—— 6ü---= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr oöffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſie wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ eträgt: für agchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Ff. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2*„ 3„„„„ e„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. N d beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ——* Leih- und Leſe ehedingungen. ———— ———— 2 ——— — 4——]—————— ““ 2 4.— —— Große Erwartungen. Zweiter Band. Große Erwartungen. Von Charles Dickens(Boz). Aus dem Engliſchen von Heinrich von Hammer. Zweiter Vand. Wien, H. Markgraf& Comp. 1862. Erſtes Kapitel. Man fuhr ungefähr fünf Stunden von unſerer Stadt bis zur Metropole. Es war etwas nach Mittag, als der mit vier Pferden beſpannte Poſtwagen, auf dem ich Pas⸗ ſagier war, in das Wirrwarr der Geſchäftsthätigkeit ge⸗ langte, welches bei Croß⸗Keys, woodſtreet, cheapſide, Lon⸗ don, ſich zuſammenknäuelt. Damals ſtand bei uns Engländern ganz feſt, es ſei ein Verrath am Vaterlande, wenn man bezweifelte alles am Beſten zu haben und die Erſten zu ſein, ſonſt würde ich, von dem Rieſenumfange Londons eingeſchüchtert, allen⸗ falls der Anſicht geweſen ſein, es ſei doch häßlich, krumm, eng und ſchmuzig. Herr Jaggers hatte mir ſeine Adreſſe zugeſchickt, ſie lautete: Little Britain und er hatte auf ſeiner Karte dazu ge⸗ ſchrieben:„eben vor Smithfield und dicht neben dem Poſt⸗ amte.“ Allein ein Miethkutſcher, der ſo viele Kragen an ſeinem ſchmuzigen Mantel zu haben ſchien, als er Jahre alt war, packte mich in ſeinen Wagen und ſcharrte mich mit einem Zuſammenlegen und Lärmen von Tritten ſo ſehr ein, als ob er zwanzig Stunden weit fahren wolle. Es Charles Dickens, Große Erwartungen. II. 1 2 koſtete geraume Zeit, ehe er auf den Sitz kam, der, wie ich mich erinnere, mit einem regenbeſchmuzten Dache von grünem Tuche überzogen und von den Motten zu Fetzen zerfreſſen war. Es war eine wundervolle Equipage mit ſechs großen Kronen an der Außenſeite und allerlei Bän⸗ dern hinten, als ob, ich weiß nicht wie viele Bediente daran feſthalten ſollten, und darunter ein Schlußgitter, um Lieb⸗ haber zu Fuße von jeglicher Verſuchung zurückzuhalten. Ich hatte kaum Zeit, den Wagen zu genießen und darüber nachzudenken, was für ein Strohbehälter er war, und wie ſehr er auch einer Trödelbude glich, und wie ſeltſam, daß die Futterbeutel in demſelben verwahrt wurden, als ich bemerkte, daß der Kutſcher ſchon wieder herunter ſtieg, als ob wir gleich halten würden. Und wir hielten wirklich in einer dunklen Straße bei mehreren Bureaus mit einer offenen Thür, an welcher„Herr Jaggers“ ſtand. „Wie viel?“ frug ich den Kutſcher. Der Kutſcher antwortete:„Ein Schilling— falls Sie nicht mehr geben wollen.“ Ich ſagte natürlich, ich wolle nicht mehr geben. „Dann muß es ein Schilling ſein,“ bemerkte der Kut⸗ ſcher.„Ich will mich nicht in die Klemme bringen. Ich kenne ihn.“ Er ſchloß ein Auge bei dem Namen Jaggers und ſchüttelte den Kopf. Als er den Schilling erhalten und allmälig ſeinen Sitz beſtiegen hatte und abgefahren war(was ihm ſehr zu gefallen ſchien), trat ich in das vordere Bureau mit meinem kleinen Reiſeſack und fragte, ob Herr Jaggers zu Hauſe ſei. „Er iſt es nicht,“ antwortete der Schreiber.„Er iſt jetzt beim Gericht. Spreche ich mit Herrn Pip?“ 4 V Ich erwiderte, er ſpreche mit Herrn Pip. „Herr Jaggers hat hinterlaſſen, Sie möchten in ſeinem Zimmer warten. Er hat einen Proceß und konnte nicht ſagen, wie lange er ausbleiben würde. Doch bleibt er ge⸗ wiß nicht länger aus, als er durchaus muß, da ſeine Zeit ſehr koſtbar iſt.“ Mit dieſen Worten öffnete der Schreiber eine Thür und führte mich in ein anderes Zimmer nach hinten. Hier fanden wir einen einäugigen Herrn in Sammetrock und Beinkleidern, der ſich die Naſe mit dem Aermel wiſchte, da er in der Lectüre einer Zeitung unterbrochen wurde. „Gehe fort und warte draußen, Mike,“ ſagte der Schreiber. Ich ſprach die Hoffnung aus, daß ich nicht ſtören möchte, als der Schreiber den Herrn mit der allergering⸗ ſten Rückſicht hinaus ſtieß und ihm die Pelzmütze nach⸗ warf. Ich blieb allein. Herrn Jaggers Zimmer war durch ein Licht von oben erhellt und es war ein ſehr düſtrer Raum: das Fenſter war excentriſch ausgebeſſert, wie ein zerſchlagener Kopf, und die krummliegenden anſtoßenden Häuſer ſahen aus, als ob ſie ſich ſo gedreht hätten, um durch daſſelbe mich anzu⸗ ſehen. Es lagen da nicht ſo viele Schriftſtücke, als ich er⸗ wartet hatte; dagegen befanden ſich da manche ſeltſame Gegenſtände, die ich nicht erwartet hätte— ein altes, ver⸗ roſtetes Piſtol, ein Degen und eine Scheide, mehrere eigen⸗ thümlich ausſehende Kiſten und Packereien, und zwei ſchreck⸗ liche Abgüſſe von beſonders geſchwollenen und krumm⸗ naſigen Köpfen auf der Kommode. Herrn Jaggers eigener Stuhl mit hoher Lehne war von ſchwarzen Pferdehaaren, * 4 mit Reihen von kupfernen Nägeln ringsum wie an einem Sarge; es war, als ſähe ich ihn darin rückwärts gelehnt, wie er ſeinen Clienten gegenüber am Finger kaute. Das Zimmer war nur klein, die Clienten ſchienen gerade an der Wand ſtehen zu müſſen, denn die Wand war namentlich gegenüber ſeinem Stuhle ſchmuzig von Schultern. Auch der einäugige Herr hatte an der Wand geſtanden, als ich die unſchuldige Urſache ſeiner Vertreibung war. Ich ſetzte mich in den Clientenſtuhl, welcher Herrn Jaggers gegenüber geſtellt worden war und die dumpfe Atmoſphäre des Raumes bedrückte mich. Es fiel mir ein, der Schreiber habe dieſelbe Miene, etwas zu Jedermanns Nachtheil zu wiſſen, welche ſein Herr beſaß. Ich dachte darüber nach, wie viele Unterſchreiber es noch oben gab und ob ſie jene nachtheilige Herrſchaft über ihre Mitge⸗ ſchöpfe beſäßen. Ich beſchäftigte mich mit der Geſchichte der alten Geräthſchaften im Zimmer und wie ſie dahin gekommen ſein mochten. Ich dachte nach, ob die beiden geſchwollenen Geſichter zur Familie des Herrn Jaggers gehörten und ob er ſo unglücklich wäre, zwei ſo häßliche Verwandte zu haben. Weshalb er ſie auf den ſtaubigen Schrank geſtellt, wo Fliegen darauf niederſiedelten, anftatt ihnen einen Ehrenplatz im Hauſe zu geben. Von einem Sommertage in London hatte ich keinen Begriff; die heiße, erſchöpfte Luft, der Staub und Sand, der auf allen Ge⸗ genſtäuden lag, hatten mich wohl niedergedrückt. Doch dachte ich und wartete in Herrn Jaggers dichtem Zimmer, bis ich die beiden Abgüſſe auf Herrn Jaggers Schrank nicht mehr ertragen konnte; ich ſtand auf und ging hinaus. Als ich dem Schreiber ſagte, ich wolle ein wenig ſpazieren, rieth er mir um die Ecke nach Smithfield zu gehen. So kam ich denn nach Smithfield und der widrige Platz, voll Schmuz, Fett und Blut und Schaum ſchien mir anzukleben. Ich rieb ihn mit aller Haſt ab und kehrte in eine Straße, wo ich die große ſchwarze Paulskirche hin⸗ ter einem düſtern Steingebäude, welches mir als das New⸗ gate⸗Gefängniß angegeben wurde, über mir hervorragen ſah. Ich ging an der Mauer des Gefängniſſes entlang und fand den Weg mit Stroh bedeckt, damit das Geräuſch vorüberfahrender Wagen verhalle; daraus und aus der Menge dort ſtehenden Volks, welches ſtark nach Brannt⸗ wein und Bier roch, ſchloß ich, daß das Gericht Sitzung hatte. Als ich mich umſah, fragte mich ein äußerſt ſchmuziger und halb betrunkener Gerichtsdiener, ob ich hineingehen und einige Proceſſe mit anhören wolle, für einen halben Kro⸗ nenthaler könne er mir einen Vorderplatz verſchaffen, wo ich den Lord⸗Oberrichter in Perrücke und Robe vollſtändig ſehen könne. Als ob dieſe hohe Perſon eine Wachsfigur wäre, die er übrigens gleich zu herabgeſetztem Preiſe dar⸗ bot. Ich dankte für dieſes Anerbieten, da ich anderweitig beſchäftigt wäre; doch führte er mich in einen Hof und zeigte mir, wo der Galgen ſei, wo Leute öffentlich gezüchtigt würden, und das Schuldnerthor, aus welchem Verbrecher herauskämen, um aufgehänkt zu werden, wobei er das Intereſſe an dieſem ſchrecklichen Portal durch die Mit⸗ theilung erhöhte, daß vier Mann übermorgen um acht Uhr morgens durch dieſes Thor kommen würden, um in einer Reihe umgebracht zu werden. Das war furchtbar und gab mir einen unangenehmen Eindruck von London, um ſo 6 mehr, als der Inhaber des Lord⸗Oberrichters vom Hut bis zu den Stiefeln und von da aufwärts bis zum Schnupf⸗ tuch Kleider trug, die ihm offenbar urſprünglich nicht ge⸗ hört hatten und die er ſich, wie mir einfiel, zu billigem Preiſe vom Henker gekauft haben mochte. Unter ſolchen Umſtänden freute ich mich, ihn mit einem Schilling los⸗ geworden zu ſein. Ich trat ins Bureau, um zu hören, ob Herr Jaggers ſchon nach Hauſe gekommen ſei; er war es noch nicht und ich ging wieder fort. Diesmal ging ich nach Little Britain und kam von da nach Bartholomew Cloſe und da fand ich, daß noch andere Leute, als ich, auf Herrn Jaggers warteten. Zwei Männer von geheimnißvoller Miene gingen in Bartholomew Cloſe auf und ab, paßten ihre Füße gedankenvoll in die Spalten des Pflaſters, indeß ſie ſich zuſammen unterhielten, und einer ſagte zum andern, als ſie an mir vorüber kamen:„Jaggers könnte es thun, wenn es nur möglich iſt.“ Drei andere Männer und zwei Frauen ſtanden in einer Ecke, eine der Frauen weinte über ihrem ſchmuzigen Shawl, eine andere tröſtete ſie und ſagte, indeß ſie ihr den Shawl über die Schultern zog:„Jaggers iſt für ihn, Malia, und was kannſt Du mehr verlangen?“ Da war ein rothäugiger kleiner Jude, der, während ich dort wartete, mit einem zweiten kleinen Juden kam, den er mit einem Auftrag fortſchickte und während dieſer ab⸗ weſend war, tanzte dieſer Jude, der von ſehr aufgeregtem Temperament war, einen Angſttanz unter einem Laternen⸗ pfahl und brach darauf wie wahnſinnig in die Worte aus: „O Jaggers, Jaggers, Jaggers, alles Andre is Cag⸗Mag⸗ gers, gebt mir den Jaggers!“ Dieſe Beweiſe von der 7 Popularität meines Vormunds machten einen tiefen Ein⸗ druck auf mich und ich bewunderte und wunderte mich mehr als je. Als ich durch das eiſerne Gitter von Bartholomew Cloſe nach Little Britain blickte, ſah ich, wie Herr Jaggers über den Weg auf mich zukam. Alle, welche warteten, ſahen ihn zu gleicher Zeit und ſtürzten auf ihn los. Herr Jaggers legte mir eine Hand auf die Schulter und ging mit mir entlangs, ohne daß er ein Wort mit mir geſprochen hätte. Zuerſt redete er die beiden geheimnißvollen Leute an. „Ich habe Euchnichts mehr zu ſagen,“ ſagte Herr Jaggers, und ſtach mit ſeinem Finger auf ſie.„Ich will nicht mehr wiſſen, als ich weiß. Der Ausgang iſt geradezu Zufall. Ich ſagt' es Euch gleich, es iſt purer Zufall. Habt Ihr Wemmick bezahlt?“ „Wir haben heute das Geld zuſammengebracht,“ ſagte der eine unterthänig, indeß der andere auf Herrn Jaggers Geſicht zu leſen ſchien. „Ich frage nicht wann Ihrs zuſammengebracht habt oder wo oder ob Ihrs habt. Ich frage nur, ob Herr Wemmick es hat?“ „Ja, mein Herr!“ ſagten beide zuſammen. „Gut, dann mögt Ihr gehen. Ich will nichts hören,“ ſagte Herr Jaggers, indem er ihnen mit der Hand zuwinkte, damit ſie hinter ihm blieben.„Wenn Ihr mir ein Wort ſagt, ſo geb' ich die Sache auf.“ „Wir dachten, Herr Jaggers... fing einer an und nahm den Hut ab. „Das aber ſolltet Ihr nicht thun,“ ſagte Herr Jaggers. „Ihr dachtet! Ich denke für Euch, das iſt genug für Euch. 5 Hab' ich Euch nöthig, ſo weiß ich Euch zu finden. Ich will's nicht haben. Ich will kein Wort hören.“ Die beiden Leute ſahen einander an, als Herr Jaggers ſie abermals nach hinten winkte, traten demüthig zurück und wurden nicht mehr vernommen. „Und nun Ihr?“ ſagte Herr Jaggers, ſtand plötzlich ſtill und ſprach die beiden Frauen mit den Schawls an, da die drei Männer ſich ſchüchtern von denſelben entfernt hatten.„Ah, Amalia?“ „Ja, Herr Jaggers.“ „Wißt Ihr, daß Ihr ohne mich nicht hier ſein würdet, und nicht ſein könntet?“ „O ja, mein Herr!“ riefen beide Frauen gleichzeitig aus.„Gott ſegne Sie, mein Herr, wir wiſſen das wohl.“ „Weshalb kommt Ihr denn hierher?“ ſagte Herr Jaggers. „Mein Wilhelm, Herr!“ bat die weinende Frau. „Ich will Euch was ſagen!“ ſagte Herr Jaggers.„Ein für alle Mal. Wenn Ihr nicht wißt, daß Euer Wilhelm in guten Händen iſt, ſo weiß ich es. Und weil Ihr her⸗ kommt und quält mich wegen Eures Wilhelms, ſo will ich ein Exempel an Wilhelm und an Euch ſtatuiren und ihn durch die Finger gehen laſſen. Habt Ihr an Wemmick gezahlt?“ „O ja, Herr, jeden Pfennig!“ „Gut. So habt Ihr Eure Pflicht gethan. Sagt noch ein— ein einziges Wort— und Wemmick gibt Euch das Geld zurück.“ Dieſe ſchreckliche Drohung trieb die beiden Frauen un⸗ verzüglich fort. Nun war nur noch der aufgeregte Jude — 9 da, der ſchon mehrere Male die Schöße von Jaggers Kleid an ſeine Lippen preßte. „Ich kenne dieſen Menſchen nicht,“ ſagte Herr Jag⸗ gers in demſelben vernichtenden Tone.„Was will dieſer Kerl?“ „Mein lieber Herr Jaggers. Ich bin der eigne Bru⸗ der von Abraham Lazarus!“ „Wer iſt das?“ ſagte Herr Jaggers.„Laßt meinen Rock los!“ Der Bittſteller küßte noch einmal den Rockſchoß, ehe er ihn losließ und ſagte:„Abraham Lazarus.“ „Ihr kommt zu ſpät, ich bin für die andere Partei,“ ſagte Herr Jaggers. „Heiliger Vater, Herr Jaggers,“ ſchrie mein aufgereg⸗ ter Bekannte und wurde weiß;„ſagen Sie nicht, daß Sie gegen Abraham Lazarus ſind!“ „Ich bin es und die Sache hat ein Ende,“ ſagte Herr Jaggers.„Geht mir aus dem Wege!“ „Herr Jaggers! Ein halber Augenblick! Mein eigner Couſin iſt gegangen zu Herrn Wemmick in dieſer gegen⸗ wärtigen Minute und will ihm bieten jede Forderung. Herr Jaggers. Ein Viertel von einem Augenblick! Wenn Sie die Herablaſſung haben abgekauft zu ſein von der an⸗ dern Seite— zu jedem höheren Preis— Geld kein Ge⸗ genſtand, Herr Jaggers, Herr—!“ Mein Vormund ſtieß den Bittſteller mit größter Gleich⸗ gültigkeit zurück und ließ ihn auf dem Pflaſter tanzen, als wär es glühend heiß. Ohne weitere Unterbrechung kamen wir zum andern Bureau, wo wir den Schreiber und den Mann in Sammet mit der Pelzmütze fanden. 10 „Hier iſt Mike,“ ſagte der Schreiber, ſtand vom Stuhle auf und näherte ſich Herrn Jaggers vertraulich. „O!“ ſagte Herr Jaggers, und wandte ſich zu dem Manne, der ſich an einem Haarbüſchel in der Mitte der Stirn zupfte.„Heute Nachmittag kommt Euer Mann vor. Nun?“ „Nun, Herr Jaggers,“ antwortete Mike und ſprach wie ein Mann, der beſtändig an Rheumatismus leidet;„nach vieler Mühe habe ich Jemand gefunden, der wohl paſſen möchte.“ „Was iſt er zu beſchwören bereit?“ „Ja, Herr Jaggers,“ ſagte Mike und wiſchte ſich die Naſe an der Pelzmütze,„im Allgemeinen alles.“ Herr Jaggers wurde plötzlich ſehr erzürnt.„Ich habe Euch ſchon früher gewarnt,“ ſagte er, und ſtieß mit ſeinem Finger auf den erſchrockenen Clienten—„daß ſo ihr jemals wagtet, hier ſo zu ſprechen, ich ein Exempel an Euch ſtatuiren würde. Hölliſcher Schurke! Wie wagt Ihr mir ſo etwas zu ſagen?“ Der Client ſah eingeſchüchtert und verlegen aus, als ob er nicht wiſſe, worin ſein Unrecht beſtanden habe. „ Tölpel!“ ſagte der Schreiber mit leiſer Stimme und gab ihm einen Stoß mit dem Ellenbogen.„Schaf! ſagt man einem ſo etwas ins Geſicht?“ „Nun frage ich, dummer Kerl,“ ſagte mein Vormund ſehr ernſt,„noch einmal und zum letzten Male, was will der Mann ſchwören, den Ihr hergebracht habt?“ Mike ſah meinen Vormund an, als ob er aus deſſen Geſichte eine Belehrung ziehen wolle und antwortete lang⸗ ſam:„Entweder über den Charakter, oder doch in deſſen i V 11 Geſellſchaft geweſen zu ſein und ihn die ganze fragliche Nacht nicht verlaſſen zu haben.“ „Seid vorſichtig. In welcher Lebensſtellung befindet ſich der Mann?“ Mike ſah ſeine Mütze an, ſah auf den Boden, und ſah an die Decke, und ſah auf den Schreiber, und ſah ſogar auf mich, ehe er in nervöſem Tone antwortete:„Wir haben ihn ausſtaffirt als—“ aber mein Vormund unter⸗ brach ihn: „Was? Ihr wollt? Wollt Ihr?“ („Dummkopf,“ ſetzte der Schreiber wieder hinzu, mit einem abermaligen Stoß.) Nachdem Mike ſich abermals hülflos hin⸗ und herge⸗ wendet, wurde er zuverſichtlicher und fing an: „Er iſt wie ein achtbarer Paſtetenmann gekleidet. Eine Art von Paſtetenkoch. „Iſt er hier?“ frug mein Vormund. „Ich ließ ihn,“ ſagte Mike,„um die Ecke auf einer Haustreppe ſitzen.“ „Führe ihn am Fenſter vorbei und laß mich ihn ſehen.“ Er wies auf das Bureaufenſter. Wir traten alle drei hinter der Drahtblende an daſſelbe und ſahen den Clienten gleichſam durch Zufall vorbeigehen, mit einer mörderiſch ausſehenden langen Perſon, in einem kurzen Rocke von weißer Leinwand und mit einer Papiermütze; dieſer un⸗ ſchuldige Koch war keineswegs nüchtern und hatte ein übermaltes ſchwarzes Auge im grünen Zuſtande der Beſſerung. „Sagen Sie ihm, er möge den Jungen unverzüglich ab⸗ 12 führen“(ſagte mein Vormund von Eckel ergriffen zum Schreiber) und fragen Sie ihn, was er ſich denke, eine ſolche Perſon hierher zu bringen.“ Dann nahm mich mein Vormund in ſein Zimmer, frühſtückte im Stehen(aus einem Brotkorbe und einer Taſchenweinflaſche), wobei er ſelbſt ſein Butterbrot an⸗ zufahren ſchien und erzählte mir ſeine Anordnungen für mich. Ich ſollte nach Barnard's Hotel ziehen, in die Zim⸗ mer des jungen Herrn Pocket, wo ein Bett für mich beſorgt war, bis Montag ſollte ich bei dem jungen Herrn Pocket bleiben und am Montage ſollte ich mit ihm ſeines Vaters Haus beſuchen, ob es mir dort gefiele. Er gab mir an, wie viel Geld ich erhalten ſolle— es war eine anſtändige Summe— und aus den Schubfächern meines Vormunds erhielt ich die Adreſſen gewiſſer Handwerker, bei denen ich Kleidungsſtücke und was mir ſonſt vernünftiger Weiſe noth thue, kaufen könne.„Ihr Credit iſt gut,“ ſagte mein Vor⸗ mund, deſſen Weinflaſche wie ein Fäßchen roch, indeß er ſich ſchnell erfriſchte,„doch bin ich ſo im Stande, ihre Rechnun⸗ gen zu überwachen und eine Schranke zu ſetzen, wenn Sie zu weit gehen wollen. Irgendwie werden Sie ſich verrech⸗ nen, allein das iſt nicht meine Schuld.“ Nachdem ich dieſe ermuthigende Aeußerung etwas über⸗ legt hatte, frug ich Herrn Jaggers, ob ich mir einen Wagen ſolle kommen laſſen, allein er antwortete, es ſei nicht der Mühe werth, da meine Wohnung ſo nahe liege; Herr Wemmick würde mich auf meinen Wunſch hinführen. Wemmick war der Schreiber im nächſten Zimmer. Ein anderer Schreiber wurde herbeigerufen, ihn einſtweilen zu erſetzen, ich nahm von meinem Vormunde Abſchied und n ging mit dem Schreiber fort. Draußen warteten wieder viele Leute, doch Wemmick ſchob ſie fort und ſagte entſchie⸗ den:„Es hilft Euch nichts; er will kein Wort mit Euch ſprechen,“ ſo daß wir ſie los wurden und ungeſtört zuſam⸗ men gehen konnten. Zweites Kapitel. Als ich Herrn Wemmick anſah, um mir klar zu machen, wie er bei hellem Tageslicht ausſehe, fand ich einen trock⸗ nen Mann, eher kurz der Statur nach, in ihm, mit einem viereckigen, hölzernen Geſichte, deſſen Ausdruck mit einem ſtumpfen Meißel unvollkommen ausgehauen zu ſein ſchien. Es waren einige Zeichen in demſelben, welche Grübchen hätten ſein können, wenn das Material ſanfter und das Inſtrument feiner geweſen wäre, doch ſo, wie ſie waren, waren es nur Flecke. Der Meißel hatte über der Naſe drei oder vier Verſuche zu ſolcher Verſchönerung gemacht, hatte ſie aber aufgegeben, ohne daß er ſie ausgeglättet hätte. Ich hielt ihn wegen der unordentlichen Wäſche für einen Junggeſellen und er ſchien viele Verluſte gehabt zu haben, denn er trug wenigſtens vier Trauerringe, außer einer Broche, welche eine Dame und eine Weide an einem Grabe, mit einer Urne darüber, vorſtellte. Auch bemerkte ich, daß an ſeiner Uhrkette mehrere Ringe und Siegel hingen, als ob er mit Angedenken ſeiner abgeſchiedenen Freunde über⸗ laden wäre. Er hatte ſcharfe, glänzendſchwarze, kleine Augen, und dünne weiße Lippen. Ich ſchätzte ihn auf etwa vierzig bis funfzig Jahre. „Sie ſind alſo niemals früher in London geweſen?“ frug mich Herr Wemmick. „Nein,“ ſagte ich. „Ich bin auch einmal in dieſer Lage geweſen; curios, wenn ich jetzt daran denke.“ „Sie kennen es jetzt genau?““ „Ja, das Treiben in der Stadt iſt mir wohlbekannt,“ ſagte Herr Wemmick. „Es iſt eine böſe Stadt?“ frug ich, mehr um etwas zu ſagen, als um etwas zu erfahren. „Sie können in London betrogen, beſtohlen und er⸗ mordet werden. Es gibt überall Leute genug, die das für Sie thun mögen.“ „Wenn es zum Streit kommen ſollte,“ ſagte ich, um es etwas zu mildern. „O, ich weiß nichts von Streit;“ antwortete Herr Wemmick.„Es iſt nicht viel Streit zu finden, man thut es, um etwas dabei zu gewinnen.“ „Deſto ſchlimmer.“ „Meinen Sie?“ antwortete Herr Wemmick.„Es ſcheint mir immer gleich ſehr ſchlecht zu ſein.“ Er trug den Hut auf dem Rücken des Kopfes und ſah immer gerade aus, dabei ſchien er ſich zu beherrſchen, als ob auf der Straße nichts zu ſehen wäre, das ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit beanſpruche. Sein Mund war wie ein Poſtbureau, ſo daß es den Anſchein hatte, als ob er immerfort lächle. Erſt auf Holborn Hill merkte ich, daß es nur ſo ausſehe, daß er aber in der That gar nicht lächle. „Wiſſen Sie, wo Herr Matthew Pocket wohnt?“ frug ich Herrn Wemmick. 16 „Ja,“ ſagte er, und zeigte nach der Richtung.„In Hammerſmith, weſtlich von London.“ „Iſt das weit?“ „Nun, etwa vier Stunden.“ „Kennen Sie ihn?“ „Sie ſuchen mich zu examiniren,“ ſagte Herr Wem⸗ mick und ſah mich mit Zufriedenheit an.„Ja, ich kenne ihn. Ich kenne ihn!“ Er ſprach dieſe Worte mit einer Art von Duldung oder Herabſetzung, die mich niederdrückte, und ich ſah immer ſeitwärts auf ſein hölzernes Geſicht, um eine auf⸗ munternde Note zum Text zu finden; er aber bemerkte, wir wären in Barnard's Inn. Dieſe Ankündigung konnte meine Niedergeſchlagenheit nicht vermindern, denn ich hatte gedacht, es ſei das ein von Herrn Barnard innegehabtes Hotel, gegen welches der Blaue Bär in unſerer Stadt eine bloſe Kneipe wäre. Dagegen fand ich, daß Barnard ein körperloſer Geiſt oder eine Fiction und das Wirths⸗ haus nichts als eine ſchmuzige Sammlung von ſchäbigen Häuſern war, wie ſie nur jemals in einer ekligen Ecke als Katzenlogis zuſammengepfercht ſein mochten. In dieſen Hafen gelangten wir durch ein Gitterthor und ein Eingang ſpie uns in einen kleinen melancholiſchen Hofplatz, der mir gerade wie ein Begräbnißplatz vorkam. Die abſcheulichſten Bäume ſchienen darauf zu ſtehen, und dazu die abſcheulichſten Sperlinge und die abſcheulichſten Katzen und die abſcheulichſten Häuſer(etwa ein halbes Dutzend oder mehr), die ich jemals geſehen hatte. Die Fenſter der Stockwerke, in welche die Häuſer getheilt waren, ſchienen in jenem Zuſtande von beſchädigten Blen⸗ — —— ————, 14. den und Vorhängen, zerſchlagenen Fenſtertöpfen, zerbroche⸗ nem Glas, ſtaubigem Verfall und elender Ausbeſſerung. Zu vermiethen! Zu vermiethen! Zu vermiethen! ſtarrte mir aus leeren Zimmern entgegen, als ob niemals neue Unglücksmenſchen hierher kämen und die Rache von Bar⸗ nard's Seele allmälig durch den Selbſtmord der gegen⸗ wärtigen Bewohner und ihre ungeweihte Verſcharrung unter den Steinen verſöhnt werde. Eine ſchmuzige Trauerkleidung von Ruß und Rauch umhüllte die elende Schöpfung Barnard's; ſie hatte ſich Aſche auf das Haupt geſtreut und büßte und demüthigte ſich als Staubloch. So viel ſah ich; trockene Fäulniß und naſſe Fäulniß und alle die ſtille Fäulniß, welche auf vernachläſſigten Dächern und Kellern fault, Fäulniß von Ratten und Mäuſen und Wanzen und Stallungen in der Nähe— drang in meine Geruchsorgane und ſeufzten: „Verſuche Barnard's Mixtur!“ Dieſe erſte Realiſation meiner großen Erwartungen war ſo unvollkommen, daß ich erſchrocken auf Herrn Wemmick hinblickte.„Aha.“ ſagte er und mißverſtand mich;„die Ein⸗ ſamkeit erinnert Sie ans Land. So geht es auch mir.“ Er führte mich in eine Ecke, einige Stufen hinauf, die mir allmälig in Sägeſtaub zu verfallen ſchienen, ſo daß dieſer Tage die oberen Bewohner hinausſehen und ſich der Mittel des Heruntergehens beraubt finden würden— bis wir zu einer Reihe von Zimmern im oberſten Stock ge⸗ langten.„Herr Pocket jun.“ war an der Thür zu leſen und auf dem Briefkaſten ein Zettel:„Kommt bald zurück.“ „Er dachte nicht, daß Sie ſo bald kommen würden,“ ſagte Herr Wemmick.„Haben Sie mich noch nöthig?“ Charles Dickens, Greße Erwartungen. II 2 —— —— „Nein, ich danke Ihnen,“ ſagte ich. „Da ich die Kaſſe verwalte,“ bemerkte Herr Wemmick, „ſo werden wir uns wohl öfter ſehen. Guten Morgen.“ „Guten Morgen.“ Ich ſtreckte die Hand aus und Herr Wemmick meinte offenbar zuerſt, ich wolle etwas haben. Dann ſah er mich an und ſagte, gleichſam um die Sache gut zu machen: „Gewiß! Ja. Sie ſind gewohnt, die Hand zu geben?“ Ich war verlegen, da es mir einfiel, es möge in London nicht Mode ſein, ſagte aber ja. „Ich bin das ſo wenig gewohnt,“ ſagte Herr Wemmick, „nur in letzter Zeit— es freut mich, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Guten Morgen!“ Nachdem wir die Hände geſchüttelt und er davon⸗ gegangen war, öffnete ich das Treppenfenſter und hätte mir faſt den Kopf abgeſchlagen, denn die Rahmen waren abgefault und es ſtürzte nieder wie eine Guillotine. Glück⸗ licherweiſe geſchah es ſo raſch, daß ich meinen Kopf noch nicht hinausgeſteckt hatte. Nach dieſer Rettung begnügte ich mich mit einer nebeligen Anſicht des Gebäudes durch die Schmuzkruſte des Fenſters und ſah traurig durch, mit dem Gefühle, daß man London in der That überſchätze. Herr Pocket junior hatte andere Anſichten von bald als ich, denn ich quälte mich ab, eine halbe Stunde hinaus⸗ zuſehen und hatte mehrmals meinen Namen mit dem Finger auf den Schmuz einer jeden Fenſterſcheibe geſchrieben, ehe ich Tritte auf der Treppe hörte. Allmälig zeigten ſich Hut, Kopf, Halstuch, Weſte, Beinkleider, Stiefel eines Mitgliedes der Geſellſchaft von meiner Stellung. Es hatte 19 ein Portefeuille unter jedem Arm, ein Körbchen mit Erd⸗ beeren in der Hand und war athemlos. „Herr Pip?“ ſagte er. „Herr Pocket?“ rief ich aus. „Ach du lieber Himmel!“ ſagte er.„Es thut mir ſehr leid; ich wußte, daß Mittags ein Wagen aus Ihrer Gegend einträfe und dachte, Sie würden mit dieſem kom⸗ men. Es iſt aber wahr, daß ich Ihrethalben ausgeweſen bin— obſchon das keine Entſchuldigung iſt— ich dachte mir, Sie kaämen vom Lande und liebten deshalb Früchte nach Tiſche: ſo ging ich denn auf den Coventgarden⸗Markt, um ſie gut zu haben.“ Aus einem beſonderen Grunde war mir's, als ob mir die Augen aus dem Kopfe herausſprängen. Ich dankte in unzuſammenhängenden Worten für ſeine Aufmerkſamkeit und fing an, dies für einen Traum zu halten. „Ach ja,“ rief Herr Pocket junior aus.„Dieſe Thür klammt ſich ſo!“ Da er die Früchte faſt zerquetſchte, um ſich mit der Thür abzufinden, und dabei die Portefeuilles unter dem Arme hatte, ſo bat ich ihn, er möge mir letztere überlaſſen. Das that er mit einem angenehmen Lächeln und kämpfte dann mit der Thür, als ob ſie ein wildes Thier wäre. Endlich gab ſie ſo plötzlich nach, daß er auf mich zurückfiel und ich fiel auf die Thür gegenüber und wir lachten Beide. Doch war mir noch immer ſo, als müßten mir die Augen aus dem Kopfe ſpringen und das Alles ſei nur ein Traum. „Treten Sie näher,“ ſagte Herr Pocket junior.„Darf ich Ihnen den Weg zeigen? Es iſt hier etwas kahl, doch werden Sie es wohl bis zum Montag aushalten können. 2* 20 Mein Vater meinte, Sie würden den morgenden Tag beſſer mit mir als mit ihm zubringen können und hätten einen Spaziergang in London gern. Es freut mich ſehr, Ihnen London zeigen zu können. Den Tiſch werden Sie hoffent⸗ lich nicht ſchlecht finden: wir erhalten ihn vom Kaffeehauſe hier und zwar auf Ihre Koſten nach Herrn Jaggers' Vor⸗ ſchrift, wie ich bemerken muß. Ihre Wohnung iſt durchaus keine glänzende, weil ich mir mein Brot ſelbſt verdienen muß und mein Vater kann mir nichts geben, und wenn er's hätte, möchte ich nichts nehmen. Das iſt unſer Wohn⸗ zimmer— ſo viele Stühle und Tiſche und Teppiche und ſo weiter, als ſie zu Hauſe entbehren könnten. Das Tiſch⸗ zeug, die Gabeln und die Platmenage ſind nicht mein, ſie kommen aus dem Kaffeehauſe für Sie. Hier iſt Ihr Schlafzimmer; die Einrichtung iſt für Sie gemiethet; es wird wohl ausreichen; wenn Ihnen etwas fehlt, ſo will ich gehen und es holen. Da iſt mein Schlafzimmer, etwas dumpfig, allein Barnard's Haus iſt dumpfig. Die Zimmer ſind entlegen, wir ſind zuſammen allein, doch werden wir— nicht mit einander fechten. Doch ich bitte um Verzeihung, Sie halten immerfort die Früchte. Auch die Papiere muß ich Ihnen abnehmen. Ich ſchäme mich.“ Ich ſtand Herrn Pocket junior gegenüber, gab ihm die Papiere— eins— zwei— auf einmal ſah ich, daß auch ſeine Augen herauszuſpringen drohten. Er fiel zurück und ſagte: „Um des Himmels willen, Sie ſind der wilde Junge!“ „Und Sie,“ ſagte ich,„ſind der blaſſe junge Herr!“ Drittes Kapitel. Der blaſſe junge Herr und ich betrachteten einander in Barnard's Inn, bis wir Beide in Gelächter ausbrachen. „Daß Sie das ſind!“ rief er aus.„Daß Sie das ſind!“ rief ich aus. Und dann betrachteten wir uns wieder und lachten nochmals. „Nun,“ ſagte der blaſſe junge Herr und bot mir gut⸗ gelaunt die Hand,„hoffentlich iſt das Alles nun vorüber und Sie werden ſo großmüthig ſein, mir zu verzeihen, daß ich Sie ſo zuſammengeſtoßen habe.“ Ich ſchloß aus dieſer Rede, daß Herr Herbert Pocket (denn Herbert hieß der blaſſe junge Herr) ſeine Abſichten und ſeine Ausführung verwechſelte. Ich gab eine beſchei⸗ dene Antwort und wir ſchüttelten uns warm die Hände. „Damals hatten Sie noch nicht Ihr Vermögen?“ ſagte Herbert Pocket. „Nein,“ ſagte ich. „Nein,“ beſtätigte er;„ich habe gehört, daß es erſt vor Kurzem geſchehen iſt. Damals hatte ich Ausſicht auf beſſere Verhältniſſe.“ „Wirklich?“ „Ja. Fräulein Havisham hatte mich kommen laſſen, 22 ob ich ihr vielleicht gefiele. Allein es ging nicht— ſie fand keinen Gefallen an mir.“ Ich hielt es für höflich, meine Verwunderung darüber auszuſprechen. „Schlechter Geſchmack,“ ſagte Herbert und lachte; „aber Thatſache. Ja, ich ſollte einen Probebeſuch ablegen, und wäre ich günſtig aufgenommen worden, ſo hätte ſie mich wohl verſorgt; vielleicht wäre ich, wie man zu ſagen pflegt, mit Eſtella—“ „Was heißt das?“ ſagte ich plötzlich ernſt. Er ſtellte ſeine Früchte auf Teller, während wir uns unterhielten, und dieſe Beſchäftigung hatte ſeinen un⸗ deutlichen Ausdruck hervorgerufen.„Verlobt,“ ſagte er und arbeitete noch immer bei den Früchten,„verſprochen, engagirt— wie man zu ſagen pflegt— irgend ſolch' ein Wort!“ „Wie trugen Sie Ihre Enttäuſchung?“ frug ich. „Pah, ich habe mir nicht viel daraus gemacht. Sie iſt barbariſch.“ „Fräulein Havisham?“. „Ich ſage nicht nein, habe aber Eſtella gemeint. Sie iſt im höchſten Grade hart, hochmüthig, launenhaft und iſt von Fräulein Havisham erzogen, um ſich am ganzen Men⸗ ſchengeſchlecht zu rächen.“ „Wie iſt ſie mit Fräulein Havisham verwandt?“ „Gar nicht,“ ſagte er,„nur adoptirt.“ „Weshalb ſollte ſie ſich am ganzen Männergeſchlecht rächen? Welche Rache?“ „Ei was, Herr Pip, wiſſen Sie das nicht?“ „Nein,“ ſagte ich. 23 „Das iſt eine lange Geſchichte, die wir uns zu Tiſche aufſparen wollen. Erlauben Sie mir eine Frage. Wie ſind Sie damals dahin gekommen?“ Ich ſagte es ihm und er hörte meiner Erzählung auf⸗ merkſam zu, dann lachte er herzlich und fragte mich, ob ich verwundet worden wäre. Ich frug ihn nicht darnach, denn davon war ich zur Genüge überzeugt. „Herr Jaggers iſt alſo Ihr Vormund?“ frug er. „I „Sie wiſſen, er iſt Agent und Geſchäftsmann von Fräulein Havisham und hat ihr Vertrauen, wie kein Anderer.“ Dies führte mich auf gefährlichen Boden. Ich ant⸗ wortete mit unverhohlener Zurückhaltung, ich hätte Herrn Jaggers am Tage unſeres Gefechts in Fräulein Havisham's Hauſe geſehen, doch niemals ſonſt, und er ſchiene ſich nicht zu entſinnen, daß er mich dort geſehen hatte. „Er hat meinen Vater als Ihren Lehrer vorgeſchlagen und er hat meinen Vater beſucht, um ihm den Vorſchlag zu machen. Er kennt meinen Vater durch ſeine Verbindung mit Fräulein Havisham. Mein Vater iſt Fräulein Ha⸗ visham's Vetter, was jedoch keine nähere Bekanntſchaft bedeutet, denn er iſt ein ſchlechter Hofmann und will nicht um ihre Gunſt buhlen.“ Herbert Pocket hatte eine offene und leichte Manier an ſich, die ſehr einnahm. Ich hatte damals Niemand gekannt und habe niemals ſeitdem irgend Jemand kennen gelernt, der in Blick und Ton deutlicher zu erkennen gegeben hätte, daß er zu einer geheimen und gemeinen Handlung niemals fähig ſein würde. Er beſaß etwas Hoffnungs⸗ 24 volles in ſeiner ganzen Miene, etwas, woraus ich ahute, er würde nie ſehr reich oder erfolgreich werden. Ich weiß nicht, wie es gekommen iſt. Bei dieſer erſten Zuſammenkunft, noch ehe wir uns zu Tiſche niedergeſetzt hatten, trat mir dieſer Gedanke entgegen, ohne daß ich hätte angeben können, wodurch er entſtanden ſei. Er war noch immer ein blaſſer junger Herr und hatte bei aller Heiterkeit und Lebendigkeit Spuren überwundener Mattigkeit an ſich, die nicht auf natürliche Stärke hin⸗ wieſen. Er hatte kein ſchönes Geſicht, aber es war beſſer als ſchön, es war äußerſt liebenswürdig und vergnügt. Seine Geſtalt war etwas plump, wie in der Zeit, als meine Fäuſte ſich ſo viel Freiheit damit genommen, doch ſah ſie ſo aus, als ob ſie immer friſch und jung bleiben würde. Es iſt die Frage, ob Herrn Trabb's Schneider⸗ arbeit ihm beſſer würde geſtanden haben, als mir, doch trug er ſeine alten Kleider weit beſſer, als ich meinen neuen Anzug. Da er Alles mittheilte, ſchien mir jegliche Zurückhaltung von meiner Seite eine für unſere Jahre unpaſſende Er⸗ widerung. Ich erzählte ihm meine kleine Geſchichte und legte einen Nachdruck auf den Wunſch meines Wohlthäters, nicht gekannt zu ſein. Da ich als Grobſchmied auf dem Lande erzogen worden und von Höflichkeitsmanieren nicht viel wiſſe, möge er ſo freundlich ſein(bat ich ihn), mir in meiner Verlegenheit oder wo ich fehlte, einen Wink zu geben.— „Mit Vergnügen,“ ſagte er,„obſchon ich zu prophezeien wage, daß Sie nicht vieler Winke bedürfen. Wir werden viel zuſammen ſein und ich möchte gern jeden Zwang zwi⸗ 25 ſchen uns beſeitigen. Zunächſt bitte ich Sie, mich bei meinem Taufnamen anzureden. Ich dankte ihm und ſagte es zu. Dagegen gab ich ihm meinen Taufnamen Philipp an. „Philipp gefällt mir nicht,“ ſagte er lächelnd;„ſo heißt ja der moraliſche Junge in der Fibel, der ſo träge war, daß er in einen Brunnen fiel, oder ſo dick, daß er nicht aus den Augen ſehen konnte, oder ſo geizig, daß er ſeinen Kuchen aufſparte, bis die Mäuſe ihn fraßen, oder ſo eifrig auf Vogelneſter erpicht, daß er nach ihnen ausging und von Bären in der Nachbarſchaft aufgefreſſen wurde. Ich will Ihnen ſagen, was mir gefällt. Sie ſind ein Grob⸗ ſchmied geweſen und wir harmoniren ſo ſchön zuſammen— hätten Sie nichts dawider?“ „Ich habe nichts gegen Ihre Pläne,“ antwortete ich, „wenn ich Sie nur verſtände.“ „Möchten Sie wohl Händel heißen? Händel hat ein reizendes Muſikſtück geſchrieben, welches„der harmoniſche Grobſchmied“ heißt.“ „Ich bin's zufrieden.“ „Alſo, lieber Händel,“ dabei drehte er ſich um und die Thür ging auf,„hier iſt das Mittagseſſen und Sie müſſen den Vorſitz annehmen, da Sie es doch angeſchafft haben.“ Das wollte ich nicht zugeben; er erhielt den Vorſitz und ich ſaß ihm gegenüber. Es war ein hübſches Diner — es ſchien mir damals ein Lord-Mayor⸗Eſſen— und wurde ſchmackhafter, weil wir es unter unabhängigen Ver⸗ hältniſſen genoſſen, keine alten Leute zugegen waren und ganz London uns umgab. Dabei trug das Ganze eine Art von Zigeuneranſtrich, welcher das Gaſtmahl hob: der Tiſch 26 war, wie Herr Pumblechook geſagt haben würde, der Schoß der Schwelgerei— er war nämlich gänzlich aus dem Kaffeehauſe geliefert— dagegen war die benachbarte Gegend von einem ſehr ungeregelten Charakter, ſo daß der Kellner die Pflicht hatte, die Schüſſeln auf die Erde zu ſtellen, wobei er über ſie wegfiel; die geſchmolzene Butter kam auf den Lehnſtuhl, das Brot aufs Bücherbrett, der Käſe in das Kohlenbecken und das gekochte Huhn auf mein Bett im nächſten Zimmer, wo ich viel von Peterſilie und Butter im Geleezuſtande fand, als ich mich niederlegte. Das Alles gab dem Feſte einen Reiz, und wenn der Kellner nicht zugegen war, hatte ich ein grenzenloſes Vergnügen. Wir waren ſchon ziemlich weit im Mittageſſen, als ich Herbert an ſein Verſprechen erinnerte, mir die Geſchichte des Fräulein Havisham zu erzählen. „Das iſt wahr,“ antwortete er,„ich will mein Wort halten. Zuvor muß ich einleitend bemerken, Händel, daß man in London das Meſſer nicht in den Mund ſteckt— es könnte doch ein Unglück geſchehen— und daß man dafür die Gabel gebraucht, ohne ſie tiefer, als nöthig iſt, hinein⸗ zuſtecken. Es iſt kaum der Mühe werth, allein am beſten macht man es doch wie alle anderen Leute. Der Löffel wird auch nicht über die Hand, ſondern darunter gehalten, was zwei Vorzüge hat: man kommt bequemer an den Mund(und das iſt die Hauptſache) und man hat nicht die Stellung eines Menſchen, der Auſtern öffnet.“ Er gab mir dieſe freundſchaftlichen Lehren in ſo an⸗ genehmer Weiſe, daß wir Beide lachten und ich kaum erröthete. „Alſo Fräulein Havisham!“ fuhr er fort.„Sie war 2 24, ein verwöhntes Kind. Sie verlor ihre Mutter in früheſter Kindheit und ihr Vater verſagte ihr nichts. Ihr Vater war ein Landedelmann in Ihrer Gegend und betrieb eine Brauerei. Ich weiß nicht, weshalb Brauerei etwas Feines ſein ſoll, allein dem iſt nun einmal ſo, daß ein Bäcker keine feine Beſchäftigung hat, daß aber ein Brauer zu den Gentlemen gezählt wird. Das ſieht man täglich.“ „Ein Gentleman kann aber doch kein Wirthshaus halten?“ „Nicht im mindeſten, allein ein Wirthshaus kann einen Gentleman erhalten. Herr Havisham alſo war ſehr reich und ſehr ſtolz. So war auch ſeine Tochter.“ „Iſt ſie ein einziges Kind?“ „Einen Augenblick. Wir kommen darauf zurück. Sie war kein einziges Kind, ſie hatte einen Halbbruder. Ihr Vater hatte ſich im Stillen wieder verheirathet— irre ich nicht, mit ſeiner Köchin.“ „Ich meinte, er ſei ſtolz geweſen,“ ſagte ich. „Lieber Händel, er war es auch. Er heirathete ſeine zweite Frau ganz im Stillen, weil er ſtolz war und im Laufe der Zeit ſtarb auch ſie. Nach ihrem Tode erzählte er erſt ſeiner Tochter, was er gethan hatte und der Sohn wurde Mitglied der Familie und wohnte in dem Ihnen bekannten Hauſe. Als er heranwuchs, wurde er ſtreit⸗ ſüchtig, verſchwenderiſch, ungehorſam— endlich ganz ſchlecht. Sein Vater enterbte ihn, doch gab er auf dem Sterbebette nach und vermachte ihm faſt ebenſoviel, als dem Fräulein Havisham. Gießen Sie ſich noch ein Glas Wein ein und entſchuldigen Sie meine Bemerkung, daß man in der Geſellſchaft den Anſpruch nicht macht, es müſſe ein 28 Glas pünktlich ſo geleert werden, daß es mit dem Rande auf der Naſe umgekehrt würde.“ Ich war ſo aufmerkſam geweſen, daß ich dies gethan hatte. Ich dankte ihm und bot um Entſchuldigung. Er ſagte„bitte recht ſehr“ und fuhr fort. „Fräulein Havisham war nun eine Erbin und wurde als eine gute Partie ſehr geſucht. Ihr Halbbruder hatte gerade genug, allein er machte Schulden und trieb andere tolle Streiche, ſo daß er bald wieder verarmte. Er und ſie ſtritten ſich weit heftiger, als er es mit dem Vater gethan hatte und man meint, daß er einen tödtlichen Haß auf ſie geworfen habe, als o ſie den Zorn des Vaters veranlaßt hätte. Jetzt komme ich zum ſchrecklichen Theile der Ge⸗ ſchichte und bemerke nur nebenbei, daß eine Serviette durch⸗ aus nicht in ein Glas hinein kann.“ Ich kann wirklich nicht ſagen, weshalb ich die meinige in das Glas zu ſtecken ſuchte, ich weiß nur, daß ich mit einer eines beſſeren Gegenſtandes würdigen Beharrlichkeit die eifrigſten Anſtrengungen verſucht hatte, um ſie in dieſe Schranken einzupreſſen. Ich dankte ihm und entſchuldigte mich abermals, er ſagte wieder in der heiterſten Miene „bitte recht ſehr“ und fuhr fort. „Es trat— beim Wettrennen, oder auf den Bällen, oder ſonſt wo— ein Herr auf, welcher dem Fräulein Havisham die Aufwartung machte. Ich habe ihn nie ge⸗ ſehen, denn es iſt vor fünfundzwanzig Jahren geſchehen (ehe wir beide geboren waren), ich habe nur von meinem Vater gehört, daß es ein galanter, ganz für dieſes Vor⸗ haben geeigneter Mann war, allein mein Vater behauptet entſchieden, daß nur Unwiſſenheit oder Vorurtheil ihn für 29 einen Gentleman hätten halten können. Es iſt ſein Grund⸗ ſatz, daß ſo lange die Welt beſteht, kein Menſch, der nicht echter Gentleman im Oerzen ſei, jemals echter Gentleman im Benehmen ſein könne. Kein Firniß, ſagt er, kann die Ader des Holzes verbergen und je mehr man ſie anſtreicht, deſto mehr tritt die Ader hervor. Gut! Dieſer Mann ver⸗ folgte Fräulein Havisham und ſchien ihr ſehr ergeben zu ſein. Bis zu jener Zeit hatte ſie ſich nicht als ſehr empfindſam gezeigt, allein ihre Gefühle brachen auf einmal hervor und ſie liebte ihn leidenſchaftlich. Sie hätte ihn gewiß ver⸗ göttert. Er wußte ihre Zuneigung ſo zu benutzen, daß er ihr große Summen Geldes abnahm und ihr am Ende rieth, den an den Bruder gefallenen Theil der Brauerei (welchen ſein Vater ihm zu hinterlaſſen ſchwach genug ge⸗ weſen war) für eine gewaltige Summe abzukaufen, weil er als ihr Gatte alles haben und verwalten müſſe. Ihr Vormund war damals noch nicht Rathgeber des Fräulein Havisham und ſie war zu hochmüthig und zu verliebt, als daß ſie ſich hätte berathen laſſen. Ihre Verwandte waren arm und liſtig, mit Ausnahme meines Vaters; er war arm genug, allein weder eiferſüchtig noch liebedieneriſch. Als unabhängiger Mann warnte er ſie, daß ſie zu viel für ihren Bräutigam thun wolle und ſich allzu rückſichtslos dieſem überliefere. Sie befahl meinem Vater in deſſen Anweſenheit, das Haus zu verlaſſen und mein Vater hat ſie ſeitdem nie wieder geſehen.