabt hat. Ueberdies ſcheint er mir(viel⸗ leicht daß ich ihn falſch beurtheile) ein Mann von verzwei⸗ feltem und wildem Charakter.“ „Das iſt er gewiß,“ antwortete ich;„ich will Ihnen meine Beweiſe dafür erzählen.“ Und ich theilte ihm mit, was ich früher unterlaſſen hatte: ſeinen Kampf mit dem andern Sträflinge. „Alſo,“ ſagte Herbert,„darf dieſes nicht überſehen werden. Er kommt auf Lebensgefahr hierher, um ſeine feſte Idee zu verwirklichen. Im Augenblicke dieſer Ver⸗ wirklichung nach all' ſeinem Mühen und Harren ziehen Sie ihm den Boden unter den Füßen weg, zerſtören ſeine Idee und benehmen ſeinen Verdienſten das Intereſſe. Bei ſolcher Täuſchung möchte er tolle Streiche machen.“ „Das habe ich erkannt und ſeit der Schreckensnacht ſeiner Ankunft immer davon geträumt. Nichts hat mich ſo ſehr beſchäftigt, als daß er ſich der Gefahr der Haft ausgeſetzt hat.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf,“ bemerkte Herbert,„e würde ſich am Ende ſelbſt angeben. So lange er in Ge land lebt, beſitzt er dieſe Macht über Sie, und wenn Sie ihn verlaſſen, wäre er zu einem ſo rückſichtsloſen Verfahren im Stande.“ Ich erſchrak ſo ſehr bei dieſem Gedanken, der mich von vorn herein belaſtet hatte und deſſen Verwirklichung mich gewiſſermaßen zu ſeinem Mörder machen würde, daß ich nicht im Stuhle bleiben konnte, ſondern auf und ab zu gehen anfing. Unterdeſſen ſagte ich zu Herbert, daß ich, wenn 24 Provis wider Willen erkannt und ergriffen würde, ſelbſt als unſchuldig ſehr unglücklich ſein müſſe. Lieber hätte ich mein ganzes Leben in der Schmiede gearbeitet, als dahin gekominen zu ſein! Allein es war nun nicht zu ändern. Es mußte etwas geſchehen. „Das erſte, was geſchehen muß,“ ſagte Herbert,„iſt ſeine Entfernung aus England. Sie müſſen mit ihm reiſen, und dann wird er ſich dazu entſchließen.“ „. Bhin er käme, könnt' er doch von dort zurück⸗ kehren.“ „Licher Händel, da Newgate in der nächſten Straße liegt, ſo iſt es klar, daß es weit gefährlicher iſt, ihm hier als anderswo Ihre Abſichten zu entdecken. Vielleicht, daß der andre Sträfling oder ſonſt ein Punt ſeines Lebens ihn zur Abreiſe bewegt.“ „Das iſt es eben,“ ſagte ich und blieb mit offenen Händen vor Herbert ſtehen, als ob der verzweifelte Fall in ihnen läge.„Ich weiß nichts von ſeinem Leben. Ich bin faſt wahnſinnig geworden, ihn mit meinem Glück und Mißgeſchick in engſter Verbindung zu ſehen und doch nichts mehr von ihm zu wiſſen, als daß er der elende Miſſethäter iſt, der mich zwei Tage meiner Kindheit in Schrecken ver⸗ ſetzte.“ Herbert ſtand auf, ſchob ſeinen Arm in den meinigen, und ging langſam auf und ab. Endlich blieb er ſtill ſtehen und ſagte:„Händel, Sie können keine weiteren Wohl⸗ thaten von lben annehmen?“ „Niemals. Sie würden an meiner Stelle ebenſo handeln.“ „Und Sie müſſen ihm das unktelcne 25 „Herbert, wie können Sie noch fragen?“ „Und Sie haben für das Leben, das er um Ihret⸗ willen in Gefahr ſetzt, ſo viel übrig, daß Sie ihn womög⸗ lich davor, daß er es wegwirft, ſchützen wollen. Dann müſſen Sie ihn aus England fortſchaffen, ehe Sie einen Finger regen, ſich ſelbſt herauszuwickeln. Wenn das geſchehen iſt, ſo helfen Sie ſich ſelbſt in des Himmels Namen heraus und wir wollen die Sache zuſammen in Ordnung bringen, lieber alter Junge!“ Es war ein Troſt, darnach die Hände ſich zu drücken und wieder auf und ab zu gehen. „Was aber ſeine Geſchichte betrifft, ſo gibt es,“ ſagte ich,„nur ein Mittel, das mir bekannt wäre, um etwas zu erfahren. Ich muß ihn ganz entſchieden darum befragen.“ „Ja. Fragen Sie morgen, wenn wir am Frühſtück zuſammenſitzen,“ ſagte Herbert. Denn er hatte geſagt, er werde am andern Morgen bei uns frühſtücken.“ Nachdem dies beſchloſſen war, legten wir uns nieder. Ich hatte die wildeſten Träume über ihn und erwachte ohne erfriſcht zu ſein, auch ergriff mich wieder die Furcht, man werde ihn als einen Transportirten erkennen. Dieſe Angſt begleitete mich den ganzen Tag. Zur beſtimmten Zeit kam er zu uns, nahm ſein großes Meſſer heraus und ſetzte ſich ans Frühſtück. Er war voll von Plänen dafür, daß ſein Gentleman großartig auftrete, und drang in mich, ſein Taſchenbuch, das er in meinen Händen zurückgelaſſen hatte, bald zu benutzen. Er betrach⸗ tete meine Zimmer und ſeine Wohnung als vorübergehen⸗ den Aufenthalt und rieth mir eine modiſche Kajüte aufzu⸗ ſuchen, in welcher er etwa bei Hyde Park ſich niederlaſſen 26 könne. Als er ſein Frühſtück beendigt hatte und ſein Meſſer am Bein abtrocknete, ſagte ich ohne weitere Ein⸗ leitung zu ihm: „Nachdem Sie geſtern Abend fortgegangen waren, er⸗ zählte ich meinem Freunde, daß die Soldaten Sie auf den Marſchen im Kampfe mit einer andern Perſon fanden. Erinnern Sie ſich deſſen?“ „Erinnern? Das mein!' ich.“ 1 „Wir wünſchen etwas über dieſen Mann und über Sie zu wiſſen. Es iſt ſeltſam, nichts weiter als das er⸗ fahren zu haben. Iſt das nicht eine paſſende Zeit mehr zu wiſſen?“ „Nun ja,“ ſagte er nach einiger Ueberlegung.„Sie wiſſen, Pip's Kamerad, daß Sie geſchworen haben?“ „Allerdings,“ antwortete Herbert. „ Der Eid umfaßt alles was ich erzähle; wiſſen Sie das?“— „Das nehme ich auch an.“ 1 „Und alles, was ich gethan, iſt abgearbeitet und be⸗ zahlt.“ Er nahm ſeine ſchwarze Pfeife und wollte ſie mit Ne⸗ gerkopf füllen, als er den Tabak anſah und ihm einfiel, dieſer müſſe eine Verwirrung in die Erzählung bringen. Er legte ihn fort, ſteckte ſeine Pfeife in ein Knopfloch ſeines Rockes, blickte das Feuer einige Augenblicke an und er⸗ zählte dann Folgendes⸗ Drittes Kapitel. „Lieber Junge und Pips' Kamerad. Ich will mein Leben nicht erzählen, wie ein Lied oder ein Geſchichtsbuch. Um es kurz und faßlich zu geben, will ich es in einen Mundvoll Engliſch bringen. Inner⸗ und außerhalb des Ge⸗ fängniſſes. Inner⸗ und außerhalb des Gefängniſſes, inner⸗ und außerhalb des Gefängniſſes. Das iſt alles. Das iſt mein ganzes Leben, bis ich fortgeſchifft wurde, nachdem Pip mein Freund geweſen war. Ich habe ſo ziemlich alles erlitten, nur nicht den Gal⸗ gen. Ich bin eingeſchloſſen geweſen wie ein ſilberner Thee⸗ keſſel. Ich bin bald hier und bald dort ausgeſtellt, aus dieſer und aus jener Stadt fortgebracht, eingeſperrt und gepeitſcht und gequält und gehetzt worden. Ich weiß nicht mehr wo ich geboren bin. Zuerſt bin ich meiner in Eſſex gewahr worden, als ich Rüben ſtahl, um zu leben. Es war Jemand von mir entlaufen, ein Mann, ein Keſſelflicker, hatte das Feuer mitgenommen und mich fror. Ich wußte, daß ich Magwitch hieß, mit Taufnamen Abel. Wie wußt' ich das? Wie ich wußte, daß Vögel in den Hecken lebten, welche Sperling, Droſſel, Finke hießen. Ich hätte das ganze für unwahr gehalten, da ich mich aber in den Namen der Vögel nicht geirrt hatte, hielt ich auch den meinigen für richtig. So viel ich weiß, ſah Niemand den jungen Abel Mag⸗ witch, mit nichts an ſich und nichts in ſich, der ſich nicht vor ihm erſchreckte, und ihn fortjagte oder einſteckte. Ich wurde ſoviel eingeſteckt, daß ich bei dem Einſtecken groß ge⸗ worden bin. So war es, daß ich als ein zerlumptes kleines Ge⸗ ſchöpf, das nur zu bedauern war(obſchon ich mich in kei⸗ nem Spiegel geſehen, denn das Innere möblirter Häuſer war mir kaum bekannt), den Ruf erhielt, verhärtet zu ſein. „Das iſt ein ſehr verhärteter Junge,“ hieß es, wenn Ge⸗ fängniſſe beſichtigt wurden, und man zog mich hervor. „Man kann ſagen, daß er im Gefängniſſe lebt, dieſer Junge.“ Dann ſahen ſie mich an und ich ſah ſie an und einige maßen mir den Kopf— ſie hätten lieber meinen Magen meſſen ſollen— und andere gaben mir Traktät⸗ chen, die ich leſen konnte und wieder andere hielten mir Reden, die ich nicht verſtehen konnte. Sie ſprachen immer⸗ fort vom Teufel. Allein was zum Teufel ſollt' ich thun? Ich mußte doch etwas in meinen Magen ſtecken. Allein ich werde gemein und ich weiß was ſich ſchickt. Lieber Junge und Pips' Kamerad, ſeid nicht bange, daß ich ge⸗ mein werde. Vagabondiren, Betteln, Stehlen, wenn ich konnte auch zuweilen arbeiten— letzteres kam nicht ſo oft, als ihr denken mögt, denn ihr werdet ſelbſt bedenken, ob ihr ſehr bereit geweſen wärt, mir Arbeit zu geben— etwas Wild⸗ dieb, etwas Bauer, etwas Fuhrmann, etwas Heumacher, etwas Hauſirer, etwas von allem was nichts einbringt und 29 in Noth bringt— das alles kam zuſammen, als ich ein Mann wurde. Ein Deſerteur, der unter einem Haufen Kartoffeln verborgen lag, lehrte mich leſen, und ein reiſen⸗ der Rieſe, der ſeinen Namen Jedesmal für einen Pfennig unterzeichnete, lehrte mich ſchreiben. Ich war damals nicht ſo oft eingeſperrt, als früher, doch wußt' ich immer g genug von den Gefängniſſen. Vor etwa zwanzig Jahren lernt' ich auf dem Wett⸗ rennen zu Epſom einen Mann kennen, deſſen Schädel ich mit dieſem Schüreiſen wie die Scheere eines Krebſes zer⸗ ſchlagen würde, wenn ich ihn nur habhaft werden könnte. Sein wirklicher Name war Compeyſon und dieſen Mann haſt Du im Graben von mir geſchlagen geſehen, wie Du Deinem Kameraden vorige Nacht richtig erzählt haſt. Dieſer Compeyſon gab ſich für einen Gentleman aus und war in einer Stadtſchule geweſen und hatte etwas ge⸗ lernt. Er konnte fein ſprechen und kannte die Manieren von vornehmen Leuten. Er ſah auch recht gut aus. Am Abende vor dem großen Wettrennen fand ich ihn auf der Heide in einer Bude. Er ſaß mit noch Einigen an dem Tiſche, als ich eintrat und der Wirth, der mich kannte, rief ihn heraus und ſagte:„Ich meine, dieſer Mann paßt für Sie,“ wobei er mich meinte. Compeyſon ſah mich ſehr ſcharf an und ich ihn. Er hatte eine Uhr und eine Kette und einen Ring und eine Bruſtnadel und einen ſchönen Anzug. „Wenn man nach dem Aeußern ſchließen darf, geht es Ihnen nicht gut,“ ſagte Compeyſon zu mir. „Ja, Herr, und es iſt mir niemals ſehr gut ergangen“ (ich kam wegen Vagabondirens aus dem Gefängniſſe von Kingſton. Es hätte wohl wegen etwas anderem ſein können, aber es war es doch nicht). „Glück ändert ſich, vielleicht ſoll es Ihnen von nun an beſſer gehen.“ Ich ſagte: hoffentlich wird es ſo. Es thut noth.“ „Was können Sie leiſten?“ frug Compeyſon. „Ich kann eſſen und trinken, wenn Sie den Stoff dazu finden.“, Compeyſon lachte, ſah mich wieder ſehr ſcharf an, gab mir fünf Schillinge und beſtellte mich auf nächſten Abend an denſelben Ort. 4 Ich ging nächſten Abend an denſelben Ort zu Com⸗ peyſon und er nahm mich zu ſeinem Compagnon. Was war ſein Geſchäft, in welchem wir zuſammen gehen ſollten? Er war ein Schwindler, machte falſche Unterſchriften, brachte geſtohlene Banknoten unter und dergleichen. Alle Arten von Streichen, die er erſinnen konnte, wobei er ſich heraus hielt und den Profit hatte und andere hinein ver⸗ wickelte, waren Compeyſon's Geſchäft und er hatte nicht mehr Herz als eine Eiſenfeile, war kalt wie der Tod und hatte den Kopf des eben erwähnten Teufels. Es war noch einer dabei, der Arthur hieß, nicht als Vor⸗, ſondern als wirklicher Name. Er hatte die Schwind⸗ ſucht und ſah ſchrecklich aus. Er und Compeyſon waren einige Jahre vorher mit einer reichen Dame in ein ſchlechtes Verhältniß gekommen und ſie hatten viel Geld dabei ge⸗ wonnen, allein Compeyſon wettete und ſpielte und hätte die ganze Staatskaſſe durchgebracht. Arthur war am Sterben, arm und voll Schrecken, und Compeyſon's Frau (die meiſtentheils von ihm geſchlagen wurde) bedauerte ihn, 31 wenn ſie konnte und Compeyſon ſelbſt bedauerte Niemand und nichts. Ich hätte mich von Arthur's Beiſpiel belehren laſſen ſollen, allein ich that es nicht und was ſollte ich euch vor⸗ lügen, daß ich mich nicht bedacht? Ich wurde bald ein armes Werkzeug in Compeyſon's Hand. Arthur lebte auf dem oberen Zimmer bei Compeyſon und dieſer führte ge⸗ naues Buch über Koſt und Logis(es war in der Nähe von Brentford), damit Arthur, ſobald er hergeſtellt würde, alles bezahlte. Arthur brachte auch bald ſeine Rechnung in Ordnung. Zum zweiten oder dritten Male, daß ich ihn geſehen, ſtürzte er ſpät Abends, blos in einem Flanellrocke, in Compeyſon's Zimmer, ſein Haar war in Schweiß ge⸗ badet und er ſagte zu Compeyſon's Frau:„Sally, ſie iſt wirklich jetzt oben bei mir und ich kann ſie nicht los werden. Sie iſt ganz weiß, hat weiße Blumen im Haar, und ein Leichenhemd hängt ihr über den Arm und ſie ſagt, morgen um fünf Uhr wolle ſie mir es überziehen.“ Compeyſon ſagte:„Du Narr, weißt Du nicht, daß ſie einen lebendigen Körper hat? Wie kann ſie da ſein, ohne durch die Thür oder durch das Fenſter zu kommen und die Treppe herauf zu gehen?“ „Ich weiß nicht, wie ſie da iſt,“ ſagte Arthur und zit⸗ terte vor Schrecken,„aber ſie iſt in der Ecke zu Füßen des Bettes iſt und ſchrecklich toll. Und wo ihr Herz gebrochen iſt— ſind Blutstropfen. Compeyſon ſprach laut, aber er war immer feig.„Geh hinauf zu dem kranken Mann,“ ſagte er zu ſeiner Frau „und Magvitch ſei ihr behülflich“— aber er ſelbſt hielt ſich zurück. 2 32 Compeyſon's Frau und ich brachten ihn wieder ins Bett, aber er raſte ſchrecklich.„Warum ſeht ihr ſie an?“ ſchrie er. Sie ſchüttelte mir das Leichentuch ins Geſicht. Seht ihr ſie nicht? Seht ihre Augen. Iſt es nicht ſo ſchrecklich, ſie ſo toll zu ſehen?— Und dann ſchrie er: „Sie legt es mir um und dann iſt es aus mit mir. Nehmts ihr weg, nehmts ihr weg!“ Dann hielt er uns feſt und ſprach mit ihr und antwortete ihr, bis ich zuletzt ſelbſt beinahe ſie zu ſehen glaubte. Compeyſon's Frau war an ihn gewöhnt und gab ihm einen Trank, den Schrecken zu verſcheuchen, und allmälig wurde er ruhig.„O ſie iſt fort. Hat ihr Wärter ſie ab⸗ geholt?“—„Ja,“ ſagte Compeyſon's Frau.—„Habt Ihr geſagt, er ſolle ſie einſchließen und verriegeln?— Ja. Und ihr das häßliche Ding wegnehmen?— Ja, ja, alles in Ordnung.— Sie meinen es gut,“ ſagte er, „bleiben Sie nur ja bei mir und ich danke Ihnen.“ Es blieb ruhig bis einige Minuten vor fünf, dann ſprang er auf mit einem Schrei und ſchrie:„Da iſt ſie! Sie hat das Hemd wieder. Sie entfaltet es. Sie kommt aus der Ecke. Sie kommt ans Bett. Haltet mich feſt, jeder an einer Seite, ſie ſoll mich nicht berüh⸗ ren. Ha, ſie hat mich nicht berührt. Sie ſoll es nicht über meine Schultern werfen. Sie ſoll mich nicht aufheben, um es mir umzuwerfen. Sie hebt mich auf. Haltet mich nieder!“ Dann richtete er ſich auf und war todt. Compeyſon nahm es leicht, als ob es eine Erleichterung für beide wäre. Wir waren bald beſchäftigt und er ließ mich erſt auf mein eignes Buch ſchwören— dieſes kleine ſchwarze Buch hier, auf welches Dein Kamerad geſchwo⸗ ren hat. Ich will die Sachen, die Compeyſon erdacht und ich ausgeführt, nicht erzählen— es würde eine Woche anhal⸗ ten— ich will Dir nur einfach ſagen, lieber Junge, daß dieſer Mann mich zu ſeinem Sklaven machte. Ich war ihm immer Geld ſchuldig, immer für ihn thätig, immer in Gefahr. Er war jünger als ich, aber ſchlauer und hatte etwas gelernt und war noch hundert Mal klüger als ich und hatte keine Gnade. Ich hatte viel Leid mit meiner Lieb⸗ ſten— aber ſtill— ich habe ſie nicht hineingebracht...“ Er blickte ſich verlegen um, als ob er eine Stelle im Buche ſeines Gedächtniſſes verloren hätte und er ſah in das Feuer und ſteckte ſeine Hände über die Beine und hob ſie ab und legte ſie wieder hin. „Das brauche ich nicht zu erzählen,“ ſagte er und ſah ſich noch einmal um. Ich hatte es ſehr ſchlimm bei Com⸗ peyſon, das iſt genug geſagt. Habe ich erzählt, daß ich allein wegen Veruntreuung, als ich bei Compeyſon war, vor Gericht ſtand?“ Ich verneinte dies. „Ich war es und wurde überwieſen. Es war zwei oder dreimal, daß ich wegen Verdachts eingeſteckt war, allein es waren keine Beweiſe vorhanden. Endlich wurden wir beide wegen Unterbringung geſtohlener Noten und noch andrer Anſchuldigungen verhaftet. Compeyſon ſagte zu mir:„Beſondere Vertheidigung, keine Verbindung“ und das war alles. Und ich war ſo arm, daß ich meine Klei⸗ der verkaufte, nur nicht, die mir am Leibe hingen, und ſo bekam ich den Jaggers. Charles Dickens, Große Erwartungen. III. 3 34 Als wir vor Gericht gebracht wurden, ſah ich zuerſt, daß Compeyſon wie ein Gentleman ausſah, mit gelocktem Haar und ſchwarzen Kleidern und weißem Taſchentuch und daß ich wie ein gemeiner Kerl ausſah. Als die Anklage verleſen wurde und die Beweiſe vorkamen, laſtete alles ſchwer auf mir und alles war leicht für ihn. Als die Zeugenausſagen begannen, war ich immer der erſte und konnte erkannt werden, ich hatte immer das Geld be⸗ kommen, ich ſchien immer den Nutzen davon gehabt zu haben. Bei der Vertheidigung wurde mir die Sache deutlicher, denn Compeyſon's Vertheidiger ſagte:„Mylord und meine Herren, hier ſtehen zwei Perſonen vor Ihnen, welche Sie weit auseinander halten werden, der jüngere iſt wohlerzogen, der ältere ſchlecht erzogen, der jüngere ſelten, wenn gar jemals bei ſolchen Händeln ſichtbar und nur in Verdacht, der ältere immer ſichtbar und immer erkannt. Können Sie bezweifeln, wer der Schuldige iſt oder wenn beide dabei betheiligt, wer der Schlimmere iſt?“ Und über den Charakter. Compeyſon war in der Schule geweſen, ſeine Kameraden hatten dieſe und jene Stellung, und Zeugen hatten ihn in ſolchen Clubs und Geſellſchaf⸗ ten gekannt und nicht zu ſeinem Nachtheil. Ich aber war ſchon früher verurtheilt und wie oft eingeſperrt geweſen. Und am Ende ſprach Compeyſon und ließ ſein Geſicht dann und wann in ſein weißes Taſchentuch fallen— mit Verſen in ſeiner Rede— und ich— konnte ich anders ſagen als: Meine Herren, dieſer Mann an meiner Seite iſt ein ausgeſuchter Schurke. Und bei dem Urtheile wurde Compeyſon wegen guten Charakters und ſchlechter Geſell⸗ ſchaft der Gnade anempfohlen auch weil er jeder Angeberei 35 gegen mich entſagt hatte, und bei mir hieß es blos ſchuldig. Und ich ſagte zu Compeyſon:„außerhalb des Gerichts ſchlag ich Dir das Geſicht zu ſchanden,“ und Compeyſon bittet den Richter um Schutz und läßt zwei Schließer zwiſchen uns ſtellen. Und endlich bekommt er ſieben und ich funfzehn Jahre, und der Richter bedauerte es bei ihm, und bei mir ſieht er einen alten Sünder voll heftiger Leiden⸗ ſchaft, dem es noch ſchlimmer ergehen würde.“ Er war ſehr aufgeregt worden, allein er beherrſchte ſich, holte einige Mal Athem, und ſtreckte mir endlich die Hand zu und ſagte:„Ich will nicht gemein werden, mein Junge!“ Ich hatte zu Compeyſon geſagt, ich würde ſein Geſicht zerſchlagen, und ich hatte geſchworen, der Herr zerſchlage das meine! um es zu thun. Wir waren auf demſelben Gefängnißſchiffe, allein obſchon ich es verſuchte, konnte ich lange nicht an ihn kommen. Endlich kam ich hinter ihn und ſchlug ihn auf die Backe, um ihn umzudrehen und ihm noch eins zu verſetzen, allein man ſah es und ergriff mich. Für einen Kenner, der ſchwimmen und untertauchen konnte, war das ſchwarze Loch dieſes Schiffs nicht ſehr ſtark. Ich entfloh ans Land und war hinter den Gräbern verborgen, und beneidete Alle, die darin lagen, als ich zuerſt meinen Jungen ſah!“ Er ſah mich ſo liebevoll an, daß er mir wieder faſt zum Abſcheu wurde, obſchon ich ihn ſehr bemitleidet hatte. Von meinem Jungen erfuhr ich, daß auch Compeyſon entflohen war. Ich glaube, er hatte es aus Angſt gethan, um mich loszuwerden, da er nicht wußte, daß ich am Lande war. Ich traf ihn. Ich zerſchlug ſein Geſicht. Und nun, ſagte ich, ſchleppe ich Dich wieder zurück. Schlimmeres 3 * kann ich Dir nicht zufügen! Einerlei, wie es mir geht! Ich hätte ihn am Haare geſchleppt und wäre mit ihm fort⸗ geſchwommen und hätte ihn auch ohne die Soldaten aufs Schiff gebracht. Er hatte es doch immer am beſten— weil ſein Cha⸗ rakter ſo gut war. Er war entflohen, weil ich und meine mörderiſchen Pläne ihn halb wild gemacht hatten, und ſeine Beſtrafung war leicht. Ich wurde in Ketten gelegt, aber⸗ mals vor Gericht geſtellt und lebenslänglich transportirt. Ich blieb aber nicht lebenslänglich fort, denn ich bin hier.“ Er trocknete ſich das Geſicht und den Hals ab und nahm ſeinen Tabak aus der Taſche, zog die Pfeife aus dem Knopfloche, füllte ſie langſam und fing an zu rauchen. „Iſt er todt?“ frug ich nach kurzem Stillſchweigen. „Iſt wer todt, lieber Junge?“ „Compeyſon.“ „Gewiß wünſcht er mich todt, wenn er noch lebt. Ich habe nie von ihm gehört.“. Herbert hatte mit ſeinem Bleiſtift auf den Umſchlag eines Buches geſchrieben. Er ſchob es mir zu, als Provis ins Feuer hineinſah und ich las: „Der junge Havisham hieß Arthur. Compeyſon iſt der Mann, der ſich für Fräulein Havisham's Liebhaber ausgab.“ Ich winkte Herbert zu und legte das Buch fort, allein wir ſchwiegen Beide und ſahen auf Provis hin, der am Feuer rauchte. —. 3 Viertes Kapitel. Weshalb ſollte ich lange ſchildern, ob ein Theil meiner Abneigung vor Provis aus Liebe zu Eſtella entſprang? Weshalb ſollte ich den Zuſtand meines Gemüths, in wel⸗ chem ich mich bemüht hatte, vor meinem Zuſammentreffen mit ihr auf dem Poſtbureau mich von der Befleckung des Gefängniſſes zu reinigen, mit demjenigen vergleichen, wenn ich an den Abgrund zwiſchen Eſtella in ihrem Stolze und in ihrer Schönheit und den von mir beherbergten Sträf⸗ ling dachte? Die Erzählung des Sträflings hatte meine Furcht hervorgerufen, oder vielmehr ſein Bericht hatte der ſchon herrſchenden Furcht Geſtalt und Inhalt verliehen. Lebte Compeyſon noch und entdeckte er deſſen Rückkehr, ſo war die Folge nicht zu bezweifeln. Daß Compeyſon vor ihm zitterte, war klar, und daß ein ſolcher Menſch, wie wir ihn kennen gelernt, ſich von einem gefürchteten Feinde durch das ſichere Mittel der Denunciation befreien würde, war durchaus nicht zu bezweifeln. Von Eſtella wollte ich kein Wort vor Provis hören laſſen, allein daß ich vor meiner Abreiſe Eſtella und Fräu⸗ lein Havisham beſuchen würde, war mein Entſchluß, den ich, als Herbert und ich am Abende nach der Erzählung allein geblieben waren, gefaßt und ihm mitgetheilt hatte. Ich beſchloß am nächſten Tage nach Richmond zu gehen und that es. Als ich im Hauſe der Frau Brandley erſchien, wurde Eſtella's Dienerin gerufen, die mir anzeigte, Eſtella ſei aufs Land gefahren. Wohin? Nach Satishaus, wie gewöhnlich. Nicht wie gewöhnlich, denn ſie war niemals ohne mich dahin gefahren. Ich frug, wann ſie zurückkäme. Das Mädchen antwortete, ſie werde wohl nur noch auf eine kurze Zeit zurückkommen, und dieſe Antwort ver⸗ größerte meine Verlegenheit. Ich konnte das nicht be⸗ greifen und kehrte niedergeſchlagen nach Hauſe zurück. Eine andere Berathung mit Herbert, nachdem ich Provis nach Hauſe gebracht hatte(wobei ich mich immer ſcharf umſah), brachte uns dahin, daß erſt nach einem Be⸗ ſuche bei Fräulein Havisham von der Abreiſe geſprochen werden ſolle. Unterdeſſen wollten wir überlegen, was man am beſten vorbringen könne, ob den Vorwand, daß er beobachtet zu werden ſcheine, oder ob ich eine Vergnügungs⸗ reiſe vorſchlagen ſolle, da ich noch nicht auswärts geweſen wäre. Wir wußten, er würde in jeden unſerer Vorſchläge einwilligen, und es ſchien uns unmöglich, daß er noch längere Zeit in der jetzigen Noth verbleiben könne. Am nächſten Tage gab ich vor, ich hätte einen Beſuch bei Joſeph zugeſagt, und ſcheute die Niedrigkeit nicht, dieſen Namen zum Vorwande zu nehmen. Provis ſollte ſehr vorſichtig ſein und Herbert an meiner Statt für ihn ſorgen. Ich wollte eine Nacht ausbleiben und am andern Tage ſollte ſein Wunſch, daß ich mich als Gentleman erſten 39 Ranges zeige, befriedigt werden. Es fiel mir ein und Herbert hatte auch ſchon daran gedacht, unter dem Vor⸗ wande von Einkäufen oder ähnlicher Aufgabe könne man ihn übers Waſſer bringen. Da ich mir ſo den Weg zu einem Beſuche bei Fräulein Havisham gebahnt hatte, fuhr ich vor Tagesanbruch mit dem erſten Morgenwagen ab und war auf der Landſtraße, als der Tag hineinlugte. Als wir bei dem blauen Bären anlangten, kam Bentley Drummle, Zahnſtocher in der Hand, heraus, um ſich den Wagen anzuſehen. Da er mich nicht ſehen wollte, that ich daſſelbe. Es war von beiden Seiten ein eitles Vorhaben, denn wir gingen gleichzeitig in die Wirthsſtube, wo er ſchon ſein Frühſtück eingenommen hatte und ich das meinige beſtellte. Es war mir ſchrecklich, ihn in der Stadt zu ſehen, da ich wohl wußte, weshalb er da ſei. Ich ſtellte mich, als ob ich eine ſchmuzige Zeitung läſe, die ſchon Jahre alt war und von verſchiedenen Speiſen und Getränken ſo viel gelitten hatte, als ob ſie in ſehr unregel⸗ mäßiger Weiſe an den Maſern erkrankt geweſen wäre. Ich ſaß am Tiſche und er ſtand vor dem Feuer, und ich ſtand bald auf, um das Schüreiſen zu ergreifen und das Feuer zu ſchüren. Ich ſtellte mich noch immer, als ob ich ihn nicht kennte und faßte das hinter ihm liegende Eiſen. „Iſt das ein Stoß?“ ſagte Drummle. „O, ſind Sie das?“ ſagte ich mit dem Eiſen in der Hand.„Wie geht es Ihnen? Ich wußte gar nicht, wer da das Feuer abſperre.“ Dabei ſtocherte ich gewaltig und ſtellte mich dann neben Herrn Drummle, den Rücken zum Feuer. 40 „Sie ſind eben angekommen?“ ſagte Drummle und ſchob mich ein wenig mit ſeiner Schulter fort. „Ja,“ ſagte ich und ſchob ihn ein wenig mit meiner Schulter. „Abſcheulicher Ort,“ ſagte Drummle.„Es iſt Ihre Heimatsgegend, nicht wahr?“ „Ja,“ ſagte ich.„Es ſoll ſehr Ihrem Shropſhire gleichen.“ „Nicht im mindeſten,“ antwortete Drummle. Dabei ſah Drummle ſeine Stiefel an und ich die mei⸗ nigen, und dann ſah er auf meine Stiefel und ich auf die ſeinigen. „Sind Sie ſchon lange hier?“ frug ich und wollte nicht vom Feuer weichen. „Lange genug, daß es mich langweilt,“ erwiderte Drummle und ſchien zu gähnen. „Bleiben Sie lange hier?“ „Kann es nicht ſagen,“ antwortete er.„Und Sie?“ „Kann es nicht ſagen,“ ſagte ich. Ich fühlte in dieſem Augenblicke, durch eine Bewegung in meinem Blute, daß, wenn Drummle's Schulter noch ein bischen mehr Platz verlangt hätte, ich ihn durchs Fen⸗ ſter geſtoßen haben würde, ſo wie er mich in die nächſte Niſche geworfen haben würde, wenn meine Schulter mehr Platz verlangte. Er pfiff ein wenig, ich desgleichen. „Sehr große Marſchgegend hier ringsum,“ ſagte Drummle.„Nicht wahr?“ „O ja— und was ſoll das?“ ſagte ich. Herr Drummle ſah mich an und dann ſeine Stiefel und ſagte„O!“ und lachte. „Amuſiren Sie ſich, Herr Drummle?“ „Nein, nicht beſonders,“ ſagte er.„Ich will ein wenig ausreiten. Ich will dieſe Marſchen zum Amuſement kennen lernen. Man ſagt mir, es lägen da Dörfer zerſtreut und ſeltſame kleine Wirthshäuſer und Schmieden und all ſo was. Kellner!“ „Ja, mein Herr!“ „Iſt mein Pferd vorgeführt?“ „Steht vor der Thür, mein Herr.“ „Die Dame will heute nicht ausreiten, das Wetter iſt zu ſchlecht.“ „Sehr wohl, mein Herr!“ „Und ich ſpeiſe nicht hier, weil ich bei der Dame ſpeiſen will.“ „Sehr wohl, mein Herr!“ Drummle ſah mich an und ließ ein unverſchämtes Frohlocken auf ſeinem geſchwollenen Geſicht hervortreten, welches mich ſo ſehr erbitterte, daß ich ihn gern ins Feuer geworfen hätte. Eins war uns klar geworden: wenn keine dritte Perſon dazwiſchen träte, würden wir Beide das Feuer nicht ver— laſſen. Wir ſtanden da, Schulter an Schulter, Fuß an Fuß, die Hände hinter uns, unbeweglich. Das Pferd war ſichtbar, mein Frühſtück ſtand auf dem Tiſche, das ſeinige war abgetragen, der Kellner zeigte mir das meine, wir regten uns nicht. „Sind Sie ſeitdem im Hain geweſen?“ ſagte Drummle. „Nein, ich habe ſeit meinem letzten Beſuche die Finken ſatt.“ „War das, als wir verſchiedener Meinung waren?“ „Ja,“ antwortete ich ſehr trocken. „Nun, nun, Sie ſind leicht genug davongekommen. Sie hätten nicht heftig werden ſollen,“ ſpöttelte Drummle. „Herr Drummle,“ ſagte ich,„Sie ſind nicht fähig, darüber zu urtheilen. Wenn ich heftig werde(nicht daß ich es damals geworden zu ſein einräumte), ſo werfe ich keine Gläſer.“ „Ich thue es,“ ſagte Drummle. Ich blickte ihn ein- oder zweimal mit großer Wuth an und entgegnete:„Ich habe dieſe Unterhaltung nicht auf⸗ geſucht und halte ſie nicht für angenehm.“ „Gewiß nicht— ich halte eigentlich gar nichts davon.“ „Und deshalb ſcheint es mir rathſam, daß wir fortan in keiner Berührung ſtehen.“ „Und das iſt meine Anſicht nicht minder und ich würde das ſelbſt vorgeſchlagen oder ohne Vorſchlag ſelbſt gethan haben,“ war Drummle's Antwort.„Allein verlieren Sie nicht Ihre Gemüthsruhe. Haben Sie nicht ſo ſchon genug verloren?“ „Wie meinen Sie das?“ „Kellner!“ rief Drummle, anſtatt mir zu antworten. Der Kellner kam wieder. „Sie haben verſtanden, daß dieſe junge Dame nicht reitet und daß ich bei der jungen Dame ſpeiſe?“ „Ja wohl, mein Herr.“ Nachdem der Kellner meinen kalt werdenden Thee⸗ topf angefühlt und mich flehentlich angeſehen hatte, ging er fort; Drummle bewegte ſeine Schulter durchaus nicht, nahm eine Cigarre aus der Taſche und biß das Ende ab, ohne daß er ſich geregt hätte. Da ich kochte und faſt er⸗ 43 ſtickte, war mir, daß jetzt Eſtella genannt werden müſſe, und daß ich nicht dulden würde, dieſen Namen von ihm ausgeſprochen zu hören; deshalb ſah ich die Wand gegen⸗ über an, als ob Niemand zugegen wäre und zwang mich zum Stillſchweigen. Wie lange wir in dieſer lächerlichen Stellung geblieben wären, läßt ſich nicht füglich errathen, allein plötzlich ſtürzten drei Pächter ins Zimmer, warfen die Oberröcke ab, rieben ſich die Hände und traten aufs Feuer zu, ſo daß wir vor ihnen Platz machen mußten. Ich ſah, wie er das Pferd an der Mähne anpackte und in ſeiner rohen Weiſe aufſtieg; plötzlich drehte er um und verlangte Feuer für die Cigarre. Ein Mann in einer ſtaubfarbigen Kleidung brachte ihm Feuer, ich wußte nicht woher, ob aus der Straße oder vom Hofe— und als Drummle ſich niederbog und die Cigarre anzündete, er⸗ innerten mich die gebückten Schultern und das verwor⸗ rene Haar des Mannes, der mir den Rücken zukehrte, an Orlick. Ich war allzu ſorgenvoll, um das zu unterſuchen oder zu frühſtücken; ich wuſch mir den Reiſeſtaub aus dem Geſicht und ging nach dem merkwürdigen alten Hauſe, das ich niemals hätte ſehen oder betreten ſollen. Tünftes Kapitel. Ich fand Fräulein Havisham und Eſtella im Zimmer, wo der Toilettentiſch ſtand und die Wachskerzen an der Wand brannten; Fräulein Havisham ſaß neben dem Feuer; Eſtella ſtrickte auf einem Kiſſen neben ihr und Fräulein Havisham ſah ſie an. Beide blickten mich an, als ich eintrat und erkannten eine Veränderung an mir, was ich aus dem Blicke, den ſie austauſchten, ſchloß. „Welcher Wind weht Sie hierher, Pip?“ fragte Fräu⸗ lein Havisham. Sie ſah mich feſt an, ſchien aber doch etwas verlegen. Eſtella hielt einen Augenblick mit dem Stricken inne und fuhr dann fort, doch ſchien mir die Bewegung ihrer Finger gleichſam durch eine Zeichenſprache anzudeuten, ſie bemerke, daß ich meinen wahren Wohlthäter aufgefunden hatte. „Fräulein Havisham,“ ſagte ich,„ich war geſtern in Richmond, um Eſtella zu beſuchen und da ein Wind ſie hierher geweht hatte, ſo folgte ich ihr.