Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von„ Eduard Oftmann in Gießen, — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8§ Uhr offen.—2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von dem Tag bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſonen müſſen, bei Entgegen nahme Aben entſprchende Summe abe von mir zurückerſtatret ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und uf 1 Monat: 1 Nr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. n. 2„—„ 3„„„ 15. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Fſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird zufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ſcht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. trägt: 3. 3 für wbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8 8——— 1 Leben und Abenteuer des Herrn Martin Chuzzlewit, ſeiner Vermandten, Freunde und Feinde. — Herausgegeben— von 32 Boz. Frei nach dem Engliſchen von Ludwig Hauff. Zehnter bis dreizehnter Theil. — —— Stuttgart. Verlag der Franckheſchen Buchhandlung. 1844. Dieſe Erzählung iſt gewidmet dem Fräulein Burdett Coutts. Mit einer redlichen und ernſten Rückſicht auf den Schriftſteller. Vorwaort. Ich füge einige einleitende Worte dem Le⸗ ben und Abenteuer des Martin Chuzzlewit bei, mehr weil ich abgeneigt bin, von einer Gewohn⸗ heit abzuweichen, welche mir lieb geworden iſt indem ſie ſchon früher zwiſchen mir und meinen Leſern bei ähnlichen Gelegenheiten obgewaltet hat, als weil ich noch einiges beſonders zu ſagen habe. Gleich einem unruhigen Geiſte, welcher an der Schwelle der Halle zögert, von der er ſchon 8 einmal Abſchied genommen hat, muß auch ich zaudern an dem Eingange meines Buches, wenn auch jene zwei Worte.„Das Enden ſchon ſeit zwanzig Monaten obgleich zuletzt elend befiedert, vorauskamen. Staunet über mich in den Haupt⸗ ſtädten, von den gedruckten Seiten aus. Ich trat die jetzt beendigte Reiſe mit der Abſicht an, das gewöhnlichſte aller Laſter auf verſchiedene Weiſe darzuſtellen. Es iſt unnütz hinzuzuſetzen, daß je gewöhnlicher die Thor⸗ heit oder das Verbrechen iſt, welches ſich der Schriftſteller zu erläutern bemühte, deſto mehr er Gefahr läuft, der Uebertreibung beſchuldigt zu werden; denn da bis jetzt noch kein Menſch eine Nachahmung von ſeiner Seite geprüft hat, ſo wird auch niemand die Richtigkeit einer Skizze zulaſſen, in welcher ſein eigener Charakter, wenn auch ganz genau geſchildert iſt. Aber obgleich Herr Pecksniff mir durchaus nicht zugeſtehen wird, daß der Charakter des — — 9 Herrn Pecksniff natürlich ſei, ſo bin ich doch getröſtet, ihn ganz empfänglich für die Wahr⸗ haftigkeit der Mrs. Gamß zu finden; und wenn auch Mrs. Gamß ihr eigenes Bild, als ihr toial unähnlich und gänzlich verzeichnet betrachtet, belohnt ſie mich doch für die Strenge der Kritik ihrer Fehler, indem ſie dem Charakterbilde der Mes. Prig unbegränztes Lob zollt. Ich habe mir im Fortgange dieſer Erzäh⸗ lung Mühe gegeben, der Verſuchung hinſichtlich der gewöhnlichen Monatszahl zu widerſtehen, und eine ſtetere Aufmerkſamkeit auf den allge⸗ meinen Inhalt und Zweck zu legen. Dieſes Ziel im Auge, habe ich mir von Zeit zu Zeit an manchen Stellen, eine ſtrenge Selbſtbeherr⸗ ſchung aufgelegt und deßhalb hoffe ich auch, daß die Geſchichte beſſer ausgefallen ſein wird. Wenn meine geneigten Leſer beim Prüfen dieſes Werkes, nur die Hälfte von dem Ver⸗ gnügen empfinden, welches mir deſſen Verab⸗ 1⁰0 faſſung verurſacht hat, habe ich guten Grund zufrieden zu ſeyn, und wenn ſie meine gedachten Freunde nur mit einem Schatten von jenem Widerſtreben und Schmerze verlaſſen, welche ich fühle, indem ich von ihnen Abſchied nehme, wird mein Glück in der That vollkommen ſein. * London, den 25, Juni 1844. Erſtes Kapitel. Ein unvermuthetes Zuſammentreffen und ein hoffnungsvoller Anblick. Die Geſetze der Sympathie zwiſchen Vögeln und Bärten und die geheime Quelle jener Anziehungskraft, welche häufig den Barbierer des einen drängt, ein Ver⸗ käufer des andern zu ſein, ſind Fragen ſo ſubtiler Na⸗ tur, daß wir ihre Beleuchtung wiſſenſchaftlichen Corpo⸗ rationen überlaſſen muſſen, zumal da die Erledigung zu keinem beſondern Reſultate führen zu wollen ſcheint. Es iſt hinreichend zu wiſſen, daß der Künſtler, dem die Ehre zu Theil wurde, Mrs. Gamp als ſeine erſte Miethsfrau zu beherbergen, zwei Geſchäfte vereinigte, nämlich das des Barbiers und das des Vogelverkäu⸗ fers, und daß dieſe Idee nicht urſprünglich von ihm kam, ſſondern daß er darin Tauſende von Genoſſen be⸗ ſaß, wie man durch alle Straßen und Vorſtädte der Stadt ſehen kann, in welchen eine Schaar ſeiner Kunſt⸗ genofſen zerſtreut iſt, welche die gleiche Nebenliebhaberei reiben. Der Name dieſes Hausherrn war Paul Sweedle⸗ pipe. Gewöhnlich aber nannte man ihn Poll Sweed⸗ lepipe und manche ſeiner Freunde und Nachbarn glaub⸗ ten nicht anders, als daß er ſo getauft ſei. Mit Ausnahme der Treppe und der Zimmer ſei⸗ ner Miethsfrau, war eigentlich Poll Sweedlepipe's gan⸗ zes Haus nichts als ein großer Vogelbauer. Kampf⸗ hähne reſidirten in der Küche, Faſanen verſchwendeten die Pracht ihres goldnen Geſieders an eine Dachſtube, Perlhühner wohnten in dem Keller, Eulen hatten von dem Schlafzimmer Platz genommen, und kleinere Vö⸗ gel jeder Gattung zwitſcherten und zirpten in der Bar⸗ bierſtube. Die Treppe war für die Kaninchen. In Behältern aller Art und Formen, in alten Kiſten, Käſten, Commoden u. dgl. vermehrten ſich dieſe Vögel auf eine erſtaunlich ſchnelle Weiſe und trugen auch ihren Antheil zu dem complicirten Duft bei, der unpartheiiſch ohne Unterſchied des Standes, jede Naſe begrüßte, die in Sweedlepipe's Laden kam. Doch nah⸗ men viele Noſen ihren Weg dahin, beſonders Sonntags Morgens. Sogar Erzbiſchöffe raſiren ſich, oder laſſen ſich raſſiren, wenn es Sonntag iſt, und Samſtag Nachts nach 12 Uhr müſſen die Bärte zu wachſen anfangen, wäre es auch nur auf dem Kinn gemeiner Tagwerker. Da nun dieſe nicht ſo viel haben, ihre Diener auf ein Vierteljahr einzuthun, ſo miethen ſie ſich Leute, welche dieſe Dienſte verrichten, und bezahlen ſie, o der Heil⸗ loſigkeit der Kupfermünzen, mit ſchmutzigen Pencen. Und Poll Sweedlepipe, der Sünder, raſirte Jeden, der da kam für 1 Pence, und ſchnitt ihm die Haare für 2 P., und da er ein einzelner, unverheiratheter Mann war, der einige Verbindung durch ſeine Vogelfamilien hatte, brachte ſich Poll ziemlich gut fort. Er war ein kleiner, ältlicher Mann, mit einer feuchten, verrumpelten Rechten, von welcher nicht ein⸗ mal Vögel oder Kaninchen den Geruch der Seife zu entfernen vermochten. Poll hatte etwas vogelartiges in ſeiner Natur; zwar nichts von einem Falken oder einem Adler, wohl aber von einem Sperlinge, welcher in die Ecke des Schorſteins baut, und die Nähe der menſch⸗ lichen Geſellſchaft liebt. Er war nicht ſtreitſüchtig gleich dem Sperlinge, ſondern friedliebend wie die Taube. Sein Gang war pathetiſch und in dieſer Hin⸗ ſicht hatte er wieder eine kleine Aehnlichkeit mit der Taube, ſo wie auch eine gewiſſe Eintönigkeit in ſeiner — O. 13 Rede mit dem Girren dieſes Vogels verglichen werden konnte. Er war ſehr neugierig und wenn er am Feierabend unter ſeiner Ladenthüre ſtand und ſeine Nachbarn be⸗ obachtete, den Kopf gegen eine Seite gekehrt und das Auge umherſchweifen ließ, trug er etwas rabenartiges an ſich. Doch war nicht mehr Schlauheit in Poll, als in einem Rothkelchen. Glücklicherweiſe wurde, wenn irgend eine ſeiner vogelähnlichen Eigenheiten an der ränze war zu weit zu gehen, ſie unterdrückt, bekämpft, und verſchwand dann in dem Barbier, gleich wie ſein Kahlkopf, der einer geſchornen Elſter ähnlich war, ſich in eine ſchwarzgelockte Perücke verborgen hatte, die auf einer Seite geſcheitelt und beinahe bis an den Wirbel zugeſchnitten war, um die unermeßliche Fähigkeit ſeines Geiſtes zu zeigen. Poll hatte eine ſchwache weibliche Stimme, was die Spaßvögel der Kingsgate⸗ſtreet, veranlaßt haben mochte, zu behaupten, daß er eine weibliche Beſtimmung habe. Sein Herz war gefühlvoll beinahe zu weich, denn wenn ihm der vortheilhafteſte Auftrag ertheilt wurde, 3 oder 4 Dutzend ſeiner Sperlinge zu einem Schießen zu lie⸗ fern, pflegte er mit einem mitleidigen Tone zu be⸗ merken, wie ſonderbar es ſei, daß dieſe Vögel für kei⸗ nen andern Zweck geſchaffen ſein ſollten. Die Frage, ob es dem Menſchen erlaubt ſei, ſie zu ſchießen? fand keine Erwägung in Poll's Philoſophie. In Folge ſeines bei der Jagd betheiligten Gewer⸗ bes trug Poll einen Felbelrock, lange blaue Strümpfe, Schnürſchuhe, ein Halstuch von ſchreiender Farbe und einen ſehr großen Hut, Indem er ſeinen ruhigern Bar⸗ biergeſchäften nachging, erſchien er gewöhnlich in einer nicht allzureinen weißen Schürze, einer flanellenen Jacke und kurzen Hoſen. In dieſem letzteren Coſtüme, nur die Schürze hinaufgebunden, als ein Zeichen, daß für heute die Arbeit beendigt ſei, hatte er eines Abends, mehrere Wochen nach den im letzten Kapitel des erſten 14 Bandes erwähnten Vorfällen, ſeinen Laden geſchloſſen und ſtand auf deſſen Treppen in der Kingsgate⸗ſtreet, ängſtlich lauſchend, ob die kleine Glocke darin noch nicht verſummt haben würde. Denn es war Mrs. Sweedlepipes Anſicht, daß es nicht eher räthlich ſei, ſich der Ruhe zu überlaſſen. „Es iſt das ungeberdigſte Ding einer Glocke, welche ich jemals gehört habe,“ ſagte Poll.„Aber ſie wird zuletzt ſchon aufhören zu ſchellen.“ ¹ Bei dieſem Worte rollte er ſeine Schürze noch ein wenig höher hinauf und eilte auf die Straße hinab. Gerade als er um eine Ecke biegen wollte, rannte er gegen einen jungen Mann in einer Livrée. Dieſer Jüngling, obhgleich klein, war kühn, und wandte ſich mit dem ſtrengen lebhaften Ausdrucke des Unmuths an ſeinen Gegner. „Nun dummer Menſch,“ rief der junge Gentleman. „Kannſt Du nicht ſehen’, wohin Du gehſt? Kannſt Du nicht aufpaſſen, ob jemand auf dich kommt? Heda! für was glaubſt Du, daß Gott Dir die Augen gegeben hat? He! Wonaus denn!“ Der junge Mann hatte dieſe zwei letzten Worte mit ſehr lautem Tone und ſchrecklichem Nachdrucke ge⸗ ſprochen, als ob ſie die Quinteſſenz der bitterſten Krän⸗ kungs in ſich faßten; aber kaum waren ſie den Lippen entflohen, als auch ſein Zorn ſich wieder zu legen be⸗ gann und er mit milderer Stimme ſprach: „Wie Polly?“ „Ol ſind Sie es wirklich?“ entgegnete Poll.„Es iſt nicht möglich!“ „Nein, ich bin es nicht,“ erwiederte der Jüngling. „Es iſt mein Sohn, mein älteſter; er macht ſeinem Va⸗ ter Ehre, nicht wahr, Polly?“) 3 Bei dieſem Scherze blieb er auf der Straße ſtehen, drehte ſich auf dem Abſatze herum, damit ſeine Figur ſich beſſer ausnahm, zur allgemeinen Unzufriedenheit —— S5S SS=S Z 15⁵ der Vorübergehenden, welche nicht ſo heiter wie er ge⸗ ſtimmt waren. „Das hätte ich nicht geglaubt,“ ſagte Poll.„Wie, Sie haben alſo Ihren alten Platz verlaſſen, und warum haben Sie es denn gethan?“ „Ja, ich habe es,“ entgegnete ſein junger Freund, der während dieſer Zeit die Hände in die Taſchen ſei⸗ ner weißen Beinkleider geſteckt hatte, und an des Bar⸗ bierers Seite ſtolz fortwandelte.„Kennen Sie ein paar Stolpenſtiefel, wenn Sie ſie ſehen? Schauen Sie her!“ „Schön!“ rief Herr Sweedlepipe. „Kennen Sie auch einen geprägten Knopf wenn Sie ihn ſehen?“ ſagte der Jüngling,„ſehen Sie nicht auf die meinigen, denn dieſe Löwenknöpfe ſind für Männer von Geſchmacke und nicht für gemeine Leute gemacht.“ „Gut, gut!“ rief der Barbier wieder.„Einen grünen Frack mit Gold verbrämt! und eine Cocarde auf Ihrem Hut!“ „So iſt es!“ ſprach der Jüngling„Blaſe an die Cocarde und wenn ſie ſich nicht umſchlägt, ſo ſieht ſie gerade aus, wie der Ventilator, den wir bei Todgers im Küchenfenſter hatten. Haben Sie den Namen der alten Madame nicht in der Zeitung geleſen.“ „Nein,“ antwortete der Barbier,„iſt ſie banfrott?“ „Wenn ſie es noch nicht iſt, wird ſie es bald werden, dieſes Geſchäft kann nie ohne mich betrieben werden. Genug jetzt davon; wie geht es Ihnen?“ „O, ich bin ziemlich wohl,“ ſagte Poll. Nach ei⸗ ner Pauſe fuhr er fort:„Wohnen Sie in dieſem Stadt⸗ viertel, oder waren Sie bloß Willens, mich zu beſu⸗ deus Wwelche Geſchäfte haben Sie nach Holborn ge⸗ racht?“ „Ich habe nichts in Holborn zu thun,“ ſprach ailey,„alle meine Geſchäfte liegen im weſtlichen Theile der Stadt. Jetzt habe ich einmal die rechte Art von Herrn bekommen, vor Bart kann man ſein Geſicht und vor Farbe darauf ſeinen Bart nicht ſehen. Das heiße ich einen rechten Gentleman! Sie moͤchten wohl auch mit mir in einem Cab fahren? Aber es ginge nicht an, es Ihnen anzubieten. Sie würden ſchon ohnmächtig werden, mich in einem kurzen Galopp um dieſe Ecke fahren zu ſehen.“ Um einen klaren Begriff von der Wirkung dieſer Scene zu geben, machte Mr. Bailey die Stellung eines ſtolzen galoppirenden Pferdes und warf ſeinen Kopf dabei ſo ſehr in die Höhe, daß er ſich denſelben an ei⸗ nen Brunnen anſtieß und ihm der Hut herunterflog. „Er iſt Caprecorns eigener Onkel,“ ſagte Bailey, „und Cauliflowers Bruder. Er hat die Fenſter zweier Käſebuden eingerannt, ehe wir ihn bekommen haben und iſt endlich verkauft worden, weil er ſeine Miſſis umgebracht hat. Hah! das iſt ein Pferd.“ „Oh, Sie werden jetzt keine kleinen Vögel mehr zu kaufen brauchen,“ bemerkte Poll, ſeinen Freund mit einem wehmüthigem Blicke anſehend!„Nicht wahr, Sie ſind jetzt nimmer genöthigt, kleine Vögel zu kau⸗ fen, um ſie über den Gußſtein aufzuhängen?“ „Ich glaube beinahe auch ſo,“ erwiderte Bailey. „Ich will nichts mehr von einem Vogel wiſſen, der unter dem Pfau ſteht, und auch der iſt ſchon zu ge⸗ mein. Nun, wie geht es Ihnen?“ „Ol ich bin ziemlich wohl,“ ſagte Poll. Er beantwortete dieſe Frage wieder, weil Bailey wieder fragte. Und Herr Bailey ſtellte dieſelbe noch einmal, weil eine gewiſſe Rennbahnleichtigkeit darin lag, die ſich zu den weißen Hoſen, den Maſchen an den Knieen und den vorſpringenden Stolpenſtiefeln ſehr gut ausnahm. „Und wohin wollen Sie noch ſo ſpät, alter Ka⸗ merad?“ fragte Bailey mit derſelben gütigen Herab⸗ laſſung. Er war ganz Meiſter in der Unterhaltung, während der gutmüthige Barbier ein Kind in dieſem Punkte geblieben war. 4 17 „Ach, ich bin im Begriffe, meine Miethsfrau zu holen,“ antwortete Paul. „Ein Weib,“ rief Bailey,„bringt wohl eine Zwanzig⸗ Pfund⸗Note mit?“ Der kleine Barbier beeilte ſich nun darzuthun, daß es weder ein ſchönes, noch ein junges Weib, ſondern nur eine Krankenwärterin ſey, die ſeit einigen Wochen 3 einem Gentleman die Stelle einer Haushälterin ver⸗ ſehen hatte, und welche dieſe Nacht ihren Platz ver⸗ laſſe, weil ſie von einer anderen rechtmäßigeren Ver⸗ walterin, des Gentlemans Braut, abgelöst werde. „Er hat ſich erſt kürzlich verheirathet und bringt dieſen Abend ſeine junge Frau mit nach Haus,“ fuhr der Barbier fort.„So bin ich Willens, meine Dame bei Herrn Chuzzlewit, welcher gleich hinter dem Poſt⸗ hauſe wohnt, abzuholen und ihren Koffer für ſte zu tragen.“ „Zu Jonas Chuzzlewit?“ fragte Bailey. „Ja,“ drwiederte Paul,„das iſt ein ſehr bekannter Name, kennen Sie ihn auch?“ „O nein,“ ſprach Bailey,„ganz und gar nicht, ich kenne weder ihn noch ſie. Sie ſind ja das erſtemal durch mich zuſammengekommen.“ „So?“ ſagte Paul. „Ei freilich,“ erwiderte Herr Bailey, indem er mit den Augen blinzelte,„und glauben Sie mir, ſie ſieht gar nicht übel aus, aber ihre Schweſter war die eſte, ſie war die Luſtigſte, mit der ich in alten Zeiten manchen Spaß gehabt habe.“ Herr Bailey hatte geſprochen, als ob er ſchon mit einem Fuße im Grabe ſtehe und als ob dies alles ſich ſchon vor zwanzig oder dreißig Jahren ereignet habe. Paul Sweedlepipe war ſowohl über den frühzeitigen Ei⸗ gendünkel und die Gönnermiene ſeines jungen Freundes, als durch deſſen Stiefel, Cocarde und Livree ſo ſehr überraſcht, daß es ihm wie ein Nebel vor den Augen Boz, Chuzzlewit. IV. 2 18 8 flimmerte, und daß er deßhalb dem jungen, leichtſinni⸗ gen Bailey aus Todgers Speiſeanſtalt für Kaufleute den er vor einem Jahre kennen gelernt hatte, als er öfters kleine Vögel, das Stück für zwei Pence, bei ihm einkaufte, nicht wieder erkannte; ſondern nur eine verdichtete Perſonificirung aller Wettrenn⸗Grooms in London, einen Inbegriff aller Stallwiſſenſchaften dieſer Zeit, ein Weſen mit vornehmem Stempel, das ſchon. viele Jahre gelebt, ſchreckliche Erfahrungen gemacht haben mußte, vor ſich ſah. Und wirklich, obgleich in der dunklen Atmoſphäre von Todgers Schule aufge⸗ wachſen, hatte doch Bailey's Geiſt in dieſer Hinſicht eine höhere Richtung genommen, war ſeinem Alter vorangeeilt, täuſchte ſeine Beobachter in ihren Mei⸗ nungen über ihn. Als Knabe von geringer Größe ging er über die koſtbaren und wirklichen Steine von Hol⸗ vorn⸗Hill ſpazieren, blinzelte, dachte, handelte und ſprach wie ein alter Mann. In einem jungen Aeußeren wohnten hier alte Grundſätze. Er war ein unerklär⸗ liches Weſen, ein verkleideter Sphinr. Kein anderer Ausweg ſtand jetzt dem Barbier mehr offen, als ent⸗ weder ſich ſelbſt, oder Bailey für verrückt zu halten, und er wählte aus weiſen Gründen das Letztere. Herr Bailey beſaß Gutmüthigkeit genug, um Sweedlepipe fortwährend Geſellſchaft zu leiſten, und ihn im Fortgehen in einem angenehmen Geſpräche über verſchiedene Pferde⸗Themas zu unterhalten, beſonders über die ungleichen Anſprüche, welche Pferde mit weißen Füßen und andere ohne dieſelben zu machen hätten. In Hinſicht auf die Farbe der Schweife hatte Bailey jeine beſonderen Anſichten, welche er zwar auch aus⸗ ſprach, dabei jedoch bat, daß ſie ja auf keinen ſeiner Freunde einen Einfluß üben möchten; da er ſich wohl bewußt ſey, hierin das Unglück zu haben, von einigen hohen Autoritäten in ſeiner Meinung abzuweichen. So machte er fort, bis er zuletzt auf ein Schnapsrecept kam, der von einem Mitglied des Jokey⸗Clubbs erfun⸗ — — 2& ðꝙ △ — —— A 19 den worden war. Inzwiſchen hatten ſie den Beſtim⸗ mungsort des Barbiers faſt erreicht und jetzt bemerkte Bailey, daß er noch eine Stunde übrig habe und, die betreffenden Parthien kennend, daher wünſche, Mrs. Gamp vorgeſtellt zu werden, wenn es ſeinem Freunde angenehm ſey. Paul ſchellte bei Chuzzlewits an, und als Mrs. Gamp die Thüre geöffnet hatte, ſtellte er die beiden ausgezeichneten Perſonen ſich gegenſeitig vor. Es war ein angenehmer Zug in Mrs. Gamp doppeltem Berufe, daß ſie ſich ſowohl für junge, als auch für alte Leute intereſſirte. Sie empfing Mr. Bailey ſehr freundlich. „Es iſt recht ſchön von Ihnen, daß Sie gekommen ſind,“ ſagte ſie zu ihrem Hausherrn,„und Ihren nied⸗ lichen Freund mitgebracht haben; aber ich muß Sie ſchön bitten, ſich hereinzubemühen, denn das junge Pear iſt noch nicht angekommen.“ „Sie ſind ſpät daran,“ bemerkte der Barbier, als Mrs. Gamp ſie die Küchentreppe hinabgeführt hatte. „Gewiß, Sir, wenn man erwägt, daß die Fittige der Liebe ſie getragen haben ſollten,“ antwortete ſie. Mr. Bätiley fragte:„ob der Fittig der Liebe je einen ſilbernen Becher gewonnen habe, oder ob man noch etwas auf ihn wetten könne, und ob er im Stande ſey, etwas Ordentliches zu leiſten. Als man ihm be⸗ greiflich machte, daß dieſer kein Pferd, ſondern nur ein poetiſcher oder bildlicher Ausdruck ſey, bewies er großen Verdruß darüber. Mrs. Gamp war ſo ſehr er⸗ ſtaunt über ſein artiges Benehmen und die Leichtigkeit, mit der er die Unterhaltung führte, daß ſie eben im Begriffe war, ihren Hausherrn leiſe zu fragen, ob er ann oder Knabe ſey, als Herr Sweedlepipe, ihr Vor⸗ haben merkend, durch eine zeitige Bemerkung zuvorkam. „Er kennt Mrs. Chuzzlewit,“ ſagte Paul ganz laut. „Ich glaube nicht, daß es etwas gibt, was er nicht — 2* kennt,“ bemerkte Mrs. Gamp.„Alle Schalkhaftigkeit der ganzen Welt iſt auf ſeine Stirn geprägt.“ Herr Bailey nahm dieſe Worte als ein Compli⸗ ment und ſagte, indem er ſeine Halsbinde zurecht zog: „Beinahe.“ „Da Sie alſo Mrs. Chuzzlewit kennen, werden Sie vielleicht im Stande ſeyn, mir zu ſagen, wie ihr Taufname iſt?“ ſprach Mrs. Gamp. „Charity,“ antwortete Bailey. „Das iſt er nicht,“ rief Mrs. Gamp. „So heißt ſie Cherry,“ erwiderte Bailey;„Cherry iſt blos abgekürzt, es iſt derſelbe Name.“ „Er fängt nicht mit einem C an,“ ſprach Mrs. Gamp, indem ſie den Kopf ſchüttelte.„Er beginnt mit einem M.“ „Alle Wetter,“ ſchrie Herr Bailey, indem er eine kleine Wolke von Pfeifenerde aus ſeinem linken Beine klopfte,„dann iſt er blos in die verliebt geweſen und hat die Luſtige geheirathet.“ Da dieſe Worte dunkel waren, forderte ihn Mrs. Gamp auf, ſich deutlicher zu erklären, was auch Herr Bailey ſogleich zu thun begann, und die Dame lauſchte aufmerkſam auf jedes Wort. Noch war der Sprecher im Fluſſe ſeiner Erzählung, als das Raſſeln eines Wagens und der Doppelſchlag an der Hausthüre die Ankunft des neuvermählten Paares anzeigte. Mrs. Gamp bat ihn nun, das Uebrige, was er noch zu ſagen habe, auf dem Wege nach Hauſe zu erzählen, und eilte mit dem Lichte hinab, die junge Gebieterin des Hauſes zu empfangen und zu bewillkommnen. „Ich wünſche Ihnen Glück und Segen aus dem innigſten Grunde meines Herzens,“ ſprach Mrs. Gamp mit einer tiefen Verbeugung, als ſie in den Hausplatz traten,„und Ihnen auch, Sir. Ihre Frau Gemahlin, dieſes ſchöne Geſchöpf, ſteht etwas ermüdet von der Reiſe aus, Herr Chuzzlewit.“ 21 „Sie hat genug deßhalb geſeufzt,“ brummte Herr Jonas.„Haben Sie nur die Güte, uns zu leuchten.“ „Hieher Ma'am,“ rief Mrs. Gamp, indem ſie die Treppe hinauf voranging.„Wir haben uns Mühe ge⸗ geben, Alles ſo bequem als möglich einzurichten; aber es iſt auch Vieles, was Sie werden ändern müſſen, wenn Sie einmal Zeit erlangen können, ſich umzuſehen. Aber aufrichtig geſagt,“ fügte Mrs. Gamp theilneh⸗ mend hinzu,„Sie ſehen nicht recht vergnügt aus.“ Sie hatte recht, die junge Frau war nicht ver⸗ gnügt. Es ſchien als hätte der Tod, welcher der Hoch⸗ zeit vorangegangen war, ſeinen grauſen Schatten auf dieſem Hauſe zurückgelaſſen. Die Luft war dick und drückend, die Zimmer waren dunkel, und auf jeder Ecke und Spalte laſtete ein unheimliches Düſter. Auf der Heerdplatte ſaß, gleich einem finſteren, Unheil ver⸗ kündenden Weſen, der alte Buchhalter; ſeine Augen ſtarr auf einige verdorrte Zweige in dem Kamin ge⸗ richtet. Er ſtand auf und ſah umher⸗ „So, Herr Chuff, ſind Sie auch noch im Lande der Lebenden,“ agte Jonas nachläſſig, indem er ſeine Stiefeln abſtäubte. „Noch im Lande der Lebenden, Sir,“ erwiderte Mrs. Gamp,„und Herr Chuffey mag Ihnen jetzt dafür danken, wie ich ihm ſchon viel⸗ und abermal geſagt habe.“ Herr Jonas war nicht guter Laune, denn er ſagte blos, als er im Zimmer umherſchaute:„Ich glaube, wir bedürfen jetzt Ihrer nicht mehr, Sie wiſſen, Mrs⸗ Gamp.“ „Ich werde gleich gehen, Sir,“ erwiederte die Haushäͤlterin;„wenn ich nichts mehr für Sie thun kann. Ma'am, beſinnen Sie ſich!“ ſagte Mrs. Gamp mit einem Blicke voll Freundlichkeit, indem ſte während dieſer ganzen Zeit in ihrer Taſche ſuchte.„Kann ich Ihnen mit nichts mehr dienen, mit gar nichts mehr dienen, meine Liebe?“ „Nein,“ rief Merry, beinahe weinend,„es wird das Beſte ſeyn, wenn Sie uns verlaſſen.“ Mit einem Seitenblick, in welchen ſich Milde und Schlauheit miſchten, das eine Auge auf die Braut, das andere auf die Zukunft gerichtet und mit einem ſchalk⸗ haften Ausdrucke auf ihrem Geſichte, der theils ſpirituell, theils ſpiritubs war, und in welchem ſich ihr Gewerbe nicht verkennen ließ, ſuchte Mrs. Gamp wiederholt in ihrer Taſche und zog dann eine Karte heraus, auf wel⸗ cher eine Aufſchrift und die Abbildung ihres Wap⸗ pens war. „Moͤchten Sie ſo gütig ſeyn, mein geliebtes, theu⸗ res Täubchen von einer jungen, verheiratheten Dame,“ bemerkte Mrs. Gamp in leiſem Tone;„und dieſes an irgend einen Platz hinlegen, wo Sie es nicht ſo leicht vergeſſen können. Ich bin mit vielen Damen bekannt, und es iſt meine Karte. Gamp iſt mein Name, und Gamp meine Natur, da ich ganz allein lebe, werde ich ſo kühn ſeyn, mich manchmal nach Ihrer Geſund⸗ heit und Ihrer Gemüthsbeſchaffenheit, mein geliebtes Kind, zu erkundigen!“ Und unter unzählbaren freundlichen Blicken, Nicken, Lächeln und Knixen, was Alles zur Herſtellung eines geheimnißvollen und vertrauten Einverſtändniſſes zwi⸗ ſchen ihr und der jungen Frau dienen ſollte, ging Mrs. Gamp aus dem Zimmer, im Gehen noch reichen Segen vom Himmel für dieſes Haus erbittend. „Aber, ich werde es ſagen; und würde es auch dennoch ausſprechen, wenn ich deshalb an den Pfahl gebunden werden ſollte;“ flüſterte Mrs. Gamp, als ſie die Treppe herunterging,„daß die ſchöne Braut in die⸗ ſem Augenblicke nicht zu den Glücklichen gehört.“ „O! warten Sie nur bis Sie ſie lachen höreng,“ ſagte Bailey. Mrs. Gamp ſeufzte und rief,„ich will es, Kind!“ Das waren die letzten Worte, die ſie in dieſem Hauſe ſprachen; Mrs. Gamp ſetzte ihren Hut auf, Sweedle⸗ „ uER= —,, uͤG8 pipe nahm den Koffer und Herr Batley begleitete ſie bis zur Kingsgate⸗Street, indem er Mrs. Gamp den Ur⸗ ſprung und Fortgang ſeiner Bekanntſchaft mit Mrs. Chuzzlewit und ihrer Schweſter erzählte. Es war ein luſtiger Beweis von der zu frühen Gereiftheit dieſes Jünglings, daß er ſich einbildete, Mrs. Gamp empfinde eine zärtliche Neigung für ihn, und daß er durch ihre übelangebrachte Liebe ſehr ergötzt war. Als die Thüre hinter ihnen geſchloſſen war, warf ſich Madame Jonas in einen Seſſel und ſah im Zimmer umher. Das Meiſte fand ſie gerade noch ſo, wie ſie es ſchon einmal geſehen hatte, nur kam es ihr jetzt noch ſchrecklicher vor. Sie glaubte alles glänzend für ihren Empfang hergerichtet zu ſehen! „Ich vermuthe, daß Dir Alles nicht gut genug er⸗ ſcheinen wird,“ ſagte Jonas, ihre Blicke bewachend. „O, es iſt jetzt dunkel,“ antwortete Merry mit matter Stimme. „Wie mir Deine Mienen ſagen, ſcheint es Dir ſchon düſter, ehe Du nur recht bekannt damit biſt,“ ſprach Jonas.„Du biſt ein liebenswürdiges Weſen, gleich bei der erſten Ankunft im neuen Hauſe übler Laune zu ſeyn. Ich hoffe, daß Du ſo viel Lebensart haſt, mich damit nicht zu plagen,— das Mädchen iſt unten in der Küche.— Klingle nach dem Abendeſſen, während ich meime Stiefel ausziehe!“ Sie riß ſich aus ihrem Hinbrüten empor, als er das Zimmer verlaſſen hatte, um ſeinem Wunſch zu will⸗ fahren, da kam der alte Chuffey, legte ſeine Hände zärtlich auf ihren Arm und ſprach haſtig: „Sie ſind nicht verheirathet, nicht verheirathet?“ „Ja, ſeit einem Monate. Gott im Himmel, was ſoll das ſeyn?“ rief Merry. Der alte Mann antwortete,„Nichts ſoll es ſeyn,“ und wandte ſich von ihr hinweg. Aber in dem Herzen der jungen Frau ſtiegen Furcht und Verzweiflung auf, 24 ſie ſah ihm nach und ſah, wie ersdie Hände über ben Kopf zuſammenſchlug und rief: „O Weh, dreifaches Weh über dieſes gottloſe Haus!“ Das war der Empfang— der Heimath! Zweites Kapitel. Zeigend, daß alte Freunde nicht nur oft mit neuen Geſichtern, ſon⸗ dern auch in falſchen Farben erſcheinen und daß ſolche Leute oft ſehr geneigt zu beißen ſind, daß aber die Beißenden manchmal ſelbſt gebiſſen werden. Herr Bailey junior, als ehemaliges Factotum für ſämmtliche Herren in Todgers Hauſe ſo genannt, war jetzt in's Leben unter dieſem Namen eingetreten, ohne ſich deshalb zu bemühen, von der Legislatur eine be⸗ ſondere Erlaubniß in Form einer Privatbill zu erhalten, da eine ſolche, ohne Ausnahme von allen Arten und Sorten der Billen, die unbilligſte hinſichtlich der Koſten iſt. Herr Bailey junior, gerade jetzt groß genug um von dem forſchenden Auge geſehen zu werden: wie er ſo träge über das Cabriolet ſeines Herrn herausſchaute, fuhr um die Mittagsſtunde langſam in Pall⸗Mall auf und ab, auf ſeinen Herrn wartend. Das Pferd, von einer ausgezeichneten Familie, deſſen Neffe Capricorn und deſſen Bruder Cauliflower war, bewies ſich auch der hohen Verwandten würdig, indem es ſo lange an ſeinem Gebiſſe kaute und ſich wie ein Wappenroß bäumte, bis ſeine Bruſt ganz weiß vom Schaume war. Das ſilberplattirte Geſchirr und die glatte Haut glänzten in der Sonne, alle Vorübergehenden blieben ſtehen und be⸗ wunderten es; nur Mr. Bailey war zwar artig gegen ſein Pferd, blieb aber ungerührt von ſeiner Schönheit. Er ſchien zu ſagen,„das iſt Alles noch nichts, ihr guten Leute; nichts noch gegen das, was wir thun könn⸗ —————3 —————— 25 1 ten, wenn wir wollten.“ Dann fuhr er weiter, ſeine kurzen, grünen Arme über das Spritzleder heraushän⸗ gend, als wenn er unter den Achſeln angenagelt wäre. Herr Bailey hatte eine große Meinung von Cauli⸗ flowers Bruder und ſchätzte ſeine Kräfte hoch, doch ſagte er es ihm nie. Im Gegentheil war es ſeine Art, in⸗ dem er dieſes Thier trieb, ihm immer mit geringſchä⸗ tzenden, wenn nicht harten Ausdrücken zu begegnen, wie: „Ja willſt du? Glaubſt du? Wohin jetzt wieder! Da wird nichts daraus, mein Junge!“ und andern ähnli⸗ chen Bemerkungen. Da dieſe Redeusarten gewöhnlich von einem Ruck am Zügel oder einem Peitſchenhiebe begleitet waren, führten ſie zu vielen Proben der Strenge und zu man⸗ chem Wettſtreit um die Oberhand zwiſchen ihnen, die dann und wann in einem Porcellainladen, oder an an⸗ dern ungewöhnlichen Zielen endigten; wie Herr Bailey ſeinem Freunde Poll Sweedlepipe ſchon erzählt hatte. Bei gegenwärtiger Gelegenheit war Herr Bailey beſonders guter Laune und daher mehr als gewöhnlich ſtreng gegen ſein Pferd, in Folge deſſen das trotzige Thier beſtändig auf den Hinterfüßen galoppirte, ſo die ganze Schoͤnheit ſeines Baues entfaltete, aber ſtets in Colliſtonen mit dem Cabriolet gerieth, was dann die Leute auf der Straße ſehr beluſtigte. Aber Herr Bailey, nicht im Geringſten davon an⸗ gefochten, meinte noch denen, die ſeinen Weg auf Au⸗ genblicke kreuzten, einen Spaß machen zu müſſen, und ſo rief er dem ſtämmigen Führer eines hochaufgeladenen Kohlenwagens zu:„Nun junger Menſch, wer hat Dir einen Karren anvertraut?“ fragten ältliche Damen, welche über die Straße gehen mußten:„Warum geht Ihr nicht zu dem nächſten beſten Arbeitshauſe, Euch den Befehl zu holen, daß man Euch begraben dürfe?“ lud luſtige Knaben mit freundlichen Worten ein, ſich hinten aufzuſetzen, und als dieſe ſeinem Rufe gefolgt waren, peitſchte er ſie im nächſten Moment wieder herunter. 26 Kurz er führte mehr dergleichen luſtige Streiche aus, wenn er ſo gewöhnlich um den St. James⸗Square fuhr, und dann wieder auf einer andern Seite ganz langſam nach Pall⸗Mall kam. Nachdem er dieſe Beluſtigungen oft wiederholte, und die Aepfelbude an der Ecke zuletzt, nachdem ſie ſo manche Stöße und Erſchütterungen er⸗“ duldet, für unüberwindlich erklärt hatte, wurde Herr Bailey eines Tages vor ein gewiſſes Haus in Pall⸗Mall berufen, wo er Halt machte, und dem Befehle gehor⸗ chend herausſprang. Nachdem er einige Minuten lang die Zügel gehalten und mit jedem Nucke oder Kniffe an die Nüſtern Califlowers gebracht hatte, ſtiegen zwei Perſonen in das Cabriolet, von welcher eine die Zügel ergriff und mit größter Eile fortjagte. Lange bemühte ſich Bailey vergebens auf dem kurzen Vorſprung von hundert Schritten, welchen ſie bereits gewonnen hatten, ſte einzuholen, und endlich gelang es ihm, ſeine kurzen Beine auf den kleinen eiſernen Tritt und dann nach großen Anſtrengungen ſeine Füße auf das kleine hintere Standbrett zu bringen. Aber hier gewährte er in der That einen ſonderbaren Anblick, indem er bald auf den einen, bald auf den andern Fuß ſtand, jetzt das Ca⸗ briolet bald von der einen, bald von der andern Seite beſchaute, darüber wegzublicken verſuchte, während das Cabriolet zwiſchen Kutſchen und Karren hin New⸗Market zurannte. Das Aeußere von Bailey's Herrn, als er ſo dahin fuhr, entſprach ganz der Beſchreibung, welche der enthuſtaſtiſche Jüngling dem wandernden Poll von ihm gegeben. Er hatte einen Wald von ſchwarzen Haaren auf Kopf, Kinn, Oberlippen und Wangen. Seine Kleider waren von der modernſten Facon und den theuer⸗ ſten Stoffen. Blumen von Gold, blauer, rother und grüner Seide waren auf ſeiner Weſte gewirkt; koſtbare Juwelen und Ketten funkelten an ſeiner Bruſt, Brillant⸗ ringe, ſo groß wie Sommerfliegen, ſchmückten ſeine Hände. Die Morgenſonne ſpiegelte ſich im Glanze ſei⸗ „ 27 nes Hutes und ſeiner Stiefeln, wie in einem geſchlif⸗ fenem Glaſe, und doch war es; obgleich mit veränder⸗ tem Namen, niemand anders als Tigg. Wenn auch das Aeußere zum Innern, und das Innere zum Aeußern gemacht war, wie es bekannt iſt, daß größere Männer oͤfter gethan haben, ſo war er nicht länger mehr Mon⸗ tagne Tigg, ſondern Tigg Montague. Derſelbe gottloſe, tapfere milltäriſche Tigg; das Metall war nur neu polirt und lackirt, und doch war es die alte Tigg'ſche Maſſe. Neben ihm ſaß ein lächelnder Gentleman von be⸗ ſcheidenen Anſprüchen und mit geſchäftigen Geberden. jeſen redete er David an. Er war wohl gewiß nicht der David von dem— wie ſoll ich es nennen— von dem Triumphirat der drei goldenen Kugeln? Auch nicht David der Kellner in dem Lombard'ſchen Wappen? Ja, derſelbe Mann war es. „Des Sekretaͤrs David Gehalt,“ ſagte Herr Mon⸗ tague,„iſt von der Stunde an, in welcher er ſeinen Dienſt antritt, 800 Pfund das Jahr und dabei hat er Wohnung, Holz und Licht frei. Seine fünf und z Prozente erhält er ohnedies. Iſt es ſo genug?“ David lächelte, nickte und huſtete hinter einem klei⸗ nen verſchloſſenen Portfeuille und mit einer Miene, die deutlich verrieth, daß er der beſprochene Secretär ſey. „Wenn es genug iſt,“ ſagte Montague,„ſo will ich heute in der Verſammlung, vermöge meines Standes als Präſident, den Vorſchlag machen.“ Der Sekretär lächelte wieder; ſprach, indem er ſich mit der einen Ecke des Portefeuilles liſtig an der Naſe rieb: „War das nicht ein Kapitalgedanke?“ „Was war ein Kapitalgedanke, David?“ fragte Montague. 4 „Dieſe anglo⸗bengaliſche Geſchichte,“ kicherte David. „Die anglo⸗bengaliſche, uneigennützige Anlehens⸗ und Lebensverſicherungs⸗Kompagnie iſt eher ein Haupt⸗ wanzig 28 geſchäft zu nennen, wie ich hoffe, David,“ antwortete Montague. 4 „In einem doppelten Sinne iſt es in der That ein Hauptgeſchäft,“ rief David lachend. „Ja, in dem einzig richtigen Sinne,“ bemerkte der Präſident,„und dieſer bildet die Nummer eins, David.“ „Was?“ fragte David, aufs Neue in ein lautes Gelächter ausbrechend,„was wird das baare Kapital dem nächſten Proſpektus gemäß ſeyn?“ „Eine, zwei und ſo viele Nullen, als der Drucker auf eine Linie bringen kann,“ erwiederte ſein Freund. Bei dieſen Worten fingen beide an zu lachen; der Sekretär jedoch ſo ungeſtüm, daß er mit ſeinen Füßen das Spritzleder des Kabriolets aufſtieß, Cauliflowers Bruder beinahe in einen Auſternladen gerathen wäre, und Herr Bailey durch dieſen unvermutheten Stoß eine ſo ſtarke Erſchütterung erlitten, daß er gleich einer jun⸗ gen Fama für einige Augenblicke an einem einzigen Halt⸗ riemen in der Luft ſchwebte. „Was für ein geſchickter Kamerad Sie ſind!“ rief David ſich wundernd aus, ſobald dieſe kleine Störung. vorüber war.. 1 „Welch ein Genie, ſagen Sie lieber, David.“ „Gut denn, auf meine Ehre, Sie ſind ein Genie,“ ſprach David.„Ich wußte zwar immer, daß Sie ein gutes Mundſtück haben, aber doch hätte ich nie geglaubt, in Ihnen nur halb den Mann zu finden, der Sie wirk⸗ lich ſind. Wie hätte ich es auch können!“ „Ich ſteige mit den Umſtänden, David, was ſchon eine geniale Eigenſchaft an ſich ſelbſt iſt,“ antwortete Tigg.„Wenn Sie das Unglück treffen ſollte, 100 Pfd. in einer Wette an mich dieſen Moment zu verlieren, und im Begriffe wären, ſie zu zahlen(was ſchändlicher Weiſe höchſt unwahrſcheinlich iſt), ſo würde ich mich genau in dem rechten Augenblicke erheben.“ Es iſt Pflicht zu ſagen, daß Herr Tigg bei dieſer Gelegenheit wirklich zu rechter Zeit ſich erhoben hat, N RMR 8— 29 und daß, wenn er das Geſchäft der Prellerei in einem größeren Maßſtabe betrieb, er auch ein großer Mann geweſen war. „Ha, Ha!“ rief der Sekretär, ſeine Hand mit wech⸗ ſelnder Vertraulichkeit auf des Präſtdenten Arm legend. „Wenn ich Sie anſehe und an Ihre Güter in Bengalen denke, ha, ha, ha!.. Dieſer halbausgeſprochene Gedanke ſchien Herrn Tigg nicht minder ſcherzhaft als ſeinem Freunde, denn er lachte herzlich mit. „Wenn ich denke, daß dieſe Güter in Bengalen alle Anſprüche der Geſellſchaft decken ſollen, dann kann ich Sie verſichern, daß ich zum Lachen gereizt werde, wie wenn Sie eine Feder nehmen würden und mich damit an den Füßen kitzelten.“ „Es iſt ein ſo verteufelt ſchönes Eigenthum, daß es für jeden Anſpruch gut ſtehen muß,“ agte Tigg Mon⸗ tague,„das Tigergehäge allein iſt eine ganze Münzſtätte voll Goldes werth.“ David konnte wegen immerwährenden Lachens nur die Worte herausbringen:„O, was Sie für ein loſer Kamerad ſind.“ Dann fuhr er noch einige Zeit in ſei⸗ nem Gelächter fort, indem er ſich die Seite hielt und die Augen wiſchte, ohne irgend eine Bemerkung zu machen. „Ein guter Einfall“, begann Tigg nach einer Weile, auf ſeines Gefährten erſte Worte zurückkommend,„ohne Zweifel ein Kapitalgedanke. Es war meine Idee.“ „Nein, nein, es war die meinige,“ ſchrie David. „Weg damit, laſſen Sie einem andern auch etwas zu⸗ kommen; habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ich einige Pfunde gerettet habe?“ „Sie ſagten es! Bin nicht ich es geweſen,“ unter⸗ brach Tigg,„der ſprach, daß einige Pfunde in Sicher⸗ heit gebracht ſeyen?“ „Allerdings haben Sie das gethan,“ entgegnete Da⸗ vid hitzig.„Aber das iſt nicht die Idee! Wer ſchlug denn vor, daß wir das Geld zuſammenwerfen, ein Ge⸗ ſchäft gründen und Larm machen könnten?“ „Und wer kam auf den Gedanken,“ rief Tigg,„daß im Falle wir es im Großen anfangen würden, wir fähig werden, ohne Geld ein Geſchäft zu etabliren und ein Haus zu ſpielen. Seyen ſie ſo vernünftig und gerecht, und ſagen Sie mir, weſſen Idee es eigentlich war?“ „Je nun,“ antwortete David, der jetzt gezwungen war zu bekennen,„Sie hatten dieſen Vorzug vor mir, ich geſtehe es. Aber ich ſtelle mich auch nicht auf gleiche Stufe mit Ihnen, ſondern verlange nur einen kleinen Theil Ehre von den Geſchäften.“ „Sie haben ſo viel Antheil, als Sie verdienen; die einfache Arbeit der Compagnie, David— Zahlen, Bücher, Cirkulare, öffentliche Anzeigen, Federn, Tinte, Papier, Siegellack und Oblaten, alles dieß befindet ſich recht wohl unter Ihrer Obhut. Sie ſind der vortreff⸗ lichſte Kritiker, das beſtreite ich gar nicht, aber das Haupt⸗ fach, David, das erfinderiſche, poetiſche Fach...“ „Gehört ohne Zweifel Ihnen,“ erwiderte ſein Freund, „aber mit ſolch einer glänzenden Außenſeite wie dieſe iſt, und all den ſchönen Dingen, welche Sie an ſich haben, und mit dem Leben, welches Sie führen, meine ich, daß es doch ein äußerſt koſtbares, komfortables Fach ſey.“ „Gewinnt nicht der Zweck, iſt es nicht die Anglo⸗ Bengaliſche, welche gewinnt?“ fragte Tigg. „Ja,“ antwortete David. „Hätten Sie dieſe für ſich allein unternehmen kön⸗ nen?“ fuhr Tigg fort. 3 „Nein,“ ſagte David. „Ha! ha!“ lachte Tig.„So ſeyen ſie denn mit Ihrem Antheile und Ihrer Lage zufrieden, mein lieber Bruder David, und ſegnen Sie den Tag, der uns an dem Ladentiſch unſers gemeinſamen Pfandleihers gegen⸗ ſeitig bekannt gemacht hat, denn es war für Sie ein goldner Tag.“ Der Leſer wird bereits aus der Unterhaltung der NA—— - RN 31 beiden Freunde geſchloſſen haben, daß ſie im Begriffe waren, ein großartiges Werk zu unternehmen, hinſicht⸗ lich deſſen ſie dem Publikum im Allgemeinen den bündi⸗ gen Satz vorſtellten, daß viel, ohne etwas zu verlieren, zu gewinnen ſey, und daß es, aus einem ſo großen Prin⸗ zip hervorgegangen, wenn es glücken ſollte, ſehr vortheil⸗ haft ſeyn muͤſſe. Eines Morgens trat die anglo⸗bengaliſche uneigen⸗ nützige Anlehens⸗ und Lebensverſicherungs⸗Kompagnie nicht als ein Saugling, ſondern als eine bedeutend her⸗ angewachſene Geſellſchaft, die rechts und links große Ge⸗ ſchäfte machte, in das Reich der Wirklichkeit ein. Ein Zweig derſelben refidirte in dem Weſtende der Stadt, in dem erſten Stockwerke des Hauſes eines Schneiders, und das Hauptbüreau befand ſich in dem obern Theile eines geräumigen Hauſes in einer neuen Straße der City. Daſſelbe war reich mit Stuckaturarbeit, mit Spiegelfen⸗ ſtern und Drahtblenden verſehen, und auf jedem der letz⸗ teren wuren die Worte„Anglo Bengale“ mit großen Buchſtaben geſchrieben. Ueber den Thürpfoſten war die Aufſchrift: Büreau's der anglo⸗bengaliſchen uneigen⸗ nützigen Anlehens⸗ und Lebensverſicherungs⸗Kompagnie. Oberhalb der Hausthüre befand ſich eine große Meſſing⸗ platte, welche dieſelbe Inſchrift trug, und immer, gleich⸗ ſam als eine freundliche Einladung„ recht glänzend ge⸗ halten wurde, und die halbe Stadt außer Faſſung brachte, indem ſie kühner als die ganze Bank die Leute anſtarrte. Von Innen waren die Büreau's ganz neu gegipst, gemalt, tapezirt, neu möblirt, mit neuen Tiſchen, Pulten, Stühlen und Fußteppichen verſehen, in jeder Beziehung ſolid und äußerſt koſtbar ausgeſtattet, als wenn das Mö⸗ blement gleich der Kompagnie ewig beſtehen ſollte. Ge⸗ ſchäfte! Seht die großen Hauptbücher mit rothem Rücken, wie ſtarke Brikett⸗Bälle platt geſchlagen, die Wegweiſer, die Tagebücher, die Kalender, die Brieftaſchen, die Brief⸗ wagen, die Reihen von Feuereimern, welche hinreichend ſind, ein Feuer im Entſtehen gleich zu löſchen, und außer⸗ dem die ungeheure Menge von Wechſeln und Banknoten, die alle der Kompagnie gehörten, die eiſernen Geldkaſ⸗ ſen, die Uhr, das Büreauſiegel, ſchon ſeiner Größe wegen eine Bürgſchaft für Alle. Solidität! Betrachtet die un⸗ geheuren Marmorblöcke an den Kaminen, und die präch⸗ tige Bruſtwehr am Dache des Hauſes. Publicität! Ei, die anglo⸗ bengaliſche uneigennützige Anlehens⸗ und Le⸗ bensverſicherungs⸗Kompagnie iſt ſogar auf die Kohlen⸗ kübel gemalt. Sie wiederholte ſich⸗ überall und ſo oft, daß die Augen ganz geblendet werden und der Kopf ſchwindlich wird. Sie iſt auf jedem Bogen des Brief⸗ papiers in Kupfer geſtochen, ſie umzieht als Aufſchrift das Siegel, ſie glänzt auf den Knöpfen des Portiers, und iſt wohl zwanzigmal in jedem Cirkulare, in jedem öffentlichen Anzeiger wiederholt, worin ein gewiſſer Da⸗ vid Crimple, Esquire, Sekretär und reſidirender Direk⸗ tor, ſich die Freiheit nimmt, die Aufmerkſamkeit auf die Vortheile zu lenken, welche eine Verbindung mit der anglo⸗bengaliſchen uneigennützigen Anlehens⸗ und Le⸗ bensverſicherungs⸗Kompagnie nach ſich ziehen würde, und wobei er zu beweiſen ſucht, daß bei dem Geſchäft nie⸗ mand, als das Büreau ſelbſt, Gefahr laufe, etwas zu verlieren, welches bei ſeiner großen Liberalität ſchon vor⸗ her des Verlierens beinahe ſicher ſey. Und David Crimple, Esquire, der Euch dieß vorlegt(und dem Ihr ohne Zweifel glauben werdet), iſt die ſicherſte Bürgſchaft, die vernünftiger Weiſe von der Verwaltung des Etabliſſe⸗ ments für deſſen Fortdauer und Beſtand verlangt wer⸗ den kann. Der Name des genannten Sekretärs war eigentlich urſprünglich Grimp; aber da dieſes Wort einen ominöſen Klang hatte, leicht mißdeutet werden konnte, und aus Furcht, daß es wirklich ſo geſchehen könne, hatte er ihn in Crimple umgewandelt. Das waren gewiß Beweiſe und Beſtätigungen ge⸗ nug, um jedermann das Mißtrauen gegen die anglo⸗ben⸗ galiſche uneigennützige Lebens⸗ und Anlehens⸗ Ver⸗ N8= RM¼— RK* ——— NR 33 ſicherungs⸗Kompagnie zu benehmen. Wer hätte auch an Tigg Montague, Esquire von Pall⸗Mall und Ben⸗ galey, oder einer der Perſonen gezweifelt, welche auf der erdichteten Liſte der Directoren verzeichnet waren, wenn man den erſteren in Perſon, oder mit ſeinem Tiger, und Cabriolet geſehen hatte. Nebſt dem ſtand ein Por⸗ tier am Eingange, ein merkwürdiges Geſchöpf, in einer ungeheuren rothen Weſte und einem kurzen pfeffer⸗ und ſalzfarbigen Fracke, welcher leichter als das ganze Di⸗ rektorium in des Zweiflers Gemüth Ueberzeugung zu bringen vermochte. Kein Einverſtändniß herrſchte zwiſchen ihm und dem Direktorium; niemand wußte, wo er zuletzt gedient hatte, weder Zeugniß, noch ein ſonſtiger Ausweis wurde von ihm verlangt, keine Frage war an ihn geſtellt worden. Dieſes geheimnißvolle Weſen hatte ſich, blos auf ſeine Geſtalt ſich verlaſſend, um ſeine jetzige Stelle ge⸗ meldet und ſie augenblicklich auf ſeine eigene Bedingun⸗ gen hin erhalten. Dieſe waren groß, aber er wußte auch ohne Zweifel, daß nicht ſo leicht ein Mann im Stande ſey, eine ſo große Weſte zu tragen, und er fühlte den vollen Werth ſeiner Tauglichkeit zu einem ſolchen Amte. Wenn er auf dem fur ihn beſonders gefertigten Sitze in einer Ecke des Büreaus ſaß, und ſeinen glänzenden Hut an einem Nagel über ſeinem Kopfe aufgehaͤngt hatte, konnte wirklich niemand an der Bedeutſamkeit des Ge⸗ ſchäftes zweifeln. Mit jedem Zolle ſeiner Weſte verdop⸗ pelt ſich das Vertrauen, bis die Totalſumme, gleich dem Probleme vor den Nägeln eines Hufeiſens, ungeheuer wurde. Man wußte von Perſonen, welche ihr Leben für tauſend Pfund verſichern wollten, aber ſowie ſie ſei⸗ ner anſichtig wurden, das Formular für zweitauſend ausfüllen ließen. Und doch war er kein Rieſe; ſein Rock war eher kleiner als andere, der ganze Zauber lag in ſeiner Weſte. Achtbarkeit, hinlängliches Vermögen große Boz, Chuzzlewit. IV. 3 34 Guüter in Bengalen, oder ſonſt wo, Mittel zur Deckung eines jeden Betrages von Seite der Kompagnie, die ihn beſchäftigte; Alles war in dieſem Kleidungsſtücke aus⸗ gedrückt. Rivaliſtrende Geſchäftsbüreaus hatten ſich bemüht, ihn wegzulocken; Lombardſtreet hatte ihm gewunken, reiche Gemeinden waren bemüht, ihm zuzuflüſtern:„werde unſer Kirchendiener.“ Aber er gab nicht nach, ſondern hielt traulich zu der Anglo⸗Bengales. Es ließ ſich unmöglich ermitteln, ob er ein ſchlauer Spitzbube, oder ein dünkelhafter Einfaltspinſel war, jedenfalls aber ſchien er unbedingtes Vertrauen in die Geſellſchaft zu ſetzen. Er war überhäuft mit eingebildeten Sorgen fuͤr die Kompagnie und, wenn er auch nichts zu thun und ebenſo wenig für etwas zu ſorgen hatte, ſah er doch aus, als habe die Laſt ſeiner unzählbaren Pflichten und das Geheimniß der in dem Kaſſenzimmer liegenden Schätze einen ernſten, bedachten Mann aus ihm gemacht. Als das Kabriolet vorfuhr, erſchien dieſer Diener mit entblößtem Haupte unter der Thüre, zur Verwun⸗ derung aller Vorübergehenden, die bei ſolchen Gelegen⸗ heiten ihre ganze Aufmerkſamkeit auf die Anglo⸗Benga⸗ liſche Kompagnie richteten und rief laut: „Platz! Platz für den Präſidenten, wenn's beliebt!“ Herr Tigg ſtieg dann graziös aus, ihm folgte ſein Sekretär, welcher zu ſolchen Zeiten immer ſehr unter⸗ thänig und reſpektvoll that. Der Portier ſtieg nun voran die Treppe hinauf, im Fortgehen rufend:„Mit Ihrer Erlaubniß, mit Ihrer Erlaubniß! Meine Herren, der Präſident des Kollegiums kommt!“ Auf gleiche Weiſe, nur noch viel lauter rufend, führte er den Präſidenten durch die gewöhnlichen Ge⸗ ſchäftszimmer, wo einige beſcheidene Clienten wegen Ge⸗ ſchäften anweſend waren, in ein prachtvolles Gemach, der Sitzungsſaal genannt; gleich nach ihrem Eintreten wurde die Thüre geſchloſſen und der große Kapitaliſt ſo den gemeinen Augen entzogen. 3 Der Boden des Sitzungszimmers war mit koſtbaren türkiſchen Teppichen belegt, ein kleiner Seitentiſch mit Herrn Tigg Montagues Portrait, ein ſehr imponirender Präſidentenſtuhl, geſchmückt mit einem Elfenbeinhammer, und einer kleinen Handglocke, ferner eine lange Tafel, welche mit bekleckstem Papier, mit Briefbogen, Federn, Schreibzeugen belegt war, machten deſſen Einrichtung aus. Nachdem der Präſident ſich mit großer Würde ge⸗ ſetzt hatte, nahm der Sekretär zu ſeiner Rechten Platz, während der Portier kerzengerade aufrecht hinter ihm ſtand, und vermöge ſeiner Weſte einen feurigen Hinter⸗ grund bildete. Dies war das Kollegium, und was ſonſt mehr davon geſagt wurde, war Erdichtung. „Bullamy!“ rief Herr Tigg. „Sir,“ erwiderte der Portier. „Sage dem Medicinalbeamten meine Komplimente, und ich wunſche ihn zu ſprechen.“ Bullamy räuſperte ſich und eilte zur Thüre hinaus, indem er ſchrie: „Der Präſident verlangt den ſehen! Mit Ihrer Erlaubniß da! M Bald darauf kehrte er mit dem genannten Beamten zurück, ſo oft die Thüre des Sitzungszimmers aufging, ſtreckten eine Menge Leute ihre Hälſe neugierig aus, oder ſtellten ſich auf die Zehen, um etwas von der Ver⸗ handlung in dem geheimnißvollen Zimmer zu erhaſchen. „Jobling, mein lieber Freund, wie geht es Ihnen? ſagte Herr Tigg.„Bullamy, warten Sie außen. Crimple Sie können bleiben. Mein wackerer Jobling, es freut mich Sie zu ſehen.“ „Und wie befinden Sie ſich, Herr Montague?“ fragte der Arzt, indem er ſich in einem Lehnſtuhle— alle Stühle des Sitzungszimmers waren Lehnſtühle— warf, und eine goldene Tabatière aus der Taſche ſeiner ſchwaxzen Atlasweſte zog.„Wie geht 87 Ein we⸗ 3 8 Medicinalbeamten zu it Ihrer Erlaubniß!“ 36 nig ermuͤdet von Geſchäften? Wenn das der Fall iſt, ſo ruhen Sie aus. Oder ein kleines Windſieber? Dann müſſen Sie freilich Waſſer trinken? Oder fehlt Ihnen nichts, ſind Sie ganz wohl; dann dürfen Sie ein Ga⸗ belfrühſtück einnehmen. O! es iſt ſehr heilſam, den Magen zu dieſer Tagszeit zu ſtärken, Herr Montague.“ Der Doktor, ebenderſelbe, der den armen alten An⸗ thony Chuzzlewit zu Grabe begleitet und Mrs. Gamps Patienten in dem Ochſen bedient hatte, lächelte indem er ſo ſprach, ſchnellte einige Schnupftabakskörner von ſeinen Buſenſtreifen und ſetzte hinzu:„Ich pflege, wie Sie wiſſen, immer in dieſer Stunde etwas zu mir zu nehmen.“ „Bullamy“ rief der Präſident und ſchellte mit der kleinen Glocke. „Sir!l⸗ 3 „Ein Gabelfrühſtück.“ „Doch hoffentlich nicht wegen mir?“ ſprach der Doktor.„Sie ſind zu gütig. Ich danke Ihnen, ich bin ganz beſchämt.“ „Ha, ha, wenn ich ein ſcharfer Praktikus wäre, mein lieber Herr Montague, hätte ich deſſen nur gegen ein Honorar erwähnt; denn, glauben Sie mir, mein theurer Sir, ſobald Sie dieſes Frühſtück nicht regel⸗ mäßig nehmen werden, kommen Sie bald in meine Hände. Erlauben Sie mir, dieſes zu erklären. In Herrn Crimple's Bein...“ 3 Der reſidirende Direktor machte, als er dieſes hörte eine unwillkührliche Bewegung mit ſeinem Fuße, der Doctor jedoch in der Hitze ſeiner Demonſtrationen ergriff ihn, legte ihn über den ſeinigen und that, als wenn er Luſt habe, ihn abzunehmen. „An Herr Crimple's Bein werden Sie es bemer⸗ ken,“ fuhr der Arzt fort, Davids Bein mit beiden Hän⸗ den umfangend,„da in Mr. Crimple's Kniegelenken, d. h. wo das Knie ſich an das Wadenbein anfügt, iſt eine gewiſſe Quantität thieriſchen Oeles.“ 37 „Warum ziehen Sie meinen Fuß ſo ſehr 24 fragte David mit einem ängſtlichen Geſichte auf ſein Bein ſehend.„Er iſt gerade ſo wie andere Füße; habe ich nicht recht?“ 1 „Kümmern Sie ſich darob nicht, mein lieber Sir, ob Ihr Fuß wie andere iſt, oder nicht,“ entgegnete der Doctor indem er ſeinen Kopf ſchüttelte. „Aber ich kümmere mich dennoch drum,“ rief David. „Herr Montague, ich nehme einen beſondern Fall an, um meine Bemerkungen genauer zu erklären;“ ſprach der Arzt.„Dieſer Theil von Herrn Crimple's Bein ent⸗ hält, wie geſagt, eine Menge thieriſchen Oels, und ebenſo hat auch jedes andere Gelenk mehr oder weniger von dieſem Oele in ſich. Wenn alſo Herr Crimple ſeine Mahlzeiten vernachläßigte, oder zu wenig ſchliefe, ſo würde dieß Oel ſchwinden und vertrocknen. Die Folge davon wäre, daß Herr Crimple's Beine zerknicken und er ſelbſt in Kurzem ein ſchwacher, elender, magerer, der Halle und in dem Kollegium und ſichern dadurch un⸗ ſere Stellung. Es iſt merkwürdig, wie wenig man im Allgemeinen über dieſe Gegenſtände weiß. Wo mei⸗ nen Sie z. B., daß Herrn Crimple's Magen liegt?" fragte der Doctor indem er ſein eines Auge zudruͤckte, ſich in die Lehne des Stuhles zurücklegte, und mit ſei⸗ nen beiden Händen einen Triangel bildete, deſſen Baſis die Daumen waren. Herr Crimple, jetzt noch mehr beunruhigt als zu⸗ vor beängſtigt, klopfte mit ſeiner Hand auf die Stelle unmittelbar unter ſeiner Weſte. 38 „Durchaus nicht! Durchaus nicht!“ ſchrie der Arzt. „Ein großer, ganz gewoͤhnlicher Mißgriff! Meine Herren, Sie ſind im Irrthum!“ „Ich fühle ihn bloß da, wenn er außer Ordnung gekommen iſt, und weiter weiß ich nichts von ihm,“ antwortete Herr Crimple. „Sie bilden ſich das ein, aber die Wiſſenſchaft lehrt uns Beſſeres,“ erwiederte der Doctor mit einem ſeiner vielen Ringe ſpielend und den Kopf nachläßig hängend.„Ich habe einmal einen Patienten gehabt, einen Gentleman, welcher mir die Ehre anthat, mich in ſeinem Teſtament, reichlich zu bedenken, indem er mir, wie er ſich ausdrückte, zum Lohn für den unermü⸗ deten Eifer, für die Talente und Anhänglichkeit ſeines Freundes und Arztes John Jobling, Esquire, Mitglied des königlichen Sanitäts⸗Kollegiums ein ſehr ſchönes Legat vermachte. Dieſem gab ich auch die Verſicherung, daß er ſich hinſichtlich eines ſo wichtigen Organs, ſei⸗ nes Magens, im Irrthum befinde, und ſchon dieſer Ge⸗ danke, während ſeines ganzen Lebens einen falſchen Begriff von dieſem wichtigen Theile gehabt zu haben, erſchütterte ihn ſo, daß er in Thränen zerfloß und aus⸗ rief:„Gotte ſegne Sie, Jobling!“ Kurz darauf ſtarb er und wurde in Brighton begraben!“ „Mit Ihrer Erlaubniß!“ ſchrie Bullamy draußen aus vollem Halſe.„Mit Ihrer Erlaubniß, Erfriſchun⸗ gen für den Sitzungsſaal.“ „Ha,“ ſprach der Doctor lachend, indem er ſich die Hände rieb und ſeinen Stuhl näher zu dem Tiſch rückte.„Die wahre Lebensverſicherung, Herr Montague, die beſte Police auf der Welt, mein theurer Sir, iſt die, wir müſſen ſorgſam ſeyn und, ſo oft wir können, eſſen und trinken.“: 4 „He! Herr Crimple, iſt's ſo recht?“ Der reſidirende Direktor willigte mürriſch ein, als ob die Befriedigung ſeines Magens ihm durch die Um⸗ ſtoßung ſeiner früheren Meinung, über deſſen Lage, jetzt 2 10ͤeee 39 ſchädlich würde. Aber das Erſcheinen des Portiers und eines andern Dieners, welcher ein mit einer ſchneewei⸗ ßen Serviette halb verdecktes Servirbrett trug, auf welchem ſich nach und nach gebratene Hühner, Einge⸗ machtes und kühlender Salat zeigten, ſtellte in kurzer Zeit ſeine Laune wieder gänzlich her und beſonders lachte er mit ganzem Geſichte bei der Ankunft zweier Flaſchen, von denen eine mit köſtlichem Madeira und die andere mit brauſendem Champagner gefüllt war. Praſident und Direktor ſprachen bald dem Mahle mit einem Appe⸗ tite zu, der dem des Arztes wenig nachgab. Das Frühſtück wurde koſtbar ſervirt, und der Reich⸗ thum an Silber, geſchliffenem Glaſe und Poreellan, welcher dabei herrſchte, ſchien zu erkennen zu geben, daß ein Prunk beim Eſſen und Trinken eine nicht un⸗ wichtige Beigabe zu dem Hauptgeſchäft der Anglo⸗Ben⸗ galiſchen Kompagnie ausmachte. Im Verlauf des Mahles wurde der Doktor immer fröhlicher und das Roth ſeines Geſichtes färbte ſich immer höher, jeder Biſſen, den er aß, jeder Tropfen den er trank, ſchien neuen Glanz über Naſe und Stirn zu verbreiten. In einigen gewiſſen Vierteln der City und in ihrer Nachbarſchaft war, wie wir ſchon einigermaßen geſehen haben, Herr Jobling als ein ſehr populärer Mann be⸗ kannt. Er hatte ein ſpitziges, vorſtehendes Kinn, und eine ſtarke Stimme, die mit einer eigenen Heiſerkeit, in manchen ihrer Töne, gleich einem Lichtſtrahle, der ſich in der rothen Flüſſigkeit des ausgeſuchten alten Burgunders bricht, in das Herz drang. Sein Halstuch und ſein Buſenſtreif war von dem glänzendſten Weiß, ſeine Kleider glänzend ſchwarz, die goldene Uhrkette ſchwer und die Petſchafte ungeheuer groß. Seine Stiefel, welche zu den glänzendſten gehörten, knarrten, wenn er ging. Beſſer als irgend jemand konnte er vielleicht den Kopf ſchütteln, die Hände reiben und ſich am Feuer wärmen, auch hatte er eine beſondere, großes Zutrauen erregende Weiſe mit den Lippen zu ſchmatzen, und„Ach!“ 1 — 4⁰0. zu ſagen, während ſeine Patienten ihre Leiden ausein⸗ anderſetzten. Er ſchien damit zu ſagen:„Ich weiß, was Sie im Begriffe ſind mir zu erzählen, beſſer, als Sie ſelbſt, aber fahren Sie nur fort!“ Da er bei jeder Gelegenheit ſprach, auch wenn er nichts zu ſagen hatte, war es allgemein bekannt, daß er voll Anekdoten ſteckte, und aus demſelben Grunde folgerte man, daß der Umfang ſeiner Erfahrungen und die daraus zu ziehenden Vortheile über alle Beſchrei⸗ bung erhaben ſeyen. Seine weiblichen Patienten konnten ihn nie genug loben und auch die kälteſten ſeiner männlichen Bewun⸗ derer ſagten zu ihren Freunden, daß, wie immer Joblings Berufsgeſchicklichkeit beſchaffen ſeyn möge(und man konnte nicht läugnen, daß er wirklich einen ſehr hohen Ruf genieße), doch eines beſtimmt ſey, daß er einen der komfortableſten Jungen ſey, die es je gegeben. Jobling war aus vielen Gründen, unter welchen wohl der letzte der nicht war, daß ihn ſeine Praris meiſtens mit Kaufleuten und deren Familien in Verbin⸗ dung brachte, ganz der rechte Mann, den die Anglo⸗ Bengaliſche Kompagnie als Sanitätsbeamten benützte. Aber Jobling, zu ſchlau, ſich in eine nähere Verbindung mit der Kompagnie einzulaſſen, als in die ihres bezahl⸗ ten, ihres gut bezahlten ärztlichen Rathgebers, ſuchte ſich nach Möglichkeit zu ſichern, daß dieſe Verbindung keine nachtheiligen Folgen nach ſich ziehe. Daher äußerte er ſich ſiets gegen einen fragenden Patienten über dieſen Gegenſtand auf folgende Weiſe: 3 „Nun, mein theurer Sir, in Hinſicht auf die Anglo⸗ Bengaliſche Kompagnie iſt die Auskunft, welche ich Ih⸗ nen ertheilen kann, wie Sie ſelbſt wiſſen, ſehr beſchränkt. Ich bin bloß Arzt und bekomme meine monatliche Be⸗ zahlung, der Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth;„Bis dat, qui cito dat“*) Jobling iſt ein Gelehrter, denkt *) Doppelt gibt, wer ſchnell gibt, 41 der Patient, ein beleſener Mann—„und ich erhalte mein Honorar regelmäßig. Darum halte ich mich auch verbunden, ſo weit mein Wiſſen geht, zum Beſten des Etabliſſements zu ſprechen.“— Nichts kann ehrlicher ſeyn, als Joblings ehrliches Benehmen, denkt der Kranke wieder, der ihm gerade ſeine Rechnung bezahlt hatte. —„Wenn Sie aber eine Frage über die Zahlungs⸗ fähigkeit oder über die Kapitalien der Geſellſchaft an mich richten, mein lieber Freund, ſo kann ich Ihnen keine Antwort darauf geben, denn ich habe kein Ge⸗ dächtniß für Ziffern, und da ich kein Theilhaber des Geſchäftes bin, ſo habe ich zuviel Zartgefühl, um auch nur die geringſte Neugierde über dieſe Gegenſtände zu zeigen.“— Zartgefühl— Ihre liebenswürdige Gemahlin würde gewiß mit mir übereinſtimmen, iſt eine der erſten Eigenſchaften eines Arztes.— Welches feine zarte Ge⸗ fühl dieſer Jobling hat, denkt der Patient.—„Nun gut, mein theurer Sir, jetzt wiſſen Sie, wie die Sachen ſtehen. Sie kennen Herrn Montague nicht? Das thut mir leid. Er iſt ein merkwürdig ſchöner Mann und in jeder Hinſicht ein Gentleman. Es iſt mir ſogar geſagt worden, er habe Beſitzungen in Indien. Das ganze Haus und Alles was ihm gehört, iſt prachtvoll; köſt⸗ liche Möbels, im reichſten und eleganteſten Style und Gemälde, welche, ſogar aus dem anatomiſchen Geſichts⸗ punkt betrachtet ausgezeichnet ſind. Im Falle Sie ein⸗ mal gedächten, in irgend eine Verbindung mit dieſer Kom⸗ pagnie zu treten, ſo dürfen Sie ſich auf mich verlaſſen, ich werde gewiſſenhaft ſagen, daß Sie ein geſundes Subjekt ſind. Wenn ich die Konſtitution irgend eines Menſchen kenne, ſo iſt es die Ihrige, und dieſe kleine Unpäßlichkeit dient mehr zu ihrer Befeſtigung, Maam,“ fuhr der Doktor ſich an des Patienten Gattin wendend fort,„als wenn er die Hälfte des unſinnigen Inhaltes meiner Apotheke verſchluckt hätte; denn aufrichtig geſagt, die Hälfte der Medicamente iſt Unſinn, für eine ſolche Leibesbeſchaffenheit, wie die ſeinige iſt.“— Jobling iſt 42 doch der aufrichtigſte Mann, den ich in meinem Leben geſehen habe, denkt der Patient wieder, und auf meine Ehre, ich will die Sache erwägen. „Doktor, Sie haben uns vier neue Polieen und ein Anlehen dieſen Morgen zugewieſen, he?“ rief Crimple, als das Frühſtück beendigt war, und er einige Papiere, welche der Portier hereingebracht hatte, durchſah.„Job⸗ ling, mein theurer Freund, Gott ſchenke Euch ein lan⸗ ges Leben!“ „Nein, nein, Unſinn! Auf mein Wort, ich maße mir nicht an, Ihnen jemand zuzuweiſen; das hieße Ihre Taſche beſtehlen! Ich habe hier niemand zu em⸗ pfehlen. Ich ſage nur, was ich weiß. Meine Pa⸗ tienten fragen mich, und ich ſage ihnen nur, was ich weiß, weiter nichts. Vorſicht iſt meine ſchwache Seite, und war es mir ſchon als Knabe, d. h. Vor⸗ ſicht in Betreff anderer Leute, ob ich jedoch nicht ſelbſt Zutrauen in dieſe Geſellſchaft ſetzen würde, wenn ich ſeit mehreren Jahren wo anders hin bezahlte, iſt eine ganz andere Frage.“ Er ſuchte ſich das Anſehen zu geben, als ob dieſes keinem Zweifel unterliege, da er aber fühlte, daß er ſeine Rolle nur ſehr mittelmäßig ſpielte, ſo änderte er das Thema und fing an, den Wein zu loben.„Da wir vom Wein plaudern,“ ſagte der Arzt,„ſo erinnere ich mich an ein Glas alten, hellen Portoweines, den beſten, den ich je getrunken habe, und dieß war bei einem Leichenmahle. Haben Sie nichts von dieſer Parthie geſehen, Herr Mon⸗ tague?“ ſprach der Arzt, ihm eine Karte einhändigend. „Er iſt doch hoffentlich nicht begraben?“ fragte Herr Tigg, indem er die Karte nahm.„Wenn dieſes der Fall iſt, ſo wäre die Ehre ſeiner Geſellſchaft nicht ſehr wünſchenswerth,“ „Ha! Ha!“ lachte der Doktor,„nein, nicht ganz, obgleich er ſehr nahe daran iſt!“— „O!“ ſagte Tigg, indem er ſeinen Schnurrbart ſtrich, und einen Blick auf den Namen warf.„Ich er⸗ innere mich! Nein, er iſt nicht da geweſen,“ e 8 N —R N Ao —— 60—— 4³ Kaum hatte er dieſes geſprochen, als Bullamy ein⸗ trat, und dem Arzte eine Karte überreichte. „Wir ſprachen von.... Wie heißt er doch?“ be⸗ merkte der Doltor aufſtehend. „Und er wird beſtimmt erſcheinen?“ fragte Tigg. „O! nein, Herr Montague,“ erwiederte der Arzt, „wir wollen das in dieſem Falle nicht ſagen, denn dieſer Gentleman iſt weit entfernt davon.“ „Um ſo beſſer,“ entgegnete Tigg;„je entfernter, deſto angenehmer für die Anglo⸗Bengaliſche. Bullamy, decken Sie den Tiſch ab, und tragen Sie die Ueberreſte zu einer andern Thüre hinaus. Herr Crimple, ein Geſchäft.“ „Soll ich ihn einführen?“ fragte Jobling. „Es wird mich außerordentlich freuen!“ antwortete Tigg, mit einem ſüßen Lächeln die Fingerſpitzen küſſend. eer Doktor verſchwand in dem äußern Zimmer und kehrte bald darauf mit Jonas Chuzzlewit zurück. „Herr Montague,“ ſprach Jobling,„Sie werden mir erlauben, Ihnen meinen Freund Chuzzlewit hiemit vorzuſtellen. Mein theurer Freund— unſer Präfident — Sie müſſen wiſſen, daß es einer der auffallendſten Beweiſe von der Macht des Beiſpiels iſt,“ fügte der Arzt hinzu, indem er mit außerordentlichem Scharffinn inne hielt, und lächelnd umherſchaute.„Ich ſage: unſer Präſident, und warum wohl, da er doch, wie Sie wiſſen, nicht mein Präſident iſt; denn ich ſtehe in keiner nähern Verbindung mit der Kompagnie, als daß ich ihr meine beſcheidene ärztliche Meinung für ein gewiſſes Honorar abgebe, gerade ſo, wie ich ſie jeden Tag Jack Noakes oder Tom Styles u. ſ. w. ſage. Aber warum meinen Sie wohl, daß ich unſer Präfident ſage? Einfach deßhalb, weil ich dieſe Phraſe immerwäh⸗ rend von andern höre; eine ſolche Gewalt übt die Ge⸗ wohnheit unwillkührlich über dieſen nachahmungsluſtigen Zweifüßler, Menſch genannt. Herr Crimple, ich glaube, Sie ſchnupfen nicht. Iſt nicht recht! Sie ſollten.“ 44 Während des Doktors Bemerkung und der darauf folgenden langen, ſchallenden Priſe ſetzte ſich Jonas ohne Einladung des Sprechers nieder, was für einen Mann von ſeinem Stande ſehr unmanierlich war. „Jetzt werden dieſe zwei Herrn Geſchäfte haben, wie ich vermuthe,“ ſagte der Doktor,„und ihre Zeit iſt koſtbar, ſo auch die meinige; denn verſchiedene Leben warten auf mich in dem nächſten Zimmer, und dann muß ich meine Runde machen. Da ich nun die Ehre gehabt habe, Sie gegenſeitig miteinander bekannt zu ma⸗ chen, kann ich meinen Geſchäften nachgehen. Gott be⸗ fohlen! Doch, Herr Montague, erlauben Sie mir, ehe ich gehe, Ihnen etwas über meinen Freund, welcher an Ihrer Seite fitzt, zu ſagen: Dieſer Gentleman hat— er klopfte feierlich auf ſeine Doſe— mehr als irgend ein Geſtorbener oder Lebender dazu beigetragen, mich mit der menſchlichen Natur zu verſöhnen. Gott be⸗ fohlen!“ Mit dieſen Worten eilte Jobling aus dem Zimmer und trat in ſeinen eigenen Geſchäftskreis über, um dem auf ihn harrenden Leben einen Begriff von ſeiner großen Gewiſſenhaftigkeit in Erfüllung ſeiner Pflichten und von der Schwierigkeit eines Eintritts in die Anglo⸗Benga⸗ liſche Geſellſchaft beizubringen. Er fühlte Pulſe, be⸗ trachtete Zungen, horchte an den Rippen, klopfte auf die Bruſt und that dergleichen mehr. Wenn er übrigens nicht bereits zum Voraus überzeugt war, daß die Anglo⸗ Bengaliſche jede Gattung von Leben unbedingt annahm, ſo war er fern davon, jener Jobling zu ſeyn, für die ihn ſeine Freunde hielten. Er war nicht der Original⸗ Jobling, ſondern nur noch eine ſchwache Nachahmung. Herr Crimple ging nun auch an ſein Morgenge⸗ ſchäfte, und Jonas Chuzzlewit und Tigg blieben allein. „Ich höre von unſerem Freunde,“ ſprach Tigg, in⸗ dem er ſeinen Stuhl näher zu Jonas rückte,„Sie ge⸗ denfen....“ „O, dann hat er Ihnen nicht recht geſagt!“ rief X ESESESg AUEN U— A A n ðU —1. 45 Jonas.„Ich theilte ihm meine Gedanken gewiß nicht mit. Wenn er ſich in den Kopf ſetzte, daß ich aus dieſem oder jenem Grunde hieher komme, ſo iſt das ſeine Sache. Ich ſtehe nicht dafür ein.“ Jonas ſprach dieſe Worte in einem beleidigenden Tone, denn abgeſehen von ſeinem gewohnten mißtraui⸗ ſchen Charakter lag es in ſeiner Natur in demſelben Grade, in welchem er dem Einfluſſe ſchöner Kleider und prachtvollen Möbel nicht hatte widerſtehen können, ſich wägung vorlegen zu laſſen, ſo bin ich noch zu nichts verpflichtet. Laſſen Sie uns hören, was Sie wiſſen!“ „Mein theurer Freund,“ rief Tigg, indem er ihn auf die Schultern klopfte,„ich lobe Ihre Offenheit. ſenn Männer gleich vom Anfang an frei zuſammen ſprechen, werden alle, möglichen Mißverſtändniſſe ver⸗ mieden. Warum ſollte ich Ihnen auch verheimlichen, was lich iſt, indem wir unſer Neſt doppelt füttern, das Ihrige auch, obgleich nur mit einer einfachen Beklei⸗ dung, zu verſehen. O! Sie ſind in unſer Geheimniß eingedrungen. Sie ſtehen hinter den Couliſſen. Wir wollen uns ein Verdienſt daraus machen, ehrlich gegen Sie zu ſeyn, weil wir wiſſen, daß wir nicht anders können.“ Schon damals, als wir den Herrn Jonas das erſtemal einführten, wurde bemerkt, daß es eben ſo gut eine Einfalt der Verſchmitztheit, als eine Einfalt der Unſchuld gibt, und daß Jonas in allen Dingen, 46 welche einen Glauben an Spitzbüberei in ſich faßten, der leichtgläubigſte aller Menſchen war. Wenn daher Herr Tigg irgend eine hohe Ehrenhaftigkeit zur Schau getragen hätte, ſo würde Jonas Verdacht auf ihn ge⸗ worfen haben, und wenn er auch der chriſtlichſte Mann der Welt geweſen wäre; ſo aber, als er auf die Weiſe, in welcher Jonas von jedem Dinge und von jedem Menſchen dachte, einging, erſchien Montague ihm als ein angenehmer Burſche, zu dem man frei ſprechen dürfe. Herr Chuzzlewit änderte ſeine Stellung in ſei⸗ nem Stuhle, ſie wurde nicht weniger linkiſch, wohl aber etwas prahleriſcher, und ſagte in ſeinem erbärm⸗ lichen Eigendünkel lächelnd: „Sie ſind kein übler Geſchäftsmann, Herr Mon⸗ tague, ich meine, Sie wiſſen etwas anzufangen?“ „Stille, ſtille,“ antwortete Tigg, indem er zuver⸗ ſichtlich nickte und ſeine weißen Zähne zeigte.„Wir ſind keine Kinder mehr, ſondern erwachſene Männer, Herr Chuzzlewitt.“ Jonas pflichtete bei und ſagte nach einem kurzen Stillſchweigen, indem er die Beine ausſtreckte und ei⸗ nen Ellenbogen aufſtemmte, um zu zeigen, wie voll⸗ kommen er hier zu Hauſe ſey:„Die Wahrheit iſt .4. „Sagen Sie nicht die Wahrheit,“ unterbrach ihn Tigg, auf's Neue die Zähne fletſchend.