“ Ich dachte an ihre Worte, daß Matthew kommen und ſie beſuchen würde, wenn ſie auf jenem Tiſche todt läge und frug Herbert, ob denn ſein Vater ihr ſo ſehr zürne? „Nein,“ ſagte er,„ſie hatte ihm in Gegenwart ihres zukünftigen Gemahls vorgeworfen, er könne wohl nicht mehr den Höfling ſpielen, um für ſein Fortkommen zu ſorgen; ginge er jetzt zu ihr, ſo würde dieſes gewiſſermaßen als Wahrheit erſcheinen. Doch machen wir ein Ende mit dem Manne. Der Hochzeitstag war feſtgeſtellt, die Hoch⸗ zeitskleider gekauft, die Hochzeitsreiſe war entworfen, die Hochzeitsgäſte waren eingeladen. Der Tag kam, aber nicht der Bräutigam. Er ſchrieb ihr einen Brief—“. „Den ſie erhielt“— fiel ich ein—„als ſie ſich zur Hochzeit ankleidete? Zwanzig Minuten auf neun?“ „Zu der Stunde und Minute, zu welcher ſie ſpäter alle Uhren feſtſtellte. Es ſtand darin, daß er die Verlobung herzlos abbrach— mehr weiß ich nicht. Als ſie nach einer ſchweren Krankheit wieder hergeſtellt war, ließ ſie den Platz, ſo wie Sie ihn geſehen haben, veröden und hat ſeitdem nie wieder das Tageslicht geſehen.“ „Iſt das alles?“ fragte ich nach einiger Ueberlegung. „Ich weiß nichts mehr, und weiß auch das nur dadurch, daß ich es ſtückweiſe erfahren habe, denn mein Vater ver⸗ meidet den Gegenſtand und ſagte mir, als Fräulein Havis⸗ ham mich eingeladen hatte, nur gerade ſo viel, als ich durch⸗ aus wiſſen mußte. Eines habe ich vergeſſen. Der Mann, dem ſie mit ſo großem Unrecht ihr Vertrauen geſchenkt hatte, ſoll von ihrem Halbbruder angeſtiftet geweſen ſein; ſie ſollen ſich verſchworen haben, um den Profit zu theilen.“ „Weshalb hat er ſie nicht geheirathet und das ganze Vermögen an ſich genommen?“ „Vielleicht iſt er ſchon verheirathet geweſen und viel⸗ leicht hat gerade die Kränkung in des Bruders Plänen gelegen,“ ſagte Herbert.„Ich weiß aber nichts davon.“ 8 31 „Was wurde aus den beiden Menſchen?“ frug ich nach abermaliger Ueberlegung. „Sie fielen in tiefere Schande und Erniedrigung— wenn es eine tiefere geben kann— bis zum Ruin“ „Leben Sie noch?“ „Ich weiß es nicht.“ „Fräulein Eſtella iſt keine Verwandte von Fräulein Havisham, ſondern ein adoptirtes Kind. Wann hat ſie das gethan?“ Herbert zuckte mit den Schultern.„So lange ich Fräulein Havisham kenne, hat's auch eine Eſtella gegeben. Mehr weiß ich nicht, und nun, Händel, herrſcht kein Ge⸗ heimniß mehr zwiſchen uns. Sie wiſſen gerade ſo viel über Fräulein Havisham als ich.“ „Und umgekehrt,“ ſagte ich. „Das glaube ich ſchon. Wir können alſo keine Ver⸗ legenheit, keine Nebenbuhlerei haben. Die Bedingung, unter welcher Sie Ihre jetzige Stellung einnehmen, daß Sie den Urheber derſelben niemals erforſchen oder beſpre⸗ chen ſollen, wird von mir oder den Meinigen niemals ver⸗ letzt oder nur berührt werden.“ Er ſagte dies mit ſo großer Delicateſſe, daß ich die Sache als abgemacht betrachtete, wenn ich viele Jahre bei ſeinem Vater zubringen ſollte. Allein er ſagte es auch mit ſolcher Bedeutung, daß ich erkannte, er ſei eben ſo ſehr als ich der feſten Ueberzeugung, Fräulein Havisham ſei meine Wohlthäterin. Es war mir früher nicht eingefallen, daß er den Gegen⸗ ſtand vorgenommen hatte, um denſelben aus dem Wege zu räumen, uns war auch ſo viel leichter zu Muthe, nachdem wir die Sache abgemacht hatten, daß ich es dann erſt ent⸗ deckte. Wir waren heiter und geſellig und als ich ihn in der Unterhaltung frug, was er denn ſei, antwortete er: „ein Capitaliſt, ein Schiffsaſſecuradeur.“ Ich ſah mich im Zimmer um, wo etwas von Schifffahrt oder von Capital zu ſehen wäre, und er fügte hinzu:„In der City.“ Ich hatte große Begriffe von dem Reichthum und der Bedeutung von Schiffsaſſecuradeurs in der City und dachte mit Scheu daran, einen jungen Aſſecuradeur auf den Rücken geworfen, ſein unternehmendes Auge blau gefärbt und ſeinen verantwortlichen Kopf gehauen zu haben, doch abermals ergriff mich gleich das ſeltſame Gefühl, Herbert Pocket würde niemals ſehr erfolgreich oder ſehr reich werden. „Ich werde noch mehr unternehmen, als mein Capital in der Schiffsverſicherung anzulegen. Ich kaufe einige gute Lebensverſicherungen und komme in die Direction. Auch in Bergwerken werde ich etwas machen. Das Alles hält mich nicht ab, auf eigne Rechnung eine Schiffsladung von einigen tauſend Tonnen abzuſchicken. Ich werde(und er lehnte ſich dabei in den Lehnſeſſel zurück) nach Oſtindien handeln, in Seide, Shawls, Gewürzen, Farben und feinen Holzarten.“ „Verdient man viel dabei?“ fragte ich. „Unermeßlich diel!“ ſagte ich.* Ich wurde wieder ungewiß und dachte, er habe noch größere Erwartungen als ich. „Ich werde auch nach Weſtindien handeln(er ſteckte einen Finger in die Weſtentaſche), in Zucker, Tabak und Rum. Und nach Ceylon, beſonders in Elephantenzähnen.“ „Sie werden viele Schiffe bedürfen,“ ſagte ich. 33 „Einer ganzen Flotte,“ ſagte er. Die Großartigkeit dieſer Geſchäfte überwältigte mich ſo ſehr, daß ich frug, wohin die von ihm verſicherten Schiffe vorzugsweiſe führen. „Ich habe bis jetzt noch nicht verſichert,“ ſagte er.„Ich ſehe mich erſt darnach um.“ Das ſchien mir auch mehr zu Barnard's Inn zu paſ⸗ ſen. Ich ſagte im Tone der Ueberzeugung„Aha!“ „Ja, ich bin auf einem Comptoir und ſehe mich um.“ „Iſt ein Comptoir einträglich: 2“ frug ich. „Für den— Sie meinen für den jungen Menſchen, der auf demſelben iſt?“ frug er. „Ja, für Sie!“ „Nun— nein, nicht für mich.“ Er ſagte das mit der Miene eines Mannes, der genau rechnet und den Betrag abſchließt.„Nicht eigentlich einträglich, das heißt, ich er⸗ halte gar nichts und muß für mich ſorgen.“ Das ſah allerdings nicht ſehr nach Einträglichkeit aus und ich ſchüttelte den Kopf, gleichſam anzudeuten, aus ſolchen Quellen laſſe ſich kein großes Capital zurück⸗ legen. „Aber man ſieht ſich um— das iſt die Hauptſache. Sie ſind auf einem Comptoir und ſehen ſich um,“ ſagte Herbert Pocket. Mir kam es dagegen eigen vor, daß man nicht auch außerhalb eines Comptoirs ſich umſehen könne, doch beugte ich mich ſtillſchweigend vor ſeiner Erfahrung. „Allmälig kommt die Zeit,“ ſagte Herbert,„wenn ſich die Ausſichten eröffnen, dann fängt man an und packt es feſt und das Capital iſt da und dann iſt man Nenaihler Charles Dickens, Große Erwartungen. II. 34 Mann! Hat man erſt das Capital, ſo braucht man es nur anzuwenden.“— Gerade ſo hatte er es auch mit dem Duell im Garten gemacht. Er trug ſeine Armuth wie er die damalige Nie derlage ertragen hatte. Er nahm alle Schläge und Stöße jetzt mit derſelben Miene hin, mit der er damals die meinigen aufgenommen hatte. Er hatte offenbar nur die durch⸗ aus unentbehrlichen Gegenſtände, denn alle anderen ſchienen aus dem Kaffeehauſe oder anders woher auf meine Rech⸗ nung geſchickt zu ſein. Da er aber nach ſeiner Berechnung das Vermögen ſchon errungen hatte, ſo zeigte er ſich ſo anſpruchslos, daß ich ihm Dank dafür wußte, ſich nicht aufzublaſen. Es war eine angenehme Zuthat zu vielen anderen angenehmen Manieren und wir vertrugen uns herrlich. Abends gingen wir ein wenig ſpazieren und dann für den halben Preis ins Theater, am andern Tage gingen wir in Weſtminſter Abtei zur Andacht und Nachmittags machten wir einen Spazier⸗ gang im Park; ich dachte, wer wohl alle Pferde dort ver⸗ ſchuhe und wünſchte Joſeph hätte ſo viel zu thun. Nach mäßiger Berechnung waren am Sonntage ſchon viele Monate ſeit meiner Abreiſe von Joſeph und Biddy verfloſſen. Ebenſo dehnte ſich der Raum aus, der zwiſchen uns lag und die Marſchen befanden ſich in weiter Ent⸗ fernung; daß ich mich am Sonntage zuvor in unſerer alten Kirche in meinem alten Kirchenanzuge befunden haben könne, ſchien eine Verſchmelzung von geographiſchen und ſocialen Sonnen⸗ und Mondunmöglichkeiten. Auf den mit Menſchen angefüllten und bei nächtlichem Dunkel ſo hell erleuchteten Londoner Straßen regte ſich doch zu⸗ weilen der Vorwurf, daß ich die arme Küchezu Hauſe ſo weit fortgeſchoben hätte und in der ſtillen Nacht fielen die Fuß⸗ tritte irgend eines, in Barnard's Inn umherſchweifenden Thürhüters ſchwer aufs Herz. Am Montag Morgen um ein Viertel Neun ging Her⸗ bert auf das Comptoir, um ſich zu melden,— auch wohl um ſich umzuſehen— und ich begleitete ihn. Er wollte nur etwa zwei Stunden dableiben und mich nach Hammer⸗ ſmith begleiten; bis dahin mußte ich auf ihn warten. Die Eier, aus denen junge Aſſecuradeurs gebrütet werden, ſchienen dies offenbar, wie die Straußeneier, in Staub und Hitze werden zu müſſen, denn viel anfangende Rieſen be⸗ gaben ſich am Montag Morgen in derartige Plätze. Das Comptoir, wo Herbert half, zeigte ſich mir nicht als eine gute Sternwarte, denn es war eine zweite Etage nach hin⸗ ten heraus, die überall ſehr grämlich ausſah und von welcher man nur den Umblick in eine andere zweite Etage nach hinten hatte. Ich wartete bis zwölf Uhr und ging auf die Börſe und ſah dort unter den Schiffsanzeigen gedrückte Menſchen ſitzen, die ich für große Kaufleute hielt, obſchon ich mir nicht erklären konnte, weshalb ſie alle niedergeſchlagen erſchienen Als Herbert gekommen war, frühſtückten wir in einem berühmten Hauſe, das mir damals ſehr erhaben vorkam, indeß ich es jetzt verachte, und wo ich ſchon damals bemerken konnte, daß es mehr Sauce auf den Tiſchdecken und Kleidern der Kellner gebe als auf den Beefſteaks. Nach dieſem Frühſtück zu billigen Preiſen kehrten wir nach Barnard's Inn zurück, nahmen meinen kleinen Reiſeſack und fuhren nach Hammerſmith. Wir kamen gegen drei 3*† — —— Uhr Nachmittags unweit Herrn Pocket's Hauſe an. Wir öffneten das Thor und gingen in einen kleinen Garten am Fluſſe, wo Herrn Pocket's Kinder ſpielten. Hatte ich mich bei einem Punkte, bei welchem meine Intereſſen oder Vor⸗ urtheile durchaus nicht ins Spiel kommen, nicht geirrt, ſo wurden die Kinder vom Herrn und Frau Pocket nicht auf⸗ gezogen und wuchſen auch nicht auf, ſondern ſie fielen auf. Frau Pocket ſaß auf einem Gartenſtuhle unter einem Baume und las, wobei ſie die Beine auf einen anderen Gartenſtuhl gelegt hatte; die beiden Kindermädchen ſahen ſich um, indeß die Kinder ſpielten.„Mama,“ ſagte Her⸗ bert,„das iſt der junge Herr Pip.“ Frau Pocket empfing mich mit liebenswürdiger Würde. „Alice! Johanna!“ ſchrie ein Kindermädchen!„wenn ihr ſo gegen das Gebüſch aufſpringt, fallt ihr ins Waſſer und kommt um, und was wird Papa dann ſagen!“ Zugleich hob ſie Frau Pocket's Taſchentuch auf und ſagte:„Wenn das nicht das ſechſte Mal iſt, daß Sie es haben fallen laſſen, Madame!“ Frau Pocket lachte und ſagte:„Ich danke, Flopſon,“ ſetzte ſich in ihrem Stuhle zu recht und las fort. Bald ſah ſie ſo ernſt aus, als ob ſie ſchon eine ganze Woche geleſen hätte, allein, nachdem ſie ein halbes Dutzend Zeilen geleſen, ſah ſie mich feft an und frug:„Ihre Mutter befindet ſich hoffentlich recht wohl?“ Dieſe unerwartete Frage verſetzte mich in ſolche Verlegen⸗ heit, daß ich in der abgeſchmackteſten Weiſe erwiederte, wenn es eine ſolche Perſon gegeben hätte, ſo wäre ſie zweifelsohne ſehr geſund und würde ſehr dankbar geweſen ſein und hätte ihre Complimente geſchickt, bis endlich das Kindermädchen mir zu Hülfe kam. 37 „So!“ ſchrie ſie und hob das Taſchentuch auf,„wenn das nicht das ſiebente Mal iſt! Was machen Sie denn dieſen Nachmittag, Madame!“ Frau Pocket ſah das Tuch erſt mit unbeſchreiblicher Verwunderung an, als ob ſie es nie geſehen habe, und ſagte dann mit einem wiedererkennen⸗ den Lachen:„Danke, Flopſon,“ vergaß mich und las weiter. Ich zählte nicht mehr als ſechs kleine Pocket's, in ver⸗ ſchiedenen Abſtufungen des Auffallens. So weit war ich gekommen, als ich irgendwo in der Luft ein Klagegewinſel eines ſiebenten hörten. „Da iſt das Kindchen auch,“ ſagte Flopſon und ſchien ſich ſehr zu wundern.„Schnell, Millers!“ Millers eilte in das Haus und allmälig nahm das Weinen des Kindes ab, als ob es ein junger Bauchredner geweſen, dem man etwas in den Mund geſteckt hatte. Frau Pocket las unterdeſſen fort und ich war neugierig, was das für ein Buch ſein könne. Wir warteten bis Herr Pocket käme, wenigſtens mußten wir warten, und ſo konnte ich die merkwürdige Familien⸗ erſcheinung beobachten, daß jedes Kind, ſobald es neben Frau Pocket ſpielte, immer ſtolperte und über ſie weg fiel, immer zu ihrer augenblicklichen Ueberraſchung und zu der Kinder anhaltendem Gejammer. Ich konnte mir dieſen eigenthümlichen Umſtand nicht erklären, und gab mich den Spekulationen darüber hin, bis allmälig Millers mit dem kleinen Kinde kam, dies kleine Kind wurde an Flopſon überliefert; Flopſon überlieferte es der Frau Pocket und auch dieſe fiel gleich mit dem Kindchen über Frau Pocket weg, nur daß Herbert und ich ſie feſthielten. „Um des Himmels willen,“ ſagte Frau Pocket und 38 ſah einen Augenblick lang vom Buche auf,„alles fällt über.“ „Um des Himmels willen, Madame,“ antwortete Flopſon, ſehr roth im Geſichte,„was haben Sie denn da!“ „Ich haben, Flopſon?“ frug Frau Pocket. „Was, iſt das nicht Ihr Schemel? Wenn Sie den ſo unter den Kleidern halten, wer ſoll denn nicht kopfüber fallen? Da! Nehmen Sie das Kind und geben Sie mir das Buch!“ Frau Pocket handelte dem gemäß, und ließ das Kind ein bischen auf dem Schooße tanzen, und die andern Kinder ſpielten umher, das dauerte nur kurze Zeit, und es wurde der Befehl ertheilt, alle Kinder ſollten zu einem Schläfchen ins Haus gebracht werden. Und ſo machte ich die zweite Entdeckung, die Nahrung der kleinen Pocket's beſtehe im Ueberfallen und im Niederlegen. Als Flopſon und Miller die Kinder endlich wie eine kleine Schafheerde ins Haus geſchafft und Herr Pocket herauskam, um meine Bekanntſchaft zu machen, konnte es mich nicht wundern, daß dieſer ein ſehr verlegenes Geſicht hatte und die grauen Haare unordentlich auf dem Kopfe ſtanden, als ob er nicht recht ſehen könne, wie Alles in Ordnung zu bringen wäre. Viertes Kapitel. Herr Pocket ſagte, er freue ſich mich zu ſehen und hoffentlich würde es mir nicht leid thun, ihn zu ſehen, „denn ich bin,“ fügte er hinzu, und lächelte wie ſein Sohn,„wirklich keine Schreckensperſon.“ Er ſah trotz ſeiner Verlegenheiten und ſeiner grauen Haare jung aus und hatte ein ſehr einfaches Benehmen. Ich ge⸗ brauche das Wort einfach und meine damit nicht ge⸗ künſtelt; in ſeiner Zerſtreuung lag etwas Komiſches, das gänzlich in das Lächerliche übergegangen wäre, wenn er nicht ſelbſt eine Ahnung davon gehabt hätte. Nachdem er eine Weile mit mir geſprochen, ſagte er mit ängſtlichem Zuſammenziehen ſeiner ſchönen, ſchwarzen Augenbrauen: „Belinda, Sie haben hoffentlich Herrn Pip willkommen geheißen,“ worauf ſie vom Buche aufſah und„Ja“ ſagte. Dann lächelte ſie mich in einer Art von Geiſtesabweſen⸗ heit an und frug mich, ob Orangeblüthenwaſſer mir gut ſchmecke. Da die Frage auf keinen Gegenſtand irgend einer Unterhaltung ſich beziehen konnte, ſo war ſie wohl nur hingeworfen, um mir bei anderer Gelegenheit einen Beweis ihrer Herablaſſung zu geben. In wenigen Stunden entdeckte ich, daß Frau Pocket 40. die einzige Tochter eines zufällig verſtorbenen Adeligen war, der für ſich die Erfindung gemacht hatte, ſein ver⸗ ſtorbener Vater wäre Baron geworden, wenn nicht irgend Jemand aus lediglich perſönlichen Gründen entſchieden Widerſpruch geleiſtet hätte— ich weiß nicht, ob es der König oder der Premierminiſter, oder der Lordkanzler, oder der Erzbiſchof von Canterbury geweſen war— und ſo hatte er auf Grund dieſer muthmaßlichen Thatſache ſich den Großen dieſer Welt angeſchloſſen. Er ſelbſt war in den Adelſtand erhoben worden, weil er die engliſche Sprach⸗ lehre mit der Spitze der Feder in einer auf Velin ſchön geſchriebenen Adreſſe erſtürmt hatte, als gerade der Grund⸗ ſtein eines Gebäudes gelegt und einer hohen Perſon der Hammer oder der Mörtel gereicht werden ſollte. Gleichviel, Frau Pocket war auferzogen worden, als ob ſie nach rich⸗ tigem Verlaufe einen Titel heirathen und vor der Erler⸗ nung gemeiner Haushaltungskenntniſſe bewahrt werden müſſe. Dieſer geſcheidte Vater hatte die junge Dame ſo ſorgfältig überwachen laſſen, daß ſie als beſondere Zierde, allein, hülflos und unnütz aufgewachſen war. Mit einem ſo glücklich ausgebildeten Charakter hatte ſie in der Blüte ihrer Jugend Herrn Pocket kennen gelernt, der ebenfalls in der Blüte der Jugend war und noch keinen Entſchluß gefaßt hatte, ob er ſich die höchſten Würden in der Juris⸗ prudenz oder in der Kirche erwerben ſolle. Da das eine oder das andere bloße Frage der Zeit ſchien, ſo waren er und Fräulein Pocket der Zeit vorausgeeilt und hatten ſich ohne Vorwiſſen ihres geſcheidten Vaters verheirathet. Der geſcheidte Vater hatte nichts zu geben oder zu ver⸗ ſagen, als ſeinen Segen und hatte dieſe Mitgift endlich 1 bewilligt, nebſt der Mittheilung an Herrn Pocket, daß ſeine Frau„ein Schatz für einen Fürſten“ ſei. Herr Pocket hatte dieſen Schatz ſeitdem unterzubringen verſucht, doch wird behauptet, daß derſelbe geringe Intereſſen getragen habe. Darnach wurde Frau Pocket im Allgemeinen etwas mitleidig betrachtet, weil ſie keinen Titel erheirathet, wogegen Herr Pocket mit einer Art von Vorwurf ange⸗ ſehen wurde, weil er ſich keinen verſchafft hatte. Herr Pocket führte mich ins Haus und zeigte mir mein Zimmer; es war recht bequem und ſo eingerichtet, daß ich es als mein Privatarbeitszimmer benutzen mochte. Dann klopfte er an die Thür zweier ähnlicher Zimmer und ſtellte mich ihren Bewohnern, Drummle und Startop, vor. Drummleo, ein alt ausſehender Jüngling von ſchwerfälligem Bau, pfiff. Startop, dem Alter und dem Ausſehen nach jünger, las und hielt ſich den Kopf, als ob er befürchtete, daß dieſer vor allzu vielem Wiſſen platzen könne. Herr und Frau Pocket ſahen ſo entſchieden darnach aus, daß ſie ſich in den Händen einer dritten Perſon befänden, daß ich nicht enträthſeln konnte, wer wirklich das Haus beſitze und ſie dort wohnen laſſe, bis ich endlich entdeckte, daß es die Dienſtboten waren. Es war vielleicht, um Auf⸗ ſehen zu vermeiden, ein äußerlich ſehr ruhiges Treiben, doch war es ſehr koſtſpielig, da die Dienerſchaft es für ihre Pflicht hielt, in Speiſe und Trank ſehr wähleriſch zu ſein und in der Küche viel Beſuche anzunehmen. Sie gaben dem Ehepaare Pocket ſehr freigebige Tafel. Doch ſchien mir immer, daß es nirgendwo ein beſſeres Logis geben könne, als in der Küche— freilich falls man ſich ſelbſt zu ſchützen verſtehe, denn ich war noch keine Woche dage⸗ 42 weſen, als von einer Nachbarin, mit welcher die Familie in gar keiner perſönlichen Bekanntſchaft ſtand, ein Brief einlief, um zu ſagen, ſie habe geſehen, wie Millers das Kind geſchlagen habe. Dieſes ſetzte Frau Pocket in große Betrübniß, ſie brach in Thränen aus und ſagte, es ſei doch etwas Außerordentliches, daß die Nachbarn ſich um andrer Leute Angelegenheiten bekümmerten. Allmälig erfuhr ich, beſonders durch Herbert, daß Herr Pocket ſich auf der Univerſität ſehr ausgezeichnet hatte, allein durch das Glück der Vermählung mit Fräulein Pocket in früher Jugend habe er ſeinen Ausſichten ge⸗ ſchadet und ſei demnach ein Lehrer zur Vorbereitung für die Examina geworden. Nach längerer Beſchäftigung mit gewöhnlichen Leuten hatte er ſich nach London begeben, wo er Unterricht ertheilte, literariſche Arbeiten übernahm und ausbeſſerte, und mit geringen Privateinkünften das Haus zu erhalten im Stande war. Herr und Frau Pocket hatten eine ekelhafte Nachbarin, eine Wittwe von ſo ſympathetiſcher Natur, daß ſie mit Jedem übereinſtimmte, Jeden ſegnete und je nach den Umſtänden Thränen und Lächeln austheilte. Sie hieß Frau Coiler und hatte ich die Ehre, ſie zu Tiſche zu führen, als ich meine Wohnung bezogen hatte. Sie gab mir zu verſtehen, es ſei eigentlich ein Kummer für die liebe Frau Pocket, daß Herr Pocket genöthigt ſei, junge Zöglinge bei ſich aufzunehmen; es ſei das nicht auf mich gemünzt, fügte ſie in Vertraulichkeit und Liebe hinzu(ich war ge⸗ rade fünf Minuten mit ihr bekannt), wenn alle ſo wie ich wären, ſo hätte die Sache eine ganz andere Wendung. „Aber die liebe Frau Pocket,“ ſagte Frau Coiler,„hat 43— nach ihrer erſten Täuſchung(an welcher der liebe Herr Pocket keine Schuld hat) ſo viele Eleganz nöthig“— „Ja, Madame,“ unterbrach ich ſie, da es mir vorkam, als ob ſie weinen wolle. „Und ſie iſt von ſo ariſtokratiſcher Dispoſition“— „Ja Madame,“ ſagte ich wieder in derſelben Abſicht. „Daß es hart iſt,“ ſagte Frau Coiler,„daß der liebe Herr Pocket weder Zeit noch Aufmerkſamkeit der lieben Frau Pocket widmen kann.“ Ich konnte nicht umhin mir vorzuſtellen, daß es weit ſchlimmer ſein würde, wenn der Fleiſcher keine Zeit hätte, an Frau Pocket zu denken, doch ſchwieg ich ſtill und hatte genug mit mir ſelbſt zu thun, um in der Geſellſchaft nicht anzuſtoßen. Durch alles, was zwiſchen Frau Pocket und Drummle vorfiel, während ich auf Meſſer, Gabel, Löffel, Glas und andere Werkzeuge des Selbſtmords achten mußte, konnte ich erkennen, daß Drummle, deſſen Taufname Bentley war, der zweitnächſte Erbe einer Baronetwürde ſei. Das Buch, welches Frau Pocket im Garten geleſen hatte, be⸗ ſchäftigte ſich, wie ich erfuhr, mit dem Adel, und ſie wußte ganz genau, wann ihr Großpapa in das Buch hineinge⸗ kommen wäre, falls er wirklich dazu gekommen wäre. Drummle ſprach nicht viel, er ſchien mir ein mürriſcher Junge und benahm ſich wie ein Auserkorener, der Frau Pocket als Dame und Schweſter ehre. Nur dieſe Beide und Frau Coiler, die kriechende Nachbarin, ſchienen an dieſem Theile der Unterhaltung ſich zu intereſſiren, und er war offenbar für Herbert ſehr unangenehm; anfänglich drohte er ſehr lange zu dauern, doch der Diener mit der Nachricht von einem häuslichen Mißgeſchick unterbrach ihn. Es ſtellte ſich heraus, daß die Köchin das Rindfleiſch ver⸗ legt hatte. Zu meinem unausſprechlichen Erſtaunen ſah ich nun zum erſtenmale Herrn Pocket ſein Gemüth er⸗ leichtern, indem er eine Rolle ſpielte, die mir außerordent⸗ lich ſchien, doch auf die andern keinen Eindruck machte, und mit der ich auch bald bekannt wurde. Er legte das Tranchirmeſſer und die Gabel nieder, ſtrich ſich beide Hände durch das verworrene Haar und ſchien eine außerordentliche Anſtrengung zu machen, als ob er ſich daran aufheben wolle. Nachdem er dies gethan, ſich aber doch nicht in die Höhe gehoben hatte, fuhr er ruhig mit ſeiner Beſchäf⸗ tigung fort. Frau Coiler brachte dann die Unterhaltung auf mich. Sie ſchmeichelte mir, was mir einige Augenblicke gefiel, allein ſie trieb es ſo grob, daß das Wohlgefallen bald vorüber war. Sie hatte Schlangenwindungen, um ſich mir zu nähern, indem ſie vorgab, an den Freunden und Gegenden, die ich verlaſſen, ſehr tiefes Intereſſe zu haben, doch war das allzu falſch und doppelzüngig; ließ ſie ſich einmal mit Startop ein, der ſehr wenig mit ihr ſprach, oder mit Drummle, der noch weniger ſprach, ſo beneidete ich dieſe, daß ſie auf der entgegengeſetzten Seite des Tiſches ſaßen. Nach Tiſche wurden die Kinder eingeführt und Frau Coiler bewunderte ihre Augen, Naſen und Beine, das paſſendſte Mittel, um ihren Verſtand zu ſchärfen. Es waren vier kleine Mädchen und zwei kleine Knaben, außer dem Jüngſten, das eins von beiden war. Flopſon und Millers brachten ſie herein, gleichſam als ob ſie als Officiere 45 ausgeſchickt worden wären, um irgendwo Kinder zu werben und dieſe aufgebracht hätten. Frau Pocket betrachtete dagegen die für den Adel beſtimmten Geſchöpfe ſo, als ob ſie dieſelben ſchon einmal inſpicirt zu haben ſich vorſtellte, ohne doch zu wiſſen, was man mit ihnen machen ſolle. „Geben Sie mir Ihre Gabel, Madame, und nehmen Sie das Kindchen,“ ſagte Flopſon.„Nehmen Sie es nicht ſo, ſonſt ſtoßen Sie den Kopf unter den Tiſch.“ So nahm Frau Pocket das Kind anders und ſtieß den Kopf auf den Tiſch, was Alle an einer gewaltigen Erſchüt⸗ terung merkten. „O Gott, o Gott, geben Sie mir es doch wieder!“ ſagte Flopſon,„und kommen Sie, Miß Jane, und tanzen Sie vor dem Kindchen!“ Ein Mädchen, ganz klein und doch offenbar ſchon früh⸗ zeitig mit der Fürſorge für die Anderen beauftragt, lief neben mir hervor und tanzte um das Kind, bis es nicht ſchrie, ſondern lachte. Dann lachten alle Kinder und Herr Pocket(der ſich unterdeſſen zweimal am Haare aufzuheben verſucht hatte) lachte und wir lachten Alle und waren vergnügt. Endlich brachte die Flopſon, indem ſie das Kind wie eine Puppe eingewickelt hatte, daſſelbe ſicher in Frau Pocket's Schooß, ſo daß es nun mit dem Nußknacker ſpielen konnte, wobei Frau Pocket den Auftrag erhielt, darauf zu achten, daß die Griffe dieſes Inſtruments mit den Augen des Kindes nicht in Colliſion kämen, und Miß Jane erhielt überdies den ſcharfen Befehl, noch beſonders aufzupaſſen. Dann verließen beide Kindermädchen das Zimmer und zankten ſich auf der Treppe mit einem liederlichen Pagen, 46 der bei Tiſche aufgewartet und ſeine Knöpfe zur Hälfte am Spieltiſche verloren haben mußte. Ich war unruhig geworden, als Frau Pocket ſich mit Drummle über zwei Baronets unterhielt, während ſie in Zucker und Wein getunkte Apfelſinenſchnitte aß, wobei ſie das Kind auf dem Schooße gänzlich vergaß, welches mit dem Nußknacker ſchreckliche Dinge vornahm. Endlich be⸗ merkte die kleine Jane, daß deſſen Kopf Gefahr lief; ſie verließ ſofort ihren Platz und wußte die gefährliche Waffe mit allerlei kleinen Künſten abzulocken. Frau Pocket hatte ungefähr zu derſelben Zeit ihre Apfelſinen aufgegeſſen und billigte das nicht; ſie ſagte zu Jane: „Unartiges Kind, was machſt Du? Gleich ſetzeſt Du Dich hin!“ „Liebe Mama,“ liſpelte das Mädchen,„Kind würde ſich die Augen ausgeſchlagen haben.“ „Wie kannſt Du mir ſo was ſagen!“ entgegnete Frau Pocket.„Setze Dich gleich auf Deinen Stuhl!“ Frau Pocket's Würde machte einen ſolchen Eindruck, daß ich mich ganz gedemüthigt fühlte, als ob ich etwas ver⸗ brochen hätte. „Belinda,“ bemerkte Herr Pocket von der andern Seite des Tiſches,„wie kannſt Du ſo unverſtändig ſein? Jane hat ſich nur zum Beſten des Kindes eingemiſcht.“ „ Ich will keinen Menſchen ſich einmiſchen laſſen,“ ſagte Frau Pocket.„Ich wundere mich, Matthew, daß Du mich der Beleidigung einer Einmiſchung ausſetzeſt.“ „Guter Gott!“ rief Herr Pocket in einem Ausbruche der Verzweiflung aus.„Müſſen Kinder in ihre Gräber hineingenußknackert werden und ſoll Niemand ſie retten?“ 47 „Ich will keine Einmiſchung von Jane haben,“ ſagte Frau Pocket mit einem majeſtätiſchen Blick auf die kleine unſchuldige Sünderin.„Ich kenne hoffentlich die Stel⸗ lung meines armen Großvaters. Jane, die ſollte—“ Herr Pocket fuhr mit den Händen in die Haare und hob ſich dieſes Mal wirklich einen Zoll aus dem Stuhle heraus.„Hört es!“ rief er hülflos den Elementen zu. „Kinder ſollen todtgenußknackert werden, weil es eines armen Großvaters Stellung gibt!“ Er ließ ſich wieder nieder und wurde ſtill. Während dieſes Auftrittes ſahen wir Alle verlegen aufs Tiſchtuch. Eine Pauſe entſtand, während deren das brave und ungeduldige Kind mehrmals auf Jane losſprang und krähte, da es nur mit dieſem Mitgliede der Familie (die Dienſtboten ausgenommen) eine nähere Bekanntſchaft zu haben ſchien. „Herr Drummle,“ ſagte Frau Pocket,„wollen Sie gütigſt ſchellen? Jane, Du unartiges kleines Ding, ſetze Dich hin. Lieb Kindchen, komm mit Mama!“ Das Kindchen war ſehr conſequent und proteſtirte dagegen mit aller Macht. Es warf ſich über Frau Pocket's Arm in der verkehrten Richtung, zeigte der Geſellſchaft anſtatt ſeines lieben Geſichtchens ein Paar geſtrickte Schuhe und zierliche Beinchen und wurde im höchſten Grade der Empörung fortgetragen. Es erreichte Alles, denn wenige Minuten ſpäter ſah ich durchs Fenſter, daß die kleine Jane es pflegte. Da die Flopſon einige Privatbeſchäftigungen hatte und ſonſt Niemand um die anderen fünf Kinder ſich kümmerte, ſo waren ſie am Mittagstiſche geblieben. So lernte ich ihre Beziehungen zu Herrn Pocket kennen, die folgender⸗ maßen hervortraten. Herr Pocket ſah ſie mit erhöhter Verlegenheit des Geſichts und verworrenem Haar einige Minuten an, als ob er es nicht begreife, wie ſie in dieſer Anſtalt Koſt und Logis erhielten und weshalb die Natur ſie nicht irgendwo anders einquartirt hätte. Dann richtete er dieſe oder jene Frage an ſie— weshalb der kleine Joſeph einen Riß in ſeinem Hemde habe, worauf dieſer erwiderte, ſobald Flopſon Zeit habe, werde ſie es ausbeſſern; oder wie die kleine Fanny zu dem Geſchwüre gekommen wäre, welche darauf antwortete:„Millers werde einen Umſchlag darum machen, wenn ſie es nicht vergäße.“ Dann ſchmolz er in väterliche Zärtlichkeit über, gab Jedem einen Schil⸗ ling und befahl ihnen hinauszugehen und zu ſpielen. Wäh⸗ rend ſie dies vornahmen, gab er dieſen Gegenſtand auf, nachdem er ſich noch einmal am Haare in die Höhe zu heben bemüht hatte. Gegen Abend wurde auf dem Fluſſe gerudert. Drummle und Startop hatten jeder ein Boot; ich beſchloß, mir auch eins anzuſchaffen und die Anderen auszuſtechen. Ich war in Allem, was Kinder vom Lande lernen, recht gewandt, doch wußte ich ſehr wohl, daß mir für eine Fahrt auf der Themſe(um nicht von anderen Gewäſſern zu reden) die Eleganz fehlte, weshalb ich mir gleich den Sieger in einer Wettfahrt, der bei unſerer Treppe anlegte, zum Lehrer wählte, in deſſen Bekanntſchaft ich von meinen neuen Ver⸗ bündeten eingeführt wurde. Dieſe praktiſche Autorität brachte mich in große Verlegenheit, als er ſagte, ich hätte den Arm eines Grobſchmiedes. Er würde mir ſchwerlich 49 dies Compliment gemacht haben, wenn er gewußt, daß ich nahe daran war, ihn deshalb zu entlaſſen. Abends gab es eine kleine Schmauſerei und es wäre uns recht behaglich geworden, allein eine unangenehme häusliche Scene ſtörte Alles. Herr Pocket war in guter Laune, als ein Dienſtmädchen hereinkam und den Herrn zu ſprechen wünſchte. „Du willſt den Herrn ſprechen?“ ſagte Frau Pocket, die abermals ihre Würde verletzt fühlte.„Wie kannſt Du daran denken? Sprich mit Flopſon oder mit mir— zu irgend einer anderen Zeit.“ „Um Verzeihung, Madame, ich wünſchte gleich jetzt mit dem Herrn zu ſprechen.“ Herr Pocket verließ das Zimmer und wir unterhielten uns ſo gut als möglich, bis er zurückkehrte. „Das iſt eine ſchöne Geſchichte, Belinda!“ ſagte Herr Pocket und ſah ganz verzweifelt aus.„Die Köchin liegt betrunken auf dem Boden in der Küche und hat eine große Lieferung friſcher Butter zuſammengebracht, um ſie als Schmiere zu verkaufen.“ Frau Pocket zeigte eine ſehr liebenswürdige Aufregung und ſagte:„Das hat die häßliche Sophie angeſtiftet.“ „Was meinſt Du, Belinda?“ frug Herr Pocket. „Sophie hat es Dir geſagt,“ ſagte Frau Pocket.„Habe ich nicht mit eigenen Augen geſehen und mit eigenen Ohren gehört, daß ſie in die Stube gekommen und mit Dir hat ſprechen wollen?“ „Aber ich bin ja in die Küche gegangen und habe die Frau geſehen und die Butter dazu,“ ſagte Herr Pocket. 3 Charles Dickens, Große Erwartungen. II. 4 50 „Und Du vertheidigſt ſie, Matthew, weil ſie Unheil angeſtiftet hat?“ ſagte Frau Pocket. Herr Pocket ſtöhnte vor Aerger. „Ich, Großpapas Enkelin, ſoll in meinem Hauſe nichts gelten?“ ſagte Frau Pocket.„Die Köchin iſt immer eine ſaubere und höfliche Perſon geweſen und als ſie ſich bei mir empfahl, ſagte ſie in ganz natürlicher Weiſe, ſie ſehe wohl ein, daß ich geboren ſei, eine Herzogin zu werden.“ Herr Pocket ſtand an einem Tiſche und fiel in der Stellung des ſterbenden Gladiators nieder. In dieſer Stellung ſagte er mit hohler Stimme:„Gute Nacht, Herr Pip!“ und ich hielt es für rathſam, ihn zu verlaſſen. Jünftes Kapitel. Nach einigen Tagen hatte ich mich in meinem Zimmer eingerichtet und war mehrere Male nach London hin und zurückgegangen, um Alles, was mir noch nöthig war, dort zu beſtellen; hierauf hatte ich eine ſehr lange Unter⸗ redung mit Herrn Pocket. Er wußte mehr von der mir zugedachten Laufbahn, als ich ſelbſt, denn er bemerkte, von Herrn Jaggers gehört zu haben, ich ſei nicht für irgend eine beſtimmte Stellung, ſondern im Allgemeinen gut zu erziehen, um ſpäter mit jungen Leuten in ſorgenfreier Lage zuſammenleben zu können. Ich wußte nichts dawider ein⸗ zuwenden. Er rieth mir den Beſuch einiger Lehrer in London, um die mir nöthigen Elementarkenntniſſe zu erlangen, wobei er der Director aller meiner Studien werden wollte. Bald würde ich dann ohne beſondere Hinderniſſe vorangehen und zuletzt jede andere Hülfe als die ſeine entbehren können. Indem er mir das Alles erklärte, ſtellte er ſich in ſehr angenehmer Weiſe auf einen vertraulichen Fuß mit mir und erwies ſich immer ſo eifrig und ehrenhaft in ſeinen Beziehungen zu mir, daß ich auch in eifrigen und ehrenhaften Beziehungen zu ihm ſtehen mochte. Bei 4*£ 8 52 einem gleich gültigen Lehrer wäre ich ein ſolcher Schüler ge⸗ worden, doch war er kein ſolcher und wir ließen uns beide Gerechtigkeit widerfahren. In ſeinem ganzen Benehmen lag nichts Komiſches, ſondern nur Ernſt, Ehrlichkeit und Güte. Nachdem alle dieſe Punkte ſo weit in Ordnung gebracht worden waren, daß ich ernſtlich zu arbeiten angefangen hatte, fiel mir ein, mein Leben würde ein weit angenehmeres ſein, wenn ich mein Schlafzimmer in Barnard's Inn beibe⸗ hielte, und Herbert's Geſellſchaft würde auf mein Benehmen einen günſtigen Einfluß ausüben. Herr Pocket hatte nichts dawider einzuwenden, meinte jedoch, ich müſſe, ehe etwas in dieſer Sache geſchehe, mit meinem Vormunde ſprechen. Seine Rückſicht entſprang daher, daß Herbert einige Aus⸗ gaben dabei ſparenwürde. Ich ging alſo nach Little Britain und theilte Jaggers meinen Wunſch mit. „Wenn ich die für mich gemietheten Möbel und noch einige kleine Sachen kaufen könnte,“ ſagte ich,„ſo würde ich mich dort ganz heimiſch fühlen.“ „Thuen Sie das,“ ſagte Herr Jaggers mit einem kurzen Lachen.„Ich ſagte ſchon, Sie würden vorankom⸗ men. Wie viel wünſchen Sie?“ Ich ſagte, das ſei mir unbekannt. „Kommen Sie!“ antwortete Herr Jaggers.„Wie viel? funfzig Pfund?“ „O nicht ſo viel.“ „Fünf Pfund?“ ſagte Herr Jaggers. Das war ein ſo großer Abſtand, daß ich entgegnete: „Mehr als das.“ „Mehr als das?“ antwortete Jaggers, die Hände in 53 der Taſche, den Kopf auf eine Seite, und die Augen auf die Wand hinter mir gerichtet:„Wie viel mehr?“ „Es iſt nicht leicht eine Summe feſtzuſtellen,“ antwor⸗ tete ich zögernd. „Nun!“ ſagte Herr Jaggers;„wir wollen es ver⸗ ſuchen. Zweimal fünf; reicht das aus? Dreimal fünf; reicht das aus? Viermal fünf; reicht das aus?“ Ich ſagte, damit würde ich ſchon auskommen. „Mit viermal fünf werden Sie auskommen,“ ſagte Herr Jaggers und zog die Augenbrauen zuſammen,“ was machen Sie aus viermal fünf?“ „Was ich daraus mache?“ „Ja,“ ſagte Herr Jaggers,„wie viel iſt das?“ „Ich meine, Sie machen zwanzig Pfund daraus,“ ſagte ich und lächelte. „Es iſt einerlei, was ich daraus mache, mein Freund,“ bemerkte Herr Jaggers mit einem Kopfnicken voll Schlau⸗ heit und Widerſpruch.„Ich will wiſſen, was Sie daraus machen.“ „Zwanzig Pfund, wie ſich von ſelbſt verſteht.“ „Wemmick,“ ſagte Herr Jaggers, indem er die Stuben⸗ thür öffnete.„Zahlen Sie Herrn Pip auf ſeine Quit⸗ tung zwanzig Pfund aus.“ Dieſe eigenthümliche Manier ein Geſchäft abzumachen, machte einen eigenthümlichen und keineswegs angenehmen Eindruck auf mich. Herr Jaggers lachte niemals, allein er trug große kreiſchende Stiefeln, und indem er ſich auf dieſen Stiefeln im Gleichgewicht hielt, den großen Kopf bückte und die Augenbrauen zog, ließ er zuweilen die Stie⸗ feln kreiſchen, als ob ſie in trockener, argwöhniſcher Weiſe lachten. Da er gerade fort ging und Herr Wemmick geſprächig war, ſagte ich, daß mir des Herrn Jaggers Manieren nicht recht gefielen. „Sagen Sie ihm das, und er würde es als ein Com⸗ pliment aufnehmen,“ antwortete Wemmick;„er will eben, daß ſie Ihnen gar nicht gefallen. O!(ich ſah verwundert aus) das iſt nicht perſönlich, das gehört zum Handwerk, es gehört nur zum Handwerk!“ Wemmick ſaß an ſeinem Pult— frühſtückte, biß in einen trockenen Zwieback, von denen er zuweilen Stücke in den Mund warf, als ob er ſie erſt annotixe. „Scheint mir immer ſo, als hätte er eine Menſchen⸗ falle ausgelegt und gebe nun Achtung,“ ſagte Wemmick. „Plötzlich ſind Sie gefangen!“ 8 Ohne zu bemerken, daß Menſchenfallen nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehörten, ſagte ich, er ſcheine mir ſehr gewandt. 5 „Tief wie Auſtralien,“ ſagte Wemmick. Er zeigte dabei mit der Feder auf den Fußboden, um anzudeuten, Auſtra⸗ lien liege auf der entgegengeſetzten Seite der Weltkugel. „Gäbe es noch etwas tieferes, ſo würde er es ſein,“ fügte Wemmick hinzu und fing an zu ſchreiben. Dann ſagte ich, er ſcheine ein einträgliches Geſchäft zu haben, worauf Wemmick ſagte:„Ein—träg— lich? Dann frug ich, ob es mehrere Schreiber gäbe, worauf er erwiderte:* „Wir geben uns nicht mit vieler Schreiberei ab, denn es gibt nur einen Jaggers, und die Leute wollen ihn nicht aus der zweiten Hand haben. Es ſind ihrer nur vier. Wollen Sie ſie ſehen? Ich betrachte Sie als einen der Unſrigen.“ Ich nahm das Anerbieten an. Nachdem Herr Wem⸗ mick den ganzen Zwieback eingetragen und mir aus einer Kaſſe in dem eiſernen Schranke, deſſen Schlüſſel er irgendwo auf dem Rücken trug und wie einen eiſernen Zopf aus dem Rockkragen herausholte, ausgezahlt hatte, gingen wir nach oben. Das Haus war dunkel und ſchmuzig, die unreinen Schul⸗ tern, die ſich in Herrn Jaggers Zimmer abgeprägt hatten, ſchienen ſeit Jahren trepp auf, trepp ab gegangen zu ſein. Im Wartezimmer des erſten Stockes war ein Schreiber, der halb Wirth, halb Rattenfänger ausſah— ein dicker, aufgebla⸗ ſener, ſchwulſtiger Mann— mit drei oder vier ſchäbig aus⸗ ſehenden Menſchen beſchäftigt, die er eben ſo unhöflich be⸗ handelte wie jeder andere, der zu Herrn Jaggers Vermögen beitrug, behandelt zu werden ſchien.„Er bringt Zeugenaus⸗ ſagen für das Gericht zuſammen,“ ſagte Herr Wemmick. Im Zimmer gegenüber war ein kleiner Dachshund von Schreiber mit langen Haaren(er ſchien ſeit ſeiner Kindheit nicht beſchnitten worden zu ſein), der ſich mit einem Manne mit ſchwachen Augen unterhielt, welchen Herr Wemmick mir als einen Schmelzer empfahl, deſſen Topf immer koche und der mir alles nach Belieben ſchmelzen würde; dabei war er in beſtändigem Schweiße, als ob er ſeine Kunſt an ſich ſelbſt probire. Im Hinterzimmer beſchäftigte ſich ein hoch⸗ ſchultriger Mann, der wegen Geſichtsreißens in ſchmuzigen Flanell eingewickelt war und einen ſchwarzen Anzug trug, der wie gewichſt ausſah, mit der Reinſchrift der Notizen jener beiden Schreiber für den Privatgebrauch des Herrn Jaggers. Dies war das ganze Geſchäft. Als ich wieder her⸗ untergegangen, führte mich Wemmick in das Zimmer 56 meines Vormunds und ſagte:„Sie haben dies ſchon ge⸗ ſehen.“ Die beiden abſcheulichen Abgüſſe mit den häßlichen Schielaugen fielen mir gleich wieder auf und ich frug, wen ſie vorſtellen ſollten. „Wen?“ ſagte Wemmick und ſtäubte die beiden ſchreck⸗ lichen Köpfe ab, ehe er ſie herunterholte.„Das ſind zwei berühmte Männer. Berühmte Clienten, die uns einen großen Ruf verſchafft haben. Dieſer Wicht(du mußt in der Nacht herunter gekommen ſein, um ins Dintenfaß zu gucken und ſolch einen Flecken auf der Stirn zu erhaſchen, Du alter Schurke) ermordete ſeinen Herrn und da es nicht erwieſen werden konnte, ſo hat er die Sache nicht übel angefangen.“ „Gleicht dieſes ihm?“ frug ich, und ſprang zurück, als Wemmick ihn anſpuckte und mit dem Aermel abrieb. „Gleich ihm? Er iſt es ſelbſt. Gleich nachdem man ihn abgenommen, iſt der Abguß gemacht worden. Du hat⸗ teſt mich beſonders lieb, alter Schlaukopf?“ ſagte Wem⸗ mick. Er erklärte dieſe Anrede, indem er die Broche mit der Dame und der Trauerroeide am Grabe, mit der Urne berührte und ſagte:„Eigens für mich gemacht!“ „Iſt dieſe Dame am Leben?