“ Fräulein Havisham winkte mir zum dritten oder vier⸗ tenmale, ich ſolle mich ſetzen, und ich nahm den Stuhl am Toilettentiſche ein, den ſie ſo oft benutzt hatte. Mir ſchien 45 dieſer Platz zwiſchen allen den Ruinen rings um mich dies⸗ mal der paſſendſte. „Was ich Eſtella zu ſagen hatte, Fräulein Havisham, will ich jetzt in wenigen Augenblicken vor Ihnen ausſpre⸗ chen. Es wird Sie nicht überraſchen, es wird Ihnen nicht mißfallen. Ich bin ſo unglücklich, als wie Sie mich je⸗ mals mögen gewünſcht haben.“ Fräulein Havisham ſah mich feſt an. Eſtella gab allerdings Achtung auf meine Worte, allein blickte nicht auf. „Ich habe meinen Gönner entdeckt. Die Entdeckung iſt keine glückliche und wird mich an Ruf, Stellung und Vermögen nicht bereichern. Ich kann nicht mehr darüber ſagen. Es iſt eines andern Menſchen Geheimniß.“ Ich ſchwieg eine Weile und Fräulein Havisham wie⸗ derholte:„Es iſt eines andern Menſchen Geheimniß. Und was nun?“ „Als Sie mich zuerſt hierher kommen ließen, als ich dem Dorfe angehörte, das ich niemals hätte verlaſſen ſollen, da kam ich wohl hierher, wie jeder andre Knabe hätte kommen können, als eine Art von Diener, einem Bedürfniſſe oder einer Laune zu genügen, um dafür be⸗ zahlt zu werden.“ „Dem war ſo, Pip,“ antwortete Fräulein Havisham. „Und Herr Jaggers....“ „Herr Jaggers,“ unterbrach mich Fräulein Havisham mit feſter Stimme,„hatte nichts damit zu thun und wußte nichts davon. Daß er mein Advokat und der ihres Gön⸗ ners iſt, hat ſich durch Zufall gemacht. Er ſteht mit ſehr vielen Leuten in ſolchen Verhältniſſen und es konnte leicht 46 ſo kommen. Gleichviel, es kam ſo und iſt durch Niemand veranlaßt worden.“ Ihr blaſſes Geſicht zeigte, daß ſie keine Ausflüchte ſuchen wollte. „Allein als ich dem Irrthume verfiel, der mich ſo lange gefeſſelt hielt, ließen Sie mich doch dabei?“ „Ich ließ Sie dabei,“ beſtätigte ſie. „War das freundlich?“ „Wer bin ich, um Gottes Willen, daß ich freundlich ſein ſollte?“ rief ſie aus und ſchlug ſo heftig mit dem Stocke auf den Boden, daß Eſtella ſie erſtaunt anblickte. Ich ſagte ihr, ich hätte mich nicht beſchweren wollen; ſie ſaß und brütete weiter. Endlich frug ſie: „Und was noch weiter?“ „Ich wurde hier ſehr freigebig bezahlt, daß ich Lehr⸗ burſche werden konnte und ich habe nur zur eigenen Be⸗ lehrung meine Fragen geſtellt. Was nun folgt, hat einen andern und uneigennützigen Zweck. Indem Sie meinen Irrthum beſtärkten, beſtraften Sie vielleicht Ihre habſüch⸗ tigen Verwandten?“ „Ja!“ ſagte ſie.„Sie wollten es ja. Es gefiel ja auch Ihnen ſo. Sie legten ſich die Schlinge ſelbſt. Ich habe ſie nicht gemacht.“ Ich wartete, bis ſie etwas ruhiger geworden war. Dann fuhr ich fort. „Ich bin, ſeitdem ich in London lebe, mit einem Theil Ihrer Familie in unausgeſetzter Verbindung geblieben. Sie haben ſich ebenſo ſehr getäuſcht, als ich. Und ich würde niedrig und falſch ſein, wollte ich es verheimlichen, möge es Ihnen angenehm ſein oder nicht, mögen Sie mirs —— 47— glauben oder nicht, daß Sie Herrn Matthew Pocket und ſeinem Sohne Herbert ſehr Unrecht thun, wenn Sie dieſe nicht für aufrichtig, edelmüthig, offen und jeder Intrigue unfähig halten.“ „Es ſind Ihre Freunde,“ ſagte Fräulein Havisham. „Sie machten ſich zu meinen Freunden, als ſie voraus⸗ ſetzten, daß ich ſie ausgeſtoßen habe, und als Sarah Pocket, Fräulein Georgiana und Frau Pocket nicht meine Freunde waren.“ Daß ich dieſen Gegenſatz aufſtellte, ſchien ihr zu ge— fallen. Sie ſah mich erſt ſcharf an und ſagte dann ruhig: „Was wünſchen Sie für dieſelben?“ „Nur, daß Sie dieſe nicht mit den andern vermengen. Sie mögen eines Bluts ſein, allein ſie ſind wirklich nicht einer Geſinnung.“ Fräulein Havisham wiederholte: „Was wünſchen Sie für dieſelben?“ „Ich bin nicht ſo ſchlau,“ fuhr ich fort und erröthete ein wenig,„daß ich, ſelbſt wenn ich es wollte, Ihnen ver⸗ heimlichen könnte, daß ich etwas nöthig habe. Wollten Sie meinem Freunde Herbert einen bleibenden Dienſt durch eine Summe Geldes leiſten, nur daß er nichts davon wiſſen darf, ſo will ich Ihnen das Weitere angeben.“ „Und weshalb darf er nichts davon wiſſen?“ frug ſie und ſtützte ihre Hände auf den Stock, um mich deſto auf⸗ merkſamer betrachten zu können. „Weil ich,“ war meine Antwort,„ohne ſein Vorwiſſen dieſen Dienſt vor länger als zwei Jahren angefangen habe und nicht errathen werden möchte. Weshalb ich nicht mehr im Stande bin, dieſen Dienſt durchzuführen, kann ich nicht 43— angeben. Es iſt Theil eines Geheimniſſes, das nicht das meinige iſt, ſondern einer dritten Perſon angehört.“ Allmälig heftete ſie ihre Blicke auf das Feuer. In der Stille und bei dem Lichte der langſam ſchmelzenden Ker⸗ zen ſchien ſie lange ſo zu ſitzen, bis ſie endlich durch das Zuſammenfallen einiger Kohlen aufgeregt mich wieder an⸗ zuſehen anfing. Eſtella ſtrickte ruhig weiter. Bald darauf fuhr Fräulein Havisham fort, als ob keine Unterbrechung ſtattgefunden hätte:. „Und was weiter?“ „Eſtella,“ ſagte ich, und wandte mich mit bebender Stimme an ſie,„Sie wiſſen, daß ich Sie liebe. Sie wiſſen, daß ich Sie lange und innig geliebt habe.“ Sie hob ihre Augen zu mir auf, ihre Finger arbeiteten fort, ihr Geſicht war unbewegt. Fräulein Havisham blickte von ihr zu mir, von mir zu ihr. „Ich hätte das früher ſagen ſollen, allein ich litt unter jenem Irrthum. Dieſer erweckte mich zu der Hoffnung, Fräulein Havisham habe uns für einander beſtimmt. Ich ſagt' es nicht, ſo lange ich annehmen mußte, es ſolle ſo kommen. Jetzt aber muß ich es ſagen.“ Eſtella ſchüttelte ihren Kopf. „Ich weiß es,“ fuhr ich fort,„ich weiß, daß ich Sie nie die meinige nennen kann. Ich weiß nicht, was bald aus mir wird, wie arm ich werde, wohin ich gehe. Den⸗ noch liebe ich Sie. Ich habe Sie ſeit der erſten Stunde geliebt, daß ich Sie hier im Hauſe geſehen habe.“ Sie ſah mich lange unbewegt an und ſchüttelte aber⸗ mals den Kopf. „Es wäre eine große Grauſamkeit von Fräulein Havis⸗ 49 ham geweſen, die Empfindſamkeit eines armen Knaben zumiß⸗ brauchen und mich mit eiteln Hoffnungen Jahre lang zu täu⸗ ſchen. Allein ſie hat das doch nicht gethan. Sie hat ſo ſehr an ihre eigenen Leiden gedacht, daß ſie die meinigen vergaß.“ Fräulein Havisham legte die Hand an ihr Herz. „Es ſcheint,“ ſagte Eſtella ſehr ruhig,„daß es Gefühle, Einbildungen— ich weiß nicht, wie ſie zu benennen ſind— gicbt, welche ich nicht faſſen kann. Wenn Sie ſagen, daß Sie mich lieben, ſo verſtehe ich wohl die Redensart, allein weiter nichts. Sie berühren nichts in meinem Herzen; was Sie mir ſagen, iſt mir ganz gleichgültig. Ich habe Sie früher gewarnt, hab' ichs nicht?“ „Ich. „Allein Sie wollten nicht gewarnt ſein, als ob ich es nicht wirklich ſo meinte. Nicht wahr? „Ich dachte und hoffte, dem könne nicht ſo ſein. Sie ſo jung, ſo ungeprüft und ſo ſchön! Eſtella, es iſt wider die Natur. „Es liegt in meiner Natur. Es liegt in der in mir gebildeten Natur. Ich behandle Sie anders als andere Leute, wenn ich ſo viel darüber ſage. Ich kann nicht mehr.“ „Iſt es nicht wahr, daß Bentley Drummle hier in der Stadt iſt und Sie verfolgt?“ „Es iſt wahr,“ entgegnete ſie mit gleichgültig ver⸗ ächtlichem Tone. „Reiten Sie mit ihm aus, ſpeiſt er täglich mit Ihnen?“ „Allerdings.“ „Sie können ihn nicht lieben, Eſtella!“ „Was hab' ich Ihnen geſagt? Meinen Sie immer noch, daß ich anders denke?“ Charles Dickens, Große Erwartungen. II1. 4 50 „Sie können ihn nicht heirathen, Eſtella!“ „Weshalb ſollt' ich unwahr ſein? Ich bin im Begriffe ihn zu heirathen.“ Mein Geſicht verbarg ich allerdings in den Händen, doch beherrſchte ich meine Gefühle beſſer, als ich hätte erwarten ſollen. Fräulein Havisham trug, als ich auf⸗ blickte, ſo geſpenſtiſche Züge auf ihrem Antlitz, daß ich da⸗ von ergriffen wurde. „Eſtella, liebſte Eſtella, laſſen Sie ſich nicht von Fräulein Havisham zu dieſem falſchen Schritt verleiten. Verſtoßen Sie mich auf ewig— Sie haben es ſchon gethan — allein wählen Sie einen würdigern Mann als Drummle. Fräulein Havisham gibt ihn Ihnen zur Kränkung aller beſſeren Männer, die Sie bewundern, und der wenigen, die Sie wahrhaft lieben. Vielleicht liebt Sie einer von denen ebenſo innig, wenn auch nicht ſo lang, als ich. Wählen Sie den!“ „Ich werde mich mit ihm vermählen,“ antwortete Eſtella.„Die Hochzeit findet bald ſtatt. Weshalb miſchen Sie meine angenommene Muftter mit hinein? Es iſt meine eigene Handlung.“ „Ihre eigene Handlung, Eſtella, ſich an ein Vieh weg⸗ zuwerfen?“ „Wem ſollte ich mich hingeben? Etwa dem, welcher bald empfinden würde, daß er mir gleichgültig iſt? Es iſt vorbei. Wir werden uns ſchon helfen. Fräulein Havis⸗ ham wünſcht, ich ſolle noch nicht heirathen, allein ich bin meines bisherigen Lebens müde und will es ändern. Nichts mehr! Wir verſtehen uns doch nicht!“ „Solch ein niedriges, dummes Vieh!“ 51 „Ich werde ihm auch keinen Segen bringen. Hier iſt meine Hand. Trennen wir uns nun, träumeriſcher Knabe oder Mann?“ „O Eſtella! Könnt' ich ſelbſt in England bleiben, wie wäre mirs möglich, Sie als Drummle's Gattin zu ſehen!“ Und bittere Thränen fielen auf ihre Hand. „Unſinn— Unſinn— das geht bald vorüber!“ ant⸗ wortete ſie. „Niemals, Eſtella!“ „In einer Woche haben Sie mich vergeſſen!“ „Vergeſſen? Sie ſind ein Theil meiner ſelbſt. Sie haben in jeder Zeile gelebt, die ich geleſen habe, ſeitdem ich als gemeiner, ungebildeter Knabe hieher gekommen bin. Wohin ich ausgeſchaut— auf den Marſchen, in den Wol⸗ ken, im Licht und im Dunkel, im Wind und Wald,— überall hab' ich Sie geſehen, bis zur letzten Stunde meines Lebens bleiben Sie ein Theil von mir, ein Theil des Guten und des Böſen in mir. Bei unſerer Trennung ſchließe ich Sie nur in das Gute ein und halte treu daran feſt, denn Sie haben mir mehr Gutes als Böſes zugefügt, wie tief auch der Schmerz iſt, den ich jetzt empfinde. Gott ſegne Sie, Gott vergebe Ihnen!“ Ich hielt ihre Hand einige Augenblicke an meine Lippen, dann verließ ich ſie. Eſtella ſah mich mit ungläubiger Verwunderung an, Fräulein Havisham aber ſchien mich geſpenſtiſch mit einem Geſichte voll Mitleiden und Reue anzublicken. Alles hin, Alles vorbei! Das Tageslicht vor dem Hauſe ſchien mir dunkler geworden. Ich ſchlich durch Nebenpfade und machte mich endlich zu Fuß auf den Weg . 12 52 nach London. Denn in das Wirthshaus konnte ich nicht mehr zurückkehren, wo Drummle ſich aufhalten mochte und es ſchien mir am beſten, mich müde zu gehen. Nach Mitternacht betrat ich die Londoner Brücke. Durch die vielen krummen Straßen führte mich der nächſte Weg dem Ufer entlang. Ich wurde erſt am andern Tage erwartet, allein ich hatte den Schlüſſel und konnte ohne Herbert zu ſtören ins Bett gelangen. Da ich, wenn der Temple zugeſchloſſen war, ſelten durch Whitefriars⸗Thor zurückkam, und ſehr eingeſchmutzt ausſah, betrachtete der Thürhüter mich genauer als ſonſt, als er die Thür halb geöffnet hatte. Ich nannte meinen Namen. „Ich war nicht ganz ſicher. Hier iſt ein Billet für Sie, der Bote, der es brachte, ſagte, Sie möchten es bei meiner Laterne leſen.“ Ich war überraſcht. Das Billet war an Herrn Philipp Pip gerichtet und trug die Ueberſchrift:„Leſen Sie dies gefälligſt hier.“ Der Wächter hielt ſein Licht in die Höhe, ich öffnete es und las in Wemmick's Handſchrift: „Gehen Sie nicht nach Hauſe!“ Sechſtes Kapitel. Ich verließ den Temple ſobald ich dieſe Warnung ge⸗ leſen hatte und eilte nach Fleetſtreet, wo ich einen ver⸗ ſpäteten Miethswagen fand, der mich nach der Badeanſtalt in Coventgarden fuhr, in welcher man zu jener Zeit immer ein Nachtlager finden konnte. Der Zimmerkellner ließ mich ins Pförtchen ein, zündete das erſte bereitſtehende Licht an und führte mich in das erſte bereite Zimmer, eine Art von Gewölbe im Erdgeſchoß nach hinten, mit einem Ungeheuer von vierpfoſtiger Bettſtelle, welche den ganzen Raum von der Thür bis zum Kamin einnahm und den kleinen Waſchtiſch in den Hintergrund drängte. Da ich ein Nachtlicht verlangt hatte, ſo hatte der Zimmerkellner mir eine einfache Lampe gebracht; und als ich müde und mit wundem Fuße im Bette lag, konnte ich nicht einſchlafen, ſondern ſah das Licht an. Es war eine trübe, lange Nacht! Es roch im Zimmer nach kaltem Ruß und heißem Staub. Und allmälig erhoben ſich die außerordentlichen Stimmen, welche in der Stille ſo ſehr hörbar werden. Das Zimmer flüſterte, der Kamin ſeufzte, der Waſchtiſch knackte und eine Guitarrenſeite ſpielte ge⸗ legentlich: die Augen des Nachtlichts erhielten einen neuen — — — Ausdruck und überall las ich die Inſchrift: gehe nicht nach Hauſe! Was mir in der Nacht einfallen, welches Geräuſch entſtehen mochte, alles verſchwand vor dieſen Worten. Ich hatte vor Kurzem geleſen, ein Unbekannter ſei in der Nacht nach der Badeanſtalt gekommen, habe ſich nieder⸗ gelegt und umgebracht, ſo daß man ihn am andern Morgen in ſeinem Blute gefunden habe. Mir fiel plötzlich ein, er müſſe in meinem Bette gelegen haben und ich ſtand auf um nachzuſehen, ob es keine Blutflecken gebe, dann öffnete ich die Thür und ſah in die Gänge, wo ein fernes Licht mich er⸗ quickte, neben welchem der Kellner ſchlummerte. Unter⸗ deſſen dachte ich darüber nach, weshalb ich nicht nach Hauſe gehen ſolle, was da vorgefallen wäre, wann ich nach Hauſe gehen könne, ob Provis ſich ſicher befinde und ich konnte an nichts Anderes denken, als ob kein anderer Gegenſtand mich zu beſchäftigen im Stande wäre. Selbſt als Eſtella mir einfiel, wie ich ſie eben verlaſſen hatte, und ich an alle Umſtände der Trennung, ihre Blicke und Töne und die Thätigkeit ihrer Finger beim Stricken dachte— ſelbſt da verfolgte mich die Warnung nicht nach Hauſe zu gehen. Endlich ſchlummerte ich vor Ermattung des Körpers und Geiſtes ein und da begleitete mich noch immer das Wort als wie ein Zeitwort, das ich conjugiren mußte. Gehe nicht nach Hauſe, gehe er nicht nach Hauſe, gehen wir nicht nach Hauſe, geht ihr nicht nach Hauſe und ſo fort. Um ſieben Uhr wollte ich geweckt ſein, denn es war mir klar, daß ich Herrn Wemmick ſprechen mußte und ebenſo klar, daß ich nur deſſen Walworth⸗Anſichten be⸗ anſpruchen durfte. Es war ein Labſal das Zimmer zu ver⸗ — 55 laſſen, in dem ich eine ſo elende Nacht verbracht hatte und es bedurfte keines zweiten Klopfens an der Thür, um mein unruhiges Bett zu verlaſſen. Um acht Uhr erblickte ich die Zinnen des Schloſſes. Das Dienſtmädchen betrat die Feſtung mit zwei warmen Brötchen, ſo daß ich mit ihr über die Brücke gehen konnte, ohne vorher angemeldet zu werden, und Herrn Wemmick beſchäftigt traf, für ſich und den Alten Thee zu machen. Durch eine offene Thür ſah ich den Alten im Bette. „Heda, Herr Pip!“ ſagte Wemmick.„Sie ſind alſo zurückgekehrt?“ „Ja,“ antwortete ich,„ich bin aber nicht nach Hauſe gegangen!“ „Das iſt ſchön,“ ſagte er und rieb ſich die Hände. „Ich habe an jedem Temple⸗Thore ein Billet für Sie zurückgelaſſen. In welches ſind Sie eingetreten?“ Ich ſagte es ihm. „So will ich heute zu den anderen gehen und die Billets vernichten; man darf niemals ſchriftliche Beweiſe zurücklaſſen, wenn man es nur vermeiden kann, weil man nicht weiß, welcher Gebrauch davon gemacht werden könnte. Möchten Sie etwa dies Würſtchen für den Alten braten?“ Ich ſagte, ich würde es mit Vergnügen thun. „Dann kannſt Du nach Hauſe gehen, Marianne,“ ſagte Wemmick.„So ſind wir allein, Herr Pip?“ Ich dankte ihm für ſeine Freundſchaft und Vorſicht und wir unterhielten uns leiſe, indeß ich des Alten Wurſt briet und er des Alten Brötchen mit Butter beſtrich. „Wir verſtehen uns, Herr Pip,“ ſagte Wemmick,„Wir ſind hier als Privatperſonen und haben eine vertrauliche 56 Verhandlung. Officielle Anſichten ſind etwas anderes, wir ſind hier extra⸗officiell.“. Ich ſtimmte ihm herzlich bei. Meine Nerven waren ſo aufgeregt, daß die Wurſt des Alten wie eine Fackel zu lodern angefangen hatte und ich ſie ausblaſen mußte. „Ich hörte zufälligerweiſe geſtern Morgen an einem gewiſſen Orte, wohin ich Sie einmal geführt hatte, ſelbſt unter uns iſt es beſſer, gewiſſe Namen nicht zu nennen, wenns zu vermeiden iſt— „Beſſer nicht,— antwortete ich— ich verſtehe Sie.“ „Ich hörte dort zufälligerweiſe geſtern Morgen, daß eine gewiſſe Perſon, nicht ganz ohne Beſchäftigung in der Colonie und nicht ohne Beſitz von tragbarem Eigenthum — ich weiß nicht, wer es eigentlich ſein könne— wir nennen dieſe Perſon nicht—“ „Iſt auch nicht nöthig,“ ſagte ich. „In einem gewiſſen Theile der Welt, wohin viele Leute gehen, nicht immer ganz nach ihren eigenen Neigun⸗ gen und nicht ganz ohne Koſten der Regierung——“ Ich ſah ihn ſo ſcharf an, daß ich des Alten Wurſt in Brand ſteckte, was mich ſo ſehr als Wemmick ſtörte, ſo daß ich mich entſchuldigen mußte. „Großes Aufſehen erregt hatte, weil er von dort ver⸗ ſchwunden iſt und man nicht weiß, wo er ſich aufhalte. Es waren verſchiedene Muthmaßungen ausgeſprochen und Anſichten geltend gemacht worden. Ich hörte auch, daß man Sie in Ihrem Zimmer zu Garden⸗Court beobachtet habe und ferner beobachten werde.“ „Von wem?“ ſagte ich. „Ich möchte das nicht erörtern,“ fuhr er ausweichend e—;— 57 fort,„denn es könnte mit officieller Verantwortlichkeit colli⸗ diren. Ich habs gehört, wie ich an demſelben Orte in meinem Leben manches Wunderliche gehört habe. Ich erzähle es nicht nach einer mir zugekommenen Mittheilung; ich habe es gehört.“ Er nahm mir die Bratgabel und die Wurſt ab und ſtellte das Frühſtück des Alten auf eine Schüſſel. Erſt ging er in das Zimmer des Alten, mit einem weißen Tuche, band es unter das Kinn des alten Herrn, ſetzte ihn in die Höhe, ſchob die Nachtmütze auf eine Seite und gab ihm das Anſehen eines Stutzers. Dann ſtellte er das Früh⸗ ſtück vor ihm hin und ſagte:„Alles recht, Alter?“ Der muntre Alte erwiderte:„Alles recht, mein Junge, Alles in Ordnung!“ Da ein ſtillſchweigendes Uebereinkommen be⸗ ſtand, der Alte ſei noch nicht zu zeigen und müſſe deshalb unſichtbar bleiben, ſo ſtellte ich mich, nichts von alledem geſehen zu haben. „Dieſe Ueberwachung meiner Wohnung ſteht mit der Perſon, die Sie angedeutet haben, in Verbindung, nicht wahr?“ ſagte ich zu Wemmick, als er zurückgekommen war. Wemmick ſah ſehr ernſt aus.„Ich könnte das nach meinem Wiſſen nicht ſagen, daß es anfänglich ſo war. Aber es iſt ſo, oder es wird ſein.“ Da ich ſah, daß er aus Rückſicht auf das Geſchäft nicht ſo viel ſagen wollte, als er vermocht hätte und mit Dank erkannte, wie viel er ſchon gethan, mir die Andeutun⸗ gen zu geben, ſo drang ich nicht weiter in ihn. Nach kur⸗ zer Ueberlegung ſagte ich ihm, eine Frage würde ich doch noch ſtellen, die er nach Belieben auch unbeantwortet laſſen könne. Er hielt im Frühſtück ein, ſchlug die Arme über⸗ 58 einander, zog ſich an den Hemdsärmeln(zu ſeiner Behag⸗ lichkeit ſaß er im Hauſe ohne Rock) und nickte mir zu. „Sie haben einen verrufenen Mann nennen gehört, der Compeyſon heißt?“ Er nickte mir zu. „Lebt er?“ Abermals nickte er. „Iſt er in vondon?“ Er nickte noch einmal, zog den Mund zuſammen, nickte noch einmal und frühſtückte weiter. „Nachdem die Fragen vorüber ſind,— was er noch einmal mit Nachdruck wiederholte— will ich Ihnen er⸗ zählen, was ich gethan habe, als ich das gehört hatte, was ich gehört habe. Ich ging nach Gardencourt und da ich Sie dort nicht fand, zu Herrn Herbert bei Clarriker.“ „Fanden Sie ihn?“ frug ich ängſtlich. „Ich fand ihn. Ohne Namen zu nennen oder mich in Einzelheiten einzulaſſen, ſagte ich ihm, wenn er wiſſe, daß ein gewiſſer Richard oder Jakob oder Thomas in der Nähe der Wohnung oder in der Wohnung ſelbſt ſich befinde, dieſer Thomas oder Richard oder Jakob fort⸗ geſchafft werden müſſe, während Sie fort wären.“ „Er war wohl in großer Verlegenheit, was er thun ſolle?“. „Er war in Verlegenheit, was er thun ſolle, umſomehr, als ich ihm den Rath gab, er möge beſagten Richard oder Thomas oder Jakob jetzt nicht zu weit fortſchaffen. Ich will Ihnen etwas ſagen, Herr Pip. Es gibt Verhältniſſe, unter denen kein Ort einer großen Stadt zu vexgleichen iſt. Man darf nicht zu ſchnell das Lager verlaſſen. Man muß 59 ſtill liegen. Man muß warten, bis die Sache ermattet, ehe man ſelbſt in das Ausland zu flüchten wagt.“ Ich dankte ihm für dieſen nützlichen Rath und frug, was Herbert gethan hätte. „Herr Herbert erſann einen Plan. Er iſt, wie Sie wiſſen werden, mit einer jungen Dame in Verbindung, die einen bettlägerigen Vater hat. Dieſer Vater, früher Schiffslieferant, liegt in einem Bogenfenſter, wo er die Schiffe auf- und abfahren ſehen kann. Sie kennen wahr⸗ ſcheinlich die junge Dame?“ „Nicht perſönlich.“ Sie hatte nämlich gegen mich eingewendet, ich ſei ein verſchwenderiſcher Freund, der Herbert nichts Gutes thue, und als Herbert vorgeſchlagen, er wolle mich ihr vorſtellen, hatte ſie dies ſo kalt aufgenommen, daß Herbert mir die Lage der Dinge mitzutheilen für gut befand, damit eine kleine Zeit vergehen könne. Ich ertrug dies ſehr ruhig, da ich mir bewußt war, für Herbert zu ſorgen. Die beiden Liebenden bedurften keiner dritten Perſon bei ihren Zu⸗ ſammenkünften und obſchon die junge Dame und ich wech⸗ ſelſeitige Grüße ausgetauſcht hatten, ſo hatte ich ſie doch noch nicht geſehen. „Das Haus mit dem Bogenfenſter,“ fuhr Wemmick fort,„liegt am Ufer zwiſchen Limehouſe und Greenwich; es gehört einer achtbaren Witwe, welche eine meublirte Wohnung im oberen Stock zu vermiethen hat und Herr Herbert frug mich, was ich dazu meinte, wenn Thomas, oder Richard, oder Jakob eine Weile dieſe Wohnung bezöge. Ich war aus drei Gründen dafür. Erſtens: Es liegt nicht in der gewöhnlichen Gegend, weit genug von den großen 60 und kleinen Straßen. Zweitens: Sie brauchten nicht hin⸗ zugehen und könnten durch Herrn Herbert von ihm hören. Drittens: Dort iſt es am leichteſten, wenn es rathſam wird, auf einem fremden Dampfboote abzufahren.“ Ich dankte ihm für dieſe klugen Rathſchläge und bat ihn fortzufahren. „Alſo, Herr Herbert übernahm die Sache und brachte beſagten Thomas, Richard oder Jakob— wie er nun heißen mag, wir wollen es nicht wiſſen— mit dem beſten Erfolge um neun Uhr Abends dort unter. In der alten Wohnung heißt es, er ſei nach Dover gereiſt, und er fuhr auch den Weg nach Dover, auf welchem er aber umbog. Es iſt ſehr nützlich, daß dies ohne Sie geſchehen iſt; lauert Jemand Ihnen auf, ſo ſind Sie ſo viele Meilen entfernt geweſen und haben anderswo Beſchäftigungen gehabt. Dies leitet den Verdacht ab und irre; deshalb hielt ich es für gut, daß Sie nicht nach Hauſe gehen ſollten. Dies leitet noch mehr irre und dieſe Verwirrung iſt vortheilhaft.“ Wemmick hatte ſein Frühſtück beendigt, ſah nach der Uhr und zog ſeinen Rock an. „Jetzt habe ich wahrſcheinlich das Meiſte gethan, das ich zu leiſten im Stande bin; kann ich aber aus Walworth⸗ Geſichtspunkten in meiner Stellung als Privatperſon mehr thun, ſo geſchieht es gern. Hier iſt die Adreſſe. Sie ſollen heute Abend hingehen und nachſehen, ob Alles in Ordnung iſt, ehe Sie nach Hauſt zurückkehren, und ſchon deshalb iſt es gut, daß Sie vorige Nacht außer dem Hauſe geblieben ſind. Später aber gehen Sie nicht mehr hin. Sie ſind immer willkommen(ich drückte ihm die Hände, als er ſie durch den Rock gezogen hatte), und nun noch einen Rath.“ Er flüſterte mir zu:„Benutzen Sie den Beſuch von heute Abend, um das tragbare Eigenthum zu erhalten. Sie können nicht wiſſen, was ihm zuſtößt. Laſſen Sie dem tragbaren Eigenthum nichts zuſtoßen.“ Da ich Wemmick von meinen Anſichten nicht überzeugen konnte, ſo ſprach ich ſie lieber gar nicht aus. „Die Zeit iſt aus und ich muß fort. Ich möchte Ih⸗ nen rathen, hier zu bleiben, bis es dunkel wird. Sie ſcheinen müde— Sie würden einen ſehr ruhigen Tag mit dem Alten— der gleich aufſteht— und mit... Haben Sie das Schweinchen nicht vergeſſen?“ „Gewiß nicht.“ „Gut, und mit einem Stück von dieſem. Koſten Sie die Wurſt, wenn auch nur wegen alter Bekanntſchaft. Adieu, alter Vater!“ ſchrie er. „Alles in Ordnung, Alles in Ordnung, mein Junge!“ pfiff der alte Herr vom Nebenzimmer. Ich ſchlief vor Wemmick's Kamin bald ein und der Alte unterhielt ſich mit mir, indem wir abwechſelnd neben⸗ einander ſchliefen. Mittags aßen wir Schweinsbraten und Gemüſe vom Gute und ich nickte dem Alten zuweilen recht freundlich zu. Als es ganz dunkel war, verließ ich den Alten und nach der Zahl der Taſſen und dem Blicke auf beide Thürchen ließ ſich ſchließen, daß Fräulein Skiffins erwartet wurde. Siebentes Kapitel. Es war acht Uhr, ehe ich in die Luft kam, die nicht unangenehm nach den Spänen der Schiffsbauer roch. Die Waſſergegend unterhalb der Brücke war mir gänzlich un⸗ bekannt und ich entdeckte bald, daß der geſuchte Ort nicht leicht aufzufinden war. Ich verirrte mich zwiſchen geſtrandeten Schiffen, die dort ausgebeſſert wurden, alten Schiffen, die man zu zer⸗ ſchlagen vorhatte, geroſteten Ankern, die ſchon Jahre lang außer Dienſten ſtanden, bis ich endlich um eine Ecke bog und Mill Pond Bank fand, wo das Haus bei Chinks Baſſin liegen ſollte. Die Gegend war ſehr luftig und einige wenige Bäume ſtanden am Orte, ſowie einige altmodiſche Häuſer, von denen ich mir eins ausſuchte, weil es in drei Stockwerken Bogenfenſter hatte. An dem Thürſchild ſtand „Frau Whimple“ und eine anſtändige ältliche Dame öffnete mir die Thür; ihr folgte Herbert, der mich ins Zimmer führte und die Thür ſchloß. Es war ein eigenes Gefühl, ſein familiäres Geſicht in jener gar nicht familiären Gegend ſo heimiſch zu ſehen, und ich ſtaunte ihn ebenſo an, wie die bunten Stiche an der Wand, die den Tod des Capitäns 63 Cook, das vom Stapellaufen eines Schiffes und König Georg III. auf der Terraſſe von Windſor darſtellten. „Alles iſt in Ordnung, Händel,“ ſagte Herbert,„er iſt zufrieden und wünſcht Sie zu ſehen. Mein liebes Mädchen iſt bei ihrem Vater; warten Sie, bis ſie her⸗ unterkommt, dann ſtelle ich Sie vor und wir gehen dann nach oben. Das iſt ihr Vater!“ Ich hatte ein gewaltiges Knurren über mir ver⸗ nommen. „Ich fürchte, es iſt ein alter Schurke,“ ſagte Herbert; „ich habe ihn niemals geſehen. Riechen Sie keinen Rum? Er iſt immer dabei beſchäftigt.“ „Beim Rum?“ frug ich. „Ja, und Sie können ſich denken, wie ſehr dieſes die Gicht lindert. Er behält alle Lebensmittel in ſeinem Zimmer und gibt ſie aus. Er hat ſie über dem Kopf auf Brettern und wägt ſie ab. Sein Zimmer muß dem eines Krämers gleichen.“ Das Geknurr ſtieg bis zum Gebrüll und verſtummte gleich darauf. „Es kann nicht anders ſein, da er den Käſe ſchneiden will. Ein Mann mit Gicht in der rechten Hand und anderswo kann einen Glouceſterkäſe nicht durchſchneiden, ohne ſich weh zu thun.“ Er ſchien ſich ſehr weh gethan zu haben, denn er ſtieß noch ein wüthendes Gebrüll aus. „Frau Whimple iſt überglücklich, daß Provis die obere Wohnung genommen hat, denn nicht alle Leute mögen einen ſolchen Lärm. Es iſt ein ſeltſamer Ort?“ Allerdings war Alles ſeltſam, aber rein und gut gehalten. 64 „Frau Whimple iſt eine treffliche Hausfrau und ich weiß nicht, was Clara ohne ihre mütterliche Hülfe anfangen wollte. Clara hat nämlich keine Mutter und Niemand in der Welt, als den alten Griesgram.“ „Das iſt doch nicht ſein Name?“ „Nein, nein, ich nenne ihn ſo. Er heißt Barley. Aber wie glücklich iſt der Sohn meines Vaters und meiner. Mutter, ein Mädchen zu lieben, das keine Verwandte hat und die einen niemals mit ihrer Familie quälen kann!“ Herbert erzählte mir, er habe Clara Barley kennen gelernt, als ſie in einem Penſionat bei Hammerſmith er⸗ zogen wurde, und als ſie nach Hauſe zurückkehrte, um ihren Vater zu pflegen, hatten ſie ihre Neigung der guten Frau Whimple mitgetheilt, welche mit Verſchwiegenheit und Umſicht ihnen immer Beiſtand geleiſtet hatte. Der alte Barley durfte nichts davon erfahren, da er nur an Gicht, Rum und Proviant denken konnte. Endlich öffnete ſich die Thür und ein hübſches ſchwarzäugiges Mädchen von etwa zwanzig Jahren trat mit einem Körbchen in der Hand ein; Herbert nahm ihr dieſes ab und ſtellte ſie erröthend als Clara vor. Es war ein reizendes Mädchen, gleich⸗ ſam eine gefangene Fee in Dienſten eines grauſamen Ogers. „Das iſt Clara's Abendbrot, das ihr jedesmal zuge⸗ meſſen wird,“ ſagte Herbert und zeigte mir ihr Körbchen. „Das iſt ihre Portion Brot, ihr Stück Käſe und ihr Rum, den ich auftrinke. Das iſt Herrn Barley's Frühſtück, welches morgen früh gekocht werden muß: zwei Hammels⸗ cotelettes, drei Kartoffeln, einige Bohnen, etwas Mehl, zwei Unzen Butter, eine Priſe Salz und all dieſer ſchwarze 65 Pfeffer. Das wird zuſammen gekocht und heiß gegeſſen und iſt eine prächtige Speiſe für die Gicht.“ Clara ſah mit ſo angenehmer Miene auf dieſe Vorräthe hin und zeigte eine ſolche Unſchuld, als ſie ſich auf Herbert's Arm lehnte, daß ich für alles Geld in der Welt dieſe Nei⸗ gung nicht hätte ſtören mögen. Plötzlich entſtand aber wieder ein Gebrüll und ein Geſtoße, als ob ein Rieſe mit einem hölzernen Beine ſich durch die Decke durchbohren wolle. Clara ſagte:„Papa verlangt nach mir, mein Lieber,“ und eilte fort. „Das iſt ein gewiſſenloſer Haifiſch— was meinen Sie, das er verlangt?“ „Etwas zu trinken?“ ſagte ich. „Gerathen!“ rief Herbert verwundert aus.„Er hat ſeinen Grog in einem Fäßchen auf dem Tiſche. Clara ſetzt ihn zurecht, damit er trinken kann.“ Wieder ein Lärm, dann Stillſchweigen.„Zetzt trinkt er, und jetzt legt er ſich wieder nieder!“ Clara kehrte bald zurück und Herbert begleitete mich nach oben. An Barley's Thür hörten wir ihn heiſer reden, er murmelte folgenden Refrain: „Gott grüß' euch, hier iſt der alte Barley. Hier iſt der alte Wilhelm Barley, Gott grüß' euch. Hier iſt der alte Barley, liegt platt auf dem Rücken, bei Gott! Liegt platt auf dem Rücken, wie ein alter Fiſch. Hier iſt der alte Barley, grüß' euch Gott!“ Der unſichtbare Barley pflegte ſich Tag und Nacht ſo mit ſich ſelbſt zu unterhalten und ſah zuweilen bei Tage durch ein Fernrohr, das am Bette befeſtigt war, um den Strom entlang beobachten zu können. Charles Dickens, Große Erwartungen. III. 5 — 66 Provis ſaß ſehr bequem in ſeinen beiden Zimmern, welche recht luftig waren und wo man den alten Barley nicht ſo ſehr hörte. Er fchien keine Beſorgniß zu haben, allein er war offenbar ſanfter geworden, ohne daß ich mir den Grund und die Art genauer angeben konnte. Ich hatte mir vorgenommen, nichts von Compeyſon zu ſagen. Seine Wuth gegen dieſen Menſchen hätte ihn viel⸗ leicht verlockt, ihn aufzuſuchen. Als wir zuſammenſaßen, frug ich ihn, ob er ſich auf Wemmick verlaſſe. „Ja, ja,“ ſagte er ſehr ernſt,„Jaggers weiß Beſcheid.