„Es lautet beinahe wie ein Schwank.“— Höchlich erfreut hierüber, begann Jonas wieder: „Das Lange und das Kurze daran iſt....“ „Beſſer, viel beſſer!“ murmelte Tigg. „— Daß ich mich von einer oder zweien Kom⸗ pagnien, mit welchen ich Geſchäfte hatte, nicht gut ver⸗ ſorgt ſah; ich ſage, daß ich mit ihnen zu thun gehabt habe. Sie beanſtandeten Dinge, wozu ſie kein Recht hatten, warfen unbefugter Weiſe Fragen auf und tru⸗ gen ihre Naſen viel zu hoch für meinen Geſchmack.“ Als er dieſe Bemerkungen gemacht hatte, ſchlug 47 er ſeine Augen nieder und ſah neugierig auf den Tep⸗ pich. Herr Tigg betrachtete Herrn Chuzzlewitt eben⸗ falls neugierig. Jonas machte eine ſo lange Pauſe, daß ihm Herr Tigg zu Hülfe kam und auf die freund⸗ lichſte Weiſe fragte; „Iſt Ihnen nicht ein Glas Wein gefällig?“ „Nein, nein!“ erwiederte Chuzzlewit, den Kopf ſchüttelnd,„nichts dergleichen, danke Ihnen, keinen Wein bei Geſchäften, dies Alles iſt recht gut für Sie, aber taugt nichts für mich.“ „Was für ein alter Schlaukopf Sie ſind, Herr Chuzzlewit!“ ſagte Tigg in ſeinem Stuhle zurückleh⸗ nend, und ihn mit halbgeſchloſſenen Augen betrachtend. „Sie haben Recht,“ ſagte Jonas, abermals den Kopf ſchüttelnd, dann fuhr er ſcherzhaft fort:„Kein ſo alter Schlaukopf, daß ich nicht noch hingegangen wäre und mich verheirathet hätte, das ſcheint Ihnen etwas gelbſchnablig zu ſeyn. Vielleicht iſt es ſo, weil meine Frau noch jung iſt. Doch weiß man nie, was dieſen Weibern zuſtoßen kann, und darum bin ich im Begriffe, ihr Leben verſichern zu laſſen. Es iſt nur billig, daß, wie Sie ſelbſt wiſſen, ſich ein Mann für den Fall, daß ihm ein ſolches Loos zu Theil werden ſollte, einigen Troſt ſichere.“ „Wenn ihn etwas unter ſolchen herzbrechenden Um⸗ ſtänden zu tröſten vermag,“ murmelte Tigg, noch im⸗ mer mit halbgeſchloſſenen Augen. „Recht, wenn irgend etwas im Stande iſt,“ ver⸗ ſetzte Jonas.„Nun, geſetzt, ich würde dieſes hier thun, ſo käme ich, ich weiß es, leicht und ſchnell weg, ohne ihr etwas davon merken zu laſſen, denn wüßte ich das, ſo ließe ich es lieber gehen, da es die Art der meiſten Weiber iſt, ſo bald man von ſolchen Din⸗ gen ſpricht, ſich in den Kopf zu ſetzen, daß ſie augen⸗ blicklich ſterben müſſen.“ „So iſt es,“ rief Tigg, indem er eine Kußhand 48 dem ganzen Geſchlechte zuwarf.„Suße, ſchwache, flat⸗ terhafte Weſen! Sie haben ganz recht.“ „Gut,“ ſagte Jonas,„deßwegen alſo, und weil ich auf der andern Seite angeführt worden bin, wäre ich geneigt, zu dieſer Geſellſchaft meine Zuflucht zu nehmen! Aber ich verlange zu wiſſen, welche Art Bürgſchaft gegeben iſt, daß die Kompagnie Beſtand hat, das iſt die....“ „Doch nicht die Wahrheit?“ ſchrie Tigg, ſeine von Juwelen bedeckte Hand erhebend.„Gebrauchen Sie doch dieſen Ausdruck eines Sonntagsſchülers nicht.“ „Das Lange und Kurze daran iſt, welche Sicher⸗ heit habe ich?“ „Die eingezahlten Kapitalien, mein theurer Sir,“ ſprach Tigg und deutete auf einige Papiere, welche auf den Tiſche lagen,„belaufen ſich in dieſem Augen⸗ licke....⸗ „O, ich verſtehe wohl, welche Bewandtniß es mit den eingezahlten Kapitalien hat!“ verſetzte Jonas. „Sie kennen ſie!“ rief Tigg kurz abbrechend. „Das glaube ich.“ Er that die Papiere zurück und etwas näher zu Jonas rückend, flüſterte er ihm in's Ohr: „Ich weiß, Sie verſtehen es. Ich weiß, Sie ver⸗ ſtehen es. Sehen Sie mich an!“ Es lag ſonſt nie in Jonas Natur, jemand gerade anzuſehen; doch da er dazu aufgefordert wurde, gab er ſich Mühe, eine mittelmäßige Ueberſicht von des Präſidenten Zügen zu bekommen; derſelbe lehnte ſich ein wenig zurück, um es ihm zu erleichtern. „Sie kennen mich,“ ſprach Tigg, die Augenbrau⸗ nen zuſammenziehend,„Sie erinnern ſich, mich ſchon einmal geſehen zu haben?“ „Ei, ſogar ſchon bei meinem Eintreten kam mir Ihr Geſicht ſo bekannt vor,“ antwortete Jonas, den Präſtdenten mit noch mehr Aufmerkſamkeit betrachtend, naber ich kann mich nicht entſinnen, wo ich mit Ihnen — ε 8 49 zuſammengetroffen ſeyn ſollte. Nein, auch jetzt fallt es mir nicht ein. War es wohl auf der Straße?“ „Denken Sie nicht mehr an Pecksniffs Beſuchzim⸗ mer?“ fragte Tigg. „In Pecksniffs Beſuchzimmer!“ entgegnete Jonas, tief Athem holend.„Meinen Sie nicht als...“ „Ja,“ rief Tigg,„als daſelbſt eine fröhliche, kleine Familiengeſellſchaft war, welche auch Sie und Ihr werther Vater durch Ihre Gegenwart verſchönerten.“ „O! Ich bitte, erwahnen Sie ſeiner nicht mehr, denn er iſt todt, und wozu die alte Sauce immer wie⸗ der aufwärmen?“ „Todt iſt er?“ ſchrie Tigg;„der unvergleichliche Alte iſt wirklich geſtorben? Sie gleichen ihm ſo ſehr, Herr Chuzzlewit.“ Jonas empfing dieſe Komplimente nicht mit der beſten Miene, vielleicht in Folge ſeiner eigenen An⸗ ſichten über das verſönliche Aeußere ſeines verſtorbe⸗ nen Erzeugers, vielleicht auch, weil er nicht ſo erfreut war, zu finden, daß Montague und Tigg eine Perſon ſeyen. Der Präſident bemerkte es ſogleich, zupfte ihn mit größter Vertraulichkeit an dem Aermel und führte ihn an das Fenſter. Von dieſem Augenblicke an ließ Herr Montagne Heiterkeit und Frohſinn in ganz unge⸗ wöhnlicher Weiſe ſtrömen. „Finden Sie mich ſeit der Zeit, in welcher wir uns nicht mehr geſehen haben, ſo ganz verändert?“ ſagte er.„Sprechen Sie aufrichtig!“ Jonas betrachtete ſeine Weſte und Juwelen und antwortete: „Beinahe gauz!“ „Habe ich wohl guten Saamen in dieſen Tagen ausgeſtreut?“ ſprach Montague. „Koſtbaren Saamen,“ verſetzte Jonas. Herr Montague deutete nun durch das Fenſter Boz, Chuzzlewit. IV. 4 5⁰ auf die Straße, wo Bailey mit dem Cabriolete ihn erwartete. „Schön, vielleicht prächtig. Wiſſen Sie, wem dieſes gehört?“ „Nein!“ „Mir! Gefällt Ihnen dieſes Zimmer?“ „Es muß einen guten Theil gekoſtet haben,“ ſagte Jonas. „Da haben Sie recht. Es iſt auch mir.“ „Warum wollen Sie denn nicht lieber....“ flü⸗ ſterte er ihm etwas in das Ohr, und ſtieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite.„Warum wollen Sie nicht lieber Prämien nehmen, ſtatt ſie zu bezahlen. Das iſt es, was ein Mann, wie Sie, thun ſollte. Verbinden Sie ſich mit uns!“ Jonas ſah ihn mit großen Augen an; er wußte nicht, wo ihm vor Staunen der Kopf ſtand. „Halten Sie das für eine lebhafte Straße?“ fragte Montague, ſeine Aufmerkſamkeit weiter auf die Vorüber⸗ gehenden richtend. „O, ſie iſt außerordentlich lebhaft,“ antwortete Jonas, bloß einen flüchtigen Blick hinaus werfend, und die Augen dann wieder auf den Fragenden zurück⸗ wendend. „Es gibt gedruckte Berechnungen, welche Ihnen genau ſagen werden, wie viele Menſchen im Laufe des Tages hier vorbeigehen. Ich kann Ihnen auch ſagen, wie viele von ihnen in dieſes Haus kommen, bloß weil ſie dieſes Büreau da finden; aber ſonſt wiſſen ſie ſo wenig von uns, als von den Pyramiden. Ha, ha! Verbinden Sie ſich mit uns, Sie werden großen Vor⸗ theil haben.“ Jonas betrachtete ihn immer ſchärfer und näher. „Ich kann Ihnen auch genau angeben, wie Viele Leibrenten kaufen, ihr Leben verſichern, und uns ihr Geld auf hunderterlei Wegen und Arten bringen, es uns aufnöthigen, und uns vertrauen, als wenn wir ——— ihn em — 51 ſelbſt das Münzamt wären; und doch wiſſen ſie nicht ſo viel von unſern Verhältniſſen, als Sie von dem Barchentweber an der Ecke dort. Ha! ha!“ Jonas verzog nach und nach ſein Geſicht zum Lachen. „Ha,“ rief Montague und gab ihm einen ſcherz⸗ haften Schlag auf die Bruſt.„Sie ſind zu ſchlau für uns, Sie loſer Kamerad, ſonſt würde ich Ihnen auch nicht das Alles geſagt haben. Speiſen Sie morgen in Pall Mall!“ „Ich will,“ ſagte Jonas. „Topp!“ ſchrie Montague.„Warten Sie noch ein wenig, nehmen Sie dieſe Papiere und leſen Sie ſie durch. Sehen Sie,“ ſprach er, einige gedruckte For⸗ mulare vom Tiſche nehmend,„B. iſt ein kleiner Han⸗ delsmann, ein Schreiber, ein Pfarrer, ein Künſtler, ein Schriftſteller und was Sie ſonſt noch haben wollen.“ „Ja,“ antwortete Jonas und blickte neugierig über Tiggs Schulter.„Nun?“ „B. verlangt ein Anlehen von 50 oder 100 Pfund, vielleicht auch mehr, doch dies macht nichts zur Sache. B. ſchreibt einen Schuldſchein und ſtellt zwei gute Bürgen auf. B. wird angenommen. Zwei gute Bür⸗ gen geben eine Obligation. B. verſichert ſein eigenes Leben für die doppelte Summe, und bringt auch ein Paar Freunde mit.— Nur um das Geſchäft in Auf⸗ nahme zu bringen— ha, ha, ha! Iſt das nicht ein guter Gedanke?“ „Allen Reſpekt davor, das iſt ein Kapitalgedanke!“ rief Jonas;„aber geht es wirklich auch ſo?“ „Ob es geht?“ entgegnete der Präſident.„B. iſt in der Noth, und da iſt er zu Allem bereit, mein lieber Freund; begreifen Sie das nicht? Es iſt mein Gedanke!“ „Er macht Ihnen Ehre. Ich will des T— ſeyn, wenn es mich nicht zieht,“ verſetzte Jonas. „Ich glaube es auch,“ antwortete Tigg,„und bin . 4* 52 ſtolz darauf, Sie ſo ſprechen zu hören. B. bezahlt die höchſten geſetzlichen Intereſſen.“ „Dieſe ſind nicht hoch,“ antwortete Jongs. „Richtig, ganz richtig!“ erwiederte Tigg,„und hart iſt es von Seite des Geſetzes, daß es uns arme Opfer ganz darniederdrücken will, während es ſelbſt ſo erſtaunlich gute Intereſſen von allen ſeinen Elienten für ſich einnimmt. Aber die Mildthätigkeit beginnt zu Hauſe und die Gerechtigkeit bei dem Nachbar. Gut denn, das Geſetz iſt ſtrenge gegen uns, deshalb ſind wir nicht milde gegen B. Ueber die gewöhnlichen Intereſſen erhalten wir noch B's und ſeiner Freunde Prämien, dann machen wir noch B. Rechnungen für die Obligation, und ob wir ihn annehmen oder nicht, ſo erhält er ſeine Rechnung für Nachfragen(wir hal⸗ ten nämlich einen Mann für ein Pfund wöchentlich, der ſie anſtellt) und hat dem Sekretär eine Kleinigkeit zu bezahlen. Kurz, mein lieber Freund, B. iſt ganz in unſerer Gewalt, und wir machen uns ein ziemlich proſttables Kapitälchen aus ihm, ha, ha, ha! Ich ſpanne B. tüchtig ein, und er iſt ein äußerſt gutes Pferd,“ ſprach Tigg und deutete auf das Cabriolet. „Ha, ha, ha, ha!“ Jonas freute ſich außerordentlich über dieſen Scherz, denn er paßte ganz beſonders zu ſeinem Charakter und zu ſeiner Art, humoriſtiſch zu ſeyn. „Dann,“ fuhr Tigg Montague fort,„verkaufen wir Leibrenten unter den allerniedrigſten und vortheil⸗ hafteſten Bedingungen, die auf dem Geldmarkte zu fin⸗ den ſind, und die alten Damen und Herren in der» Provinz kaufen ſie gerne! ha, ha, ha! und wir bezah⸗ len ſie auch— vielleicht— ha, ha, ha!“. „Aber dabei hat man Verantwortungen auf ſich,“ ſagte Jonas mit bedenklicher Miene. „Alles nehme ich auf mich!“ rief Tigg.„Ich bin allein für Alles verantwortlich, die einzige verantwort⸗ liche Perſon im ganzen Ctabliſſement, ha, ha, ha!* 53³ Dann haben wir die Lebensverſtcherung ohne Anlehen, die gewöhnlichen Policen! Aeußerſt profitabel, ſehr komfortabel. Jedes Jahr fließen wiederholt neue Gel⸗ der herein, ein Kapitalſpaß!“ „Aber wenn die Kapitalien anfangen fällig zu werden?“ bemerkte Jonas.„Das Alles iſt recht gut, ſo lang das Geſchäft noch jung iſt, doch wenn die Ver⸗ ſicherten anfangen zu ſterben? Das iſt, woran man denken muß.“ „Ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort,“ ſprach Tigg Montague,„daß ich auf das kleinſte Eigenthum Geld aufnahm und ganz allein, mit einem großen Piano in der Welt ſtand. Und dieſes dazu noch ein aufrechtſtehendes, daß ich mich nicht einmal darauf ſetzen konnte. Aber, beſter Freund, wir brachten uns vorwärts. In derſelben Woche gaben wir eine große Menge neuer Policen aus(natürlich auf eine ſchöne Gebühr für die Sachverwalter) und ſo waren wir im Augenblick darüber hinweg. Wenn es aber einmal ein⸗ zufallen anfängt, was ſeiner Zeit der Fall ſeyn wird, wie Sie ganz richtig bemerkten, dann....“ Hier führte er das Geſpräch in ſo leiſem, flüſtern⸗ dem Tone fort, daß nur ein einziges, unzuſammenhän⸗ gendes Wort, und ſelbſt dieſes nicht einmal deutlich gehört wurde. Aber es lautete ungefähr wie„durch⸗ gebrannt.“ „Ei ei, Sie ſind ſo keck wie Erz,“ ſagte Jonas in äußerſter Verwunderung. „Wenn es gilt, werthvolles Metall zu gewinnen, kann ein Mann wohl ſo etwas wagen,“ rief der Präſi⸗ dent mit ſo lautem Gelächter, daß es ihn vom Kopfe bis zum Fuße erſchütterte. *„Sie werden morgen mit mir diniren.“ „Um welche Zeit?“ fragte Jonas. „Um ſieben Uhr. Hier iſt meine Karte. Nehmen Sie dieſe Dokumente. Ich ſehe ſchon, wir werden einen * neuen Compagnon bekommen.“ 54 „Ich weiß noch nichts davon,“ antwortete Jonas. „Hierbei gibt es ſo Vieles zu erwägen.“ „Sie werden ſich ſchon beſinnen,“ ſprach Montague, ihm auf die Schulter klopfend,„Sie ſollen von Allem Einſicht erhalten, was Ihnen wünſchenswerth ſcheint. Aber ich bin feſt überzeugt, daß Sie ſich mit uns ver⸗ binden werden. Sie ſind ganz dazu geſchaffen. Bullamy!“ Dieſem Rufe und der kleinen Handglocke Folge leiſtend, erſchien die rothe Weſte. Als ihr der Auftrag ertheilt worden war, Jonas zu geleiten, ging ſie vor⸗ aus, und die in ihr ſteckende Stimme rief, wie gewöhn⸗ lich:„Mit Erlaubniß! Mit Erlaubniß! Ein Gentleman aus dem geheimen Sitzungszimmer.“ Herr Montague, welcher allein zurückgeblieben war, ſann einige Augenblicke nach und rief dann, aus vollem Halſe: „Iſt Nadgett in der Nähe.“ „Hier iſt er, Sir?“ Bei dieſem Worte trat er hurtig in das Zimmer und ſchloß die Thüre ſo feſt hinter ſich, als wäre er im Begriffe, einen Mord zu verabreden. Dies war der Mann, welcher wöchentlich um ein Pfund die Erkundigungen einzog. Es war weder eine Tugend, noch ein Verdienſt Nadgetts, daß er alle ſeine Geſchäfte, die ſich auf die Anglo⸗Bengalic bezogen, geheim und mit der größten Verſchloſſenheit verrichtete, denn er war geboren, ein Geheimniß zu ſeyn. Er war ein kleines, mageres, ausgetrocknetes, weißes, altes Männchen, welches ſogar ſein Blut verborgen zu haben ſchien, denn Niemand glaubte, daß ſechs Unzen dieſer Flüſſigkeit in ſeinem ganzen Körper ſeyen. Wie und wo er lebte, war Geheimniß, und ebenſo auch was er that und wo er wohnte. In einem alten abgenutzten Taſchenbuche führte er verſchiedene Karten; in der einen nannte er ſich Kohlen⸗ händler, in der andern Kommiſſionär, wieder eine an⸗ dere bezeichnete ihn als einen Kollekteur oder als einen 5⁵ Einnehmer, als einen Weinhändler, oder als einen Rechnungsführer, faſt als ob er ſich ſelbſt ein Geheim⸗ niß ſey. Immer hatte er Beſtellungen in der City, und immer ſchien der beſtellte Mann nicht zu kommen. Er pflegte ſtundenlang vor der Börſe zu ſitzen und jeden Menſchen, der aus und einging, zu betrachten, das nämliche that er auch in Garraway und in andern Zimmern für Geſchäftsleute, wo man ihn öfters ein naſſes Sacktuch trockknen und auf den Mann warten ſehen konnte, der immer nicht kam. Er hatte ein ſchmutziges und zerriſſenes Anſehen, immer Faſern in ſeinen Kleidern, und hielt ſein Hemde durch das Zu⸗ knöpfen ſeines Rockes verſteckt, daß man faſt an dem Daſeyn deſſelben zweifelte, und vielleicht waren dieſe Zweifel auch nicht ungegründet. Er trug einen einzigen beſchmutzten Biberhandſchuh, den er um den Zeigefinger, gehend oder ſitzend, immer hin und herſchwankte, deſſen Kamerad aber auch ein Geheimniß war. Einige Leute behaupteten, daß er Bankerott gemacht habe, andere, daß er ſchon als Kind in einen Prozeß verwickelt wor⸗ den ſey, der noch immer unentſchieden; doch dieſes Alles waren nur Vermuthungen. Er führte verſchiedene Stückchen Siegelwachs und ein altes Petſchaft mit hieroglyphiſchen Zeichen und räthſelhaft überſchriebene Briefe in ſeiner Taſche. Letztere ſchienen aber Niemand überliefert zu werden; denn er pflegte ſie an einem ge⸗ heimen Orte ſeines Ueberrocks zu verſtecken, und ſie nach einigen Wochen zu ſeinem eigenen Erſtaunen ſich ſelbſt ganz vergelbt zu übergeben. Er war einer von jenen Männern, von welchen, mögen ſie nach ihrem Tode zwei Millionen oder zwei Heller hinterlaſſen, Alles ſagen würde:„gerade dieſes und ſonſt nichts habe man von ihm erwartet.“ Und doch gehörte er zu einer Menſchenklaſſe, die beſonders der City eigenthümlich, die unter ſich ſelbſt ſo geheimnißvoll iſt, wie unter der übrigen Menſchheit. „Herr Nadgett!“ redete ihn Montague an, indem 56 er Jonas Chuzzlewits Adreſſe von einer Karte, die auf dem Tiſche lag, abſchrieb.„Einige Auskunft über die⸗ ſen Mann! Ich würde ſehr zufrieden ſeyn, ſie zu er⸗ halten, welcher Art ſie auch ſeyn moge. So viel Sie nur im Stande ſind, darüber zu erfahren, bringen Sie mir, bringen Sie nur mir, Herr Nadgett.“ 2 Nadgett ſetzte ſeine Brille auf und betrachtete den Namen genau, dann ſah er über die Gläſer hinweg den Präſidenten an und verbeugte ſich; hierauf nahm er die Brille wieder ab, ſteckte ſie in das Futteral und fuhr damit in die Taſche; nachdem dies vorüber war, ſah er das Papierchen noch einmal ohne die Augen⸗ waffe an, und während dem holte er das Taſchenbuch ohngefähr aus der Mitte ſeines Rückgrates hervor. Es war groß und mit Papieren angefüllt, aber er fand doch noch ein leeres Plätzchen für dieſen Na⸗ men, worauf die Brieftaſche ſorgfältig zugemacht wurde, und mittelſt eines wahren Taſchenſpieler⸗Coups wieder an die alte Stelle entſchwand. Er entfernte ſich mit einer zweiten tiefen Verbeu⸗ gung und ohne ein Wort zu ſprechen. Die Thüre öff⸗ nete er nur ſo weit, daß der Ausgang gerade groß genug für ſeine Perſon war, und dann ſchloß er ſie wieder ſorgfältig. Der Präſident brachte den Reſt des Morgens da⸗ mit zu, daß er verſchiedene neue Anmeldungen zu Leib⸗ renten und Lebensverſicherungen mit ſeinem Namen unterzeichnete. Die Companie durfte wohl den Kopf hoch tragen, denn es ſtrömte von allen Seiten luſtig herbei. ͤA 57 Drittes Kapitel. Herr Montague zu Hauſe, und Herr Jonas Chuzzlewit zu Hauſe. Viele wichtige Gründe waren vorhanden, die Herrn Jonas Chuzzlewit zu Gunſten des Planes ſtimmten, welchen deſſen Urheber ihm ſo offen und keck mitgetheilt hatten; jedoch waren drei Punkte unter ihnen, die ihm beſonders einleuchteten. Nämlich erſtens war Geld zu gewinnen; zweitens hatte das Geld, welches ſo ſchlau auf Koſten Anderer errungen wurde, ſeinen eigenen Reiz; drittens war mit dem ganzen Plane Auszeichnung und ein Anſpruch auf Ehrerbietigkeit und Achtung verbunden. Ein Kollegium iſt eine Ehrfurcht erweckende Inſtitution in ſeiner Umgebung, und ein Direktor ein mächtiger Mann.„Einen ungeheuren Gewinn machen, viele Leute befehlen zu können, und durch daſſelbe Mittel in den Stand geſetzt zu werden, immer in guter Geſellſchaft zu ſeyn, das ſind keine ſo üblen Ausſichten,“ dachte Jonas bei ſich ſelbſt. Dieſe letzteren Betrachtungen waren jedoch bloß Fol⸗ gen ſeines Geizes; denn da er ſich wohl bewußt war, daß in ſeiner Perſon, in ſeinem Betragen und Charakter nichts liege, was Ehrfurcht gebieten könnte, dürſtete er nach Gewalt, und war in ſeinem Herzen ein größerer Tyrann, als mancher mit Lorbeeren bekränzter Eroberer in der Geſchichte. 1 Er beſchloß jedoch, mit Vorſicht und Verſchlagen⸗ heit ſeine Beobachtungen über die Verhältniſſe von Herrn Montagues Privat⸗Etabliſſement anzuſtellen. Denn es fiel dieſem ſeichten Kopf nicht ein, daß Herr Montague ihn nicht eingeladen haben würde, ehe er noch ſeine Ent⸗ ſcheidung ausgeſprochen, wenn er der Meinung geweſen, daß Jonas Geiſt den ſeinigen auch nur im Geringſten übertreffen könnte, wenn er deſſen Nachforſchungen zu fürchten gehabt hätte. Er hatte gleich im Anfange ge⸗ 58 8 ſagt, daß Jonas zu ſcharffinnig für ihn ſey und Jonas, welcher genug Witz beſaß, ihm nicht Alles, ſelbſt auf Eide, zu glauben, hielt nur dieſes erſtere für wahr. Als die bezeichnete Stunde erſchien, klopfte Jonas mit bangem Herzen und doch wieder mit einem ſchwachen Verſuche von Großthuerei an ſeines Freundes Thür in, Pall Mall. Herr Bailey antwortete ſchnell auf dieſe Aufforderung, eer war nicht ſtolz, ſondern gütig, herab⸗ laſſend gegen Jonas, aber dieſer hatte ihn vergeſſen. „Iſt Herr Montague zu Hauſe?“ „Ich ſollte es hoffen, daß er zu Hauſe iſt, und auch das Mittagseſſen wartet,“ ſprach Bailey im Tone einer alten Bekanntſchaft.„Wollen Sie Ihren Hut mit hin⸗ aufnehmen oder ihn hier laſſen?“ Herr Jonas zog vor, ihn unten abzulegen. „Sie führen noch den alten Namen, wie ich ver⸗ muthe?“ fragte Bailey grinſend. Jonas ſah ihn mit ſtummer Verwunderung an. 4 „Was, Sie erinnern ſich nicht mehr der alten Mut⸗ ter Todgers!“ fuhr Bailey mit ſeinem Geberdenſpiel zwiſchen Knie und Stiefel fort.„Sie erinnern ſich nicht mehr, wie ich Ihre Karte den beiden ſchönen Frauen⸗ zimmerchen hinauftrug, als Sie kamen, ihnen den Hof zu machen. War das nicht eine vortreffliche alte Woh⸗ nung? Aber die Zeiten haben ſich geändert; iſt's nicht ſo? Ich muß Sie anſtaunen und ſagen, wie ſchön Sie gewachſen ſind!“. Ohne eine Erwiderung auf dieſes Kompliment ab⸗ zuwarten, führte er den Gaſt die Treppe hinauf, und nachdem er ihn angemeldet hatte, zog er ſich mit einem 8 pfiffigen Winke zurück. Von dem unteren Theile des Hauſes hatte ein wohl⸗ habender Mann Beſitz genommen, während der ganze obere Stock Herrn Montague gehörte, und prachtvolle Zimmer enthielt. Das Gemach, in welchem er Jonas empfing, war äußerſt elegant und geſchmackvoll eingerich⸗ tet. Herrliche Gemälde, prächtige Möbel, Marmor⸗ und„ ——ͤ—— 59 Alabaſter⸗Statuen, chineſtſche Vaſen, ſcharlachrothe Ta⸗ peten, reich mit Silber verziert, hohe Spiegel, vergoldete Schnitzwerke, Sophas und koſtbare Seltenheiten, von je⸗ der Gattung in großer Menge vorhanden, nachläſſig hin⸗ geſtellt, dienten nur dazu, deſſen Glanz zu erhöhen. Die außer Jonas anweſenden Gäſte waren der erwähnte Dok⸗ tor, der erwählte Direktor, und noch zwei andere Gentle⸗ mens, welche Montague auf gebührende Weiſe vorſtellte. „Mein theurer Freund, ich bin erfreut Sie zu ſehen. Ich glaube, Jobling kennen Sie?“ „Ich denke es auch,“ ſagte Jobling luſtig, indem er aufſtand, ihm die Hand zu drücken. „Ich glaube, daß ich die Ehre habe. Befinden Sie ſich wohl, mein theurer Sir? Ganz wohl? das iſt recht ſchön!“ „Herr Wolf,“ ſprach Montague, ſobald der Doktor ihm erlaubte, die zwei andern vorzuſtellen;„Herr Chuzz⸗ lewit. Herr Pip, Herr Chuzzlewit.“ Beide Herren fühlten ſich außerordentlich glücklich, daß ihnen die Ehre zu Theil wurde, Herrn Chuzzlewil's Bekanntſchaft zu machen. Jobling zog Jonas ein wenig bei Seite und flüſterte ihm ins Ohr„Weltmänner, mein lieber Sir, Hm— Herr Wolf— literariſcher Ruf— außerordentlich gewandt! Herr Pip— vom Theater, ein ausgezeichneter Mann— oh, ein vortrefflicher Mann!“ „Gut,“ rief Wolf, die Arme übereinander ſchlagend, und den Faden der Unterhaltung wieder aufnehmend, die durch Jonas Ankunft unterbrochen worden war;„und was ſagt Lord Nobley dazu?“ „O!“ erwiderte Pip mit einem Eide,„er wußte nicht, was er ſagen ſollte; ich will nicht ſelig werden, Sir, wenn er nicht ſtumm wie ein Stock war. Aber Sie wiſſen ja, was Nobley für ein guter Kamerad iſt!“ „Der beſte Menſch der Welt!“ rief Wolf.„Es war erſt letzte Woche, daß er ſelbſt zu mir ſagte: Bei Gott, Wolf, ich habe eine Pfarre zu vergeben, und wenn Sie nur jetzt auf der Univerſität geweſen wären, ſo ſollte 60 mich Gott ſtrafen, wenn ich nicht aus Ihnen einen Pfar⸗ „Das fieht ihm gleich,“ ſprach Pip.„Und er hätte „Das unterliegt keinem Zweifel,“ ſagte Wolf,„aber Sie waren im Begriff uns zu ſagen— 4 „O ja“ rief Pip,„ſeyd verſtchert, es war ſo; zu⸗ „meine Herren, Pip iſt unſer gemeinſchaftlicher Freund. Fragen Sie Pip, er weiß es.“„Gott verdamm mich!“ ſagte der Herzog,„ſo will ich alſo Pip darüber oder nicht? Antworten Sie,“ ſagte der Herzog.„Ball, Eure Durchlaucht, beim Freund Hain!“ ſagte ich.„Ha, ha, ha!“ lachte der Herzog. „Wahrhaftig iſt es ſo. Bravo, Pip, gut geſprochen. Ich will ſterben, wenn Sie nicht ein Matador ſind. ter Ihre noblen Gäſte, wenn ich jemals in die Stadt kommen ſollte!“ Und ſo geſchieht Der Schluß der Erzählung gewährte ſo große Ve⸗ friedigung, daß ſie ſelbſt nicht durch die Ankündigung des Mittageſſens verringert werden konnte. Jonas wallte am Arme ſeines Freundes dem Speiſezimmer zu, und nahm zwiſchen ihm und dem Doktor Platz. ie übrigen Gäſte fielen mit großer Familiarität über ihre Plätze her, und jeder ließ nun dem köſtlichen Mahle vollkommene Gerechtigkeit widerfahren. Daſſelbe war ſo vortrefflich, als nur immer für Geld(oder Kre⸗ dit, darauf kommt nicht viel an) herbeigeſchafft werden konnte. was dieß Alles koſten könne, als er von ſeinem Wirthe unterbrochen wurde: „Iſt Ihnen nicht ein Glas Wein gefällig?“ 61 „O, ſo viel Sie wünſchen,“ antwortete Jonas, der ſchon mehrere Gläſer zu ſich genommen hatte.„Er iſt zu vortrefflich, um ein Glas voll abſchlagen zu können.“ „Gut geſagt, Herr Chuzzlewit!“ rief Wolf. „Tom Gag, bei meiner Seele,“ ſagte Pip. „Gewiß, Sie haben es errathen, das iſt... ha, ha, ha.“ bemerkte der Doktor, indem er für einen Augen⸗ blick Meſſer und Gabel hinlegte und dann wieder aufs Neue ſein Werk begann,„das iſt ganz epigrammatiſch, durchaus!“ „Ich hoffe, Sie fühlen ſich ziemlich behaglich,“ ſagte Tigg bei Seite zu Jonas. „O, ſorgen Sie nur nicht für mich!“ entgegnete Jonas,„mir iſt famos!“ „Ich hielt es für beſſer, wenn wir nicht in Geſell⸗ ſchaft dinirten,“ entgegnete Tigg.„Sie werden auch der Anſicht ſeyn?“. „O, warum erwähnen Sie dieſes? Wollten Sie nicht lieber ſagen, daß es bei Ihnen jeden Tag ſo zu⸗ gehe, oder.. 2“ entgegnete Jonas. „Mein theurer Freund,“ ſprach Montague, indem er die Achſeln zuckte.„Jeden Tag meines Lebens, wenn ich zu Hauſe eſſe, iſt dieſes meine gewöhnliche Art. Es würde auch nichts genützt haben, wenn ich bei Ihnen von meiner Ordnung abgegangen wäre. Ihr ſcharfer Geiſt würde es doch durchſchaut haben. Wollen Sie Ge⸗ ſellſchaft haben? fragte Crimple, ich aber ſprach: nein, er ſoll uns bei unſerer Hausmannskoſt treffen.“ „Eine feine Hausmannskoſt, fuͤrwahr!“ rief Jonas, ringsumherſehend.„Dies koſtet keine Kleinigkeit!“ „Nun, um offen gegen Sie zu ſeyn, will ich es zu⸗ geben, daß es wirklich keine unbedeutende Summe koſtet,“ erwiderte der Andere.„Aber ich liebe dergleichen Dinge. Es iſt die Art, auf welche ich mein Geld ausgebe.“ Jonas biß ſich auf die Zunge und ſagte erſtaunt: „Wie iſt's möglich?“ „Wenn Sie ſich jetzt mit uns verbinden, werden 62 Sie ſich wohl Ihres Antheils am Gewinne auf gleiche Weiſe entledigen,“ ſuhr Tigg fort. „O nein, ganz anders!“ rief Jonas „Gut, und Sie haben auch recht,“ antwortete Tigg treuherzig.„Sie brauchen es auch nicht, es iſt nicht nö⸗ thig. Nur einer aus der Geſellſchaft muß es thun, um die Verbindung zuſammen zu halten, und weil es mir Vergnügen macht, habe ich dieſes Geſchäft übernommen. Es macht Ihnen doch keine große Sorge, auf anderer Leute Koſten ausgeſuchte Speiſen zu genießen?“ „O nicht im Geringſten!“ entgegnete Jonas. „Dann hoffe ich, wird mir öfter das Glück zu Theil werden, Sie bewirthen zu können?“ „Ah,“ ſprach Jonas,„dafür ſorge ich mich ganz und gar nicht ab. Im Gegentheil.“ „Und ich ſchwöre Ihnen, niemals mehr Geſchäfte beim Weine zu beſprechen. O, es war ſchlau, recht ſchlau von Ihnen dieſen Morgen! Ich muß es dieſen mittheilen, denn ſie ſind die Männer, die ſo etwas zu ſchätzen wiſſen! Pip, mein guter Junge, ich habe Ihnen einen geiſtreichen, kleinen Zug unſers Freundes Chuzzle⸗ wit zu erzählen, welcher der ſchlaueſte Hund iſt, den ich kenne. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, er iſt der durchtriebenſte Huud, den ich kenne.“ Pip ſchwur in einem kräftigen Eide, daß er ſchon längſt davon überzeugt ſey, und die folgende Anekdote wurde mit rauſchendem Beifall als ein ſchlagender Be⸗ weis von Herrn Jonas Große aufgenommen. Pip wurde auf einmal von dem Geiſte des Wetteifers beſeelt, denn er erzählte mehrere Beiſpiele ſeines eigenen Scharfſinns, und Wolf, um doch nicht zurück zu bleiben, beſann ſich einſtweilen auf einige luſtige Geſchichtchen. Die Früchte dieſes Beſtnnens, welche etwas von dem waren, was er „feurige Färbungen“ nannte, wurden höchlichſt beklatſcht, und die ganze Geſellſchaft ſtimmte überein, daß ſie äußerſt witzig ſeyen. „Weltmänner, mein theurer Sir,“ flüſterte Jobling . ——,— 63 Jonas zu,„vollkommene Weltmänner. Beſonders für einen Mann meines Standes iſt es höchſt erquickend, in ſolche Geſellſchaft zu kommen. Es iſt nicht nur an⸗ genehm, ſondern auch philoſophiſch belehrend. Es liegt Charakter darin, mein lieber Sir, Charakter.“ Es gewährt ſo großes Vergnügen, ein allgemein anerkanntes Verdienſt, welcher Art es immer ſeyn möge, zu finden, daß die allgemeine Harmonie der Geſellſchaft nur noch geſteigert wurde, als ſie erfuhren, in welcher großen Achtung die zwei Weltmänner bei den höheren Ständen der menſchlichen Geſellſchaft, und bei den edlen Vertheidigern des Vaterlandes, ſowohl in der Armee als in der Flotte, ſtehen. Die geringſte Perſon in ihren Er⸗ zählungen war ein Oberſt; Lords waren ſo viele wie Schwüre, und ſogar das königliche Blut rann in dem ſchmutzigen Kanale ihrer perſönlichen Erinnerungen. „Ich fürchte, Herr Cluzzlewit kennt ihn nicht,“ ſagte Wolf in Beziehung auf eine gewiſſe Perſon, welche in der vorhergehenden Erzählung eine Hauptrolle ge⸗ ſpielt hatte. 3 „„Nein,“ entgegnete Tigg,„aber wir müſſen ihn mit dieſer Sorte Kameraden bekannt machen.“ „Er war ein äußerſt großer Freund der Literatur,“ bemerkte Wolf. „War er das wirklich?“ fragte Tigg. „O ja, er las meine Blätter viele Jahre. Sie wiſſen nicht, daß er dann und wann etwas Gutes ſagte? Er fragte z. B. einen gewiſſen Viscount, wel⸗ cher ein Freund von mir iſt— Pip kennt ihn—„Wie heißt der Herausgeber, wie heißt er geſchwind? Wolf. Wolf! He! Er hat ein ſtarkes Gebiß, dieſer Wolf. Wir muͤſſen ſuchen ihn ferne von unſeren Thüren zu halten, wie das Sprüchwort ſagt. Das war ſehr gut, und da es überdem ein Kompliment iſt, ſo ließ ich es drucken.“ „Der Viscount iſt ein Weltsburſche!“ rief Pip, wel⸗ cher während dieſer Zeit neue Eide erfunden hatte, die u 64 zur Bekräftigung eines jeden aus ſeinem Munde kom⸗ menden Wortes dienen ſollten.„Der Viscount iſt ein Weltsburſche. Letzthin kam er Abends in unſere Gar⸗ derobe, um eine Schauſpielerin nach Hauſe zu beglei⸗ ten, etwas angeſtochen, aber nicht viel, und ſagte: „Wo iſt Pip. Ich verlange Pip zu ſehen. Zeigt mir Pip!— Was ſteht zu Dienſten, mein Lord?“ Shaks⸗ peare iſt ein verteufelter Aufſchneider! Welches iſt das Beſte von Shakspeare's Werken, Pip? Ich habe ihn noch nie geleſen. Was zum Henker iſt denn daran, Pip? Da gibt's eine Menge von Füßen in Shakſpeare's Verſen, aber nicht wahr es ſind keine Beine, die der Rede werth, in Shakſpeare's Schauſpielen? Julie, Des⸗ demong, Lady Macbeth und alle andern, weß Namens ſie auch ſeyn mögen, konnten ebenſo gut keine Beine haben, denn das Gehör weiß nichts davon. In dieſem Falle ſind ſie lauter Miß Buffins für die Zuſchauer. Ich will Ihnen ſagen, was das iſt; was die Leute dra⸗ matiſche Poeſie nennen, iſt nichts weiter als eine Samm⸗ lung von Predigten, Gehe ich in das Theater, um- mir predigen zu laſſen? Nein, gewiß nicht, Pip. Wenn ich das nöthig hätte, würde ich lieber in die Kirche gehen. Was iſt der eigentliche Zweck des Dramas, Pip? Menſchennatur. Was ſind Beine? Menſchen⸗ natur. So laß uns denn an den Beinen genug haben. Pip und ich will es mit Ihnen halten, mein guter Freund! Ich bin ſtolz darauf ſagen zu können, daß er es wirklich mit mir hielt, wacker;“ fügte Pip hinzu. Die Unterhaltung nahm nun einen allgemeineren Charakter an, und Herr Jonas wurde auch um ſein Urtheil über dieſen Gegenſtand befragt. Er ſprach das⸗ ſelbe ganz mit Herrn Pips Grundſätzen übereinſtim⸗ mend aus, worüber dieſer Herr außerordentlich glück⸗ lich war. Ueberhaupt hatten beide, er und Wolf, ſo viel Aehnlichkeit in ihren Charakteren mit Jonas, daß ſie immer vertrauter wurden, und bei dem Wachſen ihrer Freundſchaft und dem Dufte des Weines ergriff * —4.,— 65 auch Jonas der Geiſt der Geſprächigkeit. Bei ihm war es aber nicht, wie bei manchen Perſonen der Fall, im Gegentheil Schweigen würde vielleicht vortheilhaf⸗ ter für ihn geweſen ſeyn. Da er keine Mittel hatte, mit den Andern ſich auf gleiche Stufe zu ſtellen, müſſe er doch ſeinen Scharfſinn, wegen deſſen ſie ihm vorhin Komplimente gemacht hatten, zu behaupten ſuchen, dachte Jonas, und fing nun an, ſo ſcharf und tief zu ſeyn, daß er ſich in ſeiner eigenen Tiefe verlor, ſeine Finger an der Schneide ſeines eigenen Werkzeugs ver⸗ letzte. Es war beſonders ſeine Art und in ſeinem Cha⸗ rakter, ſeinen Witz auf Koſten ſeines Wirthes zu üben, und während er von den funkelnden Weinen trank, und von dem reichen Ueberfluſſe genoß, verſpottete er die Hand, welche ihm ein ſolch koſtbares Mahl vorgeſetzt hatte. Sogar einer ſolchen, mehr als zweideutigen Ge⸗ ſellſchaft hätte dieſes eine unangenehme Situation er⸗ zeugen können, wenn nicht Tigg und Crimple ihren Mann durchſchaut hätten, und ihm deßhalb alle mög⸗ lichen Freiheiten ließen, weil ſte wohl wußten, daß je mehr er ſich ausließe, deſto beſſer es für ihren Zweck ſey. Jonas, der Einfaltspinſel(denn ein ſolcher war er trotz ſeiner Verſchlagenheit) meinte ſich wie ein Igel zuſammen gerollt zu haben, die ſchärfſten Stacheln ge⸗ gen ſie gerichtet; er verrieth aber dabei ungeſchickter Weiſe alle ſeine ſchwachen Seiten ihrer geſpannten Aufmerkſamkeit. Ob die zwei Gentlemen, welche ſoviel zu des Dok⸗ tors philoſophiſcher Bildung beitrugen(dieſer hatte ſich, nachdem er ſeine gewöhnliche Portion Wein zu ſich ge⸗ nommen, ganz ruhig entfernt), von ihrem Wirthe aus⸗ drücklich unterrichtet waren, oder nach dem, was ſie hörten und ſahen, es für ſich ſelbſt thaten, iſt unbe⸗ ſtimmt, und nur ſo viel gewiß, daß ſie ihre Rollen vortrefflich ſpielten. Sie baten um die Ehre, Herrn Boz, Chuzzlewit. IV. 5 66 Jonas nähere Bekanntſchaft machen zu dürfen, drückten die zuverſichtliche Hoffnung aus, daß ihnen bald das Vergnügen zu Theil werden würde, ihn in dieſe hohe Geſellſchaft einzuführen, in welcher er ſo ſehr zu glän⸗ zen geeignet ſey, und ſagten ihm auf die freundlichſte Art, daß die Vortheile ihres anſehnlichen Etabliſſe⸗ ments ganz zu ſeiner Verfügung ſtünden. Mit einem Worte, ſie gaben ihm zu verſtehen: Sey einer der Unſrigen! Und Jouas antwortete, er ſey ihnen außer⸗ ordentlich verbunden, und wolle gerne nachgeben; aber in ſeinem⸗ Innern fügte er bei, daß ihm nichts beſſer zuſage, als daß es lange mit ſolchen Schmaußereien fortgehe. Nachdem der Kaffee, welcher in einem Nebenzim⸗ mer ſervirt wurde, eingenommen worden war, trat eine kleine Pauſe der Unterhaltung, welche vorzüglich durch Pip und Wolf geführt wurde, ein. Da das Geſpräch in's Stocken gerieth, nahm Jonas das Wort und ent⸗ wickelte großen Humor, indem er das ganze Möble⸗ ment tarirte, und fragte, ob dergleichen Artikel ſchon im Voraus bezahlt würden, was ſie urſprünglich ge⸗ koſtet hätten u. dgl. m. In allen dem glaubt er, dem Herrn Montague verzweifelt hart aufzuſitzen und ſeine eigenen glänzenden Seiten an den Tag zu legen. Etwas Champagner⸗Punſch gab der Abendgeſell⸗ ſchaft neues Leben, jedoch nur auf kurze Zeit, denn nach einigen ſtürmiſchen, nicht ſehr verſtändlichen Ausbrüchen der Fröhlichkeit nahmen die Weltmänner Abſchied und Herr Chuzzlewit ank ſchlaftrunken auf ein Sopha. Da man ihm nun nimmer begreiflich machen konnte, wo er war, ſo erhielt Herr Bailey den Auftrag, eine Miethkutſche zu holen, und ihn nach Hauſe zu ſchaffen. Der ruhige Gentleman raffte ſich ſchnell aus ſeinem unruhigen Schlafe auf, um den Befehlen ſeines Herrn nachzukommen. Es war nun gerade 3 Uhr Morgens. „Meinen Sie, er iſt gefangen?“ flüſterte Crimple 67 ſeinem Aſſocie zu, während ſie den Schlafenden aus einer entfernten Ecke des Zimmers betrachteten. „Ja, und bereits ſchon mit einem ſtarken Eiſen,“ ſprach Tigg in demſelben Tone.„Iſt Nadgett nicht dieſe Nacht hier geweſen?“ „Ja ich ging zu ihm hinaus; aber als er hörte, daß Sie Geſellſchaft haben, entfernte er ſich wieder.“ „Ei warum hat er doch das gethan?“ 5 „Er ſagt, er wolle Morgen in aller Frühe, ehe Ihr Bett verließen, wieder kommen.“ „Man muß dafür ſorgen daß er ſogleich herauf⸗ geſchickt wird. Bſt! da iſt der Knabe. Nun Herr Bailey bringt dieſen Mann nach Hauſe, und ſorgt daß er glücklich in den Wagen fkommt. Hallo, mein Herr Cluzzlewit, Hallo!“ Mit vieler Mühe brachten ſte ihn endlich in die Höhe, trugen ihn die Treppe hinab, ſetzten ihm den Hut auf und brachten ihn in den Wagen. Herr Bai⸗ ley, nachdem er denſelben verſchloſſen hatte, eilt auf den Bock, woſelbſt er neben dem Kutſcher Platz nahm, und ſeine Cigarre mit dem Anſehen von beſonderer Zufriedenheit rauchte. Denn der Auftrag, welcher Bai⸗ ley geworden, hatte etwas Freies, Ungebundenes an ſich, und dies war ganz nach ſeinem Geſchmacke. Als ſie zu rechter Zeit an dem bezeichneten Hauſe in der City ankamen, ſtieg Herr Bailey aus, und drückte ſeine leb⸗ haften Gefühle in einem Klopfen aus, deſſen Gleichen man in dieſem Viertel ſeit dem großen Brande von London nicht mehr gehört hatte. Dann trat er in die Mitte der Straße, um zu ſehen, welche Wirkung ſeine Heldenthat gehabt habe. Er bemerkte aber innerhalb des oberen Fenſters nur ein ſchwaches Licht, welches ſich nach und nach herabwärts bewegte. Um zu erfahren, wer der eigent⸗ liche Träger des Lichts ſey, ſprang Herr Bailey wie⸗ 1 5* Si der an die Thüre zurück, und hielt ſein Auge an das Schlüſſelloch. Es war die Luſtige ſelbſt, aber traurig und ſicht⸗ bar gealtert. So ſchwermüthig und niedergeſchlagen, ſo zitternd und voll Furcht. So eingefallen bleich und ſiech, daß es ihn weniger befremdet haben würde, ſie in ihrem Sarge liegen zu ſehen, als in einem ſolchen Zu⸗ ſtand lebend. Sie ſtellte das Licht auf einen Träger in der Halle, legte die Hände auf die Augen, drückte ſie auf das Herz und auf die glühende Stirn, dann ſchritt ſie mit ſolch' ſtarken, eiligen Tritten auf die äußere Thüre zu, daß Herr Bailey außer Faſſung kam, und noch auf das Schlüſſelloch ſtarrte, als die Thüre bereits aufging. „Aha!“ ſagte Herr Bailey mit einiger Verlegen⸗ heit.„Sind Sie es wirklich; aber was ſoll das ſeyn, ſind Sie krank?“ Während die junge Frau ihr Er⸗ ſtaunen ausdrückte, Herrn Bailey mit einer»o verän⸗ derten Kleidung wieder zu ſehen, trat ein Lächeln auf ihr Geſicht, welches ihrem ehemaligen ſo viel glich, daß He⸗r Balley ſich aufheiterte. Im nächſten Augen⸗ blicke jedoch war er ſchon wieder betrübt, denn er ſah, daß ihr wieder Thränen in den trüben Augen ſtanden. „Fürchten Sie nichts,“ ſprach Bailey„es iſt nichts Schlimmes vorgefallen. Ich bringe Herrn Chuzzlewit nach Hauſe. Er iſt nicht krank, ſondern nur ein bis⸗ chen benebelt, wie Sie wohl wiſſen werden, daß dieſes öfters vorkommt.“ Bailey nahm eine taumelnde Be⸗ wegung an, um den Zuſtand des Betrunkenen nachzu⸗ ahmen. „Kommt Ihr von Frau Todgers?“ fragte Merry zitternd. „Von Mutter Todgers? Nein!“ rief Herr Bailey. „Ich habe jetzt nichts mehr mit Todgers zu thun, dieſe Verbindung iſt bereits ſchon lange aufgehoben. Er hat =— du—- RàN RK ⏑——A 69 bei meinem Herrn im Weſtende dinirt. Haben Sie nichts davon gewußt, daß er zu uns kam?“ „Nein,“ antwortete Merry mit ſchwacher Stimme. „O, ja! Und ich ſage Ihnen, wir ſind auch keine geringen Perſonen. Gehen Sie nicht heraus, damit Sie Ihren Kopf nicht zu ſchnell abkühlen. Ich will ihn wecken.“ Herr Bailey drückte in ſeinen Reden eine Zuver⸗ ſicht aus, als wenn er ihn, falls es nöthig wäre, ſogar tragen könnte. Er ging hin, öffnete die Wagenthüre, ließ den Tritt nieder, rüttelte Herrn Jonas und rief ihm ins Ohr.„Wir ſind jetzt zu Hauſe, mein Sträuß⸗ lein, wachen Sie nun auf.“ Endlich kam Jonas ſo weit zu ſich, daß er fähig war dieſer Aufforderung zu entſprechen, und plumpte aus der Kutſche heraus auf einen Kehrichthaufen, wo⸗ bei Herr Bailey in großer Gefahr war. Sobald er auf der Straße war, eilte Bailey ihn von vorn und von hinten zu unterſtützen, und brachte ihn auf dieſe Weiſe glücklich in das Haus. „Gehen Sie mit dem Lichte voran,“ ſagte Bailey zu Frau Jonas.„Wir kommen nach, zittern Sie nicht ſo, er wird Ihnen kein Leid thun! Ich für meinen Theil, wenn ich einen Tropfen zu viel habe, bin der beſte Menſch.“ 8 Sie gingen voran und ihr Gemahl nebſt Balley, einer auf den andern geſtützt, auch manchmal tüchtig zu⸗ ſammenprallend, gelangten endlich auch die Stiege hin⸗ auf in das Wohnzimmer, wo Jonas auf einen Sitz ſank. „Da ſind wir nun,“ ſprach Bailey.„Er iſt jetzt ganz ruhig, Sie haben nichts mehr zu befürchten, er iſt ſtummer wie ein Fiſch.“ Das betrunkene Vieh ſaß nun mit ſchmutzigen Kleidern, aufgedunſenem Geſichte und verwirrten Haaren da, und ließ ſeine dummen Augen ſo lange umherrollen, bis ſie nach und nach heller wurden und im Stande 70 waren, ſeine Frau zu erkennen, auf welcher ſie dann mit einem grimmigen Ausdrucke ruhten. „Ah!“ rief Herr Bailey, ſich in einer Borerſtellung auslegend,„Sie wollen boshaft ſeyn. He! Ich rathe es Ihnen nicht.“ „ Bitte, gehen Sie weg,“ entgegnete Merry.„Bai⸗ ley, mein guter Knabe, gehen Sie nach Hauſe. Jonas,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihre Hand ſchüchtern auf ſeine Schultern legte und ihr ſchönes Haupt zu ihm herab⸗ neigte,„Jonas!“ „Seht ſie einmal an!“ ſchrie Jonas ſie mit ausge⸗ ſtreckten Armen von ſich ſtoßend.„Seht her! Seht her! Hier iſt ein Handel für einen Mann!“ „Theurer Jonas!“ „Theurer Teufel!“ erwiderte er mit ſteigender Wuth „Es iſt doch die ärgſte Plage für einen Mann, mit dir auf ſein ganzes Leben verbunden zu ſeyn; ſchreiende, falſche Katze, geh' mir aus den Augen!“ „Ich weiß, du verſtehſt nicht, was du ſprichſt, Jo⸗ hhes wenn Du nüchtern wäreſt, würdeſt Du es nicht agen.“ Mit erzwungener Fröhlichkeit gab ſie Bailey ein Geldſtück und errinnert ihn wiederholt, ſich zu entfernen. Ihr Mahnen war ſo ernſt, daß der Knabe den Muth zu Gleiben nicht hatte, aber er ſtand außerhalb des Zimmers auf der Treppe ſtill und lauſchte. „Ich würde es nicht ſagen, wenn ich nüchtern 8 wäre!“ erwiederte Jonas.„Erinnerſt Du Dich nimmer, daß ich es auch ſchon einmal ſagte, wann ich im nüch⸗ tern Zuſtande war?“ „Oft, in der That,“ antwortete ſie unter heißen Thränen. 3 „Hörſt Du,“ rief er und ſtampfte auf den Boden. „Ich habe Deine Launen lange genug getragen, und jetzt wahrhaftig ſollſt Du die meinen fühlen! Immer habe ich mir ſchon vorgenommen, ſie an Dir auszulaſſen, ich 71 heirathete Dich deßhalb. Nun will ich wiſſen, wer Herr oder Sclave iſt.“ „Gott im Himmel weiß es, ich bin gehorſam,“ ſprach das zitternde Weib„mehr als ich geglaubt hätte, es werden zu müſſen.“ Jonas lachte in ſeiner trunkenen Aufgeregtheit. „Haſt Du es einmal entdeckt? He?— Geduld, es wird mit der Zeit mehr kommen. Greifen haben Krallen. Von nun an ſoll jede Geringſchätzung, mit der Du mich behandelt haſt, jeder Poſſen, den Du mir geſpielt, und jeder Uebermuth, den Du gegen mich gezeigt haſt, hun⸗ dertfach vergeben werden; für was habe ich denn gehei⸗ rathet, und noch dazu Dich!“ ſprach Jonas in verächt⸗ lichem Tone. 4 Vielleicht mag es ihn beſänftigen, dachte ſie, ein kleines Bruchſtück eines Lieds zu hören, welches er ſonſt liebte, und ſie verſuchte mit ſchwerem Herzen, um ihn wieder für ſich zu gewinnen. „O,“ rief er,„biſt Du taub, wie hörſt Du mich nicht?— So, dann iſt's um ſo beſſer für Dich. Ich haſſe Dich. Ich verabſcheue auch mich, weil ich ein ſolcher Thor ſeyn konnte, mir eine unerträgliche Laſt aufzubürden, bloß wegen des Vergnügens, ein Weſen zu haben, das ich ganz nach Willkür behandeln kann. Aber die Augen ſind mir jetzt aufgegangen! Ha, ich wünſchte mir eine Frau ſuchen zu können, wo ich wollte, jedoch ich würde mir keine nehmen, ſondern allein bleiben. Es wäre beſſer, wenn ich unverheirathet wäre unter den Freunden, welche ich kenne. Anſtatt frei zu ſeyn, bin ich hier an Dich gebunden, gleich einem Blocke Holz. Pah! warum zeigſt Du mir immer noch dein blaſſes Geſicht. Soll ich Dich niemals vergeſſen?“ „ Wie ſpät es ſchon iſt!“ ſagte Merry und öffnete einen Fenſterladen nach einer langen Pauſe.„Es graut beinahe der Tag!“ „Heller Tag oder finſtere Nacht, was kümmert mich das!“ war die freundliche Erwiderung. 7² „ Die Nacht geht ſchnell vorüber, ich meine, wir ſollten uns niederlegen.“ „Geh' zu Bette, wenn Du willſt!“ grollte Jonas. „Ich habe die ganze Nacht geleſen,“ fuhr ſie fort„ich begann als Du fortgingſt und hörte auf, als Du nach Hauſe kamſt. Die ſeltſamſte Geſchichte Jonas! und das Buch ſagt, daß ſie wahr ſey. Morgen werde ich ſie Dir erzählen.“ „Wahr ſoll ſie ſeyn?“ fragte Jonas mürriſch⸗ „So ſagt das Buch.“. „Iſt etwas darin enthalten, das ſagt, daß der Mann dazu beſtimmt ſey, ſein Weib zu beherrſchen, ſie zu ziehen und alle ihre Launen zu durchkreuzen?“ ſagte Jonas. „Nein nicht ein einziges Wort?“ antwortete ſie ruhig. „Ha! ſo mag dieſe Geſchichte vor langen Zeiten einmal wahr geweſen ſeyn, weil ſie nichts von allem dem enthält. Ich ſehe ſchon, es iſt ein lügenhaftes Buch. Ein wahres Buch für eine Leſerin, die die Lü⸗ gen liebt. Aber ich habe ja ganz vergeſſen, Du biſt ja taub.“ Hierauf folgte eine andere Pauſe und der Knabe ſtahl ſich weg, da er ihre Schritte auf der Hausflur hörte und blieb weiter unten ſtehen; ſie ging, wie es ſchien, zu ihm hinauf, um mit zärtlicher Stimme zu ſagen, daß ſie ſich ihm jetzt ganz unterwerfen, und allen ſeinen Wünſchen und Befehlen gehorſam ſeyn wolle, und daß ſie vielleicht, wenn er Geduld mit ihr haben würde, noch recht glücklich werden könnte, er antwortete mit einer Verwünſchung und.... Doch nicht mit einem Schlage? . Ja, um der ſchwarzen Seele dieſes Unmenſchen vollkommene Gerechtigkeit widerfahren. zu laſſen, muß ich ſagen: und auch mit einem Schlage. Kein Wehklagen, keine lauten Vorwürfe kamen über ihre Lippen; ſogar ihre Thränen und Seufzer wurden 8— 4 „. 1 1 4 8 73 durch ihr Anklammern an ihn erſtickk. Sie ſagte nur, im Schmerze ihres Herzens es öfters wiederholend:„Wie konnte, konnte, konnte er....?“ und zerfloß dann in heiße Thränen. O! Weib, Gottgeliebte im alten Jeruſalem! Der Beſte von uns muß gegen Deine Fehler nachſichtig ſeyn, wäre es auch nur um der Bitterkeit willen, die Deine Natur zu erdulden hat, wenn Du ſchweres Zeugniß am Tage des Gerichts gegen uns ablegen mußt! Viertes Kapitel. In welchem einige Leute frühzeitig gereift, andere fachmäßig lund wieder andere geheimnißvoll erſcheinen. Alle in ihren beſonderen Weiſen.. Entweder mag es die unruhige Erinnerung an das, was er in der vergangenen Nacht geſehen oder gehört hatte, oder vielleicht auch keine tiefere geiſtige Anregung, als die Entdeckung, daß er gerade nichts zu thun habe, geweſen ſeyn, was in Herrn Bailey am folgenden Nach⸗ mittage eine beſondere Sehnſucht nach guter Geſellſchaft erwirkte und ihn beſtimmte, ſeinen Freund Poll Sweed⸗ lepipe zu beſuchen. Als die kleine Glocke an Sweedlepipes Haus an⸗ gezeigt hatte, daß ein Beſuch da ſey(denn Bailey war beinahe außer Athem gekommen, indem er ſuchte, ſoviel Töne als nur immer möglich dem alten Inſtru⸗ mente zu entlocken), ließ Sweedlepipe von der Betrach⸗ tung, die er über eine vorzüglich geliebte Eule angeſtellt hatte, ab und hieß ſeinen Frennd herzlich willkommen. „Ei, Sie ſehen ja bei Tag noch ſchmucker aus als bei der Nacht,“ ſagte Poll,„ich habe in meinem Leben, noch keinen ſo eleganten Stutzer geſehen, wie Sie find.“ „Beinahe glaube ich es ſelbſt Polly! Wie gehts unſerer Freundin Sairah?“ „O, die iſt ganz wohl!“ „An Sairah ſind noch Ueberreſte eines ſchönen Wei⸗ bes, Poll!“ bemerkte Herr Bailey mit gentiler Gleich⸗ gültigkeit. „O,“ dachte Poll,„wie altklug er iſt, er muß ſchon ſehr alt ſeyn.“ „Nur ein wenig zu alt, wie Sie wiſſen,“ ſprach Bailey,„und zu plump iſt ſie. Aber es gibt viel ſchlimmere in ihrem Alter.“ 4 „Selbſt die Eule ſperrt ihre Augen auf!“ dachte Poll.„Es wundert mich nicht von einem ſo verſtän⸗ digen Vogel.“ 8 Er war gerade vor einigen Augenblicken mit dem Schleifen ſeiner Raſirmeſſer fertig geworden, ſte lagen jetzt in einer Reihe nach einander da, während ein un⸗ geheurer Streichriemen von der Wand herunterwallte. Als Herr Bailey dieſe glänzenden Vorrichtungen ſah, rieb er ſein Kinn und ein plötzlicher Gedanke ſchien ſein Gehirn zu durchkreuzen. „Poll,“ ſprach er,„ich bin hier um den Schnabel nicht ſo rein, als ich es wünſchte, und da ich gerade hier bin, ſo könnte ich mich wohl zuſtutzen und raſiren laſſen.“. Der Barbier ſtarrte ihn verwundert an, aber Bai⸗ ley nahm ſeine Halsbinde ab und warf ſich ganz zuver⸗ ſichtlich, als wenn es ihm ſchon etwas Gewöhntes ſey, in den Barbierſtuhl. Da half kein Widerſtand. Sein Kinn war ſo glatt, wie ein friſch gelegtes Ei, oder wie geſchälter holländiſcher Käſe, doch Poll würde nicht gewagt haben ihm zu widerſprechen, und wenn er auch behauptet hätte, ſein Bart ſey groß wie der eines jüdi⸗ ſchen Rabbiners. „Nur nach dem Striche, Poll,“ ſagte Herr Bailey, indem er ſein Geſicht in ſeifengerechte Falten legte. „Mit dieſem Stückchen Backenbart können Sie nach —. H—O ͤ—— 75 Belieben verfahren. Es iſt mir nicht leid, ihn zu verlieren.“ Der arme kleine Bader ſtand in der größten Ver⸗ wunderung mit Pinſel und Seifenbecken vor ihm da, und blickte in einer poſſierlichen Ungewißheit umher, als wenn er durch eine Art Verzauberung unfähig gewor⸗ den ſey, ſein Werk anzufangen. Endlich dupfte er an Herrn Baileys Wangen, hielt dann plötzlich an, als ob der Geiſt eines Bartes vor der Berührung augenblicklich zurückgewichen ſey. Da aber Bailey eine freundliche Ermuthigung, in Form einer Beſchwörung, wie:„Vorwärts und ſiege!“ ertheilte, ſeifte er ihn zuletzt tüchtig ein, und Herr Balley lächelte ganz befriedigt durch den Schaum.„So, nur recht ge⸗ mach über die Stoppeln, Poll; über die Finnen müſſen Sie auf den Zehen weggehen.“ Poll Sweedlepipe gehorchte und ſchabte dann die Seife wieder mit beſonderer Sorgfalt hinweg. Herr Bailey hingegen ſchien ängſtlich forſchend auf das Tuch zu ſehen, welches über ſeine Schulter hing, und den ab⸗ geſchabten Schaum erhielt, ob er vielleicht nicht einige Sproſſen ſeines eingebildeten Bartes entdecken könnte, denn er ſagte mehr als einmal:„Etwas röther, als ich es wünſche.“ Aber ehe die Operation vorüber war, trat Poll einige Schritte zurück, und ſtaunte ihn wieder an, wäh⸗ rend Herrr Bailey ſein Geſicht mit dem langen Hand⸗ tuche abtrocknete und bemerkte: „Nichts iſt doch im Stande, einem Mann, der gleich mir eine ſo kurze Nacht gehabt, ſo gut zu er⸗ friſchen, als wenn er ſich raſiren läßt.“ Eben war er noch ohne Rock, im Begriffe ſeine Cravatte anzuziehen und Poll hatte ſein Meſſer ſchon wieder für den nächſten Kunden gereinigt, als Mrs. Gamp die Treppe herab und unter die Ladenthüre kam. Herr Bailey dachte augenblicklich an ihre Lage, da ſie ja ein zärtliches Gefühl für ihn empfand, welches zu erwiedern ihm die Umſtände nicht erlaubten, und eilte, ihr wenigſtens mit gütigen theilnehmenden Worten zu begegnen. „He“ ſprach er,„Sairah! Ich brauche nicht erſt zu fragen, wie es Ihnen während dieſer langen Zeit ging? Sie ſehen ja ganz blühend aus; hat ſie ſich nicht gar verjüngt Polly?“ „Ei, ſeht nur die unerhörte Freiheit dieſes Jun⸗ gen!“ rief Mrs. Gamp; doch nicht zürnend fuhr ſie fort: „Was das nicht für ein loſer Gelbſchnabel iſt, man dürfte mir 50 Pfund bieten, ich möchte nicht ſeine Mut⸗ ter ſeyn!“ Mr. Balley betrachtete dieſe Worte als ein zartes Bekenntniß ihrer Liebe, als einen Wink, daß kein Ge⸗ winn an Geld ein Erſatz für die Hoffnungsloſigkeit ihrer Liebe werden könnte. Er fühlte ſich geſchmeichelt, denn uneigennützige Liebe ſchmeichelt ja immer.„Ach Du meine Güte! O Herr Sweedlepipe!“ ſtöhnte Mrs. Gamp in den Rafirſtuhl ſinkend,„der arme Menſch im Ochſen hat ſein Beſtes gethan, mich außzureiben. Von allen Patienten in dieſem Jammerthale ſchlägt die⸗ ſer alle andern ſchwarz und blau.“ Es war die Gewohnheit von Mrs. Gamp und aller ihrer Kunſtgenoſſinnen, dieſes von allen Patienten zu ſagen, mochte auch ihre Krankheit noch ſo unbedeu⸗ tend ſeyn, um dadurch allen ihren Konkurrenten allen Muth zu rauben, und die Nothwendigkeit zu zeigen, daß die Pflegerinnen gut leben müſſen. „Da ſprechet ihr von der Leibesbeſchaffenheit!“ be⸗ merkte Mrs. Gamp.„Eines Menſchen Konſtitution, der einen ſolchen Dienſt vorſtehen will, muß von Zie⸗ gelſteinen ſeyn. Mrs. Harris ſagte erſt letzthin zu mir: „O, Sairah Gamp, wie iſt's möglich!“ Ma'am ant⸗ wortete ich,„wir ſetzen wenig Vertrauen in uns ſelbſt, und verlaſſen uns auf einen andern Ort! das iſt unſer religioͤſes Gefühl, und wir finden, daß es uns nicht im —.— 2= S.—=SSS,== 2 — 77 Stiche läßt. Sairah! ſprach ſte weiter,„Heimſuchung iſt Leben, und auch das Ende aller Dinge.“ Der Barbier gab durch ein leiſes Murmeln zu er⸗ kennen, daß Mrs. Harris Bemerkungen, obgleich viel⸗ leicht nicht ſo verſtändlich, als von einem ſolchen Geiſt erwartet werden konnte, ihrem Kopf und Herzen doch gleiche Ehre mache. „Und da,“ fuhr Mrs. Gamp fort,„da gehe ich nun auf zwanzig Meilen weit ſo aufs Gerathewohl, wie nur je eine Monatwärterin ging, glaube ich wenigſtens. Mrs. Harris mit dem Herzen eines Weibs und einer Mutter, das in ihrer Menſchenbruſt ſchlägt, ſagte zu mir: Sie werden doch nicht gehen, Satrah; Gott ver⸗ zeih es Ihnen. Mrs. Harris, warum ſollte ich nicht gehen? verſetzte ich. Mrs. Gill, ſage ich, ging nie unrecht mit Sechſen, und iſt es wahrſcheinlich, Ma'am, ich frage Sie als eine Mutter, daß ſie jetzt unregel⸗ mäßig zu werden anfängt. Ich ſagte zu Mrs. Harris: oft, ſehr oft habe ich ihn ſagen hoͤren, ich meine da⸗ mit Herrn Gill, daß er ſeines Weibes alten Kalender gegen neun Pence verwette, daß er den Tag und die Stunde angeben könne. Iſt's möglich, Ma'am, ſage ich, daß ihr dieſes einmal fehlen wird? Mrs. Harris ſagte:„Nein, Ma'am, es liegt nicht im Gang der Na⸗ tur. Aber ſagte ſie, und die Thränen traten ihr in die Augen, Sie mit Ihrer Erfahrung, wiſſen es noch viel beſſer als ich wie wenig uns den Garaus verurſacht. Ein Puppenkaſten, ſagte ſte, ein Kaminfeger, ein Neu⸗ foundland⸗Hund, oder ein betrunkener Mann, der ſchnell um die Ecke krümmt, kanns thun. Und ſo iſt es auch, Herr Sweedlepipe,“ ſagte Mrs. Gamp„das iſt gar nicht zu leugnen, und obgleich meine Schachtel ſo viel Weißzeug enthält, daß es für eine ganze Woche hin⸗ reicht, ſo kann ich Sie doch verſichern, Sir, daß ich ſie nur mit ängſtlichem Herzen mit mir nehme.“ „Sie haben einen großen Eifer,“ ſprach Poll.„Sie plagen ſich ſelbſt zu ſehr.“ 78 „Ich ſollte mich ſelbſt plagen!“ rief Mrs. Gamp, Hände und Augen zum Himmel erhebend.„Hier, Sir, ſprechen Sie die Wahrheit, ich fühle immer andere Leiden mehr, als die meinigen, obgleich es Niemand glauben will. Die Familien, die ich hatte, würden, wenn man alles wüßte und ehren würde, wem Ehre gebührt, eine ganze Woche an St. Pauls Brunnen getauft.“ 1„Wohin wird Ihr Patient gehen?“ fragte Sweed⸗ lepipe. „Nach Harfordſhire, welches ſein Geburtsort iſt; aber weder heimathliche Luft, noch heimathliches Gebet wird im Stande ſeyn, ihm ſeine Geſundheit wieder zu ſchenken.“ „In der That, ſo ſchlimm ſteht es mit ihm?“ verſetzte der aufmerkſame Barbier.„Was Sie da ſagen!“ Mrs. Gamp ſchüttelte ihren Kopf geheimnißvoll und warf die Lippen auf. „Es gibt ſowohl geiſtige, als körperliche Fieber,“ ſagte ſie.„Man kann ſeine Schleimtränke nehmen, bis man brauſend in die Luft fährt; aber das kurirt nicht.“ „Ah,“ ſprach der Barbier, indem er ſeine Augen aufriß und das Anſehen eines Raben annahm,„o, Herr!“ „Nein, maun kann ſich ſo leicht machen, wie einen Luftballon,“ fuhr Mrs. Gamp fort.„Aber wenn man von gewiſſen Dingen redet, während man verwirrt oder im Schlafe iſt, wird das Gemüth ſchwer.“ „Und was ſind das für Dinge?“ ſprach Poll mit ſteigender Neugierde.„Vielleicht gar Geiſter?“ Mrs. Gamp, welche jetzt einſah, daß des Barbiers Neugierde ſchon mehr aus ihr gelockt habe, als ſie Wellens geweſen ſey zu ſagen, holte ungewöhnlich tief Athem. 3 „Das gehört nicht hieher. Ich werde mit meinem Patienten wegfahren und einen oder zwei Tage, oder ſo lange bei ihm bleiben, bis er eine Wärterin von ſeiner Gegend(zum Henker mit ihnen, denn was wiſſen * —— 79 dieſe Miſtdirnen von Geſchäften!) erhalten hat, und dann komme ich wieder zurück, das iſt nun meine ganze Arbeit, Herr Sweedlepipe. Aber ich hoffe auch, daß während der Zeit, in welcher ich nicht zu Hauſe bin, Alles ſeinen alten Gang ſo gut wie bisher gehen wird; und vorausgeſetzt, wie Mrs. Harris ſagt: Mrs Gill kommt zu gehöriger Zeit, ſo iſt mir jede Stunde des Tags oder der Nacht gleichgültig.“ Während des Verlaufs der vorigen Bemerkung, welche Mrs. Gamp nur an den Barbier gerichtet hatte, war Herr Bailey noch immer an dem Spiegel geſtan⸗ den und beſchäftigt geweſen, Halstuch und Rock unter ſchrecklichen Geſichtern nach ſeinem Gegenbilde anzu⸗ ziehen. Als ſich nun Mrs. Gamp an ihn wendete, drehte er ſich herum und miſchte ſich in die Unterhaltung. „Sie ſind wohl, ſeit wir das letzte Mal beiſam⸗ men waren, nicht wieder in der City bei Herrn Chuzz⸗ lewit geweſen?“ ſagte Mrs. Gamp. „O, ja, Sairah, erſt letzte Nacht.“ „Vergangene Nacht!“ ſchrie der Barbier. „Ja, Poll, ſo iſt es, aber Sie können auch dieſen Morgen ſagen, um etwas Beſonderes zu haben. Er ſpeiste bei uns zu Mittag.“ „Wen meint das junge Glied unter dem: uns?“ ſprach Mrs. Gamp mit ungeduldigem Nachdruck. „Mich und meinen Herrn, theure Sairah. Er ſpeiste in unſerem Hauſe. Wir waren außerordentlich luſtig, Sairah! Ja, ſogar ſo ſehr, daß ich ihn Mor⸗ gens um drei Uhr in einer Miethkutſche nach Hauſe bringen mußte.“ Es ſaß ſchon auf des Knaben Zungenſpitze, zu er⸗ zählen, was dann folgte, doch da fuhr plötzlich der Gedanke durch ſein Gehirn, wie leicht dies zu ſeines Herrn Ohren gelangen könnte, und dieſer, vereint mit der Erinnerung an Herrn Crimples wiederholte War⸗ nungen, ja nicht zu plaudern,, vernichteten dieſen Vor⸗ 8⁰ fatz, weßhalb er nur beifügte:„Sie war noch auf und harrte ihres Gemahls.“ „Und wenn man die Sache beim rechten Licht be⸗ trachtet,“ entgegnete Mrs. Gamp ſcharf,„hätte die junge Frau etwas Beſſeres thun können, als ſich durch dieſes lange Aufbleiben zu ermüden. Waren ſie ſo ver⸗ gnügt mit einander? Sie?“ „O ja,“ antwortete Bailey,„ganz vergnügt.“ „Das freut mich ſehr!“ ſprach Mrs. Gamp mit einem zweiten, ſehr ſtarken Seufzer. „Sie ſind auch noch nicht ſo lange verheirathet,“ bemerkte Poll und rieb ſich die Hände,„als daß ſie ſchon mißvergnügt ſeyn ſollten.“ „Nein,“ verſetzte Mrs. Gamp mit einem dritten bedeutungsvollen Athemzuge. „Beſonders wenn der Gentleman einen ſo vortreff⸗ lichen Charafter hat, wie Sie ihm beilegen,“ fuhr Poll fort. „Ich ſage, wie ich ihn finde, Herr Sweedlepipe,“ ſprach Mrs. Gamp,„und hoffe, daß es ſo iſt.“ „Aber wir können niemals genau beſtimmen, welche Gefühle und Geſinnungen in Anderer Herzen wohnen; wären Glasfenſter daran, ſo würden gewiß viele unter uns nöthig haben, die Jalouſien zuzumachen, das ver⸗ ſichere ich Sie, Herr Sweedlepipe.“ „Aber ich glaube nicht, daß Sie damit ſagen wollen...“ ſprach Poll Sweedlepipe. „Nein,“ antwortete Mrs. Gamp kurz abbrechend, „Sie dürfen das nicht von mir glauben. Die Marter der Inquiſttion ſollten mich nicht veranlaſſen, dieſes zu geſtehen. Alles, was ich noch zu ſagen habe, iſt,“ fügte die gutmüthige Frau hinzu und ſtand auf, um ihren Shawl anzuziehen,„daß man in dem Ochſen meiner wartet und die Augenblicke ſchnell entfliehen.“ Der kleine Barbier, welcher in ſeiner ungeſtümen Neugierde den ſehnlichen Wunſch hegte, Mrs. Gamps Patienten zu ſehen und Zeuge beim Abfahren der 81 Kutſche zu ſeyn, fragte Herrn Bailey,„ob er nicht Luſt habe, Mrs. Gamp in den Ochſen zu begleiten,“ und als der junge Gentleman einwilligte, gingen alle drei mit einander fort. In dem Gaſthofe angekommen, bat Mrs. Gamp, welche zu ihrer Reiſe in die tiefſte Trauer gekleidet war, ihre Freunde, ſich hier unten im Hofe zu unter⸗ halten, während ſie die Treppe hinauf in das Kranken⸗ zimmer ſtieg, woſelbſt ihre Mitwärterin, Mrs. Prig, beſchäftigt war, den Patienten ankleiden zu helfen. Derſelbe war ſo abgezehrt, daß ſeine Beine, wenn er ſie bewegte, zu klappern ſchienen. Seine Wangen waren eingeſunken und die Augen unnatürlich groß. Er lag in einem Lehnſtuhle zurückgelehnt, mehr einem Todten, als einem Lebenden gleichend, und warf bei dem Eintreten der Mrs. Gamp einen ſo kläglichen Blick der Thüre zu, als wenn es ihm ſchon zu einer großen Laſt würde, ſeine Augen nur zu bewegen. „Und wie befinden wir uns heute?“ bemerkte Mrs. Gamp.„Wir ſehen ja ganz bezaubernd aus!“ „Wir ſehen einen guten Theil beſſer aus, als früher,“ antwortete Mrs. Prig.„Wir gehen rücklings aus dem Bett heraus, weil wir ſo quer ſind, wie zwei Stöcke. Noch niemals habe ich einen ſolchen Menſchen geſehen. Er würde nicht einmal gewaſchen worden ſeyn, wenn ich ihm ſeinen Willen gelaſſen hätte!“ „Sie hat eine Menge Seife in meinen Mund ge⸗ bracht,“ ſprach der unglückliche Patient mit matter Stimme.. „Warum haben Sie ihn denn nicht geſchloſſen?“ entgegnete Mrs. Prig.„Meinen Sie denn, man könne einen ſauber waſchen und Alles, bis aufs kleinſte Pünkt⸗ chen, für eine halbe Krone des Tages ſehen? Wenn Sie tattivirt ſeyn wollen, müſſen Sie auch darnach bezahlen!“ Boz, Chuzzlewit, Iv. 6 8²— „O Himmel, nimm mich zu Dir!“ ſchrie der Kranke.„Himmel, Himmel!“ „Da haben wir's nun wieder,“ ſchrie Mrs. Prig. „So hat er ſich jetzt die ganze Zeit betragen, ſeitdem ich ihn aus dem Bette gebracht habe, Sie mögen es kaum glauben, Sarah!“ „Statt dankbar zu ſeyn für alle die unzähligen Mühen, welche wir an ihm verſchwendet haben!“ be⸗ merkte Mrs. Gamp.„O pfui, der Schande, o pfui, Sir!⸗ Bei den letzten Worten ergriff Mrs. Prig den Patienten bei dem Kinn und begann ſeinen armen Kopf mit einer Haarbürſte zu reiben. „Ich glaube, daß Ihnen dieſes auch nicht gefällt, Sir,“ ſagte ſie und ſchaute ihn an, und das wäre auch unmöglich geweſen, denn da die Haarbürſte der härteſten Klaſſe angehörte, welche die moderne Kunſt erzeugt hatte, ſo wurden ſeine Augenlider durch das Reiben ganz roth. Mrs Prig aber war vollkommen befriedigt, indem ſie die Richtigkeit ihrer Vorausſetzung wahrnahm und ſprach triumphirend, daß ſie es vorher gewußt habe. Als ſeine Haare nun ſchön platt und beinahe über die Augen hereingebürſtet waren, bemühten ſich Mrs. Gamp und Mrs. Prig, ihm ſein Halstuch umzulegen, und gingen dabei mit ſo großer Sorgfalt zu Werke, daß ſie die geſtickten Spitzen ſeines Hemdekragens ſo weit heraufzogen, daß dieſelben genannte Sehorgane berührten und mit einer künſtlichen Ophtalmie bedroh⸗ ten. Nachdem Weſte und Ueberrock angelegt und jeder Knopf in ein falſches Knopfloch geknüpft worden war, wurden die Stiefeln verkehrt angelegt, und ſo gewährte der Patient eine höchſt beklagenswerthe Erſcheinung. „ Ich glaube nicht, daß die Kleidungsſtücke ſo recht angelegt ſind,“ fagte der arme, ſchwache Mann.„Es iſt mir, als trüge ich eines Andern Kleider, ich bin ganz einſeitig, Ihr habt das eine Bein länger, als das andere gemacht, und da iſt gar auch noch eine 83 Flaſche in meiner Taſche. Warum ſoll ich mich denn auf eine Flaſche ſetzen?“ „Der Kukuk ſoll doch dieſen Menſchen holen!“ ſchrie Mrs. Gamp,„ich wette, er hat ein Nachtfläſch⸗ chen darin. Ich machte geſtern einen kleinen Speiſe⸗ ſchrank aus ſeinem Rocke, als derſelbe hinter der Thüre hing, und nun, Betty, hatte ich es vergeſſen. Sie werden auch ein wenig Zucker und Thee, noch verſchie⸗ dene andere Dinge in der andern Taſche finden; wollen Sie die Güte haben, mir es herauszulangen.“ Betty brachte nun beſagte Gegenſtände nebſt einigen Spezereiwaaren zum Vorſchein, und Mrs. Gamp practicirte Alles in ihre eigene Taſche. Jetzt langten einige Erfriſchungen für die Damen in der Form von Rippen und ſtarkem Ale, und für den Kran⸗ ken ein förmliches Fleiſchbrüh⸗Baſin an. Kaum war das Mahl beendigt, als John Weſtlock erſchien. „Was, ſchon auf und angekleidet!“ rief John und ſetzte ſich neben den Patienten nieder.„Das iſt recht brav; wie geht es Ihnen?“ „Viel beſſer, aber leider noch ſehr ſchwach!“ „Das iſt auch kein Wunder, denn Sie ſind ſchlimm daran geweſen. Aber Landluft und Veränderung der Gegend werden ſchon einen ganz andern Menſchen aus Ihnen machen. Ei, Mrs. Gamp,“ fuhr John fort, indem er des Patienten Anzug betrachtete,„Ihr habt einen guten Begriff von eines Gentlemans Anzug.“ „Es war nichts Leichtes, Herrn Lewſome in ſeine Kleider zu bringen,“ antwortete Mrs. Gamp mit Würde,„und was ich und Betſay Prig im Stande ſind, im Falle der Noth vor dem Lord Major und vor dem geheimen Rath zu bezeugen.“. Während dieſer Unterredung war John Weſtlock bemüht geweſen, dem Kranken die Vatermörder herun⸗ ter zu biegen, und ihn von einer großen Qual zu be⸗ 6* — —— 84 ferien. er ſtaud dicht vor ihm und der Patient flüſterte ihm zu: „Herr Weſtlock, ich möchte Sie gerne allein ſpre⸗ chen, ich habe Ihnen manche ſeltſame Dinge zu ſagen, Manches, was mit fürchterlicher Schwere während dieſer ganzen Krankheit auf meinem Herzen gelaſtet hat.“ John, ſchnell in allen ſeinen Handlungen, wandte ſich augenblicklich, um den Weibern zu ſagen, daß ſie ſich entfernen möchten, aber der kranke Mann hielt ihn am Aermel und ſprach: „O! nicht in dieſem Moment; ich beſitze jetzt nicht Stärke und Muth dazu! Darf ich eine ſpätere Zeit wählen und Ihnen ſchreiben, wenn ich dieſes für leich⸗ ter und beſſer halten werde!“ „Ob Sie dürfen?“ rief John.„Ei, Lewſome, was iſt es?“ „Fragen Sie mich nicht, was es ſey, es iſt un⸗ natürlich und grauſam. Schrecklich daran zu denken; fürchterlich zu ſagen; fürchterlich zu wiſſen, und ſchauer⸗ lich dazu geholfen zu haben. Laſſen Sie mir noch ein⸗ mal Ihre Hand küſſen für all das Gute, welches Sie mir erwieſen haben. Seyen Sie noch ferner freundlich gegen mich und fragen Sie mich nicht, was es iſt.“ Im erſten Augenblick ſah ihn John erſtaunt an, da er ſich jedoch erinnerte, wie ſehr ſchwach und an⸗ gegriffen ſein Gehirn durch das lange Fieber ſey, glaubte er, daß die Worte blos Folge einer fixen Idee oder ſeiner aufgeregten Phantaſie ſeyen, und ergriff deshalb die erſte beſte Gelegenheit, Mrs. Gamp bei Seite zu ziehen, während Betſay Prig ihren Pfleg⸗ ling mit dem Mantel und mit Tüchern umwickelte, und fragte ſie, ob es in des Kranken Kopfe ganz richtig ey?— len„O, Gott bewahre, nein!“ antwortete Mrs. Gamp. „Er haßt ſeine Wärterin bis auf dieſe Stunde. Es iſt merkwürdig, Sir, es iſt ein gewiſſes Zeichen. Wenn Sie gehört hätten, wie noch vor wenigen Minuten ich —9„.„. N KRLA. — d und meine Freundin ihm nichts recht thun konnten, Sie würden ſich gewundert haben, daß wir nicht ſchon lange im Grabe liegen.