“ „Nein,“ antwortete Wemmick;„es war ſeine Geliebte (nicht wahr, Du hatteſt die Frauenzimmer lieb?). Nein, eine Dame war überhaupt nicht im Spiele, Herr Pip, nur eine— nicht von der zarten Damenart und welche nach dieſer Urne nicht hingeſehen hätte, oder es hätte ſich irgend etwas zu trinken darin befunden.“ Da Wemmick an ſeine Broche erinnert war, ſtellte er den Abguß hin und polirte die Broche mit dem Taſchentuche. „Ging es der andern Ereatur eben ſo?“ frug ich.„Er ſieht ganz eben ſo aus.“ „Sie haben recht,“ antwortete Wemmick.„Das iſt der echte Blick. Als ob ein Naſenloch mit einer Fiſchangel und einem Pferdehaar aufgezogen wäre. Es ging ihm eben ſo: er nahm ein ganz natürliches Ende. Er machte falſche Teſtamente, brachte auch wohl die angeblichen Erb⸗ laſſer zuvor zur Ruhe. Du warſt doch eine Art von Gent⸗ leman und behaupteteſt griechiſch ſchreiben zu können(ſo redete Wemmick ihn an), Du Prahlhans! Du Lügner! Ich habe nie wieder einen Lügner gleich Dir getroffen!“ Ehe er dieſen verſtorbenen Freund wieder aufſtellte, berührte er den größeſten ſeiner Trauerringe:„Hat einen von dieſen am Tage vorher kaufen laſſen.“ Während er ſo auf dem Stuhle ſtand, fiel mir plötz⸗ lich ein, ſein ganzer Schmuck rühre wohl von ſolchen Quellen her. Da er mir kein Mißtrauen gezeigt hatte, ſo wagte 6 ihn darum zu fragen, als er wieder auf platter Erde ſeite Hände abſtäubte. „Ja, ja, das ſind lauter ähnliche Gaben. Eine zieht die andere nach ſich. Ich nehme ſie immer. Es ſind Curio⸗ ſitäten. Und ſie ſind ein Vermögen. Sie ſind nicht viel werth, allein ſie ſind doch immerhin Eigenthum und trag⸗ bar. Es iſt nichts für Sie, mit Ihren glänzenden Aus⸗ ſichten, allein was mich betrifft, ſo iſt mein Leitſtern: Erringe Dir tragbares Eigenthum!“ Nachdem ich dieſen Grundſatz belobt hatte, ſagte er in freundlicher Weiſe zu mir: 1 „Wenn Sie zu irgend einer Zeit, wenn Sie nichts beſſeres zu thun haben, in Walworth mich beſuchen mögen, 38— ſo könnte ich Ihnen ein Bett anbieten und würde mir's zur Ehre ſchätzen. Ich kann Ihnen nicht vielerlei zeigen, allein es gefiele Ihnen vielleicht, einige Curioſitäten zu ſehen, die ich beſitze und mein Garten und mein Sommerhaus ſind auch ſehr angenehm.“ Ich ſagte, ich würde ſeine Gaſtfreundſchaft mit Freu⸗ den annehmen. „Ich danle Ihnen,“ ſagte er,„doch wollen wir über⸗ legen, wann es Ihnen bequem iſt. Haben Sie ſchon bei Herrn Jaggers geſpeiſt?“ „Noch nicht.“ „Nun,“ ſagte Wemmick,„er wird Ihnen Wein und guten Wein vorſetzen. Ich gebe Ihnen Punſch und keinen ſchlechten Punſch. Noch etwas will ich Ihnen ſagen. Wenn Sie bei Herrn Jaggers ſpeiſen, geben Sie auf ſeine Haushälterin Acht.“ „Werd' ich etwas ſehr Ungewöhnliches ſehen?“ „Sie werden ein gezähmtes wildes Thür ſehen. Nicht ſo gar ungewöhnlich werden Sie mir ſagen. Ich antworte, das hänge von der urſprünglichen Wildheit der Beſtien ab, ſowie von der Mühe der Zähmung. Sie werden die Macht des Herrn Jaggers nicht geringer ſchätzen. Geben Sie Acht darauf.“ Ich ſagte ihm, ich würde es mit aller der Aufmerkſam⸗ keit, die ſeine vorherigen Bemerkungen veranlaßten. Da ich fortgehen wollte, frug er mich, ob ich nicht fünf Minuten Zeit hätte, die ich Herrn Jaggers widmen könne, da er gerade„dabei“ ſei. Da ich nicht recht wußte, wobei Herr Jaggers zu fin⸗ den ſein würde, ſo ſtimmte ich ſeinen Wünſchen bei, wir 59 begaben uns ins Innere der City, und kamen in einen dichtgedrängten Hof, wo ein Blutsverwandter(im Mord⸗ ſinne des Worts) des Verſtorbenen mit dem eigenthümlichen Geſchmacke an Brochen vor den Schranken ſtand und etwas kaute; mein Vormund richtete grade mehrere Fragen oder Kreuzfragen an eine Frau, ſo daß ſie und das Richter⸗ collegium und insgeſammt alle eingeſchüchtert waren. Wenn irgend Jemand etwas ſagte, was er nicht billigte, ſo verlangte er es zu Protokoll genommen zu haben. Wenn einer nichts einräumte, ſo rief er:„Ich werde es aus Euch herausbekommen,“ und wenn einer etwas einräumte, ſagte er:„Nun hab' ich Euch in der Hand!“ Die Behörden zitterten, ſobald er am Finger nagte. Diebe und Häſcher hingen mit Entzücken an ſeinen Worten und zitterten, wenn ein Haar von ſeinen Augenbrauen nach ihnen hinſtand. Ich konnte nicht erkennen, für wen er ſprach, denn er ſchien mir alles in einer Mühle zu mahlen: er war nicht auf der Seite der Richter, als ich mich fortſchlich, die Beine des alten Präſidenten zitterten unter dem Tiſche, weil ſein Verhalten als Vertreter der engliſchen Juſtiz an dieſem Tage ſo laut angegriffen worden war. Fechſtes Kapitel. Bentley Drummle, ein ſo mürriſcher Menſch, daß er ein Buch ſo aufnahm, als ob deſſen Verfaſſer ihm eine Be⸗ leidigung zugefügt habe, nahm eine neue Bekanntſchaft in ähnlicher Weiſe auf. Schwerfällig in Geſtalt, Bewegung und Begriff— mit nichtsſagendem Teint, und unge⸗ ſchickter Zunge, die im Munde ſo umherzurollen ſchien, wie er im Zimmer umherrollte— eitel, ſtolz, geizig, abge⸗ ſchloſſen und argwöhniſch— alle dieſe Eigenſchaften ver⸗ band er, ein Sohn reicher Eltern aus Somerſetſhire, die endlich die Entdeckung machten, daß er ein majorenner Dummkopf ſei, weshalb ſie ihn zu Herrn Pocket brachten, als er ſchon einen Kopf größer als dieſer Herr war und ein halb Dutzend Köpfe dicker als die meiſten Herren. Startop war von einer ſchwachen Mutter verwöhnt und zu Hauſe gehalten worden, da er hätte in der Schule ſein ſollen, allein er war ihr treu ergeben und bewunderte ſie über alle Maßen. Er hatte die zarten Züge einer Frau und glich durchaus ſeiner Mutter, was man, wie Herbert bemerkte, ſehen konnte, ohne dieſe jemals gekannt zu haben. Deshalb ſagte er mir mehr zu als Drummle, und ſchon an den erſten Abenden unſerer Bootfahrten fuhren 61 wir zuſammen nach Hauſe, indeß Bentley Drummle hinter uns zwiſchen den Geſträuchen herkam. Er kroch immer wie ein unbehagliches amphibiſches Geſchöpf ans Land, indeß wir im Sonnenuntergang oder im Mondlicht den Strom mitten durchſchnitten. Herbert war mein intimer Genoſſe und Freund. Ich ſchenkte ihm einen halben Antheil an meinem Boot, wes⸗ halb er oft nach Hammerſmith kam, und der Beſitz eines halben Antheils an ſeinem Zimmer zog mich oft nach London. Zu allen Stunden gingen wir zwiſchen dieſen beiden Orten hin und her. Noch jetzt iſt mir der Weg (wenn er auch nicht mehr ſo angenehm iſt als damals) ſehr lieb, weil ich in ungeprüfter Jugend ihn kennen gelernt hatte.. Nachdem ich einige Monate in der Familie des Herrn Pocket gelebt hatte, erſchienen Herr und Frau Camilla. Camilla war Herrn Pocket's Schweſter. Auch Georgiana erſchien, die ich bei derſelben Gelegenheit im Hauſe des Fräulein Havisham geſehen hatte. Sie war eine Couſine — eine unverdauliche einzelne Dame, die ihre Härte Religion und ihre Leber Liebe nannte. Dies Volk haßte mich mit dem Haſſe der Gier und Enttäuſchung. Deshalb krochen ſte vor mir in meinem Glücke mit der niedrigſten Gemeinheit. Herrn Pocket erzeugten ſie wie einem großen Kinde ohne Bewußtſein ſeiner Intereſſen, die gefällige Nachſicht, die ich früher von ihnen vernommen hatte. Frau Pocket verachteten ſie, gaben jedoch zu, daß die arme Seele viele Enttäuſchungen im Leben erlitten habe, weil dies einen ſchwachen Widerſchein von Licht auf ſie ſelbſt warf. Unter dieſer Umgebung ließ ich mich nieder und beflei⸗ 62 ßigte mich meiner Erziehung. Bald fing ich an, mich an Verſchwendung zu gewöhnen und gab ſo viel Geld aus, daß ich es wenige Monate vorher für fabelhaft gehalten hätte, allein an meinen Büchern hielt ich zu allen Zeiten feſt. Es lag darin weiter kein Verdienſt, als daß ich Ver⸗ ſtand genug hatte, meine Mängel zu erkennen. Durch Herrn Pocket und Herbert machte ich raſche Fortſchritte und einer war immer da, mich voranzuſchieben oder mir die Hinder⸗ niſſe aus dem Wege zu räumen, ſo daß ich ein Dummkopf wie Drummle hätte ſein müſſen, um mich nicht zu entwickeln. Ich hatte Herrn Wemmick mehrere Wochen nicht geſehen, als ich mir vornahm, ihm ein Billet zu ſchreiben und an einen beſtimmten Abende mit ihm nach Hauſe zu gehen. Er erwiderte, es würde ihm angenehm ſein und ich möge ihn um 6 Uhr auf dem Bureau abholen. Dort fand ich ihn, wie er gerade, als die Uhr ſchlug, den Schlüſſel der Kaſſe in ſeinen Rücken ſteckte. „Wollen Sie nach Walworth zu Fuße gehen?“ ſagte er. „Allerdings, wenn Sie dafür ſind,“ ſagte ich. „Ich bin ſehr dafür,“ war Wemmick's Antwort,„denn meine Beine haben den ganzen Tag unter dem Pult geſteckt und ich möchte ſie ausrecken. Ich will Ihnen ſagen, Herr Pip, was ich zum Abendbrot für Sie habe. Erſtens einen Schmorbraten, der im Hauſe zubereitet iſt, ein kaltes geröſtetes Huhn, das vom Reſtaurateur kommt. Es wird zart ſein, denn der Herr der Reſtauration war in mehreren Prozeſſen Geſchworener und wir behandelten ihn mild. Ich erinnerte ihn daran, als ich das Huhn kaufte, und ich ſagte ihm: Geben Sie mir ein gutes, alter Britte, denn wenn wir Sie einige Tage länger als Geſchworenen hätten 63 feſthalten wollen, ſo hätten wir es leicht thun können.“ Er erwiderte:„Erlauben Sie mir Ihnen das beſte in London zu verehren.“ Natürlich erlaubte ich ihm das. Es iſt Eigenthum und tragbar. Sie haben doch nichts gegen einen alten Vater? Ich dachte, er ſpräche noch immer vom Huhn, bis er hinzufügte:„Weil ich einen alten Vater zu Hauſe habe.“ Ich antwortete der Höflichkeit gemäß. „Sie haben alſo noch nicht bei Herrn Jaggers geſpeiſt?“ frug er, als wir weiter gingen. „Noch nicht.“ „Er ſagte mir's heute, als er hörte, daß Sie kommen würden. Die Einladung wird wohl morgen kommen. Er wird auch Ihre Kameraden einladen. Es ſind ihrer Drei, nicht wahr?“ Obſchon ich nicht gewohnt war, Drummle zu meinen genauen Bekannten zu zählen, bejahte ich es doch. „Er will die ganze Bande einladen(ein Ausdruck, für den ich ihm kaum Dank wußte) und was er gibt iſt gut. Es gibt nicht große Abwechſelung, ſondern etwas Vorzüg⸗ liches, und es gibt noch etwas Curioſes im Hauſe,“ ſagte er nach kurzer Pauſe, als ob die Bemerkung über die Haus⸗ hälterin vorausgeſetzt wäre,„er läßt niemals Thüren oder Fenſter des Nachts zuſperren.“ „Wird er niemals beſtohlen?“ „Das iſt es eben,“ antwortete Wemmick.„Er ſagt und läßt es öffentlich hören: Ich will den Mann ſehen, der mich beſtehlen will. Ich habe gehört, wie er viele hundert Mal zu den echten Dieben in unſerem Vorder⸗ zimmer ſagte: Ihr wißt, wo ich wohne; ich ziehe keinen — 64 Riegel vor; weshalb macht Ihr kein Geſchäft bei mir? Kann ich Euch nicht verſuchen? Kein Dieb würde es wa⸗ gen, um Geldes oder guter Worte willen bei ihm einzu⸗ brechen.“ „Fürchten ſie ihn ſo ſehr?“ frug ich. „Ihn fürchten,“ ſagte Wemmick,„das meine ich. Uebri⸗ gens iſt er trotz dieſer Herausforderung ſehr ſchlau. Kein Silber, mein Herr, Britannia⸗Metall, jeder Löffel.“ „Sie würden alſo nicht viel finden, wenn ſie—“ „Ach, er würde viel finden!“ unterbrach mich Wem⸗ mick;„und das wiſſen ſie. Er würde Dutzende von Leben haben, alle, die er nur bekommen könnte. Und wenn er es will, kann er alles Mögliche erreichen.“ Ich fiel in ein Nachſinnen über die Größe meines Vor⸗ mundes, als Wemmick bemerkte: „Alles Silber fehlt, nur wegen ſeiner natürlichen Tiefe. Ein Fluß hat ſeine natürliche Tiefe, und er hat ſeine natür⸗ liche Tiefe. Betrachten Sie ſeine Uhrkette. Dieſe iſt echt.“ „Sie iſt ſehr maſſiv,“ ſagte ich. „Maſſiv?“ antwortete Wemmick,„das meine ich, und ſeine Uhr iſt eine goldene Repétiruhr, werth hundert Pfund. Es gibt mehr als ſiebenhundert Diebe in dieſer Stadt, welche alle dieſe Uhr kennen; kein Mann, Weib oder Kind von ihnen, das nicht den kleinſten Ring dieſer Kette kennte und fallen ließe, als wäre er glühend heiß, wenn man ihn verleiten wollte, dieſen anzufaſſen.“ Mit dieſen und ſpäter mit anderen Gegenſtänden zer⸗ ſtreuten wir uns auf dem Wege, bis er mir anzeigte, wir wären im Diſtrict von Walworth angelangt. Er ſchien eine Sammlung von Nebenſtraßen, Gräben, 65 kleinen Gärten, ſo daß es ziemlich unerfreulich ausſah. Wemmick's Haus war zwiſchen dieſen Gartenſtücken von Holz gebaut, die Spitze gemalt und ausgeſchnitzt wie eine Batterie mit Kanonen. „Das hab' ich gemacht,“ ſagte Wemmick;„ſieht hübſch aus, nicht wahr?“ Ich rühmte es ſehr. Ein kleineres Haus habe ich wohl niemals geſehen, mit kleinen gothiſchen Fenſtern(meiſten⸗ theils unecht) und einer gothiſchen Thüre, durch die man kaum hineintreten konnte. „Das iſt eine echte Flaggenſtange und am Sonntage ziehe ich eine echte Flagge auf. Sehen Sie her,“ ſagte Wemmick.„Wenn ich über dieſe Brücke gekommen, ziehe ich ſie auf— ſo— und ſchneide jede Verbindung ab.“ Die Brücke beſtand aus einem Brette, welches über einem vier Fuß breiten und zwei Fuß tiefen Graben lag. Doch war es ſpaßig, mit welchem Stolze er ſie aufzog und befeſtigte, wobei er nicht mechaniſch, ſondern mit Wohl⸗ behagen lächelte. „Jeden Abend um neun Uhr wird die Kanone abge⸗ feuert. Da ſteht ſie und wenn ſie losgeht, ſo werden Sie den Effect merken.“ Die erwähnte Kanone befand ſich in einer beſonderen, aus Gitterwerk gebauten Feſtung. Eine kleine Einrichtung in Geſtalt eines Schirmes ſchützte ſie vor der Witterung. „Hinten,“ ſagte Wemmick,„wo man es nicht ſieht, damit die Idee einer Befeſtigung nicht geſtört werde, denn es iſt mein Grundſatz, man müſſe eine Idee, wenn man eine hat, ausführen und feſthalten; ich weiß nicht, ob Sie meiner Anſicht ſind—“ Charles Dickens, Große Erwartungen. I1. Ich bejahte dies. „Alſo hinten iſt ein Schwein und ſind Hühner und Kaninchen; ich nehme meine eigene Kraft zuſammen und baue Gurken an und Abends ſollen Sie erkennen, welchen ſchönen Salat ich mache. So, mein Herr, kann die kleine Feſtung, wenn ſie belagert werden ſollte, hinlängliche Zeit in Hinſicht auf Mundvorrath aushalten,“ ſchloß er und ſchüttelte ernſthaft den Kopf. Dann führte er mich in eine wenige Schritte entfraüte Laube, an die wir auf ſo geſchickt angelegten Krümmungen gelangten, daß es eine ziemliche Zeit in Anſpruch nahm, und in dieſer Einſamkeit waren unſere Gläſer ſchon zurecht⸗ geſtellt. Unſer Punſch kühlte ſich in einem verzierten See ab, an deſſen Rande die Laube lag. Dieſes Stück Waſſer, mit einer Inſel in der Mitte, die wohl zum Abendſalat hätte dienen können, war von runder Form und er hatte eine Fontaine darin angebracht, die nach Bewegung einer Mühle und Herausziehung eines Korks aus einer Röhre ſo mächtig ſprang, daß die Hand beinahe benetzt wurde. „Ich bin mein eigener Ingenieur, mein eigener Tiſchler, mein eigener Bleigießer, mein eigener Gärtner und mein Alles allein für mich,“ ſagte Wemmick, nachdem ich ihm mein Compliment gemacht hatte.„Die Sache macht ſich. Es ſtäubt den Gefängnißſtaub ab und gefällt dem Alten. Wollen Sie ſich nicht dem Alten vorſtellen laſſen? Oder würde es Sie verſtimmen?“ Ich erklärte mich dazu bereit und wir traten in das Schloß. Dort ſaß an einem Feuer ein ſehr alter Mann, rein, behaglich, heiter und wohl verſorgt, doch ſtock⸗ taub. 66 „Nun, alter Vater,“ ſagte Wemmick und ſchüttelte ihm herzlich und fröhlich die Hände,„wie geht's?“ „Alles gut, Alles gut,“ ſagte der alte Mann. „Hier iſt Herr Pip, alter Vater,“ ſagte Wemmick,„ich wünſche, Sie könnten ſeinen Namen hören. Nicken Sie ihm nur recht zu, Herr Pip, das hat er gern; nicken Sie ihm zu, wenn's Ihnen gefällt!“ „Mein Sohn hat hier eine ſchöne Wohnung,“ ſchrie der alte Mann und ich nickte ſo heftig, als ich nur immer konnte.„Hier iſt ein prächtiger Garten. Dieſer Fleck mit den ſchönen Anlagen darauf ſollte nach der Zeit meines Sohnes von der Nation zum Genuſſe des Volkes zuſam⸗ mengehalten werden.“ „Sie ſind ſo ſtolz darauf wie Punch, nicht wahr, Alter?“ ſagte Wemmick und betrachtete den alten Mann, indeß ſein hartes Geſicht ſich ausglättete.„Da haſt Du ein Nicken,“ ſagte er und nickte gewaltig,„und da haſt Du noch ein Nicken,“ und er nickte ihm noch heftiger zu.„Das haſt Du gern, nicht wahr? Wenn Sie nicht müde ſind, Herr Pip— ich weiß wohl, daß es Fremde ermüdet— ſo nicken Sie ihm noch einmal zu. Sie wiſſen gar nicht, wie ſehr ihm das gefällt.“ Ich nickte ihm noch einige Mal zu und er war in beſter Stimmung. Er beſchäftigte ſich mit dem Füttern der Hühner und wir ſetzten uns zum Punſch in der Laube, und Wemmick rauchte eine Pfeife, wobei er mir erzählte, es habe ihm viele Jahre gekoſtet, ehe er ſeinen Beſitz zu einer ſolchen Höhe der Vollkommenheit gebracht habe. „Gehört er Ihnen, Herr Wemmick?“ 5* „O ja, ich habe es erlangt, immer ſtückweiſe. Es iſt ein Freigut, das meine ich!“ ſagte Wemmick. „Wirklich? Herr Jaggers bewundert es gewiß.“ „Nie geſehen,“ ſagte Wemmick,„nie davon gehört, niemals den Alten geſehen, nie von ihm gehört. Nein, das Bureau iſt eine Sache und das Privatleben eine andere. Gehe ich aufs Bureau, ſo laſſe ich das Schloß hinter mir, und komme ich ins Schloß, ſo laſſe ich das Bureau hinter mir. Wenn es Ihnen nicht unangenehm iſt, ſo thun Sie gefälligſt daſſelbe. Ich wünſche nicht, daß im Geſchäfts⸗ wege davon geſprochen werde.“ Es verſteht ſich, daß dieſe Bitte meinerſeits auf das gewiſſenhafteſte befolgt werden mußte. Der Punſch war recht gut, wir tranken da und plauderten, bis es neun Uhr war.„ZJetzt kommt der Kanonendonner,“ ſagte Wemmick und legte die Pfeife nieder;„das iſt das Vergnügen meines Alten.“. Als wir wieder ins Schloß traten, war der Alte be⸗ ſchäftigt, das Schüreiſen zu erwärmen, voller Erwartung in den Augen, als Vorläufer zum Vollzuge dieſer großen Abendceremonie. Wemmick ſtand, die Uhr in der Hand, bis der Augenblick da war, dem Alten das glühend heiße Schüreiſen aus der Hand zu nehmen und zur Batterie zu gehen. Er nahm es, ging hinaus und alsbald ging die Kanone mit einem Knall los, welcher das alte Haus erſchütterte, als ob es zuſammenſtürzen müſſe, ſo daß alle Gläſer und Theetaſſen tanzten. Der Alte, der aus dem Armſtuhl geſchleudert worden wäre, wenn er ſich nicht mit den Ellbogen feſtgehalten hätte, ſchrie laut auf:„Sie iſt abgefeuert! Ich habe ſie gehört!“ und ich nickte dem alten 69 Herrn ſo heftig zu, daß ich geſtehen muß, ihn zuletzt gar nicht mehr geſehen zu haben. Zwiſchen dieſer That und dem Abendeſſen zeigte mir Wemmick ſeine Curioſitätenſammlung. Sie waren meiſten⸗ theils ſtrafbaren Urſprungs, darunter die Feder, mit der eine berühmte falſche Unterſchrift war geſchrieben worden, einige ausgezeichnete Raſirmeſſer, einige Haarlocken, mehrere nach der Verurtheilung niedergeſchriebene Bekenntniſſe, die Wemmick beſonders hoch ſchätzte, da ſie, nach ſeiner Anſicht,„nichts als Lügen“ enthielten. Man fand dieſe zwiſchen kleinen Proben von Porzellan und Glas, allerlei zierlichen Sächelchen, die der Eigenthümer des Muſeums gemachtund einigen Tabakſtopfern, die der Alte ausgeſchnitten hatte. Sie lagen in dem Zimmer des Schloſſes aus, in welches ich gleich anfangs eingeführt worden war, das als Wohnzimmer und Küche diente, wie ich aus einer Sauciere auf dem Ofenrücken und aus einem eiſernen Nagel am Kamin zum Aufhängen eines Bratenwenders ſchließen mußte. Ein nettes junges Mädchen bediente uns und ſorgte am Tage für den Alten. Nachdem der Tiſch gedeckt war, wurde die Brücke heruntergelaſſen, damit ſie ſich entfernen könne, und ſo war ſie weiter nicht zu erblicken. Das Abendeſſen war trefflich; obſchon im Schloſſe viel Fäulniß herrſchte, ſo daß es wie eine trockene Nuß ſchmeckte und obſchon das Schwein etwas weiter von der Küche hätte entfernt ſein können, ſo hatte ich doch an der ganzen Unter⸗ haltung viel Vergnügen. Auch in meinem Thurmzimmer war es recht hübſch, nur war das Dach zwiſchen mir und der Fahnenſtange ſo dünn, daß es mir, als ich mich im— Bette auf den Rücken gelegt hatte, beinahe vorkam, als müßte ich die Stange die ganze Nacht auf der Stirn balanciren. Wemmick war früh am Morgen aufgeſtanden und es kam mir faſt vor, als habe er meine Stiefel geputzt. Hierauf machte er ſeine Gartenarbeit, wobei er, wie ich von meinem gothiſchen Fenſter ſehen konnte, den Alten zu beſchäftigen vorgab und ihm in treuherziger Weiſe zunickte. Frühſtück war ſo gut wie Abendbrot und um acht ein halb Uhr gingen wir nach Little Britain. Je näher wir dem Bureau kamen, deſto trockener und härter wurde Wemmick und ſein Mund zog ſich wieder zu einem Poſtbureau zu⸗ ſammen. Als er endlich am Geſchäftslocale ſeinen Schlüſſel aus dem Rockkragen herausgezogen hatte, ſchien er Wal⸗ worth⸗Gut ſo ſehr vergeſſen zu haben, als ob Schloß, Zugbrücke, Laube, See, Fontaine und der Alte durch eine letzte Abfeuerung der Kanone zuſammen in die Luft ge⸗ ſprengt worden wären. Siebentes Kapitel. Gerade ſo, wie Wemmick mir es geſagt hatte, kam es und ich hatte bald Gelegenheit, die Lebensweiſe meines Vormundes mit der ſeines Kaſſirers und Schreibers zu vergleichen. Mein Vormund war in ſeinem Zimmer und wuſch ſich die Hände mit wohlriechender Seife, als ich von Walworth ins Bureau trat, und er rief mich herein und gab mir für mich und meine Freunde die ſchon von Wemmick angedeutete Einladung.„Keine Ceremonien,“ ſagte er,„keine Dinertoilette, und morgen.“ Ich frug ihn, wohin wir kommen ſollten, da ich nicht wußte, wo er wohne, und es war wohl nur ſeine allgemeine Gewohnheit, kein Zugeſtändniß zu machen, daß er mir ſagte:„Kommen Sie hierher und wir gehen zuſammen nach Hauſe.“ Ich muß bemerken, daß er ſeine Clienten wie ein Zahnarzt oder ein Chirurgus fortwuſch. Es war ein Abſchnitt ſeines Zim⸗ mers dazu beſtimmt, wo es wie in einem Friſeurzimmer nach wohlriechender Seife roch. Innerhalb der Thür war an einer Walze ein ſehr großes Handtuch; er wuſch ſich die Hände, rieb und trocknete ſie am Tuche, wenn er vom Polizeigericht nach Hauſe kam oder ſeine Clienten entließ. Als ich mit meinen Freunden am nächſten Tage um ſechs Uhr zu ihm kam, ſchien er eine mehr als gewöhnlich ſchwere Sache verhandelt zu haben, denn er wuſch ſich nicht allein die Hände, ſondern auch das Geſicht und gurgelte ſich die Kehle. Nachdem er das Alles gethan und ſich ſorgfältig abgewaſchen hatte, nahm er noch das Federmeſſer und ſchabte ſich die Nägel rein, ehe er den Rock anzog. Mehrere Leute ſchlichen wie gewöhnlich umher, als wir in die Straße kamen, allein der Duft wohlriechender Seife gab einen ſo offenkundigen Abſchluß, daß ſie ihn an dieſem Tage nicht mehr anzureden wagten. Indem wir nach Weſten gingen, erkannte ihn dieſes oder jenes Geſicht im Straßengedränge, und dann ſprach er jedesmal lauter mit mir, doch ließ er nie merken, daß er Jemand erkenne oder von Jemand erkannt werde. Er führte uns nach Gerrard⸗Street, Soho, in ein auf der Nordſeite gelegenes Haus. Es war im Ganzen ſtatt⸗ lich, doch ſehr vernachläſſigt von außen und mit ſchmuzigen Fenſtern. Er nahm den Schlüſſel und öffnete die Thür, und wir kamen in eine leere, düſtere, wenig gebrauchte ſteinerne Halle, dann, eine dunkelbraune Treppe hinauf, in drei neben einander liegende dunkelbraune Zimmer auf dem erſten Stock. An den Wänden waren ausgeſchnittene Guirlanden, und wie er da zwiſchen uns ſtand, um uns zu begrüßen, ſahen dieſe wie eine ganz beſondere Art von Schlingen aus. Der Tiſch war im beſten Zimmer gedeckt; das zweite war für die Toilette und das dritte zum Schlafzimmer beſtimmt. Er hatte das ganze Haus, benutzte jedoch ſelten mehr als dieſe Räume. Der Tiſch war gut gedeckt— freilich kein Silbergeſchirr— und neben ihm ein Büffet⸗ tiſch, auf welchem viele Flaſchen und Gläſer, ſowie vier Schüſſeln mit Früchten zum Deſſert ſtanden. Er hatte Alles unter ſeiner Aufſicht und theilte Alles ſelbſt aus. Im Zimmer befand ſich ein Büchergeſtell; es waren, wie auf dem Rücken zu leſen ſtand, meiſtentheils Bücher über Zeugenausſagen, Criminalrecht, Verbrecherbiogra⸗ phien, Proceſſe, Parlamentsacten und dergleichen. Die Möbel waren ſolid und gut, wie ſeine Uhrkette. Alles ſah officiell aus; eigentlichen Zierrath entdeckte man nirgendwo. In einer Ecke war ein Tiſch mit Papieren und einer halb⸗ dunklen Lampe, ſo daß er das Bureau nach Hauſe zu bringen, den Tiſch hervorzurollen und an die Arbeit zu gehen ſchien. Da er meine drei Begleiter bis dahin faſt nie geſehen — denn wir waren zuſammen gegangen— ſtand er am Kamin, nachdem er geſchellt hatte, und betrachtete ſie genauer. Zu meiner Verwunderung ſchien er faſt allein an Drummle Intereſſe zu haben. „Pip,“ ſagte er, legte ſeine große Hand auf meine Schulter und zog mich ans Fenſter,„ich kann ſie gar nicht unterſcheiden. Wer iſt die Spinne?“ „Die Spinne?“ ſagte ich. „Der dicke, mürriſche Kerl.“ „Das iſt Bentley Drummle, und der Andere mit dem feinen Geſichte iſt Startop.“ Er kümmerte ſich gar nicht um den mit dem feinen Geſicht und antwortete:„Bentley Drummle heißt er? Das Ausſehen dieſes Burſchen gefällt mir.“ Er fing gleich eine Unterhaltung mit ihm an. Die ſchweigſame Manier Drummless ſchreckte ihn durchaus nicht ab und er bemühte ſich, Antworten aus ihm heraus⸗ zuſchrauben. Ich ſah Beide an, als die Haushälterin zwiſchen ſie trat und das erſte Gericht auftrug. Sie war etwa vierzig Jahre alt, konnte jedoch von mir, wie es die meiſten jungen Leute thun, etwas zu alt geſchätzt worden ſein; ziemlich groß, von zarter Geſtalt, ſehr blaß, mit großen blauen, verwelkten Augen und ſehr ſtarkem Haar. Ich weiß nicht, ob irgend ein Herzleiden die Lippen auseinanderhielt, als ob ſie keuchen müſſe; ihr Geſicht trug einen ſeltſamen Ausdruck der Unruhe und Aufregung, allein ich hatte zwei Tage vorher Macbeth aufführen ſehen und ihr Geſicht ſchien mir von feuriger Luft verworren, wie die Geſichter, welche aus dem Hexenkeſſel empor⸗ geſtiegen waren. Sie ſtellte das Gericht hin, berührte meinen Vormund langſam mit dem Arme, zur Andeutung, daß Alles bereit ſei und verſchwand. Wir ſetzten uns an den runden Tiſch, Drummle auf der einen und Startop auf der andern Seite meines Vormundes. Die Haushälterin hatte einen präch⸗ tigen Fiſch aufgetragen, worauf vortreffliches Kalbfleiſch folgte und dann ein ebenſo ausgeſuchter Vogel. Sauce, Weine, alle Zuthaten, die nöthig waren, und zwar die allerbeſten, wurden vom Nebentiſche herumgereicht, und waren ſie überall gereicht worden, ſtellte er ſie wieder zurück. Ebenſo theilte er reine Teller, Meſſer und Gabeln aus und die gebrauchten ſchob er in zwei Körbe, die neben ihm auf dem Boden ſtanden. Die Haushälterin allein bediente uns. Sie brachte jedes Gericht und ihr Geſicht erſchien mir immer, als ob es aus dem Keſſel emporſteige. Viele Jahre ſpäter machte ich ein ſchreckliches Porträt 6 dieſer Frau, indem ich eine Perſon, welche ihr nicht weiter glich, als daß ſie wallendes Haar hatte, hinter eine Bowle mit brennendem Rum in einem dunklen Zimmer treten ließ. Da ich wegen ihres auffallenden Geſichts und der Be⸗ merkung Wemmick's nähere Beobachtungen anſtellte, fand ich, daß ſie bei ihrer jedesmaligen Anweſenheit meinen Vormund aufmerkſam betrachtete und die Hand von jedem vor ihn hingeſtellten Gerichte mit Zögern abzog, als ob ſie befürchte, zurückgerufen zu werden und nur im Augenblicke ihrer Nähe angeſprochen ſein möchte. Mir ſchien ſein Benehmen ſo berechnet, als ob er dies ſehr wohl wiſſe und ſie immer in Angſt zu halten liebe. Das Mittagseſſen ging heiter vorüber, und obſchon mein Vormund offenbar mehr den Gegenſtänden folgte, als ſie angab, ſo erfuhr er doch alle unſere Schwächen. Ich ſprach meine Neigung zu verſchwenderiſchen Ausgaben und zur Unterſtützung Herbert's aus und prahlte mit meinen großen Erwartungen, ehe ich noch die Ahnung hatte, geſprochen zu haben. Alle thaten es, am meiſten Drummle, deſſen Neigung in argwöhniſcher und zänkiſcher Weiſe die Uebrigen zu beſpötteln, noch ehe der Tiſch fort⸗ getragen war, ſich entwickelt hatte. Nicht ſo früh, ſondern erſt als wir zum Käſe gelangt waren, kam die Unterhaltung zu unſern Heldenthaten mit den Booten und Drummle wurde dabei geneckt, weil er in ſeiner amphibiſchen Manier hinter uns hergekommen war. Drummle bemerkte darauf, er ziehe ſein Zimmer unſrer Geſellſchaft vor, ſei unſer Herr in Hinſicht der Geſchick⸗ lichkeit, und könne uns, was Kraft beträfe, wie Spreu 76 umherwerfen. Durch unſichtbare Mittel konnte mein Vor⸗ mund ihn um dieſer unbedeutenden Sache willen faſt bis zur Wildheit heraufſchrauben, er entblößte und ſpannte ſeinen Arm, um ſeine Muskeln zu zeigen, und wir entblöß⸗ ten und ſpannten die unſrigen höchſt lächerlich. Die Haushälterin deckte dabei den Tiſch ab, mein Vor⸗ mund bekümmerte ſich nicht um ſie und hatte ſein Geſicht von ihr abgewendet; er lehnte ſich in den Stuhl zurück, biß ſich in den Zeigefinger und bewies eine mir ganz uner⸗ klärliche Theilnahme an Drummle. Plötzlich legte er ſeine breite Hand auf die der Haushälterin, gerade als ſie die ihrige über den Tiſch hielt. Es geſchah ſo plötzlich, daß wir in unſerm kindiſchen Wetteifer innehielten. „Sprechen Sie von Kraft, ſo will ich Ihnen einen Arm zeigen,“ ſagte Herr Jaggers.„Molly, zeigen Sie Ihren Arm!“ Ihre gebogene Hand war auf dem Tiſche, die andere hatte ſie ſchon hinter ſich geſteckt.„Herr,“ ſagte ſie leiſe und blickte ihn aufmerkſam an,„laſſen Sie das!“ „Ich will Ihnen einen Arm zeigen,“ wiederholte Herr Jaggers, mit unwandelbarem Entſchluſſe es zu thun. „Molly, zeige Deinen Arm.“ „Bitte Herr,“ murmelte ſie wieder. „Molly,“ ſagte Herr Jaggers, und ſah nicht ſie, fondern die entgegengeſetzte Seite des Zimmers an,„zeigen Sie ihnen beide Arme. Zeigen Sie, raſch!“ Er nahm ſeine Hand von der ihren und entblößte den Arm, er erfaßte ihre andere Hand und hielt ſie dann beide in die Höhe. Der andere Arm war ſehr entſtaltet, trug tiefe Narben, die Kreuz und die Quer. Als ſie ſo daſtand, 77 ſah ſie nicht mehr Herrn Jaggers an, ſondern uns, einen nach dem andern. „Da iſt Kraft,“ ſagte Herr Jaggers und verfolgte kalt⸗ blütig die Sehnen mit ſeinen Fingern.„Wenige Männer haben ſolche Kraft wie dieſe Frau. Es iſt merkwürdig, welch ein Griff in dieſen Händen liegt. Ich habe viele Hände geſehen, allein kein Mann, keine Frau meiner Bekannt⸗ ſchaft hatte ſtärkere.“ Während er ſo ruhig ihre Arme kritiſirte, ſah ſie uns immerfort nach der Reihe an. Sobald er aufhörte, ſah ſie wieder auf ihn.„Gut, Molly, man hat Sie bewun⸗ dert, Sie können gehen,“ ſagte Jaggers und nickte ihr zu. Sie ging hinaus, er füllte ſein Glas und ſchenkte auch uns wieder ein. „Um halb zehn Uhr wird aufgebrochen. Sie müſſen Ihre Zeit gut anwenden. Es freut mich ſehr, Sie zu ſehen, Herr Drummle, Ihr Wohl!“ Hatte er es darauf gemünzt, Drummle's Charakter immer mehr hervorzulocken, ſo gelang ihm dies vollkom⸗ men. In mürriſchem Triumphe zeigte Drummle, wie gering er uns ſchätze, und zwar immer unangenehmer, bis er unausſtehlich wurde. Jaggers folgte ihm durch alle dieſe Abſtufungen mit ſeltſamem Intereſſe; er ſchien die Zielſcheibe für den Wein des Herrn Jaggers zu ſein. Wir ſprachen zu viel, weil wir in knabenhafter Uner⸗ fahrenheit zu viel tranken. Eine bäuriſche Spöttelei Drummle's darüber, daß wir zu freigebig mit unſerem Gelde wären, ärgerte uns ſehr. Ich bemerkte mehr im Eifer als mit Vorſicht, er möchte darüber ſchweigen, denn er habe ſich in meiner Gegenwart vor einer Woche von Star⸗ top Geld geliehen. „Was will das heißen,“ ſagte Drummle,„es wird ihm zurückgezahlt werden.“. „Das wollte ich auch nicht geſagt haben, allein Sie könnten doch nun über uns und unſer Geld ſchweigen. „Sie meinen das! o Gott!“ antwortete Drummle. „Sie würden doch, wenn wir in Noth wären, uns nichts vorſtrecken.“ „Da ſind Sie im Recht. Ich leihe Ihnen, ich leihe Niemand einen Heller.“ „So iſt es, mein' ich, nicht fein, ſich Geld zu borgen.“ „Sie meinen das, o Gott!“ wiederholte Drummle. Das war ſo kränkend, um ſo mehr, als ich ſeine Grob⸗ heit nicht überwunden hatte, daß ich, um Herbert's Zurück⸗ halten unbekümmert, antwortete: „Ich will Ihnen ſagen, Drummle, was zwiſchen Her⸗ bert und mir vorgefallen, als Sie ſich das Geld borgten.“ „Ich verlange nicht zu wiſſen, was zwiſchen Herbert und Ihnen vorgefallen,“ murrte Drummle. Er ſagte mit leiſerem Gemurre, mir möchten Beide zum Teufel gehen und uns ſortſcheeren. „Ich ſag' es Ihnen aber doch, mögen Sie's hören wollen oder nicht. Wir ſagten, als Sie es ſehr vergnügt in die Taſche ſteckten, Sie ſchienen auch nicht minder über ſeine Schwäche, es Ihnen zu leihen, erfreut.“ Drummle lachte uns ins Geſicht, die Hände in der Taſche, die Schultern heraufgezogen, und ſchien anzudeu⸗ ten, ich hätte auch ganz recht, und er verachte uns als Eſel. 79 Startop nahm ihn nun in einer feineren Weiſe vor und forderte ihn auf, ſich angenehmer zu zeigen. Startop war ein hübſcher junger Mann, Drummle gerade das Gegentheil, und nahm deshalb von erſterem Alles als per⸗ ſönliche Beleidigung auf. Er antwortete in grober Manier, und Startop ſuchte die Unterhaltung mit einem kleinen Scherz anderswohin zu führen, wobei wir alle lachten. Drummle ärgerte ſich über dieſen Erfolg mehr als über alles Andre, nahm ohne Drohung oder Warnung die Hände aus der Taſche, zuckte mit den runden Schultern, fluchte, nahm ein großes Glas und würde es ſeinem Gegner an den Kopf geworfen haben, allein unſer Wirth ergriff ſehr gewandt ſeinen Arm. 4 „Meine Herren,“ ſagte Herr Jaggers, ſtellte das Glas ruhig nieder und zog ſeine goldene Repetiruhr an der mächtigen Kette hervor,„es thut mir ſehr leid, daß es gerade halb zehn Uhr iſt.“ Wir ſtanden auf, uns zu empfehlen. Ehe wir an die Hausthür kamen, rief Startop luſtig„alter Junge“ und meinte damit Drummle, als ob nichts vergefallen wäre. Er gab aber keine Antwort und wollte nicht einmal mit uns nach Hammerſmith gehen; Herbert und ich blieben in der Stadt und ſahn beide auf den beiden entgegengeſetzten Seiten des Weges dahinſchreiten, Startop ging voran, Drummle ſchlich nach im Schatten der Häuſer, ſo wie er uns mit dem Boot zu folgen pflegte. Die Thür war nicht geſchloſſen, ich ließ alſo Herbert einen Augenblick an derſelben warten und lief noch einmal zu meinem Vormunde. Ich fand ihn im Ankleidezimmer während er ſich wuſch und ſagte, daß ich zurückgekehrt ſei, um mein Bedauern hierüber auszuſprechen, wenn etwas von mir gefehlt wäre, was er hoffentlich nicht übel nehmen würde. „Pah,“ jagte e er, begoß ſich das Geſicht und ſprach durch die Waſſertropfen:„Das hat nichts zu ſagen, Pip. Dieſe Spinne gefällt mir bei alle dem.“ Er ſah mich an, ſchüttelte den Kopf und trocknete ſich ab. „Es iſt mir lieb, daß er Ihnen gefällt,“ ſagte ich,„mir gefällt er nicht.“ „Nein, nein,“ bemerkte mein Vormund,„laſſen Sie ſich nicht z ni mit ihm ein. Halten Sie ſich ſo weit von ihm als nöglich. Allein mir gefällt er, Pip, er iſt von der rechten S Sorte.“ Er ſah vom Handtuche auf und mir ins Auge. „Wär' ich ein Prophet“— Er ließ aber ſeinen Kopf gleich wieder in das Tuch fallen und rieb ſich die Ohren ab.„Allein ich bin kein Prophet — Sie wiſſen, Pip, was ich bin. Gute Nacht, Pip.“ „Gute Nacht, mein Herr.“ Einen Monat ſpäter war die Zeit der Spinne ab⸗ gelaufen und zur großen Freude für das ganze Haus(Frau Pocket ausgenommen) kehrte er in ſein Familienloch zurück. Achtes Kapitel. „Lieber Herr Pip! Ich ſchreibe dies auf Erſuchen des Herrn Gargery, damit Sie wiſſen, daß er in Begleitung des Herrn Wopsle nach London geht und es ihm angenehm ſein würde, wenn er Sie ſehen dürfte. Er will am Dienſtag Morgen in Barnard's Hotel vorſprechen, und ſollte dies nicht angenehm ſein, ſo laſſen Sie Beſcheid zurück. Ihre arme Schyeſter iſt faſt ſo, wie Sie ſie verlaſſen haben. Wir ſprechen jeden Abend von Ihnen in der Küche und denken nach, was Sie wohl thun oder ſagen. Iſt dies jetzt als Freiheit zu betrachten, ſo entſchul⸗ digen Sie es aus Neigung zu den armen alten Zeiten. Nicht mehr, lieber Herr Pip, von Ihrer immer dankbaren und liebevollen Dienerin Biddy.“ N. S. Er wünſcht beſonders, daß ich„was für ein Spaß“ ſchreiben ſolle. Er ſagt, Sie würden es verſtehen. Ich hoffe, daß es Ihnen angenehm iſt, ihn zu ſehen, obſchon Sie ein Gentleman ſind, denn Sie hatten immer ein gutes Herz und er iſt ein würdiger Mann. Ich habe ihm 6 Charles Dickens, Große Erwartungen. II. Alles vorgeleſen, mit Ausnahme dieſes letzten Satzes und er wünſcht ganz beſonders, daß ich noch einmal ſchreibe: „Was für ein Spaß.“ Ich erhielt dieſen Brief am Montag Morgen mit der Poſt, alſo wollte er mich morgen beſuchen. Ich muß offen geſtehen, mit welchen Gefühlen ich dieſen Brief empfing. Nicht mit Vergnügen, obſchon ich durch ſo viele Bande an ihn geknüpft war, nein, mit beträchtlicher Verlegenheit, einigem Verdruſſe und dem ſcharfen Bewußtſein, daß er nicht zu uns paſſe. Hätte ich ihn durch Geld fortſchaffen können, ſo würde ich gewiß Geld dafür ausgegeben haben. Ich war beſonders beruhigt, daß er nach Barnard's Inn, nicht nach Hammerſmith kam, folglich mit Bentley Drummle nicht in Berührung kommen konnte. Ich hatte nichts dawider, daß Herbert oder deſſen Vater ihn ſahen, die ich beide achtete, allein ich war ſehr empfindlich in Betreff Drummle's, den ich verachtete. So werden im Leben unſere ärgſten Schwächen und Gemeinheiten ge⸗ wöhnlich wegen der Leute, die wir am meiſten ver⸗ achten, begangen. Ich hatte ſchon angefangen, die Zimmer in unnützer und unangemeſſener Weiſe auszuputzen und dieſe Bemühun⸗ gen waren ſehr koſtſpielig. Die Räume waren ganz anders als ich ſie vorgefunden und ich füllte einige hervor⸗ ragende Seiten in dem Buche einer benachbarten Möbel⸗ handlung. In der letzten Zeit hatte ich ſo große Fort⸗ ſchritte gemacht, daß ich ſogar einen Jockey in Stulpen⸗ ſtiefeln beſaß, dem ich mich zu Dienſt und Sklaverei ver⸗ ſchrieben hatte. Denn nachdem ich das Ungeheuer aus dem Ausſchuſſe der Familie meiner Wäſcherin zurechtgeſtutzt, 83 ihm blauen Rock, kanariengelbe Weſte, weiße Halsbinde, milchgelbe Beinkleider und ſchon erwähnte Stiefeln ver⸗ ſchafft hatte, mußte ich etwas Arbeit und viel Nahrung für ihn auftreiben, und mit dieſen beiden ſchrecklichen Be⸗ dürfniſſen peinigte er mein Daſein. Dies Rachegeſpenſt ſollte um 8 Uhr am Dienſtag Morgen in der Flur bereit ſein(ſie war, nach dem Tep⸗ piche zu berechnen, zwei Quadratfuß groß) und Her⸗ bert ſchlug einiges zum Frühſtück vor, woran Joſeph ſich erquicken würde. Ich war ihm aufrichtig dankbar für ſeine Theilnahme und Rückſicht, doch konnte ich den Argwohn nicht unterdrücken, er würde ſich nicht ſo viele Mühe gegeben haben, wenn Joſeph zu ihm gekommen wäre. Ich kam am Montag Abend in die Stadt, um Joſeph zu erwarten und ſtand früh auf und ließ das Wohnzimmer und den Frühſtücktiſch ihr glänzendes Aeußere annehmen. Leider war der Morgen feucht und ein Engel hätte die Thatſache nicht verheimlichen können, daß Barnard rußige Thränen außerhalb der Fenſter ſchwitzte, wie ein ſchwacher Schornſteinfegerrieſe. Zur beſtimmten Zeit wär' ich gern davon gelaufen, allein der Rachegeiſt war nach Vorſchrift im Hausflur und ich hörte Joſeph's Tritte auf der Treppe. Ich erkannte Joſeph, weil er ſo plump heraufkam— ſeine Galaſtiefeln waren immer zu groß für ihn, und weil es ſo viele Zeit koſtete, ehe er während ſeines Heraufſteigens die Namen an den anderen Thüren geleſen hatte. Als er zuletzt vor der unſrigen ſtehen blieb, konnte ich hören, wie er mit dem Finger über die Buchſtaben meines Namens weglief und 6* ich hörte ihn am Schlüſſelloche deutlich Athem holen. End⸗ lich klopfte er einmal leiſe an und Pepper— ſo hieß der Rachekna be— meldete Herrn Gargery. Es war mir, als ob er gar nicht aufhören könne, die Füße abzutreten und daß ich ihn von der Matte wegtragen müſſe, allein end⸗ lich trat er ein. „Joſeph, wie geht's Joſeph?“ „Pip, wie geht's Dir, Pip?“ Sein ehrliches Geſicht glühte und glänzte, den Hut hatte er auf den Boden zwiſchen uns geſtellt und ſo erfaßte er meine beiden Hände, als ob ich die zuletzt patentirte Pumpe wäre. „Mich freut es, Joſeph, Dich zu ſehen. Gib mir Deinen Hut.“ Joſeph hob ihn ſorgfältig mit beiden Händen, als ob er ein Vogelneſt darin trage, und wollte mir dieſes Stück Eigenthum nicht abgeben, ſondern in ſehr unbequemer Weiſe ſtehen und ſich ſo unterhalten. „Wobei Du ſo gewachſen biſt, und ſo zugenommen und ſo feiner Mann— bei dieſem Worte dachte er erſt etwas nach— und gewiß biſt Du eine Ehre für König und Vaterland.“ „Und Du, Joſeph, ſiehſt äußerſt wohl aus.“ „Gott ſei Dank, ſagte Joſeph. Ich bin ganz zufrieden. Deine Schweſter iſt nicht ſchlimmer als ſie war. Und Biddy iſt immer brav und parat. Alle Freunde ſind nicht zurück, wenn auch nicht vorwärts, ausgenommen Wopsle, er hat einen Fall gehabt.“ Während dieſer Zeit rollten Joſeph's Augen rings um das Zimmer und über das bunte Muſter meines Schlaf⸗ rocks, wobei er den Hut nach wie vor wie ein Vogelneſt verwahrte. „Er hat einen Fall gehabt?