“ „Ich habe mit Wemmick geſprochen und er hat mir folgenden Rath gegeben.“ Ich erzählte Alles mit Verſchweigung Compeyſon's; Wemmick habe in Newgate erfahren, er ſtehe in Verdacht und ich würde beobachtet; er müſſe ſich deshalb verſtecken, bis er abreiſen könne. Natürlich würde ich ihn dann be⸗ gleiten und einſtweilen würde es lächerlich ſein, wenn ich ein verſchwenderiſches Leben führen wollte. Er war ganz einverſtanden und geſtand, er habe es allerdings gewagt. Es ſolle aber doch kein Verzweiflungs⸗ ſtreich ſein, und mit ſo gutem Beiſtande werde er wohl nichts zu befürchten haben. Herbert gab nun einen zweiten Vorſchlag an, der ihm ſehr zweckmäßig ſchien. „Wir ſind,“ ſagte er,„Beide recht gute Schiffer und könnten ihn zur paſſenden Zeit ſelbſt ſtromabwärts fahren. Dann brauchte man weder Boot noch Bootsführer zu miethen und mancher Verdacht wäre geſchwächt. Die Jahreszeit hat nichts zu ſagen, wir könnten uns gleich jetzt ein Boot nehmen und dann und wann auf und ab fahren. Allmälig fällt das gar nicht mehr auf. Iſt es fünfzigmal geſchehen, ſo merkt man nicht mehr auf das einundfünf⸗ zigſte Mal.“ Provis war ſehr damit zufrieden und wir beſchloſſen, gleich damit anzufangen. Provis ſolle uns aber nicht kennen, wenn wir bei Mill Pond Bank vorbeiführen. Er ſolle aber, wenn er uns ſähe, die Blende an ſeinem Fenſter niederziehen, dann wüßten wir Beſcheid. Ich ſtand auf und wollte gehen, da es mir paſſend ſchien, eine halbe Stunde früher als Herbert nach Hauſe zu kommen. „Es iſt mir nicht angenehm, Sie allein zu laſſen,“ ſagte ich zu Provis,„allein Sie ſind hier ſicherer, als in meiner Nähe. Guten Abend!“ „Lieber Junge,“ antwortete er,„ich weiß nicht, ob wir uns wiederſehen, und guten Abend gefällt mir nicht. Sage doch gute Nacht!“ „Gute Nacht! Herbert bringt immer Nachrichten von mir und zur rechten Zeit werde ich parat ſein. Gute Nacht!“ Er ſollte in ſeinem Zimmer bleiben und leuchtete uns nur die Treppe hinunter. Mir fiel dabei die erſte Nacht ein, als ich ihm zu mir heraufgeleuchtet, ohne zu ahnen, wie viele Sorgen mir bevorſtänden. Der alte Barley brüllte und fluchte, als wir an ſeiner Thür vorüberkamen und ſchien damit kein Ende machen zu wollen. An der Thür frug ich Herbert, ob er den Namen Provis angegeben habe. Er verneinte dies und ſagte, der Miethsmann heiße Campbell; dieſer Herr Campbell, mehr wiſſe man nicht, ſei ihm conſignirt, er ſolle ihn verſorgen und ihm ein abgeſchloſſenes Leben verſchaffen. Ich ſchwieg alſo über mein Intereſſe an Herrn Campbell, als wir 5 Clara und Frau Whimple im Wohnzimmer trafen, und ich ſelbſt empfahl mich bald dem ſchwarzäugigen Mägdlein und der braven Hausfrau. Auf dem Rückwege ſchien mir der Platz weit ange⸗ nehmer, denn es gab dort Jugend, Zutrauen, Hoffnung, welche das ganze Chinks Baſſin hätte ausfüllen können. Und ich dachte an Eſtella und unſern Abſchied und kam betrübt nach Hauſe. Im Temple war Alles ſtill, die Fenſter von Provis dunkel, in Gardencourt kein Spion. Ich war unbedingt ganz allein da. Ich legte mich in meiner Wohnung gleich nieder und als Herbert nach Hauſe kam, gab er mir den⸗ ſelben Bericht. Später öffnete er noch ein Fenſter und ſagte mir, der Platz ſei vom Monde beſchienen und man könne ſehen, daß er durchaus leer ſei. Am andern Tage verſchaffte ich mir ein Boot; es wurde an die Templetreppen gebracht und lag ganz in meiner Nähe. Dann fuhr ich bald allein, bald mit Her⸗ bert. Ich fuhr oft aus, doch gab man nicht mehr Acht darauf, nachdem ich einigemal gefahren war. Erſt blieb ich bei der Blackfriars⸗Brücke, ſpäter fuhr ich bis zur Londoner Brücke, wie ſie damals war, wo das Steigen und Fallen des Waſſers gefährlich galt. Bald lernte ich das Boot durchzubringen und dann ruderten wir bis Erith. Zuerſt fuhr ich mit Herbert an Mill Pond Bank vorbei. Jedesmal wurde die Blende niedergezogen. Herbert war mindeſtens dreimal in der Woche im Hauſe und brachte keine beängſti⸗ gende Nachricht. Allein ich wußte doch, daß man der Vor⸗ ſicht bedürfe und ich konnte den Gedanken nicht aufgeben, daß man mich überwache. 69 Ich war immer in Angſt. Herbert hatte oft geſagt, es ſei angenehm am Fenſter zu ſtehen, da der Strom an Clara's Haus vorüberfließe. Ich dachte aber mit Schrecken, daß er Magwitch zufließe und jedes Schiffchen auf dem⸗ ſelben könne ſeine Verfolger enthalten, welche ſchnell, ſicher und ſtill ihn ergreifen würden. Achtes Kapitel. So vergingen einige Wochen unverändert. Wir war⸗ teten auf Wemmick, er gab kein Zeichen von ſich. Hätte ich ihn nur in Little Britain geſehen und das Vorrecht eines familiären Umgangs auf dem Schloſſe nicht genoſſen, ſo würde ich an ihm gezweifelt haben. So wie ich ihn kannte, zweifelte ich keinen Augenblick an ihm. Meine Verhältniſſe fingen an ſich zu verwickeln und mehr als ein Gläubiger bedrängte mich wegen ſeiner For⸗ derungen. Bald fehlte mir das baare Geld in der Taſche und ich verkaufte einzelne Goldſchmiedsartikel. Allein in meiner unſicheren Lage wollte ich auch durchaus nichts mehr von meinem Gönner annehmen. Ich hatte ihm das ungeöffnete Taſchenbuch durch Herbert zugeſchickt und fühlte mich beruhigt, daß ich nach ſeiner Entdeckung ſeiner Großmuth entſagt hatte. Allmälig ergriff mich die trübe Ahnung, daß Eſtella verheirathet ſei. Ich mochte deshalb keine Zeitung mehr leſen und Herbert, dem ich unſere letzte Zuſammenkunft beſchrieben hatte, ſollte nicht mehr von ihr ſprechen. Ich weiß ſelbſt nicht, weshalb ich den letzten Fetzen von Hoff⸗ nung feſthielt! Leſer, weshalb haſt Du ſolche Widerſprüche 71 im letzten Jahre, im letzten Monate, in letzter Woche nicht vermieden? Ich führte ein trauriges Leben und eine Sorge über⸗ ragte alle anderen. Doch zeigte ſich kein weiterer Grund der Beſorgniß. Es ging Alles im gewohnten Gleiſe, ob ich auch aus dem Bette mit dem Schrecken, daß man ihn entdeckt habe, aufſprang, ob ich auf Herbert's Fußtritte horchte, welcher, wenn er früher nach Hauſe kam, ſchlimme Nachrichten bringen konnte; es war Alles umſonſt, ich mußte unthätig bleiben, in meinem Boote rudern und immerfort warten. Zu Zeiten war es wegen des Waſſerſtandes unmöglich, mit dem Boote durch die Londoner Brücke zurückzufahren, dann gab ich es bei dem Zollhauſe auf einer Werft in Ver⸗ 3 wahrung, damit es ſpäter zurückgebracht werde. Ich that dies gern, da es mich und mein Boot den Leuten am Waſſer bekannt machte. Aus dieſer unbedeutenden Sache entſprangen zwei Zuſammenkünfte, die ich beſchreiben muß. Eines Nachmittags, ſpät im Februar, landete ich im Dunkel an der Werft. Ich war mit der Fluth bis Green⸗ wich gefahren und mit der Ebbe zurückgekehrt. Es war ein ſchöner Tag, nur fiel zuletzt ein ziemlich ſtarker Nebel. Bei der Hin⸗ und Rückfahrt ſah ich an ſeinem Fenſter das Signal, daß Alles in Ordnung ſei. Es war kalt und ich nahm mir vor, gleich zu Mittag zu eſſen und dann, da mir zu Hauſe doch nur trübe Stun⸗ den bevorſtanden, ein Theater zu beſuchen. Das Theater, wo Herr Wopsle einen ſehr zweifelhaften Sieg erfochten hatte, lag in jener Gegend(jetzt nirgendwo) und ich nahm mir vor, dahin zu gehen. Herr Wopsle hatte das Drama 72 nicht wieder belebt, ſondern an deſſen Verfall theilgenom⸗ men. Man hörte von ihm auf Theaterzetteln als von einem treuen Mohren mit einem kleinen Kinde von edler Geburt und einem Affen. Und Herbert hatte ihn als räuberiſchen Tataren mit komiſchen Neigungen geſehen, mit einem Ge⸗ ſicht wie ein rother Ziegel und einem Hut voll Schellen. Ich ſpeiſte in einem Hauſe, welches Herbert und ich ein geographiſches Wirthshaus zu nennen pflegten, denn auf den Tiſchtüchern ſah man Karten von Bierſeidel⸗ rändern und auf den Meſſern Zeichnungen von Sauce— und vertrieb mir die Zeit mit Schlummer, bis ich mich aufraffte und ins Theater ging. Dort fand ich einen tugendhaften Seemann im Dienſte Sr. Majeſtät, einen vortrefflichen Mann, obſchon ſeine Beinkleider an einigen Stellen hätten enger und an anderen weiter ſein ſollen, der allen kleinen Leuten die Hüte über die Augen ſchlug, obſchon er ſehr großmüthig und tapfer war und der nichts davon hören wollte, daß man ſeine Steuern bezahlen ſolle, obſchon er ſehr patriotiſch war. Er hatte einen Beutel mit Gold in der Taſche wie ein Pudding im Tuche, und ſo ſtattete er ein junges Mädchen in Bett⸗ lieferung mit großem Jubel aus. Die ganze Bevölkerung von Portsmouth, ihrer Neun nach der letzten Zählung, kamen an die Küſte und rieben ſich die Hände und ſangen: „Macht ſie voll, macht ſie voll!“ Ein dunkler Schrubber, der das nicht thun wollte oder etwas Anderes ablehnte, deſſen Herz ſo ſchwarz war wie ſein Kopf, ſchlug zwei an⸗ dern Schrubbern vor, alle Welt in Noth zu bringen, was auch gelang, da die Schrubberfamilie großen politiſchen Einfluß hat. Es bedurfte eines halben Abends, Alles ** wieder zurechtzuſetzen, und dies geſchah durch einen ehr⸗ lichen Krämer mit weißem Hut, ſchwarzen Gamaſchen, rother Naſe, der in eine Uhr kroch, einen Bratſpieß in der Hand, und Alle von hinten niederſchlug, die er nicht wider⸗ legen konnte. Endlich erſchien der bisher nicht genannte Wopsle mit Stern und Hoſenband als Bevollmächtigter der Admiralität, um zu ſagen, alle Schrubber ſollten ein⸗ geſteckt werden, und er habe dem Seemann die vaterlän⸗ diſche Flagge gebracht, zum Danke für ſeine Verdienſte. Der Seemann trocknete ſeine Thränen an der Flagge, bot Seiner Gnaden Herrn Wopsle die Fauſt, und Wopsle wurde in eine Ecke geſchoben, da alle Welt den Matroſen⸗ tanz vornahm, aus welcher Ecke er mich erkannte. Das zweite Stück war die letzte große komiſche Weih⸗ nachtspantomime, in welcher Wopsle in rothen Strümpfen, mit prächtigem phosphoriſchen Antlitz und rothen Gardinen⸗ franſen ums Haar, Donnerkeile in einer Mine zu fabriziren ſchien und ſich ſehr feig zeigte, als ſein rieſengroßer Herr nach Hauſe kam. Bald zeigte er ſich eleganter, denn der Genius jugendlicher Liebe bedurfte eines Beiſtandes, weil ein roher Vater als Pächter den Gegenſtand der Neigung ſeiner Tochter verfolgte. Dieſer kam als Zauberer in Geſtalt Wopsle's, mit einem ſehr breiten Hut und einem Zauberbuche in einem Bande unter dem Arm. Dieſer Zauberer wurde angeſungen, geſtoßen, angeſprochen, mit Feuer verfolgt und hatte viel auszuſtehen. Dabei hatte er nicht viel zu ſprechen und er benutzte offenbar dieſe Muße, um mich anzuſtarren. Wopsle benahm ſich dabei in ſo auffallender Weiſe und wurde dabei ſo verworren, daß ich ihn nicht begreifen konnte * 74 Ich dachte noch eine Stunde ſpäter darüber nach, als ich das Theater verließ, an deſſen Thür Wopsle auf mich wartete. „Wie geht's Ihnen? Sie haben mich erkannt?“ frug ich und ging mit ihm die Straße entlang. „Ich habe Sie geſehen— gewiß hab' ich das. Aber wer war noch da?“ „Wer ſonſt?“ „Es iſt ſeltſam und doch möchte ich es beſchwören.“ Ich bat Wopsle um nähern Aufſchluß. „Ich weiß nicht, ob ich ihn beachtet haben würde, wenn ich Sie nicht geſehen hätte, und doch hätte ich es wahr⸗ ſcheinlich.“ Ich ſah mich um, denn dieſe geheimnißvollen Worte erſchreckten mich. „Er iſt nicht zu ſehen. Er ging fort, ehe ich heraus kam. Ich habe ihn fortgehen ſehen.“ Da ich argwöhniſch war, ſo wurde der arme Schau⸗ ſpieler verdächtig, als ob er mir etwas entlocken wolle. Ich ſchwieg und ging weiter. „Es war meine lächerliche Idee, er müſſe bei Ihnen ſein; allein ich bemerkte bald, daß Sie gar nicht wußten, wer wie ein Geiſt hinter Ihnen ſitze.“ Ich war noch entſchloſſen, nichts zu ſagen, denn daß Provis hinter mir geſeſſen haben könne, war unmöglich. „Sie wundern ſich über mich, Herr Pip, Sie thun es. Es iſt auch ſo wunderlich. Sie glauben ſchwerlich, was ich Ihnen erzählen will. Ich glaubte es ſelbſt kaum, wenn Sie mir es ſagten.“ „Wirklich?“ ſagte ich. 75 1 „Nein, Herr Pip. Sie entſinnen ſich wohl noch eines Weihnachtsabends, als Sie ganz klein waren und ich bei Gargery ſpeiſte und einige Soldaten ein Paar Handſchellen ausbeſſern ließen?“ „Gewiß entſinne ich mich deſſen.“ „Man verfolgte damals zwei Sträflinge. Wir gingen mit, Gargery trug Sie, ich führte an und Alle folgten.“ „Gewiß entſinne ich mich dieſer Geſchichte“— nur war mir ein Theil derſelben unbekannt. „Endlich trafen wir ſie in einem Graben, wo ſie mit einander rangen und der Eine war vom Andern im Geſicht ſehr beſchädigt worden.“ „Ich ſehe es noch vor mir.“ „Die Soldaten zündeten Fackeln an, nahmen die Zwei in ihre Mitte, wir ſahen ſie zuletzt, wie der Fackelſchein ihnen aufs Geſicht fiel, indeß ringsum auf den Marſchen Alles dunkel war.“ „So war es.“ „Nun, Herr Pip, einen der beiden Gefangenen habe ich heute Abend hinter Ihnen geſehen.“ „Nur ruhig!“ dachte ich und frug:„Wen von Beiden?“ „Den Entſtellten! Ich kann es beſchwören! Je mehr ich darüber nachdenke, deſto gewiſſer bin ich.“ „Das iſt allerdings ſeltſam,“ ſagte ich und ſuchte mich ſo ſehr als möglich zu beherrſchen. Es war ein ſchrecklicher Gedanke, daß Compeyſon wie ein Geiſt mir über die Schulter geſehen haben ſollte. Er war dageweſen, um mich zu verfolgen, und die Gefahr war offenbar nahe, ſo wenig ſie äußerlich zu erkennen ſein mochte. 76 Wopsle konnte mir nicht ſagen, wann der Mann herein⸗ gekommen wäre; er hatte mich und hinter mir dieſen Mann geſehen. Allmälig habe er die Bekanntſchaft entdeckt, doch nur als Jemand, der auf dem Dorfe ſich aufgehalten habe. Er war ſchwarz gekleidet, anſtändig, ſein Geſicht war nicht mehr entſtellt; mehr konnte Wopsle mir nicht ſagen, und nachdem ich ihn etwas traktirt hatte, nahm ich Abſchied von ihm. Um ein Uhr Morgens kam ich nach Hauſe, es war mir Niemand gefolgt. Herbert war zu Hauſe und wir beriethen uns gemein⸗ ſchaftlich. Es war nichts zu thun, als Wemmick davon zu unterrichten und ſeine Angaben abzuwarten. Ich machte ihm briefliche Mittheilung, um ihn nicht zu oft im Schloſſe zu beläſtigen. Ich ſchrieb den Brief vor Schlafengehen, warf ihn in den Briefkaſten und Niemand war in meiner Nähe. Wir konnten nichts thun, als die größte Vorſicht beobachten. Wir waren noch vorſichtiger als früher; ich ruderte nur an Chinks Baſſin vorüber und ſah nach Mill Pond Bank, wie nach vielen anderen Gegenſtänden. Neuntes Kapitel. Die zweite Zuſammenkunft fand eine Woche ſpäter als die erſte ſtatt. Ich hatte mein Boot wieder an der Werft unterhalb der Brücke zurückgelaſſen und zwar diesmal eine Stunde früher, ſodaß ich noch keinen Entſchluß gefaßt, wo ich zu Mittag ſpeiſen ſolle. Ich war ſo nach Cheapſide gekommen, als eine ſtarke Hand ſich auf meine Schulter legte. Es war die Hand des Herrn Jaggers, und er faßte mich gleich unter den Arm. „Da wir in derſelben Richtung gehen, ſo können wir das wohl zuſammen thun. Wohin wollen Sie?“ „Ich denke nach Hauſe,“ ſagte ich. „Haben Sie nichts Beſtimmtes vor?“ frug er. „Nein, ich habe nichts Beſtimmtes vor, denn ich habe noch keinen feſten Beſchluß gefaßt.“ „Sie wollen zu Mittag eſſen?“ ſagte Herr Jaggers. „Das werden Sie doch wohl einräumen?“ „Nun, ich werde das ſchon einräumen.“ „Und Sie ſind nicht eingeladen?“ „Auch das will ich gern einräumen.“ „Nun, ſo kommen Sie mit mir und ſpeiſen bei mir.“ Ich wollte mich ſchon entſchuldigen, als er ſagte: 78 „Wemmick kommt auch.“ Ich nahm alſo die Einladung an und wir ſchlenderten nach Little Britain, wo die Lichter in den Ladenfenſtern hell funkelten und die Laternenwärter zwiſchen dem Gedränge des Nachmittags kaum Platz fanden, um ihre Leitern aufzuſtellen und auf und ab liefen und ein und aus ſprangen, und im zunehmenden Nebel immer mehr rothe Augen aufſchloſſen. Auf dem Bureau in Little Britain war die gewöhnliche Briefſchreiberei, Handabwaſchung, Lichterausputzen und Kaſſenverſchluß, womit des Tages Arbeit beendigt wurde. Da ich am Kamin des Herrn Jaggers ſtand, machten bei dem Auf⸗ und Abflackern des Feuers die beiden Figuren auf dem Schranke gleichſam teufliſche Geſichter, als ob ſie Verſteckens mit mir ſpielten, und die groben, fetten Bureau⸗ lichter, welche Herrn Jaggers leuchteten, trugen ſchmuzige Dochtſchnuppen, als ob es Trauerweiden an den Gräbern aufgehängter Clienten wären. Wir fuhren zuſammen in einem Miethswagen nach Gerrard⸗Street und ſobald wir dort angekommen waren, wurde das dſſen aufgetragen. Obſchon ich nicht einmal durch einen Blick an die Walworth⸗Geſinnungen Wemmick's an ſolcher Stelle erinnert haben mochte, ſo hätte ich doch gern einmal einen freundlichen Blick von ihm gehabt. Allein das war unmöglich. Hob er die Augen auf, ſo ſah er auf Herrn Jaggers und war ſo trocken gegen mich, als ob es Zwillingsbrüder dieſes Namens gäbe und dieſer der falſche wäre. „Haben Sie Fräulein Havisham's Brief an Herrn Pip abgeſchickt?“ frug Herr Iaggers kurz nach Anfang der Tafel. 79 „Nein, Herr Jaggers,“ antwortete Wemmick;„er ſollte gerade auf die Poſt gebracht werden, als Sie mit Herrn Pip ins Bureau traten. Hier iſt er.“ Er gab den Brief nicht mir, ſondern ſeinem Vorgeſetzten. „Es iſt ein Billet von zwei Zeilen,“ ſagte Herr Jaggers und gab es mir,„welches Fräulein Havisham mir zuge⸗ ſchickt hat, weil ſie Ihre Adreſſe nicht genau kennt. Sie ſagt mir, daß ſie in einer Geſchäftsſache ſich mit Ihnen zu beſprechen wünſcht. Fahren Sie hin?“ „Ja,“ ſagte ich und las das Billet, welches ſich gerade ſo ausdrückte. „Wann wollen Sie hinfahren?“ „Ich habe etwas vor, das mich über die Verwendung meiner Zeit ſehr in Ungewißheit läßt. Ich denke, ich fahre gleich.“ „Nun, dann braucht Herr Pip wohl keine Antwort zu ſchreiben,“ ſagte Wemmick. Ich verſtand dies ſo, als ob er mir ſagen wolle, ich möge nur nichts aufſchieben. Ich erwiderte darauf, daß ich morgen abfahren wolle. Wemmick trank ein Glas Wein und ſah mit vergnügter Miene auf Herrn Jaggers, nicht auf mich. „Und unſer Freund Spinne hat das Spiel endlich ge⸗ wonnen,“ ſagte Herr Jaggers. Ich konnte dies nur ſoeben bejahen. „Er iſt ein vielverſprechender Menſch in ſeiner Weiſe — aber er wird vielleicht von ſeiner Weiſe vertrieben. Der Stärkere ſiegt zuletzt und es fragt ſich nun, wer der Stärkere ſein werde. Sollte er ſie vielleicht ſchlagen—“ 80 „Sie halten ihn doch nicht für einen ſolchen Tauge⸗ nichts?“ „Das habe ich nicht geſagt, Herr Pip. Ich ſetze nur einen Fall. Wenn er ſie ſchlagen ſollte, ſo trägt er den Sieg davon— handelt es ſich um eine Sache des Ver⸗ ſtandes, ſo iſt ſie die Stärkere. Es iſt nicht leicht vorher⸗ zuſagen, wie ein ſolcher Menſch unter ſo bewandten Um⸗ ſtänden ſich entwickeln könne, denn es iſt ein Va banque zwiſchen zwei Reſultaten.“ „Und welche wären dieſe?“ „Ein Kerl wie unſer Freund Spinne ſchlägt oder kriecht. Er mag kriechen und knurren, oder kriechen und nicht knurren, aber er kriecht oder ſchlägt. Fragen Sie Wemmick um ſeine Meinung.“ „Er ſchlägt oder kriecht,“ ſagte Wemmick, ohne ſich an mich zu wenden. „Es lebe Frau Bentley Drummle!“ ſagte Herr Jaggers, nahm eine Flaſche feineren Weines von ſeinem Büffet und füllte für uns Drei.„Möge die Frage des Uebergewichts zur Zufriedenheit der Dame entſchieden werden! Zur Zu⸗ friedenheit der Dame und des Herrn geht nicht. Molly, Molly, aber wie langſam biſt Du heute zur Stelle!“ Sie ſtand hinter ihm und ſtellte ein Gericht auf. Als ſie die Schüſſel losgelaſſen, trat ſie einige Schritte zurück, ſtammelte eine Entſchuldigung und eine eigenthümliche Be⸗ wegung ihrer Finger zog meine Aufmerkſamkeit auf ſich. „Was iſt?“ ſagte Herr Jaggers. „Nichts; der Gegenſtand, den wir berührten, war mir ſchmerzlich!“ ſagte ich. Sie bewegte ihre Finger, als ob ſie ſtricke. Sie ſah 81 ihren Herrn an und ſchien nicht zu wiſſen, ob ſie gehen ſolle, oder ob er noch mehr zu ſagen habe. Ihr Blick war ſehr ſcharf. Wahrlich, ſolche Augen und ſolche Hände hatte ich neulich bei einer unvergeßlichen Gelegenheit geſehen! Er entließ ſie und ſie ſchlich aus der Stube, allein ſie blieb vor mir, als ob ſie noch da wäre. Ich ſah die Hände, die Augen, das wallende Haar an, verglich ſie mit anderen Händen, anderen Augen, anderem Haar, wie ich ſie kannte und wie ſie nach zwanzigjährigem Zuſammenleben mit einem rohen Manne ſein konnten. Immer ſtanden die Hände und Augen der Haushälterin vor mir und ich dachte an die ſeltſame Empfindung, die mich beſchlichen hatte, als ich zuletzt— nicht allein— im zerſtörten Garten durch die verlaſſene Brauerei gegangen war. Von der Nennung Eſtella's war ich auf die Finger mit ſtrickender Bewegung und die aufmerkſamen Augen übergegangen und es drängte ſich mir die Ueberzeugung auf, dieſe Frau ſei Eſtella's Mutter. Herr Jaggers hatte mich bei Eſtella geſehen und gewiß die Empfindungen erkannt, die ich gar nicht zu verheim⸗ lichen beabſichtigt hatte. Er nickte mir zu, als ich den Gegenſtand ſchmerzlich nannte, ſchlug mich auf die Schul⸗ ter, ließ die Flaſche wieder umgehen und fuhr mit dem Diner fort. Die Haushälterin erſchien noch zweimal und beide Male nur ſehr kurze Zeit, und Herr Jaggers war ſehx kurz angebunden. Ihre Hände und Augen waren aber Eſtella's Hände und Augen, und wenn ſie noch hundertmal mehr erſchienen wäre, hätte ich meine Ueberzeugung nicht mehr geändert. Cbarles Dickens, Große Erwartungen. III. 6 82 Es war ſehr langweilig am Tiſche, denn Wemmick zog ſein Glas Wein, wenn es an ihn kam, wie er ſein Salair bezogen haben würde, wenn dieſes an ihn käme; er ſah immer auf ſeinen Vorgeſetzten, als ob er ſich von dieſem Kreuzfragen vorlegen laſſen wolle. Er goß ſo vielen Wein in ſeinen Mund, als ein Briefkaſten Briefe aufzunehmen bereit iſt. Ich mußte ihn immer als den falſchen Zwillingsbruder betrachten, der nur äußerlich dem Wemmick von Walworth glich. Wir empfahlen uns früh und gingen zuſammen fort. Als wir unter den Stiefeln des Herrn Jaggers nach un⸗ ſeren Hüten ſuchten, merkte ich, daß der rechte Zwilling wieder auf dem Wege ſei, und kaum waren wir zur Gerrard⸗Straße heraus, als ich Arm in Arm mit dem rechten Zwilling ging und der falſche in die Lüfte ver⸗ flogen war. „Das iſt vorbei,“ ſagte Wemmick.„Es iſt ein wun⸗ derbarer Mann, es gleicht ihm kein Menſch auf der Welt; ich muß mich aber immer zuſammennehmen, wenn ich bei ihm ſpeiſe und es ſchmeckt mir behaglicher, wenn ich mich gehen laſſen kann.“ Ich gab ihm zu, daß er dies ganz richtig beſchrieben habe. „Ich würde das nur Ihnen ſagen. Ich weiß, daß meine Worte zu Ihnen nicht weiter getragen werden,“ antwortete er. Ich frug ihn ob er die adoptirte Tochter des Fräulein Havisham, Frau Bentley Drummle, geſehen habe. Er verneinte dies. Hierauf brachte ich das Geſpräch auf den Alten und auf Fräulein Skiffins. Er machte ein 83 pfiffiges Geſicht, als ich dieſe Dame erwähnte und blieb auf der Straße ſtehen, um zu puſten und den Kopf zu ſchütteln, wobei er eine etwas prahleriſche Miene anzu⸗ nehmen ſchien. „Wemmick,“ ſagte ich,„erinnern Sie ſich noch, daß Sie mich vor meinem erſten Beſuche in Herrn Jaggers Privatwohnung auf deſſen Haushälterin aufmerkſam machten?“ „That ich das?“ antwortete er.„Ja, ja, ich mag's wohl gethan haben. Zum Henker,“ fuhr er plötzlich fort, nich habe es gethan. Bisher konnte ich mich noch immer nicht gehen laſſen.“ „Sie nannten ſie ein gezähmtes wildes Thier,“ ſagte ich. „Und wie nennen Sie ſie?“ „Ich ſage daſſelbe. Wie hat Herr Jaggers ſie zähmen können?“ „Das iſt ſein Geheimniß. Sie iſt nun ſchon viele Jahre bei ihm.“ „Ich möchte ihre Geſchichte kennen. Ich habe ein ganz beſonderes Intereſſe an ihr. Sie wiſſen, daß ich nichts ausplaudere.“ „Ich kenne ihre Geſchichte nicht,“ ſagte Wemmick,„das heißt, ich kenne nur einen Theil derſelben. Was ich weiß, will ich Ihnen erzählen. Wir ſind hier nur Privat⸗ perſonen.“ „Das verſteht ſich.“ „Sie war vor einer Reihe von Jahren wegen Mordes vor Gericht geſtellt und wurde freigeſprochen. Es war eine ſehr ſchöne junge Frau und hatte wohl Zigeunerblut in ſich. Jedenfalls war es bei ihrer Aufregung heiß genug.“ 6* 84 „Sie iſt freigeſprochen worden.“ „Herr Jaggers war für ſie,“ ſagte Wemmick mit be⸗ deutungsvoller Miene,„und bearbeitete die Sache in be⸗ wunderungswürdiger Weiſe. Es war ein verzweifelter Fall und er war noch ſehr jung, allein er betrieb die Sache zur allgemeinen Bewunderung; er hat ſich dadurch ſeinen Ruf begründet. Er betrieb ſie auf dem Polizeibureau, viele Tage hintereinander, und wollte ſie nicht vor Gericht geſtellt haben, und da er am Gericht nicht ſelbſt ihr Ver⸗ theidiger war, ſo ſtand er dieſem bei und gab, wie Jeder wußte, Salz und Pfeffer dazu. Die Ermordete war eine Frau, eine etwa zehn Jahre ältere, ſehr viel größere und ſehr viel ſtärkere Frau. Es war aus Eiferſucht. Sie vagabundirten Beide und dieſe Frau in Gerrardſtreet war ſchon in früher Jugend in wilder Ehe mit einem Vaga⸗ bunden und voll von Eiferſucht. Die ermordete Frau, welche dem Alter nach zu ihrem Manne paßte, wurde hinter einer Scheune auf der Hounslow⸗Haide todt ge⸗ funden. Es hatte einen heftigen Strauß, vielleicht einen Kampf gegeben: ſie war verletzt, gekratzt, zerriſſen und endlich an der Gurgel erſtickt. Es gab keinen Verdacht, als gegen dieſe Frau, und Jaggers ſuchte die Unwahr⸗ ſcheinlichkeit hervorzuheben, daß dieſe es gethan haben könne. Damals hat er die Stärke ihrer Arme nicht her⸗ vorgehoben, wenn er es auch vielleicht jetzt zuweilen thut,“ ſagte Wemmick und berührte mich am Aermel. Ich hatte Wemmick erzählt, daß ſie uns bei Tiſche ihre Arme hatte zeigen müſſen. „Es trug ſich aber zu— merken Sie ſich das— daß dieſe Frau ſeit dem Tage ihrer Verhaftung ſo künſtlich 85 gekleidet war, daß ſie weit ſchlanker ausſah, als ſie wirklich war, namentlich waren ihre Aermel ſo gemacht, daß ihre Arme ganz mager ſchienen. Sie hatte einige Stöße an ſich— das war nichts für eine Landſtreicherin— ihre Hände waren allerdings unten zerfetzt und es frug ſich, ob mit Fingernägeln. Jaggers wies nach, ſie habe ſich durch Geſtrüpp durchgeſchlagen, das nicht ſo hoch als ihr Geſicht geweſen, ſie habe nicht durchkommen können, ohne die Hände dabei anzuwenden, und man fand wirklich Stück⸗ chen von den Dornen in ihrer Haut, welche vorgezeigt wurden, die beſagten Geſtrüppe waren wirklich durchbrochen, Fetzen von ihrem Kleide und Blutflecken fand man da und dort. Sein kühnſter Streich war folgender. Als Beweis ihrer Eiferſucht wollte man nachweiſen, ſie habe ein dreijähriges Kind von dieſem Manne ungefähr zur Zeit der Mordthat aus Rache an ihm umgebracht. Herr Jaggers trat fol⸗ gendermaßen dagegen auf.„Wir ſagen, es ſind keine Zeichen von Nägeln, ſondern von Dornen und zeigen auch die Dornen. Ihr ſagt, es wären Zeichen von Nägeln und behauptet, ſie habe ihr Kind umgebracht. Nun wohl. Alſo das Kind mag umgebracht ſein und ihr dabei die Hände zerkratzt haben. Und dann? Ihr habt ſie nicht wegen Kindesmordes vor Gericht geſtellt. Weshalb thut Ihr's nicht?“ Kurz, Herr Jaggers war für die Geſchworenen zu klug und ſie gaben nach. „Iſt ſie ſeitdem in ſeinen Dienſten?“ „Ja, und nicht allein das. Gleich nach ihrer Frei⸗ ſprechung trat ſie in ſeine Dienſte und war gleich ſo zahm wie jetzt. Sie mag ſeitdem dieſes oder jenes zugelernt haben, allein zahm war ſie gleich.“ 86 „War das Kind ein Mädchen?“ „So hieß es damals.“ „Haben Sie mir nichts mehr zu ſagen?“ „Nein. Ich habe Ihren Brief erhalten und vernichtet. Weiter nichts.“ Wir boten uns eine herzliche Gute Nacht und ich ging, ohne der alten Sorgen enthoben zu ſein, mit reichem Stoffe für neue Gedanken nach Hauſe. — ———— Zehntes Kapitel. Indem ich Fräulein Havisham's Blatt in meine Taſche ſteckte, um es als Beglaubigungsſchreiben für meinen ſo bald wiederholten Beſuch bei ihr brauchen zu können, falls ſie in ihren Launen über mein Erſcheinen ſich verwundern ſollte, fuhr ich am nächſten Tage zu ihr; ich ſtieg vor der Stadt aus und frühſtückte da und ging den übrigen Weg zu Fuße, da es mir darum zu thun war, auf wenig be⸗ ſuchtem Wege nach der Stadt zu gelangen und ſie eben ſo zu verlaſſen. Der größte Theil des Tages war vorüber, als ich durch die ſtillen Höfe hinter der Hauptſtraße ging. Die Ruinen, wo vordem die alten Mönche ihre Refectorien und Gärten beſaßen, deren ſtarke Mauern jetzt für beſcheidene Hütten und Ställe benutzt wurden, waren faſt ſo ſtill, wie die alten Mönche in ihren Gräbern. Das Kirchengeläute klang trauriger, als jemals, während ich jede Aufmerkſam⸗ keit zu vermeiden ſuchte, die Orgeltöne kamen mir wie Trauermuſik vor, die um den alten Thurm fliegenden Krä⸗ hen ſchienen mir zuzurufen, Alles ſei anders geworden und Eſtella auf immer entfernt. Eine ältliche Frau, die ich ſchon als Dienerin im 88 Nebengebäude geſehen, öffnete das Thor. Das angezündete Licht ſtand wie früher im dunklen Gange, ich nahm es und ging allein zur Treppe. Fräulein Havisham war nicht in ihrem eigenen Zimmer, ſondern in dem gegenüber⸗ liegenden, wo ich vergeblich anklopfte; ich öffnete alſo die Thür und ſah ſie da in einem zerfallenen Seſſel, gerade an dem Feuer, in deſſen Anblick ſie verſunken war. Ich trat ein und ſtellte mich an den Kamin, wo ſie mich ſehen konnte, ſobald ſie die Augen aufhob. Sie ſah ganz verlaſſen aus und ich würde ſie bemitleidet haben, ſelbſt wenn ſie mir ein größeres Unrecht zugefügt hätte, als ich ihr vorwerfen konnte. Wie ich ſo daſtand und darüber nachdachte, daß ich allmälig ein Theil von den Ruinen dieſes Hauſes geworden, fiel ihr Blick auf mich. Sie erſtaunte und ſagte leiſe:„Iſt es wirklich?“ „Ich bin es, Pip; Herr Jaggers gab mir geſtern ihr Billet und ich habe keine Zeit verloren.“ „Ich danke Ihnen!“ Ich nahm einen andern alten Seſſel und ſetzte mich zu ihr. Ihr Geſicht trug einen Ausdruck, als ob ſie mich fürchte. „Ich möchte,“ ſagte ſie,„den Gegenſtand beſprechen, den Sie neulich bei mir erwähnt haben, und Ihnen zeigen, daß ich nicht ganz Stein bin. Vielleicht glauben Sie jetzt vollends nicht mehr, daß etwas Menſchliches in mei⸗ nem Herzen ſteckt?“ Ich ſprach einige Worte der Beruhigung für ſie und ſie ſtreckte ihre zitternde Hand aus, als ob ſie mich be⸗ rühren wollte, zog ſie aber ſchnell zurück, ehe ich die Be⸗ wegung recht begriffen hatte. — 89— „Sie ſprachen für ihren Freund und ſagten, Sie wären im Stande mir anzugeben, wie ich etwas Nützliches thun könne. Etwas was Ihnen Freude machen würde, nicht wahr?“ „Etwas was mir ſehr große Freude machen würde.“ „Was iſt es?“ Ich erzählte ihr die geheime Geſchichte ſeines Ge⸗ ſchäfts, bemerkte aber bald, daß ſie mehr an mich, als an meinen Vortrag dachte. Ich hielt deshalb inne und es verging eine ziemliche Zeit, ehe ſie dies merkte. „Unterbrechen Sie ſich, weil Sie mich zu ſehr haſſen, um viel mit mir ſprechen zu mögen?