“ John wurde hiedurch noch mehr in ſeinen Ver⸗ muthungen beſtärkt, legte keine beſondere Wichtigkeit auf das, was er vorhin gehört hatte, nahm ſein frü⸗ heres munteres Weſen wieder an, und half Mrs. Gamp und Mrs. Betſay Prig den Kranken die Stiege hinab und in den Wegen zu bringen, der bereit war, abzu⸗ fahren. Poll Sweedlepipe ſtand mit gekreuzten Armen und weit aufgeriſſenen Augen an der Thuͤre und ſtarrte neu⸗ gierig die Kommenden an, w ährend der Patient lang⸗ ſam in die Kutſche gehoben wurde. Seine abgezehrten Hände und ſeine eingeſunkenen Wangen machten einen ſo wunderbaren Eindruck auf Poll, daß er Herrn Bailey im Vertrauen geſtand, dieſer rührende Anblick ſey ihm nicht um ein Pfund feil. Herr Bailey hingegen, der eine ganz andere Gemüthsart beſaß, bemerkte, daß er für fünf Schillinge ſehr gerne weggeblieben wäre. Nun war noch eine mühſame Arbeit vorhanden, nämlich Mrs. Gamps Gepäcke zu ihrer Zufriedenheit unterzubringen, denn jedes Bundel dieſer Dame hatte die unbequeme Eigenſchaft, einen beſonderen Korb zu verlangen, unter Androhung ſchwerer Anklagen auf Schadenerſatz gegen den Eigenthümer der Kutſche. Der Regenſchirm mit dem kreisförmigen Flecken war vor⸗ züglich ſchwer unterzubringen, und ſtreckte mehrmals, zum größten Schrecken der übrigen Reiſenden, ſeine Meſſingzwinge voll Beulen durch alle möglichen Ritzen und Spalten. Mrs. Gamp hatte in der Angſt, einen ſichern Hafen für dieſes Möbel zu finden, in fünf Minuten ihren Schirm ſo oft hin⸗ und hergelegt, daß man hätte glauben können, ſie habe es mit fünfzigen zu thun. Endlich wurde er gar vermißt, und nun folgte Mrs. Gamp dem Kutſcher fünf Minuten lang auf allen Schritten und Tritten, und vermaß ſich hoch 86 3 und theuer, daß er ihr den Schirm vergüten müſſe, wenn ſie ſogar ihre Klage bis vor das Haus der Ge⸗ meinen bringen müßte. Endlich waren alle Kiſten, Bündel, Ueberſchuhe und Körbe und Alles andere untergebracht; ſie nahm freundlich Abſchied von Poll und Herrn Bailey, machte einen leichten Knix gegen John und ſchied von Mrs. Prig mit ſchweſterlicher Zärtlichkeit, indem ſie ſprach: „Ich wünſche, daß Sie viele gute Kranken zur Pflege bekommen, meine theure Freundin und gute Plätze. Ich hoffe, es wird nicht lange anſtehen, bis wir wieder mit einander arbeiten können, und unſer nächſtes Zuſammentreffen möge in einer großen Familie ſeyn, wo Alles in regelmäßiger Abwechslung geht, und ein geſchäftsmäßiges Anſehen hat.“ „Ich habe gar keine Sorge, wie bald dies geſchehen wird, oder wie viele Wochen es auch dauern mag,“ ſagte Mrs. Prig. Mrs. Gamp näherte ſich mit einer eben ſo geiſt⸗ vollen Erwiederung der Kutſche, als ſie mit einer Lady und einem Gentleman zuſammenſtieß, welche den Fußweg gingen. „Achtung da; aufgeſehen!“ rief der Gentleman; „he, meine Wertheſte! Ei, es iſt Mrs. Gamp!“ „Was Herr Mould?“ ſchrie die Krankenwärterin, „und Mrs. Mould? Wahrhaftig, wer ſollte je gedacht haben, daß wir uns hier auf dieſem Platze begegnen!“ „Das iſt eine große Seltenheit, daß Sie die Stadt verlaſſen wollen, Mrs. Gamp,“ rief Mould. O, iſt das nicht ungewöhnlich!“ „Ja, Sir, es iſt äußerſt ungewöhnlich, aber ich bleibe auch nur ein oder zwei Tage weg. Der Gentle⸗ man,“ ſetzte ſie flüſternd hinzu,„von dem ich Ihnen geſagt habe!“ „Wie, der iſt in der Kutſche!“ ſchrie Mould.„Der, dem Sie uns empfehlen wollten? Sehr ſeltſam, meine Theure, der wird Dich intereſſiren. Derſelbe Herr, — 87 welchen Mrs. Gamp uns vorzuſtellen gedachte, iſt in dieſem Wagen, meine Liebe!“ Mrs. Mould intereſſirte ſich ſehr für ihn. „Hier, mein Kind, kannſt Du auf die Thürſchwelle ſtehen und ihn betrachten,“ ſprach Mr. Mould.„Ha, da iſt er. Wo iſt mein Glas? O, ganz recht, ich habe es! Siehſt Du ihn, meine Theure?“ „O ganz vortrefflich!“ erwiderte Mrs. Mould. „Auf meine Ehre, das iſt ein ſehr wunderbarer Zufall,“ fuhr Mrs. Mould fort,„das iſt wieder etwas von dem, was ich nicht um Viel miſſen möchte. Es intereſſirt mich. Es iſt beinahe ein kleins Schauſpiel. Ja, da ſitzt er.“—„Sieht er nicht recht bleich aus, Mrs. Mould?“ Mrs. Mould bejahte es. „Wenn's aus und aus iſt, begegnen wir ihm vielleicht ſpäter noch einmal. Wer weiß, es iſt mir immer, als ſollte ich ihm eine kleine Aufmerkſamkeit erweiſen. Er ſcheint mir kein Fremder zu ſeyn. Ich habe gute Luſt, meinen Hut herabzuziehen.“. „Er ſieht fortwährend auf uns,“ antwortete Mrs. Mould. „Nun, ſo will ich es thun,“ rief Mould.„Wie geht es Ihnen, Sir? Recht guten Morgen! Ha, ſieh' nur, er verbeugt ſich auch! Sehr gentlemänniſch. Mrs. Gamp hat ohne Zweifel die Karten in ihrer Taſche. Das iſt ſehr wunderbar, meine Theure— und ſehr unterhaltend. Ich bin nicht abergläubiſch, aber es ſcheint mir, als ob Jemand beſtimmt wäre, ihm ſolche kleine Artigkeiten zu erweiſen, welche in unſern beſondern Geſchäftskreis gehören. Ich ſehe Niemand, der etwas dagegen hätte, meine Liebe, wenn Du ihm einen Handkuß zuwerfen willſt.“ Mrs. Mould that, wie ihr geheißen wurde. „Ach,“ ſprach Mr. Mould,„er iſt augenſcheinlich erfreut darüber.“ 5 „Armer Kamerad! Ich bin recht froh, daß Du ———— 8 88 meinen Wunſch erfüllt haſt, meine Liebe. Leben Sie wohl, leben Sie wohl! Mrs. Gamp!“ rief er noch und winkte ihr mit der Hand zu.„Nun wird er fort gehen.“ Und ſo geſchah es in der That; denn kaum waren dieſe letzten Worte ausgeſprochen, als auch ſchon der Wagen davon rollte. Herr und Mrs. Mould gingen nun in ſehr guter Laune ihren Weg weiter. Herr Bailey zog ſich mit Poll Sweedlepipe ſobald als möglich zurück, aber es verging noch eine geraume Zeit, ehe er ſeinen Freund vom Platze bringen konnte. Denn Mrs. Prig hatte einen ſo heftigen Eindruck auf des Barbiers Nerven gemacht, daß er noch immer wie gefeſſelt ſtand, und erſt, als er ſich ſo weit erholt hatte, um, in Bewun⸗ derung des Bartes der Mrs. Prig, ausſprechen zu kön⸗ nen, daß ſie ein Frauenzimmer von übermäßigen Rei⸗ zen ſey, traten ſie ihren Rückmarſch an. Als das kleine Getümmel um die Kutſche ſich ver⸗ loren hatte, wurde Nadgett in der dunkelſten Ecke des Kaffeezimmers des Ochſen bemerkt, wie er ſo ängſtlich auf die Uhr ſah, als wenn der Mann, welcher nie⸗ mals erſchien, heute gar zu langſam ſey. 3 Fünftes Kapitel. Welches zeigt, daß auch in der geregelſten Familie Veränderungen vorfallen können.— Wie es des Wundarztes erſte Sorge iſt, nach Ab⸗ nahme eines Gliedes die Arterien zu unterbinden und das gebrauchte grauſame Meſſer zu entfernen, ſo iſt es auch die Pflicht dieſer Erzählung, nachdem ſie in ih⸗ rem rückſichtsloſen Laufe einen Zweig des Pecksniff⸗ ſchen Baumes, die heitere Merry, abgeſchnitten hat, — r 5 8——+ —ͤö————O—· 8 ſich wieder nach dem väterlichen Stamme umzuſehen, und wie ſeine verſchiedenen Verzweigungen ohne ſie ge⸗ diehen ſind, zu betrachten. 13— Zuerſt muß aber noch von Herrn Pecksniff erwähnt werden, daß er, nachdem er ſeine jüngſte Tochter mit der beſten aller Segnungen, mit einer nachſichtigen und milden, verſehen hatte, und nun ganz befriedigt war, den theuerſten Wunſch ſeines Herzens durch eine ſo vortreffliche Gründung ihres Glückes erfüllt zu ſe⸗ hen, ſeine Jugend erneute, das Geſieder ſeiner eigenen herrlichen Geſinnungen ausbreitete und ſich mit jedem Jünglinge maß. Es iſt gewöhnlich in Schauſpielen bei Vätern der Fall, daß ſie, ſobald ſie ihre Töchter den Männern ihres Herzens anvertraut, nichts auders zu thun haben, als ihr Haupt zum Sterben zu neigen, obgleich ſie ſich nachher nicht ſo ſehr damit beeilten. Herr Pecksniff dagegen, der ein Vater von einer wei⸗ ſeren und praktiſcheren Art war, ſchien zu ſagen, daß er jetzt erſt recht zu leben anfange, und da er nun ei⸗ nes Tröſters beraubt war, ſich mit vielen andern zu umgeben. So ſehr jedoch der gute Mann geneigt war, fröh⸗ lich zu ſeyn und ſich in dem Garten ſeiner Phantaſte (wenn man ſo ſagen will) gleich einem architektoniſchen Kätzchen zu beluſtigen, ſo trat ihm hier doch ein Hin⸗ derniß in den Weg. Die ſonſt ſo liebenswürdige Cherry war durch Zurückſetzung und Kränkung äußerſt aufge⸗ bracht, und da ſie ſich keine Mühe gab, den Strudel zu dampfen, erfolgten öfters heftige Ausbrüche des Vulkans. Die liebenswürdige Cherry war in der heftigſten Aufregung. Sie führte beſtändig Krieg mit ihrem theuren Papa, ſie bereitete ihm, was man ge⸗ wöhnlich, in Ermanglung eines beſſern Ausdruckes, ein Hundeleben nennt. Aber noch nie hatte ein Hund, weder in einer Haushaltung, noch in einem Stalle, noch in einem Hauſe ein ſo hartes Leben, wie Herr Pecksniff mit ſeinem liebenswürdigen, artigen Kinde geführt. Vater und Tochter ſaßen bei ihrem Frühſtücke, Tom hatte ſich zurückgezogen, und ſie waren ganz al⸗ leln. Herr Pecksniffs Stirn war zuerſt umwölkt, dann klärte ſie ſich aber wieder auf, und er blickte verſtoh⸗ len nach ſeinem Kinde, ihre Naſe war ſehr roth und ſtark, ſehr hoch getragen, in feindlicher Rüſtung. „Cherry,“ ſprach der Vater,„was iſt zwiſchen uns beide getreten? Mein Kind, warum leben wir in Un⸗ frieden?“ Miß Pecksniffs Antwort war kaum eine Erwiede⸗ rung auf einen ſolchen Strom von Gefühlen, denn ſie lantete einfach: „Poſſen, Papa!“ „Poſſen!“ entgeguete Pecksniff in zornigem Tone. „O, es iſt zu ſpät, Papa,“ antwortete ſeine Toch⸗ ter ruhig,„auf eine ſolche Weiſe mit mir zu ſprechen. Ich weiß, was es bedeutet, und was es werth iſt.“ „Das iſt hart!“ ſchrie Pecksniff und blickte ſeine Kaffeetaſſe an.„Das iſt wirklich traurig! Sie iſt mein Kind. Ich trug ſie auf meinen Armen, als ſie noch formloſe Wollenſchuhe trug, ſchon vor vielen Jahren!“ „Sio haben nicht nöthig, meiner zu ſpotten!“ ſagte Cherry mit einem boshaften Blicke.„Ich bin nicht ſo viele Jahre älter als meine Schweſter, obgleich ſte an Ihren Freund verheirathet iſt!“ 8 „Ach Menſchheit, Menſchheit, arme Menſchheit!“ rief der Vater und ſchüttelte ſeinen Kopf über die menſchliche Natur, als wenn er nicht dazu gehöre. „Wer ſollte denken, daß dieſer Zwieſpalt von einer ſol⸗ chen Urſache herrühre! O Gott! O Gott!“ „Von einer ſolchen Urſache, in der That,“ rief Cherry.„Geben Sie den wahren Grund an, mein Vater, oder ich will ihn nennen; auf mein Wort, ich will ihn nennen!“ 9¹ Vielleicht war die Entſchloſſenheit, mit welcher das Mädchen ſprach, Veranlaſſung, daß der Vater ſeinen Ton änderte und eine ſtrengere Miene annahm, als er ſagte: 3 3 „Du willſt; Du haſt es ſchon gethan, Du thateſt es geſtern, Du thuſt es immer. Du haſt kein Zartge⸗ fühl, Du machſt kein Geheimniß aus Deinen Schwä⸗ chen, Du haſt ſie mehr als hundertmal vor Herrn Chuzz⸗ lewit bloßgeſtellt.“ „Ich ſollte das gethan haben,“ rief Che ry unter einem bittern Lächeln.„O, in der That, davon weiß ich nichts.“. „Ja, und ſogar über mich haſt Du Schande ge⸗ bracht!“ fuhr Herr Pecksniff fort. Seine Tochter antwortete nur mit einem ſpöttiſchen Lächeln. „ünd da es nun einmal zu einer Erklärung zwi⸗ ſchen uns beiden gekommen iſt, Charrity,“ ſagte Pecks⸗ niff und ſchüttelte zornig den Kopf,„ſo hören Sie denn, daß ich es nie zugeben werde. Nichts von Ihrem Unſinn, Miß! Ich werde ihn nicht zugeben.“ „Und ich werde es dennoch thun!“ rief Charrity, auf ihrem Seſſel hin und her rückend, und ihre Stimme bis zur höchſten Höhe erhebend.„Es ſoll geſchehen, verlaſſen Sie ſich darauf, mein Vater! Ich bin ſchänd⸗ licher, als irgend jemand, behandelt worden. Sie werden ſehen, daß ich mich nicht unterdrücken laſſe!“ Hier begann ſie zu weinen und zu ſeufzen.„Und auch von Ihnen darf ich jetzt die ſchlimmſte Behandlung er⸗ warten, ich weiß es voraus. Aber ich ſcheue kein Mit⸗ tel, es abzuwenden, nein, gewiß nicht.“ Herr Pecksniff wurde durch den lauten Ton, in welchem ſie ſprach, der Verzweiflung ſo nahe ge⸗ bracht, daß er in raſender Ungewißheit nach einem Mittel ſuchte, durch welches ihm gelingen konnte, Cherry zu beſänftigen. Schnell ſtand er dann auf und rüttelte ſie ſo lange, bis die künſtliche Haarſchleife auf ihrem Kopfe wie eine Feder zu wackeln begann. Und Cherry wurde wirklich durch dieſen Sturm ſo erſtaunt, daß eine günſtige Wirkung den Verſuch krönte. „So werde ich es wieder machen!“ rief Herr Pecks⸗ niff, indem er auf ſeinen Sitz zurückſank und Athem ſchöpfte,„ſobald Du Dir noch einmal erlauben wirſt, in einem ſolchen Tone zu ſprechen. Was meinſt Du mit der ſchändlichen Behandlung? Wenn Herr Chuzz⸗ lewit Deine Schweſter Dir vorzog, wer konnte es än⸗ dern? Was habe ich denn damit zu thun, das will ich wiſſen! Was habe ich davor gekonnt?“ „Wurde nicht mein Zartgefühl verletzt? Wurde nicht mit meinen Gefühlen geſpielt? Wendete er nicht zuerſt mir ſeine Aufmerkſamkeit zu?“ ſtöhnte Charrity und rang die Hände.„O, großer Gott, wer hätte geglaubt, daß ich nur leben ſollte, um zurückgeſetzt zu werden“ „Und es wird Dir wieder ſo gehen,“ erwiederte der Vater,„wenn Du mich zwingſt, durch ſolche Mit⸗ tel den Frieden dieſer demüthigen Hütte zu erhalten. Du überraſcheſt mich! Ich wundere mich, daß Du nicht mehr Verſtand haſt. Wenn Herr Jonas Dich nicht liebte, wie konnteſt Du nur wünſchen, ihn zu be⸗ kommen?“— „Ich wünſchte ihn zu haben!“ ſchrie Cherry.„Ich verlange ihn, Papa!“ „Warum haſt Du denn ſo viel Weſens gemacht,“ ſprach der Vater,„als wenn Du ihn nicht wollteſt?“ „Weil ich mit Falſchheit behandelt wurde,“ fuhr Cherry fort.„Und weil mein eigener Vater ſich mit meiner leiblichen Schweſter gegen mich verſchwor. Ich zürne ihr zwar nicht,“ ſprach Cherry, ſah indeſſen grim⸗ miger als je aus.„Ich bemitleide ſie, es thut mir leid um ſie, weil ich weiß, welches Schickſal ihr an der Seite dieſes Schurken zu Theil werden wird.“ „Herr Jonas würde Dich lehren, ihn einen Schur⸗ ken zu nennen, mein Kind ¹“ antwortete der Vater mit 93 zurückkehrender Reſtgnation;„aber gib ihm von mir aus einen Namen, welchen Du willſt, nur mache, daß Du zu Ende kommſt.“ „Nein, es iſt noch nicht Alles,“ ſprach Cherry, „noch bin ich nicht fertig! Das iſt nicht der einzige Punkt, über den wir uneins ſind. Ich werde mich nie ſo weit demüthigen. Es wäre beſſer, Sie würden Alles auf einmal erfahren. Nein, gewiß, ſo tief werde ich mich nie erniedrigen, Papa, ich bin Gott ſey Dank weder wahnſinnig, noch blind. Das iſt es nun, was ich noch zu ſagen hatte, glauben Sie mir, ich werde mich nicht dazu erniedrigen!“ Was ſie immer mit den letzten Worten meinte, ſo erſchütterten ſie Herrn Pecksniff, denn ſein ſchwacher Verſuch, kalt zu erſcheinen, verſchwand, ſein Zorn ver⸗ wandelte ſich in Schwermuth und ſeine Worte wurden ſanft und ſchmeichelnd. „Mein theures Kind“, begann er,„wenn ich in der erſten Aufwallung eines hitzigen Momentes zu un⸗ verantwortlichen Mitteln meine Zuflucht nahm, um ei⸗ nen kleinen Ausbruch zu verhindern, welcher berechnet war, ſowohl mich als Dich zu entwürdigen— es iſt möglich, ja vielleicht gewiß, daß ich dies that— ſo bitte ich Dich jetzt um Vergebung. Ein Vater, wel⸗ cher ſein Kind um Vergebung bittet, gewährt, glaube ich, einen Anblick, der die aufgeregteſte Natur zu be⸗ ſänftigen vermöchte.“. Auf Miß Pecksniff machte es jedoch nicht ganz den⸗ ſelben Eindruck, vielleicht weil ihre Natur nicht rauh genug war. Sie verharrte im Gegentheil darauf, daß ſie weder wahnſinnig noch blind ſey, und ſich nie ſo tief erniedrigen würde. „Du biſt im Irrthum, mein Kind. Aber ich will nicht fragen, was es iſt, ich verlange es nicht zu wiſ⸗ ſen. Nein, ich bitte Dich,“ fügte er hinzu, indem er die Farbe wechſelte und die Hand ausſtreckte,„laßt 94 uns nicht mehr über dieſe Sache ſprechen, was es auch immer ſeyn möge!“ „Es iſt ganz recht, daß dieſer Gegenſtand nimmer unter uns beſprochen werden ſoll, Sir,“ ſprach Cherry, „aber ich wünſche nun auch im Stande zu ſeyn, ihn gänzlich zu entfernen, und deshalb bitte ich Sie, für eine andere Heimath mir zu ſorgen!“ Herr Pecksniff ſah im Zimmer umher und rief: „Eine Heimath, mein Kind!“ „Eine andere Wohnung, Papa,“ entgegnete Cherry mit wachſendem Stolze.„Bringen Sie mich zu Mrs. Todgers, oder irgend wo anders hin, nur verſchaffen Sie mir eine unabhängige Lage, denn ich will einmal nicht hier leben, wenn die Sachen ſo ſtehen.“ Es iſt möglich, daß Miß Pecksniff das Haus der Mrs. Todgers als einen Ort⸗ betrachtete, wo ſchwärme⸗ riſche Anbeter in Maſſe ihr zu Füßen ſinken würden, und vielleicht ſah auch Herr Pecksniff, in ſeiner wieder erneuerten Jugend, bei dem Gedanken an dieſes Haus ein leichtes Mittel, ſich mit Güte und Vorſicht von ei⸗ ner widrigen Bürde zu befreien. Es wäre ohne Zwei⸗ fel eine Handlung geweſen, durch deren Gelingen Herrn Pecksniffs lauſchende Ohren gewiß nicht das Grabge⸗ läute ſeiner Hoffnungen vernommen hätten. Aber er war ein gefühlvoller und empfindſamer Mann, und drückte darum ſein Taſchentuch mit beiden Händen gegen das Geſicht, wie es ſolche Männer häufig machen, beſonders wenn ſie wiſſen, daß man ſie beob⸗ achtet. 1 „O, eines meiner Vögelchen hat mich ſchon um eines Fremden willen verlaſſen, und nun will auch das andere ſeinen Flug zu Todgers nehmen! Gut, gut denn! Was bin ich? Ich weiß nicht, was ich bin! Doch gleichviel!“ ſprach der bewegte Vater. Sogar dieſe Bemerkung, welche durch den bre⸗ chenden Ton, den ſie zuletzt annahm, noch rühren⸗ 95 der, als die erſte gemacht wurde, übte keinen Einfluß auf Cherry. Sie blieb kalt, unbewegt und ungerührt. „Aber ja, ſtets habe ich,“ ſprach Herr Pecksniff, „meiner Kinder Glück dem meinigen aufgeopfert, oder ich wollte vielmehr ſagen, mein Glück dem meiner Kinder, und auch jetzt will ich mein Leben nach keinen andern Vorſchriften regeln. Wenn Du bei Mrs. Tod⸗ gers glücklicher ſeyn kannſt, als in Deines Vaters Hauſe, ſo gehe hin. Denke nicht an mich, Mädchen, ohne Zweifel werde ich mich auch dann ſo ziemlich fortbringen!“ Miß Charrity, welche wußte, daß ihr Vater ein geheimes Vergnügen an der Vollziehung dieſes Wech⸗ ſels habe, eilte nun, auch das ihrige auszudrücken, um wegen der Länge des Termins zu unterhandeln. Ueber dieſen Punkt waren Herrn Pecksaiffs Anſichten wieder ſo abweichend von denen ſeiner Tochter, daß ein neuer Streit auszubrechen drohte. Doch endlich kam ſo etwas, das einem Einverſtändniſſe gleich ſah, zwiſchen beiden zu Stande, und das Gewitter zog vorüber, ohne ſich zu entladen. Cherry's Einfall war in der That ſo angenehm für beide Theile, daß es ein Wunder geweſen wäre, wenn nicht einmal eine friedliche Uebereinkunft zu Stande gekommen ſeyn würde. Es wurde nun beſchloſſen, daß der Reiſeplan ſo bald als möglich ausgeführt werden ſolle. Als Ausrede gegen Herrn Chuzzlewit und Merry mußte Cherry's ſchwache Geſundheit, die Nothwendigkeit der Luftveränderung und der Wunſch, in der Naͤhe ihrer Schweſter zu leben, dienen. Erſteres ſchien um ſo glaub⸗ würdiger, da ſie ſchon früher gegen genannte Perſonen ihres Unwohlſeyns erwähnt hatte. Die Zeit des Abſchieds war nun herangerückt, und Herr Pecksniff ertheilte ſeinem Kinde ſeinen väterlichen Segen mit aller Würde eines Mannes, der im Begriffe iſi, ſich ſelbſt ganz zu verläugnen, und ein ſchweres 96 Opfer zu bringen, indem ihm die Betrachtung, daß die Tugend ihren Lohn in ſich ſelbſt finde, neuen Troſt ge⸗ währe. So war es denn ſeit jener verhängnißvollen Nacht, in welcher Herr Jonas die ältere Schweſter ver⸗ ſtoßen, und die Strahlen ſeiner Liebe der jüngeren zu⸗ gewandt hatte, das erſtemal, daß Vater und Kind fried⸗ lich zuſammen ſprachen. Was mag denn wohl— im Namen der ſieben Weltwunder—(die, welche ſie nur immer ſeyn mögen, einen Zuſatz in der Pecksniff'ſchen Familie erhalten ha⸗ ben), vorgefallen ſeyn, daß Miß Pecksniff im Begriffe war, ſich von ihrem Vater zu trennen? Was war die Urſache, daß ſich ihre gegenſeitigen Verhältniſſe ſo ſehr geändert hatten? Warum gab Miß Pecksniff auf eine ſo unſanfte Weiſe zu erkennen, daß ſie weder wahnſinnig noch blind ſey, und ſich nie unter das Joch beugen wolle? Wäre es möglich, daß Herr Pecksniff mit dem Gedanken umging, ſich zum zweitenmale zu vermählen, und daß ſeine Tochter mit den ſcharfen Augen eines Weibes ſein Vorhaben ergründet hätte? Wir wollen tiefer in dieß Geheimniß eindringen. Da Herr Pecksniff ein Mann frei von allem Tadel war, an dem der Hauch der Verläumdung abglitt, wie der gewöhnliche Hauch an polirten Oberflaͤchen: konnte er ſich auch manches erlauben, was andere nicht thun durften. Er kannte die Reinheit ſeiner Beweggründe, und wenn er ein Motiv hatte, ließ er es frei nach Außen wirken, wie dieſes nur ein ſehr guter oder ſchlimmer Mann thun kann. Hatte er ſich wohl auch ein ſehr kräftiges und lobenswerthes Motiv im Nehmen einer zweiten Frau geſetzt? Ja, gewiß— und nicht nur eins oder zwei, ſon⸗ dern eine ſehr mannigfaltige Combination. Mit dem alten Martin Chuzzlewit war während dieſer Zeit hinſtchtlich ſeines Gemüthszuſtandes eine große Veränderung vorgegangen. Seit jenem Abende, wo er zu einer ſo unangenehmen Zeit in Herrn Pecksn iffs Hauſe —— — 2 enͤ— 97 anlangte, war ſein Geiſt ſehr herabgeſtimmt und es war nicht leicht mit ihm umzugehen. Herr Pecksniff hielt dieſen Zuſtand zuerſt für eine Folge der Erſchütterung, welche der Tod ſeines Bruders in ihm erzeugt hatte. Aber von dieſer Stunde an ſchien ſein Charakter ſich ganz nach anderen Regeln zu modificiren, und in eine ſtumpfe Gleichgültigfeit gegen ſeine ganze Umge⸗ bung, Herrn Pecksniff ausgenommen, ſich zu verwandeln. Sein körperliches Ausſehen war noch immer das⸗ ſelbe, wie vor mehreren Jahren; ſein Geiſt hingegen hatte bedeutend gealtert. Es war hier nicht der Fall, daß dieſe oder jene Leidenſchaft Spuren auf ſeinem Ge⸗ ſichte zurückgelaſſen hatten, ſondern der ganze Mann war der Verwelkung und Schwäche anheimgefallen. Eine Kraft, ein Sinn nach dem andern ſchwand und nichts Neues kam, die entflohene Stelle zu erſetzen. Der Ver⸗ ſtand wurde ſchwächer, das Geſicht blöder, und manche Tage war er taub; er nahm wenig Notiz von Allem, was um ihn her vorging, und konnte ganze Tage ſitzen, ohne ein Wort zu ſprechen. Dieſe Verwandlung ging ſo leicht und allmälig vor ſich, daß ſie, als man es zu merken begann, beinahe ſchon ganz vollendet war, Aber Herr Peckeniff ſah es zuerſt, vor ſeiner Seele ſtand noch lebhaft das Bild des ſterbenden Anthony, und in ſeinem Bruder gewahrte er nun wieder deutlich denſelben Kampf mit der Hinfälligkeit. Für einen Gentleman von Pecksniffs Zärtlichkeit war dieß eine ſehr traurige Wahrnehmung, er ſah vor⸗ aus, daß ſein werther Verwandter als Opfer der Hinter⸗ liſt und des Betrugs ſeiner ſogenannten Freunde fallen würde, und daß dann ſein Vermögen in unwürdige Hände kommen müßte; er entſchloß ſich daher, ſo ſchnell als möglich Sorge zu tragen, daß das ſchöne Eigenthum ihm geſichert, jeder Erbſchleicher in gehöriger Entfernung ge⸗ halten, und der alte Herr zu ſeinen Gunſten geſtimmt Boz, Chuzzlewit. IV. 7 98 würde. Daher begann er nach und nach, mehr und mehr zu verſuchen, ob Herr Chuzzlewit nicht zu einem Verſprechen zu bewegen ſey, welches ihn als ein In⸗ ſtrument in ſeinen Händen machen würde, und da er bemerkte, daß ſeine Hoffnungen nicht leer ſeyen, und der alte Herr wirklich ganz geſchmeidig unter ſeinen pla⸗ ſtiſchen Fingern wurde, ſo machte es die menſchenfreund⸗ liche Seele zu einer beſonderen Lebensaufgabe, eine völ⸗ lige Herrſchaft über ihn zu gewinnen, und als jedem kleinen Kampfe ein herrlicher Sieg folgte, ſo hörte er ſchon in Gedanken Martins Geld in ſeinen gewiß nicht verſchwenderiſchen Taſchen klingeln. So oft Herr Pecksniff über dieſe ſonderbare Ver⸗ kettung der Umſtände mit himmelwärts erhobenem Herzen nachdachte(was bei ſeiner tiefdenkenden Natur häufig geſchah) welche Martin Chuzzlewit zur Demüthigung der Gottloſen und zum Triumphe der Gerechten in ſeine Hände gebracht hatte, fühlte er, daß Mary Graham ein Stein des Anſtoßes für ihn ſey. Mochte der alte Mann ſagen, was er wollte, Herr Pecksniff wußte be⸗ ſtimmt, daß er eine ſtarke Neigung für das Mädchen hege, daß er ſie gerne in ſeiner Nähe ſehe, und daß er unruhig wurde, wenn ſie ſich lange abweſend befand; auch fing Herr Pecksniff an, die Betheuerungen in ſei⸗ nem Teſtamente ihrer nicht gedacht zu haben, zu bezwei⸗ feln, und er wußte, daß es da noch verſchiedene Wege gebe, dieſen Eid zu umgehen, und das Gewiſſen auf eine andere Art zu beſchwichtigen. Ueber das hatte der alte Chuzzlewit ſelbſt ſchon mehrmals geäußert, daß der ſchutzloſe Stand, in welchem er ſeinen Zogling einſt zurücklaſſen müſſe, ſchwer auf ſeinem Herzen laſte. „Wie wäre es— ſagte Pecksniff,„wenn ich ſie heirathete! Ei!“ fuhr er fort, indem er ſich die Haare ſtrich, und nach ſeiner Bürſte von Spreken blickte.„Ei, wenn ich mich zuerſt ſeiner Einwilligung verſichern würde . —— 12 99 — er iſt ja beinahe ſchon ganz geiſtesſchwach. Der arme Gentleman— und ſie dann heirathete!“ Mr. Pecksniff beſaß ſehr viel Gefühl für das Schöne, beſonders, was das weibliche Geſchlecht anbe⸗ langte. Sein Benehmen gegen Damen war wirklich merkwürdig wegen der Schnelligkeit, mit welcher er ihre Herzen gewann. In den früheren Seiten dieſer Blätter iſt es bereits bemerkt worden, daß er Mrs. Todgers bei der geringfügigſten Gelegenheit umarmte— es war dieß ſo ſeine Gewohnheit, und ein Zug des zarten Edel⸗ muthes, welcher ſeinem Charakter eigen war. Ehe noch ein Gedanke an eine Heirath in ſeine Sinne gekommen war, hatte er Mary ſchon viele kleine Beweiſe ſeiner geiſtreichen Bewunderung gegeben. Dieſe waren zwar unwillig aufgenommen worden, aber das that nichts zur Sache. Als jedoch ſeine Gefühle immer wärmer und glühender wurden, war er nimmer im Stande geweſen, ſie vor Cherry's durchdringenden Augen zu ver⸗ bergen, welche mit einemmal ſeinen Plan durchſchaute, aber er fühlte, und hatte ſchon vom Anfang an die ganze Macht von Marys Reizen empfunden. So vereinigten ſich alſo Intereſſe und Neigung des Herrn Pecksniffs, um ihn in der Ausführung ſeines Vorhabens zu unter⸗ ſtützen. Herr Pecksniff hat ein viel zu demüthiges und ver ſöhnliches Gemüth, um irgend eine rachſüchtige Ge⸗ ſinnung wegen der unzarten Ausdrücke, deren ſich der junge Martin in den letzten Augenblicken ſeiner Anwe⸗ ſenheit bedient hatte, nähren zu können, oder gar auf den Gedanken zu kommen, ſeiner Ausſöhnung mit dem Großvater ſtets neuere Hinderniſſe in den Weg zu legen. Von Seiten Mary's war ihm nicht bange, die Einwilligung zu erhalten, denn er lebte in der feſten Ueberzeugung, daß die Lage dieſes ſchutzloſen Mädchens, wenn er vereint mit ihrem Pflegvater gegen ſie auftreten wuͤrde, eine unerträgliche ſeyn müſſe. An die Gefühle 7 1⁰⁰ ihres Herzens kehrte er ſich nicht, in Herrn Pecksniffs moraliſchem Geſetzbuche ſtand es nicht, Rückſicht darauf zu nehmen, denn er wußte, welch' guter Mann er ſey, und zu welchem Segen er für jede Frau werden müßte. Seine Tochter hatte das Eis gebrochen, und der Schleier des Geheimniſſes war zwiſchen beiden zerriſſen. Herr Pecksniff hatte nun keine andere Aufgabe mehr, als ſein Ziel mit aller Schlauheit und Gewandtheit zu verfolgen, die ihm zu Gebote ſtand, und die Laufgräben ſchleunigſt zu eröffnen. „Nun, mein guter Sir,“ ſagte Herr Pecksniff eines Tages zu dem alten Martin Chuzzlewit, als dieſer in dem Garten auf und abging, wie es ſeine Gewohnheit war, wenn ihn eine Sehnſucht nach der freien Natur ergriff,„nun, wie befindet ſich mein theurer Freund an dieſem göttlichen Morgen?“ „Meinen Sie mich?“ meinte der Greis. „Ach,“ ſagte Herr Pecksniff„ich ſehe ſchon, es iſt wieder ein trüber Tag. Könnte ich ſonſt Jemand mei⸗ nen als Sie, mein verehrter Sir!“ „Sie hätten ja auch von Mary ſprechen können,“ entgegnete der alte Mann. „In der That von ihr möchte ich immer gerne reden. Es iſt die Wahrheit, und hoffentlich darf ich es auch, als von einer lieben ſehr theuren Freundin?“ be⸗ merkte Herr Pecksniff. „Ich hoffe es auch,“ erwiederte der alte Mann. „Ich denke, daß ſie es verdient!“ „Denken!“ rief Mr. Pecksniff.„Sie denken es nur, Herr Chuzzlewit.“ „Ich höre wohl, daß Sie ſprechen, aber ich ver⸗ ſtehe nicht, was Sie ſagen,“ entgegnete Martin,„reden Sie doch lauter.“ „Er wird tauber als ein Stein!“ ſagte Pecksniff. „Ich wollte nämlich ſagen, mein theurer Sir, daß ich mich auf eine Trennung von Cherry werde gefaßt ma⸗ chen müſſen!“ 101 „Was hat ſie denn gethan?“ fragte Martin. „Er ſtellt doch die allerlächerlichſten Fragen, die ich in meinem Leben je gehört habe!“ murmelte Herr Pecksniff. „Er iſt ganz kindiſch heute.“ Dann fügte er aber in mild ſchreiendem Tone bei.„Sie hat nichts gethan, mein werther Freund!“ „Aber warum muß ſie dann fort?“ fragte Herr Chuzzlewit weiter. „Weil ſie immer fränklich iſt,“ ſagte Herr Pecksniff, „und die Sehnſucht nach der Schweſter ſie verzehrt. Sie liebten einander herzlich ſchon von der Wiege an. Ich bin daher Willens, ſte zur Veränderung einmal eine Luſtreiſe nach London machen zu laſſen, aber nicht auf kurze, ſondern auf lange Zeit, wenn ich ſehe, daß es ihr dort behagt.“ „Recht ſo, das iſt vernünftig!“ rief der alte Mann. „Nun das freut mich, Sie einmal ſo reden zu hö⸗ ren;“ ſprach Herr Pecksniff,„und ich ſchmeichle mir mit der Hoffnung, daß Sie mir in der einſamen Zeit nach ihrer Abweſenheit fleißig Geſellſchaft leiſten werden.“ „Ich habe nicht Luſt mich davon zurückzuziehen,“ lautete Martins Antwort. „Warum,“ ſprach Herr Pecksniff, indem er des alten Mannes Arm nahm und langſam mit ihm fort⸗ ging.„Warum, mein guter Sir, wollen Sie denn nicht zu mir kommen, um ganz in meinem Hauſe zu bleiben. Ich bin feſt überzeugt, daß ich Sie da— ſo einfach und gering auch meine Hütte iſt— mit mehr Bequemlichkeiten umgeben kann, als man Ihnen in ei⸗ ner ſolchen Dorfſchenke zu verſchaffen im Stande iſt. Und nun verzeihen Sie mir, Herr Chuzzlewit, ver⸗ zeihen Sie mir, wenn ich ſo kühn bin, gerade heraus zu ſagen, daß der blaue Drache, trotz der geregelten Haushaltung, welche dort herrſcht(denn ſo viel ich weiß, gehört Mrs. Lupin zu den würdigſten Frauen des Lan⸗ des) doch ſchwerlich ein ſchicklicher Aufenthalt für Miß Graham ſeyn mochte!“ —— 102 Martin ſann einige Augenblicke und ſagte dann, ihm die Hand drückend: „Nein, Sie haben ganz recht, er iſt es nicht“ „Schon der Anblick der Kegelbahn,“ fuhr Herr Pecksniff beredt ſort,„iſt widrig für ſo ein zartes We⸗ ſen, wie Mary.“ „Freilich?“ entgegnete Martin,„es iſt dieß nur ein Beluſtigungsplatz für das gemeine Volk.“ „Und da Sie nun einſehen, daß es bloß ein Ort für ganz Gemeine iſt, warum zögern Sie, Miß Gra⸗ ham hieherzubringen? Hier iſt das rechte Haus für Sie! Ich walte jetzt allein darin, denn Tom Pinch rechne ich für Niemand. Unſere liebenswürdige Freundin könnte von dem Zimmer meiner Töchter Beſitz nehmen und Sie ſich das Ihrige wählen; zanken werden wir uns hoffentlich nicht darüber!“ „Ich glaube, wir ſind Beide nicht dazu geneigt,“ erwiederte Herr Chuzzlewit. „Ich ſehe, verehrter Sir, wir verſtehen uns— ich kann ihn um die Finger herumwickeln,“ dachte er mit innerlichem Triumphe. „Sie werden die Entſchädigung meiner Willkür an⸗ heimſtellen?“ ſprach der alte Mann nach kurzem Still⸗ ſchweigen. „O, bitte!“ rief Herr Pecksniff.„Sprechen Sie doch nicht von Entſchädignng für eine ſo geringfügige Sache.“ „Ich habe es geſagt,“ ſchrie Chuzzlewit mit einem ſchwachen Aufflackern ſeiner alten Hartnäckigkeit,„und frage nun zum zweitenmale, wollen Sie die Entſchädi⸗ gung mir überlaſſen?“ „Wenn es Ihr Wunſch iſt, mein guter Sir!“ „Sie wiſſen, ich verlange das immer,“ fuhr Mar⸗ tin fort,„ich will bezahlen wo ich gehe und ſtehe, und ſelbſt wenn ich von Ihnen etwas kaufe. Sie dürfen mich nicht ſo verſtehen, das ich es etwa thue, um eines , „— 103 Tags keine Verpflichtungen mehr zu haben, nein, das iſt gewiß nicht der Fall.“ Der Architekt wurde durch dieſe edelmüthe Sprache ſo gerührt, daß er im Augenblick des Sprechens un⸗ fähig war. Er verſuchte eine Thräne auf ſeines Gön⸗ ners Hand zu träufeln, konnte aber leider in ſeinem De⸗ ſtillirſyſtem nicht ein Tröpfchen finden. Möchte dieſer Tag doch unendlich ferne ſeyn, war ſein frommer Ausruf.„O, Sir! wenn ich doch nur fähig wäre, den innigen An⸗ theil auszuſprechen, welchen ich an Ihnen und dem Ge⸗ genſtande ihres Intereſſes nehme, ich ſpreche nämllich hier von unſrer jungen Freundin!“ „Wahr,“ antwortete er,„ganz wahr, das arme Kind bedarf Jemand, der ſich für ſie intereſſirt. Ich that Unrecht, ſie auf eine ſolche Weiſe zu erziehen. Ob⸗ gleich ſie eine Waiſe war, hätte ſich vielleicht doch ein Weſen gefunden, welches ſie geliebt und beſchützt hätte und dem ſie ihre Gegenliebe nicht hätte verſagen können. So lange ich noch ein Kind war, geſtel ich mir in dem Wahne, daß ich ihr, indem ich ſie als eine Scheidewand zwiſchen mir und falche Burſche ſetzte, eine Wohlthat erweiſe, während ich doch nur eine Laune befrie⸗ digte. Nun aber iſt ſie eine Jungfrau und gewährt mir keinen ſolchen Troſt mehr. Sie hat keinen andern Be⸗ ſchützer, als ſich ſelbſt und ihre Unſchuld und wurde durch mich der Widerwärtigkeit der Welt preisgegeben, daß jeder Elende nach ſeiner Willkür ſie verſpotten oder ihr ſchmeicheln kann. Ja in der That ſie bedarf einer zarten Rückſicht. Ja ſie bedarf deren wirklich.“ „Könnte man ihre Lage nicht ändern und verbeſſern, Sir?“ fragte Herr Pecksniſſ. „Wie wäre das möglich, ſoll ich eine Näherin, oder eine Gouvernante aus ihr machen?“ „Gott behüte!“ ſprach Pecksniff.„Es könnte ja noch auf vielen andern Wegen geſchehen! Aber ich bin in dieſem Augenblicke wirklich ſo angegriffen und vervirrt, daß mir jetzt nicht möglich iſt, über dieſen Gegenſtand — —— 104 zu ſprechen, ich weiß kaum, was ich rede. Erlauben Sie mir, dieſes zu einer andern Stunde zu erläutern!“ „Sie ſind vielleicht unwohl?“ ſprach Martin ängſtlich. „Nein, nein,“ rief Pecksniff.„Ich bitte bloß, mir für den Moment jede Erwähnung dieſes Gegenſtandes zu erlaſſen. Ich gehe jetzt ein wenig ſpazieren, Gott behüte Sie!“. Der alte Martin erwiderte ſeinen freundlichen Se⸗ genswunſch und drückte ihm die Hand. Als derſelbe langſam dem Hauſe zuging, ſtand Herr Pecksniff ſtill und blickte ihm nach. Der wackere Mann hatte ſich beinahe ſchon wieder von ſeiner gehabten Be⸗ weaung erholt, welche man bei jedem andern Manne fur ein kleines Kunſtwerk gehalten hatte, darauf berech⸗ net, dem alten Martin den Puls zu fühlen. Die Ver⸗ änderung, welche mit dem Greiſe vorgegangen war, hatte ſich jetzt ſo deutlich ſeiner Geſtalt aufgeprägt, daß Herr Pocksniff, indem er ihm nachſah, unwillkürlich bei ſich ſelbſt ſprechen mußte:„O, wirklich, ich kann ihn ganz um meinen Finger winden! Schon der bloße Ge⸗ danke daran!“ Der alte Mann drehte ſich hier zufällig noch ein⸗ mal um, und grüßte, da er Pecksniff gewahr wurde, ihn mit einem freundlichen Nicken des Kopfes. Herr Pecksniff that desgleichen, wenn auch mit ganz andern Gefühlen. „Es war eine Zeit,“ ſagte Herr Pecksniff,„in wel⸗ cher er mich nicht anblicken mochte, und dieſe Tage ſind noch nicht lange her! Wie angenehm iſt doch eine ſolche Veränderung! Aus einem ſo feinen Gewebe beſteht das menſchliche Herz, und ſo verſchlungen ſind die Wege, welche zu deſſen Eroberung führen. Aeußerlich iſt er noch derſelbe Menſch, und doch kann ich ihn jetzt um meinen kleinen Finger winden. Schon der Gedanke daran!“ 3 Um die reine Wahrheit zu ſagen, es gab eigentlich nichts mehr, was ſich Herr Pecksniff nicht mit ſeinem 105 Freunde anzufangen getraut hätte, denn was er immer ſagte und that, war in Martin's Augen vollkommen, und jeder ſeiner Rathſchläge wurde befolgt. Der alte Martin Chuzzlewit war nur darum ſo vielen Fallſtricken armer Glücksjäger entronnen, und ſo lange unter der harten Rinde des Argwohns und des Mißtrauens ver⸗ trocknet, um zuletzt das Werkzeug und der Spielball dieſes guten Mannes zu werden. Den glücklichen Sieg des erſten Kampfes auf ſeiner Stirn geſchrieben, trat Herr Vecksniff ſeinen Morgenſpaziergang an. Das heitere Sommerwetter in ſeiner Bruſt fand eeiin Echo in dem Herzen der Natur. Durch dunkel⸗ grüne Alleen, wo die Zweige der Bäume ſich über ſei⸗ nem Kopfe kreuzten, und die goldnen Sonnenſtrahlen in ſchöner Fernſicht ſpielten, vorüber an thauigten Farn⸗ kräutern, aus denen von menſchlichen Tritten aufge⸗ ſcheuchte Haſen auftauchten und bei ſeiner Annäherung dem Walde zuflohen, an rauſchenden Bächen und alten Baumſchlägen vorüber und hinab in Schluchten, in welchen noch das abgefallene Laub des letzten Herbſtes rauſchte und Erinnerungen an das vergangene Jahr erweckte, wandelte der ruhige Pecksniff. Neben Wieſen, Hecken, von wilden Roſen duftend, neben Hütten, deren Bewohner ſich demuthsvoll vor ihm, als vor einem wei⸗ ſen und guten Manne, beugten, ſpazierte unſer würdiger Freund in ſtiller Betrachtung. Die fleißige Biene ging ſummend an ihr Werk, die trägen Fliegen kreisten im bunten Durcheinander vor ſeinen Augen, die Farbe des langen Graſes kam und verſchwand, als ſcheute es ſich vor den ſilbernen Schäfchen, die im blauen Aether ſchwammen. Die Vögel, ſo viele wie Pecksniff's Ge⸗ wiſſen, ſangen fröhlich auf den Aeſten der Bäume. Und auch Pecksniff zollte dieſem herrlichen Tage gehörigen Tribut, indem er ſinnend über ſeine Pläne einherſchritt. Der Zufall wollte, daß er in der Tiefe ſeiner Be⸗ trachtungen über eine im Wege befindliche Baumwur⸗ zel ſtolperte; ſchnell erhob er ſeine frommen Augen, ———;ʒ—'— —+—————— 106 um den Boden zu muſtern, und ſtutzte nicht wenig, als auf einmal Mary, das verkörperte Bild ſeiner Gedan⸗ ken, vor ihm ſtand. Sie war ganz allein. Im erſten Augenblicke ſeines Erſtaunens hatte Herr Pecksniff Halt gemacht, wie wenn es ſeine Abſicht ſey, jedes Zuſammentreffen mit ihr zu vermeiden, aber in ſeinem Innern kommandirte ein zweiter Ruf„Vor⸗ wärts!“, und dieſem zufolge eilte Pecksniff mit ſtarken Schritten auf ſie zu, dabei ſo harmlos trillernd, daß ihm nur ein Paar Flügelchen fehlten, um den Vögeln gleich zu ſeyn. Da Mary Töne hinter ſich vernahm, weche nicht den befiederten Sängern auf den Zweigen angehörten, wandte ſie ſich mit ſchüchternen Blicken um, und Herr Pecksniff küßte ſeine Hand und war im Augenblicke an ihrer Seite. „Mit der Natur verkehrend?“ redete ſie Herr Pecks⸗ niff an.„Ich thue das Nämliche!“ Sie antwortete, daß die Schönheit des Morgens ſie verführt habe, weiter zu gehen, als es ihr Vorſatz geweſen ſey und daß ſie nun im Begriff ſtehe wieder umzukehren. Herr Pecksniff entgegnete, bei ihm ſey derſelbe Fall, aus welchem Grunde er ſie nun auch be⸗ gleiten wollte. „Nehmen Sie meinen Arm, holdes Mädchen!“ ſprach Pecksniff. Mary lehnte es ab, und begann ſogar ſo ſchnell zu laufen, daß Herr Pecksniff dagegen remonſtrirte. „Sie haben doch nicht ſo ſehr geeilt, als Sie al⸗ lein waren,“ fuhr Pecksniff fort.„Warum wollen Sie ſo grauſam ſeyn, es jetzt zu thun, da ich bei Ihnen bin, Sie werden ſich doch nicht vor mir fürchten? Nein, das thun Sie gewiß nicht!“ „Ja, allerdings,“ antwortete das Mädchen, und kehrte das von edlem Unwillen glühende Geſicht nach ihm. „Sie werden das wohl ſchon lange wiſſen. Laſſen Sie mich los! Ihre Berührung iſt mir unangenehm, Herr Pecksniff!“ . 107 Was! Jene keuſche, patriarchaliſche Berührung, die Mres. Todgers— gewiß eine vorſichtige Dame— nicht nur geduldet, ſondern ſogar mit ſichtbarem Vergnügen aufgenommen hatte. Hierin wurde dem armen Manne gewiß wieder unrecht gethan. Es war Herrn Pecksniff außerordentlich leid, ein ſolches Wort aus ihrem Munde zu hören. „Wenn Sie es noch nicht gemerkt haben, mein Herr!“ begann Mary wieder,„ſo nehmen Sie hiermit die wiederholte Verſicherung von meinen eigenen Lippen, daß es wirklich der Fall iſt, und laſſen Sie mich, wie es ſich für einen Gentleman geziemt, in Ruhe; hören Sie auf, mich zu beleidigen!“ „Gut, gut,“ antwortete Herr Pecksniff.„Ich fühle, daß ich dieſes Betragen an einer meiner Töchter lo⸗ benswerth finden würde, warum ſollte ich es denn nicht an einem ſo holden Weſen thun können? Es iſt mir unmöglich, Ihnen zu zürnen, Mary! Obgleich es hart iſt und mir tief in die Seele dringt. Sie verſuchte ihm begreiflich zu machen, daß es ihr ſehr leid thue, dieſes zu hören, allein ein Strom von Thränen erſtickte ihre Stimme und machte ſie un⸗ fähig, weiter zu ſprechen. Herr Pecksniff wiederholte jene Scene, die ſchon bei Todgers vorgefallen war, nur noch im vergrößerten Maßſtabe, da er wünſchte, daß ſie länger dauern möchte, und ergriff dann ihre kleine Hand, indem er ihre Finger zu verſchiedenen Malen küßte und die Unterhaltung auf folgende Weiſe fort⸗ führte: „„Ich bin erfreut über unſere unvermuthete Begeg⸗ nung. Nun iſt mir endlich einmal die Gelegenheit zu Theil geworden, mein Herz von einer ſchweren Bürde zu befreien, und mit Ihnen im Vertrauen ſprechen zu können,“ ſprach Herr Pecksniff.„Mary, ich liebe Sie, auf mein Wort, ich liebe Sie!“ Bei dieſen Worten wurben ſeine Töne ſo zärtlich, daß er bald nur noch quikte. ——ö—— — 108— Ein kurioſes Zeug, jene Mädchen⸗Affektation. Sie machte hierbei eine Bewegung, als ſchaudere ſie zurück. „Ich liebe Sie, mein ſüßes Kind!“ fuhr er fort, „mit einer Wärme, die mich ſelbſt überraſcht. Ich vermuthete anfänglich, daß dieſes Gefühl mit den letz⸗ ten Reſten meiner Gattin zu Grabe gegangen, welche Ihnen ſowohl an geiſtigen, als auch an körperlichen Vorzügen weit nachgeſtanden iſt; aber ich ſehe nun ein, ich war im Irrthum.“ Sie verſuchte ihre Hand aus der ſeinigen zu be⸗ freien, hätte ſich aber vielleicht eben ſo leicht, ja leich⸗ ter von der Umarmung einer tückiſchen Boa Conſtrictor losgemacht, wenn irgend ein ſolch hinterliſtiges Geſchöpf mit Herrn Pecksniff zu vergleichen war. „Obgleich ich ein Wittwer bin,“ ſprach Herr Pecks⸗ niff, indem er die Ringe an ihren Fingern prüfte und den Lauf einer zarten blauen Ader mit ſeinen feſten Daumen verfolgte.„Und das iſt ein Wittwer mit zwei Töchtern, welche mich jedoch nicht im Geringſten geni⸗ ren, meine Liebe; denn eine von ihnen iſt, wie Sie ſelbſt wiſſen, bereits verheirathet, und die andere— im Begriffe— jedoch nur ihrem eigenen Verlangen zufolge, und ich will es geſtehen— warum ſollte ich es auch nicht?— weil fie gemerkt hat, daß ich über kurz oder lang meinen Stand verändern würde, ihres Vaters Haus zu verlaſſen.— Ich habe hoffentlich einen guten Charakter. Die Leute ſind ſo gefällig, mir nichts Uebles nachzureden. Meine Perſönlichkeit und meine Manieren ſind vermuthlich auch nicht die eines Unthiers. O! unartige Hand!“ rief Herr Pecksniff und kürzte eine widrige Pauſe ab.„Warum haſt du mich zu deinem Sklaven gemacht? Geh weiter, geh!“ Er tätſchelte dabei die Hand, um ſie zu ſtrafen, ſteckte ſie aber dann wieder voll Zärtlichkeit in ſeine Taſche, als wollte er ſie verſöhnen. „In Allem und Jedem von Gott reichlich geſegnet, und in der Geſellſchaft unſers verehrungswürdigen —.— ß— /— ¼—— ½—*r SS=———— 109 Freundes werden wir glücklich leben können,“ fuhr Herr Pecksniff fort.„Und ſollte einſt die Stunde kommen, in der er aus dieſem Leben in ein beſſeres eingehen würde, ſo wollen wir uns gegenſeitig tröſten. Nicht wahr, mein holdes Mädchen;— was ſagen Sie dazu?“ „Es iſt möglich,“ antwortete Mary,„daß ich Ihnen für dieſen Beweis Ihres Vertrauens dankbar ſeyn ſollte. Aber ich will nicht unwahr ſeyn und ſagen, daß ich es bin, ſondern mich nur gerne überreden laſſen, daß Sie meinen Dank verdienen; ſo nehmen Sie ihn denn und laſſen Sie mich frei, Herr Pecksniff.“ Der brave Mann verzog ſeinen Mund zu einem widrigen Lächeln und zog das Mädchen näher an ſich. „Bitte, bitte, laſſen Sie mich los, Herr Pecksniff, ich kann unmöglich auf Ihren Vorſchlag hören. Es gibt ja noch viele Andere meines Geſchlechts, die auf ihn vielleicht freudig eingehen werden, aber für mich iſt er nicht. Ich flehe Sie an, wenn nur ein Funken von Mitleid und Menſchlichkeit für eine arme Waiſe in Ihrem Herzen wohnet, ſo geben Sie mich frei!“ rief Mary. Herr Pecksniff hörte jedoch nicht darauf, er ſchlang ſeinen Arm um ihre ſchlanke Taille, und hielt ihre Hand mit einer ſo behaglichen Miene, als wären alle Wün⸗ ſche ſeines Herzens erfüllt und der Bund der ewigen Liebe bereits geſchloſſen. „Wenn Sie mich durch Ihre überlegene Körper⸗ kraft zwingen wollen,“ ſprach Mary, welche ſah, daß gute Worte nicht den gewünſchten Eindruck machten, und ſich keine weitere Mühe mehr gab, ihren gerechten Zorn zu unterdrücken;„wenn Sie mich nöthigen wol⸗ len, Sie zurück zu begleiten, um auf dem Wege der Gegenſtand Ihrer Inſolenz zu ſeyn, ſo können Sie doch wenigſtens nicht verhindern, daß ich frei heraus ſage, was ich denke. Ich verabſcheue Sie aus dem tiefſten Grunde meines Herzens, weil ich die Gemeinheit Ihres Charakters kenne und alle Ihre Ränke durchſchaue!“ ———— 110 „Nein, nein!“ ſprach Pecksniff in einem zäͤrtlichen Tone,„nein, nein!“ „Durch welche Kunſtkniffe oder unglückſelige Zufälle Sie ſich in die Gunſt des Herrn Chuzzlewit eingeſchli⸗ chen haben, weiß ich nicht,“ ſprach Mary,„Und viel⸗ leicht iſt der Einfluß, den Sie auf ihn üben, ſogar ſo ſtark daß die Niedrigkeit ihrer jetzigen Handlung vor ſeinen Augen verſchwindet; aber ſeyen Sie überzeugt, mein väterlicher Freund ſoll Alles erfahren!“ Herr Pecksniff hob ſeine matten Augenlider in die Höhe und ließ ſie dann wieder ſinken, indem er mit voll⸗ kommener Ruhe antwortete: Ei, ei! in der That.“ „Iſt es nicht genug,“ fuhr Mary fort,„daß Sie ſein ganzes Weſen ändern, daß Sie alle ſeine Schwächen zu Ihren ſchlechten Zwecken mißbrauchen und ein ur⸗ ſprünglich gutes Herz zum Steine verhärten, indem Sie die Wahrheit unter einem Schleier verborgen halten und nur falſchen verderblichen Anſichten den freien Zutritt erlauben! Iſt es nicht genug, daß Sie die Macht haben, dieſes Alles zu thun, und auch hinlänglichen Gebrauch davon machen; wollen Sie auch ſo grauſam, ſo ſchlecht und ſo gemein ſeyn, auf eine ſolche Art gegen mich zu verfahren?“ Noch führte ſie Herr Pecksniff am Arm und ſah dabei ſo friedlich wie das unſchuldigſte Lamm aus, wel⸗ ches nur jemals auf dieſen Fluren geweidet hatte. „So find Sie denn unerbittlich, will Sie nichts rühren!“ rief Mary. „Mein ſchönes Kind!“ bemerkte Herr Pecksniff mit einem allerliebſten Blinzeln,„die Gewohnheit der Selbſt⸗ prüfung, und die Uebung der— ſoll ich es Tugend nennen?“ „Der Heuchelei,“ ſagte Mary. „Nein, nein!“ erwiderte Mr. Pecksniff, die gefan⸗ gene Hand vorwurfsvoll tätſchelnd:„Der Tugend,— haben mir eine ſo feſte Ruhe erworben, daß es ſchwer wird, mich zu reizen. Es iſt zwar ein wunderlicher Fall, —,—, ——.—— — — 2—G N N₰AKU 111 aber Sie wiſſen, daß man mich nicht ſo leicht in Har⸗ niſch bringen kann.“ „Und wüͤrde ſie es wirklich glauben,“ fuhr er zu der kleinen Hand gewendet fort und faßte ſie feſter; „daß ſie es zu thun im Stande wäre, o, wie wenig würde ſie dann ſein Herz kennen?“ Wenig, allerdings! Ihre Seele war ſo ſeltſam, daß ſie die Liebeserklärung einer Kröte, oder Natter, oder einer Schlange, ja ſogar die Berührung eines Bären Herrn Pecksniff's Zärtlichkeit vorgezogen hätte. „Nun, kommen Sie, kommen Sie,“ ſprach Herr Pecksniff,„ein oder zwei Worte werden Alles zwiſchen uns ausgleichen, und ein ſchönes Einverſtändniß herſtel⸗ len. Ich zürne nicht, meine Liebe.“ „Sie zürnen!“ „Nein!“ ſagte Mr. Pecksniff,„ich bin nicht böſe; Sie dürfen mir es glauben, und auch Sie werden es hoffentlich nicht ſeyn?“ 4 Unter ſeiner Hand ſchlug jedoch ein Herz, das ganz andere Dinge ſprach. „Ich bin feſt überzeugt, Sie grollen mir nicht,“ fuhr Herr Pecksniff fort,„und ich will Ihnen den Grund angeben, woraus ich es ſchließe. Es gibt nämlich, wie Sie wohl wiſſen werden, zwei Martin Chuzzlewit, und wenn Sie Ihr Leid dem ältern klagen, ſo kann man nicht wiſſen, was für den andern Schlimmes daraus ent⸗ ſtehen kann. Und dieſem Letztern würden Sie gewiß nicht ſchaden wollen?“ Sie begann heftig zu zittern und ſah ihn mit einem ſo durchdringend ſtolzen Blicke an, daß er ſein Auge voll Beſchämung zu Boden ſenkte, um, ohne Zweifel, nicht ſeines beſſern Selbſt zum Trotze, erzürnt zu werden. „Merken Sie wohl, mein liebes Kind,“ begann Herr Pecksniff,„daß mein paſſiver Streit ſich leicht in einen activen verwandeln kann. Es würde ſeyn, einen jungen Mann, der ohne dies ſchon ganz unbemittelt und enterbt iſt, den kaum wieder angefangenen Bau ſeines 112 Glücks auf's Neue zu zerſtören; und wie leicht wäre dieſes nicht gethan? Ah! wie leicht! Glauben Sie wirk⸗ lich, daß ich einigen Einfluß auf unſern ehrenwerthen Freund übe? Gut, vielleicht haben Sie recht. Vielleicht übe ich einen ſolchen auf ihn!“ Er erhob ſeinen Blick zu ihr und nickte ihr mit einer entzückend ſcherzhaften Miene zu: Nein,“ fuhr er nachdenkend fort,„an Ihrem Platze, beſtes Mädchen, würde ich mein Geheimniß für mich behalten. Ich bin beinahe überzeugt,— ja ich weiß es gewiß—, daß es unſern Freund nicht einmal überraſchen würde, unſere Unterredung zu hören, denn er und ich ha⸗ ben heute Morgens eine Verhandlung gehabt, in welcher er den ſehnlichen Wunſch ausdrückte, Sie auf eine dau⸗ erndere Weiſe verſorgt zu wiſſen. Ob es ihn jedoch befremdete oder nicht, die Folgen Ihrer Mittheilung möchten dieſelben ſeyn. Martin der Jüngere, könnte es theuer zu büßen haben. Ich habe Mitleid mit ihm ge⸗ habt, wie Sie wiſſen, obgleich er es nicht verdiente.“ fügte Pecksniff mit einem bezaubernden Lächeln bei. Sie fing ſo bitterlich an zu weinen, und wurde ſo betrübt, daß er es für räthlich hielt, ſeinen Arm von ihrem Leibe zurückzuziehen und bloß ihre Hand zu halten. „Was unſern Antheil an dieſem kleinen koſtbaren Geheimniſſe anbelangt,“ ſprach Herr Pecksniff,„ſo wol⸗ len wir es hübſch bei uns behalten, nur unter uns da⸗ von ſprechen, und Sie mögen es überdenken. Ich ſehe voraus, meine Liebe, Sie werden mit mir darin einſtim⸗ men. Was Sie auch immer davon denken mögen, ſo werden Sie doch meine Anſicht theilen. Ich erinnere mich, einmal gehört zu haben— freilich weiß ich nim⸗ mer wo und von wem,“ fuhr er mit einnehmender Frei⸗ müthigkeit fort,„daß Sie und Herr Martin, der Jün⸗ gere, als Ihr noch Kinder waret, eine Art kindiſchen Bündniſſes geſchloſſen habt. Wenn wir verheirathet ſind, ſo werden Sie die Befriedigung haben, zu denken, daß dieſe Neigung, welche dauernd, ihn nur zu Grunde ge⸗ ͤͤRNRNðAUoe†Sd-RX¼dNaN— 113 richtet hätte, zu ſeinem Beſten vorübergehend war. Wir wollen dann ſehen, was wir noch für Martin junior thun koönnen. Haben Sie nicht geſagt, daß ich einigen Einfluß auf unſern verehrten Freund übe? Ja, ja, viel⸗ leicht haben Sie Recht gehabt, vielleicht iſt es ſo.“ Der Ausgang des Waldes, in welchem dieſe Scene vorgefallen war, führte gerade zu Pecksniff’s Hauſe. Sie waren jetzt ſeiner Wohnung ſo nahe, daß er ſtill ſtand und indem er ihren kleinen Finger in die Höhe hob, in neckendem Tone fragte: „Darf ich hinein beißen?“ Da er keine Antwort erhielt, küßte er ihn, ſtatt zu beißen, und neigte dann ſein welkes Geſicht(denn er hatte ein ſolches, obgleich er ein rechtſchaffener Mann war). Galanterie in dem wahren Sinne des Wortes er⸗ hebt und veredelt den Mann, und Liebe hat auch ſchon unzählige Cimone umgeſchaffen. Aber bei Herrn Pecksniff, vielleicht weil dieſes Gefühl, welches Manche göttlich nennen, noch zu irdiſch für ſeinen aufwärtsſtrebenden Geiſt war, brachte es keine ungewöhnliche Wirkung hervor, da er im Gegen⸗ theile, als er allein war, über ſich zu ſchmälen und ſich wegen des Mißlingens ſeines Planes zu tadeln an⸗ fing. Seine Schuhe kamen ihm zu groß, ſeine Aermel zu lang, die Haare zu borſtig, der Hut zu klein, die Geſichtszüge zu gemein, und ſein bloßer Hals kam ihm vor, als wenn er zum Hängen hergerichtet ſey. In Zeit von wenigen Minuten wurde er roth, bleich, be⸗ trübt, niedergeſchlagen, ſchleichend, und folglich nichts, als ganz Peckskniff. Endlich bekämpfte er ſich und trat mit einer ſo heitern Miene in ſein Haus, als wenn er der Hoheprieſter des Sommerwetters ſey. „Ich habe mich nun entſchloſſen, morgen abzurei⸗ ſen und Alles iſt dazu vorbereitet, Papa!“ rief ihm Charity entgegen. Boz, Chuzzlewit. IV. 8 5 114 „Schon ſo bald, mein Kind!“ „Unter ſolchen Umſtänden kann ich nie zu bald gehen,“ antwortete Charity.„Ich habe an Mrs. Tod⸗ gers geſchrieben, daß ſie mir eine Wohnung beſorgen möchte und ſie gebeten, mir jedenfalls bis an das Poſt⸗ büreau entgegen zu gehen. Sie werden nun ganz Ihr eigener Herr ſein, Herr Pinch!“ Herr Pecksniff hatte gerade das Zimmer verlaſſen und Pinch war eingetreten. „Mein eigener Herr!“ wiederholte Tom. „Ja, es wird Niemand vorhanden ſeyn, der Sie daran hindern wird,“ entgegnete Charity.„Wenigſtens hoffe ich es. Hem! Wie veränderlich iſt die Welt!“ „Wie! ſind— ſind Sie im Begriffe, ſich zu ver⸗ heirathen?“ fragte Tom erſtaunt. „Nein, nicht gerade das, ich bin noch zu keinem Entſchluſſe gekommen,“ ſtammelte Cherry,„obgleich ich glaube, daß ich nur zu wählen hätte, Herr Pinch.“ „Freilich dürften Sie nur wählen!“ verſetzte Tom. Und er ſprach in der vollkommenſten Ueberzeugung. Er glaubte es aus dem innigſten Grunde ſeines Herzens. „Nein,“ fuhr Cherry fort,„ich bin noch nicht Willens, mich zu verheirathen, denn noch hat ſich kein Bewerber gezeigt, der meinen Forderungen entſprochen hätte. Hem! Mit dem Papa kann ich jedoch nimmer leben; ich habe meine Gründe, aber ſie bleiben Ge⸗ heimniß. Ich werde mich Ihnen ſtets außerordentlich dankbar, ſtets verpflichtet fühlen, wegen der Kühnheit, die Sie vergangene Nacht zeigten. Was Sie und mich anbelangt, Herr Pinch, ſo ſcheiden wir als die beſt⸗ möglichſten Freunde!“ Tom dankte ihr nun tauſendmal für ihr Vertrauen und ihre Freundſchaft, obgleich in der Entſtehung des erſteren ein Geheimniß lag, das ihn ganz auseinander brachte. In der gränzenloſen Verehrung und Vergötte⸗ rung dieſer Familie empfand Tom die Trennung von Cherry härter, als irgend Jemand begreifen konnte, 8= S— 8——=— R SA 118 der die namenloſen Unbilden und Kränkungen, welche der arme Menſch von ſeiner gütigen Herrin ertragen mußte, geſehen, aber nicht mit Tom's Demuth bekannt war, die ſogar ſo weit ging, daß er dieſe nur als Folge ſeiner eigenen Ungeſchicklichkeit anerkannte. Kaum hatte er ſich ein wenig an Merry's Abweſenheit ge⸗ wöhnt, und nun ſollte er ſich auch noch von Cherry trennen; das war zuviel! Sie war unter ſeinen Augen aufgewachſen, die Schweſtern waren ein Theil von Pecksniff und ein Theil von Pinch geweſen;— beide Artikel für Pecksniff's Güte und für Tom's Dienſtfer⸗ tigkeit. Dieſe Veränderung konnte er nicht ertragen. Die ganze folgende Nacht lag er auf ſeiner Ruheſtätte, ohne daß der Schlummer, nicht einmal für zwei Stun⸗ den, ſeine Augen berührt hätte; immer dachte er an dieſes ſchmerzliche Ereigniß. Als der Morgen graute, glaubte er, das wirklich Vorgefallene ſey bloß ein Traum geweſen; aber nein, als er aufſtand, und die Treppe hinunter ging, über⸗ zeugte er ſich eines Andern; hier erinnerten ihn ge⸗ packte Koffer, zuſammengebundene Schachteln und an⸗ dere Vorbereitungen zu Mrs. Charity's Abreiſe, welche den ganzen Tag in Anſpruch nahmen, an die Wirklich⸗ keit. In guter Zeit, lang eehe die Kutſche kam, legte Fräulein Cherry ihre Haushaltungsſchlüſſel mit vieler Ceremonie auf den Tiſch, nahm dann ſehr gnädigen Abſchied vom ganzen Hauſe— und verließ ihre väter⸗ liche Hütte, zum Segen für das Pecksniffiſche Dienſt⸗ mädchen, welches, wie einige ruchloſe Perſonen be⸗ merkt haben wollen, am nächſten Sonntag in der Kirche ein beſonders warmes Dankgebet zum Himmel geſchickt haben ſoll. 3* 116 1 Sechstes Kapitel. Welches zeigt, daß Herr Pinch einer Pflicht enthoben wird, die er nie verbunden geweſen wäre an jemanden zu üben, und Herr Pecks⸗ niff hingegen ſich ſelbſt von einer Pflicht befreit, deren Ausübung er der menſchlichen Geſellſchaft ſchuldig geweſen wäre. Die letzten Worte des vorhergehenden Kapitels führen ganz natürlich zum Anfange des neuen, nach⸗ folgenden, denn es hat mit einer Kirche zu thun, mit der bereits ſo oft erwähnten Kirche, in welcher Tom Pinch die Orgel unentgeldlich ſpielte. An einem ſchwülen Nachmittage, ohngefähr eine Woche nach Miß Charity's Abreiſe, ſetzte ſich es Herr Pecksniff einmal auf einem Spaziergange in den Kopf, den Kirchhof zu beſuchen. Wie er nun ſo an den Grab⸗ ſteinen hinwandelte und bemüht war, manchmal eine oder die andere der Sentenzen der Epitaphien ſeinem Gedächtniſſe einzuprägen— denn es muß wohl gemerkt werden, daß der weiſe Mann nie eine Gelegenheit vorübergehen ließ, ſeinen Vorrath von moraliſchen Sprüchen zu vermehren, welche er dann zu rechter Zeit anzubringen wußte— begann Tom ſein Spiel. Jede Stunde und jeden Augenblick, wenn Tom Luſt hatte, konnte er zur Kirche hinabgehen, um da ſein Lieblings⸗ geſchäft zu üben; denn das Inſtrument war bloß eine kleine einfache Orgel, die der Künſtler mittelſt ſeiner Füße mit Wind verſehen konnte, ſo daß alſo kein Bälgetretter nöthig war, obgleich alle Männer oder Knaben im ganzen Dorfe, bis an den Schlagbaum hin (den Zöllner mitgezählt), ihm freudige Dienſte geleiſtet haben würden, u. d. h. ſo lange, bis ihre Geſichter vor Anſtrengung ſchwarz geweſen wären. Herr Pecks⸗ niff hatte keine Einwendung gegen Muſik zu machen. Er war, wie er zu ſagen pflegte, gegen Alles tolerant 2 —————— und hielt die Tonkunſt im Allgemeinen für eine Art Spielerei, die eben für Tom's Fähigkeiten paßte. Aber in Rückſicht auf deſſen Orgelſpiel war er beſonders nach⸗ ſichtig und zuvorkommend, denn Herr Pecksniff meinte in ſeiner unbegränzten Selbſtſucht, wenn Tom an Sonntagen die Orgel unentgeldlich ſpielte, verſehe er ſelbſt dieſes Werk und ſey auf dieſe Art der Wohl⸗ thäter der gan zen Gemeinde. So oft es daher möglich war, Tom's Lohn durch andere Mittel vortheilhaft zu machen, erlaubte ihm der Ehrenmann, ſich auf erwähn⸗ tem Inſtrumente zu üben, was der gutmüthige Pinch als einen Beweis ſeiner Großmuth anerkannte. Die Luft des Nachmittags war drückend, und Herr Pecksniff hatte einen langen Spaziergang gemacht. Obgleich er nun kein beſonderes muſikaliſches Ge⸗ hör beſaß, ſo wußte er doch, wenn eine Melodie einen beruhigenden Einfluß auf ſein zuweilen unruhiges Herz übte, und dies war auch jetzt der Fall, denn die Winde trugen ihm deren Töne gleich einem harmoni⸗ ſchen Schnarchen zu. Er trat näher an die Kirche, blickte durch die Fenſter neben der Thüre hinein, und ſah Tom hinter den zurückgeſchlagenen Vorhängen der Emporkirche ſitzen, wie er mit großem Eifer und vie⸗ lem Gefühle ſpielte. Die angenehme Kühle, welche in der Kirche herrſchte, lud ihn freundlich ein. Das alte Eichendach, die ſchimmeligen Wände mit ihren Marmortäfelchen und das zerriſſene Pflaſter ge⸗ währten einen erfriſchenden Anblick. Epheuzweige rank⸗ ten ſich an den Fenſtern hinauf, und die Sonne ſandte ihre Strahlen nur durch ein einziges Fenſter herein, indem ſie die übrigen in erquickendem Schatten ließ. Aber das verführeriſchſte Plätzchen von allen war doch ein mit rothen Vorhängen und ſanften Kiſſen verſehener Kirchenſtuhl, in welchem ſich die öffentlichen Würden⸗ träger des Ortes, von welchen Pecksniff der oberſte 118 war, an Sonntagen ſtellten. Herrn Pecksniff's Sitz war in der Ecke, eine äußerſt bequeme Ecke, vor wel⸗ cher ſich eben ſein Gebetbuch in Quart ſtattlich aus⸗ breitete. Er nahm ſich vor, hinein zu gehen und da⸗ ſelbſt auszuruhen. Er trat ſehr ſachte ein; erſtens weil es ein Got⸗ teshaus war, zweitens weil er immer leiſe aufzutreten pflegte, drittens weil er befürchtete, den Muſiker, wel⸗ cher auf eine ſehr feierliche Weiſe ſpielte, unterbrechen zu können. Indem er die Thüre des hohen Stuhles aufriegelte, ſchlüpfte er hinein, ſchloß dann wieder und ſetzte ſich auf ſeinen gewöhnlichen Stuhl, ſpreizte ſeine Beine auf der Binſenmatte aus und ſchickte ſich an, auf die Muſik zu lauſchen. Es iſt ein ſeltſames Ereigniß, daß er ſich da ſchläfrig fühlen konnte, wo doch der Zauber der Ideen⸗ verknüpfung allein ſchon hätte hinreichen ſollen, ihn bei vollem Bewußtſeyn zu erhalteng aber dennoch war es der Fall. Noch keine fünf Minuten hatte unſer Freund an ſeinem verborgenen Orte geruht, als er zu ſchlummern begann. Er nickte und während er mühſam ſeine Augen zu öffnen verſuchte, nickte er wieder. Sie fielen ihm wieder zu und er nickte auf's Neue, ſo daß er von einem Nicken in's andere fiel, endlich hörte auch dieſes auf, und bald ſchlief er ſo ruhig, wie die Mauern waren, welche ihn umgaben. Eine gute Weile, nachdem er eingeſchlafen war, hatte er noch ein Bewußtſeyn von der Orgel, obgleich er ſich deren Form ſo wenig, wie die Geſtalt eines Ochſen vorſtellen konnte. Einige Zeit darauf begann er, ſich in den Zwiſchenräumen dieſelben träumeriſchen Eindrücke von Stimmen zu bilden, und er erwachte mit einer trägen Neugierde über dieſen Gegenſtand. * ————— * 119 4 Schlaftrunken ſah er nach der Binſenmatte und in ſeinem Stuhle umher, auch war er ſchon wieder im Begriffe einzunicken, als es ihm vorkam, wirkliche Stimmen in der Kirche zu vernehmen, gedämpfte Stimmen, welche nicht weit von ihm eifrig zuſammen ſprachen. Er raffte ſich auf und horchte. Kaum hatte er einige Sekunden gelauſcht, ſo wurden plötzlich alle ſeine Sinne ſo vollkommen wach, wie nur je in ſeinem Leben. Ohren, Augen, Mund weit geöffnet, ging er mit der größten Vorſicht einige Schritte vorwärts, hob den Vorhang auf und blickte hinaus. Tom Pinch und Mary. Freilich, er hatte ihre Stimmen erkannt und ſchon vorausgewußt, was ſie be⸗ ſprochen. Wie der obere Theil eines enthaupteten Man⸗ nes ausſehend(denn ſein Kinn lag auf der Simſe des Kirchſtuhles, damit er augenblicklich untertauchen konnte, im Falle eine der ſprechenden Perſonen ſich umwende), lauſchte er mit ſolcher Haſt, daß ſogar Haar und Hemd⸗ kragen in die Höhe ſtanden und ihm halfen. „Nein,“ ſprach Tom,„ich habe keine Briefe er⸗ halten, ausgenommen den von New⸗York. Aber machen Sie ſich keine Sorgen, denn es iſt ja recht leicht mög⸗ lich, daß ſie nach einem ſehr entlegenen Orte ſich be⸗ geben haben, wo vielleicht keine oder nur ſehr unregel⸗ mäßige Poſten gehen. Er ſagt in demſelben, daß dieſes ſogar in der Stadt der Fall ſeyn könnte, nach welcher ſie zu gehen gedächten— Sie wiſſen, Eden.“ „Es iſt eine ſchwere Laſt auf meiner Seele,“ ent⸗ gegnete Mary. „O, Sie müſſen ſich nicht ſo ſchwer nehmen,“ verſetzte Tom,„es iſt ein wahres Sprüchwort, daß nichts ſo ſchnell wandert, wie ſchlimme Neuigkeiten, und wenn Martin nur das geringſte Unglück zugeſtoßen wäre, würden Sie beſtimmt längſt davon gehört haben.“ „Ich habe oft gewünſcht, Ihnen dies mittheilen 120 zu können,“ fuhr Pinch mit einer gewiſſen Schüchtern⸗ heit fort, welche ihm ſehr gut ſtand,„aber Sie haben mir nie eine Gelegenheit dazu gegeben.“ „Allerdings habe ich manchmal beſorgt,“ ant⸗ wortete Mary,„daß Sie vermuthen möchten, ich nehme Anſtand, mich Ihnen anzuvertrauen, Herr Pinch!“ „Nein,“ ſtammelte Tom,„ich— ich wüßte nicht, daß ich jemals ſo etwas gedacht hätte; und würde mir auch ein ſolcher Gedanke gekommen ſeyn, ſo würde ich ihn gleich als etwas Unrechtes unterdrückt haben. Ich fühle die Zartheit Ihrer Lage, indem Sie ſich mir über⸗ haupt anvertraut haben,“ ſprach Tom,„aber ich würde mein ganzes Leben hingeben, wenn ich Ihnen dadurch die Leiden eines einzigen Tages abnehmen könnte; auf mein Wort, das wollte ich!“ „Armer Tom!“ „Ich habe oft gefürchtet, daß ich mir Ihr Miß⸗ fallen zugezogen haben möchte,“ fuhr Tom fort,„indem ich hie und da ſo kühn geweſen bin, zu verſuchen, auf welche Art ich Ihren Wünſchen zuvorkommen könne; ein andermal bildete ich mir ein, daß Ihre Gute Sie veranlaßt habe, ſich von mir zurückzuziehen.“ „War das wirklich Ihre Meinung?“ „Es war ſehr thöricht, ſehr unbeſcheiden und lä⸗ cherlich, ſo etwas zu denken,“ bemerkte Tom,„aber ich— ich beſorgte, Sie möchten glauben, daß ich. Sie mehr bewundere, als für die Ruhe meines Herzens gut wäre, und darum meinen geringen Beiſtand ſich verſagten, den Sie vielleicht unter andern Verhältniſſen angenommen haben würden. Wenn jemals ein ſolcher Gedanke einigen Einfluß auf Sie erlangt haben ſollte, ſo entſchlagen Sie ſich jetzt deſſelben, ich bitte Sie. Ich bin leicht glücklich zu machen und werde hier noch zufrieden leben, wenn Sie und Martin mich ſchon längſt vergeſſen haben,“ ſtotterte Tom.„Ich bin ein armes, ſchüchternes und einfältiges Weſen, das durch⸗ . —— g8 à⏑½————— ——j— AN 121 aus nicht unter die Welt taugt, und Gott gebe, daß Sie nicht mehr an mich denken, als an einen alten Mönch!* Wenn alle Mönche ein ſo gutes Herz haben, als das Deinige, Tom, dann ſollte man wünſchen, daß ihre Orden ſich reichlich vervielfältigen, obgleich ihre ſtrenge Ordensregel dieſe Multiplikation nicht immer zuläßt. „Theurer Herr Pinch, ich kann Ihnen unmöglich ſagen, wie ſehr mich Ihre Güte rührt,“ ſprach Mary, indem ſie ihm die Hand reichte.„Ich habe Ihnen auch niemals durch den geringſten Zweifel Unrecht ge⸗ than und nie aufgehört zu fühlen, daß Sie Alles das, ja noch weit mehr ſeyen, als Martin in Ihnen fand. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich ohne Ihre ſtille Sorgfalt und Freundſchaft ein unglückliches Leben hier führen würde; Sie ſind der gute Engel geweſen, der Dankbarkeit, Hoffnung und Muth in mein gebeug⸗ tes Herz goß.“ „Ich glaube, daß mein Ausſehen leider dem eines Engels ſo wenig gleicht, als das der ſteinernen Che⸗ rubine auf den Grabſteinen,“ erwiderte Tom, den Kopf ſchüttelnd;„und ich glaube nicht, daß viele wirkliche Engel von dieſem Ausſehen auf Erden wandeln wer⸗ den. Aber ich möchte doch wiſſen, wenn Sie die Güte haben wollen, es mir zu ſagen, warum Sie ſo gar ſchweigſam über Martin gegen mich waren?“ „Weil ich fürchtete, durch deſſen Erwähnung Ihnen wehe zu thun,“ antwortete Mary. „Mir damit wehe zu thun!“ rief Tom.— „Ja, ich wollte Sie in der Perſon Ihres Dienſt⸗ herrn nicht beleidigen!“ Der beſagte Gentleman tuckte ſich. „Ja, Pecksniff!“ rief Tom mit feſter Zuverſicht. „O, beſtes Fräulein, der kümmert ſich nicht mehr um uns! Er iſt der beſte Menſch! Er würde um ſo glück⸗ licher ſeyn, je beſſer es Ihnen ginge. O nein, nein, 12² vor Herrn Pecksniff brauchen Sie keine Furcht zu haben, er iſt kein ſolcher Spion!“ Mancher Mann an Pecksniffs Stelle würde wo möglich augenblicklich unter der Erde fortgelaufen ſeyn, um zu Kalkutta oder auf irgend einem andern unbe⸗ wohnten Theile derſelben erſt wieder zum Vorſcheine zu kommen. Herr Pecksniff hingegen ſetzte ſich auf die Binſenmatte und lauſchte lächelnd, aufmerkſamer als je. Mary ſchien während dieſer Zwiſchenzeit etwas ge⸗ ſagt zu haben, was gleich einem Widerſpruch lautete, denn Tom fuhr mit gleichem Nachdrucke zu ſprechen fort: „Gut, ich kann nicht begreifen, wie es kommt, aber es iſt einmal beſtimmt, daß, ſo oft ich mich auf dieſe Weiſe über Herrn Pecksniff gegen Jemand äußere, man dieſem vorzüglichen Manne nie Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen will. Es iſt zwar einer der merkwür⸗ digſten Fälle, welcher mir je vorgekomnmen iſt. Nehmen wir z. B. John Weſtlock, der ein Zögling dieſes Hauſes war— in allen andern Stücken der vortrefflichſte junge Mann von der Welt— nur mit Herrn Pecksniff konnte er ſich nicht vertragen, dieſen würde er, glaube ich, wenn er gekonnt hätte, in den Pflug geſpannt haben. Und John iſt nicht der Einzige, welcher dieſes gethan hätte, denn jeder Zögling, den wir zu meiner Zeit hier gehabt haben, ſchied mit demſelben unvertilgbaren Haſſe von ihm. Da war auch Mark Tapley, obſchon in einer ganz andern Lebensſtellung; der verſpottete Pecksniff auf eine ſchauerliche Weiſe, als er noch im blauen Drachen war. Dann Martin— ja Martin, der war noch der Schlimmſte von Allen. Aber ich vergeſſe, er wird Ihnen freilich auch geſagt haben, Pecksniff zu verabſcheuen. So kamen Sie denn mit Vorurtheilen hieher, und Sie wiſſen, Miß Graham, daß dieſe nicht vorherrſchen dürfen, um ein guter Richter zu ſeyn.“ Tom ſah triumphirend um ſich, nachdem er dieſe 123 Aeußerung gemacht hatte und rieb ſich voll großer Be⸗ friedigung die Hände. „Herr Vinch,“ antwortete Mary,„Sie irren ſich in ſeinem Charakter!“ „Nein, nein!“ ſchrie Tom,„Sie verkennen ihn. Aber,“ fügte er mit einer plötzlichen Veränderung ſeines Tones hinzu:„Was iſt geſchehen, was gibt's?“ Allmälig wurden Pecksniff’s Haare, Stirn, Augen⸗ braunen und Augen auf dem Geſimſe des Kirchſtuhles ſichtbar. Mary ſaß auf einer Bank neben der Thüre, bedeckte das Geſicht mit beiden Händen und Tom beugte ſich über ſie. „In des Himmels Namen, was iſt's!“ rief Tom, „habe ich Etwas geſagt, was Sie beleidigen könnte, oder hat Ihnen Jemand anderes ein Leid gethan? Weinen Sie nicht! Bitte, ſagen Sie mir, was Sie drückt, ich kann Sie unmöglich ſo traurig ſehen. All⸗ mächtiger Gott! In meinem Leben war ich noch nicht ſo überraſcht und traurig, als jetzt bei dieſem Anblicke!