“ „Nun ja,“ ſagte Joſeph und ſprach leiſer,„er hat die Kirche verlaſſen und iſt Schauſpieler geworden. Das Schauſpielen hat ihn mit mir nach London gebracht. Sein Wunſch war(er nahm das Vogelneſt einen Augenblick unter den linken Arm und ſuchte mit dem rechten nach einem Ei) wenn keine Beleidigung, daß ich wollte dieſes für Sie abgeben.“. Ich nahm, was Joſeph mir gab, und es war ein zerknitterter Theaterzettel von einem kleinen Theater der Hauptſtadt, mit der Anzeige, in dieſer Woche werde auf⸗ treten„der berühmte Provinzialliebhaber, von einem Rufe wie Roscius, deſſen einzige Darſtellung auf den höchſten tragiſchen Bahnen unſeres nationalen Barden neulich ſo großes Aufſehen in localen dramatiſchen Kreiſen hervor⸗ gerufen hat.“ „Warſt Du bei ſeiner Vorſtellung?“ frug ich. „Ich war,“ ſagte Joſeph mit Nachdruck und Feierlichkeit. „War ein großes Aufſehen entſtanden?“ „Ja,“ ſagte Joſeph,„es war da gewiß eine Metze von Apfelſinenſchalen. Abſonderlich als er den Geiſt geſehen. Obgleich ich fragen muß, ob wohl ein Menſch zu ſeiner Arbeit mit gutem Willen aufgemuntert werden kann, wenn man zwiſchen ihm und dem Geiſt immer mit Amen einfällt. Ein Mann kann ein Unglück gehabt haben und in der Kirche geweſen ſein,“ ſagte Joſeph mit leiſerer Stimme des Ge⸗ fühls,„allein deshalb braucht ihr ihn nicht ſo in Verlegen⸗ heit zu bringen. Was ich meinte zu ſagen, wenn der Geiſt des eigenen Vaters die Aufmerkſamkeit nicht gewinnen kann, was kann es ſonſt? Beſonders, wenn ſein Trauerhut ſo klein gemacht iſt, daß das Gewicht der ſchwarzen Federn ihn abwirft— da halt' ihn auf wer da kann.“ Eine Geiſterſeher⸗Veränderung auf Joſeph's Geſicht zeigte mir den Eintritt Herbert's an. Ich ſtellte ſie einander vor und Herbert bot ihm die Hand, doch Joſeph wich zurück und hielt am Vogelneſte feſt. „Ihr Diener, mein Herr,“ ſagte Joſeph,„wobei ich hoffe, daß Sie und Pip— hier fiel ſein Auge auf den Rachegeiſt, der etwas Brot auf den Tiſch ſtellte und wollte offenbar auch dieſen jungen Gentleman zur Familie zählen, weshalb ich ihm winkte und ihn noch mehr in Verlegenheit brachte.—„Ich meinte zu ſagen, Sie beide Gentlemen, wobei ich hoffe, daß Sie Ihre Geſundheit in dieſem dum⸗ pfen Hauſe behalten. Denn es mag hier ein gutes Wirths⸗ haus ſein, nach Londoner Anſichten,“ ſagte Joſeph vertrau⸗ lich,„und ſein Ruf ſteht, glaub' ich, hoch, doch möcht' ich kein Schwein darin halten, jedenfalls nicht, wenn es geſund gemäſtet und mit feinem Geſchmack verzehrt werden ſollte.“ Nachdem Joſeph die Verdienſte unſerer Wohnung in ſo ſchmeichelhafter Weiſe anerkannt, und gelegentlich die Neigung gezeigt hatte, mich„mein Herr“ zu nennen, wurde er gebeten ſich niederzuſetzen, er ſah ſich um, wo er in paſſender Weiſe ſeinen Hut unterbringen könne, als ob dieſer nur auf ſehr wenigen Subſtanzen einen Ruheplatz finden könne, und ſtellte ihn zuletzt auf die äußerſte Ecke des Kamins, von wo er dann und wann herunterfiel. „Nehmen Sie Thee oder Kaffee, Herr Gargery?“ frug Herbert, der am Morgen immer den Vorſitz führte. 84 „Danke Ihnen mein Herr,“ ſagte Joſeph, ſteif von Kopf zu Fuß.„Ich nehme, was Ihnen am angenehm⸗ ſten iſt.“ „Was ſagen Sie zu Kaffee?“ „Danke Ihnen, mein Herr,“ antwortete Joſeph, durch dieſen Vorſchlag offenbar verſtimmt,„da Sie ſo höflich ſind, Kaffee zu wählen, ſo will ich Ihrer Meinung nicht ent⸗ gegentreten. Allein finden Sie ihn nicht zu ſehr ins Blut ſteigen?“ „So nehmen Sie Thee,“ ſagte Herbert und goß welchen ein. Joſeph's Hut fiel plötzlich hin und er ſprang vom Stuhle auf und hob ihn auf und ſteckte ihn eben dahin. Als ob es durchaus Vorſchrift der feinen Sitte wäre, daß er bald wieder hinfallen müſſe. „Wann ſind Sie nach der Stadt gekommen, Herr Gargery?“ „War es geſtern Nachmittag?“ ſagte Joſeph und huſtete hinter der Hand, als ob er ſeit ſeinem Beſuche den Keuchhuſten gefangen habe.„Es war nicht— ja es war — ja es war geſtern Nachmittag“(mit ſcheinbarer Klug⸗ heit und ſtrenger Unparteilichkeit.) „Haben Sie ſchon etwas von London geſehen?“ „Ja mein Herr,“ ſagte Joſeph,„ich und Wopsle gingen direkt nach dem Schuhwichslager. Es war aber ganz anders, als es auf den rothen Zetteln an den Ladenthüren ausſieht, wobei ich meinte zu ſagen,“ fügte Joſeph zur Erklärung hinzu,„als ob es da wäre gezeichnet zu architek⸗ toniſchoniſch.“ Joſeph hätte dies Wort wahrſcheinlich zu einem voll⸗ ſtändigen Chor verlängert, wäre nicht glücklicherweiſe der Hut, der niederzufallen anfing, ſeiner Aufmerkſamkeit entge⸗ gegenkommen. Er paßte immer auf, mit Auge und Hand gelenkig, ſo wie man etwa ein Gitter bewacht. Er zeigte die größte Geſchicklichkeit und hatte ein außerordentliches Treiben, bald fing er ihn, ehe er auf der Erde lag, bald hielt er ihn halbwegs auf, ſchlug ihn glatt und ſchob ihn in verſchiedene Theile des Zimmers und gegen einen Theil der Tapeten, ehe er ihn feſthalten konnte und endlich ließ er ihn in die Spülkumpe fallen, ſo daß ich deſſelben hab⸗ haft werden konnte. Sein Hemdkragen und ſein Rockkragen waren unauf⸗ hörliche Räthſel. Weshalb machte ſich ein Menſch ſo wunderlich, ehe er ſich für ganz angezogen halten wollte? Weshalb hielt er ſich durch Feiertagskleider gebeſſert? Dazwiſchen fiel er in unerklärliche Pauſen, die Gabel halb⸗ wegs zwiſchen Teller und Mund, ſeine Augen hingen nach allen Seiten, er huſtete ſo merkwürdig, ſaß ſo weit vom Tiſche, ließ weit mehr fallen als er aß— ſo daß ich mich über Herbert's Entfernung herzlich freute. Ich hatte kein Einſehen, daß die Schuld mein war; hätte ich mich mehr mit Joſeph abgegeben, ſo wäre er auch ungenirter geworden. Ich war aber ſeinethalben unge⸗ duldig und er häufte dadurch feurige Kohlen auf mich. „Wir ſind nun Beide allein, mein Herr,“ fing Joſeph an. „Joſeph,“ unterbrach ich ihn,„wie kannſt Du mich mit Herr anreden?“ Er ſah mich einen Augenblick gleichſam mit einem Blicke des Vorwurfs an. So ungeſchickt ſeine Halsbinde 2 2 89 und ſein Halskragen, ſo war doch eine gewiſſe Würde in ſeinem Blick. „Wir Beide allein und ich nur noch wenige Minuten hier— will ich ſchließen— jedenfalls anfangen zu erwäh⸗ nen, was mich gebracht hat zu der gegenwärtigen Ehre. Denn wäre es nicht,“ ſagte Joſeph mit ſeiner klaren Stimme,„daß mein einziger Wunſch wäre, Ihnen zu nützen, ſo hätte ich nicht die Ehre gehabt, in Geſellſchaft und Woh⸗ nung eines Gentleman Brot zu brechen.“ Ich konnte gegen dieſen Ton nichts einwenden, da ich jenen Blick nicht wieder ſehen wollte. „Alſo mein Herr,“ fuhr Joſeph fort,„ſo iſt es wie es war. Ich war vor einigen Abenden bei den Schiffern, Pip,“(er nannte mich Pip, wenn er zärtlich war und ſagte dann wieder mein Herr, wenn er höflich ſein wollte),„und da kam Pumblechook angefahren. Welcher derſelbe Mann (und Joſeph ſchlug einen andern Gang ein), der mir oft das Haar zum Sträuben bringt, da er oben und unten in der Stadt erzählt, es wäre er, der Ihre Kinderbekanntſchaft gehabt und von Ihnen als Ihr Spielkamerad betrachtet worden wäre. „Unſinn. Das warſt Du, Joſeph.“ „Was ich durchaus glaube, daß ich es war, Pip,“ ſagte Joſeph und ſchüttelte den Kopf,„obſchon es jetzt wenig zu bedeuten hat, mein Herr. Alſo, Pip, dieſer ſelbe Menſch, deſſen Manieren ſo prahleriſch, kommt zu mir in den Schiffern(wo man ſich nach der Arbeit mit Pfeife und einem Maß Bier erfriſchen, nicht aufregen kann) und ſein Wort war: Joſeph, Fräulein Havisham wünſcht mit Ihnen zu ſprechen.“ 90 „Fräulein Havisham, Joſeph?“ „Sie wünſcht, war Pumblechook's Wort, mit Ihnen zu ſprechen.“ Joſeph ſaß da und warf ſeine Augen nach der Decke. „Nun, Joſeph, erzähle weiter!“ „Am nächſten Tage, mein Herr(ſagte Joſeph und ſah mich an, als ob ich in weiter Ferne wäre), machte ich mich rein und ging zu Fräulein Ha.“ „Fräulein Ha— Joſeph— Havisham?“ „Wie ich ſage,“ erklärte Joſeph mit einer förmlichen Miene, als ob er ſein Teſtament aufſetze;„Fräulein Ha oder auch Havisham. Ihre Ausdrücke waren wie folgt: Herr Gargery, Sie ſind in Correſpondenz mit Herrn Pip? — Da ich einen Brief von Ihnen gehabt, ſo konnte ich ſagen: Ich bin.(Als ich Ihre Schweſter heirathete, mein Herr, ſagte ich: Ich will, und als ich Ihrer Freundin ant⸗ wortete, ſagte ich: Ich bin.)— Wollen Sie ihm denn ſagen, daß Eſtella nach Hauſe gekommen und ſich freuen würde, ihn zu ſehen.“ Mein Geſicht erglühte, als ich Joſeph anſah. Ein Grund dazu war der, daß ich anders mit Joſeph um⸗ gegangen wäre, wenn ich die Urſache ſeines Beſuches geahnt hätte. „Biddy,“ fuhr Joſeph fort,„weigerte ſich etwas, als ich nach Hauſe kam und ſie bat, dieſe Nachricht zu ſchreiben. Biddy ſagte: Ich weiß, er wird ſich ſehr freuen, dies mündlich zu erfahren; es iſt Feſttag, Sie wünſchen ihn zu ſehen, gehen Sie!— Nun bin ich zu Ende, mein Herr,“ ſagte Joſeph und ſtand vom Stuhle auf;„und nun, Pip, wünſche ich Ihnen immer Geſundheit und Glück zu größerer und größerer Höhe.“ — 91 „Du gehſt doch jetzt nicht, Joſeph?“ „Ja, ich gehe,“ ſagte Joſeph. „Du kommſt doch zum Mittageſſen zurück?“ „Nein, ich komme nicht,“ ſagte Joſeph. Wir begrüßten uns mit den Augen und das„Herr“ verſchwand aus ſeinem mannhaften Herzen, als er mir die Hand gab. „Pip, lieber alter Kerl, das Leben beſteht aus vielen Trennungen, und der Eine iſt ein Grobſchmied und der Andere ein Feinſchmied, der Eine ein Goldſchmied, der Andere ein Kupferſchmied. Dieſe müſſen ſich trennen und man muß es ertragen. Wenn heute etwas verſehen worden iſt, ſo rührt es von mir her. Du und ich ſind keine zwei Figuren, die man in London zuſammen ſehen darf und nirgendwo ſonſt, als wo es privat und bekannt und unter Freunden iſt. Nicht daß ich ſtolz bin, allein aber ich will gern das Rechte thun und Du ſollſt mich in dieſem Anzuge niemals wieder ſehen. Ich bin nichts in dieſem Anzuge. Ich paſſe nicht außerhalb der Schmiede, der Küche und den Marſchen. Du wirſt nichts an mir auszuſetzen haben, wenn Du an mich in meiner Schmiedekleidung, den Ham⸗ mer in der Hand oder mit der Pfeife denkſt. Du findeſt nichts an mir auszuſetzen, wenn Du mich etwa zu ſehen wünſcheſt und kommſt und ſiehſt zum Schmiedefenſter hinein und ſiehſt den Grobſchmied Joſeph am alten Ambos in der alten verbrannten Schürze, der die alte Arbeit macht. Ich bin ſehr ungeſchickt, allein ich hoffe, daß ich endlich das Rechte herausgeſchlagen habe. Und ſo Gott ſegne Dich, lieber alter Pip, alter Kerl, Gott ſegne Dich!“ Ich hatte nicht mit Unrecht eine einfache Würde in ihm geſucht. Die Art ſeiner Kleidung konnte ihm dabei ſo wenig hinderlich ſein, als auf dem Wege zum Himmel. Er berührte mich leiſe an der Stirn und ging hinaus. Sobald ich mich faſſen konnte, eilte ich ihm nach und ſah mich in den benachbarten Straßen nach ihm um— allein er war verſchwunden. Neuntes Kapitel. Ich mußte alſo am nächſten Tage nach unſerer Stadt zurückkehren, und in der erſten Strömung meiner Reue war es klar, daß ich bei Joſeph wohnen müſſe. Als ich aber meinen Platz im Wagen genommen, bei Herrn Pocket mich beurlaubt und wieder zurückgekehrt war, ſchien mir letzteres nicht ſo nothwendig und ich erſann Gründe und Entſchuldigungen, um im blauen Bären abzuſteigen. Bei Joſeph würde ich beläſtigen, ich war nicht erwartet, mein Bett würde nicht bereit ſein, ich wäre zu weit von Fräulein Havisham, welche Anſprüche machte und es vielleicht nicht gern ſähe. Alle Schwindler in der Welt ſind nichts gegen diejenigen, die ſich ſelbſt etwas vorſchwindeln, und mit ſolchen Vorwänden täuſchte ich mich. Fürwahr ſeltſam! Daß ich eine falſche halbe Krone, die Jemand geſchmiedet hatte, unbewußt annehmen würde, ließ ſich entſchuldigen, allein daß ich das von mir ſelbſt gemünzte falſche Geld wiſſentlich als gutes annehmen konnte, nimmermehr! Endlich ſtand es feſt, daß ich im blauen Bären abſteigen müſſe, und nun wußte ich noch nicht, ob ich den Rachegeiſt mitnehmen ſolle. Es konnte einen verſuchen, dieſen koſt⸗ ſpieligen Lohndiener ſeine Stiefel auf dem Poſthofe des blauen Bären zeigen zu laſſen; es war faſt erhaben, dieſen Jüngling gelegentlich im Schneiderladen vorzuführen und Trabb's unhöflichen Jungen niederzuſchmettern. Allein Trabb's Junge konnte ſich mit ihm befreunden und ihm allerlei erzählen oder konnte ihn in ſeiner unanſtändigen Manier auf der Straße verhöhnen. Meine Gönnerin konnte von ihm hören und ihn nicht billigen. Endlich beſchloß ich, den Rachegeiſt zurückzulaſſen. Ich hatte meinen Platz im Nachmittagswagen genom⸗ men und da der Winter eingetreten war, ſo konnte ich erſt drei bis vier Stunden nach dem Dunkelwerden ankommen. Wir fuhren um zwei Uhr vom„Kreuzſchlüſſel“ ab. Ich kam eine Viertelſtunde zu früh an; mein Rachegeiſt begleitete mich, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, da er mich eigent⸗ lich nie begleitete, wenn er es nur eben vermeiden konnte. Zu jener Zeit war es Gebrauch, Sträflinge mit dem Poſtwagen nach den Schiffen zu befördern. Da ich oft gehört, daß ſie als Paſſagiere auf dem Wagen mitgenom⸗ men wurden und mehr als einmal ſelbſt geſehen hatte, daß ihre mit Eiſen beſchlagenen Beine über die Wagendecke baumelten, ſo brauchte ich mich nicht zu wundern, als Herbert auf dem Hofe zu mir kam und mir ſagte, es führen zwei Sträflinge mit mir. Ich hatte aber einen alten Grund, weshalb ich bei dem Worte Sträfling erzitterte. „Es iſt Ihnen doch einerlei, Händel?“ ſagte Herbert. „Gewiß.“ „Mir kam es vor, als ob Sie es nicht gern hätten?“ „Ich kann nicht ſagen, daß es mir gefiele; Ihnen wohl auch nicht; allein es iſt mir doch einerlei.“ „Sieh! Da kommen ſie aus dem Wirthshauſe. Es iſt ein gemeiner und widriger Anblick.“ Sie hatten ihren Wächter bewirthet, denn es war ein Gefängnißaufſeher mit ihnen, und alle Drei kamen zu⸗ ſammen heraus, wobei ſie ſich den Mund an der Hand abwiſchten. Die beiden Sträflinge waren zuſammen⸗ gebunden und trugen Eiſen an den Beineu, nach einem mir wohlbekannten Muſter. Sie trugen die Kleidung, die mir auch wohlbekannt war. Ihr Wärter hatte ein Paar Piſtolen und einen dicken Knotenſtock unter dem Arm, allein er war doch in gutem Einvernehmen mit ihnen und ſah, indeß er neben ihnen ſtand, dem Anſchirren der Pferde zu, als ob es eine eben jetzt geſchloſſene Ausſtellung gäbe, deren Vorſtand er wäre. Der Eine war ſchlanker und kräftiger als der Andere, und nach der unerforſchlichen Manier bei Sträflingen und Freien war ihm der kleinere Anzug gegeben worden. Seine Arme und Beine waren wie große Nadelkiſſen in dieſer Geſtaltung und ſeine Kleider verſtellten ihn in abgeſchmackteſter Weiſe, doch erkannte ich ſein halb geſchloſſenes Auge beim erſten Blicke. Da ſtand der Mann, den ich an einem Sonnabend Abend in den drei luſtigen Schiffern geſehen und der mich mit ſeiner unſichtbaren Kanone niedergeſchoſſen hatte. Bisher hatte er mich nicht erkannt, als ob er mich niemals geſehen habe. Plötzlich ſah er mich an, ſein Auge fiel auf meine Uhrkette, da ſpuckte er aus und ſagte etwas zum andern Sträfling und ſie lachten und um⸗ ſchlangen ſich mit einem Ringe ihrer Handſchellen und ſahen anderswohin. Die großen Zahlen auf ihrem Rücken, als wären ſie Straßenthüren, ihr grobes und ſchmuziges 96 Ausſehen, als ob ſie niedrige Thiere wären, ihre mit Ta⸗ ſchentüchern umwundenen Bande und die Art und Weiſe, wie Alle ſie anblickten und ſich von ihnen fern hielten— das Alles machte ſie(wie Herbert ſagte) zu einem ſehr unangenehmen und erniedrigenden Schauſpiel. Dies war noch nicht das Schlimmſte. Alle Rückplätze waren von einer aus London abreiſenden Familie mit Be⸗ ſchlag belegt und die beiden Gefangenen konnten nur hinter dem Kutſcher ſitzen. Ein heftiger Herr, welcher den vierten Platz genommen hatte, wurde nun wild und erklärte es für einen Vertragsbruch, ihn mit ſolchen Schurken zuſammen⸗ zubringen, und es ſei verderblich und infam, und giftig und ſchimpflich und was noch weiter. Der Wagen war parat, der Kutſcher ungeduldig, wir wollten einſteigen, die Gefangenen waren mit ihrem Wärter näher getreten und brachten den ſeltſamen Geruch von Brotverband, Strick⸗ garn und Wollenzeug mit, der ſich dem Sträfling an⸗ ſchließt. „Nehmen Sie es nicht ſo übel,“ ſagte der Wärter,„ich will mich neben Sie ſetzen. Ich will ſie nach Außen an⸗ bringen. Sie kümmern ſich nicht um Sie, mein Herr. Sie brauchen von ihrer Anweſenheit nichts zu wiſſen.“ „Nehmen Sie mir auch nichts übel,“ ſagte der Sträf⸗ ling, den ich erkannt hatte.„Ich will nicht reiſen. Ich bleibe gern zurück. Was mich betrifft, ſo uiag jeder Andere meinen Platz einnehmen.“ „Oder meinen!“ ſagte der Andere brumnnig.„Ich würde keinen von Euch beläſtigt haben, wenn es nach mei⸗ nem Willen wäre.“ Und ſie lachten, knackten Nüſſe und warfen die Schalen umher— was ich auch gethan haben 97 würde, wäre ich an ihrer Stelle und ſo verachtet ge⸗ weſen. Endlich wurde feſtgeſtellt, der heftige Herr müſſe ſich fügen und entweder mit ſeiner Geſellſchaft fahren oder zurückbleiben. Er nahm alſo ſeinen Platz ein und beſchwerte ſich noch immer, der Wärter ſetzte ſich neben ihn und die beiden Sträflinge machten ſich es ſo bequem, als ſie nur konnten und der von mir erkannte ſaß gerade hinter mir, ſo daß ſein Athem meinen Kopf berührte. aldicn, Händel!“ rief Herbert mir zu, als wir ab⸗ fuhren. Ich hielt es für ein großes Glück, daß er meinen Namen Pip umgeändert hatte. Es läßt ſich nicht beſchreiben, mit welchem Gefühle ich den Athem des Sträflings nicht nur am Kopfe, ſondern am ganzen Rücken empfand. Es war mir, als ob eine ſtechende Schärfe mir ins Mark dränge und meine Zähne knirſchten. Er ſchien mehr als ein Anderer Athem holen zu müſſen und mehr Geräuſch zu machen, und bei meiner Bemühung, mich von ihm abzukehren, mußte ich zuletzt eine hohe Schulter bekommen. Das Wetter war ſehr rauh und die Beiden fluchten über die Kälte. Wir wurden Alle ſchläfrig, ſchlummerten, froren und ſchwiegen. Ich dachte nach, wie ich dieſem Menſchen, ehe ich ihn außer Augen verlöre, zwei Pfund Sterling zukommen laſſen könne und wie das zu machen wäre; dabei ſchlief ich ein und erwachte erſt, als ich faſt kopfüber fiel, als ob ich mich zwiſchen den Pferden baden wollte. Es mußte geraume Zeit vergangen ſein, denn als ich erwachte, war es ſchon ſähr dunkel und die Laternen Charles Dickens, Grobe Erwartnn 11. 98 flackerten hin und her, allein ich empfand einen ſo kalten Wind, daß die Marſchgegend nahe ſein mußte. Auch die Sträflinge waren mir näher gekommen, da ſie ſich gegen die Kälte ineinander ſchmiegten. Die erſten Worte, die ich von ihnen hörte, waren die Worte meiner eigenen Ge⸗ danken:„Zwei Noten von einem Pfund.“ „Wie hat er ſie bekommen?“ ſagte der mir unbekannte Sträfling. „Wie ſollt' ichs wiſſen?“ antwortete der Andere.„Er hatte ſie irgendwo verſteckt. Freunde hatten ſie ihm ge⸗ geben, mein' ich.“ „Ich wünſchte, ich hätte ſie hier,“ ſagte der Andere und verfluchte die Kälte. „Zwei Pfundnoten oder die Freunde?“ „Zwei Pfundnoten. Ich verkaufe alle meine Freunde für ein Pfund nind mache nch ein gutes Geſchäft. Alſo— ſo ſagte er— „So ſagte er,“ fuhr der bekannte Sträfling fort,(„es wurde aber in einer halben Minute geſagt und gethan, hinter einem Haufen Holz auf dem Schiffsmagazin) Du wirſt entlaſſen? Ja, ich werde es. Ob ich den Knaben aufſuchen wolle, der ihn gefüttert und ſein Geheimniß be⸗ wahrt und ihm die zwei Noten geben? Ich wollte es. Und ich that es.“ „Du biſt ein Narr,“ brummte der Andere.„Ich hätte ſie in Speiſe und Trank verſchwendet. Er muß ſehr dumm geweſen ſein. Er wußte nichts über Dich?“ „Nichts im mindeſten. Verſchiedene Banden und ver⸗ ſchiedene Schiffe. Er wurde ſpäter wegen Fluchtverſuchs verurtheilt und lebenslänglich.“ „Und war dies das einzige Mal, daß Du hier in der Gegend arbeiteteſt?“ „Das einzige Mal.“ „Was hältſt Du von dem Platze?“ „Ein abſcheulicher Platz. Schmuz, Nebel, Sumpf und Arbeit— Arbeit, Sumpf, Nebel und Schmuz.“ Sie verwünſchten den Platz in ſehr wilden Ausdrücken und brummten ſich müde und ſchwiegen. Nach dieſer Unterhandlung wäre ich gewiß abgeſtiegen und hätte mich auf der dunklen Chauſſee allein entfernt, wäre ich nicht überzeugt geweſen, daß der Mann mich nicht wieder erkenne. Ich war auch im Laufe der Jahre ſo verändert und ſo verſchieden gekleidet, daß re mich nicht leicht hätte erkennen können. Allein da es ſich ſo traf, daß wir in einem Wagen zuſammen ſaßen, ſo konnte es ſich auch zutragen, daß in ſeiner Anweſenheit durch einen anderen Zufall mein Name genannt würde. Ich beſchloß deshalb, gleich in der Stadt auszuſteigen und mich von ihm zu entfernen. Ich ſetzte dies mit Erfolg durch. Mein kleiner Reiſeſack lag mir zu Füßen, ich konnte ihn leicht herausheben, warf ihn vor mir nieder, ſtieg aus und ſtand nun an der erſten Lanterne auf den erſten Steinen des Straßenpflaſters. Die Sträflinge fuhren mit dem Wagen fort und ich wußte, wo man ſie nach dem Strome trans⸗ portiren würde. Ich ſah das Boot mit den Sträflingen, wie ſie von den ſchmuzigen Treppen abruderten und ſah vor mir im Geiſte die Arche Noah dort im dunklen Ge⸗ wäſſer. Ich konnte nicht ſagen,zwas ich befürchtet hatte, meine Furcht war eine ganz unbeſtimmte, allein ich hatte große 7* 100 Furcht. Indem ich ſo zum Hotel ging, fühlte ich, daß ich vor Angſt zitterte, die ganz etwas Anderes war, als die bloße Beſorgniß eines unangenehmen Wiedererkennens. Sie gewann keine beſtimmte Geſtalt und war nichts, als daß der Schrecken meiner Kindheit auf einige Minuten erwachte. Das Geſellſchaftszimmer im blauen Bären war leer und ich hatte mein Abendeſſen beſtellt und erhalten, ehe der Kellner mich kannte. Nachdem er ſich wegen ſeines ſchlechten Gedächtniſſes entſchuldigt hatte, frug er, ob er Herrn Pumblechook rufen laſſen ſolle. „Nein,“ ſagte ich,„auf keinen Fall!“ Der Kellner, der am Tage meiner Aufnahme als Lehr⸗ burſche die große Verwarnung vom Handelsverein über⸗ bracht hatte, ſchien verwundert und legte mir ein ſchmuziges Exemplar eines Localblattes ſo ſehr in die Nähe, daß ich endlich es ergriff und darin folgenden Artikel las: „Unſere Leſer werden nicht ohne einiges Intereſſe in Bezug auf die neuliche romantiſche Vermögenserhöhung. eines jungen Eiſenkünſtlers dieſer Nachbarſchaft erfahren (welch' ein Vorwurf für die magiſche Feder unſeres noch nicht allgemein anerkannten Landsmannes Tooby, des Dichters unſerer Spalten!), daß der frühere Gönner, Gefährte und Freund dieſes Jünglings ein ſehr geſchätzter, nicht ganz ohne Beziehung zum Korn⸗ und Samenhandel ſtehender Mann war, deſſen äußerſt bequem gelegene Räumlichkeiten nicht weit von der Hochſtraße ſich be⸗ finden. Es iſt nicht ganz abſichtslos von unſeren per⸗ ſönlichen Gefühlen, daß wir ihn als den Mentor unſeres jungen Telemach bezeichnen, denn es iſt gut, daß man 101 wiſſe, daß der Begründer des Glücks dieſes Jünglings in unſerer Stadt lebt. Fragt die ſinnige Stirn des localen Weiſen oder das glänzende Auge der localen Schönheit: weſſen Glück? Wir meinen, daß Quintin Metſys der Grobſchmied von Antwerpen geweſen iſt. Und nun genug!“ Ich habe die feſte Ueberzeugung, daß wenn ich in den Tagen meines Wohlſtandes nach dem Nordpol gereiſt wäre, dort ein wandernder Eskimo mir erzählt haben würde, Pumblechook habe mein früheſter Gönner und Begründer meines Glücks geheißen. Zehntes Kapitel. Schon früh am Morgen ſtand ich auf und ging aus. Es war zu früh, um Fräulein Havisham zu beſuchen, doch trieb ich mich auf jener Seite der Stadt umher; es war nicht Joſeph's Seite, dahin konnt ich morgen gehen; ich dachte an meine Gönnerin, und machte mir glänzende Schilderungen von ihren Plänen in Betreff meiner. Sie hatte Eſtella adoptirt, ſie hatte mich ſo gut als adoptirt und es mußte wohl ihre Abſicht ſein uns zuſammen⸗ zubringen. Sie wollte es mir aufbewahren, das verlaſſene Haus wiederherzuſtellen, Sonnenſchein in die dunkeln Zimmer zu leiten, die Uhren zum Gehen zu bringen und die kalten Kamine in Gluth zu verſetzen, die Spinnenwebe niederzureißen und das Gewürm todtzuſchlagen— kurz alle brillanten Thaten des jungen Ritters aus der Romanze zu vollziehen und die Prinzeſſin zu heirathen. Ich war am Hauſe vorübergegangen und ſtill geſtanden: die vertrock⸗ neten rothen Ziegelmauern, geſchwärzten Fenſter, der ſtarke grüne Epheu, der ſogar die Schornſteine mit ſeinen Zweigen und Sprößlingen gleichſam mit nervigten Armen umſpannt hatte, übten einen Zauber auf mich aus, den zu löſen ich berufen wäre. Eſtella war die Inſpiration, das 103 Herz des Ganzen. Allein obſchon ſie ſich meiner ſo ſehr be⸗ mächtigt, obſchon meine Phantaſie und meine Hoffnung auf ſie geſtellt waren, obſchon ihr Einfluß auf mein Knabenleben und meinen Charakter allmächtig geweſen, verlieh ich ihr doch ſelbſt an jenem romantiſchen Morgen keine Eigen⸗ ſchaften, die ſie nicht beſeſſen hätte. Ich erwähne dies hier mit voller Abſicht, denn nur mit dieſem Schlüſſel kann man mir in mein armes Labyrinth folgen. Nach meinen Erfahrungen kann der hergebrachte Begriff eines Lieben⸗ den nicht immer wahr ſein. Die unbedingte Wahrheit iſt es, daß ich Eſtella unwiderſtehlich fand, als ich ſie mit Mannesliebe liebte. Ein für allemal: ich wußte es ſehr oft zu meinem Leidweſen, ja faſt immer, daß ich ſie gegen Vernunft, Verſprechen, Frieden, Hoffnung, Glück, gegen jegliche Entmuthigung liebte. Ein für allemal: ich liebte ſie nicht minder, weil ich das Alles wußte, und dies hätte mich ebenſowenig abhalten können, als ob ſie die Vollkom⸗ menheit ſelbſt geweſen wäre. 3 Ich richtete meinen Spaziergang ſo ein, daß ich zur gewohnten Zeit am Thore ankam. Nachdem ich mit ſchwankender Hand die Schelle gezogen hatte, kehrte ich dem Thor den Rücken zu, ſuchte Athem zu ſchöpfen und mein klopfendes Herz etwas zu beruhigen. Ich hörte die Seitenthür öffnen, Tritte kamen über den Hof, doch wollt' ich noch nichts hören, als ſchon die Thür in den geroſteten Angeln ſich bewegt hatte. Als man mich an der Schulter berührte, wurde ich aufgeregt und drehte mich um. Und ich wurde noch auf⸗ geregter, als mir ein Mann in dunkelgrauer Kleidung gegenüber ſtand. Ein Mann, den ich in keiner Weiſe 104 als Portier bei Fräulein Havisham zu finden erwarten durfte. „Orlick?“ „Ja, junger Herr, andere Leute ändern ſich auch. Treten Sie näher. Es iſt gegen meine Befehle, das Thor offen zu halten.“— Ich trat ein, er ſchlug es zu, verſchloß es und nahm den Schlüſſel heraus.„Ja,“ ſagte er, ging einige Schritte vor mir dem Hauſe zu und drehte ſich dann um.„Hier bin ich.“ „Wie biſt Du Hergetomtnen; 244 „Ich bin auf meinen Beinen hergekommen,“ antwortete er.„Meinen Koffer hab' ich mir auf einem Wagen fort⸗ fahren laſſen.“ „Biſt Du hier von Nutzen?“ „Ich bin hier gewiß nicht zum Schaden, junger Herr?“ Das war mir nicht klar. Ich dachte über dieſe Ant⸗ wort mit Muße nach, während er allmälig vom Pflaſter an meinen Beinen und Armen entlangs mir ins Geſicht blickte. „Du haſt alſo die Schmiede verlaſſen?“ ſagte ich. „Sieht es hier wie in der Schmiede aus?“ frug Orlick und ſah ſich um, als ob ich ihn beleidigt hätte.„Sieht es hier ſo aus?“ Ich frug ihn, wie lange er eGargerys Schmiede ver⸗ laſſen habe. „Ein Tag gleicht hier ſo ſehr dem andern, daß ich es ohne nachzurechnen nicht weiß. Es iſt doch ſeit meiner Abreiſe eine ziemliche Zeit verfloſſen.“ „Das hätt' ich Dir ſagen können, Orlick.“ 1095 „Ja, Sie ſind Alles, auch ein Gelehrter“— ſagte er trocken. So waren wir ans Haus gelangt, wo ſein Zimmer gerade innerhalb der Seitenthüre lag, und ein kleines Fenſter auf den Hof hatte. Dem Umfange nach war es ſo groß, wie ein Pariſer Portier es haben mochte. Mehrere Schlüſſel hingen an der Wand und er fügte den Thor⸗ ſchlüſſel hinzu; ſein Bett ſtand in einem Alkoven. Das Ganze ſah ſo verſchlafen aus, als ob es ein Käfig für ein menſchliches Murmelthier wäre: er ſtand in der Ecke am Feuſter und glich dem menſchlichen Murmelthier, für welches der Raum eingerichtet war. „Ich habe dies Zimmmer früher nie geſehen,“ ſagte ich, es gab auch keinen Thürhüter.“ „Nein,“ ſagte er,„bis man erfuhr, daß das Haus un⸗ beſchützt lag und die Sträflinge und allerlei Geſindel Ge⸗ fahr verbreiteten. Ich wurde zu dieſer Stelle als ein Mann empfohlen, der andere Leute nach ihrem Verhalten zu behandeln verſtehe und ich nahm ſie an. Es iſt leichter als blaſen und hämmern.— Es iſt geladen.“ So ſprach er, weil er mich angeſehen hatte und ich gerade mein Auge auf ein Gewehr mit eiſenbeſchlagenem Schaft über dem Kamin richtete. Um die Unterhaltung abzubrechen, ſagte ich:„Kann ich zu Fräulein Havisham hinaufgehen?“ „Hol mich der— ich weiß es nicht,“ ſagte er, indeß er ſich ausſtreckte und ſchüttelte;„meine Befehle hören hier auf. Ich ſchlage auf dieſe Schelle mit dieſem Ham⸗ mer und Sie gehen den Gang hinunter, bis Sie Jemand treffen.“ 106 „Ich bin doch erwartet.“ „Hol mich der— zweimal, wenn ich's weiß.“ 3 Ich ging den langen Gang, den ich zum erſten Male mit meinen dicken Stiefeln betreten hatte, und er ließ die Glocke ertönen. Am Ende des Ganges fand ich Sarah Pocket, die jetzt um meinethalben beſtändig grün und gelb geworden zu ſchein ſchien. „O,“ ſagte ſie,„Sie ſind es, Herr Pip?“ „So iſt es, Fräulein Pocket. Es freut mich Ihnen ſagen zu können, daß Herr Pocket und ſeine ganze Familie ſich wohl befinden.“ 4 „Sind Sie auch klüger geworden?“ ſagte Sarah und ſchüttelte betrübt den Kopf;„wären ſie nur klüger, anſtatt wohl zu ſein. Ach Matthew! Sie kennen den Weg?“ „So zienlich, denn ich war oft im Dunkeln die Treppe hinaufgegangen.“ Ich ging jetzt mit feineren Stiefeln hinauf und klopfte in alter Weiſe an die Thür von Fräu⸗ lein Havisham's Zimmer.„So klopft Pip,“ hörte ich ſie ſagen;„herein, Pip.“ Sie ſaß in ihrem Stuhle nahe dem alten Tiſche in ihrer alten Kleidung, beide Hände über den Stab gekreuzt, das Kinn darauf geſtützt und die Augen aufs Feuer gerich⸗ tet. Neben ihr, den niemals getragenen weißen Schuh in der Hand und geſenkten Hauptes darauf blickend, ſaß eine elegante Dame, die ich niemals geſehen hatte. „Herein, Pip,“ ſagte Fräulein Havisham nochmals und ſah ſich nicht um;„herein, Pip; wie geht es, Pip, küſſeſt Du mir die Hand, als wär' ich eine Königin? Nun?“ Plötzlich blickte ſie mich an und ſagte in grämlich ſcherz⸗ hafter Weiſe:„Nun?“ 49 „Ich habe gehört, Fräulein Havisham, Sie wären ſo freundlich, meinen Beſuch zu wünſchen und ich bin gleich gekommen.“ „Nun?“ Die Dame, die ich früher nie geſehen hatte, hob ihre Augen und ſah mich ſchlau an und da erkannte ich Eſtella's Augen. Aber ſie war ſo ſehr verändert, ſo viel ſchöner, ſo viel weiblicher in Allem was Bewunderung hervorruft, war ſo ſehr vorangekommen, daß ich zurückgeblieben zu ſein ſchien. Es war mir bei ihrem Anblick, als ob ich wieder der grobe und gemeine Junge geworden wäre. O, wie ſehr empfand ich, daß ſie mir fern und ungleich und un⸗ erreichbar ſein müſſe! Sie gab mir die Hand. Ich ſtotterte etwas über das Vergnügen des Wiederſehens und daß ich ihm ſeit lange, lange entgegengeſehen hätte. „Hat ſie ſich ſehr verändert, Pip?“ frug Fräulein Havisham mit ihrem gierigen Blick und ſchlug mit ihrem Stock auf einen zwiſchen ihnen ſtehenden Stuhl als Zei— chen, daß ich mich auf ihn niederlaſſen ſolle. „Als ich eintrat, entdeckte ich nichts von Fräulein Eſtella in ihrer Geſtalt, doch allmälig wird Alles zur alten—“ „Was? Sie wollen doch nicht ſagen, zur alten Eſtella?“ unterbrach mich Fräulein Havisham.„Sie war ſtolz und kränkend und Sie wollten fort von ihr. Entſinnen Sie ſich nicht.“ Ich ſagte verlegen, das ſei lange her und ich hätte damals nichts davon verſtanden und dergleichen. Eſtella lächelte mit großer Ruhe und ſagte, ich hätte mich gar nicht geirrt, denn ſie ſei gewiß ſehr unliebenswürdig geweſen. 108 „Iſt er verändert?“ frug Fräulein Havisham. „Ueberaus,“ ſagte Eſtella und ſah mich an. „Nicht mehr ſo grob und gemein?“ ſagte Fräulein Havisham und ſpielte mit Eſtella's Haar. Eſtella lachte und ſah den Schuh in ihrer Hand an und lachte wieder und ſah mich an und legte den Schuh nieder. Sie behandelte mich noch wie einen Knaben, allein ſie verlockte mich doch. Wir ſaßen im träumeriſchen Zimmer unter den alten ſeltſamen Einflüſſen, die mich ſo ſehr ergriffen hatten und ich erfuhr, ſie wäre eben von Frankreich gekommen und wolle nach London gehen. Stolz und launenhaft wie früher, hatte ſie dieſe Eigenſchaften ſo ſehr ihrer Schön⸗ heit unterworfen, daß es unmöglich und wie ich meinte un⸗ natürlich ſchien, ſie von ihrer Schönheit zu trennen. Es war unmöglich ihre Gegenwart von dem jämmerlichen Sehnen nach Geld und Vornehmigkeit zu trennen, welches meine Kindheit geſtört hatte— von den ungeregelten Beſtrebun⸗ gen, um derentwillen ich mich des Hauſes und Joſeph's ſchämte, von allen den Viſionen, die ihr Geſicht aus dem glühenden Feuer heraufbeſchworen, aus dem Eiſen auf dem Ambos herausgeſchlagen, aus dem nächtlichen Dunkel herbei⸗ gelockt, daß es in das Schmiedefenſter hineinblicke und dann verſchwinde. Es war mir unmöglich ſie in Vergangenheit oder Gegenwart vom innigſten Leben meines Lebens zu trennen. Ich ſollte den Tag über dort bleiben, im Hotel über⸗ nachten und am andern Morgen nach London zurück⸗ kehren. Nachdem wir noch eine Weile uns unterhal⸗ ten, ſchickte Fräulein Havisham uns zu einem Spazier⸗ gange im vernachläſſigten Garten und wenn wir zurück⸗ kämen, ſollte ich ſie wie in früheren Zeiten ein wenig herumfahren. Eſtella und ich gingen in den Garten durch das Thor, durch welches ich gewandelt, um mit dem blaſſen jungen Herrn mich zu ſchlagen; ich zitterte geiſtig und verehrte den Saum ihres Gewandes, ſie ruhig und gewiß meinen Saum nicht verehrend. Als wir uns der Stelle jenes Ge⸗ fechts näherten, blieb ſie ſtehen und ſagte: „Ich muß ein curioſes Geſchöpf geweſen ſein, damals mich zu verbergen und dem Kampfe mitanzuſehen: ich that es aber und hatte viel Vergnügen daran.“ „Sie belohnten mich ſehr.“ „Wirklich?“ antwortetete ſie, als ob ſie Alles ver⸗ geſſen hätte.„Ich war Ihrem Gegner ſehr zuwider, weil ich es übel nahm, daß man ihn hierher geführt hatte, wo er mit ſeiner Geſellſchaft beläſtigen ſollte.“ „Er iſt jetzt mein großer Freund,“ ſagte ich. „Sind Sie das? Ich erinnere mich, daß ſein Vater Ihr Lehrer iſt.“ „Ja.“⸗ Ich räumte das ungern ein, denn es kam mir vor, als ob ich wie ein Knabe ausſähe und ſie behandelte mich ſo ſchon genug als einen Knaben. „Seit dem Wechſel Ihres Glücks und Ihrer Ausſichten haben Sie andere Umgebung?“ ſagte Eſtella. „Natürlich“ ſagte, ich. „Und nothwendig,“ fügte ſie mit hochmüthigem Tone hinzu:„was damals für Sie paßte, würde es jetzt nicht mehr.“ Ich hatte am Ende ſchon von ſelbſt nur noch geringe Luſt einen Beſuch bei Joſeph abzuſtatten, dieſe Bemerkung aber benahm ſie mir gänzlich. „Zu jener Zeit hatten Sie keine Ahnung, daß Ihnen ein beſonderes Vermögen bevorſtehe?“ ſagte Eſtella mit einer leichten Handbewegung, um die Zeit des Gefechts anzudeuten. „Nicht die leiſeſte.“ Wie ſie ſo vollkommen und ſo überlegen neben mir und ich ſo kindlich und unterthänig neben ihr wandelte, bot ſich ein Gegenſatz, den ich tief empfand. Er würde mich tiefer geſchmerzt haben, allein er trat durch meine Schuld her⸗ vor, da ich für ſie beſtimmt zu ſein mir einbildete. Der Garten war zu durchwachſen und üppig, als daß man bequem hätte durchgehen können; nachdem wir einige⸗ mal denſelben durchſchnitten, kamen wir wieder in den Brauereihof. Ich zeigte ihr genau, wo ich ſie am erſten Tage hatte über die Fäſſer weggehen ſehen und ſie ſagte mit einem kalten, gleichgültigen Blicke in jener Richtung: „Wirklich?“ Ich wies darauf hin, wie ſie aus dem Hauſe gekommen ſei und mir Brot und Bier gebracht habe, und ſie ſagte:„Ich erinnere mich nicht.“—„Nicht, daß Sie mich zum Weinen gebracht haben?“—„Nein,“ ſagte ſie, ſchüttelte den Kopf und ſah ſich um. Mir war als ob ich, da ſie nichts davon wußte und ſich nicht darum kümmerte, innerlich wieder weinen müſſe, und ſolches Weinen iſt das Schmerzlichſte. 8 „Sie müſſen wiſſen,“ ſagte Eſtella ſo herablaſſend, als eine glänzend ſchöne Dame es ſein mag,„daß ich kein Herz habe, wenn das etwas mit meinem Gedächtniß zu thun hat.“ 61 111 Ich brachte einige Redensarten an, daß ich dies be⸗ zweifelte, daß ich es beſſer wiſſe. Daß es keine ſolche Schönheit ohne ein Herz geben könne. „Ich habe ein Herz, in welches man ſtechen oder ſchießen kann— das iſt ganz gewiß,“ ſagte Eſtella,„und wenn es nicht ſchlüge, ſo hörte es auf zu ſein. Allein Sie verſtehen mich. Ich habe da keine Sanftmuth, keine Sympathie — Gefühl— Unſinn.“ Was fiel mir ein, als ſie ſtill ſtand und mich aufmerk⸗ ſam anſah? Hatte ich ſo etwas an Fräulein Havisham ge⸗ ſehen? Nein. In einigen ihrer Blicke und Manieren war ein Anklang von Fräulein Havisham, wie zuweilen Kinder von großen Leuten etwas annehmen, mit denen ſie zuſammen und abgeſchloſſen gelebt, was, wenn die Kindheit vorüber iſt, eine merkwürdige gelegentliche Aehnlichkeit von Geſichtern hervorruft, die ſonſt ganz von einander abweichen. Doch konnte ich diesmal keinen Ausdruck von Fräulein Havisham ent⸗ decken. Ich ſah ſie wieder an und obſchon ſie ſich noch nicht von mir abgewendet hatte, ſo war doch die Aehnlichkeit hin. Was war es alſo? „Ich meine es ernſtlich,“ ſagte Eſtella, nicht als ob ſie zürne(denn ihre Stirn war glatt), ſondern ihr Geſicht verdüſterte ſich;„wenn wir zuſammen kommen ſollten, ſo mögen Sie es gleich von vornherein wiſſen. Nein!(gebie⸗ teriſch meine Antwort unterbrechend), ich habe meine Zärt⸗ lichkeit nicht anders wohin vergeben. Ich habe niemals etwas der Art beſeſſen.“ Im nächſten Augenblicke waren wir in der ſo lange nicht gebrauchten Brauerei, und ſie zeigte auf die hohe Gallerie, von wo ich ſie an jenem erſten Tage hatte fort⸗ 112 gehen ſehen und fügte unter andern hinzu, ſie erinnere ſich, da oben geweſen zu ſein und mich ganz verworren unten ſtehen geſehen zu haben. Wie ſie ſo ihre weiße Hand erhob, kam abermals die dunkle Andeutung, die ich nicht feſthal⸗ ten konnte. Meine unwillkürliche Bewegung machte, daß ſie ihre Hand auf meinen Arm legte. Sogleich ging der Geiſt noch einmal vorüber und ward nicht mehr geſehen. Was war das? „Was iſt?“ frug Eſtella.„Sind Sie wieder ver⸗ worren?“ „Ich wär' es, wenn ich Ihren Worten Glauben ſchen⸗ ken müßte,“ antwortete ich. „Alſo Sie wollen nicht? Gut. Es iſt denn doch von mir geſagt worden. Fräulein Havisham erwartet Sie bald auf Ihren alten Poſten, obſchon ich meine, daß dies mit manchen alten Verhältniſſen beſeitigt werden ſollte. Noch einmal wollen wir um den Garten gehen und dann ins Haus treten. Kommen Sie, Sie ſollen wegen meiner heutigen Grauſamkeit keine Thränen vergießen, Sie ſollen mein Page ſein und leihen Sie mir Ihre Schulter.“ Ihr ſchönes Kleid ſchleppte ſich über den Boden. Sie hielt es in einer Hand und berührte mit der andern wäh⸗ rend unſeres Spazierganges meine Schulter. Wir gingen noch einige Male durch den verwüſteten Garten, allein für mich ſtand er in voller Blüte. Wären die grünen und gelben Blätter in den Ritzen der alten Mauer die koſt⸗ barſten aller Blumen geweſen, ſo hätten ſie ſich nicht mehr in mein Gedächtniß eingeprägt. Unſer Alter war aih ſo weit von einander entfernt, daß wir uns deshalb hätten trennen müſſen, wir waren 113 ungefähr gleichaltrig, nur daß ſie dabei mehr bedeutete als ich, allein ihre unnahbare Schönheit quälte mich mitten im Genuſſe und in der Empfindung, daß unſere Gönnerin uns für einander beſtimmt hatte. Unglücklicher Knabe! Endlich traten wir ins Haus, wo ich mit Erſtaunen hörte, mein Vormund ſei gekommen, einen Geſchäftsbeſuch zu machen und bei ihr zu ſpeiſen. In unſerer Abweſenheit waren die alten erfrornen Arme der Kronleuchter im Zim⸗ mer, wo der vermodernde Tiſch ſtand, angezündet worden und Fräulein Havisham ſaß in ihrem Stuhle und erwar⸗ tete mich. Es war, als ob ich den Stuhl in die Vergangenheit ſchöbe, ſobald wir die alte Reiſe um die Aſche der Hoch⸗ zeitsfeier begannen. In dieſem Leichenzimmer, wo dieſe Grabesgeſtalt ihre Augen vom Seſſel auf Eſtella warf, erſchien letztere noch ſchöner und heller als früher und ich wurde noch mehr bezaubert. Die Zeit ging ſo raſch vorüber, daß die frühe Tiſchzeit heranrückte und Eſtella fortging, um ſich dazu vorzubereiten. Am Mittelpunkte des langen Tiſches blieben wir ſtehen, und Fräulein Havisham, einen ihrer welken Arme über den Stuhl gelehnt, ſtützte ſich auf das gelbe Tiſchtuch. Als Eſtella, ehe ſie hinausging, noch einmal ſich umſah, warf ihr Fräulein Havisham eine Kußhand zu, mit einer wahrhaft ſchrecklichen Spannung. Als wir beide allein waren, kehrte ſie ſich zu mir und flüſterte:„Iſt ſie ſchön, reizend, gut gewachſen? bewun⸗ dern Sie ſie?“ „Ein Jeder, der ſie ſieht, Fräulein Havisham, muß ſie bewundern.“ Charles Dickens, Große Erwartungen. II. 8 1¹4 Sie legte mir ihren Arm um die Schulter und zog meinen Kopf herunter zu dem ihrigen, während ſie im Stuhle blieb.