Leeihbibliothek †f deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Okllmann in Gießen, 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 3 Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ſ. 7 Uhr bis Abends 8§ Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von fedein. Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ſſ für Nachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſ auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ³ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und f defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 2c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt t der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ß 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Große Erwartungen. Erſter Band. .. 1— 4. .—. Große Erwartungen. Von Charles Dickens(Boz). Aus dem Engliſchen von Heinrich von Hammer. Irſter Band Leipzig, Voigt& Günther. 1862. Erſtes Kapitel. Da der Name meines Vaters Pirrip war und man mich Philipp getauft hatte, ſo konnte ich als Kind die bei⸗ den Namen nicht deutlicher hervorbringen, als daß ich Pip ſagte. So nannte ich mich Pip und wurde auch Pip ge⸗ nannt. Für meines Vaters Namen Pirrip habe ich zwei Auto⸗ ritäten, die ſeines Grabſteins und die meiner Schweſter, Frau Joſeph Gargery, welche den Grobſchmied geheirathet hatte. Ich habe Vater und Mutter niemals geſehen, auch iſt mir kein Bild von ihnen vorgekommen, denn ſie haben lange vor der Zeit der Photographien gelebt; in meinem kindlichen Unverſtand machte ich mir deshalb eine Vor⸗ ſtellung von ihnen aus ihren Grabſteinen. Die Geſtalt der Buchſtaben auf dem meines Vaters ließ mich annehmen, er ſei ein vierſchrötiger, kräftiger, dunkler Mann mit ge⸗ locktem ſchwarzem Haar geweſen. Aus Charakter und Wendung der Inſchrift:„Auch Georgiana, des Obigen Frau,“ ſchloß ich kindiſch, daß meine Mutter ſommer⸗ ſproſſig und ſchwächlich geweſen ſein mußte. Fünff kleine Steinplatten, jede ungefähr anderthalb Fuß lang, die in einer ſauberen Reihe neben ihrem Grabe aufgeſtellt und Charles Dickens, Große Erwartungen. I. 1 dem Andenken von fünf kleinen Brüdern gewidmet waren — ſie hatten ſchon früh ihre Anſtrengungen ſich durch das Leben zu ſchlagen aufgegeben— flößten mir die Meinung ein, ſie wären alle auf dem Rücken mit den Händen in der Taſche geboren worden und hätten dieſe niemals heraus⸗ genommen. 4 Wir wohnten im Marſchlande, am Fluſſe, der nach ſeinen Krümmungen uns etwa vier Meilen vom Meere entfernte. Meine erſten Eindrücke von der Gleichheit der Dinge gewann ich an einem ſehr kalten Nachmittage gegen Abend. Da wurde es mir zur vollen Gewißheit, daß der mit Neſſeln überzogene Platz der Gottesacker war, daß Philipp Pirrip in dieſem Kirchſpiele und Georgiana, des Obigen Frau, todt und begraben waren, daß Alexander, Bartholomäus, Abraham, Tobias und Roger, der Beſagten Kinder, todt und begraben waren, daß die von Deichen, Hügeln und Thoren durchſchnittene dunkle und wilde Fläche über den Gottesacker hinaus, wo hie und da einiges Vieh weidete, die Marſch war, daß die weiter hin ſich ziehende niedrige Linie der Fluß war, daß das ferne Ufer, woher der Wind ſtrömte, die See war und daß das kleine Bündel von Gliederchen, welches ſich vor alle dem fürchtete und ſchon zu weinen anfangen wollte, Pip war. „Mach' doch nicht ſo viel Lärmen!“ ſchrie eine furcht⸗ bare Stimme, und ein Mann ſprang in der Nähe der Kirchenthüre zwiſchen den Gräbern auf.„Sei ſtill, kleiner Teufel, oder ich ſchneide Dir die Kehle ab!“ Es war ein furchtbarer Mann in grobem grauem Ge⸗ wand, mit Eiſen am Beine, ohne Hut, mit zerriſſenen Schuhen, einen alten Lumpen um den Kopf gebunden. Er 4 3 war durchs Waſſer gezogen, in Koth erſtickt, von Steinen gelähmt, von Kieſeln geſchnitten, von Neſſeln geſtochen, von Dornen zerriſſen; er hinkte, zitterte, ſchaute wild um ſich und murrte, und wie er mich am Kinn ergriff, Klop⸗ erten ihm die Zubne im Munde. „Ach, ſchneiden Sie mir nicht die Kehle ab!“ bat ich erſchrocken.„Bitte, thun Sies nicht.“ „Wie heißeſt Du?“ frug der Mann;„ſchnell.“ „Pip, mein Herr.“ „Noch einmal,“ ſagte der Mann und ſtarrte mich an. „Sprich deutl ich!“ „Pip, Pip, mein Herr!“ „Wo wohnſt Du denn? Zeige mir den Platz.“ Ich wies auf unſer Dorf hin, auf der flachen Strecke eine Stunde von der Kirche, zwiſchen Erlen und abgeſtutzten Bäumen. Der Mann ſah mich noch einmal an, drehte mich um und leerte meine Taſchen aus. Ich hatte nichts darin als ein Stück Brot. Als die Kirche wieder gerade ſtand(denn er hatte ſolche Kraft, daß er mich kopfüber gedreht hatte, ſo daß ich den Kirchthurm zwiſchen meinen Beinen erblickte), ſaß ich auf einem hohen Grabſteine und zitterte, indeß er das Brot gierig verſchlang. „Du junger Hund haſt wahrhaftig fette Backen,“ ſagte er und leckte ſich die Lippen. Sie mochten wohl fett ſein, obſchon ich damals nicht kräftig und im Ganzen nur von unterſetzter Statur war. „Ich könnte ſie auffreſſen,“ ſagte er und drohte mir, „und ich hätte faſt Luſt dazu.“ Ich ſprach meine Hoffnung aus, daß er es nicht thun würde und hielt mich am Grabſteine feſt, auf den er mich 1* 4 geſetzt hatte, theils um mich zu ſtützen, theils um nicht zu weinen. „He, Du,“ rief er,„wo iſt Deine Mutter?“ „Da, mein Herr,“ erwiederte ich. Er ſprang auf, lief eine Weile voran, hielt dann ſtill und ſah ſich um. „Da iſt ſie,“ wiederholte ich ſchüchtern.„Auch Geor⸗ giana. Das iſt meine Mutter.“ „O!“ ſagte er und kam zurück.„Liegt da Dein Vater neben Deiner Mutter?“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte ich,„auch er, verſtorben in dieſem Kirchſpiel.“ „Ha!“ ſtieß er aus und ſann nach.„Bei wem lebſt Du falls Du gar am Leben gelaſſen wirſt, worüber ich noch nicht mit mir einig bin.“ „Bei meiner Schweſter, mein Herr— Frau Joſeph Gargery, Frau von Joſeph Gargery dem Grobſchmied mein Herr.“ „Grobſchmied, ſo“— ſagte er und ſah auf ſeine Beine. Nachdem er dieſe und mich eine Weile angeſehen, trat er näher an meinen Grabſtein, faßte mich an beiden Armen und ſchob mich ſo weit zurück, als er mich nur halten konnte, ſo daß er mich mächtig, und ich ihn ganz hülflos anblickte. „Gib acht,“ ſagte er.„Es handelt ſich um Dein Le⸗ ben. Weißt Du, was eine Feile iſt?“ „Ja, mein Herr.“ „Und Du weißt auch, was Lebensmittel ſind?“ „Ja, mein Herr.“ Nach jeder Frage rüttelte er mich ein wenig mehr, um 8 * mir das Gefühl der Hülfloſigkeit und der Gefahr ſo recht einzuflößen. „Du bringſt mir eine Feile.“ Er rüttelte mich.„Und Du bringſt mir Lebensmittel.“ Er rüttelte mich wieder. „Du bringſt mir Beides.“ Er rüttelte mich abermals. „Oder ich reiße Dir Herz und Leber aus.“ Und er rüttelte mich noch einmal. Ich war furchtbar erſchrocken und ſo ſchwindlich, daß ich ihn mit beiden Händen anfaßte und ſagte:„Wenn Sie die Güte haben wollten, mich aufrecht zu halten, ſo würde mir vielleicht nicht unwohl werden und ich könnte beſſer aufpaſſen.“ Er gab mir einen ſchrecklichen Stoß, als ob die Kirche über ihren eigenen Wetterhahn ſpränge, dann hielt er mich auf dem Steine hoch aufrecht und fuhr in folgender er⸗ ſchreckender Weiſe fort: „Morgen früh bringſt Du Feile und Lebensmittel. Du bringſt ſie da hinten nach der alten Batterie. Thuſt Du das und ſagſt Du kein Wort, machſt Du kein Zeichen, daß Du mich oder ſonſt irgend Jemand geſehen haſt, ſo ſollſt Du leben bleiben. Thuſt Du das nicht und handelſt Du anders als nach meinen Worten, gleichviel worin, ſo ſollen Dein Herz und Deine Leber herausgeriſſen, geröſtet und verzehrt werden. Ich bin nicht allein, wie Du viel⸗ leicht meinſt. Es iſt da noch ein junger Mann verſteckt, in Vergleich zu welchem ich ein Engel bin. Dieſer junge Mann hört, was ich ſage. Dieſer junge Mann hat eine eigenthümliche Manier, einen Knaben feſtzuhalten und deſſen Herz und Leber zu erlangen. Es iſt ein eitles Be⸗ mühen, ſich vor dieſem zu verbergen. Wenn ein Kind die Thüre verſchließt, warm im Bette liegt, ſich einhüllt, die Kleider über den Kopf zieht und ſich nun für geſichert hält, ſo ſchleicht ſich doch der junge Mann ein und ſchneidet es offen. Nur mit großer Mühe halte ich ihn jetzt zurück, daß er Dir kein Leides zufüge. Ich finde es ſchwer, dieſen jungen Mann von Deinen Eingeweiden zurückzuhalten. Was ſagſt Du nun?“ Ich ſagte, ich wollte ihm die Feile bringen, auch ſo viel Stücke Brot, als ich zu erhaſchen vermöchte, und am an⸗ dern Morgen ſolle er es in der Nähe der Batterie finden. „Sprich: Gott ſtrafe mich, wenn ich's nicht thue.“ Ich ſagte das und er ſetzte mich nieder. „Nun weißt Du, was Du verſprochen haſt, und denke an den jungen Mann und marſch nach Hauſe!“ ſagte er. „Gute Nacht!“ ſtotterte ich. „Hat ſich was!“ erwiederte er und ſah die kalte, naſſe Ebene an.„Ich wollt', ich wär' ein Froſch oder ein Aal!“ Er ſchlug die Arme über einander, als ob er ſich wär⸗ men und zuſammenhalten wolle, und hinkte dann hinter die niedrige Kirchenmauer. Wie ich ihn da gehen ſah, indem er ſich durch die Neſſeln auf den grünen Hügeln durchwand, kam er mir vor, als ob er den Todten aus dem Wege gehe, welche ihre Hände vorſichtig aus den Gräbern heraus⸗ ſtreckten, um ihn an den Beinen zu packen und hinunter⸗ zuziehen. Er ſprang über die niedrige Kirchenmauer wie ein Mann, deſſen Beine ſteif und eingeſchlafen waren, und dann ſah er ſich noch einmal nach mir um. Als ich dies merkte, drehte ich mein Geſicht nach Hauſe und fing tüchtig zu laufen an. Doch ſah ich mich auch noch einmal um und beobachtete ihn, wie er dem Fluſſe näher kam, wobei er ſich immer zu erwärmen ſuchte; er bahnte ſich den Weg mit ſeinen wunden Füßen zwiſchen den großen Steinen, die hier und da zwiſchen den Marſchen liegen, um darüber gehen zu können, wenn es ſtark geregnet hat oder die Fluth eingetreten iſt. Die Marſchen waren ein langer ſchwarzer Streif, als ich ihm nachſah, und der Fluß war ein eben ſo horizontaler Streif, wenn auch weder ſo breit noch ſo ſchwarz, und der Himmel war eine Reihe langer, drohender, rother Streifen mit dichten ſchwarzen vermengt. Am Rande des Fluſſes konnte ich nur noch eben zwei dunkle Gegenſtände erkennen, die in der Ausſicht gerade zu ſtehen ſchienen. Der eine war eine Baake, nach welcher die Matroſen ſteuerten(ſie glich einem Faß ohne Reifen auf einer Stange), ein häß⸗ liches Ding, wenn man es in der Nähe betrachtete; und der andre ein Galgen, mit einigen Ketten, die einmal einen Seeräuber gefeſſelt hatten. Der Mann hinkte darauf zu, als ob er der wiedergekommene Seeräuber wäre, der ſich dort wieder aufknüpfen wolle; als ich daran dachte, erſchrak ich ſehr, und da das Vieh die Köpfe hob, um ihm nachzu⸗ ſehen, ſchien es mir, als ob es eben ſo denke. Ich ſah mich nach dem ſchrecklichen jungen Manne um, konnte ihn aber nirgendwo entdecken. Allein die Angſt ergriff mich wieder und ich rannte ſchnurſtracks nach Hauſe. Zweites Kapitel. Meine Schweſter, Frau Joſeph Gargery, war über zwanzig Jahre älter als ich, und ſtand bei ihren Nachbarn und bei ſich ſelbſt in hoher Geltung, weil ſie mich mit der Flaſche groß gemacht hatte. Meine Sthörſe ſah nicht beſonders angenehm aus und es war mir, als ob ſie ſich ihren Mann mit Gewalt verſchafft hätte. Joſeph hatte flachsgelockte Haare an ſeinem glatten Geſichte, und Augen von einem ſo ungewiſſen Blau, daß man faſt annehmen konnte, ſie wären in ihrem eigenen Augapfel zerronnen. Er war ein milder, gutmüthiger, närriſcher, braver Menſch, eine Art von Herkules in der Kraft wie in der Schwäche. Meine Schweſter, Frau Joſeph, mit ſchwarzem Haar und ſchwarzen Augen, hatte ein ſo rothes Geſicht, daß es mir mitunter vorgekommen war, ſie waſche ſich gar nicht mit Seife, ſondern mit einem Muskatnußreiber. Sie war ſchlank, knochig, und trug immer eine grobe Schürze, die hinten mit zwei Schleifen befeſtigt war, vorn mit einer gewaltigen Taſche, in welcher ſich ſehr viele Nadeln befan⸗ den. Sie rühmte ſich eben ſo ſehr, als ſie den Joſeph tadelte, daß ſie dieſe Schürze ſo viel tragen müßte. Ich weiß nicht, weshalb ſie die Schürze überhaupt trug, und 9 ebenſowenig, warum ſie ſie nicht, ſo oft als ſie wollte, ablegen mochte. Joſeph's Schmiede lag neben unſerm hölzernen Hauſe, wie es damals noch viele Häuſer waren, ja zu jener Zeit faſt die meiſten. Als ich vom Kirchhofe nach Hauſe ge⸗ kommen, war die Schmiede zu und Joſeph ſaß allein in der Küche. Da wir Leidensgenoſſen waren und einander mancherlei zu vertrauen hatten, ſo hatte er mir gleich etwas zu ſagen, als ich die Thürklinke aufhob und ihn an⸗ ſah, wie er da gegenüber am Kaminwinkel ſaß. „Frau Joſeph iſt wohl ſchon zwölfmal fort geweſen, um Dich aufzuſuchen. Und ſie iſt jetzt wieder fort.“ „Wirklich?“ „Ja, Pip,“ ſagte Joſeph,„und was noch ſchlimmer, ſie hat den Stock mitgenommen.“ Bei dieſer Schreckensmeldung drehte ich mir den ein⸗ zigen Knopf ab, den ich noch an meiner Jacke hatte, und ſah verzweifelt ins Feuer. Der Stock war ſchon ſehr oft mit meinem Körper in Berührung gekommen, ſodaß ſeine gewichſte Spitze abgeglättet war. „Sie ſetzte ſich nieder,“ ſagte Joſeph,„und ſtand dann wieder auf und ergriff den Stock und ſtürzte fort. Das that ſie,“ ſagte Joſeph, indem er das Feuer zwiſchen den niedrigeren Stangen langſam wegſchob und es anſah,„ſie ſtürzte fort, Pip.“ „Iſt ſie ſchon lange fort, Joſeph?“ Ich behandelte ihn immer wie ein größeres Kind und durchaus als meines Gleichen. Joſeph ſah nach der Hausuhr und ſagte:„Sie iſt jetzt ungefähr fünf Minuten fort. Horch! da kommt ſie. Stecke 10 * Dich hinter die Thüre, alter Junge, und halte das Hand⸗ tuch vor.“ Ich folgte ſeinem Rathe. Meine Schweſter, Frau Joſeph, warf die Thüre weit offen, und da darin ein Hin⸗ derniß vorkam, ſo errieth ſie gleich deſſen Urſache und ließ den Stock weiter unterſuchen. Endlich warf ſie mich— da ich oft ein eheliches Wurfgeſchoß war— auf Joſeph zu, der ſich freute, in irgend einer Weiſe meiner habhaft zu werden, er ſchob mich hinter den Kamin und ſchützte mich da mit ſeimem großen Beine. „Wo biſt Du geweſen, Du junger Affe?“ ſchrie Frau Joſeph und ſtampfte mit dem Fuße.„Sag mir gleich, was Du getrieben haſt, daß ich mich ſo ängſtigen und ab⸗ quälen üſte, fort mußt Du aus der Ecke heraus, und wenn Du 50 Pips und er 50 Gargerys wäre.“ „Ich bin auf dem Kirchhofe geweſen,“ ſagte ich, weinte und rieb mich. „Auf dem Kirchhofe?“ wiederholte meine Schweſter. „Ohne mich wärſt Du längſt auf den Kirchhof lonnnnen und da geblieben. Wer hat 2 groß gezogen? „Sie,“ ſagte ich. „Ich möchte wiſſen, wozu ich es gethan habe!“ rief meine Schweſter aus. „Ich weiß es nicht,“ rief ich weinerlich aus. „Ich weiß es auch nicht,“ ſagte meine Schweſter. Ich weiß nur, daß ich es nicht wieder thun würde. Ich darf es ſagen, ſeitdem Du geboren biſt, habe ich. dieſe Schürze nie⸗ mals abgelegt. Schlimm genug, die Frau eines Grob⸗ ſchmiedes ſein, noch dazu eines Gargery, ohne Deine Mutter zu ſein.“ — —— 11 Meine Gedanken ſchweiften, während ich betrübt ins Feuer ſah, von dieſer Frage ab. In den Kohlen tauchten vor mir der Flüchtling draußen auf der Marſch mit Eiſen am Beine auf, der geheimnißvolle junge Mann, die Feile und das Eſſen und das furchtbare Verſprechen, in dieſem Hauſe einen Diebſtahl zu begehen. „Ha!“ rief Frau Joſeph aus und ſtellte den Stock bei Seite.„Du kannſt wohl vom Kirchhofe reden; ihr Beide könnt wohl davon ſprechen.(Einer von uns hatte gar nichts geſagt.) Ihr bringt mich bald auf den Kirchhof und ohne mich ſeid ihr ein prächtiges Paar!“ Da ſie das Theegeſchirr zurecht ſtellte, ſah Joſeph mich übers Knie an, als ob er im Geiſte uns Beide abwäge und ſichs klar machen wolle, was denn aus uns werden ſollte, falls erwähntes Ereigniß einträte. Dann ſtrich er die Locke und den Schnurrbart, und ſah Frau Joſeph mit ſeinen blauen Augen nach, wie er in ſtürmiſcher Zeit ge⸗ wöhnlich zu thun pflegte. Meine Schweſter ſchnitt unſer Butterbrot immer in gleicher Weiſe zurecht. Erſt preßte ſie das Brot feſt gegen ihre Taſche, aus welcher zuweilen eine Steck⸗ oder Näh⸗ nadel hineindrang, die wir dann in den Mund bekamen. Dann nahm ſie etwas Butter(nicht zu viel) auf ein Meſſer und ſtrich ſie über das Brot, gerade ſo wie ein Apotheker ein Pflaſter ſtreicht, wobei ſie beide Seiten des Meſſers mit großer Geſchicklichkeit gebrauchte und die Butter rings⸗ um die Kruſte glatt machte. Dann ſtrich ſie das Meſſer noch einmal ſcharf an der Ecke des Pflaſters und ſägte ein ſehr dickes Stück ringsum ab, doch ſo, daß ſie es zuvor 12 in zwei Hälften hackte, von denen Joſeph die eine erhielt und ich die andere. Diesmal war ich ſehr hungrig, wagte aber nicht, mein Stück aufzueſſen. Ich mußte etwas für meinen ſchreck⸗ lichen Bekannten aufſparen, und der noch ſchrecklichere junge Mann, ſein Alliirter, ſollte auch etwas haben. Frau Joſeph war eine genaue Haushälterin und wenn ich noch ſo viel ſuchte, würde ich ſchwerlich etwas aufgefunden haben, und deshalb beſchloß ich, meinen Schnitt in die Hoſenbeine zu ſtecken. Dieſe Aufgabe war jedoch weit ſchwieriger als man hätte denken ſollen, es war gerade, als ob ich von einem Dache herunter oder in ein großes Waſſer hinein ſteigen ſollte. Der unkundige Joſeph er⸗ ſchwerte es noch mehr. In unſerer ſchon erwähnten Ver⸗ brüderung als Leidensgenoſſen und ſeiner gutmüthigen Bekanntſchaft war es zur Gewohnheit geworden, einen Vergleich anzuſtellen, wie wir durch die Schnitte durch⸗ biſſen, wobei wir im Stillen dieſelben dann und wann zu unſerer Verwunderung in die Höhe hielten— was uns dann zu neuen Anſtrengungen anreizte. Auch dieſen Abend forderte Joſeph mich mehrere Male auf, unſerem gewöhn⸗ lichen freundlichen Wetteifer nicht zu entſagen und zeigte mir ſeinen ſehr in der Abnahme begriffenen Schnitt, allein jedes Mal hielt ich meine gelbe Theeſchale auf dem einen und mein Butterbrot auf dem andern Knie. Endlich ſah ich ein, es müſſe doch einmal geſchehen und zwar ſo, daß es nicht allzu unwahrſcheinlich werde. Ich benutzte einen Augenblick, als Joſeph mich nicht mehr anſah, und ſteckte mein Butterbrot fort. Joſeph war offenbar über meinen Mangel an Appetit 13 beſorgt, und es ſchien als ob ihm das Stück, welches er eben abgebiſſen hatte, nicht beſonders munde, er warf es länger als gewöhnlich im Munde hin und her, dachte lange dabei nach und ſchluckte es endlich wie eine Pille herunter. Er wollte einen neuen Biß verſuchen und war gerade recht ernſtlich darauf verſeſſen, als er mich anſah und mein Butterbrot nicht mehr erblickte. Die Verwunderung, welche Joſeph bei einem ſolchen Anblicke äußerte, war zu auffällig, als daß ſie der Aufmerk⸗ ſamkeit meiner Schweſter hätte entgehen können. Sie ſetzte ihre Taſſe hin und frug:„Was iſt nun wie⸗ der geſchehen?“ „Ich ſage, Du mußt es wiſſen,“ murmelte Joſeph und ſchüttelte den Kopf.„Pip, alter Junge! Du thuſt Dir Schaden. Irgendwo bleibt es ſtecken, Du kannſt es nicht gekaut haben, Pip.“ „Was iſt denn nun wieder geſchehen?“ frug meine Schweſter noch ſchärfer zum zweiten Male. „Kannſt Du etwas aufhuſten, Pip, ſo thu es doch. „Gewohnheit iſt Gewohnheit, aber Deine Geſundheit iſt doch Deine Geſundheit.“ Meine Schweſter war nun in Verzweiflung, ſprang auf Joſeph, packte ihn an ſeinem Schnurrbart und ſchlug ſeinen Kopf an die Wand; ich ſaß unterdeſſen in der Ecke und ſah ſchuldbewußt zu. „Joſeph, wirſt Du endlich ſagen, was da los iſt,“ ſchrie meine Schweſter athemlos,„Du dickes Schwein!“ Joſeph ſah ſie kläglich an, machte einen verzweifelten Biß und ſah mich wieder an. „Du weißt, Pip(er ſprach mich ſo vertrauensvoll an, 14 als ob wir Beide allein wären) wir ſind immer Freunde und ich werde Dir nichts Böſes nachſagen. Aber ſolch' ein“— er bewegte ſeinen Stuhl und ſah auf den Boden und dann wieder auf mich—„ſolch' ein Schlucken iſt mir noch nicht vorgekommen!“. „Hat er ſein Brod heruntergeſchluckt?“ frug meine Schweſter. „Du weißt, alter Junge,“ wiederholte Joſeph und ſah nicht mich, ſondern ſeine Frau an.„Ich habe auch oft her⸗ untergeſchluckt, als ich Dein Alter hatte, und als Knabe habe ich es bei vielen anderen geſehen, aber ſolch' ein Schlu⸗ cken hab' ich noch niemals erlebt und Du kannſt Gott dan⸗ ken, Pip, daß Du Dich nicht todtgeſchluckt haſt.“ Meine Schweſter tauchte nach mir unter und ergriff mich an den Haaren, wobei ſie nichts weiter ſagte als: „Komm mit, Du ſollſt Deine Doſis haben.“ In jener Zeit hatte irgend ein dummer Arzt das Theer⸗ waſſer in die Mode gebracht und Frau Joſeph hatte immer einen Vorrath von dieſer prächtigen Medizin, da ſie der Meinung war, es habe beſondere Eigenſchaften, je ekelhaf⸗ ter es ſei. Zuweilen erhielt ich ſo viel von dieſem Elixir als einem koſtbaren Heilmittel, daß ich mitunter roch, als ob ich ein neuer Zaun geweſen wäre. In einem ſo ſchlim⸗ men Falle, wie an dieſem Abende, mußte ich ein Nößel davon verſchlucken und es wurde mir in die Kehle hinein⸗ gegoſſen, indeß Frau Joſeph mich unter ihrem Arme hielt, als ob ich ein Stiefel in einem Stiefelknecht wäre. Joſeph erhielt nur die Hälfte, mußte dieſe aber herunterſchlucken (indeß er langſam kaute und am Feuer nachdachte) weil er„Leibkrümmen gehabt habe.“ Nach meiner Anſicht hat — — 15 er gewiß, wenn auch nicht vorher, ſo doch nachher welches gehabt. Das Geviſſen iſt ſchlimm, wenn es einen Mann oder einen Knaben beſchuldigt, wenn aber bei einem Knaben dieſe geheime Laſt mit noch einer geheimen Laſt in ſeinen Bein⸗ kleidern verbunden iſt, ſo iſt es eine große Strafe. Das ſchuldvolle Bewußtſein, Frau Joſeph zu beſtehlen, denn an Joſeph dachte ich gar nicht, von dem ich niemals ange⸗ nommen hatte, daß ihm etwas im Hauſe gehöre, und die Nothwendigkeit meine Hand an das Butterbrot zu legen, wie ich daſaß oder wenn ich in der Küche etwas beſorgen ſollte, nahm mir faſt die Beſinnung. Da die Marſchwinde das Feuer hin und her flackern ließen, kam es mir mitun⸗ ter vor, als ob der Mann mit dem Eiſen am Beine, der mir Verſchwiegenheit anbefohlen, hineinriefe, ich ſolle gleich kommen, er könne nicht bis morgen hungern. Dann dachte ich wieder wie es würde, wenn der mit Mühe zurückgehal tene junge Mann plötzlich ſeine Ungeduld empfände, ſich in der Zeit irrte und ſchon in der Nacht Herz und Leber mir ausſchnitte! Mein Haar ſtand vor Schrecken in die Höhe. Es war Weihnachtsabend und ich ſollte den Pudding für den andern Tag von 7 bis 8 Uhr nach der Hausuhr mit einem Kupferſtabe rühren. Ich verſuchte es mit der Laſt auf meinem Beine(und dachte dabei an die Laſt des Man⸗ nes auf den ſeinigen) und fand es ganz unmöglich, das Butterbrot noch länger bei mir zu behalten, bis es mir endlich gelang in mein Dachkämmerchen zu kommen, um dieſen Theil meines böſen Gewiſſens abzulegen. Nachdem ich gerührt hatte, wärmte ich noch am Kamin, 16 ehe ich zu Bette geſchickt wurde.„Horch,“ rief ich auf ein⸗ mal:„iſt das die große Kanone?“ „Aha,“ ſagte Joſeph,„da iſt wieder ein Sträfling ent⸗ flohen.“ „Was bedeutet das, Joſeph?“ frug ich. Frau Joſeph übernahm immer ſolche Erklärungen und ſagte:„Entwiſcht. Entwiſcht.“ Es war gerade als ob ſie einem Theerwaſſer eingäbe. Sie ſaß über ihrer Näherei beſchäftigt und ich zog mei⸗ nen Mund zu der Frage:„Was iſt ein Sträfling?“ Joſeph zog aber den ſeinigen zu einer Antwort, von der ich nichts verſtand als das einzige Wort:„Pip.“ „Ein Sträfling,“ ſagte Joſeph laut,„iſt nach Sonnen⸗ untergang entflohen. Sie gaben Signalſchüſſe. Jetzt ſcheinen ſie wegen eines zweiten zu feuern.“ „Wer feuert?“ frug ich. „Hol der Henker den Jungen,“ ſagte meine Schweſter und ſah mich mürriſch an,„was der immer fragen mag. Mache keine Fragen und man ſagt Dir keine Lügen.“ Sie machte ſich ſelbſt kein Compliment, da ſie ſagte, es würden Lügen von ihr ausgehen, ſobald ich Fragen an ſie richtete. Allein wenn keine Geſellſchaft da war, machte ſie niemals Complimente. Joſeph ſchnitt während der Zeit ein Geſicht, das mich ſehr neugierig machte, da er ſeinen Mund ſehr weit öffnete und ein Wort auszudrücken verſuchte, was ich als„Be⸗ lehren“ deutete. Ich wies auf Frau Joſeph hin und ließ das Wort„ſie?“ ſichtbar werden. Allein Joſeph wollte nichts davon wiſſen und öffnete den Mund noch —— — 83 17 weiter, um das Wort gleichſam herauszuſchütteln, was mir jedoch die Sache nicht verſtändlicher machte. „Frau Joſeph,“ ſagte ich endlich, um klug daraus zu werden,„ich möchte wohl wiſſen, wenn es Ihnen genehm iſt, woher gefeuert wird?“ „Gott ſtärke den Jungen!“ rief ſie aus, aber ſo, als ob ſie grade das Gegentheil meine.„Sie feuern von den Galeeren.“ „O!“ ſagte ich und ſah Joſeph an:„Galeeren!“ Joſeph huſtete, als ob er mir ſagen wollte:„das hab' ich ja auch ſchon geſagt.“ „Und was ſind denn Galeeren?“ frug ich weiter. „So iſt es immer bei dem Jungen,“ rief meine Schwe⸗ ſter aus und wies mit der Nadel auf mich hin:„auf eine Frage macht er gleich noch ein Dutzend. Galeeren ſind Gefangenſchiffe, gerade hinter den Marſchen.“ „Wer wird denn in Gefangenſchiffe geſteckt und wes⸗ halb bringt man welche dahin?“ ſagte ich ſo vor mich hin. Das war zu viel für Frau Joſeph, die gleich aufſtand. „Ich will Dir was ſagen, ich habe Dich nicht großgezogen, um anderer Leute Leben auszukundſchaften. Das wäre kein Recht, ſondern ſehr unrecht von mir geweſen. Man bringt Leute auf die Galeeren, weil ſie morden, ſtehlen, falſchmünzen und alle möglichen Schlechtigkeiten begehen, und ſie fangen damit an, Fragen zu ſtellen. Nun geh' zu Bette!“ Ich durfte niemals mit Licht zu Bette gehen und wie ich ſo im Dunklen die Treppe beſtieg, indeß mein Kopf ſummte, weil der Fingerhut meiner Schweſter zur Beglei⸗ tund ihrer letzten Worte Tambourin darauf geſpielt hatte, arles Dickens, Große Erwartungen. I. 18 kam es mir deutlich vor, als ob ich wirklich zu den Galee⸗ ren ginge. Ich hatte ſchon Fragen gemacht und wollte überdies Frau Joſeph berauben. Dieſe Zeit liegt jetzt ſehr weit von mir ab. Wenige wiſſen wie verſchwiegen junge Menſchen ſein können, wenn ſie eingeſchreckt ſind. Wie unvernünftig auch dieſer Schrek⸗ ken ſein möge, wenn er nur da iſt. Ich zitterte vor dem jungen Manne, der mir Herz und Leber nehmen wollte, vor dem alten Manne mit dem Eiſen am Beine, vor mir ſelbſt, der ein ſchreckliches Verſprechen geleiſtet hatte. Meine allmächtige Schweſter ſtieß mich immer zurück und hätte mir nicht geholfen— ich weiß nicht was ich erforderlichen Falls unter dem Einfluſſe meines Schreckens gethan haben würde. Wenn ich dieſe Nacht wirklich geſchlafen, ſo war es nur um im Traume ſtromabwärts nach den Galeeren getrieben zu werden; ein geſpenſtiſcher Seeräuber rief mir durch ein Sprachrohr bei dem Galgen zu, ich ſollte lieber gleich ans Land kommen und mich aufhängen laſſen. Doch es kam nicht viel zum Schlafen, da ich ſehr wohl wußte, ich müſſe mit dem erſten Sonnenſtrahl mich fort ſchleichen und die Speiſekammer beſtehlen. In der Nacht konnte ich das nicht, weil man damals noch keine Feuerzeuge mit Reibung hatte, ich hätte mit Stahl anſchlagen müſſen und mehr Ge⸗ räuſch gemacht, als der Seeräuber mit ſeinen Ketten. Sobald die große ſchwarze Decke außerhalb meines Fenſterchens zu ergrauen anfing, ſtand ich auf und ging die Treppe hinunter; jedes Brett auf meinem Wege und jede Ritze in jedem Brett ſchrie mir nach:„Halt den Dieb feſt!“ und„Stehen Sie auf, Frau Joſeph!“ In der Speiſekam⸗ mer, die nach der Jahreszeit weit beſſer als gewöhnlich ver⸗ 19 ſorgt war, erſchreckte mich beſonders ein an den Beinen auf⸗ gehangener Haſe, der mir, als ich mich halb umgekehrt hatte, zuzuwinken ſchien. Ich hatte keine Zeit zur Unter⸗ ſuchung, keine Zeit zur Auswahl, keine Zeit für irgend etwas, denn ich hatte keine Zeit zu verlieren. Ich ſteckte etwas Brot, einige Käſerinden, eine halbe Schüſſel mit Ragout(das ich mit dem Brot vom vorigen Abend in mein Taſchentuch band), etwas Branntwein aus einer Stein⸗ flaſche(ich goß ihn in eine Glasflaſche, die ich insgeheim gebraucht hatte, um oben in meinem Zimmer das berau⸗ ſchende Getränk, ſpaniſches Lakrizwaſſer, zu machen, wo⸗ bei ich die Steinflaſche aus einem Napfe in der Küche wäſ⸗ ſerte), ferner einen Bratenknochen mit ſehr wenig daran und eine ſchöne feſte runde Schweinspaſtete ein. Ich wäre faſt ohne die Paſtete fortgegangen, allein ich gerieth in Verſuchung aufzuſteigen, um nachzuſehen, was in einem verdeckten irdenen Topfe ſo ſorgfältig verborgen wäre und da ich die Paſtete ſah, nahm ich ſie, weil ich nicht dachte, daß ſie ſobald gegeſſen werden ſollte. Eine Thür in der Küche war in Verbindung mit der Schmiede, ich ſchloß und riegelte ſie auf und nahm eine Feile aus Joſeph's Geräthſchaften. Dann machte ich wieder alles feſt zu, öffnete die Thür, durch die ich geſtern Abend nach Hauſe gekommen war, ſchloß ſie wieder und lief nach den neblichten Marſchen. — Drittes Kapitel. Es hatte am Morgen ſtark gereift und es war ſehr nebelig. Ich hatte den Nebel außerhalb meines Fenſter⸗ chens geſehen, als ob ein Kobold dort die ganze Nacht ge⸗ weint und das Fenſter als Taſchentuch gebraucht hätte. Jetzt ſah ich den Nebel auf den nackten Hecken und dem mageren Graſe wie eine gröbere Art von Spinnwebe lie⸗ gen; er hing von einem Zweig zum andern, von einem Halm zum andern. An jedem Dorn lag eine ſchleimige Näſſe, und der Marſchnebel war ſo dicht, daß der hölzerne Finger am Wegzeiger, der nach unſerm Dorfe hinwies,(worauf man niemals achtete, da Niemand hinging) gänzlich un⸗ ſichtbar war, bis ich vor ihm ſtand. Wie ich ihn anſah und er triefte, ſchien er meinem gedrückten Gewiſſen eine Erſcheinung zu ſein, die mich den Galeeren auslieferte. Noch ſtärker lag der Nebel auf den Marſchen ſelbſt, ſo daß alles an mir vorüber zu laufen ſchien, nicht umgekehrt. Ein ſchuldiges Gemüth mußte ſich dadurch ſehr belaſtet fühlen. Die Thore, Deiche und Ufer ſprangen mir durch den Nebel entgegen, als ob ſie laut ſchreien wollten: „Halt an den Dieb! Da iſt ein Junge mit Jemand an⸗ ders Schweinepaſtete!“ Eben ſo plötzlich kam das Vieh auf mich zu, riß ſeine Augen auf, und dampfte aus den — 1— Naslöchern:„Heda, junger Dieb!“ Ein ſchwarzer Ochſe, mit einer weißen Halsbinde, der für mein waches Gewiſ⸗ ſen eine Art von geiſtlichem Ausſehen hatte, ſah mich ſo hartnäckig mit ſeinen Augen an, und ſchüttelte ſeinen Kopf in einer ſo ſehr anklagenden Weiſe, als ich um ihn herum⸗ lief, daß ich ſogar ſchrie:„Ich konnts nicht helfen! Ich habs nicht für mich gethan!“ Darauf ſtreckte er den Kopf, blies eine Dampfwolke aus ſeiner Naſe, und verſchwand, indem er mit den Hinterfüßen ausſchlug und den Schwanz ſchwenkte. Ich kam dem Fluſſe immer näher, allein ſo ſehr ich eilte, ſo konnte ich doch meine Füße nicht wärmen, da die Kälte ſich daran feſtgehangen zu haben ſchien, ſo feſt wie das Eiſen am Beine des Mannes, zu dem ich hinlief. Ich kannte den geraden Weg zur Batterie, denn ich war eines Sonntags mit Joſeph dageweſen, und Joſeph hatte mir, in⸗ deß er auf einer alten Kanone ſaß, erzählt, wenn ich erſt ſein Lehrburſche geworden, ſo würden wir manchen Spaß zuſammen treiben. Doch im Nebel kam ich zu weit rechts und mußte nun am Ufer entlang zurückgehen, auf den loſen Steinen über dem Kothe und den Brettern, welche die Fluth abſteckten. Ich ſuchte ſo raſch als möglich voran zu kommen, und ſprang über einen Graben in der Nähe der Batterie, von wo ich den Hügel hinaufeilte, als ich den Mann vor nir ſitzen ſah. Er kehrte mir den Rücken zu und hatte die Arme übereinandergeſchlagen; dazu nickte der Kopf vorwärts, als läge er im ſchweren Schlafe. Ich dachte mir, es würde ihm Vergnügen machen, wenn ich ganz unerwartet mit ſeinem Frühſtück zu ihm käme, ich ſchlich mich alſo heran und berührte ihn an der 22 Schulter. Er ſprang gleich auf und es war nicht derſelbe, ſondern ein andrer Mann. Aber auch dieſer trug ein grobes graues Gewand, hatte ein großes Eiſen am Beine, war lahm, heiſer und kalt, und alles was der Andere war, nur hatte er nicht daſſelbe Geſicht und trug einen platten Hut mit breitem Rande. Ich ſah das alles in einem Augenblicke, denn längere Zeit hatte ich nicht: er fluchte, warf mir ein Steinchen nach, was ihn ſehr angriff und mich nicht traf, dann liefrer in den Nebel hinein und ich ſah ihn nicht mehr. „Das iſt der junge Mann!“ dachte ich und mein Herz pochte laut. Ich hätte wohl auch Schmerzen in der Leber gefühlt, allein ich wußte nicht wo ſie lag. Bald darauf war ich bei der Batterie, da war der rechte Mann, der ſich ſelbſt zu wärmen ſuchte und hin und her ſprang, als ob er die ganze Nacht nichts anderes ge⸗ than hätte, und auf mich wartete. Er war allerdings ſchreck⸗ lich kalt— ich erwartete, er würde vor Kälte vor mir niederfallen und ſterben. Dabei zeigte ſich ein ſolcher Hun⸗ ger in ſeinem Augen, daß ich, als ich ihm die Feile gab, faſt erwartete, er würde in ſie hineinbeißen, doch ſah er mein Bündel und rüttelte mich diesmal nicht, ſondern ließ mich gerade ſtehen, bis ich das Bündel geöffnet und die Taſchen geleert hatte. „Was iſt in der Flaſche, Junge?“ eagic ev. „Branntwein“, ſagte ich. Den Ragout würgte er in ſehr abſonderlicher Art die Kehle hinunter, mehr wie Jemand, der etwas eiligſt fort⸗ ſchafft, als der etwas ißt— doch hielt er inne um zu trin⸗ ken. Dabei zitterte er ſo gewaltig, daß er nur mit Mühe 23 den Hals der Flaſche zwiſchen den Zähnen feſthalten konnte, anſtatt ihn abzubeißen. „Sie haben wohl das Fieber?“ frug ich. „Es kommt mir auch ſo vor, Junge,“ ſagte er. „Es iſt hier ſehr ungeſund,“ erzählte ich ihm.„Sie haben auf den Marſchen geſchlafen und dieſe machen ſehr viel Fieber. Auch Erkältung.“ „Ich will mein Frühſtück verzehren,“ ſagte er,„bevor ſie mich umbringen.„Ich würde es, und wenn man mich gleich darauf auf den Galgen da drüben aufknüpfte. So will ich erſt das Zittern überwinden, das ſag' ich Dir.“ Er verſchluckte Ragout, Bratenknochen, Brot, Käſe und Schweinepaſtete, alles auf einmal, dabei ſtarrte er mißtrauiſch in den Nebel und horchte mitunter auf, ſo daß er ſogar einigemale das Eſſen einſtellte. Das leiſeſte Ge⸗ räuſch, das Athemholen des Viehs auf der Marſch, ein Ton am Ufer ſetzte ihn in Angſt und er ſagte plötzlich: „Du biſt doch kein Betrüger? Es iſt Niemand mit Dir gekommen?“ „Nein, mein Herr, nein!“ „Du haſt Niemand beauftragt Dir zu folgen?“ „Nein!“ „Gut,“ ſagte er,„ich glaube Dir. Du müßteſt auch ein wilder Hund ſein, wenn Du einen armſeligen Wurm aufjagen wollteſt, der dem Tod und dem Miſthaufen nahe iſt.“ Es bewegte ſich etwas in ſeiner Kehle, als ob er ein Uhrwerk darin hätte, welches ſchlagen wollte, und er wiſchte ſeinen zerriſſenen Aermel übers Auge. Da ich ſeine Noth bedauerte und ihn anſah, wie er ſich allmälig mit der Schweinepaſtete allein beſchäftigte, wagte ich zu ihm zu ſagen: „Mich freut es, daß ſie Ihnen gut ſchmeckt.“ „Wie ſagſt Du?“ „Ich ſagte, es freut mich, daß ſie Ihnen gut ſchm eckt.“ „Ich danke Dir, mein Junge. Sie ſchmeckt mir auchgut.“ Ich hatte oft zugeſehen, wie unſer großer Hund ſein Futter aß und fand jetzt eine große Aehnlichkeit zwiſchen dieſem Manne und jenem Hunde. Der Mann biß gerade ſo ſcharf und plötzlich ein, wie der Hund. Er verſchluckte jeden Biſſen zu ſchnell und zu bald und ſah ſich dabei nach allen Seiten um, als ob Gefahr irgendwo lauerte, als ob man ihm die Paſtete wegnehmen wolle. Er war zu unruhig im Gemüthe, als daß er ſie hätte genießen können, kurz, er war in allen Dingen ſehr dem Hunde gleich. „Sie werden ihm wohl nichts übrig laſſen,“ ſagte ich ſchüchtern, nachdem ich eine Zeit lang geſchwiegen, weil ich nicht wußte, ob meine Bemerkung höflich ſein würde. „Von der Seite, woher dies gekommen iſt, läßt ſich nichts mehr erwarten.“ Da ich das gewiß wußte, ſo gab ich den Wink. „Für wen zurücklaſſen? Wer iſt das?“ ſagte mein Freund und hörte auf, die Paſtetenkruſte zu kauen. „Der junge Mann, von dem Sie geſagt haben, der bei Ihnen verborgen liegt.“ „O ja,“ erwiederte er und ließ ein mürriſches Lachen vernehmen.„Er? Ja, ja! Er hat kein Eſſen nöthig.“ „Ich meinte er ſah doch hungrig aus.“ Der Mann hörte auf zu eſſen und ſah mich eben ſo ſcharf als überraſcht an. 25 „Wann ſah er ſo aus?“ „Eben jetzt.“ „Wo?“ „Da unten,“ ſagte ich,„wo ich ihn ſchlafen fand und ihn für Sie hielt.“ Er ergriff mich am Kragen und ſah mich ſo ſcharf an, daß ich zu befürchten anfing, er würde mir die Kehle ab⸗ ſchneiden wollen. „Gerade ſo angezogen wie Sie, nur mit einem Hute,“ ſagte ich ängſtlich, und— und(ich ſuchte das ſehr vor⸗ ſichtig zu ſagen)„er hatte dieſelbe Urſache eine Feile zu ver⸗ langen. Haben Sie nicht geſtern Abend feuern gehört?“ „Alſo es wurde wirklich gefeuert,“ ſagte er vor ſich hin. „Mich wundert es, daß Sie es nicht gehört haben,“ antwortete ich,„denn wir hörten es zu Hauſe und das liegt weiter ab und wir waren eingeſchloſſen. „Ja, ſiehſt Du?“ ſagte er,„wenn ein Menſch auf dieſen Flächen allein iſt, mit leerem Kopfe und leerem Magen und vor Kälte und Noth faſt umkommt, ſo hört er nichts als Kanonen, die feuern, und Menſchen, die rufen. Hört? Er ſieht die Soldaten mit rothen Röcken, auf welche das Licht der Fackeln fällt, wie ſie ihn umringen. Er hört ſeine Nummer gerufen, hört wie man ihn anruft, wie die Flin⸗ ten raſſeln, wie befohlen wird:„Ans Gewehr! Präſentirt! „Deckt ihn feſt zu!“ wie man ihn dann anfaßt und— es iſt doch am Ende nichts. Ich habe eine Verfolgerſchaar Abends geſehen und wie ſie regelmäßig vorbeiritt, trab, trab, der Henker hole ſie— gleich ſah ich hundert. Und das Feuern? Ich ſah den Nebel durch die Kanonen er⸗ ſchüttert, und es war doch ſchon heller Tag. Aber dieſer 26 Mann(er hatte das alles geſagt, als ob er meine An- weſenheit vergeſſen hätte) ſahſt Du etwas an ihm?“ „Er hatte ein ſehr beſchädigtes Geſicht,“ ſagte ich und wußte mehr als ich mir gedacht hätte. „Etwa hier?“ rief er und ſchlug ſich mit der flachen Hand ſcharf auf die linke Backe. „Ja! da!“ „Wo iſt er?“ Die Speiſen, die er noch hatte, ſteckte er in die linke Taſche ſeiner grauen Jacke.„Wohin iſt er gegangen? Ich will ihn niederſchlagen, wie ein Bluthund. Der Henker hole das Eiſen an meinen wunden Beinen! Gib mir die Feile her!“ Ich zeigte ihm in welcher Richtung der Nebel den an⸗ dern Mann verborgen hatte und er ſah einen Augenblick auf, doch warf er ſich gleich ins naſſe Gras und feilte wie toll an ſeinem Eiſen, ohne ſich um mich oder um ſein Bein zu kümmern, ſo ſehr es auch blutete und ent⸗ zündet ſchien, was ihn aber ſo wenig rührte, daß er es gerade ſo hart behandelte, als ob es eine Feile wäre. Ich fürchtete ihn ſehr, da er ſich in ſeine wilde Haſt hineingearbeitet hatte und mein Ausbleiben aus dem Hauſe ſchreckte mich nicht minder. Ich ſagte ihm, daß ich fort müſſe, allein er kümmerte ſich nicht darum und ich hielt es für klug davonzulaufen. Zuletzt ſah ich ihn den Kopf über ſeine Ketten legen und eifrig feilen; dabei murmelte er ungeduldige Flüche über dieſe und ſein Bein. Ich hörte noch einmal nach ihm hin, wie ich ſo im Nebel ſtand und er feilte noch immer. Diertes Kapitel. Ich erwartete einen Konſtabler in der Küche zu finden, der mich verhaftete. Allein es war kein Konſtabler da und man hatte meinen Diebſtahl noch nicht entdeckt. Frau Joſeph brachte das Haus wegen des Weihnachtsfeſtes in Ordnung und ihr Mann mußte auf der Küchenthürſchwelle ſtehen, um ſich vor dem Kehrichtkorbzu ſichern, in den er übri⸗ gens doch jedesmal gerieth, wenn es meiner Schweſter gefiel, den Boden ihrer Niederlaſſung gründlich zu ſäubern. „Und wo biſt Du denn geweſen?“ war der Weihnachts⸗ gruß der Frau Joſeph, als ich mich mit meinem Gewiſſen zeigte. Ich ſagte, ich wäre fortgegangen um die Weihnachts⸗ lieder zu hören.„Das iſt gut,“ bemerkte ſie.„Du hätteſt was Schlimmeres thun können.“(SIch dachte bei mir, ſie habe ſehr recht.) „Wär' ich nicht die Frau eines Grobſchmiedes und was daſſelbe iſt, eine Sklavin, die ihre Schürze niemals ablegt, ſo würde ich die Lieder gehört haben. Ich höre ſie ſehr gern, und das iſt Grund genug, daß ich ſie nie zu hören bekomme.“ Joſeph, der ſich hinter mir in die Küche gewagt, nachdem der Kehrichtkorb ſich vor uns zurückgezogen hatte, zog ſeine Hand über die Naſe, als ſie ihn anblickte und als 28 ſie wegſah, legte er ſeine beiden Vorderfinger kreuzweiſe übereinander und zeigte ſie mir als eine Andeutung, daß ſie ſehr übler Laune war. Dies war ſo oft der Fall, daß Joſeph und ich oft ganze Wochen lang unſere Finger über einander gekreuzt hatten, wie Kreuzfahrer auf Denkmälern ihre Beine. Wir ſollten ein köſtliches Mittagseſſen haben, ein Bein von Pöckelfleiſch mit Gemüſe und ein Paar geröſtete und gefüllte Vögel. Eine ſchöne Fleiſchpaſtete war geſtern morgen zubereitet worden, weshalb man das Ragout noch nicht vermißte und der Pudding war ſchon am Kochen. Dieſe vielſeitigen Beſchäftigungen entzogen uns in ſehr ſchroffer Weiſe unſer Frühſtück.„Ich habe keine Luſt,“ ſagte Frau Joſeph,„erſt förmlich aufzuſtellen und rein zu machen, da ich noch ſo viel zu thun habe.“ So erhielten wir unſere Schnitte Brot, als ob wir 2000 Mann wären, die einen Schnellmarſch übernehmen ſollten, nicht Mann und Sohn im Hauſe, und ſchlürf⸗ ten Waſſer und Milch aus einem Topfe auf der Commode. Frau Joſeph ſteckte unterdeſſen reine weiße Gardinen auf, und zog einen reinen geblümten Vorhang vor den Kamin anſtatt des alten, und öffnete das kleine Galazimmer, das ſonſt immer überzogen war; es brachte alle übrige Zeit in einer Hülle von Silberpapier zu, welche ſich ſogar auf die vier kleinen weißen Hunde auf dem Kaminſimſe er⸗ ſtreckte, von denen jeder eine ſchwarze Naſe und ein blaues Körbchen im Munde hatte und alle einander gleich waren. Frau Joſeph war eine ſehr reinliche Haushälterin, doch verſtand ſie es ſehr gut, ihre Reinlichkeit unbequemer und unbehaglicher zu machen, als es der Schmutz geweſen 29 wäre. Reinlichkeit und Religioſität ſtehen einander nahe, und manche betreiben beide in gleicher Weiſe. Meine Schweſter hatte ſo viel zu thun, daß ſie ſich in der Kirche vertreten laſſen mußte, das heißt Joſeph und ich konnten hingehen. In ſeinen Werkeltagskleidern war Joſeph ein kräftiger, gut ausſehender Grobſchmied, in Sonntagskleidern glich er allenfalls einer Vogelſcheuche in guten Umſtänden, alles was er anhatte, ſchien ihm nicht zu gehören und war ihm unbequem. Diesmal erſchien er wie ein Leidensbild, ſobald die Glocken fröhlich läuteten, in einem vollen Sonntagskoſtüm. Von mir kommt es mir vor, als ob meine Schweſter mich für einen jungen Sünder gehalten habe, den ein geburtshelfender Poliziſt aufgefangen und ihr überliefert hätte, damit ich der Ueber⸗ tretung der Geſetze gemäß beſtraft würde. Ich wurde immer behandelt, als ob ich allen Vorſchriften der Ver⸗ nunft, Religion und Moral zuwider geboren ſein wollte, gleichſam gegen die abmahnenden Rathſchläge meiner beſten Freunde. Wenn ich neue Kleider erhielt, mußte der Schnei⸗ der ſie wie eine Art von Beſſerungsmittel betrachten und mir niemals den freien Gebrauch meiner Glieder geſtatten. Joſeph und ich müſſen auf dem Wege zur Kirche für empfindſame Gemüther einen rührenden Anblick geboten haben. Allein meine äußeren Leiden waren nichts im Ver⸗ gleich zu den inneren. Die Schrecken, die mich ergriffen hatten, wenn Frau Joſeph in die Nähe der Speiſekammer gerathen oder das Zimmer verlaſſen hatte, waren ganz ſo groß, wie die Gewiſſensbiſſe, wenn ich im Geiſte die Tha⸗ ten meiner Hände überdachte. Unter der Laſt meines ſchlechten Geheimniſſes befürchtete ich, die Kirche ſelbſt ** 30 habe nicht Macht genug, mich vor der Rache des jungen Mannes zu ſchützen, wenn ich es derſelben anvertraute. Ich hatte mir vorgenommen, wenn die Aufgebote verleſen würden und der Geiſtliche ſage:„Ihr habt nun zu erklä⸗ ren...