“ Herr Pecksniff hielt ſeine Augen noch immer ſo ſtarr auf denſelben Platz geheftet, daß nur ein Bohrer oder ein glühend rother Draht ihnen eine andere Rich⸗ tung zu geben vermocht hätte. „Ich würde auf meinem Schweigen gegen Sie, Herr Pinch, verharrt haben,“ ſagte Mary,„wenn ich anders gekonnt hätte; allein Ihre gränzenloſe Verblen⸗ dung geht mir ſo zu Herzen, daß ich mich verpflichtet fühle, Ihnen die Augen zu öffnen. Wir müſſen auf unſerer Hut ſeyn, geben Sie ſich keine Blößen, und jetzt ſollen Sie erfahren, wer der iſt, der mich gekränkt und ſchändlich beleidigt hat, denn ich ſehe keinen andern Ausweg mehr.“ „Ich bin einzig nur hieher gekommen, Ihnen dieſes zu erzählen, aber ich glaube, es würde mir, trotz die⸗ ſem feſten Vorſatze, dennoch der Muth dazu gefehlt haben, wenn Sie mich nicht zufäͤllig auf dieſes Thema gebracht haben würden.“ 124 Tom ſtarrte die Sprecherin unverwandt an, als wollte er fragen:„Was werde ich hören müſſen?“ Er ſprach jedoch kein Wort. „Jener Mann,“ fuhr Wau fort,„welchen Sie für den Bravſten der Menſchen halten“— bei dieſen Worten warf ſie einen ſlammenden Blick zum Himmel auf und ihre Lippen zitterten, Jjener Mann..... 44 „Gott im Himmel!“ rief Tom, einige Schritte zurücktaumelnd.„Einen Augenblick Geduld! Jenen Menſchen, welchen ich für den Beſten halte? Sie mei⸗ nen damit ohne Zweifel Pecksniff? Ja, ich ſehe, ſo iſt es. Gott verhüte, daß Sie nicht don⸗ wune⸗ Gründe ſprechen. Was ſollte er gethan haben, daß er nicht der rechtſchaffenſte Mann iſt, was iſt er anders?“ „Er iſt der— der ſchlechteſte, der falſcheſte, grau⸗ ſamſte, eigennützigſte, durchtriebenſte und ehrloſeſte Mann der Welt,“ ſprach das zitternde Mädchen— zitternd vor Unwillen. 1 Tom ſetzte ſich nieder und ſchlug die Hände zu⸗ ſammen. „Was iſt der,“ begann Mary wieder,„welcher mich als einen Gaſt in ſein Haus anfnahm(was zwar ganz gegen meinen Willen geſchah), der meine unglückliche Geſchichte kannte, wußte wie allein und ſchutzlos ich ſey und ſich dennoch vor ſeinen Töchtern erlaubte, mich auf eine ſo gemeine Art zu kränken, daß wenn ein Bruder, ein Kind es geſehen hätte, jedes mir augenblicklich zur Hülfe geeilt ſeyn würde?“ „Er iſt ein Schurke“ antwortete Tom,„Wer er auch immer ſeyn mag, er iſt ein Ehrloſer!“ Herr Pecksniff tauchte wieder unter. „Was iſt der,“ ſprach Mary,„der, als mein ein⸗ ziger wahrer Freund in voller geiſtiger Geſundheit war, ſich vor ihm demüthigte, aber gleich einem Hunde zu⸗ rückgewieſen wurde, weil man ihn damals in ſeiner wahren Geſtalt erkannte. Was iſt der, der in ſeinem verſöhnlichen Geiſte, jetzt da dieſer Freund geiſtesſchwach ——OO⏑⏑⏑O⏑——’— 1 12⁵ und krank iſt, zum zweitenmale um ſeine Gunſt buhlte und den Einfluß, welchen er auf eine niedrige Weiſe über ihn gewonnen hat, zu lauter ſchlechten, nicht zu einem einzigen guten Zwecke benützt?“ „Ich ſage es noch einmal, er iſt ein Elender!“ antwortete Tom. „Was iſt das für ein Mann, Herr Pinch, ſagen Sie mir, was iſt er, der mich mit ſchändlichen Anträ⸗ gen beläſtigt, weil er glaubt, ſeine ſchlechten Plane beſſer durchführen zu können, wenn ich ſein Weib wäre, und mir die heilloſe Bedingung ſtellt, daß, wenn ich ihm Gehör gebe, Martin, über den ich ohne dies ſchon namenloſes Unglück gebracht habe, vielleicht wieder eini⸗ gen Anſpruch auf ſeine früheren Hoffnungen machen könnte, wo nicht, er ihn vollends in's Unglück ſtürzen würde. Was iſt das für ein Weſen, das ſogar meine Treue gegen den Gegenſtand meiner Liebe für mich zur Qual und zum Unrecht an ihm macht, das mich, trotz all' meines Widerſtrebens zum Werkzeuge gebraucht, ein Haupt zu kränken, auf das ich nur Segen vom Himmel erbitten ſollte. Was iſt der Menſch, welcher mir lauter ſolche Schlingen legt und mir beim hellen Sonnenſchein mit glatter Zunge und lächelndem Ge⸗ ſichte alle ſeine ſchändlichen Zwecke auseinander ſetzt, während er mich in ſeinen Armen hält und gegen ſeine Lippen meine Hand drückte, die ich jetzt lieber abhauen würde,“ fuhr das bewegte Mädchen fort,„wenn ich da⸗ durch die Schande und Entweihung dieſer Berührung abwiſchen könnte.“ „Ich wiederhole es,“ ſagte Tom,„daß ein ſolcher der gemeinſte Schurke und Böſewicht unter der Sonne iſt; es iſt mir nun gleichviel, wer es immer ſeyn mag — ich ſage: er iſt ein doppelzüngiger, verabſcheuungs⸗ würdiger Schurke!“ Mary bedeckte hier das Geſicht wieder mit beiden Händen, als ob die Leidenſchaft und Liebe, welche ſie bisher unter allen Stürmen des Schickſals aufrecht er⸗ 126 halten hatte, nun plötzlich der überwältigenden Laſt des Schmerzes und der Schande unterliege; ſie ließ ihren Thränen freien Lauf. Jeder Anblick eines Leidenden vermochte augen⸗ blicklich, Tom's zartes Gemüth zu rühren und beſon⸗ ders der gegenwärtige. Ihre Thränen und Seufzer drangen gleich ſpitzigen Pfeilen in ſein Herz. Er ver⸗ ſuchte ſie zu tröſten, ſetzte ſich an ihre Seite und bot ſeine ganze Beredſamkeit auf, indem er Worte des Lobes und der Hoffnung von Martin ſprach. Ja, ob⸗ gleich er ſie aus der Tiefe ſeiner Seele, mit einer ſolch ſelbſtverläugnenden Liebe umfaßte, wie ein Weib ſie nur ſelten erringt, ſo ſprach er doch von Anfang bis zum Ende bloß von Martin. Nicht die Reichthümer beider Indien würden ihn verführt haben, eines andern, als ihres Geliebten Namen zu erwähnen. Als ſie etwas ruhiger geworden war, gab ſie Tom zu verſtehen, daß der von ihr ſo eben geſchilderte Mann kein anderer als Herr Pecksniff ſelbſt ſey, und erzählte ihm Wort für Wort, Satz für Satz, ſo gut ſie es noch im Gedächt⸗ niſſe hatte, den Auftritt im Walde.— Dieſe Erzäh⸗ lung war gewiß eine Quelle, aus der dem genannten Gentleman großes Vergnügen zufloß, welcher noch im⸗ mer auf dem hohen Stuhle, getrieben von dem Wun⸗ ſche zu ſehen und von der Furcht bemerkt zu werden, auf und nieder tauchte, gleich dem klugen Haushälter in dem Puppenkaſten, der verhüten wollte, den Prügel an den Kopf zu bekommen. Nachdem ſie ihren Bericht beendet und Tom er⸗ ſucht hatte, ſich zu ſtellen, als hätte er von dem ganzen Vorgange nichts gehört, nachdem ſie ihn gebeten, ſich ſo zurückhaltend wie möglich gegen ſie zu betragen, dankte ſie ihm nochmal, und beide nahmen dann Ab⸗ ſchied, weil ſie Tritte auf dem Kirchhofe vernahmen; Tom kehrte wieder in die Kirche zurück. Und nun ſtürzte das Gewicht des Elendes und der Enttäuſchung mit fürchterlicher Gewalt auf den armen N NAK IG AEnRRARXNRn RN A— — — u—; d 127 Tom nieder. Das ſchöne Ideal, welches ihm während ſeines ganzen Lebens, ſchon von der Kindheit an, vor⸗ geſchwebt war, verfloß in eitlem Dunſte. Sein Herz durchdrang ein Schwert, nicht bei dem Gedanken daß jener Pecksniff(Tom's Pecksniff) zu be⸗ ſtehen aufgehört, ſondern daß er nie exiſtirt habe. In ſeiner Sterbeſtunde noch hätte Tom die Erin⸗ nerung an Pecksniffs vorzüglichen Charakter, erfreuen können, aber durch das eben Gehörte wurde ihm jener Troſt geraubt, denn wie konnte er ſich an etwas erin⸗ nern, was nie beſtanden hatte. So wie ſeine geiſtige Blindheit in Hinſicht auf dieſe Perſon total und nicht partial geweſen war, ſo ging jetzt ein helles Licht vor ſeiner Seele auf. Sein Pecksniff würde nie im Stande geweſen ſeyn, eine ſolche gemeine Handlung zu begehen, aber jeder andere Pecksniff wäre deſſen fähig geweſen; und ein Pecksniff dem er ſo etwas zutraute, war reif, Alles zu thun, und hatte auch wahrſcheinlich Alles gethan, bis auf das, was recht iſt, hatte vielleicht Manches ausge⸗ übt, gewiß aber nichts Ehrenhaftes. Von der luftigen Höhe auf welche Tom ſein Ideal geſtellt hatte, war es in eine unermeßliche Tiefe hinabgeſtürzt und Des Königes Pferde, des Königes Macht, Sie hätten Herrn Pecksniff auf ſeinen Platz nicht gebracht. Legionen von Titanen, hätten ihn nicht aus dem Schlamme ziehen und nach Würde bedienen können. Aber es war nicht der ſchuldige Theil, welcher litt, ſon⸗ dern der unſchuldige; Tom war es. Sein Compaß war zerbrochen, ſeine Karte vernichtet, der Chronometer ſtand ſtille, der Maſt war über Bord gefallen, und der Anker auf zehntauſend Meilen weit hinausgeworfen. Herr Pecksniff betrachtete ihn mit angelegentlicher Aufmerkſamkeit, denn er konnte ſich den Inhalt von Tom's Betrachtungen denken, und war begierig zu ſehen, wie er ſich benehmen würde. 128 Einige Zeit rannte er wie närriſch in der Kirche umher, manchmal halt machend, um ſich auf einen der Stühle zu lehnen und nachzudenken. Dann ſtarrte er ausdruckslos nach einem alten Monumente, welches ge⸗ ſchmackvoll mit Todtenköpfen und gekreuzten Knochen verziert war, als wenn es das größte Kunſtwerk wäre, welches er jemals geſehen hatte, obgleich er es zu einer andern Zeit kaum eines Blickes würdigte. Er ſetzte ſich nieder, ſtand wieder auf, und ging umher; ſo trieb er es eine Weile, bis er endlich zur Emporkirche hinauf⸗ ſtieg und die Taſten ſeiner Orgel berührte. Aber ihr traulicher Ton war geändert, ihr Klang entflohen, und er ſtimmte einen langen, wehmüthigen Accord an, ſtützte dann den Kopf in die Hände und gab ſein Thun als hoffnungslos auf.„Es würde mich nicht verdrießen,“ ſprach Tom bei ſich ſelbſt, indem er von ſeinem Sitze aufſtand und in die Kirche hinab ſah, als wäre er der Geiſtliche ſelbſt.„Ich würde ja Alles gerne ertragen, denn ich habe ſeine Geduld zu oft verſucht, habe von ſeiner Güle gelebt, und bin nie im Stande geweſen, ihm das zu leiſten, was andere Leute zu thun vermoch⸗ ten. Es würde mich bei weitem nicht ſo ergriffen ha⸗ ben, Pecksniff,“— fuhr Tom fort ohne zu ahnen wer in ſeiner Nähe ſey und jedes ſeiner Worte höre— „wenn Sie mir eine Beleidigung zugefügt, ich hätte leicht eine Fülle von Entſchuldigungen dafür gefunden, und wie tief Sie mich gekränkt haben würden, ſo hätte ich doch nie aufgehört Sie zu achten. Aber warum haben Sie das gethan und warum mußten Sie ſo tief in meinen Augen ſinken?— O, Pecksniff, Pecksniff! Alles würde ich mit Freuden hingeben, wenn ich dadurch jenen Schandflecken aus Ihrem Charakter tilgen, und Sie wieder wie vorher verehren könnte!“ Herr Pecksniff ſaß auf der Leichenmatte und brei⸗ tete ſeinen Hemdkragen aus, während Tom, ganz auf⸗ gelöst in Schmerz, durch dieſe Ausrufungen ſein ge⸗ preßtes Herz erleichterte. Nach einer Weile hörte er — 1 1 NK R △— ρ̈ 88Æ8 N N 129 Tom herab kommen und mit den Schlüſſeln klappern; als es ihm endlich gelang, einen Blick über das Ge⸗ ſtmſe zu werfen, ſah er, wie Tom langſam die Kirche verließ und die Thüre ſchloß. Herr Pecksniff getraute ſich jetzt noch nicht, aus ſeinem Verſteck hervorzukommen, denn durch die trüben Scheiben der Kirchenfenſter bemerkte er Pinch, wie er zwiſchen den Gräbern herumwandelte und zuweilen auf ein Monument lehnte, als beweine er einen verlornen Freund. Sogar als er ſchon den Kirchhof verlaſſen hatte, verharrte Pecksniff noch immer ſchweigend in ſei⸗ nem Gefängniſſe, denn er war nicht überzeugt, ob Pinch in ſeiner Aufregung nicht wieder zurückkommen könnte. Endlich faßte er den großen Entſchluß, herauszu⸗ gehen und nicht lange ſtand es an, ſo wanderte er mit vergnügtem Geſichte der Sakriſtei zu, wohl wiſſend, daß ſich daſelbſt ein Fenſter ſo nahe am Boden befinde, daß es ihm ein Leichtes war, durch daſſelbe hinauszuſpringen. Mr. Pecksniff war in einem ſeltſamen Gemüthszu⸗ ſtande, er eilte nicht nach Hauſe zu kommen, ſondern ſuchte die Zeit mit ſpielendem Zögern zuzubringen. Deßhalb öffnete er den Kaſten der Sakriſtei und betrachtete ſich in des Pfarrers kleinem Spiegel, welcher hinter der Thüre hing. Als er ſah, daß ſeine Haare ſehr in Unordnung gebracht waren, nahm er ſich die Freiheit, die kanoniſche Bürſte zu entlehnen, und ſie damit zu ordnen. Nachdem dieſes Geſchäft vollendet war, erlaubte er ſich auch noch, einen andern Schrank zu öffnen, ſchloß ihn aber ſchnell wieder, denn hier erſchreckte ihn der An⸗ blick eines ſchwarzen und eines weißen Kirchenrockes, der von der Wand herabwallte, und ausſah, als wenn zwei ſelbſtmörderiſche Geiſtliche an einem Nagel ihr Daſeyn beendigt hätten. Jetzt erinnerte er ſich, einmal in dem erſtern Schranke eine Flaſche Wein und etwas Zwieback bemerkt zu haben; ſchnell ſah er wieder nach, und be⸗ Boz, Chuzzlewit. 1v. 9 gann dann mit großer Gemächlichkeit ſich von dem klei⸗ nen Vorrathe herrlich ſchmecken zu laſſen, ohne jedoch in moraliſcher Hinſicht an dem Kirchenraube Theil zu nehmen, da ſeine Gedanken mit ganz anderen Dingen beſchäftigt waren. Welches immer der Zweifel geweſen ſeyn mag, der Pecksniff gequalt, ſo ſchien er doch bald zu einem Ent⸗ ſchluſſe gekommen zu ſeyn, denn er ſtellte die Ueberreſte der Mahlzeit wieder an den gehörigen Platz, und hüpfte ohne die geringſte Schwierigkeit zum Fenſter hinaus auf den Kirchhof, ſchloß es dann wieder ſorgfältig und ging geraden Weges nach Hauſe. „Iſt Herr Pinch zu Hauſe?“ fragte Herr Pecksniff ſein Dienſtmädchen. „Eben heimgekehrt, Sir!“ „Wie, eben angekommen?“ wiederholte Pecksniff vergnügt,„und wahrſcheinlich ſchon die Treppe hinauf⸗ gegangen, wie ich vermuthe?“ „Ja, Sir, ſo iſt es. Soll ich ihn rufen?“ „Nein,“ antwortete der Gentleman,„es iſt nicht nothwendig, Jane. Danke Ihr Jane.“ „Wie geht es Ihren Verwandten?“ „Danke Ihnen Herr, ziemlich gut!“ „Das freut mich zu hören.“ „Sie kann es ihnen ſagen, daß ich mich nach ihnen erkundigt habe.“ „Jane, iſt Herr Chuzzlewit in der Nähe?“ „Ja, Sir, er iſt im Wohnzimmer und liest“ „Iſt's wirklich wahr Jane, daß er im Wohnzimmer iſt und liest?“ fragte Herr Pecksniff.„Sehr gut, dann gedenke ich gleich zu ihm zu gehen und ihn zu ſprechen, Jane.“ Niemals ſah man noch Pecksniff in einer fröhlichern Laune, als in dieſem Augenblicke. Wie er in das Wohnzimmer kam, fand er den al⸗ ten Mann auf die von Jane bezeichnete Weiſe beſchäf⸗ tigt, während Tinte, Feder und Papier auf einem Ne⸗ bentiſchchen lagen,(denn Herr Pecksniff war immer ſehr beſorgt ihn mit allerlei Schreibmaterialien zu ver⸗ ſehen) bei dieſem Anblicke wurde der Ehrenmann et⸗ was verſtimmt. Er war nicht zornig, nicht rachſüchtig, nicht übelgelaunt, ſondern ſchmerzlich bewegt. Als er ſich an ſeines Freundes Seite niederſetzte, ſtahlen ſich zwei große Thränen(nicht Thränen gleich denen mit welchen die unſere Sünden aufzeichnenden Engel ihre Einträge auslöſchen, ſondern zwei Tropfen ſo koſtbar, daß ſie ihnen als Tinte hätten dienen können), über ſeine ehrwürdigen Wangen. „Was iſt Ihnen?“ fragte 2 Nartin,„Was fehlt Ihnen, Freund?“ „Ach!“ rief Herr Pecksniff tief bewegt,„ich wurde betrogen, in den zarteſten Punkten getäuſcht. Man hat mich grauſam hintergangen!“ 3 „Es thut mir zwar Leid, mein guter, mein würdiger Freund, aber ich muß Ihnen ſagen, auf welche ſchänd⸗ liche Weiſe man mit mir umgegangen iſt.“ „Sie ſind hintergangen worden?“ „Ja, ſchrecklich getäuſcht von einer Seite aus, auf welche ich das gränzenloſeſte Vertrauen geſetzt habe. Betrogen, von Herrn Pinch;“ rief Herr Pecksniff mit Schmerz. „O ſchlecht, ſchlecht, ſchlimm, ſehr ſchlimm! Ich hoffe nicht. Sind Sie Ihrer Sache auch gewiß?“ „Ganz gewiß mein Freund! Meine eigenen Augen und Ohren waren Zeugen, denn ſonſt würde ich es ſelbſt nicht geglaubt haben.“ „Herr Chuzzlewit, ich hätte es nicht geglaubt und wenn gleich eine feurige Schlange es von der Spitze der Salisbury Kathedrale würde verkündet haben. Ich würde behaupten, daß die Schlange lüge,“ fuhr Herr Pecksniff fort,„ſo groß war mein Glaube an Tom's Rechtlichkeit, daß ich der Schlange ihre Falſchheit in die Zähne zurückgeworfen und Tom an mein Herz ge⸗ 9* 13² nommen hätte. Aber, ich bin keine Schlange, es iſt mir ſchrecklich, ſchmerzlich ſagen zu müſſen, daß keine Hoffnung oder Entſchuldigung mehr für ihn vorhanden iſt.“ Martin war außerordentlich erſtaunt, ihn ſo auf⸗ geregt zu ſehen und ſolche unangenehme Neuigkeiten zu vernehmen. 4 Er bat ihn, ſich zu beruhigen und fragte ihn über den Zufall, welcher Tom's Verrätherei an das Tages⸗ licht brachte. „Das iſt eben noch das Schlimmſte von Allem,“ antwortete Herr Pecksniff,„weil es eine Sache betrifft, die Ihnen ſelbſt ſehr nahe geht. O, iſt es nicht genug, daß mich ſolche Schläge treffen, müſſen ſte auch noch auf meine Freunde fallen?“ rief Herr Pecksniff, mit einem Blicke zum Himmel. „Sie erſchrecken mich,“ entgegnete der alte Mann, indem er die Farbe wechſelte,„ich bin nimmer ſo kräf⸗ tig, wie in frühern Tagen. Sie beunruhigen mich, Pecksniff!“ 3 „Ermannen Sie ſich, mein edler Freund!“ ſprach Herr Pecksniff, indem er ſelbſt neuen Muth ſuchte, „und wir wollen thnn, was man von uns verlangt. Sie ſollen Alles wiſſen, Sir, um gerechtfertigt zu wer⸗ den.“ „Aber zuerſt entſchuldigen Sie mich, Sir, Sie müſſen mich entſchuldigen, Sir, ich habe noch eine Pflicht zu erfüllen, welche ich der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft ſchuldig bin.“ Er zog an der Glocke und Jane erſchien. „Sey Sie ſo gefällig, Herrn Pinch hierher zu ſchicken.“ Tom kam gezwungen und in ſeinem ganzen Weſen verändert, niedergeſchlagen, traurig und ſichtbar ver⸗ wirrt; er vermied, Pecksniff anzublicken. Der brave Mann ſah Herrn Chuzzlewit mit einem Blicke an, als wollte er ſagen:„Sie ſehen!“ und redete dann Tom mit folgenden Worten an; — —— 13³3³ „Herr Pinch, ich habe das Sakriſtei⸗Fenſter offen gelaſſen, wollen Sie die Güte haben, es zu ſchließen und mir dann die Schlüſſel des göttlichen Hauſes zu bringen.“ „Das Sakriſteifenſter, Sir?“ rief Tom. „Ja, ich glaube Sie werden mich verſtehen,“ er⸗ wiederte ſein Patron.„Allerdings das Sakriſteifenſter. Es iſt mir leid, ſagen zu müſſen, daß, als ich nach ei⸗ nem ſehr ermüdenden Spaziergange in der Kirche ein⸗ ſchlief, ich zufällig einige Bruchſtücke,— er betonte dieß Wort ſehr ſtark,— eines Geſpräches zwiſchen zwei Perſonen, mit anhörte, und da eine derſelben, indem ſie hinaus ging, die Kirche ſchloß, ſo war ich genöthigt, durch das Sakriſteifenſter zu ſpringen. Thun Sie mir alſo den Gefallen, es zuzumachen, und dann wieder zu mir zu kommen.“ Der beſte Phyſiognom, welcher je auf der Erde gelebt, wäre nicht im Stande geweſen, Tom's Züge in dem Augenblicke zu deuten, in welchem er dieſe Worte vernahm. Verwunderung drückte ſich darin aus und ein milder Blick des Vorwurfes, gewiß aber keine Spur von Furcht oder Schuld, obgleich ein ſchrecklicher Kampf von Gefühlen um die Oberhand entſtand. Er ver⸗ beugte ſich und ging ohne ein Wort, weder im Guten noch im Böſen zu ſagen, aus dem Zimmer. „Pecksniff,“ rief Martin zitternd.„Was ſoll das Alles bedeuten. Handeln Sie doch ja nicht in Ueber⸗ eilung, es möchte ſonſt die Reue nachfolgen!“ „Nein, mein lieber Herr Sir,“ ſagte Pecksniff.„Nein, aber ich habe eine Pflicht zu erfüllen, die ich der Menſch⸗ heit ſchuldig bin und deren will ich mich entledigen, koſte es was es wolle!“ O! verſäumte, vergeſſene, prahleriſche Pflicht, die man der Menſchheit ſtets ſchuldet und ſelten in einer andern Münze bezahlt, als in Zorn und Beſtrafung. Wann wird das Menſchengeſchlecht anfangen, dich zu erkennen, in deiner vernachläſſigten Wiege und in dei⸗ 13³3⁴ ner verwahrlosten Jugend, nicht erſt in dem ſündigen Mannesgalter und dem ſchwachen Greiſenthume! O! Richter, der du den Hermelinmantel um deine Schultern trägſt und deſſen Pflicht es iſt, den gemeinen Verbrecher zu Tod und Gefangenſchaft zu verurtheilen, hatteſt du als Menſch nie in deinem Innern eine Stimme vernommen, welche dich an die Pflicht mahnte, die hundert großen, offenen Thore, zu verſchließen, welche zu Elend und Sünde führen, und nur das kleine Pfört⸗ chen, durch welches man zu einem anſtändigen Leben gelangt, offen zu laſſen. O! Prälat, Prälat, der es für ſeine Pflicht gegen die Geſellſchaft hielt, in traurigen Phraſen die Verderbt⸗ heit und Sittenleſigkeit des Zeitalters zu beklagen, in welchem dir ein ehrenvolles Loos zufiel, ging nichts deiner Erhebung zu deinem ſtolzen Sitze voraus, von welchem du jetzt deine Homilien an andere Spürhunde nach todter Leute Schuhen ſprichſt, deren Pflicht gegen die Menſch⸗ heit noch nicht begonnen hat? O, Magiſtratsperſon, mit deiner Würde, die ſelten einem Landedelmann oder einem braven Squire zu Theil wird, kannteſt du nicht eher deine Pflicht gegen deine Untergebenen, als bis der Pöbel wüthend wurde und die Kornſpeicher brannten? Oder ſtieg der Aufruhr ſchon gewappnet und geſtiefelt aus der Erde— ein Corps kräftiger, ſtarker Bauern? Herr Pecksniffs Schuld an der Menſchheit konnte nicht eher abgetragen werden, als Tom zurück kam. Den Zwiſchenraum, welcher des jungen Mannes An⸗ kunft voran ging, brachte Herr Pecksniff unter eifrigen Verhandlungen mit ſeinem Freunde zu, ſo daß, als Fen ankam, er ſie ganz vorbereitet für ſeinen Empfang and. Mary war in ihrem eigenen Zimmer oben, wo ſie auch blieb, weil der immer ſo zartfühlende Herr Pecks⸗ niff Herrn Chuzzlewit erſucht hatte, ihr wiſſen zu laſ⸗ ſen, daß ſie noch eine halbe Stunde dort verweilen möchte, damit ihre eigenen Gefühle geſchont würden. 4 1 —„ - 13⁵ Als Tom in das Zimmer trat, ſah er den alten Martin am Fenſter ſitzen, und Herrn Pecksniff in ei⸗ ner drohenden Stellung am Tiſche lehnen; in einer Hand hielt er ſein Sacktuch und in der andern ein klei⸗ nes— ja ein ſehr kleines Häuflein von Gold und Sil⸗ ber und einzelnen Pencen. Pinch wurde beim erſten Blicke gewahr, daß es ſein eigener vierteljähriger Lohn ſey. „Haben Sie das Fenſter geſchloſſen, Herr Pinch?“ fragte Herr Pecksniff. „Ja, Sir.“ „Danke Ihnen. Haben Sie die Güte, die Schlüſ⸗ ſel hinzulegen, Herr Pinch.“ * Tom legte ſie auf den Tiſch. Er hielt den Bund bei dem Orgelſchlüſſel, welches der kleinſte war, und betrachtete ihn mit einem wehmüthigen Blicke, indem er ihn auf den Tiſch legte, denn er war ein alter Freund von Tom, eine Art freundlichen Begleiters ſeit vielen Tagen! „Herr Pinch,“ ſagte Pecksniff und ſchüttelte den Kopf.„O, Herr Pinch, ich wundere mich, daß Sie mir ſo gerade in's Angeſicht ſehen können!“ Tom that es wirklich, und obgleich wir ihn vor⸗ hin gebeugt geſehen haben, ſo ſtand er doch jetzt ſo ge⸗ rade und aufrecht, wie nur immer ein Mann ſtehen konnte. „Herr Pinch,“ fuhr Herr Pecksniff fort, indem er ſein Sacktuch ausbreitete, als fühle er, daß er deſſen bald bedürfe,„Herr Pinch, ich will nicht von der Ver⸗ gangenheit ſprechen, ich will Sie und mich ſchonen, ich will uns dieſen Schmerz erſparen.“ Tom's Auge war nicht glänzend, aber doch wohl ſehr ausdrucksvoll, als er Pecksniff anblickte und ſprach: „Ich danke Ihnen, Sir, wenn Sie nicht der Ver⸗ gangenheit erwähnen.“ „Die Gegenwart iſt genug,“ erwiederte Herr Pecks⸗ niff,„und je bälder auch dieſe vorüber iſt, deſto beſſer iſt es, Herr Pinch, ich will Sie nicht ohne ein Wort 136 der Erklärung entlaſſen, obgleich auch ein ſolches Ver⸗ fahren durch die obwaltenden Umſtände gerechtfertigt werden könnte. Aber dies möchte leicht das Anſehen haben, als würde ich übereilt handeln und dieſes will ich nicht; denn,“ fuhr er fort und ließ einen zweiten Penny niederfallen,„ich bin meines Thuns vollkommen bewußt. Deshalb ſage ich Ihnen jetzt, was ich ſchon Herrn Chuzzlewit mitgetheilt habe.“ Tom blickte den alten Herrn an, welcher hin und wieder durch ein Nicken des Kopfes zu verſtehen gab, daß er vollkommen mit ſeinen Grundſätzen übereinſtimme, ſich jedoch auf keine andere Weiſe in die Unterhaltung menge. welche ich vor Kurzem zufällig in der Kirche mit an⸗ hörte,“ ſagte Mr. Pecksniff,„zwiſchen Ihnen und Miß Graham,— ich ſage Bruchſtücke; weil ich in guter Entfernung von Euch ſchlummerte, als mich Eure Stimmen weckten— und aus dem, was ich ſah und hörte, erhielt ich die feſte Ueberzeugung, ich würde viel darum gegeben haben, wenn mir dieſe Aufklärung nicht geworden wäre, daß Sie aller Bande der Pflicht und Ehre vergeſſend und rückſichtslos gegen die unverletzli⸗ chen Geſetze der Gaſtfreundſchaft, zu welcher Sie als Gaſt dieſes Hauſes verbunden waren, ſich erfrecht ha⸗ ben, Miß Graham mit unerwiderten Ergießungen der Anhänglichkeit und mit Liebesbetheuerungen zu beläſtigen.“ Tom ſah ihn unverwandt an. „Leugnen Sie es, mein Herr?“ fragte Herr Pecks⸗ niff, ein Pfund vier Schillinge und zwei Pence auf die Erde fallen laſſend, bei deren Aufleſen er viel Weſens machte. „Nein, Sir, ich leugne es nicht,“ erwiderte Tom. „Alſo wirklich nicht?“ fragte Pecksniff und warf einen Seitenblick nach Martin: 3 „Haben Sie die Güte, dieſes Geld anzunehmen und „Aus einigen Bruchſtücken einer Unterhaltung, 137 den Empfangſchein dafür zu unterzeichnen. Wie, Sie wollen alſo nichts in Abrede ſtellen?“ Nein, Tom that nichts es zu widerlegen; er ſah, daß Herr Pecksniff Ohrenzeuge geweſen ſey, wie man ſeine eigene Schande ausgeſprochen habe und kümmerte ſich nicht das Geringſte mehr darum, ob er noch tiefer in ſeiner Achtung ſank; er ſah ein, daß Pecksniff dieſes Mäahrchen erfand, als das kürzeſte Mittel ſeiner los zu werden, und daß jetzt jedenfalls gebrochen werden müße. Zu gleicher Zeit bemerkte er auch, daß Herr Pecksniff auf eine Widerlegung von ſeiner Seite gerechnet hatte, weil das Gegentheil den alten Martin nur noch mehr gegen ſeinen Enkel und gegen Mary aufgebracht hätte, waͤhrend Pecksniff ſich leicht durch ein Mißverſtändniß in ſeinen Bruchſtücken würde hinausgeredet haben. Da⸗ rum ſchwieg Tom und that nichts, um ſich gegen die ungerechte Ausſage ſeines Herrn zu vertheidigen. „Erkennen Sie dieſen Vertrag fuͤr richtig, Herr Pinch?“ fragte Herr Pecksniff. „Vollkommen Sir,“ erwiderte Pinch. „In der Küche iſt jemand,“ fuhr Herr Pecksniff fort,„der Ihrer wartet, um Ihnen das Gepäcke hinzu⸗ tragen, wohin Sie wollen. Wir trennen uns nun, und ſind von dieſem Augenblicke Fremde für einander.“ Etwas ohne Namen— Milleid, Schmerz, alte Zärtlichkeit, mißkannte Dankbarkeit, Gewohnheit, keines ganz, von Allen doch etwas, bewegke Tom's Herz beim Abſchiede. Kein ſolches Gefühl hingegen ſprach aus Pecksniff, aus jenem gemäſteten Leichname, und doch, obgleich ſeine Worte, diejenige, die er ſo innig liebte, nicht bloß ſtellen konnten, war es ihm nicht möglich, die wahre Form und Geſtalt dieſes Mannes zu enthüllen. „Ich will nicht ſagen,“ rief Herr Pecksniff in Thrä⸗ nen ausbrechend;„was es für ein harter Schlag für mich war, ich will nicht von der Tiefe der Erſchütte⸗ rung ſprechen, welche dieſer Vorfall in meinem Gemüthe erzeugte, wie wehe es meinem Herzen thut. Das Alles 138 kummert mich nicht. Ich kann es ſo gut wie ein an⸗ derer Mann ertragen. Aber was ich zu hoffen habe und was Sie erwarten müſſen, wenn anders nicht eine große Verantwortlichkeit auf Ihnen laſten ſoll, iſt, daß ſolche Auftritte meine Meinung von der Menſchheit nicht ändern möge, daß ſie mein Leben nicht verkümmern und mich vor der Zeit alt mache— oder, wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf, meine Schwingen lähme. Ich glaube und hoffe es nicht, dies mag Ihnen zu großem Troſte gereichen, wenn vielleicht auch nicht jetzt, doch gewiß in ſpätern Zeiten, wenn Sie wiſſen, daß ich mich ſtets bemühen werde, das Beſte von meinen Nebenmenſchen zu denken, obgleich eine ſolche Täuſchung leicht im Stande geweſen wäre, meinen Glanben an die Menſchheit zu erſchüttern. Leben Sie wohl!“ Tom war anfangs Willens geweſen, ihm einen kleinen Stich mit einer ſcharfen Lanzette zu erſparen, welches in ſeiner Macht ſtand; als er jedoch dieß hörte, änderte er ſchnell ſeinen Vorſatz und ſprach: „Ich glaube, Sir, Sie haben etwas in der Kirche gelaſſen?“ „Danke Ihnen, ich kann mir nichts erinnern,“ ant⸗ wortete Pecksniff. „Iſt es nicht Ihre Brille?“ fragte Pinch. „O,“ rief Pecksniff,„ich bin Ihnen ſehr verbun⸗ den dafür, legen Sie dieſelbe gefälligſt dort hin!“ „Ich fand ſie,“ fuhr Tom langſam fort,„als ich ns raaftiſeifeniter ſchließen wollte— in dem Kirchen⸗ uhl.“ So war es wirklich. Herr Pecksniff hatte bei ſei⸗ nem Auf⸗ und Untertauchen in dem Kirchſtuhle die Augengläſer abgenommen und bei Seite gelegt, damit ſie ihn nicht durch Anſtoßen an das Geſimſe verrathen möchten; er hatte aber bei ſeinem Weggehen vergeſſen ſie mitzunehmen. Als Tom in Sinnen und Grübeln über den Platz des Lauſchers vertieft, weil er ihnen ſo ganz unbemerkt zugehört hatte, wieder in die Kirche ☛ — 139 hinabkam, zog die offene Thüre des Prunkſtuhles ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich, er ſah hinein und fand das Glas.— Er wußte nun, und gab es durch Zurück⸗ erſtattung der Gläſer Herrn Pecksniff zu verſtehen, daß er wiſſe, wo der Lauſcher geſeſſen, und daß derſelbe ſich nicht nur an Bruchſtücken der Unterredung, ſondern an jedem einzelnen Worte erquickt habe. „Ich bin froh, daß er nun fort iſt,“ ſprach Mar⸗ tin, als Tom das Zimmer verlaſſen hatte, und holte tief Athem. „Es iſt eine Erleichterung,“ ſagte Pecksniff. „Allerdings, eine große Erleichterung.“ „Aber nachdem ich mich nun meiner Pflicht gegen die Menſchheit, ſo wie ich hoffe mit großer Pünktlich⸗ keit, entledigt habe, werden Sie mir, mein theurer Sir, erlauben, daß ich mich in den hinteren Garten zurückziehe, um da als ein demüthiges Individuum einige Thränlein zu vergießen.“ Tom eilte die Treppe hinauf, räumte ſein Bücher⸗ geſtell ab, packte die Bücher nebſt ſeinen Noten und einer alten Geige in den Koffer, holte ſeine Kleider (es waren freilich nicht ſo viele, daß ihm deren Un⸗ terbringen viel Kopfzerbrechen gemacht hätte), legte ſie auf ſeine Bücher und ging dann in das Arbeitszimmer, um ſeine Inſtrumentenfutterale zu holen. Da war ein alter zerriſſener Schreibebock, deſſen Roßhaare ſich gleich einer zerzausten Perücke aus dem Sitze in die Höhe rollten. Der Stuhl an und für ſich ſelbſt war eine Beſtie, auf welcher er Tag für Tag während ſeiner ganzen Dienſtzeit, ſeit vielen Jahren, ſchon geſeſſen hatte. Er und ſein Stuhl waren in Geſellſchaft mit⸗ einander alt und abgetragen geworden. Zöglinge hat⸗ ten ausgelernt, Jahreszeiten entflohen und kamen, Tom und ſein Stuhl hielten treulich beiſammen aus. Die Ecke der Stube, wo er ſein Standquartier hatte, wurde ausſchließlich Toms⸗Ecke genannt. Man hatte ſie ihm angewieſen, weil ſie ſich durch eine der Zugluft äußerſt 14⁰ ausgeſetzte Lage auszeichnete, und ſehr weit vom Feuer entfernt war; und vom erſten Augenblicke ſeines Hier⸗ ſeyns reſidirte Tom hier. An der Wand hingen Por⸗ traits, welche alle ſeine ſchwache Seiten auf eine mon⸗ ſtröſe Weiſe darſtellten. Teufliſche Redensarten und Sentenzen, ſeinem Charakter ganz fremd, ſtanden in fetten Ballons, wie aus ſeinem Munde kommend, da⸗ bei. Jeder Zögling hatte das Seinige zur Verſchöne⸗ rung der genannten Ecke beigetragen, ſogar Phantaſie⸗ gemälde ſeines Vaters mit einem einzigen Auge, ſeiner Mutter mit einer ungeheuren Naſe, und beſonders von ſeiner Schweſter, die, da ſte durchgängig als ſehr ſchön dargeſtellt wurde, Tom hinreichende Entſchädigung für alle andern Scherze bot. Unter andern, mehr gewöhn⸗ lichen Umſtänden würde es Tom unendlich ſchmerzlich geweſen ſeyn, dieſe Dinge verlaſſen zu müſſen, ſein Herz würde bei dem Gedanken, ſie zum letzten Male ſehen zu können, gebrochen ſeyn. Aber jetzt war es anders; es gab keinen Pecksniff, ja es hatte nie einer exiſtirt, und dieſer eine Schmerz überwog alle andern Gefühle⸗ Als er in das Schlafzimmer zurückkam, nachdem er Koffer und Reiſeſack geſchloſſen, Ueberrock und Kamma⸗ ſchen angezogen, den Hut aufgeſetzt und den Stock ge⸗ nommen hatte, ſah er ſich zum Abſchiede noch einmal um. An frühen Sommermorgen oder ſpäten Winter⸗ nächten, bei eigenen Lichtſtümpfchen, hatte er ſich in derſelben Kammer halb blind geleſen, und überdieß auch verſucht, die Violine unter der Bettdecke ſpielen zu lernen, ein Experiment, von welchem er den übri⸗ gen Schülern zu Liebe, die ihn unaufhörlich mit Vor⸗ ſtellungen beſtürmten, endlich, jedoch nur ſehr nngern, abließ. Unter andern Umſtänden würde ihm das Schei⸗ den von dieſem lieben Gemach großen Kummer ver⸗ urſacht haben, und die Erinnerung an ſo Manches, was er hier gelernt, und an die vielen Stunden, die er hier in ſeligen Träumen verbracht, würden ſeine letzte Faſ⸗ ſung aufgezehrt haben. Aber Pecksniff’s Geſtalt war 141 verſchwunden, um nie wieder zurück zu kehren, und dieſes Nichtgeweſenſeyn von Pecksniff erſtreckte ſich ſo⸗ gar bis auf die Kammer, in welcher jenes weſenloſe Ding ſo oft auf dem Bette geſeſſen, und mit ſolchem Eifer und Erfolge Moral gepredigt hatte, daß Tom's Augen in einem Meere von Thränen ſchwammen, er ſelbſt aber athemlos zuhörte. Der Mann, welcher ſein Gepäcke an Ort und Stelle bringen ſollte— Tom kannte ihn genau, denn er war aus dem Drachen— kam jetzt die Treppe herauf ge⸗ poltert und grüßte ihn, was zu gewöhnlichen Zeiten nur mit einem freundlichen Lächeln geſchehen ſeyn würde, mit einer tiefen Verbeugung, als wolle er dadurch zu verſtehen geben, daß er um das Vorgefallene wiſſe, ſich aber nicht im Geringſten darum kümmere. Die Ver⸗ beugung nahm ſich plump genug aus, denn der Grü⸗ ßende war bloß ein ſimpler Stallknecht, aber Tom liebte ihn deshalb, und der Abſchied von ihm kam Tom här⸗ ter an, als der vom ganzen Hauſe. Pinch wollte ſeinem Begleiter beim Tragen des Koffers behülflich ſeyn, weil derſelbe etwas ſchwer war, allein der Mann vom Drachen ſchwang ihn, trotz ſeines ſtarken Gewichts, mit einer ſolchen Leichtigkeit auf ſei⸗ nen Rücken, daß es ausſah, als koſte es dem Elephan⸗ ten nicht mehr Mühe, ſeinen hölzernen Thurm zu tra⸗ gen, als ihm dieſe Kiſte. Hierauf eilte er ſo ſchnell die Treppe hinab, als ginge er viel bequemer mit als ohne Koffer, da die Na⸗ tur ſchon einen ſo kräftigen Kameraden aus ihm ge⸗ macht hatte. Tom trug den Reiſeſack, und ſo traten ſte ihren Weg an. Unter der Hausthür ſtand Jane und weinte aus allen Kräften; weiter unten, vor der Treppe, ſchluchzte Mrs. Lupin und ſtreckte Pinch die Hände entgegen.„Sie werden doch in den Drachen kommen, Herr Pinch?“ „Nein,“ erwiederte Tom,„nein, ich werde noch dieſe Nacht nach Salisbury reiſen. Ich kann nicht länger 142 hierbleiben. Um des Himmels Willen machen Sie mich nicht noch unglücklicher, Mrs. Lupin!“ „Aber für dieſe Nacht wenigſtens gehen Sie mit in den Drachen. Wohlverſtanden, nicht als Fremder, ſondern als mein Gaſt!“ „Gott bewahre!“ rief Tom und wiſchte ſich die Augen.„Die Gutmüthigkeit dieſer Leute könnte einem ſchon das Herz brechen. Ich bin entſchloſſen, dieſen Abend noch nach Salisbury zu gehen, meine werthe Frau. Wollen Sie vielleicht die Güte haben, mir mei⸗ nen Koffer aufzubewahren, bis ich darum ſchreibe. Sie können mir einen ſehr großen Gefallen dadurch er⸗ weiſen.“ „Ich wünſchte,“ rief Mrs. Lupin,„daß Sie zwan⸗ jin Koffer hätten, Hr. Pinch, damit ich ſie alle aufheben könnte.“ „Danke Ihnen,“ ſagte Tom,„ich glaube es. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl!“ Nach und nach verſammelten ſich eine Menge Leute, jung und alt, ſtanden um die Thür, einige davon wein⸗ ten mit Mrs. Lupin, während andere ſich bemühten, ſo ſtandhaft wie Tom zu ſcheinen. Mehrere verloren ſich in Verwunderung über Mr. Pecksniff— den Mann, wie man zu ſagen pflegte, der durch ſein Blinzeln eine Kirche auf einen Bogen Papier bauen könnte— wäh⸗ rend etliche eine Art von Sympathie für Tom empfan⸗ den. Herr Pecksniff war zu gleicher Zeit mit ſeinem alten Zöglinge unter der Thür erſchienen, und wäh⸗ rend Tom mit Mrs. Lupin ſprach, ſtreckte er ſeine Hand aus, als wollte er ſagen:„Fahre hin in Frieden!“ Als Tom fort war und um die Ecke gebogen hatte, ſchüttelte Herr Pecksniff den Kopf, drückte die Augen zu und ſchloß die Thüre mit einem ſchweren Seußzer. Nach dieſem Benehmen vermutheten Pinch's beſte Freunde, daß er wirklich ein großes Verbrechen began⸗ gen haben müſſe, da ein Mann, wie Mr. Pecksniff, nicht ſo leicht zu ſolch ſtrengen Maßregeln gebracht — r— „v 143 werden könnte. Wäre es ein Streit gewöhnlicher Art geweſen, ſo hätte er gewiß etwas geſagt, aber da er dieſes nicht that, war es ja augenſcheinlich, daß ihn Herr Pinch ſchwer beleidigt haben mußte. Tom war ſchon zu weit entfernt, um noch etwas von den ſchlauen Schlüſſen ſeiner Freunde hören zu können. Denn er wanderte, ſo gefaßt als nur möglich, dem Schlagbaume zu, wo die Familie des Weggeld⸗ Einnehmers an jenem unfreundlichen Morgen, an wel⸗ chem er dem jungen Martin entgegen gegangen war, Herr Pinch gerufen hatte. Es lag nun das ganze Dorf hinter ihm, und an dieſem Hauſe war ſein letzter Prü⸗ fungsſtein. Als jedoch die Kinder des Schlagbaum⸗ wächters ſchreiend herausſprangen, war es um ſeine Faſſung geſchehen, und er bekam große Luſt, über Stock und Stein davon zu laufen. „Meiner Seel', es iſt Herr Pinch, mein lieber Sir,“ ſchrie des Schlagbaumwächters Frau.„Wie kommt es denn, daß man Sie zu einer ſo ungewöhn⸗ lichen Zeit mit einem Reiſeſack dieſes Weges gehen ſieht?“ „Ich gehe nach Salisbury,“ antwortete Tom. „Ei du meine Güte, wo iſt denn das Gig?“ rief das Weib, indem ſie die Straße hinabſah, als glaubte ſie, Tom habe irgendwo umgeworfen, ohne daß ſie es bemerkt hätte. „Ich habe es nicht bei mir,“ antwortete Tom, und da er fühlte, daß er nimmer ausweichen könnte, und wie die nächſte Frage lauten würde, füate er bei:„Ich— ich bin nicht mehr bei Herrn Pecksniff.“ Der Schlagbaumwächter, ein derber Kauz, der ſtets einſame Pfeifen rauchte, dabei im Großvater⸗ Stuhle ſitzend, welcher geſchickt zwiſchen zwei kleinen Fenſtern angebracht war, von denen eines die Straße hinauf und das andere hinab ſah, ſo daß er ſchon im Voraus ſich des Wegegeldes freuen konnte, indem er auf eine gute Strecke die Ankommenden bemerkte, wäh⸗ 144 rend er gleichfalls im Stande war, dem Fortgehenden in ſeiner Freude über das Gewonnene nachzuſehen.— Der Schlagbaummann ſtand in einem Nu bei der Gruppe. „Wie, nicht mehr bei Herrn Pecksniff!“ rief der Eheherr. „Nein,“ antwortete Tom,„ich habe ihn ver⸗ laſſen!“ Der Schlagbaummann ſah ſeine Gattin an, un⸗ gewiß ob er ſie fragen ſollte, ob ſie etwas zu bemer⸗ 3 ken habe, oder ob er ſie bitten ſolle, nach den Kindern zu ſehen. Da die große Ueberrraſchung ihn verdrieß⸗ lich gemacht hatte, zog er das Letztere vor und ſchickte ſeine Frau, mit einem Floh im Ohr, in's Haus zurück. „Sie haben alſo Herrn Pecksniff verlaſſen?“ fragte der Schlagbaumwächter, indem er die Arme in einan⸗ der ſchlug und die Füße auseinander ſpreizte.„Da hätte ich mir ebenſo leicht gedacht, er würde ſeinen Kopf verlieren, als Sie!“ „Ei,“ entgegnete Pinch,„hätte ich doch geſtern Abend daſſelbe noch geglaubt. Gute Nacht!“ Wenn nicht gerade zu derſelben Zeit eine Heerde Ochſen vorbeigetrieben worden wäre, ſo würde der Schlagbaumwächter noch bis an das andere Ende des Dorfes gelaufen ſeyn, um Erkundigungen einzu⸗ ziehen. So aber, als Alles vorüber war, griff er wieder zu ſeiner Pfeife und zog die Gattin in's Vertrauen. Ihr vereinter Scharfſinn vermochte jedoch nichts herauszubringen, weshalb ſie ſich— bildlich ge⸗ ſprochen— im Dunkeln in's Bett begeben mußten. So oft zu den verſchiedenen Zeiten der Nacht ein Frachtwagen oder anderes Fuhrwerk vorbei kam, und der Kutſcher fragte:„Was gibt's Neues?“ betrach⸗ tete ihn der Zöllner mittelſt ſeiner Laterne, um ſich zu überzeugen, ob es den Frager auch wirklich intereſſtre, und ſagte dann, indem er ſich den Mantel um die Beine ſchlug: -J„J —9 N — Kn N n 145 „Habt Ihr ſchon etwas von Herrn Pecksniff da unten gehört?“ „Ei ja, freilich!“ „Und auch vielleicht von ſeinem jungen Manne, von Herrn Pinch?“ „Ja, gewiß. Was iſt mit ihm?“ „Er und ſein Herr ſind jetzt geſchiedene Leute!“ Nach jeder ſolchen Mittheilung ſtürzte der Schlag⸗ baumwächter in ſein Haus zurück und wurde nicht mehr geſehen, während der andere Theil voll Erſtau⸗ nen ſeines Weges zog. Dieſes Alles fiel jedoch zu einer Zeit vor, in wel⸗ cher Tom ſchon lange auf ſeiner Ruheſtätte lag; aber jetzt kehrte er ſein Geſicht noch gegen Salisbury und ſtrengte ſich aus allen Kräften an, es zu erreichen. Anfangs war der Abend ſchön, doch gleich nach Sonnenuntergang wurde der Himmel trübe und bedeckt, und nicht lange ſtand es an, ſo ergoß ſich der Regen in Strömen. Der arme Tom wanderte unter dieſem ſchrecklichen Wetter, und auf die Haut durchnäßt, noch zehn lange Meilen vorwärts, bis ihm endlich die tan⸗ zenden Lichter der Stadt gleichſam als Boten der Er⸗ löſung erſchienen. Er eilte nun auf daſſelbe Wirths⸗ haus zu, in welchem er noch vor einigen Wochen auf Martin gewartet hatte, und, indem er die Fragen über Herrn Pecksniffs Befinden in Kürze beantwortete, bat er um ein Bett. Herr Pinch fühlte weder Hunger noch Durſt, ſondern bloß ein Bedürfniß nach Ruhe. Da⸗ her ſetzte er ſich, während ihm ein Bett bereitet wurde, an einen leeren Tiſch im Gaſtzimmer nieder und ließ die Ereigniſſe des vergangenen, für ihn ſo verhäng⸗ nißvollen Tages noch einmal an ſeiner Seele vorüber⸗ ziehen, und ſtellte wohl auch Betrachtun een an, in welche ſich Pläne für die Zukunft miſchtenn Es war ihm außerordentlich wohl, als das Stubenmädchen kam und meldete, daß das Lager fertig ſey. Boz, Chuzzlewit. IV. 10 146 Seine Bettſtatt war ein niedriger Kaſten mit vier Füßen, der in der Mitte, gleich einem Backtroge, etwas vertieft war. Unpraktiſche Tiſche und Seſſel, Kommoden, die voll von feuchter Leinwand waren, machten die übrige Einrichtung des Schlafgemaches aus. Das in Oel gemalte Bild eines merkwürdig fet⸗ ten Ochſen glänzte über dem Kamin, und das Porträt eines verſtorbenen Wirthes(der mit erſterem ſo viel Aehnlichkeit hatte, daß man ihn für deſſen Bruder hätte halten können) hing zu den Füßen des Bettes. Mannigfaltige, aber wunderliche Geruche wurden größ⸗ tentheils durch den Duft eines ſehr alten Lavendels er⸗ ſtickt, und das Fenſter mußte ſeit einem halben Jahr⸗ hundert nicht geöffnet worden ſeyn, denn es trotzte jetzt allen Bemühungen, es zu öffnen. Dieß Alles waren zwar an und für ſich ſelbſt nur Kleinigkeiten, trugen aber doch zur Fremdartigkeit die⸗ ſes Platzes bei und erſchwerten Tom noch mehr, ſich in ſeine neue Lage zu finden. Pecksniff war aus der Welt geſchieden, ja er iſt nie darin geweſen, und es koſtete Tom einen großen Kampf, ſeine Gebete, ohne ſeiner zu gedenken, zu verrichten. Aber nach und nach wurde er ruhiger und legte ſich nieder, um von dem zu träumen, was nie war. Siebentes Kapitel. Handelt wieder von Mrs. Todgers und von einer andern verwelk⸗ ten Pflanze, außer den Pflanzen auf den Bleidächern. Früh am Morgen des nächſten Tages, an dem Miß Pecksniff den Hallen ihrer Jugend und den Schau⸗ plätzen ihrer Kindheit Lebewohl geſagt hatte, gelangte ſie in dem Poſtwagen nach London, woſelbſt Mrs. Tod⸗ gers ihrer wartete und ſie dann nach der neuen fried⸗ 147 lichen Heimath unter dem Schatten des Monuments begleitete. Mrs. Todgers war während der Zeit, in der ſie ſich nimmer geſehen hatten, aus manchmal allzu⸗ großen Sorgen für Fleiſchbrühe und andere Nahrungs⸗ mittel etwas magerer geworden, zeigte aber doch beim Empfange ihrer Freundin noch die nämliche Herzlich⸗ feit und Wärme, wie ſonſt. „Und wie geht es Ihrem Herrn Papa, meine füße Miß Pecksniff?“ fragte Mrs. Todgers. Miß Pecksniff gab durch einen leiſen Wink zu ver⸗ ſtehen, daß ſie vielleicht der Ankunft einer neuen Mama entgegenſehen dürfte, und wiederholte am Ende ihre gewöhnliche Sentenz, daß ſie weder blind noch ein Narr ſey, und dieſes nie ertragen werde. Mrs. Todgers wurde durch dieſe Hiobsbotſchaft mehr erſchreckt, als man hätte glauben ſollen, ſie wurde ganz bitter. Sie fing an, zu behaupten, daß es keine Treue un⸗ ter den Männern gäbe, und daß dieſes als allgemeines Prinziv anzunehmen ſey, daß, je wärmer und heiliger ſie dieſelbe gelobten, deſto treuloſer und falſcher ſte ſeyen. Sie ſah mit bewunderungswürdiger Klarheit voraus, daß der Gegenſtand von Herrn Pecksniffs Liebe eine unwürdige, fündhafte und liſtige Perſon ſey, und, von Cherry kräftige Unterſtützung in dieſem Punkte er⸗ haltend, kam ſie zuletzt ſo in Eifer und Rührung, daß ſich ihre Augen mit Thränen füllten, indem ſie Miß Pecksniff in die Arme ſchloß und ihr heilig⸗ verſicherte, ſie ſtets wie eine Schweſter zu lieben und die ihr an⸗ gethane Kränkung als ihr geſchehen zu betrachten. „Ihre Schweſter, das liebe Kind, habe ich ſeit Ihrer Verheirathung nur ein einziges Mal geſehen,“ fuhr Mrs. Todgers fort,„und da bildete ich mir ein, daß ſie ſehr kümmerlich ausſehe. Meine liebe Miß Peiks⸗ niff, ich glaubte immer, Sie würden dieſe Dame werden.“ 10* 148 „O nein, meine liebe Frau,“ rief Cherry, deu Kopf ſchüttelnd,„ich danke Ihnen, nicht um Alles in der Welt hätte ich ihn zum Manne haben mögen.“ „Erlauben Sie mir, zu ſagen, daß Sie recht ge⸗ habt haben!“ entgegnete Mrs. Todgers mit einem tie⸗ fell Seufzer.„Ich fürchtete dieß ſchon lange. Abe⸗ niemand würde glauben, welches Unglück dieſe Heirath ſelbſt hier, in dieſem Hauſe, angerichtet hat.“ „Was meinen Sie damit, Mrs, Todgers?“ „O ſchrecklich, grenzenlos!“ wiederholte Mrs. Todgers mit ſtarkem Nachdrucke,„Sie erinnern ſich doch noch unſers jüngſten Gentlemans, meine Theure.“ „Gewiß,“ antwortete Cherry. „Sie haben vielleicht auch bemerkt, welche glü⸗ hende Leidenſchaft für Ihre Fräulein Schweſter er em⸗ pfand,“ ſprach Mrs. Todgers,„und daß ihn, ſo oft er ſie ſah, eine Art Verzauberung überfiel?“ „Nein, ich bin feſt überzeugt, daß ich niemals etwas dergleichen an ihm wahrgenommen habe. Was iſt das für ein Unſinn, Mrs. Todgers?“ „Mein Schätzchen,“ entgegnete Mrs. Todgers mit gedämpfter Stimme,„ich habe ihn oft und vielmal geſehen, wie er beim Mittageſſen über ſeiner Paſtete ſaß und der Löffel ihm voll Erſtarrung in dem Munde ſtecken blieb, wenn er Ihre Schweſter dabei anſah! Ich habe wiederholt beobachtet, wie er in einem ſo be⸗ wegten Zuſtande in der Ecke unſerer Wohnſtube ſtand, daß er eher einem Brunnen, aus dem man Thränen ſchöpfen konnte, als einem Manne gleich ſah, indem ſeine Blicke unverwandt auf Merry ruhten.“ 9„Wahrhaftig, dieß habe ich nie geſehen!“ rief erry. „Aber, als die Trauung erſt vollzogen war und in der Zeitung ſtand, und beim Frühſtücke vorgeleſen wurde, da glaubte ich, der arme Menſch ſey ganz von Sinnen gekommen. Die Leidenſchaftlichkeit des jungen Mannes, die greulichen Anſichten, die er über den . 2 — 149 Selbſtmord ausſprach, die ſeltſamen Experimente, „welche er mit dem Thee vornahm, die ungeſtüme Art, auf welche er ſein Butterbrod zerbiß; die Weiſe, in der er Herrn Jinkins verſpottete; dieſes Alles zuſam⸗ men gewährte einen Anblick, den ich nie in meinem Leben vergeſſen werde.“ „Ich denke, es iſt nur Schade, daß er ſich nicht ſelbſt um's Leben gebracht hat,“ bemerkte Mrs. Pecksniff. „Sich ſelbſt!“ rief Mrs. Todgers.„Nein, ſchon am kommenden Abende ſuchte er ſeinen Unmuth auf andere Art auszulaſſen. Er bekam nun Luſt, andere Leute zu tödten.“ „Es gab daſelbſt nämlich einen kleinen Scandal, ie werden gütigſt verzeihen, Mrs. Pecksniff, wenn ich mich dieſes Wortes bediene, aber unſer junger Gentle⸗ man führte es gewöhnlich im Munde,— alſo, wie ge⸗ ſagt, einen kleinen Scandal, meine Liebe, gab es zwi⸗ ſchen ihnen, von ganz zarter Natur, da ſtand er denn plötzlich wie wahnſinnig vor Wuth knirſchend auf, er⸗ griff den Stiefelzieher, und wenig hätte gefehlt, daß er Herrn Jinkins ermordete, wenn nicht drei Andere zu Hülfe geeilt und ihn übermannt haben würden. Mrs. Cherry's Geſichtchen drückte eine unverzeih⸗ liche Gleichgültigkeit bei dieſer Erzählung aus. „Und nun,“ begann Mrs. Todgers wieder,„iſt er der ſanfteſte Menſch der Welt. Man darf ihn nur ſtark anſehen, ſo treten ihm gleich Thränen in die Augen. So ſitzt er den ganzen lieben, langen Nachmittag an Sonntagen bei mir und klagt und weint ſo ſehr, daß es mir nächſtens unmöglich wird, die Heiterkeit meines Geiſtes zum Beſten meiner übrigen Gaͤſte aufrecht zu erhalten.“ „Das Einzige, was ihm einigen Troſt gewähren kann, iſt weiblicher Umgang. Er nimmt mich ſo häufig mit in's Theater, daß ich manchmal fürchte, die Depeu⸗ een möochten ſeine Einnahme überſteigen, und da ſitzt er denn darin während der ganzen Vorſtellung die Au⸗ 150- gen voll Thränen, beſonders iſt dieß bei Luſtſpielen der Fall. O, und erſt geſtern war es mir, als dringe ein Schwert in mein Herz,“ fuhr Mrs. Todgers fort, die Hand in ihre Seite ſtemmend,„da die Hausmagd, in⸗ dem ich hier ſaß, den Teppich von ſeinem Bette zum Fenſter hinauswarf. Niemand kann es mir glauben, was es für ein Schrecken war, ich glaubte ſchon ſeine ganze Perſon flöge herunter und daß er endlich ſeinem qualvollen Daſeyn ein Ende gemacht habe.“ Die Verachtung mit welcher Mrs. Charity dieſen rührenden Bericht von dem unglücklichen Zuſtande, in welchem der jüngſte Gentleman verſetzt worden, ange⸗ hört hatte, zeigte uns zu deutlich, daß ſie durchaus nicht in der geringſten Sympathie mit jenem bedauerns⸗ würdigen Charakter ſtand. Sie behandelte die ganze Sache oberflächlich und begann nach den ſonſtigen Ver⸗ änderungen in dem Koſthauſe zu fragen. Herr Bailey war gegangen und hatte(ſo iſt der Verfall der menſch⸗ lichen Größe!) eine alte Frau zur Nachfolgerin erhalten, welche unter dem Namen Tamarov bekannt war. In der That ſchien es, daß im Laufe der Zeit die Koſt⸗ gänger dieſen Namen aus einer engliſchen Ballade, in welcher er die kühne und feurige Natur eines Mieth⸗ kutſchers ausdrücken ſollte, genommen hatten; ſie moch⸗ ten ihn auf Baileys Nachfolgerin beſonders anwendbar gefunden haben, in ſofern dieſe nichts Feuriges in ſich trug, als die gelegentlichen Angriffe eines Feuers, welches man das des heiligen Antonius nennt(Flug⸗ feuer). Dieſe alte Perſon war einem Gelubde zu Folge, welches Mrs. Todgers in einer hitzigen Stunde abge⸗ legt hatte, daß nimmermehr Knaben die Thüren ihres Koſthaufes für junge Gentlemen vom Handelsſtande ver⸗ dunkeln ſollten, in ihre Dienſte getreten; auch ſland ſie hauptſächlich im Rufe, ganz ohne alle Faſſungsgabe zu ſeyn, mochte es was immer für Gegenſtände betreffen. Sie war ein vollkommenes Grab für Aufträge und kleine Pakete, und wenn ſie mit Briefen auf die Poſt geſchickt 15¹ wurde, ſah man oft, wie ſie ſich bemuͤhte, dieſelben in die Ritzen der nächſteu beſten Privathausthüren zu ſchie⸗ ben, in der Meinung, daß jede Thüre mit einem Ritze demſelben Zwecke entſpreche. Sie war ein altes, kleines Mütterchen, trug ſtets eine Schürze von grobem Stoffe, vorne mit einem Geiferlatze und hinten mit Franſen, dazu fortwährend Bandagen um ihre Pulſe, die zu einer ewigen Gicht verdammt zu ſeyn ſchienen. Sie war bei jeder Gelegenheit, wo es die Hausthüre zu öffnen galt, äußerſt bedächtig und beim Schließen ſehr ſorgfältig, auch wartete ſie den Gäſten bei Tiſche gewöhnlich in einem Hute auf. . Dieß war alſo die einzige Veränderung, welche außer der mit dem jungen Gentleman im Hauſe vorge⸗ fallen war. Was jedoch dieſen anbelangte, ſo war ſeine Empfindſamkeit noch weit größer, als ſie Mrs. Todgers geſchildert hatte. Er hatte unter anderem ſeltſame Be⸗ griffe von Beſtimmung, und ſprach viel von der Schickung der Menſchen, es ſchien, als ſey ihm eine beſondere Of⸗ fenbarung über dieſelbe ertheilt worden, die nicht jeder andere, gewöhnliche Menſch erhalten. So wußte er z. B., daß es die Aufgabe der armen Merry geweſen ſey, ihn in ſeiner vollſten Bluthe zu erſticken. Er war ſehr leidend und thränenreich, und da er überzeugt war, daß es die Pflicht des Hirten ſey, ſeine Schafe zu hüten, die des Bartholomäus, aus Kraͤften zu rudern, ſo hielt er es für ſeine Beſtimmung, ſeine Augen ſtets mit Thräuen gefüllt zu haben, und er ſuchte auch derſelben genau nachzukommen. Oft hatte er ſchon Mrs. Todgers geklagt, daß die Sonne für ihn untergegangen ſey, um nie wieder zu erſcheinen und daß die Wellen ihn zu verſchlingen droh⸗ ten; daß der Wagen der Inggernaut ihn erdrücke und die Frucht des giftigen Upasbaumes von Java ihn ver⸗ giftet habe. Sein Name war Moddle. Mrs. Pecksniff beobachtete gegen dieſen unglücklichen jungen Menſchen ein ſehr abgemeſſenes, ſtolzes Betragen, weil ſie nicht geneigt war ſich mit Trauerliebern zu Eh⸗ ren ihrer verheiratheten Schweſter unterhalten zu laſſen. Der arme Moddle erhielt dadurch einen neuen Schlag und beſprach ſich mit Mrs. Todgers über dieſen Ge⸗ genſtand. „Und auch ſogar ſie wendet ſich von mir, Mrs. Todgers,“ ſprach er eines Tages. „Ei, ei! warum verſuchen Sie denn nicht ein we⸗ nig fröhlicher und witziger zu ſeyn?“ erwiederte Mrs. Todgers. „Heiter! Mrs. Todgers! heiter!“ rief der jüngſte Gentleman,„wenn ſie mich an Tage erinnert, die für mich Armen längſt entflohen ſind!“ „Freilich, wenn dieß der Fall iſt,“ ſagte Mrs. Tod⸗ gers,„dann würden Sie am Beſten thun, ſie auf einige Zeit zu meiden und ſich ihr dann allmählig wieder zu nähern; ſo wäre mein Rath!“ „Aber ich kann ſie nicht meiden,“ entgegnete Moddle, eich beſitze nicht genug geiſtige Stärke, dieſes zu thun. O! Mrs. Todgers, wenn ſie nur wüßten, welch' großen Troſt mir ihre Naſe gewährt!“ „Ihre Naſe, Herr?“ rief Mrs. Todgers. „Ihr Proſil im Allgemeinen,“ fuhr der jüngſte Gentleman fort,„beſonders aber ihre Naſe, ſie ſieht ihr ſo viel gleich.“ Hier folgte ein langer Schmerzens⸗ ausbruch.—„Sie hat ſo auffallende Aehnlichkeit mit der Naſe derjenigen, welche jetzt einem Andern gehört, Mrs. Todgers.“ Die geſprächige Matrone machte ſich ein Geſchäfte daraus, den Inhalt dieſer Unterredung Miß Charity ſo ſchnell als möglich zu hinterbringen, dieſelbe lachte herzlich darüber, behandelte aber doch am andern Abend Herrn Moddle mit weniger Geringſchätzung als früher, und gönnte ihm häufig den Anblick ihres Pro⸗ fils. Herr Moddle war nicht weniger ſentimental, als gewöhnlich, ja ſogar noch etwas mehr; er ſaß da und —— 15⁵³ ſtarrte ſie unverwandt mit ſeligen Augen an und ſchien ſehr dankbar für dieſe Gunſt zu ſeyn. „Ei, mein Herr!“ ſagte die Dame des Hauſes am andern Morgen,„Sie haben Ihren Kopf geſtern Abend doch ziemlich aufrecht getragen. Am Ende wird's doch eder beſſer gehen.“ „Bloß weil ſie derjenigen ſo ähnlich iſt, die jetzt einem Anderen gehört, Mrs. Todgers,“ erwiederte der Jüngling.„Wenn ſie lächelt, wenn ſie ſpricht, bilde ich mir ein, ich ſehe ihr liebes Geſicht wieder, Mrs. Todgers!“ Dieſe Worte gelangten gleichfalls zu Cherry's Ohren, und die Folge davon war, daß Miß Pecksniff den kommenden Tag auf die bezauberndſte Weiſe mit man zuzuſchreiben ſeyn, während aber doch gewiß auch ſein bewegter Gemüthszuſtand den andern Theil trug, denn ſeine Augen waren ſtets ſo feucht, daß er häufig das Aß für den Zehner, oder die Dame für den Bu⸗ ben anſah, was manchmal eine kleine Verwirrung in ſein Spiel brachte. 4 ls am ſiebenten Spielabende Mrs. Todgers, welche daneben ſaß, den Vorſchlag machte, ſie ſollteu um Liebe ſpielen, ſah man, wie Herr Moddle die Farbe wechſelte. Am vierzehnten Abend küßte er in der Flur die Lichtſcheere der Miß Pecksniff, als dieſelbe zu Bette ging, in der Meinung, es ſey ihre Hand. „Kurz, auf Herrn Moddle begann der Gedanke Einfluß zu üben, daß es Miß Pecksniff's Beſtimmung ſey, ihn zu tröſten, und Miß Cherry hingegen hatte ausſpionirt, daß es ihre Schickung ſey, Alles aufzu⸗ 1⁵4 bieten, um recht bald Lady Moddle zu werden. Er war ein junger Gentleman(Miß Cherry gehörte nicht mehr zu den jüngſten Damen), mit ſchönen Ausſichten, und hatte„faſt“ genug Vermögen, um davon zu leben. Dieſe Parthie wäre in der That ſo übel nicht geweſen. Außerdem— außerdem— hatte er als Merry's Ver⸗ ehrer gegolten. Merry hatte ſich über ihn luſtig ge⸗ macht und einſtmals zu ihrer Schweſter ſo etwas Der⸗ gleichen geſagt, als habe ſie eine Eroberung in ihm gemacht. Er war ſchöner, liebenswürdiger, geſprächi⸗ ger, gutmüthiger, männlicher und viel leichter zu len⸗ ken als Jonas; er ſchien dazu gemacht zu ſeyn, die Launen ſeiner Geliebten geduldig zu ertragen und konnte im Vergleich mit Jonas für ein Lamm gehalten werden, während dieſer ein Bär war. Welch' ein Triumph! 25 Inzwiſchen machte das Whiſtſpiel vortreffliche Fort⸗ ſchritte und Mrs. Todgers mußte in den Hintergrund treten, denn der jüngſte Gentleman begann Miß Cherry's Geſellſchaft der ihrigen vorzuziehen, und ſie auch viel öfter mit in das Theater zu nehmen. Auch fing er an, wie ſich Mrs. Todgers ausdrückte, ſich waͤhrend der Bureauſtunden, zu ungewöhnlichen Zeiten, vom Geſchäftszimmer zu entfernen, und zweimal ſchon hatte Mrs. Todgers aus ſeinem eigenen Munde gehört, daß er anonyme Briefe bekam, in welchen Empfeh⸗ lungskarten von Möbelhandlungen eingeſchloſſen waren, — gewiß ein Act der Bosheit von Seiten Herrn Jin⸗ kins— allein er hatte nicht ſchlagende Beweiſe genug, ihn zu überführen.„Alles dies,“ berichtete Mrs. Tod⸗ gers ihrer guten Freundin,„iſt ſo klar und deutlich engliſch geſprochen, wie die Sonne ſcheint. „Meine theure Miß Pecksniff, Sie mögen mir glauben,“ ſprach Mrs. Todgers,„daß er vor Begierde brennt, Ihnen ſeine Hand anzutragen!“ „Ei Du meine Gute, warum thut er es denn nicht!“ rief Cherry. . . 1⁵⁵ „Die Männer ſind viel ſchüchterner, als wir glau⸗ ben, mein liebes Kind,“ fuhr Mrs. Todgers fort.„Sie ſind mit ſich ſelbſt immer nicht recht einig. Ich ſah jene entſcheidenden Worte ſchon viele, viele Monate, ehe er ſie ausſprach, auf Todgers Lippen ſchweben.“ Miß Pecksniff bemerkte, daß Herr Todgers hier nicht als paſſendes Beiſpiel angeführt werden könne. „Ei freilich kann er als Beiſpiel aufgeſtellt wer⸗ den; ich verſichere Sie, daß ich in jenen Tagen wahr⸗ haft ſubtil war. Mein Gemahl war zu ſeiner Zeit ein artiger Mann,“ rief Mrs. Todgers, ſich in die Bruſt werfend.„Nein, nein, Sie müſſen Herrn Moddle nur eine kleine Ermuthigung geben, wenn Sie wün⸗ ſchen, daß er ſprechen ſoll, und dann werden Sie ſehen, geht es mit Rieſenſchritten vorwärts, verlaſſen Sie ſich darauf.“ „Ich wüßte wirklich nicht, was ich ihm noch für eine Ermuthigung geben ſollte, Mrs. Todgers?“ ant⸗ wortete Cherry.„Er geht mit mir, ſpielt mit mir Karten und unterhäalt mich oft Stunden lang allein!“ „Ganz recht, meine Theure,“ ſprach Mrs. Tod⸗ gers,„das iſt auch unumgänglich nothwendig, mein Kind.“ „Und er ſitzt dicht an meiner Seite.“ „Auch das iſt gut!“ verſetzte Mrs. Todgers. „Und er ſieht mich beſtändig an?“ „Freilich thut er's,“ war die Antwort. „Legt dann ſeinen Arm auf die Lehne des Stuhls oder Sopha's, worauf ich gerade ſitze— natürlich hin⸗ ter meinem Rücken, wie Sie wiſſen.“ „Hab's ja ſchon oft genug geſehen!“ ſprach Mrs. Todgers. „Und zuletzt fängt er an zu weinen!“ Mrs. Todgers geſtand ein, daß er ſtatt deſſen et⸗ was Beſſeres thun und ohne Zweifel mehr Nutzen aus der Erinnerung an das Loſungswort des großen Lords Nelſon in der Schlacht von Trafalgar ziehen könnte. „Noch,“ ſprach ſte weiter,„würde er ſich ändern— oder, um die Sache nicht zu bemänteln, auf beſſere Wege zu bringen ſeyn,— wenn Sie, Miß Pecksniff, eine feſte Haltung annehmen, und ihm nur kurz zeigen würden, daß es einmal geſchehen müſſe.“ Mit dem feſten Vorſatze, ihr Betragen ganz nach dieſen Vorſchriften zu regeln, empfing ſie Herrn Moddle bei der erſten Gelegenheit mit einer ſehr zurückhaltenden Miene, und da dieſes Benehmen den zartfühlenden Freund natürlich gleich veranlaßte, zu fragen, warum ſie ſo verändert ſey, erklärte ſie ihm, daß ſie ſich um ihres Glückes und Friedens Willen genöthigt fühle, einen entſchiedenen Schritt zu thun. Sie ſeyen in letz⸗ ter Zeit viel beiſammen geweſen, bemerkte ſie, und hätten die Süßigkeit einer ſeligen Verſchmelzung der Gefühle gekoſtet. Sie werde nie ſeiner vergeſſen, oder mit andern als den freundſchaftlichſten Geſinnungen an ihn denken. Aber der böſe Leumund fange an, ihr reines Verhältniß zu verletzen, ihr oftes Zuſammenſeyn ſey bereits bemerkt worden, und es ſey nun nöthig, daß ſie ſich nimmer mehr ſehen und keine anderen Gefühle mehr vorherrſchen laſſen dürften, als die, welche jeder gewöhnliche Herr und jede gewöhnliche Dame in der Geſellſchaft für einander hegten. Sie erklärte ihm ferner, daß ſie Gott danke, weil er ihr ſo viel Kraft gegeben habe, dieſes auszuſprechen, ehe ihr Herz ge⸗ brochen worden, obgleich ſie auch jetzt ſchon einen grän⸗ zenloſen Schmerz bei dem Gedanken an ihre Trennung fühle, wie ſie leider bekennen müſſe,— aber wie ſchwach und thöricht ſie auch ſey, ſo hoffe ſie doch, nach und nach über ihren Gram zu ſiegen. Moddle, welcher während dieſer Erklärung im höchſten Grade wehmüthig geſtimmt wurde und in einen Strom von Thränen nighdach ,zog aus dem erwähnten Bekenntniſſe den Schluß, daß es ſeine Beſtimmung ſey, den Fluch, welcher auf ihn gefallen war, auf andere überzutragen, er ſelbſt aber eine Art unfreiwilliger ——— ñ K 157 Vampyr ſey und daß Miß Pecksniff ihm als erſtes Opfer von den Schickſalsgöttinnen zugeſandt ſey. Miß Cherry jedoch, welche dieſe Erwägung für ſündhaft hielt, ſpornte Herrn Moddle zu einer zweiten Frage, nämlich, ob ſie ſich mit einem gebrochenen Herzen wohl genügen laſſen könne, und da ſich nach weiterer Unter⸗ ſuchung herausſtellte, daß ſie es im Falle der Noth zu thun im Stande ſey, leiſtete er ihr den Eid der Treue, welcher auch ſogleich angenommen und erwiedert wurde. Er trug die Laſt ſeines großen Glückes mit der möglichſten Mäßigung; anſtatt ſich ſeines Triumphes zu freuen, vergoß er mehr Thränen als jemals, und ſprach ſchluchzend: „Ol welch' ein harter Tag iſt dieſer geweſen! Ich kann unmöglich dieſen Nachmittag mehr nach dem Comtoir gehen.. Welch' ein Tag der Verſuchung iſt dies geweſen! O guter Gott, ſteh' mir beil!“ Achtes Kapitel. Weiterer Fortgang in Eden und Abzug von dort. Martin macht eine Entdeckung von einiger Wichtigkeit.. Von Herrn Moddle nach Eden findet ein leichter und natürlicher Uebergang ſtatt. Da Herr Moddle in der Atmosphäre von Miß Pecksniff's Liebe lebte, wohnte er(wenn er es nur gewußt hätte) in einem irdiſchen Paradieſe, und die blühende Stadt Eden war auch gleich⸗ ſam ein ſolches, wenigſtens auf den Karten ihrer Be⸗ wohner. Aus dem doetiſchen Standpunkte betrachtet, war die ſchone Miß Cherry eigentlich zu gut für die gefallene und ſündige Menſchheit. Daſſelbe ließ ſich auch von der Stadt Eden ſagen, die von Zephaniah Scadder, General Choke, und andern Würdenträgern ſo vielfach beſprochen und beſungen wurde, welche alle Theile oder Theilchen an den Klauen des großen Nord⸗ amerikaniſchen Adlers waren, der ſich ſtets in dem rein⸗ ſten Aether wiegte und nie, nie, gar nie die Erde berührte, woſelbſt er ſein königliches Geſteder hätte beſchmutzen können. Sobald Herr Tapley, welchen Martin in dem Bau⸗ und Feldmeſſer⸗Büreau zurückgelaſſen, ſich durcht die Betrachtung ihres gemeinſchaftlichen Elendes getröſtet und geſtärkt hatte, ging er mit neuem Muthe hingus, um Hülfe zu ſuchen, indem er ſich ſelbſt auf dem Wege zu dem beneidenswerthen Looſe gratulirte, das ihm end⸗ lich gefallen war.„Ich pflegte oft, ſo meine eigene Gedanken zu haben,“ ſprach Tom bei ſich,„daß z. B. eine einſame Inſel recht paßlich für mich ſeyn würde, aber da wäre ich freilich nur ganz allein geweſen, und indem die Natur einen genügſamen Mann aus mir machte, ſo würde kein bedeutender Nutzen aus derſelben zu ziehen geweſen ſeyn. Nun aber bin ich nicht allein, ſondern habe meinen Leidensgefährten, für den ich ar⸗ beiten muß, und dieſer iſt beinahe ganz der Mann, der für mich taugt. Ich brauche einen ſolchen Mann, welcher immer gleich zuſammenſinkt, wenn er ſtehen ſollte; bedarf eines Mannes, der in der Schule des Le⸗ bens noch ſo tief unten ſteht, daß er nur immer die Eins in ſein Schreibbuch zeichnet und nie vom Flecke kommt; ich brauche einen Mann, der ſein eigener Rock und Mantel iſt, und ſich immer in ſich ſelbſt ſchmiegen kann. Und dieſen habe ich endlich gefunden,“ ſprach Herr Tapley nach einem momentanen Stillſchweigen. „Was iſt dies doch für ein großes Glück!“ Bei dieſen Worten ſtand er ſtill und ſah umher, ungewiß, in welches der Blockhäuſer er gehen ſolle. „Das muß einmal wahr ſeyn, ich weiß nicht, bei welchem ich es zuerſt verſuchen ſoll,“ bemerkte Tapley. „Sie haben alle gleicheinladende und ſchöne Außenſeiten, weshalb auch von Innen eines ſo bequem wie das an⸗ dere ſeyn wird, verſehen mit allen Gemächlichkeiten, — S-—-„» & N- — 159 welche ein Alligator im Stande der Natur möglichar Weiſe verlangen kann. Will einmal ſehen! Der Bür⸗ ger, den wir geſtern Nacht geſehen haben, lebt unter dem Waſſer in der Hundshütte, rechter Hand an der Ecke. Ich will ihn nicht ſtören, wenn ich es anders machen kaun, den armen Mann, denn er iſt ein gar zu melan⸗ choliſches Subjekt, ein Einſtedler, im ächten Sinne des Wortes. Da iſt ſogar ein Haus mit einem Fenſter, doch darin wird man, meines Erachtens nach, wohl zu ſtolz ſeyn, und ich weiß überhaupt nicht, ob nicht ſchon die Thure zu ariſtokratiſch iſt; aber hier hinein; friſch gewagt, iſt halb gewonnen!“ Er ging auf die nächſte Hütte zu, klopfte an, und als der Schall von dem Worte:„herein!“ an ſein Ohr ſchlug, öffnete er. „Nachbar,“ begann Mark,„denn ich bin dein Nach⸗ bar, obgleich Du mich nicht kennſt, ich komme, um ein Almoſen zu bitten. Hallo! hal⸗lo! liege ich denn im Bette und träume!“ Dieſe letzten Worte rief er aus, da er plötzlich ſeinen Namen rufen hörte und ſich von zwei kleinen Knaben an den Rockflügeln gepackt fühlte, deren Geſichter er am Borde des großen Paketſchiffes,„die Schraube,“ oft ge⸗ waſchen und denen er manchmal die Suppe gekocht hatte. „Meine Augen ſind umnebelt,“ fuhr Mark fort,„ich kann ihnen nicht glauben, daß jene Frau dort mit dem Kinde, welches leider ſehr übel ausſieht, meine Reiſe⸗ gefährtin und dieſer hier ihr Mann ſeyn ſoll, der nach New⸗York kam, ſie abzuholen,“ und, die beiden Knaben betrachtend, fügte er noch bei:„Auch iſt's nicht möglich, daß dies die Kinder ſind, die mich ſo gerne gehabt ha⸗ ben, obgleich ſie jenen recht ähnlich ſehen! Seltſam, das muß ich ſagen.“ Das Weib weinte in der Freude ihres Herzens über dieſes Wiederſehen, der Mann ſchüttelte ihm die Hände und wollte ſie gar nicht mehr loslaſſen, während die — Knaben ſich an ſeine Kniee hingen, auch ſogar das kranke Kind auf den Armen der Mutter, ſtreckte ihm ſeine abgezehrten Händchen entgegen, indem es mit hohler, heiſerer Stimme ſeinen noch wohl im Gedächtniß behal⸗ tenen Namen lallte. Sicherlich war es dieſelbe Familie, blos durch Edens heilſame Luft etwas verändert. Aber ohne Zwei⸗ fel war ſie es. „Dies iſt eine neue Art von Morgenbeſuch,“ ſprach Mark tief Athem holend,„der alle andere über den Haufen wirft. Wartet einige Augenblicke; ich komme gleich wieder. Dieſe Herrn da ſind nicht meine Freunde. Stehen ſie vielleicht auch auf der Viſitenliſte dieſes Hauſes?“ Dieſe Frage bezog ſich auf zwei ungeheuere Schweine, welche hinter ihm eingekommen waren und ohne Schüch⸗ ternheit den Hausleuten unter den Füßen herum liefen; da dieſe Thierchen nicht zu den Gliedern dieſes Hauſes gezählt wurden, eilten die Knaben, ſie hinaus zu jagen. „Ich bin nicht abergläubiſch, was die Kröten an⸗ belangt,“ ſprach Mark, im Zimmer umherſehend,„aber wenn ihr, meine jungen Freunde, die zwei oder drei, welche ich hier in unſerer Geſellſchaft ſehe, überreden könntet, auf einige Zeit das Zimmer zu verlaſſen, ſo glaube ich, daß die friſche Luft ihnen ſehr geſund ſeyn würde. Nicht daß ich etwas gegen ſie einzuwenden hätte. Nein, ſie find rechte ſchöne Thierchen,“ ſprach Tom wei⸗ ter, ſich auf einen Stuhl ſetzend.„Bunt gefleckt, wie ein alter Gentleman um die Kehle, ſehr ſcharfſehend, kühl und glatt. Aber ſie nehmen ſich doch am Vortheil⸗ hafteſten außerhalb des Hauſes, aus.