„Liebe ſie, liebe ſie, liebe ſie! Wie benimmt ſie ſich?“ Ehe ich antworten konnte, wenn eine ſolche Frage ſich gar beantworten ließ, wiederholte ſie:„Liebe ſie, liebe ſie, liebe ſie! Iſt ſie gütig, ſo liebe ſie. Verletzt ſie, ſo liebe ſie; zerreißt ſie Dein Herz in Stücke— je älter und ſtärker, deſto zerriſſener— liebe ſie, liebe ſie, liebe ſie!“ Niemals hatte ich ſolchen leidenſchaftlichen Eifer ge⸗ ſehen, als den ſie bei ihrer Rede äußerte. Ich konnte die Muskeln ihres mageren Armes um meinen Hals fühlen, ſie ſchwollen von der Macht, die in ihr webte. „Höre mich, Pip, ich adoptirte ſie, um geliebt zu werden. Ich erzog ſie, um geliebt zu werden. Ich ent⸗ wickelte ſie ſo weit, um geliebt zu werden. Liebe ſie!“ Sie wiederholte das Wort oft genug und ſie meinte es auch gewiß ſo, doch wäre das oft wiederholte Wort Haß — Verzweiflung, Rache, ſchlimmer Tod geweſen, es hätte von ihren Lippen nicht mehr als ein Fluch erklingen können. „Ich will Dir ſagen,“ ſagte ſie in leidenſchaftlichem Geflüſter,„was wahre Liebe iſt.„Blinde Ergebenheit, rückſichtsloſe Selbſterniedrigung, äußerſte Unterwerfung, Vertrauen ſich ſelbſt und der ganzen Welt zum Trotz, Hin⸗ gebung von Herz und Seele— wie ich es gethan!“ Als ſie ſo weit war und ein wilder Schrei folgte, hielt ich ſie feſt. Denn ſie erhob ſich im Seſſel, das Kleid wie ein Leichentuch, und ſchlug in die Luft, als ob ſie nun gleich niederfallen und ſterben wolle. 115 Das alles verging in wenigen Secunden. Ich zog ſie in den Stuhl nieder, und empfand gleich einen bekannten Geruch; ich wußte nun, daß mein Vormund im Zimmer war. Er trug immer(ich hab's wohl noch nicht erwähnt) ein großes ſeidenes Taſchentuch, das ihm in ſeiner Beſchäf⸗ tigung außerordentliche Dienſte leiſtete. Er hat oft einen Clienten oder Zeugen erſchreckt, indem er dies Taſchen⸗ tuch feierlich auseinander legte, als ob er ſich die Naſe ſchneuzen wolle und dann plötzlich innehielt, gewiſſer⸗ maßen mit dem Bewußtſein, er habe keine Zeit dazu, weil beſagter Client oder Zeuge ſich verſprechen würde— und dann erfolgte auch wirklich gleich darauf die Selbſtverwicke⸗ lung. Als ich ihn mit dem ausdrucksvollen Taſchentuch in beiden Händen ſah, hatte er uns angeblickt und eine augenblickliche Pauſe in dieſer Stellung ſagte mir:„Wirk⸗ lich? Seltſam!“ Dann benutzte er das Taſchentuch zu ſeinem wirklichen Dienſte mit wundervoller Wirkung. Fräulein Havisham hatte ihn ebenſo ſchnell als ich ge⸗ ſehen und fürchtete ihn wie Jedermann. Sie bemühte ſich, ſich zu beherrſchen und ſtammelte, er ſei ſo pünktlich wie immer. „So pünktlich wie immer,“ wiederholte er. Wie gehts, Pip? Soll ich Sie ſpazieren fahren, Fräulein Havisham? Einmal? Alſo Sie ſind hier, Pip?“ Ich ſagte ihn, wann ich angekommen und zwar auf den Wunſch von Fräulein Havisham, ſie und Eſtella zu be⸗ ſuchen. Worauf er erwiderte:„Eine ſehr ſchöne junge Dame!“ Dann ſchob er Fräulein Havisham im Seſſel vor ſich her, mit einer Hand, indeß er die andere in die 8* Hoſentaſche ſteckte, als ob dieſe von Geheimniſſen ange⸗ füllt wäre. „Nun, Pip, wie oft haben Sie Fräulein Eſtella früher geſehen?“ frug er, als er ſtille hielt. „Wie oft?“ „Ja, wie viele Mal? Zehntauſend Mal?“ „O gewiß nicht ſo oft!“ „Zweimal?“ „Jaggers,“unterbrach ihn Fräulein Havisham,„laſſen Sie meinen Pip in Ruhe und gehen Sie mit ihm zu Tiſche.“ Wir krochen die dunkle Treppe zufrieden herunter, auf dem Wege nach den abgelegenen Zimmern über den gepfla⸗ ſterten Hof frug er mich, wie oft ich Fräulein Havisham eſſen und trinken geſehen, und ließ die Wahl zwiſchen hundertmal oder einmal. Ich überlegte und ſagte:„Niemals.“ „Und werden es auch nie. So lange ſie das jetzige Leben führt, hat ſie niemand dazu gelaſſen. Sie geht in der Nacht umher und dann nimmt ſie Speiſe zu ſich.“ „Darf ich eine Frage an Sie richten?“ frug ich. „Das mögen Sie; vielleicht daß ich ſie nicht beant⸗ worten mag. Wie iſt Ihre Frage?“ „Heißt Eſtella Havisham oder“— ich wußte nichts weiter. „Oder was? 2“ „Heißt ſie Havisham? 2“ „Sie heißt Havisham.“ So kamen wir zum Mittagstiſch, wo ſie und Sarah Pocket uns erwarteten. Herr Jaggers hatte den Vorſitz, — 414 Eſtella ſaß ihm, ich meiner grünen und gelben Freundin gegenüber. Wir ſpeiſten recht gut und eine Aufwärterin bediente uns, die ich früher niemals geſehen hatte, die aber doch in dieſem geheimnißvollen Hauſe die ganze Zeit geweſen zu ſein ſchien. Nach Tiſche wurde eine Flaſche beſten Portweins vor meinen Vormund geſtellt(er ſchien dieſen Wein ſehr genau zu kennen) und die beiden Damen verließen uns. Die Verſchwiegenheit des Herrn Jaggers in dieſem Hauſe war unbeſchreiblich. Er ſah ſich ſelbſt an und kaum einmal. während der Tafel blickte er auf Eſtella. Wenn ſie mit ihm ſprach, hörte er zu, antwortete auch, ſah ſie aber nicht an. Dagegen betrachtete ſie ihn oft mit Intereſſe und Neugier, wo nicht Mißtrauen, doch zeigte ſein Geſicht nie ein Bewußtſein davon. Er hatte ein Vergnügen daran, Sarah's Geſicht grüner und gelber zu machen, da er in ſeiner Unterhaltung mit mir oft auf meine Erwartungen hinwies, allein ſo, als ob er ſich deſſen nicht bewußt wäre, und als ob er mir ſolche Anſpielungen abpreſſe. Als wir allein waren, ſaß er mit einer Miene, als ob er ſehr viel mitzutheilen im Stande wäre, was mir faſt zu viel wurde. Er richtete Kreuzfragen an ſeinen Wein, wenn er nichts anders vorhatte. Er hielt ihn zwiſchen ſich und das Licht, koſtete ihn, rollte ihn im Munde hin und her, probirte ihn, trank ihn, goß wieder ein, befragte wieder das Glas, bis ich ſo nervös war, als ob ihm der Wein etwas zu meinem Nachtheil geſagt hätte. Drei oder vier⸗ mal wollte ich eine Unterhaltung anknüpfen, ſo bald er aber dieſe Abſicht merkte, ſah er mich mit dem Glaſe in der Hand an, und rollte den Wein im Munde hin und her, ———— — 118 als ob ich merken ſolle, daß er augenblicklich nicht antworten könne. Fräulein Pocket war ſich bewußt, daß meine Gegen⸗ wart ſie noch bis zum Wahnſinn treiben könne, oder doch zu dem Abreißen ihrer Mütze, welche ziemlich ganz, abſcheulich war, oder zum Beſtreuen des Bodens mit ihrem Haare, welche gewiß nicht auf ihrem Kopfe gewachſen waren. Sie erſchien nicht, als wir ſpäter in Fräulein Havisham's Zimmer gingen und Whiſt zuſammen ſpielten. Unterdeſſen hatte Fräulein Havisham in phantaſtiſcher Weiſe einige der ſchönſten Juwelen vom Tollettentiſche in Eſtella's Haar geflochten und um ihren Buſen und ihre Arme gelegt; ich ſah ſogar meinen Vormund aus ſeinen dichten Augenbrauen auf ſie hinblicken, wenn ihre Liebens⸗ würdigkeit vor ihm erſchien mit all' dem Glanze und der ſchönen Farbenpracht ringsum. Ich ſage nichts davon, wie er unſere Könige und Damen überwand und alle unſere Vortheile gewandt beſiegte, und nichts davon, daß in mir die Empfindung rege wurde, er betrachte uns als drei leicht lösbare armſelige Räthſel, die er ſchon lange gelöſt habe. Am meiſten litt ich an der Unverträglichkeit ſeiner kalten Anweſenheit mit den Ge⸗ fühlen, die mich für Eſtella beſeelten. Wohl wußte ich, daß ich niemals mit ihm von ihr reden könne, oder daß mir das Kreiſchen ſeiner Stiefeln ihr gegenüber abſcheulich ſein würde, oder daß er niemals ſeine Hände nach ihr waſchen dürfe; was mich peinigte, waren meine Gefühle, mich an einem Orte mit ihm zu wiſſen. Wirr ſpielten bis neun Uhr und dann wurde beſtimmt, wenn Eſtella nach London käme, ſolle ich zuvor benachrich⸗ tigt werden und ſie am Poſtwagen abholen, dann verab⸗ ſchiedete ich mich, gab ihr die Hand und verließ ſie. Mein Vormund ſchlief im Bären im Nebenzimmer. Lange in der Nacht erklangen noch in meinen Ohren die Worte:„Liebe ſie, liebe ſie, liebe ſie!“ Ich wiederholte ſie bald und flüſterte in mein Kiſſen:„Ich liebe ſie, ich liebe ſie, ich liebe ſie“ viele hundert Mal. Dankbarkeit durch⸗ zuckte mich, daß ſie mir, dem ehemaligen Schmiedejungen, beſtimmt ſein folle. Dann dachte ich, ſie ſei bis jetzt für die Beſtimmung noch gar nicht entzückt, und wann würde ſie es werden? Wann würde ich das Herz, das ſtumm war und ſchlief, zum Leben erwecken? Ach! Ich hielt es für hohe große Gefühle. Ich dachte nie, es ſei ein niedriges und kleines Gefühl, daß ich mich von Joſeph entfernte, weil ſie ihn gering ſchätzen würde. Ein Tag war vorüber und Joſeph hatte mir Thränen in die Augen gebracht, allein ſie waren bald getrocknet— Gott verzeihe mirs, bald getrocknet. Elftes Kapitel. Als ich mich am Morgen im blauen Bären ankleidete, überlegte ich mir die Sache genau und beſchloß meinem Vormund zu ſagen, nach meiner Anſicht ſei Orlick ſchwerlich der geeignete Mann, um einen Vertrauenspoſten bei Fräu⸗ lein Havisham zu bekleiden.„Gewiß iſt er nicht der ge⸗ eignete Mann,“ ſagte mein Vormund, im Allgemeinen hinlänglich einverſtanden,„denn der Vertrauensmann iſt niemals der geeignete Mann.“ Es ſchien ihm gewiſſer⸗ maßen wohlzuthun, daß dieſer beſondere Poſten nicht aus⸗ nahmsweiſe von einem geeigneten Manne beſetzt ſei und er hörte ſehr befriedigt zu, als ich ihm mein Wiſſen um Orlick mittheilte.„Sehr gut, Pip,“ fügte er am Schluſſe meiner Mittheilung hinzu,„ich will ſogleich hingehen und unſern Freund entlaſſen.“ Dies raſche Verfahren be⸗ ängſtigte mich, ich war für kurzen Aufſchub und deutete an, es ſei mit unſerm Freunde nicht ſo leicht umzuſpringen. „O nein,“ ſagte mein Vormund und legte ſein Taſchentuch mit großer Ruhe zuſammen,„ich möchte doch ſehen, ob er ſich mit mir in Unterhandlungen einlaſſen will.“ Da wir mit der Mittagspoſt nach London zurückfahren wollten und ich mit ſolcher Angſt vor Pumblechook früh⸗ 1 2 121 ſtückte, daß ich kaum meine Taſſe halten konnte, ſo nahm ich mir vor, einen Spaziergang zu machen und deshalb, währenddem Jaggers beſchäftigt war, die Londoner Chauſſee entlang zu gehen, wenn der Poſtillon nur wiſſe, daß ich, ſobald er mich erreicht habe, einſteigen wolle. So konnte ich gleich nach dem Frühſtück aus dem blauen Bären ent⸗ fliehen. Indem ich eine Strecke hinter Pumblechool's Wohnung auf offenem Felde ging, konnte ich allmälig auf die Hochſtraße gelangen und ſonach ziemlich geſichert ſein. Es war intereſſant, wieder einmal in der ſtillen alten Stadt zu ſein und es war nicht unangenehm, dann und wann plötzlich erkannt und angeſtaunt zu werden. Mehrere Handwerker ſtürzten zu ihren Läden heraus und gingen auf der Straße an mir vorüber, um dann umzukehren, als ob ſie etwas vergeſſen hätten und mir ins Geſicht ſehen zu können— wobei wir uns beiderſeitig verſtellten, da ſie ihre Abſicht verbargen, ich ſie nicht ſehen wollte. Doch hatte ich eine ausgezeichnete Stellung, mit der ich nicht unzufrieden war, bis mir das Geſchick Trabb's Lehrjungen, den zügelloſen Wicht, in den Weg warf. Indem ich meinen Blick die Straße entlang ſchickte, ſah ich Trabb's Burſchen herkommen, wie er ſich mit einem leeren blauen Beutel peitſchte. Eine heitere und unbe⸗ wußte Betrachtung deſſelben ſchien mir angemeſſen und mochte wohl ein Mittel ſein, um den böſen Geiſt zu be⸗ ſänftigen, und ſo ging ich dergeſtalt auf ihn zu, mit meinem Erfolge beinahe zufrieden, als plötzlich die Knie von Trabb's Burſchen zuſammenſchlotterten, die Haare ſich erhoben, die Mütze abfiel; er zitterte heftig an allen Gliedern, wankte auf den Weg und rief den Leuten zu:„Haltet mich, ich 12. bin ſo erſchrocken!“ als ob er durch die Würde meiner Erſcheinung von Schrecken und Zerknirſchung durchdrungen wäre. Als ich an ihm vorbeiging, zitterten ihm die Zähne laut im Munde und er neigte ſich mit jedem Anzeichen äußerſter Demüthigung bis tief in den Staub. Das war nicht leicht auszuhalten, allein es war nichts. Ich war keine zweihundert Schritte weiter, als zu meinem unausſprechlichen Schrecken, Erſtaunen und Unwillen Trabb's Burſche abermals entgegenkam, und zwar um eine enge Ecke. Den blauen Beutel hatte er über die Schulter geworfen, ehrlicher Fleiß ſtrahlte aus ſeinen Augen, die Abſicht, mit frohem Schritte nach Trabb's Laden zu gehen, war an ſeinem Auftreten zu merken. Plötz⸗ lich erblickte er mich und wurde wieder ſo erſchüttert, allein diesmal drehte er ſich im Kreiſe und wankte um mich herum mit noch ſchwächeren und mit erhobenen Händen, als ob er um Gnade flehte. Seine Leiden wurden von einer Anzahl von Zuſchauern mit dem größten Jubel aufge⸗ nommen und ich war überaus verlegen. Ich war nun bis an das Poſtamt gekommen, als Trabb's Burſche abermals durch eine Nebenſtraße vor⸗ übereilte. Diesmal war er ganz verändert. Er trug den blauen Beutel, wie ich meinen Oberrock und kam auf der gegenüberliegenden Seite der Straße auf mich zu, in Ge⸗ ſellſchaft entzückter junger Freunde, denen er von Zeit zu Zeit mit einer Bewegung der Hand zurief:„Unbekannt! Na!“ Die Kränkung läßt ſich nicht beſchreiben, die Trabb's Burſche mir zufügte, als er in meiner Nähe den Hemd⸗ kragen aufklappte, das Seitenhaar ineinander flocht, Ellen⸗ bogen und Leib hin und her ſchaukelte und der Begleitung 123 zuſchrie:„Unbekannt! Ya! Unbekannt! Ya! Wahrhaftig⸗ unbekannt! Na!“ Hierauf fing er zu krähen an und ver⸗ folgte mich über die Brücke mit dem Gekräh eines äußerſt betrübten Huhns, das mich als Grobſchmied gekannt hatte. Dies war der Höhepunkt der Schmach, mit welcher ich die Stadt verließ oder gewiſſermaßen aufs freie Feld gejagt wurde. Ich konnte nichts anderes thun, als es geduldig ertra⸗ gen, oder ich hätte den Burſchen geradezu umbringen müſſen. Eine Schlägerei auf der Straße, eine geringere Rache als ſein Herzblut wäre thöricht und erniedrigend geweſen. Uebrigens konnte man ihm nichts zu Leid thun, es war eine unverwundbare Schlange, die, aus einer Ecke vertrieben, plötzlich einem zwiſchen die Beine ſprang und höhniſch kläffte. Am andern Tage ſchrieb ich indeſſen an Herrn Trabb, Herr Pip könne nicht mehr bei einem Manne arbeiten laſſen, der ſeine Pflicht gegen die beſten Intereſſen der Geſellſchaft verkenne und einen Burſchen verwende, deſſen Betragen bei jedem ehrenwerthen Menſchen Ekel errege. Zu rechter Zeit kam der Wagen mit Herrn Jaggers, ich ſtieg ein und kam unverletzt nach London— doch nicht geſund, denn mein Herz war hin. Sobald ich angekommen war, ſchickte ich aus Reue einen Stockfiſch und ein Fäßchen Auſtern an Joſeph, da ich ſelbſt nicht hingegangen war, und verfügte mich dann nach Barnard's Inn. Herbert frühſtückte und freute ſich, mich wiederzuſehen. Ich ſchickte den Rachegeiſt nach dem Kaffeehauſe, um mir etwas zu holen und fühlte mich gedrungen, meinem Freunde gleich mein Herz auszuſchütten. Da eine vertrauliche Un⸗ — terhaltung unmöglich war, ſo lange der Rachegeiſt ſich auf dem Flur befand, der nur als Vorzimmer für das Schlüſ⸗ ſelloch betrachtet werden konnte, ſo ſchickte ich ihn ins Theater. Die erniedrigenden Mittel, die ich immerfort aufſuchen mußte, um ihn zu beſchäftigen, mögen einen klaren Begriff von der Knechtſchaft geben, unter der ich ſeinetwillen ſeufzte. So ſchickte ich ihn zuweilen nach Hyde Park, um nachzuſehen, was es an der Zeit ſei. Nach dem Mittagseſſen ſaßen wir mit den Füßen am Kamin und ich ſagte zu Herbert:„Lieber Herbert, ich muß Ihnen etwas Beſonderes anvertrauen.“ „Lieber Händel, ich werde Ihr Vertrauen achten und ehren.“ „Es betrifft mich, Herbert,“ ſagte ich,„und eine andre Perſon.“ Herbert ſchlug die Füße übereinander, ſah, den Kopf nach der Seite geworfen, ins Feuer und dann auf mich, da ich nicht weiter ſprechen konnte. „Herbert,“ ſagte ich und legte die Hand auf ſein Knie, „ich liebe— bete Eſtella an.“ Herbert war nicht überraſcht, ſondern nahm dies als etwas Selbſtverſtändliches an und antwortete:„Ja wohl. Nun?“ „Nun, Herbert, haben Sie nichts mehr zu ſagen? Nun?“ „Was denn mehr,“ ſagte Herbert,„denn das wußte ich ſchon.“ „Wie wiſſen Sie das?“ frug ich. „Wie ich es weiß, Händel? Von Ihnen.“ „Ich habe es Ihnen nie geſagt.“ — 125 „Geſagt! Sie haben mir nie geſagt, wenn Sie ſich das Haar haben ſchneiden laſſen, aber ich habe es gleich bemerkt. So lange ich Sie kenne, haben Sie Eſtella an⸗ gebetet. Anbetung und Reiſeſack trafen hier gleichzeitig ein. Mir geſagt! Den ganzen lieben langen Tag haben Sie es mir geſagt. Als Sie mir Ihre Geſchichte erzählten, ſagten Sie mir, Sie hätten ſie von dem erſten Tage der Bekanntſchaft in Ihrer früheſten Jugend angebetet.“ „Alſo,“ fuhr ich fort, dem dieſe Erklärung zwar nenu, doch nicht unwillkommen war,„ich habe ſie unausgeſetzt angebetet. Sie iſt ebenſo ſchön als elegant zurückgekommen. Ich habe ſie geſtern geſehen. Wenn ich ſie früher angebetet hatte, ſo bete ich ſie jetzt zweifach an.“ „Ein Glück für Sie, Händel,“ ſagte Herbert,„daß Sie für ſie ausgeſucht und beſtimmt ſind. Wir dürfen, ohne verbotenen Grund zu betreten, füglich annehmen, daß unter uns kein Zweifel an dieſer Thatſache herrſchen kann. Haben Sie einen Begriff von Eſtella's Anſicht über dieſe Anbetung?“ Ich ſchüttelte mein Haupt.„O, ſie iſt tauſend Meilen weit von mir entfernt,“ ſagte ich. „Geduld, lieber Händel; Zeit genug. Allein Sie wollen noch etwas mehr ſagen?“ „Ich ſchäme mich, es zu ſagen,“ erwiderte ich,„allein das Bekenntniß iſt nicht ſchlimmer als der Gedanke. Sie nennen mich einen glücklichen Menſchen. Das bin ich allerdings. Ich war vor Kurzem Schmiedejunge— ich bin— was bin ich eigentlich heute?“ „Ein guter Menſch, wenn Ihnen der Nachſatz fehlt,“ erwiderte Herbert lächelnd und ſchlug mir mit der Hand 4 —————— auf den Rücken;„ein guter Menſch mit Ungeſtüm und Schwanken, Keckheit und Mißtrauen, Thatenluſt und Träumerei, die wunderlich untereinander gemiſcht ſind.“ Ich hielt einen Augenblick wegen der Ueberlegung inne, ob wirklich dieſe Miſchung in meinem Charakter zu finden ſei. Im Ganzen nahnm ich dieſe Auseinanderſetzung nicht an, hielt es jedoch nicht der Mühe werth, darüber zu ſtreiten. „Wenn ich frage, was ich mich heute nennen ſoll, ſo gebe ich den Inhalt meiner Gedanken an. Sie ſagen, ich ſei glücklich. Ich weiß, daß meine beſſere Stellung nicht durch mich errungen iſt, daß allein der Glückszufall mich erhöht hat, und das nennt man glücklich ſein. Und doch, wenn ich an Eſtella denke...“ („Und wann thun Sie das nicht?“ warf Herbert da⸗ zwiſchen, die Augen ins Feuer gerichtet, was ich als ſehr freundlich von ihm aufnahm.) „Dann fühle ich mich nur zu abhängig und unſicher und tauſend Wechſelfällen ausgeſetzt. Wenn ich, wie Sie ſoeben, den verbotenen Grund vermeide, ſo muß ich doch eingeſtehen, daß alle meine Erwartungen von einer unge⸗ nannten Perſon abhängen. Und wie unſicher und unbe⸗ friedigend iſt meine Kunde von dieſer!“ Mit dieſen Wor⸗ ten drückte ich aus, was mich mehr oder minder ſeit lange gequält hatte, wenn auch ſeit geſtern mehr als je. „Ja, Händel,“ ſagte Herbert in ſeiner heitern, hoff⸗ nungsreichen Weiſe,„in der Verzweiflung der zarten Lei⸗ denſchaft ſehen wir offenbar dem geſchenkten Gaul mit einem Vergrößerungsglaſe ins Maul. Bei aufmerkſamer Beobachtung ſcheinen wir übrigens eine der beſten Seiten — dieſes Thieres zu überſehen. Ihr Vormund, Herr Jaggers, hat Ihnen von vornherein geſagt, Sie hätten nicht allein Erwartungen. Und wenn er das auch nicht geſagt hätte — obſchon dies ein ſehr großes wenn iſt— meinen Sie, daß Herr Jaggers ein Mann iſt, der ſeine jetzige Beziehung zu Ihnen übernommen hätte, wenn er ſich nicht ſeiner Sache gewiß wüßte?“ Ich mußte zugeben, daß dieſes allerdings nicht ohne Bedeutung ſein könne. Ich ſagte es(in ähnlichen Fällen geſchieht dies ſehr oft) mit einer gewiſſermaßen abgenöthig⸗ ten Bemerkung von Wahrheit und Gerechtigkeit— als ob ich es hätte beſtreiten mögen! „Ich meine auch, daß es von Bedeutung iſt,“ ſagte. Herbert,„und ſchwerlich ließe ſich etwas Bedeutenderes auffinden— ſonſt müſſen Sie auf ſeinen Clienten warten. Sie werden einundzwanzig Jahre alt, ehe Sie mehr erfah⸗ ren, vielleicht daß Sie dann weitere Aufſchlüſſe erhalten. Jedenfalls muß es doch endlich dazu kommen.“ „Sie haben eine ſehr hoffnungsreiche Stimmung,“ ſagte ich und bewunderte dankbar ſeine ermuthigende Sprache. „Die muß ich haben, ſonſt hätte ich gar nichts. Uebri⸗ gens darf ich nicht verhehlen, daß ich meine verſtändigen Bemerkungen nicht von mir, ſondern von meinem Vater habe. Die einzige Bemerkung, die ich über Ihre Ge⸗ ſchichte von ihm gehört habe, war die, die Sache ſei abge⸗ macht, ſonſt hätte ſich Herr Jaggers nicht damit abgegeben. Ehe ich aber weiter etwas über meinen Vater oder meines Vaters Sohn ſage oder Vertrauen mit Vertrauen ver⸗ gelte, will ich mich einen Augenblick ſehr unangenehm— ja ſehr eklig zeigen. 4128 „Das wird nicht gelingen,“ ſagte ich. „Doch, doch,“ ſagte er.„Eins, zwei, drei und nun fängt es an. Händel, guter Junge— er ſprach ſo leicht, doch offenbar im Ernſt— mir iſt eingefallen, Eſtella ſei unmöglich eine Bedingung Ihrer Erbſchaft, wenn Ihr Vormund ſie niemals erwähnt hat. Habe ich Sie richtig verſtanden, wenn ich annehme, daß er niemals mittelbar oder unmittelbar in irgend einer Weiſe erwähnt hat, nie⸗ mals angedeutet hat, Ihre Gönnerin könne über Ihre Ver⸗ heirathung Pläne gefaßt haben?“ „Niemals.“ „Alſo, Händel, bin ich ganz frei von dem Geruche der ſauren Trauben, bei meiner Ehre! Da Sie ihr nicht zu⸗ geſchrieben ſind, ſo können Sie ſich von ihr trennen. Ich ſagte ja, daß ich Ihnen unangenehm würde!“ Ich kehrte mich ab, denn plötzlich, wie die von der See heranſtürmenden Marſchwinde, ergriff mich ein Gefühl, gleich dem am Morgen meiner Abreiſe von der Schmiede, als der Nebel aufſtieg und ich den Dorfwegweiſer umarmte. Wir ſchwiegen eine Weile ſtill. „Ja, aber lieber Händel, es iſt dem Herzen eines Knaben eingewurzelt, den die Natur und Umſtände roman⸗ tiſch machten, und eben deshalb iſt es ſehr ernſthaft. Denken Sie an Ihre Erzählung und an Fräulein Havisham. Denken Sie daran, was ſie ſelbſt iſt. Das Alles kann zu großem Elend führen. 4 „Ich weiß es, Herbert,“ ſagte ich mit abgewandtem Haupte,„allein ich kanns nicht laſſen.“ „Sie können ſich nicht losreißen?“ „Nein. Unmöglich!“ „Sie können es nicht verſuchen, Händel?“ „Nein. Unmöglich!“ „Gut,“ ſagte Herbert, ſtand lebhaft auf und ſchürte das Feuer;„von nun an will ich mich wieder angenehm machen.“ Er ging durchs Zimmer, machte die Vorhänge zu und ſtellte die Stühle auf ihre Plätze, brachte die umherliegen⸗ den Bücher in Ordnung, ſah zur Flur hinaus, blickte in den Briefkaſten, ſchloß die Thür und ſetzte ſich wieder in ſeinen Stuhl am Kamin, wobei er das linke hüin mit beiden Armen ſtrich. „Ich wollte noch etwas über meinen Vater und meines Vaters Sohn ſagen. Meines Vaters Sohn braucht wohl nicht erſt viel darüber zu ſagen, daß es in meines Vaters Haushaltung nicht beſonders glänzend hergeht.“ „Es fehlt an nichts,“ erwiderte ich, um der Sache ein beſeuts Licht zu geben. „O ja, das ſagt auch der Straßenkehrer mit vollkom⸗ menem Recht, und ſo ſagt auch der Matroſenladen in der Nebenſtraße. Um ernſt zu reden, Händel, denn die Sache iſt ernſt, Sie wiſſen ſo genau wie ich davon zu ſagen. Es gab vielleicht eine Zeit, da mein Vater noch nicht entſagt hatte, doch dieſe iſt lange vorüber. Haben Sie vielleicht in Ihrer Gegend bemerkt, daß Kinder, die keine beſonders gute Partien ſind, am allereifrigſten ans Heirathen denken? Dieſe Frage war ſo eigenthümlich, daß ich dagegen fragte:„Iſt dem ſo?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Herbert,„ich möchte es eben gern wiſſen. Bei uns findet es wirklich ſtatt. Meine arme Schweſter Charlotte, die nach mir kam, und vo Charles Dickens, Große Erwartungen. II. 9 130 dem vierzehnten Jahre ſtarb, bewies es. Eben ſo iſt es mit der kleinen Jane, die ſich zu verheirathen wünſcht und ſo hat ſie ihr kurzes Daſein in ſteter Beobachtung des häuslichen Glücks zugebracht. Und die kleine Alick in ihrem Röckchen hat ſchon ihre Vermählung mit einem jungen Herrn in Kew feſtgeſtellt. Wir ſind wohl alle verlobt— das Wickel⸗ kindchen ausgenommen.“ „Auch Sie?“ „Ich bin es auch, doch das iſt ein Geheimniß.“ Ich verſicherte ihm meine Verſchwiegenheit und bat um weitere Aufſchlüſſe. Er hatte meine Schwäche ſo gefühl⸗ voll und zart beſprochen, daß ich etwas von ſeiner Stärke wiſſen mochte. 1 „Darf ich um den Namen fragen?“ ſagte ich. „Heißt Clara,“ ſagte Herbert. „Lebt in London?“ „Ja. Ich muß vielleicht bemerken, daß ſie unter den albernen Familienbegriffen meiner Mutter ſteht,“ fuhr Herbert fort, der bei näherer Beſprechung der Sache äußerſt muthlos wurde.„Ihr Vater hatte Lieferungen für Auswanderungsſchiffe. Er war eine Art von Proviant⸗ meiſter.“ „Was iſt er jetzt?“ „Ein Invalide.“ „Und lebt... „Auf der Beletage,“ antwortete Herbert, was freilich meine Frage nach dem, wovon er lebe, nicht befriedigte. „Ich habe ihn nie geſehen, denn ſeitdem ich Clara kenne, bewohnt er ein oberes Zimmer, allein ich habe ihn oft ge⸗ hört. Er macht ſchrecklichen Lärmen, und ſchlägt mit einem furchtbaren Inſtrument auf den Fußboden.“ Dabei ſah Herbert mich an und lachte herzlich. „Werden Sie ihn zu ſehen bekommen?“ ſagte ich. „Gewiß erwarte ich das,“ antwortete Herbert,„denn wenn er ſo ſchrecklich tobt, erwarte ich immer, daß er durch den Boden durchfällt. Allein ich weiß nicht, wie lange die Sparren dauern.“ Er lachte herzlich, wurde aber wieder ſanft und ſagte, ſobald er Kapital beſitze, wolle er die junge Dame heira⸗ then. Allein er fügte hinzu:„Unterdeſſen kann man nicht heirathen, wenn man ſich umſieht.“ Ich ſteckte meine Hände in die Taſche und dachte dar⸗ über nach, wie ſchwierig es oft ſei, das Kapital aufzufin⸗ den. Ein Papier in der einen Taſche feſſelte meine Auf⸗ merkſamkeit und ich entdeckte den von Joſeph mitgebrachten Theaterzettel über den berühmten Provinzialliebhaber. „Wahrhaftig, das iſt heute Abend!“ rief ich unwillkürlich laut aus. Wir beſchloſſen gleich in aller Eile ins Theater zu gehen, ich gelobte in jeglicher möglicher und nicht mög⸗ licher Weiſe Herbert's Herzensangelegenheiten zu fördern, er erzählte weiter, ſeine Braut kenne mich ſchon dem Namen nach und ich ſolle ihr eheſtens vorgeſtellt werden. Wir drückten einander wegen des wechſelſeitigen Vertrauens die Hand, blieſen die Lichter aus, ſchürten das Feuer, ver⸗ ſchloſſen die Thür und ſuchten Wopsle und Dänemark auf. 9* Zwölftes Kapitel. Als wir in Dänemark ankamen, ſaßen König und Königin dieſes Reichs in zwei Armſeſſeln auf einem Küchen⸗ tiſche und hielten eine Cour. Der ganze däniſche Adel war zugegen; er beſtand aus einem Edelknaben in den waſchledernen Stiefeln eines rieſenhaften Ahnen, aus dem ehrwürdigen Pair mit ſchmuzigem Geſichte, der ſehr ſpät aus dem Volke emporgeſtiegen zu ſein ſchien und der däniſchen Ritterſchaft mit einem Kamm in den Haaren, weißen, ſeidenen Beinen, übrigens ſehr weiblichen Aus⸗ ſehens. Mein begabter Mitbürger ſtand düſter abſeits mit gekreuzten Armen und ſeine Locken und ſeine Stirn hätten wohl etwas wahrſcheinlicher ſein können. Je nachdem die Handlung voranging, zeigten ſich ein⸗ zelne ſeltſame Umſtände. Der verſtorbene König des Reichs ſchien zur Zeit ſeines Todes ſchwer am Huſten gelitten zu haben, ſodaß er ihn ins Grab genommen und von dort zurückgebracht hatte. Die königliche Erſcheinung trug um den Commandoſtab ein Geiſtermanuſcript, in welches ſie zu Zeiten hineinblickte und zwar mit großer Angſt die rechte Stelle zu überſehen, gleichſam als ob ſie ſich im Zuſtande der Sterblichkeit befände. Deshalb erhielt der Geiſt von 133 der Gallerie herab den Zuruf„Schlag über“— was er jedoch ſehr übel vermerkte. An dieſem majeſtätiſchen Geiſte ließ ſich ferner bemerken, daß er lange außengeweſen und von unermeßlicher Ferne gekommen, allein nicht ohne Spuren einer naheſtehenden Wand an ſich zu tragen. Des⸗ halb wurde deſſen Schrecken ausgelacht. Die Königin von Dänemark, eine ſehr üppige und gewiß geſchichtlich eiſerne Dame, ſchien doch nach der Anſicht des Publikums zu viel von Eiſen an ſich zu haben, ihr Kinn war mit ihrem Diadem durch einen breiten Reif dieſes Metalls mit ein⸗ ander verbunden(als. ob ſie koſtbare Zahnſchmerzen habe), ein zweiter umgab ihre Taille, und andere jeden ihrer Arme, ſo daß ſie laut als„Keſſelpauke“ begrüßt wurde. Der Edelknabe in Ahnenſtiefeln war unbeſtändig, er war in einem Athem ein geſchickter Matroſe, ein herumziehender Schauſpieler, ein Leichengräber, ein Geiſtlicher und ein ſehr wichtiger Mann bei einer Fechtübung am Hofe, von deſſen geübten Auge und feiner Unterſcheidung die feinſten Hiebe beurtheilt werden ſollten. Allmälig hörte die Toleranz auf und als er im geiſtlichen Ornat den Trauer⸗ dienſt nicht vollziehen wollte, nahm der allgemeine Unwille die Geſtalt von Nüſſen an. Ophelia endlich war die Beute einer ſo langſamen muſikaliſchen Verrücktheit, daß, nachdem ſie ihre weiße Mouſſelinſchürze abgenommen, zuſammen⸗ gelegt und verſcharrt hatte, ein grämlicher Herr, der ſeine Naſe lange an der Eiſenſtange der vordern Gallerie abge⸗ kühlt hatte, plötzlich ausrief:„das Kind iſt zu Bett, wir wollen zu Abend eſſen,“ was jedoch in jeder Hinſicht weit in der Ferne lag. Meinen unglücklichen Mitbürger umſpielten alle dieſe Unfälle in verdoppeltem Maße. So oft dieſer ſchwankende Prinz eine Frage aufzuwerfen oder einen Zweifel auszu⸗ ſprechen hatte, kam das Publikum ihm zu Hülfe. Zum Beiſpiel: Bei der Frage, obs edler im Gemüthe zu ertra⸗ gen, riefen einige ja, andere nein, und da einige ſchwankten, ſo rief man:„Paar oder Unpaar!“ Bei der Frage, wozu ſolche Leute wie er zwiſchen Erd und Himmel kriechen ſollten, riefen viele:„Hört, hört!“ Als er mit unordent⸗ lichen Strümpfen erſchien(was nach Gebrauch durch eine ſehr zierliche Falte ausgedrückt wurde, die durch ein Plätt⸗ eiſen gemacht ſein mußte), unterhielt man ſich auf der Gal⸗ lerie über ſein blaſſes Bein und ob der Geiſt ihm vielleicht einen Streich geſpielt habe. Indem er die Flöte ergriff— die wie ein ſchwarzes Pickelflötchen aus dem Orcheſter aus⸗ ſah— verlangte man einſtimmig:„Rule Britannia!“ Er empfahl dem Schauſpieler, die Luft nicht ſo zu durchſägen; der grämliche Mann rief ihm dabei zu:„Thue Du es auch nicht, Du biſt ungeſchickter als er.“ Jedesmal wurde Herr Wopsle durch lautes Gelächter begrüßt. Auf dem Kirchhofe ſtieg ſeine Prüfung; dieſer ſah wie ein Urwald aus, mit einem geiſtlichen Waſchhauſe auf der einen, und einem Chauſſeeſchlagbaum auf der andern Seite. Wopsle kam im breiten ſchwarzen Mantel durch den Schlagbaum und dem Todtengräber wurde freundlich zugerufen:„Da kommt der Leichenbeſorger, um bei Dir nachzuſehen.“ In einem conſtitutionellen Lande iſt es klar, daß Wopsle nach ſeinen moraliſchen Betrachtungen über den Schädel dieſen nicht zurückgeben konnte, ohne ſeine Finger erſt an einem, aus ſeiner Bruſttaſche heraus⸗ genommenen Taſchentuche abzuſtäuben, allein ſelbſt dieſe 135 unſchuldige und unerläßliche That konnte nicht ohne den Zuruf„Kell— ner!“ vorübergehen. Als endlich die Leiche in einem leeren ſchwarzen Kaſten mit offenem Deckel zur Beerdigung hereingetragen wurde, entſtand eine allge⸗ meine Heiterkeit, welche noch zunahm, als ſich unter den Trägern eine ſchon früher mehrfach geſehene Perſon zeigte. Dieſe Heiterkeit begleitete Herrn Wopsle durch ſein Ringen mit Laertes am Rande des Orcheſters und des Grabes, und nahm nicht ab, als bis er den König vom Küchentiſche geſtürzt hatte und allmälig von den Ferſen aufwärts zoll⸗ weiſe geſtorben war.. Anfänglich verſuchten wir etwas für Herrn Wopsle zu thun, allein das Beifallklatſchen war ein vergebliches Unternehmen. Wir bedauerten ihn herzlich, allein wir lachten doch mit. Das Ganze war ſo drollig, daß ich lachen mußte und doch fühlte ich durch, es liege in Herrn Wopsle's Vortrag etwas Schönes, nicht wegen alter Er⸗ innerungen, allein weil er ſo langſam, bergauf und berg⸗ ab, war und ſo ganz ungleich dem, wie irgend ein Menſch in irgend einer Lage des Lebens oder Todes jemals über irgend etwas geſprochen haben mochte. Als die Tragödie vorüber, er herausgerufen und ausgepfiffen worden war, ſagte ich zu Herbert:„Schnell fort oder wir ſtoßen auf ihn.“ Wir eilten die Treppen hinunter, waren aber nicht raſch genug. An der Thür ſtand ein jüdiſcher Mann mit einer ungewöhnlich dicken Schmutzlage auf den Augenbrauen, der uns anſah und in ſeiner Nähe auch anſprach. „Herr Pip und Freund?“ Die Wirklichkeit des Herrn Pip und Freundes wurde zugeſichert. „Herr Waldengarver würde ſich freuen, die Ehre zu haben.“ „Waldengarver?“ wiederholte ich, als Herbert mir ins Ohr flüſterte:„Wahrſcheinlich Wopsle.“ „O!“ ſagte ich,„ja, ſollen wir Ihnen folgen?“ „Nur wenige Schritte,“ ſagte er. In einem Neben⸗ wege ſtand er ſtill und frug:„Wie hat er wohl ausgeſehen? Ich habe ſeine Toilette angeordnet.“ Ich weiß nicht, daß er anders als wie ein Leichencon⸗ duct ausgeſehen, nur daß an einem blauen Bande eine große däniſche Sonne oder ein Stern um ihn hing, ſo daß es mir vorkam, als ob er in einer außerordentlichen Feuer⸗ verſicherung eingeſchrieben wäre. Aber ich ſagte, er habe recht hübſch ausgeſehen. „Als er zum Grabe ging,“ ſagte unſer Führer,„zeigte er ſeinen Mantel ſehr ſchön. Von der Seite geſehen, kam es mir doch vor, als er den Geiſt geſehen in dem Zimmer der Königin, hätte er ſeine Strümpfe können mehr hervortreten laſſen.“ Ich war beſcheidentlich derſelben Meinung und wir fielen durch eine kleine, ſchmuzige Drehthür in eine dahinter liegende Art von Packkammer. Hier legte Wopsle ſeine däniſchen Kleider ab und wir konnten ihn nur ſoeben erblicken, indem wir über die Schultern wegſahen und die Thür oder den Deckel der Packkammer offen hielten. „Meine Herren,“ ſagte Herr Wopsle,„ich bin ſtolz darauf, Sie zu ſehen. Sie entſchuldigen hoffentlich, Herr Pip, meine Einladung. Ich hatte das Glück, Sie in früheren Zeiten zu kennen und das Drama hat Anſprüche an die Edeln und Vermögenden, welche niemals verkannt worden ſind.“ Unterdeſſen ſuchte Waldengarver in furchtbarem Schweiße ſeine fürſtlichen Trauerkleider abzulegen. „Ziehen Sie die Strümpfe ab, Herr Waldengarver,“ ſagte der Eigenthümer dieſer Gegenſtände,„ſonſt zer⸗ reißen Sie dieſelben. Zerreißen Sie ſie und Sie zer⸗ reißen 35 Schillinge. Shakeſpeare hat niemals ein ſchö⸗ neres Paar erlebt. Halten Sie ſich ſtill im Stuhle und ich will ſchon helfen.“ Hierauf kniete er nieder und zog die Haut mit den Strümpfen ab, ſein Opfer würde ſchon bei dem erſten rücklings über gefallen ſein, allein es gab keinen Platz kopfüber zu fallen. Bis dahin hatte ich kein Wort über das Spiel zu ſagen gewagt. Allein Waldengarver ſah uns wohlgefällig an und ſagte:„Meine Herren, wie ſchien es Ihnen zu gehen?“ Herbert antwortete hinter mir und gab mir einen Stoß: „Vorzüglich“ und ich wiederholte„Vorzüglich.“ „Wie hat Ihnen meine Vorleſung der Rolle gefallen?“ ſagte Herr Waldengarver beinahe mit einer Art von Gön⸗ nermiene. Herbert ſagte hinter mir und ſtieß mich wieder an: „Maſſiv und concret.“ Ich wiederholte keck, als ob es von mir ausginge:„maſſiv und concret.“ „Ihr Beifall freut mich,“ ſagte Herr Waldengarver mit Würde, obſchon er an die Wand gedrückt war und ſich an der Stuhllehne feſt hielt. „Eins will ich Ihnen doch ſagen, Herr Waldengarver,“ 138 ſagte der kniende Mann,„worin Sie fehl gehen. Geben Sie acht! Einerlei wer anders meint, ich meine ſo. Sie gehen fehl, wenn Sie die Beine in Profil ſtellen. Der letzte Hamlet, den ich ankleidete, machte denſelben Fehler auf der Probe, bis ich ihn dahin brachte, auf jedes Schien⸗ bein eine rothe Oblate zu legen und bei der letzten Probe trat ich vor und ſo oft er in Profil erſchien, rief ich: Ich ſehe keine Oblate nicht. Und am Ende ſpielte er lieblich.“ Herr Waldengarver lächelte mich an, als ob er ſagen wolle: ein treuer Diener— ich verzeihe ihm ſeine Narr⸗ heit, und ſagte dann laut:„Meine Abſicht iſt für die Leute hier ein wenig elaſſiſch und gedankenvoll, allein ſie werden ſich beſſern.“ Herbert und ich waren beide derſelben Meinung, daß ſie ſich beſſern würden. Bn „Bemerkten Sie in der Gallerie einen Mann, welcher den Dienſt— ich meine die Vorſtellung zum Geſpötte zu machen ſuchte?“ Wir antworteten, es komme uns vor, daß ein ſolcher Mann dageweſen wäre.„Er war gewiß betrunken,“ fügte ich hinzu. „O das war er nicht,“ ſagte Herr Wopsle.„Darauf würde ſein Herr ſchon geachtet haben. Sein Herr würde keinen Rauſch geduldet haben.“ „Kennen Sie ſeinen Herrn?“ Herr Wopsle ſchloß beide Augen, öffnete ſie dann wieder, beides jedoch ſehr langſam.„Sie müſſen,“ ſagte er,„einen unwiſſenden und ſchreienden Eſel mit rauher Kehle und einem Geſichte voll niedriger Bosheit bemerkt haben, der die Rolle von Claudius König von Dänemark 139 durchlief— ich kann nicht ſagen ſpielte. Das iſt ſein Herr— ſo iſt es mit der Bühnenwelt.“ Ohne darüber nachzudenken, ob mir Herr Wopsle in Verzweiflung noch mehr leid thun würde, als er mir ſchon ſo that, ergriff ich die Gelegenheit, daß er ſich die Hoſen⸗ träger anlegte, wobei wir zur Thür herausgeſtoßen wur⸗ den, um Herbert zu fragen, ob er nichts dagegen habe, daß Wopsle mit uns nach Hauſe gehe. Herbert hielt es für angemeſſen und wir luden ihn ein; er ging mit uns, wir thaten unſer beſtes für ihn und ſo ſaß er bis zwei Uhr Morgens bei uns, um uns ſeine Pläne auseinander zu ſetzen. Er beabſichtigte das Drama erſt zu beleben und dann niederzuſchmettern, da ja nach ſeinem Tode das Drama gänzlich zerfallen müſſe. Trotzdem ging ich jammervoll zu Bette, dachte jammer⸗ voll an Eſtella, träumte mich jammervoll am Ende aller meiner Erwartungen und daß ich Herbert's Clara heirathen oder Hamlet vor Fräulein Havisham's Geiſt mit 20000 Zuhörern ohne zwanzig Worte zu wiſſen, ſpielen müſſe. Breizehntes Kapitel. Als ich eines Tages mit meinen Büchern und Herrn Pocket mich beſchäftigte, erhielt ich auf der Poſt einen Brief, deſſen Adreſſe ſchon mein Herz zum Klopfen brachte, denn obſchon ich die Handſchrift noch niemals geſehen, ſo errieth ich ſie doch unverzüglich. Er hatte keine Adreſſe, wie lieber Herr Pip, oder lieber Pip, oder lieber Herr, oder ſonſt etwas Liebes, ſondern lautete alſo: „Uebermorgen ſoll ich mit dem Mittagswagen nach London kommen. Ich meine, es ſei beſtimmt, daß Sie mich abholen, Fräulein Havisham wenigſtens hat dieſe Vor⸗ ſtellung und ich ſchreibe demgemäß. Sie ſchickt ihre Grüße. Ihre Eſtella.“ Hätt' ich Zeit gehabt, ſo würd' ich mir für dieſe Ge⸗ legenheit gewiß mehrere Anzüge beſtellt haben, allein da dieſe nicht vorhanden war, ſo mußte ich mich mit den in mei⸗ nem Beſitze befindlichen begnügen. Mein Appetit verſchwand unverzüglich und ich hatte keine Raſt und Ruhe, bis der Tag da war. Damit warich zwar nicht beruhigt, denn nun ging es noch ſchlimmer her, ich ſtreifte vor dem Poſthauſe in Woodſtreet umher, ehe der Wagen unſere Stadt ver⸗ laſſen hatte. Ich wußte das ſehr genau und doch war mir 141 zu Muthe, als ob ich das Poſtgebäude keine fünf Minuten außer Augen laſſen dürfe und in ſolchem Unverſtand hatte ich die erſte halbe Stunde der vier bis fünf Stunden zu⸗ gebracht, als Herr Wemmick mich anrannte. „Heda, Herr Pip,“ rief er,„wie geht es Ihnen? Ich dachte mir nicht, daß Sie auf dieſem Wege zu finden wären.“ Ich theilte ihm mit, daß ich Jemand erwarte, der mit dem Poſtwagen ankommen würde, und erkundigte mich nach dem Schloſſe und dem Alten. „Beide in blühendem Zuſtande, beſonders der Alte,“ ſagte Wemmick.„Er iſt wundervoll guter Laune. Näch⸗ ſten Geburtstag iſt er zweiundachtzig Jahre alt. Ich wollte die Kanone an dem Tage zweiundachtzigmal abfeuern, wenn die Nachbarſchaft ſich nicht darüber beſchwert und meine Kanonen ſolchen Druck aushalten kann. Doch in London iſt über dergleichen nicht zu ſprechen. Wohin meinen Sie, daß ich gehe?“ „Nach dem Bureau,“ ſagte ich, denn ſein Weg ſchien in jener Richtung zu gehen. „Nicht ganz dahin, ſondern nach Newgate,“ antwortete Wemmick.„Wir haben grade jetzt einen Diebſtahl zu ver⸗ handeln, und ich bin entlangs gelaufen, um einen Augen⸗ blick nach der Scene der Handlung zu blicken und muß nun einige Worte mit unſerm Clienten ſprechen.“ „Hat Ihr Client den Diebſtahl begangen?“ frug ich. „Gott ſteh Ihnen bei, nein,“ antwortete Wemmick ſehr trocken.„Allein er iſt deſſelben beſchuldigt. So könnten auch Sie oder ich es ſein. Einer von uns könnte ange⸗ ſchuldigt ſein.“ 142 „Oder vielleicht keiner von uns,“ erwiderte ich. „Ja!“ ſagte Wemmick und berührte meine Bruſt mit dem Zeigefinger.„Sie ſind pfiffig, Herr Pip! Möchten Sie Newgate anſehen? Haben Sie etwas Zeit übrig?