“, wolle ich aufſtehen und eine Privatbeſprechung in der Sakriſtei verlangen. Vielleicht würde ich unſere kleine Gemeine durch einen ſo außerordentlichen Schritt in Verwunderung geſetzt haben, allein es war Weihnachten und kein Sonntag. Herr Wopsle, der Küſter der Kirche, war bei uns ein⸗ geladen, ferner der Stellmacher, Herr Hubble mit ſeiner Frau und Onkel Pumblechook(Joſeph's Onkel, allein ſie nahm ihn in Anſpruch), ein vermögender Kornhändler in der nächſten Stadt, der ſeinen eigenen Wagen fuhr. Um halb zwei ſollte gegeſſen werden. Als wir nach Hauſe kamen, war der Tiſch gedeckt, Frau Joſeph ſchon in Ordnung, das Eſſen auch bald und die Hauptthüre(die ſonſt immer ver⸗ ſchloſſen war) offen, um die Geſellſchaft zu empfangen. Alles war glänzend, von Diebſtahl war keine Rede. Allmälig verfloß die Zeit, ohne daß ich mich beruhigt gefühlt hätte, und endlich erſchien die Geſellſchaft. Herr Wopsle beſaß außer einer römiſchen Naſe und einem kah⸗ len Vorderkopfe eine tiefe Stimme, auf die er ſich ſehr viel einbildete, es hieß, wenn er nur ſeinen Kopf habe, ſo könne er den Geiſtlichen halb todt leſen, und er ſelbſt behauptete, wenn die Kirche nicht mehr für gewiſſe Leute allein zugäng⸗ lich wäre, ſo würde er ſich ſehr in ihr auszeichnen. Die Kirche blieb ihm aber verſchloſſen und ſo war er unſer Küſter. Dafür hob er das Amen gewaltig hervor und wenn er den Pſalm angab(er ſprach immer einen ganzen 31 Vers), ſah er erſt die Gemeinde an, als ob er ſagen wolle: „Meinen Freund da oben habt ihr gehört, gebt nun eure Anſicht über meinen Vortrag!“ Ich öffnete der Geſellſchaft die Thüre, damit ſie an⸗ nehme, wir pflegten immer dieſe Thüre zu öffnen, und zwar zuerſt für Herrn Wopsle, dann für Herrn und Frau Hubble und zuletzt für Onkel Pumblechook. NB. Ich durfte ihn bei ſtrenger Strafe nicht Onkel nennen. „Frau Joſeph“, ſagte Onkel Pumblechook, ein großer, ſchwerathmender, mittelalterlicher, langſamer Mann, mit einem Munde wie ein Fiſch, glotzenden Augen und röth⸗ lichem Haar, das aufrecht ſtand, ſo daß er ausſah, als ob er eben dem Erſticken nahe geweſen wäre:„Ich habe Ihnen, als Weihnachtsangebinde— ich habe Ihnen eine Flaſche Xeres⸗Wein mitgebracht— und ich habe Ihnen, Madame, eine Flaſche Portwein mitgebracht.“ Jede Weihnachten brachte er als neueſte Neuigkeit die⸗ ſelben Worte vor und trug dabei beide Flaſchen wie Armausrenkungskugeln. Jede Weihnachten antwortete Frau Joſeph in demſelben Tone:„O! On—kel Pum—ble —chook! das iſt freundlich!“ Und jede Weihnachten erwi⸗ derte er wieder:„Es iſt nur Ihren Verdienſten angemeſ⸗ ſen. Und ſeid Ihr nun alle zugeſtutzt und wie viel iſt zwi⸗ ſchen einem Sechſer und einem halben Pfennig?“ wobei er mich fragend anſah. Wir ſpeiſten bei ſolchen Gelegenheiten in der Küche und verfügten uns für die Nüſſe, Orangen und Aepfel in das Beſuchzimmer, gerade ſo wie Joſeph's Werkeltagsklei⸗ der und Sonntagsputz gegeneinander abſtachen. Meine Schweſter war diesmal äußerſt lebhaft und überhaupt 32 in der Geſellſchaft von Frau Hubble weit gemüthlicher. Frau Hubble war, ſo weit ich mich erinnern kann, eine kleine ſcharfeckige Perſon in Himmelblau, die eine ziemlich jugendliche Stellung einnahm, weil ſie Herr Hubble vor ſehr langer Zeit geheirathet hatte, als ſie weit jünger als er war. Er war ein hochgeſchulterter, etwas krummer Mann, roch nach Sägeſtaub und bewegte ſich ſehr ſperr⸗ beinig, ſo daß, wenn er die Straße herkam, eine bedeutende Strecke Landſchaft zwiſchen ſeinen Beinen lag. Unter dieſer guten Geſellſchaft hätte ich mich unbehag⸗ lich gefühlt, ſelbſt wenn ich kein Dieb in der Speiſekammer geweſen wäre. Nicht weil ich an einer Spitze des Tiſch⸗ tuchs eingeklemmt und der Tiſch mir in die Bruſt geſcho⸗ ben war, indeß der Elbogen Pumblechook's meine Augen bedrohte, auch nicht, weil ich nicht ſprechen durfte(wozu ich gar keine Luſt hatte), ebenſowenig, weil man mir von den Vögeln die ſchuppigen Spitzen der Trommelſchlegel und vom Schweine diejenigen Ecken zu eſſen gab, auf welche das Thier bei Lebzeiten ſich nicht viel einzubilden hatte. Das wäre mir alles einerlei geweſen, allein ſie wollten mich nicht in Ruhe laſſen. Sie ſchienen die Unter⸗ haltung für mißrathen zu halten, wenn ſie nicht dann und wann auf mich ſtachelten, und dieſe moraliſchen Qualen waren ſo groß, als wenn ich ein unglückliches Oechslein in einer ſpaniſchen Rennbahn geworden wäre. Sobald wir uns zu Tiſche geſetzt hatten, fing es an. Herr Wopsle ſprach das Tiſchgebet mit theatraliſcher De⸗ elamation(ſo weit ich mich noch erinnern kann, war es eine religiöſe Querleſung von Hamlet's Geiſt und Richard dem Dritten) und ſchloß mit der paſſenden Bemerkung, 22 35 daß wir dankbar ſein ſollten. Hierauf ſah meine Schweſter mich an und ſagte in leiſem Tone des Vorwurfs:„Hörſt Du? Sei dankbar.“ „Namentlich,“ ſagte Pumblechook,„mußt Du gegen diejenigen dankbar ſein, die Dich großgezogen haben.“ Frau Hubble ſchüttelte den Kopf, als ob ſie die ſchmerz⸗ liche Ahnung habe, wie ſehr ich mißrathen würde. Sie frug:„Warum iſt die Jugend niemals dankbar?“ Dieſes ſittliche Myſterium ſchien zu viel für die Geſellſchaft, bis Herr Hubble es kurz enthüllte, indem er ſagte:„Von Na⸗ tur verdorben.“ Alle ſtimmten in ein„Sehr wahr“ ein und ſahen mich dabei ganz beſonders unangenehm an. Joſeph's Stellung und Einfluß waren etwas ſchwächer in Gegenwart von Geſellſchaft, allein er half mir und ſtand mir doch in irgend einer Weiſe bei; ſo that er es bei Tiſche, wenn Sauce da war. Diesmal gab es reichlich und Jo⸗ ſeph ſchüttete mir gleich eine gute Portion auf den Teller. Etwas ſpäter kritiſirte Wopsle die Predigt ziemlich ſtrenge und gab an— falls nämlich die Kirche ihm geöff⸗ net wäre— wie er gepredigt haben würde. Nachdem er einige Stücke ſeiner Rede mitgetheilt, bemerkte er, es ſei überhaupt der Text zum heutigen Tage übel gewählt, was man um ſo weniger entſchuldigen könne, als ſo viele Sub⸗ jecte„ſich umhertreiben“, wie er äußerte. „Das iſt wahr,“ ſagte Onkel Pumblechook.„Sie haben es getroffen! Sehr viele Subjecte treiben ſich umher, wenn einer nur verſteht, Salz auf den Schwanz zu ſtreuen. Das iſt unentbehrlich. Wenn ein Mann ſeine Salzbüchſe hat, ſo findet er Subjecte genug.“ Er dachte eine Weile nach und fügte dann hinzu:„Sehen Sie nur das Schweinefleiſch Charles Dickens, Große Erwartungen. I. — 34— an. Das iſt ein Subject! Wenn Ihnen ein Subject fehlt, ſo ſehen Sie nur aufs Schweinefleiſch.“ „Gewiß, mein Herr, gute Moral für die Jugend(ant⸗ wortete Herr Wopsle und ich wußte ſchon, daß es auf mich gemünzt war) ließe ſich daraus gewinnen.“ (Höre nur zu, ſagte meine Schweſter in einer ernſten Parentheſe.) Joſeph gab mir wieder etwas Sauce. „Schweine,“ fuhr Herr Wopsle mit ſeiner tiefſten Stimme fort, und zeigte mit der Gabel auf mein erröthen⸗ des Geſicht, als ob er meinen Taufnamen herſage; „Schweine waren in der Geſellſchaft des verlornen Soh⸗ nes. Die Gefräßigkeit der Schweine wird uns als ein Beiſpiel für die Jugend vorgeführt.(Dies ſchien mir ſehr hübſch von ihm, da er das Schweinefleiſch als fett und ſchmackhaft geprieſen hatte.) Was bei einem Schweine abſcheulich, iſt es noch mehr bei einem Knaben.“ „Oder Mädchen,“ fügte Herr Hubble hinzu. „Gewiß, oder Mädchen,“ bemerkte Herr Wopsle etwas ärgerlich,„aber es ſind keine Mädchen zugegen.“ „Uebrigens bedenke,“ ſo ſprach Herr Pumblechook zu mir,„wofür Du dankbar ſein mußt. Wärſt Du als Quietſcher geboren...“ „Er war einer, wenn jemals ein Kind es geweſen iſt,“ ſagte meine Schweſter mit großem Nachdrucke. Joſeph gab mir etwas mehr Sauce. „Ich meine einen vierfüßigen Quietſcher,“ ſagte Herr Pumblechook.„Waͤrſt Du als ſolcher geboren, wer wärſt Du jetzt? Nicht...“ „Oder in jener Form,“ ſagte Herr Wopsle und nickte auf das Gericht hin. „Ich meine nicht jene Form,“ entgegnete Herr Pum⸗ blechook, der nicht gern unterbrochen ſein mochte,„in Un⸗ terhaltung mit älteren und beſſeren Menſchen, um ſich durch dieſe zu vervollkommnen, und in dem Genuſſe der höchſten Vergnügungen zu ſchwelgen. Würde er das gethan haben? Gewiß nicht.„Und was würde Deine Beſtimmung geweſen ſein?“ wobei er mich wieder an⸗ redete.„Man hätte Dich für ſo und ſo viel Thaler, je nach dem Marktpreiſe des Artikels, verkauft, der Schlächter Dunſtable wäre zu uns gekommen, wie Du da auf dem Stroh lagſt, er würde Dich unter den linken Arm genom⸗ men und mit der Rechten ſeinen Rock aufgemacht haben, um ein Federmeſſer aus der Weſtentaſche zu nehmen und er hätte Dein Blut vergoſſen und Dich umgebracht, dann wärſt Du nicht großgezogen worden. Wahrhaftig nicht!“ Joſeph bot mir mehr Sauce an, die ich zu nehmen mich bedachte. „Er hat Ihnen viele Laſt gemacht, Madame,“ ſagte Frau Hubble, als ob ſie meine Schweſter bemitleide. „Laſt!“ wiederholte meine Schweſter,„Laſt!“ Und ſie begann ein ſchreckliches Verzeichniß aller Krankheiten, deren ich ſchuldig geweſen, aller Handlungen der Schlafloſigkeit, die ich ausgeübt, aller hohen Stellen, von denen ich herun⸗ ter, aller niedrigen, in die ich hineingefallen, wie viel Leid ich mir zugefügt, wie oft ſie mich ins Grab gewünſcht und daß ich hartnäckig genug mich geweigert, dahin zu gehen. Die Römer müſſen ſich mit ihren Naſen ſehr beläſtigt haben; ſie ſind wahrſcheinlich deshalb ein ſo unruhiges 32 Volk geworden. Kurz, die römiſche Naſe Wopsle's war mir während der Aufzählung von den Miſſethaten ſo ſehr zur Laſt, daß ich ihn gern daran gezwickt hätte, bis er hätte aufſchreien müſſen. Doch waren alle bisherigen Leiden nichts gegen die ſchreckliche Empfindung, die mich ergriff, als die Pauſe nach meiner Schweſter Erzählung geſtört wurde, während welcher ſie alle mit Unwillen und Abnei⸗ gung mich angeſehen hatten. „Doch,“ ſagte Herr Pumblechook, und führte die Geſell⸗ ſchaft auf das Thema zurück, von welchem ſie abgewichen war; Schweinefleiſch— wenn es gekocht iſt— iſt auch köſtlich, nicht wahr?“ „Nehmen Sie einen Schluck Branntwein?“ ſagte meine Schweſter. O Himmel, endlich war es dahin gekommen— er würde ſchon entdecken, wie ſchwach der Branntwein, er würde es auch ſagen und ich war verloren. Ich hielt mich mit bei⸗ den Händen feſt am Tiſchbeine und wartete mein Ge⸗ ſchick ab. Meine Schweſter holte die Steinflaſche, kam mit ihr zurück und goß den Branntwein aus; die andern tranken keinen. Ich hielt immer feſter mit Hand und Fuß am Tiſchbein und ſah das unglückliche Geſchöpf, wie es mit dem Glaſe zwiſchen den Fingern ſpielte, dann es aufhob, lächelte, den Kopf zurückwarf und hinunter trank. Gleich darauf aber war die Geſellſchaft von unbeſchreiblichem Schrecke ergriffen, da er aufſprang, mehrmals in einem nervöſen Huſten umhertanzte, und zur Thüre hinausſtürzte, dann ſah man ihn vom Fenſter aus gewaltig drücken und ſich übergeben, wobei er abſcheuliche Geſichter ſchnitt. 37 Ich hielt mich feſt am Tiſche, indeß Joſeph mit der Frau auf ihn zuſtürzte. Es war mir, als hätte ich ihn ohne zu wiſſen wie umgebracht. In meiner ſchrecklichen Angſt war es mir eine große Erleichterung, als man ihn zurück⸗ führte und er, nachdem er die ganze Geſellſchaft über⸗ ſchaute, nur in das eine Wort:„Theer“ ausbrach. Ich hatte die Flaſche mit Theerwaſſer zugefüllt. Ich wußte, es würde ihm bald noch ſchlimmer zu Muthe wer⸗ den. Ich bewegte den Tiſch, wie heutzutage ein Medium, durch mein unſichtbares Feſthalten. „Theer,“ rief meine Schweſter aus,„wie konnte Theer dahin kommen?“ Allein Onkel Pumblechook, der in dieſer Küche allmäch⸗ tig war, wollte von dem Worte und dem Gegenſtande nichts weiter hören, und ſchob alles gebieteriſch mit der Hand fort und bat um ſeinen Rum mit Waſſer. Meine Schweſter hatte ſchon angefangen, in beängſtigender Weiſe nachzuden⸗ ken, und mußte raſch für den Rum ſorgen, heißes Waſſer und Zucker herbeiſchaffen, die Citronen ſchälen und alles miſchen. So war ich wieder eine Weile gerettet. Ich hielt noch immer das Tiſchbein feſt, allein mit der In⸗ brunſt der Dankbarkeit. Endlich ließ ich ihn ruhig los und koſtete vom Pud⸗ ding. Herr Pumblechook nahm Pudding. Alle nahmen Pudding. Das Gericht war zu Ende und unter dem Ein⸗ fluſſe des Rums war Herr Pumblechook heiterer geworden. Ich hoffte ſchon, es würde dieſer Tag glücklich vorüber⸗ gehen, als ich meine Schweſter zu Joſeph ſagen hörte: „Reine Teller— Kaltes.“ Abermals erfaßte ich das Tiſchbein und drückte es an meine Bruſt, als ob es der Genoſſe meiner Jugend und mein Seelenfreund wäre. Ich ſah, wie es kommen würde, und hielt mich nun wirklich für verloren. „Wir müſſen,“ ſagte meine Schweſter, indem ſie ſich an die Gäſte mit beſonderem Anſtande wandte,„zu guter Letzt ein köſtliches Geſchenk von Onkel Pumblechook koſten!“ Mußten ſie das? Sie ſollten es doch nicht. „Sie müſſen wiſſen,“ ſagte meine Schweſter und ſtand auf,„es iſt eine Paſtete, eine ſchmackhafte Schweinepaſtete.“ Die Geſellſchaft ſprach ihre Zufriedenheit durch bei⸗ fälliges Murmeln aus. Onkel Pumblechook empfand, daß er ſich um ſeine Mitmenſchen Verdienſte erworben habe und ſagte ſehr lebhaft:„Wir wollen das unſrige thun, laſſen Sie uns dieſe Paſtete anſchneiden.“ Meine Schweſter ging in die Speiſekammer. Ich hörte ihre Schritte ſich dahin richten. Ich ſah, wie Herr Pum⸗ blechook mit ſeinem Meſſer ſpielte. Ich ſah wiedererwa⸗ chenden Appetit in den römiſchen Naslöchern des Herrn Wopsle. Ich hörte Herrn Hubble's Bemerkung, ein Stück ſchmackhafte Schweinepaſtete würde ſich auf alle Speiſen legen, ohne irgendwie zu ſchaden, und Joſeph ſagte zu mir: „Du ſollſt auch ein Stück haben, Pip.“ Ich weiß nicht, ob ich einen Schrei des Schreckens nur im Geiſte oder vor den Ohren der ganzen Geſellſchaft ausgeſtoßen habe. Ich fühlte, es ſei nicht mehr auszuhalten und ich müſſe flüch⸗ ten. Ich ließ das Tiſchbein los und rannte fort. Aber doch nicht weiter als bis an die Thür, denn ich ſtürzte in einen Haufen Soldaten mit Flinten; einer hielt mir ein Paar Handſchellen entgegen und ſagte:„Hier ſeid ihr, gebt Acht, grad aus!“ Tünftes Kapitel. Die Erſcheinung einer Anzahl von Soldaten, welche die Kolben ihrer geladenen Flinten auf unſere Thürſchwelle niederſtießen, bewirkte, daß unſere Gäſte in großer Verwir⸗ rung aufſtanden, ſo daß auch Frau Joſeph mit leeren Hän⸗ den aus der Küche heraustrat, allein vor Erſtaunen ihre Klage:„Gott ſei mit mir, was iſt aus der Paſtete gewor⸗ den?“ zu wiederholen aufgab. Der Sergeant ſtand mit mir in der Küche, als Frau Joſeph erſtarrte, doch ich gewann bei dieſer Kriſis den Gebrauch meiner Sinne wieder. Der Sergeant hatte mit mir geſprochen und ſah ſich in der Geſellſchaft um, die Linke auf meine Schulter und die Rechte mit den Hand⸗ ſchellen in einladender Weiſe ihr zugewendet. „Entſchuldigen Sie, meine Damen und Herren,“ ſagte der Sergeant,„wie ich ſchon an der Thür dieſem jungen Herrn geſagt(was er nicht gethan hatte), ich bin im Na⸗ men des Königs auf einer Verfolgung begriffen und habe den Grobſchmied nöthig.“ „Und was haben Sie denn mit ihm zu thun?“ erwie⸗ derte meine Schweſter, die ſich gleich ärgerte, daß man gar nach ihm frage. „Madame,“ antwortete der höfliche Sergeant,„ſpräche 40 ich für mich, ſo würd' ich ſprechen, um der Ehre und des Vergnügens willen, ſeiner ſchönen Frau Bekanntſchaft zu machen, da ich aber für den König ſpreche, ſo antworte ich, daß eine Arbeit zu übernehmen iſt.“ Dieſe Artigkeit des Sergeanten gefiel ſo, daß Herr Pumblechook hörbar ausrief:„wieder ſehr gut!“ „Sie ſehen, Meiſter,“ fuhr der Sergeant fort, welcher nun den Joſeph herauserkannt hatte,„dieſe haben Schaden gelitten, das eine Schloß ſchließt nicht gut und ſie fügen ſich nicht recht zuſammen. Da ich ihrer zu un⸗ verzüglichem Dienſte benöthigt bin, ſo wollen wir ſie wohl gleich in Arbeit nehmen.“ Joſeph warf ſeine Augen auf ſie und erklärte, er müſſe zunächſt ſein Feuer anzünden und dann würde die Arbeit zwei Stunden in Anſpruch nehmen.„Wirklich? Nun dann gehen Sie ſogleich daran, Meiſter,“ ſagte der kurz angebundene Sergeant,„denn es geſchieht im Dienſte Sr. Majeſtät. Können meine Leute irgendwie behülflich ſein, ſo ſtehen ſie gern zu Dienſten.“ Er rief die Mannſchaft, welche die Gewehre in eine Ecke der Küche zuſammenſtellte, dann ſtanden ſie wie Soldaten, ſie fal⸗ teten die Hände zuſammen, oder ſie ließen ein Bein oder eine Schulter ruhen, oder ſie lockerten einen Gürtel oder eine Taſche, oder ſie öffneten die Thüre, um über ihre hohen Halsbinden auf den Hof zu ſpucken. Ich ſah das alles in der Angſt, daß man mich verhaf⸗ ten wolle, unbewußt an, doch erkannte ich bald, daß die Handſchellen nicht für mich beſtimmt waren und daß die Soldaten die Paſtete in den Hintergrund geſchoben hatten, weshalb ich meinen wankenden Verſtand etwas beruhigte. „Können Sie mir ſagen, wie ſpät es iſt?“ ſagte der Sergeant, und richtete dieſe Frage an Herrn Pumblechook, als einen Mann, der ſich der Zeit angemeſſen zeigte, da er die Feinheiten derſelben ſo richtig zu würdigen gewußt hatte.. „Es iſt gerade halb zwei.“ „Das iſt nicht übel,“ ſagte der Sergeant, indem er nach⸗ dachte;„wenn ich auch zwei Stunden hierbleiben müßte, ſo paßte das ganz gut. Wie weit entfernt ſeid ihr von den Marſchen? Nicht viel über eine Meile?“ „Grade eine Meile,“ ſagte Frau Joſeph. „Das iſt gut. Wir ſchließen ſie mit Dunkelwerden ein. Etwas vor dem Dunkel, lautet mein Befehl. So iſt es gut.“ „Sträflinge, Sergeant?“ frug Herr Wopsle, als ob ſich das von ſelbſt verſtände. „Ja,“ antwortete der Sergeant,„zwei. Man weiß, daß ſie ſich hier in den Marſchen verſtecken und vor Dun⸗ kel werden ſie dieſe ſchwerlich zu verlaſſen wagen. Hat irgend Jemand etwas von dieſen Menſchen geſehen?“ Alle konnten mit Ruhe die Frage verneinen: ich ſprach nicht mit und an mich wurde gar nicht gedacht. „Nun,“ ſagte der Sergeant,„ſie werden ſich früher eingeſchloſſen finden, als ſie darauf rechnen. Nun, Mei⸗ ſter! Seine Majeſtät der König iſt parat, ſind Sie es auch ſchon?“ Joſeph hatte Rock, Weſte und Halsbinde abgelegt, die Lederſchürze umgebunden und war in die Schmiede gegan⸗ gen. Ein Soldat öffnete die hölzernen Fenſter, ein an⸗ derer zündete das Feuer an, ein dritter nahm den Blaſe⸗ 42 balg vor, die übrigen ſahen der bald hellflackernden Flamme zu. Joſeph fing an zu hämmern und zu klopfen, zu klopfen und zu hämmern und wir ſahen alle zu. Dieſe Beſchäftigung nahm nicht allein die allgemeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch, ſondern rief auch die Freige⸗ bigkeit meiner Schweſter hervor. Sie zog für die Solda⸗ ten Bier vom Faſſe ab und bot den Sergeanten Brannt⸗ wein an. Aber Herr Pumblechook ſagte kurz:„Geben Sie ihm Wein— in dieſem iſt kein Theer,“ der Sergeant dankte ihm dafür und bemerkte,„da er ein Getränk ohne Theer vorziehe, ſo würde er, wenn es bequem ſei, Wein annehmen. Er trank auf die Geſundheit des Königs und auf die Genüſſe der Jahreszeit, leerte das Glas mit einem Zuge und ſchmatzte mit den Lippen. „Guter Stoff, Sergeant, nicht wahr?“ ſagte Herr Pumblechook. „Ich will Ihnen etwas ſagen,“ antwortete der Ser⸗ geant,„dieſen Stoff haben Sie geliefert.“ Pumblechook lachte recht kräftig und ſagte:„Ja, ja, weshalb meinen Sie das?“ „Weil,“ antwortete der Sergeant und klopfte ihm auf die Schulter,„Sie ein Mann ſind, der das Rechte ver⸗ ſteht.“ „Wirklich?“ entgegnete Pumblechook mit ſeinem frühe⸗ ren Lachen.„Nehmen Sie noch eines.“ „Mit Ihnen, kling und klang— die Spitze meines Glaſes an den Fuß des Ihrigen, der Fuß Ihres Glaſes an die Spitze des meinigen— einmal— zweimal ange⸗ ſtoßen— das iſt die echte Glasharmonika! Ihr Wohlſein! Mögen Sie tauſend Jahre leben und immer ein ſo guter 43 Kenner der richtigen Sorte ſein, als Sie es im jetzigen Abſchnitte Ihres Lebens ſind.“ Der Sergeant trank ſein Glas abermals aus und ſchien ein neues nicht ablehnen zu wollen. Aber Pum⸗ blechook vergaß ganz in ſeiner Gaſtfreundſchaft, daß er den Wein verſchenkt hatte; er nahm der Frau Joſeph die Fla⸗ ſche ab und hatte die Ehre davon, daß er in ſo guter Laune abgab. Selbſt ich erhielt welchen. Er gab ſo gern vom Weine ab, daß er noch die andere Flaſche kommen ließ und auch dieſe freigebig ausſchenkte. Wie ſie ſich da, um die Schmiede geſchaart, gut unter⸗ hielten, fiel mir ein, welch ſchreckliche Sauce zum Mit⸗ tagstiſche mein Flüchtling auf den Marſchen ſein würde. Ihr wahres Vergnügen begann erſt als die Unterhaltung auf die Sträflinge kam, deren Verfolgung es galt— ſie hofften die beiden Schurken bald zu fangen, die Blaſebälge ſchienen hinter den Flüchtlingen herzuſchreien, das Feuer ihnen entgegenzuflackern, der Dampf ihnen nachzurennen, Joſeph um ihretwillen zu hämmern und zu klopfen, die dunklen Schatten an der Wand ſchienen dieſelben zu be⸗ drohen, je nachdem die Flamme aufſtieg und ſank, die rothen Funken aus der Höhe fielen und erloſchen; der blaſſe Nachmittag ſchien mir aus Mitleiden für die armen Un⸗ glücklichen noch mehr zu erbleichen. Endlich hatte Joſeph die Arbeit vollendet, das Klopfen und Hämmern hörte auf. Er zog ſich den Rock an und hatte ſo viel Muth, daß er vorſchlug, einer von uns möchte die Soldaten begleiten und das Ende der Verfolgung mit anſehen. Pumblechook und Hubble lehnten es ab, da ſie eine Pfeife und Damengeſellſchaft vorzögen, allein Wopsle 44 wollte mitgehen, wenn Joſeph es auch beabſichtigte. Joſeph erklärte ſich damit einverſtanden und wollte mich mitneh⸗ men, wenn ſeine Frau es erlaube. Wir hätten wahrſchein⸗ lich keine Erlaubniß erhalten. Allein ſie war doch zu neu⸗ gierig, um nicht das Reſultat wiſſen zu wollen. Nur be⸗ merkte ſie, wenn der Junge zurückgebracht würde und eine Flinte ihm den Kopf in Stücke zerſchlagen hätte, ſo werde ſie ſich nicht die Mühe geben, ihn wieder herzuſtellen. Der Sergeant verabſchiedete ſich in höflicher Weiſe von den Damen und von Herrn Pumblechook wie von einem Kameraden, obſchon er wahrſcheinlich unter trockenen Ver⸗ hältniſſen dieſen Herrn ganz anders geſchätzt haben würde, als er es unter feuchten gethan hatte. Die Soldaten nah⸗ men die Flinten auf und ſtellten ſich in Reih und Glied. Wopsle, Joſeph und ich erhielten ſtrengen Befehl im Hin⸗ tergrunde zu bleiben und auf den Marſchen kein Wort zu ſprechen. Als wir in der kalten Luft waren, um unſeren Geſchäften nachzugehen, flüſterte ich Joſeph zu:„Hoffent⸗ lich finden wir ſie nicht.“ Joſeph erwiederte leiſe:„Ich gäbe einen Schilling dafür, wenn ſie durchgekommen wären, Pip.“ Niemand aus dem Dorfe ſtieß zu uns, denn das Wetter war kalt und überzogen, der Weg ſchrecklich und kaum zugänglich, auch fing es an dunkel zu werden und die Leute hatten ein ſchönes Feuer in den Stuben und feierten das Weihnachtsfeſt. Einige wenige kamen an die ſtrah⸗ lenden Fenſter und ſahen hinaus, doch ging Niemand mit. Wir kamen am Weggeiſer vorbei und ſo auf den Kirchhof, wo wir einige Minuten auf ein Zeichen des Sergeanten ſtehen blieben; zwei oder drei ſeiner Leute begaben ſich 45 zwiſchen die Gräber und unterſuchten ſogar den Eingang zur Kirche. Sie hatten nichts gefunden und wir begaben uns durch das Thor an der Seite des Kirchhofs auf die offenen Marſchen. Der Oſtwind wehte uns ein ſcharfes Hagelwetter entgegen und Joſeph nahm mich auf den Rücken. Als wir in dieſer wüſten Gegend uns befanden, wo ich, was gewiß Niemand vermuthen konnte, vor acht oder neun Stunden beide Sträflinge hatte verborgen geſehen, fing ich an mit großer Beſorgniß zu überlegen, ob, wenn wir ſie ergriffen, mein Sträfling vorausſetzen würde, daß ich die Soldaten hingebracht hatte. Er hatte mich gefragt, ob ich ihn hintergehen wolle, und ich müſſe ein wilder jun⸗ ger Hund ſein, wenn ich an der Jagd auf ihn theilnehmen wollte. Würde er wohl ernſtlich annehmen, ich ſei ein ſolcher Hund und habe ihn verrathen? Doch was halfs, daß ich mir jetzt dieſe Frage vorlegte. Ich ſaß auf Joſeph's Rücken und unter mir befand ſich Joſeph, der wie ein Jäger über Gräben ſprang und Herrn Wopsle aufforderte, ja nicht auf ſeine römiſche Naſe zu fallen und bei uns zu bleiben. Die Soldaten marſchirten vor uns, in einer ziemlich breiten Reihe, mit einem Zwi⸗ ſchenraum zwiſchen einem Jeden. Der Nebel war ent⸗ weder noch nicht aufgeſtiegen oder der Wind hatte ihn ver⸗ trieben. Bei dem rothen Scheine des Sonnenuntergangs waren Warnungspfahl, Galgen, der Hügel bei der Batterie und das entgegengeſetzte Ufer deutlich ſichtbar, wenn auch mit einer blaſſen Waſſerfärbung überzogen. Mein Herz klopfte wie ein Grobſchmied auf Joſeph's breiten Schultern: ich ſah mich um, konnte aber von den 46 Sträflingen nichts erkennen. Ich konnte ſie weder ſehen noch hören. Herr Wopsle hatte mich mehr als einmal erſchreckt, weil er immer blies und ſchwer athmete, doch war ich allmälig an dieſe Töne gewöhnt und konnte ſie vom Gegenſtande der Verfolgung unterſcheiden. Noch mehr erſchrak ich, als es mir vorkam, daß die Feile noch in Thätigkeit ſei; doch es war nur eine Schafglocke. Die Schafe hielten im Freſſen inne und ſahen mich ſchüchtern an, das Vieh wandte ſich vom Regen und Hagel ab und ſtarrte uns zornig an, als ob wir dieſe Unannehmlichkeiten veranlaßt hätten; allein außer dieſem und den Zuckungen des erlöſchenden Tages in jedem Grashalme wurde die Stille der Marſchen nicht im mindeſten geſtört. Die Soldaten rückten geradezu auf die alte Batterie vor, wir ein klein wenig hinter ihnen, als wir plötzlich Alle ſtehen blieben. Der Regenwind hatte uns ein lautes Ge⸗ ſchrei zugeführt. Es wiederholte ſich. Es war fern öſtlich, doch lang und laut. Zwei oder mehrere Perſonen ſchienen zu ſchreien, ſoweit man aus dem Schalle ſchließen konnte. Der Sergeant und die nächſten Soldaten ſprachen darüber, als Joſeph und ich hinzukamen. Nachdem wir noch einmal gehorcht, war Joſeph(der ein gutes Urtheil darüber hatte) dieſer Anſicht, und Wopsle(der keines hatte) ſtimmte damit überein. Der Sergeant, ein ent⸗ ſchloſſener Mann, befahl, keine Erwiederung erſchallen zu laſſen, allein man ſolle in anderer Richtung marſchiren und im Schnellſchritt ſich dahin begeben. Wir zogen rechts ab, wo der Oſten war, und Joſeph rannte ſo wundervoll, daß ich mich mit Mühe auf meinem Sitze halten konnte. Allerdings rannten wir und waren, nach der einzigen 47 Bemerkung Joſeph's in der ganzen Zeit, wie eine Haspel⸗ maſchine. Ufer auf und ab, über Thore, in Deiche hinein, zwiſchen Zäunen durch— es war Allen gleichgültig, wie ſie vorwärts kamen. Je näher dem Geſchrei, deſto deut⸗ licher vernahm man mehrere Stimmen. Hörte es auf, ſo ſtanden die Soldaten ſtill; erhob es ſich wieder, ſo eilten ſie immer raſcher vorwärts und wir mit ihnen. Endlich waren wir ſo weit, daß wir eine Stimme„Mord!“ und eine andere„Sträflinge! Flüchtlinge! Wachel Hierher nach den flüchtigen Sträflingen!“ ſchreien hörten. Ihr Schwei⸗ gen ſchien durch einen Kampf zu entſtehen und wurde bald wieder gebrochen; und nun liefen die Soldaten wie Rehe und Joſeph ebenſo. Erſt kam der Sergeant, als wir uns der Stelle ganz genähert hatten, zwei der Soldaten folgten ihm. Die Flinten waren geſpannt und gerichtet, als wir Alle hinzu⸗ kamen. „Da ſind ſie Beide!“ keuchte der Sergeant, der in einem Graben ſich abmühte.„Ergebt euch Beide! Der Henker hole euch wilde Thiere! Laßt euch doch los!“ Waſſer platſchte, Koth flog, Flüche wurden geſchworen und Hiebe ausgetheilt, bis noch einige Mann dem Ser⸗ geanten zu Hülfe in den Graben ſprangen und nacheinander meinen und den andern Sträfling herausſchleppten. Beide bluteten, keuchten, fluchten und wehrten ſich— doch er⸗ kannte ich ſie gleich. „Merkt's Euch,“ ſagte mein Sträfling und wiſchte ſich mit ſeinem zerriſſenen Aermel das Blut vom Geſicht.„Ich fing ihn! Ich überliefere ihn Euch! Merkt Euch das!“ „Es iſt nicht viel daran gelegen,“ ſagte der Sergeant, 48 „es wird Euch nicht viel nützen, da Ihr eben ſo einer ſeid. Handſchellen her!“ „Ich rechne nicht darauf, daß es mir nützen ſollte. Es wird mir nicht mehr gut thun, als eben jetzt,“ ſagte er mit höhniſchem Lachen.„Ich ſing ihn. Er weiß es, das iſt mir genug!“ Der andre Sträfling ſah ſehr bleich aus und ſchien außer der beſchädigten linken Seite ſeines Geſichts noch mehr beſchädigt und zerriſſen. Er hatte ſo wenig Athem, daß er kaum ſprechen konnte, bis endlich Beide getrennt und gekettet waren, und ſtützte ſich auf einen Soldaten, um nicht zu fallen. „Merkt es Euch— er wollte mich ermorden!“ waren ſeine erſten Worte. „Ich wollte ihn ermorden?“ ſagte mein Sträfling mit verächtlichem Tone.„Ich hätte es gewollt und nicht ge— than? Ich ergriff ihn und liefere ihn aus, das hab' ich gethan. Ich hielt ihn ab, die Marſchen zu verlaſſen, ſchleppte ihn hierher, ſo weit zurück. Dieſer Schurke iſt, damit Sie's wiſſen, ein Gentleman. Die Galeeren haben durch mich ihren Gentleman wieder. Ich ſollt' ihn ermor⸗ den? Das hätte der Mühe gelohnt, da ich ihm doch Schlim⸗ meres zufügen und ihn zurückbringen konnte.“ Der Andere keuchte noch immer:„Er verſuchte— er verſuchte— mich— zu morden. Bezeugt— bezeugt es!“ „Da ſeht!“ ſagte mein Sträfling zum Sergeanten. „Ich allein half mir aus den Galeeren, ich ſprang fort und es war mir gelungen. Ich hätte auch die todtkalte Fläche verlaſſen können— ſeht mein Bein an, es iſt nicht viel Eiſen daran zu finden— allein ich entdeckte, daß er hier ſei. Er ſollte befreit ſein? Er ſollte die Mittel benutzen, die ich aufgefunden hatte? Er ſollte mich wieder zu ſeinem Wertzeuge machen? Noch einmal? Nein, nein, nein. Wäre ich hier im Graben geſtorben(und er verſuchte mit ſeinen gefeſſelten Händen auf dieſen hinzuweiſen), ſo hätt' ich ihn doch ſo feſt gehalten, daß Ihr ihn in meinem Griffe ge⸗ funden haben würdet.“ Der andere Flüchtling, der offenbar ſeinen Gefährten im höchſten Grade fürchtete, wiederholte:„Er verſuchte mich zu morden. Ich wäre ein todter Menſch, wenn Ihr nicht gekommen wäret.“ „Er lügt!“ ſagte mein Sträfling mit wilder Energie. „Er iſt ein geborner Lügner und wird als Lügner ſterben. Seht ihn nur an, ſteht es nicht auf ſeinem Geſicht zu leſen? Laßt ihn einmal ſeine Augen auf mich richten. Ich fordre ihn heraus, es zu thun.“ Der Andere bemühte ſich verächtlich zu lächeln— doch konnte er dem nervöſen Zucken ſeines Mundes dadurch keinen feſten Ausdruck geben— er ſah die Soldaten an, dann die Marſchgegend und den Himmel, aber allerdings nicht den andern Sträfling. „Seht Ihr ihn?“ fuhr dieſer fort.„Seht Ihr, was für ein Schurke es iſt? Seht Ihr die umherſchweifenden Augen? So ſah er aus, als wir zuſammen vor Gericht ſtanden. Er ſah mich niemals an.“ Der Andere zuckte nur mit ſeinen trockenen Lippen und warf die Augen unruhig hin und her, bis er zuletzt einen Augenblick den Genoſſen anſah und die kurze Bemerkung: „Es iſt nicht viel an Dir zu ſehen!“ hinzufügte, wobei er auf ſeine gebundenen Hände hinblickte. Mein Sträfling Charles Dickens, Große Erwartungen. I. 1 wurde dadurch ſo erbittert, daß er auf denſelben losgeſtürzt wäre, wenn die Soldaten ihn nicht abgehalten hätten. „Sagt' ich's nicht,“ fuhr nun Jener fort,„daß er mich morden würde, wenn er's nur könnte?“ Dabei zitterte er vor Furcht und auf ſeinen Lippen zeigten ſich ſeltſame weiße Flocken, wie dünner Schnee. „Genug Schwatz,“ ſagte der Sergeant;„zündet die Fackeln an!“ Da ein Soldat, der anſtatt der Flinte einen Korb trug, niederkniete, um dieſen zu öffnen, ſah ſich mein Sträfling zum erſten Male um und erkannte mich. Ich war am Rande des Grabens von Joſeph's Rücken abgeſtiegen, als wir anhielten und hatte mich nicht gerührt. Ich ſah ihn eben ſo ſcharf an, als er mich, bewegte leicht die Hand und ſchüttelte mit dem Kopfe. Mir war es darum zu thun, daß er mich ſehe, damit ich ihm ein Zeichen über meine Unſchuld geben könne. Ich konnte nicht erkennen, ob er meine Abſicht verſtanden hatte, denn er warf mir einen Blick zu, den ich nicht zu deuten wußte, und es ging Alles in einem Augenblick vorüber. Hätte er mich eine Stunde oder einen Tag angeſehen, ſo könnte ich mich doch ſeiner nicht mehr erinnert, da andere Gegenſtände mich mehr in Anſpruch nahmen. Der Soldat mit dem Korbe holte bald Licht, es wur⸗ den drei oder vier Fackeln angezündet, er nahm eine und vertheilte die andern. Es war faſt ganz dunkel geweſen, jetzt aber ſchien es ganz dunkel, und kurz darauf ſehr finſter. Ehe wir den Ort verließen, ſchoſſen zwei Soldaten, die in einer Reihe ſtanden, zweimal in die Luft ab. Gleich erſchienen andere Fackeln in einer Entfernung hinter uns 51 und andere auf den Marſchen an der entgegengeſetzten Seite des Fluſſes. „Alles in Ordnung?“ fragte der Sergeant.„Marſch!“ Wir waren nicht weit gekommen, als drei Kanonen⸗ ſchüſſe über uns ſo abgefeuert wurden, daß mir etwas im Ohre geſprungen zu ſein ſchien. „Man erwartet Euch auf dem Schiffe,“ ſagte der Sergeant zu meinem Sträflinge;„ſie wiſſen, daß Ihr kommt. Bewege Dich nicht ſeitwärts, ſchließe Dich feſt an uns.“ Die Beiden wurden von einander gehalten und Jeder ging von einer beſondern Wache umgeben. Ich hatte Jo⸗ ſeph an der Hand gefaßt und er trug eine Fackel. Wopsle hatte zwar umkehren wollen, allein Joſeph wollte Alles mit anſehen und ſo gingen wir mit dem Trupp vorwärts. Der Weg war ziemlich gut, meiſtentheils am Fluſſe entlang, nur daß man zuweilen von ihm abgehen mußte, wo ein Deich kam, mit einer Miniaturwindmühle und einem ſchmutzigen Schleuſenthore. Als ich mich umſah, erblickte ich, daß die übrigen Fackeln hinter uns herkamen. Die⸗ jenigen, die wir trugen, warfen große Stücke Feuer auf die Spur und dieſe lagen neben einander, rauchten und flackerten. Ueberall faſt war dichte Finſterniß. Die Pech⸗ flammen unſerer Lichter wärmten die Luft ringsum, was den beiden Gefangenen wohl zu thun ſchien, wie ſie zwiſchen den Flinten voranhinkten. Da ſie lahm waren, konnten wir nicht raſch marſchiren, und ſie waren ſo abgemattet, daß wir mehrmals Halt machen mußten. Nachdem wir ſo eine Stunde lang vorangegangen waren, gelangten wir an eine Art von hölzerner Hütte 4* 52 und eine Landungsſtätte. In der Hütte war eine Wache, welche anrief, worauf der Sergeant Antwort gab. Wir gingen in die Hütte, wo es nach Tabak und Anſtreicher⸗ arbeit roch. Ein helles Feuer— es war eine Lampe da— beleuchtete einen Flintenſtänder, eine Trommel und eine niedrige hölzerne Bettſtelle, welche einer ausgewachſenen Drehrolle ohne Maſchinerie glich und in welcher ein halb Dutzend Soldaten neben einander liegen konnten. Drei oder vier, die in ihren Mänteln darauf lagen, nahmen kein großes Intereſſe an uns; ſie erhoben einen Augenblick ihren Kopf, ſahen uns verſchlafen an und legten ſich dann wieder hin. Der Sergeant erſtattete eine Art von Bericht, ſchrieb etwas in ein Buch und dann wurde der Sträfling, den ich als den andern bezeichnet habe, mit ſeiner Wache abgeführt, um zuerſt eingeſchifft zu werden. Mein Sträfling hatte mich nicht mehr angeſehen. In der Hütte ſtand er im Nachſinnen begriffen und wärmte ſich am Feuer oder ſtellte einmal die Füße auf den Kamin⸗ rücken und betrachtete ſie, als ob ſie ihm wegen ihrer letzten Leiden weh thäten. Plötzlich drehte er ſich zum Sergeanten um und bemerkte: „Ich möchte etwas über meine Flucht ſagen. Ich möchte bewirken, daß Niemand meinethalben in Verdacht käme.“ „Ihr könnt ſagen, was Euch beliebt,“ ſagte der Ser⸗ geant und ſah ihn mit übereinander geſchlagenen Armen kalt an.„Ihr braucht es hier nicht zu ſagen. Es wird ſich Euch ausreichende Gelegenheit bieten, darüber zu ſprechen und zu hören, bis es vorüber iſt, wie Ihr wißt.“ „Das weiß ich, aber da iſt ein beſonderer Punkt, eine andere Sache. Man kann nicht verhungern— ich wenig⸗ ſtens kann es nicht. Ich nahm einige Lebensmittel— da drüben im Dorfe— wo die Kirche über die Marſchen herausſieht.“ „Ihr habt wohl geſtohlen?“ ſagte der Sergeant. „Und ich will Euch ſagen von wem— vom Grob⸗ ſchmied.“ „Heda!“ ſagte der Sergeant und ſah auf Joſeph hin. „Heda, Pip!“ ſagte Joſeph und ſah auf mich hin. „Es waren einige Stücke von Speiſen— mehr nicht und ein Schluck Branntwein und eine Paſtete.“ „Meiſter, habt Ihr einen Artikel, wie beſagte Paſtete, wirklich vermißt?“ frug ihn der Sergeant vertraulich. „Meine Frau ſuchte ſie gerade, als Sie herein kamen. Weißt Du's nicht, Pip?“ „So,“ ſagte mein Sträfling und ſah Joſeph ſehr ver⸗ drüßlich an,„Ihr ſeid der Grobſchmied? Es thut mir leid, aber ich habe Eure Paſtete aufgegeſſen.“ „Gott weiß, daß ich ſie Euch goͤnne— ſo weit ſie über⸗ haupt mein geweſen iſt,“ antwortete Joſeph, wobei er ſeine Frau nicht vergeſſen konnte.„Wir wiſſen nicht, was Ihr verbrochen habt, aber wir hätten ein armſeliges Mitge⸗ ſchöpf deshalb nicht verhungern laſſen. Nicht wahr, Pip?“ Es war etwas in der Kehle des Mannes bemerkbar, das ich ſchon früher vernommen, und er kehrte uns den Rücken zu. Das Boot war zurückgekehrt, die Mannſchaft bereit, wir folgten ihm zum Landungsplatze, der aus rauhen Stangen mit Steinen gemacht war, und ſahen ihn in das Boot treten, welches von Sträflingen gerudert wurde. Niemand ſchien überraſcht, ihn zu ſehen, oder erfreut, ihn zu ſehen, oder betrübt, ihn zu ſehen; Niemand ſprach mit 54 ihm, nur daß etwas im Boote wie ein Hund heulte.„Stoßt ab!