“ frug ſie mich und ſah wieder aus, als ob ſie mich fürchte. „Nein, nein, wie können Sie ſo etwas denken, ich unterbrach mich, weil mir ſchien, daß Sie nicht auf⸗ merkten. „Das mag wohl ſein,“ antwortete ſie und legte meine Hand an ihren Kopf.„Fangen Sie noch einmal an und ich will einen Gegenſtand fixiren. Nun alſo!“ Sie ſtützte ihre Hände auf ihren Stock und ſah in das Feuer, wobei ſie ſich zur Aufmerkſamkeit zu zwingen ſchien. Ich gab ihr alle Aufſchlüſſe und ſagte ihr, ich hätte ge⸗ hofft Alles mit meinen Mitteln beſtreiten zu können, dies ſchlage jedoch fehl. Mehr könne ich darüber nicht ſagen, denn es handle ſich dabei um wichtige Geheimniſſe einer dritten Perſon. „So!“ ſagte ſie ohne mich anzuſehen,„Wie viel Geld iſt für die Ausführung des Plans nöthig?“ Ich mochte die Summe erſt gar nicht angeben.„Neun⸗ hundert Pfund.“ 90 „Wenn ich es Ihnen gebe, wollen Sie dann mein Geheimniß ſo bewahren, wie ich das Ihrige?“ „Ganz ſo gewiſſenhaft.“ „Sind Sie dann beruhigter?“ „Weit mehr.“ „Sind Sie jetzt ſehr unglücklich?“ Sie frug dies ohne mich anzuſehen, allein mit einem ungewohnten Tone des Mitgefühls. Ich konnte nicht gleich antworten, die Stimme verſagte mir. Sie legte ihren linken Arm über den Krückenknopf ihres Stockes und ſtützte ihr Haupt auf dieſem. „Ich bin durchaus nicht glücklich, Fräulein Havisham, allein die Gründe meiner Sorgen ſind Ihnen unbekannt. Es iſt dies das ſchon erwähnte Geheimniß.“ Bald darauf erhob ſie ihr Haupt und blickte wieder ins Feuer. „Es iſt edel von Ihnen, daß Sie mir von anderen Gründen Ihrer Sorgen reden. Iſt es diich wahr?“ „Nur allzu wahr.“ „Kann ich Ihnen nur ſo helfen, daß ich Ihrem Freunde diene? Das iſt gewährt, aber kann ich nichts für Sie ſelbſt thun?“ „Gar nichts. Ich danke Ihnen für dieſe Frage. Und noch mehr danke ich Ihnen für den Ton dieſer Frage. Allein es liegt nichts vor.“ Gleich ſtand ſie auf und ſah ſich nach Schreibmateria⸗ lien um. Sie waren nicht vorhanden. Sie nahm eine Elfenbeintafel aus ihrer Taſche und ſchrieb mit einem Bleiſtift, den ſie in einem vergoldeten Halter um den Hals trug. „Sind Sie noch mit Herrn Jaggers befreundet?“ „Wie immer; ich habe geſtern bei ihm geſpeiſt.“ „Ich ermächtige ihn hiermit Ihnen das Geld auszu⸗ zahlen, damit Sie es ganz nach Ihrem Belieben für Ihren Freund ausgeben. Ich habe hier kein Geld, kann es Ihnen aber ſchicken, wenn Herr Jaggers es nicht wiſſen ſoll.“ „Ich danke Ihnen, habe aber gar nichts dagegen, daß er es mir auszahle.“ Sie las mir vor, was ſie geſchrieben hatte, es war deutlich und klar und ſo abgefaßt, daß man daraus er⸗ kennen konnte, das Geld ſei nicht zu meinem eigenen Beſten beſtimmt. Ich nahm die Tafel aus ihrer zitternden Hand und dieſe zitterte noch mehr, als ſie die Kette löſte, an welcher der Bleiſtift hing. Sie that das Alles ohne mich anzuſehen. „Oben ſteht mein Name. Können Sie jemals unter denſelben ſchreiben:„ich verzeihe ihr,“ wenn auch erſt lange ehe mein gebrochenes Herz Staub geworden— ſo thun Sie es!“ „Fräulein Havisham,“ antwortete ich,„das kann ich jetzt ſchon thun. Es hat manches Mißverſtändniß ſtatt⸗ gefunden, mein Leben war ein blindes und undankbares, ich habe allzuviele Verzeihung und Leitung ſelbſt nöthig, als daß ich Ihnen zürnen könnte.“ Sie ſah mich nun zum erſten Male wieder an und zu meiner Verwunderung, ja zu meinem Schrecken fiel ſie vor mir zu Füßen, und hob die gefaltenen Hände ſo zu mir empor, wie ſie dieſe in ihrer Jugend an der Seite der Mutter oft zum Himmel gehoben haben mochte. Ich wurde erſchüttert, als ich ſie ſo vor mir zu Füßen 92 ſah mit ihren weißen Haaren und ihrem gramerfüllten Antlitz. Ich bat ſie aufzuſtehen und umarmte ſie um ihr aufzuhelfen, allein ſie ergriff die ihr zunächſt befindliche Hand und legte ihr Haupt darauf und weinte. Ich hatte ſie noch niemals eine Thräne vergießen ſehen und neigte mich über ſie ohne zu ſprechen. Sie kniete nicht mehr, ſaß aber auf dem Boden. „O, was hab' ich gethan, was hab' ich gethan!“ ſchrie ſie verzweifelt. „Meinen Sie, daß Sie etwas zu meinem Nachtheil gethan, ſo kann ich nur ſagen, ſehr wenig; ich würde ſie unter allen Verhältniſſen geliebt haben.— Iſt ſie ver— heirathet?“ „Sd.“ Es war eine eitle Frage, denn ich erkannte das an einer neuen Verwüſtung im wüſten Hauſe. „Was hab' ich gethan! Was hab' ich gethan!“ Sie ſchlug ihre Hände zuſammen, preßte ihr weißes Haar und rief immer wieder und wieder:„Was hab' ich gethan!“ Ich wußte nicht, was ich ſagen, wie ich ſie tröſten ſollte. Ich wußte ſehr wohl, daß ſie nicht recht gehandelt, ein empfängliches Kind zu ſich zu nehmen, um es ſo zu bilden, daß ihre wilde Rache, mißhandelte Liebe und verwundeter Stolz ſich daran lechzen könnten. Ebenſogut wußte ich, daß ſie noch mehr gethan, indem ſie das Tageslicht aus⸗ geſchloſſen hatte, daß ſie in ihrer Abgeſchloſſenheit von tauſend heilſamen und natürlichen Einflüſſen abgeſchloſſen war, daß ihr einſam brütender Geiſt erkrankt war, wie es alle Geiſter müſſen, welche die Schöpfung Gottes umge⸗ ſtalten. Konnte ich ſie ohne Mitleid anſehen, da ſie in 3 dieſen Ruinen, in der gänzlichen Untauglichkeit für dieſe Welt, in der Eitelkeit des Schmerzes ſchon Strafe genug erlitt? „Bis Sie neulich mit ihr ſprachen und ich in Ihnen einen Spiegel ſah der mir meine früheren Empfindungen zeigte, wußte ich nicht, was ich gethan hatte. Was habe ich gethan! Was habe ich gethan!“ Und ſo wiederholte ſie immer wieder dieſes Wort. „Fräulein Havisham,“ ſagte ich, als ſie endlich ruhiger geworden war,„entlaſſen Sie mich aus Ihren Gedanken und Sorgen. Eſtella aber iſt eine andere Sache und wenn Sie etwas von dem ausgleichen können, was Sie bei ihrer Entfremdung von der wahren Natürlichkeit gefehlt haben, ſo iſt es beſſer, als ein noch ſo langes Jammern über die Vergangenheit.“ „Ja, ja, das weiß ich, aber Pip— mein Lieber,“ und abermals erhob ſich eine weibliche Stimmung.„Mein Lieber! Als ſie zuerſt zu mir kam, wollte ich ſie nur vor einem Unglück gleich dem meinigen bewahren, weiter nichts.“ „Ja, ja, das mag wohl ſein,“ ſagte ich. „Als ſie heranwuchs und ihre Schönheit hervortrat, wurde ich ſchlimmer, und mein Lob, meine Lehren, meine Geſtalt als beſtändige Warnung vor ihren Augen ſtahlen ihr das Herz und Eis trat an deſſen Stelle.“ „Beſſer ein natürliches Herz, ſelbſt wenn es gebrochen werden ſollte.“ Darauf ſah Fräulein Havisham mich abermals zer⸗ ſtreut an und rief wieder aus, was ſie gethan habe. „Wenn Sie meine Geſchichte kennten,“ fuhr ſie fort, 94 „ſo würden Sie einiges Mitleid fühlen und mich beſſer verſtehen.“ „Ich meine, Fräulein Havisham, Ihre Geſchichte zu kennen— ich habe ſie gekannt, ſeitdem ich von hier entfernt lebe. Sie hat mir großes Mitleid eingeflößt und ich ver⸗ ſtehe deren Einfluß. Iſt es mir nun auch wohl vergönnt, eine Frage über Eſtella an Sie zu richten? Nicht wie ſie jetzt iſt, ſondern wie ſie war, als ſie zuerſt hierher kam?“ Sie ſaß auf dem Boden, die Arme auf dem Seſſel und den Kopf daran gelehnt. Sie ſah mich feſt an und ſagte:„Fahren Sie fort.“ „Weſſen Kind war Eſtella?“ Sie ſchüttelte den Kopf. „Sie wiſſen es nicht?“ Sie ſchüttelte wieder mit dem Kopfe. „Herr Jaggers hat ſie hergebracht oder hergeſchickt?“ „Hergebracht.“ 8. „Wie trug ſich dieſes zu?“ X Sie antwortete leiſe mit großer Vorſicht.„Ich war lange Zeit in dieſen Räumen eingeſchloſſen— ich weiß nicht wie lange— Sie wiſſen, welche Stunde die Uhren hier zeigen: da bat ich ihn um ein Kind, um es zu erziehen und zu lieben. Ich hatte ihn zuerſt geſehen, als ich zu ihm geſchickt hatte, um Alles hier wüſt zu legen, da ich, ehe ich mich von der Welt abgetrennt, in den Zeitungen von ihm geleſen hatte. Er ſagte mir, er würde ſich nach einem ſolchen verwaiſten Kinde umſehen. Eines Abends kam er, brachte ein ſchlafendes Kind, ich gab ihm den Na⸗ men Eſtella.“ 9) „Wie alt war ſie damals?“ „Zwei oder drei Jahre alt. Sie weiß nur, daß ich ſie als Waiſe angenommen habe.“ Ich war ſo überzeugt, daß jene Frau ihre Mutter geweſen, daß ich für mich ſelbſt keiner Beweiſe bedurfte. Ich dachte mir, es müſſe jedem dieſe Ueberzeugung ein⸗ leuchten. Wozu ſollte ich die Unterhaltung verlängern? Ich hatte Alles für Herbert erhalten, Fräulein Havisham hatte mir Alles erzählt, was ſie von Eſtella wußte, ich hatte Alles gethan, was ihr Gemüth beruhigen konnte. So nahm ich denn Abſchied von ihr. Zwielicht brach ein, als ich in die reine Luft kam. Ich rief der Frau, die mich hereingelaſſen hatte, zu, daß ich ſie noch nicht in Anſpruch nehmen, ſondern noch ein Weilchen daſelbſt ſpazieren gehen wolle. Ich hatte eine Ahnung, daß ich nie wieder hinkommen würde und das ſterbende Tageslicht war dieſer letzten Beſichtigung angemeſſen. Durch die Wüſtenei von Fäſſern, auf denen ich vor vielen Jahren gegangen und auf welche ſeitdem Regen vieler Jahre gefallen war, ſo daß ſie an vielen Stellen ganz verfault waren, kam ich in den zerſtörten Garten. Ich ging rings umher, um die Ecke, wo ich mit Herbert gefochten, auf den Wegen, wo ich mit Eſtella gewandelt— Alles war ſo kalt, ſo einſam, ſo traurig! Indem ich durch die Brauerei zurückging, hob ich die verroſtete Klinke einer kleinen Thür am Gartenende auf und ging durch. Ich wollte zur gegenüberliegenden Thür herausgehen, die nicht leicht zu öffnen war, denn das Holz war geſchwollen, die Angeln gaben nach und die Schwelle 96 war mit Schwamm bewachſen— als ich mich umkehrte, um noch einmal zurückzuſehen. Eine kindiſche Erinnerung knüpfte ſich mit wunderbarer Macht an dieſe kleine Be⸗ wegung und es war mir, als hinge Fräulein Havisham dort am Balken. Der Eindruck war ſo mächtig, daß ich unter dem Balken von Kopf zu Fuß zitternd ſtand, ehe ich erkannte, daß es eine Einbildung ſei— obſchon ich unver⸗ züglich hingeeilt war. Der Schrecken dieſer augenblicklichen Täuſchung, die Betrübniß des Ortes und der Zeit erweckte eine unbe⸗ ſchreibliche Stimmung in mir, als ich durch das offene hölzerne Thor trat, wo ich mir einſt die Haare gerauft, als Eſtella mir das Herz zerriſſen hatte. Auf dem erſten Hofe war ich unſicher, ob ich gleich zum verſchloſſenen Thor hinausgehen oder noch einmal die Treppe hinauf⸗ eilen und mich von Fräulein Havisham's Wohlbefinden überzeugen ſolle. Ich zog letzteres vor und ging zur Treppe. Ich ſah in das Zimmer hinein, wo ich ſie verlaſſen und ſie ſaß noch auf dem alten Seſſel neben dem Feuer, den Rücken der Thür zugewendet. Als ich ruhig wieder zurück⸗ treten wollte, ſprang eine helle Flamme auf. In demſelben Augenblicke ſtürzte ſie auf mich und ſchrie, Feuer wirbelte um ſie und erhob ſich ſo viele Fuß über ſie, als ſie ſelbſt hoch war. Ich hatte einen dicken Oberrock mit zwei Kragen an und einen dicken Rock über dem Arme. Ich warf ſie ab, umarmte, riß ſie nieder und warf dieſe darüber, riß die große Decke zu demſelben Behuf über ſie hin und mit ihr den verfaulten Haufen auf dem Tiſche und alle die häßlichen 97 Sachen, die ſich dort aufhielten. Wir wälzten uns auf dem Boden wie verzweifelte Feinde; jemehr ich ſie zudeckte, deſto wilder ſchrie ſie und ſuchte ſich loszuwinden, allein ich fühlte und dachte nichts dabei— ich wußte erſt dann etwas davon, als wir neben dem großen Tiſche auf dem Boden lagen und das, was bisher ihr Brautkleid geweſen, nur noch als Zunder durchs Zimmer flog. Ich ſah mich um, die erſchreckten Spinnen und Wür⸗ mer liefen fort, die Dienerſchaft ſtürzte athemlos herein. Ich hielt ſie mit aller Kraft nieder, als ob ſie entfliehen wolle und ich wußte ſelbſt kaum, weshalb wir gerungen und wie ich die Flammen erſtickt, bis ihre Kleider nicht mehr brannten, ſondern in ſchwarzer Aſche über uns nie⸗ derfielen. Sie war beſinnungslos und ich mochte ſie weder an⸗ rühren noch fortſchaffen laſſen. Hülfe wurde herbeigeholt und bis dieſe kam hielt ich ſie, als ob das Feuer wieder ausbrechen würde, wenn ich ſie losließe. Als der Arzt mit anderen Leuten kam, wunderte ich mich, daß meine beiden Hände verbrannt waren, denn ich wußte dies nicht durch die Empfindung. Man unterſuchte ſie und fand, daß ſie bedeutend be⸗ ſchädigt war, doch ohne daß man die Hoffnung hätte auf⸗ geben müſſen; die Gefahr lag vorzugsweiſe in der Nerven⸗ erſchütterung. Das Bett wurde in ihr Zimmer gebracht und auf den großen Tiſch gelegt, was für die Verbindung ihrer Wunden ſich beſonders eignete. Als ich ſie eine Stunde ſpäter wiederſah, lag ſie da, wohin ſie mit ihrem Stocke geſchlagen hatte, als die Stelle, wo ſie einſt liegen würde.— Charles Dickens, Große Erwartungen. III. 7 98 Obſchon alle Kleider verbrannt waren, trug ſie immer noch Spuren ihrer geſpenſtiſchen Brauterſcheinung an ſich; ſie war ganz mit weißer Baumwolle bedeckt und ein weißes Tuch war loſe darüber geworfen, wobei ſie noch wie ein Weſen ausſah, welches einſt geweſen und verwandelt wor⸗ den war. Die Diener wußten mir zu ſagen, daß Eſtella ſich in Paris befinde und der Arzt verſprach mir, ihr am nächſten Tage zu ſchreiben. Fräulein Havisham's Familie über⸗ nahm ich ſelbſt; ich wollte Herrn Matthew Pocket Alles mittheilen, er mochte dann mit den Uebrigen nach Be⸗ lieben verfahren. Herbert beſorgte es für mich, als ich zur Stadt zurückgekehrt war. Sie ſprach eine Weile mit vollem Bewußtſein über Alles, was geſchehen war, wenn auch mit ſchrecklicher Leb⸗ haftigkeit. Gegen Mitternacht phantaſirte ſie und dann wiederholte ſie unzählige Male:„Was habe ich gethan!“ Und dann:„Als ſie zuerſt kam, wollte ich ſie vor dem Elend, gleich dem meinigen, bewahren!“ und dann:„Nimm den Bleiſtift und ſchreibe unter meinen Namen: Ich ver⸗ zeihe ihr.“ Dieſe drei Sätze wiederholte ſie immer in derſelben Reihenfolge, ließ aber wohl einmal ein oder das andere Wort aus, ſchob keins ein, ſondern ließ eine Lücke und ging zum nächſten Worte über. Da ich nichts mehr helfen konnte und in meiner Nähe Grund genug für Sorge und Furcht war, welche ſelbſt ihre Phantaſie nicht verſcheuchen konnte, ſo beſchloß ich, mit dem erſten Poſtwagen zurückzufahren, indem ich ein Stückchen gehen und vor der Stadt einſteigen wollte. Um ſechs Uhr Morgens bog ich mich über ſie und berührte —— 99 ihre Lippen mit den meinigen, gerade als ſie ſprachen: „Nimm den Bleiſtift und ſchreibe unter meinen Namen: ich verzeihe Dir!“ Es war das erſte und letzte Mal, daß ich ſie ſo berührt habe. Und ich habe ſie nie wieder geſehen. Elftes Kapitel. Meine Hände waren in der Nacht und dann am Morgen zwei⸗ oder dreimal verbunden worden. Mein linker Arm hatte Brandwunden bis zum Ellenbogen, und von da bis an die Schulter war er nicht ſo ſehr verletzt. Er ſchmerzte ſtark, doch hatten die Flammen dieſe Richtung genommen und es hätte ſchlimmer werden können. Meine rechte Hand war ſo verbrannt, daß ich doch noch die Finger bewegen konnte. Sie war verbunden, doch nicht ſo un⸗ bequem als die linke Hand mit dem Arme; dieſe trug ich in einer Schlinge und meinen Rock als Ueberwurf, der um den Hals befeſtigt war. Mein Haar hatte gelitten, mein Kopf war unverſehrt. Nachdem Herbert ſeinen Vater in Hammerſmith ge⸗ ſprochen, kam er zurück und pflegte mich den ganzen Tag. Er war äußerſt liebevoll und nahm zur rechten Zeit die Verbände ab, tunkte ſie in bereit gehaltene kühle Flüſſigkeit und legte ſie mit großer Geduld wieder um. Als ich auf dem Sopha ruhig lag, konnte ich anfänglich den Eindruck von den Flammen, dem Flackern und Rau⸗ ſchen, den ſcharfen Geruch nicht los werden. Schlummerte ich ein, ſo weckte mich Fräulein Havisham's Geſchrei und ich ſah ſie mit allem Feuer um ſich auf mich losſtürzen. Dieſer geiſtige Schmerz war ſchlimmer, als alle meine körperlichen Leiden und Herbert bot deshalb Alles auf, meine Aufmerkſamkeit anderswohin zu richten. Wir ſprachen nicht von dem Boote, dachten aber wohl daran. Es kam dies zum Vorſchein, weil wir den Gegen⸗ ſtand vermieden und weil wir von ſelbſt einverſtanden zu ſein ſchienen, den Wiedergebrauch meiner Hände nicht auf Wochen zu verſchieben, ſondern baldmöglichſt eintreten zu laſſen. Ich frug Herbert, ob Alles unten am Fluſſe in Ord⸗ nung wäre. Er bejahte dies mit voller Zuverſicht und ſo ſprachen wir nicht weiter darüber, bis der Tag zu Ende ging. Als Herbert bei dem Scheine des Lichts die Ver⸗ bände umlegte, fing er von ſelbſt wieder davon an. „Geſtern Abend habe ich zwei ſtarke Stunden bei Provis zugebracht.“ „Wo war Clara?“ „Das gute Mädchen!“ ſagte Herbert.„Sie mußte den ganzen Abend zum Griesgram laufen. Kaum war ſie fort, ſo klopfte er ſchon wieder. Er wird's nicht lange mehr machen. Rum und Pfeffer— Pfeffer und Rum— ſein Klopfen wird bald vorüber ſein.“ „Dann heirathen Sie, Herbert?“ „Wie kann ich das liebe Mädchen anders verſorgen? — Legen Sie den Arm über den Rücken des Sopha, dann ſetze ich mich hin und ziehe den Verband ſo ſorgſam ab, daß Sie es gar nicht merken. Alſo was Provis betrifft, ſo muß ich ſagen, daß er ſich beſſert.“ 102 „Ich meinte neulich auch, er ſei ſanfter geworden.“ „Sie haben Recht. Er iſt es auch. Er erzählte mir am verfloſſenen Abend noch mehr von ſeinem Leben. Er hatte hier über eine Frau, mit der er große Laſt hatte, nicht weiter reden wollen— habe ich Ihnen weh gethan?“ Ich hatte gezuckt, doch nicht wegen ſeiner Berührung. „Da Sie mich daran erinnern, ſo fällt mir es wie⸗ der ein.“ „Dieſen Theil ſeines Lebens, der ſehr düſter iſt, ſchil⸗ derte er mir. Würde es Sie jetzt angreifen?“ „Erzählen Sie mir Alles— jedes Wort!“ Herbert bog ſich vor, um mich näher anzuſehen, weil meine Antwort ihm allzu heftig vorgekommen war.„Iſt Ihr Kopf kalt?“ frug er. „Ganz und gar. Erzählen Sie mir nur die Geſchichte.“ „Es ſcheint— da iſt ein Verband ſehr angenehm ab⸗ genommen und nun kommt der kühlende— es greift Sie erſt ein Bischen an, nicht wahr? Aber es iſt gleich ſehr erquicklich— alſo es ſcheint, die Frau war eine junge, rachſüchtige, eiferſüchtige Frau, bis zum höchſten Grade—“ „Bis zu welchem höchſten Grade?“ „Bis zum Morde!— Iſt es Ihnen an der empfind⸗ lichen Stelle zu kalt?“ „Nein, nein. Wie hat ſie ermordet? Wen hat ſie ermordet?“ „Die Sache iſt vielleicht nicht ſo ſchlimm, allein ſie wurde vor Gericht geſtellt und Jaggers vertheidigte ſie und dieſe Vertheidigung machte Provis zuerſt mit dem⸗ ſelben bekannt. Es war eine andere ſtärkere Frau, mit der ſie in einer Scheune gerungen. Wer angefangen, wie 103. es ſich zugetragen, iſt zweifelhaft, gewiß iſt nur, daß man das Opfer erſtickt fand. „Wurde die Frau verurtheilt?“ „Nein, ſie wurde freigeſprochen.— Lieber Händel, ich habe Ihnen weh gethan!“ „Es kann unmöglich ſanfter geſchehen, Herbert; was folgte nun?“ „Dieſe freigeſprochene junge Frau und Provis hatten ein kleines Kind, welches er überaus liebte. Am Abend der Nacht, in welcher der Gegenſtand ihrer Eiferſucht er⸗ droſſelt wurde, erſchien ſie vor Provis und ſchwur, ſie werde das Kind umbringen und er ſolle es nie wiederſehen. Dann verſchwand ſie.— Jetzt iſt der ſchlimme Arm wieder recht bequem in der Schlinge, die rechte Hand läßt ſich leichter behandeln. Ich kann es beſſer bei mattem Lichte machen, denn meine Hand iſt feſter, wenn ich alle die Brandſtellen nicht ſehe.— Ihr Athemholen iſt doch be⸗ ſchwert? Sie ſcheinen mühſam Athem zu holen.“ „Es mag wohl ſein. Hat die Frau ihren Schwur gehalten?“ „Das iſt der dunkelſte Theil von Provis' Leben. Sie hat es gethan.“ „Das heißt, er ſagt, ſie habe es gethan.“ „Allerdings,“ antwortete Herbert und ſah mich wieder ſchärfer an.„Er ſagt ja das Alles. Ich habe keine an⸗ deren Quellen.“ „Allerdings.“ „Provis ſagt nicht, ob er die Mutter des Kindes gut oder ſchlecht behandelt habe, aber ſie hatte vier bis fünf Jahre ſeines unglücklichen Lebens getheilt und er ſcheint 1904 ſie doch bedauert zu haben. Um nun über das umgebrachte Kind nichts auszuſagen, was ja ihren Tod hätte herbei⸗ führen müſſen, verbarg er ſich während der Unterſuchung und wurde vor Gericht nur als ein gewiſſer Abel bezeichnet, der Schuld an der Eiferſucht geweſen ſein ſolle. Nach der Freiſprechung verſchwand ſie und ſo verlor er das Kind und die Mutter des Kindes.“ „Ich möchte fragen—“ „Einen Augenblick und ich bin zu Ende. Dieſer böſe Geiſt Compeyſon, dieſer ärgſte Schurke unter allen Schur⸗ ken, wußte weshalb er ſich damals verborgen gehalten hatte und benutzte dies Wiſſen, um ihn zu bedrücken und verarmen zu laſſen. Daher war der Haß von Provis ſo ſehr geſtiegen.“ „Ich möchte nur wiſſen, wann ſich dies zugetragen habe.“ „Was hat er mir darüber erzählt? Eine ziemliche Anzahl Jahre— ſagte er— faſt gleich, nachdem ich mich mit Compeyſon verbrüderte. Wie alt waren Sie, als ſie ihn auf dem Kirchhofe fanden?“ „Es war wohl in meinem ſiebenten Jahre.“ „Alſo war es drei oder vier Jahre früher geweſen und Sie haben ihn an das traurigerweiſe verlorene Kind erinnert, das ungefähr von Ihrem Alter ſein würde.“ „Herbert,“ ſagte ich nach kurzem Stillſchweigen,“ ſehen Sie mich beſſer beim Feuer oder am Fenſter?“ „Beim Schein des Feuers,“ ſagte er. „Sehen Sie mich an.“ „Ich ſehe Sie an.“ „Berühren Sie mich.“ „Ich thue das.“ „Sie merken, daß ich nicht im Fieber liege, oder daß mein Kopf durch die Vorfälle der verwichenen Nacht nicht erſchüttert iſt?“ „Nein, lieber Menſch, Sie ſind aufgeregt, aber ganz bei Sinne.“ „Das weiß ich auch. Und der Mann, den wir unten am Fluſſe verbergen, iſt Eſtella's Vater.“ Zwölftes Kapitel. Ich weiß ſelbſt nicht, weshalb mir ſo ſehr darum zu thun war, Eſtella's Aeltern kennen zu lernen. Deutlicher erkannte ich dieſe Frage nicht eher, als bis ſie ein klügerer Kopf mir vorlegte. Als Herbert und ich uns unterhalten hatten, fiel mir plötzlich ein, ich müſſe alles erfahren, Herr Jaggers müſſe mir die volle Wahrheit ſagen. Ich weiß nicht, ob ich dies um Eſtella's Willen that oder ob ich auf den Mann, den ich zu retten ſuchte, etwas von dem romantiſchen Intereſſe für Sie zu übertragen ſuchte. Letztere Möglichkeit mag wohl der Wahrheit näher liegen. Ich wäre ſonſt ſchon am Abende hingegangen. Herbert's Vorſtellungen, daß ich in ſolchem Falle wahrſcheinlich mich nicht würde regen können, ſobald die Sicherheit des Flücht⸗ lings von uns abhinge, beherrſchten endlich meine Unge⸗ duld. Nachdem ich immer wieder erklärte, ich würde auf jegliche Gefahr am andern Tage zu Jaggers gehen, hielt ich mich endlich ruhig, ließ mich verbinden und blieb im Hauſe. Am andern Morgen gingen wir zuſammen aus und Herbert verließ mich erſt, wo unſere Wege bei Giltſpurſtreet ſich ſchieden. Er ging in die City, ich nach Little britain. 107 Zu beſtimmten Zeiten nahmen Jaggers und Wemmick die Rechnungen vor und verglichen die Papiere und brach⸗ ten alles in Ordnung. Dann war Wemmick mit ſeinen Büchern und Papieren in Jaggers' Zimmer und ein Schrei⸗ ber aus dem oberen Stock erſetzte ihn. Da ich einen ſolchen dieſen Morgen fand, wußte ich was vorginge, allein es war mir nicht unangenehm, beide zuſammen zu haben, da Wemmick dann hören würde, daß ich ihn nicht mit hinein⸗ gemiſcht hatte. Als ich mit verbundenem Arme über der Schulter erſchien, wurde mir die Sache leicht gemacht. Einen kurzen Bericht über das Vorgefallene hatte Herr Jaggers gleich nach meiner Rückkehr zur Stadt erhalten, die Einzelheiten mußte ich aber noch erzählen und dieſe Unterhaltung war nicht trocken und hart und nicht ſo genau nach den Vor⸗ ſchriften über Zeugenverhör, als ſonſt wohl. Als ich das Unglück beſchrieb, ſtand Herr Jaggers in gewohnter Weiſe vor dem Feuer. Wemmick lehnte ſich zurück, ſtarrte mich an, die Hände in den Hoſentaſchen und die Feder horizontal im Munde. Die beiden widrigen Abgüſſe ſchienen in Ver⸗ legenheit, ob ſie nicht Feuer witterten. Meine Geſchichte war aus, ihre Fragen waren zu Ende und ich legte Fräulein Havisham's Beglaubigung vor, um die neunhundert Pfund für Herbert einzuziehen. Herrn Jaggers' Augen zogen ſich in den Kopf zurück, als ich das Eiſenbahntäfelchen herausgab, gab aber daſſelbe gleich in Wemmick' Hand, damit dieſer die Anweiſung zur Unterzeichung entwerfe. Indem dieſes vor ſich ging, ſah ich auf Wemmick, welcher ſchrieb und Jaggers, der ſich auf ſeinen blanken Stiefeln wiegte, auf mich.„Es thut 103 mir leid, Pip,“ ſagte er, nachdem er die Anweiſung unter⸗ zeichnet und ich ſie in die Taſche geſteckt hatte,„daß wir nichts für Sie thun.“ „Fräulein Havisham frug mich, ob ſie nichts für mich thun könne, allein ich gab eine verneinende Antwort.“ „Ein jeder weiß was ihm gut thut,“ ſagte Herr Jag⸗ gers. Wemmick's Lippen bildeten das Wort„tragbares Eigenthum.“ „Ich hätte nicht nein geſagt, wenn ich an Ihrer Stelle geweſen wäre,“ ſagte Herr Jaggers,„allein ein jeder muß wiſſen, was ihm gut thut.“ „Einem Jeden thut tragbares Eigenthum gut,“ ſagte Wemmick mit einer tadelnden Miene. Die Zeit ſchien mir nun für mein Obliegen gekommen. Ich ſagte zu Herrn Jaggers: „Ich bat Fräulein Havisham allerdings um etwas. Ich bat um Auskunft über ihre Adoptivtochter und ſie er⸗ zählte mir, was ſie nur wußte.“ „Das würde ich an ihrer Stelle nicht gethan haben. Sie muß wiſſen, was ihr am meiſten nützt.“ „Ich weiß von dieſem Adoptivkinde mehr als Fräulein Havisham. Ich kenne ihre Mutter.“ „Mutter?“ wiederholte Herr Jaggers und ſah mich ſcharf an. „Ich habe ſie vor drei Tagen geſehen.“ „So?“ „Vielleicht weiß ich mehr von Eſtella's Geſchichte als Sie. Ich kenne auch ihren Vater.“ Eine gewiſſe Haltung im Weſen des Herrn Jaggers zeigte mir, daß er dieſen Vater nicht kannte. Ich merkte dies, weil Provis ſich verborgen hatte und er ſelbſt war vier bis fünf Jahre ſpäter Client von Jaggers geworden, ohne daß ihm daran hätte gelegen ſein können, ſich zu ent⸗ decken. Dieſe Gewißheit hatte ich jetzt erlangt. „So? Sie kennen den Vater der jungen Dame?“ „Allerdings,“ antwortete ich,„er heißt Provis, aus Neu⸗Süd⸗Wallis.“. Jaggers ſogar ſchreckte zurück, als ich den Namen nannte. Er war gleich wieder ſein eigner Herr, aber er ſchreckte doch einen Augenblick zurück, und ſuchte es durch Herausziehen des Taſchentuchs zu verbergen. Wemmick konnte ich nicht ſchildern, denn ich mochte ihn nicht an⸗ ſehen, damit Jaggers nicht entdeckte, es ſei zwiſchen uns beiden ein geheimes Einverſtändniß vorhanden. „Wie bewies Provis dieſe Anſprüche?“ frug Herr Jaggers ſehr kaltblütig. „Er macht gar keine, hat gar keine gemacht, hat keine Ahnung vom Daſein ſeiner Tochter.“ Hier konnte das allmächtige Taſchentuch nicht aus⸗ reichen, meine Antwort war ſo unerwartet, daß er es ein⸗ ſteckte und mit gekreuzten Armen mich anſtarrte. Ich erzählte ihm alles, was ich wußte, und wie ich es wußte, nur daß er ſchließen mußte, ich hätte von Fräulein Havisham erfahren, was Wemmick mir geſagt hatte. Dabei nahm ich mich ſehr in Acht. Ich ſah auch gar nicht auf Wemmick hin und blickte nur ruhig auf Herrn Jaggers. Als ich endlich mein Auge auf Wemmick warf, ſah ich, daß dieſer die Feder in die Hand genommen und auf die Papiere vor ihm hingeblickt hatte. „Ha!“ ſagte Jaggers und näherte ſich dem Tiſche. 110 „Bei welcher Rechnung waren Sie, als Herr Pip ein⸗ trat?“ Das ließ ich mir nicht gefallen und ich forderte ihn auf, offener gegen mich zu ſein. Ich war in falſche Hoff⸗ nungen verfallen, ſie hatten ſehr lange gedauert, die Ent⸗ deckung und deren Gefahren drückten mich nieder. Ich hatte ihm Vertrauen geſchenkt und war auch des ſeinigen würdig. Ich wollte ihn nicht tadeln oder mißtrauen oder bearg⸗ wöhnen, aber er ſollte mir die Wahrheit beſtätigen. Wes⸗ halb ich das wolle, welches Recht ich darauf hätte? Ich hatte Eſtella lange geliebt, und trotz ihres Verluſtes ſei ſie mir doch noch immer theurer als ſonſt etwas. Aber Herr Jaggers ſtand ſtill und ſtumm, hartnäckig, und da wandte ich mich an Wemmick und ſagte:„Ich weiß, Sie haben ein zartes Herz. Ihre angenehme Wohnung, Ihr alter Vater, die unſchuldigen Zerſtreuungen, mit denen Sie ihre Arbeit erquicken, ſind mir bekannt. Sprechen Sie nur ein Wort für mich bei Herrn Jaggers und ſagen Sie ihm, er müſſe eigentlich offenherziger gegen mich ſein.“ Ich habe niemals zwei Menſchen einander ſo wunder⸗ liche Blicke zuwerfen ſehen, als nach dieſer Anrede Jag⸗ gers und Wemmick es thaten. Erſt befiel mich die Be⸗ ſorgniß, Wemmick würde unverzüglich entlaſſen werden, allein dieſe verſchwand, als ich ſah, daß Herr Jaggers beinahe zu lächeln anfing und Wemmick dreiſter aufblickte. „Was bedeutet das Alles?“ ſagte Herr Jaggers, „Sie haben einen alten Vater und angenehme Zer⸗ ſtreuungen?“ „Und was hat das zu ſagen, wenn ich ſie nicht hierher bringe?“ entgegnete Wemmick. „Pip,“ ſagte Herr Jaggers, legte die Hand auf meinen Arm und lächelte deutlich,„dieſer Mann muß der ſchlaueſte Betrüger in ganz London ſein.“ „Nicht im mindeſten,“ antwortete Wemmick und wurde immer dreiſter.„Ich meine, Sie ſind auch ein ſolcher.“ Abermals blickten ſie ſich ſo wunderlich an, offenbar beide noch immer der Anſicht, einer wolle den andern täuſchen. „Haben Sie eine angenehme Häuslichkeit?“ fragte Jaggers.“ „Da ſie dem Geſchäfte nicht hinderlich in den Weg tritt, ſo mag ſie da ſein. Wenn ich Sie anſehe, ſollte es mich nicht verwundern, daß Sie darüber nachſinnen, dieſe Tage einmal eine angenehme Häuslichkeit einzurichten, wenn Sie der Arbeit müde ſind.“ Herr Jaggers nickte zwei oder dreimal und ſtieß wirk⸗ lich einen Seufzer aus.„Pip,“ ſagte er,„wir wollen nichts von ſüßen Träumen reden, Sie wiſſen mehr davon als ich, da Sie friſchere Erfahrungen beſitzen. Was aber die andere Sache betrifft— ich will einen andern Fall ſetzen— mer⸗ ken Sie ſich's, ich gebe nichts zu.“ Ich gab die Erklärung ab, daß es mir ganz klar ſei, er habe ausdrücklich geſagt, daß er nichts zugebe. „Alſo Pip, ſetzen Sie folgenden Fall. Setzen Sie den Fall, daß eine Frau unter den von Ihnen erwähnten Um⸗ ſtänden ihr Kind verborgen und dieſe Thatſache ihrem ge⸗ ſetzlichen Rathgeber mitzutheilen genöthigt geweſen, da die⸗ ſer ihr vorgeſtellt, er müſſe mit Rückſicht auf den Umfang ſeiner Vertheidigung wiſſen, wie es ſich mit dem Kinde ver⸗ halte. Setzen Sie den Fall, es ſei ihm gleichzeitig der Auftrag ertheilt geweſen, für eine überſpannte, reiche Dame ein Kind zu finden, das ſie erziehen und adoptiren wollte.“ „Ich folge Ihnen genau, mein Herr!