“ Ich hatte ſo viel Zeit übrig, daß der Vorſchlag eine Wohlthat war, obſchon er eigentlich mit meinem geheimen Wunſche, der Beobachtung des Poſthauſes, nicht überein⸗ ſtimmte. Ich ſagte alſo, ich wolle mich erkundigen, ob ich Zeit genug hätte, ging in das Poſtbureau, erfrug bei dem Secretär auf das allergenaueſte den früheſten Augenblick, wann man die Kutſche erwarten könne— was ich übrigens im Voraus ſo genau als er wußte. Ich ging dann zu Herrn Wemmick zurück, ſah nach meiner Uhr, ſtellte mich über die Auskunft des Poſtſecretärs verwundert und nahm den Antrag an. j Wir waren gleich in Newgate und gingen durch die Loge des Schließers, wo die Gefängnißvorſchriften und einige Ketten an nackten Wänden hingen, in das Innere des Ge⸗ fängniſſes. Damals waren die Gefängniſſe ſehr vernach⸗ läſſigt und die übertriebene Reaction, die auf jegliches Un⸗ recht folgt, war noch nicht vorhanden. Wemmick nahm mich mit, als die Beſuchszeit da war, ein Schenkwirth machte die Runde um Bier zu verkaufen, die Gefangenen hinter den Gittern kauften Bier und ſprachen mit ihren Freunden, es war ein häßlicher, unordentlicher, bedrücken⸗ der Auftritt. Wemmick ging zwiſchen den Gefangenen umher, wie ein Gärtner zwiſchen ſeinen Pflanzen. Dieſes fiel mir zuerſt ein, als er einen Sprößling anſah, der in der Nacht hinzugekommen war und ſagte:„Was, Capitän Tom? 143 Sind Sie da? Ja, ja, wirklich!“ und ferner:„Iſt der da hinter dem Brunnen der ſchwarze Bill? Sie hätt' ich in den erſten zwei Monaten nicht erwartet; wie geht es Ihnen?“ Auch in der Unterhaltung mit einzelnen Ge⸗ fangenen, die ihm ängſtlich zuflüſterten, ſah er aus, als ob er genau beachten wollte, welche Fortſchritte ſie gemacht hätten, bis ſie vor Gericht in voller Blüthe erſchienen. Er war äußerſt populär und hatte offenbar die fami⸗ liäre Abtheilung im Geſchäft des Herrn Jaggers, obſchon etwas von Letzterem an ihm klebte, ſodaß die Annäherung in⸗ nerhalb gewiſſer Schranken bleiben mußte. Er erkannte die einzelnen Clienten perſönlich durch ein Kopfnicken, wobei er den Hut mit beiden Händen etwas zurecht ſchob, den Mund zuſammenzog und die Hände dann in die Taſchen drückte. In einigen Fällen gab es Schwierigkeiten wegen der Be⸗ zahlung der Auslagen und Wemmick ſchrak dann vor dem nicht ausreichenden Gelde weit zurück. Er ſagte:„das hilft nichts, mein Junge. Ich bin nur ein Unterge⸗ bener. Ich kanns nicht nehmen. Mit einem Unterge⸗ benen dürft Ihr nicht ſo verfahren. Könnt Ihr das Geld nicht auftreiben, ſo wendet euch an einen Prinzipal— es gibt Prinzipale genug bei den Advocaten und was dem einen nicht gefällt, gefällt vielleicht dem andern, das empfehl ich Euch als Untergebener. Fort mit unnützen Maß⸗ regeln. Wozu das? Wer iſt weiter da?“ So wanderten wir durch Wemmick's Gartenanlagen; bis er ſich zu mir umdrehte und ſagte:„Haben Sie auf den Mann acht, dem ich die Hand reichen werde.“ Ich würde das auch ohne dieſe Einleitung gethan haben, da er bisher noch Niemand ſeine Hand gegeben hatte. 1 144 Gleich nach dieſen Worten trat ein ſtattlicher, ſchlanker Mann ich ſeh' ihn vor mir, während ich dieſes ſchreibe) in einem abgetragenen olivenfarbigen Frack, mit einer über die rothe Geſichtsfarbe ſich hinziehenden Bläſſe und Augen, die umherſchweiften, wenn er ſie feſthalten wollte, an eine Ecke des Gitters und legte die Hand mit halb ſcherzhafter militäriſcher und halb ernſter Miene an ſeinen ſchmuzigen und fettigen Hut. „Oberſt, guten Morgen! Wie geht's Ihnen, Oberſt?“ frug Wemmick. „Ganz gut, Herr Wemmick.“ „Es iſt alles Mögliche geſchehen, allein die Ausſagen waren zu ſtark gegen uns.“ „Sie waren es— mir iſt es einerlei.“ „Nein, nein,“ ſagte Wemmick kalt,„Ihnen iſt es einerlei.“ Dann kehrte er ſich zu mir und ſagte:„Dieſer Mann hat in Sr. Majeſtät Dienſten geſtanden, war ein Soldat in der Infanterie und kaufte ſeine Entlaſſung.“ Ich ſagte:„Wirklich?“ und der Mann ſah mich an und dann über meinen Kopf weg und auf Alle ringsum und zog dann die Hand über die Lippen und lachte. „Ich meine am Mtartah freigelaſſen zu werden,“ ſagte er zu Wemmick. „Vielleicht, doch weiß man nichts Boſtimnteön“ ſagte mein Freund. „Es freut mich, Ihnen Adieu ſagen zu können,“ er⸗ widerte der Mann und ſtreckte die Hand zum Gitter hinaus. „Danke Ihnen,“ ſagte Wemmick und gab ihm die Hand. „Wäre das, was ich bei meiner Verhaftung bei mir 145 trug, echt geweſen,“ ſagte der Mann und wollte die Hand nicht loslaſſen,„ſo würde ich mir die Ehre erbeten haben, daß Sie noch einen Ring— als Anerkennung Ihrer Auf⸗ merkſamkeit annähmen.“ „Ich nehme den Willen für die That an,“ ſagte Wem⸗ mick.„Nebenbei— Sie waren ein großer Taubenfreund. Sie ſollen ein wundervolles Paar gehabt haben.(Der Mann ſah nach dem Himmel.) Könnten Sie einen Ihrer Freunde beauftragen, mir ein Paar zu bringen, wenn Sie derſelben nicht mehr bedürfen?“ „Es ſoll geſchehen.“ „Gut, ich werde ſie recht pflegen, Oberſt. Guten Tag, guten Tag!“ Abermals ſchüttelten ſie ſich die Hände und als wir weggingen, ſagte Wemmick zu mir:„Ein Falſch⸗ münzer, ein ſehr guter Arbeiter. Heute wird der Schluß⸗ bericht erſtattet und am Montag wird er hingerichtet. Ein Paar Tauben iſt doch immer tragbares Eigenthum, wie Sie zugeben müſſen.“ Er ſah ſich um und nickte der todten Pflanze zu und überſah dann die übrigen Gefangenen, als ob er überlege, welcher Topf am beſten an deren Stelle paſſe. Als wir das Gefängniß durch die Schließerloge ver⸗ ließen, fand ich, daß die Schließer ebenſo ſehr als die Ein⸗ geſchloſſenen die große Bedeutung meines Vormundes ehrten.„Was wird Herr Jaggers mit dem Morde an der Waſſerſeite thun?“ frug der Schließer, welcher uns zwiſchen zwei mit Nägeln beſchlagenen Thüren hielt und die eine ſorgfältig verſchloß, ehe er die andere öffnete. „Will er einen Todtſchlag daraus machen, oder was ſonſt?“ „Fragen Sie ihn,“ antwortete Wemmick. Charles Dickens, Große Erwartungen. II. 10 „Ja, ja, das will ich meinen!“ ſagte der Schließer. „So ſind ſie hier Alle, Herr Pip,“ bemerkte Wemmick; „mich, den Untergebenen, befragen ſie; bei meinem Prinzipal nehmen ſie ſich wohl in acht.“ „Iſt dieſer junge Herr ein Lehrling oder Schreiber in Ihrem Bureau?“ frug der Schließer und lachte über Wemmick's Laune. „Schon wieder, das ſagte ich Ihnen ja! Schon wieder eine Frage an den Untergebenen, ehe noch die erſte ver⸗ klungen iſt. Und wenn Herr Pip einer wäre?“ „Nun, dann weiß er ja auch, wer Herr Jaggers iſt.“ „Ihr ſeid,“ rief Wemmick plötzlich aus,„Ihr ſeid ſo ſtumm wie Eure Schlüſſel, wenn Ihr meinen Prinzipal vor Euch ſeht. Laßt uns heraus, alter Fuchs, ſonſt ſoll er eine Klage wegen unerlaubter Einſperrung gegen Euch einbringen.“ Der Schließer lachte und fuhr damit fort, als wir die Stufen des Gefängniſſes zur Straße hinunterſtiegen. „Ueberſehen Sie das nicht, Herr Pip,“ flüſterte Wemmick ſehr ernſthaft in mein Ohr, indeß er vertraulich meinen Arm ergriff.„Herr Jaggers handelt durchaus richtig, daß er ſich ſo hoch hält. Er iſt immer ſo hoch. Seine beſtändige Höhe paßt zu ſeinen unermeßlichen Fähig⸗ keiten. Der Oberſt wagt ebenſo wenig von ihm Abſchied zu nehmen, als der Schließer ihn um ſeine Abſichten wegen eines Proceſſes zu befragen. Zwiſchen ſeine Höhe und dieſe Menſchen ſchiebt er den Untergebenen ein— und ſo hat er ſie, Leib und Seele.“ Die Schlauheit meines Vormundes trat mir wieder— nicht zum erſten Male— entgegen. Es gab manche Zei⸗ * ten, in denen ich mir wünſchte, einen Vormund mit gerin⸗ geren Fähigkeiten zu beſitzen. Herr Wemmick nahm am Bureau in Little Britain Abſchied von mir, wo wie gewöhnlich Clienten von Jaggers umherſchlichen, und ich kehrte zu meiner Wache am Poſt⸗ bureau zurück, welche noch drei Stunden dauern mußte. Ich dachte während dieſer ganzen Zeit darüber nach, wie ſeltſam es ſei, daß dieſes Gefängniß⸗ und Verbrecherweſen mich umringte, daß ich es in meiner Kindheit auf den Marſchlanden zuerſt getroffen, daß es zweimal wieder⸗ erſchienen wie ein verwiſchter, doch nicht verſchwundener Fleck, und daß es immer meinen Lebenslauf berührte. Bei dieſem Gedanken fiel mir die jugendliche und ſchöne, ſtolze und gebildete Eſtella ein, die zu mir kam, und der Gegenſatz zwiſchen dem Gefängniſſe und ihr entſetzte mich. Ich wünſchte, Wemmick wäre mir nicht begegnet oder ich nicht mit ihm gegangen, damit ich nicht gerade an dieſem Tage in meinem Athem und an meinen Kleidern das Gefängniß trüge. Ich ſchlug den Gefängnißſtaub von meinen Füßen ab und aus meinem Anzuge und blies ihn aus meinen Lungen fort. So verunreinigt ſchien ich mir, daß der Wagen faſt zu früh ankam und ich mich noch nicht ganz von der Befleckung in Wemmick's Treibhauſe frei fühlte, als ich ihr Geſicht am Kutſchenfenſter ſah und ihre Hand mir zuwinkte. Was war der namenloſe Schatten, der abermals in jenem Augenblicke an mir vorüberzog? 10 hierzehntes Kapitel. Eſtella erſchien in ihrem Reiſepelz noch weit ſchöner, als ich ſie bisher jemals erblickt hatte. Ihr Benehmen war anmuthiger, als ſie es bisher hatte hervortreten laſſen und es war mir, als ob Fräulein Havisham einen Einfluß auf dieſe Veränderung ausgeübt hätte. Wir ſtanden auf dem Hofe des Wirthshauſes, wo ſie mir ihr Gepäck zeigte, und nachdem das zuſammengelegt war, fiel mir ein, indem ich bis dahin außer ihr Alles ver⸗ geſſen hatte, daß ich gar nicht wiſſe, wohin ich ſie bringen ſolle. „Ich gehe nach Richmond,“ ſagte ſie.„Es gibt zwei Richmonds, eins in Yorkſhire und eins in Surrey; das meine liegt in Surrey. Es iſt etwas über zehn Stunden entfernt. Ich ſoll mir einen Wagen nehmen und Sie ſollen mich begleiten. Hier iſt meine Börſe, Sie ſollen die Aus⸗ lagen daraus beſtreiten. Die Börſe müſſen Sie nehmen! Wir dürfen unſeren Inſtructionen nicht untreu werden. Sie und ich, wir ſind nicht frei, unſeren eigenen Plänen. zu folgen.“ 4 149 Sie ſah mich an und reichte mir die Börſe; ich hoffte, es liege tiefere Bedeutung in ihren Worten. Sie ſprach ſie leichthin, aber nicht mit Unzufriedenheit. „Ich werde einen Wagen holen laſſen. Wollen Sie ſich hier ein wenig ausruhen?“ „Ja, ich ſoll hier etwas ausruhen und Thee trinken, und Sie ſollen mich unterdeſſen verſorgen.“ Sie nahm meinen Arm, als ob dem ſo ſein müſſe, und ich befahl einem Kellner, der die Kutſche angeſtaunt hatte, als ob ihm eine ſolche noch nie vorgekommen wäre, uns ein beſonderes Zimmer anzuweiſen. Darauf zog er eine Serviette heraus, als ob dieſe ein magiſches Mittel wäre, um den Weg nach oben zu finden und führte uns in das ſchwarze Loch des Etabliſſements, welches mit einem Ver⸗ kleinerungsſpiegel(in Hinblick auf die Proportion des Lochs ein ganz überflüſſiger Artikel), einem Anchovisſauce⸗Glas und einem Paar Ueberſchuhen ausſtaffirt war. Als ich gegen dieſes Loch proteſtirte, führte er uns in ein anderes Zimmer mit einem Speiſetiſche für dreißig Perſonen, wo im Kamin ein angeſengtes Blatt eines Copirbuchs unter einem Haufen Kohlenſtaub lag. Nachdem er dieſen erloſche⸗ nen Brand angeſehen und den Kopf geſchüttelt hatte, nahm er meine Befehle entgegen, die nur aus etwas Thee für die Dame beſtanden, ſodaß er niedergeſchlagen das Zim⸗ mer verließ. 84 Die Luft dieſes Zimmers, eine Verſchmelzung von Stall und Suppenküche, konnte zu dem Schluſſe führen, daß das Wagengeſchäft kein glänzendes war. Mir war das Zimmer ein Heiligthum, denn Eſtella befand ſich in demſelben. Mit ihr hätte ich dort mein Leben lang glück⸗ 150 lich ſein können.(Und doch war ich damals nicht glücklich und wußte es auch.) „Wen beſuchen Sie in Richmond, Eſtella?“ frug ich. „SIch ſoll dort,“ erwiderte ſie,„ein ſehr koſtſpieliges Leben bei einer Dame führen, welche im Stande iſt oder zu ſein behauptet, mich umherzuführen und einzuführen, die Geſellſchaft mir und mich der Geſellſchaft zu zeigen.“ „Sie werden wohl an Abwechſelung und Bewunderung Vergnügen haben?“ „Es mag wohl ſein.“ Sie antwortete ſo gleichgültig, daß ich ſagte:„Sie ſprechen von ſich ſelbſt wie von einer fremden Perſon.“ „Wo haben Sie gehört, wie ich von Fremden ſpreche? Nein, nein,“ ſagte Eſtella und lächelte,„bei Ihnen werde ich nicht in die Schule gehen; ich ſpreche nach meinem Be⸗ lieben. Wie gefällt es Ihnen bei Herrn Pocket?“ „Ich lebe da ganz angenehm, wenigſtens—“ ich brach ab, um mir nichts zu vergeben. „Wenigſtens?“ „Wenigſtens ſo angenehm, wie es irgendwo ohne Sie möglich iſt.“ „Thörichter Knabe,“ ſagte Eſtella ruhig,„wie können Sie ſolchen Unſinn ſprechen? Ihr Freund, Herr Matthew, übertrifft den übrigen Theil ſeiner Familie?“ „In jeder Hinſicht. Er iſt keines Menſchen Feind—“ „Fügen Sie ja nicht hinzu: als ſein eigener, denn ich haſſe ſolche Leute. Aber er iſt wirklich uneigennützig und über kleinliche Eiferſucht erhaben, wie ich höre. „Ich kann das in jeder Hinſicht für wahr erklären.“ „Von den Uebrigen können Sie nur das Gegentheil 151 ſagen,“ bemerkte Eſtella mit einem ebenſo ernſten als neckiſchen Ausdruck;„denn ſie belagern Fräulein Havisham mit Berichten und Einflüſterungen zu Ihrem Nachtheil. Sie überwachen Sie, ſtellen Ihre Handlungen in falſches Licht, ſchreiben(zuweilen ſogar anonym) Briefe und Sie ſind die Qual und die Beſchäftigung ihres Lebens. Sie können ſich kaum den Haß vorſtellen, den dieſes Volk gegen Sie empfindet.“ „Hoffentlich ſchaden ſie mir nichts,“ ſagte ich. Eſtella gab keine Antwort, ſondern brach in ein Ge⸗ lächter aus, was mir ſehr auffiel, ſodaß ich ſie ziemlich verlegen anſah. Als ſie aufhörte— und ſie hatte wirklich von Herzen gelacht— ſagte ich in meiner muthloſen Weiſe: „Hoffentlich macht es Ihnen kein Vergnügen, wenn ſie mir ſchaden?“ „Nein, nein, daran dürfen Sie nicht zweifeln,“ ſagte Eſtella.„Ich lache nur, weil es ihnen nicht gelingt. Dieſe Leute leiden wahre Qual bei Fräulein Havisham.“ Sie lachte wieder, und obſchon ich den Grund gehört hatte, ſo kam es mir doch ſeltſam vor, denn es war gewiß nicht erkünſtelt und doch zu viel für die Sache. Ich dachte, es müſſe etwas mehr dahinter ſtecken, und ſie ahnte dieſen Gedanken, denn ſie fuhr fort:„Sie können ſich es nicht denken, wie ſehr mich die Qual dieſer Leute freut und wie tief ich das Lächerliche empfinde, wenn man ſie lächerlich macht. Denn Sie ſind nicht von Kindheit an in dieſem ſeltſamen Hauſe erzogen worden. Ich bin es. Ihr kleiner Verſtand wurde nicht geſchärft, weil Jene ihre Intriguen im Stillen ſpielten, freilich unter der Maske der Sym⸗ pathie und des Mitleids und aller ſanften und lieben Ge⸗ 152 fühle. Bei mir iſt es ſo. Sie haben nicht allmälig Ihre Augen immer weiter und weiter geöffnet, um die Betrügerei der Frau zu entdecken, die ihren Vorrath von Gemüths⸗ ſtärke berechnet, wenn ſie in der Nacht aufwacht. Ich habe das Alles.“ Dabei lachte Eſtella nicht und dieſe Erinnerungen hatte ſie nicht aus leerem Herzen heraufbeſchworen. Der Blick den ſie dabei warf, hatte mich trotz aller meiner Erwar⸗ tungen niedergeſchmettert. „Zweierlei kann ich Ihnen ſagen,“ fuhr Eſtella fort. „Trotzdem daß es heißt, viele Tropfen höhlten den Stein, werden dieſe Leute, und wenn hundert Jahre verflöſſen, niemals in irgend einer Sache, ſei ſie groß oder klein, Ihrer Stellung bei Fräulein Havisham ſchaden. Zweitens, Ihnen verdanke ich es, daß ſie vergebens geſchäftig und gemein ſind, und ich gebe Ihnen meine Hand darauf.“ Da ſie mir dieſe ſcherzhaft reichte— ihr finſterer Blick war gleich vorübergezogen— ſo nahm ich ſie und drückte ſie an meine Lippen. „Thörichter Knabe!“ ſagte Eſtella.„Wollen Sie keine Warnung annehmen? oder küſſen Sie meine Hand ſo wie ich Ihnen einmal meine Wange zu küſſen gereicht habe?“ „Was war das?“ „Einen Augenblick. Es war im Geiſte der Verachtung aller Schmeichler und Intriguants.“ „Darf ich, wenn ich dieſes bejahe, die Wange abermals küſſen?“ „Sie hätten das früher fragen ſollen, ehe Sie die Hand berührten. Doch ja, wenn's Ihnen gefällt. 4 Ich beugte mich nieder, und ihr ruhiges Antlitz glich. 153 einer Bildſäule. Nachdem ich ihre Wange berührt, wich ſie von mir und ſagte:„Sorgen Sie für etwas Thee und wir fahren dann nach Richmond.“ Dieſer Ton, als ob unſer Zuſammenſein uns aufge⸗ nöthigt ſei und wir nichts als Puppen wären, that mir weh, allein Alles an unſerem Umgange that mir weh. Wie ſie auch mit mir ſprechen mochte, hatte ich kein Vertrauen und baute keine Hoffnung darauf, und ohne Vertrauen und Hoffnung ging ich immer denſelben Weg. Was ſoll ich das wiederholen? So war es immer. Ich ſchellte nach Thee. Der Kellner erſchien mit ſeiner magiſchen Serviette und brachte allmälig einige fünfzig Beithaten zu einer ſolchen Erfriſchung, doch keine Spur vom Thee. Ein Theebrett, Ober⸗ und Untertaſſen, Teller, Meſſer, Gabeln(mit Inbegriff von Tranchirmeſſer), ver⸗ ſchiedene Löffel, Salzfäſſer, eine kleine Prätzel, mit großer Vorſicht unter einen ſtarken eiſernen Deckel eingepreßt, Moſes in den Geſträuchen, dargeſtellt durch einen Schnitt Butter unter zahlreicher Peterſilie, ein blaſſes Brot mit einem gepuderten Kopfe, zwei Probeabdrücke der Gitter des Küchenkamins auf dreieckigen Stücken Brot und endlich eine dicke Familienurne, mit welcher der Kellner herein⸗ ſtolperte. Nach längerer Abweſenheit erſchien er endlich wieder mit einem Korbe von koſtbarem Aeußern, welcher eine Theedoſe vorſtellen ſollte. Ich tunkte den Thee in heißes Waſſer und gewann daraus eine Art von Getränk für Eſtella. Die Rechnung wurde bezahlt, ein Trinkgeld für den Kellner zugefügt und der Hausknecht nicht vergeſſen und das Stubenmädchen nicht außer Acht gelaſſen— kurz das 154 ganze Haus beſtochen und Eſtella's Börſe erleichtert— dann ſtiegen wir in unſern Poſtwagen und fuhren ab. Als wir in Cheapſide ankamen und die Newgateſtraße entlang raſſelten, befanden wir uns bald unter den Mauern, deren ich mich ſo ſehr geſchämt hatte. „Was iſt das für ein Gebäude?“ frug Eſtella. Erſt ſchien ich es nicht zu erkennen, endlich ſagte ich es ihr. Sie ſah es an und zog den Kopf in den Wagen zurück, indem ſie das Wort„Elende!“ ausſtieß. Nicht um Alles in der Welt hätte ich meinen Beinch in jenem Gebäude eingeſtanden. „Herr Jaggers,“ ſagte ic,„hat den Ruf, mehr als irgend Jemand dieſen traurigen Platz zu kennen.“ „Er iſt mit allen Geheimniſſen aller Orte bekannt, wie mir vorkommt,“ ſagte Eſtella mit leiſer Stimme. „Sie haben ihn wohl oft geſehen?“ „Se lange ich mich erinnern kann, bin ich gewohnt, ihn unſt gewiſſen Zwiſchenräumen zu ſehen. Doch kenne ich ihn jetzt nicht beſſer als damals, da ich noch nicht deut⸗ lich ſprechen konnte. Wie haben Sie ſich mit ihm geſtellt? Kommen Sie ihm näher?“ „Da ich einmal an ſeine mißtrauiſchen Manieren ge⸗ wöhnt bin, ſo komme ich mit ihm zurecht,“ war meine Antwort. „Sind Sie intim?“ „Ich habe in ſeiner Privatwohnung bei ihm geſpeiſt.“ „Das muß ein wunderlicher Platz ſein,“ ſagte Eſtella. „Es iſt auch ein wunderlicher Platz.“ Ich hätte mich bedacht, ſelbſt mit ihr zu unumwunden über meinen Vormund zu ſprechen, allein ich würde ihr doch das Diner in der Gerrard⸗Straße beſchrieben haben, wäre da nicht plötzlich eine helle Gaslaterne erſchienen. So lange ſie ſichtbar war, ſchien das unerklärliche Gefühl, das ich früher gehabt hatte, in ihr zu ſtrahlen und zu leben, und als wir vorüber waren, hatte es mich auf einige Augen⸗ blicke ſo geblendet, als ob der Blitz mich getroffen hätte. Wir kamen nun auf andere Gegenſtände, auf den Weg, den wir zu befahren hatten und welche Theile von London rechts und links daran lagen. Die große Stadt war ihr faſt unbekannt, denn ſie war immer in Fräulein Havis⸗ ham's Nähe geblieben, bis ſie nach Paris gegangen war und hatte London auf der Durchfahrt geſehen. Ich frug ſie, ob mein Vormund während ihres hieſigen Aufenthalts ſich ihrer angenommen hätte, worauf ſie nachdrücklich ein „Gott behüte!“ ſagte und ſtill ſchwieg. Offenbar war ſie beſtrebt, mich anzulocken und ſich an⸗ genehm zu machen; ſie würde mich erobert haben, ſelbſt wenn es Mühe gekoſtet hätte. Doch fand ich mich nicht beglückt, denn hätte ſie nicht ſo geſprochen, als ob von An⸗ dern über uns verfügt ſei, ſo wäre mir doch klar geworden, ſie halte mein Herz in ihrer Hand, weil ſie es aus Laune wolle, nicht aus irgend einer Zärtlichkeit für mich. Als wir durch Hammerſmith fuhren, zeigte ich ihr Pocket's Wohnung und ſagte, ſie liege nicht weit von Richmond, ſo daß ich ſie zuweilen zu ſehen hoffe. „Gewiß, Sie ſollen mich beſuchen, Sie können kom⸗ men, wann es Ihnen beliebt. Sie werden in der Fa⸗ milie bekannt gemacht werden, Sie ſind ihr ſchon genannt worden.“ Ich frug, ob ſie in eine zahlreiche Familie aufgenom⸗ men ſei? „Nein, es ſind nur Mutter und Tochter da, die Mut— ter iſt eine Dame vom Stande, die jedoch nicht abgeneigt iſt ihre Einkünfte zu vergrößern.“ „Mich wundert es, daß Fräulein Havisham ſich ſo bald wieder von Ihnen trennen konnte.“ „Es liegt dieſes in ihrem Plane, Pip, den ſie für mich entworfen hat,“ ſagte ſie, als ob ſie ſich matt fühle; „ich ſoll ihr beſtändig ſchreiben und ſie regelmäßig be⸗ ſuchen, und erzählen, wie es mir und den Juwelen geht, denn ſie gehören nun ſchon faſt alle mir.“ Zum erſtenmale nannte ſie mich bei meinem Namen. Sie that es abſichtlich und wußte, daß ich es im Herzen bewahren würde. Wir kamen bald nach Richmond, das Haus lag dort in der Nähe des Parkes, ein ſteifes, altes Haus, wo oft genug Reifröcke, Puder, Schönpfläſterchen, geſtickte Röcke, gerollte Strümpfe, Krauſen und Schwerter ihre Rolle ge⸗ ſpielt haben mochten. Einige alte Bäume vor dem Hauſe waren in eben ſo unnatürliche Formen geſchnitten, als es die Reifröcke und Perrücken und ſteifen Hemdkrauſen waren, doch ſchienen ſie dem baldigen Geſchicke des Ver⸗ welkens ausgeſetzt zu ſein. Eine Schelle mit einer alten Stimme— die in früherer Zeit oftmals gemeldet haben mochte, da kommt der graue Reifrock, da kommt das juwelenverzierte Schwert, da kom⸗ men die Schuhe mit rothen Hacken und der blaue Solitär — erſchallte ernſt im Mondenſchein und zwei muntere Mädchen ſprangen herbei, Eſtella zu empfangen. Bald waren ihre Koffer fortgebracht, ſie gab die Hand und ein Lächeln, bot mir gute Nacht und verſchwand. Doch ſtand 157 ich noch immer vor dem Hauſe, dachte nach, welch ein Glück, dort mit ihr zu leben, und wußte doch, daß ich bei ihr niemals glücklich und immer elend war. Ich ſtieg in den Wagen, um nach Hammerſmith zurück⸗ zufahren, ſtieg mit böſem Herzweh ein, und ſtieg mit noch ſchlimmeren Herzweh aus. Vor unſrer Thür fand ich Jane Pocket, die mit ihrem kleinen Liebhaber aus einer kleinen Geſellſchaft nach Hauſe kam, und ich beneidete ihren kleinen Liebhaber, wenn er auch von der Flopſon regiert wurde. 4 Herr Pocket hielt eine Vorleſung und war deshalb aus, denn ſeine Vorleſungen über häusliche Oekonomie gefielen ſehr und ſeine Abhandlungen über die Behandlung von Kindern und Dienſtboten galten als die beſten Schriften über dieſe Gegenſtände. Allein Frau Pocket war zu Hauſe, und in einiger Verlegenheit, da man das kleine Kind mit einem Nadelkiſſen amüſirt hatte, um es während der un⸗ erklärlichen Abweſenheit der Millers(mit einem Ver⸗ wandten im Garde⸗Regiment zu Fuß) ruhig zu halten. Und es fehlten weit mehr Nadeln, als für ein ſo zartes Kind zur äußerlichen Anwendung oder zum inneren Ver⸗ brauche nützlich zu ſein ſchienen. Da Herr Pocket mit Recht wegen ſeines vortrefflichen praktiſchen Rathes berühmt war, und man ihm eine ge⸗ ſunde Erkenntniß der Verhältniſſe zuſchrieb, ſo wollte ich ihn wegen meines Herzwehs ins Vertrauen ziehen. Allein ich ſah auf Frau Pocket, die ihr Adelslexikon las, nachdem ſie als Cur für das Kindchen Bett verſchrieben hatte und dachte— nein ich will es lieber nicht. Funßzehntes Kapitel. Da ich mich an meine Erwartungen gewöhnt hatte, ſo hatte ich allmälig deren Wirkung auf meine Geſinnung und auf meine Umgebung zu beobachten angefangen. Ich bemühte mich, den Einfluß derſelben auf meinen Charakter ſo ſehr als möglich zu verhehlen, denn ich wußte wohl, daß nicht alles gut ſei. Ich befand mich wegen meines Verhaltens gegen Joſeph oft in Unruhe. Mein Gewiſſen plagte mich zuweilen wegen Biddy. Wenn ich(wie Camilla) in der Nacht aufwachte, ſo pflegte ich mit recht müder Stimmung daran zu denken, daß ich glücklicher und beſſer geweſen wäre, hätt' ich Fräulein Havisham's Antlitz niemals ge⸗ ſehen und als Compagnon bei Joſeph in der alten Werkſtätte das Mannesalter erlangt. Manchen Abend ſaß ich allein und blickte ins Feuer, und dachte nach, daß es am Ende doch kein Feuer gebe, welches dem Schmiedefeuer und dem Küchenfeuer zu Hauſe gliche. Allein Eſtella war mit dieſer Unruhe und Raſtloſigkeit des Gemüths ſo verſchmolzen, daß ich wirklich verlegen wurde, welchen Theil an jener Stimmung ich mir allein zuſchreiben könne. Den Einfluß meiner Erwartungen auf andere konnt ich deſto leichter erkennen und ſah ein, viel⸗ 159 leicht nur halb und halb, daß Niemand, beſonders jedoch Herbert, dabei gewann. Meine verſchwenderiſche Lebens⸗ weiſe führte ihn zu Ausgaben, die er nicht beſtreiten konnte. verdarben die Einfachheit ſeines Lebens und ſtörten ſeinen Frieden durch Beſorgniß und Bekümmerniß. Mir war es ganz gleichgültig, daß der übrige Theil der Familie Pocket zu kleinlichen Intriguen ſeine Zuflucht genommen hatte, denn dieſer war ihnen von Natur zugethan und wenn ich es nicht gethau hätte, würde ein anderer dazu Veran⸗ laſſung gegeben haben. Allein mit Herbert war es anders, und es that mir oft leid, daß ich ihm nur geſchadet, indem ich unpaſſende Möbel in ſeine wenig ausgeſtatteten Zim⸗ mer geſchafft und den gemeinen Rachegeiſt ihm zur Ver⸗ fügung geſtellt hatte. Allmälig fing ich an beträchtliche Schulden zu machen, Herbert folgte mir bald nach. Auf Startops Rath ließen wir uns in einem Club, welcher„die Finken des Hains“ hieß, vorſchlagen; ich habe den Zweck dieſes Vereins nie⸗ mals errathen, wenn es nicht der war, einmal alle vier⸗ zehn Tage verſchwenderiſch zu eſſen, nach Tiſche ſich ſo ſehr als möglich zu zanken und ſechs Kellner auf den Treppen betrunken zu machen. Dieſe angenehmen ſocialen Zwecke wurden immer ſo glücklich durchgeführt, daß ſo⸗ wohl Herbert als ich nur an dieſe bei dem erſten ſtehenden Toaſt der Geſellſchaft dachten, der alſo lautete:„Meine Herren, möge die gegenwärtige Befriedigung des Wohlge⸗ fallens unter den Finken des Hains allezeit vorherrſchen!“ Die Finken ſchlugen ihr Geld in närriſcher Weiſe todt (wir ſpeiſten in einem Hotel bei Coventgarden) und der erſte Finke, den ich ſah, als ich die Ehre hatte den Hain. 160 zu betreten, war Bentley Drummle, der in ſeinem eigenen Cabriolet durch die Stadt fuhr und den Straßenpfählen erklecklichen Schaden zufügte. Zuweilen ſtürzte er kopf⸗ über aus ſeiner Equipage, und einmal lieferte er ſich an der Thür des Hains in ſo unabſichtlicher Weiſe ab, als ob er ein Steinkohlenſack wäre. Doch greife ich der Zeit vor, denn ich war noch kein Finke, was ich nach den ge⸗ heiligten Statuten der Geſellſchaft erſt nach meiner Groß⸗ jährigkeit werden konnte. Voll Zuverſicht auf meine eigenen Mittel hätt' ich gern Herbert's Ausgaben übernommen, allein Herbert war ſtolz und ich konnte ihm dergleichen Anerbietungen nicht machen. So gerieth er überall in Verlegenheiten und fuhr fort, ſich umzuſehen. Als wir allmälig ſpät ausblieben und ſpät in Geſellſchaft gingen, ſah er ſich bei dem Frühſtück beinahe rathlos um, gegen Mittag fing er an hoffnungsvoller ſich umzuſehen, wenn er zum Mittageſſen kam, war er nieder⸗ geſchlagen, nach dem Mittageſſen ſchien er das Kapital ziemlich zu entdecken, um Mitternacht war ihm der Erwerb vom Kapital abhanden gekommen und um zwei Uhr Mor⸗ gens war er wieder ſo muthlos, daß er davon ſprach, eine Büchſe zu kaufen und nach Amerika auszuwandern, um die Büffel zu nöthigen, daß er Kapital erwerbe. Die halbe Woche pflegte ich in Hammerſmith zu ſein, und dann trieb ich mich bei Richmond umher— doch werde ich davon ſpäter mehr berichten. Herbert kam dann auch öfters nach Hammerſmith und ſein Vater mochte allmälig erkennen, daß die erſehnten Ausſichten ſich noch nicht er⸗ öffnet hatten, da aber Alles in der Familie ſich überſtürzte, ſo mußte auch er irgendwie ſich ins Leben ſtürzen. Herr Pocket ergraute inzwiſchen immer mehr und verſuchte immer mehr, ſich an den Haaren aus ſeinen Verlegenheiten heraus⸗ zuziehen; unterdeſſen warf Frau Pocket ihre Familie durch Fußſchemel um, las ihr Adelslexikon, verlor ihr Taſchen⸗ tuch, erzählte vom Großpapa und gab dem kleinen Kinde guten Rath, indem es jedesmal, wenn es ſich bemerkbar machte, zu Bett zu gehen berathen wurde. Ich beſpreche hier einen Abſchnitt meines Lebens, an dem ich bald vorübergehen will und beſchreibe deshalb un⸗ ſere gewöhnliche Lebensweiſe in Barnard's Inn. Wir gaben ſo viel Geld aus, als wir konnten, und er⸗ hielten dafür ſo wenig, als andere Leute uns dafür geben mochten. Wir waren immer mehr oder weniger in Noth ‚und die Mehrzahl unſerer Bekannten befand ſich in der⸗ ſelben Lage. Es war eine heitre Dichtung, daß wir uns immer amuſirten, und eine ernſte Wahrheit, daß es nicht geſchah. Meines Erachtens erging es uns dabei wie den Meiſten. Jeden Morgen ging Herbert mit immer neuer Miene in die City, um ſich umzuſehen. Ich beſuchte ihn oft in dem dunkeln Hinterzimmer, wo er ſich mit einem Dintenfaſſe, einem Hutnagel, einem Kohlenfaſſe, einer Schnurwickel, einem Kalender, einem Tiſch und Stuhl und einem Lineal zuſammen befand und ich entſinne mich nicht, daß er jemals etwas andres gethan hätte, als ſich umzuſehen. Wenn wir alle ſo gewiſſenhaft wie Herbert unſere Vorſätze er⸗ füllten, ſo würden wir in der Republik der Tugenden leben. Er hatte nichts weiter zu thun, nur daß er jeden Nach⸗ mittag„nach Lloyds“ gehen mußte, um dort ſeinen Prin⸗ cipal zu begrüßen. Sonſt hatte er keine Berührung mit Charles Dickens, Große Erwartungen. II. 11 162 Lloyd's, als daß er dann wieder zurückkam. Wollte er ſich bei dem Ernſt der Sache wirklich eine Ausſicht eröffnen, ſo ging er wohl einmal auf die Börſe zur Geſchäftszeit und machte eine Promenade durch dieſelbe, gleichſam einen düſtern Contretanz zwiſchen den verſammelten Magnaten. „Denn— ſo ſagte Herbert einmal zu mir— da die Aus⸗ ſicht nicht zu mir kommt, Händel, ſo muß ich zur Ausſicht gehen und das habe ich gethan.“ Hätten wir uns nicht ſo lieb gehabt, ſo müßten wir uns jeden Morgen gehaßt haben. Die Wohnzimmer waren mir in jener Zeit der Reue zuwider und dann konnte ich die Livree des Rachegeiſtes nicht ertragen, da ſie mir zu keiner andren Zeit ſo verſchwenderiſch und ſo unnütz aus⸗ ſah. Je mehr wir verſchuldet wurden, deſto leerer war das Frühſtück, und da wir einmal während deſſelben brief⸗ lich mit geſetzlichen Schritten bedroht wurden, die(wie ein Lokalblatt ſich ausgedrückt haben würde)„in einer Be⸗ ziehung zu einem Goldſchmied geſtanden hätten,“ packte ich den Rachegeiſt am Kragen und warf ihn in die Luft vor Aerger. Zu gewiſſen Zeiten— oder vielmehr zu ungewiſſen, denn ſie hingen von unſrer Laune ab— ſagte ich zu Herbert, als hätte ich eine Entdeckung gemacht: „Lieber Herbert, wir ſind in ſchlimmer Lage.“ „Lieber Händel,“ erwiederte Herbert ganz offenherzig: „Wenn Sie mirs glauben wollen, ſo lagen dieſe Worte mir eben auf den Lippen.“ „Dann wollen wir einmal Rechnungsabſchluß machen,“ pflegte ich zu antworten. Ein ſolches Uebereinkommen gereichte uns immer zu beſonderer Befriedigung. Ich hielt es immer für ein Ge⸗ ſchäft, ſo müſſe man den Feind bei der Gurgel anpacken. Und Herbert theilte dieſe Meinung. Wir beſtellten etwas Beſonderes zu Mittag, nebſt einer Flaſche beſonderen Weines, um für die Unterſuchung ge⸗ ſtärkt zu ſein und das Ziel genau aufzufinden. Nach Tiſche ergriffen wir Federn, ſtellten Dinte zurecht und legten viel Schreib⸗- und Löſchpapier zuſammen. Es war ſehr angenehm, einen ſolchen Vorrath zu beſitzen. Dann nahm ich ein Blatt und ſchrieb deutlicher Hand oben auf:„Verzeichniß von Pip's Schulden“ mit Barnard's Inn und der genauen Angabe des Datums. Herbert nahm ebenfalls ein Blatt Papier und ſchrieb mit ähnlicher For⸗ malität:„Verzeichniß von Herbert's Schulden.“ Wir nahmen dann eine verworrene Menge von Papieren vor, die in Fächer geworfen, in Taſchen durchlöchert, beim Anzünden von Lichtern halb abgebrannt, hinter Spiegeln halbe Wochen geſteckt und anderweitig beſchädigt waren, der Schall unſerer Federn erquickte uns übermäßig, ſo daß es uns zuweilen vorkam, als ſei kaum ein Unterſchied zwi⸗ ſchen dieſer Arbeit und dem Bezahlen der Schuld. Beides ſchien mir gleich ſehr verdienſtlich. Hatte ich eine Weile geſchrieben, ſo frug ich Herbert, wie er vorankäme. Herbert kratzte ſich den Kopf in ſehr kläglicher Weiſe, da er das Zunehmen ſeiner Ziffern erblickte. „Sie nehmen zu,“ ſagte Herbert,„wahrhaftig, ſie nehmen zu.“ „Seien Sie ſtandhaft, Herbert,“ erwiderte ich dann und ſchrieb ruhig weiter.„Nehmen Sie Ihre Geſchäfte vor. Prüfen Sie die Vorlagen.“ 11.* 164 „Das möchte ich auch, Händel, allein ſie ſind eine Prüfung für mich.“ Meine Entſchloſſenheit trug den Sieg davon und Her⸗ bert arbeitete weiter. Dann hörte er wieder auf, weil er eine Rechnung nicht auffinden konnte. „Nun ſo ſchlagen Sie ſie an; ſchlagen Sie eine runde Summe an und ſchreiben dieſe nieder.“ „Sie können ſich immer helfen,“ ſagte Herbert mit Be⸗ wunderung.„Ihre Geſchäftsbegabung iſt wirklich groß.“ Das war auch meine Meinung. Ich betrachtete mich als einen Geſchäftsmann erſten Ranges, raſch, entſchloſſen, energiſch, klar und kaltblütig. Hatte ich alle meine Schul⸗ den niedergeſchrieben, ſo verglich ich ſie mit den Rechnun⸗ gen und ſtrich ſie an. Das war eine ganz beſonders angenehme Empfindung. War das vorüber, ſo legte ich alle Rechnungen in gleicher Form zuſammen, ſchrieb den Namen auf den Rücken und band alle in ein ſymmetriſches Bündel. Ich that daſſelbe für Herbert(der ſich meine Verwaltungstalente abſprach) und meinte ſeine Verhält⸗ niſſe geordnet zu haben. Dieſe Talente hatten noch eine Glanzſeite, ich nannte ſie:„einen Platz frei zu laſſen.“ Z. B. Herbert's Schul⸗ den betrugen 164 Pfund 4 Schill. 2 Pence. Dann ſagte ich:„Laſſen Sie den Platz offen, und ſummiren Sie unten 200.“ Dieſe Einrichtung gefiel mir beſonders, nur daß ſie ſehr koſtſpielig war, wie ich mich wohl zu entſinnen vermag, denn wir machten gleich neue Schulden bis zum Vollauf dieſer Summe und gelangten bald bei unſerer coulanten Bezahlungsweiſe in einen neuen„offenen Platz.“ Nach ſolchen Unterſuchungen gab es eine Ruhe meiner — tugendhaften Einlullung, die mir damals großen Reſpekt vor mir ſelbſt einflößte. Meine Methode und Herbert's Anerkennung veranlaßten, daß ich mit meinem und mit Her⸗ bert's Rechnungsbündel zwiſchen dem Papier auf dem Tiſche daſaß, als ob ich kein Privatmann, ſondern eine Bank wäre. Bei ſolchen feierlichen Gelegenheiten ſchloſſen wir un⸗ ſere Thür gegen jede Unterbrechung zu. Ich befand mich eines Abends in ſo heiterer Stimmung, als wir einen Brief durch den Schnitt in der Thür fallen hörten, Her⸗ bert hob ihn auf und brachte ihn mir.„Er iſt für Sie, Händel, und hoffentlich bringt er kein Unglück,“ denn er trug Rand und Siegel ſchwarz. Der Brief war„Trabb und Comp.“ unterzeichnet und ſein Inhalt war, ich, als geehrter Herr, ſei von ihnen aviſirt, daß Frau J. Gargery am verwichenen Montag zwanzig Minuten nach ſechs Uhr Abends geſtorben und am nächſten Montag um drei Uhr Nachmittags werde meine Anweſenheit zur Beerdigung erbeten. Sechzehntes Kapitel. Zum erſten Male öffnete ſich auf meinem Lebenswege ein Grab und auf dem ebenen Boden deſſelben klaffte auf einmal ein wunderbarer Schlund. Tag und Nacht ver⸗ folgte mich die Geſtalt meiner Schweſter auf ihrem Stuhl am Küchenfeuer. Es ſchien mir gewiſſermaßen unmöglich, daß dies Haus ohne ſie beſtehen könne, und da ich in der letzten Zeit ſelten oder gar nicht an ſie gedacht hatte, ſo war es mir nun, als ob ſie mir auf der Straße entge⸗ genkommen oder an die Thür klopfen würde. Mit meinen Zimmern hatte ſie niemals in irgend einer Verbindung ge⸗ ſtanden, und doch herrſchte in ihnen die Nacht des Todes, eine beſtändige Ahnung ihrer Stimme oder ihrer Geſtalt, als ob ſie lebte und oft dageweſen wäre. Wie es mir auch ergangen ſein möge, ſo konnte ich doch meiner Schweſter mit beſonderer Zärtlichkeit nicht geden⸗ ken. Allein auch ohne ſolche Zärtlichkeit kann ein Stoß des Kummers eintreten. Unter ſolchen Umſtänden empfand ich, vielleicht als Erſatz für ſanfte Gefühle, gegen die Men⸗ ſchen, die ihr ſo ſchweres Leid zugefügt hatten, die heftigſte Entrüſtung, ſo daß ich bei genügenden Beweiſen gegen Orlick oder wen ſonſt mit wahrer Racheluſt aufgetreten wäre. 167 Ich ſchrieb an Joſeph einen Troſtbrief mit der Anzeige, daß ich zur rechten Zeit da ſein würde, und verbrachte die noch übrige Zeit in der erwähnten Stimmung. Früh Morgens fuhr ich ab und ſtieg im blauen Bär ſo zeitig ab, daß ich zur Schmiede gehen konnte. Es war ſchönes Sommerwetter, und die Zeit, da ich ein hülfloſes Weſen war und meine Schweſter mich nicht verzog, fiel mir lebhaft ein. Allein ich gedachte derſelben milder, ſo daß ſelbſt die Spitze des Stocks nicht mehr ſo hart erſchien. Der Duft der Bohnen und des Klees flüſterte mir ins Herz, es werde ein Tag kommen, wenn es für mein Angedenken erfreulich ſein müſſe, daß andere, die dann im Sonnenſchein wandelten, ſo mild geſinnt wür⸗ den, wenn ſie meiner gedächten. Endlich erblickte ich das Haus und ſah, daß Trabb und Comp. es in Leichenbeſitz genommen hatte. Zwei ekelhaft abgeſchmackte Perſonen, jede mit einer Krücke in einer ſchwarzen Hülle, als ob dies Inſtrument irgend einen Troſt bringen könne, waren an der Vorderthür aufge⸗ ſtellt; einer von ihnen war ein aus dem Wirthshauſe entlaſ⸗ ſener Poſtillon, der ſo betrunken geweſen war, daß er ſein Pferd mit beiden Armen umhalſen mußte und, als Folge davon, ein junges Ehepaar am Hochzeitsmorgen in eine Sägegrube geworfen hatte. Alle Dorfkinder und die mei⸗ ſten Frauen bewunderten dieſe ſchwarzen Thürſteher und die verſchloſſenen Fenſter des Hauſes und der Schmiede, und einer derſelben klopfte bei meiner Ankunft an die Thür, als ob ich allzu entkräftet wäre, um ſelbſt anklopfen zu können. Ein andrer ſchwarzer Thürſteher(ein Schreiner, der 168 einmal in einer Wette zwei Gänſe aufgegeſſen hatte, öffnete die Thüre und wies mich in das beſte Zimmer. Nun hatte Trabb den beſten Tiſch in Beſchlag genommen, alle Tiſchblätter aufgeſchlagen, und mit Hülfe ſchwarzer Nadeln eine Art von ſchwarzem Bazar errichtet. Als ich eintraf, hatte er eben einen Hut in ſchwarze Kleidung gehüllt, wie ein afrikaniſches Kind, und reichte mir die Hand. Ich war ſo verworren, daß ich ihm die Hand herzlich ſchüttelte. Der arme gute Joſeph ſaß in einem langen ſchwarzen Rock verwickelt am oberen Ende des Zimmers allein, wohin ihn Trabb, als den Hauptleidtragenden, gebracht hatte. Als ich mich zu ihm neigte und ſagte:„Lieber Joſeph, wie geht es Dir?“ antwortete er:„Pip, alter Junge, Du kannteſt ſie als ſie eine ſchöne Figur von“— da drückte er mir die Hand und ſagte nichts mehr. Biddy ging in ihrer beſcheidenen ſchwarzen Kleidung hin und her und war ſehr hülfreich. Nachdem ich ſie an⸗ geredet, hielt ich es für ſchicklich, mich neben Joſeph zu ſetzen und dachte darüber nach, wo ſich meine Schweſter befinden mochte. Ich ſah nach dem Tiſche mit Erfriſchun⸗ gen, der kaum ſichtbar war, bis ich mich an das Dunkel gewöhnt hatte; es ſtanden da ein aufgeſchnittener Kuchen, und aufgeſchnittene Apfelſinen und Butterbröte und Zwie⸗ back und zwei Karaffen, die ich als Zierrathen kannte, doch niemals im Gebrauch geſehen hatte, die eine mit Port⸗ die andere mit Rothwein. An dieſem Tiſche befand ſich der ſervile Pumblechook mit ſchwarzen Kleidern und einem mehrere Ellen langen Flor, der ſich vollſtopfte und meine Aufmerkſamkeit zu gewinnen ſuchte. Sobald ihm dies ge⸗ lang, kam er(und roch nach Wein), um mir in leiſer „* 169 Stimme zu ſagen:„Darf ich, lieber Herr?“ Auch Herr und Frau Hubble entdeckte ich, letztere lag in einer Ecke in anſtändiger, ſprachloſer Aufregung. Wir ſollten alle folgen, und von Trabb einer nach dem andern in lächerliche Hüllen eingepackt werden. „Was ich ſagen wollte, Pip,“ flüſterte Joſeph mir zu, während uns Trabb zu je zwei im Zimmer aufſtellte,„was ich ſagen wollte, mein Herr, daß ich ſie lieber ſelbſt in die Kirche getragen hätte, mit drei oder vier Freunden, die mit willigen Herzen und Armen gekommen wären, allein es wurde angenommen, daß die Nachbarn das übelnehmen würden und am Ende als Mangel an Reſpekt auslegten.“ „Taſchentücher heraus, alle!“ rief Trabb mit gedrück⸗ ter Geſchäftsſtimme.„Taſchentücher heraus! Wir ſind bereit!