“ Durch ſolche Sprache, glaubte ſich Mark am erſten das Ausſehen eines vergnügten, ſorgloſen und gleichguͤl⸗ tigen Menſchen zu geben, während er jedoch ſeine Augen heimlich überall umher ſchweifen ließ. Das elende, ab⸗ gezehrte Ausſehen dieſer Familie, die veränderten Züge der Mutter, das fieberiſche Kind auf ihrem Schooße, 161 der überall, leicht wahrzunehmende Ausdruck des Klein⸗ muthes und der Hoffnungsloſigkeit gingen ihm zu Herzen und machten einen tiefen Eindruck auf ſein Gemüth. Er durchſchaute das hier herrſchende Elend mit einem ſo raſchen und klaren Blicke, als er die rauhen Bänke mit ſeinem körperlichen Auge wahrnahm, die auf Holz⸗ nägel in die Blöcke eingeſchlagen ruhten. Das in der Ecke ſtehende Mehlfaß mußte auch zu⸗ gleich die Stelle eines Tiſches vertreten, die Decken, Spaten und andere Dinge an der Wand, der Moder, welcher den Boden bedeckte, die Maſſe von in Fäulniß übergegangenen Pflanzen zwiſchen den Ritzen der Hütte, dies Alles trug dazu bei, das Bild des Jammers zu vergrößern. „Wie find Sie hieher gekommen?“ fragte der Mann, nachdem die erſte Ueberraſchung vorüber war. „Eil wir kamen letzte Nacht mit dem Dampfbvot an,“ entgegnete Mark.„Unſere Abſicht iſt, mit aller Eile und Schnelligkeit unſer Glück zu verfolgen und dann auf unſern Lorbeeren auszuruhen. Aber wie geht's Euch allen, meine Freunde. Ihr ſeht nobel aus!“ „Wir ſind nur noch ein wenig krank,“ antwortete das arme Weib und beugte ſich über ihr Kind.„Doch nach und nach, wenn wir eingewöhnt ſind, wird's ja hoffentlich beſſer gehen.“ „Das ſieht beinahe aus, als wenn das Eingewöhnen nie geſchehen ſollte,“ dachte Mark. „So Gott will! wird's anders kommen, es wird endlich mit uns allen beſſer werden—⸗ fügte Tom bei. „Was wir thun können, iſt, den Muth nicht zu verlieren und uns nachbarlich beizuſtehen. Fürchtet nichts! doch da hätte ich beinahe den Zweck meines Hieherkommens vergeſſen, mein Aſſocie iſt in einem ſehr ſchlimmen Zu⸗ ſtande, und ich wollte Euch deshalb bitten, ihm Hulfe zu leiſten, und mir Euren Rath zu ertheilen, Meiſter!“ Herr Tapley's Bitte müßte in der That eine ſehr Boz, Chuzzlewit. IV. 11 182 unbillige geweſen ſeyn, wenn man nicht augenblicklich geellt hätte, ſie zu erfüllen, da ſeine freundlichen Dienſt⸗ leiſtungen noch ſo lebhaft im Gedächtniſſe ſeiner Freunde ſtanden. Der Mann erhob ſich, um ihm ohne Zögern zu folgen. Ehe Mark das Haus verließ, nahm er das kranke Kind auf ſeine Arme und ſprach der gebeugten Mutter Troſt zu, aber er ſah mit Schrecken, daß die kalte Hand des Todes es bereits erfaßt habe. Sie fanden Martin, wie er in ſeine Decke eingehüllt, auf dem Boden lag. Allem Anſcheine nach war er ſehr krank, denn er ſchauderte und ſchüttelte ſich auf eine ſchreckliche Weiſe, nicht wie es bei vielen Leuten in Folge des Froſtes der Fall iſt, ſondern in einer Art krampf⸗ hafter Zuckungen, die ſeinen Körper durchwühlten. Mark's Freund erklärte dieſen Zuſtand für ein ſehr ge⸗ fährliches kaltes Fieber, welches häufig in dieſen Gegen⸗ den herrſche und das von Tag zu Tag noch lange ſtei⸗ gen würde. Er ſelbſt hatte vor einigen Jahren dieſe böſe Krankheit durchgemacht, und konnte jetzt Gott nicht genug danken, daß er ihm das Leben erhalten habe, während Tauſende von ſeiner Seite geriſſen wurden. „Und allzuviel iſt Dir doch nicht vom Leben ge⸗ Glieben,“ dachte Mark, indem er die vertrocknete Ge⸗ ſtalt des Mannes betrachtete„Eden für immer!“ Sie hatten Arznei in ihrem Koffer und der Mann, welcher ſo ſchlimme Erfahrungen gemacht hatte, unterrichtete Mark, wie er ſie anwenden ſolle und auf welche Art man Martin's Leiden lindern könne. Seine Sorgfalt blieb jedoch nicht bei dieſem einen ſtehen, ſondern er eilte fleißig ab und zu, indem er Mark bei der Pflege ſeines Kranken brüderlich Hülfe leiſtete und auf Mittel ſann, ihnen ihre unangenehme Lage ſo viel als möglich zu erleichtern. Hoffnung und Troſt für die Zukunft konnte er freilich nicht geben. Die Jahreszeit war un⸗ geſund, die Anſtedlung ein Grab. Sein Kind ſtarb noch in derſelben Nacht, und Tapley, der vor Martin A 1. 8 Q= σ 8*E☛A N R —+—— O& — u——o—— ᷣN R 163 ein Geheimniß daraus machte, half es ihm am andern Morgen unter einem Baume begraben. Außer der Erfüllung der verſchiedenen Pflichten, welche ihm Martin's Krankheit auferlegte und welche mit jedem Tage groͤßer wurden, arbeitete Mark auch noch außerhalb des Hauſes, früh und ſpät, und mit dem Beiſtande ſeines Freundes und anderer mitleidiger Seelen gelang es ihm, das gekaufte Land ordentlich an⸗ zubauen. Nicht daß noch der geringſte Funke von Hoff⸗ nung in ſeinem Herzen geweſen wäre, oder, daß er für dieſen Zweck gearbeitet hätte, ſandern in ſeiner Bruſt wohnte die feſte Ueberzeugung, daß die Lage ganz troſt⸗ los ſey, darum glaubte er auch, daß kein großer Ge⸗ winn aus der Sache zu ziehen ſey und arbeitete nur, einen dürftigen Lebensunterhalt zu erringen „Weil es nie ſo kommt, wie ich wünſche,“ ſprach Mark eines Abends in der Feierſtunde, indem er die äſche reinigte,„werde ich meine Plane aufgeben müſ⸗ ſen. Ich ſehe voraus, daß mir wieder ein Stück gu⸗ ten Glückes, wie nie, zugefallen iſt!“ „Wünſchten Sie, daß die Sachen noch ſchlimmer ſtehen ſollten, als es wirklich der Fall iſt,“ ſtöhnte Martin unter ſeiner Decke hervor. „ECi doch, nur um zu ſehen, wie Vielem ich trotzen könnte. Aber da kommt mir dann wieder mein gutes Glück in den Weg und jagt mich vorwärts. In der erſten Nacht, welche wir hier zubrachten, glaubte ich, es ſey ziemlich ordentlich hier. Ich läugne es nicht, ich dachte das!“ „Und wie finden Sie es jetzt?“ fragte Martin. „Ach!“ entgegnete Mark.„Seyen Sie überzeugt, die ich ſchon früher gekannt h ſem erſten Augenblicke an bis auf dieſe Stunde alle 11* 164 erdenklichen Hülfeleiſtungen erwieſen hat! Und das war nichts für mich, wie Sie wiſſen, ich glaubte ein Recht zu haben, etwas Anderes zu erwarten. Wenn ich über eine Schlange geſtolpert wäre und dieſelbe mich gebiſ⸗ ſen hätte, oder wenn ich auf einen Patrioten erſter Klaſſe geſtoßen wäre, und ein Bowimeſſer in die Bruſt bekommen hätte, oder wenn mich ein Haufen Sympa⸗ thiſirer mit umgekehrten Hemdkrägen in die Klemme be⸗ kommen, mich wie einen Löwen aufgeſtutzt hätte, dann wäre ich doch wenigſtens im Stande geweſen, mich auszuzeichnen und einen Kredit zu erhalten. So aber iſt der Zweck meiner großen Reiſe vor den Kopf geſto⸗ ßen und überall wird mir's auf gleiche Weiſe gehen, wo ich nur immer hinkomme. Wie geht's Ihnen die⸗ ſen Abend, Sir?“ „Schlechter als jemals,“ antwortete der Kranke. „Das iſt nun wohl etwas,“ entgegnete Mark,„aber nicht genug. Nichts, als wenn ich einmal recht elend werden ſollte und dabei bis zum letzten Augenblicke fröhlich und guter Dinge bleibe, kann mir einmal Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen.“ „In des Himmels Namen, freveln Sie nicht ſo,“ verſetzte Martin mit zitternder Simme.„Was ſollte ich dann anfangen, wenn Sie auch noch krank wür⸗ den, Mark?“ 3 Herrn Tapley's Lebensgeiſter ſchienen durch dieſe Bemerkung, obgleich es nicht eine ſehr ſchmeichelhafte war, gereizt zu werden, denn er rieb friſch auf die Lein⸗ wand los und ſagte, daß ſein Wetterglas ſteige! „Etwas Angenehmes iſt doch auf dieſem Platze, Sir,“ begann Tapley wieder,„was mich munter macht, nämlich es beſteht hier ſchon ein kleiner, vereinigter Staat. Da ſind zwei oder drei amerikaniſche Einſiedler zurückgeblieben, und dieſe überfallen einen ſo kaltblütig und ſo ruhig, ſelbſt hier, daß man glauben ſollte, es gebe keinen geſündern und angenehmern Aufenthaltsort, als dieſen. Aber ſie gleichen dem Hahn, der ſich ver⸗ 165 ſteckt, um ſein Leben zu retten, ſich jedoch durch ſein Geſchrei verräth. Sie können nicht anders, ſie müſſen krähen; ſie ſind dazu geboren und thun es, was auch immer daraus folgen mag.“ Während dieſes Geſpräches warf Mark zufällig ei⸗ nige Blicke von ſeiner Arbeit hinweg zur Thüre hinaus und bemerkte daſelbſt einen kleinen, magern Mann mit einer blauen Jacke und einem Strohhute. Er rauchte aus einer kleinen, ſchwarzen Pfeife und hielt einen dicken Hickory⸗Stock in ſeiner Hand. Im Gehen rauchte und kaute er ſtark und ſpuckte auch häufig aus, ſo daß, wo er ſtand und ging, Spuren zerſetzten Tabacks auf der Erde zu finden waren. 2 „Ha! hier kommt ſchon einer davon,“ rief Mark, „Hannibal Chollop.“ „Bitte, rufen Sie ihn doch nicht herein,“ ent⸗ gegnete Martin leiſe.. „Es wird meiner Einladung nicht bedürfen,“ ver⸗ ſetzte Mark.„Er wird ſo kommen, Sir!“. Mark's Vermuthung beſtätigte ſich ganz genau, denn kaum hatte er geendet, ſo trat der unwillkommene Gaſt ſchon ein. Sein Geſicht war beinahe ſo braun wie ſein Knotenſtock, und von derſelben Farbe waren ſeine Hände. Sein Kopf ſah einem alten, ſchwarzen Herdbeſen ſehr viel ähnlich. Er ſetzte ſich auf den Kof⸗ fer nieder, ohne den Hut abzunehmen, indem er ſeine Beine übereinander⸗ ſchlug, ſprach er, ohne ſeine Pfeife zu verrücken. „Nun, Herr Co, und wie geht's Ihnen, Sir?“ Es mag vielleicht nöthig ſeyn, dem Leſer mitzutheilen, daß Herr Tapley ſich allen Fremden ohne Ausnahme unter dieſem Namen vorſtellte. iemlich gut, Sir, ziemlich zut!“ entgegnete ark. „Ei, iſt denn das nicht Herr Chuzzlewit, rief der Jaß⸗„o, habe ich nicht Recht; wie befinden Sie ſich, ir?“ Martin ſchüttelte nur den Kopf und zog ſeine Decke über das Geſicht, denn er fühlte daß Hannibal bald wieder ausſpucken würde; und ſein Auge war, wie das Lied ſagt, unverwandt auf ihn gerichtet. „Sie brauchen ſich um meinetwillen nicht zu ver⸗ bergen,“ bemerkte Herr Chollop,„denn ich bin für alle Arten von Fiebern unzugänglich!“ „Mein Motiv war ein ſelbſtſüchtiges, Sir“ erwie⸗ derte Martin, indem ſein Kopf wieder ſichtbar wurde; „ich fürchtete, Sie ſeyen im Begriffe, wieder auszuſpucken.“ „O!“ begann Chollop,„ich kann meine Diſtanze auf ein Zoll berechnen, Sir.“. Und augenblicklich gab er einen Beweis ſeiner Ge⸗ ſchicklichkeit in genanntem Falle. „Beſtimmen Sie mir nur zwei Fuß in einem freien Raume, ſo will ich mich verpflichten, die Schranken nicht zu überſchreiten! Einmal habe ich es mit zehn Fuß im Umfange probirt, aber da galt's freilich, eine Wette zu gewinnen!“ fuhr Hannibal fort. „Und dieſe, hoffe ich, werden Sie gewonnen ha⸗ ben?“ ſprach Mark.. „Ei Freilich, Sir, ich verfilberte den Einſatz,“ antwortete Chollop. Hier folgte eine kleine Pauſe, während welcher ſich der Fremde bemühte, mittelſt eines Zirkels einen Kreis um den Koffer zu ziehen; ſobald dieſes Geſchäft pünkt⸗ lich vollendet war, ſah er Martin an und ſprach: „Wie gefällt es Ihnen in unſerem Lande?“„Nicht im Geringſten!“ antwortete der Kranke. Chollop ſchwieg wieder eine Weile und fuhr fort, gemächlich zu dämpfen bis es ihm wieder gefällig war, ein neues Geſpräch anzuknüpfen. Endlich erſchien dieſer Augenblick, und indem er ſeine Pfeife aus dem Munde nahm, ver⸗ ſetzte er: „MUeberraſcht mich gar nicht, Sie ſo ſprechen zu hören. Es bedarf einer Erhebung, einer Stärkung der Verſtandeskräfte. Des Menſchen Gemüth muß vor⸗ „ 167 bereitet werden, um für die hohen Gefühle der Freiheit zugänglich zu ſeyn!“ Er wandte ſich nun an Mark, weil er ſah, daß Martin, der dieſen Beſuch verwünſchte und deſſen Fieberqualen durch die dröhnende Stimme dieſes neuen Schreckbildes nur noch geſteigert wurden, ſeine Augen geſchloſſen hatte und ſich auf ſeinem harten La⸗ ger wälzte. „Eine kleine körperliche Vorbereitung könnte auch gut thun, meinen Sie nicht, Sir, wenn man's mit ei⸗ nem ſolchen alten, ehrwürdigen Sumpfe zu thun hat, wie dieſer hier.“ „Betrachten Sie dieſe Gegend als einen Sumpf!“ fragte Chollop gravitätiſch. „Ci freilich, Sir,“ erwiederte Mark.„Das unter⸗ liegt wohl keinem Zweifel.“ „Dieſer Grundſatz iſt ganz europäiſch,“ ſagte der Major,„und wundert mich nicht im Geringſten; was würden Ihre engliſchen Millionäre zu einem ſolchen Sumpfe in England ſagen? Ich glaube, ſie würden meinen, daß er ſehr abſcheulich ſey, und daß ſie ſich das Fieber lieber wo anders holen wollten.“ „Ein Europäer,“ rief Chollop mit mitleidigem Lä⸗ cheln:„Ein ganzer Europäer!“ Und da ſaß er ſtill und ruhig, als wenn er zu Hauſe wäre, und rauchte gleich einem Dampfſchlote ei⸗ ner Fabrik. Heerr Chollop war einer der merkwürdigſten Män⸗ ner ſeines Landes, und wirklich auch außerhalb der Gränzen deſſelben allgemein bekannt. Seine Freunde in Süden und Weſten ſtellten ihn gewoöͤhnlich als ein vortreffliches Produkt unſeres rauhen, vaterländi⸗ ſchen Materials vor und er ſtand in ſehr achtbarem Rufe wegen ſeiner Liebe zu vernünftiger Freiheit, zu deren Verbreitung er beſtaͤndig zwei geladene Drehpi⸗ ſtolen, je zu ſieben Läufen, in ſeiner Rocktaſche trug. Außer dieſen führte er noch einen Stockdegen, welchen er ſeinen„Kitzler,“ und ein großes Meſſer, das er 168 „Ripper,“ hieß, bei ſich.— eine Anſpielung auf deſſen Amt, nämlich jedem Gegner, der in zu nahe Berüh⸗ rung mit ihm käme, ein Ventil in den Magen zu ma⸗ chen. Er hatte dieſe Waffen bei verſchiedenen Gelegen⸗ heiten(welche mit großer Sorgfalt in den Chroniken aufgezeichnet wurden) rühmlich geführt, und war ſehr beliebt wegen der ritterlichen Weiſe, mit welcher er einem Gentleman das Auge in dem Momente ausge⸗ ſtoßen hatte, als derſelbe im Begriffe war, an ſeine ei⸗ gene Haustüre zu klopfen. 1 Herr Chollop war ein Mann, der Veränderung liebte, und in mancher andern weniger gereiften Ge⸗ gend, als der ſeinigen, würde man ihn, vielleicht wohl irriger Weiſe, für einen Vagabunden gehalten haben. Aber da ſeine edlen Eigenſchaften in demjenigen Theile des Landes, den ihm die Vorſehung zu ſeinem Aufent⸗ haltsorte angewieſen hatte, nicht nur nicht mißkannt, ſondern vollkommen gewürdigt wurden, und auch viele verwandte Geiſter fanden, ſo war er für einen der ſel⸗ tenen Männer gehalten worden, die in ſeinem Zeitalter unter einem günſtigen Sterne geboren wurden, und deren Talenten man Gerechtigkeit wiederfahren ließe. In der Hoffnung, ſeinen kitzelnden und rippenden Lei⸗ denſchaften größere Befriedigung zu Theil werden zu laſſen, zog er es vor, ſo ferne als nur immer möglich von der menſchlichen Geſellſchaft zu leben und in den einſamſten Gegenden von Stadt zu Stadt zu wandern, allenthalben nur Geſchäfte etablitrend— die gewöhn⸗ lich im Herausgeben neuer Zeitungen beſtanden— und welche er dann bald wieder verkaufte— ein Handel, der größten Theils mit Herausforderungen, Meſſerſtichen, Piſtolenkugeln oder Augenausdrücken endete, ehe der Käufer nur von dem neuen Eigenthume Beſitz genom⸗ men hatte. In einer Spekulation dieſer Art war er auch nach Eden gekommen, hatte jedoch ſeinen Vorſatz aufgegeben, und wollte wieder unverrichteter Dinge abziehen. Er 169 ſtellte ſich Fremden ſtets als einen Verehrer der Frei⸗ heit vor, war der beſtändige Beſchützer und beharrliche Vertheidiger des Lynchgeſetzes*) und der Sklaverei, und empfahl auf alle Arten, ſowohl im Drucke, als in ſeinen Reden, das„Theeren und Federn“ einer jeden unpopulären Perſou, deren Grundſätze nicht mit den ſeinigen übereinſtimmten. Dieß nannte er: das Auf⸗ pflanzen der Standarte der Civiliſation in den wilden Gärten ſeines Vaterlandes. Ohne Zweifel würde Herr Chollop dieſen herrlichen Banner auch in Eden, und zwar auf Mark's Koſten, in Betracht ſeiner unumwundenen Sprache(denn die wahre Freiheit iſt ſtumm wie das Grab, außer wenn es gilt, ſich zu brüſten) anfgepflanzt haben, wenn die gänzliche Verwilderung und Zerſtörung, welche in die⸗ ſer Anſtedlung herrſchte, wie auch ſeine eigene nahe Abreiſe, nur die geringſte Gelegenheit dargeboten hätte, die Sache zur Sprache zu bringen. Es war ihm hinreichend, Mark bloß eine ſeiner Piſtolen zu zeigen, und ihn zu fragen, was er von die⸗ ſen Waffen denke? „Es iſt noch nicht lange her, daß ich einen Mann in dem Staate Illionoy damit niedergeſchoſſen habe,“ bemerkte Chollop. „Haben Sie das wirklich gethan?“ antwortete Mark ohne die geringſte Bewegung.„Sehr frei und ſehr unabhängig von Ihnen.“ „Ja, ich ſchoß ihn nieder, Sir,“ verſetzte Chollop, „weil er ſich in der ſpartaniſchen Porticus, einem dreiwöchentlichen Journale, erlaubte zu behaupten, daß die alten Athener dem jetzt lebenden Locofoco Ticket vorausgeweſen ſeyen.“ 3 „Und wer iſt denn das?“ fragte Mark. „O! da ſieht man wieder den Europäer, nicht ein⸗ *) Eine Art Volksgericht, eigenmächtige Rechtspflege des Pö⸗ bels.(Linch law.) Leriht, eigenmächtig btspflege des Pö 170 mal dieß zu wiſſen!“ ſprach Chollop, wohlbehaglich fort⸗ rauchend.„Ganz europäiſch!“ Nach einem kleinen Stillſchweigen, während deſſen er ſeine Aufmerkſamkeit dem magiſchen Kreiſe gewidmet hatte, nahm Chollop den Faden der Unterhaltung wie⸗ der auf, indem er bemerkte: „Ich glaube, Sie fühlen ſich noch nicht ganz hei⸗ miſch in Eden, wie iſt's?“. „Nicht, daß ich es ſagen könnte,“ entgegnete Mark. „Sie vermiſſen den Druck Ihres Vaterlandes, Sie vermiſſen die Häuſer⸗Steuern!“ ſprach Chollop. „Vielleicht eher noch die Häuſer,“ antwortete Mark. „Keine Fenſterſteuern ſind hier vorhanden!“ fuhr Chollop fort. „Und ebenſo keine Fenſter, die man damit bela⸗ ſten könnte,“ verſetzte Mark. „Keine Scheiterhaufen, keine Gefängniſſe, keine Fol⸗ tern, keine Stocke, keine Galeeren, keine Spieße, keine Pranger,“ begann Chollop wieder. „Nein, allerdings nichts als Drehpiſtolen und Bowinmeſſer. Und was iſt dieß? Bloß eine Kleinig⸗ keit, nicht des Erwähnens werth?“ ſprach Mark. Bei dieſen letzten Worten kam der Mann, welchen ſie in der erſten Nacht ihres Hierſeyns begegneten, die Treppe herauf geſtolpert und ſah zur Thüre hinein. „Nun, Sir, wie geht's vorwärts?⸗ fragte Chollop. Er fand das Weiterkommen ſehr ſchwierig, und ließ dieß auch in ſeiner Antwort merken. „Ich und Herr Co ſtreiten hier über etwas,“ be⸗ merkte Chollop.„Ich wünſchte, daß man ihn hübſch zahm machen ſollte, weil er wagt, ſolch' frevelnde Ver⸗ gleiche zwiſchen der alten und neuen Welt zu ſtellen! Was meinen Sie dazu, Sir?“ „Gut,“ ſtöhnte der elende Schatten von einem Menſchen,„ich glaube auch, daß es für ihn heilſam wäre.“ „Ich habe bloß geſagt,“ entgegnete Mark, ſich an 171 ſeinen neuen Gaſt wendend,„daß ich die Stadt, in welcher uns die Ehre zu Theil wurde zu leben, für eine ſehr ſumpfige halte. Wie lautet Ihre Anſicht darüber, Sir?“ „Ich will glauben, daß ſie zu gewiſſen Zeiten etwas feuchter Natur ſey,“ entgegnete der Mann. „Aber doch nicht ſo feucht, wie die in England,“ rief Chollop, mit einem wüthenden Ausdrucke in ſei⸗ nem Geſichte. „O! nicht ſo feucht wie in England. Laßt ihm nur ſeine eigenen Inſtitutionen!“ entgegnete der Mann. „Ich wollte doch etwas wetten, daß es in Amerika keinen Sumpf gebe, der nicht dieſes kleine Eiland zu Staub und Syrup zermalmen könnte. Sie haben es rund und geraden Weges von Scadder gekauft?“ fügte er, gegen Mark gewendet, bei. Herr Chollop blinzelte dem andern Bürger zu. „Scadder iſt ein feiner Mann. Er iſt ein ſtolzer Mann. Er iſt der Mann, der in die Höhe kommen wird, die„„rechte Seite oben““! fuhr Chollop fort, und winkte dem andern Bürger auf's Neue zu. „Wenn's mir nachginge, ſo ſollte er die Seite ſehr hoch in die Höhe ſtehen laſſen,“ bemerkte Mark,„ſo hoch, wie der Querbalken eines guten Galgens iſt.“ Herr Chollop wurde über die Artigkeit ſeines vor⸗ trefflichen Landsmannes, welcher viel zu groß für die Beleidigung geweſen, und bei der Erwägung, wie ſehr ſie dieſes kränken würde, ſo entzückt, daß er ſich nicht mehr länger halten konnte und in ein bezauberndes Gelächter ausbrach. Aber nun auch noch die merkwürdigen Ausbrüche der gleichen Leidenſchaft bei dem Andern, dem kranken und elenden Manne. Der Umſtand ſchien ihm ſo er⸗ freu lich vorzukommen, daß er auf einige Minuten ſeines Elendes vergaß und laut auflachte, indem er ſprach: „Daß Scadder ein ſehr feiner Mann ſey, und ſo ge⸗ 172 wiß, wie die Sonne auf⸗ und niedergehe, eine Unſumme britiſchen Kapitals an ſich gezogen habe.“ Nachdem dieſer Scherz bis zum letzten Korn aus⸗ gebeutet worden war, ſaß Herr Chollop wieder ſchwei⸗ gend, indem er ſein Pfeifchen rauchte und den Zirkel prüfte, ohne die geringſte Luſt zu zeigen, ein neues Geſpräch anzuknüpfen oder ſich zu entfernen. Wahrſcheinlich war auch er in den Netzen der nicht ungewöhnlichen, aber groben Selbſttäuſchung gefangen, daß es fuͤr Jedermann eine Art großer Aufmerkſamkeit ſey, welche man niemals müde würde zu empfangen, wenn ein freier und erleuchteter Bürger ihm die Ehre an⸗ thue, ſein Haus für einige Zeit in einen Spucknapf umzuwandeln. Endlich ſtand er auſf. „Ich will mich jetzt nach und nach auf den Weg machen,“ bemerkte er. t Mark erinnerte ihn, doch ja recht auf ſich Acht zu geben.. „Ehe ich jedoch gehe, habe ich noch ein Wörtchen mit Ihnen zu ſprechen,“ fuhr er fort,„Sie ſind ver⸗ teufelt ſcharf mit Ihrer Zunge.“ Mark dankte ihm für das Kompliment. „Aber Sie ſind viel zu ſcharf, um es ſo zu Ende bringen zu können. Ich bin überzeugt, daß es noch keinen gefleckten Panther gab, der ſo durch und durch derhlecheit war, wie Sie es mit der Zeit ſeyn wer⸗ en! 77— „Ei! Aus welchem Grunde?“ fragte Mark. „Wir müſſen verſtanden werden, Sir,“ verſetzte Chollop mit einem drohenden Tone.„Sie ſind jetzt nicht mehr in einem deſpotiſchen Lande. Wir ſind das Modell der Erde und müſſen, wie ſchon geſagt, ver⸗ ſtanden werden!“. „Habe ich vielleicht gar zu frei geſprochen?“ rief Mark. „Ich habe ſchon auf Männer angelegt und wegen geringerer Dinge auf Männer geſchoſſen,“ entgegnete 17⁸ Chollop mit finſterer Stirn.„Ich habe Männer ge⸗ kannt, die wegen einer Kleinigkeit weggehen mußten. Ich habe Leute geſehen, welche wegen viel weniger von einem erleuchteten Volke, das ſein Recht übte, gelyncht und in Stücken zerriſſen wurden. Wir ſind die Intelligenz und Tugend der Erde, der Rahm der menſchlichen Natur, und die Blume der moraliſchen Stärke. Unſere Nahrung iſt leichter Reis. Man muß uns Gerechtigkeit widerfahren laſſen, oder wir erheben uns und knurren. Wir fletſchen unſere ſcharfen Zähne dann, und ich ſage, Sie würden beſſer thun, uns zu ſchmeicheln.“ Nach gegebener Drohung ſchied Herr Chollop mit Ripper, Kitzler und den Drehpiſtolen, alle Waffen zu einem nahen Kampfe bereit. 1 „Schlagen Sie die Decke wieder hinauf, Sir,“ ſagte Mark,„er iſt nun fort. Was ſoll das bedeuten?“ fügte er halblaut hinzu, und kniete nieder, um ſeinem Freunde in das Geſicht zu ſehen, und ſeine fieberhafte Hand ergreifend:„Wie, ſollte dies Folge des vielen Schwätzens und Plauderns ſeyn? Redet er ſchon wie⸗ der irre und kennt mich nicht mehr!“ Martin war in der That jetzt gefährlich krank, ja dem Tode nahe. In dieſem Zuſtande lag er viele Tage, während welcher Zeit Mark und ſeine armen Freunde ihn, ohne Rückſicht auf ihre eigene Geſundheit, treulich pflegten. Mark's Körper und Geiſt ſchien endlich müde zu werden, indem er den ganzen Tag hindurch ange⸗ ſtrengt arbeitete und bei der Nacht an ſeines Gefähr⸗ ten Lager wachte. Die ſchlechte Koſt und die ungewohn⸗ ten Mühen ſeines neuen Lebens, die noch von zufälli⸗ gen Unglücken und Mißgeſchicken jeder Art erhöht wur⸗ den, machten einen üblen Eindruck auf ihn; aber er litt im Stillen, und nie kam eine Klage über ſeine Lippen. Wenn je der Gedanke in ſeinem Herzen ge⸗ wohnt hatte, daß Martin, ſelbſtſüchtig, willkürlich und bloß zu manchen Zeiten mit Kraft gearbeitet habe, im Ganzen jedoch viel zu ſchwach ſey, ihrer jetzigen un⸗ glücklichen Lage zu trotzen, ſo vergaß er im Augenblicke, wo er ſah, daß Martin Hülfe bedürfe, alle ſeine Feh⸗ ler, und ſich nur ſeiner guten Eigenſchaften erinnernd, weihte er ihm Herz und Hand. Manche Woche ver⸗ ging, bis Martin ſich ſtark genug fühlte, an ſeines Ge⸗ fährten Arm mittelſt eines Stockes die Hütte zu ver⸗ laſſen, und auch dann ſchritt ſeine völlige Geneſung nur ſehr langſam vorwärts, weil es an geſunder Luft und paſſender Nahrung fehlte. Er war noch ſehr ſchwach und in einem elenden Zuſtande, als das ſo lang gefürchtete Unglück über die beiden Wanderer hereinbrach, nämlich Mark krank wurde. Mark ſträubte ſich zwar verzweifelt dagegen, aber die Krankheit focht mit mehr Erfolg, und ſein ſchwacher Widerſtand war vergebens. „Für jetzt beſtegt, Sir,“ ſprach er eines Morgens, auf ſein Bett zurückſinkend.„Aber dennoch guten Muthes!“ Ueberwunden gewiß, und zwar durch einen kräf⸗ tigen Stoß, welchen Jedermann, nur Martin nicht, vor⸗ ausgeſehen haben würde. Wenn Mark's Freunde dienſtfertig gegen Martin geweſen waren, und das war wirklich in hohem Grade der Fall, ſo waren ſie es jetzt noch zwanzigmal mehr gegen Mark ſelbſt. Nun war es Martin,s Pflicht, zu arbeiten, am Krankenbette des Verbündeten zu ſitzen, und während der langen, unendlich langen Nächte auf jeden Ton zu lauſchen, der aus der dunklen Wildniß ſchallte; jetzt kam die Reihe an Martin, die Phantaſieen des armen Herrn Tapley zu hören, der bald im blauen Drachen Kegel ſpielte, bald Frau Lupin Liebeserklärun⸗ gen machte, dann wieder mit Tom auf engliſchen Stra⸗ ßen wanderte, und auch zu derſelben Zeit Baumſtämme in Eden verbrannte. So oft jedoch Martin ihm Arznei reichte, oder eine ſonſtige Wohlthat erwies— ſo oft er von einer müh⸗ N N — Onn—P—,————õ9ß— 8 N H& 175⁵ ſamen Arbeit nach Hauſe kehrte, heiterte ſich der Pa⸗ tient auf, und rief ihm entgegen: „Ich bin ganz munter, Herr, ganz froͤhlich!“ Wie nun Martin über dieſe ſeltene Kraft nachzu⸗ denken begann, und den Kranken ſo geduldig daliegen ſah— aus deſſen Munde nie ein Vorwurf kam, der nie klagte, nie murrte, ſondern ſtets bemüht war, ſeinen Muth aufrecht zu erhalten, ſich männlich und ſtandhaft zu betragen— drängte ſich ſeiner Seele die Betrachtung auf, was wohl Urſache ſeyn möge, daß dieſer Mann, welchem ſo wenige Geiſtesgaben zugetheilt worden, ſo viel muthiger, als er ſeyn könne, dem ſo Vieles ge⸗ geben war. Und da die Pflege vor dem Bette eines Kranken, beſonders eines Mannes, welchen man noch vor Kurzem in voller Thätigkeit und Kraft hatte arbeiten geſehen, leicht die Mutter der Betrachtungen werden kann, fing Martin an zu erwägen, worin wohl der Un⸗ terſchied liege. Zu einem Schluſſe über dieſe Hauptpunkte führte ihn die öftere Anweſenheit der Freundin, die ihre gemein⸗ ſchaftliche Gefährtin auf dem Meere geweſen. Ihr An⸗ blick erinnerte ihn gleich an ihre gegenſeitige Verſchieden⸗ heit, mit welcher ſie dem armen hulfsbedurftigen Weſen damals beigeſtanden waren. In dieſer Reihe der Be⸗ trachtungen tauchte auch Tom's Bild vor ihm auf, er vertiefte ſich nun auf's Neue in ein Meer von Ge⸗ danken darüber, wie es möglich ſey, daß zwei ſo außer⸗ ordentlich verſchiedene Perſonen im Ganzen einander wie⸗ der ſo ähnlich und doch ihm ſelbſt ſo unähnlich ſeyen, da er in Betracht der Hülfeleiſtung auf dem Schiffe eine ziemliche Gleichheit zwiſchen Tom und Mark entdeckte. Für den erſten Anblick konnte man zwar in dieſer Er⸗ wägung nichts wahrnehmen, was beſonders troſtlos und traurig geweſen wäre, Martin jedoch mußte etwas Tie⸗ feres darin gefunden haben, denn er wurde verſtimmt. Martin's Charakter war frei und edel, aber er wurde unter der Leitung ſeines Großvaters erzogen, und es iſt 176 im Durchſchnitte als Regel anzunehmen, daß die ge⸗ wöhnlichen Fehler des haͤuslichen Lebens ſich häufig auf eine Weiſe fortpflanzen, welche wohl geeignet iſt, ähn⸗ liche als Gegner für ſich in's Feld zu ſtellen. Dieß iſt beſonders bei Selbſtſucht, Ehrgeiz, Argwohn und andern ſchleichenden Laſtern der Fall Martin hatte ſchon als Kind mechaniſch raiſonnirt.„Mein Großvater denkt ſo viel an ſich ſelbſt, daß ich am Ende, wenn ich nicht bald daſſelbe thue, noch ganz in Vergeſſenheit komme.“ So war der Enkel ſelbſtſüchtig geworden. Aber er wurde ſich dieſes Laſters nie bewußt. Wenn ihm Jemand dieſen Fehler zum Vorwurf ge⸗ macht hätte, ſo würde er ſich gegen ihn als gegen eine gottloſe Verläumdung und falſche Anklage voll Entrü⸗ ſtung vertheidigt haben. Auch ware er wahrſcheinlich nicht zu dieſer Einſicht gekommen, würde die Vorſehung ihn nicht erſt kürzlich von einer ſchweren Krankheit ha⸗ ben geneſen laſſen, um ihn jetzt an das Schmerzenslager eines Andern zu ſtellen. Während dieſer Prüfungen lernte er fühlen, welch' ein elendes Ding der Menſch ſey, und wie wenig dazu gehöre, dieſes ſonſt ſo ſtolze Ich zu entwaffnen, und an den Rand des Grabes zu bringen. Es war ganz natürlich, daß er zu ſolchen Betrach⸗ tungen(denn er hatte Monate Zeit zu dieſem Geſchäfte) zum Nachdenken über ſeine eigene Rettung, und Mark's mögliches Scheiden aus dieſer Welt kam. Er fragte ſich, welcher von beiden wohl am Leichteſten zu entbeh⸗ ren ſey, und warum? Bei ſolchen Fragen lüftete ſich dann der ſchwere Vorhang ein wenig und das Ich, Ich, Ich wurde ganz unten bemerkt. Err fuhr in ſeiner Betrachtung weiter fort, ſich zu fragen, ob ſein Gewiſſen, im Falle Mark ſterben ſollte (was unter den obwaltenden Umſtänden nichts Außeror⸗ dentliches geweſen wäre), ihm auch das Zeugniß geben könne, alle Pflichten der Barmherzigkeit und chriſtlichen Liebe an ſeinem Gefährten erfüllt und ihm dadurch die Mühen und Leiden, welche er noch nicht lange wegen 8J——— GSSͤ—z,ndA ͤSͤSͤRR& NU— S 177 ihm ſelbſt erdulden mußte, nach Kräften vergolten zu haben?„Nein, nein,“ antwortete eine innere Stimme. Und ſo kurz auch ihre gegenſeitige Bekanntſchaft geweſen war, ſo kamen ihm doch viele, ſehr viele Beiſpiele in den Sinn, welche in erwähnter Hinſicht klagend gegen ihn auftraten; er forſchte tiefer, ſuchte die Urſache zu ergründen, und endlich hob ſich der Vorhang wieder ein wenig mehr in die Höhe und zeigte einen erweiterten Schauplatz, in welchem das Ich, Ich, Ich ſpielte. Mancher Tag, manche Woche entſchwand, bis der Schleier ganz von ſeinem Innern gezogen wurde, und er die eigentliche Lage der Dinge daſelbſt recht durch⸗ ſchauen konnte. Aber hier, in der wilden Einſamkeit dieſes ſchrecklichen Ortes, von welcher die Hoffnung ſo ferne lag, wo der Ehrgeiz keine Nahrung fand, und wo der Tod ſeine Gefieder neben ihm auszubreiten drohte, drängten ſich ihm ſo unbemerkt Betrachtungen auf, wie der giftige Hauch der Peſt von einer belagerten Stadt Beſitz nimmt. Allmählig begann er, die Gebrechen und Auswüchſe ſeiner Seele zu fühlen, und ſah bald nur mit Abſcheu in ſein Herz. Eden war die rechte Schule für ſolch' eine ſchwere Lehre; aber der Sumpf, die undurchdringlichen Wälder und die verpeſtete Luft waren Lehrer, welche eine allzu⸗ ſtrenge Methode gebrauchten. Er machte das feierliche Gelübde, daß, ſobald ſeine Kraft wiederkehre, er nimmer mit ſich ſelbſt über dieſen Punkt ſtreiten, und die feſte Ueberzeugung hegen wollte, daß ein böſes Unkraut, die Selbſtſucht, in ſeiner Bruſt wuchere, und nun mit aller Kraft ausgerottet werden müſſe. Er war zwar ſo ſehr über ſeinen eigenen Cha⸗ rakter im Unklaren, daß er ſich vornahm, nicht ein Wort von Reue oder Beſſerung gegen Mark zu äußern, ſon⸗ dern das vorgezeichnete Ziel nur feſt im eigenen Auge zu behalten. Auch war in ſeinem Benehmen nicht eine Spur von Stolz zu finden, blos Demuth und Energie, Boz, Chuzzlewit. IV. 12 178 — die beſte Rüſtung, welche er tragen konnte— leuch⸗ teten daraus hervor. So weit herunter hatte ihn Eden auf einer Seite gebracht— und auf der andern ſo hoch erhoben. Nach einer langen ſchmerzlichen Krankheit, welche Mark zu gewiſſen Zeiten gar nicht mehr erlaubte zu ſprechen, und ihn deßhalb nöthigte, ſein„Fröhlich“ auf eine Tafel zu ſchreiben, was jedoch nur mit zitternder Hand geſchehen konnte, zeigten ſich einige Symptome der wiederkehrenden Geſundheit an Mark. Sie kamen zwar, aber gingen wieder, eine Zeitlang unbeſtändig umherflatternd: doch endlich blieben ſie ruhig, und von dieſem Augenblicke an erſtarkte der Patient mehr und mehr. So bald ſich Mark kräftig genug fühlte, um ohne beſondere Anſtrengung ſprechen zu koͤnnen, berieth ſich Martin mit ihm über einen Plan, den er noch vor eini⸗ gen Monaten ganz allein und ohne eines andern Kopf damit zu bemühen, ausgeführt haben würde. „Unſere Lage iſt wahrhaftig eine ſehr verzweifelte,“ begann Martin.„Der Platz hier iſt verödet, ſeine Ab⸗ ſcheulichkeit muß bekannt geworden ſeyn, und daß wir ihn ſo theuer, als man ihn uns aufgedrungen hat, wieder verkaufen können, iſt nicht zu hoffen, wenn es auch ehr⸗ lich igehandelt wäre. Wir haben die Heimath wegen eines tollkühnen Unternehmens verlaſſen und unſern Zweck verfehlt. Das Einzige was wir noch thun können, der einzige Ausweg, welcher uns geblieben, iſt, die An⸗ ſiedelung zu verlaſſen und wieder nach England zurück⸗ zukehren. Nur wieder zurück, Mark, welches Mittel wir auch immer gebrauchen müßten— wir wollen in unſer Vaterland heimkehren!“ „Das iſt alſo Alles, Sir,“ bemerkte Tapley mit ſcharfem Nachdrucke,„weiter nichts!“ „Freilich,“ antwortete Martin,„haben wir auf die⸗ ſer Seite des Waſſers nur einen einzigen Freund und dieſer iſt Herr Bevan.“ 179 „An ihn habe ich während Ihrer Krankheit gedacht,“ verſetzte Mark. „Würde nicht zu viel Zeit damit verloren,“ fuhr Martin fort,„ſo ſchriebe ich zuerſt an meinen Großvater mir Geld zu ſchicken, und uns aus dieſer Wolfsgrube zu befreien, in welche wir auf eine ſo ſchändliche Weiſe verlockt worden ſind. Mit welchem von beiden Gentle⸗ men ſoll ich's zuerſt verſuchen!“ „Ich glaube Mr. Bevan iſt ein ſehr angenehmer Mann,“ erwiederte Mark.„Ich meine, Sie könnten es mit ihm verſuchen!“ „Natürlich, hier iſt Niemand, als Leichen und Schweine, der ſie uns abnehmen könnte,“ verſetzte Herr Tapley mit einer kläglichen Miene. „Soll ich ihm dieß ſagen und ihn bitten, uns nur ſo viel Geld zu leihen, als wir brauchen, um auf dem billigſten Wege nach New⸗York oder einen andern Hafen zu kommen, von wo aus wir uns dann leicht vollends nach Hauſe arbeiten können. Soll ich ihm auch zugleich meine nicht ganz hoffnungsloſe Lage auseinanderſetzen und ihm verſichern, daß ich mich be⸗ mühen werde, die Summe ſobald als möglich zurück⸗ zuerſtatten, ſelbſt wenn mein Großvater dieſelbe herge⸗ ben müßte?“ „Ei, ſeyen Sie getroſt; er kann höchſtens„Nein“ und vielleicht auch„Ja“ ſagen, wenn Sie ſich nichts daraus machen, ihn darum zu bitten!“ ſprach Mark. „Ich mir etwas daraus machen!“ rief Martin. „Ich bin ja die unglückliche Veranlaſſung geweſen, welche uns hieher führte, und würde Alles thun, um nur wieder davon weg zu kommen. Es iſt mir unan⸗ genehm an die Vergangenheit zu denken. Ich bin über⸗ zeugt, daß, wenn ich ſchon früher Ihren Rath ange⸗ nommen hätte, Mark, wir nie hieher gekommen wären!“ Herr Tapley wurde durch dieſes unvorhergeſehene Geſtaͤndniß äußerſt überraſcht, betheuerte jedoch mit 12* dem größten Ungeſtüm, daß, auch ohne ſeinen Willen, ganz daſſelbe geſchehen wäre, und daß er gleich bei dem erſten Worte, welches er von Eden gehört, ſich in den Kopf geſetzt habe, dahin zu reiſen. Dann las ihm Martin den Brief vor, welchen er bereits an Herrn Bevan aufgeſetzt hatte. Er war in einem freimüthigen, offenen Style geſchrieben und ſchilderte ihre Lage ohne die geringſte Zurückhaltung; ferner waren darin die vielen Leiden ausgeſprochen, welche ſie ſeit ihrem Ab⸗ gange aus England getroffen hatten, und drückten ihre Bitte in beſcheidenen, aber dringenden Worten aus. Da Mark äußerſt zufrieden mit dem Inhalte des Brie⸗ fes war, beſchloſſen die beiden Freunde, ihn mit dem nächſten Dampfboote, das käme, um Holz zu holen (denn an dieſem Material war kein Mangel), an Herrn Bevan abzuſenden. Da jedoch Martin Bevans Wohnort nicht wußte, ſo übergab er den Brief der Obhut des denkwürdigen Herr Norris in New⸗York und ſchrieb in das Couvert, ihn augenblicklich an genannten Gentle⸗ man abgehen zu laſſen. Mehr wie eine Woche entſchwand, ehe das lang erſehnte Boot erſchien. Endlich eines Morgens, nach langem Harren, wurden ſie durch das Schnauben des „Eſau Slodge“ aus ihrem Schlummer geweckt. Das Fahrzeug verdankte ſeinen Namen einem der merkwür⸗ digſten Männer des Landes, der in irgend einer Gegend in ſehr großem Anſehen geſtanden war. 4 Schnell flogen die beiden Freunde zu dem Lan⸗ dungsplatze und brachten ihren Brief glücklich an den gewünſchten Ort. Begierig, die Abfahrt des Bootes zu ſehen, ſtanden ſie auf dem Laufbrette ſtill— ein Beiſpiel von Leichtſinn, das den Kapitän veranlaßte zu ſagen, daß wenn ſie ſich nicht augenblicklich entfernten, er ſie ſo fein wie Mehl ſieben, ſo klein wie Spähne zerrütteln laſſen und den Trunk ihnen verderben wolle. Martin ſah voraus, daß es wenigſtens acht oder — 82nEENEKR 8 A*A△⏑O 181 zehn Wochen anſtehen würde, bis ſie eine Antwort er⸗ halten könnten.. In der Zwiſchenzeit arbeiteten ſte aus allen Kräf⸗ ten an der Verbeſſerung ihres Landes, indem ſie die Wälder theilweiſe lichteten und zu nützlichen Zwecken herrichteten. So unendlich mangelhaft auch ihre Land⸗ wirthſchaft war, ſo war ſie dennoch um Vieles beſſer, als die ihrer Nachbarn, denn Mark beſaß große Kennt⸗ niſſe in dieſem Fache und Martin lernte von ihm, während die übrigen Anſiedler Gwar nur eine kleine Handvoll elender Siechlinge) auf dem faulen Sumpfe ſtehen blieben, indem es ſchien, ſie ſeyen bloß in der Meinung hiehergezogen, daß ihnen hier von ſelbſt zu Theil wuͤrde, was ſie in ihrem Vaterlande mit Schweiß erringen mußten. Sie halfen einander zwar nach ihrer eigenen Art bei dieſen und jenen Unternehmungen, ar⸗ beiteten jedoch ſo traurig und träge, wie ein Trupp Verbrecher am Verbannungsorte. Wenn am Abende Martin und Mark allein waren und ſich der ſüßen Ruhe nach gethaner Arbeit über⸗ ließen, ſprachen ſie oft von der Heimath, von trauten Plätzen, Häuſern, Straßen und Leuten, die ſie kann⸗ ten, indem manchmal die frohe Hoffnung, ſie je wie⸗ der zu ſehen, dann auch wieder die tiefe Trauer über entſchwundene Ausſichten ihre Herzen dabei erfüllte. Voll großer Verwunderung nahm Mark gewöhnlich in ſolchen Geſprächen wahr, daß mit Martins Charakter eine auffallende Veränderung vorgegangen ſey.„Ich weiß nicht, was ich aus ihm machen ſoll,“ dachte er einmal in der Nacht.„Er iſt nicht, wie ich ihn mir vorſtellte. Er denkt nicht halb ſo viel an ſich ſelbſt. Ich will ihn doch einmal prüfen. Schlafen Sie ſchon, Sir?* „Nein, Mark.“ „Denken Sie an die Heimath?“ „Ja.“ „Daſſelbe habe auch ich gethan. Ich dachte mir, 182 was wohl Herr Pinch und Herr Pecksniff mit einander thun möchten?“ „Armer Tom!“ ſprach Martin gedankenvoll. „Ein Schwächling, Sir,“ bemerkte Mark.„Spielt gar die Orgel umſonſt. Warum ſorgt der einfältige Menſch nicht für ſich ſelbſt?“ „Ich wünſchte wirklich auch, daß er dieſes ein we⸗ nig mehr thäte, obgleich ich nicht weiß, aus welchem Grunde. Wir würden ihn dann wahrſcheinlich doch 2. nur halb ſo lieb haben!“ antwortete Martin. „Er erträgt jedes Unrecht ſo geduldig, Sir!“ verſetzte Mark. „Ja,“ begann Martin nach einem kurzen Still⸗ ſchweigen,„ich weiß es, Mark.“ Er ſprach dieſe Worte in einem ſo ſchmerzlichen Tone, daß ſein Kompagnon dieſes Thema wieder auf⸗ gab und einige Zeit ſchwieg, bis ihm wieder ein ande⸗ res in den Sinn kam. „Ah! Sir,“ hub Mark mit einem Seufzer an,„Sie haben doch recht viel um der Liebe einer jungen Dame willen gewagt! 1a „Ich will Ihnen etwas ſagen, ich bin nicht ſo ganz überzeugt, daß ich ein großes Opfer gedencht habe,“ lautete die Antwort, welche ſo haſtig und mit einer ſolchen energiſchen Kraft geſprochen wurde, daß ſich Martin dazu im Bette auſſetzte.„Ich entferne mich immer weiter von dieſem Gedanken; glauben Sie mir; das Mädchen iſt ſehr unglücklich, Mark. Sie hat mir die Ruhe und den Frieden ihres Herzens auf⸗ geopfert; ſie hat ihr eigenes Intereſſe um meinetwil⸗ len ganz bei Seite geſetzt; ſie kann denjenigen nicht entfliehen, welche ſie quälen und mit eiferſüchtigen Augen bewachen, wie ich gethan habe. Sie muß lei⸗ den, Mark, ſchrecklich dulden, ohne eine Möglichkeit des Handelns vor ſich zu ſehen. Armes Mädchen! auf mein Wort, ich fange an zu glauben, daß Du mehr als ich zu ertragen haſt.“ er 183 Herr Tapley riß die Augen weit auf, ohne jedoch den Sprecher zu unterbrechen. „Und weil wir eben über dieſen Punkt plaudern, Mark,“ fuhr Martin fort,„ſo will ich Ihnen ein Ge⸗ heimniß mittheilen. Der Ring—“ „Welchen Ring, Sir?“ fragte Martin erſtaunt. „Jenen Ring, welchen ſie mir beim Abſchiede gab, ſie kaufte ihn— kaufte ihn, weil ſie wußte, daß ich arm, aber ſtolz ſey— Gott im Himmel! ſtolz!— und Geld brauche.“ „Wer ſagte dieß?“ fragte Mark. „Ich ſage es, ich weiß, ich habe hundertmal darüber nachgedacht, mein guter Kamerad, während Sie bewußtlos da lagen. Ich nahm ihn von ihrer Hand und trug ihn gleich einem Holzſtock an der mei⸗ nigen, und ließ mir den eigentlichen Zweck dieſes Ge⸗ ſchenkes ſelbſt nicht in dem Augenblicke träumen, in⸗ dem ich von ihr ſchied, während doch da eine dunkle Ahnung der Wahrheit mich am erſten hätte ergreifen können! Aber es iſt jetzt ſpät, Mark,“ fügte Martin abbrechend noch bei,„und Sie werden müde und ſchwach ſeyn; ich weiß, Sie ſprechen nur, um mich aufzuheitern! Gute Nacht! Gott befohlen, Mark!“ „Gott ſchütze Sie, Sir,“ dachte Mark, indem er ſein Geſicht vergnügt abwandte.„Ich ſehe ſchon, ich bin wieder einmal hintergangen worden, es iſt Betrug. In einen Dienſt dieſer Art wollte ich niemals treten. Da iſt kein Kredit zu erholen, bei ihm luſtig zu ſeyn!“ Die Zeit enteilte, ein Dampfboot um das andere kam, um wieder Holz zu holen, aber mit ihnen erſchien keine Antwort auf den Brief. Regen, Hitze, Verwe⸗ ſung und ſchädliche Dünſte, das Gefolge von allen den Uebeln, welche ſie erzeugten, rangen gegenſeitig um die Oberhand. Die Erde, die Luft, die Pflanzen, das Waſſer, das ſie tranken, die Nahrung, welche ſie ge⸗ noſſen, und die Luft, die ſie einathmeten, alles wim⸗ melte von tödtlichen Eigenſchaften. Ihre Reiſegefähr⸗ 184 tin hatte ſchon lange zwei Kinder verloren und begrub nun ihr letztes. Solche Dinge ſind viel zu gewöhnlich, als daß ſie in andern Theilen der Erde bekannt und bemitleidet werden könnten. Seine Bürger werden reich, und freundloſe Opfer fiechen dahin, ſterben und — werden vergeſſen. Das iſt Alles!“ Nach langem Harren endlich kam ein Boot den Strom herauf geſchnaubt und machte in Eden Halt. Mark war zur höolzernen Hütte geeilt und wartete bis es landete. Vor Bord wurde ihm ein Brief eingehän⸗ digt, den er augenblicklich zu Martin trug, und beide ſahen einander jetzt zitternd und voll banger Ahnung an. „Es fühlt ſich ſchwer!“ ſtammelte Martin. Er öffnete es und eine kleine Rolle von Thalernoten fiel auf den Boden. Ihre Verwirrung war im erſten Au⸗ genblicke ſo groß, daß keiner von beiden wußte, was er ſprach oder that. Mark jedoch hatte ſo viel Gei⸗ ſtesgegenwart behalten, daß er eilig an den Landungs⸗ platz zurücklief, um zu fragen, wann das Boot wieder⸗ kommen und hier anhalten werde? Die Antwort lau⸗ tete, in zehn oder zwölf Tagen; deſſen ungeachtet pack⸗ ten die beiden Glücklichen ihre geringen Habſeligkeiten noch an demſelben Abende zuſammen. Als dieſes Ge⸗ ſchäft vollendet war, glaubte jeder, er würde den letz⸗ ten der zwölf Tage nicht mehr erleben, und lange fau⸗ len, wenn das Boot erſchiene. Sie waren aber, Gott ſey Dank, doch noch am Leben, als das Boot nach drei langen, peinlichen Wochen erſchien. Eines Morgens vor Sonnenaufgang ſtanden ſie auf dem Verdecke:« „Muth, meine Freunde!“ rief Martin, indem er ſei⸗ nen Hut nach dem ufer ſchwenkte, wo zwei abgezehrte Perſonen ſtanden,„wir werden uns in der alten Welt wieder ſehen:“ „Oder auch in der beſſern,“ murmelte Mark in ſeinen Bart,“ das iſt noch das Allerſchlimmſte, wenn man ſie ſo ruhig, Seite an Seite, ſtehen ſieht!“ Das Schiff ſetzte ſich in Bewegung, ſie ſahen ein⸗ 185 ander an und blickten dann wieder auf das Land zurück, von dem ſie ſich immer mehr und mehr entfernten. Das Wohnhaus mit der offenen Thüre und den ſich darüber beugenden Bäumen, der Morgennebel, die auf⸗ gehende Sonne, welche blutroth hinter den jenſeitigen Bergen empor ſtieg, die Dünſte, welche von Land und Waſſer aufſtiegen, der flüchtige Strom, welcher die lang⸗ weiligen Ufer, die er wuſch, noch flacher, öder und düſterer machte, wie oft kehrte nicht dies Alles in ihren Träumen wieder, und wie glücklich waren ſie dann jedes⸗ mal, wenn ſie erwachten, und fanden, daß es bloß vor⸗ übereilende Schatten geweſen! Neuntes Kapitel. In welchem die Reiſenden heimwärtsziehen und unter Weges eini⸗ gen ausgezeichneten Charakteren begegnen. Unter den vielen Reiſenden auf dem Dampfboote, befand ſich ein kleiner, ſchmächtiger Gentleman, der auf einem Feldſtuhle ſaß und ſeine Füße auf ein hohes Mehlfaß geſtellt hatte, als wollte er mittelſt der Knö⸗ chel die Ausſicht betrachten. Er hatte lange ſchwarze Haare, die in der Mitte geſcheitelt waren und auf beiden Seiten über den Rock⸗ kragen herabhing, er trug einen weißen Hut, ein ſchwar⸗ zes Gewand, deſſen Aermel zu kurz und deſſen Beine zu lang waren, ſchmutzige braune Strümpfe und ge⸗ ſchmierte Schuhe. ſchmudig 6 4 Sein Teint, der ſchon von Natur aus ſchmutzig gelb war, wurde durch eine allzugroße Sparſamkeit an Waſſer und Seife, nur noch ſchmutziger, und daſſelbe galt auch von allen waſchbaren Kleidungsſtücken, die ein wahrer Sumpf bedeckte und die er recht wohl zur eigenen Bequemlichkeit, als zum Vergnügen ſeiner 186 Freunde haͤtte wechſeln können. Er war ungefähr 35 Jahre alt und ſaß zuſammengekauert unter dem Schat⸗ ten eines großen, grünen Regenſchirmes, gleich einer Kuh ſeinen Tabak kauend. In dieſer Hinſicht war nun freilich nichts Auffallen⸗ des in ſeiner Geſtalt, denn am Borde ſchien jeder Gentleman ſich mit ſeiner Wäſcherin entzweit zu haben, und da ſie von Jugend auf nicht zu dieſer Arbeit ge⸗ wöhnt worden waren, ſo wollte ſich auch jetzt keiner mit dieſem armſeligen Geſchäfte befaſſen. Außerdem war der Mund eines jeden Herrn ſtets mit Nauchtabak vollgepfropft, oder auch häufig in ſeinen Gliedmaßen verrenkt. Aber auf dem Geſichte dieſes Gentleman drückte ſich eine merkwürdige Miſchung von Weisheit und Schlauheit aus, welche Martin überzeugte, daß er es hier mit keinem gewöhnlichen Charakter zu thun habe, und es ſtellte ſich ſpäter heraus, daß Martins Vermu⸗ thung gegründet war. „Wie geht's Ihnen, Sir?“ tönte es auf einmal in ſein Ohr. „Und wie befinden Sie ſich?“ ſagte Martin. Es war ein kleiner, ſchmächtiger Gentleman mit einer Teppichmütze und einem langen Rocke von grünem Boy, deſſen Taſchen mit ſchwarzem Sammte ausge⸗ ſchlagen waren, welchen Martin zuerſt anredete. „Sie ſind ein Europäer, Sir?“ 8 „Ja, zu dienen,“ antwortete Martin. „Da könnenSie von Gluück ſagen, Sir!“ Martin dachte anfänglich das nämliche, entdeckte jedoch bald, daß der Gentleman ſeinen Fragen einen ganz andern Sinn unterlege. „Sie ſind ſehr glücklich, ſage ich, Sir, weil Ih⸗ nen daſelbſt die Gelegenheit zu Theil wird, unſern Elyah Pogram genau kennen zu lernen.“ „Ihren Elijah Pogram!“ rief Martin, welcher glaubte, es ſey ein Wort und bezeichne irgend ein merk⸗ würdiges Gebäude. 187 „Ja, Herr!“ Martin verſuchte, ſich das Anſehen zu geben, als verſtehe er ihn jetzt, was jedoch nicht recht gelingen wollte. „Ja, Sir!“ wiederholte der Gentleman,„unſer Elyah Pogram ſitzt in dieſem Augenblicke leibhaftig bei dem Dampffeſſel.“ In dieſem Augenblicke legte der andere Gentleman unter dem Schirme ſeinen rechten Zeigfinger an die Stirn, als brüte er über der wichtigſten Staatsange⸗ legenheit. „Das iſt alſo Elyah Pogram, iſt er es auch wirk⸗ lich?“ fragte Martin. „Ja, Sir,“ erwiderte der Andere.„Das iſt Elyah Pogram!“ „Alle Wetter,“ rief Martin.„Ich bin ganz er⸗ ſtaunt darüber,“ ohne jedoch den geringſten Begriff zu haben, wer eigentlich dieſer Elyah Pogram ſey, denn noch nie in ſeinem Leben hatte er einen derartigen Na⸗ men gehört. „Wenn der Keſſel dieſes Schiffes berſten ſollte,— jetzt, ſo lange er noch daneben ſitzt, Sir,“ fuhr Mar⸗ tins neuer Bekannter fort,„ſo wuͤrde der heutige Tag, in dem Kalender des Deſpotismus, ein eben ſo großer Feſttag wie unſer vierte Juli ſeyn, der einen ſo glor⸗ reichen Eindruck auf das menſchliche Geſchlecht gemacht hat. Ja, Sir, das iſt der ehrwürdige Elyah Pogram, Mitglied des Congreſſes, und einer der größten Geiſter unſeres Landes. Was iſt das nicht für eine Stirn da, Sir?“ „Ganz merkwürdig!“ entgegnete Martin. „Ja, Sir, man ſagt, unſer unſterbliche Chiggle habe, als er die berühmte Pogram⸗Statue in Marmor arbeitete, welche ſo viel Streit und Vorurtheil in Eu⸗ ropa erweckte, bemerkt, daß dieſe Stirn mehr als ſterb⸗ lich ſey. Dies geſchah kurz vor der Pogram⸗Heraus⸗ forderung und iſt deßhalb eine ſchrecklich unverzeihliche Schmähung geweſen.“ „Was iſt die Pogram⸗Herausforderung?“ fragte Martin, der ſich jetzt einbildete, es ſey wahrſcheinlich der Schild eines öffentlichen Wirthshauſes. „Eine Rede, Sir,“ verſetzte ſein Freund. „Ei freilich, wo habe ich doch jetzt wieder hinge⸗ dacht!— Sie forderte..... 2“ „Allerdings forderte ſte die ganze Welt heraus,“ erwiderte der Andere gravitätiſch.„Sie forderte die Welt im Allgemeinen auf, zu einem Weltkampfe mit unſerm Lande aufzutreten, und entwickelte unſere in⸗ nern Quellen, welche uns ſtark genug machen, um ei⸗ nen Krieg gegen das ganze ÜUniverſum anzufangen. Würde es Ihnen angenehm ſeyn, dieſen Elyah Pogram kennen zu lernen, Sir?“ „Wenn Sie die Güte haben wollen!“ ſagte Martin. „Herr Pogram,“ ſagte der Fremde(Herr Pogram hatte jedoch jedes Wort des Geſpräches gehört). Hier iſt ein Gentleman aus Europa, ein Engländer, Sir. Aber ich hoffe, edle Feinde dürfen wohl auf dem neu⸗ tralen Grunde des Privatlebens zuſammentreffen.“ Herr Pogram ſchüttelte Martin die Hände, gleich einem Uhrwerke, das dem Stehenbleiben nahe iſt, machte dies jedoch wieder gut, indem er ſo raſch wie eines das erſt aufgezogen worden, anfing zu kauen. „Herr Pogram,“ ſprach der Vorſteller,„iſt ein öffentlicher Diener, Sir. Wenn der Congreß geſchloſ⸗ ſen iſt, ſo macht er ſich's zur Aufgabe, mit den ein⸗ zelnen Theilen der vereinigten Staaten bekannt zu wer⸗ den, deren reichbegabter Sohn er iſt.“ Es wurde Martin klar, daß wenn der ehrenwerthe Herr Pogram zu Hauſe geblieben wäre und bloß ſeine Schuhe auf die Reiſe geſchickt hätte, ſo würde es am beſten geweſen ſeyn, denn ſie waren die einzigen Theile an ihm, die ſich in der Lage befanden, etwas zu ſehen. Im Laufe der Zeit erhob ſich jedoch Herr Pogram 189 und nahm, nachdem er einige Tabackspflöcke beſeitigt hatte, welche ſeiner Artikulation hinderlich geweſen ſeyn würden, einen andern Standpunkt an, nämlich einen ſolchen, wo ſich hinter ſeinem Rücken etwas zum An⸗ lehnen befand, und begann mit Martin zu ſprechen, ſich dabei fortwährend mit dem grünen Schirme gegen die Sonne ſchützend. Als er ihn mit den Worten„Wie gefällt Ihnen—“ anredete, ſiel Martin ihm in die Rede und rief: „Vermuthlich das Land?“ „Ja, Sir,“ antwortete Pogram. In demſelben Augenblicke kamen einige andere Paſſagiere, welche ſich um die beiden Sprecher ſtellten, um zu hören, was weiter folge. Und Martin hörte ſeinen Freund einem anderen zuflüſtern:„Pogram wird ihm himmelblaue Krämpfe zuziehen, ich ſehe es ſchon voraus!“ „Ei!“ antwortete Martin, nach einem kurzen Nach⸗ denken.„Ich habe aus Erfahrung gelernt, daß Sie kei⸗ nen ſchnöden Vortheil gegen einen Fremden benützen, in⸗ dem Sie dieſe Frage ſtellen. Sie glauben, man könne ſie bloß auf eine Art beantworten, aber ich kann ſie ehrlicher Weiſe auf dieſem Wege nicht beantworten, und deßhalb möchte ich am Liebſten gar ſtillſchweigen.“ Herr Pogram war jedoch Willens, in der nächſten Sitzung eine große Rede über fremde Verhältniſſe zu halten und über denſelben Gegenſtand in einer kräftigen Sprache zu ſchreiben, und da dieſer Gentleman ein Freund der freien und unabhängigen,— dabei auch der frohen und angenehmen— Gewohnheit war, in ver⸗ traulichen Geſprächen ſich alle Arten von Auskünfte zu verſchaffen, die er nachher wieder auf beliebige Weiſe verdrehte, indem er ſie veröffentlichte, ſo hatte er ſich auch vorgeſetzt, ſo oder ſo Martins Anſichten heraus⸗ zulocken. Denn wenn der Fremde nicht geantwortet hätte, ſo wäre er genöthigt geweſen, etwas zu erdich⸗ ten und dieſes würde zu viel Hitze gekoſtet haben. Er 190 notirte ſich des Gefragten Antwort im Geiſte auf und ging dann wieder an ſein Werk, indem er weiter fragte: „Wie hat es Ihnen in Eden gefallen, Sir? Sie kommen doch von dieſer Gegend her?“ Martin ſagte, was er von dieſem Lande dachte, in nicht ſehr gemäßigten Ausdrücken.„Es iſt ſeltſam,“ fuhr Pogram fort, in der Gruppe umherſehend;„dieſer Haß gegen unſer Land und ſeine Inſtitutionen! Welche tiefe Wurzel hat nicht jener National⸗Widerwille in den eng⸗ liſchen Gemüthern gefaßt!“ „Gütiger Himmel,“ rief Martin,„iſt denn die Edenland⸗Corporation mit dem Herrn Scodden an ih⸗ rer Spitze und allem dem Elende, das ſie erzeugt, eine Inſtitution Amerika's, ein Theil von einer Re⸗ gierungsform, von der ich nie noch gehört habe?“ „Ich vermuthe der Grund dieſes ſchrecklichen Haſſes,“ ſprach Pogram, den Faden der Rede wieder anknüp⸗ fend, wo ihn Martin zerriſſen hatte,„liegt zum Theile in der Eiferſucht und dem Vorurtheile, theils in der natürlichen Unfähigkeit des brittiſchen Volkes, die hohen Inſtitutionen unſeres Vaterlandes zu begreifen. Wahr⸗ ſcheinlich, Sir,“ fuhr er gegen Martin gewendet fort, „werden Sie in Eden mit einem Gentleman, Namens Chollop, zuſammen getroffen ſeyn?“ „Ja,“ antwortete Martin,„aber mein Freund kann dieſe Frage beſſer, als ich beantworten, denn ich war zu der Zeit, in der er uns beſuchte, gefährlich krank. Mark, dieſer Gentleman möchte gerne Auskunft über Herrn Choll op. 4 „O ja, Sir! Ja, ich habe ihn geſehen,“ bemerkte Mark. „Ein vorzügliches Subjekt unſers vaterländiſchen Rauchmaterials, Sir?“ ſprach Pogram fragend. „In der That!“ rief Mark. Der ehrenwerthe Elyah Pogram blickte ſeine Freunde an, als wollte er ſagen:„Merkt dies einſtweilen! Gebt jetzt Acht, was weiter folgt!“ Und die Umſtehenden —,— 191 zollten Pograms großem Genius ihren Tribut durch ein höſliches leiſes Gemurmel. „Unſer Landsmann iſt ein Muſterbild des Menſchen, ganz rein von der Natur gebildet!“ erwiderte Pogram voll Enthuſiasmus.„Er iſt ein ächtes Kind dieſer Hemiſphäre— grünend wie die Berge unſerer Heimath, friſch und ſtrömend wie unſere Mineralquellen, unver⸗ dorben von ſiechmachenden Conventionalitäten, wie unſere weiten endloſen Wieſen! Vielleicht mag er etwas rauh ſeyn, aber ſo ſind auch unſere Bären. Wild kann er auch ſeyn, doch das iſt eine Eigenſchaft, die unſere Büffel haben. Aber er iſt ein Kind der Natur und der Freiheit; die kühne Antwort, welche er ſtolzen Tyrannen und Deſpoten gibt, lautet, daß ſeine glän⸗ zende Heimath in der untergehenden Sonne iſt!“ Dieſe Lobeserhebung galt zum Theile Chollop und zum Theile einem weſtlichen Poſtmeiſter, der noch nicht vor ſehr langer Zeit ſeines Amtes wegen Unterſchla⸗ gung(ein Verbrechen, das in Amerika gar nicht ſelten vorkommt), entſetzt wurde, und letzterwähnter Mann ſtimmte für Pogram, weshalb derſelbe von ſeinem Sitze, am Schluſſe eines Congreſſes, die genannten Worte auf einen unpopulären Präſidenten niedergedon⸗ nert hatte. Dieſe Sprache machte einen glänzenden Eindruck auf die Zuhörer, denn ſie riefen ihm Beifall zu und einer ſagte zu Martin:„Er ſey überzeugt, daß, da er jetzt etwas von der Beredtſamkeit ihres Landes gehört habe, er ſich ziemlich niedergeſchmettert fühlen werde!“ Herr Pogram wartete nur bis die Aufregung ſei⸗ ner Freunde ſich etwas gelegt hatte und ſagte dann zu Mark: „Sie ſcheinen nicht mit uns übereinzuſtimmen!“ „Je nun, um die Wahrheit zu ſagen,“ entgegnete Mark,„Herr Chollop gefiel mir nicht ſo ausgezeichnet, Sir. Ich hielt ihn für einen Eiſenfreſſer. Ich konnte ihm keine beſondere Bewunderung zollen, daß er ſtets 192 zwei mörderiſche Ueberreder bei ſich trägt, von denen Gebrauch zu machen, er jeden Augenblick bereit iſt!“ „Es iſt ſeltſam!“ begann Herr Pogram und hob dabei den Schirm ſo weit in die Höhe, daß er ſeine ganze Umgebung betrachten konnte.„Es iſt merkwür⸗ dig! Man ſieht da wieder deutlich den eingewurzelten Haß, den die Britten gegen unſere Inſtitutionen hegen!“ „Was Ihr doch für wunderliche Leute ſeyd,“ rief Martin.„Sind denn Herr Chollop und die Klaſſe, welche er repräſentirt, eine amerikaniſche Inſtitution?“ Sind Piſtolen mit ſieben Läufen, Stockdegen, Bowin⸗ meſſer und andere Dinge Inſtitutionen, auf die Ihr ſtolz ſeyn könnt? Gehören blutige Duelle, rohe Kämpfe, wilde Ueberfälle, das Niederſchießen und Erdolchen auf offener Straße zu Euern Inſtitutionen? Nächſtens höre ich vielleicht gar noch, daß Entehrungen und Be⸗ trügereien zu den Inſtitutionen der großen Republik gezählt werden!“ In dem Augenblicke, wo dieſe Worte ſeinen Lip⸗ pen entflohen waren, blickte der würdige Elyah Po⸗ gram im Kreiſe umher „Dieſer angeborne Abſcheu gegen unſere Inſtitu⸗ tionen,“ bemerkte er,„iſt ein ganzes Studium für den pſychologiſchen Beobachter.“ Er ſpielte jetzt auf die Reputation an. „Eil Ihr könnt Alles zu einer Inſtitution machen,“ ſagte Martin lachend,„und ich wette, daß Ihr auch aus mir eine gemacht habt. Der größte Theil dieſer Dinge wird bei uns von einer Inſtitution umfaßt, die wir mit dem Geſammtnamen„Old Bailey“ bezeichnen.“ Kaum hatte Martin ausgeſprochen, als die Mit⸗ tagsglocke ertönte; jung und alt ſtürzte nun der Cajüte zu, auch der ehrenwerthe Elyah Pogram war ſo in Eile, daß er den Schirm zuzumachen vergaß. Die Flucht ging glücklich bis an die Kajütenthüre, aber hier ſpreizte ſich der verhängnißvolle Schirm mit einer ſolchen Gewalt, daß jeder Ein⸗ oder Ausgang unmög⸗ 193 lich wurde. Für einige Augenblicke erregte dieſes Er⸗ eigniß einen allgemeinen Aufſtand unter den Zurückge⸗ bliebenen, welche die Tafeln ſahen und Meſſer, Ga⸗ beln und Löffel aus Kräften arbeiten hörten, denn ſie wußten nur zu gut, welch' ein ſchreckliches Schickſal ihnen bevorſtehe, wenn ſie nicht bald zu ihren Plätzen kämen, und ſie wurden deßhalb beinahe wüthend. Mitt⸗ lerweile waren einige tugendhafte Bürger bei der Mahl⸗ zeit in Lebensgefahr und erſtickten faſt in ihrem unnatür⸗ lichen Eifer, das aufgetragene Fleiſch bis auf die letz⸗ ten Reſte aufzuräumen, ehe die Andern eindringen könnten. 3 Endlich wurde der Regenſchirm durch Sturm er⸗ obert und die Hungernden ſtürzten gleich Wölfen durch die Breſche hinein. 3 Nach einem ſchweren Kampfe fanden ſich der ehren⸗ werthe Elyah Pogram und Martin Seite an Seite ſitzend, ſo dicht wie es ohngefähr in dem Parterre eines Londoner Theaters, und in den nächſten vier Minuten ſchnappte Pogram ſchon große Brocken von Allem, was er erhaſchen konnte, gleich einem gierigen Raben. Nach⸗ dem er die ungewöhnlich lang verzögerte Mahlzeit ein⸗ genommen hatte, bat er Martin, doch ja ganz frei und offen zu ihm zu ſprechen, denn er ſey ein ruhiger Philoſoph. Dieß freute Martin, welcher ſich bereits mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, Elyah ſey ein Jünger jener andern republikaniſchen Philoſophen⸗ ſchule, welche ihre Grundſätze auf den Körpern ihrer Zöglinge mit Meſſern eingeübt, und dieſe nicht mit Tinte und Poſe, ſondern mit Theer und Federn ſchreibt. „Was halten Sie von meinen, hier gegenwärtigen Landsleuten, Sir?“ fragte Pogram. „O, ſind ſehr angenehme Leute!“ antwortete Martin.* Allerdings eine ſehr ſchöne Geſellſchaft. Niemand ſprach ein Wort, alle hatten wie gewöhnlich ihre ganze Boz, Chuzzlewit. IV. 1s 194 Aufmerkſamkeit auf ihre Schlingorgane gerichtet. Der größte Theil der Anweſenden beſtand aus unflätigen Eſſern. Der ehrenwerthe Elyah Pogram ſah ihn an, indem er dachte:„Ich weiß ſchon, es iſt nicht Dein Ernſt!“ und bald beſtätigte ſich auch ſeine Vermuthung. Neben ihnen ſaß noch ein anderer Gentleman in erquickendem Tabakszuſtande, der einen kleinen Bart von den Ueberfluthungen jenes Krautes hatte, welches an Mund und Kinn geſtant war; dieſer Anblick war jedoch ſo gewöhnlich und allgemein, daß er Martin gar nicht mehr rührte; aber der gute Bürger brannte von dem Gefühle, ſeine Gleichheit mit jedem Andern dar⸗ zuthun, und ſchnitt mit dieſem Vorſatze, nachdem er ſein Meſſer zuerſt durch den Mund gezogen hatte, ein Stück Butter ab, als Martin im Begriffe war, daſſelbe zu thun. Dieſe Großthat hatte etwas ſo Ekelhaftes an ſich, daß ſie ſogar einen Gaſſenkehrer zum Erbre⸗ chen gebracht haben würde. Indem Elyah Pogram(welchem dieſes eine all⸗ tägliche Erſcheinung war), ſah, daß Martin ſeinen Teller zurückziehe und keine Butter nehme, wurde er ſehr vergnügt und ſprach: „Ei ſeht doch! Dieſer verächtliche Haß von Euch Leuten gegen unſere vaterländiſchen Inſtitutionen iſt merkwürdig!“ „Bei meinem Leben!“ rief Martin,„das iſt doch die ſeltſamſte Vereinigung, die ich je geſehen habe! Ein Menſch, der vorſätzlich ein Schwein aus ſich macht, ſoll eine Inſtitution ſeyn!“ 4 „Wir haben keine Zeit uns beſtimmte Formalitäten anzueignen, Sir,“ entgegnete Pogram. „Anzueignen?“ rief Martin;„es i*ſt doch hier wahr⸗ haftig nicht vom Aneigenen die Rede, es handelt ſich einfach blos um das angeborne Schicklichkeitsgefühl, das ſelbſt dem Wilden eigen iſt, und jenen natuͤrlichen Trieb, der einen Menſchen lehrt, den andern nicht zum Ekel zu bringen, nicht ganz auf die Seite zu ſetzen. Glauben Sie denn nicht auch, daß die Natur dieſen Menſchen anders erzogen hat, daß er aber ein Vergnü⸗ gen daran findet und es für ſchön hält, ſich bei jeder Gelegenheit dem Thiere gleich zu machen!“ „O! er iſt in unſerem Vaterland geboren, und daher von Natur aus raſch und ſchön,“ verſetzte Herr Pogram. „Merken Sie auf, Herr Pogram, wozu dies noch führen wird,“ fuhr Martin fort.„Der größte Theil Ihrer Landsleute beginnt ſtörriſch die kleinen Gebräuche der Geſelligkeit zu verſäumen, dieſelben ſtehen zwar in keiner Verbindung mit Adel, Gewohnheit, Regierung oder Land, ſind aber Zeichen der gewöhnlichſten und natürlichſten Höflichkeit, die jedem Menſchen eigen ſeyn ſoll. Ihr ſteift ſie darin, weil Ihr alle Angriffe auf ein ſolches Verfahren, das allen Geſetzen der menſch⸗ lichen Kultur entgegen iſt, mit beißenden Antworten erwiedert, und es für einen eigenthümlich ſchönen Zug Eurer Nation erklärt. Von ſolcher Nichtachtung klei⸗ ner Verpflichtungen kommt das Volk nach und nach zu größern, und hält es zuletzt noch für einen National⸗ zug, ſeine Schulden nicht zu bezahlen. Was ſie ſpäter thun werden, oder wozu und wie weit es mit ihnen kommen wird, weiß ich nicht, aber Jedermann kann ſehen, wenn er will, daß etwas Aehnliches daraus wer⸗ den wird, nach dem Gange der Natur werden muß.“ Herr Pogram beſaß einen viel zu philoſophiſchen Geiſt, um dies einſehen zu können. Nach aufgehobener Tafel verließen ſie wieder die Kajüte und gingen auf das Deck, woſelbſt Elyah ſeinen vorigen Platz wieder einnahm und ſich in einen lethargiſchen Zuſtand kaute, der faſt bis zur Beſinnungsloſtgkeit ſtieg. Nach einer langen, mühſamen Reiſe gelangten die beiden Freunde endlich wieder an dieſelbe Werfte, wo Mark bei ihrer Abfahrt beinahe zurückgeblieben wäre. 3 13* Kapitän Kedgick, der Wirth, ſtand daſelbſt und war hoͤch⸗ lich überraſcht, ſie ausſteigen zu ſehen. „Alle Wetter!“ rief der Kapitän,„das iſt doch merkwürdig!“ „Wahrſcheinlich werden wir bis Morgen bei Ihnen bleiben können, Kapitän?“ ſprach Martin. „Calculire, Sie können zwölf Monate hier bleiben, wenn es Ihnen beliebt,“ entgegnete Herr Kedgick kalt. „Aber unſere Leute werden wohl keine große Freude ha⸗ ben, Sie wieder zu ſehen!“ „Wie, Kapitaͤn Kedgick! Es ſollte ſie nicht freuen!“ rief Martin. „Sie haben erwartet, daß Sie ſich anſiedeln wür⸗ den,“ antwortete Kedgick kopfſchüttelnd.„Sie können nicht läugnen, daß die Leute in dieſem Punkte getäuſcht worden find.“ „Was meinen Sie damit?“ fragte Martin. „Sie hätten die Aufwartung dieſer Leute nicht au⸗ nehmen ſollen. Das hätten Sie ſollen bleiben laſſen!“ ſagte der Kapitän. „Mein lieber Freund,“ erwiederte Martin,„habe ich ſie denn verlangt? War es denn von meiner Seite ein Akt des freien Willens! Haben nicht Sie mir ſelbſt geſagt, es gebe einen Aufſtand und ich würde gleich einer wilden Katze geſchunden werden? Wurde mir nicht mit der ſchrecklichſten Rache gedroht, wenn ich ſie nicht an⸗ nehmen würde?“ „Davon weiß ich nichts,“ ſagte der Kapitän.„Aber wenn die Jabots unſerer Leute aus der Wäſche kommen, ſind ſie hübſch ſteif geſtärkt, das kann ich Sie verſichern!“ Mit dieſen Worten kehrte er ſich zu Mark und ſchloß ſich an ihn an, während Martin und Pogram vorangingen. „Sie ſehen, wir ſind, Gott ſey Dank, wieder leben⸗ dig zurückgekommen,“ bemerkte Mark. „Das hätte ich nicht vermuthet,“ erwiederte der Kapitän.„Ein Mann hat kein Recht, ein öffentlicher zu 197 ſeyn, wenn er nicht auch die öffentlichen Anſichten theilt. Unſere faſhionabeln Leute würden Ihnen nicht ihre Auf⸗ wartung gemacht haben, wenn ſie dies vorher gewußt hätten.“ Nichts war im Stande den Kapitän zu erweichen, der es ſehr übel zu nehmen ſchien, daß unſere beiden Wanderer nicht in Eden geſtorben waren. Die Koſt⸗ gänger des National⸗ Gaſt⸗Hauſes hegten über dieſen Punkt gleiche Meinung, und es war ein großes Glück, daß ſie nicht viel Zeit hatten, über ihre Täuſchung nach⸗ zudenken, da ſie wie raſend über den ehrenwerthen Elyah Pogram herfielen und beſchloßen, ihm ihre Aufwartung zu machen. 4 Da das gemeinſchaftliche Abendmahl ſchon vorüber war, als das Boot ankam, ſo nahmen Martin, Mark und Pogram ihren Thee und Fipings geſondert an der öffentlichen Tafel ein, und noch waren ſie nicht damit zu Ende, als die Deputation eintrat, welche dem ehren⸗ werthen Congreßmitgliede die ihm zugedachte Ehre an⸗ kündigen ſollte. Die Deputation beſtand aus ſechs Män⸗ nern und einem vorwitzigen Knaben. „Sir!“ begann der Sprecher. „Herr Pogram!“ rief der vorwitzige Knabe. Der Sprecher an die Anweſenheit des vorwitzigen Knaben erinnert, ſtellte ihn vor: „Doktor Ginery Dunkle, Sir! Ein Gentleman von großen poetiſchen Elementen. Er iſt erſt kürzlich hieher gekommen und ein koſtbares Gut für uns, das verſichere ich Sie, Sir.“ „Herr Jodd, Sir. Herr Jzzord, Sir. Herr Julius Bib, Sir.“ „Julius Washington Herryweather Bib,“ ſprach der Gentleman für ſich ſelbſt. „ Ich bitte um Verzeihung, Sir. Entſchuldigen Sie mich; Herr Julius Washington Herryweather Bib, Sir — ein Gentleman in Angelegenheiten, des Holzhandels, Sir, und ſehr geachtet. Oberſt Groper, Sir, Profeſſor Piper, Sir. Mein eigener Name, Sir, iſt: Oscar Buffum!“ Jeder der Anweſenden trat bei der Nennung ſeines Namens einige Schritte vor, nickte dem ehrenwerthen Herr Pogram zu, ſchüttelte ihm die Hand und trat dann wieder zurück. Als die Vorſtellungen vorüber waren, nahm der Sprecher das Wort und ſagte: „Sir!“ „Herr Pogram!“ ſchrie der vorwitzige Knabe. „Vielleicht,“ ſagte der Sprecher mit einer betrübten Miene,„wollen Sie, Doktor Ginery Dunkle, die Güte haben, ſich unſeres kleinen Auftrages ſelbſt zu entledigen,?“ Da dem vorwitzigen Knaben nichts ſo erwünſcht wie dieſe Aufforderung kam, trat er bereitwillig ſogleich einen Schritt vor und begann: „Herr Pogram! Sir! Eine Handvoll unſerer Bür⸗ ger, die von Ihrer Ankunft in dem Nationalhotel gehört hat, und den patriotiſchen Charakter Ihrer öffentlichen Dienſte zu würdigen weiß, wünſcht, Sir, daß ihr das Glück zu Theil werde, Sie zu ſehen, in nähere Ver⸗ bindung mit Ihnen zu treten, und ſich mit Ihnen zu unterhalten, Sir, in jenen Augenblicken, welche....“ „So beſonders,“ flüſterte Buffum. „Welche ſo beſonders das Loos unſeres großen und glücklichen Vaterlands iſt, Sir.“ „Hört!“ rief der Oberſt Groper mit lauter Stimme, „vortrefflich! Hört ihn!“ „Und darum erbitten ſie ſich,“ fuhr der Doktor fort, „als einen Beweis ihrer Achtung und Verehrung, die Ehre, Ihrer Geſellſchaft, Sir, heute Abend um acht Uhr bei einem kleinen Lever, an der Damen⸗table d'hôte!“ Herr Pogram verbeugte ſich und antwortete:„Mit⸗ bürger!“ „Gut!“ ſchrie der Oberſt.„Hort ihn! Sehr gut!“ Herr Pogram verneigte ſich gegen den Oberſt be⸗ ſonders und fuhr fort: 7 +——— 199 „Eure Würdigung meiner Bemühungen für die ge⸗ meinſchaftliche Sache geht mir zu Herzen. Zu allen Zeiten, an allen Orten— au der Damen⸗table d'hôte, meine Freunde, auf dem Schlachtfelde—“ „Vortrefflich! Hört ihn! Hort ihn!