“ „Setzen Sie den Fall, er habe in einer Atmoſphäre der Sünde gelebt und von Kindern nichts weiter kennen gelernt, als daß ſie der Mehrzahl nach für gewiſſe Ver⸗ derbniſſe erzeugt würden. Er hatte oft Kinder in Crimi⸗ nalfällen vor Gericht geſehen, wo man ſie in die Höhe ge⸗ hoben, um geſehen zu werden, er war daran gewöhnt, daß ſie eingeſperrt, gepeitſcht, transportirt, vernachläſſigt, fort⸗ gejagt, für den Henker zurechtgemacht und für den Galgen erzogen wurden. Die Mehrzahl der Kinder, die er ge⸗ ſehen, betrachtete er in ſeinem gewöhnlichen Geſchäftsleben als eine Brut, die ſich zu Fiſchen entwickle, welche in ſein Netz fielen, um verfolgt, vertheidigt, verſchworen, ver⸗ waiſt, verteufelt zu werden.“ „Ich folge Ihnen genau.“ „Setzen Sie dieſe Fälle, Pip, und nun den Fall, daß ein hübſches Kind da war, welches gerettet werden konnte, deſſen Tod der Vater annahm, ohne daß er ſich darüber zu äußern wagte, über deren Mutter der geſetz⸗ liche Anwalt die Macht hatte, ihr folgendes zu ſagen: „Ich weiß was und wie ihr es gethan gehabt. Ihr kamt ſo und ſo, ſo war der Angriff und ſo der Widerſtand, ihr gingt ſo und ſo, thatet das und das, um den Verdacht zu vermeiden. Ich habe das alles aufgeſpürt und ſage euch das alles. Gebt das Kind weg, falls es nicht zu Eurer Rettung noth, und dann ſoll es ſchon zum Vorſchein kom⸗ men. Gebt das Kind mir und ich will alles aufbieten, Euch zu retten. Geht Ihr unter, ſo iſt auch das Kind verſorgt. Geſetzt, dem ſei ſo geweſen und die Frau ſei freigeſprochen worden.“ „Ich verſtehe alles.“ „Aber ich gebe nichts zu.“ „Sie geben nichts zu.“ Und Wemmeck wiederholte: „Geben nichts zu.“ „Geſetzt, Leidenſchaft und Todesfurcht hätten den Ver⸗ ſtand ein wenig erſchüttert, und nach ihrer Freiſprechung ſei ſie von der Welt gebannt zu ihm geflohen. Er habe ſie aufgenommen und ſo oft er gemerkt, daß die alte heftige Natur loszubrechen drohe, habe er ſeine Macht über ſie geltend gemacht. Verſtehen Sie dieſen eingebildeten Fall?“ „Vollſtändig.“ „Geſetzt, das Kind wuchs auf und wurde um Geldes Willen verheirathet. Die Mutter lebte noch. Der Vater lebte noch. Mutter und Vater kennen ſich nicht mehr, wohnen viele Meilen, Schritte, wie Sie wollen, von ein⸗ ander entfernt. Das Geheimniß iſt noch ein Geheimniß, nur daß Sie es entdeckt haben. Setzen Sie dieſen Fall mit Ueberlegung!“ „Das thue ich.“ „Ich bitte Wemmick, er möge dieſen Fall mit Ueber⸗ legung ſetzen.“ Und Wemmick ſagte:„das thue ich.“ „Weshalb das Geheimniß enthüllen? für den Vater? Es würde der Mutter nichts nützen können. Um der Mutter willen? Sie iſt gewiß am allerbeſten aufgehoben, wo ſie jetzt iſt. Um der Tochter willen? Was nützt es ihr, ihr Herkommen zur Belehrung des Gemahls zu erfor⸗ Charles Dickens, Große Erwartungen. III. 8 114 ſchen und ſie nach zwanzigjähriger Rettung in die Schande zurückzuziehen, die für das ganze Leben dauern kann. Liebten Sie ſie, Pip, und hätten ſich ihrethalben ſüßen Träumen hingegeben, die zu irgend einer Zeit in den Köpfen von mehr Menſchen geſeſſen haben, als Ihnen wahrſcheinlich dünkt, dann wäre es beſſer, Sie hackten ſich mit der verbundenen rechten die verbundene linke Hand ab, und gäben dann das Hackebeil an Wemmick, damit er auch die zweite Hand abhacke.“ Ich ſah auf Wemmick, der ſehr ernſt ausſah. Er legte den Zeigefinger auf die Lippen. Ich that daſſelbe. Herr Jaggers that daſſelbe.„Nun Wemmick,“ ſagte er mit ſeiner gewöhnlichen Manier— bei welcher Rechnung waren wir ſtehen geblieben, als Herr Pip eintrat?“ Da ich noch eine Weile bei ihnen blieb, ſo ſah ich, daß ſie ſich ihre wunderlichen Blicke noch einige Mal zuwarfen, doch nur mit dem Unterſchiede, vom Bewußtſein ergriffen ſchienen, ſie hätten ſich in außeramtlicher Stellung ge⸗ zeigt. Deshalb waren ſie auch ſehr ſtrenge gegeneinander, Jaggers wie ein Dictator, Wemmick vertheidigte ſich ent⸗ ſchieden, ſobald irgend etwas nicht ganz ſtimmte. So un⸗ freundlich gegeneinander hatte ich ſie noch niemals geſehen, denn gewöhnlich kamen ſie recht gut miteinander aus. Beiden wurde durch die gelegene Erſcheinung Mike's, des Clienten mit der Pelzmütze und der Gewohnheit, die Naſe am Aermel zu putzen, den ich am erſten Tage meines Eintritts in dieſe Räume geſehen hatte, eine bequeme Er⸗ leichterung. Dieſe Perſon, die für ſich oder irgend ein Mitglied ſeiner Familie immer in Noth(das heißt im Ge⸗ fängniſſe) zu ſein ſchien, brachte die Meldung, ſeine älteſte — 115 Tochter ſei wegen Verdachts von Ladendiebſtahl verhaftet. Er theilte Wemmick dieſe melancholiſche Nachricht mit, Jaggers ſtand vor dem Feuer gebieteriſch, ohne ſich darum zu kümmern und in Mike's Auge funkelte eine Thräne. „Was iſt los?“ frug Wemmick mit großer Entrüſtung. „Was wollen Sie hier heulen?“ „Ich wollte es nicht, Herr Wemmick.“ „Sie haben es gethan,“ ſagte Wemmick. Wie erdreiſten Sie ſich? Sie können ſich hier nicht zeigen, wenn Sie wie eine ſchlechte Feder ausſpritzen wollen. Was wollen Sie damit?“ „Man kann ſeine Gefühle nicht unterdrücken, Herr Wemmick.“ „Seine—“ frug Wemmick ſehr erbittert.„Sagen Sie das noch einmal!“ „Merke Dir's,“ ſagte Jaggers und zeigte auf die Thüre.„Gefühle will ich hier nicht haben. Fort!“ „So iſt es recht,“ ſagte Wemmick.„Fort!“ Der arme Mike mußte fortgehen und Jaggers und Wemmick ſchienen ſich nun wieder verſtändigt zu haben und ſetzten ihre Arbeit mit einer ſo erfriſchten Miene fort, als ob ſie eben gefrühſtückt hätten. 8 ⁵ Dreizehntes Kapitel. Von Little Britain ging ich mit meiner Anweiſung in der Taſche zum Buchführer, dem Bruder des Fräulein Skiffins, und da dieſer gleich zu Herrn Clarriker eilte und dieſen zu mir brachte, hatte ich das große Vergnügen alles in Ordnung zu bringen. Es war meine einzige gute und meine einzige durchgeführte That, ſeitdem ich meine großen Erwartungen erfahren hatte. Clarriker theilte mir bei dieſer Gelegenheit mit, die Geſchäfte des Hauſes nähmen täglich zu, ſo daß er bald zur Erweiterung deſſelben ein kleines Zweig⸗Etabliſſement im Orient einrichten müſſe und Herbert werde als neuer Compagnon daſſelbe übernehmen. Es war alſo nöthig, wie es auch mit mir kommen ſollte, mich auf eine Trennung von ihm vorzubereiten. Jetzt aber war mirs, als wenn mein letzter Anker ſich losreiße und ich bald Wind und Wellen preisgegeben ſein würde. Allein reichen Lohn brachte mir die Freude, mit welcher Herbert kurz darauf nach Hauſe kam und mir dieſe Ver⸗ änderungen erzählte, ohne zu ahnen, daß ſie mir keine Neuigkeit waren. Dabei entwarf er poetiſche Schilde⸗ rungen, wie er Clara Barley in das Land der 1001 Nacht — 111 führen würde und ich mit einer Karawane von Kameelen nachkäme und wir zuſammen Nilaufwärts führen und Wunder ſähen. Ohne in Bezug auf meinen Theil an die⸗ ſen Plänen mir viel vorzuſpiegeln, ſah ich doch ein, daß Herbert's Weg ſich ebnete, und daß der alte Barley ſich nur fleißig an Pfeffer und Rum halten müſſe, um ſeiner Tochter eine gute Verſorgung zu verſchaffen. Der Monat März war herangerückt. Mein linker Arm hatte ſich zwar nicht verſchlimmert, allein ſeine Her⸗ ſtellung nahm einen ſo langſamen Verlauf, daß ich noch immer keinen Rock anziehen konnte. Meine rechte Hand war ziemlich hergeſtellt, entſtellt, doch recht gut brauchbar. Als ich mit Herbert am Montag Morgen frühſtückte, kam durch die Poſt folgendes Schreiben von Wemmick an: „Walworth. Verbrennen Sie dieſes ſobald es geleſen iſt. Anfangs der Woche, oder allenfalls Mittwoch, kön⸗ nen Sie das Bewußte unternehmen, wenn Sie zum Ver⸗ ſuche geneigt ſind. Nun ins Feuer!“ Ich zeigte es Herbert und warf es ins Feuer, nachdem wir es auswendig gelernt hatten, und die Ueberlegungen fingen an. Denn es war nicht zu überſehen, daß ich leiſtungs⸗ unfähig war. „Ich habe ſchon oft darüber nachgedacht“, ſagte Her⸗ bert,„und ich meine, es gibt noch eine beſſere Wahl als die eines Schiffers an der Themſe. Nehmen Sie Startop. Es iſt ein guter Junge und ein geſchickter Ruderer; er hat uns lieb und iſt ehrenhaft.“ Ich hatte mehr als einmal an ihn gedacht. „Wie viel ſoll er erfahren?“ „Er braucht nicht viel zu wiſſen. Bis zum Morgen 118 braucht er nur an einen Witz zu denken, und dann mag man ihm ſagen, es lägen dringende Gründe vor, daß Pro⸗ vis auf ein Schiff gebracht und fortgeſchafft würde. Gehen Sie mit ihm?“ „Allerdings.“ „Wohin?“ Bei allen meinen Anſchlägen hatte es mir immer gleichgültig geſchienen, wohin wir führen, nach Hamburg, Rotterdam, Antwerpen, wenn er nur aus England fortge⸗ ſchafft wäre. Jedes Dampfſchiff, das uns aufnehmen würde, leiſtete denſelben Nutzen. Ich wollte ihn nur den Fluß abwärts über Graveſend gebracht haben, was ein ſehr wichtiger Ort für Unterſuchung war, falls er verfolgt werden ſollte. Da auswärtige Dampfſchiffe London etwa zur Flutzeit verlaſſen, ſo wollten wir zur Ebbe abfahren und irgendwo ſtill liegen, bis wir ein ſolches Schiff er⸗ reichen konnten. Die Zeit, wann ein ſolches vorbeikäme, ließ ſich nach vorheriger Erkundigung ſehr wohl berechnen. Herbert war einverſtanden und wir gingen gleich nach dem Frühſtück aus, um weitere Nachforſchungen anzuſtellen. Ein Dampfſchiff nach Hamburg ſchien das paſſendſte und wir forſchten beſonders einem ſolchen nach. Es war nöthig, die übrigen gleichzeitig abfahrenden Schiffe zu wiſſen und deren Bau und Farbe zu kennen. Wir gingen dann aus⸗ einander, ich um die nöthigen Päſſe zu holen, Herbert um Startop in ſeiner Wohnung aufzuſuchen. Wir brachten alles ohne Hinderniſſe zu Stande, um 1 Uhr trafen wir uns wieder, ich hatte die Päſſe, Startop war ſehr bereit mit uns zu fahren. Beide wollten rudern und ich ſollte ſteuern, Provis 119 ſollte ruhig ſitzen, da wir ja keine Eile hatten. Herbert übernahm es erſt nach Mill Pond Bank zu gehen, ehe er zu Tiſche käme, am Dienſtag ſollte er gar nicht hingehen, am Mittwoch ſollte Provis, ſobald er uns kommen ſähe, eine Treppe am Ufer hinuntereilen, aber auch nicht früher; am Montag Abend mußte alles mit ihm beſprochen ſein und bis wir ihn abholten, ſollte keine weitere Verbindung mit ihm ſtattfinden. Als wir alle dieſe Anordnungen getroffen hatten, ging ich nach Hauſe. Als ich die äußere Hausthür aufſchloß, fand ich einen an mich gerichteten Brief im Kaſten, der Brief war ſehr ſchmuzig, aber nicht ſchlecht geſchrieben. Er war in meiner Abweſenheit durch einen Boten gebracht und lautete fol⸗ gendermaßen: „Wenn Sie es nicht fürchten, heute oder morgen Abend um neun Uhr nach dem alten Marſchen zu kommen, wo das kleine Schleuſenhaus am alten Kalkofen liegt, ſo kom⸗ men Sie nur. Wollen Sie Nachrichten über Ihren On⸗ kel Provis, ſo kommen Sie nur, ſagen es niemand und verlieren keine Zeit. Sie müſſen allein kommen. Bringen Sie dieſes mit.“ Vor dem Empfange dieſes ſeltſamen Briefes hatte ich ſchon Sorgen genug. Was ſollte ich nun thun? Ich mußte mich heute bald entſcheiden, ſonſt hätte ich den Wagen ver⸗ ſäumt, der mich zeitig dahin bringen konnte. Am andern Abende konnte ich nicht fort, es war zu nahe vor der Flucht. Und zu alledem konnten mir Mittheilungen zukommen, welche in Bezug auf die Flucht ſelbſt von großer Bedeu⸗ tung wären. 120 Auch bei der reiflichſten Muße wär' ich hingefahren. Ich hatte aber keine Muße, der Wagen fuhr in einer hal⸗ ben Stunde ab— ich beſchloß die Reiſe. Ohne die An⸗ ſpielung auf meinen Onkel Provis wäre ich nicht hinge⸗ gangen, nach Wemmick' Brief und den Vorbereitungen am Morgen konnte ich mich nicht bedenken. In großer Eile faßt man ſo ſelten den Inhalt eines Briefes, daß ich noch einmal leſen mußte, ehe mir die Ge⸗ heimhaltung recht klar wurde. Ebenſo mechaniſch ſchrieb ich eine Bleiſtiftnotiz an Herbert, da ich ſo bald und ich wüßte nicht auf wie lange, fortreiſte, ſo wollte ich noch ein⸗ mal Erkundigungen einziehen, wie es dem Fräulein Havis⸗ ham ergehe. In der größten Eile nahm ich meinen Ueber⸗ rock, verſchloß die Zimmer und ging auf den kürzeſten Nebenwegen nach dem Poſtbureau. Mit einem Mieths⸗ wagen hätte ich die Kutſche verſäumt, ſo aber traf ich ſie noch, als ſie den Hof verließ. Ich war der einzige Paſſa⸗ gier im Innern, tief in Stroh verſunken, als ich zu mir kam. Denn ich war ſeit dem Empfange des Briefes eigent⸗ lich nicht zu mir ſelbſt gekommen; nach den eiligen Arbei⸗ ten des Morgens war ich ganz benebelt. So lange ich auch auf Wemmick gewartet hatte, ſo hatte ſein Schreiben mich doch überraſcht, und nun wunderte ich mich im Wa⸗ gen zu ſein und zweifelte, daß ein Grund dafür vorläge und erwog, ob ich nicht ausſteigen und umkehren ſolle und die etwaige Mittheilung zu überſehen wäre, kurz, alle ver⸗ ſchiedenen Widerſprüche, die man in der Eile gewöhnlich an ſich vorüberziehen läßt, erfaßten mich, bis die nament⸗ liche Anführung von Provis alles überwog. Wie ſollt' ich v es mir verzeihen, wenn ihm ein Unheil zuſtieße, weil ich nicht hingegangen wäre! Es war ſchon dunkel, als wir ankamen, und die Fahrt war trübſelig, weil ich nichts ſehen konnte und in meiner Schwäche nicht auswärts ſitzen durfte. Ich ſtieg nicht im blauen Bären, ſondern in einem Wirthshauſe zweiten Ranges ab und beſtellte etwas zu eſſen. Unterdeſſen ging ich zu Fräulein Havisham und hörte, daß ihr Befinden ſich etwas beſſere, doch war ſie noch recht krank. Mein Gaſthof hatte früher zu einem alten geiſtlichen Hauſe gehört und ich ſpeiſte in einem achteckigen Zimmer, das einem Taufſtein glich. Da ich mir kein Fleiſch ſchnei⸗ den konnte, ſo that es der kahle Wirth für mich. Wir un⸗ terhielten uns und er erzählte mir meine eigne Geſchichte, mit der volksthümlichen Verbrämung, Pumblechook ſei mein früheſter Wohlthäter und Begründer meines Glücks geweſen. „Kennen Sie den jungen Mann?“ fragte ich. „Ich ſollte ihn nicht kennen,“ erwiderte der Wirth. „So lange, ſeitdem er noch gar keine Größe hatte.“ „Kommt er wohl einmal in dieſe Gegend?“ „Ja er kommt wohl dann und wann zu ſeinen vorneh⸗ men Freunden, den Wohlthäter aber vernachläſſigt er.“ „Wer iſt das?“ „Er, den ich genannt habe, Herr Pumblechook.“ „Iſt er ſonſt gegen Jemand undankbar?“ „Er würde es ſein, wenn er es ſein könnte, aber er kann es nicht. Und warum? Weil Pumblechook alles für ihn gethan hat.“ „Sagt Pumblechook das?“ 122 „Ob er das ſagt? Er hat keinen Beruf ſo zu ſprechen.“ „Aber ſagt er es denn?“ „Es könnte einem das Blut in Waſſer oder Weineſſig umgewandelt werden, wenn er davon erzählt,“ ſagte der Wirth. Ich dachte bei mir:„Joſeph, lieber Joſeph, du ſprichſt nicht davon. Duldender und liebender Joſeph, du beklagſt dich nicht. Auch du nicht, ſanftmüthige Biddy!“ „Ihr Appetit hat wohl gelitten,“ ſagte der Wirth und ſah auf meinen verbundenen Arm unter dem Rocke,„ver⸗ ſuchen Sie ein weicheres Stück.“ „Nein, ich danke Ihnen,“ ſagte ich und wandte mich vom Tiſche zum Feuer.„Ich mag nicht mehr eſſen. Neh⸗ men Sie ab.“ Der Betrüger Pumblechook machte mir meine Undank⸗ barkeit gegen Joſeph ſo recht fühlbar. Je falſcher und gemeiner er, deſto wahrer und edler war Joſeph. Mein Herz war tief gedemüthigt, als ich eine Stunde lang am Feuer brütete. Das Schlagen der Uhr erweckte mich, ich ſtand auf, ließ mir den Rock umlegen und ging fort. Ich ſuchte den Brief in meiner Taſche, um mich auf ihn beziehen zu können, fand ihn aber nicht, ich mußte ihn im Wagenſtroh verloren haben. Aber ich wußte, das kleine Schleuſenhaus am Kalkofen ſei der Ort, neun Uhr die Zeit. Es war laum Zeit zu verlieren, ich ging gerades Weges nach den Marſchen. Dierzehntes Kapitel. Es war eine dunkle Nacht, obſchon der Vollmond auf⸗ ging, als ich das eingezäunte Grundſtück verließ und auf die Marſchländer kam. Ueber ihre dunklen Reihen hinaus lag ein Streifen hellen Himmels, welcher kaum den großen rothen Mond faſſen konnte. In wenigen Minuten war er aus dem hellen Gebiete hinter die Berge von Wolken ge⸗ zogen. Der Wind wehte melancholiſch, die Marſchen waren ſehr trübſelig. Ein Fremder würde ſie unausſtehlich ge⸗ funden haben, und ſelbſt mir waren ſie ſo zum Ueberdruß, daß ich beinahe wieder umkehren wollte. Allein ich kannte ſie genau und hätte in weit dunklerer Nacht den Weg ge⸗ funden und hatte keine Entſchuldigung, jetzt noch umzukeh⸗ ren. Da ich gegen meine Neigung hergekommen war, ging ich gegen meine Neigung weiter. Ich ging nicht in der Richtung auf meine ehemalige Wohnung, nach dem Wege, auf welchem wir einſt die Sträflinge verfolgt hatten. Ich kehrte den fernen Galee⸗ ren den Rücken zu; obſchon ich in der Ferne die Lichter ſehen konnte, ſo ſchienen ſie doch auf meinen Rücken. Ich kannte die alte Batterie und den Kalkofen, beide lagen 124 weit auseinander; hätte an beiden Stellen ein Licht ge⸗ brannt, ſo wäre zwiſchen dieſen beiden Scheinen ein großer Horizont ausgeſtreckt geweſen. Erſt hatte ich einige Thore hinter mir zu ſchließen und dann ſtill zu ſtehen, während das auf dem Wege liegende Vieh ſich erhob und über das Gras trollte. Nach kurzer Friſt ſchien die ganze Fläche mir allein zu gehören. Nach einer halben Stunde nahte ich mich dem Kalk— ofen. Der Kalk brannte mit einem erſtickenden Dunſte, das Feuer war aus, kein Arbeiter war ſichtbar. Nebenbei lag ein kleiner Steinbruch. Es war dabei gearbeitet worden, denn die Geräthſchaften und Karren lagen noch daneben. Da ich in deſſen Nähe gekommen war, ſah ich ein Licht im Schleuſenhauſe. Ich beeilte meine Schritte und klopfte an die Thür. Die Schleuſe war verlaſſen und zerbrochen, das hölzerne Haus mit Ziegeldach konnte dem Wetter nicht mehr lange widerſtehen, Schmuz und Kalk hatten es über⸗ zogen und der Dunſt des Ofens ſchlich darüber weg. Es kam keine Antwort und ich klopfte abermals. Noch keine Antwort und ich verſuchte die Thür zu öffnen. Dieſe ging offen. Ich ſah ein brennendes Licht auf dem Tiſche, eine Bank, eine Matratze auf einer Bettſtelle. Oben war ein Boden und ich rief hinauf:„Iſt Niemand da?“ Es kam aber keine Antwort. Ich ſah nach der Uhr, neun Uhr war vorbei; ich rief wieder:„Iſt Niemand da?“ Alles war ſtill und ich trat vor die Thür, unſchlüſſig über mein Verhalten. Es fing an ſtark zu regnen. Ich konnte nichts mehr ſehen und ging wieder in das Haus hinein, um unter dem 125 Schutze des Thorwegs in die Nacht zu ſtarren. Es mußte Jemand dageweſen ſein, denn das Licht brannte und da fiel mir ein, nach der Länge der Wicke zu ſehen. Ich hatte mich umgekehrt und hob das Licht auf, als es plötzlich ausgelöſcht wurde und mir von hinten eine ſtarke Schlinge um den Hals fiel. „Jetzt habe ich Dich!“ ſagte eine leiſe Stimme. „Was iſt das?“ ſchrie ich.„Wer iſt da? Hülfe! Hülfe!“ Meine Arme wurden niedergedrückt und mein ſchlimmer Arm ſchmerzte mich entſetzlich. Die Hand oder der Mund eines ſtarken Mannes waren abwechſelnd vor meinen Lippen, um mein Geſchrei zu erſticken. Ich wehrte mich vergeblich im Dunkeln, bis ich an die Wand gebunden war. „Nun ſchrei und ich mache Dir bald ein Ende!“ ſagte dieſe ſtille und fluchende Stimme. Der Schmerz meines Armes ermattete mich, die Ueber⸗ raſchung verwirrte mich, ich erkannte, wie leicht man die Drohung zur Wirklichkeit geſtalten konnte und verſuchte meinen Arm etwas zu lockern. Allein er war zu feſt ge⸗ bunden. Früher verbrannt, ſchien der Arm nun gekocht werden zu ſollen. Die plötzliche Ausſchließung der Nacht und die tiefe Finſterniß des Zimmers ließ darauf ſchließen, daß ein Fenſter geſchloſſen worden war. Der Mann ſuchte, fand endlich Stahl und Stein und ſchlug Licht an. Ich ſtrengte meine Augen an, als die Funken flogen, konnte aber nur ſeine Lippen ſehen, und da der Zunder feucht war, gingen die Funken wieder aus. Er hatte keine Eile und ſchlug wieder Feuer. Endlich 126 ſah ich ſeine Hände und Stücke ſeines Geſichts und ich erkannte, daß er an einem Tiſche ſaß und ſich darüber neigte; nichts mehr. Plötzlich ſah ich aber ſeine blauen Lippen blaſen und es wurde hell und ich erkannte Orlick. Ich hatte ihn nicht erwartet. Als ich ihn geſehen, erkannte ich meine Gefahr und ſtarrte ihn feſt an. Er zündete die Lampe mit großer Ruhe an, warf die Lunte nieder und trat ſie aus. Dann ſtellte er das Licht ſo auf den Tiſch, daß er mich ſehen konnte, faltete die Hände über den Tiſch und blickte mich an. Ich war an eine feſte Leiter einige Zoll von der Wand, von wo man zum Boden aufſteigen konnte, feſtgebunden. „Jetzt hab' ich Dich,“ ſagte er, nachdem wir uns eine Weile betrachtet hatten. „Binde mich los. Laß mich gehen!“ „Ja, ja,“ antwortete er,„Du ſollſt auch gehen. Ich ſchicke dich in die Sterne. Ich ſchicke Dich in den Mond. Zur rechten Zeit.“ „Warum haſt Du mich hergelockt?“ „Weißt Du es nicht,“ ſagte er mit tödtlichem Blick. „Warum haſt Du mich im Dunkel überfallen?“ „Weil ich allein es thun will. Einer iſt verſchwiegener als Zwei. Du Feind, du Feind!“ Er freute ſich über meinen Anblick, ſchüttelte den Kopf, ſchlug ſich mit den Händen undzeigte eine erſchreckende Bös⸗ willigkeit. Er ſteckte ſeine Hand in die Ecke und ergriff eine Flinte mit eiſenbeſchlagenem Schaft. „Kennſt Du dieſe? Weißt Du, wo Du ſie einmal ge⸗ ſehen haſt? Sprich, Wolf!“ „Ja,“ antwortete ich. 127 „Du haſt mir meine Stelle genommen. Du haſt es gethan. Sprich!“ „Konnte ich anders?“ „Du haſt das gethan und das wäre ſchon genug, Du biſt aber auch zwiſchen ein junges Mädchen, das ich leiden mochte, und mich getreten.“ „Wann habe ich das gethan?“ „Was, thateſt Du es nicht? Du haſt immer den alten Orlick bei ihr angeſchwärzt.“ „Das haſt Duſelbſt gethan, Du haſt Dir einen ſchlechten Ruf verſchafft. Ich hätte Dir nicht ſchaden können, wenn Du es nicht ſelbſt gethan hätteſt.“ „Du lügſt. Willſt Du Dir alle Mühe geben und jedes beliebige Geld ausgeben, um mich aus dem Lande zu treiben? Willſt Du das? Da will ich Dir etwas ſagen. Heute wäre es Geld werth, mich von hier zu ver⸗ treiben. Und wenn es um all Dein Geld zwanzigmal bis zum letzten Heller wäre!“ Er ſchüttelte die ſchwere Hand mir entgegen und ſein Mund brummte wie der eines Tigers. „Was willſt Du gegen mich verüben?“ „Ich will Dich umbringen!“ ſchrie er und ſchlug mit aller Gewalt auf den Tiſc. „Du biſt immer von Kindheit an gegen den alten Orlick geweſen. Dieſe Nacht gehſt Du ihm aus dem Wege. Er will Dich nicht mehr ſehen. Du biſt todt.“ Ich ſah mich um, allein Flucht ſchien mir unmöglich: es war mir, als ſtünd' ich am Rande des Grabes. „Ich will keinen Fetzen, keinen Knochen von Dir haben, ich ſtecke Dich in den Ofen— zwei wie Du trage ich hin, 128 mögen dann die Leute denken, was ſie wollen, ſie erfahren nichts.“ Ich dachte raſch nach, was weiter folgen würde. Eſtella's Vater würde meinen, ich hätte ihn verlaſſen, ergriffen werden und im Sterben mich anklagen, Herbert würde an mir zweifeln, wenn er meinen Brief vornähme und erführe, daß ich nur einige Augenblicke an Fräulein Havisham's Thor nachgefragt hatte: Joſeph und Biddy würden von meiner Reue nichts erfahren, niemand erführe meine Lei⸗ den, und ſo war mir der Tod ſchrecklich, weil ich nach meinem Tode ungünſtige Erinnerungen zurücklaſſen würde. Ganze Generationen, Eſtella's Kinder und Kindeskinder würden mich verachten. „Nun, Wolf, ehe ich Dich wie ein anderes Thier um⸗ bringe— was ich thun werde und wofür ich Dich gebun⸗ den habe— will ich Dich noch verhöhnen. O Du Feind!“ Ich wollte um Hülfe ſchreien, allein ich wußte nur zu gut, daß dieſer Ort gänzlich verlaſſen war, ich war aber auch entſchloſſen ihn nicht zu bitten und mich ſo lange als möglich zu widerſetzen. Ich betete im Stillen zum Him⸗ mel, ich war gerührt, weil ich von Niemand Abſchied ge⸗ nommen hatte und Niemand um Verzeihung hatte bitten können, allein ich hätte ihn doch umgebracht, wenn ich im Stande dazu geweſen wäre. 8 Er trank, ſeine Augen waren roth und blutrünſtig. Er trug eine weiße Flaſche um den Hals, wie er es früher oft mit Speiſe und Trank gethan hatte. Er brachte die Flaſche an die Lippen, nahm einen herzhaften Schluck und ich roch den ſcharfen Branntwein, der ihm im Geſichte glühte. 129 „Wolf!“ ſagte er und ſchlug die Hände wieder über⸗ einander,„der alte Orlick will Dir etwas ſagen. Du haſt es Deiner böſen Schweſter angethan!“ „Du warſt es, Schurke!“ „Ich ſage Dir, Du haſt es gethan, ich ſage Dir, durch Dich iſt es geſchehen“— dabei ſchlug er mit dem Flintenſchaft in die Luft.„Ich kam von hinten über ſie, wie ich über Dich gekommen bin. Ich habe es ihr ge⸗ geben! Ich ließ ſie wie todt liegen und hätte es in der Nähe einen Kalkofen gegeben, wäre ſie nicht wieder auf⸗ gelebt. Aber der alte Orlick hat es nicht gethan. Du haſt es gethan! Du warſt begünſtigt, der alte Orlick ver⸗ höhnt und geſchlagen. Ja? Heute zahlt er Dir dafür. Du haſt es gethan— jetzt zahlt er dafür!“ Wieder trank er und wurde immer wilder. Es war offenbar nicht viel mehr in der Flaſche. Ich erkannte ſeine Abſicht ſich ſelbſt aufzuregen, um mich zu ermorden. Jeder Tropfen war ein Tropfen meines Lebens. Ich wußte, wenn ich ſelbſt in Dunſt aufgegangen wäre, würde er, wie damals bei meiner Schweſter Unfall, in die Stadt eilen und in verſchiedenen Bierhäuſern geſehen werden, um jeden Verdacht zu verbergen. Seine Worte entrollten ganze Bilder vor mir. Ich ſah gleich die Perſonen, an die ich dachte, die Orte, die mir einfielen und dabei ſah ich doch immer ihn— denn wer ſieht vom Tiger weg, der auf einen losſpringen will? Als er wieder getrunken hatte, ſtand er auf und ſtieß den Tiſch fort. Er nahm das Licht und ſtellte ſich vor mich, um mich zu beſichtigen. Charles Dickens, Große Erwartungen. III. 9 3 130 „Wolf, ich will Dir noch mehr ſagen. Du biſt in jener Nacht an der Treppe über den alten Orlick ge⸗ ſtolpert.“ Ich ſah die Treppe mit den ausgelöſchten Lampen vor mir. Ich ſah die Zimmer vor mir, die ich nie wieder ſehen ſollte. „Warum war der alte Orlick da? Ich will Dir noch mehr ſagen, Wolf. Du und ſie haben mich fort aus die⸗ ſer Gegend vertrieben, ſo weit es den Erwerb betrifft, und ich habe neue Gefährten und neue Herren gefunden. Einige ſchreiben meine Briefe, wenn ich es wünſche— weißt Du — ſchreiben meine Briefe, Wolf. Sie ſchreiben fünfzig Hände, ſie ſind nicht wie Du, der nur eine Handſchrift hat. Ich will Dein Leben haben und wollte das, ſeitdem Du bei der Beerdigung Deiner Schweſter geweſen. Ich habe Dich überall beobachtet. Denn irgendwie will ich ihn fangen, habe ich zu mir ſelbſt geſagt. Und wie ich Dich beobachte, kommt Dein Onkel Provis, heh?“ Ich ſah ſie alle vor mir, Provis, unſer Signal, die ſchöne Clara, die gute mütterliche Frau, den alten Barley, alle zogen an mir vorüber! „Du mit Deinem Onkel! Ich kannte Dich bei Gar⸗ gery, als Du ſolch ein Wölfchen warſt, daß ich Dich hätte zwiſchen Finger und Daumen nehmen und erdrücken können (wie ich oftmals ſchon vorgehabt habe, wenn ich Dich am Sonntage zwiſchen den Bäumen laufen ſah), und Du hatteſt damals keine Onkels. Nein, Du nicht. Als der alte Orlick hörte, Onkel Provis habe das Eiſen getragen, welches der alte Orlick gefunden, auseinander gefeilt und bei ſich gehalten, bis er Deine Schweſter damit niederge⸗ 41³1 ſchlagen, wie einen Stier— wie er Dich niederſchlagen will— als er hörte, daß———„ Er ſchwenkte mir mit dem Lichte ſo ins Geſicht, daß ich dies abwenden mußte. „Ha, ha,“ ſagte Orlick, und thats noch einmal und lachte.„Das gebrannte Kind ſcheut das Feuer! Der alte Orlick wußte, daß Du Dich gebrannt hatteſt, der alte Orlick wußte, daß Du den Onkel Provis fortſchmuggelſt, der alte Orlick überliſtet Dich und wußte, daß Du kommen würdeſt. Noch eins ſag ich Dir, Wolf, und dann iſt es aus. Es giebt Leute, die dem Onkel Provis ſo gut gewachſen ſind, wie der alte Orlick Dir. Möge er ſich vor ihnen hüten, wenn er ſeinen Neffen verloren hat! Möge er ſich hüten, wenn er nichts von den Knochen und nichts von den Klei⸗ dern ſeines Verwandten findet! Es gibt Leute, die nicht wollen, daß Magwitch— ich kenne ſeinen Namen— in einem Lande mit ihnen leben, und die ſo genau von ihm er⸗ fahren haben, als er im fremden Lande geweſen, daß er nicht abreiſen konnte, ohne daß ſie es erfahren hätten. Vielleicht ſchreiben dieſe fünfzig Handſchriften, und nicht eine, wie Du. Hüte Dich, Magwitch, vor Compeyſon und vor dem Galgen!“ Abermals ſchlug er mit dem Lichte nach mir, verſengte mein Geſicht und meine Haare, blendete mich einen Augen⸗ blick und kehrte mir den Rücken zu, um das Licht auf den Tiſch zu ſtellen. Ich hatte ein Gebet gedacht und Joſeph, Biddy und Herbert im Geiſte geſehen, als er ſich wieder umdrehte. Zwiſchen dem Tiſche und der Wand gegenüber war ein freier Raum. In dieſem ſchlotterte er auf und ab. Er 9* 132 ſchien ſtärker als jemals zu ſein, bewegte ſeine Hände und ſchielte mit den Augen nach mir hin. Es war keine Hoff⸗ nung vorhanden. Alles was er mir geſagt hatte, wäre nicht ausgeſprochen worden, wenn er nicht den feſten Ent⸗ ſchluß gehabt hätte, mich in wenigen Augenblicken umzu⸗ bringen. Plötzlich ſtand er ſtill, nahm den Kork aus der Flaſche und warf ihn fort. Er ſchlürfte langſam die Flaſche leer, ohne mich anzuſehen. Die letzten Tropfen ließ er in die Hand fallen und leckte ſie auf. Dann warf er mit Macht, unter ſchrecklichen Flüchen, die Flaſche fort und ergriff einen Steinhammer mit einem langen ſchweren Griffe. Ich ſchrie mit aller Macht und riß mit aller Macht. Kopf und Beine konnte ich bewegen, und riß mit einer mir bisher unbekannten Kraft. Augenblicklich hörte ich Ant⸗ wort, ſah Geſtalten, Lichter ſtürzten ins Zimmer, Geſchrei und Tumult erhob ſich, Orlick machte ſich los, ſprang über den Tiſch und eilte in die Nacht. Gleich lag ich auf dem Boden losgebunden, das Haupt auf eines Mannes Knie. Ich betrachtete die Leiter, die Wand, als ich zu mir kam, und als ich das Bewußtſein wieder gewann, erkannte ich den Ort, wo ich es verloren hatte. Ich war gar noch nicht geſtimmt, mich umzuſehen, wer mich denn eigentlich ſtütze, und ſah noch immer nach der Leiter hin; auf einmal trat zwiſchen dieſe und mich— Trabb's Burſche! „Es iſt wohl alles beſſer, aber ſieht er nicht ſehr blaß aus?“ ſprach Trabb's Burſche mit ſanfter Stimme. Bei dieſen Worten ſah der Mann, der mich hielt, über mich weg in mein Geſicht, und ich erkannte ihn. 133 „Herbert, guter Herbert!“ „Ruhig, Händel,“ ſagte Herbert,„nur ſanft, nicht zu heftig!“ „Und unſer alter Kamerad, Startop“— ſagte ich, als auch dieſer mich beſah. „Bedenken Sie, wobei er uns beiſteihen ſoll, und halten Sie ſich ruhig.“. Bei dieſer Anſpielung ſprang ich auf, der Schmerz im Arme warf mich gleich wieder hin.„Iſt die Zeit vorüber? Welcher Abend iſt heute? Wie lange bin ich hier geweſen?“ Denn es war mir ſo, als hätte ich ſchon mehrere Tage und Nächte hier zugebracht. „Die Zeit iſt nicht vorüber. Es iſt noch immer Mon⸗ tag Abend.“ „Gott ſei Dank!“ „Und den ganzen Dienſtag können Sie noch ausruhen, Händel. Aber Sie ſtöhnen noch immer, lieber Händel, wo ſind Sie verletzt? Können Sie ſtehen?