“ und die Ruder ſetzten ſich in Bewegung. Bei dem Lichte der Fackeln ſahen wir das dunkle Gefangenenſchiff etwas außerhalb des Kothes am Ufer wie eine ver⸗ brecheriſche Noah⸗Arche liegen. Das Schiff war durch maſſive geroſtete Ketten feſtgelegt und eingeſperrt und ſchien meinen kindiſchen Augen ebenſo zuſammengekettet wie die Gefangenen. Das Boot fuhr an daſſelbe heran, der Sträf⸗ ling wurde hinaufgebracht und verſchwand. Die Fackeln wurden darauf ziſchend ins Waſſer geworfen und gingen aus, als wäre es mit ihm gänzlich zu Ende. SFechſtes Kapitel. Meine Stimmung über den von mir begangenen Dieb⸗ ſtahl, deſſen ich in ſo unerwarteter Weiſe mich entlaſtet fand, war nicht ſo ſehr geändert, daß ich ein offenes Geſtändniß gemacht hätte, allein hoffentlich war etwas Gutes in der ganzen Sache. Als ich keine Angſt mehr hatte, daß man mich beſchul⸗ digen könne, empfand ich eigentlich kein zartes Gewiſſen in Bezug auf Frau Joſeph. Allein Joſeph liebte ich— vielleicht in ſo kindiſcher Zeit nur weil er es zugab, daß ich ihn liebe— und in Bezug auf ihn war ich nicht ſo ſchnell beruhigt. Es war mir, als ob ich ihm die ganze Wahrheit entdecken müſſe, beſonders als ich ihn zum erſten Male die Feile ſuchen ſah. Doch that ich es nicht, weil ich befürch⸗ tete, er würde mich dann für ſchlechter halten, als ich war. Die Beſorgniß, Joſeph's Vertrauen zu verlieren und dann jeden Abend in der Kaminecke verlaſſen meinen verlorenen Gefährten und Freund anſtarren zu müſſen, feſſelte meine Zunge. Wenn Joſeph es wußte, konnte ich ihn nie wieder am Kamin ſeinen blonden Schnurrbart ſtreicheln ſehen, ohne daß ich mir einbilden müßte, daß ihm mein Vergehen in den Sinn gekommen ſei. Wenn Joſeph es wußte, ſo könnte ich ihn nie, wenn auch nur zufällig, den geſtrigen 56 Braten oder Pudding, welcher heute wieder auf den Tiſch gebracht wurde, anſehen laſſen, ohne daß er mir die Frage zu überlegen ſchien, ob ich nicht wieder in der Speiſekammer geweſen wäre. Wenn Joſeph es wußte und zu irgend einer Zeit unſeres häuslichen Zuſammenlebens bemerkte, das Bier ſei ſchal oder dick, ſo würde mir das Blut ins Geſicht ſtürzen, da er ja an Theer in demſelben denken konnte. Kurz, ich war zu feig, das zu thun, was meinem beſten Wiſſen nach das rechte war, ſo wie ich zu feig geweſen war, das zu unterlaſſen, was ich doch als unrecht erkannt hatte. Damals war ich in gar keine Berührung mit der Welt gekommen und hatte alſo keinem ihrer Bewohner nachgeahmt, welche ſo handeln. Ich war ein ungelehrtes Genie und zeichnete mir meinen Weg ſelbſt vor. Da ich bald, nachdem wir das Gefangenenſchiff ver⸗ laſſen hatten, ſchläfrig wurde, nahm mich Joſeph wieder auf den Rücken und trug mich nach Hauſe. Er muß einen ſehr ermüdenden Marſch gehabt haben, denn Herr Wopsle war abgemattet und in ſo verdrüßlicher Stimmung, daß er, wenn die Kirche geöffnet worden wäre, aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach, die ganze Expedition, Joſeph und mich zuerſt, in den Bann gethan würde. Als Laie war er ſo eigen⸗ ſinnig, ſich ſo oft im Nebel hinzuſetzen, daß, als ſein Rock abgezogen wurde, um am Küchenfeuer zu trocknen, die Beweiſe auf ſeinen Beinkleidern genügt haben würden, um ihn an den Galgen zu bringen, wenn es ſich um ein Todes⸗ verbrechen gehandelt hätte. Ich ſchwankte auf dem Küchenboden wie ein kleiner Trunkenbold, da man mich eben auf die Füße geſtellt hatte, nachdem ich feſt eingeſchlafen geweſen war und da ich nun 57 in der Hitze und dem Lärmen des Geſprächs und bei der Helle aufwachte. Da ich wieder mir zu kam, wozu ein tüch⸗ tiger Schlag auf die Schultern und der aufweckende Ruf: „Nah? Hat es wohl jemals einen ſolchen Jungen gegeben,“ von Seiten meiner Schweſter beitrugen, erzählte Joſeph das Bekenntniß des Sträflings und alle Gäſte gaben ver⸗— ſchiedene Anſichten über die Wege ab, auf denen er in die Speiſekammer gelangt ſein könne. Herr Pumblechook be⸗ ſah ſorgfältig die Gebäulichkeiten und ſtellte feſt, derſelbe ſei erſt auf das Dach der Schmiede geſtiegen, von da auf das Dach des Hauſes und an einem Strick, den er ſich aus zerſchnittenen Bettdecken gemacht, ſei er durch den Küchenſchornſtein gekrochen; da Herr Pumblechook ſehr entſchieden ſprach und überdies in ſeinem eigenen Wagen fuhr— alle überfuhr— ſo wagte man nicht ihn zu wider⸗ ſprechen. Nur Herr Wopsle rief ein Nein aus, mit der ſchwa⸗ chen Malice eines ermüdeten Mannes, allein er hatte keine Theorie und war ohne Rock, ſo daß man ſich um ihn nicht kümmerte— abgeſehen davon, daß er ſtark ausdunſtete, weil er mit dem Rücken am Küchenfeuer ſtand, um die Feuchtig⸗ keit loszuwerden, was kein Vertrauen einzuflößen vermochte. Mehr hörte ich nicht an dem Abende, bis meine Schweſter mich packte, da ich eine ſchläfrige Beläſtigung für den Anblick der Geſellſchaft wäre; ſie half mir mit ſo ſtarker Hand zu Bette, daß es mir vorkam, als hätte ich funfzig Stiefeln an und dieſe baumelten alle an den Trep⸗ pen entlang. Meine eben beſchriebene Stimmung fing an, als ich am Morgen aufgeſtanden war und dauerte ſo lange, bis der Gegenſtand ſelbſt vergeſſen war und nur noch bei beſonderen Gelegenheiten einmal erwähnt wurde. Siebentes Kapitel. Als ich auf dem Gottesacker die Familien⸗Grabſteine las, hatte ich grade ſo viel gelernt, daß ich im Stande war ſie zu buchſtabiren. Ich verſtand ſie übrigens noch kaum, denn ich las„Frau des Obigen“ als ob ſich dies auf die Erhebung meines Vaters in eine höhere Welt bezöge und wäre einer meiner verſtorbenen Verwandten als ein „Untenſtehender“ bezeichnet worden, ſo hätte ich von dieſem Mitgliede meiner Familie gewiß eine ſehr ſchlimme Meinung gehabt. Eben ſo wenig hatte ich genaue Begriffe von der theolo⸗ giſchen Stellung, zu welcher mich der Katechismus ver⸗ pflichtete, denn ich entſinne mich ſehr wohl, daß es mir vor⸗ kam als ob die Erklärung„alle Tage meines Lebens auf gleichem Wege zu wandeln“ mich dahin verpflichte, von unſerm Hauſe durch das Dorf nur in einer beſtimmten Richtung zu gehen und weder an der Mühle nach bei dem Stellmacher vorüber einen andern Weg einzuſchlagen. Wenn ich das gehörige Alter erreicht hatte, ſollte ich Lehrburſche bei Joſeph werden, und bis ich dieſe Würde erlangte, ſollte ich nicht verzärtelt werden. Ich half alſo nicht allein in der Schmiede, auch wenn ein Nachbar einen Jungen extra nöthig hatte um Vögel zu ſcheuchen oder Steine aufzuſammeln oder ſonſt etwas der Art zu arbeiten, 59 ſo wurde mir dieſes Amt übertragen. Damit aber unſre höhere Stellung nicht dadurch herabgewürdigt werde, wurde auf dem Kaminſims in der Küche eine Geldbüchſe aufgeſtellt und öffentlich bekannt gemacht, daß all mein Ver⸗ dienſt dahinein geworfen werden ſolle. Es ſollte wohl gelegentlich die Tilgung der Staatsſchuld erleichtern, denn daß ich an dieſem Schatze irgend welchen Antheil haben würde, fiel mir von vornherein nicht ein. Herr Wopsle's Großtante hielt eine Abendſchule im Dorfe, das heißt, ſie war ein lächerliches altes Weib von beſchränkten Mitteln, und unumſchränkter Schwächlichkeit, welche jeden Abend zwiſchen ſechs und ſieben Uhr einſchlief, in Geſellſchaft einer Jugend, die wöchentlich zwei Pence zahlte, damit ſie die nützliche Gelegenheit eines ſolchen Anblicks habe. Sie hatte eine kleine Wohnung gemiethet, deren Zimmer im oberen Stocke Herr Wopsle inne hatte; wir Studenten hörten, wie er in würdiger und ſchrecklicher Weiſe laut las und mitunter auf den Fußboden ſtampfte. Auch gab es das Märchen, daß Herr Wopsle einmal im Vierteljahre die Schüler„prüfe“. Bei dieſer Gelegenheit ſchlug er die Manſchetten herunter, ſtrich ſich das Haar hoch und trug uns die Rede von Marcus Antonius an Cäſars Leiche vor. Dann folgte Collins Ode an die Lei⸗ denſchaften, und beſonders verehrte ich Herrn Wopsle als Rache, die ihr blutiges Schwert donnernd niederwirft und mit ſcharfen Krallen die Trompete des Kriegs erfaßt. Damals dacht' ich anders, als ſpäter, da ich ſelbſt mit den Leidenſchaften in Berührung kam. Herr Wopsle's Großtante hatte außer dieſer Erzie⸗ hungsanſtalt in demſelben Zimmer noch einen kleinen Laden für Alles. Sie wußte nicht was ſie hatte, oder was irgend ein Stück in demſelben koſte, allein in einem Schubfache lag ein kleines ſchmutziges Notizbuch, das als Preiskatalog diente und nach dieſem machte Biddy (Brigitte) die Geſchäfte ab. Biddy war die Groß⸗ tochter von Herrn Wopsle's Großtante, und ich war durchaus nicht im Stande zu enträthſeln, in welchem Ver⸗ hältniſſe ſie nun zu Herr Wopsle ſtand. Sie war gleich mir verwaiſt und gleich mir großgezogen. In Bezug auf ihr Aeußeres ſchien ſie mir ſehr bemerkenswerth, denn ihr Haar war nie gekämmt, ihre Hände nie gewaſchen, ihre Schuhe waren niemals ausgeflickt oder aufgezogen. Dieſe Beſchreibung bedarf jedoch der Beſchränkung auf ſechs Tage, denn am Sonntage ging ſie vollendet zur Kirche. Ich half mir ſelbſt ſo viel ich konnte und nebenbei that Biddy mehr als Wopsle's Großtante, ſo daß ich durch das Alphabet mich durchſchlug, als ob es ein Brombeerenbuſch geweſen wäre: jeder Buchſtabe quälte und kratzte mich. Endlich kamen die Diebe, die neun Ziffern, die ſich jeden Abend zu verkleiden ſchienen, um nicht wiedererkannt zu werden. Doch allmälig gelang es in kümmerlicher Weiſe leſen, ſchreiben und rechnen zu lernen, wenn es auch erſt ſehr damit haperte. Eines Abends ſaß ich in der Ecke mit meiner Tafel und gab mir große Mühe einen Brief an Joſeph zu Stande zu bringen. Es war wohl ein Jahr nach unſerer Jagd auf den Marſchen, denn es war viel ſpäter und ſehr kalter Winter. Mit Hülfe eines Alphabets auf dem Herde mir zu Füßen, ſchmierte und druckte ich in ungefähr zwei Stunden folgenden Brief: 61 „Ml liBr IO ich off Du bIſt gans wOl ich off ich kAn bAld Dich Lären un DAn SI wr LuſtIch u N. weN ich Dein BuRdſch IO wi ſchEhn. Ich bIn D.1 PiP.“ Es bedurfte eigentlich keiner ſchriftlichen Mittheilung an Joſeph, denn er ſaß neben mir und wir waren allein. Doch überrkichte ich ihm die Tafel mit dem Briefe und er ſah es als ein Wunder von Gelehrſamkeit an. „Wahrhaftig, Pip,“ ſagte Joſeph, und riß ſeine blauen Augen weit auf—„Du alter Junge biſt ein tüchtiger Schüler!“ „Ich möchte es ſein,“ erwiederte ich und ſah auf die Tafel, doch war mir ſo, als ſei die Schrift nicht ſo ganz in Ordnung. „Hier iſt ja ein J und ein O,“ ſagte Joſeph„und hier iſt ein J und O, Pip, und das heißt Jo(Joſeph).“ Ich hatte niemals gehört, daß Joſeph mehr als dieſe eine Sylbe laut geleſen hatte und in der Kirche hatte ich am Sonntage zuvor bemerkt, daß, als ich das Geſangbuch durch Zufall umgekehrt hingelegt hatte, dieſes für Joſeph ganz ſo bequem war, als wenn es gerade gelegen hätte. Da ich nun ausfindig machen wollte, ob ich, wenn ich ihn belehren wollte, von Anfang an vorgehen müſſe, ſagte ich: „Nun lies auch das übrige.“ „Das übrige, Pip?“ ſagte Joſeph und ſah es mit prü⸗ fenden Augen an.„Eins, zwei, drei, hier ſind drei J's und drei O's, drei Jo's darin. Ich lehnte mich über Joſeph und mit Hülfe des Fingers las ich ihm den ganzen Brief vor. „Wunderbar,“ ſagte Joſeph, als ich ausgeleſen hatte, „Du biſt wirklich ein Gelehrter.“ 62 „Wie ſchreibſt Du Gargery?“ frug ich mit beſcheidener Herablaſſung. „Ich ſchreib es nicht,“ antwortete Joſeph. „Vorausgeſetzt aber Du ſchriebſt es?“ „Das kann gar nicht vorausgeſetzt werden,“ ſagte Joſeph,„obſchon ich auch ſehr gerne leſen möchte... „Möchteſt Du das?“ „Ueberaus gern. Gib mir,“ ſagte Joſeph,„ein gutes Buch oder eine gute Zeitung, laß mich an einem guten Feuer ſitzen und ich bin zufrieden. O Himmel, wenn man dann ein J findet und endlich zu einem O kommt und man ſich ſagen kann, hier iſt doch endlich ein Jo, wie intereſ⸗ ſant iſt dann das Leſen!“ Ich ſchloß daraus, daß Joſeph's Erziehung gerade wie der Dampf, ſich noch entwickeln müſſe. Ich ſetzte die Unterhaltung fort und frug: „Gingſt Du niemals in die Schule, als Du ſo klein warſt wie ich?“ „Nein, Pip.“ „Und weshalb gingſt Du denn nicht in die Schule, als Du ſo klein warſt wie ich?“ „Ja, ſieh, das will ich Dir ſagen,“ ſagte Joſeph und nahm das Stochereiſen, um das Feuer zwiſchen den unteren Stangen langſam zuſammenzuſcharren, wie er immer zu thun pflegte, wenn er gedankenvoll war.„Mein Vater, Pip, war dem Trunke ergeben, und wann er zu viel ge⸗ trunken hatte, hämmerte er ſchonungslos auf meine Mut⸗ ter. Es war faſt ſein einziges Hämmern, als etwa auch auf mich. Er hämmerte auf mich mit einer Kraft, die ganz anders war, als die er auf den Amboß anbrachte. Du hörſt zu und begreifſt, Pip?“ „Ja, Joſeph.“ „Wir, meine Mutter und ich, liefen deshalb mehrere⸗ male von meinem Vater fort; dann ging meine Mutter auf Arbeit und ſagte: Joſeph, du ſollſt auch etwas lernen, Kind, und ſchickte mich in die Schule. Mein Vater aber konnte es durchaus nicht ertragen ohne uns zu ſein. Er kam mit einem Trupp und machte ſo entſetzlichen Lärmen vor den Häuſern, wo wir waren, daß man am Ende nichts mehr mit uns zu thun haben wollte und uns auslieferte. Dann führte er uns nach Hauſe und hämmerte auf uns, ſo daß ich, Pip, nicht viel lernen konnte.“ „Gewiß nicht, armer Joſeph!“ „Obſchon man Jedem ſein Recht zukommen laſſen muß,“ ſagte Joſeph, wobei er das Eiſen einigemale an die Stan⸗ gen ſchlug,„man muß einem Jeden Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen und mein Vater hatte uns doch im Herzen, nicht wahr?“ Ich ſagte nichts. „Gut,“ fuhr Joſeph fort—„der Topf muß irgendwie zum Kochen gebracht werden oder es kocht nichts, nicht war, Pip?“ Ich bejahte dieſes, da ich es geſehen hatte. „Mein Vater hatte alſo nichts dagegen, daß ich auf die Arbeit ginge, und ich ging auf die Arbeit, die ich jetzt betreibe und die er auch hätte betreiben ſollen, nur daß er keine Luſt daran hatte, und ich arbeitete recht fleißig, Pip, das ſag' ich Dir. Allmälig konnt' ich ihn ernähren und ich ernährte ihn bis er an einem happokleptiſchen Anfalle 64 ſtarb. Ich wollte ihm erſt auf den Grabſtein ſtellen laſ⸗ ſen: daß was er auch gefehlt, vergiß nicht Leſer, er hatte ſein Gutes im Herzen. Joſeph ſprach dieſen Satz mit offenbarem Stolze und ſo genauer Deutlichkeit, daß ich ihn frug, ob er ihn ge⸗ macht habe. „Ich habe ihn gemacht,“ ſagte Joſeph,„ganz aus mir ſelbſt. Ich hab' ihn in einem Augenblicke gemacht. Als wenn man ein ganzes Hufeiſen mit einem Schlage aus⸗ gearbeitet hätte. Ich war niemals in meinem Leben ſo überraſcht— ich konnte meiner eigenen Idee nicht trauen, ich glaubte, offen geſagt, kaum, daß es meine eigene Idee geweſen. Allerdings wollte ich es über ihm eingegraben haben, allein Poeſie koſtet Geld, Pip, ob man ſie groß oder klein, ſchmal oder breit aushaut, und ſo geſchah es nicht. Ohne die Leichenträger zu erwähnen, mußte alles Geld für meine Mutter geſpart werden, die ſehr ſchwach und ganz niedergebrochen war. Sie folgte ihm bald nach, die arme Seele und endlich gelangte ſie zur Ruhe.“ Joſeph's blane Augen feuchteten ſich, er rieb erſt das eine und dann das andere, in unbehaglicher und ungeſelliger Weiſe mit dem runden Knopfe an der Spitze des Stocher⸗ eiſens. „Es war ſehr trüb ſo allein hier zu leben, und da lernte ich Deine Schweſter kennen. Nun, Pip,“ er ſah mich feſt an, als ob er wiſſe, daß ich anderer Anſicht ſein würde,„deine Schweſter iſt eine ſchöne Frauensfigur.“ Ich ſah in das Feuer, offenbar von Zweifeln er⸗ griffen. „Was auch Familienmeinung oder der Welt Meinung über dieſen Gegenſtand iſt, Pip, Deine Schweſter iſt— und bei jedem Worte ſchlug Joſeph mit dem Eiſen auf die obere Stange— Deine Schweſter iſt eine ſchöne Frauens⸗ figur!“ Ich wußte nichts Beſſeres zu ſagen, als:„Es freut mich, daß Du ſo meinſt.“ „Mich freut es auch. Es freut mich ſo ſehr, daß ich ſo meine, Pip. Ein bischen Roth oder etwas Knochen da und dort, was hat das für mich zu bedeuten?“ Ich bemerkte, wenn es ihm nichts bedeutete, wem denn ſonſt? „Gewiß,“ ſagte Joſeph beifällig.„Das iſt es eben, Du haſt Recht, alter Junge. Als ich Deine Schweſter kennen lernte, war die Rede davon, daß ſie Dich großziehe. Sehr freundlich von ihr, ſagten die Leute und ich ſagte es mit allen den übrigen Leuten. Du,“ fuhr Joſeph fort, mit einer Miene, als ob er etwas ſehr Eckliges vor ſich ſehe,„Du hätteſt ſehen ſollen, wie klein und lumpig und gemein Du warſt, und Du hätteſt wahrhaftig eine ſehr geringſchätzende Meinung von Dir gehabt.“ Da mir dieſes nicht beſonders zuſagte, ſo bemerkte ich nur:„Laß mich dabei aus dem Spiele.“ „Aber ich konnte Dich nicht aus dem Spiele laſſen,“ erwiderte er mit zärtlicher Einfalt.„Als ich Deiner Schweſter Geſellſchaft zu leiſten anbot, um in der Kirche aufgeboten zu werden, wenn ſie Luſt hätte und bereit wäre, in die Schmiede zu kommen, da ſagte ich zu ihr, ſie ſolle das arme kleine Kind mitbringen. Gott ſegne das arme kleine Kind! ſagte ich zu Deiner Schweſter, er hat Platz genug in der Schmiede.“. Charles Dickens, Große Erwartungen. I. 5 Ich fing an zu weinen und fiel Joſeph um den Hals, der das Eiſen fallen ließ, um mich zu umarmen.„Immer die beſten Freunde,“ ſagte er,„nicht wahr, Pip? Weine nicht, alter Junge!“ Als dieſe kleine Unterbrechung vorüber war, fuhr er fort: „Nun ſiehſt Du, Pip, ſo ſind wir hier. So weit wären wir gekommen. Wir ſind hier und wenn Du mich unter⸗ richten wirſt, Pip(ich ſage Dir im Voraus, daß ich ſehr ungeſchickt, ſehr äußerſt ungeſchickt bin), ſo muß Frau Jo⸗ ſeph nicht zu viel davon merken. Es muß, ſo zu ſagen, pfiffig angefangen werden. Und weshalb pfiffig? Das will ich Dir ſagen, Pip.“ Er hatte das Eiſen wieder in die Hand genommen, und ohne dieſes wäre er wahrſcheinlich in ſeiner Auseinander⸗ ſetzung nicht viel weiter gekommen. „Deine Schweſter iſt an die Regierung gewöhnt.“ „An die Regierung?“ Ich erſchrak, denn ich hatte eine Art von dunkler Idee(und ich könnte faſt ſagen Hoffnung), daß Joſeph ſie für die Lords der Admiralität oder der Schatzkammer abgegeben habe. „An die Regierung, das heißt: über Dich und mich zu regieren.“ O!“ 77— „Und ſie hat nicht gern Gelehrte im Hauſe, und wäre nicht beſonders dafür, daß ich etwas lernte, da ich denn am Ende höher ſteigen würde. Gewiſſermaßen wie in einem Aufſtande, ſiehſt Du?“ Ich wollte eben eine Frage ſtellen und hatte ſchon „warum“ ausgeſprochen, als er mich davon abhielt. 67 „Wart' ein bischen. Ich weiß ſchon, was Du ſagen willſt— wart' ein bischen, Pip! Ich weiß wohl, daß Deine Schweſter dann und wann uns ty— ranniſirt. Ueberdies behandelt ſie uns zuweilen ſehr hart. Wenn Deine Schweſter in übler Laune iſt, dann(Joſeph's Stimme fiel bedeutend und er ſah nach der Thür) dann iſt ſie, um die Wahrheit zu ſagen, ſehr ſtürmiſch.“ Er ſprach das letzte Wort aus, als ob es mit wenig⸗ ſtens zwölf großen St's anfinge. „Warum ich nicht höher ſteige? Das wollteſt Du ſagen, als ich Dich unterbrach, Pip?“ „Ja, Joſeph.“ „Sieh,“ ſagte Joſeph, und nahm das Eiſen in die linke Hand, um mit der rechten ſeinen Schnurrbart erfaſſen zu können, und wenn er dieſe friedliche Beſchäftigung anfing, hoffte ich nicht viel mehr von ihm,„Deine Schweſter iſt ein Meiſtergeiſt. Ein Meiſtergeiſt.“ „Was iſt das?“ frug ich und hoffte, daß er dieſes er⸗ klären würde. Allein er war gleich zur Hand und indem er einen Umweg machte, ſagte er blos„Sie!“ „Und ich bin kein Meiſtergeiſt,“ fuhr Joſeph fort— nund endlich Pip— ich ſage Dir das ſehr ernſtlich, alter Junge— ich habe bei meiner armen Mutter ſo viel ge⸗ ſehen, wie eine Frau ſich plagt und quält, und ihr ehrliches Herz bricht und ſo lange ſie lebt keinen guten Tag hat, ſo daß ich ſehr angſt bin, meiner Frau nicht die rechte Be⸗ „handlung zukommen zu laſſen und ich möchte lieber etwas zu viel in der andern Richtung thun und es ſelbſt dabei ein bischen unbequem haben. Es wäre mir nur lieb, wenn ich allein darunter litte, und daß es keinen Stock für Dich 5*½ 68 gäbe, alter Junge, ich wünſche, es käme alles über mich, allein ſo geht es nun einmal hin und her, Pip, und ich hoffe, Du wirſt manchen Schaden überſehen.“ So jung ich war, ſo hab' ich ſeit jenem Abende noch einmal ſo viel Hochachtung für Joſeph gefühlt. Wir waren, wie immer, da wir einander gleich ſtanden, doch wenn ich ſpäter in ruhiger Zeit auf Joſeph hinſah, ergriff mich ein neues Gefühl, das Bewußtſein, daß ich ihn von ganzem Herzen bewunderte. Joſeph ſtand auf, das Feuer wieder aufzurichten und ſagte:„Die Hausuhr arbeitet ſich ab, um acht zu ſchlagen und ſie iſt noch nicht zu Hauſe. Hoffentlich hat Onkel Pumblechook's Pferd nicht auf ein Stück Eis getreten und iſt niedergeſtürzt.“ Frau Joſeph machte an Markttagen mitunter Aus⸗ fahrten mit Onkel Pumblechook, um ihm Beiſtand zu lei⸗ ſten, wenn er Sachen für die Haushaltung einkaufte, mit denen eine Frau beſſer Beſcheid wußte, denn er war ein Junggeſelle und verließ ſich nicht auf ſeine Dienſtmagd. Es war gerade Markttag und Frau Joſeph war auf einer ſolchen Expedition. Joſeph machte das Feuer zurecht und kehrte den Heerd ab und dann traten wir an die Thür, um auf den Wagen zu horchen. Es war eine trockene kalte Nacht und der Wind wehte ſcharf und der Froſt war weiß und hart. Wer in dieſer Nacht auf den Marſchen läge, hätte ſterben müſ⸗ ſen. Ich ſah zu den Sternen auf und dachte nach, wie ſchreck⸗ lich für einen Menſchen, wenn er zu Tode erfröre und zu ihnen aufblickte, und alle die glänzende Schaar keine Hülfe, kein Erbarmen zeigte. 3 ꝓ 69 „Da kommt das Pferd,“ ſagte Joſeph,„welch ein Glockengeläute!“ Die Hufeiſen erklangen auf dem harten Wege ganz muſikaliſch und das Pferdchen trabte auch lebhafter als gewöhnlich. Wir trugen einen Stuhl heraus, damit Frau Joſeph ausſteigen könne, ſtocherten das Feuer auf, damit ſie ein helles Feuer ſähe und ſahen uns in der Küche um, ob auch alles auf dem rechten Flecke ſtehe. Nachdem wir dieſe Vorbereitungen getroffen hatten, fuhren ſie vor, bis unter die Augen eingehüllt. Frau Joſeph war bald angelandet und Onkel Pumblechook kam auch bald herunter, wobei er das Pferd bedeckte, ſo daß wir bald in der Küche waren, doch ſo viel Kälte in die Küche brachten, daß alle Hitze aus dem Feuer vertrieben zu ſein ſchien. „Nun aber,“ ſagte Frau Joſeph, indem ſie haſtig und aufgeregt ablegte und ihren Hut über die Schultern warf, ſo daß er an den Bändern feſt hängen blieb,„wenn nun dieſer Junge heute Abend noch nicht dankbar iſt, ſo wird er's niemals ſein.“ Ich ſah ſo dankbar aus, wie ein Knabe nur konnte, der durchaus nicht wußte, weshalb er einen ſolchen Ausdruck annehmen ſolle. „Hoffentlich wird er nicht verzärtelt werden,“ ſagte meine Schweſter,„doch ich habe Angſt davor.“ „Sie iſt nicht ſo,“ ſagte Herr Pumblechook,„ſie weiß beſſer Beſcheid.“ „Sie?“ Ich ſah Joſeph an, indem ich mit Lippen und Augenbrauen ſprach:„Sie!“ Joſeph ſah mich wieder an und frug ebenfalls mit Lippen und Augenbrauen: „Sie?“ Meine Schweſter entdeckte dieſe Mienen und er 70 zog ſchnell ſeine Hand über die Naſe mit feiner gewöhn⸗ lichen Verſöhnungsmanier, wobei er ſie anſah. Sie aber frug in ihrer ſchnippiſchen Manier:„Nun? Worüber glotzt ihr ſo? Steht das Haus in Brand?“ „Welche eine gewiſſe Perſon“— bemerkte Joſeph höf⸗ lich—„erwähnte— Sie—“ „Iſt ſie eine Sie? Oder nennt ihr Fräulein Havisham eine Er? So weit werdet auch ihr nicht gehen.“ „Fräulein Havisham oben in der Stadt?“ frug Joſeph. „Gibt es ein Fräulein Havisham unten in der Stadt?“ antwortete meine Schweſter.„Sie will den Jungen bei ſich haben, er ſoll dort ſpielen. Alſo geht er dahin. Er wird dort ſpielen,“ ſagte ſie, und drohte mir mit dem Kopfe, gleichſam um mich zu ermuntern, ſehr gelenkig und ſpie⸗ leriſch zu ſein,„oder ich werde ihn bearbeiten.“ Ich hatte von Fräulein Havisham oben in der Stadt gehört— meilenweit im Umfange hatte Jedermann von Fräulein Havisham oben in der Stadt gehört— ſie ſollte eine ungeheuer reiche, grämliche Dame ſein, die in einem großen, weiten Hauſe gegen Räuber verbarrikadirt leben ſollte und gänzlich abgeſchloſſen war. „Das muß ich ſagen,“ ſagte Joſeph verwundert,„wie hat ſie Pip kennen gelernt?“ „Dummkopf,“ ſagte meine Schweſter,„wer ſagte, daß ſie ihn kennt?“ „Welche eine gewiſſe Perſon“— deutete Joſeph wieder höflich an,„erwähnte, daß ſie wünſche, er ſolle kommen und dort ſpielen.“ „Konnte ſie nicht Onkel Pumblechook fragen, ob er 71 einen Knaben kenne, der hinkomme und dort ſpiele? Iſt es nicht ſehr möglich, daß Onkel Pumblechook einer ihrer Pächter iſt, und daß er zuweilen— nicht vierteljährig oder halbjährig, denn das könnt ihr nicht begreifen— ſondern zuweilen hinkommt und die Pacht bezahlt? Konnte ſie nicht Onkel Pumblechook fragen, ob er einen Knaben kenne, der dort ſpielen könne? Konnte nicht Onkel Pum⸗ blechook, der immer auf uns Rückſicht nimmt, wenn Du, Joſeph, es auch vielleicht nicht glaubſt(im Tone des tief⸗ ſten Vorwurfs, als ob er der allerverhärtetſte Neffe wäre), dieſen Knaben hier nennen, der dort hochmüthig ſteht,— (was ich wahrhaftig nicht gethan habe)— für den ich im⸗ mer wie ein Sklave freiwillig gearbeitet habe.“ 3 „Wieder ſehr gut!“ rief Onkel Pumblechook aus. „Wieder gut geſetzt! Schön zugeſpitzt! Wirklich gut! Nun Joſeph, wißt ihr, wie es ſteht.“ „Nein, Joſeph“, ſagte meine Schweſter noch immer im Tone des Vorwurfs, indeß Joſeph mit ſeiner Hand immer⸗ fort über die Naſe ſtrich,„Du weißt noch nicht, wie es ſteht, wenn Du es auch etwa meinſt. Du meinſt es viel⸗ leicht, aber Du weißt es nicht, Joſeph. Du weißt nicht, daß Onkel Pumblechook, welcher der Anſicht iſt, daß mög⸗ licherweiſe dieſer Junge ſein Glück macht, wenn er zu Fräu⸗ lein Havisham geht, ſich erboten hat, ihn in ſeiner eigenen Chaiſe heute Abend in die Stadt zu nehmen und in der Nacht zu verwahren, und ihn morgen früh ſelbſt zu Fräu⸗ lein Havisham zu führen. Gott ſei mir gnädig— unter⸗ brach ſie ſich plötzlich und warf verzweifelt ihren Hut ab — da ſtehe ich und ſpreche mit Mondkälbern und Onkel Pumblechook wartet und das Pferd erkältet ſich vor der 72 Thür und der Junge iſt voll Dreck und Ruß vom Kopfe bis zu der Sohle.“ Darauf ſtürzte ſie auf mich wie ein Adler auf ein Lamm, und mein Geſicht wurde in hölzerne Näpfe gequetſcht, und mein Kopf unter Zapfen von Waſſerfäſſern geſteckt, und ich wurde eingeſeift, geknetet, abgetrocknet, geſtoßen, ge⸗ quält, geſchabt, bis ich wirklich den Verſtand verloren hatte. Als meine Wäſche vorüber, wurde ich in reine Lein⸗ wand von der ſteifſten Art geſteckt, wie ein junger Büßen⸗ der in ein härenes Gewand und bekam meinen engſten und ſchrecklichſten Anzug an. Dann wurde ich Herrn Pum⸗ blechook überliefert, der mich förmlich in Empfang nahm, als ob er der Sherif wäre und der die Worte ſprach, die er ſchon auf der ganzen Fahrt unbedingt einſtudirt hatte: „Knabe, ſei immer dankbar gegen Deine Freunde, be⸗ ſonders gegen die, welche Dich großgezogen haben!“ „Guten Abend, Joſeph.“ „Gott ſei mit Dir, Pip, alter Junge!“ Ich hatte niemals vorher Abſchied von ihm genommen und es waren theils meine Empfindungen und theils die Seifenabgüſſe, welche meine Augen ſo blendeten, daß ich anfänglich keine Sterne von der Chaiſe aus ſehen konnte. Allmälig erſchienen ſie einer nach dem andern, warfen je⸗ doch kein Licht auf die Frage, weshalb ich bei Fräulein Havisham ſpielen ſolle und an welchem Spiele ich mich zu betheiligen haben würde. Achtes Kapitel. Herrn Pumblechool's Wohnung in der Hauptſtraße des Marktfleckens war von einem pfefferkornigen und mehli⸗ gen Ausſehn, wie die Wohnung eines Korn⸗ und Samen⸗ händlers ſein mußte. Mir ſchien er ein ſehr glücklicher Mann ſein zu müſſen, weil er ſo viele kleine Schiebfächer im Laden hatte, und als ich in eines oder das andere auf den unteren Reihen hineinſah und die zuſammengebundenen grauen Papierdüten dort erblickte, dachte ich darüber nach, ob die Blumenſamen und Knollen ſchöne Witterung be⸗ durften, um aus dieſen Banden auszubrechen und zu blühen. Am frühen Morgen nach meiner Ankunft war mir die⸗ ſer Gedanke eingefallen. Am Abende war ich gleich in ein Dachzimmer mit ſchräglaufendem Dache gebracht wurden, welches in der Ecke, wo das Bette ſtand, ſo niedrig war, daß es mir vorkam, als müßten die Ziegel nur einen Fuß von meinen Augenbrauen entfernt ſein. An demſelben frühen Morgen entdeckte ich eine eigenthümliche Verwandtſchaft zwiſchen Samen und Stulpenſtiefeln. Mr. Pumblechook trug Stulpenſtiefeln und ſein Ladendiener ebenfalls; die Stiefeln hatten ſo ſehr die Miene und den Geruch von — 74 Samen an ſich, und die Samen rochen ſo ſehr im Allge⸗ meinen nach den Stiefeln, daß ich ſie kaum zu unterſchei⸗ den wußte. Ha derſelben Zeit bemerkte ich, daß Herr Pum⸗ blechook fein Geſchäft zu führen ſchien, indem er über die Srhogh nach dem Sattler ſah, welcher wieder ſein Geſchäft abzumachen ſchien, indem er auf den Wagenfabrikanten hinblickte, der ſeinerſeits voranzukommen ſchien, indem er die Hände in die Taſche ſteckte und den Bäcker betrachtete, der wiederum die Arme zuſammenſchlug und den Brauer anglotzte, welcher vor der Thür ſtand und den Apotheker angähnte. Der Uhrmacher, der immer mit einem Ver⸗ größerungsglaſe im Auge über einem kleinen Pult hockte, und den immer einige Leute in Kitteln durch die Scheiben ſeines Ladenfenſters betrachteten, ſchien die einzige Perſon in der Hochſtraße zu ſein, deſſen Arbeit Aufmerkſamkeit erheiſchte. Herr Pumblechook und ich frühſtückten um 8 Uhr im Zimmer hinter dem Laden, der Ladendiener nahm ſeine Schale Thee und ſein Butterbrot auf einem Sacke mit Bohnen auf der Hausflur ein. Herr Pumblechook kam mir als ein unangenehmer Geſellſchafter vor. Nicht allein hatte er die Anſicht meiner Schweſter, daß meiner Nah⸗ rung ein peinigender und bösartiger Charakter verliehen werden müſſe; nicht allein gab er ſo viele Krumen als möglich und eben ſo wenig Butter, und goß ſo viel war⸗ mes Waſſer in meine Milch, daß es beſſer geweſen wäre, mir gar keine Milch zu geben— ſeine Unterhaltung be⸗ ſtand nur aus Rechnungen. Als ich höflich guten Morgen ſagte, antwortete er aufgeblaſen:„Siebenmal neun, mein Junge?“ und konnte ich antworten in einem fremden Hauſe 75 mit einem ſo leeren Magen? Ich war hungrig, allein ehe ich einen Biſſen verſchluckt hatte, fing er eine fortlaufende Rechnung an, die das ganze Frühſtück durch währte.„Sie⸗ ben? Und vier? Und acht? Und ſechs? Und zwei? Und zehn?“ Und ſofort. Wenn eine Zahl abgemacht war, konnte ich nur einen Schluck thun oder einen Biſſen neh⸗ men, ehe die andere kam, er ſaß bequem und hatte nichts zu rechnen, aß dagegen Schinken und warme Brötchen, in einer, wenn ich mich ſo ausdrücken ſoll, Gourmands⸗ Manier. Es freute mich deshalb ſehr, als es zehn Uhr ſchlug und wir nach Fräulein Havisham gingen, obſchon ich durch⸗ aus keine Ahnung hatte, wie ich mich im Hauſe dieſer Dame benehmen ſolle. In einer Viertelſtunde kamen wir zu ihrer Wohnung, ſie war von alten Steinen, trübſeligen Aus⸗ ſehens und mit vielen Eiſenſtangen. Einige Feuſter waren zugemauert, die unteren waren alle mit Stangen verſehen. Der Hofplatz war verſperrt, wir ſchellten und mußten lange warten ehe Jemand kam. Indeß wir am Thore war⸗ teten, ſchaute ich hinein(auch da noch ſagte Herr Pumble⸗ chook:„Und vierzehn?“ allein ich that als ob ich nichts hörte) und ſah, daß an der Seite des Hauſes eine große Brauerei lag; es wurde nicht gebraut und ſchien dort lange alle Arbeit geruht zu haben. Endlich wurde ein Fenſter aufgeſchloſſen und eine helle Stimme frug:„Welcher Name?“ Mein Führer antwor⸗ tete:„Pumblechook.“ Die Stimme antwortete:„Ganz recht“ und das Fenſter wurde wieder geſchloſſen und eine junge Dame kam über den Hof mit Schlüſſeln in der Hand. 76 „Dieſes iſt Pip?“ fagte Herr Pumblechook. „Iſt dieſes Pip?“ frug die junge Dame, die ſehr ſchön war und ſehr ſtolz ſchien;„komm herein, Pip.“ Herr Pumblechook kam auch, allein ſie wies ihn mit dem Thore zurück. „O!“ ſagte ſie. Wünſchen Sie Fräulein Havisham zu ſprechen.“ „Wenn Fräulein Havisham mich zu ſehen wünſcht,“ antwortete Herr Pumblechook eingeſchüchtert. „Ah!“ ſagte das Mädchen;„aber Sie ſehen, daß ſie das nicht wünſcht.“ Sie ſagte dies kurz, in einer ſo entſchiedenen Weiſe, daß Herr Pumblechook, wenn auch in ſeiner Würde belei⸗ digt, nicht proteſtiren konnte. Aber er ſah mich ſtreng an, als aE ich ihm etwas zu Leide gethan hätte und ſchied mit den vorwurfsvoll ausgeſprochenen Worten:„Junge! be⸗ nimm Dich ſo, das Du denen Ehre machſt, die Dich groß⸗ gezogen haben.“ Ich war nicht ohne Beſorgniß, daß er wieder umkehren werde, um durch das Thor mir zuzurufen „Und ſechszehn?“ Allein er kam nicht. Meine junge Führerin ſchloß das Thor zu und wir gingen über den Hof. Er war gepflaſtert und rein, allein in jeder Spalte wuchs Gras. Die Brauereigebäude ſtan⸗ den durch ein Gäßchen in Verbindung mit ihm, die Braue⸗ rei ſelbſt ſtand offen, bis an die hohe Einſchlußmauer und alles war leer und außer Gebrauch. Der kalte Wind ſchien dort kälter zu wehen als außerhalb des Thores und er machte, indem er durch die Brauerei ſauſte, ein Geräuſch, gerade wie es der Wind zwiſchen dem Segelwerk eines Schiffs auf der See macht. 77 Sie ſah, daß ich hinblickte und ſagte:„Du könnteſt ohne Schaden all' das Bier auftrinken, welches jetzt dort gebraut wird.“ „Ich könnte das wohl,“ antwortete ich ſchüchtern. „Beſſer wäre es dort nicht zu brauen oder das Bier könnte ſauer werden; meinſt Du nicht auch, Junge?“ „Es ſieht faſt ſo aus, Fräulein.“ „Nicht daß irgend Jemand daran dächte, denn das iſt alles vorbei und der Platz wird ſo leer ſtehen bleiben, bis er einfällt. Bier iſt genug im herrſchaftlichen Hauſe, ſo daß es damit ertränkt werden könnte.“ „Heißt dieſes Haus hier ſo, Fräulein?“ „Es iſt dieſes einer ſeiner Namen.“ „Hat es noch mehrere?“ „Noch einen. Der andere Name war Satis, es iſt griechiſch oder lateiniſch oder hebräiſch oder alles drei— oder wir alles einerlei, für genug.“ „Genug⸗Haus, ein ſeltſamer Name, Fräulein.“ „Ja, allein es hatte einen tieferen Sinn. Es bedeu— tete, als dieſer Name aufkam, daß wer dieſes Haus beſitze, genug habe. Damals muß man leicht befriedigt geweſen ſein. Allein komm raſch, Junge.“ Obgleich ſie mich„Junge“ nannte und zwar mit einer durchaus nicht höflichen Gleichgültigkeit, ſo war ſie doch von meinem Alter oder ſehr wenig älter. Sie ſchien viel älter als ich, da ſie ein Mädchen und ſchön und voll Selbſt⸗ bewußtſein war, ſie war ſo vornehm gegen mich, als ob ſie einundzwanzig zählte und eine Königin wäre. Wir gingen durch eine Nebenthüre in das Haus— vor der Hauptthüre an der Front des Hauſes waren zwei Ketten gezogen— und ich ſah, daß alle Gänge dunkel wa⸗ ren und ein Licht brannte. Sie nahm es, wir gingen durch mehrere Gänge, eine Treppe hoch, überall war es dunkel und nur das Licht erhellte den Weg. Endlich kamen wir an die Thür eines Zimmers und ſie ſagte:„Geh' hinein.“ „Ich antwortete mehr aus Scheu als aus Höflichkeit: „nach Ihnen, mein Fräulein.“ Sie antwortete:„ſei nicht närriſch, Junge, ich gehe nicht hinein.“ Sie ging darauf ſtolz weg— und— was noch ſchlimmer war, nahm das Licht mit. Dies war ſehr unbehaglich und ich fing faſt mich an zu fürchten. Da ich unterdeſſen nichts thun konnte als anzuklopfen ſo that ich dies und man rief mir zu, herein⸗ zukommen. Ich trat ein und befand mich in einem mit Wachskerzen beleuchteten Zimmer. Man ſah keine Spur von Tageshelle in ihm. Es ſchien mir nach den Möbeln ein Toilettenzimmer zu ſein, obſchon ich damals viele der dortigen Gegenſtände nicht zu unterſcheiden verſtand. Vor allen zeigte ſich ein bedeckter Tiſch mit einem goldenen Spiegel und deshalb nahm ich gleich an, dies ſei der Toilettentiſch einer feinen Dame. Ob ich dies ſo bald angenommen haben würde, wenn keine feine Dame daran geſeſſen, kann ich nicht ſagen. In einem Armſeſſel, einen Ellenbogen auf dem Tiſche, indeß der Kopf auf der Hand ruhte, ſaß die ſeltſamſte Dame, die ich jemals geſehen hatte oder je ſehen werde. Sie war reich gekleidet, in Seide und in Spitzen und in Atlas— alles weiß. Ihre Schuhe waren weiß. Ein langer weißer Schleier hing an ihren Haaren herab, ſie 79 trug einen Brautkranz im Haare, aber ihr Haar war weiß. Einige glänzende Juwelen ſtrahlten an ihrem Kopfe und an ihren Händen, andere Juwelen lagen neben ihr auf dem Tiſche und funkelten. Kleider, die nicht ſo prächtig waren als die, welche ſie trug, halbvoll gepackte Reiſekoffer wa⸗ ren da und dort zerſtreut. Sie hatte ſich noch nicht ganz angekleidet, denn ſie trug nur einen Schuh— der andere lag neben ihrer Hand auf dem Tiſche, ihr Schleier war nur halb in Ordnung, ihre Uhr und Kette waren nicht angelegt, einige Spitzen für die Bruſt lagen bei dieſen Sachen und nebenbei ein Taſchentuch und Handſchuhe, und einige Blumen und ein Gebetbuch— alles untereinander vor dem Spiegel. Ich ſah das nicht alles auf einmal, obſchon ich gleich mehr ſah, als man hätte denken ſollen. Und ich ſah, daß alles, was mir vorkam und weiß ſein ſollte, früher weiß geweſen war und ſeinen Glanz verloren hatte und verwelkt und gelb war. Ich ſah, daß die Braut im bräut⸗ lichen Gewande verwelkt war gleich dieſem und gleich den Blumen, und daß kein Glanz an ihr als der ihrer ein⸗ gefallenen Augen. Das Kleid war der runden Geſtalt einer jungen Dame angepaßt, und die Geſtalt, um welche es jetzt hing, war auf die Knochen abgemagert. Ich war einmal auf dem Jahrmarkte in eine Wachsfigurenbude ge⸗ führt worden, wo irgend eine unmögliche Geſtalt in Pa⸗ rade aufgeſtellt war. Ein anderes Mal war ich in eine unſerer alten Kirchen auf den Marſchen gekommen, wo ich ein Skelett in der Aſche einer ſchönen Kleidung erblickte, welche aus einer Gruft unter dem Kirchengewölbe heraus⸗ genommen war. Wachsfigur und Skelett ſchien jetzt 80 dunkle Augen zu haben, die ſich bewegten und mich an⸗ blickten. Ich hätte geſchrien, wenn ich nur gekonnt hätte. „Wer iſt da?“ ſagte die Dame am Tiſche. „Pip, Fräulein.“ „Pip?“ „Der Knabe von Herrn Pumblechook, Fräulein, der hier ſpielen ſoll.“ „Komm näher, laß mich Dich anſehen. Tritt ganz in meine Nähe.“ Als ich vor ihr ſtand und ihre Augen mied, betrachtete ich die vielen Gegenſtände, und ſah, daß ihre Uhr um zehn Minuten auf 9 Uhr ſtehen geblieben war und daß auch die Uhr im Zimmer auf zehn Minuten vor Neun ſtand. „Sieh mich an,“ ſagte Fräulein Havisham,„Du fürch⸗ teſt Dich doch nicht vor einer Frau, die, ſeitdem Du ge⸗ boren, niemals das Sonnenlicht geſehen hat?“ Ich muß offen geſtehen, daß ich mich nicht bedachte, die entſetzliche Lüge auszuſprechen, die in dem Worte „nein“ lag. „Weißt Du was ich hier berühre?“ frug ſie, indem ſie ihre Hände, eine über die andere, auf ihre linke Seite legte. „Ja, Fräulein.“ Ich dachte dabei an den jungen Mann. „Was berühre ich?“ „Ihr Herz.“ „Gebrochen!“ Sie ſprach dieſe Worte mit heftigem Blicke und mit feſtem Nachdrucke, dabei lächelte ſie in ſo eigenthüm⸗ licher Weiſe, als ob ſie ſtolz darauf wäre. Dann hielt ſie die Hände kurze Zeit noch dahin und nahm ſie dann lang⸗ ſam fort, als ob ſie ſchwer wären. „Ich bin müde,“ ſagte Fräulein Havisham,„ich be⸗ darf der Zerſtreuung, und Männer und Weiber thun’'s nicht mehr. Spiele.“ Mein noch ſo ſtreitſüchtiger Leſer wird zugeben müſſen, daß ſie kaum einem unglücklichen Knaben eine ſchwierigere Aufgabe unter ſolchen Umſtänden hätte ſtellen können. „Ich habe mitunter krankhafte Einfälle,“ ſagte ſie, „und es iſt mein krankhafter Einfall, daß ich etwas ſpielen ſehen möchte. Da, da!(mit einer ungeduldigen Bewe⸗ gung der Finger ihrer rechten Hand) ſpiele, ſpiele, ſpiele!“ Die Angſt vor meiner Schweſter Drohungen ergriff mich und da fiel mir der verzweifelte Gedanke ein, im Zimmer umherzufahren, als ob ich Herrn Pumblechook's Chaiſe wäre. Allein ich fühlte mich der Aufgabe ſo wenig gewachſen, daß ich bald aufhörte und Fräulein Ha⸗ visham gegenüber ihr einen Blick zuwarf, den ſie für eigen⸗ ſinnig zu halten ſchien, da ſie, nachdem wir uns ſchärfer ange⸗ ſehen hatten, mich frug:„Biſt Du mürriſch und hartnäckig?“ „Nein, Sie thun mir ſehr leid, und es thut mir ſehr leid, daß ich gerade augenblicklich nicht zu ſpielen weiß. Klagen Sie über mich, ſo beſtraft mich meine Schweſter und deshalb thät' ich es gern, allein hier iſt alles ſo neu und ſo ſeltſam und ſo ſchön— und melancholiſch—“ Ich hörte auf, weil ich zu viel zu ſagen, oder ſchon zu viel ge⸗ ſagt zu haben befürchtete und wir ſahen uns abermals an. Ehe ſie wieder ſprach, kehrte ſie den Blick von mir ab, betrachtete ihr Kleid, den Tollettentiſch, und endlich ſich ſelbſt im Spiegel. Charles Dickens, Große Erwartungen. I. 6 „Ihm ſo neu,“ murmelte ſie— und mir ſo alt! ihm ſo ſeltſam, mir ſo bekannt— ſo melancholiſch für uns Beide! Rufe Eſtella.“ Da ſie ſich noch immer im Spiegel anſah, meinte ich, ſie ſpreche zu ſich ſelbſt und hielt mich ruhig. „Rufe Eſtella,“ ſagte ſie und ſchleuderte mir einen Blick zu.„Das kannſt Du thun. Rufe Eſtella. An der Thüre.“ Im Dunkel in einem geheimnißvollen Gange eines un⸗ bekannten Hauſes zu ſtehen und einer vornehmen und un⸗ ſichtbaren Dame zuzurufen, da es doch eine ſchreckliche Freiheit ſchien, ihren Namen Eſtella ſo auszuſchreien, kam mir faſt ſo ſchlimm vor, als daß ich auf Befehl ſpielen ſollte. Allein ſie antwortete endlich und ihr Licht kam durch den dunklen Gang wie ein Stern. Fräulein Havisham winkte ihr näher zu treten und nahm ein Juwel vom Tiſche auf, um es an ihrem ſchönen jungen Buſen und an ihrem ſchönen braunen Haare zu probiren.„Dir gehört es einſt, meine Liebe, und Du wirſt es gut gebrauchen. Spiele Karten mit dem Knaben!“ „Mit dieſem Knaben! Es iſt ja ein gemeines Arbeiter⸗ kind!“ Mir kam es vor als ob Fräulein Havisham antwor⸗ tete— nur ſchien es unwahrſcheinlich—„Nun? Du kannſt ſein Herz brechen.“ „Was ſpielſt Du, Junge?“ frug Eſtella mich mit der größten Geringſchätzung. „Nichts als Bettelmann, Fräulein.“ „Mach ihn zum Bettler,“ ſagte Fräulein Havisham zu Eſtella. Wir ſetzten uns zum Spiele. 83 Nun erkannte ich erſt, daß in dieſem Zimmer ſchon ſeit lange Alles, wie die Uhren, ſtille geſtanden hatte. Fräu⸗ lein Havisham legte das Juwel genau an die Stelle, wo ſie es aufgenommen hatte. Indeß Eſtella die Karten aus⸗ gab, betrachtete ich abermals den Toilettentiſch und ſah, daß der früher weiße und jetzt gelbe Schuh auf demſelben niemals war angezogen worden. Ich warf meinen Blick auf den Fuß, welchem dieſer Schuh fehlte und ſah, daß der früher weiße und jetzt gelbe ſeidene Strumpf zu Fetzen zertreten war. Ohne dieſen Stillſtand aller Dinge, aller blaſ⸗ ſen verwelkten Gegenſtände hätte das verfallene Braut⸗ gewand der abgemagerten Geſtalt nicht ſo ſehr wie ein Grabkleid, der Schleier nicht wie ein Leichentuch ausſehen können. So ſaß ſie gleich einer Leiche, indeß wir Karten ſpielten. Die Kragen und Beſätze ihres Brautkleides glichen erdfarbenem Papier. Ich wußte damals nicht, daß man zu Zeiten Leichen aus der Vergangenheit aus⸗ gräbt, welche in Staub zerfallen, ſobald man ſie bei Lichte ſieht; ſpäter hab' ich oft daran gedacht, daß ſie ſo ausgeſehen haben mußte, als ob die Zulaſſung des Tageslichts ſie gleich in Staub auflöſen würde. „Er nennt die Buben Jakobs, dieſer Junge!“ ſagte Eſtella verächtlich, ehe das erſte Spiel vorüber war.„Und was hat er für grobe Hände— und welche dicke Stiefeln!“ Früher hatte ich mich meiner Hände niemals geſchämt, ſie ſchienen mir ein ſehr gleichgültiges Paar. Ihre Ver⸗ achtung war ſo groß, daß ſie mich anſteckte. Sie gewann das Spiel und ich gab aus. Ich gab falſch aus, wie es natürlich kommen mußte, da ſie darauf 6* 84 lauerte, daß ich etwas verſäumen ſolle, und nun ſchalt ſie mich einen dummen, plumpen Arbeiterjungen. „Du ſagſt nichts über ſie,“ antwortete Fräulein Havis⸗ ham, indem ſie zuſah.„Sie ſpricht viele harte Worte über Dich, Du ſagſt nichts über ſie. Was hältſt Du von ihr?“ „Ich möchte das nicht ſagen,“ ſtammelte ich. „Sag' mir's ins Ohr,“ ſagte Fräulein Havisham und bückte ſich nieder. „Ich halte ſie für ſehr ſtolz,“ flüſterte ich. „Und nichts weiter?“ „Ich halte ſie für ſehr ſchön!“ „Und nichts weiter?“ „Ich halte ſie für ſehr kränkend.“(Sie ſah mich gerade mit großer Abneigung an.) „Und was noch?“ „Ich möchte gern nach Hauſe gehen.“ „Und ſie nie wieder ſehen, obſchon ſie ſo ſchön iſt?“ „Ich weiß nicht, daß ich ſie nicht wiederſehen möchte, aber ich möchte jetzt gern nach Hauſe gehen.“ „Du ſollſt bald gehen,“ ſagte Fräulein Havisham laut. „Spiele das Spiel aus.“ Außer dem erſten welken Lächeln kam es mir faſt als ſicher vor, daß Fräulein Havisham nicht mehr lächeln konnte. Es war ein wachſames, nachdenkliches Geſicht— wie die⸗ ſes nicht anders ſein konnte, da alles ringsum unwandel⸗ bar geblieben war, und es ſah aus, daß es ſich nie wieder heben könne. Ihre Bruſt war eingefallen, ſo daß ſie leiſe und mit einer Art von Todtenruhe ſprach; ſie ſchien geiſtig und körperlich von innen und von außen unter dem Gewicht eines zerſchmetternden Schlages umgeſunken. 85 Ich ſpielte das Spiel zu Ende und Eſtella machte mich zum Bettelmann. Sie warf die Karten hin, nachdem ſie alle gewonnen hatte, als ob ſie dieſe verachte, weil ſie mir abgewonnen waren. „Wann kommſt Du wieder hierher?“ ſagte Fräulein Havisham.„Ich will einmal ſehen.“ Ich wollte ſie erinnern, daß heute Mittwoch ſei, allein ſie hielt mich mit der frühern ungeduldigen Beweguung der Finger ihrer rechten Hand zurück. „Still, ſtill! Ich weiß nichts von Tagen der Woche, ich weiß nichts von Wochen des Jahres. Komm nach ſechs Tagen wieder. Hörſt Du? 4 „Ja, Fräulein.“ „Eſtella führe ihn fort. Gib ihm etwas zu eſſen und laß ihn umhergehen und ſich umſehn, währenddem er ißt. Geh, Pip.