“ rief der Oberſt. „Der Name Pogram wird ſtolz ſeyn, ſich mit Cuch zu verbinden, und möge einſtens auf meinem Grabſteine geſchrieben werden: Er war ein Congreßmitglied un⸗ ſeres gemeinſchaftlichen Vaterlandes und hat treu gear⸗ beitet in ſeinem Amte.“ „Das Committee, Sir, erwartet Sie, Sir, fünf Minuten vor acht Uhx,“ ſagte der Knabe.„Ich beur⸗ laube mich, Sir.“ Herr Pogram drückte ihm und jedem andern Gent⸗ leman die Hände. Als ſie Abends fünf Minuten vor acht Uhr wieder⸗ kamen, ihn abzuholen, ſagte einer, nach dem andern mit melancholiſcher Stimme: „Wie geht's, Sir?“ und ſie drückten ſich abermals die Hände, mit ſo viel Herzlichkeit, als hätten ſie ſich ein ganzes Jahr nicht geſehen und kämen jetzt erſt wie⸗ der bei einem Leichenbegängniſſe zuſammen. In der Zwiſchenzeit hatte ſich Herr Pogram auf⸗ gefriſcht, Haar und ſein Geſicht ſo trefflich nach der Pogram's⸗Statue hergerichtet, daß Jedermann, der ihn ſah, erſtaunt ausrief:„Das iſt er, wie er die Heraus⸗ forderung ſpricht!“ Das Committee beſtand auch aus kunſtreich aus⸗ geſchmückten Mitgliedern, und als der Gaſt in das Ge⸗ mach der Damen⸗table d'hote trat, hörte man das Klatſchen von Damen⸗Händen, begleitet von dem Aus⸗ ruf:„Pogram! Pogram!“ und einige ſtanden ſogar auf den Stühlen, um ihn beſſer ſehen zu können. Das Subjekt der populären Zärtlichkeit blickte, wahrend es hinaufging, im Zimmer umher und lächelte, indem er zugleich dem vorwitzigen Knaben bemerkte, daß er wohl Vieles von den ſchönen Töchtern ihres gemein⸗ 200 ſchaftlichen Vaterlandes zu ſprechen wiſſe, aber noch nie. in einem ſolchen Grade von Vollkommenheit und ſolchem Glanze geſehen habe, wie hier in dieſem Augenblicke. Der vorwitzige Knabe ließ den andern Tag zu Pograms großem Erſtaunen dieſes in die Zeitung ſetzen. „Wir bitten Sie, Sir, wenn es Ihnen gefällig iſt,“ ſagte Buffum und legte die Hand an ihn, als wolle er das Maß zu einem Ueberrocke nehmen,„ſich mit dem Rücken gegen die Wand gekehrt in die oberſte Ecke zu begeben, damit für unſere übrigen Mitbürger mehr Raum iſt. Wenn Sie Ihren Rücken feſt an den Vorhangnagel lehnen und das linke Bein dicht hinter den Ofen halten möchten, ſo könnten wir herrlich fixirt werden.“ Herr Pogram folgte dieſem Rathe und kauerte ſich in eine ſo kleine Ecke zuſammen, daß man in ihm un⸗ möglich die Pograms⸗Statue wieder erkannt haben würde. Nun fingen die Abendunterhaltungen an, Herren führten Damen vor, ſtellten ſich ſelbſt vor und erwieſen ſich gegenſeitig dieſen Dienſt. Hie und da wurde Elyah Pogram gefragt, was er von dieſer oder jener politiſchen Frage denke; man ſah ihn an, betrachtete einander und ſchien ſehr unglücklich zu ſeyn. Die Damen auf ihren Plätzen blickten durch Gläͤſer nach Ehyah und ſagten halblaut: „Ich wünſchte, er ſpräche! Warum ſſt er denn ſo ſchweigſam. O! bitte, redet ihn doch an!“ Und Pogram ſchaute bald auf die Damen, bald wo anders hin, manchmal ſenatoriſch ſeine Meinung ſa⸗ gend, wenn er gerade darum gebeten wurde. Doch das große Ziel und der erhabene Zweck der Zuſammenkunft ſchien einzig darin zu beſtehen, Pogram nicht aus der obern Ecke zu laſſen, denn dort hielt man ihn feſt eingezwängt. Nach Verlauf einiger Zeit verkündete ein heftiger. Laͤrmen an der Thür die Ankunft merkwürdiger Per⸗ ſonen; in demſelben Augenblick nahm man einen ält⸗ lichen Gentleman wahr, der ſich mit der größten An⸗ 1 1 ) 1 7 201 ſtrengung durch die Maſſe drängte, und ſich einen Weg zu Herrn Elyah Pogram bahnte. Martin hatte glücklicher Weiſe ein geborgenes Plätz⸗ chen gefunden, von wo aus er die ganze Verſammlung überſehen konnte, Mark ſtand an ſeiner Seite(denn jetzt vergaß er ihn nicht mehr ſo oft wie früher, obgleich es doch noch manchmal vorkam), und Erſterer glaubte, als er des Gentleman anſichtig wurde, ihn ſchon einmal geſehen zu haben, aber der letzte Zweifel verſchwand, indem derſelbe ſo laut als möglich mit rollenden Au⸗ gen rief: „Sir, Mrs. Hominy!“ „Gott behüte dieſes Weib, Mark, ſie iſt ſchon wieder da,“ rief Martin. 3 „Hier kommt ſie, Sir,“ antwortete Herr Tapley, „Pogram kennt ſie! Ein öffentlicher Charakter! Immer iſt ihr Auge auf das Land gerichtet. Wenn der Gatte dieſer Dame meinen Begriffen von ihm entſpricht, was muß er dann für ein artiger alter Gentleman ſeyn!“ Rechts und links wichen die Leute auseinander, es bildete ſich eine förmliche Gaſſe, und Madame Hominy ging mit ariſtokratiſchem, feierlichem Schritte, das Sacktuch in den gekreuzken Händen, langſam hinauf. Herr Pogram war ſichtbar erfreut, ſie zu ſehen. Ein allgemeines„Bſt!“ ſchallte durch den Saal, denn man vermuthete, daß, wenn eine ſo große Dame, wie Mrs. Hominy, mit einem Gentleman gleich Herrn Pogram ſpreche, gewiß etwas ſehr Intereſſantes ver⸗ handelt werden müſſe. Die erſten Begrüßungen wurden mit zu leiſen Stimmen geſprochen, als daß ſie die ungeduldigen Oh⸗ ren des Volkes erreichen konnten; bald jedoch ſprach Madame Hominy vernehmlicher, denn ſie fühlte ihre Lage und wußte, was von ihr erwartet wurde. Anfangs ſetzte Mrs. Hominy dem Congreßmitgliede hart zu, und ſtellte ein ſtrenges Examen wegen eines von ihm gegebenen Votums an, welches ſie, als Mutter 2⁰2 der modernen Graechen, augenblicklich durch eine Zeile in deutſchem Texte zu widerlegen für nöthig gefunden hatte. Aber Herr Pogram entkam der Antwort durch eine zeitige Anſpielung auf das mit Sternen beſäte Banner, welches die ſeltene Eigenſchaft zu haben ſchien, die Brieſe zu verſpotten, ſo wie es aufgehißt war, wo⸗ her auch immer der Wind blies. Nun wurden ver⸗ ſchiedene Fragen über den Tarif, über Handelsverträge, Gränzſtreitigkeiten, Importation und Ausfuhr geſtellt, und mit großem Nachdrucke beantwortet. Mrs. Hominy ſprach nicht nur, wie man ihm Sprüchworte ſagt, wie ein Buch, ſondern führte auch Wort für Wort den In⸗ halt ihrer eigenen Bücher an. „Was iſt dies?“ rief Mrs. Hominy, als ihr durch ihren aufgeregten Begleiter ein kleines Briefchen über⸗ geben wurde.„Sprechen Sie, was ſoll es bedeuten? Ah! nun weiß ich's! Man denke nur!“ Und dann las ſie laut, wie folgt: „Zwei literariſche Damen melden der Mutter der modernen Gracchen ihre Komplimente und flehen ihre talentvolle Mitbürgerin an, ſie dem ehrenwerthen und ausgezeichneten Elyah Pogram, deſſen ſprechenden Marmor des ſeelengewinnenden Chiggle ſie ſo oft be⸗ trachtet hatten, vorzuſtellen.— Einigen früheren Aeuße⸗ rungen der Mutter der Gracchen zufolge, daß ſie die Bitte der beiden Damen erhören wolle, würden ſie alsbald das Vergnügen haben, ſich einer Verſammlung anzuſchließen, die den patriotſchen Charakter eines Pograms ehren will. Es mag vielleicht auch dazu die⸗ nen, ein neues Band der Einigkeit um die beiden Damen und die Mutter der modernen Gracchen zu ſchlingen, wenn dabei bemerkt wird, daß die zwei Da⸗ men transcendental ſind.“ Mrs. Hominy erhob ſich jetzt ſchnell und eilte der Thüre zu, von wo aus ſie dann nach einigen Minuten mit genannten Damen zurückkehrte; ſie führte dieſelben mit der merkwürdig ſtolzen Haltung, welche ihr eigen 203 war, durch das Gedränge vor den großen Elyah Po⸗ gram. Es war(wie der vorwitzige Knabe in ſeinem Entzücken ausrief) ganz die letzte Scene von Coriolan. Eine der Damen trug eine braune ungeheurePerücke. An der Stirn der Andern ſtack, durch irgend ein un⸗ ſichtbares Mittel befeſtigt, ein maſſiver Kamm, in Form, Größe und Farbe einer Penny⸗Himbeertorte, welche vornen das Kapitol zu Washington ſehen ließ. „Miß Toppit und Miß Codgers!“ ſprach Mrs. Hominy. „Wenn ich nicht irre, iſt Codgers die Dame, welche ſo oft in den engliſchen Zeitungen erwähnt wird, Sir,“ flüſterte Mark.„Es muß der älteſte Einwohner ſeyn, der ſich ihrer nicht etwas erinnert.“ „Einem Pogram durch eine Hominy vorgeſtellt zu werden, iſt ein Augenblick, der höchſt erſchütternd auf das, was wir Gefühl nennen, wirkt,“ ſprach Miß Codgers.„Aber warum wir es ſo nennen, oder wa⸗ rum es Eindruck macht, ob es überhaupt fähig iſt, ſolche anzunehmen, ob ſie wirklich beſtehen, ob eine Hominy, ein Pogram wirklich beſtehen, oder blos ſpiri⸗ tuelle Weſen ſind, welchem wir dieſe Namen beilegen, dies ſind den Geiſt ermüdende Fragen, viel zu groß und erhaben, um ſo unvorbereitet beantwortet zu wer⸗ den.“ 3 „Geiſt und Körper,“ ſprach die Dame in der Perücke,„enteilen gleich raſch in dem Strome der Unendlichkeit. Man ſchreit um das Erhabene, aber friedlich ſchläft das ſanfte Ideal in den flüſternden Kam⸗ mern der Imagination. Wie ſüß iſt es, ihre zarten Töne zu vernehmen. Aber dann ſpottete der ernſte Philoſoph und ruft dem Grotesken zu:„Was bedeutet dies? Ergreift es für meinen Wirkungskreis! Geht, bringt es mir! Und ſo entſchwindet das Geſicht.“ Nach dieſen Worten ergriffen ſie Herrn Pograms Hand und preßten ſie an ihre Lippen, wie eine patrio⸗ tiſche Palme. Die Mutter der modernen Grachen rief 204 jetzt nach Stühlen und die drei literariſchen Damen begannen ihr Werk im Ernſte, den armen Pogram außer Faſſung zu bringen und ſich in ihrer ganzen geiſtigen Herrlichkeit zu entfalten. Wie Herr Pogram augenblicklich aus ſeiner Tiefe geholt wurde und wie die drei Damen ſich nie in der ihrigen befanden,— das iſt ein Geſchichtchen, nicht des Erwähnens werth. Es möge hinreichen zu wiſſen, daß alle Biere ſich außerhalb ihrer Tiefen befanden, und da ſie nicht ſchwimmen konnten, ſo warfen ſie ihre Worte in famo⸗ ſem Zappeln nach allen Richtungen und Gegenden um⸗ her. Uebrigens wurde im Ganzen bemerkt, daß noch nie ein ſtärkerer und geiſtreicherer Wortkrieg geführt wor⸗ den, und eine groͤßere geiſtige Verwirrung in dem Nationalhotel ſtatt gefunden habe, als an jenem Tage. Thränen ſtanden in des vorwitzigen Knaben Augen und die ganze Geſellſchaft gab zu verſtehen, daß Allen der Kopf ſchmerze von der zu großen geiſtigen Anſtrengung — und ſie mögen auch recht gehabt haben! Als man endlich die Nothwendigkeit einſah, Po⸗ gram aus ſeiner Verbannung zu befreien, und das Comité ihn glücklich in das nächſte Zimmer gebracht hatte, ließ das Volk ſeine Bewunderung erſt recht laut werden. „Sie müſſen ſich jetzt Luft machen oder Sie berſten,“ ſprach Herr Buſtum.„Herr Pogram, ich bin Ihnen außerſt dankbar. Mein Herz iſt erfüllt mit hoher Ach⸗ tung und großer Verehrung gegen Sie, Sir! Das ein⸗ zige, was ich von meinen Gefühlen auszudrücken im Stande bin, iſt der Wunſch, daß Sie immer ſo feſt wie Ihre Marmorſtatue ſtehen möchten, daß diefelbe ſtets ein ſo großer Schrecken für die Feinde ſeyn möchte, wie Sie es waren.“ Hier iſt jedoch einiger Grund zu der Vermuthung vorhanden, daß ſie ihrem Freunde etwas ſchrecklich war, da die Marmorſtatue, aus der großen oder Ko⸗ boldenſchule hervorgegangen, ihn in ſtarkem Sturme 205 darſtellte, die Haare vom Kopfe wegſtehend und die Naſenlöcher weit aufgeblaſen. Aber Herr Pogram dankte ſeinem Freunde und Landsmann für den edeln Wunſch, und das Comitte zog ſich nach einigem ſchlaffen Händedrücken zurück, um ſich der Ruhe zu überlaſſen, den Doktor ausgenommen, welcher ſogleich nach dem Zeitungs⸗Büreau lief, um dort ein Gedicht über die Ereigniſſe des Abends zu ſchreiben. Es begann mit vierzehn Sternen und trug die Ueberſchriſt:„Ein Frag⸗ ment, eingehaucht durch einen Auftritt, in welchem der ſehr ehrenwerthe Elyah Pogram ſich mit Dreien der ſchönſten Töchter Columbias in eine philoſophiſche Diſputation einließ. Von Dr. Ginery Dunkle. Troja.“ Wenn Pogram ſich ſo vergnügt wie Martin zu Bette legte, ſo mußte ſeine Arbeiten ein ſchöner Erfolg gekrönt haben. Am andern Morgen verkauften Martin und Mark ihre Mobilien um jeden Preis an den Händ⸗ ler wieder, von dem ſie dieſelben vor Kurzem gekauft hatten, und wurden noch einmal Pograms Reiſege⸗ fährten auf dem kurzen Wege nach New⸗York. Als Pogram im Begriffe war, von ihnen Abſchied zu nehmen, wurde er nachdenkend, und nachdem er einige Minuten geſchwiegen hatte, nahm er Martin bei Seite und ſprach: „Wir ſind im Begriffe, uns zu trennen, Sir.“ „Machen Sie ſich keinen Kummer daraus, bitte ſehr, Sir,“ antwortete Martin,„das Schickſal will es einmal ſo, und wir müſſen uns ergeben!“ „Sie irren ſich, es iſt dieſes ganz und gar nicht der Fall,“ verſetzte Pogram.„Ich wünſchte blos, daß Sie ein Exemplar meiner Rede mit ſich nähmen.“ „Danke Ihnen,“ ſagte Martin.„Sie ſind ſehr gütig, es wird mich äußerſt glücklich machen!“ „Auch dies, mein Herr, ſtimmt nicht ganz mit der Wahrheit überein,“ fuhr Pogram fort.„Ich frage nur, getrauen Sie ſich genanntes Exemplar mit in Ihr Vater⸗ land zu nehmen?“ 206 „Ei warum denn nicht, Sir?“ erwiderte Martin. „Die darin ausgeſprochenen Anſichten ſind ſtark,“ deutete Pogram dunkel an: „Das macht keinen Unterſchied,“ verſetzte Martin. „Wenn Sie wollen, nehme ich ein ganzes Dutzend mit!“ „Nein, Sir!“ ſprach Pogram,„kein Dutzend. Das iſt mehr, als ich verlange. Wenn Sie ſich der Gefahr hingeben wollen, Sir, ſo haben Sie hier eines für Ih⸗ ren Kanzler,“ hierbei zog er die Druckſchrift aus ſeiner Taſche—„und da ein anderes für Ihren erſten Mintſter. Ich möchte ſehen, welchen Eindruck es auf ſie machte. Aber ſie ſollen die Anſichten und Grundſätze darin kennen lernen, welche ich hege, und deshalb in der Zukunft nicht ihre Unwiſſenheit als Vertheidigung anführen kön⸗ nen. Doch bitte ich Sie, Sir, ſich nicht um meinet⸗ willen der Gefahr auszuſetzen!“ „Auf mein Wort, es iſt nicht die geringſte Gefahr dabei,“ wiederholte Martin. Er ſteckte nun die Exemplare in ſeine Taſche und nahm Abſchied. Herr Bevan, hatte noch ferner in ſeinem Briefe bemerkt, daß er um eine gewiſſe Zeit und dieſe Zeit war gerade glücklicher Weiſe herangenaht, in einem be⸗ zeichneten Hotel zu New⸗York, eintreffen werde und ſich ſehr danach ſehne, ſie zu ſehen. Augenblicklich und ohne Zögern machten ſich die beiden Reiſenden nach dieſem Hôtel auf. Es wurde ihnen die große Freude zu Theil, ihren gemeinſchaftlichen Freund ſogleich zu finden und mit der ihm eigenen Herzlichkeit und Wärme empfangen zu werden. „Es iſt mir ſehr leid und ich ſchäme mich beinahe,“ begann Martin,„als Bettler vor Ihnen ſtehen zu müſ⸗ ſen. Aber ſehen Sie uns an, was wir ſind, und urtheilen Sie dann, ob wir nicht herunter gekommen ſind!“ „Ich bin weit davon entfernt, Sir, zu glauben, daß ich mir durch die Gefälligkeit, welche ich Ihnen er⸗ wieſen habe, ein Verdienſt erworben hätte. Auf mir laſtet hingegen der Vorwurf, unwillkurlich, der erſte Im⸗ — G9——9 8— u— GU 8 N— 207 puls zu Ihrem Unglücke geweſen zu ſeyn. Ich bildete mir nicht im Traume ein, daß Sie nach den erhaltenen Vorſtellungen nach Eden gehen wüͤrden, obgleich ich mir anfangs dachte, es ſey dieſes der Ort, an welchem Sie am Erſten von Ihren ſeltſamen Begriffen, Reich⸗ thümer zu gewinnen, geheilt würden!“ „Die eigentliche Thatſache iſt,“ ſagte Martin,„daß ich den Entſchluß in einem aufgeregten Augenblicke faßte und dann gleich ausführte. Mark hatte keine Stimme dabey!“ „Je nun, er wird auch in andern Dingen nichts zu ſagen gehabt haben?“ entgegnete Bevan mit einem Lächeln, welches zeigte, daß er Martin und Mark durch⸗ ſchaue. „Ich fürchte,“ antwortete Martin erröthend,„daß ſeine Stimme nicht die mächtigſte war. Doch wir ſind auf der Welt, um zu lernen, Herr Bevan! Je näher wir am Sterben ſind, deſto ſchneller lernen wir!“ „Jetzt,“ ſprach der edle Freund,„zu Ihren Planen für die Zukunſt. Sie haben im Sinne, nach der Hei⸗ math zu wandern?“ „Ol wir ſind es Willens,“ erwiderte Martin haſtig, denn er wechſelte die Farbe ſchon bei dem bloßen Ge⸗ danken an einen andern Plan.„Sie werden hoffentlich auch derſelben Meinung ſeyn?“ „Ohne Zweifel! denn ich wüßte gar nicht, warum Sie hieher kamen. Leider muß ich ſagen, daß ſolche Fälle ſo oft vorkommen, daß es keiner weitern Erläute⸗ rung bedarf. Sie wiſſen vielleicht noch nicht, daß das Schiff, mit welchem Sie hieher gekommen ſind, nebſt unſerm Freunde, dem General Fladdock, im Hafen liegt.“ „Wirklich!“ rief Martin. „Ja. Und wird bis morgen ſegelfertig ſeyn.“ Dies war eine erſchreckende, aber auch zugleich angenehme Neuigkeit für Martin, denn er wußte, daß ſein Bemühen, Arbeit zu erhalten, am Borde eines ſolchen Schiffes nutzlos ſeyn würde. Das Geld in ſeiner Taſche würde 208 nicht im Stande ſeyn den vierten Theil der bereits ge⸗ machten Schulden zu bezahlen, und wenn es auch hin⸗ reichend geweſen wäre, die Koſten der Heimreiſe zu beſtreiten, ſo hätte Martin es doch nie über ſich vermocht, die Summe anzugreifen. Er theilte dies Herrn Bevan mit und erklärte ihm ſeinen Plan. „Ei, das iſt nun ein eben ſo wilder Gedanke, wie der, nach Eden zu gehen!“ entgegnete Bevan.„Sie müſſen Ihre Reiſe wie ein Chriſt machen, zum Wenigſten wie ein Chriſt als Vorder⸗Kajüten ⸗Paſſagier thun muß, und noch einige Thaler mehr von mir entlehnen, als es Ihre Abſicht war. Wenn Mark an das Schiff gehen will, um zu ſehen was für Paſſagiere da ſind und findet, daß Sie ohne erſtickt zu werden, mitreiſen können, dann lautet mein Rath:„Gehen Sie!“ Mittlerweile konnen Sie und ich uns in der Stadt umſehen. Wenn Sie nicht gerne zu Herrn Norris gehen, ſo iſt es nicht nö⸗ thig, daß wir ihn beſuchen; und dann, Sir, diniren wir alle drei zuſammen.“ Martin kannte für dieſen Augeunblick keine andern Gefühle, als die der innigſten, wärmſten Dankbarkeit. Er ſuchte ſie auf alle mögliche Art auszudrücken. Als Mark das Zimmer verlaſſen hatte, eilte ihm ſein glück⸗ licher Gefährte noch nach und empfahl ihm, auf jeden Fall auch Plätze auf der Schraube zu beſtellen, ſelbſt wenn ſie nur auf dem Decke liegen müßten, was Herr Tapley, dem über dieſen Gegenſtand keine beſondere Eile zu empfehlen war, treulich zu thun verſprach. Sobald er mit Martin wieder zuſammen traf, und die beiden Freunde allein waren, ſchien Mark vorzüglich guter Laune zu ſeyn und etwas mitzutheilen zu haben, was ihm Ehre mache. 4 „Ich habe Herrn Bevan angeführt, Sir!“ rief er. „Herrn Bevan angeführt?“ wiederholte Martin. „Der Koch des Schiffes iſt geſtern ausgetreten und hat geheirathet, Sir!“ ſagte Herr Tapley. Martin ſah ihn an, als wünſche er weitere Aufklärung. „ 2⁰9 „Wie ich nun an Bord kam und das Wort aus⸗ geſprochen war, daß ich es ſey,“ fuhr Mark fort, „kommt da nicht der Mate daher und fragt mich, ob ich nicht Luſt hätte, auf der Heimreiſe die Stelle beſagten Koches zu erſetzen,“ indem er weiter ſpricht: Sie ſind bei unſer Abfahrt ein Koch für jedermann geweſen!“ Und da hat er recht gehabt, das war ich auch, obgleich ich Ihnen mein Ehrenwort geben kann, daß ich nie zuvor in meinem Leben gekocht hatte!“ „Was ſprechen Sie?“ fragte Martin. „Was ich ſage!“ rief Mark.„Einfach das, daß ich auf Alles würde eingegangen ſeyn, nur um von hier fort zu kommen: Wenn die Sachen ſo ſtehen,“ ſprach der Mate,„gut, ſo bringt denn ein Glas Wein,“ was augenblicklich geſchah. Und mein Lohn, Sir,“ ſprach Mark in großer Begeiſterung,„zahlt Ihre Ueberfahrt, und nun habe ich noch zu guter Letzt das Rollholz in Ihr Beeth gelegt, um es in Beſitz zu nehmen(es iſt das bequeme in der obern Ecke), und da ſind wir nun wieder. Juheiſa Vivat Britannien! Und die Britten ziehen heim!“ „Es gibt doch keinen ſo guten Menſchen mehr auf der Erde, wie Sie ſind, mein lieber Mark,“ entgegnete Martin und drückte ihm die Hand.„Aber was meinen Sie damit, daß wir Bevan hintergangen hätten, Mark?“ „Ei! ſo ſehen Sie es denn noch nicht?⸗ ſprach Mark.„Wir ſagen ihm, das verſteht ſich von ſelbſt, nichts von dieſem Vorfalle. Wir nehmen zwar ſein Geld, geben es jedoch nicht aus und behalten es auch nicht. Das Einzige was wir thun iſt, daß wir ihm ein kleines Billet ſchreiben, worin meine Anſtellung ge⸗ meldet wird; wir rollen Alles zuſammen und laſſen es dann in dem Wirthshauſe, damit es nach unſrer Abreiſe Herrn Bevan übergeben werde. Sehen Sie es jetzt noch nicht ein, Sir!“ Martins Freude über dieſen herrlichen Einfall Boz, Chuzzlewit. Iv. 14 3 21⁰0 ſtand dem Entzücken ſeines Freundes nicht nach. Nach den Vorſchlägen des Letzteren wurde Alles eingerichtet. Sie verlebten einen ſchönen Abend, ſchliefen im Hoôtel, ließen den Brief zurück und gingen den andern Morgen mit ſo leichtem Herzen auf das Schiff, wie ſie nur Menſchen haben können, die lange, ſchwere Leiden ausgeſtanden, und für die endlich die Erlöſungsſtunde geſchlagen hatte. „Leben Sie wohl, hundertmal Adieu,“ rief Martin noch ihrem Wohlthäter zu.„O, wie ſoll ich Ihnen für all Ihre Güte danken?“ „Wenn Sie ein reicher oder mächtiger Mann werden ſollten,“ entgegnete Herr Bevan,„ſo bemühen Sie ſich, Ihre Regierung zu bewegen, daß ſie mehr Sorgfalt auf ihre Unterthanen wende, die ausziehen, ihr Glück in fremden Ländern zu ſuchen. Sagen Sie ihr aus Ihren eigenen Erfahrungen, mit welch kleiner Mühe viel Elend verhindert werden könnte!“ „Luſtig, Jungen! Luſtig! Die Anker ſind ge⸗ lichtet, das Schiff ſegelt munter! Sein ſtämmiges Bugſpriet ſteht gerade nach England. Amerifa liegt hinter uns, gleich einer dunkeln Wolke!“ „Nun, mein Koch, was ſind Sie ſo ſinnend?“ fragte Martin. „Ich dachte mir nur, wenn ich jetzt ein Maler wäre und erhielte den Auftrag, den amerikaniſchen Ad⸗ ler zu malen, wie ich es dann anfangen ſollte!“ er⸗ wiederte Mark. „Ich dächte, ſo gut adlerähnlich, als Sie könnten,“ verſetzte Martin. „Nein,“ ſprach Mark,„das taugt nichts für mich, da müßte ich ihn denn malen gleich einer Fledermaus, wegen ſeiner Kurzſichtigkeit— wie eine Boutam, we⸗ gen ſeiner Prahlerei— wie eine Elſter, wegen ſeiner Ehrlichkeit— wie einen Pfau, wegen ſeiner Eitel⸗ keit— und gleich einem Strauß, weil er, wie dieſes — — 211 Thier, ſeinen Kopf in den Sand ſteckt und dann glaubt, man ſehe ihn nicht!“ „Und gleich einem Phönir wegen der Schnellig⸗ keit ſeines Fluges, mit der er ſich aus dem Staube ſeiner Sünden und Laſter wieder zum reinen Aether ſchwingt!“ entgegnete Martin.„Muth, Mark! Laſſen Sie uns das Beſte hoffen!“. Zehntes Kapitel⸗ Ankunft in England. Martin wohnt einer Scene bei, welche ihm die glückliche Ueberzeugung gewährt, daß er während ſeiner Abwe⸗ ſenheit in der Heimath nicht ganz vergeſſen worden ſey. Als das Dampfboot an einem Mittage ankam, war eben Hochwaſſer in dem engliſchen Hafen, für welchen die Schraube beſtimmt war, und ſie wurde nun von den ſchäumenden Fluthen vollends hinein ge⸗ tragen und warf im Strome den Anker aus. Schön, friſch, voll Regſamkeit, frei und glänzend wie die Gegend war, ſo erſchien ſte dennoch todt und düſter im Vergleiche mit den freudigen Gefühlen, welche in den Herzen unſerer beiden Wanderer bei dem Anblicke der Kirchen, Dächer und der dunkeln Schorn⸗ ſteine der Heimath glühten. Das ferne Getöſe, welches heiſer von den geſchäftigen Straßen hertönte, klang wie Muſik in ihren Ohren. Die Reihen von Menſchen, die von den Werften niederblickten, kamen ihnen wie lauter theure Freunde vor. Die Rauchdecke, welche über der Stadt hing, ſchien ihnen heller und glänzen⸗ der, als wenn die reichſten perſiſchen Seidenſtoffe in der Luft geweht hätten. Obgleich das Waſſer unruhig hin und her wogte, um die großen Schiffe zu umgau⸗ keln, zu necken und ſie in die Höhe zu heben, von den 14 212 Ruderblättern in ganzen Maſſen glänzender Diamanten fiel, und die luſtigen Wellen mit müßigen Booten ſcherzten, ſo war es doch noch ruhig, nicht halb ſo be⸗ wegt, wie ihre klopfenden Herzen in dem Augenblicke, als ſie den vaterländiſchen Boden wieder betraten. Ein einziges Jahr nur war verfloſſen, ſeit dem die bei⸗ den Freunde zum letzten mal dieſe Thürme und Daͤcher geſehen hatten. Ihnen ſchienen es jedoch 10 Jahre ge⸗ weſen zu ſeyn. Hie und da bemerkten ſie eine kleine Veränderung und ſtaunten, daß deren ſo wenige und ſo unbedeutende ſeyen. Sie kamen viel ärmer an Ge⸗ ſundheit, Glück, Ausſehen und Hülfsquellen zurück, als ſie ausgezogen waren. Aber es war doch die Hei⸗ math— ein Wort, das größere Kraft beſitzt und maͤch⸗ tigern Zauber auf das menſchliche Gemüth übt, als ein Zauberer oder der erſcheinende Geiſt je in einer Beſchwörung entwickelt hat. Da unſere Freunde mit ſehr geringer Baarſchaft in den Taſchen und ohne einen beſtimmten Plan im Kopfe an das Land ſtiegen, ſo war es ihr erſtes Ge⸗ ſchäft, einen wohlfeilen Gaſthof aufzuſuchen, wo ſie ſich dann ein dampfendes Beef⸗Steak und einige Krüge ſchäumenden Bieres ſo vortrefflich ſchmecken ließen, wie es nur bei Menſchen der Fall ſeyn kann, welche nach einer langen, mühſamen Seereiſe in den erſten Leckerbiſſen der Heimath ſchwelgen. Nachdem ſie ſich gleich zwei beſcheidenen Rieſen gelabt hatten, ſchürten ſie das Fener auf, zogen den Vorhang am Fenſter zu⸗ rück und bereiteten ſich durch Vereinigung zweier ſchwer⸗ fälliger Stühle eine Art Sopha und blickten ſelig auf die Straße hinaus. Sogar auch die Straße ſchien ſich verwandelt zu haben, indem ſie zur Hälfte in eine Atmoſphäre aus Beef⸗Steak und ſtarkem engliſchen Bier eingehüllt zu ſeyn ſchien, und auf den Fenſterſcheiben lag eine ſolche Staubmaſſe, daß Herr Tapley lange mittelſt ſeines Sacktuches reiben mußte, bis er es endlich ſo weit * — 213 brachte, daß die Vorübergehenden ihnen gleich andern Menſchen erſchienen. Und überdieß noch ſtiegen aus ih⸗ ren zwei Gläſern, die mit heißem Grog gefüllt waren, ſo dichte Wolken auf, daß die beiden Freunde einander beinahe unſichtbar wurden. Man hatte ihnen eines jener kleinen Zimmer an⸗ gewieſen, die nur in Schenken gefunden werden, und vermuthlich ihre Entſtehung der Bequemlichkeit zu ver⸗ danken haben, mit welcher der Architekt während der Er⸗ bauung des Gaſthofes dahin gelangen konnte, um ſeinen Trunk einzunehmen. Das Gemach hatte mehr Ecken, als das Gehirn eines wunderlichen Mannes, war mit verrenkten Schrän⸗ ken angefüllt, in welche nichts aufgehoben werden konnte, was nicht eigentlich für dieſen Zweck gemacht war, und hatte geheimnißvolle Thüren und Scheidewände, ſo wie Spuren von Stiegenhäuſern in der Decke. Eine Glocke war ſehr künſtlich angebracht und läutete unge⸗ fähr zwei Hand breit ober dem Griffe ſelbſt, ſo daß ſie deßhalb mit keinem andern Theile des Hauſes in Be⸗ rührung kam. Es lag ein wenig tiefer als das Stra⸗ ßenpflaſter und ſtieß dicht an daſſelbe, ſo daß die Vorüber⸗ gehenden mit ihren Köpfen und Körben ſich an den Fenſtern wetzten. Gottloſe Knaben traten plötzlich zwi⸗ ſchen den gedankenvollen Gaſt und das Licht, verſpot⸗ teten ihn, ſtreckten ihm auch ihre Zungen entgegen, wie wenn er ihr Arzt ſey, oder machten weiße Knoten an ihre Naſen, indem ſie deren Spitzen gegen die Fen⸗ ſter drückten und dann gleich ſchauerlichen Geſpenſtern verſchwanden. Martin und Mark betrachteten die Leute, welche auf und ab wogten, und beſprachen ſich dabei über den nächſten Schritt, den ſie thun wollten.„Wir werden nun freilich vor Allem Mary zu ſehen wünſchen,“ be⸗ gann Mark. 1„Natürlich,“ antwortete Martin.„Nur weiß ich nicht, wo ſie iſt. Da ich nicht das Herz gebabt habe, 214 ihr in unſerm Unglück zu ſchreiben(ſie ſelbſt hielt es für das Beſte, zu ſchweigen), und deßhalb ſeit unſerm erſten Abgange von New⸗York auch nichts mehr von ihr gehört habe, ſo weiß ich denn nicht, wo ſie ſich aufhält, mein guter Freund.“ „Meine Meinung iſt,“ erwiederte Mark,„daß das Beſte, was wir thun können, ſeyn wird, geraden Wegs nach dem blauen Drachen zu reiſen, Wenn Sie⸗ nicht wollen, ſo iſt es nicht unumgänglich nöthig, daß Sie an einen Ort gehen, wo man Sie kennt. Sie kön⸗ nen zehn Meilen davon entfernt bleiben, ich gehe dann allein hin. Mrs. Lupin wird mir alle Neuigkeiten ſa⸗ gen, und ich bin überzeugt, Herr Pinch wird uns mit der größten Freude über alles Andere Auskunft geben. Mein Vorſchlag wäre, noch dieſen Nachmittag abzurei⸗ ſen und zwar zu Fuß. Wir ruhen aus, wenn wir müde ſind, ſetzen uns hie und da auf, und gehen, wenn uns dieß Glück nicht zu Theil wird, ganz. Wir führen das Ganze nach meiner Anſicht ſo ſchnell und ſo wohlfeil, als nur möglich iſt, aus.“ „Wenn es nicht auf eine höchſt billige Art geſchieht, ſo werden wir ſchwerlich weiter kommen,“ verſetzte Mar⸗ tin, indem er ſein Geld herausnahm und es über⸗ zählte. „Um ſo mehr Grund, keine Zeit zu verlieren!“ rief Mark.„Haben Sie nur einmal die junge Dame geſehen und wiſſen Sie, wie es dem alten Gentleman geht, dann iſt der Augenblick gekommen, weitere Plane zu entwerfen, Sir!“ „Sie haben ganz recht,“ erwiederte Martin. Eben waren ſie im Begriffe, Mary's Wohl zu trinken und hoben ihre Gläſer auf, als ihre Hände plötzlich wie verſteinert waren und ihre Augen eine Geſtalt anſtarrten, welche langſam, gravitätiſch und nachdenkend in demſelben Momente am Fenſter vor⸗ über ging. Herr Pecksniff. Ruhig, gelaſſen, aber ſtolz. Ehr⸗ ——— 215⁵ lich ſtolz, beſonders ſorgfältig gekleidet, mit mehr als gewöhnlicher Freundlichkeit lachelnd, in mäßiger Ent⸗ fernung von allen gemeinen Gedanken, über die Schön⸗ heit ſeiner Kunſt ſinnend; wie er ſo langſam an dem Fenſter vorüberzog, nahm er ſich gleich einer Geſtalt in einer magiſchen Laterne aus. Als Herr Pecksniff vorübergegangen war, kam eine neue Perſon von der entgegengeſetzten Richtung her und ſtand, als ſie ihn gewahr wurde, augenblicklich ſtille, indem ſie ihm voll Intereſſe und Reſpekt, ja beinahe voll Verehrung nachſah. Auch der Wirth ſtürzte aus dem Hauſe, indem er ſeiner anſichtig wurde, geſellte ſich zu der erwähnten Perſon, ſprach mit ihr, drückte gravitätiſch ihre Hand und ſchaute Herrn Pecks⸗ niff nach. Martin und Mark betrachteten ſich erſtaunt, als dürften ſie ihren Augen nicht trauen, aber hier ſtand ja noch der Wirth und die andere Perſon. Trotz des gerechten Unwillens, den Pecksniffs Erſcheinung in Martins Herzen erweckt hatte, mußte er zuletzt doch herzlich lachen und Mark that daſſelbe. „Wir müſſen Aufklärung darüber erhalten,“ rief Martin.„Mark gehen Sie und fragen Sie den Wirth.“ Herr Tapley eilte dieſem Wunſche zufolge aus dem Zimmer und kehrte nach Verlauf einiger Minuten mit dem dickköpfigen Wirthe zurück. „Bitte, mein Herr Wirth,“ redete ihn Martin an, „wer war dieſer Gentleman, der ſo eben vorbei ging und dem Sie ſo lange nachgeſehen haben?“ Der Wirth ſchürte das Feuer, als ſinne er dar⸗ über nach, ſeine Antwort in ein möglich vortheilhaftes Licht zu ſetzen, er ſchien ſogar gegen den Kohlenpreis ganz gleichgültig geworden und ſprach, indem er ſeine Hände in die Taſchen ſteckte:. „Der große Herr Pecksniff, der berühmte Architekt, meine Herren!“ Bei dieſen Worten ſah er einen um den andern 216 an, als ſey er bereit, dem erſten, der über dieſe Nach⸗ richt in Ohnmacht fallen würde, theilnehmend beizu⸗ ſtehen. „Der große Herr Pecksniff, der berühmte Archi⸗ tekt, meine Herren,“ fuhr der Sprecher fort,„iſt hier⸗ her gekommen, den Grundſtein zu einem prächtigen öf⸗ fentlichen Gebäude legen zu helfen.“ „Soll es nach ſeinem eigenen Riſſe aufgeführt werden?“ entgegnete Martin. „Der große Herr Pecksniff, dieſer berühmte Bau⸗ künſtler, meine Herren,“ begann der Wirth wieder, dem es ein beſonderes Vergnügen zu machen ſchien, dieſe Worte wiederholt auszuſprechen,„erhielt den erſten Preis, und wird nun das Gebäude aufführen.“ „Wer legt den Grundſtein?“ fragte Martin weiter. „Unſer Mitglied iſt ausdrücklich deshalb gekom⸗ men,“ verſetzte der Wirth.„Keine Lumpen kann man zu dieſem Zwecke brauchen. Mit einer geringern Per⸗ ſon würden unſere Direktoren nicht zufrieden geweſen ſeyn. Es mußte unſer Mitglied aus dem Hauſe der Gemeinen, das für die gentlemänniſchen Intereſſen ge⸗ wählt wurde, kommen.“ „Was ſind dies für Intereſſen?“ entgegnete Martin. „Wie, kennen Sie das nicht!“ rief der Wirth. Es war nun klar, daß es der Wirth ſelbſt nicht wußte; man ſagte ihm in der Verſammlung immer nur, er ſolle fuͤr die gentlemänniſche Seite ſtimmen, und er that augenblicklich ſeine Stolpenſtiefel an und that es. „Wann wird die Ceremonie ihren Anfang neh⸗ men?“ ſprach Martin.. „Heute noch,“ entgegnete der Wirth, indem er auf ſeine Uhr ſah;„ja, in dieſem Augenblicke, Sir.“ Martin erkundigte ſich jetzt ſchnell, ob nicht irgend eine Möglichkeit vorhanden ſey, das Schauſpiel mit an⸗ ſehen zu können, und als er die Antwort erhielt, daß dem Eintreten einer anſtändigen Perſon nicht das Geringſte — 217 in den Weg gelegt werde, falls nicht ſchon alle Plätze beſetzt ſeyen, eilte er mit ſeinem Freunde davon, dem bezeichneten Orte zu. Sie waren ſo glücklich in einer Ecke noch einen bequemen Platz zu finden, von wo aus ſie Alles genau beobachten konnten, ohne jedoch in Gefahr zu ſeyn, von Herrn Pecksniff entdeckt zu werden. Auch waren ſie keine Minute zu früh gekommen, denn noch waren ſie im Begriffe, ſich über die vor⸗ treffliche Lage ihres erhaſchten Lauſchwinkels Glück zu wünſchen, als auf einmal ein großer Lärm entſtand und Jedermann nach der Thüre ſah. Einige Damen bereiteten ſchon ihre Taſchentücher zum Schwenken, aber ein demüthiger Lehrer der Armen⸗ ſchule, welcher den Weg verfehlt hatte, trat ein. So⸗ bald man die Täuſchung wahrnahm, brach ein förmliches Donnerwetter über den unſchuldigen Mann los. „Vielleicht hat er Tom bei ſich“, flüſterte Martin Herrn Tapley zu. „Meinen Sie nicht, Sir, daß dieß allzuviel für ihn ſeyn würde?“ antwortete Mark. Doch jetzt war keine Zeit, um ſich über die gegenſeitigen Vermuthungen be⸗ ſprechen zu können, denn Paar und Paar erſchienen nun die Kinder der Armenſchule in reinliche Linnen gekleidet und ſenkten durch ihren Anblick eine ſo große Selbſt⸗ zufriedenheit in die Herzen der Anweſenden, welche nicht ſubſcribirt hatten, daß Vielen glänzende Tropfen in die Augen kamen. Den Kindern folgte eine Muſikbande an⸗ geführt von einem Tambour, welcher mit der größlen Gewiſſenhaftigkeit ſein Amt verſah; hinter dieſen gien⸗ gen viele Gentlemen, die Stäbe in den Händen trugen und deren Knopflöcher mit farbigen Bändern verziert waren. Ueber ihre Funktionen jedoch konnte man nicht ins Reine kommen, wenn es nicht vielleicht dieſe war, ſich gegen⸗ ſeitig auf die Zehen zu treten und den Eingang für eine Weile zu verſperren. Dann erſchien der Mayor und die Corporation, welche ſich um das Mitglied des Unterhauſes 218 geſammelt hatte, letzteres führte Herrn Pecksniff an der Hand und flüſterte recht angelegentlich mit ihm. Jetzt ließen die Damen ihre Taſchentücher wehen, die Herren ſchwenkten die Hüte, die Waiſenkinder jubelten und das Mitglied für das gentlemänniſche Intereſſe verbeugte ſich. Nachdem die Ruhe wieder hergeſtellt war, rieb ſich das Mitglied für das gentlmänniſche Intereſſe die Hände, neigte den Kopf und ſah mit einer vergnügten Miene umher,— und über Alles was das Mitglied that, brach eine oder die andere der Damen in ein begeiſtertes Schwenken ihres Sacktuches aus. Betrachtete er den Stein, ſo riefen ſie:„Wie anmuthig!“ Sah er in das Loch hinab, ſag⸗ ten ſie:„Wie herablaſſend!“ Unterhielt er ſich mit dem Mayor, ſo meinten ſie:„Wie manierlich!“ Kreuzte er die Arme, ſo ſchrien Alle zuſammen?„Ganz wie ein Staatsmann!“ Von Herrn Pecksniff wurden dieſelben Bemerkun⸗ gen gemacht. Plauderte er mit dem Mayor, ſo ſagten ſie:„Er iſt ein ausgezeichnet höflicher Mann!“ Wenn er ſeine Hand auf die Schulter des Maurers legte, ihm Befehle ertheilend, wie bezaubernd war da nicht ſein Benehmen gegen die Handwerksleute Er gehörte ganz der Klaſſe derjenigen Männer an, die den armen, theu⸗ ren Seelen ihre Arbeiten zu Vergnügungen machen! Aber nun wurde eine ſilberne Kelle gebracht, und als das Mitglied der gentlemänniſchen Intereſſen ſeinen Aermel zurückſchlug und ein wenig Mörtel aufnahm, erbebte die Luft von dem ungeſtümen Beifallrufen des Volkes. Die Art, mit welcher er es that, war der eines gelernten Handwerksmannes ſo ähnlich, daß man nicht begreifen konnte, woher ein ſolcher Staatsmann dieſe Fertigkeit habe. Nachdem er eine Art von Mörtel⸗Paſtete unter der Anlei ung des Maurers gemacht hatte, brachte man eine kleine Vaſe, in welcher verſchiedene Münzen lagen. Das ehrenwerthe Mitglied für die gentlemänniſchen —— —e— 219 Intereſſen ruttelte daran und ließ die Munzen ſo hef⸗ tig klingen, als wollte er einen Geiſt beſchwören, und dieß war dann gleichfalls wieder ſehr luſtig, ganz aller⸗ liebſt und ſehr ſinnreich. Die Vaſe wurde wieder an ihren Platz geſetzt und ein alter Gelehrter las die In⸗ ſchrift, welche in lateiniſcher— nicht in engliſcher Sprache, denn dieſe würde nimmermehr dazu gepaßt haben— geſchrieben war. Sie gewährte große Be⸗ friedigung, beſonders ſo oft ein langes Subſtantivum im Ablative der dritten Deklination, von einigen Ad⸗ jektiven begleitet, ve⸗kam. In ſolchen Perioden wurde die ganze Geſellſchaft zärtlich und eigentlich wehmüthig geſtimmt. 4 Und jetzt ließ man unter dem Jubel des Volfes den Stein an ſeine Stelle nieder. Als er feſt war, nahm das Mitglied der gentlemänniſchen Intereſſen die Kelle und klopfte mit dem Griffe derſelben dreimal darauf, als wollte er in einem Anflug von humoriſti⸗ ſcher Laune anfragen, ob jemand zu Hauſe ſey. Dann entfaltete Herr Pecksniff ſeine Plane(aus⸗ gezeichnet großartige Plane) und die Leute drängten ſich um ihn, ſie zu bewundern. Martin, welcher ſich während dieſer ganzen Zeit ſchwer geärgert hatte— zwar, wie Mark behauptete, ganz unnöthiger Weiſe— konnte jetzt ſeinen Unwillen nimmer länger unterdrücken, ſondern drängte ſich mit einigen andern Leuten vor und ſchaute ungenirt über die Schulter des Herrn Pecksniff, der nichts von ſeiner Gegenwart ahnte, auf die Riſſe, welche derſelbe ent⸗ faltet hatte. Schäumend vor Wuth kehrte er wieder zu Mark zurück. „Ei! Was gibts denn, Sir?“ rief Mark. „Alle Wetter! dieß iſt mein Riß!“ „Ihr Plan, Sir?“ fragte Mark. „Meine lateiniſche Schule. Ich habe den Plan eniworfen und ausgeführt. Der elende Menſch hat 22⁰ nur vier Fenſter hineingezeichnet und dadurch das Ganze verdorben!“ Mark wollte dieß anfänglich nicht glauben, aber als ſein Begleiter feſt auf ſeiner Behauptung blieb, fand er es zuletzt für nöthig, Martin von dieſem Platze zu entfernen, um dadurch eine unzeitige Einmiſchung von ſeiner Seite zu verhindern. Zu derſelben Zeit hielt das Mitglied der gentlemänniſchen Intereſſen eine Rede an das Volk über die große That, welche er eben aus⸗ geübt hatte. Er ſagte— daß er, ſeitdem er in dem Parlamente ſitze, nur für die Intereſſen der Gentlemen dieſer Stadt — und, wie er hoffe, außerdem auch für die der Damen aſchentücher)— geſprochen und es ſich zu einem Grund⸗ atze gemacht habe, öfter in ihrem Kreiſe zu verweilen, und auch an andern Orten ſeine Stimme zu ihren Gun⸗ ſten zu erheben(Taſchentücher und Gelächter). Aber noch nie ſey er mit einem ſolchen Vergnügen in ihrer Geſell⸗ ſchaft geweſen, und noch nie habe er ſeine Stimme ſo begeiſtert und ſo freudig für ſie erhoben, als es in die⸗ ſem Augenblicke der Fall ſey.„Die gegenwärtige Ge⸗ legenheit,“ fuhr er fort,„wird ſtets lebhaft in meinem Gedächtniſſe wohnen, nicht nur aus den vorhin genann⸗ ten Urſachen, ſondern weil mir auch dabei das Gluck zu Theil wurde, perſönlich mit einem Gentleman bekannt zu werden— hierbei deutete er mit der Kelle auf Herrn Pecksniff, der unter dem ſchallenden Beifallrufen, das ihm gebracht wurde, die Hand auf das Herz legte. „Mit einem Gentleman, welcher, wie ich ſo glück⸗ lich bin vorauszuſehen, nur Ruhm und Gewinn von dieſem Felde ernten wird, deſſen Ruf ſchon lange zu mir gedrungen iſt— weſſen Ohren ſollte er nicht erreicht haben?— doch deſſen geiſtvolle Züge zu ſchauen und deſſen ausgezeichnete Unterhaltung zu genießen mir erſt heute zum erſtenmale vergönnt wurde.“ Alle Anweſenden ſchienen ſehr erfreut darüber zu ſeyn und applaudirten mehr als jemals. N N un=n— n 221 „Aber ich hoffe, mein ehrenwerther Freund,“ ſagte das gentlemänniſche Mitglied— wahrſcheinlich auch noch beifügend, wenn er es erlaube, ihm dieſen Namen zu geben, was dann Herr Pecksniff ohne Zweifel mit einer Verbeugung beantwortet hätte—„wird mir noch⸗ manche Gelegenheit geben, ihn näher kennen zu lernen, damit ich mich nach vielen Jahren noch der Erinnerung an dieſen Tag freuen und ſagen kann, an ihm zwei Grundſteine gelegt zu haben, deren Gebäude mein gan⸗ zes Leben hindurch dauern werden!“ Wiederholt großer Jubel. Nur Martin verwünſchte Pecksniff Berg auf und Berg ab. „Mein Freund!“ begann Herr Pecksniff als eine Erwiederung auf das Vorhergegangene.„Meine Pflicht iſt, zu bauen, nicht zu ſprechen, nicht zu plaudern, ſon⸗ dern zu handeln, mit Marmor, Steinen und Ziegeln, nicht mit öffentlichen Reden zu verkehren. Ich bin ſehr ergriffen. Gott ſegne Sie!“ Dieſe Rede, welche offenbar aus Peckniffs Herzen zu kommen ſchien, ſteigerte die allgemeine Begeiſterung bis zur höchſten Stufe. Die Taſchentücher ſflatterten wieder, die Armenhaus⸗Kinder wurden ermahnt, Herrn Pecksniff lauten Beifall zuzurufen, die Korporation, die Gentlemen mit den farbigen Bändern, das Mitglied für die gentlemänniſchen Intereſſen, Alles wetteiferte, Herrn Pecksniff Lob zu zollen.„Drei Hurrah für Herrn Pecksniff! Nochmal drei für Herrn Pecksniff, wenn es Ihnen gefällig iſt, meine Herren! Noch ein Hurrah für Herrn Pecksniff, noch ein kräftiges, zum Schluſſe!“ Kurz, Herr Pecksniff gewann endlich ſelbſt die Ueberzeu⸗ gung, daß er ein großes Werk ausgeführt habe, und fand auch einen ſehr reichen, wohlwollenden, großmüthi⸗ gen Lohn dafür. Als die Prozeſſion ſich entfernt hatte und Martin und Mark faſt ganz allein auf dem Platze zurückgeblieben waren, bildeten die Verdienſte des großen Mannes und der Wunſch, daß ſie von jedermann anerkannt werden 2 22 moͤchten, das Tagesgeſpräch. Er ſtand bloß dem gent⸗ lemänniſchen Mitgliede nach. „Vergleiche man nun dieſes Elenden Lage mit der unſrigen heute!“ rief Martin bitter. „Gott bewahre Sie, Sir,“ entgegnete Mark,„zu was ſoll dieß nützen. Einige Architekten ſind ſo ge⸗ ſcheidt, die Pläne zu entwerfen, und andere ſo geſcheidt, ſie auszuführen. Aber es wird am Ende doch noch Alles recht werden, es wird noch Alles gut gehen!“ „Und in der Zwiſchenzeit?“ fragte Martin. „In der Zwiſchenzeit, wie Sie es zu nennen belie⸗ ben, Sir, haben wir viel zu thun und einen langen Weg zu machen!“ „Sie ſind der beſte Lehrer von der Welt, und ich will, wenn ich anders kann, kein unfolgſamer Schüler ſeyn. Den beſten Fuß vorwärts, mein alter Freund!“ Eilftes Kapitel. Tom Pinch zieht hinaus, ſein Glück zu ſuchen. Was er gleich im Anfange findet. O! welch eine ganz andere Stadt war Salisbury in Toms Augen, als der ſubſtanzielle Herr Pecksniff ſei⸗ nes Herzens in einen leeren Traum verſchwunden war! Er beſaß noch denſelben Glauben an die wundervollen Läden, noch dieſelbe Meinung von dem geheimnißvollen Weſen und der Gottloſigkeit dieſes Platzes, er machte die nämlichen Berechnungen von ſeinen Reichthümern, ſeinen Hülfsquellen und ſeiner Bevolkerung, und doch war es nicht mehr die alte Stadt, oder trug auch nur die ge⸗ ringſte Aehnlichkeit mit der ehemaligen. Während man im Gaſthofe das Frühſtück bereitete, begab er ſich auf den Markt, und obgleich der Markt noch der alte war, wie früher, von Kaͤufern und Ver⸗ —-—— 223 käufern wimmelnd, die munter ihren Geſchäften nach⸗ gingen, wiederhallend von dem Gewirre der Zungen, dem Gackern der Hühner in den Käfigen, erquickend in der gleichen Schauſtellung von goldgelber Butter, die auf Leinwand von ſchimmernder Weiße ſich präſentirte, grün von lockenden, bethanten Gemüſen, einladend durch die Höckerkörbe mit ihren kleinen Rafirſpiegeln, Schnür⸗ bändern, Schnallen, Hoſenſtegen und anderer kurzen Waare, durchwürzt durch die endloſen Buden mit deli⸗ katen Schweinsfüßen und Paſteten von dem Fleiſche des edlen Thieres, welches einſt auf jenen umherlief, bereitet,— aber doch kam Tom jetzt Alles ſo ganz an⸗ ders vor. In der Mitte des Marktplatzes vermißte er die Statue, welche er dort und an jedem andern Orte, den er beſuchte, aufgeſtellt hatte; Alles ſchien ihm jetzt öde, kahl und ohne allen Schmuck. Der Wechſel machte jedoch keinen tiefern Eindruck auf Toms Gemüth, denn Tom beſaß lange noch nicht ſo viel Klugheit, um zu wiſſen, daß, wenn man ſich in einem Menſchen getäuſcht, es ganz recht und vernünftig ſey, Keinem mehr zu trauen, und auf dieſe Art ſich an der Menſchheit im Allgemeinen zu rächen. So ſehr auch dieſes Stückchen von Gerechtigkeit, von tief denkenden Poeten und ehrenwerthen Männern aufrecht zu halten verſucht wird, ſo hat es doch mehr Aehnlichkeit mit der Gerechtigkeit des gutmüthigen Veziers von Bagdad in Tauſend und Einer Nacht, der alle Laſtträger in Bag⸗ dad und der Umgegend ermorden ließ, weil man glaubte, daß einer von dieſer unglücklichen Brüderſchaft ſich ver⸗ gangen habe, als mit was immer für einem logiſchen Syſteme, des chriſtlichen gar nicht zu gedenken, welches in letztern Zeiten von der Welt beliebt wurde. Tom war ſo lange gewohnt geweſen, mit dem Pecks⸗ niff, ſeinem Ideale, den Thee zu verſüßen, ihn als But⸗ ter auf ſeine Schnitte zu ſtreichen, und ihn in dem Hochgenuſſe ſeines Bieres einzuſchlürfen, daß er am erſten Morgen nach ſeiner Vertreibung nur ein ärm⸗ 224 liches Frühſtück hatte. Auch verbeſſerte das ernſte Nach⸗ denken über ſeine Lage und das Berathen mit ſeinem Freunde, dem Organiſten⸗Gehülfen, ſeinen Appetit zum Mittageſſen nicht ſonderlich. Der Organiſten⸗Gehülfe beſtand auf ſeiner Anſicht, daß er, ehe er auf einen weitern Plan ſinne, ſich nach London begeben müſſe, denn hier ſey kein Platz für ihn. Aber Tom hatte auch ſchon früher an London, an ſeine Schweſter und an John Weſtlock, ſeinen alten Freund, gedacht, deſſen Rath ihn in ſeiner mißlichen Lage am erſten hätte aufrichten können. Er beſchloß aus dieſem Grunde nach London zu gehen, und bald wanderte er auf das Poſtbureau, ſich einen Platz zu be⸗ ſtellen. Da die Kutſche ſchon überfullt war, ſah er ſich gezwungen, ſeine Abreiſe bis auf die folgende Nacht zu verſchieben, aber auch ſogar dieſer Umſtand hatte ſowohl ſeine gute, als ſeine ſchlimme Seite, denn obwohl ſeine arme Börſe mit einer unerwarteten Steuer bedroht war, ſo bot ſich ihm doch eine günſtige Gelegenheit dar, an Mrs. Lupin zu ſchreiben, und ſie anzuſprechen, ihm ſei⸗ nen Koffer nach dem vielfach erwähnten alten Wegweiſer zu ſenden, damit er im Stande ſey, ſeinen Schatz mit nach der Hauptſtadt zu nehmen und dabei das Fuhrlohn zu erſparen. 5 „So,“ ſagte Tom, indem er verſuchte, ſich ſelbſt zu tröſten,„wird es beinahe ſo breit, als es lang iſt.“ Es iſt nicht zu widerſprechen, daß er, wie er ein⸗ mal ſo weit gekommen war, ein ungewohntes Gefühl von Freiheit empfand, dem unbeſtimmten, inſtinktartigen Eindruck eines Feiertaghaltens, der eigentlich ſchwelgeriſch war. Er hatte auch ſeine Momente der Niedergeſchla⸗ genheit und des Zagens, und dieſe waren ziemlich zahl⸗ reich; aber doch fand er ein beſonderes Vergnügen in dem Gedanken, daß er ſein eigener Herr ſey und für ſich ſelbſt Pläne und Entwürfe machen könne. Es war ſchwer zu begreifen, jedoch eine entſchiedene Wahrheit, daß eine ewige Entmuthigung und ein Selbſt⸗ 225 mißtrauen ſeine ſteten Begleiter waren, aber welcher Gattung ſeine Sorgen immer angehören möchten, ſo fühlte er eine beſonders warme Zuneigung für die Spei⸗ ſen des Gaſthofes, und der Wohlgeſchmack dieſer zog einen träumeriſchen Nebel zwiſchen ihm und ſeinen An⸗ ſichten, in welchem die Letzteren hie und da in einem ſehr vortheilhaften, magiſchen Lichte auftauchten. In dieſem unruhigen Gemüthszuſtande kehrte Tom noch einmal zu ſeinem Vierpföſter in der Nähe der bei⸗ den Oelbilder zurück, velche den verſtorbenen Wirth aus dem fetten Ochſen darſtellte, und ähnlich geſtimmt ver⸗ brachte der arme Pinch den ganzen folgenden Tag. Als endlich zuletzt der Wagen mit der glänzenden Aufſchrift: „London,“ um die Ecke bog, wirkte dieſer Anblick ſo er⸗ greifend auf Tom, daß er große Luſt verſpürte, auf und davon zu laufen. Aber er unterließ es doch, und ſetzte ſich ſtatt deſſen auf den Bock; indem er auf die vier Grauen niederſah, war es ihm, als wenn auch er ein ſolcher ſey, oder doch wenigſtens einen Theil des Ge⸗ ſpannes ausmache, ſo verwirrt wurde er durch die Neu⸗ heit und die Pracht ſeiner jetzigen Lage. In der That möchte auch das Sitzen neben dem Kutſcher einen we⸗ niger beſcheidenen Mann als Tom außer Faſſung ge⸗ bracht haben, denn gerechter Weiſe hätte man unter allen denen, welche je eine Geißel ſchwangen, dieſen zum Kaiſer wählen ſollen: Er behandelte ſeine Handſchuhe nicht wie andere Leute, ſondern hatte dieſelben an— ſogar wenn er auf dem Pfaſter weit entfernt von der Kutſche ſtand— als ob die vier Grauen auf irgend eine Art an den Enden ſeiner Finger hingen. Es war daſ⸗ ſelbe mit ſeinem Hute der Fall, denn er verrichtete Dinge damit, zu welchen ihn nur eine außerordentlich genaue Kenntniß der Pferde und die wildeſte Freiheit des Weges befähigen konnte. Kleine Pakete von bedeutendem Werthe wurden ihm zur Aufbewahrung übergeben, er verbarg dieſelben mit Boz, Chuzzlewit. IV. 15 226 großer Geſchicklichkeit in ſeinen Hut und ſetzte ihn dann wieder ſo leicht auf, als wenn die Geſetze der Schwere die Möglichkeit ausſchlößen, daß eine ſolche Kopfbedeckung herunterfliegen oder heruntergeblaſen, oder ſonſt durch einen Zufall heruntergeworfen werden könne. Dann der Condukteur! In ſeinem Backenbarte allein ſtanden ſchon ſiebenzig windige Meilen geſchrieben. Seine Bewegungen waren ein Galopp, ſeine Unterhaltung ein angenehmer Trab. Er ſelbſt war ein Eilwagen, der einen Berg herunter kam. Alles eilig! Selbſt ein Gü⸗ terwagen hätte fliegen müſſen, wenn ein ſolcher Conduk⸗ teur mit ſeinem Horne darauf geſeſſen wäre. Dies waren lauter Vorſchatten von London, dachte Tom, indem er auf dem Bocke ſaß und um ſich her ſah. Ein zweiter derartiger Kutſcher und Condukteur konnte weder in Salisbury, noch an irgend einem andern Orte in der Nähe exiſtiren. Die Kutſche war keine jener langweiligen Laſtwägen, ſondern eine flotte, ausſchwei⸗ fende Londoner Kutſche, die bei der Nacht herumfährt und am Tage liegen bleibt, indem ſie ein wahrhaftes Teufels⸗Leben führt. Sie kümmerte ſich nicht mehr um Salisbury, als um das elendeſte Dorf, raſſelte durch die beſten Straßen, ſprach der prächtigen Kathedrale Hohn, nahm die ſchlechteſten Ecken am ſchärfſten, ſchnitt überall durch, trieb Alles aus dem Wege und brauste auf freier Landſtraße dahin, noch eine luſtige, lebhafte Heraus⸗ forderung aus dem Poſthorn des Condukteurs zum letz⸗ ten, luſtigen Gruße blaſend. Es war ein wundervoller Abend, mild und freund⸗ lich. Ungeachtet der neuen Laſt, welche die Ungewißheit von Londons Größe und Einwohnerzahl auf Toms Ge⸗ müth gebettet hatte, konnte er den ſo lieblichen Ein⸗ drücken, welche das flüchtige Durchſchneiden der ſanften Abendkühle auf ihn machten, nicht widerſtehen. Die vier Grauen ſlogen dahin, als gefiele ihnen der Abend ebenſo gut, wie unſerm Tom; das Horn war ebenſo munter wie die Grauen, und der Kutſcher begleitete es dann und 227 wann mit ſeiner kräftigen Stimme; die Rader rollten in fröhlicher Uebereinſtimmung, das Meſſingwerk an den Geſchirren tönte gleich einem friedlichen Glockenſpiele, und ſo glich das Ganze, von den Schnallen an den vor⸗ derſten Koppelriemen angefangen, bis zu dem Handgriffe des Hinterkorbes einem großen, muſtkaliſchen Inſtrument. Yoho! vorbei an Hecken, Gärten, Bäumen und Thüren— vorüber an Häuſern und Scheunen, an von der Arbeit heimkehrenden Leuten. Yoho! ſchnell vorbei an den in den Graben liegenden Eſelkarren— an leich⸗ ten Fuhrwerken mit ſcheuen Pferden, gepeitſcht bis an den Rand des Waſſers, und an das fünffach verſchloſſene Thor, wo ſie durch die emſtg kämpfenden Fuhrleute feſt⸗ gehalten werden, bis die Kutſche in die ſchmalen Straßen⸗ wendungen eingetreten war. Yoho! vorbei an friedlichen Kirchen, die an ruhigen Plätzen ſtehen— an einſamen Gottesäckern, wo die Gräber grünen und die zar⸗ ten Maasliebchen an dem Buſen des Todes— denn es iſt labend— ſanft ſchlummerten— vorbei an binſen⸗ reichen Flüſſen, in denen die Thiere ihre Füße kühlten — vorüber an Teichverzäunungen, Farmen und Heu⸗ ſtöcken— vorbei an Schobern des letzten Jahres, Stück für Stück hinweggeſchnitten, in dem ſchwindenden Lichte gleich zerſtörten Giebeln erſcheinend, alt und braun. Yoho! hinab in den Gießbach, luſtig durch das Waſſer plätſchernd, und die andere Höhe der Straße wieder im Trabe hinauf! Yoho! Yoho! War wohl der Koffer da, als ſie zu dem alten Wegweiſer kamen? der Koffer! War es denn nicht gar Frau Lupin ſelbſt? War ſie nicht mit allem Aufwande, der nur einer Wirthin zukommt, in ihrem eigenen Wä⸗ gelchen ausgezogen und hatte da von ihrem Mahagoni⸗ Sitze mit engelgleicher Miene ihr Danhar⸗Pferd(man ſollte es Däumling nennen) geleitet? Schnurrte nicht der Poſtwagen an ihr vorbei, ſogar ihre Räder ſtreifend — und ſendete nicht der Condukteur, als er ihrem Die⸗ 15 228 ner im Aufladen des Koffers Hülfe leiſtete, das frohe Echo ſeines Hernes bis zu den Kaminen des frommen Pecksniff hinunter, als ob der Kutſcher ſogar ihren Triumph über Toms Befreiung zu erkennen geben wollte? „Das iſt ſehr gütig von Ihnen, in der That!“ rief Herr Pinch, indem er abſtieg und ihr die Hände drückte. „Ich war nicht Willens, Ihnen ſo viele Mühe zu machen!“ „Mühe? Herr Pinch!“ entgegnete die Wirthin vom Drachen. „Gut denn, ich weiß, daß es Ihnen ein Vergnü⸗ gen gemacht hat!“ fuhr Tom fort.„Gibt's was Neues?“ Die Wirthin ſchüttelte den Kopf. „Sagen Sie, Sie hätten mich geſehen, und ich ſey ſehr froh und muthig und nicht im Geringſten nieder⸗ geſchlagen geweſen; auch bitte ich Sie ebenfalls, den Muth nie zu verlieren, denn zuletzt wird noch Alles gut werden! Gott befohlen!“ „Sie werden doch hoffentlich ſchreiben, wenn Sie ſich irgendwo niedergelaſſen haben?“ erwiderte Mrs. Lupin. „Wenn ich mich wo niedergelaſſen haben werde!“ rief Tom, die Augen weit aufreißend.„O! gewiß, dann werde ich augenblicklich ſchreiben. Vielleicht wird es gut ſeyn, wenn's ſchon früher geſchieht, denn da ich nicht zu viel Geld und nur einen einzigen Freund, John Weſtlock habe, ſo könnte es lange anſtehen, bis ich einen feſten Wohnſitz wähle. Ich werde John von Ih⸗ nen freundlich grüßen, denn Sie wiſſen, daß Sie ſtets auf einem guten Fuße mit ihm geſtanden ſind. Leben Sie wohl!“ „Gott befohlen!“ wiederholte Mrs. Lupin, indem ſie eilig einen Korb zum Vorſcheine brachte, aus wel⸗ chem eine Flaſche Wein hervorſtand.„Nehmen Sie dies! Gott befohlen Herr Pinch!“ „Soll ich den Korb für Sie mit nach London nehmen?“ rief ihr Herr Pinch noch nach, als ſie ſchon 229 im Begriffe war, nach ihrem Wägelchen zurückzukehren. „Nein, nein!“ antwortete Mrs. Lupin.„Es iſt blos eine kleine Erfriſchung auf den Weg. Sitzt Ihr feſt, Jack? Vorwärts! Alles in Ordnung, Sir! Gott be⸗ fohlen!“ Die gute Frau war bereits eine halbe Meile weit entfernt, als Tom ſich von ſeinem Staunen erholen konnte, und dann winkte er ihr mit der Hand noch ei⸗ nen freundlichen Abſchiedsgruß zu, den ſie tauſendfach erwiderte. „Das iſt alſo das Letzte von dem alten Wegwei⸗ ſer!“ ſprach Tom bei ſich ſelbſt,„wo ich ſo oft geſtanden um dieſer Kutſche nachzuſehen, wo ich mich von ſo manchem Kameraden getrennt hatte. Ich betrachtete die⸗ ſen Wagen nur als ein großes Ungeheuer, das kam, um mir meine Freunde zu entreißen. Und nun trägt es auch mich fort, auf daß ich, der Himmel weiß wo und wie, mein gutes Glück ſuche!“ Tom wurde wehmüthig geſtimmt, indem er ſich in's Gedächtniß zurückrief, wie oft er dieſe Straße hinab nach Pecksniffs Wohnung gegangen ſey; und in dieſer ſeiner melancholiſchen Gemüthsverfaſſung blickte er auf den Korb zu ſeinen Füßen, den er für einige Augen⸗ blicke ganz vergeſſen hatte. „Sie iſt doch das beſte und rückſichtsvollſte Weſen auf der Welt,“ dachte Tom.„ZJetzt iſt es mir klar, warum ſie ihrem Knechte befohlen hatte, mich ja nicht anzuſehen; es geſchah, um mich zu verhindern, daß ich ihm einen Schilling zuwerfe. Immer hielt ich ihn be⸗ reit, aber er ſah mich nicht ein einzigmal an; wenn dieß nicht der Fall geweſen wäre, ſo hätte mich der Mann;(denn ich kenne ihn ja ganz genau), natürlich gegrüßt und mir freundlich zugelächelt. Auf mein Wort, die Güte dieſer Leute erſchüttert mich tief!“ Jetzt begegnete ihm des Kutſchers Auge, und der Kutſcher blinzelte. 23⁰ „Eine merkwürdig ſchöne Frau für ihr Alter!“ ſagte er. „Das iſt ſie wirklich, ich ſtimme Ihnen ganz bei!“ entgegnete Tom. „Ich meine damit, ſchöner als manche Junge,“ bemerkte der Kutſcher.„He!“ „Als manche Junge,“ wiederholte Tom: „Ich ſehe ſie nicht ſo gerne, wenn ſie allzu jung ſind,“ bemerkte der Kutſcher. Dies war eine Geſchmacksſache, und Tom fühlte ſich nicht verpflichtet, ſie weiter zu erörtern. „Sie werden ſelten bei jungen finden, daß ſie richtige Anſichten über Erfriſchungen hegen,“ fuhr der Kutſcher fort.„Ein wirkliches Weſen, das ſo viel. Ver⸗ ſtand hat, ein ſolches Köoͤrbchen, wie dieſes hier iſt, gefüllt mit Erfriſchungen zu bringen, muß die Voll⸗ jährigkeit ſchon einige Zeit hinter ſich haben!“ „Wünſchen Sie vielleicht, mit ſeinem Inhalte be⸗ kannt zu werden?“ fragte Tom. Da der Kutſcher blos lachte und Tom ſelbſt neu⸗ gierig war; ſo packte er aus und legte die Gegenſtände einen nach dem andern auf das Fußbrett. Ein gebra⸗ tenes Huhn, ein Paket Schinkenſchnitten, ein Brodlaib mit ſchöner Rinde, ein Stück Käſe, ein Papiervoll Zwieback, ein halb Dutzend Aepfel, ein Meſſer, etwas Butter, eine Düte mit Salz und eine Flaſche alten Peres. Daneben lag ein Brief, welchen Tom in ſeine Taſche ſteckte. 3 Dem Kutſcher war es ſo ernſt mit ſeinem Lobe über Mrs. Lupins freundſchaftliche Fürſorge, und er gratulirte Tom ſo warm und theilnehmend zu ſeinem Glücke, daß ſich Tom um der Dame willen genöthigt ſah, zu erklären, daß der Korb bloß ein rein platoni⸗ ſcher, und ihm nur auf dem Wege der Freundſchaft zu⸗ gekommen ſey. Nachdem er ſeine Aufgabe mit großer Würde gelöst hatte, denn er hielt es fuͤr ſeine Pflicht, jeden unrechten Eindruck, welche die Erſcheinung der 231 Mrs. Lupin auf den zu ſeiner Seite ſitzenden Bruder Liederlich gemacht habe, augenblicklich zu verwiſchen, ſagte er ihm, daß es ihm großes Vergnügen machen würde, das Geſchenk mit ihm zu theilen und ſchlug vor, ſie wollten im Geiſte guter Brüderſchaft den Korb zu jener Stunde der Nacht, welche der Kutſcher, als er⸗ fahrner Wegkenner für die günſtigſte halte, bearbeiten. Von dieſem Augenblicke an unterhielten ſich die beiden ſo vortrefflich mit einander, daß, obgleich Tom zwar viel⸗ mehr von dem Einhorn als von Pferden zu ſprechen wußte, der Pferdelenker am Ende der nächſten Station zu ſeinem Freunde, dem Condukteur ſagte: „So poſſirlich ſich Tom auch auf dem Bocke aus⸗ nehme, ſo ſey er doch in der Converſation der beſte Paſſagier, der nur jemals neben ihm geſeſſen habe.“ Yoho! fort unter den nächtlichen Schatten der Bäume, welche deren Umriſſe verſchwinden laſſen und durch Licht und Dunkel dahineilen, als wäre das Licht des über 50 Meilen weit entfernten London allein ſchon hinreichend, dabei zu reiſen und man kein anderes be⸗ dürfe. Yoho! hin an Dorfraſen, wo die Cricketſpieler noch weilen und jeder kleine Eindruck, der auf dem jun⸗ gen Graſe durch den Ball oder des Spielers Fuß ge⸗ macht wurde, ſeine zarten Düfte in die kühle Nachtluft ſtreute. Vorüber mit vier raſchen Roſſen an dem kahl⸗ köpfigen Hirſch, wo ſich die Gäſte um die Thüre ſam⸗ meln und mit lautem Jubel das letzte Geſpann mit lo⸗ ſem Zügel zur Schwemme eilt, während wundernde Knaben ihm nachlaufen., Jetzt geht es mit klappernden, feuerſprühenden Hu⸗ fen über die alte Brücke, von da wieder hinab in den ſchattigen Weg, und durch das offene Thor in einen tie⸗ fen, tiefen Wald. Yoho, Du dahinten, laß Dein Horn ein wenig ruhen, krieche über das Kutſchendach nach vorne, komm Conducteur und hilf uns dieſen Korb leeren, nicht daß unſere Eile dadurch vermindert werde, aber wir können 23² ja, anſtatt uns auf die Gebiſſe zu verlaſſen, dem Feuer der Thiere auch etwas anheim ſtellen, zum großen Ruhme des nächtlichen Mahles. Ach! s' iſt ſchon lange her, daß die Flaſche Wein mit dem milden Athem der Nacht in Berührung ſtand, Du darfſt Dich darauf verlaſſen! Und das iſt juſt ein guter Stoff um den Schlund des Hornbläſers damit zu benetzen. Verſuch's nur einmal! Fürchte Dich nicht Bill — es mit Deinen Fingern zu berühren. Nun noch ei⸗ nen Zug, Bill! Jetzt nimm Deine Windlade und pro⸗ bire Dein Horn. Das iſt eine Muſik! Das iſt ein Ton!„Ueber die Berge und weit fort!“ Yoho! die ſtättiſche Mähre iſt heute Nacht voll Leben. Yoho! Yoho! Seht den prächtigen Mond! Schon hoch oben, ehe wir’s dachten, läßt er die Gegenſtände an der Bruſt der Erde, wie im Waſſer ſtrahlen. Hecken, Bäume, Hütten, Thürme, verdorrte Stämme und grünende Auf⸗ ſchießlinge, Alles iſt mit einemmal eitel geworden und wünſcht die eigenen ſchönen Bilder bis in den Morgen zu betrachten. Die Pappeln dort rauſchen, damit die bebenden Blätter ſich auf den Boden dort ſchauen können. Nicht ſo der Eichbaum— Zittern ziemt ſich nicht für ihn. Die Eiche beſchaut ſich ſelbſt in ihrer eigenen Fe⸗ ſtigkeit, ohne einen Zweig zu rühren. 4 Das mooſige alte Thürchen zerfallen und zerſtört, ſchwingt ſich in ſeinen Angeln, um ſein Bild zu betrach⸗ ten, gleich einer phantaſtiſchen Wittwe, während unſer eigener geſpenſtiger Wiederſchein weiterfährt. Yoho! Yoho! Durch Bach und Graben, uͤber gepflügtes Land und Wieſen, an dem ſteilen Berge und der noch ſteilern Mauer hin, als wenn es ein geſpenſtiſcher Jäger wäre. Hier auch Wolken und ein Nebel über dem Thale. Nicht ein fauler Dunſt, der es einhüllt, ſondern ein ſchöner luſtiger großartiger Nebel, welcher den Schön⸗ heiten, die er umflort, für unſere Augen, die in be⸗ ſcheidener Bewunderung blicken, neuen Reiz verleiht. Doho! Yoho! O! wir gehen ja jetzt, wie der Mond —— G—* uv ſelbſt! Einmal durch Baumgruppen, dann wieder durch feuchte Nebel, in dieſer Minute aus der klaren Fläche auftauchend, in der andern verſchwindend, aber immer vorwärts jagend! Unſere Reiſe iſt ein Gegenſtück zu der ſeinigen Yoho! Einen Wettlauf mit dem Monde! Yoho! Yoho! 4 Die Schönheit der Nacht iſt kaum recht empfunden,“ wenn der Tag ſchon wieder anbricht; Noho! Noch zwei Stunden und die Landwege werden ſich beinahe durch⸗ gängig in Straßen verwandelt haben! Yaho! Vorüber an Marktgärten, Häuſerreihen, Villas, Terraſſen und Squaren— vorüber an Kutſchen, Frachtwägen und Karren— an frühen Arbeitern, ſpäten Zechern, betrun⸗ kenen und nüchternen Laſtträgern— vorbei an Ziegeln und Mörtel in jeder Geſtalt und hinein auf das raſſelnde Pflaſter, wo ſich ein ruhiger Sitz auf einer Kutſche nicht ſo leicht behaupten läßt. Yoho! durch zahlloſe Windungen und durch das undurchdringliche Labyrinth von Wegen, bis der alte Gaſthof gefunden iſt. Und Tom Pinch ſteigt betäubt unb ſchwindlig aus, denn es iſt London!!— „Noch fünf Minuten vor der Zeit!“ rief der Kut⸗ ſcher, als Tom ihn bezahlte. „Auf mein Wort, es wäre mir angenehmer gewe⸗ ſen, wenn wir fünf Stunden ſpäter angekommen ſeyn würden, denn zu dieſer frühen Stunde weiß ich wahr⸗ haftig nicht einmal wohin ich gehen, oder was ich mit mir thun ſoll!“ „Ja, erwartet man Sie denn nicht?“ fragte der Kutſcher. „Wer?“ entgegnete Tom. 3 „Je nun, Jemand!“ ſprach der Kutſcher. Er hatte ſich es einmal ſo feſt in den Kopf geſetzt, Tom möchte in der Abſicht nach London reiſen, einen ausgedehnten Kreis von Verwandten und Freunden zu beſuchen, daß er ſchwer oder oder gar nicht eines andern zu überzeugen geweſen wäre. Tom verſuchte es daher 234 auch gar nicht, und ging, froh keine weitere Auskunft über dieſen Gegenſtand geben zu müſſen, in das Wirths⸗ haus, wo er ſich in der öffentlichen Gaſtſtube an ein luſtiges Feuer ſetzte und einſchlief. Als er wieder auf⸗ wachte, waren die Hausleute auch alle lebendig; er wuſch ſich und reinigte ſeine Kleider, was ſie nach einer ſo langen Reiſe recht wohl brauchen konnten, und da es jetzt 8 Uhr ſchlug, machte er ſich auf den Weg, ſei⸗ nen Freund John Weſtlock aufzuſuchen. John Weſtlock wohnte in dem Furnivals Jen High Holborn, welches ungefähr eine Viertelſtunde von Toms Herberge entfernt war; unſerem Freunde jedoch wurde der Weg viel länger, da er in der Meinung ihn ab⸗ kürzen zu können, ſich verirrte und ſo einen Umweg von zwei bis drei Meilen machte. Als er endlich Johns Zimmerthüre über zwei Stiegen hoch erreicht hatte, ſtand er, vom Kopfe bis zum Fuße zitternd, vor derſelben, ohne fähig zu ſeyn zu öffnen, denn der Gedanke, ſeinem Freunde erzählen zu müſſen, was zwiſchen ihm und Pecksniff vorgefallen ſey, lag mt ſchrecklicher Schwere auf ſeinem armen Herzen, weil in Tom's Innern die Ahnung aufſtieg, daß John in lautem Jubel über Pecks⸗ niffs Entlarvung ausbrechen werde. „Aber einmal muß es ja doch geſchehen, gleichviel früher oder ſpäter,“ dachte er,„es iſt vielleicht beſſer, wenn ich es gleich thue.“ Rat, wat. „Ich fürchte, daß ein ſolches Pochen in London nichts taugt,“ dachte Tom,„denn es hat nicht ſonder⸗ lich kühn gelautet. Vielleicht iſt dieß auch der Grund, daß Niemand kommt.“ Es iſt ganz richtig, daß Niemand kam, die Thüre zu öffnen und daß Tom da ſtand, den Klopfer anſchau⸗ end, indem er ſich wunderte, was in der Nachbarſchaft für ein Gentleman wohne, der aus Leibeskräften Je⸗ mand zurief:„Kommt herein!“ „Gott behüte mich!“ dachte Tom endlich.„Viel⸗ 23⁵ leicht lebt er hier und ruft mir. Das hätte ich in mei⸗ nem Leben nicht geglaubt. Ich will doch probiren, ob ſich die Thüre nicht von außen öffnen läßt. Wahrhaftig, ich kann es!“ Man konnte die Thüre mittelſt eines leichten Druckes von Außen öffnen, und indem er es zu thun verſuchte: rief dieſelbe Stimme in zornigem Tone: Wa⸗ rum kommt Ihr denn nicht herein? Ihr ſollt eintreten, habt Ihr's gehört! Was habt Ihr draußen vor der Thüre zu thun?“ Dieſem Rufe zu Folge trat Tom von der Hausflur in das Gemach und war kaum eines Gentleman's an⸗ ſichtig, der(die Stiefel ſtanden neben ihm ſchon zum Anziehen bereit) mit einer Zeitung in der Hand bei ſei⸗ nem Fruͤhſtücke ſaß, als beſagter Herr auch ſchon Tom voll Entzücken in ſeinen Armen hielt und rief: „Wie! Tom, mein guter Knabe, Sie ſind es wirklich?“ „Wie freut es mich, Sie wieder zu ſehen, Herr Weſtlocks!“ entgegnete Tom, indem er ihm beide Hände drückte und mehr als jemals zitterte. „Herr Weſtlock!“ wiederholte John,„was ſoll das heißen, Pinch? Sie haben doch hoffentlich meinen Tauf⸗ namen nicht vergeſſen?“ „Nein, ich habe ihn nicht vergeſſen, John iſt er,“ ſprach Tom,„großer Gott! wie gütig Sie doch gegen mich ſind!“ „In meinem ganzen Leben iſt mir doch noch kein ſo wunderlicher Menſch vorgekommen! Was ſoll es heißen, daß Sie mir dieß nun ſchon zum zweitenmale wieder⸗ holen? Wie haben Sie denn eigentlich erwartet, daß ich mich gegen Sie benehmen würde. Hier ſetzen Sie ſich her Tom, und ſeyen Sie ein vernünftiges Geſchöpf! Wie geht es Ihnen, mein lieber Junge? Es macht mir unendlich große Freude, Sie wieder zu ſehen!“ „Und auch mich machte es recht glücklich, ſie wie⸗ der zu ſehen!“ antwortete Tom.. „Das Vergnügen iſt vermuthlich wechſelſeitig wie in frühern Zeiten,“ erwiederte John.„Wenn ich gewußt hätte, daß Sie kommen, ſo würde ich für ein weiteres Frühſtück geſorgt haben. Aber ich für meinen Theil entbehre lieber das Frühſtück, als eine ſolche Ueber⸗ raſchung, doch bei Ihnen, mein lieber Tom, iſt es et⸗ was Anderes, Sie werden ohne Zweifel ſo hungrig wie mein Jaͤger ſeyn. Sie müſſen eben für jetzt mit dem Vorhandenen vorlieb nehmen und ſich ſo gut Sie können behelfen; beim Diner wollen wir uns dann dafür ent⸗ ſchädigen. Nehmen Sie Zucker— he da fällt mir der Zucker bei Herrn Pecksniff ein. Ha, ha, ha! Was macht Herr Pecksniff? Wann kamen Sie hier an? So nehmen Sie doch, Tom— es ſind freilich nur Brocken, aber dieſe ſind doch auch nicht ganz zu verachten. Geſulzter Wildſchweinkopf. Verſuchen Sie ihn nur Tom! Verſehen ſie ſich mit was Sie wollen! Was Sie doch für ein ſchnurriger Kauz ſind. Ich bin erfreut, Sie zu ſehen!