“ „Ja, ja, ich kann gehen, mir thut nichts weh als dieſer klopfende Arm,“ ſagte ich. Sie entblößten ihn und thaten das Mögliche. Er war ſehr geſchwollen und entzündet, und ich konnte die Berüh⸗ rung kaum ertragen. Sie riſſen ihre Taſchentücher ent⸗ zwei, um friſchen Verband zu machen, ſteckten ihn vorſichtig wieder in die Schlinge, bis wir zur Stadt kamen und küh⸗ lende Näſſe daran legen konnten. In Kurzem hatten wir die Thür des leeren Schleuſenhauſes verſchloſſen und gingen durch den Steinbruch zurück. Voran Trabb's Burſche— jetzt ein hoch emporgeſchoſſener Menſch— mit einer Laterne, die ich zur Thür hatte hereinkommen 134 ſehen. Der Mond war aber um zwei Stunden höher, ſeitdem ich ihn zuletzt geſehen, und die regnigte Nacht war heller. Der weiße Dunſt des Kalks zog vorüber, und wie ich früher ein Gebet gedacht, ſo ſprach ich nun einen Dank zu Gott in Gedanken. Ich bat Herbert, mir zu berichten, wie er mir zur Hülfe habe kommen können— was er mir erſt gar nicht mit⸗ theilen wollte, da ich mich ruhig verhalten müſſe— end⸗ lich erfuhr ich, daß ich den Brief offen im Zimmer hatte fallen laſſen, wo er mit Startop, den er nach Hauſe ge⸗ bracht, bald nach meiner Abfahrt ihn gefunden hatte. Der Inhalt war verdächtig, um ſo mehr, als er durchaus nicht zu dem eiligen Briefe ſtimmte, den ich zurückgelaſſen hatte. Nach einer Viertelſtunde nahm ſeine Beſorgniß mehr zu als ab, und er eilte mit Startop, der ſich ihm zur Begleitung angeboten, auf die Poſt, um ſich zu erkundigen, wann der nächſte Wagen abführe. Dieſer war ſchon fort, und da ſeine Beſorgniß in wirkliche Beängſtigung umſchlug, da Hinderniſſe ihm in den Weg traten, ſo beſchloß er, mir in einer Poſtchaiſe nachzufahren. Er und Startop fuhren vor den blauen Bären, ſie dachten mich oder doch Auskunft über mich zu finden. Dies ſchlug natürlich fehl, und nach⸗ dem ſie bei Fräulein Havisham geweſen, war ich ihnen ver⸗ ſchwunden. Hierauf kehrten ſie ins Hotel zurück(wahr⸗ ſcheinlich hörte ich zu derſelben Zeit die volksthümliche Ver⸗ kleidung meiner eignen Geſchichte), erfriſchten ſich und ſuchten Jemand zur Führung nach den Marſchen. Am Thorwege des blauen Bären war auch Trabb's Burſche nicht zu vermiſſen— denn er war überall, wo er nichts zu thun hatte— und dieſer hatte mich von Fräulein Havis⸗ 135 ham nach meinem Wirthshauſe gehen ſehen. Er führte ſie und ſo kamen ſie nach dem Schleuſenhauſe, aber auf dem von mir vermiedenen Wege durch die Stadt. Während dem fiel es Herbert ein, möglicherweiſe könne doch wirklich etwas zum beſten von Provis beabſichtigt ſein, ſo daß eine Unterbrechung nur ſchaden könne; er ließ deshalb Startop mit dem Führer am Steinbruche zurück, und ging mehrere male um das Haus herum, um zu erhorchen, ob alles in Ordnung ſei. Er hörte nur undeutliche Töne einer tiefen, kräftigen Stimme, und zweifelte beinahe, daß ich auch da ſein könne, als ich plöͤtzlich laut zu ſchreien anfing und er hinein ſtürzte, ſo daß die beiden andern raſch folgten. Als ich Herbert den ganzen Vorfall erzählte, wollte er gleich in der Nacht zu einem Richter gehen und einen Ver⸗ haftsbefehl erwirken. Ich hatte ſchon überdacht, daß Provis unter einem ſolchen Verfahren leiden würde, da es uns aufhielte oder doch zur Rückkehr an dieſen Ort zwänge. Dieſe Schwierigkeit war unverkennbar, und wir gaben alle Verfolgung Orlicks zu jener Zeit auf. Wir hielten es für beſſer, die ganze Sache vor Trabb's Burſchen als eine un⸗ bedeutende zu ſchildern, wobei er es am Ende bedauert haben würde, daß ich aus dem Kalkofen gerettet worden war. Er war zwar nicht bösartig, allein beſaß zu viel Lebendigkeit, und er mußte auf irgend eines Dritten Un⸗ koſten Abwechslung und Aufregung haben. Als wir uns trennten, ſchenkte ich ihm zwei Guineen, was ihm zu ge⸗ fallen ſchien, und ſagte ihm, es thäte mir leid, ihn früher verkannt zu haben, was ihm ganz gleichgültig war. Da die Mittwoch ſo nahe war, beſchloſſen wir, noch in dieſer Nacht alle Drei nach London zurückzukehren, um ſo 136 mehr, als wir entfernt ſein würden, wenn das Aben⸗ teuer zur Sprache käme. Herbert holte Einreibungen für meinen Arm, und dadurch, daß dieſe während der Nacht aufgegoſſen werden konnten, war es mir möglich, den Schmerz auf der Reiſe zu ertragen. Bei Tagesanbruch waren wir im Temple; ich legte mich nieder und lag den ganzen Tag im Bette. Ich hatte ſo große Angſt, zu erkranken und am nächſten Tage unfähig zu ſein, daß ich mich wundere, meine Kräfte nicht eingebüßt zu haben. Ich hätte bei der großen Ab⸗ ſpannung des Gemüths nach meinen Leiden wahrſcheinlich mehr ausgeſtanden, allein das Bewußtſein der großen Auf⸗ gabe, deren Erfolg nicht zu berechnen war, hielt mich auf⸗ recht.. Die Ruhe während des ganzen Tages und die Ver— meidung jeder Berührung mit Provis war ſehr vernünftig, nur daß meine Unruhe dadurch zunahm. Bei jedem Schall und jedem Tritt erſchrak ich, und fürchtete, er ſei entdeckt und ergriffen, und man komme, mir es zu melden. Ich redete mir ein, es ſei mehr als Furcht oder Ahnung, die Sache ſei wirklich und ich habe geheimnißvolle Kunde da⸗ von. Als der Tag vorüber ging und keine ſchlimme Nach⸗ richt eintraf, überwältigte mich die Angſt der Unfähigkeit für den nächſten Tag. Mein glühender Arm klopfte, mein glühender Kopf klopfte, und es war mir, als ob ich phan⸗ taſirte. Ich zählte lange Zahlen und wiederholte lange Gedichte, dann ſchlummerte ich ein und erwachte immer wieder mit dem Gefühl, die Zeit ſei da und ich phantaſirte. Sie hielten mich den ganzen Tag ſehr ruhig, verban⸗ den meinen Arm, gaben mir kühlende Getränke. Schlief ich ein, ſo war mirs, als läg' ich im Schleuſenhauſe, und die Zeit ſei lange vorüber. Um Mitternacht ſtand ich auf und ging zu Herbert, überzeugt, daß ich vierundzwanzig Stunden lang geſchlafen und daß die Mittwoch vorüber. Dieſe Anſtrengung war die letzte, denn bald darauf ſchlief ich feſt ein. Am Mittwoch früh ſah ich zum Fenſter hinaus. Die Lichter auf den Brücken waren ſchon erblaßt, die Sonne ging feurig am Horizonte auf. Allmälig erhob ſie ſich und ein Schleier fiel vom Fluſſe und Millionen Funken ſpielten auf dem Waſſer. Mir auch ſchien ein Schleier abgezogen und ich fühlte mich geſund und ſtark. Herbert ſchlief im Bette, Startop auf dem Sopha. Ohne Hülfe konnte ich mich nicht ankleiden, allein ich brachte das Feuer in Ordnung und bereitete den Kaffee. Zur rech⸗ ten Zeit ſprangen auch ſie geſund auf; wir ließen die friſche Luft zum Fenſter herein und blickten nach der auf uns zuſtrömenden Flut. „Um neun Uhr ändert ſich das, dann gib Du Achtung, und ſei bereit, Du da unten bei Mill Pond Bank!“ ſagte Herbert in guter Laune. Fünßehntes Kapitel. Es war einer von den Märztagen, wo die Sonne warm ſcheint und der Wind kalt weht, wenn Sonne im Licht und Winter im Schatten iſt. Wir hatten unſere Ueberröcke mitgenommen und ich ſogar eine Taſche. Ich nahm von allen weltlichen Bedürfniſſen nichts als was dieſe Taſche füllte. Wohin zu gehen, was zu thun, wann wieder zurück⸗ zukehren, war mir durchaus unbekannt, auch quälte ich mich nicht damit ab, da ich nur an die Rertung von Provis dachte. Ich wunderte mich nur den Augenblick, als ich an der Thür mich umſah, unter welchen Verhältniſſen ich dieſe Zimmer wiederſehen würde, oder ob es jemals ge⸗ ſchähe. Wir blieben an der Tempeltreppe eine Weile ſtehen, als ob wir nicht beſtimmt wüßten, ob wir fahren wollten. Ich hatte dafür geſorgt, daß das Boot zur Hand und alles in Ordnung ſei. Nach einer kurzen Unentſchlüſſigkeit, welche die paar Waſſermenſchen in unſerer nächſten Ge⸗ gend mit anſahen, ſtiegen wir ins Boot und ſtießen ab, Herbert vorn, ich am Steuerruder. Es war Flut— aber um halb neun Uhr. Unſer Plan war folgender. Die Flut ſtrömte ab⸗ 139 wärts von neun Uhr an und blieb bis drei Uhr, dann wollten wir ſpäter voranſchleichen und bis zum Dunkel gegen ſie anfahren. Dann waren wir unter Graveſend, zwiſchen Kent und Eſſex, wo der Fluß einſam und breit iſt, wo auf der Waſſerſeite wenige Menſchen wohnen und da und dort einzelne Wirthshäuſer liegen, deren eines wir zur Aus⸗ ruhung wählen konnten. Dort wollten wir die Nacht ſtill liegen. Die Dampfboote nach Hamburg und nach Rotter⸗ dam fuhren am Donnerstag morgen um 9 Uhr von Lon⸗ don ab. Wir konnten wiſſen, wo wir ſie zu erwarten hätten und wollten das erſtere anrufen, um, wenn wir zu⸗ fälligerweiſe nicht aufgenommen würden, das zweite zu be⸗ nutzen. Wir kannten die Unterſcheidungszeichen beider Schiffe. Ich fühlte mich ſo wohl, endlich an der Ausführung meines Vorhabens bethätigt zu ſein, daß ich die Stimmung, in der ich mich vor einigen Stunden befunden, gar nicht mehr wiedergewinnen konnte. Die ſcharfe Luft, der Son⸗ nenſchein, die Regſamkeit auf dem Strome, der bewegte Strom ſelbſt, der mit uns fließende Weg, der uns aufzu⸗ muntern und zu beſeelen ſchien, alles erquickte mich mit neuer Hoffnung. Es that mir leid, ſo wenig helfen zu können, allein meine beiden Freunde ruderten vortrefflich und konnten es den ganzen Tag gut aushalten. Der Dampfbootverkehr war zu jener Zeit lange nicht ſo groß auf der Themſe, als jetzt und es gab weit mehr Boote; Küſtenfahrer, Kohlſchiffe, Nachen gab es viele, doch kein Zehntheil von Dampfſchiffen. Viele Nachen fuhren ſtromabwärts, es war damals weit leichter und häufiger in einem offenen Boote zwiſchen Brücken zu fah⸗ 140 ren und unſer Lauf zwiſchen Jollen und Kähnen ging friſch voran. An der alten Londoner Brücke waren wir bald vorüber und am Billingsgate Markt mit den Auſterbooten und Holländern, am weißen Thore und am Verrätherthor vorbei kamen wir zwiſchen die Schiffe. Da lagen die Dampf⸗ ſchiffe von Leith, Aberdeen und Glasgow, Güter wurden ein⸗ und ausgeladen. Kohlennachen gab es in Fülle und da waren auch die Dampfſchiffe nach Rotterdam und Ham⸗ burg, die morgen abfahren ſollten und allmälig kamen wir an Mill Pond Bank. „Iſt er da?“ ſagte Herbert. „Noch nicht.“ „So iſt es recht. Er ſollte erſt herunterkommen, wenn er uns ſähe. Sahen Sie ſein Zeichen?“ „Von hier aus nicht gut, doch iſt mir ſo. Ich ſehe ihn. Rudert. Vorwärts, Herbert!“ Wir legten einen Augenblick an, er ſtieg ein und wir fuhren weiter. Er hatte einen Mantel, eine ſchwere Taſche und ſah gerade wie ein Flußlootſe aus. „Guter Junge,“ ſagte er und ſchlug mir auf die Schul⸗ ter.„Treuer, lieber Junge, ſo iſt es recht. Ich danke Euch!“ Abermals kamen wir zwiſchen die Reihen von Schiffen, vermieden roſtige Ketten, hänfene Halſen, tanzende Bojen, drückten ſchwimmende Kaſten nieder, ſchoben Stücke Holz fort, ſpalteten Kohlenabfälle unter dem Thore am Sunder⸗ land und unter der Betty von Yarmouth; auf Schiffs⸗ werften wurde gehämmert, Schiffsholz wurde geſägt, Ma⸗ ſchinen bewegten unbekannte Dinge, Pumpen arbeiteten in 141 lecken Schiffen, Schiffe fuhren in die See, und ſo kamen wir auf den offenen Strom, wo die Segel ungehindert im Winde flattern konnten. Ich hatte mich, ſeitdem er eingeſtiegen war, überall umgeſehen und nirgendwie ein Anzeichen entdecken können, daß wir beargwohnt würden. Kein Boot begleitete oder folgte uns. Wäre ein Boot dageweſen, ſo wäre ich ans Land geſtiegen und da hätte es vorüber fahren müſſen, oder es wäre deſſen Abſicht klar geworden. Allein wir ſetzten die Fahrt ungeſtört fort. Er hatte den Lootſenmantel umgeworfen und ſah aus als ob er zur Scenerie gehöre. Er hatte die wenigſte Angſt, war vielleicht daher ruhig, daß er ein ſo trauriges Leben geführt hatte. Er war nicht gleichgültig, denn er hoffte, ſeinen Gentleman als einen der beſten im Auslande zu er⸗ blicken, er war nicht reſignirt, allein an Gefahren dachte er nicht. Erſt mußten nur ſolche da ſein, bis dahin hielt er ſich ruhig.— „Wenn Du wüßteſt, welch' ein Vergnügen bei Dir zu ſitzen und zu rauchen, nachdem ich ſo lange Zeit in die vier Wände eingeſperrt geweſen, ſo würdeſt Du mich beneiden. Du kennſt das nicht.“ „Das Vergnügen der Freiheit kenne ich,“ war meine Antwort. „Ja, aber doch nicht ſo wie ich. Du mußt eingeſperrt geweſen ſein, um es ſo zu kennen.“ Es war mir auffallend, daß er um einer Idee willen ſeine Freiheit auf das Spiel ſetzte. Bald darauf ſagte er: „Auf jener Seite der Welt dachte ich immer nach dieſer, und es war langweilig dort zu ſein, obſchon ich reich wurde. 1142 Jedermann kannte den Magwitch und er mochte thun, was er wollte, niemand kümmerte ſich um ihn. So gleichgiltig ſind ſie hier nicht— jerenſalis nicht, wenn ſie wüßten, wo ich bin.“ „Wenn Alles gut geht, ſind Sie in einigen Stunden gerettet.“ „Ja, ja, ich hoffe es,“ ſagte er und ſchöpfte Latge Athem. „Meinen Sie, daß es geht?“ Er ſteckte die Hand über das Boot ins Waſſer und lächelte mit ſeiner milderen Miene, die mir nicht neu war. „Ich meine, daß es geht. Allein während meines Rauchens dachte ich, ſo wie wir nicht auf den Grund des Stromes ſehen können, ſo können wir auch die Tiefe der nächſten Stunden nicht ſehen. Wir können ſie nicht feſt⸗ halten, wie ich nicht dieſe Tropfen— ſie ſind mir durch die Finger gefloſſen.“ „Ich möchte Sie für beſorgt halten,“ ſagte ich. „Durchaus nicht. Es kommt nur, weil wir ſo ange⸗ nehm fahren und das Waſſer am Boote anſchlägt wie eine Art von Sonntagsmelodie. Vielleicht werde ich auch ein bischen alt.“ Er ſteckte ſeine Pfeife ruhig in den Mund und ſah ſo zufrieden, als ob wir England ſchon verlaſſen hätten. Als wir landeten, um eine Flaſche Bier einzunehmen, wollte er ausſteigen, ich meinte, er ſolle ſich lieber ruhig verhalten und er ſetzte ſich dann auch gleich wieder. Die kalte Luft war empfindlich, allein es war doch ſchöner Tag und der Sonnenſchein erquickte. Die Flut ſtrömte heftig und unſere guten Ruder führten uns raſch von dannen. Allmälig verließen wir immer mehr die nahen Wälder und Hügel und zogen immer tiefer an die ſchmuzigen Küſten, doch war noch immer unterhalb Graveſend die Flut mit uns. Ich fuhr abſichtlich am ſchwimmenden Zollhauſe vorbei und neben zwei Auswanderungsſchiffen und unter einem großen Transportſchiffe von Soldaten, die auf uns hinblickten. Die Flut wendete ſich, alle Schiffe, welche ſtromaufwärts fahren wollten, umgaben uns wie eine Flotte und wir hielten uns vorſichtig an der Küſte. Unſere Ruderer waren ſo friſch, weil das Boot mit⸗ unter einige Minuten von ſelbſt hinunter getrieben hatte, daß wir nur einer viertelſtündigen Ruhe bedurften. Wir landeten zwiſchen einigen platten Steinen, aßen und tran⸗ ken und ſahen uns um. Die Gegend war wie meine heimatliche Marſchgegend, die Bojen drehten ſich, ſonſt war alles ſtill. Das letzte Schiff war aus dem Ge⸗ ſichte, der letzte Nachen mit Stroh war es ebenfalls, einige Ballaſter lagen niedrig im Schmuz. Wir fuhren rüſtig weiter. Es war ſchwieriger, allein Herbert und Startop harr⸗ ten aus und ruderten bis zum Sonnenuntergang. Der Strom hatte uns etwas gehoben, ſodaß wir über die Bank ſehen konnten. Die rothe Sonne wurde immer dunkler, die einſame Fläche lag vor uns, und in der Ferne die An⸗ höhen, zwiſchen denen keine ſterbliche Seele zu entdek⸗ ken war. Die Nacht brach ein, der Mond trat nicht klar hervor und wir beriethen uns eine Weile, bis wir beſchloſſen, bei dem nächſten Wirthshauſe zu landen. Ich ſah mich nach dem Hauſe um und wir mußten noch eine bedeutende Strecke fahren. Es war kalt geworden. Ein Kohlenſchiff mit hellem Feuer ſchien ſehr erquicklich zu ſein, wir aber mußten uns durchhelfen, da das bischen Licht mehr vom Fluſſe als vom Himmel zu kommen ſchien. Plötzlich war uns, als ob wir verfolgt würden. Die Flut ſchlug zuweilen ans Land und dann ſahen wir uns um. Wir waren ſehr unruhig und meinten, bald ein Boot zu ſehen, bald fernes Geräuſch zu hören. Dann verfielen wir wieder in tiefes Stillſchweigen und unſere Ruder machten viel zu viel Lärmen. Endlich ſahen wir ein Licht und ein Dach und legten bei einem eigens hergerichteten Damme von Steinen an. Ich trat zuerſt ans Land und fand allerdings ein Wirths⸗ haus, in dem manches Contrebanden⸗Geſchäft gemacht worden ſein mochte, aber es brannte ein gutes Feuer in der Küche. Eier und Schinken waren da und es fehlte nicht an Getränken. Es gab noch zwei Zimmer mit je zwei Betten, und im Hauſe Niemand als der Wirth, ſeine Frau und ein ſchmuziger Burſche. Ich ging an das Boot, wir kamen alle mit den Rudern und den Boothaaken heraus und befeſtigten es für die Nacht. Wir aßen recht gut. Herbert und Startop nahmen das eine, ich mit meinem Gaſte das andere Zimmer in Beſchlag. Es war in beiden keine Spur von Luft, und unter den Betten lagen mehr ſchmuzige Kleider und Kaſten, als der Familie gehören mochten. Doch waren wir zufrieden, da wir keinen verlaſſeneren Ort hätten finden können. Nach Tiſche erquickten wir uns am Feuer.— Der Auf⸗ wärter frug mich unterdeſſen, ob wir ein vierrudriges Boot mit der Flut hätten aufwärts fahren geſehen? Ich ver⸗ 145 neinte dies, und er meinte, dann müſſe es abwärts ge⸗ zogen ſein. „Sie müſſen ſich bedacht haben und abwärts gefahren ſein,“ ſagte er. „Ein Boot mit vier Ruderern?“ frug ich. „Ja, und zwei Perſonen darin.“ „Landeten ſie hier?“ „Sie holten ſich etwas Bier. Ich hätte gern das Bier vergiftet,“ ſagte der Burſche. „Warum?“ „Ich weiß wohl warum.“ Er ſprach ſo rauh, als ob er Koth in der Kehle ſtecken hätte. „Er hält ſie für Leute, die ſie nicht geweſen ſind,“ ſagte der Wirth, der ſich ſonſt auf ſeinen Knecht ſehr zu verlaſſen ſchien. „Ich weiß was ich denke,“ ſagte dieſer. „Du hältſt ſie für Steuerbeamte?“ „Das thu' ich.“ „Dann irrſt Du Dich.“ „Irr' ich mich?“ Er nahm ſeine ſchmuzigen Schuhe, klopfte einige Stein⸗ chen heraus und zog ſie wieder an. Er that dies mit einer Miene, als ob er ſich niemals irren könne. „Was hätten ſie denn mit ihren Knöpfen gemacht?“ frug der Wirth. „Mit ihren Knöpfen? Sie haben ſie über Bord ge⸗ worfen, verſchluckt, ausgeſäet, um Salat wachſen zu laſſen. Ihre Knöpfe!“ „Sei nicht knurrig,“ ſagte der Wirth. „Ein Steuerbeamter weiß, was er mit ſeinen Knöpfen Charles Dickens, Große Erwartungen. III. 10 anfangen ſoll, wenn ſie ihm läſtig ſind. Ein Boot mit vier Rudern und zwei Perſonen fährt nicht hin und her, bald auf⸗, bald abwärts, wenn nicht das Steueramt da⸗ hinter ſteckt.“ Damit ging er fort und der Wirth wußte nichts weiter darüber zu ſagen. Dieſe Unterhaltung beängſtigte uns, mich am meiſten. Es war mir, als ob wir in einem Käfig ſäßen. Ich konnte das vierrudrige Boot, welches Aufſehen erregt hatte, nicht aus dem Kopfe laſſen. Provis ging zu Bette und ich be⸗ rieth mich mit meinen beiden Kameraden. Sollten wir bis zur Ankunft des Dampfſchiffes, um ein Uhr Mittags, liegen bleiben und ganz früh weiter fahren? Endlich hielten wir es für rathſamer, bis ein oder zwei Stunden vor der Ankunft des Dampfers ſtill liegen zu bleiben, dann dieſen aufzuſuchen und mit der Flut zu treiben. Nachdem wir dies beſchloſſen, kehrten wir ins Haus zurück und legten uns nieder. Ich warf mich mit dem größten Theil der Kleider aufs Bett und ſchlief mehrere Stunden recht feſt. Als ich er⸗ wachte, hatte ſich der Wind erhoben, und das Zeichen des Hauſes(ein Schiff) ſchlotterte hin und her mit einem Ge⸗ räuſch, das mich erſchreckte. Ich ſtand leiſe auf(denn Provis ſchlief feſt) und ſah zum Fenſter hinaus. Es ging auf den Weg, wo wir unſer Boot aufgelegt hatten, und bei dem Lichte des umwölkten Mondes ſah ich zwei Männer, die in daſſelbe hineinſahen. Sie gingen unter dem Fenſter vorbei, ſahen ſich nach nichts weiter um, ſchlugen aber nicht den Weg zum Landungsplatze ein, welcher leer war, ſon⸗ dern über das Feld in der Richtung des Nore⸗Fluſſes. Erſt wollte ich Herbert aufwecken, um ihm die fort⸗ 14 gehenden zwei Männer zu zeigen, dann bedachte ich, daß er und Startop, die in einem Zimmer neben mir ſchlie⸗ fen, weit ermüdeter ſein mußten als ich. Als ich ans Fenſter zurücktrat, ſah ich beide über das Feld fortgehen, doch kamen ſie mir bald aus den Augen, und da es ſehr kalt war, legte ich mich nieder und ſchlief wieder ein. Wir ſtanden früh auf. Als wir nach dem Frühſtücke alle vier auf und ab gingen, hielt ich es für recht, das, was ich geſehen, zu erzählen. Unſer Gaſt war der am wenigſten Aengſtliche; es wären wahrſcheinlich Steuerbeamte, meinte er, die nicht an uns dächten. Ich gab mir Mühe, mir dies einzureden, und er konnte wirklich recht haben. Doch ſchlug ich vor, es wäre beſſer, wenn wir beide ſo weit als möglich zu Fuße gingen und dann etwa um zwölf Uhr irgendwo aufgenommen wurden. Man hielt dies für eine gute Vorſicht, und bald nach dem Frühſtück gingen wir beide fort, ohne im Wirthshauſe etwas zu ſagen. Er rauchte ſeine Pfeife auf dem Wege und ſtand zu⸗ weilen ſtill, mir auf die Schultern zu ſchlagen. Man konnte faſt annehmen, ich ſei in Gefahr und er beruhige mich. Wir ſprachen ſehr wenig. Als wir dem Punkte nahe kamen, wohin die Leute in der Nacht gegangen, bat ich ihn, ſich zu verbergen, bis ich alles unterſucht hätte; er willigte ein und ich ging allein. Es war kein Boot ſichtbar, auch nirgendwo ein Zeichen, daß irgend Jemand ſich eingeſchifft hatte, allein bei der Flut konnten Fußtritte unter dem Waſſer verborgen ſein. Als er in der Ferne ſah, daß ich meinen Hut ſchwenkte, um näher zu treten, kam er zu mir, und wir verſteckten uns bald in Ueberröcke gehüllt auf der Erde, ſetzten uns bald 10* 148 wieder in Bewegung, um uns zu erwärmen. Endlich erſchien unſer Boot, wir beſtiegen es und ruderten in die Nähe des Dampfers. Es fehlten etwa zehn Minuten auf ein Uhr, und wir ſahen uns nach dem Dampfe des Schiffes um. Um halb zwei Uhr ſahen wir den Rauch und gleich dar⸗ auf kam noch ein zweites Dampfſchiff. Sie kamen ſchnell heran. Wir holten unſere Reiſetaſchen und ſagten Herbert und Startop Lebewohl. Wir hatten uns die Hände ge⸗ drückt, und ſowohl meine als Herbert's Augen waren ge⸗ feuchtet, als ein vierrudriges Boot etwas vor uns heran⸗ ſchoß und neben uns ruderte. Das Dampfſchiff kam allmälig näher heran, und ich rief Herbert zu, ſie möchten ſo fahren, daß man uns vom Schiffe aus ſehen könne; auch bat ich Provis, im Mantel ruhig zu ſitzen. Er antwortete:„Verlaß Dich auf mich, lieber Junge,“ und ſaß wie eine Statue. Das ſehr gut geruderte andere Boot war an uns vorüber gefahren und ließ uns herankommen, ſodaß wir beide neben einander fuhren, nur daß ſo viel Raum blieb, als es für die Ruder bedurfte. Die eine der ſitzenden Perſonen ſah uns, wie alle Ruderer, feſt an. Der Andere war beinahe wie Provis verhüllt und ſchien eine Weiſung dem Steuermanne zu ertheilen. In beiden Booten wurde kein Wort geſprochen. Startop erkannte gleich das erſte Dampfboot und flü⸗ ſterte mir, da wir einander gegenüber waren, leiſe das Wort„Hamburg“ zu. Es kam ſehr raſch heran und das Geräuſch der Schaufeln wurde immer lauter. Als es uns gewiſſermaßen beſchattete, rief das andere Boot uns an. Ich antwortete. „Sie haben hier einen Transportirten, der zurückge⸗ kommen iſt; der Mann da im Mantel iſt es, er heißt Abel Magwitch, auch Provis genannt. Ich verhafte dieſen Mann, fordere ihn auf, ſich zu ergeben, und Sie, mir bei⸗ zuſtehen.“ Ohne weitere hörbare Befehle fuhr die Mannſchaft an uns heran, und ehe wir wußten, was wir thun ſollten, hat⸗ ten ſie uns zurückgeſchoben, ihre Ruder eingezogen, ſodaß auf dem Dampfſchiffe Lärm entſtand. Es wurde uns zu⸗ gerufen, es wurde befohlen, die Schaufeln ſtill zu ſtellen. Der Steuermann des Bootes legte ſeine Hand auf die Schultern des Gefangenen, beide Boote wurden von der Kraft der Strömung umgedreht und die Mannſchaft auf dem Dampfſchiffe eilte raſch auf uns zu. In demſelben Augenblick ſprang der Gefangene auf, bog ſich vor dem Häſcher vorwärts und riß der verhüllten Perſon auf dem Boote den Mantel ab. In demſelben Augenblicke erkannte ich in dieſem den andern Sträfling aus früher Zeit. In demſelben Augenblick ſah ich dieſen mit einem mir niemals vergeßlichen Schreck zurückſpringen, hörte ich auf dem Dampfſchiffe lautes Geſchrei und fühlte ich, daß das Boot unter mir verſinke. Einen Augenblick kämpfte ich im Waſſer und wurde gleich aufs Dampfſchiff gerettet. Herbert und Startop waren auch da, aber unſer Boot und beide Sträflinge waren verſchwunden. Das Geſchrei auf dem Dampfſchiffe, das Geräuſch von dem losgelaſſenen Dampfe des vorantreibenden Schiffes verwirrten mich ſo ſehr, daß ich anfänglich Himmel, Waſſer und Land gar nicht unterſcheiden konnte. Allein die Mann⸗ ſchaft des einen Boots half ſich ſehr bald und lag nun 150 ſtill da Alle in das Waſſer ſchauten. Bald ſah man einen dunklen Gegenſtand, der vorangetragen wurde. Alle hielten das Boot parat und Magwitch ſchwomm heran, aber nicht mehr mit freier Kraft. Er wurde ins Boot gelaſſen und gleich in Ketten geworfen. Man hielt das Boot ruhig und ſah weiter aufs Waſſer. Nun kam auch das Rotterdamer Dampfſchiff, und zwar ſehr raſch, da es von den Vorfällen nichts zu ahnen ſchien. Es wurde angehalten und hielt ſtill. Dann fuhren beide langſam ab, und wir ſahen uns um, nachdem beide ſich ſchon lange entfernt hatten. Allein Alle wußten, es ſei nun vergeblich. Wir gaben deshalb das Abwarten auf und fuhren zu dem Wirthshauſe zurück, das uns ſehr ver⸗ wundert aufnahm. Ich ſuchte einige Stärkung für Mag⸗ witch, der an der Bruſt ſehr verletzt war und einen tiefen Schnitt in den Kopf erhalten hatte. Er ſagte mir, er müſſe unter dem Dampſſchiffe ſich aufgerichtet haben und ſo verwundet worden ſein. Die Verletzung der Bruſt, um deren willen er ſehr ſchwer ath⸗ mete, mußte durch einen Stoß am Boote hervorgerufen ſein. Er wußte nicht, was er mit Compeyſon gethan haben würde, allein dieſer ſei geſtolpert, als er ihm den Mantel abgeriſſen, und ſo wären beide ins Waſſer gefallen. Da⸗ durch und durch die Bemühung des Häſchers, mich feſtzu⸗ halten, ſei unſer Boot umgeſchlagen. Unter dem Waſſer hätten ſie ſich umarmt und gerungen, endlich habe er ſich losgemacht und ſei fortgeſchwommen. Das war gewiß gerade ſo, denn der Beamte, welcher das Boot ſteuerte, erzählte den Vorfall in gleicher Weiſe. Der Beamte erlaubte mir, daß ſtatt der naſſen Kleider 151 des Gefangenen andere im Wirthshauſe gekauft und an⸗ gelegt würden. Er bemerkte uns, daß er Alles mit Be⸗ ſchlag belegen müſſe, was der Gefangene beſitze. So nahm er auch das Taſchenbuch, das ſich einſt in meiner Hand be⸗ funden hatte. Er erlaubte mir auch, den Gefangenen nach London zu begleiten; den beiden Freunden unterſagte er es. Als die Strömung ſich gedreht, wurde Magwitch ins Boot getragen, Herbert und Startop mußten zu Lande zurückkehren. Ich ſetzte mich neben Magwitch, und ſah ein, daß ich ſo lange er lebe dahin gehöre. Mein Widerwille war geſchwunden, der verwundete Menſch in Ketten, der meine Hand hielt, wollte doch mein Wohlthäter ſein, und hatte doch viele Jahre Dankbarkeit und Zuneigung zu mir empfunden. Er war viel beſſer gegen mich geweſen, als ich gegen Joſeph. Sein Athemholen wurde immer ſchwerer und endlich fing er an zu ſtöhnen. Ich ſuchte ihn der Erleichterung halber auf den Arm zu ſtützen, ſah aber doch ein, daß die ſchwere Wunde nicht zu bedauern ſei, da der Tod ihm un⸗ bedingt eine Erlöſung ſein mußte. Gewiß gab es noch viele, die ihn als Magwitch erkennen wütden und eine ge⸗ linde Behandlung war nicht zu erwarten, denn er war in ſehr ſchlimmem Lichte vor Gericht dargeſtellt, hatte das Gefängniß verlaſſen, war wieder vor Gericht geſtellt, transportirt, trotzdem zurückgekehrt, und hatte endlich den Tod ſeines Feindes veranlaßt. Ich ſagte ihm, es thue mir ſehr weh, daß er meinet⸗ halben nach Hauſe gekommen ſei. „Ich muß mir das gefallen laſſen. Ich habe meinen Jungen geſehen und er kann ohne mich ein Gentleman ſein.“ 152 Nein. Ich hatte das ſchon erkannt, als wir neben ein⸗ ander ſaßen. Ich verſtand Wemmick's Wink. All ſein Hab' und Gut fiel der Krone zu. „Sieh mein Lieber, es iſt beſſer, daß Du jetzt nicht mehr zu mir kommſt. Komm mich anzuſehen, als ob Du durch Zufall mit Wemmick eingetreten wärſt. Sitze, wo ich Dich ſehen kann, wenn ich vor Gericht geſtellt werde, und ich verlange nichts mehr.“ „Ich werde Sie nicht mehr verlaſſen, wenn es mir ge⸗ ſtattet wird, ich will ſo treu gegen Sie ſein, wie Sie gegen mich geweſen ſind.“ Ich fühlte, daß ſeine Hand in der meinigen bebte und er kehrte ſein Geſicht ab und ein Gurgeln war in ſeiner Kehle hörbar. Ich nahm mir aber auch vor, ihm niemals zu ſagen, daß ſeine Hoffnung mich zu bereichern, zu Schan⸗ den geworden war. Sechzehntes Kapitel. Er wurde am andern Tage vor das Polizeigericht ge⸗ bracht und wäre gleich vor Gericht geſtellt worden, allein es mußte erſt ein alter Beamter aus dem Gefängniſſe, aus welchem er entflohen war, herbeigerufen werden, um die Identität feſtzuſtellen. Man zweifelte nicht daran, allein Compeyſon war untergegangen und es befand ſich in London kein Beamter, der ihn hätte erkennen können. Ich war gleich nach meiner Ankunft zu Herrn Jaggers in ſeine Privatwohnung gegangen, und Herr Jaggers wollte als Anwalt des Gefangenen nichts einräumen. Er geſtand mir aber offen, ſobald der Zeuge angekommen wäre, laſſe ſich nichts machen, keine Macht der Welt könne uns retten. Ich theilte Herrn Jaggers mit, daß ich dem Gefange⸗ nen keinen Aufſchluß über das Geſchick meines Vermögens geben wollte. Er war ärgerlich, daß ich es mir hatte nehmen laſſen, und ſagte, wir müßten noch etwas dafür thun. In vielen Fällen würde man das Vermögen nicht mit Beſchlag belegen, allein zu dieſen ſchien ihm der vor⸗ liegende Fall nicht zu gehören, denn ich war kein Ver⸗ wandter des Verbrechers, und ſtand in keinem näheren Verbande zu ihm, er hatte kein Schriftſtück zu meinen Gunſten vor ſeiner Verhaftung abgefaßt und nach dieſer konnte es nicht mehr geſchehen. Ich nahm mir deshalb gleich vor und blieb dabei, nichts zu beanſpruchen. Der Ertrunkene ſchien eine Belohnung zu erwarten, wenn er die Verhaftung herbeiführe und eben aus dieſem Grunde mochte er ſich um dieſe Verhältniſſe gekümmert haben. Als man ſeinen Leichnam viele Meilen vom Schau⸗ platze ſeines Todes ſo ſchrecklich entſtellt fand, daß er nur durch den Inhalt ſeiner Taſchen erkannt wurde, fand man noch leſerliche Notizen in einem Büchlein, wo das Ban⸗ qu ierhaus in Neu⸗Süd⸗Wallis aufgezeichnet war, welches eine beträchtliche Summe Geldes verwahrte und die Län⸗ dereien von erheblichem Werthe angegeben ſtanden. Mag⸗ witch gab daſſelbe Herrn Jaggers im Gefängniſſe in der Meinung, ich würde es erben; er bildete ſich ein, mit Jag⸗ gers Hülfe wäre mir meine Erbſchaft ſicher. Nach drei Tagen kam der Zeuge aus dem Gefängniſſe und erkannte den Verbrecher, die Sache war abgemacht, einen Monat ſpäter ſollte das Gericht über ihn entſcheiden. In dieſer trüben Zeit kam Herbert eines Abends nach Hauſe und ſagte recht niedergeſchlagen: „Lieber Händel, ich fürchte, Sie bald verlaſſen zu müſſen.