“ Ich folgte dem Lichte nach unten, wie ich dem Lichte nach oben gefolgt war und ſie ſtellte es an den Platz, wo wir es gefunden hatten. Bis ſie die Nebenthüre geöffnet hatte, kam es mir vor, als ob es tiefe Nacht wäre. Das her⸗ einbrechende Tageslicht blendete mich, als ob ich in dem Kerzenlichte des Zimmers mich Stunden lang aufgehalten hätte. „Du mußt hier warten,“ ſagte Eſtella, verſchwand und ſchloß die Thüre. Als ich auf dem Hofe allein ſtand, betrachtete ich meine groben Hände und meine gemeinen Stiefeln. Meine An⸗ ſichten über dieſe Aeußerlichkeiten waren nicht günſtig. Früher hatten ſie mich niemals in Verlegenheit geſetzt, jetzt ſetzten ſie mich als gemeine Anhängſel in Verlegen⸗ 86 heit. Ich beſchloß Joſeph zu fragen, weshalb er mir geſagt, dieſe gemalten Karten hießen Jakobs, da ſie doch Buben heißen ſollten. Ich wünſchte Joſeph hätte eine feinere Er⸗ ziehung gehabt, was mir gewiß genützt haben würde. Sie kam mit Butterbrot und einem Seidel Bier zu⸗ rück. Das Bier ſtellte ſie auf die Steine des Hofs, und gab mir das Butterbrot ohne mich anzuſehen, ſo unver⸗ ſchämt, als ob ich ein herausgejagter Pudel wäre. Ich war ſo gedemüthigt, verletzt, getreten, beleidigt, ärgerlich, betrübt— ich kann den richtigen Ausdruck für dieſe Wunde nicht auffinden— Gott weiß, wie ſie bezeichnet werden mußte— aber Thränen kamen mir in die Augen. Als ſie kamen, ſah das Mädchen mich freudig an, weil ſie die Schuld davon geweſen war. Dies gab mir Kraft, ſie zurückzudrängen und ihr ins Geſicht zu blicken: ſie ſchüt⸗ telte den Kopf verächtlich— doch offenbar mit dem Be⸗ wußtſein, mich verletzt zu haben— und ging fort. Als ſie fort war, ſah ich mich um, wo ich mein Geſicht verbergen könne und ging hinter eine Thür im Brauer⸗ gäßchen, lehnte mich dort an die Wand, ſtützte meine Stirn an einen Arm und weinte. Ich trat dabei an die Mauer und riß mir in die Haare, ſo bitter waren meine Gefühle, ſo ſcharf der namenloſe Schmerz, der einer Gegenwirkung bedurfte. Die Erziehung meiner Schweſter hatte mich empfind⸗ ſam gemacht. In der kleinen Welt, in welcher Kinder ſich bewegen, gleichviel, wer ſie erziehen möge, wird Ungerech⸗ tigkeit ebenſo zart erkannt als empfunden. Das Kind kann nur kleine Ungerechtigkeiten erdulden— allein das Kind iſt klein, ſeine Welt iſt klein nnd ſein Schaukelpferd ſteht nach Proportion ebenſo hoch als ein hartknochiger iriſcher Renner. Schon von Kindheit an hatte ich in mir ſelbſt einen unausgeſetzten Kampf mit der Ungerechtigkeit zu be⸗ ſtehen. Seitdem ich ſprechen konnte, wußte ich, daß meine Schweſter in ihrer launenhaften und heftigen Behandlung ungerecht gegen mich ſei. Ich war feſt davon überzeugt, daß es nicht gerecht war, mich mit Stößen aufzuziehen. Dieſe Ueberzeugung hielt mich feſt in Strafen und Miß⸗ handlungen, in Faſten und Nachtwachen und anderen Buß⸗ übungen, und da ich allein und unbeſchützt ſo viel mit ihr zuſammengelebt, ſo kam es von ſelbſt, daß ich moraliſch ſchüchtern und empfindſam war. Mein gekränktes Gefühl ward ich diesmal los, weil ich an die Brauereimauer trat und mir in die Haare riß, dann machte ich mir das Geſicht mit dem Aermel glatt und kam hinter dem Thore hervor. Butterbrot durfte man nicht verſchmähen, das Bier erwärmte und lockte und ich war bald ſo gut gelaunt, daß ich mich umſehen konnte. Es war ein verſchloſſener Platz bis zum Taubenhäus⸗ chen auf dem Brauhofe, welches ein ſcharfer Wind krumm geweht hatte, ſo daß die Tauben hätten meinen können, ſie befänden ſich auf der See, wenn nur Tauben darin geweſen wären. Es gab aber keine Tauben im Taubenhauſe, keine Pferde im Stalle, keine Schweine im Koben, kein Malz im Vorrathshauſe, keinen Geruch von Korn und Bier in den Fäſſern; alle Gerüche der Brauerei mochten mit dem letzten Dampfe verſchwunden ſein. In einem Seitenhofe gab es eine Maſſe von leeren Fäſſern, die eine Art von ſaurer Erinnerung an beſſere Zeiten empfinden mochten, allein allzu ſauer, als daß ſie als eine Probe des ver⸗ 88 ſchwundenen Biers hätte gelten können— dieſe einge⸗ ſchloſſenen Fäſſer waren in dieſer Hinſicht gerade ſo, wie die meiſten anderen Einſiedler es ſind. Am äußerſten Ende der Brauerei zeigte ſich ein über⸗ 1 wachſener Garten mit einer alten Mauer, nicht ſo hoch, daß ich nicht hätte hinaufklimmen und mich ſo lange feſthalten können, bis ich ihn überſehen hatte. Dieſer durchwachſene 1 Garten war der Hausgarten, überwachſen von durcheinan⸗ dergezogenen Geſträuchen, doch ſchien auf den grünen und gelben Wegen eine Spur, als ob zu Zeiten dort Jemand wandle und Eſtella mich eben dort verlaſſen habe. Sie ſchien aber überall zu ſein. Als ich der von den Fäſſern gebotenen Verſuchung nachgab und über dieſe marſchirte, ſah ich ſie auf ihnen an der Spitze des äußerſten Faſſes gehen. Sie hatte mir den Rücken zugekehrt, hielt ihr braunes Haar in beiden Händen auseinander gelegt, ſah ſich nicht um und verſchwand gleich meinem Blicke. In der Brauerei war es ebenſo, ich meine in dem großen ge⸗ pflaſterten, luftigen Platze, wo Bier gebraut zu werden pflegte und wo die Braugeräthſchaften ſich noch befanden. Als ich zuerſt eintrat und wegen der Dumpfigkeit an der Thür ſtehen blieb, ſah ich ſie zwiſchen dem erloſchenen Feuer durchgehen und oben in einer Galerie verſchwinden, als ob ſie in den Himmel hineinginge. Dort, gerade zur ſelben Zeit, ward meiner Phantaſie eine ſeltſame Erſcheinung zu Theil. Damals kam es mir ſeltſam vor und lange Jahre nachdem hielt ich es für noch ſeltſamer. Meine Augen waren vom Anblicke des froſtigen Lichts etwas getrübt, und ich ſah auf einen großen hölzer⸗ nen Balken in einer niedrigen Ecke des mir zur Rechten 89 ſtehenden Gebäudes; dort meinte ich eine am Holze hän— gende Geſtalt zu ſehen. Die Geſtalt war gelbweiß und trug nur einen Schuh am Fuße, ſie hing ſo, daß ich be⸗ merken konnte, wie ſehr die welken Verzierungen des Klei⸗ des wie erdfahles Papier ausſahen, und daß ihr Geſicht dem des Fräulein Havisham glich, wobei eine Zuckung über ihr ganzes Geſicht zog, als ob ſie mich rufen wolle. Im Schrecken vor dieſer Geſtalt und dem Schrecken, daß ſie einen Augenblick vorher nicht dageweſen, lief ich erſt fort und dann wieder zu ihr hin. Und der Schrecken ſtieg erſt, als ich keine Geſtalt dort fand. Nur das froſtige Licht des heiteren Himmels, der An⸗ blick von Menſchen, die vor dem Hofthor vorübergingen und der belebende Einfluß des übrigen Biers und Butter⸗ brots konnten mich zur Beſinnung bringen. Auch mit die⸗ ſer Hülfe wäre ich vielleicht nicht ſo raſch dazu gelangt, allein Eſtella kam mit den Schlüſſeln, um mich herauszu⸗ laſſen. Sie würde Grund haben, auf mich herabzublicken, wenn ſie mich erſchrocken ſähe(ſo dacht' ich mir), und ſie ſollte keinen Grund dazu haben. Sie warf mir einen triumphirenden Blick zu, indem ſie an mir vorüberging, als ob ſie ſich freute, daß meine Hände ſo grob und meine Stiefel ſo dick waren. Sie öff⸗ nete das Thor und hielt es offen. Ich ging durch, ohne ſie anzuſehen, als ſie mich mit ſpöttiſcher Hand berührte. „Warum weinſt Du nicht?“ „Weil ich keine Neigung dazu habe.“ Du haſt ſie wohl,“ ſagte ſie,„Du haſt geweint bis Du halb blind geweſen biſt und Du biſt jetzt wieder dem Weinen nahe.“ 90 Sie lachte verächtlich, ſtieß mich hinaus und ſchloß das Thor. Ich ging ſogleich zu Herrn Pumblechook und fühlte mich ſehr getröſtet, als ich ihn nicht zu Hauſe fand. Dem Ladendiener gab ich Beſcheid, wann ich wieder bei Fräulein Havisham erwartet würde und machte mich dann auf die Meile Weges zu unſerer Schmiede, überlegte unterwegs alles, was ich geſehn, und daß ich ein gemeiner Arbeits⸗ junge war, daß meine Hände grob und meine Stiefel dick, daß ich die verächtliche Gewohnheit erlernt, die Buben Jakobs zu nennen, daß ich weit unwiſſender, als ich mich einen Tag früher gehalten und daß ich überhaupt— einen niedrigen ſchlechten Weg ging. 2 Neuntes Kapitel. Als ich nach Hauſe kam, wollte meine Schweſter alles mögliche über Fräulein Havisham wiſſen und richtete un⸗ zählige Fragen an mich. Bald erhielt ich tüchtige Stöße von hinten in den Nacken und auf den Rücken und wurde ſogar in ſchmählicher Weiſe an die Küchenwand geworfen, weil ich dieſe Fragen nicht weitläufig genug beantwortete. Wenn Beſorgniß, nicht verſtanden zu werden, bei an⸗ deren jungen Leuten ſo ſehr vorherrſcht, als ſie bei mir ein⸗ gewurzelt war— was ich ſehr wahrſcheinlich nenne, da ich keinen Grund habe, mich für ein beſonderes Geſchöpf zu halten— ſo iſt manche Zurückhaltung dadurch zu erklären. Ich war überzeugt, daß man mich nicht verſtehen würde, wenn ich Fräulein Havisham ſo ſchilderte, wie meine Augen ſie geſehen hatten. Und nicht allein das, auch Fräulein Havisham würde nicht verſtanden werden, und obſchon ſie mir ſelbſt durchaus unverſtändlich war, ſo hatte ich den Eindruck aufgenommen, es würde etwas Grobes und Ver⸗ rätheriſches ſein, ſie wie ſie wirklich war(um nicht von Eſtella zu reden) der Betrachtung von Frau Joſeph vor⸗ zuführen. Deshalb ſagte ich ſo wenig als ich konnte und ließ mich gegen die Küchenwand ſtoßen. 92 Am ſchlimmſten war es, daß der alte renommirende Pumblechook von Neugierde verzehrt war, alles was ich geſehen und gehört zu erfahren, er kam zum Thee in ſeiner Chaiſe herausgefahren, damit ihm alles enthüllt werde. Der bloße Anblick dieſes Quälers mit Fiſchaugen und offenem Maul, das fahle Haar hoch zu Berge geſchoben und die Weſte voll windiger Arithmetik, machte mich hart⸗ näckig. „Nun Junge,“ ſagte Onkel Pumblechook, ſobald er am Feuer den Ehrenplatz eingenommen hatte,„nun Junge, wie ging es Dir oben in der Stadt?“ Ich antwortete„Recht gut, mein Herr,“ und meine Schweſter drohte mir mit der Fauſt. „Recht gut?“ wiederholte Herr Pumblechook.„Recht gut iſt keine Antwort. Was meinſt Du unter recht gut, Junge?“ Es iſt möglich, daß Tünche auf der Stirn irgendwie den Kopf hartnäckig macht. Kurz, Tünche von der Wand auf meiner Stirn machte meine Hartnäckigkeit eiſerner. Ich dachte eine Weile nach und antwortete, als ob ich eine neue Idee entdeckt hätte:„Ich meine recht gut.“ Meine Schweſter wollte ſchon ungeduldig auf mich los⸗ fliegen, ich hatte keinen Schutz, denn Joſeph war in der Schmiede, als Herr Pumblechook ſich einſchob und ſagte: „Nein, verlieren Sie nicht Ihre Gemüthsruhe. Laſſen Sie mir dieſen Knaben, Madame, überlaſſen Sie ihn mir.“ Herr Pumblechook ſtellte mich dann vor ſich hin, als ob er mir die Haare ſchneiden wollte und ſagte: „Zuerſt(um unſere Gedanken zu ordnen), wie viel ſind 43 Pence?“ 93 Ich wollte erſt„400 Pfund“ antworten, allein die Fol⸗ gen ſchienen mir doch zu gefährlich und ich gab eine Ant⸗ wort ab, die ungefähr um 4 Pence nicht ſtimmte. Dann führte er mich durch die Pence⸗Tabellen von„12 Pence machen 1 Schilling“ bis„40 Pence machen 3 Schillinge und 4 Pence“ und frug nun triumphirend:„Nun, wie viel ſind 43 Pence?“ Nach ſehr langer Ueberlegung antwor⸗ tete ich:„Ich weiß es nicht.“ Ich war ſo verworren, daß ich es am Ende wirklich nicht wußte. Herr Pumblechook bewegte ſeinen Kopf wie eine Schraube, um ihn mir aufzuſchrauben und ſagte:„ſind 43 Pence vielleicht 7 Schillinge, 6 Pence und 3 Fardens?“ „Ja,“ ſagte ich. Und obſchon meine Schweſter mir gleich eine Ohrfeige gab, ſo freute es mich doch, daß meine Antwort ihm den Spaß verdorben hatte und er nun pauſirte. Sobald er ſich wieder geſammelt, frug er:„Junge, wie ſieht Fräulein Havisham aus?“ er legte die Arme dabei über die Bruſt und begann mich wieder zu ſchrauben. „Sehr lang und dunkel,“ ſagte ich. „Iſt ſie ſo, Onkel?“ frug meine Schweſter. Herr Pumblechook bejahte es durch einen Wink, woraus ich erkannte, daß er ſie nie geſehen hatte, denn ſie war nicht ſo. „Gut,“ ſagte Pumblechook eingebildet.„So muß man ihn behandeln. Wir haben am Ende auch Eigenſinn, Ma⸗ dame, nicht wahr?“ „Ich wünſchte, Sie hätten ihn immer bei ſich, Onkel, Sie wiſſen ihn gut zu behandeln,“ ſagte meine Schweſter. 94 „Was that ſie, als Du zu ihr heute hereinkamſt?“ frug Herr Pumblechook. „Sie ſaß in einer ſchwarzen Sammetkutſche,“ antwor⸗ tete ich. Herr Pumblechook und Frau Joſeph ſtaunten einander an— was ſie mit Fug und Recht thun durften— und wiederholten beide:„In einer ſchwarzen Sammetkutſche?“ „Ja,“ ſagte ich.„Und Fräulein Eſtella— ich meine es wäre ihre Nichte— reichte ihr zur Wagenthür Kuchen und Wein auf einem goldenen Teller. Wir hatten alle Kuchen und Wein auf goldenen Tellern. Ich ſtieg hinter dem Wagen auf, meines zu verzehren, weil ſie mir es ſo befahl.“ „War noch Jemand da?“ frug Herr Pumblechook. „Vier Hunde,“ ſagte ich. „Große oder kleine?“ „Ungeheure,“ ſagte ich,„ſie ſchlugen ſich um Kalbs⸗ cotelettes aus einem ſilbernen Körbchen.“ Herr Pumblechook und Frau Joſeph glotzten ſich im höchſten Erſtaunen wiederum an. Ich war geradezu ver⸗ rückt— ein rückſichtsloſer Junge unter der Folter— und würde ihnen alles Mögliche erzählt haben. „Wo war denn dieſer Wagen, um des Himmels wil— len?“ frug meine Schweſter. „In Fräulein Havisham's Zimmer.“ Sie ſtaunten wieder.„Aber es waren keine Pferde davor.“ Dieſen Beiſatz fügte ich hinzu, und ließ vier reichgeſchirrte Roſſe laufen, die ich in meiner Ueberſpannung hatte anſpannen laſſen. „Kann das möglich ſein, Onkel?“ frug Frau Joſeph. „Was meint der Junge damit?“ 95 „Ich will Ihnen etwas ſagen, Madame,“ ſagte Herr Pumblechook.„Nach meiner Meinung iſt es eine Säufte. Sie iſt überſpannt— wie Sie wiſſen— ſehr überſpannt — überſpannt genug, um ihre Tage in einer Sänfte zu⸗ zubringen.“ „Haben Sie ſie jemals darin geſehen, Onkel?“ frug Frau Joſeph. „Wie konnt ich das?“ ſagte er, zu dieſem Geſtändniſſe gezwungen,„da ich ſie nie im Leben geſehen habe? Ich habe nie ein Auge auf ſie geworfen.“ „Onkel, was ſagen Sie, und haben doch mit ihr ge⸗ ſprochen?“ „Kaum; wenn ich da war,“ ſagte er ärgerlich,„ſo wurde ich vor die Thüre geführt, dieſe ſtand ſchräg offen und ſo hat ſie ſich mit mir unterhalten. Das wiſſen Sie doch, Madame. Nun ging der Junge hin, um dort zu ſpielen. Womit ſpieltet ihr?“ „Wir ſpielten mit Fahnen,“ ſagte ich.(Ich denke ſelbſt an mich mit Verwunderung, wenn ich mich der da⸗ mals erzählten Lügen erinnere.) „Fahnen!“ wiederholte meine Schweſter. „Ja,“ ſagte ich,„Eſtella ſchwenkte eine blaue Fahne und ich ſchwenkte eine rothe und Fräulein Havisham ſchwenkte eine, die ganz mit kleinen goldenen Sternen überſäet war, zum Kutſchfenſter hinaus. Und dann ſchwenkten wir alle unſere Schwerter und ſchrien Hurrah.“ „Schwerter,“ wiederholte meine Schweſter.„Woher habt Ihr dieſe bekommen?“ „Aus einem Speiſeſchranke,“ ſagte ich.„Und ich ſah auch Piſtolen darin— und Eingemachtes— und Pillen. 96 Und es war kein Tageslicht im Zimmer, ſondern Alles war mit Wachskerzen erleuchtet.“ „Das iſt wahr, Madame,“ ſagte Herr Pumblechook mit ernſtem Nicken.„So verhält es ſich wirklich, denn das hab' ich ſelbſt geſehen.“ Dann ſtaunten ſie mich beide an und ich ſtaunte ſie an, den Schein von Harmloſigkeit auf dem Geſichte, wobei ich das rechte Bein meiner Bein⸗ kleider mit der rechten Hand glatt ſtrich. Hätten ſie mehr Fragen an mich gerichtet, ſo hätte ich mich ohne Zweifel verrathen, denn ich war ſchon nahe daran zu erzählen, daß im Hofe ein Ballon geweſen, nnd ich hätte das auch faſt angebracht, allein meine Erfindungsgabe ſchwankte zwiſchen dieſer Erſcheinung und einem Bären in der Brauerei. Sie waren aber ſo ſehr mit der Be⸗ ſprechung der Wunder beſchäftigt, die ich ſchon erzählt hatte, daß ich durchkam. Die Sache feſſelte ſie noch immer, als Joſeph hereinkam, um eine Taſſe Thee zu trinken. Ihm erzählte meine Schweſter, mehr um ſich ſelbſt zu erleichtern als um ihn zu befriedigen, meine angeblichen Erfahrungen. Als ich ſah, wie Joſeph ſeine blauen Augen öffnete und ſie in hülfloſem Erſtaunen rings über die Küche rollte, ergriff mich ein Bedauern, ſoweit es ihn betraf— nicht was die beiden andern anging. Gegen Joſeph, und nur gegen ihn, kam ich mir wie ein kleines Ungeheuer vor, ſie aber ſaßen und beriethen ſich, was mir die Bekannt⸗ ſchaft und Gunſt des Fräulein Havisham für Vortheile bringen würde. Sie zweifelten nicht daran, daß Fräulein Havisham etwas für mich thun würde, nur über die Form, welche die Sache annähme, waren ſie verſchiedener Anſicht. Frau Joſeph war für„Grundbeſitz“. Herr Pumblechook war für eine anſtändige Geldſumme, daß ich in irgend einem feinen Geſchäfte, etwa im Korn⸗ und Samenhandel, Lehrburſche würde. Joſeph fiel bei beiden ſehr in Ungnade, weil er den erhabenen Vorſchlag machte, man möge mir einen der Hunde ſchenken, die für die Kalbscotelettes gefochten hätten.„Wenn ein Narrenkopf nichts beſſres als dieſes vorzubringen hat,“ ſagte meine Schweſter,„und Ihr etwas zu thun habt, ſo geht lieber an die Arbeit.“ Und er ging. Nachdem Herr Pumblechook abgefahren war und als meine Schweſter aufwuſch, ſchlich ich mich in die Schmiede zu Joſeph und blieb bei ihm, bis er fertig war. Dann ſagte ich:„Ehe das Feuer ganz ausgeht, Joſeph, möchte ich Dir wohl etwas ſagen.“ „Möchteſt Du, Pip?“ ſagte Joſeph und zog den Be⸗ ſchlageſtuhl an den Ambos.„Erzähl' es. Was iſt es, Pip?“ „Joſeph,“ ſagte ich, und faßte ſeinen aufgerollten Hemds⸗ ärmel, indem ich ihn zwiſchen Finger und Daumen drehte, „Du erinnerſt Dich der ganzen Erzählung über Fräulein Havisham?“ „Erinnern? Das mein' ich— wunderbar!“ ſagte Joſeph. „Es iſt eine ſchlimme Sache, Joſeph, es iſt nicht wahr.“ „Was ſagſt Du, Pip?“ rief Joſeph aus und fiel vor Erſtaunen rückwärts.„Du willſt doch nicht ſagen, daß..“ „Ja, ich ſage es— es iſt eine Lüge, Joſeph.“ „Doch nicht Alles? Du willſt doch nicht ſagen, Pip, daß es da keine ſchwarze ſammetne Ku... nun(denn ich Charles Dickens, Große Erwartungen. 1. 7 98 ſchüttelte den Kopf) es waren doch wenigſtens Hunde da. Komm, Pip“, ſagte Joſeph,„wenn auch keine Kalbs⸗ cotelettes, ſo gab es doch wenigſtens Hunde?“ „Nein, Joſeph.“ „Ein Hund,“ ſagte Joſeph,„ein Hündchen. Nicht wahr?“ „Nein, Joſeph, es war nichts Derartiges da.“ Wie ich meine Augen hoffnungslos auf Joſeph richtete, betrachtete er mich erſchrocken.„Pip, alter Junge! Das geht nicht, alter Kerl! Ich ſag' es Dir. Wohin gedenkſt Du zu gehen?“. „Es iſt ſchrecklich, Joſeph, nicht wahr?“ „Schrecklich? Furchtbar!“ ſagte Joſeph.„Wer hat Dich beſeſſen?“ „Ich weiß nicht was mich beſeſſen hat,“ antwortete ich, indem ich ſeinen Hemdsärmel losließ und mich ihm zu Füßen geſenkten Hauptes in die Aſche ſetzte;„allein ich wünſchte Du hätteſt mir nicht geſagt, daß die Buben Ja⸗ kobs heißen und ich wünſchte, meine Stiefeln wären nicht ſo dick und meine Hände nicht ſo grob.“ Und dann erzählte ich Joſeph, wie unglücklich ich war, und daß ich mich gegen Frau Joſeph und Herrn Pumblechook nicht hätte ausſprechen können, da ſie ſo roh gegen mich wären, und daß eine ſchöne junge Dame bei Fräulein Ha⸗ visham ſei, die ſei ſo ſtolz und habe geſagt, ich ſei gemein und ich wüßte es, daß ich gemein ſei, und ich wünſchte, ich wäre nicht gemein und die Lügen waren ſo gekommen, ich wußte ſelbſt nicht wie. Das war eine metaphyſiſche Aufgabe, mit welcher Jo⸗ ſeph ſo viele Pein gehabt haben würde als ich. Allein er 99 ſtreifte der Sache die Metaphyſik ab und ſo kam er mit ihr zu Stande. 1 „Eins iſt gewiß, Pip,“ ſagte Joſeph nach einiger Ueber⸗ legung,„Lügen ſind Lügen. Woher ſie auch kommen, ſie ſollen gar nicht kommen, ſie kommen vom Vater der Lügen, und gehen zuletzt wieder zu ihm zurück. Sage ferner keine mehr, Pip. So kommt man nicht aus der Gemeinheit heraus, alter Junge. Und ich kann es nicht finden, daß Du gemein wärſt. Du biſt in manchen Dingen ungemein. Du biſt ungemein klein. Du biſt auch ein ungemeiner Gelehrter.“ „Nein, ich bin unwiſſend und in Allem zurück.“ „Haſt Du denn nicht geſtern einen ſo herrlichen Brief geſchrieben? Sogar mit gedruckten Lettern! Ich habe Briefe geſehen— ja von vornehmen Leuten— die wahr⸗ haftig nicht im Druck geſchrieben waren,“ ſagte Joſeph. „Ich habe ſo gut als nichts gelernt. Du hältſt viel zu viel auf mich. Weiter iſt es nichts.“ „Gut, Pip,“ ſagte Joſeph,„ſei dem ſo oder nicht ſo, erſt mußt Du ein gemeiner Schüler ſein, ehe Du ein un⸗ gemeiner Schüler wirſt, das mein“ ich! Der König auf dem Throne, mit der Krone auf dem Kopfe, kann nicht ſitzen und ſeine Parlamentsacten im Druck ſchreiben, ohne daß er als unbeförderter Prinz mit dem A-⸗B⸗C begonnen hätte— Ja,“ fügte Joſeph zu und ſchüttelte den Kopf mit großem Ernſte—„er hat mit A begonnen und ſich bis Z durchgearbeitet. Ich weiß, was das heißt, obſchon ich nicht ſagen kann, daß ich das gethan hätte.“ In dieſer weiſen Rede lag einige Hoffnung und ſie flößte mir Muth ein. 7* 7 100 „Gemeine Leute in Bezug auf Beruf und Erwerb,“ fuhr Joſeph fort,„ſind am Ende immer beſſer darauf an⸗ gewieſen, mit gemeinen Leuten auch ferner umzugehen, an⸗ ſtatt mit ungemeinen zu ſpielen— wobei mir einfällt, ob dort nicht wenigſtens eine Fahne geweſen iſt?“ „Nein, Joſeph.“ „Es thut mir leid, daß keine Fahne dort geweſen iſt, Pip. Ob dem ſo oder nicht ſo ſein ſollte, das kann ich jetzt nicht unterſuchen, ſonſt würde Deine Schweſter in ſchlimme Laune gerathen, und zu ſo etwas haben wir keine Veranlaſſung. Sieh, Pip, ein wahrer Freund ſpricht mit Dir. Dieſer wahre Freund ſagt Dir: kannſt Du nicht ungemein werden, wenn Du auf geradem Wege gehſt, ſo wirſt Du es niemals durch krumme Wege. So ſprich nicht mehr davon, Pip, und lebe wohl und ſterbe glücklich.“ „Du biſt mir nicht böſe, Joſeph?“ „Nein, alter Junge. Bedenk ich aber, daß ſolche Lügen betäubend und übermäßig waren— nämlich die mit den Kalbscotelettes und der Hundehetze— ſo würde ein auf⸗ richtiger Freund wünſchen, Pip, daß es in Deine Be⸗ trachtungen fiele, wenn Du Abends zu Bette gehſt. Das iſt alles, alter Junge, und thu's nicht mehr.“ Als ich in mein Zimmerchen gelangt war, und mein Gebet geſprochen hatte, vergaß ich nicht Joſeph's Empfeh⸗ lung und mein junges Gemüth war in dem verworrenen und undankbaren Zuſtande, daß ich lange darüber nach⸗ dachte, wie gemein Joſeph, ein Grobſchmied, bei Eſtella er⸗ ſcheinen würde, wie dick ſeine Stiefeln und wie grob ſeine Hände waren. Ich dachte, wie Joſeph jetzt mit meiner Schweſter in der Küche ſäße und wie ich aus der Küche zu Bette gegangen, wogegen Fräulein Havisham und Eſtella niemals in einer Küche geſeſſen hatten und über ſo gemeine Dinge erhaben waren. Ich ſchlief ein, indem ich darüber nachdachte, was ich bei Fräulein Havisham zu thun pflegte, als ob ich dort Wochen, oder Monateo, anſtatt Stunden da⸗ geweſen, als ob ſie der Gegenſtand alter Erinnerung, an⸗ ſtatt ein erſt heute vor mir erſchienener wäre. Das war ein denkwürdiger Tag, denn er brachte eine große Veränderung in mir hervor. So geht es in jedem Leben. Wäre ein beſonderer Tag ausgeſtrichen, ſo würde der Lauf deſſelben ein ganz anderer geworden ſein. Leſer, mache hierbei eine Pauſe. Bedenke die lange Kette von Gold oder Eiſen, Dornen oder Blumen, die Dich niemals gefeſſelt haben würde, wenn nicht an einem denkwürdigen Tage der erſte Ring derſelben gebildet worden wäre. Zehntes Kapitel. Einen oder zwei Tage ſpäter fiel mir beim Erwachen der glückliche Gedanke ein, das beſte Mittel, um mich nicht gemein zu machen, ſei, von Biddy alles das zu erlernen, was ſie wußte. In Folge dieſes verſtändigen Einfalles ſagte ich zu Biddy, als ich Abends zu Herrn Wopsle's Großtante ging, ich hätte einen beſonderen Wunſch, in der Welt voran zu kommen und ich würde ihr ſehr dankbar ſein, wenn ſie mir ihr Wiſſen mittheilen wollte. Biddy war das gefälligſte Mädchen der Welt und ſagte gleich zu, fing auch fünf Minuten ſpäter ſchon an ihr Verſprechen zu erfüllen. Der Erziehungsplan oder Curſus bei Herrn Wopsle's Großtante läßt ſich durch folgende Ueberſicht ſchildern. Die Zöglinge aßen Aepfel oder warfen einander Stroh auf den Rücken, bis Herrn Wopsle's Großtante ihre Energie ſammelte und ein unbeſtimmtes Loswanken mit einer Ruthe auf alle erfolgte. Der Anfall wurde mit all⸗ gemeinem Hohne aufgenommen und die Schüler ſtellten ſich in eine Reihe und ließen lärmend ein zerriſſenes Buch von Hand zu Hand gehen. Im Buche ſtand ein A⸗B⸗C, einige Ziffernund Tabellen und einige Buchſtabirübungen 103 — das heißt— es hatte früher darin geſtanden. Sobald dieſer Band cirkulirte, verſank Herrn Wopsle'’s Großtante in eine Art von Schlafſucht, entweder aus Müdigkeit oder aus rheumatiſchem Paroxysmus. Die Schüler begannen dann eine wechſelſeitige Prüfung der Stiefeln, in der Ab⸗ ſicht, wer dem Andern am ſtärkſten auf die Zehen treten könne. Dieſe geiſtige Beſchäftigung dauerte, bis Biddy auf ſie losſtürzte und drei beſchädigte Bibeln vertheilte(in einer Geſtalt, als ob ſie irgendwo an der ſtumpfen Ecke ungeſchickt ausgeſchnitten worden wären), unleſerlicher ge⸗ druckt, als irgend eine literariſche Seltenheit, die ich ſeit⸗ dem gefunden habe, überall mit Eiſenflecken beſchmuzt und mit verſchiedenen Reſten von ermordeten Inſecten zwiſchen den Blättern. Dieſer Theil des Curſus wurde gewöhnlich durch einige Duelle zwiſchen Biddy und widerſpenſtigen Studenten ausgezeichnet. Waren die Gefechte vorüber, ſa gab Biddy die Zahl einer Seite an und wir laſen alle laut, was wir konnten oder was wir nicht konnten, in einem ſchrecklichen Chor, Biddy gab mit ſcharfer eintöniger Stimme den Ton an und Niemand von uns hatte nur den allermin⸗ deſten Begriff oder die geringſte Ehrfurcht vor dem, was wir laſen. Hatte dieſes entſetzliche Lärmen eine Zeit lang gedauert, ſo erwachte Herrn Wopsle's Großtante von ſelbſt, fiel durch Zufall auf irgend einen Jungen und zog ihn an den Ohren. Damit war der Curſus des einen Abends geſchloſſen und wir drangen ins Freie mit dem Geſchrei des geiſtigen Sieges. Man muß bemerken, daß kein Ver⸗ bot gegen den Gebrauch der Schiefertafel oder der Dinte (wenn es welche gab) für irgend einen Zögling beſtand, allein dieſe Studien ließen ſich namentlich im Winter ſehr 104 ſchwer durchführen, weil der kleine Laden, in welchem Herrn Wopsle's Großtante wohnte und ſchlief, nur matt durch 1* ein niedriges Dochtlicht erhellt wurde, wo es keine Licht⸗ putze gab. Unter ſolchen Umſtänden ſchien es mir Zeit zu koſten, ehe ich ungemein werden könnte, doch machte ich den Verſuch und gleich an demſelben Abende ging Biddy auf unſer Uebereinkommen ein, indem ſie mich aus ihrem kleinen Preiskataloge im Abſchnitte vom Puderzucker unterrichtete und mir, um es zu Hauſe abzuſchreiben, ein engliſches großes D lieh, das ſie der Ueberſchrift einer Zeitung nach⸗ gebildet und das ich, bis ſie mir es erklärte, für das Modell für eine Schnalle gehalten hatte. Im Dorfe gab es natürlich ein Wirthshaus und Joſeph mochte natürlich dort zuweilen ſeine Pfeife rauchen. Ich hatte ſtrengen Befehl von meiner Schweſter, ihn dieſen Abend bei meiner Rückkehr aus der Schule in den„drei luſtigen Schiffern“ abzuholen und ihn auf meine Gefahr nach Hauſe zu bringen. Ich richtete alſo meinen Schritt nach den drei luſtigen Schiffern. In den drei luſtigen Schiffern gab es einen Schenk⸗ tiſch und entſetzlich lange Kreide⸗Notizen auf der Wand an der Seite der Thüre, welche niemals abgemacht zu werden ſchienen. So lange ich mich erinnern konnte, waren ſie dort und waren mehr gewachſen als ich. Allein es gab in unſerer Gegend viel Kreide und vielleicht ſuchten die Leute jede Gelegenheit auf, dieſe zu benutzen. Am Sonnabend Abend fand ich den Wirth wegen dieſer Notizen ziemlich grämlich, doch da ich mit Joſeph und nicht mit ihm zu thun hatte, ſo bot ich ihm nur einen 105 guten Abend und trat in das Wirthszimmer am Ende des Ganges, wo ein helles Küchenfeuer loderte und Joſeph in Geſellſchaft eines Fremden und Herrn Wopsle's ſeine Pfeife rauchte. Joſeph grüßte mich wie gewöhnlich mit „Heda, Pip, alter Junge!“ und ſobald er das geſagt hatte, drehte der Fremde ſich um und ſah mich an. Es war ein verdächtig ausſehender Mann, den ich nie zuvor geſehen hatte. Sein Kopf hing ganz auf einer Seite und eines ſeiner Augen war halb zu, als ob es mit einer un⸗ ſichtbaren Kanone auf etwas hinziele. Er hatte eine Pfeife im Munde, nahm ſie heraus und blies langſam allen Dampf fort, ſah mich ſcharf an und nickte. Da nickte ich auch und er nickte wieder und machte Platz auf der Bank neben ſich, damit ich mich dahin ſetzen könne. Da ich aber neben Joſeph zu ſitzen gewohnt war, ſo oft ich dieſen Unterhaltungsort beſuchte, ſagte ich:„Nein, ich danke Ihnen“ und ſetzte mich auf die entgegengeſetzte Bank, wo Joſeph mir Platz gemacht hatte. Der Fremde be⸗ merkte, daß Joſeph's Aufmerkſamkeit anderswohin gerichtet war, und nickte mir wieder zu, nachdem ich mich geſetzt hatte, dann rieb er ſein Knie— in eigenthümlicher Weiſe, daß es mir auffiel. „Sie ſagten, Sie wären ein Grobſchmied?“ ſagte der Fremde zu Joſeph. „Ja, das habe ich geſagt, wie Sie wiſſen,“ antwortete Joſeph. „Was trinken Sie, Herr.... Ihren Namen haben Sie übrigens nicht genannt.“ Joſeph nannte ihn und der Fremde redete ihn darnach 106 an.„Was trinken Sie, Herr Gargery? Auf meine Koſten, um abzuſchließen.“ „Die Wahrheit zu ſagen,“ antwortete Joſeph,„ſo bin ich nicht ſehr gewohnt, auf anderer Leute Koſten zu trinken, als auf meine eigenen.“ „Gewohnt? Nein,“ ſagte der Fremde,„aber doch einmal und noch dazu an einem Sonnabend Abend. Kommen Sie, geben Sie etwas an, Herr Gargery.“ „Ich will kein ſteifer Geſellſchafter ſein. Rum.“ „Rum,“ wiederholte der Fremde.„Und will der andre Herr eine Anſicht äußern?“ „Rum,“ ſagte Herr Wopsle. „Drei Rums,“ rief der Fremde dem Wirthe zu.„Glä⸗ ſer her!“ „Dieſer andre Herr,“ ſagte Joſeph, um Herrn Wopsle vorzuſtellen,„iſt ein Herr, den Sie wohl hören möchten. Es iſt unſer Küſter in der Kirche.“ „Aha,“ ſagte der Fremde ſchnell und zielte mit ſeinem Auge auf mich.„Die einſame Kirche auf den Marſchen, mit den Gräbern ringsum.“ „Das iſt ſie,“ ſagte Joſeph. Der Fremde grunzte etwas bei ſeiner Pfeife und zog die Beine auf ſeine Bank herauf. Er trug einen breit⸗ krämpigen Reiſehut und darunter ein Taſchentuch, das wie eine Mütze über den Kopf gewunden war: es war kein Haar zu ſehen. Er ſah ins Feuer und ſein Geſicht ſchien mir einen ſchlauen Ausdruck anzunehmen, wobei er ſo halb vor ſich hin lachte. „Ich kenne dieſe Gegend nicht, böch ſcheint ſie mir am Fluſſe ſehr einſam.“ 107 „Die meiſten Marſchen ſind einſam,“ ſagte Joſeph. „Gewiß, gewiß. Gibt es hier Zigeuner oder Vaga⸗ bunden oder ähnliche Subjecte?“ „Nein, nur dann und wann einen entflohenen Sträf⸗ ling“, ſagte Joſeph.„Und er iſt nicht leicht hier zu fin⸗ den. Nicht wahr, Herr Wopsle?“ Herr Wopsle ſtimmte dem bei, mit majeſtätiſcher Erinnerung an eine ehemalige Niederlage, aber ſehr kalt. „Haben Sie ſolche aufgeſucht?“ frug der Fremde, „Einmal,“ ſagte Joſeph.„Nicht, daß wir ſie hätten fangen wollen, wie Sie ſich wohl denken können, wir gin⸗ gen als Zuſchauer mit, ich und Herr Wopsle und Pip. Nicht wahr, Pip?“ „Gewiß, Joſeph.“ Der Fremde ſah mich wieder an und zielte mit ſeinem Auge gerade auf mich— dann ſagte er:„Das iſt ein ſehr junges Stück Knochen. Wie heißt er?“ „Pip,“ ſagte Joſeph. „Pip mit Vornamen?“ „Nein, nicht Pip mit Vornamen.“ „Iſt es ein Beiname?“ „Nein,“ ſagte Joſeph,„es iſt eine Art von Familien⸗ namen, den er ſich als Kind ſelbſt gab, und ſo wird er genannt. „Ihr Sohn?“ „Nun!“ ſagte Joſeph und dachte nach— ohne daß es irgendwie nöthig geweſen wäre darüber nachzudenken, aber es war bei den luſtigen Schiffern einmal der Gebrauch, Alles, was bei Pfeifen verhandelt wurde, recht zu über⸗ legen,—„nun— nein. Nein, er iſt es nicht.“ „Neffe?“ ſagte der Fremde. „Nun,“ ſagte Joſeph und ſchien wieder nachzudenken,„er iſt es nicht— um Sie nicht zu betrügen— er iſt es nicht.“ „Was zum Henker iſt er denn?“ frug der Fremdling. Mir ſchien dieſe Erkundigung gar nicht ſo nothwendig zu ſein. Herr Wopsle miſchte ſich hinein, als ob er Alles von Verwandtſchaften wiſſe, namentlich da er amtlich unter⸗ richtet ſein mußte, welche weibliche Verwandte ein Mann nicht heirathen dürfe; ſo ſetzte er die Bande zwiſchen mir und Joſeph auseinander. Da er ſo weit war, ſchloß er mit einer ſchrecklich unpaſſenden Stelle aus Richard dem Dritten und ſchien genug gethan zu haben, wenn er am Ende hinzu⸗ fügte:„wie der Dichter ſagt.“ Hier muß ich bemerken, daß Herr Wopsle, wenn er ſich auf mich bezog, immer für nöthig hielt, mein Haar zu verwirren und es in meine Augen hineinzuſchieben. Ich kann es nicht begreifen, weshalb alle und jede ſeines Standes, die unſer Haus beſuchten, mich bei ähnlichen Gelegenheiten einem ſolchen aufregenden Proceß unter⸗ warfen. Irgendeine breithändige Perſon war immer da, die, wenn in unſerem geſelligen Familienkreiſe die Rede von mir war, ſolche Augenmittel anwandte, um mich zu beſchützen. Unterdeſſen ſah der Fremde nur mich an und ſo, als ob er entſchloſſen wäre, endlich auf mich zu zielen und mich niederzuſchießen. Nachdem er ſeine Schlußäußerung gethan, ſagte er nichts mehr, bis die Gläſer mit Rum und Waſſer gebracht waren, dann ließ er ſeinen Schuß los und es war ein außerordentlicher Fall. 109 Es war keine Bemerkung mit der Zunge, ſondern eine Pantomime, ſcharf an mich gerichtet. Er rührte ſeinen Rum und ſein Waſſer ſcharf gegen mich und er koſtete ſei⸗ nen Rum und ſein Waſſer ſcharf gegen mich. Er rührte und er koſtete es, nicht mit einem dazu hergebrachten Löffel, ſondern mit einer Feile. Er that das ſo, daß Niemand als ich die Feile ſah und nachdem er es gethan, wiſchte er die Feile ab und ſteckte ſie in eine Bruſttaſche. Ich erkannte ſie als Joſeph's Feile und ich wußte, daß er meinen Sträfling kannte, ſobald ich das Werkzeug ſah. Ich ſah ihn wie verzaubert an. Allein er lehnte ſich auf ſeinen Platz, kümmerte ſich ſehr wenig um mich und ſprach beſonders über Rüben. In unſerm Dorfe war am Sonnabend Abend eine an⸗ genehme Empfindung für Reinigung und ſtille Ruhe, ehe das Leben wieder friſch anfinge, ſo daß Joſeph es wagte, am Sonnabend Abend eine halbe Stunde länger als ge⸗ wöhnlich auszubleiben. Da die halbe Stunde und der Rum und Waſſer zuſammen zu Ende gingen, ſo ſtand Joſeph auf und nahm mich an der Hand. „Noch einige Augenblicke, Herr Gargery,“ ſagte der Mann,„ich habe irgendwo in der Taſche einen neuen blan⸗ ken Schilling und den wollte ich dem Knaben ſchenken.“ Er nahm ihn aus einer Hand voll kleinen Geldes, fal⸗ tete ihn in etwas zerknittertes Papier und gab ihn mir. „Es iſt Ihr,“ ſagte er,„es gehört Ihnen.“ Ich dankte ihm und ſtarrte ihn weit ſchärfer an, als es ſich ſchickte, wobei ich feſt an Joſeph hielt. Er bot dieſem gute Nacht und bot Hrn. Wopsle, der mit uns ging, gute Nacht, und gab mir nur einen Blick mit ſeinem zielenden 110 Auge,— nein, keinen Blick, denn er ſchloß es, allein ein verborgenes Auge kann wunderbar wirken. Auf dem Heimwege hätte ich ganz allein ſprechen müſ⸗ ſen, wenn ich dazu Luſt gehabt hätte, denn Wopsle nahm an der Thür der luſtigen Schiffer Abſchied von uns und Jo⸗ ſeph ging den ganzen Weg mit weit geöffnetem Munde, um ſo viel als möglich den Rum verduften zu laſſen. Ich war aber durch die Wiedererſcheinung meines alten Un⸗ rechts und meiner alten Bekanntſchaft ſo verworren, daß ich an nichts anderes denken konnte. Meine Schweſter war in keiner ganz böſen Laune, als wir uns in der Küche zeigten und Joſeph war durch dieſen ungewöhnlichen Umſtand ermuthigt, alles über den blanken Schilling zu erzählen.„Es iſt gewiß ein falſcher,“ ſagte Frau Joſeph,„ſonſt hätte er ihn nicht dem Knaben gegeben. Laß uns ihn beſehn.“ Er nahm das Papier heraus und es war wirklich ein echter Schilling.„Aber was iſt das?“ ſagte Frau Joſeph, indem ſie den Schilling niederwarf und das Papier auf⸗ hob.„Zwei Pfundnoten?“ Nichts weniger als zwei ſchmuzige Noten von einem Pfund, die mit allen Viehmärkten der Grafſchaft in naher Bekanntſchaft geweſen zu ſein ſchienen. Joſeph ſetzte ſchnell ſeinen Hut auf und lief mit ihnen zu den luſtigen Schif⸗ fern, um ſie dem Eigenthümer zurückzuerſtatten. Als er fort war, ſetzte ich mich auf meinen gewöhnlichen Stuhl und ſtarrte ins Leere hinaus, denn ich war überzeugt, daß der Mann nicht mehr daſein würde. Joſeph kam gleich zurück und ſagte, der Mann ſei fort, er habe aber bei den drei luſtigen Schiffern Beſcheid zu⸗ 111 rückgelaſſen, wo die Noten zu finden wären. Meine Schwe⸗ ſter verſiegelte ſie in ein Stück Papier und legte ſie unter einige getrocknete Roſenblätter in einem zum Zierrath die⸗ nenden Theetopf oberhalb eines Schranks im Galazimmer. Dort blieben ſie viele Tage und Nächte, mir zum Schrecken. Ich hatte einen ſehr unruhigen Schlaf, als ich mich nie⸗ dergelegt hatte, da ich an den Fremden dachte, der mit ſei⸗ ner unſichtbaren Waffe auf mich zielte, und welch ein ver⸗ brecheriſch gemeiner und grober Menſch ich ſei, mit Sträf⸗ lingen in geheimer Verbindung zu leben— ein Umſtand in meiner niedrigen Laufbahn, den ich früher vergeſſen hatte. Auch die Feile verfolgte mich. Ich hatte Angſt, die Feile würde ganz wider Erwarten plötzlich erſcheinen. Durch den Gedanken an Fräulein Havisham nächſten Mitt⸗ woch lullte ich mich ein und ſah im Schlafe die Feile, aus einer Thür auf mich zukommen, ohne daß ich ſehen konnte, wer ſie halte und ich ſchrie ſo, daß ich aufwachte. Elftes Kapitel. Zur beſtimmten Zeit kehrte ich zu Fräulein Havisham zurück und mein langſames Schellen am Thore brachte Eſtella heraus. Sie verſchloß es, nachdem ſie mich einge⸗ laſſen hatte, gerade wie das vorige Mal und ging wieder vor mir her in den dunklen Gang, wo das Licht ſtand. Sie kümmerte ſich nicht um mich bis ſie das Licht erfaßt hatte, dann ſah ſie ſich über die Schulter um und ſagte hochmü⸗ thig:„Heute kommſt Du dieſen Weg,“ worauf wir in einen ganz andren Theil des Hauſes gingen. Es war ein langer Gang, der das ganze viereckige Par⸗ terre des Hauſes zu durchziehen ſchien, doch durchſchnitten wir nur einen Theil dieſes Vierecks, an deſſen Ende ſie ſtehen blieb, das Licht niederſtellte und eine Thür öffnete. Hier erſchien Tageslicht, und ich befand mich in einem klei⸗ nen Hofe, dem gegenüber ein beſonderes Wohnhaus ſtand, welches dem Verwalter oder Schreiber der aufgehörten Brauerei gehört zu haben ſchien. In der Außenmauer dieſes Hauſes war eine Uhr wie die in Fräulein Havis⸗ ham's Zimmer und gleich ihrer eigenen Uhr ſtand ſie auf zwanzig Minuten vor Neun. Wir traten in die offenſtehende Thür und in ein düſteres Zimmer mit niedriger Decke im Parterre des Hauſes. Es war einige Geſellſchaft im Zimmer und Eſtella ſagte zu mir, als ſie hineinging:„Du wirſt hier ſtehen und warten, bis man Deiner bedarf.“ Hier bedeu⸗ tete das Fenſter, auf welches ich zuging und in ſehr un⸗ gemüthlicher Stimmung ſah ich auf den Hof hinaus. Das Fenſter ging auf eine elende Ecke des vernachläſ⸗ ſigten Gartens, auf eine ſchmutzige Ruine von Kohlköpfen, und einen Buchsbaum, der ſchon vor manchem Jahre wie ein Pudding abgeſchnitten worden war, auf dem dann neues Wachsthum entſtanden„verſchiedener Geſtalt und anderer Farbe, als ob dieſer Theil des Puddings an der Pfanne feſtgebacken und verbrannt wäre. Dieſes war mein ſtiller Gedanke während der Betrachtung des Buchsbaums. Es war in der Nacht dünner Schnee gefallen und nirgendwo anders hatte ich ihn liegen geſehen, allein beim kalten Schat⸗ ten dieſes Gartengrundſtücks war er noch nicht ganz ge⸗ ſchmolzen und der Wind warf ihn in kleinen Blaſen auf und ſo an das Fenſter, als ob er mich bewerfe, weil ich dahin gekommen war. Meine Ankunft hatte die Unterhaltung im Zimmer unterbrochen, und die Geſellſchaft ſah mich an. Ich konnte vom Zimmer nichts ſehn, als das helle Feuer im Fenſter, doch wurde ich in allen meinen Gliedern ſteif, da ich mir bewußt war, daß ich ſo genau beſichtigt würde. Drei Damen und ein Herr befanden ſich im Zimmer. Ehe ich fünf Minuten am Fenſter geſtanden, hatte ich irgendwie erkannt, daß ſie nur Kröten und Aufſchneider waren, indeß Jeder vorgab, daß er die andren nicht Charles Dickens, Große Erwartungen. I. 8 114 als ſolche kenne, denn ein ſolches Zugeſtändniß würde ihn oder ſie ſelbſt zu ſolchen Geſchöpfen gemacht haben. Sie ſahen alle ſehr unaufmerkſam und traurig aus, als ob ſie auf Jemand warteten und ſelbſt die geſprächigſte Dame mußte ſehr ſcharf ſprechen, um nicht ein Gähnen zu unterdrücken. Dieſe Dame, welche Camilla hieß, erinnerte mich ſehr an meine Schweſter, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie älter und(wie ich erſt entdeckte, als ich ſie zu Ge⸗ ſichte bekam) von ſtumpferen Geſichtszügen war. Als ich ſie näher kennen gelernt hatte, ſah ich es für eine Gnade an, daß ſie überhaupt Geſichtszüge beſaß, ſo blaß und hoch war die Wand ihres Geſichtes. „Arme gute Seele!“ ſagte dieſe Dame in einer abge⸗ brochenen Weiſe, gerade wie meine Schweſter.„Keines Menſchen Feind als ihrer ſelbſt!“ „Es wäre weit wünſchenswerther, eines andern Men⸗ ſchen Feind zu ſein,“ ſagte der Herr,„weit natürlicher!“ „Vetter John,“ ſagte die andere Dame,„wir ſollen unſern Nachbar lieben.“ „Sarah Pocket,“ entgegnete Vetter John,„wenn ein Menſch nicht ſein eigner Nachbar iſt, wer denn?“ Fräulein Pocket lachte und Camilla lachte und ſagte (indem ſie ein Gähnen unterdrückte):„Das iſt ein Ein⸗ fall!“ Allein ſie ſchienen es doch für eine gute Idee zu halten. Die andere Dame, die bisher noch nicht geſpro⸗ chen, ſagte ernſt und nachdrücklich:„Sehr wahr!“ „Arme Seele!“ fuhr Camilla fort(unterdeſſen hatten ſie mich alle angeſehen).„Er iſt gar ſo ſeltſam; ſollte man glauben, daß er, nach dem Tode von Tom's Frau, nicht dazu bewogen werden konnte, die tiefſten Beſätze an der 115 Trauerkleidung der Kinder als etwas Wichtiges zu betrach⸗ ten?„Guter Gott,“ ſagte er,„was kann das bedeuten, Camilla, ſo lange die armen Waiſen ſchwarz tragen? Ge⸗ rade ganz wie Matthew! Solch ein Einfall!“ „Er hat ſehr gute Seiten, ſehr gute Seiten,“ ſagte Vetter John,„Gott behüte, daß ich ihm ſeine guten Seiten abſtreiten wollte, allein für Anſtand hatte er niemals Sinn und wird ihn auch niemals haben.“ „Ich mußte feſt bleiben,“ ſagte Camilla,„wie Sie wiſ⸗ ſen, ich war dazu verpflichtet.“ Ich ſagte:„Es geht nicht um des Rufs der Familie willen.“ Ich ſagte ihm ohne tiefen Beſatz würde die Familie erniedrigt ſein. Ich ſchrie darüber vom Frühſtück bis zum Mittagseſſen. Es that meiner Verdauung Abbruch. Endlich ſchlug er in ſeiner heftigen Weiſe aus und ſagte:„Macht was ihr wollt.“ Gott ſei Dank, es wird mir immer zum Troſte gereichen, daß ich im ſchlechteſten Regenwetter ſogleich ausging und alles einkaufte. „Er bezahlte es, nicht wahr?“ frug Eſtella. „Darum handelt es ſich nicht, liebes Kind, es iſt gleich, wer es bezahlte, aber ich kaufte es,“ ſagte Camilla. Und mich wird das oft beruhigen, wenn ich in der Nacht daran denke.“ Der Ton einer ferneren Schelle, verbunden mit dem Widerhall eines Schreies oder Rufs, der durch den eben von mir kennen gelernten Gang erſchallte, unterbrach die Unterhaltung, und Eſtella ſagte zu mir:„Nun Junge?“ Als ich mich umkehrte, ſahen ſie mich alle mit äußerſter Verachtung an und als ich hinausging, hörte ich, wie Sarah Pocket ſagte:„Wahrhaftig! Was noch!„Und Ca⸗ 8* 116 milla fügte entrüſtet hinzu:„Das iſt ein Einfall! Wer konnte ſich ſo etwas denken!“ Als wir mit dem Lichte durch den dunklen Gang kamen, hielt Eſtella plötzlich auf einmal inne, drehte ſich um und ſagte in ihrer ſpöttiſchen Weiſe, ihr Geſicht faſt ganz nahe an das meinige: „Nun?“ „Nun, Fräulein,“ antwortete ich, indem ich faſt über ſie ſtolperte und mich feſt hielt. „Bin ich hübſch?“ „Gewiß, ich halte Sie für ſehr ſchön!“ „Bin ich kränkend?“ „Nicht ſo ſehr, als letztes Mal,“ ſagte ich. „Nicht ſo ſehr?“ „Nein.“ Sie erglühte, als ſie die letzte Frage an mich richtete, und ſchlug mir mit aller Kraft ins Geſicht, als ich geant⸗ wortet hatte. 5 „Nun?“ ſagte ſie. Du kleines grobes Ungeheuer. Was hältſt Du jetzt von mir?“ „Ich werde es Ihnen nicht ſagen.“ „Weil Du es oben ſagen willſt. Nicht wahr?“ „Nein,“ ſagte ich,„dem iſt nicht ſo.“ „Warum weinſt Du nicht wieder, kleiner Ekel?“ „Weil ich um Ihretwillen nie wieder weinen will,“ ſagte ich. Dieſe Erklärung war ſo falſch als möglich, denn innerlich weinte ich damals und ich weiß wie vielen Kum⸗ mer ſie mir ſpäter verurſachte. Nach dieſer Epiſode gingen wir die Treppe hinauf und ein Herr ſuchte ſich hinunter zu tappen. „Wer iſt da?