“ Während John durch derartige Ausrufungen der Freude ſeines Herzens Luft zu machen ſuchte, lief er ſortwährend zwiſchen dem Schranke hin und her, brachte in verſchiedenen Töpfen alle Arten von eßbaren Dingen, herbei, goß eine Menge Thee aus der Kanne, ließ franzöſiſche Semmeln in ſeine Stiefel fallen, ſchüttete heißes Waſſer über die Butter und machte mehrer ähnliche Mißgriffe; aber von Allem dem ließ er ſich nicht im Geringſten in ſeinem Eifer ſtoͤren.„Jetzt!“ rief John und ſetzte ſich wohl zum fünfzigſtenmal nieder, doch aber⸗ mals gleich aufſpringend, um etwas zur Vergrößerung des Frühſtückes herbeizuſchaffen. „So, jetzt ſind wir mit Allem ſo reichlich verſehen, daß wir wohl bis zum Mittageſſen werden dauern kön⸗ nen. Und nun laſſen Sie uns die Neuigkeiten hören, Tom! ſagen Sie mir, wie es Herrn Pecksniff geht.“ „Ich weiß nichts von ihm,“ antwortete Tom. John Weſtlock ſetzte die Theetaſſe nieder und ſah ihn erſtaunt an. 92 ON ERSGdoai „Ich weiß nichts von ihm,“ fuhr Tom Pinch fort, „und kümmere mich auch nichts mehr um ihn, den Wunſch ausgenommen, daß ihm kein Unglück begegne. Ich habe ihn verlaſſen, John, ich habe ihn auf ewig verlaſſen.“ „Freiwillig?“ „Nein, das nicht, er ſchickte mich fort, aber ich hatte noch vorher die Entdeckung gemacht, daß ich mich in ihm getäuſcht habe, und unter ſolchen Umſtänden konnte ich nimmer länger mit ihm leben. Es iſt mir leid, bekennen zu müſſen, daß Sie in der Schätzung ſeines Charakters recht hatten. Es mag Ihnen vielleicht als eine lächerliche Schwäche erſcheinen, aber ich kann Ihnen nicht ſagen, welch' einen großen Schmerz mir dieſe Enttäuſchung verurſacht hat.“ Tom hatte nicht nöthig, ſeinem Freund durch einen bittenden Blick zu ſagen, daß er ſein Geſtändniß nicht mit Gelächter erwiedere. Denn John Weſtlock würde eher Luſt gehabt haben, ihn zu Boden zu ſchlagen. „Es war bloß ein Traum von mir,“ begann Tom wieder,„und dieſer iſt jetzt ganz vorüber. Den Her⸗ gang der Sache werde ich Ihnen ein andermal erzählen. Haben Sie Nachſicht mit meiner Thorheit. In dieſem Augenblicke bin ich nicht fähig, weiter davon zu ſprechen.“ „Ich ſchwöre Ihnen, Tom,“ erwiderte ſein Freund mit großem Ernſte nach einem kurzen Stillſchweigen, „daß ich, wenn ich Sie anſehe und wahrnehme, wie tief Sie erſchüttert ſind, nicht weiß, ſoll ich mich da⸗ rüber freuen, oder ſoll ich trauern, daß Ihnen endlich einmal in Betracht dieſes Mannes die Binde von den Augen gefallen iſt. Ja, ich fange ſogar an, mir Vor⸗ würfe zu machen, weil ich über dieſen Gegenſtaud früher ſo oft gegen Sie geſcherzt habe; ich haäͤtte Sie beſſer kennen ſollen!“ „Mein theurer Freund,“ ſprach Tom,„es iſt ſehr ſchön und edel von Ihnen, daß Sie mich und meine Schwächen auf eine ſolche Art ertragen; es macht mich ſchamroth, daß ich in dieſer Hinſicht auch nur den geringſten Zweifel in Sie ſetzen konnte. Sie können nicht glauben, welch eine ſchwere Laſt nun von meinem Herzen genommen iſt,“ fuhr Tom fort, Meſſer und Gabel wieder aufnehmend.„Jetzt werde ich dem ge⸗ ſulzten Wildſchweinkopfe hart zuſetzen.“ Der Wirth, durch dieſe Worte wieder an ſeine Pflichten erinnert, begann eiligſt, Toms Teller mit allerlei ſich widerſprechenden Speiſen zu belegen. Tom genoß ein vortreffliches Frühſtück und wurde ganz ver⸗ gnügt.. „Das iſt nun Alles recht,“ ſagte John, nachdem er ſeinem Gaſte eine Weile mit ſichtbarem Vergnügen zugeſehen hatte.„Aber nun zu unſern Plänen; Sie bleiben auf jeden Fall bei mir, Tom. Wo iſt Ihr Koffer?“. „Ich habe ihn im Gaſthof gelaſſen,“ ſprach Pinch, „denn ich hatte nicht im Sinne....“ „Reden Sie nicht von dem, was Sie nicht im Sinne hatten, ſondern von dem, was Sie im Sinne haben; dies iſt mehr des Erwähnens werth,“ unter⸗ brach ihn John.„Sie kamen hieher, mich um meinen Rath zu bitten, iſt's nicht ſo! Tom?“ „Freilich!“ „Und denſelben, wenn ich ihn Ihnen gebe, anzu⸗ nehmen?“ „Ja,“ antwortete Tom lächelnd,„mit der Be⸗ dingung, daß es ein guter ſeyn wird, was zwar bei Ihnen gar keinem Zweifel unterliegt!“ „Gut denn, Tom! Aber dann dürfen Sie nicht wieder anfangen, ein alter, wunderlicher Complimen⸗ tenmacher zu werden, ſonſt ſchließe ich meine Läden und gebe keine von dieſen koſtbaren Waaren ab. Sie ſind mein Gaſt. Ich wünſchte nur, ich hätte eine Orgel für Sie, Tom!“ 3 „Das würde den übrigen Gentlemen, die in die⸗ ſchen 239 ſem Hauſe wohnen, gewiß recht willkommen ſeyn,“ war Toms Erwiderung. „Laſſen Sie uns alſo weiter hören, erſtens wer⸗ den Sie Ihre Schweſter dieſen Morgen zu ſehen ver⸗ langen, und wahrſcheinlich iſt es Ihnen lieber, allein zu ihr zu gehen,“ bemerkte ſein Freund.„Ich will Sie zu ihrer Wohnung begleiten und dann bei dieſer Gelegenheit ſelbſt ein kleines Geſchäft abmachen. Nach⸗ mittags treffen wir dann wieder hier zuſammen. Hier, Tom, nehmen Sie den Hausſchlüſſel in Ihre Taſche, denn wenn Sie vor mir nach Hauſe kommen ſollten, werden Sie ihn brauchen.“ 3 „In der That,“ verſetzte Tom,„ſich auf eine ſolche Weiſe bei einem Freunde einzuquartieren..... 41 „Ei, es gibt ja zwei Schlüſſel,“ unterbrach ihn John,„ich werde doch nicht mit beiden zugleich auf⸗ ſchließen ſollen!“ rief Weſtlock.„Was Sie doch für ein ſeltſamer Menſch ſind. Wollen Sie etwas Beſon⸗ deres beim Mittageſſen haben?“ „O, Gott bewahre, nein,“ erwiederte Tom. „Sie überlaſſen es alſo mir, oder wünſchen Sie ein Glas Kirſchengeiſt?“ „Nicht einen Tropfen!“ rief Tom.„Was dies für merkwürdige Wohnungen ſind! Alles kann man in denſelben haben!“ „Bewahre, Tom, nichts, als einige wenige Jung⸗ geſellen⸗Bequemlichkeiten; jene Art von improviſirten Einrichtungen, die ſich auch ein Philipp Quarll oder ein Robinſon Cruſoe hätte verſchaffen können! Haben Sie nicht Luſt, jetzt einen Spaziergang anzutreten?“ „Freilich, ſo bald Sie können!“ entgegnete Tom. Dieſem zufolge nahm Herr Weſtlock die franzöſt⸗ Semmeln aus ſeinen Stiefeln, zog ſie an und kleidete ſich dann an. Er gab Tom die Zeitung, um ſie während dieſer Zeit zu leſen, und als er, vollkom⸗ men zum Ausgehen hergerichtet, zurückkam, fand er ihn in melancholiſcher Stimmung, das Zeitungsblatt in der Hand haltend. „Träumen Sie, Tom?“ „Nein,“ antwortete Herr Pinch,„ganz und gar nicht, ich habe blos die Anzeigen durchgeleſen, in der Hoffnung, daß vielleicht etwas für mich darin zu finden ſeyn würde. Aber, wie ich ſchon ſo oft geſehen habe, iſt es auch hier wieder der Fall, daß die Leute ſich nicht zuſammen ſinden mögen. Da ſind alle Arten von Herrn, welche allerlei Diener, und von jedem Fache Diener, die Dienſtherrn ſuchen, und doch wollen ſie ſich nie finden. Hier iſt ein Gentleman, in einer öffentlichen Stellung, welcher durch eine mißliche Lage⸗ gezwungen wird, 500 Pfund zu borgen, und ganz nahe dabei meldet ein anderer Gentleman, daß er eben dieſe Summe auslehnen wolle. Aber Sie werden ſehen, John, daß der letztere ſie⸗dem erſtern nicht geben wird. Da iſt eine Dame von ziemlich unabhängigen Ver⸗ hältniſſen, die Koſt und Wohnung in einer ruhigen, anſtändigen Familie wünſcht; und in der nächſten An⸗ zeige ſteht mit denſelben Worten: Eine ruhige, anſtän⸗ dige Familie ſucht eine Dame in Koſt und Wohnung zu nehmen. Glauben Sie mir, John, daß ſie nie zuſammen kommen werden. Ebenſo werden auch dieſe Gentlemen, welche ein kühles Schlafgemach und den gelegenheitlichen Gebrauch eines dabei befindlichen Wohnzimmers verlangen, nicht mit jenen ſich verſtän⸗ digen, die ſolches in einer ländlichen Gegend, fünf Minuten von der königlichen Börſe entfernt, beſonders wegen ſeiner geſunden Atmoſphäre, empfehlen. Selbſt dieſe Alphabetbuchſtaben, welche ſich immer von ihren Freunden entfernen, und oben in den Spalten gebeten werden, zurückzukommen, werden niemals heimkehren, wenn man aus der Nummer, wie oft das Avertiſſe⸗ ment eingerückt wurde, einen Schluß ziehen darf. Es ſcheint wirklich, daß die Leute dieſelbe Freude daran finden, ihre Klagen drucken zu laſſen, als dieſelben 1 241 mündlich auszupoſaunen,“ bemerkte Tom, indem er das Blatt mit einem tiefen Seufzer niederlegte.„Wie wenn ein Troſt sder eine Beruhigung darin liege, ſagen zu können: Ich brauche Dieſes und Jenes, kann es aber nicht erhalten, verlange uͤbrigens auch gar nicht, daß mir ein ſolches Glück zu Theil werde.“ John Weſtlock lachte über dieſe Idee, und beide brachen dann miteinander auf. So manche Jahre waren vorübergegangen, ſeit Tom zum Letztenmal in London geweſen, und auch damals hatte er die Stadt ſo wenig kennen gelernt, daß er an Allem, was er ſah, großes Intereſſe fand. Er war beſonders begie⸗ rig, unter andern notoriſchen Lokalitäten, diejenigen Straßen ſich zeigen zu laſſen, in welchen man es eigens auf die Landleute abſieht, und er war in ſeinen Er⸗ wartungen getäuſcht, als nach einem halbſtündigen Spaziergange keine ſeiner Taſchen beſtohlen worden war. Er war höchſt vergnügt, als John Weſtlock zu ſeiner Unterhaltung einen Beutelſchneider erſann und ihm einen höchſt achtbaren Fremden als ein Mitglied dieſer Bruderſchaft bezeichnete.* Weſtlock begleitete Tom bis ganz in die Nähe von Cambrewell und verließ ihn erſt, nachdem er es ihm unmöglich gemacht hatte, den reichen Meſſing⸗ und Kupfergießer zu verfehlen. Als Tom an dem großen Klingelgriffe angelangt war, that er einen ſanf⸗ ten Zug; der Portier erſchien ſogleich. „Ich bitte Sie, mir zu ſagen, ob Miß Pinch hier wohnt,“ ſagte Tom. „Miß Pinch iſt hier Gouvernante,“ entgegnete der Portier. Zu gleicher Zeit betrachtete er Tom von Kopf bis zu den Füßen, als wolle er ſagen:„Sie ſind mir ein ſauberer Patron; woher kommen Sie denn?“ „Es iſt dieſelbe junge Dame,“ erwiderte Tom. „Ich bin ganz recht. Iſt ſie zu Hauſe?“ Boz, Chuzzlewit. IV. 16 242 „Ich weiß es wahrhaftig nicht,“ antwortete der Portier. „Glauben Sie, daß Sie mir den Gefallen erwei⸗ ſen könnten, hierüber Erkundigung einzuziehen?“ ent⸗ gegnete Tom. In dieſer Vorausſetzung lag viele Zartheit, denn die Möglichkeit eines ſolchen Schrittes ſchien dem Por⸗ tier nicht entfernt in den Sinn zu kommen. Die Sache war nämlich ſo: daß ſeine Funktionen ſich auf das Oeffnen und Schließen des großen Thores beſchränkten, daher nicht ſo weit gingen, Fremden Er⸗ klärungen zu geben. Derſelbe zog daher die Hausglocke (denn es iſt gut, wenn man gerade dran iſt, ſolche Dinge im Baronsſtyle zu treiben) und überließ die Beant⸗ wortung der Frage dem mit Achſelſchnüren verſehenen Bedienten, welcher von der Treppe herunterief: „He da! Was gibt es? Hieher, junger Mann!“ „O!“ ſagte Pinch, indem er auf ihn zueilte,„ich bemerkte nicht, daß ſonſt noch Jemand da war. Bitte, iſt Miß Pinch zu Hauſe?“ „Sie iſt im Hauſe,“ erwiderte der Bediente; der Ton wollte aber ſagen: wenn Sie glauben, es gehöre ihr auch nur ein Fleckchen von dieſem Platze, ſo wer⸗ den Sie wohl daran thun, dieſen Gedanken außzugeben. „Ich wünſchte, ſie zu ſehen, wenn es Ihnen ge⸗ fällig iſt,“ ſagte John. Der Bediente war ein lebhafter junger Mann und hatte in dieſem Momente ſeinen Blick zufällig auf den Flug einer Taube gerichtet, an welcher er ſo warmen Antheil nahm, daß ſein Auge ſie verfolgte, bis er ſie nicht mehr ſehen konnte, dann lud er Tom ein, hereinzugehen, und wieß ihn in ein Zimmer. „Der Name,“ ſagte der junge Mann, indem er träge an der Thüre Halt machte. Das war ein guter Gedanke, weil er dem Fra⸗ genden Gelegenheit gab, die Eigenſchaften des Frem⸗ dem zu unterſuchen, ohne ihm einen genügenden An⸗ 243 laß zu geben, ihn niederzuſchlagen, falls hier ein hitziges Temperament im Spiele ſeyn ſollte: auch er⸗ leichterte der Bediente hiedurch ſeine Bruſt von der drückenden Laſt, den Beſuch in's Geheim für ein namenloſes und obſcures Individuum zu rechnen. „Wenn es Ihnen gefällig iſt, ſagen Sie, ihr Bruder,“ verſetzte Tom. „Ihre Mutter?“ entgegnete der Bediente langſam. „Ihr Bruder,“ wiederholte Tom, indem er ſeine Stimme etwas verſtärkte,„und wenn Sie zuerſt ſagen wollen, ein Gentleman, dann aber ihr Bruder, ſo werde ich Ihnen ſehr verpflichtet ſeyn, da ſte mich nicht erwar⸗ tet und überhaupt nicht weiß, daß ich in London bin, und da ich überhaupt nicht wünſche, ſie zu erſchüttern.“ Das Intereſſe des jungen Mannes an Toms Be⸗ merkungen hatte längſt ſchon aufgehört; dennoch hatte er die Gnade gehabt, bis jetzt zu warten; dann warf er die Thüre zu und entfernte ſich. „Ei, Du mein Gott,“ ſagte Tom,„das iſt doch ein recht achtungswidriges und unhöfliches Benehmen. Ich hoffe, daß dies ein neuer Diener iſt, und Ruth ganz anders behandelt wird.“ Seine Gedanken wurden durch den Ton von Stim⸗ men unterbrochen, welche ſich in einem anſtoßenden Zim⸗ mer hören ließen. Sie ſchienen im heftigen Streite ausgeſtoßen, oder als entrüſtete Vorwürfe gegen irgend einen Verbrecher gerichtet zu ſeyn. Gelegentlich ver⸗ ſtärkte ſich ihre Kraft und ſie wurden einer Windsbraut ähnlich. Während einer dieſer Stöße mußte Tom, ſo kam es ihm wenigſtens vor, durch den Bedienten ge⸗ meldet worden ſeyn, denn es trat augenblicklich eine unnatürliche Windſtille ein, welcher ein Schweigen, dem des Todes gleich, folgte. Herr Pinch ſtand gerade vor dem Fenſter und dachte darüber nach, welch häuslicher Zwiſt wohl dieſe Töne veranlaßt habe. Er gab ſich der Hoffnung hin, daß ſie Ruth nicht berühren möchten, da 16* 3 244 3 ging die Thüre auf, und ſeine Schweſter eilte in ſeine Arme. „Gott behüte mich!“ ſagte Tom, nachdem ſie ſich gegenſeitig zärtlich umarmt hatten, und er ſie mit gro⸗ ßem Stolze anblickte.„Wie ſehr Du Dich verändert haſt, Ruth! Wahrhaſtig, ich hätte Dich kaum wieder erkannt, meine Liebe, wenn ich Dich an einem andern Orte getroffen hätte! Du haſt Dich ſehr gut gemacht,“ fügte Tom mit einem nicht zu unterdrückenden Entzücken bei,„Du biſt ein ganzes Frauenzimmer geworden; ja, wahrhaftig— Du biſt ſo ſchön!“ „Wenn Du ſo glaubſt, Tom....“ „O! Jedermann muß das ſagen,“ erwiederte Tom, indem er ſanft ihr Haar niederſtrich.„Das iſt ja eine Thatſache, nicht eine bloße Anſicht. Aber was iſt Dir denn?“ fuhr Tom fort, indem er ſie noch aufmerkſamer betrachtete.„Wie roth Du biſt! Du haſt geweint!“ „Nein— Tom, ich habe nicht...“ „Unſinn!“ entgegnete ihr Bruder ſchnell.„Das iſt ein Mährchen. Rede mir nicht ſo; ich weiß das beſſer. Was iſt Dir, Liebe? Ich bin jetzt nicht mehr bei Herrn Pecksniff, ich bin nach London gekommen, um mein Glück zu verſuchen, wenn Du hier nicht glücklich biſt (und ich habe Urſache, dies faſt zu fürchten und zu glauben, daß Du mich in der freundlichſten und wohl⸗ wechendſten Abſicht getäuſcht haſt), ſo ſollſt Du nicht eiben.“ Wcohlgemerkt, Toms Blut war in Aufregung. Viel⸗ leicht trug der Wildſchweinskopf einen Theil der Schuld daran, aber zuverläſſig hatte auch der Bediente einen großen Antheil, und der Anblick ſeiner Schweſter trat noch hinzu. Für ſich ſelbſt konnte Tom viel ertragen; aber er war ſtolz auf Ruth, und Stolz iſt ein ſehr em⸗ pfindliches Ding. Er fing an zu glauben, daß es wohl mehrere Pecksniffs gebe, und durch Toms Adern zuckte es ploͤtzlich, wie wenn Nadeln darin wären; Tom war plötzlich ſehr aufgeregt, 8 8 0 8* 245 „Wir wollen davon ſprechen,“ ſagte Ruth, indem ſte ihm abermals einen Kuß gab, um ihn zu beſchwich⸗ tigen.„Ich fürchte, ich kann nicht hier bleiben.“ „Du kannſt nicht?“ verſetzte Tom.„Wohlan denn, ſo ſollſt Du auch nicht, meine Liebe! Du ſollſt nicht ein Gegenſtand der Barmherzigkeit hier ſeyn! Auf mein Wort!“ Tom wurde in dieſen Ausrufen durch den Bedienten unterbrochen, welcher im Auftrage ſeines Herrn meldete, daß derſelbe Tom Pinch, ehe er ginge, und zugleich auch Miß Pinch zu ſprechen wünſche. „Zeigen Sie mir den Weg,“ ſagte Tom,„ich will ſogleich zu ihm gehen.“ Dem zu Folge traten ſie in das anſtoßende Zim⸗ mer, aus welchem die Töne des Wortwechſels gekommen waren, und hier fanden ſie einen Gentleman von mitt⸗ lerem Alter, pomphaftem Weſen und dergleichen Stimme, dann eine Dame ungefähr in demſelben Alter, mit einem Geſichte, welches man accisbar hätte nennen können, weil ſich entſchiedene Spuren von Weineſſig und Weingeiſt darin ausſprachen. Nebſt dieſen war auch der älteſte Zögling von Miß Pinch gegenwärtig, daſſelbe Fräulein, welches Frau Todgers bei einer früheren Gelegenheit einen Syrup genannt hatte, und welches nun weinte und ſchluchzte. „Mein Bruder, Sir,“ ſprach Ruth Pinch, indem ſie Tom ſchüchtern vorſtellte. „O,“ rief der Gentleman, indem er Tom aufmerk⸗ ſam betrachtete,„ſind Sie denn wirklich der Bruder von Miß Pinch? Entſchuldigen Sie meine Frage, aber ich finde keine Aehnlichkeit.“ „Miß Pinch hat einen Bruder, ich weiß es,“ be⸗ merkte die Dame. „Miß Pinch ſpricht immer von ihrem Bruder, wenn ſie ſich mit meiner Erziehung beſchäftigen ſollte,“ ſchluchzte der Zögling. „Sophie, halte Deine Zunge im Zaume!“ bemerkte 246 der Gentleman, und fügte dann gegen Tom bei:„Neh⸗ men Sie Platz, wenn es Ihnen gefällig iſt.“ Tom ſetzte ſich und betrachtete in ſtummem Erſtau⸗ nen ein Geſicht nach dem andern. „Bleiben Sie hier, wenn es Ihnen beliebt, Miß Pinch,“ fuhr der Gentleman fort, indem er leichthin über ſeine Schulter zurückblickte. Er wurde durch Tom unterbrochen, indem dieſer aufſtand, um für ſeine Schweſter einen Stuhl hinzuſtellen. Nachdem er dies gethan hatte, nahm er wieder Platz. „Es freut mich, Sir, daß Sie gerade heute Ihre Schweſter zufällig beſuchen,“ fuhr der Meſſing⸗ und Kupfergießer wieder fort,„denn obgleich ich es aus Grundſätzen nicht billige, daß eine junge Perſon, welche in meiner Familie in der Eigenſchaft als Gouvernante angeſtellt iſt, Beſuche annimmt, ſo iſt doch der Ihrige in dieſem Falle ſehr paſſend und zeitgemäß. Es thut mir Leid, Ihnen eröffnen zu müſſen, daß wir mit Ihrer Schweſter ganz und gar nicht zufrieden ſind.“ „Wir ſind mit ihr ſehr unzufrieden,“ bemerkte die Dame. „Ich werde Miß Pinch keine Aufgabe mehr her⸗ ſagen, und wenn man mich deßhalb zu Tode ſchlagen ſollte,“ ſchluchzte der Zögling. „Sophie,“ rief ihr Vater,„zügle Deine Zunge.“ „Wollen Sie mir die Frage erlauben, was der Grund Ihrer Unzufriedenheit iſt,“ fragte Tom. „Ja,“ erwiederte der Gentleman,„ich will es. Ich erkenne Ihnen ein Recht hierauf nicht an; aber ich will es. Ihre Schweſter hat nicht die mindeſte angeborne Gewalt, ſich Achtung zu verſchaffen, dies iſt eine un⸗ verſiegbare Quelle der Mißhelligkeiten zwiſchen uns. Obwohl ſie ſchon geraume Zeit in der Familie iſt, und obgleich die hier gegenwärtige junge Dame ſo zu ſagen unter ihrem Schutze aufwuchs, ſo hat doch dieſe junge Dame keinen Reſpekt vor ihr. Miß Pinch war völlig unfähig, ſich die Achtung meiner Tochter zu verſchaffen, —-9ObiUEᷣAUE UF ☚ — 247 oder das Vertrauen derſelben zu gewinnen. Nun aber behaupte ich,“ fuhr der Gentleman fort, indem er die Fläche ſeiner Hand gravitätiſch auf den Tiſch fallen ließ, „nun behaupte ich, daß dies ein radikaler Fehler iſt. Sie, als ihr Bruder, mögen vielleicht geneigt ſeyn, es in Ab⸗ rede zu ſtellen.... 1 „Ich bitte um Entſchuldigung, Sir,“ ſagte Tom, „ich bin durchaus nicht geneigt, es in Abrede zu ſtellen, ich bin ſogar überzeugt, daß ein radikaler Fehler hier vorliegen muß, ein radikales Ungethüm.“ „Gütiger Himmel!“ rief der Gentleman, indem er mit Würde im Zimmer rings umher ſah,„was muß ich nicht Alles vorfinden! Welche Reſultate dringen ſich mir auf, die bloß aus der Charakterſchwäche der Miß Pinch hervorgehen! Welche Gefühle muß ich als Vater haben, wenn ich wider meinen Willen entdecken muß, daß meine Tochter, obgleich ich Miß Pinch wiederholt ausdrücklich ermahnt habe,(ich denke nicht, daß ſie es zu läugnen wagt) ihren Zögling anzuhalten, in den Ausdrücken gewählt, in der Haltung gentil, höflich, und zurückhaltend gegen untergeordnete Perſonen zu ſeyn; ich ſage, wenn ich entdecken muß, daß dieſen Morgen erſt meine Tochter Miß Pinch ſelbſt eine Bettlerin nannte.“ „Ein bettelhaftes Ding,“ verbeſſerte die Dame. „Noch viel ſchlimmer,“ ſagte der Gentleman trium⸗ phirend;„noch viel ſchlimmer! Ein bettelhaftes Ding! Welch ein gemeiner, roher, verächtlicher Ausdruck!“ „Höchſt verächtlich,“ rief Tom,„ich bin erfreut, daß man ihn hier ſo gerecht zu würdigen weiß.“ „So gerecht, Sir,“ ſagte der Gentleman, indem er nachdrucksvoll ſeine Stimme dämpfte,„ſo gerecht, daß ich Miß Pinch erſt vor ein paar Minuten noch mein Ehrenwort gegeben habe, daß ich die Verbindung zwi⸗ ſchen uns von dieſem Augenblick aufgelöst hätte, wenn ich nicht wüßte, daß ſie eine unbeſchützte, junge Perſon, eine freundloſe Waiſe ſey.“ „Gott bewahre, Sir!“ xief Tom, indem er von ſei⸗ 248 nem Sitze ſich erhob, denn er war nun außer Stand, ſich zurückzuhalteu.„Ich bitte, laſſen Sie ſolche Rück⸗ ſichten durchaus nicht obwalten, denn ſie ſind in der That nicht vorhanden. Sie iſt nicht ungeſchützt, ſie iſt bereit, in dieſem Augenblicke aufzubrechen. Meine theure Ruth, ſetze Deinen Hut auf.“ „O, eine prächtige Familie!“ rief die Dame;„o, das iſt ihr Bruder! daran iſt kein Zweifel!“ „Das unterliegt ebenſo wenig einem Zweifel, Ma⸗ dame,“ ſagte Tom,„als daß die junge Dame dort das Kind Ihrer Erziehung, nicht aber der Erziehung mei⸗ ner Schweſter iſt. Ruth, meine Liebe, ſetze Deinen Hut auf.“. „Junger Mann,“ legte ſich der Meſſing⸗ und Kupfer⸗ gießer ſtolz in's Wort,„wenn Sie mit dieſer Unver⸗ ſchämtheit, welche Ihnen angeboren iſt, und daher keine weitere Beachtung verdient, wenn Sie mit dieſer Un⸗ verſchämtheit behaupten wollen, daß die junge Dame, meine älteſte Tochter, von Jem wurde, als von Miß Pinch, ſo brauche ich nicht fortzu⸗ fahren. Sie verſtehen mich vollſtändig. Ich bezweifle nicht, daß Sie daran gewohnt ſind.“ was ich meine, ſo will ich es Ihnen ſagen. Wenn Sie aber den Sinn meiner Worte erfaſſen, ſo muß ich Sie bitten, ſich in Ihrer Antwort anders auszudrücken. Meine Meinung iſt, daß kein Menſch erwarten kann, das was er ſelbſt verachtet, werden ſeine Kinder achten.“ „Ha, ha, ha!“ lachte der Gentleman.„Geſchwätz! Geſchwätz! Das gewöhnliche Geſchwätz!“ „Eine gewöhnliche Wahrheit, Sir!“ entgegnete Tom. „Eine Wahrheit für den gewöhnlichſten Verſtand. Ihre Gouvernante kann das Vertrauen und die Achtung Ihrer Kinder nicht gewbinnen. Machen Sie mit Ihrer eigenen Achtung den Anfang, und dann ſehen Sie, was ge⸗ ſchehen wird.“ 8 249 „Miß Pinch holt wahrſcheinlich ihren Hut, meine Liebe?“ ſagte der Gentleman. „Ich hoffe ſo,“ erwiederte Tom, die Antwort nicht abwartend.„Ich zweifle nicht daran. In der Zwiſchen⸗ zeit wende ich mich aber an Sie ſelbſt, Sir. Sie haben ſich an mich gewendet und gewünſcht, Sir, mich zu die⸗ ſem Zwecke zu ſprechen, und ich habe daher ein Recht darauf zu antworten. Ich bin nicht laut und ungeſtüm,“ fuhr Tom fort(und das war auch vollkommen richtig), „obgleich dieß von der Art und Weiſe, mit der Sie mich angeredet haben, nicht geſagt werden kann. Hinſichtlich meiner Schweſter wünſche ich die einfache Wahrheit aus⸗ einander zu ſetzen.“ „Sie mögen auseinanderſetzen, was Sie wollen, junger Mann,“ entgegnete der Gentleman mit einem Afenarten Gaͤhnen.„Meine Liebe, das Geld für Miß inch.“ „Wenn Sie mir ſagen,“ fuhr Tom fort, welcher trotz ſeiner ſcheinbaren Ruhe ſehr entrüſtet war,„daß meine Schweſter nicht die Macht beſitzt, ſich die Achtung Ihrer Kinder zu verſchaffen, ſo muß ich Ihnen erwie⸗ dern, daß dieß die Wahrheit nicht iſt. Sie iſt ſo gut erzogen, ſo gut unterrichtet, und von Natur aus ſo gut geeignet, ſich Achtung zu verſchaffen, wie nur irgend eine Perſon, welche ſich dem Sklavendienſt einer Gouvernante unterwirft. Wenn Sie aber nur mit gewöhnlichem Men⸗ ſchenverſtande begabt ſind, wie können Sie da erwarten, daß Ihre Töchter ſie mit Achtung behandeln, wenn Sie ihr nicht einmal die Achtung der Dienſtboten des Hau⸗ ſes zu ſichern wiſſen.“ „Sehr gut! Auf mein Wort, das iſt ganz herrlich!“ rief der Gentleman. „Es iſt ſehr ſchlimm, Sir,“ ſagte Tom,„es iſt ſchlecht, gemein, niedrig und grauſam. Achtung! Ich glaube doch Kinder ſeyen klug genug, um zu ſehen und nachzuahmen, und warum oder wie ſollten ſie jemand achten, den Niemand achtet, den jedermann mit Gering⸗ 250 ſchätzung behandelt? Und gewiß müſſen Sie auch eine ſehr große Freude, eine ganz ausnehmende Freude an ihren Studien erhalten, wenn ſie bemerken, zu welcher Vollkommenheit ihre Gouvernaute es gebracht hat. Achtung, Sir! ſtellen Sie das Achtungswertheſte Ihrer Kinder ſo dar, wie Sie meine Schweſter darzuſtellen be⸗ liebten, und es wird, gleichviel was es iſt, in den Staub getreten werden.“ „Sie ſprechen mit außerordentlicher Unverſchämt⸗ heit, junger Mann,“ entgegnete der Gentleman. „Ich ſpreche ohne Leidenſchaft, aber mit äußerſter Entrüſtung und BVerachtung einer ſolchen Behandlung, und Aller, welche ſich eine ſolche zu Schulden kommen laſſen,“ ſprach Tom.„Wie können Sie, als ein ehrlicher Mann, ihr Mißvergnügen oder ihre Ueberraſchung dar⸗ über ausſprechen, daß Ihre Tochter meine Schweſter ein unbedeutendes, ein bettelhaftes Ding genannt hat, wenn Sie ihr daſſelbe, wenn auch mit andern Worten, füͤnfzigmal in ſprechender, rückſichtsloſer Weiſe zu ver⸗ ſtehen geben, und wenn ſogar Ihr Portier oder Ihr Bedienter gleich zarte Andeutungen gegen alle Beſuche ſich erlaubt? Was ferner Ihren Argwohn und Ihr Miß⸗ trauen gegen ſie oder ſogar gegen ihr Wort betrifft, ſo haben Sie kein RNecht, ſie demgemäß zu behandeln, ſelbſt wenn der Vorwurf gerechtfertigt wäre.“ „Kein Recht?“ ſchrie der Meſſing⸗ und Kupfer⸗ gießer. „Ganz gewiß nicht!“ antwortete Tom.„Wenn Sie glauben, daß eine gewiſſe jährliche Summe Ihnen die⸗ ſes Recht ertheile, ſo überſchätzen Sie den Werth Ihres Geldes ungeheuer, denn dieß iſt das unbedeutendſte in dem gegenſeitigen Vertrage. Sie können hierin bis auf eine halbe Sekunde pünktlich und doch bankerott ſeyn. Ich habe nichts weiter zu ſagen,“ fügte Tom bei, der nun ausgeſprochen hatte, glühend und verwirrt war, nals daß ich um die Erlaubniß bitte, in Ihrem Garten — po— —— —— 251 warten zu dürfen, bis meine Schweſter bereit ſeyn wird.“ Ohne die Genehmigung abzuwarten ging Tom weg. Er hatte noch nicht Zeit gehabt, ſich abzukühlen, als ſich ſeine Schweſter mit ihm vereinigte. Sie weinte; aber Tom konnte es nicht ertragen, daß es jemand vor dem Hauſe mit anſehe. „Man wird glauben, es thue Dir leid, hier weg⸗ gehen zu müſſen,“ ſagte Tom,„und das iſt doch nicht der Fall?“ „Nein, Tom, nein. Ich habe mich ſchon lange ge⸗ ſehnt, hier wegzukommen.“ „Nun wohlan, ſo weine nicht!“ entgegnete Tom. „Um Dich iſt es mir leid, mein Lieber,“ ſchluchzte Tom's Schweſter. „Wegen mir ſollteſt Du Dich freuen,“ ſagte Tom. „In Deiner Geſellſchaft werde ich mich doppelt glücklich fühlen. Trage Deinen Kopf aufrecht! So! Jetzt gehen wir hinaus, wie es uns geziemt. Nicht winſelnd, ſon⸗ dern feſt und voll Vertrauen auf uns ſelbſt.“ Unter allen Umſtänden wäre es eine Abgeſchmackt⸗ heit geweſen, zu glauben, daß Tom und ſeine Schweſter winſeln könnten; aber Tom fühlte das in ſeiner Auf⸗ regung nicht. Er trat durch das Gartenthor mit ſo fin⸗ ſterer Entſchloſſenheit in ſeinem Geſichte, daß ihn der Portier kaum wieder erkannte. Sie waren eine Strecke weit gegangen. Tom, der inzwiſchen ruhiger und gefaßter geworden, wurde nun durch ſeine Schweſter ganz zur Beſinnung gebracht, in⸗ dem dieſe mit ihrer lieblichen Stimme zu ihm ſagte: „Wohin gehen wir, Tom?“ „Ei du mein Himmel!“ verſetzte Tom, ſtehen blei⸗ bend.„Ich weiß es nicht.“ „Du weißt es nicht? Haſt Du denn keine Woh⸗ nung, mein Theurer?“ fragte Toms Schweſter, indem ſie ihn forſchend anblickte. „Nein,“ verſetzte Tom,„zur Zeit noch nicht. Ich 25⁵² bin dieſen Morgen erſt angekommen. Wir müſſen uns nun eine Wohnung ſuchen.“ Er ſagte ihr nicht, daß er bei ſeinem Freunde John habe wohnen wollen, und er konnte um keinen Preis daran denken, dieſem zwei Gäſte aufzubürden, von wel⸗ chen der eine noch überdieß ein junges Frauenzimmer war. Er wußte, daß ſie dadurch unruhig werden und ſich ſelbſt als eine Laſt für ihn betrachten würde. Auch mochte er ſie nicht irgendwo zurücklaſſen, während er zu John ginge, um dieſem den eingetretenen Wechſel zu erzählen. Denn er war zu zartfühlend, um den Ver⸗ dacht auf ſich zu laden, als mißbrauche er den edlen und wohlwollenden Charakter ſeines Freundes. Er wie⸗ derholte daher:„Wir müſſen natürlich eine Wohnung miethen,“ mit ſo mannhaftem Tone, als habe er den Wegweiſer zu allen zu vermiethenden Wohnungen Lon⸗ dons in der Taſche. „Wo ſollen wir uns umſehen?“ fuhr Tom fort. „Was denkſt Du?“ Toms Schweſter war in dieſem Punkte nicht klüger als er. Sie ließ aber ihre kleine Boͤrſe in ſeine Rock⸗ taſche gleiten, drückte die kleine Hand, mit der ſie es that, an die andere, mit der ſie ſeinen Arm umfaßt hielt, und ſagte nichts. „Es ſollte eine Wohnung nicht zu weit von London und in einer wohlfeilen Gegend ſeyn,“ meinte Tom. „Laß einmal ſehen! Glaubſt Du nicht, daß Islington ein guter Platz ſey?“ „Ich ſollte denken, er ſey ganz vortrefflich, Tom.“ „Früher hieß es das fröhliche Islington,“ ſagte Tom.„Vielleicht beſitzt es noch dieſelbe Eigenſchaft. Um ſo beſſer, wenn es ſo iſt. Was meinſt Du?“ „Wenn es dort nicht zu theuer iſt,“ ſagte Toms Schweſter. „Natürlich, wenn es nicht zu theuer iſt,“ ſtimmte Tom bei.„Nun, wo liegt Islington? Ich glaube, wir ——— —,⁊,,— * 2⁵³ können nichts beſſeres thun, als unverzüglich dahin zu gehen. Laß uns alſo eilen.“ Toms Schweſter würde ihm üͤberall hingefolgt ſeyn, und ſie gingen nun, Arm in Arm, in möglichſter Ge⸗ mächlichkeit weiter. Bald machten ſie die Entdeckung, daß ſich Islington nicht in dieſer Gegend befinde, Tom ſah ſich daher nach einem Omnibus um und fand auch bald einen. Auf der Fahrt waren ſie ſehr geſprächig. Tom berichtete, wie es ihm ergangen, Toms Schwe⸗ ſter erzählte ihre eigene kleine Geſchichte, und beide be⸗ merkten, daß ſie ſich viel mehr zu ſagen haben, als ſie Zeit hatten, denn ſie waren ſchon an dem Ziele ihrer Reiſe angelangt, nachdem ſie kaum glaubten, mit ihrem Geplauder angefangen zu haben. „Nun,“ ſagte Tom,„müſſen wir uns zuerſt einige von den anſpruchsloſeren Straßen ausſuchen, und dann nach den Zetteln in den Fenſtern ſehen.“ Sie gingen nun wieder zu Fuß, eben ſo glücklich, als wären ſie gerade aus einem eigenen, gemächlichen Häuschen getreten, um für jemand andern eine Wohnung zu ſuchen. Der Himmel weiß es, Toms Einfalt war ſtets die gleiche; aber wenn er Jemand hatte, der auf ihn vertraute, fühlte er ſich angeſpornt, auf ſich ſelbſt ein wenig mehr zu bauen, und ſo war er jetzt, ſeiner Meinung nach, ein ganz verzweifelter Burſche. Nachdem ſie ſtundenlang hin und her gegangen wa⸗ ren und mehrere Wohnungen beſehen hatten, fingen ſie an, ſich etwas müde zu fühlen, und zwar um ſo mehr, weil ſie nichts gefunden hatten, was ihrem Zwecke ent⸗ ſprach. Endlich entdeckten ſie doch in einem beſonders kleinen altmodiſchen Hauſe, welches in einer Sackgaſſe lag, zwei kleine Schlafzimmer und eine dreieckige Wohn⸗ ſtube, welche ihnen paſſend ſchienen. Ihr Wunſch, ſo⸗ gleich davon Beſitz zu nehmen, erſchien zwar etwas ver⸗ dächtig, doch wurde er nach Vorausbezahlung der erſten Wochenmiethe und durch eine Berufung auf John Weſtlock, Esquire, in Fournivals Inn, High⸗Holborn, gewährt. 254 Ach! es war ein köſtlicher Anblick, wie nach Beſei⸗ tigung dieſes wichtigen Punktes Tom und ſeine Schwe⸗ eer mit einer Art furchtſamen Entzückens über die un⸗ gewohnte Sorge für eine Haushaltung zu dem Bäcker, dem Fleiſcher und dem Gewürzhändler eilten, ſich ins Geheim über ihre kleine Beſtellungen beriethen, und bei dem mindeſten Anrathen von Seiten des Verkäufers in Verlegenheit kamen. Als ſte in die dreieckige Wohnſtube zurückkehrten, und Toms Schweſter in tauſend nichts⸗ ſagenden, angenehmen Beſchäftigungen hin und her trip⸗ pelte, zuweilen inne hielt, um den alten Tom zu füſſen, oder ihm zuzulächeln, da rieb ſich Tom ſo vergnügt die Hände, als ob ganz Islington ihm gehöre. Es war nun ſpät Nachmittags und für Tom die höchſte Zeit, ſei⸗ ner Beſtellung zu gedenken. Nachdem er mit ſeiner Schweſter einig geworden war, daß ſie in Berückſichti⸗ gung des verſäumten Mittagseſſens den ungeheuren Auf⸗ wand für ein paar Hammelsrippen, die um 9 Uhr des Abends geſpeist werden ſollten, wagen könnten, begab er ſich auf den Weg, um dieſe wunderbaren Ereigniſſe John mitzutheilen. „Da habe ich nun mit einemmale ein Hausweſen,“ dachte Tom.„Wie gemächlich könnte ich es Ruth und mir machen, wenn ich nur Beſchäftigung erhielte! Ach, dieſes Wenn! Doch es nützt nichts, wenn man den Muth verliert. Dazu iſt immer noch Zeit, wenn ich Alles vergeblich verſucht habe, und auch dann wird es wohl wenig helfen. Auf mein Wort,“ dachte Tom, indem er ſeine Schritte beſchleunigte,„John wird nicht wiſſen, was aus mir geworden iſt, und er wird wohl auf die Meinung gerathen, ich⸗ habe mich in einer von jenen Straßen verirrt, wo man die Leute vom Land mordet; er denkt vielleicht, daß ich ſchon zu einer Paſtete oder zu einem ähnlichen ſchrecklichen Dinge habe dienen müſſen.“ ——————, ——-——— 2⁵⁵ Zwölftes Kapitel. Tom Pinch verwirrt ſich und findet, daß er nicht allein in dieſer Lage iſt. Er rächt ſich an einem gefallenen Feinde. Sein böſer Genius führte Tom nicht in eine jener kannibaliſchen Paſtetenküchen, die, wie man in ſo vie⸗ len Büchern mit Volkslegenden leſen kann, in der Hauptſtadt ein ſo bedeutendes Geſchäft machen ſollen. Ebenſowenig hatte er die Beſtimmung, einem von je⸗ nen Beutelſchneidern, Taſchenſpielern oder ſonſtigen blutſcheuen Jaunern, die vielleicht der Polizei etwas beſſer bekannt ſind, zur Beute zu werden. Er gerieth in kein Geſpräch mit einem Gentleman, der ihn mit nach ſeinem Wirthshauſe nahm, um dort einen andern Gentleman zu finden, der ſich hoch und theuer vermaß, er habe mehr Geld als irgend ein Gentleman, bald nachher aber bewies, daß er wenigſtens mehr habe, als ein gewiſſer Gentleman, indem er dieſem das ſeinige abnahm. Ebenſowenig gerieth er in eine andere jener zahlreichen Menſchenfallen, welche auf den öffentlichen Plätzen der Hauptſtadt aufgeſtellt ſind, ohne daß man ſie bemerkt. Aber er verlor gleich anfangs ſeinen Weg, und indem er ihn wieder aufzufinden ſuchte, verlor er ihn mehr und mehr. Tom hielt ſich nun in ſeinem unſchuldigen Miß⸗ trauen gegen London für ſehr klug, daß er den Ent⸗ ſchluß gefaßt hatte, wenn er es vermeiden könne, nie⸗ mand um den Weg nach Fournivals⸗Inn zu fragen, es wäre denn, daß er in die Nähe der Münze oder der Bank von England komme. In dem letzteren Falle wollte er eintreten und ein paar höfliche Fragen ſtellen, denn er ſah hier einer höflichen Erwiederung zuverſichtlich entgegen. Er ging daher weiter, betrachtete alle Stra⸗ ßen in der Nähe, legte ſte halb zurück, gerieth aus Gos⸗ well⸗Street in Alderman Burg, verirrte ſich in Barbikan, 256 gelangte, weil er beharrlich auf der unrechten Seite des Londoner Wells blieb, in die Themſeſtraße und kam endlich durch einen Inſtinkt, welchem man eigent⸗ lich wunderbar hätte nennen können, wenn der Ort das Ziel ſeiner Reiſe geweſen wäre, hart bei dem Monumente an. Der Mann in dem Monumente war für Tom ein ebenſo geheimnißvolles Weſen, wie der Mann im Monde. Es fiel ihm augenblicklich bei, daß jenes einſame, wie ein alter Einſiedler hoch über der übrigen Menſchheit lebende Geſchöpf, der rechte Mann ſey, den er um den Weg befragen könne. Er war vielleicht kalt, ohne Theilnahme an menſchlichen Leidenſchaften. Die Säule ſchien zu hoch dafür, aber wenn die Wahrheit—(trotz der Wahrheit, welche Pope auf die Außenſeite deſſel⸗ ben gemacht hatte) nicht in der Baſis des Monumen⸗ tes lag, wo ſollte ſte denn noch, dachte Tom, in Lon⸗ don gefunden werden. . Als Tom an dem Pfeiler anlangte, gereichte es ihm zur großen Ermuthigung, daß der Mann im Mo⸗ numente auch ſeine einfachen Liebhabereien habe, und trotz ſeiner Wohnung im kunſtreichen Geſteine eine ländliche Erinnerung bewahrte. Er liebte Pflanzen, hielt Vögel in Käſtgen, war nicht ganz abgeſchnitten von Kreuzkraut und zog junge Baäͤume in Kübeln. Der Mann im Monumente ſelbſt ſaß vor der Thüre, vor ſeiner eigenen Thüre, vor der Monuments⸗Thüre— welch' ein großartiger Gedanke— und gähnte gerade ſo langweilig, als ob kein Monument da ſey, um ihm den Mund zu ſtopfen und ſeinem Daſeyn ein unauf⸗ hörliches Intereſſe zu geben.. Tom trat näher zu dieſem merkwürdigen Geſchöpfe, um über den Weg nach Fournivalls⸗Inn Erkundigun⸗ gen einzuziehen. Da kamen zwei Perſonen heran, um das Monument zu ſehen. Es war ein Gentleman und eine Dame. Der erſtere fragte: „Wie viel für die Perſon?“ 257 Der Mann im Monument verſetzte: „Einen Tanner.“ Das ſchien ein gemeiner Ausdruck in Vergleichung mit dem Monument. Der Gentleman zog einen Schilling heraus, und der Mann im Monument öffnete eine dunkle kleine Thüre. Sobald der Gentleman und die Dame den Blicken entſchwunden waren, ſchloß er wieder zu und kehrte langſam zu ſeinem Stuhle zurück. Er ſetzte ſich nieder und lachte. „Sie wiſſen nicht, wie viele Stufen es ſind,“ ſagte er,„es iſt zweimal das Geld werth, wenn man hier bleiben darf.“ Der Mann im Monumente war ein Cyniker, ein weltlichgeſinnter Menſch. Ihn konnte Tom nicht nach dem Wege fragen, denn er war entſchloſſen, keinem ſeiner Worte zu glauben. „O Himmel!“ rief hinter Herrn Pinch eine wohl⸗ bekannte Stimme,„wahrhaftig er iſt es!“ Zugleich fühlte er ſeinen Rücken von einem Son⸗ nenſchirm berührt; als er ſich umkehrte, um zu ſehen wer ihn ſo begrüße, erkannte er die älteſte Tochter ſei⸗ nes vormaligen Herrn. „Miß Pecksniff!“ rief Tom. „Ei du mein Gott, Herr Pinch,“ verſetzte Cherry, „was machen Sie denn hier?“ „ Ich bin ein wenig von meinem Wege abgekom⸗ men,“ entgegnete Tom,„ich....“ „Ich hoffe, Sie ſind entlaufen,“ erwiederte Cherry. „Es wäre ſehr muthig von Ihnen und auch ganz in der Ordnung, da ſich mein Papa ſo weit vergißt.“ „Ich habe ihn verlaſſen,“ ſagte Tom,„aber es geſchah in beiderſeitigem, gutem Einverſtändniſſe, ohne irgend eine Heimlichkeit.“ „Iſt er verheirathet?“ fragte Cherry und ihr Mund zuckte krampfhaft. Boz, Chuzzlewit. IV. 17 258 „Noch nicht,“ antwortete Tom erröthend.„Offen geſtanden, ich glaube auch nicht, daß es der Fall ſeyn wird, wenn... Miß Graham der Gegenſtand ſeiner Neigung iſt.“ „Ach, Herr Pinch,“ rief Cherry ungeduldig, Sie ſind gar zu leicht zu täuſchen, Sie wiſſen nicht, wel⸗ cher Kunſtgriffe ein ſolches Geſchöpf fähig iſt. O, die Welt iſt gottlos!“ „Sie ſind nicht verheirathet?“ fragte Tom, um das Geſprach auf einen andern Gegenſtand zu leiten. „Nein.... nein,“ ſagte Cherry, indem ſie mit der Spitze ihres Sonnenſchirmes Linien auf einem be⸗ ſondern Pflaſterſteine des Monumenthofs zog.„Ich.. doch wahrhaftig, es iſt unmöglich, Ihnen das zu erklä⸗ ren. Wollen Sie nicht mit hereinkommen?“ „Sie wohnen alſo hier?“ fragte Tom. „Ja,“ verſetzte Miß Pecksniff, indem ſie mit ih⸗ rem Sonnenſchirme nach Todgers Etabliſſement deutete. „Ich wohne bei dieſer Dame, wenigſtens vorerſt.“ Der Nachdruck, den ſie auf dieſes letzte Wort legte, zeigte Tom, daß man von ihm erwarte, er werde etwas darüber ſagen. Er erwiederte daher: „Nur vorerſt? Sie wollen vielleicht bald wie⸗ der nach Hauſe zurückkehren?“ „Nein, Herr Pinch,“ entgegnete Cherry,„nein, ich danke ſchön. Nein! Eine Stiefmutter, welche jün⸗ ger iſt als... ich wollte ſagen, welche faſt das gleiche Alter hat mit der Tochter, würde mir nicht zuſagen. Nicht ganz!“ fügte ſie mit einem hämiſchen Schau⸗ der bei. „Ich meinte nur, weil ſie von vorerſt ſprechen,“ bemerkte Tom. „Auf mein Wort, ich hätte mir wirklich nicht vor⸗ geſtellt, daß Sie mir wegen dieſes Ausdruckes ſo ſcharf zu Leibe gehen würden,“ erwiederte Cherry erröthend, „ſonſt würde ich nicht ſo thöricht geweſen ſeyn, darauf — 1 anzuſpielen. Ja wahrhaftig! Wollen Sie nicht mit hereinkommen?“ Um ſich zu entſchuldigen, bemerkte Tom, daß er nach Fournvalls Inn beſtellt worden, daß er übrigens von Islington aus eine falſche Richtung eingeſchlagen habe und an das Monument, ſtatt an den Ort des Stelldicheins gekommen ſey. Miß Pecksniff zögerte auf ſeine Frage, ob ſie den Weg nach Fournvalls Inn wiſſe, ſehr lange und fand endlich den Muth zu antworten:. „Ein Gentleman, der ein Freund von mir iſt— ich will nicht gerade ſagen ein Freund— o, auf mein Wort, ich weiß kaum, was ich ſage, Herr Pinch, denn Sie dürfen nicht glauben, daß ein Verhältniß zwiſchen uns beſteht, oder wenn es auch der Fall wäre, ſo iſt doch die Sache bis jetzt nicht ausgemacht— doch, wie dem ſey, dieſer Gentleman geht, wie ich glaube, wegen einer kleinen Geſchäftsſache unmittelbar nach Fourn⸗ valls Inn, und ich bin überzeugt, daß er ſich freuen würde, Sie zu begleiten, damit Sie ſich nicht noch einmal verirren. Uebrigens werden Sie beſſer thun, hineinzugehen, Sie finden wahrſcheinlich meine Schwe⸗ ſter Merry dort,“ fügte ſie mit einem eigenen Aufwer⸗ fen des Kopfes und einem Lächeln hinzu, welches nichts weniger als angenehm war. „Dann will ich es, meine ich, lieber verſuchen, meinen Weg allein zu finden,“ entgegnete Tom,„denn ich fürchte, daß es ihr nicht ſehr angenehm ſeyn möchte, mich zu ſehen. Der unglückliche Vorfall, über welchen wir ein paar vertrauliche Worte heimlich mit einander verhandelten, wird ihr wahrſcheinlich nicht das freund⸗ ſchaftlichſte Gefühl gegen mich eingeflößt haben, obgleich ich wahrhaftig keine Schuld daran trage.“ „Sie können ſich darauf verlaſſen, daß ſie nie da⸗ von gehört hat,“ verſetzte Cherry, indem ſie die Mund⸗ winkel in die Höhe zog und Tom zunickte.„Wenn es 17* aber auch der Fall wäre, ſo glaube ich doch nicht, daß ſte darum einen großen Groll gegen Sie hegen würde.“ „Was Sie ſagen!“ rief Tom, welcher ſich für dieſe Mittheilung fehr intereſſirte. „O, ich ſage nichts,“ entgegnete Cherry.„Wenn ich nicht bereits zuvor gewußt hätte, was an ſich ſchon Erſchütterndes um Hinterliſt und Betrug iſt, Herr Pinch, ſo hätte ich es vielleicht aus dem Erfolge er⸗ ſehen können, ich ſage, aus dem Erfolge.“ Sie lächelte wieder wie zuvor und fuhr dann fort:„Aber ich will nichts geſagt haben— im Gegentheile, das wäre mir zu gemein. Aber ſo kommen Sie doch mit!“ Hier war etwas, was Toms Intereſſe feſſelte und ſein gefühlvolles Herz beunruhigte. Als er, einen Au⸗ genblick unentſchloſſen, Cherry anſah, fiel es ihm auf, daß in ihrem Geſichte ein Gefühl des Triumphs mit dem der Schaam kämpfte; auch entging ihm nicht, daß ſie, ungeachtet des milzſüchtigen Trotzes ihres Weſens, ihre Augen niederſchlug, als dieſe ſeinem Blicke begeg⸗ neten. Ein unruhiger Gedanke tauchte in Toms Kopfe auf. Eine dunkle Ahnung, daß die veränderten Be⸗ ziehungen zwiſchen ihm und Pecksniff irgendwie ein Mißverſtändniß hinſichtlich anderer Perſonen enthüllen und ihm über Vieles, was er bisher nur beargwohnt hätte, Einſicht verſchaffen würde. Dennoch konnte er Miß Pecksniff’s Benehmen nicht deuten. Natürlich fiel ihm nicht ein, daß er bei der ihr zugefügten Kränkung Zeuge geweſen ſey, daß ſie alſo darum entzückt nach jeder Gelegenheit griff, um ihrer Schweſter ein Leid zu bereiten, daß ſie darum dieſen Zeugen jetzt auch in ihr weit tieferes Elend ſchauen ließ, denn er wußte von nichts, und dachte ſich Miß Merry noch als daſ⸗ ſelbe ſchwindelköpftge, leichtfertige Weſen, welches ſie ſtets geweſen, welches noch dieſelbe Geringſchätzung ge⸗ gen ihn hege, die zu verbergen ſie ſich nie Mühe ge⸗ geben hatte. Kurz, er hatte nur eine verwirrte Vor⸗ ſtellung, daß Miß Pecksniff nicht freundſchaftlich oder 3* aß 2.“* ür +— 8—— 8 *⅛ðU A V V — 261 ſchweſterlich handle; um hierin klar zu ſehen, entſprach er ihrem Wunſche und begleitete ſie. Die Hausthüre wurde geöffnet und Miß Pecksniff— ging nach dem Beſuchszimmer voran, Tom aufeordernd, ihr zu folgen. „O Merry,“ ſagte ſie zu der Thüre hineinſehend,„es freut mich ungemein, daß Du nicht nach Hauſe gegangen biſt. Rathe doch, wen ich auf der Straße getroffen und zu Dir hergebracht habe? Herrn Pinch! Nun, das wird Dich zuverläſſig ſehr überraſchen!“ Sie war nicht ſo ſehr überraſcht, wie Tom, als er ſah; nein, nicht ſo ſehr überraſcht, nicht halb ſo ſehr. „Herr Pinch hat den Papa verlaſſen, meine Liebe,“ fuhr Cherry fort, und ſeine Ausſichten ſind nun ganz glänzend. Ich habe ihm verſprochen, daß Auguſtus, welcher in ſeiner Richtung geht, ihn nach dem Orte be⸗ gleiten ſoll, den er aufſucht. Auguſtus, mein Kind, wo ſind Sie?“. Dieſe letzten Worte waren eine Beſchwörungs⸗ formel, die dem Herrn Auguſtus Moddle galt. Miß Pecksniff entfernte ſich darauf aus dem Zimmer und ließ Tom Pinch mit ihrer Schweſter allein. Wenn ſie ſtets ſeine gütige Freundin geweſen wäre, wenn ſie ihn während der ganzen Zeit ſeines Dienſt⸗ verhältniſſes mit ſo viel Rückſicht behandelt hätte, wie ſie nie ein armer Kämpfender genoß, wenn ſie ihm jeden Augenblick der vielen Jahre erleichtert, ihn ſtets geſchont, ihn nie verletzt hätte, ſo hätte ſein ehrliches Herz nicht von tiefer Mitleide gegen ſie ergriffen werden können, ſein Sinu würde freier, von allen bittern Rück⸗ blicken geweſen ſeyn. „Ach, Du mein Himmel!“ begann ſie,„wahrhaftig Sie ſind die allerletzte Perſon in der Welt, die ich zu ſehen gehofft hätte.“ 3 Tom bedauerte, ſie in ihrer alten Weiſe ſprechen zu hören; denn das hatte er nicht erwartet, Dennoch fand er es ganz in der Ordnung, ſie zu bemitleiden, denn es ſchien ihm ja ganz natürlich, ſte zu bedauern, da er ſie ſo ganz verändert, und doch in ihrer Sprache noch ganz ſo wie früher fand. „Es wundert mich, daß Sie ein Gefallen daran finden können, mich zu beſuchen, und ich kann mir nicht denken, wie Ihnen dieſes in den Kopf kam. Ich habe mir aus Ihnen nie viel gemacht und denke, wir haben zu keiner Zeit viele Liebe gegen einander gehegt, Herr Pinch.“ Während ſie ſo ſprach, machte ſte ſich viel mit den Bändern ihres Huts zu ſchaffen, der neben ihr auf dem Sopha lag. Weit mehr, als daß ſie wiſſen konnte, was ihre Finger begannen. „Wir haben noch nie einen Streit mit einander ge⸗ habt,“ ſagte Tom, und er hatte hierin vollkommen Recht, denn eine Perſon allein, ohne einen Gegner, kann keinen Streit anfangen, ſo wenig als man allein Schachſpielen, oder ſich allein duelliren kann.„Ich hoffte, Sie würden ſich freuen, einem alten Bekannten die Hand zu reichen. Laſſen Sie uns nicht vergangene Dinge wieder auf⸗ rühren,“ fügte Tom bei,„und wenn ich Sie je beleidigt habe, ſo verzeihen Sie mir.“ Sie blickte ihn für einen Augenblick an, ließ dann den Hut aus ihren Häuden fallen, breitete dieſe vor ihr aufgeregtes Geſicht und brach in Thränen aus. „O, Herr Pinch,“ ſagte ſte,„obwohl ich Sie nie zum Beſten behandelte, ſo glaube ich doch, daß Sie ein verſöhnliches Gemüth haben. Ich dachte nicht, daß Sie auch grauſam ſeyn können.“ Jetzt ſprach ſie ſo wenig, wie ihr altes Selbſt, ſo wenig, als Tom möglicher Weiſe nur wünſchen konnte. Aber ſie ſchien ihm einen flehentlichen Vorwurf zu machen, und er verſtand ſie nicht. „Ich weiß, daß ich es mir nie anmerken ließ, aber ich hatte ein ſolches Vertrauen auf Sie, daß ich zuver⸗ läſſig Ihren Namen genannt haben würde, wenn man 263 mich nach einer Perſon gefragt hätte, welche ich am wenigſten rachgierig gegen mich glaube.“ „Sie würden meinen Namen genannt haben?⸗ ent⸗ gegnete Tom. „Ja,“ ſagte ſie nachdrucksvoll,„und ich habe oft daran gedacht.“ Tom ſetzte ſich nach einer kurzen Ueberlegung an ihrer Seite auf einen Stuhl nieder. „Meinen Sie,“ ſagte Tom„oder können Sie nur einen Augenblick denken, daß ich meine Worte je anders meinte, als wirklich in denſelben lag? Wenn ich Sie aber je beleidigt habe, ſo verzeihen Sie mir, denn es iſt möglich, daß ich es oft gethan habe. Sie haben mich nie gekränkt. Wie ſollte ich alſo an Ihnen eine Rache nehmen können, ſelbſt wenn ich erbärmlich genug wäre, etwas Derart zu wünſchen.“ Nach einem Augenblicke dankte ſie ihm unter Thrä⸗ nen und Schluchzen und ſagte ihm, daß ſie, ſeit ſie die Heimath verlaſſen, nie ſo ſchmerzlich ergriffen, aber auch nie ſo getröſtet ſich gefühlt habe. Doch weinte ſie im⸗ mer noch bitterlich, und es war um ſo ſchmerzlicher für Tom, ihre Thränen mit anzuſehen, als ſie eben jetzt der Theilnahme und der Zärtlichkeit beſonders bedurfte. „Kommen Sie, kommen Sie,“ ſagte Tom,„Sie waren doch ſonſt ſtets ſo heiter, als der Tag lang war?“ „Ach ſonſt!“ rief ſie in einem Tone, der tief in Tom's Herz ſchnitt. „Und es wird wiederkommen,“ ſagte Tom. „Nein, niemehr. Nein, nie, niemehr! Wenn Sie je mit dem alten Heren Chuzzlewit zu ſprechen kommen,“ fügte ſie bei, indem ſie ihm haſtig in's Geſicht blickte, denn es kam ihr bisweilen vor, er liebe ſie, wolle es aber nicht meren laſſen;„wenn Sie alſo mit ihm zu ſprechen kommen, ſo ſagen Sie ihm, verſprechen Sie mir das, daß Sie mich hier geſehen haben, und daß ic Ihnen mitgetheilt, was er im Kirchhofe mit mir 264 geſprochen, ſey unauslöſchlich in mein Gedächtniß ein⸗ geprägt.“ Tom verſprach, es zu thun. „Oft habe ich mir ſeitdem ſeine Worte in's Ge⸗ dächtniß gerufen und gewünſcht, dort begraben zu lie⸗ gen. Ich wünſche, daß er erfährt, wie wahr er geſpro⸗ chen, obgleich ſonſt nie das geringſte Zugeſtändniß über meine Lippen kam oder kommen wird.“ Tom verſprach auch bedingungsweiſe. Er wollte ihr aber nicht ſagen, wie unwahrſcheinlich es ihm vor⸗ komme, daß er je mit dem alten Manne wieder zuſam⸗ mentreffen werde, denn er fürchtete, ſie möchte ſich noch mehr betrüben. „Wenn er es durch Sie erfährt, theurer Herr Pinch,“ ſagte Merry,„ſo bemerken Sie ihm, daß ich es ihm nicht um meinetwillen ſagen laſſe, ſondern nur darum, damit er nachſichtiger, geduldiger und ver⸗ trauungsvoller gegen andere Menſchen werde, die ſich in ſolchen oder andern Nöthen befinden. Sagen Sie ihm nur, daß ſein eigenes Herz im Mitleide für mich geblutet haben würde, wenn er es hätte ahnen können, wie das meinige damals auf der Wagſchaale zitterte, und wie wenig, wie gar wenig dazu gehört haben würde, die Schaale anders zu wenden.“ „Jn, ja, ich will,“ ſagte Tom. 3 „Als ich ihm ſeiner Hülfe am unwürdigſten ſchien, war ich am meiſten geneigt, dem zu folgen, was er mir zeigte; ja, ich weiß, es iſt ſo, denn ich habe ſeitdem oft, ſehr oft daran gedacht. O, wenn er mir nur noch eine Viertelſtunde mehr an das Herz geſprochen, wenn er ſich nur noch eine Viertelſtunde in meinen Weg gewor⸗ fen, wenn er ſein Mitleid für ein eitles, gedankenloſes, elendes Mädchen nur noch auf die kürzeſte Friſt er⸗ ſtreckt hätte, ſo würde er ſie gerettet haben, ich glaube es ganz gewiß. Sagen Sie ihm, daß ich ihm keinen Vorwurf mache, daß ich ihm vielmehr für ſeine Be⸗ mühungen danke; aber bitten Sie ihn zugleich um Got⸗ 265 tes Liebe willen, barmherzige Nachſicht zu haben mit der Jugend, mit dem Kampfe, der je ein übel berathe⸗ nes und unachtſames Weſen verſuchte, um die Kraft zu verbergen, die es für Schwäche hielt— bitten Sie ihn, daß er dieſes nie, nie vergeſſe, wenn ihm wieder ein ähnlicher Fall aufſtoßen ſollte.“ Obgleich Tom den Schlüſſel zum vollſtändigen Verſtehen dieſer Worte nicht hatte, konnte er doch ihren Sinn ſo ziemlich errathen. Bis in's Innerſte gerührt, ergriff er ihre Haud und ſagte ihr, oder wollte ihr doch ſagen, einige Worte des Troſtes. Sie verſtand und fühlte ſie, mochten ſie nun geſprochen ſeyn oder nicht. Er konnte ſich hernach nicht ganz mehr erinnern, ob ſie nicht verſucht habe, zu ſeinen Füßen niederzuknieen und ihn zu ſegnen. Als ſie ſich entfernt hatte, fand er, daß er nicht allein im Zimmer war. Frau Todgers war gegenwär⸗ tig und ſchüttelte den Kopf. Es iſt kaum nöthig, zu ſagen, daß Tom Frau Todgers nie geſehen hatte, in⸗ deſſen dachte er ſich doch, ſie müßte die Dame des Hau⸗ ſes ſeyn, und da er jetzt Theilnahme in ihren Augen las, ſo hatte ſie auch ſchnell ſeine gute Meinung ge⸗ wonnen. „Ach, Sir, Sie ſind ein alter Freund, wie ich ſehe,“ ſagte Frau Todgers. „Ja,“ erwiederte Tom. „Und dennoch,“ fuhr Frau Todgers fort, indem ſie leiſe die Thüͤr ſchloß,„wird ſie Ihnen zuverläſſig nicht geſagt haben, worin ihre Leiden beſtehen.“ Tom war betroffen, denn die Worte enthielten völlige Wahrheit. Er erwiederte: „In der That, ſie hat mir nichts geſagt!“ „Und ſie wird Ihnen auch nie etwas mittheilen,“ verſetzte Frau Todgers,„wenn Sie auch täglich mit ihr zuſammentreffen würden. Sie läßt gegen mich nie die mindeſte Beſchwerde laut werden, nie eine Sylbe der Erklarung oder Klage vernehmen. Aber ich weiß 266 es dennoch,“ ſagte Frau Todgers, indem ſie den Athem an ſich hielt.„Ich weiß es dennoch.“ Tom nickte bekümmert, und erwiederte: „Ich auch.“ „Ich glaube feſt,“ ſagte Frau Todgers, indem ſie ihr Taſchentuch aus dem flachen Strickbeutel hervor⸗ langte,„daß Niemand auch nur die Hälfte von dem erzählen kann, was dieſes arme junge Geſchöpf durch⸗ zumachen hat. Obgleich ſie ohne Unterlaß hierher kommt, um ihr armes volles Herz zu erleichtern, und weinend in der Ecke ſitzt, bis der Anfall vorüber iſt, und dabei ſagt:„Frau Todgers, ich bin heute ſehr niedergeſchla⸗ gen, ich wollte, daß ich in meinem Grabe läge, ſo weiß ich doch weiter nichts von ihr; das iſt Alles, was ich in meinem Zimmer von ihr vernehme. Und ich glaube doch,“ fügte ſie bei, indem ſie ihr Tuch wieder einſteckte,„daß ſie mich als eine gute Freundin betrachtet.“ Frau Todgers hätte ſagen können: ihre beſte Freun⸗ din. Die Gentlemen vom Handelsſtand und die Fleiſch⸗ brühe hatten zwar ſchwer auf Frau Todgers Gemüth gewirkt, und ſie dachte faſt an nichts als an Erwerb, der übrigens in ihrem Falle von ſo geringer Bedeutung war, daß man ſie wohl entſchuldigen konnte, wenn ſie ſcharf auf demſelben ſah, damit er ihren Blicken nicht ganz entſchwinde. Aber in irgend einer Niſche von Frau Todgers Bruſt, manche Treppe hoch, und in einer leicht zu überſehenden verborgenen Ecke, befand ſich eine geheime Thür, mit der Aufſchrift: Weib, und als Merry bie eder berührte, flog ſie weit auf und gewährte gern Schutz. 5 Wenn die Koſthausrechnungen mit allen andern Hausbüchern verglichen und die Bilanzen des außzeich⸗ nenden Engels für immer abgeſchloſſen werden, mag ſich vielleicht ein Betrag zu deinem Vortheile, gute Frau Todgers, finden, der dich trotz deiner Magerkeit ſchön macht!— 8 Sie war auch bald in Toms Augen ſchön gewor⸗ m )⸗ NR — ðn-— — 267 den, denn er ſah, daß ſie arm ſey, und daß dieſe gute Seite, trotz des ſchmutzigen Ringens nach dem Lebens⸗ unterhalte, ſich trefflich hätte entfalten können, und viel⸗ leicht eine Minute noch, und ſie wäre zu einer wahren Venus geworden— aber da trat nun Miß Pecksniff mit ihrem Freunde ein.. „Herr Thomas Pinch,“ ſagte Charrity, welche mit augenſcheinlichem Stolze das Amt eines Ceremonienmei⸗ ſters erfüllte.„Herr Moddle: Wo iſt meine Schweſter?“ „Fort, Miß Pecksniff,“ erwiederte Frau Todgers, „ſie muß zur beſtimmten Zeit zu Hauſe ſeyn.“ „Ach,“ ſeufzte Charrity, auf Tom blickend,„ach, du mein Gott! „Sie hat ſich ſehr verändert, ſeit ſie einen andern... ſeit ſie verheirathet iſt,— Frau Todgers,“ bemerkte Moddle.“ „Mein theuerer Auguſtus,“ ſagte Miß Pecksniff mit leiſer Stimme,„ich glaunbe wahrhaftig, daß Sie dieſes ſchon fünfzigtauſendmal in meiner Gegenwart ge⸗ ſagt haben. Wie proſaiſch Sie ſind.“ Jetzt folgten einige unbedeutende Liebesſcenen, welche augenſcheinlich von Miß Pecksniff ausgingen, wenn man nicht ſagen will, ganz von ihr durchgeführt wurden. Jedenfalls war Herr Moddle weit langſamer in ſeiner Erwiederung, als dieſes gewöhnlich bei jungen Liebha⸗ bern der Fall iſt, und er trug eine Geiſtesträgheit zur Schau, welche wahrhaft niederdrückend war. Es wurde auch nicht beſſer, als Tom mit ihm auf der Straße war, denn er ſeufzte ſo unheimlich, das es entſetzlich war, ihn anzuhören. Um ihn etwas aufzu⸗ heitern, ſagte ihm Tom, daß er ihm viel Vergnügen wünſche. „Vergnügen!“ rief Moddle„ha, ha!“ „Welch ein außerordentlicher junger Mann!“ dachte Tom. „Der Verächter hat ſein Siegel noch nicht auf Sie 268 gedrückt. Sie bekümmern ſich wohl noch darum, was aus Ihnen werden wird?“ ſagte Moddle. Tom gab zu, daß er hieran allerdings ein Intereſſe finde. „Ich nicht,“ fagte Moddle.„Die Elemente können mich haben, wenn es ihnen beliebt. Ich bin bereit.“ Tom ſchloß aus dieſen und andern Ausdrücken, daß er etwas eiferſüchtiger Natur ſey, darum ließ er ihn ſeinen eigenen Weg gehen, dieſer war aber ſo düſter, daß es Herr Pinch vorkam, ſeinem Herzen ſey eine ſchwere Laſt entnommen, als ſte ſich an dem Thore von Furnivalls Inn tronnten. Die Eſſenszeit John Weſtlorks war ſchon ein paar Stunden vorüber, angſtlich beſorgt für Tom's Sicher⸗ heit, ging er unruhig im Zimmer auf und ab. Der Tiſch war gedeckt, der Wein war ſorgfältig in Flaſchen abgezogen, und das Eſſen duftete köſtlich. „Tom, Knabe, wo in aller Welt ſind Sie ge⸗ weſen? Ihr Kaffee iſt hier, ziehen Sie Ihre Stiefeln jetzt aus und ſetzen Sie ſich nieder.“ „Es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß ich nicht bleiben kann, John,“ entgegnete Tom Pinch, der von der Haſt, mit welcher er die Treppe heraufeilte, noch ganz außer Athem war. „Wie Sie können nicht bleiben?“„Wenn Sie mit Ihrem Eſſen fort machen wollen,“ eerwiederte Tom,„ſo will ich Ihnen meine Gründe angeben. Ich ſelbſt kann nicht eſſen, damit ich mir den Appetit für die Rippchen nicht verderbe.“ „Es ſind keine Rippchen da, mein guter Freund.“ „Nein, aber in Islington gibt es deren,“ ſagte Tom. John Weſtlock war über dieſe Erwiederung ganz verblüfft und vermaß ſich hoch und theuer, er werde nicht eher einen Biſſen anrühren, bis ſich Tom voll⸗ ſtändig erklärt habe. 269 Herr Pinch ſetzte ſich daher nieder und erzählte ihm Alles, und John hörte ihm mit dem größten Intereſſe zu. Er kannte Tom zu gut und achtete ſein Zartgefühl zu ſehr, um ihn zu fragen, warum er dieſe Maßregel getroffen habe, ohne zuvor mit ihm Rückſprache genom⸗ men zu haben. Auch er war der Anſicht, daß Toms Rückkehr zu ſeiner Schweſter unverweilt Statt haben müſſe; da er den Ort, an welchen er ſie gelaſſen, ſo wenig kenne. Er machte ihm den Vorſchlag, ihn in einem Cabriolet zu begleiten, auf welchem dann der Koffer mitgenommen werden könne. Toms Einladung zum Nachteſſen wies er zurück, verſprach aber am näch⸗ ſten Tage zu kommen. „Und nun Tom,“ ſagte er im Fortfahren,„habe ich eine Frage an Sie zu ſtellen, auf die ich eine männ⸗ liche und offene Antwort erwarte. Brauchen Sie Geld? Ich bin gewiß, daß Sie deſſelben bedürfen.“ „Nein, gewiß nicht,“ verſetzte Tom. „Ich glaube, Sie täuſchen mich.“ „Nein, ich bin Ihnen zwar ſehr verbunden für Ihr Anerbieten, aber ich ſpreche in vollkommenem Ernſte. Meine Schweſter hat einiges Geld und ich auch, wenn aber auch dieſes ausgehen ſollte, John, ſo habe ich eine Fünfpfundnote, welche mir jenes gute Geſchöpf, Frau Lupin, die Wirthin zum Drachen, in einem Brieſe auf meinem Kutſchbock mit der Bitte hinaufbot, ſie als Darlehen anzunehmen. Dann fuhr ſie ſo ſchnell fort, als ſie nur konnte.“ „Segen über jedes Grübchen in ihrem ſchönen Ge⸗ ſichte, ſage ich,“ rief John,„obgleich ich nicht weiß, warum Sie ihr den Vorzug vor mir einräumen. Doch gleichviel, ich harre meiner Zeit, Tom.“ „Und ich hoffe, daß Sie fortfahren, derſelben zu harren,“ erwiederte Tom fröhlich,„denn ich ſchulde Ih⸗ nen in hundert andern Weiſen ſchon mehr Geld, als ich je hoffen kann zu bezahlen.“ Sie trennten ſich an der Thüre von Toms neuer 270 Wohnung. John Weſtlock blieb in dem Cabriolet ſitzen; als er aber ein blühendes, ſchönes Geſchöpſchen gewahr wurde, welches herausſtürzte, um Tom zu küſſen, und ihm bei dem Koffer zu helfen, würde er nicht das Min⸗ deſte dagegen eingewendet haben, wenn er den Platz mit ihm hätte wechſeln können. Sie war aber auch ein ſo heiteres, kleines Ding und hatte eine ſo nette, ſtrahlende Ruhe an ſich, daß man ihr nur mit Entzüͤcken zuſehen konnte. Sicher war ſie die beſte Sauce, die nur je für Hammelsripp⸗ chen erfunden werden konnte. Die Kartoffeln ſchienen eine Luſt daran zu haben, ihren dankbaren Dampf vor ihr aufſteigen zu laſſen, und der Schaum auf der Pinte Porter ziſchte, um die Aufmerkſamkeit auf ſich zu zie⸗ hen. Aber Alles war vergeblich. Sie ſah nichts als Tom. Tom war ihr das erſte und letzte Ding der Welt. Als ſie beim Abendeſſen Tom gegenüber ſaß, lächelnd in ſein Geſicht blickte und einer ſeiner Lieblingsweiſen auf dem Tiſchtuche fingerte. fühlte er ſich ſo glucklich, wie noch nie in ſeinem Leben. Dreizebntes Kapitel. Geheimer Dienſt. Als Tom Pinch mit ſeinem ſentimentalen Freund von der City aufgebrochen war, hatte er Herrn Nad⸗ gett, dem geheimnißvollen Mann von der Anglo⸗Ben⸗ galiſchen uneigennützigen Lebens⸗ und Anlehenscompag⸗ nie in's Geſicht geſehen, und an deſſen fadenſcheinigen Aermel angeſtreift. Herr Nadgett dachte nicht mehr an denſelben, ſobald er ſeinem Blicke entſchwunden war, denn er kannte ihn nicht und hatte ſeinen Namen nie gehört.. 8 — 271 Wie es in der ungeheuern Hauptſtadt England's eine Unſumme von Menſchen gibt, welche jeden Morgen aufſtehen, ohne zu wiſſen, wo ſie am Abende ihr Haupt niederlegen ſollen, ſo gibt es auch viele, deren Geſchäft darin beſteht, Pfeile über die Häuſer wegzuſchießen, ohne zu wiſſen, auf wen ſie fallen. Herr Nadgett hätte viel⸗ leicht zehntauſendmal an Tom Pinch vorbeikommen oder mit ſeinem Geſichte, ſeinem Namen, ſeinem Treiben, und ſeinem Charakter vollkommen vertraut ſeyn können, aber nie wäre es ihm eingefallen, daß Tom je Inte⸗ reſſe an einer ſeiner Handlungen oder an einem ſeiner eheimniſſe nehmen könne. Bei Tom fand naturlich daſſelbe ſtatt. Dennoch war in dem nämlichen Augen⸗ blicke derſelbe Privatmann für beide ein Gegenſtand wichtigen Intereſſes; er ſtand, obgleich in ganz verſchiedener Weiſe,mit ihren Tagesabentheuern in beſonderer Verbindung und bildete, als ſie an der Straße an einander vorüber⸗ gingen, den ausſchließenden Gegenſtand ihrer Gedanken. Warum ſich Tom mit Jonas Chuzzlewit beſchäf⸗ tigte, bedarf keiner weitern Aufklärung. Warum Herr Nadgett ſich mit Herrn Jonas Chuzzlewit beſchäftigte, iſt ein ganz anderer Fall. Auf die eine oder die andere Weiſe war jene lie⸗ benswürdige Weiſe ein Theil des Geheimniſſes von Herrn Nadgetts Eriſtenz geworden. Herr Nadgett in⸗ tereſſirte ſich für die leichteſten Bewegungen des Herrn Chuzzlewit, ohne je davon abzulaſſen, oder darin ſaum⸗ ſelig zu werden. Er beobachtete ihn, in⸗ und außer⸗ halb des Aſſekuranzbureaus, in welchem Jonas nun förmlich als Director angeſtellt war, er folgte ihm Schritt für Schritt in den Straßen, er blieb lauſchend ſtehen, wenn er ſprach. Er trug, wenn er in dem Kaſſenzim⸗ mer ſaß, deſſen Namen wiederholt in das große Ta⸗ ſchenbuch ein; er ſchrieb ſich ununterbrochen Briefe über denſelben Gegenſtand und warf ſie, wenn er ſte in ſeiner Taſche fand, mit ſolch mißtrauiſcher Vorſicht in's Feuer, daß er ſich niederbeugte, um die zerfallene Aſche zu beobachten, als fürchte er, das darin beſindliche Ge⸗ heimniß könnte zu dem Schornſtein hinausfliegen. Und doch war Alles dieß ein Geheimniß. Wie eifrig Jonas von Nadgett beobachtet wurde, ſo dachte er doch ſo wenig daran, daß die Augen dieſes Menſchen ihn verfolgen, ſo wenig, als er daran dachte, daß er der täglichen Inſpection und den Berichten des geſamm⸗ ten Jeſuitenordens anheimgefallen ſey. Man ſah auch in der That Herr Nadgetts Augen ſelten auf etwas an⸗ deres als auf den Boden, auf die Uhr, oder auf das Feuer gerichtet; aber dennoch ſah er ſo viel, als wenn jeder Knopf ſeines Rocks ein Auge geweſen wäre. Die heimliche Weiſe des Mannes entfernte allen Argwohn, denn es gewann den Anſchein, daß nicht er ein Beobachter ſey, ſondern beobachtet zu ſeyn glaube. Er ging ſo verſtohlen umher, er hüllte ſich ſo dicht in ſich ſelbſt, daß der ganze Zweck ſeines Lebens der zu ſeyn ſchien, Aufſehen zu vermeiden und ſein eigenes Ge⸗ heimniß zu bewahren. Jonas ſah ihn bisweilen in der Straße oder in dem Bureau, wo er auf den Mann wartete, der nie kam, und bemerkte, daß er mit ſeinem unbeweglichen Geſichte und dem hängenden Kopfe da⸗ vonſchlich, während der eine Biberhandſchuh vor ihm her bimmelte. Uebrigens hätte er eben ſo leicht gedacht, das Kreuz auf St. Pauls Kathedrale gehe ſeinem Trei⸗ ben auf die Spur, oder ſchlinge langſam ein großes Netz um ſeine Füße, als daß er Nadgett in ſolch einer Beſchäftigung geglaubt hätte. Herr Nadgett nahm um dieſe Zeit einen geheim⸗ nißvollen Wechſel in ſeinem geheimnißvollen Leben vor; denn während man ihn bisher jeden Morgen ganz ge⸗ nau ſo wie den Nadgett des vorigen Tages von Corn⸗ hill herunterkommen geſehen hatte, daß man glauben mochte, er gehe nie zu Bette und lege ſeine Kleider nie ab, ſo ließ er ſich nun, von Kingsgate⸗Street kom⸗ mend, zuerſt in Holborn blicken. Bald entdeckte man auch, daß er jeden Morgen in eine Barbierſtube jener 4 ————— —.—— ——— 273 Straße gehe, um ſich raſiren zu laſſen, und daß der Name dieſes Barbiers Swedlepipe war. Er ſchien mit dem Manne, der nie kam, Verabredungen zu tref⸗ fen, um bei dem Barbier mit ihm zuſammen zu kom⸗ men, denn er pflegte oft lange in dem Laden zu war⸗ ten, ließ ſich Feder und Tinte geben, zog ſein Taſchen⸗ buch hervor und war ſtundenlang ſehr eifrig damit beſchäftigt. Mrs. Gamp und Herr Swedlepipe beſprachen ſich oft angelegentlich über dieſen geheimnißvollen Kunden, ſie kamen aber gewöhnlich in dem Schluſſe überein, daß er wahrſcheinlich zu viel ſpekulirt habe und nun ſeinen Gläubigern aus dem Wege gehe. Er mußte dein Manne, der ſein Wort nie hielt, einen andern Platz zur Zuſammenkunft beſtimmt haben, denn eines Tags fand man ihn zum Erſtenmale bei dem Kellner des Morning Coach⸗Horſe(des Trauer⸗ kutſchenroſſes), wo die Leichenbeſtatter der City einzu⸗ kehren pflegten, zeichnete mit der Spitze eines Waſſer⸗ ſacks einer Tabakspfeife Figuren in das Sägmehl eines reinen Spucknapfes, und ließ ſich nichts reichen, weil er jeden Augenblick einen Gentleman erwartete. Da aber der Gentleman nicht ehrenhaft genug war, ſein Verſprechen zu halten, ſo kam Herr Nadgett am andern Tage wieder und ließ ein ſo dickleibiges Taſchenbuch blicken, daß er in der Schenke als ein Mann von großem Vermögen betrachtet wurde. Von jetzt an wiederholte er ſeine täglichen Beſuche, und hatte da⸗ bei ſo viel zu ſchreiben, daß er in zwei Sitzungen ein bleiernes Tintenfaß von ziemlichem Umfange leerte. Obwohl er nicht viel ſprach, ſo machte er doch unter den regelmäßigen Kunden ſeine Bekanntſchaft und wurde im Laufe der Zeit ganz vertraut mit Herrn Tacker, dem erſten Gehilfen Herrn Mould's, ja mit Herrn Mould ſelbſt, der ihn offenherzig einen lang⸗ köpfigen, trockenen Mann, einen Salzfiſch, einen ſchlauen Boz, Chuzzlewit. IV. 18 274 Spitzbuben, einen Schelm nannte und mehr dergleichen ſchmeichelhafte Ehrentitel gab. Um dieſelbe Zeit ſagte er auch zu den Leuten bei dem Verſicherungsbüreau in ſeiner eigenthümlichen, ge⸗ heimnißvollen Weiſe, daß etwas(natürlich im Geheime) in ſeiner Leber nicht richtig ſey, und daß er fürchte, in die Hande eines Arztes fallen zu müſſen. Auf dieſe Bemerkung hin wurde er Jobling übergeben, und ob⸗ gleich dieſer nicht ſinden konnte, wo der Leberfehler ſtecke, blieb Nadgett doch bei ſeiner Behauptung und bemerkte, es ſey ſeine eigne Leber, und er hoffe, dieſe doch zu kennen. Er wurde alſo Herrn Joblings Patient, erklärte die an ihm ſich zeigenden Symptome in ſeiner langſamen, geheimnißvollen Weiſe und betrat wohl ein Dutzendmal des Tags des Doktors Zimmer. Da er alle dieſe Beſchäftigungen zugleich, immer verſtohlen, ſtets im Geheimen betrieb, dabei in ſeiner Wachſamkeit über das Thun und Treiben des Herrn Jonas nicht ermattete, ſo iſt es nicht unwahrſcheinlich, daß ſämmtliche Manöver weſentliche, geheim gehaltene Theile irgend eines großen, geheimnißvollen Planes bildeten, welchen Herr Nadgett in's Werk ſetzte. Es war am Morgen deſſelben Tages, an welchem Tom Pinch ſo viel erlebt hatte, als Nadgett plötzlich vor Herrn Montagues Haus in Pall Mall— dies ge⸗ ſchah ſtets— erſchien, als ob er auf den Augenblick gewartet habe, wenn die Glocken neun Uhr ſchlugen. Er zog die Klingel ſo heimlich, wie wenn er im Be⸗ griffe ſey, einen Hochverrath zu begehen, und ſchlüpfte durch die Thüre, ſobald ſie ſo weit offen war, daß er ſeinen Körper durchzwängen konnte. Augenblicklich ſchloß er ſie wieder. Herr Bailey meldete ſeinen Namen ohne Verzug und kehrte mit der Aufforderung zurück, er möge ihm nach ſeines Herrn Gemach folgen. Der Präſident der Anglobengaliſchen uneigennützi⸗ 8 gen Anlehens⸗ und Lebensverſicherungsgeſellſchaft war 25 275 gerade im Ankleiden begriffen, und empfing ihn, wie einen Geſchäftsmann, der oft ab und zu geht, und ſeiner Geſchäfte wegen ſtets angenehm iſt. „Schön, Herr Nadgett!