“ Ich war eigentlich ſchon vorbereitet und demnach nicht ſehr überraſcht. „Ich fürchte nach Cairo gehen zu müſſen, wenn Sie meiner bedürfen, allein es iſt gerade ein gutes Geſchäft zu machen.“ „Herbert, ich bedarf Ihrer immer, da ich Sie immer lieben werde, allein jetzt nicht mehr als ſonſt.“ ——Q— ——O—C—C—ę—ę—ę—ę—ę—ę— 155 r „Sie werden ſo einſam leben.“ „Ich kann noch nicht daran denken. Ich werde ihn nicht verlaſſen, ſo lange es nur geht, und wenn ich allein bin, denke ich doch noch an ihn.“ „Lieber Händel,“ ſagte Herbert,„meine Abreiſe berech⸗ tigt mich zu einer beſondern Frage. Haben Sie an Ihre Zukunft gedacht?“ „Nein, denn mir iſt Angſt davor geworden.“ „Allein man darf die Sache nicht aufgeben. Wollen Sie, ſo weit ich als Freund es kann, ſie mit mir ver⸗ handeln?“ „Ich will es.“ „Wir bedürfen in unſerem Filialgeſchäft eines—“ Er war ſo zart, daß er das rechte Wort nicht finden konnte und ich ſagte:„eines Schreibers.“ „Eines Schreibers, der, wie es einem Ihnen bekannten Schreiber ergangen iſt, Compagnon werden kann. Wollen Sie, Händel— kurz, lieber Freund, wollen Sie zu mir kommen?“ Es lag in ſeiner Anrede, die erſt wie eine ernſte Ge⸗ ſchäftsrede klingen ſollte, dann aber in den Freundeston überging, etwas wahrhaft Herzliches. „Clara und ich haben die Sache beſprochen,“ fuhr er fort,„und ſie bat noch heute mit Thränen in den Augen, Ihnen zu ſagen, Sie wolle, wenn es Ihnen gefiele, zu uns zu kommen, Alles aufbieten, um Sie zu zerſtreuen und Ihnen zu zeigen, daß ihres Mannes Freund auch ihr Freund iſt. Es ginge alles ſehr gut, Händel!“ Ich dankte ihr herzlich und dankte ihm herzlich und ſagte, ich könne das noch nicht ſo feſt zuſagen. Erſtlich 156 ſei mein Kopf jetzt allzu ſehr verworren— zweitens— ja zweitens— es lag mir noch etwas im Sinne, das am Ende dieſer Erzählung klar werden ſoll. „Sollte aber ohne Nachtheil für das Geſchäft die Ant⸗ wort auf kurze Zeit aufgeſchoben werden können—“ „So lange Sie wollen,“ ſagte Herbert,„ſechs Monate, ein Jahr!“ „Nicht ſo lange, höchſtens drei Monate,“ ſagte ich. Herbert war ſehr erfreut, daß wir uns ſo verſtändigt hatten und ſagte, er müſſe nun hinzufügen, daß ſeine Ab⸗ reiſe wahrſcheinlich Ende der Woche eintreten ſolle. „Und Clara?“ ſagte ich. „Das liebe Mädchen bleibt bei ihrem Vater, ſo lange er es aushält, aber er hält es nicht lange mehr aus, Frau Whimple hat mir anvertraut, er ſei auf dem Abmarſche.“ „Er thut wohl am beſten daran.“ „Ja ja, das iſt wahr,“ ſagte Herbert,„dann komme ich zum lieben Mädchen zurück und dann geht das liebe Mäd⸗ chen mit mir in die nächſte Kirche. Vergeſſen Sie's nicht, Händel! Das prächtige Herzenskind ſtammt von keiner Familie, hat nie das Adelslexicon geleſen und weiß nichts von ihrem Großpapa. Welch ein Glück für den Sohn meiner Mutter!“ Am Sonnabend nahm ich von Herbert Abſchied— er war ſehr hoffnungsfroh, wenn ihn auch die Trennung ſchmerzte. Ich ſchrieb ein Billet an Clara, und zeigte ihr an, daß er abgereiſt war und ihr noch viele Liebesgrüße ſchickte— dann ging ich nach Hauſe, wenn ich das ſo nennen konnte, denn ich war nun nirgendwo mehr heimiſch. Auf der Treppe begegnete mir Wemmick, der ganz ver⸗ 157 gebens an meiner Thür gepocht hatte. Seit dem unglück⸗ lichen Ausfalle der beabſichtigten Flucht hatte ich ihn nicht allein geſprochen, und er war als Privatperſon gekommen, um mir über dies Fehlſchlagen einige Worte Aufſchluß zu geben. „Der verſtorbene Compeyſon,“ ſagte Wemmick, „hatte allmälig alle Geſchäfte in ſeiner Hand und einige ſeiner Leute erzählten, was ich gehört hatte, denn einige derſelben waren immer im Gefängniß. Ich that zwar als ob ich nichts hörte, bis ich erfuhr, er ſei abgereiſt und das ſchien mir ein günſtiger Moment. Offenbar hat er als ſchlauer Fuchs zu Zeiten ſeine eigenen Leute betrogen. Schelten Sie mich nicht aus, Herr Pip. Ich wollte Ihnen recht herzlichen Dienſt leiſten.“ „Ich bin vollkommen davon überzeugt und ich danke Ihnen für alle Ihre Freundſchaft.“ „Danke, danke ſehr. Es hat mich aber doch ſehr ge⸗ ärgert. So viel tragbares Eigenthum iſt verloren!“ „Ich denke nur an deſſen Beſitzer.“ „Ja wohl, Sie haben Recht ihn zu bedauern und ich gebe ſelbſt fünf Pfund, um ihn zu retten. Allein ſehen Sie, da Compeyſon ſeine Rückkehr gleich erfahren hatte und ihn durchaus vernichten wollte, ſo wäre er doch nicht gerettet worden.“ „Allein das tragbare Eigenthum konnte man wirklich retten und das iſt der Unterſchied.“ Ich lud Wemmick zu mir und bot ihm ein Glas Grog, ehe er nach Walworth marſchire, was er gern annahm. Nachdem er das Gläschen getrunken, ſagte er mit einem ganz plötzlichen Uebergang: 158 „Was ſagen Sie dazu, daß ich Montag einen Feiertag machen will?“ „Das haben Sie gewiß in den letzten zwölf Monaten nicht gethan.“ „Nicht in zwölf Jahren,“ antwortete Wemmick.„Ja, ich will einen Tag feiern. Noch mehr, ich will einen Spaziergang machen, und noch mehr, ich wollte Sie bitten, mit mir zu gehen.“ Ich wollte mich entſchuldigen, da ich doch kein ange⸗ nehmer Geſellſchafter ſein könne, allein Wemmick kam mir zuvor. „Ich kenne Ihre Verbindlichkeiten, und ich weiß, daß Sie verſtimmt ſind, Herr Pip, allein wenn Sie es thun könnten, ſo würde ich es als Gefälligkeit aufnehmen. Der Gang iſt nicht weit und ſoll früh angetreten werden. Sie werden etwa von acht bis zwölf Uhr in Anſpruch genommen, ein Frühſtück mit eingeſchloſſen. Könnten Sie das nicht zu Stande bringen?“ Er hatte zu verſchiedenen Zeiten ſo viel für mich ge⸗ than, daß ich ſo etwas nicht abſchlagen konnte. Ich er⸗ widerte, ich könnte und würde es einrichten, und er hatte ein ſo großes Vergnügen daran, daß es auch mir Vergnügen machte. Ich verſprach, ihn am Montag morgen um halb neun Uhr vom Schloſſe abzurufen und er ging nach Hauſe. Am Montag morgen empfing mich Wemmick ſelbſt, als ich am Schloſſe geſchellt hatte, es fiel mir auf, daß er ſo ſauber ausſah und einen beſſern Hut trug. Im Zim⸗ mer ſtanden zwei Gläſer mit Rum und Milch und zwei Zwiebacke, der Alte war offenbar ſehr früh aufgeſtanden, denn ich ſah ſein Bett leer. 159 Wir ſtärkten uns mit dem Rum und Milch und mit den Bisquits, und erſtaunte, als Wemmick eine Angel⸗ ruthe ergriff und ſie über die Schulter legte:„Wollen wir fiſchen?“ frug ich.„Nein,“ antwortete Wemmick, „allein ich gehe gern mit einer Angelruthe.“ Das kam mir ſeltſam vor, allein wir zogen ab und ich ſagte nichts. In der Nähe von Camberwell Green ſagte Wemmick plötzlich: „Sieh dal da iſt eine Kirche!“ Das überraſchte mich nicht, allein es fiel mir doch auf, da er ſprach, als ob ihn eine großartige Idee ergriffen hätte. „Wir wollen eintreten!“ Wir traten ein, er ſtellte die Angelruthe ab und ſah ſich um. Zugleich ſteckte er die Hand in die Taſche und holte ein Papier heraus. „Sieh da!“ ſagte er.„Da ſind ja ein Paar Hand⸗ ſchuhe, wir wollen ſie anziehen!“ Da die Handſchuhe weiße Glacéhandſchuhe waren und ſein Mund immer weiter offen ging, ſo fing mein Verdacht ſich zu regen an, und er nahm zu, als ich den Alten mit einer Dame eintreten ſah. „Sieh da!“ ſagte Wemmick.„Da iſt Fräulein Skif⸗ fins. Wir wollen Hochzeit machen.“ Dieſe verſtändige Dame war immer gleich gekleidet, nur daß ſie ſich beſchäftigte, anſtatt der grünen, weiße Handſchuhe anzulegen. Der Alte brachte ein ähnliches Opfer für den Altar Hymens. Der alte Herr fand dieſe Beſchäftigung ſo ſchwierig, daß Wemmick ihn an einen Pfeiler lehnen mußte, hinter den er ſich ſtellte und die Handſchuhe anzog, 160 indeß ich denſelben umfaßte, damit er Widerſtand leiſten könne. So wurden ihm die Handſchuhe allmälig angezogen. Der Geiſtliche und der Küſter erſchienen und wir wur⸗ den aufgeſtellt. Da Wemmick alles ſo einrichten wollte, als ob nichts vorbereitet wäre, nahm er vor dem Gottes⸗ dienſte etwas aus der Taſche und ſagte zu ſich ſelbſt: „Sieh da! da iſt ein Ring!“ Ich war Gevatter des Bräutigams und eine kleine Thürſchließerin mit einer Art von Kinderhäubchen ſtellte ſich als Buſenfreundin des Fräulein Skiffins vor. Der Alte ſollte die Dame ausgeben und rief den Unwillen des Geiſtlichen hervor. Als dieſer ſprach:„Wer gibt dieſe Braut heraus, daß ſie mit dieſem Manne verheirathet werde?“ ſtand der alte Herr ruhig und meinte noch bei den zehn Geboten zu ſein. Der Geiſtliche wiederholte ſeine Frage und der Alte verharrte in völliger Ruhe. Endlich ſchrie der Bräutigam in ſeiner gewohnten Stimme:„Nun Alter, was gibts?“ Der Alte erwiderte lebhaft:„Alles in Ordnung, alles in Ordnung!“ Und der Geiſtliche machte eine ſolche Pauſe, daß ich befürchtete, die Sache würde dieſen Tag nicht zu Stande kommen. Endlich kam es zum Schluſſe, und als wir die Kirche verließen, nahm Wemmick den Deckel des Taufſteins ab, legte ſeine weißen Handſchuhe hinein und machte den Deckel wieder zu. Frau Wemmick dachte mehr an die Zukunft, zog die weißen aus, ſteckte ſie in die Taſche und nahm die grünen wieder. „Nun, Herr Pip,“ ſagte Wemmick, die Angelruthe auf der Schulter,„wer könnte ſich wohl denken, daß hier eine Hochzeitsgeſellſchaft geht!“ Einige Stunden weiter war in einem kleinen Wirths⸗ hauſe ein Frühſtück beſtellt worden. Frau Wemmick ſchob den Arm nicht mehr zurück, den Wemmick um ihre Geſtalt legte, ſondern ſaß in einem hohen Stuhle an der Wand, wie ein Violoncell in ſeinem Kaſten. Das Frühſtück war vortrefflich und wenn für etwas gedankt wurde, ſagte Wemmick:„Iſt durch Contract feſt⸗ geſtellt, nehmen Sie es nur!“ Ich trank das Wohl des jungen Ehepaares, das Wohl des Alten, das Wohl des Schloſſes, küßte die Braut beim Abſchied und machte mich ſo angenehm als möglich. Wemmick brachte mich an die Thür und ich wünſchte ihm noch einmal Glück. „Danke!“ ſagte Wemmick und rieb ſich die Hände. „Sie weiß mit Hühnern umzugehen, wie Sie ſich's nicht denken können. Sie ſollen auch einige Eier bekommen und mögen dann urtheilen. Aber, Herr Pip(er rief mich zurück und ſprach leiſe), das iſt auch nur eine Walworth⸗ Aeußerung.“ „Gewiß, in Little Britain ſage ich nichts davon.“ Wemmick nickte.„Nach dem, was Sie neulich ver⸗ rathen, iſt es beſſer, wenn Herr Jaggers nichts davon erfährt. Er könnte annehmen, daß ich an einer Gehirn⸗ erweichung litte.“ Charles Dickens, Große Erwartungen. III. 11 Siebzehntes Kapitel. Er lag im Gefängniſſe ſehr krank darnieder. Er hatte zwei Rippen zerbrochen, eine Lunge war verletzt und er athmete täglich mühſamer. Er ſprach ſo leiſe, daß man ihn kaum verſtehen konnte, und deshalb ſprach er ſehr wenig. Doch hörte er mir gern zu und ich hielt es für meine Pflicht, ihm Alles vorzuleſen, was ihm zu hören gut thun mußte. Bei ſeiner ſchweren Erkrankung brachte man ihn ſehr bald in die Krankenſtation. So konnte ich bequemer bei ihm bleiben. Wegen ſeiner Krankheit wurde er nicht in Ketten gelegt, denn man hielt ihn ſonſt für einen ſehr ge⸗ fährlichen Menſchen. Ich ſah ihn täglich kurze Zeit, ſo daß ich jedesmal die Veränderungen ſeines körperlichen Zuſtandes erkennen konnte. Es kam keine Beſſerung zum Vorſchein, er nahm ab und wurde immer ſchwächer. Seine Ergebenheit war die eines abgematteten Mannes. Zuweilen flüſterte er ein oder das andere Wort, als ob er darüber nachdenke, ob er unter beſſeren Verhältniſſen ein beſſerer Menſch geworden wäre. Einigemal kam es vor, daß ſeine Wärter auf ſeinen 163 ſchlimmen Ruf in meiner Gegenwart anſpielten. Dann lächelte er und ſah mich vertrauensvoll an, als ob er wiſſe, daß ich ſchon als Kind beſſere Zeichen an ihm ent⸗ deckt hätte. Sonſt war er ſehr zerknirſcht und ich habe ihn niemals klagen gehört. Als der Termin einfiel, bat Herr Jaggers um Ver⸗ ſchiebung bis zur nächſten Seſſion. Offenbar konnte er nicht ſo lange mehr leben, weshalb man das Geſuch ab⸗ ſchlug. Der Proceß kam gleich vor und er wurde dabei in einen Stuhl hingeſetzt. Man hatte nichts dawider, daß ich außerhalb der Schranken neben ihm ſtehe und ſeine Hand halte. Die Sache war ſehr klar. Es wurde Alles geſagt, was man für ihn vorbringen konnte, beſonders daß er ſich gebeſſert und in ehrlicher Weiſe ernährt hatte. Allein es ließ ſich nicht wegläugnen, daß er zurückgekommen war und ſich in Gegenwart des Richters und der Geſchworenen befand. Es war unmöglich, ein Anderes zu thun, als ihn für ſchuldig zu erklären. Damals war es gebräuchlich, einen Schlußtag für die Urtheile zu beſtimmen und ganz zuletzt die Todesurtheile auszuſprechen. Das Bild iſt aus meiner Erinnerung niemals verſchwunden, ſonſt könnte ich es kaum glauben, daß ich zweiunddreißig Männer und Frauen verſammelt ſah, welche dies Urtheil vom Richter anhören mußten. Er war der Erſte der Zweiunddreißig und ſaß, damit er doch noch am Leben erhalten bliebe. Die ganze Scene tritt mir in den hellen Farben des Augenblicks wieder entgegen, ſogar die Tropfen des April⸗ regens an den Fenſtern des Hofes, welche in den Strahlen 11* 164 der Aprilſonne glänzten. Ich ſtand wieder hinter dem Gefangenen, ſeine Hand in der meinigen, aber außerhalb der Schranken, wo die zweiunddreißig Männer und Frauen ſich befanden. Einige trotzten, andere waren niederge⸗ ſchlagen, andere ſchluchzten und weinten, indeß andere trübe umherſtarrten und einige ſich das Antlitz verhüllten. Die Frauen hatten geſchrieen, allein ſie waren zur Ruhe verwieſen worden. Die Sheriffs mit ihren großen Ketten und Blumenſträußen, andere bürgerliche Zierrathen und Ungeheuer, Ausrufer, Gerichtsdiener, eine große Gallerie voll Zuſchauer wie im Theater ſahen zu, als dieſe Zwei⸗ unddreißig dem Richter gegenübergeſtellt wurden. Dann hielt dieſer eine Anrede. Unter den unglücklichen Ge⸗ ſchöpfen, die er zur beſonderen Anſprache ſich auserkoren, war einer, der von Kindheit an die Geſetze verletzt hatte und nach wiederholten Verhaftungen und Gefängnißſtrafen endlich auf eine beſtimmte Zeit verbannt und dann mit großer Keckheit und Gewalt entflohen, lebenslänglich trans⸗ portirt worden war. Dieſer beklagenswerthe Mann ſchien, eine Weile ſeiner Verbrechen überführt, fern von dem Schauplatze ſeiner alten Sünden, ſo daß er ein ehrliches, friedliches Leben führte. In einem verhängnißvollen Au⸗ genblicke hatte er den Leidenſchaften nachgegeben, die ihn ſo lange zu einer Geißel der Geſellſchaft gemacht hatten, hatte den Hafen der Ruhe und Reue verlaſſen und war in das Land zurückgekehrt, aus welchem man ihn verbannt hatte. Unverzüglich angezeigt, war er eine Weile der Ge⸗ rechtigkeit verborgen geblieben; auf der Flucht ergriffen, hatte er ſich ihr widerſetzt und endlich— ob in ausdrück⸗ licher Abſicht oder in verblendeter Hartnäckigkeit— den 165 Tod des Mannes verurſacht, der deſſen ganze Laufbahn gekannt hatte. Da die auf ſeine Rückkehr in das Land, welches ihn ausgewieſen hatte, geſetzte Strafe die des Todes war und da ſein Fall ein doppelt ſchlimmer, ſo mußte er ſich auf den Tod vorbereiten. Die Sonne ſchien durch die großen Fenſter des Gerichts, durch die glänzenden Regentropfen auf das Glas und zog einen breiten Streifen Lichts zwiſchen jene Zweiunddreißig und den Richter, der beide verband und einzelne vielleicht daran erinnerte, daß beide gleich ſehr vor einem höheren Richter treten müßten, der allwiſſend und frei von Irrthum iſt. Einen Augenblick erhob ſich der Gefangene und ſagte: „Mylord, ich habe mein Todesurtheil vom Allmächtigen erhalten, beuge mich aber dem Ihrigen,“ und ſetzte ſich wieder. Der Richter fuhr dann in ſeiner Rede fort, Alle wurden förmlich verurtheilt, Einige fortgeführt, Andere ſprangen mit einer gewiſſen Gleichgültigkeit fort, Einige nickten nach der Gallerie und Andere kauten an den Kräu⸗ tern, die noch umhergeſtreut lagen. Er ging zuletzt, denn er konnte nur ſehr langſam gehen, und unterdeſſen ent⸗ fernten ſich die Zuſchauer, die bald auf dieſen, bald auf jenen Verbrecher hinwieſen, beſonders auf ihn und mich. Es war meine Hoffnung, daß er vor dem Schlußbericht des Gerichtshofes ſterben würde, ich ſchrieb aber ſchon in der Nacht eine Bittſchrift an den Miniſter des Innern, ſchil⸗ derte, was ich von ihm wußte und daß er meinethalben zurückgekommen war. Ich ſchrieb ſo warm und ſo pathetiſch, als ich konnte und nach dieſer Bittſchrift wurden noch viele andere an einflußreiche Männer geſchickt und eine an die Krone ſelbſt. Mehrere Tage und Nächte nach ſeiner Ver⸗ 166 urtheilung ſchlief ich nur unterbrochen in meinem Stuhle, war aber ſonſt ganz mit dieſen Eingaben beſchäftigt, und nachdem ich ſie abgeſchickt hatte, war mir es, als ob ſie mehr Erfolg hoffen ließen, wenn ich in ihrer Nähe bliebe, weshalb ich in ſo unvernünftiger Gemüthsunruhe umher⸗ wanderte und Abends in der Nähe der Miniſterien und Häuſer vorbeiging, wo ich dieſelben abgegeben hatte. Ich konnte ihn täglich nur kurze Zeit beſuchen, denn er wurde ſtreng verwahrt. Da man mich zu beargwöhnen ſchien, daß ich ihm Gift beibringen wolle, ſo bat ich, man möge mich zuvor durchſuchen und ſagte dem immer an⸗ weſenden Wärter, man möge von meinen uneigennützigen Abſichten überzeugt ſein. Alle waren mild gegen uns. Die Dienſtpflicht wurde erfüllt, doch ohne Härte. Der Wärter und alle Kranke im Zimmer und Krankenpfleger verſicherten mir, es gehe ihm ſehr ſchlecht. Die Tage ſchlichen hin und er lag immer mehr ruhig und ſah die weiße Decke an; augenblicklich kam etwas Licht in ſein Antlitz, wenn ich ein Wort ſprach, und dann ver⸗ ſchwand es wieder. Er konnte faſt niemals ſprechen und ſeine Antwort beſtand meiſt nur im Drucke der Hand. Zehn Tage waren verfloſſen, als ihm eine große Ver⸗ änderung anzuſehen war. Seine Augen richteten ſich nach der Thür und erhellten ſich, als ich eintrat. „Du kommſt ſpät, lieber Junge,“ ſagte er leiſe,„allein Du konnteſt nicht anders.“ „Es iſt gerade die Zeit. Ich wartete am Thor.“ „Du warteſt immer am Thor, nicht wahr?“ „Ja, um keinen Augenblick von der mir vergönnten Zeit zu verlieren.“* „Danke, danke! Gott ſegne Dich. Du haſt mich nie⸗ mals verlaſſen!“ Ich drückte ihm ſtillſchweigend die Hand, denn ich konnte nicht vergeſſen, daß ich ihn einmal hatte verlaſſen wollen. „Und was das Beſte iſt, Du biſt mehr Troſt für mich geweſen, da ich unter einer dunklen Wolke war, als wenn die Sonne ſchien. Das iſt das Beſte.“ Er athmete mit großer Mühe und lag dabei auf dem Rücken. Was er auch thun mochte, das Licht verzog doch immer und ein Nebel kam über den ruhigen Blick nach der weißen Decke. „Haben Sie heute viele Schmerzen?“ „Ich klage über keine, mein lieber Junge.“ „Sie klagen niemals.“ Er hatte ſeine letzten Worte geſprochen. Er lächelte und ich verſtand ſeinen Druck als den Wunſch, daß ich meine Hand auf ſeine Bruſt legen ſollte. Er lächelte wieder und legte ſeine beiden Hände darüber. Die beſtimmte Zeit verfloß in ſolcher Lage, aber der Director des Gefängniſſes ſtand neben mir und flüſterte: „Sie brauchen noch nicht zu gehen.“ Ich dankte ihm und ſagte:„Darf ich mit ihm ſprechen, wenn er mich hören kann?“ Der Director trat bei Seite und winkte den Wärter zurück. Dieſe Bewegung wirkte, obſchon ſie geräuſchlos gemacht wurde, und er ſah mich liebevoll an. „Lieber Magwitch, ich muß Ihnen noch eins ſagen; Sie verſtehen, was ich ſage?“ Er drückte ſanft meine Hand. 163. „Sie hatten einſt ein Kind, das Sie liebten und ein⸗ büßten.“ Er drückte meine Hand ſtärker. „Sie blieb leben und fand mächtige Gönner. Sie lebt noch. Sie iſt eine Dame und ſehr ſchön. Und ich liebe ſie.“ Mit einer letzten Anſtrengung hob er meine Hand an ſeine Lippen und ließ ſie dann mit den ſeinigen niederfallen. Sein Blick wurde ruhiger und ſein Haupt fiel ihm auf die Bruſt. Da gedachte ich deſſen, was wir zuſammen geleſen, gedachte der Beiden, die in den Tempel eingetreten, um zu beten, und ich konnte gewiß nichts Beſſeres an ſeinem Sterbelager ſagen, als: „Herr, ſei dem Sünder gnädig!“ Achtzehntes Kapitel. Da ich nun allein war, kündigte ich meine Wohnung im Temple und erklärte, ich wolle ſie bis zum Ende meines Coöntracts einer dritten Perſon vermiethen. Ich ſtellte einen Zettel in das Fenſter, denn ich hatte Schulden und wenig Geld, und fing an wegen meiner Verhältniſſe in Sorgen zu gerathen. Ich wäre noch beſorgter geweſen, wenn ich Energie genug beſeſſen hätte, um irgend etwas mehr klar zu erkennen, als die Thatſache, daß ich einer ſchweren Krankheit entgegengehe. Ich konnte bei meinen großen Anſtrengungen die Krankheit verſchieben, aber nicht abwerfen und ich wußte, daß ſie heranrücke und nicht viel mehr. Einige Tage lag ich auf dem Sopha oder auf dem Boden, wohin ich gerade niederſank mit ſchwerem Kopfe und ſchmerzenden Gliedern und ohne Kraft. Dann kam eine Nacht, die ſehr lange zu dauern ſchien und voll Be⸗ ängſtigung war, als ich aber am Morgen aufſtehen wollte, war ich nicht im Stande dazu. Ob ich wirklich nach Gardencourt in ſtiller Nacht ge⸗ gangen, um das Boot zu ſuchen, das ich dort zu finden no wähnte, ob ich mehreremale auf der Treppe zu mir gekom⸗ men und nicht gewußt, wie ich das Bett verlaſſen hätte, ob ich zuletzt die Lampe angezündet, weil er die Treppe heraufkomme und die Lichter ausgeweht wären, ob das Sprechen, Lachen und Stöhnen eines Unbekannten mich geſtört, ob es in einer dunkeln Ecke des Zimmers einen verſchloſſenen eiſernen Ofen gegeben, in welchem Fräulein Havisham ſich verzehrte, wie eine Stimme wiederholentlich gerufen haben ſollte— das alles wurde von mir, als ich im Bette lag, des andern Morgens erwogen. Allein der Dunſt des Kalkofens verwirrte mich wieder und endlich ſah ich durch dieſen Dunſt zwei Männer auf mich hervor⸗ blicken. „Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht,“ rief ich. „Sie werden das wohl bald in Ordnung bringen,“ ſagte der eine und berührte mich an der Schulter;„einſt⸗ weilen ſind Sie verhaftet.“ „Wie groß iſt die Schuld?“ „Hundert dreiundzwanzig Pfund fünfzehn Schillinge ſechs Pence, für eine Goldſchmiedrechnung.“ „Was ſoll ich thun?“ „Kommen Sie zu mir,“ ſagte der Mann.„Ich habe ein recht hübſches Haus.“ Ich verſuchte mich anzukleiden. Sie ſtanden etwas vom Bette entfernt und ſahen mich an. Ich lag wie⸗ der ſtill. „Sie ſehen was mir fehlt. Ich käme gern mit, allein ich bin unfähig. Tragen Sie mich fort, ſo ſterb' ich auf dem Wege.“ Sie mochten mir vielleicht Muth einreden oder ſagten 171 ſonſt etwas, ich weiß nichts mehr darüber zu erzählen, nur das weiß ich, daß ſie mich nicht fortbrachten. Ferner wußte ich theilweiſe damals und erinnere mich auch jetzt noch, daß ich ein Fieber hatte, daß man mich mied und ich ſehr viel litt, daß ich oft phantaſirte, daß die Zeit unendlich ſchien, daß ich mich mit unmöglichen Dingen vermengte, daß ich ein Stein in der Wand des Hauſes war und darum bat, aus dem engen Platze befreit zu wer⸗ den, in welchen der Baumeiſter mich geſteckt hatte, daß ich ein Stahlſchaft einer großen Maſchine war, die über einem Abgrunde zuſammenſchlug und daß ich flehentlich anhielt, ſie feſtzuhalten und mich herauszuhämmern; ebenſo wußt' ich wohl, daß ich mit wirklichen Menſchen rang, als ob es Mörder wären und daß ich doch auch wieder einſah, ſie wollten mein Beſtes, und daß ich dann erſchöpft in ihre Arme fiel und mich niederlegen ließ. Vor allen aber wußt' ich, daß alle dieſe Leute, die während meiner Krankheit alle Arten von Umgeſtaltungen des menſchlichen Geſichtes dar⸗ boten, insgeſammt die ſeltſame Leidenſchaft beſaßen, immer mehr Joſeph's Geſicht anzunehmen. Als ich endlich das Schlimmſte überwunden hatte, wandelte ſich ſehr vieles, allein dies eine blieb. Wer zu mir kam, ſah wie Joſeph aus. Ich öffnete Nachts meine Augen und ſah im großen Stuhl an meinem Bette Joſeph ſitzen. Ich öffnete am Tage meine Augen und am offnen Fenſter ſaß Joſeph und rauchte eine Pfeife. Ich bat um küh⸗ lenden Trank und Joſeph's Hand reichte mir ihn. Ich fiel auf das Kiſſen zurück und hoffnungsvoll und zärtlich ſah mich Joſeph an. Endlich faßte ich Muth und frug:„Iſt das Joſeph?“ 172 Und die liebe, alte, heimiſche Stimme antwortete: „Welcher es iſt, alter Burſche!“ „O Joſeph, Du brichſt mein Herz. Sei mir unfreund⸗ licher, Joſeph. Schlage mich, Joſeph. Sprich von meiner Undankbarkeit. Sei nicht ſo gut für mich!“ Der Joſeph hatte wirklich ſeinen Kopf auf mein Kiſſen gelegt und mich umarmt vor Freude, daß ich ihn wieder erkannt hatte. „rLieber alter Pip, alter Burſche,“ ſagte Joſeph,„Sie und ich ſind immer Freunde geweſen. Und wenn Sie erſt wieder ausfahren können— welches Pläſir!“ Joſeph zog ſich ans Fenſter zurück und trocknete ſich die Augen. Da ich vor äußerſter Mattigkeit nicht zu ihm konnte, ſo lag ich da und flüſterte reuevoll: „O Gott ſegne ihn! O Gott ſegne dieſen guten Chriſten⸗ menſchen!“ Joſeph's Augen waren roth, als ich ihn wieder neben mir ſah, allein ich hielt ſeine Hand und wir waren beide glücklich. „Wie lange, lieber Joſeph?“ „Was Sie verſtehen zu ſagen, Pip, wie lange dieſe Krankheit gedauert hat, lieber alter Burſche!“ „Ja, Joſeph.“ „Es iſt Ende Mai, Pip. Morgen iſt der erſte Juni.“ „Und Sie ſind hier die ganze Zeit geweſen, Joſeph?“ „Faſt die ganze Zeit. Denn, wie ich zu Biddy ſagte, als die Nachricht von Ihrer Krankheit brieflich kam, welche von der Poſt gebracht wurde und früher Junggeſelle, iſt er jetzt verheirathet, obſchon ihm viel Laufen und Schuhleder ſchlecht bezahlt, aber es war ihm nicht zu thun um Geld, ſondern heirathen wollt' er um alle Welt. „Wie gern höre ich Ihnen zu! Alllein ich unterbreche Sie?“ „Welches war, daß Sie unter Fremden ſein könnten, und da Sie und ich immer Freunde geweſen, würde ein Beſuch zu ſolcher Zeit kein unangenehmlicher ſein. Und Biddy ihr Wort war: Gehen Sie zu ihm ohne Zeit⸗ verluſt. Das, ſagte Joſeph, war Biddy ihr Wort: Gehen Sie zu ihm, ſagte Biddy, ohne Zeitverluſt. Kurz, ich würde Sie nicht ſehr betrügen, fügte Joſeph nach einiger Ueberlegung hinzu, wenn ich Ihnen vorſtellte, daß das Wort dieſer jungen Frau war: ohne eine Minute Zeit⸗ verluſt.“ Damit hörte Joſeph auf und theilte mir mit, man dürfe noch nicht viel mit mir ſprechen, zu gewiſſen Zeiten müſſe ich etwas Nahrung zu mir nehmen, ich mochte Ap⸗ petit haben oder nicht, und ich müſſe mich in Allem in ſeine Vorſchriften fügen. Ich küßte ſeine Hand und lag ſtill und er ſchrieb einen Brief an Biddy mit Grüßen von mir. Alſo Joſeph hatte von Biddy ſchreiben gelernt. Da ich im Bette ihn anſah, mußte ich bei meiner Schwäche vor Freude weinen, mit welchem Stolze er ſich ans Schreiben ſetzte. Meine Bettſtelle war, von den Gardinen befreit, ins Wohnzimmer geſchafft worden, da es dort freier und luftiger war, die Teppiche waren fortgenommen und das Zimmer den ganzen Tag gelüftet. In der Ecke und mit vielen Flaſchen beſetzt ſtand mein Schreibtiſch, und Joſeph ſetzte ſich an ſeine große Arbeit: erſt wählte er eine Feder aus der Federbüchſe, als ob es ein Kaſten mit großen Werkzeugen wäre, und ſchlug ſich die Aermel auf, als ob er einen Hammer oder eine Stange handhaben 174 wolle. Joſeph mußte den Tiſch mit dem linken Ellenbogen halten und das rechte Bein hinter ſich ſtrecken, ehe er an⸗ fangen konnte, und als er angefangen hatte, machte er jeden Strich herunter ſo langſam, daß er ſechs Fuß lang hätte ſein können, und jeden Strich nach oben ſo, daß ich ſeine Feder ſpritzen hören konnte. Er hatte die ſeltſame Anſicht, daß das Tintefaß da ſtehe, wo es nicht ſtand, und er tunkte immer in leeren Raum und ſchien ganz damit zufrieden. Zuweilen fand er einen orthographiſchen Stein des Anſtoßes, im Ganzen ging es aber recht gut voran und als er ſeinen Namen unterzeichnet und einen Schlußklecks vom Papier mit beiden Vorderfingern auf den Kopf ver⸗ ſetzt hatte, ſtand er auf und ging um den Tiſch, um den Effekt ſeines Werks von verſchiedenen Punkten aus zu be⸗ trachten, was ihm unbändige Freude machte. Da ich nicht zu viel ſprechen mochte, ſelbſt wenn ich es gekonnt hätte, um Joſeph nicht zu beläſtigen, ſo verſchob ich meine Fragen nach Fräulein Havisham auf den andern Tag. Er ſchüttelte den Kopf, als ich frug, ob ſie her⸗ geſtellt ſei. „Sie iſt alſo todt, Joſeph?“ Joſeph ſagte mit vorſichtigem Tone:„Nun das möchte ich nicht gerade ſagen, denn das heißt ſehr viel, aber ſie iſt nicht—“ „Am Leben, Joſeph?“ „So ungefähr hörte ich es: ſie iſt nicht am Leben.“ „Hat ſie lange gelitten?“ „Nachdem ſie erkrankt waren, ungefähr eine Woche.“ „Lieber Joſeph, haben Sie nichts von ihrem Ver⸗ mögen gehört?“ 175 „Nun ja, alter Burſche, es ſcheint, daß ſie das meiſte an Fräulein Eſtella vermacht hatte. Aber einige Tage vor dem Zufall hatte ſie mit eigener Hand ein klein Coddellſchill niedergeſchriebenn und baare viertauſend Pfund Herrn Matthew Pocket vermacht. Und weshalb, Pip, vermachte ſie ihm dieſe baaren viertauſend Pfund? Wegen Pip's Bericht über ihn, den beſagten Matthew. Ich habe von Biddy gehört, daß ſo geſchrieben ſteht,“ ſagte Joſeph und wiederholte den geſetzlichen Ausdruck, als ob es ihm recht wohl thäte:„über ihn den Beſagten. Und baare vier⸗ tauſend Pfund, Pip!“ Dieſe Nachricht machte mir große Freude, da ich doch ſo noch etwas Gutes gethan hatte. Ich frug, ob die andern Verwandten keine Legate hätten. „Fräulein Sarah, ſie hat fünfundzwanzig Pfund per⸗ annium Pillen zu kaufen, weil ſie gallig iſt. Fräulein Georgiana hat funfundzwanzig Pfund einmal. Frau— wie heißen die wilden Thiere mit Höckern?“ „Kameele,“ ſagte ich und wußte nicht wie das hierher gehöre. Joſeph nickte.„Frau Kameel, ſie hat fünf Pfund für Lichter zu kaufen, um ſie aufzumuntern, wenn ſie in der Nacht aufwacht.“ Dieſe Genauigkeit der Angaben ließ mich an der Wahrheit derſelben nicht mehr zweifeln.„So ſtark ſind Sie aber noch nicht nicht, daß Sie noch mehr als eine Portion Neuigkeit einnehmen könnten. Der alte Orlick, er hat ein Wohnhaus aufgebrochen.“ „Weſſen?“ frug ich. „Nicht, daß ſeine Manieren nicht prahleriſch ſind, aber 176 eines Engländers Haus iſt ſein Schloß und Schlöſſer dür⸗ fen nicht aufgebrochen werden, als in Kriegszeiten. Und was er auch gefehlt hat, er war ein Korn⸗ und Samen⸗ händler in ſeinem Herzen.“ „Alſo Pumblechook's Haus iſt erbrochen?“ „Das iſt es, Pip, und ſie nahmen ſeine Geldbüchſe— und tranken ſeinen Wein und aßen ſeine Speiſen und ſchlu⸗ gen ihm das Geſicht und zogen ihn an der Naſe und ban⸗ den ihn an den Bettpfoſten und gaben ihm ein Dutzend und ſtopften ihm blühenden Samen in den Mund, damit er nicht ſchreie: aber er kannte Orlick und Orlick ſitzt im Gefängniß.