“ frug der Herr, blieb ſtehen und ſah mich an. „Ein Knabe,“ ſagte Eſtella. Es war ein dicker Mann von ſehr dunkler Geſichts⸗ farbe, mit äußerſt großem Kopfe und entſprechend großer Hand. Er faßte mein Kinn in ſeine große Hand und hielt meinen Kopf in die Höhe, um mich bei dem Lichte anſehen zu können. Er hatte eine kahle Glatze und dichte ſchwarze Augenbrauen, die ſich nicht legen wollten, ſondern aufwärts ſtarrten. Die Augen lagen ihm tief im Kopfe und waren unangenehm ſcharf und argwöhniſch. Er hatte eine lange Uhrkette und da wo Bart und Schnurrbart hätten ſein ſol⸗ len, große ſchwache Flecken. Er war mir gleichgültig und ich hätte damals nicht ahnen können, daß er mir jemals eine Bedeutung haben könne, doch konnte ich ihn bei dieſer Gelegenheit genau beobachten. „Knabe aus der Nachbarſchaft, he?“ ſagte er. „Ja, mein Herr,“ ſagte ich. „Wie kommſt Du hierher?“ „Fräulein Havisham ließ mich rufen,“ war meine Auskunft. „Gut, führe Dich ordentlich auf. Ich habe viele Er⸗ fahrungen über Knaben und ihr ſeid eine ſchlimme Sorte. Merke Dir's!“ ſagte er und biß ſich in ſeinen großen Fin⸗ ger, indem er mich finſter anſah,„führe Dich ordentlich auf!“ Mit dieſen Worten ließ er mich los— was mir gefiel, denn ſeine Hand roch nach wohlriechender Seife— und ging treppabwärts. Es fiel mir ein, es könne wohl ein Arzt ſein, allein darauf dachte ich, er wäre es doch 118 nicht, denn ein Arzt würde ein ruhigeres und angenehme⸗ res Benehmen haben. Ich konnte nicht lange darüber nachdenken, denn wir waren bald in Fräulein Havisham's Zimmer, wo ſie und alles übrige gerade ſo wie das letzte Mal erſchienen. Eſtella ließ mich an der Thür ſtehen und ich blieb da, bis Fräulein Havisham vom Toilettentiſch ihre Blicke auf mich warf. „So!“ ſagte ſie, ohne erſchrocken oder überraſcht zu ſein.„Die Tage ſind vorübergegangen?“ „Ja, Fränlein. Heute iſt...“ „Da, da!“ mit der ungeduldigen Bewegung ihrer Finger.„Ich will es nicht wiſſen. Biſt Du bereit zu ſpielen?“ Ich antwortete in einiger Verwirrung:„Es ſcheint mir, daß ich es nicht bin.“ „Nicht wieder Karten?“ ſagte ſie mit forſchendem Blick. „Ja, das könnte ich, wenn es verlangt würde.“ „Weil dieſes Haus Dich alt und ernſt macht,“ ſagte Fräulein Havisham ungeduldig,„und Du nicht gern ſpielſt, ſo möchteſt Du wohl arbeiten?“ Ich konnte dieſe Frage weit bereitwilliger beantworten, als die erſte und ſagte: ich wäre ganz dazu geneigt. „Gehe ins gegenüberliegende Zimmer,“ ſagte ſie und zeigte mit ihrer verwelkten Hand auf die Thür hinter mir. „Warte dort bis ich komme.“ Ich ging über den Treppenabſatz und fand das von ihr angegebene Zimmer. Auch in dieſem war das Tageslicht gänzlich ausgeſchloſſen und es hatte einen bedrückenden 119 Geruch, als ob es nicht gelüftet werde. Ein Feuer war vor Kurzem in dem altmodiſchen Kamin angemacht geweſen und es war mehr im Stande auszugehen als aufzulodern; der ſich ſträubende Rauch, der im Zimmer hing, ſchien kälter als die klare Luft— gleich unſerm Marſchnebel. Einige winterliche Armleuchter auf dem hohen Kamin er⸗ hellten das Zimmer nur ſpärlich, oder, um mich richtiger auszudrücken, verſcheuchten ſpärlich deſſen Dunkel. Es war geräumig und muß einmal ſchön geweſen ſein, allein alles was man erkennen konnte, war voll Staub und Mo⸗ der und fiel in Stücke. Der hervorragendſte Gegenſtand war ein langer Tiſch mit einer Tiſchdecke, als ob ein Feſt vorbereitet worden wäre, als Haus und Uhren plötzlich ſtille ſtanden. Inmitten dieſes Tuchs war ein Mittelſtück, ſo ſchwer von Spinneweben überzogen, daß deſſen Geſtalt nicht erkennbar war, und wie ich durch den gelben Umkreis blickte, aus welchem es wie ein ſchwarzer Schwamm empor⸗ zuwachſen ſchien, ſah ich buntbeinige Spinnen mit ge⸗ ſchwärzten Leibern hineinlaufen und herauskriechen, als ob in der Spinnengemeinde irgend ein Ereigniß von der größen Wichtigkeit ſich zugetragen hätte. Ich hörte auch die Mäuſe hinter den Wänden raſſeln, als ob dieſes Ereigniß auch für ihre Intereſſen wichtig wäre. Allein die Käfer kümmerten ſich nicht um dieſe Auf⸗ regung und krochen am Rande in einer ſo ſchweren, alt⸗ väteriſchen Weiſe, als ob ſie kurzſichtig und harthörig wä⸗ ren und in keiner Berührung zueinander kämen. Dieſe kriechenden Weſen hatten meine Aufmerkſamkeit gefeſſelt und ich beobachtete ſie aus einer gewiſſen Ferne, als Fräulein Havisham mir ihre Hand auf die Schulter legte. In der andern Hand hielt ſie einen Krückenſtock, auf den ſie ſich ſtützte und ſah wie die Hexe des Ortes aus. „Hier,“ ſagte ſie, und zeigte mit ihrem Stabe auf den langen Tiſch,„will ich liegen, wenn ich todt bin. Sie ſol⸗ len kommen und mich betrachten.“ Ich zitterte unter ihrer Berührung, da ich eine gewiſſe Angſt hatte, ſie würde gleich auf den Tiſch ſteigen und un⸗ verzüglich ſterben, gerade ſo wie es mit dem geſpenſtiſchen Wachswerk auf der Meſſe ausſah. „Wofür hältſt Du dieſes?“ ſagte ſie und zeigte wieder mit dem Stabe;„da, wo die Spinneweben ſind?“ „Ich kann es wirklich nicht errathen.“ „Es iſt ein großer Kuchen. Ein Brautkuchen, der meinige!“ Sie ſah ſich im Zimmer mit ſtarrem Blicke um und ſagte, indem ſie ſich auf mich ſtützte und ihre Hand meine Schulter erfaßte:„Führe mich, führe mich!“ Ich erſah daraus, meine Arbeit ſei Fräulein Havisham um das Zimmer zu führen. Ich marſchirte gleich voran, ſie lehnte ſich an meine Schulter und wir gingen ſo ſchnell, daß es eine Nachahmung von Pumblechook's Chaiſe ſein mochte, wie es mir nach dem erſten Eindrucke unter dieſem Dache vorkam. Sie war körperlich nicht ſtark und nach kurzer Friſt ſagte ſie:„Langſamer!“ doch ging es mit ungeduldiger Schnelle voran, und indeß wir gingen, preßte ſie ihre Hand in meine Schulter und bewegte ihren Mund, und es ſchien mir, daß wir ſchnell gingen, weil ihre Gedanken ſchneller gingen. Nach einer Weile ſagte ſie:„Rufe Eſtella!“ und ich ging an die Treppe und ſchrie den Namen, wie ich es das vorige 121 Mal gethan hatte. Als ihr Licht erſchien, kehrte ich zu Fräulein Havisham zurück, und wir rannten im Zimmer in die Runde. Es wäre mir ſchon unangenehm geweſen, wenn Eſtella allein dieſes Treiben mit angeſehen hätte, allein ich wußte nicht wohin, als ſie die drei Damen und den Herrn, den ich unten geſehen hatte, mitbrachte. In meiner Hiflichkeit wäre ich ſtill ſtehen geblieben, allein Fräulein Havisham zwickte meine Schulter und wir gingen voran, meinerſeits mit dem beſchämten Bewußtſein, als ob ich das erſonnen hätte. „Liebes Fräulein Havisham,“ ſagte Sarah Pocket. „Wie wohl ſehen Sie aus.“ „Nein,“ antwortete Fräulein Havisham.„Ich bin gelb an Haut und Haar.“ Camilla klärte auf, als Fräulein Pocket ſo zurückgewie⸗ ſen wurde; ſie murmelte, indem ſie Fräulein Havisham mitleidig betrachtete:„Arme liebe Seele! Wahrhaftig! Wie kann man erwarten, daß ſie gut ausſehe. Der Einfall!“ „Und was machen Sie?“ ſagte Fräulein Havisham zu Camilla. Da wir in der Nähe von Camilla waren, wollte ich ſtehen bleiben, allein Fräulein Havisham wollte es nicht. Wir rannten weiter und ich fühlte, daß Camilla mir ſehr gram war.. „Ich danke Ihnen, Fräulein Havisham,“ antwortete ſie;„es geht mir ſo gut als ich erwarten kann.“ „Und was fehlt Madame?“ ſagte Fräulein Havisham in ſehr ſchneidendem Tone. „Es iſt nicht der Rede werth,“ erwiderte Camilla; 122 „ich will meinen Gefühlen keinen Lauf laſſen, aber ich habe in der Nacht mehr an Sie gedacht, als ich ertragen kann.“ „So denken Sie nicht an mich,“ entgegnete Fräulein Havisham. „Sehr leicht geſagt,“ bemerkte Camilla, indem ſie freundlich ein Schluchzen unterdrückte, ihre Oberlippe aber zuckte und Thränen ſie überſtrömten.„Raymond kann be⸗ zeugen, wie viel Ingwer und flüchtiges Salz ich in der Racht nehme. Raymond kann bezeugen, welch ein Nerven⸗ reißen ich in den Beinen habe. Allein, wenn ich mit Theil⸗ nahme an die Gegenſtände meiner Liebe denke, ſind Würgen und Nervenreißen mir nichts neues. Wäre ich nicht ſo liebevoll und empfindſam, ſo hätte ich eine beſſere Verdau⸗ ung und eiſerne Nerven. Ich wünſchte, es könnte ſo ſein. Aber daß ich in der Nacht nicht an Sie denken ſollte— welch ein Einfall!“ Und abermals ein Thränenſtrom. Der angeführte Raymond war der anweſende Herr und dieſer war Herr Camilla. Er kam ihr zu Hülfe und ſagte in tröſtendem und belobendem Tone:„Es iſt bekannt, liebe Camilla, daß Deine Familiengefühle Dich zuletzt ſo ſehr untergraben, daß ein Bein kürzer wird als das andere.“ „Ich finde nicht,“ ſagte die ernſte Dame, deren Stimme ich erſt einmal gehört hatte,„daß es einen großen Anſpruch an Jemand veranlaßt, wenn man an denſelben denkt.“ Fräulein Sarah Pocket, eine kleine, trockenbraune, zu⸗ ſammengerunzelte alte Perſon mit einem kleinen Geſichte, das aus Wallnußſchalen gemacht ſein konnte und einem breiten Maul, wie das einer Katze ohne den Bart, unter⸗ ſtützte dieſe Behauptung mit den Worten:„Nein, allerdings nicht. Hm!“ 12 „Das Denken iſt ſehr leicht,“ ſagte die alte Dame. „Was iſt leichter, wiſſen Sie?“ ſtimmte Fräulein Sa⸗ rah Pocket bei. „O ja, ja,“ rief Camilla aus, deren gährende Gefühle, ihr von den Beinen in die Bruſt zu ſteigen ſchienen.„Es iſt wohl wahr. Es iſt eine Schwäche, ſo liebevoll zu ſein, allein ich kann es nicht unterlaſſen. Meine Geſundheit würde dann allerdings beſſer ſein, allein ſelbſt wenn ich es könnte, möchte ich meine Gefühle nicht ändern. Sie ver— anlaſſen viele Leiden, allein es iſt auch ein Troſt ſie zu be⸗ ſitzen, wenn ich in der Nacht wache.“ Wieder ein Gefühls⸗ ausbruch. Fräulein Havisham und ich hatten unterdeſſen keine Ruhe gehabt, wir gingen immer fort in die Runde, einmal ſtießen wir an die Kleider der Gäſte, ein andermal waren wir die ganze Länge des düſteren Zimmers von ihnen ent⸗ fernt. „Da iſt Matthew,“ ſagte Camilla.„Er kümmert ſich nie um ſeine Naturbande, er kommt nie hierher, um ſich nach Fräulein Havisham umzuſehen. Ich habe auf dem Sopha gelegen, die Schnürbruſtbänder aufgeſchnitten, habe da Stunden lang gelegen, ohne Empfindung, meinen Kopf über die Seite, mein Haar herunterhängend, meine Füße ich weiß nicht wo——⸗ 3 Viel höher als Dein Kopf, ſchaltete Herr Camilla ein.) „Ich bin Stunden lang in dieſem Zuſtande geweſen, weil Matthew ſich ſo unerklärlich und ſeltſam benimmt und es hat mir Niemand dafür gedankt.“ „Ich muß in der That ſagen, daß dies nicht geſchehen iſt,“ ſagte die ernſte Dame. 124 „Sie ſehen, meine Liebe,“ fügte Fräulein Sarah Pocket hinzu(eine ſchmeichleriſch laſterhafte Perſon), nun möchte ich die Frage ſtellen, wer Ihnen dafür danken ſollte, meine Liebe.“ „Ohne Dank oder irgend etwas der Art zu erwarten,“ fuhr Camilla fort,„bin ich Stundenlang in ſolchem Zu⸗ ſtande geweſen und Raymond iſt mein Zeuge, wie ſehr ich gewürgt und wie wenig mir der Ingwer genützt hat und der Pianoforteſtimmer gegenüber in der Straße hat mich gehört, wo die armen getäuſchten Kinder meinten, es wä⸗ ren Tauben, die in der Ferne girrten und nun will man mir ſagen— hier legte Camilla die Hand an die Kehle und fing an ganz chemiſch zu verfahren, indem ſie in der⸗ ſelben neue Combinationen zu bilden verſuchte. Als beſagter Matthew genannt wurde, blieb Fräulein Havisham ſtehen und ſah die Rednerin an. Dieſer Wechſel brachte Camilla's chemiſche Verſuche ſchnell zu Ende. „Matthew wird kommen und mich auch beſuchen,“ ſagte Fräulein Havisham ernſt,„wenn ich auf jenem Tiſche liege. Da wird ſein Platz ſein— Dal und ſie ſchlug mit ihrem Stabe auf den Tiſch— am Kopfende! Und Ihr Platz wird da ſein! Und Ihres Mannes da! Und Sarah Pok⸗ ket's da! Und Georgiana's da! Nun wißt Ihr Alle, wo Ihr Eure Plätze einzunehmen habt, wenn Ihr kommt, Euch an mir zu weiden. Nun geht!“ Bei jedem Namen hatte ſie mit ihrem Stocke auf den Tiſch an einer andern Stelle geſchlagen. Dann ſagte ſie:„Führe mich, führe mich!“ und wir gingen wieder in die Runde. — 125 „Wir können wohl nichts Anderes thun, als uns fügen und fortgehen. Es iſt immer etwas, wenn man den Ge⸗ genſtand der Liebe und Pflicht geſehen hat, ſei es auch nur eine kurze Zeit. Ich werde mit melancholiſcher Befrie⸗ digung daran denken, wenn ich in der Nacht erwache. Ich wünſchte, Matthew hätte dieſen Troſt, allein er trotzt mir. Ich will meine Gefühle nicht zur Schau tragen, allein es iſt hart zu hören, man wolle ſich an ſeinen Verwandten weiden, als ob man ein Rieſe wäre, und zu hören, daß man gehen ſolle. Schon der bloße Gedanke!...“ Herr Camilla miſchte ſich dazwiſchen, als Frau Camilla den Kopf auf den klopfenden Buſen legte; dieſe Dame nahm auf einmal eine äußerſt muthige Haltung an, woraus man wohl erkennen ſollte, daß ſie außerhalb unſeres Ge⸗ ſichtskreiſes ſich würgen und hinfallen wolle; ſie warf Fräulein Havisham einen Handkuß zu und wurde fort⸗ geführt. Sarah Pocket und Georgiana ſtritten, wer zuletzt gehen ſolle. Sarah war aber zu klug, um überwunden zu werden und ſchlich um Georgiana mit ſo künſtlicher Glätte, daß die Letztere voran zu gehen gezwungen war. Sarah Pocket machte ihren beſonderen Abſchiedseffect mit „Gott ſei mit Ihnen, liebes Fräulein Havisham!“ und mit einem Lächeln verzeihenden Mitleids auf ihrem Wall⸗ nußſchalengeſichte für die Schwächen der Uebrigen. Während Eſtella ihnen hinunter leuchtete, ging Fräu⸗ lein Havisham noch immer mit der Hand auf meiner Schulter, allein immer etwas langſamer. Endlich blieb ſie vor dem Feuer ſtehen, murmelte einige Secunden und ſagte dann: „Heute iſt mein Geburtstag, Pip.“ 126 Ich wollte ihr noch viele glückliche Tage wünſchen, allein ſie erhob ihren Stock. „Ich dulde nicht, daß davon geſprochen werde. Alle, die hier geweſen ſind— kurz, Niemand darf davon ſprechen. Sie kamen heute hierher, wagten aber nicht ihn zu er⸗ wähnen.“ Ich that folglich auch keine weitere Erwähnung davon. „An dieſem Tage des Jahres, lange ehe Du geboren warſt, wurde dieſer Haufen des Zerfalls hergebracht.“ Sie ſtach mit ihrem Krückenſtocke nach dem Haufen von Spinnewebe auf dem Tiſche, ohne ihn anzurühren.„Wir ſind zuſammen zerfallen. Die Mäuſe haben daran genagt und ſchärfere Zähne, als die der Mäuſe, haben an mir genagt.“ Sie hielt den Kopf des Stabes an ihre Bruſt, wie ſie nach dem Tiſche hinblickte, ſie in ihrem einſt weißen Kleide, ganz gelb und verwelkt, das einſt weiße Tiſchtuch gelb und verwelkt, Alles ringsum im Begriff, bei einer Berührung zu zerfallen. „Wenn der Ruin vollſtändig,“ ſagte ſie mit geſpenſti⸗ ſchem Blicke,„wenn ſie mich in der Brautkleidung auf den Brauttiſch gelegt haben— es wird geſchehen und wird der vollendete Fluch über ihn ſein— dann iſt es deſto beſſer, wenn es an dieſem Tage geſchieht.“ Sie betrachtete den Tiſch, als ob ihre eigene Geſtalt da ſchon läge. Ich hielt mich ruhig. Eſtella kam zurück und verhielt ſich auch ruhig. Wir müſſen ſo eine ziemliche Zeit geſtanden haben. Im dumpfen Zimmer und bei der ſchweren Finſterniß in den Ecken deſſelben fiel mich ſogar 127 die Beſorgniß an, Eſtella und ich würden auch bald ver fallen.— Endlich hörte der Zuſtand der Zerſtreuung bei Fräu⸗ lein Havisham auf, nicht allmälig, ſondern plötzlich, worauf ſie ſagte:„Ich möchte euch Beide Karten ſpielen ſehen, warum habt Ihr nicht angefangen?“ Wir gingen alſo in ihr Zimmer zurück und ſetzten uns wie früher; ich verlor wie das vorige Mal und wie das vorige Mal beobachtete uns Fräulein Havisham, richtete meine Aufmerkſamkeit auf Eſtella's Schönheit und wies mich deſto mehr darauf hin, als ſie ihre Juwelen an Eſtella's Bruſt und Haaren probirte. Eſtella behandelte mich ebenſo wie früher, nur daß ſie ſich nicht herabließ zu ſprechen. Als wir ein halbes Dutzend Partien geſpielt hatten, wurde ein Tag für mein Wieder⸗ kommen feſtgeſtellt und ich in den Hof hinuntergeführt, um wie ein Hund abgefüttert zu werden. Auch ließ man mich allein umherwandern, wohin es mir gefiel. Es iſt ziemlich einerlei, ob ein Thor in der Garten⸗ mauer, auf die ich geklettert war, um hinüber zu ſehen, letztes Mal offen oder verſchloſſen war. Genug, daß ich damals kein Thor ſah und jetzt es fand. Es war offen. Eſtella hatte die Gäſte fortbegleitet(denn ſie war mit den Schlüſſeln in der Hand ſtehen geblieben) und deshalb ging ich in den Garten. Er war ganz verwildert; man ſah alte Melonen⸗ und Gurkenſpaliere. Als ich den Garten durchſchritten und ein Gewächs⸗ haus beſucht hatte, in welchem nur ein umgefallener Wein⸗ ſtock und einige Flaſchen zu finden waren, ſtand ich in der trüben Ecke, auf welche ich vom Fenſter aus geſehen hatte. 128 Das Haus war gewiß zZanz leer, wie ich wenigſtens an⸗ nahm, und ich ſah ſorglos ins Fenſter hinein. Allein zum größten Erſtaunen tauſchte ich meine Blicke mit denen eines blaſſen jungen Herrn mit rothen Augenlidern und blaſſem Haar. Dieſer blaſſe junge Herr verſchwand gleich und erſchien dicht neben mir. Er war bei ſeinen Büchern beſchäftigt geweſen, als ich ihn anſah, und ſeine Finger waren mit Dinte beſchmuzt. „Heda, junger Kerl!“ rief er. Heda iſt eine allgemeine Bemerkung, die man gewöhn⸗ lich zurückgibt. Ich ſagte alſo auch„Heda!“ ließ aber die anderen Worte höflich fort. „Wer hat Sie herein gelaſſen?“ ſagte er. „Fräulein Eſtella.“ „Wer erlaubte Ihnen, hier ſich umzuſehen?“ „Fräulein Eſtella“. „Komm und ficht mit mir!“ ſagte der blaſſe junge Herr. Ich mußte ihm folgen. Ich habe mir oft die Frage vorgelegt, wie ich hätte anders handeln können. Er ſprach ſo entſchieden und ich war ſo überraſcht, daß ich ihm folgte, wohin er mich führte, als ob ein Zauber mich gefeſſelt hätte. „Halt einen Augenblick!“ ſagte er und drehte ſich um, ehe wir weit gekommen waren.„Ich muß Ihnen auch einen Grund zum Fechten geben. Da iſt er!“ In höchſt kränkender Manier ſchlug er die Hände an einander, trat mit einem Beine hinten aus, ſchlug die Hände wieder aneinander, riß mich an den Haaren, ſenkte ſeinen Kopf und rannte mir damit in den Magen. Dieſes ſtiermäßige Verfahren war unbedingt ein ſehr großer Grad von Frechheit und nach einem Butterbrote äußerſt unangenehm. Ich hieb alſo auf ihn zu und wollte ihm eben einen zweiten Schlag verſetzen, als er ausrief: „Aha, willſt Du!“ und vorwärts und rückwärts tanzte, in einer Weiſe, wie meine beſchränkte Erfahrung es noch nicht geſehen hatte. „Nach den Regeln des Spiels!“ ſagte er. Er ſprang von ſeinem linken Beine auf das rechte.„Genau nach den Regeln!“ Dann ſprang er vom rechten Beine auf das linke.„Komm auf den Platz und mache die vorläufigen Uebungen durch.“ Er tanzte vorwärts und rückwärts und machte allerlei, indeß ich ihm hülflos zuſah. Ich fürchtete ihn im Stillen, als ich ihn ſo gewandt ſah, allein ich fühlte mich moraliſch und phyſiſch überzeugt, daß ſein Kopf in meiner Magengrube durchaus nichts zu ſchaffen hatte und daß ich, wie er ſich ſo meiner Beachtung aufdrängte, keine beſondere Rückſicht zu nehmen hätte. Ich folgte ihm alſo ohne ein Wort in einen fernen Winkel des Gartens, den zwei zuſammenſtoßende Mauern bildeten und der durch etwas Kehricht verborgen war. Als er mich frug, ob ich mit dem Platze zufrieden, erwiderte ich be⸗ jahend, worauf er mich um die Erlaubniß bat, ſich einen Augenblick entfernen zu dürfen und ſchnell mit einer Flaſche Waſſer und einem in Weineſſig getunkten Schwamm wie⸗ derkam.„Für Beide zu benutzen,“ ſagte er und ſtellte ſie an die Mauer. Dann zog er Jacke, Weſte und Hemde Charles Dickens, Große Erwartungen. I. 9 130 aus, in einer leichtſinnigen, geſchäftsmäßigen und blut⸗ dürſtigen Weiſe. Obſchon er nicht ſehr geſund ausſah— denn er hatte Flecken auf dem Geſichte und einen Ausſchlag am Munde — ſo ſetzten mich dieſe ſchrecklichen Vorberei ungen doch in Angſt. Ich ſchätzte ihn ungefähr in meinem Alter. Doch war er weit größer und wußte ſich ſo zu benehmen, daß er wirklich etwas zu gelten ſchien. Uebrigens war es ein junger Held in grauen Kleidern(wenn er nicht zur Schlacht entblößt war), mit Ellenbogen, Knie, Gelenken und Ferſen, die weit mehr entwickelt waren, als der übrige Theil ſeines Körpers. Mein Herz ſank, als ich ſah, wie er mich mit aller mechaniſchen Genauigkeit maß und meinen Körper beob⸗ achtete, als ob er einen beſtimmten Knochen treffen wolle. Ich bin in meinem Leben niemals ſo erſtaunt geweſen, als wie ich ihm den erſten Schlag verſetzte und ihn mit einer blutigen Naſe und einem ſehr verkürzten Geſicht auf dem Rücken liegen ſah.. Allein er war gleich wieder auf den Beinen und nach⸗ dem er mit großer Gewandtheit den Schwamm benutzt hatte, maß er mich wieder ab. Die zweite große Ueber⸗ raſchung in meinem Leben war, daß ich ihn wieder auf dem Rücken liegen und mich aus einem blauen Auge an⸗ blicken ſah. Sein Muth flößte mir große Achtung ein. Er ſchien ſehr ſchwach zu ſein und traf mich nie ſehr ſtark und wurde immer hingeworfen, allein er war gleich wieder auf, nahm den Schwamm oder trank aus der Waſſerflaſche mit der größten Ruhe, indem er ſich ganz der Regel nach ſecundirte 131 und kam dann mit einer Miene auf mich zu, als ob er mich wirklich umbringen wolle. Er bekam eine tüchtige Lection, denn je mehr ich ihn traf, deſto härter traf ich ihn, allein er ſtand immer wieder gegen mich, bis er endlich mit dem Hinterkopfe an die Mauer fiel. Selbſt nach dieſer Kriſis in unſerer Angelegenheit ſtand er auf und drehte ſich ver⸗ ſchiedene Male um, indem er nicht wußte, wo ich war; endlich kniete er nach dem Schwamme und warf ihn in die Höhe, dabei keuchend und ausrufend:„Dies bedeutet, daß Sie gewonnen haben.“ Er ſchien ſo brav und unſchuldig, daß ich, obſchon ich den Kampf nicht angetragen hatte, keine große Freude an meinem Siege empfand. Als ich mich wieder anzog, kam ich mir beinahe wie ein wilder junger Wolf oder wie ein anderes wildes Thier vor. Endlich war ich angezogen, wiſchte mein blutiges Geſicht zuweilen ab und ſagte:„Kann ich Ihnen helfen?“ und er ſagte:„Nein, ich danke,“ und ich ſagte:„Guten Nachmittag!“ und er ſagte:„Gleich⸗ falls!“ Als ich in den Hof kam, fand ich Eſtella mit den Schlüſſeln warten. Sie frug mich nicht, woher ich käme, noch weshalb ich ſie hätte warten laſſen; ihr Geſicht hatte eine helle Röthe, als ob ihr etwas Angenehmes zugeſtoßen wäre. Anſtatt auf das Thor loszugehen, trat ſie in den Gang zurück und winkte mir. „Komm her! Du magſt mich küſſen, wenn es Dir gefällt.“ Ich küßte ihre Wange, als ſie mir dieſe zukehrte. Ich meine, ich hätte Vieles gewagt, um ihre Wange zu küſſen. 9* Doch fühlte ich, der dem groben Jungen gegebene Kuß ſei nur ein Trinkgeld— er habe nichts zu bedeuten. Die Geburtstagsgäſte, die Karten, das Gefecht hatten mich ſo lange aufgehalten, daß, als ich nach Hauſe kam, das Licht auf der Sandſpitze der Marſchen in einen dunklen Abendhimmel ſtrahlte und Joſeph's Ofen einen feurigen Schein über den Weg warf. Zwölftes Kapitel. Das Geſchick des blaſſen jungen Herrn machte mir großen Kummer. Je mehr ich über den Kampf nachdachte und mir den blaſſen jungen Herrn auf dem Rücken in ver⸗ ſchiedenen Stufen eines geſchwollenen und gerötheten Ge⸗ ſichts vorſtellte, deſto gewiſſer erſchien es mir, daß mir etwas geſchehen müſſe. Das Blut des blaſſen jungen Herrn war auf meinem Haupte, das Geſetz mußte es rächen. Zwar war die Strafe, die ich verbüßen mußte, ſehr unklar, allein offenbar durften Dorfjungen nicht durchs Land ziehen, in die Häuſer feiner Leute eindringen und die ſtudirende Jugend Englands hauen, ohne ſtrenger Ahn⸗ dung ausgeſetzt zu ſein. Einige Tage verließ ich mein Zimmer gar nicht und ſah zur Küchenthüre nur mit großer Vorſicht und Verzagtheit heraus, ehe ich etwas zu beſorgen wagte, damit die Diener des Amtsgefängniſſes mich nicht überfielen. Die Naſe des blaſſen jungen Herrn hatte meine Beinkleider befleckt und in ſtiller Nacht ſuchte ich dieſen Beweis meiner Schuld auszuwaſchen. Ich hatte meine Fäuſte gegen die Zähne des blaſſen jungen Herrn geſtoßen und ich verſuchte tauſend Verdrehungen, um un⸗ glaubliche Geſchichten zu erſinnen, wenn ich vor dem Richter über dieſen verbrecheriſchen Umſtand Rechenſchaft ablegen ſollte. Als der Tag kam, an welchem ich mich wieder an den Ort meiner Gewaltthat verfügen ſollte, ſtieg die Angſt aufs höchſte. Würden Häſcher aus London, eigens her⸗ beigerufen, im Hinterhalt hinter dem Thore liegen? Würde Fräulein Havisham es vorziehen, für eine ihrem Hauſe zugefügte Beleidigung perſönliche Rache zu nehmen, in ihren Sterbekleidern ſich erheben, ein Piſtol ergreifen und mich niederſchießen? Würden gedungene Knaben— eine zahlreiche käufliche Bande— gemiethet werden, mich in der Brauerei zu überfallen und mich zu ſchlagen, bis ich verendet hätte? Mein Vertrauen auf die Geſinnung des blaſſen jungen Herrn erhellte daraus, daß ich mir ihn niemals als Anſtifter ſolcher Vergeltung vorſtellte; ich dachte an dieſe nur als an eine Handlung unverſtändiger Verwandten, welche der Zuſtand ſeines Geſichts und eine entrüſtete Theilnahme an den Familienzügen dazu angeregt hätten. Doch ich mußte zu Fräulein Havisham gehen, und ich that es auch. Und es kam nichts aus dem letzten Kampfe, es fand gar keine Anſpielung darauf ſtatt, kein blaſſer junger Herr war in den Räumlichkeiten zu entdecken. Ich fand die Thüre wieder offen, durchſuchte den ganzen Gar⸗ ten, ſah in die Fenſter des abgeſonderten Hauſes, allein die Fenſter waren von innen mit Läden verſchloſſen und Alles war leblos. Nur in der Ecke, wo das Gefecht ſtatt⸗ gefunden, konnte ich eine Spur von der Exiſtenz des jungen Herrn entdecken. Es gab noch Blutflecken daſelbſt, und ich bedeckte ſie mit Gartenerde vor den Augen der Menſchen. Auf dem breiten Abſatze zwiſchen Fräulein Havisham's eigenem Zimmer und dem andern, wo der Tiſch belegt war, ſah ich einen Gartenſtuhl, einen leichten Stuhl auf Rädern, den man von hinten ſchieben konnte. Er war nach meinem letzten Beſuche dort hingeſtellt und ich übernahm an dieſem Tage die regelmäßige Beſchäftigung, Fräulein Havisham (wenn ſie ermüdet war, mit der Hand auf meiner Schulter zu gehen) in dieſem Stuhle um ihr eigenes Zimmer über den Treppenabſatz und rund um das andere Zimmer zu ſchieben. Immer wieder und immer wieder machten wir dieſe Reiſe, und zuweilen dauerte ſie drei Stunden hinter⸗ einander. Ich erwähne dieſe Tage im Allgemeinen als ſehr zahlreich, weil es gleich feſtgeſtellt wurde, daß ich einen Tag um den andern um dieſes Dienſtes willen kom⸗ men ſollte, und weil ich jetzt die Zeit von etwa acht bis zehn Monaten zuſammen ſchildern will. Je mehr wir uns aneinander gewöhnt hatten, deſto mehr unterhielt ſich Fräulein Havisham mit mir und richtete auch Fragen an mich, was ich gelernt hätte und was aus mir werden ſolle? Ich ſagte ihr, man wolle mich, wie ich glaubte, bei Joſeph zum Lehrburſchen machen und ſetzte auseinander, ich wüßte nichts und wolle Alles wiſſen, indem ich hoffte, ſie würde mir einige Beihülfe zu dieſem wünſchenswerthen Ziele anbieten. Allein ſie that das nicht, ſchien es vielmehr vorzuziehen, daß ich unwiſſend bliebe. Sie gab mir auch kein Geld— nichts als täglich mein Mittagsbrot— auch ſtellte ſie nicht feſt, daß ich für meine Dienſte bezahlt werden ſolle. Eſtella war immer zugegen, ließ mich immer ein und aus, ſagte aber nie mehr, daß ich ſie küſſen dürfe. Zuweilen — duldete ſie mich kalt, dann ließ ſie ſich zu mir herab, dann war ſie ganz vertraut mit mir und dann ſagte ſie oft energiſch, daß ſie mich haſſe. Fräulein Havisham flüſterte mir oft zu oder frug mich, wenn wir allein waren:„Wird ſie immer ſchöner, Pip?“ Bejahte ich dies, und es war auch nur die Wahrheit, ſo ſchien ſie ſich im Stillen begierig darüber zu freuen. Ebenſo ſah Fräulein Havisham zu, wenn wir Karten ſpielten und hatte einen gierigen Genuß an Eſtella's Launen, wie ſie auch ſein mochten. Waren ihre Launen ſo vielfach und ſo widerſprechend, daß ich nicht wo aus wo ein wußte, ſo umarmte Fräulein Havisham ſie mit verſchwenderiſcher Zuneigung und flüſterte ihr ins Ohr:„Brich ihnen die Herzen, mein Stolz und meine Hoffnung, brich ihre Herzen und habe kein Mitleiden!“ Joſeph pflegte Stücke eines Liedes in der Schmiede zu brummen, deſſen Refrain„Alter Clem“ war. Dies war keine beſonders feierliche Manier, einem heiligen Schutz⸗ patron zu huldigen, doch iſt mir ſo, als ob der alte Clemens in einer ſolchen Beziehung zu den Schmieden ſtand. Es war ein Lied, welches das Hämmern auf Eiſen nachahmte und blos eine lyriſche Entſchuldigung für die Einführung von„Alter Clem's“ verehrten Namen. Etwa ſo:„Häm⸗ mert nun überall— alter Clem! Mit Stoß und mit Schall— alter Clem! Schlagt es aus, ſchlagt es aus— alter Clem! Und der Starke mit Saus— alter Clem! Schürt die Gluth, ſchürt die Gluth— alter Clem! Brüllt in Wuth, lodert gut— alter Clem!“ Einmal ſagte gleich nach der Erſcheinung des Stuhls Fräulein Havisham mit der haſtigen Bewegung ihrer Finger zu mir:„Da, da! Singe!“ Mir fiel es ein, das Liedchen zu ſummen, als — 137 ich ſie über den Boden ſchob. Es erfaßte ſo ſehr ihre Phantaſie, daß ſie es mit einer leiſen, koſenden Stimme aufnahm, als ob ſie im Schlafe ſänge. Bald wurde es zur Gewohnheit, daß es bei der Umfahrt geſungen wurde und Eſtella fiel oft mit ein, obgleich das ganze Lied ſo ſanft ging, daß es in dem alten Hauſe geringeres Geräuſch machte, als der leiſeſte Windſtoß. Was ſollte bei dieſer Umgebung aus mir werden? Wel⸗ chen Einfluß konnte dieſes auf meinen Charakter haben? Iſt es zu verwundern, daß meine Gedanken wie meine Augen verblendet waren, ſo oft ich aus den erbleichten gel⸗ ben Zimmern an das Tageslicht kam? Vielleicht hätte ich mit Joſeph über den blaſſen jungen Herrn geſprochen, wäre ich nicht in die entſetzlichen Erdich⸗ tungen verfallen geweſen, welche ich ihm gebeichtet hatte. Unter ſolchen Umſtänden hätte Joſeph den blaſſen jungen Herrn höchſtens für einen Paſſagier gehalten, den man in die ſchwarzſammetne Kutſche hätte ſetzen können, und des⸗ halb ſagte ich ihm nichts davon. Die Abneigung, Fräu⸗ lein Havisham und Eſtella zum Gegenſtande der Beſpre⸗ chung zu machen, die mich anfänglich ergriffen hatte, nahm mit der Zeit immer ſtärker zu. Ich ſchenkte nur Biddy volles Vertrauen, ihr aber ſagte ich alles. Warum ich dieſes als natürlich betrachtete und warum Biddy an allem, was ich ihr ſagte, tiefe Theilnahme bewies, wußte ich damals nicht, obſchon ich es jetzt zu wiſſen meine. Unterdeſſen wurden zu Hauſe in der Küche Berathun⸗ gen gehalten, die meinen gereizten Geiſt mit faſt unerträg⸗ licher Laſt niederdrückten. Dieſer Eſel, Pumblechook, kam oft Abends zu uns, um meine Ausſichten mit meiner 138 Schweſter zu beſprechen und ich glaube wirklich(noch jetzt mit weniger Reue als es ſein ſollte), daß wenn meine Hände einen Nagel aus der Achſe ſeiner Chaiſe hätten heraus⸗ ziehen können, ſie es auch gethan haben würden. Der erbärmliche Menſch beſaß eine ſolche beſchränkte Geiſtes⸗ dummheit, daß er meine Ausſichten nicht beſprechen konnte, ohne mich vor ſich zu haben— gewiſſermaßen um darauf zu arbeiten— er ſchleppte mich von meinem Stuhle, ge⸗ wöhnlich am Kragen, da ich meiſt ruhig in der Ecke ſaß, ſtellte mich vor das Feuer, als ob ich gekocht werden ſollte und fing an:„Hier, Madame, hier iſt dieſer Knabe! Hier iſt der Knabe, den Sie großgezogen haben. Halte Dich gerade und ſei immer dankbar gegen die, welche es gethan haben. Alſo, Madame, mit Bezug auf dieſen Knaben!“ Dann ſtrich er mir das Haar in den falſchen Strich— und ſeit meiner Kindheit habe ich keinem Menſchen das Recht eingeräumt, ſo zu handeln— oder er hielt mich vor ſich feſt am Aermel, was ein Bild der Ohnmacht gab, das nur von ihm ſelbſt übertroffen wurde. Er und meine Schweſter verirrten ſich dann in ſo un⸗ ſinnige Speculationen über Fräulein Havisham, was ſie mit mir und für mich thun würde, daß ich gern in erbitterte Thränen ausgebrochen, auf Pumblechook losgeſprungen wäre und ihn tüchtig durchgebläut hätte. In dieſen Zwie⸗ geſprächen ſprach meine Schweſter von mir, als ob ſie bei jeder Bezüglichkeit mir moraliſch einen Zahn ausreißen wolle, und Pumblechook, der ſich eigenmächtig zu meinem Gönner eingeſetzt, überſah mich mit einer herabwürdigen⸗ den Miene, wie der Baumeiſter meines Glücks, der ſich an einem ſehr uneinträglichen Geſchäft bethätigt hätte. 139 Joſeph nahm an dieſen Unterhaltungen keinen Antheil, . doch wurde er oft während derſelben angeredet, weil Frau Joſeph gemerkt hatte, er ſei nicht dafür, daß man mich von der Schmiede wegnehme. Ich war alt genug, um bei ihm V in die Lehre zu kommen und wenn Joſeph mit dem Schür⸗ eiſen auf dem Kamine ſaß und die Aſche zwiſchen den un⸗ teren Stangen in Zerſtreuung herausnahm, nahm meine Schweſter dieſe unſchuldige Thätigkeit ſo ſehr als eine Oppoſition auf, daß ſie auf ihn losſprang, das Eiſen ihm aus den Händen riß, ihn ſchüttelte und es weglegte. Jede dieſer Debatten nahm ein ſehr aufregendes Ende. Plötzlich, ohne irgend einen Uebergang, pflegte meine Schweſter in einem Gähnen einzuhalten, mich gleichſam zufällig zu er⸗ blicken, auf mich zuzuſtürzen und auszurufen:„Komm, Du biſt genug da geweſen! Du gehſt zu Bette! Du haſt einen Abend Mühe genug gemacht, das hoff' ich!“ Als ob ich es mir als eine Gunſt von ihnen erbeten hätte, mein Leben zu quälen. Lange Zeit ging es ſo voran und es ſchien wahrſchein⸗ lich, daß es noch lange Zeit ſo vorangehen würde, als eines Tages Fräulein Havisham, als wir ſpazieren gingen und ſie ſich auf meine Schulter lehnte, ſtehen blieb und mit einigem Mißfallen zu mir ſagte: „Du wirſt ſehr groß, Pip.“ 1 Ich ſchien durch einen nachdenklichen Blick andeuten zu wollen, Umſtände, über die ich keine Gewalt hätte, könnten wohl daran Schuld ſein. Sie ſagte damals nichts mehr, allein bald darauf blieb ſie wieder ſtehen und ſah mich wieder an, und bald that ſie es noch einmal mit einem zürnenden und finſtern Blicke. 1 1 4 1 140 Als am nächſten Tage mein Spaziergang zu Ende war und ich ſie bei dem Toilettentiſche abgeſetzt hatte, hielt ſie mich mit einer Bewegung ihrer ungeduldigen Finger zurück. „Sage mir noch einmal den Namen Deines Grob⸗ ſchmiedes.“ „Joſeph Gargery, Madame.“ „Iſt das der Meiſter, bei dem Du Lehrburſche werden ſollteſt?“ „Ja, Fräulein Havisham.“ „Am beſten iſt es, daß es nun gleich dazu kommt. Würde Gargery hierher kommen und Deinen Lehrbrief mitbringen wollen?“ Ich ſagte, er würde es als eine Ehre betrachten, ſie beſuchen zu dürfen. „Dann mag er kommen.“ „Zu einer beſtimmten Zeit?“ „Ich weiß nichts von Zeit. Er ſoll bald und mit Dir allein kommen.“ Als ich Abends nach Hauſe kam und dieſe Botſchaft bei Joſeph beſtellte, wurde meine Schweſter weit launen⸗ hafter, als ſie es ſeit langer Zeit geweſen war. Sie frug mich und Joſeph, ob wir ſie für eine Strohmatte zu un⸗ ſeren Füßen hielten und wie wir ſie ſo zu behandeln wagten und für welche Geſellſchaft wir ſie paſſend zu halten ge⸗ ruhten? Als der Strom dieſer Anfragen ausgelaufen war, warf ſie einen Leuchter auf Joſeph, brach in lautes Schluchzen aus und holte die Kehrichtpfanne— immer ein ſehr böſes Zeichen— band ihre grobe Schürze vor und ging ans Reinmachen in einer ſehr großen Ausdehnung. Mit trockener Reinigung war ſie nicht zufrieden: ſie nahm 141 einen Eimer und eine Scheuerbürſte, trieb uns aus dem Hauſe, ſo daß wir im Hinterhofe zitternd ſtanden. Abends um zehn Uhr wagten wir erſt wieder hinein zu kriechen und dann frug ſie Joſeph, warum er nicht lieber eine Negerſklavin geheirathet habe. Der arme Joſeph gab keine Antwort, fühlte nach ſeinem Schnurrbart und ſah mich niedergeſchlagen an, als ob er dächte, es wäre am Ende wirklich eine beſſere Speculation geweſen. Breizehntes Kapitel. Zwei Tage ſpäter putzte ſich Joſeph, zu meinem Schrecken, in ſeinen Sonntagskleidern, um mich zu Fräu⸗ lein Havisham zu begleiten. Da er dieſes Hofcoſtüm bei dieſer Gelegenheit für angemeſſen hielt, ſo war es nicht meine Sache, ihm zu ſagen, daß ihm das Werkeltagskleid beſſer ſtehe, um ſo mehr, als ich wußte, er verſetze ſich nur um meinetwillen in eine ſo ſchreckliche Unbequemlichkeit und ziehe für mich ſeinen Hemdskragen hinten ſo hoch herauf, ſo daß das Haar auf der Krone des Kopfes wie ein Federbuſch emporſtand. Bei dem Frühſtück gab meine Schweſter die Erklärung ab, ſie werde mit uns zur Stadt gehen, bei Onkel Pum⸗ blechook bleiben, um abgerufen zu werden, wenn wir unſer Geſchäft mit den ſchönen Damen abgemacht hätten, eine Art von Aeußerung, aus welcher Joſeph die allerſchlimmſten Reſultate zu erwarten ſchien. Die Schmiede wurde zu⸗ geſchloſſen und Joſeph ſchrieb mit Kreide auf die Thüre (wie in den ſeltenen Fällen zu geſchehen pflegte, daß er nicht an der Arbeit war) das einſilbige aus, mit der Skizzirung eines Pfeils, der nach der Richtung zu fliegen ſchien, welche wir einſchlagen wollten. ** 143 Wir gingen nach der Stadt, meine Schweſter voran, einen großen Filzhut auf; ſie trug ein Körbchen von ge⸗ flochtenem Stroh, wie das große Siegel von England, ein Paar Ueberſchuhe, einen unanſehnlichen Shawl und einen Regenſchirm, obſchon es ein ſchöner heller Tag war. Ich weiß nicht, ob dieſe Artikel als Buße oder zum Putze ge⸗ tragen wurden. Wahrſcheinlich wurden ſie als Artikel des Beſitzthums gezeigt, ſo wie Kleopatra oder eine andere Souverainin ihren Reichthum auf einer Proceſſion zeigen mochten. Als wir an Pumblechook's Hauſe waren, rannte meine Schweſter hinein und ließ uns ſtehen. Es war beinahe Mittagszeit. Joſeph und ich gingen geradezu nach dem Hauſe von Fräulein Havisham. Eſtella öffnete das Thor wie immer, und ſobald ſie erſchien, nahm Joſeph den Hut ab und wog ihn am Nande in beiden Händen, als ob es eine beſondere Veranlaſſung gäbe, um derentwillen es ihm auf ein Quentchen von einer Unze ankäme. Eſtella beachtete uns gar nicht, ſondern führte uns den mir bekannten Weg. Ich folgte ihr und Joſeph kam zu⸗ letzt. Als ich Joſeph im langen Gange anſah, wog er noch immer ſeinen Hut mit großer Sorgfalt und kam hinter uns in langen Schritten auf den Zehen. Eſtella ſagte mir, wir ſollten Beide eintreten. Ich faßte Joſeph am Rockaufſchlage und führte ihn vor Fräulein Havisham. Sie ſaß an ihrem Toilettentiſche und ſah uns gleich an. „O,“ ſagte ſie zu Joſeph,„Sie ſind der Mann von der Schweſter dieſes Knaben?“ Ich konnte mir kaum denken, daß der gute Joſeph ſo * —14 wunderlich wie ein ſeltener Vogel ausſehen würde; er ſtand ſprachlos, den Federbuſch kraus, den Mund offen, als ob er einen Wurm haben wolle. „Sie ſind der Mann von der Schweſter dieſes Kna⸗ ben?“ wiederholte Fräulein Havisham. Es war ſehr unangenehm, allein während der Zuſam⸗ menkunft ſprach Joſeph lediglich mit mir, nicht mit Fräu⸗ lein Havisham. „Was ich ſagen wollte, Pip,“ äußerte Joſeph in einer Weiſe, welche nachdrücklichen Beweis, feſtes Vertrauen und große Höflichkeit verbinden ſollte;„da ich Deine Schweſter geheirathet habe, zu einer Zeit, da ich ein un⸗ verheiratheter Mann war, wie Du es, wenn's Dir gefällt, ſagen kannſt.“ „Gut,“ ſagte Fräulein Havisham,„Sie haben den Knaben auferzogen, um ihn zu Ihrem Lehrburſchen zu machen; nicht wahr, Gargery?“ „Du weißt, Pip,“ fuhr Joſeph fort,„daß wir immer Freunde geweſen ſind, und unter uns rechneten wir darauf, da es zugleich zu luſtigen Streichen führen ſollte. Nicht daß, wenn Du gegen das Geſchäft Einwürfe gemacht hätteſt, Pip— etwa daß es viel Schwärze oder Ruß oder ſo etwas hat— darauf keine Rückſicht genommen worden wäre: nicht wahr?“ „Hat der Knabe,“ frug Fräulein Havisham,„jemals einen Einwand gemacht? Iſt ihm das Geſchäft angenehm?“ „Das iſt Dir ſehr wohl bekannt, Pip,“ antwortete Joſeph mit noch mehr Beweiskraft, Vertrauen und Höf⸗ lichkeit;„daß es der Wunſch Deines eigenen Herzens ge⸗ weſen iſt(ich ſah, daß ihm plötzlich einfallen würde, ſeine 145 Grabſchrift bei dieſer Gelegenheit anzuwenden, ehe er fortfuhr), und es war kein Einwand von Deiner Seite und Pip, es iſt der größte Wunſch meines Herzens.“ Ich konnte ihm nicht begreiflich machen, daß er mit Fräulein Havisham ſprechen müſſe. Jemehr Zeichen und Winke ich ihm gab, deſto kräftiger, vertraulicher und höf⸗ licher wurde er gegen mich. „Haben Sie ſeinen Lehrbrief mitgebracht?“ frug Fräu⸗ lein Havisham. „Nun, Pip, Du weißt,“ antwortete Joſeph, als ob das etwas unvernünftig wäre—„Du haſt mich ihn ſelbſt in meinen Hut legen ſehen und Du weißt alſo, daß er hier iſt.“ Er nahm den Brief heraus und gab ihn, nicht an Fräulein Havisham, ſondern mir. Ich ſchämte mich faſt des guten Menſchen— gewiß, ich ſchämte mich deſ⸗ ſelben— Eſtella ſtand ja hinter dem Stuhle des Fräulein Havisham und ihre Augen hatten ein ſchelmiſches Lächeln. Ich nahm ihm den Lehrbrief ab und gab ihn dem Fräu⸗ lein Havisham. „Sie erwarteten kein Eintrittsgeld von dem Knaben?“ ſagte Fräulein Havisham, als ſie den Brief überſah. „Joſeph,“ ſagte ich, denn er gab keine Antwort,„warum antworteſt Du nicht?“ „Pip,“ antwortete Joſeph und unterbrach mich, als ob er beleidigt wäre,„was ich meinte, das wäre keine Frage, die eine Antwort zwiſchen Dir und mir verdiente und Du weißt, daß die Antwort nein heißen würde. Du weißt, daß ſie nein heißen würde, Pip, und weshalb ſollte ich das ſagen?“ Fräulein Havisham blickte ihn an, als ob ſie erkenne, Charles Dickens, Große Erwartungen. I. 10 ——— 146 was er wirklich ſei, beſſer als ich es für möglich gehalten, nachdem er ſich benahm. Sie ergriff einen kleinen Beutel, der auf dem Tiſche vor ihr lag. „Pip hat hier eine Prämie verdient, und hier iſt ſie. Es ſind fünfundzwanzig Guineen in dieſem Beutel. Nimm ſie und gib ſie Deinem Herrn, Pip.“ Joſeph ſchien ganz von Sinnen bei der Verwunderung über ihre ſeltſame Geſtalt und das ſeltſame Zimmer und wollte ihr durchaus keine Antwort geben. „Das iſt ſehr freigebig von Deiner Seite, Pip,“ ſagte Joſeph;„ſo wird es aufgenommen und iſt dankbar will⸗ kommen, obgleich niemals erwartet, weder fern noch nahe, noch anderswo. Und nun, alter Junge,“ ſagte Joſeph, wobei es mich erſt brannte, dann fröſtelte, denn es war mir als ob dieſer familiäre Ausdruck an Fräulein Havisham gerichtet wäre.„Können wir nun, alter Junge, unſere Pflicht thun? Können wir nun unſere Pflicht thun, wir Beide, Einer mit dem Andern, und für die, welche Dein freigebiges Geſchenk— hat— gereicht — zu ſein— zur Befriedigung des Gemüthes— derer— welche niemals“ Joſeph zeigte nun, daß er ſelbſt wiſſe in welche große Verlegenheit er gerathen ſei, bis er ſich ſieg⸗ reich mit den Worten durchbiß:„und von mir ſei es ferne!“ Dieſe Worte hatten einen ſo runden und über⸗ zeugenden Klang für ihn, daß er ſie zweimal ſagte. „Adieu, Pip,“ ſagte Fräulein Havisham.„Eſtella, führe ſie fort.“ „Soll ich wiederkommen, Fräulein Havisham?“ frugich. „Nein, Gargery iſt von nun an Dein Herr. Gargery! Ein Wort!“ 144 Nachdem ſie ihn ſo zurückgerufen, indeß ich zur Thür hinausging, hörte ich ſie mit deutlicher, nachdrucksvoller Stimme ſagen:„Der Knabe iſt hier ein guter Knabe ge⸗ weſen und das iſt ſeine Belohnung. Als rechtſchaffener Mann werden Sie nichts anderes und nichts mehr er⸗ warten.