“ Wir hielten uns die Taſchentücher unter die Naſe, als ob dieſe blute, und zogen paarweiſe voran, Joſeph und ich, Biddy und Pumblechook, Herr und Frau Hubble. Die Ueberreſte meiner armen Schweſter waren durch die Küchen⸗ thüre getragen worden, und da es zur Leichenceremonie ge⸗ hörte, daß die ſechs Träger unter einem ſchrecklichen, ſchwarz⸗ ſammtnen Gehäuſe mit weißen Rändern erſtickt und ge⸗ blendet ſein mußten, ſo glich das Ganze einem blinden Un⸗ geheuer mit zwölf menſchlichen Beinen, das unter der Füh⸗ rung des Poſtillons und deſſen Kameraden entlang wankte. Die Nachbarn waren jedoch mit dieſen Anordnungen ſehr einverſtanden und wir wurden im Dorfe ſehr bewun⸗ dert; der jugendlichere und kräftigere Theil der Gemeinde ſprang dann und wann durch, um uns abzuſchneiden, und 170 lag im Hinterhalte, um uns bei günſtiger Stelle abzu⸗ fangen; die Aufgeweckteren riefen, wenn wir um eine Ecke kamen, mit lauter Stimme:„Da kommen ſie!“ Da ſind ſie!“ blos daß uns kein Hurrah begrüßte. Auf dieſem Wege langweilte mich der gemeine Pumblechook, der hinter mir immerfort meinen flatternden Flor ordnete und meinen ſchwarzen Mantel glatt ſtrich. Nebenbei fiel mir der ge⸗ waltige Stolz von Herrn und Frau Hubble auf, die ſich viel darauf einbildeten, Mitglieder einer ſo ausgezeichne⸗ ten Proceſſion zu ſein. Die Marſchen lagen gerade vor uns, die Segel der Schiffe am Ufer traten hervor, wir nahten uns auf dem Kirchhofe den Gräbern meiner unbekannten Aeltern, Philipp Pirrip, vordem aus dieſem Kirchſpiel, und auch Georgiana, des Obigen Frau. Dahin wurde meine Schweſter in die Erde gelegt, die Lerchen ſollten darüber ſingen und der leichte Wind beſtreute ſie mit ſchönen Schatten von Wolken und Bäumen. Der weltlich geſinnte Pumblechook war während der ganzen Feierlichkeit auf mich aufmerkſam, und als die erha⸗ benen Stellen verleſen wurden, welche die Menſchheit daran erinnern, daß wir nichts in die Welt mitgebracht und nichts mitnehmen können, daß ſie vergeht wie ein Schatten und keinen langen Beſtand hat, huſtete er, als ob ein junger Herr, der vor Kurzem ein großes Vermögen unerwarteterweiſe errungen, eine Ausnahme von der Regel bilde. Als wir zurückgekehrt waren, beſaß er die Frech⸗ heit, mir zu ſagen, er wünſche, meine Schweſter hätte gewußt, daß ich ihr ſolche Ehre erweiſen würde. Endlich trank er den Reſt des Rothweins aus und Hubble den 171 Portwein und beide plauderten zuſammen, als ob ſie von einem Geſchlechte herſtammten und unſterblich wären. Wie dieſes freilich in ſolchen Fällen gebräuchlich iſt, ging er mit Herrn und Frau Hubble fort, um ſich den Abend zuſammen zu amüſiren und bei den luſtigen Schiffern zu erzählen, daß er der Gründer meines Glücks und mein früheſter Wohlthäter ſei. Als alle fort waren und Trabb mit ſeinem Burſchen — nein, der war nicht zugegen— die Vermummungen in Säcke geſteckt hatte und auch fort war, befand ſich das Haus in geſunderem Zuſtande, bald darauf ſpeiſten wir zuſammen, nicht in der Küche, ſondern im beſten Zimmer, und Joſeph benahm ſich mit Meſſer, Gabel und Salzfaß ſo vorſichtig, daß wir uns ſehr genirt fühlten. Nach Tiſche ließ ich ihn die Pfeife nehmen, ging mit ihm durch die Schmiede, bis wir uns auf den großen Block vor der Thür ſetzten und uns allmälig annäherten. Nach der Beerdigung hatte Joſeph ſich ſo weit umgekleidet, daß er halb ſonn⸗ täglich, halb werkeltäglich angezogen war, ſo ſah er natür⸗ lich aus, gerade ſo wie er wirklich war. Ich frug ihn, ob ich nicht in meinem kleinen Zimmer ſchlafen könne, was ihm ſo ſehr als mir gefiel, denn ich hatte mir eingebildet, etwas Großes gethan zu haben. Als es dunkler wurde, begleitete ich Biddy in den Garten. „Biddy,“ ſagte ich,„Sie hätten mir wohl über alle dieſe traurigen Vorfälle ſchreiben können.“ „Wirklich, Herr Pip?“ ſagte Biddy.„Ich würde ge⸗ ſchrieben haben, wenn ich das geahnt hätte. „Halten Sie mich nicht für unfreundlich, Biddy, wenn ich mich darüber ausſpreche, daß Sie mir nicht geſchrieben.“ 172 „Wirklich, Herr Pip?“ Sie war ſo ruhig und hatte eine ſo nette und gute Manier, daß ich ihr keine Thräne entlocken mochte. Ich ſah ihre niedergeſchlagenen Augen an, wie ſie ſo neben mir herging und ließ dieſen Gegenſtand fallen. „Liebe Biddy, Sie werden nun nicht mehr hier wohnen können?“ „Das kann ich allerdings nicht,“ ſagte Biddy mit Be⸗ dauern, doch im Tone feſten Entſchluſſes.„Ich habe mit Frau Hubble geſprochen und werde morgen zu ihr ziehen. Wir werden zuſammen für Herrn Gargery ſorgen können, bis er ſich anderweitig wieder einrichtet.“ „Wie werden Sie aber leben können? Wünſchen Sie irgend eine Unterſtützung...“ „Wie ich werde leben können,“ unterbrach mich Biddy mit augenblicklichem Erröthen.„Das will ich Ihnen ſagen, Herr Pip. Ich werde mich um die Stelle einer Schul⸗ lehrerin in dem beinahe ſchon vollendeten neuen Schul⸗ hauſe bemühen. Alle Nachbarn geben mir gute Zeug⸗ niſſe, ich kann Fleiß und Geduld erringen und mich durch den Unterricht anderer ſelbſt belehren. Sie wiſſen, Herr Pip, die neuen Schulen ſind nicht wie die alten, aber ich habe ſeitdem manches von Ihnen gelernt und habe Zeit gehabt, mich fortzubilden. „Es iſt mir ſo, Biddy, als ob Sie unter allen Verhält⸗ niſſen ſich fortbilden müßten.“ „Nur meine ſchlechte Seite der menſchlichen Natur beſſert ſich nicht,“ murmelte Biddy. Es war nicht gerade ein Vorwurf, doch konnte ſie ſich nicht enthalten, laut zu denken. Ich mochte mich nicht darauf —— einlaſſen und ging mit Biddy weiter, wobei ich ſie mit niedergeſchlagenen Augen anſah. „Ich habe über die Einzelheiten vom Tode meiner Schweſter nichts gehört.“ „Sie ſind ſehr kurz. Sie war wieder einmal vier Tage lang ſehr ſchlimm geweſen— obſchon die Zufälle in der letzten Zeit ſich gebeſſert hatten— als ſie eines Abends gerade zur Theeſtunde erwachte und deutlich das Wort „Joſeph“ ausſprach. Da ſie ſehr lange kein Wort geäußert hatte, eilte ich fort und holte Herrn Gargery aus der Werkſtatt. Sie gab mir ein Zeichen, er ſolle ſich dicht neben ſie ſetzen und ich ihre Arme um ſeinen Nacken legen. Das that ich und ſie legte ihr Haupt recht zufrieden auf ſeine Schulter. Gleich ſagte ſie noch einmal Joſeph und einmal„Verzeihung“ und einmal„Pip“ und darauf erhob ſie ihren Kopf nicht mehr und eine Stunde ſpäter legten wir ſie auf ihr Bett, denn ſie war entſchlafen.“ Biddy weinte. Die dunklen Gaſſen und die heraus⸗ tretenden Sterne verſchwanden vor meinem Geſichte. „Hat man nichts entdeckt?“ „Nichts.“ „Was iſt aus Orlick geworden?“ „Nach der Farbe ſeiner Kleider arbeitet er in den Steinbrüchen.“ „Sie haben ihn alſo geſehen? Warum ſehen Sie nach jenem dunklen Baume in der Straße?“ „In der Nacht ihres Todes ſah ich ihn da ſtehen.“ „Das war nicht das letzte Mal, Biddy?“ „Nein, ich habe ihn geſehen, während wir hier ſpa⸗ zieren gingen. Es iſt nicht nöthig,“ ſagte Biddy und 174 hielt meinen Arm feſt, als ich dahin eilen wollte,„ich würde Sie nicht betrügen; er iſt nur eine Minute dageweſen und ſchon fortgegangen. Meine Entrüſtung wuchs im höchſten Grade, daß ſie noch immer von dieſem Menſchen verfolgt werde und ich fühlte einen eingewurzelten Haß gegen ihn. Das ſagte ich ihr und fügte hinzu, ich würde jede Geldſumme ausgeben, um ihn aus dem Lande zu vertreiben. Allmälig beruhigte ſie mich und erzählte, wie ſehr Joſeph mich liebe und daß er niemals geklagt habe— ſie ſagte nicht über mich, allein ich verſtand es dennoch— vielmehr thue er ſeine Pflichten mit ſtarker Hand, ruhiger Zunge und zartem Herzen. „Man kann nicht genug zu ſeinen Gunſten ſagen, und wir werden dieſen Gegenſtand noch öfters beſprechen, denn ich komme jetzt öfters her. Ich werde den guten Joſeph nicht allein laſſen.“ Biddy ſchwieg durchaus ſtill. „Hören Sie mich nicht, Biddy?“ „Ja, Herr Pip.“ „Weshalb nennen Sie mich Herr Pip— was ganz un⸗ paſſend iſt und weshalb ſchweigen Sie ſo ſehr?“ „Weshalb ich ſchweige?“ ſagte Biddy ſchüchtern. „Biddy,“ erwiderteich mit Selbſtbewußtſein,„ich möchte wiſſen, was Sie ſich denken.“ „Was?“ „Wiederholen Sie nicht immer meine Worte. Das pflegten Sie ſonſt nicht zu thun.“ „Pflegte ich nicht— o, Herr Pip— pflegte!—“ Ich ließ auch dieſen Gegenſtand fallen. Nach einem Gange durch den Garten kehrte ich zur früheren Bemer⸗ kung zurück.„Biddy,“ ſagte ich,„ich war eben der Mei⸗ nung, ich müſſe nun oft hierher kommen, und Sie ſchwie⸗ gen in auffallender Weiſe ſtill. Weshalb haben Sie das gethan?“ „Werden Sie denn auch gewiß oft herkommen?“ frug Biddy, blieb auf dem engen Wege ſtehen und ſah mich mit klarem und ehrlichem Geſichte an. „Ja, ja,“ erwiderte ich,„das iſt wirklich eine ſchlimme Seite der menſchlichen Natur. Sagen Sie mir nichts mehr. Das kränkt mich doch zu ſehr, Biddy.“ Deshalb hielt ich mich während des Abendeſſens von Biddy fern und nahm, als ich zu meinem alten Zimmer⸗ chen hinaufſtieg, einen ſo förmlichen Abſchied von ihr, wie ich es nur mit dem Kirchhofe und dem heutigen Ereigniſſe zuſammenreimen konnte. So oft ich unruhig war, und das geſchah jede Viertelſtunde, dachte ich über Biddy's Un⸗ gerechtigkeit, Kränkung und Unfreundlichkeit nach. Am andern Morgen wollte ich früh abreiſen. Ich ſtand ſchon früh auf und ſah durch eines der hölzernen Fenſter der Schmiede. Da ſtand Joſeph und arbeitete voll Kraft und Geſundheit, als ob die helle Sonne des ihm noch be⸗ vorſtehenden Lebens ihn beſtrahle. „Adieu, lieber Joſeph— wiſche Dir die Hand nicht ab— gib mir nur Deine ſchwarze Hand— ich komme bald wieder.“ „Nie zu bald und nie zu oft,“ erwiderte Joſeph. Biddy erwartete mich an der Küchenthür, ein Stück Brot und einen Napf friſcher Milch in der Hand. Ich gab ihr die Hand zum Abſchiede.„Ich bin nicht böſe Biddy, aber Sie haben mir wehe gethan.“ 176 „Nein, das iſt unrecht, mir allein habe ich wehe ge⸗ than, wenn ich nicht großmüthig geweſen bin.“ Abermals hob ſich der Nebel, als ich abreiſte. Wenn er mir enthüllte, ich würde nicht zurückkehren und Biddy habe die Wahrheit geſprochen,— ſo kann ich nur ſagen— daß auch er Wahrheit verkündigte. Siebzehntes Kapitel. Herbert und ich geriethen in immer größere Verlegen⸗ heit, unſere Schulden nahmen zu, und da die Zeit zu ver⸗ rinnen pflegt, ſo ging es auch bei mir ebenſo, und ich wurde volljährig, ehe ich wußte wo ich war, wie Herbert mir's prophezeit hatte. Herbert war acht Monate vor mir majorenn geworden. Da er nichts weiter als die Großjährigkeit erwarb, ſo machte dieſes Ereigniß kein großes Aufſehen. Mein ein⸗ undzwanzigſter Geburtstag wurde dagegen mit einer Menge von Speculationen und Ahnungen erwartet, denn wir meinten, mein Vormund könne bei dieſer Gelegenheit nicht umhin, etwas Beſtimmtes zu äußern. In Little Britain machte ich genau auf meinen Geburts⸗ tag aufmerkſam. Am Tage vorher erhielt ich ein officielles Schreiben von Wemmick, es würde Herrn Jaggers ſehr angenehm ſein, wenn ich ihn Nachmittags um fünf Uhr beſuchen wolle. Ich war nun auf eine große Entſcheidung vorbereitet und erſchien als Muſter der Pünktlichkeit um fünf Uhr im Bureau meines Vormunds nicht wenig auf⸗ geregt. Im Vorderzimmer gratulirte mir Wemmick und rieb Charles Dickens, Große Erwartungen. II. 12 ſich die Seite der Naſe mit einem zuſammengefalteten Stück Papier, das mir ein gutes Ausſehen bot. Er ſchwieg jedoch ſtill darüber und zeigte mir den Weg zum Zimmer meines Vormunds. Es war im November. Mein Vor⸗ mund ſtand an dem Kamin, welchem er den Rücken zukehrte, die Hände unter den Rockſchößen. „Nun Pip,“ ſagte er,„ich muß Sie heute Herr Pip nennen. Glückwünſche, Herr Pip.“ Wir drückten uns die Hand— er machte das immer ſehr kurz und ich dankte ihm. „Setzen Sie ſich, Herr Pip,“ ſagte mein Vormund. Da ich mich ſetzte und er in ſeiner Stellung blieb, wo⸗ bei er auf die Stiefeln niederblickte, ſo fühlte ich mich im Nachtheil, wobei ich an jene Zeit dachte, in welcher ich auf einen Leichenſtein geſetzt worden war. Nicht weit von ihm befanden ſich die beiden geſpenſtiſchen Abgüſſe und ihr Ausdruck war ſo, als ob ſie ſich in alberner Weiſe be⸗ mühten, an der Unterhaltung Theil zu nehmen. „Mein junger Freund“— begann mein Vormund, als ob ich ein Zeuge vor Gericht wäre—„ich habe Ihnen einige Worte zu ſagen.“ „Ich ſtehe Ihnen zu Dienſten.“ „Wie viel meinen Sie wohl auszugeben?“ frug Herr Jaggers, blickte auf den Boden und gleich darauf wieder an die Decke. „Auszugeben?“ 3 „Ja, auszugeben,“ und er ſah noch immer nach der Decke, und dann im ganzen Zimmer umher und nahm das Taſchentuch in die Hand. Ich hatte meine Schulden ſo oft unterſucht, daß ich 179 über deren Betrag kaum faſt mehr klar ſehen konnte und geſtand, die Frage ſei ſehr ſchwer zu beantworten. Dieſe Antwort ſchien Herrn Jaggers zu gefallen, er bemerkte, das vorhergeſagt zu haben und ſah überaus zufrieden aus. „Ich habe eine Frage an Sie gerichtet, haben Sie mich um etwas zu befragen?“ „Allerdings möchte ich einige Fragen an Sie richten, allein ich bin Ihres Verbots eingedenk.“ „Eine Frage,“ ſagte Herr Jaggers. „Werde ich meinen Wohlthäter heute kennen lernen?“ „Nein. Eine andre!“ „Werde ich das bald erfahren?“ „Warten Sie einen Augenblick und thun nur noch eine Frage!“ ſagte Herr Jaggers. Ich ſah mich um und es ſchien nun die Frage:„Erhalte ich etwas?“ unvermeidlich. Hierauf ſagte Herr Jaggers mit triumphirender Miene:„Ich dachte mir ſchon, es würde dazu kommen!“ Wemmick erſchien, gab ab und verſchwand. „Nun geben Sie gefälligſt acht, Herr Pip. Sie haben ſich ziemlich viel auszahlen laſſen: Ihr Name erſcheint ziemlich oft in Wemmick's Kaſſabuch— allein Sie haben gewiß Schulden?“ „Ich fürchte dieſe Frage bejahen zu müſſen.“ „Sie wiſſen, daß Sie dieſe bejahen müſſen, nicht wahr?“ frug er. „Ja,“ mein Herr. „Ich frage nicht wie viel, weil Sie das nicht wiſſen, und wenn Sie es wüßten, würden Sie es mir nicht ſagen. 12* 180 Sie würden weniger angeben. Ja, ja, mein Freund, Sie meinen wohl, daß Sie das nicht thäten, allein es geſchähe doch. Nehmen Sie dieſes Stück Papier in Ihre Hand. Haben Sie das? Gut. Falten Sie es auseinander und ſagen mir, was es iſt. „Es iſt eine Banknote von fünfhundert Pfund,“ ſagte ich. „Es iſt eine Banknote,“ wiederholte Herr Jaggers, „von fünfhundert Pfund. Und eine ſehr anſehnliche Summe Geldes. Sie nehmen das auch ſo an?“ „Wie könnte ich anders!“ „Ja, aber beantworten Sie die Frage.“ „Unzweifelhaft.“ „Sie nehmen das unzweifelhaft als eine anſehnliche Summe Geldes an. Dieſe anſehnliche Summe Geldes, Pip, gehört Ihnen. Es iſt ein Geſchenk zum heutigen Tage auf Abſchlag Ihrer Erwartungen. Von nun an ſollen Sie jährlich mit dieſer anſehnlichen Summe Gel⸗ des und nicht höher leben, bis der Geber erſcheint. Das heißt, Sie nehmen die Führung ihrer Geldgeſchäfte von nun an ganz in Ihre Hände und laſſen ſich vierteljährig einhundertfünfundzwanzig Pfund von Herrn Wemmick auszahlen, bis Sie mit dem Urquell und nicht mit dem bloßen Agenten in Verbindung ſind. Ich bin, wie ich Ihnen ſchon früher geſagt habe, nichts als Agent. Ich führe meine Inſtructionen aus und erhalte dafür meine Be⸗ zahlung. Ich halte ſie für unvernünftig, bin jedoch nicht dafür bezahlt, den Werth derſelben zu beurtheilen.“ Ich wollte meine Dankbarkeit für den Wohlthäter, der mich mit ſolcher Freigebigkeit behandle, ausdrücken, als Jaggers mich unterbrach.„SIch bin nicht bezahlt, Ihre 181 Worte Jemand zu überbringen,“ ſagte er kaltblütig, nahm die Rockſchöße zuſammen und ſah ſeine Stiefel ſcharf an, als ob ſie böſe Abſichten gegen ihn hätten. Nach einer Pauſe wagte ich die Bemerkung:„Es gab noch eine Frage, die ich für einige Augenblicke bei Seite laſſen ſollte. Ich thue wohl kein Unrecht, wenn ich Sie noch einmal frage?“ „Was war ſie?“ Ich hätte mir ſchon denken ſollen, daß er mir keine Erleichterung bieten würde, doch war es mir unbequem, die Frage wieder zu ſtellen, als ob ſie eine ganz neue wäre. „Iſt es wahrſcheinlich,“ ſagte ich zögernd,„daß mein Gön⸗ ner, der Urquell, von dem Sie geſprochen haben, bald—“ ich hielt rückſichtsvoll inne. „Bald— was? Die Frage iſt ja nicht vollendet?“ „Bald nach London kommt oder mich anderswohin be⸗ ruft?“ „Hier möchten wir zu dem Abende zurückkehren, als wir uns in jenem Dorfe zuerſt trafen,“ antwortete Herr Jaggers und ſah mich zum erſten Male mit ſeinen dunklen, tiefliegenden Augen an.„Was ſagteich Ihnen damals, Pip?“ „Sie ſagten mir, es könnten Jahre vergehen, ehe dieſe Perſon erſchiene.“ „Gerade ſo, das war meine Antwort„“ ſagte Herr Jaggers. Da wir uns ſcharf anſahen, erwachte die lebhafteſte Begierde in mir, etwas von ihm zu erfahren. Da ſie zunahm und er dies merkte, ſo erkannte ich bald, ich würde umſoweniger von ihm herausbringen. „Meinen Sie, daß noch Jahre vergehen?“ 182 Herr Jaggers ſchüttelte den Kopf— nicht um die Frage zu verneinen, ſondern um den Gedanken, daß man ihn irgendwie zu einer Antwort bringen könne, durchaus zurückzuweiſen— und die beiden Abgüſſe der verzerrten Geſichter ſahen aus, als ob ihre Aufmerkſamkeit zu einer Kriſis gelangt wäre und ſie zu nießen anfangen wollten. „Ich will offen mit Ihnen ſprechen, Freund Pip,“ ſagte Herr Jaggers, indem er ſich die Beine mit den Händen er⸗ wärmte.„Dieſe Frage darf man nicht an mich richten. Sie verſtehen es beſſer, wenn ich Ihnen erkläre, daß dieſe Frage mich in Noth bringen würde. Ich will noch wei⸗ ter gehen— ich will noch etwas mehr ſagen. Sobald dieſe Perſon ſich entdeckt, ſo haben Sie Ihre Angelegen⸗ heiten allein untereinander abzumachen. Sobald jene Per⸗ ſon ſich entdeckt, hört mein Antheil an dieſer Sache auf und ſchließt ab. Sobald dieſe Perſon ſich entdeckt, ſo iſt es nicht nöthig, daß ich etwas davon wiſſe. Mehr kann ich nicht ſagen.“ Wir blickten einander an, bis ich meine Augen nieder⸗ ſchlug. Aus der letzten Andeutung ſchloß ich, Fräulein Havisham habe aus irgend einem oder aus gar keinem Grunde ihm in Betreff ihrer Abſichten auf mich und Eſtella kein Vertrauen geſchenkt, er nehme dieſes übel oder ſei dawider und wolle nichts damit zu thun haben. Als ich wieder aufblickte, bemerkte ich, daß er mich mit ſchlauer Miene betrachtet hatte. „Wenn das Alles iſt, ſo habe ich auch Nichts mehr zu ſagen,“ war meine Schlußbemerkung Er nickte Beifall, zog ſeine Uhr heraus und frug mich, wo ich ſpeiſe? Ich antwortete, mit Herbert zu Hauſe. 183 Ich fand es ſchicklich, ihn einzuladen und er nahm dieſe Einladung gleich an, wollte jedoch mit mir nach Hauſe gehen, damit ich keine beſonderen Vorbereitungen träfe. Er habe noch einige Briefe zu ſchreiben und dann ſich die Hände zu waſchen. Ich erwiderte, bis dahin wolle ich im Vorderbureau bei Wemmick warten. Als die fünfhundert Pfund in meine Taſche gelangt waren, ergriff mich zugleich ein Gedanke, der mir nicht zum erſten Male in den Kopf geſtiegen war, und Wemmick ſchien mir eine geeignete Perſon, mich darüber mit ihm zu berathen. Er hatte ſeine Kaſſe ſchon abgeſchloſſen und wollte nach Hauſe gehen. Er hatte das Pult verlaſſen, die beiden ſchmuzigen Pultleuchter erfaßt und war bereit, ſie an der Thür auszulöſchen; das Feuer war niedriger geſchoben, Hut und Oberrock lagen bereit und er ſchlug ſich mit dem Kaſſenſchlüſſel über die Bruſt, als ob er ſich nach der Arbeit ein wenig erholen wolle. „Herr Wemmick,“ ſagte ich,„ich wünſche Ihren Rath. Ich möchte gern einem Freunde behülflich ſein.“ Wemmick zog den Mund zuſammen und ſchüttelte mit dem Kopfe, als ob er über ſolche Schwächen kein Urtheil abgeben könne. „Dieſer Freund,“ fuhr ich fort,„bemüht ſich um ein Fortkommen im Geſchäft, hat aber kein Geld und findet den Anfang ſehr ſchwierig. Ich möchte ihm irgendwie zum Anfange verhelfen.“ „Mit baarem Gelde?“ frug Wemmick in einem wie Sägeſtaub trockenen Tone. „Mit etwas baarem Gelde(denn die Erinnerung an jenes ſymmetriſche Bündel zu Hauſe ergriff mich plötzlich), mit etwas baarem Gelde und vielleicht einigen Anweiſungen auf meine Erwartungen.“ „Herr Pip,“ ſagte Wemmick,„ich möchte gern mit Ihnen die Namen der verſchiedenen Brücken bis Chelſea Reach auf den Fingern abzählen. Die erſte Brücke iſt London, die zweite Southwark, die dritte Blackfriars, die vierte Waterloo, die fünfte Weſtminſter, die ſechſte Vaurhall. Sie haben ihrer ſechs zur Auswahl.“ „SIch verſtehe Sie nicht.“ „Wählen Sie eine Brücke, Herr Pip, und treten Sie auf dieſe und werfen Ihr Geld über den Mittelbogen der⸗ ſelben in die Themſe, ſo wiſſen Sie, wohin es gekommen iſt. Dienen Sie einem Freunde, ſo wiſſen Sie das am Ende auch— aber es iſt nicht ſo angenehm.“ Er machte ſeinen Mund ſo weit auf, daß ich eine ganze Zeitung hätte hineinſtecken können. „Das ſchreckt ſehr ab,“ ſagte ich. „Sollte es auch,“ entgegnete Wemmick. „Sie meinen alſo, man ſollte niemals...“ „Tragbares Eigenthum bei einem Freunde unter⸗ bringen? Gewiß nicht. Oder man wollte den Freund los werden— dann fragt es ſich, wie viel tragbares Eigenthum es lohnt, um ihn ſich vom Halſe zu ſchaffen.“ „Das iſt Ihre wohlerwogene Meinung, Herr Wem⸗ mick?“ „Das iſt,“ antwortete er,„meine wohlerwogene Mei⸗ nung auf dieſem Bureau.“ „Ja ſo; wäre es aber auch Ihre Meinung in Wal⸗ worth?“ 185 „Herr Pip,“ antwortete er ernſt,„Walworth iſt eins und das Bureau iſt ein andres. So iſt der Alte eine und Herr Jaggers eine andre Perſon. Man darf ſie nicht vermengen. Meine Walworth⸗Meinungen muß man in Walworth erfragen; nur meine geſchäftlichen Meinungen werden in dieſem Bureau ausgeſprochen.“ „Nun, dann werde ich Sie in Walworth beſuchen, darauf mögen Sie ſich gefaßt machen.“ „Herr Pip,“ erwiderte er,„Sie werden dort als Pri⸗ vatmann zu einem perſönlichen Beſuche ſehr willkommen ſein.“ Wir unterhielten uns leiſe, denn wir wußten, mein Vormund habe Ohren wie kein Anderer. Als er eintrat und die Hände abtrocknete, zog Wemmick den Ueberrock an und löſchte die Lichter aus. Wir gingen zuſammen fort, doch vor der Thür nahm Wemmick Abſchied und Jaggers begleitete mich. Ich hätte wohl wünſchen mögen, Herr Jaggers beſäße einen Alten in Gerrard⸗Street, oder eine Kanone, oder einen Jemand, oder ein Etwas, weshalb er ſich entrunzeln könnte. So aber war es eine unangenehme Empfindung, daß die Volljährigkeit am einundzwanzigſten Geburtstage etwas ſo Unbedeutendes in dieſer argwöhniſchen und liſtigen Welt ſei, wie er anzunehmen ſchien. Er wußte viel mehr als Wemmick, und doch hätte ich Letzteren lieber bei mir geſehen. Jaggers verſtimmte nicht allein mich; Herbert ſagte ſpäter, er habe ſich ſo niedergedrückt gefühlt, als ob er ein Verbrechen begangen hätte, das ihm nur entfallen wäre. Achtzehntes Kapitel. Ich hielt den Sonntag für den geeignetſten Tag, um Wemmick's Walworth⸗Meinung einzuholen und widmete den nächſten Sonntagnachmittag einer Wanderung nach dem Schloſſe. Als ich an den Zinnen eintraf, war die Fahne aufgeſteckt und die Zugbrücke aufgezogen; allein dieſer Anſchein von Herausforderung und Widerſtand ſchreckte mich nicht ab, ich zog an der Schelle und der Alte empfing mich ſehr friedlich. „Mein Sohn,“ ſagte der alte Mann,„hatte ſchon daran gedacht, daß Sie ihn beſuchen würden und mir den Beſcheid zurückgelaſſen, er würde von ſeinem Spaziergange bald wiederkommen. Mein Sohn geht ſehr regelmäßig ſpazieren. Mein Sohn iſt in Allem ſehr regelmäßig.“ Ich nickte dem alten Herrn zu und wir traten ins Zimmer und ſetzten uns an den Kamin. „Sie haben meinen Sohn auf dem Bureau kennen gelernt?“ ſagte der alte Mann mit zirpendem Tone und wärmte ſich die Hände.— Ich nickte.—„Ich habe gehört, mein Sohn zeichne ſich im Geſchäft ſehr aus.“— Ich nickte ſtärker.—„Ja, ſo ſagt man mir, ſein Geſchäft iſt das Recht?“— Ich nickte ſtärker.—„Was noch wunderbarer 187 iſt, denn er iſt nicht als Juriſt erzogen, ſondern als Wein⸗ küfer.“ Ich wollt wiſſen, was der alte Herr über den Ruf des Herrn Jaggers erfahren habe und brüllte ihm dieſen Namen zu. Er brachte mich in die größte Verlegenheit, da er herzlich lachte und ſehr vergnügt antwortete:„Nein, gewiß, Sie haben Recht.“ Ich weiß nicht, was er damit meinte oder verſtanden hatte. Da ich nicht immer nicken wollte, ohne ſonſt ein Intereſſe in ihm zu wecken, ſo ſchrie ich ihn laut an, ob er ſelbſt Weinküfer geweſen. Indem ich das ſehr laut wiederholte und dem alten Herrn dabei auf die Bruſt klopfte, um mich ihm zu verdeutlichen, ver⸗ ſtand er endlich die Anſpielung auf das Abzapfen. „Nein,“ ſagte der alte Herr,„Waarenlager, Waaren⸗-— lager— erſt da drüben(wahrſcheinlich in Liverpool) und dann in London. Doch da ich eine Schwäche hatte, denn ich bin harthörig—“ Ich drückte das größte Erſtaunen aus. „Ja, harthörig— da dieſe Schwäche mich packte, wurde mein Sohn Juriſt und verſorgte mich und ſchuf allmälig dieſes elegante und ſchöne Beſitzthum. Aber über das, was Sie eben ſagten(und der alte Mann lachte wieder), nein, gewiß, Sie haben Recht.“ Ich konnte mir kaum denken, daß ich ſo viel Witz beſäße, etwas zu ſagen, das ihn halb ſo ſehr amüſirt hätte, als dieſer eingebildete Witz; auf einmal aber erſchreckte mich ein plötzliches Geräuſch in der Wand am Kamin und eine kleine hölzerne Klappe mit der Inſchrift„Johann“ flog auf. Der alte Mann rief freudig aus:„Mein Sohn iſt da!“ und eilte mit mir zur Zugbrücke. . Es war Geld werth zu ſehen, wie Wemmick mir von der andern Seite des Grabens einen fernen Gruß zuſchickte, indeß wir uns ſo gut die Hände darüber geſchüttelt haben konnten. Der Alte arbeitete ſo vergnügt an der Zug⸗ brücke, daß ich nicht beiſtehen mochte, ſondern ſtillſtand, bis Wemmick herübergekommen war und mich einer Dame, die ihn begleitete, dem Fräulein Skiffins, vorgeſtellt hatte. Fräulein Skiffins hatte ein hölzernes Ausſehen und war, wie ihr Begleiter, mit einem Poſtbureaumunde ver⸗ ſehen. Sie konnte zwei oder drei Jahre jünger als Wem⸗ mick ſein und ſchien tragbares Eigenthum zu beſitzen. Der Schnitt ihres Kleides vorn und hinten machte ſie einem Windvogel nicht unähnlich; ihr Kleid war etwas zu gelb und ihre Handſchuhe etwas zu grün. Allein ſie ſchien ein braves Mädchen, das den Alten ſehr hochſchätzte. Ich entdeckte bald, daß ſie das Schloß oft beſuche, denn als ich eintrat und Wemmick meine Bewunderung über die ſinnige Erfindung ausſprach, womit er ſich dem Alten anmeldete, bat er mich, auch die andre Seite des Kamins zu betrachten und verſchwand. Gleich entſtand ein Geräuſch, eine andre Klappe, mit„Fräulein Skiffins“ darauf, flog offen, dann flog Fräulein Skiffins zu und Johann offen, dann flogen Fräulein Skiffins und Johann zuſammen offen und ſchloſſen endlich zuſammen. Nachdem Wemmick von dieſen Mecha⸗ nismen zurückgekehrt war, wiederholte ich meine Bewun⸗ derung und er ſagte:„Sie ſind angenehm und nützlich für den Alten. Es iſt der Mühe werth zu erwähnen, daß dieſe Maſchinerie nur dem Alten, Fräulein Skiffins und mir bekannt iſt.“ „Und Herr Wemmick machte ſie mit eigener Hand und eigenem Kopfe,“ fügte Fräulein Skiffins hinzu. Sie legte ihren Hut ab, die grünen Handſchuhe behielt ſie als Zeichen, daß Beſuch zugegen ſei, den ganzen Abend an. Wemmick lud mich zu einem Spaziergange ein, um die Inſel im Winter zu beſuchen. Ich ſollte wohl auf dieſem Wege ſeine Walworth⸗Meinungen erfahren und fing gleich davon an, als wir das Schloß verlaſſen hatten. Da ich die Sache reiflich überlegt hatte, ſo beſprach ich den Gegenſtand, als ob noch gar nicht die Rede davon ge⸗ weſen wäre. Ich theilte Wemmick mit, welchen Antheil ich an Herbert Pocket nähme, wie wir uns zuerſt geſehen und mit einander gefochten hätten; ich ſchilderte die Fa⸗ milie und den Charakter Herbert's und daß er nichts beſitze, als was ſein Vater ihm geben könne, was ſehr unſicher ſei und nicht pünktlich eingehe. Ich deutete auf den Gewinn hin, den ich in meiner erſten Rohheit und Unwiſſenheit von ſeiner Geſellſchaft gezogen und geſtand, ich hätte dieſe am Ende leider ſchlecht vergolten und er wäre ohne mich und meine Erwartungen beſſer geſtellt geblieben. Fräulein Havisham hielt ich ſo ſehr als möglich im Hintergrunde, erwähnte aber doch, ich wäre ihm vielleicht bei dieſer in ſeinen Ausſichten in den Weg getreten; er beſitze aber eine großmüthige Geſinnung und ſei über jedes gemeine Miß⸗ trauen oder gar Vergeltung erhaben. Um aller dieſer Urſachen willen, weil er mein junger Gefährte und Freund und ich ihm ſehr zugethan ſei, wünſchte ich, daß einige Strahlen meines Glücks auf ihn fielen und Wemmick's Erfahrung und Beklanntſchaft mit Perſonen und Geſchäften ſolle mir rathen, wie ich am beſten mit meinen Geldern 199 irgend ein Einkommen für Herbert ſichere— etwa hundert Pfund jährlich— damit er guten Muthes bleibe und ſich allmälig einen Antheil an einem Geſchäft kaufen könne. Ich ſagte Wemmick, meine Unterſtützung müſſe immer ein Geheimniß für Herbert bleiben und deshalb könne ich mich ſonſt Niemand anvertrauen. Ich legte ihm endlich die Hand auf die Schulter und bemerkte:„Ich vertraue mich Ihnen an, wenn es Ihnen auch beſchwerlich fallen wird; allein das iſt Ihre Schuld, denn Sie haben mich hierher geführt.“ Wemmick ſchwieg eine Weile und erwiderte dann gleichſam überraſcht:„Eins muß ich Ihnen ſagen, Herr Pip, es iſt verteufelt gut von Ihnen.“ „Wollen Sie mir helfen, Gutes zu thun?“ „Meiner Treu,“ antwortete er,„das iſt nicht mein Geſchäft.“ „Hier iſt aber auch nicht Ihr Geſchäftszimmer.“ „Das iſt wohl wahr. Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich muß die Sache reiflich überlegen und es iſt mir, als ob ſich die Sache allmälig machen ließe. Skiffins(ihr Bruder) iſt ein Agent und Buchführer, ich will ihn aufſuchen und für Sie wirken.“ „Ich danke Ihnen viele tauſendmal.“ „Nein, ich danke Ihnen, denn wenn wir hier auch als Privatperſonen ſind, ſo hängen ſich doch die Spinnewebe des Geſchäfts an und ich kann ſie ſo abbürſten.“ Nach kurzer Unterhaltung kehrten wir in das Schloß zurück, wo Fräulein Skiffins Thee machte. Für das Butterbrot hatte der Alte die Verantwortlichkeit über⸗ nommen und dieſer würdige Herr arbeitete ſo eifrig, als 491 ob er ſich die Augen ausſchmelzen wolle. Es war kein Scheineſſen, das geboten wurde, ſondern ein durchaus reelles. Der Alte hatte ſo viele Brötchen zurecht gemacht, daß ich ihn kaum ſehen konnte, wie ſie auf einem eiſernen Geſtelle ſchmorten, und Fräulein Skiffins braute einen ſolchen Thee, daß die Schweine im Hinterhauſe in Auf⸗ regung geriethen und wiederholentlich ihren Wunſch, am Gaſtmahl ſich zu betheiligen, äußerten, Zur rechten Zeit war die Fahne eingezogen, die Kanone abgefeuert und ich war ſo behaglich vom übrigen Walworth abgeſchnitten, als ob der Graben dreißig Fuß breit und ebenſo tief geweſen wäre. Nichts ſtörte die Ruhe des Schloſſes, als daß Johann und Fräulein Skiffins zuweilen offen ſprangen; dieſe Thürchen hatten eine Nervenſchwäche, die mich nervös machte, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Nach der Regelmäßigkeit der Anordnungen ſchloß ich, daß Fräulein Skiffins jeden Sonntag Abend Thee machte, und eine klaſſiſche Broche, welche das Geſicht einer unange⸗ nehmen Frauensperſon mit ſpitzer Naſe trug, ſchien ein ihr von Wemmick verehrtes Stück tragbaren Eigenthums. Wir aßen alle Brötchen auf und tranken Thee nach Proportion, und wir Alle waren am Ende recht warm und fettig geworden. Der Alte hätte für einen alten Häupt⸗ ling eines wilden Stammes, eben geölt, gelten können. Nach kurzer Pauſe wuſch Fräulein Skiffins(anſtatt der kleinen Dienerin, die am Sonntag Nachmittag in den Schooß ihrer Familie zurückzukehren ſchien) das Thee⸗ geſchirr in einer damenartigen Liebhabermanier, die Nie⸗ mand von uns in Verlegenheit ſetzte. Dann zog ſie ihre Handſchuhe wieder an, wir ſetzten uns ans Feuer und 192 Wemmick ſagte:„Alter Vater, nun lies uns die Zei⸗ tung.“ Wemmick erzählte mir, während der Alte die Brille aufſetzte, das ſei ſo Gebrauch und der alte Herr habe ſehr großes Vergnügen, die Zeitung laut zu leſen.„Ich ent⸗ ſchuldige ihn nicht, er hat nicht viele Vergnügungen; nicht wahr, Alter?“ „Alles in Ordnung,“ ſagte der Alte, da er ſich an⸗ geredet ſah. „Nicken Sie ihm nur dann und wann zu, wenn er von der Zeitung aufſieht,“ ſagte Wemmick,„und er iſt ſo glück⸗ lich wie ein König. Wir paſſen ſchon auf, Alter!“ .„Alles in Ordnung,“ wiederholte der Alte in ſolcher Freude, daß es wirklich angenehm war. Das Vorleſen des Alten erinnerte mich an die Klaſſen bei Herrn Wopsle's Großtante, mit der unterhaltenden Eigenthümlichkeit, daß es durch ein Schlüſſelloch zu kom⸗ men ſchien. Da er die Lichter in ſeiner Nähe haben wollte und immer im Begriff war, ſeinen Kopf oder die Zeitung in dieſe zu ſtecken, ſo mußte er genau wie eine Pulvermühle bewacht werden. Allein Wemmick war in ſeiner Wach⸗ ſamkeit unermüdlich und zart und der Alte las voran, ſeiner vielen Rettungen unbewußt. Sah er zu uns auf, ſo drückten wir Verwunderung und Erſtaunen aus und nickten, bis er fortfuhr. Wemmick und Fräulein Skiffins ſaßen nebeneinander und ich in einer dunklen Ecke. So bemerkte ich eine lang⸗ ſame und allmälige Verlängerung von Wemmick's Mund und ein ebenſo langſames und allmäliges Schleichen ſeines Armes um ihre Taille. Allmälig ſah ich auch ſeine Hand 193 auf der andern Seite von Fräulein Skiffins erſcheinen, allein ſie hielt ihn mit dem grünen Handſchuh zurück, wickelte den Arm wie ein Kleidungsſtück ab und legte ihn mit der größten Ueberlegung auf den Tiſch. Die Ruhe, mit welcher Fräulein Skiffins dies that, war eine der merkwürdigſten Erſcheinungen und ich hätte es für eine rein mechaniſche Arbeit gehalten, wenn es in olcher Weiſe möglich geweſen wäre. -Allmälig verſchwand Wemmick's Arm und war nicht mehr zu ſehen. Sein Mund erweiterte ſich kurz darauf aufs Neue. Nach einer Spannung, die mir faſt ſchmerzlich war, ſah ich, daß ſein Arm an der andern Seite von Fräu⸗ lein Skiffins erſchien. Gleich darauf ſchob Fräulein Skiffins wie ein geübter Boxer ihn zurück, legte dieſen Gürtel wie früher ab und abermals auf den Tiſch, der den Pfad der Tugend vorzuſtellen ſchien. So lange der Alte las, wandte ſich Wemmick's Arm vom Pfade der Tugend ab und mußte von Fräulein Skiffins darauf zurückgeführt werden. Endlich las ſich der Alte in einen ſanften Schlummer. Nun brachte Wemmick einen kleinen Keſſel, Gläſer und eine ſchwarze Flaſche mit Porzellanſtöpſel hervor, die einen geiſtlichen Würdenträger von röthlichem Ausſehen vor⸗ ſtellte. So erhielten wir Alle etwas Warmes zu trinken, mit Einſchluß des Alten, der bald wieder aufgewacht war. Fräulein Skiffins miſchte und ſie trank aus einem Glaſe mit Wemmick. Ich erbot mich nicht, das Fräulein nach Hauſe zu führen und hielt es unter ſo bewandten Umſtänden für das beſte, zuerſt zu gehen, nachdem ich einen herzlichen Abſchied vom Alten genommen und einen vergnügten Abend erlebt hatte. Charles Dickens, Große Erwartungen. II. 13 — 194 Ehe eine Woche vergangen war, erhielt ich ein aus Walworth datirtes Schreiben Wemmichs, er hoffe in der uns als Privatperſonen angehenden Angelegenheit Fort⸗ ſchritte gemacht zu haben und würde ſich freuen, wenn ich ihn deshalb wieder beſuchen wollte. Ich ging nun zu wiederholten Malen nach Walworth und traf ihn mehrmals in der City, aber in oder bei Little Britain kamen wir nicht zuſammen. Endlich hatten wir einen wackern jungen Kaufmann oder Schiffsmakler gefunden, der, noch nicht lange etablirt, einer tüchtigen Hülfe bedurfte, dem es an Kapital fehlte und der zur gehörigen Zeit auch einen Compagnon ſuchen würde. Zwiſchen ihm und mir wurden geheime Artikel in Betreff Herberr's unterzeichnet, ich zahlte ihm die Hälfte meiner fünfhundert Pfund und verpflichtete mich zu noch mehren Zahlungen, die theils aus meinen jetzt beſtimmten Einkünften, theils von meinem ſpäteren Vermögen beſtritten werden ſollten. Der Bruder des Fräulein Skiffins führte die Unterhandlung, Wemmick war die Seele derſelben, ohne dabei ſichtbar zu werden. Das ganze Geſchäft war ſo geſchickt eingefädelt, daß Herbert nicht den mindeſten Verdacht auf mich werfen konnte. Ich vergeſſe nie das ſtrahlende Geſicht, mit dem er eines Nachmittags nach Hauſe kam und als höchſt wichtige Nachricht erzählte, er habe einen gewiſſen Clarriker (ſo hieß der junge Kaufmann) getroffen, dieſer habe ihm große Freundſchaft erwieſen und die Ausſicht ſcheine ſich zu eröffnen. Allmälig wuchſen ſeine Hoffnungen, ſein Antlitz ſtrahlte immer freudiger und er mußte mich für einen echten Freund halten, denn es war ſchwer, bei dieſem Anblick meine Freudenthränen zurückzuhalten. Endlich — —— 195 war die Sache geſchehen, er war in Clarriker's Geſchäft eingetreten und ſprach einen ganzen Abend ſo viel von ſeinen Erfolgen, daß ich im Bette wirklich weinte, weil meine Erwartungen doch irgend Jemand genutzt hatten. Jetzt rückt ein großes Ereigniß in meinem Leben, der Wendepunkt meines Lebens, immer näher heran. Ehe ich ihn erzähle und den großen Wechſel, welchen er hervorrief, ſchildere, muß ich noch von Eſtella reden. Dieſer Gegen⸗ ſtand hatte mein Herz lange genug erfüllt. Neunzehntes Kapitel. Wenn in dem alten Hauſe zu Richmond nach meinem Tode ein Geſpenſt erſcheinen ſollte, ſo iſt es gewiß nur das meinige. Die vielen, vielen Tage, in denen mein un⸗ ruhiger Geiſt jenes Haus beſuchte, als Eſtella dort wohnte. Mein Körper befand ſich bald hier bald da, mein Geiſt wanderte, wanderte immer nach jenem Hauſe. Frau Brandley, bei welcher Eſtella ſich niedergelaſſen hatte, war eine Wittwe, mit einer Tochter, die um einige Jahre älter als Eſtella war. Die Mutter ſah jugendlich und die Tochter alt aus, die Mutter hatte rothen, und die Tochter hatte gelben Teint, die Mutter war der Frivolität, die Tochter der Theologie ergeben. Sie befanden ſich in guter Stellung, machten und erhielten viele Beſuche. Sie und Eſtella hatten in Bezug auf Geſinnung wenig oder gar nichts mit einander gemein, doch wurde angenommen, ſie wären einander unentbehrlich. Frau Brandley war eine Freundin von Fräulein Havisham geweſen, ehe letztere ſich abgeſchloſſen hatte. In und außerhalb dieſem Hauſe erlitt ich alle Qualen, die Eſtella mir bereiten konnte. Die Art meiner Beziehun⸗ gen zu ihr, welche mir Familiarität einräumte, ohne Gunſt zu verſchaffen, brachte mich in Verzweiflung. Sie brauchte mich, um andre Bewundrer zu peinigen und die Familiari⸗ tät zwiſchen mir und ihr wurde von ihr beſtändig als eine Demüthigung meiner Hingebung benutzt. Wäre ich ihr Secretär, Verwalter, Halbbruder, armer Verwandter oder ein jüngerer Bruder ihres Bräutigams geweſen, ſo hätt' ich mir nicht entfernter von meinen Hoffnungen ſcheinen können, als in ihrer nächſten Nähe. Das Vorrecht, ſie bei Namen nennen zu dürfen und ebenſo von ihr angeredet zu werden, war unter ſolchen Umſtänden nur eine Erſchwe⸗ rung der Prüfungen, und indeß andre Anbeter faſt wahn⸗ ſinnig darüber wurden, brachte es mich nicht minder dem Wahnſinne nahe. Sie hatte zahlloſe Anbeter. Meine Eiferſucht machte allerdings einen jeden dazu, der ſich ihr nur näherte, allein auch ohne dies gab es ihrer genug. Ich ſah ſie oft in Richmond, ich hörte oft von ihr in der Stadt und ich fuhr ſie und die Familie Brandley oft auf dem Waſſer ſpazieren; es gab Picnics, Geburtstage, Schauſpiele, Concerte, Opern, Geſellſchaften, Vergnügun⸗ gen aller Art, an denen ich mit ihr Theil nahm und die mich immer nur niederdrückten. Ich war keine Stunde in ihrer Geſellſchaft glücklich und doch dachte ich alle vier⸗ undzwanzig Stunden des Tags an nichts, als wie ich ſie mein Lebenlang bei mir haben könne. So lange wir ſo zuſammen verkehrten— und dies dauerte eine lange Zeit— kam ſie immer auf die Bemer⸗ kung zurück, unſer Verkehr ſei uns aufgenöthigt. Manch⸗ mal unterbrach ſie plötzlich dieſe und ihre vielen andern Tonarten und ſchien mich zu bedauern. 198 „Pip, Pip,“ ſagte ſie eines Abends, als wir in Rich⸗ mond in einem halbdunklen Zimmer ſaßen,„wollen Sie keine Warnung annehmen?“ „Weshalb?“ „Von mir.“ „Etwa die Warnung, daß ich mich nicht von Ihnen ver⸗ locken laſſen ſolle, meinen Sie das, Eſtella?“ „Was ich meine? Wenn Sie das nicht wiſſen, ſo ſind Sie blind.“ Ich hätte erwidern können, die Liebe werde gemeinig⸗ lich für blind gehalten, allein ich hielt mich immer zurück— weil es mir nicht großmüthig erſchien, mich ihr aufzudrän⸗ gen, da es ihr doch bekannt war, ſie könne ſich nur in Fräulein Havisham's Befehle fügen. Ich befürchtete immer, dieſes Wiſſen ihrerſeits ſei mir bei ihrem Stolze ſehr nachtheilig und laſſe ſie im Stillen rebelliſch gegen mich ankämpfen. „Jedenfalls haben Sie jetzt keine Warnung gegeben, denn ich bin auf Ihre eigene ſchriftliche Einladung hier⸗ her gekommen.“ „Das iſt wahr,“ erwiderte Eſtella, mit einem kalten, gleichgültigen Lächeln, das mich immer zum Fröſteln brachte. Nachdem ſie eine Weile in das Zwielicht geſehen hatte, fuhr ſie fort: „Es iſt die Zeit nahe, daß Fräulein Havisham mich einen Tag auf Satis zu ſehen wünſcht. Sie ſollen mich hin und zurück begleiten, wenn es Ihnen gefällt. Sie möchte nicht gern, daß ich allein fahre und will mein Dienſtmäd⸗ chen nicht einlaſſen, da ſie von ſolchen Leuten ins Geſpräch 199 gebracht zu werden abgeneigt iſt. Können Sie mich be⸗ gleiten?“ „Ob ich Sie begleiten kann?