“ So begann allmälig eine unumſchränkte Unterhaltung. Ich nahm ſehr langſam an Kraft zu, aber meine Schwäche nahm unbedingt ab und Joſeph blieb bei mir und hielt mich wieder für den kleinen Pip. Denn Joſeph's Zärtlichkeit war ſo ſehr meinen Be⸗ dürfniſſen angepaßt, daß ich wie ein Kind unter ſeinen Händen war. Er ſaß und ſprach in alter Vertraulichkeit und mit alter Einfalt und in der alten anſpruchsloſen Be⸗ ſchützermanier mit mir, daß ich faſt annehmen mochte, mein Leben ſeit der alten Küchenzeit ſei nur eine Geiſtes⸗ ſtörung des verſchwundenen Fiebers. Er that alles, nur nicht die Hausarbeiten, für welche er eine anſtändige Frau gemiethet hatte, nachdem meine Wäſcherin gleich entlaſſen worden war.„Welche ich gefunden habe, Pip— ſagte er in der Entſchuldigung dieſer Freiheit— wie ſie das Bett abzapfte wie ein Faß Bier und die Federn herauszog, um ſie zu verkaufen. Sie würde bald auch Ihr Bett ab⸗ gezapft haben, und allmälig ſchleppte ſie die Kohlen in der ſ 177 Suppenterrine und in Blumenſchüſſeln fort, und Wein und Branntwein in den Wellingtonſtiefeln.“ Wir ſehnten uns nach dem Tage, an welchem ich aus⸗ fahren könne, wie wir uns einſt nach dem Tage meiner Lehrlingszeit geſehnt hatten. Und als der Tag kam und ein offener Wagen vorfuhr, trug mich Joſeph herunter, ſetzte mich hinein, als ob ich noch das kleine hülfloſe Weſen wäre, dem er den Reichthum ſeiner großen Natur abgege⸗ ben habe. Joſeph ſetzte ſich zu mir und wir fuhren aufs Land, wo die Bäume und das Gras ſchon grün waren und ſüßer Sommerduft die Luft erfüllte. Es war gerade ein Sonntag und als ich die Herrlichkeit ringsum mich ſah und dachte, wie das alles geweſen wäre, und wie die kleinen Blumen gebildet worden und wie die Stimmen der Vögel ſich ſtärkten, bei Tag und bei Nacht, unter der Sonne und unter den Sternen, und ich hatte auf meinem Bette geglüht und mich hin⸗ und hergeworfen und dieſer bloße Gedanke ſtörte meinen Frieden. Hörte ich aber die Sonn⸗ tagsglocken, ſah ich die rings ausgegoſſenen Schönheiten, ſo fühlte ich mich nicht dankbar genug— allzu ſchwach, um dieſes ſchon ſein zu können, und legte mein Haupt auf Joſeph's Schulter, wie ich vor Jahren gelegen habe, wenn er mich auf den Jahrmarkt mitgenommen hatte. Allmälig kam mehr Ruhe über mich und wir plauder⸗ ten wie vordem auf der Batterie. Joſeph war immer derſelbe. Was er mir damals geweſen, war er noch, eben ſo einfach treu und ſo einfach gerecht. Nachdem wir wieder zurückgefahren waren und er mich wieder über den Hof die Treppe hinaufgetragen hatte, Charles Dickens, Große Erwartungen. III. 12 178 dachte ich an den ereignißvollen Weihnachtsabend, als ich eben ſo über die Marſchen von ihm getragen worden war. Wir hatten über meinen Glückswechſel nicht geſpro⸗ chen und ich wußte nicht, wie viel er von meiner Geſchichte wiſſe.„Ich zweifelte ſo ſehr an mir und vertraute ihm ſo ſehr, daß ich nicht wußte, ob ich von ſelbſt darüben ſpre⸗ chen ſolle. „Haben Sie gehört, Joſeph,“ frug ich, als er ſeine Pfeife am Fenſter rauchte,„wer mein Wohlthäter geweſen iſt? Ich habe gehört, daß es nicht Fräulein Havisham ge⸗ weſen iſt.“ „Und wer iſt es denn geweſen „Es war eine Perſon, welche die Perſon ſchickte, die Ihnen bei den luſtigen Schiffern die Banknoten gab.“ „So iſt es.“ „Wunderbar!“ ſagte Joſeph. „Haben Sie gehört, daß er geſtorben iſt?“ „Wer? Der welcher die Banknoten geſchickt hat!“ „Ich meine,“ ſagte Joſeph, nachdem er ziemliche Zeit nachgedacht hatte,„daß ich gehört habe, daß es etwas in dieſer Art im Allgemeinen geweſen iſt.“ „Haben Sie nichts von ſeinen Verhältniſſen gehört?“ „Nichts Beſonderes, Pip!“ „Wenn Sie hören möchten, Joſeph“— Joſeph kam zu mir ans Sopha. „Hören Sie alter Freund. Immer die beſten Freunde, Pip, nicht wahr?“ Ich ſchämte mich ihm zu antworten. „Sehr gut, alles in Ordnung, wir ſind einig. Warum 2 —— wollten wir Dinge behandeln, die zwiſchen uns gar nicht nöthig ſind? Es gibt genug Dinge ohne die unnöthigen zwiſchen uns. Mein Himmel! Wenn wir nur an die arme Schweſter und ihre Launen denken! Und dann der Stock!“ „Ich weiß wohl, Joſeph.“ „Ich habe immer alles mögliche gethan, den Stock von Ihnen fern zu halten, aber meine Macht war nicht immer genug. Wenn Ihre arme Schweſter über Sie herfallen wollte, ſo fiel ſie nicht nur über mich her, wenn ich mich ihr widerſetzte, ſondern ſie gab Ihnen nur noch heftigere Schläge. Das habe ich wohl gemerkt. Packte ſie mich am Schnurrbart oder gab mir einige Stöße, ſo war das nichts für mich und ich hätte gern das Kind vor der Strafe bewahrt. Aber das Kind wurde dann noch heftiger ge⸗ prügelt und was hätte ich helfen können? Ich ſah zwar das Unrecht, aber ich ſah keine Hülfe. „Sie hatten immer recht, Joſeph.“ „Gut, damit bin ich zufrieden. Wenn er ein Recht hat, ſo hat er Recht zu ſagen— J. Gargery's Macht Sie und den Stock von einander zu halten war nicht genug. Des⸗ halb denken wir nicht mehr daran und machen kein Aufhe⸗ bens von unnöthigen Dingen. Biddy gab ſich viele Mühe mit mir, daß ich es ſo betrachten ſolle und wenn ich es ſo betrachtete, ſollte ich es eben ſo auffaſſen. Da dies geſchehen iſt, nun noch dies zu einem wahren Freunde. Sie müſſen ſich nicht anſtrengen. Sie müſſen Abendbrot und Wein und Waſſer haben und ſich niederlegen.“ Joſeph behandelte den ganzen Gegenſtand ſo zart(und Biddy hatte ſo vielen Takt bewieſen), daß ich mich tief ge⸗ 12* 180 rührt fühlte. Allein ich konnte nicht entdecken, ob Joſeph meine Verhältniſſe kannte und daß meine großen Erwar⸗ tungen ſich wie Nebel aufgelöſt hatten. Etwas anderes konnte ich auch erſt nicht begreifen, es that mir aber allmälig ſehr weh, nämlich, je mehr ich an Kraft zunahm, deſto weniger befand Joſeph ſich behaglich. In meiner Schwäche und gänzlichen Abhängigkeit von ihm hatte der gute Menſch den alten Ton angenommen, er nannte mich bei dem alten Namen„alter Pip, alter Bur⸗ ſche,“ die jetzt in meinen Ohren wie Muſik klangen. Auch ich hatte die alte Manier aufgegriffen, glücklich und dank⸗ bar, daß er nichts dawider hatte. Joſeph entſagte der⸗ ſelben allmälig und ich erkannte bald, daß die Schuld an mir lag und daß ich die Veranlaſſung dazu gegeben hatte. Mußte nicht Joſeph an meiner Beſtändigkeit zweifeln und annehmen, daß ich in beſſern Verhältniſſen ihn gleich wieder abweiſen würde? Fühlte nicht Joſeph's unſchuldiges Herz, daß ſein Einfluß ſchwächer würde, je mehr ich er⸗ ſtarkte, und daß es beſſer wäre, mich loszulaſſen, ehe ich mich von ihm losriſſe? Als ich zum dritten oder vierten Male ausging und mich auf Joſeph's Arm ſtützte, ſah ich dieſe Veränderung ganz deutlich. Wir hatten uns im hellen, warmen Son⸗ nenlicht niedergeſetzt, und ich ſagte beim Aufſtehen: „Sehen Sie Joſeph, ich gehe ſchon recht gut. Ich kann ganz allein nach Hauſe gehen.“ „Keine übermäßige Anſtrengung,“ ſagte Joſeph; aber es freut mich doch, mein Herr, daß Sie ſchon dazu fähig ſind.“ Das, mein Herr, war mir unangenehm, allein was — 181 ſollte ich dagegen ſagen? Ich ging bis an die Gartenthür, ſtellte mich dann ſchwach und bat Joſeph um ſeinen Arm. Er gab mir ihn, war aber in Gedanken vertieft. Auch ich war es, denn es war mir eine ſehr ſchwierige Aufgabe, dieſen Wechſel Joſeph's zurückzuhalten. Ich mochte ihm nicht ſagen, wie tief ich gefallen, und daß ich nichts mehr beſitze, und es war das kein ganz unwürdiges Gefühl. Er hätte mich dann von ſeinen Erſparniſſen un⸗ terſtützt und ich wußte, daß es nicht ſein dürfe und ich müſſe es nicht zugeben. ⸗ Wir waren beide dieſen Abend ſehr vertieft. Allein ehe ich mich niederlegte, beſchloß ich übermorgen, an einem Montage, mit der neuen Woche eine neue Laufbahn zu be⸗ ginnen. Am Montag morgens wollte ich mit Joſeph über die Veränderung ſprechen, jede Zurückhaltung aufgeben, meine Abſichten auseinanderſetzen, und dann würde ſich alles beſſern. Es ſchien, als ob auch Joſeph klarer ſähe und einen Entſchluß gefaßt hätte. Wir hatten einen ſtillen Sonntag, fuhren aufs Land und gingen dann auf dem Felde ſpazieren. „Ich bin dankbar für meine Krankheit, Joſeph.“ „Lieber alter Pip— Sie ſind faſt hergeſtellt, mein Herr.“ „Es war eine denkwürdige Zeit für mich.“ „Auch für mich, mein Herr,“ antwortete Joſeph. „Wir hatten eine Zeit zuſammen, die ich nie vergeſſen kann. Ich habe allerdings eine Zeit lang die vergangenen Tage vergeſſen, aber dieſe vergeſſe ich nie.“ „Pip,“ ſagte Joſeph und ſchien etwas unruhig;„es hat manchen Spaß gegeben; und, lieber Herr, was zwiſchen uns geſchehen— iſt geſchehen.“ — 1832 Als ich mich niedergelegt hatte, kam Joſeph zu mir ins Zimmer, wie er jeden Abend gethan hatte. Er frug mich, ob ich mich wirklich ſo wohl befände, wie am Morgen. „Ja, lieber Joſeph, ganz ſo wohl.“ „Und Sie werden immer ſtärker, alter Burſche?“ „Ja lieber Joſeph, immer mehr.“ Joſeph ſchlug mit ſeiner großen guten Hand auf meine Decke und ſagte in etwas getrübter Stimme:„Gute Nacht!“ Als ich am andern Morgen erquickt aufſtand, nahm ich mir vor, alles zu erzählen. Ich wollte es noch vor dem Frühſtück thun. Ich wollte mich ankleiden, in Joſeph's Zimmer gehen und ihn überraſchen, denn es war der erſte Tag, daß ich früh aufgeſtanden war. Ich ging in ſein Zimmer, er war nicht da, nicht allein er— auch ſein Kof⸗ fer war fort. Ich eilte an den Frühſtückstiſch und fand dort einen Brief. Der kurze Inhalt war folgender: „Nicht geſonnen zu ſtören, bin ich abgereiſt, denn Sie ſind wieder wohl und befinden ſich beſſer ohne Jo. „N. S. Immer die beſten Freunde.“ Im Briefe lag eine Quittung für die Schuld und die Koſten, um derentwillen ich verhaftet worden war. Bis jetzt hatte ich angenommen, mein Gläubiger habe gewar⸗ tet, bis ich ganz hergeſtellt wäre. Daß Joſeph das Geld bezahlt haben ſollte, war mir nicht eingefallen, aber Joſeph hatte es bezahlt und die Quittung war auf ſeinen Namen. 183 Wie konnte ich anders, als ihm in die liebe alte Schmiede zu folgen und ihm dort alles zu entdecken und meine Reue zu offenbaren und ihm auch meine Nebenge⸗ danken nicht zu verbergen, die, etwas ſehr ſchwankender Art, immer feſtere Geſtalt gewonnen hatten? Ich wollte zu Biddy gehen, um ihr meine Demuth und Reue zu zeigen, alle meine Verluſte zu ſchildern und ſie an alle Geſtändniſſe in der erſten unglücklichen Zeit zu erin⸗ nern. Dann wollte ich ihr ſagen, ſie habe mich wohl eine Zeit lang leiden mögen, da mein verirrtes Herz ſich bei ihr wohler gefühlt, als jemals ſeitdem. Wenn ſie mich noch halb ſo ſehr lieben können, als damals und mich mit allen Fehlern gewiſſermaßen wie ein verzogenes Kind auf⸗ nehmen wolle, ſo wäre ich wohl jetzt etwas würdiger als zu jener Zeit. Sie haben zu entſcheiden, ob ich in der Schmiede fortarbeiten ſolle oder wir an einen fernen Ort reiſen wollten und wenn ſie es wolle, ſo würde die Welt mir mehr zuſagen und ich mich beſſern und ich wolle dann auch ihr ein beſſeres Leben ſchaffen.“ Das war mein Plan. Ich erholte mich noch drei Tage und reiſte dann in die alte Heimath, und wie es mir dort ergangen, muß ich noch erzählen. Neunzehntes Kapitel. Ehe ich in meinen Geburtsort zurückkam, war di Nachricht von meinen Unglücksfällen ſchon bekannt ge⸗ worden. Der blaue Bär hatte es erfahren und er benahm ſich deshalb ganz anders. Als vermögender Mann hatte ich die Aufmerkſamkeit des Bären gewonnen, jetzt war er ſehr lau geworden. Ich war Abends angekommen und ſehr müde. Mein gewöhnliches Zimmer konnte ich nicht erhalten, da es ver⸗ geben war(wahrſcheinlich an Jemand, der Erwartungen hatte). Man gab mir ein mittelmäßiges auf dem Hofe zwiſchen Tauben und Poſtwagen, doch ſchlief ich in dieſem Zimmer ſo gut, als ich im beſten Raume des Bären hätte ſchlafen köͤnnen und meine Träume waren ebenfalls un⸗ gefähr dieſelben. 3 Als mein Frühſtück zurecht gemacht wurde, ging ich nach Satishaus ſpazieren. Es waren gedruckte Zettel am Thor angeſchlagen und man ſah ſie auch an Teppichen, die aus den Fenſtern hingen: in der nächſten Woche ſollten alle Möbel und Effekten verkauft werden. Das Haus ſelbſt ſollte als Baumaterial niedergeriſſen werden. Am Brauhauſe ſtand mit großen Buchſtaben Nummer I. und — 1 ¹ 185 das bisher verſchloſſene alte Haus war Nummer II. Andere Theile waren anders numerirt und man hatte den Epheu niedergeriſſen, um Platz für die Aufſchriften zu ge⸗ winnen. Ich trat einen Augenblick in das offene Thor und ſah mich mit der unbehaglichen Miene eines Fremden um, der dort nichts zu thun hatte. Der Schreiber des Auctionators ging über die Fäſſer und zählte ſie für einen Katalog, deſſen Verfaſſer ſich auf den Rollſeſſel ſtützte, den ich mit den Klängen des„alten Clem“ ſo oft geſchoben hatte. Als ich in das Speiſezimmer des Bären zum Frühſtück zurückkehrte, fand ich Herrn Pumblechook in Unterhaltung mit dem Wirthe. Herr Pumblechook, der durch ſein nächt⸗ liches Abenteuer nicht verſchönert worden war, wartete auf mich und redete mich folgendermaßen an: „Junger Mann, es thut mir leid, Sie ſo herunter⸗ gekommen zu ſehen. Aber konnte man es anders erwarten! Konnte man es anders erwarten!“ Da er mir die Hand mit vornehm verzeihender Miene gab und ich nicht zum Streite geneigt war, gab ich ihm die meinige. „William,“ ſagte Pumblechook zum Kellner,„ſtelle ein Brötchen auf den Tiſch. Und iſt es dahin gekommen? Iſt es dahin gekommen?“ Ich ſetzte mich mürriſch zum Frühſtück. Herr Pum⸗ blechook ſtand mir gegenüber und goß mir den Thee ein, ehe ich den Theetopf ergreifen konnte, wie ein Wohlthäter, der mir bis zum Ende treu bleiben wollte. „William,“ ſagte Herr Pumblechook traurig,„gib das Salz her. In früheren glücklicheren Zeiten tranken Sie 186 mit Zucker? Auch Milch? Allerdings, Zucker und Milch. William, bring' eine Waſſerkreſſe!“ „Ich danke,“ ſagte ich,„ich eſſe keine Waſſerkreſſen.“ „Sie eſſen ſie nicht? Allerdings, einfache Früchte der Erde. Nein, William, bringen Sie keine.“ Ich frühſtückte weiter und Pumblechook ſtand noch immer da und ſtarrte mich an. „Nicht viel mehr, als Haut und Knochen. Als er abreiſte und ich ihm meinen beſcheidenen Vorrath vorſtellte, war er plump wie ein Pfirſich.“ Ich dachte daran, wie unterthänig er ſich mit ſeinem „Darf ich?“ zu jener Zeit gezeigt hatte. „Und gehen Sie zu Joſeph?“ frug er. „Um des Himmels willen,“ erwiderte ich,„was küm⸗ mert es Sie, wohin ich gehe! Laſſen Sie den Theetopf ſtehen!“ Schlimmeres konnte ich nicht thun, denn gerade dies Verhalten war ihm lieb. „Ja, junger Mann,“ antwortete er und trat vom Tiſche zurück,„ich werde den Theetopf ſtehen laſſen. Sie haben Recht, junger Mann. Diesmal haben Sie Recht. Ich vergaß mich, daß ich ſo viel Antheil an Ihrem Frühſtück nehme, um Ihren durch Verſchwendung geſchwächten Kör⸗ per durch die geſunde Nahrung ihrer Vorältern zu ſtärken. Und doch— mit ihm habe ich in den Tagen der glücklichen Kindheit geſcherzt— ſagt mir nicht, das ſei nicht möglich — ich ſage Euch, er iſt es!“ Wirth und Kellner, zu denen er geſprochen hatte, ant⸗ worteten mit leiſem Gemurmel. Der Kellner ſchien be⸗ ſonders gerührt. 187 „Er iſt es, den ich in meiner Chaiſe gefahren habe. Er iſt es, den ich habe auferziehen ſehen. Er iſt es, zu deſſen Schweſter ich angeheiratheter Onkel war, ſo wie ſie Georgiana M'ria von ihrer Mutter hieß— ob er das wohl beſtreiten wird! Junger Mann, Sie gehen zu Joſeph. Sie ſagen, was das mich angehe? Ich ſage Ihnen, Sie gehen zu Joſeph.“ Der Kellner huſtete, als ob er mir andeuten wolle, wie ich das ertragen könne. „Ich will Ihnen ſagen, was Sie zu Joſeph ſagen wer⸗ den. Hier iſt der Wirth des Bären zugegen, geachtet in der Stadt, und hier iſt William, deſſen Vater Potkins hieß, wenn ich mich nicht irre.“ „Sie irren ſich nicht,“ ſagte der Kellner. „In dieſer Gegenwart will ich Ihnen ſagen, wie Sie zu Joſeph ſagen werden. Sie werden ſagen: Joſeph, heute habe ich meinen früheſten Wohlthäter und den Begründer meines Glücks geſehen. Ich nenne keinen Namen, aber man nennt ihn ſo in der Stadt und ich habe dieſen Mann geſehen.“ „Ich ſehe ihn hier durchaus nicht,“ antwortete ich. „Sagen Sie auch das und Joſeph wird ſich wundern.“ „Da irren Sie durchaus,“ antwortete ich;„ich kenne ihn beſſer.“ „Sagen Sie,“ fuhr Pumblechook fort,„ich habe den Mann geſehen und er hat gegen mich und gegen Joſeph nichts einzuwenden. Er kennt den Charakter Joſeph's, deſſen Unwiſſenheit und Hartnäckigkeit, und meinen Cha⸗ rakter und meine Undankbarkeit. Ja, ſagen Sie nur zu Joſeph, er kennt meinen gänzlichen Mangel an Dank⸗ 188 barkeit. Er kennt ihn, wie kein Anderer. Sie kennen ihn nicht, aber er kennt ihn!“ Es war fabelhaft, daß er mir ſo etwas ins Geſicht ſagen konnte. „Er hat den Finger der Vorſehung darin geſehen, daß ich heruntergekommen bin; er hat dieſen Finger erkannt und deutlich geſehen, Joſeph. Dieſer Finger zeigte auf folgenden Satz: Lohn für Undankbarkeit gegen ſeinen erſten Wohlthäter und Begründer ſeines Glücks. Aber dieſer Mann ſagte, er bereue es nicht, er habe recht ge— handelt, er habe mit Wohlwollen gehandelt und er würde es wieder thun.“ „Es iſt ſchade,“ antwortete ich,„daß der Mann nicht geſagt hat, was er denn eigentlich gethan habe und wieder thun würde!“ „Bärenwirth und William,“ ſagte Pumblechook und ſprach nunmehr mit dieſen,„ich habe nichts dawider, daß Ihr überall in der Stadt erzählt, ich hätte mit ihm ſo gehandelt und würde es wieder thun!“ Der Betrüger verließ das Haus und ich folgte ihm bald, wobei ich ſah, daß er dieſelbe Vorleſung vor einer Anzahl Menſchen an ſeiner Thür hielt und daß dieſe mich ſehr unfreundlich anblickten. Um ſo angenehmer für mich, zu Biddy und zu Joſeph zu gehen, deſſen Nachſicht im Vergleich zum ſchamloſen Prahler umſomehr hervorſtrahlte. Ich ging langſam, denn ich war doch noch ſchwach, obſchon es mir wohler ward, jemehr ich mich ihnen näherte und alle Anmaßung und Unwahrheit immer weiter zurückließ. Das Juniwetter war köſtlich, der Himmel blau, die — — 189 Lerchen flogen hoch über dem grünen Getreide und die Landſchaft ſchien mir friedlicher, als jemals ſonſt. Ich dachte nach, welch' ein angenehmes Leben ich hier würde führen können und wie ich mich beſſern müſſe, wenn ein guter Geiſt mir zur Seite ſtünde, deſſen geſunden Verſtand ich kennen gelernt hatte. Mein Herz war erweicht und es war mir, als käme ich barfuß von ferner Reiſe zurück. Ich hatte Biddy's Schule nie geſehen, allein ich kam daran vorüber und es waren offenbar Ferien, denn ich fand keine Kinder darin. Ich hoffte ſie bei ihrer Beſchäf⸗ tigung zu treffen, allein die Schmiede war ganz nahebei und ich horchte auf Joſeph's Hammer. Ich meinte ihn zu hören, allein es war nur Täuſchung und Alles war ſtill. Die Bäume waren da, der Weißdorn war da, die Kaſta⸗ nienbäume waren da, ihre Blätter rauſchten harmoniſch und ich horchte, aber Joſeph's Hammer war nicht zu hören. Ich hatte Angſt, allein als ich in die Nähe der Schmiede kam, ſah ich ſie zugeſchloſſen. Kein Feuerſchein, kein Funkenſprühen, kein Blaſebalglärm— Alles ver⸗ ſchloſſen und ſtill. Das Haus war aber nicht verlaſſen, das beſte Zimmer war offen, weiße Gardinen wehten am Fenſter, das Fenſter war mit Blumen geſchmückt. Ich ſchlich leiſe heran und wollte durch die Blumen hineinſchauen, aber da ſtanden Biddy und Joſeph Arm in Arm vor mir. Biddy einen ſtieß Schrei aus, als ob ich eine Erſchei⸗ nung wäre; gleich darauf umarmten wir uns. Ich weinte, ſie zu ſehen, und ſie weinte, mich zu ſehen; ich, weil ſie ſo friſch und lieblich ausſah, ſie, weil ich ſo ermüdet und blaß ausſah. 190 „Aber, liebe Biddy, wie ſehen Sie ſo allerliebſt aus!“ „Ja, lieber Pip.“ „Und Joſeph, wie biſt Du ſo ſchmuck!“ „Ja, lieber alter Pip.“ Ich ſah ſie Beide an, Biddy aber rief überglücklich aus: „Heute iſt mein Hochzeitstag und ich bin mit Joſeph verheirathet!“ Sie führten mich in die Küche und ich legte meinen Kopf auf den hölzernen Tiſch. Biddy hielt meine Hand an ihre Lippen, Joſeph legte die ſeine auf meine Schulter. „Was er nicht ſtark genug war,“ ſagte Joſeph,„um ſo überraſcht zu werden.“ Und Biddy ſagte:„Ich hätte daran denken ſollen, lieber Joſeph, aber ich war zu glück⸗ lich.“ Sie waren ſo erfreut, ſo ſtolz, ſo gerührt, mich zu ſehen, und ſo entzückt, daß ich durch Zufall dieſen Tag noch verſchönerte! Ich freute mich, meine Nebengedanken vor Joſeph niemals ausgeſprochen zu haben. Wie oft hatte ich wäh⸗ rend der Krankheit daran gedacht. Wäre er eine Stunde länger bei mir geblieben, ſo hätte er es erfahren! „Liebe Biddy,“ ſagte ich,„Sie haben den beſten Mann in der Welt, und wenn Sie ihn an meinem Krankenbette geſehen hätten— nein, Sie könnten ihn doch nicht mehr lieben!“ „Nein, das könnte ich wirklich nicht!“ „Und, lieber Joſeph, Sie haben die beſte Frau auf der Welt und ſie wird Sie ſo glücklich machen, wie Sie es verdienen, lieber, guter, braver Joſeph!“ 191 Joſeph ſah mich mit zitternder Lippe an und zog ſich den Aermel über die Augen. „Und da Ihr heute in der Kirche geweſen ſein und alle Welt mit Liebe betrachten mögt, ſo nehmt meinen Dank für alle Eure Güte, die ich ſo ſchlecht vergolten habe. Wenn ich ſage, daß ich bald fortgehe und daß ich nicht ruhe, bis ich Euch Alles zurückgezahlt habe, womit Ihr mich vom Gefängniſſe befreit habt, ſo habe ich doch, und wenn ich es tauſendfach bezahlte, meine Schuld nicht getilgt!“ Beide waren ſehr gerührt und baten mich, nichts mehr zu ſagen. „Ich muß noch mehr ſagen. Lieber Joſeph, hoffentlich bekommen Sie Kinder, die Sie lieben, und da mag ein kleiner Burſche in dieſer Ecke ſitzen, der Sie an einen andern kleinen Burſchen erinnert, der nicht mehr da ſitzen wird. Dann ſagen Sie ihm nichts von meiner Undank⸗ barkeit, von meiner Ungerechtigkeit— ſagen Sie ihm, daß ich Euch Beide geliebt habe, weil Ihr ſo gut und ſo treu geweſen und daß er als Euer Kind beſſer werden würde, als ich es bin.“ „Ich ſage ihm dann gar nichts von dieſer Art,“ ant⸗ wortete Joſeph.„Auch Biddy nicht. Und Niemand nicht.“ 4 „Und nun ſagt mir, daß Ihr mir verziehen habt. Sagt es mir deutlich, damit ich den Klang dieſer Worte mitnehme.“ „O, liebevoller Pip!“ ſagte Joſeph.„Gott weiß, ich verzeihe Dir, wenn ich gar etwas zu verzeihen habe.“ 192 „Amen! Und Gott weiß, daß ich's thue,“ fügte Biddy hinzu. „Nun wollen wir mein altes Zimmerchen beſehen und da will ich einige Augenblicke ausruhen, und wenn wir etwas genoſſen haben, geht mit mir bis an den Wegweiſer und ſagt mir Lebewohl.“ Ich verkaufte Alles und verſtändigte mich leicht mit meinen Gläubigern, die mir jede beliebige Zeit gewährten, worauf ich zu Herbert reiſte. Nach einem Monate hatte ich England verlaſſen, nach zwei Monaten war ich Schrei⸗ ber bei Clarriker& Comp., nach vier Monaten übernahm ich meine erſte alleinige Verantwortlichkeit. Der Balken über dem Beſuchzimmer in Mill Pond Bank zitterte nicht mehr und Herbert war abgereiſt, um Clara zu heirathen, ſo daß ich, bis er ſie mitbrachte, alleiniger Geſchäftsführer der orientaliſchen Commandite war. Manches Jahr verging, ehe ich Compagnon wurde, allein ich lebte glücklich mit Herbert und ſeiner Frau, und lebte mäßig und bezahlte meine Schulden und ſtand in ſtetem Briefwechſel mit Biddy und mit Joſeph. Erſt als ich Dritter in der Firma wurde, verrieth mich Clarriker an Herbert; er erklärte, das Geheimniß habe lange genug auf ihm gelaſtet und er müſſe es ſagen. Er erzählte es und Herbert war gerührt und erſtaunt, und wir hatten uns noch mehr lieb. Wir waren niemals ein großes Ge⸗ ſchäftshaus, machten keine Haufen Geldes, wir waren nicht Geſchäftsleute erſten Ranges, hatten aber einen guten Namen und arbeiteten zu unſerem Profit und es ging uns —yjÿ 193 recht gut. Herbert's Fleiß und Geſchäftigkeit nützten uns ſo ſehr, daß ich mich über meine frühere Anſicht von ſeiner Unfähigkeit wunderte, bis mir endlich eines Tages einfiel, die Unfähigkeit werde nicht in ihm, ſondern in mir gelegen haben. Charles Dickens, Große Erwartungen. III. 13 Zwanzigſtes Kapitel. Neun Jahre lang hatte ich Biddy und Joſeph nicht von Angeſicht zu Angeſicht geſehen— als ich an einem Decemberabende, einige Stunden nach Dunkelwerden, meine Hand ſanft an die alte Thürklinke legte. Ich wurde nicht gehört und konnte ungeſehen hineinſchauen. Da ſaß Joſeph und rauchte ſeine Pfeife am Küchenfeuer wie früher, ſah auch geſund und ſtark aus, nur ein wenig grauer, und von Joſeph's Bein eingeſperrt auf meinem Stühlchen ſaß — mein Ebenbild! „Wir nannten ihn Pip um Ihretwillen, lieber, alter Burſche,“ ſagte Joſeph, und ich ſetzte mich neben das Kind, ohne deſſen Haar zu zerzauſen—„wir hofften, er würde Ihnen etwas gleichen und er thut es auch.“ Am andern Morgen führte ich ihn ſpazieren und wir verſtanden uns gleich ſehr gut. Ich führte ihn auf den Gottesacker, ſetzte ihn auf einen Grabſtein und er zeigte mir den Stein von Philipp Pirrip, vordem aus dieſem Kirchſpiel und auch Georgiana, Frau des Obigen. „Biddy,“ ſagte ich, als ſie ihr Mädchen auf dem Schooße wiegte,„eines Tages müſſen Sie mir Ihren Pip geben oder doch leihen.“ — — —,— 195 „Nein,“ ſagte Biddy,„Sie müſſen heirathen.“ „So ſprechen auch Herbert und Clara, allein es wird wohl nichts daraus. Ich bin ſo an ſie gewöhnt, daß es nicht wahrſcheinlich iſt. Ich bin ſchon ein alter Hageſtolz.“ Biddy ſah auf ihr Kind und gab mir dann ihre brave Hand. Dieſer Druck und die Berührung mit ihrem Trau⸗ ringe hatte eine beredte Bedeutung. „Lieber Pip, Sie ſind doch nicht um ihretwillen—“ „O nein, ich denke nicht—“ „Sagen Sie mirs, als alter Freund. Haben Sie ſie vergeſſen?“ „Liebe Biddy, ich habe nichts aus meinem Leben ver⸗ geſſen, das eine hervorragende Stelle eingenommen hat und überhaupt wenig von allen Ereigniſſen. Der arme Traum iſt vorüber— ganz vorüber!“ Doch wußte ich, daß ich insgeheim das alte Haus allein um ihrethalben beſuchen wolle. Gewiß, um Eſtella's willen. Ich hatte gehört, daß ſie ein ſehr unglückliches Leben führte, von ihrem Mann getrennt war, da dieſer ſie grau⸗ ſam behandelt und als Ausbund von Geiz, Stolz, Roh⸗ heit und Gemeinheit bekannt war. Er war vom Pferde geſtürzt und daran geſtorben. Dieſe Erlöſung war ihr vor zwei Jahren zu Theil gewordenz; ſie ſollte wieder ge⸗ heirathet haben. Da Joſeph früh zu Mittag aß, ſo hatte ich Zeit genug, ohne Uebereilung die alte Stelle zu beſuchen. Allein ich beſah ſo viele alte Gegenſtände, daß ich erſt nach Dunkel⸗ werden hinkam. Haus, Brauerei und Gebäude waren verſchwunden, es ſtand nur die Gartenmauer. Der freie 13* 196 Raum war umzäunt, alter Epheu hatte neue Wurzeln ge⸗ nommen und wuchs wieder grün zwiſchen Trümmern. Ein Thor im Zaun ſtand offen, ich trat ein. Ein kalter Nebel war aufgezogen und der Mond hatte ihn noch nicht zerſtreut. Die Sterne ſchienen durch und der Mond zog herauf und der Abend war nicht dunkel. Ich konnte jeden Theil des alten Hauſes auffinden und ſah dann den wüſten Garten entlang, als mir eine Geſtalt erſchien. Sie zeigte, daß ſie mich auch erblickt habe, kam mir entgegen, ſtand dann ſtill. Es war eine Frauengeſtalt. Sie wollte fortgehen, aber plötzlich ſtand ſie ſtill und er⸗ wartete mich. Sie ſtieß erſtaunt meinen Namen aus und ich rief: „Eſtella!“ „Ich bin ſehr verändert, mich wundert es, daß Sie mich wiedererkennen.“ 3 Allerdings war ihre friſche Schönheit verſchwunden, allein ihr unbeſchreiblicher Zauber war noch da. Dieſen Zauber hatte ich früher geſehen— das ſanfte Licht der einſt ſo ſtolzen Augen war mir neu, der ſanfte Druck der früher ſo unempfindlichen Hand war mir unbekannt ge⸗ blieben. Wir ſaßen auf einer Bank. Ich ſagte:„Iſt es nicht ſeltſam, Eſtella, daß ich Sie hier, wo wir uns zuerſt ge⸗ funden, nach ſo vielen Jahren wiederfinde? Kommen Sie oft hierher?“ „Ich bin ſeitdem niemals hier geweſen.“ „Auch ich nicht.“ Der Mond war aufgegangen und ich dachte an den * 7 ſtillen Blick auf die weiße Decke, der verſchwunden war. Ich dachte an den Druck ſeiner Hand, als er ſeine letzten Worte geſprochen hatte. Eſtella brach zuerſt das Stillſchweigen. „Ich habe oft gewünſcht hierher zu kommen, viele Verhältniſſe haben mich abgehalten. Armer, armer Platz!“ Der Silbernebel war von den erſten Strahlen des Mondlichts berührt, und dieſelben Strahlen berührten die Thränen, die aus ihren Augen fielen. Sie wußte nicht, daß ich ſie ſah und wollte ſich beherrſchen, ſo daß ſie ruhig ſagte: „Wunderten Sie ſich über dieſen Zuſtand?“ „Ja, Eſtella.“ „Der Boden gehört mir. Ich habe jedes andre Be⸗ ſitzthum verloren. Allmälig habe ich Alles eingebüßt, nur dies nicht. In allen traurigen Jahren habe ich nur dabei entſchiedenen Widerſtand geleiſtet.“ „Soll darauf gebaut werden?“ „Das ſoll es endlich. Ich wollte Abſchied nehmen, ehe der Platz ſich ändert. Und Sie leben noch immer im Aus⸗ lande?“ „Noch immer!“ „Es geht Ihnen gut?“ „Ich arbeite fleißig für ein ausreichendes Auskommen. Ja, es geht mir gut.“ „Ich habe oft an Sie gedacht,“ ſagte Eſtella. „Haben Sie das?“ „In der letzten Zeit ſehr oft. Es gab eine lange ſchwere Zeit, daß ich an nichts denken mochte, was ich weg⸗ geworfen hatte, da ich deſſen Werth nicht kannte. Da meine Pflicht die Zulaſſung ſolcher Erinnerungen nicht 198 mehr zurückwies, habe ich ihr einen Platz in meinem Her⸗ zen eingeräumt.“ „Sie haben Ihren Platz in meinem Herzen immer be⸗ halten,“ antwortete ich. Wir ſchwiegen, bis ſie wieder ſprach. „Ich dachte nicht, daß ich mit dem Abſchiede von die⸗ ſer Stelle auch von Ihnen Abſchied nehmen würde. Es freut mich, daß ich das kann.“ „Freuen Sie ſich über den Abſchied, Eſtella? für mich iſt Scheiden ſehr ſchmerzlich, für mich hat die Erinnerung an unſeren letzten Abſchied ſehr viel Schmerzliches und Trauriges gehabt.“ „Aber Sie ſagten doch zu mir: Gott ſegne Sie, Gott verzeihe Ihnen! Konnten Sie das damals zu mir ſagen, ſo ſagen Sie es doch gewiß jetzt— das Leid hat mir die beſten Lehren gegeben und ich verſtehe, was ihr Herz ge⸗ weſen iſt. Ich bin niedergedrückt und gebrochen— doch ſo bin ich gebeſſert. Seien Sie ſo gut gegen mich, als Sie geweſen und ſagen Sie mir, daß wir Freunde ſind.“ „Wir ſind Freunde,“ ſagte ich, ſtand auf und neigte mich über Sie. „Und wir werden fern von einander Freunde bleiben,“ fügte Eſtella hinzu. Ich faßte ſie an der Hand und wir verließen die Ruinen und wie der Morgennebel aufgeſtiegen war, als ich die Schmiede zuerſt verlaſſen, ſo ſtieg jetzt der Abendnebel empor und im breiten Umkreiſe des ruhigen Lichts, das mich umgab, ſah ich den Schatten keiner Trennung von ihr. Ende. ——— — Ls Leipzig Druck von Gieſecke& Devrient. —— *