“ Wie Joſeph zum Zimmer hinausgekommen, habe ich nie ermitteln können, nur weiß ich, daß er, als er heraus war, immer höher treppaufwärts ging, anſtatt hinunter zu gehen. Alle Vorſtellungen halfen nichts, bis ich ihm nacheilte und ihn feſthielt. In einer Minute waren wir außerhalb des Thores und es wurde zugeſchloſſen und Eſtella war fort. Als wir wieder im Tageslicht allein ſtanden, ſtützte ſich Joſeph an eine Mauer und ſagte:„Ueberraſchend!“ Und ſo ſtand er und wiederholte das Wort mit Zwiſchen⸗ pauſen ſo oft, daß ich befürchtete, er würde nie mehr bei Sinnen ſein. Endlich verlängerte er dieſe Bemerkung und ſagte:„Pip, ich verſichere Dir, daß dieſes über— raſch— end iſt!“ So wurde er allmälig geſprächiger und konnte weiter gehen. Dieſe Zuſammenkunft mußte Joſeph's Verſtandeskräfte geſchärft haben, ſo daß er im Stande war, auf dem Wege zu Pumblechook einen ſchlauen und tiefen Plan zu ent⸗ werfen. Grund für meine Anſicht iſt ſein Verhalten in Pumblechook's Wohnzimmer, wo meine Schweſter, als wir uns vorſtellten, mit dem verwünſchten Samenhändler in Conferenz begriffen war. „Nun,“ ſagte meine Schweſter, und redete uns Beide an,„was iſt euch zugeſtoßen? Mich wundert es, daß 10* 148 ihr euch herablaßt zu ſo armer Geſellſchaft wie dieſe zurück⸗ zukommen, wahrhaftig, das thut es!“ „Fräulein Havisham,“ ſagte Joſeph mit feſtem Blick auf mich, als ob er ſein Gedächtniß ſtärken wolle,„ſchrieb es beſonders vor— daß wir ſollten geben— ihr Compli⸗ ment oder Reſpect, Pip?“ „Complimente,“ ſagte ich. „Was ſo meine Meinung iſt,“ antwortete Joſeph— „ihre Complimente an Frau J. Gargery“— „Die werden mir viel helfen,“ war meiner Schweſter Bemerkung, doch ſchien es ihr zu gefallen. „Und wünſchen,“ ſagte Joſeph, abermals mit einem Hinblicke auf mich, als wär' es eine zweite Anſtrengung ſeines Gedächtniſſes,„daß Fräulein Havisham ſich ſo be⸗ fände, daß es ihr geſtattet wäre, Pip?“ „Daß ſie das Vergnügen haben könnte,“ fügte ich hinzu. „Damen bei ſich zu ſehen,“ ſagte Joſeph, und holte tief Athem. „Nun,“ ſagte meine Schweſter mit milderem Blicke auf Herrn Pumblechook.„Sie hätte das früher ſagen laſſen können, allein beſſer ſpäter höflich als gar nicht. Und was hat ſie den jungen Sauſewind gegeben?“ „Sie hat ihm,“ ſagte Joſeph,„nichts gegeben.“ Frau Joſeph wollte losbrechen, allein Joſeph fuhr fort: „Was ſie gab,“ ſagte Joſeph,„gab ſie ſeinen Freunden. Und durch ſeine Freunde, war ihre Erklärung, meine ich in die Hände ſeiner Schweſter Frau J. Gargery. Das waren ihre Worte, Frau J. Gargery. Sie hat vielleicht nicht gewußt,“ ſetzte Joſeph mit ſcheinbarer Ueberlegung hinzu, „ob das J. Joſeph oder Johann bedeute.“ Meine Schweſter ſah auf Pumblechook, der die Arme ſeines hölzernen Lehnſeſſels glatt ſtrich und ihr zunickte, als ob er alles vorher gewußt habe. „Und wie viel haſt Du erhalten?“ frug meine Schwe⸗ ſter und lachte. Wirklich, ſie lachte! „Was würde die gegenwärtige Geſellſchaft zu zehn Pfund ſagen?“ frug Joſeph. „Sie würde ſagen,“ antwortete meine Schweſter,„ganz hübſch. Nicht zu viel, doch ganz hübſch.“ „Es iſt mehr als das,“ ſagte Joſeph. Der ſchreckliche Betrüger, Pumblechook, nickte gleich, rieb die Arme ſeines Seſſels und ſagte:„Es iſt mehr als das Madame.“ „Sie wollen doch nicht ſagen“— fing meine Schwe⸗ ſter an. „Ja, Madame,“ ſagte Pumblechook— Warten Sie noch etwas. Weiter, Joſeph! Gut von Ihnen! Weiter!“ „Was würde gegenwärtige Geſellſchaft von zwanzig Pfund ſagen,“ fuhr Joſeph fort. „Sehr anſtändig wäre das rechte Wort,“ antwortete meine Schweſter. „Nun, es iſt mehr als zwanzig Pfund,“ ſagte Joſeph. Der niedrige Scheinheilige Pumblechook nickte wieder und ſagte mit Gönnerlächeln:„Es iſt mehr als das, Ma⸗ dame. Wieder gut! Nun weiter, Joſeph!“ „Um nun der Sache ein Ende zu machen,“ ſagte Joſeph und überreichte ſeiner Schweſter vergnügt den Beutel,„es ſind fünfundzwanzig Pfund.“ 150 „Es ſind fünfundzwanzig Pfund,“ wiederholte dieſer niedrige Schwindler Pumblechook, und ſtand auf, um ihr die Hand zu ſchütteln;„es iſt nicht mehr als was Sie ver⸗ dienen(wie ich ſagte, als ich um meine Meinung gefragt wurde) und ich wünſche Ihnen Glück zu dieſem Gelde!“ Wenn der Schurke nun geſchwiegen hätte, ſo wäre er ſchon ſtrafbar genug geweſen, allein er vergrößerte ſein Verbrechen, da er mich in Obhut nahm und ſich als mei— nen Gönner hinſtellte, ſo daß alle ſeine frühere Miſſethat übertroffen wurde. „Seht, Joſeph und Frau,“ ſagte Pumblechook und faßte mich am Arm über dem Ellenbogen,„ich gehöre zu denen, welche, was ſie angefangen haben, gleich durchführen. Dieſer Knabe muß nun gleich gebunden werden. Das iſt mein Weg. Auf der Stelle aufgenommen.“ „Gott weiß, Onkel Pumblechook,“ ſagte meine Schwe⸗ ſter und griff nach dem Gelde;„wir ſind Ihnen viel Dank ſchuldig.“ „Kümmern Sie ſich nicht um mich, Madame,“ antwor⸗ tete der teufliſche Kornhändler.„Ein Vergnügen iſt überall ein Vergnügen. Aber dieſer Knabe— wiſſen Sie— muß aufgenommen werden. Ich ſagte, ich würde dafür ſorgen— um Ihnen die Wahrheit zu ſagen.“ Die Richter ſaßen auf dem Rathhauſe nahe bei und wir gingen gleich hin, damit ich in Gegenwart der Behör⸗ den als Lehrburſche bei Joſeph aufgenommen würde. Wir gingen nicht hin, denn ich wurde von Pumblechook voran⸗ geſtoßen, als ob ich eine Taſche beſtohlen oder einen Getrei⸗ dehaufen angezündet hätte. Man nahm es im Gerichtshofe allgemein ſo an, als ob ich ein Verbrecher wäre, denn, wie Pumblechook mich vor ſich her durch die Menge ſtieß, ſag⸗ ten Einige:„Was hat er verbrochen?“ und andere:„Er ſcheint ſehr jung, ſieht aber böſe aus!“ Ein Mann von mildem und wohlwollendem Ausſehen gab mir ſogar ein Traktätchen mit dem Holzſchnitte eines böſen jungen Menſchen, der förmlich in Feſſeln eingeſchmiedet war, und es trug die Ueberſchrift:„In der Zelle zu leſen!“ Der Saal ſchien mir ein merkwürdiger Platz, mit Sitzen höher als in der Kirche— und Volk, das über die Tribünen hinüberſah— und gewaltige Richter(einer mit einem gepuderten Kopfe), die ſich in Seſſel zurücklehnten, die Arme übereinander ſchlugen, Schnupftabak nahmen, ſchlafen oder ſchreiben wollten oder Zeitungen laſen— einige hellſchwarze Portraits an den Wänden, die mein un⸗ künſtleriſches Auge als eine Miſchung von Lehmkuchen mit Heftpflaſter betrachtete. Hier wurde in meiner Ecke mein Lehrbrief geſetzmäßig unterzeichnet und beſcheinigt und ich war„aufgenommen“ dabei hielt mich HerrPumblechook feſt, als ob wir auf dem Wege nach dem Schaffot nur vorgeſprochen hätten, um einige Sachen vorläufig abmachen zu laſſen. Als wir wieder herausgekommen und die Jungen los⸗ geworden waren, die ſchon froh geweſen, mich öffentlich gefoltert zu ſehen und ſich nun ſehr getäuſcht fanden, daß es nur meine Freunde waren, die mich begleiteten, gingen wir zu Pumblechook zurück. Meine Schweſter wurde durch die fünfundzwanzig Guineen ſo aufgeregt, daß wir ein Diner aus dieſer plötzlichen Himmelsgabe haben ſollten— ſie verlangte, es müſſe eins im„blauen Bären“ ſein, und Pumblechook ſolle hinfahren und die Hubbles und Wopsle abholen. 152 Es kam alſo dazu und ich hatte einen ſehr melancholiſchen Tag. Denn die ganze Geſellſchaft ſchien in unbegreiflicher Weiſe anzunehmen, daß ich nur ein Auswuchs des Gaſt⸗ mahls ſei. Um die Sache unerträglicher zu machen, frugen ſie mich von Zeit zu Zeit, ſo oft ſie nichts anderes zu thun hatten, weshalb ich mich nicht amüſire. Was konnte ich anders, als ſagen, ich amüſire mich wirklich— obſchon dem nicht ſo war. Sie waren oben auf, trieben es nach ihrer Laune und thaten was ſie konnten. Der Schwindler Pumblechook, der zum wohlthätigen Anſtifter der ganzen Gelegenheit erhoben wurde, erhielt den Vorſitz am Tiſche, und als er ſie anredete, weil ich aufgenommen ſei und ihnen böswillig Glück wünſchte, daß ich eingeſteckt werden könne, wenn ich Karten ſpielte, ſtarke Getränke nähme, ſpät ausbliebe oder mit ſchlechter Geſellſchaft ginge, oder andere Streiche, die nach der Form meines Lehrbriefs gleichſam als unver⸗ meidlich bevorſtanden, ſtellte er mich dicht auf einen Stuhl neben ſich, um ſeine Bemerkungen zu erläutern. Weiter erinnere ich mich von dem großen Gaſtmahl, daß ſie mich nicht ſchlafen laſſen wollten, und ſobald ſie mich nicken ſahen, mich aufweckten und mir ſagten, ich ſolle mich amüſiren; daß ſpäter Herr Wopsle die Ode von Collins vortrug und ſein„blutgeflecktes Schwert in Donner niederwarf,“ ſo ſehr, daß ein Aufwärter kam und bemerkte: „Die unten ſitzenden Kaufleute ſchickten ihm Complimente und ließen ſagen, es wäre nicht wie im„ Seiltänzerwap⸗ pen.“ Daß ſie alle auf dem Wege nach Hauſe in der be⸗ ſten Laune waren und„o ſchöne Dame“ ſangen, wobei Wopsle die Baßſtimme übernommen hatte. ——ę—ę—ęBᷓ:’:ꝗ—— ———:;— 153 Endlich entſinne ich mich, daß ich mich in meinem Stübchen ſehr unglücklich fühlte und daß es mir vorkam, als würde mir Joſeph's Geſchäft nie zuſagen. Es hatte mir einmal gefallen; aber einmal war nicht jetzt. Dierzehntes Kapitel. Es iſt etwas höchſt Klägliches, wenn man ſich im Hauſe nicht wohl fühlt. Dieſes Gefühl mag pure Un⸗ dankbarkeit und die Strafe ſehr wohl verdient ſein, allein ich kann beſtätigen, daß es eine klägliche Sache iſt. Die Gemüthsſtimmung meiner Schweſter hatte mir das Haus niemals angenehm erſcheinen laſſen. Allein Joſeph hatte es geweiht, und ich hatte daran geglaubt. Ich hatte an das beſte Zimmer als an einen ſehr eleganten Salon geglaubt, ich hatte an die Vorderthüre als an ein geheimnißvolles Portal des Staatstempels geglaubt, deſſen feierliche Eröffnung ein Opfer geröſteter Vögel mit ſich führte, ich hatte an die Küche, an ein einfaches, wenn auch nicht prachtvolles Gemach geglaubt, ich hatte an die Schmiede als an den feurigen Weg zu Männlichkeit und Unabhängigkeit geglaubt. Wie war in einem Jahre alles geändert! Alles war jetzt gemein und niedrig und ich hätte um alles in der Welt Willen nicht gemocht, daß Fräulein Havisham und Eſtella es ſähen. Es iſt mir und jedem Anderen jetzt gleichgültig, wie viel von dieſer unfreundlichen Gemüthsrichtung meine eigene Schuld oder die Schuld des Fräulein Havisham oder die . meiner Schweſter geweſen iſt. Die Veränderung war eingetreten. Schlimm oder gut, zu entſchuldigen oder nicht zu entſchuldigen, gleichviel ſie war eingetreten. Früher hatte es mir geſchienen, ich würde glücklich und vornehm ſein, wenn ich endlich meine Hemdärmel aufrollen und als Joſeph's Lehrling in die Schmiede gehen könne. Da die Wirklichkeit vor mir ſtand, fühlte ich nur, daß ich von Kohlenſtaub beſchmutzt war und daß auf meiner täg⸗ lichen Erinnerung ein Gewicht laſtete, gegen welches der Ambos federleicht war. In meinem ſpätern Leben(und es iſt wohl den meiſten ſo ergangen) habe ich öfters die Empfindung gehabt, als ob über alle ſeine Romantik und Theilnahme ein dichter Vorhang gefallen wäre, um mich von allem, was nicht ſtille Geduldsprobe hieße, auszuſchlie⸗ V ßen. Niemals war dieſer Vorhang ſo ſchwer und ſo kahl b niedergefallen, als da mein Lebensweg durch den neuen Eintritt als Lehrling bei Joſeph klar vorgezeichnet lag. In einem ſpäteren Abſchnitte meiner„Zeit“ pflegte ich am Sonntag Abend, beim Einbruch der Nacht, auf dem Kirchhofe zu ſtehen und verglich meine eigne Ausſicht mit der windigen Marſchgegend, daß ſie ſich beide glichen, weil ſie flach und niedrig wären und einen unbekannten Pfad und einen dunklen Nebel und dann die See hätten. Da⸗ mals war ich ſo niedergeſchlagen und am erſten Arbeitstage meiner Lehrzeit eben ſo, doch freut mich das Bewußtſein, daß, ſo lange mein Lehrbrief dauerte, Joſeph niemals etwas 1 davon vernommen hat. Es iſt dies die einzige Freude, deren ich etwa aus jener Epoche eingedenk ſein kann. Alles Verdienſt für das, was ich noch berichten will, V iſt auf Joſeph's Seite. Nicht weil ich treu, ſondern weil 36 4ℳ 156 Joſeph treu, lief ich nicht davon, um Soldat oder Matroſe zu werden. Nicht weil ich einen Begriff von dem Werthe des Handwerks hatte, ſondern weil Joſeph einen ſolchen Begriff vom Werthe des Handwerks hatte, arbeitete ich mit ziemlichen Fleiße meiner Neigung zuwider. Es läßt ſich nicht wiſſen, wie weit der Einfluß eines braven recht⸗ ſchaffenen Mannes, der ſeine Pflicht thut, durch die Welt dringt, allein man weiß, wie ſehr er einen ergriffen hat, wenn ſich dabei befunden hat und ich weiß es ſehr gut, daß alles Gute in meinem Lehrjahren vom einfachen zufriedenen Joſeph her kam, nicht von mir, dem unruhig Strebenden und Unzufriedenen. Wer kann ſagen, was mir fehlte? Wie kann ich es ſagen, da ich es niemals wußte? Ich befürchtete, daß ich in einer unglückſeligen Stunde bei meiner ſchmutzigſten und gemein⸗ ſten Arbeit aufblicken könnte und Eſtella durch eines der hölzernen Fenſter der Schmiede hineinſähe. Mich plagte die Furcht, daß ſie mich auffinden würde, Geſicht und Hände ſchwarz, bei meiner grobſten Arbeit, um mich zu verhöhnen und zu verachten. Oft, wenn ich im Dunkeln, den Blaſebalg für Joſeph führte und wir„Old Clem“ ſan⸗ gen und der Gedanke, daß es bei Fräulein Havisham geſun⸗ gen worden, mir Eſtella's Antlitz im Feuer mit ihrem ſ chönen, im Winde flatternden Haare und ihren, mich zurückſtoßen⸗ den Augen erſcheinen ließ, pflegte ich nach den ſchwarzen höl⸗ zernen Fenſtern hinzublicken und ſtellte mir vor, ſie habe ihr Geſicht eben abgewendet und ſie ſei endlich gekommen. Wenn wir dann zum Abendbrot gingen, kamen mir Ort und Speiſen noch niedriger vor und in meiner undankbaren Bruſt ſchämte ich mich meines Hauſes mehr als je. Funßehntes Kapitel. Da ich für das Zimmer von Wopsle's Großtante zu dick wurde, ſo hörte meine Erziehung bei dieſem unglück⸗ ſeligen Frauenzimmer auf. Doch hatte mir Biddy zuvor Alles beigebracht, was ſie wußte, vom kleinen Preisver⸗ zeichniſſe bis zu einem komiſchen Liede, das ſie einmal für einen halben Pfennig gekauft hatte. Der einzige zuſam⸗ menhängende Theil dieſer letzten literariſchen Erſcheinung waren die Anfangszeilen: „Als ich in die Stadt London kam, ihr Herrn, Lalerala, lalera, Und mich ſehr ungeſchickt benahm, ihr Herrn, Lalerala, lalera...“ Doch lernte ich dies Lied, um mich an Wiſſen zu be⸗ reichern, mit großem Ernſte auswendig, auch zweifelte ich gar nicht an deſſen Werth, obſchon es mir vorkam, als ob das Lalerala gar zu oft angebracht wäre. Aus Hunger nach Wiſſen ſchlug ich ſogar Herrn Wopsle vor, mir einige geiſtige Broſamen abzugeben, womit er ſich freundlich ein⸗ verſtanden erklärte. Da es ſich jedoch herausſtellte, daß er mich als eine dramatiſche Laienfigur haben wollte, um Widerſpruch zu erleiden, umarmt, beweint, geſtoßen, er⸗ griffen und in aller Weiſe gemißbraucht zu werden, lehnte ich dieſen Unterrichtscurſus bald ab, nicht ehe Herr Wopsle in ſeiner poetiſchen Wuth mich äußerſt durchgeprügelt hatte. Alles was ich lernte, ſuchte ich auch Joſeph beizubrin⸗ gen. Dieſe Mittheilung klingt ſo eigen, daß ich es mir nicht verſagen kann, einen Aufſchluß darüber zu geben. Ich wollte Joſeph's Unwiſſenheit und Grobheit abſchleifen, damit er, meiner Geſellſchaft würdig, Eſtella's Vorwürfe weniger verdiene. Die alte Batterie draußen auf dem Marſchlande war unſer Studienplatz; eine zerbrochene Tafel und ein Stück⸗ chen Schiefer unſer Erziehungsmaterial, Joſeph fügte überdies eine Pfeife Tabak hinzu. Joſeph behielt nie⸗ mals etwas von einem Sonntage zum andern und erhielt unter meiner Unterweiſung niemals einen Zuwachs an Wiſſen. Doch rauchte er ſeine Pfeife auf der Batterie immer ſcharfſinniger als anderswo— ſogar faſt mit ge⸗ lehrter Miene, als ob er ſich ungeheuere Fortſchritte zu⸗ traue. Lieber Menſch— ich hoffe, daß er es ſich ein⸗ bildete! Es war da angenehm und ruhig, indeß die Segel auf dem Fluſſe darunter vorbeizogen und, wenn die Fluth niedrig war, ausſahen, als gehörten ſie untergegangenen Schiffen an, die noch im Grunde des Waſſers ſegelten. So oft ich die Schiffe mit ausgebreiteten weißen Segeln in die See fahren ſah, dachte ich irgendwie an Fräulein Havisham und Eſtella, und wenn das Licht von fern ſchräg herüberfiel, auf eine Wolke oder ein Segel oder eine An⸗. höhe oder einen Waſſerſtreifen, war es ebenſo. Fräulein 159 Havisham und Eſtella und das ſeltſame Haus und die ſeltſame Lebensweiſe ſchienen mir mit Allem, das maleriſch war, in Verbindung zu ſtehen. Eines Sonntags hatte Joſeph, der ſich an ſeiner Pfeife ergötzte, ganz beſonders ſich darauf geſteift, daß er„ſehr äußerſt träge“ ſei, ſo daß ich ihn für dieſen Tag aufgegeben hatte; ich lag, die Hand auf den Rand der Brüſtung, und ſuchte überall in der Ausſicht, in Himmel und Waſſer, Spuren von Fräulein Havisham und Eſtella, bis ich end⸗ lich einen Gedanken in Betreff ihrer, der mir im Kopfe herumging, zu erwähnen beſchloß. „Joſeph,“ ſagte ich,„müßte ich nicht einmal Fräulein Havisham einen Beſuch machen?“ „Und wozu, Pip?“ antwortete Joſeph nach langſamer Erwägung. „Wozu, Joſeph? Wozu macht man überhaupt Beſuche?“ „Es gibt vielleicht Beſuche,“ ſagte Joſeph,„über die man ſich niemals einig wird, Pip. Aber wegen des Be⸗ ſuchs bei Fräulein Havisham.... ſie dächte dann viel⸗ leicht, Du wollteſt etwas von ihr haben, Du erwarteteſt etwas von ihr. „Sch könnte wohl ſagen, das dem nicht ſo iſt, Joſeph.“ „Das könnteſt Du, Pip. Und ſie könnte Dir es glau⸗ ben. Eben ſo gut könnte ſie es auch nicht.“ Joſeph fühlte ebenſo wie ich, daß er hier eine Ent⸗ ſcheidung getroffen hatte, und er dampfte ſtark, um durch Wiederholung ſie nicht abzuſchwächen. „Du ſiehſt, Pip,“ fuhr Joſeph fort, nachdem dieſe Gefahr vorüber war,„Fräulein Havisham hat ſich ſehr ſchön gegen Dich benommen. Als Fräulein Havisham 160 dieſes gethan hatte, rief ſie mich zurück, um mir zu ſagen, daß das Alles wäre. „Ja, Joſeph, ich habe ſie gehört.“ „Alles,“ wiederholte Joſeph mit Nachdruck. „Ja, Joſeph, ich ſage Dir, ich habe es gehört.“ „Und ich wollte ſagen, Pip, es könne vielleicht bedeuten — nun ein Ende— wie ihr wart— ich nach Norden, ihr nach Süden— Haltet euch fern!“ Ich hatte mir das auch gedacht, und es gereichte mir nicht zum Troſte, daß auch er daran gedacht hatte, denn es ſchien dadurch wahrſcheinlicher zu werden. „Aber Joſeph....“ „Ja, alter Kerl.“ „Da arbeite ich nun ſchon faſt ein Jahr und ſeit meiner Aufnahme habe ich Fräulein Havisham nicht ein einziges Mal gedankt oder ihr bewieſen, daß ich ihrer gedenke.“ „Das iſt war, Pip, und wenn du ihr ein Paar Huf⸗ eiſen— und wollt' ich ſagen, daß auch ein Paar Hufnägel ein annehmbares Geſchenk wären— „Ich meine kein ſolches Andenken, ich wollte kein Ge⸗ ſchenk hinbringen.“ Allein Joſeph hatte nun einmal ein Geſchenk im Kopfe und konnte ſich noch nicht davon losmachen..„oder wenn Du eine neue Kette für die Vorderthüre aufhämmerteſt— oder ſage ein Groß oder zwei ſpitzer Schrauben zum all⸗ gemeinen Gebrauche— oder einen feineren Phantaſieartikel, etwa eine Röſtgabel, um ihre Brötchen zu eſſen, oder ein Beatroſt, wenn ſie eine Sardine oder dergleichen nimmt.“ 4„Ich denke gar nicht an ein Geſchenk,“ unterbrach ich. „Allerdings, wäre ich an Deiner Stelle, Pip, ſo würde 161 ich auch nicht daran denken,“ ſagte Joſeph, der nicht davon abkommen konnte, als ob ich darauf beſtanden hätte.„Nein, ich würde es nicht. Denn was ſoll eine Thürkette, da ſie immer eine vorgezogen hat? Und ſpitze Schrauben können falſch gedeutet werden. Und eine Röſtgabel müßte von Kupfer ſein, und Du würdeſt wenig Ehre dabei einlegen. V Und der ungemeinſte Arbeiter kann ſich bei einem Bratroſt nicht ungemein zeigen, denn Bratroſt iſt Bratroſt,“ ſagte b Joſeph und ſuchte mir das feſt einzuprägen, als ob er ſich bemühte, mich aus einer feſten Täuſchung herauszureißen. „Und was Du auch verſuchen magſt, es bleibt doch ein Bratroſt, ſei es mit oder wider Deinen Willen und Du kannſt es nicht ändern.“ „Lieber Joſeph,“ rief ich in Verzweiflung und faßte ihn am Rocke,„laß doch gut ſein! Es iſt mir gar nicht ein⸗ gefallen, Fräulein Havisham zu beſchenken.“ „Nein, Pip,“ und Joſeph ſtimmte mir bei, als hätte er mich dahin bringen wollen.„Und was ich Dir ſagen wollte, war— daß Du recht haſt, Pip.“ „Ja, Joſeph. Was ich aber ſagen wollte, iſt, daß es jetzt doch etwas langſam geht und wenn Du mir morgen einen halben Tag frei geben wollteſt, könnte ich in die Stadt gehen und Fräulein Eſt—Havisham beſuchen.“ „Ihr Name iſt nicht Eſtavisham,“ ſagte Joſeph ernſt; „oder ſie müßte ihn umgetauft haben.“ b „Ich weiß, Joſeph, ich weiß. Es war ein Verſehen von mir. Was meinſt Du dazu, Joſeph?“ 1 I Kurz, Joſeph hielt dafür, daß wenn ich es für gut hielte, er es auch für gut halten wolle. Doch ſtellte er Charles Dickens, Große Erwartungen. I. 11 feſt, daß wenn ich nicht herzlich aufgenommen oder mei⸗ nen Beſuch zu wiederholen aufgefordert würde, indem man dieſen nur als einen Beweis der Dankbarkeit für empfangene Gunſt betrachten wolle, dieſer Verſuch nicht wiederholt werden dürfe. Ich verſprach an dieſen Bedin⸗ gungen feſtzuhalten. Joſeph hatte einen Arbeiter auf Wochenlohn, welcher Orlick hieß. Er behauptete, ſein Taufname ſei Dolge— was doch geradezu unmöglich war— allein er war ſo hartnäckig, daß ich nicht glauben kann, er habe ſich in dieſem Bezuge täuſchen laſſen, ſondern er habe aus freien Stücken dem Dorfe dieſen Namen aufbinden wollen, um deſſen Menſchenverſtand zu beleidigen. Es war ein breit⸗ ſchulteriger, gelenkiger, geſchwärzter Menſch von großer Stärke, niemals haſtig und immer ſchlotternd. Er ſchien niemals abſichtlich an die Arbeit zu kommen, ſondern ſchlot⸗ terte herein, als ob er durch Zufall käme, und wenn er zu den luſtigen Schiffern zum Mittagsbrot oder Abends nach Hauſe ging, ſo ſchlotterte er wie Kain oder der ewige Jude, als ob er nicht wiſſe, wohin er gehe, und gar nicht wieder zu kommen beabſichtige. Er wohnte bei einem Schleuſen⸗ wärter auf den Marſchen und kam an Werkeltagen aus ſeiner Einſiedelei hereingeſchlottert, die Hände in den Ta⸗ ſchen, das Mittagseſſen in einem Bündel loſe um den Hals gebunden, ſo daß es auf dem Rücken baumelte. Am Sonntage lag er gewöhnlich an Schleuſenthoren oder lehnte ſich an Kornſchobern oder Scheunen. Er ſchlotterte immer locomotiviſch, die Augen auf dem Boden; wurde er angeredet oder ſonſt genöthigt, ſeinen Blick aufzuſchlagen, ſo that er dies in halb ärgerlicher, halb verlegener Manier, 163 als ob er nur daran dächte, wie ſeltſam und kränkend es ſei, daß er niemals ungeſtört denken könne. Dieſer mürriſche Arbeiter hatte kein Wohlgefallen an mir. Als ich klein und ſchüchtern war, erzählte er mir, der Teufel lebe in einer dunklen Ecke der Schmiede und er kenne denſelben ſehr genau. Alle ſieben Jahre müſſe man auch das Feuer mit einem lebendigen Knaben wieder an⸗ fachen, und ich dürfe mich nur als Brennſtoff betrachten. Als ich Joſeph's Lehrburſche wurde, war er vielleicht be⸗ ſorgt, ich würde ihn vertreiben, und daher mochte er mich noch weniger leiden. Er ſagte oder that nichts, das offene Feindſchaft andeutete, er ſchlug nur immer die Funken nach meiner Richtung hin und ſo oft ich„Old Clem“ ſang, fiel er zu unrechter Zeit ein. Dolge Orlick war an der Arbeit, als ich am nächſten Tage Joſeph an den halben Urlaubstag erinnerte. Er ſagte nichts, denn er und Joſeph hatten gerade ein glühendes Stück Eiſen zwiſchen ſich und ich war am Blaſebalge. Kurz darauf jedoch lehnte er ſich an ſeinen Hammer und begann: „Nun, Meiſter! Sie wollen doch wohl nicht Einen allein begünſtigen. Wenn der junge Pip einen halben Tag frei bekommt, ſo thun Sie daſſelbe für den alten Orlick.“ Er war höchſtens fünfundzwanzig Jahre alt, allein er ſprach gewöhnlich von ſich wie von einer alten Perſon. „Was willſt Du mit einem halben Feiertage anfangen, wenn Du ihn haſt?“ ſagte Joſeph. „Was ich damit thun will? Was will er damit thun? Ich will ſo viel damit anfangen, als er,“ ſagte Orlick. „Pip geht nach der Stadt,“ erwiderte Joſeph. „Nun, der alte Orlick geht auch nach der Stadt. Zwei 11* 164 können nach der Stadt gehen. Es iſt nicht nur Einer, der nach der Stadt gehen kann.“ „Werde nur nicht ärgerlich,“ ſagte Joſeph. „Ich werde es, wenn's mir gefällt!“ murmelte Orlick. Einige gehen nach der Stadt! Meiſter— hier darf keine Gunſt im Laden ſein. Handeln Sie mannhaft!“ Der Meiſter wollte ſich nicht weiter darauf einlaſſen, ſo lange der Arbeiter ärgerlich war. Orlick trat an den Ofen, nahm eine glühende Stange, ſtieß auf mich los, als ob er ſie mir durch den Leib rennen wollte, ſchwenkte ſie mir um den Kopf, legte ſie auf den Ambos, hämmerte ſie durch, als ob ich es wäre und als wären die Funken mein ſpritzendes Blut(wie ich mir dachte) und ſagte zuletzt, nachdem er ſich heiß und das Eiſen kalt gehämmert hatte und wieder an dem Hammer lehnte: „Nun, Meiſter!“ „Iſt Alles in Ordnung?“ frug Joſeph. „Ja, ich bin ganz in Ordnung,“ ſagte der mürriſche alte Orlick. „Da Du im Allgemeinen ſo fleißig biſt wie andere Leute,“ ſagte Joſeph,„darfſt Du auch einen halben Tag feiern.“ 8 Meine Schweſter hatte im Hofe ſtill geſtanden und zu⸗ gehört(denn ſie machte ſich gar kein Gewiſſen daraus, zu horchen und zu ſpioniren) und unverzüglich ſah ſie zu einem Fenſter herein. „Du biſt ein rechter Narr,“ ſagte ſie zu Joſeph;„gibſt ſolchen großen Faullenzern einen Feiertag! Du biſt wahr⸗ haftig ein ſehr reicher Mann, den Lohn in ſolcher Weiſe zu verſchwenden. Ich wollte, ich wäre ſein Herr!“ 165 „Sie würden eines jeden Menſchen Herr ſein, wenn Sie nur dürften,“ antwortete Orlick mit ſehr unfreund⸗ lichem Grinſen. („Laß ſie in Ruhe,“ ſagte Joſeph.) „Ich würde alle Dummköpfe und Schurken zurecht⸗ weiſen können,“ ſagte meine Schweſter und fing an, ſich in furchtbare Wuth zu verſetzen.„Ich würde die Dumm⸗ köpfe nicht zurechtbringen, ohne Deinen Herrn zurecht zu iſt. Und ich könnte die Schurken nicht zurechtweiſen, ohne Dich zurechtzuweiſen, denn Du biſt der ſchwärzeſte und ſchlimmſte Schurke zwiſchen hier und Frankreich!“ „Sie ſind eine böſe Widerſpenſtige, Mutter Gargery!“ murmelte der Tagelöhner.„Wenn man ſo zur guten Beur⸗ theilerin der Schurken wird, ſo können Sie wohl eine ſein.“ („Laß ſie in Ruhe, willſt Du nicht?“ ſagte Joſeph.) „Was ſagteſt Du?“ rief meine Schweſter aus und fing zu ſchreien an.„Was ſagteſt Du? Pip, was hat der Kerl Orlick über mich geſagt? Wie benannte er mich? Und mein Mann ſtand daneben! Oh, oh, oh!“ Jede dieſer Ausrufungen war ein Schrei und ich muß von meiner Schweſter bemerken, was bei allen heftigen Frauen, die ich jemals geſehen, zutrifft, daß Leidenſchaft keine Entſchuldigung für ſie war, denn es war unleugbar kein Uebergang in Leidenſchaft, ſondern mit Ueberlegung und Bewußtſein gab ſie ſich außerordentliche Mühe, ſich hineinzuſchrauben, und ſo gerieth ſie nach regelmäßigen Abſtufungen in blinde Wuth. „Welchen Namen hat er mir vor dem niedrigen Men⸗ 166 ſchen gegeben, der geſchworen hat, mich zu vertheidigen? Oh! Haltet mich! Oh!“ „Oho!“ knurrte der Arbeiter zwiſchen den Zähnen. „Ich würde Sie halten, wenn Sie meine Frau wären. Ich würde Sie unter die Pumpe halten und es Ihnen heraus⸗ würgen.“ („Ich ſage Dir, laß ſie in Ruhe!“ ſagte Joſeph.) „Ohl! hört ihn nur!“ ſchrie meine Schweſter und ſchlug die Hände zuſammen— es war das ihre nächſte Abſtufung.„Welche Namen gibt er mir! Dieſer Orlick! In meinem eigenen Hauſe! Ich bin eine verheirathete Frau! Mein Mann ſteht dabei! Oh, oh!“ Nach einem Anfall von Händeklappen und Schreien ſchlug ſie mit den Händen auf Bruſt und Knie, riß ſich die Mütze ab, riß ſich das Haar herunter— die letzten Stationen auf dem Wege zur Raſerei. Da ſie nun eine vollſtändige Furie und des Erfolges ſicher war, ſtürzte ſie auf die Thür los, die ich glücklicherweiſe verſchloſſen hatte. Was konnte der arme Joſeph, nachdem man ſeine ein⸗ geſchaltenen Unterbrechungen nicht beachtet hatte, anders thun, als gegen ſeinen Arbeiter auftreten und ihn fragen, weshalb er ſich zwiſchen ihn und Frau Joſeph ſchiebe und ob er Mannes genug ſei, ſich zu wehren? Der alte Orlick ſah ein, die Lage der Dinge erheiſche es, daß er ſich wehre und ſtellte ſich gleich auf die Vertheidigung. Ohne daß ſie ſich ihre verbrannten Schürzen abgebunden, gingen ſie wie zwei Rieſen auf einander los. Kein Menſch in der Nachbarſchaft konnte es lange mit Joſeph aufnehmen. Orlick, gerade als ob er ſo ſchwach wie der blaſſe junge Herr, lag bald im Kohlenſtaube und beeilte ſich gar nicht, 167 gleich wieder aufzuſtehen. Dann ſchloß Joſeph die Thür auf und hob meine Schweſter empor, die beſinnungslos am Fenſter niedergefallen war(erſt hatte ſie das Gefecht mit angeſehen), ins Haus getragen, niedergelegt und dann wieder aufzuleben aufgefordert wurde, und nichts weiter that, als ſich zu krümmen und die Hände in Joſeph's Haare einzuſchlagen. Dann kam die eigenthümliche Stille, die auf jeden Aufruhr folgt und ich ging nach oben, um mich anzukleiden, mit dem ahnungsvollen Gefühle, das ich nach einer ſolchen Windſtille immer empfand, nämlich, daß es Sonntag und Jemand geſtorben wäre. Als ich wieder herunter kam, kehrten Joſeph und Orlick zuſammen, ohne weitere Spuren von Zerwürfniß, als ein Schnitt in Orlick's Naſe, der keine beſondere Verzierung derſelben ausmachte. Ein Krug mit Bier war von den „Luſtigen Schiffern“ gekommen und ſie theilten ihn ſich in friedlicher Weiſe. Die Stille hatte einen beruhigenden und philoſophiſchen Einfluß auf Joſeph, der mir nachging, um mir als Abſchiedsbemerkung, die mir wohlthun könne, zu ſagen:„Bald fängt der Lärmen an, Pip, und bald hört der Lärmen auf, Pip— ſo iſt das Leben!“ Mit welchen abgeſchmackten Empfindungen(denn die Gefühle, die bei einem Manne ſehr ernſthaft ſind, dünken uns bei einem Knaben lächerlich) ich auf dem Wege zu Fräulein Havisham war, braucht nicht weiter erwähnt zu werden. Oder wie viele Mal ich vor dem Thore hin und her ging, ehe ich zu ſchellen wagte. Endlich fiel mir ein, ich ſolle gar nicht ſchellen und fortgehen, und das würde ich auch gethan haben, wenn ich über meine Zeit nach Be⸗ lieben zu verfügen gehabt hätte. 168 Fräulein Sarah Pocket kam ans Thor. Eſtella war nicht zu ſehen. „Wie, was nun? Sind Sie wieder hier?“ ſagte Fräu⸗ lein Pocket.„Was wünſchen Sie?“ Ich ſagte, mein Beſuch gelte nur einer Erkundigung, wie Fräulein Havisham ſich befinde, und Sarah ſchien ungewiß, ob ſie mich gleich wieder fortſchicken ſolle oder nicht. Doch wollte ſie die Verantwortlichkeit nicht auf ſich nehmen, ſie ließ mich ein und brachte gleich die ſcharfe Meldung, ich ſolle hinaufgehen. Alles war unverändert— Fräulein Havisham allein. „Nun,“ ſagte ſie und heftete ihren Blick auf mich.„Es fehlt Ihnen hoffentlich nichts? Sie bekommen auch nichts!“ „Nein, Fräulein Havisham. Ich wollte Ihnen nur ſagen, daß es mir in meiner Lehrzeit ſehr gut geht und daß ich Ihnen ſehr dankbar bin.“ „So, ſo!“ ſagte ſie mit den ewig unruhigen Fingern. „Komm dann und wann, komm an Deinem Geburtstage. Aha!“ rief ſie aus und drehte ſich mit dem Stuhle plötz⸗ lich um,„Du ſiehſt Dich nach Eſtella um? He?“ Ich ſah mich wirklich um— nach Eſtella— und ich ſtammelte, ſie befinde ſich hoffentlich recht wohl. „Sie iſt fort,“ ſagte Fräulein Havisham,„wird zur Dame erzogen; ſehr weit fort; ſchöner als jemals; Alle, die ſie ſehen, bewundern ſie. Fühlſt Du, daß Du ſie verloren haſt?“ Es lag ein ſo böswilliges Wohlgefallen in ihren letzten Worten und ſie brach in ein ſo widerliches Gelächter aus, daß ich nicht wußte, was ich noch ſagen ſolle. Doch er⸗ ſparte ſie mir die lange Ueberlegung, da ſie mich entließ. 11 169 Als das Thor von Sarah mit dem Wallnußſchalengeſichte verſchloſſen war, mißfielen mir mein Haus und mein Ge⸗ ſchäft und alles Uebrige mehr als jemals und dieſe Be⸗ wegung brachte mir nichts mehr ein. Während dem ich die Hochſtraße entlang in die Laden⸗ fenſter troſtlos hineinſah und überlegte, was ich wohl als Gentleman kaufen würde, kam Herr Wopsle aus dem Bücherladen. Er hatte die herzergreifende Tragödie von George Barnwell eben für einen halben Schilling gekauft, um dieſe Wort für Wort auf Pumblechook's Haupt zu ſchütten, da er dort den Thee trinken ſollte. Kaum ſah er mich, als er es für eine beſondere Gunſt aufnahm, einen Lehrling gefunden zu haben, an den er ſich beim Vorleſen wenden könne. Er hielt mich an und beſtand darauf, ihn in Pumblechook's Haus zu begleiten. Da ich wußte, daß es im Hauſe eklig ſein würde, da die Nacht dunkel und der Weg unfreundlich war und ſonach die erſte beſte Geſell⸗ ſchaft beſſer ſein müſſe, als gar keine, lehnte ich es nicht ab und wir kamen zu Pumblechook, als die Straße und die Läden beleuchtet wurden. Da ich einer Vorſtellung des George Barnwell nie⸗ mals beigewohnt hatte, ſo weiß ich nicht, wie lange ſie zu dauern pflegt; allein es war halb Zehn zu Ende, als Wopsle vorlas, der, nach ſeiner Einbringung in Newgate, ſo langſam las, daß ich gar nicht für möglich hielt, daß er noch bis zum Schaffot kommen würde. Mir ſchien die Klage, in ſeiner Blüthezeit umgebracht zu werden, ſehr übertrieben, da er doch ſeit dem Beginne ſeiner Laufbahn von einer Blume zur andern geflogen war. Doch handelte es ſich dabei nur um Länge und Ermüdung. Was mich 170 am meiſten kränkte, war, daß ich Unſchuldiger mit der ganzen Geſchichte vermengt wurde. Als Barnwell ſchlechte Streiche anfing, ſchien Pumblechook mich vorwurfsvoll anzuglotzen. Auch Wopsle bemühte ſich, mich im ſchlimm⸗ ſten Lichte darzuſtellen. Wild und trunken ſollte ich meinen Onkel ermorden, ohne daß es einen Milderungsgrund gäbe; Millwood überwand mich bei jeder Gelegenheit: es ſchien nur noch Wahnſinn in der Tochter meines Herrn, ſich nur im mindeſten um mich zu kümmern, und über mein verzögerndes und ſchwankendes Benehmen am letzten Mor⸗ gen kann ich nur ſagen, daß es der allgemeinen Schwäche meines Charakters würdig war. Als ich endlich glücklich gehängt war und Wopsle das Buch zuſchlug, ſtarrte Pum⸗ blechook mich an, ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Nimm Dich in Acht, Junge, nimm Dich in Acht!“ als ob es be⸗ kannt wäre, daß ich einen nahen Verwandten umzubringen vorhätte, falls nur ein ſolcher die Schwäche haben würde, mir Gutes zu thun. Es war eine dunkle Nacht, als alles vorüber war und ich mit Herrn Wopsle nach Hauſe ging. Vor der Stadt war ſtarker Nebel und er fiel naß und dicht. Die Lampe an der Chauſſee war wie ein Flecken, offenbar gar nicht am ge⸗ wöhnlichen Platze und die Strahlen ſchienen im Dunſte feſtgebannt zu ſein. Wir betrachteten dies und ſagten uns, der Nebel ſteige bei Veränderung des Windes aus einer gewiſſen Ecke der Marſchen, als wir plötzlich auf einen Mann ſtießen, der unter dem Chauſſeehauſe ſchlotterte. „Heda!“ riefen wir und blieben ſtehen, Orlick da?“ „Ja,“ ſagte er und ſchlotterte hervor,„ich ſtand da wohl eine Minute, um auf Geſellſchaft zu warten.“ 171 „Du biſt ſehr ſpät hier,“ bemerkte ich. Orlick antwortete nicht unnatürlich:„Nun? Du kommſt auch ſpät.“ „Wir ſind,“ ſagte Wopsle, von ſeinem letzten Vortrage aufgeregt, in geiſtigen Genüſſen beſchäftigt geweſen.“ Der alte Orlick knurrte, als ob er darüber nichts zu ſagen habe und wir gingen zuſammen. Ich frug ihn, ob er den halben Feiertag in der Stadt zugebracht habe?“ „Ja— die ganze Zeit. Ich bin Dir nachgegangen. Ich habe Dich erſt nicht geſehen, doch muß ich gleich hinter Dir geweſen ſein. Hört Ihr's, die Kanonen feuern wieder.“ „Auf den Gefangenenſchiffen?“ ſagte ich. „Ja! Es ſind wiederum einige Vögel aus dem Käfige entflohen. Die Kanonen haben vom Dunkel an gefeuert. Du wirſt gleich eine hören.“ Wir waren noch nicht viel weiter gekommen, als der wohlbekannte Donner auf uns eindrang und durch den nie⸗ deren Grund am Fluſſe hinrollte, als ob er die Flüchtlinge verfolge und bedrohe. „Das iſt eine gute Nacht, um davonzulaufen,“ ſagte Orlick.„Heute Nacht dürfte es ſchwer ſein, einen Gal⸗ genvogel niederzuſchießen.“ Der Gegenſtand bot einen reichen Stoff zur ſtillen Ueberlegung. Herr Wopsle, der ſchlechtbehandelte Onkel in der Tragödie, lachte laut in ſeinem Garten zu Camber⸗ well. Orlick hatte die Hände in der Taſche und ſchlotterte neben mir. Es war ſehr dunkel, ſehr naß, ſehr ſchmuzig und ſo platſchten wir entlangs. Dann und wann erſchallte wieder die Signalkanone und rollte mürriſch am Fluſſe hin. Ich dachte immerfort an mich ſelbſt. Herr Wopsle 172 ſtarb behaglich in Camberwell, war in Bosworth Field ſehr willkommen, und in Glaſtonbury in der größten To⸗ despein. Orlick knurrte mitunter:„Schlagt es aus, ſchlagt es aus— alter Clem! Und der Starke mit Braus!— alter Clem. Ich dachte, er hätte getrunken, aber er war nicht betrunken. So kamen wir in das Dorf. Der Weg, auf dem wir hingelangten, führte uns an den drei luſtigen Schiffern vorbei, welche zu unſrer Verwunderung, da es elf Uhr war, ſich ſehr aufgeregt zeigten, die Thüre ſtand weit offen, Lichter, die raſch ergriffen und eben ſo raſch wieder hin⸗ geſtellt wurden, zogen ſich und her. Herr Wopsle eilte hin⸗ ein, um ſich nach dem Grunde zu erkundigen, da er die Ge⸗ fangennahme eines Sträflings vorausſetzte, kam aber in der größten Eile wieder herausgelaufen. „Es iſt etwas bei Dir geſchehen, Pip, laßt uns laufen,“ ſagte er. „Was denn?“ frug ich und eilte mit ihm. Orlick that daſſelbe an meiner Seite. „Ich kann's nicht verſtehen. Das Haus ſcheint in Jo⸗ ſeph's Abweſenheit gewaltſam überfallen zu ſein. Etwa von Sträflingen. Es iſt Jemand angegriffen und verwundet.“ Sie liefen zu ſchnell, um ferneriſprechen zu können, und erſt in der Küche hielten wir an. Sie war voll von Men⸗ ſchen, das ganze Dorf war da oder auf dem Hofe, ein Arzt war da, und Joſeph war da, und eine Schaar Weiber war da, alle auf dem Boden mitten in der Küche. Die unbe⸗ ſchäftigten Beſucher traten zurück; als ich gekommen war, ſah ich meine Schweſter beſinnungs⸗ und regungslos auf 173 dem Boden liegen; ein ſchrecklicher Schlag auf den Hinter⸗ kopf hatte ſie niedergeworfen und eine unbekannte Hand hatte es gethan, als ſie ſich zum Feuer hingewendet hatte — ſo lange ſie Joſeph's Frau war, ſollte ſie niemals wieder in Bewegung kommen. Sechzehntes Kapitel. Den Kopf voll von Georg Barnwell, war ich erſt zur Vorausſetzung geneigt, daß ich mit dem Angriffe auf meine Schweſter etwas zu thun gehabt haben müſſe oder daß ich, als ihr nächſter Verwandter, der nach dem Wiſſen des Volks ihr ſehr viel ſchuldig war, mehr als irgend ein An⸗ derer ein Gegenſtand gerechten Argwohns werden müſſe. Doch als ich bei dem helleren Lichte des nächſten Morgens die Sache wieder überlegte und von allen Seiten beſpre⸗ chen hörte, faßte ich die Sache anders und verſtändiger auf. Joſeph hatte in den drei luſtigen Schiffern von ein Viertel nach Acht bis ein Viertel vor Zehn ſeine Pfeife ge⸗ raucht. Während er da war, hatte man meine Schweſter am Küchenfenſter ſtehen geſehen, und ſie hatte mit einem Arbeiter, der nach Hauſe ging, gute Nacht ausgetauſcht. Der Mann konnte die Zeit nicht genauer angeben, als daß es vor neun Uhr geweſen ſein müſſe; als man mehr von ihm wiſſen wollte, gerieth er in die größte Verwirrung. Als Joſeph fünf Minuten vor Zehn nach Hauſe kam, fand er ſie auf der Erde und rief gleich nach Hülfe. Das Feuer hatte nicht ſehr niedrig gebrannt, die Schnuppe am Licht nicht ſehr lang, doch war das Licht ausgeblaſen. 175 Kirgendwo war etwas geſtohlen. Außer dem ausge— blaſenen Lichte— es ſtand auf einem Tiſche zwiſchen der Thüre und meiner Schweſter, und zwar hinter ihr, da ſie in das Feuer hineingeſehen, als ſie getroffen wurde— war nichts in der Küche umgeſtellt, als wo ſie hingefallen war und blutete. Ein bemerkenswerthes Beweisſtück war indeſſen vorhanden. Sie war mit einer ſtumpfen und ſchweren Waffe auf Kopf und Rückgrat geſchlagen worden und nach den Schlägen war, wie ſie auf der Erde lag, etwas Schweres mit beträchtlicher Gewalt auf ſie geworfen wor⸗ den. Neben ihr lag, als Joſeph ſie aufhob, das Eiſenband eines Sträflings, das auseinander gefeilt war. Joſeph prüfte dies Band mit dem Auge eines Schmieds und erklärte, es ſei vor einiger Zeit auseinander gefeilt worden. Da die Verfolgung nach den Galeeren ging und Leute von dort kamen, das Eiſen zu unterſuchen, ſo wurde Joſeph's Anſicht beſtätigt. Sie konnten nicht feſtſtellen, wann es von Gefangenenſchiffen entkommen, zu denen es ge⸗ wiß gehört habe, allein das wußten ſie gewiß, daß die beiden in der letzten Nacht entflohenen Sträflinge es nicht getra⸗ gen hatten. Der eine war auch ſchon wieder ergriffen und hatte ſich des Eiſens nicht entledigt. Da ich wußte, was ich wußte, ſo machte ich folgende Schlüſſe. Das Eiſen war dasjenige meines Sträflings, ich hatte es geſehen und gehört, wie er auf den Marſchen daran feilte— doch erwartete ich nicht, daß er es zuletzt ſo gebraucht habe. Ich nahm an, ein anderer habe es in Beſitz gehabt und in ſo ſchlechter Weiſe angewendet. Ent⸗ weder Orlick oder der Fremdling, welcher mir die Feile gezeigt hatte. 176 Orlick war gerade ſo wie er geſagt hatte, als wir ihn am Chauſſeehauſe fanden, nach der Stadt gegangen, man hatte ihn Abends an verſchiedenen Stellen der Stadt geſehen, er war in mehreren Wirthshäuſern mit verſchiedenen Leu⸗ ten zuſammengeweſen und er kam mit mir und Herrn Wopsle zurück. Nichts lag gegen ihn vor, als der Zank, aber meine Schweſter hatte ſich mit ihm und mit Jeder⸗ mann ſonſt tauſendmal gezankt. Der fremde Mann war wegen ſeiner Banknoten, wenn er deshalb gekommen wäre, nicht in Streit gerathen, denn meine Schweſter war durch⸗ aus geſonnen, ſie zurückzugeben. Der Angreifer war ſo ſtill und plötzlich hereingekommen, daß ſie niedergeſchlagen war, ehe ſie ſich umſehen konnte. Es war mir ſchrecklich, daß ich, wenn auch unabſicht⸗ lich, die Waffe geliefert hatte, allein ich mußte das anneh⸗ men. Ich litt unausſprechliche Noth, als ich nachdachte und erwog, ob ich endlich dieſen Bann meiner Kindheit löſen und Joſeph alles ſagen ſolle. Monate lang ſtellte ich täglich meinen Entſchluß nach der verneinenden Seite hin feſt, und am andern Morgen nahm ich die Sache wieder vor. Endlich fiel die Entſcheidung dahin aus, das Ge⸗ heimniß ſei doch ein ſo altes, ſei ſo ſehr in mich verwach⸗ ſen, daß ſie es nicht ausreißen könne. Abgeſehen davon, daß es, nachdem es ſo viel Unheil geſtiftet, jetzt mehr als jemals mich von Joſeph, wenn er es für wahr halte, entfer⸗ nen würde, befürchtete ich noch mehr, daß Joſeph es nicht glaube, und mit den fabelhaften Hunden und den Kalbs⸗ coteletts als eine ungeheuerliche Erfindung zuſammenwer⸗ fen würde. Ich verſchob es alſo(denn ich ſchwankte zwi⸗ ſchen Recht und Unrecht, nachdem die Sache geſchehen . 