“ „Alſo Sie können es. Uebermorgen, wenn's Ihnen gefällt. Sie ſollen alle Ausgaben aus meiner Börſe be⸗— zahlen. Kennen Sie dieſe Bedingungen?“ „Und ich muß gehorchen,“ ſagte ich. So waren alle Beſuche eingeleitet, Fräulein Havis⸗ ham ſchrieb nie an mich, ich hatte ihre Handſchrift niemals geſehen. Wir fuhren alſo am beſtimmten Tage ab und fanden ſie in dem Zimmer, wo ich ſie zuerſt geſehen hatte und es war in Satishaus keine Veränderung vorgegangen. Sie war noch ſchrecklicher in Eſtella verliebt, als je— mals früher; ich gebrauche dieſes Wort abſichtlich, denn es lag in der Energie ihrer Blicke und Umarmungen wirklich etwas Schreckliches. Sie hing an Eſtella's Worten, an ihrer Schönheit, an ihren Bewegungen und kaute an ihren eigenen Fingern, als ob ſie das von ihr erzogene ſchöne Weſen verſchlingen wollte. Von Eſtella blickte ſie auf mich, mit einem ſcharfen Blicke, der mein Herz zu durchdringen und deſſen Wunde zu ſondiren ſchien.„Wie geht ſie mit Ihnen um?“ frug ſie mich wieder mit ihrer hexenähnlichen Lebendigkeit, ob⸗ ſchon Eſtella zuhörte. Als wir Abends an ihrem flackern⸗ den Feuer ſaßen, war ſie beſonders zauberhaft, denn ſie hatte Eſtella's Hand unter ihren Arm durchgezogen und in der eignen Hand feſt ergriffen, und ſo zwang ſie dieſer die Namen und Verhältniſſe der Männer, welche ſie be⸗ zaubert hatte, ab, wobei ſie ſich auf Eſtella's regelmäßige Briefe bezog und indeß Fräulein Havisham mit einem zu 200 Tode verwundeten und kranken Geiſte an dieſer Liſte ſich voll Spannung weidete, ſtützte ſie ihre andere Hand auf den Krückſtock und ihr Kinn auf dieſe und ihre funkelnden Augen ſahen mich wie ein Geſpenſt an. Obſchon mich das Alles ſehr unglücklich machte und ein Gefühl der Abhängigkeit, ja ſogar der Herabſetzung erweckte, ſo erkannte ich doch Eſtella's Aufgabe, Fräulein Havisham an den Männern zu rächen und ehe dieſe für eine Weile erfüllt wurde, konnte ich auf ihre Hand nicht rechnen. Ich ſah darin den Grund, weshalb ſie von vorn herein für mich beſtimmt war. Sie war ausgeſchickt wor⸗ den, anzulocken, zu quälen und weh zu thun, gerade weil ſie außerhalb des Bereichs ihrer Anbeter ſtand, und alle, die das ihrige aufs Spiel ſetzten, dabei verlieren mußten. Jene verkehrte Offenheit quälte mich, obſchon der Preis mir beſtimmt war. Deshalb wollte auch mein Vormund von dem ſo lange hinausgeſchobenen Plane keine förm⸗ liche Kunde haben. Ich ſah Fräulein Havisham, wie ich ſie damals ſah und immer geſehen hatte, und es war wie ein Schatten des verdunkelten und ungeſunden Hauſes, n welchem ſie ein dem Sonnenlicht verborgenes Leben führte. Die Lichter, welche das Zimmer erhellten, waren in Girandolen an der Wand angebracht. Sie brannten in beträchtlicher Höhe vom Boden ſo unſicher, wie ein künſt⸗ liches Licht in unreiner Luft. Ich betrachtete ſie und das matte Licht, das ſie verbreiteten, die ſtillgeſtellte Uhr, die verwelkten Stoffe der Brautkleider auf dem Tiſche, die geſpenſtiſche Geſtalt, welche durch die Beleuchtung an Decke und Wand ſich abſpiegelte— und Alles drängte 201 mir die Anſicht auf, die ich an der Sache gefaßt hatte. Meine Gedanken begaben ſich in das große Zimmer, wo der Tiſch ausgezogen war, und ich ſah die Beſtätigung meiner Anſicht im Spinnewebe auf dem Mittelſtücke, in den auf dem Tuche kriechenden Spinnen, in den Spuren der Mänuſe, die hinter den Tapeten ſich beeilten und in dem Schleichen der Käfer auf dem Boden. Bei dieſem Beſuche entſtand ein heftiger Zwiſt zwi⸗ ſchen Eſtella und Fräulein Havisham, es war das erſte⸗ mal, daß ſie einander entgegentraten. Wir ſaßen an dem eben beſchriebenen Feuer, Fräulein Havisham hatte Eſtella's Arm noch nicht losgelaſſen, als dieſe ſich allmälig loszumachen anfing. Sie hatte mehr als einmal ſtolze Ungeduld bewieſen und die wilde Zunei⸗ gung mehr erduldet, als angenommen oder erwiedert. „Wie,“ ſagte Fräulein Havisham, und blickte ſie wüthend an:„Biſt Du meiner überdrüßig?“ „Nur meiner ſelbſt“— ſagte Eſtella, machte ſich los und trat vor den Kamin. „Sprich die Wahrheit, Undankbare,“ ſchrie Fräulein Havisham und ſchlug mit dem Stocke auf den Boden,„Du biſt meiner überdrüßig!“ Eſtella blickte ſie ſehr ruhig an und ſah dann ins Freie. Ihre reizende Geſtalt und ihr ſchönes Antlitz drück⸗ ten eine ſelbſtbewußte Gleichgültigkeit gegen die wilde Gluth der Andern aus, daß man ſie faſt grauſam nennen konnte. „Du Stock und Stein,“ rief Fräulein Havisham aus, „Du kaltes, kaltes Herz!“ „Was? Sie werfen mir Kälte vor, Sie?“ ſagte Eſtella, 202 wobei ſie noch immer gleichgültig an dem Kamine lehnte und nur ihre Augen bewegte. „Biſt Du es nicht?“ war die heftige Antwort. „Sie müſſen es wiſſen. Ich bin, wozu Sie mich ge⸗ macht haben. Alles Lob, aller Tadel iſt für Sie— Erfolg und Mißlingen— alles— ich, wie ich bin, iſt Ihr Werk.“ „Seht ſie an, ſeht ſie an!“ ſagte Fräulein Havisham bitter.„Seht ſie an, ſo hart und undankbar, an dem Herde, wo ſie aufgezogen worden iſt! Wo ich ſie an dieſe unglück⸗ liche Bruſt nahm, welche an ihren Wunden blutete und wo ich Jahre lang ſo große Zärtlichkeit geſchenkt habe.“ „Ich habe an dem Vertrage keinen Theil, er wurde ge⸗ ſchloſſen, als ich höchſtens gehen und ſprechen konnte. Was wollen Sie? Sie haben mich ſehr gut behandelt und ich verdanke Ihnen alles. Was wollen Sie haben?“ „Liebe.“ „Die haben Sie.“ „Ich habe ſie nicht.“ „Sie ſind meine Mutter durch Adoption und ich ver⸗ danke Ihnen Alles,“ erwiderte Eſtella, nie mit lauterer oder leiſerer Stimme, niemals heftig oder zärtlich, nie⸗ mals aus ihrer anmuthigen Stellung bewegt.„Alles was ich beſitze, gehört Ihnen, alles was Sie mir gegeben, ſteht gänzlich zu Ihrer Verfügung. Weiter habe ich nichts. Soll ich Ihnen geben, was Sie niemals mir gegeben haben, ſo können doch Dankbarkeit und Pflicht nichts Un⸗ mögliches verrichten.“ „Hab' ich ihr nie meine Liebe gegeben,“ ſagte Fräulein Havisham und ſah mich wild dabei an.„Hab' ich ihr nie glühende Liebe, zu allen Zeiten von Eiferſucht und ſchar⸗ 203 fem Weh unzertrennlich gegeben und ſie ſpricht ſo zu mir! Will ſie mich toll nennen, will ſie mich toll nennen?“ „Weshalb ſollt' ich Sie toll nennen? Grade ich? Weiß außer mir irgend Jemand, welche feſte Vorſätze Sie haben? Weiß außer mir irgend Jemand, welch' ein feſtes Gedächt⸗ niß Sie beſitzen? Ich, die ich an dieſem Herde auf dem kleinen Stuhl, der noch neben Ihnen ſteht, geſeſſen, Ihre Lectionen gelernt und in Ihr Geſicht aufgeblickt habe, als Ihr Geſicht wunderlich war und mich erſchreckte?“ „Bald vergeſſen,“ ſtöhnte Fräulein Havisham.„Bald vergeſſene Zeiten!“ „Nein, nicht vergeſſen,“ entgegnete Eſtella,„nicht ver⸗ geſſen, ſondern im Gedächtniſſe aufbewahrt. Bin ich gegen Ihre Lehren falſch geweſen? Hab' ich Ihre Lehren ver⸗ geſſen? Hab' ich jemals irgend Jemand hier(ſie berührte ihren Buſen) eingelaſſen, den Sie nicht haben wollten? Seien Sie gerecht gegen mich.“ „So ſtolz, ſo ſtolz!“ ſtöhnte Fräulein Havisham und ſtrich ſich mit beiden Händen die grauen Haare. „Wer lehrte mich ſtolz zu ſein? Wer lobte mich, wenn ich meine Lection lernte?“ „So hart, ſo hart!“ ſtöhnte Fräulein Havisham wie⸗ der und wiederholte ihre frühere Bewegung. „Wer lehrte mich hart zu ſein? Wer lobte mich, wenn ich meine Lection lernte?“ „Aber gegen mich ſtolz und hart zu ſein“— ſchrie Fräulein Havisham und ſtreckte ihre Arme aus.„Eſtella, Eſtella, Eſtella— gegen mich ſtolz und hart zu ſein!“ Eſtella ſah ſie mit ruhiger Verwunderung an, ſonſt nicht aufgeregt, und dann blickte ſie wieder ins Feuer. ——————— — eofpdtennn—˖——=—ÿÿ —jji— „Ich kann mir nicht erklären,“ ſagte Eſtella nach kurzer Pauſe,„daß Sie nach einer längeren Trennung ſo unver⸗ nünftig ſein könnten. Ich habe Ihre Kränkung und deren Urſache nie vergeſſen. Ich habe mich Ihnen oder Ihrer Unterweiſung niemals ungetreu bewieſen. Ich wüßte nicht, daß ich mir irgend eine Schwäche vorwerfen könnte.“ „Wäre es Schwäche, meine Liebe zu erwiedern? Ja, ja— ſie würde es ſo benennen!“ ſagte Fräulein Ha⸗ visham. „Allmälig,“ fuhr Eſtella nach abermaliger Pauſe fort, „fällt es mir ein, wie dieſer Vorfall zu erklären ſein mag. Hätten Sie Ihre adoptirte Tochter in den dunkeln Gren⸗ zen dieſer Zimmer erzogen und ihr niemals das Sonnen⸗ licht, bei welchem ſie nie Ihr Antlitz geſehen, zu ſehen ge⸗ geben— hätten Sie das gethan, und dann zu einem be⸗ ſondern Zwecke den Begriff vom Sonnenlichte gegeben— würden Sie dann erzürnt und getäuſcht ſein?“ Fräulein Havisham ſtöhnte leiſe, wiegte ſich im Stuhle hin und her und ſagte nichts. „Oder— was noch mehr trifft— hätten Sie ihr mit aller Energie und Kraft vom Dämmern ihres Verſtandes an erzählt, es gebe ein Sonnenlicht, doch ſei es ihr Feind, ſie möge ſich ewig von ihm abwenden, denn es habe Sie verdorben und werde auch ihr ſchädlich ſein— wenn Sie das gethan und dann auf einmal verlangt, ſie ſolle ſich dem Sonnenlichte zuwenden und ſie hätte es nicht ge⸗ konnt— würden Sie dann erzürnt und getäuſcht ſein?“ Fräulein Havisham hörte zu(ich konnte ihr Geſicht nicht ſehen) und ſchwieg noch immer ſtill. „Ich muß genommen werden, wie ich gemacht bin. 205 Erfolg und Mißlingen ſind nicht mein, aber beides ver⸗ eint macht mich aus.“ Fräulein Havisham war, ich weiß nicht wie, zwiſchen die zerſtreuten Brautkleider auf den Boden hingeſunken. Ich benutzte dieſen Augenblick das Zimmer zu verlaſſen, richtete aber durch eine Bewegung mit der Hand Eſtella's Aufmerkſamkeit auf ſie. Eſtella ſtand noch immer gerade am Kamin. Fräulein Havisham's graue Haare wehten zwiſchen den Ruinen auf dem Boden und es war ein trau⸗ riger Anblick für mich. Mit gedrücktem Herzen ging ich bei Sternenſchein auf dem Hofe, bei der Brauerei, im verwüſteten Garten länger als eine Stunde ſpazieren. Endlich faßte ich Muth ins Zimmer zurückzukehren, und Eſtella ſaß zu Füßen von Fräulein Havisham, indem ſie einige alte Kleidungsſtücke, die in Stücke zerfielen, ausbeſſerte, an die ich ſpäter bei dem Anblicke der Fetzen von zerſchoſſenen Fahnen in Kir⸗ chen gedenken mußte. Eſtella und ich ſpielten darauf Karten — jetzt waren wir ſchon geübt und zwar in franzöſiſchen Spielen— und der Abend verſtrich und ich legte mich nieder. Ich lag in dem abgeſonderten Gebäude, das auf der andern Seite des Hofes ſtand. Zum erſtenmal legt' ich mich in Satishaus nieder und kein Schlaf kam über mich. Tau⸗ ſend Fräulein Havisham's ſpukten um mich. Sie ſtanden an dieſer, an jener Seite des Kiſſens, zu Kopf, zu Füßen des Bettes, hinter der halbgeöffneten Thür des Ankleidezimmers, in jenem Zimmer, im Zimmer drüber, im Zimmer drunter — überall. Als es allmälig zwei Uhr in der Nacht ge⸗ worden war, fühlte ich, es ſei unmöglich in liegender Stel⸗ 206 lung zu verbleiben, und mußte aufſtehen. Ich ſtand auf, kleidete mich an, ging über den Hof in den langen Gang, durch welchen ich auf den andern Hof zu gelangen beabſichtigte. Allein kaum war ich in dieſem Gange, als ich mein Licht auslöſchte, denn Fräulein Havisham ſchlich wie ein Geſpenſt entlangs und ſtieß einen leiſen Schrei aus. Ich folgte ihr in die Ferne und ſah ſie die Treppe hinauf⸗ ſteigen. Sie trug ein Licht in ihrer Hand und war eine ganz unirdiſche Erſcheinung. Als ich an der Treppe ſtehen blieb, empfand ich die dunſtige Luft des Gaſtzimmers, ohne daß ich ſie hätte die Thür öffnen geſehen und hörte, wie ſie in dieſem und in dem Nebenzimmer immer fort auf und ab ging und den leiſen Schrei oft wiederholte. Es war ſo dunkel, daß ich mich nicht zurückfinden konnte, bis die erſten Morgenſtrahlen mir den Weg zeigten. Ihren Spaziergang und ihr Stöhnen hört' ich unter deſſen ohne Unterlaß. Bis zu unſrer Abreiſe am nächſten Tage war weiter kein Streit vorgefallen, und wiederholte ſich auch niemals wieder, obſchon wir, ſo weit ich mich erinnern kann, noch viermal ſolche Beſuche machten. Fräulein Havisham's Benehmen gegen Eſtella änderte ſich in keiner Weiſe, nur daß es mir vorkam, als ſei eine kleine Portion Furcht zu dieſen andern Beſtandtheilen gekommen. Ich kann dieſen Abſchnitt meines Lebens nicht ſchil⸗ dern, ohne Bentley Drummle's Namen niederzuſchreiben, ſonſt thät' ich's gewiß lieber nicht. Die Finken waren einmal ſehr zahlreich verſammelt und das Wohlgefallen dadurch gefördert, daß allgeme ine Uneinigkeit herrſchte; der vorſitzende Finke rief den Hain 207 zur Ordnung, da Herr Drummle noch keine Geſundheit einer Dame ausgebracht habe, was, nach der feierlichen Verfaſſung der Geſellſchaft, an dieſem Tage die Aufgabe dieſes rohen Menſchen war. Als die Flaſchen herumge⸗ reicht wurden, ſchien er in widriger Weiſe nach mir hin⸗ zuſchielen, doch war dies leicht erklärlich, da wir uns nicht lieb hatten. Wie entrüſtet und erſtaunt war ich, als er die Geſellſchaft aufforderte, das Wohl von„Eſtella“ zu trinken! „Eſtella— und weiter?“ frug ich. „Iſt Ihnen einerlei,“ antwortete Drummle. „Eſtella von woher? Sie müſſen das ſagen. Von woher?“ Als Finke hatte er dieſe Verpflichtung. „Von Richmond und eine unvergleichliche Schönheit, meine Herren!“ ſagte Drummle ohne mir zu erwidern. Was wußte dieſer erbärmliche, gemeine Dummkopf von unvergleichlicher Schönheit. Ich flüſterte in Herbert's Ohr. Nachdem dieſe Geſundheit getrunken worden war, ſagte Herbert über den Tiſch hinweg:„Ich kenne dieſe Dame.“ „Thun Sie das?“ ſagte Drummle. „Und ich kenne ſie auch,“ ſetzte ich mit geröthetem Ge⸗ ſicht hinzu. „Thun Sie das?“ ſagte Drummle.„O Gott!“ Weiter konnte dieſes ſchwerfällige Geſchöpf nichts ſagen — oder er hätte einem Glas oder Porcellan an den Kopf werfen müſſen— ich gerieth aber in ſolche Wuth, als ob es ein Witz geweſen wäre und ſtand auf und erklärte es für eine Unverſchämtheit des ehrenwerthen Finken, in dieſen Hain zu kommen(ein Ausdruck, den wir immer anbrachten, als — ꝗ ⁰— 208 ob er ſo recht parlamentariſch wäre) und eine Dame zu nennen, von der er nichts wiſſe. Drummle ſprang auf und frug, wie ich das meinte? Ich erwiderte ihn darauf, er werde doch wohl wiſſen, wo ich zu finden wäre. Ob nach einer ſolchen Antwort ohne Vergießung von * Chri enblut gelebt werden könne, war eine Frage, über welche die Finken ſtritten. Die Debatte wurde ſo lebhaft, daß wenigſtens ſechs ehrenwerthe Mitglieder ſechs anderen während derſelben erklärten, ſie wüßten doch wohl, wo ſie zu finden wären. Da der Hain ein Ehrengericht war, ſo wurde endlich entſchieden, wenn Drummle eine Beſchei⸗ nigung von der Dame brächte, daß er die Ehre ihrer Be⸗ kanntſchaft habe, ſo müſſe Herr Pip als Gentleman und als Finke ſein Bedauern ausſprechen,„daß er ſich zu einer Heftigkeit habe hinreißen laſſen, welche—“ der nächſte Tag war dazu beſtimmt(denn unſere Ehre durfte nicht er⸗ kalten) und am andern Tage erſchien Drummle mit einem Eingeſtändniſſe von Eſtella's Hand, daß ſie die Ehre ge⸗ habt, einige Mal mit ihm zu tanzen. Hierauf mußte ich allerdings das Bedauern ausdrücken,„daß ich mich zu einer Heftigkeit habe hinreißen laſſen, welche—“ und die Anſicht, als wäre ich irgendwo zu finden, zurückweiſen. Drummle und ich ſchnarchten einander noch eine Stunde im Hain an; letzterer ließ ſich in verſchiedene Widerſprüche ein und erklärte am Schluſſe, die Förderung des Wohlge⸗ fallens ſei überraſchend ſchnell vor ſich gegangen. Ich erzähle das ſehr leicht, allein mir war das damals nichts Leichtes. Denn der Gedanke ſchmerzte mich aufs allertiefſte, daß Eſtella einem verächtlichen, plumpen, mür⸗ riſchen Jungen, der ſo ſehr unter der Durchſchnittsgeſell⸗ ſchaft ſtand, auch nur irgend eine Gunſt erweiſen konnte. Ein lautres Feuer des Edelſinns und der Uneigennützigkeit muß in meiner Liebe zu ihr gelodert haben, ſonſt hätte ich es nicht ertragen, daß ſie ſich zu ſolchem Hunde herablaſ⸗ ſen mochte. Jede Gunſt würde mich betrübt haben, allein ein würdigerer Gegenſtand der Eiferſucht hätte dorh ein ganz andres Gefühl in mir hervorgerufen. Ich entdeckte bald, daß Drummle ihr nachſtellte und daß ſie es geſtattete. Allmälig verfolgte er ſie immer und unſere Wege durchkreuzten ſich jeden Tag. Er hielt in ſeiner beharrlichen, trägen Weiſe an und Eſtella hielt ihn feſt, bald durch Billigung, bald durch Tadel, buald durch Schmeichelei, bald durch Geringſchätzung, bald durch Wiedererkennen, bald durch halbe Vergeßlichkeit. Die Spinne, wie Jaggers ihn bezeichnet hatte, wartete ruhig ab und hatte die Geduld ſeines Geſchlechts. Ueber⸗ dies hatte er ein dauerhaftes Vertrauen auf ſein Geld und ſeine Familiengröße— das ihm zuweilen nützte, und faſt wie entſchiedener Vorſatz ausſah. Die Spinne lauerte hinter Eſtella, lauerte länger als glänzendere Inſecten und kroch plötzlich zur gelegenen Zeit hervor. Auf einem großen Geſellſchaftsballe in Richmond, wo Eſtella alle andere Schönheiten überſtrahlt hatte, hing Drummle ſo ſehr an ihr und wurde ſo ſehr von ihr geduldet, daß ich mit ihr über ihn zu ſprechen beſchloß. Ich ergriff die nächſte Gelegenheit, als ſie auf Frau Brandley wartete und etwas abſeits ſaß, um mit dieſer abzufahren. Ich war da, weil ich ſie faſt immer begleitete. „Sind Sie müde, Eſtella?“ „So zemlich 4 Charles Dickens, Große Erwartungen. II. 14 210 „Das können Sie wohl ſein.“ „Ich ſollte es aber nicht ſein, denn ich muß, ehe ich zu Bette gehe, noch nach Satishaus ſchreiben.“ „Um den Sieg dieſer Nacht zu berichten? Wahrlich, ein ſehr armſeliger.“ „Was meinen Sie? Ich weiß von keinem.“ „Eſtella, ſehen Sie den Menſchen, der aus jener Ecke zu uns herüberblickt.“ „Wie ſollte ich den anſehen? Was iſt an dem Menſchen in jener Ecke, daß ich ihn anſehen ſollte? „Dieſe Frage wollte ich an Sie richten. Den ganzen Abend hat er Sie umflattert.“ „Motten und allerlei niedrige Geſchöpfe flattern um ein brennendes Licht. Was kann das Licht dazu.“ „Nein— aber Eſtella kann Etwas dazu.“ „Ja, ja vielleicht,“ ſagte Eſtella und lächelte.„Ja, was Ihnen gefällt.“ 4 „Aber hören Sie mich doch an. Ich bin unglücklich, daß Sie einen ſo allgemein verachteten Menſchen wie Drummle begünſtigen. Sie wiſſen, daß er verachtet iſt.“ „Nun?“ „Sie wiſſen, daß er von innen ſo widrig iſt als von außen, ein mangelhafter, übelgelaunt, lauernder, dummer Menſch.“ „Nun?“ ſagte ſie. „Nichts empfiehlt ihn als Geld und eine lächerliche Liſte von hohlköpfigen Ahnen— wiſſen Sie das nicht?“ „Nun?“ Und jemehr ſie dies Wort wiederholte, deſto weiter öffnete ſie ihre lieblichen Augen. Um dies einſilbige Wort zu bannen, nahm ich es —y 211 ihr ab und ſagte:„Nun— nun das eben macht mich betrübt.“ Hätte ich geglaubt, ſie begünſtige Drummle, um mich — mich zu betrüben, ſo wäre ich ruhiger geweſen, allein ſie ließ mich ſo ſehr aus dem Spiele, daß ich nichts der Art glauben konnte. „Pip,“ ſagte Eſtella und überſah den Saal,„machen Sie ſich nicht lächerlich über den Eindruck auf Sie. Es mag auf andere Eindruck machen und ſoll es. Es iſt nicht der Rede werth.“. „Allerdings iſt es das,“ ſagte ich,„ich mag nicht von andern hören, ſie werfe ihre Gunſt und Schönheit einem Bauernjungen zu, dem niedrigſten der Geſellſchaft.“ „Ich mags hören,“ antwortete Eſtella. „Seien Sie nicht ſo ſtolz und ſo unbeugſam!“ „Er nennt mich ſtolz und unbeugſam— und nebenbei warf er mir vor, einem Bauernjungen mich hinzuwerfen!“ „Das thun Sie allerdings, Sie haben heute Abend Blick und Lächeln an ihn verſchwendet, das ich nie von Ihnen erlange.“ „Soll ich Sie alſo betrügen und verlocken?“ ſagte Eſtella und ſah mich mit ernſtem, faſt zürnenden Blicke an. „Betrügen und verlocken Sie ihn?“ „Ja und viele andere— alle, nur nicht Sie. Da kommt Frau Brandley. Ich ſage nichts mehr.“ Nachdem ich ſo den Gegenſtand, der mein Herz erfüllte, geſchildert, gehe ich zu dem Exeigniſſe über, das mir noch länger bevorgeſtanden hatte und auf das ich vorbereitet worden war, ehe ich wußte, daß es eine Eſtella in der Welt gebe. 14* Zwanzigſtes Aapitel. Ich war dreiundzwanzig Jahre alt. Ich hatte kein Wort mehr über meine Erwartungen vernommen und mein drei⸗ undzwanzigſter Geburtstag war eine Woche vorüber. Wir hatten ſchon über ein Jahr Barnard's Inn verlaſſen und wohnten im Temple. Unſere Zimmer lagen in Garden⸗ court, unten am Fluſſe. Ich hatte ſeit einiger Zeit die früheren Beziehungen zu Herrn Pocket aufgegeben, obſchon wir im beſten Einver⸗ nehmen geblieben waren; wenn ich auch ſehr unbeſtändig war— es entſtand wohl aus der Unſicherheit über die Quelle meiner Einkünfte— ſo war ich doch einen ziem⸗ lichen Theil des Tags mit Lectüre beſchäftigt. Herbert's Geſchäft machte immer neue Fortſchritte, und vor Kurzem war er deshalb nach Marſeille gereiſt. Ich war allein, und hatte eine dumpfe Empfindung des Alleinſeins. Muthlos und verſtimmt, oft in der Hoffnung, daß mein Pfad ſich bald aufhellen werde und immer getäuſcht, vermißte ich das heitere Antlitz und die bereite Antwort meines Freundes. Das Wetter war ſehr ſchlecht, ſtürmiſch, naß, und Schmuz auf allen Straßen. Tag auf Tag zog ein dichter .ln — 213 Schleier von Oſten her über London, und zog immer fort, als ob es im Oſten eine Ewigkeit von Wolken und Wind gebe. Die Stürme waren ſo ſtark, daß von manchen Häuſern das Blei von den Dächern abgeriſſen wurde, Bäume waren umgeſtürzt, Windmühlen zerſchlagen, Schiff⸗ bruch und Tod herrſchte an den Küſten. Zu dieſen Wind⸗ ſtößen geſellten ſich gewaltige Regenſchauer und der Tag, an dem ich mich endlich niederſetzte, um zu leſen, war der ſchlimmſte von allen geweſen. Jener Theil des Temple iſt jetzt verändert, er iſt nicht mehr ſo einſam und nicht ſo ſehr dem Fluſſe ausgeſetzt. Wir wohnten im obern Stocke des letzten Hauſes und der Wind erſchütterte das Haus, als ob Kanonen losgelaſſen würden. Wenn der Regen gegen die Fenſter ſchlug, war es mir, als ſäß ich in einem Leuchtthurme. Zuweilen kam der Rauch durch den Kamin herunter, als ob er in ſolcher Nacht nicht ausgehen wolle und als ich die Thür öffnete und die Treppe herunterſah, waren die Lampen am Ge⸗ länder ausgeweht, und öffnete ich nur eben die Fenſter, ſo merkte ich, daß die Laternen auf dem Hofe ausgeweht waren und auf den Brücken und am Ufer hin und her zitterten.. Ich las mit der Uhr auf dem Tiſche, um meine Lectüre um elf Uhr zu ſchließen. Als ich ſie beendigte, ſchlugen alle Kirchenuhren nach und neben einander dieſe Stunde. Ich horchte auf wie der Wind dieſe Töne auseinander riß, als ein Fußtritt auf der Treppe hörbar wurde. Daß ich nervös erſchrak, als ob es der Tritt meiner verſtorbenen Schweſter ſein könne, iſt nur vorübergehend zu erwähnen. Das war gleich vorbei und ich hörte, daß 214 der Fußtritt ſtolperte. Da die Lampen ausgeweht waren, ſo nahm ich meine Stubenlampe und trat an die Treppe, alles war ſtill und die Perſon, die ſich unten befand, war offenbar bei dem Anblick meiner Lampe ſtehen geblieben. „Iſt Jemand da?“ rief ich. „Ja,“ antwortete eine Stimme aus dem Dunkel. „In welchen Stock wollen Sie gehen?“ „In den oberſten, zu Herrn Pip.“ „Das iſt mein Name. Iſt ein Unglück paſſirt?“ „Es iſt kein Unglück paſſirt,“ antwortete die Stimme und der Mann trat näher. Ich hielt meine Lampe über das Geländer und er kam allmälig in den Lichtkreis. Dieſer war ſehr eng, denn die Lampe ſollte nur ein Buch beſcheinen, ſo daß der Mann ſehr bald wieder unſichtbar war. Ich hatte nur in einem Augenblicke ein mir fremdes Geſicht erblickt, das mit offen⸗ barem Wohlgefallen nach mir emporſah. Als die Lampe eben ſo wie der Mann ſich bewegt hatte, ſchien er mir ein Reiſender zu ſein, der ganz graues Haar hatte und etwa ſechzig Jahre alt ſein mochte; er war ein muskelſtarker Mann, vom Wetter gebräunt. Auf der letzten Stufe bot er mir zu meinem Erſtaunen beide Hände. „Was iſt Ihr Anliegen?“ frug ich ihn. „Mein Anliegen?“ wiederholte er.„Ach ja! Ich will es Ihnen mit Ihrer Erlaubniß auseinanderſetzen.“ „Wollen Sie näher treten?“ „Ja, ich will näher treten. Ich hatte ihn nicht ſehr gaſtlich empfangen, denn ſein befriedigtes Wiedererkennen, das auf ſeinem Geſichte noch immer zu leſen war, mißfiel mir. Er ſchien ſogar zu — r — 215 erwarten, daß ich es erwidern ſollte. Doch führte ich ihn in mein Zimmer, ſtellte die Lampe auf den Tiſch und bat ihn höflich, ſich zu erklären. Er ſah ſich wunderlich um— mit einer Art von er⸗ ſtauntem Vergnügen, als ob er an den Dingen, die er bewunderte, irgend einen Antheil hätte— nahm den Ueber⸗ rock und den Hut ab. Sein Haupt war gefurcht und kahl — das graue Haar wuchs nur an den Seiten. Ich konnte ihn ſonſt durchaus nicht erkennen. Allein er hielt mir aber⸗ mals beide Hände entgegen. „Was wollen Sie?“ frug ich und hielt ihn für närriſch. Er ſah mich an und rieb ſeine rechte Hand über den Kopf.„Es iſt ſehr große Täuſchung für Jemand,“ ſagte er mit grober, gebrochener Stimme,„nachdem er ſo lange ſich darnach geſehnt und ſo weit hergekommen— aber Sie tragen keine Schuld— keiner von uns trägt ſie. Ich ſpreche in einer halben Minute. Gewähren Sie mir eine halbe Minute Zeit.“ Er ſetzte ſich in einen Stuhl vor dem Feuer und bedeckte ſeine Stirn mit der gebräunten Hand. Ich ſah ihn auf⸗ merkſam an, ſchrak etwas vor ihm zurück, kannte ihn aber nicht. „Iſt Niemand hier?“ frug er. „Weshalb fragen Sie das, und kommen als Fremd⸗ ling zu ſolcher Stunde des Nachts in mein Zimmer?“ „Sie ſind ſehr pfiffig. Es freut mich, daß Sie ſo pfiffig geworden ſind. Mich aber halten Sie nicht feſt. Es würde Ihnen leid thun, wenn Sie das ver⸗ ſuchten.“ 216 Ich gab dieſe Abſicht auf, denn plötzlich erkannte ich ihn! Kein Geſichtszug war mir deutlich, aber ich kannte ihn. Hätten Wind und Wetter die verfloſſenen Jahre verweht, alle dazwiſchen erſchienenen Gegenſtände zerſtreut und uns auf den Kirchhof geführt, wo wir zuerſt in ſo verſchiedenen Verhältniſſen einander gegenüber geſtanden, ſo hätte ich meinen Sträfling nicht raſcher erkannt, als ich es nun that, wie er vor dem Feuer ſaß. Er brauchte keine Feile aus der Taſche zu nehmen und ſie mir zu zeigen, kein Taſchentuch herauszuziehen und es ſich über den Kopf zu binden, mit beiden Armen ſich zu ſchlagen und durch das Zimmer zu wanken, damit ich ihn erkenne. Ich erkannte ihn ohne das alles, obſchon ich einige Augenblicke vorher auch nicht die mindeſte Ahnung davon gehabt hatte. Abermals bot er mir beide Hände. Ich wußte nicht was zu thun und gab ſie ihm mit Widerſtreben. Er ergriff ſie herzlich, drückte ſie an die Lippen, küßte ſie und hielt ſie immer feſt. „Du haſt nobel gehandelt, mein Junge. Nobel, Pip! Und ich habe es niemals vergeſſen!“ Da er mich umarmen zu wollen ſchien, faßte ich ihn an und ſchob ihn zurück. „Halt!“ ſagte ich,„fort von mir! Wenn Sie mir dankbar ſind für das, was ich als kleines Kind gethan, ſo haben Sie ſich wohl ſo dankbar erwieſen, daß Sie Ihre Lebensweiſe gebeſſert haben. Es war nicht nöthig, mir dafür zu danken. Sie haben mich aufgeſucht, das Gefühl, das Sie hierher gebracht, iſt wohl kein ſchlimmes, ich will Sie nicht zurückſtoßen— allein Sie müſſen einſehen— daß ich—“ 4 — — 217 Sein auf mich gehefteter Blick war ſo ſeltſam, daß mir die Worte auf den Lippen erſtarben. „Sie ſagten— ich müſſe einſehen— was muß ich einſehen?“ „Daß ich in meiner jetzigen Lage meinen Verkehr mit Ihnen nicht zu erneuern wünſche. Mich freut es, wenn Sie ſich gebeſſert haben. Ich will es Ihnen gern geſtehn. Mich freut es, daß Sie gekommen ſind, mir zu danken. Allein wir haben doch verſchiedene Lebenswege. Sie ſind naß und ſehen ermüdet aus. Wollen Sie etwas trinken, ehe Sie gehen?“ Er beobachtete mich und hing ſich die Halsbinde lang⸗ ſam wieder um.„Ich will etwas trinken, ehe ich gehe.“ Auf einem Nebentiſche ſtanden einige Flaſchen; ich ſchob ſie näher und frug, was er haben wolle. Er berührte eine ohne etwas zu ſagen und ich machte ihm etwas Rum und Waſſer. Ich wollte es mit feſter Hand thun, allein ſo wie er mich anblickte, zitterte meine Hand. Seine Augen waren, als ich ihm das Glas reichte, zu meiner Verwun⸗ derung voll Thränen. Bisher hatte ich geſtanden, um ihm zu zeigen, daß er gehen möge. Allmälig wurde ich milder geſtimmt.„Ich hoffe,“ ſagte ich,„daß Sie meine Worte nicht für hart halten. Es war das durchaus nicht meine Abſicht, ich wünſche Ihnen Geſundheit und Wohlergehen!“ Ich hatte mir auch ein Glas zurecht gemacht und er reichte mir die Hand. Ich gab ihm die meine und er trank und zog ſich den Aermel über die Augen. „Wie leben Sie?“ frug ich. „Ich war ein Schafzüchter, und noch manches andere 8 ——————,— — in der neuen Welt geweſen, viele tauſend Meilen ſtür⸗ miſchen Waſſers fern von hier.“ „Es iſt Ihnen gut ergangen?“ „Außerordentlich gut. Andern iſt es auch gut ergan⸗ gen, aber keinem ſo wie mir. Ich bin deshalb berühmt.“ „Das iſt mir angenehm.“ „Ich meine wohl, daß Sie ſo reden, lieber Junge!“ „Haben Sie jemals einen Boten wieder geſehen, den Sie einmal zu mir geſchickt hatten?“ „Nie etwas von ihm geſehen; das war nicht wahr⸗ ſcheinlich.“ „Er kam getreulich und brachte mir die beiden Pfund⸗ noten. Ich war damals ein armes Kind und für ein armes Kind waren ſie ein Vermögen. Doch es iſt mir ſeitdem auch gut ergangen und ich will ſie Ihnen zurückzahlen. 3 Sie können ſie für einen andern armen Knaben ver⸗ wenden.“ Ich legte meine Börſe auf den Tiſch, öffnete ſie und nahm zwei Pfundnoten heraus. Sie waren ſauber und neu und ich reichte ſie ihm hin. Er legte eine auf die andere, faltete ſie, drehte ſie, zündete ſie an und ließ die Aſche fallen. „Darf ich mir erlauben zu fragen, wie es Ihnen gut ergangen iſt, ſeitdem wir uns da draußen auf den Mar⸗ ſchen getroffen haben.“ „Wie?“ „Ja.“ 1 Er leerte ſein Glas und ſtellte ſich ans Feuer. Er ſtellte ſeinen Fuß an die Stangen, um ihn zu erwärmen, der naſſe Stiefel fing an zu dampfen, er aber kümmerte ſich 219 nicht darum, ſondern ſah mich an. Die Sache war ſchrecklich. Nachdem ich einige unverſtändliche Worte geſprochen, ſagte ich ihm,„ich ſei erkoren worden, um ein Vermögen zu beerben.“ „Darf ein Wurm fragen, welches Vermögen?“ „ch weiß es nicht.“ „Darf ein Wurm fragen, weſſen Vermögen?“ „Ich weiß es nicht.“ „Sollte ich wohl rathen können, wie viel Ihr Einkom⸗ men war, ſeit Sie mündig geworden ſind? Alſo die erſte Zahl! Fünf?“ Mein Herz klopfte wie ein ſchwerer Hammer, ich ſtand auf, lehnte meine Hand an den Stuhlrücken und ſtaunte ihn wild an. „Und ein Vormund? Sie waren unmündig, es muß einen Vormund oder ſo etwas gegeben haben. Ein Advocat vielleicht. Der erſte Buchſtabe ſeines Namens? Etwa J? Die ganze Wirklichkeit meiner Lage drang auf mich ein. „Wenn nun der Mann, welcher den Advocaten be⸗ ſchäftigt, der mit einem J anfängt und Jaggers heißen könnte— in Portsmouth gelandet wäre und hätte Sie ſehen wollen. Sie haben mich aufgeſucht— waren eben Ihre Worte. Gewiß hab' ich Sie aufgeſucht. Ich ſchrieb von Portsmouth an eine Perſon in London, um Ihre Adreſſe zu erfragen. Wie heißt ſie? Nun, Wemmickl“ Und hätte ich mein Leben retten ſollen, hätte ich doch kein Wort ſprechen können. Ich ſtand, die eine Hand am Stuhlrücken, die andre an der Bruſt, da ich zu erſticken 1 220 ſchien— endlich ergriff ich den Stuhl, denn das Zimmer fing an ſich zu drehen. Er zog mich auf das Sopha, ſtützte mich auf den Kiſſen und kniete vor mir nieder, ſo daß ſein ſchreckliches Geſicht in meine Nähe trat. „Ja, Pip, lieber Junge, ich habe Dich zum Gentleman gemacht. Ich habe es gethan! Ich ſchwor damals, wenn ich eine Guinea verdiente, ſo ſolle ſie zu Dir kommen. Ich ſchwor ſpäter, wenn ich ſpeculirte und reich würde, ſollteſt Du reich werden. Ich lebte hart, damit Du ſanft leben ſollteſt; ich arbeitete ſchwer, damit Du bequem lebteſt. Wozu das Alles, mein Junge? damit Du dankbar wärſt? Durchaus nicht. Nur damit Du wüßteſt, der gehetzte Hund, dem Du das Leben erhalten, ſei ſo hoch gekommen, Dich zum Gentleman zu machen und Pip— Du biſt es!“ Der Abſcheu vor dem Menſchen, der Widerwille, mit dem ich vor ihm zurückſchauderte, wäre bei einem ſchreck⸗ lichen Thiere nicht größer geweſen. „Sieh, Pip. Ich bin Dein zweiter Vater. Du biſt mein Sohn— mehr als ein Sohn ſein kann. Ich habe Geld geſpart, damit Du es ausgibſt. Als ich in einer einſamen Hütte als Schäfer ſaß und nichts als Schafe ſah, bis ich die Geſichter der Menſchen faſt vergeſſen hatte, ſah ich Dein Geſicht. Oft fiel mein Meſſer hin, als ich in jener Hütte aß oder trank und ich ſagte: da ſieht mich der Junge an, wie ich eſſe und trinke. Ich ſah Dich da, wie ich Dich an der nebligen Küſte geſehen habe. Der Herr ſtrafe mich! ſagte ich jedesmal— und ich trat ins Freie, um es dem Himmel zu ſagen, wenn ich Freiheit und Geld gewinne, will ich den Jungen zum Gentleman machen. Ich hab' es gethan. Sieh dieſe Wohnung an, — 221 wie für einen Lord. Du ſollſt Geld haben, um mit Lords zu wetteifern und ſie zu überwinden.“ In ſeinem Eifer merkte er gar nicht, wie ich dieſe Ge⸗ fühle aufnehme und das war noch ein Troſt für mich. „Sieh!“ ſagte er, nahm mir die Uhr aus der Taſche und faßte einen Ring an meinem Finger, ſo daß ich zurück⸗ bebte, wie vor einer Schlange;„eine goldne und ſehr ſchöne! Ein Diamant mit Rubinen, das iſt für einen Gentleman. Sieh Dein ſchönes Linnen, ſieh Deine Kleider an, beſſer ſind ſie nicht zu haben. Deine Bücher, bis zu Hunderten! Und Du lieſeſt ſie. Du haſt gerade darin geleſen. Ha, ha, ha! Du ſollſt ſie mir vorleſen, lieber Junge. Und wenn es fremde Sprachen ſind, die ich nicht verſtehe, bin ich ebenſo ſtolz darauf, als ob ich ſie verſtände.“ Abermals ergriff er meine beiden Hände und küßte ſie; mein Blut durchrieſelte es kalt. Es war um ſo ſchrecklicher für mich, da er es ernſtlich meinte.„Du haſt nichts zu ſagen, halte Dich ruhig, lieber Junge. Du haſt nicht ſo lange darauf gepaßt, wie ich— Du warſt nicht ſo vorbereitet. Haſt Du nie an mich gedacht?“ „O nein, nein, niemals, niemals!“ erwiderte ich. „Ich bin es aber, und allein— Niemand wußte darum, als Herr Jaggers und ich.“ „Niemand ſonſt?“ „Nein, wer konnte es ſonſt ſein? Und wie ſchön Du ausſiehſt! Es gibt anderswo ſchöne Augen— hel gibt es nicht anderswo ſchöne Augen, an die Du zu denken liebſt?“ „O Eſtella, Eſtella!“ „Dein ſollen ſie ſein, wenn ſie für Geld zu kaufen 222 ſind. Ein Gentleman wie Du kann ſie auch ſo gewinnen, allein Geld ſoll Dir helfen. Und nun höre, was ich Dir noch ſagen will. Aus jener Hütte beerbte ich meinen Herrn, der ſtarb und auch geweſen war was ich, und ich erlangte Freiheit und Geld. Wohin ich ging, war es für Dich. Der Herr ſchlage mich nieder, ſagte ich, wenn ich nicht überall für ihn gehe. Es gelang Alles wunderbar. Wie ich Dir geſagt, ich bin deshalb berühmt. Das ererbte Geld und die Verdienſte der erſten Jahre ſchickte ich an Jaggers— Alles für Dich, nachdem er Dich meinem Briefe nach aufgeſucht.“ Wäre er nie gekommen! Säße ich noch in der Schmiede, zwar nicht zufrieden, allein doch im Vergleiche glücklich! „Es war eine Belohnung für mich zu wiſſen, daß ich Dich hier zum Gentleman machte. Mochten die Pferde der Koloniſten mich mit Staub bewerfen, was thut's? ſagte ich zu mir, ich mache einen beſſeren Gentleman, als ihr ſeid! Sagte Einer zum Andern: Er war früher ein Sträfling und iſt bei alle ſeinem Glück noch ein unwiſſender, gemeiner Kerl, ſo ſagte ich zu mir: Bin ich kein Gentleman und habe ich nichts gelernt, ſo beſitze ich das doch. Ihr habt Land und Vieh, wer von euch hat einen echten Lon⸗ doner Gentleman? So habe ich mich durchgeſchlagen. Und ſo habe ich immer feſtgehalten, ich wolle eines Tages kom⸗ men und meinen Jungen ſehen und mich ihm auf ſeinem eigenen Boden vorſtellen.“ Ich legte ſeine Hand auf meine Schulter. Dieſe Hand mochte mit Blut befleckt ſein. „Es war nicht leicht, Pip, jene Gegend zu verlaſſen, auch war es nicht ſicher. Allein ich hatte es beſchloſſen 4 † 223 und bin dabei geblieben. Endlich iſt es geſchehen, lieber Junge, ich habe es gethan!“ Ich wollte meine Gedanken ſammeln, allein ſie waren betäubt. Er ſchwieg und der Wind und der Regen rauſch⸗ ten, es war mir aber immer ſo, als ob alle dieſe Stimmen ſich unter einander gemiſcht hätten. „Wo willſt Du mich unterbringen? Ich muß doch irgendwo untergebracht werden!“ „Um zu ſchlafen?“ „Ja, um lange und feſt zu ſchlafen, denn ich bin auf der See Monate lang hin und her geworfen worden.“ „Mein Freund iſt verreiſt, Sie müſſen ſein Zimmer einnehmen.“ „Kommt er morgen zurück?“ „Nein, morgen nicht,“ antwortete ich mit Mühe. „Denn ſieh, Vorſicht iſt nöthig,“ ſagte er leiſe. „Weshalb denn? Vorſicht?“ „Bei Gott, es iſt der Tod!“ „Der Tod?“ „Ich bin lebenslänglich transportirt. Tod ſteht auf die Rückkehr. Es ſind in den letzten Jahren Viele zurück⸗ gekommen und wenn ſie mich erhaſchen, hängen ſie mich auf.“ Auch das noch! Der unglückliche Menſch beladet mich unglücklichen Menſchen jahrelang mit Gold und Silber, wagt ſein Leben, um mich zu ſehen, und ſein Leben ſteht in meiner Hand! Hütte ich ihn nicht verabſcheut, ſondern geliebt, hätte ich mich nicht mit tiefſtem Widerwillen von ihm abgewendet, ſondern wäre von wahrer Bewunderung und Zuneigung für ihn ergriffen geweſen, ſo hätte es nicht 224 ſchlimmer ſein können. Es wäre beſſer geweſen, denn dann hätte ich von Herzen für ſeine Sicherung geſorgt. Zuerſt ſchloß ich die Fenſterläden, damit kein Licht von Außen geſehen werden könne, dann verſchloß und verriegelte ich die Thüren. Er ſtand unterdeſſen am Tiſche, trank Rum und aß Zwieback, und wie ich ihn ſo beſchäftigt ſah, trat der Sträfling der vorigen Zeit mir entgegen. Es war mir, als müſſe er ſich gleich bücken, um zu feilen. Als ich in Herbert's Zimmer gegangen und jede Ver⸗ bindung mit der Treppe abgeſchloſſen hatte, außer der⸗ jenigen durch das Zimmer, in welchem wir geſprochen, frug ich ihn, ob er zu Bette gehen wolle. Er bejahte dies, bat mich jedoch um etwas„feine Wäſche“ für den an⸗ dern Morgen. Ich holte es, legte es für ihn zurecht und mein Blut rieſelte wieder kalt, als er mich bei beiden Hän⸗ den faßte, um mir gute Nacht zu wünſchen. Ich ging von ihm ohne zu wiſſen wie, ſchürte das Feuer in meinem Zimmer und ſetzte mich nieder, als ob ich zu Bette zu gehen fürchtete. Mehrere Stunden war ich kaum fähig zum Denken und erſt als ich zu denken anfing, wurde mir der volle Umfang meines Schiffbruchs klar. Fräulein Havisham's Abſichten über mich, ein Traum! Eſtella war nicht für mich beſtimmt, ich wurde in Satis⸗ haus zur Bequemlichkeit geduldet, als Stachel für die gierigen Verwandten, als Puppe mit mechaniſchem Herzen, um ſich daran zu üben, und die tiefſte Pein war, daß ich um des Sträflings willen, der, ich wußte nicht welcher Verbrechen ſchuldig und aus meinem Zimmer geholt wer⸗ den konnte, um aufgehängt zu werden, meinen Joſeph ver⸗ laſſen hatte. 225 Ich wäre jetzt um Alles in der Welt willen nicht zu Joſeph oder Biddy zurückgegangen, weil das Bewußtſein meines unwürdigen Benehmens jede andere Erwägung überſtieg. Keine Weisheit auf Erden hätte mir den Troſt geben können, den ich von ihrer Einfalt und Treue erlangt haben würde, allein was ich gefehlt, konnte ich niemals gut machen. In jedem Windſtoß und Regenwirbel hört' ich Ver⸗ folger. Zweimal war mir, als hätt' es an der Thür ge⸗ klopft und geflüſtert. Mit ſolchen Aengſten bildete ich mir ein, ſeit Monaten von der Ankunft dieſes Mannes geheim— nißvolle Warnungen erhalten zu haben. Schon ſeit Wochen wollte ich auf der Straße Geſichter gleich dieſem an mir vorübergehen geſehen haben, Aehnlichkeiten, die, je näher er gekommen, auch zahlreicher geworden wären. Sein böſer Geiſt habe dieſe Boten vorausgeſchickt und in dieſer ſtürmiſchen Nacht ſei er nun ſelbſt gekommen. Mit dieſen Erwägungen kam die neue, als Kind habe ich ihn ſchon als verzweifelten Menſchen geſehen, der an⸗ dere Sträfling habe erklärt, beinahe von ihm ermordet worden zu ſein, ich habe ihn im Graben wie ein wildes Thier fechten geſehen. Aus dieſen Exinnerungen trat ein Schrecken hervor, es möchte vielleicht nicht rathſam ſein, in einſamer, wilder Nacht mit ihm eingeſchloſſen zu ſchlafen. Dieſer Schrecken erfüllte zuletzt das ganze Zimmer, ſo daß ich ein Licht ergriff und meinen ſchrecklichen Gaſt noch ein⸗ mal anblickte. Er hatte ſich ein Taſchentuch um den Kopf gewickelt und ſein Geſicht war feſt und gedrückt im Schlafe. Er ſchlief ganz ruhig, auf dem Kiſſen lag ein Piſtol. Lang⸗ Charles Dickens, Große Erwartungen. II. 15 226 ſam zog ich den Schlüſſel heraus, ſteckte ihn auf die andere Seite ein und drehte um, ehe ich mich wieder ans Feuer ſetzte. Allmälig glitt ich vom Stuhle auf den Boden. Als ich erwachte, ohne daß die Empfindung meines Elends mich im Schlafe verlaſſen hätte, ſchlugen die Kirchenuhren fünf, die Lichter waren ausgebrannt, das Feuer erloſchen, Wind und Regen erhöhten das dichte, ſchwarze Dunkel. So endet der zweite Abſchnitt von Pip's Er⸗ wartungen. Ende des zweiten Bandes. Leipzig Druck von Gieſecke& Devrient. ——y———.