“ Herr Nadgett legte ſeinen Hut auf den Boden und huſtete. Nachdem der Knabe ſich entfernt und die Thüre geſchloſſen hatte, ging er leiſe auf dieſe zu, unterſuchte die Klinke und näherte ſich dann wieder auf ein Paar Schritte dem Stuhle, auf welchem Herr Montague ſaß. „Etwas Neues, Herr Nadgett?“ „Ich denke, daß wir diesmal einige Neuigkeiten haben, Sir!“ „Ich bin erfreut, dies zu hören. Ich begann ſchon. zu fürchten, Sie hätten die Witterung verloren, Herr Nadgett.“ „Nein, Sir, ſie wird wohl hin und wieder und ge⸗ legenheitlich kalt. Wer kann dafür helfen? 3 „Sie ſind die Wahrheit ſelbſt, Herr Nadgett; „können Sie einen großen Erfolg berichten?“ „Das hängt von Ihrer Anſicht und Beurtheilung ab,“ antwortete er.„Sehen Sie, was Sie daraus machen können.“ Er ſetzte ſeine Brille auf. „Was halten Sie ſelbſt davon? Sind Sie darüber vergnügt?“ Herr Nadgett rieb langſam die Hände, ſtrich ſich das Kinn, blickte im Zimmer umher und ſprach: „Ja, ja, ich glaube, es ſey ein guter Fall. Ich bin geneigt zu glauben, daß es ein guter Fall iſt! Wollen Sie, daß ich unverholen damit herausrücke?“ „Immerhin.“ Herr Nadgett ſuchte ſich einen gewiſſen Stuhl unter den übrigen aus, ſetzte ihn an einen beſonderen Platz, als wolle er darüber weg voltigiren, ſtellte einen andern Stuhl gegenüber, und ließ zwiſchen bei⸗ 18* 276 den nur einen Raum für ſeine eigenen Beine. Dann ſetzte er ſich auf den Stuhl Nummero zwei, legte auf den Stuhl Nummero eins ſehr bedächtig ſein Taſchen⸗ buch, und warf, ſobald er dasſelbe aufgeknüpft hatte, die Schnur über die Stuhllehne. Hierauf rückte er beide Stühle ein wenig näher zu Herrn Montague, öffnete das Taſchenbuch und breitete deſſen Inhalt aus. Endlich wählte er unter den Papieren ein gewiſſes Memorandum und reichte es ſeinem Gebieter dar, welcher während dieſer ceremoniöſen Einleitungen hef⸗ tige Anſtrengungen hatte machen müſſen, um ſeine Angeduld zu zügeln. „Ich wünſchte, daß Sie kein ſo großer Freund von Schreiben wären, mein Vortrefflicher,“ ſagte Tigg Montague mit einem unheimlichen Lächeln.„Ich würde vorziehen, den Inhalt Ihrer Brieftaſche aus Ihrem Munde zu vernehmen.“ „Ich liebe das Sprechen nicht,“ erwiderte Herr Nadgett gravitätiſch.„Man kann nie wiſſen, ob nicht Jemand lauſcht.“ Herr Montague war eben im Begriffe, etwas zu antworten, als ihm Nadgett das Papier einhändigte und im Tone ruhigen Jubels ſprach: „Wir wollen von vorne beginnen, wenn Ihnen gefällig iſt, Sir, ſo nehmen Sie zuerſt Dieſes.“ Der Präſident warf ſeine Augen gelaſſen darauf und ſein Geſicht überflog ein Lächeln, welches keine beſondere Huldigung den langſamen und methodiſchen Gewohnheiten des Spions verhieß. Er hatte aber kaum noch ein halbes Dutzend dieſer Zeilen geleſen, als ſich der Ausdruck ſeines Geſichts Anderte, und ehe er noch das Papier bis zum Schluſſe durchleſen hatte, ver⸗ riethen ſeine Züge ernſte und bedeutungsvolle Auf⸗ merkſamkeit. „Nummero zwei,“ ſagte Nadgett, indem er ihm ein anderes Blatt einhändigte und das erſte wieder zurücknahm. 3 277 „Leſen Sie Nummero zwei, Sir, wenn es Ihnen gefällig iſt. Je weiter Sie darin kommen, deſto inter⸗ eſſanter werden Sie es finden.“ Tigg Montague lehnte ſich in ſeinem Stuhle zu⸗ rück, und warf auf ſeinen Emiſſär einen Blick ſtarrer Verwunderung, in welchen ſich auch einige Unruhe miſchte, ſo daß Herr Nadgett es für nöthig hielt, ſein ſchon zweimal vorgebrachtes Geſuch zum Drittenmale zu wiederholen und dabei auf das Blatt in ſeiner Hand zu deuten. Dieſen Wink benützend ging Herr Mon⸗ tague auf Nummer zwei über, um dann Nummer drei, vier, fünf und ſo weiter der Reihe nach zu erledigen. Dieſe Dokumente waren ſaͤmmtlich von Herrn Nadgetts Hand geſchrieben und augenſcheinlich eine Reihe von Memoranden, von Zeit zu Zeit auf die Rückſeite eines alten Briefs, oder auf den nächſten beſten Papierfetzen geſchrieben; ein loſes, ſehr unge⸗ ordnetes Gekritzel von abſtoßendem Aeußern, dennoch aber von gewichtigem Inhalte, wenn ſich anders aus dem Geſichte des Präſidenten ein Schluß auf ihren Inhalt ziehen ließ. Die geheime Zufriedenheit Herrn Nadgetts über den Erfolg ſeiner Mittheilungen, ſchritt in gleichem Maße mit den Aufregungen des Leſers fort. Anfangs ſaß er, die Brille bis auf die Naſenſpitze herunterge⸗ rückt, die Hände ängſtlich reibend, da, und ſchielte über die Gläſer hinweg nach ſeinem Gebieter. Nach einer kurzen Weile wechſelte er ſeine Lage auf dem Stuhle und machte ſich dieſelbe bequemer, wobei er gemächlich das nächſte Dokument las, welches er bereit hielt. Es ſchien, als ob jetzt ein gelegentlicher Blick auf das Geſicht ſeines Gebieters hinreiche und jeder Grund zu einer Angſt, oder jeder Zweifel beſeitigt ſey. Endlich erhob er ſich und ſah mit triumphirender Miene zum Fenſter hinaus, während Tigg Montague das Papier vollends durchlas. „Das iſt alſo das letzte, Herr Nadgett?“ ſagte dieſer Gentleman mit einem tiefen Athemzuge. „Es iſt das letzte, Sir!“ „Sie ſind ein wunderbarer Mann, Herr Nadgett.“ „Ich denke, es iſt ein ſchöner Fall,“ entgegnete Herr Nadgett, indem er ſeine Papiere zuſammenraffte. „Es hat aber ziemliche Mühe gekoſtet, Sir.“ „Die Muhe ſoll gut bezahlt werden, Herr Nad⸗ gett.“ Nadgett verbeugte ſich.„Da iſt ein tieferer Eindruck von dem Hufe irgend Jemands, als ich er⸗ wartet hatte, Herr Nadgett, ich kann mir ſelbſt Glück wünſchen, daß Sie für Geheimniſſe ſo brauchbar ſind.“ „O, was nicht ein Geheimniß iſt, hat kein In⸗ tereſſe für mich,“ entgegnete Nadgett, indem er die Schnur um ſein Taſchenbuch ſchlang und es einſteckte. „Daß ich Ihnen Mittheilung machen mußte, hat mir faſt alle Freude an der Sache benommen.“ „Eine ganz unbezahlbare Conſtitution,“ verſetzte Tigg;„eine außerordentliche Gabe für einen Gentleman mit Ihrer Beſchäftigung, Herr Nadgett. Viel beſſer als Verſchwiegenheit, obgleich Sie auch dieſe Eigenſchaft in einem hohen Grade beſitzen. Ich glaube, einen Doppel⸗ ſchlag gehört zu haben. Wollen Sie nicht zum Fenſter hinausſehen und mir ſagen, ob Jemand an der Thüre iſt?“ Herr Nadgett ſchob behutſam den Schieber in die Höhe und ſah ſo verſtohlen auf die Straße hinab, als erwarte er jeden Augenblick eine Musketenſalve. Dann zog er den Kopf mit der nämlichen Vorſicht zurück und ſagte, ohne irgend eine Veränderung in Stimme und Benehmen: „Herr Jonas Chuzzlewit.“ „Ich habe es gedacht,“ antwortete Tigg. „Soll ich gehen?“ „Ich denke, es wird das Beſte ſeyn. Doch halt! Nein! Bleiben Sie hier, Herr Nadgett, wenn es Ihnen beliebt.“ Es war merkwürdig, wie blaß und verwirrt er in — — — 279 einem Augenblick geworden war. Es war ganz uner⸗ klärlich. Seine Blicke waren auf die Raſirmeſſer ge⸗ fallen; aber was ſollten dieſe? Herr Chuzzlewit wurde angemeldet. „Er ſoll augenblicklich heraufgewieſen werden, Nad⸗ gett. Laſſen Sie uns nicht allein, wohlgemerft, nicht allein. Bei Gott!“ flüſterte er vor ſich hin,„man kann nicht wiſſen, was ſich ereignet.“ Mit dieſen Worten nahm er haſtig ein paar Haar⸗ bürſten und begann ſie an ſeinem Kopfe zu probiren, als wenn ſeine Toilette nicht im Mindeſten unterbrochen worden wäre. Herr Nadgett zog ſich nach dem Kamine zurück, in welchem ein kleines Feuer zur Erwaärmung der Kräuſeleiſen brannte, und da dieſe Gelegenheit, ſein Taſchentuch zu trocknen, ſo unerwartet günſtig kam, ſo zog er es ohne Zögern hervor. So blieb er während des ganzen nun folgenden Geſprächs ſtehen, breitete ſein Tuch vor den Stangen aus und blickte hin und wieder, doch nicht oft, über die Schultern zurück. „Mein theurer Chuzzlewit,“ rief Montague, als Jonas eintrat,„Sie erheben ſich mit der Lerche. Obwohl Sie mit der Nachtigall zu Bette gehen, ſo ſtehen Sie doch mit der Lerche ſchon wieder auf. Sie haben eine übermenſchliche Energie, mein theurer Chuzzlewit.“ „Alle Hagel,“ entgegnete Jonas mit der Miene der Erſchlaffung und übler Laune, indem er ſich auf einem Stuhl niederließ.„Ich würde ſehr erfreut ſeyn, nicht mit der Lerche auf zu ſeyn, wenn ich es ändern könnte; doch ich bin ein leichter Schläfer und es iſt beſſer auf⸗ zuſtehen, als wach liegen zu bleiben und das Schlagen der unheimlichen alten Thurmuhren im Bette zu zählen.“ „Ein leichter Schläfer?“ rief ſein Freund.„Nun, was iſt denn ein leichter Schläfer? Ich habe dieſen Aus⸗ druck oft gehört, aber in meinem Leben habe ich mir nicht vorſtellen können, was er bedeuten ſoll.“ „Holla!“ ſagte Jonas,„wer iſt dies? O, der alte— 280 wie heißt er doch— und ſieht, wie gewöhnlich, aus, als wolle er in den Kamin kriechen.“ „Ha, ha, er ſieht wirklich ſo aus!“ „Nun, man braucht ihn wahrſcheinlich nicht hier. Er kann gehen— nicht?“ „O, laſſen Sie ihn bleiben, laſſen Sie ihn blei⸗ bleiben,“ ſagte Tigg.„Er iſt ein bloßes Möbel, er hat mir eben Rapport erſtattet und erwartet nun weitere Aufträge. Ich habe ihm aufgetragen,“ fügte Tigg mit erhabener Stimme bei,„gewiſſe Freunde von uns nicht aus dem Auge zu laſſen, denn er ſoll ja nicht denken, daß er mit ihnen fertig werden könne. Er verſteht ſein Geſchäft.“ „Das iſt gut für ihn,“ verſetzte Jonas,„denn von allen den köſtlichen, alten Stummen, die ich je zu Ge⸗ ſicht bekommen habe, ſieht er am aller abſcheulichſten aus. Ich glaube, er fürchtet ſich vor mir.“ „Ich glaube,“ ſagte Tigg,„daß Sie ihm Gift ſind. Nadgett! Geben Sie mir jenes Handtuch.“ Er hatte ſo wenig das Handtuch nothwendig, als Jonas nöthig hatte, zuſammenzuſchrecken. Aber Nadgett brachte das Handtuch eilig herbei, zögerte einen Augenblick und kehrte dann wieder nach ſeinem alten Poſten am Feuer zurück. „Sie ſehen, mein lieber Freund,“ begann Tigg, „Sie ſind zu... Was iſt denn mit ihren Lippen? Wie weiß ſie ſind.“ „Ich habe vorhin etwas Weineſſig genommen,“ ent⸗ gegnete Jonas,„ich habe Auſtern gefrühſtückt. Wo ſind ſie denn weiß?“ ſetzte er mit einem Fluche hinzu, in⸗ dem er ſich mit ſeinem Sacktuche rieb,„ich glaube nicht, daß ſie weiß find.“ „Wenn ich ſie jetzt anſehe, ſo find ſie es nicht,“ erwiederte ſein Freund.„Sie werden jetzt wieder recht.“ „Sprechen Sie aus, was Sie mir zu ſagen haben,“ rief Jonas ärgerlich,„und laſſen Sie mein Geſicht, Ge⸗ ſicht ſeyn. So lange ich meine Zaͤhne zeigen kann, wenn u —— O o —½ u— 281 ich es für nothwendig halte, und ich kann das recht hübſch, iſt die Farbe meiner Lippen nicht weſentlich.“ „Sehr richtig,“ ſagte Tigg.„Ich wollte nur ſagen, daß Sie zu thätig und zu raſch für unſern Freund ſeyen. Er iſt zu furchtſam, um es mit einem Mann außzuneh⸗ men, wie Sie ſind, verrichtet aber ſeine Geſchäfte gut, ja ſehr gut; aber was iſt ein leichter Schläfer?“ „An den Galgen mit Ihrem leichten Schläfer!“ rief Jonas ärgerlich. „Nein, nein,“ unterbrach ihn Tigg.„Nein, das wollen wir nicht wünſchen!“ „Ein leichter Schläfer iſt kein ſchwerer,“ entgegnete Jonas in ſeiner verdrießlichen Laune.„Er ſchläft nicht viel, ſchläft nicht gut und ſchläft nicht geſund.“ „Und träumt,“ ſetzte Tigg hinzu,„und ſchreit auf eine garſtige Weiſe gerade hinaus, und wenn die Kerze Nachts niedergebrannt iſt, befällt ihn eine Todesangſt. Ich ſehe, es iſt ſo etwas dergleichen.“ Sie ſchwiegen jetzt eine Weile, dann ergriff Jonas wieder das Wort. „Da wir nun mit dieſem kindiſchen Geplapper fertig ſind, ſo wünſche ich ein Wort mit Ihnen zu ſprechen. Ich wünſchte ein Wort mit Ihnen zu ſprechen, ehe wir heute oben mit einander zuſammenkommen. Ich bin mit dem Stande der Dinge nicht zufrieden.“ „Nicht zufrieden?“ rief Tigg.„Das Geld geht doch ſo vortrefflich ein.“ „Das Geld kommt wohl hübſch herein,“ entgegnete Jonas,„aber nicht hubſch genug hinaus. Ich kann nicht leicht genug dazu kommen. Ich habe die gebührende Gewalt darüber nicht; denn Alles iſt in Ihren Händen. Alle Hagel, was will ich von dieſem und jenem Neben⸗ geſetze, von Ihrem Stimmrechte in der oder jener Eigen⸗ ſchaft, von Ihren officiellen Rechten, von Ihren indivi⸗ duellen Rechten, von den Rechten Anderer, die auch nur wieder Ihre Rechte ſind. Am Ende bleibt mir gar kein Recht, Alle Welt hat Rechte, nur ich nicht. Was nützt 28²2 es mich, eine Stimme zu haben, wenn ich immer über⸗ ſtimmt werde? Ich könnte gerade ſo gut ſtumm ſeyn und hätte dann noch weniger Aerger davon. Daß ich mich zu ſolchen Sachen nicht hergebe, wiſſen Sie.“ „Nicht?“ ſagte Tigg mit bedeutungsvollem Nach⸗ drucke. „Nein,“ entgegnete Jonas,„ſo etwas thue ich nicht. Ich will den alten Gooſeberry mit dem Collegium ſpie⸗ len, und Ihr werdet froh ſeyn, Euch mit einer hübſchen runden Summe gegen mich abfinden zu dürfen, wenn Ihr noch weiter ſolche Poſſen mit mir treibt.“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort...“ begann Montague. „O, zum Henker mit Ihrem Ehrenworte,“ unter⸗ brach ihn Jonas, der bei den Vorſtellungen des Andern immer mehr Muth bekam und immer ſtreitſüchtiger wurde, was vielleicht auch in der Abſicht des Herrn Montague lag.„Ich will ein wenig mehr Controle über das Geld haben. Die Ehre mögen Sie ganz behalten; wenn es Ihnen beliebt, und ich will Ihnen dafür im Buche nie etwas anſetzen; aber wie die Sachen jetzt ſtehen, ſo mag ich keinen Theil haben. Wenn Sie ſich's allenfalls in Ihren ehrlichen Kopf zu ſetzen belieben ſollten, mit der Bank zum Teufel zu gehen, ſo ſehe ich nicht ein, wie ich Sie hindern könnte. Nein, das geht nicht an. Ich habe zwar einige ſehr gute Diners hier gehabt, aber unter ſolchen Bedingungen kommen ſie zu theuer, und ich wiederhole daher, ſo geht es nicht.“ „Ich bin ganz troſtlos, Sie in dieſer Laune zu ſehen,“ verſetzte Tigg mit einer merkwürdigen Art von Lächeln,„denn ich war eben im Begriffe, Ihnen den Vorſchlag zu machen— zu Ihrem eigenen Beſten, allein zu Ihrem eigenen Beſten— daß Sie ein wenig mehr mit uns wagen ſollten.“ „Waren Sie im Begriffe?“ ſagte Jonas mit einem kurzen Lachen.„Ja, und Ihnen zu ſagen, daß Sie zuverläſſig Freunde haben,“ entgegnete Montague.„Ich —QQQʒQ—9— ——— 283 weiß gewiß, daß dieſes der Fall iſt, ich meine ſolche Freunde, welche wunderbar für unſern Zweck paſſen müſſen, und die wir mit Vergnügen aufnehmen können.“ „Wie gütig von Ihnen? Sie würden ſie alſo mit Vergnügen aufnehmen?“ entgegnete Jonas höhniſch. „Mein heiliges Ehrenwort darauf, ich würde ganz entzückt ſeyn. Wohl gemerkt, weil ſie Ihre Freunde ſind.“ „Natürlich,“ ſagte Jonas,„natürlich, weil Sie meine Freunde ſind. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß Sie ganz entzückt ſein würden, wenn Sie ſie daran be⸗ kommen könnten. Und das ſoll Alles zu meinem Vor⸗ theile geſchehen?“ „Ich will ſagen, ſehr zu Ihrem Vortheile,“ ant⸗ wortete Montague, in jeder Hand eine Bürſte haltend und ihn feſt in's Auge faſſend.„Ich verſichere Sie, es wird ſehr zu Ihrem Vortheile ſeyn.“ „Und Sie könnten mir vielleicht ſagen, auf welche Weiſe?“ ſagte Jonas.„Können Sie mir das ſagen?“ „Soll ich es Ihnen ſagen?“ entgegnete der Andere. „Ich denke, Sie werden am Beſten thun,“ erwie⸗ derte Jonas.„Mit dergleichen Verſicherungen ſind durch ſeltſame Leute auch ſeltſame Dinge geſchehen, und auf dem Aſſekuranzwege beſonders. Ich will für mich ſelbſt ſorgen.“ „Chuzzlewit!“ verſetzte Montague, indem er die Arme auf die Kniee ſtützte, ſich verbeugte und ihm voll in's Geſicht ſah.„Seltſame Dinge ſind ſchon geſchehen und geſchehen noch alle Tage, nicht nur in unſerer Weiſe, ſondern in den verſchiedenſten Schattirungen, und Nie⸗ mand hegt deßwegen einen Argwohn. Aber wie Sie ſagen, mein theurer Freund, die Weiſe iſt ſeltſam und es geht bisweilen ſeltſam zu, wenn wir zur Kenntniß ſeltſamer Dinge gelangen.“ Er winkte Jonas ſeinen Stuhl näher zu rücken, blickte ein wenig umher, als wolle er ihn an Nadgetts Gegenwart erinnern, und flüſterte ihm in's Ohr: 284 „Von Roth zu Weiß, von Weiß wieder zu Roth, von Roth zu Gelb, dann zu einem kalten, töͤdtenden, ſchrecklichen, ſchweißtriefenden Blau.“ Während jenes kurzen Flüſterns folgten ſich alle dieſe Wechſel auf Jo⸗ nas Chuzzlewits Geſicht, und als er endlich entſetzt ſeine Hand auf den Mund des Flüſterers legte, damit auch nicht eine Sylbe des Geſprochenen in das Ohr der drit⸗ ten anweſenden Perſon gelange, war ſie ſo blutlos und ſchwer, wie die Hand des Todes. Er rückte ſeinen Stuhl weg, und ſaß da, wie ein Bild des Entſetzens, des Elends und der Wuth. Er fürchtete ſich, zu ſprechen, aufzublicken, ſich zu bewegen, oder ſitzen zu bleiben. Elend, erbärmlich, kriechend gereichte er der Geſtalt, die er trug, zur größeren Schmach, als wenn er vom Kopf bis zum Fuße eine einzige ekel⸗ hafte Eiterbeule geweſen wäre. Sein Compagnion ſetzte mit Muße ſeine Toilette wieder fort und beendigte ſie, hin und wieder einen lä⸗ chelnden Blick auf die ſtattgehabte Verwandlung werfend und ohne ein weiteres Wort zu ſprechen. Nachdem er ſeine Toilette vollendet hatte hatte, begann er:„Ohne Zweifel werden Sie, mein Freund Chuzzlewit, noch ein wenig mehr mit uns wagen, oder haben Sie dagegen etwas einzuwenden?“ „Nein,“ ſtammelten ſeine blaſſen Lippen in mat⸗ tem Ton. „Wohlgeſprochen, das ſieht Ihnen gleich! So hören Sie jetzt. Ich dachte geſtern, daß Ihr Schwiegervater Ihren weiſen Rath in Geldangelegenheiten zu beherzigen wiſſen wird, und ich zweifle nicht, daß er ſich bei un⸗ ſerem Geſchäfte betheiligt, wenn ihm die Sache im gehörigen Lichte vorgeſtellt werden wird. Er hat Geld?“ „Ja, er hat Geld.“ „Soll ich Ihnen Herrn Pecksniff überlaſſen? Wol⸗ len Sie Herrn Pecksniff auf ſich nehmen?“ „Ich will es verſuchen! Ich will mein Beſtes thun.“ „Tauſend Dank,“ verſetzte der Andere, indem er 285 ihm auf die Schulter klopfte.„Wollen wir jetzt hinauf⸗ gehen? Herr Nadgett, folgen Sie uns gefälligſt.“ Sie begaben ſich in gedachter Ordnung weg. Was Jonas hinſichtlich Montague's auch immer denken, wie er fühlen mochte, er ſey gefangen, eingeſperrt, verſtrikt, in den Abgrund des tiefſten Verderbens verſenkt(welche Gedanken ſchon in dieſer frühen Zeit ihm eine einzige Ausſicht auf Rettung, einen einzigen rothen Schimmer an dem Düſter des Horizonts zeigen mochte) er träumte ebenſo wenig, daß die ſchleichende Geſtalt, ein halb Dutzend Treppen hinter ihm, das ihn verfolgende Schick⸗ ſal, als daß die andere Geſtalt ihm zur Seite ſein gu⸗ ter Engel ſey Vierzehntes Kapitel. Enthalt fernere Einzelnheiten über das Hansweſen des Pinch mit ſeltſamen Neuigkeiten aus der City, welche Tom nahe angehen. Liebliche kleine Ruth, heitere, muntere, ruhige kleine Ruth! Nie hat eine Puppenſtube ihrer jungen Beſitzerin eine größere Freude gemacht, als die kleine Ruth in ihrer glorreichen Herrſchaft uͤber das dreieckige Wohnzimmerchen und die beiden kleinen Schlafgemächer empfand. Toms Haushälterin zu ſeyn! Welche Würde! Eine Haushaltung unter den gewöhnlichſten Bedingungen führt ſchon ein erhebendes Gefühl der verſchiedenartigſten Ver⸗ antwortlichkeiten mit ſich, aber eine Haushaltung für Tom umfaßte die größte Verwicklung ernſter und ſchwie⸗ riger Obliegenheiten. Sie durfte wohl aus der kleinen Chiffonière, welche den Thee und Zucker enthielt, oder aus den zwei kleinen feuchten Schränken neben dem Ka⸗ mine, in welchem die kohlſchwarzen Käfer ſchimmelig. wurden und den Schein ihrer Ruͤcken durch neidiſchen Mehlthau verloren, die Schlüſſel nehmen und vor Toms Augen damit klimpern, wenn er zum Frühſtück herunter⸗ kam. Sie durfte wohl, melodiſch lachend, dieſelben mit frohem Stolze in ihre Taſche ſtecken, denn es war etwas ſo großartig Neues, Gebieterin über irgend etwas zu ſeyn, daß ſie gewiß Entſchuldigung gefunden und eine ehrenvolle Freiſprechung erlangt haben würde, wenn ſie ſogar die rückſichtsloſeſte und tyranniſchſte aller klei⸗ nen Haushälterinnen geweſen wäre. Von Despotismus war übrigens keine Rede, denn ſogar in der Weiſe, wie ſie den Thee eingoß, lag eine gewiſſe Scheu, in welcher Tom eigentlich ſchwelgte. Und wenn ſie ihn fragte, was er zum Diner wünſche, und ſtotternd meinte, Ham⸗ melskeulen dürften nach ihrem letzten erfolgreichen Nacht⸗ eſſen, wohl das Zweckmäßigſte ſeyn, ſo wurde Tom witzig und neckte ſie ganz entſetzlich. „Ich weiß nicht, Tom,“ ſagte ſeine Schweſter er⸗ röthend,„und bin auch nicht überzeugt, aber ich denke doch, daß es geht, daß ich ein Beefſteak⸗Pudding machen könnte, wenn ich es probirte, Tom.“ „Im ganzen Kochbuche iſt nichts, was mich ſoſehr anſpricht, als ein Beefſteak⸗Pudding,“ rief Tom, und klopfte, um ſeiner Antwort einen größern Ton zu geben, auf ſein Bein. „Ei, Lieber, das iſt ja vortrefflich! Aber wenn er mir das erſtemal nicht recht gerathen ſollte,“ ſagte ſeine Schweſter,„wenn er nicht gerade ein Pudding, ſondern ein anderes Gebäck, eine Suppe, oder derglelchen wer⸗ den ſollte, dann wirſt Du doch nicht böſe ſeyn, Tom, nicht wahr?“ Die ernſte Weiſe, in welcher ſie nach Tom hin⸗ blickte, und Tom auf ſie herſah, die Weiſe, wie ſie all⸗ mählig auf ihre eigenen Koſten in ein heiteres Lachen überging, würde auch Euch, meine Leſer, bezaubert haben. 3 „Ei,“ ſagte Tom,„das iſt capital. Es gibt uns ein ganz neues und ungewöhnliches Intereſſe an dem +&20 S————e— ꝗ——— 287 Diner. Wir ſetzen für einen Beefſteak⸗Pudding in eine Lotterie und es iſt unmöglich zu ſagen, was heraus⸗ fommt. Vielleicht machen wir eine wunderbare Ent⸗ deckung und erfinden ein Gericht, welches noch Niemand kennt.“ „Es ſoll mich nicht wundern, wenn das der Fall iſt,“ entgegnete ſeine Schweſter, noch immer lachend; „es konnte aber übrigens auch ein Gericht werden, mit dem wir uns ſpäter nicht wieder befaſſen möchten. Je⸗ denfalls weiß ich, daß das Fleiſch zuletzt auf die Sauce⸗ pfanne kommen muß, und es iſt ein großer Troſt, daß wenigſtens dieſes nicht zu nichts werden kann. Wenn Du es alſo wagen willſt, ſo bin ich dabei.“ „Ich habe nicht den geringſten Zweifel,“ erwiederte Tom,„daß es ein ganz vortrefflicher Pudding werden, oder daß er mir doch jedenfalls ſo vorkommen wird. Du haſt von Natur eine ſolche Geſchicklichkeit und Gewandt⸗ heit Ruth, daß ich Dir glauben würde, wenn Du ſagteſt, Du ſeyeſt im Stande eine Schüſſel voll fehlerfreier Schildkrötenſuppe zu machen.“ Und Tom hatte Recht, ſie war in der That eine ſolche Perſon. Niemand wäre im Stande geweſen, ihrer überredenden Weiſe zu widerſtehen, ſo wie es auch Nie⸗ mand verſucht haben würde. Doch ſie ſchien das nicht zu wiſſen, und das war das Beſte daran. Nun gut! ſie reinigte die Frühſtücktaſſen unter fortwährendem Plaudern und erzählte Tom allerlei Anek⸗ doten von dem Meſſing⸗ und Kupfergießer; ſie brachte Alles an ſeinen Ort, richtete das Stübchen ſo niedlich her, als ſie ſelbſt war(obgleich es ihr an Geſtalt nicht im mindeſten glich) und bürſtete Toms alten Hut um und um, bis er ſo glatt war, wie Herr Pecksniff. Dann entdeckte ſie, Alles in einem Momente, daß Toms Hemd⸗ kragen in der Ecke zerriſſen ſey, und ſie eilte nun nach Nadel und Faden die Treppe mit der größten Geſchwin⸗ digkeit hinauf, flog, den Fingerhut am Finger, mit derſelben Geſchwindigkeit wieder herunter, um den Scha⸗ 288 den mit wunderbarer Gewandtheit auszubeſſern, ohne ihm auch nur ein einzigesmal in's Geſicht zu ſtechen, obgleich ſie während des ganzen Geſchäfts ſeine Lieb⸗ lingsarie ſummte, und mit dem Finger der linken Hand den Takt auf ſeinem Halstuche ſchlug. So wie dieſes geſchehen war, flog ſie auf's Neue fort, war in einem Nu, wie eine geſchäftige Biene, wieder da, knüpfte un⸗ ter ihrem runden kleinen Kinn ein gleich zierliches Hüt⸗ chen, um ohne Zeitverluſt zu dem Fleiſcher zu eilen, und lud gleich Tom ein, er ſolle mitgehen, damit er ſehe, wie das Stück abgeſchnitten werde. Und da nun Tom bereit war, überall mit hinzugehen, ſo trabten ſie Arm in Arm weiter und lobten unterwegs ihre ruhige Straße, ihre wohlfeile Wohnung und ihre luftige Lage. Als ſie den Fleiſcher ſahen, wie er dem Fleiſche einen Klaps gab, ehe er es auf den Block legte und ſein Meſſer wetzte war das Frühſtück auf der Stelle vergeſſen. Und dann die Luſt, Zeuge zu ſeyn, wie er es ſo platt und haſtig abſchnitt. Es lag gar nichts Wildes in dieſer Handlung, obgleich das Meſſer groß und ſcharf war; es war viel⸗ mehr eine Art von Kunſt, eine hohe Kunſtfertigkeit, eine Zartheit im Berühren, eine Reinheit im Toue des Meſ⸗ ſerſchärfens und eine geſchickte Behandlung des Gegen⸗ ſtandes in allen ſeinen Schattirungen. Es war in der That der Triumph des Geiſtes über die Materie. Vielleicht das grünſte Kohlblatt, welches je in ei⸗ nem Garten wuchs, mußte dem Steak zur Umhüllung dienen, ehe es Tom überliefert wurde. Der Fleiſcher hatte Sinn für ſein Geſchäft und wußte es zu veredeln. Als er ſah, wie Tom das Kohlblatt etwas linkiſch in ſeine Taſche ſtecken wolle, bat er um die Erlaubniß, ihm helfen zu dürfen.„Denn,“ ſagte er mit einiger Aufregung,„Fleiſch muß zart behandelt, darf nicht ein⸗ gekeilt werden.“ Nachdem ſie einige Eier, Mehl und anderes Zu⸗ gehör eingekauft hatten, kehrten ſie nach ihrer Wohnung zurück. Tom ſetzte ſich an das eine Ende des Tiſches, 4 —“ — 2☛ 2= d—, X— 289 um zu ſchreiben, während Nuth an dem andern ſich an⸗ ſchickte, den Pudding zu fertigen, denn es war Niemand im Hauſe, als eine alte Frau, welche ihre Oekonomie ſelbſt beſorgte und ſich nur in den unangenehmſten Ge⸗ ſchäften durch eine auswärtige, alle Morgen kommende Dienerin Hülfe leiſten ließ, weil der Hausbeſitzer eine Art geheimnißvoller Menſchen, ſelbſt jeden Morgen früh ausging und ſich kaum je mehr blicken ließ. „Was ſchreibſt Du, Tom?“ fragte ſeine Schweſter. „Du ſiehſt es, meine Liebe,“ verſetzte Tom, indem er ſich in ſeinem Stuhle zurücklehnte und ihr in's Ge⸗ ſicht blickte. „Ich möchte natürlich eine paſſende Beſchäftigung haben, und ich denke, es möchte daher gut ſeyn, wenn ich, ehe Herr Weſtlock dieſen Nachmittag kommt, eine kleine Schilderung meiner Perſönlichkeit und meiner Be⸗ fähigung entwerfe, damit er ſie einem ſeiner Freunde zeigen kann.“ „Dann hätteſt Du das Gleiche auch für mich thun ſollen, Tom,“ antwortete ſeine Schweſter, die Augen niederſchlagend,„ich möchte wohl ſo gar gerne Dir Haus halten, und ſtets für Dich ſorgen, aber wir ſind dazu nicht reich genug.“ „Wir ſind freilich nicht reich,“ entgegnete Tom, „und wir können noch viel ärmer werden. Aber wir wollen uns nicht trennen, wenn es möglich iſt; nein, nein— wir wollen uns vornehmen, Ruth, mit einander zu kämpfen, es wäre denn, daß es mir ſo unglücklich ginge, daß ich die feſte Ueberzeugung gewinne, Du wer⸗ deſt es beſſer haben, wenn wir nicht mehr beiſammen ſind. Zuverläſſig werden wir glücklicher ſeyn, wenn wir es vermögen, uns mit einander durchzuhelfen. Meinſt Du, wir ſollen es?“ „Ich denke, Tom.“ „O ſtill, ſtill,“ entgegnete Tom innig,„Du mußt nicht weinen!“. Boz, Chuzzlewit. IV. 19 290 „Nein, nein; ich will nicht, Tom. Aber Du kannſt es nicht erzwingen, mein Lieber. Du kannſt es wahr⸗ haftig nicht!“ „Wie weißt Du das ſo gewiß,“ ſagte Tom,„wie können wir jetzt das ſchon wiſſen, ehe wir noch etwas verſucht haben? Gott behüte meine Seele!“ Toms Energie wurde jetzt großartig.„Man kann nicht wiſſen, was geſchieht, wenn wir es mit Eifer verſuchen, und ich bin überzeugt, daß wir im Stande ſind, mit ſehr wenig zufrieden zu leben— wenn wir es nur bekommen können.“ „Ja, ich bin überzeugt, daß wir's können, Tom.“ „Wohlan denn,“ ſagte Tom,„wir müſſen es ver⸗ ſuchen! Mein Freund, John Weſtlock, iſt ein Kapital⸗ burſche, ſehr geſcheidt und einſichtsvoll. Ich werde ihn um Rath fragen. Wir Beide können die Sache mit ihm beſprechen; Du wirſt, ich bin überzeugt, John ſehr lieb gewinnen, wenn Du ihn einmal kennen gelernt haſt. O, ſo weine doch nicht, weine nicht! Du willſt wirklich einen Beeſſteak⸗Pudding machen,“ ſagte Tom, indem er ſie leicht anſtieß.„In der That, Du biſt kühn genug.“ „Du willſt es eben einen Pudding nennen, Tom, aber merke Dir, daß ich Dir keinen verſprochen habe.“ „Ich kann die Sache wohl ſo nennen, bis ſie ſich als eine andere herausgeſtellt hat,“ entgegnete Tom.„O Du gehſt alſo mit allem Ernſte an's Werk?“ Natürlich that ſie das, und mit einem ſolch lieb⸗ lichen Ernſte, daß Toms Blicke unaufhörlich von ſeinem Schreiben weg zu ihr hinſlogen. Zuerſt trippelte ſie die Treppe hinab nach der Küche, um das Mehl, dann das Nudelbrett, dann die Eier, die Butter, dann einen Krug mit Waſſer, dann das Nudelholz, dann eine Pudding⸗ form, dann den Pfeffer, dann das Salz zu holen, und machte nach jedem Gegenſtande eine beſondere Reiſe, jedesmal lachend, ſo oft ſie aufs Neue die Reiſe antrat. Als alle Materialien geſammelt waren, fand ſie entſetzt, daß ſie keine Schürze anhabe; ſie eilte daher zur Abwechslung die Treppe hinauf, um ſie zu holen. — — — 7291 Sie legte dieſe nicht oben um, ſondern tanzte, ſie in der Hand tragend, mit ihr herein, und da ſie eines von den Frauenzimmerchen war, welchen eine Schürze allerliebſt läßt, ſo koſtete es ſte unendlich viel Zeit, bis ſie geord⸗ net war. Sie mußte unten ſorgfältig glatt geſtrichen, denn— O, Himmell! welch eine gottloſe kleine Schürze! — ehe ſie geknüpft werden konnte, an den Schnüren in kleine Falten gelegt, dann gezogen und an den Taſchen gezerrt werden, ehe ſie recht ſitzen wollte, und als dieſes endlich geſchehen war— doch gleichviel, wir haben es mit einer nüchternen Geſchichte hier zu thun! Dann ſchlug ſie die Aermel zurück, um ſie nicht mehlig zu machen, zog einen kleinen Ring vom Finger, welcher(o kleines, thörichtes Ding) nicht heruntergehen wollte, und während aller dieſer Vorbereitungen blickte ſie hie und da ſo geſetzt unter ihren dunkeln Wimpern nach Tom, als wenn nicht das Mindeſte an dem Pudding fehlen dürfe, als wenn er nothwendiger Weiſe vollkommen wer⸗ den müſſe. Wenn es ſein Leben gegolten hätte, wäre Tom nicht im Stande geweſen, in ſeinem Schreiben mehr zu Stande zu bringen, als:„ein achtbarer junger Mann von fünf⸗ unddreißig,“ obgleich ſeine Schweſter that, als ſey ſie ganz übernatürlich ruhig, obgleich ſie ſogar auf den Zehen umherſchlich, um ihn nicht zu ſtoͤren. Allein die⸗ ſes diente nur dazu, ſeine Aufmerkſamkeit noch weiter zu zerſtreuen und an einen andern Gegenſtand zu feſſeln. „Tom,“ ſagte ſie endlich in heiterſter Laune,„Tom!“ „Was nun!“ ſagte Tom, indem er vor ſich ſelbſt hinmurmelte: von fünfunddreißig Jahren. „Sieh doch einen Augenblick her.“ Als ob er nicht die ganze Zeit hingeſehen hätte. „Tom, ich fange jetzt an; moͤchteſt Du nicht wiſſen, warum ich das Innere der Form mit Butter beſtreiche,“ ſagte ſeine kleine, emſige Schweſter.„Eh, Tom?“ 19* 292 „Ich denke ebenſo wie Du,“ erwiederte Tom lachend, „denn ich glaube, daß Du es ſelbſt nicht weißt.“ „Welch ein Heide Du biſt, Tom. Wie könnte denn der Pudding leicht herausgehen, wenn die Form nicht beſtrichen wäre. Ein Civil⸗Ingenieur und Feldmeſſer, und das nicht wiſſen, o du meine Güte, Tom!“— Es war natürlich vom Schreiben keine Rede mehr. Tom ſtrich ſeinen„achtbaren jungen Mann von etwa fünfunddreißig Jahren“ wieder aus, und ſah mit dem zärtlichſten Lächeln, welches ſich nur denken läßt, die Feder in der Hand, zu. Was ſie ein ſo gar geſchäftiges Mädchen war, ſo voll Würde und wie ſie ſo angelegentlich verſuchte, nicht u lächeln, oder wenigſtens nichts davon zu wiſſen ſchien. Es war eine eigentliche Augenweide für Tom, das Zu⸗ ſammenziehen ihrer Brauen, das Aufwerfen ihrer roſtgen Lippen, das Kneten des Teiges, deſſen Bearbeitung mit dem Nudelholze, das Zerſchneiden des Kuchens in Strei⸗ fen, das Auskleiden des Models mit demſelben und des Anbringens der kleinen Einſchnitte am Nande mitanzu⸗ ſehen. Dann ſchnitt ſte das Steak in kleine Stücke, machte einen Regen von Salz und Pfeffer darauf, legte die Stücke in die Form, goß kaltes Waſſer zur Sauce nach, und wagte es nicht ein einzigesmal, nach ihrem Bruder hinzublicken, damit ihre Gravität nicht geſtört werde. Als endlich die Form voll war und nur noch der Deckel von Teig fehlte, ſchlug ſie ihre mehligen Hände zuſammen und brach in ein ſo herzliches, bezau⸗ berndes kleines Triumphgelächter aus, daß der Pudding wohl keiner anderen Würze bedürft haͤtte, um ihn dem. Geſchmacke eines jeden vernünftigen Menſchen der Erde zu empfehlen. „Wo iſt der Pudding?“ ſagte Tom, der gerne Scherze machte. „Wo?“ antwortete ſie, ihn mit den beiden Händen in die Höhe haltend.„Sieh' dies an!“ „Das iſt der Pudding?“ ſagte Tom. 293 „Es wird einer werden, Du einfältiger Junge, wenn er zugedeckt iſt,“ entgegnete ihm ſeine Schmeſter. Tom machte noch immer ein unglaubiges Geſicht, ſte aber verſetzte ihm mit dem Nudelholze einen kleinen Schlag auf den Kopf und kehrte, vergnügt lachend, zur Anfertigung des Teigdeckels zurück, als ſie mit einem⸗ male hoch erröthend zuſammenſchreckte. Tom ſtutzte auch, und als er der Richtung ihrer Augen folgte, gewahrte er, daß John Weſtlock im Zimmer ſtand. „Ei, Du mein Gott, John, wie ſind Sie denn hereingekommen?“ „Ich bitte um Vergebung,“ ſagte John,„beſonders bitte ich Ihre Schweſter um Verzeihung; aber ich traf an der Hausthüre eine alte Dame, welche mich hier ein⸗ treten hieß. Da Ihr mich nun nicht pochen hörtet und die Thüre offen ſtand, nahm ich mir die Freiheit einzu⸗ treten. Ich weiß zwar kaum,“ fügte John lächelnd bei, „warum eines von uns darüber betreten ſeyn ſollte, weil ich mich zufällig in eine ſo gar angenehme häusliche Be⸗ ſchäftigung, ſo wahrhaft angenehm und gewandt aus⸗ geführt, eingedrängt habe, muß aber doch geſtehen, daß ich es bin. Tom, wollen Sie die Güte haben, mir zu Hülfe zu kommen?“ „Herr John Weſtlock,“ ſagte Tom.„Meine Schweſter.“ „Ich hoffe,“ bemerkte John lachend,„als die Schwe⸗ ſter eines ſo alten Freundes, werden Sie die Güte haben, den erſten Eindrücken meines unglückſeligen Eintretens keine nachhaltige Erinnerung zu geben.“ „Meine Schweſter iſt vielleicht nicht abgeneigt, für ſich ſelbſt das Gleiche zu erbitten,“ erwiederte Tom. John entgegnete natürlich, daß dieſes ganz über⸗ flüſſtig ſey, denn er ſey in ſtummer Verwunderung feſt gebannt geweſen. Er bot dann Miß Pinch die Hand, das Mädchen konnte ſie jedoch nicht annehmen, weil Mehl und Teig an der ihrigen klebte. Man ſollte glau⸗ ben, daß dieſes geeignet geweſen ſey, die allgemeine Ver⸗ wirrung zu ſteigern und die Sache noch ſchlimmer zu 294 2 machen. In der That aber hatte es die beſte Wirkung, denn Alle konnten ſich des Lachens nicht erwehren, und ſo fanden ſich die beiden neuen Bekannten bald auf einem ſehr gemüthlichen Fuße. „Ich bin ſehr erfreut, Sie zu ſehen,“ ſagte Tom. „Nehmen Sie Platz!“ „Dies kann ich nur unter einer Bedingung,“ ent⸗ gegnete ſein Freund,„und die iſt, daß Ihre Schweſter mit dem Pudding fortfährt, wie wenn ich nicht da wäre.“ „Das wird ſie auch zuverläſſig thun,“ ſagte Tom; „aber auch nur unter einer Bedingung, und dieſe iſt, daß Sie nämlich dableiben und ihn verzehren helfen.“ Die arme kleine Ruth wurde von einem Herzklopfen befallen, als Tom dieſe abſcheuliche Unbeſonnenheit be⸗ ging, denn es kam ihr vor, als könne ſie vor John Weſtlock die Augen nie wieder aufſchlagen, wenn ihr Pudding nicht gerieth. Ohne Ahnung ihres Gemüths⸗ zuſtandes nahm John die Einladung mit der möͤglichſten Bereitwilligkeit an, und nach einigen kleinen Scherzen über denſelben Pudding, der über alles Erwarten gut ausfallen mußte, ſetzte ſie erröthend ihr Geſchäft fort, und er ließ ſich auf einen Stuhl nieder. „Ich bin viel früher hier, als ich im Sinne hatte, Tom; aber ich will Ihnen ſagen, was mich herführt, und ich denke, dafür einſtehen zu können, daß Sie ſich darüber freuen werden. Iſt das etwas, was Sie mir zeigen wollen?“ „O, mein Theurer, nein,“ rief Tom, welcher den beklecksten Papierfetzen in ſeiner Hand ganz vergeſſen hatte, und erſt durch dieſe Frage wieder darauf erinnert wurde.„Ein achtbarer junger Mann von fünfunddreißig Jahren.“ Der Anfang einer Schilderung meiner ſelbſt, das iſt Alles.“ „Ich glaube nicht, daß Sie nothwendig haben wer⸗ den, ſie zu vollenden, Tom. Aber wie kommt es, daß Sie mir nie ſagten, daß Sie Freunde in London haben?“ —— 295 Tom ſah ſeine Schweſter mit großen Augen an, und auch die Schweſter blickte erſtaunt auf den Bruder. „Freunde in London?“ wiederholte Tom.— „Ja doch, gewiß,“ verſetzte John Weſtlock. *„Haſt Du Freunde in London, meine liebe Ruth 2“ fragte Tom. „Nein, Tom.“ „Ich bin in der That erfreut zu hören, daß ich Freunde hier habe,“ ſagte Tom,„aber es iſt eine Neuig⸗ keit für mich; ich habe nie etwas davon gewußt. Das muß ein Kapitalvolk ſeyn, John, wenn es ſich darum handelt, ein Geheimniß zu bewahren.“ „Sie ſollen ſelbſt urtheilen,“ entgegnete der An⸗ dere.„Im Ernſt, Tom, ich gebe Ihnen nur eine ein⸗ fache Darſtellung des Falls. Als ich dieſen Morgen beim Frühſtück ſaß, klopfte Jemand an meine Thür.“ „Und ſie ſchrieen darauf ſehr laut: herein!“ er⸗ gänzte Tom. .„So that ich. Und die Perſon, welche klopfte, folgte der Einladung und blieb nicht, wie ein gewiſſer achtbarer junger Mann von ungefähr 35 Jahren, gaffend und ſtau⸗ nend in dem Vorplatze ſtehen. Gut! Als ſie hereinkam, fand ich, daß ſie ein Fremder war, ein ernſter, geſchäfts⸗ mäßig, geſetzt ausſehender Mann. Herr Weſtlock? fragte er. Das iſt mein Name, ſagte ich. Kann ich die Chre haben, ein paar Worte mit Ihnen zu ſprechen? fragte er. Ich bitte Sie Platz zu nehmen, Sir, ſagte ich.“ Hier machte John eine kurze Pauſe und blickte nach dem Tiſche hin, wo Tom's aufmerkſam zuhörende Schweſter noch immer mit der Puddingsform beſchäftigt war, welche jetzt ein ſehr ſtattliches Ausſehen hatte, dann fuhr er fort:„Nachdem der Pudding einen Stuhl genommen hatte, Tom...“— „Wie?“ rief Tom. „Einen Stuhl genommen hatte.“ „Sie ſprachen ja von einem Pudding?“ „Nein, nein,“ erwiederte John etwas erröthend, 296 „von einem Stuhl. Der Gedanke, daß ein Fremder um halb neun Uhr Morgens in mein Zimmer komme, und einen Pudding nehme! Nachdem er einen Stuhl genom⸗ men hatte, Tom, einen Stuhl, verſetzte er mich in nicht geringes Erſtaunen, indem er ſagte: wenn ich mich nicht irre, ſind Sie, Sir, mit Herrn Thomas Pinch bekannt.“ „Nein!“ rief Tom. „Dieß waren ſeine Worte, ich verſichere Sie. Ich antwortete mit Ja. Er fragte, ob ich wiſſe, wo er ge⸗ genwärtig wohne? Ja. In London? Ja. Er hatte ge⸗ legentlich vernommen, daß Sie Ihren Platz bei Herrn Pecksniff aufgegeben haben. Ob dieß der Fall? Ja, das war es. Ob Sie keinen andern brauchen? Ja, Sie brauchen einen andern. 7„Allerdings,“ ſagte Tom, indem er mit dem Kopfe nickte. „Gerade dieſes gab ich ihm auch zu verſtehen. Sie dürfen übrigens verſichert ſeyn, daß ich ihm dieſen Punkt ſo auseinander ſetzte, daß kein Mißverſtändniß obwalten kann, und daß ich ihm deutlich zu verſtehen gab, daß er darauf gefaßt ſeyn dürfe. Sehr gut. In dieſem Falle, ſagte er, glaube ich ihn unterbringen zu können.“ Tom's Schweſter ließ ihre Arbeit liegen. „Gott behüte mich!“ rief Tom.„Ruth, meine Liebe, er gedenkt mich unterzubringen.“ „Natürlich bat ich ihn,“ fuhr John Weſtlock fort, indem er nach Tom's Schweſter hinblickte, die nicht we⸗ niger geſpannt als ihr Bruder war.„Natürlich bat ich ihn fortzufahren, und ich bemerkte ihm, daß ich Sie ſo⸗ gleich davon benachrichtigen wolle. Er erwiederte, daß er nur ſehr wenig zu ſagen habe, daß er nicht gern viele Worte mache, ſondern lieber gleich zur Sache komme. So theilte er mir augenblicklich mit, daß einer ſeiner Freunde einen Mann bedürfe, der das Amt eines Sekretärs und eines Bibliothekars verſehen könne, daß der Gehalt zwar klein ſey, da er nicht mehr als hundert Pfund jährlich betrage, und weder Koſt noch Wohnung 297 gegeben werden könne, daß aber der Dienſt nicht ſchwer ſey, und daß Sie jeden Augenblick eintreten können.“ „Gütiger Gott,“ rief Tom,„hundert Pfund im Jahre, mein theurer John, meine liebe Ruth, hundert Pfund im Jahre!“ „Aber der ſeltſamſte Theil der Geſchichte,“ nahm John Weſtlock wieder das Wort, indem er ſeine Hand auf Tom's Aermel legte, um ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln und ſeine Freude für einen Augenblick zu zügeln, „der ſeltſamſte Theil der Geſchichte iſt der, daß ich die⸗ ſen Mann eben ſo wenig kenne, als er unſern Tom ennt.“ „Wenn er von London iſt,“ ſagte Tom in großer Verwirrung,„ſo kann es freilich nicht ſeyn; ich kenne niemand in London.“ „Und als ich ihm bemerkte,“ ſetzte John ſeine Er⸗ zählung fort, indem er ſeine Hand immer noch auf Tom's Aermel liegen ließ;„als ich ihm bemerkte, er werde mich ohne Zweifel entſchuldigen, wenn ich ſo frei ſey, ihn zu fragen, wer ihn an mich geſendet habe, wie er wiſſe, daß eine Veränderung in der Lage meines Freundes ſtattgefunden und wer ihm mitgetheilt habe, daß mein Freund für ein ſolches Amt ganz beſonders paſſe, ſagte er ganz trocken, es ſtehe ihm nicht zu, auf irgend eine weitere Erklärnng einzugehen.“ „Nicht zu, auf Erklärungen einzugehen?“ wieder⸗ holte Tom, tief aufathmend. „Er ſagte übrigens,“ fuhr John fort,„es ſey kein Geheimniß, daß jeder Mann, der in Herrn Pecksniff's Nähe geweſen, Herrn Thomas Pinch und ſeine Talente b gut kenne, als den Kirchthurm oder den blauen Dra⸗ hen.“ „Den blauen Drachen?“ entgegnete Tom, indem er abwechſelnd ſeine Schweſter und ſeinen Freund an⸗ ſtaunte. „Ja, denken Sie nur! Ich gebe Ihnen mein Wort, er ſprach ſo familiär von dem blauen Drachen, als ob 298 er Mark Tayley ſey. Ich ſage Ihnen, daß ich große Augen machte, aber mir doch nicht vorſtellen konnte, den Mann jemals geſehen zu haben, obwohl er mit einem Lächeln zu mir ſagte: Sie kennen den blauen Drachen, Herr Weſtlock, und Sie haben mir ſelbſt dort einigemal behauptet... Das iſt freilich wahr, ich that das, Sie erinnern ſich, Tom?“ 4 Tom nickte mit großer Bedeutſamkeit und gerieth in noch größere Verwirrung. Dabei bemerkte er, daß dieſes der unerklärlichſte und außerordentlichſte Umſtand ſey, von dem er je in ſeinem Leben gehört habe. „Unerklärlich?“ rief ſein Freund.„Ich fürchtete mich eigentlich vor dem Manne. Obwohl es heller Tag war und die Sonne ſchien, ſo fürchtete ich mich wahr⸗ haft vor ihm. Halb und halb vermuthete ich einen übernatürlichen Gaſt in ihm, bis er endlich ein ganz gemeines Taſchenbuch hervorbrachte und mir dieſe Karte einhändigte.“ „Herr Fips,“ ſagte Tom, indem er die Karte ab⸗ las,„Auſtin⸗friars. Auſtin⸗friars, das klingt geſpen⸗ ſtig, John.“ „Aber Fips dagegen um ſo weniger, glaube ich,“ antwortete John.„Doch da wohnt er, Tom, und er⸗ wartet heute Morgen unſern Beſuch. Jetzt weißt Du, anf Ehre, ſo viel von dieſem ſeltſamen Vorfalle als ich. 74 Toms Geſicht theilte ſich in den Jubel über die jährlichen hundert Pfund, und in die Verwunderung über dieſe Erzählung, und konnte nur mit dem ſeiner Schweſter verglichen werden, auf welchem der lieblichſte Ausdruck beglückter Ueberraſchung lag, welchen ein Ma⸗ ler zu ſehen nur wünſchen könnte. Kaum die Aſtrolo⸗ gie würde zu ergründen vermögen, was aus dem Beef⸗ ſteak⸗Pudding hätte werden ſollen, wenn er nicht ſchon beendigt geweſen wäre. „Tom,“ ſagte Ruth nach einem kleinen Stocken, 0. ͤ ————,₰ 0— 3— — . 299 „vielleicht weiß Herr Weſtlock mehr von der Sache, als er in ſeiner Freundſchaft Dir mittheilen will.“ „Nein, wahrhaftig nicht,“ entgegnete John.„Es iſt übrigens ſehr unedelmüthig von Ihnen, daß Sie einen Argwohn auf mich werfen, während ich doch un⸗ bedingten Glauben in Sie ſetze. Ich habe ein grän⸗ zenloſes Vertrauen auf den Pudding, Miß Pinch.“ Sie lachten darüber, wurden aber bald wieder ernſt und beſprachen den Gegenſtand von allen Seiten. Was auch Dunkles darin liegen mochte, ſo viel ging doch klar daraus hervor, daß man Tom einen jährlichen Ge⸗ halt von hundert Pfund angeboten hatte, und dieß blieb bei aller Dunkelheit die Hauptſache. Tom, der ſich in ſehr großer Aufregung befand, wünſchte augenblicklich nach Auſtins⸗friars aufzubrechen, aber dem Rathe Johns gemäß zögerten ſie noch eine Stunde. Tom putzte ſich zuvor nach Möglichkeit, und das gute Schweſterchen ging ihm hülfreich an die Hand, bürſtete ſeinen Rockkragen aus, nahm die loſen Stiche in ſeinen Handſchuhen wieder auf, und ſtreifte mit zierlicher altmodiſcher Emſigkeit um ihn herum. Als John Weſtlock dieß durch die halb offene Thür mit anſah, rief er ſich die Phantaſieportraits an der Wand des Pecksniffſchen Arbeitszimmers ins Gedächt⸗ niß, und gelangte mit ſtarker Entrüſtung zu dem Schluſſe, daß ſie grobe Pasquille und nicht halb genug ſchön ſeyen, obgleich ſchon erwähnt worden iſt, daß die Künſt⸗ ler ſtets bemüht waren, die Skizzen ſehr hübſch zu ent⸗ werfen, und daß er ſelbſt wenigſtens ein Dutzend eigen⸗ händig gezeichnet hätte. „Tom,“ ſagte er, als ſie miteinander durch die Straße gingen,„ich fange an zu glauben, daß Sie eines Jemands Sohn ſind.“ „Das glaube ich auch,“ erwiederte Tom in ſeiner ruhigen Weiſe. „Aber ich meine einen Jemand von Bedeutung.“ „Gott behuͤte Ihr Herz!“ entgegnete Tom,„mein 300 armer Vater war nicht von Bedeutung und meine arme Mutter auch nicht.“ „Erinnern Sie ſich alſo ihrer noch vollkommen?“ „Ob ich mich ihrer erinnere? O Himmel, ja wohl! Meine Mutter war der überlebende Theil. Sie ſtarb, als Ruth nach ganz klein war. Wir ſielen dann beide der guten alten Großmutter zur Laſt, von welcher ich Ihnen ſchon ſo oft erzählt habe. Sie erinnern ſich deſſen noch? O, es iſt nichts Romantiſches in unſerer Geſchichte, John.“ „Nun gut,“ erwiederte John in ruhiger Verzweif⸗ lung,„dann kann ich mir wahrlich den Beſuch von dieſem Morgen nicht erklären. Laſſen wir das gut ſeyn, Tom!“ Sie ließen es aber doch nicht gut ſeyn, und be⸗ ſprachen die Sache noch weiter, bis ſie Auſtin⸗friars erreichten, wo ſie in einem ſehr dunklen Flur des erſten Stockes, welcher wunderlich an der hintern Seite eines Hauſes lag, eine kleine erblindete Glasthüre fanden, auf welcher in Charakteren, welche transparent ſeyn ſollten, der Name: Mr. Fips, angemalt war. Hart daran ſtand in der Dunkelheit ein alter tückiſcher Sei⸗ tentiſch, welcher es boshaft auf die Rippen der Beſu⸗ chenden abgeſehen hatte, und eine alte Matte, die zu einem Gitterwerk herabgenützt war, und, da ſie als Matte keinen Dienſt mehr leiſten konnte, ſeit Jahren ihre Induſtrie einem andern Kanale zugewendet hatte, indem ſie regelmäßig jedem Klienten des Herrn Fips ein Bein unterſchlug. Herr Fips vernahm einen heftigen Zuſammenſtoß zwiſchen einem Hute und ſeiner Bureauthüre und wußte in Folge dieſes gewöhnlichen Kommunikationsmittels, daß jemand gekommen ſey, ihn zu beſuchen. Er öff⸗ nete mit der Bemerkung, daß es etwas dunkel her⸗ gehe, die Thüre. „Sehr dunkel,“ flüſterte John dem Tom Pinch — ᷣ d ———— 9 9——- 4 301 in's Ohr,„kein übler Platz, um Einen vom Lande darin abzuthun!“ Tom hatte gleichfalls ſchon an die Möglichkeit ge⸗ dacht, daß ſie in dieſe Region verlockt worden ſeyen, um als Material zu einer Fleiſchpaſtete zu dienen, aber der Anblick des Herrn Fips, eines kleinen, ſchmäch⸗ tigen, freundlich ausſehenden Mannes, mit ſchwarzen Knieehoſen, und gepudert, zerſtreute ſeine Beſorgniſſe. „Nur herxein getreten!“ ſagte Herr Fips. Sie traten ein, o, und welch' ein gelbſüchtiges, kleines Bureau Herr Fips hatte! In einer Ecke des Bodens befand ſich ein großer, ſchwarzer, geſpitzter Fleck, als ob ſich ein alter Schreiber vor vielen Jahren den Hals hier abgeſchnitten und Tinte ſtatt Bluts vergoſſen hätte. „Ich habe meinen Freund, den Herrn Pinch mit⸗ gebracht, Sir,“ ſprach John Weſtlock. „Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen,“ ſagte Herr Fips. Sie nahmen die beiden Stühle ein, und Herr Fips ſetzte ſich auf den Schreibſtuhl, aus deſſen Füllung er ein ungeheuer langes Roßhaar hervorzog, welches er, ſcheinbar mit großem Wohlbehagen, in den Mund brachte. Er blickte Tom Pinch neugierig an, aber ohne ir⸗ geud einen Ausdruck, der vernünftiger Weiſe als eine Entfaltung ungewöhnlichen Intereſſes betrachtet werden konnte. Nach einem kurzen Schweigen, während deſſen Fips ſo wenig Verlegenheit gezeigt hatte, daß er es augenſcheinlich ohne Anſtand weit früher hätte unter⸗ brechen können, wenn er nur gewollt hätte, fragte er Herrn Weſtlock, ob er’ Herrn Pinch ſein Anerbieten nach ſeinem ganzen Umfange mitgetheilt habe. John antwortete bejahend. „Und Sie halten es für der Mühe Werth, Sir?“ fuhr Herr Fips zu Tom gewendet fort. „Ich halte es für einen großen Glücksfall, Sir,“ 302 antworlete Tom,„ich bin Ihnen für das Anerbieten außerordentlich verpflichtet.“ „Nicht mir,“ entgegnete Herr Fips,„denn ich handle nur im Auftrage.“ „Dann bin ich es Ihrem Freunde, Sir,“ ſagte Tom,„dem Gentleman, für welchen Sie mich ver⸗ pflichten und deſſen Vertrauen zu verdienen ich mir alle Mühe geben werde. Wenn mich derſelbe näher kennen wird, Sir, ſo wird er, wie ich hoffe, ſeine gute Mei⸗ nung von mir nicht verlieren. Er wird mich pünktlich, wachſam und beſorgt finden, das zu thun, was Recht iſt. Dafür kann ich Ihnen gut ſtehen. Und auch Herr Weſt⸗ lock,“ fügte er nach dieſem hinblickend bei,„kann es.“ „Zuverläſſig!“ ſagte John. Es ſchien Herrn Fips etwas ſchwer zu werden, die Unterhaltung weiter fort zu führen. Um ſich dieſes zu erleichtern, ergriff er ein Siegel und ſtempelte ſich große F. überall auf ſeine Schenkel. „Die Sache iſt,“ ſagte Herr Fips,„daß mein Freund nicht für den Augenblick in London iſt.“ Tom's Ruhe wankte, denn er glaubte, das ſolle ſo⸗ viel ſagen, als ſein Aeußeres entſpreche nicht und Tips müſſe ſich nach einem andern umſehen. „Wann glauben Sie, daß er in die Stadt zurück⸗ kehren werde?“ fragte er. 3 „Das kann ich nicht ſagen; es iſt unmöglich! Ich kann mir überhaupt nicht denken, wenn es geſchehen wird,“ antwortete Fips, indem er das Siegel tief in die Wade ſeines linken Beines eindrückte und dabei Tom feſt anſah. Indeſſen glaube ich nicht, daß dieſes viel zu bedeuten haben wird.“ Der arme Tom neigte demüthig ſein Haupt, ſchien aber trotz der letzten Aeußerung ſeinen Zweifel nicht ab⸗ zulegen. „Ich ſage,“ ſprach Herr Fips weiter,„daß dieſes nicht viel zu bedeuten hat. Das Geſchäft kann ganz zwiſchen Ihnen und mir abgemacht werden, Herr Pinch. — 1— 303 Was Ihre Obliegenheiten betrifft, ſo kann ich Sie auf der Stelle in dieſelben einweiſen, und was Ihr Salair betrifft, ſo kann ich Sie bezahlen. Wöchentlich,“ fügte Herr Tips bei, indem er das Siegel bei Seite legte und abwechſelnd Weſtlock und Pinch betrachtete.„Wo⸗ chentlich, in dieſem Bureau und jedesmal Nachmittags zwiſchen 4 und 5 Uhr.“ Als Herr Fips dieſes ſagte, verzog er ſein Geſicht, als ob er pfeifen wolle, er pfiff aber nicht. T „Sie ſind außerordentlich gutig,“ erwiederte Tom, deſien Geſicht nun vor Freude ſtrahlte,„und nichts kann genügender und beſtimmter ſeyn. Meine Gegenwart wird gewünſcht.... 2“ „Von halb zehn Uhr bis etwa vier Uhr,“ unter⸗ brach Herr Fips,„ungefähr dieſe Zeit, ſollte ich meinen.“ „Ich hatte nicht die Zahl der Stunden im Sinne,“ erwiederte Tom,„die unter ſolchen Umſtänden ſehr leicht und bequem iſt, ich meinte den Platz.“ „O, den Platz? der Platz iſt im Temple.“ Tom war entzückt. „Vielleicht,“ fuhr Herr Fips fort,„wünſchen Sie ihn zu ſehen.“ „Ach Gott!“ rief Tom,„ich bin überglücklich eine Beſchäftigung gefunden zu haben, wenn Sie mich an⸗ nehmen. Auf den Platz nehme ich gar keine Rückſicht.“ „Gut, Sie können ſich nun immerhin als angeſtellt betrachten,“ ſagte Herr Fips.„Wahrſcheinlich können Sie es möglich machen, in einer Stunde am Temple⸗ thore zu Fleet⸗Street mit mir zuſammenzutreffen.“ Gewiß konnte das Tom. „Recht ſo,“ ſagte Herr Fips, indem er ſich erhob. „Dann will ich Ihnen den Platz zeigen, und Sie kön⸗ nen morgen ihre Functionen beginnen. Alſo in einer Stunde vielleicht werde ich Sie auch dabei ſehen, Herr Weſtlock? Es iſt Alles gut. Nehmen Sie ſich hier in Acht. Es iſt etwas dunkel.“ Mit dieſer Bemerkung, welche ziemlich überflüſſig 304 war, ſchloß er ſie in den Vorplatz hinaus, und ſie ſuch⸗ ten taſtend den Weg nach der Straße. Dieſe Zuſammen⸗ kunft hatte zur Enthüllung des Geheimniſſes, in welches Toms neuer Poſten gehüllt war, ſo wenig beigetragen, daß ſich Beide eines Lächelns über ihre verlegenen Blicke nicht enthalten konnten. Sie ſtimmten jedoch überein, daß ſowohl die Einführung Toms in ſein neues Amt, als die Gehülfen, welche er dabei vorfinden dürfte, kaum verfehlen würden, über dieſen Gegenſtand Licht zu ver⸗ breiten. Sie verſchoben daher alle weitere Erörterung bis die verabredete Zuſammenkunft ſtatt gehabt habe. Sie ſahen ſich in John Weſtlocks Wohnung um, weihten einige wenige Minuten dem Wildſchweinskopfe und brachen dann nach dem Orte der Zuſammenkunft auf. Die feſtgeſetzte Stunde hatte noch nicht geſchlagen, aber Fips befand ſich bereits am Temple⸗Thore und drückte ſeine Freude über ihre Pünktlichkeit aus. Er ſchritt vor ihnen her, durch verſchiedene Höſe und Gaſſen, bis er in eine Straße kam, die ruhiger und düſterer war, als die andern. Hier führte er ſeine Begleiter nach ei⸗ nem gewiſſen Hauſe, ſtieg die Treppe hinan, zog einen Bund roſtiger Schlüſſel aus ſeiner Taſche, und machte vor einer Thüre im oberſten Stocke Halt. An dieſer befand ſich da, wo ſonſt der Name des Bewohners zu ſtehen pflegt, nur ein gelb gemalter Fleck. Herr Fips begann ſehr bedächtig aus einem der Schlüſſel den Staub herauszuklopfen und bediente ſich hiezu des großen brei⸗ ten Treppengeländers. „Sie werden gut thun, wenn Sie einen kleinen Propf hineinſtecken,“ ſagte er auf Tom blickend, nach⸗ dem er ſchrillend durch das Schlüſſelloch geblaſen hatte. „Es iſt das einzige Mittel um das Verſtopfen deſſelben zu hindern. Auch halte ich für wahrſcheinlich, daß das Schloß beſſer gehen wird, wenn Sie ein bischen Oel anwenden.“ Tom dankte ihm, war aber in ſeine eigene Gedan⸗ ken und John Weſtlocks Mienen zu ſehr vertieft, um be⸗ u A ſonders redſelig zu ſeyn. Inzwiſchen hatte Herr Fips die Thürr geöffnet, die nur hartnäckig und mit einem ſchrecklich kreiſchenden Tone dem Drucke ſeiner Hand wich. Jetzt zog er den Schlüſſel wieder heraus, und händigte Tom denſelben ein. „Ei! Ei“ ſagte Herr Fips.„Der Staub liegt ziemlich dick hier.“ Das war vollkommen richtig. Herr Fips hätte auch noch weiter geheu, und ſagen können;„ſehr dick.“ Er hatte ſich überall angehäuft, lag auf allen Gegen⸗ ſtänden in hohen Schichten, wirbelte an jeder Stelle, wo ein Sonnenſtrahl durch einen Ladenritz eindrang, auf, und ſiel auf die entgegengeſetzte Wand, um und um wie ein rieſiger Eichhornkäfig. Der Staub war das Einzige, was eine Bewegung an dieſem Orte verrieth. Nachdem ihr Führer dem Lichte freien Zutritt geſtattet und die ſchweren Fenſterſcheiben aufgehoben hatte, um die Sonnenluft einſtrömen zu laſſen, zeigten ſich die ſchimmligen Möbels, das ent⸗ färbte Getäfel, der roſtige Ofen, der mit Aſche beſtreute Heerd, Alles in einer abſcheulichen Vernachläſſigung. Nahe an der Thüre ſtand ein Leuchter mit einem auf⸗ geſetzten Löſcher, als hätte der letzte Meuſch, der hier geweſen, noch inne gehalten, um, nachdem er ſich einen Rückzug geſichert, noch einen letzten Blick auf die zu⸗ rückbleibende Oede zu werfen, dann aber Licht und Le⸗ ben auszuſchließen, und den Ort ſelbſt in ein Grab zu verwandeln. Es waren zwei Zimmer und aus dem er⸗ ſten oder äußern führte eine ſchmale Treppe nach zwei andern Zimmern hinauf, welche einen Stock höher lagen. Dieſe letzteren waren in der Weiſe von Schlafgemächern ausgeſtattet. In allen dieſen Zimmern fehlte es an ſich durchaus nicht an Gemächlichkeit, obwohl nach altmodi⸗ ſchem Gebrauche. Dennoch ſchienen Einſamkeit und Mangel an Benützung dieſe gemächlichen Möbels für Boz, Chuzzlewit. IV. 20 306 jede Gemächlichkeit untauglich gemacht und ihnen ein gräuliches, geſpenſterartiges Ausſehen gegeben zu haben. Ordnungslos lagen Mobilien aller Art unter Schachteln, Körben und Gerümpel jeder Gattung. Ueberall waren große Maſſen von Büchern aufgeſchich⸗ tet, ſie beliefen ſich auf einige Tauſend Bände. Die einen waren noch in Ballen, andere in Papier ein⸗ gewickelt, wie ſie gekauft worden waren. Wieder an⸗ dere einzeln, oder in Haufen umhergeſtreut. Nicht ein einziges aber ſtand auf den Büchergeſtellen, welche an den Wänden umherliefen. Hierauf lenkte nun Herr Fips die Aufmerkſamkeit Toms.. „Bevor etwas anderes geſchehen kann, müſſen die Bücher in Ordnung gebracht, in Katalogen verzeichnet und in den Büchergeſtellen aufgeſtellt werden, Herr Pinch. Das wird, denke ich, für den Anfang gehörige Beſchäftigung geben.“ 1 Tom rieb ſich im entzückenden Vorgenuſſe eines ſeinem Geſchmacke ſo ſehr zuſagenden Geſchäfts die Hände und entgegnete: „ Ich verſichere Sie, daß dieſes eine Beſchäftigung iſt, die für mich das größte Intereſſe hat. Ich werde vielleicht damit zu thun haben, bis Herr.....“ „Bis Herr....2“ wiederholte Fips, als wolle er Tom fragen, warum er in's Stocken gerathen ſey, „Ich habe vergeſſen, daß Sie mir den Namen des Gentlemans nicht genannt haben,“ ſagte Tom. „O,“ rief Fips, ſeine Handſchuhe anziehend,„habe ich das nicht. Nein, beiläufig, ich glaube nicht, daß ich es gethan habe. Ah, ich denke, daß er bald hier ſeyn wird. Sie werden ohne Zweifel gut miteinander auskommen. Ich wünſche Ihnen guten Erfolg und bin von demſelben überzeugt. Sie werden nicht vergeſſen, die Thüre zu ſchließen? Der Riegel ſpringt von ſelbſt vor, wenn Sie zuſchlagen. Sie wiſſen, halb zehn — — 307 Uhr. Wir wollen ſagen von halb zehn bis vier Uhr, halb fünf Uhr, oder auch etwas darüber, den einen Tag vielleicht ein Bischen früher, den andern vielleicht ein Bischen ſpäter, wie es Ihnen gerade gefällig iſt, und je nach dem Sie mit Ihrer Arbeit zu Stande kommen. Fips, Auſtin friars, können Sie ſich natür⸗ lich merken? Und Sie werden nicht vergeſſen, gefälligſt die Thüre zuzuſchlagen.“ Dies Alles ſagte er in ſo ruhiger, comfortabler Weiſe, daß Tom nur ſeine Hände reiben, mit dem Kopfe nicken und zuſtimmend lächeln konnte, und er war noch in dieſem Geſchäfte begriffen, als Herr Fips ganz gelaſſen zur Thüre hinausging. „Ei, er iſt fort!“ rief Tom. „Ja, und was noch mehr iſt, Tom,“ ſagte John Weſtlock, der ſich auf einen Stoß Bücher ſetzte und ſei⸗ nen erſtaunten Freund anſah,„er wird zuverläſſig nicht wieder kommen. So ſind Sie alſo nun inſtallirt, frei⸗ lich unter etwas ſeltſamen Umſtänden!“ Es war aber auch eine ſo durchaus ſeltſame Sache, und Tom ſtand mit dem Hute in der einen, mit dem Schlüſſel in der andern Hand unter den Büchern, und ſah ſo wunderbar überraſcht aus, daß ſein Freund nicht anders konnte und in ein herzliches Gelächter ausbrach. Tom ſelbſt fühlte ſich gekitzelt. Nicht ſowohl durch die Heiterkeit ſeines Freundes, als durch die Erinnerung an den plötzlichen Halt, der ihm in der Glanzperiode ſeines höflichen Benehmens gegen Herrn Fips geboten worden war. Er fing daher ebenfalls zu lachen an, und ihre gegenſeitige Heiterkeit wirkte ſo ergreifend, daß ſie zuletzt faſt laut hinausbrüllten. Nachdem ſie genug gelacht hatten, was jedoch nicht ſobald geſchehen war, denn wenn man dem luſtigen John in dieſer Weiſe einen Zoll einräumte, nahm er ſicher 20 8 308 etliche Ellen; nachdem ſie alſo genug gelacht hatten, ſahen ſie ſich genauer in den Gemächern um, und ſuchten einige Aufklärung unter dem Gerümpel zu finden. Nicht eine Spur war jedoch zu ermitteln. Die Bücher waren mit den Namen verſchiedener Eigenthümer bezeichnet, wahrſcheinlich bei Verſteigerungen gekauft und nicht gleichzeitig geſammelt worden. Ob aber einer dieſer Namen dem Prinzipale Toms angehöre, und, wenn dieſes der Fall, welcher?— darüber konnten ſie keinen Aufſchluß erhalten. Da verfiel John auf den glänzen⸗ den Gedanken, in dem Stewards Büreau, zu welchem die Wohnung gehörte, nachzufragen. Er kam aber ebenſo klug zuruͤck, als er hingegangen war, denn die Antwort lautete einfach: Herr Fips von Auſtin friars. „Zuletzt dürfen wir die Sache nicht ſehr fern ſuchen, Tom! Fips iſt ein ercentriſcher Mann, kennt Pecksniff, verachtet ihn, wie natürlich, hat von Ihnen genug gehört oder geſehen, um zu erkennen, daß Sie der Mann ſind, den er braucht, und er hat Sie in ſeiner eigenthümlichen grillenhaften Weiſe angeſtellt.“ „Aber warum in einer grillenhaften Weiſe,“ fragte Tom. .„O, ein jeder hat ſeinen eigenen, grillenhaften Geſchmack! Warum trägt Herr Fips kurze Hoſen, wa⸗ rum iſt er gepudert, während vielleicht ſein nächſter Nachbar Stiefeln und eine Perücke trägt?“ Tom befand ſich in einem Gemüthszuſtande, in welchem jede Erklärung große Befriedigung gibt; er nahm daher dieſe letztere gerne an(ſie war wenigſtens ebenſo wahrſcheinlich, als irgend eine andere), und ſagte, daß es ſich ohne Zweifel ſo verhalten werde. Dieſen Glauben ließ er ſich auch durchaus nicht mehr nehmen, und antwortete auf jede neue Vermuthung ſeines Freundes mit derſelben Erwiederung, feſt ent⸗ ſchloſſen, keine andere Anſicht mehr auffommen zu laſſen. 8—6——- — A W.———1 309 Endlich ließ Tom den Fenſterſchieber nieder, ſchloß die Läden und verließ mit ſeinem Freund die Zimmer. Wie Herr Fips von ihm verlangt hatte, ſchloß er die Thüre, indem er ſie zuſchlug, probirte dann, ob ſie auch feſt geſchloſſen ſey, und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche. Da ſie noch hinreichend Zeit hatten, ſo machten ſie einen ziemlichen Umweg nach Islington, und Tom wurde gar nicht müde, umherzuſehen. Es war gut, daß John Weſtlock ſein Begleiter war, denn jeder andere würde wohl ſeines unaufhörlichen Haltmachens an den Ladenfenſtern, ſeines gefahrdrohenden Hinaus⸗ tretens in die Fahrſtraße, um die Kirchthürme und andere ſehenswürdige Gebäude ſehen zu können, bald überdrüſſig geworden ſeyn. Aber John war ganz ent⸗ zückt, daß ſein Freund ſo viel Intereſſe an den Tag legte, und fand immer größeres Wohlgefallen, wenn Tom, ohne die ihm geltenden Begrüßungen der Kut⸗ ſcher zu hören, mit ſtrahlendem Geſichte zwiſchen den Rädern der Karren und Wagen hervorkam. An Ruths Händen war kein Mehl mehr, als ſie die Beiden in dem dreieckigen Wohnzimmer empfing, wohl aber lag ein liebliches Lächeln auf ihrem Geſichte, und eine Schaar von Willkommen glänzte aus jedem ihrer leuchtenden Augen. Ach, wie ſie ſo gar leuchtend waren! Wenn man hineinſah, nur einen Augenblick hineinſah, ſo erblickte man ein ſolch kapitales Miniaturbild ſeines Selbſts, einen ſo unruhigen funkelnden, prachtvollen kleinen Burſchen! Ach, wenn man doch dieſe Augen bloß für das eigene Miniaturbild hätte behalten können! Aber dieſe gottloſen, unruhigen, zu unpartheiiſchen Augen— jeder konnte davor hintreten und ſein Bildchen tanzte und funkelte in derſelben fröhlichen Weiſe. 310 Der Tiſch war bereits für das Diner gedeckt, und wenn man auch keine auserleſene Leinwand und koſt⸗ bare Gläſer traf, ſondern nur Meſſer mit grünen Hef⸗ ten und wahrhaft marktſchreieriſche, zweizinkige Gabeln, die zu verſuchen ſchienen, wie weit ſie ihre Beine möglicher Weiſe auseinander ſtrecken können, ohne ſich in die doppelte Anzahl eiſerner Zahnſtocher zu verwan⸗ deln, ſo bedurfte es doch weder Damaſts, noch Sil⸗ bers, Golds, Porzellans oder ſonſt einer Ausſtattung. Das Mahl war da, und weil es einmal da war, ſo hätte nichts anderes eben ſo gut entſprechen können. Der Erfolg des erſten Verſuchs ihrer feinen Koch⸗ kunſt war ſo vollkommen, daß John Weſtlock und Tom meinten, ſie müſſe ſich lange im Geheimen darin ge⸗ übt haben, ſie ſoll es nur geſtehen. Dieſer Scherz ſtimmte die Geſellſchaft über alle Maßen heiter, aber John benahm ſich nicht ſo ehrlich, als man von ihm hätte glauben ſollen. Nachdem er Tom Pinch geraume Zeit an ſich geködert, ſo ging er plötzlich zu dem Feinde über, und ſchwur auf Alles, was deſſen Schweſter ſagte. Es war übrigens nur Scherz, wie Tom noch an demſelben Abende, ehe er zu Bette ging, bemerkte, und John war ſchon als Knabe wegen ſeiner Artigkeit gegen das ſchöne Geſchlecht berühmt geweſen. Ruth ſagte darauf:„O, wirklich?“ Aber weiter ſprach ſie nichts. Es iſt zum Erſtaunen, wieviel drei Leute zu plau⸗ dern wiſſen. Nicht einen Augenblick trat eine Pauſe ein. Auch beſchäftigten ſie ſich nicht blos mit ſcherz⸗ haften Gegenſtänden. Denn es trat eine ſehr ernſte Stimmung ein, als Tom erzählte, daß er Herrn Pecks⸗ niffs Töchter geſehen habe, und welche Veränderung mit der jüngeren vorgegangen ſey. John Weſtlock nahm großes Intereſſe an dieſem Gegenſtande, fragte Tom Pinch über ihre Heirath, ob . 311 ihr Gatte der Gentleman ſey, welcher Tom nach Salisbury begleitet, in welchem Grade der Verwandt⸗ ſchaft die verſchiedenen Perſonen ſtehen und dergleichen mehr. Tom ließ ſich dann ausführlich über die Ver⸗ hältniſſe aus, und erzählte, daß Martin in das Aus⸗ 4 land gegangen ſey, und ſchon ſeit geraumer Zeit nichts mehr habe von ſich hören laſſen, daß der Drachen⸗ Mark mit ihm gezogen, daß Herr Pecksniff den alten, altersſchwachen Großvater in ſeine Gewalt be⸗ kommen und ſchnöder Weiſe um Mary Grahams Hand geworben habe. Aber von dem, was in ſeinem Her⸗ zen vorgegangen war, in ſeinem Herzen ſo innig, ſo treu, ſo ehrenhaft, und doch ſo offen für jeden edlen, uneigennützigen Gedanken, davon ſagte er kein Wort. Tom, Tom! Der Menſch in dieſer Welt, ſo voll Zuverſicht auf ſeinen Verſtand und ſeinen Scharfſinn; der Menſch dieſer Welt, ſo voll Stolz auf ſein Miß⸗ ₰ trauen gegen andere, ſo voll Eitelkeit auf die goldenen und ſilbernen Früchte ſeines Glaubens, der demüthige Verehrer jener weiſen Lehre:„Jeder für ſich Selbſt und Gott für Alle— les liegt eine hohe Weisheit in dem Gedanken, daß des Himmels ewige Majeſtät auf der Seite ſelbſtſüchtiger Luſt und ſchnöder Begierde ſeyn könne)— ja, dieſer Menſch wird nie und nimmer finden, daß eine Zeit für ihn kommen werde, in welcher all' ſeine Weisheit zur Thorheit wird, wenn man ein einfältiges Herz dagegen wiegt. Nun, Tom, es war auch einfältig, obgleich ein⸗— fältig in verſchiedener Weiſe, daß Du ſo eifrig nach jenem Theater gingſt, von welchem John nach dem Thee ſagte, daß er dabei unbedingten Zutritt habe, in ſo ferne das Mitnehmen von Perſonen ohne Bezahlung von ſechs Pencen zur Sprache komme. Und noch ein⸗ fältiger war es vielleicht von Dir, daß Du nie den „ Verdacht hegteſt, er habe das Geld bezahlt, als er 312 zuerſt allein hineingegangen. Es war einfältig von Dir, lieber Tom, daß Du über das ärmliche, ſchlecht gegebene Stück ſo herzlich lachteſt und weinteſt; es war einfältig, ſo überraſcht zu ſeyn, als Du am andern Morgen in der Wohnſtube das Geſchenk für Deine Schweſter fandeſt, ein Kochbuch, in welchem das Beef⸗ ſteak⸗Pudding⸗Blatt eingeſchlagen und ausgeſtrichen war. Nun, wir wollen das beruhen laſſen. Die Eigenſchaft Deiner Seele war einfältig, einfältig, ganz verächtlich einfältig, Tom Pinch! 4 Ende des zehnten bis dreizehnten Theils.