177 war) und beſchloß, nur dann zu beichten, wenn es eine neue Ausſicht eröffnen ſollte, den Angreifer dadurch ermitteln zu können. Die Conſtabler und andere Gefängnißbeamte von Lon⸗ don—(denn dies trug ſich zur Zeit der aufgehobenen Polizei mit rothen Weſten zu)— trieben ſich einige Wochen in der Nähe des Hauſes umher und thaten, was, wie ich geleſen und geſehen habe, ſolche Behörden in dergleichen Fällen zu thun pflegen. Sie verhafteten mehrere offenbar verkehrte Menſchen, rannten mit den Köpfen ſehr hart gegen falſche Ideen und ſuchten die Umſtände den Ideen anzupaſſen, anſtatt daß ſie den Umſtänden hätten Ideen ent⸗ locken ſollen. Sie ſtanden an der Thüre der luſtigen Schif⸗ fer, mit ſo wiſſenden und verſchwiegenen Geſichtern, daß die ganze Nachbarſchaft von Bewunderung ergriffen war, auch hatten ſie eine geheimnißvolle Weiſe, ihren Trunk ein⸗ zunehmen, die faſt ſo gut war, als den Verbrecher zu neh⸗ men. Und doch nicht ganz ſo gut, denn letzteren nahmen ſie gar nicht. Nach der Entfernung dieſer conſtitutionellen Gewal⸗ ten lag meine Schweſter noch lange krank zu Bette. Ihre Sehkraft war geſtört, ſo daß ſie die Gegenſtände verviel⸗ facht ſah, ſie griff nach eingebildeten Theetaſſen und Wein⸗ gläſern, anſtatt der wirklichen, ihr Gehör und ihr Gedächt⸗ niß waren geſchwächt, ihre Sprache war unverſtändlich. Als ſie zuletzt ſo weit hergeſtellt war, daß ſie die Treppen heruntergebracht werden konnte, mußte man doch eine Schiefertafel in ihrer Nähe laſſen, damit ſie ſchriftlich an⸗ deute, was ſie mündlich nicht mehr ausſprechen konnte. Da ſie(abgeſehen von ſchlechter Handſchrift) ſehr wenig 12 Charles Dickens, Große Erwartungen. I. rechtſchreiben konnte, und Joſeph ſehr wenig zu leſen ver⸗ ſtand, ſo entſtanden außerordentliche Verwickelungen, die zu löſen ich gerufen zu werden pflegte. Doch hatte ſich ihre Gemüthsſtimmung gebeſſert. Sie war ſehr geduldig. Eine zitternde Unſicherheit in der Be⸗ wegung aller ihrer Glieder wurde bald ein Theil ihres regelmäßigen Zuſtandes und ſpäter legte ſie alle zwei oder drei Monate die Hand an den Kopf und blieb eine Woche hintereinander in düſterer Geiſtesverwirrung. Wir konn⸗ ten keine paſſende Bedienung für ſie finden, bis ein Um⸗ ſtand uns glücklicherweiſe dieſer Sorge enthob. Herrn Wopsle's Großtante überwand ihre bisherige Gewohnheit zu leben und Biddy wurde ein Theil unſeres Haushalts. Ungefähr einen Monat, nachdem meine Schweſter in der Küche wieder erſchienen war, kam Biddy zu uns mit einem kleinen geſprenkelten Koffer, der alle ihre irdiſchen Effekten enthielt und wurde ein Segen für die Haushaltung. Be⸗ ſonders war ſie ein Segen für Joſeph, denn der gute, alte Menſch war bei dem beſtändigen Hinblicke auf das Wrack ſeiner Frau ſehr niedergeſchlagen und pflegte, wenn er ſie Abends verſorgte, dann und wann auf mich hinzuſehen und mit naſſen blauen Augen zu ſagen:„Solch eine ſchöne Fi⸗ gur von einer Frau, wie ſie ehedem geweſen, Pip!“ Da Biddy ſie gleich ſo gut pflegte, als ob ſie von Kindheit an bei ihr geweſen wäre, ſo gewann Joſeph allmälig etwas mehr die Muße, ſich an die Schätzung der ihm zu Theil gewordenen Ruhe zu gewöhnen und er ging dann und wann zu den luſtigen Schiffern, um ſich zu zerſtreuen, was ihm gut that. Die Poliziſten zeichneten ſich dadurch aus, daß ſie alle mehr oder weniger Verdacht gegen Joſeph gehabt 179 hatten(er ſelbſt wußte nichts davon) und betrachteten ihn einſtimmig als eine der ſchlauſten Perſonen, die ihnen jemals vorgekommen wären. Biddy's erſter Sieg in ihrem neuen Amte war die Lö⸗ ſung einer Schwierigkeit, die mich gänzlich überwunden hatte. Ich hatte alles mögliche aufgeboten, aber nichts gewonnen. Sie beſtand darin: Meine Schweſter hatte auf der Tafel immer aufs Ende ein Zeichen gemacht, das wie ein ſeltſames T ausſah und dann mit beſonderem Eifer unſere Aufmerkſamkeit darauf gelenkt, als ob ſie es vorzugsweiſe wünſche. Ich hatte vergeblich alles verſucht, das mit einem T anfing, von Theer bis Toaſt und Tonne. Endlich fiel mir auf, das Zeichen gleiche einem Hammer, und als ich meiner Schweſter das Wort ſcharf ins Ohr ſchrie, hämmerte ſie auf den Tiſch und zeigte deutliche Zuſtimmung. Ich hatte alle Hammer vorgezeigt, einen nach dem andern, es half nichts. Ich dachte an eine Krücke, die ungefähr ſo geſtaltet war, ich borgte mir eine im Dorfe, und zeigte ſie meiner Schweſter mit beträchtlicher Zuverſicht. Sie ſchüttelte ihren Kopf bei dem Anblicke derſelben ſo heftig, daß wir Angſt bekamen, ſie könne ſich in ihrer Schwäche den Nacken verdrehen. Da meine Schweſter bald entdeckt hatte, daß Biddy ſich ſehr gut mit ihr verſtändigen könne, ſo erſchien dies geheimnißvolle Zeichen wieder auf der Tafel. Biddy dachte darüber nach, hörte meine Erklärung, ſah gedankenvoll auf meine Schweſter, ſah gedankenvoll auf Joſeph, der immer durch ſeine Anfangsbuchſtaben auf der Tafel bezeichnet wurde, und lief in die Schmiede, indeß Joſeph und ich ihr folgten. 12* 180 „Natürlich,“ rief Biddy mit fröhlicher Miene aus. „Seht Ihr nichts? Er iſt es!“ Orlick, wahrhaftig! Sie hatte ſeinen Namen vergeſ⸗ ſen und bezeichnete ihn mit dem Hammer. Wir ſagten ihn, weshalb wir ihn in der Küche zu ſehen wünſchten, und er legte langſam ſeinen Hammer hin, wiſchte ſich die Stirn mit dem Arm, wiſchte ſie noch einmal mit der Schürze, und ſchlotterte heraus, mit einer ſeltſamen vagabondirenden Beugung in den Knieen, die bei ihm beſonders hervortraten. Ich erwartete, meine Schweſter würde ihn angeben, und ein verſchiedenes Reſultat enttäuſchte mich. Sie zeigte die größte Bemühung, ſich gut mit ihm zu ſtehen, freute ſich offenbar, daß er endlich erſchien und zeigte, man ſollte ihm etwas zu trinken vorſetzen. Sie beobachtete ſein Ge⸗ ſicht um zu erkennen, daß er ſeine Aufnahme freundlich be⸗ trachte, zeigte jeden möglichen Wunſch ihn für ſich zu gewinnen und in Allem lag die Miene ergebener Zuvorkommenheit, ſo wie ſich wohl ein Kind gegen einen harten Lehrer be⸗ nimmt. Von da ab zeichnete ſie faſt jeden Tag einen Ham⸗ mer auf die Tafel und Orlick mußte hereinſchlottern und verdrießlich wieder vor ihr ſtehn, als ob er ſo wenig als ich wüßte, was das zu bedeuten habe. Siebzehntes Kapitel. Ich machte nun die regelmäßige Lehrzeit durch, welche außerhalb des Dorfes und der Marſchen keine beſonderen Erlebniſſe hatte, als das Eintreten meines Geburtstages und meinen abermaligen Beſuch bei Fräulein Havisham. Ich fand Sarah Pocket noch immer am Thore, Fräulein Havisham gerade ſo, wie ich ſie verlaſſen hatte und ſie ſprach von Eſtella eben ſo, wenn auch nicht mit denſelben Worten. Ich hatte nur wenige Minuten Unterhaltung mit ihr, ſie gab mir beim Weggehen eine Guinea und ſagte mir, ich ſolle nächſten Geburtstag wiederkommen. Dies wurde zum jährlichen Gebrauche. Erſt wollte ich die Guinea nicht annehmen, allein ſie frug mich ärgerlich, ob ich wohl mehr erwarte, und da durfte ich dieſelbe nicht ab⸗ lehnen. Das alte Haus änderte ſich ſo wenig, das gelbe Licht im verdunkelten Zimmer, das blaſſe Geſpenſt auf dem Stuhle vor dem Tollettentiſche blieb ſich ſo gleich, daß es mir vorkam, als hätte mit dem Stillſtehen der Uhren auch die Zeit in dieſer geheimnißvollen Wohnung feſtgeſtellt werden ſollen und daß, indeß mit mir alles ringsum älter wurde, ſie allein ſtill ſtand. So weit ich mich des Hauſes erinnern kann, drang niemals das Tageslicht in daſſelbe. Mich verwirrte das und dieſer Einfluß bewirkte, daß ich im Herzen mein Geſchäft haßte und mich meines Hauſes ſchämte. Allmälig merkte ich doch eine Veränderung an Biddy. Ihre Schuhe waren nicht wie vorher abgetreten, ihr Haar wurde ſauber und glänzend, ihre Hände waren immer rein. Sie war nicht ſchön, ſie war gemein und konnte nicht wie Eſtella ſein, aber ſie war angenehm und geſund und heiter geſtimmt. Sie war faſt ein Jahr bei uns geweſen(ſie hatte nämlich erſt vor Kurzem die Trauer abgelegt), als es mir eines Abends auffiel, daß ſie ſinnige und anziehende Augen hatte, die ſehr ſchön und ſehr gut waren. Ich hob meine Augen von einer Arbeit auf, die mich ſehr beſchäftigte, von der Abſchrift mehrerer Stellen eines Buchs, um mich ſo in beiden Dingen auf einmal zu unterrichten, und ſah Biddy meine Arbeit beobach⸗ ten. Ich legte die Feder nieder, Biddy hielt in ihrer Näh⸗ arbeit an, ohne ſie wegzulegen. „Biddy,“ ſagte ich,„wie fangen Sie es an? Entweder bin ich ſehr dumm oder Sie ſind ſehr geſchickt.“ „Was fange ich denn an? Ich weiß es nicht,“ antwor⸗ tete Biddy und lächelte. Sie führte unſere ganze Hauswirthſchaft und zwar in vorzüglichſter Weiſe, allein ich meinte das nicht, obſchon dadurch das von mir Gemeinte mich noch mehr über⸗ raſchte. „Wie fangen Sie es an, Biddy,“ ſagte ich,„alles was ich lerne, auch zu lernen und immer mit mir auf gleicher Stufe zu ſtehen?“ Ich fing an, mir auf mein Wiſſen etwas einzubilden, denn ich gab meine Geburtstagsguineen dafür aus, und den größten Theil meines Taſchengeldes verwen⸗ dete ich zu gleichen Zwecken, obſchon ich jetzt weiß, daß ich mein bischen Wiſſen ſehr theuer erkaufte. „Ich könnte auch Sie fragen, wie Sie es anfangen,“ ſagte Biddy. „Nein, denn wenn ich Abends von der Schmiede her⸗ einkomme, kann mich Jeder an die Arbeit gehen ſehn. Sie, Biddy, ſetzen ſich aber niemals daran.“ „Offenbar ſteckt es mich an— wie ein Huſten,“ ſagte Biddy ruhig und nähte weiter. Ich lehnte mich in meinem hölzernen Seſſel zurück und folgte dieſem Ideengange. Biddy nähte fort, den Kopf auf eine Seite übergelehnt und erſchien mir als ein außerordentliches Mädchen. Denn ich entſann mich nun, daß ſie auch die Ausdrücke unſeres Geſchäfts, die Namen unſerer verſchiedenen Arbeiten und unſerer Geräthſchaf⸗ ten kannte. Was ich wußte, wußte Biddy. Theoretiſch war ſie ſchon ein ebenſo guter Grobſchmied als ich oder noch beſſer. „Sie gehören zu denen, Biddy, welche alles gut zu be⸗ nutzen verſtehen. Ehe Sie herkamen, konnten Sie man⸗ ches nicht lernen und jetzt haben Sie ſolche Fortſchritte gemacht!“ Biddy ſah mich einen Augenblick an und nähte dann weiter.„Ich habe Ihnen doch den erſten Unterricht gege⸗ ben, nicht wahr?“ ſagte ſie. „Biddy!“ rief ich erſtaunt aus.„Sie weinen ja!“ „Nein, das thue ich nicht,“ ſagte Biddy und lachte. „Wer hat Ihnen das eingeredet?“ Wer konnte mir das einreden, wenn nicht das Glänzen 184 einer Thräne, welche auf ihre Arbeit fiel? Ich ſchwieg ſtill und dachte, wie geplagt ſie geweſen war, bis Herrn Wopsle's Großtante die ſchlimme Gewohnheit zu leben ſiegreich über⸗ wunden hatte, welche manche Leute gern los werden möch⸗ ten. Ich gedachte der troſtloſen Verhältniſſe, unter denen ſie in dem elenden kleinen Laden und der elenden lärmen⸗ den Abendſchule gelebt hatte, mit dem elenden alten Bündel der Untüchtigkeit, welches ſie immer nach ſich ſchleppte. Ich ſtellte mir vor, ſelbſt in jener ſchlimmen Zeit müſſe in Biddy verborgen geweſen ſein, was ſich jetzt entwickelte, denn in meiner erſten Unruhe und Unzufriedenheit hatte ich ja gleich für richtig gehalten, mich an ſie zu wenden. Biddy nähte ruhig weiter und vergoß keine Thränen mehr; indeß ich ſie anſah und das alles überdachte, fiel mir ein, ich wäre viel⸗ leicht nicht dankbar genug gegen Biddy. Ich war vielleicht zu verſchwiegen und hätte ſie nur mit meinem Vertrauen beehren ſollen, obſchon dieſes Wort in meinen Betrachtun⸗ gen nicht vorkam. „Ja, Biddy,“ ſagte ich nach einiger Ueberlegung,„Sie waren meine erſte Lehrerin, zu einer Zeit, da wir gewiß nicht dachten, ſo wie jetzt, in einer Küche zuſammen zu ſitzen.“ „Ach die arme Frau!“ antwortete Biddy. Sie ver⸗ gaß ſich ſelbſt ſo ſehr, daß ſie die Bemerkung auf meine Schweſter übertrug, aufſtand, ſich mit ihr beſchäftigte, um es ihr bequemer zu machen;„es iſt leider wahr!“ „Wir müſſen,“ ſagte ich,„etwas mehr zuſammen plau⸗ dern, wie wir früher gethan haben. Und ich muß Sie mehr um Rath fragen, wie ich es früher gepflegt habe. Nächſten Sonntag, Biddy, wollen wir einen ruhigen Spaziergang über die Marſchen machen und lange zuſammen reden.“ 185 Meine Schweſter wurde niemals allein gelaſſen, allein Joſeph blieb dieſen Sonntag Nachmittag ſehr gern zur Pflege bei ihr und Biddy und ich gingen ſpazieren. Es war ſchönes Wetter im Sommer. Als wir, an Dorf, Kirche und Kirchhof vorbei, auf den Marſchen waren und die Se⸗ gel der Fortfahrenden ſahen, verſchmolz ich Fräulein Ha⸗ visham und Eſtella in gewohnter Weiſe mit dieſer Ausſicht. Als wir uns am Ufer niedergeſetzt hatten, und das Waſſer uns zu Füßen rauſchte, wodurch es noch ſtiller war, als wenn es keinen Ton gegeben hätte, fand ich es eine paſſende Gelegenheit, Biddy in mein innigſtes Vertrauen zu ziehen. „Biddy,“ ſagte ich und bat ſie zu ſchweigen,„ich möchte ein Gentleman werden.“ „Oh, ich wollt' es nicht, wenn ich an Ihrer Stelle wäre,“ antwortete ſie.„Ich meine nicht, daß es ſich ſchik⸗ ken würde.“ „Biddy,“ ſagte ich etwas verſtimmt,„ich wünſche aus beſonderen Gründen ein Gentleman zu ſein.“ „Sie wiſſens am beſten, Pip, allein ſind Sie nicht ſo wie jetzt weit glücklicher?“ „Biddy,“ war meine ungeduldige Antwort,„ich bin durchaus nicht glücklich. Mein Beruf und mein Leben eckeln mich an. Seitdem ich aufgenommen bin, habe ich keine Freude daran gehabt. Seien Sie doch nicht abge⸗ ſchmackt. „War ich abgeſchmackt?“ ſagte Biddy und blickte mich ruhig an,„es thut mir leid, ich hatte das nicht vor. Ich wünſche nur, daß es Ihnen wohlergehe.“ „Es kann mir nicht wohlergehn, ich werde immer un⸗ 186 glücklich ſein— bis ich ein anderes Leben führen kann, als das jetzige.“ „Das iſt traurig,“ ſagte Biddy und ſchüttelte ſchmerz⸗ lich den Kopf. Ich hatte das auch ſo oft für traurig gehalten, daß ich, da ich immer in einem eigenthümlichen Kampfe mit mir ſelbſt begriffen war, faſt Thränen des Unmuths und des Kummers vergoſſen hätte, als Biddy ihre Empfindung, die auch die meinige war, ausſprach. Ich ſagte ihr, ſie habe recht, es ſei auch ſehr zu bedauern, allein es laſſe ſich nun einmal nicht ändern. „Hätte ich mich beruhigen können,“ ſagte ich zu Biddy, und riß das in der Nähe befindliche kurze Gras ab, ſowie ich ſchon einmal meine Gefühle aus meinen Haaren herausge⸗ riſſen und in die Brauereimauer geſtoßen hatte;„hätte ich mich beruhigen können und wäre ich nur halb ſo ſehr der Schmiede zugethan wie in meiner Kindheit, ſo wäre es ge⸗ wiß beſſer für mich. Dann hätte Ihnen, mir und Joſeph nichts gefehlt, Joſeph wäre vielleicht nach Ende meiner Lehrzeit mein Compagnon geworden, ich hätte in eure Ge⸗ ſellſchaft gepaßt und wir hätten hier auf dieſer Bank an einem ſchönen Sonntage als ganz andere Menſchen geſeſ⸗ ſen. Am Ende wäre ich dann gut genug für Sie gewe⸗ ſen, Biddy.“ Biddy ſeufzte, als ſie die Schiffe vorüberfahren ſah und antwortete:„Ja, ich bin nicht allzu wähleriſch.“ Es klang nicht ſchmeichelhaft, doch ich kannte ihre gute Meinung. „Anſtatt deſſen,“ ſagte ich, zerriß noch mehr Gras und kaute einige Halme,„geht es mir ſo wie jetzt. Unzufrie⸗ 187 den, unbehaglich— wenn mir's Niemand geſagt hätte, ſo wäre es mir gleich, daß ich grob und gemein bin.“ „Es war weder wahr noch höflich,“ ſagte ſie, und ſah wieder nach den Schiffen hin.„Wer hat das geſagt?“ Ich war verlegen, denn ich war ſo weit gegangen, ohne zu wiſſen, wohin es kommen würde. Doch war nun nichts mehr zu verheimlichen und ich antwortete:„Die ſchöne junge Dame bei Fräulein Havisham, und ſee iſt ſchöner, als jemals eine geweſen iſt und ich bewundere ſie entſetzlich, und um ihretwillen möchte ich ein Gentleman ſein.“ Nachdem ich dieſes verrückte Geſtändniß gemacht, warf ich das ausge⸗ riſſene Gras in den Fluß, als ob ich demſelben nachfolgen wollte. „Möchten Sie ein Gentleman ſein, um ſie zu ärgern oder um ſie zu gewinnen?“ frug Biddy mich ruhig nach einer Pauſe. „Ich weiß es nicht,“ antwortete ich mißmuthig. „Weil, wenn Sie ſie zurückſtoßen wollen,“ fuhr Biddy fort,„dies wohl am beſten geſchähe, wenn Sie, ganz un⸗ abhängig, ſich gar nicht um ihre Worte kümmerten. Und wollten Sie ſie gewinnen, ſo meine ich— doch wiſſen Sie es beſſer— daß es gar nicht der Mühe lohnt, ſie zu ge⸗ winnen.“ Das hatte ich auch ſehr oft gedacht. Das war mir in dieſem Augenblicke auch ganz klar. Allein ich armer Dorfjunge konnte die merkwürdige Unbeſtändigkeit nicht vermeiden, in welche die beſten und klügſten Männer täg⸗ lich verfallen. „Das mag alles wahr ſein,“ ſagte ich zu Biddy,„aber ich bewundere ſie entſetzlich.“ 188 So weit war ich nun gekommen und ich griff mir in die Haare und riß tüchtig an ihnen. Ich wußte ſehr wohl, daß ich ſo toll war und verkehrte Pläne machte, ſo daß es beſſer geweſen wäre, ich hätte meinen Kopf an den Haaren gefaßt und ihn gegen die Steine als Strafe dafür, als er einem ſolchen Thoren gehöre, geſtoßen. 1 Biddy war ein ſehr verſtändiges Mädchen und ſuchte nicht mehr mich zu belehren. Sie legte ihre ſehr ange⸗ nehme, wenn auch durch die Arbeit etwas gröbere Hand auf die meinige, eine nach der andern, und zog ſie aus meinen Haaren heraus. Dann ſchlug ſie mir ſanft in be⸗ ruhigender Weiſe auf die Schulter, indeß ich, das Geſicht im Rockärmel, ein wenig weinte— gerade wie ich es im Brauhofe gethan hatte, und ein unbeſtimmtes Gefühl em⸗ pfand, daß irgend Jemand oder daß alle, ich kann nicht ſagen wer, mich ſehr unrecht behandelten. „Eins freut mich, Pip,“ ſagte Biddy,„nämlich, daß Sie eingeſehen haben, mir Ihr Vertrauen ſchenken zu können. Und noch eins freut mich, daß Sie ſich darauf, ich würde es für mich bewahren und es alſo wohl verdient haben, verlaſſen konnten. Wenn Ihre erſte Lehrmeiſterin(die ſo arm war und ſelbſt ſo ſehr des Unterrichts bedurfte) jetzt unterwei⸗ ſen ſollte, ſo würde ſie Ihnen eine beſtimmte Lectüre auf⸗ geben. Allein ſie iſt ſchwer zu lernen und Sie ſind dar⸗ über hinaus und es hat keinen Werth mehr.“ So ſtand Biddy mit einem ruhigen Seufzer von der Bank auf und ſagte mit friſcher und wohlthuender Stimme:„Wollen wir noch etwas weiter oder nach Hauſe gehen?“ „Biddy,“ ſagte ich, ſtand auf, ſchlang ihr den Arm um den Hals und küßte ſie,„ich werde Ihnen immer Alles ſagen.“ 189 „Bis Sie ein Gentleman ſind,“ ſagte Biddy. „Sie wiſſen, daß es niemals dazu kommt, alſo immer. Nicht, daß ich Ihnen etwas zu ſagen brauchte, denn Sie wiſſen ebenſo viel als ich— wie ich Ihnen neulich Abends geſagt habe.“ „Ah,“ ſagte Biddy, faſt flüſternd und ſah nach den Schiffen. Und dann wiederholte ſie mit dem früheren Wechſel der Stimme:„Wollen wir etwas weiter oder nach Hauſe gehen?“ Ich ſagte zu Biddy:„wir wollen noch etwas weiter gehen,“ und das thaten wir, und der Sommernachmittag verſchmolz in den Sommerabend und es war ſehr ſchön. Ich fing an nachzudenken, ob ich nicht am Ende in den jetzi⸗ gen Verhältniſſen natürlicher und wohlthätiger geſtellt wäre, als wenn ich bei Kerzenlicht im Zimmer bei ſtill⸗ ſtehenden Uhren Bettelmann ſpielte und von Eſtella ver⸗ achtet würde. Ich dachte, wie wohl es mir thun würde, wenn ich mir ſie mit allen übrigen Erinnerungen und Phantaſieen aus dem Kopfe ſchlüge und dann an die Arbeit ginge, feſt entſchloſſen, dieſe liebzugewinnen, daran feſtzuhalten und ſie recht auszubeuten. Ich frug mich, ob ich nicht gewiß wiſſe, daß Eſtella mich elend ma⸗ chen würde, wenn ſie eben jetzt neben Biddy an meiner Seite ſtünde? Ich mußte zugeſtehen, daß dem ſo ſei, und ſagte zu mir ſelbſt:„Pip, Du biſt ein großer Thor!“ Wir ſprachen lebhaft zuſammen und Biddy ſprach ſehr vernünftig. Sie verhöhnte nicht, war frei von Launen, nicht heute ſo und morgen anders; ſie würde kein Ver⸗ gnügen, ſondern nur Schmerz empfunden haben, mir Schmerz zuzufügen; ſie hätte lieber ihre eigene Bruſt, als 190 4 die meinige verwundet. Wie kam es doch, daß ich ſie weniger liebte, als die andere? .„Biddy,“ ſagte ich, als wir nach Hauſe gingen,„ich wünſche, Sie könnten mich beſſern.“ „Ich wünſche, ich könnte es!“ ſagte Biddy. „Wenn ich mich nur in Sie verlieben könnte— Sie nehmen es nicht übel, daß ich zu einer alten Bekanntin ſo offen ſpreche?“ „O, durchaus nicht— nehmen Sie keine Rückſicht auf mich!“ ſagte Biddy. „Wenn ich mich nur dazu bringen könnte, ſo wäre das mir das beſte.“ „Aber Sie werden es niemals.“ Dieſen Abend ſchien es mir nicht ſo unwahrſcheinlich, antwortete deshalb, das ſei doch noch nicht ſo gewiß. Allein Biddy ſagte, es ſei ſo, und zwar mit entſchiedenem Tone. Im Herzen gab ich ihr Recht und doch nahm ich es ihr etwas übel, daß ſie ſo entſchieden darüber geſprochen hatte. In der Nähe des Kirchhofs mußten wir über einen Deich, unweit eines Schleuſenthores. Hinter dem Thore, oder hinter dem Strauchwerk oder aus dem ſtillen Schlamm erhob ſich der alte Orlick. „Heda!“ knurrte er;„wohin geht ihr Beide?“ „Wohin ſollten wir gehen, als nach Hauſe?“ „Ich will verhenkert ſein, wenn ich Euch nicht nach Hauſe begleite.“ Biddy war ſehr gegen ſeine Begleitung und flüſterte mir zu:„Laſſen Sie ihn nicht mitgehen, ich mag ihn nicht leiden.“ Da mir ebenſo war, ſo dankte ich ihm und ſagte, als es vor einigen Stunden würde geſchienen haben. Ich 191 wir bedürften ſeiner Begleitung nicht. Er lachte laut auf und zog ſich zurück, ſchlotterte aber in kurzer Entfernung hinter uns her. Ich war neugierig, ob Biddy ihn beargwöhne, daß er an dem Mordanfalle, über welchen meine Schweſter nie⸗ mals hatte Rechenſchaft geben können, betheiligt ſei und frug, weshalb ſie ihn nicht leiden möge. „Oh,“ antwortete ſie und ſah über die Schulter nach ihm hin, wie er uns nachſchlotterte:„weil— weil ich fürchte, daß er mich liebt.“ „Hat er Ihnen jemals ſeine Neigung geſtanden?“ frug ich entrüſtet. „Nein,“ ſagte Biddy und ſah ſich wieder um,„er hat mir es nie geſagt, allein er tanzt immer um mich herum, wo er nur einen Blick auf mich thun kann.“ Wenn auch dieſer Beweis der Anhänglichkeit neu war, ſo zweifelte ich doch nicht an der Richtigkeit dieſer Erklä⸗ rung. Ich war erzürnt, daß der alte Orlick ſie zu be⸗ wundern ſich erdreiſtete, als ob mir eine Beleidigung da⸗ durch zugefügt würde. „Ihnen iſt das einerlei,“ ſagte Biddy ruhig. „Nein, Biddy, mir iſt es nicht einerlei, nur daß ich es nicht haben mag, ich billige es nicht.“ „Ich auch nicht. Doch iſt das Ihnen einerlei.“ „Mag ſſein,“ antwortete ich,„allein ich würde keine beſondere Meinung von Ihnen haben, wenn er mit Ihrer Zuſtimmung um Sie herumtanzte.“ Nach dieſem Abende beobachtete ich Orlick und wo ſich die Möglichkeit bot, daß er um Biddy tanzen könne, kam ich ihm zuvor und verhinderte dieſe Demonſtration. Er 192 war in Joſeph's Hauſe wegen der plötzlichen Anhänglichkeit meiner Schweſter für ihn feſtgewurzelt, ſonſt hätte ich ſeine Entlaſſung durchzuſetzen verſucht. Er erkannte meine gu⸗ ten Abſichten und war ähnlicher Geſinnung, wie ich ſpäter Gelegenheit gehabt hatte zu erfahren. Da mein Verſtand früher nicht genug in Verwirrung gerathen war, ſo verwickelte ich deſſen Verwirrung noch fünfzigtauſendmal mehr. Bald war es mir klar, daß Biddy unermeßlich beſſer als Eſtella und das ehrliche, einfache Arbeiterleben, für das ich geboren war, nichts in ſich habe, deſſen man ſich ſchämen müſſe, ſondern ausreichende Mittel der Selbſtachtung und Zufriedenheit böte. In ſolcher Zeit war es mir zur Gewißheit, meine Abneigung gegen den theuren alten Joſeph und die Schmiede ſei vergangen und ich auf dem beſten Wege, Joe's Compagnon zu werden und mit Biddy zuſammen zu leben— bis plötzlich eine Erinnerung an die Havisham⸗Tage mich befiel und mei⸗ nen Verſtand gänzlich zerrüttete. Es dauert lange, ehe ein zerrütteter Verſtand wieder in Ordnung gebracht wird, und oft wurde die wiederhergeſtellte Ordnung gleich noch mehr vernichtet, wenn es mir auf einmal in den Sinn kam, nach meiner Lehrzeit werde Fräulein Havisham mein Glück machen. Nach dem Ende meiner Lehrzeit wäre ich im höchſten Grade verlegen geweſen, allein ſie nahm kein Ende, ſondern es fand ein verfrühter Abſchluß ſtatt. V Achtzehntes Kapitel. Es war im vierten Jahre meiner Lehrzeit bei Joſeph und an einem Sonnabend Abend. Um das Feuer in den drei luſtigen Schiffern hatte ſich eine Geſellſchaft ver⸗ ſammelt, um Herrn Wopsle die Zeitung laut vorleſen zu hören. Ich gehörte zu dieſer Geſellſchaft. Es hatte ein ſehr intereſſanter Mord ſtattgefunden und Herr Wopsle war bis über die Augenbrauen in Blut gebadet. Er ſchwelgte bei jedem abſchreckenden Worte in der Beſchreibung und verſetzte ſich an die Stelle eines jeden Zeugen bei der Unterſuchung. Er ſeufzte matt„Ich bin hin,“ wie das Opfer, und brüllte barbariſch„Ich wills Euch zeigen,“ wie der Mörder. Er gab die Ausſage des Arztes in deutlicher Nachahmung unſeres Dorfpracticanten, pfeifte und zitterte, als alter Chauſſeeeinnehmer, der die Schlägerei gehört hatte, in ſo ſchlagartigem Maße, daß man an der geiſtigen Zurechnungsfähigkeit des Zeugen zu zweifeln anfing. Der Richter wurde in Herrn Wopsle's Vortrag zum Timon von Athen, der Gerichtsvollzieher zum Coriolan. Er hatte großen Genuß davon, wir hatten großen Genuß davon und fühlten uns ſo recht behaglich. In dieſem angenehmen Zuſtande des Gemüths kamen wir zu dem Urtheil:„Mord mit Ueberlegung.“ Charles Dickens, Große Erwartungen. 1. 13 Da, und nicht früher, ſah ich, daß ein fremder Herr, über die gegenüberſtehende Bank gelehnt, mich anblickte. Auf ſeinem Geſichte lag ein Ausdruck der Verachtung und er biß ſich in einen großen Zeigefinger, während er die Gruppe beobachtete.„Nun,“ ſagte der Fremde zu Herrn Wopsle, nachdem dieſer ausgeleſen hatte,„Sie ſind gewiß ganz einig über die Sache, wie mir vorkommt.“ Alle blickten auf, als ob er der Mörder wäre. Er ſah Alle kalt und ſpöttiſch an. „Nicht wahr, er iſt ſchuldig,“ ſagte er.„Heraus damit! Sprechen Sie!“ „Mein Herr,“ ſagte Wopsle,„obſchon ich die Ehre Ihrer Bekanntſchaft nicht habe, ſage ich Schuldig.“ Wir gewannen Muth, ein Murmeln des Beifalls vernehmen zu laſſen. Ich weiß das,“ ſagte der Fremde.„Ich wußte das. Ich ſagte es Ihnen. Allein eine Frage. Wiſſen Sie, oder wiſſen Sie nicht, daß nach den engliſchen Geſetzen Jedermann für unſchuldig gilt, bis der Beweis— der Beweis— ſeiner Schuld vorliegt?“„ „Mein Herr, ich bin ſelbſt Engländer,“ fing Herr Wopsle's Antwort an,„,ch.. „Nein,“ ſagte der Fremde und kaute am Zeigefinger. „Keine Umſchweife. Sie wiſſen es, oder Sie wiſſen es nicht. Wie lautet die Antwort 24 Er ſtand den Kopf nach einer Seite gebogen und in einer eigenthümlich fragenden Weiſe, und ſtreckte den Zeige⸗ finger, ehe er wieder daran kaute, auf Herrn Wopsle zu, als ob er ihn bezeichnen wolle. 2 195 „Nun? Wiſſen Sie es, oder wiſſen Sie es nicht?“ „Gewiß weiß ich es,“ erwiderte Wopsle. „Gewiß wiſſen Sie es. Weshalb ſagten Sie das nicht gleich? Nun eine zweite Frage(wobei er ſich des Herrn Wopsle bemächtigte, als ob er Anſprüche auf den⸗ ſelben habe). Wiſſen Sie, daß von allen dieſen Zeugen noch kein einziger den Kreuzfragen ausgeſetzt geweſen iſt?“ Herr Wopsle fing an:„Ich kann nur ſagen“— als der Fremde ihn unterbrach. „Was? Sie wollen die Frage nicht mit Ja oder Rein beantworten? Ich will Sie wieder prüfen.“ Und ſtreckte ſeinen Finger wieder gegen ihn.„Achten Sie auf mich. Iſt es Ihnen erſichtlich oder nicht, daß dieſe Zeugen ins⸗ geſammt noch nicht den Kreuzfragen unterworfen geweſen? Ich erwarte nur ein Wort von ihnen. Ja oder Nein.“ Wopsle zögerte, und wir fingen an, ihm geringere Achtung zu ſchenken. „Alſo,“ ſagte der Fremde.„Ich will Ihnen helfen. Sie verdienen es nicht, allein ich will Ihnen helfen. Sehen Sie in das Blatt, das Sie in der Hand haben. Was iſt es?“ „Was iſt es?“ wiederholte Wopsle, ſah es an und war verlegen. „Iſt es,“ frug der Fremde in ſeiner ſpöttiſchen Weiſe, „das gedruckte Blatt, aus welchem ſie vorgeleſen haben?“ „Ohne Zweifel.“ „Ohne Zweifel. Kehren Sie zu ihm zurück und ſagen Sie mir, ob es deutlich bemerkt iſt, daß der Gefangene ausdrücklich erklärt hat, ſein Advocat hätte ihm angerathen, die Vertheidigung ſich vorzubehalten?“ 13* 196 „Ich habe das eben vorgeleſen,“ bemerkte Wopsle. „Kümmern Sie ſich nicht um das, was Sie eben ge⸗ leſen haben, ich habe nicht gefragt, was Sie geleſen hätten. Sie können das Vaterunſer rückwärts leſen, wenn es Ihnen bequem iſt, oder haben es vielleicht ſchon gethan. Sehen Sie auf das Blatt. Nein, nein, nein, mein Freund, nicht oben auf's Blatt, Sie wiſſen es beſſer; unten, unten auf dem Blatte.(Wir fingen an, Herrn Wopsle's Aus⸗ flüchte zu tadeln.) Nun, haben Sie es gefunden?“ „Da ſteht es,“ ſagte Herr Wopsle. „Nun leſen Sie dieſe Stelle mit ihren Augen durch und ſagen mir, ob da deutlich ſteht, daß der Gefangene ausdrücklich geſagt hat, ſeine Advocaten hätten ihm ge⸗ rathen, ſeine Vertheidigung ſich gänzlich vorzubehalten? Nun! finden Sie das dort?“— Herr Wopsle antwortete:„Es ſind dies nicht die ge⸗ nauen Worte.“ „Nicht die genauen Worte!“ wiederholte der fremde Herr bitter.„Es iſt der genaue Sinn?“ „Ja,“ ſagte Herr Wopsle. „Ja,“ wiederholte der Fremde und ſah die übrige Ge⸗ ſellſchaft an, indeß er die rechte Hand gegen den Zeugen, Wopsle, ausſtreckte.„Was ſagen Sie nun zu dem Gewiſſen eines Mannes, der, mit ſolcher Stelle vor ſeinen Augen, ſein Haupt auf ſein Kiſſen niederlegen kann, nach⸗ dem er ein noch nicht angehörtes Mitgeſchöpf für ſchuldig erklärt hat?“ Wir fingen alle an, Herrn Wopsle für einen andren Mann als bisher zu halten, den man nun erſt kennen lerne. „Und dieſer Mann, vergeſſen Sie es nicht,“ fuhr der Herr fort und zeigte ſpitz auf Herrn Wopsle,„könnte als Geſchworener bei dieſer Sache einberufen werden und nachdem er ſich ſo ſehr vergeben, in den Schoos ſeiner Familie zurückkehren und ſein Haupt aufs Kiſſen legen, nachdem er mit Ueberlegung geſchworen, er wolle genau und redlich den Proceß zwiſchen unſerem ſouverainen Herrn dem Könige und dem Gefangenen vor Gericht prüfen und nach den Ausſagen ein wahres Urtheil fällen, ſo helfe ihm Gott!“ Wir waren Alle feſt überzeugt, der unglückliche Wopsle ſei zu weit gegangen und müſſe, da es noch Zeit ſei, auf ſeinem rückſichtsloſen Wege ſtille halten. Der fremde Herr hatte ein Ausſehen, deſſen Autorität man ihm nicht beſtreiten konnte und ſprach ſich in einer ſolchen Weiſe aus, als ob er von einem Jeden ein Ge⸗ heimniß wiſſe, welches bei etwaiger Enthüllung einen be⸗ ſonderen Eindruck machen müſſe, verließ ſeinen Platz und trat in den Raum zwiſchen die beiden Bänke, dem Feuer gegenüber, wo er ſtehen blieb, die linke Hand in der Taſche, am Zeigefinger der rechten kaute er. „Nach Mittheilungen, die mir geworden ſind,“ ſagte er und ſah uns Alle an, die wir vor ihm zurückſchreckten, „habe ich Grund zur Annahme, daß ein Grobſchmied unter Ihnen ſitzt, Namens Joſeph— Joe— Gargery. Wer iſt der Mann?“ „Hier iſt der Mann,“ ſagte Joſeph. Der Fremde winkte ihn abſeiten und Joſeph kam. „Sie haben einen Lehrburſchen,“ fuhr der Fremde fort, „gewöhnlich als Pip bekannt; iſt er hier?“ „Ich bin hier!“ rief ich. 198 Der Fremde ſchien mich nicht zu erkennen, doch ich erkannte ihn als den Herrn, der mir bei meinem zweiten Beſuche bei Fräulein Havisham auf der Treppe begegnet war. Seine Erſcheinung war allzu merkwürdig, als daß ich ihn hätte vergeſſen können. Ich hatte ihn unverzüglich erkannt, als er ſich über die Bank gelehnt hatte, und da ich ihm gegenüber ſtand, wie er ſeine Hand mir auf die Schulter gelegt hatte, betrachtete ich im Einzelnen ſeinen großen Kopf, ſeine dunkle Geſichtsfarbe, ſeine tiefliegenden Augen, ſeine buſchigen ſchwarzen Augenbrauen, ſeine große Uhrkette, ſeine ſchwarzen Flecken von Bart und Schnurr⸗ bart, und den Duft wohlriechender Seife von ſeiner Hand vermißte ich auch nicht. „Ich wünſche eine beſondere Beſprechung mit Ihnen Beiden,“ ſagte er, nachdem er mich mit Muße beobachtet hatte;„ſie wird eine Zeit in Anſpruch nehmen. Vielleicht wäre es beſſer, wenn wir in Ihre Wohnung gingen. Ich ziehe es vor, meine Mittheilung nicht zuerſt hier zu machen. Sie mögen Ihren Freunden ſpäter ſo viel oder ſo wenig als Ihnen beliebt erzählen, ich habe nichts damit zu thun.“ Unter ſtiller Verwunderung gingen wir Drei zu den luſtigen Schiffern heraus und unter ſtiller Verwunderung gingen wir nach Hauſe. Auf dem Wege ſah mich der fremde Herr zuweilen an und kaute an ſeinem Finger. Je näher wir der Wohnung kamen, deſto mehr erkannte Jo⸗ ſeph die Angelegenheit als eine eindrucksvolle und ceremo⸗ nielle und ging voran, um die Vorderthür zu öffnen. Unſere Conferenz war im Beſuchzimmer, das von einem Lichte ſpärlich erhellt war. Der fremde Herr ſetzte ſich gleich an den Tiſch, zog — — 199 das Licht vor ſich hin und las einige Notizen in ſeinem Taſchenbuche. Dann legte er das Taſchenbuch fort und ſchob das Licht etwas bei Seite, nachdem er in die Dun⸗ kelheit auf Joſeph und mich geſehen, um zu wiſſen, wo wir ſäßen. „Mein Name iſt Jaggers,“ ſagte er;„ich bin ein Advocat in London. Ich bin ſehr bekannt. Ich habe ein ungewöhnliches Geſchäft mit Ihnen zu verhandeln und fange mit der Erklärung an, daß es nicht von mir herrührt. Wäre ich um Rath gefragt worden, ſo wäre ich nicht hier. Es iſt nicht geſchehen und Sie ſehen mich hier. Was ich als vertraulicher Agent eines Andern zu thun habe, thue ich. Nicht weniger, nicht mehr.“ Da er bemerkte, daß er uns von ſeinem Platze aus nicht bequem ſehen könne, ſtand er auf, warf ein Bein über eine Stuhllehne und ſtützte ſich darauf, ſo daß er einen Fuß im Stuhle und einen darüber hatte. „Joſeph Gargery, ich überbringe einen Antrag, ſich dieſes jungen Mannes, Ihres Lehrlings, zu entledigen. Sie haben nichts dawider, ſeinen Lehrbrief auf ſein Geſuch und zu ſeinem Beſten aufzuheben? Verlangen Sie etwas dafür?“ „Gott verhüte, daß ich etwas verlange, um kein Hin⸗ derniß für Pip zu ſein,“ ſagte Joſeph erſtaunt. „Gott verhüte iſt gottesfürchtig, hat aber hier nichts zu thun,“ antwortete Herr Jaggers.„Es fragt ſich, wollen Sie etwas dafür haben— wollen Sie etwas dafür haben?“ „Die Antwort iſt nein,“ ſagte Joſeph ernſt. Herr Jaggers ſchien mir Joſeph ſcharf zu betrachten, — 200. als ob er ihn wegen ſeiner Uneigennützigkeit für einen Narren halte. Doch weiß ich es nicht gewiß, da ich zwi⸗ ſchen athemloſer Neugierde und Ueberraſchung allzu ver⸗ worren war. „Sehr wohl,“ ſagte Herr Jaggers.„Bedenken Sie dieſe Zuſicherung und verſuchen Sie nicht, gleich wieder von ihr abzugehen.“ „Wer will verſuchen?“ entgegnete Joſeph. „Ich ſage nicht, daß irgend Jemand es thut. Halten Sie einen Hund?“ „Ja, ich halte einen Hund.“ „Bedenken Sie, daß Prahl ein guter Hund iſt, aber Packan iſt ein beſſerer. Bedenken Sie das genau,“ wie⸗ derholte Herr Jaggers, indem er ſeine Augen ſchloß und mit dem Kopfe zu Joſeph hinnickte, als ob er ihm etwas verzeihe.„Nun zu dieſem jungen Manne. Die Mit⸗ theilung, die ich ihm zu machen habe, iſt, daß er große Erwartungen haben darf.“ Joſeph und ich holten Athem und wir ſahen ein⸗ ander an. „Ich bin angewieſen, ihm mitzutheilen,“ ſagte Herr Jaggers und zeigte ſeitwärts mit dem Finger auf mich, „daß er ein ſchönes Vermögen erhalten wird. Ferner, daß der jetzige Inhaber dieſes Vermögens ſeine Entfer⸗ nung von der jetzigen Lebensſphäre und von dieſem Orte wünſcht, damit er als ein Gentleman erzogen werde— kurz, als ein Mann von großen Erwartungen.“ Mein Traum war aus, meine wilde Phantaſie war durch nüchterne Wirklichkeit übertroffen, Fräulein Ha⸗ visham wollte mein Glück in großem Maßſtabe machen. „Was ich noch zu ſagen habe, richte ich an Sie, Herr Pip. Sie müſſen wiſſen, daß die Perſon, von welcher ich meine Inſtructionen erhalte, auf die beſtändige Führung des Namens Pip anträgt. Sie werden wohl nichts da⸗ wider haben, daß dieſe leichte Bedingung auf Ihren großen Erwartungen laſtet. Haben Sie irgend einen Einwand, ſo müſſen Sie es jetzt ſagen.“ Mein Herz klopfte ſo ſchnell und es war ein ſolches Summen in meinen Ohren, daß ich kaum herauszuſtam⸗ meln vermochte, von mir ſei kein Einwand dagegen zu erwarten. „Das dachte ich mir! Ferner müſſen Sie wiſſen, daß der Name Ihres freigebigen Wohlthäters ein tiefes Ge⸗ heimniß iſt, bis er es zu enthüllen vorhat. Ich bin zu der Bemerkung ermächtigt, daß dieſe Perſon Ihnen münd⸗ lichen Aufſchluß zu geben beabſichtigt. Wann dieſe Abſicht vollzogen werden könne, kann ich nicht ſagen. Niemand kann es ſagen. Es mögen Jahre vergehen. Sie müſſen deutlich wiſſen, daß es Ihnen auf das Entſchiedenſte unter⸗ ſagt iſt, Nachforſchungen darüber anzuſtellen, oder irgend eine Anſpielung oder Beziehung, ſei ſie noch ſo fern, auf irgend ein Individuum als das Individuum in allen Ver⸗ bindungen mit mir zu machen. Haben Sie eine Vermu⸗ thung in Ihrer eigenen Bruſt, ſo halten Sie dieſe Ver⸗ muthung in Ihrer eigenen Bruſt. Es iſt ganz gleichgültig, weshalb dieſes Verbot ertheilt iſt: es kann einen ſehr triftigen und ernſten Grund dafür geben, es kann bloſe Laune ſein. Sie haben ſich nicht darum zu kümmern. Dieſe Bedingung ſteht feſt. Sie müſſen ſie annehmen und als eine bindende befolgen. Weiter iſt keine Bedin⸗ 202 gung, mit welcher mich die Perſon beauftragt hätte, von der ich meine Inſtructionen erhalten und für die ich ander⸗ weitig nicht verantwortlich bin. Dieſe Perſon iſt die Perſon, von welcher Ihre Erwartungen herrühren und das Geheimniß iſt nur zwiſchen dieſer Perſon und mir. Auch dieſe Bedingung iſt keine allzu läſtige für eine ſolche Erhöhung der Lage; doch wenn Sie etwas dawider ein⸗ zuwenden haben, ſo müſſen Sie das jetzt thun. Sprechen Sie!“ Abermals ſtammelte ich mit Mühe, daß ich nichts dawider einzuwenden hätte. „Ich dächte nicht. Die Bedingungen ſind zu Ende, Herr Pip.“ Obſchon er mich Herr Pip nannte und mich hervor⸗ zuheben ſchien, bewahrte er doch noch die Miene eines deut⸗ lichen Argwohns; er ſchloß noch immer die Augen und zeigte mit dem Finger auf mich, als ob er ſehr viel Nach⸗ theiliges von mir wiſſe, nur daß er es nicht erwähnen wolle. „Nun habe ich nur noch einige Anordnungen zu treffen. Ich habe zwar das Wort„Erwartungen“ mehr als einmal gebraucht, allein Sie haben nicht allein Erwartungen. Es befindet ſich ſchon in meinen Händen eine Sunmme Geldes, welche für Ihre paſſende Erziehung und Unterhaltung hinlänglich ausreicht. Betrachten Sie mich gefälligſt als Ihren Vormund.“ „Oh!“ rief ich aus, denn ich wollte ihm danken. „Ich ſage es Ihnen im Voraus, ich bekomme meine Dienſte bezahlt, ſonſt würde ich ſie nicht leiſten. Man nimmt an, daß Sie mit Rückſicht auf die Veränderung Ihrer Lage beſſer erzogen werden müſſen und daß Sie die Wichtigkeit und Nothwendigkeit dieſer Vorzüge ſobald als möglich zu genießen einſehen werden.“ Ich erwiderte, daß ich mich ſchon lange danach geſehnt. „Einerlei, ob Sie ſich ſchon lange danach geſehnt haben, Herr Pip, bleiben wir bei der Sache. Es iſt genug, daß Sie ſich jetzt danach ſehnen. Kann ich annehmen, daß es Ihnen gefällt, gleich einem geeigneten Erzieher anvertraut zu werden? Iſt dem ſo?“ Ich ſtammelte ja, dem ſei ſo. „Gut. Ihre Neigungen verdienen Rückſichten. Ich halte das nicht für klug, allein es iſt mir vorgeſchrieben. Haben Sie einen Erzieher nennen gehört, den Sie beſon⸗ ders bevorzugten?“. Ich hatte alle Erziehung nur von Biddy und von Herrn Wopsle's Großtante erhalten. Ich verneinte ſeine Frage. „Es gibt einen Lehrer, den ich etwas kenne, der mir wohl geeignet ſchiene,“ ſagte Herr Jaggers;„ich empfehle ihn nicht, merken Sie ſich das, denn ich empfehle niemals irgend Jemand. Der Herr, von dem ich rede, iſt ein Herr Matthew Pocket.“ Der Name fiel mir gleich auf. Es war ja ein Ver⸗ wandter von Fräulein Havisham. Der Matthew, von dem Herr und Frau Camilla geſprochen hatten. Der Matthew, deſſen Platz am Kopfende von Fräulein Ha⸗ visham ſein ſollte, wenn ſie in ihrem Brautkleide auf dem Brauttiſche todt läge. „Sie kennen den Namen?“ ſagte Herr Jaggers und 204 ſah mich ſchlau an, wobei er bis zu meiner Antwort die Augen ſchloß. Ich antwortete, der Name ſei mir bekannt. O,“ ſagte er,„der Name iſt Ihnen bekannt! Allein was ſagen Sie zu ihm?“ Ich ſagte, oder verſuchte zu ſagen, ich danke ihm ſehr für ſeine Empfehlung. „Nein, mein junger Freund,“ unterbrach er mich und ſchüttelte ſeinen großen Kopf ſehr langſam.„Ueberlegen Sie!“ Ich überlegte nichts und wieerzülts meinen Dank für ſeine Empfehlung. „Nein, mein junger Freund,“ unterbrach er mich aber⸗ mals, ſchüttelte ſeinen Kopf, ſah mich finſter und lächelnd zugleich an;„nein, nein, nein, es iſt ſehr ſchön, aber es geht nicht. Sie ſind zu jung, mich ſo zu fangen. Empfeh⸗ lung iſt nicht der Ausdruck, Herr Pip. Wählen Sie einen anderen.“ Ich verbeſſerte mich und ſagte, ich wäre ihm ſehr dankbar für ſeine Erwähnung des Herrn Matthew Pocket. „So iſt es beſſer,“ bemerkte Herr Jaggers. „Und(wie ich hinzufügte) dieſen Herrn möchte ich als Lehrer annehmen.“ „Gut. Nehmen Sie ihn in ſeinem eigenen Hauſe an. Der Weg ſoll Ihnen geebnet werden und Sie können erſt ſeinen Sohn beſuchen, der in London iſt. Wann wollen Sie nach London kommen?“ Ich ſah Joſeph an, der regungslos da ſtand und ſagte, ich meinte gleich hinreiſen zu müſſen. „Erſt müſſen Sie,“ ſagte Herr Jaggers,„neue Kleider 205 haben, und zwar dürfen es keine Arbeitskleider ſein. Alſo etwa heute über acht Tage. Sie werden Geld bedürfen. Soll ich Ihnen zwanzig Guineen hier laſſen?“ Er nahm ſehr ruhig eine lange Börſe heraus, zählte ſie ruhig auf den Tiſch ab und ſchob ſie mir zu. Dies Mal hatte er das Bein vom Stuhle heruntergenommen. Er ſaß rittlings auf dem Stuhle, ſchwenkte die Börſe hin und her und ſah auf Joſeph. „Nun, Joſeph Gargery? Sehen Sie verblüfft aus?“ „Ich bin es!“ antwortete Joſeph in ſehr entſchiede⸗ ner Weiſe. „Es war angenommen, daß Sie nichts für ſich ver⸗ langten?“ 1 „Es war angenommen,“ ſagte Joſeph,„und es iſt an⸗ genommen. Und wird immer ſein eben ſo, demgemäß.“ „Wenn es mir aber vorgeſchrieben wäre,“ ſagte Herr Jaggers und ſchwenkte ſeine Börſe,„Ihnen als Schaden⸗ erſatz ein Geſchenk zu machen?“ „Als Erſatz wofür?“ frug Joſeph. „Für den Verluſt ſeiner Dienſte.“ Joſeph legte ſeine Hand ſo ſanft wie eine Frau auf meine Schulter. Ich habe ihn ſpäter oft mit dem Dampf⸗ hammer verglichen, der einen Menſchen niederſchlagen oder eine Eierſchale eindrücken kann, eine Verbindung von Kraft und Zartheit.„Pip iſt ſo herzlich willkommen,“ ſagte Jo⸗ ſeph,„frei zu gehn mit ſeinen Dienſten zu Glück und Ehren, wie keine Worte ihm ſagen können. Wenn Sie aber mei⸗ nen, Geld könne mir ein Erſatz ſein für den Verluſt des kleinen Kindes— das zur Schmiede kam— und immer der beſte Freund!—“ 206 Lieber, guter Joſeph, den ich gern verlaſſen mochte, ge⸗ gen den ich ſo undankbar war, ich ſehe Dich mit Deinem nervigten Grobſchmiedsarm vor meinem Auge, Deiner klopfenden breiten Bruſt, Deiner hinſterbenden Stimme. O lieber, guter, treuer, zärtlicher Joſeph, ich fühle das liebende Zittern Deiner Hand auf meinem Arme heute ſo feierlich, als ob es das Rauſchen eines Engelsfittigs gewe⸗ ſen wäre! Aber ich ermuthigte ihn damals. Ich war auf dem Pfade meines zukünftigen Glücks und konnte die von uns betretenen Nebenwege nicht mehr einſchlagen. Ich bat Joſeph, ſich zu tröſten, denn, wie er geſagt, wir wären im⸗ mer die beſten Freunde geweſen und würden es, wie ich ſagte, immer bleiben. Joſeph rieb ſich die Augen mit ſeinem freien Arme, als ob er ſich dieſe ausbohren wolle, aber ſprach kein Wort mehr. Herr Jaggers ſah das alles ſo an, als ob Joſeph der Dorf⸗Idiot und ich ſein Hüter wäre. Als dieſes vorüber, ſagte er und wog die Börſe, die er nun nicht ſchwenkte, in der Hand. „Joſeph Gargery, dieſes iſt die letzte Aufforderung. Keine halben Maßregeln mit mir. Wollen Sie ein Ge⸗ ſchenk haben, das ich Ihnen zu machen beauftragt bin, ſo ſagen Sie es, und Sie ſollen es haben. Wenn dagegen Sie ſagen wollen—“ hier unterbrach ihn plötzlich, zu ſeinem größten Erſtaunen, Joſeph's Bewegung, als ob er einen böſen Fauſtkampf beabſichtige. „Wobei ich meinte zu ſagen,“ ſchrie Joſeph,„daß wenn Sie in mein Haus kommen, um mich aufzuhetzen, ſo kommen Sie heraus! Wobei ich meinte, zu ſagen, daß wenn Sie ein Mann ſind, ſo kommen Sie heraus! Wobei ich meinte zu ſagen, daß was ich ſage ich meinte zu ſagen und ſtehe oder falle dabei!“ Ich riß Joſeph fort und er wurde gleich verſöhnlich, indeß er in höflicher Weiſe und als eine feine herausfor⸗ dernde Notiz für die, ſo es ſich merken wollten, zu mir ſagte, er laſſe ſich nicht in ſeinem eigenen Hauſe hetzen. Herr Jaggers war bei Joſeph's Demonſtration aufgeſtan⸗ den und hatte ſich an die Thüre zurückgezogen. Er zeigte keine Neigung wieder hereinzukommen und ſprach folgende Abſchiedsbemerkungen: „Nun ich meine, Herr Pip, da Sie ein Gentleman wer⸗ den ſollen, ſo iſt es gut, wenn Sie je früher deſto beſſer abreiſen. Alſo bleibt es bei heute über acht Tage, und Sie werden inzwiſchen meine gedruckte Adreſſe erhalten. Sie können auf dem Poſtamte in London einen Miethswagen nehmen und gleich zu mir kommen. Merken Sie ſich, daß ich in keiner Weiſe über das Amt, das ich übernehme, eine Meinung ausſpreche. Ich bin bezahlt, daß ich es über⸗ nehme, und ich thue es. Merken Sie ſich das ſchließlich. Merken Sie ſich das!“ Er wies mit dem Finger auf uns Beide und hätte wohl fortgefahren, allein er ſchien Joſeph für gefährlich zu hal— ten und ging fort. Plötzlich fiel mir etwas ein, weshalb ich ihm nachlief, ehe er zu den luſtigen Schiffern gekommen war, wo ein Miethswagen ſeiner harrte. „Entſchuldigen Sie, Herr Jaggers!“ „Heda,“ ſagte er, und drehte ſich um,„was gibts?“ „Ich wünſche ganz richtig zu verfahren,“ ſagte ich, und 208 möchte mich nach ihren Weiſungen richten, deshalb wollt' ich lieber fragen. Haben Sie etwas dawider, daß ich, ehe ich abreiſe, von irgend Jemand, den ich hier kenne, Abſchied nehme.“ „Nein,“ und ſah mich an, als ob er mich kaum ver⸗ ſtanden habe. „Ich meinte nicht allein im Dorfe, ſondern auch in der Stadt?“ „Nein,“ ſagte er,„ich habe nichts dawider.“ Ich dankte ihm und lief wieder nach Hauſe, da fand ich, daß Joſeph die Vorderthüre ſchon verſchloſſen und das Beſuchzimmer ſchon verlaſſen hatte; er ſaß am Küchenfeuer, auf jedem Bein eine Hand, und ſtarrte in die brennenden Kohlen. Ich ſetzte mich auch vor das Feuer und ſtarrte in die Kohlen und lange Zeit ſchwiegen wir. Meine Schweſter ſaß in ihrem Stuhl mit Kiſſen in der Ecke, Biddy mit ihrer Näharbeit am Feuer, Joſeph neben Biddy und ich in der Ecke, gegenüber meiner Schwe⸗ ſter, neben Joſeph. Je mehr ich in die glühenden Kohlen ſah, deſto ſchwerer wurde es mir, Joſeph anzuſehen; je länger das Stillſchweigen währte, deſto unfähiger fühlte ich mich zu ſprechen. Endlich ſagte ich:„Joſeph, haſt Du es an Biddy er⸗ zählt?“ „Nein, Pip,“ antwortete Joſeph, ſah ferner ins Feuer und hielt die Beine ſtramm, als ob er die Nachricht erhal⸗ ten hätte, daß ſie davonlaufen wollten,„was ich Dir über⸗ laſſen habe, Pip.“ „Es wäre mir lieber, wenn Du es ſagteſt, Joſeph.“ 209 „Pip iſt ein Gentleman mit Vermögen,“ ſagte Joſeph, und Gott gibt ſeinen Segen dazu!“ Biddy ließ ihre Arbeit fallen und ſah mich an. Joſeph hielt ſein Knie feſt und ſah mich an. Ich ſah ſie beide an. Nach einer Weile wünſchten ſie mir herzlich Glück, doch lag ein Anflug von Trauer in ihrem Glückwunſche, der mir leid that. Ich gab mir Mühe, auf Biddy(und durch Biddy auf Joſeph) ganz beſonders ſo einzuwirken, daß meine Freunde es für ihre ernſte Verpflichtung hielten, über den Urheber meines Vermögens nichts zu ſagen und nichts zu wiſſen. Zur rechten Zeit, bemerkte ich, werde es bekannt werden, und unterdeſſen ſolle man nichts ſagen, als daß ein geheim⸗ nißvoller Gönner mir große Erwartungen eröffnet habe. Biddy ſchüttelte den Kopf gedankenvoll, als ſie ihre Arbeit wieder aufnahm und ſagte, ſie würde ſehr vorſichtig ſein; Joſeph hielt noch immer ſein Knie und ſagte:„Ja, ja, ich werde ebenſo verſchwiegen ſein,“ und dann wünſchte ſie mir Glück und äußerte ſo große Verwunderung darüber, daß ich ein Gentleman ſein ſolle, daß es mir faſt gar nicht gefiel. Biddy gab ſich unendliche Mühe, meiner Schweſter irgend einen Begriff von dieſem Ereigniſſe beizubringen. So weit ich annehmen darf, waren dieſe Verſuche durch⸗ aus vergeblich. Sie lachte und nickte ſehr viel mit dem Kopfe und wiederholte⸗Biddy's Worte„Pip“ und„Ver⸗ mögen.“ Doch dachte ſie ſchwerlich mehr dabei als man bei einem Loſungsworte für Parlamentswahlen zu denken pflegt und ein ſchlimmeres Bild von ihrer Geiſtesſchwäche läßt ſich wohl nicht angeben. Ohne eigne Erfahrung hätte ich mir das gar nich Charles Dickens, Große Erwartungen. 1. 14 gedacht, allein je mehr Joſeph und Biddy zu ihrer früheren Heiterkeit zurückkehrten, deſto betrübter wurde ich. Ich konnte mit meinem Glücke nicht unzufrieden ſein, allein ich mag unbewußt mit mir ſelbſt unzufrieden geweſen ſein. Ich ſaß, den Ellenbogen auf dem Knie, das Geſicht auf die Hand geſtützt und blickte ins Feuer, als Beide von mei⸗ ner Abreiſe ſprachen, wie ſie es ohne mich machen würden und dergleichen mehr. So oft ich eine von ihnen noch ſo freundlich mich anblicken ſah(ſie thaten es oft, beſonders Biddy), deſto mehr kränkte es mich, als ob ſie mir nicht ganz trauen wollten. Durch Wort oder Zeichen haben ſie es, Gott weiß, niemals kundgegeben. Ich pflegte dann aufzuſtehen und zur Thür hinauszu⸗ ſehen, denn die Küchenthüre war am Sommerabend offen, damit das Zimmer friſche Luft erhalte. Ich hielt die Sterne, zu denen ich meine Augen erhob, faſt für arme und niedrige Sterne, daß ſie auf die bäueriſchen Gegenſtände herabſchei⸗ nen mußten, unter denen ich mein Leben zugebracht hatte. „Sonnabend Abend,“ ſagte ich, als wir uns zum Abend⸗ brot mit Butter und Käſe und Bier niedergeſetzt hatten. „Noch fünf Tage und dann der Tag vor dem Tage! Sie gehen bald vorüber.“ „Bald, bald vorüber,“ ſagte Biddy. „Ich dachte mir, Joſeph, ich wolle am Montag in die Stadt gehen und meine neuen Kleider beſtellen, dann will ich dem Schneider ſagen, ich möchte ſie bei ihm anprobiren oder zu Herrn Pumblechook geſchickt haben. Ich möchte nicht, daß alle Leute mich hier anſtaunten.“ „Herr und Frau Hubble möchten Dich wohl auch in Deiner feinen Geſtalt ſehen, Pip,“ ſagte Joſeph, indeß er 211 ſein Brot mit Käſe vorſichtig in der linken Hand abſchnitt und mein ungenoſſenes Abendbrot anſah, als ob er an die Zeit dächte, da wir die Schnitte verglichen.„Auch Wopsle möchte das. Und die luſtigen Schiffer möchten es als eine Artigkeit nehmen.“ „Gerade das wünſche ich nicht, Joſeph. Sie würden feine ſolche Geſchichte daraus machen— eine ſo grobe und gemeine Geſchichte, daß ich ſelbſt es nicht anhören könnte. „Allerdings, Pip,“ ſagte Joſeph,„wenn Du ſelbſt es nicht anhören könnteſt—“ Biddy frug, indeß ſie den Teller meiner Schweſter hielt:„Wann wollen Sie ſich denn Herrn Gargery und Ihrer Schweſter und mir zeigen? Haben Sie darüber etwas beſtimmt?“ „Biddy,“ antwortete ich etwas gereizt,„Sie ſind ſo eilig, daß man gar nicht gleichen Schritt mit Ihnen halten kann.“ (Sie war immer ſehr raſch, bemerkte Joſeph.) „Hätten Sie noch einen Augenblick gewartet, Biddy, ſo würden Sie gehört haben, daß ich einen Abend— wahr⸗ ſcheinlich am Abende vor der Abreiſe— meine Kleider in einem Bündel hierher bringen werde.“ Biddy ſagte nichts mehr. Ich vergab ihr, wünſchte ihr und Joſeph herzliche gute Nacht und ging zu Bette. Als ich in mein kleines Zimmer eingetreten war, ſetzte ich mich und beſah es lange, da ich von dieſem kleinen Zimmer bald entfernt und für immer höher geſtellt ſein würde. Es war mit friſchen, jugendlichen Erinnerungen gefüllt und in demſelben Augenblicke gerieth ich in dieſelbe Geiſtesver⸗ wirrung zwiſchen dieſem und den beſſeren Zimmern, die ich 14* von nun an bewohnen ſollte, wie früher ſo oft zwiſchen der Schmiede und Fräulein Havisham, und Biddy und Eſtella. Die Sonne hatte den ganzen Tag auf das Dach ge⸗ ſchienen, ſo daß meine Kammer warm war. Wie ich das Fenſter öffnete und hinausſah, ſah ich Joſeph langſam zur dunklen Thüre herauskommen und einige Male auf und ab gehen, dann brachte Biddy eine Pfeife und zündete ſie für ihn an. Er rauchte nie ſo ſpät, und es war daraus zu ent⸗ nehmen, daß er aus irgend einem Grunde des Troſtes be⸗ dürfe. Er ſtand gleich an der Thüre gerade unter mir und rauchte ſeine Pfeife; auch Biddy ſtand da und ſprach leiſe mit ihm; ich wußte, daß ſie von mir ſprachen, denn ich hörte mehr als einmal meinen Namen in liebevollem Tone nennen. Ich hätte nicht mehr horchen mögen, ſelbſt wenn ich mehr hätte vernehmen können; ich entfernte mich alſo vom Fenſter und ſetzte mich auf meinen einzigen Stuhl am Bette, wobei mich das ſeltſame Gefühl beſchlich, daß dieſe erſte Nacht meines glänzenden Glücks die einſamſte war, die ich jemals erlebt hatte. Als ich nach dem offenen Fenſter blickte, ſah ich leichte Wölkchen von Joſeph's Pfeife— es war mir, als wäre es ein Segen von Joſeph, der mir nicht aufgedrungen oder prahleriſch geboten war, ſondern die Luft durchzog, die wir zuſammen genoſſen. Ich löſchte mein Licht aus und kroch ins Bette; es war ein unruhiges Bette und ich ſchlief nie wieder den alten geſunden Schlaf in ihm. Neunzehntes Kapitel. Der Morgen machte einen bedeutenden Unterſchied in meinen allgemeinen Lebensanſichten und erhellte ſie ſo ſehr, daß ſie kaum dieſelben ſchienen. Am meiſten bedrückte mich die Erwägung, daß noch ſechs Tage bis zu ſeiner Abreiſe waren, doch ich konnte mich der Beſorgniß nicht erwehren, es möchte unterdeſſen etwas in London paſſiren und wenn ich dort hinkäme, die Sache verſchlimmert oder verſchwun⸗ den ſein. Joſeph und Biddy nahmen ſehr viel Antheil, wenn ich von meiner nahen Abreiſe ſprach— doch ſie erwähnten ſie nicht, wenn ich nicht davon anfing. Nach dem Frühſtücke brachte mir Joſeph meinen Lehrbrief vom Schranke im Beſuchzimmer und wir warfen ihn ins Feuer und ich fühlte mich frei. Das neue Gefühl der Freilaſſung in mir, ging ich mit Joſeph zur Kirche und dachte, der Geiſtliche würde die Stelle vom reichen Manne und dem Himmelreiche nicht verleſen haben, wenn er alles gewußt hätte. Nach unſerem frühen Mittageſſen ging ich allein aus, um die Marſchgegend noch einmal zu beſuchen und ſie dann zu meiden. Als ich an der Kirche vorbeiging, empfand ich wie am Morgen ein tiefes Mitleiden über die armen Ge⸗ 214 ſchöpfe, die ihr ganzes Leben lang jeden Sonntag dorthin gehen und zuletzt unter den niedrigen Hügeln dort ruhen mußten. Ich gelobte mir eines Tages, etwas für ſie zu thun und entwarf den Plan eines Mittagseſſens mit Roſt⸗ beef und Plumpudding, einer Pinte Ale und einer Gallone Herablaſſung für Jeden im Dorfe. Hatte ich meiner Verbindung mit dem Flüchtling, den ich einſt zwiſchen den Gräbern hatte hinken ſehen, früher mit einer Art von Scham gedacht, wie mußte es an dieſem Sonntage ſein, da der Platz an den zerlumpten und zit— ternden Verbrecher mit ſeinem Sträflingseiſen und Zeichen erinnerte! Ich tröſtete mich, daß eine lange Zeit verfloſ⸗ ſen, daß er gewiß ſchon transportirt, daß er für mich ge⸗ ſtorben und wahrſcheinlich wirklich geſtorben ſei. Keine niedrigen naſſen Gründe, keine Deiche und Schleuſen, kein weidendes Vieh mehr, obſchon dieſes in ſeiner dummen Weiſe eine ehrfurchtsvolle Miene zu be⸗ ſitzen und ſich umzudrehen ſchien, als ob es ſo lange als möglich den Inhaber ſo großer Erwartungen anſehen müſſe. Lebt wohl, eintönige Bekanntſchaft meiner Jugend, von nun an, heißt es London und Größe, nicht Schmiedearbeit und ihr! Ich ging fröhlichen Schrittes zur Batterie, und indem ich dort nachdachte, ob Fräulein Havisham mich für Eſtella haben wolle, ſchlief ich ein. Als ich aufwachte, war ich erſtaunt, Joſeph neben mir zu finden, der ſeine Pfeife rauchte. Er begrüßte mich mit freudigem Lächeln, als ich die Augen öffnete und ſagte: „Da es das letzte Mal iſt, Pip, ſo dachte ich, ich dürfe nachkommen.“ „Und es freut mich, Joſeph, daß Du es gethan haſt.“ 215 „Danke, Pip.“ „Du kannſt überzeugt ſein, Pip, daß ich Dich niemals vergeſſe,“ ſagte ich, nachdem wir uns die Hände geſchüttelt hatten. „Nein, mein Pip,“ ſagte Joſeph gemüthlich. Ich zweifle nicht daran. Ja, ja, alter Junge! Man muß die Sache nur erſt recht begriffen haben, um nicht daran zu zweifeln. Es koſtete aber etwas Zeit, um es ganz begrif⸗ fen zu haben, der Wechſel war ſo ungemein plötzlich, nicht wahr?“. Mir gefiel es nicht ganz, daß Joſeph ſo wenig an mir zweifelte. Lieber wäre es mir geweſen, hätte er Aufregung gezeigt oder geſagt:„Das macht Ihnen Ehre, Pip!“ oder ſo etwas. Ich bemerkte alſo nichts darüber und ſagte nur, die Nachricht ſei allerdings plötzlich gekommen, doch hätte ich ein Gentleman werden wollen und hätte oft ſpe⸗ kulirt, was ich als ein ſolcher thun würde. „Haſt Du das?“ ſagte Joſeph.„Wunderlich!“ „Schade, daß Du nicht mehr fortgeſchritten biſt, als wir hier die Unterrichtsſtunden hielten, nicht wahr?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete Joſeph,„ich bin ſo ſchwer von Begriffen. Ich bin nur Meiſter in meinem Geſchäfte. Es iſt gewiß ſchade, daß ich ſo ſchwer begreife, allein es iſt jetzt nicht mehr ſchade, als es heute vor einem Jahre ge⸗ weſen iſt. Siehſt Du das nicht ein?“ Ich meinte, es wäre doch, ſobald ich zu meinem Ver⸗ mögen käme und für Joſeph etwas thun könne, weit ange⸗ nehmer, wenn er ſich zu einer höheren Stellung paßte. Er verſtand meine Abſichten ſo wenig, daß ich beſchloß, vor⸗ zugsweiſe mit Biddy davon zu reden. 216 Nachdem wir nach Hauſe gegangen waren und Thee getrunken hatten, führte ich Biddy in unſern kleinen Garten an der Seite des Gäßchens und bemerkte im All⸗ gemeinen zur Ermunterung ihrer Stimmung, daß ich ſie nie vergeſſen würde und eine Bitte an ſie habe. „Ich wünſche, Biddy,“ ſagte ich,„daß Sie keine Ge⸗ legenheit verſäumen, Joſeph ein wenig voranzubringen.“ „Wie ſoll ich ihn voranbringen?“ frug Biddy mit entſchiedener Miene. „Joſeph iſt ein lieber, guter Menſch⸗-— wirklich, ich halte ihn für den beſten Menſchen, der je gelebt— doch in manchen Dingen iſt er etwas zurück. Zum Beiſpiel in ſeinem Wiſſen und in ſeinen Manieren.“ Obſchon ich Biddy dabei anſah und ſie ihre Augen ſehr weit öffnete, ſah ſie mich doch nicht an. „O, ſeine Manieren! Weshalb ſoll er ſie denn ändern?“ frug Biddy und pflückte ein Johannisbeerenblatt ab. „Liebe Biddy, hier ſind ſie ganz gut...“ „O! Alſo hier ſind ſie gut!“ unterbrach mich Biddy und ſah das Blatt in der Hand an. „Hören Sie mich doch zu Ende— wenn aber Joſeph in eine höhere Stellung gebracht wird, wie ich es zu thun hoffe, wenn ich erſt mein ganzes Vermögen beſitze, ſo würde man ihm nicht volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ „Meinen Sie nicht, daß er das weiß?“ frug Biddy. Die Frage, die mir niemals eingefallen war, ärgerte mich ſo ſehr, daß ich ſchnippiſch frug:„Was meinen Sie, Biddy?“ Biddy rieb das Blatt zwiſchen ihren Händen— und der Geruch von ſchwarzen Johannisbeeren hat mich immer an den Abend im kleinen Garten erinnert— und ſagte:„Haben Sie niemals daran gedacht, daß er ſtolz ſein könnte?“ „Stolz?“ wiederholte ich mit höhniſchem Nachdruck. „Es gibt ſehr verſchiedenen Stolz,“ ſagte Biddy, ſah mich an und ſchüttelte den Kopf;„Stolz iſt ſehr verſchie⸗ dener Art—“ „Weshalb halten Sie ein?“ frug ich. „Sehr verſchiedener Art,“ fuhr Biddy fort.„Er iſt vielleicht zu ſtolz, als daß er ſich aus einer Stellung ent⸗ fernen ließe, die er auszufüllen vermag und gut und mit Achtung ausfüllt. Ich will Ihnen die Wahrheit ſagen und halte ihn für ſo ſtolz, wenn das auch meinerſeits eine Dreiſtigkeit ſein mag, da Sie ihn gewiß weit beſſer kennen als ich.“— „Es thut mir leid, Biddy, daß Sie ſich ſo ausſprechen,“ ſagte ich.„Ich erwartete das nicht von Ihnen. Sie ſind neidiſch und mißgünſtig, Biddy. Sie ſind unzufrieden, weil ich in eine günſtigere Lage gekommen bin und Sie können es nicht verbergen.“ „Wenn Sie das Herz haben, dieſes zu meinen,“ ant⸗ wortete Biddy,„ſo ſagen Sie es. Sagen Sie es immer wieder, wenn Sie das Herz dazu haben.“ „Wenn Sie, Biddy, das Herz haben, ſolcher Anſicht zu ſein,“ ſagte ich in tugendhaft vornehmem Tone,„ſo ſchieben Sie es nicht auf mich. Es thut mir leid, das zu ſehen und es iſt— es iſt eine ſchlimme Seite der menſch⸗ lichen Natur. Ich wollte Sie bitten, daß Sie nach meiner Abreiſe die geeigneten Gelegenheiten ergriffen, um Joſeph auszubilden. Nun aber bitte ich Sie um nichts. Es thut I 3 4 — 216. mir ſehr leid, das bei Ihnen zu finden,“ wiederholte ich; „es iſt— es iſt eine ſchlimme Seite der menſchlichen Natur.“ „Mögen Sie mich tadeln oder loben,“ antwortete die arme Biddy,„ſo dürfen Sie ſich doch darauf verlaſſen, daß ich hier zu jeder Zeit Alles, was in meiner Macht ſteht, verſuchen werde. Was Sie auch für eine Meinung von mir mitnehmen, ſo ändert das nichts in meiner Geſinnung von Ihnen. Allein ein Gentleman ſollte doch auch nicht ungerecht ſein,“ ſagte Biddy und kehrte ihr Geſicht ab. Ich wiederholte abermals warm, daß es eine ſchlimme Seite der menſchlichen Natur ſei(und ich habe in der Sache ſelbſt recht, wenn ſie auch damals falſch angewendet war) und ging den kleinen Weg ohne Biddy weiter. Sie trat ins Haus und ich machte zum Gartenthor hinaus einen verſtimmten Spaziergang bis zum Abendbrot, und abermals beſchlich mich die traurige und ſchmerzliche Em⸗ pfindung, daß die zweite Nacht meines ſtrahlenden Glücks ebenſo einſam und unbefriedigend war, als die erſte. Allein der Morgen klärte meinen Blick wieder auf, ich erſtreckte meine Gnade über Biddy und wir ließen den Gegenſtand fallen. In meinen beſten Kleidern ging ich ſo früh, als die Läden offen ſein konnten, in die Stadt und erſchien vor dem Schneider, Herrn Trabb, der im Zimmer hinter dem Laden frühſtückte und es nicht der Mühe werth hielt, zu mir herauszukommen, ſondern mich zu ihm her⸗ einrief. „Nun, wie geht's und was kann ich für Sie thun?“ ſagte Herr Trabb in einer ganz kameradlichen Manier. Herr Trabb hatte ſeine warme Semmel in drei Lagen geſchnitten und ſtrich Butter zwiſchen dieſe und legte ſie zuſammen. Es war ein wohlhabender alter Junggeſelle; ſein offenes Fenſter ging auf einen hübſchen Blumen⸗ und Obſtgarten; neben ſeinem Kamin war ein ſchöner eiſerner Wandſchrank und ich zweifle nicht, daß Haufen von Wohl⸗ ſtand in Säcken dort vergraben lagen. „Herr Trabb,“ ſagte ich,„es iſt unangenehm, darüber zu reden, denn es ſieht wie Prahlerei aus, aber ich habe nun einmal ein hübſches Vermögen ererbt.“ Herr Trabb veränderte ſich plötzlich. Er vergaß die Butter, ſprang raſch auf, wiſchte ſich die Finger am Tiſch⸗ tuche und rief aus:„Gott ſtehe mir bei!“ „Ich reiſe zu meinem Vormunde in London,“ ſagte ich und zog gleichſam zufällig einige Guineen aus der Taſche, „und ich habe neumodiſche Kleider dazu nöthig. Ich werde ſie baar bezahlen,“ fügte ich hinzu, damit er wirklich ihre Verfertigung übernähme. „Lieber Herr,“ ſagte Herr Trabb, verneigte ſich ehr⸗ furchtsvoll, öffnete die Arme und erlaubte ſich, mich an beiden Ellbogen zu berühren;„Sie thun mir weh, wenn Sie ſo etwas ſagen. Darf ich Ihnen Glück wünſchen? Hätten Sie wohl die Güte, in meinen Laden zu treten?“ Trabb's Burſche war der keckſte von allen in jener Gegend. Er kehrte aus, als ich eingetreten war und er hatte ſich die Arbeit verſüßt, indem er über mich weg kehrte. Er kehrte noch immer, als ich mit Herrn Trabb in den Laden kam und ſtieß mit dem Beſen gegen alle mögliche Ecken und Hinderniſſe, um ſeine Gleichheit mit jedem lebendigen oder todten Grobſchmied kundzugeben. „Laß das Lärmen ſein,“ rief Herr Trabb mit großem 220 Ernſte,„oder ich haue Dir den Kopf ab! Setzen Sie ſich gefälligſt, mein Herr. Dieſes hier,“ ſagte Herr Trabb und nahm ein Stück Tuch, welches er über den Tiſch in coulanter Manier warf, ehe er die Hand darunter ſteckte, um deſſen Glanz zu zeigen,„iſt ein ſehr ſüßer Artikel. Ich kann es Ihnen empfehlen, mein Herr, denn es iſt extra ſuper. Doch ſollen Sie noch mehr ſehen. Gib mir Nummer Vier, Du!“(mit furchtbar drohendem Blicke auf den Jungen, da er die Gefahr vorherſah, daß dieſer Wicht mich damit ſtoßen oder andere familiäre Zeichen machen würde.) Herr Trabb zog ſeinen ſtrengen Blick nicht eher vom Jungen ab, bis dieſer Nummer Vier auf den Tiſch nieder⸗ gelegt hatte und in gehöriger Entfernung ſtand. Dann befahl er ihm, Nummer Fünf und Nummer Acht zu bringen. „Und mache keine Poſſen,“ ſagte Herr Trabb,„oder Du ſollſt ſo lange Du lebſt, junger Schurke, daran denken.“ Herr Trabb bückte ſich dann über Nummer Vier und empfahl ſie mir in ehrfurchtsvoller Vertraulichkeit als einen leichten Artikel für den Sommer, ein Artikel, der bei Adligen und Gentlemen ſehr in Mode ſei, ein Artikel, bei dem er ſich es immer zur Ehre ſchätzen werde, wenn ein ausgezeichneter Mitbürger(wenn er mich als Mitbürger betrachten dürfe) denſelben trüge.„Bringſt Du Nummer Fünf und Acht, Du Vagabund,“ frug Herr Trabb den Jungen,„oder ſoll ich Dich zum Laden heraustreten und ſie ſelbſt bringen?“ Ich wählte nun den Stoff zu einem Kleide mit dem Beiſtande des Herrn Trabb und ging dann wieder in das Zimmer, mir Maß nehmen zu laſſen. Denn wenn auch 221 Herr Trabb mein Maß ſchon hatte und früher damit zu⸗ frieden geweſen war, ſo entſchuldigte er ſich doch und bemerkte, unter nunmehrigen Verhältniſſen gehe es nicht — würde es durchaus nicht paſſen. So maß und berech⸗ nete mich Herr Trabb im Zimmer, als ob ich ein Gut und er die feinſte Art von Landmeſſer wäre; er gab ſich ſo viele Mühe, daß ich wohl einſah, kein Anzug könne ihn für alle dieſe Bemühungen bezahlt machen. Als er endlich fertig war und die Artikel am Donnerſtag Abend zu Herrn Pumblechook zu ſchicken verſprochen hatte, ſagte er, das Auge auf das Zimmerſchloß gerichtet:„Gentlemen von London können allerdings die Arbeit in kleinen Städten nicht begünſtigen, doch wenn Sie mich als Mitbürger dann und wann beſchäftigen wollten, ſo würde ich es ſehr hoch⸗ ſchätzen. Guten Morgen, mein Herr! Ich danke Ihnen vielmals.— Thüre!“ Dieſes letzte Wort war dem Jungen zugerufen, der nicht den mindeſten Verſtand davon hatte. Doch fiel er in Erſtaunen, als er mich durch ſeinen Herrn hinaus⸗ begleiten geſehen, und meine erſte ſchlagende Erfahrung von der wunderbaren Macht des Geldes war, daß Trabb's Junge moraliſch auf den Rücken gefallen war. Nach dieſem denkwürdigen Ereigniſſe ging ich zu dem Hutmacher, dem Schuhmacher, dem Strumpfwirker und war faſt verlegen, ſo viele Handwerke in Anſpruch nehmen zu müſſen. Von dort ging ich zur Poſt und nahm mir einen Platz auf Sonnabend Morgens ſieben Uhr. Ich brauchte nicht überall zu erwähnen, daß ich in den Beſitz eines anſehnlichen Vermögens gelangt war; ſo oft ich aber ſo etwas andeutete, war der betreffende Handwerker nicht mehr mit dem beſchäftigt, was ſich in der Hochſtraße zutrug, ſondern widmete mir ſeine ganze Aufmerkſamkeit. Nachdem ich alle nöthigen Beſtellungen gemacht hatte, richtete ich meine Schritte zu Herrn Pumblechook, den ich vor der Thür ſeines Geſchäftshauſes fand. Er erwartete mich mit großer Ungeduld, da er früh ausgefahren geweſen und auf der Schmiede die Neuigkeit erfahren hatte. Er hatte ein Frühſtück im Barnwell⸗ Zimmer eingerichtet und befahl ſeinem Ladendiener, mir aus dem Wege zu gehen, als tneine geheiligte Perſon ein⸗ treten ſollte. „Lieber Freund,“ ſagte Herr Pumblechook und faßte mich mit beiden Händen, als ich mit ihm und dem Frühſtück allein war,„ich wünſche Ihnen Glück zu Ihrem Ver⸗ mögen. Wohl verdient, wohl verdient!“ Das war die rechte Manier und es gefiel mir wohl, daß er ſich ſo ausdrückte. „Es iſt eine ſtolze Belohnung, wenn ich daran denke, daß ich das beſcheidene Werkzeug dieſes Glückes geweſen bin,“ ſagte Herr Pumblechook, nachdem er mir einige Augenblicke Bewunderung gezollt hatte. Ich bat Herrn Pumblechook, ſich zu erinnern, daß man darüber niemals etwas ſagen oder andeuten möge. „Mein lieber junger Freund“— ſagte Herr Pum⸗ blechook—„wenn Sie mir erlauben, Sie ſo zu nennen.“ Ich murmelte„Gewiß,“ und Herr Pumblechook faßte mich wieder bei beiden Händen und brachte ſeine Weſte in eine Bewegung, welche den Anſchein von Gefühl haben ſollte, obſchon ſie etwas zu weit nach unten eintrat.„Nein, lieber junger Freund, verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich in 223 Ihrer Abweſenheit Alles thun werde, dieſe Thatſache vor Joſeph geltend zu machen. Joſeph!“ ſagte Herr Pum⸗ blechook, als ob er ihn mitleidig beſchwören wolle,„Joſeph! Joſeph!!!“ Dann ſchüttelte er den Kopf und ſchlug ſich darauf, als ob er Joſeph's Geiſtesſchwäche andeuten wolle. „Aber mein lieber junger Freund,“ ſagte Herr Pum⸗ blechook,„Sie müſſen hungrig, Sie müſſen erſchöpft ſein. Setzen Sie ſich. Hier iſt ein Hühnchen, das aus dem„Bä⸗ ren“ kommt, hier iſt eine Zunge, die aus dem„Bären“ kommt, hier ſind zwei oder drei Kleinigkeiten, die aus dem „Bären“ kommen und die⸗Sie hoffentlich nicht verſchmähen werden. Sehe ich aber“— ſagte Herr Pumblechook, der gleich wieder aufſprang, nachdem er ſich niedergeſetzt hatte, „ſehe ich aber wirklich den vor mir, mit dem ich in den Tagen ſeiner glücklichen Kindheit geſpielt habe— darf ich — darf ich?“ Dieſes„darf ich“ bedeutete, ob wir uns die Hände ſchütteln wollten, ich war damit zufrieden und er war ſtürmiſch und ſetzte ſich dann wieder. „Hier iſt Wein,“ ſagte Herr Pumblechook.„Wir wollen trinken. Dank der Fortuna! Möge ſie ihre Günſt⸗ linge immer mit gleichem Geſchick aufſuchen! Und doch kann ich nicht“ ſagte Herr Pumblechook und ſprang wieder auf,„ich kann nicht den vor mir ſehen— und mit dem trinken— ohne abermals zu äußern— darf ich? darf ich?“ Ich ſagte er dürfe und wir ſchüttelten uns abermals die Hände und er leerte ſein Glas und ſtellte es auf den Kopf. Ich that daſſelbe und wenn ich mich vor dem Trinken auf den Kopf geſtellt hätte, ſo wäre der Wein mir nicht mehr in den Kopf geſtiegen. 224 Herr Pumblechook reichte mir den Leberflügel und das beſte Stück Zunge(jetzt nichts mehr von Schweinefleiſch!) und bedachte ſich im Vergleiche zu mir faſt gar nicht.„Ach, Geflügel, Geflügel! Du dachteſt wohl nicht,“ ſagte Herr Pumblechook, und ſprach zum Geflügel auf dem Tiſche, „was Dir beſchieden ſein ſollte, nachdem Du im Neſt ge⸗ brütet worden warſt. Du dachteſt nicht daran, unter dieſem beſcheidenen Dache Labung ſein zu ſollen für einen, der— nennen Sie es Schwäche, wenn Sie wollen“— und er ſprang wieder auf;„darf ich?— darf ich?“ Da ich gar nicht zu ſagen brauchte, daß ich ihm die Er⸗ laubniß ertheilte, ſo that er es von ſelbſt. Wie er das immer thun konnte, ohne ſich an ſeinem Meſſer zu ver⸗ wunden, weiß ich nicht. „Und Ihre Schweſter, welche die Ehre hatte, Sie groß⸗ zuziehen!“ ſagte er, nachdem er etwas Speiſe zu ſich ge⸗ nommen hatte;„es iſt ein trauriges Bild, daß ſie nicht mehr im Stande iſt, die Ehre ganz zu begreifen. Darf—“ Ich bemerkte, daß er ſchon wieder anfangen wolle und hielt ihn zurück. „Wir wollen die Geſundheit meiner Schweſter trinken,“ ſagte ich. „Ach,“ ſagte Herr Pumblechook und lehnte ſich in den Stuhl zurück, vor Bewunderung faſt ermattet.„Das iſt die noble Manier, mein Herr!“(Ich weiß nicht wer„mein Herr“ geweſen ſein mag, denn mich meinte er nicht und eine dritte Perſon war nicht zugegen);„ſo kennen Sie die noble Geſinnung, mein Herr; immer verſöhnlich und immer herablaſſend. Es könnte,“ ſagte der ſervile Pumblechook, der ſein nicht angerührtes Glas ſchnell niederſtellte und wieder aufſprang—„für eine gewöhnliche Perſon den Anſchein einer Wiederholung haben, aber darf ich!“— Nachdem dieſes vorüber, ſetzte er ſich wieder und trank auf das Wohl ſeiner Schweſter.„Wir wollen gegen die Fehler ihres Temperaments nicht blind ſein,“ ſagte Herr Pumblechook,„doch dürfen wir auch annehmen, daß ſie es gut gemeint hat.“ Ich bemerkte allmälig, daß er roth im Geſicht wurde, mein Geſicht ſchien mir ganz in Wein getaucht und ſchmerzte mich. Ich ſagte Herrn Pumblechook, ich wünſchte meinen neuen Anzug in ſein Haus geſchickt zu haben und er war entzückt über die ihm zu Theil gewordene Auszeichnung. Ich erwähnte, daß ich kein Aufſehen im Dorfe machen wolle und er erhob meine Anſicht bis zum Himmel. Er allein, deutete er an, ſei meines Vertrauens würdig und kurz— dürfe er? Er frug mich zugleich, ob ich unſer kindiſches Spiel mit Zahlen vergeſſen, und wie wir zuſammen ge⸗ gangen, damit ich Lehrburſche würde, und wirklich, er ſei immer mein Liebling und mein Buſenfreund geweſen. Hätte ich zehnmal ſo viel Wein getrunken, als es der Fall geweſen war, ſo hätt' ich doch noch gewußt, daß er niemals ſo zu mir geſtanden hatte und dieſe Gedanken von ganzem Herzen zurückgeſtoßen, doch war mir ſo, als ob ich mich in ihm getäuſcht haben möchte, da er am Ende doch ein gefühlvoller, praktiſcher, gutmüthiger Menſch ſei. Allmälig ſchenkte er mir ein ſo großes Vertrauen, daß er mich für ſein eigenes Geſchäft um Rath anging. Er erwähnte, es laſſe ſich in ſeinen Räumlichkeiten, wenn man ſie vergrößere, eine ſolche Verſchmelzung und Mono⸗ Charles Dickens Große Erwartungen. I. 15 226 poliſirung des Korn und Samengeſchäfts durchführen, wie es niemals in irgend einer Nachbarſchaft vorgekommen ſei. Es bedürfte zur Realiſirung eines großen Vermögens nur mehr Capital. Zwei kleine Worte thäten es: mehr Capital! Ihm(Pumblechook) ſcheine es, daß wenn ein ſtillſchweigen⸗ der Compagnon dies Capital ins Geſchäft brächte— dieſer ſtillſchweigende Compagnon hätte nichts zu thun, als ſo oft es ihm gefiele ſelbſt oder durch einen Stellver⸗ treter die Bücher zu prüfen— dann könne er zweimal im Jahre kommen und ſeine Intereſſen, etwa 50 Procent, in die Taſche ſtecken— es ſchien ihm, als ob ein junger Gentleman von Unternehmung und Vermögen darin eine Sache erkennen müſſe, die ſeine Aufmerkſamkeit verdiene. Was dächte ich? Er ſchenke meiner Anſicht großes Ver⸗ trauen, was dächte ich? Ich gab meine Meinung dahin ab:„Warten Sie noch eine Weile!“ Die Deutlichkeit und Fülle dieſer Anſicht ergriff ihn ſo ſehr, daß er nicht mehr fragte, ob er mir die Hand ſchütteln dürfe, ſondern kurz ſagte, er würde es thun und es auch that. Wir tranken allen Wein aus und Herr Pumblechook machte ſich immer wieder anheiſchig, Joſeph darauf hinzu⸗ weiſen(worauf weiß ich nicht) und mir beſtändig wirk⸗ ſamen Dienſt zu leiſten(welchen Dienſt weiß ich nicht). Auch theilte er mir zum erſtenmale in meinem Leben ein Geheimniß mit, das er allerdings ſehr gut gewahrt hatte, nämlich er habe immer von mir geſagt:„dieſer Junge iſt kein gewöhnlicher Junge und gebt acht auf mich, ſein Glück wird kein gewöhnliches Glück ſein.“ Er ſagte und lächelte durch die Thränen, es ſei doch eigenthümlich jetzt daran zu denken und ich beſtätigte dies. Endlich trat ich in die Luft mit dem dunkeln Bewußtſein, daß der Sonnenſchein ſich nicht wie gewöhnlich benehme und fand, daß ich im Halbſchlummer an das Chauſſeehaus gekommen war, ohne etwas vom Wege gemerkt zu haben. Hier ſtörte mich Herrn Pumblechook's Anrufen. Er war die Sonnenſeite der Straße entlang gekommen und machte mir ausdrucksvolle Zeichen, ſtill ſtehen zu bleiben. Ich ſtand ſtill und er erreichte mich athemlos „Nein, lieber Freund,“ ſagte er, als er genug Athem geholt hatte, um ſprechen zu können.„Ich kann es nicht unterlaſſen. Dieſe Gelegenheit darf nicht ganz ohne Her⸗ ablaſſung von Ihrer Seite vorübergehen. Darf ich als ein alter Freund und Gönner? Darf ich?“ Wir ſchüttelten uns zum hundertſten Male die Hände und er befahl entrüſtet einem jungen ſeneingigedere mir aus dem Wege zu gehen. Dann ſegnete er mich und winkte mit der Hand, bis ich mich um die Krümmung entfernt tte: worauf ich mich auf ein Feld begab und vor meinem achhauſegehen eine ziemliche Weile ſchlummerte. Ich hatte nicht viel Gepäck nach London mitzunehmen, denn von meinem wenigen Hab und Gut paßte wenig für meine neue Lage. Doch packte ich ſchon am Nachmittage und packte ſogar Gegenſtände, die ich noch am andern Morgen gebrauchen mußte, ſo ſehr war mir zu Muthe, als ob kein Augenblick verloren gehen dürfe.. So vergingen Dienſtag, Mittwoch, Donnerſtag und am Freitag Morgen ging ich zu Herrn Pumblechook, um meine neuen Kleider anzulegen und Fräulein Havisham zu beſuchen. Herr Pumblechook' eignes Zimmer wurde mir zum Ankleiden eingeräumt und für dies Ereig⸗ 15* 228 niß eigens mit reiner Wäſche verſehen. Natürlich waren meine Kleider unbequem. Wahrſcheinlich hat jedes neue, eifrig erſehnte Kleid, ſeitdem man überhaupt welche trägt, die Erwartungen des Inhabers etwas getäuſcht. Nachdem ich aber den neuen Anzug in einer halben Stunde angelegt und in Herrn Pumblechook's nicht allzu großem Spiegel mich vergeblich nach den verſchiedenſten Poſituren bemüht hatte, meine Beine zu ſehen, ſchien es mir beſſer zu paſſen. Da in einer Nachbarſtadt, einige zehn Stunden weit, gerade Markttag war, ſo war Herr Pumblechook nicht zu Hauſe. Ich hatte ihm von meiner Abreiſe keine beſtimmte Nachricht gegeben und hätte alſo wahrſcheinlich keinen Abſchied von ihm genommen. Damit war ich ſchon zufrieden und ging in meinem neuen Putz aus; ich ſchämte mich am Ladendiener vorbeigehen zu müſſen und traute mir nicht recht, ob ich nicht am Ende doch etwa, ſo wie Joſeph in ſeinem Sonn⸗ tagsputze ausſähe. Ich ging auf Umwege durch Seitengäßchen zu Fräulein Havisham, und ſchellte mit Mühe, da die Finger meiner Handſchuhe ſehr ſteif waren. Sarah Pocket kam an das Thor und ſtürzte rückwärts, als ſie mich ſo verändert ſah, ihr Wallnußſchalgeſicht wurde grün und gelb. „Sie,“ ſagte ſie,„Sie, mein lieber Himmel, was wün⸗ ſchen Sie?“ „Ich reiſe nach London, Fräulein Pocket und wollte mich bei Fräulein Havisham verabſchieden.“ Ich war nicht erwartet, denn ſie ließ mich eingeſchloſſen auf dem Hofe, und ging ſich zu erkundigen, ob ich zuge⸗ laſſen werden ſolle. Nach kurzem Aufenthalt kam ſie 229 zurück und führte mich herauf, ſtaunte mich jedoch beſtän⸗ dig an. Fräulein Havisham ging im Zimmer mit dem ausge⸗ zogenen Tiſche, an ihren Krückenſtock gelehnt, ſpazieren. Das Zimmer war wie bisher beleuchtet und als wir ein⸗ traten, blieb ſie ſtehen und ſah ſich um. Sie war gerade dem Hochzeitskuchen gegenüber. „Gehe nicht fort, Sarah,“ ſagte ſie.„Nun, Pip?“ „Ich reiſe morgen nach London, Fräulein Havisham (ich überlegte ſehr genau jedes Wort) und ich dachte mir, Sie würden es mir nicht übel nehmen, wenn ich Abſchied von Ihnen nehme.“ „Das iſt eine luſtige Erſcheinung, Pip,“ ſagte ſie, und ſchwang ihren Krückenſtock um mich her, als ob ſie, die Ge⸗ vatterin Fee, die mich verändert hatte, mir das Schluß⸗ geſchenk ertheilte. „Ich bin in ſo großes Glück gerathen, ſeitdem ich Sie zuletzt geſehen habe, Fräulein Havisham,“ murmelte ich. „Und ich bin ſo dankbar dafür, Fräulein Havisham!“ „Ja, ja,“ ſagte ſie und ſah vergnügt auf die nieder⸗ geſchlagene und neidiſche Sarah.„Ich habe Herrn Jaggers geſehen. Ich habe davon gehört, Pip. Morgen gehenE Sie?“ „Ja, Fräulein Havisham.“ „Eine reiche Perſon hat Sie adoptirt?“ „Ja, Fräulein Havisham.“ „Ungenannt?“ „Ja, Fräulein Havisham.“ „Und Herr Jaggers iſt zu Ihrem Vormunde gemacht?“ „Ja, Fräulein Havisham.“ 230 Sie hatte wahren Genuß an dieſen Fragen und Ant⸗ worten, ſo groß war ihr Frohlocken über Sarah Pocket's eifer⸗ ſüchtigen Schrecken.„Nun, nun, Sie haben eine viel⸗ verſprechende Laufbahn vor ſich. Seien Sie brav— ver⸗ dienen Sie ſie— und richten Sie ſich nach Herrn Jaggers Inſtructionen.“ Sie ſah auf mich und ſah auf Sarah und Sarah's Geſicht entlockte ihren aufmerkſamen Zügen ein grauſames Lächeln.„Adieu, Pip! Sie behalten, wie Sie wiſſen, immer den Namen, Pip.“ „Ja, Fräulein Havisham.“ „Adieu, Pip.“ Sie reichte mir die Hand und ich kniete nieder, um ihr dieſe zu küſſen. Ich hatte nicht darüber nachgedacht, wie ich von ihr Ab⸗ ſchied nehmen ſolle, und es machte ſich ſo von ſelbſt, daß ich die Hand küßte. Sie ſah Sarah Pocket mit triumphi⸗ rendem Blicke an, und ſo ließ ich meine feenhafte Pathe, beide Hände auf den Krückenſtock gelehnt, mitten im ſchwach erhellten Zimmer neben dem in Spinnenwebe verborgenen Hochzeitskuchen.. Sarah Pocket führte mich herunter, als ob ich ein Geiſt ſei, den man fortbegleiten müſſe. Sie konnte ſich in meine äußere Erſcheinung gar nicht finden und war bis zum letzten Augenblicke überraſcht. Ich ſagte:„Adieu, Fräulein Pocket,“ doch ſie ſtaunte mich nur an und ſchien ſo zerſtreut, als ob ſie meine Worte gar nicht höre. Als ich nun mich empfohlen hatte, eilte ich zu Herrn Pumble⸗ chook zurück, legte meine neuen Kleider ab, machte ein Bündel daraus, und ging in meinen alten Kleidern nach Hauſe, wobei ich mich, die Wahrheit zu ſagen, weit 1 „ bequemer bewegte, obſchon ich das Bündel zu tragen hatte. Nun waren die ſechs Tage, die ſo langſam vergehn zu wollen ſchienen, vorüber und der nächſte Tag ſah mir ſicherer entgegen, als ich ihm entgegenſchauen konnte. Die ſechs Abende waren zu fünf, vier, drei, zwei geſchwunden und ich hatte immer mehr die Geſellſchaft von Joſeph und Biddy ſchätzen gelernt. Am letzten Abende legte ich zu ihrem Vergnügen meine neuen Kleider an und ſaß bis zum Zubettegehen in meinem Glanze. Wir hatten warmes Abendbrot, nämlich das unvermeidliche geröſtete Huhn, und ſchloſſen dann mit etwas Punſch. Wir waren alle ſehr niedergeſchlagen, um ſo mehr, als wir guten Muths zu ſein vorgaben. Am andern Morgen um 5 Uhr mußte ich das Dorf verlaſſen und mein kleines Gepäck ſelber tragen, da ich Joſeph geſagt hatte, ich wünſche ganz allein fortzugehen. Es thut mir ſehr leid, geſtehen zu müſſen, daß dieſer Plan aus dem Bewußtſein entſprungen war, wie ſehr Joſeph und ich gegen einander abſtechen würden, wenn wir zu⸗ ſammengingen. Ich hatte mir eingebildet, es liege in die⸗ ſer Anordnung keine Zurückſetzung, als ich jedoch Abends in mein kleines Zimmer ging, fühlte ich, daß man es doch ſo deuten könne und nahm mir vor zurückzukehren und Joſeph's Begleitung am andern Tage zu wünſchen. Allein ich that es doch nicht. Die ganze Nacht träumte ich unruhig von Wagen, die anſtatt nach London den verkehrten Weg fuhren, und bald Hunde, bald Katzen, bald Schweine, bald Menſchen, nie⸗ mals aber Pferde vorgeſpannt hatten. Phantaſtiſche Irr⸗ 232 wege beſchäftigten mich, bis der Tag anbrach und die Vögel ſangen. Dann ſtand ich auf und kleidete mich halb an, ſaß am Fenſter, um zum letzten Male hinauszuſehen und ſchlief dabei ein. Biddy war meines Frühſtücks halber ſo früh auf, daß ich, obſchon ich keine Stunde am Fenſter geſchlafen, den Geruch des Küchenfeuers mit dem ſchrecklichen Ge⸗ danken, daß es wohl ſpät Nachmittags ſei, in mich zog. Lange nachdem, als ich ſchon die Theetaſſen hatte klappern hören und Alles bereit wußte, faßte ich den Entſchluß, hinunterzugehen. Ich blieb oben, packte und ſchnürte mein Gepäck auf und zu, bis Biddy mir endlich zurief, es ſei ſchon ſpät. Es war ein eiliges Frühſtück ohne Appetit. Ich ſtand auf und ſagte in einer Art von Haſtigkeit, als ob es mir plötzlich eingefallen wäre:„Nun,— es iſt mir ſo, als ob ich fort müſſe,“ und küßte meine Schweſter, die in ihrem gewöhnlichen Stuhle lachte und nickte und zitterte, und ich küßte Biddy, und warf mich um Joſeph's Hals. Dann nahm ich meinen kleinen Reiſeſack und ging fort. Zuletzt ſah ich ſie, als ich ein Geräuſch hinter mir vernahm und mich umſah, da ſah ich Joſeph mir einen, und Biddy mir den andern alten Schuh nachwerfen. Ich blieb ſtehen und ſchwenkte den Hut, und der liebe alte Joſeph winkte mit dem kräftigen rechten Arme über den Kopf weg und ſchrie heiſer„Hurrah!“ und Biddy nahm ſich die Schürze vor's Geſicht. Ich ging raſch vorwärts, es kam mir leichter vor, als ich vermuthet hatte und meinte, es wäre doch nicht an⸗ gemeſſen geweſen, daß man mir auf der Straße der Stadt — * bei der Abfahrt einen alten Schuh nachwerfe. Ich pfiff und wanderte weiter. Das Dorf war friedlich und ſtill, der leichte Nebel erhob ſich, als ob er mir die Welt zeigen wolle, und ich war dort ſo unſchuldig und ſo klein geweſen, und alles Andre war ſo unbekannt und groß, daß mir die Bruſt ſchwoll, Seufßzer entſtiegen und ich in Thränen ausbrach. Gerade am Ende des Dorfes legte ich meine Hand auf den Wegweiſer und ſagte:„Adieu, adieu, mein lieber, lieber Freund!“ Wir brauchen uns unſerer Thränen nicht zu ſchämen, Sie ſind der Regen auf den blendenden Staub der Erde, der unſere Herzen bedeckt. Ich war beſſer, nachdem ich geweint hatte, trauriger, meiner Undankbarkeit mir mehr bewußt, und milder. Hätte ich ſchon früher geweint, ſo würde Joſeph mich begleitet haben. Dieſe Thränen demüthigten mich ſo ſehr, und ſie brachen auf dem ſtillen Spaziergange ſo oft wieder aus, daß ich, nachdem ich die Stadt auf dem Poſtwagen ver⸗ laſſen, mit ſchwerem Herzen erwog, ob ich nicht auf der nächſten Station ausſteigen, zurückgehen und noch einen Abend im Hauſe zubringen und einen beſſeren Abſchied haben ſolle. Wir wechſelten die Pferde, und ich war noch entſchloſſen und dachte zu meinem Troſte darüber nach, ob es nicht ebenſo leicht ſein würde, auf der folgenden Station auszuſteigen. Während ich mich mit dieſem Ge⸗ danken beſchäftigte, ſchien mir mancher Vorübergehende gerade ſo wie Joſeph auszuſehen und mein Herz fing an zu klopfen.— Als ob er nur wirklich da ſein könnte! Wir wechſelten die Pferde abermals, und dann wieder, und es war zu ſpät und zu weit, um zurückzugehen, und es ging voran. Und der Nebel hatte ſich ruhig gehoben und die Welt lag weit vor mir.. So endet der erſte Abſchnitt von Pip's Erwartungen. Ende des erſten Bandes. Leipzig Druck von Gieſecke& Devrient. —xRVV 13 —j—